PGD5
PGD5
Nervenarzt
[Link]
Online teilnehmen
Der Nervenarzt
CME
Lernziele
Nach der Lektüre dieses Beitrages soll der Leser ...
4 die anhaltende Trauerstörung erkennen und
4 diese differenzialdiagnostisch von anderen Störungen abgrenzen können,
4 wissen, welche diagnostischen Verfahren angewandt werden und
4 welche therapeutischen Maßnahmen hilfreich sind.
Trauer ist eine normale emotionale Reaktion auf den Verlust einer nahestehenden Person und
damit nicht per se pathologisch. Sie dient dazu, sich an die neue und unwiderruflich veränderte
Die Intensität der Trauer lässt in Lebenssituation anzupassen. Gelingt diese Anpassung, so lässt die Intensität der Trauer in der
der Regel innerhalb der ersten Regel innerhalb der ersten 6 Monate nach. Hinterbliebene können sich nach einiger Zeit wieder
6 Monate nach ihrem Alltag und ihren sozialen Beziehungen zuwenden und den Verlust integrieren. Bei einigen
Hinterbliebenen kommt es jedoch zu Störungen im Trauerprozess, wodurch die Symptomatik per-
sistiert und eine pathologische Trauerreaktion – die anhaltende Trauerstörung (ATS) – resultieren
kann.
Keywords
Bereavement · Pathological grief · Depression · Posttraumatic stress disorder · Treatment options
Der Nervenarzt
CME
Einen wesentlichen Unterschied zwischen den Klassifikationssystemen (DSM-5 und ICD-11) Einen wesentlichen Unterschied
stellt das Zeitkriterium dar. Im DSM-5 liegt dieses bei frühestens 12 Monaten nach dem Verlust, zwischen DSM-5 und ICD-11 stellt
während für die ICD-11 frühestens 6 Monate nach dem Verlust vorgeschlagen werden, wobei das Zeitkriterium dar
der kulturelle Hintergrund berücksichtigt werden sollte [4, 5].
Das Zeitkriterium wird immer wieder kontrovers diskutiert. Eine Befragung medizinischer
Fachpersonen (u. a. Psychiater, Psychotherapeuten, Hausärzte, Krankenschwestern/-pfleger) zeigte,
dass die Mehrheit (49,2 %) das 12-Monats-Kriterium befürwortet, im Gegensatz zu 6 Monaten
(11,3 %; [6]). Andererseits demonstrierte eine Studie, dass ATS-Symptome 6 bis 12 Monate
Der Nervenarzt
CME
nach dem Verlust eine hohe Korrelation mit komorbiden psychischen Störungen, suizidalen
Tendenzen, Funktionseinschränkungen und schlechterer Lebensqualität 12 bis 24 Monate nach
Ein 6-Monats-Kriterium würde eine dem Verlust aufweisen. Die Autoren bezeichnen daher das 12-Monats-Kriterium als arbiträr
frühzeitige Behandlung ermög- [2]. Ein 6-Monats-Kriterium würde Hinterbliebenen mit hohem Leidendruck und deutlichen
lichen und einer Chronifizierung funktionalen Einschränkungen die frühzeitige Inanspruchnahme einer Behandlung ermöglichen
vorbeugen und einer Chronifizierung vorbeugen.
Differenzialdiagnostik
Verschiedene Untersuchungen konnten zeigen, dass die ATS ein eigenes Symptomcluster aufweist
und damit von anderen psychischen Störungen differenzierbar ist (z. B. [19, 20]).
Depression
Mit dem Störungsbild der Depression liegen Symptomüberschneidungen (z. B. Traurigkeit, ver-
mehrtes Weinen, Schlafstörungen, Suizidgedanken) vor. Beide Störungen können komorbid,
aber auch unabhängig voneinander auftreten und diagnostiziert werden. Bei der ATS steht als
Bei der Depression muss kein Auslöser der Verlust einer nahestehenden Person im Vordergrund, wobei bei der Depression
spezifischer Auslöser vorhanden kein spezifischer Auslöser vorhanden sein muss. Zudem unterscheiden sich die Leitsymptome
sein beider Störungen. Bei der ATS sind die Sehnsucht und das Verlangen nach dem Verstorbenen
Kernsymptome, wohingegen die Depression durch Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und
Antriebslosigkeit gekennzeichnet ist. Auch die für die Depression typischen Gefühle von eigener
Wertlosigkeit und Scham sowie ein geringer Selbstwert sind für die ATS nicht spezifisch (können
jedoch auch auftreten).
Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist das Zeitkriterium. Eine depressive Störung kann
diagnostiziert werden, wenn die entsprechenden Symptome mindestens 2 Wochen bestehen.
Eine ATS kann frühestens 6 (nach ICD-11) bzw. 12 Monate (nach DSM-5) nach dem Verlust
diagnostiziert werden [3, 21].
Posttraumatische Belastungsstörung
Die ATS weist zudem Symptomüberschneidungen mit der PTBS auf, was eine Differenzierung
Beiden Störungen liegt ein ein- der beiden Störungsbilder erschwert. Beiden Störungen liegt ein einschneidendes Lebensereignis
schneidendes Lebensereignis zugrunde, welches sowohl Intrusionen und Ängste als auch Vermeidungsverhalten verursachen
zugrunde kann. Bei der ATS kreisen die Gedanken und Erinnerungen um die verstorbene Person (ein-
schließlich positiver Aspekte) und im Vordergrund steht vor allem Trennungsangst. Bei der PTBS
Der Nervenarzt
CME
kommt es zu Intrusionen und Ängsten in Bezug auf das erlebte oder beobachtete Trauma, wobei
die Symptome mindestens 4 Wochen vorhanden sein müssen [3].
Vermeidungsverhalten zeigt sich hier durch die dauerhafte Vermeidung von Reizen und
Erinnerungen, die im Zusammenhang mit der traumatischen Erfahrung stehen. Bei der ATS
werden Erinnerungen an den Verlust vermieden, was die Akzeptanz des Todes erschwert, bei
oftmals vorhandener übermäßiger Beschäftigung mit und Sehnsucht nach dem Verstorbenen [3,
9].
Anpassungsstörung
Überschneidungen finden sich auch mit der Anpassungsstörung, welche durch emotionale und Die Anpassungsstörung ist durch
behaviorale Symptome als Reaktionen auf einen identifizierbaren Belastungsfaktor charakterisiert emotionale/behaviorale Symptome
ist, wobei in der ICD-10 ein Trauerfall eingeschlossen ist. Beim Vorliegen einer ATS wird daher als Reaktion auf eine identifizierba-
häufig eine Anpassungsstörung kodiert, da die ATS noch keine eigenständige Diagnose ist. In re Belastung charakterisiert
der kommenden 11. Revision der ICD sollen sowohl die ATS als auch unkomplizierte Trauer als
Ausschlusskriterium für eine Anpassungsstörung formuliert werden, sodass nach einem Trauerfall
keine Anpassungsstörung diagnostiziert werden kann [3, 22].
Messinstrumente
Zur Erhebung der ATS gibt es mittlerweile verschiedenste Messinstrumente. Ein häufig ange-
wandtes Selbstauskunftsinstrument ist das Inventory of Complicated Grief (ICG), welches bereits Das Inventory of Complicated Grief
1995 von Prigerson und Kollegen entwickelt wurde und international Anwendung findet [28]. Der (ICG) wird international angewandt
Fragebogen besteht aus 19 Items und wurde auch in deutschsprachiger Form evaluiert. Vorteile
des Messinstrumentes sind die gute Retestreliabilität und sehr gute interne Konsistenz. Allerdings
erfasst der Fragebogen die aktuellen Kriterien der ATS nach DSM-5 oder ICD-11 nicht vollständig.
Später wurde eine Kurzform des ICG auf Basis der vorgeschlagenen Diagnosekriterien für DSM Die Prolonged Grief Scale (PG-13)
und ICD entwickelt: die Prolonged Grief Scale (PG-13; [4]), die eine gute interne Konsistenz ist die Kurzform des ICG
aufweist, aber ebenfalls die aktuellsten Kriterien nicht vollständig erfasst.
