Skript Elektrodynamik
Skript Elektrodynamik
Elektrodynamik
Dirk H. Rischke
Wintersemester 2010/2011
Inhaltsverzeichnis
i
Inhaltsverzeichnis
2 Elektrostatik 69
2.1 Grundgleichungen der Elektrostatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.1.1 Poisson-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.1.2 Lösung der Poisson-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
2.1.3 Elektrostatische Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
2.2 Einfache elektrostatische Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.2.1 Felder an Grenzflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.2.2 Plattenkondensator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
2.3 Randwertprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.3.1 Poisson-Gleichung mit Randbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.3.2 Klassifizierung von Randbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
2.3.3 Greensche Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2.3.4 Methode der Spiegelladungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung . . . . . . . . . . . . . . 98
2.4.1 Vollständige Funktionensysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
2.4.2 Fourier-Reihen und Fourier-Integrale . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.4.3 Laplace-Gleichung in Kugelkoordinaten und Kugelflächenfunktionen 106
2.4.4 Multipolentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
3 Magnetostatik 120
3.1 Grundgleichungen der Magnetostatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
3.1.1 Gesetz von Biot-Savart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
3.1.2 Kontinuitätsgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.2 Ampèresches Gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.3 Ohmsches Gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
3.3.1 Herleitung des Ohmschen Gesetzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
3.3.2 Mikroskopische Betrachtung zur elektrischen Leitfähigkeit . . . . . 129
3.4 Magnetisches Moment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4 Elektrodynamik 136
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
4.1.1 Homogene Wellengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
4.1.2 Ebene Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
4.1.3 Polarisation ebener Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
4.1.4 Allgemeine Lösung der homogenen Wellengleichung . . . . . . . . . 149
4.1.5 Wellenpakete . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
4.1.6 Aberration und Doppler-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
4.2 Erzeugung elektromagnetischer Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
4.2.1 Inhomogene Wellengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
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Inhaltsverzeichnis
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Inhaltsverzeichnis
iv
1 Grundlagen der Elektrodynamik 20.10.2010
Die Elektrodynamik ist die erste echte Feldtheorie, die uns in der Theoretischen
Physik begegnet. Sie wurde von James Clark Maxwell 1861 - 1864 entwickelt und stellt
eine vereinheitlichte Beschreibung aller Phänomene dar, die von elektrischer bzw.
magnetischer Natur sind. Sie beschreibt außerdem die Ausbreitung elektromagneti-
scher Wellen, also insbesondere von Lichtwellen. Es konnte gezeigt werden, dass die
Strahlenoptik als Spezialfall der Elektrodynamik anzusehen ist für den Fall, dass die
Wellenlänge des Lichtes klein im Vergleich zur Ausdehnung der Objekte ist, an denen das
Licht gestreut wird.
Als Theorie der Lichtausbreitung muss die Elektrodynamik den Gesetzen der Spe-
ziellen Relativitätstheorie genügen, also insbesondere mit den Einsteinschen Pos-
tulaten kompatibel sein. Mit anderen Worten: sie muss als relativistisch kovariante
Theorie formulierbar sein.
Die Elektrodynamik wird in dieser Vorlesung auf rein klassischem Niveau behan-
delt. Sie ist aber ohne weiteres zu einer Quantenfeldtheorie verallgemeinerbar, der sog.
Quantenelektrodynamik (QED).
Die zentralen Größen der Elektrodynamik sind elektrische und magnetische Fel-
der. Ein Feld ist eine Größe, die an jedem Raum-Zeitpunkt einen wohldefinierten Wert
annimmt. Dies steht im Gegensatz zu mechanischen Massenpunkten, die sich lediglich
an einem speziellen Ort zu einer gegebenen Zeit befinden. Deren Dynamik haben
wir in den ersten beiden Vorlesungen “Theoretische Physik I: Klassische Mechanik” und
“Theoretische Physik II: Analytische Mechanik und Spezielle Relativitätstheorie” kennen-
gelernt. In dieser Vorlesung beschäftigen wir uns mit der Dynamik elektromagnetischer
Felder.
Wie in der Vorlesung “Theoretische Physik II: Analytische Mechanik und Spezielle Re-
lativitätstheorie” gesehen, kann man den Lagrange-Formalismus für Massenpunkte auch
auf Felder verallgemeinern. Dazu benötigt man anstelle der Lagrange-Funktion die sog.
Lagrange-Dichte. Aus der Lagrange-Dichte leitet man mit Hilfe der Euler-Lagrange-
Gleichungen die Bewegungsgleichungen für die Felder ab.
In diesem Kapitel rekapitulieren wir zunächst den Lagrange-Formalismus für Felder, be-
vor wir ihn zur Herleitung der Bewegungsgleichungen für die elektromagnetischen Felder,
der sog. Maxwell-Gleichungen, anwenden. Dies wird, entsprechend den Anforderungen
der Speziellen Relativitätstheorie, unter Berücksichtigung der relativistischen Kovarianz
der auftretenden Größen durchgeführt. Zum Abschluss diskutieren wir noch Eichtransfor-
mationen der elektromagnetischen Potentiale.
1
1 Grundlagen der Elektrodynamik
die die Differenz von kinetischer Energie T (~q, ~q˙, t) und potentieller Energie V (~q, t) dar-
stellt und von den generalisierten Koordinaten ~q ≡ (q1 , . . . , qS ), den generalisierten
Geschwindigkeiten ~q˙ ≡ (q̇1 , . . . , q̇S ) und der Zeit t abhängt. Die Bewegungsgleichungen
für das mechanische System folgen (für den Fall holonomer Zwangsbedingungen) aus den
Euler-Lagrange-Gleichungen
d ∂L ∂L
− =0, i = 1, . . . , S , (1.2)
dt ∂ q̇i ∂qi
Als einfaches Beispiel mit einem einzigen Freiheitsgrad betrachten wir den eindimensio-
nalen harmonischen Oszillator, für den gilt
1 1 2 1 1
T (q̇) = m q̇ 2 , V (q) = kq , L(q̇, q) = m q̇ 2 − k q 2 ,
2 2 2 2
wobei die generalisierte Koordinate q die Auslenkung des Teilchens der Masse m aus der
Ruhelage ist. Aus der Euler-Lagrange-Gleichung (1.2) erhalten wir demzufolge
r
d ∂L ∂L d 2 k
0= − = (m q̇) + k q = m q̈ + k q ⇐⇒ q̈ + ω0 q = 0 , ω0 ≡ ,
dt ∂ q̇ ∂q dt m
also in der Tat die Bewegungsgleichung für den harmonischen Oszillator mit der Eigen-
frequenz ω0 . Die Lösungen sind wohlbekannt,
Als Beispiel für ein N−Teilchensystem betrachten wir die longitudinal schwingen-
de Kette (vgl. Abschnitt 4.1 aus der Vorlesung “Theoretische Physik II: Analytische
Mechanik und Spezielle Relativitätstheorie”), s. Abb. 1.1.
In der Ruhelage haben die Massen den Abstand a. Beim Schwingen wird die i−te Masse
um eine Distanz ϕi aus ihrer Ruhelage ausgelenkt. Die kinetische Energie des Systems
beträgt
N
1 X 2
T = m ϕ̇j . (1.3)
2 j=1
2
1.1 Lagrange-Formalismus für Felder
i−1 i i+1 x
a a
m m m
ϕi−1 ϕi ϕi+1
Wir haben uns in Abschnitt 4.1 der Vorlesung “Theoretische Physik II” davon überzeugt,
dass dieser Ausdruck korrekt ist, weil er das Hookesche Kraftgesetz für die einzelnen
Massenpunkte liefert.
Mit den Glgen. (1.3) und (1.4) lautet die Lagrange-Funktion des Systems
N −1
1 X
m ϕ̇2j − k (ϕj+1 − ϕj )2
L=T −V =
2 j=1
N −1
" 2 #
1X m 2 ϕj+1 − ϕj
= a ϕ̇ − ka
2 j=1 a j a
N −1
" 2 #
1X ϕ j+1 − ϕ j
= a µ ϕ̇2j − κ
2 j=1 a
N
X −1
≡ a Lj , (1.5)
j=1
3
1 Grundlagen der Elektrodynamik
ϕi (t) −→ ϕ(t, x) .
Der Abstand a zwischen den Massen wird durch das infinitesimale Differential dx ersetzt,
so dass
ϕi+1 (t) − ϕi (t) ϕ(t, x + dx) − ϕ(t, x) ∂ϕ(t, x)
lim = lim ≡ ,
a→0 a dx→0 dx ∂x
ϕi+1 (t) − 2 ϕi (t) + ϕi−1 (t) ϕ(t, x + dx) − 2 ϕ(t, x) + ϕ(t, x − dx)
lim 2
= lim 2
a→0
a dx→0
dx2
1 ϕ(t, x + dx) − ϕ(t, x) ϕ(t, x) − ϕ(t, x − dx) ∂ ϕ(t, x)
= lim − ≡ .
dx→0 dx dx dx ∂x2
Man beachte, dass aufgrund der Abhängigkeit der Auslenkung ϕ(t, x) von Zeit und Ort
nun partielle Ableitungen auftreten. Daher ist die Differentiation von ϕi nach der Zeit
ebenfalls durch eine partielle Ableitung zu ersetzen,
∂ϕ(t, x) ∂ 2 ϕ(t, x)
ϕ̇i −→ , ϕ̈i −→ .
∂t ∂t2
Die Lagrange-Funktion (1.5) geht über in
N
X −1 Z ℓ
L = lim a Lj ≡ dx L , (1.7)
a→0 0
j=1
4
1.1 Lagrange-Formalismus für Felder
wobei 2 2
µ ∂ϕ κ ∂ϕ
L= − (1.8)
2 ∂t 2 ∂x
die sog. Lagrangedichte ist. Die Bewegungsgleichung (1.6) nimmt die Form
∂2ϕ ∂2ϕ
0=µ − κ (1.9)
∂t2 ∂x2
an.
Die vorangegangenen Betrachtungen lassen sich auf ein dreidimensionales System ver-
allgemeinern. Gleichung (1.7) lautet dann
Z Z
L= dx dy dz L ≡ d3~r L , (1.10)
V V
wobei V das Volumen des betrachteten Systems ist. Anhand von Gl. (1.8) sehen wir, dass
die Lagrangedichte L nicht nur eine Funktion von ∂ϕ/∂t ist, sondern auch von den
räumlichen Ableitungen ∂ϕ/∂x abhängt. In drei Dimensionen treten dann i.a. auch par-
tielle Ableitungen nach y und z auf. Desweiteren kann die Lagrangedichte auch vom Feld
ϕ selbst und (explizit) von Zeit und Ort abhängen. I.a. treten also folgende funktionale
Abhängigkeiten auf:
∂ϕ ~
L ϕ, , ∇ϕ, t, ~r , (1.11)
∂t
wobei wir die partiellen Ableitungen von ϕ nach den Ortskoordinaten durch den Gradi-
enten ausgedrückt haben, ∇ϕ ~ ≡ (∂ϕ/∂x, ∂ϕ/∂y, ∂ϕ/∂z).
Man beachte, dass im Vergleich zur Lagrange-Funktion L(~q, ~q˙, t) in der Lagrangedichte
das Feld ϕ die Rolle der generalisierten Koordinaten qi übernimmt, seine Ableitungen
∂ϕ/∂t, ∇ϕ~ die der generalisierten Geschwindigkeiten q̇i , und dass die explizite Abhängig-
keit von der Zeit t um eine von Zeit t und Ort ~r erweitert wird. Die Ortsvariable hat
nicht länger die Bedeutung der Koordinate eines Teilchens, sondern sie ist lediglich ein
kontinuierlicher Index, ähnlich wie der Index i bei den generalisierten Koordinaten qi .
In der Lagrange-Funktion waren qi , q̇i unabhängige Freiheitsgrade des Systems. In der
Lagrangedichte sind die Freiheitsgrade des Systems das Feld ϕ und seine Ableitungen
~
∂ϕ/∂t, ∇ϕ. Da diese Funktionen an jedem Punkt (t, ~r) der Raum-Zeit unterschiedliche
und (prinzipiell) voneinander unabhängige Werte annehmen können, stellt dies ein System
mit unendlich vielen Freiheitsgraden dar.
Für kontinuierliche Systeme spielt die Lagrangedichte dieselbe Rolle wie die Lagrange-
Funktion für diskrete Systeme. Daher muss es prinzipiell möglich sein, die Bewegungs-
gleichung (z.B. Gl. (1.9) für das obige Beispiel des elastischen Stabes) für das Feld ϕ(t, ~r)
aus der Lagrangedichte selbst abzuleiten. Dies soll im folgenden erläutert werden.
Zunächst sollten die Bewegungsgleichungen prinzipiell aus dem Hamiltonschen Prin-
zip folgen (vgl. Abschnitt 1.3 der Vorlesung “Theoretische Physik II”), welches mit Gl.
(1.11) lautet Z
δS = δ dt d3~r L = 0 . (1.12)
Ω
Die Integration läuft über ein Raum-Zeit-Volumen Ω ≡ [ta , te ] × V . Die Variation δ auf
der rechten Seite dieser Gleichung bezieht sich auf die Freiheitsgrade ϕ, ∂ϕ/∂t, ∇ϕ~ des
5
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Systems, nicht aber auf die Zeit- und Ortskoordinaten t, ~r in der Lagrangedichte (1.11).
Das Raum-Zeit-Volumen Ω wird nicht mitvariiert, ebensowenig wie das Feld ϕ(t, ~r) auf
der Oberfläche ∂Ω des Raum-Zeit-Volumens Ω,
vgl. Diskussion in Abschnitt 4.2 der Vorlesung “Theoretische Physik II”. Diese Ein-
schränkung gilt aber nicht für die partiellen Ableitungen des Feldes.
Aufgrund dieser Vorbemerkungen können wir die Variation in Gl. (1.12) unter das
Raum-Zeit-Integral schreiben und auf die Lagrangedichte anwenden. Mit Hilfe der Ket-
tenregel erhalten wir dann
X 3
∂L ∂L ∂ϕ ∂L ∂ϕ
Z
0= dt d3~r δϕ + ∂ϕ
δ + δ . (1.14)
Ω ∂ϕ ∂ ∂t ∂t i=1 ∂ ∂ϕ ∂x i
∂xi
Dann können wir einige Terme in Gl. (1.14) partiell integrieren, z.B.
te
te te
∂L ∂δϕ ∂L ∂ ∂L
Z Z
dt ∂ϕ
= δϕ − dt δϕ .
∂ ∂ϕ ∂t ∂ ∂ϕ
ta ∂ ∂t ∂t ∂t ta
ta ∂t
Der erste Term verschwindet aber aufgrund der Bedingung (1.13), da das Feld auf der
Oberfläche ∂Ω des Raum-Zeit-Volumens nicht variiert wird und die Zeitpunkte t = ta und
t = te zu ∂Ω gehören. Ganz ähnlich verfährt man mit den Termen, die die räumlichen
Ableitungen des Feldes enthalten. Auch diese verschwinden, da das Feld auch auf dem
räumlichen Teil der Oberfläche ∂Ω nicht variiert wird. Letztlich erhalten wir
3
∂L ∂ ∂L ∂ ∂L
Z X
0= dt d~r − ∂ϕ
− δϕ .
Ω ∂ϕ ∂t ∂ ∂t i=1
∂xi ∂ ∂ϕ
∂xi
Da die Variation δϕ(t, ~r) des Feldes an jedem Raum-Zeit-Punkt (t, ~r) unabhängig ist,
muss der Term in eckigen Klammern verschwinden,
3
∂ ∂L X ∂ ∂L ∂L
0= + − . (1.15)
∂t ∂ ∂ϕ
∂t i=1
∂xi ∂ϕ
∂ ∂xi ∂ϕ
Dies ist die Euler-Lagrange-Gleichung für kontinuierliche Systeme, d.h. für das Feld
ϕ, welches die (unendlich vielen) Freiheitsgrade eines solchen kontinuierlichen Systems
darstellt.
Wir überzeugen uns davon, dass Gl. (1.15) die richtige Bewegungsgleichung für das
Feld ϕ darstellt, indem wir sie auf das Beispiel der elastischen Stabes anwenden, also die
6
1.1 Lagrange-Formalismus für Felder
Bewegungsgleichung (1.15) mit der Lagrangedichte (1.8) berechnen und zeigen, dass wir
daraus die Bewegungsgleichung (1.9) erhalten.
Die Lagrangedichte (1.8) enthält nur Ableitungen des Feldes, also ist ∂L/∂ϕ ≡ 0. Die
Ableitung von L nach der partiellen Ableitung des Feldes nach der Zeit ergibt
∂L ∂ϕ
∂ϕ
=µ ,
∂ ∂t
∂t
und die Ableitung nach der partiellen Ableitung des Feldes nach der Raumkoordinate x
ist
∂L ∂ϕ
∂ϕ
= −κ .
∂ ∂x ∂x
Da es sich um ein eindimensionales Problem handelt, treten keine Abhängigkeiten oder
Ableitungen nach y oder z auf. Eingesetzt in die Euler-Lagrange-Gleichung (1.15) erhalten
wir
∂2ϕ ∂2ϕ
∂ ∂ϕ ∂ ∂ϕ
0= µ + −κ ≡µ 2 −κ 2 ,
∂t ∂t ∂x ∂x ∂t ∂x
was mit der vormals abgeleiteten Bewegungsgleichung (1.9) übereinstimmt.
Falls wir ein System betrachten, in dem nicht nur ein einziges, sondern mehrere Felder
auftreten, so tragen diese einen weiteren Index,
ϕa (t, ~r) , a = 1, 2, . . . .
Dann erfüllt jedes dieser Felder eine Euler-Lagrange-Gleichung vom Typ (1.15),
3
∂ ∂L X ∂ ∂L ∂L
0= ∂ϕ
+ − , a = 1, 2, . . . . (1.16)
∂t ∂ ∂t a
i=1
∂xi ∂ ∂ϕa ∂ϕa
∂xi
7
1 Grundlagen der Elektrodynamik
xµ = gµν xν , (1.19)
wobei wir die Einsteinsche Summenkonvention benutzt haben, die besagt, dass über
paarweise gleiche kontra- und kovariante Indizes summiert wird. (In diesem Fall impliziert
dies eine Summe über ν von 0 bis 3 auf der rechten Seite der Gleichung.) Mit Gl. (1.18)
berechnet sich der kovariante 4-Ortsvektor daher zu
(xµ ) = (x0 , x1 , x2 , x3 ) = (x0 , −x1 , −x2 , −x3 ) = (ct, −x, −y, −z) = (ct, −~r) . (1.20)
Mit dem metrischen Tensor (1.18) lassen sich also kontravariante Indizes “herunterziehen”,
d.h. in kovariante umwandeln.
27.10.2010
Mit der vollständig kontravarianten Version des metrischen Tensors,
1 0 0 0
0 −1 0 0
(g µν ) =
0 0 −1 0 ,
(1.21)
0 0 0 −1
lassen sich Indizes aber auch “heraufziehen”, d.h. kovariante in kontravariante umwandeln.
Z.B. gilt für den Ortsvektor
xµ = g µν xν ,
wobei wir wieder die Einsteinsche Summenkonvention benutzt haben.
In geradlinigen Koordinatensystemen ist der vollständig kontravariante metrische Ten-
sor (1.21) identisch mit dem vollständig kovarianten metrischen Tensor (1.18). In krumm-
linigen Koordinatensystemen ist dies i.a. nicht mehr der Fall. Die Form des vollständig
kontravarianten metrischen Tensors (1.21) ergibt sich aus folgender Überlegung. Zunächst
ist der gemischte metrische Tensor
1 0 0 0
0 1 0 0
gµν = 0 0 1 0
(1.22)
0 0 0 1
xµ = gµν xν ,
d.h. Multiplikation eines 4-Vektors mit dem gemischten metrischen Tensor reproduziert
diesen 4-Vektor. Diese Eigenschaft hat aber nur die Einheitsmatrix. Weiterhin gilt nach
der Regel mit dem Herunter- bzw. Heraufziehen der Indizes
gµν = gµλ g λν
8
1.1 Lagrange-Formalismus für Felder
Diese Gleichung bedeutet unter Berücksichtigung der Form (1.22) des gemischten me-
trischen Tensors, dass der vollständig kontravariante metrische Tensor die Inverse des
vollständig kovarianten metrischen Tensors ist,
−1
≡ (g µν ) ,
gµν
denn Multiplikation der beiden Tensoren ergibt die Einheitsmatrix. Nun muss man nur
noch nach den Regeln der Matrixrechnung die Inverse des metrischen Tensors (1.18) be-
stimmen. Man macht sich leicht klar, dass diese die Form (1.21) hat.
Da die Einheitsmatrix symmetrisch ist, gilt die für Rechnungen nützliche Identität
gµν = g νµ . (1.23)
X ′ = Λ X ⇐⇒ x′ µ = Λµν xν . (1.25)
λ
= Λ ν λ
≡ Λµν g νλ = Λµλ , (1.26)
∂x ∂x
wobei wir im vorletzten Schritt die Glgen. (1.22) und (1.23) ausgenutzt haben. Die Kom-
ponenten der Lorentz-Transformationsmatrix ergeben sich also aus den partiellen Ablei-
tungen der Komponenten des transformierten 4-Ortsvektors X ′ nach den Komponenten
des ursprünglichen 4-Ortsvektors X.
Kovariante 4-Vektoren transformieren sich jedoch mit der Inversen der Lorentz-
Transformationsmatrix, ν
a′µ = aν Λ−1 µ . (1.27)
Dies liegt daran, dass Lorentz-Transformationen das 4-Skalarprodukt
2 2 2 2
aµ aµ ≡ aν gνµ aµ ≡ a0 − a1 − a2 − a3 (1.28)
9
1 Grundlagen der Elektrodynamik
eines 4-Vektors mit sich selbst per Definition invariant lassen, also
a′µ a′ µ ≡ aν aν .
Diese Gleichung bedingt, dass
a′µ a′ µ = a′µ Λµν aν ≡ aν aν ⇐⇒ a′µ Λµν ≡ aν .
Multiplikation von rechts mit der Inversen der Lorentz-Transformationsmatrix ergibt
ν ν
a′µ Λµν Λ−1 λ = a′µ g µλ ≡ a′λ = aν Λ−1 λ ,
womit Gl. (1.27) bewiesen wäre. Wegen
ν
X = Λ−1 X ′ ⇐⇒ xν = Λ−1 λ
x′ λ
gilt nach Ableiten beider Seiten nach x′ µ , dass
−1 ν
∂xν
Λ µ
≡ ′µ . (1.29)
∂x
Nun können wir uns sehr leicht davon überzeugen, dass der 4-Gradient (1.24) ein ko-
varianter 4-Vektor ist. Mit Hilfe der Kettenregel schreiben wir den 4-Gradienten einer
beliebigen skalaren Funktion ϕ nach dem transformierten 4-Ortsvektor X ′ als
∂ϕ ∂xν ∂ϕ ν ∂ϕ ν
∂µ′ ϕ ≡ ′ µ = ′ µ ν
≡ Λ−1 µ ν
≡ (∂ν ϕ) Λ−1 µ ,
∂x ∂x ∂x ∂x
wobei wir Gl. (1.29) benutzt haben. Durch Vergleich mit Gl. (1.27) stellen wir fest, dass
sich der 4-Gradient wie ein kovarianter 4-Vektor transformiert.
Durch Heraufziehen des Index mit Hilfe des metrischen Tensors läßt sich natürlich auch
die kontravariante Version des 4-Gradienten konstruieren,
T T
µ ∂ ∂ ∂ ∂ ∂ 1∂ ∂ ∂ ∂
(∂ ) ≡ = , , , = ,− ,− ,−
∂xµ ∂x0 ∂x1 ∂x2 ∂x3 c ∂t ∂x ∂y ∂z
T
1∂ ~
≡ , −∇ . (1.30)
c ∂t
Die funktionalen Abhängigkeiten (1.11) der Lagrangedichte lassen sich mit dem 4-
Gradienten und dem 4-Ortsvektor sehr kompakt zu
L (ϕa , ∂µ ϕa , X) (1.31)
zusammenfassen. Wir benutzen nun den 4-Gradienten (1.24) und die Einsteinsche Sum-
menkonvention, um Gl. (1.16) in
3
∂ ∂L X ∂ ∂L ∂L
0 = + i ∂ϕ
−
∂(ct) ∂ ∂ϕa i=1
∂x ∂ ∂xia
∂ϕa
∂(ct)
∂ ∂L ∂L
= µ ∂ϕ
−
∂x ∂ ∂xµ a
∂ϕa
∂L ∂L
≡ ∂µ − , a = 1, 2, . . . , (1.32)
∂(∂µ ϕa ) ∂ϕa
10
1.1 Lagrange-Formalismus für Felder
umzuschreiben, vgl. Gl. (5.65) des Skripts der Vorlesung “Theoretische Physik II”.
Die bloße Verwendung von 4-Vektoren ist natürlich nicht ausreichend, um Naturgesetze
wie die Bewegungsgleichungen (1.32) für die Felder ϕa wirklich relativistisch kovariant
zu machen. Wir erinnern uns (Abschnitt 5.3.2 der Vorlesung “Theoretische Physik II”),
dass die relativistisch kovariante Formulierung von Naturgesetzen sich dadurch
auszeichnet, dass sich linke und rechte Seiten einer Gleichung wie Lorentz-Tensoren
derselben Stufe transformieren, also z.B.
a = b (Lorentz-Skalar) , aµ = bµ (4-Vektor) , Aµν = B µν (Tensor 2. Stufe) , etc.
Was ist das Verhalten der Feldgleichung (1.32) unter Lorentz-Transformationen? Dazu be-
trachten wir zunächst das Verhalten der Lagrangedichte unter Lorentz-Transformationen.
(Da sie keinen Lorentz-Index trägt, ist unsere Erwartung, dass sie sich wie ein Lorentz-
Skalar transformiert.)
In Abschnitt 5.3.9 der Vorlesung “Theoretische Physik II” hatten wir gesehen, dass die
Wirkung
1
Z Z
S= d X L = dt d3~r L
4
c
einer Feldtheorie stets invariant unter sog. Poincaré-Transformationen sein muss.
Diese bilden aus mathematischer Sicht eine Gruppe, die aus dem direkten Produkt
der Lorentz-Gruppe und der Gruppe der Raum-Zeit-Translationen besteht. Raum-Zeit-
Translationen,
xµ −→ x′ µ = xµ + aµ ,
wobei (aµ ) ein konstanter 4-Vektor ist, lassen aber das 4-Volumen in der Raum-Zeit
unverändert, d4 X ′ ≡ d4 X. Für Lorentz-Transformationen gilt
d4 X −→ d4 X ′ = d4 X J ,
wobei
∂x′ µ
J ≡ det
∂xν
der Betrag der Funktional-Determinante beim Wechsel der Variablen xµ → x′ µ ist,
vgl. Gl. (1.128) der Vorlesung “Mechanik I”. Aufgrund von Gl. (1.26) ist aber
J ≡ |det (Λµν )| = |detΛ| ≡ 1 ,
weil die Determinante von Lorentz-Transformationen stets ±1 ist. Also ist das infini-
tesimale Raum-Zeit-Volumen d4 X eine Poincaré-Invariante. Damit folgt sofort, dass
auch die Lagrangedichte L ein Lorentz-Skalar ist, sie ist also invariant unter Lorentz-
Transformationen. Damit ergibt sich das Transformationsverhalten von Gl. (1.32) unter
Lorentz-Transformationen ausschließlich aus dem Transformationsverhalten der Felder ϕa .
Sind diese Felder Lorentz-Skalare, so sind auch die Feldgleichungen (1.32) Lorentz-
Skalare. Sind sie 4-Vektoren, ist der Index a also ein Lorentz-Index, ϕa ≡ ϕν , ν = 0, . . . , 3,
so transformieren sie sich ebenfalls wie 4-Vektoren. Hierbei ist zu beachten, dass sich
die Feldgleichung für ein kovariantes 4-Vektorfeld ϕν wie ein kontravarianter 4-Vektor
transformiert, denn ϕν steht im Nenner der Feldgleichung (1.32). Entsprechendes gilt
für Lorentz-Tensoren höherer Stufe.
11
1 Grundlagen der Elektrodynamik
wobei man die 0-Komponente, ϕ, gewöhnlich als skalares Potential und die räumlichen
Komponenten, A, ~ als Vektorpotential bezeichnet.
Aus Sicht der kovarianten Formulierung der Elektrodynamik ist die erste Bezeichnung
inkorrekt, da das “skalare” Potential kein Lorentz-Skalar sondern die 0-Komponente eines
4-Vektors ist. Diese transformiert sich unter Lorentz-Transformationen (genauer gesagt,
unter Lorentz-Boosts; Raumdrehungen lassen ϕ in der Tat invariant), während ein echter
Lorentz-Skalar (als Lorentz-Invariante) dies nicht tut. Wenden wir z.B. einen Lorentz-
Boost in z−Richtung auf (Aµ ) an,
A′ µ = Λµν Aν ,
so ergibt sich mit der expliziten Form der Lorentz-Transformationsmatrix (vgl. Gl. (5.28)
der Vorlesung “Theoretische Physik II”)
γ 0 0 −β γ
0 1 0 0
Λ ≡ (Λµν ) =
, (1.34)
0 0 1 0
−β γ 0 0 γ
ϕ′ = γ (ϕ − v Az ) ,
A′ x = Ax ,
A′ y = Ay ,
v
A′ z = γ Az − 2 ϕ . (1.35)
c
Das “skalare” Potential ϕ′ enthält also im geboosteten System einen Anteil vom Vektorpo-
~ im ruhenden System, und entsprechend das Vektorpotential A
tential A ~ ′ im geboosteten
auch einen Anteil vom “skalaren” Potential ϕ im ruhenden System.
12
1.2 Kovariante Formulierung der Elektrodynamik
29.10.2010
1.2.2 Feldstärketensor
Mit Hilfe des 4-Gradienten des 4-Potentials bildet man den sog. Feldstärketensor
F µν ≡ ∂ µ Aν − ∂ ν Aµ . (1.36)
Er ist ein Lorentz-Tensor zweiter Stufe und, wie man an seiner Definition sofort
erkennt, vollständig antisymmetrisch,
F µν = −F νµ . (1.37)
wobei E i die i−te Komponente des 3-Vektors des elektrischen Feldes, E, ~ und B k die
k−te Komponente des 3-Vektors der magnetischen Induktion, B, ~ ist. Der vollständig
antisymmetrische Levi-Cività-Tensor in Gl. (1.39) ist definiert als
+1 , (ijk) gerade Permutation von (123) ,
ijk
ǫ = −1 , (ijk) ungerade Permutation von (123) ,
0 , sonst ,
vgl. Gl. (1.44) der Vorlesung “Theoretische Physik I”. In Gl. (1.39) haben wir die Ein-
steinsche Summenkonvention erweitert, indem wir vereinbaren, dass auch über doppelt
vorkommende räumliche Indizes (in diesem Fall k) zu summieren ist (allerdings nur von
k = 1 bis 3). Dies gelte nicht nur, wenn einer ko- und einer kontravariant ist, sondern
auch, wenn beide kontravariant (wie hier) oder beide kovariant sind.
Wenn man kontravariante räumliche Indizes in kovariante (durch Herunterziehen) um-
wandelt (und umgekehrt kovariante in kontravariante durch Heraufziehen), ist ein Vorzei-
chenwechsel aufgrund der Definition des metrischen Tensors (1.18) zu beachten, z.B.
Hier haben wir im vorletzten Schritt benutzt, dass gi0 = 0 und gij = −1 = −g ij ist. Im
letzten Schritt haben wir ausgenutzt, dass g ij für i 6= j verschwindet. Für zeitliche Indizes
ist dies unproblematisch, sie können ohne Vorzeichenwechsel sowohl in kontra- als auch
in kovarianter Stellung geschrieben werden, z.B.
Also ergeben sich für die Komponenten des Feldstärketensors die Beziehungen
13
1 Grundlagen der Elektrodynamik
14
1.2 Kovariante Formulierung der Elektrodynamik
−γ 1c E x − β B y −γ 1c E y + β B x γ 2 (β 2 − 1) 1c E z
0
γ 1 Ex − β By 0 −B z
γ B y
− β 1
E x
c c
=
1 y x z x 1 y
γ c E +βB B 0 −γ B + β c E
γ 2 (1 − β 2 ) 1c E z −γ B y − β 1c E x γ B x + β 1c E y
0
−γ 1c E x − β B y −γ 1c E y + β B x − 1c E z
0
γ 1 Ex − β By 0 −B z
γ B y
− β 1
E x
c c
= .
1 1
y x
z x y
γ c E +βB B 0 −γ B + β c E
1
−γ B y − β 1c E x γ B x + β 1c E y
c
Ez 0
(1.44)
Durch Vergleich mit der Definition (1.41) des Feldstärketensors lesen wir das Lorentz-
Transformationsverhalten für das elektrische Feld und die magnetische Induktion ab,
v
E ′ x = γ (E x − v B y ) , B ′ x = γ B x + 2 E y ,
c
v
E ′ y = γ (E y + v B x ) , B ′ y = γ B y − 2 E x , (1.45)
c
E ′ z = Ez , B ′ z = Bz .
Wir stellen zwei überraschende Tatsachen fest:
15
1 Grundlagen der Elektrodynamik
(i) Die Komponenten der Felder longitudinal zur Boost-Richtung bleiben unverän-
dert, während sich die Komponenten transversal zur Boost-Richtung ändern. Dies
ist ein großer Unterschied zum Transformationsverhalten von 4-Vektoren, bei denen
die transversalen Komponenten von einem Boost nicht beeinflußt werden und sich
lediglich die longitudinale und die zeitliche Komponente ändern.
(ii) Lorentz-Transformationen mischen elektrisches Feld und magnetische Induktion.
Ein elektrisches Feld (ein magnetisches Induktionsfeld) im geboosteten System ist
eine Linearkombination aus elektrischem Feld und magnetischer Induktion im Ru-
hesystem.
Durch Multiplikation der Komponenten der Felder mit den kartesischen Einheitsvektoren
kann man die Transformationsgleichungen (1.45) auch in vektorieller Form schreiben. Die
Komponenten der Felder parallel zur Boost-Richtung, also die longitudinalen Kompo-
nenten bleiben unverändert,
~′=E
E ′ z ~e z ≡ E ~ k ≡ E z ~e z , ~′=B
B ′ z ~e z ≡ B ~ k ≡ B z ~e z , (1.46)
k k
während für die Komponenten senkrecht zur Boost-Richtung, also die transversalen
Komponenten gilt
~ ′ ≡ E ′ x ~e x + E ′ y ~e y = γ [E x ~e x + E y ~e y − v (B y ~e x − B x ~e y )]
E ⊥
h i
≡ γ E ~ ⊥ − v (B y ~e x − B x ~e y ) ,
~ ′ ′x x ′y y
h
x x y y v y x x y
i
B⊥ ≡ B ~e + B ~e = γ B ~e + B ~e + 2 (E ~e − E ~e )
c
h
~ v i
≡ γ B⊥ + 2 (E ~e − E x ~e y ) .
y x
c
Benutzen wir nun die Tatsache, dass der Geschwindigkeitsvektor des Lorentz-Boosts ~v =
(0, 0, v) ist, so gilt per Definition des Kreuzprodukts
~ = ~e x (v y B z − v z B y ) + ~e y (v z B x − v x B z ) + ~e z (v x B y − v y B x )
~v × B
= −v (~e x B y − ~e y B x ) ,
~ Damit schreiben sich die transformierten transversalen E−
und analog für ~v × E. ~ und
~
B−Felder sehr kompakt als
~ ′
~ ~
~ ′ ~ 1 ~
E⊥ = γ E⊥ + ~v × B , B⊥ = γ B⊥ − 2 ~v × E . (1.47)
c
Diese Transformationsgleichungen sind auch für Lorentz-Boosts in beliebiger Richtung
(nicht nur in z−Richtung) gültig.
Mit den Identitäten
~ ≡E
E ~k + E
~⊥ , B
~ ≡B ~k + B
~⊥ ,
sowie
2
~ = c
~ k ≡ v̂ v̂ · E ~v ~v ~ γ2 ~v ~v ~
E ·E = 2 ·E ,
v2 c c γ −1 c c
2
~ = c
~ k ≡ v̂ v̂ · B ~v ~v ~ γ2 ~v ~v ~
B ·B = 2 ·B ,
v2 c c γ −1 c c
16
1.2 Kovariante Formulierung der Elektrodynamik
wobei wir
γ2 1 1 c2
= = =
γ2 − 1 1 − γ −2 1 − 1 + v 2 /c2 v2
benutzt haben, lassen sich die Gleichungen (1.46) und (1.47) wie folgt zusammenfassen:
E~′=E ~′ +E ~′ = γ E ~ −E ~ k + ~v × B~ +E ~k
⊥ k
2
~ + (1 − γ) γ ~v ~v ~
= γ E ~ + ~v × B ·E
2
γ −1 c c
2
~ − γ ~v ~v · E
= γ E ~ + ~v × B ~ , (1.48)
γ+1 c c
!
~
v ~
E
~′=B
B ~′ +B ~′ = γ B ~ −B ~k − × +B ~k
⊥ k
c c
!
~
v E~ γ 2 ~v ~v ~
= γ B ~− × + (1 − γ) 2 ·B
c c γ −1 c c
!
~
v E~ γ 2 ~v ~v ~
= γ B ~− × − ·B . (1.49)
c c γ+1 c c
1.2.4 Jacobi-Identität
Der Feldstärketensor erfüllt die Jacobi-Identität
∂ λ F µν + ∂ µ F νλ + ∂ ν F λµ = 0 . (1.50)
Dies beweist man sehr einfach durch Einsetzen der Definition (1.36) und Umsortieren der
Terme
∂ λ F µν + ∂ µ F νλ + ∂ ν F λµ = ∂ λ (∂ µ Aν − ∂ ν Aµ ) + ∂ µ ∂ ν Aλ − ∂ λ Aν + ∂ ν ∂ λ Aµ − ∂ µ Aλ
= ∂ λ ∂ µ − ∂ µ ∂ λ Aν − ∂ λ ∂ ν − ∂ ν ∂ λ Aµ + (∂ µ ∂ ν − ∂ ν ∂ µ ) Aλ
≡ 0,
wobei wir im letzten Schritt vorausgesetzt haben, dass das 4-Potential hinreichend oft
stetig differenzierbar ist, q.e.d.
17
1 Grundlagen der Elektrodynamik
der vollständig antisymmetrische Tensor vom Rang 4, also das Analogon des Levi-
Cività-Tensors für vier Dimensionen ist. Aufgrund der Definition (1.52) ist der duale
Feldstärketensor (1.51) ebenfalls antisymmetrisch,
F̃ µν = −F̃ νµ .
Dies bedeutet, dass die Diagonalelemente wie beim gewöhnlichen Feldstärketensor ver-
schwinden, F̃ 00 = F̃ 11 = F̃ 22 = F̃ 33 ≡ 0.
Die anderen Elemente des dualen Feldstärketensors berechnet man einfach durch Ein-
setzen:
1 1
F̃ 0i = ǫ0iαβ Fαβ = ǫijk Fjk ≡ −B i .
2 2
Hierbei haben wir ausgenutzt, dass die Indizes α, β in ǫ0iαβ räumliche Indizes sein müssen,
α ≡ j, β ≡ k, da der erste Index bereits ein zeitlicher Index ist und der Tensor nach
Definition verschwindet, wenn ein weiterer Index ebenfalls ein zeitlicher ist, ǫ0iαβ ≡ ǫ0ijk .
Ferner gilt nach Definition, Gl. (1.52), dass ǫ0ijk ≡ ǫijk . Im letzten Schritt haben wir noch
Gl. (1.43) (mit Fjk ≡ F jk ) benutzt. Es gilt also explizit
F̃ 01 = F 23 = −B x , F̃ 02 = F 31 = −B y , F̃ 03 = F 12 = −B z . (1.53)
Für die räumlichen Komponenten des dualen Feldstärketensors erhalten wir das Zwi-
schenergebnis
1 1 1
F̃ ij = ǫijαβ Fαβ = ǫij0k F0k + ǫijk0 Fk0 , (1.54)
2 2 2
wobei wir ausgenutzt haben, dass, wenn i, j feste räumliche Indizes sind, von den Indi-
zes α, β wenigstens einer ein zeitlicher Index sein muss, ansonsten käme einer der drei
räumlichen Indizes 1, 2, 3 doppelt vor und der Tensor verschwände gemäß Definition (1.52).
Es ist also entweder α = 0 oder β = 0. Im ersten Fall muss β dann wieder ein räumlicher
Index sein, der von i und j verschieden ist, im zweiten Fall muss α ein solcher Index sein.
Da über α und β gemäß der Einsteinschen Summenkonvention summiert wird, bleiben
als nichtverschwindende Terme von dieser Summe nur die beiden auf der rechten Seite
von Gl. (1.54) aufgeführten übrig. Diese können nun wegen ǫij0k ≡ −ǫijk0 = ǫ0ijk ≡ ǫijk
zusammengefaßt werden,
1 ijk k
F̃ ij = ǫijk F0k ≡ ǫijk F k0 ≡ ǫ E , (1.55)
c
wobei wir die Gleichungen (1.38) und (1.40) benutzt haben. Somit gilt explizit
1 z 1 1 x
F̃ 12 = F 30 = E , F̃ 13 = −F 20 = − E y , F̃ 23 = F 10 = E . (1.56)
c c c
In Matrixschreibweise erhalten wir demnach
−B x −B y −B z
0
1
Bx 0 E z − 1c E y
F̃ µν = y c
. (1.57)
B − 1c E z 0 1
c
Ex
B z 1c E y − 1c E x 0
18
1.2 Kovariante Formulierung der Elektrodynamik
Mit dem dualen Feldstärketensor läßt sich die Jacobi-Identität in kompakterer Form
schreiben. Wählen wir beispielsweise die Kombination (λ, µ, ν) = (0, 1, 2), so lautet Gl.
(1.50)
∂ 0 F 12 + ∂ 1 F 20 + ∂ 2 F 01 = ∂0 F 12 + ∂1 F 02 + ∂2 F 10 = ∂0 F̃ 03 + ∂1 F̃ 13 + ∂2 F̃ 23
= ∂0 F̃ 03 + ∂1 F̃ 13 + ∂2 F̃ 23 + ∂3 F̃ 33 ≡ ∂µ F̃ µ3 = 0 ,
wobei wir ∂ i = −∂i , die Antisymmetrie von F µν , die Glgen. (1.53) und (1.56) und F̃ 33 ≡ 0
benutzt haben. Ganz analog verfährt man mit den Kombinationen (λ, µ, ν) = (0, 2, 3),
(0, 3, 1) und (1, 2, 3), die auf die Gleichungen
∂µ F̃ µ1 = 0 , ∂µ F̃ µ2 = 0 , ∂µ F̃ µ0 = 0
führen. Zusammengefaßt ist die Jacobi-Identität also identisch mit den vier Gleichungen
∂µ F̃ µν = 0 , ν = 0, . . . , 3 . (1.59)
F̃µν F̃ µν .
Die Ersetzung (1.58), angewandt auf Gl. (1.61), liefert aber bis auf das Vorzeichen die
gleiche Invariante wie Gl. (1.60).
