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Eutscher Bundestag: 61. Sitzung

Das Dokument enthält den Protokolltext einer Sitzung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 1963. Es werden verschiedene Fragen und Anträge diskutiert, unter anderem zu Verkehrsprojekten, Sozialversicherungen und Steuerreformen. Zudem werden Berichte von Ausschüssen vorgestellt und über Gesetzesentwürfe beraten.

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Eutscher Bundestag: 61. Sitzung

Das Dokument enthält den Protokolltext einer Sitzung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 1963. Es werden verschiedene Fragen und Anträge diskutiert, unter anderem zu Verkehrsprojekten, Sozialversicherungen und Steuerreformen. Zudem werden Berichte von Ausschüssen vorgestellt und über Gesetzesentwürfe beraten.

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D eutscher Bundestag

61. Sitzung

Bonn, den 15. Februar 1963

Inhalt:

Erweiterung der Tagesordnung . . . . . 2775 A Frage des Abg. Hammersen:


Vorwählnummern im Fernsprechver-
Fragestunde (Drucksachen IV/958, IV/967) kehr
Stücklen, Bundesminister 2780 B, 2781 A
Frage des Abg. Josten: Dürr (FDP) 2780 D
Umgehungsstraße Altenahr
Dr. Ing. Seebohm,
-
Frage des Abg. Dr. Mommer:
Bundesminister . . . 2775 D, 2776 A
Lesbarkeit der Poststempel . . . . 2781 A
Josten (CDU/CSU) . . . . . . . 2776 A

Fragen des Abg. Dr. Rutschke: Frage der Abg. Frau Dr. Hubert:

Führung der B 10 bei Karlsruhe Ratifizierungsgesetz über das euro-


päische Niederlassungsabkommen
Dr. Ing. Seebohm,
-

Bundesminister . . 2776 B, 2777 C, D, Dr. Carstens, Staatssekretär 2781 A, C, D


2778 A, B, C Frau Dr. Hubert (SPD) . . . 2781 C, D
Dr. Rutschke (FDP) . 2777 B, D, 2778 B, C
Erler (SPD) . . . . . 2777 D, 2778 A
Frage des Abg. Schmitt-Vockenhausen:
Formulare für den neuen Personalaus-
Frage des Abg. Oetzel: weis
Umgehungsstraße bei Witten . . . . 2778 D Höcherl, Bundesminister . . . 2782 A, B
Schmitt-Vockenhausen (SPD) . . . 2782 A
Fragen des Abg. Kuntscher:
Selbstwählferndienst in Bremervörde Fragen des Abg. Dr. Hamm (Kaisers-
Stücklen, Bundesminister 2779 A, B, C, D lautern) :
Kuntscher (CDU/CSU) . . 2779 A, B, C, D, Erhöhte Giftigkeit durch Abbaubarkeit
2780 A der Detergentien . . . . . . . . 2782 B
II Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963

Frage der Abg. Frau Dr. Hubert: der EWG zur Abänderung der Verord-
nungen Nr. 3 und Nr. 4 des Rates der
Bevorratung mit Arzneimitteln bei
EWG über die Soziale Sicherheit der Wan-
chronischen Leiden
derarbeitnehmer (Drucksachen IV/917,
Frau Dr. Schwarzhaupt, IV/984) 2786 D
Bundesminister . . . . . . 2782 C, D
Frau Dr. Hubert (SPD) 2782 C Mündlicher Bericht des Ausschusses für In-
neres über die Verordnung über die Ein-
Entwurf eines Gesetzes zur weiteren Auf- zelheiten für die Feststellung der Ruhe-
besserung von Leistungen aus Renten- gehälter der in Artikel 83 Absatz 3 des
und Pensionsversicherungen sowie aus Statuts genannten Beamten sowie für die
Kapitalzwangsversicherungen (Druck- Aufteilung der aus der Zahlung dieser
sache IV/810); Schriftlicher Bericht des Ruhegehälter entstehenden Lasten auf
Wirtschaftsausschusses (Drucksachen den Versorgungsfonds der EGKS und die
IV/922, zu IV/922) — Zweite und dritte Haushaltspläne der EWG und der EAG
Beratung — (Drucksachen IV/964, IV/985) 2787 A

Burgemeister (CDU/CSU) . . . . 2783 A


Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Soetebier (FDP) . . . . . . . . 2783 C Zweiten Änderungsgesetzes zum AVAVG
(Drucksache IV/744); Schriftlicher Bericht
Antrag betr. Raumordnung (Abg. Dr. des Ausschusses für Arbeit (Drucksache
Schmidt [Wuppertal], Bading, Margulies, IV/910) — Zweite und dritte Beratung — 2787 A
Jacobi [Köln] u. Gen.) (Drucksache IV/473) 2783 D
Große Anfrage betr. Umsatzsteuer-System-
Bericht über die Ausführung des Beschlus- reform (SPD) (Drucksache IV/548); in
ses des Bundestages vom 14. Juni 1961 Verbindung mit der
betr. § 116 des Deutschen Richtergesetzes
(Drucksache IV/634) Großen Anfrage betr. Reform der deut-
2784 A
schen Umsatzsteuer (FDP) (Drucksache
Dr. Bucher, Bundesminister . . .
IV/684), dem
Wittrock (SPD) 2784 A
Entwurf eines . . . Gesetzes zur Ä nde
Dr. h. c. Güde (CDU/CSU) . . . 2785 B
rung des Umsatzsteuergesetzes (Druck-
Frau Dr. Diemer-Nicolaus (FDP) . 2786 A sache IV/866) — Erste Beratung — und
dem
Antrag betr. Nachwahlen (CDU/CSU, FDP)
(Drucksache IV/982) 2786 C Entwurf eines . . . Gesetzes zur Ände-
rung des Umsatzsteuergesetzes (Druck-
sache IV/867) — Erste Beratung —
Schriftlicher Bericht des Sozialpol. Aus-
schusses über die Entwürfe der Verord- Kurlbaum (SPD) 2787 C
nung über die Soziale Sicherheit der Dr. Imle (FDP) 2789 A
Grenzgänger und der Verordnung über
die Soziale Sicherheit der Saisonarbeiter Dr. Dahlgrün, Bundesminister . . . 2791 A
(Drucksachen IV/375, IV/983) . . . . . 2786 C
Nächste Sitzung 2802 C-
Schriftlicher Bericht des Sozialpol. Aus-
schusses über die Verordnung des Rates Anlagen 2803
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2775

61. Sitzung
Bonn, den 15. Februar 1963

Stenographischer Bericht Reform des Umsatzsteuersystems, aufzurufen. —


Das Haus ist damit einverstanden.
Folgende amtliche Mitteilungen werden ohne
Beginn: 9.02 Uhr Verlesung in den Stenographischen Bericht aufge-
nommen:
Der Herr Stellvertreter des Bundeskanzlers hat unter dein
Vizepräsident Dr. Dehler: Die Sitzung ist 12. Februar 1963 die Verordnung Z Nr. 1/63 über Preise für
Zuckerrüben der Ernte 1963, die Verordnung Z Nr. 2/63 zur
eröffnet. Änderung der Verordnung Z Nr. 3/58 über Preise für Zucker
zur Kenntnisnahme übersandt. Die Verordnungen liegen im
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung wird Archiv zur Einsichtnahme aus.

die heutige Tagesordnung erweitert um Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß
des Bundestages vom 25. Juni 1959 die nachstehenden Vorlagen
überwiesen:
1. Beratung des Antrags der Fraktionen der
Verordnung des Rates zur Änderung der Verordnung Nr. 55
CDU/CSU, FDP betr. Nachwahlen (Druck- des Rates hinsichtlich der Regelung für Malz — Drucksache
sache IV/982), IV/972 -
an den Ausschuß für Außenhandel — federführend — und an
2. Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus- den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten —
mitberatend —
schusses für Sozialpolitik über die von der
Verordnung des Rates über die vorübergehende Änderung
Bundesregierung vorgelegten Entwürfe der der Verordnung Nr. 55 des Rates hinsichtlich der Regelung
Verordnung über die Soziale Sicherheit der für denaturiertes Manihotmehl — Drucksache IV/946 —
Grenzgänger und der Verordnung über die an den Ausschuß für Außenhandel — federführend — und an
den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten —
Soziale Sicherheit der Saisonarbeiter (Druck- mitberand—.
sachen IV/375, IV/983),
Wir kommen zu Punkt 1 der Tagesordnung:
3. Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
schusses für Sozialpolitik über die von der Fragestunde (Drucksachen IV/958, IV/967).
Bundesregierung zur Unterrichtung vorge- Zunächst die Fragen aus dem Geschäftsbereich des
legte Verordnung des Rates der EWG zur Bundesministers für Verkehr. Ich rufe auf die Frage
Abänderung der Verordnungen Nr. 3 und X/11 — des Abgeordneten Josten —:
Nr. 4 des Rates der EWG über die Soziale Wie weit sind die Pläne für die Umgehungsstraße Altenahr
Sicherheit der Wanderarbeitnehmer (Druck- (Kreis Ahrweiler) gediehen?
sachen IV/917, IV/984),
4. Beratung des Mündlichen Berichts des Aus- Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver-
kehr: Herr Kollege, dem Bundesminister für Ver-
schusses für Inneres über eine von der Bun-
kehr ist im vergangenen Jahr von der Auftragsver-
desregierung zur Unterrichtung vorgelegte waltung des Landes Rheinland-Pfalz ein Vorent-
Verordnung über die Einzelheiten für die wurf für die Umgehungsstraße Altenahr vorgelegt
Feststellung der Ruhegehälter der in Arti- worden. Dieser Entwurf ist vom zuständigen Refe-
kel 83 Absatz 3 des Statuts genannten Beam- renten in der Örtlichkeit mit Vertretern des Landes
ten sowie für die Aufteilung der aus der Zah- besprochen worden. Da die Kosten bei der vorge-
lung dieser Ruhegehälter entstehenden La- sehenen Lösung mit 25 bis 30 Millionen DM in kei-
sten auf den Versorgungsfonds der EGKS und nem Verhältnis zu den erzielten Verbesserungen
die Haushaltspläne der EWG und der EAG stehen würden, wurde die Auftragsverwaltung ge-
(Drucksachen IV/964, IV/985). beten, eine neue Linienführung für die Umgehungs-
Außerdem ist schon durch Beschluß in der 60. Sit- straße zu untersuchen. Die hierzu notwendigen Luft-
zung des Bundestages am 13. Februar 1963 die aufnahmen werden in Kürze durchgeführt, sie sind
Tagesordnung erweitert worden um die durch den Winter verzögert worden. Erst dann kann
die Planung fortgesetzt werden. Ich hoffe, daß sie so
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs gefördert werden kann, daß noch während des zwei-
eines Gesetzes zur Änderung des Zweiten ten Vierjahresplanes mit den Arbeiten begonnen
Änderungsgesetzes zum AVAVG (Druck- werden kann.
sachen IV/744, IV/910).
Es ist beabsichtigt, diese Tagesordnungspunkte nach Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage,
Nr. 9, also vor der Debatte über die Probleme der Herr Abgeordneter Josten!
2776 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963

Josten (CDU/CSU) : Herr Minister, ist Ihnen be- Ausschaltung der bestehenden Ortsdurchfahrt von
kannt, daß besonders in den Sommermonaten die Karlsruhe, zwischen der Pfalz und dem gesamten
Verkehrsverhältnisse in Altenahr katastrophal sind, nordbadisch-württembergischen Raum als wün-
so daß eine möglichst schnelle Verwirklichung der schenswert erscheinen lassen, soll die neue Nord-
Pläne für die Umgehungsstraße dringend erforder- tangente 1. für den im Vorfeld der Stadt Karlsruhe
lich wäre? außerordentlich starken Pendlerverkehr aus den
Pfinztalgemeinden eine bessere Verbindung nach
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver- dem Zentrum der Stadt, 2. nach dem hauptsächlich
kehr: Die Verhältnisse in Altenahr sind mir sehr westlich von Karlsruhe gelegenen Industriegebiet
wohl bekannt. Es liegt ja nahe genug bei Bonn, daß mit drei Ölraffinerien und einem großen Zweigwerk
man sich um diese Sache auch von hier aus küm- von Mercedes-Benz neben bereits bestehenden Wer-
mern kann. Im übrigen ist die Lage im Ahrtal wie ken sowie 3. für das neue Industriegebiet zu beiden
in den ganzen Tälern der Eifel und auch des Huns- Ufern des Rheins eine gute, kreuzungs- und orts-
rück, wie Sie wissen, sehr schwierig. Infolgedessen durchfahrtsfreie Verbindung mit dem System der
bedürfen diese Arbeiten mit Rücksicht auf die Be- Bundesfernstraßen einschließlich Autobahn östlich
bauung und auch auf die Nutzung der Grundstücke und nördlich Karlsruhe schaffen. Es ist naheliegend,
zu landwirtschaftlichen und Weinbauzwecken einer daß die geplante Straße die ihr gestellten Aufgaben
besonders gründlichen Vorbereitung. Dadurch kann um so besser bewältigen kann, je kürzer und damit
es leider Gottes nicht so schnell gemacht und kann um so stadtnäher die geplante Linienführung sein
auch nicht so schnell gebaut werden. Ich darf Sie wird. Deshalb haben die planenden Stellen einver-
z. B. daran erinnern, wie lange wir uns mit der Um- nehmlich eine Trasse vorgeschlagen, die bei Gröt-
gehungsstraße für Kirn und jetzt mit der Um- zingen — östlich von Karlsruhe — von der be-
stehenden Bundesstraße 10 abzweigt, eine noch vor-
gehungsstraße für Idar-Oberstein herumschlagen.
handene Baulücke zwischen den Stadtteilen Rint-
Da liegen ja ähnliche Verhältnisse vor.
heim und Hagsfeld ausnützt, um dann in nahezu ge-
rader westlicher Linienführung südlich der Ge-
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe auf die meinde Neureut und dann nordwestlich an Karls-
Frage X/12 — des Abgeordneten Dr. Rutschke —: ruhe-Knielingen vorbei an die Zufahrtsrampe der
Welche Gründe sind dafür maßgebend, daß die Nordtangente neuen Rheinbrücke Karlsruhe-Maxau anzuschließen,
der B 10 bei Karlsruhe entgegen den Vorstellungen des Ver- wobei nördlich davon die beiden Raffinerien östlich
kehrsausschusses des Landtages von Baden-Württemberg und
dem Vorschlag des Bürgermeisters von Neureut durchgeführt des Rheins gut angeschlossen werden könnten.
werden soll?
Eine andere Variante für die künftige Führung
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver- der Bundesstraße 10 im Karlsruher Raum war zwar 1
kehr: Herr Kollege Rutschke hat drei Fragen ge- vor einem Jahr noch im Gespräch, als dem Ver-
stellt. Ich darf fragen, ob er einverstanden wäre, kehrsausschuß des Landtages ein Antrag vorlag, der
wenn ich sie hintereinander beantworte. eine günstige Verkehrsverbindung des Atom-
reaktorgeländes bei Leopoldshafen zum Gegenstand
hatte. In der Diskussion darüber wurden mehrere
Vizepräsident Dr. Dehler: Wie Sie belieben. Straßen genannt, die vordringlich ausgebaut wer-
Dann rufe ich auch auf die Fragen X/13 und X/14: den sollten, im wesentlichen Straßen des Landes.
Billigt es der Herr Bundesverkehrsminister, daß angesichts
Die Nordtangente der Bundesstraße 10 zählte aller-
der Bemühungen der Bundesregierung um Beschaffung von Bau- dings nicht dazu. Da der Verkehrsausschuß des
land in den Ballungsgebieten die vorgesehene Führung der B 10
wertvolles, zum Teil schon erschlossenes Bau- oder Bauerwar- Landtages außerdem keinen Beschluß in dieser An-
tungsland seiner Bestimmung entziehen wird? gelegenheit gefaßt hat, sehe ich keinen Widerspruch
Ist sich der Herr Bundesverkehrsminister der Gefahren für die zu der bereits durchgeführten Planung und den von
Bevölkerung von Neureut — vor allem für die Schulkinder —
bewußt, die sich daraus ergeben, daß die Führung der B 10 den Ihnen erwähnten Vorstellungen des Verkehrsaus-
Ortsteil Heide von der Gemeinde Neureut abschneiden soll? schusses des Landtages von Baden-Württemberg, an
die sich ja sonst auch das Landesministerium würde
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver- halten müssen.
kehr: Herr Kollege, die Vorplanung für die neue In diesem Zusammenhang darf ich noch erwähnen,
Nordtangente in Karlsruhe im Zuge der Bundes- daß dem Bundesverkehrsministerium bisher die Pla-
straße 10 ist im engen Einvernehmen zwischen der nung noch nicht offiziell zur Einsichtnahme oder gar
Stadt Karlsruhe, dem Regierungspräsidium Nord- zur Zustimmung übersandt worden ist. Ich habe
Baden und dem Innenministerium Baden-Württem- allerdings anläßlich eines Besuches in Karlsruhe im
berg in Stuttgart aufgestellt worden. Diese Arbeiten Herbst des vergangenen Jahres Gelegenheit gehabt,
sind inzwischen so weit gediehen, daß an Hand der mir die gesamte Planung von den Vertretern der
Vorplanung die Ausarbeitung eines baureifen Ent- Stadt selbst und von den Vertretern des Regie-
wurfs in Angriff genommen werden konnte. Ziel rungspräsidiums Nord-Baden in Karlsruhe sowie
der Planung ist es, für die Bundesstraßen 10 eine von den Repräsentanten der Industriewerke west-
zügige Schnellverbindung mit voraussichtlich auto- lich von Karlsruhe vortragen zu lassen. Ich bin des-
bahnartigem Querschnitt zwischen der neuen Rhein- halb darüber unterrichtet, wel che Schwierigkeiten
brücke bei Karlsruhe-Maxau und dem Pfinztal öst- der Planung einer dringend notwendigen neuen
lich von Karlsruhe zu schaffen. Neben diesen Ge- Bundesfernstraße im Karlsruher Raum entgegen-
sichtspunkten, die im Interesse des Fernverkehrs stehen. Sie sind aber vergleichsweise nicht ein-
eine möglichst kurze Verbindung, und zwar unter schneidender, als sie bei der Vorfeldbereinigung der
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2777
Bundesminister Dr.-Ing. Seebohm
Großstädte auch sonst aufzutreten pflegen, und bei völlig über den Haufen geworfen ist? Die Gemeinde
weitem nicht so einschneidend wie bei den Planun- Neureut entwickelt sich naturgemäß und vernünf-
gen im Vorfeld z. B. von Stuttgart. tigerweise in Richtung Stadt Karlsruhe. Die jetzige
Planung verhindert diese gesunde Entwicklung,
Selbstverständlich wird es auch von mir sehr be-
dabei geht sehr wertvolles, teilweise bereits
dauert, wenn durch die Planung von neuen Bundes-
erschlossenes Baugelände unwiederbringlich ver-
fernstraßen und von Umgehungsstraßen Gelände in
loren.
Anspruch genommen werden muß, das für später als
Bauland in Betracht kommen könnte. Ich lege des-
halb großen Wert darauf und habe auch immer wie- Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver-
der darauf hingewiesen, daß solches Gelände mög- kehr: Herr Kollege, es ist eben hier die Frage, ob
lichst durch die Straßenplanungen nicht beeinträch- die Entwicklung des Industriezentrums westlich von
tigt werden sollte. Dabei darf allerdings nicht über- Karlsruhe mit seinem Anschluß an das große Stra-
sehen werden, daß gerade die Raumplanung im Vor- ßennetz bedeutender ist als die Planung der Ge-
feld der großen und auch der größeren Städte vor- meinde Neureut, die eine Vorortgemeinde von
aussetzt, daß neu zu erschließende Wohn- und Sied- Karlsruhe ist. Bitte bedenken Sie, daß aus den drei
lungsflächen günstige Straßenverbindungen erhal- Raffinerien alle Minute ein Tanklastwagen ausfährt
ten. Wenn bei der Führung der neuen Karlsruher und daß dieser Tanklastwagen auf kürzestem Wege
Nordtangente jedoch Gelände, das als Siedlungs- zur Autobahn muß. Es ist natürlich zweckmäßig,
gelände in Betracht kommt, nicht gänzlich gemieden daß man hier eine möglichst kurze Linie sucht und
werden kann, so müssen diese Nachteile meines Er- daß man dabei nicht auf die Planungen einzelner
achtens im Zusammenhang mit den zu erwartenden kleinerer Gemeinden Rücksicht nimmt; denn die
verkehrlichen Vorteilen gesehen werden. Dabei ist Durchfahrt derartiger Lastwagen durch die Stadt
es Aufgabe der planenden Stellen und nicht von Karlsruhe stellt eine Gefährdung dar, die wir unter
uns, die wir ja hinterher die Entscheidung haben, allen Umständen so schnell wie möglich beseitigen
einen vertretbaren Weg herauszufinden, der sowohl müssen.
in bautechnischer und verkehrlicher Hinsicht mög-
lichst allen Anforderungen gerecht wird als auch in Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu-
wirtschaftlicher Hinsicht eine zufriedenstellende Lö- satzfrage!
sung darstellt, auf die der Bund, der ja schließlich
alles zu bezahlen hat, besonders bedacht sein muß. Dr. Rutschke (FDP) : Herr Bundesminister,
Die bisher durchgeführte Planung für eine neue welche Ansicht hat man im Hinblick auf die Vor-
Bundesstraße 10 im Vorfeld von Karlsruhe wurde schläge der Gemeinde Neureut, die Straße nördlich
von vornherein darauf abgestellt, daß dieser Stra- an Neureut vorbeizuführen? Dieser Verkehr — pro
ßenzug einen autobahnartigen Querschnitt mit ge- Minute ein riesiger Tanklaster — würde doch sonst
trennten Richtungsfahrbahnen erhalten soll. Schon quer durch das Gebiet der Gemeinde Neureut gehen
der zu erwartende starke Tanklastwagenverkehr und auch das Siedlungsgebiet Ortsteil Heide betref-
aus den drei Raffinerien zwingt dazu. Alle Kreuzun- fen.
gen mit anderen Verkehrswegen müssen deshalb in
niveaufreier Form gelöst werden. Eine Gefährdung Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver-
der Schulkinder auf ihrem Schulweg vom Ortsteil kehr: Herr Kollege, die Planungen, sind, wie gesagt,
Heide nach Neureut dürfte deshalb durch diese einvernehmlich sowohl von der Stadt wie vom Re-
Straße nicht eintreten, weil sie ja die Unterführun- gierungspräsidium wie vom Innenministerium ge-
gen benutzen können. macht worden, also auch von den für die Landkreise
Ich habe hier noch einen größeren Plan der gan- zuständigen Stellen. Wenn Sie sich einmal die Lage
zen Angelegenheit vorliegen, so daß irgendwelche von Neureut ansehen — Sie kennen sie genauso
Spezialfragen noch leicht erläutert werden können. gut wie ich —, sehen Sie, daß mit der nördlichen
Linie nicht zu erreichen ist, daß die Lastwagen, die
von hier kommen, diese Linie auch tatsächlich be-
Vizepräsident Dr. Dehler: Nach den Richt- nutzen. Vielmehr werden sie dann weiterhin durch
linien für die Fragestunde sollen die Fragen kurz die Stadt fahren.
gefaßt sein und eine kurze Antwort ermöglichen.
Ich glaube, wenn wir noch in das Studium des Plans
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage,
einträten, würde das den Rahmen der Fragestunde
Herr Abgeordneter Erler!
sprengen.
Noch eine Zusatzfrage? — Bitte, Herr Abgeord- Erler (SPD) : Herr Minister, ist Ihnen aufgefallen,
neter Rutschke. daß bei der Besprechung mit den Landesbehörden,
von der Sie vorhin berichtet haben, Vertreter der
Dr. Rutschke (FDP) : Herr Bundesminister, Sie beteiligten Gemeinden nördlich Karlsruhe nicht an-
sagten vorhin, daß diese geplante Trasse südlich wesend gewesen sind? Sind Sie nicht der Meinung,
Neureut vorbeiführen werde. Darf ich Sie darauf daß es zweckmäßig gewesen wäre, auch im Hinblick
hinweisen, daß die Trassenführung quer durch das auf die Kosten, einmal zu prüfen, ob eine Straße,
Gebiet von Neureut hindurchgeht, und zwar in die um ein geringfügiges länger ist, aber dafür
einer Breite von 435 Metern, so daß die gesamte keine Wohn- und Industrieanlagen der Zerstörung
Siedlungsplanung der Gemeinde Neureut damit anheimfallen läßt, volkswirtschaftlich leichter er-
2778 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963

Erler
träglich wäre und weniger Schaden in der dortigen Vizepräsident Dr. Dehler: Sie können das
Umgebung anrichten würde? natürlich potenzieren, das kann ja zusammengefaßt
werden. Eine weitere Zusatzfrage!
Dr.-Ing.- Seebohm, Bundesminister für Ver-
kehr: Herr Kollege Erler, alle Herren einschließlich Dr. Rutschke (FDP) : Herr Minister, darf ich die
des Landrats waren zu der Besprechung eingeladen. Frage des Herrn Kollegen Erler insoweit wieder-
Sie sind nicht gekommen. Dafür kann ich nicht; denn holen und fragen, ob Sie bereit sind, nun auch die
die Einladenden waren in erster Linie das Regie- Gemeinden nördlich von Karlsruhe noch einmal bei
rungspräsidium Nordbaden und der Herr Oberbür- dieser Planung zu hören.
germeister von Karlsruhe. Wir haben da an Hand
der Karten diese Fragen sehr genau geprüft und Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver-
haben auch, weil sich natürlich der Landesinnen- kehr: Selbstverständlich, sobald die weiteren Vor-
minister und der Regierungspräsident für die Pro- schläge des Innenministeriums vorliegen; denn ich
blematik des nördlich Karlsruhe liegenden Raums muß zunächst dem Innenministerium überlassen,
sehr verantwortlich fühlen, diese Fragen eingehend daß es diese Fragen selbst prüft. Das ist ja seine
besprochen. Schon damals ist der Herr Oberbürger- Aufgabe. Die Planungen werden von dem Innen-
meister von Karlsruhe von mir gebeten worden, das ministerium des Landes Baden-Württemberg und
Problem noch einmal, gegebenenfalls auch durch dem Regierungspräsidium Nordbaden aufgestellt.
wissenschaftliche Verkehrsexperten, untersuchen zu Diese müssen erst einmal mit den entsprechenden
lassen. Ich sagte ja vorhin, ich habe noch keinen Leuten sprechen. Wenn sich dabei keine Einigung
endgültigen Planungsvorschlag, und ich habe noch ergibt, dann ist für mich die Möglichkeit gegeben,
keine endgültige Entscheidung über die Linienfüh- vor der endgültigen Entscheidung auch noch einmal
rung treffen ,können. diese Kreise zu hören, die zu der Besprechung in
Karlsruhe, wie gesagt, eingeladen waren, aber lei-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine zweite Zu- der wegen Verhinderung des Herrn Landrates nicht
satzfrage, Herr Abgeordneter Erler! erschienen waren.

