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Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 44. Sitzung

Das Dokument ist das Plenarprotokoll Nr. 17/44 des Deutschen Bundestags vom 21. Mai 2010. Es enthält die Tagesordnung und die Debattenbeiträge zu verschiedenen Gesetzesvorhaben und Anträgen, unter anderem zur Bankenregulierung, zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung und zur Handlungsfähigkeit von Kommunen.

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Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 44. Sitzung

Das Dokument ist das Plenarprotokoll Nr. 17/44 des Deutschen Bundestags vom 21. Mai 2010. Es enthält die Tagesordnung und die Debattenbeiträge zu verschiedenen Gesetzesvorhaben und Anträgen, unter anderem zur Bankenregulierung, zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung und zur Handlungsfähigkeit von Kommunen.

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Plenarprotokoll 17/44

Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht

44. Sitzung

Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Inhalt:

Begrüßung des neuen Abgeordneten Holger b) Erste Beratung des von der Bundesregie-
Krestel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4407 A rung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
zes zur Umsetzung der geänderten Ban-
Erweiterung und Abwicklung der Tagesord- kenrichtlinie und der geänderten
nung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4407 B Kapitaladäquanzrichtlinie
(Drucksachen 17/1720, 17/1803) . . . . . . . 4412 D
Zur Geschäftsordnung c) Unterrichtung durch die Bundesregierung:
Bericht über die Umsetzung der neu ge-
Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE) . . . . . . 4407 B fassten Bankenrichtlinie und der neu
gefassten Kapitaladäquanzrichtlinie
Peter Altmaier (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 4408 B
(Drucksache 16/13741) . . . . . . . . . . . . . . 4412 D
Thomas Oppermann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 4409 D Dr. Michael Meister (CDU/CSU) . . . . . . . . . 4413 A
Jörg van Essen (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4411 A Nicolette Kressl (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4415 C
Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/ Otto Fricke (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4417 A
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4411 B
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 4419 B
Dr. Barbara Hendricks (SPD) . . . . . . . . . . 4421 A
Zusatztagesordnungspunkt 13:
Fritz Kuhn (BÜNDNIS 90/
Zweite und dritte Beratung des von den Frak- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4422 D
tionen der CDU/CSU und der FDP einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zur Über- Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister
nahme von Gewährleistungen im Rahmen BMF . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4424 D
eines europäischen Stabilisierungsmecha- Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/
nismus DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4425 B
(Drucksachen 17/1685, 17/1740, 17/1741) . . 4412 C
Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4427 B
in Verbindung mit
Sigmar Gabriel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4429 A
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister
Tagesordnungspunkt 27: AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4434 A
a) Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD, Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/
FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4436 D
Stabilisierung des Finanzsektors – Ei-
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister
genkapitalvorschriften für Banken an-
AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4437 C
gemessen überarbeiten
(Drucksache 17/1756) . . . . . . . . . . . . . . . . 4412 C Dr. Barbara Hendricks (SPD) . . . . . . . . . . . . 4438 D
II Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/ Dr. Carsten Sieling (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 4463 D
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4438 D
Dr. Birgit Reinemund (FDP) . . . . . . . . . . . . . 4465 D
Bartholomäus Kalb (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 4439 D
Dr. Axel Troost (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 4466 D
Bernhard Schulte-Drüggelte (CDU/CSU) . . . 4441 A Peter Aumer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 4467 D
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 4442 A Antje Tillmann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 4468 D
Bernhard Schulte-Drüggelte (CDU/CSU) . . . 4442 C

Tagesordnungspunkt 29:
Namentliche Abstimmungen . . . . . . . . .4442
. . . . D, 4443 A
a) Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und
der FDP: Steuerhinterziehung wirksam
Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4443
. . . . C, 4451 D und zielgenau bekämpfen
4454 C, 4456 D (Drucksache 17/1755) . . . . . . . . . . . . . . . 4471 A
Zusatztagesordnungspunkt 11: b) Antrag der Abgeordneten Dr. Gerhard
Schick, Dr. Thomas Gambke, Britta
Antrag der Abgeordneten Katrin Kunert, Haßelmann, weiterer Abgeordneter und
Dr. Axel Troost, Dr. Gesine Lötzsch, weiterer der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: NEN: Steuerhinterziehung wirksam be-
Wiederherstellung der Handlungsfähig- kämpfen
keit von Städten, Gemeinden und Land- (Drucksache 17/1765) . . . . . . . . . . . . . . . 4471 A
kreisen
(Drucksache 17/1744) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4446 A Manfred Kolbe (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 4471 B
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/
in Verbindung mit DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4473 A
Martin Gerster (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4473 D
Zusatztagesordnungspunkt 12: Manfred Kolbe (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 4474 C
Antrag der Abgeordneten Britta Haßelmann, Dr. Volker Wissing (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 4475 B
Lisa Paus, Dr. Gerhard Schick, weiterer Ab- Martin Gerster (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 4476 A
geordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN: Gewerbesteuer stabilisieren – Richard Pitterle (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 4476 D
nicht abschaffen Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/
(Drucksache 17/1764) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4446 A DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4477 C

in Verbindung mit
Tagesordnungspunkt 30:
a) Antrag der Abgeordneten Anton Schaaf,
Tagesordnungspunkt 28: Anette Kramme, Elke Ferner, weiterer
Beschlussempfehlung und Bericht des Fi- Abgeordneter und der Fraktion der SPD:
nanzausschusses zu dem Antrag der Abgeord- Das Risiko von Altersarmut durch ver-
neten Katrin Kunert, Dr. Axel Troost, änderte rentenrechtliche Bewertungen
Dr. Barbara Höll, weiterer Abgeordneter und von Zeiten der Langzeitarbeitslosigkeit
der Fraktion DIE LINKE: Für eine Versteti- und der Niedriglohn-Beschäftigung be-
gung der Kommunalfinanzen – Die Gewer- kämpfen
besteuer zur Gemeindewirtschaftsteuer (Drucksache 17/1747) . . . . . . . . . . . . . . . 4478 C
weiterentwickeln b) Antrag der Abgeordneten Matthias W.
(Drucksachen 17/783, 17/1783) . . . . . . . . . . . 4446 B Birkwald, Klaus Ernst, Dr. Martina
Katrin Kunert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 4446 B Bunge, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion DIE LINKE: Schutz bei Er-
Dr. Mathias Middelberg (CDU/CSU) . . . . . . 4447 C werbsminderung umfassend verbes-
Bernd Scheelen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4449 A sern – Risiken der Altersarmut verrin-
gern
Dr. Mathias Middelberg (CDU/CSU) . . . . 4449 D (Drucksache 17/1116) . . . . . . . . . . . . . . . . 4478 D
Dr. Volker Wissing (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 4459 A c) Antrag der Abgeordneten Matthias W.
Birkwald, Klaus Ernst, Dr. Martina
Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/
Bunge, weiterer Abgeordneter und der
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4460 D
Fraktion DIE LINKE: Risiken der Al-
Andreas Mattfeldt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 4462 B tersarmut verringern – Rentenbeiträge
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 III

für Langzeiterwerbslose erhöhen Alexander Funk (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 4493 C


(Drucksache 17/1735) . . . . . . . . . . . . . . . . 4478 D
Josef Göppel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 4494 B
Josip Juratovic (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4479 A Dr. Lutz Knopek (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 4494 C
Peter Weiß (Emmendingen) (CDU/CSU) . . . 4480 A Patrick Kurth (Kyffhäuser) (FDP) . . . . . . . . . 4495 A
Matthias W. Birkwald (DIE LINKE) . . . . . . . 4481 D Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU) . . . . . . . . . 4495 B
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 4482 D Paul Lehrieder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 4495 C
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn (BÜND- Dr. Georg Nüßlein (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 4496 A
NIS 90/DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . 4484 A
Frank Schäffler (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4496 C
Paul Lehrieder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 4485 B
Dr. Hermann Otto Solms (FDP) . . . . . . . . . . . 4497 A
Anton Schaaf (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4486 D
Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4498 B
Tagesordnungspunkt 31: Karl-Georg Wellmann (CDU/CSU) . . . . . . . . 4499 A
Erste Beratung des von den Fraktionen CDU/
CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE
Anlage 3
GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines
Sechsten Gesetzes zur Änderung des Wein- Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten
gesetzes Steffen Bockhahn und Dr. Barbara Höll
(Drucksache 17/1749) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4488 C (beide DIE LINKE) zur namentlichen Ab-
stimmung über den Entwurf eines Gesetzes
zur Übernahme von Gewährleistungen im
Tagesordnungspunkt 32: Rahmen eines europäischen Stabilisierungs-
mechanismus (Zusatztagesordnungspunkt 13) 4499 C
a) Antrag der Abgeordneten Kai Gehring,
Krista Sager, Priska Hinz (Herborn), wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion Anlage 4
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Gute
Lehre an allen Hochschulen garantie- Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten
ren – Eine dritte Säule im Hochschul- Dr. Valerie Wilms und Bettina Herlitzius
pakt verankern und einen Wettbewerb (beide BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zur na-
für herausragende Lehre auflegen mentlichen Abstimmung über den Entwurf ei-
(Drucksache 17/1588) . . . . . . . . . . . . . . . . 4488 C nes Gesetzes zur Übernahme von Gewährleis-
tungen im Rahmen eines europäischen
b) Antrag der Abgeordneten Nicole Gohlke, Stabilisierungsmechanismus (Zusatztagesord-
Dr. Petra Sitte, Agnes Alpers, weiterer nungspunkt 13) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4500 A
Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE: Qualitätsoffensive für die
Lehre starten – Einheit von Forschung Anlage 5
und Lehre sichern
(Drucksache 17/1737) . . . . . . . . . . . . . . . . 4488 D Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten
Dr. Peter Gauweiler, Manfred Kolbe und
Klaus-Peter Willsch (alle CDU/CSU) zur
Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4489 C namentlichen Abstimmung über den Entwurf
eines Gesetzes zur Übernahme von Gewähr-
leistungen im Rahmen eines europäischen
Anlage 1 Stabilisierungsmechanismus (Zusatztagesord-
Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 4491 A nungspunkt 13) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4500 B

Anlage 2 Anlage 6

Erklärungen nach § 31 GO zur namentlichen Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung


Abstimmung über den Entwurf eines Geset- des Entwurfs eines Sechsten Gesetzes zur Än-
zes zur Übernahme von Gewährleistungen im derung des Weingesetzes (Tagesordnungs-
Rahmen eines europäischen Stabilisierungs- punkt 31)
mechanismus (Zusatztagesordnungspunkt 13) Gustav Herzog (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4501 B
Veronika Bellmann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 4491 C Dr. Erik Schweickert (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 4502 A
Thomas Dörflinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 4493 B Alexander Süßmair (DIE LINKE) . . . . . . . . . 4503 B
IV Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Ulrike Höfken (BÜNDNIS 90/ Monika Grütters (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 4505 C


DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4503 D
Julia Klöckner, Parl. Staatssekretärin Tankred Schipanski (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 4507 A
BMELV . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4504 C
Swen Schulz (Spandau) (SPD) . . . . . . . . . . . . 4508 C

Dr. Martin Neumann (Lausitz)


Anlage 7 (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4509 C
Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung
der Anträge: Nicole Gohlke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 4510 D
– Gute Lehre an allen Hochschulen garan- Kai Gehring (BÜNDNIS 90/
tieren – Eine dritte Säule im Hochschul- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4511 D
pakt verankern und einen Wettbewerb für
herausragende Lehre auflegen
– Qualitätsoffensive für die Lehre starten –
Einheit von Forschung und Lehre sichern Anlage 8
(Tagesordnungspunkt 32 a und b) Amtliche Mitteilungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4512 C
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4407

(A) (C)

Redetext

44. Sitzung

Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Beginn: 9.00 Uhr

Präsident Dr. Norbert Lammert: Sie haben in dieser Woche in einem Schnellverfahren
Die Sitzung ist eröffnet. Nehmen Sie bitte Platz. über die Vergabe von über 100 Milliarden Euro entschie-
den. Das Parlament wird erneut zu einer Abstimmungs-
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich teile Ihnen mit,
maschinerie degradiert. Die Linke sagt: Damit muss
dass der Kollege Hellmut Königshaus aufgrund seiner
endlich Schluss sein.
Ernennung und gestrigen Vereidigung zum Wehrbeauf-
tragten auf die Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag (Beifall bei der LINKEN)
verzichtet hat. Als Nachfolger begrüße ich den Kollegen
Holger Krestel. Wir teilen ausdrücklich Ihre Kritik, Herr Präsident, an
diesem Verfahren, am Umgang der Regierung mit dem
(Beifall) Parlament. Wir, das Parlament, sind nicht das Marionet-
Herzlich willkommen und gute Zusammenarbeit! tentheater der Regierung.

Bevor wir in die Tagesordnung eintreten, müssen wir (Beifall bei der LINKEN)
(B) einen Geschäftsordnungsantrag behandeln. Die Frak- (D)
Im Übrigen will ich die Fraktionsvorsitzenden daran
tionen der CDU/CSU und FDP haben fristgerecht bean- erinnern, dass die Kanzlerin im Gespräch mit ihnen ver-
tragt, die heutige Tagesordnung um die zweite und dritte sprochen hat, dass die abschließende Lesung hier im
Beratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Übernahme Bundestag erst stattfindet, wenn der europäische Vertrag
von Gewährleistungen im Rahmen eines europäischen vorliegt. Der Vertrag liegt bis heute nicht vor.
Stabilisierungsmechanismus zu erweitern. Die Vorlage
soll heute als Zusatzpunkt 13 in Verbindung mit Tages- (Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-
ordnungspunkt 27 als erster Punkt mit einer auf zwei NIS 90/DIE GRÜNEN)
Stunden verlängerten Debattenzeit beraten werden. Dazu
Sie, meine Damen und Herren, geben sich jetzt mit Eck-
gibt es kein Einvernehmen. Deswegen wollen wir da-
punkten zufrieden. Wie diese Eckpunkte im Vertrag tat-
rüber in einer Geschäftsordnungsrunde diskutieren und
sächlich geregelt werden, ist bis heute völlig offen. Es ist
dann über diesen Antrag befinden.
also die Frage, inwieweit die nationalen Parlamente be-
Gegen diesen Aufsetzungsantrag hat sich die Kolle- teiligt werden, inwieweit eine Kontrolle erfolgt. Das al-
gin Dagmar Enkelmann zu Wort gemeldet, der ich hier- les sind Fragen, die bis heute offen sind. Sie meinen
mit das Wort erteile. möglicherweise, das sei unwichtig. Die Linke sagt: Das
ist wichtig für die Entscheidung in diesem Hohen Hause.
(Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der LINKEN)
Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE): Wir wollen nicht die Katze im Sack kaufen.
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
ren! Die Fraktion Die Linke stimmt der Aufsetzung des Das ist auch nicht durch Ihren im Ausschuss vorge-
genannten Gesetzentwurfes auf die Tagesordnung nicht legten Änderungsantrag geheilt, in dem Sie sagen: Na
zu. Kommen Sie mir jetzt nicht mit der Verantwortung, gut, wenn der Vertrag nächste Woche da ist, dann wer-
die wir für Europa zu übernehmen haben! den wir mal den Haushaltsausschuss informieren. – Hier
entscheidet heute dieses Parlament, der gesamte Bundes-
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Nein! – Peter tag, nicht der Haushaltsausschuss, der irgendwann mal
Altmaier [CDU/CSU]: Genau damit kommen informiert wird.
wir Ihnen!)
Es wäre durchaus möglich, zum Beispiel eine Sonder-
Das Verfahren in dieser Woche ist verantwortungslos.
sitzung einzuberufen, wenn der Vertrag da ist. Das hätten
(Beifall bei der LINKEN) wir diskutieren können. Das haben Sie abgelehnt. Sie
4408 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Dagmar Enkelmann


(A) wollen dieses Schnellverfahren innerhalb von einer Wo- (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (C)
che. Nein, von einem seriösen Verfahren kann hier keine NEN]: Plus Wortbruch der Kanzlerin!)
Rede sein.
Darum geht es Ihnen ja auch nicht, Frau Enkelmann.
Es war keine Zeit, wirklich über Alternativen zu bera- Tun Sie nicht so! Führen Sie die Leute nicht hinter die
ten. Heribert Prantl hat in der Süddeutschen Zeitung völ- Fichte, indem Sie irgendwelche Quisquilien und techni-
lig zu Recht festgestellt: Die Regierung behauptet, die- schen Argumente anführen!
ses Milliardenpaket sei alternativlos, und wir glauben
Ich will Ihnen etwas vorlesen: Vertrag von
das alles. – Das heißt: Die Regierung stellt das Parla-
Maastricht, 1992: CDU/CSU, SPD, FDP: ja, Linke:
ment de facto kalt, und das Parlament oder, sagen wir
nein. Vertrag von Amsterdam, 1997: CDU/CSU, SPD,
mal so, eine Mehrheit in diesem Parlament lässt sich
FDP: ja, Linke: nein.
auch noch kaltstellen.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Es war auch keine Zeit, die Verfassungsmäßigkeit
dieses Gesetzes zu prüfen. Die ersten Verfassungsklagen Vertrag von Nizza: CDU/CSU, SPD, FDP: ja, Linke:
sind angekündigt. nein.
Es war auch keine Zeit, die Folgen oder die langfristi- (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
gen Auswirkungen des heute vorliegenden Gesetzent-
Verfassungsvertrag – da hatten Sie keinen Fraktionssta-
wurfes zu prüfen, unter anderem zu prüfen, welche Be-
tus, es waren nur zwei MdBs vertreten –: Stimmverhal-
lastungen künftig auf die Bürgerinnen und Bürger
ten: nein. Vertrag von Lissabon: ebenfalls nein.
zukommen. Es wird noch schlimmer! Schauen Sie sich
den Gesetzentwurf einmal an! Darin steht nämlich: (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Die mittelbaren finanziellen Auswirkungen sind Heute reden wir über ein weiteres europäisches Vorha-
nicht bezifferbar. ben ersten Ranges, und Sie sagen wieder Nein.
Das hätten wir als Linke mal in einem Antrag formulie- Sehr geehrter Herr Gysi, sehr geehrte Frau
ren sollen! Das hätten Sie uns um die Ohren gehauen! Enkelmann, wir haben eine Partei vor uns, die zutiefst
Die Regierung darf das ungestraft tun. antieuropäisch empfindet und sich destruktiv verhält.
(Beifall bei der LINKEN) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Nein, meine Damen und Herren, ein so unsolides, un- Solange Sie diese Haltung nicht ändern, werden wir Sie
seriöses Gesetzgebungsverfahren ist mit der Linken im parlamentarischen Verfahren nicht als Partner akzep-
(B) nicht zu machen. Da wächst kein Vertrauen in die Stabi- tieren. (D)
lisierung des Euro, und da wächst auch kein Vertrauen in
diese Regierung. Das haben Sie längst verspielt. Ich (Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der
finde, Sie können einpacken. FDP)

(Beifall bei der LINKEN) Herr Präsident, meine Damen und Herren, soweit ich
weiß, wird sich Bündnis 90/Die Grünen heute Morgen
dem Antrag der Linkspartei anschließen.
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Für die CDU/CSU-Fraktion erhält der Kollege Peter (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Altmaier das Wort. NEN]: Weil wir der Kanzlerin geglaubt ha-
ben!)
Peter Altmaier (CDU/CSU): Ich will hier in aller Deutlichkeit sagen, Herr Trittin: Im
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Gegensatz zur Linkspartei ist die europäische Überzeu-
Herren! Wir beraten und entscheiden heute über eines gung von Bündnis 90/Die Grünen über jeden Zweifel er-
der wichtigsten Gesetzgebungsvorhaben der letzten haben.
Jahre.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN]: Was?) NEN)
Gerade weil dies so ist, sollten wir im Interesse der Legi- Das haben Sie in den letzten Jahren in diesem Parlament
timation und der Legitimität dieses Parlaments gemein- wiederholt bewiesen, zuletzt bei der Verabschiedung des
sam das zum Ausdruck bringen, was über jeden Zweifel Griechenland-Paketes. Das ist auch ein Beweis für de-
erhaben ist: dass das Gesetzgebungsverfahren zwar zü- mokratische Reife.
gig, aber in Punkt und Komma in Übereinstimmung mit
(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
den gesetzlichen Vorschriften und den Vorgaben der Ge-
schäftsordnung durchgeführt worden ist. Nur, Herr Trittin, ich habe nicht verstanden, wie Sie
bei der Frage des Griechenland-Paketes ein mutiges Si-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
gnal Ihrer europäischen und demokratischen Reife geben
Wir haben es mit einem ganz normalen, regulären Ge- konnten und jetzt, 14 Tage später, so tun können, als hät-
setzgebungsvorhaben zu tun, wie es in der Geschichte ten Sie mit all dem nichts zu schaffen, und dies unter Be-
dieses Parlaments schon häufig vorgekommen ist. rufung auf zugegebenermaßen wichtige, aber technische
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4409
Peter Altmaier
(A) Fragen im Zusammenhang mit diesem Gesetzgebungs- Wir – CDU/CSU und FDP gemeinsam – sind Ihnen in (C)
vorhaben. dieser Frage mit einer klaren Aussage entgegengekom-
men. Die Märkte haben das realisiert. In ganz Europa
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- wird die Bundesrepublik Deutschland als Vorkämpferin
NEN]: Technisch?) für eine bessere Regulierung und eine vernünftige Ein-
Wir haben im Haushaltsausschuss mit Ihrer Unterstüt- dämmung der Spekulationen angesehen.
zung die Beteiligungsrechte des Parlamentes verschärft. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – La-
Die Bundesregierung ist ihrer Verpflichtung nachgekom- chen bei der SPD, der LINKEN und dem
men. Wir haben Ihnen die Eckpunkte der Zweckgesell- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
schaft vorgelegt. Wir haben darauf hingewiesen, dass es
in der Sache keine Änderungen und keine Regelungen Nur Sie wollen das nicht wahrhaben, weil Sie glauben,
geben wird, die dem Parlament nicht vorher mitgeteilt dass Sie damit die eine oder andere Stimme gewinnen
werden. können.
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es
ist nicht entscheidend! – Volker Beck [Köln] ist Pfingsten, nicht Karneval!)
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das Parla- Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir ent-
ment ist mehr als ein Haushaltsausschuss!) scheiden heute über sehr viel Geld. Es ist eines der wich-
Ich kann Ihnen sagen, was seit der Entscheidung zu tigsten Gesetzgebungsvorhaben, nicht nur, weil es um
Griechenland geschehen ist: Die SPD hat sich damals in Geld geht, sondern weil es im Kern um die Frage geht,
die Büsche geschlagen, und nun hoppeln Sie in die ob wir es schaffen, unser Modell der sozialen Marktwirt-
Büsche hinterher. Nur – das sieht man in Nordrhein- schaft in einer globalen Welt zu verteidigen. Dazu sind
Westfalen – ist die SPD schon längst einen Busch weiter. wir bereit, und dafür möchte ich Sie noch einmal um
Ihre Unterstützung bitten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Vielen Dank.
NEN]: Darüber müssen Sie ja selber lachen!) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deshalb sage ich Ihnen: Sie sollten sich an Ihrem Alt-
meister Joschka Fischer orientieren. Ich bin davon über- Präsident Dr. Norbert Lammert:
zeugt, dass Joschka Fischer, wenn er in dieser Situation Der Kollege Thomas Oppermann erhält nun für die
Vorsitzender der Grünenfraktion wäre, sagen würde: Wir SPD-Fraktion das Wort.
(B) können doch in einer politischen Gestaltungsfrage ersten (D)
Ranges nicht über eine haushaltsrechtliche Einzelfrage (Beifall bei der SPD – Jürgen Trittin [BÜND-
den Kurs der Grünen bestimmen. NIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt kommt die SPD
aus dem Busch, um Herrn Altmaier zu zitie-
(Lachen des Abg. Jürgen Trittin [BÜND- ren!)
NIS 90/DIE GRÜNEN])
Wenn er heute Morgen vor dem Fernsehschirm sitzt, Thomas Oppermann (SPD):
wird er Ihnen – wahrscheinlich nicht der Fraktion, aber Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lieber
den beiden Fraktionsvorsitzenden – vermutlich seinen Herr Altmaier, natürlich ist das Verfahren nicht irregulär.
Lieblingsspruch zurufen: Avanti Dilettanti! Sie halten die Fristen ein, und Sie haben das Recht, die-
sen Punkt heute auf die Tagesordnung zu setzen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Dr. Andreas Schockenhoff [CDU/CSU]: Sie
Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Herr enthalten sich!)
Steinmeier ist nicht da, Herr Gabriel ist nicht da.
Wir werden dem nicht widersprechen. Wenn die Regie-
(Thomas Oppermann [SPD]: Der ist da! Er ist rungsmehrheit heute über diese Frage entscheiden will,
hinten!) dann sollen Sie darüber nach unserer Überzeugung auch
entscheiden dürfen.
– Wunderbar. – Ich will am Ende noch einmal einen Ap-
pell an die sozialdemokratische Partei in diesem Hause (Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Das ist der
richten. Wir haben seit den 50er-Jahren alle grundlegen- Vorsprung der Kanzlerin!)
den Fragen der europäischen Integration bei vielerlei
Aber das ist noch lange kein angemessener Umgang mit
Unterschieden im Detail gemeinsam diskutiert und ge-
diesem Parlament.
meinsam entschieden. Sie haben sich bei der Griechen-
land-Frage für Enthaltung entschieden. Sie haben ge- (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
sagt: Wir wollen ein klares Signal, dass die Märkte und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
die Banken an den Kosten der Krise beteiligt werden.
Das war auch unser Anliegen. Wir sollen heute über Bürgschaften in Höhe von
148 Milliarden Euro entscheiden, aber wir kennen noch
(Lachen bei Abgeordneten der SPD und des nicht die vertraglichen Grundlagen, nach denen diese
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Kredite bzw. Bürgschaften vergeben werden. Ich finde,
4410 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Thomas Oppermann
(A) das ist für jeden Abgeordneten in diesem Haus eine Zu- scheidung war das sogenannte Wachstumsbeschleuni- (C)
mutung. gungsgesetz, mit dem 1 Milliarde Euro für die Hotelket-
ten bewilligt wurde; das war die Mövenpick-Milliarde.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) (Beifall bei Abgeordneten der SPD – Wider-
Wir sollen schnell entscheiden. Ich frage Sie, Frau Bun- spruch bei der FDP)
deskanzlerin: Warum haben Sie denn nicht gemeinsam Die zweite gravierende Entscheidung war der Haus-
mit den Regierungen in Europa schneller gearbeitet? halt 2010. Wir haben einen Haushalt mit einer Nettokre-
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem ditaufnahme in Höhe von 80 Milliarden Euro verabschie-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Otto Fricke det, der höchsten Nettokreditaufnahme in der Geschichte
[FDP]: Das geht nicht noch schneller! – Zu- der Bundesrepublik.
rufe von der CDU/CSU: Oh! Oh!) (Norbert Barthle [CDU/CSU]: Steinbrück
Ist es denn unzumutbar, dass die Regierungen zwei Wo- wollte 86 Milliarden! – Otto Fricke [FDP]: Ihr
chen lang Zeit haben, eine vertragliche Regelung herbei- wolltet doch fast 90 Milliarden! – Dr. Hans-
zuführen, damit die Parlamente entscheiden können? Peter Friedrich [Hof] [CDU/CSU]: Das ist im-
Das ist doch das Selbstverständlichste von der Welt. mer noch weniger, als in Ihrem Etatentwurf
geplant war!)
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
– Ganz ruhig. Nur weil Sie eine Tu-nichts-Regierung
Es fällt auf, dass ohnehin mit sehr unterschiedlichen sind, sind wir noch lange kein Abnickparlament.
Geschwindigkeiten gearbeitet wird,
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
(Iris Gleicke [SPD]: So ist es!) DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
je nachdem, welcher Gegenstand betroffen ist. Heute sol- LINKEN)
len wir innerhalb einer Woche entscheiden. Aber in Ihrer Bei der dritten gravierenden Entscheidung ging es um
Vorhabenplanung, Frau Bundeskanzlerin, steht: Umset- die 22 Milliarden Euro, die wir vorvergangene Woche
zung der Bankenrichtlinie: geplant für September 2010; für Griechenland bewilligt haben.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Auch da habt
NEN]: Aha! 2010, nicht 2011! – Zurufe von
ihr euch enthalten!)
der SPD: Oh!)
Gesetz zur Verstärkung des Anlegerschutzes: geplant für Heute geht es um 148 Milliarden Euro. Ich sage Ihnen:
(B)
Februar 2011; Über insgesamt mehr als 250 Milliarden Euro haben Sie (D)
in den ersten sechs Monaten dieser Wahlperiode zusätz-
(Zurufe von der SPD: Oh!) lich entschieden.
Bankenabgabe: Verabschiedung geplant für Februar 2011. (Hermann Gröhe [CDU/CSU]: Wollen Sie
(Joachim Poß [SPD]: Vorkämpfer!) etwa die Kurzarbeit abschaffen?)

Es fällt, wie gesagt, auf, dass mit verschiedenen Ge- Das ist eine Viertelbillion Euro, Frau Bundeskanzlerin.
schwindigkeiten gearbeitet wird, je nachdem, ob es da- Damit sind Sie schon heute die Schuldenregierung, die
rum geht, Banken zu retten oder nervöse Finanzmärkte Regierung, die in der Geschichte der Bundesrepublik
zu beruhigen, oder ob es darum geht, die Bürgerinnen Deutschland die meisten Schulden gemacht hat.
und Bürger durch Finanzmarktregulierungen vor diesen (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Finanzmärkten zu schützen. der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem GRÜNEN – Norbert Barthle [CDU/CSU]: Das
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) ist eine Frechheit!)
Ich sage Ihnen, Frau Bundeskanzlerin: Wir werden es Ich bitte Sie: Machen Sie jetzt endlich Ihre Hausauf-
nicht hinnehmen, dass Sie aus dem Deutschen Bundes- gaben, damit Sie nicht schon bald das nächste Rettungs-
tag ein Parlament der zwei Geschwindigkeiten machen. paket schnüren müssen. Sie haben Ihr Konto maßlos
überzogen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
GRÜNEN) der LINKEN – Norbert Barthle [CDU/CSU]:
Das ist typisch SPD! Ihr findet einfach keine
Glauben Sie nicht, dass den Bürgerinnen und Bürgern
Haltung!)
nicht auffällt, dass das eine ganz schnell geht und das an-
dere unendlich lange dauert?!
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Es ist in der Tat so: Wir haben heute eine der schwie- Das Wort erhält nun der Kollege Jörg van Essen für
rigsten Entscheidungen zu treffen, die der Deutsche die FDP-Fraktion.
Bundestag jemals treffen musste. Dies ist die vierte gra-
vierende Entscheidung in dieser Wahlperiode. Ich muss (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Ihnen das einmal in Erinnerung rufen: Die erste Ent- der CDU/CSU)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4411

(A) Jörg van Essen (FDP): (Jörg van Essen [FDP]: Ihr habt doch den (C)
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir Antrag selbst eingebracht!)
haben heute eine schwere Entscheidung zu treffen. Wir
Es gibt bereits einen Abgeordneten von der Union, der
alle sind in der Verpflichtung, auch in der Diskussion
angekündigt hat, gegen das Gesetz zu klagen. Was be-
dieser besonderen Situation gerecht zu werden.
wirkt es für die Stabilisierung der Finanzmärkte, wenn
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der Abgeordnete am Ende zu Recht die Verletzung sei-
der CDU/CSU) ner Organrechte vom Bundesverfassungsgericht bestä-
tigt bekommt und Ihnen das Ganze um die Ohren fliegt?
Ich werbe nachdrücklich dafür, dass wir das auch nach
Dann haben Sie mit Zitronen gehandelt und ein Desaster
außen hin deutlich machen.
für die Europäische Union angerichtet.
Es ist doch schon erstaunlich: Über Wochen wirft die
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Opposition der Regierung vor, dass sie nicht schnell ge-
und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
nug entscheidet, dass sie bestimmte Entscheidungen
der SPD)
nicht schnell genug herbeigeführt hat. Jetzt geht auf ein-
mal alles viel zu schnell. Das Gesetzgebungsverfahren hat schon auf der Ebene
der Europäischen Union mit einem ersten Verfassungs-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
bruch begonnen: Am 7. Mai wurden Sie darüber unter-
Gerade in schwierigen Zeiten ist es gut, wenn man dem richtet, dass man dringend einen solchen Mechanismus
Rat folgt, den jemand gibt, der insgesamt großes Ansehen schaffen muss. Frau Bundeskanzlerin, haben Sie den
genießt, und zwar berechtigt. In dieser Woche – ein Kol- Deutschen Bundestag unverzüglich darüber unterrichtet?
lege hat es mitgeschrieben – ist in der Anhörung des Nein. Am 9. Mai waren nämlich Wahlen in Nordrhein-
Haushaltsausschusses vorgetragen worden: „Es ist unab- Westfalen. Sie haben abgewartet; Sie haben dieser Ver-
dingbar, am Freitag“ – am heutigen Tage also – „das Ge- ordnung zugestimmt, ohne dem Bundestag das Recht zur
setzgebungsverfahren abzuschließen. Es ist unabdingbar. Stellungnahme zu geben.
Man muss daher ohne Wenn und Aber in dieser Woche zu
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
Ende kommen, um weitere Skepsis und weitere Verunsi-
bei der SPD und der LINKEN)
cherungen zu vermeiden.“ – Das war die Empfehlung des
Präsidenten der Bundesbank. Damit haben Sie die Rechte dieses Parlamentes verletzt.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Heute wollen Sie eine Blankovollmacht für die weite-
NEN]: Können Sie das auf Französisch sagen, ren Verhandlungen. Warum sollte die Opposition Ihnen
Herr van Essen?) eine Blankovollmacht ausstellen? Sie sind uns am Anfang (D)
(B)
Wir sollten genau dieser Empfehlung folgen. der Woche entgegengekommen und haben gesagt, dass
am Freitag die Grundlagen vorliegen; sie liegen nicht vor.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Sie haben versucht, uns mit der Zusage zu locken, eine Fi-
der CDU/CSU) nanzmarktsteuer einzuführen. Hinterher haben Sie uns
dann gesagt: Das könnte die Finanzaktivitätsteuer, die Fi-
Damit werden wir der Verpflichtung unseres Parlaments
nanztransaktionsteuer oder eine Kombination aus beidem
gerecht.
sein. Sie sind nicht entscheidungsfähig. Sie sind die
Vielen Dank. Bremse in Europa, wenn notwendige Maßnahmen recht-
zeitig verabschiedet werden müssen. Das war bei der
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Griechenland-Hilfe so, das ist bei der Finanzmarktsteue-
rung so. Warum sollten wir Ihnen hier einen Blanko-
Präsident Dr. Norbert Lammert: scheck ausstellen?
Der Kollege Volker Beck hat nun für die Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen das Wort. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der LINKEN)
Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Meine Damen und Herren, zahlreiche Fragen, die sich
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Unsere im Zusammenhang mit dem geplanten Mechanismus
Fraktion widerspricht der Aufsetzung des Gesetzentwur- stellen, sind in dieser Woche nicht geklärt worden. Die
fes auf die Tagesordnung am heutigen Freitag, und zwar Kommission handelt hier – auf Wunsch der Bundesre-
nicht, weil wir gegen den geplanten Stabilisierungsme- gierung – außerhalb des EU-Vertrages und offenbar im
chanismus wären, sondern weil wir ihn sorgfältig bera- Sinne der Unterstützung der Nationalstaaten. Wer kon-
ten und in Kenntnis aller Unterlagen und Grundlagen be- trolliert die Europäische Kommission bei dieser Tätig-
schließen wollen. Diese Grundlagen liegen nicht vor. keit? Wenn wir Ihnen heute hinsichtlich dieser Fragen
Was uns vorliegt, ist ein kleiner Zettel mit ein paar Krite- einen Blankoscheck ausstellen, haben wir unsere Rechte
rien für den Vertrag über die Zweckgesellschaft. abgegeben; das Europäische Parlament ist nicht zustän-
dig.
Herr van Essen, Sie verlangen heute von uns – und
das ohne Not –, dass wir unsere Rechte auf Mitwirkung Zu der zwischenstaatlichen Vereinbarung zur Errich-
in der Europäischen Union und unser Budgetrecht aufge- tung einer Zweckgesellschaft – wir kennen sie nicht, und
ben und an die Regierung delegieren. Das ist hochge- auf dem Zettel steht dazu nichts – stellen sich einige Fra-
fährlich. gen: Soll dies eine zivilrechtliche Vereinbarung nach lu-
4412 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Volker Beck (Köln)


