Eutscher Bundestag: 53. Sitzung
Eutscher Bundestag: 53. Sitzung
53. Sitzung
Inhalt:
Abg. Frau Dr. Heuser tritt in den Bundes- Mündlicher Bericht des Ausschusses für
tag ein 2331 A Inneres über
a) Vorschlag der Kommission der EWG
Ergänzung der Tagesordnung . . . . 2331 B
für eine Richtlinie zur Aufhebung der
Rase- und Aufenthaltsbeschränkun-
Eidesleistung der neu ernannten Bundes- gen usw.
minister . 2331 D
b) Vorschlag der Kommission der EWG
für eine Richtlinie zur Koordinierung
Erklärung des Bundeskanzlers Dr. Adenauer 2333 A der Sondervorschriften für die Ein-
Ollenhauer (SPD) . . . . . . . 2334 C reise und den Aufenthalt von Auslän-
dern usw. (Drucksachen IV/739, IV/
841) 2342 C
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Einkommensteuergesetzes (SPD) (Druck-
sache IV/67); Mündlicher Bericht des Verordnung über die Verringerung von
Finanzausschusses (Drucksache IV/760) — Abschöpfungssätzen bei der Einfuhr von
Zweite Beratung — Eiprodukten; Mündlicher Bericht des
Außenhandelsausschusses (Drucksachen
Dr. Schwörer (CDU/CSU) . . . . 2335 A
IV/826, IV/843)
Beuster (SPD) 2335 C
Bading (SPD) 2342 D
Meis (CDU/CSU) . . . . . . . 2336 D
-
Dr. Imle (FDP) . . . . . . . 2338 C Entwurf eines Sechsten Gesetzes zur Ä n-
Frau Beyer (Frankfurt) (SPD) . . 2339 C derung des Tabaksteuergesetzes (Druck-
sache IV/575) ; Schriftlicher Bericht des
Finanzausschusses (Drucksache IV/775)
Nachwahl eines Vertreters der Bundesrepu-
— Zweite und dritte Beratung - 2343 C
blik Deutschland im Europäischen Parla-
ment 2342 B
Nächste Sitzung 2343 D
Antrag betr. Ausfuhrvergütung für Wasser-
fahrzeuge (CDU/CSU, FDP) ; Mündlicher Anlagen 2345
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962 2331
53. Sitzung
Dr. Dollinger, Bundesschatzminister: Ja. Ich also, daß der Stoff drängt. Nicht als wenn ich be-
schwöre es, so wahr mir Gott helfe. sonders begierig wäre nach neuen Gesetzen. Ich bin
in meinem ganzen Leben immer wenig entzückt ge-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Meine Damen wesen von der Fülle der Gesetze. Aber unsere Zeit
und Herren, ich stelle fest, daß die Herren Bundes- verlangt doch Anpassung an die fortschreitende
minister damit den im Grundgesetz für die Über- Entwicklung und verlangt deswegen, daß die Regie-
nahme ihres Amtes vorgeschriebenen Eid vor dem rung und das Parlament diese immer neu sich
Deutschen Bundestag geleistet haben. Ich spreche stellenden Aufgaben laufend erfüllen.
Ihnen die Wünsche des Hauses für Ihre Arbeit aus. Die Gesetzentwürfe der Bundesregierung zur
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Neuregelung des Rechts der gesetzlichen Kranken-
versicherung, über die Fortzahlung des Arbeits-
Diesen Wünschen füge ich den Dank des Hauses
entgelts im Krankheitsfalle und der Entwurf eines
an die bisherigen Mitglieder der Bundesregierung
Bundeskindergeldgesetzes werden alsbald und als
hinzu, die der Bundesregierung nicht mehr ange-
Einheit von der Bundesregierung verabschiedet
hören.
werden und alle zum gleichen Zeitpunkt in Kraft
(Beifall bei den Regierungsparteien.) treten.
Herr Bundeskanzler, Sie wünschen das Wort? — Die Bundesregierung wird weiter die in der Haus-
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler. haltsrede vom 7. November angekündigten Gesetz-
entwürfe über die Beseitigung von Härten in der
Dr. Adenauer, Bundeskanzler: Herr Präsident! Kriegsopferversorgung, in der Flüchtlingsgesetz-
Meine Damen und meine Herren! Für unsere Arbeit gebung und in der Kriegsgefangenenentschädigung
sind, aufs Große gesehen, einige wenige Wochen vorlegen.
verloren worden. Ich hoffe, daß die Arbeit dieser
umgebildeten Regierung und des Parlaments binnen In der Finanzpolitik, meine Damen und Herren,
kurzem die Zeit, die verlorengegangen ist, wieder und in der Steuerpolitik bleibt der bisherige Kurs
einholt. bestehen. Wir hoffen, daß es gelingt, möglichst bald
(Zurufe von der SPD.) zu einer Verständigung mit den Ländern und mit
den Gemeinden über die Änderungen der Finanz-
Sie werden sicher den berechtigten Wunsch verfassung zu kommen, die sich am Laufe der Zeit
haben, von mir zu hören, wie diese Bundesregie- als dringend notwendig ergeben haben.
rung sich die nächste Arbeit vorstellt. Die Koali-
tionsparteien, meine Damen und Herren, werden Die steuerlichen Reformen, die wir beabsichtigen,
ihre gemeinsame Politik auf dem bisherigen Funda- werden nach dem Prinzip der sozialen Gerechtig-
keit und der Wettbewerbsgleichheit mit dem Ziele
ment fortsetzen.
der Harmonisierung im EWG-Raum fortgesetzt.
(Lachen bei der SPD.) Aufgabe, meine verehrten Damen und Herren, und
— Nun, meine Herren, ich will jetzt nicht in die zwar eine sehr ernste Aufgabe für uns alle bleibt
Vergangenheit sehen, sondern in die Zukunft. es, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirt-
schaft mit dem Ausland sicherzustellen. Auf diesem
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Gebiete stehen uns höchstwahrscheinlich in dem
Lachen bei der SPD.) kommenden Jahre sehr ernste Aufgaben bevor.
— Meine Damen und Herren von der Opposition, Aber ich glaube, meine Damen und Herren, daß es
ich wollte auch an Sie einige Worte richten und eine gemeinsame Aufgabe des gesamten Parlaments
kann diese Worte jetzt schon voransetzen. ist, die Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen, damit
unser Volk in der bisherigen Weise weiterleben
Die Arbeit des Parlaments ist für die Arbeit der kann. Daß wir dabei auch in der Gesellschaftspolitik,
-
Regierung eine absolute Notwendigkeit. Die Arbeit in der Politik für den Mittelstand und insbesondere
des Parlaments ist überhaupt das Entscheidende für in der Landwirtschaftspolitik fortfahren, möchte ich
das deutsche Volk. sehr nachdrücklich unterstreichen. Die Wettbewerbs-
(Beifall bei den Regierungsparteien, ver fähigkeit der deutschen Landwirtschaft muß gestei-
einzelt auch bei der SPD.) gert werden, und die Maßnahmen zur Strukturver-
besserung müssen nachdrücklich gefördert werden.
Bei der Arbeit des Parlaments spielt die Opposition
eine wesentliche Rolle, nicht eine Rolle der Behin- Zur Zeit liegen Ihnen — ich erwähnte das ein-
derung, sondern vielleicht, meine Herren, eine Rolle gangs schon — 53 Entwürfe vor, die noch nicht ver-
der Erläuterung und eine Rolle der Ergänzung. Das abschiedet worden sind. Ich darf hier nochmals sehr
ist meine Auffassung von der Aufgabe der Opposi- nachdrücklich feststellen, daß keine Regierung et-
tion, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie was leisten kann, wenn nicht das Parlament das
diese Auffassung teilten. Siegel auf die Arbeit der Regierung drückt. Die Re-
gierung ist vom Parlament abhängig. Ihre Erfolge
(Beifall bei den Regierungsparteien, ver sind abhängig vom Parlament, und da wir doch alle
einzelt auch bei der SPD.) für das deutsche Volk in seiner Gesamtheit arbeiten
Meine Damen und Herren, die Vorlagen, die dem wollen, richte ich an das gesamte Parlament die
Bundesrat und dem Bundestag zugegangen sind, dringende Bitte, die Arbeit der Regierung, sei es
bleiben bestehen wie bisher. Es sind das eine ganze kritisierend, sei es fördernd, zu unterstützen, aber
Anzahl, die noch nicht erledigt sind; wenn ich die auf alle Fälle zügig zu unterstützen.
Zahl richtig behalten habe, etwa 53. Sie sehen (Beifall bei den Regierungsparteien.)