Erler (SPD) : Sind Sie bereit, bei der endgültigen Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe dann auf
Planung nicht nur die Meinung des Oberbürgermei- die Frage X/15 — des Herrn Abgeordneten Oet-
sters von Karlsruhe, sondern auch die Vorschläge zel —:
der nördlich von Karlsruhe liegenden Gemeinden Wann gedenkt die Bundesregierung die schon vor über 30
Jahren geplante Umgehungsstraße im Raume Witten zu bauen,
sachlich prüfen zu lassen und mit in Ihre Erwägun- um die längst unzureichende, in 3,5 km Länge durch das
gen einzubeziehen? Stadtgebiet führende Gemeinschaftsstrecke der Bundesstraßen
B 226 und B 235 vom Fernverkehr zu entlasten?

Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant-


Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver wortung einverstanden erklärt. Die Antwort des
kehr: Sie dürfen glauben, Herr Kollege Erler, daß
Herrn Bundesministers Dr.-Ing. Seebohm vom
ich alle solche Fragen selber sachlich prüfe und daß
13. Februar 1963 lautet:
ich sie auch sachlich entscheide. Man hat aber abzu-
wägen, welche Notwendigkeiten schwerer wiegen. Der Raum Witten kann nur im Zusammenhang mit der ver-
kehrlichen Neuordnung im Raume Bochum/Witten/Wetter/Hagen
Eine Stadt wie Karlsruhe hat eben ihr Gewicht auch gesehen werden. Als Grundlage für die zwischen Bo chum und
gegenüber den Vorortgemeinden. Das ist nicht an- Hagen zu wählende Linienführung und die Bemessung des
Straßenquerschnittes wurden bereits umfangreiche und einge-
ders zu machen. hende verkehrswirtschaftliche Untersuchungen durchgeführt, die
-
z. Z. von der Straßenbauverwaltung des Landschaftsverbandes
(Abg. Erler: Ich habe nur um Prüfung ge Westfalen-Lippe ausgewertet werden. Erst nach Abschluß dieser
Vorarbeiten und genereller Abstimmung der Planung mit den
beten!) betroffenen kommunalen Stellen kann in die Entwurfsbearbei-
tung mit anschließender Entwurfsprüfung eingetreten werden.
Zur weiteren baureifen Vorbereitung der Maßnahme bedarf es
— Es klang aber aus Ihrer Frage, verehrter Herr dann der Durchführung der gesetzlich vorgeschriebenen Ver-
Kollege, als ob der Bundesminister für Verkehr fahren zur Festlegung der Linienführung und zur Planfest-
stellung. Der eigentlichen Bauausführung muß dann noch der
keine sachliche Prüfung vornähme. Grunderwerb vorangehen. Bei den in dicht besiedelten Ge-
bieten gemachten Erfahrungen ist z. Z. nicht übersehbar, ob die
(Abg. Erler: Solange die Gemeinden nicht umfangreichen und zeitraubenden Vorbereitungen so zeitgerecht
abgeschlossen werden können, daß eine Inangriffnahme der
gehört werden, ist das schwierig! Ich würde Bauarbeiten für die Umgehungsstraße Witten noch im 2. Vier-
sie wenigstens hören!) jahresplan (1963-1966) erfolgen kann.

— Das ist eine Angelegenheit, die zunächst der Damit sind die Fragen aus dem Geschäftsbereich
Regierungspräsident von Karlsruhe durchzuführen des Bundesministers für Verkehr beantwortet. Ich
hat. danke Ihnen, Herr Minister.

Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts-


Vizepräsident Dr. Dehler: Herr Abgeordneter bereich des Bundesministers für das Post- und Fern-
Rutschke, Sie haben keine Möglichkeit zu einer Zu- meldewesen. Zunächst die Frage XI/1 — des Herrn
satzfrage mehr. Abgeordneten Kuntscher —:
Ich frage den Herrn Bundespostminister, wann mit der Ein-
Dr. Rutschke (FDP) : Ich habe drei Fragen ge richtung des Selbstwählferndienstes beim Postamt in Bremer-
vörde zu rechnen ist.
stellt, habe also die Möglichkeit zu sechs Zusatz-
fragen. Bitte, Herr Bundespostminister.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2779

Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- zu dieser Frage ausführlich dargelegt worden ist,
meldewesen: Um den Selbstwählfemdienst im Be- beruht die unterschiedliche Gebührenregelung dar-
reich der Knotenvermittlungsstelle Bremervörde auf, daß die Kosten im handvermittelten Ferndienst
einrichten zu können, müssen erst die räumlichen wesentlich höher sind als im Selbstwählferndienst.
Voraussetzungen für die Unterbringung der techni-
schen Einrichtungen geschaffen werden. Hierzu ge- Vizepräsident Dr. Dehler: Zusatzfrage?
hören der Erwerb eines netztechnisch günstig ge-
legenen Grundstücks und die Errichtung eines Neu- Kuntscher (CDU/CSU) : Sieht der Herr Postmini-
baus. Die Baukapazität der Oberpostdirektion Bre- ster einen Weg, diese Ungerechtigkeiten baldigst zu
men ist jedoch durch den in den nächsten Jahren beseitigen, damit nicht für schlechtere Leistungen
geplanten Ausbau des Selbstwählferndienstes des höhere Gebühren zu zahlen sind?
Bezirks Bremen so ausgelastet, daß die Räume in
Bremervörde frühestens gegen Ende des Jahres
1966 bereitgestellt werden können. Der Aufbau der Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern-
technischen Einrichtungen für den Selbstwählfern- meldewesen: Herr Kollege Kuntscher, ich habe zu
dienst in Bremervörde ist daher nicht vor 1967 diesen Fragen im Bundestag bereits sehr, sehr aus-
möglich. führlich Stellung genommen. Ich bin aber gerne
bereit, noch einmal mit ein paar Sätzen darauf zu-
rückzukommen.
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage!
Der Selbstwählferndienst ist die moderne Ver-
Kuntscher (CDU/CSU): Eine Zusatzfrage! Stimmt bindung zwischen zwei Sprechstellen. Er ist erst seit
es, Herr Bundespostminister, daß die Oberpostdirek- dem Jahre 1952 im Bundesgebiet systematisch aus-
tion Bremen die äußeren Voraussetzungen für den gebaut worden. Es ist natürlich unmöglich, ein so
Ausbau des Selbstwählferndienstes, d. h. den Grund- großes Fernsprechgebiet wie die Bundesrepublik
stückserwerb, in den vergangenen Jahren sehr nach- Deutschland in wenigen Jahren auszubauen. Wir
lässig betrieben hat und daß dadurch Bremervörde sind zügig vorangekommen. Die Investitionsmittel
im Bremer Bereich für den Ausbau des Selbstwähl- für diesen Zweck haben sich allein in den letzten
ferndienstes fast an letzter Stelle liegt? vier Jahren verdoppelt. Das ist auch der einzige
Weg, um die sogenannte Ungerechtigkeit der Ge-
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- bührengestaltung aus der Welt zu schaffen. Daß
meldewesen: Herr Kollege Kuntscher, ich weiß nicht, wir durch möglichst hohe Investitionen den Selbst-
wie aktiv die Oberpostdirektion Bremen im Grund- wählferndienst möglichst rasch zum Endausbau brin-
stückskauf war und inwieweit das auf Bremer- gen, das ist mein Ziel, das ich wiederholt im Bun-
vörde zutrifft. Aber ich weiß, daß wir nur dann destag erklärt habe, und 'danach werde ich nach
Grundstücke kaufen, wenn auch die Planungsvor- wie vor handeln.
aussetzungen so weit vorangeschritten sind, daß
sich der Einsatz der Mittel für den Kauf von Grund- Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu-
stücken auch gegenüber der Öffentlichkeit und satzfrage des Herrn Abgeordneten Kuntscher.
gegenüber dem Rechnungshof rechtfertigen läßt.
Kuntscher (CDU/CSU) : Ich möchte den Herrn
Vizepräsident Dr. Dehler: Noch eine Zusatz- Bundespostminister noch fragen, ob ihm auch be-
frage? kannt ist, daß der Fernsprechdienst des Postamts
Bremervörde um 21 Uhr auf das Postamt Bremer-
Kuntscher (CDU/CSU) : Herr Bundespostminister, haven umgeschaltet wird, daß damit nicht nur hö-
würden Sie diesem Vorwurf, daß in den letzten here Gebühren und schlechtere Leistungen, sondern
Jahren die Pflichten beim Grundstückserwerb ver- auch noch unangemessene Wartezeiten bei der Ver-
nachlässigt worden sind, nachgehen, und könnten bindung eines Gespräches entstehen und daß es bei
Sie mir dann darüber einen Bericht geben? der letzten Katastrophenübung vorgekommen ist,
daß man eine Viertelstunde brauchte, um den Kreis-
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- brandmeister, der im Nachbarort von Bremervörde
meldewesen: Selbstverständlich werde ich das prü- wohnt, telefonisch zu erreichen?
fen lassen. Sie bekommen von mir einen schrift-
lichen Bericht. Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern-
meldewesen: Die Sprechbereitschaft in den einzel-
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe auf die nen Fernmeldeämtern richtet sich nach dem Ge-
Frage XI/2 — des Abgeordneten Kuntscher —: sprächsanfall. Auf Grund der auch Ihnen bekannten
Ist dem Herrn Bundespostminister die beachtliche finanzielle
Personalnot, die die Deutsche Bundespost insbeson-
Schädigung aller Inhaber von Fernsprechanschlüssen im Raum dere in den unregelmäßigen Diensten wie dem
Bremervörde bekannt, die dadurch entsteht, daß im Selbstwähl-
ferndienst ein 3-Minuten-Gespräch von Bonn nach Bremervörde Nachtdienst und vor allem auch in Auswirkung der
im Nachtdienst 0,64 DM kosten würde, daß aber das gleiche
Gespräch im Handwähldienst von Bremervörde nach Bonn
Jugendarbeitsschutzgesetzgebung, die dieses Haus
2,29 DM bzw. bei Tag 3,36 DM kostet? beschlossen hat, trifft, wird es für uns immer schwie-
riger, Kräfte zu bekommen. Wir müssen daher den
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- Versuch unternehmen, nach 21 Uhr ein Fernmelde-
meldewesen: Wie bereits in früheren Fragestunden amt zu einem anderen Fernmeldeamt zu schalten,
2780 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Bundesminister Stücklen
um die Kräfte dort rationell einsetzen zu können. Anspruch nimmt. Aus diesem Grund kann der
Der Anfall der Gespräche nach 21 Uhr ist im allge- Selbstwählferndienst nur schrittweise eingeführt
meinen nicht so groß. Wir haben aber nicht die werden.
Möglichkeit, den Anfall so zu steuern, daß die Ge-
Technisch liegt dem Umstand, daß manche Orts-
spräche gleichmäßig und regelmäßig einlaufen. Aus
netze zwar anwählbar sind, obwohl sie noch nicht
diesem Grunde kommt es vor, daß Wartezeiten auf-
zum Selbstwählferndienst zugelassen sind, folgen-
treten; das ist unvermeidbar.
der Sachverhalt zugrunde. — Es tut mir leid, Herr
Herr Kollege Kuntscher, für Katastrophenfälle Präsident, daß ich nun etwas ausführlicher werden
kann man eine gewisse Vorsorge treffen. Aber es muß, weil diese Frage wiederholt im Bundestag ge-
ist nicht möglich, für Naturkatastrophen von dem stellt wurde und weil mir sehr daran liegt, daß hier
Ausmaß der Flutkatastrophe im norddeutschen endgültige Klarheit besteht. — Für den Selbstwähl-
Raum alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß ferndienst und den restlichen handvermittelten Fern-
ein störungsfreier Betrieb in diesem Bezirk möglich dienst wird weitgehend ein gemeinsames Fernwahl-
ist; denn nicht nur diese eine Stelle wird versucht netz benutzt, über das fast alle Ortsnetze im Bun-
haben, irgendeine Dienststelle zu erreichen, sondern desgebiet erreichbar sind. Die restlose Zulassung
zum gleichen Zeitpunkt werden eben Hunderte von der an sich anwählbaren Ortsnetze scheitert aber an
Ferngesprächen angefallen sein, so daß also hier zwei Gründen:
ein Stau aufgetreten ist. Ich bitte daher zu berück- 1. Die Aufnahme des Selbstwählferndienstes hat
sichtigen, daß solche Naturkatastrophen nicht ein- eine außerordentliche Verkehrssteigerung zur Folge,
geplant werden können, weil dazu Investitionen setzt also eine Vermehrung der Wahlleitungen vor-
in einem unverhältnismäßig hohen Ausmaß erfor- aus.
derlich wären.
2. Im Selbstwählferndienst werden neben den un-
ter Umständen schon vorhandenen Wahlleitungen
Kuntscher (CDU/CSU) : Ich glaube, Herr Post- außerordentlich aufwendige zentrale Einrichtungen
minister, Sie haben mich nicht ganz verstanden — — für die automatische Leitweglenkung und Gebühren-
berechnung benötigt. Im allgemeinen sind diese Ein-
Vizepräsident Dr. Dehler: Ihre Möglichkeiten richtungen von vornherein für den späteren Voll-
sind erschöpft, Herr Kollege Kuntscher. Sie haben ausbau des Selbstwählferndienstes geeignet, ihrer
keine Möglichkeit, eine weitere Frage zu stellen. Zahl nach aber nur für eine bestimmte Verkehrs-
Sie haben bereits zwei Zusatzfragen gestellt. menge, die dem Leistungsvermögen des Fernwahl-
Wir kommen zur Beantwortung der Frage XI/3 — netzes entspricht, bemessen.
des Abgeordneten Hammersen —: Die genannten Einrichtungen für Leitweglenkung
Treffen Pressemeldungen zu, wonach es im Fernsprechverkehr und Gebührenerfassung sind so beschaffen, daß der
Vorwählnummern für Orte in der Bundesrepublik Deutschland,
insbesondere im Schwarzwald, gibt, die nach dem amtlichen nicht zugelassene Verkehr im allgemeinen technisch
Fernsprechbuch noch keine solche Nummern haben und für die verhindert wird. Aus wirtschaftlichen Gründen hat
daher die amtlichen Fernsprechauskunftstellen die Angabe dieser
Vorwählnummern verweigern und interessierte Fernsprechteil- man aber auf eine bis zum letzten Ortsnetz gehende
nehmer statt dessen auf den kostspieligeren Handvermittlungs-
dienst verweisen?
Unterscheidung verzichtet; man begnügt sich damit,
den Verkehr gebietsweise zu steuern. In dem Be-
Die Frage wird von Herrn Abgeordneten Dürr streben, möglichst viel Selbstwählferndienste zuzu-
übernommen. lassen, wird bisweilen schon der Verkehr zu ein-
zelnen Ortsnetzen zugelassen, obwohl die übrigen
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- Ortsnetze dieses Gebiets wegen Mangels an Lei-
meldewesen: Nicht nur im Schwarzwald, sondern tungen oder aus anderen technischen Gründen noch
fast überall im Bundesgebiet können bei Kenntnis nicht zum Selbstwählferndienst zugelassen werden
der entsprechenden Kennzahl einige Ortsnetze können. In diesen Fällen ist es bei Kenntnis der
selbst gewählt werden, die noch nicht „zum Selbst- Kennzahlen möglich, auch andere, noch nicht zum
wählferndient zugelassen" und deshalb in den amt- Selbstwählferndienst zugelassene Ortsnetze dieses
lichen Unterlagen noch nicht verzeichnet sind. Die Gebietes anzuwählen.
verschiedentlich geäußerte Vermutung, daß die Die Deutsche Bundespost mußte sich im Interesse
Deutsche Bundespost diese Kennzahlen nicht ver- der Teilnehmer entschließen, den einen oder ande-
öffentliche, um die Ausnutzung des zum Teil billi- ren Weg zu gehen. Um Fehlinvestitionen zu ver-
geren Tarifs zu verhindern, ist unzutreffend. Als meiden, haben wir bereits die technischen Einrich-
Ganzes gesehen ist der Selbstwählferndienst auch tungen für den Selbstwählferndienst in die Ämter
für die Deutsche Bundespost weitaus wirtschaftlicher eingebaut, obwohl die Leitungsbündel noch nicht
als der handvermittelte Ferndienst. Außerdem be- ausreichend verstärkt werden konnten. Wenn wir
stehen größte Schwierigkeiten, den Personalbedarf neben der bereits installierten Technik für den
für den handvermittelten Ferndienst zu befriedigen, Selbstwählferndienst die Leitungsbündel verstärkt
weshalb die Deutsche Bundespost bestrebt ist, den haben, dann wird der Selbstwählferndienst offiziell
restlichen handvermittelten Ferndienst baldmög- freigegeben.
lichst zu automatisieren. Die Automatisierung des
Fernverkehrs ist aber ein gewaltiges Vorhaben, das Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage.
auf Jahre hinaus die Planungs- und Finanzierungs-
möglichkeiten der Deutschen Bundespost und die Dürr (FDP) : Herr Minister, ist es also unver-
Fertigungsmöglichkeiten der Fernmeldeindustrie in meidlich, daß die Möglichkeit, einen Ort im Selbst-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2781
Dürr
wählferndienst anzuwählen, obwohl die Nummer Frau Dr. Hubert (SPD) : Warum ist dann aber
noch nicht im amtlichen Verzeichnis steht, nicht nur dem Bundestag, als ihm dieses Gesetz zur Ratifika-
für kurze Zeit, sondern zum Teil jahrelang besteht? tion vorgelegt wurde, nicht mitgeteilt worden, daß
es bis zur Hinterlegung noch sehr lange dauern
würde? Das Gesetz ist von uns doch schon 1959
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- ratifiziert worden.
meldewesen: Ja, das könnte sogar Jahre dauern.
Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe nun aus Amts: Es tut mir leid, Frau Abgeordnete, ich weiß
Drucksache IV/967 die Frage IV — des Herrn Abge- nicht genau, was dem Bundestag damals mitgeteilt
ordneten Dr. Mommer — aus dem Geschäftsbereich worden ist. Wie ich mich zu erinnern glaube, ist
des Bundesministers für , das Post- und Fernmelde- von seiten der Regierung- aber immer darauf hin-
wesen ,auf: gewiesen worden, daß man bestrebt sein würde,
die lange Liste der Vorbehalte, die wir im dama-
Was kann die Deutsche Bundespost tun, um die Poststempel
auf Postsendungen leserlicher zu machen? ligen Zeitpunkt erklären mußten, zu verkürzen. Das
setzt jedoch voraus, daß entsprechende gesetzliche
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- Bestimmungen verabschiedet werden, z. B. über den
wortung einverstanden erklärt. Die Antwort liegt Erwerb von Grundbesitz durch Ausländer oder über
noch nicht vor. Sie wird nach Eingang im Sitzungs- die Zulassung von Ausländern zu gewissen gewerb-
bericht abgedruckt. lichen Tätigkeiten. Derartige Gesetze sind in der
Ich danke Ihnen, Herr Minister. Zwischenzeit vom Bundestag beschlossen worden.
Zwei weitere Gesetzesvorlagen liegen dem Bundes-
Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts- tag zur Zeit vor. Wenn sie verabschiedet sind,
bereich des Auswärtigen Amts. Ich rufe die Frage I wird sich die Vorbehaltsliste weiter erheblich ver-
— der Frau Abgeordneten Dr. Hubert — auf: kürzen. Diesen Zeitpunkt möchten wir abwarten.
Warum wurde das vom Deutschen Bundestag am 11. Juni 1959
verabschiedete Ratifizierungsgesetz über das europäische Nieder- Ich darf vielleicht noch hinzufügen, daß wir glau-
lassungsabkommen vom 13. Dezember 1955 noch nicht hinterlegt? ben, dadurch, daß wir unsere Vorbehaltsliste ver-
Bitte, Herr Staatssekretär. kürzen, zugleich einen gewissen Einfluß auf unsere
Partner ausüben zu können dahin, daß sie das
gleiche tun, so daß am Schluß das Abkommen in
Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen einer Form in Kraft tritt, in der alle Partner mög-
Amts: Gemäß Art. 26 des Europäischen Niederlas- lichst wenig Vorbehalte erklären.
sungsabkommens kann jeder Partnerstaat bei der
Unterzeichnung dieses Abkommens oder bei der Vizepräsident Dr. Dehler: Zu einer weiteren
Hinterlegung seiner Ratifikationsurkunde Vorbe- Zusatzfrage Frau Abgeordnete Dr. Hubert.
halte zu dem Abkommen machen, soweit ein in sei-
nem Gebiet zu dieser Zeit geltendes Gesetz mit dem Frau Dr. Hubert (SPD) : Sollte es eigentlich nicht
Abkommen nicht übereinstimmt. Die Bundesregie- so sein, daß alle Vorarbeiten abgeschlossen sind,
rung hatte dementsprechend dem Europarat im wenn ein solches Gesetz dem Parlament zur Rati-
Januar 1956, also kurz nach der Unterzeichnung des fikation vorgelegt wird? Man muß doch annehmen,
Abkommens, eine vorläufige Vorbehaltsliste über-
daß das dann der Schlußakt ist und die Ratifi-
mittelt und ihn davon in Kenntnis gesetzt, daß eine
kationsurkunde sofort hinterlegt wird.
endgültige Liste bei der Hinterlegung der Ratifika-
tionsurkunde eingereicht werden würde.
Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen
Die Bundesregierung ist daran interessiert, daß Amts: Frau Abgeordnete, die Vorlage des Vertrages
die Zahl der Vorbehalte möglichst klein gehalten an das Parlament ist möglichst frühzeitig nach der
wird und zur Zeit noch bestehende Beschränkungen Unterschriftsleistung erfolgt. Der Vertrag sieht vor,
aufgehoben werden. Die von mir erwähnte vorläu- daß Vorbehalte erklärt werden können. Insofern
fige Liste hat in der Zwischenzeit infolge der U m- wäre die Erklärung auch einer langen Vorbehalts-
gestaltung des deutschen Rechts wesentliche Ände- liste mit dem Vertrag durchaus vereinbar. Aber aus
rungen erfahren. Sie ist stark verkleinert worden. politischen Gründen liegt der Bundesregierung
Die Beseitigung weiterer Vorbehalte ist vorgese- daran, diese Vorbehaltsliste möglichst kurz zu ma-
hen. Sobald die endgültige Vorbehaltsliste fertig- chen, und das setzt die von mir eben geschilderten
gestellt ist, wird die Ratifikationsurkunde hinter- Anstrengungen voraus.
legt werden.
Es darf noch bemerkt werden, daß zum Inkraft- Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen,
treten des Abkommens die Hinterlegung von fünf Herr Staatssekretär.
Ratifikationsurkunden erforderlich ist, bisher aber Ich rufe auf die Frage des Abgeordneten Schmitt-
nur drei Ratifikationsurkunden, und zwar die von Vockenhausen aus dem Geschäftsbereich des Bun-
Norwegen, Dänemark und Belgien, hinterlegt wor- desministers des Innern:
den sind.
Hat die Bundesregierung seit meiner Frage betr. Mangel an
Formularen des neuen Personalausweises (Fragestunde in der
35. Sitzung vom 15. Juni 1962 — Drucksache IV/479) noch keinen
Vizepräsident Dr. Dehler: Zu einer Zusatz- Weg gefunden, diesen Mangel zu beseitigen?
frage Frau Dr. Hubert. Bitte, Herr Minister!
2782 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963

