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Eutscher Bundestag: 59. Sitzung

Das Dokument enthält den Protokolltext einer Sitzung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 1963. Es werden verschiedene Fragen an Regierungsmitglieder gestellt und beantwortet, unter anderem zu Themen wie Verkehr, Gesundheit und Landwirtschaft.

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Eutscher Bundestag: 59. Sitzung

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D eutscher Bundestag

59. Sitzung

Bonn, den 8. Februar 1963

Inhalt:

Erweiterung der Tagesordnung 2649 A Frage des Abg. Ertl:


Umgehungsstraße im Bereich der Stadt
Fragestunde (Drucksachen IV/947, IV/948) Freising
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister . 2652 B
Frage des Abg. Hussong:
Internationale Kommission zum Schutze Fragen des Abg. Gehring:
der Saar vor Verunreinigung Entschädigung für Gebäude, die beim
Dr.-Ing. Seebohm, Ausbau der Autobahnen abgebrochen
Bundesminister . . 2649 C, D, 2650 A werden

Hussong (SPD) 2649 D Dr.-Ing. Seebohm,


Bundesminister . . 2652 D, 2653 B, C

Frage des Abg. Neumann (Berlin) : Gehring (CDU/CSU) . . . . . 2653 B, C

Verkehrsregelung an der Kreuzung Frage des Abg. Neumann (Allensbach) :


Koblenzer Straße — Siebengebirgsstraße
in Bonn Keine Sechserkarten für die Bundes-
bahnstrecke Niederjosbach—Frankfurt 2653 D
Dr.-Ing. Seebohm,
Bundesminister 2650 A, C, D
Frage des Abg. Dr. Gleissner:
Neumann (Berlin) (SPD) . . 2650 B, C, D
Verbesserung der Auslandswerbung
für den Fremdenverkehr
Frage des Abg. Baier (Mosbach) :
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister . 2654 A
Unfälle durch Verwechslung der Toi-
lettentür mit der Ausgangstür von
Frage des Abg. Dr. Gleissner:
Eisenbahnwagen
Reiseverkehr
Dr.-Ing. Seebohm,
Bundesminister . . 2650 D, 2651 B, C Dr.-Ing. Seebohm,
Bundesminister 2654 B, C
Baier (Mosbach) (CDU/CSU) . . 2651 B, C
Lemmrich (CDU/CSU) 2654 C

Frage des Abg. Dr. Mommer:


Frage des Abg. Dr. Bechert:
Unterversorgung der elektrifizierten
Vergiftungen durch Gas
Bundesbahnstrecken mit Strom
Dr. Westrick, Staatssekretär 2655 A, C, D
Dr.-Ing. Seebohm,
Bundesminister . . 2651 D, 2652 A, B Dr. Bechert (SPD) 2655 B
Dr. Mommer (SPD) 2652 A, B Jacobi (Köln) (SPD) 2655 C, D
II Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Frage des Abg. Dr. Czaja: des Landwirtschaftsgesetzes (Drucksachen


Bauliche Innenarbeiten im Winter IV/940, zu IV/940)

Dr. Westrick, Staatssekretär . . 2656 A, B Schwarz, Bundesminister . . . . . 2659 B

Dr. Czaja (CDU/CSU) 2656 B Schriftlicher Bericht des Ausschusses für


Gesundheitswesen über den Antrag der
Farge des Abg. Dr. Czaja: Fraktion der SPD betr. Bundeshilfe bei
Mißbildungen durch Arzneimittel (Druck-
Förderung des Bauens im Winter
sachen IV/630, IV/905)
Dr. Claussen,
Könen (Düsseldorf) (SPD) . . . . 2666 B
Staatssekretär . 2656 B, D, 2657 A, B
Frau Engländer (CDU/CSU) . . . . 2669 B
Dr. Czaja (CDU/CSU) 2656 D
Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) . 2670 B
Gerlach (SPD) . . . . . . . . 2657 A
Glombig (SPD) 2671 C
Baier (Mosbach) (CDU/CSU) . . 2657 A, B
Dr. Jungmann (CDU/CSU) . . . 2673 C
Frage des Abg. Dr. Bechert:
Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
Gefährdung der Neugeborenen wegen Inneres über die
Unverträglichkeit der Blutgruppen der
Eltern Verordnung Nr. .... des Rats (EWG)
zur Änderung der Artikel 108 und 109
Frau Dr. Schwarzhaupt, des Statuts der Beamten der Europäischen
Bundesminister 2657 C, D Wirtschaftsgemeinschaft
Dr. Bechert (SPD) 2657 C, D Verordnung Nr..... des Rats (EAG) zur
Änderung der Artikel 108 und 109 des
Frage des Abg. Dr. Bechert: Statuts der Beamten der Europäischen
Bleierkrankungen bei Kindern Atomgemeinschaft
Frau Dr. Schwarzhaupt, Verordnung Nr..... des Rats (EWG und
Bundesminister 2658 A, B EAG) zur Änderung des Artikels 66 des
Statuts der Beamten der Europäischen
Dr. Bechert (SPD) 2658 A, B Wirtschaftsgemeinschaft und der Euro-
päischen Atomgemeinschaft
Frage des Abg. Junghans: Verordnung Nr. des Rats (EWG und
Kleinpapierverbrenner EAG) über die Festsetzung der Berichti-
Frau Dr. Schwarzhaupt, gungskoeffizienten für die Dienst- und
Bundesminister
Versorgungsbezüge der Beamten
2658 B, C
Junghans (SPD) (Drucksachen IV/911. IV/952) 2673 D
2658 C

Frage des Abg. Jacobi (Köln) (SPD) : Schriftlicher Bericht des Außenhandelsaus-
schusses über die neuen Vorschläge der
Gesetz für Gasentgiftung Kommission zu Verordnungen des Rats
Frau Dr. Schwarzhaupt, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
Bundesminister . . 2658 D, 2659 A, B betreffend Ausführungsbestimmungen zur
gemeinsamen Agrarpolitik (Drucksachen
Jacobi (Köln) (SPD) 2658 D IV/898, IV/957) 2674 A
Haase (Kassel) (CDU/CSU) . . . 2659 A
Nächste Sitzung 2674 C
Bericht der Bundesregierung über die Lage
der Landwirtschaft gemäß §§ 4 und 5 Anlagen 2675
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2649

59. Sitzung
Bonn, den 8. Februar 1963

Stenographischer Bericht Wir treten in die Tagesordnung ein und beginnen


mit der

Beginn: 9.04 Uhr Fragestunde


(Drucksachen IV/947, IV/948).
Vizepräsident Dr. Schmid: Die Sitzung ist er- Zunächst Fragen aus dem Geschäftsbereich des
öffnet. Bundesministers für Verkehr! Frage IX/1 — des
Herrn Abgeordneten Hussong —:
Vor Eintritt in die Tagesordnung gebe ich be-
Was hat die Bundesregierung zur Konstituierung der mit Ver-
kannt: Nach einer interfraktionellen Vereinbarung trag vom 21. Dezember 1961 vorgesehenen Bildung einer Inter-
wird die heutige Tagesordnung wie folgt erweitert: nationalen Kommission zum Schutze der Saar vor Verunreinigung
bisher getan bzw. was gedenkt sie zu tun, damit die Konsti-
tuierung dieser Kommission möglichst bald erfolgt und deren
Erstens. Beratung des Schriftlichen Berichts des unverzügliche Arbeitsaufnahme ermöglicht wird?

Ausschusses für Inneres (6. Ausschuß) über die von Bitte, Herr Bundesverkehrsminister!
der Bundesregierung zur Unterrichtung vorgelegte
Verordnung Nr. ... des Rats (EWG) zur Än- Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
derung der Artikel 108 und 109 des Statuts Die Frage, Herr Präsident, darf ich wie folgt beant-
der Beamten der Europäischen Wirtschafts- worten: Nach langwierigen intensiven Bemühungen
gemeinschaft der Regierung der Bundesrepublik Deutschland ist
Verordnung Nr. ... des Rats (EAG) zur Än- es nunmehr gelungen, die beiden Internationalen
derung der Artikel 108 und 109 des Statuts Kommissionen zum Schutze von Mosel und Saar
der Beamten der Europäischen Atomgemein- gegen Verunreinigung am 29. Januar 1963 in Paris
schaft zu konstituieren. Einzelheiten über die Konstituie-
rung und die ersten Arbeiten sind in dem Bulletin
Verordnung Nr. ... des Rats (EWG und EAG) vom 6. Februar, also von vorgestern, auf Seite 211
zur Änderung des Artikels 66 des Statuts der veröffentlicht worden.
Beamten der Europäischen Wirtschaftsgemein-
schaft und der Europäischen Atomgemein-
schaft Vizepräsident Dr. Schmid: Zusatzfrage!
Verordnung Nr. ... des Rats (EWG und EAG)
über die Festsetzung der Berichtigungskoeffi- Hussong (SPD) : Herr Bundesminister, ist Ihnen
zienten für die Dienst- und Versorgungsbe- bekannt, daß von den lothringischen Kohlengruben
züge der Beamten täglich mehr als 8000 Kubikmeter Schlamm in die
— Drucksachen IV/911, IV/952 —. Rossel geleitet werden und die Verschlammung der
Saar und der Mosel im wesentlichen darauf zurück-
Berichterstatter ist Herr Abgeordneter Schmitt- zuführen ist?
Vockenhausen.

Zweitens. Beratung des Schriftlichen Berichts des Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
Außenhandelsausschusses (17. Ausschuß) über die Herr Kollege, das ist mir sehr wohl bekannt, da ich
von der Bundesregierung vorgelegten neun Vor- Bergmann bin und diese Verhältnisse schon seit
über vierzig Jahren kenne.
schläge der Kommission zu Verordnungen des Rats
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft betr.
Ausführungsbestimmungen zur gemeinsamen Agrar- Vizepräsident Dr. Schmid: Zweite Zusatzfrage!
politik — Drucksachen IV/898, IV/957 —. Bericht-
erstatter ist Herr Abgeordneter Bading.
Hussong (SPD) : Herr Bundesminister, wird die
Die folgende amtliche Mitteilung wird ohne Ver- Bundesregierung nunmehr alles tun, darauf hinzu-
lesung in den Stenographischen Bericht aufgenom- wirken, daß die Kommission nicht nur bald ihre
men: Arbeit aufnimmt, sondern daß die Arbeiten der
Die Fraktion der FDP hat mit Schreiben vom 6. Februar 1963 Unterkommissionen künftig auch zügig vorwärts-
ihre Kleine Anfrage betr. Wertfortschreibung für forstwirtschaft-
liche Flächen — Drucksache IV/925 — zurückgezogen. getrieben werden?
2650 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr: nicht mit mir der Auffassung, daß das, was einige
Wir werden uns die größte Mühe geben, Herr hundert Meter weiter nördlich an der Koblenzer
Kollege. Ich darf auf das Urteil des Bundesverfas- Straße an einigen Kreuzungen möglich ist, auch an
sungsgerichts bezüglich der Aufhebung des vom dem Hauptknotenpunkt Siebengebirgsstraße, den
Hohen Haus beschlossenen Gesetzes zur Reinhal- wir alle täglich benutzen — und wir sehen die
tung der Bundeswasserstraßen hinweisen, die ja in Schwierigkeiten —, angebracht werden kann?
Zukunft ausschließlich Angelegenheit der Länder ist.
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter,
Vizepräsident Dr. Schmid: Die Frage ist be- zu Ihrer Belehrung: in der Geschäftsordnung steht,
antwortet. Ich schlage vor, daß jetzt gleich die daß Bewertungen nicht Gegenstand von Fragestun-
Frage aus dem Geschäftsbereich des Bundesministers den sein können.
für Verkehr in Drucksache IV/948 beantwortet wird.
— Ich rufe diese Frage — des Herrn Neumann Neumann (Berlin) (SPD) : Herr Präsident, ich
(Berlin) — auf: danke Ihnen. Aber Sie haben Verständnis für meine
Ist der Herr Bundesverkehrsminister bereit, bei den zuständi- Äußerung, wenn Sie die Antwort gehört haben.
gen Behörden zu veranlassen, daß an der Kreuzung Koblenzer
Straße—Friedrich-Ebert-Allee, Walter-Flex-Straße—Siebengebirgs-
straße aus Gründen der Verbesserung der Verkehrssicherheit
und des schnelleren Verkehrsflusses eine zusätzliche Ampel für Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
die aus der Stadt kommenden und zum Bundeshaus abbiegenden
Verkehrsteilnehmer angebracht wird?
Herr Kollege Neumann, ich darf bemerken, daß
meine Antwort aus dem ersten Satz bestand und
daß die von Ihnen genannte bürokratische Darstel-
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
lung diejenige ist, die ich, um Sie über die Auf-
Die örtliche Verkehrsregelung ist entsprechend dem
fassung der zuständigen Landesbehörde zu unter-
Grundgesetz ausschließliche Angelegenheit der
richten, eingeholt habe. Diese konnte ich nur so
Landesbehörden; ein Weisungsrecht des Bundes wiedergeben, wie sie mir gegeben worden ist.
besteht nicht. Ich kann daher Ihrem Wunsch zu
meinem Bedauern nicht entsprechen.
Vizepräsident Dr. Schmid: Ist das nicht ein
Zuständig ist für das Verkehrsministerium in Eingriff in die Hoheit der Länder?
Nordrhein-Westfalen die Straßenverkehrsbehörde
in Bonn. Sie hat mir im Einvernehmen mit dem Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
Herrn Landesminister für Wirtschaft und Verkehr Ich bitte um Verzeihung, Herr Präsident, das war
folgende Auskunft erteilt:
auch eine Bewertung.
Nach einer Verkehrszählung im Juni 1962 beträgt
die Knotenpunktbelastung an der angesprochenen
Kreuzung in 16 Stunden 41 500 Pkw-Einheiten. Der
Neumann (Berlin) (SPD) : Herr Bundesminister,
darf ich Sie fragen, ob Sie im Interesse aller Bun-
stärkere Verkehr liegt auf der Nord-Süd-Richtung
destagsabgeordneten und Bundestagsbesucher nicht
mit 20 350 Pkw-Einheiten, unter denen rund 3000
die gleiche Freundlichkeit wie im vorigen Jahr auf-
Einheiten nach links in die Siebengebirgsstraße
wenden wollen, als Sie nach meiner Frage auch ein
abbiegen, während der Süd-Nord-Verkehr in der
sinnwidriges Verkehrsschild vor dem Bundestag
gleichen Zeit 17 500 Pkw-Einheiten aufweist. Unter
durch Ihre Vermittlung entfernen ließen?
Berücksichtigung dieser Verkehrsbelastung ist die
Grünzeit für den Nord-Süd-Verkehr 12 Sekunden
länger als die der Gegenrichtung. Diese 12 Sekunden Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
stehen den Linksabbiegern, außer der Grünzeit der Herr Kollege Neumann, ich habe selbstverständlich
Süd-Nord-Richtung, zusätzlich zur Verfügung. Diese die Absicht gehabt, auf Grund Ihrer Frage die Stra-
Zeit wird allerdings nicht durch ein besonderes ßenverkehrsbehörde in Bonn zu bitten, dieses Pro-
Linksabbiegelichtzeichen angezeigt, und zwar des- blem noch einmal eingehend zu überprüfen, um,
halb nicht, weil bei einer besonderen Pfeilanzeige wenn möglich, zu erreichen, daß das in unserem
davon wieder 3 Sekunden aus Sicherheitsgründen Sinn geregelt wird.
fortfallen müßten, die nicht entbehrlich sind, wenn (Abg. Neumann [Berlin] : Ich danke Ihnen
der Verkehr zügig abgewickelt werden soll. Ein sehr.)
grüner Abbiegepfeil wird grundsätzlich nur dann
verwendet, wenn volle Sicherheit besteht, daß die Vizepräsident Dr. Schmid: Damit ist auch
angezeigte Richtung auch wirklich frei ist. Die der- diese Frage zur Zufriedenheit aller beantwortet.
zeitige Regelung ohne eine besondere Phase für
den Linksabbiegeverkehr hat jedoch außerdem den Ich rufe auf die Frage IX/2 — des Abgeordneten
Vorteil, daß man während der gesamten Grünzeit Baier (Mosbach) —.
nach links abbiegen kann, wenn Lücken im Gegen- Wieviel Unfälle mit tödlichem Ausgang sind in den letzten
10 Jahren dadurch entstanden, daß Zugreisende die Toilettentür
verkehr dies zulassen. des Eisenbahnwagens mit der Ausgangstür verwechselten und
dabei aus dem Zug stürzten?

Vizepräsident Dr. Schmid: Eine Zusatzfrage! Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
Die Zahl der tödlichen Unfälle, die in den letzten
Neumann (Berlin) (SPD) : Herr Bundesminister, 10 Jahren durch Verwechslung der Außentür mit
sind Sie nicht mit mir der Auffassung, daß diese der Toilettentür bei Eisenbahnwagen entstanden
Antwort eine vollendet bürokratische ist? Sind Sie sind, ist mir leider nicht bekannt, da Untersuchun-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2651
Bundesminister Dr.-Ing. Seebohm
gen über einen so langen Zeitraum nicht vorliegen. habe, derartige Unfälle; wie die Leute das fertig-
Bekannt ist dagegen die Gesamtzahl der Todesfälle bringen, ist mir schleierhaft. Andererseits aber sind
durch Stürze aus Reisezügen. Sie wird seit 1956 nach innen gehende Türen beim Ein- und Ausstei-
ermittelt. Die Zahlen lauten wie folgt: Gesamtzahl gen sehr hinderlich und werden vom Publikum nicht
1956 35, 1957 34, 1958 36, 1959 39, 1960 31 und gewünscht.
1961 33. Davon sind vorsätzlich — durch Selbst-
mord, durch vorzeitiges oder verspätetes Ausstei- Vizepräsident Dr. Schmid: Letzte Zusatzfrage.
gen — von den genannten Zahlen im Durchschnitt
6 bis 7 Unfälle herbeigeführt. Es verbleibt also eine
Baier (Mosbach) (CDU/CSU) : Herr Bundesmini-
Anzahl von Unfällen, die zwischen 28 und 32 ster, mir wurden, als die Frage bekanntwurde, in
schwankt. Diese Unfälle gehen auf eine ganze Reihe einer Reihe von Zuschriften von vielen, die offen-
von Ursachen zurück, wie Fahrlässigkeit, Trunken- sichtlich Patente auf diesem Gebiet entwickeln wol-
heit, mangelnde Aufsicht oder auf nicht zu ermit- len, Vorschläge gemacht. Ich frage: Werden in
telnde Umstände. Ihrem Hause und von der Bundesbahn auch alle
Wie viele von diesen Fällen auf eine Verwechs- möglichen Vorschläge für einfache, aber verbesserte
lung der Außentür mit der Toilettentür zurückzu- Verriegelungen der Türen geprüft?
führen sind, konnte für 1961 durch eine eingehende
besondere Untersuchung, die die Hauptverwaltung Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
der Deutschen Bundesbahn auf meine Veranlassung Ja, Herr Kollege, die werden geprüft, und zwar
durchgeführt hat, geklärt werden. Von den insgesamt durch die Eisenbahn-Zentralämter. Es sind beson-
27 Fällen des Jahres 1961 sind nur 4 Stürze aus der dere Stellen bei den Eisenbahn-Zentralämtern, die
Tür neben der Toilette erfolgt. Davon sind 2 Fälle sich gerade mit dieser Frage beschäftigen, die auch
mit Sicherheit nicht auf eine Verwechslung zurück- alle Vorschläge, die kommen, auf ihre Brauchbar-
zuführen. Nur in den beiden letzten Fällen ist eine keit prüfen.
Verwechslung nicht auszuschließen, aber keines- Sie werden sich aus unserer Heimat erinnern: da
wegs unbedingt zu beweisen. Ich darf hinzufügen, war es früher so, daß ein Außenriegel an der Tür
daß jeder Todessturz besonders eingehend nicht war, der immer geschlossen werden mußte und den
nur von der Bundesbahn, sondern auch von der der Schaffner an jeder Station erst geöffnet hat. Das
Staatsanwaltschaft untersucht wird. ist eigentlich das einzige, was mit Sicherheit ver-
Ich glaube, daß diese Untersuchung, die für 1962 hindert, daß m an die Tür während der Fahrt auf-
wiederholt werden soll, nämlich bezüglich der Ver- macht; aber es verhindert eben auch das schnelle
wechslung der Außentür mit der Toilettentür, hin- Ein- und Aussteigen.
reichend klargestellt hat, daß der Verwechslung die-
ser beiden Türen nicht jene Bedeutung zukommt, Vizepräsident Dr. Schmid: Die Frage ist be-
die man bisher von manchen Seiten angenommen antwortet.
hat und die auch in der Presse immer wieder auf- Frage IX/3 — des Abgeordneten Dr. Mommer —:
taucht. Auf die laufende Verbesserung an den Tü- Wie konnte es zur Unterversorgung der elektrifizierten
ren und Türverschlüssen darf ich hier ergänzend Strecken der Bundesbahn mit Strom kommen, die jetzt zu Störun-
gen im Betrieb und verringerter Wirtschaftlichkeit führt?
hinweisen. Besonders gut haben sich dabei die
neuen Drehfalttüren bewährt, die seit zwei Jahren
bei allen neuen Wagen verwendet werden. Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
Herr Kollege, von einer Unterversorgung der Bun-
desbahn mit Bahnstrom kann im Augenblick nicht
Vizepräsident Dr. Schmid: Eine Zusatzfrage. gesprochen wenden. Wenn es in letzter Zeit zu ge-
wissen kurzzeitigen Engpässen gekommen ist, so
Baier (Mosbach) (CDU/CSU) : Herr Bundesmini- hat das seine wesentliche Ursache darin gehabt, daß
ster, unabhängig davon, was die Ursache dieser die Bundesbahn in der jetzt laufenden Frostperiode
immerhin beträchtlichen Zahl tödlicher Unfälle war, im Interesse einer ausreichenden Versorgung mit
stellt sich doch die Frage insgesamt, ob es nicht Brennstoffen, vor allem des süddeutschen Raumes,
nötig wäre — und ich glaube, es ist möglich —, ihre Leistungsfähigkeit auf das äußerste steigern
nicht nur bei neuen Wagen, sondern auch bei den mußte. Wir haben auf den Rheinstrecken zum Teil
in Betrieb befindlichen Wagen durch bessere Schutz- eine bis zu 50 % höhere Zahl von Güterzügen ge-
und Verriegelungsvorrichtungen solche Unfälle zu fahren gegenüber den Spitzenzahlen, die wir im
verhindern. Sommer erreichen. Dabei wurde die sonst übliche
Reserve bei der Stromversorgung voll in Anspruch
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr: genommen. Kurzfristig traten Schwierigkeiten einer-
Herr Kollege Baier, wir haben in den letzten Jah- seits auf bestimmten Strecken durch eine Anzahl
ren laufend die Schlösser umgestellt, haben also be- von durch strengen Frost verursachten Isolatoren-
reits wesentlich verbesserte Schlösser eingeführt. brüchen auf, andererseits auch eine Störung durch
Sie wissen, daß bei anderen Eisenbahnen dem Pro- den eintägigen Ausfall einer Stromerzeugungs-
blem dadurch begegnet wird, daß die Türen nach maschine in Aschaffenburg am 23./24. Januar 1963.
innen aufgehen. Dieses Nachinnenaufgehen der Die angespannte Lage hat sich seit dem letzten Mon-
Türen verhindert selbstverständlich in stärkerem tag wesentlich entspannt, weil ein vorübergehend
Maße die Gefahr eines Hinausstürzens. Aber auch ausgefallener 34-MW-Generator im Kraftwerk Düs-
bei diesen Bahnen ereignen sich, wie ich festgestellt seldorf nunmehr wieder in Betrieb genommen worden
2652 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Bundesminister Dr.-Ing. Seebohm


