Eutscher Bundestag: 61. Sitzung
Eutscher Bundestag: 61. Sitzung
61. Sitzung
Inhalt:
Fragen des Abg. Dr. Rutschke: Frage der Abg. Frau Dr. Hubert:
Frage der Abg. Frau Dr. Hubert: der EWG zur Abänderung der Verord-
nungen Nr. 3 und Nr. 4 des Rates der
Bevorratung mit Arzneimitteln bei
EWG über die Soziale Sicherheit der Wan-
chronischen Leiden
derarbeitnehmer (Drucksachen IV/917,
Frau Dr. Schwarzhaupt, IV/984) 2786 D
Bundesminister . . . . . . 2782 C, D
Frau Dr. Hubert (SPD) 2782 C Mündlicher Bericht des Ausschusses für In-
neres über die Verordnung über die Ein-
Entwurf eines Gesetzes zur weiteren Auf- zelheiten für die Feststellung der Ruhe-
besserung von Leistungen aus Renten- gehälter der in Artikel 83 Absatz 3 des
und Pensionsversicherungen sowie aus Statuts genannten Beamten sowie für die
Kapitalzwangsversicherungen (Druck- Aufteilung der aus der Zahlung dieser
sache IV/810); Schriftlicher Bericht des Ruhegehälter entstehenden Lasten auf
Wirtschaftsausschusses (Drucksachen den Versorgungsfonds der EGKS und die
IV/922, zu IV/922) — Zweite und dritte Haushaltspläne der EWG und der EAG
Beratung — (Drucksachen IV/964, IV/985) 2787 A
61. Sitzung
Bonn, den 15. Februar 1963
die heutige Tagesordnung erweitert um Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß
des Bundestages vom 25. Juni 1959 die nachstehenden Vorlagen
überwiesen:
1. Beratung des Antrags der Fraktionen der
Verordnung des Rates zur Änderung der Verordnung Nr. 55
CDU/CSU, FDP betr. Nachwahlen (Druck- des Rates hinsichtlich der Regelung für Malz — Drucksache
sache IV/982), IV/972 -
an den Ausschuß für Außenhandel — federführend — und an
2. Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus- den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten —
mitberatend —
schusses für Sozialpolitik über die von der
Verordnung des Rates über die vorübergehende Änderung
Bundesregierung vorgelegten Entwürfe der der Verordnung Nr. 55 des Rates hinsichtlich der Regelung
Verordnung über die Soziale Sicherheit der für denaturiertes Manihotmehl — Drucksache IV/946 —
Grenzgänger und der Verordnung über die an den Ausschuß für Außenhandel — federführend — und an
den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten —
Soziale Sicherheit der Saisonarbeiter (Druck- mitberand—.
sachen IV/375, IV/983),
Wir kommen zu Punkt 1 der Tagesordnung:
3. Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
schusses für Sozialpolitik über die von der Fragestunde (Drucksachen IV/958, IV/967).
Bundesregierung zur Unterrichtung vorge- Zunächst die Fragen aus dem Geschäftsbereich des
legte Verordnung des Rates der EWG zur Bundesministers für Verkehr. Ich rufe auf die Frage
Abänderung der Verordnungen Nr. 3 und X/11 — des Abgeordneten Josten —:
Nr. 4 des Rates der EWG über die Soziale Wie weit sind die Pläne für die Umgehungsstraße Altenahr
Sicherheit der Wanderarbeitnehmer (Druck- (Kreis Ahrweiler) gediehen?
sachen IV/917, IV/984),
4. Beratung des Mündlichen Berichts des Aus- Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver-
kehr: Herr Kollege, dem Bundesminister für Ver-
schusses für Inneres über eine von der Bun-
kehr ist im vergangenen Jahr von der Auftragsver-
desregierung zur Unterrichtung vorgelegte waltung des Landes Rheinland-Pfalz ein Vorent-
Verordnung über die Einzelheiten für die wurf für die Umgehungsstraße Altenahr vorgelegt
Feststellung der Ruhegehälter der in Arti- worden. Dieser Entwurf ist vom zuständigen Refe-
kel 83 Absatz 3 des Statuts genannten Beam- renten in der Örtlichkeit mit Vertretern des Landes
ten sowie für die Aufteilung der aus der Zah- besprochen worden. Da die Kosten bei der vorge-
lung dieser Ruhegehälter entstehenden La- sehenen Lösung mit 25 bis 30 Millionen DM in kei-
sten auf den Versorgungsfonds der EGKS und nem Verhältnis zu den erzielten Verbesserungen
die Haushaltspläne der EWG und der EAG stehen würden, wurde die Auftragsverwaltung ge-
(Drucksachen IV/964, IV/985). beten, eine neue Linienführung für die Umgehungs-
Außerdem ist schon durch Beschluß in der 60. Sit- straße zu untersuchen. Die hierzu notwendigen Luft-
zung des Bundestages am 13. Februar 1963 die aufnahmen werden in Kürze durchgeführt, sie sind
Tagesordnung erweitert worden um die durch den Winter verzögert worden. Erst dann kann
die Planung fortgesetzt werden. Ich hoffe, daß sie so
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs gefördert werden kann, daß noch während des zwei-
eines Gesetzes zur Änderung des Zweiten ten Vierjahresplanes mit den Arbeiten begonnen
Änderungsgesetzes zum AVAVG (Druck- werden kann.
sachen IV/744, IV/910).
Es ist beabsichtigt, diese Tagesordnungspunkte nach Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage,
Nr. 9, also vor der Debatte über die Probleme der Herr Abgeordneter Josten!
2776 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Josten (CDU/CSU) : Herr Minister, ist Ihnen be- Ausschaltung der bestehenden Ortsdurchfahrt von
kannt, daß besonders in den Sommermonaten die Karlsruhe, zwischen der Pfalz und dem gesamten
Verkehrsverhältnisse in Altenahr katastrophal sind, nordbadisch-württembergischen Raum als wün-
so daß eine möglichst schnelle Verwirklichung der schenswert erscheinen lassen, soll die neue Nord-
Pläne für die Umgehungsstraße dringend erforder- tangente 1. für den im Vorfeld der Stadt Karlsruhe
lich wäre? außerordentlich starken Pendlerverkehr aus den
Pfinztalgemeinden eine bessere Verbindung nach
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver- dem Zentrum der Stadt, 2. nach dem hauptsächlich
kehr: Die Verhältnisse in Altenahr sind mir sehr westlich von Karlsruhe gelegenen Industriegebiet
wohl bekannt. Es liegt ja nahe genug bei Bonn, daß mit drei Ölraffinerien und einem großen Zweigwerk
man sich um diese Sache auch von hier aus küm- von Mercedes-Benz neben bereits bestehenden Wer-
mern kann. Im übrigen ist die Lage im Ahrtal wie ken sowie 3. für das neue Industriegebiet zu beiden
in den ganzen Tälern der Eifel und auch des Huns- Ufern des Rheins eine gute, kreuzungs- und orts-
rück, wie Sie wissen, sehr schwierig. Infolgedessen durchfahrtsfreie Verbindung mit dem System der
bedürfen diese Arbeiten mit Rücksicht auf die Be- Bundesfernstraßen einschließlich Autobahn östlich
bauung und auch auf die Nutzung der Grundstücke und nördlich Karlsruhe schaffen. Es ist naheliegend,
zu landwirtschaftlichen und Weinbauzwecken einer daß die geplante Straße die ihr gestellten Aufgaben
besonders gründlichen Vorbereitung. Dadurch kann um so besser bewältigen kann, je kürzer und damit
es leider Gottes nicht so schnell gemacht und kann um so stadtnäher die geplante Linienführung sein
auch nicht so schnell gebaut werden. Ich darf Sie wird. Deshalb haben die planenden Stellen einver-
z. B. daran erinnern, wie lange wir uns mit der Um- nehmlich eine Trasse vorgeschlagen, die bei Gröt-
gehungsstraße für Kirn und jetzt mit der Um- zingen — östlich von Karlsruhe — von der be-
stehenden Bundesstraße 10 abzweigt, eine noch vor-
gehungsstraße für Idar-Oberstein herumschlagen.
handene Baulücke zwischen den Stadtteilen Rint-
Da liegen ja ähnliche Verhältnisse vor.
heim und Hagsfeld ausnützt, um dann in nahezu ge-
rader westlicher Linienführung südlich der Ge-
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe auf die meinde Neureut und dann nordwestlich an Karls-
Frage X/12 — des Abgeordneten Dr. Rutschke —: ruhe-Knielingen vorbei an die Zufahrtsrampe der
Welche Gründe sind dafür maßgebend, daß die Nordtangente neuen Rheinbrücke Karlsruhe-Maxau anzuschließen,
der B 10 bei Karlsruhe entgegen den Vorstellungen des Ver- wobei nördlich davon die beiden Raffinerien östlich
kehrsausschusses des Landtages von Baden-Württemberg und
dem Vorschlag des Bürgermeisters von Neureut durchgeführt des Rheins gut angeschlossen werden könnten.
werden soll?
Eine andere Variante für die künftige Führung
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver- der Bundesstraße 10 im Karlsruher Raum war zwar 1
kehr: Herr Kollege Rutschke hat drei Fragen ge- vor einem Jahr noch im Gespräch, als dem Ver-
stellt. Ich darf fragen, ob er einverstanden wäre, kehrsausschuß des Landtages ein Antrag vorlag, der
wenn ich sie hintereinander beantworte. eine günstige Verkehrsverbindung des Atom-
reaktorgeländes bei Leopoldshafen zum Gegenstand
hatte. In der Diskussion darüber wurden mehrere
Vizepräsident Dr. Dehler: Wie Sie belieben. Straßen genannt, die vordringlich ausgebaut wer-
Dann rufe ich auch auf die Fragen X/13 und X/14: den sollten, im wesentlichen Straßen des Landes.