2334 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962
Bundeskanzler Dr. Adenauer
Der Herr Bundestagspräsident hat soeben den schen Volke die Freiheit bewahren, meine Damen
Dank an die Minister ausgesprochen, die dem Ka- und Herren, und das ist unsere oberste Aufgabe.
binett nicht mehr angehören oder, sobald Herr von
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Hassel eintreten kann — er kann erst Mitte Januar
eintreten —, ihm nicht mehr angehören werden.
Diesem Dank schließe ich mich sehr nachdrücklich Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Meine Damen
an. und Herren, ein Hinweis auf die Geschäftsordnung:
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Ergreift ein Mitglied oder Beauftragter der
Ich betone: jeder, der einmal eine Regierung ge- Bundesregierung oder des Bundesrates das
bildet hat, und erst recht jeder, der weiß, was es Wort außerhalb der Tagesordnung, so wird
heißt, eine Koalitionsregierung zu bilden, auf Verlangen von 30 anwesenden Abgeord-
(Lachen bei der SPD) neten die Beratung über seine Ausführungen
eröffnet. Sachliche Anträge dürfen hierbei
— ja, vielleicht kommen auch Sie einmal in der nicht gestellt werden.
Lage —
(Heiterkeit) Zu Wort hat sich gemeldet der Herr Abgeordnete
weiß auch, daß dabei Opfer gebracht werden Ollenhauer. 30 Abgeordnete
müssen, die oft sehr schwerfallen. Ich möchte den (Heiterkeit)
Herren, die nun dem Kabinett nicht mehr ange- und etwas mehr stehen dafür.
hören oder nicht mehr angehören werden, auch
namens der Bundesregierung für die Hingabe, die Das Wort hat der Herr Abgeordnete Ollenhauer.
sie in ihrem Amt gezeigt haben, von Herzen danken.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Ollenhauer (SPD) : Herr Präsident! Meine Da-
Meine Damen und Herren, zur Zeit tagt der Mini- men und Herren! Wir stehen vor der Tatsache, daß
sterrat der NATO in Paris. Es ist überhaupt eine der Herr Bundeskanzler hier eine Art von Regie-
rungserklärung abgegeben hat, die eine Aussprache
Zeit der außenpolitischen Hochspannung. Ich weiß
über die Politik der umgebildeten Bundesregierung
nicht, ob Sie heute morgen die Ausführungen ge-
unbedingt notwendig macht. Ich finde — und das
lesen haben, die Herr Gromyko gemacht hat. Nun,
möchte ich heute hier sagen —, daß diese Methode
ob sie wahr sind, ob sie nicht wahr sind, — wer
des Herrn Bundeskanzlers, ohne vorherige Ankün-
kann das jetzt entscheiden. Ich will Herrn Gromyko
digung und ohne vorherige Rücksprache mit den
gegenüber sehr höflich sein: sie sind außergewöhn-
Vertretern der Fraktionen hier eine Erklärung abzu-
lich stark gefärbt. Auf alle Fälle möchte ich eins
geben, ein sehr schlechter Anfang für das Verhältnis
betonen — was übrigens auch der französische
zwischen Regierung und Parlament ist.
Ministerpräsident Pompidou in seiner Rede betont
hat —: die Bundesrepublik wird ihre Verpflichtun- (Lebhafter Beifall bei der SPD.)
gen gegenüber NATO getreu und pünktlich erfüllen.
Wir stehen nach wie vor zu der europäischen Ent- Diese Praxis ist genau das Gegenteil von dem,
was der Herr Bundeskanzler selbst zu Beginn seiner
wicklung.
Ausführungen über die entscheidende Rolle des Par-
Im Hinblick auf unsere Leistungen für NATO laments bei der Bildung des politischen Willens in
darf ich vielleicht eine Zahl nennen, die Sie interes- der Bundesrepublik gesagt hat. Ich verzichte heute
sieren wird. Am 20. Oktober 1956, als Herr Strauß auf jede Bemerkung zur Sache, weil wir nicht bereit
sein Amt antrat, hatte die Bundeswehr eine Ist sind, in dieser Weise lebenswichtige Fragen unseres
Stärke von 55 952 Mann. Am 13. Dezember 1962 Volkes aus dem Handgelenk zu diskutieren. -
betrug die Ist-Stärke der Bundeswehr 395 052 Mann.
(Erneuter lebhafter Beifall bei der SPD.)
Darin, meine Damen und Herren, liegt eine gewal-
tige Fülle von Arbeit, von hingebender Arbeit, an Aber, meine Damen und Herren, ich appelliere an
der viele beteiligt sind, an der Spitze der Verteidi- das ganze Parlament, hier darüber abzustimmen,
gungsminister. Ich glaube, es ist eine Pflicht der daß die allgemeine Aussprache über die heutige Er-
Gerechtigkeit, ihm dafür unseren herzlichen Dank klärung des Herrn Bundeskanzlers in der ersten
auszusprechen. Plenarsitzung des neuen Jahres am 16. Januar statt-
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord findet.
neten der FDP.) (Beifall bei der SPD.)
Meine verehrten Damen und Herren, ich hoffe,
daß wir bald einmal zu Beginn des Jahres 1963 die Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Abge-
Möglichkeit und Gelegenheit haben werden, uns ordneter, ich habe Ihren Vorschlag gehört. Wir wer-
hier im Bundestag über die deutsche Außenpolitik den im Ältestenrat sorgfältig darüber beraten. —
auszusprechen. Ich glaube, das ist notwendig, damit Keine weiteren Wortmeldungen.
in der Welt kein Zweifel darüber besteht — weder
bei den einen noch bei den anderen! —, daß die Wir kommen zu Punkt 13 der Tagesordnung:
deutsche Außenpolitik — und in sie ist auch diese Zweite Beratung ,des von der Fraktion der
NATO-Aufgabe, von der ich eben gesprochen habe, SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
eingeschlossen — dieselbe ist, wie sie bisher war. zur Änderung des Einkommensteuergesetzes
Allein die Erfüllung dieser Politik kann dem deut- (Drucksache IV/67) ;
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962 2335
Präsident D. Dr. Gerstenmaier
Mündlicher Bericht des Finanzausschusses Ich eröffne die Aussprache in zweiter Lesung.
(14. Ausschuß) (Drucksache IV/760). Ich rufe auf: Artikel 1, — Artikel 2, — Artikel 3,
(Erste Beratung 19. Sitzung.) — Einleitung und Überschrift. —
(Große Unruhe.) Bitte sehr, Herr Abgeordneter.
— Meine Damen und Herren, die Arbeit geht wei-
ter; die Woche ist noch nicht aus. Beuster (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
(Anhaltende Unruhe.) und Herren! Obschon der auf Drucksache IV/67 ein-
Einen Augenblick, Herr Berichterstatter, ich kann gebrachte Antrag meiner Partei von einer Mehrheit
Sie ja so gar nicht reden lassen. im Finanzausschuß abgelehnt wurde, möchte ich
noch einmal zu der Grundsatzfrage Stellung nehmen.
(Fortdauernde Unruhe.)
Es handelt sich bei diesem Entwurf zur Änderung
— Meine Damen und Herren, so geht die Sache des Einkommensteuergesetzes darum, daß 200 DM
nicht; dann dauert die Sitzung länger. Herr Abge- von dem Einkommen der Lohnsteuerpflichtigen im
ordneter Bade, Herr Abgeordneter Friedensburg, Monat Dezember steuerfrei bleiben. Dabei soll es
bitte nehmen Sie Platz. — Herr Abgeordneter keine Rolle spielen, ob eine Weihnachsgratifikation
Bausch, bitte, nehmen Sie Platz. Schließlich und end- gewährt wird oder nicht. Dieser Weihnachtsfrei-
lich wollen wir doch in dieser Woche fertig werden. betrag soll auch bei einer Veranlagung zur Ein-
Jetzt hat das Wort der Berichterstatter, Herr Ab- kommensteuer und beim Lohnsteuerjahresausgleich
geordneter Dr. Schwörer. berücksichtigt werden. Für den Fall, daß mehrere
Arbeitsverhältnisse bestehen, soll der Betrag nur
für das erste Beschäftigungsverhältnis absetzbar
Dr. Schwörer (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sein. Nach der bisherigen Regelung sind 100 DM
sehr geehrten Damen und Herren! Der Ihnen vor- steuerfrei. Unser Antrag beinhaltet praktisch eine
liegende Initiativgesetzentwurf zur Änderung des Verdoppelung des Freibetrages. Dabei soll die Be-
Einkommensteuergesetzes wurde am 7. Dezember messungsgrundlage für die Sozialversicherung un-
1961 dem Deutschen Bundestag vorgelegt. Er wurde berührt bleiben.