ist und damit die Stromversorgung auch hier in die- Stadt werden diese Arbeiten vom Bund auf seine
sem Raum nachhaltig verbessert und mit Reserven Kosten weitergeführt und alsbald beendet werden.
versehen ist.
Eine Umgehungsstraße ersetzt immer die Orts-
durchfahrt. Das führt dazu, daß diese Ortsdurchfahrt
Vizepräsident Dr. Schmid: Eine Zusatzfrage. wieder abgewertet, das heißt in die Baulast der
Stadt zurückfällt. Es ist deshalb nicht möglich, gleich-
Dr. Mommer (SPD) : Herr Minister, würden Sie zeitig mit dem Ausbau einer Ortsdurchfahrt auch
also sagen, ich sei falsch unterrichtet, daß im süd- den Bau der Umgehungsstraße zu betreiben. Jedoch
westdeutschen Raum schon vor Eintreten der Kälte- ist die Umgehungsstraße von Freising und Marzling
periode Elektroloks in die Garage gestellt und im Zuge der Bundesstraße 11 durchgeplant und im
durch altehrwürdige Dampfloks ersetzt werden zweiten Vierjahresplan mit einem ersten Teilbetrag
mußten, weil die Stromversorgung nicht ausreichte? in Höhe von 5 Millionen DM eingeplant. Diese
Mittel können voraussichtlich in den Jahren 1965
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr: und 1966 bereitgestellt werden, weil, wie Sie wissen,
Herr Kollege Mommer, es kann auch sein, daß an erhebliche Kürzungen der Straßenbaumittel für den
der Elektrolok ein Fehler ist. zweiten Vierjahresplan in seinem ersten Laufjahr
(Abg. Dr. Mommer: Nein, das war nicht der eingetreten sind. Die sodann noch ausstehenden
Grund!) Bauarbeiten werden im anschließenden dritten Vier-
jahresplan zügig fortgeführt und baldmöglichst zum
Es kann aber selbstverständlich auch sein, daß ein- Abschluß gebracht werden. Voraussetzung für die-
mal durch einen Unfall — wir haben ja wiederholt sen von uns vorgesehenen Bauzeitplan ist aller-
solche Entgleisungen auf der Bahn — ein Fahrdraht- dings, daß die Straßenbauhaushalte der kommenden
bruch eintritt und dadurch vorübergehend für be- Jahre dem Gesamtvolumen des Straßenbauplanes,
stimmte Strecken Ersatz mit anderen Traktionsein- der Ihnen jetzt vorliegt, entsprechen. Die Um-
richtungen notwendig ist. Im großen und ganzen gehungsstraße wird etwa 9 km lang und mindestens
können wir also sagen, daß wir derartige Fehler 10 Millionen DM kosten.
mal kurzfristig haben — infolge bestimmter örtlich
bedingter Umstände —, aber nicht grundsätzlich.
Vizepräsident Dr. Schmid: Die Frage ist be-
antwortet. Ich rufe auf die Frage 5 — des Abgeord-
Vizepräsident Dr. Schmid: Zweite Zusatzfrage. neten Gehring —:
Sind der Bundesregierung die Verzögerungen bei dem Ausbau
Dr. Mommer (SPD) : Herr Minister, würden Sie der Autobahnen Hansalinie und Sauerlandlinie bekannt, die
dadurch entstehen, daß die Gebäude, die im Zuge dieser Auto-
bereit sein, da offensichtlich einer von uns — Sie bahnen abgebrochen werden müssen, nach den jeweils ermittel-
oder ich — über die Tatsache falsch unterrichtet ten Verkehrswerten entschädigt werden?
ist, festzustellen, wer von uns beiden falsch unter-
richtet ist? Dr.-Ing. Seebohm: Bundesminister für Verkehr:
Herr Präsident, zwischen den beiden von Herrn
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr: Kollegen Gehring gestellten Fragen besteht ein
Herr Kollege Mommer, dann würde ich bitten, mir enger Sachzusammenhang. Ich bitte deshalb, damit
genau die Daten und die einzelnen Vorkommnisse einverstanden zu sein, daß ich beide Fragen zusam-
mitzuteilen, weil das ja nur punktuell untersucht men beantworte.
werden kann, nicht generell.
Vizepräsident Dr. Schmid: Bitte, dann rufe ich
Vizepräsident Dr. Schmid: Die Frage ist be- auch gleich die Frage 6 des Abgeordneten Gehring
antwortet. Frage IX/4 — des Abgeordneten Ertl —: auf:
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um die Wiederher-
Inwieweit können beim Ausbau der B 11 die Wünsche der stellung von Gebäuden, die im Zuge des Ausbaus von Bundes-
Stadt Freising auf beschleunigten Ausbau bzw. Neubau einer autobahnen abgebrochen werden müssen, zu ermöglichen, ohne
Umgehungsstraße im Bereich der Stadt Freising zur Entlastung die Existenzfähigkeit der darin untergebrachten Betriebe zu ge-
der überaus unfallgefährdeten Ortsdurchfahrt berücksichtigt wer- fährden?
den?
Dr.-Ing. Seebohm: Bundesminister für Verkehr:
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr: Verzögerungen für den Bau der Bundesautobahnen
Herr Kollege Ertl, um den verkehrlichen Erforder- HansaLinie und Sauerland Linie, die auf den Er-
-

nissen von Freising bis zur Erstellung einer Um- werb von Gebäuden zurückzuführen sind, haben sich
gehungsstraße Rechnung zu tragen, habe ich vor bisher nicht ergeben. Schwierigkeiten sind aller-
wenigen Jahren dem Vorschlag zugestimmt, daß dings verschiedentlich bei den dem Bau vorauslau-
die Ortsdurchfahrt aus der Innenstadt herausge- fenden Verhandlungen mit Landwirten aufgetreten,
-nommen und auf die Ottostraße und die Dr.-von weil die Höhe der Entschädigung, die sich nach dem
Daller-Straße umgelegt wird. Es war dies damals Verkehrswert unter Berücksichtigung von Alter und
der Wunsch von Freising selber, der zu einer Zeit Zustand der landwirtschaftlichen Gebäude, die be-
an uns herangetragen worden ist, als wir noch nicht seitigt werden müssen, bemißt, nicht ausreicht, um
die Baulast für die Durchfahrt gemäß dem neuen entsprechende Ersatzanwesen erstellen zu können.
Bundesfernstraßengesetz übernommen hatten. Für Über den Verkehrswert hinaus darf jedoch nicht ent-
den Ausbau dieses Straßenzuges hat der Bund daher schädigt werden, denn es ist ein allgemeiner Grund-
Zuschüsse geleistet. Seit der Übernahme der Bau- satz des Entschädigungsrechts, daß nur der Substanz-
last der Durchfahrt der Bundesstraße 11 durch die verlust ausgeglichen werden kann.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2653
Bundesminister Dr.-Ing. Seebohm
Die bei der Beschaffung von Ersatzraum be- schildert habe, auf den beiden Seiten — Wohnge-
stehende Finanzierungslücke kann aber durch Dar- bäude und Betriebsgebäude — den Betroffenen
lehen überbrückt werden, für die im Straßenbau- möglichst zu helfen. Sie bekommen ja, wenn .sie die
haushalt besondere Mittel bereitgestellt sind. Wäh- Entschädigung — wie sie das jederzeit können —
rend für Ersatzgebäude, bei denen der Wohnraum vor Gericht ausklagen, auch nur den tatsächlichen
überwiegt — auch bei landwirtschaftlichen Gebäu- Wert ersetzt und nicht einen Wiedererstellungswert.
den, bei denen dies der Fall ist —, Darlehen zu den Es bleibt für sie also immer eine gewisse Lücke in
günstigen Sätzen des sozialen Wohnungsbaues ge- der Finanzierung übrig, was natürlich .auf der ande-
währt werden können, müssen die Darlehen für ren Seite den Vorzug hat, daß sie an Stelle von
Gewerbebetriebe und damit auch für landwirtschaft- weitgehend raberalterten Gebäuden ,dann eben neue
liche Betriebsgebäude grundsätzlich marktüblich ver- und vielleicht auch wirtschaftlicher zu benutzende
zinst werden. Gebäude bekommen.
Die Landwirte, die beim Bau der Hansa-Linie und
Sauerland-Linie — wie übrigens bei allen anderen Vizepräsident Dr. Schmid: Zweite Zusatzfrage.
entsprechenden Straßenbauten auch — ihre Gebäude
voraussichtlich werden aufgeben müssen, verlangen
Gehring (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, kann
jedoch verständlicherweise Darlehen zu Zinssätzen, dann zumindest damit gerechnet werden, daß die
die für sie tragbar sind. Den ersten mir zugeleiteten von Ihnen für landwirtschaftliche Betriebe ange-
Fall in dem von Ihnen genannten Raum habe ich strebte generelle Lösung — wie Sie es darstellten —
zum Anlaß genommen, den Herrn Bundesminister hinsichtlich der Darlehenshergabe und der Zinshöhe
der Finanzen zu bitten, mit der Gewährung eines nicht schlechter ausfällt als die Regelung, die in den
zinsverbilligten Darlehens einverstanden zu sein. Richtlinien des Bundesministeriums für Ernährung,
Dieses Einverständnis ist mir inzwischen von dem Landwirtschaft und Forsten für die Aussiedlung und
Herrn Bundesminister der Finanzen erteilt worden. Aufstockung landwirtschaftlicher Betriebe getroffen
Ich glaube, daß damit auch ein Präjudiz für die Zu- worden ist, und wird bei diesen Fällen auch das
kunft gegeben ist. Darüber hinaus bin ich bemüht, Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft
eine generelle Regelung herbeizuführen, die es er- und Forsten beteiligt?
möglicht, in ähnlich gelagerten Fällen grundsätzlich
Darlehen zu günstigen Bedingungen zu gewähren.
Damit wird angestrebt, daß der Wiederaufbau der Dr.-Ing. Seebohm: Bundesminister für Verkehr:
Wirtschaftsgebäude an anderer Stelle rechtzeitig er- Herr Kollege, auf .die von Ihnen genannten Richt-
folgen kann und die Existenzfähigkeit der Betriebe linien bei der Umsetzung von landwirtschaftlichen
trotz des Baues der Straße erhalten bleibt. Betrieben aus anderen Gründen habe ich den Herrn
Bundesminister der Finanzen schon hingewiesen,
um diese von mir gewünschte Regelung zu errei-
Vizepräsident Dr. Schmid: Eine Zusatzfrage! chen. Ich werde mich auch dafür einsetzen, daß der
generellen Lösung diese Zinssätze zugrunde gelegt
Gehring (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, sollte werden, wie sie bei der Umsetzung von landwirt-
die Bundesregierung sich nicht verpflichtet fühlen, schaftlichen Betrieben aus den von Ihnen genann-
ten Gründen angegeben wurden, damit die Renta-
nach gangbaren Wegen zu suchen, um in den weni-
bilität der betroffenen Betriebe gewährleistet
gen Fällen, in denen landwirtschaftliche Gebäude im
Zuge des Autobahnbaues gegen den Willen der bleibt.
Eigentümrfwdsen—ofür Den Herrn Bundesminister für Ernährung, Land-
selbstverständlich eine Entschädigung geleistet wer- wirtschaft und Forsten hatte ich bisher schon betei-
den muß —, an Stelle der von Ihnen erwähnten ligt und um seine Unterstützung gebeten. Er hat
zinsverbilligten Darlehen im Verhandlungswege mich auch bei den Verhandlungen über eine gene-
und nicht, wie Sie andeuteten, in einem Enteig- relle Lösung immer unterstützt und wird das auch,
nungsverfahren ausreichende Mittel für Ersatzbau- wie ich weiß, weiter beim Herrn Bundesminister der
ten zur Verfügung zu stellen? Wenn auch bei den Finanzen tun.
von Ihnen angeführten Verfahren in den meisten
Fällen keine Existenzgefährdung eintreten wird, so Vizepräsident Dr. Schmid: Die Frage ist be-
wirdochnaleFäurdizstlcheB- antwortet.
lastung eine Rentabilitätsminderung bei den Betrie-
ben eintreten. Ich rufe die Frage IX/7 — des Abgeordneten Neu-
mann (Allensbach) — auf:
Dr. - Ing. Seebohm: Bundesminister für Verkehr: Aus welchen Gründen ist die Ausgabe von Sechserkarten für
die Bundesbahnstrecke Niederjosbach (Ts) — Frankfurt (M) mit
Herr Kollege, ich bin mit Ihnen einer Meinung, daß Wirkung vom 1. Januar 1963 eingestellt worden, während von
den Bahnhöfen der Umlandgemeinden Niedernhausen (Ts) und
selbstverständlich für jeden, der Grund und Boden Eppstein (Ts) nach wie vor Sechserkarten für Fahrten nach Frank-
oder gar Gebäude hergeben muß, weil für das furt (M) ausgegeben werden?
öffentliche Wohl Straßen oder andere Verkehrs- Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant-
anlagen erstellt werden müssen, damit eine Härte wortung einverstanden erklärt. Die Antwort
verbunden ist. Aber wir müssen uns nach den des Herrn Bundesministers Dr.-Ing. Seebohm vom
und können nur ver- Grundsätzeim chn 6. Februar 1963 lautet:
suchen, im Rahmen dieser Gesetze 'dann durch ent- Die Bundesbahndirektion Frankfurt hat in ihrem Bereich die
sprechend zinsgünstige Darlehen, wie ich sie ge- Sechserkarten nur dort zurückgezogen, wo entweder überhaupt
2654 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Vizepräsident Dr. Schmid


keine Nachfrage bestand oder, wie im Falle Niederjosbach, die
Nachfrage sehr gering war, d. h. im Durchschnitt weniger als Erhöhung der Einnahmen aus dem Ausländerreise-
eine Karte am Tage verlangt wurde. verkehr die Bilanz zu verbessern, da der Reisestrom
Die genannten anderen Bahnhöfe wurden von dieser Maß-
nahme nicht betroffen, weil dort das Verkehrsaufkommen wesent-
unserer Landsleute ins Ausland sich im Zuge der
lich größer ist. noch ansteigenden Reisewelle kaum vermindern
dürfte.
Vizepräsident Dr. Schmid: Ich rufe die
Frage IX/8 — des Abgeordneten Dr. Gleissner — Vizepräsident Dr. Schmid: Zusatzfrage.
auf:
Wie weit sind die Verhandlungen der Bundesregierung mit
den Ländern gediehen, um die Auslandswerbung für den Frem-
denverkehr zu verbessern und ihre Finanzierung zu verstärken? Lemmrich (CDU/CSU) : Herr Minister, verspre-
chen Sie sich von einer Erhöhung der Mittel
Dr.-Ing. Seebohm: Bundesminister für Verkehr: für die Auslandswerbung eine Besserung dieser
Herr Kollege Gleissner, auf der Grundlage des vom Situation?
Bundesrechnungshof im Jahre 1961 erstatteten Gut-
achtens über die Deutsche Zentrale für Fremden- Dr. - Ing. Seebohm: Bundesminister für Verkehr:
verkehr e. V. habe ich in Abstimmung mit den Ja, Herr Kollege Lemmrich. Ich verspreche mir eine
beteiligten Bundesressorts einen neuen Satzungs- sehr wesentliche Verbesserung, weil ich sehe, daß
entwurf ausgearbeitet, der neben der Mitgliedschaft unsere Nachbarländer, die das Vielfache für die
der Fremdenverkehrsverbände die unmittelbare Werbung im Ausland aufwenden, sehr wesentliche,
Beteiligung von Bund und Ländern in finanzieller steigend bessere Ergebnisse erzielt haben. Ich darf
und organisatorischer Hinsicht an dieser Zentrale in diesem Zusammenhang insbesonder an Oster-
vorsieht. Dieser Satzungsentwurf wird ergänzt durch reich und an England erinnern.
den Entwurf eines Verwaltungsabkommens zwi-
schen Bund und Ländern, der Umfang und Ausmaß
der beiderseitigen Beteiligung festlegen soll. Ich Lemmrich (CDU/CSU) : Herr Minister, würden
habe diese beiden Entwürfe mit den zuständigen Sie in diesem Zusammenhang für eine Aufstockung
Ministern der Länder seit September 1962 eingehend der im jetzigen Bundeshaushalt vorgesehenen Mit-
behandelt. Im Anschluß daran habe ich Ende 1962 tel eintreten können?
die Entwürfe den Herren Ministerpräsidenten der
Länder zugeleitet. Einige Länder haben ihre Zu-
stimmung inzwischen erklärt oder in Aussicht ge- Dr. - Ing. Seebohm: Bundesminister für Verkehr:
stellt. Mehrere Länder haben jedoch ihre Zustim- Ja, Herr Kollege Lemmrich. Ich habe in jedem Jahr
mung zunächst nicht erteilen zu können geglaubt. um die Aufstockung dieser Mittel gebeten, und
Die Entscheidungen anderer Länder stehen noch aus. dann hat man die Frage aufgeworfen, ob diese
Ich beabsichtige, diesen ganzen Fragenkomplex auf Mittel auch zweckmäßig durch die Zentrale ver-
der Frühjahrskonferenz der Verkehrsminister der wendet werden. Dazu mußten wir erwarten, daß in
Länder Ende dieses Monats in Bremen zu erörtern. dem Bericht des Beauftragten für die Wirtschaftlich-
keit in der Verwaltung zum Ausdruck kam, dieser
Ich habe ferner veranlaßt, daß ein auf die nächsten und der Bundesminister der Finanzen wünschten die
Jahre abgestellter Arbeitsplan für die Deutsche Beteiligung der Länder. Der Haushaltsausschuß hat
Zentrale für Fremdenverkehr aufgestellt wurde, der sich bisher auf den Standpunkt gestellt, daß er des-
durch einen Finanzbedarfsplan ergänzt ist. Diese wegen nicht bereit ist, die Mittel aufzustocken, weil
beiden Pläne habe ich ebenfalls den Ländern als die Beteiligung der Länder nicht sichergestellt wer-
Unterlage für die von ihnen zu treffenden Entschei- den kann. Nun bemühe ich mich seit längerer Zeit
dungen über die Beteiligung übermittelt. darum, und ich hoffe, daß die Länder endlich bereit
sind, weil es auch in ihrem Interesse liegt, wenig-
Vizepräsident Dr. Schmid: Frage IX/9: stens ein Drittel der Summe, die der Bund zur Ver-
Hat die Bundesregierung bereits Überlegungen hinsichtlich des fügung gestellt hat, auch ihrerseits zu den Wer-
zunehmenden Auseinanderklaffens der Schere zwischen dem deut-
schen Reiseverkehr in das Ausland und dem ausländischen
bungsmaßnahmen beizutragen, damit wir dann auf
Reiseverkehr nach Deutschland angestellt? jene Summe kommen, die wir als das Minimum für
eine wirklich erfolgreiche Werbung im Ausland ein-
setzen zu müssen glauben.
Dr.-Ing. Seebohm: Bundesminister für Verkehr:
Die Frage 9 schließt sich an die Frage 8 an. Herr
Kollege, ich beantworte sie mit Ja. Wir haben hier Vizepräsident Dr. Schmid: Wir fahren fort mit
für 1962 ein Defizit in der Zahlungsbilanz zwischen den Fragen auf Drucksache IV/948.
2 und 3 Milliarden DM zu erwarten. Durch die vor-
gesehene Reorganisation der Deutschen Zentrale Die Fragen I/1 und I/2 sind vom Fragesteller zu-
für Fremdenverkehr und durch die Erhöhung der rückgestellt worden.
finanziellen Mittel für Auslandswerbung soll eine Frage II aus dem Geschäftsbereich des Bundes-
verstärkte Werbung für den Reiseverkehr vom Aus- ministers für Wirtschaft. Frage des Abgeordneten
land nach der Bundesrepublik durchgeführt werden. Dr. Bechert:
Es soll ferner alles getan werden, um das Reisen Was hat die Bundesregierung getan, um die Zahl der tödlichen
Gasvergiftungsfälle auf ein Mindestmaß zu verringern, etwa
innerhalb der Bundesrepublik noch attraktiver zu durch Förderung von Forschungsarbeiten zur Erzeugung von
machen und für Reisen in der Bundesrepublik möglichst ungiftigem Leucht- und Heizgas?

