Definition Sport
Definition Sport
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Prof. Dr. CLAUS TIEDEMANN, UNIVERSITÄT HAMBURG Hamburg, den 01. 05. 2021
<tiedemann@[Link]> <[Link]/> <[Link]/> <[Link]/>
„Sport“ est un domaine d‘activité culturel, dans lequel les gens s'engagent volontaire-
ment dans une relation avec d‘autres personnes afin de comparer leurs capacités et com-
pétences respectives dans l‘exercice physique adroit - selon des règles auto-établies ou
héréditaires et sur la base de valeurs éthiques socialement acceptées.
Eine ähnliche Sport-Definition ist von mir im Januar 2002 erstmals ins Internet gestellt und seither mehrfach
überarbeitet worden. Sie ist einfach ein Vorschlag, den ich hiermit zur Diskussion stelle. Ich überarbeite den
Text - sowohl die Definition als auch (natürlich) die Erläuterungen - immer wieder gründlich. Ich hoffe, dass er
einfacher, verständlicher wird, ohne an Genauigkeit und Differenziertheit einzubüßen. Eine ausführlichere Aus-
einandersetzung mit der Literatur (Auswahl; siehe Punkt 4, am Schluss) habe ich noch vor. Diesen Text gibt es
auch als html-Datei: <.../[Link]>. Außerdem habe ich ihn ins Englische übersetzt: <.../sportdefini-
[Link]> und <.../[Link]>.
Im Folgenden begründe ich erstens, warum und wie ich „Sport“ definiere, zweitens erörtere ich Grenzen und
Nutzen meines Definitionsvorschlags, und drittens erläutere ich die einzelnen Elemente meiner Definition.
1
Siehe meine englische Version dieses Textes: <.../[Link]> und <.../[Link]>
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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Vgl. die weiter unten erwähnte und zitierte Begriffsbestimmung von „Bewegungskultur“ <.../bewegungskulturdefini-
[Link]> sowie meine weiteren Definitionsvorschläge zu „Kunst“: <.../[Link]>; „Gewalt“ und „Aggres-
sion“: <.../[Link]> und <.../[Link]> sowie „Olympismus“: <.../VortragGoettin-
[Link]> und „Frieden“: <.../[Link]>.
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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Eine Definition soll die Bedeutung eines Begriffs bestimmen, festlegen, ein- bzw. abgren-
zen. Zur Klarstellung gleich vorweg: Eine Definition als eine Vorschrift o. Ä. zu begreifen, wä-
re ein Missverständnis. Jeder denkende Mensch bildet sich seine je eigene Meinung und be-
nutzt Worte in seiner je eigenen Bedeutung. Dies sollte man aber nicht subjektivistisch oder
konstruktivistisch übertreiben. Wir sind gesellschaftliche Wesen, auf Austausch und Verstän-
digung mit anderen Menschen angelegt, in der Wissenschaft sowieso. Wenn wir uns aber mit
anderen Menschen verständigen wollen, die ja ihren eigenen Wortgebrauch haben, müssen
wir - selbst in einem nicht völlig belanglosen Alltagsgespräch - unseren (jeweiligen) Wortge-
brauch klären, zumindest auf Nachfrage erklären können.
Wissenschaftler müssen darüber hinaus von vorn herein, ohne auf Nachfrage zu warten, zu-
mindest ihre zentralen Begriffe klären. Wenn SportwissenschaftlerInnen (sich und der interes-
sierten Öffentlichkeit) ungefragt mitteilen, was sie unter Sport verstehen und warum sie die-
sen Begriff so verwenden, dann tun sie nur das Notwendige; wenn sie es unterlassen, ist das
ein schwerwiegendes Hindernis für die Verständigung. In diesem Sinne ist das Definieren
eine notwendige Vorleistung für den Austausch von Erkenntnissen und Meinungen (zumin-
dest unter Wissenschaftlern).
Natürlich sind Definitionen nicht Instrumente, die in erster Linie die Wirklichkeit verändern
sollten oder gar könnten; vielmehr soll hauptsächlich die vorgefundene (objektiv gegebene)
Wirklichkeit in ihnen klar und trennscharf auf den (subjektiven) Begriff gebracht werden. „In
erster Linie“, „hauptsächlich“ - mit dieser Wortwahl habe ich schon angedeutet, dass in allen
Worten, also auch (oder erst recht) in Definitionen, eine Vorstellung davon repräsentiert ist,
wie die Wirklichkeit auch sein könnte (oder für mich sein sollte). Das macht die unhinter-
gehbare Subjektivität aus.
Ich verfolge mit meinen Worten (und damit auch Definitionen) einerseits kein rein objektivis-
tisches Ideal (das sowieso nicht erreichbar ist). Andererseits verstehe ich meinen Wortge-
brauch auch nicht als nur subjektivistisch, voluntaristisch oder gar konstruktivistisch. Dies be-
deutet, dass ich die oben angedeutete Priorität akzeptiere, in der beides aufgehoben ist: De-
finitionen sollten so klar und trennscharf wie möglich die Wirklichkeit auf den Be-
griff bringen und zugleich in aller Feinheit zumindest andeuten, wie die Wirklich-
keit auch sein könnte (oder sollte).
Man kann mehrere Arten von Definitionen unterscheiden: Real- (oder Wesens-) Definition,
Nominaldefinition, Feststellungsdefinition, ostentative und operationale Definition. Ich schla-
ge - entsprechend einer auf Aristoteles zurückgehenden philosophischen Tradition - eine so
genannte Realdefinition (Wesensbestimmung) vor. Sie soll das Wesen des Gegenstandes
eines Begriffes festlegen durch Angabe der nächsthöheren Gattung (genus proximum) und
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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des artbildenden Unterschiedes (differentia specifica). Fehler kann man bei einer regelrech-
ten Definition machen, wenn sie z. B. zu eng oder zu weit ist, Widersprüche enthält, unklar
formuliert ist, eine negative Formulierung oder gar das zu definierende Wort selbst enthält.3
Wenn man eine solche Definition erarbeiten will, wie sie übrigens in den meisten Wörterbü-
chern und Lexika geboten wird, muss man sich zunächst also Gedanken machen, zu welcher
Gattung (Begriffsebene) Sport gehört, welche Begriffe auf der selben Ebene angesiedelt
sind und welches die nächsthöhere Gattung (Begriffsebene) ist. Den Begriff Apfel zum Bei-
spiel der Gattung Obst zuzuordnen, würde einen Schritt zu weit gehen, weil Kernobst die
nächsthöhere Gattung ist. Für mich ist die nächsthöhere Gattung (genus proximum )
für den Begriff „Sport“ „Tätigkeitsfeld“. Sport ist für mich eines von vielen Tätigkeitsfel-
dern. Die Fülle von Tätigkeitsfeldern habe ich schon etwas eingeschränkt durch das Adjektiv
„kulturell“. Dieses Element meiner Definition sowie alle anderen erläutere ich ausführlicher
weiter unten (Punkt 3).