vom Plenum am 14. März 1962 an den Finanzaus-
schuß und gemäß § 96 der Geschäftsordnung an den Meine Damen und Herren, dieses Hohe Haus
Haushaltsausschuß überwiesen. beschäftigt sich praktisch seit 13 Jahren jährlich neu
mit den steuerlichen Auswirkungen eines Frei-
Der Finanzausschuß hat sich in seinen Sitzungen betrages zu Weihnachten bzw. der Weihnachts-
vom 10. Mai und 15. November 1962 mit der Vor- gratifikation. Das ist nicht zufällig. Es dürfte bei
lage befaßt und sie mit Mehrheit — gegen die allen Parteien des Bundestages Übereinstimmung
Stimmen der Antragsteller — abgelehnt. Die Mehr- darin bestehen, daß eine Steuer- und Finanzreform
heit sprach dem Argument der Antragsteller, daß dringend notwendig ist. Wenn zwischenzeitlich eine
mit steigenden Löhnen auch die Weihnachtsfreibe- Neuregelung oder, besser gesagt, eine Anpassung
träge angemessen verbessert werden sollten, eine entsprechend den gegebenen Verhältnissen bei der
gewisse Berechtigung nicht ab, hielt aber den vor- Lohnsteuergesetzgebung erfolgt wäre, hätten wir
geschlagenen Weg nicht für richtig. Im Finanzaus- heute keine Veranlassung, uns mit diesem Sonder-
schuß sind zusammen mit den Antragstellern Über- antrag zu beschäftigen.
legungen im Gange, gerade dem in unselbständiger
Arbeit Stehenden steuerliche Verbesserungen bei Es gibt aber größere Bevölkerungsschichten, die
gleichzeitiger Erleichterung und Vereinfachung der infolge der jetzt bestehenden Steuergesetzgebung
Handhabung zu gewähren. finanziell schlechter wegkommen als andere. Neben
der Gruppe, die von dem sogenannten Mittelstands-
Abgesehen von diesen grundsätzlichen steuer- bauch in der Steuerprogression härter getroffen
systematischen Bedenken stieß der Antrag auch aus wird, sind es insbesondere die Lohn- und Gehalts-
haushaltspolitischen Gründen auf Ablehnung. Allein empfänger. Bei einem Vergleich der Steigerung der
für das Jahr 1962 würde die Erhöhung des Weih- Brutto- und der Nettolohnsumme ergibt sich, daß
nachtsfreibetrages einen Steuerausfall von 330 Mil- ein wesentlicher Teil des Zuwachses an Lohn durch
lionen DM verursachen. In Anbetracht der ange- mehr Steuern wieder in Fortfall kommt.
spannten Haushaltslage des Bundes und angesichts
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist logisch!
der zwischen den Ländern und dem Bund zur Zeit
— Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Das ist
laufenden Verhandlungen über eine Revision des
doch der Sinn der Sache!)
Beteiligungsverhältnisses an der Einkommen- und
Körperschaftsteuer ist die Mehrheit des Finanzaus- Ich verweise insbesondere auf die Ausführungen
schusses der Ansicht, daß eine solche Einnahme- meines Kollegen Seuffert bei der ersten Beratung
minderung im Augenblick nicht vertretbar sei. dieses Gesetzentwurfs am 14. März. Ich kann mich
deshalb darauf beschränken, einige allgemeine Fest-
Namens der Mehrheit des Finanzausschusses bitte
stellungen zu treffen.
ich das Hohe Haus, den Gesetzentwurf abzulehnen.
(Beifall.) Wenn wir die Steuereinnahmen in ein Verhältnis
zum Sozialprodukt setzen, so ergibt sich, daß 22 %
des gesamten Sozialprodukts im Jahre 1958 für
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Ich danke Steuern aufgewandt werden mußten. Nach dem Fi-
dem Herrn Berichterstatter. nanzbericht für das Jahr 1963 steigt dieser Betrag
2336 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962
Beuster
auf 25,1 %. Anders ausgedrückt: in diesem Zeit- mehr gerecht wird. Denn praktisch ist es so, daß
raum von fünf Jahren ist eine Steigerung des An- diese Pauschale bei einem Bruttoeinkommen von
teilsatzes um 14 % erfolgt. 425 DM schon aufgezehrt wird und jeder Arbeit-
nehmer, der mehr verdient, die Möglichkeit hätte,
Nicht unberührt bleiben darf dabei auch, daß das
über den Lohnsteuerjahresausgleich einen zusätz-
Sozialprodukt von 1960 bis 1963, wieder nach dem
lichen Betrag zu erhalten. Leider beantragen aber
Finanzbericht, um 72,3 Milliarden DM wächst. Die
viele Lohnsteuerpflichtige wegen der großen Um-
Steuermehreinnahmen betragen im gleichen Zeit-
stände und wegen ihrer mangelnden Kenntnis einen
raum 23,6 Milliarden DM. Anders ausgedrückt: in-
solchen Lohnsteuerjahresausgleich nicht und schen-
nerhalb von drei Jahren wird ein Drittel der
ken dadurch dem Fiskus wesentliche Beträge. Sach-
Wachstumsrate des Sozialprodukts für Steuern ver-
verständige schätzen, daß die Arbeitnehmer jährlich
wendet. Während das Sozialprodukt also praktisch
1 bis 2 Milliarden DM, die an Lohnsteuerjahresaus-
um 26,6 % stieg, beträgt die Steigerung bei den
gleich zurückfließen würden, nicht in Anspruch neh-
Steuern 34,5 %.
men. Hierzu habe ich eine interessante Zahl. Es ist
Im Jahre 1961 ist die Brutto-Lohn- und Gehalts- ja bekannt, daß in Dortmund eine Interessengemein-
summe gegenüber dem Jahre 1960 um 12,7 % ge- schaft der Lohnsteuerzahler besteht. Sie hat für das
stiegen; die Belastungen der Arbeitnehmer durch Jahr 1961 insgesamt 2498 Anträge bearbeitet. Die
direkte Steuern und durch Beiträge zu öffentlichen Gesamtlohnsumme für diese 2498 Anträge betrug
Einrichtungen der Sozialversicherung sind im glei- 19 600 000 DM, der einbehaltene Steuerbetrag rund
chen Zeitraum aber um 17,8 % gestiegen. 2 Millionen DM. Der Erstattungsbetrag belief sich
Diese Zahlenbeispiele besagen klar und eindeu- auf 675 500 DM. Anders ausgedrückt: 33,8 % der
tig, daß die lohnsteuerliche Belastung wegen der gezahlten Lohnsteuern wurden auf Grund des Lohn-
Progression im Steuertarif wesentlich stärker wächst steuerjahresausgleichs zurückvergütet.
als das Sozialprodukt. Uns geht es darum, den Beschäftigten eine ge-
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Die Lohn wisse steuerliche Erleichterung zu verschaffen. Bei
steuerpflichtigen sind in der Regel nicht an der letzten großen Änderung des Lohnsteuerge-
der Progression beteiligt!) setzes ging man davon aus, daß 45% aller Lohn-
steuerpflichtigen steuerfrei sein sollten. Herr Kolle-
Hiervon werden die Lohn- und Gehaltsempfänger ge Dr. Schmidt von der CDU schätzte bei der ersten
ganz naturgemäß wesentlich stärker betroffen. Beratung die Zahl der Arbeitnehmer, die von der
Bei objektiver Auswertung dieser Zahlen kann Lohnsteuer befreit seien, auf 5 Millionen. Wenn
man nur zu dem Schluß kommen, daß eine generelle diese Zahl richtig ist, würde sich ergeben, daß in
Erhöhung des Freibetrages für alle Lohnsteuer- den letzten Jahren der Anteil der Arbeitnehmer, die
pflichtigen längst überfällig ist. Formal sind zwar von der Steuer befreit sind, von 45 auf 20 % zu-
Steuererhöhungen nicht erfolgt; in Wirklichkeit rückgegangen ist.
haben wir es aber, soweit die Arbeitnehmer in Bei der Beurteilung der Situation sollte auch nicht
Frage kommen, mit einer schleichenden Steuerer- außer Betracht bleiben, daß die Weihnachtsgratifi-
höhung zu tun. In diesem Sinne kann deshalb der kationen in den letzten Jahren wesentlich gestiegen
Antrag meiner Fraktion als erster Schritt zu einer sind, und das ist gut. In der letzten Regierungser-
Neuregelung angesehen werden. klärung betonte der Herr Bundeskanzler besonders,
Wie der Herr Berichterstatter Dr. Schwörer schon daß die menschliche Arbeitskraft unser wichtigstes
ausgeführt hat, schätzt das Finanzministerium den Gut sei. Geben wir seinen Feststellungen einen sach-
Steuerausfall auf 330 Millionen DM. Man muß da- lichen Inhalt. Betrachten wir diese 100 DM, die in
bei natürlich berücksichtigen, daß ein 35%iger Bun- dem Antrag genannt werden, als Anerkennung für
gut geleistete Arbeit, als Beihilfe für vermehrte -
desanteil nur einen Betrag von 115,5 Millionen, ein
Bundesanteil von 40,5 % 133 Millionen DM als Be- Ausgaben im Zusammenhang mit dem Weihnachts-
lastung für den Bund ergibt. Leider gibt es aber fest.
