Grundwissen Fahrwerkkunde
Der Bremskraftverstärker
Um bestimmte, einbauabhängige
Die Einführung der Scheiben- Membrandurchmesser nicht zu
bremse offenbarte einen wesentli- überschreiten, werden Doppel-
chen Nachteil gegenüber Trom- membrangeräte eingebaut
melbremsen: die fehlende Selbst- (Bild 2).
verstärkung. Gleichzeitig stiegen Über den Vakuumanschluss 18
die Fahrzeuggewichte und Fahr- gelangt der Unterdruck zur
leistungen. Wegen fehlender Kammer A, über Kanäle im Ven-
Selbstverstärkung musste deshalb tilgehäuse 8 zur Rückseite der
für eine wirksame Abbremsung die Membran in die Kammer B. Die
Eingangskraft des Tandemhaupt- Membran bleibt in ihrer Ausgangs-
zylinders um das Drei bis Fünffa- stellung, gedrückt durch die Feder
che erhöht werden. Zwei Systeme 1. Betätigt der Fahrer das
kommen zur Anwendung: Bremspedal, schließt das Steuer-
► Vakuum-Bremskraftverstärker; ventil 12 die Verbindung zwischen
► hydraulischer Bremskraftver- Kammer A und B, in Kammer B
stärker. herrscht geminderter Saugrohr-
Druckverhältnisse Druckverhältnisse: a → pamb = 1 bar, b → Unterdruck von 0,8 bar, druck. Die Fußkraft des Fahrers
Zur Erläuterung der Funktions- c → pabs = 2,5 bar, d → pe = 1,5 bar wirkt - unterstützt durch die
weise eines Verstärkers einige geringe Kraft der Membran - über
Bild 1: Druckverhältnisse die Betätigungsstange 13, den
Hinweise. Absolutes Vakuum be-
deutet, dass der Druck pabs gleich Fühlkolben 11, die Reaktions-
Null ist. Da es keinen Druck un- scheibe 9 auf den Reaktions-
terhalb Null gibt, gibt es auch kolben 2, von dort auf den Kolben
keine negativen Drücke. Der des Hauptbremszylinders.
Druck der Atmosphäre pamb liegt - Erhöht der Fahrer kontinuierlich
je nach Wetterlage - bei ungefähr die Pedalkraft bis zu Vollbrems-
1 bar. Der Saugdruck (Unterdruck) stellung, löst sich der Fühlkolben
liegt innerhalb dieser beiden vom Steuerventil, Atmosphären-
Drücke, somit zwischen 0 und 1 druck gelangt in die Kammer B
(Bild 1). Der Überdruck pe liegt und ermöglicht die maximale Un-
oberhalb des Atmosphärendrucks, terstützung der Bremskraft. In der
so dass pabs = pamb + pe ist. Lösestellung schließt der Fühl-
Ein Ottomotor erzeugt bei hoher kolben 11 die Verbindung der
Motordrehzahl und geschlossener Kammer B zur Außenluft, das
Drosselklappe (Schubphase) Steuerventil 12 gibt den Bypass
einen Saugdruck von ungefähr 0,8 zur Kammer A frei und die Feder
bar. Das Übersetzungsverhältnis drückt die Membran in ihre Aus-
eines Bremskraftverstärkers mit gangslage. Die Bremse ist gelöst.
einem Membrandurchmesser von Weil in den Motorräumen der
8 inch (203,2 mm) beträgt 3,4. Kraftfahrzeuge immer weniger
Durch Einbau einer zweiten Mem- Platz zur Verfügung steht, und
brane kann das Verhältnis auf 5,6 weil immer leichtere Bauteile ge-
angehoben werden. fordert werden, entstand das Kom-
paktbremsgerät in Leichtbau-
weise. Es ist gegenüber seinen
■ Vakuum-Bremskraft- Vorgängergeräten sowohl in der
verstärker Baulänge als auch im Gewicht
deutlich reduziert worden (Bild 3).
Der Vakuum-Bremskraftverstärker
besteht aus:
► Außengehäuse, Pneumatisch elektronischer
Bild 2: Bremskraftverstärker.
