Deutscher Bundestag: 17. Sitzung
Deutscher Bundestag: 17. Sitzung
17. Sitzung
Inhalt:
Fragen des Abg. Dr. Gleissner: Fragen des Abg. Dr. Weber (Köln) :
Auswirkungen der Aufwertung auf die Gesetzentwurf zur Neuordnung des
deutschen Fremdenverkehrsgebiete Entschädigungsrechts für unschuldig er-
Dr. Arndt, Parlamentarischer littene Haft
Staatssekretär . . . 610 D, 611 A, B, C
Jahn, Bundesminister . . . 616 B, C, D
Dr. Gleissner (CDU/CSU) 611 A
Dr. Weber (Köln) (SPD) . . . . 616 B, D
Frau Dr. Diemer-Nicolaus (FDP) . 611 B
Pieroth (CDU/CSU) 611 C
Fragen des Abg. Dürr:
Dr. Schmitt-Vockenhausen,
Vizepräsident 611 D Bestellung von Sachverständigen bei
Anklagen wegen Kapitalverbrechen
Frage des Abg. Mertes:
Jahn, Bundesminister . 617 A, 618 B, C, D
Initiative für ein Bundespresserahmen-
Dr. Schmitt-Vockenhausen,
gesetz 611 D
Vizepräsident . . . . . . . 618 A
Fragen des Abg. Peiter: Dürr (SPD) 618 B
Einkommensverluste für ehemalige Be- Dr. Brand (Pinneberg) (SPD) . . . 618 B
rufssoldaten durch das Zweite Besol- Vogel (CDU/CSU) . . . . . . 618 C
dungsneuregelungsgesetz . . . . . 612 A
Frau Dr. Diemer-Nicolaus (FDP) . 618 C
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deskanzleramtes. Zur Beantwortung der Fragen ist Eine Zusatzfrage des Kollegen Dr. Riedl.
Herr Bundesminister Ehmke hier. Ich rufe zunächst
die Frage des Herrn Abgeordneten Dr. Riedl (Mün- Dr. Riedl (München) (CDU/CSU) : Herr Bundes-
chen) auf. minister, darf ich im Sinne Ihrer Antwort auch die
Ausführungen in dem Interview so verstehen, wo-
nach der Bundeskanzler gesagt hat:
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf-
gaben: Herr Präsident, wenn Sie gestatten, würde Die Trennungslinie geht durch Nordrhein-West-
ich beide Fragen zusammen beantworten. falen. Die Ruhrgebietsbewohner betrachten
Europa insgesamt als Ausgangspunkt für Han-
delsunternehmungen, wohingegen das Kölner
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - Erbe, für das Dr. Adenauer das Urbild abgab,
Darf ich zunächst, Herr Minister, den Herrn Abge- nach Rom tendiert und glaubt, Verbindungen
ordneten Riedl fragen: sind Sie damit einverstan- mit Paris seien stärker als mit Berlin, ge-
den, daß die beiden Fragen gemeinsam beantwor- schweige denn mit nordischen Ländern.
tet werden.
(Abg. Dr. Riedl [München] : Ja!)
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf-
— Dann rufe ich die Fragen gemeinsam auf: gaben: Ich muß dazu sagen, Herr Abgeordneter, daß
Hält die Bundesregierung norddeutsche Politiker für befähigter, dies Ganze ja nicht etwa ein Interview ist, sondern
Verhandlungen mit Großbritannien zu führen, als süddeutsche,
nachdem Bundeskanzler Brandt gegenüber der britischen Zeitung
die Wiedergabe eines sehr locker geführten Ge-
Times zur Charakterisierung der deutsch-englischen Beziehungen spräches. Ich vermag in bezug auf die Stellung-
das Übergewicht der Norddeutschen in der neuen Bundesregie-
rung hervorgehoben und behauptet hat, „diese hätten mehr ge- nahme, nach der Sie zunächst gefragt haben — Be-
meinsam mit den Engländern als die mehr mit Frankreich liierten fähigung zu Verhandlungen mit Großbritannien
südlichen Christdemokraten des früheren Bundeskabinetts"?
mit der von Ihnen zitierten Stelle, die ich jetzt so
deHiBunsrgäsalichtderÄußngfü schne ll ga r nicht finde, keinen Zusammenhang zu
richtig, die außenpolitischen Notwendigkeiten den angeblichen
nachbarschaftlichen Sympathien der Norddeutschen zu den Eng- sehen.
ländern und der Süddeutschen zu den Franzosen anzupassen, oder
ist sie nicht vielmehr der Meinung, daß sich die Außenpolitik
nach sachlichen Erwägungen richten solle?
Dr. Riedl (München) (CDU/CSU) : Herr Bundes-
Bitte, Herr Minister! minister, darf ich Sie fragen, ob damit zu rechnen
ist, daß der Herr Bundeskanzler vielleicht eines
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf- Tages einer italienischen Zeitung eine dementspre-
gaben: Der Herr Bundeskanzler hat in einem Ge- chende Charakterisierung seines Bundeslandwirt-
spräch dem „Times"-Korrespondenten lediglich ein- schaftsministers geben wird.
geräumt, daß es eine gewisse Rechtfertigung für die
Auffassung gibt, nach der in Norddeutschland, z. B. Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf-
in den großen Hafenstädten, eine stärkere Affinität gaben: Das würde ich nicht glauben. Auf jeden Fall
606 Deutscher Bundestag — 6. W ahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969
Bundesminister Dr. Ehmke
würde er d e n für geeignet ansehen, mit jeder aus- auf, die bisher im Bundesministerium des Innern
wärtigen Macht zu verhandeln. ressortiert war und nun dem Bundeskanzleramt zur
Beantwortung überwiesen worden ist:
(Heiterkeit und Beifall bei den Regierungs
Hält die Bundesregierung es für zulässig und notwendig, wenn
parteien.) der Bundeskanzler, der die Richtlinien der Regierungspolitik be-
stimmt, sich der Fragestunde als eines Instruments bedient, um
sich durch Fragen an ein anderes Mitglied der Bundesregierung
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- Aufklärung über die der Regierungspolitik zugrunde liegenden
Tatsachen zu verschaffen und diesem Mitglied durch die Frage-
Eine Zusatzfrage des Kollegen Müller (München). stellung bei der Darstellung und Interpretation der Regierungs-
politik zu sekundieren?
Dr. Müller (München) (SPD) : Herr Bundesmini- Das Wort hat Herr Bundesminister Ehmke.
ster, würden Sie mir zustimmen, wenn ich behaupte,
daß die Äußerungen des Herrn Bundeskanzlers ledig- Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf-
lich die Darstellung von historischen Fakten sind, gaben: Herr Kollege, die Regierung hält es nicht
die Hunderte von Jahren in der deutschen Ge- nur für rechtlich, sondern unter bestimmten Umstän-
schichte eine Rolle gespielt haben? den auch für politisch zulässig, daß der Bundeskanz-
ler, der zugleich Mitglied dieses Hohen Hauses ist,
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf- sich in eine Diskussion einschaltet, die sich während
gaben: Ja, so war ja die Frage des Korrespondenten einer Fragestunde des Bundestages entwickelt. Das
gestellt. gilt z. B. dann, wenn, wie etwa in der Fragestunde
des Bundestages vom 27. November dieses Jahres,
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
unter Beteiligung des früheren Bundeskanzlers die
Bitte, Herr Kollege Dr. Schneider! Haltung der früheren Bundesregierung diskutiert
wird, der der Herr Bundeskanzler als Bundesaußen-
minister angehört hat.