Billigt es der Herr Bundesverkehrsminister, daß angesichts
Die Nordtangente der Bundesstraße 10 zählte aller-
der Bemühungen der Bundesregierung um Beschaffung von Bau- dings nicht dazu. Da der Verkehrsausschuß des
land in den Ballungsgebieten die vorgesehene Führung der B 10
wertvolles, zum Teil schon erschlossenes Bau- oder Bauerwar- Landtages außerdem keinen Beschluß in dieser An-
tungsland seiner Bestimmung entziehen wird? gelegenheit gefaßt hat, sehe ich keinen Widerspruch
Ist sich der Herr Bundesverkehrsminister der Gefahren für die zu der bereits durchgeführten Planung und den von
Bevölkerung von Neureut — vor allem für die Schulkinder —
bewußt, die sich daraus ergeben, daß die Führung der B 10 den Ihnen erwähnten Vorstellungen des Verkehrsaus-
Ortsteil Heide von der Gemeinde Neureut abschneiden soll? schusses des Landtages von Baden-Württemberg, an
die sich ja sonst auch das Landesministerium würde
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver- halten müssen.
kehr: Herr Kollege, die Vorplanung für die neue In diesem Zusammenhang darf ich noch erwähnen,
Nordtangente in Karlsruhe im Zuge der Bundes- daß dem Bundesverkehrsministerium bisher die Pla-
straße 10 ist im engen Einvernehmen zwischen der nung noch nicht offiziell zur Einsichtnahme oder gar
Stadt Karlsruhe, dem Regierungspräsidium Nord- zur Zustimmung übersandt worden ist. Ich habe
Baden und dem Innenministerium Baden-Württem- allerdings anläßlich eines Besuches in Karlsruhe im
berg in Stuttgart aufgestellt worden. Diese Arbeiten Herbst des vergangenen Jahres Gelegenheit gehabt,
sind inzwischen so weit gediehen, daß an Hand der mir die gesamte Planung von den Vertretern der
Vorplanung die Ausarbeitung eines baureifen Ent- Stadt selbst und von den Vertretern des Regie-
wurfs in Angriff genommen werden konnte. Ziel rungspräsidiums Nord-Baden in Karlsruhe sowie
der Planung ist es, für die Bundesstraßen 10 eine von den Repräsentanten der Industriewerke west-
zügige Schnellverbindung mit voraussichtlich auto- lich von Karlsruhe vortragen zu lassen. Ich bin des-
bahnartigem Querschnitt zwischen der neuen Rhein- halb darüber unterrichtet, wel che Schwierigkeiten
brücke bei Karlsruhe-Maxau und dem Pfinztal öst- der Planung einer dringend notwendigen neuen
lich von Karlsruhe zu schaffen. Neben diesen Ge- Bundesfernstraße im Karlsruher Raum entgegen-
sichtspunkten, die im Interesse des Fernverkehrs stehen. Sie sind aber vergleichsweise nicht ein-
eine möglichst kurze Verbindung, und zwar unter schneidender, als sie bei der Vorfeldbereinigung der
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2777
Bundesminister Dr.-Ing. Seebohm
Großstädte auch sonst aufzutreten pflegen, und bei völlig über den Haufen geworfen ist? Die Gemeinde
weitem nicht so einschneidend wie bei den Planun- Neureut entwickelt sich naturgemäß und vernünf-
gen im Vorfeld z. B. von Stuttgart. tigerweise in Richtung Stadt Karlsruhe. Die jetzige
Planung verhindert diese gesunde Entwicklung,
Selbstverständlich wird es auch von mir sehr be-
dabei geht sehr wertvolles, teilweise bereits
dauert, wenn durch die Planung von neuen Bundes-
erschlossenes Baugelände unwiederbringlich ver-
fernstraßen und von Umgehungsstraßen Gelände in
loren.
Anspruch genommen werden muß, das für später als
Bauland in Betracht kommen könnte. Ich lege des-
halb großen Wert darauf und habe auch immer wie- Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver-
der darauf hingewiesen, daß solches Gelände mög- kehr: Herr Kollege, es ist eben hier die Frage, ob
lichst durch die Straßenplanungen nicht beeinträch- die Entwicklung des Industriezentrums westlich von
tigt werden sollte. Dabei darf allerdings nicht über- Karlsruhe mit seinem Anschluß an das große Stra-
sehen werden, daß gerade die Raumplanung im Vor- ßennetz bedeutender ist als die Planung der Ge-
feld der großen und auch der größeren Städte vor- meinde Neureut, die eine Vorortgemeinde von
aussetzt, daß neu zu erschließende Wohn- und Sied- Karlsruhe ist. Bitte bedenken Sie, daß aus den drei
lungsflächen günstige Straßenverbindungen erhal- Raffinerien alle Minute ein Tanklastwagen ausfährt
ten. Wenn bei der Führung der neuen Karlsruher und daß dieser Tanklastwagen auf kürzestem Wege
Nordtangente jedoch Gelände, das als Siedlungs- zur Autobahn muß. Es ist natürlich zweckmäßig,
gelände in Betracht kommt, nicht gänzlich gemieden daß man hier eine möglichst kurze Linie sucht und
werden kann, so müssen diese Nachteile meines Er- daß man dabei nicht auf die Planungen einzelner
achtens im Zusammenhang mit den zu erwartenden kleinerer Gemeinden Rücksicht nimmt; denn die
verkehrlichen Vorteilen gesehen werden. Dabei ist Durchfahrt derartiger Lastwagen durch die Stadt
es Aufgabe der planenden Stellen und nicht von Karlsruhe stellt eine Gefährdung dar, die wir unter
uns, die wir ja hinterher die Entscheidung haben, allen Umständen so schnell wie möglich beseitigen
einen vertretbaren Weg herauszufinden, der sowohl müssen.
in bautechnischer und verkehrlicher Hinsicht mög-
lichst allen Anforderungen gerecht wird als auch in Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu-
wirtschaftlicher Hinsicht eine zufriedenstellende Lö- satzfrage!
sung darstellt, auf die der Bund, der ja schließlich
alles zu bezahlen hat, besonders bedacht sein muß. Dr. Rutschke (FDP) : Herr Bundesminister,
Die bisher durchgeführte Planung für eine neue welche Ansicht hat man im Hinblick auf die Vor-
Bundesstraße 10 im Vorfeld von Karlsruhe wurde schläge der Gemeinde Neureut, die Straße nördlich
von vornherein darauf abgestellt, daß dieser Stra- an Neureut vorbeizuführen? Dieser Verkehr — pro
ßenzug einen autobahnartigen Querschnitt mit ge- Minute ein riesiger Tanklaster — würde doch sonst
trennten Richtungsfahrbahnen erhalten soll. Schon quer durch das Gebiet der Gemeinde Neureut gehen
der zu erwartende starke Tanklastwagenverkehr und auch das Siedlungsgebiet Ortsteil Heide betref-
aus den drei Raffinerien zwingt dazu. Alle Kreuzun- fen.
gen mit anderen Verkehrswegen müssen deshalb in
niveaufreier Form gelöst werden. Eine Gefährdung Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver-
der Schulkinder auf ihrem Schulweg vom Ortsteil kehr: Herr Kollege, die Planungen, sind, wie gesagt,
Heide nach Neureut dürfte deshalb durch diese einvernehmlich sowohl von der Stadt wie vom Re-
Straße nicht eintreten, weil sie ja die Unterführun- gierungspräsidium wie vom Innenministerium ge-
gen benutzen können. macht worden, also auch von den für die Landkreise
Ich habe hier noch einen größeren Plan der gan- zuständigen Stellen. Wenn Sie sich einmal die Lage
zen Angelegenheit vorliegen, so daß irgendwelche von Neureut ansehen — Sie kennen sie genauso
Spezialfragen noch leicht erläutert werden können. gut wie ich —, sehen Sie, daß mit der nördlichen
Linie nicht zu erreichen ist, daß die Lastwagen, die
von hier kommen, diese Linie auch tatsächlich be-
Vizepräsident Dr. Dehler: Nach den Richt- nutzen. Vielmehr werden sie dann weiterhin durch
linien für die Fragestunde sollen die Fragen kurz die Stadt fahren.
gefaßt sein und eine kurze Antwort ermöglichen.
Ich glaube, wenn wir noch in das Studium des Plans
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage,
einträten, würde das den Rahmen der Fragestunde
Herr Abgeordneter Erler!
sprengen.
Noch eine Zusatzfrage? — Bitte, Herr Abgeord- Erler (SPD) : Herr Minister, ist Ihnen aufgefallen,
neter Rutschke. daß bei der Besprechung mit den Landesbehörden,
von der Sie vorhin berichtet haben, Vertreter der
Dr. Rutschke (FDP) : Herr Bundesminister, Sie beteiligten Gemeinden nördlich Karlsruhe nicht an-
sagten vorhin, daß diese geplante Trasse südlich wesend gewesen sind? Sind Sie nicht der Meinung,
Neureut vorbeiführen werde. Darf ich Sie darauf daß es zweckmäßig gewesen wäre, auch im Hinblick
hinweisen, daß die Trassenführung quer durch das auf die Kosten, einmal zu prüfen, ob eine Straße,
Gebiet von Neureut hindurchgeht, und zwar in die um ein geringfügiges länger ist, aber dafür
einer Breite von 435 Metern, so daß die gesamte keine Wohn- und Industrieanlagen der Zerstörung
Siedlungsplanung der Gemeinde Neureut damit anheimfallen läßt, volkswirtschaftlich leichter er-
2778 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Erler
träglich wäre und weniger Schaden in der dortigen Vizepräsident Dr. Dehler: Sie können das
Umgebung anrichten würde? natürlich potenzieren, das kann ja zusammengefaßt
werden. Eine weitere Zusatzfrage!
Dr.-Ing.- Seebohm, Bundesminister für Ver-
kehr: Herr Kollege Erler, alle Herren einschließlich Dr. Rutschke (FDP) : Herr Minister, darf ich die
des Landrats waren zu der Besprechung eingeladen. Frage des Herrn Kollegen Erler insoweit wieder-
Sie sind nicht gekommen. Dafür kann ich nicht; denn holen und fragen, ob Sie bereit sind, nun auch die
die Einladenden waren in erster Linie das Regie- Gemeinden nördlich von Karlsruhe noch einmal bei
rungspräsidium Nordbaden und der Herr Oberbür- dieser Planung zu hören.
germeister von Karlsruhe. Wir haben da an Hand
der Karten diese Fragen sehr genau geprüft und Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Ver-
haben auch, weil sich natürlich der Landesinnen- kehr: Selbstverständlich, sobald die weiteren Vor-
minister und der Regierungspräsident für die Pro- schläge des Innenministeriums vorliegen; denn ich
blematik des nördlich Karlsruhe liegenden Raums muß zunächst dem Innenministerium überlassen,
sehr verantwortlich fühlen, diese Fragen eingehend daß es diese Fragen selbst prüft. Das ist ja seine
besprochen. Schon damals ist der Herr Oberbürger- Aufgabe. Die Planungen werden von dem Innen-
meister von Karlsruhe von mir gebeten worden, das ministerium des Landes Baden-Württemberg und
Problem noch einmal, gegebenenfalls auch durch dem Regierungspräsidium Nordbaden aufgestellt.
wissenschaftliche Verkehrsexperten, untersuchen zu Diese müssen erst einmal mit den entsprechenden
lassen. Ich sagte ja vorhin, ich habe noch keinen Leuten sprechen. Wenn sich dabei keine Einigung
endgültigen Planungsvorschlag, und ich habe noch ergibt, dann ist für mich die Möglichkeit gegeben,
keine endgültige Entscheidung über die Linienfüh- vor der endgültigen Entscheidung auch noch einmal
rung treffen ,können. diese Kreise zu hören, die zu der Besprechung in
Karlsruhe, wie gesagt, eingeladen waren, aber lei-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine zweite Zu- der wegen Verhinderung des Herrn Landrates nicht
satzfrage, Herr Abgeordneter Erler! erschienen waren.