Im zweiten Schritt muss man den „artbildenden Unterschied“ (differentia specifica) be-
nennen, also das, was das (kulturelle) Tätigkeitsfeld Sport von anderen (kulturellen) Tätig-
keitsfeldern unterscheidet. Dies sollte so knapp und klar wie möglich formuliert werden mit
Worten bzw. Begriffen, die möglichst allgemein verständlich sind. Aus der grundsätzlichen
Notwendigkeit, dass die hierbei verwendeten Begriffe ja ihrerseits wieder definiert werden
müssten, folgern einige Autoren, dass ein solches Vorgehen infinit oder gar zirkulär sei, was
einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Definitionsregeln darstelle; daher könne bzw.
müsse man solches gar nicht erst versuchen. Dieses Bedenken ist ebenso puristisch wie un-
fruchtbar. Meines Erachtens ist es sowohl hinreichend als auch notwendig, die in der Tat lo-
gisch denkbare Zirkularität als eine „Unschärfe“ in Kauf zu nehmen, um praktisch einen gro-
ßen Gewinn an begrifflicher Klarheit zu erwerben.
Klar ist, dass auch diese Definition subjektiv ist, das sprachliche Ergebnis (m)einer Hand-
lung und (m)einer Entscheidung. Diese Subjektivität ist unhintergehbar. Andere wer-
den anders handeln und entscheiden, formulieren und definieren. Wissenschaft besteht aus
dem Auseinandersetzen mit anderen Subjekten, ihren Handlungen und Entscheidungen. Wis-
senschaftler bieten grundsätzlich und öffentlich an, das eigene Handeln und Entscheiden
nachvollziehbar zu begründen und damit nachprüfbar zu machen. Und anderen Wissenschaft-
lern begegnen sie kritisch mit dem gleichen Anspruch.
Wenn Röthig und Prohl im „Sportwissenschaftlichen Lexikon“ behaupten, „eine präzise oder
gar eindeutige begriffliche Abgrenzung“ von „Sport“ lasse „sich deshalb nicht vornehmen“, so
verweigern sie sich dem, was (Sport-) Wissenschaft grundlegend ausmacht; sie bleiben damit
3
Vgl. Regenbogen/Meyer (2013), Stichwort „Definition“.
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
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im Alltags-Sprachgebrauch - und mit ihnen inzwischen schon mehr als eine Generation von
SportwissenschaftlerInnen.
Übrigens: Der (logische) Schluss, der mit dem Wort "deshalb" behauptet wird, ist unzulässig;
denn aus den (zutreffend benannten) Begriffseigenschaften "umgangssprachlich" und "welt-
weit gebraucht" lässt sich nicht (einfach) schließen, dass der Begriff "Sport" nicht "präzise
oder gar eindeutig" definiert (das ist "begrifflich abgegrenzt") werden kann.
Alle Elemente meiner Sport-Definition sind notwendig, und nur gemeinsam sind
sie hinreichend. Dies bedeutet, dass eine Tätigkeit schon dann nicht mehr zu „Sport“ ge-
hört, wenn auch nur eines der definierenden Elemente nicht gegeben ist. Dies ist eine Denk-
figur, die eine klare Abgrenzung ermöglich, und das ist schließlich der Wortsinn des Definie-
rens.
griffs ihrer Wissenschaft. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass jede(r) einen eigenen Sport-
begriff (erarbeitet und mitgeteilt) hat.
Übrigens: Die KollegInnen, die für einen Begriffswechsel von „Sport“- zu „Bewegungs“-Wis-
senschaft plädiert haben, sind damit zwar der Notwendigkeit, „Sport“ als zentralen Begriff
ihrer Wissenschaft zu definieren, (scheinbar) ausgewichen, aber sie haben damit ihr Problem
nur erheblich vergrößert. Was hat nicht alles mit Bewegung zu tun! Mich wundert überhaupt,
dass nicht schon längst Vertreter der Philosophie, der Physik, der Soziologie, der Psychologie
oder vieler anderer Wissenschaftsbereiche protestiert haben gegen den Anspruch, den (ehe-
malige) Sportwissenschaftler seit geraumer Zeit erheben, die Wissenschaftler der „Bewe-
gung“ zu sein - zumal im ansprüchlichen Singular „Bewegungswissenschaft“. Ist doch Bewe-
gung ein sehr komplexer Begriff und zentral in sehr vielen Wissenschaftsbereichen!
Eine „eigene“ Definition von „Sport“ zu erarbeiten, erschien mir schon seit Längerem auf-
grund allgemeiner wissenschaftstheoretischer Überlegungen notwendig. Ich rang mich aber
erst zu einem wirklichen Versuch durch, als ich mich mit Vorüberlegungen zu einer Gesamt-
darstellung der Sportgeschichte beschäftigte. Dabei musste ich die Begriffsfrage ernsthafter
als vorher klären: Was genau verstand ich unter „Sport“?
In sporthistorischen Veröffentlichungen war mir schon länger aufgefallen, dass viele Autoren
sich - meist schon in den Vorworten - sehr schwer taten, das Wort Sport auf frühere Zeiten
„anzuwenden“; ich nenne dies das Anachronismus-Syndrom. Sie begründeten ihre Bedenken
meistens mit dem heutigen weiten, vieles früher nicht Existente mit-umfassenden Gebrauch
des Sport-Begriffs. Damit begaben sie sich in eine begriffliche "Sackgasse"; denn mit welchen
Worten sollten sie die damaligen Phänomene benennen? Und tauchen dann nicht weitere be-
griffliche Bedenken auf?
Dieses Begriffsdilemma kann ich nur vermeiden, indem ich prüfe, ob ich von „Sport“ sowohl
in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit reden (und schreiben) kann. Dies wiederum
setzt eine klare Begriffsbestimmung voraus.
Mit meiner Definition habe ich eine meines Erachtens brauchbare Lösung gefunden. Die
Definition ist zwar ursprünglich aus der Untersuchung der gegenwärtigen Verhältnisse ent-
standen, aber aufgrund ihrer allgemeinen Formulierung kann man meines Erachtens
auch das Wesen dessen erfassen, was (natürlich aus heutiger Sicht) in auch weit zu-
rückliegender Zeit als „Sport“ bezeichnet werden kann.
Um die große Lücke zu füllen zwischen meinem engen Sportbegriff und dem grenzenlosen
Sportbegriff, der im Alltag und leider auch von den meisten SportwissenschaftlerInnen be-
nutzt wird, schlage ich vor, ergänzend ein Wort mit größerem Bedeutungsumfang zu benut-
zen: „Bewegungskultur“. Deshalb werde ich zukünftig, wenn ich den Bereich des heutigen
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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Alltagsbegriffs „Sport“ erfassen will, von „Bewegungskultur und Sport“ sprechen. Einen
Vorschlag zur Definition des Begriffs „Bewegungskultur“ habe ich - mit Erläuterungen - eben-
falls im Internet veröffentlicht und erläutert4:
„Bewegungskultur“ ist ein Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich mit ihrer Natur
und Umwelt auseinandersetzen und dabei bewusst und absichtsvoll ihre körperli-
chen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, gestalten und darstellen, um einen
für sie bedeutsamen individuellen oder auch gemeinsamen Gewinn und Genuss zu
erleben.
Wenn man „Sport“ und „Bewegungskultur“ als Begriffe so benutzt, wie ich vorschlage, ist un-
wichtig, wann und wie diese Worte bisher verwendet worden sind; denn mit (m)einer Defini-
tion kläre ich, wie ich ein Wort jetzt (und zukünftig) benutzen will, was es für mich hier und
jetzt bedeuten soll.