► Membran, Bremsassistent
1 Feder, 2 Reaktionskolben, 3 Dichtbalg, 4 Gehäuseboden,
► Reaktionskolben, 5 Membranteller, 6 Gehäusedeckel, 7 Membran, 8 Ventilgehäuse, Untersuchungen von Mercedes im
► Steuerventil, 9 Reaktionsscheibe, 10 Zugbolzen, 11 Fühlkolben, 12 Steuerventil, Fahrsimulator haben ergeben,
► Betätigungsstange. 13 Betätigungsstange, 14 Luftfilter, 15 Zugbolzen, 16 Riegel, dass über 90 Prozent der Teil-
17 Fühlscheibe, 18 Vakuumanschluss.
nehmer des Fahrversuchs zwei ty- geschwindigkeit des Fahrzeugs
pische Fehler machten: Entweder der eines vorausfahrenden Ver-
traten sie während des gesamten kehrsteilnehmers an. Dazu ist hin-
Bremsmanövers viel zu schwach ter einer Kunststoffabdeckung im
aufs Pedal oder sie bremsten Stoßfänger ein Distanzgeber ein-
anfangs zu zögerlich und ver- gebaut, der mithilfe elektromagne-
stärkten den Pedaldruck erst all- tischer Wellen, ähnlich einer
mählich bei einem plötzlich auftre- Radar - Geschwindigkeitsmessan-
tenden Hindernis. Durch dieses lage, die Fahrgeschwindigkeit des
Verhalten wurde wertvoller Brems- vorausfahrenden Fahrzeugs misst.
weg verschenkt. Die Lösung der Befindet sich kein Fahrzeug im
Mercedes-Ingenieure führte zu Sichtfeld der Messanlage, wird die
einem Bauteil, das die erforderli- vom Fahrer eingestellte Ge-
che Bremsung im Notfall automa- schwindigkeit gehalten. Schert ein
tisch herbeiführen kann, dem ak- langsamer fahrendes Fahrzeug
tiven Bremskraftverstärker. ein, wird die Geschwindigkeit des
Der aktive Bremskraftverstärker eigenen Fahrzeugs durch Ak-
ist als pneumatisch elektronisch tivieren der Bremse entsprechend
arbeitender Bremsassistent angepasst.
(PBA) ausgeführt und unterstützt Im Ventilgehäuse des Brems-
den Fahrer in Notbremssitua- kraftverstärkers befinden sich ein
tionen. Viele Fahrer reagieren in federbelasteter Proportionalma-
einer Paniksituation richtig, sie be- gnet, ein Löseschalter und eine Bild 3: Kompakt-Bremskraftverstärker in Leichtbauweise.
tätigen das Bremspedal, scheuen Tellerdichtung. Die Kanten des 1 Schutzkappe, 2 Luftfilter, 3 Dichtring zwischen Tandemhauptzy-
allerdings eine Vollbremsung. Die Ventilgehäuses und des Magnet- linder und Bremsgerät.
schnelle Betätigung des Bremspe-
dals und die proportional dazu
verlaufende Bewegung der Mem-
brane wird vom Wegsensor er-
kannt und dem Steuergerät ge-
meldet. Der Rechner greift ein,
legt Spannung an ein Magnet-
ventil, das statt des mechanischen
Steuerventils eingebaut ist. Das
Magnetventil öffnet die Ver-
bindung zwischen Membran und
Außenluft, so dass die maximale
Bremskraft fahrerunterstützend
aufgebaut wird. Löst der Fahrer
das Bremspedal, schaltet der
Rechner das Magnetventil strom-
los, die Verbindung wird unterbro-
chen.
Der zur Notbremssituation her-
angezogene Grenzwert hängt ab
von:
► der momentanen Fahrge-
schwindigkeit,
► der Stellung der Membrane,
► der Membranfläche und
► vom Zustand der Bremsanlage.
Der Bremsassistent wird
allerdings nur in Verbindung mit Bild 4: Pneumatisch elektronischer Bremskraftverstärker mit Doppelmembrane
dem Antiblockiersystem angebo-
ten. ankers liegen in Ruhestellung auf tung ab. Durch den Spalt strömt stimmt die Position der Mem-
Im Phaeton von VW ist der der Tellerdichtung und fungieren Atmosphärendruck in die Arbeits- brane, damit auch die Dauerbrem-
pneumatisch elektronische Brems- als Auslassventil (Ventilgehäuse- kammer der Membrane. Das Fahr- sung.
kraftverstärker (PBA) in die Ge- kante) oder Einlassventil (Magnet- zeug wird mit ungefähr 30 % der Zum Druckabbau schaltet das
schwindigkeitsregelanlage GRA ankerkante). maximalen Kraft gebremst. Steuergerät die Spule stromlos.
und die automatische Distanz- Zum Druckaufbau wird der Pro- Zum Druckhalten wird der Die Feder drückt den Anker gegen
regelung ADR integriert (Bild 4). portionalmagnet vom Steuergerät Strom in der Spule verringert, das die Tellerdichtung, so dass diese
Dabei ist die ADR eine Erweite- bestromt (Bild 5). Der Anker wird Einlassventil geschlossen. Das vom Ventilgehäuse abhebt und
rung der Geschwindigkeits- gegen die Federwirkung angezo- Teilvakuum in der Arbeitskammer das Teilvakuum der Arbeitskam-
regelanlage und passt die Eigen- gen und hebt von der Tellerdich- des Bremskraftverstärkers be- mer vom Motor beziehungsweise
Hydraulisch elektronischer
Bremsassistent
Der hydraulische Bremsassistent
(PBC1) von Bosch nutzt die vor-
handene ASR/ESP-Rückförder-
pumpe zum Aufbau des Brems-
drucks. Als Sensoren benötigt er:
► Raddrehzahlfühler,
► Bremslichtschalter,
► Hauptbremszylinderdrucksen-
sor.