Erler (SPD) : Sind Sie bereit, bei der endgültigen Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe dann auf
Planung nicht nur die Meinung des Oberbürgermei- die Frage X/15 — des Herrn Abgeordneten Oet-
sters von Karlsruhe, sondern auch die Vorschläge zel —:
der nördlich von Karlsruhe liegenden Gemeinden Wann gedenkt die Bundesregierung die schon vor über 30
Jahren geplante Umgehungsstraße im Raume Witten zu bauen,
sachlich prüfen zu lassen und mit in Ihre Erwägun- um die längst unzureichende, in 3,5 km Länge durch das
gen einzubeziehen? Stadtgebiet führende Gemeinschaftsstrecke der Bundesstraßen
B 226 und B 235 vom Fernverkehr zu entlasten?
— Das ist eine Angelegenheit, die zunächst der Damit sind die Fragen aus dem Geschäftsbereich
Regierungspräsident von Karlsruhe durchzuführen des Bundesministers für Verkehr beantwortet. Ich
hat. danke Ihnen, Herr Minister.
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- zu dieser Frage ausführlich dargelegt worden ist,
meldewesen: Um den Selbstwählfemdienst im Be- beruht die unterschiedliche Gebührenregelung dar-
reich der Knotenvermittlungsstelle Bremervörde auf, daß die Kosten im handvermittelten Ferndienst
einrichten zu können, müssen erst die räumlichen wesentlich höher sind als im Selbstwählferndienst.
Voraussetzungen für die Unterbringung der techni-
schen Einrichtungen geschaffen werden. Hierzu ge- Vizepräsident Dr. Dehler: Zusatzfrage?
hören der Erwerb eines netztechnisch günstig ge-
legenen Grundstücks und die Errichtung eines Neu- Kuntscher (CDU/CSU) : Sieht der Herr Postmini-
baus. Die Baukapazität der Oberpostdirektion Bre- ster einen Weg, diese Ungerechtigkeiten baldigst zu
men ist jedoch durch den in den nächsten Jahren beseitigen, damit nicht für schlechtere Leistungen
geplanten Ausbau des Selbstwählferndienstes des höhere Gebühren zu zahlen sind?
Bezirks Bremen so ausgelastet, daß die Räume in
Bremervörde frühestens gegen Ende des Jahres
1966 bereitgestellt werden können. Der Aufbau der Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern-
technischen Einrichtungen für den Selbstwählfern- meldewesen: Herr Kollege Kuntscher, ich habe zu
dienst in Bremervörde ist daher nicht vor 1967 diesen Fragen im Bundestag bereits sehr, sehr aus-
möglich. führlich Stellung genommen. Ich bin aber gerne
bereit, noch einmal mit ein paar Sätzen darauf zu-
rückzukommen.
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage!
Der Selbstwählferndienst ist die moderne Ver-
Kuntscher (CDU/CSU): Eine Zusatzfrage! Stimmt bindung zwischen zwei Sprechstellen. Er ist erst seit
es, Herr Bundespostminister, daß die Oberpostdirek- dem Jahre 1952 im Bundesgebiet systematisch aus-
tion Bremen die äußeren Voraussetzungen für den gebaut worden. Es ist natürlich unmöglich, ein so
Ausbau des Selbstwählferndienstes, d. h. den Grund- großes Fernsprechgebiet wie die Bundesrepublik
stückserwerb, in den vergangenen Jahren sehr nach- Deutschland in wenigen Jahren auszubauen. Wir
lässig betrieben hat und daß dadurch Bremervörde sind zügig vorangekommen. Die Investitionsmittel
im Bremer Bereich für den Ausbau des Selbstwähl- für diesen Zweck haben sich allein in den letzten
ferndienstes fast an letzter Stelle liegt? vier Jahren verdoppelt. Das ist auch der einzige
Weg, um die sogenannte Ungerechtigkeit der Ge-
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- bührengestaltung aus der Welt zu schaffen. Daß
meldewesen: Herr Kollege Kuntscher, ich weiß nicht, wir durch möglichst hohe Investitionen den Selbst-
wie aktiv die Oberpostdirektion Bremen im Grund- wählferndienst möglichst rasch zum Endausbau brin-
stückskauf war und inwieweit das auf Bremer- gen, das ist mein Ziel, das ich wiederholt im Bun-
vörde zutrifft. Aber ich weiß, daß wir nur dann destag erklärt habe, und 'danach werde ich nach
Grundstücke kaufen, wenn auch die Planungsvor- wie vor handeln.
aussetzungen so weit vorangeschritten sind, daß
sich der Einsatz der Mittel für den Kauf von Grund- Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu-
stücken auch gegenüber der Öffentlichkeit und satzfrage des Herrn Abgeordneten Kuntscher.
gegenüber dem Rechnungshof rechtfertigen läßt.
Kuntscher (CDU/CSU) : Ich möchte den Herrn
Vizepräsident Dr. Dehler: Noch eine Zusatz- Bundespostminister noch fragen, ob ihm auch be-
frage? kannt ist, daß der Fernsprechdienst des Postamts
Bremervörde um 21 Uhr auf das Postamt Bremer-
Kuntscher (CDU/CSU) : Herr Bundespostminister, haven umgeschaltet wird, daß damit nicht nur hö-
würden Sie diesem Vorwurf, daß in den letzten here Gebühren und schlechtere Leistungen, sondern
Jahren die Pflichten beim Grundstückserwerb ver- auch noch unangemessene Wartezeiten bei der Ver-
nachlässigt worden sind, nachgehen, und könnten bindung eines Gespräches entstehen und daß es bei
Sie mir dann darüber einen Bericht geben? der letzten Katastrophenübung vorgekommen ist,
daß man eine Viertelstunde brauchte, um den Kreis-
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- brandmeister, der im Nachbarort von Bremervörde
meldewesen: Selbstverständlich werde ich das prü- wohnt, telefonisch zu erreichen?
fen lassen. Sie bekommen von mir einen schrift-
lichen Bericht. Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern-
meldewesen: Die Sprechbereitschaft in den einzel-
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe auf die nen Fernmeldeämtern richtet sich nach dem Ge-
Frage XI/2 — des Abgeordneten Kuntscher —: sprächsanfall. Auf Grund der auch Ihnen bekannten
Ist dem Herrn Bundespostminister die beachtliche finanzielle
Personalnot, die die Deutsche Bundespost insbeson-
Schädigung aller Inhaber von Fernsprechanschlüssen im Raum dere in den unregelmäßigen Diensten wie dem
Bremervörde bekannt, die dadurch entsteht, daß im Selbstwähl-
ferndienst ein 3-Minuten-Gespräch von Bonn nach Bremervörde Nachtdienst und vor allem auch in Auswirkung der
im Nachtdienst 0,64 DM kosten würde, daß aber das gleiche
Gespräch im Handwähldienst von Bremervörde nach Bonn
Jugendarbeitsschutzgesetzgebung, die dieses Haus
2,29 DM bzw. bei Tag 3,36 DM kostet? beschlossen hat, trifft, wird es für uns immer schwie-
riger, Kräfte zu bekommen. Wir müssen daher den
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- Versuch unternehmen, nach 21 Uhr ein Fernmelde-
meldewesen: Wie bereits in früheren Fragestunden amt zu einem anderen Fernmeldeamt zu schalten,
2780 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Bundesminister Stücklen
um die Kräfte dort rationell einsetzen zu können. Anspruch nimmt. Aus diesem Grund kann der
Der Anfall der Gespräche nach 21 Uhr ist im allge- Selbstwählferndienst nur schrittweise eingeführt
meinen nicht so groß. Wir haben aber nicht die werden.
Möglichkeit, den Anfall so zu steuern, daß die Ge-
Technisch liegt dem Umstand, daß manche Orts-
spräche gleichmäßig und regelmäßig einlaufen. Aus
netze zwar anwählbar sind, obwohl sie noch nicht
diesem Grunde kommt es vor, daß Wartezeiten auf-
zum Selbstwählferndienst zugelassen sind, folgen-
treten; das ist unvermeidbar.
der Sachverhalt zugrunde. — Es tut mir leid, Herr
Herr Kollege Kuntscher, für Katastrophenfälle Präsident, daß ich nun etwas ausführlicher werden
kann man eine gewisse Vorsorge treffen. Aber es muß, weil diese Frage wiederholt im Bundestag ge-
ist nicht möglich, für Naturkatastrophen von dem stellt wurde und weil mir sehr daran liegt, daß hier
Ausmaß der Flutkatastrophe im norddeutschen endgültige Klarheit besteht. — Für den Selbstwähl-
Raum alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß ferndienst und den restlichen handvermittelten Fern-
ein störungsfreier Betrieb in diesem Bezirk möglich dienst wird weitgehend ein gemeinsames Fernwahl-
ist; denn nicht nur diese eine Stelle wird versucht netz benutzt, über das fast alle Ortsnetze im Bun-
haben, irgendeine Dienststelle zu erreichen, sondern desgebiet erreichbar sind. Die restlose Zulassung
zum gleichen Zeitpunkt werden eben Hunderte von der an sich anwählbaren Ortsnetze scheitert aber an
Ferngesprächen angefallen sein, so daß also hier zwei Gründen:
ein Stau aufgetreten ist. Ich bitte daher zu berück- 1. Die Aufnahme des Selbstwählferndienstes hat
sichtigen, daß solche Naturkatastrophen nicht ein- eine außerordentliche Verkehrssteigerung zur Folge,
geplant werden können, weil dazu Investitionen setzt also eine Vermehrung der Wahlleitungen vor-
in einem unverhältnismäßig hohen Ausmaß erfor- aus.
derlich wären.