Die viel diskutierten terminologischen Bedenken von SporthistorikerInnen (das von mir soge-
nannte Anachronismus-Syndrom, unter dem insbesondere Autoren leiden, die zur antiken
Sportgeschichte forschen) beruhen meines Erachtens darauf, dass diese Autoren sich nicht
im Stande gesehen (oder gescheut) haben, den Bedeutungsgehalt des Begriffs „Sport“
(durch eine Definition) zu klären. Wenn man sich dieser - zugegeben: schwierigen - Aufgabe
aber stellt, sind solche Bedenken überwindbar. Einige (insbesondere US-amerikanische) Auto-
ren (wie Mandell, Poliakoff und Guttmann) haben dies auf ihre (unterschiedliche) Weise ge-
zeigt. Über die Brauchbarkeit einer jeden Begriffsbestimmung kann natürlich (und sollte
gern) gestritten werden - mit wissenschaftlichem Anspruch.
Der bisher meines Erachtens klarste Vorschlag für eine Definition von "Sport" stammt von
Meinhard Volkamer (1984): "Sport besteht in der Schaffung von willkürlichen Hindernissen,
Problemen oder Konflikten, die vorwiegend mit körperlichen Mitteln gelöst werden, wobei die
Beteiligten sich darüber verständigen, welche Lösungswege erlaubt oder nicht erlaubt sein
sollen." Hierin erscheint mir vor allem der Begriff „körperlich“ zu unbestimmt. Merkwürdig er-
scheint mir auch, dass Volkamer in seiner Fassung von 1987 die Bindung an verabredete Re-
geln aus seinem Definitionsvorschlag entfernt hat.
Ein (seltenes) Beispiel für die (hoffentlich fortgesetzte) Diskussion um einen Sportbegriff (ins-
besondere für Sporthistoriker) ist die Kontroverse im ersten Heft der Zeitschrift „Sport und
Gesellschaft - Sport and Society“ von 2004 zwischen Christiane Eisenberg und Michael Krü-
ger, in der Eisenberg - meines Erachtens zu Recht - Krüger (stellvertretend für die meisten
übrigen deutschen Sporthistoriker und -wissenschaftler) vorhält, keinen klaren Sport-Begriff
4
<.../[Link]> und <.../[Link]>
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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(zu haben und) zu benutzen. Sie hat mit einem (von mir nicht geteilten) Definitionsvorschlag
wenigstens die bisher sträflich vernachlässigte wissenschaftliche Diskussion gefördert.
des "homo" bedeutet die Fähigkeit zur (Selbst-) Reflexion einen entscheidenden Schritt zur
Entwicklung von Kommunikation, Sprache und freiem, spielerischem Denken. Erst nach die-
sem Entwicklungsschritt kann man von „Sport“ (und anderen kulturellen Tätigkeitsfeldern wie
„Kunst“) reden. Kultur ist die bewusste, reflektierte Gestaltung der eigenen Ent-
wicklung, sowohl auf der Ebene der menschlichen Gattung als auch auf der des einzelnen
Menschen.
Die kulturelle Eigenschaft des Sports wird besonders deutlich an der Entwicklung der Sport-
Regeln (siehe dazu auch unten!); hier haben Menschen darüber nachgedacht, wie sie den
kämpferischen Vergleich mit anderen Menschen so gestalten wollen und können, dass er sich
zum Beispiel vom blutigen Ernst, wie er teilweise noch im 23. Gesang der Ilias geschildert
wird, entwickeln konnte zum spielerischen Kampf um die höhere Bewegungskunst.
Die kulturelle Eigenschaft des Sports wird aber nicht dadurch „erwiesen“, dass sich Menschen
in anderen kulturellen Tätigkeitsfeldern - wie zum Beispiel bildende Kunst oder Literatur - mit
Sport beschäftigt haben. Diese (falsche) Denkrichtung wurde (und wird immer noch) gern in
Festreden verbreitet, bleibt aber irreführend als Versuch, Sport als relativ neues Kulturfeld mit
den Weihen schon anerkannter Kulturgebiete aufzuwerten. Solche unseriösen Denkfiguren
schaden eher, sie sind vor allem überhaupt nicht nötig.
„freiwillig“: Dieses Kriterium schließt solche Menschen aus, die unter Druck oder Zwang
handeln, auch wenn sonst ihre Tätigkeit alle übrigen Kriterien für Sport erfüllt, z. B. die meis-
ten Gladiatoren in römischen Arenen (siehe dazu unten die Bemerkungen zu „auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte“!).
Freiwilligkeit sollte übrigens nicht mit Freudigkeit (o. Ä.) verwechselt werden! Der gegenwär-
tig so genannte „Schulsport“ gehört beispielsweise, obwohl er von vielen als freudvoll erlebt
werden kann, für mich nicht zu Sport, insoweit er Bestandteil des Pflichtunterrichts ist (Schul-
pflicht, Schulzwang!), also (bis zu einem gewissen Alter) nicht freiwillig betrieben wird. Der
alte Begriff „Leibeserziehung“ war da ehrlicher.
Auch bei der Bundeswehr (und anderen geschlossenen, Zwangs-Institutionen) sollte man
nicht von „Dienstsport“ reden, sofern diese Tätigkeit zum Dienst gehört, also nicht freiwillig
ausgeübt wird; Fitnesstraining wäre schon angemessener; noch ehrlicher wären wohl die Be-
griffe Kampftraining oder (para-) militärisches Training, sofern Bewegungsformen mit Waffen
geübt werden.
Außerhalb von Schulunterricht, Militärdienst usw. können dieselben Menschen selbstverständ-
lich Sport treiben, nur eben freiwillig; aber innerhalb solcher Zwangssysteme sollte man auf
diesen Etikettenschwindel verzichten. Pflichtsport ist für mich ein Widerspruch in sich.
Die möglicherweise anfangs gegebene und erlebte Freiwilligkeit können (bzw. müssen) Sport-
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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ler und Sportlerinnen unter den Bedingungen des "Profitums" allmählich aufgeben bzw. ver-
lieren. Der sogenannte "Profi-Sport" funktioniert weitgehend wie ein Zwangssystem, aus dem
die Menschen zumindest nicht einfach und leicht "aussteigen" können. Diese Umstände legen
manchmal die (in meinen Augen richtige) Aussage nahe: "Das ist doch kein Sport (mehr)!"
Auch der häufige Vergleich (bzw. genauer: die Gleichsetzung) heutiger Berufssportler mit an-
tiken Gladiatoren hat hierin seine (eingeschränkte) Berechtigung.
„sich in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben“: Ein vereinzelter Mensch oh-
ne Beziehung zu anderen ist (schon biologisch) kaum lebensfähig. Gesellschaftlich-kulturelles
Leben ohne menschliche Beziehungen wäre ein Widerspruch in sich. Über diese (banale)
Grundeinsicht hinaus wird eine „sportlich“ zu nennende Tätigkeit dadurch erst begründet,
dass ein Mensch sich in diesem Tätigkeitsfeld durch dieses sein Tun mit (zumindest einem
anderen) Menschen in eine besondere, vergleichende (siehe dazu unten die Bemerkungen zu
„vergleichen“!) Beziehung begibt.
Vergleichende Beziehung bedeutet für mich, dass sie nur für Menschen untereinander gilt als
prinzipiell gleiche Wesen. Mit einem Berg beispielsweise kann sich kein Mensch vergleichen,
auch wenn umgangssprachlich "der Berg" als (sportlicher?!) "Gegner" bezeichnet wird, sogar
von sonst seriösen Sportwissenschaftlern (wie von Güldenpfennig). Für mich ist das keine
"Beziehung", sondern ein "Verhältnis" (zu einem Ding).