19
1 Grundlagen der Elektrodynamik
dq = ρ0 dV0 (1.62)
die in einem Volumenelement dV0 befindliche elektrische Ladung; ρ0 ist die Ladungs-
dichte im System Σ0 . In einem relativ zu Σ0 mit Geschwindigkeit ~v ≡ −v ~e z bewegten
System Σ beobachten wir nach oben Gesagtem dieselbe Ladung
dq = ρ dV ≡ ρ0 dV0 , (1.63)
Die Größen ρ und ~j, gegeben durch die Glgen. (1.64) und (1.65), lassen sich mit Hilfe der
schon aus der Vorlesung “Theoretische Physik II” (Gl. (5.50)) bekannten 4-Geschwin-
digkeit
(uµ ) = (c γ, γ ~v )T = γ (c, ~v )T (1.66)
zu einem 4-Vektor, der sog. 4-Ladungsstromdichte, kombinieren,
T
(j ) = c ρ, j = (c γ ρ0 , γ ρ0 ~v )T = ρ0 (c γ, γ ~v)T = ρ0 (uµ ) .
µ ~ (1.67)
20
1.2 Kovariante Formulierung der Elektrodynamik
Eine alternative Herleitung der 4-Ladungsstromdichte (1.67) ergibt sich mit Hilfe einer
Lorentz-Transformation vom System Σ0 in das System Σ. Im System Σ0 gilt für die 4-
Ladungsstromdichte
(j0µ ) = (c ρ0 , 0, 0, 0)T ,
denn im Ruhesystem der Ladung ist ~v = ~v0 ≡ 0. Das System Σ bewegt sich relativ zu
Σ0 mit der Geschwindigkeit ~v = −v ~e z . Im System Σ bewegt sich dann der Ladungs-
strom mit Geschwindigkeit ~v = +v ~e z . Um von Σ0 nach Σ zu gelangen, muss man einen
Lorentz-Boost mit ~v = −v ~e z durchführen. Man beachte das Vorzeichen der Geschwin-
digkeit, welches dazu führt, dass die (03)− und (30)−Komponenten der entsprechenden
Lorentz-Transformationsmatrix sich im Vorzeichen von den in Gl. (1.34) angegebenen
Komponenten unterscheiden. Die 4-Ladungsstromdichte im System Σ berechnet sich mit
Hilfe dieses Lorentz-Boosts zu
(j µ ) = (Λµν ) (j0ν )
γ 0 0 βγ c ρ0 c γ ρ0
= cρ ≡ cρ
0 1 0 0 0
0
=
0
=
~j ,(1.68)
0 1 0 0 0 ρ ~v
βγ 0 0 γ 0 γ ρ0 v
was mit Gl. (1.67) übereinstimmt.
21
1 Grundlagen der Elektrodynamik
der symmetrischen Kombination ∂ µ Aν + ∂ ν Aµ . Es stellt sich nun heraus, dass die Natur
eine relativ einfache Variante gewählt hat:
1
LED = − Fµν F µν − jµ Aµ . (1.70)
4 µ0
Der tiefere Grund ist eigentlich erst im Rahmen der Quantisierung der Elektrodynamik
verständlich. So stellen z.B. Terme der Form Aµ Aµ einen Massenterm für Lichtquanten
dar. Da Lichtquanten aber masselos sind, kann ein solcher Term nicht auftreten. Des-
weiteren sorgen Terme, die Felder und Ableitungen in höherer als der vierten Potenz
enthalten, dafür, dass die Theorie in vier Dimensionen nicht mehr renormierbar ist. Der
Term Fµν F̃ µν verletzt eine diskrete Symmetrie, die Paritätsinvarianz. Und schließlich bre-
chen Terme mit der symmetrischen Kombination der partiellen Ableitungen, ∂ µ Aν +∂ ν Aµ ,
die Eichinvarianz der Theorie (vgl. Abschnitt 1.3).
Die in Gl. (1.70) auftretende Konstante µ0 ist die sog. magnetische Feldkonstante
oder Permeabilitätskonstante des Vakuums,
Vs
10.11.2010 µ0 = 4π · 10−7 .
Am
Hierbei ist V die Einheit der elektrischen Spannung, Volt, und A die Einheit des elek-
trischen Stromes, Ampère. Die Permeabilitätskonstante sorgt dafür, dass die Lagrange-
Dichte die richtige Einheit (nämlich Energiedichte, J/m3 = N/m2 ) hat. Die magnetische
Induktion B ~ hat nämlich die Einheit
Vs
[B] = 1 = 1 T (Tesla) ,
m2
so dass aufgrund von Gl. (1.60)
Fµν F µν
2
V2 s2 A m
B AVs J
= = 4
= 3
≡ 3 ,
µ0 µ0 m Vs m m
wobei wir ausgenutzt haben, dass das Produkt von Strom und Spannung mit der elek-
trischen Leistung identisch ist, welche die Einheit AV = W (Watt) hat, und dass die
Leistung die Einheit Energie pro Zeiteinheit hat, W = J/s.
Die Größe
1 As
ǫ0 ≡ 2
≃ 8, 854187 · 10−12 (1.71)
µ0 c Vm
bezeichnet man als Influenzkonstante oder Dielektrizitätskonstante des Vakuums.
Mit Hilfe der Glgen. (1.33), (1.60) und (1.67) kann man Gl. (1.70) daher auch wie folgt
schreiben:
1 1 ~2 ~2 ϕ ~
LED = 2
E −B − cρ + ~j · A
2 µ0 c c
1 ~ −
2 1 2 ~.
~ − ρ ϕ + ~j · A
= ǫ0 E B (1.72)
2 µ0
22
1.2 Kovariante Formulierung der Elektrodynamik
CV J
[ρ ϕ] = 3
≡ 3 ,
m m
wenn wir benutzen, dass das Produkt aus Ladung und Spannung die elektrostatische
Energie ist, mit der Einheit CV = J. Schließlich hat die Ladungsstromdichte die Einheit
[j] = (C/m3 ) m/s= C/(m2 s) und das Vektorpotential [A] = Tm = Vsm/m2 = Vs/m, so
dass
CVs J
[jA] = 2 = 3 .
m sm m
1.2.9 Maxwell-Gleichungen
Die dynamischen Felder der Elektrodynamik sind die vier Komponenten des 4-Potentials,
Aµ . Um die Bewegungsgleichungen abzuleiten, müssen wir, wie zu Beginn des vorange-
gangenen Abschnitts diskutiert, in den Euler-Lagrange-Gleichungen (1.32) die Felder ϕa
durch die Komponenten des 4-Potentials ersetzen. Der Übersicht halber wählen wir die
kovariante Form und benennen den Index in ν um, weil der Index µ schon als Summati-
onsindex in Gl. (1.32) verwendet wird. Die Feldgleichungen transformieren sich dann wie
die Komponenten eines kontravarianten 4-Vektors (weil ein kovarianter Index im Nenner
einem kontravarianten Index im Zähler entspricht),
∂LED ∂LED
0 = ∂µ − . (1.73)
∂(∂µ Aν ) ∂Aν
Zur Berechnung des ersten Term bemerken wir zunächst, dass lediglich der erste Term
in der Lagrangedichte (1.70) von den Ableitungen des 4-Potentials abhängt (über die
Definition (1.36) des Feldstärketensors), der zweite Term dagegen hängt nur von Aν , aber
nicht von seinen Ableitungen ab,
∂LED 1 ∂
Fαβ F αβ
=−
∂(∂µ Aν ) 4 µ0 ∂(∂µ Aν )
23
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Hier haben wir auch noch einige Summationsindizes umbenannt. Der nächste Schritt
besteht darin, alle kontravarianten Indizes mit Hilfe des metrischen Tensors in kovariante
umzuwandeln, damit beim Ableiten nach ∂µ Aν kein Term vergessen wird,
∂LED 1 ∂
Fαβ Fρσ g αρ g βσ
= −
∂(∂µ Aν ) 4 µ0 ∂(∂µ Aν )
1 ∂Fαβ ∂Fρσ
= − Fρσ + Fαβ g αρ g βσ .
4 µ0 ∂(∂µ Aν ) ∂(∂µ Aν )
Gemäß Definition des Feldstärketensors, Gl. (1.36), gilt
∂Fαβ ∂
= (∂α Aβ − ∂β Aα ) = g µα g νβ − g µβ g να ,
∂(∂µ Aν ) ∂(∂µ Aν )
und eine entsprechende Relation, wenn wir die Indizes (αβ) durch (ρσ) ersetzen. Dann
folgt
∂LED 1
g µα g νβ − g µβ g να Fρσ + Fαβ g µρ g νσ − g µσ g νρ g αρ g βσ
= −
∂(∂µ Aν ) 4 µ0
1
(g µρ g νσ − g µσ g νρ ) Fρσ + Fαβ g µα g νβ − g µβ g να
= −
4 µ0
1 1 µν
= − (F µν − F νµ + F µν − F νµ ) ≡ − F , (1.74)
4 µ0 µ0
wobei wir im letzten Schritt die Antisymmetrie des Feldstärketensors ausgenutzt haben.
Für die Berechnung des zweiten Terms in Gl. (1.73) bemerken wir, dass der zweite Term
in Gl. (1.70) von den Feldern Aµ , aber nicht von deren Ableitungen abhängt,
∂LED ∂
jα g αβ Aβ = jα g αβ gβν = j ν .
− = (1.75)
∂Aν ∂Aν
Setzen wir die Resultate (1.74) und (1.75) in Gl. (1.73) ein, so erhalten wir
∂µ F µν ≡ ∂µ (∂ µ Aν − ∂ ν Aµ ) = µ0 j ν , ν = 0, . . . , 3 . (1.76)
24
1.2 Kovariante Formulierung der Elektrodynamik
wobei wir die Glgen. (1.38) und (1.71) benutzt haben. Für die räumlichen Komponenten,
ν = i = x, y, z erhalten wir
1 ∂E i 1 ∂E i ~ i
~ = µ0 j i
∂µ F µi = ∂0 F 0i + ∂j F ji = − 2 − ǫjik ∂j B k = − 2 + ∇×B
c ∂t c ∂t
1 ~ ∂ ~
E
⇐⇒ ∇×B ~ − ǫ0 = ~j , (1.78)
µ0 ∂t
wobei wir F 0i = −F i0 = −E i /c, Gl. (1.39) und die Definition des Kreuzprodukts (ausge-
drückt durch den Levi-Cività-Tensor, vgl. Vorlesung “Theoretische Physik I”) ausgenutzt
haben. Die Glgen. (1.77) und (1.78) bilden den Satz der sog. inhomogenen Maxwell-
Gleichungen im Vakuum.
Wenn man das elektrische Feld E ~ und die magnetische Induktion B ~ durch das 4-
Potential ausdrückt,
∂Ai
E i = c F i0 = c ∂ i A0 − ∂ 0 Ai = −∂i ϕ −
∂t
~
⇐⇒ E ~ = −∇ϕ ~ − ∂A , (1.79)
∂t
sowie
1 1
B i = − ǫijk Fjk = − ǫijk (∂j Ak − ∂k Aj ) = −ǫijk ∂j Ak = ǫijk ∂j Ak
2 2
~
⇐⇒ B = ∇ × A , ~ ~ (1.80)
so bestimmen die inhomogenen Maxwell-Gleichungen (1.77), (1.78) das 4-Potential voll-
ständig.
~ und B
Oft ist man aber ausschließlich an einer Lösung für E ~ interessiert. Da diese beiden
3-Vektorfelder insgesamt sechs unabhängige Komponenten besitzen, reicht der Satz der
vier inhomogenen Maxwell-Gleichungen (1.77), (1.78) nicht aus, E ~ und B ~ eindeutig zu
bestimmen. In diesem Fall nimmt man die Jacobi-Identität in der Form (1.59) zu den
inhomogenen Maxwell-Gleichungen hinzu. Für ν = 0 lautet Gl. (1.59) mit der expliziten
Form (1.57) des dualen Feldstärketensors
∂µ F̃ µ0 ≡ ∂i F̃ i0 = ∂i B i = 0
⇐⇒ ∇~ ·B ~ = 0. (1.81)
Für ν = i = x, y, z erhalten wir dagegen mit Gl. (1.55)
1 ∂B i 1 jik
∂µ F̃ µi = ∂0 F̃ 0i + ∂j F̃ ji = − + ǫ ∂j E k = 0
c ∂t c
~
⇐⇒ ∇~ ×E~ + ∂B = 0 . (1.82)
∂t
Die vier Gleichungen (1.81), (1.82) bilden den Satz der homogenen Maxwell-Glei-
chungen.
Zusammengenommen haben wir nun acht Gleichungen für die sechs Komponenten
von E~ und B.~ Man könnte denken, dass das System von Maxwell-Gleichungen nun
überbestimmt sei. Dass dem nicht so ist, wird später bei der Diskussion des Helmholtz-
schen Zerlegungssatzes (Abschnitt 1.6.8) klar werden.
25
1 Grundlagen der Elektrodynamik
1.2.10 Kontinuitätsgleichung
Aus den Maxwell-Gleichungen (1.76) für das 4-Potential folgt eine weitere wichtige Rela-
tion. Die 4-Divergenz dieser Gleichung,
∂ν ∂µ F µν = µ0 ∂ν j ν , (1.83)
verschwindet nämlich aufgrund der Antisymmetrie des Feldstärketensors,
1 1
∂ν ∂µ F µν = ∂ν ∂µ (F µν − F νµ ) = (∂ν ∂µ F µν − ∂µ ∂ν F µν ) ≡ 0 ,
2 2
wobei wir im vorletzten Schritt beim zweiten Term den Summationsindex µ in ν (und
umgekehrt ν in µ) umbenannt und angenommen haben, dass F µν hinreichend oft stetig
differenzierbar ist, so dass wir die Reihenfolge der partiellen Ableitungen vertauschen
können. Eine andere Möglichkeit, dieses Resultat zu erhalten, besteht darin, die Definition
(1.36) zu benutzen,
∂ν ∂µ F µν = ∂ν ∂µ (∂ µ Aν − ∂ ν Aµ ) = ∂µ ∂ µ ∂ν Aν − ∂ν ∂ ν ∂µ Aµ ≡ 0 ,
wobei wir wieder angenommen haben, dass das 4-Potential hinreichend oft stetig diffe-
renzierbar ist, so dass wir die Reihenfolge der partiellen Ableitungen vertauschen dürfen.
Mit diesem Resultat lautet Gl. (1.83)
∂ν j ν = 0
∂(cρ) ~ ~ ∂ρ ~ ~
⇐⇒ ∂0 j 0 + ∂i j i = +∇·j = +∇·j = 0. (1.84)
∂(ct) ∂t
Dies ist die sog. Kontinuitätsgleichung. Sie besagt, dass die elektrische Ladung erhalten
ist. Wir werden dies noch eingehender erläutern, wenn wir den Satz von Gauß in Abschnitt
1.6.2 besprechen.
13.11.2010
1.3 Eichtransformationen
1.3.1 Eichinvarianz des Feldstärketensors
Das 4-Potential Aµ ist physikalisch nicht direkt beobachtbar. Meßbare Größen sind le-
~ und B,
diglich die Feldstärken E ~ d.h. die Komponenten des Feldstärketensors F µν . Dies
erlaubt eine gewisse Freiheit in der Wahl des 4-Potentials. Die sog. Eichtransformation
Aµ −→ A′ µ = Aµ − ∂ µ χ , (1.85)
wobei χ ≡ χ(X) eine beliebige, Lorentz-skalare und hinreichend oft stetig differenzierbare
Funktion der Raum-Zeit ist, läßt den Feldstärketensor invariant,
F µν −→ F ′ µν = ∂ µ A′ ν − ∂ ν A′ µ = ∂ µ Aν − ∂ µ ∂ ν χ − (∂ ν Aµ − ∂ ν ∂ µ χ)
= ∂ µ Aν − ∂ ν Aµ ≡ F µν . (1.86)
Da aber lediglich der Feldstärketensor (bzw. der duale Feldstärketensor) in den Maxwell-
Gleichungen auftritt, sind auch die Maxwell-Gleichungen invariant unter der Eichtrans-
formation (1.85).
26
1.3 Eichtransformationen
benutzt haben. Im letzten Term in Gl. (1.87) schreiben wir die Summe über den Lorentz-
Index explizit aus,
Z Z
4 µ
d4 X j 0 ∂0 χ + j x ∂x χ + j y ∂y χ + j z ∂z χ
d X j ∂µ χ ≡
Ω Ω
und integrieren die einzelnen Terme partiell. Z.B. gilt für den Term mit der partiellen
Ableitung nach x Z Z
xe
x x
dx j ∂x χ = j χ − dx (∂x j x ) χ .
xa
Der erste Term verschwindet, wenn wir das Raum-Zeit-Volumen Ω so wählen, dass die
4-Ladungsstromdichte jµ auf dessen Oberfläche ∂Ω verschwindet, jµ (X) ≡ 0 für X ∈
∂Ω. Genauso verfahren wir mit den Ableitungen nach y, z und x0 = ct. Wenn wir alle
verbleibenden Terme wieder zusammenfassen, erhalten wir
Z Z
d X j ∂µ χ = − d4 X (∂µ j µ ) χ ≡ 0
4 µ
Ω Ω
aufgrund der Kontinuitätsgleichung (1.84). Damit ist die Wirkung in der Tat invariant
unter Eichtransformationen (1.85),
′
SED ≡ SED . (1.88)
Man spricht von Eichinvarianz oder von der Symmetrie unter Eichtransforma-
tionen. Wir haben also gezeigt, dass, falls die Ladungserhaltung in Form der Konti-
nuitätsgleichung gilt, daraus die Eichinvarianz der Wirkung folgt. Man kann den Beweis
′
aber auch umgekehrt führen: falls die Wirkung invariant ist, SED = SED , folgt daraus die
µ
Kontinuitätsgleichung, ∂µ j = 0, also die Ladungserhaltung. Dies ist die Kernaussage des
Noether-Theorems: Symmetrien bzw. Invarianzen einer Theorie ziehen die Existenz
einer Erhaltungsgröße nach sich.
27
1 Grundlagen der Elektrodynamik
1.3.3 Lorenz-Eichung
Durch Einführung des d’Alembert- oder Quabla-Operators (vgl. Vorlesung “Theore-
tische Physik II”, Gl. (5.45))
1 ∂2 ∂2 ∂2 ∂2 1 ∂2
≡ ∂µ ∂ µ = − − − ≡ −∆, (1.89)
c2 ∂t2 ∂x2 ∂y 2 ∂z 2 c2 ∂t2
wobei ∆ der Laplace-Operator ist (vgl. Vorlesung “Theoretische Physik I”, Gl. (1.83)),
und durch Vertauschen von partiellen Ableitungen schreiben wir die Maxwell-Gleichung
(1.76) um in
∂µ Aµ = 0 (1.91)
Aν = µ0 j ν , ν = 0, . . . , 3 . (1.92)
Diese Gleichung ist von der Form her eine inhomogene Wellengleichung für das 4-
Potential Aν . In zeitliche und räumliche Komponenten getrennt geschrieben lautet diese
ρ
ϕ = c2 µ0 ρ = , (1.93)
ǫ0
~ = µ0 ~j .
A (1.94)
Die Wahl (1.91) der Eichung bezeichnet man als sog. Lorenz-Eichung.
Aber kann man die Wahl (1.91) überhaupt treffen? Gesetzt den Fall, das 4-Potential
erfüllt diese Bedingung nicht, also z.B.
∂µ Aµ (X) = f (X) 6= 0 ,
wobei f (X) eine beliebige Funktion der Raum-Zeit-Koordinate X ≡ (xµ ) ist. Dann gilt
für das eichtransformierte 4-Potential gemäß Gl. (1.85)
Wenn wir also die zunächst beliebige Funktion χ(X) so wählen, dass sie die inhomogene
Wellengleichung
χ(X) = f (X) (1.96)
28
1.3 Eichtransformationen
erfüllt (was im Prinzip immer möglich ist), dann ist die Eichbedingung (1.91) für das
eichtransformierte 4-Potential A′ µ nach Gl. (1.95) erfüllt. In der Tat ist es also möglich,
das 4-Potential Aµ so zu wählen, dass es die Lorenz-Eichbedingung (1.91) erfüllt.
Die Lösung χ(X) der inhomogenen Wellengleichung (1.96) bestimmt das eichtransfor-
mierte 4-Potential A′ µ allerdings nicht eindeutig. Wir können nämlich zu χ(X) immer
eine Funktion ψ(X) addieren, welche die homogene Wellengleichung erfüllt,
ψ(X) = 0 . (1.97)
Falls χ(X) Gl. (1.96) und ψ(X) Gl. (1.97) erfüllt, gilt ebenfalls die Lorenz-Eichbedingung
für das eichtransformierte 4-Potential,
1.3.4 Coulomb-Eichung
Wir betrachten die inhomogene Maxwell-Gleichung (1.76) für ν = 0, multipliziert mit −c,
−c ∂µ F µ0 = −c ∂i ∂ i A0 − ∂ 0 Ai = ∂i ∂i ϕ + ∂i ∂0 Ai
~ · A(X)
∇ ~ = g(X) 6= 0 ,
mit einer beliebigen Funktion g(X) der Raum-Zeit-Koordinate X. Dann gilt gemäß Gl.
(1.85) für die räumlichen Komponenten des eichtransformierten 4-Potentials (unter Be-
nutzung von ∂i ∂ i = −∂i ∂i ≡ −∆)
~ ·A
∇ ~ ′ (X) = ∇
~ · A(X)
~ ~ · ∇χ(X)
+∇ ~ = g(X) + ∆χ(X) . (1.101)
29
1 Grundlagen der Elektrodynamik
genügt, dann ist die Eichbedingung (1.99) für die räumlichen Komponenten des eichtrans-
formierten 4-Potentials A′ µ , erfüllt. Wiederum ist χ(X) nicht eindeutig bestimmt. Man
kann zu χ(X) stets eine Funktion ψ(X) addieren, die die Laplace-Gleichung
∆ψ(X) = 0 (1.103)
(d.h. die homogene Version der Poisson-Gleichung) erfüllt. Dann gilt nämlich unter Be-
nutzung von Glgen. (1.102) und (1.103)
~ ·A
∇ ~ ′ (X) = ∇
~ · A(X)
~ ~ ·∇
+∇ ~ [χ(X) + ψ(X)] = g(X) + ∆ [χ(X) + ψ(X)] = ∆ψ(X) ≡ 0 .
Man beachte, dass über die Zeitkomponente A0 in der Coulomb-Eichung keine Aussage
getroffen wird. Es ist also im Prinzip möglich, eine weitere, unabhängige Bedingung an
A0 zu stellen. Dies wird z.B. in der sog. Strahlungseichung ausgenutzt, welche eine
Kombination aus der sog. temporalen Eichung
A0 = 0
Unter Ausnutzung der Coulomb-Eichung (1.99) und in Vektornotation erhalten wir also
~ ~ 1 ~ ∂ϕ ~ ~ ∂ϕ
A = µ0 j − 2 ∇ = µ0 j − ǫ0 ∇ . (1.104)
c ∂t ∂t
Dies ist wiederum eine inhomogene Wellengleichung für A. ~ Den zweiten Term auf
der rechten Seite kann man weiter auswerten, wenn die Lösung ϕ der Poisson-Gleichung
(1.100) bekannt ist. Wir werden später darauf zurückkommen.
17.11.2010
Eine tiefere Begründung für diese Form kann im Rahmen der Allgemeinen Relativitäts-
theorie gegeben werden, dies soll hier aber nicht weiter ausgeführt werden. Durch Vergleich
mit Gl. (1.70) erkennt man, dass die Einheit des Energie-Impuls-Tensors offensichtlich
identisch mit der der Lagrange-Dichte ist, [T µν ] ≡ [LED ] = J/m3 .
30
1.4 Energie– und Impulssatz
Der Energie-Impuls-Tensor ist, wie man sich leicht überzeugt, ein symmetrischer
Lorentz-Tensor 2. Stufe,
νµ 1 να µ 1 νµ αβ 1 ν αµ 1 µν αβ
T = F Fα + g Fαβ F = F α F + g Fαβ F
µ0 4 µ0 4
1 1
= F µα Fαν + g µν Fαβ F αβ ≡ T µν ,
µ0 4
wobei wir die Symmetrie des metrischen Tensors, g µν = g νµ, und die Antisymmetrie
des Feldstärketensors, F µα = −F αµ , ausgenutzt haben. Symmetrische Lorentz-Tensoren
2. Stufe können als symmetrische (4 × 4)−Matrizen dargestellt werden, besitzen also
zehn unabhängige Komponenten. Die (00)−Komponente des Energie-Impuls-Tensors
ist identisch mit der Energiedichte,
!
1
1
1 1 ~2
E
w ≡ T 00 = F 0α Fα0 + Fαβ F αβ = F 0i Fi 0 − ~2
−B
µ0 4 µ0 2µ0 c 2
! !
1 Ei Ei 1 E~2 ~2
= − − ~2 = 1
B
E
+B ~2
µ0 c c 2µ0 c 2 2µ0 c 2
1 ~2 + 1 B ~2 ,
= ǫ0 E (1.106)
2 µ0
wobei wir die Glgen. (1.38), (1.40) und (1.60) benutzt haben.
Die (0i)−Komponente des Energie-Impuls-Tensors ist die Energiestromdichte,
Si 1 0α i 1 0j i 1
≡ T 0i = F Fα = F Fj = − F 0j F ji
c µ0 µ0 µ0
j
1 E 1 ijk j k
−ǫjik B k =
= ǫ E B , (1.107)
µ0 c cµ0
wobei wir Gl. (1.39) benutzt haben, oder, in Vektornotation geschrieben,
~= 1 E
S ~ ×B
~ . (1.108)
µ0
wobei wir Gl. (1.60) benutzt haben. Unter Benutzung von Glgen. (1.38), (1.39) und dem
Konvolutionssatz (vgl. Vorlesung “Theoretische Physik I”, Gl. (1.47))
ǫilk ǫkjm ≡ δ ij δ lm − δ im δ jl
31
1 Grundlagen der Elektrodynamik
1.4.2 Energie-Impuls-Satz
Aus der Definition (1.105) des Energie-Impuls-Tensors erhält man für dessen 4-Divergenz
µν 1 µα ν µα ν 1 ν ρσ αβ
∂µ T = (∂µ F ) Fα + F ∂µ Fα + ∂ F gαρ gβσ F
µ0 4
α ν 1 µα ν 1 ρσ ν αβ αβ ν ρσ
= j Fα + F ∂µ Fα + gαρ gβσ F ∂ F + F ∂ F ,
µ0 4
wobei wir die Maxwell-Gleichung (1.76) und die Produktregel der Differentiation benutzt
haben. Man erkennt, dass die letzten beiden Terme in der Klammer nach Umbenennen
der Summationsindizes (αβ) ↔ (ρσ) identisch sind,
µν να 1 µα ν 1 ν αβ
∂µ T = −F jα + F ∂µ Fα + Fαβ ∂ F
µ0 2
να 1 µα ν 1 α βν β να
= −F jα + F ∂µ Fα − Fαβ ∂ F + ∂ F ,
µ0 2
wobei wir im letzten Schritt die Jacobi-Identität (1.50) benutzt haben. Durch Vertauschen
und geschicktes Umbenennen von Indizes erkennt man, dass der Term in der eckigen
Klammer verschwindet,
1 1 1 1
Fαβ ∂ α F βν + ∂ β F να = Fαβ ∂ α F βν − Fβα ∂ β F να = Fαβ ∂ α F βν − ∂ α F νβ
2 2 2 2
α βν µα ν
≡ Fαβ ∂ F ≡ F ∂µ Fα
∂µ T µν = −F νµ jµ . (1.110)
Dies ist der sog. Energie-Impuls-Satz. In den folgenden Abschnitten werden wir dieses
Resultat eingehender diskutieren.
32
1.4 Energie– und Impulssatz
1.4.3 Energiesatz
Setzen wir den Index ν = 0 in Gl. (1.110), so erhalten wir den Energiesatz, auch unter
dem Namen Poyntingsches Theorem bekannt:
µ0 00 i0 1 ∂w ~ ~
∂µ T = ∂0 T + ∂i T = +∇·S
c ∂t
1 ~ ~
= −F 0µ jµ ≡ −F 0i ji = −F i0 j i = − E ·j ,
c
wobei wir die Glgen. (1.38), (1.106) und (1.107) benutzt haben. Nach Multiplikation mit
c folgt
∂w ~ ~ ~ .
+ ∇ · S = −~j · E (1.111)
∂t
Diese Gleichung hat eine ähnliche Form wie die Kontinuitätsgleichung für die 4-Ladungs-
stromdichte, allerdings mit einem Quell– bzw. Verlustterm, −~j · E.~ Was bedeutet dieser
Term? Er hat die Dimension
~ = C V = CV = J ,
[~j · E]
m2 s m m3 s m3 s
also Energiedichte pro Zeit. Andererseits ist J/s = W, die Einheit der Leistung. Also
~ die Dimension Leistungsdichte, W/m3 . Der Energiesatz (1.111) besagt also,
hat [~j · E]
dass die Energie des elektromagnetischen Feldes keine Erhaltungsgröße wie die elektrische
Ladung darstellt, sondern dass Energie verlorengeht (wegen des Vorzeichens von −~j · E), ~
indem das elektromagnetische Feld Arbeit an den elektrischen Ladungen, gegeben durch
die Ladungsstromdichte ~j, verrichtet.
Der Verlust an Energie für das elektromagnetische Feld führt andererseits zu einem Zu-
gewinn an Energie der elektrischen Ladungen. Diese Energie ist mechanische Energie,
da die Ladungen z.B. durch das elektromagnetische Feld beschleunigt werden und sich
demzufolge schneller bewegen. Die gesamte pro Zeiteinheit gewonnene mechanische
Energie, also das Negative der von den elektromagnetischen Felder an den Ladungen ver-
richteten mechanischen Leistung, ergibt sich aus dem Integral der Leistungsdichte
~ über den gesamten Raum,
~j · E
dEmech
Z
−Pmech ≡ = ~ .
d3~r ~j · E (1.112)
dt V
1.4.4 Coulomb-Kraft
Gesetzt den Fall, es handelt sich nur um eine einzelne Punktladung q, an der Arbeit
verrichtet wird. Dann ist die Ladungsstromdichte ~j(t, ~r) = ρ(t, ~r) ~v(t, ~r) fast überall null,
es trägt nur der Ort ~rq , an der sich die Punktladung momentan (zum Zeitpunkt tq )
befindet, zum Integral über den gesamten Raum in Gl. (1.112) bei. Wir können also das
Volumenintegral auf einen infinitesimalen Raumbereich um ~rq beschränken (im Laufe der
Zeit müssen wir diesen Raumbereich mit der Ladung mitbewegen), vgl. Abb. 1.2.
33
1 Grundlagen der Elektrodynamik
V v
rq (t’q )
rq (tq)
O
Abbildung 1.2: Einschränkung des Volumenintegrals der mechanischen Leistung um eine
~ bewegende Punktladung
sich mit Geschwindigkeit ~v im elektrischen Feld E
q. Das Volumen muss mit der Ladung mitgeführt werden, so dass es diese
auch zu einem späteren Zeitpunkt t′q > tq vollständig umschließt.
Wenn der Raumbereich hinreichend klein ist, so können wir annehmen, dass das elektri-
~ ~r) und die Geschwindigkeit ~v(t, ~r) in diesem Raumbereich konstant bleiben,
sche Feld E(t,
so dass wir diese Größen vor das Integral ziehen dürfen,
Z
−Pmech ~ · ~v
=E ~ · ~v ,
d3~r ρ ≡ q E (1.113)
V
wobei wir die totale Ladung q als Integral über die Ladungsdichte geschrieben haben,
Z
q≡ d3~r ρ . (1.114)
V
Wir erinnern uns nun an die Definition der mechanischen Leistung aus der Vorlesung
“Theoretische Physik I”, Gl. (2.138),
Pmech = −F~ · ~v .
Durch Vergleich mit Gl. (1.113) erkennen wir, dass die Größe
F~C ≡ q E
~ (1.115)
die Bedeutung einer Kraft hat. Es handelt sich um die sog. Coulomb-Kraft, die das
~ auf eine Ladung q ausübt.
elektrische Feld E
34
1.4 Energie– und Impulssatz
1.4.5 Impulssatz
Für ν = i resultiert aus Gl. (1.110) der Impulssatz,
1 ∂S i 1
∂µ T µi = ∂0 T 0i + ∂j T ji = 2
− ǫ0 ∂j (E j E i ) − ∂j (B j B i ) − g ij ∂j w
c ∂t µ0
iµ i0 ij i ijk k j
= −F jµ = −F j0 − F jj = −E ρ − ǫ B j ,
wobei wir die Glgen. (1.38), (1.39), (1.107) und (1.109), sowie δ ij ≡ −g ij benutzt haben.
Schreiben wir −g ij ∂j ≡ −g iµ ∂µ = −∂ i ≡ ∂i , so lautet diese Gleichung in Vektornotation:
1 ∂S~ h i 1 h i
−ǫ0
~
∇ · ~
E ~
E + ~
E · ~
∇ ~
E − ∇~ · ~
B ~
B + ~
B · ~
∇ ~
B + ~
∇w = − ρ ~
E + ~
j × B~ .
c2 ∂t µ0
(1.116)
~ 2 ] ist
Die Einheit von [S/c 19.11.2010
" #
~
S A m V V s s2 V A s2 J s2 kg m2 s2 kg m 1
= = 2 2 = 2 = 2 3 2 = ,
c2 Vs m m m2 2 m m m sm 2 m s m s m3
wobei wir VA = J/s und J = kg m2 /s2 benutzt haben. Es handelt sich also um eine
Größe mit der Einheit Impulsdichte. Der Impulssatz (1.116) beschreibt also die zeitliche
Änderung der Impulsdichte des elektromagnetischen Feldes. Der Impuls ist, wie auch die
Energie, keine Erhaltungsgröße, sondern nimmt aufgrund des Quell– bzw. Verlustterms
−(ρ E~ + ~j × B)
~ ab. Die Dimension dieses Terms ist
~ = C V = J = Nm = N ,
[ρ E]
m3 m m4 m4 m3
also Kraftdichte. Dies ist sinnvoll, da gemäß der Newtonschen Grundgleichung die zeit-
liche Änderung des Impulses gleich der Kraft ist, die auf einen Körper ausgeübt wird.
Dividieren wir die Newtonsche Grundgleichung durch das Volumen, so folgt, dass die
zeitliche Änderung der Impulsdichte gleich der Kraftdichte ist.
~ + ~j × B)
Die rechte Seite −(ρ E ~ von Gl. (1.116) ist also die Kraftdichte, die das elek-
tromagnetische Feld auf die elektrischen Ladungen ausübt und deretwegen sich seine Im-
~ 2 zeitlich verringert. Gemäß dem 3. Newtonschen Axiom (“Actio = Reac-
pulsdichte S/c
tio”) werden die elektrischen Ladungen dann aber durch die Kraftdichte +(ρ E ~ + ~j × B)
~
beschleunigt. Die mechanische Kraft, die vom elektromagnetischen Feld auf elektrische
Ladungen ausgeübt wird und aufgrund der sich der mechanische Impuls zeitlich ändert,
ergibt sich daraus durch Integration über den gesamten Raum,
dP~mech
Z
= F~mech = ~ + ~j × B
d3~r ρ E ~ . (1.117)
dt V
1.4.6 Lorentz-Kraft
Wir betrachten wieder den Fall, dass es sich bei den elektrischen Ladungen um eine
einzelne Punktladung q handelt. Dieselben Argumente, die wir schon bei der Herleitung
35
1 Grundlagen der Elektrodynamik
von Gl. (1.113) angewendet haben, führen ausgehend von Gl. (1.117) nun auf
dP~mech
~ + ~v × B
~ ≡ F~L ,
=q E (1.118)
dt
die sog. Lorentz-Kraft. Der erste Term in der Lorentz-Kraft entspricht der Coulomb-
Kraft (1.115). Positive Ladungen q > 0 werden also in Richtung des elektrischen Feldes
~ beschleunigt.
E
Der zweite Term in Gl. (1.118) beschreibt den Einfluß der magnetischen Induktion B~
auf sich mit Geschwindigkeit ~v bewegende Ladungen. Entsprechend der Definition des
Kreuzprodukts wirkt die Kraft senkrecht zur von ~v und B ~ aufgespannten Ebene, vgl.
Abb. 1.3.
FL,m
q
v
Abbildung 1.3: Richtung des magnetischen Anteils der Lorentz-Kraft für positive Ladun-
gen q > 0.
Die von der Lorentz-Kraft geleistete Arbeit pro Zeiteinheit, bzw. mechanische Leistung
ist
h i
~ ~ ~
−PL = FL · ~v = q E · ~v + ~v · ~v × B ≡ q E~ · ~v = F~C · ~v ≡ −Pmech , (1.119)
wobei wir Gl. (1.115) ausgenutzt haben. Dieser Ausdruck ist identisch mit der Leistung
(1.113). Lediglich die Coulomb-Kraft leistet Arbeit an den elektrischen Ladungen, der
magnetische Anteil der Lorentz-Kraft leistet keine Arbeit, da er senkrecht zur Ge-
schwindigkeit steht, vgl. Abb. 1.3.
36
1.5 Punktladungen
Benutzen wir Gl. (1.119), so ergibt sich für die zeitliche Komponente
~
E
KL0 = q · γ~v ≡ q F j0uj = q F 0j uj ≡ q F 0ν uν , (1.120)
c
wobei wir uj = γv j ausgenutzt haben, s. Gl. (1.66). Ganz analog berechnen wir für die
räumlichen Komponenten
Ei
i
+ ǫ (γv ) B ≡ q F i0 u0 − F ij uj = q F i0 u0 + F ij uj ≡ q F iν uν .
ijk j k
KL = q cγ
c
(1.121)
In 4-Schreibweise zusammengefaßt ergeben die Glgen. (1.120) und (1.121) die 4-Lorentz-
Kraft
KLµ = q F µν uν . (1.122)
Ersetzen wir den 4-Ladungsstrom q uν durch die 4-Ladungsstromdichte jν , so erhalten
wir daraus die 4-Lorentz-Kraftdichte,
kLµ ≡ F µν jν . (1.123)
∂µ T µν = −kLν .
Energie und Impuls des elektromagnetischen Feldes ändern sich aufgrund der Tatsache,
dass sie auf elektrische Ladungen Kräfte ausüben, die an diesen Arbeit verrichten.
1.5 Punktladungen
1.5.1 Das Konzept der Punktladung
In Abschnitt 1.4.4 hatten wir eine Punktladung q betrachtet, die sich auf einer Tra-
jektorie ~rq (t) bewegt, vgl. Abb. 1.2. Die zur Punktladung gehörende Ladungsdichte
ρ(t, ~r) hat die Eigenschaft (1.114), d.h., dass das Raumintegral der Ladungsdichte über
ein Volumen V , welches die Punktladung einschließt, den Betrag q hat,
Z
q= d3~r ρ(t, ~r) . (1.124)
V
Dabei kann das Volumen V infinitesimal klein sein. Es ist auf den ersten Blick über-
raschend, dass der Wert des Integrals nicht von der Größe des Volumens V abhängt, aber
das liegt daran, dass die Ladungsdichte ρ(t, ~r) lediglich an einem einzigen Punkt, dem
Ort ~rq (t) der Ladung von null verschieden ist.
Normalerweise hängt der Wert eines Integrals über einen gewissen Raumbereich aber
nicht davon ab, welchen Wert der Integrand an einem einzelnen Punkt hat. In der Regel
kann man sogar Punkte vom Integrationsbereich ausschließen, ohne dass sich der Wert
des Integrals ändert. In der Maßtheorie spricht man davon, dass Punkte Mengen vom
Maß null darstellen. Diese Betrachtungen sind richtig, sofern der Integrand am besagten
37
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Punkt einen endlichen Wert annimmt. Nehmen wir z.B. an, die Ladungsdichte in Gl.
(1.124) ist nicht nur bei ~rq (t) von null verschieden, sondern im gesamten Volumen V ,
welches ~rq (t) umschließt. Dort nehme sie einen konstanten Wert an und verschwinde
außerhalb,
ρ∗ = const. < ∞ , ~r ∈ V ,
ρ(t, ~r) =
0, ~r 6∈ V .
Dann ist der Wert des Integrals in Gl. (1.124)
Z Z
3
q= d ~r ρ(t, ~r) = d3~r ρ∗ = ρ∗ V .
V V
Lassen wir nun V → 0 gehen, so verschwindet das Integral und damit auch die Ladung q.
Dies ist sicher unphysikalisch, denn die Punktladung q existiert und hat einen von
null verschiedenen Wert. Der einzige Ausweg ist, der Ladungsdichte ρ(t, ~r) bei kleiner
werdendem V einen immer größeren Wert ρ∗ zuzuordnen, so dass sie im Grenzübergang
V → 0 am Ort der Ladung ~rq (t) einen unendlich großen Wert ρ∗ → ∞ annimmt. Dabei
wird das Produkt ρ∗ V stets konstant gehalten und gleich der gesamten im Volumen V
befindlichen Ladung q gesetzt, vgl. Abb. 1.4. In der obigen Grenzwertbetrachtung wäre
dann
lim lim ρ∗ V = q 6= 0 .
ρ∗ →∞ V →0
ρ
*
Diese Betrachtung kann man mathematisch formalisieren. Wir schreiben für die La-
dungsdichte einer Punktladung
wobei
δ (3) (~r − ~rq (t)) ≡ δ(x − xq (t)) δ(y − yq (t)) δ(z − zq (t))
die dreidimensionale Diracsche δ−Funktion darstellt.
38
1.5 Punktladungen
Die Diracsche δ−Funktion δ(x) ist keine Funktion im eigentlichen Sinne sondern eine
sog. Distribution. Sie ist durch folgende Eigenschaften definiert
δ(x − a) = 0 ∀ x 6= a ∈ R , (1.126)
Z β
1, falls α < a < β ,
dx δ(x − a) = (1.127)
α 0 falls a < α oder β < a .
In der Tat berechnen wir mit Gl. (1.125) das Integral in Gl. (1.124) wie folgt:
Z Z
3
d ~r ρ(t, ~r) = q d3~r δ (3) (~r − ~rq (t))
V
ZV
= q dx dy dz δ(x − xq (t)) δ(y − yq (t)) δ(z − zq (t)) ≡ q ,
V
sofern ~rq (t) ∈ V . Dabei haben wir Eigenschaft (1.127) für jedes der drei Integrale über
die Raumkoordinaten x, y, z benutzt.
vgl. Abb. 1.6. Der halbe Wert des Maximums, 1/(2πη) wird für folgende x−Werte ange-
nommen:
1 1 η
=
2πη π (x − a)2 + η 2
⇐⇒ 2 η 2 = (x − a)2 + η 2
⇐⇒ (x − a)2 = η 2
=⇒ x = a ± η .
39
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Lη(x-a)
1/πη
1/2 πη
a x
2η
Abbildung 1.5: Die Lorentz-Kurve.
Lη(x-a)
α a β x
Abbildung 1.6: Lorentz-Kurven für kleiner werdendes η.
40
1.5 Punktladungen
Die Breite der Kurve bei der halben Höhe, die sog. Halbwertsbreite (engl. “full width
at half maximum”, FWHM) ist daher 2 η. Für kleiner werdendes η wird die Lorentz-Kurve
also immer schmaler, so dass
lim Lη (x − a) = 0 ∀ x 6= a , (1.129)
η→0
41
1 Grundlagen der Elektrodynamik
(ii) Sei f (x) eine differenzierbare Funktion mit einfachen Nullstellen xi , f (xi ) = 0,
f ′ (xi ) 6= 0. Dann gilt
X 1
δ [f (x)] = ′
δ(x − xi ) . (1.132)
i
|f (xi )|
Man beweist dies, indem man die Eigenschaften der δ−Funktion für die linke und
rechte Seite dieser Gleichung nachprüft. Dabei muss man beim Integral über x eine
Variablensubstitution x → f (x) durchführen.