keine beweiskräftigen Unterlagen, die eine genaue Denken Sie aber bitte bei Ihrer Entscheidung auch
Berechnung des voraussichtlichen Steuerausfalls daran, daß diese Vergünstigung einem Personen-
möglich machen. Wir selbst sind der Meinung, daß kreis zugute kommt, der absolut steuerehrlich ist,
die vom Finanzministerium vorgenommene Schät- der sich aus pünktlichen Steuerzahlern zusammen-
zung zu hoch ist und sich für den Bund kaum mehr setzt, die ihre Pflicht gegenüber dem Staat restlos
als eine Belastung von ca. 80 bis 90 Millionen DM erfüllen.
ergeben dürfte. Hierbei sollte man aber auch nicht
Ich bitte Sie deshalb namens meiner Fraktion,
übersehen, daß dieser Ausfallbetrag fast restlos in
unserem Antrag Ihre wohlwollende Unterstützung
den Konsum wandert und von der anderen Seite
nicht zu versagen.
her deshalb wieder mit erhöhten Steuereinnahmen
gerechnet werden kann. (Beifall bei der SPD.)
In diesem Zusammenhang darf ich darauf hin-
weisen, daß der Gesetzentwurf meiner Partei auf Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort hat
Erhöhung der Sonderausgabenpauschale von 636 DM der Abgeordnete Meis.
auf 900 DM im Fachausschuß anscheinend wohlwol-
lend behandelt wurde. Erfreulicherweise scheint sich Meis (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen
die Einsicht durchzusetzen, daß die jetzige Sonder- und Herren! Der Herr Kollege Beuster hat soeben
ausgabenpauschale den realen Gegebenheiten nicht schon angedeutet und ich bin auch der Meinung,
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962 2337
Meis
daß der Antrag der SPD-Fraktion auf Erhöhung des kommensteuer. Weiter wurde angegeben, daß der
Arbeitnehmerfreibetrages oder des Weihnachtsfrei- Arbeitnehmer der ehrlichste und pünktlichste
betrages — wie man ihn nennen will — eigentlich Steuerzahler sei. Sodann wurde immer wieder be-
die Überschrift tragen müßte: Alle Jahre wieder. hauptet, bei dem angestrebten Arbeitnehmerfreibe-
Wir haben gleiche und ähnliche Anträge der SPD trag handle es sich um ein notwendiges Äquivalent
in den letzten Jahren immer wieder behandelt und für die Manipulierungsmöglichkeiten, die den Selb-
auch immer wieder ablehnen müssen. Ein Arbeit- ständigen gegeben seien. Daß in diesem Zusammen-
nehmerfreibetrag — das möchte ich mit Nachdruck hang mit „Manipulierung" echte Steuerhinterzie-
betonen — würde auch meinem Wunschdenken ent- hung oder, noch deutlicher ausgedrückt, Betrug ge-
sprechen. Ich bedauere, daß wir nicht einen solchen meint ist — ich würde mich freuen, wenn ich mich
Arbeitnehmerfreibetrag einführen können. Es spre- täuschte —, habe ich den Beispielen entnommen, die
chen aber leider sehr beachtliche Gründe gegen ihn. unsere verehrte Kollegin Frau Beyer in der Vergan-
Der Finanzausschuß hat, wie der Herr Bericht- genheit sehr oft zur Kommentierung der Manipulie-
erstatter Dr. Schwörer soeben vorgetragen hat, alle rungsmöglichkeiten angeführt hat. Manipulieren ist
Gründe, die für und gegen den Antrag sprechen, in also nur eine euphemistische Bezeichnung für betrü-
der letzten Sitzung und auch bei früheren Gelegen- gen. Ich wäre froh, wenn ich mich täuschte.
heiten genau überlegt. Er ist zu dem bekannten Wenn man sich diese Gründe einmal näher an-
Ergebnis gekommen. Einmal können die Auswir- sieht, muß man folgendes feststellen. Das stärkere
kungen auf den Haushalt in Höhe von 330 Mil- Ansteigen des Lohnsteueraufkommens rechtfertigt
lionen DM für den Bund und natürlich auch für die allein auf keinen Fall eine Senkung der Lohnsteuer.
Länder nicht als unbedeutende Kleinigkeit abgetan Es muß vielmehr begrüßt werden, daß die Löhne
werden. Andererseits können wir — diese Furcht und Gehälter und damit auch das Aufkommen an
besteht — dabei nicht den nächsten Schritt zur Ein- Lohnsteuer so stark gestiegen sind.
führung eines echten Arbeitnehmerfreibetrages tun. Der nächste Punkt lautet: Der Lohnsteuerzahler
Wir wänden nämlich damit bei anderen Gruppen ist der pünktlichste Steuerzahler. Das ist ohne
von Steuerpflichtigen ähnliche Wünsche wecken. Zweifel richtig, und ich würde es sehr begrüßen,
wenn man die Ungerechtigkeiten, die sich daraus
(Sehr richtig! in der Mitte.) ergeben, mildern könnte. Das würde eine Änderung
Unter den zahlreichen Vorschlägen, die wir zu Be- des Steuerverfahrensrechts bedeuten. Von der Op-
ginn der Legislaturperiode für die Steuerpolitik des position ist dazu bereits ein Antrag eingebracht
4. Bundestages bekommen haben, befindet sich auch worden, und bei der Beratung dieses Antrags wäre
die Forderung einer Organisation — es handelt sich zu überlegen, ob die angestrebte Regelung prakti-
nicht um Arbeitnehmer, sondern um Selbstän- kabel ist und in welcher Form man Ungerechtig-
dige —, ihren Mitgliedern einen Einkommensteuer- keiten beseitigen bzw. wenigstens mildern kann.
freibetrag zu gewähren, der schlicht und bescheiden Was die Manipulierungsmöglichkeiten der Selb-
nicht mit 100, 300 oder 600 DM, sondern mit 3600 DM ständigen angeht, von denen Frau Beyer so oft ge-
beziffert wird. Daraus ergibt sich eindeutig, daß wir sprochen hat, so bleibt dazu festzustellen, daß es sich
wohl oder übel nach der alten Spruchweisheit han- dabei in erster Linie um eine Kritik an den Landes-
deln müssen: „Principiis obsta" — wehret den An- finanzverwaltungen handelt, die ihre Aufgaben an-
fängen! Das ist auch der Grund gewesen, der uns geblich nicht ordnungsgemäß erfüllen. Man könnte
im Finanzausschuß zu dem ablehnenden Beschluß auch vermuten — ich will gar nicht so gehässig
veranlaßt hat. Wenn alle Bevölkerungsgruppen sein —, daß darin eine Kritik an der Arbeit der
Wünsche zur Einführung von Freibeträgen vor- Steuerbeamten liegt. Aber ich möchte meinen, so
brächten und man solche Wünsche tatsächlich erfül- sollte man nicht urteilen; denn die Möglichkeiten
len könnte — was ja vorläufig noch mehr als zwei- einer genauen Nachprüfung sind im Laufe der Jahre
felhaft ist —, dann böte sich aber wohl eine bessere durch große Richtsatzsammlungen, durch Kontroll-
Lösung an, nämlich die Änderung des Tarifes. mitteilungen, durch den laufenden Erfahrungsaus-
tausch, durch die Ausbildung von Spezialprüfern
Nachdem wir uns so oft mit den Dingen befaßt
und vieles andere immer weiter ausgebaut worden.
haben, sollten wir meines Erachtens ein wenig die
Auch bestehen große Fahndungsdienststellen. Man
Gründe unter die Lupe nehmen, die von der Oppo-
darf aber nicht von vornherein Gewerbetreibende
sition für die Einführung eines Arbeitnehmerfrei-
und andere Selbständige insgesamt als Steuerhinter-
betrages bisher, sowohl heute wie auch in der Ver-
zieher hinstellen, selbst wenn man eine größere
gangenheit, vorgebracht worden sind, weil wir von
Zahl von Ausnahmen gelten läßt, und damit eine
der CDU immer in das schiefe Licht gebracht werden
Sondervergünstigung für andere Gruppen wie hier
sollen, wir sorgten nur — wenn ich es so ausdrücken
die Lohnsteuerpflichtigen begründen, weil sie so-
darf — für die sogenannten Großen, und für die
zusagen nicht betrügen können. Wenn die Steuer-
Arbeitnehmer täten wir in steuerlicher Hinsicht moral bestimmter Gruppen trotzdem nicht ausrei-
nichts oder doch nur wenig. chend gut sein sollte — der Meinung bin ich auch—,
Von der Opposition wurden in der Vergangenheit so muß man das Steuerverfahrensrecht entspre-
und auch jetzt im wesentlichen folgende Gründe für chend ändern. Zur Erreichung dieses Zieles bieten
die Einführung eines Arbeitnehmerfreibetrages an- sich verschiedene Möglichkeiten an. Ich will Ihnen
geführt. Es wurde gesagt, das Aufkommen an Lohn- in diesem Zusammenhang nur zwei nennen, mit
steuer sei in den letzten Jahren erheblich stärker denen man nach meiner Meinung auf diesem Wege
gestiegen als das Aufkommen an veranlagter Ein- weiterkommen könnte.