Wer nur seine eigenen körperlichen (Bewegungs-) Leistungen trainiert und miteinander ver-
gleicht mit dem Ziel, sie möglichst zu übertreffen, hat keine Beziehung zu einem anderen
Menschen aufgenommen. Das ist natürlich legitim, aber er treibt nicht Sport in meinem Sin-
ne, sondern Bewegungskultur: Ein solcher Mensch setzt sich mit seiner Natur (und Umwelt)
auseinander und entwickelt bewusst seine körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, um
einen für ihn bedeutsamen Gewinn und Genuss zu erleben. Dies entspricht genau meiner De-
finition von "Bewegungskultur". Und es ist nicht weniger gut, hat auch nichts Abwertendes,
sondern ist einfach nur etwas anderes als Sport (in meinem Sinne).
Eine Beziehung mit einem anderen Menschen kann auch über zeitliche und örtliche Grenzen
hinweg innerlich, in der Vorstellung aufgenommen werden, mit einem Menschen an einem
ganz anderen Ort, sogar mit einem nicht mehr lebenden Menschen (als Vorbild bzw. Konkur-
rent). Eine solche mittelbare, innere Beziehung liegt dem Rekord-Prinzip im Sport5 zugrunde,
nach dem es um das Ziel geht, irgendwann schon einmal erreichte Leistungen zu übertreffen,
über die ein glaubwürdiger Bericht (das ist die ursprüngliche Bedeutung des englischen
Worts „record“) vorliegt.
5
Tiedemann, Claus (2013): Gedanken zum Rekord-Prinzip im modernen Leistungssport - oder: Vom Rekord-Prinzip zum
Rekord-Wahn im Sport. Vortrag vom 13.02.2013 vor der DOG-Ortsgruppe Kiel. <.../Sport_ohne_Rekord.pdf>
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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Turniertanzen), Fitnesstraining oder "body shaping"; sie sind deshalb für mich nicht sportli-
che Tätigkeiten, auch wenn die Menschen bei oder mit dieser Tätigkeit möglicherweise eine
andere Beziehungsart (z. B. Geselligkeit) leben. Die Beziehung zu (mindestens) einem ande-
ren Menschen muss für die Tätigkeit selbst notwendig sein, in ihr und durch sie gelebt wer-
den, und sie muss die weiteren Definitionselemente enthalten (Absicht des Vergleichens
usw.), wenn die Tätigkeit zum Tätigkeitsfeld „Sport“ gehören soll. Die eben aufgezählten und
viele weitere Tätigkeiten gehören für mich überwiegend zum Tätigkeitsfeld „Bewegungskul-
tur“.
Die Grenzen sind allerdings nicht starr. Man kann eben - wie im Beispiel (Sprint zum Bus) ge-
zeigt und in der Kulturgeschichte z. B. des Tanzens und des Turnens feststellbar - vieles zu
einer sportlichen Tätigkeit machen, „versporten“.
„Fähigkeiten“: Die unterschiedlich begabten Menschen haben bzw. entwickeln unterschied-
liche Handlungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern, so auch im Sport. Der
Begriff Fähigkeiten bezeichnet eher allgemeine, umfassende Handlungsmöglichkeiten, die auf
Begabung, genetischer "Ausstattung", Konstitution, Übung und Erfahrung beruhen können, z.
B. reaktionsschnell oder gelenkig oder ausdauernd sein oder eine komplexe Situation schnell
und richtig einschätzen können.
Die teils erheblichen Unterschiede in den Handlungsmöglichkeiten verschiedener Menschen -
angeboren oder erworben - haben im Sinne eines "fairen" Vergleichs der "Bewegungskunst"
(siehe unten!) im Laufe der Kulturgeschichte zu unterschiedlichen Klassifizierungen der Kon-
kurrierenden geführt, insbesondere nach Alter, Körpergewicht, Geschlecht und Art einer Be-
hinderung (in dieser historischen Reihenfolge).
Da jede solche Klassifizierung eine (willkürliche) Regelung (siehe unten!) darstellt, kann und
sollte über sie gestritten werden. Dass zum Beispiel nicht (auch) nach Körperlänge klassifi-
ziert wird, führt dazu, dass in einigen Sportarten kleine Menschen kaum eine Chance haben
gegenüber großen (und manchmal umgekehrt); ich halte dies für problematisch; es kann
aber (auch) geregelt werden.
„Fertigkeiten“: Dieser Begriff bezeichnet speziellere Handlungsmöglichkeiten, kleinere
Handlungs-Elemente, die insbesondere durch intensives Üben (Training) erworben / entwi-
ckelt werden können, z. B. sicher mit Hanteln umgehen, einen Salto springen oder (beim Se-
geln) eine schnelle Wende / Halse fahren können.
Es war zumindest früher möglich, dass (erwachsene) Menschen allein aufgrund ihrer natürli-
chen und kulturellen Lebensumstände über bestimmte Bewegungs-Fähigkeiten bzw. -Fertig-
keiten so hohen Niveaus verfügten, dass sie ohne zusätzliche besondere Trainingsanstren-
gung sportlich nicht nur konkurrenzfähig, sondern Menschen aus anderen kulturellen Berei-
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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chen überlegen waren, z. B. der äthiopische Marathonläufer Bikila Abebe 1960 in Rom (da-
mals sogar barfüßig) und noch 1964 in Tokio (dann allerdings mit Laufschuhen).
Im Allgemeinen - auch bei Bikila Abebe, allerdings auf eine kulturell andere Weise - besteht
die Entwicklung sportlicher Handlungsmöglichkeiten aus einem langen Prozess des Lernens,
Übens, Trainierens, meist unter Anleitung. Dies ist schon in früheren Zeiten und Kulturen
meistens so gewesen.
Es gab aber auch „Naturtalente“, die - nur scheinbar - „einfach so“ in den von Europäern
(und US-Amerikanern) entwickelten "Sportarten" konkurrenzfähig gewesen wären. Anfang
des 20. Jahrhunderts stellten europäische Kolonisatoren beispielsweise im heutigen Ruanda
erstaunt fest, dass es bei den "Watussi" (heute: Tutsi) viele junge Männer gab, die Höhen
übersprangen, die weit über damaligen Hochsprung-"Weltrekorden" lagen. Diese Fähigkeit
erwarben sich die jungen Tutsi aber nicht für einen (sportlichen) Wettkampf, sondern als Be-
weis ihrer erworbenen Mannbarkeit. Es war eine gesellschaftlich verankerte Form von Bewe-
gungskultur.7
„in der Bewegungskunst“: Jede Tätigkeit hat einen - wenn auch möglicherweise geringen
und äußerlich kaum wahrnehmbaren - Bewegungs- (motorischen) Anteil. Eine Kennzeichnung
des zu definierenden Tätigkeitsfelds nur mit dem Begriff Bewegung wäre darum wenig trenn-
scharf.