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) . Herr Bun-
desminister, die Äußerungen des Herrn Bundeskanz-
lers sind also nicht dahin zu deuten, als wollte er Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
mehr oder minder in einer bluts- oder rasseideolo- Bitte schön, Herr Kollege!
gischen Weise -
(Lachen bei der SPD) Köppler (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, wür-
den Sie mir in der Beurteilung recht geben, daß
Zusammenhänge zwischen den Norddeutschen und
nach der klaren Geschäftsordnungsbestimmung die-
den Süddeutschen herausstellen in dem Sinne, daß
ses Hauses Diskussionen in der Fragestunde nicht
3) die Süddeutschen schlechthin schlechter qualifiziert
stattfinden dürfen?
seien, mit Völkern zu verhandeln, die mehr Affini-
tät der Rasse und der Geschichte mit den Norddeut-
schen hätten? Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf-
gaben: Herr Kollege Köppler, Sie wissen, daß sich
aus dem Frage- und Antwortspiel so etwas wie eine
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf- Diskussion entwickelt. Wenn Sie einmal aufmerk-
gaben: Ich glaube, daß dem Herrn Bundeskanzler
sam die Fragestunde vom 27. November nachlesen,
irgendwelche Assoziationen zum Rassebegriff sehr
werden Sie sicher keine Bedenken haben, dies als
fern liegen, Herrn Abgeordneter. Im übrigen bin ich
eine Diskussion zu bezeichnen.
der Meinung, daß angesichts der großen Erfolge,
die der frühere Finanzminister in England errungen
hat, an der Fähigkeit von Bayern, mit England zu Köppler (CDU/CSU) : Würden Sie vielleicht den-
verhandeln, gar kein Zweifel bestehen kann. noch bereit sein, Herr Bundesminister, mir darin
zuzustimmen, daß die Fragestunde als ein Instru-
(Heiterkeit bei der SPD.) ment des Parlaments zur Kontrolle der Regierung,
möglichst in enger Auslegung der für diese Frage-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- stunde geschaffenen Richtlinien, durchgeführt wer-
Eine letzte Zusatzfrage des Herrn Kollegen Moersch. den sollte?
Moersch (FDP) : Herr Minister, kann es nicht Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf-
sein, daß die Schlußfolgerungen des „Times"-Korre- gaben: Herr Kollege Köppler, ich bin der Meinung,
spondenten unter anderem darin begründet sind, daß wir sollten die Fragestunde so lebendig wie möglich
Mitglieder der Fraktion der CDU/CSU in ihren Me- gestalten.
moiren ähnliche Darstellungen gegeben haben, wie (Beifall bei der SPD.)
wir sie in der „Times" lesen konnten? Neulich ist ja von Ihrer Fraktion auch die Frage auf-
geworfen worden, ob nicht ein Minister hier die
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf- Beantwortung einer an einen Kollegen gerichteten
gaben: Ich würde mich in bezug auf Korresponden- Frage übernehmen kann — ich war betroffen —, die
ten ausländischer Zeitungen nicht gerne in eine Mo- der gefragte Kollege nicht beantworten kann. Ich
tivforschung begeben, Herr Kollege. hätte von meiner Seite auch gegen ein solches Ver-
fahren nichts einzuwenden. Ziel der Fragestunde
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- muß sein, die Frage, um die es hier ging: Was war .
Ich rufe die Frage 44 des Abgeordneten Köppler diefrühStlungamdeBsriung,
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969 607
Bundesminister Dr. Ehmke
wieweit steht die jetzige Bundesregierung in Über- Ich rufe die Fragen aus dem Geschäftsbereich
einstimmung mit der früheren Bundesregierung?, des Bundesministers für Wirtschaft auf. Für die Ant-
zu klären. Ich bin der Meinung, auch eine sach- worten steht der Parlamentarische Staatssekretär
dienliche Frage des früheren Außenministers kann Dr. Arndt zur Verfügung.
zu einer solchen Klärung beitragen.
Herr Kollege Dr. Warnke hat seine Frage zurück-
gezogen.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Eine Zusatzfrage des Kollegen Dr. Klepsch. Ich rufe die Frage 68 des Abgeordneten Wolfram
auf:
Dr. Klepsch (CDU/CSU) : Herr Staatsminister, Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß die derzeitige
könnte nicht der Eindruck entstehen, daß die Frage- Koksmangellage nicht auf die Energiepolitik der letzten drei
Jahre oder auf die Neuordnung des Ruhrbergbaus zurückzufüh-
stunde dazu benutzt wird, daß der Bundeskanzler ren ist, sondern auf die Tatsache, daß von 1957 bis 1966 zwar
Kokereien stillgelegt, aber keine neuen Kokereien gebaut wor-
Gebrauch von seiner Richtlinienkompetenz macht? den sind?
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf- Zur Beantwortung der Herr Parlamentarische
gaben: Nein, ich glaube, der Eindruck entsteht nicht. Staatssekretär.
(Zuruf von der CDU/CSU: Bestand aber! —
Abg. Wehner: Solange er nicht von der Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
CDU ist! — Heiterkeit.) beim Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege
Wolfram, die Bundesregierung teilt Ihre Auffassung,
Dr. Klepsch (CDU/CSU) : Ich kann mich nicht daß die derzeitige Koksknappheit nicht auf die
erinnern, Kollege Wehner, daß irgendein Bundes- Energiepolitik der letzten drei Jahre oder gar auf
kanzler das gemacht hat. die erst jetzt erfolgte Neuordnung des Ruhrberg-
baus zurückzuführen ist. Sie teilt nicht ganz Ihre
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf- Auffassung, daß in den Jahren 1957 bis 1966 keine
gaben: Ich freue mich, daß sich eine so lebhafte neuen Kokereien gebaut worden sind. Tatsächlich ist
Diskussion aus der Fragestunde entwickelt. die Ursache der gegenwärtigen Koksknappheit
(Heiterkeit.) differenzierter. In erster Linie müßte man eine un-
gewöhnlich gute internationale Stahlkonjunktur -
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
nennen. Man spricht von einem Stahlboom in aller
Meine Damen und Herren, das Präsidium hat mit Welt, in Ost und West, in Nord und Süd.
den Fraktionsvorsitzenden auch diese Frage erörtert. Zweitens sind unsere Kohlegesellschaften, un-
Ich glaube, daß uns die Fragestunde in ihrer Le-
sere Koksproduzenten durch Exportlieferverträge
bendigkeit in vollem Umfange erhalten bleibt.
gebunden, die in der Zeit der Überproduktion an
Bitte, Herr Kollege. Das ist die letzte Zusatzfrage. Kohle und Koks abgeschlossen worden sind. Diese
Verträge müssen selbstverständlich erfüllt werden.
Dr. Klepsch (CDU/CSU) : Herr Staatsmini-
ster, — — Drittens ist der Bau von Kokereien in den letzten
(Zuruf: Bundesminister heißt er!) Jahren tatsächlich vernachlässigt worden, weil die
Erlöse bei dem eigentlichen Verkokungsprozeß die
— Selbstverständlich! Herr Bundesminister, ist Kosten nicht gedeckt haben und da dies keinen
Ihnen ein Fall bekannt, daß ein Vorgänger des besonderen Investitionsanreiz gab.
gegenwärtigen Bundeskanzlers hier in gleicher
Weise gehandelt hat?
stillegungen und mit der Umstellung auf Erdgas
Dr. Ehmke, Bundesminister für besondere Auf- zahlreiche Kokereien und Stadtgaswerke stillgelegt
gaben: Ja. Bundeskanzler Adenauer hat verschie- worden.
dentlich in die Debatten über den Haushalt des Bun- Diese Faktoren kommen zusammen und haben zu
deskanzleramtes eingegriffen. Der wurde einge- der Knappheit an Koks geführt.
bracht, und er hat dann als Abgeordneter gegenüber
der Kritik dazu Stellung genommen,
(Abg. Köppler: Wir reden über die Frage Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
— Von 1957 bis 1966 sind 64 Kokereien neu gebaut Herr Kollege, Sie haben das Instrument der Zusatz-
oder vollständig repariert worden. Das ist immer- frage gleich zu drei Fragen benutzt, wenn ich es
hin eine Kapazität von reichlich 15 Millionen t. Das richtig gehört habe. Ich habe das ausnahmsweise zu-
ist erheblich mehr als null. gelassen und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir
die Handhabung der Geschäftsordnung erleichter-
ten. — Herr Staatssekretär!
