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Deutscher Bundestag: 29. Sitzung

Das Dokument enthält den Stenographischen Bericht einer Sitzung des Deutschen Bundestags am 17. Februar 1970. In der Sitzung wurde unter anderem ein Anschlag auf ein Altersheim in München thematisiert und Geburtstagen verschiedener Abgeordneter gedacht.

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Deutscher Bundestag

29. Sitzung

Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Inhalt:

Anteilnahme an dem Anschlag auf das Dr. Stoltenberg (CDU/CSU) 1272 A


Altersheim der israelitischen Kultusge- Brandt, Bundeskanzler 1281 C
meinde in München 1245 A
Mertes (FDP) 1282 D
Überweisung einer Vorlage an den Haus- Dr. Schachtschabel (SPD) 1284 B
haltsausschuß 1245 B Höcherl (CDU/CSU) 1288 A
Dr. von Dohnanyi (SPD) 1294 D
Glückwünsche zu den Geburtstagen der
Abg. Frau Dr. Diemer-Nicolaus, Berlin, Graaff (FDP) 1303 D
Dr. von Nordenskjöld, Dr. Erhard, Frau Zander (SPD) 1304 C
Seppi und Becker (Pirmasens) 1245 B
Dr. Luda (CDU/CSU) 1306 D
Amtliche Mitteilungen 1245 C Lenders (SPD) 1310 D
Dr. Burgbacher (CDU/CSU) 1313 C
Beratung des Jahresgutachtens 1969 des
Rosenthal (SPD) 1314 B
Sachverständigenrates zur Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Gewandt (CDU/CSU) 1316 B
(Drucksache VI/100) in Verbindung mit Wolfram (SPD) 1318 B
Springorum (CDU/CSU) 1321 A
Beratung des Jahreswirtschaftsberichts 1970
der Bundesregierung (Drucksache VI/281) Dr. Frerichs (CDU/CSU) 1322 C
Dr. Schiller, Bundesminister 1247 B, Dr. Warnke (CDU/CSU) 1324 A
1297 A, 1328 A Wehner (SPD) 1325 B
Dr. Müller-Hermann (CDU/CSU) 1255 A Dr. Arndt, Parlamentarischer
Kienbaum (FDP) 1263 B Staatssekretär 1326 C
Dr. Stoltenberg (CDU/CSU) (zur GO) 1267 B
Junghans (SPD) 1267 B, 1323 D Nächste Sitzung 1330
II Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Anlagen tenzen in bezug auf Hilfsmaßnahmen für


Nigeria 1332 B
Anlage 1
Anlage 6
Liste der beurlaubten Abgeordneten 1331 A
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Dr. Wulff betr. Hilfsmaß-
Anlage 2
nahmen für Biafra 1332 C
Schriftliche Antwort auf die Zusatzfrage
des Abg. Niegel betr. Arbeitsgemein- Anlage 7
schaft der Verbraucherverbände 1331 B
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Petersen betr. Verfol-
Anlage 3 gung von Mängelrügen durch Käufer von
Schriftliche Antwort auf die Zusatzfrage Eigentumswohnungen und Eigenheimen
des Abg. Meister betr. Freigabe von im Prozeßwege 1332 D
Wohnungen durch die Stationierungs-
streitkräfte 1331 D Anlage 8
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Anlage 4 Frage des Abg. Baier betr. Maßnahmen
Schriftliche Antwort auf die Mündliche gegen den Mietwucher 1333 A
Frage des Abg. Strohmayr betr. Wohn-
geld für Sozialhilfeempfänger 1332 A Anlage 9
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Anlage 5 Fragen des Abg. Mertes betr. Übergang
Schriftliche Antwort auf die Mündliche von mit Bundesmitteln geförderten Woh-
Frage des Abg. Breidbach betr. Kompe- nungen in Privatbesitz 1333 B
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1245

29. Sitzung

Bonn, den 17. Februar 1970

Stenographischer Bericht am 3. Februar der Abgeordnete Dr. von Norden-


skjöld, 60 Jahre,
Beginn: 9.01 Uhr (Beifall)
am 4. Februar der Abgeordnete Dr. Erhard, 73 Jahre,
Vizepräsident Frau Funcke: Die Sitzung ist (Beifall)
eröffnet. Meine Herren und Damen!
am 6. Februar die Abgeordnete Frau Seppi, 60 Jahre,
(Die Abgeordneten erheben sich.) (Beifall)
Am Freitag, dem 13. Februar, wurde ein verbreche- und am 8. Februar der Abgeordnete Becker (Pirma-
rischer Anschlag auf das Altersheim der israeliti- sens), 65 Jahre.
schen Kultusgemeinde in München verübt, bei dem (Beifall.)
sieben Menschen den Tod fanden. Der amtierende Allen Geburtstagskindern unsere herzlichsten
Präsident des Bundestages hat an den Zentralrat der Glückwünsche!
Juden in Deutschland das folgende Telegramm ge-
richtet: Die folgenden amtlichen Mitteilungen werden
Der verbrecherische Anschlag auf das Alters- ohne Verlesung in den Stenographischen Bericht
aufgenommen:
heim der israelitischen Gemeinde in München
hat in unserem Volke Entsetzen und Empörung Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 13. Februar 1970 den
nachstehenden Gesetzen zugestimmt bzw. einen Antrag gemäß
ausgelöst. Der Deutsche Bundestag gedenkt in Artikel 77 Abs. 2 GG nicht gestellt:
tiefem Mitgefühl der Angehörigen und der Gesetz fiber den Volksentscheid im Gebietsteil Baden des
Landes Baden-Württemberg gemäß Artikel 29. Abs. 3 des
Opfer dieses schmachvollen Verbrechens und Grundgesetzes
des so schwer geprüften jüdischen Volkes. Wir Gesetz zu dem Vertrag vom 27. August 1968 zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und dem Spanischen Staat über
wenden den Verletzten unsere Anteilnahme zu die Schiffahrt
und wünschen ihnen baldige und vollständige Gemäß § 5 Abs. 3 des Richterwahlgesetzes rückt die Abge-
Genesung. ordnete Frau Dr. Diemer-Nicolaus für den verstorbenen Abge-
ordneten Dr. Haas als Mitglied im Richterwahlausschuß nach.
Aus der Reihe der nicht mehr Gewählten rückt für die Abge-
Der Deutsche Bundestag ist davon überzeugt, ordnete Frau Dr, Diemer-Nicolaus der Abgeordnete Bauer
daß die Bundesregierung und die mit der Auf- (Würzburg) als Stellvertretendes Mitglied im Richterwahlaus-
schuß nach.
klärung dieses Verbrechens befaßten Stellen
Der Parlamentarische Staatssekretär des Bundesministers des
alles tun werden, um der Täter habhaft zu wer- Auswärtigen hat am 28. Januar 1970 die Kleine Anfrage der
den und sie einer gerechten Bestrafung zuzufüh- Abgeordneten Dröscher, Dr. Müller-Emmert, Tallert, Matthöfer,
Dr. Lohmar, Becker (Niesberge), Mattick, Bauer (Würzburg),
ren. Pöhler, Seidel, Schwabe, Dr. Fischer, Zebisch, Kaffka Brandt
(Grolsheim), Dr. Schmitt-Vockenhausen, Co ll et, Flämig, Schmidt
(Würgendorf), Biermann, Hauck, Dr. Müller (München), Dr.
Der Bundestag hat durch Erheben seine Zustim- Rutschke, Jung, Schmidt (Kempten) und der Fraktionen der SPD,
mung bekundet. Ich danke Ihnen. FDP betr. Beschäftigte bei den Stationierungsstreitkräften --
Drucksache VI/242 — beantwortet. Sein Schreiben ist als Druck-
Der Bundesminister der Finanzen hat am 30. De- sache VI/323 verteilt.

zember 1969 gemäß § 33 Abs. 1 der Reichshaushalts- Der Bundesminister für Verkehr hat am 30. Januar 1970 die
Kleine Anfrage der Abgeordneten Hauser (Bad Godesberg),
ordnung die Zusammenstellung der über- und außer- Dr. Kliesing (Honnef), Rösing, Dr. Frerichs, Stein und Genossen
betr. Verkehrsverhältnisse im bundeshauptstädtischen Raum
planmäßigen Haushaltsausgaben im Betrag von — Drucksache VI/241 — [Link]
10 000 DM und darüber für das 3. Vierteljahr des Drucksache VI/326 verteilt.
Rechnungsjahres 1969 — Drucksache VI/247 — über- Der Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen hat
am 28. Januar 1970 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Frau
sandt. Nach einer interfraktionellen Vereinbarung Griesinger, Pfeifer, Dr. Jenninger, Alber und Genossen betr.
wird diese Vorlage dem Haushaltsausschuß über- Zusammenschluß kleinerer Fernsprechortsnetze — Verbesserung
des Notrufsystems — Drucksache VI/230 — beantwortet. Sein
wiesen. Ist das Haus damit einverstanden? — Kein Schreiben ist als Drucksache V17328 verteilt.
Widerspruch; es ist so beschlossen. Der Bundesminister des Innern hat am 2. Februar 1970 die
Kleine Anfrage
Anfrage des Abgeordneten Strauß und Genossen betr.
Geburtstag haben gefeiert: am 31. Januar die Einreise von Mitgliedern der amerikanischen Farbigenorgani-
sation Schwarzer Panther — Drucksache VI/238 — beantwortet.
Abgeordnete Frau Dr. Diemer-Nicolaus, 60 Jahre, Sein Schreiber' ist als Drucksache VI/333 verteilt.

(Beifall) Der Bundesminister der Verteidigung hat am 3. Februar 1970


die Kleine Anfrage der Abgeordneten Seefeld, Dr. Apel, Dr.
Ahrens, Haar (Stuttgart), Buchstaller, Mertes, Ollesch und der
am 2. Februar der Abgeordnete Berlin, 60 Jahre, Fraktionen der SPD, FDP betr. Allgemeiner Rettungsdienst in
der Bundesrepublik Deutschland — Drucksache VI/256 — beant-
(Beifall) wortet. Sein Schreiben ist als Drucksache VI/368 verteilt.
1246 Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Vizepräsident Frau Funcke


Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung hat am Lebendvieh vorgesehenen Frist
3. Februar 1970 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Burg- — Drucksache VI/288 —
bacher, Dr. Luda und der Fraktion der CDU/CSU betr. Ver- überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
mögensbildungs- und Sparprämiengesetz — Drucksache VI/257 — Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor
beantwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache VI/370 verteilt. der endgültigen Beschlußfassung im Rat
Der Bundesminister für Verkehr hat am 5. Februar 1970 die Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften
Kleine Anfrage der Abgeordneten Mursch (Soltau-Harburg), der Mitgliedstaaten über Gaszähler
Lemmrich, Erpenbeck und Genossen und der Fraktion der CDU/ — Drucksache VI/290 —
CSU betr. Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr durch
Mitführen eines Handfeuerlöschers im Personenkraftwagen — überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
Drucksache VI/259 — beantwortet. Sein Schreiben ist als Druck- Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
sache VI/374 verteilt. fassung im Rat

Der Bundesminister des Innern hat ans 6. Februar 1970 die Richtlinie des Rates über die Verwirklichung der Nieder-
Kleine Anfrage der Abgeordneten Strauß, Stücklen, Ott, Dr. lassungsfreiheit und des freien Dienstleistungsverkehrs für
Kreile, Weigl und Genossen und der Fraktion der CDU/CSU einige selbständige Tätigkeiten (aus Hauptgruppe 01 bis
betr. Steuerliche Auswirkung der neuen Einheitswerte zum Hauptgruppe 90 CITI)
1. Januar 1964 — Drucksache VI/318 — beantwortet. Sein — Drucksache VI/291 —
Schreiben ist als Drucksache VI/380 verteilt. überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
Der Bundesministerdes Innern hat am 6. Februar 1970 die fassung im Rat
Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. h. c. Kiesinger, Biechele,
Dr. Eyrich, Adorno und Genossen betr. Sicherung von Stand- Verordnung des Rates über die Verlängerung der in Arti-
orten von Kernkraftwerken am Rhein — Drucksache VI/254 — kel 12 Absatz 3 Unterabsatz 2 der Verordnung Nr. 130/66/
beantwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache VI/383 verteilt. EWG über die Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik
vorgesehenen Frist
Der Bundesminister des Innern hat am 11. Februar 1970 die — Drucksache VI/292 —
Kleine Anfrage der Abgeordneten Stücklen, Wagner, Dr. Riedl
(München), Geisenholer, Dr. Kreile, Dr. Schneider (Nürnberg) überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
und Genossen betr. Finanzierung der Olympischen Spiele 1972 Forsten (federführend), Finanzausschuß, Haushaltsausschuß mit
— Drucksache VI/65 — beantwortet. Sein Schreiben wird als der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgülti-
Drucksache VI/384 verteilt. gen Beschlußfassung im Rat

Der Bundeskanzler hat am 2. Februar 1970 gemäß § 30 Abs. 4 Verordnung des Rates über die luxemburgische Landwirt-
des Bundesbahngesetzes vom 13. Dezember 1951 den Nachtrag schaft
zum Wirtschaftsplan der Deutschen Bundesbahn für das Ge- — Drucksache VI/294 —
schäftsjahr 1969 sowie den Nachtrag zum Stellenplan der Deut- überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
schen Bundesbahn für das Geschäftsjahr 1969 mit der Bitte um Forsten (federführend), Haushaltsausschuß mit der Bitte um
Kenntnisnahme übersandt. Die beiden Nachträge liegen ins Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
Archiv zur Einsichtnahme aus. fassung im Rat
Der Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschaft hat am 27. Ja- Verordnung des Rates mit Durchführungsbestimmungen zu
nuar 1970 mitgeteilt, daß der federführende Ausschuß für Wirt- Artikel 11 und Artikel 12 Absatz 1 der Verordnung (EWG)
schaft und der mitberatende Ausschuß für Ernährung, Landwirt- Nr. 1975/69 zur Einführung einer Prämienregelung für die
schaft und Forsten die EWG-Verordnungen Nr. 2617 bis 2619/69 Schlachtung von Kühen und die Nichtvermarktung von Milch
über Gemeinschaftszollkontingente für Rinder — Drucksache und Milcherzeugnissen
V1/202 — zur Kenntnis genommen haben. Da die Verordnungen — Drucksache VI/295 —
in der Zwischenzeit im Amtsblatt der Europäischen Gemein- überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
schaften verkündet wurden, erübrige sich eine besondere Be- Forsten (federführend), Haushaltsausschuß mit der Bitte um
richterstattung an das Plenum. Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
Der Vorsitzende des Innenausschusses hat am 6. Februar 1970 fassung im Rat
mitgeteilt, daß der Innenausschuß zu dem Vorschlag der Kom- Richtlinie über die Verwirklichung der Niederlassungsfreiheit
mission der Europäischen Gemeinschaften für eine Verordnung und des freien Dienstleistungsverkehrs für die selbständigen
des Rates zur Änderung der Berichtigungskoeffizienten für die Tätigkeiten der Hebamme
Dienst- und Versorgungsbezüge der Beamten — Drucksache
VI/29 — nicht Stellung genommen hat, weil der materielle Richtlinie über die gegenseitige Anerkennung der Diplome,
Inhalt des Verordnungsentwurts durch eine in der Zwischenzeit Prüfungszeugnisse und sonstigen Befähigungsnachweise der
bereits im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften ver- Hebamme
öffentlichte Verordnung zur Änderung des Statuts der Beamten
der Europäischen Gemeinschaften und der Beschäftigungsbedin- Richtlinie zur Koordinierung der Rechts- und Verwaltungs-
gungen für die sonstigen Bediensteten dieser Gemeinschaften vorschriften für die Aufnahme und Ausübung der selbstän-
überholt war. digen Tätigkeiten der Hebamme
— Drucksache VI/296 —
Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß überwiesen an den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesund-
des Bundestages vom 25. Juni 1959 die nachstehenden Vorlagen heit mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der
überwiesen: endgültigen Beschlußfassung im Rat
Verordnung des Rates zur Änderung der Verordnung (EWG)
Nr. 1043/68 über die Grundregeln zum Ausgleich der Aus- Verordnung des Rates über die Mitteilung von Investitions-
wirkungen der Berichtigungsbeträge, die auf die Inter- vorhaben von gemeinschaftlichem Interesse in den Bereichen
ventionspreise gewisser Milcherzeugnisse angewandt werden der Erdöl-, Erdgas- und Elektrizitätswirtschaft
— Drucksache VI/284 — Verordnung des Rates über die Mitteilung der beabsichtig-
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und ten Einfuhren von Kohlenwasserstoffen an die Kommission
Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der Europäischen Gemeinschaften
der endgültigen Beschlußfassung im Rat — Drucksache VI/297 —
Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
der Mitgliedstaaten für Kaseine und Kaseinate Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
— Drucksache VI/285 —
fassung im Rat
überwiesen an den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesund- Verordnung des Rates zur Ergänzung der Verordnung Nr.
heit mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der 122/67/EWG in bezug auf die vorherige Festsetzung der Er-
endgültigen Beschlußfassung im Rat stattungen bei der Ausfuhr auf dem Eiersektor
— Drucksache VI/298 —
Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften
der Mitgliedstaaten für Mayonnaise, Soßen auf Grund von überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
Mayonnaise und andere emulgierte Gewürzsoßen Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor
— Drucksache VI/286 —
der endgültigen Beschlußfassung im Rat
überwiesen an den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesund- Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften
heit mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der der Mitgliedstaaten über natriumarme diätetische Lebens-
endgültigen Beschlußfassung im Rat mittel
— Drucksache VI/316 —
Verordnung des Rates über die Eröffnung, Aufteilung und überwiesen an den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesund-
Verwaltung des Gemeinschaftszollkontingents für Aluminium- heit mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der
oxyd der Tarifnummer ex 28.20 A des Gemeinsamen Zoll- endgültigen Beschlußfassung im Rat
tarif s
Verordnung des Rates zur Aufhebung der Verordnung
Verordnung des Rates über die Eröffnung, Aufteilung und (EWG) Nr. 1541 und 1542/69 des Rats über die Einfuhr von
Verwaltung des Gemeinschaftszollkontingents für Ferro- Zitrusfrüchten aus Spanien und Israel
siliziumchrom der Tarifnummer 73.02 E II des Gemeinsamen — Drucksache VI/317 —
Zolltarifs
— Drucksache VI/287 — überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um fassung im Rat
Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
fassung im Rat Richtlinie des Rates zur Änderung der Richtlinien des Rates
vom 27. Juni 1968 und vom 13. März 1969 zur Angleichung
Richtlinie des Rates über die Verlängerung der in Artikel 7 der Rechts- und Verwaltungsvorschriften für die Einstufung,
Absatz 1 C) der Richtlinie des Rates vom 26. Juni 1964 zur Verpackung und Kennzeichnung gefährlicher Stoffe
Regelung des innergemeinschaftlichen Handelsverkehrs mit — Drucksache VI/336 —
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1247
Vizepräsident Frau Funcke
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
gelegt. Dieser Bericht ist wirtschaftspolitisch eine
fassung im Rat Eröffnungsbilanz für 1970 und eine Liquidations-
Verordnung des Rates über die Einführung gemeinsamer bilanz für 1969.
Regeln für den Pendelverkehr mit Kraftomnibussen zwischen
den Mitgliedstaaten Unsere Ausgangsdaten und unsere Zielsetzungen
— Drucksache VI/371 —
überwiesen an den Ausschuß für Verkehr und für das Post- sind von den Realitäten des Jahres 1969 oder —
und Fernmeldewesen mit der Bitte um Vorlage des Berichts besser — seines Vor-Septembers nicht zu trennen;
rechtzeitig vor der endgültigen Beschlußfassung im Rat
sie sind von ihnen mitgeformt.
Verordnung des Rates zur Ergänzung der Verordnung Nr.
175/67/EWG in bezug auf die Grundregeln für die vorherige Geschichte kann man nicht abspülen wie Seife,
Festsetzung der Erstattungen bei der Ausfuhr auf dem
Eiersektor auch nicht jenen vorigen Sommer der stabilitäts-
— Drucksache VI/375 —
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
politischen Versäumnisse.
Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor
der endgültigen Beschlußfassung im Rat (Beifall bei der SPD. — Lachen und Wider
Richtlinie des Rates zur fünften Ä nderung der Richtlinie des
spruch bei der CDU/CSU.)
Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitglied-
staaten für konservierende Stoffe, die in Lebensmitteln — Sie sind doch auch für 'Sauberkeit, nicht wahr! —
verwendet werden dürfen Realitäten sind oft unangenehm und unbequem, vor
— Drucksache VI/376 —
überwiesen an den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesund- allem wenn man Vergangenes nicht mehr rückgän-
heit mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der
endgültigen Beschlußfassung im Rat
gig machen kann.
Verordnung des Rates zur Aufnahme weiterer Waren in (Sehr wahr! in der Mitte.)
die gemeinsame Liberalisierungsliste der Verordnung (EWG)
Nr. 2041/68 des Rates vom 10. Dezember 1968
— Drucksache VI/379 — Wer für die Zukunft — und jetzt sind wir bei der
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft (federführend), Zukunft —
Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit mit der Bitte um
Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß- (Lachen bei der CDU/CSU)
fassung im Rat
die Realitäten verändern will, muß sie zunächst
Verordnung (EWG) des Rates über die Ausgleichsabgabe
bei der Einfuhr bestimmter rette gemäß Artikel 3 Absatz 6, erkennen und anerkennen, er darf nicht darüber
-
erster Unterabsatz der Verordnung Nr. 136/66/EWG hinwegschauen.
Verordnung (EWG) des Rates über die in Artikel 3 Absatz 6,
zweiter Unterabsatz der Verordnung Nr. 136/66/EWG vorge-
sehene Ausgleichsabgabe bei der Einfuhr bestimmter Fette
Die Realität, von der ich jetzt spreche, ist der
— Drucksache V/4661 — Lebenshaltungskostenindex. Er lag im Januar 1970
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und um 3,5 % höher als im Januar 1969.
Forsten (federführend), Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte
um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Be-
schlußfassung im Rat (Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
Verordnung (EWG) Nr. 2541/69 des Rates vom 15. Dezember
1969 über die Aufstockung des Gemeinschaftszollkontingents Meine Damen und Herren, ich bekenne hier ohne
für Rohmagnesium der Tarifnummer 77.01 A des Gemein-
samen Zolltarifs
jeden Vorbehalt: Eine solche Preissteigerung ist mir
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um zuviel.
Berichterstattung innerhalb eines Monats, wenn im Ausschuß
Bedenken gegen den Vorschlag erhoben werden (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß der CDU/CSU. — Zurufe von der CDU/
des Bundestages vom 23. Februar 1962 die nachstehenden Vor-
lagen überwiesen:
CSU.)
Verordnung zur Ä nderung des Deutschen Teil-Zolltarifs
(Nr. 23/69 — Zollaussetzung für Sprotten und Kaviar) Gewiß, man kann zum Januarindex verschiedenes
— Drucksache VI/314 — abschwächend in Rechnung stellen. Wir hatten im
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte
um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor dem Plenum am Berichtszeitraum Mitte Dezember bis Januar eine
29. April 1970 ungewöhnliche Kälte. Ihr Einfluß auf gewisse Nah-
Verordnung zur ä nderung des Deutschen Teil-Zolltarifs rungsmittel und Brennstoffe und Preissenkungen
(Nr. 2/70 — Angleichungszölle für Verarbeitungsweine grie-
chischer Erzeugung) bei anderen wichtigen Lebensmitteln, vor allem
- Drucksache VI/315 — Fleisch, setzten erst Ende Januar ein und werden
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte
um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor dem Plenum am damit im Lebenshaltungskostenindex des Februar
29. April 1970 stabilisierend wirken. Man könnte noch dieses und
jenes sagen. Aber ich bin der Meinung, meine
Wir treten nun in die Tagesordnung ein. Erster Damen und Herren, bei diesem Januarindex darf
und einziger Punkt: überhaupt nichts beschwichtigt oder gar beschönigt
a) Beratung des Jahresgutachtens 1969 des Sach- werden.
verständigenrates zur Begutachtung der ge- (Beifall und Zurufe in der Mitte.)
samtwirtschaftlichen Entwicklung
— Drucksache VI/100 —
Allerdings muß man auch darauf hinweisen, daß
es in der Regierungserklärung von Bundeskanzler
b) Beratung des Jahreswirtschaftsberichts 1970 Brandt vom 28. Oktober schon klipp und klar hieß:
der Bundesregierung Der Höhepunkt der Preisentwicklung kann sogar
— Drucksache VI/281 — noch vor uns liegen. Soweit das Zitat. Dennoch steht
Das Wort hat der Herr Bundeswirtschaftsminister die neue Zahl unübersehbar im Raum. Ich sage es
Professor Schiller. ebenso deutlich und ebenso freimütig und ohne Vor-
behalt: Auch eine anvisierte Preissteigerungsrate
des privaten Verbrauchs von 3 °Io im Jahresdurch-
Dr. Schiller, Bundesminister. für Wirtschaft: Frau schnitt ist nicht befriedigend. Sie entspricht auch
Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Bun- nicht unseren mittelfristigen Zielvorstellungen.
desregierung hat Ihnen mit Datum vom 27. Januar
termingerecht den Jahreswirtschaftsbericht 1970 vor (Beifall bei der SPD.)
1248 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970
Bundesminister Dr. Schiller
Aber auch bei der Festsetzung dieser Jahresprojek- D-Mark die Teuerung jetzt, in diesem Jahr bisher
tion waren wir nicht frei; denn die ganze Preisent- nicht 3,5 %, sondern 5 bis 6 % betragen hätte, wie
wicklung 1970 ist doch erst einmal ein negativer die Deutsche Bundesbank eindeutig festgestellt hat.
Saldovortrag aus der stabilitätspolitischen Liquida- (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
tionsbilanz des Jahres 1969. der FDP.)
(Beifall bei der SPD und der FDP.) Und damit Sie auch die andere Seite sehen: Schon
Meine Damen und Herren, eine statistische Ana- gar nicht ist diese Bundesregierung willens, die
lyse des nicht saisonbedingten Januarindex hat fol- Bevölkerung der Bundesrepublik durch eine ein-
gendes ergeben. Der Überhang der Preissteigerun- lullende Propaganda — ich hätte beinahe gesagt:
gen für die folgenden Monate des Jahres beträgt „Lebenshilfe" —
+ 2,5 %. Das heißt, selbst bei absoluter Preisruhe
(Lachen bei der CDU/CSU)
von Februar bis Dezember 1970 müssen wir, bedingt
durch die vorhergehende Entwicklung, für den Jah- sich erst einmal an 3 %, dann an 3,5 % und schließ-
resdurchschnitt 1970 bereits von einem Anstieg der lich gar an 4 % und mehr gewöhnen zu lassen. Dazu
Preise von 2,5 % gegenüber dem Vorjahr ausgehen. sind wir nicht bereit.
Dieser Überhang, dieser Betrag, um den der Sockel (Beifall bei den Regierungsparteien. — Sehr
des Preisniveaus über dem Pegel von 1969 liegt, gut! bei der CDU/CSU.)
schon allein diese Vorbelastung zeigt die Heraus-
forderung, vor der jede Stabilitätspolitik in diesem Wir alle — der Deutsche Bundestag und die Bun-
Jahr gestellt ist, sowohl quantitativ, was die Höhe desregierung - haben die heutige Realität also zum
der Niveauverschiebung betrifft, als auch qualitativ. Besseren zu verändern.
Wir können den negativen Saldovortrag aus der Eine Voraussetzung ist dabei, die erforderlichen
Vergangenheit jetzt nicht abrupt abschreiben; denn Instrumente zu wählen, sie zu wählen, wie das
durch eine deflationäre Kur à la Doktor Eisenbarth- Gesetz es befiehlt, im Rahmen der marktwirtschaft-
würden wir andere Ziele unserer Wirtschaftspolitik, lichen Ordnung und ohne sich dabei von vornherein
gemeinsame Ziele dieses Hauses wie Vollbeschäfti- festzulegen, daß auf dieses oder jenes Mittel ein
gung und angemessenes Wachstum gefährden. für allemal verzichtet werden müsse. „Aufwertung
Das Jahr 1970 muß wirtschaftspolitisch ein Jahr niemals!", das war das Dogma des Verzichts vor
der Stabilisierung und der Konsolidierung werden. dem September 1969, vor der Entscheidung des
Dem entsprechen unsere Zielprojektionen, wie sie Wählers. Aber heute dürfen wir auf keinen Fall,
im Jahreswirtschaftsbericht 1970 beschrieben sind. meine Damen und Herren, in einen analogen Fehler
verfallen und nun gar andere, binnenwirtschaftlich
Erstens. Die Wachstumsrate des realen Brutto- wirksame Instrumente verfemen, obgleich sie im
sozialprodukts ist mit 4 bis 5 °% — gegenüber 8,5 % Gesetz vorgesehen und durchaus marktkonformer
im Jahre 1969 — in Anbetracht der Stabilisierungs- Natur sind.
notwendigkeiten und in Anbetracht der mittelfristi
gen Wachstumsmöglichkeiten durchaus angemessen. Wir haben Stabilität und Wachstum in wechseln-
den Situationen zu sichern. Das heißt auch: man
Zweitens. Bei einer Arbeitslosenquote von knapp sollte niemals „nie" sagen. Wir haben das Gesetz,
1 % wird der hohe Beschäftigungsstand von 1969 und wir haben unsere Ordnung. Beide verlangen
auch 1970 gehalten werden können. von uns zeitgerechte und angemessene Aktionen.
Drittens. Schließlich wird der Außenbeitrag, also Diese Bundesregierung hat gehandelt. Sie hat im
unser gesamtwirtschaftlicher Überschuß gegenüber Jahreswirtschaftsbericht ein Stabilisierungspro-
der Außenwelt im Vergleich zu 1969, im Jahre 1970 gramm vorgelegt.
um 4 bis 5 Milliarden DM zurückgehen.
(Abg. Dr. Luda: Nach drei Monaten!)
Mit diesem Fächer von Zielen erfüllen wir eine
gemeinsame Zielsetzung aller Parteien des Bundes- Sie wird, falls notwendig, weitere Maßnahmen er-
tages, wie sie im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz greifen. — Auf die drei Monate komme ich gleich.
ihren gültigen Ausdruck gefunden haben. (Abg. Dr. Luda: Hoffentlich!)
Meine Damen und Herren, die Zielvorstellungen Die. Bundesregierung hat die D-Mark zum frühest-
des Jahreswirtschaftsberichts der Bundesregierung möglichen Termin aufgewertet und im unmittelbaren
1970 sind ausgewogen und in keiner Weise extra- Anschluß daran — das war auch stabilitätspolitisch
vagant. Wie angesichts jenes Zahlenbildes heute äußerst wichtig — in Brüssel und in diesem Hohen
noch jemand davon phantasieren kann, die Bundes- Hause den Einkommensausgleich für die deutsche
regierung und vor allem natürlich der Bundeswirt- Landwirtschaft durchgesetzt. Bei der Neufestsetzung
schaftsminister hätten etwa um die Jahreswende der Parität der D-Mark mußten wir uns anfänglich
1969/70 von Stabilität auf Wachstum umgeschaltet, die Kritik gefallen lassen, der gewählte Satz sei zu
das bleibt mir schlechterdings unerfindlich. hoch. Wenige Wochen später erlebten wir einen
Nein, mit der heutigen Realität der Preisbewegun- Meinungsumschwung: die Aufwertung sei wir-
gen finden wir uns ganz und gar nicht ab. Auch dann kungslos.
nicht, wenn die Preissteigerungen in anderen Indu- Insgesamt sind damit drei Monate vergangen. In
strieländern über unsere Rate hinausgehen, mit- dieser Zeit mußten wir in besonderem Maße eine
unter sogar sehr erheblich; auch dann nicht, wenn Wirtschaftspolitik ,der guten Nerven betreiben, d. h.
wir daran denken, daß ohne die Aufwertung der wir mußten trotz aller nervösen Reaktionen und
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1249
Bundesminister Dr. Schiller
Angriffe erst einmal die praktischen Auswirkungen schen Einfuhrpreise Ende 1969 wieder auf der Höhe
dieser Aufwertung der D-Mark abwarten. Das war des Vorjahres 1968. Das ist ein großer Erfolg der
der Sinn. Aufwertung. Den deutschen Unternehmen in der
Produktions- und Verteilungsstufe sind dadurch
(Beifall bei der SPD. — Unruhe bei der
CDU/CSU.) Milliarden an Kosten erspart worden.

Die deutsche Wirtschaft hat es anerkannt, daß wir Drittens. Auf die Konjunkturlage konnte dies
ihr drei Monate Pause gaben, sich an dieses neu alles nicht ohne Auswirkung bleiben. Die Phase der
gesetzte Datum zu gewöhnen und auf die neue Lage akuten und unbändigen Überhitzung und der extre-
einzustellen. men Anspannung unseres Produktionsapparates
läuft aus. Die vorliegenden Frühindikatoren zeigen
(Abg. Dr. Stoltenberg: Verunsicherung einen Übergang in eine ruhigere Wirtschaftsentwick-
haben Sie betrieben!) lung an. Die Auftragspolster werden nicht mehr
Heute geht es nun nicht mehr um erste Emotionen, dicker. Seit Monaten sind die Zuwachsraten der
es geht nicht mehr um Hypothesen und Meinungen, Auftragseingänge unserer Industrie konjunkturell
jetzt haben wir klare Daten. Und auf diese können gegenüber den jeweiligen Vorjahresmonaten rück-
wir unser Urteil stützen und unsere Aktionen be- läufig. Die Auslandsaufträge sind seit November
gründen. und Dezember 1969 praktisch auf das Vorjahres-
niveau herabgedrückt. Demgemäß nehmen die Lie-
Erstens. Durch die Aufwertung wurde geldpoli-
ferfristen nicht mehr zu. Die Geschäftserwartungen
tisch zweierlei bewirkt: Jetzt konnte die Deutsche
der Unternehmer normalisieren sich wieder.
Bundesbank nach den Monaten einer erzwungenen
Handlungsunfähigkeit ihre Instrumente wieder in Viertens: Es gehört zu dieser Phase des Über-
den Dienst der Konjunkturpolitik stellen. Das ist das gangs, daß sie für den oberflächlichen Betrachter ein
eine. Sie kann wieder entscheiden. Zugleich wurde, kaum zu vereinbarendes Doppelgesicht trägt. Zwei
um ein modernes Wort der neuen marktwirtschaft- - ganz verschiedene Prozesse können sich hierbei jetzt
lichen Politik und Theorie zu gebrauchen, ein Regel- überlagern: die reale Abschwächung setzt ein bei
mechanismus von großer Kraft in -Gang gesetzt, weiterlaufenden Preissteigerungsprozessen. Beide
nämlich die Liquiditätsverknappung durch die Devi- Phasen treten nicht fein säuberlich nacheinander
senabflüsse in Höhe von über 20 Milliarden DM. auf — als zeitlich getrennte Perioden —, sondern
Dies kam für viele völlig überraschend. überlappen einander. Das inflationäre Klima vom
(Abg. Leicht: War aber zu erwarten!) Sommer und Herbst vorigen Jahres hatte in den ver-
schiedensten industriellen Erzeugerstufen Preis- und
Aber die Aufwertung hat, wie Vizepräsident Emmin- Kostensteigerungen mit sich gebracht. Niemand
ger kürzlich formulierte, damit den „gefährlichen konnte das hinterher ungeschehen machen. Nun
Geldschleier" der vorher „nicht mehr zu bändigen- kommen diese Preiserhöhungen auf der Erzeuger-
den Überliquidität", der über der deutschen Wirt- stufe in einem zeitlichen Anpassungsprozeß auf
schaft lag, zerrissen und die Bilanzwahrheit der ihrem Marsch durch die Produktionsstufen allmäh-
deutschen Gesamtwirtschaft wiederhergestellt. So- lich beim Verbraucher an; das ist die Situation. Aber
weit die Deutsche Bundesbank. es wäre in jedem Falle falsch, jetzt nur diese eine
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Ich würde ganz Hälfte des Konjunkturbildes zu sehen. Wir können
gern wissen, was der Präsident der Deut- nicht in einer „Überreaktion" heute die „Unterreak-
schen Bundesbank gesagt hat!) tionen" vom vorigen Jahr ausgleichen wollen.
— Der kommt gleich; ich stufe so ein bißchen ab. Wirtschaftspolitik gleicht in dieser Lage einem
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Dort gibt es ver- sehr vorsichtigen Balanceakt: die Preissteigerungen
schiedene Leute! — Abg. Wehner: Jetzt ja, müssen gedämpft werden, aber die Dämpfung darf
damals gab's nur einen!) nicht zur programmierten oder gar gewollten Rezes-
sion führen. Das ist das Problem.
Natürlich, ich komme gleich auf den anderen. —
Im Gegenteil, Herr Kollege Kiesinger, gerade in (Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu
den letzten Wochen und im abgelaufenen Jahr habe stimmung bei Abgeordneten der CDU/CSU.)
ich mir ein Motto gemerkt: Fahr sicher mit der
Deutschen Bundesbank! Vor allem dürfen wir nicht in der schlechtesten aller
möglichen Welten landen, nämlich bei Stagnation
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Abg. ohne Stabilität.
Dr. h. c. Kiesinger: Sie wissen genau, was
ich meine!) Im Rahmen und unter dem Eindruck dieser Lage-
beurteilung hat die Bundesregierung ihr 7-Punkte-
Die restriktive Wirkung dieser Liquiditätsver- Programm zur binnenwirtschaftlichen Stabilisierung
knappung wird konjunkturpolitisch von Woche zu beschlossen, das im Jahreswirtschaftsbericht nieder-
Woche spürbarer. gelegt ist. Die ersten vier Maßnahmengruppen sind
Zweitens. Die Neufestsetzung der D-Mark-Pari- haushalts- und vermögenspolitischer Natur. Sie be-
tät bewirkte auch eine Abkühlung in der Entwick- stehen insbesondere — der Kollege Möller wird
lung der Einfuhrpreise. In einer Zeit stark steigen- morgen darüber berichten — in einer Haushalts-
der Weltmarktpreise — die einschlägigen internatio- politik des Ausgabentransfers von der Gegenwart
nalen Indizes berichten über Preissteigerungsraten in die Zukunft
von 10 % im 4. Vierteljahr 1969 - lagen die deut- (Abg. Leicht: Na, na!)
1250 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode - 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Bundesminister Dr. Schiller


und in der gleichgerichteten obligatorischen Kon- einandersetzungen mit wichtigen, aber doch be-
junkturausgleichsrücklage des Bundes und der Län- grenzten Interessengruppen durchgefochten werden
der von 2,5 Milliarden D-Mark. müssen.
Im übrigen ein Blick auf die Vergangenheit: diese Fünftens. Der Kampf um die Stabilität vollzieht
Konjunkturausgleichsrücklage des Jahres 1970 ist sich im marktkonformen Eindämmen von weite ren
nicht nur eine Gestalt aus der „Welt als Wille und Kostensteigerungen und vollzieht sich ein der Ab-
Vorstellung", sondern es ist eine echte Konjunktur- lehnung von Preisen, die ihrerseits 'zu neuen Mehr-
ausgleichsrücklage ohne Escape-Klausel, ohne Klau- kosten werden können. In diesem Zusammenhang
sel, daß man sich durch Entschuldung von der Pflicht hebe ich die Zinskosten und die Lohnentwicklung
zur Einzahlung in die Konjunkturausgleichsrücklage klar hervor.
befreien könnte. Die Bundesregierung wird, sobald dies konjunk-
(Unruhe bei der CDU/CSU.) turpolitisch vertretbar ist — diese Einschränkung
— Sie sind ja in Wirklichkeit meiner Meinung, Herr möchte ich in voller Übereinstimmung mit der Deut-
Leicht, wie ich gehört habe, nicht wahr!? schen Bundesbank deutlich unterstreichen —, auf
eine internationale Zinsabrüstung hinarbeiten. Vor-
(Abg. Dr. Stoltenberg: Aber ,das haben Sie gespräche habe ich mit dem amerikanischen Finanz-
doch mitgemacht, Herr Schiller! Trägt doch minister und mit dem französischen Wirtschafts- und
Ihre Unterschrift neben der des Finanz Finanzminister sowie im Kreise der Europäischen
ministers!) Gemeinschaft geführt. Kredit- und Kapitalzinsen
— Sie wissen ganz genau, daß das die mindere Lö- sind in der Tat längerfristig auf dem gegenwärtigen
sung war gegenüber besseren, die auch vorgeschla- Mount-Everest-Niveau nicht zu halten. Eine Aufhe-
gen wurden, Herr Kollege Stoltenberg; Sie waren bung der Kuponsteuer würde zur Stabilisierung der
dabei. Kapitalbewegungen beitragen. Die Bundesregierung
- wird einen entsprechenden Gesetzentwurf dem
Alle diese haushaltspolitischen und fiskalpoliti- Hohen Haus in Kürze vorlegen.
schen Maßnahmen sind eine Ergänzung zu der nun-
mehr voll wirksamen Geldpolitik 'der Bundesbank. Nun zu den Löhnen! Im Jahreswirtschaftsbericht
Sie sollen ihre erklärte Hauptwirkung in der ersten hat die Bundesregierung Orientierungen für die Ein-
Jahreshälfte 1970 entfalten. kommensentwicklung zur Verfügung gestellt in der
Form der Bruttoeinkommen aus Unternehmertätig-
Die Punkte 5 bis 7 des Stabilitätsprogramms der keit und Vermögen und in der Form des effektiven
Bundesregierung beziehen sich tauf die Belebung des Lohnniveaus. Für die Effektivlöhne je Stunde wurde
marktwirtschaftlichen Wettbewerbs gerade in dieser von der Bundesregierung eine Zunahme von 10 bis
Konjunkturphase. Dazu gehört eine verschärfte 11 % für möglich und vertretbar gehalten — Effek-
Mißbrauchsaufsicht über marktbeherrschende Unter- tivlöhne wohlgemerkt! —, obwohl diese Größen-
nehmen und über Unternehmen, ,die das Institut der ordnung im Kreise der konzertierten Aktion nicht
Preisbindung der zweiten Hand gebrauchen. unumstritten war. Die Bundesregierung wußte bei
Eine Schlüsselstellung haben in dieser Lage ihrem Urteil sehr wohl, daß mit dieser Rate die
schließlich die sogenannten administrierten Preise. Löhne in diesem Jahr schneller steigen werden als
Meine Damen und Herren, es ist kein Geheimnis die Produktivität. Dennoch ist 1970 die gesamtwirt-
geblieben, daß ich persönlich gegenüber Erhöhun- schaftliche Bilanz von Angebot und Nachfrage aus-
gen staatlich beeinflußter Preise nicht nur für mög- geglichen. Denn der durch die Aufwertung ver-
lichste Zurückhaltung, sondern für äußerste Zurück- ringerte .Außenbeitrag erschließt hier für die Nach-
haltung auf diesem Gebiet eintrete. Die Länder- frage zusätzliche Güterreserven.
vertreter im Konjunkturrat für die öffentliche Hand (Abg. Dr. Müller-Hermann: Vorsicht, Vorsicht!)
haben mich da besonders unterstützt, genauso wie
Es gibt einfach keine simple Gleichung, die da lau-
sie den Vorschlag auf Einrichtung einer obligatori-
tet: Lohnsteigerungen, die höher sind als Produktivi-
schen Konjunkturausgleichsrücklage sofort akzep-
tätszunahmen, bringen ohne weiteres Preissteigerun-
tiert haben.
gen mit sich. Diese simple Gleichung existiert nicht.
Doch zurück zu den staatlich beeinflußten oder (Zurufe von der CDU/CSU.)
genehmigten Preisen! Wir sollten die immanenten
Schwächen bei ihrer „administrativen Festsetzung" Ein weiteres Mittel, um die Einkommensentwick-
mildern. Deswegen trete ich dafür ein, daß eine lung mit dem Stabilitätserfordernis in Einklang zu
stärkere marktwirtschaftliche Durchlüftung dieser bringen, sind Tarifverträge mit vermögenswirk-
administrierten, dieser staatlich regulierten Preise samen Leistungen. Wir werden mit der angekündig-
eintritt. ten Erweiterung und mit der sozialen Verbesserung
(Abg. Dr. Luda: 'Sehr gut!) des 312-DM-Gesetzes einen neuen Anreiz für solche
Abschlüsse geben und prüfen, wie diese stabilisie-
Ich halte das für die bessere Lösung. Daher trete renden Wirkungen auch einer intensivierten Ver-
ich für Margentarife, für Von-bis-Tarife ein. mögenspolitik für 1970 möglichst schnell aktiviert
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Endlich!) werden können.
Meine Damen und Herren, diese Punkte sind keine Trotz der Lohnentwicklung — und nun wende ich
Arabesken des Programms. Die Bundesregierung mich an die Unternehmer — wird 1970 kein Jahr der
weiß, daß sie in harten und mühseligen Einzelaus Gewinnschrumpfung sein; im Gegenteil, die Unter-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1251
Bundesminister Dr. Schiller
nehmer werden ihre Gewinne weiter steigern kön- auf den § 26 des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes
nen, allerdings nicht mehr in dem Tempo und in dem hinwies, so fand er damit mein volles Verständnis
Umfang wie in den letzten zwei Jahren. Wenn die und meine persönliche Zustimmung.
Unternehmer im Jahre 1970 dieselbe Steigerungsrate (Abg. Dr. Müller-Hermann: Auch die der
ihrer Gewinne in toto durchsetzen wollten, dann Regierung?)
würden sie sogar der Jahresprojektion des Gemein-
schaftsausschusses der deutschen Wirtschaft wider- — Die kommt jetzt. Es wäre in der Tat denkbar, daß
sprechen, der seinerseits ungefähr einer Halbierung bei exzessiven Verhaltensweisen von Marktpartnern
der Zuwachsrate der Gewinne für das Jahr 1970 bei der Preispolitik oder von Tarifvertragsparteien
gegenüber dem Jahr 1969 in Aussicht genommen diese Regierung — wie hoffentlich jede andere
hat. Die Bundesregierung ist mit dem Sachverstän- Regierung — zu einem solchen oder ähnlichen Mit-
digenrat der Meinung, daß die Tarifparteien gegen tel greifen müßte, wie das Gesetz es vorschreibt.
diese durch den Markt vorgegebene Entwicklung (Beifall bei den Regierungsparteien.)
nicht mit einer A rt Kopf-durch-die-Wand-Politik an-
rennen sollten. Auch mächtige Gruppen können die Ich möchte da noch ein persönliches Wort hinzu-
fügen, Herr Müller-Hermann.
Logik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
nicht einfach übersehen oder überspringen. Der Ver- (Abg. Dr. Müller-Hermann: Vorsicht!)
such, in einem Verteilungskampf aller gegen alle Es ist das selbst gewählte und daher verdiente
dennoch mehr aufteilen zu wollen, als verfügbar ist, Schicksal des Bundeswirtschaftsministers — einige
bringt nur Beulen und blaue Flecke, aber keinen zu- in diesem Saal kennen das —,
sätzlichen gesamtwirtschaftlichen Gewinn.
(Abg. Dr. Stoltenberg: Aha!)
Meine Damen und Herren, wir haben in der Kon-
zertierten Aktion auf diese gegebenen Rahmenbe- in jahrelangen Auseinandersetzungen folgendes zu
dingungen des Jahres 1970 hingewiesen. Die Kon- beweisen: Es gibt einfach kein stabilitätspolitisches
junkturlage ,und die reale wirtschaftliche Entwick- - Mittel, das allen Betroffenen wie Nektar und Am-
lung sind zwar ein dehnbarer Rahmen, der aber auch brosia schmeckt. Das muß ich einmal sagen.
zum Schaden aller gesprengt werden könnte. Kri- (Beifall bei den Regierungsparteien. —
tikern dieses Informationsverfahrens möchte ich ent- Abg. Dr. Stoltenberg: Da ist die FDP ge
gegenhalten: Tarifpartner, die gemeinsam die ge- meint!)
samtwirtschaftliche Lage analysieren und diskutie-
ren, die ihre Zielprojektionen, nun zum erstenmal Der Bundeswirtschaftsminister ist nach wie vor der
von Unternehmern wie Gewerkschaften vorgelegt, Meinung — und da treibt er die Fortsetzung seiner
1) mit denen der Bundesregierung vergleichen, Tarif- !Politik mit anderen Mitteln, Herr Müller-Her-
partner, die die geplanten Konjunkturmaßnahmen mann —: Die bitteren Früchte der Stabilitätspolitik
der Bundesregierung kennen und die auch genau sind auf die Dauer bekömmlicher als das süße Gift
wissen, welche zusätzlichen Pfeile im Köcher stecken, der Inflation, und daran hätten Sie — —
diese Tarifpartner werden sich sachgerechter verhal- (Beifall bei den Regierungsparteien —
ten als solche, die im Stadium der Interessentenun- demonstrativer Beifall bei der CDU/CSU —
schuld, der Uninformiertheit ihre Konflikte in Zuruf von der CDU/CSU: Wem sagen Sie
„freier Wildbahn" austragen. Das ist die Philosophie das?!)
des Informationsverfahrens der Konzertierten Ak-
— Sie haben mir durch Ihren Beifall gute Amtshilfe
tion, aber nicht nur die Philosophie, sondern auch
geleistet; Sie haben nur zu früh Beifall gegeben: als
die über dreijährige Praxis dieser Konzertierten
das süße Gift der Inflation, und daran hätten Sie
Aktion.
im Jahre 1969 denken müssen.
(Beifall bei der SPD.)
(Beifall bei den Regierungsparteien. —
Und nun sechstens ein sehr nachdenkliches Wort.
Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Herr Schiller,
Wenn wir die Gesamtlage und das im Jahreswirt-
warum haben Sie nicht 1968 daran ge
schaftsbericht dargelegte Stabilisierungsprogramm
dacht?)
der Bundesregierung betrachten, so wird mancher
mit Recht die Frage stellen: Sind wir für alle wei- - Herr Kollege Kiesinger, jetzt gehen Sie wieder in
teren, auch für die unvorhergesehenen Ereignisse die Vergangenheit.
gewappnet? Darauf antworte ich folgendermaßen: (Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Sie sind dauernd
Das Stabilitäts und Wachstumsgesetz ist mit dem
-
in der Vergangenheit! — Zuruf von der
Stabilisierungsprogramm der Bundesregierung nicht CDU/CSU: Sehr richtig! - Lachen bei der
außer Kraft gesetzt. Es bleibt selbstverständlich CDU/CSU.)
weiter in Geltung. Außerdem hat sich der Herr Bun-
deskanzler in seiner Regierungserklärung vom — Sie sehen, wie ich der Vergangenheit taktvoll nur
28. Oktober 1969 ausdrücklich zu diesem Gesetz einige Fußnoten widme.
bekannt. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
In diesem Zusammenhang sage ich wohlgemerkt Herr Kollege Kiesinger, wenn Sie schon vorn
— und ich wiederhole das —: ich sage niemals nie. Jahre 1968 reden: Wir sind alle klüger geworden.
Wenn z. B. der Präsident der Deutschen Bundes-
(Zurufe von der CDU/CSU: Aha! — Bravo!)
bank, Dr. Klasen — nun kommt er, Herr Dr. Kie-
singer —, in seiner Einführungsrede am 13. Januar Ich muß Ihnen zum Beispiel dies einmal sagen. Das
im Namen des Zentralbankrats unmißverständlich imaginäre „dritte Konjunkturprogramm", das Sie
1252 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Bundesminister Dr. Schiller


während des ganzen Jahres 1969 dem Karl Schiller lockerung zu bringen. Auch hier muß die Ver
für 1968 anhängen wollten, krustung ein bißchen abgebaut werden,
(Abg. Dr. Luda: Lesen Sie den letzten (Abg. Dr. Stoltenberg: Da haben Sie ganz
Jahreswirtschaftsbericht!) schön Abstriche gemacht!)
war nicht mehr nur ein Wunschgebilde; es war Reali- und zwar indem wir gemeinsam — Sie und wir —
tät. Es ist durch jene dicke Panne im Bundesfinanz- in diesem Hohen Hause prüfen, wie wir das Zu-
ministerium mit der Investitionsteuer verwirklicht lassungsverfahren für neue Preisbindungen ver-
worden, die in den beiden Jahren 4 Milliarden DM schärfen.
an zusätzlichen Erleichterungen gebracht hat.
Ein Mauerblümchen im Bewußtsein der Öffentlich-
(Beifall bei den Regierungsparteien. — keit ist bisher vielfach die Ordnungspolitik im Be-
Zurufe von der CDU/CSU.) reich der Kreditwirtschaft. Je mehr sich die Spar-
Wir haben uns damals gestritten, ob man die In- formen differenzieren, um so differenzierter müssen
vestitionsteuer für ein Jahr von 8 Punkten auf 7 die ordnungspolitischen Sicherungen werden. Wir
oder 6 Punkte reduzieren und dann wieder erhöhen müssen z. B. die Börsen zu einem offenen Umschlag-
sollte. Herr Kiesinger, hinterher haben wir die platz machen, auf dem sich auch der kleinste Sparer
Bücher aufgemacht: Das war alles ein Streit um des einer fairen Behandlung sicher weiß. Wir müssen
Kaisers Bart. In Wirklichkeit war die Investition- die Konsequenzen bei der Fortentwicklung des orga-
steuer durch die interne Auslegung des Bundes- nisatorischen Rahmens der Kreditwirtschaft ziehen,
finanzministeriums tatsächlich auf etwa 4 % oder und zwar in freundschaftlicher laufender Unterhal-
3 % reduziert. So ist die Lage gewesen. So entstand tung mit den Vertretern der deutschen Kreditwirt-
das durch staatliche Kraftnahrung finanzierte dritte schaft.
Konjunkturprogramm. Das ist die Wahrheit über Und im übrigen: das verabschiedete Ausländer
die Vergangenheit. Investmentgesetz liefert eine gültige Form, die in
-
(Zurufe von der CDU/CSU.) Europa beispielhaft ist. Bei der Reform des Börsen-
wesens selbst wurden ebenfalls bereits gute Teil-
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich ergebnisse erzielt: Die Umsätze vollziehen sich nicht
möchte jetzt über unsere marktwirtschaftliche Ord- mehr im Halbdunkel außerbörslicher Kompensation,
nung sprechen, leider bin ich nicht immer ganz sondern sind an die Börse zurückverlagert worden.
sicher, ob sie noch das große Interesse aller Mitglie-
der der CDU/CSU findet. Drittens. Der Bundeswirtschaftsminister hat in
unserem verkleinerten Kabinett die Verwaltung des
(Abg. Dr. Luda: Wollen Sie jetzt von den ERP-Sondervermögens übernommen. Wir haben da
Stahlkontoren sprechen. Herr Minister
1970 neue Schwerpunkte gesetzt. Die Mittel für
Schiller? — Weitere Zurufe von der CDU/
kleine und mittlere Unternehmen der gewerblichen
CSU.)
Wirtschaft sollen z. B. in dem neuen Wirtschafts-
Ein gesundes Unternehmensklima, ein aktives dyna- plan um 20 % gesteigert werden. Ein Schwerpunkt
misches Unternehmerverhalten ist nur in einer wird die Verbesserung der Kapitalausstattung klei-
marktwirtschaftlichen Ordnung möglich, die stets ner und mittlerer Unternehmen sein. Es gibt das
aufs neue gesichert und belebt wird. bewährte Instrument der Kreditgarantiegemein-
schaften. Wir wollen jetzt eine Beteiligungs-Garan-
In den nächsten Monaten wird die Bundesregie- tiegemeinschaft privater Natur für die mittelständi-
rung ihre Novelle zum Gesetz gegen Wettbewerbs- schen Unternehmen schaffen helfen, und zwar als
beschränkungen vorlegen, und dann wird sich zei- reine Selbsthilfeeinrichtungen.
gen, wer es mit der Marktwirtschaft ernst meint.
Meine Damen und Herren, alle diese Maßnahmen
(Abg. Wehner: Sehr gut!) dienen der Stärkung unserer marktwirtschaftlichen
Es wird sich zeigen, wie ernst die allgemeinen Be- Ordnung. Bundesregierung und Bundestag haben in
kenntnisse zur Marktwirtschaft in concreto gemeint den .fünfziger Jahren zur Sicherung des Wettbe-
sind. werbs Entscheidungen getroffen, die bis heute gültig
(Zuruf von der CDU/CSU.) sind. Wir machen diese Entscheidungen nicht rück-
gängig, wir wollen sie weiterentwickeln. Gestern
Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirt- hat einer der aufrechtesten Kämpfer für eine aktive
schaftsministerium hat die beabsichtigte Fusionskon- Wettbewerbspolitik — nämlich Franz Böhm — sei-
trolle im Interesse der Wettbewerbsordnung ein- nen 75. Geburtstag gefeiert, der lange Jahre Mit-
stimmig begrüßt. Hoffentlich kann sich die Oppo- glied dieses Hauses und Mitglied der CDU/CSU-
sition — zumindest in ihrer Mehrheit; ich hätte bei- Fraktion war. Ich erinnere immer wieder an die alte
nahe gesagt: in ihrer marktwirtschaftichen Minder- Aussage Franz Böhms aus dem Jahre 1953: „Markt-
heit — diesem Votum anschließen. wirtschaft von links kontra Marktwirtschaft von
(Beifall bei den Regierungsparteien. — rechts — das wäre noch lange nicht das Schlechteste,
Abg. Dr. Stoltenberg: Das müssen gerade was sich in unserem Lande ereignen könnte". Und
Sie sagen!) er fuhr dann fort, dies sei wahrscheinlich der einzige
Weg, auf dem eine gute Marktwirtschaft heraus-
Wir hoffen auch, daß Sie sich einen Stoß geben und kommen könne. Nun haben wir die Situation: eine
unsere Absicht unterstützen, in das System der politische Konkurrenz um die Marktwirtschaft zwi-
Preisbindung der zweiten Hand etwas mehr Auf schen Opposition und Regierung. Ich möchte heute,
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1253
Bundesminister Dr. Schiller
fast 17 Jahre später, sagen: genau auf diesen Wett- Das waren oft — Sie wissen es — Besänftigungs-
bewerb um eine gute Marktwirtschaft sollten wir gelder, ich hätte beinahe gesagt: Schweigegelder . für
uns alle einstellen, und ich hoffe, daß die Opposi- unsere ,eigene Nichtaufwertung an andere Leute.
tion dabei wirklich mitspielt. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Damit ist es nun vorbei, und unsere Bundesbank
Und nun als letzten Abschnitt: konnte mit Recht einige solcher Stützungskredite
wieder einfordern.
Seit dem Herbst vorigen Jahres hat sich unsere
internationale Wirtschaftsposition verändert, und (Lachen bei der CDU/CSU.)
zwar hat sie sich eindeutig verbessert. Fünftens. Nach der Aufwertung steigen die Chan-
Erstens. Die internationale Währungslage ist wie- cen für Direktinvestitionen. Dafür müßten Sie ja
der stabilisiert. Dazu haben wir einen wesentlichen sein, und ich bin es auch. Gleichzeitig wird 1970 der
Beitrag geleistet, was jedermann draußen aner- übermäßig große langfristige Kapitalexport in Form
kennt. Die internationalen Spekulationserwartun- von Wertpapieren zurückgehen. Damit verbessern
gen sind bis auf kleine Restbestände — die sich sich Umfang und Struktur unserer Anlagen im Aus-
nicht gegen uns richten — verschwunden. In dem land, und es werden binnenwirtschatfliche Investi-
neuen Wirtschaftsbericht des amerikanischen Präsi- tionsansprüche nicht mehr wie bisher allzusehr zu-
denten kommt sehr deutlich zum Ausdruck: Die rückgedrängt. Abbau der außenwirtschaftlichen
Aufwertung der D-Mark im Oktober vorigen Jahres Überschüsse, Abbau der übermäßig hohen Kapital-
hat zusammen mit der Abwertung des Franc im exporte der letzten beiden Jahre bedeutet doch, daß
August 1969 und zusammen mit der Abwertung des wir für unsere heimischen Investitionen mehr Mittel
Pfundes vom November 1967 doch schon so etwas zur Verfügung haben. Eine Politik der heimischen
wie ein allgemeines Realignment der Wechselkurs- Reformen ist, ökonomisch gesehen, in vielem eine
paritäten zustande gebracht. Weitere Schritte zur Politik langfristiger Investitionen, eine Politik stei-
Reform des Weltwährungssystems werden nach genden inländischen Investitionsbedarfs. Diesen Zu-
dieser „Grobeinstellung" der drei Paritäten nur er- sammenhang müssen wir immer wieder sehen.
leichtert. Nun möchte ich nur noch einige Punkte nennen,
Zweitens. Noch wichtiger für den Welthandel ist in denen wir unsere Internationale Wirtschaftspolitik
im Augenblick folgendes : Durch die D-Mark-Auf- besonders ausbauen.
wertung haben wir draußen eine breite Bresche in Erstens. Im Wirtschaftsverkehr mit unseren ost-
den Verhau internationaler Handelshemmnisse ge- europäischen Nachbarn sollten wir den notwendigen
schlagen. Wir haben nämlich viele Länder von der industriellen Aufbau dieser Länder nicht einseitig
Versuchung befreit, sich in ihren Zahlungsbilanz- durch die Brille des Lieferanten sehen. Wir müssen
nöten durch protektionistische Maßnahmen zu hel- umgekehrt die eigenen Märkte unseren östlichen
fen. Die Aufwertung der D-Mark war auch ein Bei- Partnern öffnen. Und nicht nur das: Zum industriel-
trag, und zwar ein ganz wesentlicher Beitrag, zur len Aufbau oder zur industriellen Weiterentwick-
Festigung des freien Welthandels. Das muß hier lung jener Länder in Osteuropa gehört auch der
deutlich gesagt werden. Kredit. Die Bundesregierung will helfen, den Län-
Drittens. Der Abfluß der spekulativen Gelder dern Osteuropas — wie anderen Ländern bisher —
scheint hier im Lande manche Gemüter besonders unseren Kapitalmarkt zu öffnen. Er soll ihnen in
verwirrt zu haben. Ich kann mich noch gut erinnern, ähnlicher Weise offenstehen wie der ganzen übri-
mit welchem Zorn oder gar Abscheu hier von die- gen Welt. Freilich: unsere osteuropäischen Partner
sem Podium von der Devisenspekulation gespro- müssen dabei lernen, ,daß Kapitalmärkte ihre eige-
chen wurde. nen, mitunter höchst eigenwilligen Gesetze haben.
Wer die Chancen unserer Märkte nutzen will, muß
(Abg. Wehner: Die Beschwörung der
auch ihre Risiken akzeptieren.
Weisen von Zion!)
— So war es. — Aber heute setzt eine große Klage Zweitens. Die Zukunft unserer Wirtschaft und
ein: Man weint jedem Dollar nach wie einem ver- Währung wird immer deutlicher von der Entwick-
lorenen Sohn. lung in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
bestimmt. Nachdem die Zollunion Wirklichkeit ge-
(Abg. Wehner: Sehr wahr!)
worden ist, geht es jetzt um die Ausgestaltung zur
Mit Logik hat das gar nichts mehr zu tun. Wirtschaftsunion hin. Meine Damen und Herren,
(Beifall bei den Regierungsparteien.) unser Ziel ist eine weltoffene Gemeinschaft der Sta-
bilität und des Wachstums, in der man gemeinsam
Viertens. Im übrigen: Unsere amtlichen Wäh- und wirksam allen protektionistischen und inflatio-
rungsreserven sind mit 7 Milliarden Dollar immer nistischen Tendenzen entgegentritt. Der Weg nach
noch die zweitgrößten der Welt. Währungsreserven Europa darf nicht mit einem 'entscheidenden Verlust
sind nicht dazu da, bis zum Sankt-Nimmerleins- an Stabilität erkauft werden.
Tag stillzuliegen, wenn sie sich sinnvoll verwenden
lassen. Außerdem haben wir damals jahrelang als Sie wissen, wir haben gerade für die Zwecke der
scheinbar reicher Onkel Milliardenbeträge als Stüt- Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft unsere mittel-
zungskredite an andere Notenbanken geben müs- fristige Projektion bis zum Jahre 1974 im Anhang
sen. des Jahreswirtschaftsberichts vorgelegt. Dort wurde
(Abg. Wehner: Sehr wahr!) eine Preissteigerungsrate von 2 1 /2 bis 2 % angege-
1254 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970
Bundesminister Dr. Schiller
ben. Ich höre jetzt schon — in Gedanken diesmal — mit untereinander festen und garantierten Wechsel-
einige voreilige Zwischenrufer; doch ich muß ent- kursparitäten.
gegnen: In einem Zeitraum von vier Jahren schlägt
Meine Damen und Herren, die Bundesregierung
das Basisjahr 1970 nun einmal mit erheblichem Ge-
sagt bewußt ja zu einer solchen Entwicklung, an
wicht durch. Ohne 1970 kämen wir rechnerisch schon
deren Ende nicht nur eine gemeinsame Währung
auf einen Durchschnitt von 1,6 %.
steht, sondern auch gemeinsame wirtschafts- und
(Abg. Dr. Stoltenberg: Das ist aber schlecht währungspolitische Instanzen mit Kompetenzen zu
gerechnet, Herr Schiller!) stehen haben.
Unsere Perspektive bedeutet bei der gegebenen Aber — und das ist das vierte — die EWG darf
Ausgangslage eine sukzessive Verminderung der nicht zu einer Riesendiskrimination gegenüber Dritt-
Preissteigerungsraten. Wir wollen da die Treppe länder werden,
hinunter- und nicht hinaufgehen.
(Abg. Wehner: Sehr wahr!)
Meine Damen und Herren, wir sind auch in der wovor Wilhelm Röpke schon vor mehr als einem
EWG — und zuletzt im Ministerrat — sehr deutlich Jahrzehnt gewarnt hat. Wir müssen in der Gemein-
geworden und haben darauf beharrt, daß die deut- schaft nach wie vor stärker in einen wachsenden
sche Öffentlichkeit eine mittelfristige Politik hoher Welthandel eingeflochten werden. Es gilt ganz gene-
Preissteigerungen nicht tolerieren wird.
rell: unsere Importe sind die Exporte der anderen,
(Abg. Dr. Luda: Sehr gut! Das ist der ent auch außerhalb der Gemeinschaft. Auch hier besteht
scheidende Gesichtspunkt!) Interdependenz.
Ein mahnender Brief des Deutschen Industrie- und Die Bundesregierung unterstützt daher vorbehalt-
Handelstages, auf den ich hinweisen und den ich los die Bemühungen des GATT und des Internatio-
verlesen konnte, blieb nicht ohne Eindruck. nalen Währungsfonds für einen freien Handels und-

- Zahlungsverkehr. Für viele in jenen großen Welt-


(Abg. Dr. Stark [Nürtingen] : Sehr schön!)
organisationen — kürzlich hatten wir den Besuch
Die Kommission ist im übrigen beauftragt, ihre mit- des Generaldirektors des GATT — sind wir, die
telfristigen Perspektiven bis zum Herbst dieses Jah- Bundesrepublik und die Bundesregierung, die Ver-
res neu zu überdenken, nicht zuletzt unter dem Ein- bündeten jener, die draußen, außerhalb der Ge-
druck der deutschen Mahnungen. meinschaft, für einen freien Welthandel und gegen
Drittens. Alle Stabilitätsschwüre in der EWG und Diskriminationen kämpfen. Die zweitstärkste Han-
auch alle rechnerischen Annäherungen in den mit- delsnation der Welt, die Bundesrepublik Deutsch-
telfristigen Orientierungsdaten nützen gar nichts, land, kann sich in der Tat, meine Damen und Herren,
wenn wir nicht wirklich konkret und praktisch zu keinen ökonomischen Isolationismus leisten, nicht
einer gemeinsamen Wirtschafts- und Währungs- nach West, nicht mehr nach Ost und schon gar nicht
politik kommen. Der Beschluß der Staats- und Regie- nach Süden. Wir sind zu einer stabilen Entwicklung
rungschefs in Den Haag zur Ausarbeitung eines Stu- verpflichtet. Unser Wachstum zu Hause bringt den
fenplans für den Aufbau der Wirtschafts und Wäh-
-
Entwicklungsländern trade und aid, Handel und
rungsunion geht vor allem auf deutsche Initiative Hilfe. Wir sehen unsere Entwicklungshilfe weiß
zurück. Gott nicht unter dem bornierten Gesichtspunkt, daß
wir damit unsere Industrieexporte in jene Länder
Wir haben inzwischen in Brüssel ein erstes Kon- fördern wollten. Nein, wir kennen Rosa Luxemburg,
zept für einen solchen Stufenplan skizziert. Dieses und wir wissen, daß Entwicklungshilfe nicht ein
Konzept wird in der nächsten Woche auf der Tagung neues Mittel des industriellen Imperialismus sein
der Wirtschafts- und Finanzminister der EWG-Staa- darf.
ten in Paris beraten werden. Eines ist klar: die (Beifall bei der SPD.)
bestehenden Divergenzen in den wirtschaftspoliti- Viel wichtiger als alles andere ist für uns der
schen Zielsetzungen und Verhaltensweisen zwischen Export von Wachstum, von Wachstumskraft und
den Mitgliedstaaten können nur in einem längeren von Arbeitsplätzen in die Dritte Welt hinein.
Prozeß mit mehreren Stufen abgebaut werden.
Wenn in Brüssel Konvergenz die Parole ist, so Unser Leitbild in der Entwicklungshilfe ist das
dauert die Periode der Konvergenz eben mehrere Leitbild einer offenen, interdependenten und sich
Jahre. im Miteinander entwickelnden Weltwirtschaft. Mit
unserer neuen offensiven Handels- und Außenwirt
Wir haben in unserem Stufenplan kein starres schaftspolitik gen Osten und nach Süden wollen
zeitliches Schema fixiert, sondern wir sind pragma- wir auf unsere Weise jene Vision von Wendell
tisch vorgegangen. Der Übergang von der ersten Wilkie aus den vierziger Jahren bestätigen, jene
zur zweiten und von der zweiten zur dritten Stufe Vision, die er in Amerika im Wahlkampf während
soll von der Erfüllung der wesentlichen Erforder- des zweiten Weltkrieges aufzeigte, und die da lau-
nisse der vorherigen Stufe abhängig gemacht wer- tet: Wir leben tatsächlich in „e i n e r Welt".
den. Erst wenn die ökonomischen und politischen
Voraussetzungen für eine gleichgewichtige wirt- (Anhaltender Beifall bei den Regierungs
schaftliche Entwicklung in der Gemeinschaft auf parteien.)
diese Weise geschaffen sind, wird dann auch die
Zeit dafür reif sein, in das endgültige Stadium der Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der
Währungsunion einzutreten, einer Währungsunion Abgeordnete Müller-Hermann.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1255

