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Eutscher Bundestag: 50. Sitzung

Das Dokument ist der stenographische Bericht einer Sitzung des Deutschen Bundestags vom 5. Dezember 1962. Der Bericht dokumentiert die verschiedenen Tagesordnungspunkte und Redebeiträge der Abgeordneten zu Themen wie Rentenanpassung, Eier- und Geflügelwirtschaft oder Zollkontingente für Brennstoffe.

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Eutscher Bundestag: 50. Sitzung

Das Dokument ist der stenographische Bericht einer Sitzung des Deutschen Bundestags vom 5. Dezember 1962. Der Bericht dokumentiert die verschiedenen Tagesordnungspunkte und Redebeiträge der Abgeordneten zu Themen wie Rentenanpassung, Eier- und Geflügelwirtschaft oder Zollkontingente für Brennstoffe.

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D eutscher Bundestag

50. Sitzung

Bonn, den 5. Dezember 1962

Inhalt:

Nachruf auf den Abg. Kühn ,(Bonn) . . . 2207 A Frage des Abg. Dröscher:
Erforschung der Spätschäden nach lang-
Glückwünsche zu den Geburtstagen der jähriger Kriegsgefangenschaft
Abg. Dr. Friedensburg, Altmaier und
Steinhoff 2220 B Blank, Bundesminister 2211 A, B, C, D
Dröscher (SPD) . . . . . . . . 2211 B
Fragestunde (Drucksache IV/786) Dürr ,(FDP) . . . . . . . . . . 2211 C
Fritsch (SPD) 2211 C, D
Frage des Abg. Wittrock:
Äußerung des Prof. Mayer im „Bul
Frage des Abg. Peiter:
letin"
von Hase, Staatssekretär . . 2208 B, C, D; Vorbereitungsdienst der Beamten,
2209 A die Wehrdienst geleistet haben
Wittrock (SPD) . . . . . . . . 2208 C Dr. von Merkatz, Bundesminister 2212 A, B
Dr. Kohut (FDP) . . . . 2208 D, 2209 A Peiter (SPD) . . . . . . . . . 2212 A

Frage des Abg. Dr. Schmidt (Gellersen) : Frage des Abg. Peiter:
Preise für Buchweizen Kreiswehrersatzamt in Montabaur
- Dr. von Merkatz, Bundesminister . . 2212 B
Schwarz, Bundesminister . . 2209 B, C
Dr. Schmidt (Gellersen.) (SPD) . . 2209 B, C
Frage des Abg. Drachsler:

Frage des Abg. Wächter: Bauvorhaben in Außenbereichen


Leistungen der Deichverbände für den Dr. Ernst, Staatssekretär . . .
2212 C, D;
Küstenschutz 2213 A, B
Schwarz, Bundesminister 2209 C, 2210 A, B Drachsler (CDU/CSU) . . 2212D, 2213 A

Wächter (FDP) 2210 B, C Dr. Ramminger (CDU/CSU) . . . . 2213 A

Frage des Abg. Schmitt-Vockenhausen: Frage der Abg. Frau Dr. Diemer-Nicolaus:
Umtausch der Sozialversicherungs- Beschäftigungsvergütung für unverhei-
karten ratete Beamtinnen und Angestellte
Blank, Bundesminister . . . . . 2210 C, D Höcherl, Bundesminister . . . 2213 C, D
Schmitt-Vockenhausen (SPD) . . . 2210 D Frau Dr. Diemer-Nicolaus (FDP) . . 2213 D
II Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

Frage des Abg. Schmitt-Vockenhausen: Entwurf eines Gesetzes über die Anpassung
der Renten der Kriegsopferversorgung
Jubiläumszuwendung für Beamte . . 2214 A (SPD) (Drucksache IV/54); Berichte des
Haushalts- und des Kriegsopferausschus-
Fragen .des Abg. Dr. Schmidt (Offenbach) : ses (Drucksachen IV/771, IV/745 [neu]) —
Zweite und dritte Beratung —
Spastisch gelähmte Kinder 2214 A
Dr. Rutschke (FDP) 2218 C
Frau Dr. Probst (CDU/CSU) . . . 2218 D
Frage des Abg. Hammersen:
Neugliederung des Bundesgebietes Höhmann (Hessisch-Lichtenau) (SPD) 2219 A

Höcherl, Bundesminister . . 2214 A, C Reichmann (FDP) 2220 A


Hammersen (FDP) 2214 B, C
Sammelübersicht 11 des Petitionsausschus-
Zur GO ses über Anträge zu Petitionen (Druck-
Dr. Schäfer (SPD) 2214 D sache IV/757) . . . . . . . . . . 2220 C

Frage des Abg. Böhme (Hildesheim) : Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Gesetzes zur Förderung der deutschen
Manifest der „Gruppe 47"
Eier- und Geflügelwirtschaft (Abg. Dr.
Dr. Stammberger, Bundesminister . . 2214 D, Siemer, Wittmer-Eigenbrodt, Bading,
2215 A Müller [Worms], Logemann u. Gen.)
Haase (Kassel) (CDU/CSU) . . . . 2215 A (Drucksache IV/256) ; Berichte des Haus-
halts- und des Rechtsausschusses (Druck-
sachen IV/743, IV/574) — Zweite und
Frage des Abg. Dr. Arndt (Berlin): Dritte Beratung —
Beschlagnahme von Schriftstücken, in Benda (CDU/CSU) . . . 2220 D, 2221 D,
denen der Name Zwicknagl vorkommt 2225 C
Dr. Stammberger, Bundesminister 2215 B, C Struve (CDU/CSU) . . . 2221 A, 2224 B
Dr. Müller-Emmert (SPD) 2215 C Bading (SPD) . . . . . 2222 A, 2225 D,
2226 A
Frage des Abg. Dr. Mommer: Lagemann (FDP) 2222 C
Bericht in der Angelegenheit „Spiegel" Brese (CDU/CSU) 2223 A
Dr. Stammberger, Bundesminister . . 2215 D, Dr. Siemer (CDU/CSU) 2223 B
2216 A, B Kriedemann (SPD) 2224 D
Dr. Mommer (SPD) 2216 A
Unertl (CDU/CSU) . . . 2225 B, 2226 A
Wittrock (SPD) 2216 A, B

Fragen des Abg. Dr. Müller-Emmert und Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Ände-
des Abg. Kulawig: rung des Gesetzes über die Landwirt-
schaftliche Rentenbank (Drucksache
Bau des Saar-Pfalz-Kanals IV/743); Schriftlicher Bericht des Wirt-
Dr. Westrick, Staatssekretär . 2216 C, D; schaftsausschusses (Drucksachen IV/782,
zu IV/782) —. Zweite und dritte Bera-
2217 A, B
tung — 2226 C
Dr. Müller-Emmert (SPD) . . . 2216 C
Kulawig (SPD) 2217 A
Entwurf eines Fünften Gesetzes zur Ände-
Dr. Schneider (Saarbrücken) (FDP) 2217 B
rung und Ergänzung des Hypotheken-
bankgesetzes (Drucksache IV/624) ;
Frage des Abg. Hammerasen: Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsaus-
schusses (Drucksache IV/763) — Zweite
Dämpfung der Baukonjunktur und dritte Beratung — 2226 D
Dr. Westrick, Staatssekretär . . 2217 C,
2218 A
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Hammersen (FDP) 2218 A Wirtschaftsstrafgesetzes 1954 (Drucksache
Ritzel (SPD) 2218 A IV/573) ; Schriftlicher Bericht des Wirt-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 III

schaftsausschusses (Drucksache IV/781) Entwurf eines Gesetzes über das Zoll-


— Zweite und dritte Beratung — kontingent für feste Brennstoffe 1963 und
1964 (Drucksache IV/732) ; Schriftlicher Be-
Dr. Kanka (CDU/CSU) . . 2227 A, 2230 D richt des Wirtschaftsausschusses (Druck-
Dr. Stammberger, Bundesminister . 2228 A, sachen IV/783, zu IV/783) — Zweite und
2230 B, 2232 A dritte Beratung — . . . . . . . . . 2234 B
Wittrock (SPD) . . . . 2228 D, 2232 B
Dr. Böhm (Frankfurt) (CDU/CSU) . . 2229 C Nächste Sitzung 2234 D
Frau Berger-Heise (SPD) 2232 C
Dr. h. c. Güde (CDU/CSU) . . . 2232 D Anlagen . 2235
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2207

50. Sitzung

Bonn, den 5. Dezember 1962

Stenographischer Bericht Mitglied des Ausschusses für Inneres. Im 2. Deut-


schen Bundestag war er stellvertretender Vorsitzen-
der des Ausschusses für Beamtenrecht. Er hat sich
Beginn: 17.01 Uhr
weit über die Kreise seiner Partei hinaus sachliches
und menschliches Ansehen erworben.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Die Sitzung ist er-
öffnet. Ich spreche den Hinterbliebenen des verstorbenen
Kollegen und der Fraktion der Freien Demokrati-
Meine Damen und Herren, bevor wir in die schen Partei meine und des Hauses Anteilnahme
Tagesordnung eintreten, habe ich wieder eine trau- aus. — Sie haben sich zu Ehren des verstorbenen
rige Pflicht zu erfüllen. Kollegen von Ihren Plätzen erhoben. Ich danke
(Die Abgeordneten erheben sich.) Ihnen.
Wir gedenken unseres Kollegen Walther Kühn, der Die folgenden amtlichen Mitteilungen werden
gestern, am 4. Dezember, nach langer, schwerer ohne Verlesung in den Stenographischen Bericht
Krankheit verstorben ist. Walther Kühn wurde am aufgenommen:
27. Dezember 1892 in Posen geboren. Er studierte Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 29./30. November 1962
den nachstehenden Gesetzen zugestimmt bzw. einen Antrag ge-
Rechts- und Staatswissenschaften. mäß Artikel 77 Abs. 2 des Grundgesetzes nicht gestellt:

Von 1914 bis 1918 nahm er am ersten Weltkrieg Gesetz über die Gewährung einer Überbrückungszulage

teil. Nach Kriegsende vollendete er seine juristische Viertes Gesetz zur Ä nderung des Flüchtlings-Notleistungs-
gesetzes
Ausbildung und war danach zunächst als Regie- Gesetz zu dem Abkommen vom 12. Oktober 1961 zwischen
rungsrat bei der Regierung Frankfurt an der Oder der Bundesrepublik Deutschland und dem Königreich Marokko
über den Luftverkehr
und später beim Reichsministerium des Innern in
Gesetz zu dem Internationalen Übereinkommen vom 13. De-
Berlin tätig. Anschließend wurde er von den Ver- zember 1960 über Zusammenarbeit zur Sicherung der Luft-
tretern aller Parteien einstimmig zum Landrat in fahrt „EUROCONTROL"
Gesetz zu dem Abkommen vom 5. Juli 1957 zwischen der
Oststernberg gewählt. Bundesrepublik Deutschland und der Türkischen Republik
über den Luftverkehr
Auf Grund seiner Zugehörigkeit zur Deutschen
Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 29./30. November 1962
Volkspartei als Landrat 1933 entlassen, erfolgte gemäß § 77 Abs. 5 des Zollgesetzes beschlossen, gegen die
Achtunddreißigste Verordnung zur Ä nderung des Deutschen Zoll-
bald darauf seiner hervorragenden Fachkenntnisse tarifs 1962 (Assoziation: EWG-Griechenland) — Drucksache IV/729
wegen seine Wiederberufung in das Oberpräsidium — keine Bedenken zu erheben. Sein Schreiben ist als Druck-
sache IV/791 verteilt.
Breslau. Anschließend war er Landrat in Walden-
Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 29./30. November 1962
burg und Liegnitz, Vizepräsident in Marienwerder gemäß § 77 Abs. 5 des Zollgesetzes beschlossen, gegen die
und schließlich Regierungspräsident in Bromberg. Neununddreißigste Verordnung zur Ä nderung des Deutschen
Zolltarifs 1962 (Angleichungszölle für unverarbeiteten Tabak und
für Tabakabfälle) — Drucksache IV/730 — keine Bedenken zu
Im Jahre 1945 wurde Walther Kühn von der erheben. Sein Schreiben ist als Drucksache IV/792 verteilt.
Geheimen Staatspolizei verhaftet und in ein Kon- Der Herr Bundesminister des Innern hat unter dem 20. Novem-
zentrationslager verbracht. Er wurde danach einer ber 1962 die Kleine Anfrage der Fraktion der SPD betr. gesetz-
licher Schutz des Post- und Fernmeldegeheimnisses — Druck-
Strafeinheit an der Ostfront zugeteilt und dort fünf- sache IV/723 — beantwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache
IV/764 verteilt.
mal verwundet.
Der Herr Bundesminister der Finanzen hat unter dem 26. No-
Walther Kühn, der vor 1933 führend in der Deut- vember 1962 die Kleine Anfrage der Fraktion der SPD betr.
Veranlagungsverfahren und Berichtigung von Steuerbescheiden
schen Volkspartei tätig war, schloß sich nach 1945 — Drucksache IV/724 — beantwortet. Sein Schreiben ist als
Drucksache IV/765 verteilt.
der Freien Demokratischen Partei an. Seine poli-
Der Herr Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und
tische Arbeit galt besonders den Flüchtlingen und Forsten hat unter dem 27. November 1962 die Kleine Anfrage
Heimatvertriebenen. Er war Bundesvorsitzender des der Fraktion der SPD betr. Förderung der bäuerlichen Verede-
lungswirtschaft — Drucksache IV/734 — beantwortet. Sein Schrei-
Verbandes der heimatvertriebenen Beamten, Ange- ben ist als Drucksache IV/774 verteilt.
stellten und Arbeiter und stellvertretender Vorsit- Der Herr Staatssekretär des Auswärtigen Amts hat unter
dem 30. November 1962 die Kleine Anfrage der Abgeordneten
zender des Deutschen Beamtenbundes. Weiter war Paul, S chütz und Genossen betr. europäischer Solidaritätsbeitrag
Walther Kühn Sprecher der Landsmannschaft West- für das Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge
— Drucksache IV/751 — beantwortet. Sein Schreiben ist als
preußen. Drucksache IV/795 verteilt.
Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß
Dem Deutschen Bundestag gehörte Regierungs- des Bundestages vom 25. Juni 1959 die nachstehenden Vorlagen
überwiesen:
präsident a. D. Walther Kühn seit 1949 über die
Vorschlag der Kommission der EWG für eine Richtlinie zur
Landesliste von Nordrhein-Westfalen an. Er war Aufhebung der Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen für
2208 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

Vizepräsident Dr. Jaeger


Staatsangehörige der Mitgliedstaaten innerhalb der Gemein-
schaft im Rahmen der Niederlassungsfreiheit und des freien
Ich möchte auch darauf hinweisen, daß der Artikel
Dienstleistungsverkehrs ausdrücklich als Namensartikel und nicht als Re-
Vorschlag der Kommission der EWG für eine Richtlinie zur daktionsartikel gekennzeichnet war. Es handelt sich
Koordinierung der Sondervorschriften für die Einreise und
den Aufenthalt von Ausländern, soweit sie aus Gründen der somit um die Stellungnahme eines namentlich ge-
öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Gesundheit gerecht- nannten Verfassers und nicht um eine Stellung-
fertigt sind
sowie eine Aufzeichnung der Bundesminister des Innern und
nahme der Bundesregierung.
für Wirtschaft zu diesen beiden Vorschlägen
— Drucksache IV/739 — Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
an den Ausschuß für Inneres — federführend — und an den Herr Abgeordneter Wittrock?
Ausschuß für Arbeit — mitberatend — mit der Bitte um Bericht-
erstattung an das Plenum bis zum 16. Januar 1963.
Verordnung Nr. 129 des Rats über den Wert der Rechnungs-
einheit und die im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik
Wittrock (SPD) : Identifiziert sich also die Bun-
anzuwendenden Umrechnungskurse desregierung nicht damit, daß Herr Professor Mayer
Verordnung Nr. 130 des Rats über eine von Artikel 17 der in seinem Aufsatz einen zunächst nur Beschuldigten
Verordnung Nr. 19 des Rats abweichende Regelung betref- im Sinne einer Feststellung als Landesverräter be-
fend die vorherige Festsetzung der Abschöpfung für be-
stimmte Erzeugnisse zeichnet? Identifiziert sich die Bundesregierung also
Verordnung Nr. 131 der Kommission zur vorübergehenden nicht mit dieser Feststellung?
Beschränkung des Höchstbetrages der Erstattung bei der
Ausfuhr bestimmter Getreideverarbeitungserzeugnisse nach
den Mitgliedstaaten
von Hase, Staatssekretär, Bundespressechef: Die
— Drucksache IV/748 —
Bundesregierung identifiziert sich nicht mit allen
an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten —
federführend — und an den Außenhandelsausschuß zur Mitbe- Feststellungen, die in diesem Namensartikel des
ratung. Verfassers getroffen worden sind. Die Bundesregie-
Vorschlag der Kommission für eine Richtlinie des Rates
über die Einzelheiten zur Verwirklichung der Niederlassungs-
rung hat ihre Auswahl in der Veröffentlichung die-
freiheit und des freien Dienstleistungsverkehrs für Großhan- ses Artikels so getroffen, daß sie der ihr gestellten
delsberufe
Aufgabe, die ich vorhin skizziert habe, gerecht wer-
Vorschlag der Kommission für eine Richtlinie des Rates über
die Einzelheiten zur Verwirklichung der Niederlassungsfrei den kann.
heil und des freien Dienstleistungsverkehrs für Hilfspersonen
des Handels und der Industrie (Vermittlerberufe) (Abg. Wittrock: Sie weichen aus!)
Vorschlag der Kommission für eine Richtlinie des Rates über
die Einzelheiten zur Verwirklichung der Niederlassungsfrei-
heit und des freien Dienstleistungsverkehrs auf dem Gebiet Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer weiteren
der Rückversicherung und Retrozession
Zusatzfrage Herr Abgeordneter Wittrock!
Vorschlag der Kommission für eine Richtlinie des Rates zur
Aufhebung aller Verbote oder Behinderungen von Zahlungen
für Leistungen, wenn der Dienstleistungsverkehr nur durch
Beschränkungen der entsprechenden Zahlungen behindert ist Wittrock (SPD) : Ungeachtet dieser ausweichen-
— Drucksache IV/761 —
den Antwort frage ich weiter: Hält es die Bundes-
an den Wirtschaftsausschuß mit der Bitte um Berichterstattung
an das Plenum bis zum 16. Januar 1963. regierung und hält es insbesondere das Presse- und
Informationsamt der Bundesregierung für besonders
Meine Damen und Herren, ich rufe den ersten
glücklich, einen Kommentar zu einem Sachkomplex
Punkt der Tagesordnung auf:
zu veröffentlichen, der bekanntermaßen in einem
Fragestunde sowohl durch den Bundeskanzler wie auch durch den
(Drucksache IV/786, IV/794). Bundesminister der Justiz und andere Mitglieder
- der Bundesregierung angekündigten Bericht erst
Ich komme zuerst zu der Frage des Abgeordneten einer sachgemäßen Aufklärung zugeführt werden
Wittrock aus dem Geschäftsbereich des Bundes- soll, so daß also dann erst eine Bewertung möglich
kanzlers und des Bundeskanzleramts: ist?
Wie stellt sich die Bundesregierung zu der in der Öffentlich-
keit vertretenen Ansicht, der Abdruck einer Äußerung des Prof.
Hellmuth Mayer in Nr. 217 des „Bulletins" der Bundesregierung von Hase, Staatssekretär, Bundespressechef: Die
sei ein ungewöhnlicher Mißbrauch dieser Publikationsmöglichkeit
des Bundespresse- und Informationsamtes? Bundesregierung ist nicht der Ansicht, daß durch
einen Namensbeitrag von Professor Mayer im
Herr Staatssekretär von Hase, bitte.
„Bulletin", der im übrigen auch vorher in einer an-
deren deutschen Tageszeitung veröffentlicht worden
von Hase, Staatssekretär, Bundespressechef: Das ist, irgendwie ein Vorgriff auf die Bewertung des
Presse- und Informationsamt hat nach dem Haus- Verfahrens zu sehen ist.
haltsplan die gesetzliche Aufgabe, „die Politik der
Bundesregierung gegenüber den Organen des Nach- Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer Zusatz-
richtenwesens zu vertreten". Im Rahmen dieser Auf- frage der Abgeordnete Dr. Kohut!
gabe ist es Sache des Bulletins des Presse- und In-
formationsamtes der Bundesregierung, neben seiner
Bedeutung als Dokumentationsorgan, in Kommen- Dr. Kohut (FDP) : Ist der Bundesregierung be-
taren und sonstigen Veröffentlichungen zu aktuellen kannt, daß Professor Mayer der Autor des 1936 er-
politischen Problemen Stellung zu nehmen. Die Ver- schienenen Buches „Das Strafrecht des deutschen
öffentlichung der fachlichen Stellungnahme eines Volkes" ist?
Ordinarius der Rechts- und Staatswissenschaftlichen
Fakultät einer deutschen Universität zu einem sol- von Hase, Staatssekretär, Bundespressechef: Herr
chen aktuellen politischen Problem sollte deshalb Abgeordneter, dieser Tatbestand ist nach dem Ab-
nicht als Mißbrauch einer Publikationsmöglichkeit druck des Artikels im „Bulletin" zur Kenntnis der
angesehen werden. Bundesregierung gelangt.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2209

Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Frage bei Preissteigerungen auf dem Weltmarkt, die sich
des Herrn Abgeordneten Dr. Kohut! auch beim Verbraucher auswirken, in 'irgendeiner
Form eingreifen.
Dr. Kohut (FDP) : Wäre es, da sich die Ansichten,
die in dem erwähnten Buch von Herrn Professor Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zusatz-
Mayer vertreten sind, genau mit der Stellungnahme frage!
im „Bulletin" decken, — da nicht möglich gewesen,
daß sich die Bundesregierung vorher informiert Dr. Schmidt (Gellersen) (SPD) : Gibt es keine
hätte, mit wem sie es zu tun hat? Möglichkeit, im Rahmen des EWG-Systems solche
doch immerhin erheblichen Preissteigerungen zu ver-
von Hase, Staatssekretär, Bundespressechef: Die hindern?
Bundesregierung ist der Ansicht, daß es zumutbar
ist, wenn der Artikel eines Ordinarius der Rechts- Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land-
und Staatswissenschaftlichen Fakultät einer deut- wirtschaft und Forsten: Soweit eine solche Preisstei-
schen Universität im „Bulletin" abgedruckt ist. gerung vom Weltmarkt ausgeht, haben wir keine
(Abg. Dr. Kohut: Der geeignete Lehrmeister Möglichkeit, sie zu verhindern.
für die Jugend!)
Vizepräsident Dr. Jaeger: Wir kommen zur
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke Ihnen, Frage II/2 — des Herrn Abgeordneten Wächter —:
Herr Staatssekretär. Was veranlaßt die Bundesregierung, zu den Bundeszuschüssen
zur Förderung besonderer Vorhaben auf dem wasserwirtschaft-
Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts- lichen und kulturtechnischen Gebiet im Küstengebiet (Küsten-
schutz), Einzelplan 10 Kapitel 10 02 Titel 619, Rechnungsjahr 1962,
bereich des Bundesministers für Ernährung, Land- höhere Eigenleistungen für die beschleunigte Deicherhöhung und
wirtschaft und Forsten. Deichverstärkung von den Deichverbänden oder anderen Trägern
dieser Baumaßnahmen zu fordern?
Zuerst die Frage II/1 — des Abgeordneten Dr.
Schmidt (Gellersen) — .
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land-
Trifft es zu, daß bei allen Buchweizen-Fabrikaten mit wesent-
lichen Preissteigerungen gerechnet werden muß?
wirtschaft und Forsten: Niedersachsen und Schles-
wig-Holstein erhalten 1962 zusammen etwa das
Wer beantwortet die Frage? — Bitte, Herr Bun- Vierfache von den Bundesmitteln, die sie in den
desminister! Vorjahren erhalten haben. 1961 waren es insgesamt
29 Millionen DM, und in diesem Rechnungsjahr sind
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land- es 118 450 000 DM. Die Länder wurden damit in den
wirtschaft und Forsten: Ich darf wie folgt antwor- Stand gesetzt, nicht nur Sturmflutschäden zu be-
ten: Buchweizenpreise hatten im letzten Jahr infol- heben, sondern zugleich auch die seit etwa 1950 lau-
ge einer relativ schlechten Ernte auf dem Weltmarkt fenden Arbeiten für die Deichsicherung beschleu-
stark angezogen und liegen zur Zeit bei etwa 430 nigt fortzusetzen.
DM je Tonne cif. Da der Schwellenpreis zur Zeit bei
417 DM liegt, kommt Buchweizen abschöpfungsfrei Aus den von den beiden Ländern vorgelegten
herein. Listen über beabsichtigte Bauvorhaben mit rund 166
Millionen DM Gesamtbaukosten ergab sich eine
Nach dem System der EWG-Marktordnung sollen Beteiligung des Bundes mit 118 450 000 DM — das
diese Mehrpreise auf dem inländischen Markt durch- sind 71,3 % —, der beiden Länder mit 44 148 000 DM
schlagen. Deshalb ist ein Preisanstieg bei den Buch- — das sind 26,6 % — und der beteiligten Verbände
weizenfabrikaten als möglich anzusprechen. und Gemeinden mit 2 689 000 DM — das sind
1,6 % —. In den Vorjahren bewegte sich die Lei-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage stung der Beteiligten etwa in der gleichen Höhe des
des Herrn Abgeordneten Dr. Schmidt (Gellersen)! genannten Geldbetrages. Dies ergab bei rund 44
Millionen DM an Baukosten ein Beteiligungsverhäl-
Dr. Schmidt (Gellersen) (SPD) : Herr Minister, nis von etwa 6 %.
halten .Sie eine Preissteigerung von 30 bis 40 % Der Bundesregierung ist klar, daß 1962 nicht der
nicht für erheblich? alte Beteiligungsschlüssel erreicht werden konnte,
da bei der Behebung der Schäden von Eigenleistun-
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land- gen der Beteiligten wegen früherer Leistungen ab-
wirtschaft und Forsten: Herr Kollege Dr. Schmidt, gesehen werden mußte. Andererseits sollten die Be-
es dürfte nicht darauf ankommen, ob ich sie für teiligten jedoch im Rahmen des Möglichen dort mit
erheblich halte oder nicht, sondern darauf, ob diese herangezogen werden, wo es sich um die Fortset-
Preissteigerungen auf EWG- oder Weltmarktbasis zung, und zwar um die beschleunigte Fortführung
erfolgen. Beide Dinge sind unabhängig von meiner der üblichen Deichverstärkungs- und Deicherhö-
persönlichen Auffassung; sie entwickeln sich völlig hungsarbeiten handelte. Die Forderung an die bei-
getrennt. Es ist aber nicht möglich, daß wir auf die den Länder, die Frage einer höheren Eigenleistung
Preisentwicklung einer Warenmenge einwirken, die nochmals zu überprüfen, führte zu einer Erhöhung
angesichts der Gesamtentwicklung unserer Wirt- dieser Leistungen um 500 000 DM, so daß sich der
schaft und damit auch für die Verbraucher relativ bereits genannte Betrag von 2,689 Millionen DM auf
unbedeutend ist. Es handelt sich um einen Ver- 3,189 Millionen DM erhöhte. Das sind 1,9 % der
brauch von 1500 t. Wir haben keine Möglichkeit, Gesamtbausumme gegenüber 1,6 % vorher.
2210 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

Bundesminister Schwarz
Um die Beteiligten nicht zu überfordern, anderer- Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke Ihnen,
seits aber sie im Rahmen des Möglichen als Bau- Herr Bundesminister.
träger zur Erweiterung des Bauvolumens mit heran- Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts-
zuziehen, beabsichtigt die Bundesregierung auf Vor- bereich des Bundesministers für Arbeit und Sozial-
schlag der niedersächsischen Landesregierung, zu ordnung. Frage III/1 — des Abgeordneten Schmidt-
Beginn des neuen Rechnungsjahres 1963 in gemein- Vockenhausen —:
samen Verhandlungen mit den beiden Ländern die Warum gibt der Herr Bundesarbeitsminister den kommunalen
Frage der Beteiligung von Gemeinden und Verbän- Versicherungsämtern beim Umtausch der Sozialversicherungs-
karten (II 1411, 1412 RVO, 133, 134 AVG) nicht die Möglichkeit,
den an den Baukosten des Küstenschutzes für das die Aufrechnungsbesdseinigungen durch verwaltungsverein-
Jahr 1963 erneut zu erörtern. fachende und auch zuverlässigere beglaubigte Photokopien zu er-
setzen?'

