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Eutscher Bundestag: 44. Sitzung

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D eutscher Bundestag

44. Sitzung

Bonn, den 26. Oktober 1962

Inhalt:

Entwurf eines Gesetzes über die Bildung Entwurf eines Siebenten Gesetzes zur Än-
eines Sachverständigenrates zur Begut- derung des Getreidegesetzes (Abg. Seidl
achtung der gesamtwirtschaftlichen Ent- [München], Bauer [Wasserburg], Bau-
wicklung (CDU/CSU, FDP) (Drucksache knecht, Ertl u. Gen.) (Drucksache IV/561)
IV/540) — Erste Beratung — — Erste Beratung — . . . . . . . . 1940 D
Schütz (CDU/CSU) 1923 B
Entwurf eines Gesetzes zu dem Vertrag
Kurlbaum (SPD) 1924 B vom 4. November 1961 mit dem König-
reich Griechenland über die gegenseitige
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Anerkennung und Vollstreckung von ge-
Gesetzes über den Verkehr mit Arznei- richtlichen Entscheidungen usw. (Druck-
mitteln (SPD) (Drucksache IV/563) — sache IV/570) — Erste Beratung — . . . 1941 A
Erste Beratung — in Verbindung mit dem.
Entwurf eines Gesetzes zur Ausführung des
Antrag betr. Bundeshilfe bei Mißbildungen Vertrages vom 4. November 1961 mit
durch Arzneimittel (SPD) (Drucksache dem Königreich Griechenland über die
IV/630) gegenseitige Anerkennung und Voll-
streckung von gerichtlichen Entscheidun-
Frau Dr. Hubert (SPD) 1928 C gen usw. (Drucksache IV/571) — Erste
Frau Dr. Schwarzhaupt, Beratung — 1941 A
Bundesminister . . . 1930 D 4939 D
Könen (Düsseldorf) (SPD) . . . . 1932 D Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Wirtschaftsstrafgesetzes 1954 (Drucksache
Dr. Jungmann (CDU/CSU) 1936 A, 1938 A IV/573) — Erste Beratung — 1941 B
Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) . . 1938 C
Entwurf eines Gesetzes zu dem. Vertrag
vom 16. Mai 1961 mit der Republik Togo
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des über die Förderung der Anlage von Ka-
Güterkraftverkehrsgesetzes (Abg. Hilbert, pital (Drucksache IV/592) — Erste Bera-
Leicht, Dr. Hauser u. Gen.) (Drucksache tung — 1941 B
IV/553) — Erste Beratung — 1940 C
Entwurf eines Gesetzes zu dem Abkommen
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung der vom 14. Juli 1960 mit dem Großherzog-
Gewerbeordnung (CDU/CSU, PUP, SPD) tum Luxemburg über die Soziale Sicher-
(Drucksache 1V/559 [neu]) — Erste Bera- heit der Grenzgänger (Drucksache IV/595)
tung — 1940 D — Erste Beratung — . . . . . . . . 1941 C
II Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962

Entwurf eines Gesetzes zu dem Abkommen Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
vom 14. Juli 1960 mit dem Großherzog- Arbeit über den Entwurf einer Verord-
tum Luxemburg über die Gewährung nung Nr.... zur Durchführung periodi-
von Leistungen bei Krankheit und Mut- scher Lohnerhebungen im verarbeitenden
terschaft usw. (Drucksache IV/596) — Gewerbe (Drucksachen IV/636, IV/657) . 1942 D
Erste Beratung — 1941 C
Schriftlicher Bericht des Ausschusses für Ar-
beit über den Entwurf einer Verordnung
Entwurf eines Gesetzes über die Durchfüh-
über die ersten Maßnahmen zur Herstel-
rung von Statistiken auf dem Gebiet der
lung der Freizügigkeit der Grenzarbeit-
Sozialhilfe, der Kriegsopferfürsorge und
nehmer innerhalb der Gemeinschaft und
der Jugendhilfe (Drucksache IV/615) —

1941 D einer
Erste Beratung —

Verordnung über die ersten Maßnahmen


zur Herstellung der Freizügigkeit der
Entwurf eines Fünften Gesetzes zur Ände- Saisonarbeitnehmer innerhalb der Ge-
rung und Ergänzung des Hypotheken- meinschaft (Drucksachen IV/511, IV/667) 1943 A
bankgesetzes (Drucksache IV/624) —
Erste Beratung -- 1941 D
Mündlicher Bericht des Immunitätsausschus-
ses betr. Genehmigung zur Durchführung
Antrag des Bundesministers der Finanzen des Vollstreckungsverfahrens gegen den
betr. Bundeshaushaltsrechnung für das Abg. Höhne (Druckasche IV/669)
Rechnungsjahr 1960 (Drucksache IV/441) 1942 A Dürr (FDP) 1943 B

Antrag des Bundesministers der Finanzen Schriftlicher Bericht des Ernährungsaus-


betr. Veräußerung einer Teilfläche der schusses über die Vorschläge der Kom-
ehem. Hutier-Kaserne in Darmstadt mission der EWG
(Drucksache IV/620) 1942 A
a) für eine Richtlinie über die Einzelhei-
ten zur Verwirklichung der Niederlas-
Antrag des Bundesministers der Finanzen sungsfreiheit bei landwirtschaftlichen
betr. Veräußerung einer Teilfläche des Betrieben, die seit mehr als zwei Jah-
ehern. Flugplatzes Loddenheide (Druck- ren verlassen sind oder brachliegen,
sache IV/621) 1942 A
b) für eine Richtlinie über die Verwirk-
lichung der Niederlassungsfreiheit in
Antrag des Bundesminister der Finanzen der Landwirtschaft für Angehörige
betr. Veräußerung einer Teilfläche der eines Mitgliedstaates, die als Land-
ehem. Fahrtruppenschule in Hannover arbeiter zwei Jahre ohne Unterbre-
(Drucksache IV/622) . . . . . . . . 1942 B chung in einem anderen Mitgliedstaat
gearbeitet haben
Antrag des Bundesministers der Finanzen (Drucksachen IV/598, IV/670, zu IV/670) 1944 A
betr. Veräußerung einer Teilfläche der
ehem. Schack-Kaserne in Hannover Schriftlicher Bericht des Außenhandelsaus-
(Drucksache IV/626) 1942 B schusses über den Entwurf einer Sechs-
unddreißigsten Verordnung zur Ände-
rung des Deutschen Zolltarifs 1962 (Zoll-
Bericht des Bundesrechnungshofes über die kontingente — 2. Halbjahr 1962) (Druck-
Prüfung der Bilanzen und des Geschäfts- sachen IV/659, IV/681) 1944 B
betriebes der Verwertungsstelle der Mo-
nopolverwaltung für Branntwein beim
Landesfinanzamt Berlin für die Geschäfts- Bericht des Außenhandelsausschusses über
jahre 1958/59 und 1959/60 (Drucksache die Zweiunddreißigste Verordnung zur
IV/627) 1942 B Änderung des Deutschen Zolltarifs 1962
(Vergeltungszölle) (Drucksachen IV/608,
IV/682) 1:944 C
Antrag betr. Beseitigung von Abfallstoffen
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal], Bading,
,

Margulies u. Gen.) (Drucksache IV/587) 1942 C Bericht des Außenhandelsausschusses über


die Fünfte Verordnung zur Änderung der
Einfuhrliste, Zweite Verordnung zur Än-
Entwurf einer Fünfunddreißigsten Verord- derung der Außenwirtschaftsverordnung
nung zur Änderung des Deutschen Zoll- und die Zweite Verordnung zur Ände-
tarifs 1962 (Baumaterialien, Bauhilfsmittel rung der Ausfuhrliste (Drucksachen
usw.) (Drucksache IV/658) 1942 C IV/606, IV/678) 1944 C
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 I

Schriftlicher Bericht des Ausschusses für Schriftlicher Bericht des Außenhandelsaus-


Gesundheitswesen über den Vorschlag schusses über den Entwurf einer Einund-
der Kommission betr. Regelung gesund- dreißigsten Verordnung zur Änderung
heitspolizeilicher Fragen beim innerge- des Deutschen Zolltarifs 1962 (Zollausset-
meinschaftlichen Handelsverkehr mit zungen — 2. Halbjahr 1962) (Drucksachen
frischem Fleisch (Drucksachen IV/635, IV/614, IV/679) 1945 C
IV/688) 1944 D
Schriftlicher Bericht des Außenhandelsaus-
schusses über den Entwurf einer Drei-
Antrag betr. Ü berweisung von Anträgen unddreißigsten Verordnung zur Ände-
an die Ausschüsse (Umdruck 143) . . . 1944 D
.
rung des Deutschen Zolltarifs 1962
(GATT-Zugeständnisse — EWG: USA)
(Drucksachen IV/613, IV/680) . . . . 1945 C
Entwurf eines Gesetzes zu dem Internatio-
nalen Fernmeldevertrag vom 21. Dezem- Nächste Sitzung 1945 D
ber 1959 (Drucksachen IV/449, IV/677) —

Zweite und dritte Beratung — . . . . 1945 A Anlagen 1947


Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1923

44. Sitzung

Bonn, den 26. Oktober 1962

Stenographischer Bericht häufig in Frontstellung, und es fehlt nicht an gegen-


seitigen Beschuldigungen. Bei diesen Auseinander-
Beginn: 9.03 Uhr setzungen wird oft die Wissenschaft eingespannt,
und 'es ist nicht selten der Fall, daß man versucht,
Vizepräsident Dr. Schmid: Die Sitzung ist sie in die Schablone der eigenen Interessen zu pres-
eröffnet. sen. Es ist auch Mode geworden, daß sich einander
bekämpfende Gruppen jeweils auf wissenschaftliche
Eine amtliche Mitteilung wird ohne Verlesung in Gutachten berufen. Dabei darf nicht übersehen wer-
den Stenographischen Bericht aufgenommen: den, daß man sich angewöhnt hat, nur den Wissen-
Der Harr Bundesminister der Verteidigung hat unter dem schaftler gelten zu lassen, der das sagt, was man
25. Oktober 1962 die Kleine Anfrage der Fraktion der SPD betr.
Rüstungsaufträge — Drucksache IV/676 — beantwortet. Sein selber gerne hört. Der Durchschnittsbürger wird
Schreiben wird .als Drucksache IV/685 verteilt.
häufig durch die verschiedenen Deutungen und
Meine Damen und Herren, wir beginnen mit Äußerungen so hin- und hergerissen, daß es ihm
Punkt 7 der gedruckten Tagesordnung: ' fast nicht mehr möglich ist, sich selber ein Bild über
Erste Beratung des von den Fraktionen der die wichtigsten wirtschaftlichen Zusammenhänge zu
CDU/CSU, FDP eingebrachten Entwurfs eines machen, geschweige denn, daß er den Versuch unter-
Gesetzes über die Bildung eines Sachverstän- nehmen kann, Stellung zu beziehen. Wir waren uns
digenrates zur Begutachtung der gesamtwirt alle einig, daß hier ein Wandel not tut.
schaftlichen Entwicklung (Drucksache IV/540). Der Gedanke, ein Gutachtergremium zu berufen,
taucht seit Jahren immer wieder in der Debatte auf.
Zur Begründung hat das Wort der Abgeordnete
Der von den Koalitionsfraktionen vorgelegte Antrag
Schütz.
beruht auf zwei Grundgedanken. Der erste Gedanke
Schütz (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da- ist der, daß man den Versuch unternehmen soll, die
men und Herren! Ich darf den Antrag Drucksache babylonische Sprachenverwirrung zu b es eitigen. Das
540 für die Koalition begründen. zu erstellende Gutachten soll nicht die Diskussion
überflüssig machen. Es soll nur den Kampf zwischen
In der letzten Konjunkturdebatte hat sich gezeigt, den Interessenten beseitigen und versuchen, eine
daß man sich, wenn die Rede auf die konkreten solide Unterlage für solche Auseinandersetzungen
Dinge kam, gerne auf die Wissenschaft berief. Ja, zu schaffen. Das zweite Ziel besteht darin, den So-
sie beherrschte geradezu die Diskussion. Dabei zialpartnern solide Unterlagen zur Verfügung zu
haben sich manche Gemeinsamkeiten zwischen den stellen, die bei aller Verschiedenheit ihrer Interes-
Koalitionsfraktionen und der Opposition gezeigt, sen als gemeinsame Grundlage angesehen werden
Gemeinsamkeiten in der Beurteilung der Lage, im können.
Ziel und teilweise sogar auch in den Möglichkeiten
des Beschreitens der Wege zu dem Ziel. Fünf unabhängige und namhafte Persönlichkeiten,
darunter selbstverständlich Vertreter der Wissen-
In der Debatte wurde aber auch klar, daß Bundes- schaft, sollen in einem jährlichen Hauptgutachten
tag und Bundesregierung allein nicht in der Lage und, wenn es notwendig ist, in weiteren Einzelgut-
sind, das wirtschaftliche Unbehagen von hier aus achten zu aktuellen Vorgängen im Bereich der Wirt-
zu überwinden. Das beruht nicht zuletzt auf dem schaft Stellung nehmen. Entscheidende Leitgedanken
föderativen Charakter unserer Verfassung. Es be- bei der Erstellung der Gutachten sollen sein: ein an-
ruht aber auch auf dem Prinzip einer freiheitlichen gemessenes Wachstum der Wirtschaft, ein hoher Be-
Gesellschaft, deren Wesen es eben ist, daß weite schäftigungsgrad, möglichste Stabilität des Preis-
Teile des gesellschaftlichen Geschehens dem Ein- niveaus sowie ein außenwirtschaftliches Gleichge-
griff des. Gesetzgebers und des Staates entzogen wicht. Auch die aktuelle und die voraussichtliche
bleiben und damit in die Verantwortung der gesell- Entwicklung der Löhne, der Gewinne, der Steuer- -
schaftlichen Kräfte überwiesen werden, die in die- einnahmen sollen im Hinblick auf das mögliche Gü-
sen Teilen zuständig sind. Das gilt vor allem für die terangebot untersucht werden. Dazu gehört auch
Sozialpartner. die Berücksichtigung der Arbeitszeit und der Ent-
Außerhalb dieses Hohen Hauses herrscht in der wicklung der Produktivität. In den von den Gutach-
Beurteilung wirtschaftlicher Probleme teilweise ge- tergremien veranstalteten Hearings können alle am
radezu eine babylonische Sprachenverwirrung. Die Wirtschaftsleben beteiligten Kreise zu Wort kom-
am wirtschaftlichen Geschehen Beteiligten geraten men.
1924 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962