Höcherl, Bundesminister des Innern: Auf meine Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für
Veranlassung, Herr Kollege Schmitt-Vockenhausen, Gesundheitswesen: Ich halte eine private Bevor-
arbeitet die Bundesdruckerei mit Hochdruck und ratung mit bestimmten Medikamenten für ebenso
bis zur äußersten Ausnutzung ihrer Kapazität. Ich wichtig wie die mit Lebensmitteln. Das gilt z. B. für
darf einige Zahlen bekanntgeben. Im September die Mittel für Zuckerkranke, aber auch für Epilep-
1962 waren es noch 710 000 Stück pro Monat, im tiker, für Kranke mit bösartiger Blutarmut oder mit
Januar 1963 schon 1 090 000. Trotzdem wird der grünem Star.
Bedarf nicht zu befriedigen sein, so daß sich die
Die Bundesregierung kann hier, soweit ich es im
Notwendigkeit ergibt, ein Verlängerungsgesetz Augenblick sehe, dreierlei Helfendes tun:
vorzulegen, das demnächst den Bundestag erreicht.
Erstens werden die Ärzte darauf aufmerksam ge-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage! macht werden müssen, daß sie ihren Patienten
raten, sich allmählich einen Vorrat für vier Wochen
anzulegen.
Schmitt-Vockenhausen (SPD) : Glauben Sie
nicht, Herr Minister, daß Ihr Haus ziemlich schwer- Zweitens. Da nicht alle Kranken selbst die Mittel
fällig gearbeitet hat, wenn erst jetzt das Gesetz aufbringen können, diesen Vorrat anzuschaffen —
vorgelegt wird, nachdem schon im letzten Sommer obgleich er nachher umgewälzt wird —, werden wir
offenkundig war, daß es auch bei stärkerer Ausnut- mit dem Bundesministerium für Arbeit und mit den
zung der Kapazität nicht möglich sein würde, mit Krankenkassen darüber verhandeln, inwieweit die
dem Druck der Ausweise rechtzeitig dem Bedarf Kosten für den Vorrat bei den Kranken, bei denen
gerecht zu werden? er notwendig ist, übernommen werden können.
Drittens. Die Versorgung der Zivilbevölkerung
Höcherl, Bundesminister des Innern: Ich bin der mit diesen ständig gebrauchten Mitteln ebenso wie
Meinung, daß es noch ausreicht, wenn das Gesetz die gesamte zivile Arzneimittelversorgung wird sich
jetzt vorgelegt wird, da bis jetzt keine Stockungen sehr stark auf die Apotheken stützen müssen.
empfindlicherer Natur eingetreten sind.
Vizepräsident Dr. Dehler: Zu einer Zusatz-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu- frage Frau Dr. Hubert!
satzfrage!
Frau Dr. Hubert (SPD) : Würde die Bundes-
Schmitt-Vockenhausen: Werden Sie also das regierung unter Umständen auch Überlegungen an-
Gesetz sehr schnell einbringen, damit in der Reise- stellen, ob man für eine größere Bevorratung dieser
zeit für die Bevölkerung keine allzu großen Schwie- meist sehr teuren Medikamente nicht steuerliche Er-
rigkeiten eintreten? leichterungen insofern vorsehen sollte, als man
etwa die steuerliche Abzugsfähigkeit festlegt?
Höcherl, Bundesminister des Innern: Ich werde
Sie wahrscheinlich bitten, ein Initiativgesetz vorzu-
legen, damit es schneller geht. Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für
Gesundheitswesen: Steuerliche Erleichterungen für
die Vorratshaltung, die ja teurer ist, kommen vor
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen, allem für die Apotheken in Betracht. Aber Ihr Ge-
Herr Minister. danke, diese Erleichterung eventuell auch den Kran-
Ich rufe auf die Fragen des Abgeordneten Dr. ken zu geben, ist gut, und ich werde ihn prüfen
Hamm (Kaiserslautern) aus dem Geschäftsbereich lassen.
des Bundesministers für Wirtschaft — Fragen III/1
und III/2 —: Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen,
Frau Ministerin.
Ist es zutreffend, daß nach einem Gutachten, das im Auftrag
der Landesregierung Nordrhein-Westfalen eingeholt worden ist,
die entsprechend der Rechtsverordnung des Bundeswirtschafts-
Wir sind damit am Ende dieses Tagesordnungs-
ministeriums über die Abbaubarkeit hergestellten Detergentien punktes.
eine erhöhte Giftigkeit aufweisen, die nicht nur den Fisch-
bestand in den Gewässern, sondern auch die Trinkwasserver-
sorgung gefährden kann? Ich rufe auf Punkt 7 der Tagesordnung:
Wird das Bundeswirtschaftsministerium die in Frage III/1 ge-
nannte Rechtsverordnung dahin ergänzen, daß mit der erhöhten Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
Abbaubarkeit der Detergentien eine Erhöhung der Toxizität nicht
verbunden sein darf? desregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur weiteren Aufbesserung von Lei-
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- stungen aus Renten- und Pensionsversiche-
wortung einverstanden erklärt. Die Antworten lie- rungen sowie aus Kapitalzwangsversicherun-
gen noch nicht vor. Sie werden nach Eingang im gen (Drucksache IV/810)
Sitzungsbericht abgedruckt werden.
Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsausschus-
Ich rufe auf die Frage der Abgeordneten Frau Dr. ses (16. Ausschuß) (Drucksachen IV/922,
Hubert aus dem Geschäftsbereich des Bundesmini- zu IV/922)
sters für Gesundheitswesen:
Beabsichtigt die Bundesregierung, die private Bevorratung mit (Erste Beratung 52. Sitzung).
Arzneimitteln bei bestimmten chronischen Leiden (z. B. Diabetes)
zu fördern? Ich danke dem Herrn Berichterstatter für seinen
Darf ich bitten, Frau Ministerin! Schriftlichen Bericht. Eine Ergänzung des Berichtes
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2783

Vizepräsident Dr. Dehler


wird nicht gewünscht, eine allgemeine Aussprache Soetebier (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen t
ebenfalls nicht. und Herren! Die Freien Demokraten haben seit eh
und je die Forderung nach Gleichstellung der
Ich rufe auf die §§ 1, — 2, — 3. — Wer zustimmt, Zwangsversicherten aus der Handwerkergesetz-
gebe bitte Zeichen. — Gegenprobe! — Enthaltun- gebung und der sonstigen Sozialgesetzgebung mit
gen? — Einstimmige Annahme. den Versicherten anderer Sozialversicherungsspar-
Zu § 4 liegt der Änderungsantrag der Fraktionen ten erhoben. Wir freuen uns, daß durch diesen
der CDU/CSU und FDP auf Umdruck 187 *) vor. Zur Änderungsantrag der Abschluß einer Ungerechtig-
Begründung hat das Wort der Herr Abgeordnete keit, die seit Jahren bestand, herbeigeführt wird.
Burgemeister. Wir glauben, daß damit auch denen Rechnung ge-
tragen wird, die sich damals unter dem Zwang der
Zeit versichern mußten, bisher aber immer noch dar-
Burgemeister (CDU/CSU) : Herr Präsident! auf warteten — vor allem die Älteren —, mit den
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Mit die- durch die Sozialversicherung, ich möchte sagen,
sem Gseetzentwurf soll eine Aufwertung von Ren- staatlich hundertprozentig anerkannten Versicher-
ten- und Pensionsversicherungen sowie Kapital- tenkreisen gleichgestellt zu werden. Wir bitten also
zwangsversicherungen bewirkt werden. Während ebenfalls, diesem Antrag zuzustimmen, damit eine
die drei genannten Versicherungsarten in ihrer alte Ungerechtigkeit endlich ihre Beseitigung findet.
Zielsetzung gleichgerichtet sind, nämlich der Dek
kung des Lebensunterhalts im Alter zu dienen be- (Beifall bei der FDP.)
stimmt waren, sollen sie durch den Gesetzentwurf
verschieden aufgewertet werden. Renten- und Pen- Vizepräsident Dr. Dehler: Keine weiteren
sionsversicherungen sollen nach dem Vorschlag des Wortmeldungen. — Ich kann wohl über die Ziffern 1
Ausschusses, der in Drucksache IV/922 niedergelegt und 2 des Antrags auf Umdruck 187 gemeinsam ab-
ist, nunmehr im Verhältnis 1 : 1 umgestellt, d. h. stimmen lassen. Ich rufe also auf die Anträge der
voll aufgewertet werden. Die Kapitalzwangsver- Fraktionen der CDU/CSU und FDP auf Umdruck
sicherungen dagegen sollen nur um weitere 15 187. Wer zustimmen will, gebe bitte Zeichen. — Ge-
Punkte aufgewertet werden und damit, obwohl sie genprobe! — Enthaltungen? — Einstimmig ange-
der gleichen Zielsetzung wie die beiden anderen nommen.
Versicherungsarten dienten, nicht im gleichen Maße
Ich rufe auf § 4 mit diesen soeben beschlossenen
aufgewertet werden.
Änderungen. Wer zustimmen will, gebe bitte Zei-
Wir sind der Meinung, daß die Kapitalzwangsver chen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Ebenfalls
sicherung, die ganz besonders zur Deckung des Le- einstimmige Annahme.
bensunterhalts im Alter bestimmt war und die noch Ich rufe weiter auf § 5, — § 6, — § 7, — § 8, —
dazu durch gesetzliche Maßnahmen zwingend vor- § 9, — Einleitung und Überschrift. — Wer zustim-
geschrieben war, ebenfalls in etwa im Verhältnis men will, gebe bitte das Handzeichen. — Gegen-
1 : 1 umgestellt werden sollte. probe! — Enthaltungen? — Ebenfalls einstimmige
Um dieses Ziel zu erreichen, legen wir dem Hohen Annahme.
Hause den Änderungsantrag Umdruck 187 vor.
Ich schließe die zweite Beratung und eröffne die
Wenn Sie, meine Damen und Herren, diesem Vor-
schlag zustimmen, wird damit praktisch auch eine dritte Beratung.
Umstellung der Kapitalzwangsversicherungen im
Verhältnis 1 : 1 bewirkt. Bei der Zusammenrech- Wortmeldungen liegen nicht vor. Wer dem Gesetz-
-
entwurf in der Fassung der Beschlüsse der zweiten
nung des Aufwertungsbetrages, der sich aus dem
Währungsumstellungsgesetz ergibt, der Altsparer- Lesung zustimmt, erhebe sich vom Platz. — Gegen-
entschädigung, die für diese Versicherungen schon probe! — Enthaltungen? — Der Gesetzentwurf ist
einstimmig angenommen.
gewährt worden ist, weiter der im Jahre 1956 er-
folgten Anhebung des Unterschiedsbetrages um Ich rufe auf Punkt 8 der Tagesordnung:
45 % und des in unserem heutigen Vorschlag wie-
derum vorgesehenen Aufbesserungssatzes von 45 % Beratung ides Antrags der Abgeordneten Dr.
ergibt sich im Grunde genommen ebenfalls eine Um- Schmidt (Wuppertal), Bading, Margulies,
stellung 1 : 1. Jacobi (Köln) und Genossen betr. Raumord-
nung (Drucksache IV/473).
Ich darf Sie im Namen meiner Fraktion bitten, Wird das Wort gewünscht? — Das ist nicht der Fall.
diesem Änderungsantrag Ihre Zustimmung zu ge- Wir stimmen ab. Wer dem vorliegenden Antrag zu-
ben, damit diese drei Versicherungen gleicher- stimmt, gebe bitte das Handzeichen. — Gegenprobe!
maßen aufgewertet werden. — Enthaltungen? — Der Antrag ist angenommen.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Wir kommen zu Punkt 9 der Tagesordnung:
Beratung einer Auskunft der Bundesregie-
Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat der rung über die Ausführung des Beschlusses
Abgeordnete Soetebier. des Bundestages vom 14. Juni 1961 betr.
§ 116 des Deutschen Richtergesetzes (Druck-
*) Siehe Anlage 2 sache IV/634.
2784 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963

Vizepräsident Dr. Dehler


Es liegt vor die Zuschrift des Bundesministers der Ich sage ausdrücklich: die Zahl der Richter und
Justiz vom 10. September 1962. Das Wort hat der Staatsanwälte, die § 116 meinte, war immer gering.
Herr Bundesminister der Justiz. Sie steht in keinem Verhältnis zu den verleum-
derischen Behauptungen, die jenseits der Zonen-
grenze über die Situation der Richterschaft in der
Dr. Bucher, Bundesminister der Justiz: Herr
Bundesrepublik erhoben worden sind.
Präsident! Meine Damen und Herren! Bevor sich
das Hohe Haus mit diesem Gegenstand befaßt, muß Die ganz überwiegende Mehrzahl der Richter und
ich eine Veränderung bekanntgeben, die sich gegen- Staatsanwälte in der Bundesrepublik ist von dem
über dem Ihnen vorliegenden Bericht ergeben hat. uns jetzt beschäftigenden Problemkreis nicht betrof-
Nach diesem Bericht, der vom 10. September 1962 fen. Das ist das Ergebnis sorgfältiger Überprüfungen
stammt, handelte es sich um acht Richter und vier und verdient von dieser Stelle aus ausdrücklich fest-
Staatsanwälte. Die Zahl hat sich inzwischen vermin- gestellt zu werden. Der Bericht zeigt, daß nur in
dert auf zwei Richter und vier Staatsanwälte. Ich ganz wenigen vereinzelten Fällen diejenigen, die es
glaube, daß diese Tatsache bei der Beratung des angeht, den Appell des Bundestags nicht verstan-
ganzen Komplexes berücksichtigt werden muß. den haben.
Wir sind der Auffassung, daß der Gesetzgeber
Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat der und gegebenenfalls der Verfassungsgesetzgeber die
Herr Abgeordnete Wittrock. Konsequenzen zu ziehen hat. Hier ist der Bundes-
tag im Wort.
(Abg. Jahn: Sehr wahr!)
Wittrock (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Es ist zu begrüßen, daß der Bundestag Der Bundestag hat in seiner Entschließung vom
Gelegenheit findet, den Bericht des Bundesministers 14. Juni 1961 folgendes ausgeführt — ich bitte das
der Justiz dem Rechtsausschuß zu überweisen. Der zu beachten —:
Antrag , auf Überweisung an den Rechtsausschuß
Der Bundestag wird, wenn es notwendig ist,
wird hiermit gestellt.
eine grundgesetzliche Entscheidung treffen, daß
Der Bundestag hat sich erstmalig — wie wir jeder Richter und Staatsanwalt, der ein unver-
soeben gehört 'haben — am 14. Juni 1961 mit der antwortliches und unmenschliches Todesurteil
beklagenswerten Tatsache befaßt, daß Richter vor- mitverschuldete, sein Amt verliert.
handen sind — einige wenige —, welche durch die
Das war die Willenserklärung des Bundestags vom
Mitwirkung an vorwerfbaren Todesurteilen in der
14. Juni 1961.
Zeit vor 1945, sei es durch Schuld oder sei es durch
Verstrickung, dem Unrecht gedient haben, und der Wenn der Bundestag vor der Frage steht, die
Bundestag war der Auffassung und auch der Rechts- Konsequenzen zu ziehen, dann nicht unter dem Ge-
ausschuß des Bundesrates sowohl als auch der sichtspunkt der Zahl. Auch wenn es nur ein einziger
Rechtsausschuß des Bundestages waren der Auffas- Richter sein sollte, der zur Zeit festgestellt ist, so
sung, daß der Gesetzgeber hier eine gesetzliche wissen wir ohnedies auf Grund der Erfahrungen,
Konsequenz zu ziehen habe. daß die Zahl der festgestellten Fälle Schwankungen
unterworfen ist.
Der Kollege Hoogen hat damals als Berichterstat- (Abg. Jahn: Würzburg!)
ter des Rechtsausschusses mit Zustimmung des gan-
zen Hauses ausgeführt: Wir haben aus der Presse entnommen, daß gerade
Die rechtsstaatliche Justiz kann sich um der in der jüngsten Vergangenheit einige Fälle festge-
Glaubwürdigkeit der Justiz unter der neuen stellt werden mußten. Uns ist bekannt — und es
Ordnung des freiheitlich-demokratischen Rechts- muß Aufgabe des Parlaments sein, sich damit zu be-
staates willen unter keinen Umständen mit schäftigen —, daß es noch Akten gibt, die bis zur
Verfehlungen der nationalsozialistischen Zeit Stunde unzugänglich sind. Der Bundestag und alle
in Verbindung bringen lassen. in Betracht kommenden Stellen müssen Wege er-
schließen, den Zugang zu finden. Auch im Hinblick
Der Bundestag hat dann in der am 14. Juni 1961 be- auf diesen Tatbestand muß der Bundestag unabhän-
schlossenen Entschließung folgendes ausgeführt: gig von der im Augenblick festgestellten Zahl die in
Der Bundestag erwartet, daß jeder Richter und seiner Entschließung vom 14. Juni 1961 angekün-
Staatsanwalt, der wegen seiner Mitwirkung an digte grundgesetzliche Entscheidung treffen.
Todesurteilen mit begründeten Vorwürfen aus Aber selbst wenn die jetzt festgestellte Zahl un-
der Vergangenheit rechnen muß, sich seiner verändert bleibt, müssen wir davon ausgehen, daß
Pflicht bewußt wird, jetzt aus dem Dienst aus- letztlich jeder Richter, auch ein einzelner Richter, für
zuscheiden, um die klare Trennung zwischen den Rechtsuchenden, der ihm gegenübersteht, die
der Vergangenheit und der Gegenwart zu Rechtsordnung in ihrer Gesamtheit repräsentiert.
sichern. Aus diesem Grunde gilt es, auch dann, wenn man es
nur mit einzelnen Fällen zu tun hat, um der Siche-
Es muß festgestellt werden, daß die überwiegende
rung des Vertrauens in die Rechtsordnung in ihrer
Zahl derer, um die es damals ging, den Appell des
Gesamtheit willen die Konsequenzen zu ziehen.
Bundestages verstanden und die vom Gesetzgeber
gebaute Brücke des § 116 des Richtergesetzes be- Wenn eine grundgesetzliche Entscheidung zu tref-
schritten hat. fen ist, dann trifft die Besorgnis derer nicht zu —
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2785
Wittrock
das sei hier noch erklärt —, die meinen, dies sei ein stenschaft —, ist die Tatsache, daß die Fälle, die 1
erster Schritt zur Einschränkung der richterlichen nuafgewor dniauchmorgef-
Unabhängigkeit. Die richterliche Unabhängigkeit geworfen werden können, bisher nicht nach klaren
wird hier nicht berührt. Es ist der Wille all derer, rechtlichen Maßstäben und in einem rechtsstaat-
die sich mit diesen Problemen befaßt haben, die lichen Verfahren zur Lösung gebracht werden kön-
richterliche Unabhängigkeit nicht anzutasten. Hier nen. Dort liegt das Problem, nicht nur das Problem
geht es um Konsequenzen aus Tatbeständen, die in für den Staat, sondern auch das Problem für den
einer Zeit entstanden sind, in der Personen, die betroffenen Richter und für die Richterschaft im
heute als Richter tätig sind, nicht dem Recht, son- ganzen.
dern dem Unrecht gedient haben. Sie haben vor Ich will ein Wort sagen zu den rund 150, die sich
1945 nicht Recht vollzogen, sondern Unrecht gesetzt. auf den Appell des Bundestages aus dem Dienst
Hieraus die Konsequenzen zu ziehen, ist keine begeben haben, ein Wort für sie, soweit sie ein-
Frage, die den Bestand und das Wesen der in der sichtig waren, ein Wort auch für diejenigen, die
rechtsstaatlichen Ordnung gewährleisteten richter- möglicherweise aus einem besonders zarten Gewis-
lichen Unabhängigkeit berührt. sen. sich der weiteren Verantwortung und den wei-
Lassen Sie mich als letztes folgendes sagen. Ge- teren Angriffen entzogen haben. Ich warne davor,
legentlich ist die Auffassung vertreten worden, die alle 150 in einen Topf zu werfen und sie als mit
Grundgesetzänderung sei eigentlich ein Anliegen einem Makel behaftet anzusehen. Der Bundestag
des Bundesrates. Es sei Sache der Länder, tätig zu wollte jene Tür aufmachen und er wollte an jener
werden, denn es gäbe ja nur in den Ländern Fälle, Tür nicht untersuchen, wieviel Schuld am einen
auf die die Grundgesetzänderung anzuwenden sei. oder anderen ist.
Es ist falsch, wenn man das Problem unter dem Ge- Es ist durchaus angenehm, zu hören, daß es im
sichtspunkt: Landesjustizverwaltung und Bundes- Grunde und actualiter lediglich noch um zwei Fälle
justizverwaltung sieht. Hier geht es um das Ver- geht. Aber wenn die Frage, die damals gestellt war,
trauen in die Rechtsordnung schlechthin. So wie die wieder gestellt wird, ob zu besorgen ist, daß ein
Rechtsordnung unteilbar ist, so ist auch das Ver- Richter oder Staatsanwalt, dem gegenüber diese
trauen in die Rechtsordnung unteilbar. Aus diesem Maßnahme geboten sein kann, sich noch im Amt
Grunde ist es die Pflicht des Bundes und des Bun-
befindet, so kann niemand mit gutem Gewissen
destages, sich mit dem Problem zu beschäftigen.
diese Frage absolut verneinen, obwohl — und das
Wir verstehen den Antrag auf Überweisung des muß man laut und deutlich feststellen — nicht zu
vorliegenden Berichts an den Rechtsausschuß so, besorgen ist, daß sich noch eine erhebliche Zahl von
daß damit ein Auftrag an den Ausschuß verbunden untragbar belasteten Richtern im Amt befindet.
ist, dem Plenum des Bundestages Gesetzesänderun- Ich bin kürzlich in einer Diskussion gefragt wor-
gen und gegebenenfalls auch eine Grundgesetzände- den: Kann man den deutschen Juristen, kann man
rung vorzuschlagen. Ich darf das hier um der Klar- den deutschen Richtern nach allem, was geschehen
stellung willen erwähnen, damit ganz klar ist, was ist, überhaupt noch vertrauen, kann man überhaupt
Umfang und Inhalt des Auftrags des Plenums des noch Vertrauen zu ihnen haben? Ich habe gesagt:
Bundestages an den Rechtsausschuß dieses Hauses So viel Vertrauen kann man zu ihnen haben wie
ist. zum deutschen Volk. So viel Vertrauen kann das
(Beifall bei der SPD.) deutsche Volk zu seinen Richtern haben wie zu sich
selbst. Denn man kann nicht verleugnen und nicht
Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort nat der leugnen, daß auch in diesem Komplex ein Stück von
Abgeordnete Dr. Güde. Gesamtverantwortung aller steckt, von dem man -
nur wenige abheben kann. Im Grunde geht es nur
Dr. h. c. Güde (CDU/CSU) : Herr Präsident! um die wenigen — und ich sage, es sind sicher ganz
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Für die wenige —, die durch besonderes Verhalten sich des
Fraktion der CDU/CSU habe ich folgendes zu erklä- Richteramtes in diesem Staat, in unserem Staat der
ren. Bundesrepublik, in diesem Rechtsstaat als unwür-
dig erwiesen haben.
Nicht mit jedem Wort, aber im Grunde mit der
Tendenz dessen, was der Herr Kollege Wittrock Aber die Voraussetzungen dafür — ich sage es
soeben erklärt hat, sind auch wir einverstanden. Der noch einmal — nun tatbestandlich klar abzugrenzen,
Gesetzgeber ist im Wort; formell nicht dieser Bun- so daß auch derjenige geschützt werden kann, dem
destag, weil man sagen könnte, es sei der Bundes- gegenüber unberechtigte Vorwürfe erhoben werden,
tag der letzten Wahlperiode gewesen. Aber dem und die Prüfung dieser Tatbestände in einem
Gesetzgeber ist — das ist auch unsere Meinung — rechtsstaatlichen Verfahren zu garantieren, darauf
hier eine Aufgabe gestellt, der er sich nicht entzie- kommt es an.
hen kann. Den Auftrag an den Rechtsausschuß fasse auch ich
Darin bin ich mit , dem Kollegen Wittrock einig: so auf, wie es der Herr Kollege Wittrock eben
Es ist keine Frage der Quantität, es ist eine prin- formuliert hat: als einen Auftrag, alle Möglichkeiten
zipielle Frage, die man nicht mit einer Minimalisie- zu prüfen bis zur Möglichkeit der Grundgesetz-
rung von Zahlen aus der Welt schaffen kann. Das, änderung, die allerdings nur die ultima ratio der
was uns seit Jahren bedrückt — ich meine jetzt mit Lösung dieses Problems sein kann, alle Möglichkei-
„uns" die deutsche Richterschaft, die deutsche Juri ten zu prüfen, die wenigen Fälle, die noch da sein
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Dr. h. c. Güde
können, und vor allem die potentiellen Fälle zu Rechtsuchenden, zu dem Richter, der seinen Fall
regeln, ohne die richterliche Unabhängigkeit, das entscheidet. Wenn dieses Vertrauen nicht gewahrt
Prinzip der richterlichen Unabhängigkeit für die ist, dann ist eine wesentliche Grundlage unseres
Zukunft zu gefährden. Rechtsstaates in Zweifel gezogen.
In diesem Sinne werden auch wir im Rechtsaus- Ich hoffe, daß es gelingt, für diese Frage unab-
schuß uns dieser Aufgabe unterziehen, sicher einer hängig von Regierungskoalition und Opposition,
Aufgabe, die vorweg den Bundesgesetzgeber trifft, gemeinsam im Bundestag eine Lösung zu finden,
die aber zweifellos zu lösen sein wird mit den Län- die von allen demokratischen Parteien getragen und
dern und mit dem Rechtsausschuß des Bundesrates. auch von den Ländern mitgetragen wird.
(Beifall bei der CDU/CSU.) (Beifall bei der FDP.)

Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat Frau Vizepräsident Dr. Dehler: Das Haus stimmt
Abgeordnete Dr. Diemer-Nicolaus. der Überweisung des Berichts des Herrn Bundes-
ministers der Justiz vom 10. September 1962 an den
Rechtsausschuß zu.
Frau Dr. Diemer-Nicolaus (FDP) : Herr Präsi-
dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich rufe dann den ersten Zusatzpunkt unserer
Namens der Freien Demokraten darf ich folgendes Tagesordnung auf:
erklären. Der Bericht des Bundesjustizministers über
die Richter, die als untragbar in einem demokrati- Beratung des Antrags der Fraktionen der
schen Rechtsstaat empfunden wurden, zeigt die CDU/CSU, FDP betreffend Nachwahlen
ganze Schwierigkeit dieser Frage. Von dem Herrn (Drucksache IV/982).
Kollegen Wittrock und vom Herrn Kollegen Güde Hier sind verschiedene Wahlvorschläge in einem
wurden die Probleme mit aller Eindringlichkeit dar- Antrag zusammengefaßt. Bestehen dagegen Beden-
gelegt. Schon die Tatsache, daß der Beschluß des ken? — Das ist nicht der Fall.
Bundestages, der zu dem Bericht führte, vom 14. Juli
1961 datiert, und die weitere Tatsache, daß diesem Dann können wir über diesen Antrag einheitlich
Beschluß schon damals sehr eingehende und sehr abstimmen. Wer zustimmt, gebe bitte ein Hand-
gründliche Beratungen im Rechtsausschuß zugrunde zeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der
lagen — auch gemeinsame Beratungen mit den Ver- Antrag ist einstimmig angenommen.
tretern der Landesregierung —, zeigen die Schwie-
rigkeit des Problems. Ich rufe den Zusatzpunkt 2 auf:
Auf der einen Seite steht die für einen Rechts- Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
staat unbedingt erforderliche Unabhängigkeit der schusses für Sozialpolitik über die von der
Richter. Gerade das „Dritte Reich" hat ja gezeigt, Bundesregierung vorgelegten Entwürfe der
wohin es führen kann, wenn diese Unabhängigkeit Verordnung über die Soziale Sicherheit der
nicht gewahrt bleibt. Auf der anderen Seite steht Grenzgänger und der Verordnung über die
die Tatsache, daß sich bei manchen Richtern erst Soziale Sicherheit der Saisonarbeiter (Druck-
später — nach ihrer Ernennung — ergeben hat, daß sachen IV/375, IV/983).
wir sie als Richter nicht für tragbar halten. Es liegt der Bericht des Herrn Abgeordneten Dr.
Es wird auch jetzt nicht einfach sein, im Rechts- Klein vor. Ich danke dem Herrn Berichterstatter.
ausschuß und nachher im Bundestag eine Lösung zu Eine Ergänzung wird nicht gewünscht. Auch eine
finden; nicht wegen der zwei Richter, die jetzt noch Aussprache wird nicht verlangt.
bekannt sind und zur Diskussion stehen, sondern
Ich kann über den Antrag des Ausschusses ab-
vor allen Dingen, worauf Herr Kollege Güde sehr
stimmen lassen. Wer ihm zustimmt, gebe bitte ein
eindringlich hingewiesen hat, wegen jener poten-
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? —
tiellen Fälle, die wir nicht, noch nicht kennen kön-
Ich kann einstimmige Annahme feststellen.
nen, weil viele Akten nicht zu unserer Verfügung
stehen und wir nicht wissen, was in dieser Hinsicht Ich rufe den Zusatzpunkt 3 auf:
noch vorgebracht werden kann.
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
Wir Freien Demokraten sind der Auffassung, daß schusses für Sozialpolitik über die von der
eine Grundgesetzänderung, gerade wenn sie mit der Bundesregierung zur Unterrichtung vorge-
Unabhängigkeit der Richter in Zusammenhang steht, legte Verordnung des Rates der EWG zur Ab-
außerordentlich schwer genommen und sehr, sehr änderung der Verordnungen Nr. 3 und Nr. 4
sorgfältig geprüft werden muß. Ich stimme insofern des Rates der EWG über die Soziale Sicher-
mit Herrn Kollegen Güde überein: das muß die heit der Wanderarbeitnehmer (Drucksachen
ultima ratio sein. Hoffen wir, daß sich Wege finden IV/917, IV/984).
lassen, die uns vor dieser ultima ratio bewahren.
Aber wir können diese Frage nicht weiterhin unge- Hier liegt der Bericht des Herrn Abgeordneten
löst im Raum stehenlassen, sondern wir müssen Biermann vor. Ich danke dem Herrn Kollegen für
Mittel und Wege zu ihrer Lösung finden, und zwar den Bericht. Auch hier wird keine Aussprache be-
wegen des Vertrauens zu unserer Rechtspflege, aber gehrt. Es liegt der Antrag des Ausschusses vor, daß
vor allen Dingen auch wegen des Vertrauens des das Haus die Verordnungen zur Kenntnis nimmt. —
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2787
Vizepräsident Dr. Dehler
Ich kann feststellen, daß diese Kenntnisnahme er- Wer begründet die Große Anfrage der SPD? —
folgt ist. Das Wort hat der Herr Abgeordnete Kurlbaum.

Ich rufe den Zusatzpunkt 4 auf:


Kurlbaum (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
Beratung des Mündlichen Berichts des Aus- und Herren! Als die sozialdemokratische Bundes-
schusses für Inneres über eine von der Bun- tagsfraktion im Juni vorigen Jahres ihre Große An-
desregierung zur Unterrichtung vorgelegte frage einbrachte, ließ sie sich von dem Gedanken
Verordnung über die Einzelheiten für die leiten, daß die Umsatzsteuer-Systemreform unbe-
Feststellung der Ruhegehälter der in Artikel dingt eines neuen Impulses bedürfe. Wir waren
83 Absatz 3 des Statuts genannten Beamten der Meinung, daß die Frage des Systemwechsels
sowie für die Aufteilung der aus der Zahlung entscheidungsreif geworden war, weil, seitdem die
dieser Ruhegehälter entstehenden Lasten auf sozialdemokratische Bundestagsfraktion im Jahre
den Versorgungsfonds der EGKS und die 1956 durch ihren Antrag auf Drucksache 2234 diese
Haushaltspläne der EWG und der EAG Grundsatzfrage im Bundestag aufgeworfen hatte,
(Drucksachen IV/964, IV/985). schon sieben Jahre vergangen waren. Wir waren
auch der Meinung, daß diese Frage entscheidungs-
Hier liegt ein Bericht des Herrn Abgeordneten reif geworden war, nachdem meine Fraktion gele-
Schmitt-Vockenhausen vor. Auch hier soll das Haus gentlich der Konzentrationsdebatte im Oktober 1959
Kenntnis nehmen. — Das ist geschehen. die Bundesregierung durch ihren Antrag auf Druck-
sache 1279 aufgefordert hatte, eine Gesetzesvorlage
Ich rufe auf den schon in der Sitzung vom 13. Fe- für eine konzentrationsneutrale Umsatzsteuer vor-
bruar in die Tagesordnung aufgenommenen Punkt: zulegen. Bei dieser sogenannten Konzentrations-
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs Debatte hatte bemerkenswerterweise der Herr Bun-
eines Gesetzes zur Änderung des Zweiten deswirtschaftsminister zugesagt, daß die Bundes-
Änderungsgesetzes zum AVAVG (Druck- regierung nach der Jahreswende — also nach der
sachen IV/744, IV/910). Jahreswende 1959/60 — so rechtzeitig einen gesetz-
geberischen Vorschlag für eine wettbewerbsneu-
Es liegt vor der Bericht des Herrn Abgeordneten trale Umsatzsteuerreform vorlegen würde, daß die
Hussong. Ich danke dem Herrn Kollegen. Wird all- gesetzgeberischen Arbeiten noch in der dritten Le-
gemeine Beratung in der zweiten Lesung gewünscht? gislaturperiode durchgeführt werden könnten. Wir
— Das ist nicht der Fall. wissen alle, daß die Bundesregierung diese Zusage
Dann treten wir in die Einzelberatung ein. Ich des Herrn Bundeswirtschaftsministers nicht gehalten
rufe auf § 1, — § 1 a, — § 2, — Einleitung und hat und daß bis heute eine solche gesetzgeberische
Überschrift. — Wer zustimmt, gebe bitte ein Hand- Vorlage der Bundesregierung nicht zustande ge-
zeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Nach kommen ist.
der so lebhaften Geschäftsordnungsdebatte nunmehr Seit Jahren sind von seiten der Wissenschaft und
einstimmige Annahme! Ich schließe die zweite Be- auch von seiten der Praxis immer wieder ernste
ratung. Hinweise dafür gegeben worden, daß der Weiter-
bestand gerade kleinerer und mittlerer selbstän-
Wir kommen zur diger Unternehmen auch durch das geltende Um-
satzsteuerrecht in Frage gestellt ist. Die sozialdemo-
dritte Beratung. kratische Bundestagsfraktion hatte schon gelegent-
Wer dem Entwurf in der Fassung des Ausschusses lich der Konzentrations-Debatte davor gewarnt, mit
zustimmt, möge sich erheben. — Gegenprobe! — gesetzgeberischen Maßnahmen zum Schutz der klei-
Enthaltungen? — Auch hier kann ich einmütige An- neren und mittleren Unternehmungen zu warten,
nahme feststellen. Das Gesetz ist so beschlossen. bis die Ergebnisse der sogenannten Konzentrations-
Enquete vorliegen würden. Auf unsere Warnungen
Ich rufe auf den Punkt 10 der gedruckten Tages- ist leider nicht gehört worden. Heute wissen wir,
ordnung: daß wir auf die Ergebnisse der Konzentrations-
Enquete noch bis in das Jahr 1964 hinein werden
10. a) Große Anfrage der Fraktion der SPD betr. warten müssen. Wir wissen daher heute, daß seit
Umsatzsteuer-Systemreform (Drucksache 1959 fünf wertvolle Jahre dann für gesetzgeberische
IV/548) Maßnahmen verlorengegangen sein werden.
b) Große Anfrage der Fraktion der FDP betr. Schließlich hat sich seit der Währungsreform im
Reform der deutschen Umsatzsteuer Zusammenhang mit den Zollsenkungen im Rahmen
(Drucksache IV/684) der EWG herausgestellt, daß wichtige Wirtschafts-
c) Erste Beratung des von der Bundesregie- zweige in der Bundesrepublik in eine gefährliche
rung eingebrachten Entwurfs eines . . . Lage gekommen sind. Wer gestern in den zustän-
Gesetzes zur Änderung des Umsatzsteuer- digen Ausschüssen die Beratung über die Erhöhung
der Umsatzausgleichsteuer miterleben konnte, dem
gesetzes (Drucksache IV/866)
ist klar geworden, wie problematisch und wie unbe-
d) Erste Beratung des von der Bundesregie- friedigend alle die Versuche bleiben müssen, im
rung eingebrachten Entwurfs eines . . . Rahmen unseres geltenden mangelhaften Umsatz-
Gesetzes zur Änderung des Umsatzsteuer- steuerrechts diese Wettbewerbsverzerrungen auch
gesetzes (Drucksache IV/867). nur zu mildern. Trotzdem sind seit der Einbringung
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Kurlbaum
der Großen Anfrage der SPD weitere siebeneinhalb Unterlagen für die Systemreform. Wir sind auf die-
Monate, ungenutzt von der Bundesregierung, ver- sem Gebiete besonders vorsichtig vorgegangen, weil
gangen. Wenn man die Sommerpause, die das Bun- in den Beratungen des Finanzausschusses gelegent-
desfinanzministerium ja zur Vorbereitung der Ant- lich der Behandlung des Gesetzes über die Umsatz-
wort hätte benutzen können, in Abzug bringt, sind steuerstatistik im vergangenen Jahre von den Ver-
immerhin seit der Wiederaufnahme der Arbeit des tretern des Bundesfinanzministeriums ausdrücklich
Parltments viereinhalb Monate bis zum heutigen erklärt worden ist, daß auch auf Grund des neuen
Tage vergangen, an dem es nunmehr möglich sein Gesetzentwurfes die statistischen Unterlagen für
wird, die Ansichten der Bundesregierung zu diesem eine Umsatzsteuer-Systemreform noch nicht in aus-
vordringlichen Problem zu hören. reichendem Umfange vorhanden sein würden. Wir
Inzwischen haben im Oktober und November des sind also sehr begierig, vom Bundesfinanzminister
vergangenen Jahres eine Gruppe der CDU und die zu hören, inwieweit er dieses Problem lösen will
SPD-Fraktion im ganzen Gesetzentwürfe einge- und inwieweit das Bundesfinanzministerium kurz-
bracht, um die gesetzgeberischen Arbeiten an der fristig die notwendigen Unterlagen herbeischaffen
Umsatzsteuerreform unabhängig von einer nicht wird.
mehr erwarteten Initiative der Bundesregierung in Es ist selbstverständlich, daß wir unseren Vor-
Gang zu bringen. schlag einer statistischen Steuererklärung dann fal-
Nun haben wir in den letzten Tagen — gestern lenlassen werden, wenn man uns in den Ausschuß-
und vorgestern — in den Zeitungen gelesen, daß beratungen davon überzeugen wird, daß eine solche
nunmehr die Bundesregierung und die CDU/CSU- statistische Erklärung nicht mehr notwendig ist.
Fraktion im ganzen auch einen Entschluß gefaßt Selbstverständlich werden wir es begrüßen, wenn
haben. Er kommt leider außerordentlich spät. Im- dieser zeitliche Umweg nicht notwendig ist und wir
merhin begrüßen wir es, daß ein solcher Entschluß uns mit allen Kräften der Beratung der System-
zustande gekommen ist. Es wäre schön gewesen, reform unverzüglich werden widmen können.
wenn dieser Entschluß früher gefaßt worden wäre. Noch auf eins möchte ich hinweisen. In unserem
Trotzdem stellen wir mit Genugtuung fest, daß nun Steuergesetzentwurf, den wir im vierten Quartal
immerhin ein Entschluß auf der Linie zustande ge- des vergangenen Jahres eingereicht haben, haben
kommen ist, die wir seit Jahren vertreten haben. wir uns für den Vorumsatzabzug entschieden, im
Ich glaube nicht, daß es sehr viel Zweck hat, Gegensatz zu der Gruppe der CDU, die dem Vor-
heute im Plenum technische Einzelheiten einer zu- steuerabzug den Vorzug gibt. Ich möchte hier aus-
künftigen gesetzlichen Regelung zu diskutieren. Das drücklich erklären, daß wir eine solche Frage für
wird Aufgabe der Ausschüsse sein. Es kommt jetzt eine technische Frage halten
entscheidend darauf an, daß nunmehr, nachdem die (Sehr richtig! bei der SPD)
Bundesregierung und die CDU/CSU-Fraktion eine
Minute vor zwölf noch einen Entschluß gefaßt und nicht zu einer Grundsatzfrage machen werden.
haben, die Beratungen in den Ausschüssen so Wir werden unsere Entscheidungen davon abhän-
schnell wie möglich in Angriff genommen werden. gig machen, was die Verhandlungen und Beratun-
Die uns vorliegenden technischen Probleme — das gen in den Ausschüssen ergeben. Allerdings möch-
wissen wir alle, die wir uns mit diesen Fragen be- ten wir immerhin zur Begründung unseres Stand-
schäftigt haben — werden schwierig sein und eine punktes darauf hinweisen, daß sowohl der Wissen-
lange Beratung erfordern. schaftliche Beirat beim Bundesfinanzministerium als
nunmehr auch der Neumark-Ausschuß sich unter
Durch den kurzfristig vor dieser Debatte gefaßten Berücksichtigung der tatsächlichen Verhältnisse da-
Entschluß der Bundesregierung sind nun allerdings für entschieden haben, dem Vorumsatzabzug den
die Hauptfragen unserer Großen Anfrage beant- Vorzug zu geben. Aber, wie gesagt, das wird für uns
wortet worden. Da die Bundesregierung sich ein- keine Grundsatzfrage sein. Wir begrüßen es, daß
deutig — und wir werden das heute hoffentlich be- auch der Gesetzentwurf der CDU-Gruppe vorliegt;
stätigt bekommen — zu einem Mehrwertsteuer- denn zweifellos hat auch dieser Gesetzentwurf mit
system bekannt hat, sind die Fragen in unserer dazu beigetragen, die Angelegenheit in der Sache
Großen Anfrage nach dem von der Bundesregierung weiterzubringen.
vertretenen System und nach den Grundsatzforde-
rungen, die durch die Systemreform verwirklicht Lassen Sie mich zum Schluß noch eine allge-
werden sollen, im wesentlichen beantwortet. meine politische Bemerkung machen. Unsere politi-
schen Gegner haben in der Vergangenheit immer
Es ist auch unsere Frage beantwortet, welchen wieder versucht, den Wert unserer Arbeit als Oppo-
Standpunkt die Bundesregierung in den vor ihr sitionspartei hier im Bundestag in Frage zu stellen.
stehenden Verhandlungen im Ministerrat der EWG Ich glaube, daß die SPD auch bei dieser Gelegenheit
und in der Konferenz der EWG-Finanzminister ver- bewiesen hat, daß es ihr um die Sache und um die
treten wird. Es kann ja nach den Erklärungen der Verwirklichung der Steuergerechtigkeit auch in die-
Bundesregierung nunmehr ausschließlich das Sy- sem Einzelfall geht, also um ein rein sachliches Pro-
stem einer Mehrwertsteuer sein. blem. Sie hat dieses Problem schon seit Jahren
Was aber auf Grund der jüngsten Erklärungen erkannt und schon zu einer Zeit zäh verfolgt, als
der Bundesregierung, wie sie uns durch die Presse es noch bei anderen Fraktionen mindestens zum
bekannt geworden sind, noch nicht eindeutig ge- Teil und vor allen Dingen bei der Bundesregierung
klärt ist, ist die Frage der notwendigen statistischen an einem wirklichen Verständnis für diese Fragen
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2789
Kurlbaum
gefehlt hat. Ich glaube, meine Fraktion hat bei die- wiesen. Ich darf noch anfügen, daß wir auch den
ser Gelegenheit auch wieder den eindeutigen Be- Vorschlag von Professor Schmölders von 1953 ha-
weis erbracht, daß sie willens ist, eine konstruktive ben. Dann hat sich 1954/55 Herr Zierold-Pritsch da-
Opposition in diesem Hause zu betreiben. mit befaßt, der nachher den Entwurf fertiggestellt
hat. Weiter haben Herr Ritschel, der frühere Kollege
(Beifall bei der SPD.)
Dr. Eckhardt und ebenfalls Herr Dr. Becker und Herr
Haller daran gearbeitet.
Vizepräsident Dr. Dehler: Die Große Anfrage
der Fraktion der FDP wird vom Abgeordneten Dr. Ich darf noch einmal kurz darauf hinweisen,
Imle begründet. Er hat das Wort. warum das jetzige System eben nicht mehr wett-
bewerbsgerecht ist. Der erste Grund ist die Kumu-
Dr. Imle (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ge- lativwirkung. Diese Umsatzsteuer hat dazu geführt,
ehrten Damen und Herren! Es scheint ein Wettlauf daß Wirtschaftsstufen übersprungen werden und
einzusetzen, wer sich die Federn an den Hut stecken damit im Endergebnis eine vertikale Konzentration
kann, wenn wir hier zu einer Umsatzsteuerreform gefördert wird. Der zweite Grund liegt in den erheb-
kommen, und da möchten wir natürlich in diesem lichen Mängeln beim grenzüberschreitenden Ver-
Wettlauf nicht fehlen. Das ist klar. kehr. Ich nehme an, der Herr Bundesfinanzminister
wird nachher dazu noch eingehend sprechen. Wir
(Heiterkeit und Beifall in der Mitte. — Abg. kennen alle das Problem im Import und Export, z. B.
Kurlbaum: Spät kommt ihr!) zwischen Frankreich und uns; dort werden 20 bis
— Diese Ovationen nehme ich natürlich gerne ent- 25 % zurückgewährt, während bei uns eine dem-
gegen. gegenüber nur kleine Rückerstattung in Frage
(Heiterkeit.) kommt.
Ich darf darauf hinweisen, daß wir bereits in der Die Dinge sind nun so vorangetrieben worden,
letzten Legislaturperiode den Ihnen allen ja be- weil sich auch die EWG-Kommission eingehend da-
kannten Entwurf Zierold-Pritsch beraten haben. Wir mit befaßt hat. Diejenigen, die es angeht, kennen ja
hatten ihn allerdings noch nicht im Parlament einge- auch die Richtlinien, die dazu ergangen sind. Es
bracht, weil wir erst einmal sondieren wollten, wie würde die anderen Kollegen sicherlich zu sehr stra-
die Dinge eigentlich liegen, da wir der Meinung pazieren, wenn ich darauf hier jetzt noch einginge.
sind, daß man sehr eingehende Prüfungen anstel- Ich glaube, das sollte man dem zuständigen Aus-
len muß, wenn eine Umsatzsteuerreform vorgenom- schuß überlassen. — Herr Schulhoff, mit dem „stra-
men werden soll. Wir wollten damals natürlich erst pazieren" waren jetzt nicht Sie gemeint.
einmal die Wirtschaft dazu hören. Und siehe da, die
großen Verbände der Wirtschaft usw., die befragt Was ist nun der Sinn unserer Anfrage, die wir da-
wurden, zeigten sich sehr zurückhaltend, d. h. man mals gestellt haben? Wir wollen feststellen, welche
bekam kein Bild darüber, welche Stellung dazu be- Möglichkeiten im einzelnen bestehen und wie das
zogen wurde. Das war bei uns der Anlaß, diese ganze Problem auch mit Rücksicht auf die Harmo-
Dinge zunächst einmal zurückzustellen. nisierung in der EWG gelöst werden kann. Dem
(Abg. Kurlbaum: Welche Wirtschaft haben Vernehmen nach stellt sich die Bundesregierung auf
Sie denn gefragt, d ie große oder die kleine?) den Standpunkt, daß wir nun wohl ein Mehrwert-
steuersystem mit Vorsteuerabzug bekommen sollen.
— Also, ich weiß gar nicht, Herr Kurlbaum, welchen
Konzern Sie damit meinen. D e n haben wir aller- In den anderen Staaten, mit denen wir innerhalb
dings nicht gefragt, sondern wir haben die großen der EWG in Verbindung stehen, auch außerhalb der
Verbände befragt, ob das der Bundesverband der EWG, in der EFTA, gibt es andere Systeme, die-
Deutschen Industrie ist, ob das die Großhandels- man hier auch einmal beleuchten sollte. Ich darf sie
verbände oder die Fachverbände oder die Verbände hier kurz erwähnen. In Norwegen gibt es eine Ein-
des Handwerks und des Einzelhandels sind. Sie kön- zelhandelssteuer von 10% . In Italien wird sich diese
nen die Liste bei uns gern einsehen. Sie wird minde- Steuer kaum einführen lassen. Holland und Belgien
stens zwei Seiten umfassen; die werden nicht einmal besteuern den Einzelhandel überhaupt nicht. Eine
ausreichen. zweite Art ist die Grossistensteuer, wie wir sie in
Das Problem der Umsatzsteuer ist eigentlich erst England und in der Schweiz haben. Aber dazu ist
aufgetaucht, seitdem sie 1951 das vierte Prozent eine Registrierpflicht erforderlich. Sie läßt sich in
bekommen hat. Damit traf die Erklärung von Popitz, einem Land wie der Schweiz noch durchführen, wo
des Schöpfers der Umsatzsteuer — der kumulativen eben kurz telefoniert wird; aber in der Bundesrepu-
Umsatzsteuer, wie wir sie haben —, nicht mehr zu, blik wird das nicht möglich sein. Dasselbe würde bei
daß eine Umsatzsteuer des jetzigen Systems, wenn einer Produktionssteuer der Fall sein. Wir glauben,
sie 2 % überschreitet, wettbewerbsverzerrend wirkt, diese kann nicht zum Zuge kommen.
also nicht mehr wettbewerbsneutral ist. Ein ganz besonderes Problem wird sicherlich die
Seit dieser Zeit haben schon alsbald die Bemühun- Besteuerung der Dienstleistungen sein. Ich denke
gen eingesetzt, die Umsatzsteuer durch eine Reform insbesondere an die Dienstleistungen im Handwerk,
wettbewerbsneutral zu machen. Diese Bemühungen aber auch im Verkehrsgewerbe. Man wird sich bei
haben seitdem nicht aufgehört. Der Kollege Kurl- der Besteuerung des Verkehrsgewerbes sicherlich
baum hat soeben schon auf den Vorschlag des Wis- Gedanken darüber machen müssen, ob ein Fortfall
senschaftlichen Beirats aus dem Jahre 1953 hinge der Beförderungsteuer angebracht ist oder nicht, ins-
2790 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Dr. Imle
besondere auch deswegen, weil es in den EWG- fungen vornehmen. Wir wissen, daß das ein heißes
Staaten eine Beförderungsteuer nicht gibt. Eisen ist, aber das Problem muß geklärt werden.
(Abg. Schulhoff: Sie sind zu schnell über Ein besonderes Problem bildet die Höhe des
das Handwerk hinweggegangen!) Steuersatzes. Nach den letzten Erklärungen operiert
— Zum Handwerk wollte ich jetzt gerade etwas man immer mit dem Satz von 10 %. Es wäre eine
sagen. sehr glückliche Lösung, wenn wir dazu kämen, weil
das Rechnen damit sehr einfach wäre: man streicht
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Das ist einfach eine Stelle ab.
fast so stark wie die Grüne Front!)
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Eine ge-
— Die kommt auch noch, Herr Schmidt. fährliche Propaganda! Ich bin für 8 % —
Beim Handwerk also muß bei besonders wert- Heiterkeit bei der SPD.)
schöpfenden Zweigen eine sorgfältige Prüfung er- — Aber Herr Schmidt, ich bin an sich für null,
folgen. Man hat da zunächst immer die Gold- und wenn wir es so sagen wollen.
Silberschmiede angeführt. Aber die neuesten Be-
rechnungen führen dazu, daß sie gar nicht dazuge- (Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Nein, ich
hören, weil sie alle auch Handel treiben und bei bin für ausreichende Staatseinnahmen, aber
einer Wertschöpfung von etwa 40 % liegen. Bei nicht mehr!)
einer Wertschöpfung von 40 % ist aber die gleiche — Völlig einig! Aber wir werden nach den jetzigen
Belastung wie heute gegeben. Berechnungen nur dann auf 8 % kommen, wenn
wir keine Befreiungen zulassen.
(Abg. Schulhoff: Wertschöpfung 80 %, 90 %!)
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Natürlich!
— Beim Friseur, Herr Schulhoff! Aber Sie können
Das ist der Sinn der Sache!)
das Umsatzsteuerrecht doch nicht nach dem Friseur
ausrichten! Das ist die Voraussetzung. Bei 8% gibt es aber
(Abg. Schulhoff: Ich wollte Sie nur berich Schwierigkeiten in den Berechnungen, und genau
tigen!) dasselbe tritt ein, wenn Sie über 10 % hinausgehen.
Ich wollte damit nur sagen, daß insofern eine
— Das war ein Zwischenruf, aber keine Berichti- Erleichterung bei der Verwaltung und auch bei den
gung. Betrieben eintreten würde.
Beim Baugewerbe haben wir das gleiche Problem. Besondere Aufmerksamkeit werden wir auch den
Die Wertschöpfung im Baugewerbe liegt bei 60 %. Investitionen widmen müssen. Hier ist die Frage,
In Frankreich hat man sich damit geholfen, daß man ob wir einen sofortigen Abzug oder nur einen
nur 60 % der Wertschöpfung zugrunde gelegt hat Abzug pro rata zulassen sollten, da sich sonst
und so ungefähr zu der gleichen Belastung gekom- irgendwelche Liquiditätsschwierigkeiten ergeben
men ist.
könnten.
Aber die Dienstleistungen spielen auch noch bei (Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Ich wun-
anderen Berufen eine Rolle. Ich erinnere an die dere mich, Sie hatten soviel Zweifel in
Handelsvertreter und an die freien Berufe. Ihrer Anfrage; jetzt sind Sie bei der Be-
Damit kommen wir zu dem Problem, wie es mit gründung und Propagierung! — Zuruf von
den Befreiungen und den Ermäßigungen steht, die der SPD: Das wußten sie 'damals noch
unser ganzes Umsatzsteuerrecht heute so außer- nicht!)
ordentlich kompliziert gemacht haben. Die Experten -
— Nein, das wissen wir wohl. Ich stelle das heraus,
sind sich wohl alle darüber einig, daß das neue weil ich annehme, daß der Herr Bundesfinanzmini-
System, das wir haben wollen und wohl auch be- ster etwas dazu sagen wird, und weil wir darüber
kommen werden, nur dann richtig funktioniert, etwas hören wollen.
wenn es, wie es so schön heißt, lupenrein oder che-
misch rein ist, d. h. möglichst wenig Ausnahmen Eine weitere Frage ist, wie sich die Mehrwert-
enthält. Ich glaube nicht, daß es zu 100 % rein sein steuer auf den Großhandel auswirkt. Sie wissen, daß
wird, weil wahrscheinlich doch irgendwo Ausnah- gerade von dieser Branche erhebliche Bedenken
men gemacht werden müssen; denn sonst kommen geltend gemacht worden sind.
die Dinge irgendwie ins Fließen, und wir übersehen Es muß aber auch verhindert werden, daß bei der
das nicht.
Einführung der Mehrwertsteuer ein Druck auf die
Im Zusammenhang mit den Ausnahmen wird die Preisgestaltung ausgeübt wird. Wir werden uns
Landwirtschaft ein besonderes Problem darstellen. sehr eingehend damit befassen müssen, damit hier
Aber ich habe den Eindruck, die Landwirtschaft sel- keine Schwierigkeiten innerhalb der Wirtschaft ent-
ber hat sich noch zuwenig mit dem Problem befaßt, stehen. Ich kann auch hierzu nur feststellen, daß sich
um eine eigene klare Aussage hierzu machen zu alle Fraktionen dieses Hauses darüber einig sind,
können. Man hat z. B. vergessen, daß sie die be- daß das Problem so schnell wie möglich geklärt
zahlte Umsatzsteuer bei den von ihr bezogenen Be- werden muß. Gut Ding will eben Weile haben. Wir
triebsmitteln — z. B. Mähdrescher oder sonstige hoffen auch auf eine recht baldige Einbringung des
Maschinen — später wieder absetzen kann. Wir Entwurfs. Ich würde es sogar begrüßen, wenn uns
werden da genaue Überlegungen anstellen und Prü der Herr Bundesfinanzminister einen ganz bestimm-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2791
Dr. Imle
ten Termin angeben könnte, damit die Arbeit im gegenwärtigen Finanzlage Minderungen des ihm
Finanzausschuß zusammen mit den anderen vorlie- nach dem geltenden Recht zufließenden Umsatz-
genden Entwürfen begonnen werden kann. Wir steueraufkommens nur in Kauf nehmen, wenn er
hoffen, daß uns die heutige Antwort der Bundes- diese Ausfälle aus anderen Quellen decken könnte,
regierung diese Arbeit in erfreulichem Umfang und dieser Weg steht dem Bund nicht offen. Er
erleichtern wird. kann nicht auf die ihm nach dem Grundgesetz zu-
gewiesenen einzelnen Verbrauchsteuern — deren
(Beifall bei der FDP.) Wirkungsbereich bekanntlich nur begrenzt ist —
oder gar auf die Zölle ausweichen. Der Bund hat so-
Vizepräsident Dr. Dehler: Die beiden Großen gar für den Haushalt 1963 — nachdem 1962 ein
Anfragen der Fraktion der SPD und der Fraktion finanzieller Beitrag der Länder geleistet wurde —
der FDP sind begründet. eine Erhöhung des Bundesanteils an dem Aufkom-
Das Wort zur Beantwortung hat der Herr Bundes- men der Einkommensteuer und der Körperschaft-
minister der Finanzen. steuer in Aussicht genommen.