2338 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962
Meis
Da ist einmal die Selbstveranlagung oder Selbst- gelten. Ich habe eine Zusammenstellung von 28
berechnung zu nennen. Die Vorarbeiten hierzu sind Positionen solcher Steuervergünstigungen. Ich will
nach den Erklärungen, die uns gestern im Finanz- Sie nicht damit belästigen, daß ich sie Ihnen vor-
ausschuß gegeben worden sind, so weit vorange- lese. Aber ich darf sagen: es sind zum Teil natür-
schritten, daß sie in einigen Ländern wahrscheinlich lich kleine, im großen und ganzen aber ganz er-
bereits im nächsten Jahr eingeführt werden kann. hebliche Steuervergünstigungen mit bedeutenden
Das würde zur Folge haben, daß eine größere Zahl Steuerausfällen, die nur den Arbeitnehmern zugute
von Beamten für den Betriebsprüfungsdienst usw. kommen. Daneben haben wir noch eine Menge
frei würde und mit Aufgaben der Steueraufsicht be- Sonderregelungen, die ebenfalls Steuervergünsti-
traut werden könnte. gungen bringen. Ich will auch diese nicht aufzählen.
Weiter bin ich der Meinung, daß man endlich Ich möchte aber noch einmal betonen, daß die
eine ganz klare Scheidung bei den Steuerstrafsachen „böse" CDU auch in der Vergangenheit in steuer-
vornehmen sollte. Ich halte es nicht für richtig, daß licher Hinsicht vieles für die Arbeitnehmer getan hat.
die Finanzämter die Funktion eines Strafrichters Ich halte es geradezu für meine Pflicht, in diesem
übernehmen. Zusammenhang zur Ehrenrettung meines Freundes
Karl Krammig darauf hinzuweisen, daß er es war,
(Sehr richtig! bei der SPD.) der im 2. und 3. Bundestag jede Gelegenheit wahr-
Müßte jeder Steuersünder, vom Staatsanwalt ange- genommen hat, auf steuerlichem Gebiet für die
klagt, in öffentlicher Verhandlung in Anwesenheit Arbeitnehmer, für die Empfänger kleiner Einkom-
aller Interessierten, d. h. der Kunden, der Lieferan- men und für die Familie die bestmöglichen Rege-
ten, der Konkurrenten und insbesondere der Presse, lungen durchzusetzen.
vor dem Strafrichter erscheinen, dann wäre die Aus den vorgetragenen Gründen darf ich Sie
Steuermoral sehr bald ganz erheblich besser, und bitten, den Antrag der SPD abzulehnen.
die Auffassung, daß Steuerdelikte Kavaliersdelikte
seien, wäre sehr bald überholt. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei der SPD und in der Mitte.)
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort hat
Den wichtigsten Punkt hat der Berichterstatter, der Herr Abgeordnete Dr. Imle.
Herr Dr. Schwörer, schon angeführt: die Auswir-
kungen auf den Haushalt. Ich will Sie nicht mit
Zahlen belästigen. Auf jeden Fall würde die Ver- Dr. Imle (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ge-
wirklichung eines Arbeitnehmerfreibetrages von ehrten Damen und Herren! Man müßte wohl zu-
1200 DM, der von vielen Seiten angestrebt wird nächst einmal dagegen Verwahrung einlegen, daß
und auch nach meiner Auffassung eigentlich die gesagt wird, wie es der Kollege von der Opposition
ideale Lösung wäre, einen Steuerausfall von weit am Ende seiner Ausführungen getan hat, man sollte
über 3 Milliarden DM verursachen. Den können die beantragte Regelung als eine Anerkennung für
wir uns leider nicht leisten. geleistete Arbeit und auch deswegen billigen, weil
der Arbeitnehmer immer der Steuerehrliche sei.
In einem weiteren Punkt Ihrer Begründung, Herr Von diesen Klassenkampfmethoden sollte man ein-
Kollege Beuster, gebe ich Ihnen vollauf recht. So- mal abkommen.
wohl Sie als auch wir von der CDU haben immer
wieder darauf hingewiesen, daß die Arbeitnehmer (Zustimmung bei den Regierungsparteien.
bei der Vielfalt der Steuerbestimmungen zum gro- Lachen und Zurufe von der SPD.)
ßen Teil gar nicht in der Lage sind, zu erkennen, — Jawohl!
welche Möglichkeiten es für Steuerermäßigungen
überhaupt gibt. Um hier zu einer größeren Gerech- (Anhaltende Zurufe von der SPD.)
tigkeit zu kommen — eine vollkommene Gerechtig- — Meine Herren, ich habe ja das Mikrophon hier;
keit wird es bekanntlich nie geben —, bietet sich, ich könnte vielleicht noch ein bißchen lauter als Sie
wie Sie, Herr Kollege Beuster, schon ausgeführt sprechen!
haben, die Erhöhung des Sonderausgabenpauschales Ich meine, man sollte es deswegen nicht tun, weil
an, worüber wir im Finanzausschuß — ich möchte dadurch der Eindruck hervorgerufen wird, als seien
sagen: Gott sei Dank — bereits eine übereinstim- alle anderen nicht steuerehrlich.
mende Auffassung erzielt haben. Ein Lohnsteuer-
freibetrag läßt sich damit aber nicht rechtfertigen. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Allerdings sollte man ernsthaft überlegen, in wel-
cher Form man eine gute und erfolgreiche Auf- Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Gestatten Sie
klärung möglichst aller Lohnsteuerpflichtigen er- eine Zwischenfrage?
reichen kann.
Meine Damen und Herren, zum Schluß darf ich Dr. Imle (FDP) : Natürlich!
zur Beseitigung des Verdachts, die „böse" CDU
habe für die Arbeitnehmer in steuerlicher Hinsicht
nicht viel übrig, auch einmal darauf hinweisen, daß Präsident Dr. Dr. Gerstenmaier: Herr Abge-
es im Einkommensteuerrecht eine ganz beachtliche ordneter Dr. Dresbach zu einer Zwischenfrage.
Zahl von Steuervergünstigungen für Arbeitnehmer
gibt, d. h. Vergünstigungen, die nur für Arbeit- Dr. Dr. h. c. Dresbach (CDU/CSU) : Herr Kollege
nehmer und nicht auch für andere Steuerpflichtige Imle, wollen Sie in diesem Zusammenhang nicht
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962 2339
Dr. Dr. h. c. Dresbach
auch einmal auf das Thema Schwarzarbeit und die Jahr höher waren, in diesem Jahr zu reduzieren,
Manipulierbarkeit durch dieselbe eingehen? weil eben die Gewinne nicht mehr so hoch gewesen
sind wie in der vergangenen Zeit. Wir sollten daher
Dr. Imle (FDP) : Herr Kollege Dresbach, das wäre die Anhebung des Weihnachtsfreibetrages von 100
sicherlich sehr reizvoll. Aber die Dinge sind allmäh- auf 200 DM nicht dazu benutzen, auf die Unterneh-
lich so bekannt, daß sich alle Äußerungen darüber mer einen Druck auszuüben: zahle du nun 200 Mark,
wohl erübrigen. weil es bis dahin steuerfrei ist. Wir sind also der
Meinung, daß der Antrag abgelehnt werden sollte.
(Beifall in der Mitte und rechts. — Abg.
Dr. Dr. h. c. Dresbach: Aber auf der linken (Beifall bei den Regierungsparteien.)
noch nicht!)
— Vielleicht 'spricht sich das auch da noch herum. Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort hat
die Frau Abgeordnete Beyer.