Aus den Signalen der vier
Raddrehzahlfühler errechnet das
Steuergerät die momentane Fahr-
Bild 5: So arbeitet der ADR-Bremskraftverstärker. zeuggeschwindigkeit und die
Bremsverzögerung. Der Brems-
1 Druckaufbau,
lichtschalter dient der Sicherheit
2 Druckhalten, der Sperrhülse mit Kugeln) und
3 Druckabbau. und als redundantes Signal für den
kraftabhängig (Reaktionsschei-
Drucksensor. Durch das Signal des
be). Betätigt der Fahrer das
Hauptbremszylinderdrucksensors
Bremspedal mit einer bestimmten
erkennt das Steuergerät den
Geschwindigkeit oder Kraft, ver-
Fahrerwunsch, somit eine eventuell
schiebt der Ventilkolben die
vorzunehmende Notbremsung
Kugelhülse gegenüber der Sperr-
(Bild 7, nächste Seite).
hülse so, dass die Kugeln in die
Erkennt das Steuergerät auf-
Vertiefung der Kugelhülse ge-
grund eines schnellen Druckauf-
drückt werden. Die Schaltgruppe
baus im Hauptbremszylinder, si-
ist verriegelt, zwischen Kugel-
gnalisiert durch den Hauptbrems-
hülse und Ventilkolben entsteht
zylinderdrucksensor, eine Notsi-
ein Spalt. Die Sperrhülse wird von
tuation, wird die Rückförderpumpe
der Feder auf den mechanischen
des ASR/ ESP-Systems in der
Anschlag gedrückt. Die Re-
der Unterdruckpumpe abgesaugt ► Steuergehäuse, Phase 1 angesteuert. Gleichzeitig
aktionskraft wird zum großen Teil
werden kann. Die Membrane steht ► Reaktionsscheibe, werden das Ansaugventil geöffnet
auf das Steuergehäuse geleitet
- da beide Seiten mit gleichem Va- ► Kugelkäfig mit Kugeln, und das Umschaltventil ge-
(Bild 6).
kuum beaufschlagt sind - in Neu- ► Kugelhülse, schlossen, so dass die Brems-
tralstellung, die Bremse ist gelöst. ► Übersetzerscheibe,
Sollte der Fahrer während ak- ► Sperrhülse mit Feder,
tivierter ADR-Funktion das Brems- ► mechanischer Anschlag.
pedal betätigen, werden durch den Beim normalen Abbremsen des
Löseschalter die Geschwindigkeits- Fahrzeugs erzeugt der Druckauf-
regelanlage und die automatische bau im Bremssystem eine
Distanzregelung außer Funktion Gegenkraft, die der Fahrer als
gesetzt. Über Bremspedal und Be- Reaktionskraft am Bremspedal
tätigungsstange wird der Magne- spürt. Erhöht der Fahrer die Kraft
tanker mechanisch in Richtung am Bremspedal, steigt im Nor-
Hauptzylinder verschoben. Das malfall auch die Reaktionskraft,
Einlassventil öffnet, und atmosphä- die von der Kolbenstange des
rische Luft strömt in die Arbeits- Hauptzylinders über die Re-
kammer. Der Bremsvorgang wird aktionsscheibe, Übersetzerschei-
entsprechend der Vorgabe des be, Kugelhülse, Ventilkolben, Be-
Fahrers ausgeführt. tätigungsstange auf das Brems-
pedal übertragen wird.