(A) xemburgischem Recht sein, bei der die Bundesregierung Präsident Dr. Norbert Lammert: (C)
den Bundestag nicht konsultieren muss? Oder ist nicht Wir kommen nun zur Abstimmung über den Aufset-
doch eine völkerrechtliche Vereinbarung nötig und vor- zungsantrag. Wer für den Aufsetzungsantrag der Fraktio-
gesehen? Dann muss sie hier im Deutschen Bundestag nen der CDU/CSU und der FDP stimmt, den bitte ich um
beraten werden. All diese Fragen haben Sie nicht ge- das Handzeichen. – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält
klärt, und Sie wollen die Klärung an die Bundesregie- sich? – Damit ist der Aufsetzungsantrag mit der Mehr-
rung delegieren. Das ist fahrlässig und entspricht nicht heit der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen von
der Seriosität dieses Parlamentes. Bündnis 90/Die Grünen und der Fraktion Die Linke bei
Stimmenthaltung der SPD-Fraktion angenommen.
Wir schlagen vor, den Gesetzentwurf heute von der (Nicolette Kressl [SPD]: Für Überheblichkeit
Tagesordnung abzusetzen und den Bundestagspräsiden- ist eigentlich kein Platz mehr!)
ten zu bitten, dann, wenn die Grundlagen hierfür vorlie-
gen, unverzüglich den Deutschen Bundestag, auch in der Ich rufe nun den soeben aufgesetzten Zusatzpunkt 13
Pfingstpause, einzuberufen, damit wir die notwendigen sowie die Tagesordnungspunkte 27 a bis 27 c auf:
Entscheidungen treffen. Andere Länder wie Frankreich ZP 13 Zweite und dritte Beratung des von den Fraktio-
haben in dieser Woche auch nicht entschieden. Sie wis- nen der CDU/CSU und der FDP eingebrachten
sen doch: Der Mechanismus greift erst, wenn alle ent- Entwurfs eines Gesetzes zur Übernahme von
schieden haben, die Vereinbarungen stehen und die Sat- Gewährleistungen im Rahmen eines europäi-
zung für die Zweckgesellschaft vorliegt. Vorher kann schen Stabilisierungsmechanismus
nichts greifen. – Drucksache 17/1685 -
(Jörg van Essen [FDP]: Ganz ruhig!) Beschlussempfehlung und Bericht des Haushalts-
ausschusses (8. Ausschuss)
Bis dahin ist bereits eine Regelung in Kraft: 60 Mil-
liarden Euro der Europäischen Union stehen für notwen- – Drucksache 17/1740, 17/1741 –
dige Maßnahmen unmittelbar zur Verfügung. Deshalb Berichterstattung:
droht, wenn wir die heutige Entscheidung vertagen, Abgeordnete Norbert Barthle
keine Unsicherheit für die Finanzmärkte, es droht insbe- Carsten Schneider (Erfurt)
sondere keine verfassungsrechtliche Krise bei der Verab- Otto Fricke
schiedung dieses Paketes, und wir, der Deutsche Bun- Roland Claus
destag, können diese Frage seriös in Verantwortung Alexander Bonde
gegenüber unseren Wählerinnen und Wählern sowie den
(B) Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern beraten und ent- 27 a) Beratung des Antrags der Fraktionen CDU/CSU, (D)
SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
scheiden und die Verantwortung für diese schwierige
Entscheidung dann gemeinsam tragen. Stabilisierung des Finanzsektors – Eigenkapi-
talvorschriften für Banken angemessen über-
Sie wollen die Opposition daran hindern, hier mitzu- arbeiten
machen. Aber darum geht es Ihnen gar nicht; das haben
– Drucksache 17/1756 –
wir am Mittwoch erlebt. Die FDP-Fraktion sagt uns ja:
Überweisungsvorschlag:
Es ist uns egal, ob die Opposition dafürstimmt oder da- Finanzausschuss (f)
gegenstimmt, Rechtsausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
(Nicolette Kressl [SPD]: Ja!) Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

Hauptsache, wir bekommen das durch. – Dies liegt nur b) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
an einem: Sie glauben, dass Sie Ihre Mehrheiten in der gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Umset-
nächsten oder übernächsten Woche womöglich gar nicht zung der geänderten Bankenrichtlinie und der
mehr zusammenbekommen; denn das Misstrauen Ihrer geänderten Kapitaladäquanzrichtlinie
Fraktionen gegenüber der eigenen Regierung in diesen – Drucksachen 17/1720, 17/1803 –
Fragen ist ja sinnfällig; das hören wir aus Ihren Frak- Überweisungsvorschlag:
tionssitzungen. Finanzausschuss (f)
Rechtsausschuss
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- Verbraucherschutz
KEN) c) Unterrichtung durch die Bundesregierung
Deshalb, aus Angst davor, dass Ihnen der Laden ausein- Bericht über die Umsetzung der neu gefassten
anderläuft, drücken Sie das Ganze hier mit aller Gewalt Bankenrichtlinie und der neu gefassten Kapi-
und gegen die Rechte des Deutschen Bundestages durch. taladäquanzrichtlinie
– Drucksache 16/13741 –
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der LINKEN – Dr. Michael Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)
Meister [CDU/CSU]: In der Schule würde Rechtsausschuss
man sagen: Setzen, sechs!) Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4413
Präsident Dr. Norbert Lammert
(A) Zu dem Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU Zweitens. Wir brauchen eine Stärkung der Leistungs- (C)
und der FDP liegen zwei Entschließungsanträge der fähigkeit der Volkswirtschaften in der Euro-Gruppe.
SPD-Fraktion sowie je ein Entschließungsantrag der An dieser Stelle müssen wir eine Debatte nach dem
Fraktion Die Linke und der Fraktion Bündnis 90/Die Motto „Alle müssen stärker werden“ führen. Wir dürfen
Grünen vor. keine Debatte nach dem Motto „Wie kann der Stärkere
schwach werden?“ führen. Wir müssen gemeinsam un-
Ich mache schon jetzt darauf aufmerksam, dass wir
sere wirtschaftliche Leistungskraft steigern. In diesem
am Schluss dieser Debatte insgesamt vier namentliche
Sinne müssen wir die Debatte bestreiten.
Abstimmungen durchführen werden, zunächst über den
Gesetzentwurf, dann über die beiden Entschließungsan- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
träge der SPD-Fraktion und schließlich über den Ent-
Das ist nicht ganz einfach, weil nicht alle dieselbe Philo-
schließungsantrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
sophie haben. Deshalb sagen wir Ja zu mehr Koordina-
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für tion in der Wirtschaftspolitik, aber in richtig verstandenem
die Aussprache zwei Stunden vorgesehen. – Ich höre Sinne. Wir müssen auch in Zukunft wettbewerbsfähig
dazu keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen. sein, nicht nur in, sondern auch über Europa hinaus, also
gegenüber China, Indien und den USA. Deshalb müssen
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort erhält zunächst wir gemeinsam unsere wirtschaftliche Leistungskraft
der Kollege Dr. Michael Meister für die CDU/CSU- stärken.
Fraktion.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- neten der FDP)
neten der FDP)
Drittens. Wir haben es gesehen: Wenn jemand
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): schwach ist, wird das von den Kapitalmärkten entdeckt.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir als Sie versuchen, Schwächen auszunutzen. Mit Blick auf
christlich-liberale Koalition wollen ein lebendiges und die Finanzkrise, die wir erlebt haben, und mit Blick auf
funktionierendes Europa, und wir stehen für einen stabi- die Schuldenkrise, die wir gegenwärtig erleben, müssen
len Euro. Diese Verantwortung werden wir heute früh im wir deshalb für eine bessere Regulierung der Kapital-
Deutschen Bundestag wahrnehmen. Ich würde mich märkte sorgen.
freuen, wenn auch die Kollegen der Opposition bereit Für diese drei Aufgaben brauchen wir zeitnahe Lö-
wären, Verantwortung für Deutschland und unsere ge- sungen. Heute wird es keine Lösungen geben, aber wir
meinsame Währung zu übernehmen, und nicht davon- müssen darum ringen, dass sie möglichst schnell kom-
(B) laufen würden. men. Damit wir die Zeit haben, Lösungen auf den drei (D)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Problemfeldern zu erreichen, brauchen wir das Nothilfe-
neten der FDP) paket, das heute auf dem Tisch liegt. Deshalb möchte ich
Sie alle bitten, dieses Paket zu unterstützen, damit wir
Herr Oppermann, Sie sollten sich die Frage stellen, die Zeit haben, die richtigen Weichenstellungen in Eu-
wie Ihre Absicht, sich zu enthalten, von Ihren Kollegen ropa treffen zu können.
im Europäischen Parlament und von den Regierungen,
die von mit Ihnen befreundeten Parteien in anderen euro- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
päischen Ländern gestellt werden, wahrgenommen wird. neten der FDP)
Ich glaube, Sie geben ein Bild ab, das als schwer erträg- Die Schuldenkrise in Europa hat aus meiner Sicht
lich empfunden wird. zwei Ursachen. Eine Ursache ist die Finanz- und Wirt-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- schaftskrise, in der die Staaten zum einen durch die Ret-
neten der FDP) tung der Finanzinstitute und zum anderen durch die Sta-
bilisierung der Konjunktur mittels staatlich finanzierter
Wenn wir einen stabilen Euro haben wollen, dann Programme versucht haben, diese Krise abzumildern.
müssen wir aus meiner Sicht drei Maßnahmen ergreifen: Die zweite Ursache liegt allerdings in der Struktur. Über
viele Jahre hinweg wurde in fast allen europäischen
Erstens. Wir müssen den Euro wetterfest machen. Wir
Staaten mehr Geld ausgegeben als eingenommen. Des-
haben festgestellt, dass die Regelungen, die der Vertrag
halb müssen wir eine Veränderung des Verhaltens her-
von Maastricht enthält, zwar auf dem Papier stehen,
beiführen. Ich bin der Meinung, wir sollten nicht auf an-
aber bedauerlicherweise nicht eingehalten werden. Des-
dere schauen, sondern wir sollten bei uns beginnen. Wir
halb brauchen wir eine Stärkung des Maastrichter Ver-
sollten ein Vorbild sein, eine positive Rolle spielen und
trages. Dazu hat gestern Bundesfinanzminister Wolfgang
versuchen, unser Budgetdefizit strukturell auszuglei-
Schäuble seinen Kollegen in der Euro-Gruppe Vor-
chen. Das ist die Aufgabe, vor der wir stehen.
schläge gemacht. Heute Nachmittag wird damit begon-
nen, über Änderungen am Vertrag zu sprechen. Wir als (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Fraktion wünschen ausdrücklich, dass diese Dinge ener- neten der FDP)
gisch und zeitnah vorangetrieben werden, damit wir in
Ich bin sehr einverstanden mit unserer Position, die
Zukunft ein festeres Fundament für den Euro gewähr-
die Frau Bundeskanzlerin vor zwei Tagen hier vorgetra-
leisten können.
gen hat. Wir sprechen heute über die Frage: Sind wir mit
(Beifall bei der CDU/CSU) anderen Ländern in der EU solidarisch, die möglicher-
4414 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Michael Meister


(A) weise noch nicht vollständig das realisiert haben, was wendung kommt, den genauen Text. Es ist eine Ausrede, (C)
wir ab 2005 getan haben? Wir haben in Deutschland ab wenn einige von Ihnen, meine Damen und Herren, sich
2005 unseren Haushalt konsolidiert und dadurch dafür auf diesen Punkt stützend versuchen, Ihre Nichtzustim-
gesorgt, dass wir heute in der Lage sind, Antworten auf mung oder Enthaltung zu rechtfertigen.
Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise geben zu kön-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
nen. Wenn wir diese Konsolidierungsleistung nicht er-
bracht hätten, könnten wir diese Antwort heute nicht ge- Ich möchte einen weiteren Punkt aufgreifen. Dabei
ben. geht es um die Frage, inwieweit das Ausräumen von
Vorbehalten des Haushaltsausschusses des Deutschen
Andere Länder haben diese Anstrengungen nicht
Bundestages zur Bedingung dafür gemacht wird, dass
ganz in dem Umfang wie wir unternommen. Deshalb
Zahlungen geleistet werden. Bei dieser Fragestellung
muss man jetzt an dieser Stelle sagen: Solidarität mit an-
geht es zunächst einmal darum, ob denn nun das Paket,
deren, ja, aber notwendigerweise verbunden mit der For-
das wir heute beschließen, für diejenigen, für die es ge-
derung nach Solidität, damit das Ganze nicht zu einer
dacht ist, glaubwürdig ist; das heißt, die Kapitalmärkte
bedingungslosen Hilfsaktion wird, die dann letzten En-
müssen überzeugt werden, nicht weiter gegen den Euro
des dazu führt, dass wir alle nicht mehr leistungsfähig
zu spekulieren. Deshalb sollten wir aufhören, zu viele
sind. Vielmehr müssen wir dafür sorgen, dass die jetzt
Konditionalitäten zu setzen. Sonst legen wir schon in
geleistete Solidarität dazu führt, dass alle miteinander
dem Gesetz dessen eigenes Scheitern an.
die Chance haben, leistungsfähiger zu werden.
Zum Zweiten ist es natürlich berechtigt – ich bin
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
überzeugter Parlamentarier –, zu sagen: Wir können über
neten der FDP)
solche Summen nicht entscheiden, wenn sie in Form von
Nun haben einige Kollegen kritisiert, dass eine we- Blankoschecks ausgereicht werden sollen. Ich glaube
sentliche Vereinbarung bezüglich dessen, worüber wir jedoch, es ist den Haushältern bei ihren Beratungen in
heute entscheiden, nicht vorliegt. Ich will zum einen sehr kluger Weise gelungen, eine gute Formulierung zu
festhalten, dass es eine hervorragende Leistung von finden: Man hat sich dabei nämlich an den Mitwir-
Thomas de Maizière, Wolfgang Schäuble und der Bun- kungsrechten des Deutschen Bundestages bei europa-
deskanzlerin war, klare Eckpunkte dazu aufzustellen, politischen Fragen orientiert und eine Formulierung ge-
wie diese Zweckgesellschaft ausgestaltet werden soll. funden, die auch im Zusammenhang mit dem Lissabon-
Vertrag und seiner Umsetzung hier gewählt worden ist.
(Nicolette Kressl [SPD]: Seit heute!)
Das ist aus meiner Sicht eine optimale Konstellation;
Es ist wichtig, dass der deutsche Wunsch nach Stabilität denn jetzt werden die Mitwirkungsrechte des Parlaments
(B) in diesen Eckpunkten deutlich zum Ausdruck gebracht gegen die eigentliche Zielsetzung dieses Gesetzes gewo- (D)
wird. So gibt es keine gesamtschuldnerische Haftung. gen, nämlich eine glaubwürdige Antwort zu geben und
Die Nothilfen werden zeitlich befristet und eben nicht damit Spekulation zu beenden.
als ein dauerhaftes Instrument eingerichtet. Die Auszah-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
lung der Tranchen muss jeweils einstimmig erfolgen.
neten der FDP)
Schließlich wird sie an Konsolidierungsauflagen für die
betroffenen Länder gebunden. Ein entscheidender Punkt Ich will einen weiteren Punkt aufgreifen: Es wird jetzt
aus meiner Sicht ist auch, dass wir den Internationalen die Mär erzeugt, als müssten wir in Deutschland ob der
Währungsfonds für die operationelle Umsetzung mit Griechenland-Hilfe und ob des Gesetzes, das wir heute
eingebunden haben. beschließen wollen, nun anfangen, zu sparen. Nein, wir
geben hier zunächst einmal Garantien. Diese sind nicht
Zum anderen sind die Auflagen in dem Gesetzent-
der Grund, warum wir sparen müssen. Umgekehrt wird
wurf, den wir heute debattieren, strenger als in dem Ge-
ein Schuh daraus: Wir müssen sparen, damit wir nicht ir-
setz, das wir vor 14 Tagen mit Blick auf Griechenland
gendwann selbst in die Lage kommen, von anderen Soli-
beschlossen haben.
darität und Nothilfe einfordern zu müssen, damit wir
(Zurufe von der LINKEN) selbst als Staat handlungsfähig bleiben und damit künfti-
gen Generationen noch ein finanzieller Handlungsspiel-
Im vorliegenden Gesetzentwurf steht drin, dass eine un-
raum verbleibt. Deshalb müssen wir in Deutschland spa-
verschuldete Notlage eingetreten sein muss. Bei Grie-
ren und nicht, weil wir hier Rettungspakete beschließen.
chenland stellte sich die Lage ja anders dar. Hier haben
Es geht hier um unser Eigeninteresse und um ein eigenes
wir also eine strengere Formulierung als bei dem, was
Ziel. So sollten wir das auch begründen.
vor zwei Wochen in diesem Hohen Hause beraten wor-
den ist. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP – Norbert Barthle [CDU/CSU]:
Das sind die Eckpunkte. Jetzt kann man natürlich for-
Einige haben es noch nicht begriffen!)
dern: Wir wollen den genauen Text sehen. – Zu dieser
Forderung will ich klar und deutlich sagen: In dem Ge- Meine Damen und Herren, ich habe darauf hingewie-
setzentwurf, den wir heute beraten, steht drin, dass es sen, dass das vorliegende Gesetzespaket auch das Thema
nicht zu einer Auszahlung kommen wird und keine Ga- Finanzmarktreform beinhaltet. Es ist richtig – wir
rantien gegeben werden, bevor nicht der Vertragstext müssen diesen Punkt ernst nehmen –, dass wir bezüglich
dem Deutschen Bundestag bekannt ist. Das ist doch eine des Themas Finanzmarktreform technisch und adminis-
klare Zusage. Wir kennen also, bevor das Gesetz zur An- trativ keine einfachen Antworten finden werden. Denn
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4415
Dr. Michael Meister
(A) es ist ein hochkomplexes Thema, und es ist ungeheuer (Beifall bei der SPD) (C)
schwer, es so zu kommunizieren, dass das, was richtig
und notwendig ist, von den Menschen draußen verstan- Nicolette Kressl (SPD):
den wird. Aber wir sollten uns dieser Aufgabe stellen
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
und versuchen, klarzumachen, was wir tun.
Kollegen! Ausdrücklich begrüße ich auch den Minister-
In diesen Tagen ist doch auf der Finanzmarktkonfe- präsidenten von Rheinland-Pfalz. Wir finden es gut, dass
renz, die Mitte dieser Woche im Bundesfinanzministe- er dieses Thema für so wichtig hält, hier anwesend zu
rium in Vorbereitung auf den G-20-Gipfel im Juni statt- sein.
fand, deutlich geworden, dass die Bundesregierung an
dieser Stelle das Thema inhaltlich nach vorne treiben (Beifall bei der SPD – Zurufe von der CDU/
will. Durch die Verabschiedung der AIFM-Richtlinie, CSU)
nach der jetzt auch Hedgefonds in Europa beaufsichtigt Liebe Kolleginnen und Kollegen, ja, es ist notwendig,
werden, ist deutlich geworden, dass Deutschland die eine Brandmauer gegen einen bewusst gewollten oder in
Entwicklung vorantreibt. Kauf genommenen Zusammenbruch der Euro-Zone auf-
Wir sollten allerdings beachten, dass nicht alle die- zustellen. Und es ist richtig, diese oder ähnliche Instru-
selbe Sichtweise auf diese Themen haben. Hier erinnere mente dafür zu beschließen. Es ist richtig, durch die Be-
ich zum Beispiel an die Stellungnahme des kanadischen reitstellung von Krediten allen, die gegen Europa
Vertreters auf der Konferenz im Bundesfinanzministe- spekulieren, deutlich zu machen: Wir werden uns ent-
rium, die gezeigt hat, dass Kanada eine ganz andere schieden wehren. Aber: Allein dieses dürre Skelett einer
Sichtweise hat. Es löst doch nicht unsere Probleme, Kreditermächtigung, allein dieses technokratische In-
wenn wir als Besserwisser auftreten, sondern wir müs- strument ist eben nicht im Geringsten ausreichend, um
sen versuchen, mit Argumenten zu überzeugen und klar- das Vertrauen der Menschen in Europa zu sichern. Auch
zumachen, dass wir in Europa und weltweit eine bessere darum muss es heute gehen.
Regulierung brauchen. Dafür müssen wir entsprechend (Beifall bei der SPD)
streiten.
Sie sind in der Verantwortung, liebe Kolleginnen und
(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Kollegen von den Regierungsfraktionen und in der Re-
Jörg van Essen [FDP]) gierung, den Menschen ein Gesamtkonzept vorzulegen,
Wenn unsere Freunde von der Sozialdemokratie im- in dem klare Führung deutlich wird. Es braucht Initiati-
mer darauf hinweisen, ven, die sicherstellen, dass die Menschen und nicht die
Märkte in Europa Vorrang haben.
(B) (Zurufe von der SPD: Oh! – Joachim Poß (D)
[SPD]: Das ist gefährlich!) (Beifall bei der SPD)
wie wichtig es ist, zu entsprechenden Steuern und besse- Dass Sie dies immer wieder betonen, hilft uns allen
ren Regulierungen zu kommen, dann mache ich darauf nicht, weil Sie es nicht mit entsprechenden Taten unter-
aufmerksam, dass es die Labour-Regierung in Großbri- legen. Als die Kanzlerin in der letzten Debatte zu diesem
tannien und auch die sozialistische Regierung in Spanien Thema am Mittwoch gesagt hat, wir müssten den Worten
waren, die am stärksten die Umsetzung dieser Maßnah- endlich auch Taten folgen lassen, mussten Sie, die bei-
men behindert haben. Sprechen Sie also nicht mit uns! den Regierungsfraktionen, zum Applaus aufgefordert
Wir sind doch nicht das Hindernis! Wir wollen die Dinge werden. Das ist typisch für die Debatte, wie sie im Mo-
beschleunigen. Sprechen Sie mit Ihren eigenen Partei- ment läuft.
freunden in der Sozialistischen Internationale, damit die
Regulierung der Finanzmärkte endlich vorangeht. (Beifall bei der SPD)