Mit dem Wortteil (Bewegungs-) „-kunst“ will ich auf eine abstufende Betrachtung der Qualität
der Bewegung hinweisen, durch die eine Abgrenzung insbesondere von alltäglichen Bewe-
gungen deutlich wird. Statt „in der Bewegungskunst“ könnte ich auch „in der gekonnten
Bewegung“ sagen. „Kunst kommt von Können“ - dieses Sprichwort ist beim Wortbestandteil
„Kunst“ in meinem Kopf gewesen, und nicht etwaige ästhetische Bedeutungsmöglichkeiten
von Kunst. Der Punkt, an dem Art, Ausmaß und Bedeutung der (gekonnten) Bewegung hin-
reichen, um eine Tätigkeit als sportlich zu bezeichnen, ist damit nicht festgelegt, sondern
bleibt in dieser Definition offen; hierüber kann und muss diskutiert und gestritten werden.
Es muss auf die gekonnte Bewegung ankommen, sie muss im Mittelpunkt der Tätigkeit
stehen. Wie viel Kalorien dabei verbraucht werden, ist nicht wesentlich. Der Satz „Sport ist,
wenn man schwitzt und hinterher duscht.“ bleibt ein netter Definitionsscherz.
So zählt zum Beispiel Schachspielen für mich nicht zum Sporttreiben, da es beim Schachspie-
len auf Fähigkeiten und Fertigkeiten im Gebiet der Bewegungskunst nicht wesentlich an-
kommt, sondern auf die gedanklich-strategische und -taktische Tätigkeit. Schachspieler
höchster Könnensstufen brauchen sich so gut wie überhaupt nicht zu bewegen; sie brauchen
sich nur gegenseitig zu sagen „e2 - e4“ und „e7 - e5“ usw., um eine Partie Schach nach allen
7
Vgl. meinen Vortrag "Sport-Bilder - und ihre Bedeutung für Sporthistoriker", gehalten in Wien 2006: <.../Vortrag-
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Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
Prof. Dr. Claus Tiedemann, Universität Hamburg: Vorschlag einer Definition von „Sport“ S. 14 von 24
Regeln der Kunst zu spielen (z. B. im Fernschach). Dass Schachspieler sich bei ihren Wett-
kampfspielen auch körperlich beanspruchen und sich deshalb manchmal auch einem Kondi-
tionstraining unterziehen, ändert nichts daran, dass es auf ihr Bewegungshandeln nicht we-
sentlich ankommt. Bei Turnieren mögen sie in Schweiß geraten, aber das bleibt im Rahmen
alltäglicher leiblicher Belastung, die mit trainierter Kondition eben besser auszuhalten ist.
Das „Klötzchenschieben“ der Schachspieler bleibt im Bereich der Alltagsbewegungen, ist ja
sogar grundsätzlich verzichtbar und jedenfalls nicht im Gebiet der Bewegungskunst anzusie-
deln. Auch beim „Blitzen“ kommt es nicht wesentlich auf die Bewegung an. Es ist natürlich
hilfreich, mit konzentrierter Bewegung die Uhr des Gegners so schnell wie möglich in Gang
bringen zu können; entscheidend bleibt aber die geistige Leistung, die richtigen Züge zu ma-
chen.
Nur der sogenannte Bestandsschutz verhindert übrigens, dass der deutsche Schach-Spitzen-
verband als (Gründungs-) Mitglied des Deutschen (inzwischen "Olympischen") Sportbundes
ausgeschlossen wird. Allen Beteiligten ist wohl klar, dass Schachspielen keine Sportart ist.
Nachdem das Internationale Olympische Kommittee (IOC) außer Schachspielen sogar Bridge-
spielen als Sportart anerkannt hat, hat es für mich spätestens jede Glaubwürdigkeit als „Hü-
ter“ der Idee des Sports verloren (auch wenn ich selbst gern Schach und Bridge spiele).
Ein etwas anders gelagerter Grenzfall ist der "Motorsport“, insbesondere der "Automobil-
sport". Hier scheint es zu einem bedeutsamen Teil auf die Qualität des Geräts anzukommen,
das den Fahrern zur Verfügung steht (ähnlich übrigens auch im "Pferdesport", siehe unten).
Als Michael Schumacher, "Rekordweltmeister" in der Formel 1, in der Saison nach seiner letz-
ten Titelverteidigung fast nie mehr in der Spitze mitfahren konnte, weil sein (neues) Gerät of-
fensichtlich schlechter als die Geräte der Konkurrenten war, zeigte sich, dass es im "Automo-
bilsport" (zumindest in der Formel 1) wohl doch zum größeren Teil auf das Gerät ankommt
als auf den Fahrer, der (damals) auch von seinen Konkurrenten nach wie vor als der (eigent-
lich) Bessere geachtet wurde. Weil es für mein Sportverständnis aber auf die menschliche Be-
wegungskunst ankommen muss, zähle ich Autorennen nicht zu den Sport-Ereignissen.
Ähnlich fragwürdig scheint es mir beim Dressur- und Springreiten, wo oft die Klasse des Pfer-
des den Vergleich bestimmt. Man denke nur an die "Wunderstute" Halla, die 1956 in Stock-
holm den verletzten und schwer sedierten Hans Günther Winkler im zweiten Umlauf des
Springreitens fehlerlos zum Gewinn der Goldmedaille ins Ziel trug, oder an das dereinstige
"Wunderpferd" Totilas, das seinem neuen (Dressur-) Reiter Matthias Rath den Sieg garantie-
ren sollte - solange es denn gesund war.
Das sportliche Prinzip könnte in solchen Wettbewerben beispielsweise dadurch "gerettet"
werden, wenn sich zumindest die für einen Endkampf (zum Beispiel der letzten Vier) qualifi-
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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zierten Menschen mit allen jeweils anderen Geräten bzw. Pferden bewähren müssten. Beim
Reiten hat es eine solche Regel übrigens früher schon einmal gegeben.
Bei Galopp- und Trabrennen werden ehrlicherweise die jeweiligen Pferde als "Sieger" be-
nannt, die (wechselnden) Jockeys erst in zweiter Linie; das ist offensichtlich keine Sportart im
Sinne meiner Definition, auch wenn sich die Betreiber und Fans traditionell (mit nostalgischer,
obsoleter "historischer" Begründung) dem Sport zurechnen. Dass darüber hinaus sogar die
Züchter bzw. jeweiligen Eigner der Pferde ebenfalls wie sportliche Sieger gefeiert werden (zu
Unrecht; denn sie sind nun wirklich nicht aktiv im Feld der gekonnten Bewegung), weist auf
die spät-feudalen Ursprünge dieses gesellschaftlichen Phänomens hin, die in der heutigen ka-
pitalistischen Gesellschaft weiter gepflegt werden.
Häufig ist mir - gerade mir, einem ausübenden Geiger und Bratscher! - entgegengehalten
worden, Musiker müssten mit ihren Instrumenten doch höchste Bewegungskunst praktizie-
ren, sie begäben sich in Beziehung zu anderen Menschen, auch dort würden Leistungsver-
gleiche angestrebt und organisiert usw., kurz: Nach meiner Definition sei Musizieren mit Ins-
trumenten doch wohl auch zum „Sport“ zu rechnen. Dem steht - trotz der Richtigkeit der ein-
zelnen Aussagen - entgegen, dass das Bewegen für Instrumentalmusiker Mittel zum Zweck
ist, dass der Sinn des Musizierens nicht in der (gekonnten) Bewegung besteht, sondern dass
die Bewegung beim Musizieren dazu dient, (wohl klingende) Töne zu erzeugen, wie übungs-
bedürftig, anstrengend und schweißtreibend auch immer diese Tätigkeit sein mag.