(Zuruf von der SPD.)
— Die Unternehmer machen ja wohl keine Schwarz- Frau Beyer (Frankfurt) (SPD) : Herr Präsident!
arbeit. Meine Damen und Herren! Die Ausführungen des
(Lachen bei der SPD.) Kollegen Meis haben mich veranlaßt, das Wort zu
Aber vielleicht bezeichnen Sie es als Schwarzarbeit, ergreifen. Herr Kollege Meis, Sie haben sich im
wenn die Unternehmer ihre Überstunden nicht be- ersten Teil Ihrer Rede fast ausschließlich mit meinen
zahlt erhalten, während die anderen woanders Ausführungen aus früheren Jahren befaßt. Allem
arbeiten. Anschein nach nahmen Sie an, ich würde auch dies-
mal dazu sprechen und unter Umständen die gleichen
Aber lassen Sie mich zu dem Antrag 'als solchem Argumente bringen. Herr Meis, mir kommt es dar-
etwas sagen! Es ist eben schon darauf hingewiesen auf an, folgendes richtigzustellen.
worden, daß die Anhebung des Steuerfreibetrags
von 100 auf 200 DM 330 Millionen DM Steuerausfall Ich habe zwar immer von Manipuliermöglichkei-
bedeuten würde. Wir haben uns im Finanzausschuß ten gesprochen, Sie haben aber diese Ausführungen
auch über die Anhebung der Sonderausgaben so interpretiert, als wenn ich davon gesprochen
pauschale unterhalten, die nach dem Antrag der hätte, daß die Selbständigen oder Einkommensteuer-
SPD einen weiteren Steuerausfall von 465 Millionen pflichtigen betrügen wollten. Das ist nie von mir
DM ausmachen würde. 'gesagt, auch nie von mir gemeint worden; ich
möchte das deutlich sagen. Denn letzten Endes bie-
(Zuruf von der Mitte: Wenigstens!) tet das Einkommensteuergesetz Möglichkeiten, die
Sie wissen ferner, daß wir Überlegungen anstellen, der Lohnsteuerpflichtige nicht hat, auch wenn Sie aus-
die überhöhte Progression in den Mittelschichten zu führten, daß dem Lohnsteuerpflichtigen 28 Posi-
bereinigen. Das würde ebenfalls einige hundert Mil- tionen zur Verfügung stünden, die er benutzen
lionen D-Mark kosten. Wenn war das jetzt alles tun, könne. Herr Kollege Meis, ich erinnere an unsere
dann haben wir bereits die Milliarde ausgegeben, gestrige Sitzung und daran, daß gerade gestern in
die, wie Sie in der Presse gelesen haben werden, den Zeitungen ein Hinweis Ihres Ministers aus
für die Bundeswehr zusätzlich erforderlich ist. Nordrhein-Westfalen gestanden hat. Aus diesem
Es kommt folgendes hinzu. Der Bundeshaushalt
kann nur ausgeglichen werden, wenn die Länder tigen von den vorhandenen Möglichkeiten so wenig
einen entsprechenden Beitrag erbringen. Wenn wir Gebrauch machen, daß der Minister allein für Nord-
jetzt aber durch Steuerermäßigungen und Steuerbe- rhein-Westfalen glaubt sagen zu können, den Lohn-
freiungen die Einnahmen der Länder beschneiden, steuerpflichtigen entgingen Millionenbeträge. Das-
sind sie natürlich überfordert, wenn sie nachher heißt mit anderen Worten: trotz dieser Liste sind
noch den doppelten Betrag dessen, auf den jetzt der die Lohnsteuerpflichtigen im Nachteil, weil sie ein-
Bund nach den genannten Vorstellungen verzichten fach nicht die Möglichkeit haben, sich Buchprüfer
soll, in die Haushaltskasse des Bundes zahlen sol- oder Steuerhelfer zu nehmen. Sie selbst finden sich
len. aber durch das Gewirr der Steuergesetzgebung über-
haupt nicht durch. Das ist, glaube ich, die Situation.
Der Steuerfreibetrag, um den es hier geht, steht
nur dem Arbeitnehmer zu. Es gehören aber durch-
aus nicht alle Arbeitgeber zu den Großverdienern, Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Zwischen-
sondern z. B. im Handwerk, im Handel und im Ver- frage des Abgeordneten Dr. Dresbach!
kehrsgewerbe gibt es eine große Zahl von Selb-
ständigen, die auch nicht gerade über hohe Einnah- Dr. Dr. h. c. Dresbach (CDU/CSU) : Verehrte
men verfügen. Und diesen steht ein solcher Frei- Frau Beyer, sind Sie nicht der Meinung, daß es eine
betrag nicht zu. Wenn sie den Betrag für Weihnach- dankbare Aufgabe für die Gewerkschaften ist, ihre
ten verwenden, müssen sie ihn also für sich ver- Mitglieder und vielleicht auch die Nichtmitglieder
steuern. Wir glauben daher, daß im Augenblick entsprechend zu beraten? Ist es nicht sogar ein auf-
darüber nicht gesprochen werden kann. fallender Mangel an Tätigkeit der Gewerkschaf-
Noch ein Wort zu diesem Punkt. Es ist doch wohl ten — einmal in sehr netter Weise —, wenn in
bekannt, daß eine ganze Reihe besonders von mitt- Arbeitnehmerkreisen noch so viel Unkenntnis vor-
leren Betrieben bereits dazu übergehen mußten, die handen ist?
Weihnachtszuwendungen, die bei ihnen im vorigen (Sehr gut! in der Mitte.)
2340 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962
Frau Beyer (Frankfurt) (SPD) : Herr Kollege Die fiskalische Seite der Angelegenheit hat immer
Dr. Dresbach, Sie geben mir eine willkommene wieder eine große Rolle gespielt. Wir wissen jedoch,
Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß im Rahmen daß die Ausfälle für den Fiskus weit geringer sind,
der gewerkschaftlichen Arbeit solche Sonderbera- wenn wir berücksichtigen, was ich eben sagte, daß
tungen stattfinden und die einzelnen Lohnsteuer- nämlich die vielen Anträge, die jährlich an das
pflichtigen sogar jährlich aufgefordert werden, sich Finanzamt gestellt werden, wegfallen.
dieser Möglichkeiten zu bedienen.
Außerdem möchte ich bei dieser Gelegenheit
daran erinnern, daß sehr oft in den gleichen Sit-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Bitte, Herr zungen, in denen wir über das Weihnachtsgeld oder
Kollege Dr. Dresbach! über Freibeträge gesprochen haben, mit Mehrheit
andere steuerliche Verbesserungen angenommen
wurden, die immer nur bestimmten Einkommens-
Dr. Dr. h. c. Dresbach (CDU/CSU) : Frau Beyer, gruppen zugute kamen. Nur wenn es um die Frage
sind Sie mit mir der Meinung, daß ich dann, wenn
von Arbeitnehmerfreibeträgen ging, wurde jedesmal
ich ein Schulmeister wäre, im Ergebnis das Prädikat
auf die fiskalische Bedeutung und die Belastung des
„mangelhaft" geben müßte?
Haushaltes verwiesen.
Damit darf ich meine Ausführungen beenden. Mir
Frau Beyer (Frankfurt) (SPD) : Das ist nicht ge- kam es darauf an, die hier gemachten Darlegungen
sagt. Sie dürfen nicht vergessen, Herr Kollege Dr.
richtigzustellen. Ich hoffe, daß die Mehrheit des
Dresbach — das dürften Sie auch wissen —, daß
Hauses, falls heute die Entscheidung in dem Sinne
nicht alle Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert
fällt, wie es soeben von den Vertretern der Regie-
sind und infolgedessen viele von ihnen diese Bera-
rungskoalition angekündigt worden ist, ihre Zu-
tung nicht in Anspruch nehmen.
stimmung dem Antrag der SPD auf Erhöhung der
Zu dem gleichen Fragenkomplex möchte ich weiter- Sonderausgabenpauschale geben wird, wenn er im
hin sagen, daß selbstverständlich auch die kleinen kommenden Jahr behandelt wird.
und mittleren Betriebe, die einkommensteuerpflich- (Beifall bei der SPD.)
tig sind, zum Teil ebenfalls benachteiligt werden,
weil sie vor der gleichen Situation wie der Lohn- Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Keine wei-
steuerpflichtige stehen. teren Wortmeldungen. — Wir kommen zur Ab-
Nun eine weitere Bemerkung. Sie haben davon stimmung.
gesprochen, Herr Kollege Meis, daß man den Anfän- (Abg. Rasner: Herr Präsident! Zur Abstim-
gen wehren solle. Wir stehen nicht mehr am Anfang, mung! Ich beantrage namentliche Abstim-
sondern wir haben bereits einen Freibetrag. Die mung!)