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Schutzvorrichtungen wie bei Neuanlagen, und das Sind Sie einverstanden, Herr Kollege Barche, daß
mit Recht. Es werden daher bei allen in Bau befind- der Herr Staatssekretär die beiden Fragen in der
lichen Vorhaben derartige Vorrichtungen für die Beantwortung verbindet? — Bitte schön!
Reinhaltung der Luft eingebaut.
Die Bedeutung des Baus neuer und der Erweite- Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
rung bestehender Kokereien ist zwischen dem Bun- beim Bundesminister für Wirtschaft: Die euro-
desminister für Wirtschaft und dem Bundesbeauf- päischen Auftragsvergaberichtlinien für öffentliche
tragten für den Steinkohlebergbau und der Ruhr- Aufträge werden für die deutsche Bauwirtschaft
kohle AG wiederholt eingehend erörtert worden. günstige Auswirkungen haben; denn durch sie wird
Wir sind zuversichtlich. Die Ruhrkohle AG prüft der- nunmehr auch deutschen Unternehmen der Markt
zeit die Planungen der bisherigen Bergbauunterneh- der übrigen EWG-Staaten eröffnet, nachdem in der
men auf diesem Gebiet, um optimale Investitionen Bundesrepublik bereits seit 1960 ausländische Be-
auch in diesem Bereich sicherzusellen. werber ohne Einschränkung zu öffentlichen Aufträ-
gen des Bundes zugelassen sind.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - Die Schwelle für das Wirksamwerden der Richt-
Herr Kollege Wolfram, haben Sie eine Zusatzfrage? linie liegt allerdings erst bei 1 Million Rechnungs-
— Bitte schön! einheiten; das sind reichlich 3 1 /2 Millionen DM.
Ebenso wie die Kommission der Europäischen Ge-
Wolfram (SPD) : Herr Staatssekretär, nachdem meinschaften es abgelehnt hat, eine europäische
Sie praktisch die Notwendigkeit des Baus neuer Qualifikationsliste einzurichten, hat sich auch die
Kokereikapazitäten anerkannt haben: teilen Sie die Bundesregierung gegen die Aufstellung einer der-
Auffassung, daß die Nachfrage in der Welt nach artigen Liste ausgesprochen. Der damit verbundene
Koks und damit auch nach Kokskohle in den näch- Verwaltungsaufwand würde die damit erzielte Aus-
sten Jahren erheblich ansteigen wird? Wenn ja, sagekraft nicht rechtfertigen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969 609
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: Außerdem wird ein gewisser Nachweis über den
Eine Zusatzfrage des Kollegen Barche. — Bitte vorhandenen Maschinenpark und dergleichen ge-
schön! führt werden müssen, damit man auch sicher ist, daß
es ein ernsthaftes Angebot ist. Aber das ist im we-
Barche (SPD) : Herr Staatssekretär, würde die sentlichen der Rahmen, in dem wir uns in der
Bundesregierung dafür sorgen, daß in den Auftrags- Bundesrepublik bewegt haben und bisher eigentlich
vergaberichtlinien festgelegt wird, daß Baufirmen nicht schlecht bewegt haben.
aus den EWG-Ländern für öffentliche Bauvorhaben
in der Bundesrepublik nur dann den Zuschlag er- Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
halten können, wenn sie gewillt sind, allen am Bau- Ich rufe nun die Frage 72 des Kollegen Zander auf:
vorhaben Beschäftigten, sofern sie in der Bundes- Hat die Bundesregierung in der Gesprächsrunde der „Konzer-
republik tätig werden, mindestens die in der Bun- tierten Aktion" vom 24. November 1969 zum Ausdruck gebracht,
daß konzertiertes Verhalten der Unternehmungen in der gegen-
desrepublik festgesetzten Löhne bzw. Gehälter zu wärtigen konjunkturellen Situation in Preisdisziplin bestehen
müßte?
zahlen?
Zur Beantwortung Herr Parlamentarischer Staats-
sekretär Dr. Arndt.
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister für Wirtschaft: Wir werden
versuchen, Herr Kollege Barche, die entsprechenden Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
deutschen Richtlinien so weit wie möglich zusammen beim Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege
mit den anderen Ländern der Gemeinschaft für die Zander, in dem Gespräch im Rahmen der Konzertier-
Gemeinschaft durchzusetzen. Die deutschen Richt- ten Aktion, auf das Sie verweisen, stand die Frage
linien sehen in erster Linie den Nachweis darüber der Preisentwicklung mit im Vordergrund. Der Bun-
vor, daß der sich um öffentliche Aufträge bewer- desminister für Wirtschaft betonte dabei, daß die
bende Unternehmer seine Steuern, seine Sozialver- „Stabilisierung ohne Stagnation" die gemeinsame
sicherungsbeiträge und dergleichen gezahlt hat. Wir Aufgabe aller am Wirtschaftsleben Beteiligten sei.
streben an, daß das allgemeinverbindlich wird. Die Bundesregierung werde sich für eine konjunk-
turgerechte Haushaltspolitik beim Bund selbst, fer-
ner bei den Ländern und Gemeinden, wie für neue
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: Initiativen in der Vermögenspolitik zugunsten der
Herr Kollege, wollen Sie noch eine weitere Zusatz- Arbeitnehmer und für eine volle Ausschöpfung der
frage stellen? — Bitte schön! wettbewerbspolitischen Möglichkeiten einsetzen. Sie
werde gleichzeitig Zurückhaltung bei Anhebungen
Barche (SPD) : Herr Staatssekretär, wäre die von administrierten Preisen üben. Diese Stabilisie-
Bundesregierung bereit, das gleiche zu tun, was rungsaktionen müßten jedoch auch durch ein ent-
Frankreich für seine Bauwirtschaft getan hat, näm- sprechendes Verhalten der Unternehmen in ihrer
lich für die Bauwirtschaft in der Bundesrepublik Preispolitik unterstützt werden. Die totale Aus-
eine Synopse über alle bautechnischen und Bau- schöpfung aller kurzfristig — oder aller kurzsichtig
ordnungsfragen in den EWG-Ländern aufzustellen, — sich bietenden Möglichkeiten zu Preiserhöhungen
um den Einstieg unserer Bauwirtschaft in die Ver- steht nicht nur im Widerspruch zu den Erfordernis-
gabe öffentlicher Bauaufträge in den EWG-Ländern sen der Gesamtwirtschaft, sie steht häufig auch im
zu erleichtern? Widerspruch zu den eigenen, über den Tag hinaus-
gehenden Interessen der Unternehmen.
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
Barche, dazu kann ich im Moment nur sagen, daß ich Herr Kollege, haben Sie eine Zusatzfrage? — Bitte
das sorgsam prüfen lassen werde. Ich bin nicht im- schön!
stande, das ad hoc zu beantworten.
Zander (SPD): Herr Staatssekretär, darf ich fra-
gen: Wäre es im Sinne der Konzertierten Aktion,
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: wenn beispielsweise von dem Bundesverband der
Bitte, eine weitere Zusatzfrage, Herr Kollege Barche!
Deutschen Industrie an die einzelnen Unternehmer
öffentlich appelliert würde, Preisdisziplin zu üben?