Dr. Müller-Hermann (CDU/CSU) : Frau Präsi- aber nach 'dem Willen der Bundesregierung im Laufe
dentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! des Jahres wiederaufgehoben werden sollen —
Für die Opposition bietet die Debatte über den Jah- (Zuruf von der CDU/CSU: Am 1. Juli!)
reswirtschaftsbericht die erste Gelegenheit, sich
gründlicher mit der Wirtschaftspolitik der Bundes- und ein reales Wachstum des Bruttosozialprodukts
regierung und des Herrn Bundeswirtschaftsmini- um etwa 4 1 /2 % für das Jahr 1970.
sters kritisch auseinanderzusetzen. Wir werden (Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
dabei durchaus nicht alles und jedes verdammen,
was oder nur weil es aus dem Hause Schiller kommt. Im Gegensatz zu damals will uns Herr Schiller
Das hieße verleugnen, daß es durchaus auch man- heute glauben machen, daß diese finanzpolitische
cherlei Gemeinsamkeiten gibt. Aber diese Debatte Tat ein Beitrag zur Konjunkturstabilisierung sei, und
wäre unergiebig, wenn sie nicht auch ganz deutlich läßt in einem Interview die Bundesregierung sogar
machte, worin sich Regierung und Opposition unter- als europäischen Musterschüler feiern.
scheiden und wo die Opposition der Bundesregie- (Beifall bei der CDU/CSU.)
rung schon jetzt Unterlassungssünden, schwere Zweitens. Der Jahreswirtschaftsbericht vom
Fehlbeurteilungen und bedenkliche Zielsetzungen 31. Januar 1969 ist heute genauso lesenswert, viel-
vorzuwerfen hat.
leicht noch lesenswerter als vor einem Jahr.
Es wäre außerordentlich reizvoll gewesen, weite (Abg. Dr. Lucia: Sehr gut!)
Passagen von Schiller-Reden aus der Oppositions-
zeit, die seine Glanzzeit war, vorzulesen. Damals hat sich Herr 'Schiller in der Zuwachsrate des
Bruttosozialprodukts für das Jahr 1969 im wahrsten
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Sinne des Wortes um hundert Prozent verschätzt.
Selbst die Damen und Herren der Koalition wür-
(Sehr richtig! 'bei der CDU/CSU.)
den aus dem Schmunzeln darüber nicht herauskom-
men, Denn statt bei den von ihm geweissagten 4 1/2 %
(Zuruf von der CDU/CSU: Ganz sicher nicht!) lag ,der 'tatsächliche Zuwachs über 8 1/2 %. Das Brutto-
sozialprodukt war um 22,5 Milliarden DM höher als
wie schön so vieles auf die heutige Situation gepaßt von Herrn Schiller im Jahreswirtschaftsbericht pro-
hätte. gnostiziert. Die Ausfuhr lag um 9,5 Milliarden, die
(Heiterkeit bei der CDU/CSU.) Inlandsnachfrage um 23 Milliarden und die Einfuhr
Wir werden aber Herrn Schiller mit Sicherheit um 7 Milliarden DM höher.
an dem Maß messen, das er selbst in seiner Oppo-
Mir scheint, meine Damen und Herren, wir haben
sitionsrede am 29. November 1965 treffend gesetzt
Anlaß, Herrn Minister Schiller nicht nur seine viel-
hat. In seiner eleganten Art verkündete Herr Schil-
fältigen Fehlprognosen vorzuwerfen, sondern eigent-
ler damals:
lich noch mehr, daß er die Eigendynamik unserer
Die Bevölkerung braucht eine Regierung, der Wirtschaft nie richtig eingeschätzt hat.
sie vertrauen kann, ... die in ihren Worten
(Beifall bei der CDU/CSU.)
glaubwürdig und in ihrem Handeln vertrauens-
würdig ist. Das ist die erste Vorbedingung. Diese Erfahrung haben wir , eigentlich schon im
Jahre 1968 machen müssen, als Herr Schiller zu
Nun, wir finden diesen Spruch sehr passend und
einer Zeit, in der die Konjunktur wieder auf vol-
werden sehen, ob Herr Schiller und seine Politik ihm
len Touren lief, noch kräftig auf das Gaspedal treten
auch wirklich Genüge tun.
wollte.
Ich will zunächst einmal an vier Paradebeispielen (Zustimmung bei 'der CDU/CSU.)
verdeutlichen, wie es um die Glaubwürdigkeit der
Schillersehen Wirtschaftspolitik tatsächlich bestellt Dieser Tatbestand wird gewiß noch einmal eine
ist. Rolle spielen, wenn objektive , Geschichtsschreiber
die währungspolitische Diskussion. der letzten Jahre
Erstens. Ich greife etwas weiter zurück und be- zu analysieren haben.
ginne im Jahre 1965, in der Oppositionszeit von
Herrn Schiller. Damals beklagte er, daß man den (Beifall bei der CDU/CSU.)
Prozeß der Preis und Lohnsteigerungen nicht unter
-
Denn wenn wir hier schon Vergangenheitsbewälti-
Kontrolle zu bringen verstehe. Im ersten Halbjahr gung betreiben, dann sollte sie nicht im Jahre 1969,
1965 seien die Gesamtausgaben des Bundes um sondern im Jahre 1968 ianfangen.
12,6 % angestiegen, während die reale Zuwachs-
rate des Bruttosozialprodukts nur 5,2 % betragen (Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU.)
habe. Daraus folgerte Herr Schiller, daß sich im Ich verweise hier auf Aussagen dies Bundesbankprä-
ersten Halbjahr 1965 eine enorme inflationäre Lücke sidenten Blessing, die an Deutlichkeiteigentlich
aufgetan habe. Das sei ein Beweis dafür, daß man nichts zu wünschen übriglassen.
den Konjunkturprozeß nicht zu steuern verstehe.
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.)
Heute bietet uns Herr Schiller als Bundeswirt-
schaftsminister fast genau die gleichen Fakten an: Beim Jahreswirtschaftsbericht im Januar 1969 jeden-
falls verließ sich Herr Schiller noch ganz auf das
(Beifall bei der CDU/CSU) Absicherungsgesetz vom November 1968. Damals
eine Expansion der Bundesausgaben um rund plädierte er ,aus diesem Grunde für eine entschei-
12 Prozent — ohne die Haushaltssperren, die ja dende weitere Stärkung der Kaufkraft, um die allzu
1256 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Müller-Hermann
konjunkturdämpfenden Wirkungen ,des Absiche- natürlich mit der Folge einer erheblichen Enttäu-
rungsgesetzes in etwa zu neutralisieren. schung in der Bevölkerung.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.) (Abg. Wehner: Es würde Ihnen ja nur ge
Zu jener Zeit plädierte Herr Schiller auch in der fallen, wenn es wahr wäre!)
Konzertierten Aktion für nur sehr bescheidene Zu- Nach drei Monaten dieser Anbiederungsversuche
wachsraten in der Lohnbewegung. Die Folge war, mußte die Regierung dann das konjunkturpolitische
daß sich die Stahlarbeiter als die Anführer durch Steuer herumdrehen. Man sprach auf einmal von
wilde Streiks später das holten, was ihnen in der Steuererhöhungen und der Herabsetzung der de-
Konzertierten Aktion auf Grund falscher Prognosen gressiven Abschreibung. Gleichzeitig ließ man aller-
vorenthalten worden war. dings die Steuersenkungsversprechen weiter im
Raum 'stehen, und das nennt die Bundesregierung
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
dann Konjunkturpolitik und Herr Schiller heute
Unglaublich!)
auch noch eine Konjunkturpolitik der guten Nerven.
Herr Minister Schiller, wenn Sie in Ihren Ausfüh-
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.
rungen so viel von den stabilitätspolitischen Ver-
— Zuruf des Abg. Wehner.)
säumnissen des vergangenen Sommers reden, dann
müssen Sie sich auch vorhalten lassen, ,daß Ihr Fehl- Man könnte diese Konjunkturpolitik mit dem Zu-
verhalten in der Konzertierten Aktion einen großen satz versehen: Mach mal Pause!
Teil der Schwierigkeiten heraufbeschworen haßt, mit (Erneute Heiterkeit und Beifall bei der
denen wir uns heute auseinandersetzen müssen. CDU/CSU.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) Dieses Hin und Her der letzten Monate ist geradezu
Drittens: Zeitpunkt der Abgabe der Regierungs- ein klassisches Beispiel dafür, wie man Vertrauen
erklärung im Oktober 1969. Heute wissen wir es in die Beständigkeit und Zielsicherheit der Wirt-
-
alle: Die Bundesregierung muß sich — offenbar doch schaftspolitik verspielen kann.
unter dem Einfluß des Herrn Bundeswirtschaftsmini- (Beifall bei der CDU/CSU. — Zurufe von
sters —in der Beurteilung der konjunkturpoliti- der SPD.)
schen Landschaft völlig vertan haben.
Viertens. Damit komme ich zum Jahreswirt-
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) schaftsbericht 1970. Herr Bundeskanzler und meine
Offensichtlich verließ man sich eben völlig auf die Damen und Herren von der Koalition, im Grunde
Auswirkungen der Aufwertung und meinte, kon- müßten sie Verständnis dafür haben, daß wir in der
junkturpolitisch nichts mehr hinzutun zu brauchen. Opposition nach den Erfahrungen dieser ersten
Daß die erhofften Wirkungen der Konjunktur- und hundert Tage, aber auch nach den Erfahrungen mit
Preisdämpfung ,auf jeden Fall nicht eingetreten sind, dem Jahreswirtschaftsbericht 1969 außerordentlich
das wissen wir inzwischen wohl alle. skeptisch sind, ob die Bundesregierung die Konjunk-
turlage in ihrem neuen Jahreswirtschaftsbericht
Aber das Signal, das die neue Koalition in ihrer
wirklich richtig beurteilt. Ich kann mir vorstellen,
Regierungserklärung der Öffentlichkeit setzte, hieß:
daß Herr Kollege Schiller gestern und vorgestern
Leichtfertigkeit und Geldausgeben. bemüht sein mußte, sein ursprüngliches Konzept für
(Beifall bei der CDU/CSU.) diese Debatte etwas umzuarbeiten.
Leichtfertig ging die neue Bundesregierung zunächst (Sehr gut! bei der CDU/CSU.)
einmal ans Geschenkemachen.
Denn der neueste Monatsbericht der Deutschen
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) Bundesbank, der uns dieser Tage auf den Tisch
Mit der Ankündigung von Einstandsgeschenken ver- geflattert ist, bestätigt doch im Grunde nur, wie
suchte man für gut Wetter zu sorgen. sehr unsere Skepsis angebracht ist.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
(Zurufe von der CDU/CSU: Wahlge-
schenke! — 50 Mark!) Dieser Bericht ist — nun, ich will es milde aus-
drücken — eine scharfe Zurechtweisung des Bun-
Später hat dann erst der Vorschlag unseres Frak- deswirtschaftsministers.
tionsvorsitzenden Barzel, bis zum Vorliegen der
mittelfristigen Finanzplanung keine ausgabewirk- (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
samen Anträge mehr einzubringen — mit den be- So viel scheint jetzt, nicht einmal drei Wochen nach
kannten Ausnahmen —, für eine erste Beruhigung Veröffentlichung des Jahreswirtschaftsberichtes
in der öffentlichen Ausgabenpolitik gesorgt. 1970, doch sicher zu sein: daß die Preisauftriebs-
tendenzen wesentlich über das hinausgehen wer-
(Beifall bei der CDU/CSU.) den, was die Bundesregierung der deutschen Be-
Die Versprechungen, die in der Regierungserklä- völkerung als Prognose anbietet.
rung enthalten waren — Abbau der Ergänzungs- (Abg. Dr. Luda: Auch bei den Lebens
abgabe, Arbeitnehmerfreibetrag, zusätzliche Lei- mitteln!)
stungen für die Rentner —, hätten doch zwangs-
läufig die Konjunktur anheizen müssen, wären sie Auch gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, daß — wie
realisiert worden. Sie mußten deshalb auch wieder es zumindest maßgebliche Mitglieder Ihres Ministe
von der Regierung selbst zurückgenommen werden, riums doch für eine ausgemachte Sache zu halten
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1257
Dr. Müller-Hermann
scheinen — am 1. Juli das große Fest der Konjunk- gierung eines Industriestaates vom Range der Bun
turwende zu feiern sein wird. desrepublik die ungeheure Bedeutung unserer Ex-
portwirtschaft und den Beitrag des Exportüberschus-
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) ses für den Ausgleich unserer Zahlungsbilanz etwa
In der Presse ist diese Auffassung, die mit einer — ich sage ausdrücklich „etwa" — in Frage stellt,
drohenden Rezession schon jetzt Stimmung für eine dann muß uns das auch im Blick auf die langfristige
neue Anheizpolitik zu machen versucht, treffend Entwicklung der Zahlungsbilanz allerdings mit au-
„Krisenastrologie" genannt worden. ßerordentlicher Sorge erfüllen.
(Beifall bei der CDU/CSU.) (Beifall bei der CDU/CSU.)
Damit möchte ich zunächst einmal meinen Nach- Ich komme noch einmal auf den Bericht der Bun-
ruf auf die Kunst der Feinsteuerung durch Herrn desbank zurück. Er spricht eine sehr unmißverständ-
Schiller abschließen. liche Sprache. Die Lebenshaltungskosten sind im Ja-
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.) nuar gegenüber dem Vorjahr um 3 1/2 % angestiegen.
Auch die Bandesbank betont. daß der Höhepunkt
Bei der Beurteilung der Konjunkturlage müssen des Preisauftriebs noch nicht erreicht sei. Auch weist
wir — das klang in den Ausführungen von Herrn die Bundesbank nachdrücklich darauf hin, daß die
Schiller jetzt schon an — viel differenzierter vor- Ausweitung der Binnennachfrage in keinem ange-
gehen, als es die Bundesregierung zumindest vor- messenen Verhältnis zu dem Produktivitätsfort-
her getan hat. Zweifellos wirken viele widerstrei- schritt steht. Das gleiche gilt für die beträchtlichen
tende Tendenzen und Faktoren auf unsere Konjunk- Kostensteigerungen, die mögliche noch erzielbare
tur ein, und gewiß wird das Wirtschaftswachstum Produktivitätsfortschritte erheblich übersteigen. Aus
1970 nicht mehr so ausgeprägt sein wie in den letz- dieser Tatsache heraus hat sich der allgemeine Preis-
ten Monaten. Auch wissen wir nicht zuverlässig, auftrieb entwickelt. Ich zitiere aus dem Bundesbank-
ja, nicht annähernd zuverlässig, wie sich die Kon- Bericht:
junktur bei unseren Handelspartnern, vor allem in-
den Vereinigten Staaten, entwickeln wird. Aber im Die Nachfrageexpansion muß aber nicht nur in
Gegensatz zur Bundesregierung sind wir der Mei- dem Maße gebremst werden, wie sich der Spiel-
nung, daß alle zur Verfügung stehenden Konjunktur- raum für das reale Wachstum verengt, sondern
daten auf keinen Fall schon als ein Anzeichen für urn erheblich mehr, wenn die vorhandene Über-
einen sich deutlich abzeichnenden Konjunkturab- nachfrage abgebaut und ,den Preissteigerungen
schwung gewertet werden können. im Inland allmählich die Basis entzogen werden
soll.
(Zustimmung bei der CDU/CSU.)
Mit anderen Wort ausgedrückt heißt das doch, daß
Im Gegenteil, bei einer nüchternen Analyse muß wir nach den ersten hundert Tagen der neuen Bun-
man wohl zu dem Schluß kommen: die meisten Indi- desregierung vor einer ausgemachten hausgemach-
katoren sprechen bisher noch eindeutig für ein An- ten Inflation stehen.
halten der Hochkonjunktur. Der Arbeitsmarkt ist
(Beifall bei , der CDU/CSU.)
nach wie vor äußerst angespannt. Zweifellos hat nur
der harte Winter neue Rekordziffern verhindert, wie Von einer importierten Inflation kann heute mit
auf der anderen Seite trotz des starken Winters in Sicherheit keine Rede sein.
der Bautätigkeit erhebliche Leistungen vollbracht
worden sind. Die Zahl der Gastarbeiter hat einen Wir als Opposition haben am 20. Januar dieses
neuen Höhepunkt erreicht, und wir wissen, daß die Jahres, also noch vor der Bundesregierung, ein
Nachfrage nach Gastarbeitern unverändert hoch ist. eigenes Konjunkturprogramm vorgelegt, das ganz
Die Investitionsnachfrage hat noch nichts von ihrer darauf abgestellt ist, Stabilität und eine möglichst
Kraft eingebüßt. Die Kapazitätserweiterung rangiert gleichmäßige Weiterentwicklung unserer Wirtschaft
immer noch vor den Rationalisierungsinvestitionen. zugewährleisten. Auch wir warnen dringend davor,
Zur Zeit geht, ich möchte fast sagen, ausschließlich eine Stabilitätspolitik zu betreiben, , die etwa in eine
von dem hohen Zinsniveau, das größtenteils außen- Rezession einmündet. Die Opposition forderte Klar-
wirtschaftlich bedingt ist und sicher noch für eine ge- heit in , der Steuerpolitik, um die langfristigen Dis-
raume Zeit von uns als ein Faktor in Rechnung ge- positionen im unternehmerischen Bereich nicht aus
stellt werden muß, und von der zunehmenden Liqui- dem Tritt bringen zu lassen. Das Programm tritt
ditätsverengung ein gewisser Dämpfungseffekt aus. auch für eine verstärkte Vermögensbildung ein, die
sowohl dem Aspekt der Konsumabschöpfung als
Eine gewisse Sorge bereitet uns — in diesem Zu- auch dem Bemühen um eine gerechtere Vermögens-
sammenhang will ich das )einflechten — die Entwick- verteilung entspricht. Dabei sind wir uns durchaus
lung der Zahlungsbilanz. Wir von der Opposition darüber im klaren, meine Damen und Herren, daß
wollen hier durchaus nichts dramatisieren und der die Vermögensbildungspolitik erst mittelfristig ein
Bundesregierung auch nicht falsche Vorwürfe ma- wirksames Konjunktursteuerungsinstrument sein
chen. Ich erinnere aber in diesem Zusammenhang — kann. Der Schwerpunkt muß nach unserer Auffas-
Herr Bundeskanzler Brandt ist ja hier anwesend — sung nach wie vor auf einer gezielten und bewußt
an die These Nr. 1 im wirtschaftspolitischen Teil der antizyklischen Haushaltspolitik aller öffentlichen
Regierungserklärung Brandt, in der man zum Aus- Hände liegen mit einer beispielhaften Haushalts-
druck brachte, daß man eine graduelle Umorientie- politik des Bundes.
rung des Güterangebots auf dem Binnenmarkt an-
strebe. Meine Damen und Herren, wenn die Re (Beifall bei der CDU/CSU.)
1258 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970
Dr. Müller-Hermann
Meine Damen und Herren, wir können uns nicht Herr Bundesminister Schiller hat heute hier er-
von der Überzeugung lösen, daß die Bundesregie- klärt, man müsse binnenwirtschaftlich „marktkon-
rung auf diesem Gebiet viel zu spät gehandelt hat forme Instrumente" einsetzen. Er hat dabei keusch
und daß auch heute noch nicht genügend geschieht. und züchtig und vorsichtig auf den § 26 des Stabili-
(Beifall bei der CDU/CSU.) täts- und Wachstumsgesetzes verwiesen.

Offensichtlich hat die Bundesregierung nicht den (Abg. Dr. Stoltenberg: Das waren persön
Mut, im haushaltspolitischen Bereich die Möglich- liche Bekenntnisse!)
keiten des Stabilitätsgesetzes voll auszuschöpfen. - Ich weiß nicht, ob das ein persönliches Bekenntnis
(Abg. Leicht: So ist es!) war. Ich nehme an, das war ein Hinweis wohl auch
im Namen der Bundesregierung. Aber dann würde
Zwar sind von der Bundesregierung Konjunktur- ich doch die Damen und Herren der Bundesregierung
ausgleichsrücklagen in Höhe von 2,5 Milliarden DM einmal auffordern, hier und heute Roß und Reiter
für Bund, Länder und Gemeinden und eine Reihe zu nennen und zu sagen, was man vorhat, statt um
von Haushaltssperren für den Haushalt vorgese- den heißen Brei herumzureden.
hen — dieses ganze Thema wird ja in der Haus-
haltsdebatte noch sehr vertieft werden —, aber (Beifall bei der CDU/CSU.)
immerhin ergibt sich auch dann noch eine Zuwachs- An die Adresse der Regierungskoalition und
rate von mindestens 8,8 % für den Bundeshaushalt speziell an die Adresse des Bundeswirtschaftsmini-
bei dem bekannten geschätzten Anstieg des realen sters muß die Opposition immer wieder die Frage
Bruttosozialproduktes von 4,5 %. Aber auch diese stellen: Karl August Schiller, wie hältst du es mit
Vergleichsbasis ist außerordentlich problematisch, der Preisstabilität bzw. Geldwertstabilität?
wenn man berücksichtigt, in welchem Umfang im (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.)
Dezember 1969 noch liquide Mittel in den Wirt-
schaftskreislauf gebracht worden sind. Uns allen klingen noch die hervorragenden Ausfüh-
-
rungen von Herrn Schiller in den Ohren, mit denen
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) er uns in Anlehnung an den Bericht des Sachver-
Berücksichtigt man, daß die Steuereinnahmen im ständigenrates 1965 seinen schon Geschichte gewor-
Jahre 1969 um 18 % gestiegen sind, ist man ver- denen Stufenplan zur Wiederherstellung der Geld-
sucht, die jetzt vorgesehene Konjunkturausgleichs- wertstabilität vorklopfte: 4, 3, 2, 1 % .
rücklage, ich möchte einmal sagen: als einen Griff (Zurufe: Null!, Heiterkeit und Beifall bei der
in die Westentasche zu bezeichnen. CDU/CSU.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) Heute, wo Herr Schiller Gelegenheit hätte, die Probe
aufs Exempel zu machen, geht es: „Links, zwei, drei,
Es erscheint uns jedenfalls als ein Ausdruck von vier" in Prozenten nach oben.
Selbsttäuschung oder Selbstgerechtigkeit, einen sol-
chen Haushalt schon als konjunkturneutral oder gar (Beifall bei der CDU/CSU.)
als antizyklisch zu bezeichnen. Ich erlaube mir, aus Ich frage daher den Herrn Bundeswirtschaftsminister,
der heutigen Ausgabe der „Welt" eine Stellung- ob er uns jetzt als verantwortlicher Minister in
nahme der Bundesbank zu zitieren, in der es heißt: einer maßgeblich von der SPD gesteuerten Regie-
rungskoalition einen Stufenplan wie 1965 vorlegen
Es wird also von den öffentlichen Ausgaben kann.
voraussichtlich kein dämpfender Effekt auf die
Gesamtnachfrage ausgehen. (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
An Ihr Haushaltssicherungsgesetz denken
(Abg. Dr. Luda: Hört! Hört!) Sie nicht mehr! — Unruhe bei der CDU/
CSU. — Abg. Wehner: Sie sind doch nur
Auch der Wissenschaftliche Beirat beim Bundes- Denkmäler einer Vergangenheit!)
finanzministerium hat im Januar 1970 nachdrücklich
ein antizyklisches Verhalten der öffentlichen Haus- — Herr Kollege Wehner, darf ich jetzt weiterspre-
halte gefordert. chen.
(Abg. Wehner: Immer; es ist ein Genuß!)
Wir in der Opposition — ich glaube, wir alle — Nun versucht der Herr Bundeswirtschaftsminister
müssen bei der Betrachtung der Konjunktursituation
auch in seiner heutigen Rede, den Schwarzen Peter
davon ausgehen, daß im Laufe des Jahres 1970 die
für die Preissteigerungen immer wieder anderen in
Lohnbewegungen mit Sicherheit weiterhin prozy-
die Schuhe zu schieben. Wenn man den Jahreswirt-
klisch verlaufen und die Produktivitätsentwicklung
schaftsbericht 1970 liest, heißt das „ceterum censeo":
der Wirtschaft ganz erheblich übersteigen werden. Die verspätete Aufwertung ist an allem schuld. Ich
Um so mehr muß von seiten der öffentlichen Hände weiß nicht, Herr Minister Schiller, wie lange werden
der Konjunktur entgegengesteuert werden, und Sie es denn eigentlich noch nötig haben, sich an
zwar mit aller Entschiedenheit, möglicherweise auch diesem Lieblingsthema als Alibi festzuhalten?
mit unbequemen und unpopulären Maßnahmen,
(Beifall bei der CDU/CSU.)
(Beifall bei der CDU/CSU)
Mir scheint, je länger, desto weniger wird Ihnen
es sei denn, man wolle die Konjunktursteuerung das jemand in der Öffentlichkeit abnehmen. Für die
wieder allein der Bundesbank überlassen, die damit Zukunft ist die vollzogene Aufwertung einfach ein
überfordert wäre. wirtschaftspolitisches Datum und kein ernsthafter
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1259
Dr. Müller-Hermann
Diskussionsgegenstand mehr, obwohl wir die Dis- Was ist das alles anderes als die früher so belä-
kussion nicht zu scheuen brauchen. Wir müssen den chelte Seelenmassage?
Herrn Bundeswirtschaftsminister schlicht und einfach
(Beifall bei der CDU/CSU.)
fragen, was er heute und morgen zur Sicherung der
Preisstabilität zu tun gedenkt. Aber möglicherweise steckt doch etwas mehr dahin-
ter. Meine Damen und Herren, hier wird doch ver-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
sucht, mit staatlicher Intervention in die unterneh-
Nach den Ausführungen von Herrn Schiller habe merische Preisgestaltung hineinzuregieren. Das ist
ich den Eindruck, daß er in der Beurteilung der eine Intervention, die über die vielgepriesene Glo-
Preisentwicklung doch etwas vorsichtiger geworden balsteuerung hinaus zu einer Beeinflussung der pri-
ist. Die Schwerpunkte seiner sogenannten Stabili- vaten Entscheidungsfreiheit übergeht. Wir sollten
tätspolitik waren eigentlich schon recht deutlich er- alles nur mögliche tun zur Senkung der Preise ge-
kennbar. Vor den Wahlen hatte er ja das Seine dazu rade im Lebensmittelbereich. Aber wir können die
beigetragen, daß die Preissteigerungen herbeige- Marktfaktoren nicht hinwegdiskutieren oder einfach
redet wurden. leugnen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU.) (Sehr gut! bei der CDU/CSU.)
Ich kann mir vorstellen, meine Damen und Herren
Jetzt, meine Damen und Herren, haben wir eine
von der Koalition und auch sehr verehrter Herr
Darstellung hören müssen, es sei ja alles gar nicht
Minister Schiller, daß es Ihnen an die Nerven geht,
so schlimm. Ich könnte mir denken, daß Herr Schil-
wenn wir ständig die Frage wiederholen,
ler manchmal schon bereut, daß er die Geister, die
er rief, nicht mehr los wird. Daher wurde lange alles (Zuruf von der SPD: Vor allen Dingen Müller
auch sehr verniedlicht: „Gemessen an den Sünden Hermann! — Heiterkeit bei der SPD)
der anderen, sind wir eigentlich noch recht tugend-
wie Sie es mit der Preisstabilität halten. Es ist kein
sam". — Diese Art der Stabilitätspolitik, die mit dem Geheimnis — ich sage das nicht im Sinne eines
Vertrauen der Wirtschaftsbürger spielt, lehnen wir -
Vorwurfs —, das sich der Bundeswirtschaftsminister
auf jeden Fall entschieden ab.
weitgehend mit Beratern umgeben hat, die bereit
(Beifall bei der CDU/CSU.) sind, für schnelles Wachstum bewußt eine schlei-
Zu seiner Rechtfertigung hat der Bundeswirt- chende Inflation in Kauf zu nehmen.
schaftsminister dann versucht, durch ein im Grunde (Beifall bei der CDU/CSU.)
völlig marktwidriges und auch kostenwidriges Fest-
halten der administrativen Preise Stabilität vorzu- Nicht zufällig, meine Damen und Herren, ist der von
täuschen. Ich höre sehr gern aus seinem Munde, daß mir persönlich sehr geschätzte Parlamentarische
er zumindest eine gewisse Beweglichkeit in die Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium zu-
administrativen Preise hineinbringen will. Ein typi- gleich Präsident des Deutschen Instituts für Wirt-
sches Beispiel ist die Lage der Bundesbahn, die 1970 schaftsforschung in Berlin, eines Instituts, dessen
900 Millionen DM mehr an Kosten zu verkraften hat Vorliebe für keynesianische Wachstumspolitik über-
und der man nun verweigern will, daß sie im Güter- all bekannt ist.
verkehrsbereich eine gewisse Preisanpassung vor- (Abg. Wehner: Was sind Sie denn zugleich?)
nimmt. Der Verbraucher wird diese Mehrbelastung
auf jeden Fall tragen müssen, und Stabilitätspolitik Auch die Abreden auf EWG-Ebene sollte man
hat doch gewiß nichts mehr mit der optischen Auf- doch nicht ganz so verharmlosen, wie der Herr
polierung von Preisstatistiken zu tun. Minister das hier getan hat. Wenn man sich inner-
(Beifall bei der CDU/CSU.) halb der EWG mit einer mittelfristigen jährlichen
Preissteigerungsrate von 2,5 % abzufinden geneigt
Was hier im Blick auf die administrativen Preise bis- ist, so sollten wir nicht aus einem falsch verstande-
her von der Regierung getan worden ist, ist doch nen Solidaritätsgefühl hier einen Kurs mitsteuern,
eine reine Augenwischerei. der zwangsläufig über diese Inflationsrate hinaus-
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) gehen muß. Herr Minister Schiller hat dankens-
werterweise in seiner Rede heute selbst gesagt: Der
Ein neues Mittel der Schillerschen Stabilitätspoli- Weg nach Europa darf nicht mit einem entscheiden-
tik scheint auch zu sein, den Unternehmen vorzu- den Verlust an Stabilität erkauft werden. Ich hoffe,
rechnen, wie sie sich am Markt verhalten sollen. Vor daß sich die Bundesregierung an diese Aussage auch
der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels dann hält, wenn es nachher um die konkreten Ent-
haben Sie, Herr Schiller, am 4. November 1969 ver- scheidungen geht.
kündet: „Sie vom Einzelhandel können das, was an
Preisdruck auf Sie zukommt, auf die Dauer nicht (Beifall bei der CDU/CSU.)
auffangen." In Ihren Anzeigenserien versuchen Sie Selbstverständlich unterstützen wir alles, was zu
nun, dem Handel vorzuschreiben, was er alles an einer Koordinierung der Konjunktur- und Wäh-
Preissenkungen vornehmen könne, unterlassen es rungspolitik innerhalb der EWG und auch zu einer
aber, in diesen Anzeigen auch nur ein Wort zu den Koordinierung der internationalen Zinspolitik bei-
Kostensteigerungen zu sagen, mit denen Produzen- tragen könnte. Aber gerade in dem letzten Punkt
ten und Handel fertig werden müssen. warne ich davor, anzunehmen, daß wir mit schnel-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Dr. Luda: len Erfolgen rechnen können, die in die heutige
Das ist die Marktwirtschaft von links!) Konjunkturlandschaft hineinpassen.
1260 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Müller-Hermann
Ich muß jetzt hier ein sehr ernstes Wort sagen, — Ich wollte es gerade sagen.
und ich bitte, das auch sehr ernst aufzufassen. (Abg. Mattick: Gucken Sie sich mal die
(Abg. Mattick: Alles andere war Spaß?!) Statistik an!)
Die Glaubwürdigkeit und Redlichkeit unserer Ge- — Sie haben völlig recht. Auch in den vergangenen
sellschaftsordnung hängen von der Stabilität des 20 Jahren hat es Preissteigerungsraten gegeben, die
Geldwerts ab. alles andere als schön waren. Aber niemand wird
der CDU/CSU vorwerfen können,
(Beifall bei der CDU/CSU.)
(Zuruf des Abg. Mattick)
Die Anreize zur Sparbildung müssen sinnvoll blei-
ben, und die Sparzinsen dürfen nicht de facto zum daß wir solche Preissteigerungsraten hingenommen
Ersatz für Geldentwertung degradiert werden. hätten.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Lachen bei der
(Beifall bei der CDU/CSU.)
SPD. — Abg. Wehner: Das war das
Eine permanente Geldentwertung ist nach unserer Ernsteste, was heute gesagt wurde!)
Auffassung zutiefst unsozial. Sie bewirkt praktisch Ich will jetzt einen Satz aus einem Artikel der
eine einseitige Vermögensverschiebung zugunsten „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zitieren. Das
der Sachwertbesitzer und begünstigt die Schuldner Entscheidende ist, „daß derjenige, der sich mit
auf Kosten der Sparer. ständigen Preiserhöhungen von zwei bis drei Pro-
(Beifall bei der CDU/CSU.) zent achselzuckend abfindet, in der Wirklichkeit
Der Geschäftsbericht der Deutschen Bundesbank für schnell bei vier oder fünf Prozent landen kann". Das
das Jahr 1968 drückte das einmal so aus: ist genau die Situation, in der wir uns heute befin-
den.
• (Zuruf des Abg. Mattick.) (Beifall bei der CDU/CSU.)
Preissteigerungen zu tolerieren heißt daher,-
Wir wenden uns mit Entschiedenheit gegen die
eine ständige Verschiebung der realen Vermö- gefährliche These, daß die schleichende Inflation
gensverhältnisse zugunsten der Netto-Schuldner der notwendige Preis für stetiges Wachstum sei.
zu dulden. Diese Annahme ist theoretisch in keiner Weise ge-
(Abg. Mattick: 20 Jahre geht die Geldent stützt, und auch die praktischen Erfahrungen, die wir
wertung schon, und nun soll alles sofort in in der Vergangenheit gemacht haben, zeigen, daß
Ordnung sein! — Abg. Dr. Stoltenberg: ausschließlich Preisstabilität die Grundlage für so-
Seien Sie nicht so nervös, meine Herren! lides Wachstum sein kann.
Weitere Zurufe von der CDU/CSU. — (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
Erneuter Zuruf des Abg. Mattick.)
Neuere empirische Forschungsarbeiten haben in der
Meine Damen und Herren, Geldentwertung geht jüngsten Zeit hierauf auch aufmerksam gemacht,
natürlich auch stets zu Lasten der Eigenvorsorge und es überrascht — oder vielleicht auch nicht —,
und Eigenverantwortung der Wirtschaftsbürger. daß die Auswertung der wissenschaftlichen Literatur
(Anhaltende Zurufe des Abg. Mattick. — im Bundeswirtschaftsministerium offenbar recht ein-
seitig erfolgt.
Gegenrufe von der CDU/CSU.)
— Hören Sie jetzt doch einmal mit den Zurufen auf, Untersuchungen zum Verhältnis von Strukturwan-
und lassen Sie mich sprechen. Sie können ja nachher del und Wachstum zeigen, daß Wachstum bei Voll-
sprechen, Herr Kollege Mattick. beschäftigung nur realisiert werden kann, wenn Pro
duktionsfaktoren in den Sektoren freigesetzt wer-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Weh den, wo die Nachfrage nachläßt, und in die Sektoren
ner: Sie reden doch die ganze Zeit!) hineinwandern, die sich einer erhöhten Nachfrage
Eine sozialistische Politik, 'die ohnehin die kollek- erfreuen. Bei einer schleichenden Inflation, die zu
tive Absicherung als das Ideal ansieht, mag auch einem Überdruck in der Volkswirtschaft, zur Voll-
eine das Kollektiv fördernde Geldentwertung viel- auslastung der Kapazitäten führt und damit Struktur-
leicht leichter hinnehmen. Hier jedenfalls scheiden mängel überdeckt, wird die Mobilität der Produk-
sich die Geister. tionsfaktoren künstlich unterbunden.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner: (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
Sie sind aber keiner! Sie scheiden nur, aber
Geist sind Sie nicht! — Gegenrufe von der Nach der modernen wissenschaftlichen Theorie und
CDU/CSU.) auch nach voller Überzeugung der CDU/CSU ist
jedenfalls die Preisstabilität eine der wesentlichsten
— Sehr verehrter Kollege Wehner, natürlich wissen Voraussetzungen für die optimale Zuordnung der
wir auch, Produktionsfaktoren. Natürlich wünschen auch wir
(Abg. Wehner: Natürlich wissen Sie auch!) eine systematische Wachstumspolitik, allerdings
nicht um den Preis des schleichenden Geldwertver-
wie schwierig es ist, absolute Geldwertstabilität zu falls. Die Öffentlichkeit muß sich allerdings darüber
garantieren. im klaren sein, daß ein wichtiger Faktor für Wachs
(Lachen bei der SPD. — Abg. Mattick: tum, nämlich die menschliche Arbeitskraft, immer
Warum haben Sie sie in den 20 Jahren nicht knapper wird. Wachstum muß daher über qualitative
hergestellt?!) Prozesse angestrebt werden. Dazu gehört ein funk-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1261
Dr. Müller-Hermann
tionsfähiger Wettbewerb, die Verbesserung des ner weitere Gängelung unserer Wirtschaft miß
Managements, die schnellere Durchsetzung des tech- braucht werden könnten.
nischen Fortschritts. Gerade deshalb gebührt auch (Beifall bei der CDU/CSU.)
der Kapitalbildung besondere Aufmerksamkeit, und
mit aus diesem Grunde werden wir auch alles unter- Ich habe schon an anderer Stelle auf die massiven
stützen, was einen Anreiz zur weiteren Sparförde- Fehlprognosen von Herrn Schiller hingewiesen, und
rung gibt, damit wir eben das nötige Kapital für die ich weiß eigentlich nicht recht, wie Herr Schiller
Modernisierung unserer Wirtschaft zur Verfügung immer noch so sehr auf seine eigenen Projektionen
stellen können. vertraut. Sie sind im Grunde unzuverlässiger als
so mancher Wetterbericht.
Fortschritt und Expansion machen es angesichts
der Begrenztheit unserer Reserven notwendig, daß (Heiterkeit bei der CDU/CSU.)
die Wirtschaftspolitik der Strukturverbesserung und
Letztlich ist ja auch die konzertierte Aktion im Ja-
dem Ausbau der Inftrastruktur besonders hohe Pri-
nuar 1970 an der Prognosepolitik von Herrn Schiller
orität einräumt. Wir müssen sicherstellen und wol-
gescheitert. Denn verständlicherweise sind Schillers
len daher gewährleistet wissen, daß in der Aus-
Daten auch für die Gewerkschaften einfach nicht
gabenpolitik der öffentlichen Hände den Zukunfts-
mehr glaubwürdig. Für detaillierte Prognosen feh-
aufgaben und Zukunftsausgaben generell ein höhe-
len eben auch auf seiten der Wissenschaft noch die
res Gewicht gegeben wird.
nötigen technischen Voraussetzungen.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Um auch hier keinerlei Mißverständnisse auf-
Ich denke an die Ausgaben für Wissenschaft, For- kommen zu lassen: auch wir halten eine gründliche,
schung, Bildung und Ausbildung, Verkehrswege, vielleicht sogar noch verbesserte Information über
Gesundheitsvorsorge, Luft- und Wasserreinhaltung alle verfügbaren wirtschaftpolitischen Daten im na-
und ähnliches. Ich nehme an, daß in diesem Punkt tionalen und internationalen Bereich für dringend
sogar generell Übereinstimmung in diesem Hause - erforderlich. Das ist schon angesichts der Tatsache
besteht. Wir müssen aber wohl alle immer wieder nötig, daß die öffentlichen Hände, die immerhin
mit Bedauern feststellen, daß Antizyklik in der Regel 40 % unseres Volkseinkommens bewegen, auch sel-
zu Lasten gerade dieser Sozialinvestitionen geht. ber entsprechende Entscheidungshilfen zur Verfü-
Deshalb möchten wir sichergestellt wissen, Herr gung haben müssen. Aber die staatliche Informa-
Bundesfinanzminister und Herr Bundeswirtschafts- tionspolitik muß sich davor hüten, mit der amtli-
minister, daß die heute in der Phase der Hoch- chen Abstempelung von Daten, möglichst noch mit
konjunktur unter konjunkturpolitischen Gesichts- Stellen hinter dem Komma, anderen das Denken ab-
punkten zurückgestellten und stillgelegten öffent nehmen zu wollen oder das Denken in falsche Bah-
lichen Mittel zum geeigneten Zeitpunkt und mit der nen zu lenken.
nötigen Elastizität für diese großen Aufgaben der
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Zukunftsvorsorge eingesetzt werden.
Eines sollten wir doch ,eigentlich ,alle erkannt haben,
(Beifall bei der CDU/CSU.)
meine Damen und Herren: Man muß auch die psy-
Ein fundamentaler Unterschied in den wirtschafts- chologischen Wirkungen richtig einschätzen, die von
politischen Auffassungen von Sozialdemokraten und jeder ,amtlichen Aussage, speziell aber von amt-
CDU/CSU besteht zweifellos in der Einschätzung lichen wirtschaftspolitischen Prognosen ausgehen.
der Eigendynamik unserer Wirtschaft. Wir vertrauen Die Vorgabe von Inflationsraten - um nur ein Bei-
eben offenbar stärker als die Sozialdemokraten auf spiel zu nennen — gewöhnt d i e Wirtschaft an das
die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft. Das bedeu- Klima der schleichenden Inflation und fördert ge-
tet durchaus kein Laissez-faire des Staates. Wir an- rade ,die Trends, die die 'amtliche Wirtschaftspolitik
erkennen durchaus die Notwendigkeit einer staat- einzudämmen bemüht ist. Bei Lohnverhandlungen
lichen Aktivität in der Wirtschaftspolitik. Aber wir werden .diese Inflationsraten als selbstverständlich
sehen auch sehr viel eindeutiger deren Grenzen. einkalkuliert, und die Unternehmer glauben, über
Der Glaube an die Machbarkeit wirtschaftlicher Pro- einen entsprechenden Spielraum für Preiserhöhun-
zesse und die Manipulierbarkeit der Wirtschaft sind gen verfügen zu können. Preisprognosen , sind nun
ja geradezu ein Charakterzug der Schillerschen einmal von der Art, daß sie die Eigenschaft der
Wirtschaftspolitik geworden. Selbstverwirklichung in sich bergen. Dafür gibt es
auch .eine wissenschaftliche Theorie der „Self-ful-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
filling Prophecy".
Wir vertrauen vor allem auf die automatisch wir-
kenden wirtschaftspoltischen — marktwirtschafts- Unsere Fraktion geht bei der nachdrücklichen B e-
politischen, müßte ich sagen — Wirkungen einer jahung des staatlichen Instrumentariums für die
freiheitlichen Wettbewerbsordnung. Wir sind daher Steuerung der Konjunktur von der Voraussetzung
auch bereit, an einer Novellierung des Kartellge- aus, daß dieses Instrumentarium zur Erhaltung un-
setzes mitzuwirken, soweit damit der Wettbewerbs- serer freiheitlichen marktwirtschaftlichen Gesell-
mechanismus unter veränderten technologischen schafts- und Wirtschaftsordnung eingesetzt wird.
Bedingungen funktionsfähig erhalten bleibt oder Wir haben auch das Vertrauen dazu, daß Sie das
noch funktionsfähiger gemacht wird. Wir sind aber so zu tun beabsichtigen. Wir sollten uns aber auch
mit Sicherheit nicht bereit, meine Damen und Her- darüber im klaren sein, daß dieses Instrumentarium
ren, zusätzliche Instrumente zu schaffen, die zu ei mißbraucht werden kann, um unsere freiheitliche
1262 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970
Dr. Müller-Hermann
Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung aus den An- Das private Eigentum soll eingeschränkt und Ver-
geln zu heben. mögensbildung nur noch in Kollektivform betrieben
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU.) werden. Vor diesem Hintergrund, meine Damen und
Herren — jetzt komme ich zu dem Entscheidenden,
Hier haben wir auf seiten !der Opposition unsere Herr Kollege Wehner —,
Sorgen im Hinblick auf so manches, was schon
heute geschieht, mehr aber noch im Hinblick auf (Abg. Wehner: Haben Sie etwas
die Zukunft. Hier haben wir sehr konkrete Fragen Entscheidendes?)
an die Adresse der SPD. Die Jungsozialisten, meine muß man einen Satz wie diesen lesen: „In nüch-
Damen und Herren, terner Erkenntnis, daß die gegenwärtige parlamen-
(Lachen bei dien Regierungsparteien) tarische Situation die Handlungsfähigkeit der Re-
gierung einengt, verlangt die Entscheidung für den
haben jüngst sehr dezidierte Vorstellungen über demokratischen Sozialismus, daß eine sozialdemo-
eine künftige Gesellschaftsordnung vorgetragen, die kratische Regierung alle ihre Handlungen an den
mit den marktwirtschaftlichen Grundlagen unseres Bedürfnissen einer kommenden sozialistischen Ge-
Gesellschafts- und W irtschaftssystems nichts 2u tun sellschaft mißt."
haben und nichts zu tun haben wollen. (Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
Damit komme ich auch zum Schluß meiner Aus-
Jetzt kommt der heitere Teil!) führungen.
— Die Jungsozialisten sind ja nicht irgendwer, Herr (Abg. Wehner: Das ist gut! Der einzige
Kollege Wehner. gute Vorsatz!)
(Abg. Wehner: Eben!) — Ja, das ist nicht alles ganz bequem zu hören;
Sie sind auch keine kleine Gruppe von Einzelgän- das kann ich mir denken.
gern und Querulanten. - (Abg. Wehner: Na, hören Sie mal,
(Erneuter Zuruf !des Abg. Wehner.) es ist lustig!)
Es handelt sich immerhin um 180 000 eingeschrie- Meine Damen und Herren, erfolgreiche Wirt-
bene SPD-Mitglieder, wenn ich richtig informiert schaftspolitik ist eben weitgehend eine Sache des
bin. Vertrauens,
(Beifall bei der CDU/CSU.) (Abg. Wehner: Ja, ja!)
Diese Kräfte werden Ende der 70er Jahre voraus- und Vertrauen setzt Glaubwürdigkeit und Stetigkeit
sichtlich !den Kurs der ,SPD bestimmen. des Handelns voraus.
(Abg. Wehner: So weit denken Sie schon (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
voraus! Wie alt sind Sie denn dann?) Man mag hundert Tage Regierungstätigkeit noch so
zurückhaltend beurteilen: Die neue Bundesregierung
Herr Ernst Eichengrün, Ihnen ja kein Unbekannter, hat im Bereich der Wirtschaftspolitik auf jeden Fall
hat auf diese Gefahren in einem Memorandum an herzlich wenig getan, was Vertrauen zu ihr recht-
denBusvorta!SPDudücklihnge- fertigen könnte.
wiesen.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
(Abg. Dr. Apel: Lesen Sie mal vor, was Die Rede sollten Sie in Schweinsleder
Herr Simon vom RCDS über Herrn Strauß binden lassen!)
gesagt hat!)
Man sollte vielleicht auch gewisse Indizien in der
Wenn man den Kernsatz des Programms der Jung- Entwicklung unserer Zahlungsbilanz sehr ernsthaft
sozialisten liest, fragt man sich, wie und wo sich in seine Erwägungen über die Beständigkeit des
die zukünftige Struktur der Bundesrepublik, sollte Vertrauens mit einbeziehen.
das einmal Wirklichkeit werden, von der der so-
genannten sozialistischen Staaten noch unterschei- (Vorsitz: Vizepräsident Dr. Schmitt
den soll. Vockenhausen.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) Unsere Skepsis und unser Mißtrauen, meine Da-
men und Herren, — und gewiß auch das weiter
Der Kernsatz heißt: „Es gibt nur eine Möglichkeit, Teile der Öffentlichkeit —, gründen sich eben nicht
präventiv gegen die Krisenanfälligkeit dieses Sy- allein auf die Taten, Unterlassungen und die offi-
stems" — und damit ist unsere soziale Marktwirt- ziellen Äußerungen der Bundesregierung. Sie grün-
schaft gemeint — „vorzugehen: indem man es ab- den sich noch mehr auf das, was von dem sozialde-
schafft." Sie wissen ja, was das Programm im ein- mokratischen Teil der Regierungskoalition heute
zelnen vorsieht: Verfügungsgewalt über die Pro- noch nicht offen ausgesprochen wird. Die Jungso-
duktionsmittel durch gesetzlich kontrollierte Organe, zialisten haben hier möglicherweise nur etwas den
Leitung und Lenkung der Wirtschaft durch ein staat- Vorhang gelüftet, offenbar weil sie weniger Rück-
lich kontrolliertes und koordiniertes System lokaler, sicht als die Regierungskoalition zu nehmen brau-
regionaler und zentraler Organe. chen.
(Abg. Wehner: Das konnten Sie alles schon (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
in den siebziger Jahren des vorigen Jahr Der „Kinderschreck" Müller-Hermann! —
hunderts lesen!) Weitere Zurufe von der SPD.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1263
Dr. Müller-Hermann
Auf jeden Fall ist diese Opposition zu außerordent- Kienbaum (FDP) : Ich darf wiederholen: Ich
licher Wachsamkeit gegenüber der Regierung ver- möchte gliedern in die kurzfristigen konjunktur-
pflichtet. politischen und die mittelfristigen wettbewerbs- und
(Abg. Wehner: „Wachsamkeit", ein belieb angebotsstärkenden Maßnahmen. Ich würde mich
tes russisches Wort!) wie bei meiner ersten Rede in diesem Hohen
Hause anläßlich der Regierungserklärung bei
Wir werden nicht zulassen, daß das, was in meinem Beitrag zur Urteilsfindung gern lediglich
25 Jahren von unserem ganzen deutschen Volk aus auf das beschränken, was uns heute aufgegeben . ist,
Schutt und Trümmern aufgebaut worden ist, etwa und nur Maßnahmen behandeln, die unsere Pro-
leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird. bleme lösen können. Denn wir haben dicke Pro-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Oh-Rufe und bleme. Ein Narr, wer sie verleugnen wollte! Aber
weitere lebhafte Zurufe von der SPD.) ein ebensolcher Narr, der die Ursachen zu ver-
tuschen sucht!
Wir wollen, daß unsere harte deutsche Mark auch
in Zukunft stabil, hart, wertbeständig bleibt. Wir (Zuruf von der CDU/CSU: Sagen Sie das
werden nicht zulassen, meine Damen und Herren, mal Herrn Schiller! — Abg. Wehner: Und
daß die freiheitliche Gesellschafts- und Wirtschafts- Herrn Müller-Hermann!)
ordnung, die mit Sicherheit die weit überwiegende Es wird allerdings nicht zu vermeiden sein, heute
Mehrheit unseres Volkes bejaht, heute oder auf auch auf die Vergangenheit einzugehen.
lange Sicht durch irgendwelche sozialistischen Expe-
rimente gefährdet wird. Nun zur Situation Anfang des Jahres 1970. Wir
haben eine deftige Überhitzung und dazu einen
(Beifall bei der CDU/CSU.) inflationistischen Preisauftrieb, der zur Zeit 3 %
Wir wollen und werden als Opposition in diesem überschreitet, zu meistern. Aber, meine Damen und
Bundestag mit allen Kräften dafür sorgen, daß auch Herren, beides hat Ursachen, die im Jahre 1969
in Zukunft Solidität, ideologiefreie Nüchternheit - und in den fehlenden Maßnahmen der damaligen
Bundesregierung begründet liegen. Ich will nicht
(Abg. Wehner: Wie war das? „Kniefreie"
zum Überdruß wiederholen, daß die Aufwertung
Nüchternheit!? — weitere Zurufe von der
unterlassen wurde, sondern möchte darauf ver-
SPD)
weisen, daß die Stillegung öffentlicher Nachfrage,
und die Verantwortung für Freiheit und Würde des die ebenso nachdrücklich gefordert wurde, im ver-
Menschen Richtschnur des Handelns in der Wirt- gangenen Jahr zwar beschlossen, aber praktisch nicht
schaftspolitik bleiben. verwirklicht wurde, und daß die Angebotsverstär-
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der CDU/ kung nicht ernsthaft gefördert wurde. Während-
CSU. — Zurufe von der SPD.) dessen aber wurde die Sicherheit der wirtschaft
lichen Disposition — sowohl der Verbraucher wie
der Anbieter — in extremer Weise gestört.
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
Meine Damen und Herren, das Wort hat der Herr Die Währungsspekulation ist auch in diesem
Kollege Kienbaum. Hohen Hause bereits oft genug behandelt worden.
Ich kann mich auf die Erwähnung beschränken.
Kienbaum (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr Erwähnt werden müßte aber doch wohl die Ver-
verehrten Damen, meine Herren! Der Jahreswirt- knappung wichtiger Grundstoffe und Halbzeuge.
schaftsbericht - ich wiederhole nahezu wörtlich die Es ist notwendig, in diesem Zusammenhang darauf
Einleitung des Kollegen Müller-Hermann — gibt hinzuweisen, daß im vergangenen Jahr ein wesent-
Gelegenheit zur Erörterung der wirtschaftlichen licher Teil der Preisauftriebsentwicklungen von der
Situation, allerdings auch, was wichtiger ist, zur Verknappung an Baustahl ausgegangen ist, von der
Definition der für die nächste Zukunft zweckmäßi- Verknappung eines wichtigen, für die Bauwirtschaft
gen Wirtschaftspolitik. Die Situationsanalyse darf unentbehrlichen Halbzeugs, die angesichts 'der er-
natürlich die Außenwirtschaft nicht unberücksichtigt teilten Bauaufträge zu sprunghaften Steigerungen
lassen und muß den Trends drinnen wie draußen, von Preisen in einem der wichtigsten Wirtschafts-
aber auch den wirkenden Kräften, nachspüren. zweige geführt hat.
Eine Definition der zukünftig zweckmäßigen, Es muß auch, so scheint mir jedenfalls, darauf
nicht ausschließlich auf vergangene Betrachtun- hingewesen werden, daß im Jahr 1969, ohne daß
gen abgestellten Wirtschaftspolitik sollte, s o scheint die eben erwähnten durchaus möglichen Maßnahmen
mir, wie der Jahreswirtschaftsbericht gegliedert eingeleitet wurden, die Verknappung der Arbeits-
werden in die kurzfristigen konjunkturpolitischen kräfte zugenommen hat und sich von dort aus
Maßnahmen — — preistreibende Tendenzen nicht nur in der industrie
gütererzeugenden Wirtschaft, sondern in allen Be-
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: reichen bis hin zu den Dienstleistungen entwickelt
Herr Kollege Kienbaum, entschuldigen Sie die und gesteigert haben. Die hohe Preissteigerung bei
Unterbrechung! Ich möchte das Haus bitten, die not- Industriegütern, der zunächst eine entsprechende
wendigen Gespräche freundlicherweise in den Wan- Steigerung der Kosten und Preise bei den Ver-
delgängen zu führen, damit der Redner seine Aus- brauchsgütern noch nicht folgte, ist ein Störungs-
führungen hier zu Gehör bringen kann. — Bitte faktor, der sich 1969 zum Teil ausgewirkt hat und
schön! 1970 weiterwirkt.
1264 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Kienbaum
Was aber nicht unerwähnt bleiben darf, wenn wir wirkt. Das war — ich mußte mich natürlich in der
uns nicht an den Dingen vorbeimogeln wollen, die es Zusammenfassung der Impulse, der Trends und der
nunmehr zu meisterngilt, ist die völlig aus dem Rah- Indizien beschränken — die Beurteilung der Situa-
men fallende Steigerung der Personalkosten, nicht tion Mitte Februar 1970 durch die Freien Demo-
allein ausgelöst durch Tariferhöhungen, sondern ins- kraten.
besondere durch die gegen Ende des Jahres bewillig- Es stellt sich die Frage: Welches sind angesichts
ten Zulagen nach den wilden Streiks. Angesichts sol- dieses Urteils die kurzfristig wirkenden Maßnahmen
cher Fakten, Herr Dr. Müller-Hermann — ich wieder- zur Dämpfung, die wir für wünschenswert halten?
hole: die wirtschaftliche Disposition extrem störenden Wir sind der Aufassung, die derzeitige Haltung der
Fakten — ist mir nicht ganz verständlich, was Sie Bundesbank darf nicht aufgegeben werden, auch
anfags vorgetragenhaben; es erscheint mir fast als dann nicht, wenn Interessentengruppen in der
ein Symptom andauernder Vergeßlichkeit. Sie als Presse auf eine andere Linie hinwirken wollen;
Regierungsfraktion und die von Ihnen gestellten
Minister in der Regierung der Großen Koalition (Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
haben doch diesen Jahreswirtschaftsbericht vom Ja- denn die Kreditverteuerung und die Kreditverknap-
nuar 1969, den Sie zitierten, verabschiedet. Darüber pung bewirken keine Preisauftriebselemente, viel-
kann doch wohl kein Zweifel bestehen. Aber ich mehr wirken sie in einem ganz entscheidenden Be-
will mich mit diesen Reminiszenzen nicht lange auf- reich, der Bauwirtschaft, entscheidend dämpfend.
halten. Wir sollten auch keine Konterkarieren der Aufwer-
tung — etwa durch Ausnahmeregelungen in großer
Wir haben — das ist ,die Situation — Ü berhitzung
Zahl, die hier und da von draußen gewünscht wer-
und Preisauftrieb. Wir haben beides, obwohl die
den — zulassen. Wir sollten weiterhin — in der
neue Regierung unverzüglich die Aufwertung durch-
Beurteilung dieser Frage werden sich unsere Mei-
führte und dabei einen, allerdings nicht alle, Un-
- nungen möglicherweise unterscheiden — den bereits
ruheherde beseitigte. Wir haben sie immer noch,
obwohl daneben die Deutsche Bundesbank den Kre- bekannten Entscheidungen zur konjunkturgerechten
Haushaltsgestaltung und -abwicklung unserer Unter-
dit verknappte und verteuerte, und zwar 'in Ergän-
stützung leihen.
zung zum Abfluß an Liquidität.
Wir haben aus diesem Grunde gewünscht und es,
Beide Maßnahmen reichten also nicht aus. Man
wie der Bericht und die inzwischen bekannt gewor-
muß sich mit der Frage auseinandersetzen, warum
denen Entscheidungen des Bundeskabinetts gezeigt
sie nicht ausreichten. Ich glaube — darüber ist in
haben, auch erreicht — sicher nicht durch uns
eingehenden Beratungen innerhalb der FDP für uns
allein —, daß im Jahre 1970 eine Konjunkturaus-
Klarheit geschaffen worden —, weil 1970 neue gleichsrücklage gebildet wird, daß Haushaltssperren
Impulse wirken, die zum Teil ebenfalls aus den Ent- vorgesehen werden, daß ein weitgehender Verzicht
scheidungen des Jahres 1969 herüberreichen: die auf Inanspruchnahme des Kapitalmarkts Beschluß
Lohnfortzahlung ab 1. Januar 1970, die aufgestau- wurde.
ten Anpassungen administrierter Preise, neuerliche
bereits ins Haus stehende Tarifsteigerungen. Es Diese haushaltswirksamen Maßnahmen, meine
sollte auch ein Indiz bzw. ein Trend nicht verschwie- Damen und Herren — damit greife ich eine An-
gen werden, der bedenklich werden könnte: der ver- regung von Herrn Dr. Müller-Hermann auf —, soll-
minderte Zuwachs der Spartätigkeit, im allgemeinen ten aber gemessen werden am Gesamtgewicht der
zu werten als ein erstes Anzeichen für einen mög- volkswirtschaftlichen Leistung. Dabei ist es einfach
lichen Verlust an Vertrauen in die Stabilität, um die wichtig, zu wissen, daß sie zusammengenommen
wir uns hier heute in der Auseinandersetzung über immer noch weniger als ein Prozent des Brutto-
den richtigen Weg in der Wirtschaftspolitik mühen. sozialprodukts ausmachen. Von daher können Zwei-
fel an der vollen Wirksamkeit der Maßnahmen, an
Durch alle diese Beispiele, die noch ergänzt wer- ihrer von uns allen gewünschten Wirkung durchaus
den könnten, durch die wirkenden Impulse ist die erörtert werden. Das Problem hat die FDP auch
Nachfrage erneut angestiegen, und zwar stark. Die erörtert. Aus diesem Grunde wünscht sie über das
Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage ist bisher Bekanntgewordene hinaus eine Einstellung
weiter angewachsen. Sie ist nur in einigen Teilsek- aller Haushaltsersparnisse — insbesondere bei der
toren zum Stillstand gekommen. Es muß daher be- gedämpften Abwicklung des Haushalts bis zur Ver-
fürchtet werden, daß sich der übernachfrageför- abschiedung des neuen Haushalts 1970 — zusätzlich
dernde und damit preistreibende Trend von neuen in die Konjunkturausgleichsrücklage. Falls erforder-
Tarifvereinbarungen, die den Produktivitätszuwachs lich, d. h. falls die uns zu diesem Zeitpunkt bekann-
weit übersteigen, noch fortsetzen kann. Angesichts ten Daten immer noch nicht die gewünschte Dämp-
der zur Zeit debattierten Tarifsteigerungsraten ist fung zur Folge haben, erwarten wir eine weitere
durch die Verhandlungen des Bundesinnenministers zusätzliche Bedienung der Rücklage im dritten und
ein geradezu erstaunliches Ergebnis im öffentlichen vierten Quartal 1970.
Dienst erzielt worden.
Schließlich — auch das ist bereits angedeutet —
In dieser Situation — das ist die Auffassung der sehen wir in der Abschöpfung von Kaufkraft durch
Freien Demokraten — gibt es leider keinerlei Sicher- Vermögensbildungsmaßnahmen, wie sie bereits
heit, daß sich die erforderliche Abschwächung im bekannt wurden und wie sie sich möglicherweise
zweiten Halbjahr 1970 einstellt, und das nicht zu- noch durch ein Verziehen der Zahlungsfristen ver-
letzt deshalb, weil die Inflation im Ausland fort stärken können, ein geeignetes Mittel.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1265
Kienbaum
Was wir nicht wünschen, soll allerdings auch in die technische Entwicklung heute von der Monopol
aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht werden. Stellung einer einzigen technischen Lösung befreit
Wir wünschen in dieser Situation unter keinen Um- hat.
ständen eine Behinderung produktivitätsfördernder Ferner wünschen wir — das sollte nicht zuletzt
Investitionen. Diese jetzt zu stoppen, hieße eine unterstrichen werden - - Ausbau des Wettbewerbs
lange Wiederanlaufphase heraufbeschwören, mögli-
auf dem Arbeitsmarkt. Dort wünschen wir einer-
cherweise zu einem Zeitpunkt, zu dem diese Investi-
seits mehr Mobilität, damit Abbau von Abhängig
tionen lebenswichtig werden. Damit sich aber erst keiten der Arbeitsuchenden und der Arbeitnehmer,
gar nicht ein Image in dieser Richtung entwickelt,
andererseits aber auch mit dem gleichen Gewicht die
wünschen wir auch nichts, was die unternehmeri-
Verhinderung von Verknappungsversuchen.
sche Investitionsbereitschaft dämpfen könnte. Hier
muß bestimmten Äußerungen in der Öffentlichkeit Schließlich sind wir der Auffassung, daß uns eine
widersprochen werden. Es wird hier nicht falsche massive Förderung und Verstärkung des Angebots
Rücksichtnahme geübt — indem man etwa Unter- weiterhelfen kann. Hier liegen — ich bedaure, das
nehmen und Unternehmer ausklammern wollte feststellen zu müssen — seit Jahren Versäumnisse
aus dem Paket notwendiger Maßnahmen —, son- vor. Der Jahreswirtschaftsbericht trägt ihnen erst
dern hier wird der Gedanke logisch weiterentwik- zum Teil Rechnung.
kelt, daß diese Investitionen notwendig sind, damit Angesichts unserer Arbeitsmarktsituation wollen
morgen und übermorgen die Arbeitsplätze für alle wir Produktivität und Rationalisierung fördern. Da
abhängig Beschäftigten auch den ausreichenden und
erscheint es mir als Anachronismus, daß der RKW-
gewünschten Ertrag abwerfen können. Haushalt seit Jahren bei 10 Millionen DM verharrt,
Ich möchte mich nun den mittelfristig wirkenden aus denen die Basis- und Projektkosten gedeckt wer-
Maßnahmen zuwenden. Ich will sie einmal als er- den sollen. Der Basiskostenanteil ist natürlich wegen
gänzende Maßnahmen bezeichnen. Hier ist eine der steigenden Aufwendungen für die Bediensteten
komplementäre Aufgabe gestellt, die dem gleichen - und für die Sachmittel ständig gestiegen, und der
Ziel dient, nämlich einer behutsamen Wiederher- verbleibende Rest für Projektkosten ständig gesun-
stellung des Gleichgewichts, sowohl bei den Gütern ken. Der Anteil im Verhältnis zu unserem Brutto-
und Leistungen als auch am Arbeitsmarkt, damit sozialprodukt ist geradezu lächerlich klein gewor-
verbunden einer Wiederherstellung der Preisstabi- den. Damit kein Mißverständnis entsteht: die Freien
lität und zugleich — das möchte ich unterstreichen Demokraten plädieren nicht für eine Ausweitung
— einem Basisaufbau für neues Wachstum. Die des Haushalts auf diesem Gebiet, sondern für eine
FDP wünscht entsprechend den Passagen im Teil Umschichtung innerhalb des Ressorts Wirtschaft. Die
C des Jahreswirtschaftsberichts den Ausbau des dringend notwendige Steigerung ist jederzeit aus I
Wettbewerbs überall dort, wo er bisher unterblie- diesem Gesamthaushalt möglich.
ben ist — solche Gebiete gibt es noch — oder wo
er behindert wird. Wir wünschen — das wird auch im Jahreswirt-
Dazu ein paar konkrete Beispiele. Wir wünschen schaftsbericht als eine Zukunftsnotwendigkeit her-
ausgestellt - die Förderung der angewandten For-
Wettbewerb im Walzstahlbereich; denn wir haben
im vergangenen Jahr erlebt, wie sich die Begren- schung. Wir müssen endlich von dem Tabu weg, das
zung und Behinderung durch die Wahlstahlkonto- der öffentlichen Hand nur die nichtangewandte, d. h.
re ausgewirkt haben, insbesondere in dem soeben die Grundlagenforschung als Aufgabe zuweist. Es
erwähnten Baustahlbereich. ist einfach unerträglich, wenn in Deutschland Grund-
lagenerkenntnisse durch Forschungsmaßnahmen er-
(Sehr richtig! bei der FDP.) arbeitet werden, ihre Nutzanwendung aber erst
Wir wünschen Ausbau des Wettbewerbs im Ener- über dem Großen Teich i n den USA ermöglicht wird.
giebereich und wollen hier ganz offen aussprechen, (Zustimmung bei der FDP und bei der
daß wir darunter auch etwas verstehen, was bis- CDU/CSU.)
her so eine Art Tabu umgeben hat. Wir wollen über
die Heizölsteuer sprechen, wenn der Termin des Schließlich ist — auch das wurde zum Ausdruck
Endes ihrer Laufzeit heransteht. gebracht , um die Erkenntnisse in die tägliche
Praxis der Wirtschaft umzusetzen, die Verbesserung
(Abg. Dr. Böhme: Wie ist es dann mit der der Information, die Zugriffsbereitschaft zu Infor-
Einheitsgesellschaft?)
mationen in bezug auf den technischen Stand als
Wir wünschen Ausbau der Wettbewerbs-Kohle im Angebot auszubauen. Eine der wichtigsten Aufga-
Verkehr. ben aber scheint uns derzeit die Bestandsaufnahme
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Bravo! Sagen über die Situation in den sektoralen Bereichen der
Sie das mal Ihren eigenen Leuten!) Wirtschaft wie in den regionalen. Unsere Wirtschaft
— Sie werden es kaum glauben, Herr Dr. Müller- ist keine Massenwirtschaft, keine etwa aus dem Be-
Hermann, aber das tue ich sogar und, wie Sie viel- griff der Massengesellschaft abzuleitende konformi-
leicht nicht vermuten werden, mit Erfolg. stische Größe. Sie differenziert sich ständig mehr,
weil frei verfügbares Einkommen die Möglichkeit
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Ich lasse mich zur Differenzierung der Nachfrage bietet. Deshalb
überzeugen!) müssen die Verantwortlichen mehr als bisher die
Im Verkehr wünschen wir Wettbewerb durch Ver- Situation und die Fakten transparent machen. Hier
zicht auf einseitige Bevorzugung eines Verkehrsträ- reichen einfach globale Feststellungen für die Ent-
gers. Wir sind jedenfalls glücklich darüber, daß uns scheidung der Unternehmen, aber auch für die freie
1266 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Kienbaum
Entscheidung ihrer Mitarbeiter genausowenig aus einen wesentlichen Teil der deutschen Bürger ver-
wie für sektorale Verbände und regionale Kam- lorengegangen.
mern. Sie reichen nicht einmal für die Wirtschafts-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
politik. Ich erwähne als Beispiele die aufgeführten
Wirtschaftsbereiche der Werftindustrie, der Luft- Diese letzte Feststellung, scheint mir, sollten insbe
und Raumfahrt und der Datenverarbeitung. Ich er- sondere die Tarifpartner berücksichtigen, und zwar
gänze sie nur um ein einziges Beispiel: Papier und — damit hier kein Mißverständnis entsteht — beide
Zellstoff, — ein Bereich, in dem die bundesdeutsche Tarifpartner.
Situation eine völlig vom mittleren Trend abwei-
chende Summe von Größe und Fakten widerspiegelt. Ein warnendes Beispiel scheint mir eine Meldung
zu sein, die gestern in der Presse erschien. In
Schließlich, so glaube ich, wird eine Struktur-
Berlin verzichtet eine Gruppe von Bauauftraggebern
politik dazu beitragen müssen, die Ziele zu errei-
auf die Auftragserteilung für Bauaufträge in Höhe
chen, die die Wanderung bisher immobiler Poten-
von 1 Milliarde DM, weil durch das Verlorengehen
tiale, Arbeitskräfte sowohl wie Kapitalien, einleitet
der Beurteilungsmöglichkeiten Preissteigerungen
und die insbesondere die „stillen Räume" — ein
von ganz unerträglichem Ausmaß sichtbar gewor-
schöner neudeutscher Begriff — bei ihrer Entwick-
den sind.
lung unterstützt. Dazu rechnen wir alle Mittelge-
birgslagen innerhalb der Bundesrepublik, das Zo- Mit diesem warnenden Beispiel möchte ich über-
nenrandgebiet und die übrigen Grenzgebiete. Sicher gehen zu der Feststellung — das ist für Sie sicher
wird sich das eine oder andere noch dazu ergänzen nichts Neues —, daß die FDP die Stabilität gegen-
lassen. wärtig mit dem eindeutigen Vorrang auszeichnet.
Wichtig erscheint uns dabei insbesondere die
(Beifall bei der FDP und bei der CDU/CSU.)
Mobilisierung mittelständischer Reserven. Ich sprach
darüber bereits bei der Debatte über die Regie- - Daher sind für uns Prognosen und Zielprojektionen
rungserklärung. Ich will nun folgendes hinzu- nicht ganz so wichtig wie die Fakten widerspie-
fügen. Wir betonen diesen Bereich, über den mein gelnde Information. Ein Beispiel dafür ist die
Kollege Mertes sicher noch mehr in der Debatte Richtigstellung der Erwartungen aus der Aufwer-
ausführen wird, weil die FDP nicht an den Fetisch tung. Der Nachfragebeitrag des Exports hat im
der Mammutgebilde glaubt, sondern diesen mittel- Jahre 1969 30 % und nicht 100 % ausgemacht. Daher
großen Strukturen eine besondere Impulskraft zu- war nicht mehr und nicht weniger aus der Auf-
rechnet. wertung zu erwarten, als bisher eingetreten ist. Es
(Beifall bei der FDP und bei der CDU/CSU.) gibt zusätzliche Nachfrageübersteigerungen von
70 %, die im Binnenmarkt wirken und aus dem
Ich muß mich auf diesen Sektor der komplemen- Binnenmarkt ausgelöst sind. Mit ihnen müssen wir
tären Maßnahmen und der Erwartungen, die daraus uns auseinandersetzen.
abzuleiten sind, beschränken. Ich darf zusammen-
fassend feststellen — zum Wirtschaftsbericht und zu (Sehr gut! bei der CDU/CSU. Abg.
unserer Auswertung -: wir begrüßen den Verzicht Dr. Stoltenberg: Im Oktober hörten wir es
auf Zielprojektionen mit Stellen hinter dem Komma, anders!)
die im Grunde nur vorgespielte Genauigkeit abge-
— Ich freue mich ganz besonders, daß die Oppo-
ben können.
sition, die mir hier so nahe ist, auch körperlich
(Beifall bei der FDP und bei der CDU/CSU.) nahe ist, so ausgesprochen positiv gestimmt ist. Ich
Nun mögen wir uns unterscheiden. Gegen eine kann das nicht auf mich beziehen.
Verbesserung des Analyse- und Informationsinstru- (Zurufe.)
mentariums, und zwar für alle Beteiligten, nicht nur
für die Administration — für alle Beteiligten heißt: Ich darf deshalb abschließen.
für das Parlament, für den Wirtschaftsausschuß, aber (Abg. Dr. Schmidt/Wuppertal/: Nicht
auch für die Wirtschaft, Verbraucher und Anbie-
„deshalb" ! Reden Sie ruhig in dem Sinne
ter —, haben wir nichts einzuwenden.
weiter!)
(Abg. Dr. Stoltenberg: Wir auch nicht!)
— Ich freue mich immer über Zustimmung, obwohl
Nach der Hektik der Änderungen im Jahre 1969 ich gelegentlich auch Zielkonflikte gerne austrage. —
— das gestatten Sie sicher festzustellen — braucht Die FDP unterstreicht die Textziffern 61 und 66 des
die Wirtschaft eines am dringendsten: Ruhe. Jahreswirtschaftsberichts. Wir wünschen mit Nach-
druck ihre Verwirklichung. Damit sie bei der Er-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU.)
örterung von so vielen Einzelheiten nicht in Ver-
Verbraucher und Anbieter — ich wiederhole: Ver- gessenheit geraten, möchte ich sie mit Genehmi-
braucher; von denen wird nämlich so ganz selten gung des Herrn Präsidenten zitieren:
gesprochen —
In der Bundesrepublik hat sich die Marktwirt-
(Abg. Dr. Schmidt/Wuppertal/: Sehr richtig!) schaft als grundlegendes wirtschaftliches Ord-
nungssystem bewährt.
müssen sich im Markt messen und beurteilen
können. Die Möglichkeit ist durch die vielfachen (Beifall bei der FDP und bei der
Änderungen, die sich laufend überlagern, für CDU/CSU!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1267
Kienbaum
Und um das Handeln einzubeziehen: ten das für einen großen Fortschritt in Richtung auf
eine moderne Wirtschaftspolitik.
Die Bundesregierung wird deshalb ... im Jahre
1970 die ... Maßnahmen zur Stärkung der (Beifall bei den Regierungsparteien.)
marktwirtschaftlichen Ordnung fortsetzen. Im Jahreswirtschaftsbericht 1970 — das möchten wir
— Eigentlich hätte ich erwartet, daß Sie auch da unterstreichen — und in der Rede des Bundeswirt-
Beifall klatschen. schaftsministers stellt die Bundesregierung mit gro-
ßer Offenheit die Probleme dar, mit denen wir es
(Beifall bei der FDP. — Heiterkeit und heute zu tun haben. Hier wird nichts beschönigt und
Zurufe von der CDU/CSU.) verschleiert, Herr Müller-Hermann, hier wird ganz
— Das ist ein gesunder Standpunkt, aber wir kön- offen gesprochen.
nen uns später darüber unterhalten. — Die FDP wird Leider hat aber Herr Müller-Hermann nur die
daher die Entwicklung der Konjunktur insbesondere bekannten Vorwürfe wiederholt. Er redet von
in diesem Frühjahr 1970 und im Frühsommer auf- Skepsis, er redet von Verantwortung, er stellt Fra-
merksam, aber auch unter Verzicht auf hektische gen, er hat Sorgen — wer hat sie nicht! —; aber,
Reaktionen beobachten. Sie wird die erforderlichen Herr Müller-Hermann, eines haben wir hier ver-
Maßnahmen — welche wir für erforderlich halten, mißt: wo bleibt denn hier der konstruktive Beitrag
habe ich soeben mit einigen Strichen skizziert — der Opposition? Konkrete Vorschläge auf dem Tisch
mit Nachdruck fördern. Sie stellt heute fest, das und nicht sich hier drücken wollen!
zur Zeit Notwendige ist eingeleitet.
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu
(Beifall bei den Regierungsparteien.) ruf von der CDU/CSU: Zuhören!)
Herr Müller-Hermann, Sie sprechen von „wir".
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: Die entscheidende Frage bei der Beurteilung der
Meine Damen und Herren, ich darf zunächst dem - konjunkturpolitischen Lage ist: wie halten wir es
Redner danken; er hat die angemeldete Zeit um mit der zweiten Hälfte 1970? Da sagen Sie: Wir
14 Minuten unterschritten, — ein gutes Symptom, erwarten nicht, daß ein Konjunkturabschwung ein-
daß wir versuchen, die Debattenbeiträge hier kurz treten wird. Sie sprechen dann auch zu dem Thema
und zusammengefaßt zu leisten. Zuverlässigkeit der Prognosen, psychologische Wir-
kung, Krisenastrologie, Vertrauen in Regierungen
Das Wort zur Geschäftsordnung hat Herr Kollege
und was alles damit gesagt wird. Ich möchte hier
Dr. Stoltenberg.
einmal etwas aus dem vergangenen Jahr verlesen.
Dort heißt es zu dem „wir" — „wir, CDU/CSU" — :
Dr. Stoltenberg (CDU/CSU): Herr Präsident! Die jüngsten Konjunkturdaten enthalten erste
Meine Damen und Herren! Ich möchte zur Ge- Anzeichen für eine Abflachung des Konjunktur-
schäftsordnung und zur Geschäftslage der Erwartung aufschwungs. Die Nachfrage nach Investitions-
meiner Fraktion Ausdruck geben, daß auch der gütern scheint abzuklingen. Die binnenwirt-
Bundesminister für Wirtschaft an dieser Debatte schaftlichen Dämpfungsmaßnahmen werden zu-
teilnimmt, nachdem wir ihn hier angehört haben. sammen mit den kreditpolitischen Schritten der
(Beifall bei der CDU/CSU.) Bundesbank auf längere Sicht zu einer Stabili-
sierung des Wirtschaftswachstums beitragen.
Eine Aufwertung könnte dagegen nur zu leicht
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: zu einer unerwünscht starken Konjunkturab-
Das Wort hat der Herr Kollege Junghans. schwächung führen.
Soweit Herr Strauß am 20. September 1969. — Ich
Junghans (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
frage Sie nur nach Ihrem „wir".
und Herren! Ich möchte zunächst einmal feststellen,
daß auf der Tagesordnung auch die Beratung des Meine Damen und Herren, wir wollen uns keines-
Sachverständigengutachtens steht und nehme hier- wegs vor den Fragen drücken, die die Opposition
bei die Gelegenheit, im Namen meiner Fraktion dem hier angemeldet hat. Wir lassen uns aber hier nicht
Sachverständigenrat für seine umfassende und das Konzept aufzwingen. Auch die anderen Pro-
gründliche Analyse zu danken. bleme des Jahreswirtschaftsberichts werden hier
noch zu debattieren sein. Wir sind nicht nur zu-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
sammengekommen, um über die Preisstabilität zu
Ich werde in meinem Beitrag nur einige Punkte be- reden. Wir sind auch zusammengekommen, um
rühren; ein Kollege von mir wird weiter darauf einige Dinge zurechtzurücken und die Gewichte
eingehen. richtig zu verteilen.
Nun zum Jahreswirtschaftsbericht. Auch hier ist Sie tun hier so, als ob wir in eine große Krise
einmal anzumerken: daß Sie die Gelegenheit haben, hineinschlittern.
Herr Müller-Hermann, hierüber zu debattieren, (Zurufe von der CDU/CSU: Natürlich!)
verdanken Sie dem § 2 des Stabilitätsgesetzes, der
die Bundesregierung verpflichtet, jeweils am Anfang Da möchten wir zunächst einmal feststellen —
eines Jahres ihre Absichten und ihre Ziele in der warum haben Sie es nicht selber gesagt? —, daß
Wirtschafts- und Finanzpolitik darzulegen. Wir hal- die Wirtschaft seit der „gewollten Rezession"
1268 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Junghans -
1965/66 einen Aufschwung ohnegleichen vollzogen Das gleiche Bild haben wir auf dem Arbeitsmarkt.
hat. Die Bundesrepublik hat wieder einen Grad an Voll-
(Beifall bei der SPD.) beschäftigung erreicht, um den uns. die ganze Welt
beneidet, und das, obwohl sich in den letzten Jahren
So ist der Zuwachs des realen Bruttosozialprodukts
die Zahl der Gastarbeiter um fast eine halbe Million
— im übrigen empfehle ich Ihnen, Herr Müller-Her-
erhöht hat. Meine Damen und Herren, Sie von der
mann, das nicht zu verwechseln; ich hatte Mühe, mit
CDU/CSU haben 1966 dem deutschen Arbeitnehmer
den Zahlen nachzukommen; Sie haben das manch-
wieder das Zittern um den Arbeitsplaz beigebracht.
mal ein bißchen durcheinandergebracht — in den
Jahren 1968/69 in der Bundesrepublik mit jeweils (Lachen bei der CDU/CSU.)
8 % höher gewesen als in jedem anderen west- Auch in der Strukturpolitik — ein Kollege von
europäischen Land. Das hat doch. wohl jeder ge- mir wird noch näher darauf eingehen — ist nach
merkt, daß es ihm heute erheblich besser geht als jahrelanger Stagnation ein klarer Erfolg zu ver-
vor zwei Jahren. zeichnen. Das Vohlstandsgefälle in den strukturell
Der Sachverständigenrat stellt in seinem Gutach- benachteiligten Regionen wurde vermindert; die
ten fest, daß in dem gegenwärtigen Konjunktur- Menschen in diesen Gebieten haben wieder Ver-
zyklus der Geldwertschwund seit 1966 erheblich trauen in die Zukunft.
niedriger ist als in 'den vorangegangenen Konjunk- (Zuruf des Abg. Dr. Müller-Hermann.)
turzyklen, und dies — merken Sie auf! — trotz Ein-
führung der Mehrwertsteuer, der man preisstei- Viele vergessen zu schnell - Herr Müller-Her-
gernde Tendenzen voraussagte, trotz besonderer mann, Sie manchmal auch; Sie alle haben ein viel
Steigerungsraten bei den Mieten nach deren Frei- zu kurzes Gedächtnis — und manche möchten ver-
gabe und trotz erheblich höherem Geldwertschwund gessen machen, wie pessimistisch die wirtschaftliche
in unseren Partnerländern. Situation z. B. im Zonenrandgebiet — ich komme
- aus einer solchen Gegend — mit seinen Arbeits
(Abg. Lemmrich: Das war doch das Ergebnis losenquoten, die in der Rezession um das Doppelte,
der Dämpfungsmaßnahmen! Das nehmen Dreifache und noch mehr über den vergleichbaren
Sie jetzt für sich in Anspruch!) Zahlen im übrigen Bundesgebiet lagen, eingeschätzt
1966 hatten Sie eine Preissteigerungsrate von 3,7%. wurde.
Sie lagen damit — außer den Niederlanden — an der
Spitze. Heute haben wir bei uns eine Preissteige Außerdem erinnere ich hier heute — das ist der
rungsrate von 3 %. rechte Ort — an die schwelende Ruhrkrise, die sich
fast zu einer Staatskrise ausgeweitet hätte. Auch sie
(Widerspruch bei der CDU/CSU. — Zuruf ist behoben; die wirtschaftliche Zukunft des Ruhr-
von der CDU/CSU: 5 %!) gebiets ist wieder gesichert.
— Entschuldigen Sie! Sie rechnen immer, was Ihnen (Beifall bei der SPD. — Abg. Rösing:
gerade paßt, 5, 6, 7, 8. Heute haben wir eine von Mal langsam!)
3 %, und alle anderen westlichen Industrieländer
liegen zwischen 5 und 6' 0/0. Das ist ein kleiner Un- Die Bundesregierung hat das außenwirtschaftliche
terschied. Gleichgewicht durch die Aufwertung der D-Mark
am 24. Oktober 1969 wiederhergestellt. Damit wurde
(Abg. Höcherl: Wir wollen uns doch daran endlich die Verpflichtung aus § 1 des Stabilitätsge-
kein Beispiel nehmen!) setzes erfüllt. Die Bundesrepublik hat damit — der
— Das habe ich ja gar nicht gesagt. Aber es ist doch Bundeswirtschaftsminister hat das hier ausgeführt —
festzustellen, daß wir in diesem Konjunkturzyklus auch einen wesentlichen Beitrag zur Entzerrung des
eine höhere Preisstabilität gehabt haben als in den internationalen Wettbewerbs geleistet.
anderen.
Wer hier nun noch angesichts dieser Tatsachen,
In den Jahren 1967 bis 1969 hat sich der Preis- um die uns viele Länder beneiden, künstlich in Kri-
index der Lebenshaltung in der Bundesrepublik um senstimmung machen will und es darauf anlegt, Herr
6 % erhöht. Im gleichen Zeitraum hatten andere Müller-Hermann, den deutschen Arbeitnehmer, aber
Länder, Japan, die USA, Holland, Frankreich, Groß- auch den deutschen Unternehmer, zu verunsichern,
britannien — ich will die einzelnen Prozentsätze — Sie können sich für ein solches Verhalten das
hier nicht nennen —, Raten von 12 bis 15 %. Das Prädikat selber aussuchen.
ist mehr als das Doppelte. Wir werden uns damit
nicht zufrieden geben. (Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Was haben
Sie denn im Wahlkampf gemacht?)
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Das war
schon immer so! Seit 20 Jahren ist das so!) — Ich habe eben Herrn Strauß zitiert; ich weiß
genau, was Sie meinen.
— Entschuldigen Sie! Sie hätten die Preissteige-
rungsrate noch viel niedriger haben können, wenn Wir erleben gegenwärtig eine Preisbewegung,
Sie nicht im Wahljahr 1969 als große Verhinderer die nach unserer Auffassung in ihrem Ausmaß auch
und Ausklammerer den Erfolg eines sozialdemo- über das hinausgeht, was noch erträglich ist, die
kratischen Wirtschaftsministers hätten verhindern für uns aber insofern nicht überraschend kommt,
wollen. Das ist doch der Punkt gewesen. als wir sie im letzten Sommer vorausgesagt haben.
(Beifall bei der SPD. — Widerspruch und (Abg. Dr. Müller-Hermann: Da habt ihr
Lachen bei der CDU/CSU.) sie erst bewirkt!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1269
Junghans
— Als Sie noch die Richtlinien der Politik bestimm- Ich möchte auch noch Herr Pohle zitieren — ich
ten, fielen unsere Appelle und Vorschläge, recht- sehe ihn hier nicht —, der noch am 14. Mai 1969
zeitige Maßnahmen gegen eine Überhitzung zu er- in der Aktuellen Stunde sagte:
greifen, doch auf taube Ohren!
Ich bin der Ansicht, daß in der Tat jede Mani-
(Beifall bei der SPD.) pulation mit ,der Währung eine schlechte Sache
für alle ist. Ich lasse mich vom Gegenteil nur
Ich erinnere daran, daß wir seit dem Frühjahr dann überzeugen, wenn wirklich gesagt wird,
1969 unablässig die Aufwertung der D-Mark for- daß eine Nichtaufwertung einen weiteren Preis-
derten, um einen Damm gegen den Druck von auftrieb zur Folge hat. Das ist aber unter kei-
außen zu errichten. Nicht nur das: später, als sich nen Umständen der Fall. Insofern unterscheide
der Boom verstärkte und auf den Binnenmarkt ich mich völlig vom Bundeswirtschaftsminister.
übergriff, schlug der Bundeswirtschaftsminister
mehrfach binnenwirtschaftliche Stabilitätsprogram- Nach der Wahl vom 28. September hörten wir
me vor — ebenfalls vergeblich! Das war im März, dann andere Töne von Ihnen. Da warnten plötzlich
Mai, Juni, Juli 1969. Herr Müller-Hermann und Herr Pohle vor einer
Verharmlosung der derzeitigen Preissituation. Ich
(Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Stolten glaube, ihnen sind diese Erkenntnisse erst auf der
berg: Im März wollte er anheizen!) Oppositionsbank gekommen.
Hierzu zitiere ich auch noch einmal Herrn Strauß, Sie werfen der Bundesregierung Entschlußlosig-
der in der „Neuen Westfälischen" vom 23. Septem- keit vor. Was verlangen Sie eigentlich? Zwei Tage
ber 1969 gesagt hat: nach ihrem Amtsantritt hat die neue Bundesregie-
rung die Aufwertung der D-Mark vollzogen und
Er damit die längst überfällige Absicherung unseres
— damit meint er Herrn Schiller — Preisniveaus gegenüber dem inflatorischen Druck
- von außen getroffen!
empfiehlt, auch noch weiter stark zu bremsen,
ohne zu merken, daß sich das Konjunkturklima (Abg. Dr. Stoltenberg: Dann vier Monate
wieder spürbar abzukühlen beginnt. Der Wirt- Pause, Herr Junghans!)
schaftsminister schreibt in seinen Prognosen — Wir kommen noch darauf! — Es gibt noch an-
einfach die statistischen Ergebnisse, die ihm dere, die das auch noch bezeugen.
aus der jüngsten Vergangenheit vorliegen, fort,
ohne ein Gespür für den Wandel des Konjunk- Sie sind doch die einzigen im Lande, die einfach
turklimas zu haben. Es ist deshalb auch kein nicht zugeben wollen, daß Sie mit , der Nichtaufwer-
Wunder, daß er mit seinen Vorschlägen stets tung, mit der Verhinderung der Aufwertung einen
hinter der Konjunktur herläuft, ohne zu beden- entscheidenden wirtschaftspolitischen Fehler ge-
ken, daß es eine gewisse Zeit dauert, bis die macht haben. Es gibt doch überhaupt keinen, der
Maßnahmen wirksam werden, und dann die Ihnen das noch abkauft.
Konjunkturlage schon wieder ganz anders sein (Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu
könnte. Würden seine Vorschläge rufe von der CDU/CSU.)
— jetzt kommt ein bedeutsamer Satz, meine Her- — Das wollen wir nachher noch einmal sehen.
ren! —
Die Bundesregierung hat mit diesem Jahreswirt-
aus jüngster Zeit jetzt angewendet, dann würde schaftsbericht ein Stabilitätsprogramm vorgelegt,
die Konjunktur in wenigen Monaten abge- das im Schwerpunkt finanzpolitische Maßnahmen
würgt. vorsieht. Infolge der vorläufigen Sperrung von 2,7
So Herr Strauß am 23. September 1969. Milliarden DM wird sich das Haushaltsvolumen
1970 nur um rund 8,8 % vergrößern. Im Rahmen des
(Abg. Wehner: Das ist wie der Vogel mit Haushaltsvolumens wird das Schwergewicht der
dem Kopf im Sand!) Bundesausgaben in die zweite Hälfte des Jahres ver-
Herr Müller-Hermann hat heute morgen behaup- legt. Drittens werden Bund und Länder eine Kon
tet, daß der Bundeswirtschaftsminister noch Mitte junkturausgleichsrücklage von insgesamt 2,5 Mil
1969 die Konjunktur angeheizt habe, und Herr -liarden DM bilden. — Ich beschränke mich zunächst
Strauß gefällt sich gern in der Rolle dessen, der auf die Aufzählung dieser Maßnahmen.
schon mit dem Haushalt 1968 gebremst habe. Der Ich möchte hier für meine Fraktion nachdrücklich
Herr Bundeswirtschaftsminister hat ja heute mor- feststellen, daß wir diesen Katalog von Maßnahmen
gen auch vor diesem Hohen Hause deutlich ge- in der gegenwärtigen konjunkturellen Situation
macht, für angemessen und zweckentsprechend halten, zu-
(Abg. Haase [Kassel] : Jetzt kommt die mal erst jetzt, Anfang Februar, die Kreditbremsen
nächste Legende!) der Bundesbank sich auszuwirken beginnen. Jetzt
erst bekommen nämlich die Unternehmer die so-
welche Konjunkturpolitik Herr Strauß damals tat-
genannten „blauen Briefe", daß die Geschäftsbanken
sächlich betrieben hat; er hat deutlich die Verant-
die Diskonterhöhung voll weitergegeben haben.
wortlichkeit für die Manipulationen an der Mehr-
werststeuer festgestellt, die in den beiden Jahren Ich sage aber bewußt: „in der gegenwärtigen kon-
rund 4 Milliarden DM gekostet haben. Sehen so junkturellen Situation". Hier unterscheiden wir uns
die antizyklischen Vorstellungen Ihrer Fraktion aus? sehr von Ihnen, meine Herren. Für uns gibt es in
1270 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Junghans
der Wirtschaftspolitik keine Tabus. Wirtschaftspoli Jedenfalls ist festzustellen, daß sich sogar eine so
tik ist auch keine Anwendung von Glaubenssätzen. kritische Organisation wie die Sparerschutzgemein-
Herr Müller-Hermann, auch hier noch eine Ein- schaft zu dem von dieser Bundesregierung vorge-
sehenen Haushaltsvollzug positiv äußert. Sie
schaltung. Die SPD-Fraktion und die Sozialdemokra-
schreibt:
tische Partei können Sire mit Zitaten nicht ausein-
anderdividieren. Betrachtet man das Stabilisierungsprogramm der
(Abg. Wehner: Aus 1870! - Zuruf von der Bundesregierung, so gibt es keinen Zweifel
daran, daß es auf das im Jahresbericht formu-
CDU/CSU.)
lierte Ziel gerichtet ist. Der wirksame Kern
Ich könnte Ihnen auch noch tausend Geschichten zi- dieses Programms — die finanzpolitischen
tieren, was da alles steht. Für uns ist immer noch Maßnahmen — läßt zumindest für das erste
das gültig, was im Godesberger Programm steht. Halbjahr 1970 einen stark restriktiven Haus-
Das müssen Sie einmal zur Kenntnis nehmen. haltseffekt erwarten. Das Maß dieser Restrik-
(Abg. Lemmrich: Einschließlich des Kommen tionen dürfte, zusammen mit der Politik der
tars von Herrn Wehner! — Abg. Dr. Stol Bundesbank, der jetzigen Situation angemessen
tenberg: In der Deutschlandpolitik scheint sein und eine stabilisierende Wirkung nicht ver-
das aber nicht mehr zu gelten, Herr Jung fehlen.
hans!) Ich möchte auch aus dem Bundesbankbericht
Bei Ihnen mußte man den Verdacht haben, daß Sie zitieren, Herr Müller-Herrmann. Es heißt dort:
vor der Wahl sagten: „Keine Manipulationen an der Die hier (durch die öffentliche Finanzpolitik)
Währung!" Für uns hängt die Beurteilung der wirt- durch die Bundesregierng und die zuständigen
schaftspolitischen Maßnahmen allein davon ab, in Koordinierungsorgane (Konjunkturrat und
welcher wirtschaftlichen Situation sie getroffen wer- Finanzplanungsrat) gefaßten Beschlüsse und
-
den. Da stehen wir jetzt vor der Tatsache, daß wir Empfehlungen, gewisse Ausgaben in den Haus-
uns in einer Spätphase der Konjunktur befinden. Es halten für 1970 vorerst zu sperren und Kon-
wird Ihnen auch nicht entgangen sein, daß der Sach- junkturausgleichsrücklagen bei der Bundesbank
verständigenrat der Auffassung ist — übrigens dies- zu bilden, verhindern nicht nur eine pro-
mal bemerkenswert einhellig auch die wirtschafts- zyklische Haushaltsgestaltung, sondern dürften
wissenschaftlichen Institute der Auffassung sind —, dazu beitragen, die Finanzierungsüberschüsse
daß sich gegen Ende dieses Jahres eine gewisse Ab- der öffentlichen Haushalte zu erhöhen, also
schwächungstendenz zeigen wird. Wenn die allge-
meine Einschätzung der Lage aber so ist, dann hat — so die Bundesbank —
eine Bundesregierung, die verantwortlich handelt, antizyklisch zu wirken.
nur die Möglichkeit, sanft auf die Bremse zu treten,
Herr Kollege, in diesem Falle durch eine antizy- Außerdem macht es nicht nur in diesem Hause,
klische Haushaltsgestaltung dämpfend auf die Nach- sondern auch draußen einen schlechten Eindruck,
frageentwicklung einzuwirken. Das hat keiner so wenn der eine von Ihnen sagt, die Aufwertung
gut gesagt wie Herr Grünewald von der Stuttgarter hätte überhaupt keine Wirkung gehabt, und die
Zeitung: anderen wiederum behaupten, die Aufwertung
hätte die Arbeitsplätze der Arbeitnehmer gefähr-
Die Spätphase der Hochkonjunktur mit ihrer det. Sie schreiben doch im „Deutschland-Union-
Unsicherheit auf mittlere Sicht läßt nicht mehr Dienst" vom 30. Dezember:
viele Dämpfungsmechanismen übrig, will man
nicht Gefahr laufen, die Konjunktur zu zerschla- Die Bundesregierung hat sich also geirrt, wenn
gen, statt sie zu glätten. sie der Bevölkerung versprach, mit der Auf-
wertung zur Stabilisierung des Preisniveaus
— Ich nehme nicht an, daß Sie das wollen. — beizutragen.
In der Tat mußte sich die Regierung in dieser Herr Müller-Hermann hat aber im Oktober in die-
Situation darauf beschränken, rasch wirkende sem Hohen Hause erklärt:
und kurzfristig wieder abzusetzende Medizin
zu verordnen. Dafür bietet sich nur noch der Wir haben Anlaß, uns sehr mit der Frage zu
Vollzug der öffentlichen Haushalte und ihre beschäftigen, -wie wir — um ein Wort meines
unmittelbare Nachfragewirkung an. Fraktionschefs zu gebrauchen — mit dem Klotz
am Bein einer überzogenen Aufwertungsquote
Das genau wurde getan. Unser Ziel kann nämlich leben können, ohne jetzt und auf die Dauer
nur sein die Stabilisierung auf hohem Niveau, nicht Schaden zu nehmen.
aber die Einleitung eines Abschwungs. Wir haben
noch nie eine Rezession gewollt. Hier wird also zur gleichen Zeit mit dem Knüppel
der Arbeitslosigkeit und dem Knüppel der Inflation
Ich möchte mich hier nicht im einzelnen zum Haus- gedroht, — ein bewußter Versuch, die Bevölkerung
halt äußern, denn die Bundesregierung wird dem und die Wirtschaft zu verunsichern. Erstens hat in
Hause morgen den Haushalt vorlegen; aber ich der Industrie aus diesen Gründen der Aufwertung
glaube, die CDU wird nicht abstreiten können, daß kein einziger seinen Arbeitsplatz verloren,
dieser Haushalt in seiner Durchführung auf den (Abg. Wehner: Sehr wahr! — Zuruf von
Wirtschaftskreislauf antizyklisch wirken wird. der CDU/CSU: Das kann noch kommen! —
(Zuruf von der CDU/CSU.) Abg. Wehner: Unglaublich!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1271
Junghans
zweitens können Sie nicht leugnen — darauf ausgabewirksame Anträge eingebracht hat, die den
komme ich jetzt —, daß sich eine erheblich dämp- Bundeshaushalt 1970 zuzätzlich mit 1,9 Milliarden
fende Wirkung auf das Preisniveau ergeben hat. DM belasten würden.
Ich zitiere jetzt aus der „Stuttgarter Zeitung" vom (Zurufe von der CDU/CSU.)
14. November 1969. Das ist ein entscheidendes
Zitat; das sollten Sie sich hinter die Ohren schrei- Dazu gehören Ihre Entwürfe. Sie reden von Per-
ben. sonalkosten und stellen hier dumme Anträge auf
(Abg. Dr. Stoltenberg: Sie zitieren immer 12 % Erhöhung. Hören Sie doch damit auf! Ich
nur Ihre Parteifreunde unter den erinnere z. B. an Ihre Anträge zum Bundesversor-
Journalisten!) gungsgesetz und zur Beamtenbesoldung.
Dort heißt es: Herr Strauß hat vor kurzem gefordert, man solle
Eine relativ schnelle Wirkung erhofft Emmin- zusätzliche Milliarden im Bundeshaushalt stillegen.
ger Wir möchten doch sehr bitten, daß solche Vorschlä-
— Emminger kennen Sie ja auch, — ge konkretisiert werden und daß man uns sagt, an
welchen Positionen die CDU/CSU Einsparungen
bei den Konsumentenpreisen, deren Entwick- vornehmen will. Wollen Sie die Personalausgaben
lung durch die Importe gebremst werde; un- kürzen? Das wollen Sie offenbar nicht, Sie wollen
ter diesem Aspekt sei eine Vorausschätzung sie erhöhen.
von 2 bis 3 v. H. Preissteigerung im kommen-
den Jahr nicht ganz unrealistisch; ohne Auf- (Abg. Dr. Stoltenberg: Die 100 Leute von
wertung wären es 5 bis 6 v. H. geworden. Herrn Ehmke bestimmt! — Abg. Dr.
Schwörer: Bundespresseamt!)
(Hört! Hört! bei der SPD. — Zurufe von der
CDU/CSU.) Sie wissen doch, was 1 % Erhöhung der Beamten-
gehälter kostet. Oder wollen Sie vor allem Ausga-
Meine Damen und Herren von der Opposition, ben im Bereich der öffentlichen Investitionen ein-
-
mit etwas Phantasie — ich glaube, Sie haben noch sparen? Wollen Sie sparen am Bildungswesen, am
welche — können Sie sich vorstellen, wie die Si- Straßenbau oder an den Verteidigungslasten?
tuation heute wäre, wenn Sie nach dem 28. Septem-
ber in die Regierungsverantwortung gekommen (Zuruf von der CDU/CSU. — Zuruf von
wären und sich ein Herr X der SPD.)
(Zurufe von der SPD) Hier müssen die Karten auf den Tisch des
Hauses gelegt werden.
— so genau wollte ich es nicht sagen; ich überlasse
(Abg. Dr. Stoltenberg: Das kommt, machen
den Namen zur Auswahl — hier vor diesem Par
ment für 6 % Preissteigerung hätte verantworten Sie sich keine Sorgen!)
müssen. Ich kann Ihnen nur sagen: Seien Sie dem Ich möchte auch gern wissen, wann denn nun
deutschen Wähler dafür dankbar nach Ihren Vorstellung ein Haushalt antizyklisch ist.
(Beifall bei der SPD. — Lachen bei der Ich habe das Gefühl, daß Ihre Vorstellungen hier
CDU/CSU) etwas abenteuerlich sind.
— seien Sie ihm dankbar! —, daß er Sie durch die (Zuruf des Abg. Dr. Stoltenberg.)
Wahlentscheidung vor dieser peinlichen Situation
bewahrt hat. Auch Sie müssen mir zugeben, daß ein Haushalt, bei
dem ein Teil der Einnahmen durch die Konjunktur-
(Zurufe von der CDU/CSU.) rücklage stillgelegt wird, ein weiterer Teil der Ein-
Ich habe mich vergeblich bemüht, herauszube- nahmen gesperrt und schließlich ein dritter Teil im
kommen, was denn nun die CDU/CSU in der Kon- Rahmen des Haushaltsvollzugs zeitlich in die zweite
junkturpolitik konkret vorschlagen wird. Wir hö- Hälfte des Jahres 1970 verschoben wird, antizyklisch
ren immer nur die widersprüchlichsten Vorschläge. ist. Jeder Einnahmeüberschuß wirkt auf den Wirt-
Während auf der einen Seite — wie heute von schaftskreislauf kontraktiv und damit in der Hoch-
Herrn Müller-Hermann — wiederholt die Vorlage konjunktur antizyklisch. Der Bund geht hier mit
eines antizyklischen Haushalts von der Bundesre- gutem Beispiel voran. Auch die Länder haben sich
gierung gefordert wird, wird dieselbe Fraktion — im Konjunkturrat zur Bildung einer Konjunktur-
Sie zitierten auch noch Herrn Barzel — auf der an- ausgleichsrücklage und zu einer antizyklischen
deren Seite nicht müde, sich gegenüber der Bevöl- Haushaltsgestaltung bereit erklärt. Das begrüßen
kerung ins rechte Licht zu setzen, indem sie uns wir. Sie wissen, was jetzt kommt.
mit Anträgen, zum Teil noch mit Schubladenanträ-
gen, geradezu bombardiert, die in ihren Ausgabe- (Zuruf von der CDU/CSU: Ja, das wußten
wirkungen weit über das hinausgehen, was die wir schon!)
Bundesregierung vorgeschlagen hat. — Ja, Sie wissen es schon. — Genau! Genau! Es
Sehr wahr! bei der SPD. - Abg. Dr. Mül wird Ihnen nichts erspart. Laut „Spiegel" erklärte
ler Hermann: Sie sollten abwarten, wie die der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Herr
Kleine Anfrage beantwortet wird!) Kohl: Ich denke nicht daran, für die Sozis Konjunk-
turpolitik zu betreiben!
So erfährt die staunende Umwelt, daß die CDU/
CSU-Fraktion, die auf Dämpfung der Konjunktur (Hört! Hört bei der SPD. — Zurufe von
bedacht ist, allein bis zum Dezember vorigen Jahres der CDU/CSU und Gegenrufe von der SPD.)
127 2 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Junghans
Nehen Sie hier einmal zur Kenntnis: Konjunktur- — Das glaube ich beinahe. Wenn er aber gewußt
politik wird nicht gegen oder für eine Partei, son- hätte, was ihm heute morgen entgangen ist, wäre
dern zum Nutzen des ganzen deutschen Volkes ge- er bestimmt gekommen, Herr Müller-Hermann.
macht. (Heiterkeit.)
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Zurufe Herr Müller-Hermann wirft dieser Bundesregie-
von der Mitte.) rung vor, daß sie bereit sei, eine Preissteigerungs-
Darauf hat der Ministerpräsident des Landes Rhein- rate von 3 % für 1970 als unausweichlich hinzuneh-
land-Pfalz einen Eid geleistet — auch daran muß men. Ich sage für die sozialdemokratische Bundes-
erinnert werden —: den Nutzen des Volkes zu tagsfraktion: In dieser konjunkturpolitischen Situa-
mehren. tion ist Ziel Nummer eins die Eindämmung des Preis-
(Beifall bei der SPD. — Zuruf von der auftriebs. Daran kann kein Zweifel sein.
CDU/CSU: Erinnern Sie sich vielleicht, wie (Beifall bei der SPD. Zurufe von der CDU/
Sie sich 1966 verhalten haben? Oder liegt CSU.)
das für Sie so weit zurück? — Weitere
Aber die Situation ist nun einmal so, daß durch Ihre
Zurufe von der CDU/CSU.) Stabilitätsverhinderungspolitik im vorigen Sommer
und Herbst eine Preiswelle in Gang gesetzt worden
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
ist, die heute in der Spätphase einer Hochkonjunktur
Herr Kollege Junghans, gestatten Sie eine Zwischen- bei den Verbraucherpreisen durchschlägt.
frage des Kollegen Stoltenberg?
(Zurufe von der CDU/CSU.)
Dr. Stoltenberg (CDU/CSU) : Halten Sie es wirk- Aber es dient nicht der wirtschaftlichen Stabilität
lich für richtig, einen hier nicht anwesenden Mini- und der Ruhe in diesem Lande, wenn Sie überall
sterpräsidenten an seinen Eid zu erinnern, eine Preishysterie entfachen wollen.
-
(Lachen bei der SPD und Zurufe) (Zuruf von der CDU/CSU: Ach ja! Jetzt sind
wir da!)
obwohl viele Ihrer eigenen Minister bereits solche
angeblichen Äußerungen im „Spiegel" in der Ver- Es kommt jetzt darauf an, dafür zu sorgen, daß
gangenheit dementiert haben, die gegenwärtigen Überhitzungserscheinungen durch
sanftes Bremsen in ein Gleichgewicht übergeleitet
(anhaltende Zurufe) werden. Dazu verpflichtet § 1 des Stabilitätsgeset-
der, wie Sie genau wissen, keine zuverlässige zes. Erfolgreich kann eine Konjunkturpolitik nur
Quelle ist? dann sein, wenn sie vorbeugend wirkt. Das hat der
Zum zweiten: Ist Ihnen nicht bekannt, daß diese Sachverständigenrat in seinem Gutachten gesagt.
Rechnung im „Spiegel" deshalb anfechtbar ist, weil Dort heißt es in Ziffer 263:
dort die Tatsache weggelassen ist, daß durch die Denn wirkt man Fehlentwicklungen nicht vor-
Neugestaltung des Länderfinanzausgleichs bei den beugend entgegen, so besteht, wie gezeigt, die
gebenden Ländern — die sind in der Mehrheit — Gefahr, daß das Richtige zu spät geschieht und
Ihre 2 % hinzugerechnet werden müssen, die in dadurch falsch wird. Im ersten Fall wird der
dieser Tabelle unterschlagen werden? nächste Rückschlag verstärkt, im zweiten Fall
der nächste Boom angeheizt.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Nehmen Sie zur Kenntnis: Wir werden uns auch
Junghans (SPD): Ich will mich jetzt auf Tabellen von Ihnen nicht verleiten lassen, in dieser Situation
nicht einlassen. das Falsche zu tun.
(Zuruf von der CDU/CSU: Erst zitieren Sie Die heutige Preisbewegung hätte im vorigen
aber! Sowas haben wir gerne! — Weitere Frühjahr verhindert werden müssen und können, zu
Zurufe von der Mitte.) dem Zeitpunkt, als unser Wirtschaftsminister dem
damaligen Bundeskanzler Kiesinger seine Vor-
— Entschuldigen Sie, ich habe es bewußt vermieden,
schläge zur Dämpfung der Konjunktur auf den Tisch
mich hier in einer ersten Runde in Prozentrechnun-
gelegt hatte.
gen zu üben, wie Sie das offenbar wollen, auch noch
nach dem Komma, Herr Stoltenberg, vielleicht bis (Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Im Novem
zur zweiten Stelle hinterm Komma. ber 1968 hatte er ja Gelegenheit!)
Aber eines will ich hier noch sagen: Herr Kohl — Ich weiß, es ist Ihnen unangenehm,
hat die Möglichkeit, hier auf der Bundesratsbank (Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Nein, mir
Platz zu nehmen. nicht! Ich bin nämlich für die Aufwertung
(Zuruf von der Mitte.) eingetreten!)
Ja, entschuldigen Sie mal, er hat doch die Möglich- daß Sie das immer wieder aufgetischt bekommen.
keit, hier teilzunehmen. Sie beschimpfen doch Leute, Aber die Zusammenhänge sind nun einmal so und
die überhaupt nicht die Möglichkeit haben, in die- lassen sich nicht aus der Welt schaffen.
sem Hause zu sein. Ich möchte in diesem Zusammenhang, damit Sie
(Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Müller- es noch einmal hören,
Hermann: Wenn er gewußt hätte, daß Sie (erneuter Zuruf des Abg. Dr. Schmidt
ihn zitieren, wäre er gekommen!) [Wuppertal])
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1273
Junghans
aus , der Stellungnahme der Sparerschutzgemein- sehr dankbar. Wir würden Sie uns auch einmal an-
schaft zum Jahreswirtschaftsbericht zitieren: sehen
Die wirtschaftspolitischen Versäumnisse des (Abg. Lemmrich: Das ist aber rührend! Sehr
vergangenen Jahres können in ihren Folgen für gnädig!)
den Geldwert natürlich nicht mit einem Schlage und eingehend prüfen, ob sie zu verwirklichen sind.
behoben werden. Durch sie ist eine ungünstige Wir erwarten Ihre konkreten Vorschläge in der
Ausgangslage entstanden. Gegen Jahresende nächsten Runde. —. Ich danke Ihnen für Ihre Auf-
1969 lag das Preisniveau um 1,3 % über dem merksamkeit.
Jahresdurchschnitt. Selbst wenn die Preise im
Laufe von 1970 nicht mehr steigen würden, er- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
gäbe sich im Jahresdurchschnitt 1970 gegenüber
dem Vorjahr bereits ein erheblicher — sta- Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
tistisch bedingter — Anstieg. Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Stoltenberg.