Spezialfälle:
1
(a) δ(ax) = δ(x) , (1.133)
|a|
1
(b) δ(x2 − a2 ) = [δ(x − a) + δ(x + a)] . (1.134)
2|a|
und insbesondere
x δ(x) = 0 . (1.136)
24.11.2010
(v) Die Ableitung der δ−Funktion ist über ihr Integral definiert. Mit Hilfe partieller
Integration berechnen wir
Z β Z β
′
dx f (x) δ (x − a) = f (x) δ(x − a)|βα − dx f ′ (x) δ(x − a)
α α
= 0 − f ′ (a) = −f ′ (a) ,
also
f (x) δ ′ (x − a) = −f ′ (x) δ(x − a) ≡ −f ′ (a) δ(x − a) . (1.138)
42
1.5 Punktladungen
Θ(x)
0
Abbildung 1.7: Die Stufen- bzw. Heaviside-Funktion.
wobei γ(u, v, w) eine noch zu bestimmende Funktion der neuen, krummlinigen Ko-
ordinaten (u, v, w) ist. Falls der Punkt ~r0 im Volumen V liegt, gilt
Z
1 = d3~r δ (3) (~r − ~r0 )
ZV
∂(x, y, z)
= du dv dw γ(u, v, w) δ(u − u0 ) δ(v − v0 ) δ(w − w0 )
V ∂(u, v, w)
∂(x, y, z)
= γ(u0 , v0 , w0 ) ,
∂(u, v, w) ~r0
wobei wir die Eigenschaft (1.131) der δ−Funktion ausgenutzt haben. Diese Glei-
chung läßt sich nun nach der Funktion γ auflösen,
∂(u, v, w)
γ(u0 , v0 , w0 ) = . (1.140)
∂(x, y, z) ~
r0
43
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Beispiele:
(a) Kugelkoordinaten (r, ϑ, ϕ). Die Funktionaldeterminante ist (vgl. Gl. (1.169)
der Vorlesung “Theoretische Physik I”)
∂(x, y, z)
= r 2 sin ϑ ,
∂(r, ϑ, ϕ)
also folgt
1
δ (3) (~r − ~r0 ) = δ(r − r0 ) δ(ϑ − ϑ0 ) δ(ϕ − ϕ0 ) .
r02 sin ϑ0
S = ~r(u, v) ∈ R3 , u, v ∈ D .
(1.141)
Dabei ist D der Definitionsbereich der Parameter u, v. Man beachte, dass wir im Gegen-
satz zu Kurven, die durch eine einzige Variable parametrisiert werden können (vgl. Ab-
schnitt 1.2.1 der Vorlesung “Theoretische Physik I”), nun zwei Parameter, u, v, benötigen.
Die Konstruktion von zweidimensionalen Flächen im dreidimensionalen Raum kann
man sich wie in Abb. 1.8 gezeigt vorstellen. Man fixiert zunächst u und variiert v. Dies
ergibt eine Raumkurve, parametrisiert durch die Variable v. Dann vergrößert man u →
u + du und variiert erneut v. Dies ergibt eine zweite Raumkurve usw., so dass man eine
Kurvenschar erhält. Eine zweite Kurvenschar erhält man, indem man v fixiert und u
variiert, dann v → v + dv setzt und erneut u variiert usw. Die beiden Kurvenscharen
spannen die Fläche S auf.
Es gilt offenbar
∂~r
d~a = ~r(u, v + dv) − ~r(u, v) ≡ dv , (1.142)
∂v
∂~r
d~b = ~r(u + du, v) − ~r(u, v) ≡ du , (1.143)
∂u
44
1.6 Elektrodynamik in Integralform
v
v+dv
df
111111111
000000000
000000000
111111111
db
000000000
111111111
000000000
111111111
000000000
111111111
000000000
111111111
000000000
111111111
000000000
111111111
000000000
111111111
r(u+du,v) 000000000
111111111 u+du
000000000
111111111
da
r(u,v)
r(u,v+dv) u
Abbildung 1.8: Parameterdarstellung einer Fläche.
wobei wir jeweils im zweiten Schritt die Definition der partiellen Ableitungen ∂~r/∂v bzw.
∂~r/∂u benutzt haben. Das Kreuzprodukt der Vektoren d~a, d~b definiert einen Vektor,
der senkrecht auf dem von d~a und d~b aufgespannten infinitesimalen Flächenelement df
(in Abb. 1.8 schraffiert gezeichnet) steht. Bei Flächen S, die ein Volumen V umschließen,
also geschlossenen Oberflächen, werden wir vereinbaren, dass df~ von V aus gesehen
stets nach außen zeigt.
Mit den Glgen. (1.142), (1.143) lautet Gl. (1.144)
~ ∂~r ∂~r
df = × du dv . (1.145)
∂v ∂u
Die Vektoren
∂~r ∂~r
,
∂u ∂v
spannen die sog. Tangentialebene zur Fläche S im Punkt ~r(u, v) auf. Der Normalen-
vektor auf dem bei ~r(u, v) befindlichen Flächenelement df ist gegeben durch
∂~r ∂~r
×
~n(~r) = ∂v ∂u . (1.146)
∂~r ∂~r
×
∂v ∂u
∂~r ∂~r
df~ = ~n(~r) × du dv ≡ ~n(~r) df , (1.147)
∂v ∂u
45
1 Grundlagen der Elektrodynamik
erhalten wir
∂~r
= R (cos ϕ cos ϑ , sin ϕ cos ϑ , − sin ϑ) ≡ R ~eϑ ,
∂ϑ
∂~r
= R (− sin ϕ sin ϑ , cos ϕ sin ϑ , 0) ≡ R sin ϑ(− sin ϕ , cos ϕ , 0) ≡ R sin ϑ ~eϕ ,
∂ϕ
wobei wir die Definition der Einheitsvektoren ~eϑ , ~eϕ aus Gl. (1.170) der Vorlesung “Theo-
retische Physik I” übernommen haben. Es gilt
∂~r ∂~r
× = R2 sin ϑ ~eϑ × ~eϕ ≡ R2 sin ϑ ~er ,
∂ϑ ∂ϕ
also
~n(~r) = ~er ,
df = R2 sin ϑ dϑ dϕ ,
df~ = R2 sin ϑ dϑ dϕ ~er . (1.148)
Gegeben sei nun ein Vektorfeld ~a(~r). Der Fluß von ~a(~r) durch die Fläche S ist definiert
als Z Z
ϕS [~a] ≡ df~ · ~a(~r) ≡ df ~n(~r) · ~a(~r) . (1.149)
S S
Das Integral auf der rechten Seite ist ein Flächenintegral über die Fläche S. Wie ist
dieses Integral definiert? Gegeben sei eine Fläche S, die wir in kleine (nicht notwendiger-
weise gleich große) Teilflächen ∆fi mit Normalenvektor ~n(~ri ) ≡ ∆f~i /∆fi um geeignete
Positionen ~ri ∈ S unterteilen, s. Abb. 1.10.
Der Fluß von ~a(~r) durch die Teilfläche ∆fi an der Stelle ~ri ist durch das Skalarprodukt
von ~a(~ri ) mit dem der Fläche zugeordneten Vektor ∆f~i gegeben,
46
1.6 Elektrodynamik in Integralform
Rsinϑ dϕ
dϕ
Rsinϑ df
1111
0000
0000
1111
0000
1111
0000
1111
r 0000
1111
0000
1111
ϑ 0000
1111
0000
1111
dϑ
Rdϑ
a(ri )
∆fi
S ri
47
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Der gesamte Fluß durch die Fläche S ergibt sich als Summe der Flüsse durch die
einzelnen Teilflächen,
∆f~i · ~a(~ri ) =
X X X
ϕS [~a] = ϕ∆fi (~a(~ri )) = ∆fi ~n(~ri ) · ~a(~ri ) .
i i i
Das Flächenintegral aus Gl. (1.149) ist nun als Grenzwert dieses Ausdrucks für ∆fi → 0
zu verstehen, Z
df~ · ~a(~r) .
X
ϕS [~a] = lim ϕ∆fi (~a(~ri )) ≡
∆fi →0 S
i
Wie bereits oben erwähnt, zeigt der Normalenvektor ~n(~r) vom Volumen V gesehen stets
nach außen.
Beispiel: Fluß eines Zentralfeldes durch Kugeloberfläche
Wir betrachten das Zentralfeld
Benutzen wir df~ aus dem vorangegangenen Beispiel, Gl. (1.148), so ergibt sich wegen
~er · ~er = 1
Z π Z 2π Z 1 Z 2π
2 2
ϕS [~a] = dϑ dϕ R sin ϑ a(R) = a(R) R dx dϕ = 4π R2 a(R) ,
0 0 −1 0
Beweis:
Wir betrachten zunächst die rechte Seite von Gl. (1.151). Da ∆V gegen null gehen soll,
spielt die exakte Form dieses Volumens keine Rolle. Der Einfachheit halber betrachten
wir daher ein quaderförmiges Volumen ∆V ≡ ∆x ∆y ∆z mit Mittelpunkt in ~r0 , s. Abb.
1.11.
48
1.6 Elektrodynamik in Integralform
∆f5
∆f2
∆f4 ∆f3
∆z
∆f1 ∆x
∆y
r0
∆f6 z
y
x
Abbildung 1.11: Zur Integraldarstellung der Divergenz.
Für die auf den Seitenflächen des Volumens senkrecht stehenden Vektoren gilt ganz
offensichtlich
∆f~1 = ∆y ∆z ~e x ≡ −∆f~2 ,
∆f~3 = ∆x ∆z ~e y ≡ −∆f~4 ,
∆f~5 = ∆x ∆y ~e z ≡ −∆f~6 .
Für die infinitesimalen Flächenvektoren df~i , die im Oberflächenintegral auf der rechten
Seite von Gl. (1.151) auftreten, gelten analoge Gleichungen, wenn man die Seitenlängen
∆x, ∆y, ∆z durch die infinitesimalen Längen dx, dy, dz ersetzt. Damit folgt z.B. auf der
zu df~1 gehörenden Seitenfläche
~ x ∆x
df1 · ~a(~r) = dy dz a x0 + , y, z
2
49
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Für das Oberflächenintegral auf der rechten Seite von Gl. (1.151) folgt damit
Z y0 +∆y/2 Z z0 +∆z/2
∆x ∆x
I
~
df · ~a(~r) = x
dy dz a x0 + x
, y, z − a x0 − , y, z
S(∆V ) y0 −∆y/2 z0 −∆z/2 2 2
Z x0 +∆x/2 Z z0 +∆z/2
y ∆y y ∆y
+ dx dz a x, y0 + , z − a x, y0 − ,z
x0 −∆x/2 z0 −∆z/2 2 2
Z x0 +∆x/2 Z y0 +∆y/2
z ∆z z ∆z
+ dx dy a x, y, z0 + − a x, y, z0 − .
x0 −∆x/2 y0 −∆y/2 2 2
Nach Definition der partiellen Ableitung gilt im Limes ∆x → 0
∂ax
x ∆x x ∆x
a x0 + , y, z − a x0 − , y, z ≡ (x0 , y, z) ∆x ,
2 2 ∂x
so dass wir das Oberflächenintegral weiter vereinfachen können,
Z y0 +∆y/2 Z z0 +∆z/2
∂ax
I
~
df · ~a(~r) = dy dz ∆x (x0 , y, z)
S(∆V ) y0 −∆y/2 z0 −∆z/2 ∂x
Z x0 +∆x/2 Z z0 +∆z/2
∂ay
+ dx dz ∆y (x, y0 , z)
x0 −∆x/2 z0 −∆z/2 ∂y
Z x0 +∆x/2 Z y0 +∆y/2
∂az
+ dx dy ∆z (x, y, z0) .
x0 −∆x/2 y0 −∆y/2 ∂z
Im Limes ∆V → 0 kann man die Integranden der Flächenintegrale durch ihren Wert bei
~r0 = (x0 , y0 , z0 ) ersetzen und vor die Integrale ziehen,
Z y0 +∆y/2 Z z0 +∆z/2
∂ax
I
~
df · ~a(~r) = (~r0 ) ∆x dy dz
S(∆V ) ∂x y0 −∆y/2 z0 −∆z/2
Z x0 +∆x/2 Z z0 +∆z/2
∂ay
+ (~r0 ) ∆y dx dz
∂y x0 −∆x/2 z0 −∆z/2
Z x0 +∆x/2 Z y0 +∆y/2
∂az
+ (~r0 ) ∆z dx dy
∂z x0 −∆x/2 y0 −∆y/2
x
∂ay ∂az
∂a
≡ + + ∆x ∆y ∆z
∂x ∂y ∂z
~ · ~a ∆V .
= ∇
Dividieren wir diese Gleichung durch ∆V und nehmen den Grenzwert ∆V → 0 (den wir
implizit schon im Verlauf des Beweises benutzt haben), so folgt Gl. (1.151), q.e.d.
Gleichung (1.151) läßt sich ganz entsprechend auch für andere Differentialoperatoren
erweiteren, z.B.
1
I
~
∇ϕ = lim df~ ϕ(~r) , (1.152)
∆V →0 ∆V S(∆V )
1
I
∇~ × ~a = lim df~ × ~a(~r) , (1.153)
∆V →0 ∆V S(∆V )
50
1.6 Elektrodynamik in Integralform
wobei ϕ(~r) ein skalares Feld ist. Der Beweis verläuft analog.
Nun betrachten wir ein Volumen beliebiger Größe V . Dieses teilen wir in kleine Teilvo-
lumina ∆Vi auf, s. Abb. 1.12.
Si
∆fi+1 ∆fi
∆Vi ∆Vi+1
Betrachten wir nun die Grenzfläche Si zwischen ∆Vi und ∆Vi+1 . Aufgrund von ∆f~i =
−∆f~i+1 ist der Fluß, der aus ∆Vi durch diese Fläche heraus und in ∆Vi+1 hineinströmt,
umgekehrt gleich groß wie der, der aus ∆Vi+1 durch diese Fläche heraus und in ∆Vi
hineinströmt,
ϕSi [~a] = ∆f~i · ~a = − ∆f~i+1 · ~a ,
Si Si
denn ~a nimmt auf der Grenzfläche Si dieselben Werte an, unabhängig davon, ob wir das
Skalarprodukt mit ∆f~i oder ∆f~i+1 bilden. In der Summe der Oberflächenintegrale über
∆Vi und ∆Vi+1 würden sich diese Beiträge also gerade gegenseitig wegheben, so dass die
Summe der Integrale identisch mit dem Integral über die Summe der Teilvolumina ist,
I I I
~
df · ~a + ~
df · ~a = df~ · ~a .
S(∆Vi ) S(∆Vi+1 ) S(∆Vi +∆Vi+1 )
Dieses Argument kann manP auf die Summe aller Teilvolumina ∆Vi des Volumens V
erweitern, so dass wegen i ∆Vi ≡ V
XI I
df~ · ~a ≡ df~ · ~a . (1.154)
i S(∆Vi ) S(V )
Andererseits gilt mit Gl. (1.151) für die linke Seite dieser Gleichung im Limes ∆Vi → 0
XI Z
~ ~ ~ · ~a .
X
df · ~a = ∆Vi ∇ · ~a ≡ d3~r ∇ (1.155)
i S(∆Vi ) i V
Der Vergleich von Gl. (1.154) mit (1.155) ergibt den Satz von Gauß,
Z I
3 ~
d ~r ∇ · ~a = df~ · ~a . (1.156)
V S(V )
51
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Entsprechend zeigt man die Verallgemeinerung von Glgen. (1.152) und (1.153) für belie-
bige Volumina V ,
Z I
3 ~
d ~r ∇ϕ(~r) = df~ ϕ(~r) , (1.157)
V S(V )
Z I I
3 ~
d ~r ∇ × ~a(~r) = ~
df × ~a(~r) ≡ df ~n(~r) · ~a(~r) , (1.158)
V S(V ) S(V )
wobei dσµ ≡ dσ nµ der zum Flächenelelement dσ gehörende Vektor ist; nµ ist der vier-
dimensionale Normalenvektor auf der Oberfläche Σ(Ω) des Raum-Zeit-Volumens Ω.
Entsprechend lassen sich auch die Resultate (1.157) und (1.158) auf vier Raum-Zeit-
Dimensionen verallgemeinern.
Der Satz von Gauß (1.159) für vierdimensionale Raum-Zeit-Volumina Ω erleichtert
den Beweis der Eichinvarianz der Wirkung der Elektrodynamik aus Abschnitt 1.3.2. Wir
können nämlich für den zweiten Term in Gl. (1.87) schreiben
Z Z I
4 µ 4 µ µ
d X j ∂µ χ ≡ d X [∂µ (j χ) − χ ∂µ j ] = dσµ j µ χ ,
Ω Ω Σ(Ω)
wobei wir den Satz von Gauß (1.159) und die Kontinuitätsgleichung (1.84) benutzt ha-
ben. Vorausgesetzt, die 4-Stromdichte j µ (oder die skalare Funktion χ) verschwindet auf
der Oberfläche Σ(Ω) des vierdimensionalen Raum-Zeit-Volumens Ω, dann ist auch die
rechte Seite dieser Gleichung null und die Wirkung der Elektrodynamik invariant unter
′
Eichtransformationen, SED = SED .
3 ∂ρ
Z Z I
d ~r 3 ~ ~
= − d ~r ∇ · j ≡ − df~ · ~j ,
V ∂t V S(V )
wobei wir auf der rechten Seite den Satz von Gauß (1.156) verwendet haben. Die rechte
Seite ist offenbar identisch mit dem gesamten Ladungsstrom durch die Oberfläche
S(V ) des Volumens V . Die linke Seite können wir für zeitlich konstante Volumina auch
wie folgt schreiben,
3 ∂ρ ∂ ∂Q
Z Z
d ~r = d3~r ρ ≡ ,
V ∂t ∂t V ∂t
52
1.6 Elektrodynamik in Integralform
besagt also, dass die zeitliche Änderung der in einem Volumen V befindlichen Ladung
identisch ist mit dem Ladungsstrom durch die Oberfläche S(V ) dieses Volumens. Da das
Volumen beliebig war, bedeutet dies, dass die elektrische Ladung eine Erhaltungsgröße
sein muss. Dies ist aber auch die Grundaussage der Kontinuitätsgleichung.
Als Beispiele betrachten wir für C einen Kreis und (a) ein Vektorfeld mit maximaler Zir-
kulation entlang C, s. Abb. 1.13(a), sowie (b) ein Vektorfeld mit minimaler Zirkulation,
s. Abb. 1.13(b).
a
a
dr
dr
C C
(a) (b)
Abbildung 1.13: (a) Vektorfeld mit maximaler und (b) mit minimaler Zirkulation.
Im ersten Fall liegt ~a stets tangential an C an, so dass d~r und ~a(~r) parallele Vektoren
sind,
d~r · ~a(~r) ≡ ds|~a(~r)| ,
53
1 Grundlagen der Elektrodynamik
wobei ds ≡ |d~r|. Im zweiten Fall steht ~a stets senkrecht zur Kurve C, so dass
d~r · ~a(~r) ≡ 0 .
ZC(∆F ) [~a] 1
I
~
~n · ∇ × ~a = lim = lim d~r · ~a(~r) , (1.163)
∆F →0 ∆F ∆F →0 ∆F C(∆F )
wobei ∆F die von C(∆F ) umschlossene Fläche und ~n der Normalenvektor auf ∆F ist.
Beweis:
Da ∆F → 0, ist die Form des Flächenelements irrelevant. Wir betrachten daher der Ein-
fachheit halber ein quadratisches Flächenelement ∆F ≡ ∆x ∆y parallel zur (xy)−Ebene
mit Mittelpunkt in ~r0 = (x0 , y0 , z0 ), vgl. Abb. 1.14.
y
∆x
∆F C
y0 ∆y
x0 x
Abbildung 1.14: Zur Integraldarstellung der Rotation.
wobei das Vorzeichen die Richtung angibt, in der das entsprechende Teilstück durchlaufen
wird. Entsprechend gilt für die beiden Teilstücke parallel zur y−Achse
∆x y ∆x
d~r · ~a x0 ± , y, z0 ≡ ± dy a x0 ± , y, z0 .
2 2
54
1.6 Elektrodynamik in Integralform
Für die Zirkulation von ~a(~r) um das Flächenelement ∆F erhalten wir demnach
I
ZC(∆F ) [~a] = d~r · ~a(~r)
C(∆F )
x0 +∆x/2
∆y ∆y
Z
x x
= dx a x, y0 − , z0 − a x, y0 + , z0
x0 −∆x/2 2 2
Z y0 +∆y/2
y ∆x y ∆x
+ dy a x0 + , y, z0 − a x0 − , y, z0 .
y0 −∆y/2 2 2
∂ax
x ∆y x ∆y
a x, y0 − , z0 − a x, y0 + , z0 = − (x, y0 , z0 ) ∆y ,
2 2 ∂y
und entsprechend
∂ay
y ∆x y ∆x
a x0 + , y, z0 − a x0 − , y, z0 = (x0 , y, z0 ) ∆x .
2 2 ∂x
wobei wir im zweiten Schritt die Integranden vor die Integrale gezogen haben, da diese
im Limes ∆F → 0 als konstant und gleich ihrem Wert bei ~r0 betrachtet werden können.
Im letzten Schritt haben wir ausgenutzt, dass der Normalenvektor auf dere Fläche ∆F in
z−Richtung zeigt, ~n ≡ ~e z . Dividieren wir beide Seiten durch ∆F und nehmen den Limes
∆F → 0, so ergibt sich Gl. (1.163), q.e.d. 1.12.2010
Wie im Fall der Integraldarstellung der Divergenz ergeben sich auch hier Verallgemei-
nerungen auf andere Differentialoperatoren, die wir ohne Beweis angeben,
1
I
~
~n × ∇ϕ = lim d~r ϕ(~r) , (1.164)
∆F →0 ∆F C(∆F )
1
I
~
~n × ∇ × ~a = lim d~r × ~a(~r) . (1.165)
∆F →0 ∆F C(∆F )
Wir betrachten nun Flächen S beliebiger Größe. Diese teilen wir in kleine Teilflächen
∆Fi auf, s. Abb. 1.15.
55
1 Grundlagen der Elektrodynamik
∆Fi+1
∆Fi
S Li
Obwohl S keine ebene Fläche sein muss, kann man die Teilflächen ∆Fi so klein wählen,
dass sie jede für sich als eben betrachtet werden können. Benachbarte Flächen müssen
aber nicht gleich orientiert sein, d.h. ∆F~i muss nicht in die gleiche Richtung wie ∆F~i+1
zeigen.
Bei der Zirkulation um das Flächenelement ∆Fi wird das Wegstück Li in umgekehrter
Richtung durchlaufen wie bei der Zirkulation um das Element ∆Fi+1 . In der Summe der
Zirkulationen um diese beiden Flächenelemente hebt sich dieser Beitrag also gerade weg
und es gilt
I I I
d~r · ~a(~r) + d~r · ~a(~r) = d~r · ~a(~r) .
C(∆Fi ) C(∆Fi+1 ) C(∆Fi +∆Fi+1 )
P
Dieses Resultat läßt sich auf die gesamte Fläche S ≡ i ∆Fi verallgemeinern,
XI I
d~r · ~a(~r) = d~r · ~a(~r) . (1.166)
i C(∆Fi ) C(S)
Die linke Seite läßt sich aber mit Gl. (1.163) im Limes ∆Fi → 0 auch schreiben als
XI h i
~
X
d~r · ~a(~r) = ∆Fi ~n(~ri ) · ∇ × ~a(~ri )
i C(∆Fi )
Zi h i Z h i
≡ dF ~n(~r) · ∇~ × ~a(~r) = dF~ · ∇~ × ~a(~r) . (1.167)
S S
Der Vergleich von Gl. (1.166) mit (1.167) ergibt den Satz von Stokes
Z h i I
dF~ · ∇~ × ~a(~r) = d~r · ~a(~r) . (1.168)
S C(S)
56
1.6 Elektrodynamik in Integralform
~ ·B
∇ ~ = 0, (1.171)
~
~ ×E
∇ ~ + ∂B = 0 , (1.172)
∂t
∇ ~ = 1 ρ,
~ ·E (1.173)
ǫ0
~
~ ×B
∇ ~ − 1 ∂ E = µ0 ~j . (1.174)
c2 ∂t
Integrieren wir Gl. (1.171) über ein beliebiges Volumen V , so folgt mit dem Satz von
Gauß, Gl. (1.156) Z I
3 ~ ~
d ~r ∇ · B = df~ · B
~ = ϕS(V ) [B]
~ =0, (1.175)
V S(V )
der Fluß der magnetischen Induktion durch eine geschlossene Oberfläche verschwindet.
Dies bedeutet natürlich nicht, dass er überall auf der Oberfläche null ist, sondern le-
diglich, dass genausoviel Fluß in das Volumen V eindringt wie auch wieder heraus-
kommt, s. Abb. 1.16. Dies bedeutet auch, dass die magnetische Induktion B ~ keine Quel-
len oder Senken besitzt. Diese Aussage ist äquivalent zum Verschwinden des Quellenfelds
von B,~ ∇~ ·B~ = 0. Eine weitere äquivalente Aussage ist, dass es keine magnetischen
Monopole, d.h. keine “einpoligen” Magneten gibt.
Wir integrieren nun Gl. (1.172) über eine beliebige, zeitlich konstante Fläche,
! I
∂ ~
B ∂ ~
~ + ∂ϕS [B] = 0 ,
Z Z I
~ ~ ~
df · ∇ × E + = ~
d~r · E + ~ ~
df · B ≡ d~r · E
S ∂t C(S) ∂t S C(S) ∂t
wobei wir für den ersten Term den Satz von Stokes (1.168) benutzt haben, oder
~
∂ϕS [B]
I
− = ~ ≡ ZC(S) [E]
d~r · E ~ . (1.176)
∂t C(S)
Dies ist das Faradaysche Induktionsgesetz. Es besagt, dass die zeitliche Änderung des
Flusses der magnetischen Induktion durch eine Fläche S ein elektrisches Feld entlang des
Randes C(S) dieser Fläche induziert, s. Abb. 1.17.
57
1 Grundlagen der Elektrodynamik
V B
C(S) B(t)
wobei wir den Satz von Gauß und Gl. (1.160) für die gesamte im Volumen V befindliche
elektrische Ladung benutzt haben. Dies bedeutet, dass elektrische Ladungen die Quellen
des elektrischen Feldes sind, bzw. dass der Fluss des elektrischen Feldes durch die
Oberfläche eines Volumens V bis auf einen Faktor 1/ǫ0 identisch mit der im Volumen
befindlichen Ladung Q ist, s. Abb. 1.18.
Zum Schluß integrieren wir noch Gl. (1.174) über eine beliebige, zeitlich konstante
Fläche S,
Z I Z
1
Z ~
∂E
~ ~ ~
df · ∇ × B ≡ ~ ~ ~ ~
d~r · B = ZC(S) [B] = µ0 df · j + 2 df~ ·
S C(S) S c S ∂t
≡ µ0 (I + IMaxwell ) , (1.178)
58
1.6 Elektrodynamik in Integralform
wobei wir den zweiten Term auf der linken Seite von Gl. (1.174) auf die rechte Seite
gebracht und den Satz von Stokes (1.168) für den verbleibenden Term auf der linken Seite
benutzt haben. Ferner haben wir den elektrischen Strom
Z
I≡ df~ · ~j (1.179)
S
definiert. Gleichung (1.178) ist das sog. Ampèresche Gesetz. Es besagt, dass elektri-
sche Ströme durch eine Fläche S ein Magnetfeld entlang des Randes dieser Fläche
induzieren, vgl. Abb. 1.19.
C(S) j
59
1 Grundlagen der Elektrodynamik
S’
C
S − −
+
+ −
+ −
−
+ −
+
I +
E(t)
Aber was hat es mit dem zusätzlichen Term, dem Maxwellschen Verschiebungsstrom,
auf sich? Um die Notwendigkeit dieses Terms zu verstehen, betrachten wir die in Abb.
1.20 dargestellte Situation. Der Plattenkondensator C sei aufgeladen, d.h. es baut sich
aufgrund der Ladungsdifferenz zwischen den Platten ein elektrisches Feld auf. Der Kon-
densator werde nun über einen Leiterdraht entladen. Das Abfließen der elektrischen La-
dungen durch den Draht verursacht einen elektrischen Strom I. Gleichzeitig baut sich das
~
elektrische Feld im Innern des Kondensators ab, ∂|E|/∂t < 0.
Wir legen nun einen geschlossenen Zylinder (z.B. in Form einer “Konservendose”) wie
in Abb. 1.20 gezeigt in die Versuchsanordnung. Den Zylinder denken wir uns nun zerlegt
in eine der beiden Seitenflächen, S (in Abb. 1.20 rot gefärbt, der “Deckel” der Dose), und
der Mantelfläche plus der anderen Seitenfläche, S ′ (die “geöffnete Konservendose” ohne
Deckel). Wir betrachten nun zwei unterschiedliche Situationen:
(a) S ′ wird entfernt. Der Leiterdraht durchdringt S, also wird nach dem Ampèreschen
Gesetz ein Magnetfeld B ~ entlang des Randes der Fläche induziert.
(b) S wird entfernt. Es fließt kein Strom I durch die Fläche S ′ , wohl aber durchdringt
das elektrische Feld E~ (und damit insbesondere seine zeitliche Ableitung ∂ E/∂t)
~
′
den “Boden” der “Konservendose” S .
Der Rand der Fläche S ist mit dem Rand der Fläche S ′ identisch, also muss auch das
induzierte Magnetfeld in den beiden Fällen identisch sein. Der Maxwellsche Verschiebungs-
strom trägt dem im Fall (b) Rechnung: nun wird aufgrund der zeitlichen Änderung des
elektrischen Feldes ein Magnetfeld induziert, welches genauso groß ist wie das aufgrund
des Stromes I im Fall (a).
60
1.6 Elektrodynamik in Integralform
Wir überprüfen noch die Richtung des vom Verschiebungsstrom induzierten Magnetfel-
des. Per Konvention zeigt der elektrische Strom immer in Richtung des Flusses positiver
Ladungen. Ebenfalls per Konvention zeigt das elektrische Feld immer weg von positi-
ven und hin zu negativen elektrischen Ladungen. Das elektrische Feld zeigt somit in
entgegengesetzte Richtung wie der Strom, s. Abb. 1.20. Aufgrund des Abfließens der
Ladungen von den Kondensatorplatten wird das elektrische Feld jedoch schwächer, die
zeitliche Änderung des elektrischen Feldes zeigt demnach in dieselbe Richtung wie der
Strom. Wenn wir noch annehmen, dass das Fächenelement df~ auf dem “Boden” der Do-
se S ′ in die gleiche Richtung wie auf dem Deckel S zeigt, ist I|S ≡ IMaxwell |S ′ und das
magnetische Induktionsfeld B ~ ist auf dem Rand von S bzw. S ′ identisch.
wobei wir Gl. (1.117) benutzt und den Gesamtimpuls des elektromagnetischen Feldes im
Volumen V als Integral über die Impulsdichte,
Z ~
S
~
PFeld ≡ d3~r 2 , (1.184)
V c
definiert haben. Die Aussage des Impulssatzes (1.183) ist, dass die Summe aus mechani-
schem und Feldimpuls im Volumen V in dem Maße abnimmt, wie Impuls von der Ober-
fläche S(V ) abgestrahlt wird.
61
1 Grundlagen der Elektrodynamik
3.12.2010
Beweis:
Wir definieren zunächst das stetig differenzierbare Vektorfeld
~ .
~a ≡ ϕ ∇ψ
Die dritte Identität (1.187) folgt schließlich aus der ersten, indem wir ϕ = 1 setzen, q.e.d.
62
1.6 Elektrodynamik in Integralform
(ii) ~r = ~r ′ . In diesem Fall ist ~u = 0 und die obige Rechnung ist so nicht gültig. Da
die rechte Seite von Gl. (1.188) aber formal auch nicht wohldefiniert ist (sie ist
unendlich), betrachten wir stattdessen ihr Integral über ein vorgegebenes Volumen
V:
−4π , falls ~r ′ ∈ V ,
Z
3 (3) ′
−4π d ~r δ (~r − ~r ) = (1.192)
V 0, sonst .
63
1 Grundlagen der Elektrodynamik
Andererseits gilt für das Volumenintegral über die linke Seite von Gl. (1.188)
1 1
Z Z
3
d ~r ∆r ′
= d3~u ∆u ,
V |~r − ~r | V u
−4π , falls ~r ′ ∈ V ,
1
Z
d3~r ∆r = (1.193)
V |~r − ~r ′ | 0, sonst .
Zerlegungssatz:
Sei ~a(~r) ein im ganzen Raum definiertes Vektorfeld, das einschließlich seiner Ableitungen
im Unendlichen hinreichend schnell gegen null strebt. Dieses Feld läßt sich stets in einen
longitudinalen und einen transversalen Anteil zerlegen,
mit
1
Z ~ r′ · ~a(~r ′ )
∇
~ r) ,
~aℓ (~r) ≡ ∇α(~ α(~r) = − d3~r ′ , (1.195)
4π |~r − ~r ′ |
1
Z ~ r′ × ~a(~r ′ )
∇
~at (~r) ≡ ∇ ~ r) ,
~ × β(~ ~
β(~r) = d3~r ′ . (1.196)
4π |~r − ~r ′ |
64
1.6 Elektrodynamik in Integralform
Bemerkungen:
~ × ~aℓ ≡ 0 =⇒ ∇
∇ ~ × ~a = ∇
~ × ~aℓ + ∇
~ × ~at ≡ ∇
~ × ~at . (1.197)
~ · ~at ≡ 0 =⇒ ∇
∇ ~ · ~a = ∇
~ · ~aℓ + ∇
~ · ~at ≡ ∇
~ · ~aℓ . (1.198)
wobei wir im vorletzten Schritt die Glgen. (1.189) und (1.188) ausgenutzt haben. Den
ersten Term berechnen wir mit Hilfe des Satzes von Gauß (1.156),
~a(~r ′ ) ′
I
~ ′ · ~a(~r ) = 0 ,
Z
3 ′ ~
d ~r ∇r′ · ≡ df
R3 |~r − ~r ′ | S(R3 ) |~r − ~r ′ |
1 ~ 1
Z
∇r d3~r ′ ∇ ~ r α(~r) ≡ −~aℓ (~r) .
~ r′ · ~a(~r ′ ) = −∇
4π |~r − ~r ′ |
a(~r ′ )
Z
~ ~ 1 3 ′ ~
~a(~r) = ~aℓ (~r) + ∇r × ∇r × d ~r .
4π |~r − ~r ′ |
65
1 Grundlagen der Elektrodynamik
8.12.2010
Den Term in eckigen Klammern werten wir mit Gl. (1.189) wie folgt aus
a(~r ′ )
3 ′ ~ 1
Z Z
~
∇r × d ~r = 3 ′
d ~r ~
∇r × ~a(~r ′ )
|~r − ~r ′ | |~r − ~r ′ |
1
Z
= − d ~r 3 ′ ~
∇r ′ × ~a(~r ′ )
|~r − ~r ′ |
~a(~r ′ )
1
Z
3 ′
= − d ~r ∇r′ × ~ − ~ ′
∇r′ × ~a(~r ) .
|~r − ~r ′ | |~r − ~r ′ |
Den ersten Term wandeln wir mit der Verallgemeinerung (1.158) des Satzes von Gauß in
ein Oberflächenintegral um,
~a(~r ′ ) ′
I
~ ′ × ~a(~r ) = 0 ,
Z
3 ′ ~
d ~r ∇r′ × = df
R3 |~r − ~r ′ | S(R3 ) |~r − ~r ′ |
da ~a(~r) im Unendlichen hinreichend schnell abfallen soll. Der zweite Term lautet mit der
Definition (1.196) des Vektorfeldes β(~~ r)
1
Z
d3~r ′ ∇ ~ r) .
~ r′ × ~a(~r ′ ) ≡ 4π β(~
′
|~r − ~r |
Mit der Definition (1.196) des transversalen Anteils ~at (~r) haben wir als Endresultat
~ · ~a1 = ∇
∇ ~ · ~a2 ,
~ × ~a1 = ∇
∇ ~ × ~a2 .
~ ·D
∇ ~ =∇
~ · ~a1 − ∇
~ · ~a2 ≡ 0 , ~ ×D
∇ ~ =∇
~ × ~a1 − ∇
~ × ~a2 ≡ 0 .
66
1.6 Elektrodynamik in Integralform
~ ·D
∇ ~ = ∆ψ ≡ 0 .
Da ~a1 , ~a2 und damit auch D~ hinreichend schnell im Unendlichen abfallen sollen, gilt dies
auch für die skalare Funktion ψ. Die erste Greensche Identität (1.185) lautet mit ϕ = ψ
Z 2 I
3
d ~r ψ ∆ψ + ∇ψ ~ = df~ · ψ ∇ψ
~ =0,
R3 S(R3 )
Da der Integrand positiv definit ist, kann dies nur erfüllt sein, wenn
~ ≡D
∇ψ ~ =0,
~ ≡E
E ~ℓ + E
~t , ~ ≡B
B ~ℓ + B
~t .
Die Maxwell-Gleichung (1.77) liefert aufgrund von Gl. (1.198) eine Bedingung für den
~
longitudinalen Anteil von E,
~ ·E
∇ ~ ≡∇ ~ℓ = ρ .
~ ·E (1.200)
ǫ0
Die Maxwell-Gleichung (1.81) liefert entsprechend eine Bedingung für den longitudina-
~
len Anteil von B,
~ ·B
∇ ~ ≡∇ ~ ·B~ℓ = 0 . (1.201)
67
1 Grundlagen der Elektrodynamik
In der Maxwell-Gleichung (1.82) tritt aufgrund von Gl. (1.197) lediglich der transver-
~ auf,
sale Anteil von E
~ ~
~ ×E
∇ ~ ≡∇ ~ t = − ∂ Bℓ − ∂ Bt .
~ ×E (1.202)
∂t ∂t
Der longitudinale Anteil B ~ ℓ ist im Prinzip schon durch Gl. (1.201) bestimmt. Obwohl es
sich also bei dieser Gleichung formal um eine vektorielle Gleichung mit drei Komponenten
~
handelt, werden lediglich zwei Freiheitsgrade des E−Feldes, ~ t , mit zwei
nämlich die von E
~
Freiheitsgraden des B−Feldes, denen von B~ t , verknüpft.
Letztlich betrachten wir die Maxwell-Gleichung (1.78), die wir aufgrund von Gl. (1.197)
wie folgt schreiben können,
!
1 ∂ ~ ℓ ∂E
E ~t
~ ×B
∇ ~ ≡∇ ~ ×B~t = + + µ0 ~j . (1.203)
c2 ∂t ∂t
Der longitudinale Anteil E~ ℓ von E~ ist im Prinzip schon durch Gl. (1.200) bestimmt. Für
vorgegebene Ladungsstromdichte ~j verknüpft diese Gleichung also lediglich zwei Frei-
~
heitsgrade des B−Feldes, die von B~ t , mit zwei Freiheitsgraden des E−Feldes,
~ denen
~
von Et . Insgesamt liefern die beiden Vektorgleichungen (1.202), (1.203), die auf den ers-
ten Blick sechs Gleichungen darstellen, lediglich vier unabhängige Bedingungen, um
die vier unabhängigen Freiheitsgrade von E ~ t, B
~ t festzulegen. Zusammen mit den Gl-
gen. (1.200), (1.201) erhalten wir also sechs unabhängige Gleichungen, um die sechs
Freiheitsgrade der Vektorfelder E,~ B ~ festzulegen. Die Maxwell-Gleichungen bestimmen
elektrisches Feld und magnetische Induktion also eindeutig, das Gleichungssystem ist
nicht überbestimmt.
68
2 Elektrostatik
Im vorangegangenen Kapitel wurden die Grundlagen der Elektrodynamik diskutiert. In
den nachfolgenden Kapiteln werden wir Anwendungen der Maxwell-Gleichungen disku-
tieren. Wir beginnen zunächst mit der Elektrostatik, d.h. solche Probleme, bei denen
das magnetische Induktionsfeld verschwindet, B ~ = 0, und darüberhinaus auch alle
~
Zeitableitungen null sind, z.B. ∂ E/∂t = 0.
Für statische Probleme ist darüberhinaus der Ladungsstrom null
~j = 0 ; (2.1)
∇ ~ = ρ ,
~ ·E (2.2)
ǫ0
∇~ ×E ~ = 0. (2.3)
Die zweite Gleichung besagt, dass das elektrische Feld als Gradient einer skalaren Funktion
darstellbar ist. Dies ist in Übereinstimmung mit Gl. (1.79), die für statische Probleme
~
(∂ A/∂t = 0) lautet
~ = −∇ϕ
E ~ . (2.4)
Eingesetzt in Gl. (2.2) erhalten wir die Poisson-Gleichung (1.100),
ρ(~r)
∆ϕ(~r) = − , (2.5)
ǫ0
die wir schon für allgemeine elektrodynamische Probleme im Falle der Coulomb-Ei-
chung (1.99) erhalten hatten. Wir brauchen jetzt aber die Coulomb-Eichbedingung (1.99)
~ in den Grundgleichungen (2.2), (2.3),
nicht explizit zu fordern, da das Vektorpotential A
(2.4) der Elektrostatik gar nicht mehr auftritt.
69
2 Elektrostatik
Die Gesamtheit der elektrostatischen Probleme reduziert sich also auf das Lösen
der Poisson-Gleichung (2.5) für eine vorgegebene Ladungsdichte ρ(~r). Da die Ladungs-
dichte als Inhomogenität auf der rechten Seite der Poisson-Gleichung zeitunabhängig ist,
und der Laplace-Operator auf der linken Seite lediglich Ortsableitungen enthält, kann
das skalare Potential auch nur eine Funktion des Ortes, nicht aber der Zeit sein,
Um die Lösung ϕ(~r) der Poisson-Gleichung (2.5) eindeutig zu bestimmen, muss man
außer der Ladungsdichte ρ(~r) noch Randbedingungen vorgeben.
1 3 ′ ρ(~ r ′) 1 1
Z Z
3 ′ ′
∆r ϕ(~r) = ∆r d ~r = d ~
r ρ(~
r ) ∆ r
4πǫ0 |~r − ~r ′ | 4πǫ0 |~r − ~r ′ |
1 ρ(~r)
Z
= d3~r ′ ρ(~r ′ ) (−4π) δ (3) (~r − ~r ′ ) = − ,
4πǫ0 ǫ0
wobei wir im vorletzten Schritt Gl. (1.188) benutzt haben, q.e.d.
Bemerkung:
Gl. (2.6) ist nicht die allgemeine Lösung der Poisson-Gleichung, da wir immer eine
Lösung ψ(~r) der Laplace-Gleichung (1.103) zu (2.6) dazuaddieren können. Die Funktion
ϕ(~r) + ψ(~r) erfüllt dann nämlich ebenfalls die Poisson-Gleichung.
Beispiele:
(i) Feld einer Punktladung:
Die Ladungsdichte einer statischen Punktladung Q am Ort ~r0 ist gemäß Gl. (1.125)
70
2.1 Grundgleichungen der Elektrostatik
Q>0
Q<0
0 r
Abbildung 2.1: Skalares Potential einer Punktladung Q.
Die Abhängigkeit des skalaren Potentials einer Punktladung vom Abstand r ist
also mit der des Gravitationspotentials identisch, vgl. Gl. (2.184) der Vorlesung
“Theoretische Physik I”. Sie ist in Abb. 2.1 graphisch veranschaulicht.
Das zugehörige elektrische Feld berechnen wir gemäß Gl. (2.4),
~ r ϕ(~r) = − Q ∇
~ r ) = −∇
E(~ ~r 1
≡−
Q ~ 1
∇u =
Q 1 ~u
4πǫ0 |~r − ~r0 | 4πǫ0 u 4πǫ0 u2 u
Q ~r − ~r0
= , (2.9)
4πǫ0 |~r − ~r0 |3
wobei wir in den Zwischenschritten ~u ≡ ~r −~r0 definiert haben. Für eine Punktladung
Q im Ursprung gilt
~ r ) = Q 1 ~er .