Schütz
Der zweite Gedanke ist der, daß mit Hilfe des Wir stehen in der Bundesrepublik nach einer bei-
Gutachtergremiums eine breite Aufklärung der Be- nahe stürmischen Wiederaufbauperiode nach einem
völkerung ermöglicht wird. Es sollen die Vorausset- vorherigen unerhörten Zusammenbruch vor so
zungen dafür geschaffen werden, daß objektive und, etwas wie einer Normalisierung, d. h. die Wirtschaft
so das überhaupt menschenmöglich ist, neutrale und die Wirtschaftspolitiker müssen sich mit dem
Gutachten dazu beitragen, wirtschaftliche Probleme Gedanken vertraut machen, daß wir in künftigen
in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu stel- Jahren unter mehr normalen Bedingungen werden
len, damit sich eine öffentliche Meinung an den Fak- arbeiten müssen, unter denselben Bedingungen,
ten bilden kann. Diese öffentliche Meinung soll unter denen auch die anderen großen westlichen
dann gegebenenfalls wirtschaftliche Entscheidungen demokratischen Industrieländer zu arbeiten haben.
zu beeinflussen versuchen. Die Öffentlichkeit soll
Was meine ich damit im einzelnen konkret?
mehr als bisher in die Lage versetzt werden, die
Erstens einmal die Tatsache, daß wir keine wesent-
Parlamente, die Sozialpartner und alle Interessenten
lichen weiteren Arbeitskraftreserven mehr haben.
und Interessenverbände, wenn Sie so wollen, unter
Zweitens — als Folge davon —, daß wir uns daran
die Lupe zu nehmen.
gewöhnen müssen, daß die Investitionen sehr viel
Neben der Darstellung dessen, was ,das Gutachter- stärker als bisher auf Rationalisierungsinvestitionen
gremium im wesentlichen sein soll, möchte ich ver- beschränkt werden müssen. Und drittens — auch als
suchen, noch herauszustellen, was das Gutachter- Folge des Vorhergehenden —, daß die Wachstums-
gremium im Sinne der Antragsteller nicht sein soll. raten unseres Sozialprodukts in der Zukunft wahr-
Der Sachverständigenrat soll niemandem, auch die- scheinlich sehr viel kleiner sein werden als im
sem Haus nicht, die Entscheidung abnehmen. Er soll Durchschnitt in der vergangenen Aufbauperiode.
keinesfalls eine Nebenregierung werden. Er soll Dieses wiederum wird und muß zur Folge haben,
auch nach unserer Auffassung nicht die Vorstufe daß auch die Unternehmergewinne bescheidener
für einen Bundeswirtschaftsrat sein. Es wird auch sein werden als in der vorangegangenen Periode.
nicht möglich sein, daß der Rat zu allen Einzelfra- In dieser Lage ist es besonders notwendig, daß
gen Stellung nimmt. Er kann dem einzelnen Unter- man die bisherigen wirtschaftspolitischen Methoden
nehmer nicht sagen, ob eine konkrete Entscheidung, nochmals genau und unvoreingenommen überdenkt,
die er zu fällen hat, richtig oder falsch ist. Er kann und in einer solchen Periode ist eine Versachlichung
nur den Versuch machen, die großen Linien aufzu- in der wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung
zeigen, nach denen sich dann konkrete Entschei- eine besondere Notwendigkeit. Lassen Sie mich
dungen orientieren können. Ihnen versichern, daß die sozialdemokratische Bun-
Die Antragsteller sind sich im klaren, daß in den destagsfraktion ehrlich bemüht ist und sein wird,
Ausschußberatungen noch manche Schwierigkeit zu zu dieser sachlichen Auseinandersetzung beizutra-
überwinden sein wird. Alle Seiten des Hauses und gen.
weite Bereiche der Öffentlichkeit haben zwar ein Aber, meine Damen und Herren von der Koali-
Gutachtergremium gefordert — man darf das sicher tion, wir haben, glaube ich, diese Versachlichung
als Beweis dafür ansehen, daß der Grundgedanke nicht erst jetzt entdeckt. Ich möchte darauf hinwei-
richtig ist —, es darf aber auch keinen Zweifel dar- sen, daß die SPD bereits im Jahre 1956 einen Ge-
über geben, daß über den Umfang der Aufgaben- setzentwurf eingebracht hat — in der Drucksache
stellung wohl sehr verschiedene Auffassungen be- 2428 — mit der Überschrift: „Gesetzentwurf zur
stehen. Förderung eines stetigen Wachstums in der Gesamt-
Es gibt Leute, die hoffen, dieses Gutachtergre- wirtschaft". Der Grundgedanke, das Grundanliegen
mium werde dafür sorgen, die Gewinne zu be- unserer Initiative war schon damals, für die wirt-
schneiden. Es gibt wieder andere Leute, die meinen, schaftspolitische Debatte und insbesondere für die
seine Aufgabe wäre es, durch seinen Rat Bremswir- konjunkturpolitische Debatte eine solide und sach-
kungen auf die Lohnentwicklung auszuüben. Ich liche Diskussionsgrundlage zu schaffen. Wir haben
hoffe, daß es in den Beratungen gelingt, zu einem es damals besonders bedauert, daß dieser Gesetz-
guten Egebnis zu kommen und ein Gremium zu entwurf nicht über die erste Lesung im Plenum hin-
schaffen, das die Zustimmung der breitesten Öffent- ausgekommen ist. Der Wirtschaftspolitische Aus-
lichkeit finden wird. schuß des Bundestages hat es nicht einmal wert ge-
funden, diese Gesetzesvorlage zu beraten.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Was war — schon damals — die Quintessenz un-
seres Anliegens? Die Quintessenz war, daß die Bun-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der desregierung verpflichtet werden sollte, mindestens
Abgeordnete Kurlbaum. einmal jährlich einen Gesamtwirtschaftsbericht zu
geben, der aus zwei Teilen bestehen sollte. In einem
rückblickenden Teil sollte auf der Grundlage einer
Kurlbaum (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung insbesondere
und Herren! Bevor ich in eine kritische Würdigung uniersucht werden, ob sich in der Wirtschaftsent-
des vorliegenden Gesetzentwurfs der Fraktionen der wicklung Mißverhältnisse gezeigt haben; dieser Be-
CDU/CSU und FDP eintrete, möchte ich den Ver- richt sollte auch zeigen, welche Auswirkungen die
such machen, festzustellen, worüber nach allgemei- Wirtschaftspolitik im vergangenen Jahre gehabt
nem Anschein auf diesem Gebiete Einigkeit in die- hat. Ergänzt werden sollte dieser Rückblick auf das
sem Hause besteht. vergangene Wirtschaftsjahr durch eine voraus-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1925
Kurlbaum
schauende volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, für lung zu nehmen. Die Bundesregierung soll, wie es
das kommende Jahr, wenn nötig mit verschiedenen sehr undefiniert heißt, wirtschaftspolitische Schluß-
Alternativen mit Rücksicht auf verschiedene mög- folgerungen aus dem Gutachten des Sachverstän-
liche Entwicklungen und mit Rücksicht auf beson- digengremiums ziehen. Es wäre interessant, zu wis-
dere wirtschaftspolitische Vorhaben der Bundes- sen, welcher Art diese wirtschaftspolitischen Schluß-
regierung. folgerungen sein sollen. Sollen das nur wieder
theoretische Schlußfolgerungen sein? Sollen diese
Wir haben damals schon, um böswilligen Aus- Schlußfolgerungen nur eine Grundlage für Mahnun-
legungen entgegentreten zu können, in unserem gen an andere bilden, wie wir sie in letzter Zeit in
Gesetzentwurf ausdrücklich gesagt: dieses National- der Hauptsache gehört haben? Oder sollen diese
budget — so nennt man auch eine vorausschauende wirtschaftspolitischen Schlußfolgerungen auch ein-
volkswirtschaftliche Gesamtrechnung — enthält mal auf das eigene Verhalten der Bundesregierung
keine Angaben für einzelne Unternehmen und ist bezogen werden? Sollen diese Schlußfolgerungen
kein für die Wirtschaft und ihre Unternehmen ver- auch einmal geknüpft werden an Maßnahmen der
bindlicher Plan. Bundesregierung oder an das gänzliche Unterlassen
Weiter sollte nach unserem Vorschlag von 1956 von Maßnahmen? Das scheint mir ein sehr ent-
ein Volkswirtschaftlicher Beirat gebildet werden. scheidender Punkt zu sein.
Allerdings sollte er nicht nur, wie im jetzigen Ge- Es gibt aber noch andere Unklarheiten in die-
setzentwurf vorgesehen, einseitig von der Bundes- sem Gesetzentwurf bzw. Mängel in der Definition
regierung ernannt werden, sondern er sollte auf der Aufgabe des Sachverständigenrates. Lassen Sie
Vorschlag der Bundesregierung vom Bundespräsi- mich ein Beispiel dafür nennen! Hoffentlich handelt
denten ernannt werden. Aufgabe dieses Volkswirt es sich hierbei nur um verunglückte Formulierungen.
wirtschaftlichen Beirates sollte es schon nach unserer Im § 2 Abs. 1 heißt es, es sei die Aufgabe dieses
Vorstellung von 1956 sein, beide Teile des Wirt- Sachverständigengremiums, „insbesondere die Ursa-
schaftsberichts der Bundesregierung, den rückblik- chen von ... Spannungen zwischen Einkommensent-
kenden wie den vorausschauenden, zu begutachten wicklung und Güterangebot" aufzuzeigen. — Ein-
und das Gutachten auch der Öffentlichkeit zur Ver- kommen können bekanntlich gar nicht direkt, son-
fügung zu stellen. Das Gutachten des Volkswirt- dern nur indirekt über die Nachfrage, die sie aus-
schaftlichen Beirates sollte gemeinsam mit dem Jah- lösen, Spannungen im Verhältnis zum Angebot her-
reswirtschaftsbericht der Bundesregierung vom Bun- beiführen. Nur beim Verbraucher sind Einkommen
destag beraten werden. Schließlich sollte dieser und Nachfrage im wesentlichen identisch. Quelle
Volkswirtschaftliche Beirat für die laufende Erörte- unserer Sorgen gerade in den letzten Jahren war
rung grundsätzlicher volkswirtschaftlicher Probleme aber keineswegs in erster Linie die von den Ver-
zuständig sein und zur Verfügung stehen, allerdings brauchereinkommen ausgehende Nachfrage, sondern
ohne jede weitere Einschränkung dieses Themas. in den letzten Jahren und auch heute noch handelt
Der sozialdemokratische Gesetzentwurf von 1956 es sich in erster Linie um andere Gruppen in der
ist daher dadurch gekennzeichnet, daß er vor allen Volkswirtschaft. In den vergangenen zwei Jahren
Dingen der Bundesregierung eine Verpflichtung auf- haben wir besondere Sorgen durch den von den
erlegt, nämlich die Verpflichtung, sich durch einen Unternehmern ausgelösten Investitionsboom gehabt,
Jahresbericht auf einer international anerkannten der jetzt langsam abzuklingen scheint. Und heute
zahlenmäßigen Grundlage der Diskussion in der noch bereitet uns die von den privaten Unterneh-
Öffentlichkeit zu stellen. Es sollte ein Rechenschafts- mungen und der öffentlichen Hand ausgelöste Über-
bericht an den Bundestag für das vergangene Wirt- belastung des Baumarktes sehr große Sorge.
schaftsjahr sein. Gleichzeitig sollte die Bundesregie- Ich möchte damit nur klarmachen, daß allein von
rung gezwungen werden, in derselben definierten der Einkommensentwicklung her diese Probleme
zahlenmäßigen Form der Öffentlichkeit und dem nicht beurteilt werden dürfen.
Bundestag ihre Vorstellungen und Absichten für die
kommende Wirtschaftsperiode bekanntzugeben. Der Dann gibt es noch einen anderen interessanten
Volkswirtschaftliche Beirat sollte durch seine Gut- Satz in dem Gesetzentwurf. Es heißt in § 2 Abs. 1
achten der Öffentlichkeit und dem Bundestag eine im letzten Satz, daß vom Sachverständigengremium
gewisse Hilfestellung bei der Urteilsbildung auf die- „keine Empfehlungen für wirtschaftspolitische Maß-
sem sehr schwierigen Gebiete geben. Die sozial- nahmen" gegeben werden sollen. Ja, meine Damen
demokratische Bundestagsfraktion wird auch in den und Herren, soll damit diesem Gremium die Kritik
bevorstehenden Ausschußverhandlungen diese an Maßnahmen des Bundestages oder der 'Bundes-
schon in unserem Gesetzentwurf von 1956 vertre- regierung verboten werden? Oder soll diese Kritik
tene allgemeine Linie weiter vertreten. eingeschränkt werden? Soll sich die Kritik dieses
Gremiums ausschließlich auf alle anderen Faktoren
Was ist nun demgegenüber der wesentliche Inhalt
in der Volkswirtschaft, nur nicht auf die staatliche-
des vorliegenden Gesetzentwurfes der CDU/CSU Wirtschaftspolitik beziehen?
und der FDP? Zur periodischen Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung soll ein Sach- Damit, meine Damen und Herren, kommen wir
verständigenrat von der Bundesregierung ohne Mit- zum eigentlichen Problem. Ein neues Sachverstän-
wirkung des Bundespräsidenten berufen werden. digengremium alleine nützt uns sehr wenig in der
Die einzige Verpflichtung, die der Bundesregierung Bundesrepublik. Im Gegenteil besteht die Gefahr,
durch diesen Gesetzentwurf auferlegt wird, ist es, daß, wenn jetzt, ohne daß weiteres geschieht, allein
zum Gutachten des Sachverständigengremiums Stel- ein neues Sachverständigengremium gebildet wird,
1926 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962

Kurlbaum
in der Öffentlichkeit falsche Erwartungen geweckt mal mit einem auf Sachkenntnis gegründeten Wi-
werden. Wir haben bereits fünf ausgezeichnete wirt- derstand zu rechnen.
schaftswissenschaftliche Institute, deren Analysen
der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Die Öffent- (Abg. Ruf: Das können auch die Gewerk
lichkeit kann sich sehr wohl auch heute schon an schaften tun!)
Hand dieser Analysen ein ausgezeichnetes Bild von — Leider sind sie dort sehr selten empfangen wor-
der Lage machen, soweit sie zuverlässig beurteilt den!
werden kann. Es ist ein besonderer Vorteil dieser
veröffentlichten Gutachten, daß auch Minderheits- Wenn die Mehrheit des Bundestags und wenn die
meinungen bekanntgegeben werden. Außerdem be- Bundesregierung den _ernsten Willen gehabt hätten,
sitzen das Bundesfinanzministerium und das Bun- die Gutachten unabhängiger Wissenschaftler ernst
deswirtschaftsminsterium Wissenschaftliche Beiräte, zu nehmen und den Rat dieser Wissenschaftler ge-
die in der Vergangenheit ausgezeichnete Gutachten rade auch bezüglich ihres eigenen Verhaltens zu be-
veröffentlicht haben. Ich weiß nur nicht, wer sie rücksichtigen, dann wäre dazu in der Vergangenheit
liest. Wir lesen sie! Ich möchte einmal die Frage schon vielmals Gelegenheit gewesen. Wir haben
stellen: Was tut die Mehrheit dieses Bundestages daher — das müssen wir hier ganz offen sagen —
und was tut die Bundesregierung eigentlich mit all kein großes Vertrauen, daß sich das in Zukunft ent-
diesen laufend veröffentlichten wissenschaftlichen scheidend verbessern wird. Eine solche entscheidende
Gutachten einschließlich der ausgezeichneten Mo- Wendung zum Besseren hätte nämlich zur Voraus-
natsberichte der Deutschen Bundesnotenbank? Was setzung, daß die Mehrheit des Bundestags und die
tun sie vor allen Dingen mit der vielfachen Kritik, Bundesregierung endlich ihre eigene und ihre pri-
die in diesen wissenschaftlichen Gutachten in den märe Verantwortung für die Wirtschaftspolitik an-
vergangenen Jahren laufend an dem Verhalten des erkennen würden, ihre primäre Verantwortung für
Bundestages und der Bundesregierung in Beziehung die drei Grundforderungen, über die wir uns, glaube
auf die Konjunkturpolitik geübt worden ist? Ich ich, einig sind, über die Grundforderungen nach
habe den Eindruck — — einem ungestörten Wachstum, nach einer bleiben-
den Vollbeschäftigung und nach einer Erhaltung der
(Abg. Dr. Dr. h. c. Dresbach: Herr Kurl Kaufkraft der D-Mark. Es wäre eine entscheidende
baum, Sie werden zu inquisitorisch!) Wendung zum Besseren, wenn die Mehrheit des
Bundestags und die Bundesregierung endlich an-
— Ich kann es leider nicht verstehen. — Offensicht- erkennen würden, daß sie hier eine Verpflichtung
lich versucht man, alle diese Gutachten und ihren zum eigenen Handeln besitzen.
kritischen Inhalt totzuschweigen, weil man sie nicht
widerlegen kann. Das ist unser eindeutiger Eindruck Diese Forderung nach einem eigenen Handeln
von der Verwertung all dieser Gutachten. dieses Hauses und der Bundesregierung in der Kon-
junkturpolitik haben wir hier in diesem Hause seit
(Abg. Ruf: Es wäre aber gut, wenn auch die Jahren wiederholt vorgetragen. Wir haben diese
Opposition davon Kenntnis nähme!) Kritik nicht allein auf Grund unserer eigenen Über-
legungen vorgetragen, sondern haben, wie Sie vor-
- Verlassen Sie sich darauf, wir studieren sehr
hin ganz richtig gesagt haben, dabei sehr oft hinge-
sorgfältig, und Sie werden gehört haben — —
wiesen auf die Gutachten der wissenschaftlichen In-
(Zuruf von der CDU/CSU: Studieren allein stitute, auf die Gutachten der Wissenschaftlichen
genügt nicht; verhalten Sie sich auch da Beiräte beim Bundesfinanz- und Bundeswirtschafts-
nach!) ministerium und letzten Endes, nicht zu vergessen,
auf die Berichte der Bundesnotenbank.
Sie werden erlebt haben, daß ich mich damit schon
Aber, meine Damen und Herren, neben dem
sehr oft hier im Bundestag beschäftigt und meine
guten Willen hat ein besserer Erfolg in der Beein-
Kritik auf diese Gutachten gegründet habe. Es ist
flussung der Konjunktur auch noch ,zwei andere
vorhin angedeutet worden, diese Gutachten würden
Voraussetzungen.
manchmal mißbraucht. Ich habe sie wissentlich nie-
mals mißbraucht, und es steht Ihnen nachher frei, Die eine Voraussetzung ist, daß eine klare Ent-
nachzuweisen, ob überhaupt oder inwieweit wir scheidung über das gesamtwirtschaftliche Ziel der
diese Gutachten so, wie Herr Schütz meinte, miß- Wirt'schaftspo'litik vorliegen muß, und zwar nicht
braucht haben. Im Gegenteil: Wir haben den Ein- nur in allgemeinen Erwägungen, sondern in quanti-
druck, daß sich die Koalitionsparteien und die Bun- tativen. Vorstellungen.
desregierung praktisch überhaupt nicht um alle diese
Gutachten kümmern, sie bei ihren Entscheidungen Zum zweiten ist eine Voraussetzung für eine bes-
nicht berücksichtigen. sere Wirksamkeit auf dem Gebiet der Konjunktur-
politik, daß ein Instrumentarium, ein gesetzgeberi- -
(Zurufe von der CDU/CSU.) sches und verwaltungsmäßiges Instrumentarium
vorliegt, das bereitsteht für Eingriffe in die Kon-
Uns scheint es viel entscheidender zu sein, daß junktur.
irgendein Wirtschaftsverband hier im Hause mit
seinen Vertretern erscheint, insbesondere, daß ein Ich darf Ihnen dazu sagen, was der Wissenschaft-
solcher Wirtschaftsverband im Bundeskanzleramt liche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium in
Gehör findet. Bei solchen Vorstößen in das Bundes- einem ausgezeichneten 'Gutachten Anfang 1960 zu
kanzleramt braucht ein solcher Verband nicht ein- diesem Problem erklärt hat. Er sagt dazu wörtlich:
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1927
Kurlbaum
... ist zunächst eine klare gesamtwirtschaftliche Wir Sozialdemokraten leugnen nicht die Verant-
Entscheidung über den Kurs der allgemeinen wortung der Gewerkschaften und der Unternehmer-
Wirtschaftspolitik unerläßlich. Es muß in gro- organisationen in ihrem Bereich. Aber wir vertreten
b en Zügen festgelegt werden, welches Verhält- schon seit Jahren den Standpunkt, daß an der Spitze
nis von privatem Verbrauch, Investitionen und derer, die für die Konjunktur verantwortlich sind,
Staatsverbrauch angestrebt werden soll, ... das Parlament und die Regierung stehen. Es ist
daher ein Unglück, daß z. B. auf dem Baumarkt von
Und nun bitte, hören Sie zu: „Nur im Rahmen einer seiten dieses Hauses und von seiten der Bundes-
solchen Entscheidung können konkrete Maßnahmen regierung jahrelang praktisch überhaupt nichts
erwogen oder empfohlen werden." getan worden ist, um Angebot und Nachfrage auf
dem Baumarkt in ein vernünftiges Verhältnis zu
Hier, bei dieser 'Entscheidung, die der Wissen- bringen. Man hat dann kurz vor den letzten Som-
schaftliche Beirat im Bundeswirtschaftsministerium merferien leider ohne gründliche Beratung etwas so
anspricht, handelt es sich also um eine politische Unzureichendes wie das Baustoppgesetz in die Welt
Entscheidung, die dieses Haus bzw. die Bundes- gesetzt. Dieses Gesetz, das, abgesehen von all sei-
regierung treffen müssen, mindestens in den Grö- nen anderen Fehlern, überhaupt erst in einer Zeit
ßenordnungen. Dieses Haus und die Bundesregie- wirksam werden kann, deren konjunkturpolitische
rung müssen sich darüber klar werden, welchen Erfordernisse wir heute nicht zuverlässig beurteilen
Anteil am Sozialprodukt der private Verbrauch ha- können, kann , die Probleme des Baumarkts heute
ben soll. Hier im Hause müssen wir uns darüber selbstverständlich nicht lösen. Das gleiche gilt auch
klar werden, welcher Teil des Sozialprodukts über von den Absichten bezüglich des § 7 b Einkommen-
die öffentliche Hand — sei es für Rüstung, sei steuer-Gesetz. Wenn man solche Maßnahmen so
es für Sozialleistungen — freigegeben werden trifft, daß alle Bauvorhaben, 'die inzwischen schon
soll. Schließlich muß man sich in diesem Hause auch genehmigt worden sind, ungestört weiterlaufen
über die Größenordnung der Investitionen klar wer- können — das wird ungefähr ein ibis zwei Jahre
den, die wir in Zukunft anstreben wollen, und dauern —, dann kann man nicht erwarten, daß von
schließlich auch über einen so wichtigen Faktor wie diesen Maßnahmen heute irgendeine nennenswerte
den Exportüberschuß. konjunkturpolitische Wirkung ausgeht.