Aber die Probe darauf, wie tief denn der Wunsch


nach stabilen Preisen bei Ihnen wirklich verwurzelt Dr. Stoltenberg (CDU/CSU) : Herr Präsident!
ist, können wir im übrigen bald machen. Sie wissen, Meine Damen und Herren! Der Herr Kollege Profes-
daß diese Koalition bzw. diese Bundesregierung sor Schiller hat die erste programmatische Rede die-
zwei Gesetzentwürfe in Vorbereitung hat, die auch ses Jahres im Januar 1970 in Bremen vor der „Eis-
von Bedeutung für die Entwicklung der Preise in wette" mit einer skeptischen Bemerkung von Erich
einzelnen Sektoren sein werden. Ich denke da zu- Kästner beschlossen: „Leben ist immer lebensgefähr-
nächst einmal — Sie werden überrascht sein; auch lich." Wir fragen uns, gerade auch unter dem Ein-
das haben Sie ja verhindert. — an das, Städtebau- druck der bisherigen Ausführungen des Kollegen
förderungsgesetz, das in der letzten Woche den Schiller und der Koalition, ob das nun ein Motto
Bundesrat passiert hat. Dieses Gesetz hat preis- - für die Wirtschaftspolitik dieses Jahres werden soll.
politisch insofern eine Bedeutung — die man nicht Ein Motto für die neue Regierung, vielleicht zur Ein-
zu gering einschätzen sollte —, als es die Boden- gewöhnung der Bürger unseres Landes an unange-
preisspekulation so weit wie möglich beseitigen nehme Wechselfälle nach all den schönen Dingen,
will. Durch die Eindämmung der Bodenspekulation die man ihnen vor der Wahl versprochen hat.
hoffen wir, die Entwicklung der Bodenpreise wieder (Beifall bei der CDU/CSU.)
in vernünftige Bahnen zu lenken, Das muß sich
dann auch positiv auf die Entwicklung der Mieten Nun, wie immer das gemeint ist — das wird
auswirken. Wir hoffen dabei besonders auf die vielleicht noch interpretiert werden —, es klingt in
Unterstützung der preisbewußten Kollegen der der Tat anders als die großzügigen Versprechungen
CDU/CSU. Karl Schillers in einer technisch gekonnten Werbe-
kampagne vor der Wahl, auch anders als die ersten
Dann steht 'demnächst die Novellierung des Kar- Fanfarenstöße, die wir von ihm hier am 30. Oktober
tellgesetzes an. Der Sachverständigenrat hat in sei- in der Debatte nach der Regierungsbildung gehört
nem Gutachten schon darauf hingewiesen, daß einer haben, Fanfarenstöße, denen gegenüber er heute in
der Faktoren, die im letzten Jahr dämpfend auf den seinem Bericht doch schon sichtbar auf Moll umge-
Preisauftrieb gewirkt haben, die verstärkte wett- schaltet hat.
bewerbspolitische Aktivität des Kartellamtes war. (Zuruf von der CDU/CSU: Auf Flöte!)
Wir hoffen auf Ihre Unterstützung, wenn wir dieses
Gesetz ausbauen wollen. Jetzt sollte es doch „erst richtig losgehen", nicht nur
mit der deutschen Demokratie, wie Willy Brandt
Sie werden in der nächsten Zeit bei anderen De- in Anlehnung an Günther Grass sagte,
batten von uns auch daran gemessen werden, wel- (Heiterkeit und Beifall 'bei der CDU/CSU)
che konstruktiven Beiträge Sie leisten können,
welche konkreten Vorschläge hier dargelegt werden. sondern auch mit einer wissenschaftlich exakt fun-
Dieses Haus — das muß die Opposition lernen — dierten, genau geplanten Wirtschaftspolitik, Wachs
ist für uns dazu da — — tum nach Maß, solider Stabilität, endlich befreit von
den lästigen Hemmnissen und Behinderungen eines
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Jetzt haben mächtigen und zugleich nach Auffassung Schülers
Sie den Vortritt, nicht wir! Jetzt müssen Sie auch uneinsichtigen Koalitionspartners.
zeigen, was Sie können! — Weitere Zurufe
Meine Damen und Herren, statt dessen haben wir
bei der CDU/CSU.)
in den letzten ,drei Monaten das heute hier vertre-
— Selbstverständlich, Herr Schmidt (Wuppertal), tene „Prinzip der Pause" erlebt, mit sehr viel ver-
aber Sie wollen sich doch in diesem Hause nicht nur wirrenden Äußerungen, sehr widerspruchsvollen
hinsetzen und nur meckern. Sie wollen doch Ein- Meldungen — bis 'in die Morgenzeitungen dieses
fluß nehmen auf die Politik. Das ist doch auch Tages hinein —; wir haben wachsende Besorgnis in
Sache der Opposition. der Öffentlichkeit erlebt. Auch Herr Kienbaum hat
darauf hingewiesen, daß es mit den zurückgehenden
(Weitere Zurufe bei der CDU/CSU.) Spareinlagen erste Anzeichen eines Vertrauens-
schwundes unter den Sparern 'und Bürgern gibt.
Wenn die nächsten Redner von Ihnen hier kon-
krete Vorschläge machen würden, wäre ich Ihnen (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
1274 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Stoltenberg
Das ist natürlich mit begründet durch die sehr wi- vestitionsteuer war und als Kollege Alex Möller
derspruchsvollen und rasch wechselnden Ankündi- in einem Interview statt dessen für die Einschrän-
gungen in der Konjunktur-, Steuer- und Finanzpoli- kung der degressiven Abschreibung eintrat. Sie
tik, die diese Pause der nun fast vier Monate wäh- sind sich nicht einig geworden. Offenbar hat er es
renden wirtschaftspolitischen Inaktivität bestimmt mit dem neuen Kabinett nicht leichter als mit dem
haben. Es sind ja nun Vokabeln aus dem Regie- alten,
rungslager, zum Teil aus dem Munde des Bundeswirt- (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
schaftsministers, die ich hier zitieren möchte: „Dro-
header Liquiditätskollaps". Was bedeutet das, Herr und offenbar hat es — das ist mein Eindruck,
Kollege Schiller? Wir möchten das gerne genauer wenn ich mit dem einen oder anderen aus Ihren
hören. „Drohende Eskalation einer Preis- und Lohn- Reihen spreche — das neue Kabinett mit ihm auch
nicht leichter als das alte.
spirale". „Hausgemachte Inflation". Ebenso die lapi-
dare Feststellung aus Ihrem Hause um Weihnachten: (Erneute Heiterkeit und Beifall bei der
„Stabilität kann sehr weh tun." Ich hoffe nicht, daß CDU/CSU.)
Ihnen diese Feststellung eines Tages in die böse Auch der Bundeskanzler wird darüber einiges sagen
Unterstellung einer gewollten Rezession umgemünzt können.
wird,
(Beifall bei der CDU/CSU) Wenn Herr Schiller hier heute ausdrücklich vor
dem „nie", das man nicht sagen soll, gewarnt hat,
wie das Herr Junghans heute wieder einmal mit so hat er zwar rückblickend Herrn Dr. Kiesinger
anderen Zitaten, gewissen Äußerungen von Politi- gemeint, aber natürlich auch Herrn Genscher, auch
kern aus unseren Reihen, getan hat. die FDP. Herr Kienbaum hat hier ein ganz klares
Im übrigen haben wir den Versuch erlebt, nach Nein, ein bedingungsloses Nein, ein „Nie" zu
dem Motto zu verfahren: Angriff ist die beste Ver- Ihren Vorschlägen und Gedanken der Steuerer-
teidigung. Vergangenheitsbewältigung im Sinne der- höhung ausgesprochen, weil sie nach Auffassung der
Legendenbildung soll das fehlende Konzept für die FDP die Investitionstätigk e it der Wirtschaft ent-
Gegenwart und die Zukunft ersetzen. scheidend treffen können. Aber, Herr Kollege
Schiller, wenn Sie diese Meinungsverschiedenheiten
(Beifall bei der CDU/CSU.) in der Koalition und im Kabinett nicht überbrücken
Mich hat das ein bißchen an die Prosa eines be- können, dann halte ich es doch für sehr bedenklich,
kannteren Professors Schiller erinnert, der vor 170 daß Sie in der vom letzten Jahr nur zu bekannten
Jahren geschrieben hat — ich darf zwei Sätze aus Form persönlicher Anmerkungen über die Regie-
dem Gedächtnis zitieren —: rungsbeschlüsse hinaus oder in der Form unklarer
Der spanische Befehlshaber erkannte jetzt, in Andeutungen zu § 26 des Stabilitätsgesetzes zu
was für eine unglückliche Lage er durch seine erkennen geben, daß Sie etwas wollen, was Sie im
Irrtümer geraten war. Er versuchte jedoch, gegenwärtigen Augenblick zumindest nicht dürfen.
durch kühnes Manövrieren und herausfor- Ich halte es für bedenklich — Sie haben ja den
dernde Gesten dem Gegner und seinen eigenen vorbereiteten Text in Ihrer Rede noch etwas ver-
Truppen die wahre Natur der Gefahren zu ver- schärft in der Aussage —, daß Sie hier wieder die
Möglichkeit von Steuererhöhungen andeuten, ohne
bergen.
präzise zu sagen, was jetzt die Regierung in dieser
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.) Situation, in der das Vertrauen schon sehr strapa-
Meine Damen und Herren! Für Karl Schiller ziert ist, will oder nicht will.
kommt noch ein weiteres belastendes Problem hin- (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Dr.
zu, nämlich die Uneinigkeit im eigenen Lager, d. h. Schmidt [Wuppertal] : Wie gehabt!)
im Lager der Koalition, aber, wenn man genau sieht,
trotz aller nachbarschaftlichen Nähe bis in die letzten Wer verzögert hier Entscheidungen? Wer vermag
Tage hinein auch manche sachlichen Meinungsver- sich im Streit der Koalitionsparteien und der Mi-
schiedenheiten in der eigenen Partei, mit seinem nister nicht zu entscheiden?
Nachbarn zur Linken. Er hat uns heute genau (Abg. Dr. Müller-Hermann: Wer verun
so wenig wie der Kollege Junghans als Sprecher sichert?)
der SPD gesagt, was die Regierung nun konkret
nach dem Bericht der Bundesbank und ihren sehr Es genügt nicht mehr — Herr Kollege Junghans, Sie
intensiven internen Auseinandersetzungen und haben das ausführlicher getan, und auch Herr Schil-
Differenzen in den anstehenden Fragen tun will. ler hat es getan —, das abgenutzte Alibi vom Mai
(Beifall bei der CDU/CSU.) auf Oktober 1969 der verspäteten Aufwertung zu
benutzen, um diesen tiefgreifenden Dissens inner-
Die heutigen Zeitungen berichten ja darüber, daß halb der Bundesregierung und der Koalition zu über-
die tiefgreifenden Auseinandersetzungen noch in tünchen.
der gestrigen Kabinettsitzung ausgetragen wur- (Beifall bei der CDU/CSU.)
den. Sie berichten übereinstimmend von Vorschlä-
gen des Wirtschaftsministers etwa auf dem Gebiete Wir werden die Schlachten des vergangenen Jahres
der Steuerpolitik, die er hier nicht vortragen durfte. um die Aufwertung nicht wieder aufnehmen. Sie
Er ist wieder einmal mit seinen steuerpolitischen ist ein Datum, das — Herr Kollege Müller-Her-
Vorschlägen nicht durchgedrungen, ebensowenig mann hat es gesagt — gesetzt ist und bei dem wir
wie im Dezember, als er für die Erhöhung der In uns heute in einer Zwischenbilanz — eine end-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1275
Dr. Stoltenberg
gültige Bilanz mit dem Für und Wider ist sicher zu Bei jeder außenwirtschaftlichen Absicherung,
diesem Zeitpunkt noch nicht möglich — über die auch wenn wir eine klassische Aufwertung ge-
Auswirkungen zu unterhalten haben. Was wir aber macht hätten im November, was wir aus wohl
nicht akzeptieren, ist der heute wieder eifrig unter- überlegten Gründen nicht getan haben und auch
nommene Versuch der Legendenbildung, der Um- nicht vorhaben,
schreibung der Geschichte der letzten zwei Jahre, (Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
und was wir diskutieren müssen, sind die Auswir-
kungen dieser Aufwertung im Positiven und Nega- wäre das, was an Preisbewegung jetzt ist, ohne-
tiven als Grundlage für die Orientierung einer künf- hin eingetreten.
tigen Politik. (Lachen in der Mitte.)
Zur Legendenbildung bleibt nicht mehr viel zu Vieleicht kann das eine prophetische Bemerkung für
sagen. Karl Schiller war ein entschiedener Gegner den Wirtschaftsablauf des Jahres 1970 sein.
der Aufwertung, (Beifall bei der CDU/CSU.)
(Sehr gut! bei der CDU/CSU) Wir wollen über die Wirkungen diskutieren, ohne
als die klassischen Befürworter dieser Maßnahme, Anspruch auf Unfehlbarkeit. Wir halten es auch nicht
allen voran die Bundesbank, sie im Herbst 1968 für für richtig, wenn der Bundeswirtschaftsminister, wie
zeitgerecht und optimal wirksam hielten. er es hier am 30. Oktober getan hat, Kritik an sich
und seinen Entscheidungen mit Kritik an der Wis-
(Beifall bei der CDU/CSU.) senschaft gleichsetzen will. Das klingt etwas nach
Das hat der ehemalige Präsident der Bundesbank, dem Motto: „Sobald der Professor seine Meinung
Karl Blessing, noch vor wenigen Wochen im Haus- geändert hat, ist eine neue unbezweifelbare wissen-
haltsausschuß klar in der Sache zum Ausdruck ge- schaftliche Erkenntnis geboren,
bracht. (Heiterkeit bei der CDU/CSU)
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) -
und alle Sozialdemokraten — als eine wissenschafts-
Er ist ja noch im Mai 1969, Herr Junghans, für diese bewußte und auch disziplinierte Partei — schließen
Haltung von Ihnen gepriesen worden. In der so- sich dieser neuen Erkenntnis an."
zialdemokratischen Wählerzeitung „Dafür", die (Erneute Heiterkeit bei der CDU/CSU.)
wahrscheinlich auch in Ihrem Wahlkreis für eine
Mark verteilt und verkauft wurde, hat der Mün- Meine Damen und Herren, das kann heute nicht ein-
chener Oberbürgermeister Dr. Vogel im Mai 1969 mal mehr in den Universitäten von den Professoren
durchgehalten werden, ganz gewiß nicht im Deut
über Karl Schiller folgendes geschrieben:
schen Bundestag und in der deutschen Öffentlichkeit.
Seine denkwürdigen Bonner Verhandlungen im (Beifall bei der CDU/CSU.)
November 1968 mit den europäischen Partner-
staaten zur Abwendung der Mark-Aufwertung Wir wissen, wie komplex die Ursachen für unsere
haben gezeigt, daß der Begriff von sozialer Sym- gegenwärtigen Sorgen„ das starke Steigen der
metrie eine höchst praktische Seite hat. Preise, die Überhitzung in weiten Bereichen der
Wirtschaft, sind. Sicher sind die Kräfte des Auf-
(Heiterkeit, Bravo-Rufe und Beifall bei der schwungs von vielen unterschätzt worden — wir
CDU/CSU.) nehmen uns hier im Prinzip gar nicht aus auch
von bedeutenden wirtschaftswissenschaftlichen Insti-
Nun, meine Damen und Herren von der Koalition, -tuten. Wenn man die Prognosen etwa des IFO
das ist Ihr Problem. Wir beabsichtigen nicht, uns Instituts vom Frühjahr 1969 und im Jahreswirtschafts-
hier sehr lange mit dieser Art der Umschreibung der bericht noch einmal nachliest, aber vor allem und
Geschichte zu befassen. in erster Linie auch vom Bundesminister für Wi rt
Im Frühjahr 1969 hat Herr Kollege Schiller seine -schaft,undweirHKolgSche,vm
Meinung geändert. Das ist sein Recht gewesen. Je- „dritten und vierten Investitionsprogramm" bei
dermann, der an diesen Verhandlungen teilgenom- Ihnen die Rede war, dann muß doch einmal im Inter-
men hat, weiß, wie schwer ein Votum war, wie stark esse der Wahrheit festgehalten werden, daß wir im
die Argumente dafür und dagegen standen, jenseits Kabinett im März vergangenen Jahres lebhafte
aller billigen Vereinfachungen, vor denen wir uns Auseinandersetzungen hatten, an denen wir beide
hüten sollten. Aber Herr Kollege Schiller sollte persönlich beteiligt waren, über Ihre Absicht, damals
sich nicht aus einem verspäteten Konvertiten zum noch viele hundert Millionen D-Mark aus dem Ab-
Vorkämpfer der angeblich reinen Lehre umstili- sicherungsgesetz zusätzlich zur Konjunkturbelebung
auszugeben.
sieren.
(Hört! Hört! bei der. CDU/CSU.)
(Beifall und Heiterkeit bei der CDU/CSU.)
Das ist keine elf Monate her.
Denn es bleibt nach den Erfahrungen der letzten
(Abg. Wehner: Das ist falsch dargestellt!)
drei Monate doch manches bedenkenswert. Karl
Schiller hat vor seiner Konversion selbst immer wie- Deswegen wollen wir uns über das „dritte und
der über die binnenwirtschaftlichen und die preis- vierte Investitionsprogramm" gern unterhalten. Sie
politischen Wirkungen der Aufwertung Zweifel ge- haben damals Mittel für die zusätzliche Belebung
äußert, etwa als er noch am 27. Februar, vor weniger der Stahlindustrie vorgesehen, die wenige Wochen
als einem Jahr, im deutschen Fernsehen sagte: später in einem Auftragsboom überbordete. Sie
1276 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Stoltenberg
haben Ihren Kritikern, darunter mir, damals gesagt: führungen am 30. Oktober berufen —, daß sich die
„Rühren Sie nicht an diesen Dingen, sie sind not- neue Koalition in der Hektik ihrer Verhandlungen
wendig." Auch das gehört zur Geschichte, Herr in der Woche nach der Bundestagswahl auf ein
Kollege Junghans, wenn wir uns schon, wie Sie es Programm von Steuersenkungen im völlig konjunk-
getan haben, über die Vergangenheit unterhalten. turwidrigen Ausgangspunkt geeinigt hat.
Neben den psychologischen Wirkungen dieser (Beifall bei der CDU/CSU.)
Vorgänge einer objektiven Fehleinschätzung über
das Wirtschaftsgeschehen, von der viele in allen Wir haben Woche für Woche bis zum Dezember
Lagern ausgingen, hat es auch die ganz negativen gesagt — zunächst mit Widerspruch von Ihrer Sei-
psychologischen Wirkungen der überhitzten Debatte te —, daß es unbegreiflich ist, wie man in einer
vor der Wahl gegeben, auf die Herr Kollege Müller sich abzeichnenden, zum Teil schon überbordenden
Hermann hingewiesen hat. Ich will auch hierzu nur Hochkonjunktur mit Steuersenkungen beginnen
ein Zitat aus den letzten Wochen sagen, aus dem kann, obwohl es für eine Opposition, Herr Kollege
Artikel einer bedeutenden deutschen Wochenzei- Junghans, gar nicht so selbstverständlich und po-
tung, die Ihnen etwas kritisch gegenübersteht, aber pulär ist, gegen Steuersenkungen der Regierung zu
uns auch, der „Zeit", die am 9. Januar zu diesem sprechen. Sie haben sich sehr spät, für die psycholo-
Problem, an Sie gewandt, geschrieben hat: gischen Wirkungen vielleicht zu spät, dazu bekannt,
diese Steuersenkungen zu vertagen.
Man kann den Menschen nicht Monat für Monat
einreden, daß wir vor der größten Preissteige- Herr Kollege Schiller, wo waren Sie denn da-
rungswelle der Nachkriegszeit stehen, und sich mals, als diese Dinge vereinbart wurden? Sie ha-
dann wundern, wenn daraufhin überzogene ben doch nach unseren Informationen an diesen
Forderungen gestellt werden. Gesprächen teilgenommen. Daß Sie eine längere
(Beifall bei der CDU/CSU.) Zeit geschwiegen hätten, halten alle für ausge-
- schlossen, die mit Ihnen einmal im Kabinett zu-
Das sind neben den Fragen der außerwirtschaftlichen sammen waren.
Absicherung, glaube ich, entscheidende Tatbestände,
die man berücksichtigen muß, wenn man über die (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.)
Ursachen der Schwierigkeiten der Gegenwart spricht.
Wir hatten dann den sehr ernsten Mißerfolg der
Aber vielleicht sollten wir uns jetzt stärker den
.
Konzertierten Aktion in zwei Sitzungen im Dezem-
Folgen zuwenden, dem, was vor uns liegt. Im Okto- ber und Januar, Herr Kollege Schiller. Aus offi-
ber ist hier von den Sprechern der neuen Regierung ziellen Berichten und aus manchem, was darüber
die Hoffnung auf eine rasche Dämpfung vor allem hinaus bekannt geworden ist, wissen wir, mit wel-
des Preisanstiegs als Konsequenz der Aufwertung chem Nachdruck Sie und Herr Arndt versucht ha-
ausgesprochen worden. Das ist wahrscheinlich auch ben, das Problem der Eingrenzung eines Spiel-
der Grund dafür, daß Ihnen damals das schwere Ver- raums für die Einkommenspolitik dort in den Mit-
säumnis unterlaufen ist, hier kein binnenwirtschaft- telpunkt der Beratungen zu stellen. Wir haben
lich ergänzendes Programm einzubringen. Sie haben auch erlebt und gehört, daß Sie damit gescheitert
am, 30. Oktober so gesprochen. Ihr Parlamentarischer sind. Die Gründe liegen vielleicht doch in. dem,
Staatssekretär, Herr Arndt, hat damals gesagt — ich was Herr Kollege Müller-Hermann sagte: Die Ta-
zitiere es aus dem Protokoll —: rifpartner sind nicht mehr bereit, Ihren Prognosen
Schon in ein, zwei Wochen kommt ein neuer und Daten zu vertrauen, und auch Ihre Politik der
Preisindex, der schon für Oktober gilt. Das ist angekündigten Steuersenkungen gab der Regierung
der erste Monat des freien Wechselkurses. nicht die Glaubwürdigkeit, die sie brauchte, um mit
Warten wir doch einmal ab, ob der Preisauf- sachlicher Autorität mit den Sozialpartnern zu ver-
trieb sich fortgesetzt hat oder schon gestoppt kehren.
worden ist! Im Dezember kam dann die Ankündigung von
Herr Arndt hat dann im November aus doch etwas Steuererhöhungen — der eine für Einschränkung
einseitigen statistischen Zahlen in einem Vortrag der degressiven Abschreibungen, der andere für die
vor der Industrie- und Handelskammer in Mainz Investitionsteuer, der dritte für einen Zuschlag zur
oder in Koblenz erklärt, daß jetzt bereits die Spitze Einkommen- und Körperschaftsteuer —, danach ei-
erreicht sei und der Boom der Preise, das Ansteigen ne Entscheidung, das nicht zu tun, und nun wieder,
der Preise, sich breche. Er hat damals im Oktober in wie ich schon eingangs sagte, ein Aufleben dieser
diesem Haus hinzugefügt, wir würden nicht noch Diskussion. Das ist rätselhaft, rätselhaft wie auch
im Frühjahr sagen, der Höhepunkt der Preissteige- der Satz zur degressiven Abschreibung im Jahres-
rungen liege noch vor uns. wirtschaftsbericht, auf den ich verweisen möchte:
„ihre Aussetzung und Einschränkung wäre im Som-
Ich glaube, heute müssen Sie sagen, daß diese
mer 1969, als sie vom Bundesminister für Wirt-
Erwartungen über die unmittelbaren Wirkungen schaft vorgeschlagen worden war, richtig gewesen".
einer Aufwertung zu optimistisch waren, daß diese So heißt es im Jahreswirtschaftsbericht. Wenn es
Erwartungen stark erschüttert sind und das Ver- richtig gewesen wäre, warum haben Sie es denn
säumnis und der falsche Ansatz Ihrer Steuer- und acht Tage nach Sommerschluß, als Sie Ihre Koali-
Wirtschaftspolitik ganz klar werden. tionsvereinbarungen trafen, nicht getan? Warum
Es ist für mich schon damals unbegreiflich ge- reden wir jetzt im Februar darüber, ohne zu wis-
wesen — ich kann mich hier auf meine eigenen Aus sen, was Sie wollen?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1277
Dr. Stoltenberg
Meine Damen und Herren, nach diesem Hin und lob, das Sie sich gezollt haben und das Ihnen manche
Her, nach der Prüfung und Verwerfung aller ande- anderen Stimmen in der Öffentlichkeit gezollt haben,
ren Instrumente, liegt jetzt nach dem Willen der klar gesagt hat: von den öffentlichen Ausgaben
Regierung die volle Last der Konjunkturpolitik bei wird voraussichtlich kein dämpfender Effekt auf die
der Hauskaltspolitik. Deshalb müssen wir auch heute Gesamtwirtschaftslage ausgehen. Vielleicht wäre
schon, ohne den Einzelberatungen am Donners- diese harte Feststellung, Herr Bundeskanzler, auch
tag vorzugreifen, doch einige Eckdaten jedenfalls eine Sondersitzung des Kabinetts wert, um Ihre
dieses Etats in die kritische Betrachtung einbezie- finanzpolitischen Beschlüsse für das Jahr 1970 im
hen. Das ist erschwert durch die späte Vorlage des einzelnen zu überprüfen.
Haushalts — aus Gründen, die wir kennen, aber
(Beifall bei der CDU/CSU.)
dennoch bedauern —, aber auch deshalb, weil wir
gelernt haben, leider gelernt haben, statistischen Obwohl wir nicht in der Lage sind, Herr Junghans,
Angaben dieser Regierung auch mit einer gewis- jetzt hier Punkt für Punkt zu sagen, wo wir den
sen Vorsicht zu begegnen, bevor wir sie selbst ge- Haushalt anders ordnen wollen — das werden Sie
prüft haben. von uns nicht ernsthaft erwarten, nachdem wir ihn
(Beifall bei der CDU/CSU.) vor zwei, drei Tagen bekommen haben;
Aber nach diesen Vorbemerkungen gehen wir ein- (Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Gestern
mal von einem Wachstum um 12,1 %, bei den Sper- mittag haben wir ihn bekommen!)
ren von 8,8 % und einem Beitrag des Bundes zur — gestern ist er bei mir eingegangen —, können wir
Konjunkturausgleichsrücklage von 1,5 Milliarden Ihnen im Hinblick auf Ihre Frage, was wir wollen,
DM aus. Eine erste Analyse zeigt, daß das tatsäch- eines schon konkret sagen: Wir werden einer Ver-
liche Bild noch ungünstiger ist. Wir haben die unge- doppelung der Bindungsermächtigung nicht zustim-
wöhnliche Tatsache, daß im Dezember 1969 durch men, weil wir das für konjunkturwidrig halten.
zusätzliche forcierte Ausgaben die Kassenausgaben
des Bundes auf fast 12 Milliarden DM — 11,8 Mil- - (Beifall bei der CDU/CSU.)
liarden — angestiegen sind, 3 Milliarden DM mehr Wir werden hier mit Einzelanträgen eine einschnei-
als im Vorjahr und in den Jahren 1967 bis 1969. dende Begrenzung beantragen, und wir werden auch
Diese forcierten Ausgaben haben zu einer Über- Anträge mit der klaren Tendenz stellen, das Haus-
schreitung des Haushaltssolls geführt, und darunter haltsvolumen selbst zu begrenzen und vor allem
befinden sich ohne Zweifel Ausgaben — etwa in auch die Sperren, wo immer es möglich ist, auszu-
der Finanzierung der Einfuhr- und Vorratsstellen —, weiten.
die konjunkturell erst im Jahr 1970 wirksam wer- Wenn Sie nun meinen, wir hätten durch unsere
den. Damit liegen wohl die konjunkturwirksamen Anträge in den letzten Monaten die Legitimation da-
Ausgaben im ersten Halbjahr 1970 über 9 %, viel- zu etwas verwirkt, dann müssen wir auf die Richtig-
leicht — auch unter Berücksichtigung der Sperren — stellung verweisen, die wir gegenüber den Zahlen
sogar eher an 10 als 9 %. Wir werden das genau des Bundesfinanzministers über Anträge der Koali-
zu untersuchen haben. tion, der Regierung einerseits und der Opposition
Vor allem aber hat uns überrascht — ein Tatbe- andererseits vorgenommen haben. Nach unseren
stand, den die Bundesbank noch gar nicht in ihre Zahlen, die bis heute nicht widerlegt sind, hat die
kritische Würdigung von gestern einbezogen hat —, Koalition, die Regierung seit Oktober Ausgaben
daß sich offenbar das Volumen der Bindungsermäch- beschlüsse vollzogen und für den Zeitraum der mit-
tigungen im Jahr 1970 verdoppeln soll,, d. h., daß telfristigen Finanzplanung beantragt in einer Grö-
sich der Finanzminister Verpflichtungsermächtigun- ßenordnung von 22,4 Milliarden DM gegenüber An-
gen für künftige Jahre in der Größenordnung von trägen der Opposition von 13,3 Milliarden DM.
17 Milliarden DM statt 8 Milliarden DM im Vor- (Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
jahr vom Parlament bewilligen lassen will.
Wir müssen bedauern, Herr Kollege Möller, daß Sie
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.) dem Hohen Hause und der Öffentlichkeit eine Ant-
wort vom 15. Januar zuleiten, in der Sie uns z. B.
Jedermann, der das Einmaleins der Haushalts- und
Milliarden für die Beamtenbesoldung einrechnen,
Wirtschaftsdiskussion gelernt hat, weiß natürlich,
aber einen im Dezember vom Kabinett beschlossenen
daß für die konjunkturelle Wirkung Bindungser-
Gesetzentwurf für die Beamtenbesoldung in Ihre
mächtigungen, Verpflichtungsermächtigungen, die
Statistik, in Ihre Belastung einzurechnen vergessen.
jetzt in der Form von Aufträgen herausgehen, ent-
scheidender sein können als Kassenmittel, die viel- (Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
leicht für Aufträge gezahlt werden, die schon im
vergangenen Jahr abgeschlossen sind. Dies ist ein Wir müssen erwarten, daß solche elementaren Ver-
im höchsten Grade beunruhigender Tatbestand, und stöße gegen die Pflicht der Bundesregierung, sorg-
hier ist die Regierung uns und der Öffentlichkeit fältig zu berichten, nicht vorkommen und daß der
eine Aufklärung schuldig. Bundesfinanzminister eine Adresse bleibt, auf deren
statistische Angaben man sich verlassen kann.
Aber auch ohne Berücksichtigung des letzten
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Punktes müssen Sie sich, Herr Kollege Schiller und
Herr Kollege Möller und Herr Kollege Junghans, Diese Situation wird natürlich verschärft durch den
schon mit dem Votum der Bundesbank auseinander- politischen Druck auf Freigabe der Sperre im Som-
setzen, die vorgestern im Gegensatz zu dem Selbst- mer. Der Bundesfinanzminister sagt: Ich kenne nur
1278 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Stoltenberg
einen Nettohaushalt, d. h. abzüglich der gesperrten reswirtschaftsbericht hingewiesen. Darin sind wir
Mittel. Aber jeder Ressortminister operiert heute uns im Grundsatz völlig einig. Aber wenn im Jah-
in seinen politischen Reden und Engagements mit reswirtschaftsbericht die Vorlage einer Novelle zum
den Bruttozahlen. Das wird Ihnen noch einige Pro- 312-Mark-Gesetz bis zum Sommer angekündigt
bleme verschaffen, auch hinsichtlich der Glaub- wird, dann müssen wir sagen: Erstens ist es reich-
würdigkeit der einzelnen Ressortminister, die mit lich spät, und zweitens kann es für die gegen-
Etatzahlen operieren, von denen der Finanzminister wärtige konjunkturelle Diskussion leider keine Be-
sagt, daß sie noch gar nicht existierten und daß es deutung mehr haben. Wir halten das für enttäuschend.
sehr zweifelhaft sei, ob sie freigegeben würden. Wir erinnern daran, daß im Sommer 1968 in der
Herr Kollege Müller-Hermann hat das Problem Großen Koalition der Kollege Hans Katzer zusam-
der Preissteigerungen und der Maßstäbe dafür aus- men mit dem Finanz- und dem Wirtschaftsminister
führlich behandelt. Ich will darauf nicht näher ein- mehrere detaillierte Alternativvorschläge für den
gehen. Aber wir vermissen — ich sage das auch Ausbau der Vermögensbildung gemacht hat. Warum
nach Ihren Ausführungen, Herr Kollege Junghans — legt die Regierung sie nicht jetzt vor? Warum
die Begründung für diesen Meinungswandel. Sie spricht sie von der Zeit bis zum Sommer, wenn das
können durch die Berechnung von fiktiven Raten auch nach Auffassung des Wirtschaftsministers für
von 5 bis 6 % für dieses Jahr, von denen Herr Bles- die Beeinflussung der Konjunktur so wichtig ist.
sing uns schriftlich mitgeteilt hat, daß es keine amt- Die Bundesregierung spricht vom Wettbewerbs-
liche Feststellung der Bundesbank in diesem Sinne recht. Auch hier wird eine Novelle in der ersten
gibt — Sie sollten insoweit etwas vorsichtiger Jahreshälfte in Aussicht gestellt. Hier gilt das
sein —, nicht die Tatsache verharmlosen, daß wir gleiche. Ein Gesetz, das zum Sommer in den Bundes-
auf der Treppe nach oben, nämlich jetzt in die Nähe tag kommt, kann natürlich keine Wirkungen für
der 4 % zu steigen drohen. Sie müssen uns, glaube 1970 mehr haben. Der Hinweis auf diese Pläne in
ich, hier eine Antwort darauf geben, ob das Konzept - der aktuellen Debatte, etwa in den Kommuniqués
der schrittweisen, geplanten Verminderung der der Konzertierten Aktion zur gegenwärtigen Kon-
Preissteigerungssätze weiterhin gilt, ob das ein junktursituation, ist dann doch ein Ausdruck der
Konzept der Sozialdemokratischen Partei ist und wie Verlegenheit, so langfristig bedeutsam diese Rege-
Sie es in den kommenden Jahren verwirklichen wol- lungen auch nach unserer Auffassung für die Wirt-
len. schafts- und Gesellschaftspolitik sind.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Wir werden unsere eigenen Vorstellungen zum
Die Regierung ist im Wort. Wir wollen eine Wettbewerbsrecht hier in diesem Hohen Hause
Wirtschaftspolitik der Vollbeschäftigung, des Wachs- durch andere Kollegen noch ausführlicher darlegen;
tums und der wirklichen Stabilität. Wenn es bei ich möchte es mir im Augenblick ersparen. Aber
dem Mangel an Entschlossenheit, dem Mangel an wir sehen doch mit Interesse, Herr Kollege Schiller,
entschlossenem Handeln bleibt, kann es gefährlich wie bei Ihnen die entscheidenden Punkte wechseln.
werden. Dann droht auch nach Auffassung mancher Jetzt ist es das Problem der Fusionskontrolle, das
bedeutender Nationalökonomen, die sich in den wir aufgeschlossen und kritisch diskutieren werden,
letzten Wochen dazu geäußert haben, eine sich das in den Mittelpunkt rückt; im vergangenen Jahr
steigernde Wechselwirkung von Preisen und haben Sie gesagt, ohne eine entscheidende Maß-
Löhnen, wobei der berühmte Streit, wer was be- nahme zur Einschränkung oder Aufhebung der
wirkt, ziemlich unergiebig ist. Hier gibt es Wechsel- Preisbindung der zweiten Hand seien Sie nicht in
wirkungen, die man nicht mehr streng nach Ursache der Lage, eine solche Vorlage zu vertreten. Mittler-
und Wirkung, Schuld und Unschuld auflösen kann. weile sind Sie auf dem Rückmarsch zu Überlegungen
Dies kann, wie wir alle wissen, bei schwierigeren über ein verstärktes Zulassungsverfahren. Darüber
internationalen Bedingungen die Gefahr für die werden wir diskutieren.
Wettbewerbsfähigkeit und im schlimmsten Fall Wir werden aber vor allem auch über die Frage
— den wir nicht hoffen und nicht beschwören wol- der Vermögensbildung diskutieren. Was die Regie-
len — auch für die Arbeitsplätze bedeuten. Sie kön- rungserklärung hier angekündigt hat, steht in seiner
nen nicht übersehen, daß unsere Partnerländer Bescheidenheit in einem bemerkenswerten Gegen-
Großbritannien, die USA und Frankreich ernsthafte satz zu dem; was wir hier vor de r. Wahl an scharfer
Versuche zur Stabilisierung unternehmen, während Gesellschaftskritik über eine einseitige Vermögens-
bei uns die Maßstäbe der vermeintlich vertretbaren konzentration gehört haben.
Raten etwas laxer werden, wie wir heute morgen
gehört haben. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist (Beifall bei der CDU/CSU.)
offen. Aber sollten sie Erfolg haben, dann können Es ist nicht sehr einfallsreich, das von uns gegen
wir uns allerdings einer erheblich verschlechterten viele Widerstände geschaffene 312-Mark-Gesetz mit
Situation gegenübersehen, in der dann die Auf- 2 zu multiplizieren und so 'auf 624 DM zu kommen.
wertung bei einer schwierigeren Wettbewerbslage Das mag nützlich sein, das mag hilfreich sein, es
gegenüber dem Ausland ohne binnenwirtschaftliche reicht aber nicht aus.
Absicherung ein Bumerang werden könnte. Wir werden deshalb auf der Grundlage sorgfäl-
Meine Damen und Herren, was bleibt nun außer tiger Arbeiten weitergreifende Lösungen zur Ver-
einer konsequenteren und stabilitätsgerechteren mögensbildung in breiten Volksschichten vorlegen,
Finanzpolitik? Die Bundesregierung hat auf die eingepaßt i n unser auf persönlichem Eigentum be-
Ausweitung der Vermögensbildung auch im Jah ruhendes wirtschaftliches System und auf die lang-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1279
Dr. Stoltenberg
fristigen konjunkturpolitischen Erfordernisse hin einen Gesamtentwurf der Regierung. Die neue Re-
orientiert. Dies ist natürlich auch im Interesse der gierung hat Kompetenzfragen und Kooperationsfra-
ausreichenden Eigenkapitalversorgung der deut- gen auch nach der beschlossenen Umorganisation
schen Betriebe und ihrer langfristigen stärkeren hier nicht gelöst. Ich verweise auf das Gebiet der
Fundierung im internationalen Wettbewerb absolut Entwicklungshilfe, das Herr Kollege Schiller am
notwendig. Schluß seiner Ausführungen zu Recht in seiner
eminenten wirtschaftlichen und außenpolitischen Be-
Hier ist ein unmittelbarer Zusammenhang von mo-
deutung gewürdigt hat. Beherzigenswerte Worte!
derner Wirtschafts-, Finanz-, Gesellschafts- und Bil-
Aber warum wird denn nicht endlich die Kapitalhilfe
dungspolitik gegeben. Wir brauchen in der Tat in und technische Hilfe bei dem zuständigen Bundes-
den 70er Jahren eine kohärente Politik in diesen minister zusammengefaßt,
verschiedenen Bereichen. Ich räume gern ein, daß
das in den vergangenen zehn Jahren noch nicht voll (Beifall bei der CDU/CSU)
erreicht wurde. Ich betone aber, daß wir in den letz- wie wir es bereits mit dem zuständigen Minister im
ten Jahren doch wesentliche erste Erfolge erzielt vergangenen Kabinett in den Diskussionen gefordert
haben: etwa in der modernen Sozialpolitik Hans haben? Es ist am Widerspruch des Wirtschaftsmi-
Katzers, die sich bewußt auf gesamtwirtschaftliche nisters gescheitert. Warum ist es nicht möglich,
Zusammenhänge richtete; etwa in der Agrarpolitik endlich zwischen angewandter Forschung, techni-
unseres Kollegen Hermann Höcherl, der bewußt eine scher Entwicklung und Industriepolitik eine sinn-
neue agrarpolitische Konzeption entwickelt hat volle Abgrenzungslinie zu finden, die unsere Beam-
— vom Kabinett der Großen Koalition bewilligt —, ten, Herr Kollege Schiller, bereits vor anderthalb
die die Landwirtschaft in die Marktwirtschaft, in die Jahren in einer Verbesserung der jetzigen Regelung
europäischen Bezüge, hineinstellt; etwa in dem, was erarbeitet hatten, die an Ihrem Widerspruch ge-
wir, Herr Kollege Kienbaum, in den letzten Jahren scheitert ist, ohne daß mein Nachfolger offenbar bis-
auf dem Gebiet ,der angewandten Forschung und her auf diesem Gebiet mehr Glück hatte? Der Bun-
technischen Entwicklung, über das Sie gesprochen deswirtschaftsminister sollte weniger ein um seines
haben, in ersten Schritten getan haben. Kompetenzbewußtseins gefürchteter Kollege sein,
mehr der Koordinator und Inspirator übergreifender
Was wir jetzt mit Sorge sehen, ist, daß in diesen
großer Aufgaben und Erfordernisse der Gesamtpo-
Punkten eigentlich kein Fortschritt im Jahreswirt-
litik.
schaftsbericht, in der Praxis der neuen Regierung
(Beifall bei der CDU/CSU.)
teilweise sogar ein Rückschritt erkennbar ist. Es
geht hier um Modelle zur Vermögensbildung, die Was wir wollen — ich sage das auf der Grund-
vorliegen, um Probleme der Berufsausbildungs- linie des Berichts und auch der Punkte, die dort
gesetze und des Arbeitsförderungsgesetzes, um die nicht angesprochen sind —, ist neben einer Politik
Neuverteilung der Finanzierungslasten der Renten- der aktiven Vermögensbildung, neben einer Neu-
versicherung, die in einer meisterhaften Weise ge- i-ordnung des Wettbewerbsrechts und einer ant
lungen ist, jetzt aber durch unüberlegte Improvisa- zyklischeren Haushaltspolitik der weitere Ausbau
tionen, weil man vor den Wahlen in Nordrhein- des Arbeitsförderungs- und Berufsausbildungsge-
Westfalen leichtfertige Versprechungen gegeben setzes. Das sind entscheidende Erfordernisse auch
hat, gefährdet wird. Das sind Dinge, die wir, glaube für eine moderne Wirtschaft, die ja den Menschen
ich, in diesen Zusammenhängen sehen müssen. unter einen stärkeren Leistungsdruck stellt, die neue
soziale Herausforderungen bringt gegenüber den
Wir müssen fragen, was die 'Entscheidung des klassischen Bedrohungen, die wir weitgehend ge-
Bundesministers Arendt bedeutet, seine eigene kon- meistert haben: im Problemkreis der Mobilität, der
zertierte Aktion als „Sozialpolitische Gesprächs- Automation und Rationalisierung. Wir wollen eine
runde" zu installieren. wirkungsvollere Abstimmung neuer bildungspoli-
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.) tischer Vorstellungen mit den Erfordernissen der
Menschen im Beruf und in der Arbeitswelt. Ich sehe
Ist das ein Konkurrenzunternehmen, wie manche Be-
mit Sorge — und dies ist nicht nur ein Problem die-
obachter in der Öffentlichkeit meinen? Bedeutet das
ser Regierung —, daß die pädagogische Theorie und
eine Verfestigung der Trennungslinien, wieder eine
auch die schulpolitische Ideologie zum Teil sich be-
stärkere Isolierung der verschiedenen Bereiche, die wußt von der Wirtschaft und der Arbeitswelt distan-
in einer modernen Wirtschafts- und Gesellschafts- zieren, stellenweise jedenfalls; die Verallgemeine-
politik zusammengehören? Das müssen wir mit rung mag falsch sein, aber es gibt hierzu eine starke
Sorge kommentieren. Wir können die Regierung Tendenz.
nur warnen, diesen. Weg der Isolierung der einzel-
nen Bereiche zu gehen. Ich halte es auch nicht für gut, daß der neue Bun-
desminister für Bildung und Wissenschaft ein Mo-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
dell entwirft — auch in amtlicher Eigenschaft ver-
Was wir im Jahreswirtschaftsbericht konkret über tritt —, bei dem es lapidar heißt: „25 % der Abi-
Bildungspolitik, sektorale Strukturpolitik oder Ge- turienten des Jahrgangs 1980 sollen direkt in die
sellschaftspolitik lesen, ist auch nicht sehr ermuti- Arbeitswelt hineingehen", ohne daß es bis heute
gend. Es finden sich dort sicher manche guten Ein- Gespräche mit den großen Organisationen der Wirt-
zelgedanken, denen wir völlig zustimmen, aber ins- schaft darüber gibt, was das bedeutet, ohne daß es
gesamt handelt es sich doch mehr um die Arbeit von ein entsprechendes Konzept für die Modernisierung
Fachreferenten des Wirtschaftsministeriums als um und Umstrukturierung der Verwaltung und ihrer
1280 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Stoltenberg
Ausbildung gibt. Hier sind die Punkte, in denen log mit der Wissenschaft notwendig sein, das Stu
die kohärente Gesamtpolitik notwendig ist, von der dium empirischer Untersuchungen, die demnächst
ich soeben sprach. auch für Deutschland vorliegen, und natürlich auch
die Bewertung der Erfahrungen in den USA, in
(Beifall bei der CDU/CSU.)
denen ja solche Konzepte die amtliche Politik teil-
Meine Damen und Herren, wir brauchen in der weise mitbestimmen.
Tat genauere Analysen zur Frage der Innovation
Wir wissen — lassen Sie es mich zum Schluß
und ihrer Förderung, entsprechende Schritte in Ver-
sagen —, daß nationale Entscheidungen immer stär-
bindung mit der Förderung der Rationalisierung. Ich
unterstreiche hier völlig, was Herr Kollege Kien- ker in die europäische Wirtschaft und die Welt-
wirtschaft leinbezogen sind, immer stärker von Ent-
baum im allgemeinen und konkret gesagt hat. Wir
wicklungen außerhalb Deutschlands bestimmt wer-
brauchen die energische Weiterführung der ein-
den, die wir selbst nicht in der Hand haben. Das
geleiteten technologischen Programme des Bundes,
macht die Prognosen schwieriger; das sollte die An-
vor allem ihre Anwendung auf die Zukunftserfor-
dernisse der Gesellschaft und Wirtschaft. Hier fehlt sprüche derer, die Prognosen aufstellen, etwas be-
scheidener werden lassen, als es in den letzten
eben, Herr Kollege Schiller, im Jahreswirtschafts-
bericht jeder ernsthafte Beitrag. Wenn man das Jahren der Fall war. Es macht die Risiken, aber
schon behandelt, dann muß man es etwas tiefgrün- auch die Chancen größer. Wir alle hoffen in diesem
diger und allgemeiner behandeln. Es sollte keinen Hause mit der Bundesregierung, daß es jetzt nach
Jahreswirtschaftsbericht mehr geben, der nicht auch dem Regierungswechsel in Frankreich und der
die zentralen Probleme der Umweltgestaltung und Haager Konferenz neue starke Impulse für eine
des Umweltschutzes in einer immer dynamischeren europäische Politik gibt. Die nationalen Mittel rei-
Industriegesellschaft mehr einbezieht. chen nicht mehr aus, Spannungen zu meistern. Wir
haben ja an der Aufwertung gespürt, welche Grund-
(Beifall bei der CDU/CSU.) - spannung es eben zwischen einer nationalen Wäh-
Wir brauchen auch — Herr Kollege Kienbaum hat rungspolitik und europäischen Verpflichtungen, Re-
zu Recht darauf hingewiesen —, die noch exaktere geln und Normen gibt. Deshalb wünschen wir eine
Eingliederung der Strukturpolitik in wirtschafts- nachdrückliche Initiative der Bundesregierung, die
schwachen Gebieten in die allgemeine Wirtschafts- der Bundeswirtschaftsminister soeben angekündigt
und Konjunkturpolitik. Hier gibt es bei mehreren hat, zur europäischen Wirtschafts und Währungs-
-