E(~ (2.10)
4πǫ0 r 2
Dieses Feld ist in Abb. 2.2 im Feldlinienbild (vgl. Abb. 1.40 der Vorlesung “Theo-
retische Physik I”) dargestellt. Für positive Ladungen, Q > 0, zeigt das elektrische
Feld von der Ladung weg (in ~er −Richtung), für negative, Q < 0, zeigt es zur Ladung
hin (in −~er −Richtung).
Die auf eine punktförmige Testladung q am Ort ~r durch dieses Feld ausgeübte
Coulomb-Kraft (1.115) ist
~ r ) = q Q ~r − ~r0 .
F~C (~r) = q E(~ (2.11)
4πǫ0 |~r − ~r0 |3
Diese Gleichung ist auch als Coulombsches Gesetz bekannt. Wir erkennen, dass
die Coulomb-Kraft dem 3. Newtonschen Axiom genügt: die von der Testladung
71
2 Elektrostatik
E E
+ −
(a) (b)
Abbildung 2.2: Elektrisches Feld einer Punktladung Q, (a) für Q > 0, (b) für Q < 0.
q am Ort ~r auf die Punktladung Q am Ort ~r0 ausgeübte Kraft ergibt sich ganz
natürlich durch Vertauschen von q ↔ Q, ~r ↔ ~r0 ,
Q q ~r0 − ~r q Q ~r − ~r0
F~Qq = 3
=− ≡ −F~qQ ≡ −F~C (~r) .
4πǫ0 |~r0 − ~r| 4πǫ0 |~r − ~r0 |3
qQ 1
F~C (~r) = ~er . (2.12)
4πǫ0 r 2
Wie bei der Gravitationskraft (vgl. Glgen. (2.25), (2.26) der Vorlesung “Theore-
tische Physik I”) handelt es sich um eine Zentralkraft. Die Rolle der Zentralmasse
M übernimmt die Punktladung Q im Ursprung, die Rolle der sich im Gravitati-
onsfeld von M bewegenden Masse m die Testladung q. Die Gravitationskonstante
γ wird durch den Vorfaktor 1/(4πǫ0 ) ersetzt. Im Unterschied zur Gravitationskraft,
die stets anziehend wirkt, kann die Coulomb-Kraft aber sowohl anziehend, für
q Q < 0, als auch abstoßend, für q Q > 0, wirken. Dieser Sachverhalt ist als Merkre-
gel “ungleichnamige Ladungen ziehen sich an, gleichnamige stoßen sich ab” bekannt.
Die Coulomb-Kraft ist auch eine konservative Kraft, denn es existiert ein Poten-
tial
qQ 1
VC (r) = q ϕ(r) = , (2.13)
4πǫ0 r
das sog. Coulomb-Potential, aus dem sich die Kraft berechnen läßt,
F~C (~r) = −∇
~ VC (r) = −q ∇
~ ϕ(r) ≡ q E(~
~ r) ,
wobei wir Gl. (2.4) benutzt haben. Das Ergebnis ist natürlich konsistent mit Gl.
72
2.1 Grundgleichungen der Elektrostatik
d.h. für die geleistete Arbeit spielt es keine Rolle, auf welchem Weg man von ~r1
zu ~r2 gelangt. Da die Ladung q lediglich ein multiplikativer Faktor in Gl. (1.115)
darstellt, muss auch das Wegintegral
Z ~r2
W21 1 ~ r) ,
U21 ≡ = [VC (~r2 ) − VC (~r1 )] ≡ ϕ(~r2 ) − ϕ(~r1 ) = − d~r · E(~ (2.14)
q q ~
r1
unabhängig vom gewählten Weg sein. Die Potentialdifferenz ϕ(~r2 ) − ϕ(~r1 ) be-
zeichnet man auch als Spannungsdifferenz U21 , oder kurz Spannung. Aus der
Vorlesung “Theoretische Physik I” wissen wir, dass eine notwendige und hinreichen-
de Bedingung für die Wegunabhängigkeit des Integrals (2.14) die Wirbelfreiheit des
elektrischen Feldes ist. Dies ist aber gerade durch die Maxwell-Gleichung (2.3) ga-
rantiert.
10.12.2010
(ii) Feld eines unendlich dünnen und langen, homogen geladenen Drahtes:
Wir legen den Draht entlang der z−Achse, so dass für die Ladungsdichte gilt
κ 1
Z
ϕ(~r) = dx′ dy ′ dz ′ p δ(x′ ) δ(y ′)
4πǫ0 ′ 2 ′ 2 ′
(x − x ) + (y − y ) + (z − z ) 2
Z ∞ Z ∞
κ ′ 1 κ 1
= dz p = du p
4πǫ0 −∞ 2 2
x + y + (z − z )′ 2 4πǫ0 −∞ ρ + u2
2
Z ∞
κ 1
= du p .
2πǫ0 0 ρ2 + u2
p
Hier haben u ≡ z ′ − z substituiert, die Zylinderkoordinate ρ ≡ x2 + y 2 eingeführt
und das Integral in zwei Teile aufgespalten, eines von −∞ bis 0 und eines von 0
bis ∞. Da der Integrand aber symmetrisch unter u → −u ist, sind beide Integrale
gleich groß, also das gesamte Integral gleich zweimal dem von 0 bis ∞.
p
Wie man sieht, hängt das Potential lediglich vom radialen Abstand ρ = x2 + y 2
vom Draht ab, und nicht von z oder vom Polarwinkel φ = arctan(y/x). Dies muss aus
Symmetriegründen auch so sein, da das Problem translationsinvariant entlang der
z−Achse und rotationssymmetrisch um diese Achse ist.
73
2 Elektrostatik
~ = ~eρ ∂ + ~eφ 1 ∂ + ~e z ∂
∇
∂ρ ρ ∂φ ∂z
(vgl. Gl. (1.151) der Vorlesung “Theoretische Physik I”) und die Tatsache, dass das
skalare Potential (2.17) von φ und z unabhängig ist, benutzt haben. Das elektrische
Feld zeigt also in radiale Richtung (für κ > 0 vom Draht weg und für κ < 0 zum
Draht hin) und fällt also mit wachsendem radialen Abstand vom Draht wie 1/ρ ab,
vgl. Abb. 2.4.
74
2.1 Grundgleichungen der Elektrostatik
Abbildung 2.3: Renormiertes skalare Potential eines unendlich langen Drahtes, schwarze
Kurve für κ > 0, rote Kurve für κ < 0.
Abbildung 2.4: Elektrisches Feld eines unendlich langen Drahtes, schwarz für κ > 0, rot
für κ < 0.
75
2 Elektrostatik
wobei das Integral über den Polarwinkel φ direkt ausführbar ist, da der Integrand
nicht von φ abhängt. Das verbleibende Integral divergiert linear an der oberen In-
tegralgrenze und muss, wie schon im vorangegangenen Beispiel, durch Einführung
einer oberen Grenze regularisiert werden, die man später gegen unendlich schickt,
Z R
σ ρ
ϕ(z) = lim dρ p
2ǫ0 R→∞ 0 ρ2 + z 2
σ √ σ
2
z
= lim 2 2
R + z − |z| = lim R − |z| + O ,
2ǫ0 R→∞ 2ǫ0 R→∞ R
p p
wobei das Integral wegen d ρ2 + z 2 ≡√ ρ dρ/ ρ2 + z 2 elementar ausführbar ist
und wir wieder die Taylor-Entwicklung 1 + x = 1 + x/2 + O(x2 ) benutzt haben.
Da das skalare Potential nur bis auf eine additive Konstante eindeutig bestimmt
ist, können wir eine (unendlich große) Konstante von obigem Ergebnis abziehen,
z.B. das Potential bei z = 0. Mit anderen Worten, wir renormieren das skalare
Potential,
σ σ
ϕren (z) ≡ ϕ(z) − ϕ(0) = lim (R − |z| − R) ≡ − |z| . (2.20)
2ǫ0 R→∞ 2ǫ0
76
2.1 Grundgleichungen der Elektrostatik
Abbildung 2.5: Elektrisches Feld einer unendlich ausgedehnten, geladenen Ebene, für po-
sitive Flächenladungsdichte σ > 0.
(iv) Coulomb-Eichung:
Mit dem Helmholtzschen Zerlegungssatz und der Lösung der Poisson-Gleichung (2.6)
sind wir in der Lage, die Bewegungsgleichung (1.104) für das Vektorpotential in
Coulomb-Eichung in eine transparentere Form zu bringen. Zunächst bemerken wir,
dass Gl. (2.6) die Poisson-Gleichung (2.5) selbst dann löst, wenn die Ladungsdichte
und das skalare Potential eine Funktion der Zeit sind, d.h. die Poisson-Gleichung
ρ(t, ~r)
∆r ϕ(t, ~r) = −
ǫ0
wird durch
1 ρ(t, ~r ′ )
Z
ϕ(t, ~r) = d3~r ′ (2.23)
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
77
2 Elektrostatik
gelöst:
1 ρ(t, ~r ′ ) 1 1
Z Z
3 ′
∆r ϕ(t, ~r) = d ~r ∆r ′
= d3~r ′ ρ(t, ~r ′ ) ∆r
4πǫ0 |~r − ~r | 4πǫ0 |~r − ~r ′ |
1 ρ(t, ~r)
Z
= d3~r ′ ρ(t, ~r ′ ) (−4π) δ (3) (~r − ~r ′ ) = − .
4πǫ0 ǫ0
Der tiefere Grund ist, dass der Laplace-Operator keine Zeitableitungen enthält und
die zusätzliche Zeitabhängigkeit der Ladungsdichte daher keine Auswirkung auf die
Form (2.23) der Lösung hat. Die Zeitabhängigkeit der Ladungsdichte führt allerdings
zu einer Zeitabhängigkeit des skalaren Potentials.
Wir berechnen nun mit Hilfe der Kontinuitätsgleichung (1.84)
∂ϕ(t, ~r) 1 r ′)
3 ′ ∂ρ(t, ~ 1 1 1
Z Z
= d ~r =− ~ r′ · ~j(t, ~r ′ )
d3~r ′ ∇ .
∂t 4πǫ0 ∂t ′
|~r − ~r | 4πǫ0 |~r − ~r ′ |
wobei wir im vorletzten Schritt die Definition des longitudinalen Anteils der Strom-
dichte, !
~ ~ ′
~r − 1 ∇r · j(t, ~r )
Z
′
~jℓ (t, ~r) ≡ ∇ d3~r ′ ,
4π |~r − ~r ′ |
vgl. Gl. (1.195), und im letzten Schritt den Helmholtzschen Zerlegungssatz (1.194)
benutzt haben.
Die Bewegungsgleichungen für das skalare und das Vektorpotential in Coulomb-
Eichung lassen sich also in die kompakte Form
ρ
∆ϕ = − ,
ǫ0
~ = µ0 ~jt ,
A
bringen. Die Bewegungsgleichung für das Vektorpotential ist, wie in der Lorenz-
Eichung, vgl. Gl. (1.94), eine inhomogene Wellengleichung, allerdings ist die
Inhomogenität nicht, wie in der Lorenz-Eichung, die gesamte Ladungsstromdichte
~j, sondern lediglich ihr transversaler Anteil ~jt .
78
2.1 Grundgleichungen der Elektrostatik
17.12.2010
2.1.3 Elektrostatische Energie
Für den Fall verschwindender magnetischer Induktionsfelder, B~ = 0, lautet die Ener-
giedichte (1.106)
ǫ0 ~ 2
w= E . (2.24)
2
Die Gesamtenergie des elektrostatischen Feldes im gesamten Raum erhalten wir, wenn
wir die Energiedichte über R3 integrieren, vgl. Gl. (1.182)
ǫ0
Z
EFeld = d3~r E~ 2 (~r) . (2.25)
2 R3
Wir benutzen nun Gl. (2.4) und das Greensche Theorem (1.185) für ψ = ϕ,
ǫ0
Z h i2
EFeld = 3 ~
d ~r ∇ϕ(~r)
2 R3
I
ǫ0 h i Z
= ~ ~
df · ∇ϕ(~r) ϕ(~r) − 3
d ~r ϕ(~r) ∆ϕ(~r) . (2.26)
2 S(R3 ) R3
Das Oberflächenintegral verschwindet, weil vom Unendlichen aus betrachtet jede endliche
Ladungsverteilung in guter Näherung als Punktladung im Ursprung betrachtet werden
kann. Das skalare Potential einer solchen Punktladung ist durch Gl. (2.8) gegeben, so
dass auf der Oberfläche einer Kugel um den Ursprung mit Radius R
~
h
~
i 1 1 1
df · ∇ϕ(R) ϕ(R) ∼ R2 2 ∼ → 0 (R → ∞) .
R R R
Es bleibt also nur das Volumenintegral in Gl. (2.26) übrig, das wir mit der Poisson-
Gleichung (2.5) wie folgt schreiben:
ǫ0 ρ(~r) 1
Z Z
3
EFeld = − d ~r ϕ(~r) − = d3~r ϕ(~r) ρ(~r) . (2.27)
2 R3 ǫ0 2 R3
Benutzen wir noch die Lösung (2.6) der Poisson-Gleichung, so lautet die elektrostatische
Feldenergie
1 ρ(~r) ρ(~r ′ )
Z Z
EFeld = d3~r d3~r ′ . (2.28)
8πǫ0 |~r − ~r ′ |
+ q22 δ (3) (~r − ~r2 ) δ (3) (~r ′ − ~r2 ) + 2q1 q2 δ (3) (~r − ~r1 ) δ (3) (~r ′ − ~r2 )
q12 q22
1 2q1 q2
= + +
8πǫ0 |~r1 − ~r1 | |~r2 − ~r2 | |~r1 − ~r2 |
≡ ESelbst,1 + ESelbst,2 + EWW ,
79
2 Elektrostatik
wobei
1 qi2
ESelbst,i ≡ →∞
8πǫ0 |~ri − ~ri |
die konstante, aber unendliche Selbstenergie der i−ten Ladung ist. Da Konstanten (ob
endlich oder unendlich) bei Energien (die immer relativ gemessen werden) keine Rolle
spielen, “renormieren” wir die Energie so, dass wir diese Konstanten von der Feldenergie
EFeld abziehen, so dass nur der Wechselwirkungsanteil EWW verbleibt,
1 q1 q2
EFeld,ren ≡ EWW = .
4πǫ0 |~r1 − ~r2 |
Diese Energie ist identisch mit der Arbeit, die Ladung q1 im Feld der Ladung q2 , die bei
~r2 sitzt, vom Unendlichen zum Ort ~r1 zu verschieben,
q1 q2
W1∞ = q1 [ϕ(~r1 ) − ϕ(∞)] = ≡ EWW .
|~r1 − ~r2 |
Umgekehrt könnte man auch die Ladung q2 im Feld der Ladung q1 , die bei ~r1 sitzt, vom
Unendlichen zum Ort ~r2 verschieben; dies ergibt dieselbe Arbeit.
n
df
Ea
σ
∆x
Ei df
Abbildung 2.6: Elektrisches Feld beim Durchgang durch eine geladene Fläche und Gauß-
sches Kästchen.
Das auf die Fläche treffende elektrische Feld bezeichnen wir mit E ~ i , das von der Fläche
ausgehende mit E ~ a . I.a. gilt E
~ i 6= E
~ a . Wir wollen im folgenden den Zusammenhang zwi-
~ ~
schen Ei und Ea ermitteln. Dazu legen wir um die Fläche ein sog. Gaußsches Kästchen
80
2.2 Einfache elektrostatische Probleme
mit dem Volumen ∆V = ∆F ∆x. Die senkrecht zur Fläche stehende Kante ∆x werden
wir gegen null streben lassen. Der Satz von Gauß (1.156) liefert
Z I
3 ~ · E(~
d ~r ∇ ~ r) = df~ · E(~
~ r ) −→ ∆F ~n · E~a − E
~i ,
∆V S(∆V ) ∆x → 0
da df~ auf der zu E~ i gehörenden Oberfläche des Kästchens in umgekehrte Richtung zeigt
wie auf der zu E~ a gehörenden. Mit Hilfe der Maxwell-Gleichung (2.2) gilt andererseits
ρ(~r) 1
Z Z
3 ~ ~
d ~r ∇ · E(~r) = d3~r = σ ∆F ,
∆V ∆V ǫ0 ǫ0
wobei σ die Flächenladungsdichte auf der Oberfläche ist. Der Vergleich der beiden Glei-
chungen ergibt also
~i = σ .
~n · E~a − E (2.29)
ǫ0
Falls die Grenzfläche geladen ist, σ 6= 0, ist die Normalkomponente des elektrischen
Feldes beim Durchgang durch die Grenzfläche also unstetig. Der Sprung des elektrischen
Feldes entspricht genau der Flächenladungsdichte σ (dividiert durch ǫ0 ).
Wir überprüfen Gl. (2.29) am Beispiel der geladenen Ebene aus dem vorangegange-
nen Abschnitt. Dort stand das elektrische Feld senkrecht auf der Ebene, es hat also
ausschließlich eine Normalkomponente und keine Tangentialkomponente,
~ ≡ |E|
~n · E ~ =E , ~ ≡ E ~n .
E
Das Feld zeigt vor und hinter der Ebene in umgekehrte Richtungen, also gilt für δ > 0
σ σ σ
Ea − Ei = E(z = δ) − E(z = −δ) = − − = ,
2ǫ0 2ǫ0 ǫ0
was mit Gl. (2.29) übereinstimmt.
Gleichung (2.29) macht lediglich eine Aussage über die Normalkomponente des elek-
trischen Feldes. Um die Tangentialkomponente zu untersuchen, betrachten wir eine
sog. Stokessche Fläche, vgl. Abb. 2.7. Der Normalenvektor auf dieser Fläche (also aus
der Bildebene von Abb. 2.7 herauszeigend) liegt entlang der geladenen Grenzfläche, es
handelt sich um den zur Grenzfläche gehörenden Tangentialvektor ~t. Für den zur Fläche
∆F gehörenden Normalenvektor gilt also
∆f~ = ∆F ~t .
Für die Vektoren entlang des Randes der Fläche ∆F gilt
∆~ℓa = ∆ℓ ~t × ~n = −∆~ℓi .
Auch diese zeigen tangential zur Grenzfläche. Mit Hilfe des Satzes von Stokes (1.168)
erhalten wir
Z I
df~ · ∇
~ × E(~
~ r) = ~ r) −→
d~r · E(~ ∆ℓ ~t × ~n · E~a − E
~i ,
∆F C(∆F ) ∆x → 0
81
2 Elektrostatik
n Ea
σ
∆F ∆la
∆li ∆x
Ei
weil die Beiträge von den senkrecht zur Grenzfläche stehenden Wegstücken im Limes
∆x → 0 verschwinden. Andererseits gilt aufgrund der Maxwell-Gleichung (2.3)
Z
df~ · ∇
~ × E(~
~ r) = 0 .
∆F
die Tangentialkomponente des elektrischen Feldes geht stetig durch die Grenzfläche.
2.2.2 Plattenkondensator
Als Anwendungsbeispiel betrachten wir den Plattenkondensator, d.h. ein System aus
zwei gleich großen Platten der Fläche F , die im Abstand a parallel zueinander stehen,
vgl. Abb. 2.8. Die Dicke d der Platten sei vernachlässigbar gegenüber ihrem√Abstand a,
der wiederum vernachlässigbar gegenüber ihrer räumlichen Ausdehnung ∼ F sei. Auf
diese Weise ist sichergestellt, dass Randeffekte vernachlässigt werden können. Es gilt also
√
d≪a≪ F .
Die beiden Platten seien homogen geladen, mit identischem Betrag der Ladung, |Q|,
allerdings umgekehrtem Vorzeichen; die Platte bei z = 0 sei positiv, Q > 0, und die bei
z = a negativ, −Q < 0, geladen. Die Flächenladungsdichte auf der positiv geladenen
Platte ist
Q
σ= ,
F
82
2.2 Einfache elektrostatische Probleme
F F
z
a
Abbildung 2.8: Der Plattenkondensator.
für die auf der negativ geladenen gilt entsprechendes mit umgekehrtem Vorzeichen. Die
Platte bei z = 0 erzeugt ein elektrisches Feld
~ + (z) = σ sgn(z) ~e z ,
E
2ǫ0
vgl. Gl. (2.21), während die Platte bei z = a dementsprechend ein elektrisches Feld
~ − (z) = − σ sgn(z − a) ~e z
E
2ǫ0
erzeugt. Der Sprung im elektrischen Feld bei beiden Platten ist
σ σ
E+ (z = δ) − E+ (z = −δ) = E− (z = a − δ) − E− (z = a + δ) = 2 = ,
2ǫ0 ǫ0
wie von der Sprungbedingung (2.29) gefordert. Die Vorzeichen ergeben sich daraus, dass
das elektrische Feld von der positiv geladenen Platte weg und zur negativ geladenen Platte
hin zeigt.
Das gesamte elektrische Feld ist eine Überlagerung der von den Platten erzeugten elek-
trischen Felder,
0, a<z,
σ σ
E(z) = E+ (z) + E− (z) = [sgn(z) − sgn(z − a)] = , 0<z<a, (2.31)
2ǫ0
ǫ0
0, z<0.
Offenbar ist das Feld nur zwischen den Platten von null verschieden, denn dort haben
die beiden Signum-Funktionen unterschiedliches Vorzeichen, sie heben sich also nicht ge-
geneinander weg, wie im Außenraum des Plattenkondensators. Das elektrische Feld zeigt
83
2 Elektrostatik
y
+Q −Q
x
von der positiv geladenen Platte bei z = 0 zur negativ geladenen bei z = a, vgl. Abb. 2.9.
Das das elektrische Feld (2.31) generierende (renormierte) skalare Potential lautet of-
fensichtlich (vgl. Gl. (2.20))
σa
− , a<z,
2ǫ0
σz σa
σ
ϕren (z) = ϕ+,ren (z) + ϕ−,ren(z) = − (|z| − |z − a|) = − + , 0<z<a,
2ǫ0 ǫ0 2ǫ0
σa
+ , z<0.
2ǫ0
(2.32)
Das skalare Potential besitzt also nur innerhalb des Kondensators eine nichttriviale Orts-
abhängigkeit.
Die zwischen den beiden Kondensatorplatten herrschende Spannung ist
σa Qa
U = ϕren (z = 0) − ϕren (z = a) = = .
ǫ0 ǫ0 F
Zwischen Kondensatorladung Q und Spannung U besteht also eine Proportionalität,
Q=CU , (2.33)
wobei die sog. Kapazität des Kondensators
F
C ≡ ǫ0 (2.34)
a
ist. Sie ist allein durch die Dimensionierung des Plattenkondensators (Fläche F , Abstand
a) gegeben und hat die Einheit Farad,
As m2 As
[C] = 1 F = 1 =1 .
Vm m V
84
2.3 Randwertprobleme
ǫ0 ~ 2 ǫ0 σ 2 σ2
w= E = = , (2.35)
2 2 ǫ20 2ǫ0
Q2 1 2 a 1 Q2 1 1
Z
EFeld = d3~r w = w F a = 2
F a = Q = = Q U = C U 2 . (2.36)
V 2ǫ0 F 2 ǫ0 F 2 C 2 2
1 3 ′ ρ(~ r ′)
Z
ϕ(~r) = d ~r
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
1 1 Q 1
Z
∼ d3~r ′ ρ(~r ′ ) ≡ −→ 0 (r → ∞) , (2.37)
4πǫ0 r 4πǫ0 r
1 1
Z
~ ~
E(~r) = −∇r ϕ(~r) = − ~r
d3~r ′ ρ(~r ′ ) ∇
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
1 ~r − ~r ′
Z
= d3~r ′ ρ(~r ′ )
4πǫ0 |~r − ~r ′ |3
1 ~er Q ~er
Z
∼ d3~r ′ ρ(~r ′ ) 2 ≡ −→ 0 (r → ∞) . (2.38)
4πǫ0 r 4πǫ0 r 2
An diesen Gleichungen erkennt man noch einmal explizit, dass jede räumlich beschränkte
Ladungsdichteverteilung vom Unendlichen aus betrachtet wie eine Punktladung aussieht.
Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Problemen, in denen der betrachtete Raumbereich
V endlich ist und man sucht das skalare Potential an allen Raumpunkten innerhalb
von V . Die Poisson-Gleichung (2.5) läßt sich auch für diesen Fall lösen, allerdings muss
man neben der Ladungsdichte ρ(~r ′ ) in V entweder das skalare Potential, ϕ, oder die
Normalkomponente des elektrischen Feldes, E ~ · ~n, auf der Oberfläche S(V ) kennen.
Dies definiert ein sog. Randwertproblem, welches wir im folgenden näher erläutern
werden.
Wir benutzen zunächst die Greensche Identität (1.186) für die spezielle Wahl ψ(~r ′ ) ≡
85
2 Elektrostatik
1/|~r − ~r ′ |,
1 1
I
′ ′ ′ ~ ′ ~ ′
df ϕ(~r ) ~n · ∇r′ − ~n · ∇r′ ϕ(~r )
S(V ) |~r − ~r ′ | |~r − ~r ′ |
1 1
Z
3 ′ ′ ′
= d ~r ϕ(~r ) ∆r′ − ∆r′ ϕ(~r )
V |~r − ~r ′ | |~r − ~r ′ |
1 ρ(~r ′ )
Z Z
3 ′ ′ (3) ′
= −4π d ~r ϕ(~r ) δ (~r − ~r ) + d3~r ′ ,
V ǫ0 V |~r − ~r ′ |
wobei wir im letzten Schritt Gl. (1.188) (mit ∆r f (|~r − ~r ′ |) ≡ ∆r′ f (|~r − ~r ′ |)) und Gl.
(2.5) benutzt haben. Das erste Integral liefert bis auf Vorfaktoren die gesuchte Lösung
ϕ(~r). Wenn wir die Gleichung nach ϕ(~r) auflösen und außerdem noch Gl. (2.4) und die
~ r′ |~r − ~r ′ |−1 ≡ +(~r − ~r ′ )/|~r − ~r ′ |3 benutzen, so erhalten wir
Identität ∇
" #
′ ′ ′ ′ ~ ′
1 ρ(~r ) 1 ~n · (~r − ~r ) ~n · E(~r )
Z I
ϕ(~r) = d3~r ′ ′
− df ′ ϕ(~r ′ ) + . (2.39)
4πǫ0 V |~r − ~r | 4π S(V ) |~r − ~r ′ |3 |~r − ~r ′ |
Bei vorgegebener Ladungsdichte ρ(~r ′ ) für ~r ′ ∈ V und vorgegebenen ϕ(~r ′ ) bzw. E(~~ r ′) =
−∇~ r′ ϕ(~r ′ ) für ~r ′ ∈ S(V ), also auf der Oberfläche von V , ist das skalare Potential für
~r ∈ V , also innerhalb des betrachteten Raumbereichs, bestimmbar.
Der erste Term in Gl. (2.39) ist identisch mit Gl. (2.6). Es tritt aber nun mit dem
Oberflächenintegral ein zusätzlicher Term auf. Wir überprüfen, dass er im Grenzfall V →
R3 verschwindet. Für ~r ′ ∈ S(R3 ), d.h. also r ′ → ∞, gilt mit den Glgen. (2.37) und (2.38)
~n ′ · (~r − ~r ′ ) 1 ~er′ · ~r ′ 1
ϕ(~r ′ ) ′ 3
∼ ′ ′ 3
= ′3 ,
|~r − ~r | r r r
′ ~ ′
~n · E(~r ) 1 1 1
∼ = .
|~r − ~r ′ | r′ 2 r′ r′ 3
Weil df ′ ∼ r ′ 2 , verschwindet das Oberflächenintegral also wie 1/r ′ für r ′ → ∞ und wir
erhalten wieder die ursprüngliche Lösung (2.6) der Poisson-Gleichung.
Eine wichtige Schlußfolgerung aus Gl. (2.39) ziehen wir für den Fall, dass der betrachtete
Raumbereich V frei von Ladungen ist, ρ(~r ′ ) ≡ 0 für ~r ′ ∈ V . In diesem Fall erfüllt ϕ(~r)
die Laplace-Gleichung (1.103) mit der Lösung
" #
′ ′ ′ ~ ′
1 ~
n · (~
r − ~r ) ~
n · E(~r )
I
ϕ(~r) = − df ′ ϕ(~r ′ ) + für ρ(~r ′ ) = 0 . (2.40)
4π S(V ) |~r − ~r ′ |3 |~r − ~r ′ |
Das skalare Potential ist also vollständig durch seine Werte ϕ(~r ′ ) bzw. die seiner Norma-
~ r′ ϕ(~r ′ ) ≡ −~n ′ · E(~
lableitung ~n ′ · ∇ ~ r ′ ) auf dem Rand S(V ) bestimmt.
86
2.3 Randwertprobleme
oder
~ 1 (~r) ≡ ~n · ∇ϕ
~n · ∇ϕ ~ 2 (~r) ∀ ~r ∈ S(V ) (Neumann) .
Die Differenzfunktion
ψ(~r) ≡ ϕ1 (~r) − ϕ2 (~r)
erfüllt dann offensichtlich die Laplace-Gleichung
∆ψ(~r) = 0
bzw.
~ r) = 0 ∀ ~r ∈ S(V ) (Neumann) .
~n · ∇ψ(~ (2.42)
Das erste Greensche Theorem (1.185) lautet für ϕ = ψ:
Z 2 I
3
d ~r ψ ∆ψ + ∇ψ~ = ~ .
df ψ ~n · ∇ψ
V S(V )
Die rechte Seite verschwindet für beide Typen von Randbedingungen. Da ψ die Laplace-
Gleichung erfüllt, erhalten wir also die Bedingung
Z 2
~
d3~r ∇ψ =0,
V
87
2 Elektrostatik
erfüllt werden kann. Wir erhalten also das Resultat, dass sich die beiden Lösungen ϕ1 , ϕ2
lediglich um eine Konstante C unterscheiden,
Diese Konstante spielt natürlich für physikalisch beobachtbare Größen wie die elektrische
Feldstärke keine Rolle. Für Dirichletsche Randbedingungen kann man sie noch genauer
festlegen, wenn man benutzt, dass ϕ1 , ϕ2 hinreichend oft stetig differenzierbar in V sind
(Voraussetzung für die Greenschen Theoreme), mithin also auch stetig in V sind. Dies
gilt natürlich auch für die Differenzfunktion ψ. Sie nimmt also auf dem Rand von V den
gleichen (konstanten) Wert an wie in V . Gemäß Gl. (2.41) ist diese Konstante dann aber
null, d.h. für Dirichletsche Randbedingungen gilt über Gl. (2.43) hinaus, dass
ϕ1 (~r) = ϕ2 (~r) ∀ ~r ∈ V .
wobei D̂r ein beliebiger Differentialoperator ist. Z.B. gilt für die Poisson-Gleichung
D̂r ≡ ∆r .
Die Greensche Funktion G(~r, ~r ′ ) der Differentialgleichung (2.44) ist ganz allgemein
diejenige Funktion, die dieselbe Differentialgleichung mit einer δ−Funktion als Inhomo-
genität erfüllt,
D̂r G(~r, ~r ′ ) = a δ (3) (~r − ~r ′ ) ,
88
2.3 Randwertprobleme
wobei a = const. eine unwesentliche Konstante ist. Z.B. lautet die Differentialgleichung
für die Greensche Funktion G(~r, ~r ′ ) der Poisson-Gleichung
1 (3)
∆r G(~r, ~r ′ ) = − δ (~r − ~r ′ ) . (2.45)
ǫ0
Im Vergleich mit der Poisson-Gleichung ist also offenbar lediglich die Ladungsdichte ρ(~r)
durch eine δ−Funktion ersetzt worden. Physikalisch interpretiert man dies so, dass die
Greensche Funktion G(~r, ~r ′ ) der Poisson-Gleichung identisch mit dem skalaren Poten-
tial ϕ(~r) einer Punktladung am Ort ~r ′ der Stärke Q ≡ 1 ist. Dieses hatten wir aber
schon berechnet, vgl. Gl. (2.7), also
1 1
G(~r, ~r ′ ) ≡ + F (~r, ~r ′ ) . (2.46)
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
Durch Vergleich mit Gl. (1.188) erkennt man, dass bei Einsetzen der Lösung (2.46) in Gl.
(2.45) schon der erste Term die rechte Seite von Gl. (2.45) liefert. Dementsprechend muss
F (~r, ~r ′ ) eine Funktion sein, welche in V die Laplace-Gleichung
∆r F (~r, ~r ′ ) = 0
erfüllt. Es ist bereits erwähnt worden, dass eine Lösung der inhomogenen Differential-
gleichung (Poisson-Gleichung) nur bis auf eine Lösung der homogenen Differentialglei-
chung (Laplace-Gleichung) eindeutig bestimmt ist. Daher kann eine Lösung F (~r, ~r ′ ) der
Laplace-Gleichung stets zur Lösung der Poisson-Gleichung addiert werden. Diese Funk-
tion ist zunächst beliebig wählbar. Diese Wahlfreiheit werden wir später ausnutzen, um
spezielle Randbedingungen zu realisieren.
Für das folgende werden wir lediglich fordern, dass F (~r, ~r ′ ) symmetrisch unter Ver-
tauschung von ~r und ~r ′ sein soll, F (~r, ~r ′ ) ≡ F (~r ′ , ~r). Aus Gl. (2.46) lesen wir ab, dass
dann auch die Greensche Funktion symmetrisch unter Vertauschung ihrer Argumente ist,
G(~r, ~r ′ ) ≡ G(~r ′ , ~r). Damit gilt auch
1 (3) ′ 1
∆r′ G(~r, ~r ′ ) = ∆r′ G(~r ′ , ~r) = − δ (~r − ~r) = − δ (3) (~r − ~r ′ ) = ∆r G(~r, ~r ′ ) , (2.47)
ǫ0 ǫ0
wobei wir Gl. (2.45) mit vertauschten Argumenten ~r und ~r ′ sowie δ(x) ≡ δ(−x) benutzt
haben. Vergleichen wir die linke und rechte Seite von Gl. (2.47), so stellen wir fest, dass
es keine Rolle spielt, ob wir beim Laplace-Operator in Gl. (2.45) nach ~r oder nach ~r ′
differenzieren.
Wir benutzen nun die Greensche Identität (1.186) für ψ(~r ′ ) ≡ G(~r, ~r ′ ),
Z
d3~r ′ [ϕ(~r ′ ) ∆r′ G(~r, ~r ′ ) − G(~r, ~r ′ ) ∆r′ ϕ(~r ′ )]
V
1 1
Z Z
3 ′ ′ (3) ′
= − d ~r ϕ(~r ) δ (~r − ~r ) + d3~r ′ G(~r, ~r ′ ) ρ(~r ′ )
ǫ ǫ0 V
I 0 V h i
= df ′ ϕ(~r ′ ) ~n ′ · ∇ ~ r′ ϕ(~r ′ ) ,
~ r′ G(~r, ~r ′ ) − G(~r, ~r ′ ) ~n ′ · ∇
S(V )
89
2 Elektrostatik
wobei wir im ersten Schritt die Glgen. (2.5) und (2.47) benutzt haben. Für ~r ∈ V können
wir diese Gleichung nun nach ϕ(~r) auflösen,
Z I h i
ϕ(~r) = 3 ′ ′ ′
d ~r G(~r, ~r ) ρ(~r ) − ǫ0 df ′ ϕ(~r ′ ) ~n ′ · ∇ ~ r ′) ,
~ r′ G(~r, ~r ′ ) + G(~r, ~r ′ ) ~n ′ · E(~
V S(V )
(2.48)
wobei wir im letzten Term noch Gl. (2.4) benutzt haben.
Gleichung (2.48) ist völlig äquivalent zu Gl. (2.39), aber nun haben wir die Möglichkeit,
über die frei wählbare Funktion F (~r, ~r ′ ) (a) entweder den zweiten oder (b) den ersten
Term im Oberflächenintegral zu eliminieren, so dass (a) lediglich Dirichletsche oder (b)
Neumannsche Randbedingungen spezifiziert werden müssen.
Dies kann man z.B. dadurch erreichen, dass die Greensche Funktion auf dem Rand
verschwindet,
GD (~r, ~r ′ ) ≡ 0 ∀ ~r ′ ∈ S(V ) . (2.50)
Dann lautet die Lösung (2.48) der Poisson-Gleichung
Z I
ϕ(~r) = 3 ′ ′ ′
d ~r GD (~r, ~r ) ρ(~r ) − ǫ0 ~ r′ GD (~r, ~r ′ ) .
df ′ ϕ(~r ′ ) ~n ′ · ∇ (2.51)
V S(V )
Da ϕ(~r ′ ) auf S(V ) und ρ(~r ′ ) in V bekannt sind, ist die Lösung des Problems auf
die Bestimmung der Greenschen Funktion GD (~r, ~r ′ ) zurückgeführt, wobei sie die
Bedingungen (2.49) und (2.50) erfüllen muss.
und würde dies dadurch zu erreichen suchen, dass man den Gradienten der Green-
schen Funktion auf dem Rand null setzt,
~ r′ GN (~r, ~r ′ ) ≡ 0
∇ ∀ ~r ′ ∈ S(V ) .
Dies führt aber zu einem Widerspruch mit Gl. (2.45). Einerseits gilt für ~r ∈ V
1 1
Z Z
3 ′ ′
d ~r ∆r′ GN (~r, ~r ) = − d3~r ′ δ (3) (~r − ~r ′ ) ≡ − .
V ǫ0 V ǫ0
90
2.3 Randwertprobleme
1
Z I
− ≡ 3 ′ ′
d ~r ∆r′ GN (~r, ~r ) = df~ ′ · ∇
~ r′ GN (~r, ~r ′ ) .
ǫ0 V S(V )
Der Gradient der Greenschen Funktion kann also auf dem Rand nicht verschwinden,
sonst ergibt das Oberflächenintegral nicht den Wert −1/ǫ0 . Wir versuchen stattdes-
sen den Ansatz
~ r′ GN (~r, ~r ′ ) ≡ − 1
~n ′ · ∇ ∀ ~r ′ ∈ S(V ) , (2.52)
ǫ0 F
wobei F die gesamte Oberfläche von V ist. Dann gilt für den ersten Term im Ober-
flächenintegral in Gl. (2.48)
~ r′ GN (~r, ~r ′ ) ≡ − ϕ0 ,
I
df ′ ϕ(~r ′ ) ~n ′ · ∇ (2.53)
S(V ) ǫ0
wobei
1
I
ϕ0 ≡ df ′ ϕ(~r ′ ) = const.
F S(V )
der konstante Mittelwert des skalaren Potentials auf der Oberfläche S(V ) ist. Die
Lösung (2.48) lautet nun
Z I
ϕ(~r) − ϕ0 = 3 ′ ′ ′
d ~r GN (~r, ~r ) ρ(~r ) − ǫ0 ~ r ′ ) . (2.54)
df ′ GN (~r, ~r ′ ) ~n ′ · E(~
V S(V )
~ r ′ ) auf S(V ) und ρ(~r ′ ) in V bekannt sind, reduziert sich auch in diesem
Da E(~
Fall das Problem auf die Bestimmung der Greenschen Funktion GN (~r, ~r ′ ). Diese
Funktion muss nun die Bedingungen (2.52) und (2.53) erfüllen.
12.1.2011
2.3.4 Methode der Spiegelladungen
Als Anwendung der Methode der Greenschen Funktionen auf Randwertprobleme der Elek-
trostatik besprechen wir nun die sog. Methode der Spiegel- oder Bildladungen. Das
typische elektrostatische Problem, bei dem diese Methode zur Anwendung kommt, ist
die Berechnung des skalaren Potentials ϕ(~r), das von einer gewissen Ladungsverteilung
ρ(~r) vor einer (im Idealfall unendlich) ausgedehnten, leitenden und geerdeten Platte er-
zeugt wird. O.B.d.A. liege die Platte in der (xy)−Ebene und die Ladungsverteilung sei
bei z > 0, vgl. Abb. 2.10. Gesucht wird das skalare Feld in der unendlichen Halbebene
V = {~r ∈ R3 ; z ≥ 0}.
Wir müssen zunächst die Randbedingungen festlegen. Die Tatsache, dass die Plat-
te leitend und geerdet ist, bedeutet, dass das skalare Potential ϕ(~r) auf der Platte
einen konstanten Wert annimmt. Denn wenn dem nicht so wäre, dann bestünde eine
Potentialdifferenz bzw. eine Spannung zwischen zwei Punkten ~r1 , ~r2 auf der Platte,
~ 6= 0 bei ~r1 bzw.
ϕ(~r2 ) − ϕ(~r1 ) ≡ U21 6= 0, also ein nichtverschwindender Gradient ∇ϕ
~r2 . Aufgrund von Gl. (2.4) existiert dort auch ein elektrisches Feld E ~ ≡ −∇ϕ~ 6= 0.
Dieses erzeugt aufgrund von Gl. (1.115) eine Coulomb-Kraft F~C = q E ~ auf die bei ~r
91
2 Elektrostatik
ρ(r)
befindlichen Ladungen q , welches zum Ladungsfluß führt. Da die Platte leitend und
geerdet ist, verschieben sich die Ladungen so lange, bis auf sie keine Kraft mehr wirkt,
sie sich also im elektrostatischen Gleichgewicht befinden. Dann sind aber sämtliche
Potentialdifferenzen auf der Platte ausgeglichen, mithin das skalare Potential auf der
Platte konstant.
Wir können o.B.d.A. den Wert des skalaren Potential auf der Platte gleich null setzen,
ϕ(~r) = 0 ∀ ~r = (x, y, 0) . (2.55)
Im Unendlichen, also ∀ z > 0 und x, y → ±∞, muss das skalare Potential aufgrund seiner
Stetigkeit ebenfalls null sein,
lim ϕ(~r) = 0 ∀ z > 0 . (2.56)
x,y→±∞
Die Glgen. (2.55) und (2.56) legen die Randbedingungen des Problems vollständig fest.
Sie sind offensichtlich vom Dirichletschen Typ.
Die Greensche Funktion hat gemäß Gl. (2.46) die Form
1 1
GD (~r, ~r ′ ) ≡ + FD (~r, ~r ′ ) , (2.57)
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
wobei die Funktion FD (~r, ~r ′ ) die Laplace-Gleichung
∆r FD (~r, ~r ′ ) = 0
und die Greensche Funktion GD (~r, ~r ′ ) die Bedingung (2.49),
I
~ r ′) ≡ 0 ,
df ′ GD (~r, ~r ′ ) ~n ′ · E(~
S(V )
92
2.3 Randwertprobleme
≡ 0,
für beliebige ~r ∈ V und ~r ′ ≡ (x′ , y ′, 0), d.h. auf der Platte. Die Bedingung (2.58) ist also
auf der Platte (z ′ = 0) erfüllt.
Im Unendlichen |~r ′ | → ∞ verschwindet die Greensche Funktion (2.57) mit der Wahl
(2.59) für die Funktion FD (~r, ~r ′ ) ebenfalls. Also ist die Randbedingung (2.49) erfüllt.
Wir überprüfen noch, dass die durch Gl. (2.59) gegebene Funktion FD (~r, ~r ′ ) die Laplace-
Gleichung in V erfüllt. Wenden wir den Laplace-Operator auf FD (~r, ~r ′ ) an, so folgt wegen
∂ 2 /∂z 2 ≡ ∂ 2 /∂(−z)2 und mit Gl. (1.188)
1
∆r FD (~r, ~r ′ ) ≡ ∆rB FD (~r, ~r ′ ) = − (−4π) δ (3) (~rB − ~r ′ )
4πǫ0
1
= δ(x − x′ ) δ(y − y ′) δ(−z − z ′ ) ≡ 0 ,
ǫ0
weil ~r, ~r ′ ∈ V , und daher z > 0 und z ′ > 0 sind. Damit ist −z − z ′ in V niemals null
und die letzte δ−Funktion verschwindet. Die Funktion FD (~r, ~r ′ ) erfüllt also in der Tat
die Laplace-Gleichung in V .