Das sind also politische Entscheidungen, meine Darum möchte ich abschließend folgendes sagen.
Damen und Herren von den Koalitionsparteien, und Wenn man konjunkturpolitische Maßnahmen zur
keine Sachverständigenentscheidungen. Aus dieser Verfügung haben will, ,die mit genügender Schnel-
klaren Erkenntnis heraus wird es in dem sozial- ligkeit wirksam sind, dann muß dieses Instrumen-
demokratischen Gesetzentwurf von 1956 der Bun- tarium in gründlicher und längerer Beratung vor-
desregierung übertragen, eine gesamtwirtschaftliche zeitig geschaffen werden. Vielleicht haben Sie auch
quantitative Konzeption zu erarbeiten, und dem die Arbeiten der Wissenschaftlichen Beiräte auf die-
Sachverständigengremium wird es übertragen, diese sem Gebiet nicht gelesen. Es gibt seit dem Jahre
Gesamtkonzeption der Bundesregierung bezüglich 1956 ausgezeichnete Gutachten 'der Beiräte beim
ihrer Realisierbarkeit auf Grund der drei Haupt- Bundeswirtschaftsministerium und Bundesfinanz-
forderungen — stetiges Wachstum, Vollbeschäfti- ministerium, die sich mit dem Problem eines wirk-
gung und stabile Währung — zu überprüfen. Es ist samen Instrumentariums der Konjunkturpolitik
also unsere Vorstellung, daß eine politische Ent- beschäftigen. Die Überlegungen, die zu einem sol-
scheidung dieses Hauses im Rahmen der Bundes- chen Instrumentarium führen sollen, müssen unab-
regierung die Voraussetzungen für das Tätigwerden hängig von der Tagespolitik und unabhängig von
von unabhängigen und neutralen Sachverständigen der augenblicklichen Lage fortgesetzt und zu gesetz-
schaffen muß. geberischen Ergebnissen geführt werden. Es ist ein
sehr schlechtes Verfahren, wenn man sich nach den
Nun komme ich zur zweiten Voraussetzung einer Löschgerätnim dauseht,wn
sinnvollen Konjunkturpolitik. Eine ausreichend bereits brennt.
schnell wirksame Konjunkturpolitik erfordert ein
Ferner ist es nötig, daß die Öffentlichkeit vorher
sorgfältig beratenes, langfristig bereitgestelltes In-
weiß, mit welchen Maßnahmen sie bei bestimmten
strumentarium der Konjunkturpolitik. Es ist sehr
krisenhaften Zuspitzungen in der Konjunktur zu
gut und zu begrüßen, daß in der Öffentlichkeit —
rechnen hat. Wenn Maßnahmen wie der Baustopp
Sie können das in vielen Zeitungsartikeln feststellen
oder vielleicht auch die Maßnahme bezüglich des
— inzwischen ziemlich klar erkannt worden ist, daß
§ 7 b erst nach Ausführung aller auf Vorrat geneh-
allein Mahnungen an die wirtschaftlichen Organi- migter Bauten wirksam werden können, weil die
sationen hinsichtlich der Preise und Löhne, also die Öffentlichkeit auf solche Maßnahmen keineswegs
uns bekannten Maßhalteappelle, im Grunde an den vorbereitet ist, dann werden alle diese Maßnahmen
Ursachen vorbeigehen und daher ohne Erfolg blei- höchst fragwürdig.
ben müssen. Maßgebend ist letzten Endes — und
das hat die Öffentlichkeit inzwischen auch klar er- Ebenso würde es auch bei einer umgekehrten
kannt — das Verhältnis von Angebot und Nach- Konjunktur Entwicklung sein. Wenn die Dinge ein-
frage, und dieses Verhältnis rechtzeitig durch Maß- mal in entgegengesetzter Richtung laufen sollten,
nahmen der Wirtschafts- und Finanzpolitik zu be- wenn wir es also mit der Gefahr einer Deflation zu
einflussen, liegt primär in der Verantwortung des tun hätten, wenn wir eine zu kleine Nachfrage zu
Bundestages und der Bundesregierung. bekämpfen hätten, würde es nach unserer Auffas-
1928 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962
Kurlbaum
sung von außerordentlichem Nutzen für die Wirt- Wer begründet zunächst den Gesetzentwurf
schaft sein, vorher zu wissen, daß die Bundesregie- unter 38 a? — Das Wort hat Frau Abgeordnete
rung Maßnahmen vorbereitet hat, um ein solches Elinor Hubert.
Wellental in der Konjunktur schnellstens über-
winden zu helfen. Ein solches Wissen der Wirt-
schaft über solche in Bereitschaft liegenden Maß- Frau Dr. Hubert (SPD) : Herr Präsident! Meine
nahmen könnte ein wesentlicher Stabilisierungsfak- Damen und Herren! Die schweren Gesundheits-
tor für unsere Wirtschaft sein. schädigungen, die durch das Arzneimittel Contergan
hervorgerufen worden sind, haben neben dem tiefen
Seit Jahren ist 'bekannt, 'daß dieser Problematik, Mitgefühl für die so schwer betroffenen Kinder
die ich hier in wenigen Sätzen zu skizzieren ver- und ihre Eltern begreiflicherweise in der Öffent-
sucht habe in anderen fortschrittlichen Ländern lichkeit auch zu der Frage geführt: Wie war es
Europas wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewid- denn möglich, daß ein Arzneimittel mit so schweren
met wird. In einzelnen Ländern liegen bereits ent- Nebenwirkungen eine so-große Verbreitung finden,
sprechende Gesetze vor, die laufend angewendet ja überhaupt in den Verkehr gebracht werden konn-
werden. Es wäre eine außerordentlich gute Sache, te, und gibt es denn irgendeine Garantie dafür, daß
wenn sich die zuständigen Ausschüsse dieses Hau- so etwas in der Zukunft nicht wieder geschieht?
ses einmal mit diesen Wegen, die in anderen Län- Welche Maßnahmen können ergriffen werden oder
dern begangen werden, befaßten. Hier liegt — das sind inzwischen ergriffen worden, um ein ähnliches
möchte ich klar und deutlich sagen — ein ernstes, Unglück in Zukunft zu verhindern?
schon seit Jahren nicht nur von uns getadeltes Ver-
sagen der Bundesregierung vor. Ich lasse dabei Nun, ich glaube, zunächst muß darauf hingewie-
ausdrücklich offen, wo die Schuld liegt, ob im Bun- sen werden, daß im Jahre 1957, als Contergan in
deswirtschaftsministerium oder im Bundeskanzler- den Verkehr gebracht wurde, die Herstellung von
amt. Arzneimitteln auf industriellem Wege in der Bun-
desrepublik überhaupt keiner Regelung unterlag;
Ich möchte in diesem Zusammenhang zum Schluß im Gegensatz zu den sehr strengen Vorschriften
auch noch auf das aufmerksam machen, was der für die Herstellung in Apotheken, wo das heute
Vizepräsident der EWG-Kommission, Herr Marjo nur noch zu sehr geringem Teil geschieht. Man muß
lin, kürzlich vor der Presse erklärt hat. Er hat fast sagen: es kann wundernehmen, daß nicht schon
erklärt, die EWG-Kommission werde den Mitglieds- früher irgendein Unglück passiert ist, und es spricht
regierungen in nächster Zeit Empfehlungen über die für die Vorsicht der deutschen pharmazeutischen
Bereitstellung eines konjunkturpolitischen Instru- Industrie im allgemeinen. Aber die Sorge über die-
mentariums zukommen lassen, das, sollte sich ein- sen ungeregelten Zustand hat uns doch immer
mal die Gefahr einer Rezession abzeichnen, rasch schon sehr bewegt, und dieses Hohe Haus hat daher
müßte eingesetzt werden können. am 1. Dezember 1955 einen einmütigen Beschluß
gefaßt, der die Bundesregierung aufforderte, bis zum
Meine Fraktion ist nicht müde geworden und
Juni 1956 ein Arzneimittelgesetz vorzulegen. Die
wird nicht müde werden, immer wieder auf diese
Frist wurde dann noch einmal verlängert, und
Notwendigkeit hinzuweisen, auf die Notwendigkeit,
schließlich, da von seiten der Bundesregierung nichts
daß 'die Mehrheit dieses Bundestages und die Bun-
geschehen war, legte die SPD 1958 einen eigenen
desregierung sich endlich für eine aktive staatliche
Gesetzentwurf vor, dem dann allerdings auch ein
Konjunkturpolitik entscheiden. Sollten Mehrheit
solcher der Bundesregierung folgte. Beide Entwürfe
des Bundestages und 'Bundesregierung auch weiter
sind im Ausschuß eingehend beraten worden, und
auf diesem Gebiet s o untätig wie bisher bleiben, so
1961 konnte ein Arzneimittelgesetz hier verab-
könnte dies einmal sehr ernste Folgen für unsere
schiedet werden. Das war ohne Zweifel ein Fort-
Wirtschaft haben.
schritt auf einem für die Volksgesundheit außer-
(Beifall bei der SPD.) ordentlich wichtigen Gebiet, obgleich das Gesetz
keineswegs vollkommen den Vorstellungen der
SPD entsprach, was wir damals auch zum Ausdruck
Vizepräsident Dr. Schmid: Wird das Wort gebracht haben.
noch gewünscht? — Das scheint nicht der Fall zu
sein. Der Ältestenrat schlägt Ihnen vor, die Vor- Angesichts der eingetretenen Katastrophe mit
lage an den Wirtschaftsausschuß zu überweisen. Contergan mußte man dieses Gesetz der Prüfung
Ist das Haus einverstanden? — Kein weiterer Vor- unterziehen, ob es denn, wenn es schon vorhanden
schlag? — Dann ist so beschlossen. gewesen wäre, genügt hätte, diesen Contergan-
Zwischenfall zu verhindern. Ich glaube, wenn man
Ich rufe nunmehr Punkt 38 der Tagesordnung es dieser Prüfung unterzieht, muß man sagen: ver-
auf: mutlich nein. Denn dieses Gesetz hält an dem alten
a) Erste Beratung des von der Fraktion der SPD Prinzip fest, daß Arzneimittel, die neu sind und-
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Stoffe enthalten, deren Wirkung bisher noch nicht
Änderung des Gesetzes über den Verkehr mit bekannt war, zunächst rezeptfrei in den Verkehr
Arzneimitteln (Drucksache IV/563) gebracht werden, es sei denn, daß der Hersteller
selbst die Rezeptpflicht vorschlägt, und erst dann in
b) Beratung des Antrags der Fraktion der SPD die Rezeptpflicht einbezogen werden, wenn sich
betr. Bundeshilfe bei Mißbildungen durch Arznei- Schädigungen gezeigt haben. Man läßt also gleich-
mittel (Drucksache IV/630). sam erst das Kind in den Brunnen fallen.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1929
Frau Dr. Hubert
Wir haben das seinerzeit mit Pervitin erlebt, das Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Frau Kollegin Hubert,
jahrelang frei verkauft wurde und dann so schwere Sie erachteten aber diese Bedenken, die Sie hatten,
Gesundheitsschädigungen verursachte, daß es heute nicht als so groß, daß Sie dem Arzneimittelgesetz
sogar den strengen Vorschriften der Opium-Gesetz- nicht Ihre Zustimmung gegeben haben.
gebung unterliegt.
Frau Dr. Hubert (SPD) : Sehr richtig, Herr Kol-
Jetzt haben wir das Desaster mit dem Contergan. lege, weil wir glücklich waren, daß überhaupt eine
Die Frau Bundesgesundheitsministerin hat den Ein- Regelung getroffen wurde, und ich habe ja vorhin
wand gemacht, die Rezeptpflicht hätte auch nicht schon ausgeführt, daß es ein Fortschritt in gesund-
viel genützt; denn es sei ja soviel von Ärzten ver- heitspolitischer Hinsicht auf einem Gebiete ist, das
schrieben worden. Da muß man doch ganz klar tren- bisher völlig ungeregelt war. Aber wir haben im-
nen zwischen der „Rezeptpflichtigkeit" eines Mittels mer darauf hingewiesen, daß wir große Bedenken
und dem „auf Rezept Verschreiben". Mehr als 75 % bezüglich der Art der Rezeptpflicht hatten.
unserer Bevölkerung gehören der sozialen Kran- Wir legen Ihnen also diesen Gesetzentwurf vor,
kenversicherung an, und von dem Rest kann man der die Einbeziehung von Arzneimittel in die Rezept-
sagen, daß fast alle einer privaten Krankenkasse pflicht betrifft, die Stoffe von bisher nicht bekann-
angehören. Sie alle können die Kosten für ihre Arz- ter Wirksamkeit oder neue Zusammensetzungen
neimittel von ihrer Kasse, der sozialen oder der enthalten. Wir behalten uns dabei vor, im Ausschuß
privaten,udszbkomen,wi auch noch auf weitere — in unserem alten Entwurf
ärztliches Rezept vorlegen. Infolgedessen werden enthaltene — Vorschläge zurückzukommen. Wir
auch alle von einem Kranken benötigten Hilfs- und werden z. B. sicherlich den Vorschlag aufgreifen,
Arzneimittel, seien es Verbandsstoffe, sei es Bal- daß der Arzt seine Erfahrungen mit einem neuen
driantee, selbstverständlich auf Rezept verschrieben. Arzneimittel an eine zentrale Stelle weiterleitet. Es
Das bedeutet aber keineswegs die Rezeptpflicht. kann im Ausschuß darüber diskutiert werden, ob
diese Erfahrungen — wie wir seinerzeit vorgesehen
Man kann im Ernst nicht annehmen, daß Ärzte haben — über das zuständige Gesundheitsamt an
werdenden Müttern ad libitum ein Arzneimittel wie das Bundesgesundheitsamt oder — wie kürzlich vor-
Contergan verschrieben hätten, wenn es der Rezept- geschlagen wurde — an die Arzneimittelkommission
pflicht unterlegen hätte. Aber hier war ein Mittel der Deutschen Ärzteschaft weitergeleitet werden
wirksam wie Morphium und doch von jedermann sollen. Hätte eine solche Möglichkeit bestanden,
jederzeit erhältlich und der Kontrolle des Arztes wäre Contergan sicher weit früher aus dem Ver-
entzogen. Denn erstens konnte es jederzeit nachge- kehr gezogen oder mindestens der Rezeptpflicht
kauft werden, und zweitens konnte, selbst wenn der unterstellt worden; denn schon ehe Professor Lenz
Arzt ein anderes Schlafmittel aufgeschrieben hätte, seine Erfahrungen der Öffentlichkeit unterbreitete,
der Betreffende sich in der Apotheke dieses Mittel, hat es verschiedene Einzelbeobachtungen gegeben,
da es nicht rezeptpflichtig war, dafür geben lassen. die zu Bedenken Anlaß gaben, aber als Einzelbeob-
Das ist bei nicht rezeptpflichtigen Mitteln möglich. achtungen doch nicht entsprechend gewertet worden
Das Bedürfnis nach Schlaf- und Beruhigungsmitteln waren.
ist heute durch unsere Lebens- und Umweltbedin- Nun hat auch die Bundesregierung anscheinend
gungen außerordentlich groß geworden. Der Ver- den Eindruck, daß das jetzige Arzneimittelgesetz
brauch von Contergan ging täglich in die Millionen nicht voll genügt. Ich möchte daran erinnern, daß
und war so verbreitet, daß es vorkam, daß etwa wir seinerzeit bei der Frage der Registrierung von
Pensionsinhaberinnen ihren Gästen es abends wie Arzneimitteln darauf hingewiesen haben, daß es
einen Bonbon auf den Nachttisch legten mit der nicht genügen könne, nur einen „Bericht" über „Art
Empfehlung für eine gute Nachtruhe. und. Umfang der vorgenommen Versuche" vorzu-
legen. Heute möchte auch die Bundesregierung ent-
Uns haben jedenfalls gerade die Erfahrungen mit sprechend dem Entwurf, der bereits dem Bundesrat
Contergan, das unter Rezeptpflicht bestimmt keine vorgelegen hat, verlangen, daß nachgewiesen wird,
derartige Verbreitung mit so weittragenden Schäden ob Stoffe mit nicht allgemein bekannter Wirksam-
hätte erreichen können, von der Richtigkeit unserer keit nach wissenschaftlich anerkannten Methoden
Einstellung und unserer Forderung überzeugt, die geprüft worden sind. Ich kann mir nicht recht vor-
wir schon bei dem Arzneimittelgesetz erhoben ha- stellen, wie dieser Nachweis anders erfolgen soll
ben, daß man neue Stoffe und neue Zusammenset- als durch die Möglichkeit der Einsichtnahme in die
zungen von Stoffen zunächst der Rezeptpflicht unter- Protokolle, wie wir das seinerzeit verlangt haben.
stellen muß. Wir befinden uns darin in Überein- Bei der weittragenden Bedeutung, die genetische
stimmung mit dem Deutschen Ärztetag, der — wie Schäden haben, begrüßen wir es natürlich, wenn der
Sie wissen — dieselbe Forderung wahrscheinlich Nachweis von Prüfungen auf Nebenwirkungen in
aus denselben Gründen und Erfahrungen heraus wie genetischer Hinsicht zwingend gemacht wird, ob-
wir erhoben hat. gleich unserer Ansicht nach die Möglichkeit, einen
solchen Nachweis zu fordern, auch schon im Rahmen
des jetzigen Gesetzes für die Bundesregierung gege-
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine ben gewesen wäre. Es erscheint uns allerdings frag-
Zwischenfrage? würdig, ob man hier bestimmte Vorschriften über
die Methoden machen soll, wie es in dem Entwurf
der Regierung vorgesehen zu sein scheint, nämlich
Frau Dr. Hubert (SPD) : Ja! bestimmte Gruppen von Tieren über einen bestimm-
1930 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962

Frau Dr. Hubert


ten Zeitraum zu testen; denn die Wissenschaft ist Man kann die Beurteilung des Risikos der Neben
ständig im Fortschreiten. Außerdem wissen wir sehr wirkungen aber nicht auf den Verbraucher ver-
genau — und gerade beim Contergan hat es sich lagern. Er muß voraussetzen können — und ich
auch erwiesen —, daß negative Versuchsreihen bei meine, er hat einen Anspruch darauf —, daß bei
Tieren keineswegs schon eine Sicherheit für die Un- Arzneimitteln, die er jederzeit auch ohne Rezept
schädlichkeit beim Menschen geben. Die amerika- kaufen kann, schädliche Nebenwirkungen irgend-
nische Ärztin ist seinerzeit gerade dadurch beson- welcher ernsteren Art nicht zu befürchten sind.
ders aufmerksam geworden, weil die Schlafwirkung, Wir wissen alle, daß es Krankheitsfolgen gibt,
die Contergan beim Menschen hatte, bei Tieren die in ihren Auswirkungen für den einzelnen oft
nicht vorhanden war. ebenso schwer sind wie jetzt etwa die Folgen des
Wir fürchten, daß man dadurch die Verantwor- Contergans. Aber hier bei der Tragödie mit dem
tung verschieben könnte. Denn wir sind doch alle Contergan liegt eine moralische Verantwortung —
der Meinung — ich glaube, hierin besteht Überein- nicht eine juristische — von Regierung und auch
stimmung —, daß die Verantwortung für die ein- von uns als Gesetzgeber deshalb vor, weil sich Men-
wandfreie Beschaffenheit eines Arzneimittels und schen in voller Ahnungslosigkeit und Harmlosigkeit
dafür, daß es keinerlei Nebenwirkungen hat, die — sie konnten das nicht wissen, und man kann von
über das angemeldete Maß hinausgehen, eindeutig ihnen auch nicht verlangen, daß sie es wissen —
bei der Industrie bleiben soll. eines Mittels für verhältnismäßig geringfügige Be-
(Vorsitz: Vizepräsident Schoettle.) schwerden bedient haben, das dann so schreckliche
Nebenwirkungen gehabt hat. Das ist ein Versäumnis
Nun möchte ich allerdings meinem Befremden der Regierung, hier besteht hinsichtlich des Schutzes
Ausdruck geben, daß uns die Bundesregierung noch der Gesundheit der Bevölkerung eine bedenkliche
immer kein Gesetz über die Werbung bei Arznei- Lücke. Es wird unsere Aufgabe sein, durch gesetz-
mitteln vorgelegt hat. Gerade hier klafft eine große liche Maßnahmen dafür zu sorgen, daß in Zukunft
Lücke zum Schutz der Gesundheit. Es ist ein Referen- Schäden solchen Ausmaßes — im Einzelfall wird
tenentwurf ausgearbeitet worden. Er hat dann den man sie nicht vermeiden können — durch Arzneimit-
Verbänden vorgelegen. Seitdem, kann man nur tel sich nicht wiederholen können.
sagen, ist Schweigen im Walde. Ich weiß nicht: ist
die Bundesregierung oder das Ministerium durch Ich betantrage, unseren Antrag idem Auschuß für
gewisse Einsprüche so erschreckt oder so verschüch- Gesundheitswesen zu überweisen.
tert, daß nun so ganz mit diesem Entwurf zu- (Beifall bei der SPD.)
rückgehalten wird? Ich hatte eigentlich erwartet —