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Liebe Kolleginnen und Kollegen, Europa braucht
Sören Bartol [SPD]: Abenteuerlich!) doch beides: Europa braucht ein aktuelles Krisenpaket,
aber eben auch eine gradlinige, klar erkennbare Ent-
Liebe Freunde, zum Abschluss rufe ich Sie dazu auf: schlossenheit, alles dafür zu tun, dass die Länder der
Bedenken Sie Ihre Verantwortung für den Euro und für Euro-Zone nicht Gefahr laufen, von einer Krise in die
die Menschen in Deutschland. Stimmen Sie deshalb die- andere zu schlingern. Das ist die Sorge, die wir hören,
sem Nothilfepaket zu, damit die Möglichkeit besteht, wenn wir mit den Menschen reden. Bei diesem zweiten
strukturelle Maßnahmen, Stärkung des Euro-Vertrages, Teil des Konzepts für den von Ihnen so oft zitierten Vor-
bessere Finanzmarktregulierung und Maßnahmen für rang der Politik vor den Märkten versagen Sie völlig.
eine bessere Wirtschaftskraft in der Euro-Zone durchzu- Heute liegt kein Gesamtkonzept vor.
setzen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Ich will Ihnen einmal deutlich machen, warum Sie die
Grundlagen für Vertrauen in Ihre Politik in den letzten
Präsident Dr. Norbert Lammert: Tagen und Wochen fahrlässig verspielt haben. Fataler-
Die nächste Rednerin ist die Kollegin Nicolette weise haben Sie das Vertrauen gleichzeitig bei den euro-
Kressl für die SPD-Fraktion. päischen Partnern, bei den Bürgerinnen und Bürgern und
4416 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Nicolette Kressl
(A) hier im Parlament verspielt. In wenigen Tagen haben Sie nicht gemeinsam schriftlich zu fixieren? Haben Sie (C)
in dem Bereich alles kaputt gemacht. eventuell vor, sich in zwei oder drei Tagen von diesem
Bekenntnis wieder zu verabschieden? Wir haben ja be-
(Beifall bei der SPD) reits genügend Kehrtwenden erlebt.
Die Regierung, vor allem die Bundeskanzlerin, hat es
nicht vermocht, von Anfang an mit ruhiger, klarer Ent- (Beifall bei der SPD)
schiedenheit zu sagen: Ja, wir wollen diesen Nothilfe- Zur Verlässlichkeit gehört auch, nicht verbale Nebel-
plan, aber wir setzen uns auch mit aller Kraft dafür ein, kerzen zu werfen, indem Sie – ich zitiere die Süddeut-
die Kosten nicht allein den Bürgern aufzubürden. Am sche Zeitung – irgendeine „Finanzdingsbumssteuer“ in
Anfang wollten Sie die Verursacher – in der Hoffnung, die Diskussion bringen. Es gehört eine eindeutige inhalt-
dass niemand merkt, dass es nur Symbolpolitik ist – mit liche Klarheit in der Analyse dazu. Die von Ihnen immer
einer Alibi-Bankenabgabe beruhigen. Das hat Ihnen nie- wieder ins Spiel gebrachte Finanzaktivitätsteuer setzt
mand geglaubt. nicht daran an, dass Billionen Euro am Tag durch Speku-
(Beifall bei der SPD) lationen umgesetzt werden, sondern sie setzt an der
Lohnsumme an. Es ist also eine Lohnsummensteuer.
Dann haben Sie – das war die Krönung – diesen lä-
cherlichen freiwilligen Beitrag der Banken als den gro- (Otto Fricke [FDP]: Sie wollen es doch selbst! –
ßen Durchbruch gefeiert. Auch das hat Ihnen niemand Weiterer Zuruf von der FDP)
geglaubt.
Soll diese Finanzaktivitätsteuer, die an der Lohnsumme
(Beifall bei der SPD) ansetzt, wirklich das richtige Instrument für unser deut-
sches Bankensystem sein, in dem viele Mitarbeiter be-
Ich will Ihnen sagen: Wir Sozialdemokraten wollen,
schäftigt sind? Darüber sollten Sie noch einmal ernsthaft
dass auf jedes spekulative Geschäft eine Steuer erhoben
nachdenken.
wird, nämlich die Finanztransaktionsteuer. Dazu hät-
ten Sie sich von Anfang an klar bekennen können. Sie verweisen auf unseren Antrag. Darin ist ausdrück-
(Beifall bei der SPD – Norbert Barthle [CDU/ lich die Prüfung dieser Möglichkeit enthalten, weil wir
CSU]: Ihr Junktim ist unverantwortlich!) wissen, dass die Finanztransaktionsteuer bei den Speku-
lationen ansetzt. Alles andere müsste sehr genau an die
Stattdessen haben Sie Ihre Kraft damit vergeudet, hier deutschen Verhältnisse angepasst werden. Dazu sind Sie
Ihren Eiertanz aufs Parkett zu legen. Vor ganz langer offensichtlich nicht in der Lage. Sie werfen nur mit Vo-
Zeit nannte die Bundeskanzlerin die Spekulationsbesteu- kabeln um sich.
(B) erung eine charmante Idee. Dann – ich habe es schon ge- (D)
sagt – hofften Sie, dass die Menschen nicht erkennen, (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
dass diese Alibi-Bankenabgabe keine Lösung ist. Noch des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
am Wochenende hat die Bundeskanzlerin auf, wie ich
Weil Ihnen dieser inhaltliche Kompass fehlt und weil
finde, schon fast herablassende Art den Gewerkschaften
Ihnen im Übrigen offensichtlich auch der ehrliche Wille
gesagt: Sorgt ihr doch einmal auf internationaler Ebene
fehlt, die Opposition davon zu überzeugen, bei Ihrem
dafür, dass es durchgesetzt wird. Dann machen wir es
Vorgehen mitzumachen, ist Folgendes passiert: Am
mit. – Was ist das für eine Führung?
Mittwoch letzter Woche hat Sie unser Fraktionsvorsit-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten zender, Frank-Walter Steinmeier, gefragt: Wollen Sie
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) denn, dass die Opposition mitmacht? – Da es in diesem
Moment zufälligerweise ruhig war, konnte man aus der
Dann wurden Sie von der eigenen Fraktion zur Unter- FDP ein trotziges Nein hören.
stützung dieser Finanztransaktionsteuer gedrängt. Jetzt,
in der Angst vor dem Koalitionspartner, trauen Sie sich (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
wieder nicht, es hier gemeinsam zu Papier zu bringen. NEN]: Das war Fricke!)
Was soll das eigentlich? Sie haben das Vertrauen ver-
spielt. Das ist peinlich für die Regierung. Es wäre für die Regierung ein Leichtes gewesen, deut-
lich zu machen, dass dies eine Einzelmeinung ist. Aber
(Beifall bei der SPD) noch nicht einmal dazu hat Ihre Führungskraft gereicht.
Auf diese Weise kann kein Vertrauen in Führung und (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Geradlinigkeit entstehen. Wer das Hin und Her in dieser der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
Woche beobachten konnte, dem ist klar geworden: Der GRÜNEN)
Ursprung des momentanen Bekenntnisses der Bundes-
kanzlerin zur Finanztransaktionsteuer beruht nicht auf Lassen Sie mich zusammenfassen: Die SPD war und
einer tiefen inhaltlichen Überzeugung, sondern nur auf ist offen dafür, sich an Maßnahmen zu beteiligen, damit
den äußeren Umständen. Sie laviert so, wie es gerade er- die Menschen wieder mehr Zuversicht in das große und
forderlich ist. Deshalb können wir Ihrem Wort, Frau wichtige Projekt Europa aufbringen können. Aber dafür
Bundeskanzlerin, allein nicht mehr vertrauen. Deshalb müssen Sie ein klares Signal geben, dass Sie den Men-
erwarten wir, dass gemeinsam schriftlich fixiert wird, schen wirklich Vorrang vor den Märkten geben wollen,
dass Sie sich zur Finanztransaktionsteuer bekennen. Ich dass sie nicht für die entstandenen Kosten aufkommen
frage Sie: Welchen Grund sollte es dafür geben, dies hier müssen und dass die Wirtschaft in Zukunft durch einen
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4417
Nicolette Kressl
(A) Rahmen zu einem vernünftigeren Wirtschaften gezwun- (Joachim Poß [SPD]: Wem sagen Sie das! – (C)
gen werden kann. Das können wir nicht erkennen. Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Das sagen wir
schon seit Monaten!)
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Kein Vertrauen, kein Gesamtkonzept, keine Linie, Dazu dient dieses Gesetz.
keine Führungskraft – dazu können Sie unsere Zustim- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
mung nicht ernsthaft einfordern. der CDU/CSU)
Vielen Dank. Die zweite Frage, die oft von Bürgern gestellt wird,
(Beifall bei der SPD) will ich ebenfalls gerne beantworten: Wie konnte es
denn sein, dass Märkte so viel Macht hatten und haben?
Präsident Dr. Norbert Lammert: Sie bemühen dann immer Verschwörungstheorien.
Das Wort erhält nun der Kollege Otto Fricke für die (Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Das Wort hat
FDP-Fraktion. keiner benutzt!)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Ich sage Ihnen nur eines: Verschwörungstheorien kön-
der CDU/CSU – Zurufe von der SPD: Oh! – nen Sie nicht als Basis für politisches Handeln nehmen,
Thomas Oppermann [SPD]: Das ist aber mu- sondern Sie müssen Folgendes sehen: Ein Staat, eine
tig!) Europäische Union, eine Euro-Zone, die sich mit unge-
heuren Summen bei den Märkten verschuldet, begibt
Otto Fricke (FDP): sich in die Hände dieser Märkte. Es gilt, zu unterbinden,
Geschätzter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Da- dass wir uns selber durch Verschuldung in die Hände
men und Herren! Meine lieben Kolleginnen und Kolle- derjenigen begeben, von denen wir uns das Geld auslei-
gen von der Opposition! Versuchen wir es doch heute hen müssen. Die Verschuldung ist die Ursache für das
einmal mit Zuhören. Vielleicht klappt das ja. Übel. Dieses Übel gilt es abzustellen.
(Lachen bei Abgeordneten der SPD und des (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) der CDU/CSU)
Man muss den Bürgern sagen, dass dieser Weg, den Ich will auch deutlich sagen: Es sind die Verschul-
wir heute beschreiten werden, schwer ist und dass die dung und vor allen Dingen auch die Aufweichung des
Zustimmung zu diesem Schritt keinem leichtfallen wird. Stabilitätspaktes, die diese Schwäche noch verstärkt
(B) (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- und erst erkennbar gemacht haben. Es ist dieses Aufwei- (D)
NEN]: Das stimmt! Wir müssen uns eine Rede chen der Grundeinstellung, dass Sparen etwas Richtiges
von Ihnen anhören!) und Gutes ist. Schließlich sagen viele: Was soll’s! In
schlechten Zeiten gebe ich ein bisschen mehr Geld aus
Aber wir wissen genau, dass alle anderen Alternativen und hoffe darauf, dass in guten Zeiten gespart werden
– insofern muss man aufhören, zu sagen, dass dieser kann. – Das funktioniert nicht. Wer sparen will, der muss
Schritt alternativlos sei – wie Verschieben und Abwar- das konsequent tun, und zwar ohne jegliche Möglichkeit,
ten, was mit den Ländern passiert, um ein Vielfaches dem auszuweichen.
schwerer durchzuführen wären. Wir sind uns sicher, dass
alles andere um ein Vielfaches schlimmer wäre: für un- (Beifall bei Abgeordneten der FDP – Lachen
sere Währung, für den Kleinsparer, für die Wirtschaft, bei Abgeordneten der SPD und des BÜND-
für mittelständische Familienunternehmen, für Arbeits- NISSES 90/DIE GRÜNEN)
plätze, für unsere Sozialsysteme und damit letztlich für
Wir müssen deswegen zwei Dinge tun. Erstens. Wir
unser Land.
müssen die Verschuldung abbauen. Das wird schwierig
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten werden und nicht einfach sein. Aber wir müssen das
der CDU/CSU) Sparen, das wir begonnen haben, weiter fortsetzen.
In den Briefen, die wir bekommen, und in den Ge- (Joachim Poß [SPD]: Begonnen?)
sprächen, die wir mit den Bürgern führen, ist eine Sorge
groß: Haben denn die Märkte jetzt mehr Macht als die Ich darf ausdrücklich sagen, Herr Finanzminister: Ich
Politik? begrüße das Schreiben Ihres Staatssekretärs, in einem
ersten Schritt bei allen Ressorts an die flexiblen Ausga-
(Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Ja, klar!) ben heranzugehen. Weitere Schritte werden dem folgen
Bei dem, was wir in den vergangenen Wochen und Mo- müssen, um all das zu erreichen, was wir gemäß Verfas-
naten erlebt haben, könnte man dieses Gefühl haben. sung erreichen müssen.
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Es ist so!) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Sie wollten
Wenn man der Meinung ist, dass das so ist, geschätzte doch Steuern senken!)
Opposition, dann muss man doch alles tun, um der Poli-
tik in einer Demokratie und damit dem Bürger die Macht Zweitens müssen wir dem Finanzmarkt klare Grenzen
zurückzugeben. aufzeigen.
4418 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Otto Fricke
(A) (Beifall bei der FDP – Lachen und Beifall bei gen: Der Vorwurf, alles sei geheim, stimmt nicht. Herr (C)
der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Trittin, Herr Oppermann, fragen Sie einmal Ihre Haus-
NEN – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE hälter, was sie alles bekommen haben. Dann werden Sie
GRÜNEN]: Die nehmen Sie nicht ernst!) das schon erkennen.
– Wenn Sie lachen, zeigt das nur, dass Sie das nicht ernst (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
nehmen. Es stimmt: Sie haben diese Frage elf Jahre lang NEN]: Fragen Sie doch einmal die Bundes-
einfach nicht ernst genommen, auch Ihre Finanzminister kanzlerin, warum sie ihr Wort gebrochen hat!
nicht. Sie haben elf Jahre lang nichts getan, gar nichts. Das ist doch eine interessante Frage!)
(Beifall bei der FDP – Widerspruch bei der SPD Dennoch will ich den Grünen eines nicht ersparen:
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Herr Trittin, Sie haben gesagt, wir sollten froh sein, dass
Rot-Grün den Stabilitätspakt damals aufgeweicht hat,
Ich will das für die Bürger draußen an einem Beispiel weil wir sonst Ärger mit Brüssel bekommen hätten.
aus dem Bereich des Fußballs veranschaulichen – die
Frauen waren gestern übrigens mal wieder erfolgreich –: (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Sie! Mit Ihren Hotel-Milliarden!)
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Herr Trittin, ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich hätte lieber
Es kann doch nicht sein, dass wir auf nationaler Ebene Ärger mit Brüssel bekommen als diese Finanzkrise, die
mit Schiedsrichtern spielen, es auf europäischer Ebene wir jetzt haben. Das ist der eigentliche Grund.
nur noch einen Schiedsrichter gibt und wir auf interna-
tionaler Ebene keine Schiedsrichter haben. Es wird die (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Aufgabe sein, das auf internationaler Ebene hinzukrie- der CDU/CSU – Renate Künast [BÜND-
gen. NIS 90/DIE GRÜNEN]: 80 Milliarden Neu-
verschuldung! – Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/
(Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Herr Fricke,
DIE GRÜNEN]: Sie halten doch den Stabili-
wir legen Ihnen einmal Ihre Anträge vor, die
tätspakt nicht ein! Ist es diese Regierung, die
Sie gestellt haben! – Joachim Poß [SPD]: den Stabilitätspakt nicht einhält, oder wer?)
Noch mehr Deregulierung haben Sie gefor-
dert!) Ich finde die Widersprüchlichkeit der Grünen sehr
schade. Im Haushaltsausschuss sind sie konstruktiv, hier
Das ist die Verantwortung, die alle Regierungen, alle Na-
aber destruktiv. Vorher sagten sie: „Oh, das, was die
tionen dieser Welt haben, weil sie nur dann auf Dauer
Bundeskanzlerin da gemacht hat, hat alles viel zu lange
mit dem Finanzmarkt klarkommen werden.
(B) gedauert“, aber jetzt sagen sie auf einmal: „Nein, so (D)
(Beifall bei der FDP – Joachim Poß [SPD]: schnell wollen wir das auch nicht machen.“ Das sind
Weniger Steuern! Weniger Deregulierung! doch Krokodilstränen, Herr Trittin.
Nichts anderes haben Sie hier gebetet!)
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Als Opposition Verantwortung zu übernehmen, hieß
Warum sind es Krokodilstränen? Nicht nur, weil Kroko-
für die FDP immer, dass man auch in schwierigen Zei-
dile grün sind, sondern auch, weil Sie das grundsätzlich
ten, wie bei der Frage des Finanzmarktstabilisierungsge-
nicht wollen. Sie wollen Ihre Verantwortung an dieser
setzes, bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Wir ha-
Stelle nicht wahrnehmen.
ben damals zugestimmt und im Rahmen der Beteiligung
des Parlamentes gegenüber der Großen Koalition noch Ich komme zum Schluss. Der Kollegin Kressl will ich
einiges erreicht. ausdrücklich Folgendes sagen – Frau Kollegin Kressl,
nicht nur Sie haben das noch einmal angesprochen, son-
Ich sage das jetzt bewusst an die Adresse der Grünen:
dern auch Herr Steinmeier und der Kollege Schneider
Ich lobe ausdrücklich den Einsatz der Haushälter für
versuchen immer wieder, das Thema hochzuziehen –:
mehr Beteiligung und insbesondere für die Aufnahme
der Pflicht der Bundesregierung zur Vorlage des umstrit- Erstens. Bei der Griechenland-Hilfe bleibt es bei
tenen Vertrages beim Haushaltsausschuss. Dafür haben 22,4 Milliarden Euro. Das wissen wir. Das Gesetz ist be-
sich die Grünen effektiv eingesetzt und haben den An- schlossen.
trag mitgezeichnet. Ich begrüße das ausdrücklich; denn
es ist essenziell, dass wir diese Vorlagepflicht bekom- (Carsten Schneider [Erfurt] [SPD]:
men und eine starke Beteiligung des Haushaltsausschus- Abwarten!)
ses haben. Versuchen Sie nicht, hier irgendwelche … Ich sage es
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten lieber nicht.
der CDU/CSU) Zweitens, und das ist mein letzter Satz.
Ich bin mir sicher, dass der Finanzminister uns jeder-
zeit, so, wie er es in den vergangenen Wochen und Tagen Präsident Dr. Norbert Lammert:
getan hat, Unterlagen vorlegen wird, die Aufschluss über Herr Kollege Fricke, Sie wollten zum Schluss kom-
den Zwischenstand geben. Das war ein sehr transparen- men. Das wird durch den Beginn einer Aufzählung von
tes Verfahren. Die englischen Vorlagen erhielten wir offenkundig zahlreichen, vorbereiteten Punkten nicht
schon vor der Übersetzung. Ich muss ausdrücklich sa- sonderlich plausibel.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4419
Präsident Dr. Norbert Lammert
(A) (Beifall bei Abgeordneten der SPD und des und ich darf Sie daran erinnern, dass heute, wieder inner- (C)
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Jürgen halb einer Woche, dieser Bundestag eine Euro-Rettung im
Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der Umfang von 750 Milliarden Euro mit einem deutschen
Präsident spickt nämlich!) Beitrag von 148 Milliarden Euro beschließen will. – Frau
Bundeskanzlerin, Sie lesen meine Rede nachher sowieso
Otto Fricke (FDP): heimlich; hören Sie doch lieber gleich zu.
Herr Präsident, da haben Sie vollkommen recht. Des- (Beifall bei der LINKEN – Michael Grosse-
wegen gibt es ja auch nur noch einen Punkt. Brömer [CDU/CSU]: Einbildung ist auch eine
Meine Damen und Herren von der SPD, nehmen Sie Bildung!)
Ihre Verantwortung wahr, Einmal abgesehen davon würde ich Ihnen gerne eines
(Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/ sagen: Wenn wir hier im Bundestag einmal um 1 Million
DIE GRÜNEN: Oh! – Joachim Poß [SPD]: Euro für einen sozialen oder einen kulturellen Zweck
Dieses falsche Pathos!) kämpfen, dann dauert es neun Monate, bis wir das
„Nein“ hören. Wenn es aber um zig Milliarden Euro
und zwar nicht, weil eine andere Fraktion das will – das geht, dann wird in diesem Bundestag alles innerhalb ei-
wäre ein falsches Verständnis von Demokratie –, son- ner Woche entschieden. Das müssen Sie der Bevölke-
dern weil Sie zu der Erkenntnis gekommen sind, dass rung einmal erklären.
das, was wir machen, heute richtig ist. Auf dieser Ent-
haltung kann man kein europäisches Haus bauen. (Beifall bei der LINKEN – Norbert Barthle
[CDU/CSU]: Übertreibungen!)
Herzlichen Dank.
In diesen Wochen wurde zwar immer über viel Geld
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten entschieden, aber es wurde nie entschieden, endlich eine
der CDU/CSU – Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/ Regulierung der Finanzmärkte einzuführen. Die Leer-
DIE GRÜNEN], an die SPD gewandt: Würden verkäufe, die spekulativen Kreditausfallversicherungen,
Sie von diesem Mann ein Derivat kaufen?) die Hedgefonds: Alles lief weiter wie vorher auch. Da-
mit haben Sie die Spekulanten und Banker doch ani-
Präsident Dr. Norbert Lammert: miert, auf erhöhte Staatsschulden zu wetten. Die gegen-
Der Kollege Gregor Gysi ist der nächste Redner für wärtige Krise ist die logische Konsequenz aus der
die Fraktion Die Linke. Finanzkrise vom Oktober 2008 und Ihrer falschen Be-
wältigung, weil Sie eine riesige Staatsverschuldung or-
(Beifall bei der LINKEN)
ganisiert haben, die jetzt von den Spekulanten und den
(B) (D)
Bankern wieder genutzt wird.
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE):
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr (Beifall bei der LINKEN)
Altmaier, ich habe Ihnen sehr genau zugehört und war Das erste Opfer in der EU war übrigens gar nicht
einigermaßen erstaunt. Wenn ich das richtig verstehe, ist Griechenland, sondern die ersten Opfer waren Ungarn,
man Ihrer Meinung nach proeuropäisch, wenn man für Rumänien und Lettland. Sie waren am Ende, und dann
Aufrüstung, für Sozialabbau und für eine falsche Ver- gab es Milliarden vom Internationalen Währungsfonds
schuldung ist, und antieuropäisch, wenn man für Frie- und von der EU.
den, Abrüstung und jeden Verzicht auf Sozialabbau ist.
Ich kann dem nicht folgen, überhaupt nicht. Lettland hat daraufhin genau den Kurs beschritten,
den Sie jetzt auch Griechenland, Spanien und Portugal
(Beifall bei der LINKEN) vorschreiben. Dort wurden die Löhne um 25 Prozent ge-
Wir sind für die europäische Integration, aber für eine kürzt – in der Privatwirtschaft sogar um 30 Prozent –,
vernünftige. die Mehrwertsteuer erhöht und die Zuschüsse für Kran-
kenhäuser um 43 Prozent gesenkt. Die Folge ist ein
(Beifall der Abg. Dr. Barbara Höll [DIE Rückgang der Nachfrage im Einzelhandel um 30 Pro-
LINKE]) zent, ein Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 22 Prozent
Wahr ist, dass wir heute über eine Schicksalsfrage – das ist der höchste Stand in der EU – und ein Schrump-
entscheiden, und zwar für unsere Gesellschaft und für fen der Wirtschaftsleistung.
Europa. Hier stellt sich die Frage – man muss sie der Bevölke-
Ich darf Sie daran erinnern, dass dieser Bundestag bei rung einmal beantworten –, warum wir uns hier trotzdem
der Finanzkrise innerhalb einer Woche entschieden hat, nicht mit Ungarn, Rumänien und Lettland beschäftigt
einen Rettungsschirm für Banken und Versicherungen haben. Das geschah aus einem Grund nicht: Sie haben
im Umfang von 480 Milliarden Euro aufzuspannen, ich keinen Euro und konnten ihre Währungen uns gegenüber
darf Sie daran erinnern, dass dieser Bundestag innerhalb abwerten. – Das funktioniert bei Griechenland, Spanien
einer Woche beschlossen hat, einen Rettungsschirm für und Portugal nicht; denn wir haben eine Binnenwährung
Griechenland im Umfang von 110 Milliarden Euro mit gemeinsam mit ihnen.
einem deutschen Anteil von über 22 Milliarden Euro
Ich darf Sie noch einmal daran erinnern, dass wir hier
aufzustellen,
Schilder mit der Aufschrift „Euro – so nicht“ hochgehal-
(Florian Pronold [SPD]: Keinen Cent mehr!) ten haben. Wir haben niemals „Euro – nein“ gesagt. Wir
4420 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Gregor Gysi


(A) haben „Euro – so nicht“ gesagt, weil wir vorher eine kulationsgewinne entstehen. Genau das muss passieren, (C)
Steuerharmonisierung und eine Harmonisierung der so- und das fordern wir ein.
zialen und ökologischen Standards sowie der Löhne ge-
fordert haben. Sie alle waren aber schlauer und haben (Beifall bei der LINKEN)
gesagt: Das alles brauchen wir nicht. Wir führen den Denn alles andere bedeutete, dass die Mittel, die wir
Euro gleich ein. – Jetzt bekommen wir die Quittung da- heute beschließen, wieder nur zugunsten der Banken und
für. Sagen Sie hier doch einmal ehrlich: Die Linken hat- Spekulanten fließen. Genau das können wir nicht zulas-
ten recht, und wir hatten unrecht. – Das müssten Sie ein- sen.
mal über Ihre Lippen bringen.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
(Beifall bei der LINKEN – Volker Kauder
Frau Bundeskanzlerin, Sie müssen doch merken, dass
[CDU/CSU]: Wenn es einmal so wäre, dann
Sie am Nasenring durch die Manege geführt werden.
würde ich es sagen!)
Man muss sich das klarmachen: Die EU-Finanzminister
Jetzt verlangen Sie von Griechenland, Portugal und müssen bis zu einer bestimmten Uhrzeit eine Entschei-
Spanien – das habe ich ja schon gesagt –, dass sie den dung treffen, weil dann die Tokioter Börse öffnet. Mer-
Weg gehen, den Lettland schon falsch gegangen ist. Wis- ken Sie denn nicht, dass das die Demokratie beschnei-
sen Sie, wie das Ganze aussieht? – Ein Beispiel: Ein Bä- det?
ckermeister, der fast pleite ist, bittet um einen Kredit. Sie (Beifall bei der LINKEN)
sagen: Ja, du bekommst den Kredit, aber unter zwei Be-
dingungen: Erstens musst du deine beiden Verkäuferin- Warum sind wir von einer Börse abhängig? Warum
nen entlassen, und zweitens musst du von deinen zwei können wir nicht wieder die Herrschaft der Politik
Backöfen einen verkaufen. – Hinterher ist er dann noch über die Finanzwelt begründen?
mehr pleite als vorher. Das ist die Art von Politik, die Sie (Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Die Linke
betreiben, und das kann nicht gut gehen; denn der So- hätte die Öffnungszeiten verschoben!)
zialabbau ist nicht nur ungerecht, sondern dadurch wird
auch die Wirtschaft gedrosselt. – Nein, die Linke hätte Regulierungsmaßnahmen be-
schlossen, die uns längst aus der Situation herausge-
Was ist denn, wenn sich ein Land immer stärker ver- bracht hätten.
schuldet? – Man braucht dann doch Wachstum, um die
Schulden zurückbezahlen zu können. Wenn Sie die (Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Genau!)
Wirtschaft aber drosseln, dann heißt das, dass Sie gar Im Unterschied zur FDP hätten wir darauf geachtet,
(B) nicht in der Lage sind, die Schulden zurückzubezahlen, durch ein Primat der Politik über die Wirtschaft und Fi- (D)
es sei denn, Sie nehmen neue Schulden auf. Wenn Sie nanzwelt die Demokratie wiederherzustellen.
dann neue Schulden aufnehmen, dann wird die Verschul-
dung immer größer, und die Spekulanten und Banken (Beifall bei der LINKEN)
wetten und zocken dann gegen dieses Land, wie wir es
Ich komme aber noch auf die Alternativen zurück.
jetzt erleben. Wir kennen das auch aus Mexiko und aus
anderen Ländern. FDP und Union haben in einem Punkt recht: Die
Hedgefonds, die Leerverkäufe und die gesamte Deregu-
Was passiert dann? – Dann wird der Weg beschritten, lierung des Finanzmarktes sind von SPD und Grünen
die Schulden teilweise zu erlassen. Das ist auch interes- eingeführt worden.
sant: Darüber sprechen ja nur Josef Ackermann, Thomas
Mayer, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, und wir, (Jörg van Essen [FDP]: So ist es!)
die Linken. – Es ist auch interessant, warum das so ist. Die ehemalige Staatssekretärin Hendricks hat uns dafür
Ich kann Ihnen den Grund dafür erzählen: Das geschieht, kritisiert, dass wir das sagen, ohne hinzuzufügen, dass
weil schon durch die öffentliche Debatte darüber eine die Hedgefonds in Deutschland besonders reguliert sind,
neue Spekulationswelle ausgelöst werden kann und während das in Großbritannien nicht der Fall ist. Liebe
weil Ackermann und andere durchaus daran interessiert Frau Hendricks, dazu muss ich Ihnen sagen, dass Ihr da-
sind, dass es eine neue Spekulationswelle gibt. maliger Parteivorsitzender Müntefering hinsichtlich der
Warum? Wenn die Staatsverschuldung sozusagen ge- deutschen Hedgefonds darauf hingewiesen hat, dass
strichen wird, dann bekommen sie ihre Verluste voll diese wie Heuschrecken wirken. Die Kritik kam gar
erstattet, weil sie Kreditausfallversicherungen abge- nicht von uns. So toll war Ihre Regulierung keineswegs.
schlossen haben. Selbst wenn sie keine Kreditausfallver- (Beifall bei der LINKEN – Joachim Poß [SPD]:
sicherung haben, haben sie etwas davon, weil sie zusam- Reden Sie hier nicht so einen Stuss!)
men mit anderen bei den Staatsanleihen darauf gewettet
haben, dass Griechenland und andere Länder nicht Sie sind noch einen anderen falschen Weg gegangen.
pünktlich zurückzahlen. Auch dann kriegen sie ihre Sie sind nämlich den Weg der Staatsverschuldung durch
Marge. In beiden Fällen nutzt es ihnen, aber nur ihnen. falsche Steuersenkungen gegangen. Ich darf Sie daran
erinnern, dass Sie die Körperschaftsteuer von 45 auf
Insofern kann ein Schuldenerlass zwar sinnvoll sein, 25 Prozent gesenkt haben. Sie haben den Spitzensteuer-
aber nur unter der Bedingung, dass wir vorher eine Re- satz bei der Einkommensteuer von 53 auf 42 Prozent ge-
gulierung vornehmen, die ausschließt, dass solche Spe- senkt. Sie haben keine Börsenumsatzsteuer eingeführt,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4421
Dr. Gregor Gysi
(A) und Sie haben auf die Vermögensteuer verzichtet. Das nun am Ende der Europäischen Union beim Steuerauf- (C)
alles hat zu einer gigantischen Verschuldung geführt. kommen. Hätten wir nur Steuereinnahmen im EU-
Durchschnitt, hätten wir 120 Milliarden Euro jährlich
Die Große Koalition von Union und SPD ist diesen
mehr. Dann kamen die Milliardenbeschlüsse für Banken
Weg weitergegangen. Sie haben die Körperschaftsteuer
und Versicherungen. Diese haben dann eine gigantische
von 25 auf 15 Prozent gesenkt.
Staatsverschuldung ausgelöst, auf die nun Banker und
(Joachim Poß [SPD]: Machen Sie mal eine Spekulanten setzen.
Pause!)
Nun gibt es eine neue neoliberale These. Frau Bun-
Nun macht Ihre Koalition das Wachstumsbeschleuni- deskanzlerin, Frau Bundeskanzlerin! Sie sagen im Ernst,
gungsgesetz und schenkt den Hotels und Unternehmen Jahrzehnte hätten wir über unsere Verhältnisse gelebt,
weitere 2,4 Milliarden Euro. Genau so haben Sie die und erklären den Satz gar nicht. Was meinen Sie eigent-
Staatsverschuldung verursacht. lich? Was glauben Sie, wie ein solcher Satz auf Arbeit-
nehmerinnen und Arbeitnehmer, auf Renterinnen und
(Beifall bei der LINKEN) Rentner, auf Arbeitslose, auf Hartz-IV-Empfängerinnen
und Hartz-IV-Empfänger wirkt? Wen meinen Sie denn:
Präsident Dr. Norbert Lammert: die Rentnerinnen und Rentner, die in den letzten fünf
Herr Kollege Gysi, gestatten Sie eine Zwischenfrage Jahren real über 8,5 Prozent an Rente verloren haben?
der Kollegin Hendricks? Meinen Sie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer,
die in den letzten zehn Jahren real 11,3 Prozent an Löh-
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE): nen verloren haben? Meinen Sie die Beschäftigten in
Ja, selbstverständlich. prekären Beschäftigungsverhältnissen, also die Leihar-
beiterinnen und Leiharbeiter, die befristet Beschäftigten,
die Teilzeitbeschäftigten, die Aufstockerinnen und Auf-
Dr. Barbara Hendricks (SPD): stocker oder die Minilohnbeschäftigten? Meinen Sie die
Das, was Sie gerade zu den Steuersenkungen im Ho- 1-Euro-Jobberinnen und -Jobber, oder meinen Sie die
telgewerbe gesagt haben, ist völlig richtig. Darin stimme 7 Millionen Hartz-IV-Empfängerinnen und Hartz-IV-
ich Ihnen vollständig zu. Empfänger? Ich finde es einen Skandal, diesen Men-
(Beifall bei der LINKEN) schen zu erklären, dass sie über ihre Verhältnisse gelebt
hätten.
Ich darf Ihnen aber trotzdem einen kleinen Hinweis
geben: Die Finanzmarktsituation ist vielfältig und kaum (Beifall bei der LINKEN)
(B) durchschaubar. Deswegen will ich Sie darauf hinweisen, Was mich wirklich ärgert, Frau Bundeskanzlerin, ist, (D)
dass sich der Begriff Heuschrecken, der in diesem Zu- dass Sie nicht einmal sagen: Die Bestverdienenden, die
sammenhang von Franz Müntefering geprägt wurde und Vermögenden, die Banker und die Spekulanten haben
der sich völlig zu Recht durchgesetzt hat, nicht auf über ihre Verhältnisse gelebt. Das ist doch unser Pro-
Hedgefonds, sondern auf Private Equity Fonds bezogen blem und nichts anderes.
hat. Franz Müntefering hat darauf hingewiesen, dass die
Private Equity Fonds kommen, die mittelständischen (Beifall bei der LINKEN)
Unternehmen aussaugen, um sie dann fallenzulassen und Wir brauchen bei uns – genauso wie in der gesamten
weiterzuziehen. Das sind nicht die Hedgefonds, sondern EU – Steuergerechtigkeit. Es gibt heute nicht nur mehr
die Private Equity Fonds. Armut. Auch der Reichtum ist angewachsen. Wer be-
zahlt das Ganze? Die durchschnittlich Verdienenden tra-
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE): gen die Hauptlast. Das sind die Arbeitnehmerinnen und
Schönen Dank für Ihren Hinweis. Aber die Hedge- Arbeitnehmer. Das sind die Handwerksbetriebe. Das
fonds betreiben genau dasselbe. Auch dass die Situation sind kleine und mittelständische Unternehmen. Ich
unübersichtlich ist, verdanken wir übrigens Ihnen. Ihr nenne nur den Steuerbauch als Beispiel. Unsere Einkom-
damaliger Bundesfinanzminister hat mir gegenüber ge- mensteuerbelastung verläuft nicht geradlinig, sondern
sagt sie hat einen Bauch. Die durchschnittlich Verdienenden
müssen mehr zahlen, weil Sie den Spitzensteuersatz ge-
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
senkt haben. Genau das ist nicht hinnehmbar. Lassen Sie
NEN]: Immer, wenn du nicht durchblickst,
uns den Steuerbauch überwinden! Aber dann müssen wir
sind andere schuld!)
den Spitzensteuersatz erhöhen, weil es sich anders über-
– ich bin gleich fertig mit der Antwort –, dass es bei der haupt nicht rechnet.
Zulassung von Hedgefonds und Leerverkäufen nur um
(Beifall bei der LINKEN)
die Frage ging, ob wir Kreisklasse bleiben oder Welt-
klasse werden. Nun sind wir in einer Weltklassekrise. Jetzt haben Sie ungedeckte Leerverkäufe verboten.
Dazu habe ich eine Frage. Die ungedeckten Leerver-
(Beifall bei der LINKEN – Jürgen Trittin
käufe sind zuerst von Rot-Grün erlaubt worden. Dann
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber deine
waren sie verboten. Dann, lieber Herr Bundesfinanzmi-
Rede ist nicht mal Kreisklasse!)
nister, waren sie ab Januar aus mir unerklärlichen Grün-
Ob Rot-Grün, Schwarz-Rot oder Schwarz-Gelb: den wieder erlaubt. Jetzt haben Sie sie wieder verboten,
Deutschland wurde zu einem Niedrigsteuerland und liegt aber befristet. Warum denn nicht endgültig? Sagen Sie
4422 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Gregor Gysi


(A) doch endlich: Schluss, wir wollen diese Art der Spekula- Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es nur (C)
tion nicht; sie ist für immer verboten. zwei Möglichkeiten gibt: Entweder lässt sich die Bun-
desregierung weiterhin von den Bankern und Spekulan-
(Beifall bei der LINKEN)
ten treiben, oder sie begründet endlich wieder eine poli-
Nun wird über eine Finanztransaktionsteuer gere- tische Herrschaft über die Finanzwelt, das heißt, die
det; das ist wirklich spannend. Zuerst haben nur wir sie Demokratie wird gestärkt. Entweder Sie haben endlich
vorgeschlagen. Inzwischen sind alle für eine Finanz- den Mut, die Banken, die großen Unternehmen, die
transaktionsteuer. Bestverdienenden und die Vermögenden gerecht zu be-
steuern, oder Sie sorgen dafür, dass auch in Deutschland
(Widerspruch bei der SPD)
eine Politik des sozialen Kahlschlags betrieben wird,
– Ja, ich weiß, Attac hat einen Teil vorgeschlagen. Ich eine Politik, die nicht nur grob ungerecht ist, sondern
freue mich für Attac. Aber die SPD stand bei dieser auch die Nachfrage so zurückgehen lässt, dass die Bin-
Frage ganz hinten, um das hier ganz offen zu sagen. nenwirtschaft unermessliche Schäden erleidet.
(Beifall bei der LINKEN) Die Folgen für die Gesellschaft sind überhaupt nicht
absehbar. Nur wenn Sie die Finanzmärkte regulierten
Ich möchte aber von der Bundeskanzlerin wissen: Ist
und garantierten, weder die Mehrwertsteuer zu erhöhen
das nur Gerede, oder kommt diese Steuer tatsächlich?
noch Sozialabbau zu betreiben, könnte man über eine
Wenn sie tatsächlich kommt: Kommt dann die Variante
Zustimmung zu Ihren verschiedenen Paketen nachden-
der FDP? Eine reine Gewinnsteuer können Sie doch ver-
ken. Solange es aber dabei bleibt, dass nicht Sie, sondern
gessen. Da wird doch dann geschummelt, was das Zeug
die Banker und Spekulanten regieren, solange Sie sich
hält. Oder erheben wir endlich eine Steuer auf alle natio-
weder trauen, gerechte Steuern zu erheben, noch So-
nalen und internationalen Finanzgeschäfte? Dann sind
zialabbau auszuschließen, kann es von uns nur ein Nein
auch die Börsenumsatzsteuer und die Tobin-Steuer ein-
geben.
bezogen. Dann haben wir eine sehr vernünftige Finanz-
transaktionsteuer, die nicht nur hohe Einnahmen bringt, (Beifall bei der LINKEN)
die wir dringend benötigen, sondern auch die Spekula-
tion endlich begrenzt. Das muss unser Ziel sein. Wie gesagt: Es geht heute um eine Schicksalsfrage für
unsere Gesellschaft und für Europa. Sie entscheiden
(Beifall bei der LINKEN) heute mit darüber, ob es wieder eine Herrschaft der Poli-
Nun kommt das bekannte Gegenargument, das gehe tik gibt, ob wieder Demokratie herrscht oder ob es bei
nur, wenn es weltweit oder zumindest in ganz Europa der Herrschaft der Spekulanten und Banken bleibt, so-
geschehe. Der österreichische Bundeskanzler Faymann dass es kaum Demokratie gibt. Das ist die Frage, um die
(B) es heute hier geht. (D)
hat dazu Folgendes gesagt – ich darf zitieren, Herr Präsi-
dent –: Danke.
Aber man soll die internationale Ebene nicht als (Beifall bei der LINKEN)
Ausrede verwenden, nur weil man verschleiern
will, dass man nichts aus der Krise gelernt hat und
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Spekulanten verschonen will.
Nächster Redner ist der Kollege Fritz Kuhn, Bünd-
Recht hat der österreichische Bundeskanzler in dieser nis 90/Die Grünen.
Frage! Recht hat er!
(Beifall bei der LINKEN) Fritz Kuhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Sehr verehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Ich werde Ihnen auch begründen, warum. Die Fi- Kollegen! Wenn man Politik – wie wir Grünen – euro-
nanzwelt kann weder die Börse in New York noch die in päisch ausrichtet, dann muss man feststellen, dass dieser
Tokio noch die in London noch die in Frankfurt am Main Krisenfonds ein wichtiger Schritt zur Abwehr der Spe-
ignorieren. Bekanntlich verlässt die internationale Fi- kulationen und zur Verteidigung Europas ist. Dieser Kri-
nanzwelt auch nicht die Schweiz; darin werden Sie mir senfonds ist ein richtiger Schritt in Richtung eines Euro-
sicherlich recht geben. Ich nenne Ihnen zwei Länder, die päischen Währungsfonds. Auch wenn dies ein Fonds der
eine Börsenumsatzsteuer eingeführt haben: Großbritan- nationalen Regierungen ist, gilt: So kann man Spekula-
nien und die Schweiz. Das Gerede, dass deshalb die Fi- tionen abwehren. Aus diesem Grund unterstützen wir im
nanzwelt verschwindet, ist einfach albern; es stimmt Grundsatz, dass dieser Fonds jetzt eingerichtet wird.
nicht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Es kommt noch etwas hinzu: Wenn eine Bank mit der FDP)
Euro handeln will, dann braucht sie eine Lizenz der
Das bisherige Verfahren ist gründlich schiefgelaufen.
Europäischen Zentralbank. Wenn Banken Europa also
Wir finden gut – das möchte ich ausdrücklich feststellen –,
Richtung Japan und USA verlassen sollten, dann entzie-
dass im Haushaltsausschuss die reine Unterrichtungs-
hen wir ihnen einfach die Lizenz. Was glauben Sie, wie
pflicht in eine Einvernehmensbemühung verwandelt
schnell sie zurück sind! Das ist ganz einfach.
worden ist; deswegen haben wir dabei mitgewirkt. An-
(Beifall bei der LINKEN) sonsten hat die Regierung bei der Vorlage dieses Gesetz-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4423
Fritz Kuhn
(A) entwurfs und im parlamentarischen Verfahren grobe (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (C)
Fehler gemacht, die ein Parlament einfach nicht hinneh- NEN]: Wo ist sie?)
men kann:
– wenn ich sehe, wie sie da hinten steht und hektisch te-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) lefoniert, habe ich Angst, dass das nächste Krisenpaket
heranrollt –, in einem demokratischen Verfahren nicht
Erstens. Die Bundeskanzlerin hat einen Verfassungs- angemessen. Richten Sie ihr das aus, wenn sie das
bruch begangen. Sie hat am vorletzten Wochenende nächste Mal per Telefon eine Bürgersprechstunde oder
Art. 23 Grundgesetz eindeutig verletzt. Sie hätte dem eine Abgeordnetensprechstunde durchführt.
Bundestag die Gelegenheit zur Stellungnahme geben
müssen, ehe sie an einem Rechtsetzungsakt der Europäi- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
schen Union mitwirkt. Dies hat sie nicht gemacht. bei der SPD und der LINKEN)