Beim Sport kommt es darauf an, durch gekonnte Bewegung(en) eine vorher verabredete und
geregelte Anforderung zu meistern und dabei möglichst besser zu sein als die anderen; die
leibliche (vielleicht besser als körperliche!) Bewegungskunst ist das Bestimmende, das, wor-
auf es ankommt. Das Ausmaß der leiblichen Bewegung ist damit nicht festgelegt.
Ein in Diskussionen mit mir häufig strittiges Gebiet ist beispielsweise auch die Frage, ob (die
olympische „Sportart“) Schießen nach meiner Definition zum Sport zu zählen ist oder nicht -
abgesehen vom Schießen der Jäger, Soldaten, Polizisten o. Ä. natürlich. Die Tatsache, dass
es beim Zielen wesentlich darauf ankommt, Bewegung zu kontrollieren, mit der Tendenz, sie
weitgehend einzuschränken (besonders deutlich beim Biathlon, wenn die vom Langlauf ange-
strengten AthletInnen gegen ihre vom heftigen Atmen verursachten Bewegungen ankämp-
fen), spricht scheinbar dafür, Schießen als nicht in die Definition passend anzusehen. Für
mich ist es aber eine besondere Kunst, die leibliche Bewegung so zu steuern, so gekonnt zu
beherrschen, dass dabei eine Erfolg versprechende Situation herbeigeführt wird, die ich zum
Treffen des Ziels nutzen kann. Auf das von außen sichtbare Ausmaß der Bewegung kommt
es hier (beim Schießen) und grundsätzlich nicht an. Wer sich je im Sportschießen (mit Pistole
oder Gewehr) versucht hat, wird das bestätigen; beim Schießen auf bewegliche Ziele (Trap)
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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sowie beim Bogenschießen werden dies wohl auch die Laien nachvollziehen können. Ähnlich
kann man auch im Hinblick auf die „Halte-“ und „Stand-“ Teile beim Turnen oder Eiskunstlau-
fen argumentieren.
Im Übrigen sollte man grundsätzlich überlegen, auf dem Gebiet des sportlichen Schießens die
derzeit benutzten (potentiell) tödlichen Waffen durch neue Regeln durch nicht-tödliche zu er-
setzen, notfalls per Gesetz! Das entspräche der ethischen Verpflichtung am Ende meiner De-
finition (siehe unten!).
„sich vergleichen“: Die Menschen mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten können und wol-
len (offenbar in fast allen Kulturen) sich auch auf dem Gebiet der Bewegungskunst mit ande-
ren Menschen vergleichen, um in verschiedenen Tätigkeitsweisen, die kulturell um der besse-
ren Vergleichbarkeit willen entwickelt wurden und noch werden („Sportarten“), den Besseren
zu ermitteln. Dies geschieht naturgemäß in Form eines direkten, geregelten Vergleichs
(„Wettkampfs“) an einem bestimmten Ort zur selben Zeit (mit oder ohne Zeugen und / oder
„Schiedsrichter“).
Seit dem 19. Jahrhundert sind auch indirekte Vergleichssysteme entwickelt worden, die zu-
nehmend mehr Individuen oder Gruppen in Konkurrenz zueinander brachten und die nicht
auf eine punktuelle, sofortige Entscheidung angelegt waren / sind. Dafür haben die Men-
schen verschiedene Formen von Vorausscheidungen, Herausforderungs- oder Qualifikations-
wettkämpfen entwickelt, zunächst vor allem in den Mannschaftssportarten (Ligen, Runden-
spiele o. Ä.), dann auch in den Einzelsportarten. Die Formen solcher Vergleiche machen den
empirischen Reichtum der Sportgeschichte aus. Welche Motive hinter den einzelnen handeln-
den Menschen oder den sie tragenden gesellschaftlichen Gruppen standen, welche Bedeu-
tung diese Vergleiche für sie hatten, sind ebenfalls interessante historische und aktuelle Be-
gleitumstände.
Das bloße Zur-Schau-Stellen noch so hoch entwickelter Fähigkeiten und Fertigkeiten auf dem
Gebiet der Bewegungskunst (zum Beispiel Artistik im Zirkus) ist für mich keine sportliche Tä-
tigkeit, weil (bzw. sofern) hierbei die vergleichende Beziehung zu mindestens einem anderen
Menschen in diesem Tätigkeitsfeld fehlt bzw. nicht wesentlich ist. Es gibt ja viele ehemalige
(Spitzen-) SportlerInnen, die in den Showbereich gewechselt sind (z. B. EiskunstläuferInnen);
sie wechseln nach meinem Begriffsverständnis vom „Sport“ zur „Bewegungskultur“. Sie füh-
ren ihre hohe Bewegungskunst vor, ohne dass sie damit primär Vergleiche mit anderen Men-
schen anstrebten. Man kann zwar auch verschiedene dieser Artisten miteinander vergleichen,
der Vergleich ist dann aber von außen an sie herangetragen und liegt nicht wesentlich in
ihrer eigenen Tätigkeit.
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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Da eigenes Handeln notwendiger Bestandteil meiner Definition ist, sind auch alle diejenigen
keine „Sportler“, die nur andere Menschen zu einem Vergleich im Gebiet der Bewegungs-
kunst anstiften, wie es z. B. die englischen „gentlemen“ in der spät-feudalistischen, früh-kapi-
talistischen Zeit taten („Patronatssport“). Sie ließen ihre Bediensteten oder andere (bezahlte)
Menschen gegeneinander antreten (im Laufen, Reiten, Segeln etc.) und wetteten auf den
Ausgang (daher Wettkampf!).
Es mag irritieren, dass gerade diese ihre delegierende Handlungsweise („sportsmanship“)
kulturgeschichtlich der Ursprung für den (frühen, englischen) Begriff „Sport“ („sports“) war.
Andere Menschen für sich handeln zu lassen, ist immer noch vereinzelt ein historisches Über-
bleibsel im heutigen „Sport“, wenn z. B. die Eigner großer (und teurer, aber entsprechend
den Regeln über Konstruktion und Ausrüstung vergleichbarer) Segeljachten zu Regatta-„Sie-
gern“ erklärt werden, selbst wenn sie gar nicht mit an Bord waren. Sportler sind sie damit für
mich jedenfalls nicht. Als aktives Mitglied ihrer Crew sind sie es selbstverständlich.
„nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln“: Da es beim Sport um freiwillige
Tätigkeiten sowie um einen Vergleich der Bewegungsfähigkeiten und -fertigkeiten geht, müs-
sen sich die Menschen in diesem Tätigkeitsfeld vereinbaren, auf Regeln einigen oder bewähr-
te übernehmen, nach denen der Bessere, der Gewinner des Wettstreits, ermittelt und festge-
stellt werden soll. Ohne eine solche Verabredung - für mich selbstverständlich auf der Grund-
lage des Respekts vor dem eigenen und fremden Leben (siehe unten!) - würde aus Sport
leicht ein zügelloser, vernichtender Kampf, Krieg.8 Es spricht übrigens viel für die Annahme,
dass der todernste Zweikampf ein "Vorgänger" des Sports ist, der im Laufe der kulturellen
Entwicklung eben durch Regel-Eingrenzung kulturell „entschärft“, „gezähmt“ worden ist.