Frage ist nur, ob der Freibetrag den heutigen Ver-
— Sie beantragen namentliche Abstimmung. Das
hältnissen noch gerecht wird. Dieser Freibetrag —
das darf ich zu dem sagen, was der Kollege Dr. Imle wird eine Reihe von abgereisten Kollegen freuen.
ausgeführt hat — hat ja einen anderen Sinn als vor (Heiterkeit.)
zwei Jahren. Er ist ja heute ein echter Freibetrag
Der Antrag ist ausreichend unterstützt?
von 100 DM, wird also unabhängig davon gewährt,
wie hoch das Weihnachtsgeld ist. Daher braucht die- (Zustimmung.)
ser von uns gewährte Freibetrag keinesfalls ein An-
— Ich brauche 50 Stimmen. — Ich unterstelle, daß
laß für die Betriebe zu sein, das Weihnachtsgeld zu der Antrag ausreichend unterstützt wird.
erhöhen.
Ich darf hierzu eine weitere Bemerkung machen. Zur Abstimmung Frau Abgeordnete Beyer!
Wenn es sich um einen Freibetrag handelt — ich
glaube, das haben Sie jetzt zugestanden —, müssen Frau Beyer (Frankfurt) (SPD) : Meine Damen und
wir doch die Frage aufwerfen, ob er nicht den heu- Herren, wir stimmen jetzt über die Ausschußvor-
tigen Verhältnissen angepaßt 'werden sollte. Wir lage ab. Das heißt, wer für den Weihnachtsfreibe-
wissen doch, daß ein hoher Prozentsatz von Arbeit- trag ist, der muß mit Nein stimmen, und wer gegen
nehmern weit mehr Steuern zahlt, als er eigentlich den Weihnachtsfreibetrag ist, muß mit Ja, also für
zu zahlen hätte, weil er die vorhandenen Möglich- die Ausschußvorlage stimmen.
keiten nicht ausnutzt. Außerdem, Herr Kollege Meis,
plädieren wir immer wieder dafür, zu einer Verein- Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Es ist be-
fachung zu kommen, um so die Finanzämter mög- sonders liebenswürdig, Frau Kollegin, daß Sie den
lichst zu entlasten. In diesem Zusammenhang bin ich schwer bebürdeten Präsidenten des Hauses ent-
dankbar für Ihren Hinweis auf unseren Antrag auf lasten. Aber ich muß Sie korrigieren. Meine Damen
Erhöhung der Sonderausgabenpauschale, der ja noch und Herren, die Auskunft ist charmant, aber un-
dem Ausschuß vorliegt. Hier ergibt sich die Mög- richtig. Wir befinden uns in der zweiten Lesung. In
lichkeit; Ihre eventuelle Ablehnung zu korrigieren, der zweiten Lesung wird über die Einzelbestim-
um so endlich die Finanzämter wieder zu ent- mungen des Gesetzes abgestimmt. Ich habe auf-
lasten —, u. a. auch ein wesentlicher Gesichtspunkt gerufen Art. 1, Art. 2, Art. 3, Einleitung und Über-
in den Gesetzen von 1958, der inzwischen aber schrift. Der Entwurf ist die Vorlage der SPD. Wer
längst überholt ist. diesem Entwurf zustimmen will, stimmt mit Ja, wer
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962 2341
Präsident D. Dr. Gerstenmaier
diesen Gesetzentwurf - Art. 1, Art. 2, Art. 3, Ein- Rehs Frau Dr. Bleyler
leitung und Überschrift — ablehnen will, stimmt mit Dr. Reischl Blöcker
Reitz Frau Blohm
Nein. Dr. Rinderspacher Blumenfeld
(Heiterkeit.) Ritzel von Bodelschwingh
Rohde Dr. Böhm (Frankfurt)
Ich gebe das vorläufige Ergebnis der Abstimmung Frau Rudoll Böhme (Hildesheim)
bekannt. Mit Ja haben gestimmt 148 Mitglieder des Saxowski Brand
Hauses und 7 Berliner Abgeordnete; mit Nein haben Dr. Schäfer Frau Brauksiepe
gestimmt 185 Mitglieder des Hauses und 2 Berliner Frau Schanzenbach Dr. Brenck
Scheuren Dr. von Brentano
Abgeordnete; enthalten haben sich 4 Mitglieder des Dr. Schmid (Frankfurt) Brese
Hauses. Damit ist die Vorlage in zweiter Lesung Schmidt (Braunschweig) Brück
abgelehnt. Dr. Schmidt (Gellersen) Bühler
Dr. Schmidt (Offenbach) Burgemeister
(Abg. Memmel: Endgültig!) Schmidt (Würgendorf) Dr. Conring
Schmitt-Vockenhausen Dr. Czaja
— Nach § 84 der Geschäftsordnung damit erledigt. van Delden
Schoettle
Schröder (Osterode) Dr. Dichgans
Endgültiges Ergebnis: Schwabe Draeger
Seibert Dr. Dr. h.c. Dresbach
Ja: 144 und 7 Berliner Abgeordnete Seidel (Fürth) Ehnes
Seifriz Eichelbaum
Nein: 183 und 2 Berliner Abgeordnete Seither Dr. Elbrächter
Enthalten: 4 Frau Seppi Even (Köln)
Steinhoff Falke
Stephan Dr. Franz
Ja Frau Herklotz Striebeck Franzen
Hermsdorf Frau Strobel Dr. Fritz (Ludwigshafen)
CDU/CSU Herold Wegener Gaßmann
Hirsch Welke Gedat
Schneider (Hamburg) Höhmann Welslau Gehring
(Hessisch Lichtenau) Weltner (Rinteln) D. Dr. Gerstenmaier
SPD Höhne Frau Wessel Gibbert
Hörauf Wienand Giencke
Altmaier Hufnagel Wilhelm Dr. Gleissner
Arendt (Wattenscheid) Hussong Wischnewski Glüsing (Dithmarschen)
Auge Iven (Duren) Wittrock Dr. Götz
Dr. Dr. h. c. Baade Jahn Zühlke Goldhagen
Bading Jaksch Dr. Gossel
Bäumer Jürgensen Gottesleben
Bals Junghans Berliner Abgeordnete Dr. h. c. Güde
Bauer (Würzburg) Junker Haase (Kassel)
Behrendt Kalbitzer Frau Berger-Heise Dr. Hahn (Heidelberg)
Beuster Frau Kettig Frau Krappe Dr. von Haniel-Niethammer
Frau Beyer (Frankfurt) Killat Liehr (Berlin) Dr. Hauser
Biegler Frau Kipp-Kaule Neumann (Berlin) Dr. Heck
Biermann Dr. Koch Dr. Schellenberg Heix
Dr. Bleiß Könen (Düsseldorf) Dr. Seume Dr. Hesberg
Börner Koenen (Lippstadt) Wellmann Höfler
Dr. h. c. Brauer Frau Korspeter Holkenbrink
Bruse Kraus Hoogen
Buchstaller Dr. Kübler FDP Horn
Büttner Kulawig Dr. Huys
Corterier Kurlbaum Dorn Illerhaus
Cramer Lange (Essen) Dr. Miessner Frau Jacobi (Marl)
Dr. Deist Lemper Ollesch Dr. Jaeger
Diekmann Lenz (Bremerhaven) Josten
Frau Döhring (Stuttgart) Lücke (Osnabrück)
Lünenstraß Dr. Jungmann
Dopatka Dr. Kanka
Dröscher Marquardt Nein
Frau Eilers Marx Katzer
Dr. Eppler Matthöfer Dr. Kempfler
Erler Matzner CDU/CSU Frau Klee
Eschmann Frau Meermann Dr. Kliesing (Honnef)
Felder Dr. Meyer (Frankfurt) Dr. Adenauer Dr. Kopf
Figgen Meyer (Wanne-Eickel) Adorno Krüger
Folger Dr. Mommer Dr. Althammer
Dr. Morgenstern Krug
Franke Arndgen Frau Dr. Kuchtner
Frehsee Müller (Nordenham) Dr. Arnold
Frau Freyh (Frankfurt) Müller (Ravensburg) Dr. Artzinger Kühn (Hildesheim)
Fritsch Müller (Worms) Baier (Mosbach) Leicht
Geiger Dr. Müller-Emmert Baldauf Lemmrich
Gscheidle Nellen Dr.-Ing. Balke Lenze (Attendorn)
Haase (Kellinghusen) Ollenhauer Balkenhol Leonhard
Hamacher Paul Bausch Lermer
Hansing Peiter Becker Dr. Luda
Dr. Harm (Hamburg) Peters (Norden) Berberich
Pöhler Dr. Besold Majonica
Heide
Heiland Priebe Bewerunge Dr. Martin
Dr. Dr. Heinemann Ravens Biechele Meis
Hellenbrock Regling Dr. Bieringer Memmel
2342 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962
Berichtigungen
Es ist zu lesen:
48. Sitzung Seite 2162 B Zeile 6 statt „Erte" : Ertl;
Zeile 7 statt „498": 698;
51. Sitzung Seite 2245A Zeile 16 statt „Sie": sie;
Seite 2248 D Zeile 14 statt „erfaßt": erfaßbar;
52. Sitzung Seite 2317 C statt Zeilenfolge „1-2-3-
4-5" : 4-1-2-3-5.