Zweitens. Sie hat den Fraktionsvorsitzenden am da- Frau Merkel ist die Regierungschefin. Deswegen
rauffolgenden Montag versprochen, den Vertrag über die kann sie sich an einem Tag wie heute der Kritik nicht
Zweckgesellschaft vor der zweiten Lesung vorzulegen. entziehen. Ich will drei Punkte ansprechen:
Erstens. Sie hat zu lange gezögert, als die Finanz-
Herr Altmaier, ich sage Ihnen klar und deutlich – man
marktkrise auf uns zugerollt ist. Sie hat die Probleme
kann nicht darüber streiten, ob es sich um Formfehler
verdrängt. Dies kostet die Steuerzahler viele Milliarden
oder um technische Fragen handelt; Sie haben sich ent-
Euro.
sprechend geäußert –: In einer Demokratie sind das
korrekte Verfahren, der korrekte Umgang mit der Verfas- Zweitens – ein ganz wichtiger Punkt –: Es fehlt ihr
sung, die Frage, ob man sich auf das Wort der Bundes- die elementare europäische Grundüberzeugung, die
kanzlerin verlassen kann, Überzeugung von der europäischen Idee.
(Peter Altmaier [CDU/CSU]: Das können (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
wir!) SES 90/DIE GRÜNEN und der SPD – Lachen
bei Abgeordneten der CDU/CSU)
keine technischen Petitessen, sondern elementare Ange-
legenheiten. Wer etwas von Europa will, liebe Kolleginnen und Kol-
legen, der muss für Europa auch etwas tun. Die Haltung
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN der Bundeskanzlerin ist eher: Deutsche Interessen sind
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der verwirklicht, wenn man Deutschland vor Europa
LINKEN) schützt; so hat sie in den letzten Wochen agiert. Wir ha-
(B) ben die Haltung: Europa liegt im deutschen Interesse. (D)
Trotz inhaltlicher Akzeptanz und sogar Zustimmung
Das ist ein fundamentaler Unterschied zu der Ängstlich-
zu dem Krisenfonds kommen die grünen Parlamentarier
keit und Zögerlichkeit der Bundeskanzlerin.
zu der Auffassung, dass für sie eine Enthaltung das
Beste ist. Das ist keine Drückebergerenthaltung; viel- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
mehr wird dadurch darauf reagiert, dass die Bundes- sowie bei Abgeordneten der SPD)
regierung im Verfahren mit diesem Parlament schäbig
Die Bundeskanzlerin lässt sich gerne als Physikerin,
umgeht. So etwas habe ich eigentlich noch nicht erlebt.
als analytisch, vom Ende her denkende Frau darstellen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN In diesem Fall muss man klar feststellen: Sie hat die
sowie bei Abgeordneten der SPD) Dinge nicht vom Ende her durchdacht. Zum Beispiel hat
sie das Ansinnen, einen Europäischen Währungsfonds
Dazu gehört, wie wenig sich die Bundeskanzlerin in einzurichten – die Einrichtung eines solchen Fonds hat
Reden wie ihrer Regierungserklärung tatsächlich um die der Finanzminister früh vorgeschlagen –, zunächst abge-
Zustimmung des Parlaments bemüht hat. Ich meine die- wehrt. Deswegen war sie in der Brüsseler Sitzung unvor-
ses nicht in dem Sinn: „Mutti, sei nett zu uns Kindern; bereitet, als es um den Europäischen Währungsfonds
dann werden wir schon zustimmen“, sondern in einem ging und dieser, zumindest im Kern, entstanden ist. Die
politischen Sinn: Wer von diesem Parlament heute eine Bundeskanzlerin hat sich auf diese Situation nicht vorbe-
Ermächtigung für Bürgschaften im Umfang von 148 Mil- reitet. Das war ein schwerer Fehler, den man ihr an die-
liarden Euro bekommen und mit diesen Risiken die Poli- ser Stelle vorhalten muss.
tik zukünftiger Generationen einschränken will – wir re-
den ja nicht über kleine Beträge –, der muss in einer Drittens. Wer in Europa etwas erreichen will, muss
anderen Weise, als die Kanzlerin es getan hat, um die seinen eigenen Laden im Griff haben. Dies richtet sich
Zustimmung des Parlaments werben. an die Koalitionsfraktionen: Wer sich getrieben sieht von
Koch auf der einen Seite und von Seehofer auf der ande-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ren Seite –
sowie bei Abgeordneten der SPD)
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE
Da die Kanzlerin schon wieder nicht auf der Regie- GRÜNEN]: Und von Mappus! – Otto Fricke
rungsbank sitzt, sondern herumrennt, will ich an dieser [FDP]: Aber nicht von den Grünen!)
Stelle sagen: In dieser Debatte, die Herr Altmaier und
– doch, von den Grünen auch –,
andere als die wichtigste seit vielen Jahren beschrieben
haben, ist ein solcher Umgang mit dem Parlament (Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU)
4424 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Fritz Kuhn
(A) wer sich im Umgang mit der FDP vor den Wahlen einge- richtigen Stellen, sonst machen wir haushaltspolitisch ei- (C)
grenzt sieht, der hat keine Möglichkeit, in Europa nen Stich, aber wirtschaftspolitisch verlieren wir und
vernünftig und richtig zu agieren. Ich nenne Ihnen ein vergrößern die Arbeitslosigkeit. Ich finde, dass wir über
Beispiel: Ihren Umgang mit der Finanzmarkttrans- Konzeptionen und darüber, dass die Politik das Primat
aktionsteuer. Wie wollen Sie nach dem Herumgeeiere der über die Märkte bekommt, jetzt hier reden müssen, aber
Kanzlerin in Europa – ich rede jetzt nicht von der Runde nicht unverbindlich, Herr Kauder, sondern mit dem kla-
der G 20 – eine Finanzmarkttransaktionsteuer durchset- ren Willen, der Bevölkerung zu sagen: Die Politik macht
zen, wenn Ihre Regierung nicht einmal in Deutschland in sich daran, wieder die Hoheit über die Finanzmärkte
der Lage ist, eine klare Konzeption zu entwickeln? zu bekommen. Dazu sind das, was Sie vorgelegt haben,
und die Diskussion der letzten Wochen nicht geeignet.
Nach der Sitzung des Koalitionsausschusses vom
Aber wir werden Sie nicht in Ruhe lassen.
18. Mai hat Herr Kauder vorgetragen – ich zitiere –:
Eine allerletzte Bemerkung: Ich habe mir gestern
Wir haben im Koalitionsausschuss vereinbart, die
Abend noch einmal Ihren Koalitionsvertrag durchgele-
Bundesregierung aufzufordern, sich über die Bankenab-
sen.
gabe hinaus für eine europäische, globale Beteiligung
der Finanzmärkte einzusetzen, das heißt, für Finanz- (Zurufe von der CDU/CSU und der FDP: Oh! –
transaktionsteuer oder Finance Activities Tax. – Wie Norbert Barthle [CDU/CSU]: Jeden Tag! –
wollen Sie, wenn Sie hier einen Katalog ganz unter- Volker Kauder [CDU/CSU]: Dann haben wir
schiedlicher Steuerarten vorlegen, damit in Europa ir- noch Hoffnung bei Ihnen!)
gendeine Durchschlagskraft entfalten, Herr Kauder?
– Freuen Sie sich nicht zu früh. – Ich kann Ihnen nur sa-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gen: Dieses Ding ist acht Monate alt. Aber wenn Sie es
sowie bei Abgeordneten der SPD) auf die heutigen Probleme beziehen, dann kommen Ih-
Die Botschaft dieses Textes und Ihrer Redeweise in den nen die Tränen, wenn Sie sehen, welche Ignoranz dieser
letzten Wochen ist: Sie wissen nicht, was Sie wollen; Vertrag gegenüber den heutigen Problemen offenbart.
aber Sie wollen es in Europa durchsetzen. Damit machen Sie sollten eine ganz andere Geschäftsgrundlage wählen.
Sie sich lächerlich und schwächen Ihre Glaubwürdig- Ich danke Ihnen.
keit.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Herr Kauder, Sie schütteln den Kopf. Die Leute drau- Präsident Dr. Norbert Lammert:
(B) (D)
ßen im Land fragen: Wann kommt der nächste Finanz- Für die Bundesregierung erhält nun der Bundes-
marktrettungsschirm? Wie geht es eigentlich weiter? finanzminister Dr. Wolfgang Schäuble das Wort.
Habt ihr die Dinge noch im Griff? – Sie verlangen zu
Recht von der Regierung, dass sie endlich Maßnahmen (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
ergreift, damit dieser Spekulationswahnsinn aufhört und Volker Kauder [CDU/CSU]: Das ist jetzt ge-
nicht die kleinen Leute die Zeche für den Unsinn, den nau die richtige Antwort auf den Kuhn!)
Sie angerichtet haben, bezahlen.
Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister der Finan-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zen:
und bei der SPD)
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich werbe
Da können Sie nicht mit Sätzen wie „Ich weiß nicht ge- dafür, dass wir angesichts der Bedeutung, der Tragweite
nau, wie meine Steuer heißen soll“ kommen. Da wird und der Schwierigkeiten dieser Entscheidung nicht den
entschlossene, inhaltlich klare Politik gefragt sein, die Eindruck erwecken, als seien die taktischen Finessen das
Sie in den Tagen, die wir hinter uns haben, nicht geliefert eigentlich Dominierende. Herr Kollege Kuhn, wenn Sie
haben. so überzeugend sagen, dass dieses Programm und diese
Maßnahmen im Grunde richtig sind, dann würde ich
Eine Bemerkung zum Abschluss: Es geht wirklich um
doch dafür werben, dass Sie überlegen, ob Sie nicht
die Frage, ob wir von den Märkten getrieben werden
mehr der Substanz als den taktischen Argumenten, die
oder ob wir klare Rahmenbedingungen für die Finanz-
ich verstehen kann, Rechnung tragen.
märkte setzen können, damit diese wiederum ihre Auf-
gabe, nämlich der wirtschaftlichen Investition zu dienen, Ich will gleichwohl Ihre Hauptargumente, warum Sie
wahrnehmen können. trotz Ihrer Zustimmung in der Sache glauben, heute
nicht zustimmen zu können, aufgreifen, so gut ich kann.
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Eine breite
Der erste Punkt ist: Sie sagen, die Bundesregierung habe
Zustimmung wäre dafür notwendig!)
der Unterrichtungspflicht gegenüber dem Parlament
Dazu ist es jetzt notwendig, dass wir uns auf einen lan- nicht ausreichend Rechnung getragen. Ich will Sie auf
gen Weg machen und eine vernünftige, langfristige Poli- Folgendes aufmerksam machen: Sie wissen, wie die Ent-
tik betreiben. Das heißt auch Sparpolitik, aber wenn scheidungsfindung von Freitag bis Sonntagnacht und
ganz Europa jetzt spart – das ist wichtig –, dann gehen Montagmorgen abgelaufen ist. Am Freitag haben wir
wir wirtschaftlich in die Knie. Wir haben die Botschaft: über das Griechenland-Paket diskutiert, anschließend
Wir müssen sparen und investieren, und zwar an den gab es Telefonkonferenzen der G-7-Finanzminister. Wir
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4425
Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble
(A) waren mit einer Situation konfrontiert, dass es beim – Vor der zweiten Lesung, Frau Bundeskanzlerin. – Das (C)
Treffen der Staats- und Regierungschefs am Freitag- heißt, das war das Verfahren, und dieses Verfahren ist
abend schon gar nicht mehr in erster Linie um die Finali- von dieser Bundesregierung nicht eingehalten worden.
sierung und die abschließende Inkraftsetzung des Das heißt, die Bundeskanzlerin hat ihre Zusage gegen-
Griechenland-Pakets ging, weil es inzwischen äußerst über den Fraktionsvorsitzenden nicht eingehalten.
deutliche Signale gab, dass unmittelbar eine weltweite
Krise der Finanzmärkte droht. Deswegen war rasches (Dr. Hans-Peter Friedrich [Hof] [CDU/CSU]:
Handeln über das Wochenende unausweichlich. Das ist doch etwas völlig anderes, Herr
Trittin!)
Die formelle Entscheidung über die Rechtsverord-
nung des Rates – sie bezieht sich auf die 60 Milliarden Wollen Sie bitte zweitens zur Kenntnis nehmen, dass
Euro, nicht auf die 440 Miliarden Euro; das muss man nach dem Grundgesetz – Sie waren mal Verfassungsmi-
auch einmal sagen – ist am Dienstag in einem Europäi- nister – und nach einfachgesetzlichen Regelungen die
schen Rat getroffen worden. Am Montag sind die Frak- wichtige und richtige Unterrichtung der Fraktionsvorsit-
tionsvorsitzenden durch die Bundesregierung unterrich- zenden – für die bin ich auch dankbar; das habe ich der
tet worden. Bundeskanzlerin sogar geschrieben – eine Beteiligung
des Deutschen Bundestages nicht ersetzt? Das ist die
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- verfassungsrechtliche Realität in diesem Lande.
NEN]: Erstens sind wir nicht der Bundestag,
und zweitens haben Sie nicht gesagt, dass erst (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
am nächsten Tag entschieden wird! – Gegen- bei der SPD und der LINKEN)
ruf des Abg. Volker Kauder [CDU/CSU]: Jetzt
seien Sie mal ruhig! – Widerspruch bei der Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister der Finan-
SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zen:
– Frau Kollegin Künast, der Kollege Thomas de Herr Kollege Trittin, Sie machen jetzt wieder den
Maizière, der mich dankenswerterweise in diesen Tagen Trick, dass Sie zwei Dinge verwechseln, vermischen.
vertreten hat, hat mir eben noch einmal bestätigt, dass (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
bei der Unterrichtung der Fraktionsvorsitzenden am Petra Merkel [Berlin] [SPD]: Was heißt hier
Montag in keinster Weise irgendeine Einwendung gegen „Trick“? Das ist eine Unterstellung!)
die Prozedur erhoben worden sei.
– Entschuldigung! Ich erkläre es Ihnen. – Der Vorwurf
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- des Verfassungsverstoßes kann sich nur auf die Rechts-
NEN]: Oh, oh, oh! – Renate Künast [BÜND- verordnung des Europäischen Rates bezüglich der euro- (D)
(B)
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Nee, nee, nee!) päischen Fazilität in Höhe von 60 Milliarden Euro bezie-
Ich bin nicht dabei gewesen; Sie können das untereinan- hen. Sie reden jetzt von den 440 Milliarden Euro
der ausmachen. Das ist ein nachgeschobenes Argument. Kreditermächtigung bzw. Gewährleistungsermächtigung.
Sie müssen das gegen sich gelten lassen. Das sind zwei verschiedene Dinge.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Nehmen Sie den Vorwurf des Verfassungsverstoßes
zurück,
Präsident Dr. Norbert Lammert: (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Herr Minister, gestatten Sie eine Zwischenfrage des NEN]: Nein!)
Kollegen Trittin?
dann können wir darüber reden, ob die Bundeskanzlerin,
ob wir aus welchen Gründen – –
Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister der Finan-
zen: (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Bitte, ja. NEN]: Er ist ja schon zugegeben worden von
der Kanzlerin!)
Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): – Nein, er ist nicht zugegeben worden; ich habe ihn ge-
Herr Kollege Schäuble, ich will Ihnen zugutehalten, rade widerlegt,
dass Sie an dem Termin ja nicht teilnehmen konnten. Ich
will Sie deswegen davon unterrichten – und Sie fragen, (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
ob Ihnen das niemand gesagt hat –, dass auf die Frage, wie weil ich Ihnen gesagt habe, dass die Unterrichtung vor
wir verfahren, ich die Bundeskanzlerin gefragt habe: Wer- der Beschlussfassung im Europäischen Rat stattgefun-
den wir vor der Beschlussempfehlung das Vertragswerk den hat.
über die Zweckgesellschaft vorgelegt bekommen? – Die
Bundeskanzlerin hat dies in Anwesenheit von mir und (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
den anderen Fraktionsvorsitzenden ausdrücklich zuge- NEN]: Nein, nicht des Bundestages! Frak-
sagt. Bevor Sie hier unterstellen, dass wir – – tionsvorsitzende sind etwas anderes!)
(Zurufe von der Regierungsbank – Renate Jetzt kommt der zweite Punkt, den ich Ihnen in der
Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vor Sache sagen wollte. Ich bin wirklich dafür, dass wir die
der zweiten Lesung!) Dinge in der Sache so gut wie möglich klären, damit
4426 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble


(A) Klarheit auch bei unseren Mitbürgerinnen und Mitbür- In der Sache ist klar, was zur Entscheidung ansteht. (C)
gern herrscht. Natürlich ist dieser Gesellschaftsvertrag noch nicht ab-
schließend formuliert. Wir haben die Eckpunkte Montag-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- nacht in der Euro-Gruppe genau vorgegeben. Das muss
neten der FDP) politisch entschieden werden. Wir haben den Auftrag er-
teilt. Wir werden heute Mittag am Rande unseres Tref-
Sie sagen: Wir wissen nicht wirklich, worüber wir fens in der Van-Rompuy-Gruppe sehen, wie weit man
entscheiden. – Das ist doch vorgeschoben, mit Verlaub. dort gekommen ist. Ich habe zugesagt, dass ich zu jedem
Es ist in dem Beschluss doch klar angelegt, dass wir Standpunkt jede mir zugängliche Information auch allen
– zunächst einmal – auf der Grundlage von Art. 122 Fraktionen des Bundestags zur Verfügung stelle. Aber
Abs. 2 des europäischen Vertrags 60 Milliarden Euro zur Sie haben keine Ausrede, um in der Sache eine Entschei-
Verfügung stellen, unter den Voraussetzungen, die genau dung zu verweigern; das haben Sie nicht.
definiert worden sind. Die europarechtliche und verfas-
sungsrechtliche Begründung dieser Maßnahme ist ein- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
wandfrei: weil sich durch das Überschwappen der Wir-
Nun will ich eine dritte Bemerkung machen. Es wird
kungen aus der Griechenland-Krise auf andere Länder
gesagt: Warum machen wir das so schnell? Ja, wir sind
eine von den einzelnen Mitgliedsländern im Sinne von
dieses Mal das erste Land, das, soweit parlamentarische
Art. 122 Abs. 2 des Vertrages nicht verschuldete Situa-
Entscheidungen notwendig sind – die sind nicht in allen
tion ergeben hat. Deswegen befinden wir uns bei diesen
Ländern notwendig; in Deutschland sind sie notwendig –,
60 Milliarden Euro auf einer einwandfreien rechtlichen
entscheidet. Aber es ist nun einmal so: Wir haben ja ge-
Grundlage. Das ist der Beschluss des Europäischen Rats.
sehen – bei Griechenland, aber auch nach der Entschei-
Darüber hinaus haben die Mitgliedsländer der Euro-
dung des Europäischen Rats –, dass zwar am Montag die
Gruppe verabredet – – Das muss man rechtlich unter-
Märkte ein wenig reagiert haben; aber seit Dienstag ha-
scheiden; das ist für die Bevölkerung vielleicht nicht
ben wir wieder eine Entwicklung gehabt, dass der Euro
ganz so wichtig, aber wenn Sie so argumentieren, will
rückläufig gewesen ist. Deswegen ist eben entscheidend,
ich das doch ganz korrekt darlegen, damit klar ist: Im
dass wir zwei Dinge machen:
Verfahren ist es so korrekt, wie es in der Sache notwen-
dig ist, was wir heute entscheiden. Erstens müssen wir wirklich dafür sorgen, dass die
Ursachen der Spekulationen bekämpft werden, das heißt
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) die Reduzierung der Defizite durch alle Länder der
Euro-Zone.
Also, zu dieser Maßnahme haben sich die Euro-Länder
intergouvernemental verabredet: bis zu 440 Milliarden (Beifall bei der CDU/CSU)
(B) (D)
Euro Finanzfazilitäten für notleidende Länder zur Verfü-
Dafür haben Spanien, Portugal und andere Länder Maß-
gung zu stellen, unter den Voraussetzungen, die in dem
nahmen beschlossen, und auch wir werden unseren Teil
Beschluss sehr genau definiert sind und die im Übrigen
dazu beizutragen haben. Die Debatten darüber, wie sich
in unserem Gesetzentwurf, den wir jetzt verabschieden
die Schuldenbremse des Grundgesetzes im Haushalt
wollen, wofür wir um Ihre Zustimmung bitten, genau
2011 und im mittelfristigen Finanzplan auswirkt, stehen
enthalten sind, und zwar in § 1.
uns bevor. Wir müssen unseren Beitrag leisten. Alle sind
Voraussetzungen: Es muss erstens festgestellt werden, dazu entschlossen.
dass ein Land der Euro-Zone notleidend ist; an diesem Zweitens. Wir müssen das Instrumentarium des Stabi-
Beschluss wirkt dieses Land nicht mit. Es muss zweitens litäts- und Wachstumspakts schärfen. Dazu sind Vor-
klargestellt sein, dass die Mittel aus der Europäischen schläge gemacht auf Anstoß der Bundesregierung. Ich
Kommission, also die 60 Milliarden Euro, nicht ausrei- habe Vorschläge veröffentlicht. Die Bundeskanzlerin hat
chen. Es müssen drittens Konditionalitäten wie bei Grie- im Europäischen Rat am 25. März durchgesetzt, dass die
chenland vereinbart sein. Es müssen viertens EU-Kom- Arbeitsgruppe der Finanzminister unter dem Vorsitz des
mission, EZB und IWF genauso beteiligt sein wie bei Ratspräsidenten eingesetzt wird. Das hat den Sinn, dass
Griechenland. wir nicht nur innerhalb der europäischen Verträge reden
können, sondern dass wir in der Van-Rompuy-Gruppe
Unter diesen Voraussetzungen stellen die Euro-Län-
auch über Vertragsänderungen sprechen können. Da-
der über eine zu gründende Gesellschaft – die hat aber
rüber haben wir noch keinen Konsens mit allen Mit-
nur den Auftrag der technischen Durchführung und kei-
gliedstaaten; das ist wahr. Aber heute Mittag um 14 Uhr
nen Auftrag der materiellen Gestaltung – Kreditfazilitä-
fangen wir an. Wir haben Vorschläge gemacht. Die
ten in einer Höhe von bis zu 440 Milliarden Euro zur
Kommission hat Vorschläge gemacht – die wir lange
Verfügung, die pro rata bei den einzelnen Anleihen
eingefordert hatten –, wie man das Instrument des Stabi-
durch die Mitgliedstaaten garantiert werden. Das ist der
litäts- und Wachstumspaktes schärft. Das ist der eine
Regelungsgehalt. Dafür haben Sie alle genauen Eck-
Punkt.
punkte zur Verfügung gestellt bekommen, durch mich
persönlich übermittelt. Wir haben auch unmittelbar nach Der andere Punkt ist: Wir müssen in Kraft setzen, was
meiner Rückkehr aus Brüssel am Dienstag miteinander wir im Europäischen Rat verabredet haben. Denn die
telefoniert; ich glaube, sogar schon auf der Fahrt zum Märkte vertrauen erst, wenn das tatsächlich in Kraft ist.
Flughafen in Brüssel. Deswegen sollten Sie die Dinge Es ist eine Realität, dass die Märkte stärker auf Deutsch-
nicht falsch darstellen. land schauen als auf Zypern oder Malta, die auch Mit-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4427
Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble
(A) glied der Euro-Zone sind. Deswegen ist es richtig – um Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister der Finan- (C)
Vertrauen auf den Märkten zu gewinnen, damit die Maß- zen:
nahmen wirken –, dass wir so schnell entscheiden, wie Herr Kollege Wieland, es ist genau gegenteilig. Ich
wir es uns vorgenommen, wie wir es verabredet haben. habe mich in der Sitzung der Euro-Gruppe dafür einge-
setzt, dass wir dieses Instrument so gestalten, dass es auf
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Ja! Das haben den Finanzmärkten seine Wirkung erzielt. Was dazu er-
alle Sachverständigen so dargestellt!) forderlich ist, hat Bundesbankpräsident Weber – Herr
Deswegen ist das nicht Taktik oder irgendetwas anderes, van Essen hat es zitiert – in der Anhörung des Finanz-
sondern es ist in der Sache geboten, wenn wir das errei- ausschusses gesagt. Sie könnten Herrn Trichet fragen,
chen wollen, was Sie ja im Prinzip als richtig erklärt ha- Sie könnten Herrn Strauss-Kahn fragen, wen immer Sie
ben, nämlich das Paket zur Stabilisierung der europäi- wollen. Die werden Ihnen alle das Gleiche sagen.
schen Währung. Nehmen Sie das also nicht als Die Wahrheit ist umgekehrt. Als ich von Bemühun-
Argument, um nicht zuzustimmen, sondern stimmen Sie gen, die ich sehr respektiere, gehört habe, jede einzelne
zu. Entscheidung von der Zustimmung des Parlaments ab-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) hängig zu machen, habe ich sehr darum gebeten, dass
wir diesen Weg nicht gehen. Das hat uns ein paar zusätz-
Übrigens will ich Ihnen in diesem Zusammenhang sa- liche Gespräche eingebracht; das ist immer gut. Jetzt ha-
gen: Wir hatten gestern im Finanzministerium eine Fi- ben wir uns auf eine Regelung verständigt – sie steht in
nanzmarktkonferenz, um einen Beitrag zur Vorbereitung der Beschlussempfehlung des Haushaltsausschusses –,
des G-20-Gipfels im kommenden Monat in Kanada zu der Ihre Fraktion im Haushaltsausschuss zugestimmt
leisten. Das hat insofern gut gepasst, als wir von allen hat:
anwesenden G-20-Staaten gehört haben, dass auch Asien
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: So ist es!)
mit großer Besorgnis darauf schaut, dass es gelingt, die
Krise um den Euro zu stabilisieren, weil die Gefahr von dass wir genau die Regelung übernehmen, die wir in
Folgewirkungen auf das gesamte Weltwährungs- und -fi- dem Gesetz über die Zusammenarbeit zwischen der
nanzsystem bestanden hätte. Deswegen haben wir diese Bundesregierung und dem Bundestag in europäischen
große Verantwortung. Fragen am 25. September 2009 festgelegt haben. Besser
kann man es gar nicht machen, meine Damen und Her-
Präsident Dr. Norbert Lammert: ren.
Herr Minister, lassen Sie eine Zwischenfrage des Kol- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(B) legen Wieland zu? (D)
Ich würde gerne noch eine Bemerkung zu dem Thema
„Besteuerung des Finanzsektors“ machen. Ich finde,
Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister der Finan- wenn wir ehrlich mit unseren Mitbürgerinnen und Mit-
zen: bürgern umgehen, dann können wir erstens zugeben,
Bitte, Herr Wieland. dass es unterschiedliche Meinungen über die Wirkungs-
weise und Wirkungskraft einer Finanztransaktion-
steuer gibt. Die gibt es in der Welt, die gibt es immer.
Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Herr Bundesminister, da Sie uns ja vorgeworfen ha- (Joachim Poß [SPD]: Die Anhörung war ziem-
ben bzw. an uns appelliert haben, nicht wegen taktischer lich eindeutig!)
Mätzchen das Ja zu verweigern, frage ich Sie: Stimmt es,
– Ja, einverstanden.
dass Sie in Brüssel dafür geworben haben – sich bei Ih-
ren Kolleginnen und Kollegen aber nicht durchgesetzt Wir können zweitens sagen, dass es jedenfalls eine
haben –, dass der Bundestag vor der Übernahme einer Übereinstimmung gibt. Die Bundeskanzlerin hatte mich
jeden Garantie ein Veto bekommt, und können Sie es mit im Übrigen beauftragt. Hören Sie sich doch einmal bei
Ihrem Verständnis des Parlamentes vereinbaren, dass das Ihren Kollegen in der Euro-Gruppe, im Ecofin, um, wie
Parlament sein Budgetrecht so weit auf die Exekutive sie diese Fragen beurteilen. Die Antwort habe ich auch
überträgt, dass nur noch eine Bemühenszusage der Bun- im Haushaltsausschuss sehr präzise gegeben und dort
desregierung herausgekommen ist? berichtet. Es gibt niemanden, der in Europa national eine
Finanztransaktionsteuer einführen will – kein Land.
Ich frage jetzt ganz zugespitzt, gerade weil der Kol-
lege van Essen vorhin den Bundesbankpräsidenten zi- (Christian Lindner [FDP]: Nur die SPD!)
tiert hat: Sollen die Finanzmärkte dann auch noch die
Demokratie bestimmen? Sollen sie auch noch über unser – Nein, kein Land, kein Staat, kein Mitgliedstaat der Eu-
Budgetrecht bestimmen? Ist ein Parlament noch ein Par- ropäischen Union – das ist meine Antwort auf den Un-
lament, wenn es sich insoweit seines vornehmsten Rech- terrichtungsauftrag der Bundeskanzlerin –, weil sie alle
tes entäußert? sagen: Das macht keinen Sinn. Alle sagen mehr oder
minder: Ja, wenn es global geht, ist das gut. Das ist übri-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gens seit langem die Position der Christlich-Demokrati-
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- schen Union, insbesondere auch ihrer Vorsitzenden, der
KEN) Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wenn es global geht:
4428 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble


(A) Ja. Die Frage: „Geht es global?“, wird von vielen sehr (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – (C)
skeptisch beurteilt; das wissen auch Sie. Volker Kauder [CDU/CSU]: Jetzt könnt ihr ja
zustimmen!)
(Joachim Poß [SPD]: Wir doch auch!)
Nachdem dies alles geklärt ist, verehrte Kolleginnen
– Ja, das wissen wir auch. Ich gehe gerade Schritt für und Kollegen, können wir doch jetzt zur Sache zurück-
Schritt vor. Seien Sie ganz geduldig! So wie ich im kehren.
Haushaltsausschuss präzise war, will ich es auch hier
sein. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
SPD wie Grüne sagen: Eigentlich ist es richtig; eigent-
Die Staats- und Regierungschefs haben im G-20-Pro-
lich ist jede andere Alternative – die gibt es immer – viel
zess in Pittsburgh verabredet: Bis zum nächsten Gipfel
schlechter und viel gefährlicher, also müssen wir es ma-
im Juni 2010 – er findet demnächst in Kanada statt –
chen. Deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen
wollen wir geklärt haben: Gibt es eine Chance, die
Sie uns wieder gemeinsam unseren Mitbürgerinnen und
Steuer weltweit einzuführen? Wenn es diese Chance
Mitbürgern sagen, warum wir dies tun. Wir tun dies eben
gibt, wird sich die Bundesregierung dafür einsetzen.
nicht aus Großzügigkeit gegenüber anderen, sondern wir
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – tun es in unserem besten, wohlverstandenen nationalen
Thomas Oppermann [SPD]: Wenn es die Interesse. Dieses nationale Interesse heißt: eingebunden
Chance gibt?) bleiben in das weiter zusammenwachsende Europa.

Wenn nach dem G-20-Gipfel in Kanada im Juni fest- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
steht, dass es diese Chance auf absehbare Zeit nicht gibt, Die gemeinsame europäische Währung und die Wirt-
dann – und nur dann – besteht eine reale Chance, in Eu- schaftsgemeinschaft sind für Deutschland von ganz
ropa eine Antwort von den anderen Staaten zu bekom- überragendem Vorteil. Man muss sich einmal die Zahlen
men: Gibt es eine Chance auf eine europäische Finanz- anschauen: Wenn man Exporte und Importe zusammen-
markttransaktionsteuer? Die Bundesregierung wird sich rechnet, dann erkennt man, dass der Anteil unserer Ver-
dafür einsetzen. flechtung in den globalisierten Welthandel doppelt so
groß ist wie beim nächsten großen Welthandelsland Ja-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- pan; so stark sind wir davon abhängig. Fast zwei Drittel
neten der FDP – Thomas Oppermann [SPD]: unserer Exporte gehen in die Mitgliedsländer der Euro-
Ohne Wenn und Aber?) päischen Währungsunion. Hätten wir keine gemeinsame
So ist es gesagt, und so ist es geklärt. Währung, hätten wir eine viel geringere wirtschaftliche
(B) Leistungskraft, weniger Wohlstand und weniger soziale (D)
Damit Sie nicht hinterher sagen, das hätten wir nicht Sicherheit. Deswegen ist die Verteidigung des Euro, der
gesagt, sage ich Ihnen eines vorher. Es wird dann in Eu- Stabilität unserer europäischen Währung, ein Akt unse-
ropa eine ganz zentrale Frage sein: Geht eine solche rer eigenen Verantwortung für unser gemeinsames Eu-
Steuer nur unter Einschluss des größten Finanzplatzes, ropa.
London, oder geht sie notfalls, wenn es europaweit kein
Einvernehmen gibt, auch ohne ihn? Die Haltung des (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vereinigten Königreichs – es hat eine ganz neue Regie- Im Übrigen: Wenn wir Defizite reduzieren, dann ist
rung; dort gab es vor kurzem Wahlen – ist in der Frage das nicht etwas, was uns Brüssel auferlegt, sondern es ist
nicht völlig klar. Besser wäre eine Regelung für ganz im Interesse der Nachhaltigkeit unvermeidlich. Deswe-
Europa. Aber wenn eine Regelung für ganz Europa nicht gen fangen manche Mitgliedstaaten an, darüber nachzu-
möglich ist, werden wir über die Frage zu entscheiden denken, ob die deutsche Schuldenbremse im Grundge-
haben: Gibt es eine Chance, das im Euro-Bereich einzu- setz nicht auch deswegen klug ist. Natürlich kann man
führen? Auch dafür werden wir uns einsetzen; den Stabilitätspakt auch so ausgestalten, dass er eine eu-
ropäische Schuldenbremse ist. Aber die nationale Veran-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) kerung in der nationalen Verfassung hat den Sinn, der
aber ob wir dafür eine Mehrheit im Euro-Bereich be- Bevölkerung klarzumachen: Wir tun das nicht für an-
kommen, kann ich Ihnen heute nicht versprechen. Das dere; wir tun es für uns selbst, im Interesse künftiger Ge-
ist die Haltung der Bundesregierung; so ist es präzise. nerationen, im Interesse der Nachhaltigkeit unserer Fi-
nanzpolitik. Auch dies muss man sehen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP – Joachim Poß [SPD]: So klar (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
war Frau Merkel nicht in den letzten Tagen!) Deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen: Das, was
wir entscheiden, ist keine Kleinigkeit. – Im Übrigen ge-
– Entschuldigung! Um diese Frage so klar zu beantwor- ben wir nicht Steuergelder aus, sondern wir ermächtigen
ten, hat sie ihren Finanzminister beauftragt, das erst ein- für die Garantie von Krediten. Das ist schon ein Unter-
mal zu klären; schied. Die Haushaltsprobleme für den Haushalt 2011,
(Joachim Poß [SPD]: Ah!) für die Fortschreibung der mittelfristigen Finanzplanung
und für die Einhaltung der Schuldenbremse bestehen
er gibt Ihnen jetzt die Antwort. Das können Sie nicht der völlig unabhängig von dem, was wir heute zu entschei-
Bundeskanzlerin vorwerfen. den haben, und sie sind groß genug. Das will ich nicht
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4429
Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble
(A) kleinreden. Wir sollten das nicht vergessen. – Es ist richtig bekomme ich Ihre 180-Grad-Wendung mit die- (C)
keine Kleinigkeit. Aber das ist die Konsequenz einer sem Zitat nicht zur Deckung; das muss ich offen sagen.
Entscheidung, mit der wir sagen: Wir setzen auf ein
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Zuruf
handlungsfähiges, starkes Europa, und wir setzen auf die
von der CDU/CSU: Scheinheilig!)
Stabilität unserer gemeinsamen europäischen Währung.
Dafür sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen. So ist das, wenn man die Bergpredigt ins Parlament ein-
Ich hoffe, das gilt nicht nur für die Koalition, sondern führt: Irgendwann schlägt sie zurück.
auch für alle anderen, die sich in diesem Hause für euro-
päische Politik einsetzen. (Zuruf von der FDP: Es geht um den Euro!)