Dr. Dahlgrün, Bundesminister der Finanzen: Hieraus ergibt sich sehr deutlich, wie eng die
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich be- finanzielle und steuerpolitische Bewegungsfreiheit
grüße es sehr, daß die Großen Anfragen der Frak- des Bundes ist. Eingriffe in die Gestaltung einer so
tionen der SPD — Drucksache IV/548 — und der bedeutsamen Finanzquelle wie der Umsatzsteuer
FDP — Drucksache IV/684 — mir Gelegenheit geben, sind also für den Bund fraglos mit einem außer-
die überaus bedeutsame Frage der Umsatzsteuer- ordentlich großen Budgetrisiko verbunden. Jeden-
reform unter Berücksichtigung aller Probleme in falls sind bei einer Umsatzsteuerreform heute weni-
ihrer Gesamtheit darzulegen. Ich darf noch hervor- ger als je Haushaltsausfälle des Bundes zu verant-
heben, daß Abgeordnete der CDU/CSU den Entwurf worten, was ich mit allem Nachdruck hervorheben
eines neuen Umsatzsteuergesetzes in Gestalt einer möchte.
Mehrwertsteuer mit Vorsteuerabzug — Drucksache Mein zweiter Hinweis bezieht sich auf die Ent-
IV/660 — eingebracht haben und daß die Fraktion wicklung der Steuerharmonisierung im Rahmen der
der SPD den Entwurf eines Gesetzes für eine ein- Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Nach Art. 99
malige statistische Steuererklärung auf der Grund- des Vertrages von Rom hat die EWG-Kommission
lage einer Mehrwertsteuer mit Vorumsatzabzug — zu prüfen, wie die Rechtsvorschriften der einzelnen
Drucksache IV/691 — vorgelegt hat. Außerdem Mitgliedstaaten über die Umsatzsteuer, die Ver-
haben die Fraktionen der CDU/CSU und der FDP brauchsabgaben und sonstige indirekte Steuern,
eine grundsätzliche Überprüfung der Umsatzbe- einschließlich der Ausgleichsabgaben für den Han-
steuerung von Leistungen im Rahmen der Umsatz- delsverkehr zwischen den Mitgliedstaaten, im Inter-
steuerreform gefordert — Drucksache IV/736 —. esse des Gemeinsamen Marktes harmonisiert wer-
Ferner liegen Anträge auf Erhöhung der Umsatz- den können. Die Kommission muß dem Rat der
ausgleichsteuer — Drucksache IV/661 — und auf Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft entsprechende
andere Änderungen des geltenden Umsatzsteuer- Vorschläge unterbreiten, der hierüber einstimmig
rechts an zuständiger Stelle vor. zu entscheiden hat. Die Kommission hat sich in
Die Mängel unserer gegenwärtigen Umsatzsteuer mehrjährigen Untersuchungen um eine Klärung der
sind nicht erst seit heute im Gespräch. Viele bekla- Voraussetzungen einer solchen Harmonisierung be-
gen die konzentrationsfördernde Wirkung dieser müht. Auf der Grundlage des Ergebnisses dieser
Steuer sowie die Tatsache, daß man den Grenzaus- Untersuchungen hat sie dem Rat der Europäischen
gleich bei ihr nicht für jede Ware genau vornehmen Wirtschaftsgemeinschaft vor kurzem ihre Vor-
kann. Mir erscheint eine umfassende Behandlung schläge zur Harmonisierung der Umsatzsteuern
des Themas Umsatzsteuerreform vor allem deshalb unterbreitet, die bereits im Finanzausschuß des
wichtig, weil in der Öffentlichkeit die schwierigen Parlaments in Bearbeitung sind.
Fragen dieser Reform häufig nicht erschöpfend be-
Die Bundesregierung hat das Hohe Haus und den
handelt und in ihrer Tragweite nicht voll übersehen
Bundesrat entsprechend dem Gesetz zu den Ver-
werden.
trägen zur Gründung der Europäischen Wirtschafts-
Bevor ich auf die einzelnen Fragen eingehe, ge- gemeinschaft und der Europäischen Atomgemein-
statten Sie mir, daß ich zwei Hinweise auf Gesichts- schaft von diesen Vorschlägen unterrichtet. Diese
punkte voranstelle, die für die Umsatzsteuerreform in Bearbeitung befindliche Vorlage hat die Nr.
im Augenblick, aber auch auf absehbare Zeit von IV/850.
ausschlaggebender Bedeutung sind.
Unter diesen Umständen kann die Frage einer
Im Hintergrund aller Betrachtungen zu einer Re- Reform der Umsatzsteuer in der Bundesrepublik
form unserer Umsatzbesteuerung steht die Tatsache, nicht völlig losgelöst von der Harmonisierung der
daß das dem Bund durch Art. 106 des Grundgeset- Umsatzsteuern in der Europäischen Wirtschaftsge-
zes ausschließlich zugewiesene Aufkommen der Um- meinschaft behandelt werden.
satzsteuer die mit Abstand bedeutendste Einnahme-
quelle des Bundes ist. Dieses Aufkommen erbringt Im übrigen tragen auch die beiden Großen An-
seit Jahren mehr als 40% aller Bundessteuerein- fragen dem Gewicht der Entwicklung in der Euro-
nahmen und wird einschließlich Umsatzausgleich- päischen Wirtschaftsgemeinschaft Rechnung, indem
steuer für das Haushaltsjahr 1963 auf 20,2 Milliar- sie sich bekanntlich nicht nur auf die Frage einer
den DM geschätzt. Der Bund könnte bei seiner innerdeutschen Umsatzsteuerreform, sondern auch
2792 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Bundesminister Dr. Dahlgrün
auf die Harmonisierung der Umsatzsteuern im Rah- nämlich ein Grenzausgleich für jede einzelne Ware
men der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft er- entsprechend durchführen, womit ich zugleich Frage
strecken. 2 c) der Großen Anfrage der Fraktion der SPD be-
Aus Gründen der Übersichtlichkeit werde ich antwortet habe.
mich in meinen weiteren Ausführungen zunächst Die Umsatzsteuer sollte weiterhin dem Staat, des-
mit den allgemeinen Fragen der Umsatzsteuerreform sen Bedarfsdeckung sie dient, ein möglichst stetiges
in der Bundesrepublik beschäftigen, um am Schluß und sicheres Aufkommen gewährleisten.
zu den Fragen überzugehen, die sich aus der Zuge- Andererseits ,sollte die Umsatzsteuer wegen ihres
hörigkeit der Bundesrepublik zur Europäischen hohen Aufkommens so gestaltet sein, daß sie der
Wirtschaftsgemeinschaft ergeben. konjunkturpolitischen Forderung einer antizyk-
Zu einer Urteilsbildung in der bereits seit dem lischen Steuerpolitik nicht entgegenwirkt.
Bestehen der Umsatzbesteuerung immer wieder Eine weitere Grundsatzforderung von großer Be-
erhobenen Frage nach der besten Umsatzsteuer, die deutung betrifft die Praktikabilität der Besteuerung.
sich auch in den beiden Großen Anfragen der Frak- Eine Steuer darf nicht so kompliziert gestaltet sein,
tionen der FDP und der SPD findet, gehört vorab daß sie Wirtschaft und Verwaltung überfordert.
die Klarstellung, daß es Grundsatzforderungen an
eine Umsatzbesteuerung gibt, denen kein Umsatz- (Abg. Schulhoff: Sehr richtig!)
steuersystem gleichzeitig und in gleichem Umfange — Schon Popitz, Herr Schulhoff, der Schöpfer un-
gerecht werden kann, weil die völlige oder auch nur serer Umsatzsteuer, warnte davor, sich bei der
weitgehende Erfüllung einer dieser Forderungen Abfassung von Steuergesetzen nur von volkswirt-
oft zwangsläufig die Erfüllbarkeit einer anderen schaftlichen Erkenntnissen leiten zu lassen.
Forderung ausschließt. (Abg. Dr. Koch meldet sich zu einer
Jede Gestaltung der Umsatzbesteuerung hat zu- Zwischenfrage.)
nächst davon auszugehen, daß die Umsatzsteuer
wirtschaftlich als allgemeine Verbrauchsteuer wir- Vizepräsident Dr. Dehler: Zwischenfragen
ken soll. Sie steht damit im Gegensatz zu den sind jetzt nicht möglich, sondern erst während der
Spezialakzisen, die nur auf ausgewählten einzelnen Aussprache.
Gütern des Verbrauchs lasten. Da die Umsatzsteuer
den Verbrauch besteuert, ergänzt sie im Rahmen
Dr. Dahlgrün, Bundesminister der Finanzen:
des gesamten Steuersystems sinnvoll die direkte
Popitz, der Schöpfer unserer Umsatzsteuer, sagte:
Besteuerung der Personen und Gesellschaften nach
dem erzielten Einkommen, nach dem Ertrag und Diese Erkenntnisse sind nötig, sie können gar
nach dem Vermögen. nicht ausgedehnt genug sein und müssen alle
Einzelheiten unserer Wirtschaftsgestaltung um-
Im einzelnen möchte ich folgendes bemerken: fassen. Aber sie können unmöglich in den
Aus dem wirtschaftlichen Charakter einer allge- Steuergesetzen in allen diesen Einzelheiten
meinen Verbrauchsteuer ergibt sich als eine Grund- ihren Niederschlag finden. Eine Steuerlehre,
satzforderung, daß die Umsatzsteuer nach ihrer Ge- die dies anstrebt, ist methodisch falsch; denn
staltung von den Unternehmungen als echte betrieb- sie verkennt die Bedeutung und die Grenzen
liche Kostensteuer mit dem Preis der Ware oder der Steuertechnik, deren äußerer Ausdruck die
Leistung auf .den Verbraucher überwälzt werden rechtliche Formung ist. In der Besteuerung
kann. Die Umsatzsteuer muß daher so gestaltet sein, entscheidet schließlich der rechtliche Erfolg.
daß die Überwälzung möglichst einfach und leicht Er ist bei wesentlichen Verstößen gegen wirt-
vonstatten gehen kann. schaftliche Erkenntnisse gewiß nicht oder nicht
auf die Dauer zu erreichen. Er bleibt aber
Die Umsatzsteuer sollte weiterhin die wirtschaft- ebenso aus, wenn die Gestaltung der Steuer
lichen Wettbewerbsbedingungen nicht beeinflussen. so kompliziert wird, daß die Gesetze undurch-
Sie sollte also auch nicht — hiermit bejahe ich zu- führbar werden.
gleich die Frage 2 a) der Großen Anfrage der Frak- Im übrigen benachteiligt eine zu komplizierte
tion der SPD — die Zusammenfassung von aufein- Steuer insbesondere die kleineren Unternehmen.
ander folgenden Wirtschaftsstufen steuerlich begün- Den größeren wird im Regelfall eine Unterneh-
stigen und damit aus steuerlichen Gründen die wirt- mensberatung zur Verfügung stehen, die es ihnen
schaftliche Konzentration, unabhängig von den Be- leichter macht, die Schwierigkeiten der Besteuerung
dürfnissen der Volkswirtschaft, fördern. Die Erfül- zu überwinden.
lung dieser Forderung, die von der Bundesregierung
Welches Urteil läßt sich nun unter diesen Gesichts-
als besonders bedeutsam angesehen wird, sollte je-
punkten über die gegenwärtig in der Bundesrepublik
doch nicht durch Maßnahmen erkauft werden, die
geltende und erhobene Umsatzsteuer fällen? Zu-
ihrerseits andere schwere Wettbewerbsstörungen
nächst muß man wissen, daß diese Besteuerungs-
hervorrufen. Auf diese Frage werde ich später noch
form auf dem Prinzip einer Allphasen-Bruttoumsatz-
eingehen.
besteuerung fußt. Die Steuer erfaßt auf allen Stufen
Ferner sollte die Umsatzbesteuerung so beschaf- des Wirtschaftsablaufs grundsätzlich jeden Verkauf
fen sein, daß die steuerliche Belastung der Waren und jede Leistung. Dabei wird sie für jeden Umsatz
möglichst genau feststellbar ist. Nur dann läßt sich vom vollen vereinnahmten oder vereinbarten Ent-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2793
Bundesminister Dr. Dahlgrün
gelt erhoben. Dieses in Deutschland seit über 40 Jah- In der Nachkriegszeit sind die Umsatzsteuersätze
ren in den Grundzügen unverändert bestehende zur Deckung des zunehmenden Finanzbedarfs des
System, das auch viele andere Länder übernommen Bundes zweimal erhöht worden. Der allgemeine
haben, zeigt — mißt man es an den vorerwähnten Steuersatz beträgt zur Zeit 4 v. H. Damit ist der im
Grundsatzforderungen — eine Reihe von — das System vorhandene nachteilige Einfluß der Steuer
wollen wir nicht vergessen — ungewöhnlichen auf die Unternehmensgestaltung sehr gewichtig ge-
Vorzügen, denen jedoch auch sehr gewichtige harte worden. Er könnte sich bei zunehmender Verschär-
Nachteile gegenüberstehen. fung des Wettbewerbs auch noch nachteiliger aus-
wirken, als er es heute tut.
Die Vorzüge des geltenden Systems sind, was
die Sicherung der Bedarfsdeckung und die Praktika- Die sich aus solchem Grunde ergebende Begünsti-
bilität der Besteuerung angeht, nicht zu bestreiten. gung der Konzentration hat gesellschaftspolitisch
Dies tritt bei einer Kritik an diesem System, so unerwünschte Wirkungen. Der Bundesregierung
berechtigt eine solche in anderer Hinsicht sein mag, liegt vor allem die Erhaltung der selbständigen
oft zu sehr in den Hintergrund. Bei gegenüber allen Klein- und Mittelbetriebe am Herzen. Ich denke in
anderen Systemen niedrigen Steuersätzen erbringt diesem Zusammenhang auch an die Zuliefererbe-
die geltende Umsatzsteuer für den Staat ein hohes triebe, die in unserer arbeitsteiligen Wirtschaft eine
und sicheres Aufkommen. Es kommt hinzu, daß ihre wichtige Rolle spielen und spielen sollen. Es wäre
Erhebung — sieht man von Sondervergünstigungen, jedoch falsch, anzunehmen, daß nur große Unter-
mit denen sie allerdings zunehmend ausgestattet nehmen von der Begünstigung der Konzentration
worden ist, ab — bei dem größten Teil der Steuer- durch die Bruttoumsatzsteuer Vorteile erlangen
fälle einfach ist. können. Mehrstufige Unternehmen gibt es in allen
Größenklassen der Wirtschaft. So sind z. B. die
Diese Vorteile dürfen jedoch nicht darüber hin- Handwerker, wenn sie in ihrem Unternehmen Fa-
wegtäuschen, daß unsere Umsatzsteuer in ihrer heu- brikation und Vertrieb ihrer Waren bis zum letzten
tigen Gestalt auch erhebliche Nachteile besitzt. Verbraucher vereinen, begrifflich den mehrstufigen
Unternehmen zuzurechnen. Andererseits gibt es
Der Keim zu diesen Nachteilen liegt im System. auch manche Großunternehmen, deren Tätigkeit sich
Es handelt sich um die Kumulativwirkung, die da- nur auf eine Wirtschaftsstufe erstreckt.
durch eintritt, daß die Steuer bei jedem Umsatz vom
vollen Entgelt, also einschließlich der vorhergehen- In diesem Zusammenhang sei im übrigen be-
den Steuer, erhoben wird. Diese Kumulierung der merkt, daß die derzeitige Umsatzsteuer die arbeits-
Steuer führt zu unterschiedlichen Gesamtbelastun- intensiven Unternehmen — hierbei handelt es sich
gen der Waren, je nachdem, wie oft eine Ware auf vorzüglich um Betriebe des Mittelstandes — im Ver-
dem Weg bis zum Verbraucher umgesetzt wird. hältnis zu den kapitalintensiven Unternehmen gün-
Verkauft — um ein vereinfachtes Beispiel zu geben stig behandelt, da letztere in höherem Maße von
— eine Ziegelei einem Bauunternehmer Ziegel zur der zum Teil hohen umsatzsteuerlichen Vorbela-
Herstellung eines Gebäudes für 50 000 DM, so hat stung der Investitionsgüter betroffen werden.
die Ziegelei bei einem Steuersatz von 4 v. H.
Ein weiterer bedeutsamer Nachteil unserer Um-
2000 DM Umsatzsteuer zu zahlen. Der Bauunterneh-
mer schuldet seinerseits 4000 DM Umsatzsteuer, satzsteuer ergibt sich beim zwischenstaatlichen Wa-
wenn er von seinem Auftraggeber für die Herstel- renverkehr. Es ist allgemein üblich, daß die Staaten
lung des Gebäudes einen Kaufpreis von 100 000 DM ihre Ausfuhrwaren von der auf ihnen ruhenden
fordert. Der bereits versteuerte Einkaufspreis der Umsatzsteuer entlasten und die Einfuhrwaren an
Ziegel von 50 000 DM wird also in dem Umsatz des der Grenze mit einer entsprechenden Ausgleichsab-
Bauunternehmers noch einmal erfaßt. Insgesamt gabe belegen. Wie ich schon sagte, ist die umsatz-
sind von der Ziegelei und von dem Bauunterneh- steuerliche Belastung der Inlandswaren bei unserer
mer 6000 DM Umsatzsteuer zu entrichten. Gliedert Umsatzsteuer auf Grund der Kumulativwirkung
der Bauunternehmer jedoch seinem Betrieb eine unterschiedlich und im Einzelfall auch nicht bekannt.
eigene Ziegelei an, so entfällt die Versteuerung des Daher läßt sich der Grenzausgleich im zwischen-
Erwerbs der Ziegel. Es liegt nur noch e i n Umsatz staatlichen Handelsverkehr nicht für jede Ware ge-
vor, der beim Verkauf des fertigen Gebäudes getä- nau in Höhe der tatsächlichen Belastung durchfüh-
tigt wird und bei einem Kaufpreis von 100 000 DM ren.
zu einer Gesamtsteuerschuld von nur 4000 DM an Es gibt nun gewisse Möglichkeiten, die darge-
Stelle von 6000 DM im ersten Fall führt. stellten Mängel unserer derzeitigen Umsatzsteuer
zu beseitigen oder abzuschwächen. So ist zum Bei-
Wem es also gelingt, Wirtschaftsstufen auszu- spiel vorgeschlagen worden, das gegenwärtige
schalten oder mehrere Stufen in seinem Unterneh- System durch Ausgleichsmaßnahmen in der Form
men zusammenzufassen, der kann dadurch Umsatz- von Zusatzsteuern für mehrstufige Betriebe oder
steuer sparen. Unsere derzeitige Umsatzsteuer be- von Phasenpauschalierungen und durch eine voll-
günstigt daher die vertikale Konzentration. Dieser ständige Befreiung des gesamten Großhandels von
Nachteil konnte, insbesondere mit Rücksicht auf die
der Umsatzsteuer zu verbessern.
erwähnten Vorteile, in Kauf genommen werden, so-
lange der Steuersatz sehr niedrig war. Popitz hat Ausgleichsmaßnahmen ließen sich jedoch im Be-
bereits darauf hingewiesen, daß die Mängel dieser reich der Produktion, wo .sie in erster Linie notwen-
Steuer um so erträglicher seien, je niedriger der dig wären, wegen der differenzierten Struktur wich-
Steuersatz sei. tiger Bereiche der deutschen Wirtschaft nur in
2794 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Bundesminister Dr. Dahlgrün
Schwerpunkten durchführen, und das könnte die eines Systemwechsels auf das Preisniveau mit stati-
wettbewerbsstörenden Wirkungen der Allphasen schen Mitteln nicht abschätzen. Hier müßte, da sich
Bruttoumsatzsteuer nur auf bestimmten Gebieten bei uns die Preise im allgemeinen am Markte bil-
beseitigen. So gab es zum Beispiel bis 1958 eine den, immer von Annahmen ausgegangen werden.
Zusatzsteuer bei der Verbindung von Herstellung In diesem Zusammenhang möchte ich bemerken,
und Einzelhandel. Alle diese Maßnahmen sind daß der Vorschlag der SPD-Fraktion, durch stati-
naturgemäß mit erheblichen technischen und wett- stische Steuererklärungen der Wirtschaft auf der
bewerblichen Schwierigkeiten verknüpft. Im kon- Grundlage einer Mehrwertsteuer Probeberechnun-
kreten Falle kann sich außerdem die durch eine Zu- gen vorzunehmen, im Grunde durchaus einleuchtend
satzsteuer bedingte Mehrbelastung im internatio- ist.
nalen Wettbewerb sehr nachteilig auswirken. Eine (Hört! Hört! bei der SPD.)
vollständige Befreiung des Großhandels von der
Umsatzsteuer würde zwar jeglichen steuerlichen Man wird aber statistische Steuererklärungen nicht
Anreiz zu dessen Ausschaltung beseitigen; die für ein zurückliegendes Jahr verlangen können, in
Finanzlage des Bundes — das darf ich offen sagen dem die Unternehmer noch keine besonderen Auf-
— verbietet jedoch z. Z. eine solche Maßnahme. zeichnungen vorgenommen haben, wie sie der SPD-
Eine gewisse Verbesserung des Grenzausgleichs Entwurf notwendig machen würde. Außerdem wür-
im Rahmen des jetzigen Systems könnte im übrigen den die statistischen Erhebungen eine außerordent-
dadurch erreicht werden, daß man in umfangreichen liche Mehrarbeit für Wirtschaft und Verwaltung mit
Einzelberechnungen die umsatzsteuerliche Belastung sich bringen und nur dann von vollem Wert sein,
sämtlicher Waren möglichst genau festzustellen ver- wenn feststünde, daß der von der SPD eingebrachte
sucht. Auf Durchschnittssätze könnte man wegen Mehrwertsteuerentwurf ungefähr in dieser Form
der oft auch in der gleichen Branche unterschied- auch Gesetz werden würde. Dazu darf ich im folgen-
lichen Unternehmensstruktur der deutschen Wirt- den noch Stellung nehmen.
schaft trotzdem nicht verzichten. Sie müßten außer- Die Fragen 1 der Fraktion der FDP und 1 Absatz 3
dem wegen des stetigen Wandels im wirtschaft- der Fraktion der SPD darf ich, so hoffe ich, hiermit
lichen Geschehen immer wieder überprüft werden. als beantwortet ansehen.
Nach den vorstehenden Ausführungen ist es ver- Nach den bisherigen Untersuchungen zur Umsatz-
ständlich, daß man in unserem Lande schon seit lan- steuerreform ist die Bundesregierung der Auffas-
gem nach einem Umsatzsteuersystem sucht, das die sung, daß für eine Ablösung des bestehenden Sy-
Vorzüge des gegenwärtigen Systems auf der einen stems ein alle Phasen der Produktion und Verteilung
Seite möglichst weitgehend bewahrt, zugleich aber umfassendes Mehrwertsteuersystem in Betracht
wettbewerbsneutral ist, keine Anreize zur Konzen- kommt. Zur Frage 2 der Großen Anfrage der Frak-
tration bietet und einen genauen Grenzausgleich er- tion der FDP, ob für eine Umsatzsteuerreform außer
möglicht. Auf diesem Gebiet sind in dieser und in einem Mehrwertsteuersystem noch andere Systeme
den vergangenen Legislaturperioden, wie das auch in Erwägung zu ziehen sind, bemerke ich folgendes:
schon in den Begründungen der Fraktionssprecher
zu den Großen Anfragen dargelegt worden ist, um- Die oben erwähnten, allein aus der Kumulativ-
fangreiche Vorarbeiten geleistet worden. Ich möchte wirkung unseres jetzigen Systems folgenden Män-
es mir ersparen, im einzelnen diese sehr eingehen- gel ließen sich allerdings auch durch eine Umsatz-
den Untersuchungen noch einmal aufzuführen, die besteuerung vermeiden, die nur auf einer einzigen
nicht nur von der Verwaltung selbst, sondern auch Umsatzphase vorgenommen wird. In Betracht käme
von den Wissenschaftlern — so insbesondere vom in diesem Zusammenhang eine Einzelhandelsteuer,
Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium eine Grossistensteuer oder eine Produktionsteuer. -
der Finanzen — sowie von besonderen Kommissio-
Die theoretisch reinste Form der allgemeinen
nen und Arbeitsgruppen auch der Fraktionen durch-
Verbrauchsbesteuerung ist die Einzelhandelsteuer,
geführt wurden.
die nur die zum Verbrauch bestimmten Güter und
Auf Grund dieser Vorarbeiten und Untersuchun- Leistungen erfaßt, weil sie gleichmäßig wirken kann
gen verfügt die Bundesregierung über ein umfang- und am wenigsten Ausgleichsmaßnahmen an der
reiches, gründlich bearbeitetes Material zur Frage Grenze erfordert. Der Nachteil dieser in Norwegen
der Umsatzsteuerreform. Sie ist auch im Besitz von und Schweden eingeführten Steuer ist, daß der ge-
statistischen Unterlagen für die Ausarbeitung ent- samte Umsatzsteuerbedarf auf einer Stufe erhoben
sprechender Gesetzentwürfe. Die Ergebnisse vor- wird, auf der sich eine verhältnismäßig große Zahl
handener und die demnächst zu erwartenden Ergeb- von wirtschaftlich nicht so starken Unternehmern be-
nisse neu eingeleiteter Statistiken dürften zur Durch- findet. Aus diesem Grunde, aber auch wegen der bei
leuchtung und Charakterisierung der mit einem Einführung der Steuer eintretenden starken Bela-
Systemwechsel verbundenen ökonomischen und
stungsverschiebungen erscheint es schwer möglich,
finanziellen Wirkungen — soweit diese überhaupt
diese Besteuerungsform in der Bundesrepublik wirt-
abschätzbar sind — ausreichen. Sie würden es er-
schaftlich und politisch durchzusetzen.
möglichen, verhältnismäßig zuverlässig den bei je-
dem in Betracht kommenden Umsatzsteuersystem Sehr eingehend ist auch die Möglichkeit geprüft
erforderlichen allgemeinen Steuersatz sowie die worden, unser Umsatzsteuersystem durch eine
Auswirkungen gegebenenfalls notwendiger abwei- Grossistensteuer abzulösen. Dieses in der Schweiz
chender Steuersätze in besonderen Fällen annähernd mit guten Erfahrungen angewandte Umsatzsteuer
zu ermitteln. Dagegen ließen sich die Auswirkungen system läßt die Besteuerung dann eintreten, wenn
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2795