Barche (SPD) : Herr Staatssekretär, würden Sie
mir darin zustimmen, daß der Einzelnachweis, der an Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
Stelle einer Qualifikationsliste geführt werden beim Bundesminister für Wirtschaft: Es würde die
müßte, für die Angebotsabgabe besonders unserer Wirtschafts- und Finanz-, zusammengenommen: die
Baubetriebe in den anderen EWG-Ländern erheb- Stabilitätspolitik der Bundesregierung wesentlich
liche Schwierigkeiten hervorrufen würde? stärken. Man kann sich im Augenblick des Eindrucks
nicht erwehren, daß Meldungen über Preiserhöhun-
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär gen weniger mit dem Unterton des unbedingt Not-
beim Bundesminister für Wirtschaft: Nein, dem wendigen, mehr mit einigen Obertönen des Ge-
würde ich nicht zustimmen. Denn hier wird tatsäch- nugtuerischen publiziert werden. Es wäre sicherlich
lich etwas verlangt, was zur Wettbewerbsgleichheit nützlich, diese für die Preisentwicklung im ganzen
notwendig ist, nämlich daß die Steuern und die So- täuschende Dramatisierung von Einzelpreiserhöhun-
zialversicherungsbeiträge gezahlt worden sind. gen in der nächsten Zukunft zu beseitigen.
610 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969
kungen möglich wären, da Preisstabilität allein in Herr Kollege Matthöfer, im Hinblick auf die Abwick-
diesen Industrien nicht ausreicht? lung der Fragestunde wollte ich jetzt die Frage 74
des Kollegen Pieroth aufrufen:
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Hält es die Bundesregierung für sinnvoll, daß in struktur-
Herr Kollege Matthöfer, wenn ich das richtig sehe, schwachen Gebieten angelegte öffentliche Mittel dadurch ihren
Zweck verfehlen, daß von ihnen geförderte exportintensive Be-
hängt das sehr eng mit der zweiten Frage des Kol- triebe durch die ihnen aus der DM-Aufwertung entstehenden
legen Zander zusammen. Ich würde vorschlagen, daß Einbußen nicht mehr in der Lage sind, die mit der Zuweisung
dieser öffentlichen Mittel verbundenen Ziele zu erfüllen, weil
wir zunächst den Herrn Staatssekretär um die Ant- für sie keine Maßnahmen zum Ausgleich der genannten Einbuße
getroffen werden?
wort dazu bitten. Vielleicht läßt sich Ihre schon vor-
getragene Zusatzfrage damit verbinden. Bitte schön, das Wort hat der Herr Staatssekretär.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - Ich rufe nunmehr die Fragen 75 und 76 des Kol-
Herr Kollege Zander, Sie haben keine Zusatzfrage? legen Dr. Gleissner auf:
Herr Kollege Matthöfer, haben Sie nun noch eine Treffen Nachrichten zu, nach denen sich jetzt die angekündig-
Zusatzfrage? ten Befürchtungen bestätigen, daß die deutschen Fremdenverkehrs-
gebiete in der vor uns liegenden Winter- und Frühjahrssaison
nun doch mit erheblichen negativen Auswirkungen und Belastun-
gen als Folge der Aufwertung zu rechnen haben?
Matthöfer (SPD) : Darf ich dann in diesem Zu-
sammenhang um die Beantwortung meiner ersten Ist die Bundesregierung darüber unterrichtet, daß die Fremden-
verkehrsgebiete der Nachbarländer in diesem Winter bereits
Frage bitten, die sich auf die Notwendigkeit der ausverkauft und überfragt sind, wie noch nie zuvor, während
sich in den deutschen Fremdenverkehrsgebieten eine gegenteilige
Aufklärung der Öffentlichkeit über mögliche und Entwicklung abzeichnet?
erforderliche Preissenkungen in Industrien mit über-
durchschnittlichem Produktivitätszuwachs bezog? Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister für Wirtschaft: Herr Abgeord-
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär neter Gleissner, uns sind derartige Nachrichten nicht
beim Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege bekannt, obwohl wir mit den Wirtschaftsministern
Matthöfer, die Bundesregierung beabsichtigt nicht, der Länder sehr guten Kontakt in dieser Frage ha-
jedenfalls nicht zur Zeit, derartige Listen von Preis- ben; auch diesen liegen keinerlei Anhaltspunkte für
senkungsmöglichkeiten zusammenzustellen oder zu die Richtigkeit einer derartigen Nachricht vor. Im
publizieren. Sie hat auf der anderen Seite mit Inter- Gegenteil, wir haben aus einigen Fremdenverkehrs-
esse die Publikation des Bundeskartellamts über die gebieten Informationen, daß die Auslastung der
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969 611
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Arndt
Wintersaison außerordentlich befriedigend zu sein Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
scheint. Selbstverständlich werden wir aber diese beim Bundesminister für Wirtschaft: Frau Kollegin
Sache weiterhin sorgsam beobachten und Ihnen Diemer-Nicolaus, es wäre sicherlich falsch, in die-
bei Gelegenheit wieder berichten. sem Zusammenhang eine solche Möglichkeit zu er-
wähnen. In diesen Zusammenhang gehört sie sicher
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
nicht; aber es steht auf der Agenda der Bundes-
Herr Kollege Gleissner, Sie haben eine Zusatzfrage? regierung, zu gegebener Zeit die Auswirkungen des
— Bitte schön! Mehrwertsteuergesetzes eines, insgesamt gese-
hen, wichtigen Reformwerks — auf die einzelnen
Dr. Gleissner (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, Branchen zu prüfen, etwa notwendige Schlüsse zu
ist die Bundesregierung bereit, im Hinblick auf die ziehen und gesetzgeberische Initiativen zu ergreifen.
eventuell später drohenden Folgen der Aufwertung,
aber auch im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
unseres Fremdenverkehrsgewerbes, die finanziellen Eine letzte Zusatzfrage, Herr Kollege Pieroth.
Maßnahmen zur Modernisierung und zum Ausbau
des Hotel- und Gaststättengewerbes im Rahmen der Pieroth (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, sind
mittelfristigen Finanzplanung zu verstärken? Sie nicht der Ansicht, daß gerade im Hinblick auf
die Folgen der Aufwertung für die Fremdenver-
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär kehrsindustrie diese Untersuchung über eine Hal-
beim Bundesminister für Wirtschaft: Wir haben un- bierung des Mehrwertsteuersatzes vorgezogen wer-
sere Programme; diese werden fortgeführt und ge- den müßte?
gebenenfalls verstärkt. Allein wegen der Aufwer-
tung, ohne Informationen über ihre Wirkung, gibt Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
es keinen Grund, bereits laufende Programme über beim Bundesminister für "Wirtschaft: Herr Kollege
das geplante Maß hinaus zu verstärken. Pieroth, ich muß da ganz deutlich werden. In den
Ländern um uns herum steht die Welt und stehen
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
die Preise nicht still.
Herr Kollege Gleissner, Sie haben eine weitere
Zusatzfrage? — Bitte schön! (Abg. Dr. Müller-Hermann: Sehr richtig!)
Es kann sein, daß sich das, was sich als Wettbe-
Dr. Gleissner (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, werbsnachteil auf Grund der Aufwertung errechnet,
sind Sie mit mir der Auffassung, daß jene, die mit sehr rasch wieder in Wettbewerbsgleichheit verwan-
den günstigen Auswirkungen der Aufwertung für delt haben könnte. Ich würde empfehlen, daß wir
Auslandsreisen Propaganda gemacht haben oder ein oder zwei Monate abwarten, und hoffe im Inter-
noch machen, die Situation des deutschen Fremden- esse der Stabilität unserer Nachbarländer und im
verkehrs gerade angesichts seiner Ihnen wohl be- Hinblick auf weitere Maßnahmen für das Fremden-
kannten ungünstigen Wettbewerbslage erschwert verkehrsgewerbe, daß man dort die Inflation besser
haben? unter Kontrolle bekommt, als das in der Vergangen-
heit möglich war.