Herr Bundesminister, darf ich bitten.


Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
Herr Abgeordneter Wächter!
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord-
Wächter (FDP) : Ist Ihnen bekannt, Herr Bundes- nung: Eine Vereinfachung des Umtauschs der Ver-
minister, daß in vielen Deichverbänden der land- sicherungskarten ist wiederholt in meinem Mini-
wirtschaftliche Grundbesitz über 'seine Beiträge in sterium geprüft worden, so auch bei dem Erlaß der
immer stärker werdendem Maße nicht nur zum allgemeinen Verwaltungsvorschrift über die Muster
Schutze von bebautem Grundbesitz, Industriebetrie- der Versicherungskarten und Aufrechnungsbeschei-
ben und beweglichem Vermögen, sondern auch zum nigungen in der Rentenversicherung der Arbeiter
Schutze von Bundesvermögen — Bundespost, Bun- und Angestellten vom 31. August 1961.
desstraßen, Bundesbahn, aber auch Verteidigungs- Es hat sich gezeigt, daß von der geltenden gesetz-
anlagen — beiträgt, und glauben Sie, daß es unter lichen Vorschrift des § 1421 der Reichsversicherungs-
diesem Gesichtspunkt richtig ist, für die Zukunft ordnung und des § 134 des Angestelltenversiche-
von diesen Deichverbänden höhere Eigenleistungen rungsgesetzes, die im einzelnen den Umtausch der
zu erwarten? Versicherungskarte und die besondere Ausstellung
einer Aufrechnungsbescheinigung vorsehen, noch
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land- nicht abgegangen werden kann. Zwar würde eine
wirtschaft und Forsten: Herr Kollege Wächter, der einwandfreie Photokopie, die alle Schriftzüge sowie
Sachverhalt ist der Bundesregierung bekannt. Ich den Druck der Versicherungskarte vollständig wie-
sagte bereits, daß in Kürze eine Besprechung statt- dergibt und daraufhin beglaubigt ist, daß sie mit
findet. In dieser Besprechung sollen auch gerade dem Original der aufgerechneten Versicherungskarte f
diese Punkte behandelt werden. überinstm,Vfachungbedt.J-
doch ist dieses Ziel zur Zeit noch nicht einwandfrei
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zusatz- erreichbar.
frage! Obwohl ich in gleicher Weise aus Gründen der
Wirtschaftlichkeit und Verwaltungsvereinfachung
Wächter (FDP) : Ist Ihnen weiter bekannt, Herr bestrebt bin, in dieser Angelegenheit der technischen
Bundesminister, daß besonders in Schleswig-Hol- Entwicklung zu folgen, konnte bislang noch keine
stein die Deichverbände Lasten aufzubringen haben, abschließende Stellungnahme gefunden werden. Ich
die sich von 2 bis 30 DM pro Hektar bewegen? Ist werde mich weiterhin bemühen, eine verwaltungs-
Ihnen weiter bekannt, daß die Deicherhöhungen teil- mäßige Vereinfachung der Angelegenheit herbeizu-
weise nur durch die Vertiefung der Fahrrinne für führen, sobald die Voraussetzungen in technischer
die Schiffahrt bedingt sind, darüber hinaus aber Hinsicht hierfür einwandfrei erfüllt sind.
auch durch die Anlegung von Sperrwerken, die
wiedrumtls genatwrd,
weil sie bei Sturmfluten nicht deichumlagepflichtiges Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer Zusatz-
Gelände schützen sollen? Glauben Sie nicht, daß frage Herr Abgeordneter Schmitt-Vockenhausen!
besonders wegen der unterschiedlichen Wettbe-
werbsmöglichkeiten zwischen der Landwirtschaft an
der Küste und der übrigen Landwirtschaft in der
Schmitt-Vockenhausen (SPD) : Herr Minister,
wäre Ihr Haus bereit, sich einmal mit der kommu-
Bundesrepublik in Zukunft bei der Festlegung der
nalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsverein-
EigenlstuachdzegntG-
fachung in Köln in Verbindung zu setzen, nachdem
sichtspunkte mitberücksichtigt werden müssen?
sich diese bereits im Februar an Ihr Haus gewandt
hat, um ein solches technisch einwandfreies Ver-
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land- fahren zu erörtern? Die Stelle hat seit diesem Zeit-
wirtschaft und Forsten: Herr Kollege Wächter, der punkt noch keine Nachricht von Ihrem Hause.
Sachverhalt ist der Bundesregierung auch in diesem
Falle bekannt. Ich bitte Sie zu bedenken, daß die
Mehrkosten, die Sie mit Recht anführen, gerade erst Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord-
auf Grund der neuen Bauvorhaben zum Schutze des nung: Herr Kollege Schmitt-Vockenhausen, wenn Sie
Hinterlandes eingetreten sind. Dieser ganze Fragen- mir diesen Tatbestand mitgeteilt hätten — ich
komplex wird in Kürze mitbesprochen werden, um kannte ihn bis jetzt nicht —, hätte die Stelle be-
eine, wie ich hoffe, für alle Beteiligten tragbare stimmt schon die Nachricht. Sie wird umgehend
Lösung zu finden. Nachricht bekommen.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2211

Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe auf die Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer Zusatz-
Frage III/2 — des Abgeordneten Dröscher —: frage Herr Abgeordneter Dürr.
Warum gibt es keine zentrale Forschungsstelle, die sich mit
den Folgen der durch jahrelange Kriegsgefangenschaft unter
schwersten Bedingungen entstandenen physischen und psychischen
Gesundheitsschäden befaßt? Dürr (FPD) : Herr Minister, ist man in Ihrem
Hause bereit, zu erwägen, ob es nicht zweckmäßig
Herr Bundesminister!
wäre, wenigstens eine wissenschaftliche Bibliogra-
phie über die verschiedenen Forschungen herauszu-
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord- geben?
nung: Herr Kollege Dröscher, die medizinische For-
schung wird in erster Linie von den Medizinischen
Fakultäten der Universitäten wahrgenommen, wo- Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord-
bei es sich erfahrungsgemäß für die Forschung be- nung: Herr Dürr, soweit das nützlich und zweck-
sonders nützlich auswirkt, wenn sie auf eine mög- mäßig ist, werden wir (der Frage nähertreten. Aber
lichst breite Basis gestellt wird. In einer zentralen auch Idas hängt von 'den Mitteln ab, die uns hier an
Forschungsstelle kann man nicht all die medizini- die Hand gegeben sind. Ich werde es jedoch prüfen.
schen Sachkenner vereinigen, die sich bei einer
Dezentralisation den Problemen widmen können.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine weitere Zu-
In der Bundesrepublik Deutschland ist in den satzfrage? — Bitte.
vergangenen Jahren von Professoren der medizini-
schen Falkultäten und von erfahrenen wissenschaft-
lich interessierten und geschulten Ärzten verschie- Fritsch (SPD) : Herr Bundesminister, wären Sie be-
dener Dienststellen der Forschung der Spätschäden reit, der Versorgungsverwaltung die Ergebnisse, die
nach langjähriger Kriegsgefangenschaft erhöhte Auf- durch die vensorgungsärztlichen Beiräte — z. B. des
merksamkeit geschenkt worden. Dies wurde durch VdH, also des Verbandes der Heimkehrer — erzielt
die Vergabe von Forschungsaufträgen aus Mitteln worden sind, zur angemessenen Berücksichtigung zu
des Bundeshaushalts auch noch gefördert. So gelang empfehlen?
es, durch gleichzeitige planmäßige Forschungen an
verschiedenen Stellen wissenschaftlich besser unter-
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord-
baute Ergebnisse zu erhalten als durch Untersuchun-
nung: Ja, warum denn nicht? Wir werden selbstver-
gen an einer einzigen Stelle.
ständlich alles, was wir bekommen können, im In-
teresse der Heimkehrer verwenden, auch solche Er-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer Zusatz- gebnisse, wenn sie nützlich sind und ihre Verwen-
frage Herr Abgeordneter Dröscher. dung zweckmäßig ist.

Dröscher (SPD) : Herr Minister, gibt es eine zen-


trale Dokumentation wenigstens über die Erfah- Fritsch (SPD) : Herr Bundesminister, würden Sie
rungen, die nach Ihrer Meinung an verschiedenen dann insoweit der Meinung sein, daß es sich bei der
Universitäten gesammelt wurden? bisherigen Praxis, diese Gutachten und ärztlichen
Erkenntnisse nicht zu berücksichtigen, um eine
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord- Handlungsweise handelt, die abstellungsbedürftig
nung: Ja. In meinem Ministerium besteht ein ärzt- ist?
licher Sachverständigenbeirat. Es sind hervorragen-
de Persönlichkeiten, die auf dem Gebiet der Medi- Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord-
zin einiges bedeuten, die von Zeit zu Zeit in wissen- nung: Ich glaube, es trifft nicht zu, daß wir das nicht
schaftlichen Aussprachen die erzielten Ergebnisse berücksichtigen. Alles, was uns zur Kenntnis kommt
koordinieren und selbstverständlich auch festhalten. und was wir auf dem Gebiet erlangen können, ver-
wenden wir für die Erfüllung der Aufgaben, die uns
Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer zweiten gestellt sind. Die Behauptung stimmt eben nicht.
Zusatzfrage Herr Abgeordneter Dröscher.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Es wird keine Zu-
Dröscher (SPD) : Herr Minister, wie kann es dann satzfrage mehr gestellt. Ich danke Ihnen, Herr Bun-
kommen,
- daß der Chefarzt des Krankenhauses Idar desminister.
Oberstein, Herr Dr. Kohler, einer breiten Öffent- Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts-
lichkeit als 'der Stalingrad-Arzt bekannt, kürzlich bereich des Bundesministers der Verteidigung. Die
auf einer Tagung der Spätheimkehrer erklären Fragen werden vertretungsweise vom Bundesmini-
konnte, er habe um die Bereitstellung von 300 000 ster für Angelegenheiten des Bundesrates und der
DM eben zu diesem Zweck in Ihrem Ministerium Länder beantwortet.
gebtn,ohdaßimrgelfnwodsi?
Frage IV/1 — des Abgeordneten Peiter — :

Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord- Was beabsichtigt die Bundesregierung zu tun, um die Härte
auszugleichen, die in § 9 Abs. 6 des Arbeitsplatzschutzgesetzes
nung: Verzeihen Sie, ich kann nicht jeder Bitte um vom 30. März 1957 liegt, wonach sich bei Wehrpflichtigen, die
Beamte im Vorbereitungsdienst bzw. Beamte auf Probe sind, die
inanzielle Unterstützung nachkommen, die an das Vorbereitungszeit oder Probezeit um die Zeit des Wehrdienstes
Ministerium gerichtet wird. Ich muß mich an die verlängert?

Mittel halten, die das Hohe Haus bewilligt hat. Herr Bundesminister, darf ich bitten.
2212 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

Dr. von Merkatz, Bundesminister für Angelegen- Dr. Ernst, Staatssekretär im Bundesministerium
heiten des Bundesrates und der Länder: Eine Kür- für Wohnungsbau, Städtebau und Raumordnung:
zung des Vorbereitungsdienstes der Beamten, die Das Bundesbaugesetz geht bei seinen Vorschriften
Wehrdinstglab,eichntfür- über die Zulässigkeit einer baulichen Nutzung da-
strebenswert, weil dies weder im Interesse des Be- von aus, daß die Bebauung grundsätzlich in den aus-
amten noch in dem der Verwaltung liegen würde. gewiesenen Baugebieten erfolgen soll. Dabei kennt
Auch eine Kürzung der Probezeit erscheint mir im das Gesetz aber kein generelles Verbot für Bau-
dienstlichen Interesse nicht zweckmäßig. An der Re- vorhaben in den sogenannten Außenbereichen. Der
gelung des § 9 Abs. 6 des Arbeitsplatzschutzgeset- einschlägige § 35 des Bundesbaugesetzes gewährt für
zes, wonach sich Vorbereitungsdienst und Probe- gewisse Arten von Bauvorhaben ausdrücklich einen
zeit um die Zeit des Grundwehrdienstes verlängern, Rechtsanspruch auf Zulassung. Sonstige Bauvor-
soll daher auch künftig festgehalten werden. Jedoch haben können unter bestimmten Voraussetzungen,
wird geprüft, in welcher Weise die darin liegende die im Gesetz genannt sind, zugelassen werden.
Härte gemildert werden kann, daß die jungen Be- Das Vorliegen dieser Voraussetzungen soll nach
amten in der Regel später angestellt werden als dem Sinne des Gesetzes natürlich nicht schematisch
diejenigen, die nicht zum Wehrdienst herangezogen verneint werden. Das Gesetz erwähnt ausdrücklich,
worden sind. daß gewisse Fragen wie z. B. die Wirtschaftlichkeit
Der Herr Bundesminister der Verteidigung strebt der Erschließung oder die Verhütung der Verunstal-
eine Regelung an, die die spätere Anstellung be- tung des Ortsbildes oder der Beeinträchtigung der
reits in dem Zeitpunkt wirksam werden läßt, in dem natürlichen Eigenart der Landschaft jeweils im
der Beamte ohne die Verspätung durch den Wehr- Einzelfall sorgsam geprüft werden sollen. Die Ent-
dienst angestellt worden wäre. scheidung über die Zulässigkeit eines Bauvorhabens
liegt in diesem Falle bei den Baugenehmigungs-
Über eine Gesetzesänderung im vorstehenden behörden im Einvernehmen mit der Gemeinde.
Sinne sind Besprechungen mit den beteiligten Res-
sorts aufgenommen worden. Diese Regelung ist erforderlich, um der planlosen
Zersiedlung der Landschaft vorzubeugen und die
Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer Zusatz- Außenbereiche vor wesensfremder Bebauung zu
frage Herr Abgeordneter Peiter. schützen.
Peiter (SPD) : Sind Sie mit mir der Ansicht, daß Dabei muß darauf hingewiesen werden, daß die
eine Gesetzesänderung schon im Hinblick auf die Gemeinden die Verpflichtung haben, für die Aus-
Verlängerung der Dienstzeit auf 18 Monate rück- weisung ausreichenden Baugebietes zu sorgen. Hier
wirkend in Kraft treten sollte? liegt auch der Weg, etwaigen Schwierigkeiten, die
bei der Zulassung von Bauvorhaben in Außen-
Dr. von Merkatz, Bundesminister für Angelegen- bereichen auftreten können, zu begegnen. Die Ge-
heiten des Bundesrates und der Länder: Ich bitte meinden sollten, wenn es erforderlich wird, durch
darauf verweisen zu dürfen, daß ich hier in Ver- Ausweisung nicht zu kleiner geeigneter Baugebiete
tretung spreche und den Herrn Bundesverteidigungs- den Bauherren bei der Durchführung ihrer Bauvor-
minister auf diesen Punkt nicht festlegen möchte. haben helfen. Soweit auch dann noch im Einzelfall
Schwierigkeiten auftreten, sollten sie den Bauwilli-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich komme zur gen durch Nachweis geeigneter Baugrundstücke,
zweiten Frage des Abgeordneten Peiter, Frage durch Grundstückstausch oder durch Bereitstellung
IV/2: gemeindeeigener Grundstücke innerhalb der Bau-
Wo wird das Kreiswehrersatzamt Montabaur, das bisher in
Montabaur und Diez untergebracht war und jetzt provisorisch in
gebiete behilflich sein.
Neuwied untergekommen ist, seinen endgültigen Sitz erhalten?
Die Durchführung des Bundesbaugesetzes liegt bei
Herr Bundesminister, bitte! den Ländern. Ich werde Ihre Anfrage, Herr Abge-
ordneter, zum Anlaß nehmen, um mit den Ländern
Dr. von Merkatz, Bundesminister für Angelegen- auf Grund der hier angedeuteten Gesichtspunkte
heiten des Bundesrates und der Länder: Das vor- zu erörtern, ob es möglich ist, Richtlinien und Emp-
übergehend nach Neuwied verlegte Kreiswehramt fehlungen für die Behandlung von Bauvorhaben in
soll endgültig in Montabaur untergebracht werden, den Außenbereichen zu geben.
sobald dort geeignete Unterbringungsmöglichkeiten
vorhanden sind und das Unterkunftsobjekt in Neu-
wied einem anderen Nutznießer zugeführt werden
Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer Zusatz-
frage Herr Abgeordneter Drachsler!
kann.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Keine Zusatzfrage. Drachsler (CDU/CSU) : Ist Ihnen bekannt, Herr
Staatssekretär, daß namentlich in den kleinen Rand-
Ich danke Ihnen, Herr Bundesminister.
und Landgemeinden die Anwendung der §§ 35 und
Wir kommen zu der Frage aus dem Geschäfts- 36 — Bauten im Außenbereich — teilweise so streng
bereich des Bundesministers für Wohnungsbau, bürokratisch gehandhabt wird, daß es zu unbilligen
Städtebau und Raumordnung. Der Abgeordnete Härten kommt, und sind Sie nicht der Ansicht, daß
Drachsler fragt: hier Abhilfe geschaffen werden sollte?
Sieht der Herr Bundeswohnungsbauminister eine Möglichkeit,
die Bestimmungen des Bundesbaugesetzes über die Erteilung von
Ausnahmegenehmigungen und Richtlinien elastischer und regional Dr. Ernst, Staatssekretär im Bundesministerium
anwendbarer zu gestalten? für Wohnungsbau, Städtebau und Raumordnung:
Herr Staatssekretär! Uns sind solche Fälle bekannt, und wir haben uns
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2213
Staatssekretär Dr. Ernst
bereits bemüht, Abhilfe zu schaffen. Wie ich schon Die Fragen unter VI und VIII auf Drucksache
sagte, werden wir Ihre Anfrage zum Anlaß nehmen, IV/786 werden am Freitag aufgerufen. Die Frage
die Länder nochmals darauf hinzuweisen, daß nicht unter VII ist zurückgestellt.
durch schematische Verbote allein die Ordnung der
Wir kommen zu den Fragen unter IX — Ge-
Bebauung erreicht werden soll.
schäftsbereich des Bundesministers des Innern —,
zunächst zu der Frage IX/1 — der Abgeordneten
Vizepräsident Dr. Jaeger: Zu einer zweiten Frau Dr. Diemer-Nicolaus —:
Zusatzfrage Herr Abgeordneter Drachsler!
Beabsichtigt die Bundesregierung bei der Zahlung von Be-
schäftigungsvergütung die Benachteiligung zu beseitigen, die für
unverheiratete Beamtinnen und Angestellte gegenüber Verhei-
Drachsler (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sehen rateten dann besteht, wenn in ihrem Haushalt nahe Verwandte
— z. B. die Mutter — mitleben?
Sie eine Möglichkeit, durch Verhandlungen mit den
Länderregierungen wenigstens für die Übergangs- Herr Bundesminister, darf ich bitten.
zeit, also für die Zeit, in denen die Gemeinden noch
keine Bauleitpläne haben — und deren Erstellung
dauert erfahrungsgemäß 2 bis 3 Jahre —, Erleich-
Höcherl, Bundesminister des Innern: Schon nach
geltendem Bundesrecht wird eine unverheiratete
terungen in der Anwendung und Auslegung dieser
Beamtin hinsichtlich der Höhe der Beschäftigungs-
Paragraphen über Bauten im Außenbereich zu er-
reichen? vergütung wie eine verheiratete behandelt, wenn
sie mit nahen Verwandten, z. B. mit ihrer Mutter in
häuslicher Gemeinschaft lebt und dieser aus gesetz-
Dr. Ernst, Staatssekretär im Bundesministerium licher oder sittlicher Verpflichtung mindestens über-
für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung: wiegend Wohnung und Unterhalt gewährt. Das
Ja, die Möglichkeit sehe ich; Herr Abgeordneter, gleiche gilt für Angestellte.
wobei wir uns darüber einig sind, daß man den
Gesichtspunkt, eine Zersiedlung der Landschaft zu Die völlige Gleichstellung der unverheirateten mit
verhindern, naturgemäß nicht außer acht lassen darf. der verheirateten Beamtin bei der Gewährung von
Beschäftigungstagegeld wird im Rahmen der in Vor-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage! bereitung befindlichen Neuordnung des Reisekosten-
rechts geprüft werden.