Deutschland zu werben. Damit hoffen wir, durch Zur Beantwortung der Herr Staatssekretär,
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2655

Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe- chen wie die heute bei uns verwendeten Rohre.
rium für Wirtschaft: Die Bundesregierung hat sich Ich frage: Wird die Bundesregierung veranlassen,
zusammen mit den Länderregierungen seit langer daß solche Rohre auch in der Bundesrepublik ver-
Zeit um eine Herabsetzung der Gasvergiftungsge- legt werden?
fahr bemüht.
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
In der Antwort auf eine Kleine Anfrage über rium für Wirtschaft: Herr Abgeordneter, ich werde
Unfälle durch Leuchtgas hat bereits im November prüfen lassen, ob die Produktion der Rohre in Eng-
1960 in der Drucksache 2199 Herr Professor Erhard land der Produktion in Deutschland technisch über-
erklärt, daß eine Entgiftung des Leuchtgases tech- legen ist. Wenn das der Fall ist, werden wir uns
nisch möglich sei. Verfahren hierzu sind bekannt; bemühen, eine gleiche Entwicklung bei uns anzu-
eine staatliche Förderung entsprechender For- streben.
schungsarbeiten war und ist daher nach Meinung
des Bundeswirtschaftsministers nicht erforderlich. Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter
Gleichzeitig waren damals zwei Maßnahmen zur Jacobi, eine Zusatzfrage!
Erhöhung der Sicherheit als erforderlich bezeichnet
worden: Herabsetzung des Kohlenoxydgehaltes des Jacobi (Köln) (SPD) : Herr Staatssekretär, ist es
Gases und Vollsicherung der Gasgeräte. Die mit richtig, daß die in der Öffentlichkeit in letzter Zeit
den Verbänden der Gaswirtschaft geführten Ver- besonders kritisch beurteilten und mit Recht bedau-
handlungen haben zu folgenden Ergebnissen ge- erten tödlichen Gasunfälle im wesentlichen auf
führt: höhere Gewalt, also auf Einwirkungen des Frostes
zurückzuführen sind, mit anderen Worten, daß
Erstens. Gegenüber einer in der ersten Stufe an- unter normalen Umständen nach den Vorsorgemaß-
gestrebten Senkung des Kohlenoxydgehalts auf nahmen, die getroffen worden sind und weiterhin
maximal 10 % haben heute bereits 50 bis 60 % der getroffen werden, mit solchen tödlichen Unfällen
gesamten städtischen Gasabgabe einen Kohlenoxyd- — mindestens nicht in diesem Umfange — nicht
gehalt von 0 bis 6 %. 20 bis 30 % der Mengen lie- gerechnet werden muß?
gen zwischen 6 und 10 % Kohlenoxydgehalt, und
nur der Rest liegt über 10 %.
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
Da neben den bereits errichteten Gasentgiftungs- rium für Wirtschaft: Herr Abgeordneter, nach Mei-
anlagen der Bau weiterer solcher Anlagen vorge- nung des Bundeswirtschaftsministers hat in der Tat
sehen ist und der Absatz des kohlenoxydfreien Erd- dieser ungewöhnlich harte Winter die Gefahr der
gases weiter steigen wird, ist aller Voraussicht nach Beschädigung von Gasrohren wesentlich erhöht und
mit einer Verminderung tödlicher Gasvergiftungs- damit auch die Gefahr der Unfälle gesteigert.
unfälle in den kommenden Jahren zu rechnen.
Zweitens. Die Ü berwachung der Gasrohrnetze Vizepräsident Dr. Schmid: Zweite Zusatzfrage!
wurde intensiviert.
Drittens. Seit dem 1. Januar 1962 werden nur Jacobi (Köln (SPD) : Ist die Bundesregierung be-
noch zündgesicherte Gasgeräte hergestellt. reit, der Diffamierung des Gases auch unter dem
Gesichtspunkt des Wettbewerbs der Energieträger
Diese Ergebnisse der Bemühungen der Bundes-
entgegenzutreten, die darin zu erblicken ist, daß
regierung haben bereits im Jahre 1961 im Rahmen
man gerade in der letzten Zeit in einer gewissen
der damaligen OEEC eine internationale Anerken-
Zeitung vom „Mordgas" spricht, mit anderen Wor-
nung gefunden. Eine Ratsentschließung im Juli 1961
ten: daß man also einen Dolus, die Absicht unter-
empfiehlt den Mitgliedsländern, zur Erhöhung der stellt, sich grobfahrlässig zu verhalten oder Gefah-
Sicherheit des Gasverbrauchs die gleichen Maßnah- ren völlig gleichgültig gegenüberzustehen?
men durchzuführen, wie sie die Bundesrepublik ge-
troffen hat.
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
Wenn die Anzahl der bedauerlichen Unglücksfälle rium für Wirtschaft: Der beachtliche Anstieg der
noch nicht in dem wünschenswerten Maß zurück- Gasverbraucher, Herr Abgeordneter, läßt nicht un-
gegangen ist, so liegt das nicht an der mangelnden bedingt den Schluß zu, daß die Marktlage des Gases
Entwicklung wirksamer Verfahren zur Entgiftung durch diese von Ihnen so genannte Diffamierung
von Gas, sondern an der Tatsache, daß der Ausbau gelitten hat. Ich glaube, das Gas hat so zahlreiche
der Entgiftungsanlagen kostpielig und zeitraubend technische Vorteile, daß es sich selber auf dem
ist. Diese Entgiftungsanlagen werden jedoch in zu- Markte behaupten kann.
nehmendem Maße in den Städten der Bundesrepu-
blik erstellt. Eine Reihe von Großstädten verfügen Jacobi (Köln) (SPD) : Darf ich noch eine Zu-
bereits heute über solche Anlagen. satzfrage stellen?

Vizepräsident Dr. Schmid: Eine Zusatzfrage! Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter
Jacobi, Sie haben keine Zusatzfrage mehr. Die deut-
Dr. Bechert (SPD) : Nach einer Zeitungsmeldung schen Gemeinden müssen ohne diese Zusatzfrage
sind hinreichend biegsame Gasrohre in England auskommen.
entwickelt und jetzt auch verlegt worden, die bei (Heiterkeit.)
Bodenbewegungen nicht so leicht reißen oder bre- Eine Zusatzfrage des Abgeordneten Haase!
2656 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Haase (Kassel) (CDU/CSU) : Kann die Bundes- 27. September 1962 dafür ausgesprochen, daß die
regierung vielleicht die Bundesministerin für das Zuschüsse an Bauherren nach § 143 a des Gesetzes
Gesundheitswesen in diesem Zusammenhang — — über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversiche-
rung auch weiterhin in der bisherigen Weise ge-
Vizepräsident Dr. Schmid: Welche Frage, Herr währt werden. Über diese übereinstimmende Auf-
Abgeordneter? fassung der beteiligten Bundesressorts war der Ver-
waltungsrat unterrichtet. Es war ihm empfohlen
worden, seine Absicht, künftig keine Mittel mehr zur
Haase (Kassel) (CDU/CSU) : Es betrifft die Gas-
angelegenheit! Förderung an Bauherren aufzuwenden, zu über-
prüfen.
Vizepräsident Dr. Schmid: Trotzdem, die Frau Der Verwaltungsrat der Bundesanstalt hat darauf-
Gesundheitsministerin steht jetzt nicht in der Frage- hin seine ursprüngliche Auffassung, die Zuschüsse
stunde! Sie können sie nachher befragen. an Bauherren ganz einzustellen, aufgegeben, hat
aber die Förderung nach § 143 a AVAVG vom
Die Frage ist beantwortet. 1. Dezember 1962 auf den Rohbau beschränkt.
Ich rufe nun auf eine Frage, die unter VI steht; Die Bundesregierung hält demgegenüber, wie
Frage des Abgeordneten Dr. Czaja:
auch soeben in der Antwort zu Ihrer vorigen An-
Hält die Bundesregierung die Fortsetzung baulicher Innen- frage zum Ausdruck gekommen ist, an ihrer Auf-
arbeiten insbesondere im Wohnungsbau, wo die Ausbauarbeiten
einen erheblichen Engpaß verursachen, auch in den Wintertagen fassung fest, daß es zweckmäßig wäre und zur Min-
unter Inanspruchnahme zusätzlicher Heiz- und anderer Kosten
und entsprechender Subventionen wie bisher für eine volks- derung der Ausgaben an Schlechtwettergeld bei-
wirtschaftliche Notwendigkeit? trüge, wenn wie bisher alle auf der Baustelle an-
Diese Frage wird ebenfalls vom Herrn Staatssekre- fallenden Bauarbeiten in die Förderung einbezogen
tär beantwortet werden. würden. Das Gesetz überläßt aber die Entscheidung,
ob und welche Zuschüsse und Darlehen an Bau-
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe- herren zur Förderung des Bauens im Winter gewährt
rium für Wirtschaft: Im Interesse einer rationellen werden sollen, ausschließlich dem pflichtgemäßen
Ausnutzung von Arbeit und Gerät würden wir es Ermessen des Verwaltungsrats.
volkswirtschaftlich für zweckmäßig halten, auch bau-
liche Innenarbeiten im Wohnungsbau während der Vizepräsident Dr. Schmid: Eine zusätzliche
Schlechtwetterperiode in der bisherigen Weise zu Frage!
fördern. Im übrigen wird der Bundesminister für
Arbeit und Sozialordnung im Zusammenhang mit
einer anderen Frage des Herrn Abgeordneten Czaja Dr. Czaja (CDU/CSU) : Darf ich Sie angesichts
auf diese Angelegenheit noch des näheren eingehen. dieser Antwort fragen, ob die Bundesregierung nicht
beabsichtigt, durch Vorschläge für eine entschiede-
nere Fassung des § 143 a AVAVG die Bundesanstalt
Dr. Czaja (CDU/CSU) : Beabsichtigen Sie, alle ge- zu veranlassen, im Sinne des Stabilisierungspro-
setzlichen und rechtlichen Möglichkeiten auszu- gramms der Regierung und im Sinne der Wünsche
nutzen, um dem Abbau dieser Anreize für den In- der parlamentarischen Gruppen den Winterbau ein-
nenausbau entgegenzutreten? schließlich des Innenausbaues zu fördern, anstatt in
den kalten Wintermonaten dem fortsetzbaren Innen-
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe- ausbau die Anreize zu verweigern, und darf ich Sie
rium für Wirtschaft: Wir halten den Abbau dieser weiter fragen, ob Sie eine Möglichkeit sehen, die
Förderungsmaßnahme für volkswirtschaftlich schlecht Richtlinien im Eilverfahren schnellstens ändern zu
und werden uns daher bemühen, ihn zu verhindern lassen?
oder rückgängig zu machen.
Dr. Claussen, Staatssekretär im Bundesministe-
Vizepräsident Dr. Schmid: Wir kommen jetzt rium für Arbeit und Sozialordnung: Ich darf zu-
zu der Frage III — des Herrn Abgeordneten Dr. nächst den letzten Teil Ihrer Anfrage, Herr Abge-
Czaja — aus dem Geschäftsbereich des Bundes- ordneter, beantworten. Wir haben keine Möglichkeit,
ministers für Arbeit und Sozialordnung: auf die Selbstverwaltung der Bundesanstalt einzu-
Billigt die Bundesregierung den Beschluß des Verwaltungs- wirken, außer der, daß wir gute und zweckentspre-
rates der Bundesanstalt für Arbeitslosenvermittlung und Arbeits- chende Vorschläge machen. Im übrigen aber ist Ihre
losenversicherung vom Herbst 1962, daß, abweichend von der
bisherigen Regelung der Förderung des Bauens im Winter nach Frage, wie ich meine, beantwortet. Die Stellung-
§ 143 AVAVG, Zuschüsse an Bauherren nur noch für den Roh-
bau, nicht aber für die Ausbauarbeiten gewährt werden, obwohl nahme der Bundesregierung ist ganz klar. Wir sind
in der Regierungserklärung vom 9. Oktober 1962 die besondere
Förderung des Winterbaus als wesentlicher Punkt des Stabili-
der Meinung, daß man die Maßnahmen des Schlecht-
sierungsprogramms der Bundesregierung aufgeführt worden ist? wettergeldes und die Maßnahmen zur Förderung
des Bauens im Winter so weit ausbauen sollte, daß
keinerlei Konjunkturschwankungen im Baugewerbe
Dr. Claussen, Staatssekretär im Bundesministe- mehr auftreten.
rium für Arbeit und Sozialordnung: Die Bundes-
regierung hat sich in ihrem Bericht über die Auswir-
kungen der Vorschriften zur Förderung der ganz- Vizepräsident Dr. Schmid: Die Frage ist be-
jährigen Beschäftigung in der Bauwirtschaft vom antwortet. Eine Zusatzfrage!
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2657

Gerlach (SPD) : Halten Sie es, Herr Staatssekre- Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge-
tär, unter diesen Umständen nicht für zweckmäßig, sundheitswesen: Es ist leider richtig, daß die Zahl
§ 143 a AVAVG dahingehend zu ändern, daß die der Neugeborenen, die wegen einer Unverträglich-
Zuschüsse aus Bundesmitteln gewährt werden und keit der Blutgruppen ihrer Eltern gefährdet sind,
damit der Bund die Richtlinien erlassen kann? in der Bundesrepublik auf jährlich ungefähr 5000
geschätzt wird; das sind rund 0,5 0/o aller Lebend-
Dr. Claussen, Staatssekretär im Bundesministe- geborenen. Von diesen Fällen wird zur Zeit etwa
sterium für Arbeit und Sozialordnung: Das ist eine ein Drittel rechtzeitig erkannt und behandelt.
grundsätzliche Frage, die ich ohne nähere Prüfung
nicht beantworten kann, Herr Abgeordneter. Nach den Unterlagen des Statistischen Bundes-
amtes sind im Jahr 1960 in der Bundesrepublik
(Abg. Dr. Dittrich: Die das Parlament 454 Neugeborene infolge einer Unverträglichkeit
entscheidet!) der Blutgruppen ihrer Eltern gestorben; das sind
rund 0,5 % der Sterbefälle auf 1000 Lebendgeborene.
Vizepräsident Dr. Schmid: Eine zweite Zusatz- Nach Meinung der Sachverständigen kann die Sterb-
frage! lichkeit aus dieser Ursache durch geeignete Maß-
Gerlach (SPD) : Würden Sie bitte die Prüfungen nahmen noch weiter herabgesetzt werden. Es trifft
auch darauf erstrecken und gegebenenfalls Vor- zu, daß die Unverträglichkeit der Blutgruppen auch
schläge unterbreiten? deshalb bedeutsam ist, weil der Anteil der Fälle
von Schwachsinn, der auf diese Blutkrankheit zu-
rückgeführt wird, nach Schätzungen bis zu 10 % und
Dr. Claussen, Staatssekretär im Bundesministe- mehr beträgt.
rium für Arbeit und Sozialordnung: Das tun wir
immer, Herr Abgeordneter. Vizepräsident Dr. Schmid: Zusatzfrage!
(Heiterkeit.)
Dr. Bechert (SPD) : Frau Ministerin, wird die
Vizepräsident Dr. Schmid: Noch eine Zusatz- Bundesregierung dem Beispiel einiger Städte in der
frage! Bundesrepublik folgen und für Schwangere eine
einmalige Bestimmung der Blutgruppe und des
Baier (Mosbach) (CDU/CSU) : Herr Staatssekre- Rhesus-Faktors anordnen oder den Ländern eine
tär, Sie berufen sich darauf, daß Sie in die Selbst-
solche Anordnung empfehlen und bei entsprechen-
verwaltung nicht eingreifen können. Ich frage Sie:
dem Blutgruppenbefund mindestens eine Antikör-
Wären Sie denn seitens der Regierung nicht dafür,
perbestimmung während der Schwangerschaft vor-
daß dann durch eine andere Fassung des § 143 a
schreiben oder empfehlen?
AVAVG, die das Parlament beschließen müßte, die
Möglichkeiten geschaffen werden, um das, was die
Regierung und das Parlament wollen, tatsächlich Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge-
durchzusetzen? sundheitswesen: Wir haben die Versuche auf die-
sem Gebiet, die ja in Nordrhein-Westfalen gemacht
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter, worden sind, mit großer Aufmerksamkeit verfolgt,
Sie wiederholen eine schon gestellte Zusatzfrage. und wir haben den Eindruck, daß das Ergebnis so
positiv ist, daß den Ländern ein ähnliches Verfahren
Baier (Mosbach) (CDU/CSU) : Aber sie war nicht empfohlen werden sollte.
beantwortet. Vizepräsident Dr. Schmid: Zusatzfrage!
Vizepräsident Dr. Schmid: Können Sie sie be-
antworten? Dr. Bechert (SPD) : Wird die Bundesregierung
die übrigen Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft
Dr. Claussen, Staatssekretär im Bundesministe- der Laboratoriumsärzte Deutschlands vom 26. No-
rium für Arbeit und Sozialordnung: Jawohl, Herr vember vorigen Jahres zum Anlaß nehmen, gegen
Präsident! Herr Abgeordneter, ich sagte schon, die die hohe Sterblichkeit und Erkrankungsziffer neu-
Selbstverwaltung könne in ihrem Rahmen fest- geborener Kinder in der Bundesrepublik geeignete
stellen, nach welchen Gesichtspunkten sie ihr Geld Maßnahmen zu veranlassen?
ausgeben will. Wir werden bei der grundsätzlichen
Haltung, die ich vorhin gekennzeichnet habe, nach- Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge-
prüfen, ob die Möglichkeit besteht, durch eine sundheitswesen: Wir prüfen diese Vorschläge noch.
Novellierung, die dem Hohen Hause vorgeschlagen Wir haben sie ja mit den Ländern und den leiten-
werden müßte, eine Änderung der bestehenden den Medizinalbeamten zu besprechen und zu ver-
Richtlinien herbeizuführen. handeln. Aber wir wenden — da können Sie sicher
sein — gerade diesen Problemen unsere höchste
Vizepräsident Dr. Schmid: Wir kommen zu VII, Aufmerksamkeit zu.
Geschäftsbereich des Bundesministers für Gesund-
heitswesen. Zunächst die Frage VII/1 — des Abge- Vizepräsident Dr. Schmid: Frage VII/2 — des
ordneten Dr. Bechert —: Abgeordneten Dr. Bechert —:
Ist der Bundesregierung bekannt, daß jährlich etwa 3000 neu- Ist der Bundesregierung bekannt, daß in der Umgebung von
geborene Kinder sterben oder an schweren — auch geistigen — Bleistaub emittierenden Betrieben bei Kindern schwere Blei-
Schäden erkranken, weil die Blutgruppe und der Rhesus-Faktor vergiftungsschäden aufgetreten sind, wie sie z. B. in der Zeit-
bei der Mutter nicht bestimmt und keine Antikörper-Bestimmung schrift „Medizinische Klinik" 1962, Nr. 15 S. 604-608, beschrieben
vorgenommen wurde? sind?
2658 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge- Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine'
sundheitswesen: Der Bundesregierung sind Blei- Zusatzfrage?
erkrankungen bei Kindern bekannt geworden, die
in nächster Nähe von Bleihütten gelebt haben. In Junghans (SPD) : Frau Ministerin, glauben Sie,
einem ähnlich. gelagerten Fall, wie er in der „Medi- daß Papierverbrenner, die in Katalogen zu 65 DM
zinischen Klinik" 1962 beschrieben wird, wurde der angeboten werden, diesen Bestimmungen entspre-
Verdacht einer Bleivergiftung bei einem fünfjähri- chen?
gen Kind in Rheinland-Pfalz bestätigt.
Die bleihaltigen Luftverunreinigungen gingen, wie Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge-
wir nachprüfen konnten, von älteren Anlagen aus, sundheitswesen: Da habe ich erhebliche Zweifel!
die inzwischen umgebaut oder stillgelegt worden Die Papierverbrenner, die Sie meinen, sind vor
sind. allem für den Gebrauch in Privathaushaltungen be-
stimmt; hier findet die Gewerbeordnung keine An-
Vizepräsident Dr. Schmid: Zusatzfrage! wendung. Wir erwägen und stehen dabei mit dem
Wirtschaftsministerium in Verbindung, ob es nicht
Dr. Bechert (SPD) : Ist der Bundesregierung be- nötig ist, durch Einwirkung auf die herstellende In-
kannt, daß schon bei sehr niedrigen Bleistaubkon- dustrie zu verhindern, daß für Privathaushaltungen
zentrationen der Atemluft Bleivergiftungen vor- Verbrenner angeboten werden, die für die Umge-
kommen, wie im Zentralblatt für Arbeitsmedizin bung gesundheitsschädlich sind.
und Arbeitsschutz 1961 berichtet wurde, und welche
Maßnahmen hält die Bundesregierung für geeignet, Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie noch
die Bleistaubkonzentration so niedrig zu halten, wie eine Zusatzfrage?
es in dem genannten Zeitschriftenaufsatz gefordert
wird? Junghans (SPD) : Frau Ministerin, sind Ihnen
die schlechten Erfahrungen, die in New York mit
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge- diesen Kleinpapierverbrennern gemacht worden
sundheitswesen: In der Technischen Anleitung zu sind, bekannt?
§ 16 der Gewerbeordnung, die wir in Kürze vorle-
gen wollen, ist dieses Problem mitbehandelt. Wir Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge-
haben hier eine Bestimmung vorgesehen, nach der sundheitswesen: Ja, sie sind mir bekannt. Ich sagte
in der Umgebung einer Bleihütte die maximale SO 2- ja, daß wir die ganze Angelegenheit beobachten
Konzentration auf ein Mindestmaß herabgesetzt und sowohl mit den Ländern als auch mit dem Bun-
werden muß. desministerium für Wirtschaft in Verbindung stehen.

Vizepräsident Dr. Schmid: Letzte Zusatzfrage! Vizepräsident Dr. Schmid: Ich rufe jetzt auf
die Frage VII/4 — des Abgeordneten Jacobi
Dr. Bechert (SPD) : Darf ich fragen, ob ich mich (Köln) —:
verhört habe? Es wird wohl nicht SO 2 gemeint ge- Stimmen die Pressemeldungen, nach denen die Frau Bundes-
ministerin Dr. Schwarzhaupt ein Gesetz für notwendig bezeichnet
wesen sein, sondern wenn schon, dann PbO 2. hat, in dem die Gasentgiftung vorgeschrieben wird?

Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge- Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge-
sundheitswesen: Entschuldigen Sie! Ich habe eine sundheitswesen: Ich habe nicht gesagt, daß ich ein
falsche Stelle gelesen. Gesetz fordere; ich habe aber gesagt, daß eine Gas-
entgiftung möglich und daß es notwendig ist, alle
erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um die Be-
Vizepräsident Dr. Schmid: Ich rufe nunmehr völkerung vor bestehenden Gefahren zu schützen.
Frage VII/3 — , des Abgeordneten Junghans — auf: Ich kann mich hier auf das beziehen, was Herr
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um eine Verun- Westrick auf die vorangegangene Frage im Namen
reinigung der Luft durch die Verwendung von zahlreich angebo-
tenen Kleinpapierverbrennern zu verhindern? des Wirtschaftsministers gesagt hat.
Bitte sehr!
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge- Zusatzfrage?
sundheitswesen: Die Kleinpapierverbrenner zur
Verbrennung von Müll sind nach einer Verordnung Jacobi (Köln) (SPD) : Darf ich in völliger Über-
nach § 16 der Gewerbeordnung genehmigungs- einstimmung mit dieser Grundauffassung, die auch
pflichtig, soweit sie im Rahmen wirtschaftlicher die dieses Hauses ist, in dem sehr viele Abgeord-
Unternehmungen Verwendung finden. Durch ent- nete seit mehr als zwei Jahren sich innerhalb der
sprechende Auflagen bei der Genehmigung kann die Interparlamentarischen Arbeitsgemeinschaft mit der
Aufstellung ungeeigneter Papierverbrenner unter- Gesamtproblematik beschäftigt haben, die Hoffnung
bunden werden. Die Länder sind von mir mit Schrei- aussprechen. daß Sie im Zusammenwirken mit Ihren
ben vom 4. Januar 1963 nochmals auf diese Rechts- Kollegen in den übrigen Ressorts aufmerksam ver-
lage aufmerksam gemacht worden. Dabei wurde auf folgen werden, was sich hier auf diesem Gebiet ent-
die technischen Anforderungen, die an solche Anla- wickelt, und mithelfen, Dinge abzustellen, die heute
gen zu stellen sind, hingewiesen. noch einer ausreichenden Lösung entgegenstehen?
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2659
Jacobi (Köln)
Darf ich in dem Zusammenhang eine konkrete sten agrarpolitischen Probleme angeschnitten wor-
Frage stellen? Sind Sie bereit, darauf hinzuwirken, den. Gestatten Sie mir heute, die Situation der Land-
daß die Bundespost ihren Widerstand dagegen auf- wirtschaft etwas eingehender zu erläutern. Bei der
gibt, in den amtlichen Telefonbüchern außer den Schilderung der Lage der Landwirtschaft kann ich
Rufnummern der Polizei und der Feuerwehr, die auf mich auf die Ergebnisse des Grünen Berichts stützen,
den ersten Seiten abgedruckt sind, auch die Num- der Ihnen als Drucksache vorliegt.
mern der Störungsdienste der Stadtwerke einzu-
Die Methoden zur Feststellung der Lage der Land-
bauen, damit die Bevölkerung bei drohenden Un-
wirtschaft sowie die Ergebnisse der Grünen Berichte
fällen, vor allen Dingen beim Verdacht eines Gas-
sind allgemein als objektiv anerkannt. Das erleich-
unfalls, genau weiß, an wen sie sich zu wenden hat?
tert die sachliche Diskussion über agrarpolitische
(Zuruf: Pause! Pause! — Unruhe.) Fragen. Wir können außerdem mit Genugtuung
feststellen, daß die EWG-Kommission ebenfalls
Vizepräsident Dr. Schmid: Das war ein Bei- einen landwirtschaftlichen Lagebericht erstatten
trag, keine Frage! will, der im Aufbau und in der Methode unserem
(Heiterkeit.) Bericht ähnlich werden soll.
Die Entwicklung in der westdeutschen Landwirt-
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge- schaft ist vor allem durch zwei Tatsachen gekenn-
sundheitswesen. Herr Kollege Jacobi, soweit ich zeichnet: Die Zahl der in der Landwirtschaft Be-
als postalischer Laie hierzu etwas äußern kann, schäftigten hat sich seit 1950/51 um 1,6 Millionen
muß ich sagen, daß das eine ausgezeichnete Idee ist. verringert. Das ist ein Rückgang um 40 v. H. Im ab-
Ich werde mich sofort mit dem Bundespostministe- gelaufenen Wirtschaftsjahr waren es rund 82 000
rium in Verbindung setzen und diese Frage zusam- Arbeitskräfte, die aus der landwirtschaftlichen Pro-
men mit den beteiligten Ressorts aufgreifen. duktion ausschieden. Die Zahl der landwirtschaft-
lichen Wirtschaftseinheiten mit 0,5 bis 10 ha Nutz-
Vizepräsident Dr. Schmid: Wollen Sie auch fläche verminderte sich seit 1949 um 410 000 Ein-
noch eine Zusatzfrage stellen? — Bitte sehr! heiten. Es handelt sich hierbei im wesentlichen um
Betriebe, die nach dem heutigen Stand der Landbau-
Haase (Kassel) (CDU/CSU) : Frau Ministerin, technik zu klein sind und ihrer Besitzerfamilie keine
Herr Kollege Jacobi bezog sich in einer voraufge- ausreichende Existenzgrundlage mehr bieten. Die
gangenen Frage schon auf die Diffamierungskam- freigewordenen Flächen dienten zur Aufstockung
pagne, die im Augenblick gegen unser Haushaltsgas von Betrieben, die sich dadurch zu bäuerlichen Voll-
g eführt wird. In diesem Zusammenhang würde mich erwerbsbetrieben entwickeln konnten. Damit ist eine
interessieren, ob die diffamierende Bezeichnung Verbesserung der Agrarstruktur eingetreten.
„Mordgas" unter Umständen aus Ihrem Hause
Diese nüchternen Zahlen fassen eine Entwicklung
kommt. Könnten Sie das einmal untersuchen lassen?
zusammen, die für die Betroffenen sehr einschnei-
dende Veränderungen gebracht hat. Sie dokumen-
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für Ge- tieren außerdem, daß die Landwirtschaft sich in
sundheitswesen: Ich glaube, Herr Kollege Haase, einem großen Umstellungs- und Anpassungsprozeß
hier sind gar keine Untersuchungen nötig. Diese Be- befindet, den wir alle vor zehn Jahren kaum für
zeichnung stammt weder aus meinem Munde noch möglich gehalten hätten. Damit wird aber auch zu-
aus meinem Ministerium. gleich die These widerlegt, daß die Landwirtschaft
im Traditionellen verharrt und sich einer durch den
Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und technischen Fortschritt bedingten Wirtschaftsweise
Herren, die Fragestunde ist damit beendet. verschließt.
Der Fortschrittswille der Landwirtschaft wird
Wir kommen zu Punkt 2 der heutigen Tagesord-
noch dadurch unterstrichen, daß trotz der Verringe-
nung, das ist Punkt 21 der gedruckten Tagesordnung:
rung der Zahl der in der Landwirtschaft Tätigen die
Bericht der Bundesregierung über die Lage landwirtschaftliche Produktion beachtlich erhöht
der Landwirtschaft gemäß §§ 4 und 5 des wurde. Hierdurch war es möglich, die Nahrungs-
Landwirtschaftsgesetzes (Drucksachen IV/940, mittelversorgung zu 70 v. H. aus inländischer Pro-
zu IV/940) duktion sicherzustellen; ein Faktum, das jeder als
beruhigend empfinden wird, der sich noch an Zeiten
Das Wort hat der Minister für Ernährung, Land-
mit unzureichender Lebensmittelversorgung erinnern
wirtschaft und Forsten.
kann.
Die Leistungssteigerung bei gleichzeitiger Ver-
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land-
minderung der Zahl der Arbeitskräfte führte zu
wirtschaft und Forsten: Herr Präsident! Meine Da-
einer außerordentlichen Erhöhung der Arbeits-
men und Herren! Fragen der Agrarpolitik stehen
produktivität. Im Wirtschaftsjahr 1950/51 erzeugte
gegenwärtig — insbesondere durch die Verhandlun-
eine Arbeitskraft 88 dz Getreideeinheiten, heute sind
gen in Brüssel — wieder im Vordergrund des allge-
es 207 dz; das bedeutet eine Steigerung um 135 v. H.
meinen politischen Interesses. In der Regierungs-
erklärung, die vorgestern der Herr Bundeskanzler Diese beachtliche Verbesserung der Arbeitspro-
hier abgegeben hat, sind bereits einige der wichtig- duktivität ist u. a. nur möglich geworden, weil Ma-
2660 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963
Bundesminister Schwarz
schinen und technische Einrichtungen in verstärktem letzten Jahren ungünstige Witterungsverhältnisse:
Umfang in der Landwirtschaft zum Einsatz gekom- 1959 hat die Trockenheit vielfach zu Ernteausfällen
men sind. Die Landwirtschaft investierte seit 1950/51 geführt. 1960 war, was die Erntemenge anbelangte,
rund 27 Milliarden DM, davon 19 Milliarden DM ein gutes Jahr; aber vielenorts verregnete sie, so
allein für Maschinen. Im letzten Jahr haben sich die daß die Qualität gemindert wurde und der verhält-
Investitionen gegenüber dem Vorjahr nicht mehr nismäßig große Aufwand für die Erntebergung eine
erhöht. Es bleibt abzuwarten, ob dies nur die Folge vermehrte Kostenbelastung verursachte. Das Jahr
der schlechten Ertragslage ist oder ob bei einem 1961 brachte wegen des kalten Sommers niedrige
Teil der Betriebe die technische Ausrüstung so weit Ernten bei Getreide, Kartoffeln und Zuckerrüben.
vervollständigt ist, daß lediglich Ersatzbeschaffun- Die tierische Produktion stieg zwar weiter an. Das
gen notwendig sind. war aber nur möglich durch eine erhebliche Er-
höhung der Futtermitteleinfuhren. Der gegenüber
Ist es schon nicht möglich, solche großen Investi-
dem Vorjahr schlechtere Ausgang der Ernte hatte
tionen allein aus den Erträgen zu finanzieren, so
eine größere Nahrungs- und Futtermitteleinfuhr zur
trug die schlechte Ertragslage der Landwirtschaft
Folge. Im Wirtschaftsjahr 1961/62 wurden für
dazu bei, daß in großem Umfang Fremdkapital auf-
2,5 Milliarden DM mehr Nahrungsmittel eingeführt
genommen werden mußte. Die Schulden der Land- als im Vorjahr. Gleichzeitig ging der Ausfuhrüber-
wirtschaft, die nach der Währungsreform auf 2,5 Mil-
schuß von 7 auf 5 Milliarden DM zurück. Hieran
liarden DM abgebaut worden waren, sind seitdem
wird die Bedeutung der Landwirtschaft für die
von Jahr zu Jahr angestiegen. Sie betragen zur Zeit
deutsche Zahlungsbilanz erkennbar.
rund 15 Milliarden DM. Die Zunahme des Fremd-
kapitals war infolge der ungünstigen Ertragslage Der erhöhte Futtermittelzukauf belastete die Aus-
im Wirtschaftsjahr 1961/62 mit rund 1,5 Milliarden gabenseite der Landwirtschaft mehr als in den Vor-
DM wesentlich höher als in den Vorjahren. Die sich jahren. Durch diese und andere Kostenerhöhungen
aus der Kreditaufnahme insgesamt ergebende Zins- verminderte sich 1961/62 — trotz steigender Ver-
belastung beträgt — trotz der Zinsverbilligungs- kaufserlöse — der Unterschied zwischen Verkaufs-
maßnahmen des Grünen Plans — im Wirtschaftsjahr erlösen und Ausgaben um 900 Millionen DM gegen-
1961/62 rund 770 Millionen DM, das sind 3,8 % über dem Vorjahr. Berücksichtigt man, daß gleich-
der gesamten Verkaufserlöse der Landwirtschaft. zeitig die Einkommen vergleichbarer Berufsgruppen
Der Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch der gewerblichen Wirtschaft anstiegen, so ergibt
Maschinen und technische Einrichtungen in der sich eine Erhöhung der Disparität gegenüber dem
Landwirtschaft hat zu einer verstärkten Arbeits- Vorjahr sogar um 1,8 Milliarden DM.
teilung mit anderen Wirtschaftsbereichen geführt. Die Entwicklung der Einkommen vergleichbarer
Zum Teil wurden Arbeiten aus der Landwirtschaft Berufsgruppen der gewerblichen Wirtschaft verlief
in die gewerbliche Wirtschaft verlagert, die früher sehr viel günstiger. In den letzten 8 Jahren erhöhte
in der Landwirtschaft selbst verrichtet wurden und sich dieses Einkommen um rund 2500 DM je
nun als Vorleistungen anderer Wirtschaftszweige Arbeitskraft, das ist eine Steigerung von 71 v. H.
im landwirtschaftlichen Erzeugungsvorgang in Er- Die Aufwärtsentwicklung der Einkommen in der
scheinung treten. Die Arbeitsteilung hat — wie be- gewerblichen Wirtschaft wurde in keinem Jahr
reits erwähnt — zu einer beachtlichen Erhöhung infolge der anhaltend guten allgemeinen wirtschaft-
der Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft ge- lichen Situation gestört. Im abgelaufenen Wirt-
führt, so daß immer weniger Arbeitskräfte für die schaftsjahr 1961/62 verbesserte sich das Einkommen
Erzeugung des Nahrungsmittelbedarfs benötigt wer- vergleichbarer Berufsgrupen der gewerblichen Wirt-
den. Dieser Entwicklungsprozeß ist in vielen Län- schaft um mehr als 500 DM je Arbeitskraft, wäh-
dern, vor allem in den Industrieländern, zu beobach- rend das Einkommen je landwirtschaftliche Arbeits-
ten. kraft um rund 300 DM zurückging. Die Lage der
Mit der Erhöhung der Arbeitsproduktivität als Landwirtschaft wäre noch ungünstiger, wenn die
Folge der großen Anstrengungen der Landwirtschaft, Hilfen des Bundes für die Landwirtschaft nicht ge-
die durch staatliche Maßnahmen unterstützt wurden, geben worden wären.
ist eine Verbesserung der Einkommensverhältnisse
in der Landwirtschaft einhergegangen. Das durch- Bei dem Vergleich der Jahreseinkommen muß
schnittliche Einkommen je landwirtschaftliche Ar- weiter berücksichtigt werden, daß sich in der ge-
beitskraft nahm in den letzten 8 Jahren um rund werblichen Wirtschaft die Arbeitszeit laufend ver-
1400 DM zu, das ist ein Anstieg um 60 v. H. Trotz kürzt hat. In der Landwirtschaft hingegen konnte
dieser Entwicklung blieb aber das Einkommen der infolge des Arbeitskräftemangels die Arbeitszeit
nicht verringert werden.
in der Landwirtschaft Tätigen hinter dem Einkom-
men vergleichbarer gewerblicher Berufsgruppen um Auf Grund der Schätzung der Verkaufserlöse und
25 bis 30 v. H. zurück. Betriebsausgaben für das laufende Wirtschaftsjahr
Vom Wirtschaftsjahr 1956/57 bis zum Wirtschafts- 1962/63 kann angenommen werden, daß sich die
jahr 1958/59 verringerte sich zwar der Einkommens- Einkommensverhältnisse in der Landwirtschaft
abstand, aber in den letzten drei Jahren vergrößerte 1962/63 gegenüber 1961/62 zwar verbessern werden.
sich diese Differenz wieder. Wie ist das zu erklären? Schon jetzt steht aber fest, daß diese Einkommens-
erhöhung in der Landwirtschaft kaum ausreichen
Für die landwirtschaftliche Produktion herrschten wird, um den Einkommensabstand zur übrigen
leider in weiten Teilen des Bundesgebietes in den Wirtschaft wesentlich zu verringern.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2661
Bundesminister Schwarz
Fassen wir die Tatbestände über die Einkommens- Arbeitskräftemangel und der sich daraus ergebende
situation zusammen: Besonders bedauerlich ist es, Zwang zu Investitionen für Gebäude und Maschinen
daß die in den früheren Jahren erfolgte Annäherung sowie die wachsenden fachlichen Anforderungen
der landwirtschaftlichen Einkommen und der ent- haben bereits in vielen Fällen zu einer Betriebsver-
sprechenden gewerblichen Einkommen sich in den einfachung geführt. Der Betriebsleiter hat hierbei
letzten Jahren nicht fortgesetzt hat. Der Abstand abzuwägen, wieweit unter den jeweiligen Verhält-
erweiterte sich sogar. Im Wirtschaftsjahr 1961/62 nissen eine Betriebsvereinfachung angebracht ist.
betrug diese Differenz rund 2300 DM je Arbeits-
kraft. Im laufenden Wirtschaftsjahr werden sich die Die Betriebsvereinfachung bringt ihrerseits be-
Einkommensverhältnisse der Landwirtschaft zwar triebswirtschaftliche Probleme mit sich, die für den
verbessern, der Einkommensabstand zur übrigen einzelnen vor allem in einer Vergrößerung des
Wirtschaft wird sich aber voraussichtlich nur wenig Risikos liegen.
verringern. Der Ersatz menschlicher Arbeit durch Maschinen
Vor diesem Hintergrund müssen wir die notwen- und technische Einrichtungen hat zu einer erheb-
digen agrarpolitischen Maßnahmen diskutieren. Sie lichen Steigerung des Aufwandes für Maschinen und
werden aus dieser Situation heraus sicher auch Geräte in den landwirtschaftlichen Betrieben ge-
meine Haltung verstehen, die ich in Brüssel bei den führt, so daß dieser Aufwandsposition besondere
EWG-Verhandlungen hinsichtlich der Angleichung Bedeutung zukommt. Maschinen und technische
des deutschen Agrarpreisniveaus eingenommen Hilfsmittel belasten den Betrieb mit hohen Fest-
habe. Es geht nach meiner Ansicht nicht, daß einem kosten. Deshalb muß ein Arbeitsvolumen zur Ver-
Wirtschaftszweig, der im Rahmen der gesamtwirt- fügung stehen, das die Ausnutzung der Leistungs-
schaftlichen Entwicklung derart zurückliegt, Preis- kapazität der Maschinen gewährleistet.
senkungen zugemutet werden, während die anderen
Infolge des reichlichen Angebots beherrscht der
Preise ansteigen.
Käufer mit seinen Wünschen den Markt. Die An-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) forderungen an die Warendarbietung im Hinblick
Die Lage der Landwirtschaft erfordert, wie Sie auf gebrauchsfertige Nahrungsgüter sind auf Grund
aus meinen Ausführungen entnehmen konnten, wei- des wachsenden Wohlstandes ebenfalls stark ange-
tere staatliche Hilfen. Doch bevor ich auf die not- stiegen. Dies und die Bevölkerungszunahme in den
wendigen staatlichen Maßnahmen eingehe, gestat- Ballungsräumen haben die Konzentration im Ver-
ten Sie mir, daß ich noch kurz einige betriebswirt- arbeitungsgewerbe und im Handel begünstigt. Dar-
schaftliche Probleme skizziere, die die Landwirt- aus ergibt sich für die Landwirte die verstärkte For-
schaft — eventuell durch staatliche Hilfen unter- derung nach einem Angebot großer Warenmengen
stützt — selbst lösen muß; denn unsere Hilfen set- mit einheitlicher Qualität. Schon bei der Erzeugung
zen den Selbsthilfewillen der Landwirtschaft vor- muß diesen Forderungen Rechnung getragen wer-
aus. den. Der kleinere Betrieb ist — allein auf sich ge-
stellt — nicht in der Lage, entsprechend große Men-
Dank der sich ständig vergrößernden Anwen- gen in gleichbleibender Qualität zu liefern, die für
dungsmöglichkeiten der Technik in der Landwirt- ein großhandelsfähiges Angebot notwendig sind.
schaft kann von einer Arbeitskraft mehr landwirt- Durch Betriebsvereinfachung und Arbeitsteilung
schaftliche Nutzfläche bewirtschaftet und mehr Vieh innerhalb der Landwirtschaft sowie durch einen Zu-
versorgt werden als früher. Viele der vorhandenen sammenschluß der einzelnen Betriebe bei der Ver-
Kleinbetriebe bieten den Arbeitskräften nicht mehr marktung kann auch der kleinere Betrieb die Vor-
die notwendigen Entfaltungsmöglichkeiten, die teile eines größeren und einheitlichen Angebots
ihnen durch die technischen Hilfsmittel gegeben nutzen.
sind. Die Grenze des wirtschaftlich lebensfähigen
Betriebes verschiebt sich zwangsläufig nach oben. Viele Landwirte versuchen bereits, die Schwierig-
Das Problem zu kleiner Betriebsgrößen sieht die keiten zu meistern, die durch das Hineinwachsen in
Bundesregierung aber nicht nur — das möchte ich eine durch die moderne Technik bestimmte Wirt-
ausdrücklich betonen — von ,der ökonomischen schaft entstehen. Die Anpassungsprozesse, die sich
Seite. Es hat auch eine soziale Seite, die durch seit längerer Zeit in der Landwirtschaft vollziehen,
unsere agrar- und sozialpolitischen Maßnahmen beweisen es. Der Zusammenschluß in der EWG ver-
berücksichtigt wird. schärft viele Probleme, mit denen die Landwirtschaft
Anpassungsschwierigkeiten treten auch in den deshalb beschleunigt fertig werden muß. Es ist Auf-
größeren Betrieben auf, die die Voraussetzungen gabe des Staates, bei Umstellungsschwierigkeiten
für einen ökonomischen Einsatz der Arbeitskräfte helfend einzugreifen, um Härten zu mildern. Ge-
bieten. Die allgemeine Spannung auf dem Arbeits- statten Sie mir, nun die vorgesehenen agrarpoliti-
markt wirkt sich besonders auf diese Betriebe aus. schen Maßnahmen der Bundesregierung zu erläutern.
Viele Landwirte sind wegen des Arbeitskräfteman- Meine Damen und Herren, zunächst einige Worte
gels gezwungen, bislang bewährte Betriebsorga- zur Höhe der Gesamtsumme des Grünen Planes
nisationen aufzugeben und agrartechnische und be- 1963, wie er Ihnen als Drucksache vorliegt. Sie be-
triebsorganisatorische Umstellungen vorzunehmen. trägt 2 Milliarden 114,5 Millionen DM und hält sich
Die bisherige vielseitige Wirtschaftsweise der damit im Rahmen des Kabinettsbeschlusses vom
landwirtschaftlichen Betriebe in Westdeutschland 11. September 1962 über den Umfang des Bundes-
war auf die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit sowie haushalts 1963. Wenn ich Ihnen heute den Grünen
den Risiko- und Arbeitsausgleich gerichtet. Der Bericht 1963 mit den Zahlen über das Wirtschafts-
2662 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963
Bundesminister Schwarz
jahr 1961/62 vorgelegt habe, dann ist dabei zu be- Grünen Planes 1963 beigegeben ist, zeigt zwar, daß
rücksichtigen, daß angesichts der zu erwartenden einige einzelne Maßnahmen aufgenommen und nach
Verschlechterung der Einkommenslage der Land- Durchführung wieder ausgeschieden worden sind.
wirtschaft in diesem Wirtschaftsjahr 1961/62 der Aber zwei Hauptgruppen von Maßnahmen stehen in
Grüne Plan 1962 im Vergleich zu 1961 bereits auf- allen bisherigen Grünen Plänen fest umrissen vor
gestockt worden war. uns, nämlich: die Maßnahmen zur Verbesserung der
Agrarstruktur und der landwirtschaftlichen Arbeits-
Von dieser 1962 erreichten Höhe ging auch der
und Lebensverhältnisse sowie die Maßnahmen zur
Entwurf des Grünen Plans 1963 aus. Er entspricht
Verbesserung der Einkommenslage der landwirt-
sowohl der Höhe wie der Aufgliederung nach
schaftlichen Bevölkerung.
dem Entwurf des Einzelplanes 10 des Bundes-
haushaltsplanes. Damit hängt direkt zusammen, daß Diese Einteilung ist also siebenmal vom Bundes-
ich von dem Vorbehalt bei der Einbringung des tag gutgeheißen worden. Sie entspricht dem Auftrag
Bundeshaushaltsplanes, d. h. der Vorbemerkung zu des Landwirtschaftsgesetzes, entspringt also nicht
Kap. 10 02, in der Ihnen vorliegenden Drucksache nur dem Wunsch nach Vergleichbarkeit der einzel-
keinen Gebrauch gemacht hatte. In dieser Vor- nen Positionen des Grünen Planes von Jahr zu Jahr
bemerkung war die Neubildung von Schwerpunkten und damit also nicht nur praktischen Bedürfnissen
im Rahmen des Grünen Planes auf folgenden Ge- von Gesetzgebung und Verwaltung. Auch der Grüne
bieten angekündigt: 1. für die Produktivitätssteige- Plan 1963 ist nach dieser bewährten Unterteilung
rung, 2. für die Qualitätssteigerung, 3. für die. hori- aufgebaut, d. h. Strukturmaßnahmen und einkom-
zontale Verbundwirtschaft, 4. für die vertikale Ver- mensverbessernde Maßnahmen machen seine Teile I
bundwirtschaft. und II aus. Der Entwurf trägt somit dem Beschluß
Durch die beiden letzteren Bezeichnungen soll die des Bundestages vom 16. Januar 1963 hinsichtlich der
vielgenannte, aber oft mißverstandene „Integration" spezifischen Mittel zur Verbesserung der Agrar-
ersetzt werden. Diese vier genannten Aufgaben- struktur Rechnung, nach dem diese Bestandteil des
gebiete sind von größter Bedeutung für die Konkur- Grünen Planes bleiben sollen. Da im letzten Jahr
renzfähigkeit der Landwirtschaft auf den europäi- die Maßnahmen zur Kreditverbilligung erheblich
schen Märkten. Die Konzentration der Nachfrage in verstärkt wurden, erscheint es nun gerechtfertigt,
den heutigen Ballungszentren erfordert eine dem- sie als Teil III aus dem Teil II der früheren Grünen
entsprechende Konzentration eines gleichartigen Pläne herauszulösen. Dies ist die einzige größere
Angebots, um eine gleichgewichtige Partnerschaft Veränderung im Aufbau des vorliegenden Entwurfs
von Erzeuger und Verbraucher zu ermöglichen. Es des Grünen Planes.
I ist eine dringende Aufgabe dieses und kommender
Grüner Pläne, eine solche moderne Organisation der Abgesehen von dieser mehr technischen Über-
Märkte zu fördern. Auch wenn die genannten vier legung erhebt sich aber die grundsätzliche Frage: ist
Schwerpunkte also nicht in dem Ihnen vorliegenden es gerechtfertigt, diesen Aufbau des Grünen Planes
Entwurf erscheinen, dann sollte diese beabsichtigte auch für 1963, auch in die werdende EWG hinein
Umgestaltung im Zuge der weiteren Beratungen des beizubehalten? Ich habe in meinen Ausführungen
Bundeshaushalts 1963 erörtert werden. Ich werde zum Grünen Bericht auf die gewaltige Veränderung
schon deswegen auf diese geplanten Maßnahmen zu- hingewiesen, welche sich im Bereich der deutschen
rückkommen, weil die Große Anfrage der Regie- Agrarstruktur vollzogen hat, noch ehe dieser Umbau
rungsparteien vom 15. November 1962 sich in ihrer von der EWG beeinflußt werden konnte. Die stei-
Frage 3 ausdrücklich auf einige marktfördernde genden Aufwendungen der Grünen Pläne für
Maßnahmen von Mitgliedstaaten der EWG bezieht, Strukturmaßnahmen von 1956: ca. 250 Millionen auf