2. Im Selbstwählferndienst werden neben den un-
ter Umständen schon vorhandenen Wahlleitungen
Kuntscher (CDU/CSU) : Ich glaube, Herr Post- außerordentlich aufwendige zentrale Einrichtungen
minister, Sie haben mich nicht ganz verstanden — — für die automatische Leitweglenkung und Gebühren-
berechnung benötigt. Im allgemeinen sind diese Ein-
Vizepräsident Dr. Dehler: Ihre Möglichkeiten richtungen von vornherein für den späteren Voll-
sind erschöpft, Herr Kollege Kuntscher. Sie haben ausbau des Selbstwählferndienstes geeignet, ihrer
keine Möglichkeit, eine weitere Frage zu stellen. Zahl nach aber nur für eine bestimmte Verkehrs-
Sie haben bereits zwei Zusatzfragen gestellt. menge, die dem Leistungsvermögen des Fernwahl-
Wir kommen zur Beantwortung der Frage XI/3 — netzes entspricht, bemessen.
des Abgeordneten Hammersen —: Die genannten Einrichtungen für Leitweglenkung
Treffen Pressemeldungen zu, wonach es im Fernsprechverkehr und Gebührenerfassung sind so beschaffen, daß der
Vorwählnummern für Orte in der Bundesrepublik Deutschland,
insbesondere im Schwarzwald, gibt, die nach dem amtlichen nicht zugelassene Verkehr im allgemeinen technisch
Fernsprechbuch noch keine solche Nummern haben und für die verhindert wird. Aus wirtschaftlichen Gründen hat
daher die amtlichen Fernsprechauskunftstellen die Angabe dieser
Vorwählnummern verweigern und interessierte Fernsprechteil- man aber auf eine bis zum letzten Ortsnetz gehende
nehmer statt dessen auf den kostspieligeren Handvermittlungs-
dienst verweisen?
Unterscheidung verzichtet; man begnügt sich damit,
den Verkehr gebietsweise zu steuern. In dem Be-
Die Frage wird von Herrn Abgeordneten Dürr streben, möglichst viel Selbstwählferndienste zuzu-
übernommen. lassen, wird bisweilen schon der Verkehr zu ein-
zelnen Ortsnetzen zugelassen, obwohl die übrigen
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- Ortsnetze dieses Gebiets wegen Mangels an Lei-
meldewesen: Nicht nur im Schwarzwald, sondern tungen oder aus anderen technischen Gründen noch
fast überall im Bundesgebiet können bei Kenntnis nicht zum Selbstwählferndienst zugelassen werden
der entsprechenden Kennzahl einige Ortsnetze können. In diesen Fällen ist es bei Kenntnis der
selbst gewählt werden, die noch nicht „zum Selbst- Kennzahlen möglich, auch andere, noch nicht zum
wählferndient zugelassen" und deshalb in den amt- Selbstwählferndienst zugelassene Ortsnetze dieses
lichen Unterlagen noch nicht verzeichnet sind. Die Gebietes anzuwählen.
verschiedentlich geäußerte Vermutung, daß die Die Deutsche Bundespost mußte sich im Interesse
Deutsche Bundespost diese Kennzahlen nicht ver- der Teilnehmer entschließen, den einen oder ande-
öffentliche, um die Ausnutzung des zum Teil billi- ren Weg zu gehen. Um Fehlinvestitionen zu ver-
geren Tarifs zu verhindern, ist unzutreffend. Als meiden, haben wir bereits die technischen Einrich-
Ganzes gesehen ist der Selbstwählferndienst auch tungen für den Selbstwählferndienst in die Ämter
für die Deutsche Bundespost weitaus wirtschaftlicher eingebaut, obwohl die Leitungsbündel noch nicht
als der handvermittelte Ferndienst. Außerdem be- ausreichend verstärkt werden konnten. Wenn wir
stehen größte Schwierigkeiten, den Personalbedarf neben der bereits installierten Technik für den
für den handvermittelten Ferndienst zu befriedigen, Selbstwählferndienst die Leitungsbündel verstärkt
weshalb die Deutsche Bundespost bestrebt ist, den haben, dann wird der Selbstwählferndienst offiziell
restlichen handvermittelten Ferndienst baldmög- freigegeben.
lichst zu automatisieren. Die Automatisierung des
Fernverkehrs ist aber ein gewaltiges Vorhaben, das Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage.
auf Jahre hinaus die Planungs- und Finanzierungs-
möglichkeiten der Deutschen Bundespost und die Dürr (FDP) : Herr Minister, ist es also unver-
Fertigungsmöglichkeiten der Fernmeldeindustrie in meidlich, daß die Möglichkeit, einen Ort im Selbst-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2781
Dürr
wählferndienst anzuwählen, obwohl die Nummer Frau Dr. Hubert (SPD) : Warum ist dann aber
noch nicht im amtlichen Verzeichnis steht, nicht nur dem Bundestag, als ihm dieses Gesetz zur Ratifika-
für kurze Zeit, sondern zum Teil jahrelang besteht? tion vorgelegt wurde, nicht mitgeteilt worden, daß
es bis zur Hinterlegung noch sehr lange dauern
würde? Das Gesetz ist von uns doch schon 1959
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fern- ratifiziert worden.
meldewesen: Ja, das könnte sogar Jahre dauern.
Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe nun aus Amts: Es tut mir leid, Frau Abgeordnete, ich weiß
Drucksache IV/967 die Frage IV — des Herrn Abge- nicht genau, was dem Bundestag damals mitgeteilt
ordneten Dr. Mommer — aus dem Geschäftsbereich worden ist. Wie ich mich zu erinnern glaube, ist
des Bundesministers für , das Post- und Fernmelde- von seiten der Regierung- aber immer darauf hin-
wesen ,auf: gewiesen worden, daß man bestrebt sein würde,
die lange Liste der Vorbehalte, die wir im dama-
Was kann die Deutsche Bundespost tun, um die Poststempel
auf Postsendungen leserlicher zu machen? ligen Zeitpunkt erklären mußten, zu verkürzen. Das
setzt jedoch voraus, daß entsprechende gesetzliche
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- Bestimmungen verabschiedet werden, z. B. über den
wortung einverstanden erklärt. Die Antwort liegt Erwerb von Grundbesitz durch Ausländer oder über
noch nicht vor. Sie wird nach Eingang im Sitzungs- die Zulassung von Ausländern zu gewissen gewerb-
bericht abgedruckt. lichen Tätigkeiten. Derartige Gesetze sind in der
Ich danke Ihnen, Herr Minister. Zwischenzeit vom Bundestag beschlossen worden.
Zwei weitere Gesetzesvorlagen liegen dem Bundes-
Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts- tag zur Zeit vor. Wenn sie verabschiedet sind,
bereich des Auswärtigen Amts. Ich rufe die Frage I wird sich die Vorbehaltsliste weiter erheblich ver-
— der Frau Abgeordneten Dr. Hubert — auf: kürzen. Diesen Zeitpunkt möchten wir abwarten.
Warum wurde das vom Deutschen Bundestag am 11. Juni 1959
verabschiedete Ratifizierungsgesetz über das europäische Nieder- Ich darf vielleicht noch hinzufügen, daß wir glau-
lassungsabkommen vom 13. Dezember 1955 noch nicht hinterlegt? ben, dadurch, daß wir unsere Vorbehaltsliste ver-
Bitte, Herr Staatssekretär. kürzen, zugleich einen gewissen Einfluß auf unsere
Partner ausüben zu können dahin, daß sie das
gleiche tun, so daß am Schluß das Abkommen in
Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen einer Form in Kraft tritt, in der alle Partner mög-
Amts: Gemäß Art. 26 des Europäischen Niederlas- lichst wenig Vorbehalte erklären.
sungsabkommens kann jeder Partnerstaat bei der
Unterzeichnung dieses Abkommens oder bei der Vizepräsident Dr. Dehler: Zu einer weiteren
Hinterlegung seiner Ratifikationsurkunde Vorbe- Zusatzfrage Frau Abgeordnete Dr. Hubert.
halte zu dem Abkommen machen, soweit ein in sei-
nem Gebiet zu dieser Zeit geltendes Gesetz mit dem Frau Dr. Hubert (SPD) : Sollte es eigentlich nicht
Abkommen nicht übereinstimmt. Die Bundesregie- so sein, daß alle Vorarbeiten abgeschlossen sind,
rung hatte dementsprechend dem Europarat im wenn ein solches Gesetz dem Parlament zur Rati-
Januar 1956, also kurz nach der Unterzeichnung des fikation vorgelegt wird? Man muß doch annehmen,
Abkommens, eine vorläufige Vorbehaltsliste über-
daß das dann der Schlußakt ist und die Ratifi-
mittelt und ihn davon in Kenntnis gesetzt, daß eine
kationsurkunde sofort hinterlegt wird.
endgültige Liste bei der Hinterlegung der Ratifika-
tionsurkunde eingereicht werden würde.
Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen
Die Bundesregierung ist daran interessiert, daß Amts: Frau Abgeordnete, die Vorlage des Vertrages
die Zahl der Vorbehalte möglichst klein gehalten an das Parlament ist möglichst frühzeitig nach der
wird und zur Zeit noch bestehende Beschränkungen Unterschriftsleistung erfolgt. Der Vertrag sieht vor,
aufgehoben werden. Die von mir erwähnte vorläu- daß Vorbehalte erklärt werden können. Insofern
fige Liste hat in der Zwischenzeit infolge der U m- wäre die Erklärung auch einer langen Vorbehalts-
gestaltung des deutschen Rechts wesentliche Ände- liste mit dem Vertrag durchaus vereinbar. Aber aus
rungen erfahren. Sie ist stark verkleinert worden. politischen Gründen liegt der Bundesregierung
Die Beseitigung weiterer Vorbehalte ist vorgese- daran, diese Vorbehaltsliste möglichst kurz zu ma-
hen. Sobald die endgültige Vorbehaltsliste fertig- chen, und das setzt die von mir eben geschilderten
gestellt ist, wird die Ratifikationsurkunde hinter- Anstrengungen voraus.
legt werden.
Es darf noch bemerkt werden, daß zum Inkraft- Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen,
treten des Abkommens die Hinterlegung von fünf Herr Staatssekretär.
Ratifikationsurkunden erforderlich ist, bisher aber Ich rufe auf die Frage des Abgeordneten Schmitt-
nur drei Ratifikationsurkunden, und zwar die von Vockenhausen aus dem Geschäftsbereich des Bun-
Norwegen, Dänemark und Belgien, hinterlegt wor- desministers des Innern:
den sind.