Um alle derzeitigen Kriterien zu erheben, haben Boelen und Smid ein weiteres Messinstrument
auf Basis des ICG entwickelt: das Traumatic Grief Inventory Self-Report Version (TGI-SR; [29]).
Es besteht aus insgesamt 18 Items und erwies sich vorläufig in einer ersten Validierungsstudie
als reliabel und valide. Weitere Validierungsstudien sind jedoch notwendig. Zudem liegt bisher
keine deutsche Version des Instrumentes vor.
Der Nervenarzt
CME
Als vielversprechendes Interviewverfahren kann das Structured Clinical Interview for Com-
plicated Grief (SCI-CG, 31 Items) von Bui und Kollegen angesehen werden [30], welches reliabel
und valide die Diagnosekriterien abfragt. Allerdings ist derzeit ebenfalls noch keine deutsche
Version des Interviews verfügbar.
Aktuell empfiehlt sich daher weiterhin der Einsatz der PG-13 oder des ICG, welche ökonomisch
als Screeninginstrumente eingesetzt werden können.
Psychotherapeutische Intervention
Werden die Kriterien der ATS nicht erfüllt, ist in der Regel keine psychotherapeutische Inter-
vention indiziert. Äußern Hinterbliebene dennoch den Wunsch nach Hilfe, so können sie durch
Psychoedukation zum Trauerprozess und den damit verbundenen Emotionen unterstützt werden.
Viele erleben es als hilfreich, in einem Gespräch die Beziehung zum Verstorben zu reflektieren.
Hierfür eignen sich z. B. Selbsthilfegruppen. Darüber hinausgehende Interventionen sind nicht
erforderlich und es gibt Hinweise darauf, dass diese den normalen Trauerverlauf sogar negativ
beeinflussen können [31].
Bei diagnostizierter ATS ist eine Wird eine ATS diagnostiziert, so ist eine spezifische psychotherapeutische Intervention sinnvoll.
spezifische psychotherapeutische Empirisch untersucht wurden bisher vor allem kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze. Das
Intervention sinnvoll kognitiv-behaviorale Modell der ATS beschreibt drei zentrale Prozesse, die zur Entstehung und
Aufrechterhaltung der ATS beitragen:
1. ungenügende Integration des Verlustes in das autobiografische Wissen,
2. negative Annahmen über die Welt, sich selbst, die Zukunft und über die eigenen Trauerreak-
tionen und
3. die Anwendung von Vermeidungsstrategien [32].
Aus diesen Prozessen leiten sich Ansatzpunkte für die psychotherapeutische Behandlung ab. Ne-
Mithilfe kognitiver Umstruktu- ben der Integration des Verlustes in das eigene biografische Wissen, sollten mithilfe kognitiver
rierung sollten zentrale negative Umstrukturierung zentrale negative Annahmen und Fehlinterpretationen verändert werden. Um
Annahmen und Fehlinterpretatio- den Vermeidungsstrategien entgegenzuwirken, sollten Expositionstechniken angewandt werden,
nen verändert werden bei denen die Betroffenen mit vermiedenen Aspekten des Verlustes (z. B. bestimmte Orte, Erinne-
rungen) und den damit einhergehenden Emotionen konfrontiert werden. Zudem sollten sie dabei
unterstützt werden, neue Lebensziele zu setzen und bedeutungsvollen Aktivitäten nachzugehen
[33].
Die trauerspezifische integrative Ein Therapieansatz, der diese Elemente beinhaltet, ist die trauerspezifische integrative kognitive
KVT umfasst Gestalttherapie, Verhaltenstherapie (KVT; Integrative Cognitive Behavioural Therapy for Prolonged Grief, PG-
systemische Familientherapie und CBT) von Rosner und Kollegen [34]. Diese umfasst neben der klassischen KVT auch Elemente
Psychodrama aus der Gestalttherapie, der systemischen Familientherapie und dem Psychodrama. In einer
randomisiert kontrollierten Studie konnten gute Effektstärken nachgewiesen werden (Intention-
to-treat-Analyse d = 1,32, Completer-Analyse d = 1,61; [35]).