und zwar mit der deutlichen Absicht, eine Ausschöp- 956 Millionen für 1963 sind Ausdruck dafür, daß die
fung aller in unserer Hand befindlichen Möglich- Strukturpolitik der Bundesrepublik mit dieser Um-
keiten anzuregen. strukturierung Schritt gehalten hat. Die deutsche
öffentliche Kritik hat an der Summe für diese Struk-
Der vorliegende Entwurf trägt hinsichtlich einzel- turmaßnahmen immer nur auszusetzen gehabt, daß
ner Positionen dem Wunsch nach einer besseren sie nicht hoch genug sei oder daß sie nicht lang-
Abgrenzung zwischen Grünem Plan und dem Nor- fristig genug, d. h. auf 5 oder möglicherweise
malhaushalt Rechnung. So sind z. B. die Ansätze für 10 Jahre vorgeplant seien.
Elektrifizierung, Kellerwirtschaft, Altershilfe und für
die Schulmilchspeisung bei den sonstigen Titeln des Neben diesem innerdeutschen Wunsch auf mög-
Haushalts veranschlagt. Dagegen trägt der Entwurf lichste Erhöhung der Strukturmittel wendet sich
aus zeitlichen Gründen der Empfehlung des Bundes- auch das Interesse der Gemeinschaft verstärkt den
tages vom 16. Januar 1963 noch nicht Rechnung, Problemen der Agrarstruktur zu. Es ist selbstver-
auch die Mittel für ländliche Wasserversorgung, ständlich, daß während der Zeit der Einführung der
Kanalisation, Abwasserbeseitigung und -verwertung gemeinsamen Marktordnungen der EWG das Schwer-
in den Normalhaushalt zu übernehmen. Diese Über- gewicht der Tagesarbeit in Brüssel auf diesen hoch-
nahme ist für 1964 vorgesehen. aktuellen Maßnahmen auf dem Gebiet der Markt-
und Preispolitik lag und zunächst noch weiter lie-
Überblicken Sie im übrigen die Grünen Pläne von gen wird. Es ist aber abzusehen, daß nach Abschluß
1956 bis 1962, so finden Sie im großen Ganzen eine dieser dringendsten Arbeiten die Koordinierung der
nicht zufällige, sondern beabsichtigte Kontinuität. Strukturpolitik der Partnerstaaten mehr in den Vor-
Die tabellarische Übersicht, welche dem Entwurf des dergrund treten wird.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2663
Bundesminister Schwarz
Die verstärkte Berücksichtigung der Strukturmaß- Die größte Position unter den Maßnahmen zur
nahmen im Grünen Plan 1963 entspricht also nicht Verbesserung der Einkommenslage ist der Förde-
nur dem Bedürfnis, erfolgreich begonnene Maßnah- rungszuschlag zum Auszahlungspreis für Qualitäts-
men fortzuführen und einen Kampf mit der Zeit milch, für den unter Berücksichtigung der Höhe der
nicht zu verlieren, sondern sie ist auch stärkstens Milchablieferung und der Seuchenfreiheit 600 Mil-
vom Ziel der Konkurrenzfähigkeit der deutschen lionen DM zur Verfügung stehen. Dabei ist zunächst
Landwirtschaft in der EWG bestimmt. Ich möchte zu berücksichtigen, daß mit diesem Förderungszu-
auch keinen Zweifel daran lassen, daß Teilziele aus schlag eine echte, im Interesse der Volkswirtschaft
diesem Gesamtkomplex, wie z. B. bereinigte Fluren und Volksgesundheit erbrachte Leistung abgegolten
in der ganzen Bundesrepublik und eine an moderne wird. Denn Ende 1962 sind 99,8 % aller in der Bun-
Technik angepaßte Agrarstruktur in absehbarer Zeit desrepublik vorhandenen Rinderbestände amtlich
zu erreichen sind, wenn so konsequent wie bisher als tuberkulosefrei anerkannt. Das sind 13 1/4 Millio-
an ihrer Erreichung weitergearbeitet wird. Ich habe nen Tiere. 6 Millionen tuberkulinpositiv reagieren-
mit Absicht im Grünen Plan das Beispiel des Stan- der Rinder mußten ausgemerzt werden. In zehnjäh-
des der Flurbereinigung in Bayern aufgenommen, riger angestrengter Arbeit ist die deutsche Land-
weil hier ein großer Bedarf bestand, der bereits zu wirtschaft damit dem Beispiel Dänemarks, Schwe-
einem Drittel erfüllt worden ist, während ein wei- dens, Finnlands, der Niederlande, Norwegens, Liech-
teres Viertel in Bearbeitung oder zur Flurbereini- tensteins, Großbritanniens und der Schweiz sowie
gung beantragt ist. Die Flurbereinigung ist also der Vereinigten Staaten gefolgt. Es bleibt die Auf-
kein „Faß ohne Boden". gabe, die sanierten Rinderbestände gegen jederzeit
Der Umbau der Agrarstruktur steht, als Ganzes mögliche Reinfektionen zu sichern. Dieser Gesichts-
gesehen, in engster Verbindung mit unserer tech- punkt rechtfertigt eine sogenannte Globalsubven-
nischen Zivilisation, und er kann also so lange tion, die allen kuhhaltenden Betrieben ohne Rück-
weitergehen, bis ein neues Gleichgewicht zwischen sicht auf die Betriebsgröße zugute kommt.
Landwirtschaft und übriger Wirtschaft erreicht ist. Der Förderungszuschlag zum Milchauszahlungs-
Es ist infolgedessen heute noch nicht abzusehen, preis und der durch den Grünen Plan 1962 gewährte
wie unsere landwirtschaftliche Betriebsstruktur Bonus für Werkmilchlieferungen im Jahre 1961
etwa gegen Ende dieses Jahrhunderts aussehen haben die Ertragslage der bäuerlichen Betriebe, vor
wird. Eine solche Veränderung wird selbstverständ- allem der Futterbaubetriebe, günstig beeinflußt.
lich nicht durch den Bundeshaushalt und dessen Mit- Deshalb soll weiterhin ein Zuschlag zum Milchaus-
tel für Strukturmaßnahmen bewirkt. Diese haben zahlungspreis gewährt werden. Hingegen kann in
die große Aufgabe, die Initiative der Landwirte zu Zukunft kein Bonus mehr für Werkmilchlieferungen
wecken, zu unterstützen und den großen Anpas- gegeben werden, weil die Ausgleichsmaßnahmen
sungsprozeß so zu steuern, daß er ein Minimum an in der Milchwirtschaft durch die Änderung des Milch-
Verlusten verursacht, an Verlusten materieller und und Fettgesetzes voraussichtlich eine neue Grund-
ideeller Art. lage erhalten werden. Deshalb muß der Betrag von
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen zu den 600 Millionen DM auf die gesamte Menge an Quali-
Strukturmaßnahmen lassen Sie mich zum Ab- tätsmilch, die an Molkereien angeliefert wird, auf-
schnitt II übergehen, d. h. zu den Maßnahmen zur geteilt werden. Dadurch ergibt sich je Kilogramm
Verbesserung der Einkommenslage der landwirt- Milch ein Förderungszuschlag von etwa 3,75 Pf.
schaftlichen Bevölkerung. Hier ist der Aufbau des
Entwurfs mit einer wesentlichen Ausnahme unver- Die von mir im Vorjahre bereits bei der Einbrin-
ändert geblieben. Diese Ausnahme ist der künftige gung des Grünen Berichts und des Grünen Planes
Wegfall der Verbilligung der Handelsdünger. Der angesprochene Erhöhung des Trinkmilchpreises ist
Grüne Plan 1963 enthält nur mehr den Betrag, der bislang nicht zum Zuge gekommen. Es fehlte bisher
zur Abwicklung der laufenden Verpflichtungen für die Voraussetzung hierfür, nämlich die Änderung
die Düngerjahre 1962/63 nötig ist. Im Grünen Plan des Ausgleichs- und Stützungssystems nach § 12 des
1964 soll die Maßnahme nicht mehr erscheinen. Milch- und Fettgesetzes. In der Zwischenzeit hat die
Neufassung dieses Paragraphen, durch die eine Ver-
Zur Begründung dieser Veränderung verweise ich
lagerung des Schwerpunktes vom Länderausgleich
darauf, daß diese Beihilfe 1955 als eine vorüber-
auf den Bundesausgleich erfolgt, die Zustimmung
gehende Förderungsmaßnahme geschaffen worden
des Ernährungsausschusses gefunden. Mein Haus
war. Mein Vorgänger im Amt, der Herr Bundes-
ist zur Zeit dabei, eine neue Trinkmilchverordnung
präsident, hatte seinerzeit mit einer Laufzeit von
vorzubereiten. In Verbindung mit dem verbesserten
drei Jahren gerechnet. Sie ist dann mit Rücksicht
Ausgleichssystem wird die Erhöhung des Trink-
auf die Wünsche der Landwirtschaft erheblich län-
milchpreises die Möglichkeit eröffnen, die Rentabili-
ger, d. h. bis 1962 weitergelaufen, wenn auch in den
tät der Milchwirtschaft noch weiter zu verbessern.
letzten Jahren unter Kürzung um 50 %. Inzwischen
ist die Entwicklung des Gemeinsamen Marktes so Die Notwendigkeit, den Milchpreis zu erhöhen,
weit fortgeschritten, daß auch die Beihilfen auf ihre ist seit längerer Zeit bekannt. Gründe hierfür sind
Übereinstimung mit den Zielen der gemeinsamen in erster Linie der in der Bundesrepublik gegen-
Agrarpolitik überprüft werden müssen. In diesem über den Nachbarländern in der Europäischen Wirt-
Sinne sollen direkt produktionsfördernde Beihilfen schaftsgemeinschaft niedrigere Trinkmilchpreis so-
abgebaut werden. Die durch den Wegfall gemachte wie
- die gestiegenen Gestehungs-, Verarbeitungs
Einsparung kommt uneingeschränkt der Verstär- und Transportkosten. Es ist vorgesehen, den Preis
kung der Strukturmaßnahmen zugute. für lose Trinkmilch um 6 Pf je Liter und den Preis
2664 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963
Bundesminister Schwarz
für Trinkmilch in Flaschen um 8 Pf je Liter zu er- Verfügung zu stellen, wie sie von der konkurrie-
höhen. Die Bundesregierung wird die Verordnung renden Landwirtschaft , der Partnerstaaten bezogen
zur Erhöhung des Trinkmilchpreises dem Deutschen werden können. Berücksichtigt man die in der Bun-
Bundesrat so rechtzeitig vorlegen, daß sie zusammen desrepublik höheren Rabatte, so liegt der Preis für
mit dem Vierten Gesetz zur Änderung des Milch- Dieselöl heute nicht mehr über den in den Ver-
und Fettgesetzes und dessen Durchführungsbestim- gleichsländern zu zahlenden Preisen. Der Zweck der
mungen in Kraft treten kann. Verbilligung ist damit im wesentlichen erreicht. Bei
einer weiteren Erhöhung der Beihilfen entstünde
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) die Gefahr, daß nunmehr von seiten der EWG-
Die Weitergewährung eines Förderungszuschlags Partner über eine Wettbewerbsverzerrung geklagt
zum Milchauszahlungspreis, der sich in den letzten werden könnte.
Jahren entscheidend auf die Ertragslage der west- Nach diesen Ausführungen zum Teil II des Grü-
deutschen Landwirtschaft ausgewirkt hat, wird zu- nen Planes noch einige Worte zu den Maßnahmen
gleich durch die Regelung notwendig, die im Rahmen des Teils III! Hier halte ich die seit 1954 laufende
der gemeinsamen Marktorganisation der Europä- Zinsverbilligungsaktion für eine der wesentlichsten
ischen Wirtschaftsgemeinschaft für Milch und Hilfen, die der Landwirtschaft geboten worden sind:
Milcherzeugnisse ins Auge gefaßt ist. Es ist jetzt ist es doch durch diese Maßnahmen ermöglicht wor-
schon zu erkennen, daß der angestrebte Richtpreis den, daß dem Agrarbereich für wichtige Investitio-
unter den gegebenen Erzeugungs- und Absatzver- nen und für die Strukturverbesserung in .diesen
hältnissen über den Markt nicht realisiert werden 9 Jahren ein Kreditvolumen von rund 6 Milliarden
kann. Um die Verbraucher in der Gemeinschaft nicht — davon 3 Milliarden an landwirtschaftliche Be-
stärker als bisher zu belasten, erscheint es unum- triebe unmittelbar — zu tragbaren Bedingungen zu-
gänglich, am bisher in der Bundesrepublik gehand- geführt und dadurch eine beachtliche Wertsteige-
habten System festzuhalten und diese Regelung rung erzielt wurde.
auf den Gesamtbereich der EWG auszudehnen. Sie wissen, daß seit dem vorigen Jahr durch Er-
Zur Verbesserung der Situation auf dem Markt gänzungen im Zinsverbilligungsprogramm dem
für Milch und Milcherzeugnisse tragen ferner die Bauern nunmehr für alle investiven Bedürfnisse
strukturverbessernden Maßnahmen im Bereich der des Betriebes die Möglichkeit eines einheitlichen
Molkereiwirtschaft bei. Ziel dieser in verstärktem dreiprozentigen Hofkredits eröffnet ist. Auf diesem
Umfang zu fördernden Maßnahmen ist es einer- Weg soll weitergegangen werden, um den Betrieben
seits, die Qualität der Milcherzeugnisse weiter zu zu ermöglichen, ein Optimum an Wirtschaftlichkeit
heben und andererseits günstigere Voraussetzun- zu erreichen.
gen für eine Erhöhung des Auszahlungspreises für So sind denn unsere Kreditförderungsmaßnahmen
Milch zu schaffen. Wenn die Bundesregierung eine bewußt in die Zukunft gezielt. Die Korrektur von
Fortführung dieser Maßnahmen vorschlägt, dann ist Gewesenem ist kein selbständiger Programmpunkt.
also die Frage des Verhältnisses dieses Förderungs- Ich halte auch eine zur Zeit viel erörterte allgemeine
zuschlages zur EWG nicht übersehen worden. Es ist Konsolidierung kurzfristiger Verbindlichkeiten für
die erklärte Tendenz der gemeinsamen Markt- keine Aufgabe des Bundes, zumal das Bedarfs-
politik in der EWG, alle diejenigen Beihilfen abzu- gefälle von Nord nach Süd sehr deutlich erkennbar
bauen, welche zu einer Verfälschung der Wett-- ist. Wie gesagt, eine allgemeine Umschuldung ist
bewerbsverhältnisse beitragen oder die Produktion nicht beabsichtigt, und mit ihr allein ist es auch für
eines bestimmten Erzeugnisses über seine Absatz- keinen Betrieb getan. Wo aber ein Bauer mit dem
möglichkeiten hinaus anreizen könnten. Die Bun- Blick auf das Kommende Investitionen plant, sie
desregierung hat es als eine wichtige Aufgabe an- sorgfältig aufeinander abstimmt und in der logi-
gesehen, im Ministerrat der EWG darauf zu drän- schen Reihenfolge verwirklichen will, da soll ihm
gen, daß alle im Agrarsektor der EWG gegebenen auch die Möglichkeit gegeben werden, Überhänge
Beihilfen offengelegt werden. Ein erster Schritt kurzfristiger Verbindlichkeiten, die seine finanziel-
dazu ist mit der Meldung solcher Beihilfen gesche- len Dispositionen stören, durch längerfristige Til-
hen, wie sie 1962 durchgeführt wurde. Es wird Auf- gungsdarlehen abzulösen. Diese sollen dann, wie
gabe der Kommission der EWG sein, für Vollstän- ein Investitionskredit, auch nur 3 % Zinsen kosten.
digkeit dieser Listen zu sorgen. Diese ist in der
Wenn der Staat hierzu die Hand hinstreckt, so wird
Bundesrepublik schon deshalb gegeben, weil alle
das hoffentlich für viele der Anreiz sein, ihre Wirt-
Beihilfen im Bundeshaushalt verzeichnet sind.
schaftsweise neu zu durchdenken und rationeller zu
Gerade ein Partnerland der EWG, das selbst auf machen.
Offenlegung aller Subventionen drängt, muß gegen-
über seinen eigenen Beihilfen ebenso kritisch sein. Der Grüne Plan 1963, den ich Ihnen in großen
Die Folgerungen aus der EWG sind infolgedessen Zügen vorgetragen habe, ist bereits im Sommer des
auch an anderer Stelle Ides Entwurfs berücksichtigt Vorjahres aufgestellt worden. Die damals noch zu
worden. Die ihrem Umfang nach zweithöchste erwartende Besserung der Lage der Landwirtschaft
Beihilfe des Grünen Planes ist die Betriebsbeihilfe auf Grund einer guten Getreide- und Hackfrucht
zur Verbilligung von Gasöl. Sie ist auf Grund der ernte ist nicht oder jedenfalls nicht in dem Umfang
Zunahme der Schlepper in der Landwirtschaft auf eingetreten, wie ursprünglich angenommen werden
123,5 Millionen DM erhöht worden. Es ist das Ziel konnte. Auf der anderen Seite sind, worauf ich be-
unserer Agrarpolitik, der Landwirtschaft die wich- reits im Grünen Bericht hingewiesen habe, die
tigsten Produktionsmittel zum gleichen Preis zur Löhne in der gewerblichen Wirtschaft weiterhin an-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2665
Bundesminister Schwarz
gestiegen, und für das Frühjahr 1963 sind wieder rung beauftragte, die Agrarpolitik nach folgenden
Tarifkündigungen auf breiter Grundlage angemel- Grundsätzen auszurichten: 1. Beachtung des deut-
det. Es muß deshalb damit gerechnet werden, daß schen Landwirtschaftsgesetzes und seines Auftrages
der Abstand zwischen dem Einkommen in der Land- für den Bauern, 2. Erfüllung der Verpflichtungen,
wirtschaft und dem Einkommen in der gewerblichen die sich aus dem EWG-Vertrag ergeben, 3. Rücksicht
Wirtschaft, der seit dem Inkrafttreten des Landwirt- auf den deutschen Verbraucher von Nahrungsmit-
schaftsgesetzes im Jahre 1961/62 am größten war, teln und 4. Rücksicht auf den Bundeshaushalt. Diese
sich kaum verringern wird. Um dem Ziel des Land- vier Aufträge setzen in gewissem Sinne ebenso
wirtschaftsgesetzes gerecht zu werden, habe ich des- viele Begrenzungspfeiler; denn sie sprechen mit an-
halb dem Bundeskabinett eine weitere Aufstockung deren Worten aus: die Anhebung der landwirt-
des Grünen Planes vorgeschlagen. schaftlichen Einkommen findet ihre Begrenzung in
der Rücksicht auf den Ernährungsindex und auf den
Das Kabinett, insbesondere auch der Herr Bundes-
Bundeshaushalt, der eine unangemessene Erhöhung
minister der Finanzen, hat sich den von mir vor-
von Beihilfen, sei es für Erzeuger oder Verbraucher,
getragenen Gründen nicht verschließen können, hat
ausschließt; und alle drei genannten Faktoren müs-
aber auf der anderen Seite die Gesamthaushalts-
sen den Regelungen der Gemeinsamen Agrarpolitik
lage, die noch verschiedene Unsicherheitsfaktoren
der Gemeinschaft entsprechen, die Gesetzeskraft be-
enthält, in Berücksichtigung ziehen müssen. Bei die-
sitzen. Auch diese Regelungen müssen dem Gleich-
ser Sachlage konnte das Kabinett auf seiner letzten
gewicht zwischen diesen grundsätzlichen, in letzter
Sitzung meinen Vorschlägen nur insoweit eine feste
Zeit diskutierten Kriterien entsprechen: dem ange-
Zusage geben, als sie einen finanziellen Mehrauf-
messenen Einkommen des Bauern, dem Ausgleich
wand für dieses Haushaltsjahr von 240 Millionen
zwischen Erzeugung und Verbrauch auf dem Binnen-
DM nicht übersteigen.
markt der EWG und im Verkehr mit dritten Ländern
(Abg. Bauknecht: bas kann aber nicht das und der Rücksicht auf die Finanzierungsmöglichkei-
letzte Wort sein, Herr Minister, das reicht ten der EWG. Die Gesichtspunkte dieses Auftrages
nicht aus!) des Bundestages kehren also zwangsläufig als Kri-
— Herr Kollege Bauknecht, ich darf wiederholen: terien für die Festsetzung von Richtpreisen auf der
bei dieser Sachlage konnte das Kabinett auf seiner Ebene der EWG wieder, und dies konnte auch gar
letzten Sitzung meinen Vorschlägen nur insoweit nicht anders sein. Es gibt Zwangsläufigkeiten des
eine feste Zusage geben, als sie einen finanziellen volkswirtschaftlichen Zusammenhanges, die sich auf
Mehraufwand für dieses Haushaltsjahr von 240 Mil- jeder politischen Ebene herausstellen, wenn sie für
lionen DM nicht übersteigen. Diese zusätzlichen Mit- Zwecke der Gesetzgebung formuliert werden müs-
tel sollen Verwendung finden zur Verbesserung der sen.
Leistungen der Altershilfe. Ich darf mich insoweit Die EWG ist für alle ihre Organe ebenso an den
auf die dem Hause bereits vorliegenden Initiativ- Art. 39 des Vertrages gebunden wie die Bundesre-
gesetze beziehen und den Wunsch hinzufügen, daß gierung an das Landwirtschaftsgesetz. Mit dem wie-
die beabsichtigten Verbesserungen mit dem 1. April derholten Bekenntnis zu diesen Artikeln und Para-
1963 in Kraft treten. Ferner sollen die zur Finanzie- graphen ist aber noch keine praktische Agrarpolitik
rung des bereits im Vorspruch zum Haushaltsplan gemacht. Diese besteht darin, den möglichen Aus-
erwähnten Schwerpunktprogramms, nämlich der gleich zwischen den genannten Forderungen oder
Förderung der Produktivität und der Qualität sowie Kriterien so zu finden, daß er politisch, sozial und
der horizontalen und vertikalen Verbundwirtschaft wirtschaftlich für alle Beteiligten tragbar erscheint.
erforderlichen Mittel bereitgestellt werden. Weiter
ist vorgesehen, das Zinsverbilligungsprogramm wei- Wir sind diesem Ausgleich näher gekommen.
ter auszubauen, insbesondere die für landeskultu- Aber der Prozeß der gesellschaftlichen und techni-
relle und allgemeine agrarstrukturelle Maßnahmen schen Entwicklung führt uns einem unbekannten
notwendigen Kredite weiter zu verbilligen. Ich Ziel zu: wer hätte noch vor dem ersten Weltkrieg
glaube, daß die vorgesehenen Maßnahmen sich auf abschätzen können, wohin allein die Verkehrsrevo-
die Verbesserung der Ertragslage spürbar auswir- lution führen würde? Entscheidend ist die Antwort
ken werden, und ich begrüße es, daß mit der Ver- auf die Frage, ob wir uns mit unserer Agrarpolitik
besserung der Altershilfe der Beginn mit einer stär- auf dem richtigen Wege befinden. Diese Antwort
keren sozialen Sicherung der in der Landwirtschaft könnte heute schon nicht mehr isoliert aus dem
Erwerbstätigen gemacht wird. Daß auf dem letz- Bereich der Bundesrepublik allein gegeben werden.
teren Gebiete weitere Anstrengungen notwendig Der Vergleich der Agrarpolitik der sechs Teilneh-
sind, wird wohl von keiner Seite bestritten werden. merstaaten ergibt ganz eindeutig, daß die großen
Aufgaben allen Partnerländern im Grundsätzlichen
Im letzten Teil meiner Ausführungen darf ich mich gemeinsam sind und nur regional verschiedene Aus-
der agrarpolitischen Konzeption zuwenden, die prägungen zeigen. Aber auch, wo die regionalen
jeder unserer Maßnahmen zugrunde liegen muß, Schwierigkeiten am stärksten ausgeprägt sind, wie
wenn sie nicht aus tagesbedingten Aushilfen beste- z. B. in den von Natur benachteiligten Gebieten
hen sollen. Die deutsche Agrarpolitik hat eine ge- innerhalb der EWG, müssen meist die gleichen Mit-
setzliche und eine vertragliche Grundlage: das deut- tel zu ihrer Förderung angewandt werden. Jedes
sche Landwirtschaftsgesetz und das Vertragswerk Partnerland hat seine Räume mit spezifischen Män-
der EWG. Das Hohe Haus hat diese Grundlage geln. Die Dynamik des Strukturwandels und der
deutlich in Erinnerung gebracht, als es nach den Anpassung der menschlichen Arbeitskraft an die
Brüsseler Januarbeschlüssen 1962 die Bundesregie- Mittel der technischen Zivilisation ist nicht nur in
2666 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963
Bundesminister Schwarz
) den EWG-Ländern, sondern in allen westlichen In- Im ersten Absatz dieses Schriftlichen Berichtes
dustriestaaten die gleiche. heißt es:
Die Verwirklichung der EWG wird uns zweifel- Der Ausschuß für Kommunalpolitik und Sozial-
los noch vor schwierige Aufgaben stellen. Einige hilfe hat sich in seiner Sitzung vom 15. Novem-
davon werden auch in meiner demnächst zu geben- ber 1962 mit dem Antrag befaßt und beschlos-
den Antwort auf die Große Anfrage der Fraktionen sen, dem federführenden Ausschuß die Ableh-
der FDP und der CDU/CSU vom 15. November 1962 nung des Antrags zu empfehlen, und zwar mit
anklingen. Andererseits kann uns die Gemeinsam- der Begründung, das Begehren der Antragstel-
keit dieser Problematik in der Richtung unseres ler werde durch das Bundessozialhilfegesetz
Weges bestärken. Es ist Ihnen heute, meine Damen (BSHG) in ausreichendem Maße erfüllt.
und Herren, der Bericht über ein Wirtschaftsjahr
vorgelegt worden, dessen naturbedingte Einbußen Meine Damen und Herren, ich möchte, nachdem
sich bis heute auswirken. Aber dieser Rückschlag im Schriftlichen Bericht bei den Verhandlungen des
bedeutet keine grundsätzliche Wendung in der Ent- federführenden Ausschusses von Mehrheit und Min-
wicklung, die von den sieben Berichten vor ihm derheit gesprochen wird, hier nicht den Eindruck
verzeichnet worden ist. Vor einer solchen Auffas- entstehen lassen, als sei im Gegensatz dazu die Be-
sung müßte energisch gewarnt werden, weil sie schlußfassung des Ausschusses für Kommunalpolitik
voraussichtlich schon vom Grünen Bericht 1964 kor- und Sozialhilfe einstimmig gewesen. Ich möchte
rigiert werden könnte. Die Bundesregierung be- vielmehr feststellen, daß sich selbstverständlich die
trachtet es als ihre Aufgabe, der Landwirtschaft Mitglieder der SPD-Fraktion der Auffassung nicht
über diesen naturbedingten Rückschlag hinwegzu- angeschlossen haben, daß in diesem Falle das Bun-
helfen und ihr wieder den Anschluß an die allge- dessozialhilfegesetz genügend Hilfen gebe. Es han-
meine Entwicklung unserer Volkswirtschaft zu er- delt sich um einen Mehrheitsbeschluß des Ausschus-
möglichen. ses für Kommunalpolitik und Sozialhilfe. Ich möchte
das hier ausdrücklich festgehalten haben.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Abg. Dr. Willeke: Das ist richtig!)
Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und Im Ausschußbericht findet sich dann noch eine
Herren, die Fraktionen haben vereinbart, die Aus- Bemerkung, die wohl nicht absichtlich so hineinge-
sprache am 13. Februar zu halten. Wir haben den kommen ist. Es heißt dort, daß die Minderheit die
Punkt 21 also durch den Vortrag de's Herrn Mini- Auffassung vertreten habe, „wegen der staatlichen
sters erledigt. Kontrolle der Arzneimittel treffe den Staat in etwa
Ich rufe auf Punkt 22 der Tagesordnung: ein Mitverschulden an den Mißbildungen". Meine