Hat die Bundesregierung seit meiner Frage betr. Mangel an
Formularen des neuen Personalausweises (Fragestunde in der
35. Sitzung vom 15. Juni 1962 — Drucksache IV/479) noch keinen
Vizepräsident Dr. Dehler: Zu einer Zusatz- Weg gefunden, diesen Mangel zu beseitigen?
frage Frau Dr. Hubert. Bitte, Herr Minister!
2782 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Höcherl, Bundesminister des Innern: Auf meine Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für
Veranlassung, Herr Kollege Schmitt-Vockenhausen, Gesundheitswesen: Ich halte eine private Bevor-
arbeitet die Bundesdruckerei mit Hochdruck und ratung mit bestimmten Medikamenten für ebenso
bis zur äußersten Ausnutzung ihrer Kapazität. Ich wichtig wie die mit Lebensmitteln. Das gilt z. B. für
darf einige Zahlen bekanntgeben. Im September die Mittel für Zuckerkranke, aber auch für Epilep-
1962 waren es noch 710 000 Stück pro Monat, im tiker, für Kranke mit bösartiger Blutarmut oder mit
Januar 1963 schon 1 090 000. Trotzdem wird der grünem Star.
Bedarf nicht zu befriedigen sein, so daß sich die
Die Bundesregierung kann hier, soweit ich es im
Notwendigkeit ergibt, ein Verlängerungsgesetz Augenblick sehe, dreierlei Helfendes tun:
vorzulegen, das demnächst den Bundestag erreicht.
Erstens werden die Ärzte darauf aufmerksam ge-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage! macht werden müssen, daß sie ihren Patienten
raten, sich allmählich einen Vorrat für vier Wochen
anzulegen.
Schmitt-Vockenhausen (SPD) : Glauben Sie
nicht, Herr Minister, daß Ihr Haus ziemlich schwer- Zweitens. Da nicht alle Kranken selbst die Mittel
fällig gearbeitet hat, wenn erst jetzt das Gesetz aufbringen können, diesen Vorrat anzuschaffen —
vorgelegt wird, nachdem schon im letzten Sommer obgleich er nachher umgewälzt wird —, werden wir
offenkundig war, daß es auch bei stärkerer Ausnut- mit dem Bundesministerium für Arbeit und mit den
zung der Kapazität nicht möglich sein würde, mit Krankenkassen darüber verhandeln, inwieweit die
dem Druck der Ausweise rechtzeitig dem Bedarf Kosten für den Vorrat bei den Kranken, bei denen
gerecht zu werden? er notwendig ist, übernommen werden können.
Drittens. Die Versorgung der Zivilbevölkerung
Höcherl, Bundesminister des Innern: Ich bin der mit diesen ständig gebrauchten Mitteln ebenso wie
Meinung, daß es noch ausreicht, wenn das Gesetz die gesamte zivile Arzneimittelversorgung wird sich
jetzt vorgelegt wird, da bis jetzt keine Stockungen sehr stark auf die Apotheken stützen müssen.
empfindlicherer Natur eingetreten sind.
Vizepräsident Dr. Dehler: Zu einer Zusatz-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu- frage Frau Dr. Hubert!
satzfrage!
Frau Dr. Hubert (SPD) : Würde die Bundes-
Schmitt-Vockenhausen: Werden Sie also das regierung unter Umständen auch Überlegungen an-
Gesetz sehr schnell einbringen, damit in der Reise- stellen, ob man für eine größere Bevorratung dieser
zeit für die Bevölkerung keine allzu großen Schwie- meist sehr teuren Medikamente nicht steuerliche Er-
rigkeiten eintreten? leichterungen insofern vorsehen sollte, als man
etwa die steuerliche Abzugsfähigkeit festlegt?
Höcherl, Bundesminister des Innern: Ich werde
Sie wahrscheinlich bitten, ein Initiativgesetz vorzu-
legen, damit es schneller geht. Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für
Gesundheitswesen: Steuerliche Erleichterungen für
die Vorratshaltung, die ja teurer ist, kommen vor
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen, allem für die Apotheken in Betracht. Aber Ihr Ge-
Herr Minister. danke, diese Erleichterung eventuell auch den Kran-
Ich rufe auf die Fragen des Abgeordneten Dr. ken zu geben, ist gut, und ich werde ihn prüfen
Hamm (Kaiserslautern) aus dem Geschäftsbereich lassen.
des Bundesministers für Wirtschaft — Fragen III/1
und III/2 —: Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen,
Frau Ministerin.
Ist es zutreffend, daß nach einem Gutachten, das im Auftrag
der Landesregierung Nordrhein-Westfalen eingeholt worden ist,
die entsprechend der Rechtsverordnung des Bundeswirtschafts-
Wir sind damit am Ende dieses Tagesordnungs-
ministeriums über die Abbaubarkeit hergestellten Detergentien punktes.
eine erhöhte Giftigkeit aufweisen, die nicht nur den Fisch-
bestand in den Gewässern, sondern auch die Trinkwasserver-
sorgung gefährden kann? Ich rufe auf Punkt 7 der Tagesordnung:
Wird das Bundeswirtschaftsministerium die in Frage III/1 ge-
nannte Rechtsverordnung dahin ergänzen, daß mit der erhöhten Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
Abbaubarkeit der Detergentien eine Erhöhung der Toxizität nicht
verbunden sein darf? desregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur weiteren Aufbesserung von Lei-
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- stungen aus Renten- und Pensionsversiche-
wortung einverstanden erklärt. Die Antworten lie- rungen sowie aus Kapitalzwangsversicherun-
gen noch nicht vor. Sie werden nach Eingang im gen (Drucksache IV/810)
Sitzungsbericht abgedruckt werden.
Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsausschus-
Ich rufe auf die Frage der Abgeordneten Frau Dr. ses (16. Ausschuß) (Drucksachen IV/922,
Hubert aus dem Geschäftsbereich des Bundesmini- zu IV/922)
sters für Gesundheitswesen:
Beabsichtigt die Bundesregierung, die private Bevorratung mit (Erste Beratung 52. Sitzung).
Arzneimitteln bei bestimmten chronischen Leiden (z. B. Diabetes)
zu fördern? Ich danke dem Herrn Berichterstatter für seinen
Darf ich bitten, Frau Ministerin! Schriftlichen Bericht. Eine Ergänzung des Berichtes
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2783
Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat Frau Vizepräsident Dr. Dehler: Das Haus stimmt
Abgeordnete Dr. Diemer-Nicolaus. der Überweisung des Berichts des Herrn Bundes-
ministers der Justiz vom 10. September 1962 an den
Rechtsausschuß zu.
Frau Dr. Diemer-Nicolaus (FDP) : Herr Präsi-
dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich rufe dann den ersten Zusatzpunkt unserer
Namens der Freien Demokraten darf ich folgendes Tagesordnung auf:
erklären. Der Bericht des Bundesjustizministers über
die Richter, die als untragbar in einem demokrati- Beratung des Antrags der Fraktionen der
schen Rechtsstaat empfunden wurden, zeigt die CDU/CSU, FDP betreffend Nachwahlen
ganze Schwierigkeit dieser Frage. Von dem Herrn (Drucksache IV/982).
Kollegen Wittrock und vom Herrn Kollegen Güde Hier sind verschiedene Wahlvorschläge in einem
wurden die Probleme mit aller Eindringlichkeit dar- Antrag zusammengefaßt. Bestehen dagegen Beden-
gelegt. Schon die Tatsache, daß der Beschluß des ken? — Das ist nicht der Fall.
Bundestages, der zu dem Bericht führte, vom 14. Juli
1961 datiert, und die weitere Tatsache, daß diesem Dann können wir über diesen Antrag einheitlich
Beschluß schon damals sehr eingehende und sehr abstimmen. Wer zustimmt, gebe bitte ein Hand-
gründliche Beratungen im Rechtsausschuß zugrunde zeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der
lagen — auch gemeinsame Beratungen mit den Ver- Antrag ist einstimmig angenommen.
tretern der Landesregierung —, zeigen die Schwie-
rigkeit des Problems. Ich rufe den Zusatzpunkt 2 auf:
Auf der einen Seite steht die für einen Rechts- Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
staat unbedingt erforderliche Unabhängigkeit der schusses für Sozialpolitik über die von der
Richter. Gerade das „Dritte Reich" hat ja gezeigt, Bundesregierung vorgelegten Entwürfe der
wohin es führen kann, wenn diese Unabhängigkeit Verordnung über die Soziale Sicherheit der
nicht gewahrt bleibt. Auf der anderen Seite steht Grenzgänger und der Verordnung über die
die Tatsache, daß sich bei manchen Richtern erst Soziale Sicherheit der Saisonarbeiter (Druck-
später — nach ihrer Ernennung — ergeben hat, daß sachen IV/375, IV/983).
wir sie als Richter nicht für tragbar halten. Es liegt der Bericht des Herrn Abgeordneten Dr.
Es wird auch jetzt nicht einfach sein, im Rechts- Klein vor. Ich danke dem Herrn Berichterstatter.
ausschuß und nachher im Bundestag eine Lösung zu Eine Ergänzung wird nicht gewünscht. Auch eine
finden; nicht wegen der zwei Richter, die jetzt noch Aussprache wird nicht verlangt.
bekannt sind und zur Diskussion stehen, sondern
Ich kann über den Antrag des Ausschusses ab-
vor allen Dingen, worauf Herr Kollege Güde sehr
stimmen lassen. Wer ihm zustimmt, gebe bitte ein
eindringlich hingewiesen hat, wegen jener poten-
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? —
tiellen Fälle, die wir nicht, noch nicht kennen kön-
Ich kann einstimmige Annahme feststellen.
nen, weil viele Akten nicht zu unserer Verfügung
stehen und wir nicht wissen, was in dieser Hinsicht Ich rufe den Zusatzpunkt 3 auf:
noch vorgebracht werden kann.
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
Wir Freien Demokraten sind der Auffassung, daß schusses für Sozialpolitik über die von der
eine Grundgesetzänderung, gerade wenn sie mit der Bundesregierung zur Unterrichtung vorge-
Unabhängigkeit der Richter in Zusammenhang steht, legte Verordnung des Rates der EWG zur Ab-
außerordentlich schwer genommen und sehr, sehr änderung der Verordnungen Nr. 3 und Nr. 4
sorgfältig geprüft werden muß. Ich stimme insofern des Rates der EWG über die Soziale Sicher-
mit Herrn Kollegen Güde überein: das muß die heit der Wanderarbeitnehmer (Drucksachen
ultima ratio sein. Hoffen wir, daß sich Wege finden IV/917, IV/984).
lassen, die uns vor dieser ultima ratio bewahren.