Bundesminister Dr. Dahlgrün


die Waren an den Einzelhändler oder unter dessen Zweitens. Die Einsparung von Umsatzstufen kann
Umgehung direkt an den Letztverbraucher abgesetzt nicht zu einer Minderung der umsatzsteuerlichen
werden. Die Grossistensteuer müßte in der Bundes- Belastung der Waren oder Leistungen führen. Die
republik mit einem Steuersatz von mindestens 14 % Mehrwertsteuer ist daher auch insoweit konzen-
erhoben werden; vergleichsweise weise ich in die- trationsneutral.
sem Zusammenhang darauf hin, daß dieser Steuer- Drittens. Die umsatzsteuerliche Gesamtbelastung
satz in der Schweiz 5,4 % beträgt. Darüber hinaus einer Ware oder Leistung entspricht stets dem nomi-
ließe sich die bei der Grossistensteuer unabdingbare nellen Steuersatz, weil alle Bestandteile des Ent-
Registrierung aller Produzenten und Großhändler gelts nur einmal von der Steuer erfaßt werden. Die
in einem dem Wechsel der Verhältnisse laufend Gesamtsteuerbelastung läßt sich daher für jede
anzupassenden Register sowie die Überwachung der einzelne Ware oder Leistung genau feststellen. Die
steuerfreien Umsätze zwischen den registrierten Un- im grenzüberschreitenden Warenverkehr bei einem
ternehmen wegen ihrer großen Zahl in der Bundes- Fortbestehen der Steuergrenzen notwendigen um-
republik technisch nur sehr schwer lösen. Hinsicht- satzsteuerlichen Entlastungen durch Rückvergütun-
lich der Belastungsverschiebungen und der politi- gen und Belastungen durch Ausgleichsabgaben kön-
schen Durchsetzbarkeit scheint mir das gleiche zu nen also exakt vorgenommen werden. Man ist nicht
gelten wie für eine Einzelhandelsteuer. mehr auf die Anwendung von Durchschnittssätzen
angewiesen. Mit dieser Feststellung hoffe ich zu-
Bei einer Produktionsteuer, der dritten Möglich- gleich Frage 11 der Großen Anfrage der Fraktion
keit, tritt die Besteuerung ein wenn die Waren von der FDP beantwortet zu haben.
dem Produzenten an den Großhändler, den Einzel-
händler oder unmittelbar an die Letztverbraucher Wie schwierig es jedoch ist, diese im Prinzip ge-
gebenen Vorzüge der Mehrwertsteuer bei ihrer
abgesetzt werden. Gegen die Einführung dieses Sy-
praktischen Gestaltung zu verwirklichen, deutet sich
stems spricht vor allem, daß die Struktur der bereits bei der Beantwortung der Frage an, nach
deutschen Wirtschaft eine weitgehende Überschnei-
welcher Methode die Besteuerung des Nettoumsat-
dung von Produktions- und Handelsfunktionen zeigt.
zes schließlich erfolgen soll. Hierfür kommen im
Die Produktionsteuer wäre daher mit großen tech- wesentlichen zwei Möglichkeiten in Betracht: der
nischen Abgrenzungsschwierigkeiten verbunden, Vorumsatzabzug und der Vorsteuerabzug.
wenn man nicht Wettbewerbsverzerrungen und
Kumulationswirkungen in Kauf nehmen will. Es wür- Beim Verfahren des Vorumsatzabzuges ist der
den also nur an die Stelle der Nachteile unseres BrutomsazwiebdgnärtUmsaz-
jetzigen Systems andere Mängel treten. Hinzu kä- steuer zu ermitteln. Zusätzlich muß der Unterneh-
men auch bei der Produktionsteuer dann noch die mer aber die Vorumsätze, die an ihn bewirkt wur-
Nachteile eines schwerfälligen Registers zur Eintra- den und die mit Umsatzsteuer belastet sind, fest-
gung der Produzenten und vieler Großhändler, die stellen. Vom Unterschiedsbetrag zwischen dem
sich zur Vermeidung wettbewerblicher Nachteile als Bruttoumsatz und diesen Vorumsätzen wird sodann
die Steuer berechnet. Hat also ein Unternehmen in
Produzenten behandeln lassen müßten.
einem bestimmten Zeitraum Waren für insgesamt
Das Ziel, das mit der Einführung der Mehrwert- 100 000 DM veräußert, die es für 80 000 DM einge-
steuer erreicht werden soll, besteht doch darin, daß kauft hat, so beträgt der Nettoumsatz — dies ist
gleiche oder vergleichbare Waren und Leistungen die Wertschöpfung ides Unternehmens — 20 000 DM,
ohne Rücksicht auf die Länge des Umsatzweges bis und wenn ich einen Mehrwertsteuersatz von 10 %
zum Verbraucher gleichmäßig belastet sind. Dieses annehme, beläuft sich die Steuer auf 2000 DM.
Ziel, das eine Ausschaltung der Kumulativwirkung Beim Vorsteuerabzugsverfahren ist ebenfalls zu-
erfordert, wird grundsätzlich dadurch erreicht, daß nächst der Bruttoumsatz festzustellen, in dem von
die Besteuerung nicht an den Bruttoumsatz des Un- mir gebildeten Beispielsfall also 100 000 DM. Von
ternehmens, sondern an seinen Nettoumsatz an- ihm wird die Steuerschuld berechnet, somit 10 000
knüpft. Unter dem Nettoumsatz versteht man den DM Umsatzsteuer. Der Unternehmer kann aber die
Unterschied zwischen dem Bruttoumsatz des Unter- auf den Vorumsätzen lastenden und aus seinen Ein-
nehmers und den an ihm bewirkten, mit Umsatz- kaufsrechnungen ersichtlichen Vorsteuerbeträge ab-
steuer bereits belasteten Vorleistungen anderer Un- ziehen. Diese haben in meinem Beispielsfall eine
ternehmer. In diesem Nettoumsatz spiegelt sich Höhe von 10 % von 80 000 DM, also 8000 DM. Der
grundsätzlich der Wertzuwachs wider, den der ein- endgültig zu zahlende Steuerbetrag ist also auch
zelne Unternehmer durch seine unternehmerische bei diesem Verfahren 2000 DM, nämlich 10 000 DM
Tätigkeit erbracht hat und der allein der Besteue- weniger 8000 DM, und entspricht damit dem beim
rung unterliegen soll. Wenn es gelingt, dieses Prin- Vorumsatzabzugsverfahren errechneten Betrag.
zip in der praktischen Ausgestaltung der Besteue-
rung rein zu verwirklichen, ergeben sich die folgen- Bei der Entscheidung darüber, ob dem Vorumsatz-
den außerordentlichen Vorzüge gegenüber dem abzug oder dem Vorsteuerabzug der Vorzug zu ge-
jetzt geltenden Umsatzsteuersystem: ben ist, sind eine Reihe sehr bedeutsamer Gesichts-
punkte zu berücksichtigen, von denen ich nur die
Erstens. Wettbewerbsstörungen durch unter- folgenden hervorheben möchte. Wenn die Mehr-
schiedliche umsatzsteuerliche Belastungen konkur- wertsteuer nur mit einem einheitlichen Steuersatz
rierender Waren treten bei gleichem Steuersatz und ohne Befreiungen erhoben werden soll, besteht
nicht ein. Die Mehrwertsteuer ist also insoweit kein wesentlicher Unterschied zwischen diesen bei-
wettbewerbsneutral. den Methoden. Herr Kollege Kurlbaum hat dazu
2796 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963