Herzlichen Dank. Also, Herr Kollege Schäuble, mich würde wirklich


interessieren: Was ist denn nun eigentlich die Position
(Lang anhaltender lebhafter Beifall bei der CDU/ der Regierung und der Koalitionsfraktionen, und warum
CSU – anhaltender Beifall bei der FDP) beschließen wir die Steuer heute nicht? Ich kann ja ver-
stehen, dass inzwischen selbst in Ihren eigenen Reihen
Präsident Dr. Norbert Lammert: große Zweifel – übrigens auch an Ihrer persönlichen
Das Wort erhält nun der Kollege Sigmar Gabriel für Glaubwürdigkeit, Herr Schäuble – existieren.
die SPD-Fraktion. (Klaus Brähmig [CDU/CSU]:
(Beifall bei der SPD – Abg. Sigmar Gabriel Unverschämtheit!)
[SPD] begibt sich humpelnd zum Rednerpult – – Sie sagen „Unverschämtheit“. Das müssen Sie Herrn
Volker Kauder [CDU/CSU]: Die SPD ist ange- Seehofer sagen. Er sagt das heute in der Süddeutschen
schlagen! – Gegenruf des Abg. Thomas Zeitung.
Oppermann [SPD]: Das hättet ihr gerne!)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –
Sigmar Gabriel (SPD): Volker Kauder [CDU/CSU]: Das ist auch un-
Das müssen Sie doch verstehen; die rechte Seite ist verschämt!)
ein bisschen angeschlagen. Damit kennen Sie sich doch
aus, oder nicht? – Das sagen wir doch nicht. Wenn Sie danach rufen,
dann zitiere ich ihn. Es ist doch Ihr Ministerpräsident. Er
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Bei Ihnen, in- fragt heute in der Süddeutschen Zeitung, warum Finanz-
nerhalb Ihrer Fraktion!) minister Schäuble die Finanztransaktionsteuer infrage
(B) Herr Präsident! Frau Bundeskanzlerin! Meine Damen stellt, obwohl die Koalition sie doch will. Seehofer: (D)
und Herren! Wenn der Koalitionsausschuss sagt, die Steuer
(Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: Gute kommt, und der Finanzminister gleichzeitig sagt,
Besserung! sie kommt nicht, dann fühlt sich doch die Bevölke-
rung verhöhnt. … Ich muss mich
– Herr Westerwelle wünscht mir gute Besserung; poli-
tisch wünsche ich Ihnen das auch. – so Seehofer –

(Heiterkeit bei der SPD – Dr. h. c. Hans schon manchmal sehr zurückhalten, um nicht aus
Michelbach [CDU/CSU]: Das entspricht nicht der Haut zu fahren.
dem Ernst der Lage!) Das geht uns auch so, meine Damen und Herren. Das
geht uns ganz genauso.
Aber im Ernst, Herr Schäuble: Was sollen wir Ihnen
denn nun eigentlich glauben? Sie sagen im März: Es gibt (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
keine Chance zur Einführung einer Finanztransak- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
tionsteuer. Am 18. Mai im Deutschlandfunk machen Sie GRÜNEN)
die Einführung noch völlig davon abhängig, dass sie
weltweit erfolgt, weil sonst die Gefahr einer Abwande- Ein paar von Ihnen haben eben dazwischengerufen:
rung in die USA und nach Asien bestehe, und heute er- die Haltung der SPD zum Euro. Jetzt sage ich Ihnen mal
klären Sie nun, Sie seien – ich habe genau zugehört – so- eins: Ein Teil Ihrer eigenen Koalition klagt gegen Ihre
gar bereit, es nur im Euro-Raum zu versuchen. Gesetze vor dem Verfassungsgericht und ein anderer er-
klärt, Sie seien führungsschwach und wüssten nicht, wie
Meine Frage an Sie ist: Wenn dies ein ernsthafter das Ganze zusammengehen soll. Sie haben ein Problem
Meinungswandel bei Ihnen ist, warum, Herr Kollege in der europäischen Debatte, nicht wir!
Schäuble, beschließen wir es dann nicht einfach heute
hier im Deutschen Bundestag? Warum? (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Aber so geht das ja nun schon seit Monaten. Vor ge-
nau zwei Wochen berieten wir im Deutschen Bundestag
Sie haben vor zwei Wochen hier im Haus der SPD ein nach wochenlangen Dementis von Wolfgang Schäuble,
Zitat aus der Bergpredigt entgegengehalten: „Euer Ja sei Angela Merkel und vielen anderen Koalitionären über
ein Ja, euer Nein ein Nein.“ Herr Kollege Schäuble, so 22,4 Milliarden Euro Garantierahmen für Griechen-
4430 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Sigmar Gabriel
(A) land – und keinen Cent mehr, so der Parlamentarische (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (C)
Geschäftsführer der FDP, Herr Fricke. des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(Otto Fricke [FDP]: Für Griechenland!) Die Staats- und Regierungschefs wollten den Euro nicht
– Darauf habe ich gewartet, Herr Kollege Fricke. Ich ein zweites Mal aufs Spiel setzen, nur um Ihren takti-
will nicht sagen: dümmere – – Aber es wird Ihrer intel- schen Winkelzügen in der Innenpolitik folgen zu müs-
lektuellen Fähigkeit nicht gerecht, sich mit der Ausrede sen. Sie hatten es satt. Das ist der Grund, warum sie Sie
zufriedenzugeben. vor vollendete Tatsachen gestellt haben.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Joachim Poß [SPD]: Die hat er doch gar
nicht!) Frau Bundeskanzlerin, seit Konrad Adenauer ist nie ein
deutscher Bundeskanzler in Europa so vorgeführt wor-
Wir haben hier im Deutschen Bundestag und in der Öf- den. Seit Konrad Adenauer hat noch niemand die
fentlichkeit die Frage diskutiert: Kann das eigentlich deutsch-französische Achse so grundlegend ruiniert, wie
Folgewirkungen in anderen Ländern haben? Wann kom- Sie das in den letzten Monaten getan haben.
men die Nächsten? Da haben Sie gesagt: Keinen Cent
mehr, und zwar ohne die Einschränkung zu Griechen- (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
land. Das ist Ihre Position, die Sie hier eingenommen ha- DIE GRÜNEN – Widerspruch bei der CDU/
ben. CSU – Norbert Barthle [CDU/CSU]: Niemand
genießt höheren Respekt in Europa als unsere
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Bundeskanzlerin!)
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Herr Fricke, Sie sollten sich nicht davon distanzieren. Nun kommen Sie in den Deutschen Bundestag und
Sie sind, jedenfalls nach Ihrer Auffassung, in guter Ge- fordern all das, was Sie vor der Blamage in Brüssel hier
sellschaft; denn Herr Brüderle hat am 5. März auf ntv be- im Parlament und in der Öffentlichkeit noch vehement
reits verkündet: Wir haben nicht die Absicht, Griechen- abgelehnt haben. Ich frage Sie nur mal eins: Wer soll ei-
land einen Cent zu geben. – Am gleichen Tag, als wir gentlich der immer schnelleren Folge Ihrer Regierungs-
hier entschieden haben, als Herr Fricke für keinen Cent erklärungen noch Glauben schenken? Das machen doch
weitere Zugeständnisse machen wollte, flog Frau Merkel offensichtlich, siehe Seehofer, nicht einmal Ihre eigenen
nach Brüssel, um über 123 Milliarden Euro – Herr Leute. Aber ich will ja von Herrn Schäuble und anderen
Fricke, das sind 12,3 Billionen Cent – mehr zu verhan- nicht mehr Überzeugungsfähigkeit erwarten, als ihrer ei-
(B)
deln. genen Kanzlerin zur Verfügung steht. Von daher waren (D)
meine Erwartungen an die heutige Debatte nicht allzu
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und dem groß.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Norbert
Barthle [CDU/CSU]: Ist das ein ernsthaftes Aber was Sie sich am letzten Sonntag, Frau Bundes-
Argument?) kanzlerin, beim DGB-Bundeskongress erlaubt haben,
ist schon einmalig. Es war Ihnen offensichtlich nicht ein-
Jetzt gibt es zwei Rückschlüsse. Entweder die Regie-
mal peinlich, den DGB-Vorsitzenden bei der Debatte,
rung hat am Freitagmorgen vor 14 Tagen dem Parlament
wie man die Kapitalmärkte endlich zur Kasse bittet, da-
gegenüber nicht die ganze Wahrheit gesagt, oder – und
mit die Kosten bezahlt werden, die dort angerichtet wur-
das ist vermutlich die weitaus schlimmere Nachricht und
den, aufzufordern, er möge doch dafür sorgen, dass alle
Wahrheit – sie hat wirklich nicht gewusst, was auf sie in
20 Gewerkschaftsbünde der G-20-Industriestaaten ihre
Brüssel zukommt. Die Kanzlerin der größten Volkswirt-
Staats- und Regierungschefs dazu bringen, die Forde-
schaft Europas, die Regierungschefin eines der wichtigs-
rung nach einer Finanztransaktionsteuer zu unterstützen.
ten Motoren der Europäischen Union, kommt auf einen
EU-Gipfel und wird von Frankreich und allen anderen (Joachim Poß [SPD]: Ja, das ist politische
Mitgliedstaaten Führung!)
(Joachim Poß [SPD]: Italien! Berlusconi!)
Dann seien auch Sie dafür und würden die Steuer for-
vor vollendete Tatsachen gestellt. Das ist die Realität, dern. Frau Dr. Merkel, Sie haben wirklich ein seltsames
die Sie uns heute hier versuchen, zu erklären. Rollenverständnis: Sie müssen kämpfen, nicht andere.
Sie müssen vorgehen, nicht andere.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Vorsicht, wenn Sie das bestreiten! Dann bleibt nur die DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
Alternative, dass Sie es wussten, uns es aber nicht gesagt LINKEN)
haben.
Sie sind doch nicht Deutschlands oberste politische Ani-
Das hatte einen anderen Grund – das muss man ein- mateurin, die andere auffordert. Sie selber müssen doch
mal aussprechen –: Die anderen EU-Staaten hatten die führen und handeln. Aber genau hier liegt der Unter-
Nase gestrichen voll von Ihrer Taktiererei, Frau Bundes- schied zwischen Ihnen und anderen Regierungschefs in
kanzlerin. der Europäischen Union.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4431
Sigmar Gabriel
(A) (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ – Es geht nicht um einen Luxemburger, es geht um den (C)
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Vorsitzenden der Finanzminister des Euro-Rates. Schein-
LINKEN) bar scheint Ihnen der nichts wert zu sein.
Wenn Sie das jetzt kurz nach dem DGB-Kongress (Dr. Hans-Peter Friedrich [Hof] [CDU/CSU]:
wirklich ernst meinen und für die Finanztrans- Das ist eine schlechte Rede, Herr Gabriel, sehr
aktionsteuer kämpfen wollen, wenn Sie für diese Steuer schlecht!)
auf einmal sogar – ich zitiere Sie noch einmal – „Rabatz
machen“ wollen, wie Sie vorgestern erklärt haben, dann – Wir sollten die Zwischenrufe, die hier ja aufgezeichnet
frage ich Sie: Warum beschließen wir das nicht heute werden, einmal den Kollegen in Europa zuschicken. Mal
hier im Parlament? sehen, wie die darauf reagieren.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des Frau Bundeskanzlerin, ich habe Sie in der Umwelt-
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) politik als mutig erlebt.
Sie sind ja nicht einmal bereit, dem sehr knapp gefassten (Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE
Entschließungsantrag der SPD zuzustimmen, der in gro- GRÜNEN]: Na ja!)
ßen Teilen wörtlich Ihrer Regierungserklärung vom Mitt- Glauben Sie wirklich, dass es den Emissionshandel in
woch – für den Fall, dass Sie sich daran nicht mehr erin- Europa gäbe, wenn Deutschland dazu nicht Ja gesagt
nern – entnommen ist. In ihm wird ohne große Schnörkel hätte, wenn wir nicht gegen die Lobbyisten im eigenen
gefordert – Herr Schäuble, hören Sie genau zu –: Zuerst Land, gegen die Zauderer und Zögerer während unserer
soll die Bundesregierung bei G 20 für die Beteiligung EU-Ratspräsidentschaft Druck gemacht und den Emis-
der Kapitalmärkte kämpfen und, wenn die nicht mitzie- sionshandel verschärft hätten? Ich sage Ihnen: Nichts an-
hen, es in Europa alleine machen. Das hatten Sie doch deres erwarten wir auch von Ihnen. Wir müssen mutiger
eben hier versprochen. sein und in Europa vorangehen. Aber Sie waren wohl
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) nur so lange eine mutige Kanzlerin, solange Sie von So-
zialdemokraten bewacht wurden.
Das ist doch das Versprechen der Bundeskanzlerin.
(Beifall bei der SPD – Lachen bei der CDU/
Warum wehren Sie sich eigentlich so heftig, dass das
CSU und der FDP – Volker Kauder [CDU/
deutsche Parlament dieses beschließt und Ihnen damit
CSU]: Da haut es einem die Brille von der
den Rücken stärkt? Warum sind Sie eigentlich dagegen?
Nase!)
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
(B) – Man kann sich auf Ihre Zwischenrufe verlassen. (D)
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN) In den letzten zwei Regierungserklärungen, Frau
Die Antwort ist einfach: weil Sie in Wahrheit nichts als Bundeskanzlerin, haben Sie sich ins Pathos geflüchtet.
einen faulen Formelkompromiss mit Ihrem Wunschpart- (Volker Kauder [CDU/CSU]: Wo leben Sie
ner FDP hinbekommen haben, ohne substanziellen Wil- denn?)
len der gesamten Bundesregierung, auch wirklich dafür
einzutreten. Herr Westerwelle ist als Außenminister auch Aber wie sieht eigentlich die Realität aus? Was haben
bei diesem Kampf für eine angemessene Beteiligung der Sie eigentlich in den letzten sieben, acht Monaten bei der
Kapitalmärkte ein Totalausfall für Deutschland und Finanzmarktregulierung getan?
Europa. (Zuruf von der SPD: Gar nichts!)
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Vor lauter internem Streit und Taktieren vor der Land-
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
tagswahl in NRW hat Ihre schwarz-gelbe Wunschkoali-
LINKEN – Norbert Barthle [CDU/CSU]: Ha-
tion in den sieben, acht Monaten genau drei Vorhaben
ben Sie nicht zugehört?)
auf den Weg gebracht, die sich mit dem Thema Finanz-
Da lobe ich mir wahrhaft standhafte Konservative wie marktregulierung befassen. Alle drei beschränken sich
Jean-Claude Juncker aus Luxemburg. Er sagt öffent- auf die Umsetzung von EU-Recht, und, übrigens, keines
lich: Ja, er ist bereit, wenn zum Beispiel die Briten nicht dieser Verfahren ist abgeschlossen. Nur zum Vergleich:
mitmachen, es dann alleine in der Euro-Zone zu machen. Zwischen Ende 2008 und Sommer 2009 hat der sozial-
Der hat Mumm. Der kuscht nicht vor ein paar Drohun- demokratische Finanzminister Peer Steinbrück – übri-
gen dieser Nieten in Nadelstreifen, gens meistens gegen energische Widerstände aus der
Union – ein Gesetz zur Regulierung der Vorstandsvergü-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) tung, zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung, zur bi-
denen immer ein neues Argument einfällt, wenn es da- lanziellen Aufdeckung der Zweckgesellschaften, zur
rum geht, sich selbst davor zu schützen, dass sie die Verschärfung der Haftung der Manager, zur Erhöhung
Kosten tragen, die sie selber zu verantworten haben. der Transparenz bei Unternehmensbeteiligungen sowie
Maßnahmen zur Begrenzung der Vergütung in der Fi-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten nanzbranche durchgesetzt und dazu zahlreiche Maßnah-
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – men auf EU-Ebene vorangebracht,
Bartholomäus Kalb [CDU/CSU]: Luxemburg
ist ja auch furchtbar groß!) (Beifall bei der SPD)
4432 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Sigmar Gabriel
(A) übrigens immer gegen den erbitterten Widerstand der letzten Jahres führen Sie Tag für Tag neue Koalitionsver- (C)
FDP. Das, Frau Bundeskanzlerin, ist die Bilanz, wenn handlungen. Seit Jahresbeginn eilen Sie der Realität an
man wirklich handelt. Was haben Sie in Ihrer Regie- den Märkten hinterher. Sie sind längst zur Getriebenen
rungserklärung gesagt? – „Es ist Zeit zum Handeln.“ geworden, zur Getriebenen der Märkte, der europäischen
Das finden wir auch. Wir haben es getan. Wann tun Sie Partner, Ihres liberalen Wunschpartners, inzwischen so-
das endlich, anstatt immer nur Ankündigungen zu ver- gar Ihrer eigenen Fraktion und am Ende notfalls durch
breiten? die Medien. Sie haben keine Linie, Sie haben kein Ziel,
und Sie wissen nicht, wohin mit diesem Land und mit
(Beifall bei der SPD – Zurufe von der CDU/
Europa. Das ist die Bilanz Ihrer Regierung nach sieben
CSU)
bis acht Monaten in diesem Land.
– Ich weiß gar nicht, was die Zwischenrufe sollen. Sie
(Beifall bei der SPD)
sind doch selber stolz auf die Zeit, als Sie mit uns regiert
haben. Sie haben in dieser Woche die Broschüre Frau Bundeskanzlerin, Sie haben vorgestern unzäh-
„Deutschland gestärkt aus der Krise führen – Jahresbe- lige Male eine neue Stabilitätskultur in Europa
richt der Bundesregierung“ an die Abgeordneten ver- angemahnt, offenbar ein neues Lieblingswort Ihrer Re-
schickt. denschreiber. Wir haben gar nichts gegen eine neue Sta-
bilitätskultur, aber uns würde es schon reichen, wenn Sie
(Abg. Sigmar Gabriel [SPD] zeigt ein Papier)
diese zunächst in Ihrer eigenen Koalition einführen wür-
Schlagen wir sie auf. Wer ist zu sehen? – Angela Merkel den.
und Frank-Walter Steinmeier.
Nur am Rande: Sie tun jetzt öffentlich so, als ob das
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und dem Taktieren, das Abwarten keine Folgen hätte. Sie erklären
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zurufe von sogar mokant, Langsamkeit sei eine Tugend. Das liegt
der CDU/CSU: So ist die Regierung! So ist die natürlich daran, dass Sie die Kosten dieser Langsamkeit
Bundeskanzlerin!) nicht zu bezahlen haben. Sie kündigen ja schon ein eiser-
nes Sparprogramm an. Für wie dumm halten Sie die
Frau Merkel sagt gerade, das waren noch schöne Zeiten.
Menschen eigentlich? Erst versprechen Sie monatelang
Da haben Sie recht, Frau Merkel. Ich verstehe, dass Ih-
gemeinsam mit der FDP Milliardensteuergeschenke bei
nen der Kollege zur Rechten inzwischen auf den Geist
gleichzeitiger Entschuldung des Landes, und kaum ist
geht, aber dann lösen Sie sich irgendwann von ihm! Das
die Landtagswahl in NRW am 9. Mai vorbei, da kassie-
verstehe ich ja alles.
ren Sie alle Steuersenkungsvorhaben und kündigen statt-
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD) dessen entschiedene Sparprogramme an. Mich würde es
(B) übrigens nicht wundern, wenn das Versprechen eines (D)
Herr Westerwelle, angesichts des Fotos würde ich mir
milliardenschweren Steuersenkungsprogramms kurz vor
ernsthafte Sorgen machen.
der nächsten Bundestagswahl wieder als Hauptforderung
(Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: von Union und FDP das Licht der Welt erblickt. Ich sage
Mache ich!) Ihnen: Zweimal die gleiche Wahllüge, das geht mit Si-
cherheit schief. Darauf können Sie sich verlassen, Frau
Im Ernst: Wir haben eine Menge geleistet, und jetzt Bundeskanzlerin.
wird nur angekündigt.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Frau Bundeskanzlerin, einen Tag vor der ersten Le- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
sung des Gesetzentwurfs – ein Schelm, wer Böses dabei GRÜNEN – Norbert Barthle [CDU/CSU]:
denkt – erklären Sie, dass die BaFin angewiesen worden Wie war das mit der Mehrwertsteuer?)
sei, die Leerverkäufe zu verbieten. Ich frage Sie genau
wie der Kollege Gysi und andere: Warum haben Sie ei- Dann versuchen Sie auch noch dreist, die Verantwor-
gentlich Leerverkäufe, deren Verbot Peer Steinbrück tung zu verschieben. Auf dem Kirchentag sagten Sie,
schon durchgesetzt hatte, überhaupt erst wieder erlaubt? die Deutschen würden über ihre Verhältnisse leben, man
Offensichtlich brauchen Sie immer öffentlichen Druck lebe auf Pump. Ich weiß nicht, in welchem Land Sie
und den Druck der Opposition, damit Sie überhaupt leben. Meinen Sie mit denen, die laut Ihnen über ihre
irgendetwas machen. Alleine bringt diese Regierung Verhältnisse leben, die Bevölkerung Ihres Landes? In
nichts zustande. Deutschland gibt es 5 Millionen Menschen, die für weni-
ger als 8 Euro in der Stunde arbeiten.
(Beifall bei der SPD und der LINKEN)
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Wie viele
Frau Bundeskanzlerin, bis heute haben Sie von sich
Kredite haben wir aufgenommen?)
aus kein Konzept für die Überwindung der Krise vorge-
legt. Stattdessen passen Sie sich immer den neuen Stim- 1,3 Millionen Menschen gehen nach der Arbeit zum So-
mungen in der Koalition an, anstatt klar Stellung zu zialamt. Wenn Sie über Kredite und Schulden reden,
beziehen und verbindliche Vorstellungen über Ihr beab- möchte ich Ihnen einmal sagen, wer hier Schulden
sichtigtes Engagement im Parlament vorzulegen und be- macht. Das sind zum Beispiel die Studenten, deren El-
schließen zu lassen. So jedenfalls kann man kein Land tern nicht genug Geld haben, die durch Ihre Studienge-
regieren, und so führt man auch kein Land aus der Krise bühren 20 000 oder 30 000 Euro Schulden machen müs-
heraus, sondern immer tiefer hinein. Stattdessen erleben sen und nach dem Studium keinen Job bekommen. Das
wir Sie und Ihr Kabinett in Zeitlupe. Seit September sind die, die in Deutschland auf Pump leben müssen,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4433
Sigmar Gabriel
(A) weil Sie die Politik so gestalten. Das ist der eigentliche wicklung und übrigens auch einen Sprengsatz in unsere (C)
Hintergrund dessen, was hier passiert. Gesellschaft. Das ist die Wahrheit, die sich hinter Ihrem
unsinnigen Satz verbirgt, wir alle müssten sparen, wir
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
lebten auf Pump und über unsere Verhältnisse. Das, was
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
Sie da vorhaben, geht schief.
GRÜNEN – Norbert Barthle [CDU/CSU]: Bil-
liger geht es nicht!) (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Wir in diesem Land sitzen nicht alle in einem Boot. Das Gegenteil wäre richtig: Wir brauchen endlich wie-
Es gibt einige, denen steht das Wasser bis zum Hals, und der eine angemessene Lohnentwicklung orientiert an der
ein paar wenige sind mit der Luxusyacht unterwegs. Das Produktivitätsentwicklung unseres Landes. Der Wettbe-
ist die Realität, die Sie verdrängen wollen. Hier haben werb um niedrige Steuern, niedrige Löhne zwingt die
nur ganz wenige über ihre Verhältnisse gelebt. Das sind anderen Länder geradezu, mitzumachen, wenn sie über-
die, die permanent öffentlich erklären: „Privat vor Staat“ haupt eine Chance haben wollen. Im Ergebnis versuchen
und sich hemmungslos mit Ihrer Hilfe weiter bedienen sie dann, sich über Verschuldung den Wohlstand zu kau-
dürfen. Das sind die, die hier über ihre Verhältnisse ge- fen, den wir ihnen nicht ermöglichen, weil wir perma-
lebt haben. nent den Druck auf die Löhne in Europa erhöhen. Das
müssen wir ändern. Darum geht es in Wahrheit in der
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
Auseinandersetzung.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wissen Sie, Ihre Forderung, wir müssten den Gürtel (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
enger schnallen, und Ihr Nichtstun gegenüber den des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Finanzmärkten sind ja nicht nur ungerecht, sondern vor
allen Dingen politisch falsch. Denn eine der zentralen Vizepräsidentin Petra Pau:
Ursachen für die gegenwärtige Krise ist, dass wir die Kollege Gabriel, achten Sie bitte auf das Signal.
Geburtsfehler der Währungsunion, nämlich das Fehlen
einer echten Zusammenarbeit in der Wirtschafts- und Sigmar Gabriel (SPD):
Finanzpolitik, nicht endlich beseitigen. Ja. – Wenn wir über die Finanzmarkttransaktionsteuer
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) streiten, dann streiten wir nicht über ein Instrument, son-
dern über die Frage, in welche Richtung wir Europa füh-
Man stelle sich einmal vor, die damals existierenden ren möchten. Wir wollen ein gemeinsames und soziales
Bundesländer hätten 1948, als in Westdeutschland die Europa, ein Europa, das mehr ist als der Binnenmarkt.
Währungsreform durchgeführt wurde, komplett auf eine Deshalb brauchen wir mehr und nicht weniger Europa. (D)
(B)
gemeinsame Wirtschafts-, Finanz- und Steuerpolitik ver- Wir sind nicht gegen das Rettungspaket, schon deshalb
zichtet. So verrückt ist damals niemand gewesen. Jetzt nicht, weil es nicht Ihre Idee ist. Es ist ja gegen Sie
haben wir die Chance, diesen Geburtsfehler zu korrigie- durchgesetzt worden. Aber weil der Rest Ihrer Politik
ren. Aber Sie, Frau Kanzlerin, sind die Erste, die wieder nicht verlässlich ist, weil sie unklar ist und aus Ankündi-
einmal „Madame No“ gespielt hat, als der spanische Mi- gungen besteht, weil Ihre ganze Richtung weiterhin
nisterpräsident Zapatero zu Beginn seiner EU-Ratspräsi- falsch ist, können wir Ihnen heute nicht zustimmen. Des-
dentschaft genau diese Koordinierung gefordert hat. halb, Herr Kollege Schäuble, geht es bei unserer Nicht-
(Beifall bei der SPD) zustimmung zu Ihrem Gesetzespaket nicht um Taktik
und auch nicht um Verfahrensfehler.
Dafür, dass Sie das nicht wollen, gibt es einen Grund.
Denn wenn man über diese Koordinierung reden würde, (Lachen bei Abgeordneten der FDP)
würde natürlich auch der deutsche Anteil an der Krise – Nein, taktiert haben Sie vor der Nordrhein-Westfalen-
deutlich werden. Darüber müssen wir hier offen reden. Wahl. Das hat Ihnen jeder in Deutschland bestätigt.
Der deutsche Anteil besteht darin, dass wir in Deutsch-
land eben nicht über unsere Verhältnisse leben. Das Ge- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
genteil ist der Fall: Wir leben seit Jahren wirtschaftspoli- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
tisch unter unseren Verhältnissen.
Uns geht es darum, dass wir endlich in der Europapolitik
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) und in der deutschen Wirtschaftspolitik eine andere
Richtung einschlagen. Dafür streiten wir. Das ist ein lan-
Seit Jahren hält die Lohnentwicklung in Deutschland ger Weg. Er ist schwierig. Aber wir sind bereit, ihn zu
nicht Schritt mit der Produktivitätsentwicklung. 10 Pro- gehen. Wir wollen jedoch nicht den Weg gehen, der an
zent der Bevölkerung besitzen weit mehr als 60 Prozent seinem Ende zu sozialen Kürzungsmaßnahmen quer
des Vermögens, und 27 Prozent unserer Bevölkerung be- durchs Land führt, weil Sie sich nicht trauen, die wahr-
sitzt gar kein Vermögen. So hat sich Ludwig Erhard die lich Schuldigen in Deutschland endlich zur Kasse zu bit-
soziale Marktwirtschaft nicht vorgestellt. ten.
Wer wie CDU/CSU und FDP auf Mindestlöhne ver- Viele Dank.
zichtet, Leih- und Zeitarbeit zu Armutslöhnen weiter
ausbauen möchte und jetzt auch noch bei Bildung, So- (Anhaltender Beifall bei der SPD –
zialausgaben und Investitionen sparen will, der, Frau Bartholomäus Kalb [CDU/CSU]: Billig! Ganz
Bundeskanzlerin, bringt einen Treibsatz in diese Ent- billige Nummer!)
4434 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) Vizepräsidentin Petra Pau: Ich möchte auf eine Sache eingehen, nämlich auf die (C)
Das Wort hat der Bundesminister des Auswärtigen, Frage des Verfahrens selber. Ich habe die letzten elf
Dr. Guido Westerwelle. Jahre hier als Abgeordneter im Deutschen Bundestag die
ehrenwerte Aufgabe der Opposition wahrnehmen dür-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) fen, denn zu jeder Demokratie gehört beides. Beide Auf-
gaben, Regierung und Opposition, sollte man ernst neh-
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Aus- men.
wärtigen:
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Frau Präsidentin! Herr Kollege Gabriel, noch einmal NEN]: Sind Sie in einer anderen Art von Op-
in aller Form: Gute Besserung! Das ist an den Menschen position? Seit wann regieren Sie denn?)
adressiert. Da Sie frisch operiert sind, dürfen Sie das kol-
legial hinnehmen, ohne gleich so zu reagieren, als wäre Ich kann Ihnen aber sagen: Ich habe hier in mehreren
in diesem Hohen Hause alles politisch gemeint. Situationen erlebt, dass eine Regierung schnell handeln
musste. Ich erinnere mich beispielsweise auch daran
(Sigmar Gabriel [SPD]: Ich war nicht sicher, – ich bin damals Vorsitzender der FDP-Fraktion in der
wie das gemeint war!) Opposition gewesen –,
Herr Kollege Gabriel, Ihre heutige Rede war für die (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Motivlage Ihrer Entscheidungsfindung sehr erhellend, NEN]: Ich denke, Sie sind immer noch in der
und zwar für alle hier im Hause und für alle, die uns zu- Opposition!)
schauen.
wie im Bundestag am 15. Oktober 2008 über das große
(Beifall bei der FDP) Bankenrettungspaket verhandelt worden ist.
Sie haben hier eine innenpolitische Generalabrechnung (Dr. Gregor Gysi [DIE LINKE]: Eine Woche!)
mit der Bundesregierung gemacht. Das ist Ihr Recht als
Opposition. Das ist auch Ihre Pflicht als Opposition. – Ja, es ist richtig: Eine Woche ging das Verfahren; Herr
Aber es geht doch heute nicht darum, ob Sie die Regie- Kollege Gysi erinnert sich auch. Es war genauso wie
rung gut finden. Es geht darum: Wie stehen Sie zu Eu- heute. Wir haben gemerkt: Das ist eine unglaublich
ropa? Darüber wird heute entschieden. ernste Situation. Wir haben in der Nacht vom 9. auf den
10. Mai, morgens um halb drei die letzte Telefonkonfe-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) renz gemacht, weil wir schnell entscheiden mussten. Wir
haben unverzüglich, am nächsten Tag, nachmittags, die
Sie haben hier wunderbare Argumente eingeführt,
(B) etwa dass im Jahresbericht der Regierung 2009 das Foto Partei- und Fraktionsvorsitzenden eingeladen und sie un- (D)
terrichtet. Wenn Sie behaupten, Sie seien nicht infor-
von Herrn Steinmeier und nicht meines zu sehen ist. Ich
miert worden, ist das nichts anderes als eine Täuschung
hätte Sie einmal sehen und hören wollen, wenn im Jah-
der Öffentlichkeit.
resbericht 2009 mein Foto zu sehen gewesen wäre.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der
FDP und der CDU/CSU) Herr Kollege Trittin, damals ist genau das verteilt
worden.
Dann hätten Sie uns Steuergeldverschwendung vorge-
worfen. (Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister, zeigt
ein Papier)
(Sigmar Gabriel [SPD]: Das gilt auch für
2010!) Vier von Ihren Repräsentanten saßen damals da, zwei
Parteivorsitzende und zwei Fraktionsvorsitzende. Zu
Herrgott noch mal! Ich kann Sie aber trösten: All das viert sind Sie angefahren. Jeder von Ihnen hat dieses
sind doch Lappalien. komplette Heft mit den Unterlagen bekommen. Zwei Er-
Dann haben Sie Bilanz gezogen. Sie haben gesagt: klärungen sind abgegeben worden. Staatssekretär
Das Land ist in Armut, die Löhne sinken, die Spaltung Asmussen hat auf die Frage: „Können Sie sicherstellen,
der Gesellschaft wird immer größer. – Entschuldigen Sie dass die Verträge über die sogenannte Zweckgesellschaft
bitte, Herr Kollege Gabriel. Was ist das für eine entsetz- dann schon schriftlich vorliegen?“ gesagt: Das kann ich
liche Bilanz für den Vorsitzenden einer Partei, die nicht sicherstellen, weil die Verhandlung mit allen Staa-
Deutschland elf Jahre lang regiert hat! ten geführt werden muss.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Zitieren Sie doch einmal die Kanzlerin,
Ich sitze seit ein paar Monaten auf der Regierungsbank bevor Sie irgendwelche Staatssekretäre nen-
und soll für Ihre elf Jahre Regierungszeit haften. Das nen! – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/
geht zu weit. DIE GRÜNEN]: Was hat die Kanzlerin ge-
sagt?)
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP – Beifall
des Abg. Sigmar Gabriel [SPD] – Jürgen Bezüglich der Richtlinie ist die Frage gestellt worden:
Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der Haben Sie das? Daraufhin ist das verteilt worden. Es ist
arme Guido!) verteilt worden. Wenn Sie sagen, die Verfassung sei ver-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4435
Bundesminister Dr. Guido Westerwelle
(A) letzt worden, dann ist das nichts anderes als die Suche dern einen Gefallen tun. Es geht darum, dass wir unsere (C)
nach einem innenpolitischen Grund, weil Sie heute keine Währung schützen, dass wir unser Land schützen, dass
Verantwortung übernehmen wollen. Das ist in Wahrheit wir Europa als große Friedens- und auch Wohlstandsre-
der eigentliche Grund. gion schützen. Darum geht es.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Es ist so oft die Rede von den Ländern in der Welt,
aber wer weiß denn eigentlich, dass der Wirtschaftsaus-
Ich möchte einmal das zitieren, was der damalige Fi-
tausch mit den Niederlanden ein größeres Volumen als
nanzminister als Vertreter der Regierung gesagt hat. Ich
der mit ganz China hat?
war damals ebenso wie die Kollegen von den Grünen
und von der Linkspartei in der Opposition. CDU/CSU (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
und SPD hatten eine riesige Mehrheit im Deutschen NEN]: Wir wissen es! Schön, dass Sie es auch
Bundestag. Wir haben das damals verstanden. Wir haben endlich merken!)
dem Bankenpaket zugestimmt. Wir haben gesagt: Wir
Der Wohlstand in Europa hängt auch von unserer Ent-
wissen, dass das notwendig ist. Auch wir waren damals
scheidung heute ab. Der Wohlstand der Deutschen hängt
mit Ihrer Regierungspolitik nicht einverstanden, aber wir
an einer klaren europäischen Stabilität, und um die gilt
haben gewusst: Es geht um Deutschland; jetzt muss man
es heute zu ringen.
stehen. Enthaltung ist aber kein Stehen. Das ist wankel-
mütig. (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Guten Morgen, Herr Westerwelle!)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Sie müssen sich entscheiden. Suchen Sie nicht nach
Zu den Abläufen hat der damalige Finanzminister ge-
Gründen, warum Sie Nein sagen, sondern bekennen Sie
sagt:
sich endlich zu einer Haltung. Wir erwarten von Ihnen
(Manfred Zöllmer [SPD]: Sie wollten keine nicht, dass Sie die Regierung unterstützen, aber Europa
innenpolitische Debatte!) müssen Sie heute beispringen. Das ist das Einzige, wo-
rum es geht.
Ich weiß, das ist eine Zumutung; aber in ungewöhn-
lichen Zeiten, in denen wir sind, und bei dem Pro- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
blemdruck, unter dem wir stehen, sind ungewöhnli-
Europa liegt im deutschen Interesse, und es geht auch
che Verfahren erforderlich.
um die Arbeitsplätze in unserem Land.
Ja, wir wissen, das ist auch für das Parlament eine ganz
Von Herrn Kollegen Schäuble und auch von anderen
schwere Belastung. Deshalb hat der Haushaltsausschuss
Rednern ist das, wie ich finde, sehr gut auf den Punkt ge- (D)
(B) gemeinsam entsprechende Regeln verabschiedet. Sie su-
chen aber nach Ausflüchten, weil Sie in Wahrheit innen- bracht worden: Natürlich gibt es Exzesse auf den Märk-
ten, und natürlich müssen wir sie gemeinsam bekämp-
politisch mit der Regierung abrechnen wollen. Dies ist
fen. Wir wollen aber eines nicht vergessen: Die
aber nicht die Stunde, um uns zu sagen: Frau Merkel ist
furchtbar, Herr Schäuble ist furchtbar, ich bin furchtbar! Hauptursache dafür, dass diese Spekulationswelle über-
haupt greifen konnte, ist, dass zu viele Staaten in Europa
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Sönke in zu kurzer Zeit zu viele Schulden gemacht haben. Die
Rix [SPD]: Doch!) Spekulationswelle konnte überhaupt nur deshalb verfan-
gen, weil die Fundamente durch zu viel Schulden sandig
Darum geht es überhaupt nicht. Es geht darum: Finden
geworden sind.
Sie, dass Europa stehen soll, oder finden Sie, dass es fal-
len soll? Darum geht es heute. Deswegen haben wir zwei Aufgaben, um aus dieser
Krise zu lernen:
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Aufgabe Nummer 1. Wir müssen in ganz Europa zu
In welche Gesellschaft haben Sie sich begeben?
einer stabilen Haushaltspolitik zurückkehren.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Aufgabe Nummer 2. Wir müssen die Finanzmärkte
Blasen Sie sich doch nicht so auf!)
regeln und für entsprechende Regeln sorgen.
In ganz Europa gibt es in allen Parlamenten Gruppen,
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Zu-
die das Vorgehen im Augenblick ablehnen, Linkspopu-
ruf von der SPD: Sie haben die Steuersenkung
listen und Rechtspopulisten. Das ist Ihre Gesellschaft.
vergessen! – Renate Künast [BÜNDNIS 90/
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) DIE GRÜNEN]: Wenn Sie nicht wären, hätten
wir nicht so viel Zeit verloren!)
Das ist eine traurige Entwicklung. Sie sind in ganz Eu-
ropa isoliert, und Sie wissen das auch. Die anderen Ich komme jetzt noch einmal zur Aufgabe Nummer 1.
kämpfen für Europa, während Sie es heute fallen lassen. Da Sie damit angefangen haben, will ich das hier noch
einmal ganz klar sagen: Wir haben in Europa zu viele
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Staaten, die zu viel Schulden gemacht haben. Dadurch
In Ihren gestrigen Reden hörte man noch, zum Bei- sind sie zu wackelig geworden. Eines wollen wir hier
spiel zu KFOR, wie wichtig Europa für den Frieden und aber festhalten: Das ist nicht nur das Ergebnis von eini-
den Wohlstand ist. Das, worüber wir hier reden, ist kein gen Ländern, die unsolide gewirtschaftet haben, sondern
Altruismus. Es geht nicht darum, dass wir anderen Län- dafür trägt auch Deutschland eine Verantwortung. Das
4436 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Bundesminister Dr. Guido Westerwelle


(A) kann man ganz einfach sagen: Die Aufweichung des Es lief zum 31. Dezember 2009 aus. Wir haben in dieser (C)
Stabilitätspaktes, die unter der rot-grünen Bundesregie- Regierung – auch der Finanzminister – mit Unterstüt-
rung beschlossen worden ist, war ein historischer Fehler. zung der gesamten Koalition dafür gesorgt, dass dieses
Dass Sie sich heute weigern, die Folgen dieses Fehlers Verbot der ungedeckten Leerverkäufe jetzt wieder einge-
mit zu beheben, wiegt aber doppelt schwer. führt worden ist. Wir haben gehandelt und den Schaden
beseitigt, den Sie angerichtet haben.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
Wir haben in Europa – das können wir gar nicht im Thomas Oppermann [SPD]: Ein halbes Jahr
Alleingang – selbstverständlich auch Maßnahmen ergrif- später!)
fen. Deswegen ist es die richtige Entscheidung der Bun-
desregierung gewesen, dass wir nicht einfach einen Ich komme zum Schluss. Herr Kollege Gabriel, das
Scheck ausgestellt und gesagt haben, wir lösen die Pro- ist heute eine Entscheidung von einer wahrscheinlich
bleme mit Geld, sondern dass wir gesagt haben: Wer un- historischen Dimension,
ter den Schutzschirm will, der muss auch bereit sein,
seine Hausaufgaben zu erledigen und zu einer soliden (Petra Hinz [Essen] [SPD]: Das merkt man an
Haushaltspolitik zurückzukehren. Ihrer Rede!)