Einzeltiteln Kürzungen. Wir reden nicht für Erhö- union. Dazu gehören die Fragen eines europäischen
hungen — ich möchte hier gar nicht in einen Wider- Reservefonds, die Probleme der Steuerharmonisie-
spruch zu meinen Ausführungen zur Haushalts rung, die Probleme des europäischen Gesellschafts-
politik kommen —; aber es gibt da Kürzungen, und Patentrechts, die für das Entstehen europäischer
während doch gerade jetzt in diesen strukturschwa- Industriestrukturen von entscheidender Bedeutung
chen Gebieten das Aufholen und die Konsolidierung sind.
möglich sind. Das scheint uns kein sehr überzeugen- (Beifall bei der CDU/CSU.)
des Konzept der Verbindung von Wirtschaftspolitik Jeder, der heute einmal konkret verfolgt — wir
und Haushaltspolitik zu sein. haben ja einige Beispiele aus den letzten zwei Jah-
Schließlich wird es notwendig sein, nach den Ent- ren, die Herr Kollege Schiller noch besser kennt
täuschungen und den Grenzen, die sichtbar wurden, als ich —, auf welche fast unüberwindlichen gesell-
über die Theorien und das Instrumentarium der schaftsrechtlichen Schwierigkeiten europäische In-
Wirtschaftspolitik noch gründlicher zu diskutieren. dustriezusammenschlüsse über die Grenzen hinweg
Der Sachverständigenrat hat das Problem der Regel- stoßen, was für ein hemmender Faktor dies im Hin-
mechanismen aufgeworfen, Herr Kollege Schiller hat blick auf die Entwicklung ist, die wir brauchen: große
es mit wenigen Sätzen behandelt, vor allem auch leistungsfähige europäische Verbindungen. Jeder
das Problem eines kontinuierlichen Wachstums muß betonen, daß dieser Punkt eines europäischen
ohne Übersteuerung, die wir unter der Federfüh- Gesellschaftsrechts in der Tat in den Mittelpunkt
rung des Kollegen Schiller in den letzten Jahren dieser Debatte gehört.
immer wieder erlebt haben, ohne ein Übermaß an
Diese Verhandlungen 1970 sollten nach unserer
ständigen Interventionen. Er hat dabei die Frage Auffassung möglichst schon unter fachlicher Betei-
der Bedeutung einer kontinuierlichen Geldmengen- ligung der beitrittswilligen Staaten geführt werden.
politik in Anknüpfung an die wissenschaftliche Dis- Es wäre schlecht, wenn sich hier in einem entschei-
kussion, die Entwicklung in Amerika, gestreift. Es denden Bereich die Sechs einigen und dann nach
kann sich nicht darum handeln, daß wir hier als
Jahren eine völlig neue Verhandlungsrunde über
Parlament oder als CDU/CSU jetzt schnell solche
die zum Teil sehr komplizierten Rechtsprobleme mit
neuen Theorien übernehmen, aber ich glaube doch,
Großbritannien und den skandinavischen Ländern
daß diese Erwägungen der Sachverständigen und
beginnen müßte.
die aktuelle Diskussion in der deutschen Wissen-
schaft darüber mehr verdient hätten als die dürren (Beifall bei der CDU/CSU.)
und lapidaren Sätze, die der Jahreswirtschaftsbericht In diesem Punkt kann die Regierung mit unserer
und der Bundeswirtschaftsminister ihnen widmeten. vollen Unterstützung rechnen.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Freilich, Herr Bundesminister Schiller, dies sollte
Hier wird für uns alle, die Regierung und die poli keine Ablenkung von den konkreten Sorgen und
tischen Kräfte dieses Hauses, ein intensiverer Dia Schwierigkeiten des Jahres 1970 bedeuten. Weder
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1281
Dr. Stoltenberg
die Historie, die Legendenbildung, der Streit um Früchte für Staat, Gesellschaft und die Menschen
die Vergangenheit helfen uns noch jetzt, noch die unseres Landes wirklich bedeuten.
Flucht in eine schönere Zukunft europäischer Ord- (Anhaltender lebhafter Beifall bei der
nung und Harmonie, die wir alle wollen, die wir CDU/CSU.)
aber morgen und übermorgen noch nicht haben. Es
geht hier um das Hier und Heute, es geht um die Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards, die wir Meine Damen und Herren, wir treten in die Mit-
in einer modernen Weise weiterentwickeln wollen. tagspause ein. Ich unterbreche die Plenarsitzung
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner: bis 15 Uhr.
Heute? Vorgestern!) (Unterbrechung von 13.02 bis 15.00 Uhr.)
— Sie ist moderner, Herr Kollege Wehner, als
manches, was wir von den neomarxistischen Krei- Vizepräsident Dr. Jaeger: Die unterbrochene
sen Ihrer Partei jetzt hören, Sitzung wird fortgesetzt.
(Zuruf des Abg. Wehner. — Beifall bei Meine Damen und Herren, wir fahren in der Aus-
der CDU/CSU) sprache fort. Das Wort hat der Herr Bundeskanzler.
die Ihnen doch mehr Sorge bereiten, als Sie in Ihren
üblichen unqualifizierten Zwischenrufen — „Quat- Brandt, Bundeskanzler: Herr Präsident! Meine
schen Sie nicht dumm!" — mir hier sagen. Damen und Herren! Heute morgen ist zuweilen so
gesprochen worden, als stünden wir in der Bundes-
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU. — republik Deutschland wirtschaftspolitisch an einem
Erneuter Zuruf des Abg. Wehner.) Abgrund. Davon kann nun wirklich keine Rede sein.
Wir haben doch auch gelesen, was in Frankfurt Uninformierte Menschen, die uns zuhören, könnten
passiert ist, und Herr Kollege Leber ist ja ein Sach- glauben, die Bundesrepublik Deutschland stünde vor
verständiger bezüglich der Probleme dort. Heute einer Krise. Dieselben Menschen wissen jedoch, daß
ist es schon soweit, daß die linken und zum Teil es ihnen insgesamt nicht schlecht, sondern daß es
ihnen gut geht. Wir wollen hier miteinander dafür
linksradikalen Kräfte in Ihrer Partei sozialdemokra-
tische Polizeipräsidenten stürzen können! sorgen — auch im Streit der Meinungen —, daß es
ihnen als einzelne und als Gesamtheit zunehmend
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU.) besser geht. Das wollte ich erst einmal feststellen.
Das ist nicht nur Ihr Problem, das ist ein Problem (Beifall bei den Regierungsparteien.)
unserer gesamten staatlichen Ordnung. Und wir Herr Kollege Stoltenberg hat mehrmals behauptet,
fragen uns, wann durch Beschlüsse solcher Gremien die Bundesregierung habe es versäumt, neben die
nicht nur Bundestagskandidaturen von Ministern Maßnahme der Aufwertung der Deutschen Mark ein
verhindert werden, wie es dem Kollegen Leber bei- binnenwirtschaftliches Stabilisierungsprogramm zu
nahe gegangen wäre, sondern unter Umständen stellen, sie sei insoweit tatenlos geblieben. Herr
direkte Eingriffe in die Personalpolitik nicht nur Kollege Stoltenberg, hier muß ich Sie darauf hin-
der kommunalen Instanzen, sondern auch der Lan- weisen: Rechtzeitig — wenn man den Begriff in
des- und Bundespolitik kommen. diesem Zusammenhang richtig versteht — wären
Aufwertung plus begleitende Maßnahmen im Früh-
(Beifall 'bei Abgeordneten der CDU/CSU.)
jahr 1969 gewesen.
Deshalb ist es nicht notwendig, daß Sie uns er-
(Abg. Dr. Stoltenberg: Herbst 1968!)
mahnen, die soziale Marktwirtschaft zu behaupten.
Die Mehrheit im damaligen Kabinett war nicht da-
(Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] : Sehr gut!) für. Das wissen wir beide und das brauchen wir
Ich glaube, Sie haben hier in den nächsten Jahren jetzt nicht noch einmal auseinanderzunehmen. Auf
in wachsendem Umfang in Ihrer eigenen Partei viel Details hinsichtlich der veränderten Bedingungen im
zu tun. Frühjahr und im Herbst 1969 will ich hier nicht
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU.) eingehen. Was dazu an Einzelheiten zu sagen ist,
hat der Bundesminister für Wirtschaft deutlich ge-
Hier und heute muß die Bundesregierung han- sagt, und er wird darauf zurückkommen.
deln. Die Opposition wird ihren Beitrag dazu
Aber lassen Sie mich, ohne Detailfragen zu er-
leisten, aber sie läßt sich nicht durch Suggestivfra-
örtern, folgendes feststellen:
gen nach ihren eigenen Konzepten ablenken oder
abbringen von der Verantwortung, die Sie tragen. Erstens. Die Bundesregierung — und zwar die
gesamte Bundesregierung, da gibt es zwischen den
(Zustimmung bei Abgeordneten der Chefs der verschiedenen Ressorts keine Unter-
CDU/CSU.) schiede — nimmt das Stabilitäts- und Wachstums-
Sie müssen sagen, was Sie wollen, Herr Kollege gesetz sehr ernst. Daran hat es in keiner der vielen
notwendigen Beratungen Zweifel gegeben und daran
Schiller, dann werden wir uns dazu — auch zu an-
deren Fragen — so verbindlich äußern, wie wir es wird es keinen Zweifel geben. Aber die Bundesre-
konkret in einem eigenen Konzept zur Haushalts- gierung wird sich nicht durch eine zuweilen eben
und Finanzpolitik und zur Frage der Bindungser- auch hektischen Preisdiskussion
mächtigungen getan haben. Die Bundesregierung (Zurufe von der CDU/CSU: Wer ist das denn?
muß klarstellen, was Wachstum, Stabilität und ihre Herr Schiller!)
1282 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Bundeskanzler Brandt
in unüberlegte und voreilige Handlungen hinein- sene Inangriffnahme notwendiger Reformen auf den
manövrieren lassen. Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben. Hätten wir
allerdings die seinerzeitigen Anträge der Opposi-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
tion dieses Hohen Hauses bei der Erarbeitung des
Sie wird dies um so weniger tun, als diese hek- Haushaltsplans 1970 berücksichtigt, dann könnte von
tische Diskussion eben auch mit von jenen anzu- einem konjunkturgerechten Haushalt keine Rede
heizen versucht wird, mit deren preispolitischem sein.
Erbe wir uns herumzuschlagen haben. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Abg. Schließlich möchte ich an dieser Stelle dem Hohen
Dr. Müller-Hermann: Sie meinen Herrn Hause und zugleich der deutschen Öffentlichkeit sa-
Schiller?) gen: Die Stabilitätsprobleme sind ernst, aber wir
Zweitens. Der Bundeswirtschaftsminister hat in können und wir werden sie meistern. Lassen sie
seiner Rede darauf hingewiesen, es sei denkbar, uns darüber nicht vergessen, daß wir ein Jahr bei-
daß es bei exzessiven Verhaltensweisen von Markt- spiellosen Wirtschaftswachstums hinter uns haben!
partnern oder Tarifparteien zu einer Anwendung Um mehr als 60 Milliarden DM hat sich das Ange-
des § 26 des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes bot an Gütern und Dienstleistungen im Jahre 1969
kommen müsse. Hinter dieser Aussage steht die erhöht, hat sich der private und öffentliche Wohl-
Bundesregierung. Auch dies will ich hier für jeden stand vermehrt. Die Bundesregierung wird diese
völlig klarmachen. Die einzelnen Kabinettskollegen Erfolge nicht aufs Spiel setzen. Wir werden Voll-
prüfen die Lage sehr sorgfältig, und mit ebenso beschäftigung und Wirtschaftswachstum und damit
großer Sorgfalt wird die Bundesregierung abwägen, Aufstiegschancen und Einkommensverbesserungen
welche Instrumente zu welchem Zeitpunkt einzuset- für jedermann weiter sichern und schrittweise — es
zen sind. geht leider nicht anders als schrittweise die im
- Sommer 1969 verlorengegangene Stabilität wieder-
Die Bundesregierung ist zum Einsatz der richti- gewinnen. Das ist die Aufgabe, und von ihr werden
gen Instrumente zum gegebenen Zeitpunkt bereit. wir uns nicht abbringen lassen.
So ernst sie die Frage der Preisstabilität nimmt und
nehmen muß, so ernst sieht sie die Frage der Voll- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
beschäftigung. Eine gewollte Rezession ist für diese
Bundesregierung jedenfalls kein Instrument der Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Stabilitätspolitik. Auch darum ist in diesen Zu- Abgeordnete Mertes.
sammenhängen größte Sorgfalt geboten.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Mertes (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Wenn man heute so hört, was einige Kol-
Drittens. Die Opposition sollte meiner Meinung legen von der CDU/CSU hier sprechen, dann könn-
nach, verehrte Herren von der Opposition, nicht so te man leicht vergessen, daß sie erst gut hundert
tun, als enthalte der Jahreswirtschaftsbericht, über Tage in der Opposition sind, hundert Tage und
den heute beraten wird, kein Konjunkturprogramm. nicht hundert Monate zum Beispiel.
Man mag das Programm für nicht ausreichend hal-
ten, (Zuruf von der SPD: Das kommt noch! —
Zuruf von der CDU/CSU: Dann wäre es
(Zuruf von der CDU/CSU: Ja, das tun wir!)
noch schlimmer!)
aber man sollte nicht so tun, als enthalte der Be-
Ich weise deswegen darauf hin, weil die Fehler-
richt kein Konjunkturprogramm. Die Frage, um die
quellen, die zu der unerfreulichen Entwicklung ge-
es sich handelt, ist, wie und wann das unterbreitete
führt und die uns dieses ungute Erbe beschert ha-
Konjunkturprogramm zu ergänzen sein wird. Dazu
ben, in einer Zeit liegen, in der Sie von der CDU/
wird die Regierung ihre Vorschläge unterbreiten,
CSU bestimmend waren. Damals sind Sie durch die
sobald sie den Zeitpunkt für gekommen hält und
Lande gezogen und haben erklärt: Auf den Kanzler
die erforderlichen Vorbereitungen getroffen sind.
kommt es an.
Den Hinweis des Wirtschaftsministers — das darf (Zuruf von der CDU/CSU: Genau!)
ich noch einmal sagen — auf § 26 hat jeder ver-
standen. Dieser Kanzler hat in der Zeit seiner Kanzierschaft
(Widerspruch bei der CDU/CSU.) Fehler gemacht, und er hat Fehler mitgemacht.
Meine Damen und Herren, davon können Sie sich
Es hat keinen Sinn, die dabei direkt oder indirekt heute nicht reinwaschen.
in Betracht kommenden Maßnahmen vorweg öffent-
lich zu zerreden. (Zuruf von der FDP: Sehr richtig!)

(Beifall bei den Regierungsparteien. — Un- So viel Weißmacher gibt es gar nicht.
ruhe bei der CDU/CSU.) (Beifall bei den Regierungsparteien. —
Viertens. Die Bundesregierung hat einen Haus- Abg. Dr. Apel: Die haben ja Herrn Dasch
halt der Solidität und des Fortschritts vorgelegt. in der Fraktion!)
Ich will der Haushaltsrede des Bundesfinanzmini- Ich möchte Ihr Augenmerk aber noch einmal auf
sters nicht vorgreifen, doch ich will hier schon be- die Seite 44 in der Anlage 3 des Jahreswirtschafts-
tonen, daß dieser Haushalt der angespannten Kon- berichts lenken. Hier wird mit einigen Prozentsät-
junktursituation Rechnung trägt, ohne die angemes zen die globale Zielprojektion der Bundesregie-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1283
Mertes
rung für die nächsten fünf Jahre im Bereich des ständige Mittelstand in eine verhängnisvolle
sogenannten magischen Vierecks umrissen. Die pro- Schere gerät. Er muß an Wettbewerbsfähigkeit ver-
jektierte durchschnittliche Preissteigerung von 2 1/2 lieren, weil er die durch die Preisentwicklung in-
bis 2 0/o scheint mir in diesem Zusammenhang eine duzierten erhöhten Lohnforderungen wegen seiner
besonders kritische Ziffer zu sein. Arbeits- oder Lohnintensität nur besonders schwer
Für diese Projektion ist manches an Begründung verkraften kann. In einem solchen Fall würde sehr
vorgetragen worden. Trotzdem — das sage ich hier wenig von der Mittelstandsförderung übrigbleiben,
in aller Offenheit — konnte ich mich zunächst des die erfreulicherweise ebenfalls im Jahreswirtschafts-
Eindrucks nicht erwehren, daß in der Vorstellung bericht angesprochen ist.
des Bundeswirtschaftsministers dem Problem der Gerade im Zusammenhang mit der Wachstums-
Preisstabilität geringere Bedeutung beigemessen politik, die hier wiederholt apostrophiert wurde,
würde als der Projektion der anderen Globaldaten, muß der Wettbewerbsfähigkeit des gewerblichen
z. B. der Wachstumsrate. Aber der Herr Bundes- Mittelstandes hohe Aufmerksamkeit geschenkt wer-
wirtschaftsminister hat heute morgen in seinen zu- den. In diesem Bereich liegen nämlich noch viele
sätzlichen Ausführungen meine Bedenken zwar Wachstumsreserven, die bisher nur ungenügend ge-
noch nicht ganz, aber sehr weitgehend zerstreut. nutzt wurden. Es entbehrt meines Erachtens auch je-
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Das reicht der Logik, auf der einen Seite die Konzentration be-
schon für den Wähler!) kämpfen zu wollen und auf der anderen Seite durch
eine Verschlechterung der Wettbewerbssituation im
Dasselbe hat hier der Kollege Junghans bestätigt. Mittelstand eine solche Konzentration zu provo-
Ich meine, meine Damen und Herren von der Op- zieren. Auch eine noch so ausgeklügelte Kartellge-
position, Sie sollten das akzeptieren und kein setzgebung und Fusionskontrolle ändern daran
Schattenboxen veranstalten; denn es ist Ihr eigener nichts. Alles das würde durch die am Markt wir-
Schatten. kenden Kräfte überrollt werden. Eine möglichst
Ich verhehle nicht, daß ich gegenüber mittel- und - große Zahl vielschichtiger mittelständischer Existen-
langfristigen Globalprojektionen skeptisch bin. Da- zen erhält uns aber die Flexibilität in unserer Wirt-
bei gebe ich allerdings zu, daß ich ihren realen schaft, auf die es uns gerade in der heutigen Zeit
Inhalt nicht genau beurteilen kann, weil ich die ankommt.
Modellvorstellungen nicht kenne, die den Berech- Die Sicherung eines vielfältigen Warenangebots
nungen im einzelnen zugrunde liegen. Dennoch muß durch die Erhaltung und Förderung kleinerer und
festgestellt werden, daß bei einer projektierten mittlerer Unternehmen, die sich nicht so sehr der
durchschnittlichen Preissteigerungsrate, wie sie hier Massenproduktion als dem spezifischen Angebot in
wiederholt diskutiert wurde, die Gemütlichkeit auf- kleineren Serien widmen, erscheint mir ein beson-
zuhören hat. Deshalb werden wir nicht nur verbal ders wichtiges wirtschafts- und gesellschaftspoli-
eine Stabilitätspolitik machen, sondern auch die tisches Ziel zu sein. Dazu bedarf es vor allem einer
entsprechenden wirkungsvollen Maßnahmen er- Politik der Preisstabilität und einer bewußten För-
greifen. derung der aktiven Wettbewerbsfähigkeit des Mit-
(Abg. Köppler: Das kommt dann wohl telstandes.
noch?!) Ich denke in diesem Zusammenhang besonders
Man braucht kein Prophet zu sein, um die ver- an die Unterstützung mittelständischer Arbeitsge-
hängnisvollen gesellschafts- und strukturpolitischen meinschaften für die industrielle Forschung und die
Folgen einer Wirtschaftspolitik zu sehen, die bereit Neuentwicklung von Produkten, zur Erforschung
wäre, als Vergleichsbasis und sozusagen als Alibi der Marktlage und der Absatzchancen und zur
den preispolitischen Trend in anderen Ländern her- Entwicklung der Kooperation zwischen mittleren
anzuziehen, die in diesem Punkt eben weniger emp- Betrieben. Derartige Einrichtungen müssen und wer-
findlich sind als wir. Aber auch das ist heute bereits den von der Bundesregierung und von den Koali-
durch den Bundeswirtschaftsminister klargestellt tignsfraktionen stärker angeregt und unterstützt
worden. werden.
Im Jahreswirtschaftsbericht ist einiges über die Eine solche Politik macht es notwendig, auch die
Vermögenspolitik gesagt. Das ist sehr zu begrüßen. Wirkungen des derzeitigen Patentrechts auf die
Welchen Erfolg soll aber die Vermögenspolitik Wettbewerbsfähigkeit zu untersuchen. Ich glaube,
haben, wenn die breiten Massen der Arbeitnehmer das Ergebnis einer solchen Untersuchung würde
und der Selbständigen, also diejenigen, die ja ge- sein, daß der Anteil des gewerblichen Mittelstan-
rade Vermögen bilden sollen, mit ihrem Sparkapital des an der Entwicklung neuer Produkte durchaus
einem ständigen Geldwertschwund ausgesetzt wer- nicht gering veranschlagt werden kann. Allerdings
den? Wie soll es möglich sein, unter solchen Um- fehlen diesem Mittelstand vielfach die Mittel, die
ständen den Sparwillen auf die Dauer zu erhalten, aus einer solchen Entwicklung resultierenden Mög-
und nicht nur zu erhalten, sondern auch zu fördern? lichkeiten selbst zu finanzieren. Das müssen wir
Wenn wir diese Gefahren nicht sehen, machen wir sehr deutlich sehen. Die Entwicklung zur groß
das Ziel der Bildung von breit gestreutem Eigen industriellen Produktion ist zweifellos in manchen
tum zu einer Quadratur des Kreises. Branchen unvermeidbar. Es wäre deshalb angesichts
der technischen Notwendigkeiten und angesichts
Dabei ist vor allem darauf hinzuweisen, daß bei der größeren Märkte volkswirtschaftlich falsch, die
einer stetigen Geldwertverschlechterung der selb Bremsen zu stark anzuziehen. Wir dürfen auch nicht
1284 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Mertes
voübersehen,
raus daß überspritzte nationale Lösungen ein- stimmend, daß sich der private Verbrauch
fach die Aktionsfreiheit deutscher Unternehmen im sichtlich um 3 % verteuern. wird. Diese Annahmen
Vergleich zu den Unternehmen der umliegenden werden auch durch die Angaben der Deutschen Bun-
Länder beschränken. desbank im letzten Monatsbericht dahingehend
abgestützt, daß bei genereller Beruhigung der Ge-
Jedoch gibt es auch Fälle, die sehr deutlich zei- samtnachfrage in der Entwicklung der Verbraucher-
gen, daß die mittelständische Produktion der Pro-
preise ein neuer Auftrieb konstatiert wird. Diese
duktion in Großbetrieben überlegen sein kann. Er- Vorgänge liegen vor. Sie können und sollen nicht
findungen z. B. werden nicht nur in Mammutbetrie- negiert werden.
ben gemacht; hier leistet oft auch der gewerbliche
Mittelstand eine nicht zu verachtende Pionierarbeit. Doch stellt sich immer wieder die Frage — auf die
wir gar nicht einzugehen gedenken —, wie es zu
(Sehr gut! in der Mitte.)
einer derartigen Entwicklung gekommen ist. Aber
Ich habe in meinen Ausführungen die Mittel- — und das gehört an diesen Platz —: wie wäre es,
standspolitik in den Vordergrund gestellt, weil ich wenn wir in einer anderen Situation heute über eine
nicht möchte, daß dieser Wirtschaftszweig in der konjunkturelle Talsohle diskutieren müßten, über
Debatte über den Jahreswirtschaftsbericht „unterbe- Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit mit all den
lichtet" erscheint. damit zusammenhängenden politischen Folgen? Man
Selbstverständlich kann ein solcher Bericht nicht sollte es einmal sagen: Sich über Probleme der
alles enthalten und nicht alles in der Ausführlich- Hochkonjunktur zu infomieren und auszusprechen —
keit darstellen, die notwendig wäre. Deshalb möchte und ich gebrauche dabei die Ausdrucksweise der
ich die Ausführungen zur Vermögenspolitik noch Opposition — ist doch wahrlich keine Sünde. Im
einmal besonders begrüßen. Die Sparförderung ist Gegenteil, ich bin sogar der Meinung, daß damit ein
für die Bildung von breitgestreuten Geldvermögen Erfolg der Wirtschaftspolitik konstatiert werden
nicht nur eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit. kann.
-
Sie ermöglicht zugleich die Bereitstellung von zu- Wenn wir nicht auf die Aufwertung eingehen, so
sätzlichen Mitteln, die der Staat und die Wirt- aus naheliegenden Gründen: es ist sehr viel darüber
schaft brauchen, wenn die zusätzlichen Aufgaben, gesagt worden, und das, was ausgesprochen worden
vor allem auch auf dem Gebiet der Infrastruktur, ist, braucht nicht wiederholt zu werden. Nur hat man
gelöst werden sollen. Eine solche Politik scheint heute morgen so beiläufig gesagt, daß es auf eine
mir jedenfalls wesentlich besser zu sein als der objektive Geschichtsschreibung ankomme, und zwar
scheinbar leichtere Weg über eine Erhöhung der auf eine objektive Geschichtsschreibung — so habe
Steuerlastquote. Voraussetzung ist allerdings, daß ich es wenigstens verstanden — in dem Sinne, daß
die Geldwertstabilität in den Mittelpunkt unserer man die Hintergründe und Zusammenhänge der Auf-
Betrachtungen gestellt wird. wertung aufzudecken gedenke. Wenn man wirklich
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten um eine objektive Geschichtsschreibung im Hinblick
der SPD. — Vereinzelte Zustimmung in auf diese Aufwertung bemüht ist, dann bin ich bereit,
der Mitte.) meine Damen und Herren, auch von meiner Seite ein
Dokument zur Verfügung zu stellen, in dem deutlich
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der und klar gesagt wird, daß man aus wahlpolitischen
Abgeordnete Dr. Schachtschabel. Erwägungen nicht geneigt gewesen sei, der Auf-
wertung zuzustimmen.
Dr. Schachtschabel . (SPD): Herr Präsident! (Beifall bei der SPD.)
Meine Damen und Herren! Es ist heute morgen be-
reits angeklungen — auch der Herr Bundeskanzler Soweit diese kurze Bemerkung zur Historie und zu
hat den rechten Akzent gesetzt —, daß wir in den dem, was wir heute morgen gehört haben.
Erörterungen über den Jahreswirtschaftsbericht Ein entscheidendes Problem scheint mir darin zu
durchaus erst einmal die positiven Seiten der bisher liegen, wie wir, wir alle miteinander, die kommende
praktizierten Wirtschaftspolitik sehen sollten. Es er- Entwicklung des konjunkturellen Ablaufs beurteilen.
scheint notwendig, darauf aufmerksam zu machen, Heute morgen sind verschiedene Bemerkungen ge-
daß nach der vom Bundeswirtschaftsministerium im macht worden, mit denen man zum Ausdruck ge-
Jahreswirtschaftsbericht für 1970 vorgelegten Jah- bracht hat, daß man nicht so recht an die voraus-
resprojektion der gesamtwirtschaftliche Verlauf vor gesagte Abflachung des konjunkturellen Verlaufs
allem dadurch beeinträchtigt gesehen wird, daß in- glaube. Ich bin der Meinung, daß wir darauf unser
folge der konjunkturellen Situation des Jahres 1969 besonderes Augenmerk richten sollten. Denn aus
mit einem Anstieg der Verbraucherpreise gerechnet den gegebenen Verhältnissen können wir auf Grund
werden muß. der vielfachen Unterlagen, die uns zur Verfügung
Allerdings wird in dem Jahreswirtschaftsbericht stehen, doch in etwa zu einem einigermaßen brauch-
zugleich festgestellt — das scheint mir ungemein baren und gesicherten Ergebnis kommen. Wir haben
wichtig, und darüber haben wir zu sprechen —, daß uns vorgenommen, die Auffassung des Sachverstän-
von den vier wirtschaftspolitischen Hauptzielen drei digenrates unter dem Titel der „treibenden Kräfte
in zufriedenstellender Weise realisiert werden kön- des Booms" auf deren wahrscheinliche Entwicklung
nen, währendsich das Ziel der Stabilität des Preis- hin zu analysieren und damit den Verlauf für die
niveaus als wesentliches Problem stellt. Aus den nächsten Monate in etwa kenntlich zu machen. Mir
verschiedenen Schätzungen ergibt sich überein scheint, daß in dem Zusammenhang einige wesent-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1285
Dr. Schachtschabel
liche Punkte angedeutet und herausgehoben werden Dr. Schachtschabel (SPD) : Gern.
müssen.
Erstens ist es eindeutig — darauf ist bislang in Vizepräsident Dr. Jaeger: Bitte sehr.
dem Sinne noch nicht abgehoben worden —, daß
die Aulandsnachfrage nach deutschen Gütern zwar Dr. Stoltenberg (CDU/CSU) : Herr Kollege
nicht zurückgegangen ist, die Zuwachsrate jedoch Schachtschabel, haben Sie in diese Bewertung, die
nahezu auf Null gesunken ist. Ich verweise auf von dem in seiner Grundtendenz bekannten Berliner
den Monatsbericht des Bundeswirtschaftsministe- Institut stammt, auch die Feststellung der Bundes-
riums vom Januar 1970 und auf Veröffentlichungen bank einbezogen, daß die letzten Auftragsziffern für
in privaten Zeitschriften. Dies bedeutet — als Folge- Dezember immer noch über dem monatlichen Produk-
rung aus diesem Ansatz der Analyse daß sich tionsvolumen liegen, d. h. daß - auch im Gegensatz
von dieser Seite her keine weiteren negativen Fol- zu den Ausführungen von Herrn Schiller heute mor-
gen für die Geldwertstabiltät ergeben werden. gen — immer noch ein stärkerer monatlicher Ein-
gangsauftrag da ist als die Produktionskapazität,
Zweitens. Was die inländische Nachfrage nach und glauben Sie, daß man das dann noch so bewer-
Ausrüstungsgütern anlangt, so wird sowohl im ten kann, wie Sie es tun?
Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung als
auch im Gutachten des Sachverständigenrates die
Auffassung vertreten, daß die Investitionsausgaben Dr. Schachtschabel (SPD) : Darf ich darauf ant-
in der zweiten Hälfte 1970 zurückgehen werden. worten. Ich glaube ganz sicher, daß die Auftrags-
Diese Prognose wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eingänge im Augenblick noch massiert da sind. Das
zutreffen; denn einerseits werden mit zunehmen- ist ganz richtig, daran ist auch gar nicht gezweifelt
dem Kostendruck und damit auch verschlechterten worden. Aber vergessen Sie bitte nicht, in welchen
Selbstfinanzierungsbedingungen die Investitions- Monaten des Jahres wir uns befinden. Wir befinden
aussichten wegen der verringerten Gewinnmargen - uns zu Beginn dieses Jahres, und es ist eine be-
wieder nüchterner beurteilt werden, und anderer- kannte Tatsache, daß Auftragseingänge — und das
seits ist mit einem zunehmenden Konsolidierungs- ist ein Erfahrungsgrundsatz, den man allgemein
bedarf bei den Unternehmern zu rechnen, da in kennt -- sehr schnell eine rückläufige Tendenz auf-
Erwartung hoher Gewinne viele Investitionen kurz- weisen können. Ich schätze und achte die Ergebnisse
fristig finanziert wurden. der Deutschen Bundesbank außerordentlich, aber —
ich komme gleich darauf — ich bin auch der Mei-
In diesem Zusammenhang ist nicht zu vergessen, nung, daß damit noch nicht ein endgültiges Resultat
daß vielfach auch Anzahlungen, die von auslän- zum Ausdruck gebracht worden ist.
dischen Käufern geleistet wurden, um Aufwertungs-
verluste zu vermeiden, für Investitionszwecke ein- Meine Damen und Herren, darf ich noch einmal an
gesetzt worden sind. die Zusammenfassung anknüpfen, die ich eben für
diesen Teil meiner Ausführungen vorgesehen habe.
Und nun ein dritter Gesichtspunkt, der dabei eine Ich habe gesagt, daß von diesen boomtreibenden
Rolle spielt. Nach den Angaben verschiedener For- Kräften, von denen ich gesprochen habe, keine neuen
schungsinstitute, insbesondere des Deutschen Insti- Gefahren für die Geldwertstabilität ausgehen dürf-
tuts für Wirtschaftsforschung, zeigt der Eingang von ten. Wir sind durchaus der Meinung, daß im Bereich
neuen Aufträgen bei der Investitionsgüterindustrie des privaten Konsums vorübergehend mit einer ge-
eher eine rückläufige Tendenz. wissen boomtreibenden Kraft zu rechnen ist. Von
Um schließlich noch einen Hinweis zu geben: auch anderer Seite ist beispielsweise auch vorausgesagt
vom Lageraufbau her ist nicht mit neuen Auftriebs- worden, daß im Bereich des privaten Verbrauchs für
tendenzen zu rechnen, wenn auch nicht zu verken- das zweite Halbjahr 1970 ein Rückgang der Zu-
nen ist, daß insbesondere im ersten Halbjahr noch wachsrate gegenüber dem zweiten Halbjahr 1969
mit einer gewissen Lageraufstockung bei der Fer- anzunehmen ist. Sicherlich kann im Rahmen der
tigwarenindustrie gerechnet werden muß. Globalsteuerung — und darauf müssen wir nachher
noch einige Akzente legen - auch auf den privaten
Fassen wir diese Überlegungen zusammen, so er- Bereich eingewirkt werden, doch sollte stets beachtet
gibt sich, daß von diesen drei boomtreibenden Kräf- werden, daß stabilitätspolitische Maßnahmen das
ten keine neuen Gefahren für die Geldwertstabilität Ziel eines stetigen Wirtschaftswachstums nicht be
ausgehen dürften. W o hl ist im Bereich des privaten einträchtigen.
Konsums möglicherweise vorübergehend mi t einer
gewissen boomtreibenden Kraft zu rechnen, doch Die Gefahren einer Rezession, meine Damen und
wird beispielsweise von dem Berliner Institut, das Herren, auf die auch der Sachverständigenrat hin-
ich nannte, in jüngster Zeit die Prognose aufgestellt, weist, können nicht mit einem Hinweis auf die
daß auch im Bereich des privaten Verbrauchs für das gegenwärtige Lage vom Tisch gewischt werden.
zweite Halbjahr 1970 ein Rückgang der Zuwachs- Wenn man nämlich die mit großer Wahrscheinlich-
raten gegenüber den vorausgegangenen Verhält- keit - ich sage: mit großer Wahrscheinlichkeit -
für das zweite Halbjahr 1970 vorausgesagte Ent-
nissen eintreten wird.
wicklung im Auge behält, so wäre es unter Berück-
sichtigung des time-lag zwischen Einleitung und
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter Wirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen — ich
Dr. Schachtschabel, gestatten Sie eine Zwischenfrage möchte vorsichtig formulieren - gefährlich, zu
des Abgeordneten Dr. Stoltenberg? harte stabilitätspolitische Maßnahmen zu ergreifen,
1286 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Schachtschabel
die an den gegenwärtigen, aus verzögerter Stabili- Ich möchte an dieser Stelle gleich noch eines
tätspolitik des vergangenen Jahres resultierenden sagen, um damit etwaigen Erwägungen seitens der
Folgen nichts mehr ändern, wohl aber zu einer Opposition in einer bestimmten Richtung entgegen-
neuen gefährlichen Abflachung im zweiten Halbjahr zutreten. Noch nie hat jemand, weder in der Wissen-
1970 führen können. Da, meine Damen und Herren, schaft noch in der Politik — es sei denn in Kreisen,
gilt wohl auch das Wort, daß man sorgsam darum die ich nicht kenne —, eine Prognose oder eine Pro-
bemüht sein muß, die gegenwärtige Konjunktur- jektion als Dogma oder als Evangelium bezeichnet.
politik im Sinne der Abschwächung und der Brem-
(Beifall bei der SPD.)
sung nicht zu übersteuern. Es ist durchaus richtig,
was in diesem Zusammenhang auch vorhin gesagt Meine Damen und Herren, an Prognose und Pro-
worden ist, daß Schritt für Schritt das abgebaut jektion — ich glaube, das wissen wir aus unserem
werden muß, was auf uns zugekommen ist. Erfahrungsbereich — sind allerdings zwei Anfor-
Lassen Sie mich noch auf einen Punkt aufmerksam derungen zu stellen. Zum einen sollen sie inhalts-
machen, von dem ich glaube, daß er heute morgen voll sein, und zum anderen müssen sie aller Wahr-
in einer gewissen Art und Weise hervorgehoben scheinlichkeit nach sicher und zutreffend sein und
worden ist, um die Wirtschaftspolitik in Frage zu damit weitgehend oder gar perfekt realisiert wer-
stellen. Dazu, glaube ich, ist es notwendig, ein paar den können. Erfahrungsgemäß wird diese Bedingung
Bemerkungen zu den Grundlagen der jetzigen Wirt- bei langfristigen Wachstumsprognosen eher erfüllt
schaftspolitik zu machen, die von der Bundesregie- als bei kurzfristigen Konjunkturprognosen.
rung vertreten wird. Mag man sie nennen, wie Es besteht kein Zweifel darüber, daß Prognosen
immer man will, ich würde sie als eine rationale und Projektionen seit ihrer Anwendung — auch
Wirtschaftspolitik bezeichnen, wobei ganz gewiß die hier im Rahmen der von der Bundesregierung prak-
Prognosen und Projektionen als Grundlage einer tizierten Wirtschaftspolitik — wesentlich verbessert
solchen Wirtschaftspolitik ausschlaggebende Bedeu- worden sind. Sie sind schon geschmeidiger gewor-
tung haben. Wir haben heute morgen in einem an- den, und es ist mit Gewißheit anzunehmen, daß sich
deren Zusammenhang gehört, daß man Projektionen dieser Vorgang der Verbesserung der Projektionen
als schlechte Wetterberichte bezeichnet hat, ganz weiterhin fortsetzen wird. Es muß Ziel sein und blei-
zu schweigen von einigen anderen Bemerkungen, ben, vor allem die Konjunkturprognosen zu ver-
die über Prognosen und Projektionen gefallen sind, feinern und gesichert auszugestalten. Auch der Sach-
und abgesehen davon, daß ich sicher bin, daß dar- verständigenrat stellt in diesem Sinne fest — ich
über auch von anderer Seite noch gesprochen wer- verweise auf Ziffer 265 —, daß sich die Möglichkeit
den wird. der Konjunkturprognose nachhaltig erweitern läßt
Lassen Sie uns diese Vorgänge einmal verdeut- — ich zitiere —, „wenn man die ökonometrische
lichen. Denn für die Wirtschaftspolitik und die Konjunkturforschung intensiviert".
wirtschaftspolitische Aktivität werden in zunehmen-
dem Maße Wirtschaftsprognosen und Zielprojek- Meine Damen und Herren, hier bietet sich für die
tionen herangezogen. Ich verweise nicht nur auf Wissenschaft wie für die Praxis ein weites Feld der
den Sachverständigenrat, nicht nur auf das Bundes- Betätigung. Herr Kollege Stoltenberg, ich greife
wirtschaftsministerium, nicht nur auf den Deutschen Ihren Hinweis von heute morgen auf, den Sie zum
Gewerkschaftsbund, sondern auch auf die vielen Schluß Ihrer Rede gegeben haben, daß es eines in-
privaten Konjunkturforschungsinstitute. Allerdings tensiven Dialogs mit der Wissenschaft bedarf. So
— und darüber soll in keiner Weise der Schleier haben Sie es wohl formuliert. Ich möchte das, was
des Geheimnisses gedeckt werden — weichen die ich hier als eine Ausweitung der ökonometrischen
gerade für das Jahr 1970 vorausgesagten makro- Konjunkturforschung bezeichne, auch mit in diesen
ökonomischen Zielgrößen teilweise voneinander ab. Katalog eingefügt wissen. Wie hoch die ökonome-
Insofern sind Zweifel aufgetaucht, ob Wirtschafts- trische Forschung veranschlagt wird, beweist die
prognosen und Zielprojektionen geeignete Grund- erstmalige Verleihung des Nobelpreises an die
lagen der Wirtschaftspolitik sind, ob sie der Orien- Wirtschaftswissenschaftler Ragnar Frisch aus Nor-
tierungshilfe zur Abstimmung des Verhaltens auto- wegen und Jan Tinbergen aus den Niederlanden.
nomer Gruppen dienen, speziell auch für konzer- Beide Forscher haben sich u. a. durch ihre Forschun-
tierte Aktionen. Die Frage stellt sich auch für die gen und ihre praktische Tätigkeit auf dem Gebiet
im Rahmen des Jahreswirtschaftsberichts der Bun- der Wirtschaftsprognose verdient gemacht.
desregierung vorgelegten Jahresprojektionen. Noch eine Bemerkung zur Aussagefähigkeit von
Prognosen und Projektionen beruhen auf einer Jahresprojektionen. Die Aussagefähigkeit von Jah-
Analyse zur Berechnung und Vorbestimmung künf- resprojektionen ist vor allem ein Problem der Infor-
tiger Wirtschaftsverhältnisse unter Annahme be- mationsbeschaffung. Sowohl der Sachverständigen-
stimmter Daten. Die Analyse stellt also — ich zitiere rat als auch die Bundesregierung haben darauf ab-
— „ein Urteil über künftige Wirtschaftslagen" auf gehoben, daß das konjunkturpolitisch relevante In-
der Grundlage einer Diagnose der gegebenen formationssystem dringend verbesserungsbedürftig
Gegenwartslage dar. Sie dient der Festlegung und sei. Die Bundesregierung fügt ergänzend hinzu, daß
laufenden Überprüfung wirtschaftspolitischer Ziel- sie sich bemühen will, „die Statistik" — ich zitiere —
setzungen. Die Prognose bildet somit die Voraus- „hinsichtlich der Aussagekraft und der Aktualität
setzung und den Ausgangspunkt rationaler Wirt- weiter auszubauen", obwohl dieses Anliegen — dar-
schaftspolitik, rationaler wirtschaftspolitischer Ent- über sollte man sich im klaren sein — sicherlich
scheidungen und Maßnahmen. auch mit relativ hohen Kosten verbunden ist.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1287
Dr. Schachtschabel
Ziel muß es aber sein, Zielprojektionen auf der ternehmerische Risiko erhöhen. Es ist, wenn ich es
Grundlage einer flexiblen oder rollierenden Planung recht verstanden habe, heute morgen am Rande
zu erstellen, wie dies im unternehmerischen Bereich auch darauf abgehoben worden. Nun, meine Damen
schon längst praktiziert wird, dort allerdings mit und Herren: „Einengung des Verhandlungsspiel-
dem Unterschied, daß offenbar diese Prognosen und raums" und gar „wegen der mangelnden Glaub-
Projektionen oder, wie man gemeinhin sagt, die Pla- würdigkeit eine Erhöhung des unternehmerischen
nungen nicht ideologisch belastet zu sein scheinen. Risikos" — wir können derartigen Argumentatio-
Bei uns herrscht immer die Vorstellung, daß man, nen nicht folgen. Denn für den Unternehmer sind
wenn man die Worte „Prognose", „Projektion" oder makroökonomische Größen einerseits Daten, also
gar „Planung" in den Mund nimmt, in die Nähe Größen, die er durch sein Handeln nicht direkt be-
irgendwelcher autoritären und zentralverwaltungs- einflussen kann, sie sind keine sogenannten Instru-
wirtschaftlichen Systeme rückt. mentvariablen. Andererseits erhöhen Prognosen und
Im unternehmerischen Bereich ist die Planung Projektionen den Grad der Information über diese
eine übliche Angelegenheit; denken Sie an Finanz- Daten. Zugleich sind sie Informationsquelle für
planung, Absatzplanung und entsprechende Über- alle Instanzen der staatlichen Wirtschaftspolitik so-
legungen. wie der Finanz- und Sozialpolitik und Richtschnur
ihres Handelns.
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Das Problem
Auf alle Fälle zeigt die auf diesen Grundlagen
des menschlichen Verhaltens spielt eine
aufgebaute Globalsteuerung an, in welcher Rich-
große Rolle!)
tung der Wirtschaftsprozeß abläuft und welche Maß-
— Ich komme gleich darauf. — Wie dort, so lassen nahmen von den wirtschaftspolitischen Instanzen
sich auch für die gesamtwirtschaftlichen Entwick- gemäß ihren Absichtserklärungen jeweils ergriffen
lungen gewisse, wenn auch elastisch zu haltende werden. Ich bitte Sie, auch den Jahreswirtschafts-
Prognosen und Projektionen erarbeiten. bericht zu vergleichen.
Es kann und soll nicht behauptet werden, daß Dies allerdings ist eine wesentlich bessere Grund-
Prognosen und Zielprojektionen gegenwärtig schon lage für unternehmerische Entscheidungen als die
absolut sicher oder gar unfehlbar sind. Doch besteht in der Vergangenheit betriebene, wie es der Bun-
kein Zweifel darüber, daß sie trotz ihrer derzeitigen deswirtschaftsminister Professor Karl Schiller ein-
Mängel die Grundlage einer zielorientierten und mal formuliert hat, partielle und ad-hoc-Konjunk-
wirkungsvollen Wirtschaftspolitik sind. Sie ermög- tur- und Wachstumspolitik; wobei zu berücksichti-
lichen eine rationale wirtschaftspolitische Aktivität, gen ist, daß eine solche partielle und ad-hoc-Kon-
die unbestreitbar besser und erfolgreicher ist als der junktur- und Wachstumspolitik den Unternehmer
im Rahmen wirtschaftlicher Laissez-faire-Vorstellun- plötzlich und unvorhergesehen vor völlig neue
gen praktizierte Interventionismus, der nachträglich Situationen stellt.
an Symptomen herumkorrigiert hat,
Schließlich ist es völlig abwegig, meine Damen
(Beifall bei der SPD) und Herren, das System der Globalsteuerung auch
wobei es sich um eine Wirtschaftspolitik handelt, nur in die Nähe zentralverwaltungswirtschaftlicher
die fallweise, punktuell und meistens nur nach- Systeme zu rücken oder rücken zu wollen. Wer
träglich dann eingesetzt worden ist, wenn es schon dies tut, hat nicht die geringste Ahnung von einer
zu spät gewesen ist. modernen rationalen Wirtschaftspolitik.
(Abg. Köppler: Gehen Sie doch mit Herrn (Beifall bei Abgeordneten der SPD.)
Schiller nicht so hart ins Gericht!)
Denn bei der Globalsteuerung handelt es sich nicht
Es geht heute, wie der Sachverständigenrat be- um ein imperatives System, um ein befehlendes
reits in seinem Jahresgutachten 1967 Ziffer 282 System, so wie es in der Zentralverwaltungswirt-
konstatiert und wie er im Jahresgutachten 1969/70 schaft praktiziert wird, sondern um ein indikatives
Ziffer 266 erneut betont, darum, daß — Zitat — System, um ein richtungweisendes System. Diese
„die Wirtschaftssubjekte mit glaubwürdigen Zu- Globalsteuerung ist und will nichts anderes sein
kunftsinformationen versorgt werden müssen, um als eine notwendige Orientierungshilfe, und zwar
die Funktionsfähigkeit des Marktmechanismus" zu eine notwendige Orientierungshilfe wirtschaftspo-
verbessern. Ziel ist in der Tat, darüber gibt es litischer Aktivität im makroökonomischen Raum.
keinen Zweifel, ein System der Globalsteuerung zu Globalsteuerung ist für die unternehmerischen Ent-
entwickeln und improvisierte konjunktur- und haus- scheidungen, so meinen wir, eine grundlegende
haltspolitische Maßnahmen — ich sage: improvi- Hilfe. Sie baut Unsicherheiten und damit Risiken
sierte — zu vermeiden, die bekanntlich wenig er- ab. Überdies trägt sie zur Erhöhung der Transpa-
folgreich eingesetzt worden sind. renz der Märkte bei und fördert die Funktionsfä-
higkeit des Wettbewerbs auch im mikroökonomi-
Allerdings ist verschiedentlich behauptet worden,
schen Raum.
und jüngstens sogar da und dort in gewissen Ver-
öffentlichungen, die den Anspruch erheben, wis- Dies allerdings sollte zu dem Jahreswirtschafts-
senschaftlicher Art zu sein, daß die Zielprojektionen, bericht gesagt werden, weil dieser Jahreswirt-
weil sie der Globalsteuerung im makroökono- schaftsbericht nicht nur rückblickend ein' Ergebnis
mischen Bereich dienen, den Verhandlungsspiel- aufzeigt, von dem wir alle wissen, wie es politisch
raum der privaten Wirtschaftssubjekte einengen und wirtschaftspolitisch entstanden ist, sondern
und wegen der geringen Glaubwürdigkeit das un- weil dieser Jahreswirtschaftsbericht auch eine
1288 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Schachtschabel
Grundlage für das darstellt, was vor uns liegt. Ich rungsrate eingesetzt haben. Sie mögen darüber
glaube, wenn man unter Berücksichtigung dieser reden, wie Sie wollen. Aber wir haben eine
Ausführungen und der damit gegebenen Einzel- Zielgröße, die als solche doch schon von Bedeu-
heiten, die ich andeuten konnte, auf die kommende tung ist, weil sie die Absichten derjenigen, die
Zeit unserer Wirtschafts- und Konjunkturpolitik das machen, wiedergibt.
blickt, daß man wohl das geeignete Instrumen-
Heute sind Sie diejenigen, die das machen.
tarium hat, um auch der jetzt gegebenen Situation
Herr zu werden, also eine Situation zu meistern, die (Zuruf von der SPD.)
ganz gewiß — und das soll nicht geleugnet wer-
den — doch immerhin den gravierenden Punkt der — Wir werden sehen, ob der Dank berechtigt ist.
Preisinstabilität zeigt. Doch sind wir der Meinung,
daß ein solch ausgebautes wirtschaftspolitisches In- Dann wollen wir also wieder auf die Zahlen
strumentarium auf der Grundlage der angedeute- zurückkommen. Ich war bei der einkalkulierten,
ten Voraussetzungen den Erfolg sichert, uns auch antizipierten . . . Preissteigerungsrate für die
über die weitere Entwicklung hin in eine wachsen- nächsten vier Jahre.
de Wirtschaft hineinzuführen, und zwar bei gege-
Da hätte ich gern gewußt, was der Herr Bundes-
bener Preisstabilität.
finanzminister vorhat. Wir haben von uns aus
(Beifall bei den Regierungsparteien.) bekannt, wie wir uns die Sache vorstellen . . .
Vielleicht kommen Sie auch auf die abfallenden
Preissteigerungsraten 3 — 2, 2 — 1. Dann würde
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der ich mich sehr freuen. Aber gehört haben wir die
Abgeordnete Höcherl. Zahlen noch nicht.
Wir auch nicht, Herr Bundeswirtschaftsminister.
Höcherl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr
- (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.)
verehrten Damen und Herren! Ich weiß nicht, ob es
Ihnen ähnlich gegangen ist wie mir, aber ich hatte Das war ein Zitat aus der Bundestagssitzung vom
den Eindruck, die Einbringungsrede des Herrn Bun- 1. Dezember 1965. Sprecher war der damalige Bun-
deswirtschaftsministers wirkte etwas müde. Ich habe destagsabgeordnete, der letzte und heutige Bundes-
durchaus Verständnis für ihn. Er ist in einer schwie- wirtschaftsminister Professor Dr. Schiller, den wir
rigen Situation: kaum 120 Tage an der Regierung aus der „Talsohle" über den „Aufschwung nach
und schon so ernste Schwierigkeiten, die auch den Maß" — bis zum Übermaß — in der Großen Koali-
Herrn Bundeskanzler veranlaßten, das Wort zu er- tion jetzt auch noch auf eine Konjunktursafari „Sta-
greifen mit einer allgemeinen Vertrauenswerbung. bilität ohne Stagnation" begleiten sollen.
Zur Sache selbst ist noch nicht viel gesagt worden. (Heiterkeit bei der CDU/CSU.)
Ich nehme an, daß das noch kommt.
Dieses Zitat, meine Damen und Herren, aus der
(Heiterkeit bei der CDU/CSU.) Premiere des damaligen Bundestagsabgeordneten
Es ist schade, Herr Bundeswirtschaftsminister Schiller, das ich in Ihr Gedächtnis zurückrufen
Schiller, wir kennen Sie als einen feurigen und an- durfte, hat hohen Aktualitätswert. Es stammt sozu-
griffslustigen Redner. Das war heute ganz und gar sagen aus der „klassischen Zeit" von Professor
nicht so die Art, wie wir Sie kennen. Aber wenn Schiller.
man unter dem Druck eines so verschwenderisch (Erneute Heiterkeit bei der CDU/CSU.)
ausgestatteten Regierungsprogramms steht und hal- Weil die Frage so klassisch und so aktuell ist,
ten soll, was so großartig versprochen wurde, dann möchte ich sie mir aneignen und die Bundesregie-
kann ich verstehen, daß das nicht so einfach ist. rung, vor allem den für die Konjunkturpolitik
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU.) verantwortlichen Bundeswirtschaftsminister fragen
— das ist die berühmte Gretchenfrage, die heute
Wie mutig und aggressiv Professor Schiller zu schon gestellt wurde —: Wie halten Sie es mit der
argumentieren wußte, meine Damen und Herren, Preissteigerungsrate für die nächsten vier Jahre?
das sollten Sie einmal aus folgenden Sätzen ent- Haben Sie in Ihrer Planung eine Kadenz 3 — 2 — 1
nehmen, die am 1. Dezember 1965 in der Jungfern- vorgesehen?
rede — nein, ich muß sagen: Premiere, Jungfernrede
ist hier nicht angebracht — gefallen sind: Wir alle wissen, wie sehr die Bevölkerung von
dieser Entwicklung beunruhigt ist. Niemand sollte
(Heiterkeit bei der CDU/CSU.) sich über diesen Prozeß der Preissteigerungen wun-
dern. Was hat die Regierung in dieser Situation
Aber mich interessiert außerordentlich . . . — getan? Was sie getan hat, war „Seelenmassage nach
und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie freischaffender Künstler Art; aber wohin soll die
darüber Auskunft geben könnten —, . . . was Reise gehen?" — ebenfalls ein Zitat von Herrn
für eine Preissteigerungsrate Sie für die mittel- Professor Schiller. „Wo ist das sagenhafte Instru-
fristige Finanzplanung einsetzen. mentarium, wo das moderne Lehrbuch, wo die
Wirksamkeit Ihrer Wirtschafts- und Finanzpolitik?
Darüber möchte ich gern eine Auskunft von Wo ist die Politik, um die ungeheuren Preissteige-
Ihnen haben. Ich habe Ihnen gesagt, daß wir in rungsraten" — damals — „Schritt für Schritt zu-
unseren Planungen eine abfallende Preissteige rückzubringen? Im nebligen Dämmerlicht dieser Re-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1289
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gierung wird nichts klar, nichts deutlich" - so gemacht und die Öffentlichkeit in den Glauben ver-
damals gesagt, so heute gültig. setzt, daß die Aufwertung die einzige Wunderwaffe
sei, den Boom in Wachstum mit Stabilität zu ver-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
wandeln. Wenn aber jemandem in öffentlichen
Der Jahreswirtschaftsbericht, über den wir zu Äußerungen Zurückhaltung in bezug auf die Wäh-
diskutieren haben, ist sozusagen der amtliche Über- rungsfrage auferlegt war, dann dem für die Wäh-
bau über dem Jahresgutachten des Sachverständi- rungspolitik verantwortlichen Ressortminister.
genrates, das im agrarpolitischen Teil eine sehr,
(Beifall bei der CDU/CSU.)
sehr schwache Stelle hat,
(Abg. Struve: Das kann man wohl sagen!) Aber damals schien es Ihnen wichtiger zu sein,
Schiller-Kreuze für die Wahl zu sammeln. Sie haben
meines Erachtens die schwächste Stelle. Genau das Ihre währungspolitischen Vorschläge sogar mit dem
gilt auch für den Jahreswirtschaftsbericht. Dort sehr seichten Argument des Tourismus unterstützt
wird in allem Ernst die Alternative aufgestellt, daß und dabei die auf der Lauer liegende internationale
es dem deutschen Bauern gleichgültig sein könne, Spekulation geradezu angereizt.
ob er das Geld aus der Staatskasse oder über den
Markt und über den Preis bekomme. (Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.)
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.) Wir stehen heute vor den Folgen, nachdem an-
dere Partnerstaaten, mit denen wir eng verflochten
Der Überbau über dem Jahresgutachten des Sach- sind und die ebenfalls bis zum heutigen Tage auf-
verständigenrates und alle übrigen mit der Erfor- wertungsverdächtig sind, nicht mitgezogen haben.
schung des Konjunkturverlaufs befaßten Einrich- Es ist auch intellektuell nicht zu rechtfertigen, aus
tungen ist für meinen Geschmack zu polemisch und dem dichten Netz von Sachbezügen, das für eine
stellenweise sogar feuilletonistisch abgesetzt. An Konjunkturlage verantwortlich ist, einen wenn auch
mehr als zehn Stellen wiederholt sich der Hinweis sehr bedeutsamen - das soll nicht bestritten wer-
auf die verspätete Aufwertung und ihre Folgen, den - Faktor herauszugreifen und die ganze Analyse
und auch heute hat es in allen Regierungsbeiträgen darauf zu konzentrieren.
nicht nur Fußnoten, sondern nur diesen einzigen
Grund gegeben. Der Bericht geht großzügig an den Sie haben schließlich Ihre Aufwertung am 27. Ok-
liquiditäts- und zinspolitischen Folgen der Aufwer- tober vergangenen Jahres de jure vollzogen, aber
tung vorbei, mit denen wir uns zur Zeit auseinan- ohne ausreichende Vorbereitung wenigstens im
dersetzen müssen. Diese Methode ist nicht neu. Mit EWG-Bereich, der sich seit dem 17. Juli 1969 zu einer
der Gründung der Großen Koalition wurde der gemeinsamen Konjunkturpolitik verbunden hatte.
gleiche Film abgespult, als Sie eine Rezession aus Im übrigen hatte ich schon zum Ausdruck gebracht,
koalitionstaktischen und profiltaktischen Gründen daß die Koordinierung der wirtschaftlichen Zielvor-
zu einer großen Krisis umfunktionierten. stellungen innerhalb der EWG nach unserer Auf-
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Jawohl, so fassung nicht die Preisgabe der Währungsstabilität
war das!) bedeuten darf.