Neben den klassischen Face-to-face-Therapien werden auch immer häufiger internetbasierte
Interventionsprogramme erforscht und entwickelt. Ein trauerspezifisches Internettherapiepro-
gramm wurde 2006 von Wagner und Kollegen entwickelt, indem die Betroffenen spezifische
Schreibaufgaben bearbeiten, welche sich in verschiedenen Studien als wirksam erwiesen [36].
Pharmakologische Intervention
Bisher sind wenige Studien zur Pharmakotherapie bei ATS verfügbar und die Ergebnisse sind un-
einheitlich. Die erste randomisiert kontrollierte Studie fand bei der Gabe eines Antidepressivums
ausschließlich eine Reduktion der depressiven Symptomatik, nicht aber der ATS [37]. Spätere
Open-label- und Fallstudien wiesen hingegen darauf hin, dass selektive Serotoninwiederaufnah-
Open-label- und Fallstudien zeigten mehemmer (SSRI) einen positiven Einfluss auf die Trauersymptomatik haben. Weiterhin zeigte
einen positiven Einfluss von SSRI sich, dass Patienten mit antidepressiver Medikation seltener die psychotherapeutische Behand-
auf die Trauersymptomatik lung der ATS abbrechen als Patienten ohne Medikation (für eine Übersicht siehe [38]). In einer
aktuellen Studie mit 395 Patienten mit ATS wurde die Effektivität von Citalopram (vs. Placebo) in
Der Nervenarzt
CME
Kombination mit und ohne Psychotherapie untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass spezifische
Psychotherapie das Mittel der ersten Wahl darstellt. Citalopram hatte keinen Effekt auf die ATS,
konnte aber komorbid auftretende depressive Symptome lindern. Allerdings weisen die Autoren
darauf hin, dass unter Umständen die Dosis mit 40 mg zu gering war, um entsprechende Effekte auf
die ATS nachzuweisen [39]. Aufgrund der bisher geringen Studienzahl und der uneinheitlichen
Befundlage ist weitere Forschung zur Pharmakotherapie der ATS notwendig.
Korrespondenzadresse
J. Treml, [Link].-Psych.
Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum
Leipzig
Semmelweisstr. 10, 04103 Leipzig, Deutschland
[Link]@[Link]
Interessenkonflikt. J. Treml und A. Kersting geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.
Literatur
1. Horowitz M, Bonanno G, Ho- 11: the primacy of clinical uti- bereavement issues for DSM-5.
len A (1993) Pathological lity and international applicabi- Depress Anxiety 28(2):103–117
grief—diagnosis and explanation. lity. Eur J Psychotraumatology 11. Neria Y, Gross R, Litz B, Maguen S,
Psychosom Med 55(3):260–273 8(sup6):1476441 Insel B, Seirmarco G et al (2007)
2. Maciejewski PK, MaerckerA, Boelen 6. Dietl L, Wagner B, Fydrich T (2018) Prevalence and psychological
PA, Prigerson HG (2016) „Prolonged User acceptability of the diagnosis correlates of complicated grief
grief disorder“ and „persistent of prolonged grief disorder: How among bereaved adults 2.5–3.5
complex bereavement disorder“, do professionals think about years after September 11th attacks.
but not „complicated grief“, are inclusion in ICD-11? J Affect Disord J Trauma Stress 20(3):251–262
one and the same diagnostic 229:306–313 12. Newson RS, Boelen PA, Hek K,
entity: an analysis of data from 7. Lundorff M, Holmgren H, Za- Hofman A, Tiemeier H (2011) The
the Yale Bereavement Study. World chariae R, Farver-Vestergaard I, prevalence and characteristics of
Psychiatry 15(3):266–275 O’Connor M (2017) Prevalence of complicated grief in older adults.