Sie waren diejenigen, die uns vor ein paar Wochen und zwar weniger in der Frage des Geldes und der Ga-
gefragt haben, warum wir Griechenland nicht gleich rantien als vielmehr in der Frage: Was ist uns Europa
Geld gegeben haben. Das wäre ein Fehler gewesen. Man wert? Und: Ist unsere Generation, die den Krieg nicht
gibt jemandem, der sich überschuldet hat, kein Geld, mehr erlebt hat, bereit, Europa auch in schweren Zeiten
wenn man nicht gleichzeitig von ihm verlangt, die Ursa- zu verteidigen? Das wird die eigentliche Bewährungs-
chen seiner Misere zu beseitigen. probe von Europa und für Europa sein.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Wir haben jedes Mal in den letzten zehn Tagen einen
Schritt auf Sie zugemacht. Sie sind jedes Mal einen
Bei der Regulierung hat doch diese Regierung Tempo Schritt zurückgegangen.
gemacht.
(Zurufe von der SPD: Was?)
(Lachen des Abg. Sigmar Gabriel [SPD])
Das war am Freitag, dem 7. Mai, so. Es war in dieser
Ich muss dazu einmal festhalten, was gerade auch von Woche so, und es ist auch heute noch einmal durch die
Frau Hendricks und auch von anderen noch einmal ein- Rede des Bundesfinanzministers deutlich geworden. Wir
(B) geführt worden ist: Die Hedgefonds, die in Ihren Augen gehen jedes Mal einen Schritt auf Sie zu. Sie wollen sich (D)
ja kein Problem sind – das wollen wir hier doch bitte- heute nicht entscheiden, weil Sie wissen, dass es zu
schön einmal festhalten –, Hause wegen der verantwortungsvollen Entscheidung
(Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Die in Deutschland Ärger geben könnte.
regulierten Hedgefonds!) (Lachen bei der SPD)
sind unter Ihrer Regierungszeit, meine sehr geehrten Da- Aber in solchen Stunden geht es darum, dass man da-
men und Herren von der Opposition, zugelassen worden, rauf achtet, was für Deutschland und Europa richtig ist,
und zwar unreguliert. statt darauf, ob man zu Hause ein paar Stimmenvorteile
(Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Nein! Lüge!) kriegen kann.
Wir haben in unserer Regierungszeit dafür gesorgt, dass (Thomas Oppermann [SPD]: Das musst du
es jetzt eine europäische Richtlinie gibt. gerade sagen!)
(Sigmar Gabriel [SPD]: Sie sagen die Unwahr- Innenpolitik ist Ihr Motiv, aber nicht die Verantwor-
heit! – Nicolette Kressl [SPD]: Lüge!) tung für unser Land.
Innerhalb von wenigen Monaten ist eine Regulierung ge- (Lang anhaltender Beifall bei der FDP und der
lungen, die Ihnen in elf Jahren nicht ein einziges Mal ge- CDU/CSU)
lungen ist.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Vizepräsidentin Petra Pau:
Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Herr Bundes- Zu einer Kurzintervention hat der Kollege Jürgen
außenminister, Sie sagen bewusst die Unwahr- Trittin das Wort.
heit! Sie lügen!)
(Jörg van Essen [FDP]: Schlechter Verlierer!)
Auch über das Verbot der ungedeckten Leerverkäufe
muss klar gesprochen werden. Das Verbot, das ausge- Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
sprochen worden ist – hier können Sie einmal auf Herrn
Gysi hören; Sie hören mittlerweile ja sowieso immer Frau Präsidentin! Lieber Herr Westerwelle, Sie hätten
mehr auf ihn –, war ein von Ihnen befristetes Verbot. gar nicht so laut sprechen müssen. Es ist aber das erste
Mal, dass Sie öffentlich wahrnehmbar etwas zu dieser
(Beifall bei Abgeordneten der FDP) Krise sagen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4437
Jürgen Trittin
(A) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, (C)
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der bei der SPD und der LINKEN)
LINKEN – Lachen bei der FDP)
Letzte Bemerkung. Wer wie Sie von der FDP in einer
Sie sind der erste Bundesaußenminister, der es fertigge- Situation, in der wir schon im Januar die Maastricht-Kri-
bracht hat, im Angesicht der historischen Bedrohung des terien verletzt hatten, eine Steuersenkung mit einem
Euro – da zitiere ich Ihre Kanzlerin – über Wochen hin- Umfang von 8,6 Milliarden Euro zugunsten von Besser-
weg sprachlos gewesen zu sein. verdienenden durchsetzt, von dem lassen wir uns über
Haushaltskonsolidierung und Sparpolitik nicht beleh-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ren. Das ist, als ob der Blinde von der Farbe spricht.
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
LINKEN) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der LINKEN)
Sie haben bei den antieuropäischen Ausfällen Ihres
Stellvertreters Pinkwart geschwiegen.
Vizepräsidentin Petra Pau:
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Kollege Westerwelle, Sie haben gleich das Wort. Ich
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der verrate Ihnen aber schon: Es gibt eine weitere Kurzinter-
LINKEN) vention, und zwar der Kollegin Hendricks, nur damit Sie
Sie haben geschwiegen, als Ihr ehemaliger finanzpoliti- sich darauf einstellen können.
scher Obmann als Ratschlag zur Behebung der Grie- Bitte schön.
chenland-Krise erklärt hat, dann sollten doch die Grie-
chen ihre Inseln verkaufen.
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Aus-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wärtigen:
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- Vielen Dank. – Herr Kollege, zuerst zur Tonalität: Sie
KEN) haben gesagt, ich sei Ihnen in meiner Rede zu laut gewe-
Zu all dem war der bekennende Europäer Guido sen. Ich glaube, wir beide haben gerade feststellen kön-
Westerwelle nicht zu hören, zu keinem Zeitpunkt. nen: Wenn wir engagiert sind, sind wir beide möglicher-
weise etwas lauter, als es vielleicht im normalen
Ich habe mich aber deshalb zu Wort gemeldet, weil Gespräch der Fall ist. Ich ahne, dass Sie mir das nach Ih-
Sie mir etwas unterstellen, was ich mir nicht gerne unter- rer Kurzintervention nie wieder vorwerfen werden.
stellen lasse.
(B) (Heiterkeit und Beifall bei der FDP sowie bei (D)
(Bartholomäus Kalb [CDU/CSU]: Warum Abgeordneten der CDU/CSU)
schreien Sie jetzt so? – Norbert Barthle [CDU/
CSU]: Warum schreien Sie eigentlich so?) Meine zweite Bemerkung betrifft die Fachfrage. Sie
haben gesagt, ich hätte als Außenminister zur Politik ge-
Ich habe bei der Unterrichtung der Fraktionsvorsitzen- schwiegen. Es ist Ihr gutes Recht, das zu sagen. Das ent-
den durch die Bundeskanzlerin nicht Herrn Asmussen, spricht aber nicht den Tatsachen. Ich habe in beiden drit-
sondern die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik ten Lesungen hier – am Freitag, dem 7. Mai, und heute –
Deutschland, Dr. Angela Merkel, gefragt: Ist das so, dass gesprochen. Ich habe in der letzten Woche in der Sen-
wir vor der zweiten Lesung die Verträge bekommen? Sie dung Was nun? beim ZDF Rede und Antwort gestanden.
hat gesagt: Ja. Genauso werde ich es weitermachen, nämlich dort zu re-
den, wohin es gehört. Ich glaube, solche Debatten gehö-
Das, was Sie mit lautem Getöse zu verstecken versu- ren in den Deutschen Bundestag. Deswegen ist es rich-
chen, ist der Wortbruch der Kanzlerin. Das kann man tig, dass ich hier als Außenminister das Wort ergreife.
nicht mit Lautstärke überdecken.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN der CDU/CSU – Renate Künast [BÜND-
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der NIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben geredet,
LINKEN) aber nichts gesagt, Herr Westerwelle! Das ist
Sie müssen aufpassen bei den Vorwürfen, die Sie an- das Problem!)
deren gegenüber erheben. Ich will das nur an einem Bei- Herr Kollege Trittin, ich möchte Sie übrigens gar
spiel deutlich machen. Sie haben hier die Opposition be- nicht von mir überzeugen.
zichtigt, wir würden uns vor Europa verstecken,
(Sigmar Gabriel [SPD]: Das ist schlechter-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) dings unmöglich!)
weil wir mit dem Argument, es lägen nicht alle Fakten Ich möchte Sie davon überzeugen, heute zuzustimmen,
auf dem Tisch, nicht beschließen wollten. Schauen Sie nicht weil es um mich, Frau Merkel, Herrn Schäuble
doch einmal auf das Europäische Parlament. Dort haben oder die Regierungskoalition geht, sondern weil es um
die Liberalen zusammen mit den Konservativen gerade die Frage geht: Stehen Sie heute zu Europa? Um nichts
eine Beschlussfassung genau aus diesem Grund abge- anderes geht es.
setzt. Sind auch Ihre liberalen Parteifreunde in Europa
Antieuropäer? (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
4438 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Bundesminister Dr. Guido Westerwelle


(A) Letzte Bemerkung zu den Abläufen. An der angespro- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (C)
chenen Sitzung hat der Kollege Schäuble nicht teilge- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
nommen. Aber die Frau Bundeskanzlerin, Herr de GRÜNEN)
Maizière, meine Person und andere haben daran teilge-
Ich darf im Übrigen daran erinnern, dass Bundeskanz-
nommen.
ler Gerhard Schröder auf dem Weltwirtschaftsgipfel in
(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Gleneagles im Jahre 2005 die Regulierung der Finanz-
märkte angemahnt hat und dass unsere angelsächsischen
– Absolut. – Herr Asmussen hat dort ausdrücklich als Freunde – damals hatten die Briten den Vorsitz – noch
Staatssekretär auf Bitten der Bundeskanzlerin die Frage nicht einmal bereit waren, über dieses Thema auch nur
beantwortet – das ist wichtig für alle Abgeordneten im zu reden. Da wir im Jahre 2007 den Vorsitz der G 7/G 8
Umgang miteinander; das ist keine Kleinigkeit; für die hatten, hat Bundesfinanzminister Steinbrück in den bei-
Bürger draußen ist es vielleicht nur eine Randnotiz; aber den vorbereitenden Treffen mit den Finanzministern in
für die Abgeordneten und das Parlamentsverständnis ist Potsdam und in Essen die Weichen dahin gehend ge-
das eine wichtige Erklärung –: Können wir sicherstellen, stellt, dass bei der Zusammenkunft der Staats- und Re-
dass das in dieser Woche auch schriftlich vorliegt? Er hat gierungschefs der G 7/G 8 in Heiligendamm – Frau Bun-
gesagt: Es handelt sich hier um einen Vertrag zwischen deskanzlerin Merkel, Sie erinnern sich an den
mehreren nationalen Regierungen; ich kann das nicht si- wunderbaren Strandkorb – über die Regulierung der Fi-
cherstellen. nanzmärkte zumindest gesprochen wurde; schließlich
hatte Deutschland die Hoheit über die Tagesordnung.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Aber es wurden gleichwohl noch keine wirklich binden-
NEN]: Das war nicht diese Woche! Das war den Beschlüsse gefasst – unsere angelsächsischen
letzte Woche! Das bezog sich auf die letzte Freunde waren nämlich immer noch nicht so weit –, son-
Woche!) dern es wurden Prüfungsaufträge an das Financial Sta-
Genauso ist es geschehen, und genauso ist es dort gesagt bility Forum, das mittlerweile in „Financial Stability
worden. Vielleicht haben Sie das Ihren Leuten gesagt, Board“ umbenannt worden ist, erteilt. Dieses Gremium
hat mittlerweile in der Tat etwas mehr Einflussmöglich-
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- keiten. Die sind noch dabei bedauerlicherweise, interna-
NEN]: Nein! Das bezog sich auf die letzte Wo- tional voranzukommen.
che!)
Der Präsident der Bundesbank, Herr Professor Weber,
damit sie sich heute ihrer Stimme enthalten und nicht hat noch in dieser Woche öffentlich gesagt, Ende dieses
Jahres werde man Vorschläge machen können und er
(B) wie beim letzten Mal mit Ja stimmen. Aber mit der hoffe, das 2012 implementieren zu können. Das beruht (D)
Wahrheit hat das nichts zu tun; darauf lege ich hier Wert.
in der Tat auf den Vorarbeiten der Großen Koalition und
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) der ihr vorausgegangenen rot-grünen Koalition. So lange
dauert es.
Vizepräsidentin Petra Pau: Herr Bundesaußenminister in Ihrer Eigenschaft als
Zu einer Kurzintervention hat das Wort die Kollegin FDP-Vorsitzender, nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass
Barbara Hendricks. Ihrer Fraktion in all den Jahren jedes Finanzmarktgesetz
nicht liberal genug war. Was Ihre Fraktion stets wollte,
war die bloße Deregulierung.
Dr. Barbara Hendricks (SPD):
In der Tat, Herr Bundesaußenminister, Ihre Rede war (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
nicht nur engagiert, sondern auch laut. Sie hat dadurch DIE GRÜNEN – Franz Thönnes [SPD]:
aber nicht an Wahrheitsgehalt gewonnen. Westerwelle tut nichts, weiß nichts, kann
nichts!)
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Da Sie mich persönlich angesprochen haben, möchte Vizepräsidentin Petra Pau:
ich auf das, was Sie gesagt haben, eingehen. Selbstver- Das Wort hat der Kollege Dr. Gerhard Schick für die
ständlich sind im Jahre 2004 in Deutschland Hedge- Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
fonds per Gesetz zugelassen worden; das bestreitet nie-
mand. Wären die Hedgefonds in der Welt und in Europa Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
so reguliert, wie sie es in Deutschland von Anfang an NEN):
waren, dann hätten wir jetzt kein Problem mit Hedge- Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Es ist
fonds. Das, was die europäischen Finanzminister in die- richtig, dass der Bundesaußenminister heute gesprochen
ser Woche zur Regulierung der in Europa ansässigen hat. Aber was hat er denn zu Europa gesagt?
Hedgefonds auf den Weg gebracht haben, bleibt im Re-
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE
gelungsgehalt hinter dem zurück, was in Deutschland
GRÜNEN]: Nichts!)
schon immer gegolten hat. Ich weiß, Sie sind kein Fi-
nanzpolitiker; Sie müssen das nicht unbedingt wissen. Was hat er denn dazu gesagt, was die heutige Entschei-
Aber wenn Sie es nicht wissen, behaupten Sie nicht ein- dung für die Zukunft Europas bedeutet? Schließlich wis-
fach das Gegenteil. sen wir, dass es Vertragsänderungen brauchen wird und
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4439
Dr. Gerhard Schick
(A) dass jetzt eine Frist von drei Jahren beginnt, in der Eu- steht die Bundesregierung bei den Verhandlungen in Ba- (C)
ropa das bereitgestellte Zeitfenster nutzen muss, um end- sel auf der Bremse. Nicht nur die Schulden der Staaten
lich stabile Strukturen zu schaffen. Was haben wir von müssen kontrolliert werden, sondern auch die Über-
Ihnen, Herr Bundesaußenminister, dazu gehört? Nichts schuldung im Bereich der Finanzmärkte, die uns diese
haben wir dazu gehört, obwohl es Ihre Aufgabe gewesen Krise eingebrockt hat. Ich fordere Sie auf: Machen Sie
wäre, dazu heute Stellung zu nehmen. endlich den Weg frei für eine klare Schuldenbremse für
die Banken!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es ist doch müßig, dass Sie jetzt als Parteivorsitzen- Ich möchte ein Letztes sagen, zum Verfahren. Wissen
der hier die Schlachten der Vergangenheit schlagen. Wir Sie, es ist ja nicht so, dass die Finanzmärkte nicht wüss-
brauchen jetzt einen Bundesaußenminister, der die Re- ten, was eine stabile Regelung ist und was nicht. Die
gelsetzung für die Finanzmärkte in Europa vorantreibt. Frage ist doch: Wann steht die Zweckgesellschaft? So-
Tun Sie das? Nein, Sie tun es nicht! Wie können Sie an- lange die Zweckgesellschaft nicht steht, können Sie uns
gesichts der Beschlusslage Ihrer Partei jetzt für das, was nicht vorwerfen, wenn wir sagen: Das müssen wir uns
Mehrheitsmeinung in diesem Hause und in der Bevölke- erst anschauen. – Es kommt nun einmal darauf an, wie
rung ist, nämlich für eine Finanztransaktionsteuer, ein- die Regel wirklich aussieht. Solange das nicht klar ist,
treten? Sie treten dafür nicht ein. gibt es keinen Druck für den Bundestag, zu entscheiden.
Sie tun so, als seien Sie jetzt für eine bessere Regel- Sie instrumentalisieren die Finanzmärkte, um Ihre Frak-
setzung in Europa. Die Fakten sprechen gegen diese tionen zu disziplinieren. Das ist eine ganz schofelige Ge-
Bundesregierung und gegen diesen Bundesaußenminis- schichte.
ter. Nehmen Sie das zur Kenntnis! (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Bei der Regulierung von Hedgefonds hat sich der sowie bei Abgeordneten der SPD)
Rat diese Woche verständigt; aber er hat sich – unter Eines geht auch nicht – das muss man auch einmal
Mitwirkung dieser Bundesregierung – auf etwas verstän- ganz klar sagen –: Sie tun hier so, als sei das mit dem
digt, was weiter zulässt, dass Hedgefonds von den Vertrag eine Petitesse. Darum möchte ich für meine
Cayman Islands aus hier in Europa ohne Regeln ihre Ge- Fraktion deutlich sagen: Es geht nicht an, dass Sie einer-
schäfte machen können und dass Hedgefonds aus Eu- seits schimpfen, dass die Banker Produkte gekauft ha-
ropa im Ausland in unregulierte Konstrukte investieren ben, die sie nicht kannten, und Zweckgesellschaften in
können. Sie setzen gerade nicht die Regeln, die wir brau- Irland gegründet haben, die sie nicht im Griff hatten, an-
(B) chen. Wenn Sie dies tun wollten, müssten Sie sagen: Die dererseits aber von uns verlangen, der Errichtung einer (D)
Bundesregierung unterstützt die Position des Europäi- Zweckgesellschaft in Luxemburg zuzustimmen, deren
schen Parlaments. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ich Vertragswerk wir nicht kennen. So etwas geht nach un-
fordere Sie auf, im jetzt stattfindenden Trilog in Europa serer Meinung mit diesem Bundestag nicht.
die Position des Europäischen Parlaments zu stützen und
sich von der bisherigen Position der Bundesregierung zu (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
verabschieden: Legen Sie die Hedgefonds endlich an die sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
Leine! KEN)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- Vizepräsidentin Petra Pau:
KEN) Das Wort hat der Kollege Bartholomäus Kalb für die
Unionsfraktion.
Wo ist diese Bundesregierung, wenn es darum geht,
die Finanzmärkte, die Hedgefonds an die Kette zu legen, (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
bessere Regeln zu setzen? Wo ist diese Bundesregierung, der FDP)
wenn es darum geht, eine europäische Finanzaufsicht zu
schaffen, die in der Lage ist, grenzüberschreitende Insti-
tute zu regulieren? Der entscheidende Blockierer in die- Bartholomäus Kalb (CDU/CSU):
ser Frage ist diese Bundesregierung. Machen Sie den Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Menschen nicht vor, Sie seien für eine Regulierung der Herren! Zuallererst möchte ich meine größte Hochach-
Finanzmärkte! In Brüssel tun Sie immer das Gegenteil. tung für die Leistung zum Ausdruck bringen, die Bun-
desfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble in einer ge-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sundheitlich schwierigen Situation im Dienste unseres
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- Landes erbracht hat.
KEN)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Wir diskutieren hier auch über neue Regeln für die der FDP sowie der Abg. Petra Merkel [Berlin]
Banken; diesen Punkt haben wir sozusagen mit auf der [SPD] und Dr. Barbara Hendricks [SPD])
Tagesordnung. Sie reden immer davon, dass wir eine
Schuldenbremse für die Staaten brauchen. Genauso Wir verbinden damit alle guten Wünsche für die Ge-
brauchen wir eine Schuldenbremse für die Banken. sundheit und wünschen viel Kraft für alles, was in
Doch auch im Hinblick auf neue Regeln für die Banken nächster Zeit zu bewältigen sein wird.
4440 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Bartholomäus Kalb
(A) Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist be- währleistungen sind, Vorsorge dafür getroffen wird, dass (C)
reits von vielen Rednern gesagt worden: Wir befinden dieser Schirm hält und dass diese Risiken für die Mit-
uns wieder in einer Situation, in der wir sehr schnell ent- gliedstaaten und Gewährleistungsgeber nicht schlagend
scheiden müssen und sehr weitreichende Entscheidun- werden. Deswegen ist es auch so wichtig, dass der Inter-
gen zu treffen haben, ähnlich wie vor zwei Wochen und nationale Währungsfonds eingebunden ist, dass die
ähnlich wie im Jahre 2008, als wir in kürzester Zeit mit Maßnahmen konditioniert sind und dass die Mitglied-
intensivsten Beratungen das Finanzmarktstabilisierungs- staaten selber bereit sind, einen Stabilitäts- und Konsoli-
gesetz auf den Weg gebracht haben. Das sind weitrei- dierungskurs einzuschlagen. Ich freue mich über die
chende Entscheidungen. Meldung, die ich eben bekommen habe, dass auch Spa-
nien gerade ein sehr strammes Sparpaket im Parlament
(Joachim Poß [SPD]: Sagen Sie mal was zu verabschiedet hat. Natürlich müssen die Maßnahmen
Seehofer!) streng überwacht werden und weitere Leistungen an die
Auch die dramatische Entwicklung vor 14 Tagen hat Fortschritte gekoppelt werden. Wir kommen nicht um-
dieses schnelle Handeln erforderlich gemacht. Trotz die- hin, dass alle europäischen Mitgliedstaaten, aber beson-
ser schwierigen Situation müssen wir gründlich arbeiten. ders die von der Krise betroffenen Staaten, wieder zu ei-
Wir dürfen nicht die Grundpfeiler der europäischen nem überzeugenden Stabilitäts- und Wachstumskurs
Währungsunion infrage stellen. zurückkommen. Dann sind wir insgesamt weniger an-
greifbar. Das ist das Erste.
(Joachim Poß [SPD]: Was sagen Sie zu
Seehofer?) Das Zweite ist: Es ist nicht zu leugnen, dass es diese
Fehlentwicklungen auf den Finanzmärkten gab und
Deswegen ist es wichtig, dass es dabei bleibt, dass jedes dass viele Akteure, die sehr weit weg waren, mit sehr
Mitgliedsland die Verantwortung für seine eigene finan- viel Geld unser System infrage gestellt haben. Dem ist
zielle Situation übernimmt. Es ist wichtig, dass wir daran Einhalt zu gebieten. Einer der Experten hat in den Anhö-
festhalten, dass es zu keiner Transferunion kommt. Es rungen von einem Angriffskrieg gegen den Euro gespro-
ist auch wichtig, dass der Europäischen Union oder der chen. Diesen Mitteln und Methoden und diesen Akteu-
Europäischen Kommission keine Verschuldungskompe- ren muss Einhalt geboten werden. Die Bundesregierung
tenz eingeräumt wird. Darüber hinaus – darauf legen wir hat dazu sehr viel auf den Weg gebracht, im Gegensatz
ganz besonderen Wert – darf nicht in geringster Weise an zu dem, was Herr Oppermann vorhin gesagt hat, und
der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank ge- zwar auf der europäischen Ebene und auf der Ebene der
zweifelt werden. G 20. Wenn Herr Gabriel den Eindruck erweckt, wir hät-
(Joachim Poß [SPD]: Was sagt denn Seehofer ten seinerzeit das Verbot der Leerverkäufe aufgehoben,
(B) dazu?) so muss ich ihn berichtigen. Die seinerzeitige Allge- (D)
meinverfügung, von der BaFin unter dem damaligen
Ich denke, jedes Mitglied dieses Hauses macht sich diese Bundesfinanzminister Peer Steinbrück erlassen, war
Entscheidungen nicht leicht, unabhängig davon, welche zeitlich befristet.
Entscheidung letztlich getroffen wird. Es ist auch nicht
leicht, den Bürgern diese Entscheidung zu erklären. Wir (Norbert Barthle [CDU/CSU]: So ist es!)
müssen aber deutlich machen, so wie es vorhin auch der Ich gebe zu, dass auch er sich an Recht und Gesetz, näm-
Bundesaußenminister getan hat: Es geht um unser Land, lich das Wertpapierhandelsgesetz, halten musste. Man
es geht um unsere Währung, es geht um die Währung sollte aber nicht den Eindruck erwecken, diese Bundes-
unserer Bürger und damit auch um den Schutz all des- regierung hätte das frühere Verbot aufgehoben. Ganz im
sen, was die Menschen in unserem Lande geleistet ha- Gegenteil: Jetzt gab es wieder Anlass, eine neue Allge-
ben, was sie erarbeitet und gespart haben. meinverfügung zu erlassen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich denke,
des Abg. Jörg van Essen [FDP]) wir haben heute eine schwierige Entscheidung zu tref-
Alle Fachleute haben uns in der Anhörung bestätigt, fen, aber wir haben keine wirklich bessere Alternative,
dass es um nicht mehr und nicht weniger als darum geht weil nach meiner festen Überzeugung das Scheitern und
– lieber Kollege Barthle, so hat es Professor Weber zum der Zerfall des Euro und damit in weiten Teilen auch der
Ausdruck gebracht –, den Bestand und die Stabilität der Zerfall des geeinten Europas keine Alternative ist, die
Währung zu sichern. Alle haben uns geraten, so zu han- man mit Blick auf die Interessen der Menschen und vor
deln, wie es vorgesehen ist, und schnell zu handeln, also dem Hintergrund der europäischen Geschichte verant-
heute zum Abschluss zu kommen. worten könnte.

(Beifall des Abg. Norbert Barthle [CDU/ Ich danke Ihnen.


CSU]) (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Es muss noch einmal erklärt werden, dass wir, auch neten der FDP – Joachim Poß [SPD]: Was sagt
wenn große Summen im Spiel sind, keine Zahlungen aus Seehofer dazu?)
diesem 480-Milliarden-Programm leisten, sondern dass
wir eine Gewährleistung geben, also einen Rettungs- Vizepräsidentin Petra Pau:
schirm aufspannen. Wir hoffen, dass durch die Maßnah- Das Wort hat der Kollege Bernhard Schulte-
men, die Grundlage für die Inanspruchnahme dieser Ge- Drüggelte für die Unionsfraktion.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4441
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Wir müssen auch einmal ganz klar sagen, dass (C)
neten der FDP) Deutschland vom Euro enorm profitiert hat.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Bernhard Schulte-Drüggelte (CDU/CSU):
Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kol- Ich will kurz an die Geschichte erinnern. Vor zehn Jah-
legen! Ich möchte das Ziel dieses Gesetzes noch einmal ren waren wir fast das Schlusslicht in Europa, und jetzt
deutlich beschreiben. Das Ziel des Gesetzes ist, die Sta- stehen wir im Vergleich ganz oben. Ich will auch sagen,
bilität der Währungsunion zu sichern. Eine wichtige Vo- welche Leistungen dafür maßgeblich waren: Es waren
raussetzung ist, dass ein betroffener Mitgliedstaat zu- die Leistungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh-
sammen mit dem IWF, der EU-Kommission und der mern, aber auch von tüchtigen Unternehmern, weitsich-
EZB ein Konsolidierungsprogramm erarbeitet. Das Ziel tigen Gewerkschaften und – ich will das überhaupt nicht
dieses Programms ist, dass das betroffene Land wieder abstreiten – der Politik. Aus der Mitte des Parlaments
kapitalmarktfähig wird. Das ist das Ziel, das wir in die- heraus hat sich in zehn Jahren Deutschland stark verän-
ser Zeit haben. dert. Die Relationen zwischen den Volkswirtschaften ha-
ben sich verändert. Diese Veränderung hat natürlich
Das ist auch die Chance dieser Krise. Ich will es deut- auch zu Spannungen geführt; das hat Herr Trittin übri-
lich sagen: Die Chance dieser Krise ist, dass durch gens auch in einem Redebeitrag bei der ersten Lesung
strikte Maßnahmen finanz- und wirtschaftspolitischer deutlich gemacht. Als führendes Land in Europa haben
Natur die Staaten wieder zu einer soliden Haushalts- wir, auch im nationalen Interesse, Verantwortung für an-
politik zurückkehren können. dere. Aber dann müssen auch Fragen beantwortet wer-
den: Erstens. Gibt es in den Demokratien Europas eine
Ich will auch noch eine andere Bedingung nennen, die Kultur der Stabilität? Zweitens. Gibt es eine Nachhaltig-
ich wichtig finde. Wichtig ist für mich, dass das Pro- keit bei der Finanzierung der Staaten? Drittens. Gibt es
gramm zeitlich befristet ist und dass wir nicht gesamt- – das müssen wir auch für uns beantworten – eine Ver-
schuldnerisch handeln und haften. Ich weiß nicht, wer antwortung gegenüber nachfolgenden Generationen? –
von Ihnen das Motto der Musketiere noch in Erinnerung Diese Fragen müssen wir uns stellen.
hat. Es gilt nur zur Hälfte. „Alle für einen oder für zwei
oder drei“, das mag noch angehen, aber nicht – das will (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
ich ganz deutlich sagen – „einer für alle“. der FDP)
(Beifall bei der CDU/CSU) Vor gut zwei Wochen haben wir in einem ersten
(B) Schritt Kreditgarantien ausgesprochen, um das Konsoli- (D)
Es geht nicht nur um einzelne Länder, es geht auch
dierungsprogramm in Griechenland zu unterstützen. Das
nicht nur um Innenpolitik – das hat hier nämlich gerade
war dringend geboten. Heute soll in einem zweiten
stattgefunden –, sondern es geht auch um die Zukunft
Schritt ein Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen
Europas. Die Ursachen sind angesprochen worden. Ich
verabschiedet werden. Das hat folgenden Grund: Es soll
will es noch einmal sagen. Es geht darum, die Staatsver-
eine unkontrollierte Eigendynamik verhindert werden,
schuldung aller Länder in Europa zu verringern, konse-
die die Stabilität der Währungsunion insgesamt ge-
quent Gegenmaßnahmen einzuleiten und konsequent zu
fährdet. Das nämlich hätte erhebliche Konsequenzen für
konsolidieren.
die gesamte Weltwirtschaft. So kam es in der Stellung-
(Beifall bei der CDU/CSU) nahme der Bundesbank bei der Anhörung im Haushalts-
ausschuss am vergangenen Mittwoch zum Ausdruck.
Aber Europa braucht auch Solidarität, eine Solidari- Das ist die Lage, in der wir entscheiden müssen. Wir
tät, die nicht nur auf Rechten, sondern auch auf Pflichten müssen auch respektieren, dass viele Menschen Angst
fußt. Man muss es noch einmal sagen: Europa ist keine haben, dass sie sich zu Recht Sorgen machen um die Sta-
Schönwettergemeinschaft. Ich will an ein Wort unseres bilität der Währung, die Stabilität und Solidität der
Bundespräsidenten Köhler erinnern: Um den Teufels- Staatsfinanzen. Aber ich will auch eines sagen, an uns
kreis immer größerer Finanzkrisen zu durchbrechen, und ebenso an die Opposition gerichtet: Die Parlamente
braucht man in bestimmten Fragen mehr Europa und sind dafür verantwortlich; sie haben die Pflicht, die
nicht weniger. Währung zu schützen.
Ich will bekennen, dass wir uns hier in Deutschland (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
aber auch an unsere eigene Nase fassen müssen. Wenn neten der FDP)
Vertrauen der Grundstock für die Märkte ist, dann hat al-
lein schon die Vorstellung, die Währungsunion könne Allen Unkenrufen zum Trotz sage ich ganz deutlich: Der
zerbrechen, zu Verunsicherung geführt. Deshalb wäre es Euro ist stark, und das soll auch so bleiben. Ein stabiler
auch gerade nach der vergangenen Diskussion ein star- Euro ist in unserem nationalen Interesse.
kes Signal für Europa, wenn das vorliegende Gesetz mit
einer großen Mehrheit verabschiedet werden könnte und Ich will im Rahmen dieser Debatte im Deutschen
die Ausreden wegfallen. Bundestag den früheren italienischen Botschafter in Ber-
lin, Antonio Puri Purini, zitieren, der am 12. Mai dieses
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Jahres in der Zeit Folgendes geschrieben hat – damit be-
neten der FDP) kommen wir eine andere Sicht auf die Dinge –:
4442 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Bernhard Schulte-Drüggelte
(A) … ich denke, dass Ihr Deutschen noch immer bereit und wir wissen nicht einmal, auf welcher vertraglichen (C)
seid, an ein gemeinsames europäisches Ziel zu Grundlage.
glauben. Ich denke auch, dass Ihr mehr als andere
in der Lage seid, Gefühl und Verstand zu vereinen: (Norbert Barthle [CDU/CSU]: Das stimmt doch
Europa braucht beides … gar nicht! Lesen Sie doch mal den Text!)