Dr. Ramminger (CDU/CSU) : Ist Ihnen bekannt,


Herr Staatssekretär, daß es Landgemeinden i n Ost-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
Frau Abgeordnete Dr. Diemer Nicolaus.
bayern gibt, die zur Erschließung oder Ausweisung
-

von Baugrund nach den derzeitigen Bestimmungen


des Baugesetzes Millionenbeträge aufzuwenden hät- Frau Dr. Diemer - Nicolaus (FDP) : Herr Mini-
ten, was ihnen nicht möglich ist, weil auch die Bau- ster, erfolgt die Regelung in .der Weise, daß z. B.
willigen so hohe Beteiligungen an den Erschlie- eine Tochter, die mit ihrer Mutter zusammen in
ßungskosten, die bis zu 90 % gehen, nicht aufbrin- einem Haushalt lebt, nur dann die erhöhte Beschäf-
gen können? Dadurch ist in solchen Gemeinden das tigungsvergütung bekommt, wenn die Mutter weni-
private Bauen vorerst so lange unterbunden, bis die ger als 100 DM eigenes Einkommen hat, das da-
Richtlinien regional entsprechend aufgelockert wer- gegen in dem Fall, daß der Mann Beamter ist und
den; d. h. sie müßten zum Teil grundsätzlich geän- seine Frau mitverdient, vollkommen unberücksich-
dert werden. Durch sie ist natürlich eine große Be- tigt bleibt und er auf alle Fälle die erhöhte Vergü-
hinderung des privaten Bauens geschaffen worden, tung erhält?
die einen großen Unwillen zur Folge hat.
Höcherl, Bundesminister des Innern: Frau Kol-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter legin, alle die Härten, die auf Grund des bisherigen
Dr. Ramminger, Sie können hier nicht Erklärungen Rechts bestehen sollten, werden in der unmittelbar
abgeben, sondern Sie müssen eine kurze Frage bevorstehenden Neuordnung des Reisekostenrechts
formulieren. beseitigt werden.
Herr Staatssekretär!
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zusatz-
Dr. Ernst, Staatssekretär im Bundesministerium frage, Frau Abgeordnete Diemer Nicolaus. -

für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung:


Solche Fälle sind uns selbstverständlich bekannt. Frau Dr. Diemer - Nicolaus (FDP) : Darf ich um
Wir haben aber limmer wieder darauf hingewiesen, eine nähere Präzisierung bitten, was „unmittelbar"
daß die Erschließung durchaus im Rahmen des wirt- bedeutet? Ist ,das in einem Jahr oder schon in
schaftlich Vernünftigen möglich ist. Hier müßte den einem halben Jahr oder gar in einem Vierteljahr?
Gemeinden gegebenenfalls im Wege des Kommu-
nalkredits zunächst einmal vorschußweise geholfen
werden, die Erschließungskosten aufzubringen. Höcherl, Bundesminister des Innern: Frau Kol-
legin, das Bundesinnenministerium hat bisher 16 bis
18 Gesetzesvorlagen eingebracht und ist dabei, im
Vizepräsident Dr. Jaeger: Keine Zusatzfrage? Dezember das neue Reise- und Umzugskostenrecht
— Ich danke Ihnen, Herr Staatssekretär. vorzulegen. Schneller geht es nicht.
9914 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe auf die dann etwa in einer Entschließung niederlegt, wie es
Frage IX/2 — des Abgeordneten Schmitt-Vocken- aus dem Protokoll der von Ihnen erwähnten Bundes-
hausen — :
ratssitzung hervorgeht?
Hält der Herr Bundesinnenminister es für angebracht, die
Jubiläumszuwendung nach § 80 a des Bundesbeamtengesetzes
denjenigen Beamten nicht zu gewähren, deren Jubiläum — in Höcherl, Bundesminister des Innern: Herr Kol-
Abweichung von den bisherigen Berechnungsgrundsätzen — nun- lege, die ganze Frage ist für die Bundesregierung
mehr auf einen Zeitpunkt vor dem 1. Oktober 1961 festgesetzt
worden ist? keine Glaubensfrage, sondern eine politische und
— Der Fragesteller ist nicht da? — Dann wird die eine Zweckmäßigkeitsfrage.
Frage schriftlich beantwortet werden.
Ich rufe auf die Fragen IX/3 und IX/4 — des Ab- Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine weitere Zu-
geordneten Dr. Schmidt (Offenbach) —: satzfrage!
Hat die Bundesregierung statistische Erhebungen über die Zahl
der spastisch gelähmten Kinder in der Bundesrepublik durchge- Hammersen (FDP) : Aus welchen speziellen
führt?
Gründen kann zur Zeit noch nicht entschieden wer-
Wel che Schritte hat die Bundesregierung bisher unternommen,
um die Früherfassung spastisch gelähmter Kinder zu verbessern den, wie der vom Vertreter des Landes Hessen im
und Behandlungszentren für spastisch gelähmte Kinder zu errich
ten bzw. deren Errichtung zu fördern, wie sie in anderen Ländern
Bundesrat am 26. Oktober 1962 angesprochene mit-
(beispielsweise Schweden, England, USA) schon längere Zeit telrheinische Raum im einzelnen neu zu gliedern ist,
bestehen?
nachdem hierfür im sogenannten Luther Gutachten -

(Abg. Dr. Schäfer: Schriftlich ,beantworten!) bereits vor Jahren konkrete Vorschläge gemacht
— Die beiden Fragen werden schriftlich beantwortet. worden sind?
Ich komme zur Frage IX/5 — des Abgeordneten
Hammersen —: Höcherl, Bundesminister des Innern: Das Gut-
achten reicht für eine weitere Konkretisierung nicht
Beabsichtigt die Bundesregierung, entsprechend dem Urteil des
Bundesverfassungsgerichts vom 11. Juli 1961 noch in der 4. Legis- aus; der erste Fall einer angemessenen, politisch
laturperiode dem Deutschen Bundestag ihre Gesamtkonzeption
zur Neugliederung des Bundesgebiets vorzulegen?
empfehlbaren Konkretisierung ist die Badenfrage.
Herr Bundesminister, darf ich bitten.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke Ihnen,
Herr Bundesminister.
Höcherl, Bundesminister des Innern: Die Bundes-
regierung hat am 26. Oktober dieses Jahres dem Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Abge-
Bundesrat den Entwurf eines Ersten Gesetzes zur ordnete Dr. Schäfer.
Neugliederung des Bundesgebietes gemäß Art. 29
Abs. 1 bis 6 des Grundgesetzes zugeleitet. Nachdem Dr. Schäfer (SPD) : Herr Präsident, ich bitte die
inzwischen der Bundesrat dazu Stellung genommen Sitzung bis 18 Uhr zu unterbrechen, da in unserer
hat, wird der Entwurf demnächst dem Bundestag Fraktion eine wichtige Abstimmung erfolgen muß.
zugehen. Durch den Gesetzentwurf soll zunächst die
Badenfrage als erste Phase im Sinne ides Urteils des Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich nehme an, daß
Bundesverfassungsgerichts vom 30. Juli 1956 einer Sie dem Antrag des Herrn Abgeordneten Dr. Schäfer
Lösung zugeführt werden. - entsprechen. — Es wird bis 18 Uhr unterbrochen.
In der Begründung zu dem eben erwähnten Ge- (Unterbrechung der Sitzung von 17.37 bis
setzentwurf hat die Bundesregierung ihre Gesamt- 18.05 Uhr.)
konzeption zur Neugliederung des Bundesgebietes
dargelegt, soweit dies bei dem von ihr beschrittenen
Weg der Phasenregelung erforderlich und möglich Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Herren, wir setzen die unterbrochene Sitzung fort.
war. Das von Herrn Abgeordneten Hammersen
zitierte Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts-
11. Juli 1961 enthält übrigens keine Ausführungen bereich des Bundesministers der Justiz. Zuerst die
über das Erfordernis einer Gesamtkonzeption. Frage X/1 — des Abgeordneten Böhme (Hildes-
heim) —:
Die Bundesregierung wird, wenn die Badenfrage
Beabsichtigt die Bundesregierung, Folgerungen aus der Erklä-
bereinigt ist und die politischen Verhältnisse dies ge- rung der „Gruppe 47" zu ziehen, in der die Bevölkerung der
statten, die Neugliederung weiter fördern. Soweit Bundesrepublik zum Verrat von militärischen Geheimnissen und
damit zu einer strafbaren Handlung aufgefordert wird?
es dabei notwendig wird, die Gesamtkonzeption nach
der einen oder anderen Seite weiter zu konkretisie- Herr Bundesminister, bitte.
ren, wird auch das geschehen.
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz:
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage, Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof
Herr Abgeordneter Hammersen. hat das in der Presse veröffentlichte „Manifest" der
„Gruppe 47" geprüft, jedoch keinen Anlaß gesehen,
Hammersen (FDP) : Glaubt die Bundesregierung Ermittlungen wegen einer zu seiner Zuständigkeit
wirklich, daß es für die Lösung dieser schwierigen gehörenden Straftat einzuleiten. Er hat das Vor-
Frage einer Gesamtkonzeption genügt, wenn sich liegen einer erfolglosen Aufforderung zum Landes-
der Bundestag bei der Beratung des Ersten Neu- verrat — also eines Verbrechens nach § 49 a Abs. 1
gliederungsgesetzes, in den Ausschüssen eine Mei- in Verbindung mit § 100 des Strafgesetzbuches —
nung zu der Gesamtkonzeption bildet und diese verneint. Das „Manifest" richtete sich nämlich nicht
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2215
Bundesjustizminister Dr. Stammberger
an bestimmte Personen, wie es der Tatbestand der den, jedoch ist die Auswertung der beschlagnahm-
erfolglosen Anstiftung nach Rechtsprechung und ten Schriftstücke durch die Bundesanwaltschaft noch
Lehre voraussetzt. nicht abgeschlossen.
Sonstige zur Zuständigkeit des Generalbundesan-
walts gehörende Straftaten sind nicht ersichtlich. Ob Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
etwa andere strafbare Handlungen durch das „Mani- Herr Abgeordneter Müller-Emmert.
fest" verwirklicht worden sind, obliegt der Prüfung
des dafür zuständigen Generalstaatsanwalts bei dem Dr. Müller-Emmert (SPD) : Herr Justizminister,
Landgericht in Berlin, an den der Generalbundes- können Sie mir sagen, ob weitere Beschlagnahmen
anwalt das Verfahren abgegeben hat. erfolgt sind, die sich auf andere Fachkomplexe be-
ziehen als auf den Fachkomplex „Fallex 62"?
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage?
— Herr Abgeordneter Haase. Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz:
Mit dieser Zusatzfrage habe ich gerechnet und mir
Haase (Kassel) (CDU/CSU) : Herr Minister, beab- daher auch dazu von der Bundesanwaltschaft be-
sichtigt die Bundesregierung, Unterzeichner dieses richten lassen.
Manifestes, in dem die Bevölkerung zum Landes- Wie mir der Generalbundesanwalt mitteilt, sind
verrat animiert wird, weiterhin durch Stipendien zu im „Spiegel"-Verlag weder die Unterlagen über den
fördern? Fibag-Komplex noch die Vorgänge zu dem Artikel
-
„Onkel Aloys" oder die Akten über den Schmeißer
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz:
Prozeß oder über sonstige Artikel, hinsichtlich derer
Herr Kollege, das ist eine Frage, für deren Beurtei-
kein Verdacht des Landesverrats oder anderer
lung und damit auch zu deren Beantwortung ich
schwerwiegender strafbarer Handlungen besteht,
nicht zuständig bin.
beschlagnahmt worden. Jedoch haben sich Hinweise
auf die strafbaren Handlungen, die Gegenstand des
Haase (Kassel) (CDU/CSU) : Würden Sie vielleicht anhängigen Verfahrens bilden, oder auf andere
durch das Innenministerium eine Beantwortung her- schwerwiegende Straftaten auch in einigen — zum
beiführen lassen? Teil aus älterer Zeit stammenden — Schriftstücken
gefunden, die sich mit Vorgängen strafrechtlich un-
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz: erheblicher Art befassen. Daher sind vereinzelt auch
Ich will das sehr gern tun. Schriftstücke über Vorgänge allgemeiner Art —
d. h. über Vorgänge außerhalb des Geheimbereichs
Haase (Kassel) (CDU/CSU) : Ich bedanke mich. — beschlagnahmt worden. Die Beschlagnahme hatte
in diesen Fällen jedoch nichts mit dem Inhalt der
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe auf die soeben genannten Veröffentlichungen des „Spiegel"
Frage X/2 — des Abgeordneten Dr. Arndt (Berlin), zu tun; sie erfolgte vielmehr, weil die Schriftstücke
vertreten durch den Abgeordneten Dr. Müller- als Beweismittel für die Untersuchung von Bedeu-
Emmert —: tung sein können.
Was ist an der Behauptung wahr, daß bei der Durchsuchung
in den Räumen des „Spiegel" Schriftstücke, in denen der Name
Zwicknagl vorkommt, und der Stellenplan 1947 des bayerischen Dr. Müller-Emmert (SPD) : Danke.
Kultusministeriums von der Bundesanwaltschaft und ihren Hilfs-
beamten einstweilen in Beschlag genommen seien?

Bitte sehr, Herr Bundesminister. Vizepräsident Dr. Jaeger: Keine weitere Zu-
satzfrage. — Ich danke Ihnen, Herr Bundesminister.
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz: Die nächste Frage wird erst am Freitag aufge-
Wie mir der Generalbundesanwalt beim Bundesge- rufen, ebenso die Fragen aus dem Geschäftsbereich
richtshof berichtet, hat die Bundesanwaltschaft aus des Bundesministers der Finanzen.
der Durchsuchung der Räume des „Spiegel"-Verlags (Abg. Dr. Mommer: Herr Präsident, meine
nur Schriftstücke in Besitz, die vom Ermittlungsrich- Frage könnte aufgerufen werden!)
ter des Bundesgerichtshofs geprüft und ordnungs-
mäßig beschlagnahmt worden sind. Es handelt sich — Bei mir steht, daß sie erst am Freitag aufgerufen
also nicht um eine lediglich von der Bundesanwalt- werden soll. — Gut, wenn Sie sie beantworten wol-
schaft und ihren Hilfsbeamten vorgenommene len, Herr Bundesminister, bitte sehr.
Sicherstellung oder vorläufige Beschlagnahme. Ich rufe also auf Frage X/3 — des Herrn Abge-
Wie mir der Generalbundesanwalt weiter berich- ordneten Dr. Mommer — :

tet, befinden sich unter den vom Ermittlungsrichter Wann wird der vom Bundeskanzler angeforderte Bericht der
Bundesminister der Justiz, der Verteidigung, des Innern und des
des Bundesgerichtshofs im „Spiegel"-Verlag be- Auswärtigen über die Beteiligung dieser Ministerien an den
Ermittlungen gegen den ,.Spiegel" entsprechend den Ankündi-
schlagnahmten Gegenständen auch Schriftstücke, in gungen des Bundesministers der Justiz in der Nachmittagssitzung
denen der Name Zwicknagl vorkommt; die Beschlag- des Rechtsausschusses vom 15. November 1962 dem Bundestag
bekanntgegeben?
nahme hat aber nichts mit der Erwähnung dieses
Namens zu tun. Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz:
Soweit bisher bekannt, befindet sich der Stellen- Der von dem Herrn Bundeskanzler angeforderte ge-
plan 1947 des bayerischen Kultusministeriums nicht meinsame Bericht der Bundesminister der Justiz,
unter den richterlich beschlagnahmten Gegenstän- des Auswärtigen, des Innern und der Verteidigung
2216 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

Bundesjustizminister Dr. Stammberger


steht kurz vor der Fertigstellung. Über die Weiter- Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
leitung des Berichts an den Deutschen Bundestag rium für Wirtschaft: Die Regierung von Rheinland-
und über seine Veröffentlichung wird das Kabinett Pfalz ist ebenso wie die Saarregierung mit den
alsdann zu befinden haben. Bundesressorts in einer Arbeitsgruppe tätig, die
densarläichVogfürdenBauis
Saar-Pfalz-Kanals überprüft. Bei der Schätzung der
Dr. Mommer (SPD) : Herr Justizminister, können für die Beförderung auf dem Kanal in Frage kom-
Sie uns eine Mutmaßung darüber mitteilen, wann menden Gütermengen wurden auch die Teilmengen
dieses Haus den Bericht bekommen kann? berücksichtigt, die auf die Wirtschaft der Pfalz ent-
fallen werden. Bei den Beratungen über die Vor-
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz: teile, die dieser Kanal seinen Benutzern bieten
Herr Kollege, das wäre lediglich eine Mutmaßung; könnte, wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß
eine solche Mutmaßung ist mir im Augenblick völlig der geforderte Wasserweg nicht nur die Standort-
unmöglich. Ich kann nur über Tatsachen berichten. lage der Saarwirtschaft, sondern auch die der
Ich tue jedenfalls alles, um die Fertigstellung des Pfälzer Wirtschaft verbessern würde. Schließlich
Berichts in jeder Weise zu beschleunigen. wurde festgehalten, daß ein Saar-Pfalz-Kanal in be-
reits diskutierte Bewässerungsprojekte einbezogen
und damit größeren landeskulturellen Maßnahmen
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter in der Pfalz dienstbar gemacht werden könnte. Dar-
Wittrock, eine Zusatzfrage! über hinaus wurden besondere Unterlagen, die sich
auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Struk-
Wittrock (SPD) : Herr Minister, gibt es irgend- tur der Pfalz beziehen, nicht vorgelegt.
einen Anhalt für die gelegentlich in der Öffentlich-
keit geäußerte Vermutung, dieser Bericht solle Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
überhaupt nicht veröffentlicht werden, sondern als Herr Abgeordneter Müller-Emmert.
eine Art geheime oder vertrauliche Sache behandelt
werden? Dr. Müller Emmert (SPD) : Wurden die Vor-
-

schläge der Landesregierung Rheinland-Pfalz, die in


dem interministeriellen Saarausschuß erarbeitet
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz: wurden, auch dem Frankfurter Wirtschaftsprüfungs-
Herr Kollege, dafür gibt es keinerlei Vermutung; büro zur Erstellung des Gutachtens übersandt?
denn daß dieser Bericht vom Herrn Bundeskanzler
- angefordert wurde, ist offiziell durch das Presse
und Informationsamt sofort bei der Anforderung
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
rium für Wirtschaft: Ich kann diese Frage aus dem
bekanntgemacht worden.
Stegreif nicht beantworten; ich werde sie prüfen
und werde Ihnen die Antwort schriftlich geben.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zu-
satzfrage, Herr Abgeordneter Wittrock. Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe auf die
Frage XII/2 — des Abgeordneten Kulawig —:
Wittrock (SPD) : Beziehen Sie dabei auch die - Zu welchen Ergebnissen kam bisher der Interministerielle Saar
- der Bundesregierung hinsichtlich des Baues des Saar
ausschuß
Veröffentlichung ausdrücklich .ein? Pfalz-Kanals?

Bitte sehr, Herr Staatssekretär.


Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz:
Ich nehme das an: Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
rium für Wirtschaft: Folgende Prüfungsergebnisse
Wittrock (SPD) : Ich danke Ihnen. liegen vor:
1. Der Kanal von Saarbrücken nach Ludwigshafen
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz: würde 127 km lang sein und mit Hilfe von sieben
Aber das ist eine Frage, die das Kabinett entschei- Hebewerken Höhenunterschiede von 71 m beim
den muß, und ich bitte Sie um Verständnis dafür, Aufstieg von der Saar und von 170 m beim Abstieg
daß ich dieser Entscheidung auf keinen Fall vor- zum Rhein zu bewältigen haben.
greifen kann. 2. Der Bau einschließlich der Vorbereitungs-
arbeiten dieses Kanals würde etwa zehn Jahre
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke Ihnen, dauern und nach dem Preisstand von 1960 etwa
Herr Bundesminister. 1,35 Milliarden DM kosten. Da gleichzeitig aber auch
eine Umkanalisierung der Saar zwischen Saar-
Wir kommen nunmehr zu den Fragen aus dem gemünd und Völklingen notwendig wäre, würden
Geschäftsbereich des Bundesministers für Wirtschaft, sich die geschätzten Baukosten um weitere 160 Mil-
zunächst zur Frage XII/1 — des Herrn Abgeordne- lionen DM auf insgesamt reichlich 1,5 Milliarden DM
ten Dr. Müller-Emmert —:
erhöhen.
Welche Vorschläge hat die Regierung Rheinland-Pfalz bisher
im Interministeriellen Saarausschuß der Bundesregierung unter 3. Die jährlichen Betriebs- und Unterhaltungs-
Vorlage von welchen Unterlagen gemacht, um die Notwendigkeit
des Baues des Saar-Pfalz-Kanals im Hinblick auf die Verbesserung kosten werden auf 10 Millionen DM geschätzt; wo-
der wirtschaftlichen Struktur der Pfalz nachzuweisen? bei selbstverständlich Verzinsung und Amortisation
Herr Staatssekretär, darf ich bitten. nicht gerechnet sind.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2217
Staatssekretär Dr. Westrick
Besondere Schwierigkeiten bereitet die Schätzung Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
des vermutlichen Transportaufkommens auf dem rium für Wirtschaft: Das Gesetz zur Einschränkung
Kanal in zehn Jahren und später. Die Arbeitsgruppe der Bautätigkeit ist am 9. Juni dieses Jahres in
hat zu diesen Fragen nur vorläufige Schätzungen Kraft getreten. Auf Veranlassung der Bundesregie-
aufgestellt, die noch mit den Ergebnissen eines in rung werden vom Statistischen Bundesamt die Bau-
Arbeit befindlichen Gutachtens vergleichend geprüft vorhaben gesondert erfaßt, für die zwar eine Bau-
werden sollen. genehmigung ausgestellt, deren Durchführung aber
nach dem Gesetz verboten ist.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage? Über die Wirksamkeit des Gesetzes kann zur
— Bitte sehr. Stunde noch kein Urteil abgegeben werden, da nach
Mitteilung des Statistischen Bundesamtes erst im
Kulawig (SPD) : Können Sie sagen, bis wann nach Laufe des Monats Februar 1963 Zahlenmaterial über
der Meinung der Bundesregierung das Gutachten die ersten sechs Monate der Geltungsdauer des Ge-
des Interministeriellen Saarausschusses ihr vor- setzes vorliegen wird.
liegen wird?
Mir liegen jedoch Berichte einiger Landesregie-
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe- rungen vor, denen zufolge bis September 1962, also
rium für Wirtschaft: Ich glaube, Herr Abgeordneter, für rund drei Monate der Wirksamkeit des Geset-
daß das Gutachten bis zum Ende des Jahres fertig- zes, in Nordrhein-Westfalen z. B. Bauvorhaben in
gestellt sein wird. Aber dann werden sich natürlich Höhe von 93 Millionen DM, in Baden-Württemberg
zunächst einmal dieser Interministerielle Ausschuß in Höhe von 26 Millionen DM, in Bayern in Höhe
und anschließend die Bundesregierung kritisch mit von 22 Millionen DM durch das Gesetz zur Ein-
dem Gutachten befassen müssen, so daß es noch schränkung der Bautätigkeit verhindert worden sind.
etwas in den Anfang des nächsten Jahres hinein- Hierzu sind selbstverständlich die Vorhaben der
gehen wird. Bauherren zu rechnen, die sich schon durch die
Existenz des Gesetzes veranlaßt sahen, keinen An-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zusatz- trag mehr zu stellen. Diese Zahl dürfte insbeson-
frage. dere in Niedersachsen beträchtlich sein, da ja hier
die Baugenehmigung nach einem Jahr erlischt und
Kulawig (SPD) : Herr Staatssekretär, wird die daher jedem Antragsteller geraten wird, seinen An-
Bundesregierung das Gutachten allen Abgeordneten trag nach Möglichkeit nach Außerkrafttreten des
zustellen? Gesetzes zu stellen. Bei unveränderter Weitergel-
tung des Gesetzes bis zum 30. Juni 1963 — das ist
der gegenwärtig geltende Auslauftermin — ist an-
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
zunehmen, daß sich während dieser Zeit die Nach
rium für Wirtschaft: Ich glaube, daß keine Bedenken
frage in einer beträchtlichen Summe, etwa in Höhe
dagegen bestehen werden, das Gutachten zu ver-
von 800 Millionen bis 1 Milliarde DM, auf dem Bau-
öffentlichen. Ich bitte aber, mir zu erlauben, daß ich
markt nicht auswirken wird.
das noch einmal überprüfe. Prima vista sehe ich
keinerlei Bedenken, der Veröffentlichung eines sol- Zum zweiten Teil Ihrer Frage, nämlich nach der
chen Gutachtens zuzustimmen. - Wirksamkeit der Sperre von 20 v. H. gemäß § 8 des
Haushaltsgesetzes 1962, möchte ich im Einverneh-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter men mit dem Bundesfinanzminister folgendes sagen:
Dr. Schneider. Es ist zu berücksichtigen, daß durch das Vorhanden-
sein des § 8 des Haushaltsgesetzes 1962 bereits ein
Dr. Schneider (Saarbrücken) (FDP) : Herr Staats- sehr strenger Maßstab an die Einstellung von Aus-
sekretär, wird die Bundesregierung vor ihrer soeben gaben für Baumaßnahmen in den Haushalt 1962 an-
angekündigten Beratung das Gutachten der Regie- gelegt worden ist. Dadurch ist also schon eine erheb-
rung des Saarlandes zur Stellungnahme und zur liche Einengung des Bauvolumens erreicht. Die Sum-
eventuellen Gegendarstellung zur Verfügung stel- me der bauwirksamen Haushaltsmittel des Bundes
len? für 1962 beträgt, alles zusammengenommen, 8,928
Milliarden DM. Davon sind auf Grund rechtlicher
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe- Verpflichtungen 4,952 Milliarden DM festgelegt, so
rium für Wirtschaft: Herr Abgeordneter, innerhalb daß die Sperre überhaupt nur auf einen Betrag von
dieses Interministeriellen Ausschusses, dieser Ar- 3,975 Milliarden DM angewendet werden kann. 20 %
beitsgruppe, ist ja das Saarland vertreten, und zwar hiervon sind 794 Millionen DM. Durch Ausnahme-
sehr kräftig vertreten, und das Saarland bringt seine bewilligungen wurden bisher 467 Millionen DM ent
Stimme dort mit Nachdruck zu Gehör. sperrt, so daß zur Zeit 327 Millionen DM gesperrt
sind. Die Ausnahmen von der Sperre, Herr Abge-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Keine weitere Zu- ordneter, sind jeweils nach Befragen der zuständigen
satzfrage? — Wir kommen zur Frage XII/3 — des Landesregierung zugelassen worden. Die Zulassung
Abgeordneten Hammersen — :
erfolgte in der Regel unter der ausdrücklichen Auf-
lage, die Maßnahme ohne Unterbrechung in den
Welches Ergebnis haben bisher die baukonjunkturdämpfenden
Maßnahmen der Bundesregierung gehabt, insbesondere die Haus- Wintermonaten 'durchzuführen und den Baubeginn
haltssperre für Hochbauten und das sogenannte Baustoppgesetz? mit den örtlichen Baukoordinierungsausschüssen ab-
Bitte sehr, Herr Staatssekretär. zustimmen. Für 1963 sollen Ausnahmen für das
2218 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962
Staatssekretär Dr. Westrick
erste Vierteljahr nach Möglichkeit überhaupt nicht Dr. Rutschke (FDP) : Meine sehr verehrten Da
zugelassen werden. Ein gemeinsamer Erlaß der Bun--men und Herren, ich kann auf den Bericht Druck-
desminister der Finanzen und für Wirtschaft ist in sache IV/745 (neu) verweisen. Eine Ergänzung habe
Aussicht genommen. ich jedoch noch vorzutragen, und zwar 'im Hinblick
auf den fraktionsgemeinsamen Änderungsantrag
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage, Umdruck 1621. Von seiten der Länder ist die Frage
bitte. aufgeworfen worden, ob bei der vorgesehenen Ge-
währung der Ü berbrückungszulage eine Übertra-
Hammersen (FDP) : Herr Staatssekretär, darf ich gung, Verpfändung oder Pfändung bewußt ausge-
fragen, welche Absichten innerhalb der Bundesregie- schlossen werden sollte. Eine entsprechende Rege-
rung für die Zeit nach Auslaufen des Baustoppgeset- lung war in dem Gesetz über die Gewährung von
zes am 30. Juni 1963 bestehen? Zuwendungen an Kriegsopfer und Angehörige von
Kriegsgefangenen vom 12. Januar 1953 vorgesehen.
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe- Die beantragte Ergänzung des § 2 des vorliegenden
Gesetzes durch einen neuen Abs. 1 soll sicherstellen,
rium für Wirtschaft: Ich glaube, , die Frage ist heute
daß die Kriegsopfer auch tatsächlich in den vollen
erschöpfend schwer zu beantworten. Aber wir be-
Genuß der Überbrückungszulage gelangen. Das ist
absichtigen natürlich, eine Verlängerung des Ge-
bei der ursprünglichen Fassung im Bericht Druck-
setzes, vielleicht in einer verbesserten Form, vorzu-
sache IV/745 (neu) vergessen worden; daher der
schlagen.
interfraktionelle Antrag. Ich bitte, ihm zuzustimmen.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage
des Herrn Abgeordneten Ritzel. Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke dem
Herrn Berichtersatter.
Ritzel (SPD) : Herr Staatssekretär, wie vereinbart
sich mit Ihrer Auskunft die Tatsache, daß in dem Ich rufe auf § 1. — Das Wort wird nicht gewünscht.
Wer § 1 zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das
§ 3 des heute noch zur Verabschiedung stehenden
Handzeichen. — Gegenprobe! — § 1 ist ange-
Nachtragshaushaltsgesetzes für 1962 die Summe der
nommen.
nach § 8 Abs. 1 des Haushaltsgesetzes gesperrten
Mittel nur mit 114 745 000 DM angegeben wird? Ich rufe auf § 2 und zugleich den Antrag Um-
druck 162. — Das Wort wird nicht gewünscht.
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe- Wer dem Antrag Umdruck 162 zuzustimmen
rium für Wirtschaft: Herr Abgeordneter, ich werde wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. — Ich
den Finanzminister danach fragen und versuchen, bitte um die Gegenprobe. — Angenommen.
diese Frage aufzuklären.
Wer § 2 mit der beschlossenen Änderung zuzu-
stimmen wünscht, den bitte ich um das Handzei-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke Ihnen,
chen. — Gegenprobe! — Angenommen.
Herr Staatssekretär.
Die weiteren Fragen werden am Freitag aufgeru- Ich rufe auf § 3, — 4, — Einleitung und Über-
fen. Damit stehen wir am Ende der Fragestunde. schrift. — Wer zuzustimmen wünscht, den bitte ich
Meine Damen und Herren, es ist, wie ich höre, um das Handzeichen. — Ich bitte um die Gegen-
interfraktionell vereinbart worden, Punkt 15 der probe. — Ebenfalls angenommen.
[Link]- Ich rufe auf zur
ständnis? — Das istider Fall. Dann rufe ich auf:
dritten Beratung
Zweite und dritte Beratung des von der Frak-
tion der SPD eingebrachten «Entwurfs eines und eröffne die allgemeine Aussprache.
Gesetzes über die Anpassung der Renten der Das Wort hat Frau Abgeordnete Dr. Probst.
Kriegsopferversorgung (Drucksache IV/54) ;
a) Bericht des Haushaltsausschusses (13. Aus- Frau Dr. Probst (CDU/CSU) : Herr Präsident!
schuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung Meine Damen und Herren! Ich gebe im Namen der
(Drucksache IV/771), CDU/CSU-Fraktion folgende Erklärung ab:
b) Schriftlicher Bericht des Ausschusses für Die Fraktion der CDU/CSU begrüßt es, daß durch
Kriegsopfer- und Heimkehrerfragen (22. die Vorlage IV/745 — Schriftlicher Bericht des Aus-
Ausschuß) (Drucksache IV/745 [neu]) schusses für Kriegsopfer- und Heimkehrerfragen —
den Kriegsopfern eine einmalige zusätzliche Lei-
(Erste Beratung 10. Sitzung).
stung gewährt wird. Die Fraktion der CDU/CSU
Der Haushaltsausschuß hat einen Schriftlichen Be- legt Wert darauf festzustellen, daß der vorliegende
richt vorgelegt. Ich danke dem Herrn Abgeordneten Gesetzentwurf kein Präjudiz für die Weiterent-
Dr. Götz. Eine Ergänzung wird nicht notwendig sein. wicklung des Kriegsopferrechts darstellt. Sie erwar-
Ebenso hat der Ausschuß für Kriegsopfer- und Heim- tet, daß der von der Bundesregierung vorzulegende
kehrerfragen einen Schriftlichen Bericht vorgelegt. Entwurf eines zweiten Neuordnungsgesetzes insbe-
Ich darf jedoch dem Abgeordneten Dr. Rutschke das
Wort zu einer Ergänzung ides Berichts erteilen. *) Siehe Anlage 9
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2219
Frau Dr. Probst
sondere den Personenkreis berücksichtigt, der auf treten eines zweiten Neuordnungsgesetzes gedacht.
zusätzliche Leistungen angewiesen ist. Es war nach einer elfmonatigen Verhandlung un-
Wir bitten das Hohe Haus um Zustimmung. serer Vorlage im Ausschuß notwendig, daß ange-
sichts der bevorstehenden Einbringung eines zwei-
(Beifall bei der CDU/CSU.) ten Neuordnungsgesetzes der ursprüngliche Antrag
in einen Antrag auf eine einmalige Überbrückungs-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat Herr zulage umgewandelt wurde. Ihrer ursprünglichen
Abgeordneter Höhmann. Absicht folgend haben die SPD-Mitglieder im Kriegs-
Höhmann (Hessisch-Lichtenau) (SPD) : Herr Prä- opferausschuß eine Überbrückungszulage in Höhe
sident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! von 12 mal 10 % der Grundrenten gefordert. Das
Wer die kurze Erklärung unserer verehrten Kolle- wäre für die Masse der Kriegsbeschädigten und
gin Frau Dr. Probst vernommen hat, wird dabei unter -hinterbliebenen eine spürbare Verbesserung ihres
Umständen herausgehört haben, daß in dieses rela- Renteneinkommens gewesen. Eine große Anzahl der
tiv kurze Manuskript sehr wahrscheinlich der Herr Kriegsopfer und -hinterbliebenen wird sich nunmehr
Amtsgeschäftsführer des Ministeriums für Arbeit mit Beträgen in Höhe von 10 bis 15 DM zufrieden-
und Sozialordnung hineingepfuscht hat. geben müssen. Ich denke dabei besonders an die
Kriegswaisen und die leichter Beschädigten.
(Heiterkeit.)
Daß der von der SPD eingebrachte Entwurf eines
Ich will für meine Fraktion klar und eindeutig eines
Gesetzes über die Anpassung der Renten der Kriegs-
hier sagen: Die sozialdemokratische Bundestags-
opferversorgung vom 18. Januar 1962 nach elfmona-
fraktion wird allen Versuchen energisch entgegen-
tiger Verhandlung im Ausschuß jetzt das Licht des
treten, die dahin gehen, die Forderung nach einem
Plenarsaals wieder erblickt, verdankt er einer ganz
zweiten Neuordnungsgesetz für teilweise erledigt
besonderen tagespolitischen Situation. Gegenüber
anzusehen oder aber jetzt schon bei der Abstim-
den Forderungen der Kriegsopferverbände hat sich
mung über diese Überbrückungszulage darauf hin-
die Mehrheit des Ausschusses elf Monate lang taub
zuwirken, einen ganz bestimmten, vom Herrn Bun-
gestellt. Die Bemühungen der SPD-Mitglieder blie-
desarbeitsminister bisher schon immer bevorzugten
ben elf Monate lang erfolglos. Nicht die geltend
Personenkreis allein zu helfen und darüber die
gemachten gerechtfertigten Ansprüche der Betrof-
Masse der Kriegsopfer zu vergessen. Wir sehen
fenen selber waren der Anlaß für die Verabschie-
diese Maßnahmen nach der Vorlage IV/745 ledig-
dung des Ausschußantrages, sondern die Tatsache,
lich als eine Überbrückungsmaßnahme für das Jahr
daß die Bundesregierung und die Koalitionsparteien
1962 an. Wir denken dabei auch daran, daß ein
den Forderungen der Gewerkschaften bezüglich der
gewisser Schematismus bei allen Rentenbeziehern
Erhöhung der Beamtengehälter nachgegeben haben.
beim Zweiten Neuordnungsgesetz in Anwendung
Der Herr Berichterstatter drückt das in seinem
kommen muß, und wir Sozialdemokraten werden
Schriftlichen Bericht — ich darf das mit Genehmi-
uns dafür sehr stark machen. Wir denken weiterhin
gung des Herrn Präsidenten zitieren — so aus:
auch daran, daß man vielleicht dem Herrn Bundes-
kanzler empfehlen sollte, den jetzigen Herrn Amts- Nachdem der Bundestag in seiner 48. Sitzung
geschäftsführer im Ministerium für Arbeit und So- am 14. November 1962 eine Überbrückungszu-
zialordnung bei einer künftigen Regierungsneubil- lage für die Beamten und Versorgungsempfän-
dung von seinem Posten zu entbinden. Denn er ist ger des Bundes einstimmig beschlossen hatte,
nicht der Anwalt der Kriegsopfer, der er immer waren die Mitglieder des Ausschusses überein-
gern sein möchte. Das merke ich aus dieser Formu- stimmend der Auffassung, daß gleichfalls dem
lierung heraus. vom Bundesversorgungsgesetz erfaßten Perso-
(Widerspruch bei der CDU/CSU.) nenkreis eine Überbrückungszulage gewährt
werden müsse.
Wenn die Kriegs- und Arbeitsopfer zu wählen hät-
ten, meine sehr verehrten Damen und Herren, Das heißt auf eine knappe Formel gebracht: weil
wen sie als Anwalt haben wollten, wären sie längst die Bundesbeamten eine 30%ige Überbrückungszu-
zu einem anderen gelaufen. lage bekommen, sollen auch die Kriegsopfer eine
solche haben. Daraus kann der Umkehrschluß ge-
Jetzt darf ich namens meiner Fraktion folgende zogen werden: hätten die Bundesbeamten nichts
Erklärung abgeben: bekommen, wären auch die Kriegsopfer leer ausge-
Die sozialdemokratische Bundestagsfraktion ist gangen. Deshalb verdanken wir das Wiedererschei-
stolz darauf, das Erstgeburtsrecht auf den vorliegen- nen unseres Antrages in dieser Form kurioserweise
den Antrag für eine Überbrückungszulage für die den Bundesbeamten.
Kriegsopfer anmelden zu können. Dieser Antrag auf Wie dem auch sei, die Sozialdemokraten in die-
Drucksache IV/745 ist in unseren Augen eine etwas sem Hohen Hause freuen sich darüber, daß die Ko-
verminderte und verdünnte Ausgabe des SPD-Ent- alitionsparteien diese Schwenkung vollzogen haben.
wurfs eines Gesetzes über die Anpassung der Ren- Wenn auch durch die in Aussicht stehende Annahme
ten der Kriegsopferversorgung. des Ausschußantrages weniger als das Notwendige
Die SPD-Bundestagsfraktion ist der Meinung, daß getan ist, so empfiehlt die SPD-Bundestagsfraktion
eine Erhöhung der Grundrenten um 10 % als Über- doch zuzustimmen, weil „etwas" mehr als „gar
brückungsmaßnahme — eine Mindestforderung — nichts" ist, weil man nämlich auch ein häßliches
gerechtfertigt ist. Diese Grundrentenanhebung war Kind nicht mit dem Bade ausschütten soll.
von uns auch als Ü bergangslösung bis zum Inkraft- (Beifall bei der SPD.)
2220 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ich rufe auf Punkt 2 der Tagesorndnung:
Abgeordnete Reichmann.
Beratung der Sammelübersicht 11 des Aus-
schusses für Petitionen (2. Ausschuß) über
Reichmann (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen Anträge von Ausschüssen des Deutschen Bun-
und Herren! Im voraus möchte ich für die Fraktion destages zu Petitionen (Drucksache IV/757).
der Freien Demokraten erklären, daß für das Zweite Der Antrag des Ausschusses liegt Ihnen vor. Das
Neuordnungsgesetz selbstverständlich und dringlich Wort wird nicht gewünscht. Wer dem Antrag zuzu-
ist und sobald wie möglich in Angriff genommen stimmen wünscht, den bitte ich um das Handzei-
werden muß. chen. — Ich bitte um die Gegenprobe. — Keine Ge-
Im Namen der Fraktion der Freien Demokra- genstimmen. Enthaltungen? — Keine Enthaltungen.
tischen Partei darf ich zu dem vorliegenden Gesetz- Einstimmig angenommen.
entwurf erklären:
Ich rufe auf Punkt 3 der Tagesordnung:
Schon im alten Reichsversorgungsgesetz bestand
eine gewisse Wechselwirkung zwischen Beamten- Zweite und dritte Beratung des von den Ab-
versorgung und Kriegsopferversorgung. Wurde die geordneten Dr. Siemer, Wittmer-Eigenbrodt,
Besoldung der Reichsbeamten verbessert, so erfolgte Bading, Müller (Worms), Logemann und Ge-
eine entsprechende Verbesserung der Kriegsopfer- nossen eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
versorgung. zur Änderung des Gesetzes zur Förderung
der deutschen Eier- und Geflügelwirtschaft
Nachdem für die Bundesbeamten durch den Be- (Drucksache IV/256) ;
schluß des Hohen Hauses am 14. November 1962
eine Überbrückungszulage beschlossen wurde, ist es a) Bericht des Haushaltsausschusses (13. Aus-
unmöglich, den Kriegsopfern eine solche vorzuent- schuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung
halten. Außerdem ist aber zu berücksichtigen, daß (Drucksache IV/743)
die ,anderen Rentner durch die Dynamisierung einen b) Schriftlicher Bericht des Rechtsausschusses
gewissen Ausgleich für den Kaufkraftschwund und (12. Ausschuß) (Drucksache IV/574)
eine entsprechende Beteiligung em Zuwachs ides So- (Erste 'Beratung 26. Sitzung).
zialprodukts erhielten. Man kann aber den Men- In beiden Fällen liegen Schriftliche Berichte vor,
schen, die das höchste Opfer — Leben und Gesund- für die ich den Abgeordneten Brese und Benda
heit — für ihr Volk und Vaterland geben, am aller- danken darf.
wenigsten zumuten, daß sie noch auf den ohnehin
unzulänglichen Renten zurückgehalten werden. Zur Ergänzung des Schriftlichen Berichts hat Herr
Abgeordneter Benda das Wort.
Für die Fraktion der Freien Demokratischen Par-
tei, die stets für die Vorrangigkeit der Kriegsopfer-
Benda (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen
versorgung eingetreten ,ist, ist es ,deshalb ein Gebot
und Herren! Ich muß um das Wort bitten, weil in
der sozialen Gerechtigkeit, der beantragten Über-
dem von mir vorgelegten Bericht — Drucksache
brückungszulage für die Kriegsopfer zuzustimmen.
IV/574 — an zwei Stellen ein Fehler enthalten ist;
Ich darf 'das Hohe Haus deshalb bitten, dem Gesetz-
ich bitte, ihn an beiden Stellen zu berichtigen.
entwurf zuzustimmen.
Es handelt sich auf Seite 1 in der linken Spalte
(Beifall (bei der FDP.)
in Abs. 2 Zeilen 9 und 10 und auf der Rückseite
auf der rechten Spalte in der Zeile 14 um die gleiche
Vizepräsident Dr. Jaeger: Wird noch das Wort Frage. Es heißt nämlich sinngemäß in dem Bericht,
gewünscht? — Das ist nicht der Fall; ich schließe die daß das Gesetz vom Juli 1961 im Gegensatz zu dem
Aussprache. ursprünglichen Gesetz von 1956 eine Begrenzung
für die Ausgleichsbeiträge für bratfertiges Jung-
Änderungsanträge zur dritten Beratung sind nicht mastgeflügel enthalten habe. Das ist insofern nicht
gestellt. Wir kommen zur Schlußabstimmung. Wer richtig, als nach dem Gesetz von 1956 nur die Eier-
dem Gesetzentwurf zuzustimmen wünscht, den bitte wirtschaft gefördert werden sollte, während eine
ich, sich zu erheben. — Ich bitte um die Gegen- Förderung der Geflügelwirtschaft damals überhaupt
probe. — Keine Gegenstimmen. Enthaltungen? — noch nicht vorgesehen war. Der Fehler wird dadurch
Keine Enthaltungen. Der Gesetzentwurf ist einstim- berichtigt — ich möchte Sie bitten, diese Berichti-
mig angenommen. gung vorzunehmen —, daß auf Seite 1 linke Spalte
Meine Damen und Herren, bevor wir in der Ta- in Zeile 9 des zweiten Absatzes der Halbsatz „wäh-
gesordnung fortfahren, darf ich darauf aufmerksam rend es bisher diese Begrenzung nicht gegeben
machen, daß der Abgeordnete Dr. Friedensburg am hatte" gestrichen wird und auf Seite 2 in der 14. Zei-
17. November 76 Jahre alt geworden ist le der rechten Spalte die Worte „erfolgte nachträg-
liche" ebenfalls gestrichen werden. Ich darf bitten,
(Beifall)
diese Berichtigung vorzunehmen.
und daß die Abgeordneten Altmaier und Steinhoff
Dann darf ich für den Rechtsausschuß, für den ich
am 23. November 73 und 65 Jahre alt geworden Bericht zu erstatten habe, lediglich darauf aufmerk-
sind. Ich darf den verehrten Kollegen die Glück- sam machen, daß sich der Rechtsausschuß bei seiner
wünsche des Hauses und meine eigenen Glückwün- Beratung und Beschlußfassung selbstverständlich
sche aussprechen. nicht mit den Fragen der agrarpolitischen Zweck-
(Beifall.) mäßigkeit dieser oder jener Regelung beschäftigt
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2221
Benda
hat und auch nicht beschäftigen konnte. Er hat sich Nach Einfügung der 100 t-Grenze ist noch eine
vielmehr ausschließlich mit der Frage befaßt, ob die Subvention im Betrag von 60 000 DM pro Einzel-
im Gesetz vom Juli 1961 getroffene Regelung aus betrieb möglich.
verfassungsrechtlichen Gründen zu Bedenken An-
(Hört!, Hört! bei der CDU/CSU.)
laß gibt. Diese Auffassung haben im Rechtsaus-
schuß und auch in der Begründung sowohl der Be- Die genannte Förderungsmaßnahme ist erst mit
richterstatter als auch der Mitberichterstatter über- dem 1. August 1961 in Kraft getreten. Die Groß-
einstimmend vertreten. Der Rechtsausschuß hat sich betriebe, die sich geschädigt fühlen, sind vorher
aus den Gründen, die im Schriftlichen Bericht im entstanden.
einzelnen genannt werden und auf die ich verwei-
Wir haben eingehende Überlegungen angestellt,
sen kann, dieser Auffassung angeschlossen, aller-
welchen Weg man gehen müßte, um dem agrarpoli-
dings mit einer sehr knappen Mehrheit.
tischen Ziel näherzukommen, nämlich die Eier- und
Ich habe daher den Auftrag, Sie für den Rechts- Geflügelfleischproduktion bei den bäuerlichen Be-
ausschuß um die Annahme des Gesetzentwurfs in trieben zur Entfaltung zu bringen bzw. sie dort zu
der vorgelegten Fassung zu bitten. belassen. Andererseits wollten wir auch nicht vor-
her entstandene größere Betriebe schädigen. Wir
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke dem waren der Auffassung, daß Förderungsmaßnahmen
Herrn Berichterstatter. im Betrage von 600 DM pro Tonne damit von
Wir kommen zur zweiten Beratung. Ich rufe Art. 1 60 000 DM für den Einzelbetrieb vielleicht schon die
auf. — Das Wort hat der Abgeordnete Struve. vertretbare Grenze überschritten.
In dem Zusammenhang müssen wir auch die
Struve (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen Frage weiterer Förderungsmaßnahmen in der Ver-
und Herren! Der zur Beratung stehende Gegenstand edelungswirtschaft sehen. Wir haben die bezeich-
ist, wie wir vom Herrn Berichterstatter gehört haben, nete Förderungsmaßnahme seinerzeit, wie gesagt,
federführend vom Rechtsausschuß, mitberatend vom auf Geflügelfleisch ausgedehnt, und zwar mit der
Ernährungsausschuß und vom Haushaltsausschuß ausdrücklichen Begründung, daß das Futter bei uns
behandelt worden. Er hat, wie war aus dem Bericht teurer als in Konkurrenzländern ist. Ich möchte dem
gesehen und durch die Erläuterungen soeben erfah- Hohen Hause aber auch nicht verschweigen, daß wir
ren haben, eine betont juristische, daneben eine bis dahin davon abgesehen haben, diese Regelung
agrarpolitische Bedeutung. auf andere Veredelungszweige, vor allen Dingen
Wir haben gehört, daß die Entscheidung mit 9 : 8 auf die Schweinefleischproduktion, auszuweiten, wo
Stimmen fiel. Im Schriftlichen Bericht heißt es, daß dieselben Verhältnisse vorliegen. Es ist also vom
die Mehrheit die Verletzung der Art. 3 und 12 des agrarpolitischen Standpunkt aus in der Tat nicht zu
Grundgesetzes als gegeben angesehen hat. Als vertreten, auf dem Gebiet der Veredelungswirtschaft
Nichtjurist erlaube ich mir die Bitte um Auskunft, Förderungsmaßnahmen zu befürworten, die die be-
ob die Herren Kollegen des Rechtsausschusses diese zeichnete Grenze überschreiten.
Feststellung getroffen haben unbekümmert um die Nun zum Schluß wieder ein Wort an unsere Juri-
Frage der Begrenzung der Förderung auf 100 t mit sten! Das Gesetz ist automatisch am 1. August 1962
dem Inkrafttreten des Gesetzes. Oder ist man zu außer Kraft getreten, und zwar auf Grund der
dieser Entscheidung in der Annahme gekommen, Rechtsvorschriften, die das Hohe Haus im Hinblick
die Begrenzung auf 100 t sei nachträglich einge- auf die EWG Marktordnungen verabschiedet hat.
-

führt? Diese Frage scheint mir deshalb von weit- Ich möchte die Frage stellen: Ist es nicht ganz un-
tragender Bedeutung zu sein, weil der nunmehr gewöhnlich, daß auf Grund einer nachträglichen
berichtigte Schriftliche Bericht mindestens bei einem Gesetzesänderung umfangreiche Zahlungen für 13
Laien große Zweifel darüber entstehen läßt, ob oder 15 Betriebe — es wird auch die Zahl 17
diese Frage bei der ungewöhnlichen Inanspruch- genannt — vorgesehen werden? Ist es nicht richti-
nahme unseres Rechtsausschusses tatsächlich Gegen- ger, daß diese Frage auf dem Gerichtsweg geklärt
stand der Beratung gewesen ist. wird, so, wie es die Betroffenen dem Ernährungs-
Ich darf darauf verweisen, daß 'wir seit Jahren eine ausschuß mitgeteilt und angekündigt haben? Als
Förderung der Eierwirtschaft bis zu einem Betrage Laie neige ich doch sehr stark zu dieser Auffassung.
von 3 Pf pro Ei hatten, je nachdem, wie groß der Ich möchte deshalb das Hohe Haus bitten, dem
Futterkostenunterschied war. Wir haben dann mit Antrag des federführenden Ausschusses nicht zu
Wirkung vom 1. August 1961 nachträglich auch die folgen und den Gesetzentwurf auf Drucksache IV/
Förderungsmaßnahmen für Geflügelfleisch in dieses 256 abzulehnen.
Gesetz aufgenommen und dabei bewußt die 100 t- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU.)
Grenze eingeführt. Diese Begrenzung auf 100 t soll
nun im Prozeßverfahren auf ihre Rechtmäßigkeit
geprüft werden. Als Mitglied des Ernährungsaus- Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
schusses bin ich von Vertretern der Wirtschaft we- Abgeordnete Benda.
gen dieser Frage angesprochen worden. Ich habe
mich außerstande gesehen, den Wünschen nachzu- Benda (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen
gehen, und habe darauf hingewiesen, daß diese und Herren! Herr Kollege Struve, ich möchte die
Begrenzung dem erklärten Willen der Mehrheit des von Ihnen zum Eingang Ihrer Ausführungen ge-
Ernährungsausschusses entspreche. stellte Frage wie folgt beantworten. Dem Rechts-
2222 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962
Benda
ausschuß hat bei seinen Beratungen die Rechtslage ges außerordentlich wichtig sind, der innerhalb der
so, wie Sie sie vorhin noch einmal zusammenfas- Veredelungswirtschaft eine so große Bedeutung hat.
send darstellten, vorgelegen. Ich glaube nicht, daß Die Geflügelwirtschaft könnte in Deutschland auch
im Rechtsausschuß bei Eintritt *in die Beratung ir- eine gute Zukunft haben, was im Interesse der deut-
gendein Irrtum über die Rechtslage bestanden hat. schen Landwirtschaft läge; denn die Nachfrage nach
Es handelt sich bei der Formulierung, die in dem Eiern und Geflügelfleisch steigt ständig. Leider aber
Schriftlichen Bericht enthalten ist, um eine bedauer-
konnte die deutsche Landwirtschaft infolge dieser
liche Formulierung — für die der Berichterstatter,
verfehlten Politik auf dem Gebiete der Futtermittel
aber nicht der Rechtsausschuß verantwortlich ist —,
preise nicht von der Ausweitung der Nachfrage pro-
die die Beratungen im Rechtsausschuß in keiner
fitieren, sondern die gestiegene Nachfrage kam aus-
Weise beeinflußt hat.
schließlich dem Ausland zugute.
(Beifall in der Mitte.)
In dieser Situation diese Großbetriebe nun be-
sonders zu schädigen, wo es der bäuerlichen Ver-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der edelungswirtschaft in keiner Weise dient, ist einfach
Abgeordnete Bading. ein wirtschaftlicher Unfug. Deswegen bitte ich das
Hohe Haus, der Vorlage auf Drucksache IV/256 zu-
Bading (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und zustimmen.
Herren! Ich möchte hier nicht vom rechtlichen, son- (Beifall bei der SPD.)
dern vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zu den
Vorlagen Drucksache IV/256 und Drucksache IV/574 Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Stellung nehmen. Ich bedaure, den Auffassungen Abgeordnete Lagemann.
von Herrn Kollegen Struve widersprechen zu müs-
sen. Zunächst darf ich sagen, daß er, glaube ich,
irrt, wenn er meint, die Mehrheit des Ernährungs- Logemann (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen
-
ausschusses sei für diese besagte 100 Tonnen
-
und Herren! Für die Fraktion der FDP darf ich sagen,
Grenze gewesen. Das stimmt nicht, Herr Struve. daß meine Fraktion die vom Rechtsausschuß geäu-
Ein entsprechender Antrag, der im Ausschuß gestellt ßerten verfassungsrechtlichen Bedenken für berech-
worden ist, ist vom Ausschuß selbst abgelehnt wor- tigt hält.
den, und danach erst ist in der letzten Sitzung des Wir sind weiter der Meinung, daß die Aufhebung
Bundestages der vorigen Legislaturperiode während der 100 Tonnen Begrenzung keine Benachteiligung
- -