Ich will nun den unseligen Aufwertungsstreit nicht Wir bejahen die in dem EWG-Wirtschaftsbericht
wieder abspulen. Aber so viel steht nach dem öffent- programmierten Leitvorstellungen, aber wir ver-
lichen Hearing mit dem früheren Bundesbankprä- missen hinrreichend konkrete Harmonisierungs-
schritte in wichtigen Bereichen und wir bedauern
sidenten Blessing vor dem Bundestag fest, nämlich
vorschnelle Kompromisse. Wir bezweifeln aber auch,
daß die Bundesbank die Aufwertung schon im Sep-
ob bei dem gegenwärtigen Stand das Instrumenta-
tember 1968 gefordert hat. Sie haben heute den
rium zur tatsächlichen Koordinierung der Wirt-
schönen Leitsatz gebraucht: „Mit der Bundesbank
schaftspolitik bereits ausreicht.
Arm in Arm." Als Sie noch fleißig Koks in den Ofen
der Konjunktur schütteten, hat die Bundesbank die Der sprachschöpferischen Beredsamkeit, die wir
Aufwertung gefordert. Wenn man sich also auf den so sehr an Ihnen schätzen, Herr Minister Schiller,
Boden der Aufwertungsbefürworter stellt — das ist folgen ein Tal des Schweigens und eine Zone des
für mich kein Dogma, sondern eine technische Zögerns im Handeln, nachdem Sie immer so viel
Frage , war auch das Frühjahr 1969 zu spät; geredet hatten.
(Abg. Dr. Schwörer: Sehr richtig!) (Beifall bei der CDU/CSU.)
um auch hier die Dinge einmal klarzustellen. Mit erheblicher Verzögerung ist dann Ende Ja-
(Beifall bei der CDU/CSU.) nuar 1970 unter dem Druck der öffentlichen Mei-
nung und dem Drängen der Opposition der Katalog
Ich will auf eine Wiedergabe Ihrer vielen, vom No- flankierender Maßnahmen gefolgt, den wir im An-
vember 1968 his in das Frühjahr 1969 reichenden satz für richtig, im Zeitpunkt aber und im Ausmaß
prozyklischen Äußerungen und Vorschläge zu dieser für unzureichend, unterernährt und zu schematisch
Frage verzichten. Im Mai 1969 aber war ein Vor- halten. Eine Haushaltsführung über ein halbes Jahr
schlag von 6,25 % angesichts der bereits bestehen- mit einem Zwölftel läßt jede Prioritätsrücksicht ver-
den 4%igen außenwirtschaftlichen steuerlichen Ab- missen. Vor allem auf dem konjunkturneutralen, ja,
sicherung nicht mehr als seriös zu bezeichnen. ich möchte sagen, antizyklischen Sektor der Struk-
Sie, Herr Professor Schiller, haben mehr als jeder turpolitik wären heute, in dieser Situation, ein-
andere die Aufwertung zu einem Wahlkampfthema malige Gelegenheiten.
1290 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

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Sie, Herr Professor Schiller, und ich haben damals Informationen gibt — bei Fortsetzung dieser Preis-
zusammen strukturpolitische Projektionen entwor- entwicklung in anderen Ländern, vor allem die
fen. Jetzt, in der Zeit des Booms, wäre Gelegenheit zweite Rate der Aufwertung, mit der Sie im Kabi-
und stünden auch die Mittel zur Verfügung, um hier nett durchgefallen sind, aus dem Zylinder Ihres
Entscheidendes nachzuholen. Wäre es nicht ange- magischen Trickkastens holen oder überhaupt immer
bracht, in der jetzigen Phase hoher Steuerüber- nach Bedarf hilfreich für die anderen an dieser
schüsse und der Haushaltssperren der Struktur- Schraube drehen wollen? Können Sie, Herr Professor
politik ein verstärktes Augenmerk zu widmen, aber Dr. Schiller, die Inflationspolitik des Auslandes sach-
auch auf dem Gebiet der Altenfürsorge, der Kran- gerecht einschätzen?
kenfürsorge, der Erholungs- und Sportstätten und Der Jahreswirtschaftsbericht mündet wie in den
nicht zuletzt im Bildungsbereich etwas zu tun? Zu vergangenen Jahren in die kurz- und mittelfristigen
allermindest müßten meines Erachtens die zweifel- Zielvorstellungen. Ich brauche hier den Weg der
los zu erwartenden Steuermehreinnahmen, die über Irrungen und Wirrungen, die bis in Ihre letzte Pro-
die Schätzungen hinausgehen werden, für diese jektion hineinreichen, nicht nachzumessen. Der Be-
Zwecke sichergestellt und gebunden werden. richt der Bundesbank muß eine arge Enttäuschung
(Beifall bei der CDU/CSU.) für Sie gewesen sein.
Die Reduktion der Ausgaben noch im Haushalts- (Beifall bei der CDU/CSU.)
jahr 1969 hätte dem Aufwertungsbeschluß auf dem
Die Zielvorstellungen stimmen zum Teil bis zu hun-
Fuße folgen müssen. Dann wäre es auch nicht zu dert Prozent nicht. Projektionen sind sicher ein wich-
der Ausgabenhypertrophie, zu diesem Wildwuchs tiges Instrument, aber man sollte sie nicht als
im November und Dezember 1969 gekommen. Kol- Dogma hinnehmen. Zahlenspiele dienen gewöhnlich
lege Stoltenberg hat einen Betrag von 3 Milliarden mehr zur Vernebelung der Schau. Die neuen Projek-
DM als Vergleichszahl genannt, die dann listig zur tionen stellen darüber hinaus einen Bruch in der
Verniedlichung des Ausgabensteigerungssatzes Ver- bisherigen Entwicklung dar, den wir als Opposition
wendung gefunden hat. Eine wirkliche Flaggen- nur zutiefst bedauern können.
parade!
Sie haben in der Textziffer 24 die Abweichungen
In diesem Zusammenhang darf nicht die ver- des Ist vom Soll sehr geschickt in absolute Zahlen
schwenderische, auf Schau gemachte Regierungser- verpackt und in Relation zum Bruttosozialprodukt
klärung mit dem Füllhorn von Versprechungen ver- gesetzt und damit einen Test Ihrer prophetischen
gessen werden. Wir warten aber noch heute auf Kraft gegeben. In Prozentsätzen ausgedrückt ist
die Antwort auf die Kleine Anfrage — Drucksache dieses Bild etwas eindrucksvoller. Wir kommen bei
VI/215 — der Abgeordneten Strauß und Genossen, in den Prozentsätzen zu Abweichungen bis zu 100 %
der auf vier Seiten dieses maßlos übersetzte Pro- und mehr. Das will schon etwas bedeuten. Wenn
gramm der inneren Reformen auf den Prüfstand des auch diesen Zahlen keine verpflichtende Kraft zu-
Haushalts und des Stabilitätsgesetzes gestellt wer- kommt, so sind sie doch in offizielle Gewänder und
den muß. Wenn auch ein großer Teil dieses Premie- Kostüme gekleidet, die in der Regel Aufmerksamkeit
renerfolges in der Regierungserklärung durch Ab- und Beachtung bei dem obrigkeitshörigen Bürger —
striche, Verschiebungen und Korrekturen wieder und so ist das System auch angelegt und gemeint —
verblaßt ist, so hätten Sie als der für die Konjunk- finden. Die kleinen Verbesserungen durch das Ab-
turpolitik und für die Konjunktur verantwortliche gehen von den letzten Stellen hinter dem Komma
Minister ein solches Tableau nicht durchgehen las- und das Ausweichen auf Margen und Bandbreiten
sen dürfen. Sie waren drei Jahre in der letzten Re- ist zwar ein Ansatz, aber eben nur ein Ansatz zu
gierung und hatten Zugang zu allen Informationen. besserer intellektueller Reflexion.
Es gibt also keine Entschuldigung für eine solche
unhaltbare politische Versprechenseskalation. Das Bundeswirtschaftsministerium hat im Novem-
ber 1968 in einer Broschüre über die Methoden zur
(Beifall bei der CDU/CSU.) Erstellung und Projektierung der mittelfristigen
Meine Damen und Herren, wenn das, was man aus Wirtschaftsentwicklung mit bemerkenswerter Offen-
dem schwachen Rinnsal der für die Opposition heit die vielen Unbekannten einer solchen Gleichung
fließenden Informationen aus dem Regierungslager dargestellt. Für die Öffentlichkeit erscheinen aber
entnehmen kann, richtig ist, wollten Sie in den schließlich immer wieder kompakte und feste Zahlen,
Dämpfungsmaßnahmen — genauso wie damals beim die nach Abstammung und Herkunft regierungsamt-
Aufwertungssatz — noch etwas höher greifen. Dieses lichen Charakter tragen und damit geeignet sind, die
Mal hat Sie aber nicht eine starke Regierungspartei Wirtschaftssubjekte zu beeinflussen.
an den guten Werken konjunkturpolitischer Barm- (Abg. Frau Griesinger: Hört! Hört!)
herzigkeit gehindert, sondern es waren Ihre eigenen
Freunde und der David der Kleinen Koalition. Warum werden im Jahreswirtschaftsbericht, der
doch letzten Endes eine politische Aussage darstellt,
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.) diese vielen Fehlerquellen angesichts der unüber-
In diesem Zusammenhang muß ich die Frage stel- sehbaren Faktoren, die den Wirtschaftsprozeß
len, wie einige Textziffern des Jahreswirtschaftsbe- steuern, bei den nach wie vor dürftigen statistischen
richts aufzufassen sind. Dort ist in verschleiernden Unterlagen — um deren Verbesserung sich die
Worten die Möglichkeit angesprochen, offen auch Regierung bemühen sollte — nicht deutlicher her-
weiterhin in die Saiten des Aufwertungsinstruments ausgestellt? Dabei kommt es entscheidend auf die
zu greifen. Soll das heißen, daß Sie — worüber es nicht quantifizierbaren psychologischen Faktoren in
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1291
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einer freiheitlichen Wirtschaft an, die durch die Es sind so unerhörte Beträge, die hier in der Dis-
Entscheidungsträger in diesen Prozeß hineinwirken, kussion stehen und die sich nur kraft des mehr oder
so daß es an einer tragfähigen Basis sowohl für weniger anonymen Ablaufs in ihrer Bedeutung
eine sichere Prognose als auch noch mehr für eine nicht mehr und nicht ganz ins Bewußtsein der brei-
Globalsteuerung, dem liebsten Kind unseres Bun- ten Öffentlichkeit einprägen. Damit ist ihre Wirkung
deswirtschaftsministers, fehlt. aber keineswegs erschöpft. In unserer bisherigen
Wirtschaftspolitik über 20 schwere Jahre hinweg, in
Natürlich soll nichts generell gegen das Instru-
den Aufbaujahren während der Nachkriegszeit, ist
ment einer Globalsteuerung, gegen diese Methode es uns gelungen, Sie, die Linken, einmal zur sozialen
gesagt werden. Aber es hat keinen Sinn, dieses Marktwirtschaft zu erziehen
Instrument wie ein Evangelium zu behandeln. Viel
wichtiger wäre es, das Vertrauen zu stärken, die (Beifall bei der CDU/CSU)
selbstregulierenden Kräfte in der Wirtschaft zu
wecken, um dem Volk das Bild einer Regierung zu und die Kontinuierlichkeit des Wachstums und des
geben, die mit Wachstum und Stabilität umzugehen Zahlungsbilanzausgleichs sicherzustellen, mit der
weiß, wachsam, skeptisch und ohne heimliche wir mit einigen wenigen Staaten vergleichbarer Art
Fluchtgedanken in eine gemütlichere Welt des so- über 20 Jahre einsam die Spitze der Stabilität gehal-
genannten modernen SPD-Deutschland. ten haben. Damit ist nachgewiesen, daß die Stabili-
tät — und nur sie — die wahre Quelle der Voll-
(Beifall und Heiterkeit bei der CDU/CSU.) beschäftigung, aber auch des Wachstums und damit
auch einer geordneten Zahlungsbilanz ist, die uns zu
Gravierend und hochpolitisch wird die Sache aber, den Leistungen an das Ausland, zu den politischen
wenn diese Projektionen als wirtschaftspolitische Zahlungen, dem erstaunlichen Beitrag zur Entwick-
Zielsetzungen aufgenommen werden und die kurz- lungshilfe und dem zunehmenden Kapitalexport be-
und mittelfristige Wirtschaftspolitik allein darauf fähigen. Wir sind der Auffassung, daß das wirt-
abgestellt wird. Hier stellt sich für die Opposition schaftliche Wachstum langfristig nur durch die Erhal-
die entscheidende Frage, die immer und von allen tung der Währungsstabilität gesichert werden kann.
Rednern hier angesprochen worden ist. Ich möchte Kurzfristige Wachstumsschwankungen, auch wenn
sie von einer anderen Seite beleuchten: Das Pro- es einmal jährlich nur 1 bis 2 % sein sollten, sind
blem der Stabilität, verbunden mit den weitreichen- langfristig letztlich eine solidere Politik.
den Zielen einer besseren Verteilung des Ver-
mögens und der Gesellschaftspolitik, die nicht nur Nach § 1 des Stabilitätsgesetzes — daran muß
auf lange Sicht die Vollbeschäftigung, Wachstum neuerdings erinnert werden — ist die Regierung
und eine ausgeglichene Zahlungsbilanz bestimmen. verpflichtet, „bei ihren wirtschafts- und finanzpoli-
Für die Opposition ist die Stabilität der zentrale tischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamt-
-Faktor in dem magischen Viereck der Stabilitäts wirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten". Alle
und Wachstumsgesetze. diese Maßnahmen „sind so zu treffen, daß sie im
Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleich-
Es geht um ein entscheidendes wirtschaftliches
zeitig zur Stabilität des Preisniveaus" und zu den
Gut der breiten Schichten unseres Volkes, was fol-
übrigen Kategorien beitragen. Nun frage ich Sie:
gende Zahlen zeigen mögen. Eine Preissteigerungs-
rate von 3 °/o, wie Sie vor wenigen Tagen noch ge- Wo ist der 'Beitrag der Bundesregierung zur Stabi-
lität? Im übrigen hat ein internationaler Vergleich,
schrieben haben — die Tinte ist noch nicht trok-
der jüngst in einer wissenschaftlichen Arbeit an
ken —, die heute bereits bei 3 1/2 % steht, bedeutet
15 Industriestaaten über 50 Jahre hinweg geführt
einen Kaufkraftverlust für den Verbraucher von
wurde, ergeben, daß es die Stabilität und nur sie
jährlich 10 Milliarden DM und für den Sparer einen
ist, die auch die entsprechenden Wachstumsraten
Verlust von 7 bis 8 Milliarden DM pro Jahr.
gesichert hat. Das beste Beispiel sind die 20 Jahre,
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.) in denen wir selbst die entscheidende Regierungs-
verantwortung mit der Stabilitätspolitik getragen
Ein solcher Betrag entspricht in etwa den Dimen- haben,
sionen, die für , die Vermögensbildung insgesamt (Beispiel bei der CDU/CSU.)
eingesetzt werden. Das ist eine Zumutung für den
deutschen Sparer; denn der Betrag erreicht die Wir verstehen aber diesen Begriff der Stabilität kei-
Größenordnung aller Förderungsmaßnahmen der neswegs in den engen Grenzen einer Zahlenreihe
Regierung zur Vermögensbildung der breiten von 1 oder 2 0/0; wir verabsolutieren ihn auch nicht.
Schichten. Selbstverständlich muß dieser Begriff in einer Volks-
wirtschaft mit unausgenützten Produktionsfaktoren
Für uns ist die Sicherheit der Währungsstabilität abgewandelt werden. Für uns aber ist Stabilität
das Kernproblem, ebenso wie eine gleichmäßige aus den angeführten Gründen der Basisfaktor jeder
Verteilung der Vermögen. Wir sind auch nicht be- auf die Dauer erfolgreichen Konjunkturpolitik, und
reit, im Interesse kurzfristiger Wachstumsgewinne hier beginnen unsere ernsten Zweifel. Eine Preis-
dieses Anliegen in Frage stellen zu lassen. Wenn steigerungsrate von 3 % für 1970 und von 2 bis
sich diese Regierung als Regierung der inneren Re- 3 % für die mittelfristige Finanzplanung, die ihrer-
formen deklariert, dann ist es um so unverständ- seits methodisch nach Ihrer Ausarbeitung, die ich
licher und widersprüchlicher, wenn sie von vornher- zitieren konnte, in eine langfristige Vorausschau auf
ein zuwenig Willen und Tatkraft zur Erhaltung die- 15 Jahre eingebunden ist, ist für uns unerträglich,
ser gefährdeten Stabilität bekundet. nicht nur deshalb, weil schon das Inkaufnehmen
1292 Deutscher Bundestag — 6. WahlperIode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

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eines für unsere bisherige Praxis und für unser Zahlungsbilanz. Für unsere politische Auffassung ga-
Empfinden — wir Deutschen sind nach den Wäh- rantiert die Stabilität auch die freiheitlich-wirtschaft-
rungskatastrophen hochempfindlich — extrem hohen liche Ordnung, die wir im Wettbewerb gegen die
Satzes bedeutet, daß man erst bei Erreichen oder gar kollektiven Kräfte der östlichen Zentralverwal-
bei Überschreiten dieses bereits zu hohen Ansatzes tungswirtschaften einzusetzen haben.
auf die Bremsen tritt. Wir glauben, daß eine Pro- Meines Erachtens kommt in den Diskussionen
jektion von 3 % auch bei weiter Interpretation des zum Sachverständigengutachten und zum Jahres-
Stabilitätsgesetzes im Widerspruch zu dem Geist wirtschaftsbericht ein Gedanke zu kurz, nämlich
und dem Wortlaut dieses Gesetzes steht. der Gedanke der rechten Ordnung im ökonomischen
Für uns ist es keineswegs eine Empfehlung, daß Bereich, vor allem einer besseren Vermögensbildung
die EWG in ihrer mittelfristigen Finanzplanung für die breiten Schichten. Die Opposition wird mit
einen ähnlichen Satz für die harmonisierte EWG- eigenen Vorschlägen und Konzeptionen ein weiteres
Wirtschaftspolitik empfiehlt. Koordinierung der Stockwerk auf ihre bisherige Vermögenspolitik über
EWG-Konjunkturpolitik muß mehr sein als nur Sparförderung, Volksaktien und Eigenheime auf-
die Mittlung der Inflationsraten, zumal wenn der zubauen wissen.
deutsche Wirtschaftsminister, wie er auch heute be- (Beifall bei der CDU/CSU.)
kannt hat, die Federführung und die Initiative für
die Koordinierung der EWG-Konjunkturpolitik in Wie könnte diese Sparfähigkeit, diese Sparnei-
gung besser gefördert werden als über die Stabi-
Anspruch nimmt. Wir sehen in diesem Vorgehen
lität, die die bisherigen Werte bewahrt und die
der EWG vielmehr eine offene Verletzung des
neu zu schaffenden ermöglicht und sie garantiert?
Art. 104 der Römischen Verträge und ein trauriges
Wenn Sie aber schon 3 °/o Preissteigerungsrate ein-
Eingeständnis der Hilflosigkeit der EWG-Wirtschaft,
setzen, dann erblicken wir darin eine Schwäche,
Währungsdisziplin zu halten. Daß andere Staaten
eine Kapitulation vor den Einflüsterungen falsch
noch weit darüber hinaus geraten, erfüllt uns keines-
verstandener Wachstumspolitik.
wegs mit Selbstgefühl, sondern mit Bedauern für die
breiten Schichten von Sparern und Arbeitnehmern (Beifall bei der CDU/CSU.)
in diesen Volkswirtschaften. Im übrigen ist die Entwicklung bereits über diese
Das Wort „wirtschaftliches Wachstum" geht Ihnen 3 %hinweggegangen. Die Preise für die Investi-
so leicht von den Lippen, Herr Bundeswirtschafts- tionsgüter sind um mehr als 5 % gestiegen. Bis sie
die Produktions- und Handelsstufe erreichen, wird
minister. Ich will dabei gar nicht auf Ihre sehr an-
fechtbare Behauptung zurückkommen, 1966 und 1967 ein weiterer Druck auf die Verbraucherpreise aus-
3) seien uns Produktionen im Werte von 30 Milliarden geübt, ganz zu schweigen von den administrierten
Preisen. Ich habe durchaus Verständnis und erken-
DM entgangen, wobei Sie das Ergebnis des Booms
ne es an, wenn Sie auf dem Verkehrssektor zu
von 1965 großzügig aus der Rechnung herausge-
Margentarifen übergehen wollen. Aber sehen Sie
lassen haben. Es gibt aber keine Auslegung, auch
sich auf dem breiten Sektor der administrierten
nicht der Keynes'schen Theorien, die es gestatten
Preise die Lage einmal an, vor allem in den städti-
würde, wirtschaftliches Wachstum auf andere Gründe
schen Gemeinwesen, dann wissen Sie, wieviel es
zurückzuführen als auf mehr Arbeit oder höhere
geschlagen hat! Die hohen Kreditkosten bei fallen-
Produktivität. der Selbstfinanzierungsrate müssen sich mit der
(Beifall bei der CDU/CSU.) üblichen Verzögerung auf die Verbraucherpreise
Das sind die beiden Elemente des Wirtschaftswachs- niederschlagen.
tums. Da für uns die Arbeitszeit nach unserem Hilft eine internationale konzertierte Aktion
Menschenbild unter dem Gesetz der Degression oder, wie Sie es genannt haben, eine Abrüstung
steht, gibt es für dauerhaftes Wachstum nur den in der Zinspolitik? Wir haben Erfahrung mit Abrü-
Weg über die ständig steigende Produktivität der stungskonferenzen. Diese internationale Abrü-
Volkswirtschaft. Diese Produktivität hängt von stungskonferenz zur Zinssenkung wird genau das
einem ausreichenden Maß an Investitionen ab. So- Schicksal wie alle bisherigen Genfer Abrüstungs-
weit diese Investitionen nicht durch Eigenfinanzie- konferenzen haben.
rung entstehen, werden sie volkswirtschaftlich kor-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
rekt nur über den Sparprozeß ermöglicht. Es genügt
also nicht das Strohfeuer einer manipulierten Kon- Nach dem letzten Bericht der Deutschen Bundes-
junkturanheizung, sondern entscheidend ist die För- bank wird auch die Bundesbank — wenigstens für
derung der Sparfähigkeit und des Sparwillens der die nächste Zeit — Sie auf dieser Expedition gar
breiten Bevölkerungsschichten. nicht begleiten können. Das ist deutlich und klar
zum Ausdruck gebracht worden. Ihre Erwartungen
Ich darf wiederholen: diese Investitionen zur Ver- hinsichtlich der Senkung der Nahrungsmittelpreise
besserung der Produktivität sind in korrekter Form sind nur sehr bescheiden in Erfüllung gegangen.
nur über den Sparer zu gewinnen. Der verdienst- Es hat sich nämlich deutlich gezeigt, daß die Sen-
volle, unentbehrliche, meist verschwiegene Partner kung der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise we-
der wachsenden Volkswirtschaft, nämlich der Sparer, gen ihres zunehmend geringeren Anteils am End-
braucht Stabilität und Vertrauen. Deshalb auch ist produkt, das seinerseits die steigenden Kosten ver-
für uns die Stabilität der zentrale Faktor als Vor- dauen muß, sich eben nicht niederschlägt. Ihre
aussetzung für eine gleichgewichtige Entwicklung in Kraftanstrengung, der Kraftakt beim Mühlenkar-
Vollbeschäftigung und Wachstum mit geordneter tell beleuchtet besser als andere Beispiele diese
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1293
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Situation. Meines Erachtens ist Ihnen hierbei sogar ständigung dienen. Aber sie können Kontinuität und
ein Rechenfehler unierlaufen, weil Weizen heute Entschiedenheit im wirtschaftlichen Handeln nicht
über dem Interventionspreis gekauft wird und eine ersetzen.
ganze Reihe von kostensteigernden Faktoren un-
Im übrigen eine Bemerkung zu der von seiten
berücksichtigt geblieben sind.
der Regierungskoalition wiederholt aufgeworfenen
Die kalkulierte Importverbilligung hat ebenfalls Frage der Anhebung der Beamtenbezüge um 12 %.
enttäuscht. Das Ausland hat seine Preise erhöht Meine Damen und Herren, studieren Sie einmal
und sie, von Ausnahmen abgesehen, auf unseren ganz genau, was in dem Bundesbankbericht steht!
Markt abgewälzt. Die Preissteigerung des Auslan- Auch dort ist die Frage abgehandelt. Dort steht, daß
des hält an. Ob es in den hauptsächlichsten Kon- der Regierungsentwurf und die Entscheidung der
kurrenzländern zu einer Konjunkturabkühlung Mehrheit genau die 12 % enthalten. Damit dürfte
kommen wird, ist fraglich. dieser Streit und dieses Argument wohl aus der
Deshalb erscheint es unwahrscheinlich, daß die Diskussion kommen.
Zinsen auf dem Geld- und Kapitalmarkt angesichts (Abg. Matthöfer: 12 % wovon?)
des drohenden Liquiditätskollapses — um eine Neu-
— 12 % insgesamt. Eine Steigerung von 12 % stellt
schöpfung von Ihnen hier zu zitieren, Herr Bundes-
der Bundesbankbericht, den ich Ihnen dringend zu
wirtschaftsminister in absehbarer Zeit fallen.
lesen empfehle, bei Ihrer Besoldungsregelung dar.
Die Bundesrepublik ist im Bereich der Geld- und
Kreditpolitik infolge der zunehmenden Integration (Abg. Matthöfer: 12 % worauf?)
im europäischen Bereich und der freien Konvertibili- - Da waren es auch 12 %. Hier ist gleichgezogen.
tät, die als hoher Wert sicherzustellen ist, in ihrer Lesen Sie doch erst den Bericht! Sie haben ihn
Währungspolitik nicht mehr unabhängig. Diesem nicht gelesen.
Umstand müssen wir konjunktur- und zahlungs-
bilanzpolitisch Rechnung tragen. Daher muß man (Abg. Wehner: Das steht nicht im Manuskript!)
immer mit einer Abhängigkeit des deutschen Zins- - - Nein, nicht in dem Manuskript, sondern in dem
niveaus vom internationalen rechnen. Daß Ihnen Bericht steht es. Auch Ihnen, Herr Wehner, würde
der Zentralbankrat noch einmal entgegengekommen es nicht schaden, wenn Sie gelegentlich Ihre Ent-
ist, ändert nichts an der prekären Situation. Es würfe mit etwas Material untermauern könnten.
bleibt abzuwarten, ob uns eine Zinserhöhung zu
einem Zeitpunkt aufgenötigt wird, zu dem es (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Weh
uns aus zahlungsbilanzpolitischen Gründen noch ner: Immer mit dem Bericht unter dem Arm
unangenehmer wäre als heute. Wir halten auch herumlaufen, nicht?)
nichts von dem gekünstelten Versuch einer inter- - Das wäre besser, als ohne Bericht Zwischenbe-
nationalen konzertierten Zinsmanipulation. merkungen zu machen.
Alles zusammengenommen stehen wir vor einer (Abg. Wehner: Man kennt Sie gar nicht
Steigerung des Kosten-Lohn- oder Lohn-Kosten- wieder!)
Paares - wie Sie wollen —, die es heute schon
Wer hätte im übrigen gedacht, daß der Star von
sicher erscheinen läßt, daß die 3 % weit überstiegen
einst, Herr Professor Schiller, der Hohn und Spott
werden. Damit ist der Boden der Stabilität verlas-
über die Maßhaltemaßnahmen Ludwig Erhards aus-
sen, für die Sie von der Oppositionsbank aus 1965 gegossen hat, auf dieses Instrument zurückgreifen
so goldene und stabile Worte gefunden haben.
muß!
Auch Ihre Konzertierte Aktion agiert nicht für (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.)
Sie genauso wenig wie der erfreuliche Versuch des Ich habe in diesem Zusammenhang eine ernste
neuen Präsidenten der Bundesbank, mit den Ge- Frage. Aus ihrem Hause stammt das gefährliche
schäftsbanken zu einer freiwilligen Selbstbeschrän- Wort von der Preishysterie, das damals bei einer
kung im Kreditbereich zu kommen, Erfolg hatte. Sie, Steigerungsrate von 2,8 % gefallen ist. Ich frage
Herr Professor Schiller, hatten mit Ihren wendungs- Sie hiermit ausdrücklich: Identifizieren Sie sich mit
reichen Soloaktionen im vergangenen Herbst selber diesen Äußerungen von maßgeblicher Seite Ihres
dazu beigetragen, die Funktionsfähigkeit dieses Hauses? Wird hier in einer geschickten Rollenver-
Instruments zu mindern. teilung mit zwei Zungen gesprochen, die wir auch
Nachdem die lohnpolitische Entwicklung nun ein- auf anderen Gebieten — ohne mich näher damit zu
mal i n Gang gekommen ist ; kann man sie schwei- befassen — zu erkennen glauben?
lich für Nachzügler im Lohnprozeß abstoppen. Hier (Beifall bei der CDU/CSU.)
wäre z. B. ein entschiedenes Dirigieren am Beginn
der Lohnentwicklungen notwendig und richtig ge- Ist das jetzt die Stunde, in der die Preisstabilität im
wesen. guten Sinne des Wortes Stück für Stück preisge-
(Zustimmung hei der CDU/CSU.) geben wird?
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Wir haben volles Verständnis dafür, daß die Arbeit-
nehmer nicht in der Rezessionsphase der Konjunk- In der weiteren Folge des Jahreswirtschaftsbe-
tur und ebenso in der Hochkonjunktur Zurückhal- richts haben Sie das Programm der inneren Refor-
tung üben wollen. Wir sind auch hier für ein kon- men, unter das Sie Ihre Regierung gestellt haben,
tinuierliches Verhalten und nicht für ein hektisches wieder aufgenommen. Wir warten auf die finan-
Hin und Her. Wir sind für Gespräche, die der Ver- zielle Darstellung dieses Programms und die Ab-
1294 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

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stimmeng mit Ihren Projektionen. Die bisherigen einfallsreiche und schillernde Werbetexte, sondern
finanzpolitischen Maßnahmen stehen eher in Wider- durch die überzeugende Sachlichkeit moderner Wirt-
spruch zu den konjunkturpolitischen Notwendigkei- schaftspolitik zuwächst. Was bisher versprochen
ten. Die Sperrungen — nichts gegen die Methode — wurde, meine Damen und Herren, ist nicht zu hal-
sind nicht ausreichend, weil sie nachweislich den ten. Was an Voraussicht geboten wurde — nur
Rhythmus der öffentlichen Ausgaben, des Haus- z. B. in der Einschätzung der Aufwertungsfolgen —,

haltsgebarens, fortsetzen — aber das kommt später, war unzulänglich und kurzsichtig, die Maßnahmen
morgen in der Debatte -, wenngleich wir nicht ver- zögernd und ungenügend.
kennen wollen, daß in der Finanzpolitik ein höheres
Maß an Stabilitätsbewußtsein zu erkennen ist. Die Heute hat man einen neuen Sündenbock entdeckt,
Haushaltszahlen lassen sich mit größerer Sicherheit nämlich einen entlassenen Ministerialdirektor, der
ermitteln als das Zahlenwerk Ihrer Projektionen. seinerseits durch eine Verordnung zu der Konjunk-
Legen Sie diese Zahlen auf den Tisch, dann werden turanheizung beigetragen haben soll. Eine späte Ent-
Regierungsprogramm, Konjunkturpolitik und Haus- deckung. Ich bin überzeugt, daß Herr Kollege Strauß
haltspolitik konkretisiert und konfrontiert werden. morgen hier in aller Öffentlichkeit diesen späten
Sie selber haben 1965 den Satz ausgesprochen, daß Sündenbock schlachten wird.
die Regierung mit ihrer Opposition die Aufgabe (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.)
hat, ihre Berechnungen vorzulegen, und entschei-
dend ist, daß das Parlament durch eine zentrale Aber es ist mir ganz unbegreiflich, Herr Kollege
Stelle, die im vollen Besitz aller Informationen ist, Schiller, wie Sie aus einem solchen Vorgang eine
orientiert wird — rechtzeitig orientiert wird — Entschuldigung für Ihr drittes und viertes Anhei-
und die Möglichkeiten eines substantiellen politi- zungsprogramm hernehmen wollen, nachdem Sie
schen Entscheidungsspielraums bekommt. angeblich erst heute auf einen solchen Vorgang ge-
stoßen sind. Ihr Bewußtsein konnte er damals nicht
(Zuruf von der SPD: Wir kennen das alles!) beflügeln oder beeinflussen.
— Das sollten Sie jetzt praktizieren, damals haben (Beifall bei der CDU/CSU.)
Sie das alles beanstandet. Ich stimme Ihnen zu, Sie
sind am Zuge. Der Arzneimittelschrank des Stabilitätsgesetzes
enthält noch eine Reihe von Medikamenten. Den
Sie haben bei der Einführung des neuen Bundes-
Mut, sie anzuwenden, müssen Sie schon selber auf-
bankpräsidenten von einer Allianz gesprochen, die
bringen.
zwischen der Bundesregierung und der Bundesbank
geschlossen ist. Hoffentlich bleibt es eine Allianz Summierung von Leistung, Wettbewerb sind die
und wird keine unheilige Allianz. Stabilität — ich Herausforderungen unserer Zeit, die nur mit einer
darf es wiederholen — ist für uns die zentrale Auf- soliden Stabilitätspolitik durchgehalten werden
gabe, weil sich alles andere davon ableitet. Unsere können. Die Regierung sollte nicht etwas verspre-
bisherige Politik der Stabilität, des Wachstums und chen, was sie nur um den Preis der Stabilität in
der Vollbeschäftigung und des Zahlungsbilanzaus- unserem Land realisieren könnte. Sie sollte überzeu-
gleichs hat eine Atmosphäre des Vertrauens geschaf- gend handeln, statt Zahlenakrobatik zu betreiben
fen, den Arbeitnehmern eine ständige Wohlstands- und einem fragwürdigen Prognosenglauben zu hul-
vermehrung — der Herr Bundeskanzler hat heute digen. Für eine ernsthafte, korrekte, stabilitätsbe-
mit Recht die 16 Milliarden Wertschöpfung allein wußte Politik hat die Regierung unsere Unterstüt-
des Jahres 1969 genannt — und ein anhaltendes zung.
Wachstum mit Stabilität garantiert, die Sparer über- (Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU.)
zeugen können und die Unternehmer ermutigt, den
Verbraucher geschont und vor allem den Arbeitern
eine immer bessere soziale Ausgestaltung ihrer Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
Arbeitsplätze ermöglicht. Dieser ganze Prozeß — Sie Höcherl, ich möchte den § 37 der Geschäftsord-
haben ihn alle miterlebt und mitgestaltet — steht nung Ihrer besonderen Aufmerksamkeit empfehlen.
wohl einmalig im internationalen Vergleich da. (Beifall bei der SPD.)
Heute müssen wir um die Entwicklung der Preise Das Wort hat der Abgeordnete Dr. von Dohnanyi.
und der Stabilität der D-Mark schon nach wenigen
Monaten Ihrer Regierungszeit Sorge haben.
Dr. von Dohnanyi (SPD) : Herr Präsident! Meine
(Beifall bei der CDU/CSU.) sehr verehrten Damen und Herren! Es ist hier schon
Die gleiche Sorge bewegt uns um unsere inter- zuvor vermerkt worden, daß die Reden, die von der
nationale Wettbewerbsfähigkeit, den Zahlungs- Opposition heute vorgetragen woren sind, ein
bilanzausgleich und die freie Konvertierbarkeit der fast unverständliches Maß von Selbstgefälligkeit
D-Mark. Der Schlüssel zur Lösung ist nur die Sta- enthalten.
bilitätspolitik in der modernen Version ohne Fru- (Lachen bei der CDU/CSU.)
strierung oder deflatorische Experimente und mit Wer, meine Damen und Herren, hat denn in den
all der Heilkraft, die sie einschließt. Diejenigen, die vergangenen 20 Jahren den Bundeskanzler gestellt?
den entscheidenden Teil unserer Wirtschaft tragen Meine Damen und Herren, müssen wir Sie an Ihren
und die im Wirtschaftsprozeß in eigener, freier Ver- Spruch im Wahlkampf erinnern: Auf den Kanzler
antwortung täglich ihre Aufgaben lösen, brauchen kommt es an? Wer hat denn die rechtzeitige Wei-
nur Zuversicht und Vertrauen, das ihnen nicht durch chenstellung in der Wirtschaftspolitik 1969 verhin-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1295
Dr. von Dohnanyi
dert, der Wirtschaftsminister oder der Finanzmini- Meinen Sie denn damit, daß kollektive Absicherung
ster, in Form von Rentenversicherung oder Arbeitslosen-
(Abg. Dr. Schwörer: Warum ist er dann versicherung nicht der richtige Weg sei? Sollen wir
nicht zurückgetreten?) denn davon eventuell wieder abgehen?
der CDU-Bundeskanzler oder der Wirtschaftsmini- (Abg. Dr. Müller-Hermann: Das hat doch
ster? Meine Damen und Herren, haben Sie denn niemand gesagt!)
wirklich die Termine vom März bis August 1969
Sie wollen das nicht gesagt haben, Herr Kollege
alle wieder vergessen?
Müller-Hermann? Sind Sie vielleicht ein Anhänger
(Zurufe von der CDU/CSU: 1968!) sozialistischer Politik geworden? Man lernt ja nie
- Ich weiß, jetzt zitieren Sie 1968. Das ist mir aus. Aber sagen Sie es uns dann bitte. Sie haben
sehr lieb. Meinen sie denn, meine Damen und Herren, gesagt: sozialistische Politik im Zusammenhang mit
im November 1968 hätte der damalige Bundes- kollektiver Absicherung.
finanzminister Strauß seinen Kollegen Kiesinger (Zurufe von der CDU/CSU: Hinhören! —
nicht auch mit Rücktritt bedroht, wenn damals eine Weitere Zurufe von der CDU/CSU.)
Aufwertung verlangt worden wäre?
— Das brauchen Sie doch nur nachzulesen. Herr
(Beifall bei der SPD. — Zuruf von der
Müller-Hermann hat es so formuliert: sozialistische
CDU/CSU: Und Schiller?!)
Politik im Zusammenhang mit kollektiver Absiche-
Also, meine Damen und Herren, das kann doch nicht rung. Ich meine, mit solchen Bemerkungen kommen
ziehen. wir hier nicht weiter.
Die Opposition hat in der Preisindexfrage heute Nun ein paar Bemerkungen zu dem, was der
die Rolle eines Schuldners gespielt, der dem Ver- Kollege Stoltenberg gesagt hat. Ich sehe ihn im
gleichsverwalter — Gott sei Dank mußte es kein Augenblick nicht im Saal. Er hat ein kohärentes Kon-
Konkursverwalter werden, die Wahlen waren da- zept für die Politik, eine Marktwirtschaft nach
zwischen — vorwirft, daß das Unternehmen nicht Ludwig Erhard verlangt.
nach drei Monaten schon wieder Gewinn abwirft.
Jeder von Ihnen weiß doch, meine Damen und Wir müssen fragen, ob er auch den zentralen Satz
Herren, daß das, was hier vor uns liegt, ein müh- der Politik Ludwig Erhards meint: Wer Wettbewerb
samer und zäher Prozeß der Stabilitätspolitik sein will, kann nicht gleichzeitig Planung wollen. Meine
wird. Wer erwartet denn, daß das innerhalb von Damen und Herren, man kann doch auf die Dauer
drei Monaten geschieht? nicht so arbeiten, daß man auf der einen Seite Pla-
nung verlangt und auf der anderen Seite immer
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Aber genau
dann, wenn die Planunng notwendig wird und über
diesen Eindruck haben Sie im Oktober zu
sie gesprochen werden muß — ich erinnere nur an
erwecken versucht!)
das, was Minister Schiller im Herbst 1968 im Zu-
Nun, meine Damen und Herren, Sie werden dann sammenhang mit den Landwirtschaftsproblemen vor-
wieder auf die Diskussion über die Aufwertung im getragen hat —, zurückschreckt und die Planung ver-
vergangenen Jahr zurückkommen. Wir kennen das ketzert. Herr Kollege Höcherl, Sie haben damals in
ja. Ist es nicht so, daß die Öffentlichkeit dieser der Debatte im Bundestag von dieser Stelle aus auch
Debatte durch eine Äußerung ausgelöst worden Ihren Teil zu dieser Verketzerung der Planung bei-
ist, die der damalige Bundesfinanzminister am getragen.
28. April gemacht hat, in dem er leichtfertig, von Meine Damen und Herren, wir sind für eine
der inländischen und ausländischen Presse kriti- kohärente Politik, und der Finanzminister wird das
siert, von 8 bis 10 % Aufwertung gesprochen hat? morgen sicher auch aus seiner Perspektive darlegen.
Meine Damen und Herren, das alles kann man doch Wir sind aber zugleich auch für Planung, und zwar
nicht einfach wieder vergessen. gilt für uns der Satz: So viel Wettbewerb wie mög-
(Zurufe von der CDU/CSU: Legende! — Das lich und so viel Planung wie nötig. Sie werden sich
glauben Sie doch selbst nicht! — schon daran gewöhnen müssen, daß wir nach diesem
Spekulation!) Konzept,
— Es ist doch ganz klar, daß das nicht eine Speku- (Zuruf von der CDU/CSU: Das wird nicht
lation auf seiten des Wirtschaftsministers war: bestritten!)
Diese Äußerung stammt doch vom Finanzminister.
das auch im Godesberger Programm steht, regieren
Sollen wir Ihnen denn die Spekulationswelle im
werden.
Anschluß an diese Äußerung einmal graphisch vor-
führen? Auch das kann man tun, meine Damen und Unter dem Gesichtspunkt der Planung müssen wir
Herren. auch die Bildungspolitik betrachten. Herr Kollege
Und nun zu einzelnen Punkten, die hier heute Stoltenberg hat hier heute morgen vor einem ge-
vorgebracht worden sind. fährlichen Übermaß von pädagogischer Theorie ge-
warnt und gesagt, die Beziehungen zwischen Wirt-
Herr Kollege Müller-Hermann, ich verstehe Ihre schaft und Bildung gingen verloren. Wer hat denn
merkwürdige Bemerkung über sozialistische Politik die Initiative im Hinblick auf das Berufsbildungs-
und kollektive Absicherung nicht. forschungsinstitut ergriffen? Wer hat denn seit
(Zuruf von der CDU/CSU: Das wollen Sie einem Jahrhundert für eine bessere Bildung und
nicht verstehen!) Ausbildung der Arbeitnehmer gekämpft?
1296 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. von Dohnanyi


Ich meine, es ist unbestritten, daß wir heute nicht wohl 180 000 in den Altersjahrgängen unter 35, die
an zuviel, sondern an zuwenig Theorie in der Päd- zu unserer Partei gehören; aber nicht alle stimmen
agogik kranken. In diesem Zusammenhang ist auch immer allem zu. Wir fragen Sie ja auch nicht — oder
die Frage der Hochschulkonzeption zu nennen. Hier sollen wir? -, ob Sie dem RCDS voll zustimmen,
wird immer wieder gesagt, die Bundesregierung ver- wenn er im deutschen Fernsehen die völkerrecht-
trete einen Standpunkt der Ideologisierung oder der liche Anerkennung der DDR fordert. Also so ein-
Theorie. Ich habe heute mit Interesse gelesen — fach kann man sich das nicht machen.
ich möchte das mit Genehmigung des Herrn Präsi-
denten zitieren —, daß der VDI, also der Verein (Beifall bei der SPD. — Zuruf von der
Deutscher Ingenieure, schreibt: CDU/CSU: Die Junge Union macht keinen
solchen Blödsinn!)
Nach Meinung des VDI soll die Fachhochschule
in den Rahmen der Gesamthochschule hinein- — Was die Junge Union macht, ist manchmal schwer
passen. festzustellen. Aber ich würde sagen: so weit weg
ist das ja nicht vom Ring Christlich-Demokratischer
Professor Timm, Generaldirektor der BASF, Studenten.
schreibt Ende Januar: (Zurufe von der CDU/CSU.)
Ansätze zu einer flexibleren Berufsausbildung Aber, meine Damen und Herren, das Problem ist
bestehen bereits in der neuen Konzeption der ja mit all dem nicht erfaßt. Die Gründe für die Pro-
Gesamthochschule, in der die Studenten nach bleme, die wir heute in der Jugend spüren, liegen
dem Baukastenprinzip entsprechend ihrer Be-
doch viel tiefer. Es mangelt in allererster Linie an
gabung ihre Berufsbildung gestalten.
einem Gespräch zwischen der Politik und dieser Ju-
Ich muß den Kollegen Stoltenberg schon fragen: gend, und Worte wie „Pinscher" oder „Tiere" sind
Wer betreibt hier Bildungspolitik im Sinne der in- kein Weg, um mit dieser Jugend im Gespräch vor-
dustriellen Gesellschaft und damit auch im Sinne anzukommen.
unserer Wirtschaft? Ich muß ihn bitten, doch endlich (Beifall bei der SPD. — Zwischenrufe von
seine Theorie und Wissenschaftsfeindlichkeit, für der CDU/CSU.)
die er draußen ja bekannt ist, aufzugeben.
Die Rauschgiftwelle, vor der wir in manchen Be-
(Zurufe von der CDU/CSU.) reichen stehen, ist nicht das Problem dieser oder
Er muß sie ja nicht aufgeben, um mit uns zu glau- einer anderen Regierung, sondern ein weltweites
ben, daß Wissen und Demokratie den Fortschritt Problem einer Jugend, die in einer Entwicklung
dieser Gesellschaft bedeuten. Er brauchte sie nur voller irrationaler Momente und in einer oft aus-
zugunsten unserer Wirtschaft aufgeben; damit wäre weglos scheinenden Situation ihren Weg nicht mehr
schon viel getan. findet.
Der Kollege Stoltenberg hat heute morgen hier (Abg. Baron von Wrangel: Sie wollen doch
auch zu Fragen der Umweltforschung Stellung ge- nicht den Wahlkampf nachholen?)
nommen. Ich muß in diesem Zusammenhang darauf
hinweisen, daß diesem Problem in dem etwa 280 Wenn diese Jugend von uns nicht richtig ange-
Seiten umfassenden Bundesforschungsbericht III sprochen wird, dann wird sie den Weg, den sie in
nur eine Seite gewidmet war und daß in einem den vergangenen Jahren einzuschlagen begonnen
Etat von etwa 2,1 Milliarden DM nur knapp 2 Mil- hat, weiter gehen.
lionen DM für dieses Problem vorgesehen waren. (Zurufe von der CDU/CSU.)
(Abg. Baron von Wrangel: Es geht doch Diese Haltung, meine Damen und Herren, ist die
nicht um Quantität!) Haltung, die bei den jungen Leuten in die Radikali-
— Sicherlich, es geht nicht um die Quantität. Herr sierung führt!
Kollege, wir haben aber, was viel schlimmer ist, Nun, was reine Wahltaktik angeht, könnte man
noch nicht einmal eine Planung für diese Fragen ja sagen: Gut! Denn solange von Ihrer Seite — ich
vorgefunden. Vielmehr stand der Aspekt neuer meine wieder den leider abwesenden Kollegen Stol-
Technologien im Vordergrund, aber damit allein ist tenberg — so gesprochen wird, wie Sie reden, wird
dieses Problem nicht erfaßt. Es gibt jetzt im Bun- Ihre Fraktion — diese Gemeinschaft aus der zweit-
desministerium für Bildung und Wissenschaft ein und der drittgrößten Fraktion dieses Bundestages -
besonderes Referat für diese Fragen. Ich muß wie-
immer kleiner werden. Die Jungen auf jeden Fall
der fragen: Was soll diese Forderung, wenn sie
werden sich so nicht mehr ansprechen lassen. Wir
nicht Selbstgefälligkeit ist, nach drei Monaten die-
wissen, daß man nur mit offenen Ohren und mit
ser Regierung?
offenen Augen die Horizonte finden kann,
Zum Schluß: Hier ist von verschiedenen Seiten,
(Zuruf von der CDU/CSU: Lauter Sprüche!)
von Ihnen, Herr Kollege Müller-Hermann, aber
auch von Herrn Stoltenberg und von anderen, im- die die .Jugend sucht, und daß wir dies mit der Ju-
mer wieder die Warnung vor den jungen Menschen gend zusammen versuchen müssen. Ich frage Sie,
angeklungen, vor den jungen Menschen auch in un- meine Damen und Herren, und ich frage insbeson-
serer Partei, vor den Jungsozialisten. Wir sind, dere, weil er sich dafür vorhin in seiner Kritik der
meine Damen und Herren, mit vielem nicht einig, Jungsozialisten so stark gemacht hat, den Kollegen
was die Jungsozialisten wollen. Im übrigen sind es Stoltenberg: Haben Sie und hat Ihre Partei nicht am
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1297
Dr. von Dohnanyi
Ende Angst vor neuen Horizonten? Hat sie Angst Preissteigerungen hingenommen hätten." Lieber
vor dem Weg mit dieser Jugend Herr Müller-Hermann, da haben Sie ein großes
Wort hochgemut und gelassen ausgesprochen. Den-
(Zuruf von der CDU/CSU: Diese Angst
ken Sie nur daran — —
müssen Sie haben!)
in eine veränderte Gesellschaft? (Zuruf von der CDU/CSU.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) — Wenn von 20 Jahren gesprochen wird, muß ich
hier ja etwas erwähnen. Ich habe sehr deutlich
gesagt, daß es da für mich keine friedliche Ko-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
existenz gibt. Wir haben zum erstenmal diese Mo-
Herr Bundesminister für Wirtschaft.
natsrate von 3,5 %. Ich habe das sehr, sehr deutlich
beurteilt. Sie selbst müssen doch zugeben: Im Jahre
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Herr 1965 erreichte der deutsche Lebenshaltungskosten
Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! index für alle privaten Haushalte im November zum
Zwei Redner der Opposition haben sich zu meiner erstenmal die 4 %. Dann ging es unter Kanzler Er-
großen Freude vorgenommen, die Aufwertung als hard und Wirtschaftsminister Schmücker weiter —
Datum für die weitere ökonomische und wirtschafts- 4 %, 4,1 %, 4,2 % usw. — und erreichte im April
politische Entwicklung zu nehmen und nicht mehr 1966 die Spitze mit 4,5 %. Es kam dann noch ein-
über die ganze Vorgeschichte zu sprechen. Aller- mal 4,3 0/o, und von da ab ging es unter 4 % . Da
dings gab es dann einen schweren Rückschlag, und aber hatte man schon — darüber besteht doch heute
zwar durch Herrn Kollegen Höcherl, der wieder die wirklich kein Zweifel — durch eine falsche Kon-
ollen Kamellen der Vergangenheit auspackte. Ich junkturpolitik längst den Marsch in die Rezession
weiß gar nicht, Herr Kollege Höcherl, was in Sie angetreten. Man hatte noch genau sechs Monate
gefahren ist. Sie waren früher so ein netter Mann. Zeit, und dann war die Regierung zusammenge-
(Heiterkeit. — Abg. Baron von Wrangel: - brochen, und es mußte eine neue Regierung ge-
Seit wann hat die Aufwertung etwas mit bildet werden. Das ist die Story, und ich finde, Sie
Nettigkeit zu tun?) können sich nicht — das geht auch Herrn Höcherl
an — auf ein hohes Roß der Stabilitätspolitik set-
Schauen Sie sich doch Herrn Stoltenberg an! Ihm
zen nach diesen sieben Monaten mit über 4 %, mit
bekommt die Opposition ganz gut. Er wird munter
dem Desaster der Jahre 1965/66, das schließlich zur
dabei. Aber bei Ihnen — — Ich weiß nicht, es liegt
Bildung einer neuen Regierung, eben der Regierung
Ihnen nicht so, was Sie hier betreiben. Tut mir
der Großen Koalition, geführt hat. Das ist, glaube
leid.
ich, etwas, was Sie einfach nicht unterschlagen
Ich möchte mich aber erst einmal — und ich bin dürfen,
dazu verpflichtet — antwortend an die beiden Red- (Zuruf von der CDU/CSU)
ner von der Opposition wenden, die sich im wesent-
wenn Sie hier heute als Stabilitätsapostel auftreten.
lichen an ihre gute Absicht gehalten haben, nicht
über die Vorgeschichte der Aufwertung, über den (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Aufwertungsstreit, zu reden, sondern die über die
Leider haben Sie damals zu lange, sieben Monate,
Auswirkungen gesprochen haben und über das,
diese mehr als 4 0/o der Steigerung des Lebenshal-
was heute und morgen zu tun ist.
tungskostenindex hingenommen, haben die Bundes-
Bei Herrn Müller-Hermann möchte ich gleich bank das Geschäft völlig allein betreiben lassen.
eines bemerken. Es tut mir leid, Herr Müller-Her- Wir alle wissen, welch ein schmerzhafter Prozeß der
mann, daß Sie von mir ein stabilitätspolitisches Bild Reduktion, der Rezession dann eintrat, der im Jahre
hier aufgezeichnet haben, das vielleicht in Ihrer 1967 kompensiert werden mußte.
Rede aufgeschrieben war, bevor Sie heute Nacht
mein Manuskript bekamen. Das möchte ich Ihnen Und dann, Herr Höcherl, verstehe ich nicht,
zugute halten, denn ein bißchen lagen Sie daneben. wenn Sie so nebenbei sagen, später wäre aus Pro-
Sie haben sich da einen Schiller zurechtgeschneidert filsucht das Bild von jener Rezession gegen Ende
in bezug auf Stabilitätspolitik, der nicht ganz dem unserer gemeinsamen Regierung entstanden. Nun,
entspricht, was er tatsächlich tut, was er denkt und jene Rezession 1966/67 war eine Realität. Das kön-
was er häufig hier ausgesagt hat. nen Sie doch nicht abstreiten.

(Abg. Dr. Müller-Hermann: Vielleicht liegt (Abg. Höcherl: Aber keine schwere Krise,
es mehr daran, daß Sie in den letzten Tagen wie Sie sagen!)
umgedacht haben!) — Herr Höcherl, ich weiß nicht, was Sie alles dem
— Dann nehmen Sie meine anderthalbjährigen Schiller zutrauen. Aber Sie sind dabeigewesen, als
Kämpfe um die Stabilität in der Regierung, dann das gesamte Kabinett zwei Konjunkturprogramme
wissen Sie wohl, wo ich stehe. beschloß, eines im Januar 1967 von 2,5 Milliarden
und eines im Sommer 1967 von 5,7 Milliarden DM.
Ich will mich bei Ihnen im wesentlichen auf ein
Das war alles nur Überredung durch Schiller, und
Wort konzentrieren. Sie haben gesagt: „Auch in
es war natürlich alles Torheit?!
den vergangenen 20 Jahren hat es Preissteigerungs-
raten gegeben", — das waren die 20 Jahre der CDU- (Abg. Höcherl: Nein, nein, das war eine
Herrschaft — „niemand aber wird der CDU/CSU vor- Rezession, aber keine schwere Krise, wie
werfen können, daß wir von der CDU/CSU solche Sie es dargestellt haben!)
1298 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Bundesminister Dr. Schiller


— Ich habe nie von einer schweren Krise im Sinne Nun kommen wir zum Herbst 1968; jetzt sind
der Weltwirtschaftskrise gesprochen. wir dort angelangt. Das ist hier alles schon gesagt
worden.
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Aber Herr
(Zuruf von der CDU/CSU: Damals haben
Wehner hat das getan!)
Sie nicht gewollt! Das wurde im Aus
Bundeskanzler Kiesinger hat damals in seiner schuß gesagt!)
bekannten Regierungserklärung vom 13. Dezember — Schon zweimal habe ich Ihnen hier erklärt, daß
1966 von einer lange schwelenden Krise gesprochen, die steuerliche Absicherung, die wir einmal gemein-
die der Bildung der Regierung vorhergegangen sam in diesem Hause beschlossen haben — wir
war. wollen doch nachträglich nicht alles kaputtmachen
(Beifall bei den Regierungsparteien.) —, ein Kompromißvorschlag war, weil Ihr Finanz-
Herr Höcherl, es tut mir wirklich leid, daß wir minister Strauß im Herbst 1968 gesagt hatte: Auf-
wieder zu den uralten Argumenten kommen. Aber wertung nur über seine Leiche.
Sie haben die Kiste wieder aufgemacht, nicht die (Beifall bei der SPD. — Zuruf von der
beiden anderen Herren von der Opposition. CDU/CSU: Und Sie?!)

(Zuruf von der SPD: Er war inzwischen in Daraufhin habe ich den steuerlichen Absicherungs-
Vilshofen!) vorschlag gemacht, und zwar als einen tragbaren
Kompromiß, um über die Runden zu kommen.
Jetzt fangen Sie wieder an und sagen, 6,25 % (Zuruf von der CDU/CSU: Sie vergessen,
Aufwertung der DM, im Mai 1969 von Schiller vor- daß Sie im Wirtschaftsausschuß bis nachts
geschlagen, sei unseriös. Dann muß ich aber ein- um zwei plädiert haben! Haben Sie das
mal fragen: Wer hat denn die Mai-Spekulation ent- vergessen?)
facht? Das war Herr Strauß mit seinen 8 bis 10 %.
Das wissen wir doch alle noch. - Selbstverständlich habe ich als gehorsamer Wirt-
-
schaftsminister die Vorlage vertreten.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) (Lachen bei der CDU/CSU. — Abg. Dr.
Das hat doch die Sache ins Rollen gebracht. Das Müller-Hermann: Im Sommer 1969 ging
war eine Strauß-Spekulation. dieser Gehorsam nicht mehr so weit! —
— Weiterer Zuruf von der CDU/CSU: Was
(Abg. Dr. Althammer: Das ist ja nicht hat Herr Blessing gesagt?)
wahr! Sie haben doch vorher gesprochen!)
Im März 1969 war es uns im Bundeswirtschafts-
— Aber haben Sie jemals eine solche Zahl vorher ministerium und der Bundesbank klar, daß die
von mir gehört? Sie sehen doch, daß ich mit meinem steuerliche außenwirtschaftliche Absicherung nicht
Antrag im Kabinett nach Herrn Höcherls Meinung ausreichte. Von da ab haben wir mit dem Bundes-
zu niedrig gewesen bin. kanzler gesprochen, nicht draußen. Nur stellten wir
ab 17. März — das war der Tag des ersten Ge-
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Herr Schiller,
sprächs - fest, daß die CDU/CSU in der Stabilitäts-
von einer Aufwertung spricht man nicht,
politik für das Jahr 1969 „abgeschnallt" hatte. Da
man macht sie!)
gab es keine Konjunktur- und keine Stabilitätspoli-
Ich darf Ihnen ein zweites sagen, wenn Sie tik mehr, da war es aus, und da war der Stillstand
schon die alten Kamellen wieder hervorgeholt der Rechtspflege auf dem Gebiet stabiler Preise und
haben. Ich finde es schade, und ich will mich sehr der Preispolitik eingetreten. So war die Geschichte.
schnell wieder Ihren und Herrn Stoltenbergs Bei- (Abg. Dr. Schwörer: Dann begann das
trägen zuwenden. Aber ich finde, wir müssen es Preise-Hochreden! — Weiterer Zuruf von
klarstellen. Herr Höcherl, Sie wissen ganz genau:
der CDU/CSU: Und das haben Sie mitge
wir lebten im Mai 1969 mit der steuerlichen außen-
macht!)
wirtschaftlichen Absicherung. Diese bezog sich nur
auf industrielle Im- und Exportgüter, nicht auf die — Mitgemacht? Ich habe unaufhörlich Ersatzvor-
Lebensmittel und nicht auf die Dienstleistungen. schläge gemacht. Sie wissen es ganz genau. Warum
Ich sage heute noch, daß es damals im Mai 1969, fangen Sie das alles wieder an? Bei der Geschichte
ein besserer Zeitpunkt war: 6,25 % valutarischer kommen Sie schlecht weg.
Aufwertung hätten mindestens so gut gewirkt wie (Beifall bei der SPD.)
die 8,5 % im Oktober. Das ist eine Tatsache, das ist Sie wissen ganz genau, daß im Sommer 1969 noch
die Wahrheit. ein Paket ohne Aufwertung — ohne das obszöne
(Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Altham- Wort — auf den Tisch des Kabinetts gelegt wurde,
mer: Da war Blessing in dem Hearing mit außen- und binnenwirtschaftlichen Ersatzmaß-
aber ganz anderer Ansicht!) nahmen, und daß das die CDU/CSU damals in ihrer
Borniertheit und Verranntheit wiederum abgelehnt
— Herr Blessing ist genau derselben Ansicht. hat. — Wir sind dann ohne Dämpfung des Booms in
(Abg. Dr. Althammer: Nein, nein!) den Herbst hineingegangen. So ist es gewesen.
(Abg. Dr. Althammer: Dann hätten Sie doch
— Er ist der Ansicht, daß man früher hätte auf-
zurücktreten müssen! — Lachen bei der
werten müssen.
SPD. — Zuruf von der CDU/CSU: Hätten
(Erneuter Widerspruch bei der CDU/CSU.) Sie sich ein Beispiel an Lücke genommen!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1299
Bundesminister Dr. Schiller
— Ich weiß ja, lieber Herr Althammer, daß Ihnen Sie möchten diese Regierung jetzt so gern in eine
seit dem 17. März nichts lieber gewesen wäre, als Konfrontation bringen. Ich will Ihnen nur ein Zitat
daß der Schiller aus dem Kabinett gegangen wäre. aus dem Monatsbericht der Bundesbank vom Fe-
Aber den Gefallen wollten wir Ihnen nicht tun. bruar 1970 bringen, welches zeigt, daß die Dinge
nicht so sind, wie Sie und auch ein paar Ihrer ande-
(Beifall bei der SPD. — Zuruf von der ren Redner — Herr Stoltenberg und Herr Müller
CDU/CSU.) Hermann — sie hinzudeuten versuchten. Es heißt
— Wollen wir doch die Vergangenheit lassen! Herr im Monatsbericht der Bundesbank:
Höcherl, reden wir doch lieber von der Gegenwart. Die hier durch die Bundesregierung und die
(Zurufe von der CDU/CSU.) zuständigen Koordinierungsorgane (Konjunk-
turrat und Finanzplanungsrat) gefaßten Be-
— Ich habe das Thema heute nicht angefangen. Ein schlüsse und Empfehlungen, gewisse Ausga-
bißchen mußte der von mir sonst so verehrte grüne ben in den Haushalten für 1970 vorerst zu sper-
Nachbar Höcherl ja wohl auch seine Antwort auf ren und Konjunkturausgleichsrücklagen bei der
das bekommen, was er über die Vergangenheit Bundesbank zu bilden, verhindern nicht nur
sagte. eine prozyklische Haushaltsgestaltung, sondern
(Zuruf von der CDU/ CSU: Wenn über die dürften dazu beitragen, die Finanzierungsüber-
Vergangenheit berichtet wird, muß über schüsse der öffentlichen Haushalte zu erhöhen,
alles gesprochen werden!) also antizyklisch zu wirken.