Die Greensche Funktion (2.57) für dieses Problem lautet also
′ 1 1 1
GD (~r, ~r ) = − (2.60)
4πǫ0 |~r − ~r ′ | |~rB − ~r ′ |
!
1 1 1
= p −p .
4πǫ0 (x − x′ )2 + (y − y ′)2 + (z − z ′ )2 (x − x′ )2 + (y − y ′)2 + (z + z ′ )2
93
2 Elektrostatik
An dieser Form sieht man auch sofort, dass GD (~r, ~r ′ ) symmetrisch unter der Vertauschung
~r ↔ ~r ′ ist. Man kann daher auch im zweiten Term in Gl. (2.60) ~rB und ~r ′ durch ~rB′ ≡
(x′ , y ′, −z ′ ) und ~r ersetzen und erhält die äquivalente Form
′ 1 1 1
GD (~r, ~r ) = − . (2.61)
4πǫ0 |~r − ~r ′ | |~r − ~rB′ |
Die Tatsache, dass man die Randbedingungen für diese Funktion durch Einführen ei-
ner an der (xy)−Ebene gespiegelten Ladung erfüllt, erklärt den Namen “Methode der
Spiegelladungen”.
Um das elektrostatische Problem in V zu lösen, setzen wir die Greensche Funktion
(2.61) in Gl. (2.51) ein. Aufgrund der Randbedingungen (2.55) und (2.56) verschwindet
der zweite Term und wir erhalten
1 1 1
Z
3 ′ ′
ϕ(~r) = d ~r ρ(~r ) − . (2.62)
4πǫ0 V |~r − ~r ′ | |~r − ~rB′ |
Diese Gleichung hat eine einfache Interpretation: das skalare Potential des Randwertpro-
blems ergibt sich durch Addition des durch die Ladungsverteilung ρ(~r ′ ) innerhalb von
V erzeugten skalaren Potentials und eines skalaren Potentials, das durch eine bei ~rB′ , al-
so außerhalb von V , angesiedelte Spiegelladungsverteilung −ρ(~r ′ ) erzeugt wird. Die
Spiegelladungsverteilung hat die gleiche Form, aber umgekehrtes Vorzeichen wie die echte
Ladungsverteilung ρ(~r ′ ), vgl. Abb. 2.11.
−ρ(r) ρ(r)
Der Vorteil der Methode der Spiegelladungen ist, dass die Lösung (2.62) des Rand-
wertproblems bis auf den Spiegelladungsterm die gleiche Form hat wie die Lösung (2.6)
eines elektrostatischen Problems ohne Randbedingungen auf der Oberfläche S(V ), bzw.
mit Randbedingungen im Unendlichen. Der Spiegelladungsterm ist also genau so konstru-
iert, dass er die Randbedingungen auf S(V ) ersetzt.
94
2.3 Randwertprobleme
z z
q q
r0 =(0,0,z0)
x,y
rB=(0,0,−z0)
−q
(a) (b)
gegeben, wobei ~r0 ≡ (0, 0, z0) ist; z0 ist der Abstand der Ladung q von der Metallplatte.
Eingesetzt in Gl. (2.62) erhalten wir demnach
q 1 1
ϕ(~r) = −
4πǫ0 |~r − ~r0 | |~r − ~rB |
!
q 1 1
= p −p , (2.63)
4πǫ0 x2 + y 2 + (z − z0 )2 x2 + y 2 + (z + z0 )2
wobei wir ~rB ≡ (0, 0, −z0 ) benutzt haben, vgl. Abb. 2.12(b). Die Methode der Spiegella-
dungen ersetzt das Randwertproblem einer Punktladung am Ort ~r0 über einer unendlich
ausgedehnten, geerdeten Metallplatte durch ein Problem mit einer Punktladung bei ~r0
und einer bei ~rB befindlichen Spiegelladung der Stärke −q. Ganz offensichtlich erfüllt das
skalare Potential (2.63) die Randbedingungen (2.55) und (2.56).
Das zum skalaren Potential (2.63) gehörende elektrische Feld berechnet sich nach Gl.
(2.4) zu
~ r ) = −∇ϕ(~
~ r) = q (x, y, z − z 0 ) (x, y, z + z 0 )
E(~ − . (2.64)
4πǫ0 |~r − ~r0 |3 |~r − ~rB |3
95
2 Elektrostatik
q (0, 0, z0 ) q z0
= − 3 ≡ − ~e z . (2.65)
2πǫ0 x2 + y 2 + z 2 2πǫ0 x2 + y 2 + z 2 3
p p
0 0
Dies erklärt sich sofort daraus, dass die elektrische Feldstärke als Gradient des skalaren
Potentials, vgl. Gl. (2.4), stets senkrecht auf einer Äquipotentialfläche (in diesem Fall die
Metallplatte mit ϕ(~r) ≡ 0) stehen muss. Der Feldlinienverlauf ist schematisch für q > 0
in Abb. 2.13 abgebildet.
Abbildung 2.13: Feldlinienverlauf einer Punktladung q > 0 über einer unendlich ausge-
dehnten, geerdeten Metallplatte.
Feldlinien der elektrischen Feldstärke haben ihren Ursprung stets auf positiven Ladun-
gen q > 0 und enden auf negativen Ladungen q < 0. Im betrachteten Fall enden die auf
der Punktladung entspringenden Feldlinien auf der Metallplatte. Wir erwarten also, dass
diese eine negative Flächenladungsdichte σ < 0 trägt. Diese wird durch die Punktladung
q > 0 über der Platte induziert oder, wie man sagt, influenziert. Es handelt sich um
eine sog. Influenzladung.
Die Influenzladung läßt sich aus der Sprungbedingung (2.29) für die Normalkomponente
des elektrischen Feldes bestimmen. Unterhalb der Metallplatte, für z < 0, verschwindet
das elektrische Feld vollständig. Oberhalb, für z > 0, ist es durch Gl. (2.64) gegeben.
Da es auf der Platte senkrecht steht, hat es dort lediglich eine Normalkomponente. Die
96
2.3 Randwertprobleme
wobei E(x, y, 0) der (negative) Betrag der elektrischen Feldstärke (2.65) auf der Metall-
platte ist. Wie erwartet, ist die Flächenladungsdichte negativ. Offensichtlich ist die Feld-
stärke und damit auch die influenzierte Flächenladungsdichte nicht konstant auf der Me-
tallplatte: direkt unterhalb der Punktladung (x = y = 0) ist ihr Betrag am größten
p p 3
und fällt dann mit ρ ≡ x2 + y 2 wie 1/ ρ2 + z02 ab. Außerdem nimmt ihr Maximum
bei x = y = 0 mit zunehmendem Abstand z0 der Punktladung von der Metallplatte wie
1/z02 ab. Die funktionale Form der Flächenladungsdichte als Funktion von ρ ist in Abb.
2.14 dargestellt.
|σ|
q
2 π z02
0 z0 2z0 ρ
Abbildung 2.14: Betrag der von einer Punktladung q bei (0, 0, z0 ) auf einer unendlich
ausgedehnten, geerdeten Metallplatte in der (xy)−Ebene influenzierten
Flächenladungsdichte als Funktion des radialen Abstands vom Ursprung.
q z0 2π
Z ∞
1
Z Z
qInfl = dx dy σ(x, y, 0) = − dφ dρ ρ p 3
2π 0 0 ρ2 + z02
Z ∞ ! ∞
d 1 1
= −q z0 dρ − p = q z0 p = −q . (2.67)
0 dρ ρ2 + z02 ρ2 + z02 0
Die gesamte Influenzladung auf der Platte ist also identisch mit der Bildladung bei ~rB .
97
2 Elektrostatik
Da die Influenzladung auf der Platte das umgekehrte Vorzeichen wie die Punktladung
trägt, besteht eine anziehende Kraft zwischen Ladung und Platte, die sog. Bildkraft.
Um zu berechnen, welche Kraft die Influenzladungsverteilung auf der Metallplatte auf die
Punktladung bei ~r0 ausübt, ist es am einfachsten, wenn man ausnutzt, dass die Wirkung
der Influenzladung auf der Platte bei z = 0 mit der der Bildladung bei ~rB identisch ist.
Dann ist die Bildkraft einfach durch die Coulomb-Kraft zwischen zwei Punktladungen
mit Abstand |~r0 − ~rB | = 2 z0 gegeben,
q(−q) 1 q2
F~B = ~
e z
= − ~e z . (2.68)
4πǫ0 (2 z0 )2 16πǫ0 z02
Wie bei entgegengesetzten Ladungen nicht anders zu erwarten, zeigt diese zur Platte hin.
14.1.2011
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
In diesem Abschnitt beleuchten wir die Lösung der Poisson- bzw. der Laplace-Gleichung
noch von einem etwas mathematischeren Blickwinkel. Diese Lösung läßt sich häufig da-
durch vereinfachen, dass man die gesuchte Lösungsfunktion zunächst nach einem Satz
von anderen, bekannten Funktionen entwickelt und dann die Koeffizienten dieser Ent-
wicklung bestimmt. Um dies zu verstehen, müssen wir zunächst einige mathematische
Begriffe, wie z.B. die Vollständigkeit von Funktionensystemen, einführen. Viele Proble-
me der Theoretischen Physik weisen eine sphärische Symmetrie auf. Für solche ist ein
bestimmtes Funktionensystem, die sog. Kugelflächenfunktionen, zur Entwicklung der
Lösungsfunktion besonders geeignet. Dies führt dann letztlich zur sog. Multipolentwick-
lung. Die Kugelflächenfunktionen spielen auch bei der Lösung der Schrödingergleichung
für das Wasserstoffatom in der Quantenmechanik eine tragende Rolle.
Ui : R ⊃ [a, b] −→ M ⊂ C
[a, b] ∋ x 7→ Ui (x) ∈ M .
Der Satz kann dabei endlich (N < ∞) oder unendlich (N → ∞) sein. Im letzteren
Fall sprechen wir von einem Funktionensystem. Folgende Begriffe sind für die Ui von
Bedeutung.
(i) Orthonormalität:
Zwei Funktionen Un (x), Um (x) heißen orthonormal, falls
Z b
dx Un∗ (x) Um (x) = δnm , (2.69)
a
wobei Un∗ die zu Un komplex konjugierte Funktion ist. Dies ist analog zur Ortho-
normalität zweier kartesischer Einheitsvektoren in einem N−dimensionalen reellen
98
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
Vektorraum,
N
X
~en · ~em = en,i em,i = δnm .
i=1
In der Tat kann die linke Seite von Gl. (2.69) als Skalarprodukt für Funktionen
Un (x), Um (x) aufgefaßt werden.
(ii) Vollständigkeit:
Für gegebenes M ≤ N definieren wir die Funktion
M
X
fM (x) = ci Ui (x) , (2.70)
i=1
f : R ⊃ [a, b] −→ M ⊂ C
[a, b] ∋ x 7→ f (x) ∈ M ,
also ebenfalls mit demselben Definitions- und Wertebereich wie die Funktionen Ui .
Es stellt sich die Frage, inwieweit die Funktion fM eine Approximation der Funk-
tion f ist. Dazu müssen wir ein geeignetes Maß für die Abweichung der Funktion
fM von der Funktion f definieren. Zweckmäßig ist z.B. das mittlere Fehlerqua-
drat
Z b Z b
2
QM ≡ dx |f (x) − fM (x)| = dx [f ∗ (x) − fM
∗
(x)] [f (x) − fM (x)]
a a
Z b M
X Z b
= dx f ∗ (x) f (x) − ci dx f ∗ (x) Ui (x)
a i=1 a
M
X Z b M
X Z b
− c∗i dx Ui∗ (x) f (x) + c∗i cj dx Ui∗ (x) Uj (x)
i=1 a i,j=1 a
Z b M
X Z b
= dx f ∗ (x) f (x) − ci dx f ∗ (x) Ui (x)
a i=1 a
M
X Z b M
X
− c∗i dx Ui∗ (x) f (x) + c∗i ci , (2.71)
i=1 a i=1
wobei wir im letzten Schritt angenommen haben, dass die Funktionen Ui ortho-
normal sind.
Die bestmögliche Approximation fM der Funktion f ist nun diejenige, die das
mittlere Fehlerquadrat QM minimiert. Dies kann man durch geschickte Wahl der
99
2 Elektrostatik
Koeffizienten ci in Gl. (2.70) erreichen. Die Bedingung, dass QM als Funktion der
ci ein Minimum annimmt, lautet
Z b
dQM
0 = =− dx f ∗ (x) Uj (x) + c∗j , 1 ≤ j ≤ M ,
dcj a
Z b
dQM
0 = =− dx Uj∗ (x) f (x) + cj , 1 ≤ j ≤ M ,
dc∗j a
wobei wir ausgenutzt haben, dass Real- und Imaginärteil einer komplexen Zahl, oder
auch eine komplexe Zahl und die zu ihr komplex konjugierte Zahl, unabhängige Va-
riablen sind. Die notwendige Bedingung dafür, dass das Fehlerquadrat QM minimiert
wird, lautet also
Z b Z b
∗ ∗
ci = dx Ui (x) f (x) , ci = dx f ∗ (x) Ui (x) , 1 ≤ i ≤ M , (2.72)
a a
Dies ist genau dann der Fall, wenn das Funktionensystem U1 , U2 , . . . vollständig
ist.
Um den Begriff der Vollständigkeit eines Funktionensystems zu definieren, benö-
tigen wir eine weitere
100
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
falls Z b
lim QM = lim dx |f (x) − fM (x)|2 = 0 .
M →∞ M →∞ a
Nun können wir den Begriff der Vollständigkeit definieren.
Definition: Ein Funktionensystem orthonormaler Funktionen U1 , U2 , . . . heißt voll-
ständig, falls für jede Funktion f die Reihe der Funktionen fM im Mittel gegen f
konvergiert. Dann ist die Funktion f durch Gl. (2.74) gegeben.
Die Koeffizienten ci in der Entwicklung (2.74) von f nach einem vollständigen Funk-
tionensystem bestimmt man formal durch Multiplikation dieser Gleichung mit Uj∗ (x)
und Integration über x. Die Orthonormalität der Funktionen Uj , Ui liefert dann
Z b ∞
X Z b ∞
X
dx Uj∗ (x) f (x) = ci dx Uj∗ (x) Ui (x) = ci δji = cj . (2.75)
a i=1 a i=1
Diese Gleichung ist identisch mit Gl. (2.72) und bestätigt, dass wir das Fehlerquadrat
in der Approximation der Funktion f durch die Entwicklung (2.74) minimiert, bzw.
in diesem Fall sogar zum Verschwinden gebracht haben. In diesem Fall gilt also
unter Benutzung von Gl. (2.75)
∞ 2 ∞
Z b X Z b X
2
0 = lim QM = dx f (x) − ci Ui (x) = dx |f (x)| − |ci |2 ,
M →∞ a a
i=1 i=1
bzw. ∞
X Z b
2
|ci | = dx |f (x)|2 . (2.76)
i=1 a
Dies ist die sog. Parsevalsche Gleichung, die den Spezialfall der Besselschen Un-
gleichung (2.73) für M → ∞ repräsentiert. Die Vollständigkeit des Funktionensy-
stems der Ui wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass nun das Ungleichheitszei-
chen durch ein Gleichheitszeichen ersetzt wird.
Setzen wir Gl. (2.75) in Gl. (2.74) ein,
∞ Z
"∞ #
X b Z b X
f (x) = dy Ui∗ (y) f (y) Ui(x) = dy f (y) Ui∗ (y) Ui(x) ,
i=1 a a i=1
so erkennen wir, dass linke und rechte Seite nur dann übereinstimmen, wenn die
Funktionen Ui die sog. Vollständigkeitsrelation
∞
X
Ui∗ (y) Ui(x) ≡ δ(x − y) (2.77)
i=1
101
2 Elektrostatik
erfüllen.
Wir merken noch an, dass die Entwicklung (2.74) völlig analog zur Zerlegung eines
beliebigen Vektors ~a nach den kartesischen Einheitsvektoren eines N−dimensionalen
reellen Vektorraums ist,
XN
~a = ai ~ei .
i=1
Dabei ist das vollständige Funktionensystem der Ui mit der Basis {~e1 , . . . , ~eN } zu
identifizieren, und die Koeffizienten ci in der Entwicklung (2.74) mit den Kompo-
nenten ai des Vektors ~a in dieser Basis. Diese berechnen sich bekanntlich aus dem
Skalarprodukt
ai ≡ ~ei · ~a .
Entsprechend läßt sich die linke Seite von Gl. (2.75) als Skalarprodukt der Funk-
tionen Uj und f auffassen, vgl. auch die Diskussion zu Gl. (2.69). Die Parsevalsche
Gleichung ist auch einfach zu interpretieren. Ihre rechte Seite ist das Skalarprodukt
der Funktion f mit sich selbst und die linke Seite die Summe über die Quadrate der
“Komponenten”. Für einen Vektor ~a in einem N−dimensionalen reellen Vektorraum
liest sich dies
XN
a2i = ~a · ~a ,
i=1
In den folgenden beiden Abschnitten werden wir zwei wichtige Beispiele für vollständige
Funktionensysteme besprechen.
1 1 1
U0 (x) = √ , Un (x) = √ cos(nx) , Vn (x) = √ sin(nx) , n = 1, 2, . . . . (2.78)
2π π π
102
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
π
1 π
Z Z
dx Un (x) Um (x) = dx cos(nx) cos(mx)
−π π −π
0 ,R falls n 6= m
= 1 π 2
π −π
dx cos (nx) = 1 , falls n=m
≡ δnm
Z π
1 π
Z
dx Vn (x) Vm (x) = dx sin(nx) sin(mx)
−π π −π
0 ,R falls n 6= m
= 1 π 2
π −π
dx sin (nx) = 1 , falls n=m
≡ δnm
Z π
1 π
Z
dx Un (x) Vm (x) = dx cos(nx) sin(mx) = 0 , (2.79)
−π π −π
wobei wir eine Reihe von elementaren Integralidentitäten ausgenutzt haben [8].
Das Funktionensystem (2.78) ist vollständig, weil man jede auf [−π, π] definierte
Funktion in eine Fourier-Reihe entwickeln kann,
∞ ∞
X a0 1 X
f (x) = a0 U0 (x) + [an Un (x) + bn Vn (x)] = √ + √ [an cos(nx) + bn sin(nx)] .
n=1
2π π n=1
(2.80)
Es ist intuitiv klar, warum man sowohl Cosinus- als auch Sinusfunktionen benötigt:
der Cosinus ist eine gerade Funktion seines Arguments, d.h. cos[n(−x)] = + cos(nx),
während der Sinus eine ungerade Funktion ist, sin[n(−x)] = − sin(nx). Mit den Cosinus-
Funktionen kann man also lediglich gerade und mit den Sinus-Funktionen ungerade Funk-
tionen darstellen. Für beliebige Funktionen benötigt man beide. Die Funktion U0 = const.
benötigt man schließlich, um auch konstante Funktionen darstellen zu können.
Die Fourier-Koeffizienten berechnet man mit Hilfe der Orthonormalitätsrelationen
(2.79),
Z π Z π
1
a0 = dx f (x) U0 (x) = √ dx f (x) ,
−π 2π −π
Z π Z π
1
an = dx f (x) Un (x) = √ dx f (x) cos(nx) ,
−π π −π
Z π Z π
1
bn = dx f (x) Vn (x) = √ dx f (x) sin(nx) .
−π π −π
Mit Hilfe der trigonometrischen Funktionen läßt sich auch ein hinsichtlich des Raums
der auf dem Intervall [−π, π] komplexwertigen Funktionen vollständiges Funktionen-
system konstruieren. Wir definieren
1
Ũ0 (x) ≡ U0 (x) = √ ,
2π
Un (x) + i Vn (x) 1 1
Ũn (x) ≡ √ = √ [cos(nx) + i sin(nx)] ≡ √ einx , n = 1, 2, . . . ,
2 2π 2π
Un (x) − i Vn (x) 1 1
Ũn∗ (x) ≡ √ = √ [cos(nx) − i sin(nx)] ≡ √ e−inx , n = 1, 2, . . . ,
2 2π 2π
103
2 Elektrostatik
wobei wir die Euler-Gleichung eix ≡ cos x+i sin x benutzt haben. Diese drei Gleichungen
lassen sich auch in der Form
1
Ũn (x) = √ einx , n = 0, ±1, ±2 . . . , (2.81)
2π
zusammenfassen. Man zeigt mit Hilfe der Orthonormalitätsrelationen (2.79) für die tri-
gonometrischen Funktionen, dass die Funktionen Ũn die Orthonormalitätsrelation
Z π Z π
∗ 1
dx Ũn (x) Ũm (x) = dx ei(m−n)x = δnm (2.82)
−π 2π −π
an.
104
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
Wir sind nun in der Lage, die Fourier-Entwicklung auf Funktionen, die auf dem gesam-
ten R definiert sind, zu verallgemeinern. Dazu lassen wir L → ∞ gehen. Voraussetzung
ist allerdings, dass man sich auf sog. quadratintegrable Funktionen f beschränkt, d.h.
Funktionen f , für die Z ∞
dx |f (x)|2 < ∞ .
−∞
Um die obigen Resultate auf quadratintegrable Funktionen zu übertragen, muss man
zunächst beachten, dass die diskreten Werte
nπ
kn ≡ , n = 0, ±1, ±2, . . . ,
L
die sich um ∆k = π/L unterscheiden, in ein Kontinuum von Werten übergehen,
n nπ o
kn ≡ , n = 0, ±1, ±2, . . . → {k ∈ R} ≡ R .
L
Die Funktionen Ũn (x) werden dann kontinuierliche Funktionen der Variable k, Ũ(x, k).
Wir müssen ihre Normierung neu bestimmen, da der alte Normierungsfaktor der Ũn (x),
Gl. (2.86), für L → ∞ gegen null geht. Wir betrachten dazu die Vollständigkeitsrelation
(2.89) und führen die Summation über n durch die Identität 1 ≡ (L/π)∆k → (L/π)dk in
ein Integral über k von −∞ bis ∞ über,
∞ ∞
X 1 L X nπ nπ
δ(x − y) = Ũn∗ (y) Ũn (x)
= ∆k exp −i y exp i x
n=−∞
2L π n=−∞ L L
Z ∞ Z ∞
1 −iky ikx e−iky eikx
−→ dk e e = dk √ √
2π −∞ ∞ 2π 2π
Z ∞
≡ dk Ũ ∗ (y, k) Ũ(x, k) . (2.90)
∞
105
2 Elektrostatik
Diese Gleichung ist bemerkenswert symmetrisch zu Gl. (2.93). Es tritt kein weiterer Nor-
mierungsfaktor auf, wie man zunächst vermuten würde, wenn man versucht, Gl. (2.87)
ähnlich wie die Vollständigkeitsrelation (2.90) für kontinuierliche k zu verallgemeinern. Es
gilt nämlich mit Gl. (2.93) und der Vollständigkeitsrelation (2.90)
Z ∞ Z ∞ Z ∞
dk c(k) Ũ(x, k) = dk dy Ũ ∗ (y, k) f (y) Ũ(x, k)
−∞
Z−∞
∞
−∞
Z ∞
= dy f (y) dk Ũ ∗ (y, k) Ũ(x, k)
Z−∞
∞
−∞
wobei wir Gl. (1.174) der Vorlesung “Theoretische Physik I: Mechanik I” benutzt und den
Winkelanteil des Laplace-Operators als
∂2
1 ∂ ∂ 1
∆ϑ,ϕ ≡ sin ϑ + (2.96)
sin ϑ ∂ϑ ∂ϑ sin2 ϑ ∂ϕ2
geschrieben haben. Dann läßt sich die Laplace-Gleichung offenbar in der Form
∂ 2 ∂
r Φ(r, ϑ, ϕ) = −∆ϑ,ϕ Φ(r, ϑ, ϕ) (2.97)
∂r ∂r
schreiben. Zur Lösung dieser Gleichung machen wir nun einen sog. Separationsansatz,
wobei die Funktion R(r) der sog. Radialanteil der Lösung ist, der lediglich von der
Radialvariable r abhängen soll, und Ω(ϑ, ϕ) der Winkelanteil der Lösung ist, der lediglich
von Polar- und Azimutwinkel ϑ und ϕ abhängen soll. Setzen wir den Separationsansatz
(2.98) in Gl. (2.97) ein, so erhalten wir
d 2 d
Ω(ϑ, ϕ) r R(r) = −R(r) ∆ϑ,ϕ Ω(ϑ, ϕ) ,
dr dr
106
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
wobei wir auf der linken Seite den Anteil der Lösung, der nicht von r abhängt, und
auf der rechten Seite den, der nicht von ϑ, ϕ abhängt, vor den jeweiligen Differential-
operator gezogen haben. Da die Funktion R(r) lediglich von einer Variable abhängt,
können die partiellen Ableitungen durch gewöhnliche ersetzt werden. Nach Division durch
Φ(r, ϑ, ϕ) = R(r) Ω(ϑ, ϕ) ( 6= 0, da wir nach nichttrivialen Lösungen Φ(r, ϑ, ϕ) der Laplace-
Gleichung suchen) erhalten wir
1 d 2 d 1
r R(r) = − ∆ϑ,ϕ Ω(ϑ, ϕ) . (2.99)
R(r) dr dr Ω(ϑ, ϕ)
Wir erkennen nun den Vorteil des Separationsansatzes: die linke Seite dieser Gleichung
hängt ausschließlich von r und die rechte ausschließlich von ϑ, ϕ ab. Damit linke und
rechte Seite für beliebige r, ϑ, ϕ identisch sind, müssen sie konstant sein, also
1 d 2 d d 2 d
r R(r) = C ⇐⇒ r R(r) = C R(r) , (2.100)
R(r) dr dr dr dr
und
1
∆ϑ,ϕ Ω(ϑ, ϕ) = −C ⇐⇒ ∆ϑ,ϕ Ω(ϑ, ϕ) = −C Ω(ϑ, ϕ) , (2.101)
Ω(ϑ, ϕ)
mit derselben Konstanten C. Wir betrachten zunächst Gl. (2.101) und machen einen
weiteren Separationsansatz,
d2
1 d d 1
Z(ϕ) sin ϑ + C Θ(ϑ) = −Θ(ϑ) 2 Z(ϕ)
sin ϑ dϑ dϑ sin ϑ dϕ2
d2
1 d d 2 1
⇐⇒ sin ϑ sin ϑ + C sin ϑ Θ(ϑ) = − Z(ϕ) ≡ D ,
Θ(ϑ) dϑ dϑ Z(ϕ) dϕ2
mit einer Konstanten D ∈ R. Die rechte Seite dieser Gleichung ist identisch mit
d2
Z(ϕ) + D Z(ϕ) = 0 , (2.103)
dϕ2
Koeffizientenfunktion z(D). Dies ist hier aber nicht notwendig, da der Winkel ϕ auf dem
kompakten Intervall [0, 2π] definiert ist. Daher greift all das im Abschnitt 2.4.2 Gesagte
über auf einem kompakten Intervall [a, b] vollständige Funktionensysteme. Die allgemeine
Lösung von Gl. (2.103) kann wie in Gl. (2.74) als Entwicklung nach einem vollständigen
107
2 Elektrostatik
Funktionensystem angegeben werden. Für das Intervall [0, 2π] (das äquivalent zum Inter-
vall [−π, π] ist) bieten sich die Basisfunktionen (2.81) an. Die allgemeine Lösung von
Gl. (2.103) hat dementsprechend die Form
∞
1 X
Z(ϕ) = √ zm eimϕ , (2.104)
2π m=−∞
sie ist also eine Linearkombination der Funktionen Ũm (x) aus Gl. (2.81) mit diskreten
Werten m ∈ Z. Für eine spezielle Lösung von Gl. (2.103) genügt es, den Wert der
Konstanten D = m2 zu setzen. Wir werden später, wenn wir die allgemeine Lösung von
Gl. (2.101) konstruieren, über alle Werte von m summieren.
21.1.2011
Da auch der Winkel ϑ auf einem endlichen Intervall, nämlich [0, π], definiert ist, läßt
sich auch die Lösung der Differentialgleichung (2.101) nach einem vollständigen Funktio-
nensystem entwickeln. Auch hier nimmt die Konstante C ∈ R nicht kontinuierliche Werte,
sondern lediglich die diskreten Werte C ≡ ℓ(ℓ + 1) mit ℓ = 0, 1, 2, . . . an. (Warum es
genau diese diskreten Werte sind, werden wir im Detail erst in einer späteren Vorlesung
klären können.)
Mit D ≡ m2 und C ≡ ℓ(ℓ + 1) sucht man also zunächst die Lösungen der Differential-
gleichung
d d 2 2
sin ϑ sin ϑ + ℓ(ℓ + 1) sin ϑ − m Θ(ϑ) = 0 .
dϑ dϑ
Man erkennt, dass diese Gleichung nach Substitution x = cos ϑ, so dass
d d √ d
≡ − sin ϑ = − 1 − x2 ,
dϑ dx dx
und mit Θ(ϑ) ≡ P (x) in die sog. verallgemeinerte Legendresche Differentialglei-
chung übergeht,
m2
d 2 d
(1 − x ) P (x) + ℓ(ℓ + 1) − P (x) = 0 . (2.105)
dx dx 1 − x2
Weil ϑ ∈ [0, π], ist x ∈ [−1, 1]. Die Lösungen dieser Differentialgleichung sind die zuge-
ordneten Legendre-Polynome,
dm
Pℓm (x) = (−1)m (1 − x2 )m/2 Pℓ (x) , (2.106)
dxm
wobei
1 dℓ
Pℓ (x) = (x2 − 1)ℓ (2.107)
2ℓ ℓ! dxℓ
die sog. Legendre-Polynome sind. Sie sind Lösungen der gewöhnlichen Legendre-
schen Differentialgleichung
d 2 d
(1 − x ) P (x) + ℓ(ℓ + 1)P (x) = 0 , (2.108)
dx dx
108
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
Wir kommen nun zur allgemeinen Lösung der Differentialgleichung (2.101). Setzen
wir die gerade besprochenen Ergebnisse in den Separationsansatz (2.102) ein, so muss
eine spezielle Lösung zu gegebenem ℓ, m die Form
Ω(ϑ, ϕ) ∼ Pℓm (cos ϑ) eimϕ
haben. Die normierten speziellen Lösungen heißen Kugelflächenfunktionen,
s
2 ℓ + 1 (ℓ − m)! m
Yℓm (ϑ, ϕ) = P (cos ϑ) eimϕ . (2.110)
4π (ℓ + m)! ℓ
109
2 Elektrostatik
Die Kugelflächenfunktionen für negative m sind mit denen für positive m über die Relation
Für Y1,−1, Y2,−2 , Y2,−1 benutze man Gl. (2.111). Die Kugelflächenfunktionen bilden ein
vollständiges Funktionensystem auf der Einheitskugel 0 ≤ ϑ < π, 0 ≤ ϕ < 2π. Die
Orthonormalitätsrelation lautet
Z 2π Z π
dϕ dϑ sin ϑ Yℓ∗′ m′ (ϑ, ϕ) Yℓm(ϑ, ϕ) = δℓ′ ℓ δm′ m , (2.113)
0 0
an, wobei α der Winkel zwischen den Vektoren ~r ′ = r ′ (cos ϕ′ sin ϑ′ , sin ϕ′ sin ϑ′ , cos ϑ′ )
und ~r = r(cos ϕ sin ϑ, sin ϕ sin ϑ, cos ϑ) ist, d.h. mit cos x cos y + sin x sin y ≡ cos(x − y),
~r ′ · ~r
cos α = = sin ϑ′ sin ϑ cos(ϕ − ϕ′ ) + cos ϑ′ cos ϑ . (2.116)
r′r
Die Kugelflächenfunktionen sind spezielle Lösungen der Differentialgleichung (2.103),
110
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
Diese Gleichung hat die Form einer Eigenwertgleichung. Man sagt, die Kugelflächen-
funktionen Yℓm (ϑ, ϕ) sind Eigenfunktionen des Differentialoperators ∆ϑ,ϕ zum Eigen-
wert −ℓ(ℓ + 1). Da m alle 2 ℓ + 1 Werte in den Grenzen (2.109) annehmen kann, ohne
an dieser Gleichung etwas zu ändern, ist der Eigenwert −ℓ(ℓ + 1) genau (2 ℓ + 1)−fach
entartet.
Für die allgemeine Lösung von Gl. (2.101) müssen wir noch über alle ℓ und, zu gege-
benem ℓ, über m in den Grenzen (2.109) summieren,
∞ X
X ℓ
Ω(ϑ, ϕ) = ωℓm Yℓm (ϑ, ϕ) . (2.118)
ℓ=0 m=−ℓ
Wir sind nun in der Lage, die allgemeine Lösung der Laplace-Gleichung (2.95) in
Form einer Entwicklung nach Kugelfächenfunktionen anzugeben. Der Separations-
ansatz (2.98) zusammen mit Gl. (2.118) liefert
∞ X
X ℓ
Φ(r, ϑ, ϕ) = R(r) Ω(ϑ, ϕ) = R(r) ωℓm Yℓm (ϑ, ϕ)
ℓ=0 m=−ℓ
∞ X
X ℓ
≡ Rℓm (r) Yℓm(ϑ, ϕ) , (2.120)
ℓ=0 m=−ℓ
wobei wir Rℓm (r) ≡ R(r) ωℓm definiert haben. Gleichung (2.120) wird auch als Entwick-
lungssatz bezeichnet. Die Koeffizienten Rℓm (r) berechnet man aufgrund von Gl. (2.119)
gemäß Z 2πZ π
∗
Rℓm (r) = dϕ dϑ sin ϑ Yℓm (ϑ, ϕ) Φ(r, ϑ, ϕ) . (2.121)
0 0
Die Funktion R(r) in Gl. (2.120) kann noch näher festgelegt werden, wenn man die
Radialgleichung (2.100) löst. Diese lautet mit C = ℓ(ℓ + 1)
d 2 d
r − ℓ(ℓ + 1) R(r) = 0 . (2.122)
dr dr
Diese Differentialgleichung kann vereinfacht werden, indem wir
1
R(r) = u(r)
r
substituieren. Es gilt nämlich
d2 u(r) du(r)
d 2 d u(r) d du(r) du(r)
r = r − u(r) = +r −
dr dr r dr dr dr dr 2 dr
2
d u(r)
≡ r
dr 2
111
2 Elektrostatik
Wir suchen also eine Funktion von r, die bei zweimaligem Ableiten bis auf einen Fak-
tor ℓ(ℓ + 1) um zwei Potenzen von r reduziert wird. Letzteres ist eine Eigenschaft der
Potenzfunktion, wir machen also den Potenzansatz
u(r) ∼ r β .
d.h.
r
2 1 1 1 1 ℓ+1
β − β − ℓ(ℓ + 1) = 0 ⇐⇒ β1,2 = ± + ℓ(ℓ + 1) = ± ℓ + = .
2 4 2 2 −ℓ
u(r) = A r ℓ+1 + B r −ℓ ,
R(r) = A r ℓ + B r −(ℓ+1) .
1 3 ′ ρ(~ r ′)
Z
Φ(~r) = d ~r . (2.125)
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
Diese Lösung kann man ebenfalls nach Kugelflächenfunktionen zerlegen. Dazu machen
wir folgende Zwischenbetrachtung. Den Betrag des längeren der beiden Vektoren ~r, ~r ′
bezeichnen wir mit r> und den Betrag des kürzeren mit r< . Den Winkel zwischen den
112
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
beiden Vektoren bezeichnen wir mit α, so dass Gl. (2.116) gilt. Dann kann man die
Funktion 1/|~r − ~r ′ | in eine Potenzreihe nach r< /r> entwickeln,
1 1 1
′
= √ = r
|~r − ~r | r − 2 r r ′ cos α + r ′ 2
2 2
r> 1 − 2 rr<> cos α + rr><
( 2 " #)
3
1 r< 1 2
r < r<
= 1+ cos α + 3 cos α − 1 +O
r> r> 2 r> r>
" 2 #
1 r< r<
≡ P0 + P1 (cos α) + P2 (cos α) + ...
r> r> r>
∞ ℓ
X r<
≡ P (cos α) .
ℓ+1 ℓ
ℓ=0
r >
Es stellt sich heraus, dass die Entwicklungskoeffizienten dieser Potenzreihe gerade die
Legendre-Polynome (2.107) sind. Benutzen wir nun noch das Additionstheorem (2.115),
so gilt
∞ X ℓ ℓ
1 X 4π r<
= Y ∗ (ϑ′ , ϕ′ ) Yℓm(ϑ, ϕ) .
ℓ+1 ℓm
(2.126)
|~r − ~r ′ | ℓ=0 m=−ℓ
2 ℓ + 1 r >
Nehmen wir an, dass die Ladungsverteilung räumlich begrenzt ist und jeder ihrer Punkte
~r ′ näher am Ursprung liegt als der Punkt ~r, an dem wir das Potential berechnen. Dies
entspricht der Betrachtung der Ladungsverteilung ρ(~r ′ ) aus der Ferne, vgl. Abb. 2.15.
Dann ist immer |~r| = r ≡ r> und |~r ′ | = r ′ ≡ r< und wir können Gl. (2.127) weiter
vereinfachen,
∞ ℓ
1 X X 1 qℓm
Φ(~r) = Yℓm (ϑ, ϕ) , (2.128)
ǫ0 ℓ=0 m=−ℓ 2 ℓ + 1 r ℓ+1
wobei die Koeffizienten
Z Z
qℓm ≡ d3~r ′ ρ(~r ′ ) r ′ ℓ Yℓm
∗
(ϑ′ , ϕ′ ) , bzw. ∗
qℓm ≡ d3~r ′ ρ(~r ′ ) r ′ ℓ Yℓm (ϑ′ , ϕ′ ) (2.129)
die sog. sphärischen Multipolmomente der Ladungsverteilung ρ(~r ′ ) sind. Gemäß sei-
ner Definition stellt qℓm den mit r ′ ℓ gewichteten Anteil der Kugelflächenfunktion Yℓm ∗
′
an der Ladungsverteilung ρ(~r ) dar. Gleichung (2.128) ist die gesuchte Entwicklung des
skalaren Potentials nach Kugelflächenfunktionen, mit den sphärischen Multipolmomenten
(dividiert durch ǫ0 (2 ℓ + 1) r ℓ+1) als Entwicklungskoeffizienten. Aufgrund von Gl. (2.111)
gilt
∗
qℓm = (−1)m qℓ,−m , (2.130)
113
2 Elektrostatik
z
y
ρ(r’)
r’
x
Abbildung 2.15: Eine Ladungsverteilung ρ(~r ′ ), die man bei ~r betrachtet, mit |~r| >
|~r ′ | ∀ ~r ′ , die zur Ladungsverteilung gehören.
114
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
definiert haben.
Wir setzen die Ergebnisse (2.131), (2.132) und (2.134) für die niedrigsten Multipole in
Gl. (2.128) ein und erhalten mit Gl. (2.112), sowie x = r cos ϕ sin ϑ, y = r sin ϕ sin ϑ,
z = r cos ϑ und der Identität (2.136) nach längerer Rechnung (die wir als Übungsaufgabe
stellen)
1 q00 1 ∗
Φ(~r) = Y00 (ϑ, ϕ) + 2 [q11 Y11 (ϑ, ϕ) + q10 Y10 (ϑ, ϕ) + q11 Y11∗ (ϑ, ϕ)]
ǫ0 r 3r
1 ∗
+ 3
[q22 Y22 (ϑ, ϕ) + q21 Y21 (ϑ, ϕ) + q20 Y20 (ϑ, ϕ) + q21 Y21∗ (ϑ, ϕ) + q22
∗
Y22∗ (ϑ, ϕ)]
5r
+ O(r −4)
3
!
1 Q p~ · ~r 1 X xi xj
= + 3 + Qij 5 + . . . . (2.137)
4πǫ0 r r 2 i,j=1 r
115
2 Elektrostatik
r
r−a
−q
a
q
Abbildung 2.16: Zwei entgegengesetzt geladene Punktladungen im Abstand a.
Diese Gleichung kann man wie folgt interpretieren. Für sehr große Abstände dominiert
der Monopolterm (da er am langsamsten mit r → ∞ abfällt). Die ausgedehnte La-
dungsverteilung erscheint wie eine Punktladung der Stärke Q. Dieses Ergebnis hatten
wir schon früher erhalten, vgl. Diskussion zu Gl. (2.37). Falls die Gesamtladung der La-
dungsverteilung jedoch verschwindet, Q ≡ 0, dann stammt der dominante Beitrag zum
skalaren Potential bei großen Abständen vom Dipolterm. Falls auch das Dipolmoment
p~ ≡ 0 ist, dann ist der dominante Beitrag der des Quadrupolterms.
Beispiel: Dipolfeld
Wir betrachten zwei im Abstand a befindliche Punktladungen mit entgegengesetzter La-
dung, vgl. Abb. 2.16. Die Ladungsverteilung ist
ρ(~r ′ ) = q δ (3) (~r ′ − ~a) − q δ (3) (~r ′ ) .
Damit verschwindet die Gesamtladung,
Z Z
Q = d ~r ρ(~r ) = q d3~r ′ δ (3) (~r ′ − ~a) − δ (3) (~r ′ ) ≡ 0 ,
3 ′ ′
solange sowohl der Ursprung als auch der Punkt ~a im Integrationsbereich liegen. Das
kartesische Dipolmoment (2.133) dagegen ist
Z Z
p~ = d ~r ~r ρ(~r ) = q d3~r ′ ~r ′ δ (3) (~r ′ − ~a) − δ (3) (~r ′ ) ≡ q ~a .
3 ′ ′ ′
= q (3 ai aj − a2 δ ij ) .
116
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
Abbildung 2.17: Äquipotentialflächen (schwarz) und elektrische Feldlinien (rot) für ein
Dipolfeld in der (zx)−Ebene. Der Dipol zeigt in Richtung der z−Achse.
117
2 Elektrostatik
r+a
r−a r
q
−a
−2q
a
q
Abbildung 2.18: Drei Ladungen entlang einer Geraden.
solange sowohl der Ursprung als auch die Punkte ±~a im Integrationsbereich liegen. Das
kartesische Dipolmoment (2.133) verschwindet ebenfalls,
Z Z
3 ′ ′ ′
d3~r ′ ~r ′ δ (3) (~r ′ − ~a) − 2 δ (3) (~r ′ ) + δ (3) (~r ′ + ~a)
p~ = d ~r ~r ρ(~r ) = q
= q (~a − 2 ~0 − ~a) ≡ 0 .
= 2 q (3 aiaj − a2 δ ij ) .
3
!
i j
2q 1X x x
Φ(~r) = (3 ai aj − a2 δ ij ) 5 + . . .
4πǫ0 2 i,j=1 r
q 3 (~a · ~r)2 − a2 r 2
≃ ,
4πǫ0 r5
wobei wir im letzten Schritt die Näherung für große Abstände, |~r| ≫ |~a|, gemacht haben,
118
2.4 Orthogonale Funktionen und Multipolentwicklung
Abbildung 2.19: Äquipotentialflächen (schwarz) und elektrische Feldlinien (rot) für ein
Quadrupolfeld in der (zx)−Ebene. Die Ladungen des Quadrupols sind
entlang der z−Achse aufgereiht.
Die Äquipotentialflächen und die elektrischen Feldlinien des Quadrupolfelds sind für ~a =
a ~e z in Abb. 2.19 dargestellt.