der zweiten Beratung ein Antrag aus den Reihen für bäuerliche Familienbetriebe gebracht hat, daß
der Abgeordneten der CDU/CSU gestellt worden, sie jedoch eine sehr starke Benachteiligung 'der
der dann bei einer außerordentlich schlechten Be- Geflügelfleischerzeugung in den inländischen Groß-
setzung des Hauses — ich glaube, es waren nur betrieben zur Folge hatte.
noch 50 Abgeordnete da — angenommen worden
ist. Die 100-Tonnen-Grenze haben die Sozialdemo- Auf diesen Punkt möchte ich noch etwas näher
kratie und auch ein Teil der CDU/CSU-Fraktion und eingehen. Herr Kollege Struve, die Situation 'ist bei
der FDP-Fraktion bereits damals abgelehnt, und der Geflügelfleischerzeugung doch etwas anders zu
zwar deshalb, weil diese Ausnahmeregelung nur - sehen als bei der Erzeugung von Schweinefleisch. Bei
eine relativ kleine Anzahl von Betrieben trifft. Es der Geflügelfleischerzeugung ist wirklich die zu er-
ist eine Ausnahmeregelung, die in keiner Weise zeugende große Menge mitentscheidend. Hier geht
nur eine kleine Minderheit belastet und einer gro- es um die Erzeugung in sehr großen Stückzahlen.
ßen Mehrheit von bäuerlichen Betrieben einen Vor- Vor allen Dingen müssen wir auch berücksichtigen,
teil gewährt, sondern es ist eben nur ein Nachteil daß gerade in der Geflügelfleischerzeugung eine
für die größeren Geflügelmästereien, die einen Um- sehr enge Verzahnung zwischen den Großerzeugern
satz von mehr als 100 t im Jahr haben. und den Erzeugern in bäuerlichen Familienbetrieben
besteht. Diese Verzahnung ist immer da gewesen.
Die Lage der Geflügelwirtschaft in der Bundes-
Es wurde vorhin schon angedeutet, daß die Groß-
republik ist, wie bekannt, schlecht, und zwar deshalb,
betriebe auf dem Gebiet der Geflügelfleischerzeu-
weil — wie ja auch Herr Struve bereits zugegeben
gung oftmals geradezu Pionierbetriebe für die bäuer-
hat — die Futtermittel hier bedeutend teurer sind
liche Geflügelfleischerzeugung gewesen sind. Es ist
als in den Konkurrenzländern. Infolgedessen war es
bekannt, daß sie häufig Lieferant von Zuchtmaterial
auch notwendig — jetzt gibt es ja eine andere Rege-
waren und daß sie den bäuerlichen Familienbetrieben
lung mit Hilfe von Abschöpfungsbeträgen —, einen
auch immer wieder Anregungen hinsichtlich rationel-
Ausgleich zu 'schaffen. Diesen Ausgleich zu differen-
ler Futtermethoden gegeben haben. Ich möchte sogar
zieren ist nicht nur aus juristischen Gründen, son-
sagen, daß, wenn hier eine Benachteiligung der
dern auch aus Gerechtigkeitsgründen falsch. Er ist
Großbetriebe festzustellen gewesen ist, diese Be-
auch geradezu ein absoluter Unfug 'in bezug auf die
nachteiligung auf die kleineren bäuerlichen Geflügel-
gesamte Geflügelhaltung und die Entwicklung der
halter weitergewirkt hat, daß hier beide benachtei-
Geflügelhaltung in der Bundesrepublik. Diese gro-
ligt worden sind. So waren z. B. die Geflügelschlach-
ßen Betriebe sind nun einmal die Pioniere auf dem
tereien in den letzten Monaten nur sehr schlecht
Gebiet der Geflügelwirtschaft. Das sind auch nicht
ausgelastet. Auch hier ist die Verbindung zwischen
nur reine Mäster, die den Viechern das Futter vorn
reinstopfen, sondern damit sind auch Betriebe ver- Groß- und Kleinbetrieb vorhanden.
bunden, die für die ganze Entwicklung dieses Zwei (Vorsitz: Vizepräsident Schoettle.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2223
Logemann
Ich darf abschließend sagen, daß auch wir uns setz macht, dies nicht davon abhängig machen, ob
durchaus bemühen, dem bäuerlichen Familienbetrieb einer mehr oder weniger bekommt. Es geht ja nicht
in unserer Agrarpolitik einen Vorrang in der Ver- um Subventionen im Sinne der eigentlichen, uns
edelungswirtschaft zu geben. Wir wollen uns gerade bekannten Formulierung, sondern es geht nur um
dieser Betriebe besonders annehmen. In diesem Fall den Ausgleichsbetrag im Futtermittelsektor. Vater
bitte ich Sie aber doch, der Vorlage zuzustimmen. Staat hat doch vorher die Abschöpfung eingenom-
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten men, und d i e wollen wir den Leuten zurückgeben.
der SPD.) Damals, als durch die Liberalisierung beim Geflü-
gelfleisch plötzlich die großen Importe der Vereinig-
Vizepräsident Schoettle: Weitere Wortmeldun- ten Staaten kamen und damit der Geflügelfleisch
gen? — Keine! Wir kommen zur Abstimmung über preis vollkommen in den Keller sank, ist doch die
Art. 1. Wer stimmt dem Art. 1 zu? Ich bitte um ein Ausgangsbasis für die Formulierung dieses Geset-
Handzeichen. — Danke. Die Gegenprobe! — Das zes entstanden, das wir im vorigen Jahr am 30. Juni
erste war die Mehrheit; Art. 1 ist angenommen. beschlossen haben.
Ich rufe Art. 2 auf. Wird dazu das Wort ge- Ich wiederhole: Während der Verhandlungen im
wünscht? — Das Wort wird nicht gewünscht. Wir Plenum ist die 100-Tonnen-Grenze eingeschoben
kommen zur Abstimmung. Wer stimmt dem Art. 2 worden; sie wurde nicht vorher im Ausschuß be-
zu? — Danke! Die Gegenprobe! — Das erste war sprochen; vielleicht hätte man dann einen anderen
die Mehrheit. Art. 2 ist angenommen. Weg wählen können.
Art. 3, Einleitung und Überschrift. — Wer stimmt Ich möchte Ihnen grundsätzlich folgendes sagen.
zu? — Danke! Gegenprobe! — Nach der Meinung Der Rechtsausschuß sagt, daß rechtliche, sogar
des Präsidiums war das erste die Mehrheit. Art. 3, schwere verfassungsrechtliche Bedenken vorliegen.
Einleitung und Überschrift sind angenommen. Wir selber, die wir diesen Antrag auf Gesetzes-
Ich eröffne die änderung gestellt haben, sind von maßgeblichen
dritte Beratung. Männern des Ministeriums gebeten worden, eine
Änderung vorzunehmen. Weiterhin sind wir so-
Wird das Wort gewünscht? — Herr Brese: wohl von den Kammern in diesem Gebiet aufge-
fordert worden — von der Landwirtschaftskammer
Brese (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen Weser-Ems —, als auch vom Herrn Präsidenten
und Herren! Ich glaube, es gibt noch einige Zweifel, Rehwinckel, als dem Vorsitzenden des Bauernver-
und ich möchte hier noch einmal folgendes fest- bandes im Land Niedersachsen, diese Dinge zu
stellen. Das Gesetz ist am 1. August 1962 ausge- ändern. Es geht jedoch nicht darum, daß wir einer
laufen. Bezahlt ist für alle Mäster insgesamt die Firma eine Wohltat widerfahren lassen wollen, son-
Subvention bis zu 100 t. Es handelt sich hier um dern es geht darum, daß wir die Zuchtbetriebe, die
sehr wenige Mäster. in diesem Gebiet liegen, erhalten wissen möchten.
(Zuruf von der SPD.) Man kann natürlich auch der Auffassung sein: Was
Ich habe die Frage an die Regierung: ist der Regie- sollen wir noch mit den Zuchtbetrieben, weil sie
rung bekannt, daß dann, wenn wir dieses Gesetz einen größeren Betriebsumfang als normale Betriebe
beschließen, an einen einzigen Mäster über 1 Mil- - haben? Nun, bisher haben wir es noch nicht fertig-
lion DM bezahlt wird? Ich glaube, das muß man gebracht, in der Landwirtschaft den Familien-
wissen. betrieben eine wirksame Hilfe auf diesem Sektor
(Zuruf rechts.) zu geben. Man kann aber auch sagen: Vielleicht
sind es diese schon seit Generationen bestehenden
Ich bitte also, die Vorlage abzulehnen. Betriebe, die heute so verschuldet sind — das
möchte ich hier auch einmal sagen; ich bin nicht be-
Vizepräsident Schoettle: Herr Abgeordneter rechtigt, auf Grund der mir bekannten Bilanzen
Dr. Siemer! das zu sagen, was tatsächlich der Fall ist, aber sie
sind restlos verschuldet bei der Futtermittelindustrie
Dr. Siemer (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine und bei den Banken —, aber auch wert, sie dadurch
sehr verehrten Damen und Herren! Natürlich kann zu retten, daß wir das Gesetz annehmen.
man sich die Sache so leichtmachen, wie Herr Brese
Ich möchte hier auch noch eins sagen, weil ich
das tut, indem man sagt: Sind Sie damit einverstan-
wiederholt von der Presse darauf angesprochen
den, daß an einen Mäster — es handelt sich hier, ich
worden bin: Ich selbst habe keine Masttiere, weder
will
- es offen sagen, um die bekannte Firma „Enten
Enten noch Puten noch Gänse. Ich beschäftige mich
Bölts" in Norddeutschland —
mit diesem Betriebszweig nicht, wie man bei der
(Hört! Hört! in der Mitte) seinerzeitigen Beratung geglaubt hat. Das muß man
Ausgleichszahlungen von vielen hunderttausend betonen, wenn man für bestimmte Interessen ein-
Mark — ich weiß nicht wieviel, es kann eine Mil- tritt. Vielmehr setzte ich mich dafür ein, weil ich
lion sein, es können mehrere hunderttausend sein; weiß, daß der Ausfall der Betriebe, ihre Vernich-
las ist mir auch gleichgültig — geleistet werden? tung, auch im bäuerlichen Sektor, ganz bestimmte
Auswirkungen hat. Denn gerade bei diesen Zucht-
(Zuruf von der Mitte: Nein!)
betrieben handelt es sich nicht im wesentlichen um
— Natürlich nicht. Aber hier geht es zunächst um Zuchtbetriebe des Hähnchenmastbetriebs — das ist
eine Rechtsfrage. Man kann, wenn man ein Ge- das Mindere an dieser Frage —, sondern im wesent-
2224 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962
Dr. Siemer
1 lichen um Gänse, Enten und Puten. Das können nur Mittel bewilligt, um den Strukturwandel der deut
Betriebe machen, die einen größeren Umfang haben. schen Landwirtschaft zu ermöglichen. Über diese
Herr Kollege Struve, Sie bringen die Schweine- Dinge ist sehr viel geschrieben und gerade in letz-
produktion mit hinein. Nun, die Schweineproduktion ter Zeit wieder — im Zusammenhang mit dem Pro-
war doch nicht, wenn ich so sagen darf, liberalisiert. fessorengutachten — sehr viel diskutiert worden.
Infolgedessen war die Gefahr des Preisabfalls — Wir wissen, daß dieser Strukturwandel, der mit er-
weil wir Kontingente hatten — nicht gegeben, höch- heblichen öffentlichen Mitteln begünstigt wird, den
stens durch eine Überproduktion. Aber auf dem Betroffenen für Jahrzehnte dennoch erhebliche Zins-
Sektor der Geflügelwirtschaft wurde doch gerade da- und Tilgungslasten aufbürdet. Wenn man diese
durch, daß wir liberalisierten und die Liberalisie- Dinge in Ruhe nachrechnet, wird man zu dem Ergeb-
rung Anfang vorigen Jahres auf Amerika ausdehn- nis kommen, daß Beträge von etwa 2- bis 3000 DM,
ten — wir kamen also den Amerikanern entgegen, vielleicht auch einmal etwas mehr, diesen Struktur-
und diese schickten uns nun in Massen ihre Hähn- wandel für den einzelnen auf der Grundlage ge-
chen —, unser Geflügelfleischpreis heruntergedrückt. sunder Familienbetriebe ermöglichen.