Aber wir können diese Frage nicht weiterhin unge- Hier liegt der Bericht des Herrn Abgeordneten
löst im Raum stehenlassen, sondern wir müssen Biermann vor. Ich danke dem Herrn Kollegen für
Mittel und Wege zu ihrer Lösung finden, und zwar den Bericht. Auch hier wird keine Aussprache be-
wegen des Vertrauens zu unserer Rechtspflege, aber gehrt. Es liegt der Antrag des Ausschusses vor, daß
vor allen Dingen auch wegen des Vertrauens des das Haus die Verordnungen zur Kenntnis nimmt. —
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2787
Vizepräsident Dr. Dehler
Ich kann feststellen, daß diese Kenntnisnahme er- Wer begründet die Große Anfrage der SPD? —
folgt ist. Das Wort hat der Herr Abgeordnete Kurlbaum.
Dr. Dahlgrün, Bundesminister der Finanzen: Hieraus ergibt sich sehr deutlich, wie eng die
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich be- finanzielle und steuerpolitische Bewegungsfreiheit
grüße es sehr, daß die Großen Anfragen der Frak- des Bundes ist. Eingriffe in die Gestaltung einer so
tionen der SPD — Drucksache IV/548 — und der bedeutsamen Finanzquelle wie der Umsatzsteuer
FDP — Drucksache IV/684 — mir Gelegenheit geben, sind also für den Bund fraglos mit einem außer-
die überaus bedeutsame Frage der Umsatzsteuer- ordentlich großen Budgetrisiko verbunden. Jeden-
reform unter Berücksichtigung aller Probleme in falls sind bei einer Umsatzsteuerreform heute weni-
ihrer Gesamtheit darzulegen. Ich darf noch hervor- ger als je Haushaltsausfälle des Bundes zu verant-
heben, daß Abgeordnete der CDU/CSU den Entwurf worten, was ich mit allem Nachdruck hervorheben
eines neuen Umsatzsteuergesetzes in Gestalt einer möchte.
Mehrwertsteuer mit Vorsteuerabzug — Drucksache Mein zweiter Hinweis bezieht sich auf die Ent-
IV/660 — eingebracht haben und daß die Fraktion wicklung der Steuerharmonisierung im Rahmen der
der SPD den Entwurf eines Gesetzes für eine ein- Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Nach Art. 99
malige statistische Steuererklärung auf der Grund- des Vertrages von Rom hat die EWG-Kommission
lage einer Mehrwertsteuer mit Vorumsatzabzug — zu prüfen, wie die Rechtsvorschriften der einzelnen
Drucksache IV/691 — vorgelegt hat. Außerdem Mitgliedstaaten über die Umsatzsteuer, die Ver-
haben die Fraktionen der CDU/CSU und der FDP brauchsabgaben und sonstige indirekte Steuern,
eine grundsätzliche Überprüfung der Umsatzbe- einschließlich der Ausgleichsabgaben für den Han-
steuerung von Leistungen im Rahmen der Umsatz- delsverkehr zwischen den Mitgliedstaaten, im Inter-
steuerreform gefordert — Drucksache IV/736 —. esse des Gemeinsamen Marktes harmonisiert wer-
Ferner liegen Anträge auf Erhöhung der Umsatz- den können. Die Kommission muß dem Rat der
ausgleichsteuer — Drucksache IV/661 — und auf Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft entsprechende
andere Änderungen des geltenden Umsatzsteuer- Vorschläge unterbreiten, der hierüber einstimmig
rechts an zuständiger Stelle vor. zu entscheiden hat. Die Kommission hat sich in
Die Mängel unserer gegenwärtigen Umsatzsteuer mehrjährigen Untersuchungen um eine Klärung der
sind nicht erst seit heute im Gespräch. Viele bekla- Voraussetzungen einer solchen Harmonisierung be-
gen die konzentrationsfördernde Wirkung dieser müht. Auf der Grundlage des Ergebnisses dieser
Steuer sowie die Tatsache, daß man den Grenzaus- Untersuchungen hat sie dem Rat der Europäischen
gleich bei ihr nicht für jede Ware genau vornehmen Wirtschaftsgemeinschaft vor kurzem ihre Vor-
kann. Mir erscheint eine umfassende Behandlung schläge zur Harmonisierung der Umsatzsteuern
des Themas Umsatzsteuerreform vor allem deshalb unterbreitet, die bereits im Finanzausschuß des
wichtig, weil in der Öffentlichkeit die schwierigen Parlaments in Bearbeitung sind.
Fragen dieser Reform häufig nicht erschöpfend be-
Die Bundesregierung hat das Hohe Haus und den
handelt und in ihrer Tragweite nicht voll übersehen
Bundesrat entsprechend dem Gesetz zu den Ver-
werden.
trägen zur Gründung der Europäischen Wirtschafts-
Bevor ich auf die einzelnen Fragen eingehe, ge- gemeinschaft und der Europäischen Atomgemein-
statten Sie mir, daß ich zwei Hinweise auf Gesichts- schaft von diesen Vorschlägen unterrichtet. Diese
punkte voranstelle, die für die Umsatzsteuerreform in Bearbeitung befindliche Vorlage hat die Nr.
im Augenblick, aber auch auf absehbare Zeit von IV/850.
ausschlaggebender Bedeutung sind.
Unter diesen Umständen kann die Frage einer
Im Hintergrund aller Betrachtungen zu einer Re- Reform der Umsatzsteuer in der Bundesrepublik
form unserer Umsatzbesteuerung steht die Tatsache, nicht völlig losgelöst von der Harmonisierung der
daß das dem Bund durch Art. 106 des Grundgeset- Umsatzsteuern in der Europäischen Wirtschaftsge-
zes ausschließlich zugewiesene Aufkommen der Um- meinschaft behandelt werden.
satzsteuer die mit Abstand bedeutendste Einnahme-
quelle des Bundes ist. Dieses Aufkommen erbringt Im übrigen tragen auch die beiden Großen An-
seit Jahren mehr als 40% aller Bundessteuerein- fragen dem Gewicht der Entwicklung in der Euro-
nahmen und wird einschließlich Umsatzausgleich- päischen Wirtschaftsgemeinschaft Rechnung, indem
steuer für das Haushaltsjahr 1963 auf 20,2 Milliar- sie sich bekanntlich nicht nur auf die Frage einer
den DM geschätzt. Der Bund könnte bei seiner innerdeutschen Umsatzsteuerreform, sondern auch
2792 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Bundesminister Dr. Dahlgrün
auf die Harmonisierung der Umsatzsteuern im Rah- nämlich ein Grenzausgleich für jede einzelne Ware
men der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft er- entsprechend durchführen, womit ich zugleich Frage
strecken. 2 c) der Großen Anfrage der Fraktion der SPD be-
Aus Gründen der Übersichtlichkeit werde ich antwortet habe.
mich in meinen weiteren Ausführungen zunächst Die Umsatzsteuer sollte weiterhin dem Staat, des-
mit den allgemeinen Fragen der Umsatzsteuerreform sen Bedarfsdeckung sie dient, ein möglichst stetiges
in der Bundesrepublik beschäftigen, um am Schluß und sicheres Aufkommen gewährleisten.
zu den Fragen überzugehen, die sich aus der Zuge- Andererseits ,sollte die Umsatzsteuer wegen ihres
hörigkeit der Bundesrepublik zur Europäischen hohen Aufkommens so gestaltet sein, daß sie der
Wirtschaftsgemeinschaft ergeben. konjunkturpolitischen Forderung einer antizyk-
Zu einer Urteilsbildung in der bereits seit dem lischen Steuerpolitik nicht entgegenwirkt.
Bestehen der Umsatzbesteuerung immer wieder Eine weitere Grundsatzforderung von großer Be-
erhobenen Frage nach der besten Umsatzsteuer, die deutung betrifft die Praktikabilität der Besteuerung.
sich auch in den beiden Großen Anfragen der Frak- Eine Steuer darf nicht so kompliziert gestaltet sein,
tionen der FDP und der SPD findet, gehört vorab daß sie Wirtschaft und Verwaltung überfordert.
die Klarstellung, daß es Grundsatzforderungen an
eine Umsatzbesteuerung gibt, denen kein Umsatz- (Abg. Schulhoff: Sehr richtig!)
steuersystem gleichzeitig und in gleichem Umfange — Schon Popitz, Herr Schulhoff, der Schöpfer un-
gerecht werden kann, weil die völlige oder auch nur serer Umsatzsteuer, warnte davor, sich bei der
weitgehende Erfüllung einer dieser Forderungen Abfassung von Steuergesetzen nur von volkswirt-
oft zwangsläufig die Erfüllbarkeit einer anderen schaftlichen Erkenntnissen leiten zu lassen.
Forderung ausschließt. (Abg. Dr. Koch meldet sich zu einer
Jede Gestaltung der Umsatzbesteuerung hat zu- Zwischenfrage.)
nächst davon auszugehen, daß die Umsatzsteuer
wirtschaftlich als allgemeine Verbrauchsteuer wir- Vizepräsident Dr. Dehler: Zwischenfragen
ken soll. Sie steht damit im Gegensatz zu den sind jetzt nicht möglich, sondern erst während der
Spezialakzisen, die nur auf ausgewählten einzelnen Aussprache.