119
28.1.2011
3 Magnetostatik
In diesem Kapitel diskutieren wir die Magnetostatik. Die Magnetostatik geht über
die Elektrostatik hinaus, indem sie jetzt zusätzlich zu einer nichtverschwindenden, aber
zeitunabhängigen Ladungsdichte,
Diese Bedingung ist weniger restriktiv als die in der Elektrostatik geforderte Gl. (2.1), bei
der die Ladungsstromdichte nicht nur zeitunabhängig, sondern gleich null sein sollte.
Wie aus der Diskussion der Maxwell-Gleichung (1.78) zu erwarten, induziert eine nicht-
verschwindende Ladungsstromdichte ein nichtverschwindendes magnetisches Induk-
tionsfeld,
~ ~r) ≡ B(~
B(t, ~ r ) 6= 0 , (3.3)
das ebenfalls zeitunabhängig ist. Nach wie vor induziert die Ladungsdichte (3.1) ein
zeitunabhängiges elektrisches Feld,
~ ~r) ≡ E(~
E(t, ~ r ) 6= 0 . (3.4)
~
Es verschwinden also wie in der Elektrostatik alle Zeitableitungen, ∂ E/∂t ~
= ∂ B/∂t ≡ 0.
~ ·E
~ = ρ
∇ , (3.5)
ǫ0
~ ×B
∇ ~ = µ0 ~j , (3.6)
~ ·B
∇ ~ = 0, (3.7)
~ ×E
∇ ~ = 0. (3.8)
120
3.1 Grundgleichungen der Magnetostatik
(ii) Die Gleichungen (3.5) und (3.8) sind identisch mit den Grundgleichungen (2.2) und
(2.3) der Elektrostatik. Zur Berechnung des elektrischen Feldes kann man also die
Methoden aus dem vorangegangenen Kapitel anwenden. Das elektrische Feld muss
daher im folgenden nicht weiter betrachtet werden.
(iii) Wegen der Entkopplung (i) von E ~ und B ~ genügt es, sich für die Berechnung von
~
B auf die Glgen. (3.6) und (3.7) zu beschränken. Gemäß Gl. (3.6) erzeugt eine La-
dungsstromdichte ~j ein Wirbelfeld des magnetischen Induktionsfelds. Andererseits
besagt Gl. (3.7), dass das magnetische Induktionsfeld kein Quellenfeld besitzt.
Die Beobachtung (iii) läßt sich mit dem Helmholtzschen Zerlegungssatz (1.194)
folgendermaßen interpretieren. Der Zerlegungssatz besagt, dass
~ r) = B
B(~ ~ ℓ (~r) + B
~ t (~r) , (3.9)
mit
!
1 ~ ~ r ′)
3 ′ ∇r ′ · B(~
Z
~ ℓ (~r) = −∇
B ~r d ~r , (3.10)
4π |~r − ~r ′ |
!
1 ~ ~ r ′)
3 ′ ∇r ′ × B(~
Z
~ t (~r) = ∇
B ~r× d ~r . (3.11)
4π |~r − ~r ′ |
~ ℓ (~r) ≡ 0.
Setzen wir Gl. (3.7) unter dem Integral in Gl. (3.10) ein, so erkennen wir, dass B
Das magnetische Induktionsfeld hat also lediglich eine transversale Komponente,
!
µ 0
Z ~j(~
r ′
)
~ r) ≡ B
B(~ ~ t (~r) = ∇
~r× d3~r ′ , (3.12)
4π |~r − ~r ′ |
wobei wir Gl. (3.6) unter dem Integral in Gl. (3.11) eingesetzt haben. Aus dieser Gleichung
liest man mit Hilfe der Relation
B~ =∇ ~ ×A ~,
~j(~r ′ )
~ r ) = µ0
Z
A(~ d3~r ′ . (3.13)
4π |~r − ~r ′ |
Das Vektorpotential (3.13) ist das Analogon zur Lösung ϕ(~r) der Poisson-Gleichung der
Elektrostatik für eine vorgegebene Ladungsdichte ρ,
1 ρ(~r ′ )
Z
ϕ(~r) = d3 ~r ′ , (3.14)
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
121
3 Magnetostatik
wie man durch Vergleich der Glgen. (3.13) und (3.14) sehr schön sieht. Mit Hilfe der
Identität
~r× ~a ~r − ~r ′
∇ = ~
a × (3.15)
|~r − ~r ′ | |~r − ~r ′ |3
läßt sich der Ausdruck (3.12) für das magnetische Induktionsfeld weiter vereinfachen,
wenn wir den Nabla-Operator ∇ ~ r unter das Integral ziehen und beachten, dass ~j(~r ′ ) für
diesen Operator wie ein konstanter Vektor ~a wirkt,
µ0 ~r − ~r ′
Z
~
B(~r) = d3~r ′ ~j(~r ′ ) × , (3.16)
4π |~r − ~r ′ |3
Dies ist das sog. Gesetz von Biot-Savart. Es stellt für eine vorgegebene Ladungs-
stromdichte ~j bereits die Lösung des magnetostatischen Problems dar. Genau wie das
Vektorpotential (3.13) das Analogon zum skalaren Potential (3.14) darstellt, so ist das
Gesetz von Biot-Savart für das magnetische Induktionsfeld das Analogon zur elektrischen
Feldstärke, die aus Gl. (3.14) folgt,
1 1
Z
~ r ) = −∇
E(~ ~ r ϕ(~r) = − d3 ~r ′ ρ(~r ′ ) ∇~r
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
1 ~r − ~r ′
Z
3 ′ ′
= d ~r ρ(~r ) , (3.17)
4πǫ0 |~r − ~r ′ |3
wobei wir von der Identität
~r 1 ~r − ~r ′
∇ = − , (3.18)
|~r − ~r ′ | |~r − ~r ′ |3
vgl. Gl. (2.9), Gebrauch gemacht haben. Die Analogie zwischen B ~ und E ~ wird durch
Vergleich der beiden Ausdrücke (3.16) und (3.17) unmittelbar ersichtlich.
wobei κ die (konstante) Ladungsdichte pro Längeneinheit, vgl. Gl. (2.15), und ~v (~r) ≡ v ~e z
die (konstante) Geschwindigkeit der Ladungsträger ist. Das Produkt κ v ≡ I ist der
Strom der Ladungen, die durch den Leiter fließen. Dies folgt aus der Definition (1.179)
des elektrischen Stroms, für den wir mit der Stromdichte (3.19) erhalten
Z Z
I= ~ ~
df · j = κ v dx dy δ(x) δ(y) ≡ κ v , (3.20)
S S
vgl. Abb. 3.1. Aus Abb. 3.1 können wir eine alternative Definition des Stromes ablesen.
Die Ladungsdichte pro Längeneinheit entspricht der Zahl der Ladungsträger dQ pro
Längeneinheit dz,
dQ
κ≡ ,
dz
122
3.1 Grundgleichungen der Magnetostatik
S df v
dz
also ist
dQ dz dQ
I = κv = ≡ , (3.21)
dz dt dt
der elektrische Strom ist die pro Zeiteinheit dt durch den Leiter fließende Ladung dQ. Eine
dritte Definition erhalten wir aus Gl. (3.20), wenn wir annehmen, dass die Stromdichte ~j
über die Querschnittsfläche S des Leiters konstant ist,
Z
I= df ~e z · ~j ≡ j S , (3.22)
S
also ist der Betrag der Stromdichte j gerade der Strom pro Leiterquerschnittsfläche, j =
I/S.
Mit der Stromdichte (3.19) können wir nun das magnetische Induktionsfeld (3.16) be-
rechnen. Wir benutzen zweckmäßigerweise Zylinderkoordinaten. Aufgrund der Zylinder-
symmetrie des Problems können wir dabei o.B.d.A. den Polarwinkel ϕ = 0 setzen. Dann
lautet der Vektor
~r − ~r ′ = ρ ~e ρ + (z − z ′ ) ~e z ,
vgl. Abb. 3.2. Sodann eliminieren die beiden δ−Funktionen in der Stromdichte (3.19) die
Integration über dx′ und dy ′ , so dass
Z ∞
~ r) = µ 0 κ v ρ ~e ρ + (z − z ′ )~e z
B(~ dz ′ ~e z × p 3 .
4π −∞ ρ2 + (z − z ′ )2
Mit ~e z × ~e ρ ≡ ~e ϕ und Gl. (3.19) erhalten wir also
Z ∞
~ r) = µ 0 Iρ ϕ 1 µ0 I ϕ
B(~ ~e dz ′ p 3 ≡ ~e , (3.23)
4π −∞ ρ2 + (z − z ′ )2 2πρ
123
3 Magnetostatik
r−r’
ρ
r’ y
r
3.1.2 Kontinuitätsgleichung
Für den Fall zeitlich konstanter Ladungsdichte ρ(~r), vgl. Gl. (3.1), also ∂ρ/∂t ≡ 0, lautet
die Kontinuitätsgleichung (1.84)
~ · ~j = 0 ,
∇ (3.24)
die Ladungsstromdichte besitzt also kein Quellenfeld. Mit Hilfe des Satzes von Gauß leiten
wir daraus sofort ab, dass
Z I
0= 3 ~ · ~j =
d ~r ∇ df~ · ~j , (3.25)
V S(V )
d.h. der durch die Oberfläche S(V ) eines Volumens V einströmende Ladungsstrom muß
auch wieder hinausströmen, es kann innerhalb von V keine Quellen (oder Senken) des
Ladungsstroms geben.
Eine unmittelbare Konsequenz aus dieser Tatsache ist die sog. Kirchhoffsche Kno-
tenregel: an einem Leiterknoten ist die Summe der zufließenden Ströme gleich der Summe
der abfließenden Ströme,
XN M
X
Ii,zu = Ij,ab . (3.26)
i=1 j=1
Dies beweist man, indem man das Volumen V in Gl. (3.25) um den Knoten herumlegt,
124
3.2 Ampèresches Gesetz
wobei wir im ersten Schritt ausgenutzt haben, dass Ströme lediglich durch die Leiterquer-
schnittsflächen Si in das Volumen V ein- und durch die Leiterquerschnittsflächen Sj aus
dem Volumen V abfließen können, aber nichts durch irgendeinen anderen Teil der Ober-
fläche S(V ) fließt. Im zweiten Schritt haben wir die Definition (1.179) des Stromes durch
eine Leiterquerschnittsfläche benutzt, sowie die Konvention angewendet, dass df~ immer
von der Oberfläche S(V ) weg zeigen soll (also in Richtung der abfließenden Ströme).
Bringt man nun noch den ersten Term auf der rechten Seite auf die linke Seite, folgt Gl.
(3.26).
vgl. Gl. (1.118). Zur Berechnung der Lorentz-Kraft auf eine Ladungsdichte ρ bzw. La-
dungsstromdichte ~j kann man Gl. (1.123) für die räumlichen Komponenten der Lorentz-
Kraftdichte benutzen,
~kL = ~e i F iµ jµ = ~e i F i0 c ρ − F ik j k = ~e i ρ E i + ǫikl j k B l = ρ E
~ + ~j × B
~ ,
(3.29)
125
3 Magnetostatik
I
ds
df
Abbildung 3.4: Zur Definition des Stromfadens.
wobei wir F i0 = E i /c und F ik = −ǫikl B l benutzt haben, vgl. Glgen. (1.38) und (1.39).
Die dazugehörige Lorentz-Kraft ergibt sich durch Integration über den dreidimensionalen
Raum, Z Z h i
~ 3 ~ ~ r) + ~j(~r) × B(~
~ r) .
FL = d ~r kL(~r) = d3~r ρ(~r) E(~ (3.30)
Dies ist die Kraft, die auf eine Ladungsstromdichte ~j(~r) in Anwesenheit eines magnetischen
~ r ) ausgeübt wird. Letzteres kann natürlich aufgrund des Gesetzes von
Induktionsfeldes B(~
Biot-Savart (3.16) durch eine andere Ladungsstromdichte ~j(~r ′ ) erzeugt worden sein.
Setzen wir Gl. (3.16) in Gl. (3.31) ein, so erhalten wir
′
µ ~
r − ~
r
Z Z
0
F~12 = d ~r d ~r ~j1 (~r) × ~j2 (~r ) ×
3 3 ′ ′
, (3.32)
4π |~r − ~r ′ |3
wobei wir die Ladungsstromdichten zur besseren Unterscheidung mit Indizes “1” und “2”
gekennzeichnet haben.
Wir betrachten nun den speziellen Fall, bei dem die Ladungsstromdichten ~j1 (~r), ~j2 (~r ′ )
auf zwei sog. Stromfäden C1 , C2 beschränkt sind. Ein Stromfaden ist die Idealisierung
eines unendlichen dünnen Leiterdrahtes. Es gilt, vgl. Abb. 3.4,
d3~r ~j = df ds j t̂ = I t̂ ds = I d~r , (3.33)
wobei df die infinitesimale Leiterquerschnittsfläche, ds ein infinitesimales Längenelement
entlang des Stromfadens, t̂ der Tangentialvektor entlang des Stromfadens (zeigt in dieselbe
Richtung wie die Ladungsstromdichte ~j) und d~r ≡ t̂ ds der entlang des Stromfadens
gerichtete infinitesimale Ortsvektor ist. Hierbei haben wir die Definition (3.22) des Stromes
benutzt, wobei S ≡ df gesetzt wurde, so dass I = j df .
Wir ersetzen nun die Volumenintegrale in Gl. (3.32) mit Hilfe von Gl. (3.33) durch
Kurvenintegrale entlang der beiden Stromfäden C1 , C2 ,
µ I I ~
r − ~
r
Z Z
0 1 2 1 2
F~12 = d~r1 × d~r2 × . (3.34)
4π C1 C2 |~r1 − ~r2 |3
126
3.2 Ampèresches Gesetz
d
I1 I2
r2 −r1
r2
r1
x
Abbildung 3.5: Zur Berechnung der Kraft zwischen zwei parallelen Leitern.
Dies ist das sog. Ampèresche Gesetz. Es beschreibt die wechselseitige Kraft, die zwei
stromdurchflossene Stromfäden aufeinander ausüben.
127
3 Magnetostatik
2.2.2011
3.3 Ohmsches Gesetz
~ r) .
~j(~r) = σ̃(~r) E(~ (3.35)
Wir integrieren Gl. (3.36) von einem Punkt ~r1 zu einem Punkt ~r2 entlang eines Strom-
fadens,
Z 2 Z 2 Z ϕ2
d~r · ~j(~r) ρ̃(~r) = − ~ r) = −
d~r · ∇ϕ(~ dϕ = ϕ1 − ϕ2 ≡ U12 , (3.37)
1 1 ϕ1
wobei U12 die Spannungsdifferenz zwischen den Punkten ~r1 und ~r2 auf dem Stromfaden
ist. Auf der linken Seite benutzen wir, dass die Ladungsstromdichte ~j in Richtung von
d~r zeigt, so dass ~j · d~r ≡ j ds. Außerdem sei sie über den gesamten Stromfaden hinweg
konstant, j ≡ I/S, wobei S die Querschnittsfläche des Stromfadens ist, vgl. Gl. (3.22), so
dass
Z 2
ρ̃(~r)
U12 = I ds ≡ I R12 . (3.38)
1 S
Das Integral R12 auf der rechten Seite bezeichnet man als elektrischen Widerstand.
Er ist keine (ortsabhängige) Materialkonstante, wie etwa die elektrische Leitfähigkeit oder
der spezifische elektrische Widerstand, sondern hängt bei gegebenem ρ̃(~r) von der Länge
des Stromfadens und von seinem Querschnitt ab. Gemeinhin wird Gl. (3.38) in der Form
U = RI (3.39)
geschrieben und als Ohmsches Gesetz bezeichnet. Der elektrische Widerstand hat die
Einheit Ohm,
[U] V
[R] = = 1 = 1Ω .
[I] A
128
3.3 Ohmsches Gesetz
−
−
+ + + + +
− − −
− −
+ + + + +
− − −
− −
+ + + + +
− −
− −
−
+ + + + +
− −
−
129
3 Magnetostatik
Wird nun ein äußeres elektrisches Feld angelegt, so werden die Elektronen aufgrund der
Coulomb-Kraft beschleunigt,
1 ~ e ~
~v˙ C = FC = − E ,
m m
wobei m die Masse der Elektronen und −e ihre Ladung ist. Zur zufälligen Geschwindigkeit
~vi,zuf des i−ten Elektrons im Gas addiert sich also eine gerichtete Geschwindigkeitskom-
ponente ~vC (t) = −(e/m) E ~ t, die linear proportional zur Zeit ansteigt, wie wir dies aus
der zu Beginn dieses Abschnitts gemachten Vorüberlegung auch erwartet haben. Die Ge-
samtgeschwindigkeit lautet also
e ~
~vi (t) = ~vi,zuf − Et. (3.41)
m
Nach einer gewissen Zeit stößt das Elektron aber mit einem anderen oder einem Atom-
rumpf zusammen. Dieser Stoß sorgt dafür, dass die Geschwindigkeit des Elektrons wieder
zufällig orientiert wird. Die gerichtete Komponente aufgrund des elektrischen Feldes muss
sich erst wieder aufbauen, so dass bis zum nächsten Stoß die Geschwindigkeit des Elek-
trons wieder durch Gl. (3.41) gegeben ist, wobei t jetzt als Zeitspanne zu interpretieren
ist, die seit dem vorangegangenen Stoß vergangen ist.
Um diese Überlegungen weiter voranzutreiben, können wir natürlich nicht die einzelnen
Trajektorien der Elektronen verfolgen, um ihre jeweiligen Geschwindigkeiten zu ermitteln.
Wir können aber weitergehende Aussagen treffen, wenn wir das Verhalten der Elektro-
nen im Mittel betrachten. Dazu sind einige Überlegungen notwendig, auf die wir zu
einem späteren Zeitpunkt im Rahmen der Vorlesung “Theoretische Physik V: Statistische
Mechanik und Thermodynamik” in größerer Detailliertheit zurückkommen werden.
Wir bezeichnen mit P (t) die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elektron eine Zeitspanne t
überlebt ohne zu stoßen. Offenbar ist P (0) = 1, denn für t → 0 hat das Elektron einfach
keine Zeit gehabt, einen Stoß zu erfahren, es überlebt also mit Sicherheit ohne zu stoßen.
Auf der anderen Seite geht P (t) → 0 für t → ∞, denn es wird für das Elektron für längere
Zeitspannen immer schwieriger, ohne Stoß davonzukommen.
Wir bezeichnen mit Γdt die Wahrscheinlichkeit, dass das Elektron eine Kollision zwi-
schen t und t + dt erfährt, also ist Γ die Wahrscheinlichkeit pro Zeiteinheit, dass das
Elektron einen Stoß erfährt, bzw. die sog. Stoßrate. Wir nehmen an, die Stoßrate sei ei-
ne Konstante, also unabhängig von der Geschwindigkeit der Elektronen und der Historie
der Stöße, die das Elektron erfahren hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Elektron im
Zeitintervall dt keinen Stoß erfährt, ist dann 1 − Γ dt.
Nun können wir die Funktion P (t) bestimmen. Offenbar ist die Wahrscheinlichkeit, dass
das Elektron eine Zeitspanne t + dt ohne Stoß überlebt, das Produkt der Wahrscheinlich-
keit, eine Zeitspanne t überlebt zu haben, mit der Wahrscheinlichkeit, im Intervall dt
keinen weiteren Stoß zu erfahren,
Eine Taylor-Entwicklung der linken Seite führt auf eine Differentialgleichung für P (t),
dP dP
P (t) + dt = P (t) − P (t) Γ dt ⇐⇒ = −Γ P ,
dt dt
130
3.3 Ohmsches Gesetz
Dies bedeutet, dass das Elektron mit Sicherheit irgendwann einen Stoß erfährt, wenn
man lange genug wartet (notfalls bis t → ∞). Wir sind nun in der Lage, die mittlere
Stoßzeit τ des Elektrons zu berechnen. Sie ergibt sich als Mittelwert der oben betrach-
teten Zeitspanne t, die zwischen zwei Stößen vergeht. Der Mittelwert wird dabei mit der
Wahrscheinlichkeitsdichte P(t) berechnet, denn diese gibt an, wie wahrscheinlich es ist,
dass nach einer gewissen Zeit t der nächste Stoß stattfindet,
Z ∞ Z ∞
1 ∞ 1
Z
−Γ t
τ ≡ hti = dt t P(t) = dt t Γ e = dx x e−x = , (3.44)
0 0 Γ 0 Γ
wobei wir ein elementares Integral benutzt haben [8]. Dieses Resultat ist nicht weiter
überraschend: die mittlere Stoßzeit ist das Inverse der Stoßrate. Je höher die Stoßrate,
also die Wahrscheinlichkeit, pro Zeitintervall einen Stoß zu erfahren, desto kürzer ist die
Zeit zwischen den einzelnen Kollisionen, mithin die mittlere Stoßzeit. Setzen wir dieses Er-
gebnis in Gl. (3.42) ein, so sehen wir, dass die Wahrscheinlichkeit, ohne Stoß zu überleben,
exponentiell mit der Zeitkonstanten τ abfällt.
Wir kehren nun zur Berechnung der Geschwindigkeit der Elektronen im Metall un-
ter Einfluß eines elektrischen Feldes zurück. Wir mitteln den Ausdruck (3.41) über alle
möglichen Zeitspannen t, die zwischen zwei Kollisionen vergehen können,
Z ∞
1 ∞ e ~ −t/τ e ~
Z
h~vi i = dt P(t) ~vi (t) = dt ~vi,zuf − E t e = ~vi,zuf − E τ, (3.45)
0 τ 0 m m
wobei wir die Glgen. (3.43) und (3.44) benutzt haben. Wir haben ausßerdem ausgenutzt,
dass sich die zufällige Komponente der Geschwindigkeit während der Zeitspanne t zwi-
schen Kollisionen nicht ändert. Mitteln wir zusätzlich noch über alle Elektronen im Metall,
so ergibt sich mit Gl. (3.40) die mittlere Elektronengeschwindigkeit zu
N
¯ 1 X e ~ e ~
h~v i = ~vi,zuf − E τ =− E τ. (3.46)
N i=1 m m
Die Ladungsstromdichte ~j(~r) ergibt sich daraus durch Multiplikation mit der Ladungs-
dichte ρ(~r) ≡ −e n(~r), wobei n(~r) die Teilchenzahldichte der Elektronen ist. Falls
131
3 Magnetostatik
n(~r) = n ≡ const., gilt n = N/V , wobei N die Gesamtzahl der Elektronen im Metall
und V dessen Volumen darstellen. Wir erhalten also
2
~j(~r) = ρ(~r) h~v¯i = e n(~r) τ E(~
~ r) , (3.47)
m
woraus man durch Vergleich mit Gl. (3.35) sofort die elektrische Leitfähigkeit ablesen
kann,
e2 n(~r) τ
σ̃(~r) = . (3.48)
m
Bei dieser Herleitung wurde angenommen, dass das elektrische Feld E(~ ~ r ) nicht wesentlich
über die Längenskala, auf der Elektronen Stöße erfahren, variiert, so dass man bei der
~ =−
Mittelung über Zeiten in Gl. (3.45) in guter Näherung E
−−→
const. setzen konnte.
z
y
j (r’)
r’
x
Abbildung 3.7: Eine Ladungsstromdichteverteilung ~j(~r ′ ), die man bei ~r betrachtet, mit
|~r| > |~r ′ | ∀ ~r ′ , die zur Ladungsstromdichteverteilung gehören.
132
3.4 Magnetisches Moment
Das von der Ladungsstromdichte ~j(~r ′ ) erzeugte Vektorpotential lautet gemäß Gl. (3.13)
~j(~r ′ )
~ r ) = µ0
Z
A(~ d3~r ′
4π |~r − ~r ′ |
∞ X
ℓ
1 Yℓm (ϑ, ϕ)
X Z
= µ0 d3~r ′ ~j(~r ′ ) r ′ ℓ Yℓm
∗
(ϑ′ , ϕ′ )
ℓ=0 m=−ℓ
2 ℓ + 1 r ℓ+1
wobei wir die Multipolentwicklung (2.126) für den Faktor 1/|~r−~r ′ | benutzt haben. Explizit
lauten die ersten beiden Terme dieser Entwicklung
µ
Z
~ r) = 0
A(~ Y00 Y00 d3~r ′ ~j(~r ′ )
∗
r
µ0
Z
+ d3~r ′ ~j(~r ′ ) r ′ [Y11 (ϑ, ϕ) Y11∗ (ϑ′ , ϕ′) + Y10 (ϑ, ϕ) Y10∗ (ϑ′ , ϕ′ ) + Y11∗ (ϑ, ϕ) Y11 (ϑ′ , ϕ′ )]
3 r2
+ ... Z
µ0 µ0
Z
3 ′~
= d ~r j(~r ) +′
d3~r ′ ~j(~r ′ ) ~r · ~r ′ + . . . , (3.49)
4πr 4πr 3
wobei wir die Symmetrierelation (2.111), die expliziten Ausdrücke (2.112) für die Kugel-
flächenfunktionen, sowie Gl. (2.116) benutzt haben. Der erste Term stellt den Monopol-
term für das Vektorpotential, der zweite den Dipolterm usw. dar.
Zur weiteren Auswertung dieses Ausdrucks beweisen wir das folgende
Theorem: Seien f (~r), g(~r) stetig differenzierbare skalare Funktionen von ~r und ~j(~r) eine
Ladungsstromdichte, die Gl. (3.24) erfüllt. Dann gilt
Z
~ + g ~j · ∇f
d3~r f ~j · ∇g ~ =0. (3.50)
R3
133
3 Magnetostatik
Nun wenden wir das Theorem (3.50) für f = xi , g = xk an, mit xi , xk ∈ {x, y, z},
Z Z Z
3 i k k i 3 i k
0= d ~r (x j + x j ) ⇐⇒ d ~r x j = − d3~r xk j i .
−−−→
Damit berechnen wir für einen beliebigen Vektor ~a = const.,
1 k
Z Z Z
3 ′ i ′ ′ k 3 ′ i ′ ′k
d3~r ′ j i x′ k − j k x′ i
d ~r j (~r ) ~a · ~r = a d ~r j (~r ) x = a
2
1 kil k 1
Z h il Z h il
= ǫ a d ~r ~r × ~j(~r ) = − ǫ a
3 ′ ′ ′ ikl k
d3~r ′ ~r ′ × ~j(~r ′ )
2 2
i
1
Z h i
= − ~a × d3~r ′ ~r ′ × ~j(~r ′ ) ,
2
wobei wir von der ersten zur zweiten Zeile die Definition des Kreuzproduktes (~b × ~c)l =
ǫmnl bm cn und ǫkil ǫmnl = δ km δ in − δ kn δ im benutzt haben. Es gilt also die Vektoridentität
i
1
Z Z h
′~
3 ′
d ~r j(~r ) ~a · ~r = − ′
~a × d ~r ~r × ~j(~r )
3 ′ ′ ′
. (3.51)
2
1
Z h i
m
~ ≡ d3~r ~r × ~j(~r) . (3.52)
2
Mit dieser Definition und Gl. (3.51) lautet das Integral im Dipolterm in Gl. (3.49)
Z
d3~r ′ ~j(~r ′ ) ~r · ~r ′ = −~r × m
~ =m
~ × ~r .
Da der Monopolterm verschwindet, beginnt die Multipolentwicklung (3.49) für das Vek-
torpotential also mit dem Dipolterm und lautet
~ r ) = µ0 m
A(~
~ × ~r
+ ... . (3.53)
4π r 3
∇~ × (~aϕ) = ϕ ∇~ × ~a − ~a × ∇ϕ ~ ,
~ × ~a × ~b = ~b · ∇~
∇ ~ ~b + ~a ∇
~ a − ~a · ∇ ~ · ~b − ~b ∇
~ · ~a ,
die man wie gehabt mit der Definition des Kreuzprodukts und der schon oben erwähnten
Identität für den Levi-Cività-Tensor beweist. Damit und unter Berücksichtigung der Tat-
134
3.4 Magnetisches Moment
−−−→
sache, dass m
~ = const. berechnen wir nun
~ ~ ~ µ0 ~ m
~ × ~r
B = ∇×A= ∇× + ...
4π r3
µ0 1 ~ ~ 1
= ∇ × (m ~ × ~r) − (m~ × ~r) × ∇ + ...
4π r 3 r3
µ0 1 h ~ ~r+m ~ · ~r − ~r ∇~ ·m
i 3
= ~r · ∇m~ −m ~ · ∇~ ~ ∇ ~ + 5 (m
~ × ~r) × ~r + . . .
4π r 3 r
µ0 m
~ 3m~ 3 2
= − 3 + 3 + 5 (m ~ · ~r)~r − m~ r + ...
4π r r r
µ0 3(m ~ · ~r)~r m ~
= − 3 + ... . (3.54)
4π r5 r
Dieser Ausdruck ist identisch mit dem elektrischen Dipolfeld (2.138), wenn wir dort q~a/ǫ0
durch µ0 m
~ ersetzen. Das magnetische Induktionsfeld hat dann ebenfalls den in Abb. 2.17
gezeigten Feldlinienverlauf. Aus der Ferne betrachtet liefert der Dipolterm den dominanten
Beitrag zum magnetischen Induktionsfeld. Höhere Multipole sind um mindestens eine
Ordnung |m|/r
~ unterdrückt.
Beispiel: Magnetisches Dipolmoment einer Punktladung
Die Ladungstromdichte für eine Punktladung q am Ort R(t), ~ die sich mit Geschwindigkeit
~v (t) bewegt, lautet
~
~j(t, ~r) = q ~v (t) δ (3) (~r − R(t)) .
Das magnetische Moment (3.52) ist dann
q q ~ q ~
Z
m
~ = ~
d3~r [~r × ~v(t)] δ (3) (~r − R(t)) = R(t) × ~v (t) ≡ ~ ,
L ≡ gL L
2 2 2m
mit dem Drehimpuls L ~ und der Masse m der Ladung. Das Verhältnis gL von magneti-
schem Moment zu Drehimpuls bezeichnet man als gyromagnetisches Verhältnis. Das
klassische Resultat ist gL = q/(2m). Wir werden sehen, dass dies auch für den Bahn-
~
drehimpuls quantenmechanischer Teilchen Gültigkeit behält. Falls diese jedoch Spin S
tragen, dann gilt (in ziemlich guter Näherung)
m ~≃ q S
~ S = gS S ~,
m
d.h. das zum Spin gehörende gyromagnetische Verhältnis ist (ziemlich genau) einen Faktor
2 größer als das zum Bahndrehimpuls gehörende.
135
4 Elektrodynamik
In diesem Kapitel wenden wir uns der Elektrodynamik zu. In diesem Fall werden keine
zusätzlichen Annahmen gemacht, die die Maxwell-Gleichungen vereinfachen. Es ist al-
so der vollständige Satz dieser Gleichungen zu betrachten. Wir besprechen zunächst die
Ausbreitung elektromagnetischer Wellen im Vakuum, d.h. in Abwesenheit von Ladungs-
dichte und Ladungsstromdichte, ρ(t, ~r) = ~j(t, ~r) ≡ 0, bevor wir uns der Erzeugung dieser
Wellen aufgrund bewegter Ladungen, ρ(t, ~r) 6= 0, ~j(t, ~r) 6= 0, zuwenden.
~ ·E
∇ ~ = 0, (4.2)
~
~ ×B
∇ ~ − 1 ∂E = 0, (4.3)
c2 ∂t
~ ·B
∇ ~ = 0, (4.4)
~
~ ×E
∇ ~ + ∂B = 0. (4.5)
∂t
Bilden wir die Rotation der letzten Gleichung (4.5) und benutzen
~ × ∇
∇ ~ ×E~ =∇ ~ ∇ ~ ·E~ − ∆E ~ ,
so erhalten wir
~ =−∂ ∇
~ ∇
∇ ~ ·E
~ − ∆E ~ ×B
~ .
∂t
Benutzen wir auf der linken Seite die erste Maxwell-Gleichung (4.2) und auf der rechten
Seite die zweite, Gl. (4.3), so erhalten wir
2~
1 ∂2
~ =−1 ∂ E
−∆E ⇐⇒ −∆ E~ ≡ E
~ =0, (4.6)
c2 ∂t2 c2 ∂t2
136
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
d.h. das elektrische Feld erfüllt die homogene Wellengleichung (1.97). Ganz analog
erhalten wir, wenn wir die Rotation der zweiten Maxwell-Gleichung (4.3) bilden und die
dritte bzw. vierte Maxwell-Gleichung, Gl. (4.4) bzw. Gl. (4.5), benutzen, dass auch das
magnetische Induktionsfeld die homogene Wellengleichung erfüllt,
1 ∂2
−∆ B~ ≡ B~ =0. (4.7)
c2 ∂t2
Wir hatten schon in Kapitel 1, Gl. (1.94), gesehen, dass im Falle der Lorenz-Eichung das
skalare Potential ϕ und das 3-Vektorpotential A ~ in Abwesenheit von Ladungen homogene
Wellengleichungen erfüllen. Offenbar gilt dies im Vakuum auch für die elektromagneti-
schen Felder selbst, die selbstverständlich von der Wahl der Eichung unabhängig sind.
Man sieht anhand der Glgen. (4.6), (4.7) desweiteren, dass nicht nur E− ~ und B−Feld
~
voneinander entkoppeln, sondern außerdem noch alle Komponenten der jeweiligen Felder;
jede einzelne erfüllt für sich bereits die homogene Wellengleichung
1 ∂2
− ∆ ψ(t, ~r) ≡ ψ(t, ~r) = 0 , (4.8)
c2 ∂t2
die wir im folgenden Abschnitt lösen wollen.
1 1 1 d2
∆ξ(~r) = 2 ζ(t) .
ξ(~r) c ζ(t) dt2
Beide Seiten der Gleichung können für beliebige t, ~r nur dann identisch sein, wenn sie
gleich einer Konstanten κ ∈ R sind, d.h.
ζ(t) = eαt
α 2 = c2 κ
137
4 Elektrodynamik
(ii) κ = 0. Dies führt auf zeitunabhängige (konstante) Lösungen. Diese mag es zwar
geben, sind aber für die Elektrodynamik nicht sonderlich interessant.
(iii) κ < 0. Dies ist der physikalisch interessante Fall. Er führt auf
√
α = ±i c −κ ≡ ±i ω ,
√
wobei wir eine neue Konstante ω ≡ c −κ eingeführt haben.
Eine Lösung der Differentialgleichung (4.10) lautet also
ζ± (t) = e±i ω t .
vorausgesetzt κ ≡ −k 2 < 0. Dies war aber auch gerade der physikalisch interessante Fall
bei der Lösung der Differentialgleichung (4.10).
Eine Lösung der homogenen Wellengleichung (4.8) hat also die Form
~ ~
ψ(t, ~r) = A− e−i (ω t−k·~r) + A+ ei (ω t+k·~r) . (4.11)
1 ∂2
1 2 2
− ∆ ψ(t, ~r) = − 2 ω + k ψ(t, ~r) = 0 , (4.12)
c2 ∂t2 c
ω 2 = c2 k 2 ⇐⇒ ω = ck (4.13)
138
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
Bei festgehaltenem t = t0 sind Flächen im Raum, bei denen ψ− (t0 , ~r) einen konstanten
Wert annimmt, solche, bei denen die Phase
ϕ− (t0 , ~r) ≡ ω t0 − ~k · ~r = const. ,
bzw. solche, für die ~k · ~r = const. ist (weil ω t0 = c k t0 = const. für festes t0 und
vorgegebenes ~k). Offenbar sind dies alle Punkte ~r, die die gleiche Projektion ~k · ~r auf den
vorgegebenen Vektor ~k besitzen, vgl. Abb. 4.1.
ϕ_(t0 ,r)=const.
r1
k
r2
r3
Abbildung 4.1: Wellenfronten, d.h. Flächen konstanter Phase für ebene Wellen.
Diese Flächen konstanter Phase bilden Wellenfronten, die senkrecht zum Vektor
~k stehen. Betrachten wir nun die zeitliche Entwicklung einer Wellenfront zu gegebener
(0)
Phase ϕ− (t, ~r) = ϕ− = const.. Dann gilt offenbar
ϕ− = ω t − ~k · ~r = ω t − krk ,
(0)
wobei rk die Komponente von ~r parallel zum Vektor ~r ist. Offenbar nimmt rk für alle
(0)
Punkte ~r auf der Wellenfront zu gegebener Phase ϕ− = const. den gleichen Wert an. Für
alle diese Punkte gilt also die “Bewegungsgleichung”
(−)
~k · ~r 1 (0)
rk (t) = = ω t − ϕ− ,
k k
d.h. die Wellenfront bewegt sich mit der sog. Phasengeschwindigkeit
(−)
drk
ω
u− ≡ = (4.14)
dt k
im Laufe der Zeit fort. Die Ausbreitungsrichtung der Wellenfront ist durch die Richtung
(−) (−)
von ~k gegeben, denn der Zuwachs drk = u− dt von rk (t) ist für alle Punkte auf der
Wellenfront der gleiche, vgl. Abb. 4.2.
139
4 Elektrodynamik
ϕ_(t+∆t,r)= ϕ _
(0)
ϕ_(t,r)= ϕ_
(0)
∆ r =u_∆t
(−)
r
∆ r =u+∆t
(+)
(+) 1 (0)
rk (t) = −ω t + ϕ+ ,
k
(+)
d.h. sie breiten sich mit der Phasengeschwindigkeit u+ = drk /dt = −ω/k = −u− = −c
aus. Anhand von Abb. 4.2 erkennt man, dass dies gleichbedeutend damit ist, dass sie
sich mit der Phasengeschwindigkeit u− = c in (−~k)−Richtung ausbreiten, also mit der
gleichen Geschwindigkeit genau in die entgegengesetzte Richtung wie die Wellenfronten
(0)
zu konstanter Phase ϕ− (t, ~r) = ϕ− .
9.2.2011
Ebene Wellen sind periodisch in Raum und Zeit:
140
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
(i) Zu festem t = t0 wiederholt sich die funktionale Form der Funktion ψ± (t0 , ~r) im
räumlichen Abstand ~r + ∆~rn ,
wobei
~k · ∆~rn = 2π n , n ∈ Z .
2π
λ= , (4.16)
k
vgl. Abb. 4.3. Der Vektor ~k wird als Wellenzahlvektor, oder kurz, Wellenvektor
bezeichnet.
ψ
t=0 π
t= ω
λ= 2π
k
Abbildung 4.3: Ebene Welle zum Zeitpunkt t = 0 (schwarz) und zum Zeitpunkt t = T /2 =
π/ω (rot). Die Wellenlänge λ = 2π/k entspricht dem Abstand zwischen
zwei Wellenbergen bzw. -tälern.
(ii) Zu festem ~r = ~r0 wiederholt sich die funktionale Form der Funktion ψ± (t, ~r0 ) im
zeitlichen Abstand ∆tn ,
141
4 Elektrodynamik
wobei
ω ∆tn = 2π n , n ∈ Z .
Dies gilt, weil
ei ω(t+∆tn ) = ei ω t ei ω ∆tn = ei ω t ei 2π n = ei ω t .
Den zeitlichen Abstand zwischen zwei aufeinanderfolgenden Wellenfronten mit dem-
selben Funktionswert, ψ± (t, ~r0 ) = ψ± (t + ∆t1 ), bezeichnet man als Periode oder
Schwingungsdauer,
2π
T = . (4.17)
ω
In Abb. 4.3 ist eine ebene Welle zu einem Zeitpunkt t = 0 und wenn sie eine halbe
Periode, t = T /2 = π/ω, weiter in der Zeit fortgeschritten ist, eingezeichnet. Zu
diesem Zeitpunkt ist gerade ψ± (T /2, ~r) = −ψ± (0, ~r). Es dauert eine weitere halbe
Periode, t = T /2 + T /2 = T , bis die ebene Welle komplett mit der ursprünglichen
zum Zeitpunkt t = 0 überlappt.
Das Inverse der Schwingungsdauer ist die Frequenz,
1
ν= , (4.18)
T
und die Größe ω = 2π ν bezeichnet man als Kreisfrequenz. Es gilt
ω 2π ω λ
c= = = λν = . (4.19)
k k 2π T
Eine spezielle Lösung der Wellengleichung (4.6) für das elektrische Feld lautet also
mit festen, vorgegebenen ω, ~k, die über die Dispersionsrelation (4.13) miteinander ver-
knüpft sind, ω = c k. Entsprechend lautet eine spezielle Lösung der Wellengleichung (4.7)
für das magnetische Induktionsfeld
mit festen, vorgebenenen ω̄, ~k̄ , die ebenfalls über die Dispersionsrelation (4.13) miteinan-
~ ~r) und B(t,
der verknüpft sind, ω̄ = c k̄. Natürlich müssen E(t, ~ ~r) auch die ursprünglichen
Maxwell-Gleichungen (4.2) – (4.5) erfüllen. Setzen wir die Lösungen (4.20), (4.21) z.B. in
Gl. (4.5) ein, so erhalten wir die Bedingung
~
~ ×E
∇ ~ 0 e−i(ω t−~k·~r) = − ∂ B = i ω̄ B
~ = i ~k × E ~ 0 e−i(ω̄ t−~k̄·~r) . (4.22)
∂t
Da dies für alle t, ~r gelten muss, muss die komplette Raum-Zeit-Abhängigkeit der Funk-
tionen auf der linken und rechten Seite übereinstimmen. Dies geht nur, wenn
ω ≡ ω̄ , ~k ≡ ~k̄ .
142
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
~ ·E
∇ ~ 0 e−i(ω t−~k·~r) = 0
~ = i ~k · E =⇒ ~k · E
~0 = 0 . (4.24)
~ ·B
∇ ~ 0 e−i(ω t−~k·~r) = 0
~ = i ~k · B =⇒ ~k · B
~0 = 0 . (4.25)
1 ∂E ~ ω ~ −i(ω t−~k·~r)
∇ ~ 0 e−i(ω t−~k·~r) =
~ = i ~k × B
~ ×B = −i 2 E0e
2
c ∂t c
~k × B
~0 ω ~
=⇒ = − 2E 0 . (4.26)
c
Die vier Bedingungen (4.23) – (4.26) implizieren, dass
~k ⊥ E
~ 0 , ~k ⊥ B
~0 , E
~0 ⊥ B
~0 , (4.27)
B
Abbildung 4.4: Elektrisches Feld, magnetisches Induktionsfeld und der Wellenvektor bil-
den ein rechtshändiges Orthogonalsystem.
~k × E ~ 0 = ω B0x ~e x + ω B0y ~e y .
~ 0 = −k E0y ~e x + k E0x ~e y = ω B
143
4 Elektrodynamik
Daraus folgt für das elektrische Feld und die magnetische Induktion
~ ~r) = (E0x ~e x + E0y ~e y ) ei(k z−ω t) ,
E(t, (4.28)
~ ~r) = (B x ~e x + B y ~e y ) ei(k z−ω t) k y x k x y i(k z−ω t)
B(t, 0 0 = − E0 ~e + E0 ~e e
ω ω
1
= (−E0y ~e x + E0x ~e y ) ei(k z−ω t) . (4.29)
c
Wir können das Koordinatensystem immer so orientieren, dass E0y ≡ 0. Dann folgt mit
E0x ≡ E0
~ ~r) = E0 ~e x ei(k z−ω t) ,
E(t,
~ ~r) = 1 E0 ~e y ei(k z−ω t) .
B(t,
c
Der räumliche Verlauf der elektromagnetischen Felder für festes t ist in Abb. 4.5 darge-
stellt.
x
E
k
z
y B
Abbildung 4.5: Orientierung des elektrischen Feldes und des magnetischen Induktionsfel-
des für einen Wellenvektor ~k = k ~e z bei fester Zeit t.