Die Entscheidung, die Sie zu fällen haben, ist gar Demgegenüber haben wir hier, befristet für 12
Monate, zugunsten der Erzeugung eines Produkts,
nicht so schwer, wenn Sie nach der wirtschaftlichen
des Geflügelfleischs, 60 000 DM gezahlt. Ich meine
Bedeutung fragen. Die heute noch bestehenden
— ohne die Debatte verlängern zu wollen —, daß
17 Firmen, um die es geht — soweit das Ministe-
das in einem schlechten Verhältnis steht.
rium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten die
Zahl richtig angegeben hat; ich habe sie nicht ge- Nun hat mein Fraktionskollege Dr. Siemer noch
zählt —, werden nach überschlägiger Berechnung einmal die juristische Seite erläutert. Es war schon
zwischen 1,8 und 2,5 Millionen sogenannte Unter- gesagt: Mit neun zu acht Stimmen bei einer Ent-
schiedsausgleichsbeträge nachfordern bzw. bewilligt haltung ist diese Entscheidung gefallen.
bekommen, wenn Sie den Gesetzentwurf annehmen. Auf Grund dieser Problematik möchte ich für
Wenn Sie ihn nicht annehmen, so weiß ich nicht, meine Person den Antrag stellen, die Vorlage an
ob die Betriebe kaputtgehen. Die Klage muß durch- den Rechtsausschuß zurückzuverweisen, damit die
geführt werden. Aber Sie wissen doch genausogut Frage dort noch einmal in Verbindung mit dem Er-
wie ich: Wenn die Klage vor dem Bundesgerichtshof nährungsausschuß erörtert wird.
erledigt ist, sind die Betriebe längst gestorben. Das
möchte ich der grundsätzlichen frage wegen mit auf (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU.)
den Weg geben. Wenn man die Betriebe erhalten
will, muß man jetzt handeln und kann nicht warten, Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
bis sie ihr Recht erkämpft haben. Das Recht spricht Abgeordnete Kriedemann.
nach einem vorliegenden Rechtsgutachten absolut
zugunsten der Betriebe, weil der Grundsatz der Kriedemann (SPD) : Herr Präsident! Meine Da-
Gleichheit — Artikel 3 des Grundgesetzes — ver- men und Herren! Ich bitte Sie, den Antrag des Kol-
letzt ist. legen Struve abzulehnen.
Ich wiederhole: es geht nicht um eine Subvention;
Im Bereich der Agrarpolitik regiert der Staat in
es geht um nichts anderes als um den Ausgleichs--
Bereiche hinein, von denen sich diejenigen, die in
betrag, der dadurch entstanden ist, daß wir das Ge-
anderen Wirtschaftszweigen tätig sind, keine rechte
treide vorher abschöpfen und der Vater Staat die
Vorstellung machen. Der Staat schafft damit eine
Beträge einnimmt. Das soll diesen Betrieben für den
Fülle von Unsicherheit für diejenigen, die in diesem
Verbrauch zurückerstattet werden. Sonst wären ja
Bereich ihre wirtschaftliche Existenz suchen und fin-
diese Betriebe nicht in die Bredouille gekommen.
den müssen und die einen Anspruch darauf haben,
Dann wären sie auch nicht so leistungsunfähig. Sie
zu wissen, wie sie vom Gesetzgeber beschieden
können bei dem Abschöpfungsbetrag, der vorher
werden.
weggenommen worden ist, einfach nicht mit dem
Ausland konkurrieren, das zu niedrigsten Welt- Wir haben — der Kollege Siemer hat es hier mit
marktpreisen produziert. Sie können einfach ihre der Deutlichkeit, die in diesem Fall durchaus am
Produktion nicht aufrechterhalten. Platz ist, gesagt — schon erhebliche Schwierigkeiten
geschaffen für Unternehmungen, für die wir uns auch
Es geht gar nicht um eine Grundsatzfrage, son- verantwortlich fühlen müssen, nicht nur weil es
dern nur darum, ob man diesen Betrieben nach- große oder kleine sind, auf die man seine Sym-
träglich helfen will oder nicht. Ich bitte deshalb, pathie verteilen kann, sondern weil es nun einmal
den Gesetzentwurf anzunehmen. gerade im Bereich der Geflügelhaltung so geworden
ist, daß man über Größenordnungen, die uns von
Vizepräsident Schoettle: Wird weiter das Wort früher her geläufig sind, längst hinausgewachsen ist.
gewünscht? Die Geflügelhaltung, die wir heute fördern müssen,
— Herr Abgeordneter Struve! kann sich nicht dadurch auszeichnen, daß sie klein
ist. Wir dürfen nichts nur deshalb verfolgen, weil es
groß ist.
Struve (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Das Hohe Haus wird sich in Kürze wie- Kollege Siemer hat darauf aufmerksam gemacht,
der mit einem Grünen Bericht und einem Grünen was auch für die Betriebe auf dem Spiel steht, die
Plan beschäftigen. In zunehmendem Maße werden von der Existenz solcher größerer Zuchtbetriebe ab-
von Jahr zu Jahr von dem Hohen Haus erhebliche hängen, also auch für die hier immer wieder be-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2225
Kriedemann
schworenen bäuerlichen Familienbetriebe. Ich war kannt —; aber wenn ich daran denke, daß wir uns
ein bißchen erschrocken, als der Kollege Brese sagte: bei Zinsverbilligungsmitteln hier im Hause und in
„Da kriegt einer eine Million!" Was heißt das denn den Ausschüssen um jede Million zu streiten haben,
eigentlich? Man ist doch sonst nicht so erschrocken, dann meine ich, diese Sache ist es wert, daß man
wenn irgendwo einer einmal eine Million kriegt. den Antrag, wie es der Kollege Struve beantragt
(Abg. Struve: Wo denn?) hat, an den Rechtsausschuß und an den Ernährungs-
ausschuß zurückverweist und eine erneute Beratung
An der Tatsache, daß einer aus einem Gesetz einen herbeiführt. Wenn die Rückverweisung abgelehnt
Rechtsanspruch an den Staat hat — — werden sollte, möchte ich dafür plädieren, den An-
(Abg. Struve: Hat keinen Rechtsanspruch!) trag als solchen generell abzulehnen.
— Natürlich hat er einen, mindestens hat er einen
moralischen Anspruch. Wir waren uns schon bei der Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
ursprünglichen Beratung des Gesetzes nicht darüber Abgeordnete Benda.
im Zweifel und waren damals schon der Meinung,
daß gleiches Recht für alle gelten muß; denn die Benda (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen
Futtergetreidepreise, die wir mit der von Ihnen be- und Herren! Ich hatte nicht die Absicht, .mich noch-
fürworteten Getreidepreispolitik in die Höhe brin- mals zur Sache zu äußern; aber ich möchte doch
gen, treffen gleichermaßen die Großen und die Klei- den Rechtsausschuß und ich glaube, auch im
nen. Hier werden auch keine Geschenke verteilt, Namen der Kollegen zu sprechen, die in der Sache
hier wird nur etwas zurückgezahlt. Das sollte dann eine andere Auffassung im Rechtsausschuß vertre-
auch gerecht jedem einzelnen, der von der vorher ten haben — in Schutz nehmen gegen die Behaup-
erfolgten Erhöhung der Futtergetreidepreise betrof- tung, die hier aufgestellt worden ist, es habe dort
fen wird, in gleichem Umfang zugute kommen. völlige Unklarheit geherrscht. Davon kann über-
Vor allen Dingen aber kommt es mir darauf an, haupt keine Rede sein. Ich habe das Protokoll über
daß hier eine Entscheidung getroffen wird. Die Sache die Beratung des Rechtsausschusses bei mir und
darf nicht weiter verschleppt werden. Die Dinge könnte daraus zitieren. Es hat Auseinandersetzun-
sind spruchreif. Die Vorlage noch einmal zurück- gen gegeben — das ist richtig —, die Meinungen
zuverweisen, ist ein Unrecht gegenüber denen, deren im Rechtsausschuß waren außerordentlich geteilt.
wirtschaftliche Existenz von unserer vernünftigen Das soll unter Juristen vorkommen.
und gerechten Entscheidung abhängt. (Heiterkeit.)
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten Die Entscheidung darüber, welche Auffassung gelten
der CDU/CSU.) soll, wird das Hohe Haus zu treffen haben. Aber es
kommt, Herr Kollege Unertl, relativ selten vor, daß
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der Juristen, nachdem sie sich in einer mehrstündigen
Abgeordnete Unertl. Beratung eine Meinung gebildet haben, auf Grund
des Auftrages, sich die Sache noch einmal zu über-
legen, ihre Rechtsmeinung ändern. Ich verspreche
Unertl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen mir von einer erneuten Beratung jedenfalls im
und Herren! Ich möchte den Antrag des Kollegen - Rechtsausschuß überhaupt nichts. Ich kann mir nach
Struve deswegen unterstützen, weil aus der Debatte, der, ich kann wohl sagen, relativen Leidenschaftlich-
die bisher geführt wurde, ersichtlich geworden ist, keit — Leidenschaftlichkeit ist im Rechtsausschuß
daß eine völlige Unklarheit besteht. glücklicherweise ein relativer Begriff — schwer vor-
(Zurufe: Bei Ihnen!) stellen, daß dort die einzelnen Kollegen, welchen
Standpunkt sie bisher auch immer eingenommen
Herr Bading selbst hat bei der Berichterstattung ge-
haben, zu einer anderen Auffassung kommen soll-
sagt, die Ausschüsse seien damals schlecht besetzt
ten. Aus diesen Gründen halte ich es nicht für
gewesen und es sei eine Zufallsentscheidung ge-
zweckmäßig, die Angelegenheit an den Rechtsaus-
troffen worden.
schuß zurückzuverweisen.
(Zuruf: Damals im Plenum!)
Ich verstehe nicht, Herr Bading, warum denn aus- Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
gerechnet jetzt diese Frage auf einmal so über die Abgeordnete Bading.
Bühne gehen soll. Ich habe Ihren Antrag zum
Schutze der bäuerlichen Veredelungswirtschaft noch Bading (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
gut in Erinnerung; er lief darauf hinaus, Grenzen Herren! Herr Kollege Benda hat den Vorwurf des
zwischen den industriellen Mastbetrieben und der Herrn Kollegen Unertl, daß hier Unklarheit bestehe,
kleinbäuerlichen Veredelungswirtschaft zu ziehen. schon insoweit zurückgewiesen, als es die Verhand-
Deswegen können Sie und kann auch Herr Kriede- lungen im Rechtsausschuß betrifft. Auch sonst be-
mann heute nicht so tun, hier mache man zwar steht nicht die geringste Unklarheit, Herr Unertl, es
keine Geschenke, aber es sei nun einmal notwendig, sei denn bei Ihnen, aber nicht bei denen,
die Sache zu bereinigen. Meine Damen und Herren,
die hier zur Verteilung stehenden Beträge haben (wiederholte Zurufe des Abg. Unertl)
immerhin eine Größenordnung von 3 bis 3 1/2 Mil- die sich mit der Materie nun schon, man kann bei
lionen DM, und zwar bloß für einige Betriebe. Ich nahe sagen, Jahre beschäftigen; es sind zwar noch
bejahe die Privatwirtschaft — dafür bin ich be- nicht zwei Jahre, aber es sind immerhin anderthalb
2226 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962
Bading
Jahre. Wenn bei Ihnen das Zehnerl noch nicht ge- zur Förderung der deutschen Eier- und Geflügel-
fallen sein sollte, so tut mir das furchtbar leid, Herr wirtschaft in der vorliegenden Fassung zustimmen
Unertl, aber dafür kann ich halt nichts. — Bitte will, den bitte ich, sich zu erheben. — Danke. Die
schön, Herr Kollege! Gegenprobe! — Das erste war die Mehrheit; das
Gesetz ist angenommen.
Unertl (CDU/CSU) : Herr Kollege Bading, die (Abg. Unertl: Das letzte war die Mehrheit!)
Sache mit dem Zehnerl, das noch nicht gefallen sei,
können Sie nicht auf mich allein beziehen; denn — Ich glaube, Herr Kollege Unertl, wenn das Prä-
sidium gemeinsam der Auffassung ist, daß die Mehr-
querfeldein im ganzen Haus wurde dafür und da-
gegen gestimmt. Es sind dann bestimmt mehrere heit eindeutig feststeht, dann sollte man das nicht
Zehnerl nicht gefallen. bezweifeln.
Ich rufe auf Punkt 4 der Tagesordnung:
Bading (SPD) : Aber, Herr Unertl, das liegt doch Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
einfach daran, daß verschiedene Meinungen darüber desregierung eingebrachten Entwurfs eines
vorhanden sind. Aber diejenigen, die abgestimmt Zweiten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes
haben, waren sich vollkommen darüber klar. Ich über die Landwirtschaftliche Rentenbank
nehme jedenfalls von allen meinen Kollegen an, (Drucksache IV/713) ;
daß sie sich, wenn sie über eine Sache abstimmen,
Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsausschus-
vorher eine Meinung gebildet haben. Wenn das bei
ses (16. Ausschuß) (Drucksachen IV/782,
Ihnen nicht der Fall sein sollte, täte mir das furcht-
zu IV/782)
bar leid.
Ich möchte mich aber auch gegen die Behauptung (Erste Beratung 47. Sitzung).
wehren, die Sache sei so furchtbar überstürzt vor Berichterstatter ist der Abgeordnete Mertes. Der
das Hohe Haus gekommen. Ich darf Sie nur bitten, Berichterstatter verzichtet auf mündliche Bericht-
einmal einen Blick auf das Datum der Drucksache erstattung.
IV/256 zu werfen. Da sehen Sie, daß dieser Gesetz-
entwurf bereits am 16. März 1962, also immerhin Ich rufe auf die Nrn. 3, — 7, — 10. — Das Wort
vor jetzt acht Monaten, eingebracht und dann auch wird nicht gewünscht.
in den Ausschüssen behandelt worden ist. Ich habe Wir stimmen ab. Wer den aufgerufenen Num-
leider die andere Drucksache, den Bericht des mern, der Einleitung und der Überschrift zustimmt,
Rechtsausschusses, nicht da. Aber auch die stammt den bitte ich um ein Zeichen. — Danke. Ich bitte um
schon aus dem Sommer. die Gegenprobe. — Offenbar keine Gegenstimmen.
(Zuruf: 29. Juni!) Enthaltungen? — Auch keine Enthaltungen. Der
Entwurf ist in der zweiten Beratung einstimmig an-
Daß die Sache überstürzt vor das Plenum gebracht genommen.
worden sei, kann also wirklich kein Mensch be-
haupten. Wir kommen zur
Ich bitte doch dringend darum, daß jetzt endlich dritten Beratung.
eine Entscheidung fällt, und verweise auf die Aus-
führungen des Herrn Kollegen Siemer, der auch- Ich rufe auf die Nummern 3, — 7, — 10, — Ein-
zum Ausdruck gebracht hat, daß das Hohe Haus leitung und Überschrift. — Wer dem Gesetz im
jetzt im Interesse der Betroffenen eine Entscheidung ganzen zustimmen will, den bitte ich, sich zu erhe-
fällen müßte. ben. — Danke! Ich bitte um die Gegenprobe. — Ich
darf die Abgeordneten, die stehen, bitten, sich we-
(Beifall bei der SPD und der FDP.) nigstens so weit zu erniedrigen, daß man klar sieht,
ob sie abstimmen wollen oder nicht. — Ich stelle
Vizepräsident Schoettle: Meine Damen und fest, 'daß das Gesetz einstimmig angenommen ist.
Herren, weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich rufe auf Punkt 5 der Tagesordnung:
Ich schließe die Aussprache in der dritten Beratung.
Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
Herr Abgeordneter Struve hat einen Geschäfts- desregierung eingebrachten Entwurfs eines
ordnungsantrag auf Rücküberweisung an die beiden Fünften Gesetzes zur Änderung und Ergän-
Ausschüsse, also Rechtsausschuß und Ernährungs- zung des Hypothekenbankgesetzes (Druck-
ausschuß, gestellt. sache IV/624) ;
(Abg. Struve: Gemeinsame Beratung!) Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsausschus
— Das ist in der Geschäftsordnung nicht vorgesehen. ses (16. Ausschuß) (Drucksache IV/763)
Wenn der Antrag angenommen würde, müßten die (Erste Beratung 44. Sitzung).
beiden Ausschüsse selber entscheiden, ob sie ge-
meinsam beraten wollen. — Der Antrag ist zuläs- Berichterstatter ist der Abgeordnete Ruland.
sig. Ich stelle ihn jetzt zur Abstimmung. Wer Wünscht der Berichterstatter das Wort? — Er ver-
stimmt dem Antrag Struve auf Rücküberweisung zu? zichtet.
— Danke. Die Gegenprobe! — Das letzte war die Ich rufe auf Art. I, — II, — III, — IV, — V, — VI.
Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt. — Anträge liegen nicht vor.
Wir kommen zur Schlußabstimmung. Wer dem Wer den aufgerufenen Artikeln sowie der Einlei-
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes tung und Überschrift .des Gesetzes zustimmt, den
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50, Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2227
Vizepräsident Schoettle
bitte ich um ein Handzeichen. — Ich danke. Die ken, ihn zu warnen, daß er den unangemessen hohen
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Das Gesetz ist in Mietzins, den Mietzins, den die Behörde für unan-
der zweiten Beratung einstimmig verabschiedet. gemessen hoch hält, nicht fordere. Für diese Fälle
Wir kommen zur soll also die Vorschrift gelten, die wir im Abs. 3
dritten Beratung. Satz 1 niedergelegt haben, die besagt, daß in den Fäl-
len des Absatzes 1 Nr. 2 die Tat nur verfolgt wird,
Ich eröffne die Aussprache. — Das Wort wird nicht wenn der Täter vorher durch eine nach Landesrecht
gewünscht. zuständige Behörde abgemahnt worden ist und der
Wir kommen zur Schlußabstimmung. Wer dem Abmahnung nicht binnen einer ihm zu setzenden
Gesetz im ganzen zustimmen will, den bitte ich, sich Frist von mindestens zwei Wochen Folge geleistet
zu erheben. — Danke! Die Gegenprobe! — Das Ge- hat. Das ist also eine Vorschrift aus der rechtsstaat-
setz ist ohne Gegenstimmen einstimmig beschlossen. lichen Erwägung heraus, daß die schwierige Ent-
scheidung über die Angemessenheit oder Nichtange-
Ich rufe auf Punkt 6 der Tagesordnung:
messenheit nicht so ohne weiteres auf dem Rücken
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- des Vermieters ausgetragen werden soll, ohne daß
desregierung eingebrachten Entwurfs eines er vorher gewarnt worden ist.
Gesetzes zur Änderung des Wirtschaftsstraf-
gesetzes 1954 (Drucksache IV/573) ; Wir wollen aber nicht haben, daß dann die ab-
Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsausschus- mahnende Verfügung zum Gegenstand eines großen
ses (16. Ausschuß) (Drucksache IV/781) Verwaltungsstreitverfahrens wird, das durch alle
Instanzen durchgetrieben wird. Daher der zweite
(Erste Beratung 44. Sitzung).
Satz:
Berichterstatter ist der Abgeordnete Junghans.
Wünscht der Berichterstatter das Wort? — Er ver- Die Abmahnung kann nicht selbständig ange-
zichtet. fochten werden.
Ich rufe auf den Artikel 1 des Gesetzes. Dazu liegt Wenn wir uns mit diesen beiden Sätzen beruhig-
ein Änderungsantrag auf Umdruck 163 vor *). Wird ten, würden wir aber gewissen anderen Fällen, in
das Wort zur Begründung gewünscht? — Herr Ab- denen offensichtlich ein grob unangemessener Miet-
geordneter Kanka, bitte! zins angefordert wird, nicht gerecht werden. Wenn
einer einen eklatant überhöhten Mietzins fordert,
Dr. Kanka (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine an dessen Überhöhtheit keinerlei Zweifel bestehen
Damen und Herren! Durch die Änderung des § 2 a können, soll er sich nicht dahinter verstecken kön-
soll in das Verbot der Preisüberhöhung auch das nen, daß .er nicht abgemahnt worden ist. Sehr oft
Entgelt aufgenommen werden, das für die Vermie- wird die Behörde erst dann, wenn sich der Wucherer
tung von Räumen zum Wohnen oder damit ver- schon kräftig betätigt hat, überhaupt von der Forde-
bundene Nebenleistungen gefordert wird. Im Abs. 2 rung überhöhter Miete in Kenntnis gesetzt worden
des § 2 a wird festgelegt, daß Zuwiderhandlungen sein. In solchen Fällen soll also die Abmahnung
gegen das Verbot der Forderung und des Anneh- nicht notwendig sein. Daher in unserem sehr wohl
mens überhöhter Preise in den Fällen des Abs. 1 abgewogenen Antrag der Satz 3:
Nr. 1 nur mit Ermächtigung der fachlich zuständigen
obersten Landesbehörde verfolgt werden. Die Nr. 2 Einer Abmahnung bedarf es nicht, wenn die
wird nicht erwähnt. Verhängung einer Geldbuße oder einer Strafe
In den Fällen der Nr. 2, also des unangemessenen wegen der besonders graben Unangemessenheit
Mietzinses für Wohnräume, soll eine Ermächtigung .des Entgelts geboten ist.
der obersten Landesbehörde nicht notwendig sein. Man kann, wenn man eine solche Vorschrift liest,
In unserer Fraktion und im Rechtsausschuß ist zur natürlich sagen, daß darin sehr viele kautschuk-
Erwägung gestellt worden, ob man das Erfordernis artige Begriffe enthalten seien. Dazu ist aber zu
der Ermächtigung auch für die Fälle der Nr. 2 vor- sagen: Wir kommen mit Begriffen dieser Art wie
schreiben soll. Für diese Vorschrift hat sich bei uns angemessen, unangemessen, nicht aus. Sie stehen
eine sehr starke Minderheit ausgesprochen. Die bereits im Gesetz drin. Wir wollen in der Tat die
Mehrheit war aber dagegen, und sie war, wie wir Fälle einer wirklich groben Unangemessenheit ge-
glauben, mit Recht dagegen, weil die oberste Lan- sondert behandeln, indem wir sagen, es solle bei
desbehörde überfordert würde, wenn sie auch in ihnen von dem Erfordernis der Abmahnung abge-
den Fällen der Forderung erhöhten Mietzinses für sehen werden. Auf der anderen Seite halten wir die
Wohnräume erst um die Ermächtigung angegangen Abmahnung für die große Zahl 'der Fälle, vor allem
werden müßte. Dingen für die Zweifelsfälle, aus rechtsstaatlichen
Das schließt aber nicht aus, daß man die Fälle der Erwägungen für angemessen.
Nr. 2 einer besonderen Behandlung unterwirft. Die
Frage, ob ein Mietzins unangemessen hoch ist, kann Besonders überzeugend in dem Sinne, daß man
nämlich im Einzelfall sehr streitig sein. Für diesen sagt, so und nicht anders müsse der Wortlaut des
Fall, daß man sich darüber streiten kann, ob der Gesetzes sein, sind Vorschriften auf diesem Gebiet
Mietzins unangemessen hoch ist oder nicht, ist es überhaupt nicht auszudenken. Man kann sich um
ausrechtlinEwägueabrcht,dn Einzelheiten, Feinheiten der Formulierung stunden-
vermutlichen Täter mit einer Abmahnung zu beden- lang, tagelang streiten. Worauf es ankommt, ist eine
im Wortlaut und Sinn hinreichend klare und ein-
*) Siehe Anlage 10 wandfreie Regelung. Ich glaube, wir haben sie mit
2228 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962
Dr. Kanka
d i esem Vorschlag gefunden. Sie ist das Ergebnis zustellen sein dürfte, wie es bei abstrakter Betrach-
einer Verständigung zwischen entgegengesetzten tung den Anschein haben könnte.
Auffassungen über diese Dinge. Ich glaube, sie ist Handelt es sich aber nach Ansicht der Preisbe-
eine gute Lösung, die aus rechtsstaatlichen und so- hörde auch nur möglicherweise um einen Grenzfall,
zialpolitischen Erwägungen angebracht ist. Ich emp- so steht es weitgehend in ihrem — natürlich pflicht-
fehle sie deshalb dem Hohen Hause zur Annahme. gemäßen — Ermessen, ob sie den Fall verfolgen
(Beifall bei der CDU/CSU.) will. Hier gilt nämlich, wie ich vorhin schon aus-
führte, der im Strafprozeß herrschende Legalitäts-
grundsatz regelmäßig nicht, weil es sich in den mei-
Vizepräsident Schoettle: Wird das Wort ge- sten Fällen dieser Art nicht um Straftaten, sondern
wünscht? — Der Herr Bundesminister der Justiz! um Ordnungswidrigkeiten handeln wird.
Eine Abmahnung, wie sie in dem vorliegenden
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz: Antrag vorgesehen ist, wäre darüber hinaus im
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Miet- Strafrecht und im Nebenstrafrecht auch ein voll-
preisüberhöhungen sollen nach idem Vorschlag der kommenes Novum. Der Begriff ist im Zivilrecht be-
Bundesregierung von den Preisbehörden verfolgt heimatet. Im Wirtschaftsstrafrecht erscheint er mir
werden können, ohne daß es dazu wie bei anderen ungeeignet.
Preisüberhöhungen einer Ermächtigung oder eines Darüber hinaus habe ich verfassungsrechtliche
Antrages der fachlich zuständigen obersten Landes- Zweifel, ob nicht die vorgeschlagene Regelung, daß
behörde bedarf. Die unterschiedliche Regelung für die Abmahnung nicht selbständig anfechtbar sein
die beiden Gruppen von Preisüberhöhungen erklärt soll, mit Art. 19 Abs. 4 des Grundgesetzes unver-
sich daraus, daß es bei Mietpreisüberhöhungen nicht einbar ist. Mit verfahrensrechtlichen Zwischenent-
darauf ankommen kann, nur die Verstöße zu erfas- scheidungen, die nicht selbständig anfechtbar sind,
sen, die für die allgemeine Preisbildung bedeutsam ist die Abmahnung als Voraussetzung der Strafbar-
sind. Wenn wir vor allem im Hinblick auf den Ab- keit meines Erachtens nicht vergleichbar. Sie ist und
bau der Wohnungszwangswirtschaft und die am bleibt ein selbständiger Verwaltungsakt. Als sol-
1. Juli 1963 gebietsweise einsetzende Preisfreigabe cher müßte er meines Erachtens selbständig anfecht-
mit , dem Bekämpfen eindeutiger Mißstände ernst bar sein, was aber den ganzen Vorschlag noch
machen wollen, dann müssen wir alles vermeiden, weniger praktikabel machen würde.
was die Verfolgung solcher Fälle erschweren
könnte. Die Befürchtung, .daß die Gerichte mit einer Wenig glücklich erscheint es mir auch, zwischen
zu erwartenden Flut von Verfahren nicht fertig wer- Unangemessenheit und besonders grober Unange-
den könnten, ist schon deshalb nicht begründet, messenheit bei einer Voraussetzung der Strafbar-
weil die meisten Mietpreisüberhöhungen nach der keit unterscheiden zu wollen.
Regelung des Wirtschaftsstrafgesetzes nicht Straf- Ich bitte Sie daher, den Änderungsantrag abzu-
taten wären, sondern Ordnungswidrigkeiten. Für lehnen.
Ordnungswidrigkeiten gilt aber nicht das strenge
Legalitätsprinzip der Strafprozeßordnung. Eine Ver- Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat Herr
folgung von Bagatellverstößen kommt nach dem Abgeordneter Wittrock.
-
Gesetz über Ordnungswidrigkeiten nicht in Betracht.
Aus den gleichen Gründen bitte ich Sie auch, den Wittrock (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
Änderungsantrag des Herrn Kollegen Biechele und und Herren! Nach den Ausführungen des Herrn
Genossen abzulehnen. Eine Annahme des Antrages Bundesministers der Justiz ist es verhältnismäßig
würde die von der Bundesregierung vorgeschlagene einfach, den ablehnenden Standpunkt weiter zu
Änderung des § 2 a weitgehend entwerten. Das Ziel begründen. Auch wir haben gegen den vorgelegten
der Regierungsvorlage, ein wirkungsvolleres Ein- Antrag wesentliche Bedenken. Ich kann mich im
schreiten gegen Mietpreisüberhöhungen zu ermög- Hinblick auf das, was vom Herrn Justizminister
lichen, würde dann eben nicht erreicht werden. Ich vorgetragen worden ist, hier auf einige ergänzende
glaube, daß wir alles vermeiden müssen, was die Bemerkungen beschränken.
Anwendung des § 2 a auf Mietpreisüberhöhungen In dem Regierungsentwurf heißt es ausdrücklich,
erschwert. daß die Vorschrift so zu gestalten ist, daß sie —
Es trifft auch nicht zu, Herr Kollege Kanka, daß und jetzt zitiere ich — erfolgreicher als bisher ge-
die Frage, was unangemessen hoch ist, in ,der Praxis gen unangemessen hohe Preisforderungen auf dem
bisher wirkliche Schwierigkeiten gemacht habe. Gebiet der Wohnraummieten angewandt werden
Auch 'bei Mietpreisüberhöhungen kann ich mir keine kann.
wirklichen Schwierigkeiten vorstellen, wenn ich an Wir sind der Auffassung, daß es diesem zu be-
die Fälle denke, die meinem Hause bisher amtlich grüßenden und irgendwie unabweisbar notwendigen
mitgeteilt worden sind. Ich will die Debatte nicht Rechtsgedanken widersprechen würde, wenn das
dadurch verlängern, daß ich diese Fälle, die teil- Verwaltungsverfahren über Gebühr dadurch verlän
weise unglaublich kraß sind, im einzelnen schildere; gert würde, daß hier noch eine Behörde — ich
aber ich stelle sie jedem Interessierten selbstver- möchte sie einmal „Abmahnungsbehörde" nennen —
ständlich gern zur Verfügung. Alle diese Fälle zei- vorgeschaltet werden würde. Diese Behörde hätte
gen jedenfalls deutlich, daß die Unangemessenheit nämlich eine Art Vorentscheidung auch darüber zu
eines Mietpreises in der Praxis nicht .so schwer fest- treffen, wie es mit der Abgrenzung zwischen einer
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2229
Wittrock
einfachen Unangemessenheit im Sinne des Regel- vielleicht auch mit einer Abmahnungsmöglichkeit
tatbestandes und einer besonders groben Unan- verbinden könnte. Aber auch einen solchen Gedan-
gemessenheit ist. Das führt doch immerhin nicht ken, den ich im Kern als erwägenswert bezeichne,
zu einer Vereinfachung, wie es Herr Kollege Kanka muß man eingehend überlegen und beraten. Wir
bei der Begründung des Inhalts seines Gesamtan- haben ja alle das Recht der Gesetzesinitiative und
trags gemeint hat, sondern es führt zu einer we- können davon immer noch Gebrauch machen. Das
sentlichen Komplizierung, zumal — auch darin liegt wäre, jedenfalls a priori, ein tauglicherer Versuch,
eine Besonderheit — die Anfechtbarkeit fehlt. Ich als mit diesem — sicherlich gut gemeinten — An-
lasse dahingestellt, ob es zutrifft, daß das verfas- trag ein Experiment zu unternehmen, das das Ge-
sungsrechtlich bedenklich ist. Wegen der fehlenden setz als Ganzes gefährdet.
Anfechtbarkeit ist es jedenfalls auch gar nicht mög-
lich, jetzt eine einheitliche Rechtsauffassung, also Aus diesen Erwägungen kann die sozialdemokra-
eine gewisse Judikatur über die Auslegung des Be- tische Bundestagsfraktion dem vorliegenden Ände-
griffes der besonderen Unangemessenheit zu ent- rungsantrag nicht zustimmen. Wir werden ihn aus
wickeln, d. h. mit anderen Worten,- die einfache den vorgetragenen Gründen ablehnen.
Unangemessenheit von der besonderen Unangemes-
senheit abzugrenzen. Das sind also wesentliche Be- Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
denken. Abgeordnete Professor Böhm.
Ich möchte noch ein Weiteres sagen. Was wir hier Dr. Böhm (Frankfurt) (CDU/CSU) : Herr Präsi-
machen, ist ja ein Stückchen Strafrecht. Wirtschafts- dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren!
strafrecht heißt das Gesetz. Soweit ich weiß, hat Schon bei der Beratung des Wirtschaftsstrafgesetzes
sich der Wirtschaftsausschuß als der federführende habe ich gegen den § 2 allerstärkste Bedenken
Ausschuß mit diesem Antrag nicht beschäftigen angemeldet. Diese Bedenken sind mit der Zeit immer
können. Im Rechtsausschuß wurde er etwas bei- größer geworden und haben sich auch angesichts
läufig behandelt. Die Diskussion konzentrierte sich dieser Vorlage betreffend Einfügung der Nr. 2 in
dann auf andere Punkte. Auch im Rechtsausschuß Abs. 2 nicht verringert, was speziell den Mietwucher
war eine eingehende rechtstechnische und rechts- betrifft. Meine Bedenken dagegen möchte ich wie