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister für Wirtschaft: Die Wett- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
bewerbslage war im Jahre 1968 und auch 1969 Meine Damen und Herren, ich lasse keine weitere
nicht so ungünstig. Sie ist sicherlich schlechter als in Zusatzfrage zu.
diesem oder jenem anderen, als typisches Reiseland
angesehenen Land mit viel Sonne; aber die Ent- Beim Bereich des Bundesministers des Innern ha-
wicklung unseres Fremdenverkehrsgewerbes war, ben die Fragesteller Stücklen, Benda und Köppler
alles in allem gesehen, zufriedenstellend. Wir kön- ihre Fragen Nr. 40, 45, 46 und 47 zurückgezogen —
nen uns zu den Leistungen dieses Gewerbes nur be- sie bringen sie in der nächsten Woche erneut ein —,
glückwünschen. Über die Folgen der Aufwertung weil sie befürchten, keine Chance für eine mündliche
wird man erst dann etwas Konkretes sagen können, Beantwortung zu haben. Wie Sie aus der Hand-
wenn die Saison vorbei ist oder zumindest begon- habung der Fragestunde festgestellt haben werden,
nen hat. Im Augenblick ist es wirklich noch zu früh. sind wir bemüht, möglichst vielen Fragestellern
eine unmittelbare Antwort des zuständigen Ressorts
zukommen zu lassen. Haben Sie bitte Verständnis
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
dafür.
Frau Kollegin Diemer Nicolaus, bitte schön!
-
Grenzschutzeinzeldienstes zum Bundesgrenzschutz äußerlich Herr Kollege, eine Zusatzfrage? — Bitte schön!
besser erkennbar und stärkt das Gefühl der Zusammen-
gehörigkeit beider Sparten des Bundesgrenzschutzes.
2. In der grünen Uniform des BGS sind die Abfertigungs-
beamten des Grenzschutzeinzeldienstes eindeutiger als Polizei-
Bäuerle (SPD) : Herr Bundesminister, sind Sie
vollzugsbeamte zu erkennen. Die nicht seltenen Verwechslun- nicht der Auffassung, daß die Mietwucherfälle in
gen mit Eisenbahn-, Schlafwagen-, Flughafen- oder Flug-
linienpersonal haben ein Ende. letzter Zeit, insbesondere in den Ballungsräumen,
3. Grüne Dienstkleidung ist wirtschaftlicher als blaue. Einmal ist zunehmen und daß dieses Problem dringend einer
sie weniger verschleißanfällig, zum anderen braucht keine
besondere Dienstkleidung für die in jedem Sommer zum Lösung bedarf?
Grenzschutzeinzeldienst abgeordneten ca. 350 Verstärkungs-
kräfte mehr vorrätig gehalten zu werden. Die mit deren
Umkleidung jeweils verbundene beträchtliche Verwaltungs- Jahn, Bundesminister der Justiz: Teilweise, Herr
arbeit entfällt. Insgesamt wird die jährliche Ersparnis bei
einheitlicher Dienstkleidung auf ca. 135 000,— DM geschätzt. Kollege, gibt es in der Tat eine besorgniserregende
Das Bundesministerium des Innern hat deshalb die eingangs Entwicklung. Aber es ist sehr schwierig, eine Lösung
erwähnten Ersatzbeschaffungen an blauer Dienstkleidung nicht zu finden, die in geeigneter Form ein Einschreiten
mehr durchführen lassen, sondern angeordnet, daß, sobald die
blaue Dienstkleidung aufgetragen ist, an ihre Stelle die grüne auf den Wegen, von denen hier die Rede ist, also im
tritt. Die Ausstattung mit grüner Dienstkleidung verursacht
keine zusätzlichen Kosten; sie wird aus den zur Verfügung
Rahmen der Justiz, möglich macht.
stehenden Selbstbewirtschaftungsmitteln bestritten.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Wir kommen nunmehr zum Geschäftsbereich des Eine weitere Zusatzfrage, Herr Kollege.
Bundesministers der Justiz. Zur Beantwortung steht
Herr Bundesminister Jahn zur Verfügung. Ich rufe
die Frage 48 des Abgeordneten Bäuerle auf: Bäuerle (SPD) : Herr Bundesminister, könnten
Sie mir sagen, zu welchem Zeitpunkt mit einer
Wird die Bundesregierung das Wirtschaftsstrafrecht betreffend
den Mietwucher ändern? Initiative Ihres Hauses gerechnet werden kann?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969 613
Bundesminister Jahn
kann sich bei besonderer Gestaltung des Sachver- Freiherr Ostman von der Leye (SPD) : Herr
halts geradezu aufdrängen. Bundesminister, wird die Bundesregierung bei der
Die Erkenntnis, daß Teamwork zu besseren Er- Neufassung der Ausbildungsordnung für Juristen
gebnissen führen kann als die Arbeit eines einzel- auf eine verbesserte Einführung der Juristen in die
nen, setzt sich immer mehr durch. Dieser Grundsatz medizinischen und psychologischen Hilfswissen-
gilt sicher auch für gerichtsmedizinische Gutachten. schaften einwirken, um der eigenen Urteilsfähigkeit
Dabei wird es jedoch stets auf die Besonderheiten der Richter eine fundiertere Basis zu verschaffen?
des zu beurteilenden Sachverhalts ankommen. Kei-
neswegs sind alle Fälle so gelagert, daß stets Sach-
Jahn, Bundesminister der Justiz: Herr Kollege
verständige verschiedener Disziplinen beteiligt wer-
Ostman von der Leye, das ist deshalb eine schwie-
den müßten. Ich denke z. B. an die Vielzahl von
rige Frage, weil das eigentlich Bestandteil einer
Blutalkoholgutachten in Verkehrsstrafsachen. Auch
Frage von Frau Dr. Diemer-Nicolaus ist, die noch
erscheint es zweifelhaft, ob die Zuständigkeit des
folgt. Ich bitte uni Nachsicht, wenn ich das jetzt et
Bundes auf dem Gebiet des gerichtlichen Verfahrens
was kursorisch beantworte und auf folgendes hin-
ausreicht, um die organisatorischen Voraussetzun-
weise: Die Möglichkeiten der Bundesregierung, auf
gen der Bildung von Gutachterteams anzuordnen
die Ausbildung der jungen Juristen im einzelnen
und zu regeln. Dieser Fragenkomplex bedarf im Zu-
einzuwirken, sind relativ gering. Diese Ausbildung
sammenhang mit der Reform des Strafverfahrens-
ist bekanntlich Sache der Länder. Wir können dafür
rechts noch eingehender Überprüfung.
nur einen gewissen Rahmen abstecken. Aber viel-
Zur Tätigkeit der Sachverständigen vor Gericht leicht können wir uns dahin verständigen: Ich halte
darf ich abschließend hervorheben, daß sie im Straf- eine Ausweitung der juristischen Ausbildung ge-
verfahren nur als Gehilfen des Richters tätig wer- rade auf diesem Gebiet für dringend erforderlich. Ich
den. Aufgabe des Sachverständigen ist es, durch sein würde es sehr begrüßen, wenn es dazu zu einer
Gutachten zu einer sachgerechten Entscheidung bei- Übereinstimmung mit den zuständigen Herren in
zutraaen, sofern das Gericht im Einzelfall die für den Ländern käme.
die Feststellung bestimmter Tatsachen erforderliche
besondere Sachkunde nicht besitzt. Es ist Sache des
Gerichts, die erstatteten Gutachten in richterlicher Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Unabhängigkeit auf ihre Überzeugungskraft hin zu Eine weitere Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Frei-
prüfen. Es kommt deshalb auch darauf an, die Aus- herr Ostman von der Leye.
und Fortbildung der Richter, Staatsanwälte und Ver-
teidiger so zu gestalten, daß diese in weiterem Um-
fange als bisher in die Lage versetzt werden, Gut- Freiherr Ostman von der Leye (SPD) : Herr
achten von Sachverständigen einer kritischen Wer- Bundesminister, ist der Bundesregierung bekannt,
tung zu unterziehen. daß die Universität Münster gerade jetzt den um-
strittenen Gerichtsmediziner Professor Dr. Ponsold,
um den es sich dabei handelte, der die Altersgrenze
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Herr Kollege Picard! erreicht hat, mit der Vertretung seines eigenen
Lehrstuhls beauftragt hat?