Ich hoffe, dass das noch für dieses ganze Haus gilt. Jetzt Deshalb sind das keine Ausreden, sondern gewichtige
ist die Zeit, gemeinsam verantwortlich zu handeln, ent- Argumente.
schlossen und – das möchte ich hinzufügen – zuversicht-
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
lich.
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- GRÜNEN)
neten der FDP)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Zur Erwiderung Herr Schulte-Drüggelte, bitte.
Zu einer Kurzintervention erteile ich das Wort dem
Kollegen Gregor Gysi.
Bernhard Schulte-Drüggelte (CDU/CSU):
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) Ich bedanke mich. – Ich freue mich, dass Sie einiger-
maßen gut zugehört haben. Aber das, was Sie behaupten,
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE): habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass Sie sich vor
Herr Kollege Schulte-Drüggelte, ich habe eine Sache einer Sache drücken wollen. Vor einer wichtigen Frage,
satt, die auch Sie wiederholt haben, obwohl Sie gar nicht die ganz Europa betrifft, wollen Sie sich mit formalen
dabei waren; deshalb will ich das einmal richtigstellen. Argumenten drücken.
Sie werfen der Opposition hier faule Ausreden beim Ab-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
stimmungsverhalten vor. Da ich an der Beratung mit der
der FDP)
Bundeskanzlerin teilgenommen habe, will ich Ihnen drei
Dinge sagen: Das machen wir nicht mit, und das werden wir Ihnen im-
Der erste Punkt. Damals wurde uns gesagt, es sei mer vorhalten.
nicht so eilig. Es war nie die Rede davon, dass innerhalb Das Zweite. Als Mitglied des Haushaltausschusses
einer Woche alles entschieden wird. Es hieß: die erste sage ich Ihnen: Wir haben intensiv beraten, und es ist da-
(B) Lesung in der Woche, und dann sehen wir einmal weiter, für gesorgt worden, dass das Parlament bei allen Verfah- (D)
wann die zweite Lesung stattfindet. – So war die Atmo- ren eingebunden ist. Dabei werden die Vorgaben des
sphäre. Bundesverfassungsgerichtes, wie das Parlament mit der
Das Zweite war, dass nicht nur der Kollege Trittin, Regierung in europäischen Fragen zusammenzuarbeiten
sondern alle Fraktionsvorsitzenden, übrigens auch Sie, hat, beachtet.
Herr Kauder, und auch Frau Homburger, darauf bestan- (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE
den haben, dass wir den Vertrag zur Gründung der GRÜNEN]: Nein!)
Zweckgesellschaft zu lesen bekommen, bevor in zweiter
Lesung entschieden wird. So ist die Lage. Da können Sie nicht erzählen, dass das
(Beifall bei der LINKEN – Hans-Christian nicht der Fall ist.
Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Hört! Hört!)
Damals, Herr Kauder – erinnern Sie sich! –, wollten Sie Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
das auch, und auch Frau Homburger wollte das. Warum Ich schließe die Aussprache.
Sie sich jetzt haben umstimmen lassen, ist mir völlig
schleierhaft; das muss ich hier einmal sagen. Ich finde, Wir kommen zur Abstimmung über den von den
wir haben einen Anspruch darauf, zu erfahren, auf wel- Fraktionen der CDU/CSU und der FDP eingebrachten
cher vertraglichen Grundlage das Ganze läuft. Entwurf eines Gesetzes zur Übernahme von Gewährleis-
tungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungs-
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
mechanismus. Der Haushaltsausschuss empfiehlt in
neten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
seiner Beschlussempfehlung, Drucksachen 17/1740 und
und des Abg. Manfred Zöllmer [SPD])
17/1741, den Gesetzentwurf der Fraktionen von CDU/
Zum dritten Punkt. Mit diesem Gesetz geben wir der CSU und FDP auf Drucksache 17/1685 in der Aus-
Bundesregierung das Recht, ohne Befragung des Parla- schussfassung anzunehmen.
ments, nur mit nachträglicher Information über
120 Milliarden Euro zu entscheiden – das ist doch keine Zunächst kommen wir zur einfachen Abstimmung.
Kleinigkeit! –, Wer dem Gesetzentwurf in der Ausschussfassung zu-
stimmen will, den bitte ich um sein Handzeichen. – Wer
(Bartholomäus Kalb [CDU/CSU]: Blanker stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetzent-
Unsinn!) wurf ist damit in zweiter Beratung angenommen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4443
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Dritte Beratung che 17/1810. Ich eröffne die Abstimmung und bitte, die (C)
Stimmkarten einzuwerfen.
und Schlussabstimmung. Es ist beantragt, dass dazu eine
namentliche Abstimmung stattfindet. Sind an allen Haben alle Kolleginnen und Kollegen ihre Stimm-
Wahlurnen Schriftführer platziert? – Das scheint der Fall karte eingeworfen? – Das scheint der Fall zu sein. Ich
zu sein. Ich eröffne die Abstimmung und bitte Sie, Ihre schließe die Abstimmung und bitte, auszuzählen.3)
Stimmkarten in die Wahlurnen zu werfen. Als Nächstes kommen wir zur Abstimmung mit
Handzeichen über den Entschließungsantrag der Frak-
Haben alle Kolleginnen und Kollegen ihre Stimmkar-
tion Die Linke auf Drucksache 17/1811. Wer für diesen
ten eingeworfen? – Das ist offenkundig der Fall. Dann
Entschließungsantrag stimmt, den bitte ich um sein
schließe ich den Wahlgang und bitte, auszuzählen.
Handzeichen. – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der
Ich muss nachtragen, dass eine Reihe von persönli- Entschließungsantrag ist eindeutig abgelehnt.
chen Erklärungen nach § 31 GO vorliegen, die wir zu Wir kommen jetzt zur vierten namentlichen Abstim-
Protokoll nehmen.1) mung, und zwar über den Entschließungsantrag der
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Es handelt sich um
Wir kommen nun zur Abstimmung über vier Ent- den Entschließungsantrag auf Drucksache 17/1808. Ich
schließungsanträge, wobei über drei Entschließungs- eröffne die Abstimmung und bitte, die Stimmkarten ein-
anträge namentlich abgestimmt werden soll. zuwerfen.
Als Erstes kommen wir zur namentlichen Abstim- Haben alle Kolleginnen und Kollegen ihre Stimmkar-
mung über den Entschließungsantrag der Fraktion der ten eingeworfen? – Das scheint der Fall zu sein. Dann
SPD auf Drucksache 17/1809. – Ich sehe, die Plätze an schließe ich den Wahlgang und bitte, auszuzählen. Die
den Urnen sind besetzt. Ich eröffne die Abstimmung. Ergebnisse der namentlichen Abstimmungen werden Ih-
nen später bekannt gegeben.4)
Haben alle Kolleginnen und Kollegen ihre Stimm-
karte eingeworfen? – Das scheint der Fall zu sein. Dann Ich kann Ihnen schon das von den Schriftführerinnen
schließe ich die Abstimmung und bitte, auszuzählen.2) und Schriftführern ermittelte Ergebnis der nament-
lichen Abstimmung zum Gesetzentwurf bekannt geben:
Wir stimmen nun über einen weiteren Entschlie- abgegebene Stimmen 587. Mit Ja haben gestimmt 319,
ßungsantrag der Fraktion der SPD namentlich ab. Es mit Nein haben gestimmt 73, Enthaltungen 195. Der Ge-
handelt sich um den Entschließungsantrag auf Drucksa- setzentwurf ist angenommen.
(B) (D)
1) Anlagen 2 bis 5 3) Ergebnis Seite 4454 C
2) Ergebnis Seite 4451 D 4) Ergebnis Seite 4456 D

Endgültiges Ergebnis Dr. Maria Böhmer Herbert Frankenhauser Holger Haibach


Abgegebene Stimmen: 587; Wolfgang Börnsen Dr. Hans-Peter Friedrich Dr. Stephan Harbarth
davon (Bönstrup) (Hof) Jürgen Hardt
Norbert Brackmann Michael Frieser Gerda Hasselfeldt
ja: 319
Klaus Brähmig Erich G. Fritz Dr. Matthias Heider
nein: 73
Michael Brand Dr. Michael Fuchs Mechthild Heil
enthalten: 195 Dr. Reinhard Brandl Hans-Joachim Fuchtel Ursula Heinen-Esser
Helmut Brandt Ingo Gädechens Frank Heinrich
Ja Dr. Ralf Brauksiepe Dr. Thomas Gebhart Rudolf Henke
Dr. Helge Braun Norbert Geis Michael Hennrich
CDU/CSU Heike Brehmer Alois Gerig Jürgen Herrmann
Ilse Aigner Ralph Brinkhaus Eberhard Gienger Ansgar Heveling
Peter Altmaier Gitta Connemann Michael Glos Ernst Hinsken
Peter Aumer Leo Dautzenberg Peter Götz Peter Hintze
Dorothee Bär Alexander Dobrindt Dr. Wolfgang Götzer Christian Hirte
Thomas Bareiß Thomas Dörflinger Ute Granold Robert Hochbaum
Norbert Barthle Marie-Luise Dött Reinhard Grindel Karl Holmeier
Günter Baumann Dr. Thomas Feist Hermann Gröhe Franz-Josef Holzenkamp
Ernst-Reinhard Beck Enak Ferlemann Michael Grosse-Brömer Joachim Hörster
(Reutlingen) Ingrid Fischbach Markus Grübel Anette Hübinger
Manfred Behrens (Börde) Hartwig Fischer (Göttingen) Manfred Grund Thomas Jarzombek
Dr. Christoph Bergner Dirk Fischer (Hamburg) Monika Grütters Dieter Jasper
Peter Beyer Axel E. Fischer (Karlsruhe- Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Dr. Franz Josef Jung
Steffen Bilger Land) Guttenberg Andreas Jung (Konstanz)
Clemens Binninger Dr. Maria Flachsbarth Olav Gutting Dr. Egon Jüttner
Peter Bleser Klaus-Peter Flosbach Florian Hahn Bartholomäus Kalb
4444 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A) Hans-Werner Kammer Sibylle Pfeiffer Annette Widmann-Mauz Petra Müller (Aachen) (C)
Steffen Kampeter Beatrix Philipp Elisabeth Winkelmeier- Burkhardt Müller-Sönksen
Alois Karl Ronald Pofalla Becker Dr. Martin Neumann
Bernhard Kaster Christoph Poland Dagmar Wöhrl (Lausitz)
Siegfried Kauder (Villingen- Ruprecht Polenz Dr. Matthias Zimmer Dirk Niebel
Schwenningen) Eckhard Pols Wolfgang Zöller Hans-Joachim Otto
Volker Kauder Lucia Puttrich Willi Zylajew (Frankfurt)
Dr. Stefan Kaufmann Daniela Raab Cornelia Pieper
Roderich Kiesewetter Thomas Rachel FDP Gisela Piltz
Eckart von Klaeden Dr. Peter Ramsauer Dr. Christiane Ratjen-
Eckhardt Rehberg Jens Ackermann Damerau
Ewa Klamt
Katherina Reiche (Potsdam) Christian Ahrendt Dr. Birgit Reinemund
Volkmar Klein
Jürgen Klimke Lothar Riebsamen Christine Aschenberg- Dr. Peter Röhlinger
Josef Rief Dugnus Dr. Stefan Ruppert
Julia Klöckner
Axel Knoerig Klaus Riegert Daniel Bahr (Münster) Björn Sänger
Jens Koeppen Johannes Röring Florian Bernschneider Christoph Schnurr
Dr. Kristina Schröder Dr. Norbert Röttgen Sebastian Blumenthal Jimmy Schulz
(Wiesbaden) Dr. Christian Ruck Claudia Bögel Marina Schuster
Dr. Rolf Koschorrek Erwin Rüddel Nicole Bracht-Bendt Dr. Erik Schweickert
Hartmut Koschyk Albert Rupprecht (Weiden) Klaus Breil Werner Simmling
Thomas Kossendey Anita Schäfer (Saalstadt) Rainer Brüderle Judith Skudelny
Michael Kretschmer Dr. Wolfgang Schäuble Angelika Brunkhorst Joachim Spatz
Gunther Krichbaum Dr. Annette Schavan Ernst Burgbacher Dr. Max Stadler
Dr. Günter Krings Dr. Andreas Scheuer Marco Buschmann Torsten Staffeldt
Rüdiger Kruse Karl Schiewerling Sylvia Canel Dr. Rainer Stinner
Bettina Kudla Norbert Schindler Helga Daub Stephan Thomae
Dr. Hermann Kues Tankred Schipanski Reiner Deutschmann Florian Toncar
Günter Lach Georg Schirmbeck Dr. Bijan Djir-Sarai Serkan Tören
Dr. Karl A. Lamers Christian Schmidt (Fürth) Patrick Döring Johannes Vogel
(Heidelberg) Patrick Schnieder Mechthild Dyckmans (Lüdenscheid)
Andreas G. Lämmel Dr. Andreas Schockenhoff Rainer Erdel Dr. Daniel Volk
Dr. Norbert Lammert Dr. Ole Schröder Jörg van Essen Dr. Guido Westerwelle
Katharina Landgraf Bernhard Schulte-Drüggelte Ulrike Flach Dr. Claudia Winterstein
Ulrich Lange Uwe Schummer Otto Fricke Dr. Volker Wissing
Dr. Max Lehmer Armin Schuster (Weil am Paul K. Friedhoff Hartfrid Wolff (Rems-Murr)
Paul Lehrieder Rhein) Dr. Edmund Peter Geisen
(B) Dr. Wolfgang Gerhardt (D)
Dr. Ursula von der Leyen Detlef Seif
Ingbert Liebing Johannes Selle Heinz Golombeck Nein
Matthias Lietz Reinhold Sendker Miriam Gruß
Dr. Carsten Linnemann Dr. Patrick Sensburg Joachim Günther (Plauen) CDU/CSU
Patricia Lips Thomas Silberhorn Dr. Christel Happach-Kasan Alexander Funk
Dr. Jan-Marco Luczak Johannes Singhammer Heinz-Peter Haustein Dr. Peter Gauweiler
Dr. Michael Luther Jens Spahn Manuel Höferlin Manfred Kolbe
Karin Maag Carola Stauche Elke Hoff Klaus-Peter Willsch
Dr. Thomas de Maizière Dr. Frank Steffel Birgit Homburger
Hans-Georg von der Marwitz Erika Steinbach Dr. Werner Hoyer SPD
Andreas Mattfeldt Christian Freiherr von Stetten Heiner Kamp
Stephan Mayer (Altötting) Dieter Stier Michael Kauch Wolfgang Gunkel
Dr. Michael Meister Gero Storjohann Pascal Kober
Dr. Angela Merkel Stephan Stracke Dr. Heinrich L. Kolb FDP
Maria Michalk Max Straubinger Gudrun Kopp Dr. Lutz Knopek
Dr. h. c. Hans Michelbach Karin Strenz Dr. h. c. Jürgen Koppelin Frank Schäffler
Dr. Mathias Middelberg Thomas Strobl (Heilbronn) Sebastian Körber
Philipp Mißfelder Lena Strothmann Holger Krestel DIE LINKE
Dietrich Monstadt Michael Stübgen Patrick Kurth (Kyffhäuser)
Marlene Mortler Dr. Peter Tauber Heinz Lanfermann Jan van Aken
Dr. Gerd Müller Antje Tillmann Sibylle Laurischk Agnes Alpers
Stefan Müller (Erlangen) Dr. Hans-Peter Uhl Harald Leibrecht Herbert Behrens
Nadine Müller (St. Wendel) Arnold Vaatz Sabine Leutheusser- Matthias W. Birkwald
Dr. Philipp Murmann Volkmar Vogel (Kleinsaara) Schnarrenberger Steffen Bockhahn
Bernd Neumann (Bremen) Stefanie Vogelsang Lars Lindemann Eva Bulling-Schröter
Michaela Noll Andrea Astrid Voßhoff Christian Lindner Dr. Martina Bunge
Dr. Georg Nüßlein Dr. Johann Wadephul Dr. Martin Lindner (Berlin) Roland Claus
Franz Obermeier Marco Wanderwitz Michael Link (Heilbronn) Sevim Dağdelen
Eduard Oswald Kai Wegner Dr. Erwin Lotter Dr. Diether Dehm
Henning Otte Marcus Weinberg (Hamburg) Oliver Luksic Heidrun Dittrich
Dr. Michael Paul Peter Weiß (Emmendingen) Horst Meierhofer Werner Dreibus
Rita Pawelski Sabine Weiss (Wesel I) Patrick Meinhardt Dr. Dagmar Enkelmann
Ulrich Petzold Ingo Wellenreuther Gabi Molitor Klaus Ernst
Dr. Joachim Pfeiffer Peter Wichtel Jan Mücke Nicole Gohlke
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4445
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Diana Golze Sören Bartol Gabriele Lösekrug-Möller BÜNDNIS 90/DIE (C)
Annette Groth Bärbel Bas Kirsten Lühmann GRÜNEN
Dr. Gregor Gysi Sabine Bätzing-Lichtenthäler Caren Marks
Kerstin Andreae
Heike Hänsel Dirk Becker Katja Mast Marieluise Beck (Bremen)
Dr. Rosemarie Hein Uwe Beckmeyer Petra Merkel (Berlin) Volker Beck (Köln)
Dr. Barbara Höll Klaus Brandner Ullrich Meßmer Cornelia Behm
Andrej Konstantin Hunko Willi Brase Dr. Matthias Miersch Alexander Bonde
Ulla Jelpke Bernhard Brinkmann Franz Müntefering Viola von Cramon-Taubadel
Dr. Lukrezia Jochimsen (Hildesheim) Dr. Rolf Mützenich Ekin Deligöz
Katja Kipping Edelgard Bulmahn Andrea Nahles Katja Dörner
Harald Koch Marco Bülow Manfred Nink Hans-Josef Fell
Jan Korte Ulla Burchardt Thomas Oppermann Dr. Thomas Gambke
Jutta Krellmann Martin Burkert Holger Ortel Kai Gehring
Katrin Kunert Petra Crone Aydan Özoğuz Katrin Göring-Eckardt
Caren Lay Dr. Peter Danckert Joachim Poß Britta Haßelmann
Sabine Leidig Martin Dörmann Dr. Wilhelm Priesmeier Bettina Herlitzius
Ralph Lenkert Elvira Drobinski-Weiß Florian Pronold Winfried Hermann
Michael Leutert Garrelt Duin Dr. Sascha Raabe Priska Hinz (Herborn)
Stefan Liebich Sebastian Edathy Mechthild Rawert Ulrike Höfken
Ulla Lötzer Siegmund Ehrmann Dr. Carola Reimann Dr. Anton Hofreiter
Dr. Gesine Lötzsch Dr. h. c. Gernot Erler Sönke Rix Bärbel Höhn
Thomas Lutze Petra Ernstberger René Röspel Thilo Hoppe
Ulrich Maurer Karin Evers-Meyer Dr. Ernst Dieter Rossmann Uwe Kekeritz
Dorothée Menzner Elke Ferner Karin Roth (Esslingen) Katja Keul
Cornelia Möhring Gabriele Fograscher Marlene Rupprecht Memet Kilic
Kornelia Möller Dr. Edgar Franke (Tuchenbach) Sven-Christian Kindler
Niema Movassat Dagmar Freitag Anton Schaaf Maria Klein-Schmeink
Wolfgang Nešković Sigmar Gabriel Axel Schäfer (Bochum) Ute Koczy
Thomas Nord Michael Gerdes Bernd Scheelen Tom Koenigs
Petra Pau Martin Gerster Dr. Hermann Scheer Sylvia Kotting-Uhl
Richard Pitterle Iris Gleicke Marianne Schieder Oliver Krischer
Yvonne Ploetz Ulrike Gottschalck (Schwandorf) Agnes Krumwiede
Ingrid Remmers Angelika Graf (Rosenheim) Werner Schieder (Weiden) Fritz Kuhn
Paul Schäfer (Köln) Michael Groß Renate Künast
Ulla Schmidt (Aachen)
Michael Schlecht Hans-Joachim Hacker Markus Kurth
(B) Carsten Schneider (Erfurt) (D)
Dr. Herbert Schui Bettina Hagedorn Undine Kurth (Quedlinburg)
Olaf Scholz
Dr. Ilja Seifert Klaus Hagemann Monika Lazar
Ottmar Schreiner
Kathrin Senger-Schäfer Michael Hartmann Nicole Maisch
Swen Schulz (Spandau)
Raju Sharma (Wackernheim) Agnes Malczak
Ewald Schurer
Dr. Petra Sitte Hubertus Heil (Peine) Jerzy Montag
Sabine Stüber Frank Schwabe
Rolf Hempelmann Stefan Schwartze Kerstin Müller (Köln)
Alexander Süßmair Dr. Barbara Hendricks Beate Müller-Gemmeke
Dr. Kirsten Tackmann Dr. Carsten Sieling
Gustav Herzog Sonja Steffen Ingrid Nestle
Frank Tempel Gabriele Hiller-Ohm Dr. Konstantin von Notz
Dr. Axel Troost Peer Steinbrück
Petra Hinz (Essen) Dr. Frank-Walter Steinmeier Friedrich Ostendorff
Alexander Ulrich Frank Hofmann (Volkach) Dr. Hermann Ott
Kathrin Vogler Christoph Strässer
Dr. Eva Högl Kerstin Tack Elisabeth Paus
Sahra Wagenknecht Josip Juratovic Brigitte Pothmer
Halina Wawzyniak Dr. h. c. Wolfgang Thierse
Oliver Kaczmarek Franz Thönnes Tabea Rößner
Katrin Werner Johannes Kahrs Claudia Roth (Augsburg)
Sabine Zimmermann Wolfgang Tiefensee
Dr. h. c. Susanne Kastner Rüdiger Veit Krista Sager
Ulrich Kelber Ute Vogt Manuel Sarrazin
Enthalten Lars Klingbeil Dr. Marlies Volkmer Elisabeth Scharfenberg
Hans-Ulrich Klose Andrea Wicklein Christine Scheel
CDU/CSU Dr. Bärbel Kofler Dr. Gerhard Schick
Heidemarie Wieczorek-Zeul
Daniela Kolbe (Leipzig) Dr. Frithjof Schmidt
Veronika Bellmann Dr. Dieter Wiefelspütz
Fritz Rudolf Körper Dorothea Steiner
Josef Göppel Waltraud Wolff
Anette Kramme Dr. Wolfgang Strengmann-
Karl-Georg Wellmann (Wolmirstedt)
Nicolette Kressl Kuhn
Uta Zapf
Angelika Krüger-Leißner Hans-Christian Ströbele
SPD Dagmar Ziegler
Ute Kumpf Dr. Harald Terpe
Manfred Zöllmer
Ingrid Arndt-Brauer Christine Lambrecht Markus Tressel
Brigitte Zypries
Rainer Arnold Christian Lange (Backnang) Jürgen Trittin
Doris Barnett Dr. Karl Lauterbach Daniela Wagner
FDP
Dr. Hans-Peter Bartels Steffen-Claudio Lemme Wolfgang Wieland
Klaus Barthel Burkhard Lischka Dr. Hermann Otto Solms Dr. Valerie Wilms
4446 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Stadt Geld. In der Gemeinde Niederzimmern in Thürin- (C)
gen werden über 250 Schlaglöcher verkauft, damit die
Tagesordnungspunkt 27 a bis 27 c. Interfraktionell
Straßen saniert werden können.
wird Überweisung der Vorlagen auf den Drucksachen
17/1756, 17/1720, 17/1803 und 16/13741 an die in der (Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Lassen Sie
Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Thüringen aus dem Spiel!)
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
sind die Überweisungen beschlossen. Die Stadt Remscheid hat bei einem Verwaltungshaushalt
mit einem Volumen von 320 Millionen Euro ein aufge-
Ich rufe die Zusatzpunkte 11 und 12 sowie den Tages- laufenes Defizit von 100 Millionen Euro. Selbst wenn
ordnungspunkt 28 auf: die Stadt ihr ganzes Personal entließe, würde sie auf
ZP 11 Beratung des Antrags der Abgeordneten Katrin 10 Millionen Euro Schulden sitzen bleiben. Darüber hi-
Kunert, Dr. Axel Troost, Dr. Gesine Lötzsch, wei- naus hat man der Stadt verboten, auszubilden, da das
terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE eine freiwillige Leistung sei. Die Stadt Köln hat im März
dieses Jahres eine Bettensteuer beschlossen, um den
Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit von Haushalt etwas aufzumöbeln. Sie rechnet mit jährlichen
Städten, Gemeinden und Landkreisen Zusatzeinnahmen in Höhe von 21 Millionen Euro. – Nun
könnten einige ganz Schlaue sagen: Na, seht mal, die
– Drucksache 17/1744 –
Kommunen lassen sich ja etwas einfallen und sind sehr
Überweisungsvorschlag: kreativ beim Finden von rechtlich zulässigen Steuern.
Finanzausschuss (f)
Haushaltsausschuss Diese Beispiele belegen jedoch die blanke Finanznot
der Kommunen. Hier müssen wir endlich tätig werden.
ZP 12 Beratung des Antrags der Abgeordneten Britta
Haßelmann, Lisa Paus, Dr. Gerhard Schick, wei- (Beifall bei der LINKEN)
terer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- Milliarden zur Rettung von Banken, zur Rettung von
NIS 90/DIE GRÜNEN Griechenland und zur Rettung von ganz Europa werden
Gewerbesteuer stabilisieren – nicht abschaffen ganz schnell und ohne ausreichende Maßnahmen zur Re-
gulierung der Finanzmärkte beschlossen. Städten, Ge-
– Drucksache 17/1764 – meinden und Landkreisen wird ständig vorgeschrieben,
Überweisungsvorschlag: was sie zu tun und zu lassen haben. Von kommunaler
Finanzausschuss (f) Selbstverwaltung kann überhaupt nicht mehr die Rede
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Haushaltsausschuss sein. 480 Milliarden Euro für die Banken, 22 Milliarden
(B) Euro für Griechenland und jetzt über 140 Milliarden (D)
28 Beratung der Beschlussempfehlung und des Be- Euro für die Rettung Europas: Den Bürgerinnen und
richts des Finanzausschusses (7. Ausschuss) zu Bürgern vor Ort und den kommunalen Mandatsträgern
dem Antrag der Abgeordneten Katrin Kunert, ist es überhaupt nicht mehr zu vermitteln, warum lebens-
Dr. Axel Troost, Dr. Barbara Höll, weiterer Ab- notwendige Dienstleistungen für die Leute vor Ort wie
geordneter und der Fraktion DIE LINKE zum Beispiel der öffentliche Personennahverkehr nicht
Für eine Verstetigung der Kommunalfinanzen – mehr finanzierbar sind.
Die Gewerbesteuer zur Gemeindewirtschaft- Bisher haben Sie, meine Damen und Herren, hier im-
steuer weiterentwickeln mer eine sehr abstrakte Debatte über die Kommunal-
– Drucksachen 17/783, 17/1783 – finanzen geführt. Erinnern möchte ich nur an Ihre Einspa-
rungsrhetorik bei den Kosten der Unterkunft. Sie haben
Berichterstattung: immer gesagt: Die Kommunen werden um 2,5 Milliarden
Abgeordnete Antje Tillmann Euro entlastet. Das Defizit in Höhe von 15 Milliarden
Dr. Birgit Reinemund Euro in diesem Jahr spricht eine eigene Sprache. Zur Ent-
Dr. Axel Troost lastung ist es nie gekommen.
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für Bisher stehen die Kommunen in der Finanzierungs-
die Aussprache eineinviertel Stunden vorgesehen. Gibt kette in Deutschland ganz hinten. Aber müssten nicht die
es Widerspruch? – Das ist nicht der Fall. Dann ist das so Kommunen der eigentliche Ausgangspunkt im Finanzge-
beschlossen. füge sein? Die Kommunen sind keine Behörde an sich;
Ich eröffne die Aussprache und erteile als erster Red- sie sind vielmehr die einzige staatliche Ebene, wo Le-
nerin der Kollegin Katrin Kunert von der Fraktion Die bensqualität für die Bürgerinnen und Bürger entsteht. Da-
Linke das Wort. für sind Sie hier verantwortlich.

(Beifall bei der LINKEN) (Beifall bei der LINKEN)


In den Städten und in den Gemeinden gehen die Kinder
Katrin Kunert (DIE LINKE): in die Kindertagesstätten, sie lernen in den Schulen, sie
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich lernen Schwimmen, sie lernen Kultur und Sport selbst
bedauere, dass die Situation in den Kommunen nicht kennen. Außerdem gibt es ein Netz von vielfältigen Be-
mindestens genauso wichtig ist wie die Rettung des Eu- ratungsangeboten. Was aber, wenn Schwimmbäder ge-
ros. In Quickborn leihen Bürgerinnen und Bürger ihrer schlossen werden, Bibliotheken oder Musikschulen ihre
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4447
Katrin Kunert
(A) Preise erhöhen? Die Aufgaben der öffentlichen Da- Vizepräsidentin Petra Pau: (C)
seinsvorsorge müssen der Ausgangspunkt für eine so- Das Wort hat der Kollege Dr. Mathias Middelberg für
lide und auskömmliche Finanzausstattung der Kommu- die Unionsfraktion.
nen sein.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Ich will auf zwei Aspekte eingehen. Zum einen haben neten der FDP)
sich das Tempo und die Dynamik der Sozialausgaben in
den Kommunen rasant entwickelt. Während zwischen
1992 und 2002 die Sozialausgaben 6 Milliarden Euro be- Dr. Mathias Middelberg (CDU/CSU):
trugen, lagen sie im Zeitraum von 2003 bis 2009 schon Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die
bei 10 Milliarden Euro, also fast eine Verdopplung der Kommunen sind – das ist unbestreitbar – tatsächlich in
Kosten in nahezu der Hälfte der Zeit. Hier müssen wir einer sehr ernsten Lage, aber die Schnellschüsse, die Sie
endlich einmal wach werden. uns heute auf den Tisch gelegt haben, sind kein Beitrag
zur Lösung dieser kritischen Lage.
(Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Dafür tragen alle bisherigen Regierungskoalitionen in
diesem Hause die Verantwortung. Im Grunde handelt es sich um nichts anderes als um
ein schlichtes Steuererhöhungspaket. Es werden neue
Ich will ein Zweites sagen: Die Dramatik besteht da- Steuern für die gesamten Freiberufler in dieser Republik
rin, dass die Kommunen, die schon mit wirtschaftlichen erfunden. Darüber hinaus fordern Sie Steuererhöhungen
Problemen zu kämpfen haben, auch die meisten Sozial- zulasten des Mittelstands, vieler kleiner und mittlerer
ausgaben schultern müssen. Die Kommunen sind daran Unternehmen und damit letzten Endes auch zulasten der
nicht schuld. Man muss auch hier sagen, dass die bishe- Arbeitsplätze in diesem Land.
rigen Regierungskoalitionen daran die Schuld tragen und
noch nicht einmal im Ansatz den Versuch unternommen Sie schreiben in Ihren Anträgen, dass Sie durch Er-
haben, die Finanzierung wieder geradezurücken. weiterung der Bemessungsgrundlage der Gewerbe-
steuer und durch verschiedene Hinzurechnungen die Si-
Wir schlagen Ihnen fünf konkrete Maßnahmen vor, die tuation der Kommunen verbessern würden. Das mag
sofort umgesetzt werden können. Erstens: Rücknahme der sogar kurzfristig der Fall sein. Auf längere Sicht wird
beschlossenen Unternehmensteuersenkungen und Verzicht das jedoch viele Unternehmen erdrosseln. Denn letzten
auf weitere Steuersenkungen. An die FDP gerichtet, Endes wollen Sie Kostenpositionen, Mieten, Pachten,
sage ich: Sie haben doch auf Ihrem Bundesparteitag einen Zinsen und anderes, stärker besteuern. Dann kommen
(B) Antrag auf Senkung der Mitgliedsbeiträge mit der Be- wir in eine Situation, in der Betriebe Steuern zahlen (D)
gründung abgelehnt, dass sich durch Senkung des Mit- müssen, obwohl sie gar keine Gewinne machen. Das
gliedsbeitrages das Problem der Parteifinanzkrise nicht müssen Sie einmal unseren Zuschauern hier heute erklä-
lösen ließe. Sehen Sie also bitte auch in Zukunft von wei- ren, wie das funktionieren soll, dass Unternehmen, die
teren Steuersenkungen einfach ab. unter dem Strich keine Gewinne machen, trotzdem zur
(Beifall bei der LINKEN – Patrick Kurth Zahlung der Gewerbesteuer herangezogen werden. Hier
[Kyffhäuser] [FDP]: Was ist denn das für eine entstünde sogar die abstruse Situation, dass die Unter-
abenteuerliche Argumentation?) nehmer, die an zwei verschiedenen Betriebsstandorten
tätig sind, im Hinblick auf die Gewerbesteuer noch nicht
Zweitens. Wir sind für die Entschuldung der hochver- einmal ihre Verluste und Gewinne miteinander verrech-
schuldeten Kommunen. nen könnten, weil die Gewerbesteuer ja eine Realsteuer
ist, die eben am Ort erhoben wird. Ein kleiner Hand-
Drittens sind wir für die Entwicklung der Gewerbe- werksbetrieb würde dann unter dem Strich Verluste ma-
steuer zu einer Gemeindewirtschaftsteuer. chen, weil er an dem einen Standort bei null und an dem
Viertens wollen wir, dass der Anteil des Bundes an anderen Standort unter der Wasserlinie arbeitet. Dieser
den Kosten der Unterkunft, der Grundsicherung im Alter würde nach Ihrem Modell unter dem Strich Gewerbe-
und auch bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf ei- steuer zahlen.
nen Kita-Platz für Kinder unter drei Jahren erhöht wird. (Katrin Kunert [DIE LINKE]: Wer kommu-
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) nale Infrastruktur nutzt, muss sie auch mit be-
zahlen! – Manfred Zöllmer [SPD]: Der zahlt
Fünftens wollen wir ein verbindliches und einklagba- keine Gewerbesteuer! – Weitere Zurufe von
res Mitwirkungsrecht für die Kommunen bei der Ge- der SPD)
setzgebung des Bundes.
– Sie können ja gleich darauf eingehen, Herr Sieling.
Ich wünsche mir wirklich, dass Sie sich genauso emo-
tional und verantwortungsbewusst, wie Sie hier für Eu- Wenn Gewinne und Verluste an verschiedenen Stand-
ropa gesprochen haben, für die Kommunen einsetzen; orten also bei der Gewerbesteuer nicht miteinander ver-
denn hier findet das Leben statt. Hier ist auch die Demo- rechnet werden könnten, entstehen solche abstrusen Si-
kratie in Gefahr. tuationen. Gerade in dieser wirtschaftlich angespannten
Situation – deshalb haben wir ja über das Wachstumsbe-
(Beifall bei der LINKEN) schleunigungsgesetz gegengesteuert – würden Sie damit
4448 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Mathias Middelberg


(A) viele Unternehmen in den Ruin treiben und massiv Ar- Daran wollen wir – wir haben ja heute mehrfach von (C)
beitsplätze vernichten. verschiedener Seite Aufforderungen zur Ehrlichkeit be-
kommen – der Ehrlichkeit halber erinnern. Die Kommu-
(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Selbstrecht- nen sind in einer kritischen ökonomischen Situation.
fertigung eines Fehlers!) Dazu haben auch Bundesgesetze beigetragen; das dürfen
Schon alleine deswegen können wir Ihren Anträgen hier wir nicht in Abrede stellen. Auch das Bürgerentlastungs-
und heute nicht zustimmen. Unternehmen, die pleite gesetz hat dazu beigetragen, dass sich die Situation in
sind, kommen nämlich auf Dauer für Gewerbesteuerzah- den Kommunen verschärft hat.
lungen nicht mehr in Betracht. Sie hätten dann die Steu- Die Gewerbesteuer ist ein weiteres Element. Auch die
erbasis zerstört. konjunkturelle Situation hat dazu beigetragen. Das ist
Wir haben mit dem Wachstumsbeschleunigungsge- die andere Seite der Medaille, die im Moment für unge-
setz – das haben Sie gerade kritisch angemerkt, Frau fähr 50 Prozent des Wegfalls der Einnahmen bei den
Kunert – dem Mittelstand in dieser kritischen Situation Kommunen verantwortlich ist. Die Einnahmen durch die
Liquidität verschafft. Das hat viele mittelständische Un- Gewerbesteuer sind in den verschiedenen Kommunen
ternehmen vor dem Exitus gerettet. Dies wird auf Dauer um 30, zum Teil auch um 50 Prozent eingebrochen. Es
die kommunale Steuerbasis nicht schwächen, sondern ist wichtig, jetzt nicht nur kosmetische Lösungen zu fin-
stärken. Deswegen wird das Wachstumsbeschleuni- den, sondern eine Lösung aus einem Guss. Wir brauchen
gungsgesetz die kommunale Steuerbasis auf Dauer stär- eine strukturelle Veränderung.
ken und erhärten. Es ist richtig, jetzt nicht den Weg über Ihre Schnell-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – schüsse zu gehen, sondern über die Kommission, die der
Manfred Zöllmer [SPD]: Märchen!) Bundesfinanzminister eingerichtet hat und an der die
Länder und die kommunalen Spitzenverbände richtiger-
Ungefähr die Hälfte des Volumens des Wachstumsbe- weise beteiligt sind. Wenn man nach dauerhaften stabi-
schleunigungsgesetzes betrifft Kindergeld und Kinder- len Einnahmen für die Kommunen sucht, sollte man
freibeträge, davon der ganz große Teil Kindergeld. auch sehr ernsthaft dem Vorschlag nachgehen, die Ge-
Auch das ist ein Beitrag, um die Kommunen zu entlas- werbesteuer durch einen Anteil der Kommunen an der
ten. Denn gerade kinderreiche Familien sind gefährdet, Umsatzsteuer
in die Grundsicherung abzudriften. Das verhindern wir
auch durch die Zahlung des erhöhten Kindergeldes. In- (Katrin Kunert [DIE LINKE]: Was soll denn
sofern entlastet das viele Kommunen. da rauskommen?)