und wir alle hatten es erwartet —, daß dieser Ge-


Vizepräsident Schoettle: Ich erteile das Wort
setzentwurf angesichts der Contergan-Fälle diesem der Frau Bundesministerin Dr. Schwarzhaupt.
Hohen Hause vordringlich und sofort vorgelegt wer-
den würde.
(Beifall bei der SPD.) Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für
Gesundheitswesen: Herr Präsident! Meine Damen
Ich habe in diesem Zusammenhang noch eine
und Herren! Der Antrag der sozialdemokratischen
Frage an die Bundesregierung. Thalidomid ist ja
Fraktion kommt insofern meinen eigenen Wünschen
nicht nur im Contergan enthalten. Ich habe von
entgegen, als ich selber es für wünschenswert und
unserer Bundesregierung eine Warnung — aber erforderlich halte, daß wir in der ruhigen und sach-
vielleicht ist sie mir entgangen — auch vor allen
lichen Atmosphäre des Gesundheitsausschusses mit
anderen Arzneimitteln vermißt, die Thalidomid ent- allem Ernst darüber beraten, was von seiten des
halten. Bundes in bezug auf eines der schrecklichsten Er-
Die Amerikaner haben eine große Liste von 49 eignisse der letzten Jahre — das erschreckende An-
solcher Arzneimittel veröffentlicht. Ich selbst habe steigen der Geburt von Kindern mit schweren Glied-
nur bei zweien — ich hatte nicht die Möglichkeit, maßenfehlbildungen — geschehen kann.
alle 49 durchzuprüfen —, beim Aglosediv und beim Der erste Antrag, der eine Änderung des Arznei-
Sanodormin, gefunden, daß sie in unserer roten Liste mittelgesetzes vorsieht, greift einen Punkt heraus,
aufgeführt sind und somit anscheinend auch in der über den wir im Gesundheitsministerium — auch in
Bundesrepublik im Verkehr waren. Beratungen mit den Ländern und den sonst Betei-
Meine Damen und Herren, die Heilkunde ist ligten —, eigentlich seit dieses Ministerium existiert,
immer mit einem gewissen Risiko belastet. Ohne immer wieder beraten haben. Am 14. November
Inkaufnahme dieses Risikos gäbe es in der Medizin 1961 wurde das Ministerium gegründet, und ich trat
keine Fortschritte. Dieses Risiko aber gehört in die meinen Dienst an. Am 18. November, also vier
Hand des Arztes. Er muß abwägen, er muß das Tage danach, gab Professor Lenz das Ergebnis sei-
Risiko in die rechte Beziehung zur Schwere einer ner Untersuchungen bekannt. So hat uns die furcht- -
Krankheit oder eines Leidens setzen. bar schwere Last der Verantwortung für dieses
ganze Problem, der Gedanke an den Schmerz und
In Ihrem Gespräch im Hessischen Rundfunk, Frau
die furchtbaren Sorgen der Eltern begleitet, seit wir
Dr. Schwarzhaupt, haben Sie ausgeführt, Sie wollten
unsere Arbeit im Ministerium aufgenommen haben.
die Verantwortung für das Verschreiben nicht zu
sehr auf den Arzt verlagern. Nun, solche Verant- Es steht nun die Frage zur Diskussion, was vom
wortung trägt der Arzt täglich. Das ist nun einmal Arzneimittelwesen her geschehen kann, um Ähn-
seine Aufgabe, das ist sein Beruf und seine Pflicht. liches zu verhindern oder um die Gefahren in einem
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1931
Bundesminister Frau Dr. Schwarzhaupt
früheren Stadium aufzudecken. Hierzu können eine fen betrifft. Die Befugnis des Bundes sollte aller-
Reihe von Überlegungen angestellt werden. Es sind dings in einer bestimmten Beziehung verstärkt wer-
hier mehrere Fragen zu prüfen: einmal die einer den. Die Registerstelle beim Bundesgesundheitsamt
Änderung der Bestimmungen über die Rezeptpflicht. soll die Befugnis haben, von dem Hersteller bei der
Dann muß man sich überlegen, ob man nicht eine Anmeldung zur Registrierung einer Arzneimittel-
Stufe früher, nämlich bei der Prüfung und Zulassung spezialität den Nachweis zu verlangen, daß alle
von Arzneimitteln, einsetzen muß. Schließlich muß nach dem Stand der Wissenschaft erforderlichen
geprüft werden, ob man nicht Wege zur rechtzeiti- Untersuchungen und Prüfungen vorgenommen wor-
gen Übermittlung von Beobachtungen über ein plötz- den sind. Wenn die Registerstelle die vorgenomme-
liches Ansteigen bestimmter Krankheiten finden nen Prüfungen, über die berichtet wird, nicht für
kann, damit die Ursachenforschung in einem frühen ausreichend hält, soll sie das Recht haben, eine Er-
Stadium in den Stand gesetzt werden kann, die Ur- gänzung zu verlangen. Wenn diese Ergänzung nicht
sachen aufzudecken. Über diese drei Probleme — so durchgeführt wird, wie es nach dem Stande der
Rezeptpflicht, Arzneimittelprüfung und -zulassung Wissenschaft erforderlich ist, soll sie das Recht ha-
und die Meldung — will ich etwas sagen. ben, die Registrierung zu verweigern.
Zunächst zur Frage der Rezeptpflicht! Ich bin Zur Ergänzung dieser gesetzlichen Änderung wä-
durchaus dafür, daß diese Frage im Ausschuß erör- ren Richtlinien erforderlich, die dem jeweiligen
tert wird. Ich bin dankbar für die Anregung, so zu Stande der Wissenschaft angepaßt werden können
verfahren. Ich möchte aber vor der Illusion warnen, und die etwas darüber aussagen, wie die Mindest-
daß mit der Einführung einer automatischen Rezept- forderungen für die Prüfung neuer Wirkstoffe in
pflicht sehr viel geschehen sei. Das Arzneimittel, Arzneimitteln aussehen müssen. Dabei könnten auch
auf das wir das Ansteigen von Gliedmaßenfehlbil- die Erfahrungen anderer Länder, die zur Zeit eben-
dungen bei Neugeborenen zurückführen, wurde falls an einer Neufassung ihrer Arzneimittelgesetz-
in den ersten Jahren durchweg auf Rezept ver- gebung arbeiten, verwertet werden. Hierdurch
schrieben. Daß die Ärzte, die es verschrieben haben, würde, wie wir hoffen, erreicht, daß neue Stoffe auf
sich durch eine Rezeptpflicht hätten zurückhalten ihre etwaigen Nebenwirkungen v o r der Zulassung
lassen, ist deshalb nicht so sehr wahrscheinlich, weil in den Verkehr geprüft würden. Es würde eine ge-
eine Fülle von Gutachten ernsthafter und anerkann- wisse Sicherung — über die jetzt vorhandene hin-
ter Wissenschaftler vorlag, die dieses Mittel sehr aus — eintreten. Dabei würde auch — da muß ich
empfohlen haben, die es gerade deshalb empfohlen bei meiner früheren Meinung bleiben — auf dem
haben, weil es eine Reihe von Nebenwirkungen Arzt, der die ganzen pharmakologischen und toxi-
nicht hat, die andere Mittel haben. Sie haben es kologischen Probleme, die ein neues Arzneimittel
z. B. auch deshalb empfohlen, weil es eine Gefahr birgt, nicht selber übersehen kann, nicht die ganze
nicht in sich birgt: es kann mit diesem Schlafmittel Verantwortung liegen.
kein Selbstmord begangen werden. Ich glaube des-
(Abg. Frau Dr. Hubert: Er beobachtet doch
halb, die Rezeptpflicht würde an den schrecklichen
ganz anders, wenn es rezeptpflichtig ist!)
Ereignissen, die sich vollzogen haben, nichts Ent-
scheidendes geändert haben. — Ich glaube, er wird bei einem neuen Arzneimittel
ohnehin beobachten — das tut jeder verantwor-
Trotzdem trete ich selbst dafür ein, daß wir die
tungsbewußte Arzt —, ob dies nun vom Staat für
Frage einer Änderung der Bestimmungen über die
rezeptpflichtig erklärt ist oder nicht. Aber, wie ge-
Rezeptpflicht beraten. Vielleicht sprechen andere
sagt, ich will gern die Frage der Rezeptpflicht noch
Gründe für irgendeine Form der Einführung einer
erörtern und bin durchaus dafür, daß wir uns auch
weitergehenden Rezeptpflicht, z. B. der Gedanke,
diese Fragen der ärztlichen Praxis noch einmal durch
daß diese Rezeptpflicht unter Umständen den ärzt-
den Kopf gehen lassen. Ich bin sehr dafür, daß die-
lich nicht gerechtfertigten Übergebrauch von Arznei-
ses Problem im Ausschuß in aller Breite und Aus-
mitteln überhaupt in unserem Lande eindämmen
führlichkeit erörtert wird.
könnte. Ich bitte, diesen Vorschlag auf Einführung
der Rezeptpflicht im Ausschuß auch unter diesem Schließlich der dritte Punkt! Wir müssen uns
Gesichtspunkt zu erörtern. allerdings sehr eingehend überlegen, auf welchen.
Wegen wir erreichen können, daß Beobachtungen
Zweitens bitte ich zu erwägen, ob der Schutz der von Ärzten in der Praxis und in der Klinik in bezug
Bevölkerung vor dem Risiko neuer Arzneimittel auf 'das auffällige Ansteigen bestimmter Krankheits-
nicht in einem früheren Stadium als dem des Ver- erscheinungen —das brauchen gar nicht nur frucht-
schreibens einsetzenr sollte, nämlich in dem Stadium schädigende zu sein, es können auch andere sein. —
vor der Zulassung zum Verkehr. Zur Zeit hat der rechtzeitig und so wirksam wie möglich irgendwo
Bund die Aufgabe, neue Medikamente zu registrie- zentral zusammenlaufen, damit die Ursachenfor-
ren. Die Prüfungspflicht und die Verantwortung lie- schung so schnell und aktiv wie möglich einsetzen
gen, wie Frau Dr. Hubert richtig ausgeführt hat, bei kann.
dem Hersteller, und wir sind uns wohl darüber (Abg. Könen [Düsseldorf]: deshalb keinen
einig, daß wir den Hersteller nicht aus dieser Ver- Schwierigkeiten ausgesetzt sind!)
antwortung entlassen können. Sie soll' auch grund-
sätzlich beim Hersteller bleiben. Im Gesundheits- Ob wir eine amtliche Meldepflicht einführen soll-
ministerium wird aber eine Änderung des Arznei- ten, sollte auch erörtert werden. Ich bin mir aber
mittelgesetzes in einem Punkt vorbereitet, der neue klar darüber, daß gerade dem sehr viele und recht
Arzneimittel und Arzneimittel mit neuen Wirkstof- schwerwiegende Bedenken besonders von seiten
1932 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962
Bundesminister Frau Dr. Schwarzhaupt
der Ärzte entgegenstehen. Besser wäre es, wir wür- ben, ob hier Fahrlässigkeit oder vorsätzliches Ver-
d en einen anderen Weg finden, diese Beobachtun- schulden vorliegt, wie es mit der Verursachung
genztralusmfen. liegt. Diese Fragen haben wir hier nicht zu erör-
tern.
In einigen Punkten möchte ich Frau Hubert noch
ergänzen. Sie sagten, daß nur auf Antrag des Her- Eine allgemeine Verantwortung des Staates, den
stellers ein Mittel für rezeptpflichtig erklärt werden Unglücklichen zu helfen, liegt sicher vor. Diese Ver-
könne. Es kann selbstverständlich auch auf eine An- antwortung geht aber nicht aus einem Verschulden
regung des Bundesgesundheitsamtes oder auch auf oder Versagen des Staates hervor. Wir müssen da-
eigenen Entschluß der Länder durch die Länder- von ausgehen, daß es auch auf diesem Gebiet der
behörden eine Rezeptpflicht eingeführt werden. Das Wissenschaft ein Risiko gibt, das zu furchtbaren
ist auch vielfach geschehen. Das ist z. B. gerade bei Ereignissen führen kann. Wir müssen es auf uns
Contergan geschehen, nachdem sich .die ersten nehmen, ohne daß wir unbedingt nach einem Schul-
Nervenschädigungen gezeigt 'haben. digen suchen, vor allem nach einem Schuldigen beim
Staat und bei der staatlichen Verwaltung und Re-
(Abg. Frau Dr. Hubert: Ich hoffe, daß Sie gierung, der zu haften hätte. Die Verantwortung,
bald mit der Rechtsverordnung kommen! den Getroffenen zu helfen und ihnen gerade bei
Das ist eine Sache des Bundes!) dem besonderen Ausmaß des menschlichen Unglücks
— Wir wollen sehen. zu helfen, tragen wir allerdings. Diese Verantwor-
tung, schuldlos schwer Behinderten und Getroffe-
Bezüglich Ihrer Ausführungen zu der Zurück-
nen, vor allem in ihrer körperlichen Existenz Getrof-
ziehung oder einem Verbot des Thalidomids möchte
fenen, zu helfen, hat das Bundessozialhilfegesetz
ich sagen: eine staatliche Zurückziehung oder Ver- zum Ausdruck gebracht. Das ist der Grundgedanke,
öffentlichung war praktisch gar nicht mehr nötig, der diesem Gesetz zugrunde liegt. Darüber werden
da der Hersteller alle Thalidomidpräparate, nicht wir nachher noch zu sprechen haben.
nur das Contergan, sondern auch die anderen, zu-
rückgezogen hatte, so daß keines mehr im Verkehr (Beifall bei den Regierungsparteien.)
war. Eine staatliche Anordnung wäre also hinter
der Praxis hergehinkt. Vizepräsident Schoettle: Das Wort zur Be-
gründung des Punktes 38 b) hat Herr Abgeordneter
Nun noch ein paar Worte zu dem vorbereiteten
Könen.
Gesetz über die Werbung. In diesen Zusammen-
hang gehört es streng genommen nicht. Denn für Con-
tergan ist niemals bei Laien geworben worden. Daß Könen (Düsseldorf) (SPD) : Herr Präsident! Meine
es auch von Laien ohne Rezept eingenommen wurde, Damen und Herren! Die sozialdemokratische
ergab sich gewissermaßen infolge der Verordnungen Fraktion hat Ihnen auf Drucksache IV/630 einen
Antrag vorgelegt, der die Bundeshilfe bei Mißbil-
auf Rezept. Infolge dieser Verordnungen wurde es
bekannt. Es wurde weitergesagt und dann weiter dungen durch Arzneimittel zum Inhalt hat. Ich habe
verlangt. Geworben wurde bei Laien nie dafür. Ich nicht die Absicht, die von meiner verehrten Frau
Kollegin Dr. Hubert als Ärztin vorgetragenen
halte es mit Ihnen für dringend notwendig, daß wir
Gründe, die uns zur Vorlage des Antrags bezüglich
die Bestimmungen über die Werbung .auf dem Ge-
des Gesetzes über den Verkehr mit Arzneimitteln
biete des Arznei- und Heilmittelwesens neu regeln.
veranlaßten, hier zu wiederholen, sondern will mich
Sie haben selbst berichtet, daß ein Entwurf in mei-
mit dem beschäftigen, was der Antrag auf Druck-
nem Haus vorbereitet wird. In der nächsten Woche
sache IV/630 zum Ziel hat, nämlich mit den Hilfs-
findet eine Ressortbesprechung und in diesem Mo- maßnahmen für die Opfer der Vorgänge, von denen
nat noch eine Länderbesprechung statt. Ich hoffe, wir hier heute morgen leider sprechen müssen.
daß die Kabinettsvorlage noch in diesem oder An-
fang des nächsten Jahres fertiggestellt werden kann. Frau Minister Dr. Schwarzhaupt hat kürzlich aus
ihrem Ministerium Zahlen bekanntgegeben. Ich ak-
Zu der moralischen Verantwortung für diese Vor- zeptiere gern, daß diese Zahlen noch nicht den An-
gänge, die uns alle menschlich tief genug belasten, spruch darauf erheben können, exakt ermittelt zu
möchte ich eines sagen. Hier sind sozusagen vieler- sein. Aber man sprach von etwa 10 000 Geburten
lei Schuldgefühle und Schuldvorwürfe in der Luft. mißgebildeter Kinder auf Grund der Contergan-
Die Frauen, die dieses Mittel eingenommen hatten, Vorgänge und sprach davon, daß von diesen — —
konnten nicht ahnen, worum es sich handelt. Sie
sollten sich nicht mit irgendwelchen Schuldgedan- Vizepräsident Schoettle: Gestatten Sie eine
ken quälen, obgleich natürlich der Gedanke: „Hätte Zwischenfrage, Herr Abgeordneter?
ich dies doch nicht getan!" sie belasten muß. Auch
die Ärzte, die dieses Mittel auf Grund von vielen,
wissenschaftlich durchweg glaubwürdigen Unter- Könen (Düsseldorf) (SPD) : Bitte sehr!
lagen und Gutachten verschrieben haben, trifft keine
Schuld. Ich glaube, wir müssen nicht bei allen Kata- Vizepräsident Schoettle: Herr Abgeordneter
strophen, die uns das Leben einmal bringt, nach Dr. Dittrich.
einem Schuldigen suchen. Wieweit eine Schuld bei
der Herstellerfirma liegt, wird geprüft und muß mit Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Bitte, Herr Kollege,
aller Strenge und Redlichkeit geprüft werden. Ein darf ich fragen, woher Sie die Zahl von 10 000 Miß-
staatsanwaltschaftliches Verfahren schwebt. Diese bildungen haben, aus welchen Quellen diese Zahlen
Tatsache veranlaßt mich, kein Urteil darüber abzuge- stammen?
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1933