Picard (CDU/CSU): Herr Minister, ist es mög-
lich, daß ein in der Öffentlichkeit mehrfach geäußer- Jahn, Bundesminister der Justiz: Mir ist das bis-
ter Verdacht von Ihnen zumindest nicht ganz ent- her nicht bekanntgeworden.
kräftet werden kann, der dahin läuft, daß die Rich-
ter, unter Umständen auch die Schöffen in Gerichten,
ganz einfach deshalb, weil sie dem Gutachter mit Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
seiner wissenschaftlichen Fähigkeit unterlegen sind, Eine Zusatzfrage Frau Kollegin Dr. Diemer Nicolaus.
-
Jahn, Bundesminister der Justiz: Ich kann mir Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Mini-
-
eine solche Beurteilung nicht generell zu eigen ma- ster, darf ich auf den Anfang Ihrer Antwort zurück-
chen, Herr Kollege Picard. Natürlich — und darauf kommen, und zwar zu den Gründen, die zu Wieder-
habe ich im letzten Absatz meiner Antwort hinge- aufnahmeverfahren geführt haben. Sie haben dabei
wiesen — besteht eine Schwierigkeit einfach darin, Skepsis gezeigt, ob gesetzgeberische Maßnahmen
daß die Kritikfähigkeit mangels entsprechender aus- hier Abhilfe schaffen könnten. Aber wäre es nicht
reichender Ausbildung unterschiedlich entwickelt ist besser, wenn gerade bei dieser Schwerkriminalität —
und gelegentlich durchaus die Gefahr besteht, daß bei diesen Wiederaufnahmeverfahren handelt es sich
Sachverständige einfach auf Grund des Namens, um Schwerkriminalität eine Überprüfung des
vielleicht auch der Überzeugungskraft ihres Vortra- Tatbestandes erfolgt — daß also nicht nur eine
ges und ihres Gutachtens einen größeren Einfluß auf reine Revisionsinstanz vorhanden wäre —, und
die Meinungsbildung bekommen, als einer sehr kri- zwar gesetzgeberisch durch Schaffung einer zweiten
tischen Würdigung standhalten könnte. Tatsacheninstanz oder durch eine Änderung des
Revisionsverfahrens, so daß im Revisionsverfahren
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- die Tatsachen noch einmal nachgeprüft werden kön-
Herr Kollege Freiherr Ostman von der Leye! nen?
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— Ich bitte Sie um Nachsicht, wenn ich jetzt frage, Das Hauptziel der gesamten Reformbemühungen
ob der Herr Bundesjustizminister — einfach aus bei der Ausgestaltung des Strafverfahrens wird ein
Zeitgründen — vielleicht die Frage des Kollegen Höchstmaß an Garantie dafür sein müssen, daß das
Picard beantwortet und dabei Ihre Zusatzfrage mit Gericht bereits in erster Instanz das richtige und
beantwortet. Herr Minister, würden Sie das tun? gerechte Urteil findet. Zu einer guten und insbeson-
dere zu einer rechtsstaatlich optimalen Rechtsfin-
dung gehört es auch, daß der Beschuldigte ohne
Jahn, Bundesminister der Justiz: Wenn das dem
jahrelanges Hinschleppen durch viele Instanzen mit
Wunsch des Hauses entspricht, ja.
allen damit verbundenen psychischen Belastungen so
rasch wie möglich zu seinem Recht kommt. In die-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
sem großen Zusammenhang ist die Frage nach einer
Ich frage den Kollegen Picard, ob er dazu bereit ist. zweiten Tatsacheninstanz in erstinstanzlichen Straf-
kammer- und Schwurgerichtssachen zu sehen.
Picard (CDU/CSU) : Ich habe nichts dagegen, Herr
Die Bundesregierung beabsichtigt unter diesen
Präsident. Dann laufen allerdings die Zusatzfragen
Umständen jetzt noch nicht, eine Novelle zur Straf-
wieder ein bißchen anders.
prozeßordnung vorzulegen, in der für Schwurge-
richtssachen eine zweite Tatsacheninstanz vorge-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
sehen wird. Es bleibt aber ein Gegenstand der un-
Es sind keine weiteren Zusatzfragen mehr da. Dann mittelbaren Prüfungen und insbesondere auch der
können wir so verfahren. Ich rufe die Frage 50 des bereits erwähnten in Gang befindlichen Auswer-
Abgeordneten Picard auf: tung der Fehlurteile, von denen ich vorhin gespro-
Was hält die Bundesregierung in diesem Zusammenhang von chen habe.
einer zweiten Tatsacheninstanz für Strafkammern und Schwur-
gerichte?
In diesem Zusammenhang darf ich auf die spe-
Herr Minister, Sie haben das Wort. zielle Frage von Frau Kollegin Diemer sagen, daß
ich persönlich der Meinung bin, daß eine zumindest
Jahn, Bundesminister der Justiz: Weil diese begrenzte weitere Nachprüfung der Tatsachenfest-
Frage im sachlichen Zusammenhang mit den beiden stellungen in einer weiteren Instanz möglich sein
Fragen des Kollegen Dr. Brand steht, würde ich muß, ohne daß es eine volle Tatsachennachprüfung
gern die Zustimmung dazu haben, diese beiden Fra- sein muß. Ich bitte also um Verständnis dafür, daß
gen zusammen mit der Frage des Kollegen Brand sein muß. Ich bitte aber um Verständnis dafür, daß
beantworten zu dürfen. die in Gang befindlichen Reformüberlegungen noch
keine definitive Antwort geben kann.
(Abg. Dr. Brand [Pinneberg] : Einverstanden!)
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
desregierung und mit der sich der Gesetzgeber bei Eine Zusatzfrage des Kollegen Dr. Brand.
der Justizreform, daß heißt hier der Reform der
ordentlichen Gerichtsbarkeit, auseinandersetzen Dr. Brand (Pinneberg) (SPD) : Herr Bundesmini-
muß. Ein Hauptziel der Justizreform ist die Schaf- ster, teilen Sie meine Auffassung, daß es notwendig
fung eines dreistufigen Gerichtsaufbaus. Damit wäre, noch in dieser Legislaturperiode zu versu-
unlösbar verknüpft ist die Frage der Ausgestaltung chen, in diesem Punkt durch die Einführung einer
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es dergestalt, daß sie generell bei Schwurgerichten Diese Frage des Kollegen Dr. Weber (Köln) ist
eingeschränkt wird oder daß sie auch in der zwei- damit erledigt.
ten Instanz so bleibt wie in der ersten?
Ich rufe die Frage 56 des Abgeordneten Dr. Weber
(Köln) auf:
Jahn, Bundesminister der Justiz: Es gibt solche
Aus welchen Gründen hat sich die Vorlage eines Regierungs-
Überlegungen; sie sind aber noch nicht zum Ab- entwurfs zur Neuordnung des geltenden Entschädigungsrechts
schluß gekommen. für zu Unrecht erlittene Haft verzögert, obwohl das Bundes-
ministerium der Justiz schon vor über einem Jahr einen Referen-
tenentwurf fertiggestellt hat und in der Öffentlichkeit und Wis-
senschaft schon seit langer Zeit eine baldige Reform gefordert
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - wird?
Ich rufe die nächste Frage des Kollegen Hirsch auf.
Jahn, Bundesminister der Justiz: Vom Referen-
Jahn, Bundesminister der Justiz: Diese Frage ist tenentwurf zum Regierungsentwurf, Herr Kollege,
bereits beantwortet. ist ein langwieriges Verfahren zu bewältigen, wenn
es sich wie hier um eine schwierige Materie han-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
delt und über einzelne Lösungen die Meinungen der
Sie haben schon beide Fragen beantwortet. Der Kol- Beteiligten auseinandergehen. Zudem verlangten
lege ist damit auch einverstanden, weil er keine die Strafrechtsreformgesetze und das Gesetz zur all
Zusatzfrage gestellt hat. Herr Kollege Dr. Brand, be- -geminEführuszweitnRcug
trachten Sie Ihre zweite Frage durch die Antwort der Staatsschutz-Strafsachen, die das Hohe Haus am
Regierung auch als bereits erledigt? Ende der vergangenen Legislaturperiode beschlos-
sen hat, erneute Überlegungen. Der Gesetzentwurf,
der zum rechtspolitischen Sofortprogramm der neuen
Dr. Brand (Pinneberg) (SPD) : Sie ist schon beant-
Bundesregierung gehört, konnte deshalb erst zu
wortet.
