Als ich an der Bibliothek vorüberkam, begegnete mir ein junger Professor, mit dem ich früher hie
und
da ein Gespräch geführt hatte, den ich bei meinem letzten Aufenthalt in dieser Stadt, vor einigen
Jahren, sogar mehrmals in seiner Wohnung aufgesucht hatte, um mit ihm über orientalische
Mythologien zu reden, ein Gebiet, mit dem ich damals viel beschäftigt war. Der Gelehrte kam mir
entgegen, steif und etwas kurzsichtig, und erkannte mich erst, als ich schon im Begriff war, an ihm
vorüberzugehen. Er stürzte sich mit großer Herzlichkeit auf mich, und ich, in meiner jämmerlichen
Verfassung, war ihm halb und halb dankbar dafür. Er war erfreut und wurde lebhaft, erinnerte mich
an Einzelheiten aus unsern einstigen Gesprächen, versicherte, daß er meinen Anregungen viel
verdanke und oft an mich gedacht habe; selten habe er seither so angeregte und ergiebige
Auseinandersetzungen mit Kollegen gehabt. Er fragte, seit wann ich in der Stadt sei (ich log: seit
wenigen Tagen) und warum ich ihn nicht aufgesucht habe. Ich blickte dem artigen Mann in sein
gelehrtes gutes Gesicht, fand die Szene eigentlich lächerlich, genoß aber doch wie ein verhungerter
Hund den Brocken Wärme, den Schluck Liebe, den Bissen Anerkennung. Gerührt grinste der
Steppenwolf Harry, im trocknen Schlunde lief ihm der Geifer zusammen, Sentimentalität bog ihm
wider seinen Willen den Rücken. Ja, ich log mich also eifrig heraus, daß ich nur vorübergehend hier
sei, studienhalber, und mich auch nicht recht wohl fühle, sonst hätte ich ihn natürlich einmal besucht.
Und als er mich nun herzlich einlud, doch diesen Abend bei ihm zu verbringen, da nahm ich ihn
dankbar an, bat ihn seine Frau zu grüßen, und dabei taten mir beim eifrigen Reden und Lächeln die
Backen weh, welche dieser Anstrengungen nicht mehr gewohnt waren. Und während ich, Harry
Haller, da auf der Straße stand, überrumpelt und geschmeichelt, höflich und beflissen, und dem
freundlichen Mann in das kurzsichtige gute Gesicht lächelte, stand der andere Harry daneben und
grinste ebenfalls, stand grinsend und dachte, was ich doch für ein eigentümlicher, verdrehter und
verlogener Bruder sei, daß ich vor zwei Minuten noch gegen die ganze verfluchte Welt grimmig die
Zähne gefletscht hatte und jetzt beim ersten Anruf, beim ersten harmlosen Gruß eines achtbaren
Biedermanns gerührt und übereifrig ja und amen sagte und mich im Genuß von ein bißchen
Wohlwollen, Achtung und Freundlichkeit wie ein Ferkel wälzte. So standen die beiden Harrys, beides
außerordentlich unsympathische Figuren, dem artigen Professor gegenüber, verhöhnten einander,
beobachteten einander, spuckten voreinander aus und stellten sich, wie immer in solchen Lagen,
wieder einmal die Frage: ob das nun einfach menschliche Dummheit und Schwäche sei, allgemeines
Menschenlos, oder ob dieser sentimentale Egoismus, diese Charakterlosigkeit, diese Unsauberkeit
und Zwiespältigkeit der Gefühle bloß eine persönliche, steppenwölfische Spezialität sei.