144
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
wobei wir den Unterschied der Phase von E0y relativ zu E0x mit δ bezeichnet haben. Die
~ ~r) lauten dann
Realteile der x− und y−Komponente von E(t,
Man unterscheidet nun gemäß dem Wert der relativen Phase δ mehrere Fälle:
so dass
~ ~r) = E
~ (±)
Re E(t, 0 cos(k z − ω t + φ) , (4.32)
wobei wir
~ (±) ≡ |E x | ~e x ± |E y | ~e y
E 0 0 0
definiert haben. Hier steht das obere Vorzeichen für den Fall δ = 0 und das untere
für den Fall δ = ±π. Der Amplitudenvektor E ~ (±) ist von Zeit und Ort unabhängig
0
und hat die Länge
~ (±) | = |E x |2 + |E y |2 .
p
|E 0 0 0
Das elektrische Feld schwingt also stets in einer festen Richtung, der sog. Polari-
sationsrichtung, die durch die Richtung von E ~ (±) vorgegeben ist. Sie ist um den
0
Winkel ±α, mit
|E y |
tan α = 0x ,
|E0 |
gegen die x−Achse geneigt, vgl. Abb. 4.6. In diesem Fall spricht man von einer
linear polarisierten Welle.
E0(+)
α
x
−α
E0(−)
145
4 Elektrodynamik
Der allgemeine Fall (4.28) kann als Linearkombination einer linear polarisierten
Welle Re E x ~e x in x−Richtung und einer linear polarisierten Welle Re E y ~e y in
y−Richtung aufgefaßt werden. Jede beliebig polarisierte ebene Welle läßt sich
also als Überlagerung zweier unabhängiger linear polarisierter ebener Wel-
len darstellen.
(ii) δ = ±π/2, |E0x | = |E0y | ≡ E0 .
Wegen cos(x ± π/2) = cos x cos(π/2) ∓ sin x sin(π/2) = ∓ sin x gilt nun
π
Re E y (t, ~r) = |E0y | cos k z − ω t + φ ± = ∓E0 sin(k z − ω t + φ) ,
2
so dass
~ ~r) = E0 [cos(k z − ω t + φ) ~e x ∓ sin(k z − ω t + φ) ~e y ] ,
Re E(t, (4.33)
wobei das obere Vorzeichen für den Fall δ = +π/2 und das untere für den Fall
δ = −π/2 gilt.
y y
E0 cos φ0
E(0)
E0 sinφ0
E(φ0 /ω)
x x
φ0 E( φ0/ω)
E0 sinφ0
E0 cosφ0 E(0)
(a) (b)
Betrachten wir nun Gl. (4.33) für festes z = z0 , also für k z0 + φ ≡ φ0 = const. Dann
ist
~ z0 ) = E0 [cos(ω t − φ0 ) ~e x ± sin(ω t − φ0 ) ~e y ]
Re E(t,
gerade die Parameterdarstellung eines Kreises mit Radius E0 . Dementspre-
chend spricht man von zirkular polarisiertem Licht. Für δ = π/2 wird der Kreis
mit Winkelgeschwindigkeit ω im mathematisch positiven, d.h. im Gegenuhrzeiger-
sinn durchlaufen, während er für δ = −π/2 im Uhrzeigersinn durchlaufen wird, vgl.
Abb. 4.7.
146
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
Im ersten Fall, für δ = π/2, Abb. 4.7(a), spricht man von links-zirkular polarisier-
tem Licht, und im zweiten Fall, für δ = −π/2, Abb. 4.7(b), von rechts-zirkular
polarisiertem Licht. Der Wellenvektor ~k = k ~e z in Abb. 4.7 zeigt aus der Zeiche-
nebene heraus, daher hat der Vektor des elektrischen Felds für links-zirkular
polarisiertes Licht den Drehsinn einer Rechtsschraube. Man spricht von positi-
ver Helizität. Umgekehrt hat der elektrische Feldstärkevektor für rechts-zirkular
polarisiertes Licht den Drehsinn einer Linksschraube und man spricht von nega-
tiver Helizität.
6 |E0y |.
(iii) δ = ±π/2, |E0x | =
Gleichung (4.31) läßt sich schreiben als
Offensichtlich gilt 2 2
Re E x (t, ~r) Re E y (t, ~r)
1= +
|E0x | |E0y |
Dies ist die Normalform der Ellipsengleichung, die Ellipse hat die Halbachsen
|E0x | und |E0y |, die in x− bzw. y−Richtung orientiert sind, vgl. Abb. 4.8. Man spricht
von elliptisch polarisiertem Licht.
δ=−π/2
E
y
δ=+π/2 E0
x
E0x
Mit den gleichen Argumenten wie beim zirkular polarisierten Licht kann man nun für
δ = π/2 feststellen, dass der Vektor des elektrischen Feldes die Ellipse im Gegenuhr-
zeigersinn durchläuft, bzw. für δ = −π/2, dass er sie im Uhrzeigersinn durchläuft.
Im ersten Fall spricht man von linksdrehend elliptisch polarisiertem Licht (positive
Helizität), im zweiten von rechtsdrehend elliptisch polarisiertem Licht (negative
Helizität).
147
4 Elektrodynamik
6 |E0y |.
(iv) δ beliebig, |E0x | =
Dies ist der allgemeine Fall beliebiger Polarisation. Man kann sich jedoch davon
überzeugen, dass es sich auch in diesem Fall um elliptisch polarisiertes Licht
handelt, dass jedoch nun die Ellipse gegenüber dem vorangegangenen Fall noch in
der (xy)−Ebene gedreht ist, s. Abb. 4.9.
E0x
y
E E0
Wir hatten schon gesehen, dass man beliebig polarisiertes Licht als Linearkom-
bination zweier linear polarisierter Wellen darstellen kann. Es ist aber alternativ
auch möglich, beliebig polarisiertes Licht als Linearkombination zweier entge-
gengesetzt zirkular polarisierter Wellen darzustellen. Dazu definieren wir die
komplexwertigen Vektoren
1
~e± = √ (~e x ± i ~e y ) ,
2
so dass
1 −i
~e x = √ (~e+ + ~e− ) , ~e y = √ (~e+ − ~e− ) .
2 2
Damit gilt für den Amplitudenvektor in Gl. (4.28)
148
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
(±)
wobei E0 ∈ R, so dass für das raum-zeitabhängige elektrische Feld aus Gl. (4.28)
gilt
~ ~r) = √1 E (−) ei(k z−ω t+γ− ) ~e+ + E (+) ei(k z−ω t+γ+ ) ~e− .
h i
E(t, 0 0
2
Um den physikalischen Anteil dieses Ausdrucks zu bestimmen, nehmen wir den
Realteil,
Durch Vergleich mit Gl. (4.33) sehen wir, dass dies in der Tat eine Linearkombination
(−)
aus zwei entgegengesetzt zirkular polarisierten Wellen mit den Amplituden E0 und
(+)
E0 ist.
1
Ũ (x, k) = √ eikx , (4.34)
2π
vgl. Gl. (2.91), ein vollständiges, orthonormales Funktionensystem auf R. Es ist nicht
weiter schwierig, dies auf ein auf dem Minkowski-Raum {t ∈ R, ~r ∈ R3 } ≡ R × R3
vollständiges orthonormales Funktionensystem zu erweitern. Dazu interpretieren wir x als
die x−Komponente des Ortsvektors ~r und k als die x−Komponente des Wellenzahlvektors
~k. Die Verallgemeinerung von Gl. (4.34) ist dann das Produkt entsprechender Funktionen
für jede Raumrichtung und für die Zeit,
1 1 1 1
Ũ (X, K) ≡ Ũ (t, ~r; ω, ~k) = √ ei k x √ ei k y √ ei k z √ e−i ω t
x y z
2π 2π 2π 2π
1 ~ 1 ~
= 2
ei(k·~r−ω t) = 2
e−i[(ω/c) ct−k·~r]
(2π) (2π)
1
≡ e−i K·X , (4.35)
(2π)2
definiert haben. Das negative Vorzeichen von ωt im Exponenten ist dabei Konvention. Es
wird zweckmäßigerweise so gewählt, dass der Exponent als 4-Skalarprodukt zwischen
K und X, K · X ≡ k µ xµ , geschrieben werden kann. Damit sind die Funktionen (4.35)
149
4 Elektrodynamik
Aus der Diskussion in Abschnitt 4.1.2 ist ersichtlich, dass es sich bei den Funktionen
Ũ (X, K) um geeignet normierte ebene Wellen handelt.
Jede Funktion f (x) auf R kann mit Hilfe des Fourier-Integrals (2.94) nach den Ũ(x, k)
entwickelt werden. Dies gilt auch in der Verallgemeinerung auf den Minkowski-Raum.
Eine beliebige Funktion f (X) ≡ f (t, ~r) kann also als vierdimensionales Fourier-Integral
geschrieben werden,
Z ∞
1 c
Z Z
3~ ˜ ~ −i(ωt−~k·~
f (X) ≡ f (t, ~r) = dω d k f (ω, k) e r)
≡ d4 K f˜(K) e−i K·X ,
(2π)2 −∞ (2π)2
(4.38)
wobei wir das infinitesimale Volumenelement im Raum der 4-Wellenzahlvektoren,
1
d4 K ≡ dk 0 d3~k = dω d3~k ,
c
definiert haben. Die Fourier-Koeffizienten f˜(K) ≡ f˜(ω, ~k) ergeben sich analog Gl.
(2.93) zu
Z ∞ Z
1 1
Z
˜ ˜ ~ 3 i(ω t−~k·~
r)
f(K) = f(ω, k) = dt d ~r f (t, ~r) e ≡ d4 X f (X) ei K·X .
(2π)2 −∞ (2π)2 c
(4.39)
Wenn dies für beliebige Funktionen gilt, so auch für die Lösung ψ(X) = ψ(t, ~r) der
homogenen Wellengleichung (4.8). Wir setzen das Gl. (4.38) entsprechende Fourier-
Integral für ψ(X) in die homogene Wellengleichung (4.8) ein,
c
Z
0 = ψ(X) = d4 K ψ̃(K) e−i K·X
(2π)2
Z ∞ 2
1 1 ∂
Z
~
= 2
dω d k ψ̃(ω, ~k)
3~
2 2
− ∆ e−i(ω t−k·~r)
(2π) −∞ c ∂t
Z ∞
ω2
1
Z
3~ ~ ~
= 2
dω d k ψ̃(ω, k) − 2 + k e−i(ω t−k·~r)
2
(2π) −∞ c
c
Z
≡ − d4 K K 2 ψ̃(K) e−i K·X .
(2π)2
150
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
Da die Funktionen Ũ (X, K) = e−i K·X /(2π)2 orthonormal sind, kann das Integral auf der
rechten Seite dieser Gleichung nur dann verschwinden, wenn alle Koeffizienten null sind,
ω2
2
K ψ̃(K) ≡ − k ψ̃(ω, ~k) ≡ 0
2
∀ K ∈ R × R3 . (4.40)
c2
Dieses Resultat ist insofern bemerkenswert, weil es uns durch die Fourier-Entwicklung der
Lösung ψ(X) gelungen ist, die homogene Wellengleichung (4.8), die eigentlich eine partielle
Differentialgleichung für ψ(X) ist, als Satz von algebraischen Gleichungen (4.40) für
die Fourier-Koeffizienten ψ̃(K) zu schreiben. Leider bestimmen diese Gleichungen die
Fourier-Koeffizienten nicht eindeutig, es läßt sich aber zumindest die Bedingung
ableiten, die uns als Dispersionsrelation schon von der Diskussion der ebenen Wellen
bekannt ist, vgl. Gl. (4.13). Diese Bedingung ist gleichbedeutend mit der Tatsache, dass
der 4-Wellenvektor K ein lichtartiger 4-Vektor ist, K 2 = 0, vgl. die Vorlesung über
“Theoretische Physik 2: Analytische Mechanik”.
In der Fourier-Entwicklung (4.38) waren die Kreisfrequenzen ω beliebig, es mußte über
alle Werte von ω integriert werden. Für die Lösung ψ(X) der homogenen Wellenglei-
chung ist dies nicht mehr so, die Kreisfrequenzen müssen der Dispersionsrelation (4.41)
genügen. Wir erzwingen dies, indem wir folgenden Ansatz für die Fourier-Koeffizienten
ψ̃(K) machen,
ψ̃(K) = ψ̃(ω, ~k) = a+ (~k) δ[ω + ω(k)] + a− (~k) δ[ω − ω(k)] (4.42)
mit Koeffizienten a± (~k), die ausschließlich vom 3-Wellenvektor ~k abhängen. Setzen wir
den Ansatz (4.42) in die Fourier-Entwicklung (4.38) für die Lösung ψ(X) der homogenen
Wellengleichung ein, so erhalten wir
1
Z n o
3~ ~ i[ω(k) t+~k·~
r] ~ −i[ω(k) t−~k·~
r]
ψ(X) = ψ(t, ~r) = d k a+ ( k) e + a− ( k) e . (4.43)
(2π)2
Der Integrand weist große Ähnlichkeit mit Gl. (4.11) auf. Wie dort auch gibt es zwei
Anteile, die mit den Phasengeschwindigkeiten ±ω(k)/k in ~k−Richtung laufen. Für die
allgemeine Lösung (4.43) muss man aber noch über alle möglichen Wellenzahlen inte-
grieren. Da die Amplitudenfunktionen nicht für alle ~k gleich sein müssen, hängen die
Koeffizienten a± (~k) nun ebenfalls von ~k ab.
Die Koeffizienten a± (~k) lassen sich durch die Anfangsbedingungen für die Wellenglei-
chung,
1
Z h i
ψ0 (~r) ≡ ψ(0, ~r) = d3~
k a+ (~k) + a− (~k) ei ~k·~r , (4.44)
(2π)2
∂ψ i
Z h i
3~ ~ ~ ~
v0 (~r) ≡ (0, ~r) = 2
d k ω(k) a+ (k) − a− (k) ei k·~r , (4.45)
∂t (2π)
151
4 Elektrodynamik
bestimmen. Offensichtlich lassen sich nämlich die rechten Seiten der Glgen. (4.44) und
(4.45) als Fourier-Entwicklungen der Funktionen ψ0 (~r) und v0 (~r) auf dem Ortsraum in-
terpretieren, mit den Fourier-Koeffizienten
1 1
h i Z
~
√ a+ (~k) + a− (~k) = √ 3 d3~r ψ0 (~r) e−ik·~r ,
2π 2π
1 i
h i Z
~ ~ ~
√ a+ (k) − a− (k) = − √ 3 d3~r v0 (~r) e−ik·~r .
2π 2π ω(k)
Diese Gleichungen lassen sich durch Addition bzw. Subtraktion nach a± (~k) auflösen,
1 i
Z
~
a± (~k) = 3
d ~r ψ0 (~r) ∓ v0 (~r) e−i k·~r . (4.46)
4π ω(k)
Setzen wir dies in die Lösung (4.43) der homogenen Wellengleichung ein, so erhalten wir
1 i
Z Z
3~ 3 ′ i ω(k) t ′ ′
ψ(t, ~r) = dk d ~r e ψ0 (~r ) − v0 (~r )
2(2π)3 ω(k)
−i ω(k) t ′ i ′ ~ ′
+e ψ0 (~r ) + v0 (~r ) ei k·(~r−~r ) .(4.47)
ω(k)
i 1 i ω(k) t
Z
~
D(t, ~r) ≡ − d3~k e − e−i ω(k) t ei k·~r . (4.48)
2(2π)3 ω(k)
∂ 1
Z
~
d3~k ei ω(k) t + e−i ω(k) t ei k·~r .
Ḋ(t, ~r) ≡ D(t, ~r) = (4.49)
∂t 2(2π)3
Dies ist die allgemeine Lösung der homogenen Wellengleichung, ausgedrückt durch die
dazugehörigen Anfangsbedingungen und die Funktion D(t, ~r).
Wir können die Funktion D(t, ~r) physikalisch interpretieren, indem wir sie explizit be-
rechnen. Dazu bemerken wir, dass die ~r− Abhängigkeit dieser Funktion lediglich im Ska-
larprodukt ~k · ~r auf der rechten Seite von Gl. (4.48) auftritt. Dieses ist aber rotationsin-
variant, so dass wir für die ~k−Integration annehmen können, dass ~r in z−Richtung zeigt,
~r = (0, 0, r). Dann läßt sich die ~k−Integration bequem in Kugelkoordinaten ausführen.
152
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
153
4 Elektrodynamik
ct r’1
ct r’2
ct
r
r’3
ct
Abbildung 4.10: Kugelschalen mit Radius ct (rot) um exemplarische Punkte ~r1′ , ~r2′ , ~r3′ .
Information kann den Punkt ~r nur von Punkten innerhalb des Kausa-
litätshorizonts (Kugelschale mit Radius ct um ~r, schwarz gestrichelt) er-
reichen. Die Punkte ~r2′ und ~r3′ liegen zum Zeitpunkt t innerhalb des
Kausalitätshorizontes von ~r, der Punkt ~r1′ noch außerhalb.
154
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
und nehmen an, dass die Koeffizienten a± (k) lediglich in einem schmalen Bereich um
~k0 = k0 ~e z von null verschieden sind. In diesem Fall können wir die Dispersionsrelation
ω(k) um den Wert k0 entwickeln,
dω(k) 1 d2 ω(k)
ω(k) = ω(k0 ) + (k − k0 ) + (k − k0 )2 + . . . . (4.52)
dk k=k0 2 dk 2 k=k0
Bei Lichtwellen sind in dieser Entwicklung wegen ω(k) = c k nur die ersten beiden Terme
von null verschieden, aber wir wollen dennoch den allgemeineren Ausdruck (4.52) betrach-
ten, da das Nachfolgende auch für Fälle anwendbar ist, bei denen die Dispersionsrelation
ω(k) nicht die einfache Form (4.41) hat. Die erste Ableitung der Dispersionsrelation
dω(k)
vg ≡ (4.53)
dk k=k0
bezeichnet man aus Gründen, die gleich klar werden, als Gruppengeschwindigkeit.
Wir setzen die Entwicklung (4.52) nun unter Berücksichtigung, dass ~k = k ~e z , ~k0 = k0 ~e z
in den Exponenten der ebenen Wellen ein,
~k · ~r ± ω(k) t ≃ k0 z + (k − k0 )z ± [ω(k0) + vg (k − k0 )]t = k0 z ± ω(k0 ) t + (k − k0 )(z ± vg t) .
definiert haben. Die Lösung (4.54) hat also die Form einer ebenen Welle mit der Frequenz
ω(k0) und der Wellenzahl k0 , aber sie wird mit einer raum-zeitabhängigen Ampli-
tude Ψ± (z ± vg t) moduliert, vgl. Abb. 4.11. Man bezeichnet eine solche Lösung als
Wellenpaket.
Die Modulationsfunktion bewegt sich i.a. nicht mit der gleichen (Phasen-)Geschwin-
digkeit u± = ∓ω(k0 )/k0 wie die ebene Welle, sondern mit der (Gruppen-)Geschwindigkeit
vg in (∓z)−Richtung. Konstante Werte der Modulationsfunktion führen nämlich auf die
“Bewegungsgleichung”
dz
z ± vg t = const. =⇒ z(t) = ∓vg t + const. , = ∓vg .
dt
155
4 Elektrodynamik
ψ_
vg
u_
(k − k0 )2
2
a± (k) = √ exp − . (4.56)
σk π σk2 /4
Offensichtlich handelt es sich um eine Gauß-Funktion mit Mittelwert bei k0 und der
Breite σk , vgl. Abb. 4.12.
Die Normierung ist so gewählt, dass
∞ ∞ ∞
2 1
Z Z Z
2 2 2
dk a± (k) = dk √ e−4(k−k0 ) /σk ≡ √ du e−u = 1 , (4.57)
−∞ −∞ σk π π −∞
wobei wir u ≡ 2(k − k0 )/σk substituiert und ein elementares Integral [8] benutzt haben.
Wir bemerken, dass
lim a± (k) = δ(k − k0 ) . (4.58)
σk →0
In diesem Fall wird die Modulationsfunktion konstant und das Wellenpaket geht in eine
ebene Welle über,
Z ∞
i[k0 z ± ω(k0 )t]
ψ± (t, ~r) = e dk δ(k − k0 ) ei(k−k0 )(z ± vg t) = ei[k0 z ± ω(k0 )t] . (4.59)
−∞
156
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
a+-(k)
2/σkπ
1/2
2/ σkπ e
1/2
Wir setzen nun die Gaußsche Gewichtsfunktion (4.56) in die Modulationsfunktion (4.55)
ein und machen eine quadratische Ergänzung im Exponenten,
q2 σk2
1 2
− 2 + i q(z ± vg t) = − 2 q − 2 i q(z ± vg t)
σk /4 σk /4 8
2
σ2 σ2
1
= − 2 q − i (z ± vg t) k − k (z ± vg t)2 ,
σk /4 8 16
so dass
( )
2 2
2 Z ∞
σk 2 1 σ
Ψ± (z ± vg t) = exp − (z ± vg t)2 dk √ exp − 2 q − i (z ± vg t) k .
16 −∞ σk π σk /4 8
Es handelt sich bei dem Integral um ein ins Komplexe verschobenes Gauß-Integral. Man
kann aber zeigen, dass diese Verschiebung nichts am Wert des Integrals ändert, es ist nach
wie vor korrekt auf 1 normiert, vgl. Gl. (4.57). Das Ergebnis der Gaußschen Integration
liefert also
2
σk 2 1 2
Ψ± (z ± vg t) = exp − (z ± vg t) ≡ exp − 2 (z ± vg t) .
16 σz /4
Die Modulationsfunktion ist also wie die Gewichtsfunktion eine Gauß-Funktion, jetzt
allerdings im Ortsraum. Der Mittelwert liegt bei ∓vg t und die Breite ist σz = 8/σk .
157
4 Elektrodynamik
Ψ± (z ± vg t) → δ(z ± vg t) .
k ′ µ = Λµν k ν ,
ω′ ω
= γ − β kz , (4.60)
c c
k′ x = kx ,
k′ y = ky ,
ω
k′ z = γ kz − β . (4.61)
c
Andererseits entnehmen wir der Abb. 4.13
ω
k z = k cos θ ≡ cos θ , (4.62)
c
ω′
k′ z = k ′ cos θ′ ≡ cos θ′ , (4.63)
c
158
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
x’
k’ Σ’
v
θ’
z’
x
k
Σ
θ
z
Abbildung 4.13: Messung von in Σ ausgesandten Lichtwellen in einem relativ dazu be-
wegten System Σ′ .
wobei wir von der Dispersionsrelation ω = c k, Gl. (4.13), Gebrauch gemacht haben.
Setzen wir die erste Relation (4.62) in Gl. (4.60) ein, so erhalten wir
ω
ω ′ = γ ω − c β cos θ = ω γ (1 − β cos θ) , (4.64)
c
bzw. ausgedrückt durch die Frequenzen ν ′ , ν,
ν ′ = ν γ (1 − β cos θ) . (4.65)
Mit der zweiten Relation (4.63), eingesetzt in Gl. (4.61), ergibt sich andererseits
ω′ ′
ω ω ω
cos θ = γ cos θ − β = γ (cos θ − β) , (4.66)
c c c c
bzw. ausgedrückt durch die Frequenz
Man kann die Frequenzen ν ′ , ν aus den Glgen. (4.65), (4.67) eliminieren,
ν cos θ − β
cos θ′ = ′
γ (cos θ − β) = , (4.68)
ν 1 − β cos θ
bzw. nach cos θ aufgelöst
cos θ′ + β
cos θ = . (4.69)
1 + β cos θ′
159
4 Elektrodynamik
Die Glgen. (4.68), (4.69) sind die sog. Aberrationsgleichungen. Sie geben an, wie der
Winkel im System des Beobachters vom Winkel im System der Lichtquelle abhängt und
umgekehrt. Abbildung 4.14 veranschaulicht den Zusammenhang zwischen cos θ und cos θ′ .
cosθ’
1
β=0
β=0.5
β=0.9
β=0.99
0 cos θ
-1
-1 0 1
Abbildung 4.14: Zusammenhang zwischen cos θ und cos θ′ .
Aus Abb. 4.14 entnimmt man, dass ∀ β > 0 der Winkel θ′ stets größer ist als der Win-
kel θ. Z.B. wird Licht, welches in Σ unter 90o ausgesendet wird, in Σ′ unter einem Winkel
θ′ > 90o registriert, scheint also von vorne zu kommen. Im Moment des Vorbeiflugs des
Beobachters an der Lichtquelle hat dies den Effekt, dass die Lichtquelle sich noch vor
dem Beobachter zu befinden scheint, vgl. Abb. 4.15(a). Der Effekt wird umso drastischer,
je größer die Geschwindigkeit des Beobachters ist. Je schneller man sich relativ zur Licht-
quelle bewegt, desto stärker erscheint das Licht nach vorne fokussiert. Umgekehrt gilt,
dass Licht in Σ′ unter θ′ = 90o detektiert wird, also scheinbar direkt von der Seite kommt,
wenn der Beobachter die Lichtquelle schon lange passiert hat, vgl. Abb. 4.15(b).
Mit der Aberration geht auch eine Frequenzverschiebung einher. Setzen wir die zweite
Aberrationsgleichung (4.69) in Gl. (4.65) ein, um cos θ zu eliminieren, so erhalten wir
ν′ cos θ′ + β 1 − β2
= γ 1−β = γ
ν 1 + β cos θ′ 1 + β cos θ′
1 1
= . (4.70)
γ 1 + β cos θ′
Die relative Änderung der Frequenz ν ′ /ν ist in Abb. 4.16 als Funktion von cos θ′ darge-
stellt. Man erkennt, dass das Licht für große θ′ , also wenn man sich auf die Lichtquelle
160
4.1 Elektromagnetische Wellen im Vakuum
x’ x’
k’ Σ’ Σ’
v k’
θ’ θ’
z’ z’
x x Σ
k Σ k
θ θ
z
z
(a) (b)
Abbildung 4.15: (a) Licht, das in Σ unter θ = 90o ausgesendet wird, wird in Σ′ unter
θ′ > 90o registriert. Die Lichtquelle scheint noch vor dem Beobachter zu
liegen, obwohl er sie gerade passiert. (b) Licht kommt scheinbar direkt
von der Seite, unter θ′ = 900 , obwohl man die Lichtquelle schon lange
passiert hat, θ < 900 .
ν’/ν
5
β=0
β=0.5
4 β=0.9
β=0.99
3
0 cos θ’
-1 0 1
Abbildung 4.16: Frequenzverschiebung ν ′ /ν als Funktion von cos θ′ .
161
4 Elektrodynamik
zubewegt, zu größeren Frequenzen ν ′ /ν > 1 verschoben ist. Dies ist die sog. Blauver-
schiebung. Der Effekt ist am größten für den Wert cos θ′ = −1; dort gilt
s s s
ν′ 1 1 1 − β 2 (1 − β)(1 + β) 1+β
(cos θ′ = −1) = = 2
= 2
= .
ν γ 1−β (1 − β) (1 − β) 1−β
Wenn man sich von der Lichtquelle wegbewegt, also für kleine Winkel θ, so ist das Licht
zu kleineren Frequenzen ν ′ /ν < 1 verschoben. Dies nennt man Rotverschiebung. Der
Effekt ist am größten für cos θ′ = 1; dort gilt
s s s
′ 2
ν 1 1 1−β (1 − β)(1 + β) 1−β
(cos θ′ = 1) = = 2
= 2
= .
ν γ 1+β (1 + β) (1 + β) 1+β
Insgesamt bezeichnet man diese Verschiebung der Frequenzen in Abhängigkeit der rela-
tiven Bewegung zur Lichtquelle als Doppler-Effekt. Man beachte, dass das Licht auch
rotverschoben ist, wenn man es unter θ′ = 90o beobachtet. Dies ist der sog. relativisti-
sche Doppler-Effekt,
ν′ 1 p
(cos θ′ = 0) = = 1 − β 2 < 1 ∀ β > 0 .
ν γ
Eigentlich würde man erwarten, dass sich transversal zur Boost-Richtung bewegende
Lichtwellen durch die Lorentz-Transformation unbeeinflußt bleiben. Dies ist zwar prin-
zipiell richtig, aber wie wir bei der Diskussion der Aberration gesehen haben, vgl. Abb.
4.15(b), wird Licht, das unter θ′ = 90o in Σ′ beobachtet wird, eigentlich unter einem
Winkel θ < 90o in Σ emittiert. Der Wellenvektor ~k hat dann sehr wohl eine Komponente
in Boost-Richtung, die durch die Lorentz-Transformation verändert wird.
Dies ist der denkbar allgemeinste Fall. Es ist zweckmäßig, zunächst die Bewegungsglei-
~ ~r) zu lösen und daraus dann das elektrische Feld
chungen für die Potentiale ϕ(t, ~r), A(t,
~ ~r) und das magnetische Induktionsfeld B(t,
E(t, ~ ~r) zu berechnen. Natürlich sind die Po-
tentiale nicht eindeutig bestimmt, man kann eine bestimmte Eichung wählen, um die Be-
wegungsgleichungen zu vereinfachen. Hier betrachten wir den Fall der Lorenz-Eichung,
die Bewegungsgleichungen für die Potentiale sind also die inhomogenen Wellenglei-
chungen
1
ϕ(t, ~r) = ρ(t, ~r) , (4.71)
ǫ0
~ ~r) = µ0 ~j(t, ~r) ,
A(t, (4.72)
162
4.2 Erzeugung elektromagnetischer Wellen
vgl. Glgen. (1.94). Wir bemerken zunächst, dass die Gleichungen für ϕ(t, ~r) und für die
~ ~r) entkoppeln. Generell sind diese Gleichungen vom Typ
drei Komponenten von A(t,
Hierbei haben wir mit Hilfe der Indizes am d’Alembert-Operator gekennzeichnet, bezüglich
welcher Variablen abzuleiten ist. Außerdem haben wir angenommen, dass die Greensche
Funktion lediglich von der Differenz t − t′ der Zeiten und der Differenz ~r − ~r ′ der
Ortsvektoren abhängt. Dies gilt streng genommen nur für Probleme, die translationsin-
variant in der Raum-Zeit sind. Wir werden aber sehen, dass sich zumindest eine spezielle
Lösung der inhomogenen Wellengleichung (4.74) für die Greensche Funktion konstruie-
ren läßt, die diese Forderung erfüllt. Wir merken noch an, dass sich Gl. (4.74) erheblich
kompakter in relativistisch kovarianter Notation schreiben läßt,
Mit der Greenschen Funktion G(t − t′ , ~r − ~r ′ ) lautet eine spezielle Lösung der inhomo-
genen Wellengleichung (4.73)
Z
ψ(t, ~r) = dt′ d3~r ′ G(t − t′ , ~r − ~r ′ ) σ(t′ , ~r ′ ) . (4.76)
Beweis: Wir setzen diese Gleichung in die inhomogene Wellengleichung (4.73) ein,
Z
t,~r ψ(t, ~r) = dt′ d3~r ′ t,~r G(t − t′ , ~r − ~r ′ ) σ(t′ , ~r ′ )
Z
= dt′ d3~r ′ δ(t − t′ ) δ (3) (~r − ~r ′ ) σ(t′ , ~r ′ ) ≡ σ(t, ~r) ,
vorausgesetzt, der Raum-Zeit-Punkt (t, ~r) liegt innerhalb des Integrationsvolumens, q.e.d.
Wir bestimmen nun die Greensche Funktion G(t − t′ , ~r −~r ′ ). Auch diese Funktion muss
nach einem vollständigen Funktionensystem entwickelbar sein, d.h. sie hat die Fourier-
Darstellung
Z ∞
1
Z
~
dω d3~k G̃(ω, ~k) e−i[ω(t−t )−k·(~r−~r )] .
′ ′ ′ ′
G(t − t , ~r − ~r ) = 2
(4.77)
(2π) −∞
163
4 Elektrodynamik
wobei wir im letzten Schritt die Vollständigkeitsrelation (4.37) benutzt haben. Da die ebe-
nen Wellen ein vollständiges, orthonormales Funktionensystem bilden, können die Aus-
drücke auf beiden Seiten der Gleichung nur dann gleich sein, wenn die Koeffizienten vor
den ebenen Wellen identisch sind, d.h.
2
ω 1
2
− k G̃(ω, ~k) = − 2
2
(4.78)
c 4π
c2 c2
~ 1 1 1
G̃(ω, k) = − 2 2 ≡− 2 − , (4.79)
4π ω − c2 k 2 8π ω(k) ω − ω(k) ω + ω(k)
wobei wir die Dispersionsrelation ω(k) = c k, vgl. Gl. (4.41), benutzt haben. Setzen wir
dies in Gl. (4.77) ein, so erhalten wir die Fourier-Darstellung einer speziellen Lösung
der inhomogenen Differentialgleichung für die Greensche Funktion G(t − t′ , ~r − ~r ′ ),
Z ∞
c2
1 1 1
Z
′ ′ 3~ ′ ~ ′
G(t − t , ~r − ~r ) = 4
dω d k − e−i[ω(t−t )−k·(~r−~r )] .
(2π) −∞ 2ω(k) ω + ω(k) ω − ω(k)
(4.80)
Die allgemeine Lösung der inhomogenen Differentialgleichung erhält man, indem man
noch die allgemeine Lösung der homogenen Wellengleichung dazuaddiert. Als Green-
sche Funktion geschrieben lautet diese
1
Z n o
′ ′ 3~ ~ i[ω(k)(t−t′ )+~k·(~ r ′ )]
r −~ ~ −i[ω(k)(t−t′ )−~k·(~ r ′ )]
r −~
Ghom (t−t , ~r−~r ) = d k a+ ( k) e + a− ( k) e ,
(2π)2
vgl. Gl. (4.43). Die Funktion Ghom (t − t′ , ~r − ~r ′ ) zu Gl. (4.80) hinzu zu addieren, ist aber
nicht erforderlich, da wir auch nur eine spezielle Lösung vom Typ (4.76) suchen.
Wir betrachten nun die ω−Integration in Gl. (4.80) etwas genauer. Offenbar besitzt
der Integrand zwei einfache Pole auf der ω−Achse, bei ±ω(k). Über diese darf man
nicht einfach hinweg integrieren, es ist eine Vorschrift zur Umgehung der Pole nötig.
Verschiedene Vorschriften sind denkbar, z.B. die Berechnung des ω−Integrals als Haupt-
wertintegral. Dies ist aber nicht die Vorschrift, die hier zur Anwendung kommt.
164
4.2 Erzeugung elektromagnetischer Wellen
Zur Bestimmung der korrekten Vorschrift betrachten wir noch einmal Gl. (4.76). Diese
Gleichung kann man so interpretieren, dass die Inhomogenität σ(t′ , ~r ′ ) eine Störung
beim Raum-Zeit-Punkt (t′ , ~r ′ ) symbolisiert, die mit Hilfe der Greenschen Funktion G(t −
t′ , ~r − ~r ′ ) zum Raum-Zeit-Punkt (t, ~r) propagiert wird. In der Tat bezeichnet man den
Typ Greenscher Funktion, den wir hier betrachten, in der Quantenfeldtheorie auch als
Propagator. Um ψ(t, ~r) zu bestimmen, müssen wir dann noch über alle möglichen Raum-
Zeit-Punkte (t′ , ~r ′ ), an denen Störungen σ(t′ , ~r ′ ) auftreten, integrieren; diese überlagern
sich also nach Propagation am Raum-Zeit-Punkt (t, ~r). Vgl. hierzu auch Abb. 4.10.
Offenbar kann keine Information über die Störung σ(t′ , ~r ′ ) zu einem Zeitpunkt t <
t′ zum Punkt ~r gelangt sein. Mit anderen Worten, die Propagation der Störung muss
kausal erfolgen, zuerst erfolgt die Ursache (die Störung) bei (t′ , ~r ′ ), dann die Wirkung
(die Störung wird propagiert). Dies erreicht man ganz einfach dadurch, dass man fordert,
dass die Greensche Funktion für t−t′ < 0 verschwindet. Dies definiert die sog. retardierte
Greensche Funktion,
Das Pendant ist die sog. avancierte Greensche Funktion, die für t − t′ > 0 verschwin-
det,
GA (t − t′ , ~r − ~r ′ ) ≡ G(t − t′ , ~r − ~r ′ ) θ(t′ − t) . (4.82)
Wegen θ(x) + θ(−x) = 1 gilt
G(t − t′ , ~r − ~r ′ ) = GR (t − t′ , ~r − ~r ′ ) + GA (t − t′ , ~r − ~r ′ ) .
Die retardierte Greensche Funktion läßt sich nun durch eine bestimmte Vorschrift, wie die
Pole bei ±ω(k) zu umgehen sind, bestimmen. Wir verschieben den Integrationsweg um
+iδ in die obere Halbebene der komplexen ω−Ebene oder, was im Endresultat das
gleiche Ergebnis liefert, wir verschieben beide Pole um −iδ in die untere Halbebene der
komplexen ω−Ebene, vgl. Abb. 4.17. Im folgenden werden wir allerdings nur Alternative
(a) weiter diskutieren.
Das ω−Integral in Gl. (4.80) ist nun wohldefiniert und kann berechnet werden. Dies
geschieht mit Hilfe des aus der Funktionentheorie bekannten Residuensatzes:
Sei C eine geschlossene, im mathematisch positiven Sinn orientierte Kurve in der komple-
xen z−Ebene und f (z) eine mit Ausnahme von isolierten Singularitäten z1 , . . . , zn reguläre
Funktion im Inneren von C, vgl. Abb. 4.18. Dann gilt
I n
X
dz F (z) = 2πi Res(F, zi ) , (4.83)
C i=1
wobei Res(F, zi ) das Residuum der Funktion F (z) an der Stelle zi ist.
Wir müssen für unsere Zwecke nur wissen, dass das Residuum einer komplexen Funktion
F (z) ≡ f (z)/g(z) an einer Stelle zi sich wie folgt berechnet,
f (zi )
Res(F, zi ) ≡ , (4.84)
g ′(zi )
165
4 Elektrodynamik
Im ω Im ω
ω ω
iδ
Re ω Re ω
−ω(k) +ω(k)
−ω(k)−iδ +ω(k)−iδ
(a) (b)
Abbildung 4.17: (a) Verschiebung des Integrationsweges (rot) um +iδ. Der Integrations-
weg verläuft parallel zur reellen ω−Achse. (b) Verschiebung der Pole um
−iδ. Der Integrationsweg verläuft entlang der reellen ω−Achse.
Im z
z
C
z2 zi
Re z
z1
wobei f (z), g(z) reguläre Funktionen mit den Eigenschaften f (zi ) 6= 0 und g(zi ) = 0,
g ′ (zi ) 6= 0 sind.
Angewendet auf das ω−Integral in Gl. (4.80) würden wir identifizieren
′
f (z) −→ f (ω) ≡ e−iω(t−t ) , g(z) −→ g(ω) ≡ ω 2 − ω 2 (k) ,
wobei wir die Faktorisierung (4.79) des Nenners rückgängig gemacht haben. Das Residuum
166
4.2 Erzeugung elektromagnetischer Wellen
des Integranden an den Nullstellen ±ω(k) des Nenners g(ω) ist also
f 1 ′
Res , ±ω(k) =± e∓iω(k)(t−t ) . (4.85)
g 2ω(k)
Um den Residuensatz anwenden zu können, müssen wir allerdings das ω−Integral, das
parallel zur reellen ω−Achse verläuft, zu einem geschlossenen Konturintegral erweitern.
Wir erreichen dies dadurch, dass wir einen Halbkreis zum Integral hinzuaddieren, der im
Unendlichen verläuft. Natürlich muss der Beitrag des Halbkreises zum Integral verschwin-
den, damit wir den Wert des Integrals nicht verändern.
Damit dies der Fall ist, legen wir für t − t′ > 0 den Halbkreis in die untere Halbebe-
ne, schließen die Kontur also in der unteren Halbebene, vgl. Abb. 4.19(a). Genau dann
nämlich verschwindet die Funktion f (ω) auf diesem Halbkreis. Um dies einzusehen, pa-
rametrisieren wir auf dem Halbkreis ω = R(cos ϕ + i sin ϕ), wobei der Winkel ϕ von 0 bis
−π läuft, dann gilt
′ ′ ′
f (ω) = e−i R cos ϕ (t−t )+R sin ϕ (t−t ) ∼ e−R sin(−ϕ) (t−t ) −→ 0 (R −→ ∞ , t − t′ > 0) ,
Im ω Im ω
ω ω
t−t’>0 Co
Re ω Re ω
−ω(k) +ω(k) −ω(k) +ω(k)
Cu t−t’<0
(a) (b)
Abbildung 4.19: (a) t − t′ > 0: Schließen des Integrationsweges in der unteren Halbebene.
(b) t − t′ < 0: Schließen des Integrationsweges in der oberen Halbebene.
167
4 Elektrodynamik
Nun können wir den Residuensatz (4.83) auf das ω−Integral in Gl. (4.80) anwenden.
Für t − t′ > 0 gilt mit Gl. (4.85)
Z ∞
1 1
I
−iω(t−t′ ) ′
dω 2 2
e = dω 2 2
e−iω(t−t )
−∞ ω − ω (k) Cu ω − ω (k)
iω(k)(t−t′ ) ′
e e−iω(k)(t−t )
= −2πi − +
2ω(k) 2ω(k)
2πi h ′ ′
i
= eiω(k)(t−t ) − e−iω(k)(t−t ) , (4.86)
2ω(k)
wobei das zusätzliche Vorzeichen in der zweiten Zeile daher rührt, dass die Kontur Cu im
mathematisch negativen Sinn durchlaufen wird.
Für t − t′ < 0 liefert der Residuensatz dagegen
Z ∞
1 1
I
−iω(t−t′ ) ′
dω 2 2
e = dω 2 2
e−iω(t−t ) ≡ 0 , (4.87)
−∞ ω − ω (k) Co ω − ω (k)
denn der Integrand hat innerhalb der Kontur Co keine Singularitäten, vgl. Abb. 4.19(b).
Eingesetzt in Gl. (4.80) ergibt sich aufgrund der speziellen Vorschrift zur Umgehung
der Pole, d.h. aufgrund der Wahl der Integrationskontur die retardierte Greensche
Funktion,
i c2 1 h iω(k)(t−t′ )
Z i
′ ′ 3~ −iω(k)(t−t′ ) i ~k·(~ r ′)
r −~
GR (t − t , ~r − ~r ) = − d k e − e e θ(t − t′ )
2(2π)3 ω(k)
≡ c2 D(t − t′ , ~r − ~r ′ ) θ(t − t′ ) , (4.88)
wobei wir die Definition (4.48) der schon aus der Diskussion der homogenen Wellenglei-
chung bekannten Funktion D(t, ~r) benutzt und die Tatsache, dass die Konturintegration
für t − t′ < 0 verschwindet, mit Hilfe der θ−Funktion berücksichtigt haben. Wir merken
noch an, dass wir im Fall der avancierten Greenschen Funktion die Integrationskontur
um −iδ, also in die untere Halbebene verschieben müssen.
Durch Vergleich mit Gl. (4.81) überprüfen wir, dass wir mit Gl. (4.88) in der Tat die
retardierte Greensche Funktion berechnet haben. Benutzen wir noch das Resultat (4.51)
für die Funktion D(t, ~r), so ergibt sich
GR (t − t′ , ~r − ~r ′ ) = c2 D(t − t′ , ~r − ~r ′ ) θ(t − t′ )
c
= δ [|~r − ~r ′ | − c (t − t′ )] θ(t − t′ )
4π|~r − ~r ′ |
|~r − ~r ′ |
1
= δ t− − t θ(t − t′ ) .