Damen und Herren, das haben wir nicht behauptet.
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus- Wir reden nicht vom Mit verschulden, sondern
s chusses für Gesundheitswesen (11. Ausschuß) wir reden von der Mit verantwortung des
über den Antrag der Fraktion der SPD betr. Staates an diesen Dingen. Diese Mitverantwortung
Bundeshilfe bei Mißbildungen durch Arznei- des Staates, die wir sehen, ist ja überhaupt die
mittel (Drucksachen IV/630, IV/905.) tiefere Begründung dafür, daß wir unseren Antrag
Berichterstatter ist Herr Abgeordneter Dr. Jung- auf Vorlage eines besonderen Gesetzes in dieser
mann. Ich erteile ihm das Wort. Angelegenheit gestellt haben. Ich bitte also, das in
diesem Sinne bei sich zu berichtigen. Wir möchten
(Abg. Dr. Jungmann: Ich verzichte!) hier nicht von Schuld sprechen.
— Sie verzichten und beziehen sich auf Ihren Schrift-
lichen Bericht. — Wortmeldungen? — Das Wort hat Im übrigen hat es mich etwas verwundert, wenn
der Abgeordnete Könen. ich die Protokolle des Gesundheitspolitischen Aus-
schusses nachsehe und finde, daß z. B. Frau Dr. Pann-
hoff dort schon erklärt hat:
Könen (Düsseldorf) (SPD) : Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Wenn Sie gestatten, Herr Prä- Deshalb könne von einer moralischen Verpflich-
sident, werde ich unseren Änderungsantrag gleich tung oder gar Schuld des Staates oder des Her-
mit begründen. — Wir befassen uns heute wieder stellerwerkes nicht geredet werden.
mit dieser tragischen Angelegenheit, der Verwen- Meine Damen und Herren, ich möchte Bundes-
dung des Arzneimittels Contergan, die die Menschen tagsabgeordnete, gleichgültig in welcher Fraktion
in der Bundesrepublik und darüber hinaus aufge- sie sitzen, doch dringend davor warnen, Dinge vor-
schreckt hat. Der Schriftliche Beri cht auf Drucksache wegzunehmen. In diesem Falle ist der Herr Bundes-
IV/905, der uns vom federführenden Ausschuß für kanzler nicht immer ein leuchtendes Beispiel. Man
Gesundheitswesen vorgelegt worden ist, darf wohl soll da lieber erst einmal die Prozesse abwarten.
das Prädikat bekommen, daß in ihm, soweit es die
Beratungen des Gesundheitsausschusses angeht, (Zustimmung bei der SPD.)
sehr sorgfältig darüber berichtet wird, was Mehrheit
und Minderheit gesagt haben. Ich will hier nicht die Wenn man jetzt schon bei uns sagt, daß das Her-
Frage prüfen, warum das, was ich jetzt zu bean- stellerwerk keine Schuld trifft, dann möchte ich
standen habe, in den Bericht so hineingekommen einmal neugierig sein und möchte wissen, was das
ist. Ich möchte nur eines feststellen: Herstellerwerk selbst sagt.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2667
Könen (Düsseldorf)
Bevor ich zu unserem Änderungsantrag komme, Antrages, der hiervon spricht, zur Annahme zu
noch eine Bemerkung. Herr Dr. Jungmann, Sie haben empfehlen.
laut Protokoll gesagt: (Abg. Dr. Willeke: Ist doch erfüllt!)
Er hoffe nicht, daß der Antrag Da es nicht darum ging, recht zu behalten und uns
— also der SPD — nur auf unseren Antrag festzunageln, haben wir
dann im Laufe der Auseinandersetzung im Gesund-
noch einem möglichen Ressentiment der Antrag- heitsausschuß versucht, eine Regelung zu finden, die
steller gegenüber dem BSHG entspringe. wir für bescheiden halten, die aber gegebenenfalls
Herr Dr. Jungmann, als wir uns in der Plenarsitzung ein wenig geholfen hätte. Das war der Antrag —
erstmalig mit unserem Antrag befaßten, hatten Sie den ich mit Erlaubnis des Herrn Präsidenten vorle-
die Freundlichkeit, mir vorzuhalten, ich hätte das sen darf —, einen § 47 a in das Bundessozialhilfe-
BSHG nicht gelesen, ich kennte es nicht. Herr Dr. gesetz einzubauen, der lauten sollte:
Jungmann, ich will Ihnen etwas anderes sagen. Ob
Der Bund leistet einen Zuschuß zu den Auf-
Sie das BSHG gelesen haben, will ich hier nicht zur
wendungen, die dem Träger der Sozialhilfe
Debatte stellen. Aber daß Sie die Sozialdemokraten
durch Gewährung der Eingliederungshilfe nach
nicht kennen, die an diesem Gesetz mitgearbeitet ha-
den §§ 39 bis 43 an Personen entstehen, deren
ben, und darüber hinaus nicht die Grundhaltung der
Behinderung Folge oder wahrscheinliche Folge
Sozialdemokraten zu solchen Dingen, das beweist
einer Schädigung durch Arzneimittel ist. Der
die Bemerkung, daß Sie ,,nicht hoffen". Kommen Sie
Zuschuß wird in Höhe der Mehraufwendungen
bitte nicht und sagen Sie: ich habe ja ausdrücklich
des Trägers der Sozialhilfe gewährt, die sich
gesagt, ich hoffe nicht, daß es so ist. Man soll uns
solche Dinge nicht unterstellen. Die positive Seite aus der in diesen Fällen notwendigen Anwen-
des BSHG, die Leistungsseite, ist nicht zuletzt unter dung des § 84 Abs. 1 ergeben.
tatkräftiger Mitwirkung von Sozialdemokraten ge- Im Gegensatz zu dem, was ich aus dem Protokoll
schaffen worden. Wir möchten nicht daran herum- herauslesen konnte, zu dem, was seitens der CDU-
deuteln lassen. Mitglieder des Gesundheitsausschusses dazu gesagt
(Beifall bei der SPD.) worden ist, dreht es sich hier nicht etwa darum, ein-
fach eine finanzielle Verlagerung vom Land auf
Die Dinge, die heute beim Verfassungsgericht den Bund vorzunehmen, sondern es dreht sich
eine Rolle spielen, Herr Dr. Jungmann, beeindruk- darum, den über das Einkommen hinausgehenden
ken und beeinflussen uns nicht, wenn wir uns auf Mehrbetrag nicht zwischen den unglücklichen Eltern
den Standpunkt stellen, daß die Contergan-geschä- und dem überörtlichen Träger der Sozialhilfe —
digten Kinder eine besondere Hilfe nötig haben. sprich: Land — nicht aufspalten, sondern vom Bund
Was ist das für ein Gedankensprung! Ich muß schon übernehmen zu lassen, d. h. den Betrag, der über
sagen, dafür habe ich kein Verständnis. Es fehlt nur die Einkommensgrenze hinaus gegebenenfalls i n
noch, daß jemand hier heraufkommt und sagt, wir Anspruch genommen werden könnte. Das zur Rich-
wollten Propaganda machen. Dann langt es mir tigstellung.
aber. Auch das haben Sie abgelehnt. Wir haben uns
(Lachen bei der CDU/CSU.) deshalb entschlossen, Ihnen auf Umdruck 173 *)
Das ist doch wirklich wahr. Meine Damen und Her- einen Änderungsantrag vorzulegen, der, kurz
ren, entschuldigen Sie, wenn ich darüber ärgerlich gesagt, das enthält, was unser ursprünglicher An-
bin. Aber das ist ein Punkt, in dem ich empfindlich trag, der zu der heutigen Debatte geführt hat, ent-
bin. Andere Leute scheffeln Geld. Wir kümmern halten hat. Wir haben es noch einmal abgeschrie-
uns um die Leute, denen es schlecht geht; und dann ben und wünschen, daß der Ausschußantrag, der
muß man sich vorhalten lassen, man tue das, um Ihnen vorliegt, durch Teil I ergänzt wird mit dem
billige Geschäfte zu machen. Ich bin nicht in einer Inhalt unseres ursprünglichen Antrages.
anderen Fraktion, ich bin in der SPD-Fraktion. Meine Damen und Herren, 'ich habe nicht die
(Zuruf des Abg. Spies.) Absicht, Sie jetzt noch einmal mit all den Dingen
bekanntzumachen, die wir zu der Frage selbst ge-
— Herr Spies, daß Sie das nicht von mir sagen sagt haben. Der Schriftliche Bericht enthält, abgese-
werden, davon bin ich überzeugt, dafür kennen wir hen von dem kleinen Lapsus, von dem ich eben
uns zu gut. sprach, in durchaus ordentlicher Form die Stellung-
Dann ist noch etwas Bedauerliches festzustellen. nahme der Opposition. Unsere ganze Auffassung zu
Wir hatten diesen Antrag gestellt — nach dem die diesem Fragenkomplex ist nicht etwa davon getra-
Bundesregierung ersucht wurde, einen Gesetzent- gen, daß wir sehr sorgsam untersuchen wollten, ob
wurf vorzulegen — in der Hoffnung, daß uns im das BSHG hier oder dort angeknackst wird, ob
Ausschuß die Möglichkeit geboten würde — der diese oder jene grundsätzliche Frage behandelt
Antrag mußte schnell gestellt werden; es war natür- wird. Es ging ganz einfach und nüchtern darum, daß
lich kein Gesetzentwurf, sondern ein Antrag —, die nach Auffasssung der SPD die Hilfebestimmungen
Dinge nunmehr eingehend zu besprechen. im Verhältnis zu der Einkommensinanspruchnahme
nicht ausreichen, um in solch schweren Fällen tat-
Leider kommt es nicht zu diesem Gesetzentwurf,
sächlich helfen zu können.
wenn hier nicht anders entschieden werden sollte,
weil es der Ausschuß ablehnt, den Teil I unseres *) Siehe Anlage 2
2668 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Könen (Düsseldorf)
Wir haben hier noch nicht davon gesprochen, wie nahme der sehr großzügigen Auslegung des § 84.
es sich mit den vermögensrechtlichen Bestimmun- Vielleicht werden wir uns in Zukunft auch wieder
gen verhält. Sehen Sie sich das bitte an! Wir sind mit anderen Sachen befassen müssen; dann wird
der Auffassung, daß man hier wirklich von der Be- das tragische Schicksal der durch Contergan geschä-
trachtungsweise rein formeller Art weggehen sollte: digten Menschen nicht mehr im Vordergrund ste-
Kann das Gesetz das s o vertragen oder dieses ver- hen; dann ist das vergessen, und das andere hat
tragen. Darum haben wir gefordert, ein besonderes den Vorrang.
Gesetz zu machen. Wir haben uns gefreut, 'daß der Ausschuß bean-
Wir wehren uns aber auch dagegen, wenn hier tragt hat, den zweiten Teil unseres Antrags hier
davon gesprochen wird, daß eine reine Sonderbe- zur Beschlußfassung zu empfehlen. Es heißt in dem
handlung für eine ganz bestimmte Gruppe von Ausschußantrag also:
Menschen vorgenommen werden soll. Es sind be- Die Bundesregierung wird ersucht,
reits Sonderbehandlungen vorgesehen. Ich verrate
Ihnen, meine Damen und Herren, kein Geheimnis: in Zusammenarbeit mit den Ländern die wis-
Wenn die berühmte Erfahrungszeit einmal hinter uns senschaftliche Forschung zu entwickeln, weiter-
liegt, dann wird es dazu kommen, daß wir eine zuentwickeln und die Erprobung orthopädischer
Revision der Einkommensbestimmungen auf der und sonstiger Hilfsmaßnahmen, die bei Miß-
ganzen Linie fordern werden für alle Hilfen, die ge- bildung durch Arzneimittel erforderlich werden,
geben werden müssen, weil wir der Meinung sind, zu fördern.
daß sich gezeigt hat, daß diese Bestimmungen zu Damit wir uns richtig verstehen: Nach Aussage
eng sind. Das ist der Hintergrund unserer Anträge. der Fachleute brauchen wir mindestens für die näch-
sten fünf Jahre Gelder, um Forschungsarbeit betrei-
Ich möchte Ihnen dazu noch eines sagen. Sie ben zu können. Selbst von seiten der Koalitions-
sprechen doch sehr viel von der Kausalität, von der parteien wurde im Ausschuß gesagt: Auch wir
Ursache, die nichts mit dem Gesetz zu tun habe, haben uns gefreut, daß dafür Mittel im Haushalt
usw. Ich habe hier eine Notiz aus der „Welt am der Frau Gesundheitsministerin vorgesehen sind;
Sonntag" vom 1. September 1962 — diesmal bin ich auch wir können uns vorstellen, daß es mehr sein
etwas vorsichtiger, damit ich nicht gefragt werde: könnte.
Woher haben Sie das? —. Danach hat Herr Dr. Host
Labenzke gesagt: Wir wollen hier keine unbilligen Forderungen
stellen; wir möchten nur klarstellen, daß das mit
Die Hilfe für die geschädigten Contergan- den Mitteln, die in den Bundeshaushalt 1963 ein-
Kinder hat aber auch eine finanzielle Seite. gesetzt werden, nicht erledigt sein kann.
Allein die erste Versorgung eines einzigen Kin-
(Zuruf von der Mitte: Natürlich nicht!)
des kostet nach vorläufigen Schätzungen 5000
bis 7000 DM. Viel aufwendiger aber werden Das ist eine Aufgabe von Jahren. — Ich nehme
noch die Summen sein, die für neue Forschungs- gern zur Kenntnis, daß man bei den Regierungs-
stätten, Schulungsheime und die Weiterent- parteien der gleichen Auffassung ist.
wicklung orthopädischer Hilfsgeräte benötigt Nun heißt es hier: „die bei Mißbildung durch
werden. Die Gelder aber, die den betroffenen Arzneimittel erforderlich werden ...". Meine Da-
Familien nach dem Sozialhilfegesetz gezahlt men und Herren, daß wir uns da recht verstehen:
werden, reichen nur für die dringlichsten Hilfs- Das war ja ein Antrag, der die Regierung zu etwas
maßnahmen aus. bringen sollte. Das schaffen wir ja nun nicht. Aber
Meine Damen und Herren, ich will hier nicht die nun möchte ich Ihnen doch sagen, was wir dann im
Frage aufwerfen — sie wäre sehr interessant, müßte Ausschuß gegebenenfalls noch dazu gesagt hätten.
aber in einem Ausschuß behandelt werden —, wie Wir bitten das so aufzufassen, daß 'diese Forde-
das dann nun mit den nach bürgerlichem Recht rung nach den Mitteln für Forschung und Wissen-
Unterhaltsverpflichteten wird, wenn die Dinge auf schaft nichts anderes 'darstellen soll als den Beginn
Grund des Bundessozialhilfegesetzes ohne irgend- einer Arbeit, die zu etwas führt, was wir leider in
welche besondere Betrachtungsweise geregelt wer- unserer Wohlstandsrepublik immer noch nicht ha-
den. Dann trifft es nicht nur die Eltern, sondern dar- ben, nämlich zu einer zentralen Forschungsstelle, zu
über hinaus auch eine Menge anderer Leute, die einer Zentrale, die Erfahrungen sammelt, austauscht,
nach dem Bundessozialhilfegesetz in Anspruch ge- weitergibt, die Wissenschaft damit beschäftigt;
nommen werden. einer zentralen Stelle — die wir noch nicht haben —,
Wir sind der Auffassung, daß die großzügige die sich dann nicht etwa nur mit 'den Notwendig-
Hilfsbereitschaft in den Ländern —so nennenswert keiten für mißgebildete Kinder befaßt, deren Miß-
sie ist — nicht auf so schwachen Füßen stehen darf, bildungen auf Arzneimittel zurückzuführen sind;
daß, wenn diese Dinge einmal abgeklungen sind, es wir hoffen vielmehr, daß diese Arbeit dazu führen
keine rechtliche Handhabe dafür gibt, diese Groß- wird, daß wir ein Zentrum bekommen, das helfen
zügigkeit fortzusetzen. soll, wo überhaupt Mißbildungen vorhanden sind;
daß wir also endlich einmal dazu kommen, die —
(Beifall bei der SPD.) wir haben das schöne Fremdwort dafür — Reha-
Das ist doch der Punkt, um den es hier geht. Wir bilitation gründlich anzufassen. Ich würde mich
werfen den Ländern nicht vor, sie seien kleinlich. außerordentlich freuen, wenn heute mit dieser gro-
Wir stellen nur fest, daß die Großzügigkeit der Län- ßen Arbeit der Anfang gemacht würde.
der nirgendwo eine Begründung findet, mit Aus- (Beifall bei der SPD.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2669
Könen (Düsseldorf)
Wir fordern also im Hintergrund diese zentrale Hilfe nötig hat, der soll Hilfe bekommen, und zwar
Forschungsstelle für alle, die Mißbildungen erlitten soll er d i e Hilfe bekommen, die er persönlich für
haben, und ich darf sagen: das ist das Wenigste. die Führung eines menschenwürdigen und sinn
erfüllten Lebens braucht. Es handelt sich hier doch
Nun noch zu unserem Antrag. Ich habe wenig
wirklich um eine Solidaritätshilfe, in die alle, auch
Hoffnung, meine Damen und Herren, ich bin im
die körperlich, geistig oder seelisch Behinderten,
Grunde genommen sogar überrascht, daß noch so
eingeschlossen sind.
viele Kolleginnen und Kollegen hier sind. Aber
sehen Sie einmal: Wir haben eben den Grünen Be- Ich brauche hier wohl nicht im einzelnen auf die
richt gehört, und wir hören hier manches andere. Bestimmungen dieses guten, von uns allen gemein-
Wir subventionieren mit einer Menge Geld Dinge, sam erarbeiteten Gesetzes einzugehen.
die die Wirtschaft betreibt. Wir subventionieren
mit einer Menge Geld Dinge, die im harten Wind (Zuruf von der SPD: Das sollten Sie mal
dieser freien Marktwirtschaft geknickt werden tun!)
könnten. Wir stützen und helfen in der Wirtschaft. Wir haben in diesem Gesetz ganz bewußt davon
Ich bin der Auffassung, es würde der Bundesrepu- abgesehen, Art und Ausmaß der Hilfe von bestimm-
blik sehr gut anstehen, wenn sie auch beim Men- ten Ursachen, also auch von bestimmten Krank-
schen, der in dem harten Wind der Wirklichkeit heiten, abhängig zu machen. Es soll also im Einzel-
geknickt werden kann oder schon geknickt in diese fall von den zuständigen Behörden auch nicht geprüft
harte Wirklichkeit hineingehen muß, subventionie- werden müssen, auf welche Ursachen beispielsweise
ren würde, Geld anlegen würde; nicht um der Wirt- eine Mißbildung zurückzuführen ist. Wir haben uns
schaft willen, sondern um des Menschen willen. davon überzeugt, daß auf Grund des Bundessozial-
Darum geht's in dieser Angelegenheit. hilfegesetzes auch den mißgebildeten Kindern und
Ich darf Sie also herzlich bitten: Nehmen Sie unse- ihren Eltern die Hilfe gewährt werden kann und
ren Änderungsantrag an, stellen Sie die Vorlage, wie muß, die sich aus der Besonderheit der Notlage
wir sie ursprünglich eingebracht haben, wieder her! ergibt.
Wenn uns das Ministerium einen Gesetzentwurf Wir sind der Auffassung, daß es einen nicht zu
vorlegt, werden wir uns darüber unterhalten kön- verantwortenden Rückschritt darstellen würde, wenn
nen. wir eine Sonderregelung einführten. Ohne daß ich
(Beifall bei der SPD.) mich hier mit der Frage beschäftigen möchte, wie
die Entstehung von Mißbildungen zu erklären ist,
Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat Frau muß ich doch mit aller Deutlichkeit feststellen, daß
Abgeordnete Engländer. sich die Mehrheit des Ausschusses für Gesundheits-
wesen und auch des Ausschusses für Kommunal-
Frau Engländer (CDU/CSU) : Herr Präsident! politik nicht davon überzeugen konnte, daß hier
Meine Herren und Damen! Aus den Ausführungen etwa eine Mitverantwortung des Staates vorliege
unseres Kollegen Herrn Könen könnte sich der Ein- und der Staat deshalb für diese Kinder und ihre
druck ergeben, daß in den Ausschüssen für Gesund- Eltern mehr tun müßte als für die von anderen Miß-
heitswesen und für Kommunalpolitik unsere bildungen oder Krankheiten schwer getroffenen
Freunde und auch ich selbst nicht das genügende - Kinder und Eltern.
Verständnis für die so besonders tragische Lage der
Ich bin vielen Eltern begegnet, deren Kinder miß-
mißgebildeten Kinder und ihrer Eltern hätten. Das
gebildet geboren wurden, die spastisch gelähmt sind,
möchte ich unter keinen Umständen hier im Raum
die geistig behindert sind oder an den Folgen einer
stehen lassen. Sie wissen, daß wir alle uns des
Kinderlähmung leiden. Ich bin in der letzten Zeit
schweren Schicksals dieser Kinder und der Not ihrer
immer wieder froh darüber gewesen, erleben zu kön-
Eltern durchaus bewußt sind, und ich möchte auch
nen, welch großzügige Hilfsmöglichkeiten das Bun-
sagen, daß viele von uns sich mit der Not dieser
dessozialhilfegesetz für sie enthält; und es werden
Kinder schon sehr intensiv befaßt und sehr vieles
immer mehr werden, je mehr Einrichtungen hierfür
in die Wege geleitet haben.
geschaffen worden sind. Das Gesetz ist zwar erst ein
(Zuruf von der SPD: Was denn?) halbes Jahr in Kraft; doch wie viele Vereine haben
Trotzdem müssen wir den ersten Teil des Antra- seitdem schon ihre Arbeit zur Hilfe für solche armen
ges der SPD ablehnen, weil die hier notwendige Kinder aufnehmen können! Ich denke hierbei an die
Hilfe nach unserer Meinung auf Grund des Bundes- Vereine für Lebensbehinderte, die unter anderem
sozialhilfegesetzes in umfassender Weise geleistet Werkstätten bauten, oder an Vereine zur Förderung
werden muß und tatsächlich ja auch schon geleistet spastisch Gelähmter, die Behandlungszentren und
wird. Kindergärten einrichteten und jetzt Schulen planen.
(Zuruf von der SPD: Das stimmt ja gar Alles das wird vom Staat wirklich großzügig unter-
nicht!) stützt.
Ich darf Sie daran erinnern, daß es Aufgabe der Alle Kinder haben ein Recht auf die größtmögliche
Sozialhilfe ist — wie es in § 1 des Gesetzes un- Ausbildung ihrer Gaben. Viele der von Mißbildun-
mißverständlich verankert ist —, die Führung eines gen Betroffenen sind sehr intelligent. Ich denke hier
Lebens zu ermöglichen, das der Würde des Men- z. B. an einen Herrn, der in der Vogelkunde eine
schen entspricht. Es kann keine Rede davon sein, große Rolle spielt. Er ist vollkommen gelähmt. Im
daß hier Almosen gewährt werden sollen. Wer Kindesalter hatte sein Vater ihn im Rollstuhl in den
2670 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Frau Engländer
Garten gefahren und ihm auf seine Decke Vogel- ausgestellt haben. Der heutige Stand ist, daß die
futter gestreut. So kamen die ersten Vögel zu ihm, Länder entsprechend der Bestimmung des § 84 des
und er hat durch diese ersten Freuden einen Sinn in Sozialhilfegesetzes, der dem Vermögenseinsatz und
sein Leben bringen können und ist auch später für der Vermögensprüfung einen weiten Spielraum
die Allgemeinheit ein großer Mann geworden. läßt, Richtlinien erlassen haben, nach denen jeder
Einkommenseinsatz — das wissen Sie genausogut
Darf ich noch einmal eindringlich darum bitten, in
wie ich — und jede Vermögensprüfung in diesen
dieser sehr ernsten Frage nicht den falschen Eindruck Fällen entfällt. Wenn Ihr Antrag Gesetz würde,
zu erwecken, wir hätten nur ein herzloses Nein meine Damen und Herren von der Opposition,
übrig. Es ist nicht wahr, was in der gestern uns zuge- würde nach meiner Meinung sogar eine Verschlech-
gangenen Broschüre steht, daß niemand außer den terung eintreten; denn dann müßte die Fürsorge,
Wissenschaftlern etwas von dieser Not wissen wolle. die Sozialhilfestelle jeweils prüfen, ob ein ursäch-
Auch die in dieser Broschüre aufgestellte Behaup- licher Zusammenhang zwischen Arzneimittelein-
tung ist nicht richtig, daß die Bundesregierung nur nahme und Schadenseintritt vorliegt. Es könnte also
1,6 Millionen DM für diese Kinder aufbringen wolle, sehr leicht auf Grund dieses Ursachenprinzips vor-
während das sehr viel kleinere Holland den zehn- kommen, daß in verschiedenen Fällen schwer ge-
fachen Betrag aufgebracht habe. Wir wollen alles schädigte Kinder und Eltern nicht in den vollen
tun, was hier vernünftigerweise überhaupt getan Genuß der Sozialhilfe kommen und daß dann in
werden kann. Frage gestellt ist, was sie erhalten können.
(Zustimmung in der Mitte.)
Im Bundesetat sind auch die ersten Millionen be- Vizepräsident Dr. Dehler: Frau Dr. Hubert
reitgestellt, die es den Ländern zusätzlich ermög- möchte eine Frage stellen.
lichen sollen, zu helfen, z. B. Ausbildungsstätten für
die zu schaffen, die eine spezielle Heilgymnastik Frau Dr. Hubert (SPD) : Herr Kollege Hamm,
erlernen müssen, oder Kliniken zu bauen, in denen sprechen Sie jetzt zu unserem heute hier vorliegen-
die Kinder mit ihren Eltern zusammensein können den Antrag?
und die Eitern lernen, wie man Prothesen anlegt
und mit ihnen arbeitet. Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) : Ja.
Man darf wohl auch nicht übersehen, daß die für
die Durchführung des Sozialhilfegesetzes verant- Frau Dr. Hubert (SPD) : Dieser hat aber nichts
wortlichen Länder — auch das Land Hessen — zu mit dem § 84 des Sozialhilfegesetzes zu tun.
erkennen gegeben haben, daß sie sich mit diesem
(Zuruf von der Mitte: Doch!)
Gesetz durchaus in der Lage sehen, in allen, auch
in den durch Mißbildungen entstandenen Notlagen,
schnell und wirkungsvoll zu helfen. Wir sind doch Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FPD) : Frau Kollegin,
alle bereit, alles dafür zu tun, daß diese armen wenn Sie hier von dem Entfallen der Einkommens-
Kinder trotz ihrer körperlichen, geistigen und see- prüfung und des Einkommenseinsatzes sprechen,
lischen Not ein zufriedenes Leben führen können. bei der Aufzählung der Leistungen `genau die Liste
Wir wissen aber auch, daß das Bundessozialhilfe- des Sozialhilfegesetzes erwähnen und diese beiden
gesetz hierzu alle Möglichkeiten und Verpflichtun- Begriffe verwenden, die nur im Sozialhilfegesetz
gen enthält und daß die Selbstbeteiligung an den genannt sind, dann kann wohl kein Mensch auf die
Kosten nur bei hohen Einkommen zumutbar ist. Idee kommen, daß Sie sich in Ihrem Antrag nicht
mit diesen Bestimmungen befassen. Jedenfalls bin
Darum schlagen wir vor, dem Ausschußbericht ich der Meinung, daß dieser Antrag dadurch, daß er
entsprechend den ersten Teil des Antrages der SPD lediglich für Arzneimittelgeschädigte eine solche
abzulehnen. Den zweiten Teil nehmen wir aber großzügige Handhabung vorsieht, möglicherweise
gerne mit an, denn er enthält das, was auch wir für zu Ungerechtigkeiten und Unstimmigkeiten führt.
absolut notwendig und richtig halten.
(Beifall in der Mitte.) (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)