Pneumatisch mechanischer Ein Verringern der Reaktions- Bild 5: Steuergehäuse des pneumatisch mechanischen Brem-
Bremsassistent kraft schafft die Möglichkeit, die sassistenten mit verriegelter Schaltgruppe
ContiTeves bietet neuerdings Wirkung der Bremskraft so zu
einen pneumatisch mechanischen erhöhen, dass das Fahrzeug stär- Löst der Fahrer das Bremspe- flüssigkeit aus dem Hauptbrems-
Bremsassistenten an (EVA - Emer- ker abgebremst wird. Dazu muss dal, wird die Kugel durch die Re- zylinder in die Bremskreise ge-
gency Valve Assistent). Der Sensor die entstandene Reaktionskraft lativbewegung zwischen Sperr- langen kann. Die dabei erzeugten
zur Erkennung der Pedalge- zumindest teilweise auf das Ge- hülse und Kugelhülse in ihre Aus- Drücke entsprechen den maxima-
schwindigkeit und die damit ver- häuse statt auf das Bremspedal gangsstellung gedrückt und die len Drücken der
bundene Auswerteelektronik er- geleitet werden. Bremse gelöst. ASR/ESP-Hydraulik und liegen bei
setzt ContiTeves durch die Träg- Der mechanische Bremsassis- ungefähr 200 bar. Der hohe Druck
heitswirkung einer intelligenten Me- tent funktioniert betätigungsge- kann zum Blockieren der Räder
chanik. Die Mechanik besteht aus: schwindigkeitsabhängig (Trägheit führen, aktiviert dadurch das ABS.
Die Einlassventile zu den Rad-
bremszylindern schließen, ein An-
steigen des Bremsdrucks ist nicht
möglich. Besteht weiterhin Blo-
ckierneigung, öffnen die Auslass-
ventile, so dass die Bremsflüssig-
keit aus den Radbremszylindern in
den Speicher strömen kann. Im
Bild 8 ist in der Phase 1 der
Druckverlauf im Hauptzylinder und
im Radbremszylinder aufgezeich-
net. Im Fall der Notbremsung wird
mit Unterstützung des Assistenten
eine Maximalverzögerung von
12 m/s2 erzielt. Das bedeutet aller-
dings nicht, dass mit dieser Verzö-
gerung tatsächlich gebremst wird.
Physikalisch betrachtet, sind Ver-
zögerungen von mehr als 9,81 m/s2
nur möglich, wenn Reifen und
Fahrbahn sich gewissermaßen ver-
zahnen.
Reduziert der Fahrer seine
Bremskraft, sinkt der Druck am
Hauptbremszylindersensor. In Bild 7: Funktionsschaubild des hydraulisch elektronischen Brem-
Phase 2 werden die Einlassventile sassistenten. Ansaugventil b geöffnet, Umschaltventil c ge-
zu den Radbremszylindern geöff- schlossen, Einlassventil Radzylinder geöffnet, Auslassventil Rad-
net, das Umschaltventil geöffnet, zylinder geschlossen: Maximaler Druckaufbau durch Rückförder-
das Ansaugventil geschlossen und pumpe d.
so der Druck in den Bremskreisen
Prüfungsaufgaben
blitzschnell dem Fahrerwunsch
angepasst. Die Verzögerung des
Fahrzeugs wird proportional zur 1. Welche Aufgabe hat der
Kraft am Bremspedal geregelt. Wegesensor beim pneuma-
Der Druck im Radbremszylinder tisch elektronischen Brem-
hat den gleichen Verlauf wie der sassistenten?
Druck im Hauptzylinder, die Istver-
zögerung nimmt kontinuierlich ab.
Komfortbedingt ist die Schwelle 2. Erläutern Sie die Aufgabe
zwischen den Phasen 1 und 2 dy- des Proportionalmagneten
namisch und abhängig von der im Bremskraftverstärker der
Fahrzeuggeschwindigkeit, dem ADR-Anlage.
Hauptbremszylinderdruck, den Zu-
standsgrößen der Raddruckrege-
lung und dem Bremsverlauf.
3. Welche Aufgabe hat im
pneumatisch mechanischen
Bremsassistenten die Sperr-
■ Entwicklungen hülse mit Kugeln?
Bild 8: Druckverläufe und Verzögerung in den beiden Phasen
Zur Steigerung der aktiven Ver- Notbremsung und kontrollierte Bremsung
kehrssicherheit und Vermeidung 4. Welche Aufgabe hat der
von Auffahrunfällen wird die regelanlage GRA erfolgt, und Hauptbremszylinderdruck-
automatische Distanzregelung zwar mit einer Abbremsung sensor des hydraulisch
ADR in absehbarer Zeit auch in oberhalb der bisher vorhandenen elektronischen Bremsassis-
Fahrzeugen der Ober- und Mittel- 30 % bleibt abzuwarten. tenten?
klasse eingebaut werden. Vorstell-
bar ist, dass der momentane Er- Friedhelm Hoffmann
kennungsbereich von maximal 150 5. Erläutern Sie den Druckauf-
Metern erweitert wird, so dass auch bau in den Radbremszy-
oberhalb einer Fahrgeschwindigkeit lindern im System des hy-
von 180 km/h ein Bremseneingriff Emtnommen aus: draulisch elektronischen
erfolgt. Ob der Eingriff auch bei Bremsassistenten.
ausgeschaltete Geschwindigkeits- technik profi 20_2003