Könen (Düsseldorf) (SPD) : 10 000 Geburten, da- — Also gut. Ich würde mich sehr freuen, meine
von 3100 Lebende, das sind Zahlen, die Frau Dr. Damen und Herren, wenn Frau Minister Dr.
Schwarzhaupt bekanntgegeben hat. Schwarzhaupt, sobald ich fertig bin, hier herauf-
käme und uns klarmachte, daß die Katastrophe
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für nicht so 'schrecklich ist, wie es diese Zahlen andeu-
Gesundheitswesen: Nein. ten. Ich wäre wirklich ehrlich froh, wenn man mir
beweisen könnte, daß diese Zahlen falsch sind.
Könen (Düsseldorf) (SPD) : Frau Dr. Schwarz- (Abg. Dr. Dittrich: Wenn Sie sich irgend-
haupt, ich habe nicht die Absicht, hier einen Streit welcher Zahlen bedienen, dann müssen sie
darüber zu beginnen, ob die Zahlen stimmen. Ich richtig sein!)
weiß, daß gesagt worden ist, die Zahlen seien noch — Ja, das Zahlenmaterial kommt doch aus dem Mi-
nicht exakt: Also, ich bitte Sie wirklich: mir kommt nisterium. Na ja, also, wir reden nachher mal dar-
es nicht darauf an, ob es jetzt 10 000 geborene miß- über. Ich weiß nicht, wieso Sie wissen, daß es nicht
gebildete Kinder waren, von denen rund 5000 nicht stimmt. Da sitzt ja das Ministerium.
mehr leben, oder ob es die Hälfte war. Ich glaube,
das hat mit dem Problem an und für sich nichts zu (Abg. Dr. Dittrich: Wo ist Ihre Quelle?)
tun. — Na ja, also gut, sprechen wir nicht von Zahlen.
Wenn sie also meinen, daß die Zahlen zu hoch
Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Verzeihung, Herr Prä- gegriffen sind, dann sollen sie meinetwegen niedri-
sident, meine Frage wurde ja gar nicht beantwortet. ger sein. Das ändert nichts daran, daß unser Antrag
Ich habe gefragt, Herr Kollege, aus welchen Quellen dazu dienen soll zu helfen. Darüber wollen wir uns
Sie diese Zahlen haben. doch 'klar sein. Ich möchte nicht den 'Streit anfangen,
den es mal nach dem Krieg gegeben hat: Unsere
Könen (Düsseldorf) (SPD): Aus Veröffentlichun- Stadt ist zu 80 % zerstört, dann sagt die andere:
gen, in denen auf die Zahlen des Gesundheits- Moment mal, wir zu 82 %. Diesen Unfug möchte
ministeriums hingewiesen wurde. ich hier nicht aufkommen lassen.
(Abg. Dr. Dittrich: Das ist eine ganz andere
Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Welche Veröffentlichun- Sache! — Weitere Zurufe von der Mitte.)
gen sind das?
Meine Damen und Herren, ich sagte schon zu Be-
ginn, daß ich nicht die Absicht habe, das zu wieder-
Könen (Düsseldorf) (SPD) : Ich habe sie nicht holen, was Frau Dr. Hubert als Ärztin zu diesen
bei mir. Das Ministerium hat es bekanntgegeben. Dingen gesagt hat. Ich will mich auf diesen Antrag
Ich konnte ja nicht ahnen, daß ich hier gefragt wür- beschränken. Es ist das erstemal, daß ich mich hier
de, wo ich die Zahlen des Ministeriums gelesen im Hause ausgesprochen mit dem Chef eines Mini-
habe. steriums befassen muß, der zudem noch eine Chefin
ist. An sich liegt mir das nicht; aber ich habe das Ge-
Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Das stimmt ja gar nicht! fühl, daß Frau Dr. Schwarzhaupt ein wenig zu viel
herumgereist ist und dabei ein wenig zu viel gesagt
Könen (Düsseldorf) (SPD) : Also, wenn es nicht hat. Wir haben gehört, daß Frau Dr. Schwarzhaupt als
stimmt, ich habe Ihnen eben schon gesagt, ich streite Minister in Lübeck erklärt hat, sie sei gegen Conter-
mich nicht mit Ihnen um tausend. Es können von gan-Renten. Frau Minister, auch wir sind gegen
mir aus 10 gewesen sein statt 10 000; dann ist es Contergan-Renten. Nun weiß ich nur nicht, was Sie
immer noch schlimm. Was soll das? unter Renten verstehen. Ein Mensch, der so miß-
gebildet auf die Welt kommt, daß er keine Arme
(Beifall bei der SPD.) und keine Beine hat und daß ihm ein Auge fehlt,
bedarf wahrscheinlich sein Leben lang der Fürsorge
Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Dann sollten Sie diese und der Betreuung der Nächsten, der Menschen, der
Zahlen aber nicht verwenden! Gemeinde, des Staates — nehmen Sie, wen Sie wol-
len! —, der Gemeinschaft, in die er hineingeboren
Könen (Düsseldorf) (SPD) : Sprechen Sie mit der ist. Wenn Sie die Tatsache, daß er von der Wiege
Frau Minister, nicht mit mir über diese Zahlen. bis zum Grabe im buchstäblichen Sinne diese Hilfe
braucht, als Rente bezeichnen, dann muß ich Ihnen
(Fortgesetzte Zurufe von der Mitte.) sagen, daß ich dann tatsächlich für Contergan-Ren-
— Nun j a , selbstverständlich; ich habe sie doch ten bin.
nicht gezählt, sondern das Ministerium. Oder war Aber es sind ja keine; ich glaube, darüber sind
es dafür auch nicht zuständig, meine Damen und wir uns klar. Und Sie haben auch gesagt, daß es
Herren? Das ist ja das berühmte Ministerium, des- nicht notwendig sei, besondere Hilfsmaßnahmen für
sen Zuständigkeit darin besteht, sich nicht für zu- diese armen Geschöpfe durchzuführen, weil ja das
ständig zu erklären. Bundessozialhilfegesetz hier helfe. Es kam dann,
(Anhaltende Zurufe von der Mitte.) nicht nur von Ihnen, sondern auch von anderen Stel-
len, dazu noch die Bemerkung, daß man hier kein
Von diesen 10 000 sollen noch 3100 leben, und Sonderrecht schaffen könne, und Sie meinten noch
davon sollen 1000 schwerstgeschädigt sein. auf die blinden Kinder hinweisen zu sollen; da tue
(Abg. Frau Dr. Pannhoff: Stimmt nicht!) man das auch nicht. Dazu darf ich Ihnen berichti-
1934 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962
Könen (Düsseldorf)
gend sagen: Wir haben für blinde Kinder, Frau gar nicht schlimm; denn wenn der Patient wieder
Minister, eine Sonderregelung. aus dem Krankenhaus heraus ist, hängt ihm der
„Blinddarm auf Nummer 17" nicht an.
Aber damit zwingen Sie mich, ganz kurz etwas
über das Bundessozialhilfegesetz zu sagen. Sie sel- (Zurufe von der Mitte.)
ber haben vorhin von den Katastrophen des Lebens — Entschuldigungen Sie schon, ich bin nur der Auf-
gesprochen. Ich stelle hier kühl und nüchtern fest, fassung, daß es eine oberflächliche Geschmacklosig-
daß das Bundessozialhilfegesetz in seiner jetzigen keit ist, in diesem Falle auch noch von „Robben-
Form nicht dazu ausreicht, diese Katastrophe abzu- kindern" zu sprechen. Ich glaube, der Schmerz und,
fangen. Das ist eine Tatsache. Ich habe nicht die wie die Frau Minister gesagt hat, die furchtbaren
Absicht, hier eine Fachdiskussion über das BSHG Sorgen der Eltern sollten das verbieten.
anzufangen, sondern will nur schnell eines sagen.
„Hilfe in besonderen Lebenslagen" — diese armen (Beifall bei der SPD. — Zuruf der Abg.
Geschöpfe sind in einer besonderen Lebenslage — Frau Dr. Pannhoff.)
bedeutet Einkommensgrenze 500 DM, + 80 DM — Entschuldigen Sie einmal, Frau Dr. Pannhoff, was
Familienzuschlag, bedeutet Inanspruchnahme eines soll der Fünfzehnjährige eines Tages machen, wenn
kleinen Barvermögens, das mit 1700 bzw. 2700 DM ihm gesagt wird: Du bist ein Robbenkind? Ich bin
geschützt ist. Ich glaube, man kann nicht gut davon dagegen, das in den Sprachgebrauch zu überneh-
ausgehen, daß das genügen würde. men, und ich möchte die Frau Minister bitten, nicht
Nun werden Sie sagen, es habe immer mißge- zu dulden, daß das geschieht. Sonst will ich ja gar
bildete Kinder gegeben, es habe immer Menschen nichts.
gegeben, die sich in einer außerordentlichen Lage (Erneuter Beifall bei der SPD.)
befänden und sich nicht selber helfen könnten. Das Es soll sich nicht einer eines Tages darauf berufen
ist richtig. Sie werden mir sagen: Warum dann ge- können: Was wollen Sie eigentlich, das Ministe-
rade für die Contergangeschädigten Kinder? rium sagt es ja selber!
Bei dieser Gelegenheit habe ich eine Bitte. Es ist Darum, meine Damen und Herren, legen wir den
schon betrüblich genug, daß man von „Contergan- Antrag vor, der, wie man uns vorwurfsvoll vorhält,
Kindern" spricht. Mir gefällt das gar nicht. besondere, über das BSHG hinausgehende Maßnah-
(Abg. Martin: Es ist aber von Ihrer Seite men vorsehen soll. Das ist hier schon angeklungen,
geschehen!) Frau Minister Schwarzhaupt hat davon gesprochen.
— Verzeihen Sie! Selbst wenn es mein bester
Freund gesagt hätte, gefiele mir das nicht. Gestatten Vizepräsident Schoettle: Herr Abgeordneter
Sie, daß ich da nicht unterscheide, ob ich meiner Könen, gestatten Sie eine Zwischenfrage?
oder in Ihrer Fraktion!
(Abg. Martin: Das ist sehr schön, daß Sie Könen (Düsseldorf) (SPD) : Bitte sehr!
das sagen !)
— Ja, ich bin ein vernünftiger Mensch. Frau Dr. Pannhoff (CDU/CSU) : Herr Kollege
Könen, ist Ihnen bekannt, daß in den Ländern die
(Heiterkeit.)
Hilfsaktionen sehr gut angelaufen sind, auch erfolg-
Aber ich habe hier eben von Frau Dr. Schwarz- reich angelaufen sind,
haupt gehört, daß der Schmerz und die furchtbaren
Sorgen der Eltern seit der Gründung des Ministe- (Abg. Könen [Düsseldorf] : Jawohl!)
riums dieses Ministerium begleitet hätten. Sehr mit Hilfe des Bundessozialhilfegesetzes und einer
verehrte Frau Minister, ich habe eine aufrichtige Verordnung, zu deren Erlaß die Länder berechtigt
Bitte an Sie. Vor einigen Wochen habe ich unter- sind? Es läuft bereits seit langem wunderbar.
wegs im Autoradio — ich habe es also selber ge-
hört — den Frauenfunk des Norddeutschen Rund-
funks gehört. Dieser Frauenfunk hatte sich in einer Könen (Düsseldorf) (SPD) : Seien Sie bitte damit
einverstanden, daß ich gleich darauf zurückkomme.
vorhergehenden Sendung mit der Contergan-
Katastrophe befaßt und dabei wohl irgendwelche Ich hatte sowieso vor, etwas dazu zu sagen.
unfreundlichen Bemerkungen über Ihr Minsterium Meine Damen und Herren, diese Sonderstellung
gemacht. Nun verlas die Dame am Frauenfunk eine begründen wir einfach damit, daß hier die öffent-
Antwort des Gesundheitsministeriums, und zwar liche Verantwortung angesprochen ist. Frau Minister
einen offiziellen Brief der Pressestelle. Frau Mini- Dr. Schwarzhaupt hat soeben gesagt, wenn solche
ster, in diesem Brief wurde nicht nur von Conter- Katastrophen eintreten, 'braucht man nicht unbedingt
gan-Kindern, sondern auch von Robben-Kindern Schuldige zu suchen oder sogar zu finden. Sie hat
gesprochen. ein tröstliches Wort zu den Müttern gesagt, und sie
(Zurufe von der SPD.) hat ein Wort zu den Ärzten gesagt. Sie hat auch
davon gesprochen, daß die Verantwortlichkeit des
Dieser Ausdruck „Robbenkinder" kommt daher, daß
Staates nicht in einem Versagen gesehen werden
sich diese Kinder wie eine Robbe auf dem Bauche
muß.
rutschend auf der Erde bewegen müssen. In den
Krankenhäusern ist es üblich, daß die Kranken- Ich will gar nicht von der Verantwortlichkeit des
schwester zum Stationsarzt sagt: „Der Blinddarm Staates sprechen, sondern ich will von der öffent-
auf 17 hat Fieber." Damit meint sie den Patienten, lichen Verantwortung sprechen. Ich bin kein Arzt,
der am Blinddarm operiert worden ist. Das ist auch meine Damen und Herren, ich bin Laie. Ich bin also
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1935
Könen (Düsseldorf)
der Auffassung, wenn man in eine Apotheke geht, Nun zu Ihrer Frage hinsichtlich der Länder. Das
um ein rezeptfreies Mittel zu kaufen, hat man nicht Bundessozialhilfegesetz enthält einen Paragraphen,
die Möglichkeit, das erst zu überprüfen, sondern der davon ausgeht, daß es eine ausgesprochene Er-
man muß sich darauf verlassen können, daß man, messensentscheidung der Träger der Sozialhilfe ist,
wenn man dieses Mittel nicht mißbräuchlich benutzt über die Einkommensgrenze hinausgehende Beträge
— das gibt es ja auch; davon reden wir jetzt gar nicht, zum Teil oder ganz in Anspruch zu neh-
nicht —, sondern es vernünftig anwendet, davor ge- men. Es ist richtig, was Sie sagen, Frau Dr. Pann-
schützt ist, daß solche Auswirkungen eintreten, wie hoff, daß in allen Ländern — und ich kann nur
sie z. B. im Falle der Thalidomid-Präparate einge- sagen: bravo! — versucht wird, mit den jetzigen
treten sind. Das bezeichne ich als öffentliche Ver- Mitteln fertig zu werden. Aber ich weiß nicht; ich
antwortung, und da vermisse ich den Schutz. Frau glaube kaum, das Minister Hemsath es mir übel-
Dr. Schwarzhaupt, einen Vorwurf muß man stehen nehmen wird, wenn ich sage: Seine Anordnung,
lassen: Hier ist nicht so schnell gehandelt worden, grundsätzlich das Einkommen nicht in Anspruch zu
wie es notwendig gewesen wäre. nehmen, ist sicherlich so etwas wie ein positiver
(Zustimmung bei der SPD.) Ermessensmißbrauch; um mich mal so auszudrücken.
(Abg. Dr. Jungmann: Irrtum! Sie irren sich!)
Das ist doch der Punkt, wo die Angelegenheit
kritisch zu betrachten ist. — Dann irre ich mich. Es sollte mich aber sehr wun-
dern, wenn ich mich da irre. Ich kenne den Para-
Sie haben gesagt, Frau Minister, Sie warnen vor graphen auch.
der Illusion, anzunehmen, daß die Rezeptpflicht
Entscheidendes verändert hätte. Dazu will ich Ihnen (Abg. Dr. Jungmann: Sie müssen das So-
einmal etwas sagen. Wenn die Rezeptpflicht ver- zialhilfegesetz genau lesen!)
hindert hätte, daß auch nur ein einziges Kind miß- — Daß Sie zu mir sagen, ich müßte das Sozialhilfe-
gebildet geboren wäre, dann wäre ich darüber heil- gesetz lesen, das ist der beste Witz, den Sie heute
froh. gemacht haben. Fragen Sie mal Ihre Kollegen in der
(Beifall bei der SPD.) CDU, fragen Sie mal Herrn Dr. Willeke hinter
Ich glaube, wir dürfen hier nicht in Zahlen von der Ihnen, ob es einen gibt, der das Sozialhilfegesetz
Katastrophe reden, sondern das einzelne mensch- noch besser kennt als wir zwei!
liche Schicksal muß es uns schließlich wert sein, ent- (Abg. Dr. Jungmann: Dann haben Sie es
sprechende gesetzgeberische Bestimmungen zu nicht verstanden!)
schaffen.
(Beifall bei der SPD.) Aber Sie konnten es nicht wissen; ich nehme es
Ihnen nicht übel.
Ich habe nicht die Absicht, mich hier mit den ein-
Vizepräsident Schoettle: Erlauben Sie eine zelnen Paragraphen zu befassen. Die öffentliche
Zwischenfrage? — Das Wort zu einer Zwischenfrage
Verantwortung drängt dazu, daß hier etwas Beson-
hat Frau Dr. Pannhoff.
deres geschieht. Die Tatsache, daß die Länder ver-
suchen, es mit den jetzt gegebenen gesetzlichen
Frau Dr. Pannhoff (CDU/CSU) : Herr Kollege Möglichkeiten hinzukriegen, sollte uns im Bund
Könen, sind Sie im Ernst der Auffassung, daß es nicht hindern, auch von uns aus die Hilfsmaßnah-
einen hundertprozentigen Schutz, wie Sie ihn ver- men zu erwägen, die notwendig sind. Ich möchte
langen, beim Einnehmen von Arzneimitteln in unse- ausdrücklich betonen — ich schließe mich hier Frau
rem Zeitalter der vorwärtspreschenden Technik und Minister Dr. Schwarzhaupt an —, das hat mit der
Neuentdeckungen überhaupt gibt und geben kann? Haftpflicht dieser Firma nichts zu tun. Das hat auch
nichts damit zu tun, was Sache des Staatsanwalts
ist. Hier dreht es sich nur darum, daß den Menschen
Könen (Düsseldorf) (SPD) : Nein, ich habe auch geholfen wird.
nicht gesagt, daß ich der Meinung sei, daß die Re-
zeptpflicht einen hundertprozentigen Schutz gibt. Im Zum Antrag ist einiges zu sagen. Das ist ganz
Gegenteil! Ich habe gesagt: wenn die Rezeptpflicht klar. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß das
erreicht hätte, daß auch nur ein einziges Kind vor kein Gesetzentwurf ist.
diesem Schicksal bewahrt worden wäre, wäre das Nun habe ich eine Bitte an Sie, meine Damen
für mich schon ein Grund, die Rezeptpflicht zu for- und Herren. Soweit ich unterrichtet bin, soll dieser
dern. Das ist doch der Punkt! Genau das Gegenteil Antrag der Fraktion der SPD, der die Bundesregie-
habe ich gesagt. rung ersucht, den Entwurf eines Gesetzes baldmög-
(Abg. Frau Dr. Pannhoff: Sie verlangen es lichst vorzulegen, an die Ausschüsse überwiesen
aber von der Regierung!) werden. Wenn Sie nicht grundsätzlich gegen den
Antrag sind — das könnte ja sein —,
— Ich verlange von der Regierung, daß sie alles (Abg. Frau Dr. Pannhoff: Nein, das sind
das tut, was in ihrer Macht steht. Dafür ist sie die wir nicht!)
Regierung, dafür haben wir ein Gesundheitsmini-
sterium, Frau Dr. Pannhoff! dann könnten wir uns den Umweg über die Aus-
schüsse nach unserer Auffassung ersparen. Es ist
(Abg. Frau Dr. Pannhoff: Da sind wir einig!)
schon viel Zeit mit all diesen Dingen verlorengegan-
— Schön. gen. Ich würde Sie wirklich herzlich bitten, diesen
1936 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962
Könen (Düsseldorf)
Antrag so, wie er ist, anzunehmen und der Bundes- deren ein Beitrag der Eltern zu den Aufwendungen
rgeierung zuzuleiten, damit sie einen entsprechen- verlangt werden kann, liegt höher als in anderen
den Entwurf vorlegt, den wir dann in den Aus- Fällen. Eine Rückerstattung wird in keinem Falle
schüssen behandeln können. Ich würde mich wirk- verlangt. Alle Länder treten für eine großzügige
lich freuen, wenn , Sie das mitmachten, es sei denn, Auslegung dieser Bestimmungen ein. Es sind nicht
Sie hätten irgendwelche Gründe, die ich noch nicht nur Einkommen und Familienstand,. sondern auch
kennen kann. Ich glaube, wir sind das den Menschen laufende Lasten, Abzahlungen, Beiträge für eine
schuldig, die darauf warten, daß ihnen geholfen Bausparkasse oder alle dergleichen Belastungen des
wird. Wir sollten also so schnell wie möglich han- Einkommens der Eltern mit zu berücksichtigen, und
deln. nach den Bestimmungen kann nur ein Beitrag ver-
(Beifall bei der SPD.) langt werden, er muß nicht verlangt werden. Es ist
eine Prüfung erforderlich; es kann aber denkbar
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat Frau großzügig verfahren werden.
Minister Dr. Schwarzhaupt. Deshalb haben sich die Länderminister dafür ein-
gesetzt, Richtlinien für eine großzügige Auslegung
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für dieses Gesetzes auf Länderbasis zu erlassen. Es hat
Gesundheitswesen: Herr Präsident! Meine Damen meines Wissen kein Landesminister den Antrag
und Herren! Ich trete dafür ein, daß auch dieser An- oder das Verlangen gestellt oder auch nur die An-
trag im Ausschuß erörtert wird; es wird sich aus regung gegeben, über das Bundessozialhilfegesetz
meinen weiteren Ausführungen ergeben, weshalb. hinaus eine ganz neue Regelung ganz speziell für
Ich glaube, er betrifft so stark das vom vorigen die Fälle, die auf Arzneimittelschäden beruhen, zu
Bundestag beschlossene Bundessozialhilfegesetz, erlassen.
daß die (Bundesregierung, ehe sie einen Entwurf Wenn wir eine besondere Gruppe aus der großen
vorlegen könnte, die Meinung des Gesetzgebers — leider großen — Zahl der körperbehinderten Kin-
über die Auslegung des Bundessozialhilfegesetzes der herausgreifen, nämlich die Gruppe derjenigen,
gerade in den hier zur Debatte stehenden Fragen bei denen ein Kausalzusammenhang mit Arzneimit-
kennen muß. Deshalb bitte ich, nicht sofort zu be- telschäden festgestellt werden kann, so bedeutet
schließen, sondern auch diesen Antrag im Ausschuß das, daß an Stelle der Angabe von Gehalt oder Lohn
zu beraten. oder Einkommen vor der Stelle, die helfen soll, der
Ich stimme dem Motiv voll zu, daß den Eltern Nachweis tritt: „Die Mutter hat in den und den
von Kindern, die von Geburt an schwer körperbe Wochen ihrer Schwangerschaft das und das Mittel
hindert sind,großzügig wirksame Hilfe gegeben genommen", ein Nachweis, der unter Umständen
werden muß. Der seelische Schmerz dieser Eltern ist sehr schwer zu erbringen ist. In der Praxis kann es
kaum mit den Schmerzen, die andere Katastrophen zu mancherlei Unbilligkeiten und unter Umständen
hervorgerufen haben, zu vergleichen, und die be- sogar zu Mißbräuchen führen, wenn man diese
sonderen finanziellen Aufwendungen für diese von Fälle gewissermaßen ohne Grund in wirtschaftlicher
Geburt an so schwer betroffenen Kinder, die mit und sozialer Hinsicht privilegiert gegenüber ande-
Prothesen versorgt werden müssen und einer be- ren, genauso schweren und genauso traurigen Fäl-
sonderen Pflege bedürfen, erstrecken sich über ein len, in denen dieser Nachweis etwa durch Vorlage
ganzes Menschenleben. Das gibt von vornherein einer ärztlichen Verordnung nicht erbracht werden
den Anforderungen an die Eltern, etwa eigenes Ein- kann. Deshalb wiederhole ich, daß alle Fälle
kommen und Vermögen einzusetzen, ein anderes schwerer körperlicher Behinderung besonders groß-
Gesicht als solchen Aufwendungen, die eine ein- zügig behandelt werden sollen, daß aber auf den
malige 'Zahlung oder eine befristete besondere Hilfe Nachweis der Ursache, der oft schwer zu erbringen
für ein körperbehindertes Kind sind. Dieser Ge- ist, verzichtet werden soll.
sichtspunkt muß schon bei der Gewährung der Nun noch ein paar Worte zu den Einzelvorwür-
ersten Hilfe mit bedacht werden. fen, die Herr Könen gegen uns erhoben hat. Zu-
nächst einmal, die Zahl 10 000 ist niemals in einer
Ich glaube aber, wir können nicht .aus dem Auge
Verlautbarung des Bundesgesundheitsministeriums
verlieren, daß die Zahl der Kinder, deren Schädi-
genannt worden.
gung nachweislich auf Arzneimittelgebrauch beruht,
nur einen kleinen Teil der Zahl der Kinder darstellt,
die aus anderen Gründen oder aus nicht nachweis- Vizepräsident Schoettle: Gestatten Sie eine
baren Gründen mit ähnlich schweren Schäden auf Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Büttner?
die Welt kommen oder die Opfer von verstümmeln-
den Unfällen oder Opfer der Kinderlähmung gewor-
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für
den sind. Wir meinen, daß der Anlaß für die staat- Gesundheitswesen: Ja, bitte! -
liche Hilfe die Not des Kindes und seiner Eltern ist,
daß also vor allem die ,Schwere der körperlichen
Behinderung, die Höhe der Aufwendungen für die Büttner (SPD) : Frau Minister, darf ich Sie fragen
Hilfe entscheidend sein muß, ganz gleich, was im — weil Sie jetzt gerade behauptet haben, die Zahl
Einzelfall die Ursache der Schädigung ist. Und da 10 000 sei noch nie genannt worden —, ob Ihnen
glaube ich allerdings, daß das Bundessozialhilfe- der Artikel der „Westdeutschen Allgemeinen Zei-
gesetz für Körperbehinderte eine großzügige Hilfe tung" vom 28. September 1962 bekannt ist, in dem
in Aussicht stellt. Die Einkommensgrenze, oberhalb es u. a. heißt:
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1937
Büttner
Die vom Bundesgesundheitsministerium früher erwarten, Frau Ministerin, daß Sie anerkennen, daß
genannte Zahl von 10 000 Kindern mit Mißbil- ich — obwohl ich die Berichtigung des Ministeriums,
dungen ist nach den Worten der Ministerin daß es hier ein Mißverständnis in der Bericht-
auf ein Mißverständnis zurückzuführen. erstattung gegeben habe, gekannt hätte —, nicht von
der Zahl 10 000 — die anderen Zahlen stimmten ja,
Geht aus dieser Berichterstattung nicht hervor, daß
wie Sie soeben bestätigt haben — ausgegangen bin,
die Zahl 10 000 genannt worden ist?
im Gegensatz zu meinem Kollegen Schütz, der das
Darf ich Sie weiter fragen, ob ähnlich wie im nicht getan hat?
Lande Nordrhein-Westfalen von den zuständigen
Landesministern Erhebungen angestellt sind —
Minister Weyer hat für das Land Nordrhein-West- Vizepräsident Schoettle: Darf ich auch einmal
falen erklärt, daß dort 1200 Fälle bekannt sind, von eine Zwischenbemerkung machen. Es ist zwar nicht
denen 179 stationär behandelt werden müssen — , Sache des Präsidenten, in eine Debatte einzugreifen.
und sind Ihnen ähnliche Zahlen aus anderen Län- Ich möchte aber doch zu bedenken geben, ob dieses
dern bekannt? Spiel mit Zahlen in dieser Situation überhaupt noch
einen weiteren Sinn hat.
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für (Zustimmung im ganzen Hause.)
Gesundheitswesen: Es ist in der Presse sehr viel
Hilfreiches zu diesem ganzen Thema geschrieben
worden. Ich möchte aber doch eine Frage aus der Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für
gestrigen Debatte aufgreifen: Ist ein Pressebericht Gesundheitswesen: Der Meinung bin ich durchaus.
ein Dokument? Ich bin auf die Zahl 10 000 nur zu sprechen gekom-
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) men, um die Dinge auf ihr Maß zurückzuführen und
das Verhältnis zu den aus anderen Ursachen ent-
Die Zusammenhänge sind folgendermaßen: Bei standenen ähnlichen Unglücken klarzustellen.
einer Pressekonferenz, die einer meiner Mitarbeiter
über dieses Thema gehalten hat, ist ein Mißver- Zweitens. Herr Könen, ich habe niemals von
ständnis vorgekommen. Die Zahl 5000 spielte eine „Contergan-Renten" gesprochen. Ich habe in Lübeck
Rolle, und es spielte die Tatsache eine Rolle, daß ungefähr das gleiche gesagt, was ich hier gesagt
etwa die Hälfte der Kinder nicht lebensfähig war. habe, und habe am anderen Tag dieses Wort mit
Dabei ist nicht bei meinem Mitarbeiter, der es rich- Erstaunen in der Überschrift einer Zeitung gefun-
tig gesagt hat, sondern bei den Zuhörern oder eini- den. Ich glaube, auch in dieser Zeitung ist es nicht
gen von ihnen das Mißverständnis entstanden, die als ein wörtliches Zitat von mir dargestellt worden.
Zahl 5000 sei die Zahl der noch lebenden Kinder. Ich habe das Wort jedenfalls niemals negativ oder
Dieses Mißverständnis ist in der Presse später weit- positiv gebraucht. Ebensowenig stammt das andere
hin durch neue, ergänzende Berichte klargestellt Wort; das Sie zitiert haben, aus meinem Ministe-
worden. Es hat naturgemäß eine gewisse Zeit ge- rium. In medizinischen Fachzeitschriften werden be-
dauert, bis wir von den Ländern einen Überblick stimmte Fehlbildungen „Phokomelien" und „Rob-
über die Zahlen erhalten haben, zumal Medizinal- benhände" genannt. Das ist ein schreckliches Wort;
statistik immer schwierig ist, weil es immer schwie- es gibt aber für den Mediziner eine bestimmte Form
rig ist, abzugrenzen, welche Fehlbildungen bei neu- der Fehlbildung deutlich wieder. Es mag sein, daß
geborenen Kindern schwer, minder schwer und leich- dieses Wort einmal — nicht auf Kinder, sondern
ter sind. auf ein bestimmtes Glied bezogen — in einem
Was ich Ihnen jetzt als Zahlen auf Grund einer Schriftwechsel gebraucht worden ist. Es ist aber
Landesministerkonferenz, die kürzlich stattgefunden keineswegs so, daß ich oder meine Mitarbeiter
hat, angeben kann, ist etwa folgendes. Es gibt etwa jemals in einer derart grausamen Form von diesen
2000 lebende Kinder mit Gliederfehlbildungen Erscheinungen gesprochen hätten. Ich habe immer
schwererer Art. Eine Zahl, die auch leichtere Mißbil- von „Kindern mit schweren Gliedmaßenfehlbildun-
dungen von jetzt noch lebenden Kindern einschließt, gen" gesprochen, und es ist traurig genug, was man
lautet 3184. Wir wollen uns aber über die Zahlen sich unter diesem Wort vorstellen muß. Ich wieder-
nicht weiter streiten. Ich möchte nur zu der Zahl hole, daß alle Fälle schwerer körperlicher oder auch
10 000 mit Entschiedenheit sagen, daß sie auf einem geistiger Behinderung besonders großzügig behan-
Mißverständnis der Zuhörer in einer Pressekonfe- delt werden sollten, daß aber auf den Nachweis
renz beruht. der Ursache, der oft schwer zu erbringen ist und der
auch die Eltern Versuchungen aussetzt, denen man
sie nicht aussetzen sollte, verzichtet werden sollte.
Vizepräsident Schoettle: Gestatten Sie eine
Zwischenfrage? Dies alles sollte — vor allem auch an Hand der
Berichte der Länder über die bei ihnen verfolgte
Praxis — im Ausschuß noch einmal eingehend er-
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für örtert werden.
Gesundheitswesen: Bitte schön!
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Könen (Düsseldorf) (SPD) : Frau Ministerin, darf
ich eine Frage stellen? Es ist also richtig, wenn wir
feststellen, daß die Zahl 10 000, die die geborenen Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
Kinder betrifft, richtiggestellt worden ist? Darf ich Herr Abgeordnete Dr. Jungmann.
1938 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962