Gütern des Verbrauchs lasten. Da die Umsatzsteuer
den Verbrauch besteuert, ergänzt sie im Rahmen
Dr. Dahlgrün, Bundesminister der Finanzen:
des gesamten Steuersystems sinnvoll die direkte
Popitz, der Schöpfer unserer Umsatzsteuer, sagte:
Besteuerung der Personen und Gesellschaften nach
dem erzielten Einkommen, nach dem Ertrag und Diese Erkenntnisse sind nötig, sie können gar
nach dem Vermögen. nicht ausgedehnt genug sein und müssen alle
Einzelheiten unserer Wirtschaftsgestaltung um-
Im einzelnen möchte ich folgendes bemerken: fassen. Aber sie können unmöglich in den
Aus dem wirtschaftlichen Charakter einer allge- Steuergesetzen in allen diesen Einzelheiten
meinen Verbrauchsteuer ergibt sich als eine Grund- ihren Niederschlag finden. Eine Steuerlehre,
satzforderung, daß die Umsatzsteuer nach ihrer Ge- die dies anstrebt, ist methodisch falsch; denn
staltung von den Unternehmungen als echte betrieb- sie verkennt die Bedeutung und die Grenzen
liche Kostensteuer mit dem Preis der Ware oder der Steuertechnik, deren äußerer Ausdruck die
Leistung auf .den Verbraucher überwälzt werden rechtliche Formung ist. In der Besteuerung
kann. Die Umsatzsteuer muß daher so gestaltet sein, entscheidet schließlich der rechtliche Erfolg.
daß die Überwälzung möglichst einfach und leicht Er ist bei wesentlichen Verstößen gegen wirt-
vonstatten gehen kann. schaftliche Erkenntnisse gewiß nicht oder nicht
auf die Dauer zu erreichen. Er bleibt aber
Die Umsatzsteuer sollte weiterhin die wirtschaft- ebenso aus, wenn die Gestaltung der Steuer
lichen Wettbewerbsbedingungen nicht beeinflussen. so kompliziert wird, daß die Gesetze undurch-
Sie sollte also auch nicht — hiermit bejahe ich zu- führbar werden.
gleich die Frage 2 a) der Großen Anfrage der Frak- Im übrigen benachteiligt eine zu komplizierte
tion der SPD — die Zusammenfassung von aufein- Steuer insbesondere die kleineren Unternehmen.
ander folgenden Wirtschaftsstufen steuerlich begün- Den größeren wird im Regelfall eine Unterneh-
stigen und damit aus steuerlichen Gründen die wirt- mensberatung zur Verfügung stehen, die es ihnen
schaftliche Konzentration, unabhängig von den Be- leichter macht, die Schwierigkeiten der Besteuerung
dürfnissen der Volkswirtschaft, fördern. Die Erfül- zu überwinden.
lung dieser Forderung, die von der Bundesregierung
Welches Urteil läßt sich nun unter diesen Gesichts-
als besonders bedeutsam angesehen wird, sollte je-
punkten über die gegenwärtig in der Bundesrepublik
doch nicht durch Maßnahmen erkauft werden, die
geltende und erhobene Umsatzsteuer fällen? Zu-
ihrerseits andere schwere Wettbewerbsstörungen
nächst muß man wissen, daß diese Besteuerungs-
hervorrufen. Auf diese Frage werde ich später noch
form auf dem Prinzip einer Allphasen-Bruttoumsatz-
eingehen.
besteuerung fußt. Die Steuer erfaßt auf allen Stufen
Ferner sollte die Umsatzbesteuerung so beschaf- des Wirtschaftsablaufs grundsätzlich jeden Verkauf
fen sein, daß die steuerliche Belastung der Waren und jede Leistung. Dabei wird sie für jeden Umsatz
möglichst genau feststellbar ist. Nur dann läßt sich vom vollen vereinnahmten oder vereinbarten Ent-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2793
Bundesminister Dr. Dahlgrün
gelt erhoben. Dieses in Deutschland seit über 40 Jah- In der Nachkriegszeit sind die Umsatzsteuersätze
ren in den Grundzügen unverändert bestehende zur Deckung des zunehmenden Finanzbedarfs des
System, das auch viele andere Länder übernommen Bundes zweimal erhöht worden. Der allgemeine
haben, zeigt — mißt man es an den vorerwähnten Steuersatz beträgt zur Zeit 4 v. H. Damit ist der im
Grundsatzforderungen — eine Reihe von — das System vorhandene nachteilige Einfluß der Steuer
wollen wir nicht vergessen — ungewöhnlichen auf die Unternehmensgestaltung sehr gewichtig ge-
Vorzügen, denen jedoch auch sehr gewichtige harte worden. Er könnte sich bei zunehmender Verschär-
Nachteile gegenüberstehen. fung des Wettbewerbs auch noch nachteiliger aus-
wirken, als er es heute tut.
Die Vorzüge des geltenden Systems sind, was
die Sicherung der Bedarfsdeckung und die Praktika- Die sich aus solchem Grunde ergebende Begünsti-
bilität der Besteuerung angeht, nicht zu bestreiten. gung der Konzentration hat gesellschaftspolitisch
Dies tritt bei einer Kritik an diesem System, so unerwünschte Wirkungen. Der Bundesregierung
berechtigt eine solche in anderer Hinsicht sein mag, liegt vor allem die Erhaltung der selbständigen
oft zu sehr in den Hintergrund. Bei gegenüber allen Klein- und Mittelbetriebe am Herzen. Ich denke in
anderen Systemen niedrigen Steuersätzen erbringt diesem Zusammenhang auch an die Zuliefererbe-
die geltende Umsatzsteuer für den Staat ein hohes triebe, die in unserer arbeitsteiligen Wirtschaft eine
und sicheres Aufkommen. Es kommt hinzu, daß ihre wichtige Rolle spielen und spielen sollen. Es wäre
Erhebung — sieht man von Sondervergünstigungen, jedoch falsch, anzunehmen, daß nur große Unter-
mit denen sie allerdings zunehmend ausgestattet nehmen von der Begünstigung der Konzentration
worden ist, ab — bei dem größten Teil der Steuer- durch die Bruttoumsatzsteuer Vorteile erlangen
fälle einfach ist. können. Mehrstufige Unternehmen gibt es in allen
Größenklassen der Wirtschaft. So sind z. B. die
Diese Vorteile dürfen jedoch nicht darüber hin- Handwerker, wenn sie in ihrem Unternehmen Fa-
wegtäuschen, daß unsere Umsatzsteuer in ihrer heu- brikation und Vertrieb ihrer Waren bis zum letzten
tigen Gestalt auch erhebliche Nachteile besitzt. Verbraucher vereinen, begrifflich den mehrstufigen
Unternehmen zuzurechnen. Andererseits gibt es
Der Keim zu diesen Nachteilen liegt im System. auch manche Großunternehmen, deren Tätigkeit sich
Es handelt sich um die Kumulativwirkung, die da- nur auf eine Wirtschaftsstufe erstreckt.
durch eintritt, daß die Steuer bei jedem Umsatz vom
vollen Entgelt, also einschließlich der vorhergehen- In diesem Zusammenhang sei im übrigen be-
den Steuer, erhoben wird. Diese Kumulierung der merkt, daß die derzeitige Umsatzsteuer die arbeits-
Steuer führt zu unterschiedlichen Gesamtbelastun- intensiven Unternehmen — hierbei handelt es sich
gen der Waren, je nachdem, wie oft eine Ware auf vorzüglich um Betriebe des Mittelstandes — im Ver-
dem Weg bis zum Verbraucher umgesetzt wird. hältnis zu den kapitalintensiven Unternehmen gün-
Verkauft — um ein vereinfachtes Beispiel zu geben stig behandelt, da letztere in höherem Maße von
— eine Ziegelei einem Bauunternehmer Ziegel zur der zum Teil hohen umsatzsteuerlichen Vorbela-
Herstellung eines Gebäudes für 50 000 DM, so hat stung der Investitionsgüter betroffen werden.
die Ziegelei bei einem Steuersatz von 4 v. H.
Ein weiterer bedeutsamer Nachteil unserer Um-
2000 DM Umsatzsteuer zu zahlen. Der Bauunterneh-
mer schuldet seinerseits 4000 DM Umsatzsteuer, satzsteuer ergibt sich beim zwischenstaatlichen Wa-
wenn er von seinem Auftraggeber für die Herstel- renverkehr. Es ist allgemein üblich, daß die Staaten
lung des Gebäudes einen Kaufpreis von 100 000 DM ihre Ausfuhrwaren von der auf ihnen ruhenden
fordert. Der bereits versteuerte Einkaufspreis der Umsatzsteuer entlasten und die Einfuhrwaren an
Ziegel von 50 000 DM wird also in dem Umsatz des der Grenze mit einer entsprechenden Ausgleichsab-
Bauunternehmers noch einmal erfaßt. Insgesamt gabe belegen. Wie ich schon sagte, ist die umsatz-
sind von der Ziegelei und von dem Bauunterneh- steuerliche Belastung der Inlandswaren bei unserer
mer 6000 DM Umsatzsteuer zu entrichten. Gliedert Umsatzsteuer auf Grund der Kumulativwirkung
der Bauunternehmer jedoch seinem Betrieb eine unterschiedlich und im Einzelfall auch nicht bekannt.
eigene Ziegelei an, so entfällt die Versteuerung des Daher läßt sich der Grenzausgleich im zwischen-
Erwerbs der Ziegel. Es liegt nur noch e i n Umsatz staatlichen Handelsverkehr nicht für jede Ware ge-
vor, der beim Verkauf des fertigen Gebäudes getä- nau in Höhe der tatsächlichen Belastung durchfüh-
tigt wird und bei einem Kaufpreis von 100 000 DM ren.
zu einer Gesamtsteuerschuld von nur 4000 DM an Es gibt nun gewisse Möglichkeiten, die darge-
Stelle von 6000 DM im ersten Fall führt. stellten Mängel unserer derzeitigen Umsatzsteuer
zu beseitigen oder abzuschwächen. So ist zum Bei-
Wem es also gelingt, Wirtschaftsstufen auszu- spiel vorgeschlagen worden, das gegenwärtige
schalten oder mehrere Stufen in seinem Unterneh- System durch Ausgleichsmaßnahmen in der Form
men zusammenzufassen, der kann dadurch Umsatz- von Zusatzsteuern für mehrstufige Betriebe oder
steuer sparen. Unsere derzeitige Umsatzsteuer be- von Phasenpauschalierungen und durch eine voll-
günstigt daher die vertikale Konzentration. Dieser ständige Befreiung des gesamten Großhandels von
Nachteil konnte, insbesondere mit Rücksicht auf die
der Umsatzsteuer zu verbessern.
erwähnten Vorteile, in Kauf genommen werden, so-
lange der Steuersatz sehr niedrig war. Popitz hat Ausgleichsmaßnahmen ließen sich jedoch im Be-
bereits darauf hingewiesen, daß die Mängel dieser reich der Produktion, wo .sie in erster Linie notwen-
Steuer um so erträglicher seien, je niedriger der dig wären, wegen der differenzierten Struktur wich-
Steuersatz sei. tiger Bereiche der deutschen Wirtschaft nur in
2794 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963
Bundesminister Dr. Dahlgrün
Schwerpunkten durchführen, und das könnte die eines Systemwechsels auf das Preisniveau mit stati-
wettbewerbsstörenden Wirkungen der Allphasen schen Mitteln nicht abschätzen. Hier müßte, da sich
Bruttoumsatzsteuer nur auf bestimmten Gebieten bei uns die Preise im allgemeinen am Markte bil-
beseitigen. So gab es zum Beispiel bis 1958 eine den, immer von Annahmen ausgegangen werden.