3. Falkai P, Wittchen H-U, Döpfner M, prolonged grief disorder in adult J Affect Disord 132(1–2):231–238
American Psychiatric Association bereavement: A systematic review 13. Sung SC, Dryman MT, Marks E,
(Hrsg) (2015) Diagnostisches und and meta-analysis. J Affect Disord Shear MK, Ghesquiere A, Fava M et
statistisches Manual psychischer 212:138–149 al (2011) Complicated grief among
®
Störungen DSM-5 . Hogrefe, 8. Kersting A, Brähler E, Glaesmer individuals with major depression:
Göttingen H, Wagner B (2011) Prevalence of prevalence, comorbidity, and
4. Prigerson HG, Horowitz MJ, Jacobs complicated grief in a represen- associated features. J Affect Disord
SC, Parkes CM, Aslan M, Goodkin tative population-based sample. 134(1–3):453–458
K et al (2009) Prolonged Grief J Affect Disord 131(1–3):339–343 14. Marques L, Bui E, LeBlanc N, Porter
Disorder: Psychometric Validation 9. Shear K (2015) Complicated Grief. E, Robinaugh D, Dryman MT et al
of Criteria Proposed for DSM-V and N Engl J Med 372(2):153–160 (2013) COMPLICATED GRIEF SYMP-
ICD-11. Plos Med 6(8):e1000121 10. Shear K, Simon N, Wall M, Zisook TOMS IN ANXIETY DISORDERS:
5. Killikelly C, Maercker A (2018) S, Neimeyer R, Duan N et al (2011) PREVALENCE AND ASSOCIATED
Prolonged grief disorder for ICD- Complicated grief and related IMPAIRMENT: Complicated Grief in
Der Nervenarzt
CME
Anxiety Disorders. Depress Anxiety 24. Lobb EA, Kristjanson LJ, Aoun SM, sive quantitative review. Psychol
30(12):1211–1216 Monterosso L, Halkett GKB, Davies Bull 134(5):648–661
15. Simon NM, Pollack MH, Fischmann A (2010) Predictors of Complicated 32. Boelen PA, Van Den Hout MA, Van
D, Perlman CA, Muriel AC, Moore Grief: A Systematic Review of Den Bout J (2006) A Cognitive-
CW et al (2005) Complicated grief Empirical Studies. Death Stud Behavioral Conceptualization of
and its correlates in patients with 34(8):673 Complicated Grief. Clin Psychol Sci
bipolar disorder. J Clin Psychiatry 25. Boelen PA, van den Bout J, van Pract 13(2):109–128
66(9):1105–1110 den Hout MA (2006) Negative 33. Doering BK, Eisma MC (2016)
16. Simon NM (2013) Treating compli- cognitions and avoidance in emo- Treatment for complicated grief:
cated grief. JAMA 310(4):416–423 tionalproblemsafterbereavement: state of the science and ways
17. Simon NM, Shear KM, Thompson a prospective study. Behav Res Ther forward. Curr Opin Psychiatry
EH, Zalta AK, Perlman C, Reynolds 44(11):1657–1672 29(5):286–291
CF et al (2007) The prevalence 26. Mancini AD, Sinan B, Bonanno 34. Rosner R, Pfoh G, Kotoučová M
and correlates of psychiatric co- GA (2015) Predictors of Prolonged (2011) Treatment of complicated
morbidity in individuals with com- Grief, Resilience, and Recovery grief. Eur J Psychotraumatology
plicated grief. Compr Psychiatry Among Bereaved Spouses: Predic- 2(1):7995
48(5):395–399 tors of Bereavement Trajectories. 35. Rosner R, Bartl H, Pfoh G, Kotoučová
18. Latham AE, Prigerson HG (2004) J Clin Psychol 71(12):1245–1258 M, Hagl M (2015) Efficacy of an
Suicidality and bereavement: 27. Tsai W-I, Prigerson HG, Li C- integrative CBT for prolonged grief
Complicated grief as psychiatric Y, Chou W-C, Kuo S-C, Tang ST disorder: A long-term follow-up.
disorder presenting greatest risk (2016) Longitudinal changes and J Affect Disord 183(1):106–112
for suicidality. Suicide Life Threat predictors of prolonged grief for 36. Wagner B, Knaevelsrud C, Maercker
Behav 34(4):350–362 bereaved family caregivers over the A (2006) Internet-based cognitive-
19. Lichtenthal WG, Cruess DG, Pri- first 2years after the terminally ill behavioral therapy for complicated
gerson HG (2004) A case for cancer patient’s death. Palliat Med grief: A randomized controlled trial.