Tatsache ist, daß heute auf Grund der weitgehen-


Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat Herr den Anwendung des § 84 des Sozialhilfegesetzes
Abgeordneter Dr. Hamm. für diese außergewöhnlichen Fälle auch eine außer-
gewöhnliche Hilfe gewährt wird und diese Hilfe
Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) : Herr Präsi- sehr großzügig gehandhabt wird, daß selbst sozial-
dent! Meine Damen und Herren! Der Änderungs- demokratische Minister in den Ländern dafür Sorge
antrag der SPD auf Umdruck 173 stellt den alten tragen, daß die Situation an Hand des § 84 voll be-
Antrag wieder her. Lassen Sie mich dazu eine kurze friedigend geklärt wird.
Vorbemerkung machen.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Könen
Es ist eine Selbstverständlichkeit für das ganze [Düsseldorf]: Warum sagen Sie: „selbst
Haus, daß die große Not, die viele Familien getrof- sozialdemokratische Minister"?)
fen hat, unser volles Mitgefühl verdient. Wir sind
der Überzeugung, daß den Kindern und den betrof- — Weil Sie das anders meinen.
fenen Eltern geholfen werden muß. Ich habe ledig-
lich vermißt, Herr Kollege Könen, daß Sie den (Abg. Könen [Düsseldorf] : „Selbst" ist
augenblicklichen Umfang der Hilfe genügend her- sehr gut!)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2671
Dr. Hamm (Kaiserslautern)
Ich darf nun auf einen anderen Gesichtspunkt ein- des Ausschusses, weil wir der Auffassung sind,
gehen, der mit diesem Antrag angesprochen zu sein daß hier eine echte staatliche Aufgabe besteht,
scheint: die Gleichheit. Wenn wir lediglich für arz- durch wissenschaftliche Forschung die Vorausset-
neimittelgeschädigte Kinder den Wegfall der Ein- zungen dafür zu schaffen, daß im Rahmen des So-
kommensprüfung und des Einkommenseinsatzes zialhilfegesetzes, das, wie gesagt, eine echte Hilfe
vorsehen, dann ist nicht abzusehen, welche Unzahl bringt, alles getan werden kann, um den Kindern
anderer geschädigter Kinder benachteiligt werden und ihren Eltern ausreichend zu helfen.
kann. Es kann nicht angehen ,für eine ganz be-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
stimmte Gruppe, auch wenn es sich um ein kata-
strophales Ausmaß handelt, Ausnahmeregelungen
vorzusehen und damit andere Gruppen, die nicht Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat der
minder geschädigt sind, zu benachteiligen. Abgeordnete Glombig.