Beginn dieser Wahlperiode eingebracht werden.
Eine Zusatzfrage.
Ich rufe die Frage 55 des Abgeordneten Dr. Weber
(Köln) auf: Dr. Weber (Köln) (SPD) : An welchen Umstän-
Wann wird die Bundesregierung einen Gesetzentwurf vorlegen, den lagen diese Schwierigkeiten besonders, Herr
der eine Reform der aus dem Jahre 1898 und 1904 stammenden
Gesetze über die Entschädigung für unschuldig erlittene Haft Bundesminister? Lagen sie an der Einstellung ein-
und Untersuchungshaft vorsieht? zelner Länder?
Das Wort hat der Herr Bundesminister der Justiz.
Jahn, Bundesminister der Justiz: Nein, sie lagen
Jahn, Bundesminister der Justiz: Ich habe der an einer Reihe von neu aufgetauchten Sachfragen,
Bundesregierung vor wenigen Tagen den Entwurf die mit der Gesamtheit der Länder erörtert werden
eines Gesetzes über die Entschädigung für Strafver- mußten und zum Teil auch neue Überlegungen in
folgungsmaßnahmen zugeleitet. Ich erwarte, daß das der Sache selber in meinem Haus erforderlich mach-
Bundeskabinett diese Vorlage in der nächsten ten.
Woche behandeln, verabschieden und dem Bundes-
rat zuleiten wird. Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Bundesminister Jahn
oft recht schleppenden Verfahrensgang zu beschleu- Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
nigen und die Justiz insgesamt zu entlasten, wird Eine Zusatzfrage des Kollegen Vogel.
es leichter möglich sein, Verfahrensverzögerungen
bei der Beweisaufnahme in Kauf zu nehmen. Vogel (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, wären
Die Frage, ob die von Ihnen erwähnten Regelun- Sie bereit, in Ihre Überprüfung auch die Frage ein-
gen in dieser oder ähnlicher Form eingefügt wer- zubeziehen, ob das, was der Herr Kollege von der
den könnten, kann ich angesichts der laufenden Leye hier als Voraussetzung genannt hat, auch wirk-
Überlegungen zur Strafprozeßreform im einzelnen lich so zutrifft?
heute noch nicht beantworten. Bei dem engen Zu-
sammenhang aller das Strafverfahren regelnden Jahn, Bundesminister der Justiz: Ja, selbstver-
Vorschriften erschiene es mir noch verfrüht, im Hin- ständlich werden die Voraussetzungen für eine Re-
blick auf Einzelheiten jetzt schon bündige Antwor- form im Einzelfalle genau geprüft.
ten geben zu wollen..
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen: Eine Zusatzfrage der Frau Kollegin Dr. Diemer-
Meine Damen und Herren, ich kann mich des Ein- Nicolaus.
drucks nicht erwehren, daß die Voraussetzungen
der Richtlinien für die Fragestunde, nach denen die Frau Dr. Diemer - Nicolaus (FDP) : Herr Mini-
Fragen kurzgefaßt sein sollen und auch eine kurze ster, ist es aber zur Zeit nicht so, daß Angeklagte in
Antwort ermöglichen sollen, hier nicht erfüllt sind. guten Vermögensverhältnissen von sich aus Privat-
Ich will dem Herrn Minister keinen Vorwurf machen; gutachten vorlegen können, während Angeklagte,
er hat die Fragen nach besten Kräften beantwortet. die nicht über die entsprechenden Mittel verfügen,
Ich glaube, hier sind auch die Herren Präsidenten dies nicht können und dadurch benachteiligt sind?
angesprochen, was die Zulassung von Fragen im
Hinblick auf die Abwicklung der Fragestunde an-
geht. Jahn, Bundesminister der Justiz: Ich hatte bereits
in meiner Antwort auf die eben gestellte Zusatz-
Herr Kollege Dürr! frage darauf hingewiesen, daß es ein besonders
dringlicher Punkt der Reformüberlegungen sein
Dürr (SPD) : Herr Minister, wird die Bundesregie- muß, die Chancengleichheit aller Angeklagten vor
rung bei der Vorbereitung der Reformgesetze auch Gericht ohne Rücksicht auf ihre soziale Position und
den Gesichtspunkt besonders im Auge behalten, daß Leistungsfähigkeit zu berücksichtigen.
nach geltendem Recht ein wohlhabender Angeklag-
ter auf seine Kosten heute diesen oder jenen Sach-
verständigen bestellen kann, während dies einem Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Ich rufe als nächste Frage die Frage des Kollegen
weniger wohlhabenden Angeklagten heutzutage
nicht möglich ist? de With auf.
Jahn, Bundesminister der Justiz: Ich bin mit Jahn, Bundesminister der Justiz: Ich wäre dank-
bar, wenn ich die beiden Fragen zusammen beant-
Ihnen der Meinung, daß es eine besonders wichtige
worten dürfte.
Frage ist, die Chancengleichheit der Angkelagten
vor Gericht zu sichern, und daß gerade diesem Ge-
sichtspunkt bei den Reformarbeiten im Hinblick auf Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
den Strafprozeß, soweit das irgend möglich ist, Rech- Herr Kollege, wären Sie mit der gemeinsamen Be-
nung getragen werden muß. antwortung einverstanden? — Dann rufe ich beide
Fragen auf:
Vizepräsident Dr. Schmitt -Vockenhausen: Wie ist der Stand der Vorarbeiten für eine Reform des Straf-
verfahrensrechts, zu der die Bundesregierung durch einen ein-
Bitte schön, Herr Kollege Dr. Brand! stimmigen Beschluß des Deutschen Bundestages vom 24. Juni 1964
aufgefordert wurde?
Hält die Bundesregierung Änderungen des Rechtes der Wieder-
Dr. Brand (Pinneberg) (SPD) : Herr Bundesmini- aufnahmeverfahren für zweckmäßig?
ster, ist Ihnen bekannt, daß die Gerichte dazu nei- Das Wort hat der Herr Bundesminister der Justiz.
gen, den Antrag der Verteidigung, einen zweiten
Gutachter zu bestellen, mit der Begründung abzu-
lehnen, die Zuverlässigkeit des ersten Gutachters Jahn, Bundesminister der Justiz: Der Stand der
reiche aus, und außerdem komme ja noch die Sach- Vorarbeiten zu Reformen auf dem Gebiet des Straf-
kunde des Gerichts hinzu? verfahrensrechtes im Bundesministerium der Justiz
entspricht den in den letzten Jahren hierzu gegebe-
nen Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten waren not-
Jahn, Bundesminister der Justiz: Es mag durch- wendig bestimmt einerseits durch die personelle
aus Fälle dieser Art geben; einzelne sind mir selber Ausstattung der Strafrechtsabteilung meines Hauses
bekannt. Nur bitte ich in dem Zusammenhang auch und andererseits durch die von dieser Abteilung ins-
zu sehen, Herr Kollege Brand, daß das Hinzuziehen gesamt zu bewältigenden Aufgaben. Während zu-
eines zweiten Sachverständigen ja nicht in jedem nächst für alle strafverfahrensrechtlichen Aufgaben
Falle ein Allheilmittel zur Findung der Wahrheit ist. lediglich ein Referent und ein Hilfsreferent zur Ver-
(Zustimmung in der Mitte.) fügung standen, so daß an Vorarbeiten für eine um-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969 619
Bundesminister Jahn
fassende Verfahrensreform überhaupt nicht zu den- darauf hinzuweisen, daß eine solche Überlegung sich
ken war, sind für die Gebiete Strafverfahrens- und aufzwingt.