establishing complicated grief as 30(5):495–503 Death Stud 30(5):429–453
a distinct mental disorder in DSM-V. 28. Prigerson HG, Maciejewski PK, 37. Reynolds C, Miller M, Pasternak R,
Clin Psychol Rev 24(6):637–662 Reynolds CF, Bierhals AJ, Newsom Frank E, Perel J, Cornes C et al (1999)
20. Tsai W-I, Kuo S-C, Wen F-H, Priger- JT, Fasiczka A et al (1995) Inventory Treatment of bereavement-related
son HG, Tang ST (2018) Prolonged of complicated grief: A scale to major depressive episodes in later
grief disorder and depression are measure maladaptive symptoms of life: a randomized, double-blind,
distinct for caregivers across their loss. Psychiatry Res 59(1–2):65–79 placebo-controlled study of acute
first bereavement year. Psychoon- 29. BoelenPA, SmidGE(2017)TheTrau- and continuation treatment with
cology 27(3):1027–1034 matic Grief Inventory Self-Report nortriptyline and interpersonal
21. Maercker A, Brewin CR, Bryant RA, Version (TGI-SR): Introduction and psychotherapy. Am J Psychiatry
Cloitre M, van Ommeren M, Jones Preliminary Psychometric Evaluati- 156:202–208
LM et al (2013) Diagnosis and clas- on. J Loss Trauma 22(3):196–212 38. Bui E, Nadal-Vicens M, Simon MN
sification of disorders specifically 30. Bui E, Mauro C, Robinaugh DJ, (2012) Pharmacological approa-
associated with stress: propo- Skritskaya NA, Wang Y, Gribbin C ches to the treatment of compli-
sals for ICD-11. World Psychiatry et al (2015) The Structured Clinical cated grief: rationale and a brief
12(3):198–206 Interview for Complicated Grief: review of the literature. Dialogues
22. Luciano M (2015) The ICD-11 beta Reliability, validity, and exploratory Clin Neurosci 14(2):149–157
draft is available online. World factor analysis. Depress Anxiety 39. Shear MK, Reynolds CF, Simon NM,
Psychiatry 14(3):375–376 32(7):485–492 Zisook S, Wang Y, Mauro C et al
23. Fernández-Alcántara M, Zech E 31. Currier JM, Neimeyer RA, Berman (2016) Optimizing Treatment of
(2017)OneorMultipleComplicated JS (2008) The effectiveness of psy- Complicated Grief: A Randomized
Grief(s)? The Role of Kinship on chotherapeutic interventions for Clinical Trial. JAMA Psychiatry
Grief Reactions. Clin Psychol Sci bereaved persons: A comprehen- 73(7):685
5(5):851–857
Der Nervenarzt
[Link]
CME-Fragebogen
Teilnahme am zertifizierten Kurs auf [Link]
- Der Teilnahmezeitraum beträgt 12 Monate, den Teilnahmeschluss finden Sie online beim CME-Kurs.
- Fragen und Antworten werden in zufälliger Reihenfolge zusammengestellt.
- Pro Frage ist jeweils nur eine Antwort zutreffend.
- Für eine erfolgreiche Teilnahme müssen 70 % der Fragen richtig beantwortet werden.
? Inwiefern wird die anhaltende Trauer- ◯ Ca. 10 % Niedergeschlagenheit als auch mit Sehn-
störung in den diagnostischen Klassifi- ◯ Ca. 21 % sucht einhergehen.
kationssystemen aufgelistet? ◯ Ca. 5 % ◯ Sowohl bei der anhaltenden Trauerstö-
◯ In der 5. Ausgabe des DSM wird die rung als auch bei der posttraumatischen
anhaltende Trauerstörung als eigenstän- ? Welche Komorbiditäten wurden im Belastungsstörung steht Trennungs-
dige Diagnose klassifiziert. Zusammenhang mit der anhaltenden angst im Vordergrund.