Dr. Jungmann (CDU/CSU) : Herr Präsident! den 'Problemen zu stehen, wird den Eltern die
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich notwendige seelische Unterstützung geben.
möchte ausschließlich zu dem Antrag der SPD-Frak- Helfen Sie,
tion Drucksache 630 sprechen. — damit sind wir gemeint —
Ich meine, daß der zeitweise etwas polemische aus den Kindern gleichwertige und selbständige
Ton der Diskussion diesem Gegenstand nicht ange-
Mitglieder unserer Gesellschaft zu machen. Ma-
messen ist.
terielle Hilfe ist möglich. Die seelische Not und
(Zustimmung in der Mitte.)
den Kummer um die körperliche Versehrtheit
Außerdem, glaube ich, gibt es in diesem Hause der Kinder kann niemand den Eltern abneh-
keine Meinungsverschiedenheiten darüber, daß hier men.
in jedem nur möglichen Maß Hilfe geleistet werden
Ich glaube, mit diesen Worten ist der Geist gekenn-
muß, und zwar sollte diese Hilfe nicht nach irgend-
zeichnet, in dem wir unsere Beratungen zu führen
welchen formalen und auch nicht nach irgendwel-
haben.
chen wirtschaftlichen Überlegungen gemessen wer-
den, sondern allein nach der Größe und Schwere Ich möchte mich — auch im Namen meiner Frak-
der Not, die es zu lindern und zu beheben gilt. tion — dafür aussprechen, daß dieser Antrag dem
Ausschuß für 'Gesundheitswesen und zur Mitbera-
Dabei handelt es sich nicht um eine rhetorische
tung dem Ausschuß für Kommunalpolitik und So-
Floskel. Vielmehr sind diese Überlegungen, daß in
zialhilfe überwiesen wird.
schweren Notständen so und nicht anders geholfen
werden soll, bereits Sinn und Geist des Sozialhilfe- (Beifall bei der CDU/CSU.)
gesetzes gewesen, an dem hier nun so scharfe Kri-
tik geübt wird. Das steht im krassen Gegensatz zu
den Auffassungen der Länderminister, soweit ich Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
informiert bin, auch des Ministers Hemsath, nach Herr Abgeordnete Dr. Hamm.
dessen Meinung das Sozialhilfegesetz jede, aber
auch jede Möglichkeit gibt, jede Hilfe zu leisten, Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) : Herr Präsi-
die vom menschlichen Standpunkt aus richtig und dent! Meine sehr geehrten Damen und Herren! In
angemessen ist, um diesen Notständen, die hier der Tat handelt es sich bei dem Gegenstand, mit
aufgetreten sind, zu begegnen. Diese Notstände sind dem wir uns hier zu befassen haben, um eine tiefe
unerwartet, in gewisser Hinsicht aber auch nicht un- Tragik. Ich halte es deshalb nicht für angemessen,
erwartet aufgetreten; denn das Sozialhilfegesetz sich bei 'der Beratung gegenseitig Vorwürfe zu ma-
hatte tatsächlich auch schon solche Tatbestände ins chen oder mit Zahlen zu spielen.
Auge gefaßt. Sie sind ja nicht neu, nur ist ihr zah-
lenmäßiges Ausmaß größer, als wir es gewohnt (Beifall bei der FDP. — Zustimmung bei
waren. der SPD.)
Ich glaube, ein solches Sondergesetz — den Aus- Es gibt 'keine unterschiedliche Meinung in diesem
druck bitte ich nicht polemisch aufzufassen, sondern Hause darüber, daß den Kindern, bei denen eine
ihn nur im Hinblick auf die Diskussion, die es im Schädigung durch das bekannte Arzneimittel vor-
vorigen Bundestag über diese Frage gegeben hat, liegt, und ihren Eltern in dem größtmöglichen Um-
zu sehen — würde tatsächlich einen Rückschritt ge- fange geholfen werden muß. Man sollte sich dabei
genüber dem Sozialhilfegesetz bedeuten, das ja nicht allein auf eine staatliche Hilfe beschränken.
unter anderem den Zweck gehabt hat, beispiels- Wir sollten vielmehr bei jeder Gelegenheit auch
weise das Körperbehindertengesetz, in dem diese private Initiativen anregen. Ich begrüße es beson-
Materie schon weitgehend angesprochen war, und ders, daß das Deutsche Grüne Kreuz die sogenannte
das Tuberkulosehilfegesetz, das auch einem großen Aktion „Kinderhilfe" gestartet hat. Ich selber habe
Maß von menschlicher Not begegnet, zu beseitigen mir erlaubt, der pharmazeutischen Industrie eine
und in einem großen, großzügigen Sozialhilfegesetz Stiftung zugunsten arzneimittelgeschädigter Kinder
aufgehen zu lassen, das all diesen Bedürfnissen der vorzuschlagen.
modernen Gesellschaft und auch den Wünschen die-
ses Gesetzgebers Rechnung trägt. Nun zu idem Antrag der SPD! In diesem Zusam-
menhang ist es notwendig, einen Blick auf das am
Erlauben Sie mir zum Schluß noch ein Zitat, das 1. Juni 1962 in Kraft getretene Bundessozialhilfege-
ich mit Genehmigung des Herrn Präsidenten aus setz zu werfen. Es handelt sich hier, wie schon
dem Schreiben verlesen darf, das der Vertreter der betont worden ist, um Hilfen in besonderen Lebens-
Gruppe der Eltern, die diese bedauernswerten Kin- lagen. Der § 84 des Bundessozialhilfegesetzes sieht
der haben — er ist selbst Vater eines solchen Kin- vor, daß eine Einkommensbelastung des Geschädig-
des —, an die Fraktionen des Deutschen Bundes- ten oder des Unterhaltspflichtigen nur in zumut-
tages gerichtet hat. Es sind Worte, die mich per- barem Rahmen möglich ist und daß dem Ermessen
sönlich tief ergriffen haben und die in diesem Zu- der fürsorgeleistenden Stelle ein weiter Spielraum
sammenhang wohl zitiert werden dürfen. Dieser zu setzen ist. Sie wissen, daß die Länder im einzel-
Mann schreibt: nen schon Verordnungen dazu erlassen haben und
Die Eltern wollen kein Mitleid und kein Almo- daßsErmenipzlFäe,nd
esn. Sie sind bestrebt, im Rahmen ihrer finan- es sich um körperlich stark behinderte, um mißge-
ziellen Möglichkeiten selbst mit den Problemen bildete Kinder handelt, besonders weit gehandhabt
fertig zu werden. Das Gefühl, nicht allein mit wird.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1939
Dr. Hamm (Kaiserslautern)
Bei dem SPD-Antrag geht es jedoch um etwas festzustellen und zu beweisen. Wir werden uns Ge-
anderes. Man will für einen ganz bestimmten Kreis danken darüber machen müssen, ob wir speziell bei
von Personen, die nach dem Bundessozialhilfegesetz den Arzneimitteln — bei den Impfstoffen kommt es
anspruchsberechtigt sind, die Einkommensprüfung ohnehin im Bundesseuchengesetz — eine Erleichte-
und die Einkommensgrenzen überhaupt fallenlas- rung des Nachweises für den Geschädigten vorsehen
sen. 'Ich habe schon gesagt, daß mit der jetzigen können. Ich weiß, daß das problematisch ist; immer-
gesetzlichen Regelung bei ihrer sinnvollen Anwen- hin muß es überlegt werden.
dung den Kindern und ihren Familien ohne wei- Alles in allem bin ich der Meinung, man sollte
teres in vollem Umfange geholfen werden kann. diesen Antrag, der unser allgemeines Streben zum
All die Maßnahmen, die in dem SPD-Antrag vor- Ausdruck bringt, der nur einen bestimmten Weg
gesehen sind — ärztliche Behandlung, Versorgung zeigt, über den man diskutieren kann, über den man
mit Arzneien, Gewährleistung von Pflege, Hilfe zur sich aber nicht zu streiten braucht, dem Gesundheits-
Eingliederung und zur Ausbildung —, sind schon in politischen Ausschuß und mitberatend dem genann-
dem Abschnitt „Hilfe in besonderen Lebenslagen" ten Ausschuß des Bundestages überweisen.
des Bundessozialhilfegesetzes enthalten: Hier geht
es jedoch darum, das Grundprinzip der staatlichen Ich darf noch ein Wort zu dem Antrag unter Zif-
Sozialhilfe für einen bestimmten Kreis nicht mehr fer 2 sagen. Es sollte eine Selbstverständlichkeit
gelten zu lassen. Man will nicht mehr,. daß der Staat sein, daß der Staat insbesondere für die Forschung,
dort eingreift, wo er gewissermaßen als Ausfall- die sich mit solch schweren Schäden befaßt, Mittel
bürge einstehen muß, sondern man will in diesen zur Verfügung stellt und alles nur Mögliche tut,
Fällen allgemein die staatliche Sozialhilfe zum Zuge damit die Erforschung der Grundlagen, damit die Er-
kommen lassen. forschung der Hilfsmaßnahmen für diese traurigen
Opfer, für diese schwergeprüften Familien gefördert
Da müssen wir zwei Punkte beachten. Einmal wür-
wird. Deshalb könnte meinem Dafürhalten nach zu
den wir uns zu dem Gleichheitsgrundsatz und dem
der Ziffer 2 des Antrags nichts gesagt werden als
Grundsatz der Gerechtigkeit in Widerspruch setzen,
das, daß im Nachtragshaushalt 1962 schon
wenn wir nur einem, wenn auch besonders stark be-
600 000 DM eingesetzt und für das Jahr 1963 ohne-
troffenen Teil Sozialhilfe leisten würden, wenn wir
hin insgesamt 3 Millionen DM eingeplant sind. Das
also lediglich arzneimittelgeschädigten Kindern So-
ist selbstverständlich eine Aufgabe. Aber hinsicht-
zialhilfe leisten würden ohne Rücksicht auf die Ein-
lich des Sozialhilfegesetzes sollten wir die Gesichts-
kommensgrenze und ohne Einkommensprüfung. Da
punkte bedenken, die ich gerade darzulegen ver-
kämen auch eine Unmenge anderer in Frage. Ich
sucht habe.
darf als Beispiel lediglich einmal die sogenannten
spastisch gelähmten Kinder nennen, die ein ähnlich Ich beantrage also namens der Fraktion der FDP
schweres Schicksal und einen ähnlich schweren Le- Überweisung an den Gesundheitsausschuß und —
benslauf vor sich haben wie die traurigen Opfer des mitberatend — an den Kommunalpolitischen Aus-
Contergans. Wir können also nicht so verfahren; schuß.
sonst müßten wir dieses Vorgehen auf alle die (Beifall bei der FDP.)
Kreise ausdehnen, die in ähnlicher Situation sind
und die Bleichgelagerte Lebenslagen haben. Das be- Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat Frau
deutete — darüber müssen wir uns klar sein —, daß Minister Dr. Schwarzhaupt.
an die Stelle der Sozialhilfe eine echte Entschädi-
gung des Staates gesetzt würde. Ich möchte die
Frau Dr. Schwarzhaupt, Bundesminister für
Frage aufwerfen: bei welchem Entschädigungsfall
Gesundheitswesen: Ich habe noch einmal um das
soll so etwas enden? Im Bundessozialhilfegesetz hat
Wort gebeten, weil zu dem zweiten Punkt des An-
man speziell für solche Fälle und Lebenslagen den
trags der sozialdemokratischen Fraktion von Ihrer
Bedürftigkeitsbegriff weit gefaßt; man hat bei der
Seite noch nichts gesagt worden ist. Ich nehme an,
Hilfe sehr weite Ermessenmöglichkeiten vorge-
daß Sie ihn durch das für begründet halten, was
sehen. Nach dem jetzt geltenden Wortlaut kann man
bisher gesagt worden ist. Ich hatte erwartet, daß
praktisch ohne jeden Einkommenseinsatz und ohne
Sie dazu noch einmal etwas sagen.
jeden Vermögenseinsatz des Betroffenen helfen.
Ich möchte jedoch sehr davor warnen, eine allge- Ich möchte ausdrücklich feststellen, daß ich die-
meine Entschädigung für einen ganz bestimmten sem Antrag voll zustimmen kann. Das Ministerium
Kreis vorzusehen, der dann weiter wäre als der, hat sich bereits in einem frühen Stadium mit den
den die SPD mit ihrem Antrag festzulegen glaubt. beteiligten Wissenschaftlern vor allem auf dem Ge-
Ich glaube, der Ausschuß für Gesundheitswesen biete der Orthopädie in Verbindung gesetzt. Wir
wird sich ebenso wie der mitberatende Ausschuß haben bereits eingeleitet, daß im Zusammenwirken
sehr eingehend Gedanken darüber machen und die- mit den Ländern die wissenschaftliche Forschung
sen Gesichtspunkt beachten müssen. zur Entwicklung, Weiterentwicklung und Erprobung
Man wird aber auch an etwas anderes denken orthopädischer und sonstiger Hilfsmaßnahmen, die
müssen. Es ist vorhin vom Arzneimittelgesetz die gerade bei dieser Art von Mißbildungen erforder-
Rede gewesen. Meine Damen und Herren, das Pro- lich werden, gefördert wird.
blem der Haftung des Herstellers liegt doch darin, Auch hier erscheint es mir nicht gerechtfertigt
daß es heute für die Geschädigten außerordentlich oder möglich, Fehlbildungen, die auf Arzneimittel-
schwierig ist, den Kausalzusammenhang zwischen gebrauch beruhen, irgendwie besonders herauszu-
der Einnahme des Mittels und der Schadensfolge heben, da die gleichen Erscheinungen auch ohne
1940 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962
Bundesgesundheitsminister Frau Dr. Schwarzhaupt
diese Ursache vorkommen und genau der gleichen — Ich habe mich an das zu halten, was nach meinen
Hilfe bedürfen. Ich glaube, darin, Herr Könen, sind Notizen vorgeschlagen wird; darüber bestehen
wir auch einig. Vereinbarungen.
Im Nachtragshaushalt für dieses Jahr ist auf (Abg. Rasner: Streichen!)
Antrag meines Ministeriums ein Betrag von — Besteht darüber Einverständnis?
600 000 DM eingesetzt, der zum Teil für Forschung,
zum Teil für Erweiterung der vorhandenen Klini- (Zustimmung. — Abg. Könen [Düsseldorf]::
ken und Heime bestimmt ist. In dem Haushaltsplan Wir haben beantragt, ihn direkt anzuneh-
für 1963 hat das Bundeskabinett einen weiteren Be- men! — Gegenruf des Abg. Rasner: Aber
trag von 3 Millionen DM als eine einmalige Aus- Ausschußüberweisung geht vor! )
gabe für die gleichen Zwecke eingesetzt. Dabei han- — Nach der Geschäftsordnung geht die Überwei-
delt es sich zunächst um orthopädische Fachstatio- sung an die Ausschüsse vor; das ist nicht zu leug-
nen, in denen körperbehinderte Kinder mit Prothe- nen.
sen versehen werden und in denen ihre Mütter mit (Abg. Frau Dr. Hubert: Aber nicht in
dem Umgang mit diesen Apparaten vertraut ge- dem Fall!)
macht werden können. Kinder, die aus irgend-
— Ich habe jetzt nicht von dem Fall auszugehen,
welchen Gründen nicht in der Obhut ihrer Familie
bleiben können, müssen in Pflegeheime aufgenom- sondern von der Geschäftsordnung.
men werden. Später wird es besonderer Einrichtun- Ich habe vorgeschlagen: Überweisung an den
gen bedürfen, um den behinderten Kindern eine Ausschuß für Gesundheitswesen und an den Aus-
vollständige Schulbildung zu gewähren und sie für schuß für Kommunalpolitik und Sozialhilfe. Stimmt
einen angemessenen Beruf auszubilden. Hier ist das Haus diesem Vorschlag zu? — Das ist der Fall.
eine etwas langfristige Planung nötig. In allen Bun- Die Überweisung ist beschlossen. Damit ist die
desländern ist sie von den dort zuständigen Be- Beratung dieses Punktes beendet.
hörden eingeleitet worden. Ich rufe Punkt 8 der Tagesordnung auf:
Die Orthopädie und Prothetik haben schon heute Erste Beratung des von den Abgeordneten
einen hohen Stand erreicht. Ich konnte mich davon Hilbert, Leicht, Dr. Hauser und Genossen
überzeugen, welche erstaunlichen Leistungen die eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Technik auf diesem Gebiet hervorgebracht hat. Es Änderung des Güterkraftverkehrsgesetzes
ist rührend, aber doch auch in gewissem Maße tröst- (Drucksache IV/553).
lich, zu sehen, wieviel für diese Kinder getan wer- Ich eröffne die Aussprache. — Das Wort wird
den kann und wie sie auch mit diesen Ersatzstük- nicht gewünscht. Die Aussprache ist geschlossen.
ken umzugehen lernen. Die Vorlage soll überwiesen werden an den Aus-
Auf diesem Gebiet sehe ich nun allerdings die schuß für Verkehr, Post- und Fernmeldewesen?
Verantwortung des Staates — wohl ähnlich wie (Zustimmung.)
Sie —: der Staat hat die Verantwortung dafür, daß
Wird gegen diesen Vorschlag Einspruch erhoben?
allen Kindern, die mit einer so schweren Belastung
Das ist nicht der Fall; es ist so beschlossen.
in das Leben gehen müssen, alle Hilfe zuteil wird,
die die heutige Wissenschaft zur Verfügung hat und Ich rufe auf den Punkt 9:
die sie durch eine großzügige wirtschaftliche Förde-
Erste Beratung des von den Fraktionen der
rung vielleicht noch entwickeln kann.
CDU/CSU, FDP, SPD eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zur Änderung der Gewerbe
Vizepräsident Schoettle: Es liegen keine wei- ordnung (Drucksache IV/559 [neu]).
teren Wortmeldungen vor. Ich schließe die Aus- Ich eröffne die Aussprache. — Das Wort wird
sprache. nicht gewünscht; die Aussprache ist geschlossen.
Für die weitere Behandlung der Vorlagen ist Die Vorlage soll überwiesen werden an den Wirt-
vorgeschlagen: für die Drucksache IV/563 — Ent- schaftsausschuß — federführend — und an den Aus-
wurf eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes schuß für Kommunalpolitik und Sozialhilfe — mit-
über den Verkehr mit Arzneimitteln — Überwei- beratend —. Stimmt das Haus diesem Überwei-
sung an den Ausschuß für Gesundheitswesen. — sungsvorschlag zu? — Das ist der Fall; es ist so be-
Stimmt das Haus dieser Überweisung zu? — Das schlossen.
ist der Fall.
Ich rufe auf den Punkt 10 der Tagesordnung:
Bezüglich des Antrages der Fraktion der SPD
betreffend Bundeshilfe bei Mißbildungen durch Erste Beratung des von den Abgeordneten
Arzneimittel ist vorgeschlagen: Überweisung an Seidl (München), Bauer (Wasserburg), Bau-
den Ausschuß für Gesundheitswesen als feder- knecht, Ertl und Genossen eingebrachten Ent- -
führenden Ausschuß, ferner an den Ausschuß für wurfs eines Siebenten Gesetzes zur Änderung
Kommunalpolitik und Sozialhilfe und an den Rechts- des Getreidegesetzes (Drucksache IV/561).
ausschuß. Werden gegen diesen Vorschlag Einwen- Ich eröffne die Aussprache. — Das Wort wird