Des weiteren möchte ich ein Wort zur staatlichen Glombig (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
Verantwortung sagen. Mit der staatlichen Verant- und Herren! Sie werden mir sicherlich recht geben,
wortung im Zusammenhang mit dem Arzneimittel- wenn ich sage, daß es eine Geschmackssache ist, auf
recht hat es eine besondere Bewandtnis. Ich glaube, der einen Seite davon zu sprechen, daß die conter-
man kann hier nicht etwa deshalb, weil eine Rezept- gan-geschädigten Kinder und ihre Eltern unser Mit-
pflicht vorgesehen ist oder nicht vorgesehen ist, gefühl haben, und auf der anderen Seite ohne nähere
weil Apothekenverkäuflichkeit vorgesehen ist oder
Kenntnis der gesetzlichen Bestimmungen hier
nicht vorgesehen ist, von einer staatlichen Verant- schlicht festzustellen, daß die Hilfe nach dem Bundes-
wortung sprechen. Man würde damit alle diejeni- sozialhilfegesetz für diese Kinder und ihre Eltern
gen, die in der Arzneimittelherstellung und der Arz- ausreichend sei. Wer das behauptet, kennt die Be-
neimittelabgabe beschäftigt sind, von einer eigenen
stimmungen des Bundessozialhilfegesetzes nicht.
Verantwortung freistellen, was ja wohl nicht sinn-
voll sein kann. Im übrigen gibt es im täglichen Ich möchte hier nur kurz feststellen, um das auch
Leben eine Unzahl von Fällen, in denen der Staat in 'diesem Hause klarzustellen, daß § 84 BSHG die
durch Zulassungen und durch Kontrollen eingreift, Möglichkeit gibt, im Einzelfalle von den Einkom-
ohne daß eine Verantwortung des Staates für ein- mensgrenzen abzugehen. Dieser § 84 gibt aber nicht
getretene Schäden angenommen werden kann. die Möglichkeit, für ganze Gruppen von geschädig-
ten Menschen die Einkommensgrenzen zu durch-
Aber das Wichtige scheint mir dies zu sein: Das brechen. Ist das trotzdem von seiten gewisser Län-
Sozialhilfegesetz hat seinem ganzen Sinn nach die der bisher geschehen und 'geschieht das weiter,
Aufgabe, ohne Prüfung von Ursache und Schuld, dann geschieht es sicherlich in Anbetracht dessen,
lediglich ausgehend von dem Gesichtspunkt der Not daß hier geholfen werden muß, und in Anbetracht
die Ausfallbürgschaft des Staates vorzusehen, der dessen, daß eben das Bundessozialhilfegesetz in
in diesen Fällen zu helfen hat. Ich muß mich in die- der Fassung, in der es uns vorliegt, diese Hilfe
sem Zusammenhang, wenn Sie ein echtes Entschä-
nicht geben kann.
digungsprinzip mit der Sozialhilfe koppeln, fragen,
wo das sein Ende haben soll, welche vielen ande- Wie aber wird es ausgehen, wenn diese allge-
ren Fälle noch hinzukommen können und ob wir meine Bereitschaft zur Hilfe für die contergan
dann letzten Endes nur noch eine Regelung einer - geschädigten Kinder und ihre Eltern abgeebbt ist,
echten Entschädigung des Staates für Fälle haben, wenn man in den Zeitungen, vor allen Dingen in
die der einzelne Bürger oder der Hersteller oder den Boulevardblättern, nichts mehr über das grau-
sonst jemand tatsächlich verursacht und verschuldet same Schicksal dieser Kinder liest und wenn auf
hat. die von diesen Zeitungen eingerichteten Konten
Sie sagten noch, daß die Regelung, die heute in keine Gelder mehr fließen? Was geschieht dann mit
den Ländern gehandhabt wird, später nicht mehr diesen Kindern und ihren Eltern? Ich will es Ihnen
vorhanden sein müßte, daß man möglicherweise, sagen, was dann geschieht! Das wird dann recht
wenn man den unmittelbaren Eindruck der Not ver- bald der Fall sein, wenn wir das Bundessozialhilfe-
loren hätte, später nicht so großzügig vorginge. Ich gesetz nicht in ausreichender Weise ändern. Es ge-
bin der Meinung, die Bestimmung des § 84 des So- schieht folgendes: daß die Einkommensgrenzen in
zialhilfegesetzes legt ganz genau die Kriterien fest, besonderen Lebenslagen Anwendung finden, die
nach denen das staatliche Handeln — hier das Han- heute bereits grundsätzlich Anwendung finden,
deln der Sozialhilfeträger — gehandhabt werden d. h. daß das Nettoeinkommen der contergan
muß. Es ist immer, ob das heute oder in zehn Jah- geschädigten Kinder bzw. deren Eltern 500 DM
ren praktisch wird, von dem Begriff der Zumutbar- nicht übersteigen darf und daß zu diesen 500 DM
keit auszugehen, und ich glaube, wir sollten zu netto 80 DM netto für jedes unterhaltsberechtigte
unseren Länderbehörden das Zutrauen haben, daß Familienmitglied hinzukommen. Das sind die fak-
sie auch in 'zehn Jahren in Fällen wie in diesem die tischen Einkommensgrenzen in besonderen Lebens-
Zumutbarkeit des eigenen Vermögenseinsatzes ver- lagen nach dem Bundessozialhilfegesetz, die auch
neinen oder jedenfalls zum überwiegenden Teil ver- für die contergan-geschädigten Kinder und ihre
neinen werden. Eltern gelten. Nichts anderes gilt nach dem Bundes-
Zum Schluß möchte ich für meine Fraktion erklä- sozialhilfegesetz.
ren, daß wir dem Änderungsantrag der SPD Um- Nun stellt sich heute bereits heraus und wird
druck 173 nicht zustimmen, wohl aber dem Antrag sich in absehbarer Zeit noch eklatanter herausstel-
2672 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Glombig
len, daß die Bestimmungen des Bundessozialhilfe- haben? Sind denn die in der Lage, eine orthopä-
gesetzes einfach nicht ausreichen. Deshalb ist der dische Versorgung von mindestens 3000 DM in
Antrag meiner Fraktion gestellt worden, außerhalb einem solchen Falle, nämlich dem Fall eines schwer-
des Bundessozialhilfegesetzes Rechtsansprüche für geschädigten Kindes, aufzubringen? Dazu sind sie
contergan-geschädigte Kinder und ihre Eltern zu nicht in der Lage. Aber das Bundessozialhilfegesetz
schaffen, weil gleichzeitig die Verpflichtung des bringt ihnen im Einzelfall auch nicht die Hilfe, auf
Staates, in diesen Fällen über das Prinzip der Sub- die sie einen Anspruch haben. So ist es.
sidiarität hinaus etwas zu tun, festgelegt werden (Abg. Spies: Wenn es nicht zumutbar ist,
muß. brauchen sie nicht zu leisten!)
— Das ist ja ein völliger Trugschluß, wenn Sie mei-
Vizepräsident Dr. Dehler: Gestatten Sie eine nen, daß im Gesetz steht, wenn etwas nicht zumut-
Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Hamm! bar ist, brauche nicht geleistet zu werden. Die Ent-
scheidung trifft der Träger der Sozialhilfe und
Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) : Sie sagten ge- sonst niemand; dieser Träger der Sozialhilfe legt
rade, daß die Einkommensgrenzen und die Fami- das Gesetz aus. Diejenigen, die an den Träger der
lienzuschläge grundsätzlich beachtet werden müß- Sozialhilfe herantreten, haben keine Kenntnis von
ten. Welche Bedeutung messen Sie dem § 84 mit der diesem Gesetz und sind meist überfordert, wenn
Zumutbarkeit zu, der über die Einkommensgrenzen sie ihre Ansprüche durchsetzen sollen.
den Vermögenseinsatz berücksichtigt?
Vizepräsident Dr. Dehler: Gestatten Sie eine
Glombig (SPD) : Der § 84 hat Bedeutung nur im weitere Frage des Herrn Abgeordneten Dr. Hamm?
Einzelfall, wie überhaupt alle Bestimmungen des
Bundessozialhilfegesetzes auf den Grundsatz der Glombig (SPD) : Bitte sehr!
Individualisierung ausgerichtet sind.
(Zuruf von der CDU/USU: Das ist doch auch Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) : Herr Kollege,
begründen Sie mit Ihren Ausführungen eine allge-
richtig!)
meine Anhebung der Einkommensgrenze oder eine
Es gibt in diesem Sinne keine Hilfen für Gruppen, Sonderregelung für arzneimittelgeschädigte Kinder?
sondern nur Hilfen im Einzelfall. Diese Einkom-
mensgrenze kann im Einzelfall durch eine Ermes- Glombig (SPD) : Nein, ich bin der Meinung,
sensentscheidung überschritten werden und nichts wenn Sie diesen Antrag auf eine Sonderregelung
anderes. für contergangeschädigte Kinder nicht annehmen
(Abg. Dr. Willeke: Warum nicht? Das ist wollen, müssen Sie sich dazu verstehen, die allge-
doch gerade richtig; wir wollen doch die meine Einkommensgrenze in besonderen Lebens-
Individualisierung! — Zurufe von der SPD.) lagen zu erhöhen.
Sie haben hier erklärt, daß die Hilfe nach dem
Vizepräsident Dr. Dehler: Herr Abgeordneter, Bundessozialhilfegesetz ausreiche, daß wir einer
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abge- - Änderung dieses Gesetzes nicht bedürften und daß,
ordneten Spies? wenn in besonderen Lebenslagen etwas geschehen
solle, es nach § 84 geschehen könne. Das bezweifle
Glombig (SPD): Bitte schön! ich auf Grund der tatsächlichen Rechtslage, sowohl
was das Gesetz als auch was seine Durchführung
durch die Träger der Sozialhilfe angeht.
Spies (CDU/CSU) : Herr Kollege, ist Ihnen be-
kannt, daß, wenn Sie die Hilfe nach § 84 nur (Beifall bei der SPD.)
bestimmten Gruppen geben wollen, vorher eine Diese Träger der Sozialhilfe sind nämlich die glei-
Prüfung stattzufinden hat, wer in diese bestimmte chen, die früher die Fürsorge durchgeführt haben.
Gruppe hineingehört? Und das betrifft alle diese Da hat sich nur am Namen etwas geändert, aber an
geschädigten Kinder? der Art der Durchführung hat sich bis heute so gut
wie nichts geändert. Auch hier sind die Träger der
Glombig (SPD) : Da darf ich Ihnen sagen, ich Sozialhilfe immer noch auf die gesetzlichen Bestim-
möchte nach § 84 BSHG nicht irgendwelchen Grup- mungen angewiesen, die dieses Hohe Haus in der
pen eine Hilfe geben, sondern ich möchte, daß die vorigen Legislaturperiode geschaffen hat. Das wollte
Einkommensgrenzen insgesamt so erhöht werden, ich einmal klarstellen, damit nicht immer wieder ge-
daß ich damit auch Hilfe in besonderen Lebenslagen sagt wird, das Bundessozialhilfegesetz sei ausrei-
— ein Conterganschaden ist nun einmal eine beson- chend, und wir könnten die Schäden der contergan
dere Lebenslage — wirklich gewähren kann. geschädigten Kinder und ihrer Eltern korrigieren.
Das entspricht nicht den Tatsachen, die wir vor Au-
(Zuruf: Das ist richtig!) gen haben müssen, vor allem diejenigen, die täglich
Wie stellen Sie sich die Übernahme von Kosten der die große Aufgabe haben, diese Eltern und ihre Kin-
orthopädischen Versorgung für contergangeschä- der vor den Behörden der Sozialhilfeträger zu ver-
digte Kinder eigentlich vor, wenn die Einkommens- treten. Da sieht das Leben nämlich ganz, ganz an-
grenze von 500 DM überschritten ist, bei Eltern, die ders aus als hier, wo wir die Dinge mehr oder weni-
meinetwegen ein Einkommen von 700 DM netto ger vom grünen Tisch aus betrachten.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2673
Glombig
Darüber hinaus möchte ich noch eines sagen. Ich anderen Seite müssen Sie natürlich auch mildernd
halte es für völlig unmöglich, daß diese Frage berücksichtigen, daß der Ausspruch eines solchen
hier in einem Ton behandelt wird, der eigentlich Landesministers nur vor dem Hintergrund zu ver-
nichts als Mitleid übrigläßt. stehen ist, daß die Kosten einer solchen vermehrten
Hilfe — wenn nämlich das Bundessozialhilfegesetz
(Zuruf von der CDU/CSU: Was?)
in Frage käme — zu Lasten der Länder und der
Mitleid wollen diese Kinder nicht, und Mitleid wol- Kommunen gingen.
len ihre Eltern nicht. Sie wollen allein, daß man
(Beifall bei der SPD.)
ihnen wirksam hilft, und das nicht durch Sprüche,
sondern durch Taten.
(Beifall bei der SPD.) Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat der
Herr Abgeordnete Jungmann als Berichterstatter.
Sie haben die Möglichkeit, hier zu beweisen, daß
Sie helfen wollen, indem Sie dem Antrag meiner
Fraktion zustimmen. Dr. Jungmann (CDU/CSU) : Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! In die
Dann darf ich zum Schluß noch sagen: Wir sollten
Drucksache 905 hat sich der Druckfehlerteufel ein-
in diesem Hause den Ausdruck „Krüppel" ein für
geschlichen. Auf der zweiten Seite dieser Drucksache
allemal ausmerzen.
finden Sie unter B den Antrag, den Ihnen der Aus-
(Abg. Dr. Willeke: Contergan-Kinder auch schuß für Gesundheitswesen zur Beschlußfassung
nicht; Contergan-Kinder ist noch viel empfiehlt. Wenn Sie diesen Text mit dem Original-
schlimmer!) text der Drucksache 630 vergleichen, werden Sie
Der Begriff „Krüppel" hat einen häßlichen, lieblosen feststellen, daß er mit diesem nicht übereinstimmt.
und entwürdigenden Beigeschmack. Das wissen Sie Im Einverständnis mit den Damen und Herren der
selbst viel besser, Herr Dr. Willeke. Ich meine, man SPD und der FDP darf ich den Herrn Präsidenten
sollte diese Dinge nicht so dilatorisch und wenig bitten, über den Originalwortlaut abstimmen zu
durchdacht behandeln, wenn man nicht weiß, wie lassen.
den Menschen ums Herz ist und wie die Fakten
sind. Die Fakten sprechen dagegen. Das heißt, wir
haben nicht die ausreichende Möglichkeit der Hilfe
Vizepräsident Dr. Dehler: Wir können natür-
lich nur über den Antrag des Ausschusses, der eben
für contergangeschädigte Kinder, wenn wir diesem
berichtigt ist, im Sinne des Antrags der Fraktion der
Antrag der SPD-Fraktion nicht zustimmen. Das ist
SPD Drucksache IV/630 II abstimmen.
die Tatsache, die Sie sich noch einmal überlegen
sollten. Wenn Sie diesen Antrag ablehnen, bleibt (Abg. Könen [Düsseldorf] : Das gilt sinnge-
alles beim alten, und die contergangeschädigten mäß auch für Ziffer 2 des Umdrucks 173!)
Kinder und ihre Eltern werden das Nachsehen ha- Wir stimmen zunächst über den Änderungsantrag
ben, diese Kinder und ihre Eltern, denen wir viel der Fraktion der SPD Umdruck 173 ab. Wer diesem
versprochen haben, denen wir unser Mitgefühl zum Änderungsantrag der SPD zustimmen will, gebe bitte
Ausdruck gebracht haben. Aber damit allein kann Handzeichen. — Gegenprobe! — Der Antrag ist ab-
es sein Bewenden nicht haben. Wir müssen handeln. gelehnt.
(Beifall bei der SPD.) Jetzt stimmen wir über den Antrag des Aus-
schusses Drucksache IV/905 ab und übernehmen da-
Vizepräsident Dr. Dehler: Herr Abgeordneter zu die Fassung des Abschnitts II der Drucksache IV/
Glombig, gestatten Sie noch eine Zwischenfrage des 630. Wer zustimmt, gebe bitte Handzeichen. —
Herrn Abgeordneten Dr. Hamm? Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der Antrag ist bei
wenigen Enthaltungen, im übrigen einstimmig ange-
nommen.
Glombig (SPD): Bitte!
Ich rufe dann den ersten Zusatzpunkt unserer
Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) : Eine Zwi- Tagesordnung auf:
schenfrage zum Schluß. Sind Sie der Meinung, daß Schriftlicher Bericht des Ausschusses für Inne-
die Auffassung des Herrn Sozialministers Hemsath res über die Verordnung Nr. . . . des Rats
aus Nordrhein-Westfalen unrichtig ist, daß er an (EWG) zur Änderung der Artikel 108 und 109
Hand der bestehenden Bestimmungen des Sozial- des Statuts der Beamten der Europäischen
hilfegesetzes in der Lage ist, den sogenannten Con- Wirtschaftsgemeinschaft
tergankindern im vollen Umfang zu helfen?
Verordnung Nr. . . . des Rats (EAG) zur
Änderung der Artikel 108 und 109 des Statuts
Glombig (SPD) : Herr Dr. Hamm, ich meine, daß der Beamten der Europäischen Atomgemein-
Herr Hemsath aus Hessen kommt. Aber ich spreche schaft
ja nicht für Herrn .Hemsath, sondern ich spreche
hier für meine Fraktion und in diesem Fall für Verordnung Nr. . . . des Rats (EWG und
mich. Ich kann es nicht nachprüfen, ob das tatsäch- EAG) zur Änderung des Artikels 66 des
lich die Meinung von Herrn Hemsath ist. Ich kann Statuts der Beamten der Europäischen Wirt-
nur sagen, daß sie nicht den Tatsachen entspricht, schaftsgemeinschaft und der Europäischen
wenn er sie so ausgesprochen hat. Aber auf der Atomgemeinschaft
2674 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963
Vizepräsident Dr. Dehler
Verordnung Nr. . . . des Rats (EWG und schaft betreffend Ausführungsbestimmungen
EAG) über die Festsetzung der Berichtigungs- zur gemeinsamen Agrarpolitik (Drucksachen
koeffizienten für die Dienst- und Versorgungs- IV/898, IV/957)
bezüge der Beamten
Es liegt vor der Bericht des Herrn Abgeordneten
(Drucksachen IV/911, IV/952) Bading. Der Herr Berichterstatter hat einen Druck-
Es liegt vor der Bericht des Herrn Abgeordneten fehler im Antrag des Ausschusses unter Ziffer 2 im
Schmitt-Vockenhausen. Ich danke dem Herrn Bericht- zweiten Absatz berichtigt. Hier muß es statt „berich-
erstatter. Eine Ergänzung wird nicht gewünscht, auch tigen" „berücksichtigen" heißen.
keine Aussprache. Eine Aussprache wird nicht gewünscht. Wir kom-
Wir können also über den Antrag des Ausschusses men zur Abstimmung. Wer dem Antrag des Aus-
abstimmen. Wer ihm zustimmt, den bitte ich um ein schusses zustimmt, der gebe bitte ein Handzeichen.
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der Antrag ist
Der Antrag ist einstimmig angenommen. angenommen.
Damit sind wir am Ende der Tagesordnung. Ich
Ich rufe den weiteren Zusatzpunkt auf: berufe die nächste Sitzung auf Mittwoch, den 13. Fe-
Beratung des Schriftlichen Berichts des Außen- bruar 1963, 9 Uhr, ein.
handelsausschusses (17. Ausschuß) über die
von der Bundesregierung vorgelegten neun Die Sitzung ist geschlossen.
Vorschläge der Kommission zu Verordnungen
des Rats der Europäischen Wirtschaftsgemein (Schluß der Sitzung: 11.52 Uhr.)

-
Deutscher Bundestag - 4. Wahlperiode - 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963 2675

Anlagen zum Stenographischen Bericht

Anlage 1 Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich

Liste der beurlaubten Abgeordneten Frau Kipp-Kaule 8. 2.


Dr. Klein (Berlin) 8. 2.
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Klein (Saarbrücken) 15. 2.
Klinker * 9. 2.
a) Beurlaubungen
Kohlberger 8. 2.
Dr. Aigner * 9. 2. Frau Korspeter 8. 2.
Arendt (Wattenscheid) * 9. 2. Dr. Kreyssig * 9. 2.
Dr. Arndt (Berlin) 16. 2. Kriedemann * 9. 2.
Dr. Aschoff 8. 2. Kühn (Hildesheim) 8. 2.
Dr. Atzenroth 8. 2. Kurlbaum 8. 2.
Dr. Dr. h. c. Baade 8. 2. Leber 8. 2.
Dr.-Ing. Balke 8. 2. Lemmer 28. 2.
Bals 8. 2. Lenz (Brühl) * 9. 2.
Bazille 8. 2. Dr. Löhr * 9. 2.
Bergmann * 9. 2. Lücker (München) * 9. 2.
Birkelbach * 9. 2. Margulies * 9. 2.
Fürst von Bismarck 22. 2. Mauk * 9. 2.
Dr. Bleiß 8.2. Frau Dr. Maxsein 8. 2.
Frau Brauksiepe 8. 2. Menke 8. 2.
Brese 8. 2. Dr. h. c. Menne (Frankfurt) 8. 2.
Burckardt 8. 2. Metzger * 9. 2.
Dr. Burgbacher * 9. 2. Dr. h. c. Dr.-Ing. E. h. Möller 8. 2.
Corterier 8. 2. Freiherr von Mühlen 8. 2.
Cramer 8. 2. Müller (Berlin) 28. 2.
Dr. Deist * 9. 2. Müller (Nordenham) 2. 3.
Deringer * 9. 2. Müser 8. 2.
Dr. Dichgans * 9. 2. Neubauer 17. 2.
Dopatka 21. 2. Nieberg 8. 2.
Dr. Dörinkel 20. 2. Oetzel 28. 2.
Drachsler 8. 2. Ollenhauer 8. 2.
Dr. Dr. h. c. Dresbach 31. 3. Frau Dr. Pannhoff 8. 2.
Frau Dr. Elsner * 9. 2. Paul 8. 2.
Etzel 8. 2. Peters (Poppenbüll) 8. 2.
Faller * 9. 2. Dr.-Ing. Philipp * 9. 2.
Felder 8. 2. Pöhler 8. 2.
Figgen 20.4. Frau Dr. Probst * 9. 2.
Dr. Dr. h. c. Friedensburg * 9. 2. Rademacher 8. 2.
Frau Funcke (Hagen) 8. 2. Richarts * 9. 2.
Funk (Neuses am Sand) 16. 2. Dr. Rieger (Köln) 8. 2.
Dr. Furler * 9. 2. Ritzel 8. 2.
Gaßmann 8. 2. Ruf 8. 2.
Gedat 15. 2. Schmücker 8. 2.
Dr. Gleissner 8. 2. Schneider (Hamburg) 8. 2.
Haage (München) 8. 2. Schulhoff 8. 2.
Hahn (Bielefeld) * 9. 2. Seidl (München) 8. 2.
Hammersen 8. 2. Seither 11. 3.
Dr. von Haniel-Niethammer 8. 2. Seuffert 8. 2.
Harnischfeger 15. 2. Stauch 8. 2.
Hauffe 28. 2. Steinhoff 15. 2.
Herold 8. 2. Dr. Steinmetz 8. 2.
Hilbert 8. 2. Stingl 8. 2.
Illerhaus * 9. 2. Dr. Stoltenberg 8. 2.
Jacobs 8. 2. Storch * 9. 2.
Josten 8. 2. Strauß 18. 3.
Kalbitzer * 9. 2. Frau Strobel * 9. 2.
Katzer 28. 2. Strohmayr 8. 2.
Keller 8. 2. Sühler 8. 2.
Kemmer 8. 2. Dr. Tamblé 8. 2.
Frau Vietje 15.2.
* Für die Teilnahme an der Tagung des Europäischen Wacher 8. 2.
Parlaments Dr. Wahl 28. 2.
2676 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 59. Sitzung. Bonn, Freitag, den 8. Februar 1963

Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich 1. Hinter den Worten „Die Bundesregierung wird
ersucht," wird folgender Absatz I eingefügt:
Walter 8. 2.
Weinkamm* 9. 2. „I.
Werner 24. 2.
Wischnewski * 9. 2. baldmöglichst den Entwurf eines Gesetzes vor-
Wittmer-Eigenbrodt 16. 2. zulegen, durch das bei Mißbildungen durch Arz-
Dr. Zimmermann (München) 8. 2. neimittel sichergestellt wird, daß
1. für ärztliche Behandlung,
b) Urlaubsanträge
2. bei Versorgung mit Arzneien, Heil- und
Dr. Löbe 1. 3. Hilfsmitteln, insbesondere orthopädische Ver-
Dr. Stammberger 28. 2. sorgung,
* Für die Teilnahme an der Tagung des Europäischen 3. bei Gewährleistung der erforderlichen Pflege
Parlaments sowie gegebenenfalls Unterbringung in ge-
eigneten Einrichtungen
sowie
Anlage 2 Umdruck 173 bei Hilfen zur Eingliederung und Ausbildung
Änderungsantrag der Fraktion der SPD zur Einkommensprüfungen und Einkommenseinsatz
Beratung des Schriftlichen Berichts des Ausschusses entfallen;".
für Gesundheitswesen (11. Ausschuß) über den An- 2. Der übrige, mit den Worten „in Zusammenarbeit
trag der Fraktion der SPD — Drucksache IV/630 — mit" beginnende Text . des Antrages auf Druck-
betreffend Bundeshilfe bei Mißbildungen durch Arz- sache IV/905 wird Absatz II.
neimittel (Drucksache IV/905).
Der Bundestag wolle beschließen: Bonn, den 7. Februar 1963
Der Ausschußantrag auf Drucksache IV/905 wird
wie folgt geändert: Ollenhauer und Fraktion

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