′
4π|~r − ~r ′ | c
Wir sehen, dass die θ−Funktion eigentlich überflüssig ist, denn da |~r −~r ′ |/c ≥ 0, liegt die
Nullstelle des Arguments der δ−Funktion automatisch im Bereich, wo t > t′ . Definieren
wir noch die sog. retardierte Zeit
|~r − ~r ′ |
tR ≡ t − , (4.89)
c
168
4.2 Erzeugung elektromagnetischer Wellen
so schreibt sich das Resultat für die retardierte Greensche Funktion sehr kompakt als
1
GR (t − t′ , ~r − ~r ′ ) = δ(tR − t′ ) . (4.90)
4π|~r − ~r ′ |
Die Interpretation dieses Resultats ist ganz ähnlich wie im Zusammenhang mit Gl. (4.50)
erläutert, vgl. auch Abb. 4.10. Die retardierte Greensche Funktion propagiert Informati-
on über die Inhomogenität σ(t′ , ~r ′ ) auf Kugelschalen um ~r ′ mit Radius c(t − t′ ). Am Ort
~r trifft zum Zeitpunkt t Information über die Inhomogenität am Ort ~r ′ zur retardierten
Zeit tR < t ein, also über den Wert der Inhomogenität zu einem früheren Zeitpunkt,
denn die Geschwindigkeit der Informationsübertragung ist zwar sehr groß, nämlich die
Lichtgeschwindigkeit c, aber eben dennoch nicht unendlich. Die spezielle Lösung der in-
homogenen Wellengleichung ist die Superposition aller σ(tR , ~r ′ ), d.h. das Integral über
alle möglichen Orte ~r ′ , an denen sich die Inhomogenität σ(tR , ~r ′ ) zum retardierten Zeit-
punkt tR befindet. Man beachte, dass letzterer über Gl. (4.89) von ~r ′ abhängt. Je weiter
entfernt ~r ′ von ~r ist, desto früher der Zeitpunkt tR .
Zum Abschluß geben wir noch die speziellen Lösungen der inhomogenenen Wellenglei-
chungen für die elektromagnetischen Potentiale an,
1 ρ(tR , ~r ′ )
Z
ϕ(t, ~r) = d3~r ′ , (4.92)
4πǫ0 |~r − ~r ′ |
µ 0
Z ~j(tR , ~r ′ )
~ ~r) =
A(t, d3~r ′ . (4.93)
4π |~r − ~r ′ |
Man beachte, dass diese Ausdrücke – vielleicht abgesehen von der retardierten Zeit – rela-
tiv offensichtliche Verallgemeinerungen der Glgen. (3.13), (3.14) für die elektrostatischen
bzw. magnetostatischen Potentiale darstellen. Aus den Glgen. (4.92), (4.93) berechnet
man mit Hilfe der Glgen. (1.79), (1.80) das elektrische Feld und das magnetische Induk-
tionsfeld.
169
5 Makroskopische Elektrodynamik
Die Elektrodynamik beschreibt die von einer Ladungsdichte ρ(t, ~r) und einer Ladungs-
~ ~r) und B(t,
stromdichte ~j(t, ~r) erzeugten elektromagnetischen Feld E(t, ~ ~r). Falls ρ(t, ~r)
und ~j(t, ~r) exakt bekannt sind, ist dies im Prinzip durch Lösen der Maxwell-Gleichungen
(1.77), (1.78), (1.81) und (1.82) immer möglich.
In vielen Anwendungen ist eine exakte Bestimmung von Ladungsdichte und Ladungs-
stromdichte praktisch unmöglich. Man denke z.B. an einen Festkörper makroskopischer
Größe, der aus ca. 1023 Atomen oder Molekülen besteht (im folgenden werden beide Begrif-
fe kurz zu “Molekül” zusammengefaßt), die wiederum aus positiv geladenen Atomkernen
und negativ geladenen Elektronen bestehen. Diese Ladungen erzeugen nicht nur elek-
tromagnetische Felder, ihre Bewegung wird im Gegenzug durch solche Felder beeinflußt.
Selbst wenn man außer acht läßt, dass Elementarteilchen den Gesetzen der Quantenme-
chanik genügen und ihre Bewegung rein klassisch betrachtet, so müßte man dennoch
die Maxwell-Gleichungen zusammen mit ca. 1023 Newtonschen Bewegungsgleichungen
~ ~r) und B(t,
für diese Elementarteilchen lösen, letztere mit der durch E(t, ~ ~r) gegebenen
Lorentz-Kraft (1.118). Dies ist praktisch nicht durchführbar.
Stattdessen behilft man sich mit folgendem Argument: für ein Experiment, das man auf
makroskopischen Längenskalen, z.B. L ∼ 10−2 m = 1 cm, durchführt, ist man nicht an
der detaillierten Form der elektromagnetischen Felder auf mikroskopischen, in diesem Fall
submolekularen Längenskalen, λ ∼ 10−8 m, interessiert. Man kann daher die elektroma-
gnetischen Felder und die Ladungsdichten bzw. Ladungsstromdichten über eine geeignete,
zwischen diesen Extremen liegende Längenskala, z.B. ℓ ∼ 10−6 m, mitteln. Das dazu-
gehörige Mittelungsvolumen, v ∼ ℓ3 ∼ (10−6 m)3 = 10−18 m3 = 10−12 cm3 enthält
typischerweise noch 10−12 · 1023 = 1011 Moleküle. Die Ladungsdichte bzw. Ladungsstrom-
dichte innerhalb eines Moleküls, bzw. die entsprechenden elektromagnetischen Felder,
sind auf der Längenskala ℓ irrelevant. Wir sind vielmehr daran interessiert, welche Fel-
der von einer Ansammlung von 1011 Ladungsträgern erzeugt werden.
170
5.1 Makroskopische Maxwell-Gleichungen
wobei w(~r ′ ) eine geeignete Gewichtsfunktion für die Mittelung ist, mit
Z
d3~r ′ w(~r ′ ) = 1 .
Dies bedeutet, dass die Funktion f (t, ~r) über das Volumen einer Kugel mit Radius ℓ und
Mittelpunkt in ~r gemittelt wird. Dies ist zwar ausgesprochen anschaulich, besitzt aber den
Nachteil, dass w(~r ′ ) nicht stetig differenzierbar ist. Außerdem würde der Mittelwert (5.1)
stark fluktuieren, wann immer Moleküle in das Mittelungsvolumen ein- oder aus diesem
austreten. Eine geeignetere Variante ist daher
1 ′ 2
w(~r ′ ) = 2 3/2
e−(r /ℓ) .
(πℓ )
Diese Gauß-Funktion fällt auf der Längenskala ℓ um 1/e ab, verschwindet aber erst im
Unendlichen. Daher treten keine Probleme auf, selbst wenn sich Moleküle auf der relativ
zu ihrer Größe λ gigantischen Längenskala ℓ bewegen. Für das folgende ist die exakte
Form der Gewichtsfunktion unerheblich. Wir nehmen lediglich an, dass sie hinreichend
oft stetig differenzierbar ist und dass sie lediglich auf der Längenskala ℓ merklich variiert,
sich also auf der mikroskopischen Längenskala λ ≪ ℓ nicht wesentlich ändert.
Eine unmittelbare Konsequenz der Definition (5.1) ist
Z Z
~ hf (t, ~r)i =
∇ 3 ′
d ~r w(~r ) ∇ ~ r f (t, ~r + ~r ) = d3~r ′ w(~r ′ ) ∇
′ ′ ~ r+r′ f (t, ~r + ~r ′ )
D E
≡ ∇ ~ f (t, ~r) ,
∂ ′ ∂ ∂f (t, ~r )
Z
3 ′ ′
hf (t, ~r)i = d ~r w(~r ) f (t, ~r + ~r ) ≡ . (5.2)
∂t ∂t ∂t
171
5 Makroskopische Elektrodynamik
Im folgenden lassen wir die Mittelungsklammern bei den elektromagnetischen Feldern der
Einfachheit halber weg,
D E D E
~ ~r) −→ E(t,
E(t, ~ ~r) , ~ ~r) −→ B(t,
B(t, ~ ~r) .
Es ist dann aber stets zu bedenken, dass diese Felder nur auf makroskopischen Längen-
skalen definiert sind und nicht mit den vormals eingeführten mikroskopischen elektro-
magnetischen Feldern verwechselt werden dürfen (auch wenn wir die gleichen Symbole für
diese Größen benutzen).
Nun müssen wir uns überlegen, welche Form die gemittelte Ladungsdichte und die
gemittelte Ladungsstromdichte haben.
5.1.3 Polarisation
Wir beginnen mit der gemittelten Ladungsdichte. Mikroskopisch betrachtet besteht die
Ladungsdichte eines beliebigen Festkörpers aus freien Ladungsträgern (z.B. Elektronen
im Metall) und aus in Molekülen gebundenen Ladungsträgern,
X X
ρ(t, ~r) = qi δ (3) (~r − ~ri (t)) + ρn (t, ~r) , (5.7)
i n
wobei die erste Summe über die freien Ladungsträger mit Ladungen qi mit den Trajekto-
rien ~ri (t) läuft und die zweite Summe über die einzelnen Moleküle, mit den jeweiligen La-
dungsdichten ρn (t, ~r). Jedes Molekül wiederum besteht aus gebundenen Ladungsträgern,
X
ρn (t, ~r) = qnj δ (3) ~
~r − Rn (t) − ~rnj (t) , (5.8)
j
wobei wir die Schwerpunktstrajektorie des n−ten Moleküls mit R~ n (t) bezeichnet haben.
Die Ladungsträger mit den Ladungen qnj innerhalb des Moleküls haben relativ zu R ~ n (t)
die Trajektorien ~rnj (t), vgl. Abb. 5.1.
172
5.1 Makroskopische Maxwell-Gleichungen
rnj
qnj
Rn
Abbildung 5.1: Moleküle im Festkörper mit den Schwerpunktstrajektorien R ~ n (t) und ih-
re internen Ladungsträger mit Trajektorien ~rnj (t), die relativ zu R ~ n (t)
angegeben werden.
Bei der Mittelung der Ladungsdichte (5.7) können wir die Summation über n mit der
Mittelung vertauschen, wir mitteln also zunächst die Ladungsdichte des n−ten Moleküls
und summieren dann über n,
Z
hρn (t, ~r)i = d3~r ′ w(~r ′ ) ρn (t, ~r + ~r ′ )
Z
~
X
3 ′ ′ (3) ′
= qnj d ~r w(~r ) δ ~r + ~r − Rn (t) − ~rnj (t)
j
~ n (t) + ~rnj (t) − ~r .
X
= qnj w R (5.9)
j
Da die Trajektorien ~rnj (t) der im n−ten Molekül gebundenen Ladungsträger nur um einen
Betrag von der Größenordnung λ von der Schwerpunktstrajektorie R ~ n (t) abweichen, sich
die Funktion w nach Voraussetzung aber auf solch kleinen Skalen nicht wesentlich ändert,
ist es erlaubt, w(R ~ n (t) + ~rnj (t) − ~r) in eine Taylor-Reihe um R ~ n (t) − ~r zu entwickeln,
h i
~ n (t) − ~r + ~rnj (t) · ∇
~ Rn −r w R~ n (t) − ~r + O(r 2 )
X
hρn (t, ~r)i = qnj w R nj
j
h i
~ n (t) − ~r − ~rnj (t) · ∇
~rw R~ n (t) − ~r + O(λ2 ) . (5.10)
X
= qnj w R
j
173
5 Makroskopische Elektrodynamik
Diese Definition stimmt mit Gl. (2.133) überein, wenn wir dort für die Ladungsdichte Gl.
(5.8) einsetzen und den Schwerpunktsanteil qn R ~ n (t) weglassen, der natürlich nicht zum
eigentlichen Dipolmoment des n−ten Moleküls gehört. Mit den Definitionen (5.11) und
(5.12) erhalten wir für Gl. (5.10)
~ ~ ~
hρn (t, ~r)i = qn w Rn (t) − ~r − ~pn (t) · ∇r w Rn (t) − ~r + O(λ2 ) . (5.13)
Der erste Term läßt sich auch als Mittelwert einer im Schwerpunkt R ~ n (t) des Moleküls
befindlichen Punktladungsdichte qn δ (3) (~r − R ~ n (t)) auffassen,
D E Z
qn δ (3) ~ ~ n (t) ≡ qn w R
~r − Rn (t) = qn d3~r ′ w(~r ′ ) δ (3) ~r + ~r ′ − R ~ n (t) − ~r .
(5.14)
Der zweite Term kann als Divergenz einer im Schwerpunkt des Moleküls befindlichen
mittleren punktförmigen Dipoldichte p~n (t) δ (3) (~r − R~ n (t)) aufgefaßt werden,
D E Z
∇ ~ n (t)
~ r · p~n (t) δ (3) ~r − R ~ r d3~r ′ w(~r ′ ) δ (3) ~r + ~r ′ − R
= p~n (t) · ∇ ~ n (t)
~rw R
≡ p~n (t) · ∇ ~ n (t) − ~r . (5.15)
Nun können wir den Mittelwert der gesamten Ladungsdichte (5.7) angeben. Setzen wir
die Glgen. (5.14) und (5.15) in Gl. (5.13) ein und benutzen den resultierenden Ausdruck
dann für den Mittelwert von Gl. (5.7), so folgt
* +
~ n (t)
X X
(3) (3)
hρ(t, ~r)i = qi δ (~r − ~ri (t)) + qn δ ~r − R
i n
* +
~ · ~ n (t)
X
(3)
−∇ ~pn (t) δ ~r − R + ...
n
~ · P~ (t, ~r) + . . . ,
≡ ρ̄(t, ~r) − ∇ (5.16)
wobei wir in der letzten Zeile die gesamte makroskopische Ladungsdichte
* +
~ n (t)
X X
ρ̄(t, ~r) ≡ qi δ (3) (~r − ~ri (t)) + qn δ (3) ~r − R , (5.17)
i n
definiert haben. Im folgenden lassen wir den Querstrich über der makroskopischen La-
dungsdichte weg,
ρ̄(t, ~r) −→ ρ(t, ~r) ,
bedenken dabei aber stets, dass diese Größe dann nur auf makroskopischen Längenskalen
definiert ist. Sie ist insbesondere nicht mit der gesamten mikroskopischen Ladungsdichte
(5.7) zu verwechseln (auch wenn wir das gleiche Symbol für beide Größen benutzen).
174
5.1 Makroskopische Maxwell-Gleichungen
~ · E(t,
ǫ0 ∇ ~ ~r) = ρ(t, ~r) − ∇
~ · P~ (t, ~r)
oder h i
~ · D(t,
∇ ~ ~r) ≡ ∇
~ · ǫ0 E(t,
~ ~r) + P~ (t, ~r) = ρ(t, ~r) , (5.19)
~ ≡ ǫ0 E
D ~ + P~ (5.20)
eingeführt haben.
5.1.5 Magnetisierung
Wir können analoge Argumente wie in Abschnitt 5.1.3 auch zur Mittelung der mikro-
skopischen Ladungsstromdichte heranziehen. Diese lautet
X X
~j(t, ~r) = qi ~vi (t) δ (3) (~r − ~ri (t)) + ~jn (t, ~r) , (5.21)
i n
wobei die erste Summe über die freien Ladungsträger mit Ladungen qi , Trajektorien ~ri (t)
und Geschwindigkeiten ~vi (t) läuft und die zweite Summe über die einzelnen Moleküle, mit
den jeweiligen Ladungsstromdichten ~jn (t, ~r). Letztere setzen sich wieder zusammen aus
den Ladungsstromdichten der gebundenen Ladungsträger,
V~n (t) + ~vnj (t) δ (3) ~r − R
~ n (t) − ~rnj (t) ,
X
~jn (t, ~r) = qnj (5.22)
j
wobei wir die Geschwindigkeiten der Ladungsträger ähnlich wie ihre Trajektorien in einen
Schwerpunktsanteil V ~n (t) und einen Relativanteil ~vnj (t) aufgespalten haben. Hierbei wur-
den nichtrelativistische Geschwindigkeiten angenommen, vgl. Gl. (5.32) der Vorlesung
“Theoretische Mechanik II” für das relativistische Additionstheorem für Geschwindigkei-
ten.
Wir verfahren nun genauso wie in Gl. (5.9) und erhalten
D E Z
~jn (t, ~r) = d3~r ′ w(~r ′ ) ~jn (t, ~r + ~r ′ )
h iZ
~ ~ n (t) − ~rnj (t)
X
= qnj Vn (t) + ~vnj (t) d3~r ′ w(~r ′ ) δ (3) ~r + ~r ′ − R
j
h i
~n (t) + ~vnj (t) w R~ n (t) + ~rnj (t) − ~r .
X
= qnj V (5.23)
j
175
5 Makroskopische Elektrodynamik
Analog zu Gl. (5.10) wird die Funktion w wieder in eine Taylor-Reihe entwickelt, nun aller-
dings bis zu Termen zweiter Ordnung. Für die a−Komponente der mittleren molekularen
Ladungsstromdichte erhalten wir dann
~ n (t) − ~r − xb (t) ∂ w R
~ n (t) − ~r
X
a
a a
hjn (t, ~r)i ≃ qnj Vn (t) + vnj (t) w R nj
j
∂xb
1 b c ∂2
~ n (t) − ~r
+ xnj (t) xnj (t) b c w R
2 ∂x ∂x
∂ pan (t)
a ~
a b ∂
~
≃ qn Vn (t) + w Rn (t) − ~r − Vn (t) pn (t) b w Rn (t) − ~r
∂t ∂x
X
a ∂
~ n (t) − ~r
− qnj vnj (t) xbnj (t) b w R
j
∂x
X qnj ∂2
~ n (t) − ~r ,
+ Vna (t) xbnj (t) xcnj (t) b c w R (5.24)
j
2 ∂x ∂x
wobei wir die Definition (5.11) der Gesamtladung des Moleküls und die Definition (5.12)
des molekularen kartesischen Dipolmoments benutzt und einen Term höherer Ordnung, ∼
~vnj xanj xbnj , vernachlässigt haben. Die Kettenregel liefert für die Zeitableitung der Funktion
w,
∂ ~ dRb (t) ∂ ∂
w Rn (t) − ~r = n ~ b
w Rn (t) − ~r ≡ −Vn (t) b w Rn (t) − ~r , ~
∂t dt ∂[Xnb (t) − xb ] ∂x
(5.25)
so dass wir Gl. (5.24) auch wie folgt schreiben können,
~ n (t) − ~r + ∂ pa (t) w R
h i
hjna (t, ~r)i = qn Vna (t) w R ~ n (t) − ~r
∂t n
∂
+ pan (t) Vnb (t) − Vna (t) pbn (t) ~ n (t) − ~r
w R
∂xb
X qnj ∂
+ xanj (t) vnj
b a
(t) − vnj (t) xbnj (t) w ~ n (t) − ~r
R
j
2 ∂xb
X qnj ∂
− xanj (t) vnj
b a
(t) + vnj (t) xbnj (t) w ~ n (t) − ~r
R
j
2 ∂xb
1 a ∂2
~ n (t) − ~r ,
+ Vn (t) Q′nbc (t) b c w R (5.26)
6 ∂x ∂x
Gegenüber Gl. (5.24) haben wir in der dritten und vierten Zeile eine Null addiert und in
der letzten Zeile das sog. molekulare Quadrupolmoment
X
Q′nbc (t) ≡ 3 qnj xbnj (t) xcnj (t) (5.27)
j
eingeführt, das eine Variante des kartesischen Quadrupolmoment (2.135) mit nichtver-
schwindender Spur darstellt. Wie dieses ist das molekulare Quadrupolmoment ein Tensor
zweiter Stufe.
176
5.1 Makroskopische Maxwell-Gleichungen
Die vierte Zeile von Gl. (5.26) können wir wie folgt umschreiben,
X qnj ∂
− a b a b
xnj (t) vnj (t) + vnj (t) xnj (t) ~
w Rn (t) − ~r
j
2 ∂xb
X qnj ∂
∂
a b ~ n (t) − ~r
= − xnj (t) xnj (t) w R
j
2 ∂t ∂xb
" #
∂ X qnj a ∂
~ n (t) − ~r
= − xnj (t) xbnj (t) b w R
∂t j 2 ∂x
X qnj ∂2
~ n (t) − ~r
+ xanj (t) xbnj (t) b w R
j
2 ∂x ∂t
2
1 ∂ ′ ab ∂
~ n (t) − ~r + Q (t) V (t)
′ ab c ∂
~ n (t) − ~r
≡ − Qn (t) b w R n n w R ,
6 ∂t ∂x ∂xb ∂xc
wobei wir wieder die Kettenregel (5.25) für die Zeitableitung der Funktion w und die
Definition (5.27) des molekularen Quadrupolmoments benutzt haben. Setzen wir dies in
Gl. (5.26) ein, so erhalten wir
eingeführt haben. (Die Gleichheit der dritten Zeile von Gl. (5.28) und der letzten von Gl.
(5.29) überprüft man mit der altbekannten Formel ǫabc ǫcde = δ ad δ be − δ ae δ bd .)
177
5 Makroskopische Elektrodynamik
Wie in den Glgen. (5.14) und (5.15) lassen sich die einzelnen Terme als Mittelwerte von
im Schwerpunkt des Moleküls befindlichen Punktdichten auffassen,
Summieren wir über alle Moleküle und setzen das Ergebnis in den Mittelwert der mikro-
skopischen Ladungsstromdichte (5.21) ein, so erhalten wir
* +
D E
qn V~n (t) δ (3) ~r − R
~ n (t)
X X
~j(t, ~r) = qi ~vi (t) δ (3) (~r − ~ri (t)) +
i n
* + * +
∂ X
~ n (t)
~ ×
X
~ n (t)
+ p~n (t) δ (3) ~r − R +∇ ~ n (t) δ (3) ~r − R
m + ...
∂t n n
eingeführt und die Definition (5.18) der makroskopischen Polarisation benutzt haben. Im
folgenden lassen wir den Querstrich über der makroskopischen Ladungsstromdichte weg,
bedenken dabei aber stets, dass diese Größe dann nur auf makroskopischen Längenskalen
definiert ist. Sie ist insbesondere nicht mit der gesamten mikroskopischen Ladungs-
stromdichte (5.21) zu verwechseln (auch wenn wir das gleiche Symbol für beide Größen
benutzen).
5.1.6 Magnetfeld
Wenn wir das Ergebnis (5.32) in die gemittelte Maxwell-Gleichung (5.4) einsetzen, erhal-
ten wir unter Vernachlässigung Terme höherer Ordnung
1 ~ ~ ~
~ ~r) − ǫ0 ∂ E(t, ~r) = ~j(t, ~r) + ∂ P (t, ~r) + ∇
∇ × B(t, ~ × M(t,
~ ~r)
µ0 ∂t ∂t
178
5.2 Klassifizierung von Materialien
oder
~ ~r)
∂ D(t,
1 ~
∂ h ~ i
~ ~
∇ × H(t, ~r) − ~
≡ ∇× ~
B(t, ~r) − M (t, ~r) − ǫ0 E(t, ~r) + P~ (t, ~r) = ~j(t, ~r) ,
∂t µ0 ∂t
(5.35)
wobei wir die Definition (5.20) der dielektrischen Verschiebung benutzt und das sog.
Magnetfeld
H~ ≡ 1 B ~ −M ~ (5.36)
µ0
eingeführt haben.
Wir fassen nun noch einmal das Endergebnis unserer Betrachtungen, die makrosko-
pischen Maxwell-Gleichungen, zusammen,
~ ·D
∇ ~ = ρ, (5.37)
~
∇ ~ − ∂D
~ ×H = ~j , (5.38)
∂t
~
∇·B~ = 0, (5.39)
~
∇ ~ + ∂B
~ ×E = 0. (5.40)
∂t
Wie dieser funktionale Zusammenhang im einzelnen aussieht, hängt von der betrachteten
Materie ab. Wir wollen dies im folgenden genauer erläutern.
5.2.1 Dielektrika
Wir beginnen mit der Polarisation, der Antwort der Materie auf äußere elektrische Felder.
Materie mit nichtverschwindender Polarisation nennt man dielektrische Materie oder
kurz ein sog. Dielektrikum. Allen Dielektrika ist gemein, dass sie molekulare Dipole
aufweisen. Diese Größen haben wir im vorangegangenen Abschnitt bei der Herleitung
der makroskopischen Maxwell-Gleichungen mit p~n (t) bezeichnet. Man unterscheidet drei
verschiedene Typen von Dielektrika, je nachdem, unter welchen Voraussetzungen diese
Dipole auftreten:
179
5 Makroskopische Elektrodynamik
(i) Eigentliche Dielektrika: Bei dieser Art von Materie sind ohne äußeres elektrisches
Feld die Ladungsschwerpunkte der positiven und der negativen Ladungen im Mo-
lekül identisch, vgl. Abb. 5.2(a), das molekulare Dipolmoment verschwindet. Legt
man ein äußeres elektrisches Feld an, so verschiebt man die molekularen Ladungs-
träger in einer Weise, dass sich lokal elektrische Dipole bilden, Abb. 5.2(b). Man
spricht von sog. Deformationspolarisation.
E=0 E
−Ze
+Ze
p
+Ze −Ze
(a) (b)
Abbildung 5.2: (a) Ein neutrales Atom mit Kernladungszahl Z ohne äußeres elektrisches
Feld. Der Ladungsschwerpunkt der Elektronen und des Kerns sind iden-
tisch, das atomare Dipolmoment verschwindet. (b) Dasselbe Atom im
äußeren elektrischen Feld. Letzteres verschiebt den Ladungsschwerpunkt
des Kerns gegenüber dem der Elektronenhülle. Resultat ist ein atomares
Dipolmoment ~p.
(ii) Paraelektrika: Bei dieser Art von Materie existieren bereits ohne äußeres elek-
trische Feld molekulare Dipole, sog. permanente Dipole. Dies hängt gewöhnlich
mit der Molekülstruktur zusammen, s. z.B. das Wassermolekül H2 O, Abb. 5.3. Hier
verteilen sich die molekularen Ladungen so, dass die beiden Wasserstoffatome ein-
fach positiv und das Sauerstoffatom zweifach negativ geladen sind, was zu einem
nichtverschwindenden Dipolmoment ~p führt. Ohne äußeres elektrisches Feld sind
diese molekularen Dipole aber zufällig ausgerichtet. Bei der Gesamtpolarisation der
Materie mitteln sie sich zu null weg, vgl. Abb. 5.3(a) Mit äußerem elektrischen
Feld dagegen richten sie sich der Feldrichtung entsprechend aus, man spricht von
sog. Orientierungspolarisation, s. Abb. 5.3(b). Die Ausrichtung ist bei nichtver-
schwindenden Temperaturen nicht perfekt, da die thermische Bewegung der Mo-
leküle dieser Ordnungstendenz entgegenwirkt.
(iii) Ferroelektrika: Bei diesen Materialien existieren permanente Dipole, die sich selbst
ohne äußeres elektrisches Feld unterhalb einer kritischen Temperatur TC , der sog.
Curie-Temperatur, spontan ausrichten, also sogar eine permanente Polarisa-
tion aufweisen. Ein Beispiel dafür ist Bariumtitanat BaTiO3 .
180
5.2 Klassifizierung von Materialien
E=0 E
H+
p
O2− H+
(a) (b)
Abbildung 5.3: (a) Wassermoleküle als permanente Dipole ohne äußeres elektrisches Feld.
(b) Wassermoleküle im äußeren elektrischen Feld. Die molekularen Dipol-
momente richten sich nach dem Feld aus.
Für nicht zu große elektrische Feldstärken können wir den funktionalen Zusammenhang
(5.41) in eine Potenzreihe entwickeln,
3
X 3
X
i~ = αi +
P (E) ij
β E + j
γ ijk E j E k + . . . , i = 1, 2, 3 , (5.42)
j=1 j,k=1
Man spricht auch von linearer Antwort (engl. linear response) des Systems auf äußere
Felder. Im allgemeinen zeigt P~ nicht in die gleiche Richtung wie E,
~ oder mit anderen
ij
Worten β 6= 0 für i 6= j. In diesem Fall spricht man von einem linearen anisotropen
Dielektrikum. Der Spezialfall eines linearen isotropen Dielektrikums ergibt sich,
wenn β ij = χe ǫ0 δ ij , d.h.
P~ = χe ǫ0 E
~ .
Die Größe χe nennt man dielektrische Suszeptibilität.
181
5 Makroskopische Elektrodynamik
5.2.2 Magnetika
Die Einteilung magnetischer Materialien ist ganz ähnlich der der Dielektrika. Vorausset-
zung ist die Existenz molekularer magnetischer Dipole, im Abschnitt 5.1.5 mit m ~ n (t)
bezeichnet. Man unterscheidet wieder drei Klassen von magnetischen Erscheinungen:
(i) Diamagnetismus: In diesem Fall existieren in Abwesenheit äußerer magnetischer
~
Induktionsfelder keine magnetischen Dipole. In einem äußeren B−Feld werden die-
se aber induziert. Nach der Lenzschen Regel sind die induzierten Dipole dem
äußeren Feld entgegengesetzt, schwächen dieses also ab.
Diamagnetismus tritt in allen Materialien auf. Man spricht von diamagnetischen
Materialien aber nur dann, wenn der Effekt nicht durch die stärkeren Phänomene
des Paramagnetismus bzw. des kollektiven Magnetismus überdeckt werden.
182
5.2 Klassifizierung von Materialien
M
Ms
III II
IV
0 H
-Ms
0
Abbildung 5.4: Hysteresekurve bei Ferromagneten.
die sog. Remanenz (III), erhalten. Diese Eigenschaft definiert den Perma-
nentmagneten. Die Remanenz bringt man erst durch ein entgegengerichtetes
äußeres Magnetfeld, die sog. Koerzitivkraft (IV) zum Verschwinden.
Mikroskopisch gesehen besitzt ein Ferromagnet sog. Weißsche Bezirke, vgl.
Abb. 5.5. In jedem Bezirk sind die permanenten magnetischen Dipole spontan
ausgerichtet, aber seine gesamte Magnetisierung zeigt in eine zufällige Rich-
tung, so dass die Magnetisierung gemittelt über alle Weißschen Bezirke null
ergibt. Das äußere Magnetfeld richtet die Magnetisierungen der Weißschen Be-
zirke aus. Sättigung wird erreicht, wenn die Magnetisierungen aller Weißschen
Bezirke in die gleiche Richtung zeigen.
183
5 Makroskopische Elektrodynamik
~ A, M
A und B mit jeweils unterschiedlichen Magnetisierungen M ~ B , mit
~ A 6= M
M ~B , ~ A+B = M
M ~A +M
~ B 6= 0 ,
Für kollektiven Magnetismus haben wir δ i 6= 0, während für Dia- und Paramagnetismus
δ i = 0 gilt. Wir sind insbesondere an linearen isotropen magnetischen Materialien
interessiert, für die
M~ = χm H ~
gilt, mit der sog. magnetischen Suszeptibilität χm . Aufgrund der Tatsache, dass bei
Diamagnetismus die Magnetisierung dem äußeren Feld entgegenwirkt, gilt für diamagne-
tische Materialien χm < 0, während für paramagnetische Materialien χm > 0 gilt. Für
das magnetische Induktionsfeld erhalten wir die Beziehung
~ = µ 0 (H
B ~ +M
~ ) = (1 + χm ) µ0 H
~ ≡ µr µ0 H
~ ,
184
5.3 Elektromagnetische Wellen in Materie
Wie im Vakuum (vgl. Abschnitt 4.1.1) lassen sich dann durch Bilden der Rotation der
Glgen. (5.45) bzw. (5.47) und Benutzen der Glgen. (5.44) und (5.46) zwei homogene
Wellengleichungen für E ~ und B~ ableiten,
ǫr µr ∂ 2
−∆ E ~ = 0, (5.48)
c2 ∂t2
ǫr µr ∂ 2
−∆ B ~ = 0. (5.49)
c2 ∂t2
ist der sog. Brechungsindex des durch ǫr , µr gekennzeichneten Mediums. Alles in Kapitel
4 für die Wellenausbreitung im Vakuum diskutierte kann vollständig übernommen werden,
wenn wir dort einfach c durch u ersetzen. Wir wollen dies hier nicht weiter vertiefen,
sondern einige spezielle, gegenüber dem Vakuum qualitativ neue Phänomene ansprechen.
wobei ~n der Normalenvektor auf der Grenzfläche in Richtung der äußeren Region (Index
a) und σ die Flächenladungsdichte ist. Die Normalkomponente der dielektrischen Ver-
schiebung springt also um den Betrag der Flächenladungsdichte beim Durchgang durch
185
5 Makroskopische Elektrodynamik
wobei ~jF (≡ ~j ∆x) die Flächenladungsstromdichte (wegen j∆x = (I/F ) ∆x ein La-
dungsstrom pro Längeneinheit auf der Grenzfläche), ~t der Normalenvektor auf der Sto-
kesschen Fläche und ∆ℓ die Längsseite der Stokesschen Fläche (parallel zur Grenzfläche)
darstellt. Die linke Seite von Gl. (5.53) formen wir genauso um wie in Abschnitt 2.2.1 den
entsprechenden Ausdruck für ∆F df~ · ∇ ~ × E,
~ mit dem Ergebnis
R
~t × ~n · H~a − H
~ i = ~jF · ~t .
Benutzen wir noch die zyklische Vertauschbarkeit des Spatproduktes, so erhalten wir
letztendlich
~n × H~a − H
~ i = ~jF . (5.54)
Die Tangentialkomponente des Magnetfeldes springt also beim Durchgang durch die
Grenzfläche um die Flächenladungsstromdichte. Mit den gleichen Argumenten beweist
man unter Zugrundelegung von Gl. (5.40)
~ ~
~n × Ea − Ei = 0 , (5.55)
vgl. Gl. (2.30), d.h. die Tangentialkomponente des elektrischen Feldes ist stetig beim
Durchgang durch die Grenzfläche; ein Resultat, das wir schon in der Elektrostatik bewie-
sen hatten. In Abwesenheit von Flächenladungen und -strömen gilt
~n · D ~a −D~i = 0 ,
~ ~
~n · Ba − Bi = 0 ,
~n × H ~a − H
~i = 0 ,
~n × E ~a − E
~i = 0 , (5.56)
~ und B,
d.h. die Normalkomponenten von D ~ sowie die Tangentialkomponenten von H
~ und
~
E bleiben beim Durchgang durch eine Grenzfläche stetig.
186
5.3 Elektromagnetische Wellen in Materie
n k2
ϑ2
εr,2 µ r,2
x
εr,1 µ r,1
k1 k 1r
ϑ1 ϑ1r
Abbildung 5.6: Reflexion und Brechung einer ebenen Welle an einer Grenzfläche.
Mit Gl. (4.23) erhalten wir für die einfallenden elektromagnetischen Felder
~1 = E
E ~ 01 ei(~k1 ·~r−ω1 t) ,
~ 1 = 1 ~k1 × E
B ~ 1 ≡ 1 k̂1 × E
~1 , (5.58)
ω1 u1
187
5 Makroskopische Elektrodynamik
wobei wir voraussetzen konnten, dass die Geschwindigkeit der reflektierten Welle im Me-
√
dium 1 gleich der der einfallenden ist, u1r = ω1r /k1r ≡ ω1 /k1 = u1 ≡ c/ ǫr,1 µr,1 = c/n1 ,
denn die Lichtgeschwindigkeit hängt nicht von der Bewegungsrichtung der Welle ab.
Für die an der Grenzfläche gebrochenen elektromagnetischen Felder gilt analog
~2 = E
E ~ 02 ei(~k2 ·~r−ω2 t) ,
~ 2 = 1 ~k2 × E
B ~ 2 ≡ 1 k̂2 × E
~2 , (5.60)
ω2 u2
√
mit der Lichtgeschwindigkeit u2 = ω2 /k2 = c/ ǫr,2 µr,2 = c/n2 im Medium 2.
Aus der Stetigkeitsbedingung (5.57) für die Tangentialkomponente des elektrischen Fel-
des folgt, dass die Phasenfaktoren der einfallenden, der reflektierten und der gebrochenen
Welle auf der Grenzfläche (z = 0) identisch sein müssen, d.h. die Phasen dürfen sich
höchstens um ganzzahlige Vielfache von 2π unterscheiden,
~k1 · ~r − ω1 t = ~k1r · ~r − ω1r t + 2nπ = ~k2 · ~r − ω2 t + 2mπ , n, m ∈ Z .
z=0 z=0 z=0
Diese Gleichung gilt für alle Werte von t, ~r und insbesondere für
(i) t = ~r = 0: dies liefert sofort, dass n = m = 0.
(ii) ~r = 0, t beliebig: dies liefert
ω1 = ω1r = ω2 ≡ ω ,
d.h. die Kreisfrequenz des reflektierten und gebrochenen Lichts stimmt mit der des
einfallenden Lichts überein. Wegen ν = ω/(2π) ist dann auch die Frequenz identisch.
Insbesondere resultiert wegen der Konstanz von u1 im Medium 1
ω
k1 = ≡ k1r ,
u1
d.h. die Wellenvektoren des einfallenden und reflektierten Lichts sind vom Betrag
her identisch. Wegen λ1 = 2π/k1 sind dann auch die Wellenlängen identisch.
(iii) t = 0, ~r beliebig: man erhält
~k1 · ~r = ~k1r · ~r = ~k2 · ~r . (5.61)
z=0 z=0 z=0
Wir nehmen o.B.d.A. an, dass der Wellenvektor ~k1 in der (xz)−Ebene liegt, aber
wir machen keine Annahmen über die Richtung von ~k1r und ~k2 . Dann gilt
k̂1 = sin ϑ1 ~e x + cos ϑ1 ~e z ,
k̂1r = sin ϑ1r cos ϕ1r ~e x + sin ϑ1r sin ϕ1r ~e y − cos ϑ1r ~e z ,
k̂2 = sin ϑ2 cos ϕ2 ~e x + sin ϑ2 sin ϕ2 ~e y + cos ϑ2 ~e z ,
wobei ϕ1r (ϕ2 ) der Winkel zwischen ~k1r (~k2 ) und der (xz)−Ebene ist. Damit liefert
die Bedingung (5.61)
k1 sin ϑ1 x = k1r sin ϑ1r (cos ϕ1r x + sin ϕ1r y) = k2 sin ϑ2 (cos ϕ2 x + sin ϕ2 y) .
188
5.3 Elektromagnetische Wellen in Materie
Dies gilt für beliebige x, y, also auch für y = 0, x beliebig, und für x = 0, y beliebig:
Die zweite Gleichung ist für beliebige k1r , k2 , ϑ1r , ϑ2 nur für
ϕ1r = ϕ2 ≡ 0
erfüllbar. Dies bedeutet aber, dass alle Wellenvektoren in der (xz)−Ebene, der sog.
Einfallsebene liegen. Aus der ersten Gleichung folgt dann (mit k1 = k1r )
ϑ1 = ϑ1r , (5.62)
sin ϑ1 k2 ω u1 u1 c n2 n2
= = = = = , (5.63)
sin ϑ2 k1 u2 ω u2 n1 c n1
Man kann nun die Stetigkeitsbedingungen (5.57) weiter analysieren, um Aussagen über
die Amplitudenverhältnisse, d.h. Intensitäten des reflektierten und gebrochenen Lichtes
zu erhalten. Für den Fall µr,1 = µr,2 führt dies auf die sog. Fresnelschen Formeln. Wir
führen dies hier nicht weiter aus, sondern verweisen auf die Literatur (z.B. [1]).
189
5 Makroskopische Elektrodynamik
~ = 1 ρ
~ ·E
∇
ǫr ǫ0
hat. Bilden wir nun die Divergenz von Gl. (5.66), so erhalten wir
~
~ ~
1 1 ∂~ρ σ ∂ρ
0 = ∇ · ∇ × B = µr µ0 σ ρ+ 2 = µr µ0 ρ+ ,
ǫr ǫ0 u ǫr ǫ0 ∂t ǫr ǫ0 ∂t
wobei wir Gl. (5.50) benutzt haben, bzw.
∂ρ σ
=− ρ.
∂t ǫr ǫ0
190
5.3 Elektromagnetische Wellen in Materie
191
5 Makroskopische Elektrodynamik
wobei p
n̂(ω) ≡ ǫ̂r (ω) µr (5.73)
2 2
der komplexe Brechungsindex ist. Mit diesen Definitionen und u = c /(ǫr µr ) sowie
µ0 c2 = 1/ǫ0 schreibt sich Gl. (5.72) wie folgt:
2 2
ω 2 ~ ω σ 2 ~
0 = ǫr µr − k + i µr µ0 σ ω E0 = 2 µr ǫr + i − k E0
c2 c ǫ0 ω
2 2
ω 2 ~ ω 2 ~0 .
≡ µr ǫ̂r (ω) − k E0 = −k E
c2 û2 (ω)
Dies sieht formal wie die Fourier-Transformierte der homogenen Wellengleichung aus,
vgl. Gl. (4.12), allerdings ist zu bedenken, dass die Wellengeschwindigkeit nun komplexe
Werte annimmt. Nichttriviale Lösungen erfordern E ~ 0 6= 0, deshalb muss der Vorfaktor
verschwinden,
ω 2 = û2 (ω) k 2 . (5.74)
Dies ist das Analogon zur Dispersionsrelation (4.13). Da ω ∈ R und û2 (ω) ∈ C, muss
auch k 2 ∈ C sein, d.h. die Wellenzahl ist komplex, k ∈ C.
Zur Bestimmung der komplexen Wellenzahl berechnen wir zunächst den Real- und
Imaginärteil des komplexen Brechungsindexes (5.73). Wir schreiben
n̂ = n̄ + i γ , n̄, γ ∈ R .
Das Quadrat des komplexen Brechungsindexes ist
µr σ
n̂2 = ǫ̂r µr = ǫr µr + i ≡ n̄2 − γ 2 + 2 i γ n̄ .
ǫ0 ω
Identifizieren wir Real- und Imaginärteil auf der linken und rechten Seite folgt
n̄2 − γ 2 = ǫr µr ≡ n2 , (5.75)
wobei n der Brechungsindex in einem gewöhnlichen Isolator ist, und
µr σ µr σ
γ n̄ = =⇒ γ = .
2 ǫ0 ω 2 ǫ0 n̄ ω
Eingesetzt in Gl. (5.75) ergibt sich
µ2r σ 2 µ2r σ 2
2
n̄ − 2 2 2 = n2 ⇐⇒ 4 2 2
n̄ − n n̄ − 2 2 = 0 .
4 ǫ0 n̄ ω 4 ǫ0 ω
Die Lösung dieser quadratischen Gleichung für n̄2 ist
s
2
n n4 µ2 σ 2
n̄2 = ± + r2 2 ,
2 4 4 ǫ0 ω
192
5.3 Elektromagnetische Wellen in Materie
193
5 Makroskopische Elektrodynamik
wobei λ = c/ν die Wellenlänge im Vakuum ist. Die Wellenlänge wird also kleiner. Sie ist
wegen n̄ ≥ n auch kleiner als in einem vergleichbaren Isolator mit σ = 0.
Die Lösungen
~ 0 e−i(ωt−k k̂·~r) ,
~ ~r) = E
E(t,
~ 0 e−i(ωt−k k̂·~r) ,
~ ~r) = B
B(t,
∇~ ·E
~ = 0 =⇒ k̂ · E
~ =0,
∇~ ·B
~ = 0 =⇒ k̂ · B
~ =0,
~
∇ ~ = − ∂ B =⇒ n̂ k̂ × E
~ ×E ~ =B
~ .
∂t c
194
Literaturverzeichnis
[1] W. Nolting, Grundkurs Theoretische Physik 3: Elektrodynamik (Springer, Berlin)
[6] L.D. Landau, E.M. Lifshitz, Lehrbuch der Theoretischen Physik II: Klassische Feld-
theorie (Harri Deutsch, Thun & Frankfurt am Main)
[8] I.N. Bronstein, K.A. Semendjajew, Taschenbuch der Mathematik (Harri Deutsch,
Thun & Frankfurt am Main)
195