Bundesminister Dr. Dahlgrün


bereits bei der Begründung der Großen Anfrage Bei diesem Verfahren gibt es demnach im Innern
seiner Fraktion gesagt, daß dies auch für die SPD- wirklich keine Wettbewerbsstörungen, und der
Fraktion lediglich eine technische Frage sei. Zugun- Grenzausgleich kann für jede Ware und für jede
sten des Vorumsatzabzugs, den der Wissenschaft- Leistung exakt durchgeführt werden.
liche Beirat des Bundesfinanzministeriums empfoh- Aus diesen Gründen ist dem Verfahren des Vor-
len hat, könnte dann sprechen, daß die Errechnung
steuerabzugs, wie es auch in Frankreich angewandt
der Steuer einfacher ist, weil bei diesem Verfahren
wird, unbedingt der Vorzug zu geben. Für ihn haben
die Vorsteuerbeträge nicht gesondert festzuhalten
sich auch für den Fall der Einführung der Mehrwert-
sind.
steuer Spitzenorganisationen der Wirtschaft wie der
Bestehen dagegen unterschiedliche Steuersätze Deutsche Industrie- und Handelstag sowie der Bun-
oder auch Befreiungen, so weist der Vorsteuerab- desverband der Deutschen Industrie ausgesprochen.
zug wesentliche Vorzüge gegenüber dem Vorum- Den Vorteil des Vorsteuerabzugs haben auch die
satzabzug auf. Wie Untersuchungen in der Industrie Steuersachverständigen der Mitgliedstaaten der
gezeigt haben, gibt es beim Vorumsatzabzug keine EWG bei der Untersuchung der verschiedenen
praktisch befriedigende Möglichkeit, Vorumsätze Steuersysteme in einer von der EWG-Kommission
aufzuteilen und den verschieden hoch besteuerten einberufenen Arbeitsgruppe festgestellt.
Bruttoumsätzen, zu denen sie wirtschaftlich gehören,
Damit ist auch Nr. 2 der Großen Anfrage der
entsprechend zuzuordnen. Da nur Schätzungen
Fraktion der FDP beantwortet.
möglich sind, ergeben sich zwangsläufig Wettbe-
werbsstörungen zwischen den einzelnen Unterneh- Als Folge der Besteuerung des Mehrwerts erge-
men. Dies zeigt sich insbesondere bei den Aufwen- ben sich zum Teil erhebliche Verschiebungen in der
dungen für Investitionsgüter, die der Unternehmer Steuerzahllast für die einzelnen Wirtschaftszweige
zur Ausführung unterschiedlich besteuerter Umsätze und auch für die einzelnen Unternehmen innerhalb
verwendet. Man stelle sich zum Beispiel vor, daß dieser Wirtschaftszweige. Die Steuerzahllast wird
betrieblich genutzte Lagerhallen von Fabrikations- sich hauptsächlich auf Wirtschaftszweige und Unter-
betrieben mit Anschaffungspreisen von je 500 000 nehmen mit einer hohen Wertschöpfung verlagern,
DM in ständig wechselndem Umfang der Lagerung das sind vor allem lohnintensive Unternehmungen
unterschiedlich besteuerter Fabrikationserzeugnisse und auch Dienstleistungsunternehmen. So muß zum
dienen. Es leuchtet ein, daß eine Aufteilung der Beispiel ein Handwerksbetrieb mit einem Gesamt-
Vorumsätze von je 500 000 DM auf die verschieden umsatz von 100 000 DM gegenwärtig 4000 DM an
besteuerten Bruttoumsätze nur durch grobe Schät- Umsatzsteuer zahlen. Hat dieser Betrieb eine Wert-
zungen erfolgen und damit zu erheblichen Abwei- schöpfung von 50 %, hat er also Einkäufe in Höhe
chungen von Unternehmen zu Unternehmen führen von 50 000 DM getätigt, so beträgt die Mehrwert-
kann. steuerzahllast bei einem angenommenen Mehrwert-
steuersatz von wieder 10% 10 000 DM abzüglich
Läßt man andererseits steuerbefreite oder ermä- 5000 DM, also letzten Endes 5000 DM. Die Steuer
ßigt besteuerte Vorumsätze voll zum Abzug zu, so zahllast eines solchen Betriebes erhöht sich dem-
wirken sich zwar die auf den Vorstufen gewährten nach um 25%. Aus diesem Beispiel darf jedoch nicht
Vergünstigungen in der Belastung der Endprodukte geschlossen werden, daß das Handwerk bei einer
aus; denn die Vorumsätze werden in diesem Fall so Mehrwertsteuer allgemein mehr Steuer zahlen
behandelt, als ob sie auf der Vorstufe voll besteuert müßte.
worden wären. Für den grenzüberschreitenden Ver- (Sehr richtig! bei der SPD.)
kehr ließe sich dann jedoch ein genauer Grenzaus-
gleich einfach nicht mehr durchführen, weil die End- Bei manchen Handwerkszweigen ist die Wertschöp
-
belastung der Waren nicht dem nominellen Steuer- fung vielmehr so niedrig, daß sich ihre Steuerzahl
satz entspricht und auch nicht bekannt ist. Ohne last gegenüber der jetzigen sogar vermindern würde.
pauschale Durchschnittssätze wie beim gegenwär- Eine höhere Steuerzahllast wird sich — um in
tigen Umsatzsteuersystem ergäben sich somit unter diesem Zusammenhang Frage 9 der Großen Anfrage
Umständen Verstöße gegen zwingende Bestimmun- der Fraktion der FDP zu beantworten — trotz relativ
gen des GATT- und auch des EWG-Vertrages. niedriger Wertschöpfung allerdings auch für den
Großhandel ergeben, weil seine Umsätze heute weit-
Alle diese Nachteile ergeben sich auch bei dem
gehend Steuerbefreiung genießen oder nur mit
Mehrwertsteuerentwurf der SPD, weil er steuer-
einem Steuersatz von 1 °/o belegt sind. Dies erklärt
ermäßigte und befreite Umsätze vorsieht, die voll
die eindeutige Ablehnung der Mehrwertsteuer durch
zum Abzug zugelassen werden.
den Großhandel.
Demgegenüber bedarf es beim Verfahren des (Zuruf von der CDU/CSU: Was nicht stimmt,
Vorsteuerabzugs keiner schwierigen Aufteilung der Herr Minister!)
Vorumsätze auf die Bruttoumsätze des Unterneh-
— Gut. Ich habe bisher nur davon gehört, daß der
mers. Der Unternehmer kann bei diesem Verfahren
überwiegende Teil des Großhandels oder seine Ver-
nur die Vorsteuerbeträge von seiner Steuerschuld
abziehen, die er den Rechnungen seiner Lieferanten tretung dagegen ist.
entnimmt. Damit wird außerdem erreicht, daß die Es ist daher die Frage gestellt worden, ob es nicht
umsatzsteuerliche Gesamtbelastung auch bei der zweckmäßig wäre, diese Wirkung der Mehrwert-
Anwendung ermäßigter Steuersätze stets dem nomi- steuer auf die genannten Wirtschaftszweige zu be-
nellen Steuersatz entspricht und damit bekannt ist. seitigen oder abzuschwächen. Ebenso ist auch vor-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2797

Bundesminister Dr. Dahlgrün


geschlagen worden, die bestehenden Freibeträge desregierung wird im Falle der Einführung einer
für Unternehmer mit relativ niedrigen Umsätzen Mehrwertsteuer die Belange der deutschen Land-
unter dem Gesichtspunkt der Mittelstandsförderung wirtschaft mit besonderer Sorgfalt prüfen.
in die Mehrwertsteuer zu übernehmen. Hierzu darf Unter diesen Umständen erscheint weder eine
ich grundsätzlich folgendes bemerken. Mittelstandsförderung auf dem Gebiet der Umsatz-
Die Vorteile, die das reine Mehrwertsteuersystem steuer, wie sie im jetzigen Recht enthalten ist, noch
vor dem geltenden deutschen Umsatzsteuersystem eine Begünstigung von Wirtschaftszweigen zur Ver-
hat und die vor allem auf dem Gebiete der Wett- meidung einer Erhöhung der auf sie entfallenden
bewerbsneutralität liegen, entfallen, wenn in nen- Steuerzahllast vertretbar. Eine gewisse Umwälzung
nenswertem Maße Ausnahmen zugelassen werden, der Belastungsverhältnisse ist nun einmal mit der
mögen diese in Steuerbefreiungen, Steuerermäßi- Umstellung auf das System der Mehrwertsteuer un-
gungen oder in der Möglichkeit bestehen, für eine trennbar verbunden und läßt sich nicht ändern oder
andere Besteuerung zu optieren. mindern, ohne zugleich das Prinzip dieser Steuer
aufzuheben. Anderenfalls würde die Gefahr beste-
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal]: Sehr hen, daß die im jetzigen System enthaltenen Be-
richtig!) lastungsverhältnisse auf komplizierterem Wege auf-
Das ist auch ein Gedanke, der im Gespräch gewesen rechterhalten bleiben und daß damit zugleich auf
ist. die Verbesserung der Wettbewerbsneutralität ver-
zichtet wird.
Im einzelnen möchte ich in diesem Zusammenhang
auf folgendes hinweisen: Daß Befreiungen oder Die gleichen Gesichtspunkte gelten für das von
Steuerermäßigungen für einzelne Wirtschaftszweige verschiedenen Seiten zugunsten kleinerer Unter-
oder nach Unternehmensgrößen die Vorzüge der nehmen vorgeschlagene Recht zur Option für die
Mehrwertsteuer weitgehend beeinträchtigen, folgt Brutto-Umsatzsteuer. Eine solche Möglichkeit sehen
aus ihrem besonderen Charakter. auch die beiden dem Hohen Haus vorliegenden
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Sehr Mehrwertsteuerentwürfe der SPD und einiger Ab-
richtig!) geordneter der CDU/CSU — wenn auch mit unter-
schiedlichem Umfang — vor.
Abgesehen davon, daß der Umsatz eines Unter-
nehmers kein brauchbarer Maßstab für seine wirt- Durch diese Option soll allen Steuerpflichtigen
schaftliche Leistungsfähigkeit ist, ergeben sich durch bis zu einer gewissen Umsatzgrenze die Möglichkeit
solche Eingriffe in die Steuerzahllast naturnotwen- gegeben werden, sich der Besteuerung nach dem
dig Störungen der Wettbewerbsneutralität, die bei Bruttoumsatz zu unterwerfen. Hierdurch würde sich
einer grundsätzlich wettbewerbsneutralen Steuer jedoch nicht nur ein äußerst kompliziertes, durch
vermieden werden sollten und nicht zu verantworten sachgerechte Erwägungen nicht zu rechtfertigendes
sind. Es käme hinzu, daß den steuerbefreiten Wirt- Nebeneinander der gegenwärtigen Umsatzsteuer
schaftszweigen die Ausschaltung droht, wenn ihren und der Nettoumsatzsteuer ergeben. Es muß außer-
Abnehmern nicht der Vorsteuerabzug mit dem dem darauf hingewiesen werden, daß z. B. bei einer
normalen Steuersatz gewährt werden würde. Umsatzgrenze von 480 000 DM rund 90 v. H. aller
Steuerpflichtigen ein Recht zur Option hätten, wenn
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Das sollte es auch nicht alle von ihnen ausüben würden. Auch
sich auch die Landwirtschaft einmal über verfassungsrechtlich erscheint eine solche Regelung
legen!) sehr bedenklich. Es entstünden dadurch schwere
Hierzu bedürfte es aber der Einführung des Abzugs Störungen des Wettbewerbs. Unternehmer mit ho-
fiktiver Vorsteuern. Diese wiederum würden den her Wertschöpfung, die wegen Überschreitens der
Umsatzgrenze, nicht optieren könnten, hätten eine -
genauen Grenzausgleich unmöglich machen. Auf
der anderen Seite würde sicherlich die Befreiung im Verhältnis wesentlich höhere Steuerzahllast zu
bestimmter Wirtschaftszweige von der Mehrwert- tragen als Unternehmer mit Bleichhoher Wertschöp-
steuer dazu führen müssen, daß den betreffenden fung, die von der Option noch Gebrauch machen
Unternehmungen der Abzug der auf den Lieferungen dürften.
und Leistungen an sie lastenden Vorsteuern ver- Dies zeigt folgendes Beispiel: Zwei konkurrie-
sagt werden müßte; sonst gäbe es Branchen und rende Unternehmen haben eine gleich hohe Wert-
Wirtschaftszweige, die ohne eigene Steuerpflicht schöpfung von je 60 v. H., jedoch unterschiedlich
laufend Erstattungen von Steuerbeträgen erhalten hohe Gesamtumsätze von 400 000 DM bzw. 800 000
würden, die andere Unternehmen an das Finanz- DM. Liegt die Optionsgrenze bei 480 000 DM, so
amt entrichtet haben. Hieraus kann sich aber unter hätte der für die Bruttoumsatzsteuer optierende Be-
Umständen im ganzen eine Mehrbelastung der Ware trieb mit einem Gesamtumsatz von 400 000 DM an
ergeben, die an der Grenze nicht voll ausgeglichen Stelle einer zu zahlenden Mehrwertsteuer von
werden kann. 24 000 DM — auch hier unterstelle ich für das Bei-
Die hier angedeutete Problematik wird im Fall spiel zur Vereinfachung einen Mehrwertsteuersatz
der Einführung der Mehrwertsteuer für den Bereich von 10 v. H. — eine Umsatzsteuer von 16 000 DM
der Landwirtschaft, Herr Kollege Schmidt, von be- zu entrichten, da der Bruttosteuersatz 4 v. H. be-
sonderer Bedeutung sein, weil es sich als notwendig trägt. Demgegenüber hätte der Konkurrent mit
erweisen könnte, den Unternehmen dieses Wirt- einem Gesamtumsatz von 800 000 DM, der nicht op-
schaftsbereiches eine volle oder teilweise Befrei- tieren darf, eine Mehrwertsteuer von 48 000 DM zu
ung von der Mehrwertsteuer zu gewähren. Die Bun- zahlen. Obwohl also sein Umsatz nur doppelt so
2798 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
'Bundesminister Dr. Dahlgrün
hoch ist wie der seines Konkurrenten, hätte er das Auch Befreiungen oder Steuerermäßigungen bei
Dreifache an Umsatzsteuer zu zahlen. gewissen Waren und Leistungen, an die man etwa
Dieses Optionsrecht würde im übrigen den Op- aus sozialpolitischen Erwägungen denken könnte,
sind an sich mit dem Prinzip der Wettbewerbsneu-
tanten nur dann wirkliche Vorteile bringen, wenn
tralität, das mit der Mehrwertsteuer erstrebt wird,
ihren Abnehmern — sofern diese selbst mehrwert-
nicht vereinbar. Freilich ergeben sich hierbei nicht
steuerpflichtige Unternehmer sind — der Abzug
so schwerwiegende Mängel wie bei den zuvor dar-
fiktiver Vorsteuern gestattet würde. Andernfalls
gestellten Vergünstigungen.
würde sich für die Optanten eine zunehmende Ge-
fahr der Ausschaltung ergeben. Der Entwurf von Sollte es unvermeidbar sein, für gewisse Waren
Abgeordneten der CDU/CSU sieht — vielleicht und Leistungen Steuerermäßigungen zu gewähren,
kann man sagen: sah — solche fiktiven Abzüge vor. so wird man darauf achten müssen, daß konkurrie-
Dabei wird übersehen, daß infolge dieser Maßnah- rende Güter und Leistungen nicht verschieden be-
me die Belastung der Waren nicht mehr erkennbar steuert werden. Ich denke hier insbesondere an Le-
ist und daher der Ausgleich beim grenzüberschrei- bensmittel, weil sich deren Besteuerung mit dem
tenden Warenverkehr nicht mehr genau vorgenom- vollen Steuersatz der Mehrwertsteuer angesichts
men werden kann. Es ist zu beachten, daß zu den der gegenwärtig bestehenden weitreichenden Ver-
zur Option berechtigten Unternehmern auch zahl- günstigungen unter Umständen preiserhöhend aus-
reiche Zulieferbetriebe der Exportindustrie gehören wirken würde.
würden. Frage 6 der Großen Anfrage der Fraktion der FDP
darf ich mit diesen und den vorhergehenden Aus-
Das Optionsrecht ließe sich auch nicht aus der führungen als erledigt ansehen.
Überlegung rechtfertigen, kleinere Unternehmer
von der größeren Arbeitslast, die die Mehrwert- Die von der Fraktion der FDP unter Ziffer 4 ihrer
steuer mit sich bringt, zu befreien. Das ergibt sich Großen Anfrage gestellte Frage nach der Behand-
aus folgender Überlegung: Die Mehrwertsteuer lung der Dienstleistungen ist in diesem Zusammen-
hätte nur für Unternehmen mit hoher Wertschöp- hang wie folgt zu beantworten: Kumulativwirkun-
fung eine gegenüber der jetzigen Besteuerung ver- gen und Wettbewerbsverzerrungen ließen sich nur
mehrte Steuerzahllast zur Folge. Für Unternehmer dann vermeiden, wenn man den Dienstleistungs-
mit niedriger Wertschöpfung würde sie sich im unternehmen ebenso wie ihren Abnehmern den Ab-
Regelfall vermindern. Unternehmer mit niedriger zug der tatsächlich entrichteten Vorsteuern ermög-
Wertschöpfung — so zum Beispiel viele Einzel- licht. Will man das Umsatzsteuerrecht wettbewerbs-
händler — müßten daher die durch Ausübung der neutral gestalten, können die Dienstleistungen dem-
nach nicht durch eine besondere Dienstleistungs-
Option für die Bruttoumsatzsteuer eintretende
steuer, sondern nur durch die Mehrwertsteuer er-
Arbeitsentlastung mit einer unter Umständen er-
faßt werden. Dies würde allerdings nicht aus-
heblich höheren Steuerzahllast erkaufen. Beträgt
schließen, daß man unter Umständen für gewisse
nämlich die Wertschöpfung eines Einzelhändlers
Dienstleistungen aus ähnlichen Erwägungen, wie
25 v. H., so hätte er bei einem Gesamtumsatz von
sie für die Lebensmittel gelten, einen ermäßigten
400 000 DM einen Mehrwertsteuerbetrag von 10 000 Steuersatz gewährt. Hierbei darf es sich jedoch
DM zu entrichten. Bei einer Option dagegen würde nicht um Werkleistungen handeln, weil diese mit
die mit einem Steuersatz von 4 v. H. erhobene Brut- dem Produktionsprozeß in unmittelbarem Zusam-
toumsatzsteuer zu einer Steuerbelastung von 16 000 menhang stehen. Ihre Begünstigung würde wie-
DM führen. Die Steuerschuld wäre also um 60 v. H. derum zu erheblichen Wettbewerbsstörungen füh-
höher ,als im anderen Fall. ren.
Unter Berücksichtigung dieser außerordentlich Die Bundesregierung wird der Besteuerung der
schwerwiegenden Nachteile haben sich der Wissen- Dienstleistungen bei einer Umsatzsteuerreform ihre
schaftliche Beirat beim Bundesministerium der Fi- besondere Aufmerksamkeit widmen und damit dem
nanzen ebenso wie namhafte Wirtschaftsverbände Wunsch, den die Fraktionen der CDU/CSU und der
nachdrücklich gegen die Einführung eines Options- FDP in der Drucksache IV/736 zum Ausdruck ge-
rechts für die Bruttoumsatzsteuer ausgesprochen. bracht haben, Rechnung tragen.
Welche unerwünschten wirtschaftlichen Verzer- Die Bundesregierung wird ferner darauf achten,
rungen sich ergeben können, wenn man aus sonst daß bei der steuerlichen Erfassung der Verkehrs-
begreiflichen Gründen kleinere Unternehmen aus leistungen die Pobleme, die bei einem etwaigen
der Mehrwertsteuer herausnimmt, zeigen die be- Ersatz der Beförderungsteuer durch eine Mehrwert-
kannt gewordenen Erfahrungen mit der französi- steuer auftreten, sowie die Schwierigkeiten, die sich
schen Regelung für Handwerksbetriebe. Diese Be- unter Umständen aus der Anwendung eines einheit-
triebe unterliegen nicht mehr der Mehrwertsteuer, lichen Steuersatzes und der beschränkten Maglich-
sondern einer niedrigeren Lokalsteuer, wenn sie keit des Vorsteuerabzuges ergeben, gebührend be-
nicht mehr als zwei fremde Arbeitskräfte beschäfti- rücksichtigt werden.
gen. Es soll dort die Zahl der kleinen Handwerks- Die Vorteile der Mehrwertsteuer würden auch
betriebe von Jahr zu Jahr zugenommen haben, was verringert werden, wenn sie auf bestimmte Stufen
u. a. darauf zurückgeführt wird, daß sie, um in den der Produktion oder des Handels beschränkt würde.
Genuß der Steuervergünstigung zu kommen, die Es ist vorgeschlagen worden, die Mehrwertbesteue-
Zahl ihrer fremden Hilfskräfte nach Möglichkeit ein- rung zugunsten des Einzelhandels nur bis zur Groß-
geschränkt haben. handelsstufe einschließlich oder sogar — um auch
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2799
Bundesminister Dr. Dahlgrün
den von der Umschichtung der Steuerzahllastver- bei einem sofortigen Vollabzug der Vorsteuern auf
hältnisse besonders betroffenen Großhandel nicht Investitionen außerordentlich vereinfachen und vor
zu benachteiligen — nur auf den Produktionsstufen allem für die kleineren Unternehmen besser prakti-
durchzuführen. Wie bei der in anderem Zusammen- kabel werden.
hang erwähnten Produktionssteuer würde eine Be-
Alle diese Gesichtspunkte machen noch eine
schränkung der Mehrwertsteuer auf die Produk-
gründliche Prüfung dieser Probleme erforderlich.
tionsstufen zu technischen Abgrenzungsschwierig-
keiten führen, weil die Struktur der Wirtschaft, wie Die Mehrwertsteuer in jeder Form und Gestal-
ich schon einmal gesagt habe, eine weitgehende tung kann nicht ohne Mehrarbeit für Wirtschaft und
Überschneidung von Produktions- und Handelsfunk- Verwaltung durchgeführt werden. Auch darauf
tionen zeigt. Außerdem würde eine auf die Produk- möchte ich bei dieser Gelegenheit hinweisen.
tionsstufen beschränkte Besteuerung einen beson-
Diese Mehrarbeiten machen allerdings — um in
ders hohen Steuersatz erfordern.
diesem Zusammenhang Frage 8 der Großen Anfrage
Liegt nur die Einzelhandelsstufe außerhalb des der Fraktion der FDP zu beantworten — die Mehr-
Anwendungsbereichs der Mehrwertsteuer, so wür- wertsteuer weder für die Wirtschaft, auch nicht für
den unter anderem Wettbewerbsprobleme für Ein- die kleineren Unternehmer, noch für die Verwaltung
zelhändler eintreten, die auch an Produzenten, z. B. undurchführbar. Die technischen Schwierigkeiten
an Handwerker, liefern, und im übrigen würde für können dadurch am wirksamsten vermindert wer-
den Großhandel — worauf der Gesamtverband des den, daß die Mehrwertsteuer systemgerecht durch-
Deutschen Groß- und Außenhandels hingewiesen geführt wird.
hat — eine Ausschaltungsgefahr entstehen. Eine
(Zustimmung in der Mitte und bei der SPD.)
wirklich wettbewerbsneutrale Gestaltung der Um-
satzbesteuerung ließe sich daher nur mit einer auf Unter Umständen müßten für die kleineren Steuer-
allen Stufen des Wirtschaftsablaufs erhobenen pflichtigen Grundsätze einer Pauschalbesteuerung,
Mehrwertsteuer erreichen. insbesondere einer pauschalen Ermittlung der Ab-
züge, gefunden werden. Es muß aber mit Nachdruck
Frage 3 der Großen Anfrage der Fraktion der
hervorgehoben werden, daß die Grenzen der Prak-
FDPdarfichmtlsbenwoah.
tikabilität außerordentlich schnell erreicht sind,
Ein weiteres Problem von erheblicher Bedeu- wenn die Errechnung der Nettoumsatzsteuer durch
tung wird durch Frage 5 der Großen Anfrage der Sondervorschriften kompliziert wird. In diesem Fall
Fraktion der FDP angesprochen. Es handelt sich um würde sich im übrigen, wie ich bereits ausgeführt
die Abzugsfähigkeit der auf den angeschafften In habe, der Nachteil der Mehrarbeit wesentlich stärker
vestitionsgütern lastenden Vorsteuerbeträge. Um bei den kleineren Unternehmern auswirken, da
Kumulativwirkungen und Wettbewerbsstörungen diese nicht in gleichem Maße auf ein steuerlich ge-
bei der Mehrwertsteuer zu vermeiden, müßte man schultes Personal und die entsprechenden Möglich-
den Abzug grundsätzlich gestatten. keiten der Unternehmensberatung zurückgreifen
können.
Sehr umstritten ist dagegen die Frage, ob das Ge-
setz den Abzug dieser Vorsteuerbeträge sofort in Wie die Oberfinanzdirektionen nahezu überein-
voller Höhe oder nur i n dem Umfang vorsehen soll, stimmend erklärt haben, würde die Finanzverwal-
wie diese Steuern über die zeitanteiligen Abschrei- tung ihre neuen Aufgaben, die durch die Prüfung
bungen in die Preise der Güter und Leistungen ein- der Vorsteuerabzüge bei den Unternehmern und
gehen. Beide Möglichkeiten weisen eine Reihe von deren Abnehmern entstehen würden, ohne Personal-
Vorzügen, aber auch gewichtigen Nachteilen auf. vermehrung nicht befriedigend bewältigen können.
-
Über die sich hieraus ergebenden Probleme hat der (Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Die kon-
Wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium trollieren sich gegenseitig!)
der Finanzen in seinem Gutachten „Probleme der
,
In dieser Hinsicht bereitet mir die Einführung der
Netto-Umsatzbesteuerung" sehr eingehende Unter- Mehrwertsteuer — trotz dieses Gesichtspunktes,
suchungen vorgelegt. Eine Mehrheit des Beirats hat Herr Kollege Dr. Schmidt — eine gewisse Sorge,
sich für einen sofortigen Vollabzug der auf den In- die hier nicht verschwiegen werden soll.
vestitionsgütern lastenden Vorsteuern ausgespro-
chen. Dieses Verfahren wird auch bei der französi- Ein steuerpsychologischer Nachteil der Mehrwert-
schen Mehrwertsteuer angewandt. Es erleichtert die steuer liegt in der Tatsache, daß sie nur mit einem
Rationalisierung und das Wachstum der Wirtschaft. optisch relativ hohen Steuersatz erhoben werden
Immerhin fragt es sich, ob der vom Vollabzug aus- kann, wenn das Aufkommen erzielt werden soll,
gehende Investitionsanreiz nicht zu stark und vor das die jetzige Umsatzsteuer erbringt. Dabei läßt
allem nicht zu unterschiedlich wirksam würde. Ge- sich die Frage 7 der Großen Anfrage der Fraktion
wisse Nachteile ergeben sich weiterhin in konjunk- der FDP nach der Höhe dieses Satzes zur Zeit nicht
tureller Hinsicht. Der Vollabzug hat die unerwünsch- abschließend beantworten, weil die Höhe des
te Wirkung, daß das Steueraufkommen im Kon- Steuersatzes von der Ausgestaltung der Mehrwert-
junkturaufschwung bei nachhaltigen Neuinvesti- steuer, insbesondere von dem Umfang der Ver-
tionen in der Wirtschaft weniger schnell als das günstigungen und Befreiungen entscheidend ab-
Sozialprodukt steigt, während es im Konjunktur- hängt. Bei einer annähernd systemrein durchgeführ-
abschwung langsamer als das Sozialprodukt ab- ten Mehrwertsteuer, die den zuvor dargelegten An-
nimmt. Andererseits würde sich die Mehrwertsteuer forderungen entspräche, müßte der allgemeine
2800 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Bundesminister Dr. Dahlgrün
Steuersatz, wenn man das große Risiko der Über- 1. Durchführung der Mehrwertsteuer bis zum Ein-
gangszeit in Betracht zieht, meiner Ansicht nach zelhandel einschließlich, 2. grundsätzliche Einbezie-
mindestens 10 % betragen. Es muß auch damit ge- hung der sonstigen Leistungen in die Mehrwert-
rechnet werden, daß sich aus diesem hohen Steuer- steuer, 3. keine Sonderregelungen, die sich nach der
satz ein erhöhter Anreiz zu Steuerumgehungen er- Umsatzgröße der Unternehmen richten, grundsätz-
gibt. Dieser Gefahr könnte nur mit einer wesent- lich keine Sonderregelungen für bestimmte Wirt-
lichen Verstärkung des Prüfungsdienstes der Finanz- schaftszweige, allenfalls Sonderregelungen für be-
verwaltung begegnet werden. stimmte Waren, z. B. landwirtschaftliche Erzeug-
Die Betrachtungen zur Problematik einer Umsatz- nisse, und für gewisse Dienstleistungen, die mit
steuerreform durch Einführung der Mehrwertsteuer dem Produktionsprozeß nicht in unmittelbarem Zu-
wären unvollständig, wenn nicht auch auf die Ge- sammenhang stehen. Wenn es uns gelingt, die Mehr-
fahren von Preiserhöhungen hingewiesen würde. wertsteuer so zu gestalten, dann ist sie unter Ab-
Hiermit gehe ich zugleich auf die Frage 10 der Gro- wägung aller Vorzüge und Nachteile ohne Zweifel
ßen Anfrage der Fraktion der FDP ein. Wie bereits unserer gegenwärtigen Umsatzsteuer vorzuziehen.
erwähnt, führt die Besteuerung des Mehrwerts zu (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU.)
einer Umschichtung der Steuerzahllast in den ein
zelnen Wirtschaftszweigen und den einzelnen Unter- Wie schwierig freilich die Probleme sind, zeigt
nehmen. Hierdurch ergeben sich zwangsläufig auch sich daran, daß auch die Wirtschaft sich bis heute
Veränderungen in der Struktur des Preisgefüges. noch nicht zu einer einheitlichen Auffassung in der
Manche Branchen werden ihre Preise senken kön- Frage der Umsatzsteuerreform durchringen konnte.
nen, andere dagegen — so solche mit hohem Ver- Die Einstellung zur Mehrwertsteuer hängt keines-
edelungsgrad — werden sie erhöhen müssen. Theo- wegs von der Größe der Unternehmen ab; die
retisch müßten sich zwar unter der Voraussetzung, Meinungen sind vielmehr unterschiedlich von Wirt-
daß der Steuersatz zur Erreichung des gleichen Auf- schaftszweig zu Wirtschaftszweig, von Branche zu
kommens zutreffend gefunden ist und die Mehr- Branche, ja sogar von Unternehmen zu Unter-
oder Minderbelastungen von den Unternehmungen nehmen. Viele, die zur Einführung der Mehrwert-
in der tatsächlichen Höhe im Preis weitergegeben steuer neigen, knüpfen diese Zustimmung an Vor-
werden, diese Veränderungen im Ergebnis ausglei- aussetzungen, wie z. B. das Optionsrecht, gegen die
aus den aufgeführten Gründen schwerste Bedenken
chen. Es kann jedoch die Befürchtung nicht ausge-
schlossen werden, daß sich auch unerwünschte Preis- bestehen.
auftriebstendenzen ergeben können, zumal eine Wie ich schon eingangs erwähnte, kann die Frage
deutlich höhere Steuerzahllast bei Einführung der der Umsatzsteuerreform nicht losgelöst von den
Mehrwertsteuer vor allem den ersten Stufen der Bemühungen um eine Harmonisierung der Umsatz-
Produktion auferlegt wird. Mit unserer Wirtschafts- steuern in der Europäischen Wirtschaftsgemein-
auffassung wäre es nicht vereinbar, wenn man etwa schaft behandelt werden. Die Frage Nr. 12 der
versuchen wollte, diese Gefahr durch gesetzliche Fraktion der FDP darf ich dahin beantworten, daß
Preisregulierungen auszuschließen. Entscheidend für wir die Pläne zur Harmonisierung der Umsatzsteuern
die Auswirkung auf die Preise wird immer die innerhalb der EWG selbstverständlich bei der Re-
Marktsituation im Zeitpunkt der Systemänderung form der deutschen Umsatzsteuer zu berücksichtigen
sein. Von einem Gesamtstandpunkt aus darf aller- haben. Dabei sind auch die Fragen des grenzüber-
dings von einer wettbewerbsneutralen Umsatz- schreitenden Verkehrs zu beachten. Bei den Umsatz-
steuer — das möchte ich besonders hervorheben — steuern gilt gegenwärtig ebenso wie bei den speziel-
eine freie Entfaltung des Wettbewerbs und minde- len Verbrauchsteuern im Handelsverkehr zwischen -
stens auf längere Sicht eine günstige Auswirkung den Mitgliedstaaten — anders bei den direkten
auf die Preise erwartet werden. Steuern — das Prinzip der Besteuerung nach den
Bedingungen des Bestimmungslandes, das ohne
Ich darf diesen Überblick, bei dem ich mich be- Steuergrenzen nicht durchführbar ist. Es ist allge-
müht habe, wesentliche Probleme und Schwierig- mein bekannt, daß nur Frankreich mit seinem Mehr-
keiten anzudeuten, wie folgt zusammenfassen. wertsteuersystem einen für jede einzelne Ware
Unser derzeitiges Umsatzsteuersystem hat neben fast genauen umsatzsteuerlichen Grenzausgleich bei
seinen großen Vorzügen fraglos erhebliche Mängel. den Einfuhren und den Ausfuhren vornehmen kann.
Die Untersuchungen, welches andere System an Die übrigen Mitgliedstaaten einschließlich der Bun-
seine Stelle gesetzt werden könnte, haben ergeben, desrepublik sind auf die Anwendung pauschaler
daß in erster Linie die Mehrwertsteuer mit Vor- Durchschnittssätze angewiesen. Die Bundesrepublik
steuerabzug in Betracht kommt. Die Mehrwertsteuer hat bei allen bisherigen Gesprächen über eine Um-
hat jedoch — wie Sie aus meinen Ausführungen er- satzsteuerharmonisierung im Bereich des Gemein-
sehen haben — neben Vorzügen auch Nachteile. Die samen Marktes mit Nachdruck die Auffassung ver-
Vorzüge der Mehrwertsteuer, nämlich der saubere treten, daß sich die Harmonisierung der Umsatz-
Grenzausgleich und die Neutralität im innerstaat- steuern nicht auf den Übergang zu einem gemein-
lichen Wettbewerb, würden allerdings — wie ich samen Umsatzsteuersystem unter Aufrechterhaltung
in ausdrücklicher Übereinstimmug mit dem der Steuergrenzen beschränken könne. Sie ist der
Herrn Bundesminister für Wirtschaft hervorheben Ansicht, daß diese Steuergrenzen mit dem Geist des
möchte — weitgehend verlorengehen, wenn die Vertrages von Rom nicht zu vereinbaren sind und
Voraussetzungen nicht erfüllt würden, die ich so- daß daher auch bei den Umsatzsteuern zum Prinzip
eben für ihre Gestaltung fordern mußte, nämlich der Besteuerung nach dem Ursprungsland überge-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2801
Bundesminister Dr. Dahlgrün
gangen werden sollte; denn die Mitgliedstaaten Entschließung des Rates soll es vorbehalten bleiben,
haben sich durch diesen Vertrag zur Errichtung eines in welcher Weise und binnen welcher Frist das End-
Gemeinsamen Marktes mit binnenmarktähnlichen ziel der Harmonisierung, nämlich die Beseitigung
Bedingungen verpflichtet. Mit einer solchen Ziel- der Steuergrenzen zwischen den Mitgliedstaaten,
setzung erscheint es unvereinbar, daß die Zoll- erreicht werden soll.
mauern und Kontingente zwischen den Mitglied- Es läßt sich gegenwärtig noch nicht übersehen,
staaten abgeschafft werden, die Steuergrenzen je- wel ch e Stellung der Rat der Europäischen Wirt-
doch bestehen bleiben. schaftsgemeinschaft zu dem Vorschlag der Kommis-
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Sehr sion beziehen wird. Inzwischen hat er den Vor-
richtig!) schlag dem Europäischen Parlament sowie dem
Wirtschafts- und Sozialausschuß des Europäischen
Die Bedeutung des Gemeinsamen Marktes kann sich
Parlaments, wie es Art. 100 des EWG-Vertrages
nicht in dem Status einer Zollunion erschöpfen. Der
vorschreibt, zur Stellungnahme zugeleitet. Außer-
Übergang zu der Besteuerung nach dem Ursprungs-
dem beabsichtigen die Finanzminister der EWG-
landprinzip ist aber auch deshalb erforderlich, weil
Staaten, sich bei ihrem nächsten Treffen mit dem
sich zur Zeit der Grenzausgleich nicht auf die
Vorschlag der Kommission zu beschäftigen.
direkten Steuern erstreckt, obwohl sich auch diese
Steuern unter bestimmten wirtschaftlichen Voraus- Die Bundesregierung begrüßt den Vorschlag der
setzungen auf die Preise der Güter auswirken, ohne EWG-Kommission. Sie betrachtet ihn als eine geeig-
daß sich diese Wirkung im einzelnen nachweisen nete Grundlage für die Beratung der auch von ihr für
und bestimmen läßt. notwendig era ch teten Harmonisierung der Umsatz-
So wichtig es ist, auf dem Gebiet der Umsatz- steuern im Gemeinsamen Markt. Im einzelnen darf
steuern binnenmarktähnliche Verhältnisse zu schaf- ich zum Inhalt des Vorschlages noch kurz auf folgen-
fen, so kann man doch nicht ohne weiteres die des hinweisen. Der Vorschlag der Kommission sieht
Steuergrenzen aufheben. Hierdurch würden sich zwar eine gemeinsame Mehrwertsteuer vor, läßt
schwere Wettbewerbsstörungen nicht nur innerhalb aber noch für längere Zeit die Frage offen, wie diese
des Gemeinsamen Marktes, sondern auch im Ver- Mehrwertsteuer ausgestaltet werden soll; denn die
kehr mit Drittländern ergeben. Im Verkehr mit den Struktur und die Anwendungsmodalitäten dieser ge-
letzteren würden sich je nach der Höhe der Steuer- meinsamen Steuer sollen nach dem Vorschlag erst
sätze typische Einfuhrländer und Ausfuhrländer ent- dann festgelegt werden, wenn ,sich die Länder zur
wickeln. Vor einer Aufhebung der Steuergrenzen Einführung dieser Steuer bereits verpflichtet haben.
bedarf es also vielmehr einer vorherigen Harmo- Die Ausgestaltung der Mehrwertsteuer ist aber für
nisierung der Systeme, einer Angleichung der die Wirksamkeit und daher auch für eine positive
Steuerbefreiungen und — da an die Einführung Stellungnahme zu ihr von entscheidender Bedeu-
flexibler Wechselkurse nicht gedacht ist — einer tung. Die Bundesregierung beabsichtigt daher, bei
Annäherung auch der Steuersätze. Anderenfalls der Behandlung des Vorschlages im Rat der Euro-
wäre auch nicht die zu einer Aufhebung der Steuer- päischen Wirtschaftsgemeinschaft darauf hinzuwir-
grenzen erforderliche Zustimmung aller Mitglied- ken, daß die Gestaltung der gemeinsamen Mehr-
staaten zu erwarten. wertsteuer in ihren Grundzügen bereits in der
Richtlinie selbst festgelegt wird. Diese Gestaltung
Die EWG-Kommission hat, wie erwähnt, dem Rat sollte soweit als möglich den Vorstellungen von
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ihren einer Mehrwertsteuer entsprechen, wie ich sie Ihnen
Vorschlag zur Harmonisierung der Umsatzsteuern vorhin dargelegt habe.
im Bereich des Gemeinsamen Marktes nunmehr zu-
geleitet. Dieser Vorschlag sieht die schrittweise Der Vorschlag sieht zwar die Verpflichtung zur
Einführung eines den Mitgliedstaaten gemeinsamen Einführung einer gemeinsamen Mehrwertsteuer in
Mehrwertsteuersystems vor, das sich bis zur Groß- einer bestimmten Frist vor. Die Frage, in welcher
handelsstufe einschließlich erstreckt. Den Mitglied- Weise und binnen welcher Frist die Ausgleichsmaß-
staaten soll es jedoch freistehen, auch den Einzel- nahmen an den Grenzen beseitigt werden sollen,
handel in die gemeinsame Mehrwertsteuer einzu- wird dagegen erst einer weiteren Prüfung durch die
beziehen oder auf der Einzelhandelsstufe eine auto- Kommission und durch den Ministerrat vorbehalten.
nome zusätzliche Steuer zu erheben. Da es sich hier jedoch um das ausdrückliche Endziel
der Harmonisierung handelt, würden wir es für
Die stufenweise Harmonisierung soll in folgen-
richtiger halten, wenn auch der Zeitpunkt, zu dem
der Weise durchgeführt werden. Spätestens zu Be-
die Steuergrenzen beseitigt werden sollen, schon
ginn des vierten Jahres nach Erlaß einer Harmonie- in der Richtlinie selbst verbindlich festgelegt würde.
sierungsrichtlinie durch den Ministerrat der Euro-
päischen Wirtschaftsgemeinschaft sollen die Mit- Die nach dem Vorschlag der EWG-Kommission
gliedstaaten mit einem kumulativen Mehrphasen- gegebene Möglichkeit, in der ersten Stufe ein an-
steuersystem dieses durch ein nichtkumulatives deres nichtkumulatives Umsatzsteuersystem einzu-
System ersetzen. Bis zum Ende einer zweiten führen und zur Mehrwertsteuer erst in einer zwei-
Etappe, spätestens jedoch mit Ablauf der Über- ten Stufe überzugehen, ist für die Bundesrepublik
gangszeit des EWG-Vertrages, ist das gemeinsame — und wohl auch für andere Mitgliedstaaten —
Mehrwertsteuersystem einzuführen, dessen Struk- nicht praktisch. Man kann es der Wirtschaft und
tur und Anwendungsmodalitäten vom Rat der Euro- der Verwaltung — schon im Hinblick auf die damit
päischen Wirtschaftsgemeinschaft noch vor Ende der verbundenen starken Eingriffe in das Preisgefüge —
ersten Etappe zu beschließen sind. Einer späteren nicht zumuten, zwei Systemänderungen in so kurzer
2802 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Bundesminister Dr. Dahlgrün
Ze i t vorzunehmen. Das gilt auch für eine wesent- SPD ,als beantwortet anzusehen bitte: Wann die
liche Umgestaltung einer einmal eingeführten Mehr- Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschaftsge-
wertsteuer. Man müßte daher darauf hinwirken, meinschaft sich über die von der Kommission vorge-
daß eine gemeinsame Steuer ohne Vorstufe, aber schlagene Mehrwertsteuer einigen werden, ist noch
mit Gewährung einer angemessenen Frist einge- ungewiß. Unabhängig hiervon wird die Bundes-
führt wird. Die Mitgliedstaaten müssen in der Lage regierung, falls die sich anschließende Aussprache
sein, nicht nur die verwaltungsmäßigen Vorberei- in diesem Hohen Hause nicht wesentlich neue Ge-
tungen der Einführung einer solchen Steuer ohne sichtspunkte ergeben sollte, alsbald einen Gesetz-
Zeitdruck zu bewältigen, sondern auch einen kon- entwurf vorlegen, durch den eine Mehrwertsteuer
junkturell und haushaltsmäßig günstigen Zeitpunkt eingeführt wird, die den von mir dargelegten Grund-
zu wählen. satzforderungen Rechnung trägt und damit eine
Die von der Kommission vorgesehene Möglich- wettbewerbsneutrale Umsatzbesteuerung gewähr-
keit, vor der gemeinsamen Mehrwertsteuer zu- leistet.
nächst ein anderes nichtkumulatives System einzu- (Beifall bei den Regierungsparteien und bei
führen, birgt auch die Gefahr in sich, daß sich die Abgeordneten der SPD.)
Umsatzsteuern der Mitgliedstaaten, insbesondere
hinsichtlich der Sätze und Befreiungen, noch weiter Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
auseinanderentwickeln. Herren, das Haus hat die Beantwortung der Großen
Ich beabsichtige, diese Gesichtspunkte bei den Anfragen der Fraktionen der SPD und FDP entge-
Beratungen der Finanzminister der EWG-Staaten gengenommen. Gemäß § 106 letzter Satz der Ge-
und im Rat der Europäischen Wirtschaftsgemein- schäftsordnung frage ich nun, ob das Haus eine Aus-
schaft zu vertreten und dabei namens der Bundes- sprache wünscht. Ich bitte diejenigen Mitglieder des
regierung zum Ausdruck zu bringen, daß diese wil- Hauses, die die Aussprache wünschen, die Hand zu
lens ist, ihren Beitrag zu einer Harmonisierung der heben. — Das sind nach der einmütigen Meinung
Umsatzsteuern in der Europäischen Wirtschaftsge- des Vorstandes keine 30 Mitglieder des Hauses. Die
meinschaft zu leisten. Angelegenheit ist erledigt.
Die Fragen Nr. 2 b, Nr. 3 Abs. 1 und Nr. 4 der Ich berufe die nächste Sitzung des Hauses ein auf
Fraktion der SPD sind damit von mir, wie ich hoffe, Mittwoch, den 6. März, 9 Uhr.
in größerem Zusammenhang beanwortet worden.
Abschließend möchte ich für die Bundesregierung Die Sitzung ist geschlossen.
folgende Erklärung abgeben, durch die ich zugleich
die Fragen Nr. 3 Abs. 2 und Nr. 5 der Fraktion der (Schluß der Sitzung: 12.14 Uhr.)
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Anlagen zum Stenographischen Bericht