— Aber wenn heute von den Konjunkturhaushalten So die Deutsche Bundesbank. Ich bin der Meinung,
gesprochen wird als einem manipulierten Strohfeuer dieses Zitat sagt eindeutig aus, daß die fiskalpoli-
oder ähnlichem zur Konjunkturanheizung, lieber tischen und haushaltspolitischen Teile des Stabili-
Herr Höcherl, so wird es wohl der Vergangenheit sierungsprogramms, über die morgen sicherlich der
und der gemeinsamen Anstrengung des Jahres 1967, - Kollege Möller auch noch sprechen wird, voll die
uns damals aus der Rezession herauszuholen, nicht Billigung der Deutschen Bundesbank finden und
gerecht. hier als antizyklisch definiert werden.
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Da gibt es aber
Aber ich will mich nun der Gegenwart zuwenden. nocheiadrAlysBune
Wie Sie, Herr Höcherl, was die Gegenwart betrifft, bank!)
bei einer Zielprojektion dieser Bundesregierung und
dieses Wirtschaftsministers für das reale Wachstum Ich wehre mich dagegen, daß hier künstlich ein Dis-
in diesem Jahr 1970 von 4 bis 5 % von einem sens
Wachstumsfanatismus reden können, ist mir schlech- (Widerspruch von der CDU/CSU)
terdings unerfindlich. Das ist eine maßvolle Ein- — doch! doch! — von einigen Rednern der CDU/
schätzung, die mit maßvollen Einschätzungen des CSU stipuliert wird, der überhaupt nicht existent
Produktivitätsfortschritts in diesem Jahr 1970 über- ist. Im Gegenteil: die Koordination zwischen der
einstimmt. Geldpolitik und der Finanz- und Wirtschaftspolitik
ist besser denn je.
Sie sprachen von Zinsabrüstung und sagten, so
eine Konferenz würde nur ein totgeborenes Kind Ein Letztes noch im Rahmen der Debatte mit
sein. Herr Höcherl, Sie sollten es miterlebt haben, Herrn Müller-Hermann! Herr Müller-Hermann, Sie
wenn Sie im Kabinett aufgepaßt haben, daß im meinten, unsere Anzeigenaktion, alles das, was wir
Januar 1967 in Chequers auf britische Initiative eine mit bestimmten Aufklärungsanzeigen bei den Le-
Konferenz stattgefunden hat, in einer Zeit, wo zu bensmittelhändlern gemacht haben, sei möglicher-
hohe Zinsen existierten. Man hat im richtigen weise ein Eingriff in die unternehmerischen Ent-
Augenblick die dafür zuständigen Minister zusam- scheidungen. So etwa sagten Sie.
mengeholt und damit eine neue Phase der allgemei-
(Zuruf von der CDU/CSU: Das war Täu
nen, gleichmäßigen und gleichzeitigen internatio-
schung!)
nalen Zinssenkung eingeleitet.
Ich darf Ihnen nur folgendes sagen. Erst einmal
Genau das will jetzt diese Bundesregierung. S ie
kommt es uns nur darauf an nachzuweisen, wo
will im richtigen Augenblick, auch im konjunktur-
landwirtschaftliche Erzeugerpreissenkungen stattge-
politisch richtigen Augenblick, wie die Bundesbank
funden haben, dabei allerdings darauf aufmerksam
es sagt, den „turning point", den Wendepunkt, er-
zu machen, daß der Marktmechanismus dafür sorgt,
wischen, um dann zu sagen: Jetzt müssen wir inter-
daß diese Senkungen anteilig weitergegeben wer-
national , gleichmäßig und gleichzeitig mit den Zin-
den — anteilig im Sinne der Erzeugerpreissenkung.
sen hinuntergehen, die jetzt zu hoch sind. Das ha-
Wir fühlen uns dazu verpflichtet. Schließlich hat
ben wir vor. Ich glaube, das sollten Sie nicht gleich
dieses Haus pro Jahr 1,7 Milliarden DM als Ein-
so miesmachen.
kommensausgleich für die Landwirtschaft bewilligt
Dan zitieren Sie dauernd die Bundesbank in dem — die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise sind ja
Sinne, als ob nun ein neuer Krieg ausgebrochen ab 1. Januar 1970 ruckartig um den Aufwertungs-
wäre. Davon kann gar keine Rede sein. Sie haben satz gesenkt worden —, 1,7 Milliarden DM, die
ja selber gesagt, daß ich betont habe, zwischen der dazu dienen, diese Senkung für die deutschen
Bundesbank und dem Bundeswirtschaftsminister be- Bauern möglich zu machen. Gleichzeitig soll damit
stehe seit langem eine Allianz der Stabilität. aber auch erreicht werden, daß diese Preissenkun-
1 300 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Bundesminister Dr. Schiller


gen wenigstens anteilig dem Verbraucher zugute leider nicht hier; es wird ihn als Historiker interes-
kommen. sieren. Unterschrieben haben der Finanzminister
(Vorsitz: Vizepräsident Dr. Schmid.) Strauß und der Wirtschaftsminister Schiller, d. h. wir
haben beide zusammen diesen Antrag auf Sperrung
Wir haben diesen Ausgleich doch nicht bewilligt, der insgesamt 1,8 Milliarden DM gestellt. Es kann
um 1,7 Milliarden DM auszuzahlen und es dann zu- gar keine Rede davon sein, daß der Wirtschafts-
zulassen, daß der Handel die Preissenkungen der minister damals diese 195 Millionen DM nicht ge-
Bauern verschluckt. sperrt haben wollte. Auch das zur Rektifikation der
neueren Geschichte für einen neueren Historiker.

Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine Im übrigen habe ich mich bei Herrn Stoltenberg,
Zwischenfrage? auch wenn er hier nicht ist, was ich bedaure, eigent-
lich zu bedanken; denn er ist hier als ein wackerer
Recke für die Stabilitätspolitik eingetreten, sogar
Dr. Schiller, Bundesminister für -Wirtschaft: Ja, noch mit technologischem Zukunftsdrive versehen.
selbstverständlich. Ich kann nur sagen: er unterstützt uns mit diesen
seinen Aspekten.
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Herr Kollege
- Nur, wie sieht es in der Realiät aus? Hier wurde
Schiller, ich habe die Anzeige „Billigere Lebens- schon Ihr eigenes Konjunkturprogramm heute vor-
mittel — ein Erfolg der D-Mark-Aufwertung" hier mittag von Herrn Junghans z. B. erwähnt, das Kon-
vor mir. Wollen Sie nicht wenigstens im Nachhin- junkturprogramm der CDU/CSU. Es besteht aus
ein zugeben, daß mit der Darstellung dieser An- sechs Punkten. Es ist erschienen in Bonn am Rhein
zeige, die es eben vermeidet, auch nur ein Wort am 20. Januar zwischen der Sitzung des Wirtschafts-
über die Kostensteigerungen zu sagen, mit denen kabinetts der Bundesregierung und der Sitzung der
Handel und Produzenten fertig werden müssen, ganz - Gesamtregierung. In der Zwischenzeit kam sie da
bewußt in der Öffentlichkeit ein völlig falscher Ein- zu ihrem Programm.
druck erweckt worden ist oder erweckt werden
(Abg. Dr. Müller-Hermann: War als Hilfe
mußte?
stellung für Sie gedacht, Herr Schiller!)
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Dpa schreibt damals, es sei fast ein Parallelpro-
gramm zum Programm der Regierung. — Ja, Sie
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: stammen ja aus Bremen, nicht wahr? Bremen wurde
Lieber Herr Kollege Müller-Hermann, ich wäre gern heute auch zitiert. Da heißt es: navigare necesse
bereit, Ihnen das zuzugeben, aber ich möchte noch est. Zu diesem Ihrem Programm möchte ich sagen:
einmal sagen: Mir kam es darauf an, den Ver- plagiare necesse est.
braucher darüber aufzuklären, daß auf der Erzeuger-
stufe mit staatlichem Einkommensausgleich Erzeuger- (Heiterkeit. - Abg. Dr. Müller-Hermann:
preissenkungen vorgenommen wurden und daß es Das ist billig!)
wohl Aufgabe des wettbewerblichen Prozesses sei, — Ja, es ist auch ein bißchen billig; denn Sie haben
diese staatlich kompensierten Erzeugerpreissenkun- es abgeschwächt. Das, was dort an einzelnen Punk-
gen anteilig an den Verbraucher weiterzugeben. ten ist, ist weniger als in dem Regierungsprogramm.
(Beifall bei der SPD.) Sie haben bestimmte Instrumente ausgeschlossen.
Es ist ein verdünnter Aufguß. Es ist ein rachitischer
Daran sollten wir eigentlich alle ein Interesse haben. Zwilling zu dem Regierungsprogramm. So möchte
ich es nehmen.
Herr Stoltenberg hat sich im wesentlichen mit der
Gegenwart und mit der Zukunft befaßt. Er hat ein- (Abg. Dr. Müller-Hermann: Ihre Formulie
mal einen Ausflug in die neuere Geschichte unter- rungskünste sind nicht unwiderstehlich!)
nommen, nämlich in den März 1969, und hat wieder Ich nehme an, Herr Stoltenberg ist aus diesem
einmal behauptet, damals, im März 1969, habe der Grunde - das hat mich beeindruckt —, aus dem
Schiller sein drittes Konjunkturprogramm in der Gefühl, sein eigenes Programm vom 20. Januar mit
Bundesregierung vorgetragen. Ich kann hier nur den sechs Punkten sei irgendwie zu mager und zu
noch einmal sagen: Am 18. März 1969 hat die da- schwach, eben auf die Frage gekommen, die ich
malige Bundesregierung ein Programm für weitere heute morgen auch gestellt habe und die ich uns
Maßnahmen zur Sicherung der Preisstabilität be- allen gestellt habe! Reicht das Programm der Bun-
schlossen. Das war ein Programm zur Kürzung von desregierung aus, um allen möglichen oder nicht
bestimmten Ausgabepositionen, auch zur Kürzung vorhergesehenen Ereignissen entgegenzutreten? Ich
und zur Sperre der Positionen, die für binnenwirt- fand diese Frage von Herrn Stoltenberg vollkom-
schaftliche Anpassungsmaßnahmen aus dem Absiche- men legitim. Er ist auch darauf eingegangen, daß
rungsgesetz hergeleitet wurden. Das waren damals ich z. B. auf das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz
195 Millionen DM, die mit eingesperrt wurden. Das verwiesen habe. Aber er hat sicherlich auch dabei
war die Gesamtausgabesperre von 1,8 Milliarden das Gefühl gehabt, daß das eigene CDU/CSU-Pro-
DM. Diese Ausgabesperre ist nach den Vorschriften gramm, das im Anspruch viel höher ist, im Ver-
des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes von zwei gleich zu den Ansprüchen seine eigenen Kräfte
Kabinettsmitgliedern beantragt worden. Die Unter- übersteigt. Sie wollen eine Preissteigerungsrate von
schriften können Sie sehen. Herr Stoltenberg ist 3 % für dieses Jahr nicht erreichen, sondern dar-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1301
Bundesminister Dr. Schiller
unterbleiben, und schlagen schwächere Instrumente Wollen Sie Konjunkturpolitik und Stabilitätspoli-
vor. Darüber gibt es gar keinen Zweifel. tik machen oder wollen Sie die Stabilität mit den
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Das sagen Sie! schönen Worten Ihres Landsmannes Höcherl er-
Das ist eine ganz einseitige Behauptung!) reichen? Das müssen Sie doch einmal sagen.

— Nun, ich kann doch lesen. Ich sehe nicht, daß (Zurufe von der CDU/CSU.)
Sie da irgendeine harte Kanone drin haben. Das Das ist der Punkt, der mich heute immer wieder
sind alles sehr milde Geschichten. Etwa die zwei beschäftigt.
Dinge, die jetzt gar nicht mehr zur Debatte stehen, Gewiß, ich gebe Herrn Stoltenberg recht: die Regie-
aber , die in der Debatte waren — heute sind das nur rung selber hat ihr Programm vorzulegen. Das hat
noch Negative und Erinnerungsposten — nämlich sie getan. Die Regierung hat durch ihren Regie-
eine Ausweitung der Investitionssteuer und eine rungschef heute auch Auskunft darüber gegeben,
Veränderung der Sätze der degressiven Abschrei- daß sie sich in der Überprüfung ihres Programms
bung. Beide Punkte werden von Ihnen abgelehnt. befindet, entsprechend der neuen konjunkturpoli-
Dafür ist auch kein Ersatz geboten. tischen Situation. Aber die Opposition selber muß
doch nun auch mal ein bißchen was liefern. Was
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Bei Ihrem Sta-
bringen Sie denn Neues?
bilisierungsprogramm sind doch mindestens
drei von sechs Punkten ferne Zukunfts- (Beifall bei den Regierungsparteien.
musik!) — Abg. Russe: Dünn, dünn!)
Bei uns ist ein ganz harter Punkt drin, den Sie
z. B. nicht haben, nämlich die obligatorische Kon- Vizepräsident Dr. Schmid: Zusatzfrage?
junkturausgleichsrücklage ohne Esc ape-Klausel,
ohne Entschuldungsklausel. Die fehlt bei Ihnen. Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft:
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Wettbewerbs- Bitte!
recht usw., das ist doch Zukunftsmusik!)
Ich bin ja der Meinung, daß die Frage von Herrn Dr. Althammer (CDU/CSU) : Herr Minister, wol-
Stoltenberg durchaus legitim war. Der Herr Bun- len Sie wirklich davon ausgehen, daß wir, nachdem
deskanzler hat heute darauf ,geantwortet, und aus wir gestern die mittelfristige Finanzplanung der
seiner Antwort Regierung und die Haushalte des Jahres 1970 vor-
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Konnte man gefunden haben, dazu schon heute nachmittag ein
nichts entnehmen!) detailliertes Programm vortragen?
(Zuruf von der SPD: Warum nicht? —
können Sie auf jeden Fall entnehmen: wir haben
Unruhe.)
jetzt einen Bundeskanzler, der sagt niemals nie.
(Beifall bei den Regierungsparteien. —
Abg. Ott: Das ist gefährlich!) Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Herr
Althammer, ein detailliertes Programm habe ich na-
Das ist doch ein Fortschritt. Jene Schwüre vom türlich nicht verlangt. Aber wir sind doch in einer
Herbst 1968, die damals die ganze Regierung in sehr offenen Diskussion, und Herr Stoltenberg hat
ihrer Handlungsfähigkeit einzementiert haben, sicherlich durch seine Frage einen Aktionsbereich
werden von diesem Bundeskanzler nicht geleistet. angesprochen, um auch selber Überlegungen anzu-
(Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Müller- stellen. Er hat sich sogar geäußert. In diesem Sinne
Hermann: Man muß manchmal auch ja, ja fand und finde ich die Diskussion mit ihm erfreu-
sagen! — Weitere Zurufe von der lich. Was mir bei Ihnen nur fehlt, ist eine Kom-
CDU/CSU.) plettierung Ihres eigenen Programms.

Ich möchte noch ein Zweites erwähnen, und da (Zuruf von der CDU/CSU: Das hat doch
muß ich den Herrn Kollegen Kienbaum gegenüber Stoltenberg getan!)
Herrn Stoltenberg in Schutz nehmen. Kollege Kien- Ihr Programm ist wirklich ein mageres Programm.
baum hat sich, soweit ich ihn verstanden habe, in Damit können Sie nicht viel Staat machen.
seinen Vorbehalten bei steuerpolitischen Maßnah-
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Lenken Sie doch
men ausdrücklich auf solche Maßnahmen bezogen,
nicht davon ab, daß Sie keine Antwort
die möglicherweise unmittelbar den technischen
geben! Sie sagen seit vier Monaten, daß
Fortschritt behindern, die die Investitionstätigkeit
Sie prüfen!)
in dieser Phase drosseln würden. Alles andere hat
Herr Kienbaum offengelassen. Ich glaube, das sollte — Na, na. Lieber Herr Müller-Hermann, wir haben
man gegenüber Herrn Stoltenberg hier betonen, Ihnen, fristgemäß im Januar erarbeitet, ein Stabili-
der nämlich so tat, als wenn sich Herr Kienbaum sierungsprogramm mit sieben Punkten vorgelegt,
schlechthin die weit konkreter sind als das, was Sie da in Ihrer
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Wir kennen schriftlichen Arbeit am 20. Januar publiziert haben.
doch so viele FDP-Schwüre!) Darüber ist doch gar kein Zweifel. Sie können uns
ja nacheinander beweisen, daß diese Maßnahmen,
gegenüber allen Instrumenten negativ in dieser die die Regierung vorgeschlagen hat, nicht tauglich
Richtung ausgesprochen hätte. sind. Das wäre ein Beitrag. Sagen Sie uns: Die und
(Abg. Dr. Althammer: Steuererhöhungen!) die Maßnahme, z. B. die Konjunkturausgleichsrück-
1302 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Bundesminister Dr. Schiller


lage von 2,5 Milliarden, die langt nicht; wir müssen Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Herr
mehr einstellen. — Bitte! Kollege Höcherl, in diesem Punkt geht es um die
öffentliche Geldwirtschaft. Darüber wird im Rahmen
Dr. Müller-Hermann (CDU/CSU) : Sehr ver- der Haushaltsdebatte morgen sicherlich sehr aus-
ehrter Herr Minister Schiller, sehen Sie nach Ihren führlich gesprochen; das ist eigentlich kein Punkt,
Ausführungen heute morgen und nach den Ausfüh- der hierher gehört.
rungen des Herrn Bundeskanzlers nicht selber ein, Ich will Ihnen zwei vorläufige Antworten geben.
daß Ihr bisheriges Stabilisierungsprogramm eben Erstens kommt es bei der Begrenzung der öffent-
nicht ausreicht? lichen Nachfrage, Herr Höcherl, auf den Akt der
(Beifall bei der CDU/CSU.) Auftragserteilung an, nicht auf den Akt der Geld-
überweisung.
(Sehr wahr! bei der FDP.)
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Herr
Müller-Hermann, ich kann Ihnen zu dieser Frage Das ist das Entscheidende. Öffentliche Aufträge wir-
nur folgendes sagen. Sie haben hier eine Regierung ken nicht zweimal expansiv auf die Gesamtwirt-
vor sich, die die Frage der Stabilität verdammt schaft, sondern nur einmal; nicht etwa zweimal:
ernst nimmt. wenn der Auftrag erteilt wird und wenn das Geld
(Zurufe von der CDU/CSU) von der Finanzkasse i n die Wirtschaft überwiesen
wird. Das ist das erste.
Ich glaube, diese 3,5 % sind früher — als damals
die 4 '0/o herrschten — Nun das zweite! Sie müssen von diesen Zahlen,
die der Bundesfinanzminister morgen sehr viel sach-
(Abg. Russe: Nicht vor vielen Jahren! kundiger vortragen wird, alles das abziehen, was an
Jetzt! Jetzt!) Auslandszahlungen für Offset und ähnliches im
nicht so offen und ehrlich zugegeben worden von letzten Dezember zusätzlich ausgegeben worden ist.
einem Bundeswirtschaftsminister als eine höchst un--
erfreuliche Sache, mit der wir so schnell wie möglich Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
fertig werden müssen. Das ist die Einstellung dieser Zwischenfrage von Herrn Dr. Stoltenberg?
ganzen Regierung.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Dr. Stoltenberg (CDU/CSU) : Herr Kollege Schil-
ler, würden Sie einräumen — zur Geschichte der
Da vermisse ich bei Ihnen die wirkliche Kritik.
letzten Monate —, daß die CDU/CSU zwei Monate
Sie selber haben doch zu sagen, ob es langt oder
vor Ihnen die Steuersenkung zum 1. Januar für kon-
nicht langt. Wir sind dabei, unsere eigenen Maß-
junkturwidrig hielt, die Sie jetzt auch vertagen
nahmen zu überprüfen. Nur: wir wollen unter allen
wollen? Und würden Sie zweitens einräumen, daß
Umständen das, was da ist, sicher halten.
es einer sehr kritischen Überprüfung im Sinne unse-
rer Vorstellungen bedarf, ob man wirklich jetzt die
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Höcherl Bindungsermächtigung in dieser Konjunkturlage auf
möchte eine Frage stellen. 17 Milliarden DM steigern soll? Würden Sie zu-
geben, daß das zwei sehr konkrete und wichtige
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Ja, Beiträge der Opposition zur konjunkturpolitischen
bitte! Debatte sind, die im ersten Punkt bereits Erfolg
gehabt haben?
Höcherl (CDU/CSU): Herr Minister, ich bezweifle (Beifall bei der CDU/CSU.)
nicht, daß Sie diese Frage ernst nehmen. Aber ich
frage mich, warum im November und Dezember — Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Herr
auf der höchsten Stufe des Booms — so viel Geld Stoltenberg, ich freue mich, daß Sie jetzt in die
ausgegeben wurde; das haben Sie bisher nicht ge- Debatte wieder eingreifen. Ich habe Sie schon sehr
rechtfertigt. vermißt, weil ich Ihnen einiges zu sagen hatte.
Außerdem freue ich mich darüber, daß Sie in anti
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Was zyklischer Fiskalpolitik sehr gut vorankommen.
meinen Sie denn — — (Heiterkeit.)
Ich bin durchaus Ihrer Meinung, daß wir morgen die
Höcherl (CDU/CSU) : Drei Milliarden wurden in Frage der Größe der Bindungsermächtigung hier
diesen beiden Monaten des auslaufenden Haus- ganz offen miteinander diskutieren müssen, und ich
haltsjahres — im November und Dezember — mehr nehme an, der Bundesfinanzminister ist dazu auch
ausgegeben als z. B. im Haushaltsjahr 1968. Jetzt bereit.
waren wir auf dem Höhepunkt des Booms. Es geht
Zu Ihrem ersten Punkt kann ich Ihnen nur sagen,
doch nicht an, drei Monate zu warten mit einem
der Bundesfinanzminister hat bei der Frage der Be-
Programm und im November und Dezember fleißig
handlung der beiden Steuererleichterungen sofort,
Geld auszugeben, um zwei Tage später, kaum ist es
unmittelbar als Ihr Fraktionsvorsitzender diesen
gedruckt, sagen zu müssen: Wir müssen es jetzt
überprüfen, weil es offensichtlich nicht funktioniert. Vorschlag machte, reagiert und ist auf diesen Vor-
-- Das ist doch der Vorwurf, den wir formuliert schlag eingegangen.
haben. (Zuruf des Abg. Dr. Müller- Hermann.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1303

Bundesminister Dr. Schiller


— Aber ich bitte Sie! Das werden Sie mir ja nun Siebtens — Sie werden sagen: ein Evergreen; es
nicht vorwerfen wollen. Das ist ja wohl kein Argu- ist auch ein Evergreen —: Abschaffung der Preis-
ment. Wir waren uns also völlig einig, und es be- bindung der zweiten Hand.
stand auch im Kabinett Einigkeit, daß der Herr Bun- (Abg. Russe: Das ist auch erledigt? Das
desfinanzminister recht getan hat, in diesem Punkte haben Sie aufgegeben?)
auf die Kooperationsofferte der Opposition einzu-
gehen. So möchte ich das interpretieren. Ich glaube, — Nein, nicht aufgegeben. Wieso habe ich das auf-
das entspricht der Wirklichkeit. gegeben?
(Abg. Russe: Ihr Staatssekretär hat etwas
anderes erklärt!)
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Minister, ge-
statten Sie eine Zwischenfrage von Herrn von — Wir leben doch wohl in einer parlamentarischen
Dohnanyi? Demokratie. Wir haben Wahlen gehabt. Für die
Aufwertung haben wir in diesem Parlament eine
Mehrheit bekommen, aber für die Abschaffung der
Dr. von Dohnanyi (SPD) : Herr Minister, würden Preisbindung der zweiten Hand nicht. Das ist der
Sie es für zweckmäßig halten, den Herrn Abgeord- Tatbestand, das ist die Realität.
neten Höcherl im Zusammenhang mit seiner Frage
nach den Steigerungen der Ausgaben im Dezember (Beifall bei der SPD. — Zurufe von der
1969 auf die Antwort zur Kleinen Anfrage im Januar CDU/CSU.)
dieses Jahres hinzuweisen, wo dieses Problem be- Achtens: Einkommenspolitik der Tarifpartner, zu
reits erwähnt worden ist und wo festgestellt worden beeinflussen durch eine Art konzertierter Aktion.
ist, daß die Steigerungsrate 1969 faktisch nicht grö-
ßer war als die Steigerungsrate 1968? Das ist damals unser Programm gewesen. Herr
H öcherl, Sie selber sollten dem eigentlich nach-
- eifern. Daß Sie sich in Ihre neue Rolle noch nicht
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Ich eingefügt haben, in jene Funktion, die wir damals
kann nur sagen: eine Frage, auf die die Antwort zah- ausgeübt haben, kann man verstehen. Wir waren
lenmäßig vorliegt, kann hier im Hause ja durchaus etwas länger trainiert. Aber Sie haben ja auch noch
noch einmal diskutiert werden. Ich hätte jedenfalls alle Zukunft in dieser Beziehung vor sich.
von mir aus nichts dagegen und nehme an, daß der
(Heiterkeit und Beifall bei den Regierungs-
Herr Bundesfinanzminister nichts dagegen hat, daß
parteien.)
die Frage der Auszahlung im Dezember 1969 noch
einmal diskutiert wird. Mir täte es leid, wenn gerade Sie, Herr Höcherl, der
Sie sonst ein zukunftsfroher Mensch und überhaupt
Sie haben so oft auf die alten Zeiten von 1965 ver-
ein froher Mensch sind, mit diesem Ihrem Dasein
wiesen, Herr Kollege Höcherl. Nehmen Sie sich bitte
nicht so ganz zufrieden wären.
noch einmal vor — ich möchte Sie daran erinnern —,
was damals der von Ihnen zitierte Oppositions- Ich kann es jetzt sagen. Ich freue mich, daß der
sprecher Schiller als Preisstabilisierungsprogramm Kollege Stoltenberg sich in dieser Rolle ganz wohl
in acht Punkten vorgelegt hat. Das ist gar nicht so fühlt.
schlecht gewesen. (Heiterkeit.)
(Abg. Dr. Müller Hermann: Das waren noch
-
Er hat Günter Grass zitiert, was aus seinem Munde
Zeiten.) wirklich auch eine Innovation bedeutet. Auch ich
möchte Günter Grass zitieren, indem ich sage: für
Ich habe es mir inzwischen angesehen.
Herrn Stoltenberg sind die Oppositionsjahre offen-
Da steht erstens: Keine Deflationspolitik. Sie bar keine Hundejahre.
sehen, da bin ich auf demselben Gleis.
(Heiterkeit und Beifall bei den Regierungs-
Zweitens: Kein Preis- und Lohnstopp. Das ist klar. parteien.)
Drittens: Mittelfristige volkswirtschaftliche Ge-
samtrechnung. Das haben wir inzwischen. Dieser Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
Punkt ist jetzt erfüllt, er war damals nicht erfüllt. Abgeordnete Graaff.
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Wo ist das
Ergebnis?) Graaff (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen und
Viertens: Abstimmung der Geld- und Finanz- Herren! Ich bin dem Herrn Bundeswirtschaftsmini-
politik zwischen Bund und Ländern und zwischen ster sehr dankbar, daß er vor mir einige aufklärende
Bund und Bundesbank durch Einsetzung eines Kon- Fakten dargestellt hat, die ich somit mir und Ihnen
junkturrates. Dieser ist inzwischen durch das Stabi- ersparen kann. Wenn man als FDP-Mitglied hier
litätsgesetz eingerichtet, obgleich damals, als ich heute dieser Diskussion folgt, dann kommt sie
diesen Vorschlag hier machte, ein Zwischenruf von einem langsam etwas gespenstisch vor; denn ich
der CDU kam: „Noch ein Rat!" So war die Ein- stelle eigentlich nichts anderes fest, als daß man
stellung hei Ihnen. Ich habe im Protokoll nach- nach allen Seiten eine Vergangenheitsbewältigung
gesehen. betreibt, und das teilweise mit sehr polemischen
Bemerkungen. Ich habe nicht das Gefühl, daß es
Fünftens: Abschaffung der Kouponsteuer. Politik ersetzen kann, wenn man sich in dieser Form
Sechstens: Einfuhrerleichterungen. hier auseinandersetzt.
1304 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Graaff
Wir von der damaligen Opposition erinnern uns tion nicht verschlechtern können. Diese Koalition
noch sehr genau an die Erfindungen von „Plisch und ist sich auch in der Wirtschafts- und Finanzpolitik
Plum", die doch in bester Eintracht Projektionen — ich betone, ich sage das auch vorausschauend --
erzeugten, die, wie Herr Müller-Hermann heute mehr einig, als es der Opposition in Kürze vielleicht
stolz erklärt, alle völlig daneben gelegen haben. Die lieb sein könnte.
Erfindung stammt doch aus dieser Zeit.; ich müßte
mich sehr irren. — Mir scheint, Herr Bundeswirt- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
schaftsminister, in diesem Kabinett des Herrn Kie-
singer müssen Sie ein Superminister gewesen sein; Vizepräsident Dr. Schmidt: Das Wort hat der
denn Sie allein scheinen sich immer wieder gegen Abgeordnete Dr. Luda. — Er ist nicht im Hause.
alle anderen in diesem Kabinett durchgesetzt zu Dann gebe ich das Wort dem Abgeordneten Zander.
haben. Denn ich könnte mir sonst nicht vorstellen,
weshalb die Zielprojektionen in diesem Kabinett
mit Mehrheiten gebilligt worden sind. Zander (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
ehrten Damen und Herren! Ich glaube, wir alle in
Herr Müller-Hermann, Sie haben gesagt, früher diesem Hause haben aus der Erfahrung der Rezes-
hätte es auch Preissteigerungen gegeben, nur Sie sion der Jahre 1966/67 eine Reihe von Lehren ge-
hätten sie sich nicht gefallen lassen. Der Herr Bun- zogen. Lassen Sie mich heute eine dieser Lehren
deswirtschaftsminister hat eben ein paar Zahlen aus herausgreifen und einige Bemerkungen dazu ma-
einer sehr kritischen Zeit vorgetragen. Ich habe im chen.
Statistischen Jahrbuch nachgesehen. In neun Jahren
haben sich die Preise jährlich um 3,4 % zu Lasten Ich meine, die Rezession dieser Jahre hat die
der Verbraucher verschlechtert, und der Kollege Strukturschwächen in der Wirtschaft der Bundes-
Höcherl hat ja eben mit beredten Worten vorgetra- republik schonungslos offengelegt. Zu lange waren
gen, wieviel Milliarden, nämlich 10 Milliarden DM die Strukturprobleme von einem Konjunkturauf-
beim Verbraucher und 7 Milliarden DM beim Spa- schwung überdeckt worden. Aber als die Rezession
rer, dadurch eingebüßt worden sind; nur leider begann, zeigte sich ziemlich deutlich, in welchen Ge-
auch zu Zeiten der CDU-Regierungen, nämlich in bieten welche Versäumnisse strukturpolitischer Art
den Jahren 1962 bis 1969 mit jährlich 3,43 % genau. in der Vergangenheit begangen worden waren. Man
Trotzdem gab es in diesen Jahren noch eine Auf- kann sehr genau die strukturschwachen Gebiete
wertung, die die Dinge noch hätte beruhigen müs- erkennen und vergleichen, wenn man einmal die
sen. Man sollte, wenn man im Glashaus sitzt, nicht Karte der Arbeitslosenzahlen in diesen Jahren
mit Steinen schmeißen. 66/67 über die Karte der Bundesrepublik deckt.
Man wird erkennen, daß es die traditionellen Ge-
Herr Kollege Müller-Hermann, Sie haben dann biete sind, in denen schon immer Strukturschwächen
die Lohnentwicklung angesprochen und waren der erkannt waren, die aber in der Vergangenheit nicht
Meinung, sie verlaufe prozyklisch. Ich vermute, Sie ausreichend gefördert wurden. Vor den Jahren der
haben den Tarifabschluß eines hier im Hause nicht Rezession war die Strukturpolitik, die betrieben
ganz unbekannten Konzerns aus den letzten Tagen wurde, unvollkommen. Sie war materiell zu schwach
im Auge gehabt, als Sie diese Bemerkung machten. ausgestattet, und sie setzte falsch und an den fal-
Andererseits habe ich in Ihren Ausführungen schen Stellen an. Lassen Sie mich nur zwei Beispiele
nichts an neuen Vorschlägen gefunden. Sie haben dafür nennen, wo in der Vergangenheit Fehler ge-
zwar — der Herr Bundeswirtschaftsminister hat das macht wurden, um zu zeigen, wie sich bisher die
eben auch gesagt eine stärkere Förderung von neue Strukturpolitik von dem abhebt, was in der
Wissenschaft, Forschung und moderner Technik Vergangenheit üblich war.
trotz antizyklischen Haushalts gefordert. Herr Früher wurde nicht die Dynamik der Wirtschaft
Müller-Hermann, wir sind sehr gespannt, in der insgesamt bewertet und beurteilt und danach die
Debatte übermorgen von Ihnen zu hören, wo Sie einzelnen Branchen der Wirtschaft gefördert. Frü-
dann Kürzungen vorschlagen wollen, um trotz anti- her wurden einzelne Projekte gefördert, ohne die
zyklischen Haushalts noch diese Steigerungen zu wirtschaftlichen Regionen in ihrem gesamten Zu-
erreichen. sammenhang zu bewerten und zu beurteilen, um
Herr Kollege Stoltenberg, Sie haben vom „Prin- festzustellen, wo und wie man zweckmäßigerweise
zip der Pause" gesprochen. Ich vermag das nicht Strukturpolitik treiben sollte. Damals wurden im
ganz einzusehen, und mein Kollege Mertes hat Grunde die bestehenden Strukturen erhalten und
schon einmal darauf hingewiesen, daß hundert Tage damit insgesamt der Produktivitätsfortschritt der
nicht hundert Monate sind. Ich frage mich nur, wie Wirtschaft gehemmt.
lange eigentlich das Prinzip der Pause in der Großen
Ich darf auch hierzu nur drei Beispiele nennen.
Koalition herrschte, wenn ich mir die Vorstellungen
Ich nenne die Probleme der Zonenrandgebiete, die
der Sozialpolitiker dieser Großen Koalition ansehe,
im Grunde 20 Jahre lang ungelöst geblieben sind.
die nie realisiert werden konnten.
Die Folgen für diese Gebiete waren in der Rezes-
Herr Kollege Stoltenberg, Sie haben dann sehr sion für jeden deutlich sichtbar. Ich nenne die Berg-
vorsichtig auf einige neuere Zeitungsäußerungen baukrise, die durch einen falschen Einsatz von Sub-
über Gegensätze in dieser neuen Koalition ange- ventionen jahrelang überdeckt wurde. Die Folgen
spielt. Ich kann Sie beruhigen: noch so gut gemeinte für die Beschäftigten in diesem Bereich sind für
Zeitungsmeldungen werden das Klima dieser Koali- jeden offenkundig. Ich nenne das Saarland, das
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1305
Zander
immer noch hinter der allgemeinen wirtschaftlichen das sind Summen, die sich sehenlassen können und
Entwicklung der Bundesrepublik zurückgeblieben ist. die für nur eine der zahlreichen Maßnahmen in der
Strukturpolitik bereitstanden.
Ich meine, aus diesen Erfahrungen und Erkennt-
nissen müssen wir zwei Lehren ziehen. Die erste Die regionalen Aktionsprogramme und die ge-
Lehre besteht für mich darin, daß man erfolgreiche nannten Summen dienen den betroffenen Gebieten
Strukturpolitik nur in der Hochkonjunktur, nicht und ihren Menschen ebenso wie der gesamten Volks-
aber in der Rezession treiben kann. Die zweite Kon- wirtschaft. Einer höheren Elastizität der Angebots-
sequenz, die wir ziehen müssen, ist: Die Struktur- seite werden wir auch in Zukunft zu einem erheb-
politik muß planmäßig koordiniert und voraus- lichen Teil das weitere Wachstum der Wirtschaft
schauernd zusammengefaßt werden. zu verdanken haben. Meine Fraktion kann die neue
Ich meine, erst seit der Übernahme des Wirt- Bundesregierung daher nur ermuntern, auf diesem
schaftsressorts durch den Bundeswirtschaftsminister, Weg konsequent weiterzugehen.
der eben hier gesprochen hat, und nach Überwin-
Die Reorganisation der Strukturpolitik fand ihren
dung der ersten großen Schwierigkeit der Rezession
ersten und umfassenden Ausdruck im Steinkohle-
— etwa seit Beginn des Jahres 1968 — können wir
gesundungsgesetz. Dieses Gesetz war die erste um-
zum ersten Mal in der Bundesrepublik von Struktur-
fassende strukturpolitische Maßnahme und in seiner
politik im eigentlichen Sinne sprechen.
Art ohne Vorbild. Es leitete die längst überfällige
(Beifall bei der SPD.) Neuorientierung des Steinkohlebergbaus ein und
Welches sind ihre Elemente, meine Damen und bildete auch die Grundlage für eine dauerhafte Sa-
Herren? Ich möchte drei nennen. Diese neue Struk- nierung an Ruhr und Saar. Das Gesetz trug auch der
turpolitik hat die bisher vorhandenen unvollkom- Tatsache Rechnung, daß man dauerhafte wirtschaft-
menen Ansätze reorganisiert und zusammengefaßt. liche Sanierung nicht auf Kosten der Arbeitnehmer
betreiben kann. Daher war es nur konsequent, daß
- in diesem Gesetz neben struktur- und wirtschafts
Vizepräsident Dr. Schmidt: Gestatten Sie eine
Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Dr. Alt- politischen Maßnahmen auch Vorschriften für die
hammer? Lösung der sozialen Probleme enthalten waren. Zu-
sammen mit der Neuorientierung der regionalen
Wirtschaftsförderung kam es in der Strukturpolitik
Zander (SPD) : Herr Präsident, meine Zeit ist
knapp bemessen. zu einer Fortentwicklung von der Förderung unzu-
sammenhängender Einzelprojekte ohne jede wirt-
Sie hat zweitens neue Instrumente geschaffen wie schaftliche Perspektive zur planmäßigen und abge-
z. B. die regionalen Aktionsprogramme, die ich hier
stimmen Förderung großer Regionen und zur Sanie-
nennen möchte. Sie hat drittens eine erhebliche Aus-
rung ganzer Branchen.
weitung ihrer materiellen Mittel erfahren.
Ich nannte die regionalen Aktionsprogramme als In dem Jahreswirtschaftsbericht, über den wir
ein wichtiges Instrument der Strukturpolitik. Diese heute hier sprechen, ist von mehr als 40 000 neuen
regionalen Aktionsprogramme führen von der Zu- Arbeitsplätzen die Rede. Ich meine, das ist ein be-
fälligkeit bisheriger Förderung weg und zur Lösung achtlicher Erfolg. Wir Sozialdemokraten erwarten
spezieller Strukturprobleme ganzer Regionen hin. von Bund und Ländern, daß sie in ihren Anstren-
Sie nutzen die Möglichkeit mehrjähriger Planung gungen nicht nachlassen. Wir begrüßen, daß für 1970
und setzen so Orientierungsdaten für die Entschei- rund 270 Millionen DM für Investitionszulagen und
dungen der Kommunalpolitiker und der Wirtschaft. 360 Millionen DM für Investitionszuschüsse bereits
Sie berücksichtigen die Zielsetzungen der Landes- wieder eingeplant sind. Dazu kommen weitere
politik, und sie bilden das wichtigste Planungsinstru- Mittel aus dem ERP-Sondervermögen und von der
ment für die Lösung der Gemeinschaftsaufgaben von Bundesanstalt für Arbeit.
Bund und Ländern. Die regionalen Aktionspro-
Meine Damen und Herren, man kann nicht oft
gramme sind der beste Weg der Kooperation in dem
genug betonen, worin der grundsätzliche Unter-
föderalistischen System der Bundesrepublik, wobei,
schied zwischen dem, was früher Strukturpolitik
wie ich am Rande bemerken muß, allerdings die
genannt wurde, und dem, was heute Strukturpolitik
Kooperationsbereitschaft aller Bundesländer eine
ist, besteht. Es werden keine Erhaltungssubven-
entscheidende Voraussetzung für den Erfolg dieser
tionen mehr gezahlt. die im Grunde bestehende
Politik ist. Strukturen nur aufrechterhalten und den Produk-
In Verbindung damit sind die laufenden und be- tivitätsfortschritt hemmen. Es werden keine Einzel-
achtlichen Erhöhungen der Mittel zu sehen. Allein projekte mehr gefördert ohne Beachtung der Pro-
vom Bund wurden für die regionalen Förderungs- bleme eines ganzen Wirtschaftsraumes.
programme im Jahre 1966 mehr als 170 Millionen DM,
im Jahre 1967 mehr als 170 Millionen DM im Lassen Sie mich einige Schwerpunkte heraus-
Jahre 1968 220 Millionen DM und im Jahre 1969 greifen. Die Politik dieser Regierung besteht eben
350 Millionen DM zur Verfügung gestellt. Für das nicht nur — wie manchmal darzustellen versucht
gemeinsame Strukturprogramm Ruhr, Saar und wird — in der gesamtwirtschaftlichen Rahmenpla-
Zonenrandgebiet wurden 1968 rund 50 Millionen nung; sie besteht auch in gezielter und aktiver
DM und 1969 rund 60 Millionen DM aufgebracht. Strukturpolitik. Das gilt für das Zonenrandgebiet,
Für die Folgejahre sind weitere 290 Millionen DM das gilt für Ruhr und Saar, für Berlin und andere
eingeplant. Meine Damen und Herren, ich meine, Problemgebiete.
1306 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Zander
Die Zonenrandgebiete sind intensiv und sinnvoll Ich glaube, diese regionalen Schwerpunkte zei-
gefördert worden. Sie führen kein Schattendasein gen, daß die Strukturpolitik insgesamt erfolgreich
mehr und haben eine wirtschaftliche Perspektive, angefaßt wurde, daß sie aber auch für die Zukunft
die klar ist. einen wichtigen Teil der Wirtschaftspolitik bilden
wird. Die Bundesregierung ist nach unserer Über-
(Zuruf von der CDU/CSU: Die Leitung der
Großen Koalition, nicht der jetzigen!) zeugung gut beraten, wenn sie sich nicht von dem
augenblicklichen wirtschaftlichen Aufschwung täu-
— Ich habe eine Zäsur im Jahre 1968 gesetzt und schen läßt. Sie muß vielmehr zielbewußt, sie muß
habe gesagt: als nach Überwindung der ersten gemeinsam mit den Bundesländern, sie muß auf
Schwierigkeiten der Rezession d e r Bundeswirt- der Grundlage mehrjähriger Planung die erfolg-
schaftsminister, der heute hier gesprochen hat und reiche Strukturpolitik der letzten Jahre fortsetzen.
der seit 1966 im Amt ist, beschlossen hat, Struktur-
Sichere, krisenfeste Arbeitsplätze in bisher ver-
politik zu machen; und ich spreche darüber, wie
nachlässigten Gebieten erleichtern auch die Lö-
diese Ansätze jetzt erfolgreich fortentwickelt wer-
sung der Probleme der Agrarstrukturverbesserung.
den.
Wirtschaftspolitik und Agrarpolitik haben hier
(Beifall bei der SPD. — Zurufe von der
ihren Berührungspunkt, und es ist ganz sicher nicht
CDU/CSU.)
zufällig, daß sei kurzem auch Vertreter der Land-
— Ich sage: erst seit 1967/68 mit dem nötigen Nach- wirtschaft an den Beratungen im Rahmen der Kon-
druck. — Was das Zonenrandgebiet angeht, so wur- zertierten Aktion teilnehmen. Ich möchte hier eine
den in diesen Jahren seit 1967/68 rund 1,3 Milliar- Anregung geben und die Bundesregierung bitten,
den DM zur Verfügung gestellt. Wir begrüßen, daß zu prüfen, ob es nicht zweckmäßig wäre, in die
der Wirtschaftsbericht der Bundesregierung im Rah- regionalen Aktionsprogramme auch Probleme der
men des regionalen Förderungsprogramms der Zo- Wohnungsbeschaffung, der Erhöhung des Freizeit-
nenrandförderung erneut hohe Priorität beimißt. wertes einzelner Regionen, der Verbesserung der
Das gilt auch für Berlin. Wir begrüßen die Ab- Bildungseinrichtungen und der Schulen in solchen
sicht, einen Gesetzentwurf zur Änderung des Ber- regional und strukturell benachteiligten Gebieten
linhilfegesetzes einzubringen. Wir halten es für völ- einzubeziehen.
lig richtig, wenn der Wirtschaftsbericht klarstellt, Meine Damen und Herren, noch einige wenige
daß ein wesentliches strukturpolitisches Problem Bemerkungen zur sektoralen Strukturpolitik. Die
Berlins das Problem des Arbeitsmarktes ist. Wir sozialdemokratische Fraktion begrüßt, daß erneut
stimmen mit dem Jahresbericht der Bundesregie- einige Branchen als Schwerpunkt hervorgehoben
rung überein und halten als sozialdemokratische werden. Es gilt, ihre Anpassungsprobleme zu er-
Fraktion die Verbesserung der Präferenzen für die kennen und lösen zu helfen. Hier ist insbesondere
Berliner Arbeitnehmer für erforderlich. begrüßenswert, daß die Luft- und Raumfahrtindu-
strie, die in den vergangenen Jahren vom Schlen-
(Zuruf der CDU/CSU: Nicht für das Zonen-
drian in der Strukturpolitik betroffen wurde und
randgebiet?)
qualifizierte Fachleute ans Ausland abgeben mußte,
Die vorgeschlagene einheitliche Zulage von 8 % besonders gefördert wird. Wir begrüßen die Ab-
zum Bruttolohn und die zusätzlichen Kindergeld- sicht der Bundesregierung, noch im Jahre 1970 ein
zahlungen sind für diesen Deutschen Bundestag Basisprogramm für die Luft- und Raumfahrtindustrie
sehr diskussionswürdige Absichten der Bundesre- dem Bundestag vorzulegen bzw. zu veröffentlichen.
gierung. Wir können die Bundesregierung in dieser Absicht
nur bestärken.
Neben dem Zonenrandgebiet und Berlin spielte
schon immer das Saarland in der Strukturpolitik Ein besonderes Problem spielen schon immer die
und in der Wirtschaftsförderungspolitik eine beson- Werften. Sie sind ein Sonderfall, nicht erst seit der
dere Rolle. Sie wissen, daß das Saarland sehr stark Aufwertung. Ich meine, daß die Bundesregierung
montanindustrie-orientiert ist. Infolgedessen zeigte auch hier gut beraten ist, wenn sie sich insbeson-
sich dort in den letzten Jahren eine Mischung von dere um einen Abbau der internationalen Probleme
regionalen und sektoralen Strukturproblemen. Da- und Wettbewerbsverzerrungen bemüht.
her kann eine vernünftige und dauerhafte Abhilfe Meine Damen und Herren, ich glaube, die Bun-
dieser Probleme auch nur durch eine Mischung der desregierung hat mit diesen erfolgreichen Maß-
Anwendung sektoraler und regionaler Strukturpo- nahmen zur Strukturpolitik den Auftrag erfüllt, den
litik erreicht werden. Von 1966 bis 1968, also in das Grundgesetz im Art. 72 stellt.
den Jahren der Rezession und in dem unmittelbar
darauf folgenden Jahr 1968, sank die Zahl der In- (Beifall bei der SPD.)
dustriebeschäftigten im Saarland um 10 %.
Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und
Lassen Sie mich auch hier nur einen kurzen Ver- Herren, wir können Herrn Zander zu einer Jung-
gleich bringen. Allein die regionale Förderung für fernrede beglückwünschen.
das Saarland umfaßte in den Jahren 1967 und 1968
rund 500 Millionen DM. In zwei Jahren also rund (Beifall.)
500 Millionen DM für regionale Förderungsmaßnah- Herr Dr. Luda!
men für das Saarland. In den zehn Jahren vor 1967
wurden für den gleichen Zweck insgesamt nur Dr. Luda (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
700 Millionen DM zur Verfügung gestellt. Damen und Herren! Ich möchte nur noch zu einigen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1307
Dr. Luda
von dem Bundeswirtschaftsminister und auch von schaftsbericht auch eine Quantifizierung. Aber für
dem Bundeskanzler aufgeworfenen Fragen kurz die Entwicklung der Zahlungsbilanz im Jahre 1969
Stellung nehmen. wird keine Zahl genannt, und über die voraussicht-
Der Bundeswirtschaftsminister hat vorhin bei lichen Zahlen im Jahre 1970 wird insoweit kein Wort
seinem zweiten Auftritt einige Worte zu den Aus- gesagt. Meine Damen und Herren, das hat doch einen
führungen meines Fraktionskollegen Dr. Müller- Grund. Der Herr Bundeswirtschaftsminister hat in
Hermann gesagt und kritisiert, daß seine Behaup- seiner Antwort auf die Ausführungen von Herrn
tung, die jetzt im neuesten Bundesbankbericht für Müller-Hermann gesagt: Es besteht keine Kontro-
Februar veröffentlichten Preissteigerungsraten seien verse zwischen mir, d. h. dem Bundeswirtschafts-
einmalig hoch, nicht stimme. Ich muß den Bundes- ministerium, und der Deutschen Bundesbank. Es be-
wirtschaftsminister korrigieren. Mein Kollege Dr. steht aber ausweislich des Jahreswirtschaftsberichts
Müller-Herrmann hatte durchaus recht, denn es ein sachlicher Dissens zwischen Bundesbank und
geht nicht nur um den Jahresvergleich für das Land Bundeswirtschaftsministerium. Denn in dem neue-
Nordrhein-Westfalen von Januar 1970 auf Januar sten Monatsbericht der Deutschen Bundesbank wird
der Schwerpunkt in auffälliger Weise auf die Ent-
1969, sondern zugleich schreibt die Deutsche Bun-
desbank in diesem Bericht, daß von Dezember 1969 wicklung der Zahlungsbilanz gelegt und gesagt: Wir
müssen dafür Sorge tragen, daß nicht noch mehr
auf Januar 1970 im Bundesland Nordrhein-West-
Liquidität ins Ausland abfließt. Obwohl der Bundes-
falen die Lebenshaltungskosten um 1,3 % in die
wirtschaftsminister im Jahreswirtschaftsbericht be-
Höhe gegangen seien.
hauptet, daß in bezug auf die außenwirtschaftliche
(Hört, Hört! bei der CDU/CSU.) Lage ein Gleichgewichtszustand bestehe, hat er —
das muß ich allerdings jetzt in Klammern hinzufügen
Bei diesem Tatbestand hatte Herr Dr. Müller-Her-
— in seiner Rede anläßlich des Stiftungsfestes der
mann recht, wenn er sagte, so hohe Preissteige-
Bremer Eiswette Mitte Januar selbst gesagt: Ich
rungsraten hätten wir in der Vergangenheit noch
nicht gehabt. - befürchte keine Uberkonjunktur im Jahre 1970; ich
befürchte einen Kollaps aus Liquiditätsmangel.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Meine Damen und Herren, das sagte der Bundes-
Der Bundeswirtschaftsminister hat in seinen wirtschaftsminister Mitte Januar, und Ende Januar
Ausführungen heute vormittag einige Punkte be- legt er einen Jahreswirtschaftsbericht vor, in dem er
rührt, die der Erwähnung, teilweise auch der Richtig- diese Problematik einfach übergeht und behauptet,
stellung bedürfen. Er hat von dem Außenbeitrag es bestehe ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht!
gesprochen und gemeint, daß er im -Jahre 1970
(Beifall bei der CDU/CSU.)
geringer werde. Er hat gesprochen von der durch
die Aufwertung wiedergewonnenen Handlungs- Die Handlungsfähigkeit der Deutschen Bundes
fähigkeit der Deutschen Bundesbank. Dazu möchte bank ist durch die Aufwertung nicht verbessert wor-
ich folgendes sagen. Was er hier über die Be- den.
deutung des Außenbeitrages im Sinne der außen- (Abg. Haase [Kassel]: Im Gegenteil! Die
wirtschaftlichen Absicherung gesagt hat, deckt sich Zinsen sind hoch!)
mit entsprechenden Ausführungen im Jahreswirt- Die gegenteilige Behauptung der Bundesregierung
schaftsbericht und ist inhaltlich falsch. Im Jahres- ist objektiv ebenfalls unzutreffend. Richtig ist, daß
wirtschaftsbericht wird gesagt, daß von den vier die Handlungsfähigkeit der Bundesbank vor der
Zielen des Zielbündels in § 1 des Stabilitätsgesetzes Aufwertung beschränkt war, weil ihre restriktiven
in der Gegenwart und voraussichtlich im Jahre Maßnahmen von den hereinkommenden Geldern
1970 nur das der Preisstabilität notleidend sei; bei unterlaufen wurden. Aber seit dem Abfluß dieser
allen drei anderen Zielen dieses Zielbündels sei Gelder steht doch die Deutsche Bundesbank vor dem
eine gleichgewichtige Situation gegeben und wei- Dilemma, daß, wenn sie konjunkturgerecht bremsen
ter zu erwarten. Zu dieser Aussage kann der Jah- will, die Gefahr besteht, die Herr Kollege Schiller in
reswirtschaftsbericht nur kommen, weil er den Be- Bremen aufgezeigt hat, nämlich daß eventuell ein
griff der außenwirtschaftlichen Absicherung falsch Kollaps im Bankensystem eintritt. Oder die Bundes-
definiert. Nach einer Definition, die Herr Kollege bannk läuft, wenn sie es für notwendig hielte, der
Arndt im Jahre 196& in 'der Fragestunde des Wirtschaft durch Kreditschöpfung wieder auf die
Deutschen Bundestages gegeben hat, umfaßt der Beine zu helfen, in der heutigen Situation Gefahr,
Begriff der außenwirtschaftlichen Absicherung des daß die Gelder, die sie schöpft, gleich ins Ausland
Gesetzes nicht nur die Frage des Außenbeitrages, fließen und sich dann das außenwirtschaftliche
sondern selbstverständlich auch alle Fragen des Gleichgewicht, das zur Zeit schon labil ist und leider
äußeren monetären Gleichgewichts. Ich bedauere Gottes wahrscheinlich labil bleiben wird, noch mehr
sehr, daß im Jahreswirtschaftsbericht auf das Un- verschlechtert.
gleichgewicht, indem wir uns trotz Aufwertung,
(Beifall bei der CDU/CSU.)
vielleicht zum Teil wegen der Aufwertung, befin-
den, in bezug auf die Zahlungsbilanzentwicklung Es besteht also ein eklatanter Dissens zwischen
und die Liquiditätsversorgung der Banken kaum diesem Bundeswirtschaftsminister, Herrn Kollegen
eingegangen worden ist. Schiller, und der Deutschen Bundesbank von der
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) Sache her. Aber nicht nur in diesem Punkt ist das
so, sondern auch in der Beurteilung der notwendi-
Für alle wichtigen Sektoren der volkswirtschaft- gen Maßnahmen seit dem Regierungsantritt über-
lichen Gesamtrechnung enthält der Jahreswirt- haupt. Ich erinnere mich noch sehr gut: Der Herr
1308 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Luda
Bundeswirtschaftsminister war bei uns im Wirt- Sehen Sie darin nicht eine völlige Übereinstimmung
schaftsausschuß. Das war nach der konzertierten mit dem Bundesminister für Wirtschaft?
Aktion vom 24. November. Da habe ich mich be-
Herr Präsident, wenn ich mein Fragerecht hier
müht, durch verschiedene hartnäckige Fragen aus
nicht überziehe, möchte ich noch eine andere Stelle
ihm herauszubekommen, was denn nach seiner
zitieren, und zwar auf Seite 35.
Meinung in dieser Situation notwendig sei: zu
bremsen oder Gas zu geben. Ausweislich des Proto-
kolls haben Sie, Herr , Kollege Schiller, keine klare Vizepräsident Dr. Schmid: Stellen Sie Fragen!
Antwort ,auf 'diese Fragegegeben.
Was aber tut die Deutsche Bundesbank seit der Porzner (SPD) : Sehen Sie nicht im Gegensatz zu
erfolgten Aufwertung der D-Mark? Die Deutsche dem, was Sie sagten, Herr Luda, auch darin eine
Bundesbank hat seit der Aufwertung keinen Zwei- Übereinstimmung zwischen der Bundesbank und der
fel gelassen, daß ein restriktiver Kurs weiter zu Bundesregierung, wenn es folgendermaßen heißt?
verfolgen sei. Ende des Jahres 1969 hat d ie Deut-
sche Bundesbank sogar in einer Presseverlautba- Das Nahziel der Aufwertung, nämlich die Un-
rung gesagt, es wäre nicht gut, wenn sie jetzt wie- sicherheit auf den Devisenmärkten zu beseiti-
der alleingelassen würde. Ich bitte, das nachzulesen. gen, die spekulativen Geldbewegungen umzu-
kehren und damit auch die Lage am heimischen
Also auch insoweit besteht zwischen dem Bundes- Kreditmarkt, die vordem durch Überliquidität
wirtschaftsministerium und der Deutschen Bundes- des Bankensystems gekennzeichnet war, der
bank von der Sache her ein eklatanter Dissens. Die inneren Konjunkturlage anzupassen, wurde in
Vertrauensgrundlage, die die Wirtschaft und , die diesen Monaten rasch und vollständig erreicht
Öffentlichkeit brauchen, und von der Herr Stolten
berg und Herr Müller-Hermann gesprochen haben, Es waren lange Zitate. Aber ich mußte sie bringen.
-
wiederherzustellen, hat zur Voraussetzung, daß Sie, Können Sie da noch bei Ihrer Behauptung bleiben,
Herr Bundeswirtschaftsminister, sich in der Sache es gebe einen Unterschied in der Bewertung dieser
mitderBunsbaklchüerdiFgn, Frage zwischen der Bundesregierung und der Bun-
ob jetzt gebremst oder Gas gegeben werden muß. desbank?

Nun, meine Damen und Herren, ist hier mehr-


fach die Frage des Stabilitätsbegriffs angeschnitten Dr. Luda (CDU/CSU) : Herr Kollege Porzner, in
worden. Einer der Herren Kollegen aus dem Wirt- den Punkten, die Sie zitiert haben, besteht zweifel-
schaftsausschuß hat vorhin hier auch über die los diese Übereinstimmung zwischen Regierung und
Frage der Zielprojektion gesprochen. Wie läuft ,das Deutscher Bundesbank. Es gibt zahllose Punkte, die
Sie aus diesem Bericht der Bundesbank vorlesen
eigentlich mit den Zielprojektionen ides Bundeswirt-
können und wo Übereinstimmung besteht. Aber in
schaftsministers? Wir haben jetzt den vierten Jah-
reswirtschaftsbericht. In den drei vorangegangenen der entscheidenden Frage, ob gebremst oder ob Gas
Jahreswirtschaftsberichten hat der Bundeswirt- gegeben werden sollte, war diese Bundesregierung
drei Monate lang handlungsunfähig; die Deutsche
schaftsminister Sorge dafür getragen, daß der Stabi-
Bundesbank hat aber seit vier Monaten gewußt,
litätsbegriff s o, wie er ihn sieht, in quantifizierter
daß trotz Aufwertung noch weiter gebremst werden
Weise definiert und im Bericht veröffentlicht wird.
mußte."
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine Ich war aber bei den Zielprojektionen. Herr Bun-
Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Porzner? deswirtschaftsminister, Sie haben jetzt erstmals bei
der Definition der Stabilität im Jahre 1970 nicht den
Porzner (SPD) : Herr Luda, meine Frage kann ich früher verwendeten Deflatorbegriff des Bruttoso-
erst s o spät stellen, weil es etwas gedauert hatte, zialprodukts benutzt, sondern sind von diesem De-
bis ich zu Wort kommen konnte: Haben Sie über- flator, der nämlich von Ihnen diesmal mit 5% an-
sehen, was die Bundesbank in ihrem letzten Mo- genommen worden ist, für das Jahr 1970 übergegan-
natsbericht, der am 9. Februar ,abgeschlossen und gen zum Lebenshaltungskostenindex, weil der die
erst zum Wochenende vorgelegt wurde, geschrie- optisch kleinere Größe von 2,5 bis 3 % auswies, und
ben hat? Meine Frage ist, ob Sie darin nicht eine haben so versucht, die Schockwirkung, die durch Be-
Übereinstimmung mit dem Bundeswirtschaftsmini- kanntgabe des Deflators in der Öffentlichkeit aus-
ster und der Bundesregierung feststellen müssen, gelöst worden wäre, zu vermeiden. Ja, meine Da-
wenn es heißt — ich zitiere Seite 5, unterer Ab- men und Herren, was macht die rationale Wirt-
satz —: schaftspolitik, wenn ihre Zielprojektionen durch die
tatsächliche Entwicklung nicht erreicht werden? —
Der Devisenabfluß aus der Bundesrepublik Statt die Instrumente der Globalsteuerung einzu-
nach der Aufwertung wirkte binnen wie au- setzen, um die tatsächliche Entwicklung zu ändern,
ßenwirtschaftlich stabilisierend. Auf den in- ändern Sie einfach Ihre Zielprojektionen und die
ternationalen Devisenmärkten ist m it der Neu- auf ihr beruhenden Begriffe.
bewertung der D-Mark das spekulative Ele-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
ment, das vordem die Ursache hektischer De-
visenbewegungen gewesen war, weitgehend Sehr geehrter Herr Minister Schiller, diese Pause
weggefallen. von drei Monaten, von der Sie sprechen, können Sie
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1309
Dr. Luda
guten Gewissens vor dem Sparer in Deutschland haben sie immer in Verbindung gebracht mit dem
nicht rechtfertigen. Deflator. Um von diesen jetzt ungünstig gewordenen
(Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.) Zahlen herunterzukommen, haben Sie die optisch
besesr wirkende Zahl der bloßen Entwicklung der
Sie sprechen von einer dreimonatigen Pause. Laut Lebenshaltungskosten, wie sie voraussichtlich im
Presseberichten ist in Ihrem Hause davon gespro- Jahre 1970 sein wird, gewählt.
chen worden: „Wir spielen erst mal toter Käfer" ;
besser gesagt: Sie haben drei Monate lang eine
Konjunkturpolitik des Däumchendrehens getrieben. Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Herr
Die Bundesbank hat gehandelt, hat als einzige in Kollege Luda, ich nehme an, Sie geben zu — das ist
dieser Zeit gehandelt. Ich erinnere mich eines Wor- die Antwort —, daß Sie die Ziffer 45 nicht gelesen
tes von Professor Machlup, der gesagt hat: In Not- haben.
zeiten sind die Zentralbanken die einsamen Tor- (Zuruf von der CDU/CSU: Immer diese
hüter. Schwätzerei!)
Meine Damen und Herren! Es ist früheren Bun- Sie werden in dieser Ziffer genau sehen,
desregierungen oft vorgeworfen worden, daß sie (Abg. Dr. Luda: Wenn ich um Ihre zweite
die Bundesbank im Stich gelassen hätten. Aber was Frage bitten darf!)
macht der Herr Kollege Schiller? — In einem Zeit-
punkt, wo Herr Emminger in Paris gesagt hat — daß das überhaupt nichts mit der Gunst oder Un-
wenige Tage vor dem 21. Januar —: in der Zentral- gunst dieser Zahl zu tun hat,
bankratssitzung vom 21. Januar wird der Diskont- (Abg. Dr. Luda: Darf ich um Ihre zweite
satz erhöht, fährt der Bundesminister Schiller in die Frage bitten!)
Zentralbankratssitzung und wirkt dort ganz offen- sondern eine technische Frage ist.
sichtlich auf die Beschlußfassung dieses Gremiums
im Sinne dessen ein, was schon in dem Sofortpro- (Abg. Dr. Klepsch: Der Mann fragt ja gar
gramm der Bundesregierung in der Regierungser- nichts!)
klärung gestanden hat. Dort haben Sie nämlich an- Die zweite Frage, die ich — mit Erlaubnis des
gekündigt, die Bundesregierung werde veranlassen, Herrn Präsidenten — an Sie richten darf: Herr Kol-
daß die Bundesbank ihren restriktiven Kurs korri- lege Luda, ist Ihnen bekannt, daß der Zentralbank-
giere. Hätte sie das getan, meine Damen und Her- rat bei seinen Entscheidungen immer in völliger Un-
ren, dann hätten wir in den letzten vier Monaten abhängigkeit abstimmt, daß der Bundeswirtschafts-
überhaupt keinen „Torhüter" mehr gehabt. minister z. B. auch im Januar überhaupt kein Veto
(Beifall bei der CDU/CSU.) oder irgendeine Einflußnahme dort von seiner Seite
hat fühlen lassen? Ist Ihnen das bekannt, daß jene
Unabhängigkeit der Meinungsbildung dort in vollem
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine Umfange besteht?
Zwischenfrage?

Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft. Herr Dr. Luda (CDU/CSU) : Es ist mir bekannt, daß
Kollege Luda, darf ich zwei Fragen an Sie richten? die Deutsche Bundesbank und ihre Gremien in ab-
Ist Ihnen bekannt, daß zur Frage des Deflators in soluter innerer und äußerer Unabhängigkeit ent-
der Ziffer 45 des Jahreswirtschaftsberichtes, der dem scheiden. Aber es ist mir auch bekannt — ich sagte
Hohen Hause vorliegt, eine ausführliche statistische es eben schon —, daß Sie seit der Regierungs-
Erklärung rein technischer Art gegeben worden ist, erklärung im Oktober 1969 eine andere Geldpolitik
dergestalt, daß der Deflator in der Zeit nach Wech- von der Bundesbank verlangt haben. Nachdem dann
selkursänderungen keine Aussagekraft mehr hat? Herr Emminger wenige Tage vor der Sitzung vom
Ist Ihnen das bekannt? 21. Januar ankündigt: Wir werden den Diskont-
satz erhöhen, macht es optisch einen schlechten Ein-
Dr. Luda (CDU/CSU) : Ist das Ihre erste Frage? druck, wenn der Wirtschaftsminister, der eine gegen-
teilige Auffassung von den notwendigen Dingen hat,
in diese Sitzung reingeht; denn er geht ja schließlich
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Ja. nicht oft in Zentralbankratssitzungen hinein.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Dr. Luda: (CDU/CSU) : Gut. Ich antworte wie
folgt: Herr Schiller, ist Ihnen bekannt, daß die
Sparerschutzgemeinschaft in ihrer letzten Verlaut- Vizepräsident Dr. Schmid: Eine weitere Zwi-
barung Ihnen vorgeworfen hat, daß Sie jetzt erst- schenfrage!
mals nicht mehr das Ziel der Preisstabilität quanti-
tätsmäßig formulieren und erfassen?
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Herr
(Zuruf von der FDP: Ist das die Antwort?) Kollege Luda, ist Ihnen nicht bekannt, daß dieser
— Das ist meine Antwort. Bundeswirtschaftsminister, wo immer e s sein möge,
die Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist richtig!)
respektiert hat, und außerdem im Gremium des
Sie haben früher eine präzise Definition dessen ge- Zentralbankrats willkommen ist und daß er von
geben, was Sie unter Preisstabilität verstehen. Sie den Mitgliedern des Zentralbankrats als Disputant
1310 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Bundesminister Dr. Schiller


mehr gesehen worden ist als alle Bundeswirtschafts- Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, das zu
minister vorher? erfahren.
(Beifall bei der SPD.) (Beifall bei der CDU/CSU.)
Ich sage, es steckt da etwas Substanz drin. Aber
Dr. Luda (CDU/CSU) : Herr Kollege Schiller, ich mache niemand andere Menschen glauben, daß man
will Ihre Bemühungen nicht abwerten. Ich gebe mit diesen beiden Maßnahmen wesentlich auf das
nur den objektiven Eindruck wieder, der sich auf- künftige Preisgeschehen Einfluß nehmen könne.
drängen muß, wenn man sich diese Tatbestände
vor Augen hält. Was die administrierten Preise betrifft, so ver-
weise ich Sie auf eine Äußerung von Professor
Bauer, Sprecher des Sachverständigenrats für die
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie noch volkswirtschaftliche Begutachtung, der Ihnen in der
eine Zwischenfrage des Abgeordneten Junghans?
Konzertierten Aktion, Herr Schiller, gesagt hat, daß
— Bitte!
die administrierten Preise, soweit keine Mißbräuche
vorliegen, der Kostenentwicklung folgen und der
Junghans (SPD) : Herr Kollege Luda, haben Sie Kostenentwicklung auch folgen müßten. Das ist der
Ziffer 157 des Jahresgutachtens gelesen? Da steht Rat und die Empfehlung, die Ihnen ein Experte
nämlich: gegeben hat. Ich habe dem nichts hinzuzufügen.
Aus beiden Gründen stellt der Preisindex für Aber Sie wollten auch weiterhin für Marktwirtschaft
das Bruttosozialprodukt eintreten, und Sie freuen sich über den Wettbewerb
zwischen der Marktwirtschaft bei uns der Markt-
— Deflator —
wirtschaft bei Ihnen. Nun, ich möchte sagen: ein
kein relevantes Maß für den Geldwertschwund Wettbewerb um soziale — auf diesen Zusatz lege
in , der Bundesrepublik Deutschland dar. ich großen Wert — Marktwirtschaft! Wenn Sie in
Stimmen Sie damit überein? der geschilderten Weise auf administrierte Preise
Einfluß nehmen wollen, so ist es zwar marktwirt-
schaftlich, wenn Sie die Tarifbandbreiten erhöhen
Dr. Luda (CDU/CSU): Ich habe diesen Punkt ja wollen —das gebe ich zu —, aber jede andere Ein-
eben schon mit dem Bundeswirtschaftsminister ge- wirkung, die die Kostenentwicklung negiert, ist
klärt. nicht marktwirtschaftlich, und das möchte ich Ihnen
Ich darf dann vielleicht fortfahren. in diesem Zusammenhang sagen. Sie fordern ein
(Lachen bei der SPD.) neues internationales Zinsabkommen. Das kann man
zunächst einmal nur begrüßen, wenn man nicht
wüßte, wie die Realitäten sind.
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeord-
neter, man hat Ihnen drei Minuten von Ihrer Rede- (Glocke des Präsidenten.)
zeit genommen. Ich gebe Ihnen vier. Sie müssen ja — Ich muß leider an diesem Punkte abschließen.
wieder reinkommen in die Sache.
Herr Schiller, wie die Realitäten in bezug auf
(Heiterkeit.)) internationale Zinsabrüstung sind, wissen Sie ganz
genau. Wie können Sie sich, nachdem am 10. Fe-
Dr. Luda (CDU/CSU) : Herzlichen Dank. bruar der Zehnerklub in Basel dieserhalb zusam-
mengekommen ist und gesagt hat, die internationale
Die Bundesregierung, die eben drei Monate lang
Zinsabrüstung sei zu diesem Zeitpunkt der Hoch-
eine Pause gemacht hat, hat angekündigt, daß sie
zinspolitik in USA völlig unrealistisch, nachdem
auf jeden Fa ll durch verschärfte Mißbrauchsaufsicht
Ihnen sämtliche Kollegen im Zehnerklub einschließ-
und durch Einflußnahme auf die administrierten
lich des Herrn Emminger das gesagt haben, heute
Preise Maßnahmen ,ergreifen wolle. Nun, ich be-
vor den Bundestag und die deutsche Öffentlichkeit
grüße das, was die Mißbrauchsaufsicht betrifft, so-
hinstellen und ihr Trost spenden wollen aus der An-
weit die Einflußnahme nicht mißbräuchlich erfolgt.
kündigung: Ich, Karl August Schiller, werde eine
Aber beide Maßnahmen hören wir aus dem Munde
internationale Zinsabrüstung einleiten?
dieses Bundeswirtschaftsministers schon seit der
Ersatzaufwertung von Ende 1968. Schon seit damals Meine Damen und Herren, ich muß leider aus
wird die Öffentlichkeit damit vertröstet, daß man Zeitgründen abbrechen. Vielleicht bekomme ich
sagt: wir handeln ja, wir sind ja nicht untätig; zum gleich noch Gelegenheit, Ihnen die restlichen Punkte
Beispiel wirken wir auf die administrierten Preise vorzutragen.
ein; zum Beispiel üben wir verschärfte Mißbrauchs- (Beifall bei der CDU/CSU.)
aufsicht. Wenn Sie eine solche Vokabel nach einer
erfolgten Ankündigung der Automobilpreiserhö- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
hungen aufbringen, Herr Professor Schiller, dann Abgeordnete Lenders.
macht sich das vor der breiten Masse, vor dem Zei-
tungsleser natürlich ganz schön. Aber nachdem seit Lenders (SPD) : Herr Dr. Luda, zunächst ein paar
dieser Ihrer Ankündigung inzwischen etliche Wochen Worte zu Ihnen. Ich meine, die Verrenkungen, die
verstrichen sind, möchte ich Sie doch fragen, zu Sie jetzt hier angestellt haben, sind doch nichts
welchem Ergebnis hat die Intervention des Kartell- anderes als der ständige Versuch, die eigenen Wun-
amtes in dieser Frage der Automobilpreiserhöhun- den zu lecken.
gen nach der Aufwertung geführt? Ich glaube, die (Zuruf von der CDU/CSU.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1311
Lenders
Ich verstehe eigentlich nicht, wieso sie ständig auf Wenn ich das, was Sie sagen, vor dem Hintergrund
die Vergangenheit zurückkommen und diese Wun- der gegenwärtigen öffentlichen Debatte in der
den selbst immer wieder aufreißen. Sie versuchen Presse sehe, bedeutet das doch wohl im Endeffekt,
hier einen Dissens zwischen dem Bundeswirtschafts - daß Sie von Marktwirtschaft viel reden, aber wenn
minister und der Bundesbank herbeizureden. Ich es zum Schwur kommt, sind Sie wegen der Inter-
kann da nur das unterstützen, was soeben Herr essengegensätze in Ihrer eigenen Fraktion auch in
Porzner aus dem letzten Bericht der Bundesbank diesen Fragen nicht handlungsfähig.
zitiert hat, und ich weise ferner darauf hin, daß der
neue Präsident der Deutschen Bundesbank Mitte Wir begrüßen es, daß der Bundeswirtschaftsmi-
Januar ganz klar erklärt hat, er sehe diese Bundes- nister im Jahreswirtschaftsbericht erklärt hat, die
regierung in ihrem Verhalten als Mitstreiter bei der Novelle werde noch in diesem Jahr kommen. Die-
Bewältigung der konjunkturellen Probleme an. Also ser neue Anlauf zu einer Reform der Wettbewerbs-
ich weiß nicht, wo Sie diesen Dissens, diese Unstim- politik hat ja doch die sehr lebhafte und engagiert
migkeit zwischen Bundesbank und Bundeswirt- geführte Debatte in der Öffentlichkeit um die Kon-
schaftsminister hernehmen. zentrationsvorgänge sowohl in der Bundesrepublik,
als auch in der europäischen Industrie in den letz-
Meine Damen und Herren, ich darf nur eine ten Jahren zum Hintergrund.
Viertelstunde reden, bis die rote Lampe aufleuchtet.
Lassen Sie mich darauf hinweisen, daß dieser Bericht Angesichts dieses Hintergrundes der zur Zeit in
des Bundeswirtschaftsministers, über den wir jetzt der Öffentlichkeit geführten Debatte, möchte ich
diskutieren, nicht nur ein konjunkturpolitischer Be- eine weitere Bemerkung machen. Gegen die ge-
richt ist, sondern ein Jahreswirtschaftsbericht und plante Novelle wird z. B. der Vorwurf des Staats-
daß er weitere wesentliche Bereiche der Wirtschafts- dirigismus oder des Abbaus unternehmerischer
politik abdeckt, wie z. B. die Strukturpolitik, auf die Freiheit erhoben; das ist auch bei Ihnen angeklun-
hier dankbarerweise mein Kollege Zander schon ein- gen, Herr Müller-Hermann. Dieser Vorwurf wird
gegangen ist, wie die Wettbewerbspolitik, wie die insbesondere im Zusammenhang mit der Fusions-
Energiepolitik usw. Diese Bereiche der Wirtschafts- kontrolle und dem Ausbau der Mißbrauchsaufsicht
politik sind genauso wichtig wie die konjunktur- laut. Ich möchte für meine Fraktion in aller Deut-
politischen Fragen, die von der Bundesregierung lichkeit sagen: die Debatte darüber, warum Markt-
sehr ernst genommen werden, langfristig vielleicht verfassung und Marktverhalten unter der Kon-
sogar noch wesentlicher und wichtiger. Bisher habe trolle von Parlament, Regierung und Rechtsprechung
ich Aussagen der Opposition zu diesen Teilen des zu liegen haben, ist für uns ausgestanden. Sie ist
Jahreswirtschaftsberichts der Bundesregierung, zu im Grundsatz mit der Verabschiedung und Ent-
stehung des Wettbewerbsgesetzes im Jahre 1957
diesen wirtschaftspolitischen Fragen und Vorschlä-
gen, die hier gemacht worden sind, vermißt, abge- bereits ausgestanden gewesen. Auf dieses Geleise
sehen von der Wettbewerbspolitik, auf die ich kurz der Debatte lassen wir uns jedenfalls nicht mehr
schieben. Uns geht es vielmehr darum — wenn hier
eingehen möchte.
schon von Dirigismus gesprochen wird —, den Di-
Ich nehme das, was Herr Müller-Hermann zum rigismus der Großen gegenüber den Kleinen, den
Abschnitt Wettbewerbsrecht bzw. Novellierung des der Mächtigen gegenüber den Schwachen in der
GWB gesagt hat. Herr Müller-Hermann, Sie haben Wirtschaft selbst in Schranken zu halten und einen
ich habe mir das aufgeschrieben — erklärt: Wir funktionsfähigen Wettbewerb zu sichern. Deshalb
von der Opposition sind bereit, etwas zu tun, um müssen wir heute vor dem Hintergrund der Kon-
den Wettbewerb auch unter den veränderten techno- zentrationsvorgänge der letzten Zeit auch den Tat-
logischen Bedingungen zu erhalten. Das hören wir bestand der Macht, der Marktbeherrschung und der
sehr gerne, das hört auch sicherlich die Bundesregie- Marktmacht durch Fusion, durch die verschieden-
rung sehr gerne. Nur ist bei Ihnen ausgeblieben, wie sten Formen unternehmerischer Zusammenschlüsse
Sie sich das vorstellen. Ich muß Sie fragen: gelten da sehen.
die Aussagen, die etwa im Bereich Ihres Arbeits-
Fusionskontrolle - das scheint mir in dieser
kreises „Mittelstand" zur Zeit gemacht werden, oder
Debatte und in der Diskussion in der Öffentlichkeit
gelten die Aussagen, die der CDU-Wirtschaftsrat
vielfach bewußt oder unbewußt übersehen zu wer-
dazu macht, oder welche Aussagen gelten dazu im
den — heißt ja nicht grundsätzliches Fusionsver-
Bereich Ihrer Fraktion?
bot. Durch eine Verschärfung der Mißbrauchsauf-
(Abg. Russe: Das ist doch zu billig! — Abg. sicht, die vielfach als Gegenvorschlag erörtert wird,
Dr. Müller-Hermann : Haben Sie den Ein- kann unserer Meinung nach eine vorbeugende
druck, daß der Bundeswirtschaftsminister Fusionskontrolle schon deswegen nicht ersetzt wer-
weiß, was er will?) den, weil die Fusionskontrolle bereits bei der Ent-
stehung marktbeherrschender Positionen einsetzen
— Herr Müller-Hermann, wenn Sie sagen - sofort muß, damit auf diese Weise von vorherein Fehl-
nach der Erklärung der Bereitschaft, mitzuarbei- entwicklungen vermieden werden.
ten —: Aber keine weiteren Instrumente, keine
Gängelung der Wirtschaft, — dann kommt mir das Die SPD — das darf ich für meine Fraktion
sehr bekannt vor. sagen — wird sich bei der Novellierung des Wett-
bewerbsrechts von extremen Positionen fernhalten.
(Abg. Dr. Müller-Herrann: Herr Kollege,
der Minister weiß doch jetzt noch nicht, was (Abg. Russe: Gehört dazu die Preisbindung
er will!) der zweiten Hand?)
1312 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Lenders
- Ich spreche im Augenblick von dem Bereich politik sieht. Meine Fraktion begrüßt und unter-
„Mißbrauchsaufsicht und Fusionskontrolle". Wir stützt das Bemühen der Bundesregierung, das
haben durchaus erkannt, daß wir uns in Europa in Gleichgewicht der Wirtschaft in sich, die Ausge-
der Anfangsphase eines grundlegenden Struktur- wogenheit zwischen kleinen, mittleren und großen
wandels der Industrie befinden. Davon legen die Unternehmen in der Bundesrepublik durch ein un-
Konzentrationsvorgänge der letzten Zeit auch ternehmensgrößenbezogenes Wettbewerbsrecht in
Zeugnis ab. Wir erkennen sehr wohl den wirt- der Zukunft, in die Zukunft hinein zu erhalten.
schaftlichen Sachzusammenhang an, daß sich in
Die Bundesregierung hat in ihrem ersten Wirt-
einer wandelnden Welt beispielsweise bestimmte
schaftsbericht in dieser Legislaturperiode, so meinen
Zusammenfassungen von Unternehmen abspielen
wir, eine ausgewogene marktwirtschaftliche Strate-
müssen.
gie der Selbständigenpolitik entwickelt, der wir
Da wir die Betonung auf Fusionskontrolle und zustimmen. Zum einen stützt sich diese Strategie
Verschärfung der Mißbrauchsaufsicht legen, möchte auf die Festigung der Marktstellung mittlerer und
ich, um unsere Position auch gegenüber den in der kleinerer Unternehmen durch die soeben ange-
öffentlichen Diskussion geäußerten Meinungen deutete Verbesserung des Wettbewerbsrechts, zum
deutlich zu machen, ein Zitat von Professor Kantzen anderen auf die betriebswirtschaftliche Stärkung
bach bringen, der vor einigen Wochen in einem dieser kleinen und mittleren Unternehmen. Dem
Aufsatz, bezogen auf die amerikanischen Erfahrun- Bundeswirtschaftsminister darf ich sagen: auch am
gen, geschrieben hat: Erfolg dieser Strategie wird die Wirtschaftspolitik
Die amerikanische Erfahrung lehrt aber auch, der Bundesregierung gemessen werden.
daß eine wirtschaftspolitische Konzentrations-
Erstrangige Bedeutung im Rahmen dieses Pro-
kontrolle schon dann einsetzen sollte, bevor
gramms der Selbständigenpolitik auf der wirtschaft-
der Konzentrationsprozeß auf den meisten
liche Seite haben für uns erstens die Maßnahmen zur
Märkten die Schwelle fühlbarer Wettbewerbs-
- Förderung der Anpassung kleiner und mittlerer Un-
beschränkungen erreicht und überschritten hat.
ternehmen an den technischen Fortschritt durch Be-
Denn nur wenn noch ein Spielraum für weitere
reitstellung entsprechender Mittel für die Verwen-
Konzentrationen vorhanden ist, kann die Wirt-
dung etwa der elektronischen Datenverarbeitung in
schaftspolitik wirklich lenkend in diesen Prozeß
diesen Betrieben oder beim Aufbau gemeinschaft-
eingreifen, um technisch optimale Lösungen zu
licher Rechenzentren, zweitens die Gemeinschafts-
erreichen.
forschung und -entwicklung in diesem Bereich und
Das ist unsere Position in dieser Frage. die entsprechende Anwendung und drittens die Ver-
Ein paar Bemerkungen zu den Einzelheiten, die im besserung des Informationsniveaus, insbesondere
Jahreswirtschaftsbericht angekündigt sind. Bei der durch die Vermittlung zeitgemäßer Marktanalysen.
Novellierung kommt es uns darauf an, daß die Hinzu kommt ein zweiter Schwerpunkt, der hier auch
Wettbewerbsbehörden gesetzlich wie institutionell schon mal angesprochen worden ist, nämlich die
in die Lage versetzt we rden, tatsächlich wettbe- Förderung privater Kapitalbeteiligungsgesellschaf-
werbspolitisch tätig werden zu können. Was ich ten für kleine und mittlere Unternehmen. Wir haben
damit meine, ist sehr schnell verständlich durch - das geht eindeutig aus dem Jahreswirtschafts-
einen Hinweis auf die gegenwärtigen Unzuläng- bericht hervor - in dieser Frage eine andere Kon-
lichkeiten bei der Mißbrauchsaufsicht, wie sie zeption, als sie die CDU bisher anbietet. Wir lehnen
im GWB geregelt ist. in Übereinstimmung mit der Bundesregierung ab,
daß solche Gesellschaften direkt oder indirekt nur in
Ein Wort zur vorbeugenden Fusionskontrolle.
öffentlicher Hand sind und damit die mittelständi-
Wir sind mit der Bundesregierung der Auffassung,
schen Unternehmen auf die Dauer in eine Abhängig-
daß allein eine vorbeugende Fusionskontrolle, d. h.
keit zum Staat als Kapitalgeber und Risikoträger
eine Kontrolle vor Vollzug der Fusion, dazu geeig-
kommen würden.
net ist, den Konzentrationsprozeß zu steuern. Damit
würden auch die Probleme eines Entflechtungs- Lassen Sie mich mit einem Schlußsatz aus der
mechanismus hinfällig. Regierungserklärung selbst schließen. Der Bundes-
Die Bundesregierung beabsichtigt, an der Prüfung kanzler hat in der Regierungserklärung vom 28. Ok-
und an der Entscheidung im Rahmen der Fusions- tober gesagt:
kontrolle das Bundeskartellamt, eine unabhängige Ein verbessertes Kartellgesetz muß zum Instru-
Monopolkommission und das Bundeswirtschafts- ment einer wirksamen und fortschrittlichen Mit-
ministerium zu beteiligen. Die Verteilung der Kom- telstandspolitik werden. Auf dieser Grundlage
petenzen in diesem Dreiecksverhältnis werden wir können dann weitere Maßnahmen zur Verbesse-
nach Vorlage des Gesetzentwurfs im Hinblick auf rung der Finanzierungsmöglichkeiten, zum Aus-
Praktikabilität und Wirksamkeit sehr sorgfältig bau des Beratungswesens und zu einer vom Be-
prüfen. trieb unabhängigen Alterssicherung für Selb-
Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei dieser beab- ständige aufbauen.
sichtigten Novellierung des GWB, des Wettbe- Diese programmatischen Grundsätze erfahren jetzt.
werbsrechts, ist der Komplex der Selbständigen- im Jahreswirtschaftsbericht eine weitere Konkreti-
politik. Die Ausführungen im Jahreswirtschafts- sierung, und - das darf ich als letztes für meine
bericht zu diesem Bereich lassen erkennen, daß die Fraktion sagen - wir wären dem Bundeswirtschafts-
Bundesregierung die angekündigte Novelle weithin minister dankbar, wenn die im Jahreswirtschafts-
auch unter dein Gesichtspunkt der Selbständigen- bericht angekündigten Grundsätze einer Struktur-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1313
Lenders
politik für mittlere und kleine Unternehmen bald die Förderung der Vermögensbildung eingesetzt
folgen würden. hat, die so gering sind, daß es ganz klar ist, daß
die Regierung selbst von ihrem Kind nichts hält.
(Zuruf von der CDU/CSU: Wir auch! —
Denn würde sie der Meinung sein, daß die Menge
Beifall bei der SPD.)
der unselbständig Beschäftigen von der Verdoppe-
lung der 312 DM Gebrauch machen würde, müßte
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der sie ganz andere Mittel 'in ihren Haushalt einsetzen.
Abgeordnete Dr. Burgbacher. Damit wird also sozusagen von Amts wegen die
Augenwischerei gedruckt bestätigt.
Dr. Burgbacher (CDU/CSU): Herr Präsident! Wir sind der Meinung, daß die Lösung dieses
Meine Damen und Herren! Ich spreche zum Thema Grundproblems nicht ohne gesetzliche Regelung ge-
Vermögenspolitik. Im Jahreswirtschaftsbericht sind schehen kann. Das ist sicherlich ein umstrittenes
dieser Frage drei Abschnitte gewidmet. Das ist gut Thema und wird dieses Hohe Haus noch beschäfti-
so; denn diese Frage gehört ganz zweifellos nicht zu gen.
den retrospektiven und nicht zu den höchst aktuel-
len, aber zu den Schicksalsfragen einer nahen Zu- Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
kunft für unser Wirtschaftssystem und unsere So- Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Junghans?
zialordnung.
(Beifall hei der CDU/CSU.)
Junghans (SPD) : Herr Kollege Dr. Burgbacher,
Ich treue mich, daß an diesem Tag, wenn auch zu bedeutet Ihr letzter Satz, daß die CDU als Partei
später Stunde, doch noch die Möglichkeit besteht, und insbesondere Ihre Fraktion Ihrem Antrag zuge-
einige Minuten über entscheidende Zukunftspro- stimmt hat? Ist das die Ankündigung? Ich frage nur
bleme zu sprechen, weil ich der Meinung bin, daß zu meiner Information.
dieses Hohe Haus sicherlich mehr Pflichten gegen-
über der Zukunft als gegenüber der Vergangenheit
hat. Dr. Burgbacher (CDU/CSU): Der Bundespartei-
tag der CDU hat den gesetzlichen Beteiligungslohn
Im ersten Abschnitt wird lobenswert dargestellt,
beschlossen. Die CDU hat ihn in dem Programm für
daß die Vermögenspolitik die Beteiligung breiter
die 70er Jahre in Essen erneut bestätigt. Die Ar-
Schichten am Vermögenszuwachs in der Wirtschaft
beitsgruppe der Partei und nun die Arbeitsgruppe
zum Ziel haben soll. Das ist übersetzt das, was wir
der Fraktion arbeiten an der gesetzlichen Vorlage.
auf Grund des CDU-Parteitags in Berlin unter ge-
Diese gesetzliche Vorlage erfordert noch einige Ar-
setzlichem Beteiligungslohn verstehen.
beit. Dann wird sie der Fraktion zugeleitet, und
Im zweiten Abschnitt wird dann eine höchst dünne danwiresFgchdmokratienGu-
Suppe serviert, nämlich als Maßnahme der Regie- sätzen behandelt. Wir glauben für einen gesetz-
rung die Verbesserung des 312-DM-Gesetzes. Ich lichen Beteiligungslohn eine Mehrheit in diesem
muß wiederholen, daß ich das absolut nicht als einen Hohen Hause zu finden.
wesentlichen Beitrag zu dein im ersten Abschnitt
(Beifall bei der CDU/CSU.)
richtig gekennzeichneten Problem ansehen kann.
Wir glauben nicht, daß sich Mitglieder anderer
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Fraktionen dieses Hohen Hauses dem Zwang der
Das312-MGetz,dwirgschafnbe,t Tatsachen werden entziehen können. Herr Jung-
leider von den Sozialpartnern nur für 1 Million un- hans, dazu gehören auch Sie.
selbständig Beschäftigte in Anspruch genommen Nun, jeder gesunde Mensch geht auf zwei Bei-
worden, aber unter den unselbständig Beschäftigten nen, und dieses Gesetz auch. Das eine Bein ist die
aus eigenen Mitteln immerhin von 4 Millionen, zu- gesellschaftspolitische Situation, die Beteiligung al-
sammen von 5 Millionen. Bei 22 bis 24 Millionen ler unselbständig Beschäftigten am Produktivkapi-
unselbständig Beschäftigten ist das kein Durchbruch,
tal der Wirtschaft. Daß das kein Prozeß revolutio-
sondern nur ein beachtenswerter Anfang. närer, sondern ein Prozeß evolutionärer Art ist, der
Wer nun glaubt, er könnte diesen bescheidenen, seine Zeit braucht, das liegt auf der Hand, und das
unzulänglichen Anfang damit verbessern, daß er kann gar nicht anders sein.
den besser Verdienenden die Möglichkeit gibt, zum Ich darf wahrscheinlich schon jetzt mit Sicherheit
zweiten Mal 312 DM anzulegen - denn nur für die voraussagen, daß in unserer Vorlage stehen wird,
kommen die zweiten 312 DM in Frage, solange die daß die Sozialpartner in ihrer Tarifhoheit unange-
ersten nicht von der Masse der unselbständig Be- fochten bleiben müssen, ja, daß sie sogar eine Pri-
schäftigten in Anspruch genommen werden oder vilegierung der in Tarifverträgen vorgesehenen in-
ihnen nicht zur Verfügung gestellt werden —, der vestiven Anteile enthalten wird. Ich sage das des-
ist nach meiner Ansicht sicher guten Willens. Aber halb mit dieser Klarheit, weil wir die Sozialpartner
ich bitte um Entschuldigung, wenn ich sage: Das ist nicht aus diesem Problem entlassen wollen. Wir
soziale Augenwischerei und sonst gar nichts. müssen mit Bedauern feststellen, daß sie sich
(Beifall bei der CDU/CSU.) beide, Arbeitgeber und Gewerkschaften da ist
kein moralischer Unterschied zu machen —, bisher
Wir sehen, daß unser Bundeswirtschaftsminister
dieser Aufgabe nicht gewidmet haben.
in seiner Gründlichkeit, die wir sicherlich alle an-
erkennen wollen, in seine Vorausschau Beträge für (Abg. Dr. Müller-Hermann: Leider wahr!)
1314 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Dr. Burgbacher
Wir hoffen, daß sie in der Zukunft in der Tarifie- tige Verteilung des Vermögens für ungerecht und
rung investiver und nicht nur konsumtiver Lohnan- nicht unabänderlich halten.
teile eine ihrer neuen wichtigen Aufgaben erken- (Abg. Dr. Burgbacher: Sehr richtig! — Abg.
nen mögen. Dr. Müller-Hermann: Das ist unsere Mei
(Beifall bei der CDU//CSU.) nung!)
Das andere Bein ist das wirtschaftspolitische. Wir Sie sind einer von denen, die auf der einen Seite
sollten uns überhaupt angewöhnen, wenn sozial- nicht glauben, daß die Vermögensbildung der Ar-
politische Vorlagen nicht auch wirtschaftspolitisch beitnehmer eine Art Trostpflästerchen oder Lock-
richtig sind und wirtschaftspolitische nicht auch so- mittel ist, womit man die Arbeitnehmer von ande-
zialpolitisch richtig sind, gar nicht mehr die Mühe ren Forderungen abbringt bzw. womit man ihnen
der Arbeit darauf zu verwenden, sie zu verfolgen. andere Forderungen abkaufen kann, und auf der
(Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.) anderen Seite davon überzeugt sind, daß die Bil-
dung eigenen Vermögens etwas ist, was keine So-
Für uns sind das zwei Worte für eine Sache.
zialpolitik, so notwendig sie ist, ersetzen kann,
Zunächst zu dem wirtschaftspolitischen Teil. Er weil eigenes disponibles Kapital auch ein Teil der
hängt eng mit dem Verlauf der Debatte dieses Freiheit ist.
Tages zusammen. Es ist gar keine Frage, daß die Es gibt aber verschiedene Fragezeichen. Ich will
deutsche Wirtschaft im Mittelstand und in der In- die Fragezeichen nicht zu hart setzen, weil ich weiß,
dustrie unterkapitalisiert ist. Es ist weiter keine daß jeder von uns, der etwas will, es andauernd mit
Frage, daß bei sich verschärfendem internationalen den Ja-aber-Spezialisten zu tun hat. Beginnen wir
Wettbewerb die Finanzierung über den Preis immer mit dem kleinsten Fragezeichen: Wo wollen Sie für
enger wird. Es ist auch keine Frage, daß wir, um die Ihren Plan das Material hernehmen, nämlich 7 Mil-
Wirksamkeit, die Effektivität unserer Produktions- liarden DM, Investmentzertifikate, Aktien? Wo soll
kraft, der Quelle aller Sozialpolitik, zu erhalten,
- das Material herkommen?
für eine Eigenkapitalzufuhr durch die Bürger dieses
Staates zu sorgen haben. (Abg. Dr. Burgbacher: Diese Frage ist
berechtigt.)
(Beifall hei der CDU/CSU.)
Das zweite - auch das überbewerte ich nicht —
Das ist der wirtschaftspolitische Teil. ist das Argument vom Zwangssparen. Auch die So-
Deshalb möchte ich diesen Tag nicht vorbeigehen zialversicherung ist eine Form des Zwangssparens.
lassen, ohne folgendes zu sagen. Eine Erkenntnis Das soll man nicht überbewerten.
aus der heutigen Debatte dürfte doch wohl sein, daß (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
in Zeiten der Konjunktur, wie wir sie haben, in
einer hochindustrialisierten Epoche, die ja noch nicht Es ist aber schon ein größeres Fragezeichen, daß
zu Ende ist und auch noch nicht auf dem Kulmina- die Sozialpartner mit Ihrem Plan nicht übereinstim-
tionspunkt ist, die Mittel der reinen Fiskalpolitik men, denn Sie finden bis jetzt weder bei den Ge-
und der reinen Kreditpolitik nicht mehr genügen, werkschaften noch bei den Arbeitgebern Zustim-
um mit Sicherheit zu konjunkturgreifenden Maßnah- mung zu Ihrem Weg.
men zu kommen. (Zuruf von der CDU/CSU: Bis jetzt!)
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) Es ist für eine gesellschaftliche Reform natürlich
Zu den möglichen Maßnahmen darüber hinaus ge- wichtig, daß man die gesellschaftlichen Kräfte nicht
hört aber, daß alle unsere Bürger außer Konsum- gegen sich hat.
lohn auch Kapitallohn erhalten, der, soweit es mög- (Beifall bei der SPD.)
lich ist, in Beteiligungswerten angelegt wird. Das größte Fragezeichen aber sehe ich in der
(Beifall bei der CDU/CSU.) Fraktion der CDU/CSU selbst.
(Abg. Rösing: Das lassen Sie mal unsere
Sorge sein! — Weitere Zurufe von der
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der CDU/CSU.)
Abgeordnete Rosenthal.
Ich habe hier eine Äußerung des lieben Herrn
Höcherl, der jetzt leider nicht da ist,
Rosenthal (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
(Zurufe von der CDU/CSU: Doch, er ist da!
und Herren! Ich glaube, wenn die Männer müde sind
— Er übersieht ihn!)
und deren nicht viele, kann eine alte Jungfer über-
haupt nur bestehen, wenn sie zwei Dinge tut: aus der CSU-Korrespondenz, in der er zwei Dinge
erstens sich kurzfassen und zweitens freundlich sein. schreibt:
(Heiterkeit und Beifall.) Drittens. Die Vermögensbildung muß auf einem
freien Entschluß beruhen. Es darf kein gesetz-
Mit der Freundlichkeit, Herr Professor Burgbacher,
licher Zwang ausgeübt werden... .
will ich gleich anfangen. Es wäre unfair, wenn ich
nicht feststellen würde, daß wir gewisse Gemein- Fünftens. Eine Vermögensbildung im Rahmen
samkeiten haben und daß Sie einer von manchen von Tarifvereinbarungen ist verstärkt anzustre-
in Ihrer Fraktion sind — in unserer Fraktion gibt ben und besonders zu begünstigen, nachdem ein
es viele, die so denken wie Sie -, die die derzei- gesetzlicher Zwang nicht möglich ist.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1315
Rosenthal
Ich stelle zwei Dinge fest: Die CSU ist ausnahms- breit vertreten, und deshalb hoffe ich, daß, wenn
weise mit uns d'accord— das freut uns — und wird wir etwas zusammenbringen, das dann auch durch-
unseren Antrag unterstützen. Aber, Herr Burg- geht.
bacher, auf Grund dieser Stellungnahme habe ich
Ich habe gesagt, der Unternehmer analysiert und
leider das Gefühl, daß wieder einmalfolgendes pas-
plant. Deshalb und weil ich immer höre, daß unse-
siert ist: daß Ihr Plan als Wahlkampfkanone aufge-
rem Wirtschaftsminister seine 0,5-Prozent-Fehler bei
protzt wird, um dann als Fraktionskrepierer zu
den Zielen und bei den Prognosen angerechnet wer-
enden.
den, darf ich einen kleinen Schlenker machen.
(Beifall und Heiterkeit bei der SPD.)
(Abg. Dr. Burgbacher: 0,5 % ? — Zuruf von
Herr Stoltenberg, Sie haben heute unseren be-
der CDU/CSU: Viel mehr!)
scheidenenen Anfang — und als bescheiden möchte
ich ihn auch bezeichnen — mit der Verdopplung des — Nun, wissen Sie, die Unternehmer haben schon
Betrages von 312 DM etwas unterbewertet, und vor 20 Jahren angefangen, Gewinnpläne, Absatz-
zwar wegen des Zeitpunkts, zu dem das jetzt ge- pläne und Produktionspläne aufzustellen. Ich habe
schieht. Einmal sind heute DGB und BDA für diese eigentlich erwartet, daß Sie Brecht zitieren, denn
Sache, weil wir uns nämlich den Mund lange genug der ist den meisten von Ihnen vielleicht sympa-
in den verschiedenen Richtungen fransig geredet thisch, und Sie hätten unserem Schiller gesagt:
haben. Unterschätzen Sie nicht das Signal, das die „Mach noch einen Plan! Gehn tun sie beide nicht!"
ÖTV gegeben und das auf andere Gewerkschaften Seien wir einmal ehrlich: alle Pläne, die wir ge-
übergegriffen hat. Heute nehmen die Gewerkschaf- macht haben, unsere Pläne allein in den Unter-
ten das weit ernster, und deshalb ist die Situation nehmen, die wir alle sehr viel besser übersehen
für das neue Gesetz sehr viel besser, als sie für können, haben nie genau gestimmt; aber die Unter-
das 312-Mark-Gesetz war. nehmen, die überhaupt Pläne gemacht haben, sind
Zum anderen darf ich für meine Fraktion hier vorangekommen.
sagen, wir begrüßen es, daß dieses Gesetz rückwir- (Beifall bei der SPD.)
kend zum 1. Januar dieses Jahres möglichst schnell
Ich betrachte es als Schillers großes Verdienst, daß
durchgebracht werden wird. Als noch wichtiger be-
er in das größte Unternehmen, das es überhaupt
trachte ich es, daß das Zulagensystem, das, wenn ich
gibt, den Staat, die Prognose und die Zielplanung
richtig informiert bin, in Ihrer Fraktion abgelehnt
gebracht hat.
worden war, von uns durchgebracht wird.
(Erneuter Beifall bei der SPD.)
(Zurufe von der CDU/CSU.)
Ich bin nicht ganz d'accord mit meinem Freund
— Ja, aber das Zulagensystem wird jetzt von uns Schachtschabel, denn die Projektionen sind ja nicht
gebracht, und da liegt ein großer Unterschied, denn allein indikativ. Wenn wir eine Investitionsteuer
die Steuerabzüge haben immer nur bedeutet, daß ändern, dann ist es auch ein Teil des Kommandos.
diejenigen, die schon etwas haben, noch mehr be- Wir müssen einmal auf beiden Seiten erkannt
kommen. haben, daß die Planung auch vom Staat nicht mehr
(Abg. Dr. Burgbacher: Jawohl! Richtig!) weg kann.
Herr Kollege Stoltenberg, Sie haben gesagt, wir Herrr Kollege Stoltenberg, Sie haben, glaube ich,
sollen mal schnell voranbringen, was im Arbeits- Herrn Schiller gesagt, daß er ein Spätkonvertit für
ministerium bereits ausgearbeitet ist. Ich glaube, das die Aufwertung sei. Nun, die Aufwertung, das ist
Arbeitsministerium ist nicht böse — ich war damals wie ein Abführmittel, das nimmt man zur rechten
dabei; da wurde etwas gehudelt —, wenn ich sage, Zeit, hingegen glaube ich, in Ihrer Fraktion gibt es
daß das noch nicht der Weisheit letzter Schluß ist. sehr viele Spätkonvertiten zur notwendigen Global-
Denn wir haben jetzt mehrere Lösungen: a) das, planung.
was jetzt beispielsweise mehrere Firmen gemacht
Nun zur Analyse. Diese Geschichte mit der Ver-
haben — Herr Pieroth und Herr Rosenthal sind hier mögensstruktur in Deutschland ist sozusagen eine
im Raume —, b) den Tarif, den wir jetzt durchbrin- etwas bucklige Alte, die durch drei Schleier ver-
gen wollen, nämlich die Verdopplung des Betrages schönt wird. Der eine Schleier ist die Unterteilung,
von 312 DM, c) das, was — wie Sie mir zugeben bezogen auf die seit 1950 gebildeten 900 Milliarden
werden — noch nicht ganz ausgegoren ist, und d) Vermögen: 38% Staat, 36% Private, 26% Unter-
den Burgbacher-Plan. Ich halte es also schon für bes- nehmen. Ja, wem gehören denn die Unternehmen?
ser, daß wir, anstatt jetzt von uns aus so hopp- Die gehören in großem Maße zu den Privaten:
hopp einen Plan herauszubringen, so wie es die Schleier 1.
Sozialdemokraten und die Unternehmer machen —
obwohl wir 'da am Anfang der Regierungszeit auch Schleier 2! Es wird gesagt oder errechnet, daß
einmal gewisse Fehler gemacht haben —, analysie- durchschnittlich die selbständigen Unternehmer ein
ren, planen und dann gemeinschaftlich handeln. Für Einkommen von 150 000 DM haben, die Arbeitneh-
mich ist an der Kommission, die jetzt bei uns ge- mer doch schon von 7000 DM. Ja, meine Herren,
bildet worden ist, das Wichtigste, daß sie sich nicht unter den Selbständigen sind die armen Hand-
wie bei Ihnen immer wieder mit der Fraktion her- werker, die armen Eifelbauern und die pleite gegan-
umschlagen muß. Denn in unserer Kommission sind genen Tante-Anna-Geschäfte, und bei den Arbeit-
jetzt die Partei und vor allem die Gewerkschaften nehmern sind die Minister und der Herr Philip
1316 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Rosenthal
Rosenthal. Deshalb ist es ein zweiter und böser redner haben auf jene Punkte des Jahreswirtschafts-
Schleier. berichts Bezug genommen, die sich nicht mit der Kon-
(Zuruf des Abg. Dr. Burgbacher.) junktur befassen. Ich glaube, daß für uns der letzte
Beitrag, der Beitrag des Kollegen Rosenthal, außer-
— Jawohl, Sie auch, Herr Burgbacher. ordentlich ermutigend war, weil man ihm Ansatz-
(Heiterkeit.) punkte dafür entnehmen könnte, daß auch Sie mit
Der dritte Schleier sind die Arten. In demselben uns für die Bildung von Individualeigentum ein-
Papier von der CSU, lieber Herr Höcherl, lese ich treten. Sie hätten hier die Möglichkeit; uns dabei zu
den Hinweis auf die 100 Milliarden DM, die die helfen, einer These des Kollegen Müller Hermann
Arbeitnehmer schon haben, und die Selbständigen zu widersprechen, der Ihnen heute morgen ein ande-
haben auch nur 72 Milliarden DM. res Bild gezeichnet hat, ein Bild, das sich nach der
Politik, die Sie heute verfolgen, zu Recht zeichnen
(Zuruf von der CDU/CSU.) läßt.
Darauf muß ich Ihnen aber sagen, daß diese 72 Mil- Ich möchte nun nicht auf die Frage der Konjunktur
liarden DM 3 Millionen Selbständige besitzen — eingehen; denn darüber ist heute morgen sehr über-
Eifelbauern und alles —, die 100 Milliarden DM zeugend gesprochen worden. Ich habe mich nur ge-
jedoch 24 Millionen Arbeitnehmer, inklusive Mini- wundert, warum Sie, Herr Bundeswirtschaftsmini-
ster und Rosenthal. ster, nach der Mittagspause des Schutzes durch den
(Zurufe von der CDU/CSU.) Herrn Bundeskanzler bedurften. Die Couloir-Ge-
spräche haben mich dann allerdings aufgeklärt, war-
— Ja, ich rede von den Schleiern! um das wohl nötig war. Nämlich weil gestern offen-
Dann müssen wir uns über noch etwas im klaren bar eine sehr dramatische Kabinettsitzung stattge-
sein. Von Ihrer Fraktion wird immer das Vermögen funden hat, in der Sie stark in Verdrückung geraten
herausgestellt, das im Bau steht — von dem Sozial- sind.
vermögen, das Sie dann immer noch herausstellen, - (Abg. Haase [Kassel] : Was erzählt man
will ich gar nicht reden —, und vom Kontensparen. denn so?)
Wissen Sie: Bauvermögen ja; Kontensparen: das ist
In der Auseinandersetzung heute spielte die
nicht die übliche Sparart der Reichen. Deshalb
Ordnungspolitik eine Rolle. Ich glaube, der Appell
möchte ich sagen, als erstes brauchen wir eine aus-
des Herrn Bundeswirtschaftsministers an unsere
sagefähige Vermögens- und Einkommensstatistik,
Adresse, wir sollten uns für eine Wirtschaftspolitik
(Beifall) des Wettbewerbs einsetzen, ist ziemlich absurd. Ich
nach Berufen, nach Höhe und nach Arten gegliedert. möchte hier nicht weitere Geschichtsforschung be-
Sie ist im Gesetz über die Bildung eines Sachver- treiben. Aber wer sich für die Einführung der Markt-
ständigenrates vom Jahre 1963 verlangt. In einem wirtschaft in diesem Hause eingesetzt und sich dabei
Gesetz zur Einkommen- und Körperschaftsteuer hat bewährt hat, steht außer Zweifel.
der Bundestag 1967/68 mit Ihren Stimmen dafür ge- (Abg. Haase [Kassel]: Sehr gut!)
stimmt, der Bundesrat hat es abgelehnt. Beim zwei-
Meine Damen und Herren, ich glaube, wir alle
tenmal haben leider einige von Ihnen — ich kann
stimmen mit dem Herrn Bundeswirtschaftsminister
mir denken, wer — zwar mit uns gestimmt, die
darin überein, daß man die marktwirtschaftliche
anderen aber nicht. Da wird notiert: „Beifall rechts",
Ordnung stärken muß. Aber das erste, was wir be-
und die Herren tun mir eigentlich verhältnismäßig
anstanden, ist, daß Herr Schiller Ordnungspolitik
leid; denn es ist für eine Vermögenspolitik unsach-
ständig mit Konjunkturpolitik vermengt. Das zweite
lich, wenn man sie auf einer völlig irreführenden
ist, daß in die ohnehin hektische Wirtschaftspolitik
Statistik aufbauen will. Wenn wir das Geld und die
eine weitere Unsicherheit dadurch hineingetragen
Leute dazu haben, um die Runkelrüben in der Stadt
worden ist, daß der Herr Bundeswirtschaftsminister
Hamburg und um die einjährigen Ziegen zu zählen,
bis heute nicht in der Lage war, ein klares Wett-
nicht aber, um festzustellen, wer was hat, dann ist
bewerbskonzept vorzulegen, so daß bei uns der
das unwürdig.
Verdacht auftaucht, daß Herr Schiller vor andert-
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten halb Jahren noch gar nicht fähig war, uns eine aus-
der CDU/CSU.) gereifte Vorlage zu präsentieren.
Wir möchten darauf hinweisen, daß nach unserer
Vizepräsident Dr. Schmid: Auch hier, meine Auffassung und auch nach der Auffassung des Herrn
Damen und Herren, haben wir zu einer Jungfernrede Bundeswirtschaftsministers eine Globalsteuerung
zu gratulieren. Aber ich bin nicht mit dem Herrn lediglich die Kreislaufgrößen der Volkswirtschaft
Vorredner einverstanden, wenn er sagt, es sei eine beeinflussen soll. Was wir nicht wollen, ist, daß der
„Altjungfernrede" gewesen. Er hat so viel mit Wettbewerb, das Wettbewerbsrecht, ein Instrument
Schleiern hantiert, wie es alte Jungfern nicht zu tun der Gängelung und des Dirigismus wird.
pflegen. (Abg. Dr. Burgbacher: Sehr richtig!)
(Heiterkeit und Beifall.)
Meine Damen und Herren, wenn der Herr Bun-
Das Wort hat der Herr Abgeordnete Gewandt. deswirtschaftsminister sagt, daß die Grundsatzent-
scheidung für d ie Marktwirtschaft nicht ausreiche,
Gewandt (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sondern daß man ihre Funktion dauernd sichern
geehrten Damen und Herren! Meine verehrten Vor müsse, geben wir ihm recht. Wir fragen nur: wie?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1317
Gewandt
In dieser Vorlage der Regierung wird wiederum Bericht befinden. Bevor wir dazu Stellung nahmen,
nichts Konkretes gesagt. möchten wir den Bericht kennen.

(Abg. Dr. Müller-Hermann: Sehr wahr!) Aber — und das zeigt, daß diese Regierung nicht
so entschlußfreudig ist, wie sie immer wieder be-
Es wird von der präventiven Fusionskontrolle hauptet — sie sagt, es gebe ein Sonderproblem der
gesprochen. Aber wie diese Kontrolle aussehen soll, sektoralen Strukturpolitik, nämlich das Problem der
sagt man uns nicht. Das bedeutet weitere Unruhe. Werften. Sie verschweigt jedoch, daß sie über ein
Es bedeutet, du ll viele Unternehmer die Frage stel- halbes Jahr hat verstreichen lassen, um durch ein
len, ob denn heute der kleine Unternehmer nicht umfassendes Programm Schäden von diesem Wirt-
mehr in der Lage sei, sein Unternehmen zu verkau- schaftszweig abzuwenden. Wir wissen alle, daß
fen, ohne eine Behörde zu fragen. wegen des Fehlens dieses Werften-Programms viele
(Abg. Haase [Kassel] : Sehr wahr!) Aufträge abgewandert sind.
Heute morgen hat einer der Kollegen der SPD,
Ich gebe zu, wir können auf ein europäisches
Herr Junghans, gesagt: Ja, da sind schon die Ar-
Wettbewerbsrecht nicht warten. Ich persönlich bin beitsplätze verloren gegangen. Wir haben nie be-
der Meinung, daß unsere Stärke gerade darin liegt,
hauptet, daß von heute auf morgen eine Gefahr auf-
daß wir uns zum Wettbewerb bekennen. Wir sind
tritt. Aber wir haben uns darüber unterhalten, daß
durch den Wettbewerb stark geworden und sollten
Gefahren bestehen. Hier hätte die Regierung eine
diese Position erhalten. Aber wenn wir den Wett-
Gefahr beseitigen können; aber sie hat leider kei-
bewerb fördern und die Konzentration da, wo sie
nen Entschluß gefaßt.
den Wettbewerb defährdet, unter die Lupe nehmen
wollen, dann muß man ganz klar sagen, wie man Was wir begrüßen, ist, daß die Bundesregierung
sich eine praktikable, nichtdirigistische Lösung vor- jetzt bereit ist, einer Idee, die wir seit langer Zeit
stellt. Das ist bisher die unbeantwortete Frage. vertreten — —

Der Herr Bundeswirtschaftsminister, der ja schon


über die Regierungserklärung eine Initiative hat Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
ankündigen lassen, läßt jetzt in dem Bericht schrei- Zwischenfrage?
ben, daß wir erst Mitte des Jahres eine Vorlage zu
erwarten haben. Junghans (SPD) : Herr Kollege Gewandt, ist
Ihnen entgangen, daß im Jahreswirtschaftsbericht
Das zweite ist, daß wir, wenn die Regierung von dem Werften-Programm ein ganz besonderer Punkt
einer Verstärkung der Mißbrauchsaufsicht spricht, gewidmet wird? Ist Ihnen auch entgangen, daß die
immer noch nicht wissen, nach welchen Kriterien sie Werften eine besondere Situation haben, nämlich die
dann vorzugehen beabsichtigt. Wir wissen nicht, Situation, Opfer eines internationalen Subventions-
was Freistellung der Bagatellekartelle bedeutet. Ist wettbewerbs zu sein?
das ein Plazet, den Wettbewerb zu unterlaufen,
oder ist es eine sinnvolle Maßnahme der Koopera-
Gewandt (CDU/CSU): Herr Kollege, das ist mir
tion? alles bekannt. Gerade weil man das erkannt hat,
Aber das Schlimme ist, daß in der Hektik, in der hätte man vor einem halben Jahr bereits ein Werf-
ständigen Anwendung von neuen Begriffen nun ten-Programm vorlegen müssen. Aber es ist ver-
auch angeblich die Folgetheorie an die Stelle der schleppt worden. Noch heute weiß die Werftindustrie
Gegenstandstheorie treten soll. Was heißt das? nicht, woran sie ist. Das ist nur ein Beispiel der
Sicher muß man den Anfängen wehren, muß man Versäumnisse, die ich aufzeigen wollte.
gegen Maßnahmen sein, deren Folge eine Beschrän-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
kung des Wettbewerbs ist. Aber wenn Sie die
Folgetheorie konsequent verfolgen, ist jede Koope-
ration unmöglich, und wir kommen zu einem Zu- Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie noch
stand der Rechtsunsicherheit. Dieser Zustand wäre eine Zwischenfrage?
bedenklich.
Was ich in dem Bericht weiter vermisse, ist, daß Junghans (SPP): Herr Kollege Gewandt, wissen
man nur Absichtserklärungen gibt. Die Regierung Sie nicht auch, daß wir jetzt bereits in das siebte
hat ja gesagt, sie wolle Steuern senken, und machte Werften-Programm hineinkommen, daß es also sechs
neue Versprechungen. Was man von Absichtser- Vorgänger gibt?
klärungen also zu halten hat, ist klar. Was in dem
Bericht zu vermissen ist, sind empirische Daten zur Gewandt (CDU/CSU) : Natürlich. Früher hat das
Erhärtung der Thesen der Regierung. Diese Daten ja auch alles funktioniert. Jetzt ist nur diese Lücke
fehlen. eingetreten, die um so bedauerlicher ist, als durch
die Aufwertung die ohnehin vorhandenen Wettbe-
Lassen Sie mich ganz kurz noch zu dem Bereich
werbsverzerrungen verstärkt in Erscheinung getre-
über die Struktur- und Mittelstandspolitik etwas
ten sind.
sagen. Die Regierung spricht auch hier wieder sehr
vage und in Absichtserklärungen. Sie spricht von Zu dem, was hier in den Passagen zur Mittel-
einer Strukturpolitik in einem Guß. Aber sie sagt standspolitik erklärt wurde, sagen wir: Wir sind
nicht, wie die Strukturpolitik in einem Guß denn bereit, das zu akzeptieren. Wir freuen uns, daß Sie
aussieht. Sie sagt, darüber würde sie später in einem dem Thema der Kapitalförderungsgesellschaften
1318 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970
Gewandt
jetzt auch Ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Wir sind speziell mit Fragen der Energiepolitik befassen soll,
offen dafür, über die Form zu diskutieren. Ich bin primär verstanden wissen.
mit Ihnen, Herr Kollege, der Meinung: Man muß die
Trotzdem sei mir die Bemerkung gestattet, daß
Selbstverwaltung stärken und eine Möglichkeit fin-
uns manches Problem, das uns in den letzten Tagen
den, die Kapitalausstattung der mittelständischen
und Wochen auf dem Sektor der Energiewirtschaft
Wirtschaft zu verstärken. Ich glaube, hier gibt es
beschäftigt hat, erspart geblieben wäre, hätten
keinen Dissens. Auch wir haben immer wieder die
frühere Bundesregierungen auf diesem Sektor so
Gewerbeförderung unterstützt. Wir sind froh, daß
vorausschauend gedacht, geplant und gehandelt,
sie ausgebaut ist, und wir sind froh darüber, Herr
wie es der Wirtschaftsminister Professor Schiller
Bundeswirtschaftsminister, daß in Ihrer Sicht diese
getan hat, als er auf dem Höhepunkt der Kohlen-
Frage nicht mehr unter dem Rubrum „Erhaltungs-
krise die Voraussetzungen für eine koordinierte
subvention" betrachtet wird, wie das vor einigen
Energiepolitik geschaffen hat.
Jahren der Fall war.
(Beifall bei der CDU/CSU.) (Vorsitz: Vizepräsident Dr. Jaeger.)
Aber, meine Damen und Herren, das entscheidende Durch das Kohlegesetz, durch die Neuordnung des
ist doch auch bei der Wettbewerbspolitik, daß wir Ruhrbergbaus und viele andere energiepolitische
zu einer Ruhe, zu einer Solidität kommen und Hek- Entscheidungen sind die Weichen auf dem deutschen
tik vermeiden. Wenn man von einer Weiterentwick- Energiemarkt so gestellt worden, daß die energie-
lung des Wettbewerbsrechts spricht, muß man davon wirtschaftliche und energiepolitische Ausgangsbasis
abkommen, hier Prinzipien zu postulieren, man muß zu Beginn des neuen Jahrzehnts ausgewogen und
vielmehr ganz klar sagen, was man darunter zu ver- gut ist.
stehen hat. Nur dann werden wir die Ruhe bekom- (Abg. Dr. Stoltenberg: Besonders bei
men, die nötig ist. Die Wirtschaft muß von der Kokskohle?!)
Hektik befreit werden.
— Herr Stoltenberg, auf das Problem der Koks-
Die Basis auch einer Mittelstandspolitik — ich kohle werden wir noch zu sprechen kommen, Sie
verstehe, daß sich die Herren von der FDP be- sicherlich durch Ihren Sprecher, ich mit einigen
müßigt fühlten, auf dieses Thema etwas einzuge- späteren Bemerkungen. Seien Sie aber dessen sicher,
hen — ist eine solide und stabile Wirtschaftspoli- eine Verantwortung für die derzeitige Koksmangel-
tik. Was wir beanstanden, sind weniger die ein- lage dem Bundeswirtschaftsminister anzuhängen,
zelnen Maßnahmen als vielmehr die Tatsache, daß wird auch Ihnen nicht gelingen. Ich nehme an, daß
es der Wirtschaft an Orientierungsmöglichkeiten Sie gar nicht den Versuch machen werden.
fehlt hei einer Regierung, die Steuern senken will,
die Steuern erhöhen will, die mal hü und mal hott Hauptziel unserer Energiepolitik muß sein, eine
sagt. Ich glaube, wir müssen wieder eintreten in langfristig sichere Energieversorgung zu möglichst
eine Phase der Kontinuität. Wir sind hier, gemein- niedrigen Preisen zu ermöglichen, wie es die Kom-
sam mit Ihnen das Wettbewerbsrecht weiterzu- mission der Europäischen Gemeinschaften in ihrer
entwickeln. Aber das Entscheidende für uns ist die ersten Orientierung für eine gemeinschaftliche Ener-
Aufrechterhaltung des Prinzips des Wettbewerbs, giepolitik gefordert hat.
die Freihaltung der Wirtschaft von Gängelung und Ohne daß die grundsätzliche Steuerungsfunktion
Dirigismus. Wir wollen kein Wettbewerbsrecht, des Wettbewerbs in Frage gestellt wird, verlangen
das zu einem Lenkungsinstrument einer Büro- Versorgungssicherheit und strukturelle Besonder-
kratie wird. Wir haben mit Sorge zur Kenntnis heiten des Energiesektors ein wirtschaftspolitisches
genommen, daß bereits vor einer Novellierung des Instrumentarium, das eine Überwachung und dort,
Kartellgesetzes neue Herrscharen von Beamten in wo notwendig, eine Beeinflussung des freien Spiels
das Kartellamt übergeführt werden sollen. von Angebot und Nachfrage gestattet. Die SPD-
(Beifall bei der CDU/CSU.) Fraktion unterstützt deshalb die Zielsetzung dieser
gemeinschaftlichen Energiepolitik. Mit dem Kohle-
Wir sind für den Wettbewerb. Wir sind gegen
gesetz, mit dem Beauftragten für den Steinkohlen-
den Dirigismus. Wenn der Bundeswirtschaftsmini-
bergbau und die Steinkohlenbergbaureviere hat sich
ster das Wettbewerbsrecht wirtschafts- und markt-
der Bund ein geeignetes Instrumentarium geschaf-
konform weiterentwickeln will, dann hat er unsere
fen. An den Ministerrat und an die Kommission der
Unterstützung. Wenn er den Dirigismus will, wird
Europäischen Gemeinschaften richtet sich unser drin-
er auf unseren entschiedenen Widerstand stoßen.
gender Appell, den Grundzügen einer gemeinschaft-
(Beifall bei der CDU/CSU.) lichen Energiepolitik sehr bald weitere konkrete
Regelungen folgen zu lassen. Die Entwicklungen
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der auf dem Energiemarkt können nicht mehr aus-
Abgeordnete Wolfram. schließlich national gesehen werden. Sie können
nach unserer Auffassung optimal nur europäisch ge-
Wolfram (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver- löst werden.
ehrten Damen! Meine Herren! Es ist erfreulich, daß Die Nachfrage nach Energie wird weiter steigen.
die Debatte über den Jahreswirtschaftsbericht in Weitere Strukturveränderungen werden sich erge-
ihrer letzten Phase weniger retrospektiv, sondern ben. Die Abhängigkeit der Energie der Europäischen
mehr zukunftsorientiert abläuft. Ich möchte auch Gemeinschaft von fremden Energiequellen wird zu-
unter diesem Aspekt meinen Beitrag, der sich nehmen. Und die Bedeutung der Sekundärenergie
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1319
Wolfram
Strom, die aus allen Primärenergien gewonnen wer- machen, wäre meines Erachtens schlicht gesagt pa-
den kann, als Schiedsrichter mit Ausgleichsfunktio- radox.
nen im Anpassungsprozeß des Strukturwandels (Abg. Dr. Stoltenberg: Der Ruhrkohle ja nicht!)
wird zunehmen.
— Und dieser Bundesregierung schon gar nicht;
Wir begrüßen es, daß nach langwierigen Verhand- denn sie ist nicht verantwortlich für unterlassene
lungen am 30. 11. 1969 die bergbaulichen Betriebe unternehmenspolitische Entscheidungen früher selb-
und die Mitarbeiter von 26 Unternehmen des Ruhr- ständiger Bergwerksgesellschaften.
bergbaus auf die Ruhrkohle AG überführt worden
sind und daß die Gesamtgesellschaft am 1. 1. 1970 (Zuruf von der CDU/CSU: Mitbestimmter!)
die bergrechtliche Verantwortung und die Leitung Im Gegenteil, sie hat die Voraussetzungen dafür ge-
der Betriebe übernommen hat. Es ist in erster Linie schaffen, daß heute wieder der Mut zu neuen In-
der Zähigkeit und dem Nachdruck unseres Bundes- vestitionen, die zukunftsorientiert und notwendig
wirtschaftsministers zu verdanken, in vertrauens- sind, an der Ruhr vorhanden ist.
voller Zusammenarbeit mit dem früheren ersten
(Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Stolten
Vorsitzenden der IG Bergbau und Energie, einem
berg: Das hat wahrscheinlich schon die
Minister dieser Bundesregierung, und zukunfts-
letzte getan! — Weiterer Zuruf von der
orientierten Unternehmern, daß diese Neuordnung CDU/CSU: Etwas retrospektiv, Herr Kol
doch zum Zuge gekommen ist. Dabei muß man be-
lege!)
rücksichtigen, daß ein solcher Konzentrationsprozeß
mit der Übertragung von Vermögensteilen einer — Das glaube ich nicht, Herr Kollege, sondern hier
Vielzahl von Gesellschaften mit unterschiedlichem sind jetzt durch die Energiepolitik und durch die
Konzernverbund und bei einem Umsatzvolumen von Neuordnung des Ruhrbergbaus die Voraussetzungen
mehr als 6 1 /2 Milliarden DM sehr schwierig ist. dafür geschaffen worden, daß man auf diesem Sektor
wieder investitionsbereit ist, was uns sicherlich kon-
Aber ich glaube, man darf mit Recht unterstellen, - junkturpolitisch in der zweiten Hälfte dieses Jahres
daß die Organe der Ruhrkohle AG bald eine klare sehr, sehr nützlich sein wird.
Unternehmenskonzeption vorlegen werden, die sich
an den von Parlament und Regierung gesteckten (Abg. Dr. Stoltenberg: Aber das war die
energiepolitischen Zielen orientiert und die Chancen letzte Regierung!)
des Zusammenschlusses nutzt. Wir wissen, daß die Kokereikapazität bis zum
Eine Konzentration der Förderung unter besserer äußersten ausgenutzt ist, nachdem 1969 die Kokerei-
Ausnutzung der Lagerstätte, d. h. die bessere Be- erzeugung bereits um rund 2 Millionen t höher war
schäftigung der vorhandenen kostengünstigsten Ka- als im Vorjahr. 1970 und 1971 ist mit einer weiteren
pazitäten, wird zur Verbesserung der Leistungs- und Zunahme der Kokserzeugung zu rechnen. Ab 1972/73
Wettbewerbsfähigkeit des Steinkohlenbergbaus füh- müßte aber mit einem Kokserzeugungsrückgang ge-
ren und damit den Zielen des Kohlegesetzes ent- rechnet werden, wenn nicht bald die erforderlichen
sprechen. Die Förderplanung wird sich nach den zu Investitionsentscheidungen bezüglich des Baues
erwartenden Verhältnissen auf dem Energiemarkt neuer moderner Großkokereien getroffen werden.
und nach den Ertragsverhältnissen orientieren müs- Im übrigen muß man dabei berücksichtigen, daß die
sen. Einer verantwortungsbewußten Personalpolitik Bundesrepublik auf dem besten Wege ist, der ent-
wird dabei besondere Bedeutung zukommen. scheidende Kokserzeuger Europas zu werden.
Die Ruhrkohle AG muß ihrerseits die notwendi- Der Steinkohlenbergbau — das darf von dieser
gen Entscheidungen, vor allem die erforderlichen Stelle an seine Adresse gesagt werden — sollte dar-
Investitionsentscheidungen, sehr bald und zügig an interessiert sein, den Hausbrandsektor wegen
treffen. einer befristeten außergewöhnlich günstigen Absatz-
lage nicht zu vernachlässigen. Dieser Bereich war
Wir wissen, daß die augenblickliche Lage auf dem
in der Vergangenheit ertragsstark und hat oft
Energiemarkt angespannt ist. Versorgungsengpässe
zu einem positiven Beschäftigungsausgleich beige-
sind bei der Steinkohle, insbesondere beim Stein-
tragen. Ich erinnere nur daran, daß Hausbrand
kohlekoks festzustellen. Es besteht meines Erachtens
zechen kaum Feierschichten einlegen mußten. Im
aber kein Anlaß zu dramatisieren. Die derzeitige
übrigen haben die bisher kohletreuen Energiever-
Koksmangellage hat mehrere Gründe. In den Jah-
braucher einen Anspruch darauf, mit festen Brenn-
ren der ungelösten Kohlenkrise sind zwar Kokerei-
kapazitäten stillgelegt, aber keine neuen gebaut stoffen versorgt zu werden, auch wenn die Situation
worden. In zunehmendem Maße kommen überalterte schwieriger ist. Allerdings sollte man auch erwarten,
Kokereikapazitäten zum Auslaufen. Eine Vielzahl daß der Handel flexibel reagiert und z. B. in Zeiten
von Kokereien auch kommunaler Gaswerke sind des Mangels an Koks dem Hausbrandverbraucher
zwischenzeitlich stillgelegt worden, und deren Koks- verstärkt noch in ausreichender Menge vorhandene
mengen fehlen heute auf dem Markt. Im übrigen ist Braunkohlenbriketts andient. Die Ruhrkohle ist gut
die Koksmangellage weltweit. Vor allem der Bedarf beraten, wenn sie alle Bedarfsanforderungen mög-
der Stahlindustrie an Koks ist auf Grund des außer- lichst gerecht berücksichtigt und sich nicht zu stark
gewöhnlichen Stahlbooms besonders gestiegen. In in eine einseitige, zusätzlich konjunkturabhängige
Anbetracht dieser Gründe nun aber der neugegrün- Lage begibt.
deten Ruhrkohle-AG oder, wie man es, Herr Stol- In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hin-
tenberg, ab und zu aus Oppositionskreisen hört, der weisen, welche Bedeutung einer zukunftsorientier-
Energiepolitik dieser Bundesregierung Vorwürfe zu ten Personalpolitik in der Steinkohle zukommt.
1320 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970
Wolfram
Wenn man berücksichtigt, daß heute bereits nur nicht zu einer wirtschaftlichen Benachteiligung
92 % der Kapazitäten ausgenutzt werden können, führen. Die weitere Zielsetzung des Kohlegesetzes,
wird man zu dem Ergebnis kommen, daß es not- die Monostruktur in den Steinkohlenbergbauge-
wendig ist, eine vernünftige einheitliche Personal- bieten zu verbessern, sollte nicht vernachlässigt
planung und Personalpolitik, ergänzt durch eine ent- werden. Gerade die Hochkonjunktur ist geeignet,
sprechende Tarif- und Sozialpolitik, die die aus- die erforderlichen Strukturverbesserungen durch-
reichende Zahl von Bergleuten mit entsprechender zuführen. Der Bund sollte sehr genau darauf achten,
Qualifikation in Zukunft sichert, durchzuführen. Die daß die Altgesellschaften in den vier Jahren ihren
Organe der neuen Gesellschaft werden jetzt ihre Reinvestitionsverpflichtungen aus dem Einbrin-
Vorstellung verwirklichen, in welcher Form und in gungsanspruch nachkommen. Dabei sollte ange-
welcher Zeit die Förderung auf die ertragsstärksten strebt werden, daß die Standorte neuer Betriebe
Anlagen zu konzentrieren ist. Mit spektakulären möglichst in von Zechenstillegungen betroffenen
Zechenstillegungen, wie wir sie aus der Vergangen- Gemeinden und Städten gewählt werden.
heit kennen, ist in Zukunft nicht mehr zu rechnen,
In Anbetracht der offensichtlich abgelaufenen
sondern die Anpassung wird stufenweise unter Be-
Redezeit möchte ich nur noch ganz kurz auf
rücksichtigung der natürlichen Erschöpfung der La-
folgendes hinweisen. Der Grundlagen- und Zweck-
gerstätte erfolgen, wobei durch die Maßnahmen der
forschung auf dem Energiesektor scheint mir be-
Bundesregierung und durch die sicherlich zu erwar-
sondere Bedeutung zuzukommen. Ich bitte, in dieser
tende Verhaltensweise der Ruhrkohle sichergestellt
Beziehung vor allem zu prüfen, ob es nicht zweck-
ist, daß personelle und soziale Härten nicht mehr
mäßig ist, nach den anerkennenswerten Leistungen
auftreten werden.
des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Förde-
Wir begrüßen .die Erklärung der 'Bundesregierung rung der Forschung auch die Bundesmittel zu
im Jahreswirtschaftsbericht, die flankierenden Maß- erhöhen, weil nach meinem Dafürhalten dadurch
nahmen zur Gesundung des Bergbaus fortzusetzen, die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß
-
wenn auch teilweise mit anderen Akzenten. Über die Kohle leistungsfähiger und wettbewerbsfähiger
die weitere steuerliche Behandlung des Heizöls wird wird und immer mehr auf staatliche Subventionen
dieses Hohe Haus nach Vorlage des entsprechenden verzichten kann.
Gesetzentwurfs der Bundesregierung zu beraten und Zusammenfassend möchte ich folgendes fest-
zu entscheiden haben. Wir begrüßen, daß die inzwi- stellen. Durch die Energiepolitik und die Gründung
schen auch von der Kommission beschlossene Ver- der Ruhrkohle-AG sind nach langen Jahren einer
längerung der Kokskohlenbeihilfe für die Dauer von ungelösten Kohlenkrise die besten Vorausset-
drei Jahren Gültigkeit haben wird. Bezüglich der zungen gegeben, daß auch dieser Wirtschaftszweig
Verstromungsbeihilfen möchte ich bemerken, daß endgültig gesundet und im Wettbewerb seine
die nach zwei Gesetzen gewährten finanziellen Funktion erfüllen kann. Für die Anfangs- und
Hilfen für die Verstromung auf Steinkohlenbasis Übergangsphase bedarf der Bergbau unseres Ver-
Mitte 1971 auslaufen. Aus dem Jahresbericht 1968/69 trauens.
der Bergbau-Elektrizitäts-Verbund-Gerneinschaft ist
heute bereits ersichtlich, daß ab 1972 keine Zubau Zur Mineralölpolitik möchte ich sagen, daß wir
leistungen der Kraftwerke auf Steinkohlenbasis zu die Ziele der Bundesregierung — niedrige Mineral-
erwarten sind. Die Bundesregierung sollte deshalb ölpreise, Sicherung der Erdölversorgung und Konso-
ihre angekündigte Prüfung möglichst bald abschlie- lidierung der Wettbewerbsposition der deutschen
ßen,damitsErgbednzuküftig Erdölindustrie — unterstützen. Ein großräumiges
Investitionsentscheidungen in der Elektrizitätswirt- Erdgasverbundsystem in der Bundesrepublik wird
schaft berücksichtigt werden können. Eine schlichte zu einer preisgünstigen Belieferung der Verbrau-
Verlängerung der Verstromungsbeihilfen scheint cher mit Energie beitragen. Dem dient auch die
nicht empfehlenswert zu sein. Vielmehr sollte ge- Diversifizierung des Erdgasangebotes aus modernen
prüft werden, ob gezielte Investitionshilfen zweck- Versorgungsquellen. Letztlich sollte die Kernenergie
mäßig und erforderlich sind. Auf jeden Fall sollte Bestandteil einer zukunftsorientierten energiepoli-
sichergestellt werden, daß moderne Kraftwerke auch tischen Gesamtkonzeption sein.
nach Ablauf der 10-Jahres-Frist im Jahre 1981 wei-
ter Steinkohle einsetzen. Die im Jahreswirtschaftsbericht aufgezeigten
Grundlinien der Energiepolitik werden unsererseits
Gesetzgeber und Bundesregierung werden vor voll unterstrichen. Sie sind ein wichtiger Teil
ihrer Entscheidung außerdem zu berücksichtigen unserer Wirtschaftspolitik. Durch sachliche und
haben, daß der Braunkohle keine Nachteile ent- ökonomisch richtige Entscheidungen ist sicherge-
stehen. Wenn man z. B. hört, daß 1969 gegenüber stellt, daß in unserem Lande ein vielgestaltiges
dem Vorjahre die Bruttostromerzeugung in der Energieangebot auf der Grundlage eines Wettbe-
Bundesrepublik Deutschland auf Braunkohlenbasis werbes in den siebziger Jahren zum Wohle unserer
um rund 9% zugenommen hat, obwohl die Braun- Wirtschaft und der Energieverbraucher zur Ver-
kohle der billigste heimische Energieträger ist, auf fügung stehen wird.
Steinkohlenbasis um rund 10 % gestiegen ist, auf (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Heizölbasis um 16% und auf Gasbasis um 22 %,
dann müssen diese Zahlen zu denken geben. Die
Tatsache, daß ein Bergbauzweig wie die Braunkohle Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
dieses Hohe Haus noch nicht beschäftigt hat, darf Abgeordnete Springorum.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1321