Deutscher Bundestag - 4. Wahlperiode - 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962 2345
regierung hat sich zwar seit Monaten mit dem zugrunde legen, wenn der Beamte bei Anwendung t
Gesamtproblem beschäftigt, sieht aber im Hinblick der Dienstzeitvorschriften der Verordnung bis zum
auf die dabei erforderlichen Untersuchungen und Erreichen der Altersgrenze keine Jubiläumszuwen-
Verhandlungen in den EWG-Gremien keine Mög- dung erhalten würde.
lichkeit, in Kürze damit zum Abschluß zu kommen. Für Beamte, die nach bisherigen Bestimmungen
Der Ausschuß äußerte große Bedenken aus dem nur eine Dankurkunde zu erwarten hatten, ist eine
Gesamtkomplex heraus, wonach für alle Im- und entsprechende Übergangsvorschrift nicht vorgesehen.
Exportgüter eine Neuregelung dringend erwartet In diesen Fällen bestand keine Anwartschaft auf
wird, vorweg auf die Wünsche einzelner Branchen eine Geldzuwendung, die hätte gewährt werden
einzugehen. Nach Darlegung der derzeitigen Situa- können.
tion bei den Seeschiffswerften ist jedoch für diesen
Bereich eine Sofortmaßnahme aus folgenden Grün- In Zukunft dürfte sich die Dienstzeitberechnung
den gerechtfertigt: nach der Verordnung günstiger auswirken als bis-
herige Berechnungsgrundsätze.
Der Exportanteil der westdeutschen Werften be- Die Härten, die sich für eine Übergangszeit daraus
trägt auf dem zivilen Sektor 80%, bei einzelnen ergeben, daß Jubiläumszuwendungen nach der
Betrieben bis zu 90 %. Die in aller Welt für die kon- Jubiläumsverordnung erst ab 1. Oktober 1961 ge-
kurrierenden Seeschiffswerften gewährten Steuer- währt werden können, waren bei der Beratung der
erleichterungen, Finanzvergünstigungen bis hin zu Verordnung bekannt. Es wurde daher zunächst er-
direkten Subventionen, haben die deutschen See- wogen, Beamten, die schon vor dem 1. Oktober 1961
schiffswerften in eine schwierige Lage gebracht, die eine Dienstzeit von 25, 40 oder 50 Jahren vollendet
noch durch die Folgen der DM-Aufwertung verstärkt hatten und in den dauernden Ruhestand treten, ohne
wurde. Die bedrohliche Wettbewerbssituation in eine Geldzuwendung erhalten zu haben, bei ihrem
diesem stark exportintensiven Wirtschaftszweig ist Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst die Jubi-
nicht auf mangelnde Initiative oder sonstige Pro- läumszuwendung zu gewähren, die sie zuletzt er-
duktionsnachteile der deutschen Werften zurückzu- halten hätten. Eine solche allgemeine Regelung hat
führen, sondern ausschließlich auf die den konkur- sich jedoch leider nicht erreichen lassen. Es konnten
rierenden ausländischen Werften von deren Regie- vielmehr, wie eingangs erwähnt, nur bereits be-
rungen gewährten offenen oder versteckten Wett- stehende Anwartschaften auf eine Geldzuwendung
bewerbsvorteilen. in gewissem Umfange aufrechterhalten werden.
Die Bundesregierung sollte daher, im Rahmen der
ihr gegebenen Möglichkeiten; Maßnahmen zur Ge-
währung einer höheren Ausfuhrvergütung, die der
tatsächlichen durchschnittlichen Umsatzsteuer bei Anlage 4
Wasserfahrzeugen entspricht, schnellstens durch-
Schriftliche Antwort
führen.
Der Ausschuß hat sich bei drei Enthaltungen auf des Herrn Ministerialdirektors Puhan auf die Münd-
die Formulierung gemäß Drucksache IV/839 geeinigt liche Anfrage des Abgeordneten Metzger (Frage-
und bittet das Hohe Haus, diesem Ersuchen an die stunde der 51. Sitzung vom 7. Dezember 1962, Druck-
Bundesregierung zuzustimmen. sache IV/786, Frage XI/2) :
Ich frage den Herrn Bundesfinanzminister, bis wann mit der
Vorlage eines Gesetzes über Ausgleichsbeträge für Betriebe der
Gebietskörperschaften, die ursprünglich für die Besatzungsmächte
arbeiteten und jetzt für die Stationierungsmächte tätig sind, und
dessen Verabschiedung in der Fragestunde vom 19. April 1961
für das Ende der damaligen Legislaturperiode in Aussicht ge-
stellt war, gerechnet werden kann.
Anlage 3
Schriftliche Antwort Die Stellungnahme des Bundesrates zu dem von
der Bundesregierung in der dritten Leg i slaturperi o de
des Herrn Bundesminister Höcherl auf die Münd- eingebrachten Entwurf eines Gesetzes über Aus-
liche Anfrage des Abgeordneten Schmitt-Vocken- gleichsbeträge für Betriebe der Gebietskörperschaf-
hausen (Fragestunde der 50. Sitzung vom 5. Dezem- ten und für gleichgestellte Betriebe hat gezeigt, daß
ber 1962, Drucksache IV/786, Frage IX/2) : zwischen der Bundesregierung und den Ländern
grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über Vor-
Hält der Herr Bundesinnenminister es für angebracht, die
Jubiläumszuwendung nach § 80 a des Bundesbeamtengesetzes aussetzung und Ausmaß der erforderlichen Aus-
denjenigen Beamten nicht zu gewähren, deren Jubiläum — in
Abweichung von den bisherigen Berechnungsgrundsätzen — nun- gleichsregelung bestehen. Da die Materie ides Geset-
mehr auf einen Zeitpunkt vor dem 1. Oktober 1961 festgesetzt zes in engem Zusammenhang mit dem Gemeinde-
worden ist?
steuersystem steht, hat es das Bundesministerium
Für Bundesbeamte, die nach bisherigen Bestim- der Finanzen unter diesen Umständen zunächst für
mungen eine Jubiläumszuwendung in Geld zu er- zweckmäßig gehalten, die Angelegenheit durch die
warten hatten, kann die zuständige oberste Dienst- vorgesehene Sachverständigen-Kommission für die
behörde nach § 8 Abs. 2 der Verordnung über die Finanzreform begutachten zu lassen. Da diese Kom-
Gewährung von Jubiläumszuwendungen an Beamte mission ihre Arbeit noch nicht aufnehmen konnte,
und Richter des Bundes vom 24. Mai 1962 (BGBl. I wird die Bundesregierung nunmehr prüfen, ob die
S. 363) bis zum 30. September 1966 noch die Dienst- Arbeiten an dem Gesetzentwurf vorgezogen werden
zeit nach den bisherigen Berechnungsgrundsätzen sollen.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 53. Sitzung. Bonn, Freitag, den 14. Dezember 1962 2347
tretene Bundesrückerstattungsgesetz (BRüG) ge- Wie ich bereits in der Fragestunde am 7. Dezem-
bracht. Gemäß § 30 BRUG ist dann die Sache an die ber 1961 festgestellt habe, kann wegen des untrag-
'Berliner Rückerstattungsorgane verwiesen und — baren Mangels an Übungsmöglichkeiten auf das
nach Klärung der örtlichen Zuständigkeit — an die westlich der Brunnenreihe liegende Gelände des
Wiedergutmachungsorgane in München weiterver- Truppenübungsplatzes Senne nicht verzichtet wer-
wiesen worden. den.
Die Oberfinanzdirektion München hat den ihr erst Nach Möglichkeit soll bis Ende 1965 das über-
am 19. Februar 1962 zugestellten Anspruch des wiegend im Bundeseigentum befindliche Erweite-
Herrn Fritsch im Mai 1962 dem Grunde nach an- rungsgebiet freigemacht und der Rest, soweit er
erkannt. Eine Einigung über die Höhe des Anspru- nicht bundeseigen ist, erworben werden.