◯ Die anhaltende Trauerstörung ist in der Trauerstörung in der gesichteten Lite-
aktuellen 10. Revision der ICD als eine ratur häufig berichtet? ? Welche der Gruppen von Risikofakto-
Unterform der Depression aufgelistet. ◯ Schlafstörungen, posttraumatische Be- ren für eine anhaltende Trauerstörung
◯ In die kommende 11. Revision der ICD lastungsstörung, Impulskontrollstörung enthält ausschließlich nachgewiesene
soll die anhaltende Trauerstörung als ◯ Schlafstörungen, Depressionen, post- Faktoren?
Unterform der posttraumatischen Belas- traumatische Belastungsstörungen ◯ Enge Beziehung zum Verstorbenen, na-
tungsstörung aufgenommen werden. ◯ Depression, Impulskontrollstörungen, türliche Todesumstände, weibliches Ge-
◯ Die anhaltende Trauerstörung ist im Schlafstörungen schlecht, psychische Vorerkrankungen
DSM-5 in Sektion III unter klinische ◯ Posttraumatische Belastungsstörung, und junges Lebensalter
Erscheinungsbilder mit weiterem For- Persönlichkeitsstörungen, Depression ◯ Enge Beziehung zum Verstorbenen, ge-
schungsbedarf aufgenommen. ◯ Depression, Schlafstörung und Persön- waltsame oder plötzliche Todesumstän-
◯ Die anhaltende Trauerstörung wird im lichkeitsstörung de, männliches Geschlecht, ängstlicher
DSM-5 unter nicht näher bezeichnete Bindungsstil und geringer Selbstwert
depressive Störung gefasst. ? Welche der nachfolgenden Aussagen ◯ Natürliche Todesumstände, männliches
zur Differenzialdiagnostik ist richtig? Geschlecht, Alkohol- und/oder Drogen-
? Welches Diagnosekriterium gehört ◯ Verschiedene Untersuchungen konn- missbrauch und hohes Lebensalter
nicht zur anhaltenden Trauerstörung? ten zeigen, dass die anhaltende Trau- ◯ Gewaltsame oder plötzliche Todesum-
◯ Die Symptome verursachen in klinisch erstörung ein eigenes Symptomclus- stände, männliches Geschlecht, geringer
bedeutsamer Weise Funktionsbeein- ter aufweist und keine Symptomüber- Selbstwert und junges Lebensalter
trächtigungen. schneidungen mit anderen psychischen ◯ Enge Beziehung zum Verstorbenen, ge-
◯ Es besteht eine anhaltende Sehnsucht Störungen vorhanden sind. waltsame oder plötzliche Todesumstän-
nach dem Verstorbenen. ◯ Suizidgedanken sind ein diagnostisches
de, weibliches Geschlecht, psychische
◯ Es kommt zu wiederkehrenden, belas- Kriterium der Depression und treten bei Vorerkrankungen, hohes Lebensalter
tenden Alpträumen in Bezug auf den der anhaltenden Trauerstörung in der und Alkohol- und/oder Drogenmiss-
Verlust. Regel nicht auf. brauch
◯ Betroffene haben Schwierigkeiten, den ◯ Der anhaltenden Trauerstörung und der
Tod zu akzeptieren. posttraumatischen Belastungsstörung ? Welche Messinstrumente eignen sich
◯ Betroffene haben Schwierigkeiten, das liegt ein einschneidendes Lebenser- derzeit als Screeningverfahren für die
eigene Leben weiterzuführen (z. B. Inte- eignis zugrunde, welches Intrusionen, anhaltende Trauerstörung?