Die vereinbarten Regeln können noch so skurril erscheinen, für Außenstehende nur schwer
verständlich sein; sobald sie allen beteiligten Handelnden einsichtig und von ihnen akzeptiert
sind, konstituieren sie für sie ein eigenes (kulturelles) Tätigkeitsfeld - eben Sport -, in dem
dann auch mit regeln-ausnutzender Härte um den „Sieg“ gestritten, gekämpft wird.
Die in diesem Zusammenhang oft beschworene „Fairness“ ist ein weiterer zu klärender Be-
griff, der meines Erachtens oft kulturgeschichtlich falsch verortet und darüber hinaus über-
mäßig moralisch aufgeladen wird. Der Kern von Fairness ist für mich, nicht nur aus kulturge-
schichtlichen Gründen, die Regelhaftigkeit und die sich daraus ergebende Berechenbarkeit,
Verlässlichkeit, aufgrund derer alle Beteiligten Handlungssicherheit erlangen, wenn sie um
den Sieg streiten (oder um materiellen Vorteil beim Tauschhandel; das englische Wort „fair“
8
Vgl. Tiedemann, Claus: "Gewalt, Kampf und Aggression in Sport und Bewegungskultur". In: European Studies in Sports
History, Vol. 2, Nr. I (Spring 2009), S. 85 - 104; auch im Internet: <.../[Link]>
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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heißt immer auch noch „Messe“, bei der Waren ausgestellt und getauscht, gehandelt wer-
den).9
„auf Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte“: An diesem Defi-
nitions-Element habe ich lange „geknackt“, und ich war lange Zeit nicht ganz zufrieden. Zu-
nächst hieß meine Formulierung „ohne sie oder sich selbst schädigen zu wollen“. Ich wollte
damit deutlich machen, dass ich jede absichtliche Schädigung ausschließen will. Beim Sport-
treiben kann es aus Unachtsamkeit und in unglücklichen Situationen, „im Eifer des Gefechts“,
zu Schädigungen kommen; das ist ethisch aber kein grundsätzliches Problem. Wichtig ist nur,
dass keine Absicht vorliegt, auch keine bewusste Fahrlässigkeit, kein billigendes In-Kauf-Neh-
men. Dies sollte immer (selbst-) kritisch und gründlich geprüft und geklärt werden, notfalls
auch durch Schiedsrichter. Im besten Fall - und erfreulicherweise nicht selten - gelingt dies,
indem die Beteiligten sich direkt hinterher kurz (oft ohne Worte, mit Blicken und Gesten) ver-
ständigen und sich (zum Beispiel mit einem versöhnlichen Handschlag) friedlich trennen, um
nach dieser guten Klärung wieder unbelastet und mit regelnausnutzender Härte um den Er-
folg im sportlichen Wettstreit zu kämpfen.
In einer der vielen Diskussionen um den Sportbegriff ist mir deutlich geworden, dass es allge-
meiner und besser ist, sich auf ethische Werte zu beziehen, und dass der Zusatz „gesell-
schaftlich akzeptierte“ die Normen als kulturell dynamisch bezeichnet, ihre ständige Verände-
rung (hoffentlich gute Weiter-Entwicklung!) deutlich macht, sowohl innerhalb einer bestimm-
ten Gesellschaft als auch im Vergleich verschiedener Gesellschaften (vgl. das Beispiel Pan-
kration!).
Allgemein gilt in (fast) allen Gesellschaften, dass niemand einen anderen Menschen absicht-
lich schädigen darf. Dies gilt insbesondere auch für das Verantwortungs-Verhältnis, das Er-
wachsene (Eltern, Trainer usw.) gegenüber Kindern und Jugendlichen (nicht nur im Sport)
haben.
Meine frühere Formulierung, die ausdrücklich auch die Selbstschädigung thematisierte, war
insbesondere vom Dopingproblem bestimmt. Das Dopen und andere mögliche Formen der
Selbstschädigung sind aber auch durch die neue allgemeinere Formulierung ausgeschlossen
(sowie teilweise durch den Bezug auf das sportartenspezifische Regelwerk). Allerdings gibt es
auf diesem Gebiet leider skandalöse Verdrängungs- und Vertuschungsbemühungen sowie zu
schwache Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten.
Auch im Tätigkeitsfeld Sport gelten selbstverständlich zunächst einmal die allgemeinen ethi-
schen Normen; die in den Sportarten je besonders verabredeten „Regeln“ stellen weitere, er-
gänzende Normen dar. Regelhaftigkeit ist ein notwendiges, aber nicht hinreichendes Bestim-
9
Vgl. Tiedemann, Claus: Ist Fairneß noch gefragt? Vom Ethos des Sports (Statement). In: Menschen im Sport 2000. State-
ments zum Kongress „Menschen im Sport 2000“, Berlin, 5. - 7. 11. 1987. Hrsg.: DSB. Frankfurt a. M.: Selbstverlag 1988.
S. 49 - 51. Vorabdruck in: Hochschulsport, Darmstadt, 15 (1988) 2/3, S. 4 - 5. <.../[Link]>
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
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mungsmerkmal für Sport; sie allein begründet noch nicht einen ethischen Standard (siehe
unten die Bemerkungen zum Boxen), wie er gesellschaftlich allgemein akzeptiert bzw. einzu-
fordern ist.
In sport-ethischen Fragen ist für mich fragwürdig und zu diskutieren, ob hier auch der juristi-
sche Grundsatz gilt "lex specialis derogat legi generali", d. h., ob eine spezielle Sportart-Regel
den allgemeinen ethischen Regeln vorangeht, sie aushebelt. Ein Beispiel sind die derzeit gel-
tenden Box-Regeln, nach denen es "erlaubt" ist, seinen Kampfgegner (schwer) zu verletzen
(siehe unten!). Ich denke, dass dieser juristische Grundsatz im Sport nicht gelten sollte. Die-
se Frage sollte aber allgemein und in jedem Einzelfall intensiv und verantwortlich diskutiert
werden.
Ein positives Beispiel für den Primat allgemeiner ethischer Normen gegenüber nur von der
Sportart begründeten Regeln ist im Segelsport - übrigens ähnlich wie in der Straßenverkehrs-
ordnung - das Gebot, nach Möglichkeit ein „Manöver des letzten Augenblicks“ zu fahren,
auch wenn man nach den Vorfahrtsregeln das Recht hätte, seinen Kurs beizubehalten. Der
Sinn ist offensichtlich, niemand zu schädigen. Wer diese allgemeine, übergeordnete Regel
(ohne Not) nicht befolgt, wird trotz seines „Wegerechts“ für die folgende Kollision mit-verant-
wortlich gemacht und möglicherweise disqualifiziert.
Sportartspezifische Regeln sind je nach Sinn und Tradition einer Sportart manchmal ethisch
problematisch, insbesondere in Kampf- und Risikosportarten. Boxen ist z. B. für mich ein ethi-
sches Grenzgebiet, weil es nach den gegenwärtigen Regeln zum Sinn des Boxens gehört, den
Gegner mit regeln-ausnutzender Härte tendenziell kampfunfähig zu machen und damit auch
für die Gesundheit schwerwiegende Folgen (bis zum Tod) für sich selbst und den Gegner billi-
gend in Kauf zu nehmen. Zahlreiche Todesfälle direkt „im Ring“ und noch zahlreichere Fälle
von schwerer gesundheitlicher Schädigung von Boxern sind für mich hinreichend, Boxen in
der derzeitigen Form nicht als Sport zu begreifen.