Zusatzsteuer bei der Verbindung von Herstellung In diesem Zusammenhang möchte ich bemerken,
und Einzelhandel. Alle diese Maßnahmen sind daß der Vorschlag der SPD-Fraktion, durch stati-
naturgemäß mit erheblichen technischen und wett- stische Steuererklärungen der Wirtschaft auf der
bewerblichen Schwierigkeiten verknüpft. Im kon- Grundlage einer Mehrwertsteuer Probeberechnun-
kreten Falle kann sich außerdem die durch eine Zu- gen vorzunehmen, im Grunde durchaus einleuchtend
satzsteuer bedingte Mehrbelastung im internatio- ist.
nalen Wettbewerb sehr nachteilig auswirken. Eine (Hört! Hört! bei der SPD.)
vollständige Befreiung des Großhandels von der
Umsatzsteuer würde zwar jeglichen steuerlichen Man wird aber statistische Steuererklärungen nicht
Anreiz zu dessen Ausschaltung beseitigen; die für ein zurückliegendes Jahr verlangen können, in
Finanzlage des Bundes — das darf ich offen sagen dem die Unternehmer noch keine besonderen Auf-
— verbietet jedoch z. Z. eine solche Maßnahme. zeichnungen vorgenommen haben, wie sie der SPD-
Eine gewisse Verbesserung des Grenzausgleichs Entwurf notwendig machen würde. Außerdem wür-
im Rahmen des jetzigen Systems könnte im übrigen den die statistischen Erhebungen eine außerordent-
dadurch erreicht werden, daß man in umfangreichen liche Mehrarbeit für Wirtschaft und Verwaltung mit
Einzelberechnungen die umsatzsteuerliche Belastung sich bringen und nur dann von vollem Wert sein,
sämtlicher Waren möglichst genau festzustellen ver- wenn feststünde, daß der von der SPD eingebrachte
sucht. Auf Durchschnittssätze könnte man wegen Mehrwertsteuerentwurf ungefähr in dieser Form
der oft auch in der gleichen Branche unterschied- auch Gesetz werden würde. Dazu darf ich im folgen-
lichen Unternehmensstruktur der deutschen Wirt- den noch Stellung nehmen.
schaft trotzdem nicht verzichten. Sie müßten außer- Die Fragen 1 der Fraktion der FDP und 1 Absatz 3
dem wegen des stetigen Wandels im wirtschaft- der Fraktion der SPD darf ich, so hoffe ich, hiermit
lichen Geschehen immer wieder überprüft werden. als beantwortet ansehen.
Nach den vorstehenden Ausführungen ist es ver- Nach den bisherigen Untersuchungen zur Umsatz-
ständlich, daß man in unserem Lande schon seit lan- steuerreform ist die Bundesregierung der Auffas-
gem nach einem Umsatzsteuersystem sucht, das die sung, daß für eine Ablösung des bestehenden Sy-
Vorzüge des gegenwärtigen Systems auf der einen stems ein alle Phasen der Produktion und Verteilung
Seite möglichst weitgehend bewahrt, zugleich aber umfassendes Mehrwertsteuersystem in Betracht
wettbewerbsneutral ist, keine Anreize zur Konzen- kommt. Zur Frage 2 der Großen Anfrage der Frak-
tration bietet und einen genauen Grenzausgleich er- tion der FDP, ob für eine Umsatzsteuerreform außer
möglicht. Auf diesem Gebiet sind in dieser und in einem Mehrwertsteuersystem noch andere Systeme
den vergangenen Legislaturperioden, wie das auch in Erwägung zu ziehen sind, bemerke ich folgendes:
schon in den Begründungen der Fraktionssprecher
zu den Großen Anfragen dargelegt worden ist, um- Die oben erwähnten, allein aus der Kumulativ-
fangreiche Vorarbeiten geleistet worden. Ich möchte wirkung unseres jetzigen Systems folgenden Män-
es mir ersparen, im einzelnen diese sehr eingehen- gel ließen sich allerdings auch durch eine Umsatz-
den Untersuchungen noch einmal aufzuführen, die besteuerung vermeiden, die nur auf einer einzigen
nicht nur von der Verwaltung selbst, sondern auch Umsatzphase vorgenommen wird. In Betracht käme
von den Wissenschaftlern — so insbesondere vom in diesem Zusammenhang eine Einzelhandelsteuer,
Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium eine Grossistensteuer oder eine Produktionsteuer. -
der Finanzen — sowie von besonderen Kommissio-
Die theoretisch reinste Form der allgemeinen
nen und Arbeitsgruppen auch der Fraktionen durch-
Verbrauchsbesteuerung ist die Einzelhandelsteuer,
geführt wurden.
die nur die zum Verbrauch bestimmten Güter und
Auf Grund dieser Vorarbeiten und Untersuchun- Leistungen erfaßt, weil sie gleichmäßig wirken kann
gen verfügt die Bundesregierung über ein umfang- und am wenigsten Ausgleichsmaßnahmen an der
reiches, gründlich bearbeitetes Material zur Frage Grenze erfordert. Der Nachteil dieser in Norwegen
der Umsatzsteuerreform. Sie ist auch im Besitz von und Schweden eingeführten Steuer ist, daß der ge-
statistischen Unterlagen für die Ausarbeitung ent- samte Umsatzsteuerbedarf auf einer Stufe erhoben
sprechender Gesetzentwürfe. Die Ergebnisse vor- wird, auf der sich eine verhältnismäßig große Zahl
handener und die demnächst zu erwartenden Ergeb- von wirtschaftlich nicht so starken Unternehmern be-
nisse neu eingeleiteter Statistiken dürften zur Durch- findet. Aus diesem Grunde, aber auch wegen der bei
leuchtung und Charakterisierung der mit einem Einführung der Steuer eintretenden starken Bela-
Systemwechsel verbundenen ökonomischen und
stungsverschiebungen erscheint es schwer möglich,
finanziellen Wirkungen — soweit diese überhaupt
diese Besteuerungsform in der Bundesrepublik wirt-
abschätzbar sind — ausreichen. Sie würden es er-
schaftlich und politisch durchzusetzen.
möglichen, verhältnismäßig zuverlässig den bei je-
dem in Betracht kommenden Umsatzsteuersystem Sehr eingehend ist auch die Möglichkeit geprüft
erforderlichen allgemeinen Steuersatz sowie die worden, unser Umsatzsteuersystem durch eine
Auswirkungen gegebenenfalls notwendiger abwei- Grossistensteuer abzulösen. Dieses in der Schweiz
chender Steuersätze in besonderen Fällen annähernd mit guten Erfahrungen angewandte Umsatzsteuer
zu ermitteln. Dagegen ließen sich die Auswirkungen system läßt die Besteuerung dann eintreten, wenn
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963 2795
Lemmer 28. 2.
Liste der beurlaubten Abgeordneten
Lenz (Bremerhaven) 15. 2.
Leonhard 15. 2.
Abgeordneter) beurlaubt bis einschließlich
Liehr 15. 2.
Dr. Arndt (Berlin) 16. 2. Dr. Löbe 1. 3.
Dr. Aschoff 15. 2. Lücker (München) 15. 2.
Dr. Atzenroth 15. 2. Dr. Mälzig 15. 2.
Dr. Dr. h. c. Baade 15.2. Margulies * 15. 2.
Mattick 15. 2.
Bauer (Wasserburg) 15. 2.
Maucher 15. 2.
Bazille 15. 2.
Frau Dr. Maxsein 15. 2.
Frau Berger-Heise 15. 2.
Dr. h. c. Menne (Frankfurt) 15. 2.
Beuster 15. 2. Metzger * 15. 2.
Fürst von Bismarck 22. 2. Michels 15. 2.
Blachstein 15. 2. Dr. h. c. Dr.-Ing. E. h. Möller 15. 2.
Böhme (Hildesheim) 15. 2. Müller (Berlin) 31. 3.
Corterier 15. 2. Müller (Nordenham) 2. 3.
Dr. Danz 15. 2. Murr 15. 2.
Deringer 15. 2. Nellen 15.2.
Diebäcker 15.2. Neubauer 17. 2.
Dopatka 21.2. Neumann (Allensbach) 15. 2.
Dr. Dörinkel 20. 2. Neumann (Berlin) 23. 2.
Dr. Dr. h. c. Dresbach 31. 3. Oetzel 28. 2.
Ehren 15. 2. Opitz 15. 2.
Frau Eilers 15. 2. Frau Dr. Pannhoff 15. 2.
Eisenmann 15. 2. Dr.-Ing. Philipp 15. 2.
Etzel 15. 2. Pöhler 15. 2.
Figgen 20.4. Ramms 15, 2.
Dr. Dr. h. c. Friedensburg 15. 2. Dr. Reinhard 15. 2.
Fritsch 15. 2. Dr. Reischl 15. 2.
Frau Funcke (Hagen) 15. 2. Dr. Rieger (Köln) 15. 2.
Funk (Neuses am Sand) 16. 2. Ritzel 15.2.
Dr. Furler 15. 2. Ruf 16. 2.
Gaßmann 15. 2. Sander 15. 2.
Gedat 15. 2. Schoettle 15. 2.
Gehring 15.2. Dr. Schwörer 15.2.
Freiherr zu Guttenberg 15. 2. Seidl (München) 15. 2.
Hahn (Bielefeld) * 15.2. Seither 11.3.
Hamacher 15. 2. Spitzmüller 15. 2.
Hammersen 15. 2. Dr. Stammberger 28.2.
Harnischfeger 15. 2. Steinhoff 15. 2.
Hauffe 28.2. Dr. Steinmetz 15. 2.
Höfler 15. 2. Stingl 15. 2.
Kalbitzer * 15.2. Dr. Stoltenberg 15. 2.
Katzer 28. 2. Strauß 18. 3.
Dr. Kempfler 15.2. Strohmayr 15. 2.
Frau Dr. Kiep-Altenloh 15. 2. Dr. Tamblé 15. 2.
Frau Kipp-Kaule 15. 2. Urban 15. 2.
Klein (Saarbrücken) 15. 2. Frau Vietje 15. 2.
Kohlberger 15.2. Dr. Wahl 28. 2.
Dr. Kohut 15. 2. Weber (Georgenau) 15.2.
Dr. Kopf 15. 2. Wellmann 15.2.
Frau Krappe 15. 2. Werner 24. 2.
Kraus 15. 2. Wittmer-Eigenbrodt 30. 4.
Krug 15. 2. Dr. Wuermeling 1. 3.
Dr. Krümmer 15. 2. Wullenhaupt 19.2.
Kühn (Hildesheim) 16. 2. * Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen des Euro-
Leber 15.2. päischen Parlaments
2804 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 61. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Februar 1963