politische Überprüfung des dem Antrag zugrunde folgt begründen.
liegenden Anliegens also nicht möglich.
Wenn wir die Wohnungen aus der Zwangsbewirt-
(Zuruf rechts.) schaftung herausnehmen und sozusagen den freien
— Schön, Sie sagen freiweg, das sei nicht nötig. Markt wiederherstellen, damit aber nicht erreichen
Aber ich habe Bedenken, ob wir nun gerade bei können, daß die Mangellage überwunden wird, tritt
einem Strafgesetz auf Grund eines Einfalls in der folgende Situation ein. Die Mangellage auf dem
zweiten Lesung eine solche Ergänzung, die im üb- Wohnungsmarkt zeigt sich ja darin, daß es mehr
rigen auf dem Gebiete des Nebenstrafrechts ein Wohnungsuchende als Wohnungen gibt, und sie
Novum darstellt, beschließen sollten. wird nicht dadurch beseitigt, daß wir zunächst den
freien Markt herstellen. Sie wird aber, wenn wir
Auch die sozialdemokratische Bundestagsfraktion den freien Markt herstellen, marktgerecht in der
hatte erwogen, einen Antrag zu stellen, um das Weise gelöst, daß sich der Mangel an Wohnungen
Problem der überhöhten Geschäftsraummieten zur und das Überwiegen der Nachfrage über das An-
Erörterung zu stellen. Wir haben davon Abstand gebot in den Knappheitspreisen ausdrücken, daß also
genommen, und zwar aus einem ganz einfachen nur die zahlungskräftigsten Leute zu sehr hohen
Grunde: Das Wirtschaftsstrafgesetz läuft am 31. De- Mieten untergebracht werden können. Wenn man
zember 1962 aus. Wenn der Entwurf dann nicht in das nicht will, wenn man mit Strafen gegen die
Kraft tritt, so droht eine Lücke zu entstehen, die Vermieter, die Knappheitsmiete verlangen, vorge-
zumindest bewirken kann, daß die dämpfende Wir- hen will, d. h. gegen die Vermieter, die eine Miete
kung der Existenz eines solchen Gesetzes — unab- verlangen, die nur der zahlungskräftigste Woh-
hängig von seinem Vollzug — beeinträchtigt wird. nungsuchende zu zahlen bereit ist, und wenn es
Eine solche Lücke kann der Gesetzgeber nicht in dann gelingt, prophylaktisch durch die Strafandro-
Kauf nehmen. Aus diesem Grunde sollte man sich hung die Vermieter zu bewegen, unter die Knapp-
mit Änderungsanträgen, insbesondere mit proble- heitsmiete zu gehen, dann ist die Folge, daß sich
matischen Änderungsanträgen aufs äußerste be- für die Wohnung, die sie vermieten wollen, wesent-
scheiden. Sie würden zu der Gefahr führen, daß der lich mehr Reflektanten melden, obwohl nur einer
Vermittlungsausschuß angerufen wird und damit sie bekommen kann. Die Vermieter werden dann
kein Ergebnis erzielt werden kann, das das Entste- irgendeine andere Auswahl treffen, nicht die Aus-
hen einer Lücke nach dem 31. Dezember verhindert. wahl nach der höchsten Zahlungsfähigkeit, aber
Das ist ein Opportunitätsgesichtspunkt, dem aber vielleicht eine Auswahl nach Kriterien, die unserer
erhebliches Gewicht zukommt, und auch hierauf Vorstellung von dem, was sozial sein sollte, keines-
stützen sich sehr wesentlich unsere Bedenken. wegs entspricht.
Es gibt einen dem Antrag zugrunde liegenden Ge- Man muß sich also folgendes klarmachen. Wenn
danken, der durchaus Sympathie verdient, nämlich man nicht will, daß eine Knappheitslage durch den
ausdrücklich das Prinzip eines •strafbefreienden Knappheitspreis reguliert wird, müßte man logi-
Rücktrittsrechts einzubauen, eines Rücktrittsrechts, scherweise zu der gesetzlichen Preisbildung über-
das man — ich rede jetzt einmal ins unreine — gehen. Man müßte den Preis durch Gesetz unter den
2230 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962
Dr. Böhm (Frankfurt)
Knappheitspreis ansetzen, dann aber auch — wie Aber es ist noch etwas anderes, was mich bewogen
man das bei der Zwangsbewirtschaftung getan hat hat, das Wort zu ergreifen. Sie haben so nett von
— Grundsätze für die Verteilung aufstellen, d. h. den „Knappheitsmieten" gesprochen. Herr Kollege,
auch in das Recht der freien Auswahl der Mieter ich wollte, es bliebe dabei! Leider sind 'aber die Mie-
eingreifen, um in irgendeiner Weise nach sozialen ten in den Fällen, die uns vorliegen, alles andere
Gesichtspunkten vorzugehen. Ich halte es einfach als Knappheitsmieten; sie sind nämlich reiner Wu-
für eine unseriöse Art der Gesetzgebung, keines cher. Und nun will ich das tun, was ich vorhin
von beiden zu tun. Man führt zwar den freien glaubte vermeiden zu können. Ich will Ihnen nur
Markt ein, verbietet aber den Knappheitspreis und einige wenige Beispiele nennen, die uns im Ministe-
tut überhaupt nichts, um die Verteilungsfrage zu rium vorgelegt worden sind und die uns, und zwar
regeln. nicht nur 'das Justizministerium, sondern überhaupt
(Beifall bei der SPD.) die Bundesregierung, bewogen haben, die Vorlage
dieses Gesetzesentwurfs einstimmig zu beschließen.
Was wird die Folge sein? Wer soll die Anzeige
erstatten? Die wird natürlich einer von denen er- Die Beispiele:
statten, die die Wohnung haben wollen. Das ist Ein Ehepaar zahlte für eine als Wohnraum unmö-
also eine Frage des reinen Zufalls. Kommt zunächst bliert vermietete Garage einen monatlichen Miet-
ein Mann mit viel Geld, wird er keine Anzeige preis von 100 DM.
erstatten, sondern zugreifen. Kommt zuerst ein
Mann, der zwar die Wohnung haben möchte, aber Für zwei primitiv möblierte Vorratsräume im so-
nicht viel Geld hat, wird er Anzeige erstatten. Er genannten Souterrain von insgesamt 13 qm, die mit
wird dadurch aber erreichen, daß er die Wohnung einem Aufwand von 900 DM baupolizeiwidrig als
ganz bestimmt nicht bekommt, eben weil er Anzeige Wohnräume ausgebaut worden waren, wurden 1957
erstattet hat. 100 DM monatlich an Miete verlangt.
(Heiterkeit.) Zwei unmöblierte, nicht heizbare Speicherräume
mit kleinen Dachfenstern und ohne Wasseranschluß,
Wenn er alber schlau und ruchlos ist, wird er auf die die in einem sechsstöckigen Haus zu behelfsmäßigen
Preisforderungen des Vermieters eingehen, eine Wohnräumen ausgebaut worden waren, kosteten, je
hohe Miete zahlen und dann anzeigen. Dann hat er 7 qm groß, 1959 je 70 DM an Miete im Monat.
nämlich den Mietvertrag abgeschlossen, und gekün- Der Pächter eines unbebauten Grundstücks errich-
digt kann nicht so leicht werden. Nach der jetzigen tete auf ihm Baupolizei- und vertragswidrig primi-
Fassung der Regierungsvorlage kann er dann errei- tive Baracken und baute alte Schuppen und Hühner-
chen, daß der Vermieter bestraft wird, und nach dem ställe zu Behelfsunterkünften aus. Die Klosettanla-
Vorschlag, den Herr Kollege Kanka hier begründet gen mußten von bis zu 15 Mietparteien benutzt wer-
hat, wird er erreichen, daß ein Abmahnverfahren den. Die Mietforderungen betrugen z. B. 1957 für
stattfindet. In diesem Abmahnverfahren wird der 35 qm Wohnfläche 100 DM sowie 1500 DM als ver-
Mietpreis dann wahrscheinlich heruntergesetzt wer- lorener Baukostenzuschuß,
den. Dann hat also doch der Zahlungskräftigste die (Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Wohnung weggeschnappt und sich nachher der Vor-
teile dieses Gesetzes bedient, indem er das Abmahn- für 18 qm 80 DM und 2500 DM Baukostenzuschuß,
verfahren in Ganggesetzt und eine Ermäßigung der für 29 qm bei Herrichtung der Unterkunft durch die
Miete erwirkt hat. Mietparteien 70 DM monatlich sowie 3100 DM Miet-
vorauszahlung.
Ich bin daher der Meinung, daß dieser ganze § 2
tatsächlich das Musterbeispiel einer gesetzgeberi- Ich frage mich, ob das Knappheitsmieten oder
schen Lösung ist, wie sie nicht sein sollte. Meine offensichtliche Wuchermieten sind, Herr Kollege
grundsätzlichen Bedenken sind so stark, daß ich das Böhm. Das ist es, worauf es uns ankommt.
Gesetz im ganzen ablehnen werde. (Beifall.)
Dann ist eben auch die Frage — um wieder auf
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der den Antrag zurückzukommen, den abzulehnen die
Herr Bundesjustizminister. Bundesregierung Sie bittet —: was soll in allen die-
sen Fällen geschehen, wo das Mietverhältnis bereits
so und so lange existiert, wo Zahlungen geleistet
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz: worden sind, verlorene Baukostenzuschüsse gege-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich ben worden sind usw.? Was soll hier abgemahnt
glaube, Herr Kollege Böhm, wir stehen wirtschafts- werden, wenn die Sache leider schon passiert ist?
politisch auf dem gleichen Boden. Auch ich wäre Aus diesem Grunde wollen wir Klarheit haben, und
froh, wenn wir das Wirtschaftsstrafrecht aufheben aus diesem Grunde bitten wir Sie, den Änderungs-
könnten. Leider ist aber die Situation s o, daß wir es antrag abzulehnen und den Ausschußbericht anzu-
uns zumindest augenblicklich noch nicht leisten kön- nehmen.
nen. Sehr viele Gesetze nehmen ausdrücklich auf die
Strafbestimmungen des Wirtschaftsstrafgesetzes Be- Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
zug. Auch einige Notstandsgesetze, die die Bundes- Abgeordnete Dr. Kanka.
regierung jetzt vorlegen wird, nehmen darauf Bezug.
Es wäre daher schon rein gesetzesökonomisch un- Dr. Kanka (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
zweckmäßig, das Gesetz jetzt aufzuheben. Damen und Herren! Wir können dem Herrn Bundes-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2231
Dr. Kanka
justizminister für den ersten Teil seiner zweiten der Gesetzgeber denen, die sich berufsmäßig mit
Ausführungen durchaus dankbar sein. Er hat uns Mieten und mit der Durchsetzung ihrer Standpunkte
Fälle eklatanten Mietwuchers vorgeführt, die klar über die Angemessenheit von Mieten befassen,
erkennen lassen, daß es richtig war, wenn die Re- nicht ohne weiteres entgegenbringen. Wir sollten
gierung i n ihrer Vorlage und wenn dann auch der vielmehr dafür sorgen, daß in solchen Fällen der
Wirtschaftsausschuß in den § 2 a Abs. 1 die Nr. 2 Betroffene, der vermietet, eine Abmahnung ins Haus
eingebaut haben. Damit wird klargestellt, daß auch geschickt bekommt, damit er sich besinnt und über-
gegen den Mietwucher mit aller Härte des Gesetzes legt, damit er selbst nachprüft, und daß nur dann
vorgegangen werden kann. Gegen ihn soll auch mit das Strafverfahren oder das Bußgeldverfahren in
aller Härte des Gesetzes vorgegangen werden. Die Gang gesetzt werden kann, wenn diese Abmahnung
Vorlage, , die ich hier vertrete, hat nichts damit zu nichts fruchtet. Das ist, wie mir scheint, bei diesem
tun, daß solchem Vorgehen auch nur der geringste sehr unsicheren Rechtsgebiet, das durch den etwas
Riegel vorgeschoben wird. Das wollen wir nicht. dehnbaren Begriff der Angemessenheit so unsicher
Auch wir sind der Meinung, daß der Mietwucher gemacht wird, ein durchaus sauberes und rechts-
ganz entschieden und nachhaltig bekämpft werden staatlich begrüßenswertes Verfahren.
muß. In Fällen so eklatanten Wuchers, wie sie von
dem Herrn Minister berichtet worden sind, ist eine Wenn mir nun von der Bürokratie das Argument
Abmahnung nicht vonnöten. Da wollen auch wir von serviert wird, daß die Abmahnung noch nicht in
einer Abmahnung nichts wissen. Das sagt der klare einem Gesetze stehe, so muß ich sagen: das stimmt
Wortlaut unserer Vorlage. gar nicht. Gerade im Mieterschutzgesetz haben wir
in § 2 die Vorschrift, daß abgemahnt werden muß.
Herrn Professor Böhm möchte ich sagen: was er Da liegt sie allerdings auf dem zivilrechtlichen Ge-
ausgeführt hat, richtet sich — das hat auch der Herr biet. Warum soll ich aber nicht im Verkehr zwischen
Justizminister schon klargestellt — nicht gegen den der Behörde und dem „Untertanen", dem Bürger,
Abs. 3, den wir dem § 2 a anfügen wollen, sondern
dem ein Verfahren droht, die Wohltat der Abmah-
es richtet sich gegen den Abs. 1 Nr. 2, und dafür
nung einbauen? Die Tatsache, daß etwas neu ist,
ist kein Änderungsantrag gestellt, so daß ich über
besagt doch nicht immer, daß es auch schlecht sei,
diese Dinge jetzt nicht zu sprechen brauche. Herr
und so müssen die Herren in den Ministerien auch
Professor Böhm wird seine Entscheidung bei der
einmal einen neuen Gedanken prüfend zur Kenntnis
Schlußabstimmung treffen können, indem er gegen
nehmen. Die Abmahnung ist also gerade auf dem
das Gesetz im ganzen stimmt.
Gebiet des Mietrechts etwas durchaus Legitimes.
Aber nun zu den ersten Ausführungen des Herrn
Bundesjustizministers, bei denen er uns eine Stel- Nun kommt man mir sogar mit dem Grundgesetz
lungnahme der Referenten in seinem Hause oder und sagt, daß die Vorschrift, wonach die Abmah-
in einem benachbarten Hause — im Hause des nung nicht selbständig angefochten werden kann,
Herrn Wohnungsbauministers — vorgelesen hat. gegen Art. 19 Abs. 4 des Grundgesetzes verstoße.
Ich kann nicht anerkennen, daß diese Stellungnahme Man soll das Grundgesetz sehr genau beachten und
dem sozialpolitischen und dem rechtspolitischen Be- soll sich sehr davor hüten, daß man mit einem
dürfnis, aus dem heraus wir den Antrag gestellt Gesetz vor das Bundesverfassungsgericht kommt.
haben, auch nur halbwegs gerecht wird. Diese Stel- Aber dieser Einwand ist hier völlig fehl am Platze.
lungnahme, die die Referenten ausgearbeitet haben, In der Strafprozeßordnung, um deren Änderung wir
liegt völlig neben der Sache. uns schon seit längerer Zeit bemühen, und auch in
der Zivilprozeßordnung gibt es eine ganze Anzahl
Es ist so: es soll der Mietwucher bestraft werden von Vorschriften, wonach gewisse Zwischenent-
können. Gegen ihn soll entweder das normale Straf- scheidungen nicht selbständig angefochten werden
verfahren nach der Strafprozeßordnung in Gang ge- können, sondern erst nachher, wenn es zur Haupt-
setzt werden können — nämlich dann, wenn der entscheidung über die Berufung oder über das
Mietwucher den Umfang einer Straftat hat —, oder Rechtsmittel der Revision kommt. Der Einwand, daß
es soll das Ordnungsstrafverfahren mit Bußgeld- gegen Art. 19 Abs. 4 des Grundgesetzes verstoßen
bescheid in Gang gesetzt werden können, wenn der werde, ist also völlig fehl am Platze.
Mietwucher jenen Umfang nicht hat. Das gilt ab-
solut und ohne daß vorher eine Ermächtigung der Um es noch einmal zu sagen: Wir wollen, daß
gegen überhöhte Mietpreise vorgegangen wird, und
obersten Landesbehörde eingeholt werden soll.
zwar nicht nur, wenn es sich dabei um eklatante
Hinsichtlich der krassen Fälle, von denen der Fälle offensichtlichen krassen Mietwuchers handelt,
Herr Minister gesprochen hat, sagt ja der letzte Satz sondern auch in den anderen Fällen. Wir sind aber
unseres Vorschlages, daß es auch da einer Abmah- der Meinung, daß zwischen diesen beiden Gruppen
nung nicht bedarf. Es gibt aber Fälle, die nicht so des eklatanten, ganz groben Mietwuchers und den
kraß liegen, bei denen die Frage besteht: ist die Fällen, die man nicht in diese Kategorie einreihen
Miete von 100 DM noch angemessen, müßte sie nicht muß, eine gerechte Unterscheidung zu treffen ist,
95 DM oder 90 DM betragen? Solche Fälle, in denen daß nur in den erstgenannten groben Fällen die
die Frage der Angemessenheit oder Unangemessen- Bürokratie gleich mit allen Mitteln des Bußgeldbe-
heit sehr schwer zu entscheiden ist, können nicht scheids oder, wenn der Fall schlimm genug liegt,
einfach damit aus dem Wege geräumt werden, daß auch der Abgabe ins Strafverfahren vorgehen soll.
man sagt: Naja, dann wird die Behörde von sich In den anderen Fällen aber soll die Abmahnung
aus die Strafverfolgung und das Ordnungsstrafver- vorangehen, damit die schwierige Entscheidung nicht
fahren gar nicht einleiten. Dieses Vertrauen sollte auf dem Rücken des Bürgers ausgetragen wird.
2232 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962
Dr. Kanka
Von der Ministerialbürokratie ist weiter noch ge- lichen Dinge streiten. Ich habe das Gefühl, daß wir,
rügt worden, daß neben den Begriff der Unangemes- wenn wir diesen Antrag annehmen, die Prakti-
senheit jetzt durch uns noch der Begriff einer gro- kabilität des Gesetzes und das, was wir damit wol-
ben Unangemessenheit, einer verstärkt schlimmen len, praktisch verhindern, und das sollten wir um
Unangemessenheit gesetzt werde. Das ist auch im des Sinnes des Gesetzes willen nicht tun.
Gesetz geschehen. Auch nach dem Gesetz, wie wir
es jetzt haben, muß bei unangemessenen Preisen
unterschieden werden zwischen den weniger schlim- Vizepräsident Schoettle: Frau Abgeordnete
men Fällen und den schlimmeren Fällen. Die weni- Berger-Heise hat das Wort.
ger schlimmen Fälle werden im Ordnungsstrafver-
fahren durch Bußgeldbescheid erledigt, und die
schlimmeren Fälle kommen in das ordentliche Straf- Frau Berger-Heise (SPD) : Meine Damen und
verfahren und werden dann mit Strafen erledigt. Herren, mein Kollege Wittrock hat vorhin schon
Wir fordern hier eine Unterscheidung, und diese vorgetragen, daß sich zwei Ausschüsse mit dieser
Unterscheidung muß gemacht werden, wenn wir Frage beschäftigt hätten. Es sind aber drei Aus
den Tatbeständen des Lebens gerecht werden wollen. schüsse gewesen, zusätzlich war auch noch der Aus-
Das ist doch die Aufgabe des Gesetzgebers. Wir sol- schuß für Raumordnung und Wohnungswesen be-
len doch die Dinge nicht alle über einen Kamm teiligt. Im Rahmen der fachlichen Auseinanderset-
scheren, sondern wir müssen sauber unterscheiden. zung ist dieser Ausschuß jetzt immerzu angespro-
Diese Unterscheidung ist durchaus angebracht, und chen worden. Ich möchte daher anregen, Herr
ich glaube deshalb, daß diese Vorlage es verdient Kanka, heute dieses Gesetz durchgehen zu lassen
hätte, daß sich die gesamte Ministerialbürokratie und dann eine Novelle einzubringen, mit der sich
für sie eingesetzt hätte. Daß sie es nicht getan hat, die zuständigen Ausschüsse noch einmal beschäf-
ist, glaube ich, kein schlechtes Zeugnis für die Vor- tigen können. Die Entscheidung in dieser Straf-
lage. rechtsangelegenheit, die Sie heute von uns verlan-
gen, würde so über den Daumen gepeilt sein, daß
man sich dazu einfach nicht entschließen kann.
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
Herr Bundesjustizminister. Als vorhin Herr Professor Böhm hier sprach,
mußte ich an die Verabschiedung des Lückeschen
Abbaugesetzes denken. Herr Professor Böhm, da
Dr. Stammberger, Bundesminister der Justiz: haben wie dieselben Bedenken gehabt, die Sie heute
Herr Kollege Kanka, ich darf Ihnen zunächst einmal haben, nur etwas früher, im Jahre 1960. Damals
sagen, daß ich nicht die Meinung von irgendwelchen
haben wir gesagt, wenn eine Mangellage besteht,
Referenten des Wohnungsbauministeriums vertrete, kann man nicht eine freie Marktwirtschaft auf dem
sondern meine höchstpersönliche Meinung.
Gebiet des Wohnungswesens einführen. Heute kom-
Ihr Antrag ist uns soeben erst auf den Tisch ge- men wir nun zu diesen Bedenken zurück. Wenn
legt worden. Vieles von dem, was Sie gesagt haben, der Herr Minister für Bau- und Wohnungswesen
ist bereits durch das, was ich eingangs gesagt habe, heute hier gewesen wäre, hätte er Ihnen wahrschein-
überholt. Das gilt zunächst einmal für die Frage der lich geantwortet, daß er dieses Stückchen Strafrecht
Abmahnung. Wie ich vorhin bereits gesagt habe,- dringend braucht, weil er davon überzeugt ist, daß
kennen wir sie natürlich im Zivilrecht, aber nicht wir in dem Zeitpunkt, zu dem für die ersten Woh-
im Strafrecht. Es gibt auch verfahrensrechtliche nungen die Mieten frei werden, nämlich am 1. Juli
Zwischenentscheidungen, die unanfechtbar sind. 1963, längst nicht einen ausgeglichenen Markt haben.
Aber hier handelt es sich eben nicht um eine ver- Darum versucht er, zu seinem bisherigen Abbauge-
fahrensrechtliche Zwischenentscheidung, sondern setz — das wir damals abgelehnt haben, das Sie aber
hier handelt es sich um eine verwaltungsrechtliche befürwortet haben — noch einige Komponenten zu
Voraussetzung einer Strafbarkeit, die, nachdem sie bekommen. Eine davon ist dieses Wirtschaftsstraf-
Voraussetzung geworden ist, nicht angefochten wer- recht. Ich glaube, ich spreche in seinem Sinn, wenn
den kann. Sie sagen — so ähnlich haben Sie sich ich sage, es ist dringend nötig, daß wir das heute
eben etwa ausgedrückt —, sie kann notfalls mit hier verabschieden. Darum, Herr Dr. Kanka, noch
dem Strafurteil angefochten werden, wenn ich ein- einmal: Bitte, bringen Sie das hinterher ein. Jetzt
mal so sagen darf. — Sie nicken. — Das allein ist hier darüber zu entscheiden zu wollen, ist einfach
schon rechtstechnisch unmöglich. Ich kann nicht mit eine Überforderung des Parlaments.
der Anfechtung eines Strafurteils auch einen Ver-
waltungsakt anfechten.
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
Dann habe ich in folgendem große Bedenken: Abgeordnete Dr. Güde.
Wenn Sie unterscheiden zwischen der groben Un-
angemessenheit, bei der eine Abmahnung nicht er-
forderlich ist, und der lediglich einfachen Unange- Dr. h. c. Güde (CDU/CSU) : Herr Präsident!
messenheit, wo nach ihrem Antrag eine Abmahnung Meine Damen und Herren! Ich will nur in ein paar
erforderlich ist, wird der Streit in erster Linie darum Sätzen noch sagen, daß ich den Antrag des Herrn
gehen, ob die Abmahnung nun notwendig war oder Kollegen Dr. Kanka für vernünftig halte. Sie täu-
ob sie nicht notwendig war; man wird von dem Ge- schen sich, wenn Sie meinen, daß mit dem Antrag
danken des wucherischen Mietzinses überhaupt ab- beabsichtigt sei, die Wirksamkeit des Gesetzes zu
gehen und sich lediglich um diese verfahrensrecht- vermindern.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2233
Dr. h. c. Güde
Ich glaube, wir sind mit Ihnen — und ich gerade irgendwie den Charakter eines Experiments hätte.
mit meiner Vorrednerin — darin einig, daß der Not- — Sie nicken zustimmend; ich betone das deshalb,
behelf eines Strafgesetzes ein sehr dürftiger Notbe- damit es nachher im Protokoll steht. Es ist ja wich-
helf ist. Wenn ich ein Wirtschaftsgebiet freigebe und tig, daß der sehr ehrenwerte Kollege Güde hier zu-
sage: „Jetzt könnt ihr machen, was ihr wollt", aber gestimmt hat. Aber nichts für ungut.
mit der anderen Hand drohe und sage: „Wenn ihr Meine Damen und Herren, ich möchte denen,
aber zuviel verlangt, dann strafe ich euch", so ist deren Herz an diesem Antrag hängt, folgendes
das ein gewisser Widerspruch. sagen. Sie denken an den kleinen Sünder. Ihm soll
Ich bitte alle, mir zu glauben, der ich ein alter ein Warnschuß vor den Bug gesetzt werden. Aber
Strafrichter und Staatsanwalt bin, daß die Wirkung der sogenannte kleine Sünder wird über die Wei-
eines Strafgesetzes gar nicht so ist, wie sich der Laie chenstellung da, wo der Begriff „Zuwiderhandlung"
das vorstellt. Ich habe noch mit der Mietwuchervor- aufgelöst wird in „Straftat" und „Ordnungswidrig-
schrift des § 49 a des Mieterschutzgesetzes als Rich- keit", in , den Bereich des Ordnungswidrigkeiten-
rechts rangiert. Da gilt — das wurde bereits betont
ter judiziert und kann dem Herrn Minister sagen,
— das Opportunitätsprinzip. Jetzt kommt das Wich-
daß das besser formulierte Recht dieses § 49 a ganz
tige, der Punkt, in dem man schon heute zu einer
erhebliche Schwierigkeiten in der Praxis geboten hat.
Lösung kommt. Es steht der Behörde völlig frei, nun
Wenn Sie bloß eine Strafvorschrift in den Raum eine Art Warnschuß abzugeben. Es wäre gut, wenn
stellen, wenden Sie eine verhältnismäßig geringe die Behörden, auch die übergeordneten Behörden,
Wirkung haben; denn Sie scheinen gewisse Fälle darauf hinwiesen. Wenn ein Warnschuß in diesen
zu korrigieren, aber es sind nur die krassesten Fälle. Fällen der kleinen Sünder abgegeben ist, dann wird
Und die Klarheit, von der der Herr Minister sprach, ihnen praktisch über die Bestimmung geholfen — es
werden Sie im Strafverfahren überhaupt nie haben. ist, glaube ich, § 7 des Ordnungswidrigkeitengeset-
Niemals werden Sie nach einem Strafverfahren wis- zes —, nach der das öffentliche Interesse verneint
sen, welches nun eigentlich die .angemessene Miete werden kann. So reduziert sich das Problem, was
ist, sondern Sie werden lediglich wissen, daß jemand die Lösungsmöglichkeiten anbelangt, im Grunde ge-
bestraft worden ist, weil er unangemessen viel ver- nommen auf den Nullpunkt. Es gibt also schon
langt hat. D a setzt nun der Antrag Kanka ein — heute eine Handhabe, da zu einem ordentlichen Er
etwas ungewöhnlich - indem er zu erreichen ver- gebnis zu gelangen. Wenn es sich jetzt darum han-
sucht, daß in einer großen Zahl der Fälle das ge- delt, hier irgend etwas ausdrücklich gesetzlich zu
schieht, 'was ein vernünftiger Staat sich vornehmen institutionalisieren, dann möchte ich darauf hinwei-
sollte, daß sie nämlich praktisch geregelt werden, sen, daß wir immer die Möglichkeit haben — ich
daß also, wenn bisher z. B. 120 DM verlangt wurden, habe das vorhin schon gesagt —, die Gesetzesintia-
der Vermieter unter dem Eindruck dieser Abmah- tive auszuüben, um in einem wirklich sorgfältigen
nung sagt: Dann gebe ich mich eben mit 80 zufrieden, Gesetzgebungsverfahren, so wie es sich bei einer
wenn ihr meint, 80 sei das Angemessene. Das ist un- strafrechtlichen Norm geziemt, gemeinsam eine Lö-
gewöhnlich. Aber das ganze Gesetz ist ein wenig sung zu erarbeiten.
ungewöhnlich und ein grobes Mittel. Meine Damen und Herren, wir sollten uns auch
um der Sicherstellung der Verabschiedung des Ge-
Ich habe keine Bedenken gegen die Verfassungs- setzes willen dazu entschließen, den Antrag des
mäßigkeit des Satzes, daß die Abmahnung nicht -
Kollegen Kanka abzulehnen.
selbständig angefochten werden könne. Im Grunde
handelt es sich um einen Akt sui generis und nicht
um einen eigentlichen Verwaltungsakt; es handelt Vizepräsident Schoettle: Weitere Wortmeldun-
sich um einen Akt, der in diesem Ordnungsstrafver- gen liegen nicht vor. Die Aussprache über diesen
fahren steht. Änderungsantrag ist geschlossen.
Der letzte Satz, der verschiedentlich beanstandet Wir kommen zur Abstimmung über den Ände-
worden ist, ist seinem Sinne nach vollkommen klar. rungsantrag Umdruck 163. Wer diesem Änderungs-
Was ohne jeden Zweifel strafwürdig ist, soll ohne antrag zustimmen will, den bitte ich um ein Hand-
Abmahnung bestraft werden, so daß nicht etwa die zeichen. — Danke. Ich bitte um die Gegenprobe. —
wirklich krassen Fälle von Strafe verschont bleiben. Ich muß durch Aufstehen abstimmen lassen. Ich
Der Sinn des Antrags Kanka ist überhaupt nicht, je- bitte diejenigen, die dein Antrag zustimmen wollen,
manden, der strafwürdig ist, zu verschonen, sondern sich zu erheben. — Danke. Ich bitte um die Gegen-
ist, eine breitere Wirkung im Sinne dessen zu erzie- probe. — Sowohl aus dem Geräusch wie aus der
len, was Sie sich selbst mit dem Gesetz vorgenom- Zahl schließe ich, daß das letzte die Mehrheit war;
men haben. Deswegen bitte ich, den Antrag anzu- der Antrag ist abgelehnt.
nehmen. Wir kommen zur Abstimmung über den Art. 1
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der des Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des
Abgeordnete Wittrock. Wirtschaftsstrafgesetzes in der vom Ausschuß fest-
gestellten Fassung. Wer diesem Art. 1 zustimmen
will, den bitte ich um ein Handzeichen. — Danke!
Wittrock (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Mit Respekt vor dem Blick auf die Uhr Die Gegenprobe! — Das erste war die Mehrheit;
eine ganz kurze Bemerkung! Herr Kollege Güde, Sie Art. 1 ist angenommen.
können nicht bestreiten, daß die beantragte Rege- Ich rufe auf Art. 2, — Art. 3, — Einleitung und
lung, sofern sie Inhalt des Gesetzes würde, doch Überschrift. — Wer den aufgerufenen Artikeln zu-
2234 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962
Vizepräsident Schoettle
stimmen will, den bitte ich um ein Handzeichen. — Berichterstatter ist Herr Abgeordneter Dr. Burg-
Danke! Die Gegenprobe! — Das erste war die Mehr- bacher. — Er verzichtet auf die Berichterstattung.
heit.
(Abg. Memmel: Nach Enthaltungen wird Ich eröffne die Aussprache. Wird das Wort ge-
nicht gefragt?) wünscht? — Das Wort wird nicht gewünscht. Die
Aussprache ist geschlossen.
— Wenn Sie sich durchaus enthalten wollen, Herr
Abgeordneter Memmel, — bitte! Weitere Enthal- Ich rufe auf §§ 1, — 2, — 3, —4, — 5, — 6, — 7,
tungen? — Offenbar nicht! Damit ist das Gesetz in 8, — 9, — 10, — 11, — 12, — 13, — 14, — Einleitung
zweiter Beratung verabschiedet. und Überschrift. — Wer den aufgerufenen Para-
graphen, der Einleitung und der Überschrift zu-
Wir kommen zur stimmen will, den bitte ich um ein Handzeichen. —
dritten Beratung. Danke! Die Gegenprobe! — Eine Gegenstimme! Die
Landschaft wäre sonst so eintönig, nicht wahr, Frau
Ich eröffne die Aussprache. Wird das Wort ge- Kollegin? — Das Gesetz ist damit in zweiter Be-
wünscht? — Das Wort wird nicht gewünscht. Die ratung verabschiedet.
Aussprache ist geschlossen.
Wir kommen zur Schlußabstimmung. Wer dem Wir kommen zur
Gesetz zur Änderung des Wirtschaftsstrafgesetzes
1954 zustimmen will, den bitte ich, sich zu erhe- dritten Beratung.
ben. — Danke! Ich bitte um die Gegenprobe. —
Ich eröffne die Aussprache. — Das Wort wird
Gegen sieben Stimmen ist das Gesetz in dritter
nicht gewünscht. Die Aussprache ist geschlossen.
Beratung verabschiedet.
Meine Damen und Herren! Ich bitte das Haus um Ich rufe das Gesetz im ganzen auf. Wer dem Ge-
Zustimmung, daß wir heute noch den Punkt 7 der setz im ganzen zustimmen will, den bitte ich, sich
Tagesordnung verabschieden. Er wird sicher nicht zu erheben. — Danke! Die Gegenprobe! Nun heißt
lange Zeit in Anspruch nehmen. Da ich es aber dem es konsequent sein, Frau Kollegin. — Gegen eine
Herrn Kollegen Burgbacher versprochen habe, Stimme ist das Gesetz in dritter Beratung verab-
möchte ich das noch erledigt haben. — schiedet. — Ja, Enthaltungen?