Dabei könnten die Regeln von den (internationalen) Boxverbänden so geändert werden, dass
diese schweren Begleitumstände bzw. Folgen entscheidend gemildert würden, zum Beispiel
durch Veränderung der „Boxhandschuhe“. Erst dann könnten wir unseren Kindern guten Ge-
wissens empfehlen, diesen erst nach grundsätzlicher „Entschärfung“ möglicherweise sehr in-
teressanten Sport auszuüben. Die halbherzigen Regelungen eines (in seiner Wirksamkeit um-
strittenen) Kopfschutzes haben das Gesundheitsrisiko offenbar nicht entscheidend verringert.
Vor ungefähr vierzig Jahren hat es einen völlig verdrängten, meines Erachtens revolutionären
Vorstoß vonseiten der UdSSR-Box-Organisation gegeben, durch Veränderung der Handhal-
tung in den Boxhandschuhen (in der Skizze oben), die kinetische Energie (und damit die Wir-
kung) der geraden Schläge auf schätzungsweise 5 Prozent herabzusetzen. Dafür wurden
Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
Prof. Dr. Claus Tiedemann, Universität Hamburg: Vorschlag einer Definition von „Sport“ S. 20 von 24
10
Quelle: Bericht der Tageszeitung „Unsere Zeit“ (uz) vom 29. 09. 1978.
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Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
Prof. Dr. Claus Tiedemann, Universität Hamburg: Vorschlag einer Definition von „Sport“ S. 24 von 24
WILLIMCZIK, Klaus: Der Sportbegriff - zwischen Analytik und Ideologie. Antwort auf den Diskussions-
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Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen
Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage
der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.
Prof. Dr. Claus Tiedemann definiert Sport als ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen begeben, um ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen. Dies geschieht nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage gesellschaftlich akzeptierter ethischer Werte . Tiedemann grenzt die Definition ab, indem er betont, dass Tätigkeiten nicht mehr zum Sport gehören, wenn eines der definierenden Elemente fehlt. Demzufolge kann eine Tätigkeit, die nicht nach den genannten Regeln und unter Einhaltung der ethischen Grundsätze erfolgt, nicht als Sport in seiner wissenschaftlichen Form gelten .
Tiedemann sieht Psychologen und Soziologen eher zuständig für die Untersuchung von Fußball-Fans, insbesondere von (randalierenden) Fans, als die Sportwissenschaft, da das passive Zuschauen und Verhaltensweisen außerhalb der aktiven Teilnahme am Tätigkeitsfeld Sport nicht zum direkten Handeln im Sport gehören. Sportwissenschaft befasst sich primär mit dem tätigen Vergleich von Fähigkeiten, nicht mit den sozialen Phänomenen um Sport herum .
Die Diskussion um die Definition von "Sport" wirft ethische Fragen auf, da sie gesellschaftliche Werte und das Bewusstsein für Sportlichkeit betrifft. Der Begriff ist emotional tief verankert und mit einem hohen gesellschaftlichen Wert ausgestattet. Die Neudefinition könnte als Bedrohung für bestehende Werte empfunden werden, weshalb der Dialog auch gesellschaftliche, ethische Dimensionen umfasst, die weit über das rein Sportliche hinausgehen, etwa über die Integrität oder den kulturellen Wert von Wettkämpfen .
Tiedemann kritisiert, dass der Sportbegriff historisch oft in einer Weise verstanden und benutzt wurde, die das Delegieren von Handlungen als "Sportsmanship" bezeichnete, z.B. als englische "gentlemen" in der frühkapitalistischen Zeit ihre Diener gegeneinander antreten ließen und Wetten abschlossen. Solche delegierenden Praktiken hätten mit echtem Sport, der auf eigenem Handeln basiert, wenig zu tun. Tiedemann sieht dies als eine historische Verzerrung des Sportbegriffes, die den wahren kulturellen und handlungsorientierten Charakter des Sports verwischt .
Selbst gesetzte oder übernommene Regeln sind zentral in Tiedemanns Definition, da sie den Wettkampf strukturieren und sicherstellen, dass der Vergleich der Fähigkeiten und Fertigkeiten fair abläuft. Ohne solch eine Regelvereinbarung könnte der Wettkampf in zügellosen Kampf abgleiten. Diese Regelhaftigkeit und Berechenbarkeit sind wesentliche Aspekte, die Sport von anderen kämpferischen oder spielerischen Aktivitäten unterscheiden, die nicht in einem kulturellen Tätigkeitsfeld eingebettet sind .
Tiedemann argumentiert, dass der Begriff "Bewegungskultur" nicht als Ersatz für "Sport" geeignet ist, weil er den Verlust der emotional bedeutenden „Sportlichkeit“ nicht kompensieren kann. Viele Menschen betrachten bestimmte Tätigkeiten weiterhin als Sport und die Begriffsverschiebung könnte Unsicherheit und den Verlust eines Teils der Lebensweise, die als sportlich empfunden wird, nach sich ziehen . Der Begriff "Bewegungskultur" umfasst zu viele Aktivitäten, die nicht im wissenschaftlichen Kontext als Sport erfasst werden und würde diese Tätigkeiten nicht hinreichend differenzieren .
Tiedemann definiert Fairness im Sport als Regelhaftigkeit und die dadurch entstehende Berechenbarkeit und Verlässlichkeit auf den Regeln basierend, die den Beteiligten Handlungssicherheit geben. Dieses Verständnis von Fairness könnte problematisch sein, weil es oft historisch falsch verortet und übermäßig moralisch aufgeladen wird. Tiedemann kritisiert, dass Fairness quasi losgelöst von den praktischen Regeln des Sports als zu abstraktes moralisches Ideal angesehen wird .
Für Tiedemann ist es entscheidend, dass Sportwissenschaftler ein klar formuliertes Verständnis des Sportbegriffs haben, um Missverständnisse zu vermeiden. Unterschiedliche Auffassungen können zu Kommunikationsproblemen und Unklarheiten im wissenschaftlichen Diskurs führen, da der zentrale Begriff inkonsistent verwendet werden könnte, was die Vergleichbarkeit und Validität von Forschungsergebnissen beeinträchtigen kann .
In Tiedemanns Definition spielt die kulturelle Entwicklung eine wesentliche Rolle, da Sport als ein kulturelles Tätigkeitsfeld konzeptualisiert wird, in dem Menschen Regeln schaffen oder übernehmen, um ihre Fähigkeiten im Vergleich zu anderen zu messen. Diese Entwicklung unterscheidet den Sport von todernsten Kämpfen durch kulturelle Entschärfung und Regel-Eingrenzung. Historisch gesehen ist der Sport aus der Fähigkeit des Menschen zu (Selbst-)Reflexion, Kommunikation und freiem Denken herausgewachsen, welche entscheidend waren für die Schaffung kultureller Tätigkeitsfelder .
Tiedemanns Definition unterscheidet sich vom umgangssprachlichen Verständnis des Begriffs "Sport", da sie nur einen Teil des alltags- und umgangssprachlichen Verständnisses abdeckt. Während alltäglich viele körperliche Tätigkeiten wie "Gesundheitssport" dem Sportbegriff zugeordnet werden, sind diese wissenschaftlich nicht als Sport zu definieren, wenn sie nicht Tiedemanns Kriterien der freiwilligen kulturellen Vergleichshandlung nach selbst gesetzten Regeln mit ethischer Grundlage erfüllen .