Strafgerichtsverfassungsreform erst seit etwa einem
Jahr zusätzlich zwei Referenten und zwei Hilfsrefe- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
renten vorhanden. Meine Damen und Herren, ich lasse die zwei Zusatz-
Unter Einsatz dieser Kräfte ist es auch gelungen, fragen noch zu; aber dann sind wir im Ende der
die unter dem Gesichstpunkt der Rechtsstaatlichkeit Fragestunde.
vordringlichste und vorher stets ungelöst gebliebene Frau Kollegin Diemer-Nicolaus!
Aufgabe, nämlich die der Einführung eines zweiten
Rechtszuges in Staatsschutz-Strafsachen, durch eine Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Mini-
-
Novelle zum Strafverfahrensrecht und zum Gerichts- ster, Sie haben bezüglich der Strafverfahrensreform
verfassungsrecht zu bewältigen. Im übrigen aber wieder auf den dreistufigen Aufbau der ordentlichen
mußten diese für die Strafverfahrens- und Straf- Gerichtsbarkeit hingewiesen. Aber es geht doch bei
gerichtsverfassungsreform vorgesehenen Kräfte we- der Strafverfahrensreform, an die wir damals auch
gen der Vielfalt dringendster Aufgaben des Bundes- gedacht haben, als im Jahre 1964 diese Entschlie-
justizministeriums für die Arbeit an anderen Ge- ßung unter Ihrer Assistenz — damals als Abgeord-
setzen, insbesondere für die Reform des politischen neter — gefaßt wurde, darum, das Strafverfahren
Strafrechts, für das Straffreiheitsgesetz 1968 und auch in sich, in den einzelnen Instanzen anders zu
schließlich auch noch für die Arbeit an der materiel- gestalten — Zweiteilung des Verfahrens usw. Das
len Strafrechtsreform eingesetzt werden. läßt sich ja nicht einfach mit der Dreizügigkeit lösen.
Die neue Bundesregierung hat sich zum Ziel Wie steht es insoweit mit den Reformvorschlägen?
gesetzt, in dieser Legislaturperiode erste entschei-
dende Schritte zu einer von allen Seiten erwarteten Jahn, Bundesminister der Justiz: Ich kann nur
umfassenden Justizreform einzuleiten, wobei der wiederholen, was ich soeben gesagt habe, Frau
gewichtigste Reformschritt und die entscheidende Kollegin Diemer-Nicolaus. Die Strafrechtsabteilung
Grundlage für alle weiteren Verbesserungen die des Bundesjustizministeriums war in den letzten
Schaffung eines dreistufigen Aufbaus der ordent- Jahren mit anderen dringlichen Themen nicht nur
lichen Gerichtsbarkeit ist. aus-, sondern in einem solchen Maße überlastet,
Ich muß in dem Zusammenhang aber darauf hin- daß für die Inangriffnahme anderer, ebenfalls als
weisen, daß die Bewältigung dieser Probleme zu vordringlich erkannter Reformarbeiten einfach kein
einem wesentlichen Teil davon abhängt, ob es ge- Raum war. Ich kann in diesem Zusammenhang nur
lingt, die zuständigen Abteilungen des Jusitz- sehr herzlich darum bitten, daß das Haus die Be-
ministeriums personell so auszustatten, daß sie der mühungen, die ich zur Zeit unternehme, eine ent-
Vielfalt der Aufgaben tatsächlich gewachsen sind. sprechende personelle Leistungsfähigkeit herzu-
stellen, unterstützt.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
für schwer vertretbar, unter den gegebenen Um- Meine Damen und Herren, wir sind am Ende der
ständen und bei der geschilderten Arbeitslage in Fragestunde. Ich berufe die nächste Sitzung des
meinem Hause auf eine Kommission hinzuwirken, Deutschen Bundestages auf Freitag, den 5. Dezember,
wobei unter Umständen nachher die Lage eintritt, 9 Uhr, ein.
daß die Ergebnisse ihrer Arbeit überhaupt nicht in Die Sitzung ist geschlossen.
angemessener Form und in angemessener Zeit aus-
genutzt werden können. Ich komme nicht umhin, (Schluß der Sitzung: 15.08 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969 621
* Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen der Ver- Das Bundesverfassungsgericht hat durch Beschluß
sammlung der Westeuropäischen Union
vom 2. Oktober 1969 - 1 BvL 12/68 - die ihm vom
** Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen der Beraten-
den Versammlung des Europarats Niedersächsischen Finanzgericht vorgelegte Frage,
*** Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen des Euro- ob § 9 Abs. 1 Nr. 4 EStG 1967 mit dem Grundgesetz
päischen Parlaments vereinbar sei, soweit die Vorschrift eine Herabset-
zung der Kilometerpauschale vorschreibe, bejaht.
Damit sind die verfassungsrechtlichen Bedenken ge-
gen die Herabsetzung der Kilometerpauschale von
Anlage 2 0,50 DM auf 0,36 DM ausgeräumt.
Schriftliche Antwort
Wegen der früheren verfassungsrechtlichen Zwei-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl fel ist eine große Anzahl von Einsprüchen eingelegt
vom 3. Dezember 1969 auf die Mündliche Frage des worden, deren Bearbeitung bis zur Entscheidung des
622 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 4. Dezember 1969
Bundesverfassungsgerichts zurückgestellt worden Die Zurücknahme eines Einspruchs löst nach § 250
war. Die Einsprüche können nunmehr erledigt wer- Satz 2 der Reichsabgabenordnung eine Gebühr aus,
den. Zahlreiche Einsprüche sind nach Bekanntwer- die ein Viertel der in § 10 des Gerichtskostengeset-
den der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zes vorgeschrieben Gebühr beträgt. Die Frage, ob
bereits zurückgenommen worden. Soweit Steuer- von der Erhebung dieser Gebühr abgesehen werden
pflichtige von dieser Möglichkeit aus Unkenntnis kann, wenn die wegen der Herabsetzung der Kilo-
oder in der Annahme, mit der Entscheidung des meterpauschale eingelegten Einsprüche zurückge-
Bundesverfassungsgerichts seien die Einsprüche nommen werden, ist am 7. November 1969 mit Ver-
ohne weiteres hinfällig geworden, keinen Gebrauch tretern der obersten Landesfinanzbehörden bespro-
gemacht haben, halte ich es für geboten, daß die chen worden. Dabei wurde beschlossen, aus Grün-
Finanzämter die Steuerpflichtigen über die Entschei- den der Verwaltungsökonomie die Gebühr nicht zu
dung des Bundesverfassungsgerichts unterrichten erheben, wenn diese im Einzelfall 12,— DM nicht
und sie bitten, im Hinblick auf diese Entscheidung übersteigt. Der Betrag von 12,— DM entspricht einer
die Einsprüche nunmehr zurückzunehmen. Ich werde (vollen) Gebühr von 48,— DM und mithin einem
die Lohnsteuerreferenten der Länder in der nächsten Streitwert von (höchstens) 1400,— DM. Da ein
Besprechung bitten, die Finanzämter in diesem Sinne Streitwert in dieser Höhe bei einem Einspruch, der
anzuweisen. Verschiedene Länder werden, um zu sich gegen die Herabsetzung der Kilometerpauschale
vermeiden, daß sich die Finanzämter in jedem Ein- richtet, in der Regel nicht überschritten werden
zelfall mit den Steuerpflichtigen wegen der Ein- dürfte, bedeutet die am 7. November 1969 beschlos-
spruchsrücknahme in Verbindung setzen müssen, sene Regelung, daß bei der Zurücknahme solcher
eine entsprechende Presseveröffentlichung veranlas- Einsprüche im Regelfall von der Erhebung der Ein-
sen. spruchsgebühr abzusehen sein wird.