Springorum (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Ural bis zum Atlantik angedeutet. Ich will mich hier
sehr verehrten Damen! Meine Herren! Wenn ich nicht über den Vertrag auslassen. Wir müssen uns
jetzt ebenfalls einige Worte zu dem sechsten Kapi- aber klar sein, daß dieser Vertrag eine ganze Reihe
tel des Jahreswirtschaftsberichts, das sich mit technischer und wirtschaftlicher Probleme mit sich
Energiepolitik und Energiewirtschaft befaßt, sage, bringt, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Darüber
tue ich das nicht, um hier einer Energiedebatte das schweigt der Wirtschaftsbericht selbstverständlich.
Wort zu reden. Dafür ist jetzt wohl nicht der rich-
Die zweite Entscheidung, die Senkung der Border-
tige Zeitpunkt. Ich möchte vielmehr an Hand dieses
preise, steht bevor, d. h. daß die Preise für das
konkreten Kapitels - das Energiekapitel ist wohl
grenzüberschreitende niederländische Erdgas fallen
das konkreteste des ganzen Berichts — einmal
werden. Ich freue mich darüber, daß sie demnächst
unsere Sorge wegen der Art der Selbstdarstellung
fallen werden, obwohl es sich voraussichtlich nur
der Bundesregierung in diesem Bericht deutlich
um einige hundertstel Pfennige je 1000 WE handeln
machen. Der Bericht liest sich wie eine Hofbericht-
wird. Aber die Holländer werden hierfür eine Ge-
erstattung alter, vergessener, längst vergangener
genleistung verlangen. Diese wird wahrscheinlich in
Zeit.
einer Aufstockung der Mengenabnahme liegen. Es
(Abg. Dr. Luda: Sehr richtig!)
ist im Grunde nichts anderes als ein Mengenrabatt.
Alles Positive wird irgendwie auf die Handlungen Das aber wird wieder in dem Bericht verschwiegen.
der Regierung bezogen, sehr breit und deutlich
dargestellt. Das Negative wird entweder gar nicht Dann zum Mineralöl. Hier wird selbstverständlich
oder so zwischen den Zeilen versteckt gebracht, der Vertrag mit der Deminex sehr groß heraus-
daß es der unvoreingenommene Leser nicht merkt. gestellt. Hier wird gesagt, daß damit der deutschen
Ich meine, für eine Berichterstattung ist die Ob- Mineralölindustrie ein sicheres Fundament gegeben
jektivität einfachste Voraussetzung. wird. Ich will hier nicht auf Schauerbohrungen vor
Gabun und nicht auf die Verhandlungen mit Jor-
(Beifall bei der CDU/CSU.) danien eingehen, aber: kein Wort in dem Bericht
Ich möchte das an der Darstellung der einzelnen über die bedrückende wirtschaftliche Situation der
Energieträger deutlich machen. deutschen Mineralölindustrie, kein Wort über den
Zum Schluß des Berichts kommt die sowohl von Verkauf von Frisia. Ich weiß noch, wie die damalige
der Länge als auch vom Inhalt her sehr dürftige Oppositionspartei Anfang 1966 dem damaligen Bun-
Stellungnahme zur Kernenergie. Hier gibt die Bundes- deswirtschaftsminister mit großer Lautstärke vor-
regierung die Verantwortung für die Leichtwasser- warf, daß er zuließe, daß deutsche Mineralölunter-
baureihe ab. Sie nimmt die Verantwortung nur noch nehmen ans Ausland verkauft würden.
für die zukünftigen Reaktoren, Hochtemperatur- (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
reaktoren und Brutreaktoren in Anspruch. Das Heute kann ein mittelbar bundeseigenes Mineralöl-
Augenblickliche fällt in die andere Verantwortung. unternehmen verkauft werden, ohne daß irgendeine
Warum?, fragt man sich. Wir wissen, daß der erste Stellungnahme dazu erfolgt.
Reif auf die Euphorie für die Kernenergie gefallen
ist. (Zuruf von der SPD: Stimmt ja gar nicht!)
(Abg. Dr. Burgbacher: Sehr richtig!)
Obwohl im vergangenen Jahr die Darbietung um Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
44 % gestiegen ist und hier eine Leistungsbilanz Zwischenfrage? —

wirklich einmal am Platz gewesen wäre, schweigt


sich der Bericht hierüber aus, weil es nicht zu dem Springorum (CDU/CSU) : Bitte schön!
Kommentar der Regierung paßt. Im Kommentar
dieses ganzen Berichts heißt es: Die Preise gehen Wolfram (SPD) : Herr Kollege Springorum, ist
herunter. Das soll dem Leser suggeriert werden. Ihnen bekannt, daß sich die Bundesregierung be-
In dem Bericht über die Stromwirtschaft und müht hatte, für Frisia einen deutschen Interessen-
Energiewirtschaft wird versucht, mit geradezu ten, zumindest einen europäischen Interessenten, zu
schlagzeilenartigen Darstellungen die Hoffnung zu finden? Die zweite Frage: Ist Ihnen bekannt, daß
erwecken, daß nun dank der Handlung der Bundes- zum Verkauf an Gulf sowohl die niedersächsische
regierung die Preise sinken werden. Hier wird die als auch die saarländische Regierung ihre Zustim-
Auflockerung der Monopolstellung zugesagt. Hier mung gegeben haben und daß Gulf bestimmte Zu-
wird eine verbrauchsfördernde Ausgestaltung der sagen gemacht hat?
Tarife angedeutet. Hier wird die Änderung des Kon-
zessionsabgabenrechts zugesagt, alles Dinge, die bei Springorum (CDU/CSU) : Es ist mir bekannt, daß
dem Leser den Eindruck erwecken müssen, daß die die Bundesregierung, die Landesregierung und der
Preise sinken. Zum Teil hat die Bundesregierung Aufsichtsrat ihre Zustimmung für den noch zu voll-
sich selbst eingeschränkt, indem sie sagt, diese Fra- ziehenden Verkauf gegeben haben. Aber ich be-
gen bedürfen der Prüfung. haupte nur, daß diese Dinge in einem Jahreswirt-
schaftsbericht hätten Erwähnung finden müssen.
Dann kommt das Erdgas. Hier werden zwei wich-
Darum dreht es sich doch.
tige Entscheidungen angekündigt. Die erste Ent-
scheidung betrifft den Vertrag mit der Sowjetunion Das nächste und umfassendste ist natürlich das
über die Lieferung von Erdgas. Hier wird gleich- Kapitel Steinkohle. Hier liest sich dieser Bericht,
zeitig die große Vision des Erdgasverbundes vom als ob sämtliche Probleme der Steinkohle dank des
1322 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Springorum
Anpassungs- und Gesundungsgesetzes gelöst wer- werden, wenn er voll und ganz unterrichtet wird.
den, und mein Herr Vorredner hat auch tatsächlich Das heißt, daß neben das Licht auch der Schatten
mit anderen Worten gesagt: diese Probleme sind be- gestellt werden muß.
seitigt. Ich glaube, hier sollten wir einmal ein ern- (Beifall bei der CDU/CSU.)
stes Wort sprechen und sagen, daß sämtliche Pro-
bleme des Ruhrbergbaus durch die überschäumende Ohne das gibt es keine echte Information. Jede
Konjunktur überdeckt sind. Die Strukturprobleme Bundesregierung sollte sich davor hüten, daß ihr
stehen nach wie vor an, und ich möchte hier nicht der Vorwurf gemacht werden kann, daß sie die
als Prophet gelten, wenn ich sage, daß die Probleme Wahrheit manipuliert. Das verträgt auch diese Bun-
in absehbarer Zeit mit noch stärkerer Wucht auf desregierung nicht.
den Ruhrbergbau und auf den gesamten Steinkoh- (Beifall bei der CDU/CSU.)
lenbergbau zukommen werden. In dem Bericht wird
natürlich jedem das versprochen, was er hören
möchte: den Kohlenproduzenten Beibehaltung der Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
flankierenden Maßnahmen, den Produzenten der Abgeordnete Frerichs.
konkurrierenden Energie wird Abbau der restrik-
tiven Maßnahmen zugesagt, dem Verbraucher wird Dr. Frerichs (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
zugesagt, daß der Bergbau nun seine Wettbewerbs- Damen und Herren! Der verehrte Herr Kollege
chancen besser nutzen und demzufolge natürlich Springorum hat geschlossen, daß bessere Informa-
seine Preise senken könne. Heute wissen wir noch tion und wahrheitsgerechte Unterrichtung eine
nicht einmal, ob die Preise überhaupt kostendeckend Grundlage für Wirtschaftspolitik und für demokra-
sind. Wir wissen nur, daß sie nach Aussagen des tisches Verhalten ist.
Bundesbeauftragten für Koks nicht kostendeckend
(Abg. Gewandt: Sein sollte!)
sind, und sie sind es nach den Lohnerhöhungen
wahrscheinlich auch für Kohle nicht, besonders da Ich wollte an sich zu dieser Stunde nicht mehr das
die Listenpreiserhöhungen nur in ganz bestimmten Wort nehmen. Ich muß es tun, weil der Herr Bun-
Bereichen durchsetzbar waren. deswirtschaftsminister heute nachmittag in seiner
Einlassung noch einmal so mit leichter Hand auf
(Abg. Dr. Luda: Sehr richtig!)
diese Anzeigenkampagne eingegangen ist, die hier
Deutlich für diesen Bericht sind z. B. die Zahlen von mehreren Sprechern der CDU/CSU angegriffen
für die Belegschaftsentwicklung. Hier wird davon wurde.
gesprochen, die Belegschaften hätten sich beruhigt. Meine Damen und Herren, diese Anzeigenkam-
Das gehe daraus hervor, daß der Bergbau im Jahr pagne ist ein typisches Zeichen einer schlechten und
1968 23 000 Leute verloren habe, im Jahr 1969 nur unrichtigen Information der Ö ffentlichkeit.
noch 10 000. Wie sind die Zahlen aber in Wirklich-
keit? 1968 bei einer großen Zahl von Stillegungen (Beifall bei der CDU/CSU.)
34 000, 1969 ohne Stillegungen immer noch 32 000. Sie hat aus diesem Grunde auch erhebliche Empö-
Hier kann also von einer eingekehrten Beruhigung rung in den betroffenen Kreisen der Lebensmittel-
wirklich nicht die Rede sein. wirtschaft hervorgerufen. Wenn man daran denkt,
daß diese Anzeigen am 16. Januar rund dreiviertel
Die Kokslücke, die sich beim besten Willen nicht
Millionen Mark gekostet haben,
verheimlichen läßt, wird nur am Rande erwähnt. Sie
gilt nach den Tabellen auch nicht für 1969 — d a (Zurufe von der CDU/CSU: Unerhört! —
haben wir keine Kokslücke gehabt, und wir werden Hört! Hört!)
sie 1971 auch nicht haben —, sondern nur für 1970. während im Etat knappe 100 000 DM für die Ver-
Kein Wort zur Kohlenlücke, die in den nächsten braucheraufklärung für ein ganzes Jahr zur Ver-
Jahren bevorsteht! Hier sollten wir uns einmal vor fügung stehen, dann kann man sich vorstellen, daß
Augen halten, worauf die zu erwartende Kohlen- aus diesem Mißverhältnis heraus keine echte, gute
lücke zurückzuführen ist. 1967 hat der Bundeswirt- Verbraucherinformation erwachsen kann.
schaftsminister den Vertretern der Kohle eine Vor- Nun, meine Damen und Herren, wenn man nach
ausschau vorgelegt, daß für das Jahr 1970 mit einem dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb ge-
Absatz von 90 Millionen t gerechnet werden könne. gen den Herrn Bundeswirtschaftsminister vorgehen
Jetzt werden für das gleiche Jahr 114 Millionen t könnte
vorausgeschätzt. Hier zeigt sich, wie gefährlich Vor- (Lachen bei der SPD)
aussagen sind, soweit sie lebenswichtige Güter be-
— das Gesetz zieht hier nicht, weil es sich nicht um
treffen.
Geschäftsverkehr handelt —, dann müßte man eine
Ich habe hier nur einzelne Punkte deutlich machen Unterlassungsklage nach § 3 UWG wegen Irrefüh-
wollen, die in dem Bericht zwar nicht expressis ver- rung des Verbrauchers anstrengen.
bis falsch, aber einfach nicht vollständig dargestellt
sind. Ich möchte an die Nr. 9 des Jahreswirtschafts- (Beifall bei der CDU/CSU.)
berichtes erinnern, wo es heißt, daß die Bundesregie- Herr Bundeswirtschaftsminister, die Anzeige hat in
rung — meiner Ansicht nach mit Recht — eine bes- gekonnt verzerrter Grafik den Lebensmittelhandel
sere Information des Wirtschaftsbürgers fordert, in all seinen Gruppierungen derart in Harnisch ver-
damit er in die Mitverantwortung gestellt werden setzt, daß Sie eine Reihe von Briefen von Lebens-
kann. Er kann in die Mitverantwortung nur gestellt mitteleinzelhändlern bekommen haben, die Ihnen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1323
Dr. Frerichs
spontan ihre Geschäfte angeboten haben, damit Sie, in den Augen der breiten Masse unserer Bevölke-
wie es in diesen Briefen heißt, einmal sehen, wie rung als Profitjäger hinzustellen. Herr Bundeswirt-
scharf der Wettbewerb im Handel ist, wie hoch die schaftsminister, das ist ein sehr schlechter Stil, der
Kosten unter Ihrer Verantwortung nach oben ge- befürchten läßt, daß Sie auch mit der neuen Kartell-
gangen sind und daß keineswegs mögliche Preissen- novelle den Versuch machen werden, dirigistisch i n
kungen dem Verbraucher vorenthalten worden sind. den Wirtschaftsprozeß einzugreifen.
Wissen Sie, diese Art der Effekthascherei durch den Die Opposition — das soll Ihnen heute klar ge-
verantwortlichen Bundeswirtschaftsminister ist eine sagt werden — wird alle Möglichkeiten nutzen und
so schlechte Sache, daß sich inzwischen in den be- dafür Sorge tragen, daß das Gesetz gegen Wett-
troffenen Kreisen — und das sind immerhin rund -bewerbsbeschränkungen ein Gesetz der Ordnungs
300 000 Einzelhändler mit ihren Familien — Ihre und Wettbewerbspolitik bleibt und die Institution
Einlassung ins Gegenteil verkehrt hat und Sie dort „Wettbewerb" nicht zu einem manipulierbaren Fak-
ganz schön an Prestige verloren haben. tor wird, der je nach der konjunkturellen oder wirt-
(Abg. Gewandt: Da h at er keins gehabt!) schaftspolitischen Situation opportunistisch zu einem
Instrument des Dirigismus ausgebaut werden kann.
Wir fordern Sie auf, dem Lebensmittelhandel in
geeigneter Weise, ohne erneut Steuergelder zu ver- (Beifall bei der CDU/CSU.)
plempern, Genugtuung zu geben. Im übrigen dürfte Auch hierbei, Herr Bundeswirtschaftsminister, steht
Ihnen, Herr Bundeswirtschaftsminister, auch be- die Glaubwürdigkeit der marktwirtschaftlichen Poli-
kannt sein, daß die Verbilligungen — z. B. bei tik dieser Bundesregierung auf dem Prüfstand. For-
Schweinefleisch, Eiern und Geflügel —, die Sie ge- mulierungen, wie Sie sie heute morgen in Anleh-
genwärtig in Ihren Anzeigen anführen, wenig mit nung an überholte Denkschemata gebraucht haben
den Folgen der D-Mark-Aufwertung zu tun haben, — ich denke z. B. an die Formulierung „Markt-
sondern tatsächlich saisonal bedingt sind und daß wirtschaft von links kontra Marktwirtschaft von
mögliche Preissenkungen, die Sie in einer Größen- rechts" —, führen zu gar nichts, denn es gibt nur
ordnung bis zu 2,5 % angekündigt haben, inzwi- eine soziale Marktwirtschaft als Ordnungspolitik,
schen durch die erhebliche Kostensteigerung über- die auf linke und rechte Komponenten verzichten
rollt worden sind. Durch die bevorstehenden erheb- kann, weil sie sonst stets in Gefahr gerät, aus den
lichen Steigerungen vor allen Dingen im Personal- Angeln gehoben zu werden und nichts mehr mit
kostenbereich, der im Handel immerhin 50 bis 60 % den Gesetzen des Marktes zu tun zu haben.
ausmacht, werden alle Einsparungen durch Rationa-
lisierung und Produktivitätssteigerung einfach auf- (Beifall bei der CDU/CSU.)
gezehrt. Worauf es jetzt ankommt — ich glaube, da gehen
Herr Bundeswirtschaftsminister, die Beobachtun- wir einig, und damit will ich schließen —, ist, gerade
gen lassen im übrigen erkennen, daß z. B. die aus- in dieser Konjunkturphase eine gute soziale Markt-
ländischen Ablader, also die Exporteure, promt auf wirtschaftspolitik zu treiben, ohne Teile des Volkes
die Aufwertung reagiert haben. Sie haben ihre zum Sündenbock zu stempeln oder an den Pranger
Preise vorher heraufgesetzt, zum Teil über den zu stellen. Das wollte ich Ihnen in dieser späten
eigentlichen Aufwertungssatz, so daß die Verlaut- Stunde noch einmal ins Stammbuch schreiben.
barungen der offiziellen deutschen Wirtschaftspoli- (Beifall bei der CDU/CSU.)
tik hinsichtlich der Preisdämpfung im Lebensmittel-
bereich einfach nicht stichhaltig sind. Ich kann mir
nicht vorstellen, daß Sie das nicht gewußt haben. Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
DazusindSevlkg. Herr Abgeordnete Junghans.
Jedermann weiß — man kann das bei einem Gang
durch unsere Straßen feststellen —, daß gerade im Junghans (SPD) : Meine sehr geehrten Damen
Bereich des Lebensmittelhandels di e Konkurrenz und Herren! Zum Schluß der Debatte - wahrschein-
zwischen den verschiedenen Angebotsformen außer- lich zum Abschluß, ich weiß es nicht — möchte ich
ordentlich groß ist und daß wir es auf diesem Sek- einige Bemerkungen machen. Sie von der CDU/CSU,
tor mit erheblichen Entartungserscheinungen zu tun von der Opposition, sind heute mit einem großen
haben, die den Bundestag in der letzten Legislatur- Aufwand hier ausmarschiert, jedenfalls was die Zahl
periode dazu veranlaßt haben, das Gesetz gegen der 'Redner angeht.
den unlauteren Wettbewerb zu ändern, um die Ver- (Abg. Dr. Ritz: Wir haben uns noch Zurück-
braucher vor irreführenden Angaben zu schützen haltung auferlegt! Wir könnten noch mehr!)
und eine zerstörerische Ausuferung des Wettbe-
werbs durch sogenannte Lockvogelangebote und — Natürlich, natürlich, wir haben aber alles be-
Vernichtungspreise zu unterbinden. Wir werden die leuchtet! — Außer der Ankündigung, daß der Burg-
weiteren Veröffentlichungen der Bundesregierung bacher-Plan nun endlich fertiggestellt und Ihre Zu-
daher mit wachem Auge, mit größter Sorgfalt und stimmung wahrscheinlich bekommen wird, gibt es
Aufmerksamkeit beobachten und Ihnen auf die Fin- für die aktuelle Wirtschaftspolitik keine Vorschläge.
ger sehen, wenn Sie erneut den Versuch machen (Zuruf von der CDU/CSU.)
sollten, fleißige und anständige Berufsgruppen un-
— Es gibt keinen Vorschlag von Ihnen zur Kon-
seres Volkes in Mißkredit zu bringen oder, wie der
Einzelhandel sagt, Rufmord zu begehen, wenn Sie junkturpolitik!
denVrsuchmaolt,eBrufsgpn (Zuruf von der CDU/CSU: Protokoll lesen!)
1324 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970
Junghans
— Sie haben keinen Vorschlag gemacht; Sie haben eines Arbeitnehmerfreibetrages für das Zonenrand-
noch nicht einmal verlangt, was man hätte ver- gebiet bindend für den Fall versprochen, daß seine
langen können, z. B. die Vergrößerung der Konjunk- Partei diese Regierung führt. Ich frage mich, was er
turausgleichsrücklage. Es gibt keine konkreten Vor- empfindet, wenn er nun so eklatant desavouriert
schläge zur Struktur-, Wettbewerbs- und Energie- wird, einmal durch den Jahreswirtschaftsbericht der
politik; es gibt keine Vorschläge zur Verbesserung Bundesregierung, der kein Wort dazu enthält, und
des Instrumentariums. zum andern durch die expliziten Erklärungen des
Bundesfinanzministers hier in diesem Hause, daß
Die Opposition hat ihre Möglichkeiten nicht ge-
man in diesem Punkte mit der Auffassung der vori-
nutzt. Meine Damen und Herren, Kritik allein reicht
gen Bundesregierung übereinstimme und zur Er-
nicht aus. Sie haben heute die Möglichkeit gehabt,
höhung der Arbeitnehmerfreibeträge keine Vorlagen
die eigene Wirtschaftspolitik, Ihre eigene Position
zu machen gedenke, sondern sich gegen die Einfüh-
darzustellen. Konkrete Vorschläge haben Sie nicht
rung von Steuergrenzen im Binnenland verwahre.
vorgebracht. Das war's, was ich Ihnen zum Schluß
noch sagen wollte. (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Gewandt:
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz
(Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Warnke:
ungeniert! — Gegenruf des Abg. Wehner.)
Warten Sie mal! Es kommt noch was!)
Meine Damen und Herren, damit wir uns recht
verstehen: Wir kritisieren nicht die konjunktur-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der politisch gebotene Zurückhaltung bei Steuersenkun-
Herr Abgeordneter Dr. Warnke.
gen im gegenwärtigen Augenblick. Das wird von uns
mitgetragen, mitgefordert. Wir kritisieren nicht, daß
Dr. Warnke (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Sie in den ersten hundert Tagen Ihrer Regierung
Damen und Herren! Herr Kollege Junghans hat das keine fertigen Projekte vorgelegt haben. Wir kriti-
Fehlen konkreter Vorschläge bemängelt. Dem - sieren aber, daß Sie sieben Tage vor der Wahl etwas
Manne kann geholfen werden, würde ich sagen. versprechen und es 50 Tage nach der Wahl bereits
Herr Kollege Zander von der sozialdemokratischen bindend für diese Legislaturperiode ablehnen.
Fraktion hat hier in einem formal gefälligen und (Beifall bei der CDU/CSU.)
ansprechenden Diskussionsbeitrag die Strukturpoli-
tik der Großen Koalition gelobt, und das ausgerech- So kann man die Menschen, so kann man die Arbeit-
net noch am Beispiel der Investitionszulagen auf nehmer im Zonenrandgebiet nicht behandeln. Dar-
Grund des Steueränderungsgesetzes 1969, von dem unter leidet nicht nur die Glaubwürdigkeit einer
man wohl als mindestes behaupten kann, daß es Partei, darunter leidet nicht nur die Glaubwürdigkeit
eine Gemeinschaftsarbeit der Herren Schiller und dieser Bundesregierung, darunter leidet die Glaub-
Strauß gewesen ist, mit initiiert, beschleunigt und würdigkeit des gesamten Parlaments und des ge-
maßgeblich gestaltet durch eine Initiative der CDU/ samten Parlamentarismus in der Bundesrepublik,
CSU-Fraktion in diesem Hause. Und da kann ich wenn alle Jahre wieder vor einer anstehenden
Herrn Zander nur recht geben und sagen: Das waren Wahl so etwas versprochen und hinterher nicht
strukturpolitisch eben noch Zeiten. Aber heute realisiert wird.
schreiben wir 1970, und wir wollen wissen: Was (Abg. Dr. Müller-Hermann: Hausfrauen
hat diese Bundesregierung jetzt in petto? Ich möchte recht usw.! Alles eine Masche!)
Ihnen, meine Damen und Herren, am Beispiel der
Zonenrandpolitik dartun, das die strukturpolitischen Ich richte deshalb an die Bundesregierung die
Vorstellungen dürftig sind, und Ihnen, Herr Kollege Frage: Welche Maßnahme gedenkt die Bundesre-
Junghans, Gelegenheit geben, dieser Dürftigkeit gierung zur steuerlichen Förderung der Arbeit-
durch zwei Vorschläge etwas entgegenzuwirken. nehmer im Zonenrandgebiet entsprechend den An-
kündigungen des Vorsitzenden der SPD-Fraktion
Wir haben im Jahreswirtschaftsbericht zur Zonen- vor der Bundestagswahl nach der Ablehnung des
randförderung die Feststellung, daß der Zonenrand Arbeitnehmerfreibetrages durch den Bundesfinanz-
die Priorität behalten wird, und den Hinweis auf minister, nach Ablehnung der Verbesserung der
Maßnahmen wie die Frachthilfe, wie die Bevor- Kilometerpauschale durch den Bundesfinanzminister
zugung bei der Erteilung öffentlicher Aufträge, also (Abg. Lemmerich: Und den Bundesver
auf Maßnahmen, die nun nicht aus der Zeit der kehrsminister!)
Großen Koalition, sondern sage und schreibe aus
dem Beginn der fünfziger Jahre stammen. Wir haben hier vorzuschlagen, und bis wann gedenkt sie,
aber, was Berlin angeht, den Hinweis darauf, daß diese Maßnahmen in Kraft treten zu lassen? Und
man ein Förderungsgesetz für die Berliner Wirt- ich sage Ihnen gleich noch eins: Kommen Sie uns
schaft vorlegen wird mit neuen Maßnahmen für die nicht mit einem Arbeitnehmerfreibetrag mit einem
Wirtschaft und mit der Einführung von verbesser- effektiven monatlichen Ergebnis von 3,50 DM.
ten Begünstigungen für die Arbeitnehmer in Berlin. 3,50 DM monatlich schaffen keine soziale Symme-
trie, und 3,50 DM monatlich helfen diesem Zonen-
Ich frage mich, meine Damen und Herren, was randgebiet keinen Schritt weiter.
Herr Kollege Wehner, der bis zum Schluß hier aus-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
geharrt hat, empfindet. Eine Woche vor der Bundes-
tagswahl hat er den Arbeitnehmern in Oberfranken Ein Zweites, meine Damen und Herren. Meine
und anderswo im Zonenrandgebiet die Einführung Fraktion wird sich nicht damit abfinden, daß nach
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1325
Dr. Warnke
der gesetzlichen Fundierung der regionalen Wirt- die sich mit dem Problem der Zonenrandförderung
schaftspolitik im Gesetz zur Ausführung des befaßt hat, initiiert und politisch geführt hat.
Gesetzes über die Gemeinschaftsaufgabe „Regionale (Abg. Dr. Warnke: Ich zweifle nicht Ihre
Wirtschaftspolitik" und daß nach der Ankündigung
Glaubwürdigkeit an, Herr Kollege Wehner!
eines Gesetzes zur Förderung der Berliner Wirt-
Aber Sie sind desavouiert worden!)
schaft durch die Versagung eines Zonenrandförde- Ich will Ihnen einmal etwas sagen. 1965 hat der
rungsgesetzes die Menschen im Zonenrandgebiet Ausschuß für gesamtdeutsche und Berliner Fragen,
und die Grundlagen der dortigen Wirtschaftsför-
wie er damals hieß, nach großen Mühen und nach
derung rechtlich schlechter und faktisch unsicherer
Überwindung ziemlicher Widerstände bei den Kol-
gestellt werden, als das in den anderen Problem-
legen der CDU, die ich gut verstehe — die Kollegen
gebieten der Fall ist. Auch dieses Gesetz ist von
von der CSU nenne ich hier nicht, weil sie immer
der Sozialdemokratischen Partei vor der Wahl ver-
bedenkenlos im bayerischen Grenzgebiet herum-
sprochen worden, auch dieses Gesetz ist weder im
gelaufen sind und so getan haben, als könnten sie
Jahreswirtschaftsbericht angekündigt noch als
den Leute alles geben, wenn man sie hier nur ge-
Ergebnis der Zonenrandkonferenz, die die Sozial-
währen ließe; bei der CDU war die Sache anders;
demokraten in der vorvergangenen Woche abge-
hier unterscheide ich fair — —
halten haben, in der Öffentlichkeit gefordert
worden. (Zuruf von der CDU/CSU: Zur Sache!)
Meine Damen und Herren, damit wir uns richtig — Natürlich, zur Sache! Hier bin ich direkt angegrif-
verstehen: Was auch immer die Arrangements in fen worden, und Sie haben das anzuhören, oder wir
der Ost- und Deutschlandpolitik, die geplant sind, brauchen überhaupt nicht miteinander zu reden,
sein mögen, wir werden nicht zulassen, daß in der wenn Sie das in einer Debatte nicht aushalten.
Zonenrandförderung kurz getreten wird. Dieses
(Weitere Zurufe von der CDU/CSU.)
Zonenrandförderungsgesetz — auch darauf lege ich
Wert — ist nach unserer Auffassung konjunktur- Ich will Ihnen folgendes sagen. 1965 ist hier zum
politisch neutral, weil es im wesentlichen die Kodi- erstenmal ein Bericht gegeben worden. Den werden
fizierung bestehender Institute wie Sonderabschrei- Sie wahrscheinlich nicht nachlesen. Dieser Bericht
bungen, wie Investitionszulage, wie Arbeitnehmer- ist dann gebilligt worden. Darin sind die Merkmale,
wohnungsbau, wie Kommunalförderung und wie die Kriterien für eine Zonenrandförderung über-
Infrastrukturverbesserung enthalten soll. Ein Ent- haupt zum erstenmal im Bundestag mit seinen frühe-
wurf, Herr Bundeswirtschaftsminister, den die ren Mehrheiten anzubringen gewesen. Es war das,
Länder zusammen mit den kommunalen Spitzenver- worauf man sich noch heute stützt, wenn man etwas
bänden und zusammen mit den Handels- und Hand- machen will. Ich war glücklich, als dann der Bun-
werkskammern ausgearbeitet haben, liegt Ihrem desminister für Wirtschaft 1969 den Strukturbericht
Hause bereits vor. 1969 herausbrachte. So etwas hatte es vorher nicht
gegeben, und Sie werden sich noch nach Jahren auf
Dieser Entwurf ist dringlich. Denn angesichts der
Durchführung der regionalen Wirtschaftspolitik als diesen Strukturbericht 1969 beziehen.
Gemeinschaftsaufgabe in den ersten Monaten Ich komme nun zu dem, was hier soeben gesagt
dieses Jahres brauchen wir, wenn eine Schlechter- worden ist. Natürlich erinnere ich mich daran, daß
stellung vermieden werden soll, gleichzeitig die es 1965 einen Gegensatz zwischen den Sprechern der
gesetzliche Fundierung der Zonenrandförderung. CDU/CSU und FDP einerseits und der SPD anderer-
Meine Aufforderung an Sie geht dahin, uns hier seits in der Frage gegeben hat, ob ein Arbeitnehmer-
und heute zu erklären, ob Sie bereit sind, diesem freibetrag in einer Form, die unangreifbar wäre,
Hause ein Zonenrandförderungsgesetz vorzulegen, möglich ist. Es gab sehr gewichtige Argumente da-
und wenn ja, ob das in angemessener Frist, d. h. gegen, die wir hier gehört und abgewogen haben.
auf jeden Fall vor der Sommerpause, geschehen Meine Fraktion hat damals durch unseren Kollegen
kann. Wenn Sie es nicht tun, werden wir von uns Höhmann eine Erklärung abgegeben, in der sie
aus die Initiative ergreifen. einen solchen Freibetrag nicht einfach versprochen,
sondern in der sie gesagt hat, es schiene ihr nicht
(Beifall bei der CDU/CSU.) denkbar, daß eine so wichtige Frage einfach mit
Nein oder Ja beantwortet werde. Angesichts der
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Schwierigkeit, genaue Kriterien aufzustellen und
Abgeordnete Wehner. Abgrenzungen vorzunehmen weil es anders ist a l s
inBerl—whabucingeErf ,w
Wehner (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen es dort durch die andere Lage zu machen war —,
und Herren! Es tut mir leid, zu später Stunde hier erschienen die Vorschläge noch nicht genügend. Wir
noch zu einer Spezialfrage das Wort nehmen zu sind damals in der Minderheit geblieben.
müssen. Aber nach der Art, in der ich soeben apo- Ein Wort zu dem, worauf Sie jetzt in dieser leicht-
strophiert worden bin, kann ich Ihnen das leider fertigen Weise - das muß ich schon so sagen; ent-
nicht ersparen. schuldigen Sie das bitte; denn Sie hätten ja einmal
Ich kenne nicht das, worauf Sie sich stützen. Es fragen können —, abgehoben haben. Ich bin in Ver-
wundert mich nicht, daß Sie glauben, in dieser nicht sammlungen und Vorträgen auf die zentrale Re-
wiederzugebenden Weise über jemanden losziehen form, die wir in den vier Jahren des 1969 gewählten
zu können, von dem Sie, wenn Sie wollten, wissen Bundestages durchzuführen haben, nämlich die
könnten, daß er 1953 die erste Tagung überhaupt, Steuerreform, zu sprechen gekommen und habe da-
1326 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Wehner
bei dargelegt, daß in Art. 106 des Grundgesetzes - — Dies ist eine sachliche Frage, Herr Müller-Her-
es tut mir leid; ich muß das so zitieren, wie ich es mann, der ich mich sehr gewidmet habe. Aber es
immer gesagt habe — steht: hier in dieser Billigen-Jakob-Methode abtun zu wol-
len, geht nicht.
Die Deckungsbedürfnisse des Bundes und der
Länder sind so aufeinander abzustimmen, daß (Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Müller
ein billiger Ausgleich erzielt, eine Überbelastung Hermann: Hier ist gefragt worden, was Sie
der Steuerpflichtigen vermieden und die Ein- tun wollen, und dazu haben Sie nichts
heitlichkeit der Lebensverhältnisse im Bundes- gesagt!)
gebiet gewahrt wird.
Von dort aus habe ich gesagt: Es muß denkbar sein, Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
daß wir für die besonders schwierigen Verhältnisse Parlamentarische Staatssekretär Dr. Arndt.
im Zonenrandgebiet etwas tun, was Arbeitnehmer
hält, und zwar nicht nur Arbeitnehmer schlechthin. Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Ich war 17 Jahre lang Vorsitzender dieses Ausschus- Bundesminister für Wirtschaft: Herr Präsident!
ses. Glauben Sie, das können Sie so einfach weg- Meine Damen und Herren! Ich möchte mich auf die
wischen? Ich habe Sanatorien erlebt und gesehen, energiepolitischen Darlegungen beziehen.
wie es da mit den Ärzten ist, deren Frauen nicht
dorthin wollen, weil sie sagen: Die Russen sind Ich glaube, daß das, was der Kollege Wolfram
nahe. Das kennen wir doch; wer sich damit befaßt, gesagt hat, ein sehr wichtiger Beitrag für die künf-
kennt das. tige Politik des Bundeswirtschaftsministeriums auf
diesem Gebiet sein wird. Die Einheitsgesellschaft
Man muß etwas finden. Es kann nicht irgendein
0815-System sein. Es kann auch angesichts der — das darf ich wiederholen — steht. Aber damit ist
Schwierigkeiten der Abgrenzung nicht so einfach ge- es natürlich nicht getan. Sie ist in einem Stadium der
-
sagt werden: nehmen wir den Arbeitsplatz, d. h. die Organisation, wo ihre einzelnen Untergruppen, die
Fabrik, oder: nehmen wir den Wohnort. Für beides einzelnen Aktiengesellschaften die notwendigen Ra-
spricht das eine oder spricht das andere. Also habe tionalisierungen und Felderbereinigungen durchzu-
ich gesagt: Es muß — und dabei hoffe ich auf die führen haben. Das geschieht in einer Situation, wo
Hilfe der Gewerkschaften und der Kammern — der Kohle relativ knapp ist, einige Kohlesorten sogar
Sachverstand aus dem Zonenrandgebiet mobil ge- sehr knapp sind. Das macht diese Umstellungs- und
macht werden und muß helfen, damit wir Lösungen Organisationsprozesse nicht leichter. Was wir in
finden, die sauber und nicht angreifbar sind. einem derart schwierigen W irtschaftszweig brau-
chen, ist Normalität, also keine extremen Nachfrage-
Weil ich respektiere, was damals von Herrn lagen nach dieser oder nach jener Seite. So ist es an
Starke oder von anderen in der Sache 1965 kritisch sich nicht die Aufgabe der Ruhrkohlen AG, in der
gesagt wurde, suche ich nach einer Lösung. Da kom- Welt zusätzlichen Koks für die deutsche Bevölke-
men Sie hierher und tun so, als wäre ich ein De- rung zu besorgen. Das macht sie, und wir sind ihr
magoge. dafür dankbar. Der Haushaltsausschuß des Deut-
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Was tut denn schen Bundestages hat sich auf Antrag der Regie-
die Regierung?) rung damit einverstanden erklärt, daß ein Teil der
Ich habe auch bedauert, verehrter Herr, daß z. B. Mittel, die an sich zur Förderung der Kohle gedacht
der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundes- sind, dafür verwendet wird, den sehr teuren aus-
finanzminister auf Fragen der CSU, die dazu aufge- ländischen Koks für unsere inländischen Verbrau-
zogen war, fortgesetzt zu fragen, nicht gesagt hat, cher zu verbilligen. Dennoch muß sich dieses Unter-
was der frühere Minister gesagt hat. Ich, der ich nehmen seinen eigentlichen Aufgaben stellen kön-
ein Abgeordneter bin, kann in der Fragestunde ja nen und versuchen, auch unter diesen Umständen
nicht antworten. Ich habe kürzlich von dem Parla- schnell zur Reorganisation im Ruhrrevier zu kom-
mentarischen Staatssekretär eine Darstellung dar- men.
über bekommen, wie sich aus jener Sicht die Sache Das Zweite: Herr Kollege Springorum, Sie sagten,
tut. Ich habe große Ruhe; denn meine Äußerungen die 90-Millionen-Prognose — es war übrigens keine
beziehen sich auf die Steuerreform und darauf, daß Prognose der Regierung oder des Bundeswirtschafts-
diejenigen, die etwas dazu beitragen können, daß ministeriums für den Zeitraum 1971/72 habe sich
im Zonenrand etwas Attraktives für Arbeitskräfte nicht verwirklicht; wir liegen in einem sehr hohen
aller Art gemacht wird, es auch wirklich machen Maße darüber, d. h. es wird viel mehr Kohle nach-
sollten, wenn es geht. gefragt, und es kann auch viel mehr Steinkohle ge-
Das ist kein Versprechen. Dahinter steht auch fördert werden.
nicht die Einstellung - wie Sie glauben -, sieben Ich würde dazu sagen: Prognosen sind eine wahr-
Tage vor der W ahl eine Sensation zu machen und scheinliche Annahme über die Zukunft, die wahr-
dann nichts mehr davon wissen zu wollen. Da ken- scheinlichste unter vielen Annahmen, die denkbar
nen Sie mich schlecht. Auch andere Leute werden sind. Es wird also Abweichungen geben. Und wenn
Ihnen sagen können, daß es so nicht ist. Aber wenn es wie hier oder in anderen Fällen - aber hier
Sie nicht sachlich diskutieren können, dann ist es reden wir von diesem Fall — Abweichungen in
überhaupt nicht gut. erfreulicher Richtung gegeben hat, daß nämlich sehr
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Sie diskutieren viel Kohle und Koks nachgefragt wird, daß die Pro-
jetzt aber ganz unsachlich, Herr Wehner!) duktionskapazitäten gefordert wurden, daß die Hal-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1327
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Arndt
den verschwinden konnten, so spricht das ja nicht Gange — es ist noch kein Abschluß erfolgt —, die
gegen eine Prognose, die unter den damaligen Um- eine ausländische Gesellschaft ins Spiel bringen sol-
ständen des Sturzfluges, der Reduktion der Kohle- len, von der freilich auch verlangt werden muß, daß
förderung in den Jahren 1964/1966 um je 10 Millio- in Emden die Raffinerie weiter betrieben, d. h.
nen t per anno, gar nicht so pessimistisch schien, also ausgebaut wird.
sondern eher im Grenzbereich des Realistischen lag. Auch können sich natürlich laufend die Daten und
Ich glaube, da sollte man keine Vergleiche machen: Einschätzungen ändern, wie Sie es von der Kern-
warum ist das nicht so gekommen, wie es in der energie mit Recht sagten. Es ist heutzutage nicht
Prognose stand?, d. h. warum ist die Lage nicht so mehr selbstverständlich, daß .Kraftwerke, die auf
schwarz geworden, wie sie damals geschildert Erdgas, Heizöl, Steinkohle oder gar auf Braunkohle
wurde?, sondern man sollte sagen: Aus diesen und laufen, in den nächsten fünf oder zehn Jahren
jenen Gründen — und zu diesen Gründen gehört zwangsläufig Kernkraftwerken in der Stromerzeu-
auch die Energiepolitik, an der dieses Haus, wie ich gung unterlegen sein werden. Das war vor drei
glaube, in seiner Gesamtheit beteiligt war —, ist Jahren noch anders. Heutzutage mußten wir und
das besser geworden. mußten alle, die damit zu tun haben, diese Ein-
Sie waren dann so freundlich, die anderen Be- schätzung der Zukunft revidieren. Das besagt nichts
reiche der Energiepolitik — Erdgas, Heizöl usw. — gegen die Kernenergie. Sie wird sich weiter aus-
zu skizzieren. Dazu nur folgendes: Wir haben dehnen, aber sie wird vielleicht nicht in dem
Prinzipien. Das eine ist Sicherheit der Versorgung, rapiden Tempo vorankommen, wie es vor zwei
und das andere sind niedrige Preise. Beides ver- Jahren schien.
suchen wir anzugehen mit den Mitteln multipler Was heißt das? Heißt das, daß wir deswegen z. B.
Versorgungsquellen oder — wie das neuerdings keine Prognosen mehr über die Einschätzung der
heißt — der Diversifikation. Ein weiteres Mittel ist Rentabilität dieser oder jener Form von Strom-
der Wettbewerb. erzeugung machen sollen? — Nein, man kommt bei
In diesem Zusammenhang müssen wir den Erd- Investitionen dieser Größenordnung nicht daran
gas-Vertrag sehen. Er erschließt uns, insbesondere vorbei.
natürlich Bayern und anderen süddeutschen Län- Wenn diese Prognosen nicht eingetreten sind oder
dern, zusätzliche Versorgungsquellen, ohne des- nicht zuzutreffen scheinen, kann man selbstverständ-
wegen irgendeine dieser Regionen oder gar die lich nicht auf der ersten ursprünglichen Auffassung
Bundesrepublik abhängig zu machen; dazu ist die beharren. Man muß sich revidieren, sich vielleicht
Größenordnung viel zu gering. fragen, ob man den Ausgleich durch mehr öffentliche
In diesem Zusammenhang müssen Sie auch die Subventionen bewirkt — dazu ist die Bundesregie-
Bemühungen der DEMINEX sehen, mit den Mitteln, rung im Augenblick nicht bereit — oder ob man
die hier bereitgestellt worden sind, entweder auf neue technische Innovationen vertraut.
größere Rechte oder Eigentum oder vielleicht direkt
Explorationserfolge im Ausland „im Rohölsektor"
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Staatssekre-
— wie es so ,schön heißt — zu erzielen. Dabei ist tär, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeord-
bisher noch nicht viel herausgekommen. Einerseits neten Springorum? - Bitte!
ist es nur sehr gut, daß das Geld nicht in Experi-
menten aufgebraucht wird, in Experimenten, die wir
nicht wünschen, andererseits teilt selbstverständlich Springorum (CDU/CSU) : Ich darf nur fragen:
die Bundesregierung mit diesem Hohen Hause den sind Sie mit mir der gleichen Meinung, daß diese
Wunsch, doch das eine oder andere Projekt tat- Schatten, die Sie jetzt angedeutet haben, auch Teil
sächlich bald erfolgreich zu sehen. des Jahreswirtschaftsberichts hätten sein müssen?
Und Frisia: Die Regierung hat sich bemüht, für
die Frisia andere Lösungen zu finden, Lösungen, Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
mit einem Eigentumsübergang in die Hände von Bundesminister für Wirtschaft: Nein, Herr Kollege
Mineralölgesellschaften in überwiegend deutschem Springorum, dann wäre er einfach zu umfangreich
Eigentum. Wir wollen — das ist eines der erklärten geworden. Wir glaubten sowieso, im energiepoli-
Ziele unserer Mineralölpolitik — etwa 25 % des tischen Teil recht ausführlich gewesen zu sein.
Rohöldurchsatzes eben nicht in den Händen aus- Selbstverständlich steht Ihnen die Bundesregierung,
ländischer Gesellschaften sehen. Sicherlich ist diese das Bundeswirtschaftsministerium im Wirtschafts-
Zahl gegriffen, aber es ist eine Marke, an die man ausschuß oder, wenn Ihre Fraktion das wünscht,
sich halten muß, damit es nicht nur 15 % oder auch im Plenum zu ausführlichen energiepolitischen
5% oder gar einmal null Prozent werden. Es ist Erläuterungen zur Verfügung. In den Jahreswirt-
viel versucht worden, um für die Frisia eine andere schaftsbericht selbst noch mehr über die Energie-
Lösung zu finden. Dies ist nicht gelungen, weil der politik hineinzuschreiben, schien uns etwas vermes-
Standort dort für eine Raffinerie nicht über die sen. Schließlich dient er ja in erster Linie dazu, sich
Maßen günstig sein soll, wie Fachleute sagen, so mit dem Gutachten der Sachverständigen ausein-
daß selbst bei einem besseren Erlös- und Ertrags- anderzusetzen, Jahresprojektion und die wirtschafts-
niveau für dieses oder jenes Mineralölerzeugnis, und finanzpolitischen Maßnahmen des laufenden
also z. B. Benzin, ein Weiterbetrieb und Ausbau der Jahres darzulegen. Sie sehen, über den innerdeut-
Raffinerie dort nicht sehr sinnvoll wäre. Deswegen schen Handel ist auch geschrieben worden, aber nie-
sind eben jetzt, soviel ich weiß, Verhandlungen im mand hat davon gesprochen und danach gefragt.
1328 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Ein Umstand, den ich bedaure; aber hier sind wir ster, zu welchen Ergebnissen einer Ihrer Herren
anscheinend etwas zu ausführlich gewesen, bei der gekommen ist, sondern wir möchten gern einmal
Energiepolitik dagegen zu kurz. von Ihnen erfahren, wie sich die Regierung dazu
(Beifall bei der SPD.) stellt; denn sie hat schließlich die Verantwortung.
Also das ist die Frage, die uns interessiert, nicht die
Vorarbeiten, die sicher sehr schätzenswert sind.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Herr Bundesminister für Wirtschaft.
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Aber
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Herr wir sind für sorgfältige und gute Vorbereitungen.
Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir haben es nicht allein mit der Fixigkeit, sondern
Ich will in Kürze nur auf ganz wenige Dinge ant- mehr mit der Richtigkeit. Es ist schon durch Hea-
worten, in denen ich persönlich angesprochen bin. rings u. a. m. auf dieser Ebene gearbeitet worden,
und Sie werden — —
Herr Kollege Luda, Sie haben nach dem Stand der
Mißbrauchsaufsichtsverfahren in Sachen Automobil- (Abg. Gewandt: Vor anderthalb Jahren!)
industrie gefragt. Ich kann hier ohne Angabe der — Herr Gewandt, es ist doch jetzt die Frage des
Firmen nur sagen: die Mißbrauchsaufsichtsverfahren neuen Starts und des neuen Beginns. Wir haben
laufen noch. Ich meine, bei einem schwebenden Ver- schließlich auch einiges hinzugelert; Sie ja auch.
fahren sollten wir nicht weiter darüber sprechen. In Sachen präventiver Fusionskontrolle hoffe ich,
(Abg. Dr. Luda: Die laufen und laufen und daß Ihre Kollegen in der CDU/CSU-Fraktion so viel
laufen! — Abg. Dr. Müller-Hermann: Da hinzulernen, daß sie mit Ihnen in dieser Angelegen-
kommt doch nie etwas heraus!) heit konform gehen. Also Sie werden in Bälde, bei
der nächstbesten Gelegenheit, den gewünschten
— Nein, jene Firma ist nicht dabei. Aber wir sollten
-
uns im Moment wirklich nicht weiter darüber äußern. politischen Bericht über den Stand unserer Vorbe-
Ich will Sie doch hier nicht durch große Länge stra- reitungen bekommen.
pazieren, sondern Ihnen nur in den Dingen Auskunft (Abg. Dr. Müller-Hermann: Sie können aber
geben, in denen Sie mich persönlich gefragt haben. von uns nicht erwarten, daß wir etwas zu
Sie waren wegen der Zinsabrüstungskonferenz so stimmen, was Sie selbst noch nicht kennen!)
skeptisch und bezogen sich dabei auf die Bundes- —
— Wieso? Ich kenne das, aber —
bank. Ich kann Ihnen nur sagen: die OECD hat sich (Abg. Dr. Müller-Hermann: Wir sollen doch
durch ihren Generalsekretär van Lennep schon vor mitmachen, aber Sie selbst wissen noch
geraumer Zeit bereit erklärt, in ihrem Rahmen nicht, was Sie wollen!)
diese Frage zu beraten. Auch die Absprache zwi-
schen dem französischen Wirtschafts- und Finanz- — Wieso denn? Wir bitten um Ihre Mitarbeit im
minister und mir ging dahin, diese Frage bei der Sinne eines konstruktiven und dynamischen Wett-
OECD zu behandeln. bewerbs um die beste Marktwirtschaft.
Herr Gewandt, auch Sie haben an mich mehr oder (Abg. Dr. Müller-Hermann: Das haben wir
weniger persönliche Fragen gerichtet. Das Werft- ja zugesagt!)
hilfeprogramm Nr. 7 wird um die Wende vom Was das Zitat betrifft — es wurde gesagt, es
Februar zum März erscheinen. Also das ist beim gebe nur eine soziale Marktwirtschaft —, so
letzten „Genietet-Werden", um im Werftbild zu blei- habe ich ein Zitat von Franz Böhm gebracht, und
ben. Das gilt übrigens nur für den alten Schiffbau, das muß man wohl wörtlich bringen; denn das hat
heute wird das ja mit anderen technischen Methoden Franz Böhm verdient, für uns alle, nicht nur für
gemacht. die CDU/CSU. Er hat für die Marktwirtschaft und
Ein Wort zur Novelle zum Gesetz gegen Wettbe- den Wettbewerb i n diesem Hause einiges getan,
werbsbeschränkungen. Da habe ich mich ein bißchen übrigens auch für andere sehr wichtige Dinge, die
gewundert, daß Sie zu dieser sehr detaillierten uns gerade in diesen Tagen aus anderem Anlaß
Materie mehr im Jahreswirtschaftsbericht verlangt sehr beschäftigen.
haben. Denn mir ist gesagt worden: Der Kartell- (Abg. Dr. Luda: Sehr gut!)
referent des Bundeswirtschaftsministeriums ist vor
kurzem im Mittelstandskreis Ihrer Fraktion, Herr Herr Warnke, ich muß noch ein Wort zu der
Gewandt, gewesen und hat dort ausführlich über Zonenrand-Diskussion sagen. Sie haben da in der
alle unsere Vorarbeiten zur Novelle zum Gesetz Tat Herrn Kollegen Wehner in einer Weise an-
gegen Wettbewerbsbeschränkungen berichtet. genommen, die seinen Verdiensten um dieses wich-
tige Thema nicht gerecht wird. Die von Ihnen
zitierte Investitionszulage für Investitionen in den
Gewandt (CDU/CSU) : Herr Minister, um das Zonenrandgebieten und im bayerischen Grenzland
klarzustellen —
ist primär nicht ein Ergebnis der Zusammenarbeit

zwischen dem Finanzminister und dem Wirtschafts-


Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter minister damals gewesen, sondern — das ist die
Gewandt, Sie können nur eine Frage stellen. historische Wahrheit — diese Investitionszulage für
Investitionen im Zonenrandgebiet und im bayeri-
Gewandt (CDU/CSU) : Darf ich eine Frage stel- schen Grenzland ist in einer sehr ausführlichen,
len. Für uns ist doch nicht entscheidend, Herr Mini- sehr intensiven Beratung zwischen dem damaligen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1329
Bundesminister Dr. Schiller
Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Herrn von haben. Das heißt, die Relation von 360 000 zu
Wehner, und dem Bundeswirtschaftsminister kon- 1,7 Milliarden, um steuergeldliche Hilfen für die
zipiert worden, und zwar im April 1968. Er ist es Verbraucher zu mobilisieren, ist immer noch ganz
gewesen — ich will es nur erwähnen; wir müssen erträglich.
doch gerecht bleiben —, der immer wieder gemahnt (Zuruf von der CDU/CSU: Wenn es stimmt!)
hat, bis dann die beiden Ressorts, Finanzen und
Wirtschaft, in dieser Sache vorankommen. Sie alle Nun zur Sache selbst! Ich habe mir jetzt auch noch
wissen: wir haben so viel Zeit gebraucht, daß der einmal die Anzeige angesehen, Herr Frerichs — ich
Bundestag das Gesetz erst im Sommer 1969 ver- war ganz erschrocken, als ich so furchtbare Worte
abschieden konnte. So ist der Gang der Dinge hörte wie „Profitjäger" und ähnliches, was mir
gewesen. überhaupt nicht liegt, wie Sie wissen —, und da
sehe ich zum Schluß in dieser Anzeige: Der Bundes-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Bundesmini- wirtschaftsminister, Professor Schiller, erklärt zu
ster, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abge- diesen Möglichkeiten wörtlich: „Die Bundesregie-
ordneten Dr. Warnke? rung dankt Handel und Verbrauchern. Wettbewerb
und Preisbewußtsein helfen der Stabilitätspolitik."
Ich finde, mit einer solchen Anzeige, in der dem
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Ja, Handel gedankt wird — Herr Frerichs, wir wollen
ich gestatte sie gern. Aber ich weiß nicht, ob ich sie
das Thema doch nicht weiter vertiefen —,
beantworten kann. Zu so später Stunde wollen wir
uns nicht noch in weitere Einzelheiten verlieren. (Abg. Dr. Frerichs: Dann muß man sie ganz
zitieren!)
Dr. Warnke (CDU/CSU) : Herr Bundeswirtschafts- ist doch keine Publikumsbeschimpfung verbunden
minister, stimmen Sie mir zu, daß bei der Beratung gewesen, wie man aus Ihren Worten entnehmen
des Steinkohle-Förderungsgesetzes im ersten Durch- - könnte. Ich will diesen Dank, der in der Anzeige
gang im Bundesrat Ende 1967 vom bayerischen zum Ausdruck gekommen ist, heute hier gern wie-
Wirtschaftsminister Dr. Schedl die Forderung ge- derholen, auch an die Menschen im Einzelhandel,
stellt und in einer Resolution angenommen worden selbst wenn sie manchmal über das eine oder
ist, die darin vorgesehenen Investitionszulagen müß- andere, was dort geschah, ergrimmt waren. Sie
ten auch den Fördergebieten zugute kommen? Und haben sich ja auch im Wettbewerb bewährt.
stimmen Sie mir zu, daß das natürlich erheblich vor Sie sagten, einige Einzelhändler hätten mir ihren
dem von Ihnen genannten Zeitpunkt war? Laden angeboten. Sie kennen die schöne Reaktion
in der Konzertierten Aktion. Ich habe Präsident
Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft: Ich Consten davon berichtet und habe gesagt: ich gehe
kann Ihnen dazu im Moment keine Auskunft geben. in der Tat mit dem Gedanken um, diese Läden zu
Ich kann nicht über alles hier protokollmäßig Aus- übernehmen und dann ein Unternehmen mit einer
kunft geben, was jemals im Bundesrat zu einer großen Kette zu machen. Er hat mir geantwortet:
wichtigen Angelegenheit gesagt worden ist. Ich freue mich, Sie in unserer Einzelhändlerver-
einigung als Mitglied begrüßen zu können. Man
Nur eines darf ich noch einmal klar und deutlich kann es also auch so sehen.
betonen. Herr Wehner hat in dieser Sitzung mit
(Abg. Ott meldet sich zu einer Zwischen
dem Bundeswirtschaftsminister — damals, im April
frage.)
1968 — bei den Überlegungen „was tun wir bei dem
beginnenden Gesamtaufschwung der Wirtschaft, da- — Ich glaube, wir sollten diese Diskussion über die
mit dort Betriebe hinkommen?" dieses Konzept mit Anzeigenaktion mit einem Dank an diejenigen, die
uns erarbeitet; und er hat immer wieder gedrängt, es so aufgefaßt haben, wie es aufzufassen war, be-
bis es dann so weit war. Das sollten Sie bei Ihrer schließen und nicht zu so später Stunde —
Kritik auch berücksichtigen. (Abg. Ott: Es geht um die Wahrheit, Herr
Ein letztes! Ich wurde von Herrn Frerichs in Sa- Minister!)
chen Anzeige persönlich gefragt. Herr Frerichs, was
die Kosten betrifft, so habe ich mich beim Presse- Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zwischenfrage
und Informationsamt erkundigt, soweit das zu so abzulehnen ist das gute Recht des Herrn Ministers.
später Stunde noch möglich war. Danach sind es
360 000 DM gewesen. Aber das kann natürlich nur Dr. Schiller, Bundesminister für Wirtschaft:
eine vorläufige Auskunft sein. Sie haben selbstver- Nachdem ich mich bedankt habe — —
ständlich das Recht, in den nächsten Tagen eine
genaue Zahl darüber zu erfahren. Natürlich bekom- (Abg. Ott: Mit Korrektheit hat das nichts
men Sie die genaue Zahl, wenn wir sie festgestellt zu tun!)
haben. — Nun, nehmen Sie es nicht so arg in so später
Nur, wie auch immer, ich muß dazu sagen: Diese Stunde. Im übrigen können Sie, wenn Sie wollen,
Aktion diente unter anderem dazu, lieber Herr in der Haushaltsberatung wieder anfangen und in
Frerichs, dafür zu sorgen, daß 1,7 Milliarden DM Sachen Bundeswirtschaftsministerium noch einmal
an Steuergeldern, die zum Ausgleich von Preis- über diese Angelegenheit sprechen.
senkung gezahlt worden waren, sich auch in der Zum Schluß muß ich noch einer versäumten Pflicht
Richtung auswirken, daß die Verbraucher etwas da- nachkommen. Sie nehmen mir dieses Versäumnis
1330 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

Bundesminister Dr. Schiller


hoffentlich nicht übel, meine sehr geehrten Damen diskutiert worden ist. Die Kritik, die gerade hier ge-
und Herren. Ich möchte an dieser Stelle noch dem leistet wurde, aber auch die Ergänzungsvorschläge
Sachverständigenrat danken, dessen Gutachten ja werden die Bundesregierung beflügeln, dem neuen
die Basis für die Stellungnahme darstellt, die die Jahreswirtschaftsbericht 1971 noch weitere neue
Bundesregierung abgegeben hat. Das Gutachten ist Aspekte hinzuzufügen. Ich darf mich nochmals herz-
die Ausgangsbasis, von der aus wir unseren eigenen lich bedanken.
Bericht erarbeiten. Ich hole diesen Dank an die Sach- (Beifall.)
verständigen, die — wie in jedem Jahr — in
völliger Autonomie ihr Jahresgutachten erstellt
haben, nach.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Es liegt keine
Wortmeldung mehr vor. Damit stehen wir am Ende
(Beifall auf allen Seiten.) dieser Debatte, die ich schließe.
Ich darf gleichzeitig dem Hohen Haus für die Kri- Ich berufe die nächste Sitzung auf Mittwoch, den
tik danken. Ich danke besonders dafür, daß wohl 18. Februar, 14 Uhr.
zum ersten Mal in der Geschichte dieser Jahreswirt-
Die Sitzung ist geschlossen.
schaftsberichte ein Bericht so früh nach seiner Über-
mittlung an das Parlament vom Hohen Haus hier (Schluß der Sitzung: 20.29 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1331

Anlagen zum Stenographischen Bericht

Anlage 1 aktuelle wirtschaftspolitische Geschehen eine wich-


tige Einrichtung. Da mir an einer schnellen und weit
Liste der beurlaubten Abgeordneten gestreuten Verbraucherinformation gelegen ist, er-
hält die AGV von meinem Hause zweckgebundene
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Zuwendungen mit dem Auftrag,

a) Beurlaubungen a) jahrlich bis zu 70 Rundfunksendungen und 40


17. 2. Fernsehsendungen zu warenkundlichen und ver-
Adams *
braucherpolitischen Themen auf dem Ernährungs-
Adorno 20. 2.
gebiet im überregionalen Programm eingenver-
Dr. Artzinger * 17. 2.
antwortlich durchzuführen,
Dr. Bayerl 28. 2.
Behrendt * 17. 2. b) wöchentlich Angaben über Verbraucherpreise
Biechele 28. 2. für Nahrungsmittel im gesamten Bundesgebiet -
Dr. Dittrich * 20. 2. besonders in Mittel- und Kleinstädten - zu sam-
Frehsee 28. 2. meln und die Ergebnisse der Zentralen Markt-
Geldner 20. 2. und Preisberichtstelle der Deutschen Landwirt-
Freiherr von und zu Guttenberg 20. 2. schaft und der Unterabteilung für Verbraucher-
Hauck 28. 2. angelegenheiten in meinem Hause für Auswer-
Kater 20. 2. tungen zur Verfügung zu stellen,
Memmel * 20. 2.
c) jährlich bis zu 100 Schreibmaschinenseiten Infor-
Müller (Aachen-Land) * 20. 2.
mationen über verbraucherpolitische Themen so-
Dr. Prassler 20. 2.
- wie Warenkunde, Marktzusammenhänge und
Richarts * 19. 2.
richtiges Verhalten beim Einkauf von Nahrungs-
Schirmer 17. 2.
mitteln in der Verbraucherpolitischen Korres-
Stücklen 18. 2.
pondenz (VPK) oder Verbraucherrundschau (VR)
Vogel 17. 2.
zu veröffentlichen.
Dr. Freiherr von Weizsäcker 20. 2.
Eine Beeinflussung der AGV etwa in der Richtung,
b) Urlaubsanträge
daß sie ihre Veröffentlichungen mit den agrar- und
Burgemeister 31. 3. ernährungspolitischen Zielsetzungen der Bundesre-
Dohmann 31.3. gierung in Einklang bringt, ist nicht möglich und
Dr. Pohle 28. 2. auch nicht beabsichtigt. Es besteht mit dem Vorstand
Schröder (Sellstedt) 6. 3. und der Geschäftsführung der AGV Übereinstim-
mung darüber, daß sich die Arbeitsgemeinschaft bei
*Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen des Euro- ihren Veröffentlichungen um eine objektive Dar-
päischen Parlaments
stellung des Sachverhalts zu bemühen und bei ihrer
Meinungsäußerung jede Polemik zu vermeiden hat.

Anlage 2
Anlage 3
Schriftliche Antwort
Schriftliche Antwort
des Bundesministers Ertl vom 28. Januar 1970 auf
die Zusatzfrage des Abgeordneten Niegel zu seiner des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl
Mündlichen Frage *). vom 10. Februar 1970 auf die Zusatzfrage des Ab-
Die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände geordneten Meister zu seiner Mündlichen Frage *).
e. V., Bonn, (AGV) ist ein Zusammenschluß von 20
Verbänden und Organisationen, die sich laut Sat- Die Unterhaltskosten für die freigegebenen und
zung überwiegend mit Verbraucherfragen beschäf- wegen der laufenden Instandsetzung zur Zeit noch
tigen; die Finanzierung erfolgt durch Mitgliedsbei- nicht besetzten rd. 1400 Wohnungen betragen pro
träge, Verkaufserlöse der Publikationen und zweck- Monat schätzungsweise rd. 31 220 DM (22,30 je
gebundene Zuwendungen der öffentlichen Hand für Wohnung und Monat im Durchschnitt). Die Kosten
spezielle Aufklärungsmaßnahmen. werden vom Bund als Eigentümer getragen.
Die AGV erhält vom BML keine globalen Zu- Die Wohnungen befinden sich zur Zeit in einem
schüsse zur Deckung ihrer laufenden Personal- und Zustand, der es nicht gestattet, sie sofort zu bezie-
Sachkosten.
hen. Da sie unmittelbar nach der notwendigen In-
Die AGV verfügt über gute Verbindungen zur standsetzung vermietet werden, ist ein Mietausfall
Tagespresse sowie zum Rundfunk und Fernsehen; nicht zu erwarten.
sie ist für die Information der Verbraucher über das

*) Siehe 22. Sitzung Seite 833 B *) Siehe 25. Sitzung Seite 1012 B
1332 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970

humanitäre Hilfe angeblich zuständigen Bundesinnenministeriums


Anlage 4 nicht nach Lagos ausreisen konnte?

Schriftliche Antwort Zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Bundes-


ministerium des Innern hat es keine Kompetenz-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Ravens vom streitigkeiten gegeben, noch hat es in irgend einer
30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge Weise Verzögerungen der Hilfsmaßnahmen durch
ordnerten Strohmayr (Drucksache VI/273 Frage A 49): die Bundesregierung gegeben. Wie mir der Bundes-
Welche Maßnahmen sind erforderlich oder bereits getroffen minister des Innern mitgeteilt hat, ließen sich die
worden, daß die Sozialhilfeempfänger nach der Entscheidung
des Bundesverfassungsgerichtes zum § 29 des Wohngeldgesetzes
bisher in Frage kommenden Soforthilfen weitgehend
vom 1. April 1965 nunmehr und noch nachträglich Wohngeld anhand der Berichte der Deutschen Botschaft in
erhalten?
Lagos und der Hilfsorganisation aus Nigeria in die
Wege leiten. Eine Reise eines Vertreters des Bun-
In einem gemeinsamen Rundschreiben vom 19. De- desministeriums des Innern nach Nigeria ist deshalb
zember 1969 haben die Bundesminister für Städtebau bis jetzt nicht vorgesehen worden. Erweist sich eine
und Wohnungswesen, für Jugend, Familie und Ge- Prüfung an Ort und Stelle als zweckmäßig, wird dei
sundheit sowie für Arbeit und Sozialordnung die Bundesminister des Innern unverzüglich einen Ver
für die Durchführung des Wohngeldgesetzes, der treter nach Nigeria entsenden.
Sozialhilfe und der Kriegsopferfürsorge zuständigen
obersten Landesbehörden über den Beschluß des
Bundesverfassungsgerichts vom 14. November 1969
unterrichtet. Das Rundschreiben stellt klar, daß alle
Empfänger von Sozialhilfe und Kriegsopferfürsorge Anlage 6
einen Rechtsanspruch auf Wohngeld haben, wenn
die sonstigen Voraussetzungen nach dem Wohngeld- Schriftliche Antwort
gesetz erfüllt sind. -
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Dahren-
Ab November 1969, dem Monat, in dem der Be- dorf vom 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage
schluß des Bundesverfassungsgerichts erlassen wor- des Abgeordneten Dr. Wulff (Drucksache VI/273
den ist, werden die Anträge des genannten Personen- Frage A 101) :
kreises unter Nichtbeachtung des § 29 Wohngelde
Zu welchem Zeitpunkt hat die Bundesregierung begonnen,
vom 1. April 1965 beschieden. Es ist sichergestellt, Hilfsmaßnahmen für Biafra zu koordinieren?
daß die Antragberechtigten neben dem ihnen zu-
stehenden Wohngeld soviel Sozialhilfe oder Kriegs- Die Bundesregierung hat seit Bekanntwerden der
opferfürsorge erhalten, daß sie nicht schlechter ge- Not in der Ostregion Nigerias im Sommer 1968 die
stellt sind, als wenn sie wie früher lediglich Sozial- nach dortigen Verhältnissen mögliche Hilfe gelei-
hilfe oder Kriegsopferfürsorge erhalten würden. stet. Seit diesem Zeitpunkt werden auch die deut-
schen Hilfsmaßnahmen koordiniert, und zwar so-
Im Interesse einer zügigen und möglichst reibungs- wohl zwischen den in Frage kommenden Bundes-
losen Abwicklung der etwa 350 000 Wohngeldan- ministerien als auch mit den nichtstaatlichen Hilfs-
träge werden zunächst die Anträge bearbeitet, die organisationen. Diese Koordinierung ist auch jetzt
sich auf den Zeitraum ab November 1969 erstrecken. laufend fortgesetzt worden.
Die Entscheidungen über das Wohngeld für die zu-
rückliegende Zeit werden vorerst zurückgestellt,
weil die damit zusammenhängenden Fragen noch
nicht abschließend geklärt sind. Dem begünstigten
Personenkreis entstehen dadurch jedoch keine Nach- Anlage 7
teile.
Schriftliche Antwort
Zur Erörterung des gesamten Fragenkomplexes
hat im Bundesministerium für Städtebau und Woh- des Bundesministers Jahn vom 30. Januar 1970 auf
nungswesen am 15. Januar 1970 eine Ressortbe- die Mündlichen Fragen des Abgeordneten Petersen
sprechung und gestern eine Besprechung mit Vertre- (Drucksache VI/273 Fragen A 109 und 110) :
tern der zuständigen Länderminister stattgefunden. Ist der Bundesregierung bekannt, daß die in der Regel hohen
Abzahlungsquoten die Inhaber von Eigentumswohnungen oder
Kaufeigenheimen hindern, mögliche Mängelrügen angesichts des
hohen Streitwertes im Prozeßwege zu verfolgen?
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um in solchen
Fallen den Bürgern den Rechtsweg zu erleichtern?

Anlage 5 Fälle, in denen die Eigentümer von Eigentums-


wohnungen und Kaufeigenheimen durch die hohen
Schriftliche Antwort Belastungen aus dem Erwerb ihres Eigentums ernst-
haft daran gehindert worden sind, Mängelrügen im
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Dahren- Prozeßwege zu verfolgen, sind der Bundesregierung
dorf vom 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage nicht bekannt.
des Abgeordneten Breidbach (Drucksache VI/273
FrageA98): Die Bundesregierung ist der Ansicht, daß dem Er-
Wie lange haben die Kompetenzschwierigkeiten zwischen dem
werber einer Eigentumswohnung oder eines Eigen-
Bundesinnenministerium und dem Auswärtigen Amt gewisse heimes in Fällen, in denen er die zusätzlichen Mittel
Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung an Nigeria verzögert, und
erklärt sich damit die Tatsache, daß der Vertreter des für für eine Prozeßführung zur Verfolgung von Mängel-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 29. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 17. Februar 1970 1333

derartige noch in Händen von Kommunen oder Baugesell-


rügen nicht aufbringen kann, bereits im Rahmen des schaften?
geltenden Rechts hinreichend durch die Inanspruch- Welche Überlegungen hat die Bundesregierung hinsichtlich
nahme des Armenrechts geholfen werden kann. eines verstärkten Einsatzes des öffentlich geförderten Woh-
nungsbaues als Mittel der privaten Vermögensbildung?

Insgesamt sind in den Jahren 1949 bis 1968 rd.


1,3 Millionen Eigentümerwohnungen — das sind
Wohnungen, die der Eigentümer selbst bewohnt -
Anlage 8 mit öffentlichen Mitteln gefördert worden. Das sind
etwas mehr als ein Viertel aller mit Bundes- und
Schriftliche Antwort Landesmitteln geförderten Sozialwohnungen.

des Parlamentarischen Staatssekretärs Ravens vom Für den Bereich der Kommunen liegen keine Zah-
30. Jannuar 1970 auf die Mündliche Frage des Ab- len vor, die als Antwort auf Ihre Frage dienen
geordneten Baier (Drucksache VI/273 Frage A 129) : können. Die Gemeinden haben im allgemeinen auch
keine Wohnungen selbst gebaut.
Was gedenkt der Bundesminister für Städtebau und Woh-
nungswesen zu unternehmen, nachdem er im Süddeutschen Für den Bereich der gemeinnützigen Wohnungs-
Rundfunk am 10. Januar 1970 erklärte, daß die vorhandenen
Vorschriften gegen den Mietwucher nicht ausreichen? unternehmen ist zu sagen, daß in den letzten Jahren
durchschnittlich 23 v. H., also nahezu ein Viertel,
Die Mietwuchervorschrift des § 302 Buchst. e Straf- ihrer gesamten Bauleistung in eigener Bauherrschaft
gesetzbuch ist nicht sehr wirksam, denn die Straftat- Wohnungen waren, die sie anschließend an Einzel-
bestände sind so gefaßt, daß man in der Praxis da- bewerber zur Eigennutzung veräußert haben.
mit sehr wenig anfangen kann, insbesondere was
die subjektive Seite dieser Rechtsnorm angeht. Von den in den Jahren 1949 bis 1968 in eigener
Bauherrschaft von den gemeinnützigen Wohnungs-
Deshalb soll die Mietwuchervorschrift des § 302 e unternehmen errichteten Wohnungen sind nahezu
Strafgesetzbuch im Zuge der Strafrechtsreform ge- 600 000 in Ein- und Zweifamilienhäusern und fast
ändert werden. Das hat der Herr Bundesminister der 75 000 Wohnungen in Wohnungseigentum in Mehr-
Justiz bereits in der Fragestunde am 4. Dezember familienhäusern, zusammen also fast 700 000 Sozial-
1969 in Aussicht gestellt. Seine Ausführungen zu wohnungen von den Unternehmen zur Veräußerung
diesem Fragenkreis bitte ich im Protokoll der 17. erstellt und dementsprechend als privates Einzel-
Sitzung auf Seite 612 nachzulesen. Wir werden Herrn eigentum veräußert worden.
Minister Jahn in seinem Bemühen um eine Lösung
Daneben haben die gemeinnützigen Wohnungs-
dieses Problems voll unterstützen.
unternehmen noch den Bau von mehreren hundert-
tausend Wohnungen in Eigenheimen und in Mehr-
familienhäusern also Eigentumswohnungen — für
private Bauherren betreut. Sie haben hiermit einen
beachtlichen Beitrag zur privaten Vermögensbildung
Anlage 9 geleistet.
Schriftliche Antwort Die Bundesregierung wird auch weiterhin an der
im Zweiten Wohnungsbaugesetz festgelegten För-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Ravens vom derung der Eigentumsbildung für breite Volks-
30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des Ab- schichten festhalten. Das Förderungsvolumen wird
geordneten Mertes (Drucksache VI/273 Fragen A 130 sich in erster Linie am Bedarf orientieren sowie an
und 131) : den im II. Wohnungsbaugesetz vorgeschriebenen
In welchem Umfang sind Wohnungen, die mit Bundesmitteln Förderungsschwerpunkten. Das gilt auch für das
gefördert wurden, nach Kenntnis der Bundesregierung in Privat-
besitz übergegangen und in welchem Umfang befinden sich vorgesehene langfristige Wohnungsbauprogramm.

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