Ich rufe also auf Punkt 7 der Tagesordnung: (Abg. Memmel: Nein! — Heiterkeit.)
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- Damit sind wir am Schluß der heutigen Sitzung.
desregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes über das Zollkontingent für feste Ich berufe die nächste Sitzung auf Freitag, den
Brennstoffe 1963 und 1964 (Drucksache IV/ 7. Dezember 1962, vormittags 9 Uhr, ein.
732) ;
Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsausschus- Die Sitzung. ist geschlossen.
ses (16. Ausschuß) (Drucksache IV/783, zu
IV/783)
(Erste Beratung 48. Sitzung). (Schluß der Sitzung: 20.28 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 4. Wahlperiode - 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2235

Anlagen zum Stenographischen Bericht

Anlage 1 Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich


Liste der beurlaubten Abgeordneten b) Urlaubsanträge
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Frau Albertz 15. 12.
Dr. Aschoff 15. 12.
a) Beurlaubungen Bauknecht 15. 12.
Dr. Achenbach * 7. 12. Jacobi (Köln) 15. 12.
Altmaier * 7. 12. Jürgensen 15. 12.
Dr. Arndt (Berlin) 7. 12. Kahn-Ackermann 12.12.
Bauer (Würzburg) * 7. 12. Dr. h. c. Dr.-Ing. E. h. Möller 15. 12.
Bausch 7. 12. Müller (Berlin) 15. 12.
Berkhan * 7. 12. Stephan 15. 12.
Fürst von Bismarck * 7. 12. Dr. Wahl 15. 12.
Blachstein * 7. 12. Wittmer-Eigenbrodt 15. 12.
Dr. h. c. Brauer * 7. 12.
Nachtrag zur Anlage 1 des Sitzungsberichts der
Dr. Deist 7. 12.
47. Sitzung
van Delden 5. 12.
Dr. Dittrich 7. 12. Beurlaubungen
Erler * 7. 12. Kahn-Ackermann 9. 11.
Frau Dr. Flitz (Wilhelmshaven) * 7. 12.
Gerns * 7. 12.
Haage (München) 15. 12.
Anlage 2
Höfler * 7. 12.
Frau Dr. Hubert * 7. 12. Schriftliche Antwort
Jacobs * 7. 12.
Dr. Kliesing (Honnef) * 7. 12. des Herrn Staatssekretärs Dr. Claussen auf die Zu-
Kohlberger 5. 12. satzfragen zu der Mündlichen Anfrage des Abgeord-
Dr. Kopf * 7. 12. neten Bauer (Würzburg). (Fragestunde der 37. Sit-
Kühn (Köln) * 7. 12. zung vom 28. Juni 1962, Drucksache IV/510, Frage
Lenze (Attendorn) * 7. 12. VI/5) : *)
Lermer * 7. 12. Die von Ihnen gewünschten Zahlen liegen in den
Dr. Löbe 5. 12. amtlichen Statistiken nur zum Teil vor. Aus der
Margulies 7. 12. Kriegsopferversorgung stehen auf Grund der jähr-
Frau Dr. Maxsein * 7. 12. lichen Sondererhebung (vom Jahresende) Zahlen
Dr. Meyer (Frankfurt) * 7. 12. derjenigen Empfänger einer Kriegsopferrente zur
Müller (Worms) 5. 12. Verfügung, die außer dieser Rente noch aus einem
Paul * 7. 12. oder mehreren Zweigen der Rentenversicherung
Rademacher 15. 12. Renten beziehen. Diese Zahlen nach dem Stand vom
Ramms 7. 12. 31. 12. .1961 sind in der beiliegenden Aufstellung
Frau Dr. Rehling * 7. 12. enthalten.
Frau Renger * 7. 12. Über die Zahl der Rentner, die aus den Zweigen
Ruland 7. 12. der Rentenversicherung mehrere Renten nebenein-
Dr. Schmid (Frankfurt) 9. 12. ander beziehen, sind aus den Statistiken dieser Ver-
Seidl (München) * 7. 12. sicherungszweige keine Angaben zu entnehmen. Im
Dr. Serres * 7. 12. Jahre 1953 wurden zwar in einer besonderen Er-
Dr. Süsterhenn * 7. 12. hebung bei den Rentenversicherungsträgern
Verhoeven 7. 12. (L'Enquête) die Mehrfachbezieher von Renten er-
Frau Vietje 8. 12. mittelt. Durch das Inkrafttreten der Rentenversiche-
Wienand * 7. 12. rungs-Neuregelungsgesetze im Jahr 1957 sind diese
Dr. Zimmer * 7. 12. Zahlen jedoch überholt.

* Für die Teilnahme an einer Tagung der Ver-


sammlung der Westeuropäischen Union. *) Siehe 37. Sitzung Seite 1572 C
2236 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

Empfänger einer Kriegsopferrente, die außerdem die Löhne und Vergütungen zu erhöhen, schloß die I
Renten aus den Rentenversicherungen erhalten Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände
am 31. 12. 1961 am 12. Mai 1962 allein Tarifverträge ab, durch die
für den kommunalen Bereich die Ecklöhne der Ar-
darunter beiter und die Grundvergütungen der Angestellten
Rentner um 6 v. H. erhöht wurden. Bei den späteren Ver-
Personenkreis Doppel
insgesamt rentner handlungen des Bundes und der Länder hätte ich
gerne anstelle dieser linearen Erhöhungen familien-
gerechtere Maßnahmen durchgeführt. Auf Grund
1. Schwerbeschädigte r ) der Besprechungen und Verhandlungen ist der Ein-
mit Grundrente druck entstanden, daß den Gewerkschaften die Ver-
allein 471 470 80 392 2) einbarung einer familiengerechten Lösung bei dieser
mit Grundrente und Tarifbewegung nicht mehr möglich war. Aus diesem
Ausgleichsrente 189 753 75 683 Grunde haben der Bund und die Tarifgemeinschaft
deutscher Länder am 7. Juni 1962 sich den Tarif-
2. Witwen
verträgen der Vereinigung der kommunalen Arbeit-
mit Grundrente
640 926 380 113 2) geberverbände mit der Maßgabe angeschlossen,
allein
daß die vereinbarten Erhöhungen am 1. Juli 1962
mit Grundrente und wirksam wurden.
Ausgleichsrente 536 945 385 331
3. Waisen
mit Grundrente
allein 212 808 137 080 2)
mit Grundrente und Anlage 4
Ausgleichsrente 97 428 57 515
4. Eltern (Kopfzahl) 239 473 105 730 3) Schriftliche Antwort
des Herrn Staatssekretärs Dr. Hölzl auf die Münd-
Zusammen 2 388 803 1 221 844 2) liche Anfrage des Abgeordneten Felder (Frage-
stunde der 47. Sitzung vom 9. November 1962,
Drucksache IV/709, Frage I) :
1) Zahlen über Doppelrentner liegen nur für die Schwer- Ist der Herr Bundesminister bereit, die Innenminister der
beschädigten mit einer Minderung der Erwerbsfähig Länder oder die Kultusminister um Nachforschungen zu bitten, in
keit (MdE) von 50 vH und mehr vor; für die Beschä- welcher Zahl das Buch Der erzwungene Krieg" des amerika-
nischen Historikers David Hoggan an Schuldirektoren mit der
digten mit einer MdE von 30 und 40 vH sind diese Aufforderung übersandt wurde, es im Geschichtsunterricht zu
Angaben nicht bekannt. verwenden?

2) Die Zahlen sind unvollständig, da einzelne Länder Ich bin bereit, die Herren Kultusminister der Län-
keine oder nur teilweise Angaben gemacht haben. der um Nachforschungen zu bitten, in welcher Zahl
das Buch „Der erzwungene Krieg" des amerikani-
3) Bei den Elternpaarrenten ist hier nicht die Kopfzahl,
sondern nur die Fallzahl eingesetzt worden. schen Historikers David Hoggan den Direktoren von
- Schulen mit der Aufforderung übersandt wurde, es
im Geschichtsunterricht zu verwenden.
Über das Ergebnis meiner Bemühungen werde ich
Sie unterrichten.
Anlage 3
Schriftliche Antwort
des Herrn Bundesministers Höcherl auf die Münd-
liche Anfrage des Abgeordneten Gscheidle (Frage- Anlage 5
stunde der 47. Sitzung vom 9. November 1962,
Drucksache IV/698, Frage I) : Schriftliche Antwort
Auf welche Tatsachen hat sich der Bundespressechef, Staats-
sekretär von Hase, bei der Bundespressekonferenz am 4. Okto- des Herrn Staatssekretärs Dr. Westrick auf die
ber 1962 bezogen, als er laut Zeitungsberichten davon sprach,
daß eine familiengerechte Lohnregelung für die 850 000 Arbeiter
Mündlichen Anfragen des Abgeordneten Dr. Dörinkel
im Bundesdienst trotz der ablehnenden Haltung der Gewerk- (Fragestunde der 48. Sitzung vom 14. November
schaften von der Bundesregierung weiter betrieben werde?
1962, Drucksache IV/72 , Fragen VII/1 und VII/2) :
Wie Ihnen bekannt, hatten die Arbeitgeber des Ist der Bundesregierung das im Auftrag der EWG-Kommission
öffentlichen Dienstes (Bund, Tarifgemeinschaft deut- ausgearbeitete Gutachten der Professoren Wessels, Pernis und
Mortara bekannt, nach welchem die Stromtarife für industrielle
scher Länder, Vereinigung der kommunalen Arbeit- Verbraucher in der Bundesrepublik erheblich über denen in den
geberverbände) im Frühjahr dieses Jahres auf anderen EWG-Mitgliedstaaten liegen?

Grund der zum 31. März 1962 ausgesprochenen Kün- Der Bundesregierung ist bekannt, daß im Auftrag
digungen der Lohn- und Vergütungstarifverträge der Kommission der Europäischen Wirtschafts-
Verhandlungen mit der Gewerkschaft Öffentliche gemeinschaft eine Gruppe von Wissenschaftlern, der
Dienste, Transport und Verkehr und der Deutschen auch der Direktor des Energiewirtschaftlichen Insti-
Angestellten-Gewerkschaft gemeinsam aufgenom- tuts an der Universität Köln, Herr Professor Dr.
men. Da der Bund und die Tarifgemeinschaft deut- Wessels, angehört, ein Gutachten über die Elektrizi-
scher Länder sich zunächst nicht in der Lage sahen, tätspreise in den 6 Mitgliedstaaten der Europäischen
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962 2237

Wirtschaftsgemeinschaft erstellt hat. Das Gutachten lichen Straßen bestehenden Enteignungsgesetze der
ist der Bundesregierung bisher allerdings noch nicht Länder, da es noch kein einheitliches Bundesenteig-
zugeleitet worden. nungsgesetz gibt. Da nach den Landesgesetzen in
Ist die Bundesregierung bereit, den in Frage VII/1 dargelegten der Regel keine Entschädigung in Land möglich ist,
Sachverhalt zu überprüfen, insbesondere im Hinblick darauf, daß hatte die Bundesregierung in ihrem Entwurf eines
die Elektrizitätsversorgungsunternehmen in der Bundesrepublik
eine durch Konzessionsverträge und Demarkationsabsprachen Gesetzes zur Änderung des Bundesfernstraßengeset-
gestützte Monopolstellung haben?
zes, der in der dritten Wahlperiode diesem Hohen
Die Bundesregierung wird den in dem Gutachten Haus vorgelegt worden war, vorgesehen, die Vor-
dargelegten Sachverhalt überprüfen, wenn ihr das schriften des Landbeschaffungsgesetzes sinngemäß
Gutachten vorliegt. Unabhängig von dem EWG- anzuwenden, da nach diesem Gesetz eine Entschä-
Strompreisvergleich sind im übrigen im Bundes- digung in Land gewährt werden kann. Der Bundes
ministerium für Wirtschaft Überlegungen über eine rat hatte seinerzeit den Vermittlungsausschuß ange-
Reform des Rechts der Demarkationsabsprachen und rufen, weil durch die von der Bundesregierung vor-
der Konzessionsverträge im Gange. gesehene Regelung jeweils drei Enteignungsgesetze
für Straßenbaumaßnahmen im Landesbereich gelten
Anlage 6 würden, nämlich dsa Landbeschaffungsgesetz für die
Bundesfernstraßen, das Bundesbaugesetz für Stra-
Schriftliche Antwort ßen in Ortsdurchfahrten und die Landesenteignungs-
des Herrn Bundesministers Dr.-Ing. Seebohm auf die gesetze für Landstraßen und Kreisstraßen. Deshalb
Mündliche Anfrage des Abgeordneten Gewandt wurden auf Vorschlag des Vermittlungsausschusses
(Fragestunde der 49. Sitzung vom 16. November durch § 19 Abs. 5 des Bundesfernstraßengesetzes die
1962, Drucksache IV/728, Frage II/1): für öffentliche Straßen geltenden Enteignungsgesetze
Ist der Bund durch seinen Beitritt zum Internationalen Schiffs-
der Länder auch für die Bundesfernstraßen für an-
sicherheitsvertrag verpflichtet, die Unterrichtung der Seeleute wendbar erklärt. Unabhängig davon bemühen sich
in allen Fragen der Schiffssicherheit sicherzustellen? die Straßenbauverwaltungen im Rahmen des Mög-
Nach Kap. V, Regel 13 des Schiffssicherheitsver- li chen — besonders in Härtefällen —, Landverluste
trages 1948 ist die Bundesrepublik wie jeder Ver- durch Bereitstellung von Ersatzland auszugleichen.
tragsstaat verpflichtet, für die Schiffahrt Maßnahmen Vielfach wird auch das für den Straßenbau benö-
zu treffen, „die gewährleisten, daß alle Schiffe auf tigte Gelände im Rahmen von Flurbereinigungsver-
See ausreichend und sachgemäß besetzt sind". fahren nach dem Flurbereinigungsgesetz bereit-
Die Empfehlung 16 dieses Vertrages unterstreicht, gestellt, um so den Landverlust auf eine größere
daß hierzu auch Maßnahmen „zur Sicherstellung Zahl von Grudstückseigentümern zu verteilen. Dies
einer hinsichtlich der Schiffssicherheit ausreichenden geschieht besonders beim Bau von neuen Straßen.
und fachlich tüchtigen Bemannung" gehören. Schwierigkeiten treten oft bei der Bemessung der
Die ordnungsgemäße Ausbildung in allen Fragen Höhe der Entschädigung auf, weil die betroffenen
der Schiffssicherheit ist durch Rechtsvorschriften desGrundstückseigentümer — insbesondere, wenn sie
Bundes, nämlich die Schiffsbesetzungsordnung und Gebäude verlieren — verlangen, durch die Entschä-
die sog. Eignungsverordnung, sichergestellt. digung so gestellt zu werden, daß sie ein Ersatz-
bauvorhaben durchführen können. Diese Schwierig-
Die seemännischen Fachschulen (Seefahrt und keiten würden aber auch bei Anwendung der Ent-
Schiffsingenieurschulen) sind nach § 5 des Gesetzes - schädigungsbestimmungen des Landbeschaffungs-
über die Aufgaben des Bundes auf dem Gebiet der gesetzes bestehen und dürften auch durch ein künf-
Seeschiffahrt von 1950 Einrichtungen der Länder. Sie tiges Bundesenteignungsgesetz nicht behoben wer-
werden daher von den Ländern betrieben und unter- den, denn es ist ein allgemeiner Grundsatz des Ent-
halten. Die Seemannsschulen sind durch die Eig- schädigungsrechts, daß nur der Substanzverlust aus-
nungsverordnung seit 1958 vorgeschrieben und von
geglichen werden kann. Insoweit bestehen keine
den Ländern mit Zuschüssen des Bundes eingerichtet
Unterschiede zwischen den Enteignungsgesetzen der
worden. Die Unterhaltungs- und Betriebskosten wer-
Länder und den neueren bundesgesetzlichen Ent-
den von Bund, Ländern und Reedern getragen.
schadigungsregelungen im Landbeschaffungsgesetz
und im Bundesbaugesetz.
Anlage 7 Wollte man eine höhere Entschädigung gewähren,
so müßten allgemein und nicht nur für den Straßen-
Schriftliche Antwort
bau die Grundsätze des Entschädigungsrechts vom
des Herrn Bundesministers Dr.-Ing. Seebohm auf die Gesetzgeber geändert werden.
Mündliche Anfrage des Abgeordneten Lemmrich
(Fragestunde der 49. Sitzung vom 16. November Die noch bestehende Finanzierungslücke bei Er-
1962, Drucksache IV/728, Frage 11/2): satzbauvorhaben der Betroffenen kann durch Dar-
lehen gemildert werden, wofür das Hohe Haus Mit-
Reichen die gesetzlichen Grundlagen des Bundes und der
Länder aus, um den für den Straßenbau erforderlichen Grund- tel im Straßenbauhaushalt bewilligt hat. Während
erwerb rechtzeitig durchführen zu können? für Ersatzwohnraum die Darlehen zu günstigen Be-
Die von Ihnen gestellte Frage kann grundsätz- dingungen gegeben wenden können, bestehen bei
lich mit J a beantwortet werden. Bei der Durchfüh- der Gewährung von Darlehen an Gewerbebetriebe
rung des Grunderwerbs für den Bau von Bundes- und an landwirtschaftliche Betriebe noch Schwierig-
fernstraßen sind die Entschädigungsgrundsätze des keiten, weil von den Darlehensnehmern nach den
Enteignungsrechts zu beachten. Nach § 19 Abs. 5 des hierfür geltenden Richtlinien marktübliche Zinsen
Bundesfernstraßengesetzes gelten die für die öffent- gezahlt werden müssen. Hierwegen finden noch Ver-
2238 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 5. Dezember 1962

handlungen mit dem Herrn Bundesminister der Fi- wird dieses Hohe Haus bei den Haushaltsberatun-
nanzen statt. gen zu treffen haben.
Wesentlich für die rechtzeitige Durchführung des Es darf ferner noch bemerkt werden, daß ein Teil
Grunderwerbs ist vor allem, daß die Länder, die im der Planungen für den 2. Vierjahresplan, soweit es
Rahmen der Auftragsverwaltung für die Bundes- sich um Fortsetzungsmaßnahmen handelt, schon im
fernstraßen den Grunderwerb zu tätigen haben, Zeitraum des 1. Vierjahresplanes mit erledigt wurde.
hierfür in ausreichendem Maße Bedienstete ein- Für die im 2. Vierjahresplan neu zu beginnenden
setzen. In mehreren Ländern geschieht dies bereits; Bauvorhaben müssen teilweise schon 1962 Planun-
bei anderen Ländern habe ich Personalverstärkun- gen vorbereitet werden. Auch müssen während des
gen angeregt. 2. Vierjahresplanes bereits Baumaßnahmen für den
3. Vierjahresplan geplant werden, damit im Bau-
geschehen keine Stockungen eintreten.
Anlage 8 Im ganzen kann unter Berücksichtigung der schon
Schriftliche Antwort jetzt bestehenden Vorratsplanung festgestellt wer-
den, daß das Planungsvolumen im Bereich des
des Herrn Bundesministers Dr.-Ing. Seebohm auf die
Bundesfernstraßenbaus dem zu erwartenden Bau-
Mündliche Anfrage des Abgeordneten Lemmrich
volumen im allgemeinen Rechnung tragen wird.
(Fragestunde der 49. Sitzung vom 16. November
1962, Drucksache IV/728, Frage II/3) :
Sind die Straßenbaubehörden des Bundes und der Länder in
der Lage, die auf Grund des 2. Vierjahresplanes für den Aus- Anlage 9 Umdruck 162
bau der Bundesfernstraßen erforderlichen Planungsarbeiten recht-
zeitig durchzuführen? Änderungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU,
Die Frage kann grundsätzlich mit J a beantwortet SPD, FDP zur zweiten Beratung des Entwurfs eines
werden. Gesetzes über die Gewährung einer einmaligen
Überbrückungszulage an Kriegsopfer für das
Bei der Aufstellung des 2. Vierjahresplanes haben
Jahr 1962 (Drucksachen IV/54, IV/745 [neu]).
die Vertreter der Straßenbauverwaltungen der Län-
der zugesichert, daß sie bemüht sein werden, das für Der Bundestag wolle beschließen:
die Bewältigung der Planungsarbeiten erforderliche In § 2 wird folgender Absatz 1 eingefügt:
Personal zur Verfügung zu halten und — soweit „(1) Die Überbrückungszulage darf nicht über-
erforderlich — zusätzlich Ingenieurbüros einzu- tragen, verpfändet oder gepfändet werden."
schalten.
Der bisherige Wortlaut des § 2 wird Absatz 2.
Wollte man genaue Feststellungen darüber tref-
fen, ob die Länder für die Planungsarbeiten aus- Bonn, den 5. Dezember 1962
reichend mit Personal ausgestattet sind, so müßte Arndgen und Fraktion
man durch eingehende Erhebungen außer der An- OlenhaurdFktio
zahl des Personals jeweils den Umfang des Bundes- Dr. Bucher und Fraktion
fernstraßennetzes in den einzelnen Ländern, die
unterschiedliche Struktur der Länder und die Eigen-
arten ihrer Verwaltungsorganisation berücksichti- Anlage 10 Umdruck 163
gen. Nach dem Grundgesetz ist die Einrichtung der Änderungsantrag der Abgeordneten Biechele,
Behörden und damit auch ihrer Personalausstattung Dr. Czaja, Dr. h. c. Güde, Dr. Hesberg, Dr. Kanka,
in der Auftragsverwaltung eine Angelegenheit der Frau Dr. Kuchtner, Mick, Dr. Weber (Koblenz) zur
Länder. Der Bund kann die Länder nur auf auf- zweiten Beratung des von der Bundesregierung ein-
tretende Mängel hinweisen und Empfehlungen gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung
geben. des Wirtschaftsstrafgesetzes 1954 (Drucksachen
Einige Länder sind nach den Erfahrungen unseres IV/573, IV/781).
Hauses mit Personal gut ausgestattet. Es kann bei
ihnen ohne weiteres erwartet werden, daß sie die Der Bundestag wolle beschließen:
Planungen für den 2. Vierjahresplan ohne besondere In Artikel 1 Nr. 2 wird dem § 2 a folgender Ab-
Schwierigkeiten durchführen werden. Bei einigen satz 3 angefügt:
wenigen Ländern — Sie werden verstehen, daß ich „(3) In den Fällen des Absatzes 1 Nr. 2 wird
besser keine Namen nenne — sind die Verhältnisse die Tat nur verfolgt, wenn der Täter vorher durch
noch nicht voll befriedigend. Aber auch diese haben eine nach Landesrecht zuständige Behörde abge-
zugesichert, daß sie die auf sie zukommenden Auf- mahnt worden ist und der Abmahnung nicht binnen
gaben bewältigen werden, und dies kann nach der einer ihm zu setzenden Frist von mindestens 2 Wo-
Entwicklung im Lauf des Jahres und der Länder- chen Folge geleistet hat. Die Abmahnung kann nicht
haushalte auch angenommen werden. selbständig angefochten werden. Einer Abmahnung
Im Bundesverkehrsministerium selbst ist es die bedarf es nicht, wenn die Verhängung einer Geld-
Abteilung Straßenbau, die die sich aus dem 2. Vier- buße oder einer Strafe wegen der besonders groben
jahresplan ergebenden Mehrarbeiten bewältigen Unangemessenheit des Entgelts geboten ist."
muß. Das Personal der Abteilung muß natürlich dem
wachsenden Bauvolumen entsprechend verstärkt Bonn, den 5. Dezember 1962
werden, worum die Abteilung auch bereits nachge- Biechele Dr. Kanka
sucht hat. Die Verhandlungen mit dem Bundesmini- Dr. Czaja Frau Dr. Kuchtner
ster der Finanzen auf Stellenvermehrung sind noch Dr. h. c. Güde Mick
nicht abgeschlossen. Die endgültige Entscheidung Dr. Hesberg Dr. Weber (Koblenz)

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