dungen erhoben? nicht gewünscht; die Aussprache ist geschlossen.
(Zurufe von der SPD: Rechtsausschuß? — Die Vorlage soll überwiesen werden an den Aus-
Davon ist nichts bekannt!) schuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1941
Vizepräsident Schoettle
und an den Haushaltsausschuß gemäß § 96 der Ge- Die Vorlage soll überwiesen werden an den Wirt-
schäftsordnung. Stimmt das Haus diesem Überwei- schaftsausschuß —federführend —, an den Aus-
sungsvorschlag zu? — Das ist der Fall; es ist so be- schuß für auswärtige Angelegenheiten und den Aus-
schlossen. schuß für Entwicklungshilfe — mitberatend —.
Ich rufe auf den Punkt 11 der Tagesordnung: Stimmt das Haus dem Vorschlag zu? — Das ist der
Erste Beratung des von der Bundesregierung Fall; es ist so beschlossen.
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu Punkt 15:
dem Vertrag vom 4. November 1961 zwischen
Erste 'Beratung des von der Bundesregierung
der Bundesrepublik Deutschland und dem
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
Königreich Griechenland über die gegensei-
dem Abkommen vom 14. Juli 1960 zwischen
tige Anerkennung und Vollstreckung von
gerichtlichen Entscheidungen, Vergleichen und der Bundesrepublik Deutschland und dem
Großherzogtum Luxemburg über die Soziale
öffentlichen Urkunden in Zivil- und Handels-
sachen (Drucksache IV/570). Sicherheit der Grenzgänger (Drucksache
IV/595).
Ich eröffne die Aussprache. — Das Wort wird
nicht gewünscht; die Aussprache ist geschlossen. Wird .das Wort in der Aussprache gewünscht? —
Das ist nicht der Fall; die Aussprache ist geschlos-
Die Vorlage soll überwiesen werden an den sen.
Rechtsausschuß — federführend — und an den Aus-
schuß für auswärtige Angelegenheiten — mitbe- Die Vorlage soll überwiesen werden an den Aus-
ratend —. Wird diesem Vorschlag zugestimmt? — schuß für Sozialpolitik. Zustimmung 'zu diesem Vor-
Das ist der Fall; es ist so beschlossen. schlag? — Das scheint so zu sein. — Die Überwei-
sung ist beschlossen.
Ich rufe auf den Punkt 12:
Erste Beratung des von der Bundesregierung Punkt 16:
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Erste Beratung des von der Bundesregierung
Ausführung des Vertrages vom 4. November eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
1961 zwischen der Bundesrepublik Deutsch- dem Abkommen vom 14. Juli 1960 zwischen
land und dem Königreich Griechenland über der Bundesrepublik Deutschland und dem
die gegenseitige Anerkennung und Vollstrek- Großherzogtum Luxemburg über die Gewäh-
kung von gerichtlichen Entscheidungen, Ver- rung von Leistungen bei Krankheit und Mut-
gleichen und öffentlichen Urkunden in Zivil- terschaft an Personen, die die Anwendung
und Handelssachen (Drucksache IV/571). der Rechtsvorschriften des Herkunftsstaates
Ich nehme an, daß ich hier die Aussprache erst nach Artikel 14 Absatz (2) der Verordnung
gar nicht zu eröffnen brauche. — Es besteht offenbar Nr. 3 des Rates der Europäischen Wirtschafts-
kein Wunsch nach einer Debatte. gemeinschaft über die Soziale Sicherheit der
Wanderarbeitnehmer gewählt haben (Druck-
Es ist vorgeschlagen, die Vorlage zu überwei- sache IV/596).
sen an den Rechtsausschuß — federführend — und
an den Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten — Aussprache. — Das Wort wird nicht gewünscht;
mitberatend —. Ich setze voraus, daß das Haus die- die Aussprache ist geschlossen.
sem Vorschlag zustimmt; es ist so beschlossen.
Die Überweisung soll erfolgen an den Ausschuß
Punkt 13: für Sozialpolitik — federführend —, an den Aus-
Erste Beratung des von der Bundesregierung schuß für Arbeit und an den Ausschuß für aus-
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur wärtige Angelegenheiten — mitberatend —. Das
Änderung des Wirtschaftsstrafgesetzes 1954 Haus stimmt diesem Überweisungsvorschlag zu? —
(Drucksache IV/573). Das scheint der Fall zu sein; es ist so beschlossen.
Ich eröffne die Aussprache in erster Beratung . — Punkt 17:
Das Wort wird nicht gewünscht; die Aussprache ist Erste Beratung des von der Bundesregierung
geschlossen.
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über
Die Vorlage soll überwiesen werden an den Wirt- die Durchführung von Statistiken auf dem
schaftsausschuß — federführend — und an den Gebiet der Sozialhilfe, der Kriegsopferfür-
Rechtsausschuß — mitberatend —. Stimmt das Haus sorge und der Jugendhilfe (Drucksache
diesem Vorschlag zu? — Das ist der Fall; es ist so IV/615) .
beschlossen.
Eine Aussprache wird nicht gewünscht. —
Punkt 14 der Tagesordnung:
Erste 'Beratung des von der Bundesregierung Die Vorlage soll an den Ausschuß für Inneres
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu überwiesen werden. Das Haus stimmt diesem Vor-
dem Vertrag vom 16. Mai 1961 zwischen der schlag zu? — Es ist so beschlossen.
Bundesrepublik Deutschland und der Repu- Punkt 18:
blik Togo über die Förderung der Anlage von
Erste Beratung des von der Bundesregierung
Kapital (Drucksache IV/592).
eingebrachten Entwurfs eines Fünften Geset-
Die Aussprache ist eröffnet. — Das Wort wird zes zur Änderung und Ergänzung des Hypo-
nicht gewünscht; die Aussprache ist geschlossen. thekenbankgesetzes (Drucksache IV/624).
1942 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962
Vizepräsident Schoettle
Auch hier soll eine Aussprache nicht stattfinden. — Monopolverwaltung für Branntwein beim
Das Wort wird auch nicht gewünscht. Überwiesen Landesfinanzamt Berlin für die Geschäftsjahre
soll werden an den Wirtschaftsausschuß — feder- 1958/59 und 1959/60 (Drucksache IV/627).
führend und den Rechtsausschuß. — Das Haus Hier soll an den Finanzausschuß überwiesen wer-
stimmt diesem Vorschlag zu; es ist so beschlossen. den. — Diesem Vorschlag wird nicht widersprochen;
Punkt 19: er ist angenommen.
Beratung des Antrags des Bundesministers Punkt 26:
der Finanzen betr. Bundeshaushaltsrechnung Beratung des Antrags der Abgeordneten
für das Rechnungsjahr 1960 (Drucksache Dr. Schmidt (Wuppertal), Bading, Margulies
IV/441) . und Genossen betr. Beseitigung von Abfall-
Keine Aussprache? — Es soll an den Haushaltsaus- stoffen (Drucksache IV/587).
schuß überwiesen werden. — Das Haus stimmt zu; Die Antragsteller bitten, den Antrag nicht an einen
es ist so beschlossen. Ausschuß zu überweisen, sondern — unter Ände-
Punkt 20 der Tagesordnung: rung des Datums in den 1. Februar 1963 — ohne
Beratung des Antrags des Bundesministers Begründung und Debatte im Plenum über ihn abzu-
stimmen. Ist das Haus bereit, diesem Verfahren zu-
der Finanzen betr. Veräußerung einer Teil-
fläche der ehemaligen Hutier-Kaserne in zustimmen? — Dann lasse ich über den Antrag der
Darmstadt an die Stadt Darmstadt (Druck- [Link](Wupertal),Bdng
sache IV/620). Margulies und Genossen abstimmen. Wer stimmt
diesem Antrag zu? — Danke. Ich bitte um die Ge-
Die Vorlage soll an den Ausschuß für wirtschaft- genprobe. — Enthaltungen? — Der Antrag ist ein-
lichen Besitz des Bundes — federführend — und an stimmig angenommen.
den Haushaltsausschuß — mitberatend — überwie-
sen werden. — Das Haus stimmt zu. Ich rufe Punkt 27 der Tagesordnung auf:
Beratung des von der Bundesregierung ein-
Punkt 21:
gebrachten Entwurfs einer Fünfunddreißig-
Beratung des Antrags des Bundesministers sten Verordnung zur Änderung des Deutschen
der Finanzen betr. Veräußerung einer Teil- Zolltarifs 1962 (Baumaterialien, Bauhilfsmit-
fläche des ehemaligen Flugplatzes Lodden- tel usw.) (Drucksache IV/658).
heide an die Stadt Münster (Westfalen)
Überweisung soll erfolgen an den Außenhandels-
(Drucksache IV/621) .
ausschuß — federführend — und den Wirtschafts-
Hier soll Überweisung ebenfalls an den Ausschuß ausschuß. — Diesem Vorschlag wird nicht wider-
für wirtschaftlichen Besitz des Bundes — federfüh- sprochen; er ist angenommen.
rend — und an den Haushaltsausschuß erfolgen.
Punkt 28:
Wird diesen Vorschlägen nicht widersprochen? —
Die Überweisung ist beschlossen. Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
schusses für Arbeit (21. Ausschuß) über den
Punkt 22:
von der Bundesregierung zur Kenntnisnahme
Beratung des Antrags des Bundesministers vorgelegten Entwurf einer Verordnung Nr....
der Finanzen betr. Veräußerung einer Teil- zur Durchführung periodischer Lohnerhebun-
fläche der ehemaligen Fahrtruppenschule in gen im verarbeitenden Gewerbe (Druck-
Hannover an das Land Niedersachsen (Druck- sachen IV/636, IV/657).
sache IV/622).
Welche Nummer soll diese Verordnung haben, ist
Überweisung soll erfolgen an den Ausschuß für das geklärt? Es ist ein Entwurf der EWG, und es ist
wirtschaftlichen Besitz des Bundes — federführend interessant, daß wenigstens in der Vorlage eine
— und an den Haushaltsausschuß. Kein Wider- Nummer angedeutet wird. Wir - müssen also die
spruch? — Die Überweisung ist beschlossen. Vorlage verabschieden, ohne daß sie numeriert ist.
Punkt 23: Hier soll nicht überwiesen, sondern abgestimmt
Beratung des Antrags des Bundesministers werden. Berichterstatter ist Herr Abgeordneter
der Finanzen betr. Veräußerung einer Teil- Lang. Ist der Herr Berichterstatter willens und be-
fläche der ehemaligen Schack-Kaserne in reit?
Hannover an die Stadt Hannover (Drucksache (Abg. Rasner: Wir verzichten!)
IV/626) . — Herr Kollege Rasner, die Antwort kam von
Die Überweisung soll erfolgen an den Ausschuß für Ihnen; aber der Herr Berichterstatter scheint tat-
wirtschaftlichen Besitz des Bundes — federführend sächlich verzichten zu wollen, vermutlich weil er in-
— und an den Haushaltsausschuß. Kein Wider- folge Abwesenheit verzichten muß.
spruch gegen diesen Vorschlag? — Die Überwei- (Heiterkeit.)
sung ist so beschlossen.
Eine Aussprache soll nicht stattfinden; wir kom-
Punkt 24: men zur Beschlußfassung. Ich bitte diejenigen Damen
Beratung des Berichts des Bundesrechnungs- und Herren, die dem Bericht und dem Antrag des
hofes über die Prüfung der Bilanzen und des Ausschusses auf Drucksache IV/657 zustimmen wol-
Geschäftsbetriebes der Verwertungsstelle der len, um ein Handzeichen. — Danke. Gegenprobe! —
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1943
Vizepräsident Schoettle
Enthaltungen? — Der Antrag des Ausschusses ist Dem Antrag liegt folgender Sachverhalt zugrunde.
angenommen. Dr. Kapfinger hat am 23. August 1961 beim Amts-
gericht Eggenfelden eine einstweilige Verfügung
Ich rufe Punkt 29 der Tagesordnung auf: erwirkt, in der dem Kollegen Höhne bei Vermei-
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus- dung einer vom Gericht festzusetzenden Haftstrafe
schusses für Arbeit (21. Ausschuß) über den bis zu sechs Monaten oder Geldstrafe in unbe-
von der Bundesregierung zur Kenntnisnahme schränkter Höhe verboten wurde, öfter als viermal
vorgelegten Entwurf Werbeexemplare des „Rottal-Kuriers" — einer für
den Bundestagswahlkampf bestimmten Schrift — an
einer Verordnung über die ersten Maßnah-
ein und denselben Haushalt zum Zwecke der Ein-
men zur Herstellung der Freizügigkeit der
führung ohne vorgängige Bestellung und kosten-
Grenzarbeitnehmer innerhalb der Gemein-
los zu liefern.
schaft nebst Anhang und einer Richtlinie, be-
treffend die Verwaltungsfragen und -prak- Der Antragsteller Dr. Kapfinger behauptet, der
tiken hinsichtlich der Grenzarbeitnehmer, Antragsgegner, Abgeordneter Höhne, habe das in
der einstweiligen Verfügung ausgesprochene Ver-
einer Verordnung über die ersten Maßnah- bot nicht beachtet. Er hat deshalb beim zuständigen
men zur Herstellung der Freizügigkeit der Landgericht Regensburg Strafantrag wegen Zu-
Saisonarbeitnehmer innerhalb der Gemein- widerhandlung gegen die einstweilige Verfügung
schaft nebst einer Anlage und einer Richt- gestellt. Das Landgericht hat sich wegen des Art. 46
linie, betreffend die Saisonarbeitnehmer Abs. 2 des Grundgesetzes gehindert gesehen, dem
(Drucksachen IV/511, IV/667). Antrag auf Straffestsetzung stattzugeben.
Berichterstatter ist Herr Abgeordneter Haase. Ich Im Immunitätsausschuß erhob sich zunächst die
frage, ob er Wert darauf legt, seinem Schriftlichen Frage, ob der Antragsteller im Straffestsetzungsver-
Bericht noch einen mündlichen hinzuzufügen. — Das fahren nach vorangegangener einstweiliger Verfü-
scheint nicht der Fall zu sein. gung einen Antrag auf Aufhebung der Immunität
Wir kommen dann zur Beschlußfassung. Wer dem stellen könne. Inzwischen sind die Grundsätze in
Antrag des Ausschusses für Arbeit auf Drucksache Immunitätsangelegenheiten verändert und ist dieser
IV/667 zustimmen will, den bitte ich um ein Hand- Fall eingebaut worden. An der Antragsberechtigung
zeichen. — Danke. Die Gegenprobe bitte! — Ent- besteht nun kein Zweifel mehr.
haltungen? — Einstimmig verabschiedet! Die Frage, ob es sich bei einer nach § 890 ZPO
festzusetzenden Strafe ihrem Wesen nach um eine
Ich rufe Punkt 30 der Tagesordnung auf: Kriminalstrafe handelt, ist im Immunitätsausschuß
Beratung des Mündlichen Berichts des Aus- in vorangegangenen Legislaturperioden bereits be-
schusses für Wahlprüfung, Immunität und handelt worden. Im 1. Bundestag hat der Ausschuß
Geschäftsordnung (1. Ausschuß) — Immuni- die Meinung vertreten, lediglich die Vollstreckung
tätsangelegenheiten — betreffend Genehmi- einer Haftstrafe sei eine solche Beschränkung der
gung zur Durchführung des Vollstreckungs- persönlichen Freiheit, daß eine Genehmigung nach
verfahrens gegen den Abgeordneten Höhne Art. 6 Abs. 3 des Grundgesetzes erforderlich sei;
gemäß Schreiben des Rechtsanwalts Klenner, die Vollstreckung einer Geldstrafe im Rahmen des
Regensburg, vom 15. Januar 1962 (Druck- § 890 ZPO hingegen sei nicht genehmigungspflichtig.
sache IV/669). Demgegenüber vertritt Bockelmann die gegenteilige
Aufassung, daß schon das Verfahren nach § 890 ZPO
Berichterstatter ist Herr Abgeordneter Dürr. Ich nicht ohne Genehmigung des Bundestages stattfin-
erteile ihm das Wort. den dürfe, auch wenn nicht mehr als die Verurtei-
lung zu einer Geldstrafe erstrebt werde. Der Aus-
schuß hat sich dieser Ansicht aus folgenden Grün-
Dürr (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen und
den angeschlossen.
Herren! Ich habe namens des Ausschusses für
Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung dem Geht man davon aus, daß die Androhung der
Hohen Hause folgendes zu berichten. Strafe die Festsetzung der Strafnorm ist, so bedeu-
tet die Prüfung, ob dieser Norm zuwidergehandelt
Herr Rechtsanwalt Klenner hat namens und im worden ist, ein Zur-Verantwortung-Ziehen im Sinne
Auftrag seines Mandanten, des Zeitungsverlegers des Art. 46 Abs. 2 des Grundgesetzes. Erst wenn
Dr. Hans Kapfinger, beantragt, die Genehmigung erwiesen ist, daß der Schuldner der Anordnung zu-
zur Strafverfolgung des Abgeordneten Höhne zu widergehandelt hat, besteht für das Gericht die
erteilen. Möglichkeit, eine der angedrohten Strafen zu voll-
(Abg. Schmitt-Vockenhausen: Johann Evan strecken. Ist, wie in diesem Fall, vom Gericht eine
gelist Kapfinger!) fakultative Strafe angedroht, d. h. entweder eine
Geld- oder eine Haftstrafe, so bedarf es in jedem -
— Ich muß Ihre hochgespannten Erwartungen ent- Fall einer Genehmigung des Deutschen Bundes-
täuschen; es handelt sich nicht um eine Fibag-Spät- tages. Es würde eine unzulässige Beeinträchtigung
lese, sondern um eine Bundestagswahlkampf-Nach- der Entscheidungsfreiheit des Gerichts bedeuten,
lese. wenn ihm mitgeteilt würde, bezüglich einer Voll-
(Abg. Schmitt-Vockenhausen (SPD) : Unsere streckung der Geldstrafe bedürfe es einer Genehmi-
Erwartungen sind bei Herrn Kapfinger nie gung des Deutschen Bundestages nicht. Der Aus-
hochgespannt!) schuß war der Ansicht, daß deshalb- eine Genehmi-
1944 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962
Dürr
gung zur Strafverfolgung auf Grund des § 890 ZPO Punkt 33 der Tagesordnung:
in jedem Falle erforderlich ist. Beratung des Berichts des Außenhandelsaus-
Ich bitte deshalb das Hohe Haus, den Antrag des schusses (17. Ausschuß) über die von der Bun-
Immunitätsausschusses auf Drucksache IV/669 anzu- desregierung erlassene Zweiunddreißigste
nehmen und die Genehmigung zur Durchführung Verordnung zur Änderung des Deutschen
des Vollstreckungsverfahrens zu erteilen. Zolltarifs 1962 (Vergeltungszölle) (Druck-
sachen IV/608, IV/682).
Vizepräsident Schoettle: Eine Debatte findet Hier hat das Haus lediglich Kenntnis zu nehmen.
nicht statt. Ich bitte diejenigen, die dem Antrag des Ich stelle fest, das Haus nimmt Kenntnis.
Ausschusses zustimmen wollen, um ein Hand- (Zurufe.)
zeichen. — Danke. Gegenprobe! — Enthaltungen? —
Der Antrag ist bei einigen Nein-Stimmen angenom- — Meine Damen und Herren, gewisse Dinge müssen
men. eben formaliter erledigt werden.