Anlage 1 Abgeordneter) beurlaubt bis einschließlich

Lemmer 28. 2.
Liste der beurlaubten Abgeordneten
Lenz (Bremerhaven) 15. 2.
Leonhard 15. 2.
Abgeordneter) beurlaubt bis einschließlich
Liehr 15. 2.
Dr. Arndt (Berlin) 16. 2. Dr. Löbe 1. 3.
Dr. Aschoff 15. 2. Lücker (München) 15. 2.
Dr. Atzenroth 15. 2. Dr. Mälzig 15. 2.
Dr. Dr. h. c. Baade 15.2. Margulies * 15. 2.
Mattick 15. 2.
Bauer (Wasserburg) 15. 2.
Maucher 15. 2.
Bazille 15. 2.
Frau Dr. Maxsein 15. 2.
Frau Berger-Heise 15. 2.
Dr. h. c. Menne (Frankfurt) 15. 2.
Beuster 15. 2. Metzger * 15. 2.
Fürst von Bismarck 22. 2. Michels 15. 2.
Blachstein 15. 2. Dr. h. c. Dr.-Ing. E. h. Möller 15. 2.
Böhme (Hildesheim) 15. 2. Müller (Berlin) 31. 3.
Corterier 15. 2. Müller (Nordenham) 2. 3.
Dr. Danz 15. 2. Murr 15. 2.
Deringer 15. 2. Nellen 15.2.
Diebäcker 15.2. Neubauer 17. 2.
Dopatka 21.2. Neumann (Allensbach) 15. 2.
Dr. Dörinkel 20. 2. Neumann (Berlin) 23. 2.
Dr. Dr. h. c. Dresbach 31. 3. Oetzel 28. 2.
Ehren 15. 2. Opitz 15. 2.
Frau Eilers 15. 2. Frau Dr. Pannhoff 15. 2.
Eisenmann 15. 2. Dr.-Ing. Philipp 15. 2.
Etzel 15. 2. Pöhler 15. 2.
Figgen 20.4. Ramms 15, 2.
Dr. Dr. h. c. Friedensburg 15. 2. Dr. Reinhard 15. 2.
Fritsch 15. 2. Dr. Reischl 15. 2.
Frau Funcke (Hagen) 15. 2. Dr. Rieger (Köln) 15. 2.
Funk (Neuses am Sand) 16. 2. Ritzel 15.2.
Dr. Furler 15. 2. Ruf 16. 2.
Gaßmann 15. 2. Sander 15. 2.
Gedat 15. 2. Schoettle 15. 2.
Gehring 15.2. Dr. Schwörer 15.2.
Freiherr zu Guttenberg 15. 2. Seidl (München) 15. 2.
Hahn (Bielefeld) * 15.2. Seither 11.3.
Hamacher 15. 2. Spitzmüller 15. 2.
Hammersen 15. 2. Dr. Stammberger 28.2.
Harnischfeger 15. 2. Steinhoff 15. 2.
Hauffe 28.2. Dr. Steinmetz 15. 2.
Höfler 15. 2. Stingl 15. 2.
Kalbitzer * 15.2. Dr. Stoltenberg 15. 2.
Katzer 28. 2. Strauß 18. 3.
Dr. Kempfler 15.2. Strohmayr 15. 2.
Frau Dr. Kiep-Altenloh 15. 2. Dr. Tamblé 15. 2.
Frau Kipp-Kaule 15. 2. Urban 15. 2.
Klein (Saarbrücken) 15. 2. Frau Vietje 15. 2.
Kohlberger 15.2. Dr. Wahl 28. 2.
Dr. Kohut 15. 2. Weber (Georgenau) 15.2.
Dr. Kopf 15. 2. Wellmann 15.2.
Frau Krappe 15. 2. Werner 24. 2.
Kraus 15. 2. Wittmer-Eigenbrodt 30. 4.
Krug 15. 2. Dr. Wuermeling 1. 3.
Dr. Krümmer 15. 2. Wullenhaupt 19.2.
Kühn (Hildesheim) 16. 2. * Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen des Euro-
Leber 15.2. päischen Parlaments
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Anlage 2 Umdruck 187 trägen schuldet der Versicherer den Anspruchs


berechtigten mit Wirkung vom 1. Januar 1963
Änderungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU, zuzüglich zu der in § 6 des saarländischen Ge-
FDP zur zweiten Beratung des von der Bundesregie- setzes Nr. 669 bestimmten zusätzlichen Versiche-
rung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur rungssumme eine weitere zusätzliche Versiche-
weiteren Aufbesserung von Leistungen aus Renten - rungssumme in Höhe der sich nach § 6 Abs. 1
und Pensionsversicherungen sowie aus Kapital - Satz 1 des saarländischen Gesetzes Nr. 669 er-
zwangsversicherungen (Drucksachen IV/810, IV/922, gebenden zusätzlichen Versicherungssumme. § 6
zu IV/922). Abs. 1 Satz 2 und 3 des saarländischen Gesetzes
Nr. 669 gilt entsprechend."
1. In § 4 Abs. 1 werden die Worte „30 vom Hun-
dert" durch die Worte „45 vom Hundert" ersetzt. Bonn, den 14. Februar 1963
2. § 4 Abs. 1 a erhält nachstehende neue Fassung:
Schmücker und Fraktion
„(1 a) Aus den in § 5 des saarländischen Ge-
setzes Nr. 669 bezeichneten Versicherungsver Freiherr von Kühlmann-Stumm und Fraktion

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