ressen zu verfolgen, Freundschaften zu Ängste sowie Vermeidungsverhalten ◯ Das Inventory of Complicated Grief (ICG)
schließen). verursachen kann. und die Prolonged Grief Scale (PG-13)
◯ Die Leitsymptome der Depression und ◯ Das Strukturierte Klinische Interview für
? Wie viel Prozent der Trauernden entwi- der anhaltenden Trauerstörung über- DSM-IV (SKID-I) und das Traumatic Grief
ckeln eine anhaltende Trauerstörung? schneiden sich, da beide sowohl mit Inventory Self-Report Version (TGI-SR)
◯ Ca. 1 % ◯ Das Traumatic Grief Inventory Self-Re-
◯ Ca. 42 % port Version (TGI-SR) und das Diag-
Der Nervenarzt
CME-Fragebogen
nostische Interview bei psychischen ? Welche Aussage zur psychotherapeu- ? Eine 64-jährige, leicht alkoholisier-
Störungen (DIPS) tischen Behandlung der anhaltenden te Frau kommt 9 Monate nach dem
◯ Die Prolonged Grief Scale (PG-13) oder Trauerstörung ist falsch? Verlust ihres Ehemannes durch einen
das Strukturierte Klinische Interview für ◯ Zentrale Bestandteile der psychothera- Autounfall in die Sprechstunde und be-
DSM-IV (SKID-I) peutischen Behandlung der ATS sollten richtet spontan folgende Symptome:
◯ Derzeit existieren keine geeigneten kognitive Umstrukturierung negativer Schlafstörungen, Sehnsucht nach dem
Messinstrumente. Annahmen und Konfrontation mit bis- Ehemann, Traurigkeit, häufiges Wei-
her vermiedenen Aspekten des Verlustes nen, Rückzug, Gewichtsverlust (–3 kg).
? Wie und wann sollte die therapeuti- sein. Wie sollte therapeutisch vorgegangen
sche Behandlung von Trauer erfolgen? ◯ Die trauerspezifische integrative kog- werden?
◯ Der Trauerprozess nach einem Verlust nitive Verhaltenstherapie von Rosner ◯ Die Patientin sollte an einen Psycho-
sollte direkt psychotherapeutisch be- und Kollegen umfasst neben der klas- therapeuten überwiesen werden, eine
gleitet werden, um einer anhaltenden sischen kognitiven Verhaltenstherapie pharmakotherapeutische Behandlung
Trauerstörung vorzubeugen. auch Elemente aus der Gestalttherapie, ist nicht erforderlich.
◯ Eine pharmakotherapeutische Behand- der systemischen Familientherapie und ◯ Die Patientin berichtet ausschließlich
lung ist 6 Monate nach Verlust einer dem Psychodrama. depressive Symptome, daher sollte ein
nahestehenden Person das Mittel der ◯ In der psychotherapeutischen Behand- Antidepressivum verschrieben werden,
ersten Wahl zur Behandlung der anhal- lung sollte neben der verlustorientierten wodurch die Symptome abklingen soll-
tenden Trauerstörung. Arbeit auch zukunftsorientiert gearbei- ten.
◯ Es sollten zuerst eventuelle komorbide tet werden, in dem z. B. neue Lebensziele ◯ Die Frau gehört nicht zur Risikogrup-
psychische Erkrankungen (z. B. Depres- gesetzt werden. pe für eine anhaltende Trauerstörung,
sionen) behandelt werden, da hierdurch ◯ Neben der Face-to-face-Therapie wur- daher ist die Diagnose einer Depres-
die anhaltende Trauerstörung nachlässt. den wirksame internetbasierte Interven- sion naheliegend und Psychotherapie
◯ Eine spezifische psychotherapeutische tionsprogramme entwickelt, in denen angezeigt.
Behandlung ist beim Vorliegen einer an- Betroffene durch Schreibaufgaben den ◯ Da der Verlust noch nicht mindestens
haltenden Trauerstörung das Mittel der Verlust verarbeiten lernen. 12 Monate her ist, sollte vorerst keine
ersten Wahl. ◯ Bei der Behandlung der anhaltenden Behandlung erfolgen.
◯ Eine medikamentöse Mitbehandlung Trauerstörung sollte auf Expositions- ◯ Eine genaue Exploration und diagnos-
sollte immer neben einer Psychothera- techniken verzichtet werden, da diese tische Abklärung ist erforderlich. Beim
pie etwa 12 Monate nach dem Verlust nur beim Vorliegen einer posttraumati- Vorliegen einer anhaltenden Trauerstö-
erfolgen. schen Belastungsstörung indiziert sind. rung und depressiver Symptome sollte
eine Psychotherapie mit ggf. medika-
mentöser Mitbehandlung erfolgen.
Der Nervenarzt