Ich rufe Punkt 31 der Tagesordnung auf: Punkt 34 der Tagesordnung:


Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus- Beratung des Berichts des Außenhandels-
schusses für Ernährung, Landwirtschaft und ausschusses (17. Ausschuß) über die von der
Forsten (19. Ausschuß) über die von der Bun- Bundesregierung erlassene
desregierung zur Unterrichtung vorgelegten Fünfte Verordnung zur Änderung der Ein-
Vorschläge der Kommission der EWG fuhrliste — Anlage zum Außenwirtschafts-
a) für eine Richtlinie über die Einzelheiten gesetz —
zur Verwirklichung der Niederlassungs- Zweite Verordnung zur Änderung der Außen-
freiheit bei landwirtschaftlichen Betrieben, wirtschaftsverordnung
die seit mehr als zwei Jahren verlassen
sind oder brachliegen, Zweite Verordnung zur Änderung der Aus
fuhrliste — Anlage zur Außenwirtschafts
b) für eine Richtlinie über die Verwirk- verordnung (Drucksachen IV/606, IV/678).

lichung der Niederlassungsfreiheit in der


Landwirtschaft für Angehörige eines Mit- Auch hier wird auf einen Bericht verzichtet. Das
gliedstaates, die als Landarbeiter zwei Haus nimmt Kenntnis von dem Bericht? — Das ist
Jahre ohne Unterbrechung in einem ande- der Fall.
ren Mitgliedstaat gearbeitet haben (Druck
sachen IV/598, IV/670, zu IV/670). Punkt 35 der Tagesordnung:
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
Ich frage, ob der Berichterstatter, Herr Abgeord- schusses für Gesundheitswesen (11. Aus-
neter Marquardt, das Wort wünscht. — Das scheint schuß) über den von der Bundesregierung
nicht der Fall zu sein. Wir müssen also dann auf zur Unterrichtung vorgelegten Vorschlag der
eine mündliche Ergänzung des Schriftlichen Berichts Kommission für eine Richtlinie des Rates zur
verzichten. Der Antrag des Ausschusses lautet: Regelung gesundheitspolizeilicher Fragen
Der Bundestag wolle beschließen, beim innergemeinschaftlichen Handelsver-
die Vorschläge der Kommission der EWG — kehr mit frischem Fleisch Drucksachen IV/635,
Drucksache IV/598 — zur Kenntnis zu nehmen. IV/688.

Ich bitte diejenigen Damen und Herren, die diesem Berichterstatterin ist Frau Abgeordnete Dr. Flitz.
Antrag des Ausschusses zustimmen wollen, um ein — Sie verzichten; Sie verweisen auf den Schrift-
Handzeichen. — Danke. Die Gegenprobe! — Enthal- lichen Bericht. Ich danke Ihnen. Wir kommen zur
tungen? — Es ist ohne Gegenstimmen und ohne Beschlußfassung. Wer dem Bericht und dem An-
Enthaltungen so beschlossen. trag des Ausschusses zustimmen will, den bitte ich
um ein Handzeichen. — Danke. Gegenprobe!-
Ich rufe Punkt 32 der Tagesordnung auf: - Enthaltungen? — Ohne Gegenstimmen und Ent-
Beratung des Schriftlichen Berichts des haltungen ist so beschlossen.
Außenhandelsauschusses (17. Ausschuß) über
Ich rufe dann auf Punkt 36 der Tagesordnung.
den von der Bundesregierung eingebrachten
Entwurf einer Sechsunddreißigsten Verord- (Zurufe: Absetzen!)
nung zur Änderung des Deutschen Zolltarifs
— Er soll abgesetzt werden. — Das Haus ist mit
1962 (Zollkontingente — 2. Halbjahr 1962)
diesem Vorschlag einverstanden. Das erleichtert
(Drucksachen IV/659, IV/681).
die Geschäftslage beträchtlich. -
Berichterstatter ist Herr Abgeordneter Theis. Will
Herr Theis Bericht erstatten? — Das scheint nicht Dann rufe ich auf Punkt 37 der Tagesordnung:
der Fall zu sein. Dann kommen wir zur Beschluß-
fassung. Wer dem Bericht des Ausschusses auf Beratung des interfraktionellen Antrags betr.
Drucksache IV/681 zustimmen will, den bitte ich um Überweisung von Anträgen an die Aus-
ein Handzeichen. — Danke. Gegenprobe! — Enthal- schüsse (Umdruck 143). *)
tungen? — Ohne Gegenstimmen und Enthaltungen
ist so beschlossen. *) siehe Anlage 2
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962 1945
Vizepräsident Schoettle
Ich nehme an, daß das Haus diesem Antrag zu- Nächster Punkt:
stimmt. — Das ist der Fall.
Schriftlicher Bericht des Außenhandelsaus-
Nunmehr sind noch einige zusätzliche Punkte zu schusses über den von der Bundesregierung
behandeln. Nach einer interfraktionellen Verein- eingebrachten Entwurf einer Einunddreißig-
barung ist die Tagesordnung ergänzt worden um sten Verordnung zur Änderung des Deut-
die schen Zolltarifs 1962 (Zollaussetzungen —
Zweite und dritte Beratung des von. der Bun- 2. Halbjahr 1962) (Drucksachen IV/614,
desregierung eingebrachten Entwurfs eines IV 679).
Gesetzes zu dem Internationalen Fernmelde- Berichterstatter ist 'der Abgeordnete Bading. 'Er
vertrag vom 21. Dezember 1959 (Drucksachen
scheintdaWorzuwü[Link]
IV/449, IV/677).
zur Abstimmung. Wer dem Bericht des Außenhan-
Berichterstatter ist der Abgeordnete Cramer. delsausschusses und dem Antrag des Ausschusses
(Zuruf von der SPD: Ich vertrete den Herrn zustimmen will, den bitte ich um ein Handzeichen.
Berichterstatter; auf mündliche Bericht — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Das ist ein-
erstattung wird verzichtet!) stimmig beschlossen.

— Ich danke Ihnen im Namen des Hauses. Letzter Punkt der Tagesordnung:
Wir kommen zur zweiten Beratung. Ich eröffne Schriftlicher Bericht des Außenhandelsaus-
die zweite Beratung. Wird das Wort gewünscht? schusses über den von der Bundesregierung
— Das ist nicht ,der Fall; ich schließe die zweite eingebrachten Entwurf einer Dreiunddreißig-
Beratung. sten Verordnung zur Änderung des Deut-
schen Zolltarifs 1962 (GATT-Zugeständnisse
Wir stimmen über den Gesetzentwurf ab. Ich (bitte — EWG: USA) (Drucksachen IV/613, IV/680).
diejenigen Damen und Herren, die dem Gesetzent-
wurf zustimmen wollen, um ein Handzeichen. — Berichterstatter ist der Abgeordnete Menke. Er
Danke. Gegenprobe! — Ohne Gegenstimmen ist scheint nicht das Wort zu wünschen. Wir kommen
der Gesetzentwurf in der zweiten Beratung in der zur Abstimmung. Wer dem Bericht des Ausschusses
vorgelegten Fassung beschlossen. und dem damit verbundenen Antrag zustimmen
will, den bitte ich um ein Handzeichen. — Gegen-
Wir 'kommen zur probe! — Enthaltungen? — Der Bericht des Aus-
dritten Beratung. schusses ist einstimmig angenommen.
Ich eröffne die Aussprache. — Das Wort wird nicht Damit, meine Damen und Herren, sind wir am
gewünscht. Ich schließe die Aussprache. Ende unserer heutigen Tagung. Ich berufe die
nächste Sitzung des Deutschen Bundestages auf
Wir kommen zur Schlußabstimmung. Wer dem Dienstag, den 6. November, 10 Uhr vormittags, ein.
Gesetzentwurf in der vorliegenden Fassung zustim-
men will, den bitte ich, sich zu erheben. — Ich bitte Die Sitzung ist geschlossen.
um die Gegenprobe. — Der Gesetzentwurf ist ein-
stimmig verabschiedet. (Schluß der Sitzung: 11.45 Uhr.)

-
Deutscher Bundestag - 4. Wahlperiode - 44. Sitzung. Bonn, 'Freitag, den 26. Oktober 1962 1947

Anlagen zum Stenographischen Bericht


Anlage 1
Liste der beurlaubten Abgeordneten Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich

Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Kraus 26. 10.


Kriedemann 26. 10.
Frau Albertz 3. 11.
Kubitza 26. 10.
Arendt (Wattenscheid) 27. 10.
Freiherr von Kühlmann-Stumm 26. 10.
Dr. Arndt (Berlin) 26. 10.
Kühn (Bonn) 31. 12.
Dr. Aschoff 26. 10.
Kühn (Hildesheim) 26. 10.
Dr. Atzenroth 26. 10.
Kühn (Köln) 6. 11.
Auge 19. 11.
Kuntscher 31. 10.
Dr. Barzel 6. 11.
Leber 26. 10.
Bauer (Wasserburg) 26. 10.
Lermer 26. 10.
Frau Berger-Heise 6. 11.
Lohmar 26. 10.
Bergmann 26. 10.
Dr. Löhr 26. 10.
Berkhan 26. 10.
Majonica 6. 11.
Birkelbach 26. 10.
Dr. Mälzig 26. 10.
Blachstein 6. 11.
Mauk 26. 10.
Blöcker 26. 10.
Memmel 6. 11.
Frau Blohm 26. 10.
Michels 26. 10.
Blumenfeld 26. 10.
Dr. h. c. Dr.-Ing. E. h. Möller 26. 10.
von Bodelschwingh 26. 10.
Müller (Nordenhamm) 26. 10.
Börner 26. 10.
Müller (Remscheid) 27. 10.
Frau Brauksiepe 26. 10.
Murr 26. 10.
Brese 26. 10.
Oetzel 31. 10.
Brück 26. 10.
Ollenhauer 26. 10.
Dr. Bucher 6. 11.
Porten 26. 10.
Burckardt 26. 10.
Frau Dr. Probst 26. 10.
Corterier 26. 10.
Rademacher 31. 10.
Cramer 26. 10.
Ramms 26. 10.
Dr. (Dehler 5. 11.
Frau Dr. Rehling 26. 10.
Dr. Deist 6. 11.
Ritzel 2. 11.
Deringer 5. 11.
Sander 26. 10.
Dr. Dollinger 26. 10. Dr. Schäfer 26. 10.
Frau Dr. Elsner 26. 10. Schmücker 26. 10.
Engelbrecht-Greve 26. 10. Dr. Schneider (Saarbrücken) 26. 10.
Etzel 26. 10. Schultz 26. 10.
Figgen 26. 10. Seibert 26. 10.
Franke 26. 10. Seuffert 26. 10.
Dr. Dr. h. c. Friedensburg 28. 11. Storch 26. 10.
Geiger 26. 10. Strohmayr 26. 10.
Dr. Gradl 6. 11. Struve 26. 10.
26. 10. Dr. Süsterhenn 26. 10.
Haage (München)
Varelmann 26. 10.
Dr. Harm (Hamburg) 1. 11.
Verhoeven 26. 10.
Dr. Hesberg 26. 10.
Wacher 6. 11.
Hörnemann (Gescher) 26. 10.
Wächter 26. 10.
Hübner 26. 10. 15. 11.
Dr. Wahl
Dr. Huys 26. 10. Walter 26. 10.
Kalbitzer 6. 11. Wehking 3. 11.
Frau Klee 26. 10. Weinzierl 26. 10.
Dr. Klein (Berlin) 26. 10. Werner 27. 10.
Koenen (Lippstadt) 27. 10. Wischnewski 26. 10.
Dr. Kopf 6. 11. Wittmer-Eigenbrodt 31. 10.
1948 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 44. Sitzung. Bonn, Freitag, den 26. Oktober 1962

Anlage 2
Umdruck 143 2. Antrag der Abgeord- an den Ausschuß für
Interfraktioneller Antrag betreffend Ü ber- neten Dr. Schmidt auswärtige Angelegen-
weisung von Anträgen an die Ausschüsse. (Wuppertal), Bading, heiten
Margulies und Genos-
Der Bundestag wolle beschließen: sen betr. intereuro-
Die folgenden Anträge werden gemäß § 99 Abs. 1 päische Naturparks
GO ohne Beratung an die zuständigen Ausschüsse — Drucksache IV/586 —
überwiesen:
1. Antrag der Fraktion an den Ausschuß für Bonn, den 10. Oktober 1962
der SPD betr. Drittes Kriegsopfer- und Heim-
Gesetz zur Änderung kehrerfragen Dr. von Brentano und Fraktion
und Ergänzung des
Kriegsgefangenenent- Ollenhauer und Fraktion
schädigungsgesetzes
— Drucksache IV/543 — Dr. Mende und Fraktion

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