(B) Sie haben ja zu Recht erwähnt, dass die Sozialausga- und durch einen Zuschlag auf Einkommen- und Körper- (D)
ben für die Kommunen ein zunehmend größeres Pro- schaftsteuer mit eigenem Hebesatzrecht zu ersetzen. Das
blem darstellen. Die Leistungen zur Grundsicherung ma- sollten wir ernsthaft und sorgfältig prüfen.
chen mittlerweile 24 Prozent der sozialen Ausgaben der Diese Kommission hat einen weiteren Vorteil.
Kommunen aus. Vor diesem Hintergrund ist die Erhö-
hung des Kindergeldes ein ganz konkreter Beitrag, um (Katrin Kunert [DIE LINKE]: Die arbeitet
die Kommunen zu entlasten. nicht so schnell!)
Die weiteren Beiträge sind – das haben wir gerade ge- Sie nimmt auch die Kostenseite in den Blick. Das haben
macht – die Einigung bezüglich der Jobcenter, an der Sie Sie hier noch nicht erwähnt.
mitgewirkt haben,
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Standard-
(Manfred Zöllmer [SPD]: Was heißt absenkung!)
„mitgewirkt“?)
Es ist mir aber sehr wichtig, dass wir auch über die Kos-
und die Verlängerung der Zahlung des Kurzarbeitergel- ten, also über das Sparen, reden. Wir dürfen nicht nur
des. Die Kollegen von der SPD werden sicherlich gleich darüber reden, wo man zusätzliche Einnahmen generie-
sehr selbstgefällig gute Ratschläge geben, wie wir das ren kann, wie man womöglich die Bürger zusätzlich be-
schon heute Morgen erlebt haben. lasten kann, sondern wir müssen auch darüber reden, wo
gespart werden kann.
(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Aber das war jetzt
nicht selbstgefällig?) (Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Kinder-
betreuungsquote absenken!)
Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur daran, dass
Sie es unter Rot-Grün waren, die die Gewerbesteuerum- Deswegen ist es wichtig, dass sich die Kommission auch
lage, die ja jetzt abgeschafft werden soll, erhöht haben. mit den Ausstattungsstandards befasst. Das ist der rich-
Darüber hinaus erinnere ich daran, dass Sie 2005 hier tige Weg, um zu einer nachhaltigen strukturellen Verbes-
den Antrag eingebracht haben, den Bundesanteil an den serung zu kommen. Wir unterstützen die Kommission
Kosten der Unterkunft rückwirkend auf Null zu setzen. des Bundesfinanzministers und werden über die Vor-
schläge, die sie vorlegen wird, sachlich und entspannt
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – diskutieren. Ihre Schnellschüsse von heute lehnen wir
Bernd Scheelen [SPD]: Das war nur ein Platz- ab.
halter! Das wissen Sie ganz genau! So ein
Schwachsinn!) Danke.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4449
Dr. Mathias Middelberg
(A) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Karte gezeigt, und die schwarz-gelben Steuersenker sind (C)
Katrin Kunert [DIE LINKE]: Aber Milliarden vom Platz geschickt worden. Das ist gut und richtig so.
innerhalb einer Woche beschließen!)
(Dr. Birgit Reinemund [FDP]: Wie viel haben
Sie verloren?)
Vizepräsidentin Petra Pau:
Das Wort hat der Kollege Bernd Scheelen für die Die Menschen haben gemerkt, was Ihre Steuersenkungs-
SPD-Fraktion. fantasien vor Ort anrichten. Dass wir über die Schlie-
ßung von Theatern, von Schwimmbädern, von Büche-
(Beifall bei der SPD) reien und Ähnlichem reden müssen, dass, wie ich gerade
hörte, eine kleine Gemeinde im Münsterland – bisher
Bernd Scheelen (SPD): ging man davon aus, dass es denen noch gut geht – da-
rüber nachdenkt, in der nächsten Ratssitzung eine Erhö-
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und hung der Grundsteuer um 50 Prozent beschließen zu
Herren! Wir beschäftigen uns heute, wie wir es eigent- müssen, zeigt die Dramatik der Situation vor Ort. Daher
lich in jeder Sitzungswoche tun, mit der Situation der ist eine Diskussion über die Haupteinnahmequelle der
Gemeinden. Ich finde es gut, dass das so ist. Im Finanz- Kommunen eine Gelegenheit, die man nutzen sollte.
ausschuss haben einige das bemängelt. Sie meinen, man
müsse ja nicht jede Woche darüber reden. Ich glaube, die (Dr. Birgit Reinemund [FDP]: Das hätten Sie
Lage der Kommunen ist so dramatisch, dass es sich elf Jahre lang machen können!)
lohnt, jede Woche hier im Hohen Hause darüber zu spre-
Ich will Ihnen bei dieser Gelegenheit einen Hinweis
chen.
auf eine kleine Broschüre geben. Diese hat uns allen vor
(Zuruf von der FDP: Handeln!) zwei Tagen der Städtetag zukommen lassen. Sie heißt:
„Sozialleistungen der Städte in Not“. Das ist doppel-
Wir haben das auch in der letzten Sitzungswoche, also deutig, weil sich das „in Not“ sowohl auf Sozialleistun-
vor zwei Wochen, getan. Das war der Freitag vor der gen wie auch auf Städte beziehen kann. Ich glaube, das
NRW-Wahl. Ich habe an diesem Pult gestanden und Ih- ist auch so gedacht. Es soll sich auf beides beziehen. Es
nen am Ende meiner Rede ein Zitat über die Steuer- soll deutlich machen, dass die Städte in Not sind und
senkungspartei FDP vorgelesen. Leider reichte meine dass mit Städten in Not die Sozialleistungen nicht mehr
Redezeit nicht ganz aus, um das Zitat bis zum Ende vor- gewährt werden können.
zutragen. Deswegen nutze ich jetzt die Gelegenheit, das
nachzuholen. In der Broschüre wird sehr deutlich darauf hingewie-
sen, dass die Soziallasten der Kommunen in den letzten
(B) (Hans-Joachim Otto, Parl. Staatssekretär beim Jahren dramatisch angestiegen sind. Sie betragen mitt- (D)
Bundesminister für Wirtschaft und Technolo- lerweile über 40 Milliarden Euro, und zwar bei sinken-
gie: Ärmlich!) den Einnahmen. Das ist das Problem. Bis vor zwei Jah-
Ich erspare Ihnen den Anfang. Aber es ist schon ganz ren liefen die Steigerungen der Ausgaben mit denen der
wichtig, zu wissen, was der Kommentator der Süddeut- Einnahmen in etwa parallel.
schen Zeitung vor zwei Wochen zu der Steuersenkungs- (Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Gilt das
partei FDP geschrieben hat. Er hat geschrieben: auch für die Jahre 2000 bis 2008?)
Die Partei des Guido Westerwelle verspricht Steu- In den Jahren 2007 und 2008 hatten die Kommunen in
ersenkungen, wenn es dem Staat gut geht, weil Deutschland unterm Strich, alle zusammengenommen,
dann genug Geld dafür da sei. „Bürger am Auf- Überschüsse von knapp 8 Milliarden Euro. Im letzten
schwung beteiligen“, heißt das dann. Und sie ver- Jahr hatten die Städte ein Defizit zu verzeichnen.
spricht Steuersenkungen, wenn es dem Staat
schlecht geht, weil das angeblich die Wirtschaft (Abg. Dr. Mathias Middelberg [CDU/CSU]
massiv ankurbele. meldet sich zu einer Zwischenfrage)
– Wie ich sehe, möchte der Kollege Middelberg eine
Bis dahin war ich gekommen. Jetzt kommt der Teil,
Zwischenfrage stellen.
der noch gefehlt hat. Den finde ich auch wichtig:
Einen Grund, gegen Steuersenkungen zu sein, gibt Vizepräsidentin Petra Pau:
es für die FDP nicht. Wenn es darauf ankäme, Wenn Sie gestatten, dann hat der Kollege Middelberg
würde sie mit Steuersenkungen auch den internatio- jetzt das Wort.
nalen Terrorismus oder isländische Vulkane be-
kämpfen.
Bernd Scheelen (SPD):
Ich finde, der Kommentator hat völlig recht. Ja, gerne, Herr Kollege Middelberg.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Dr. Mathias Middelberg (CDU/CSU):
der LINKEN – Patrick Kurth [Kyffhäuser]
[FDP]: Die Antwort der SPD ist Mindestlohn!) Vielen Dank, Herr Kollege Scheelen. – Sie listen ei-
nige Fakten auf, die teilweise gar nicht bestreitbar sind
Das habe ich hier zwei Tage vor der NRW-Wahl vor- und die wirklich einen dramatischen Zustand kennzeich-
getragen. Jetzt wurde Ihnen bei der NRW-Wahl die rote nen. Aber was uns natürlich interessiert, ist, was Sie
4450 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Mathias Middelberg


(A) bzw. Ihre Fraktion – Sie haben schließlich in diesem Ich erwarte, dass Sie das, was wir gemeinsam sinnvoller- (C)
Hause elf Jahre lang den Finanzminister gestellt – kon- weise beschlossen haben, hier verteidigen und dazu ste-
kret dazu beigetragen haben, um die Finanzsituation der hen.
Kommunen zu verbessern, oder was Sie vielleicht auch
(Beifall bei der SPD – Dr. Carsten Sieling
beigetragen haben, um diese dramatische Situation, die
[SPD]: Nur Mut!)
Sie eben beschrieben haben, mitzuerzeugen. Ich denke
hier an die Sozialausgaben und die zusätzlichen Lasten In dieser Broschüre wird darauf hingewiesen, dass die
der Kommunen. Soziallasten auf mittlerweile über 40 Milliarden Euro
mit einer kräftigen Dynamik in vielen Bereichen ange-
Bernd Scheelen (SPD):
stiegen sind. Ich will kurz vier Bereiche ansprechen, die
eine ganz besondere Dynamik aufweisen.
Herr Kollege Middelberg, Sie selber haben in Ihrer
Rede auf Dinge hingewiesen, die in den elf Jahren der Der erste Bereich sind die auch von Ihnen erwähnten
Regierungsbeteiligung der SPD beschlossen wurden. Ich Kosten der Unterkunft. Ich glaube, dabei sind wir noch
will Ihnen sagen, dass wir in den elf Jahren eine ganze nicht am Ende der Diskussion. Das ist eine relativ neue
Menge für die Kommunen getan haben. Geschichte. Wir haben diese Regelung vor fünf Jahren
eingeführt. Wir haben den Bund an den Kosten der Un-
(Beifall des Abg. Dr. Carsten Sieling [SPD] – terkunft beteiligt. In diesem Jahr zeigt sich, dass die
Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Das habe ich Krise dazu führt, dass die Zuschüsse des Bundes für die
aber nicht gemerkt!) Kosten der Unterkunft sinken werden, während gleich-
zeitig die Lasten für die Kommunen steigen.
Wir haben die Gewerbesteuer erhalten und ausgebaut,
und zwar mit Ihnen gemeinsam. Wir haben zum Beispiel Deswegen haben wir am 23. März dieses Jahres den
die Elemente eingeführt, die Sie hier beklagen. Antrag „Rettungsschirm für Kommunen“ in dieses Hohe
Haus eingebracht. Er enthält die von uns vorgeschlage-
(Beifall bei der SPD) nen Maßnahmen, nämlich Zurücknahme Ihres Beschlusses,
also der Absenkung des Kostenbeitrages um 400 Mil-
Sie haben sich eben hier hingestellt und gesagt, man
lionen Euro. Diesen Beschluss sollten wir als Erstes zu-
müsse den Leuten erklären, wieso man auf eine Miete
rücknehmen, um den Kommunen die Gelegenheit zu ge-
eine Steuer zahlen solle. Das Argument kenne ich. Das
ben, über die Krise hinwegzukommen, weil diese Min-
klingt plausibel, aber man muss wissen, warum das so
dereinnahmen der Krise geschuldet sind. Dem haben Sie
ist. Das will ich Ihnen gerne ganz kurz erklären.
leider nicht zugestimmt.
(B) Wenn sich ein Unternehmen in eine Betriebs- und Die zweite dynamische Ausgabenposition ist die (D)
eine Besitzgesellschaft aufteilt und die Betriebsgesell- Grundsicherung im Alter. Sie ist in den letzten fünf
schaft an die Besitzgesellschaft Miete bezahlt, dann be- Jahren um 170 Prozent gestiegen. Das können wir nicht
zahlt sie sie aus ihren Gewinnen. einfach abtun, sondern das müssen wir zur Kenntnis
(Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Beantworten nehmen, um die Situation der Kommunen beurteilen und
Sie die Frage!) daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können.
Der dritte Bereich ist die Eingliederungshilfe für
Sie zahlt sich sozusagen ihren eigenen Gewinn als Miete Behinderte. Das ist eine sinnvolle Maßnahme. Es geht
in die eigene Tasche. Auf Mieten – das wissen Sie – wer- beispielsweise darum, Integrationshelfer in Schulen zu
den keine Gewerbesteuern erhoben. Das heißt, das sind finanzieren. Die Frage ist nur, ob die Kommunen das be-
Steuersparmodelle, von denen in den letzten Jahren und zahlen müssen. Ist das nicht möglicherweise eine Län-
Jahrzehnten massiv Gebrauch gemacht wurde. Dem ha- deraufgabe? Das ist ein Posten, der 11 Milliarden Euro
ben wir einen Riegel vorgeschoben. Das ist bei den ausmacht und dramatische Steigerungsraten aufweist.
Kommunen sehr gut angekommen. Deswegen ist es ih- Auch da sind Antworten gefragt.
nen bis 2007/2008 sehr gut gegangen. Das ist Folge von
rot-grüner, aber auch von schwarz-roter Politik. Dasselbe gilt – viertens – auch für die Erziehungs-
hilfe für Kinder und Jugendliche, die ebenfalls eine
(Beifall bei der SPD – Lachen bei Abgeordne- dramatische Steigerungsrate – 35 Prozent – aufweist.
ten der CDU/CSU – Ingbert Liebing [CDU/
CSU]: Das glauben Sie doch selbst nicht!) Das heißt, die Schere zwischen steigenden Lasten und
sinkenden Einnahmen geht immer weiter auseinander.
– Liebe Kollegen von der Union, ich darf auf Folgendes Ihre Antwort darauf ist, eine Kommission einzusetzen.
hinweisen: Wir standen vier Jahre gemeinsam in der Gegen das Einsetzen einer Kommission kann man zu-
Verantwortung. Ich höre jetzt immer von der FDP, dass nächst einmal nichts sagen. Das kann ja durchaus sinn-
die SPD an allem schuld ist, was in den letzten vier Jah- voll sein. Wenn der Auftrag der Kommission aber so
ren passiert ist. Dabei vermisse ich, dass Sie sich zu lautet, wie er in der Koalitionsvereinbarung niedergelegt
Wort melden. Im Grunde werden auch Sie kritisiert, aber ist – Ersatz für die Gewerbesteuer prüfen –, dann ha-
Sie trauen sich nicht, etwas dagegen zu sagen, weil Sie ben wir große Bedenken und befürchten, dass dabei am
die Koalition nicht gefährden wollen. Aber die Kritik der Ende nichts Sinnvolles und Richtiges herauskommen
FDP richtet sich genauso gegen Sie. kann. Bisher gibt es kein überzeugendes Modell, mit
dem die Gewerbesteuer ersetzt werden könnte. Nach au-
(Zurufe von der FDP: Nein, nein!) ßen erwecken Sie den Eindruck, dass es Modelle gibt,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4451
Bernd Scheelen
(A) die man überprüfen muss. Die Modelle sind alle nicht schoss. Sie sind das Fundament. Wenn das Fundament (C)
neu. Sie sind alle seit 10 oder 15 Jahren auf dem Markt. eines Hauses brüchig ist, dann ist es um das Haus über
Sie sind alle schon mehrfach überprüft worden, unter an- kurz oder lang nicht gut bestellt.
derem von der Kommission, die Hans Eichel 2002/2003
einberufen hat. Diese Kommission hat all das schon (Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Das Dach
überprüft, was Sie jetzt noch einmal überprüfen wollen. ist entscheidend beim Haus!)
Sie ist zu dem Ergebnis gekommen: Trotz aller Mängel, Deswegen sind wir gut beraten, zu gewährleisten, dass
die die Gewerbesteuer hat, gibt es keine bessere Mög- die Kommunen ihre Aufgaben erfüllen können. Zu rot-
lichkeit zur Finanzausstattung der Kommunen. Sie hat grüner Zeit hatten wir diese Diskussion schon einmal.
nämlich viele Vorteile, die die anderen Modelle nicht ha- Ich darf daran erinnern, da Sie, Kollege Middelberg, da
ben. noch nicht hier waren. Damals hatten wir durchaus
Ich will einen Hauptkritikpunkt an den Modellen, ernstzunehmende Kräfte in der Regierung, die die Ge-
die Sie prüfen wollen, kurz ansprechen. Jedes Modell, werbesteuer auch abschaffen wollten. Wer schon länger
das die Last der Gewerbesteuerzahlung von der Wirt- hier im Hohen Hause ist, weiß, dass Rot-Grün, die Frak-
schaft wegnimmt und auf Verbraucherinnen und Ver- tionen, die Kraft gefunden hat, der eigenen Regierung
braucher sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer das Stoppschild vorzuhalten und zu sagen: So nicht. Wir
verteilt, wird unsere Zustimmung nicht finden. Es ist mit haben die Gewerbesteuer gerettet und gemeinsam mit
Sozialdemokraten nicht zu machen, dass die Wirtschaft der CDU/CSU weiter ausgebaut.
entlastet wird und die Bürgerinnen und Bürger im Ge- (Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Aber nicht
genzug als Verbraucherinnen und Verbraucher oder Ar- verbessert!)
beitnehmerinnen und Arbeitnehmer belastet werden.
Das geht mit uns auf gar keinen Fall. Warum Sie das alles jetzt über Bord werfen wollen, kann
ich nicht verstehen. Mein Appell an Sie lautet: Haben
(Beifall bei der SPD) Sie den Mut, den Rot-Grün damals hatte.
Ein weiteres Problem wird sein, dass diese Modelle Vielen Dank.
zu Verschiebungen bezüglich des Steueraufkommens
in Deutschland führen. Die Verlierer werden eindeutig (Beifall bei der SPD)
die Kernstädte, die hohe Soziallasten zu tragen haben,
sein, aber auch der ländliche Raum; das haben die Unter- Vizepräsidentin Petra Pau:
suchungen 2003 schon gezeigt. Das heißt, wir werden Ich komme zurück zu den namentlichen Abstimmun-
innerhalb der Bundesrepublik Deutschland den verfas- gen und gebe das von den Schriftführerinnen und
sungsmäßigen Auftrag der Herstellung gleichwertiger Schriftführern ermittelte Ergebnis der namentlichen (D)
(B)
Lebensverhältnisse mit diesen neuen Modellen nicht er- Abstimmungen bekannt.
füllen können.
Ich komme zuerst zum ersten Entschließungsantrag
Die Kommunen sind das Fundament der Demokra- der SPD-Fraktion zum Entwurf eines Gesetzes zur Über-
tie. nahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäi-
(Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Wohl wahr!) schen Stabilisierungsmechanismus, Drucksache 17/1809:
abgegebene Stimmen 587. Mit Ja haben 131, mit Nein
Einige glauben, sie seien das Kellergeschoss. In das Kel- haben 328 gestimmt. Enthalten haben sich 128 Kollegin-
lergeschoss geht man nicht so gerne, weil es dort muffig, nen und Kollegen. Der Entschließungsantrag ist abge-
kalt und feucht ist. Nein, sie sind nicht das Kellerge- lehnt.

Endgültiges Ergebnis Dr. Hans-Peter Bartels Elvira Drobinski-Weiß Wolfgang Gunkel


Abgegebene Stimmen: 587; Klaus Barthel Garrelt Duin Hans-Joachim Hacker
davon Sören Bartol Sebastian Edathy Bettina Hagedorn
Bärbel Bas Siegmund Ehrmann Klaus Hagemann
ja: 131
Sabine Bätzing-Lichtenthäler Dr. h. c. Gernot Erler Michael Hartmann
nein: 328 Dirk Becker Petra Ernstberger (Wackernheim)
enthalten: 128 Uwe Beckmeyer Karin Evers-Meyer Hubertus Heil (Peine)
Klaus Brandner Elke Ferner Rolf Hempelmann
Ja Willi Brase Gabriele Fograscher Dr. Barbara Hendricks
Bernhard Brinkmann Dr. Edgar Franke Gustav Herzog
CDU/CSU (Hildesheim) Dagmar Freitag Gabriele Hiller-Ohm
Edelgard Bulmahn Sigmar Gabriel Petra Hinz (Essen)
Josef Göppel Marco Bülow Michael Gerdes Frank Hofmann (Volkach)
Ulla Burchardt Martin Gerster Dr. Eva Högl
SPD
Martin Burkert Iris Gleicke Josip Juratovic
Ingrid Arndt-Brauer Petra Crone Ulrike Gottschalck Oliver Kaczmarek
Rainer Arnold Dr. Peter Danckert Angelika Graf (Rosenheim) Johannes Kahrs
Doris Barnett Martin Dörmann Michael Groß Dr. h. c. Susanne Kastner
4452 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Vizepräsidentin Petra Pau


(A) Ulrich Kelber Dr. Marlies Volkmer Norbert Geis Bettina Kudla (C)
Lars Klingbeil Andrea Wicklein Alois Gerig Dr. Hermann Kues
Hans-Ulrich Klose Heidemarie Wieczorek-Zeul Eberhard Gienger Günter Lach
Dr. Bärbel Kofler Dr. Dieter Wiefelspütz Michael Glos Dr. Karl A. Lamers
Daniela Kolbe (Leipzig) Waltraud Wolff Peter Götz (Heidelberg)
Fritz Rudolf Körper (Wolmirstedt) Dr. Wolfgang Götzer Andreas G. Lämmel
Anette Kramme Uta Zapf Ute Granold Dr. Norbert Lammert
Nicolette Kressl Dagmar Ziegler Reinhard Grindel Katharina Landgraf
Angelika Krüger-Leißner Manfred Zöllmer Hermann Gröhe Ulrich Lange
Ute Kumpf Brigitte Zypries Michael Grosse-Brömer Dr. Max Lehmer
Christine Lambrecht Markus Grübel Paul Lehrieder
Christian Lange (Backnang) Manfred Grund Dr. Ursula von der Leyen
Nein
Dr. Karl Lauterbach Monika Grütters Ingbert Liebing
Steffen-Claudio Lemme CDU/CSU Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Matthias Lietz
Burkhard Lischka Guttenberg Dr. Carsten Linnemann
Gabriele Lösekrug-Möller Ilse Aigner Olav Gutting Patricia Lips
Kirsten Lühmann Peter Altmaier Florian Hahn Dr. Jan-Marco Luczak
Caren Marks Peter Aumer Holger Haibach Dr. Michael Luther
Katja Mast Dorothee Bär Dr. Stephan Harbarth Karin Maag
Petra Merkel (Berlin) Thomas Bareiß Jürgen Hardt Dr. Thomas de Maizière
Ullrich Meßmer Norbert Barthle Gerda Hasselfeldt Hans-Georg von der Marwitz
Dr. Matthias Miersch Günter Baumann Dr. Matthias Heider Andreas Mattfeldt
Franz Müntefering Ernst-Reinhard Beck Mechthild Heil Stephan Mayer (Altötting)
Dr. Rolf Mützenich (Reutlingen) Ursula Heinen-Esser Dr. Michael Meister
Andrea Nahles Manfred Behrens (Börde) Frank Heinrich Dr. Angela Merkel
Manfred Nink Veronika Bellmann Rudolf Henke Maria Michalk
Thomas Oppermann Dr. Christoph Bergner Michael Hennrich Dr. h. c. Hans Michelbach
Holger Ortel Peter Beyer Jürgen Herrmann Dr. Mathias Middelberg
Aydan Özoğuz Steffen Bilger Ansgar Heveling Philipp Mißfelder
Joachim Poß Clemens Binninger Ernst Hinsken Dietrich Monstadt
Dr. Wilhelm Priesmeier Peter Bleser Peter Hintze Marlene Mortler
Florian Pronold Dr. Maria Böhmer Christian Hirte Dr. Gerd Müller
Dr. Sascha Raabe Wolfgang Börnsen Robert Hochbaum Stefan Müller (Erlangen)
Mechthild Rawert (Bönstrup) Karl Holmeier Nadine Müller (St. Wendel)
(B) Dr. Carola Reimann Norbert Brackmann Franz-Josef Holzenkamp Dr. Philipp Murmann (D)
Sönke Rix Klaus Brähmig Joachim Hörster Bernd Neumann (Bremen)
René Röspel Michael Brand Anette Hübinger Michaela Noll
Dr. Ernst Dieter Rossmann Dr. Reinhard Brandl Thomas Jarzombek Dr. Georg Nüßlein
Karin Roth (Esslingen) Helmut Brandt Dieter Jasper Franz Obermeier
Marlene Rupprecht Dr. Ralf Brauksiepe Dr. Franz Josef Jung Eduard Oswald
(Tuchenbach) Dr. Helge Braun Andreas Jung (Konstanz) Henning Otte
Anton Schaaf Heike Brehmer Dr. Egon Jüttner Dr. Michael Paul
Axel Schäfer (Bochum) Ralph Brinkhaus Bartholomäus Kalb Rita Pawelski
Bernd Scheelen Gitta Connemann Hans-Werner Kammer Ulrich Petzold
Dr. Hermann Scheer Leo Dautzenberg Steffen Kampeter Dr. Joachim Pfeiffer
Marianne Schieder Alexander Dobrindt Alois Karl Sibylle Pfeiffer
(Schwandorf) Thomas Dörflinger Bernhard Kaster Beatrix Philipp
Werner Schieder (Weiden) Marie-Luise Dött Siegfried Kauder (Villingen- Ronald Pofalla
Ulla Schmidt (Aachen) Dr. Thomas Feist Schwenningen) Christoph Poland
Carsten Schneider (Erfurt) Enak Ferlemann Volker Kauder Ruprecht Polenz
Olaf Scholz Ingrid Fischbach Dr. Stefan Kaufmann Eckhard Pols
Ottmar Schreiner Hartwig Fischer (Göttingen) Roderich Kiesewetter Lucia Puttrich
Swen Schulz (Spandau) Dirk Fischer (Hamburg) Eckart von Klaeden Daniela Raab
Ewald Schurer Axel E. Fischer (Karlsruhe- Ewa Klamt Thomas Rachel
Frank Schwabe Land) Volkmar Klein Dr. Peter Ramsauer
Dr. Angelica Schwall-Düren Dr. Maria Flachsbarth Jürgen Klimke Eckhardt Rehberg
Stefan Schwartze Klaus-Peter Flosbach Julia Klöckner Katherina Reiche (Potsdam)
Dr. Carsten Sieling Herbert Frankenhauser Axel Knoerig Lothar Riebsamen
Sonja Steffen Dr. Hans-Peter Friedrich Jens Koeppen Josef Rief
Peer Steinbrück (Hof) Dr. Kristina Schröder Klaus Riegert
Dr. Frank-Walter Steinmeier Michael Frieser Manfred Kolbe Johannes Röring
Christoph Strässer Erich G. Fritz Dr. Rolf Koschorrek Dr. Norbert Röttgen
Kerstin Tack Dr. Michael Fuchs Hartmut Koschyk Dr. Christian Ruck
Dr. h. c. Wolfgang Thierse Hans-Joachim Fuchtel Thomas Kossendey Erwin Rüddel
Franz Thönnes Alexander Funk Michael Kretschmer Albert Rupprecht (Weiden)
Wolfgang Tiefensee Ingo Gädechens Gunther Krichbaum Anita Schäfer (Saalstadt)
Rüdiger Veit Dr. Peter Gauweiler Dr. Günter Krings Dr. Annette Schavan
Ute Vogt Dr. Thomas Gebhart Rüdiger Kruse Dr. Andreas Scheuer
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4453
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) Karl Schiewerling Angelika Brunkhorst Marina Schuster Dorothée Menzner (C)
Norbert Schindler Ernst Burgbacher Dr. Erik Schweickert Cornelia Möhring
Tankred Schipanski Marco Buschmann Werner Simmling Kornelia Möller
Georg Schirmbeck Sylvia Canel Judith Skudelny Niema Movassat
Christian Schmidt (Fürth) Helga Daub Dr. Hermann Otto Solms Wolfgang Nešković
Patrick Schnieder Reiner Deutschmann Joachim Spatz Thomas Nord
Dr. Andreas Schockenhoff Dr. Bijan Djir-Sarai Dr. Max Stadler Petra Pau
Dr. Ole Schröder Patrick Döring Torsten Staffeldt Richard Pitterle
Bernhard Schulte-Drüggelte Mechthild Dyckmans Dr. Rainer Stinner Yvonne Ploetz
Uwe Schummer Rainer Erdel Stephan Thomae Ingrid Remmers
Armin Schuster (Weil am Jörg van Essen Florian Toncar Paul Schäfer (Köln)
Rhein) Ulrike Flach Serkan Tören Michael Schlecht
Detlef Seif Otto Fricke Johannes Vogel Dr. Herbert Schui
Johannes Selle Paul K. Friedhoff (Lüdenscheid) Dr. Ilja Seifert
Reinhold Sendker Dr. Edmund Peter Geisen Dr. Daniel Volk Kathrin Senger-Schäfer
Dr. Patrick Sensburg Dr. Wolfgang Gerhardt Dr. Guido Westerwelle Raju Sharma
Thomas Silberhorn Heinz Golombeck Dr. Claudia Winterstein Dr. Petra Sitte
Johannes Singhammer Miriam Gruß Dr. Volker Wissing Sabine Stüber
Jens Spahn Joachim Günther (Plauen) Hartfrid Wolff (Rems-Murr) Alexander Süßmair
Carola Stauche Dr. Christel Happach-Kasan Dr. Kirsten Tackmann
Dr. Frank Steffel Heinz-Peter Haustein DIE LINKE Frank Tempel
Erika Steinbach Manuel Höferlin Dr. Axel Troost
Sevim Dağdelen
Christian Freiherr von Stetten Elke Hoff Alexander Ulrich
Heike Hänsel
Dieter Stier Birgit Homburger Kathrin Vogler
Gero Storjohann Dr. Werner Hoyer Sahra Wagenknecht
Stephan Stracke Heiner Kamp Enthalten Halina Wawzyniak
Max Straubinger Michael Kauch Katrin Werner
Karin Strenz Dr. Lutz Knopek CDU/CSU Sabine Zimmermann
Thomas Strobl (Heilbronn) Pascal Kober Karl-Georg Wellmann
Lena Strothmann Dr. Heinrich L. Kolb BÜNDNIS 90/DIE
Michael Stübgen Gudrun Kopp DIE LINKE GRÜNEN
Dr. Peter Tauber Dr. h. c. Jürgen Koppelin
Sebastian Körber Jan van Aken Kerstin Andreae
Antje Tillmann
Holger Krestel Agnes Alpers Marieluise Beck (Bremen)
Dr. Hans-Peter Uhl
Patrick Kurth (Kyffhäuser) Herbert Behrens Volker Beck (Köln)
(B) Arnold Vaatz
Cornelia Behm (D)
Volkmar Vogel (Kleinsaara) Heinz Lanfermann Matthias W. Birkwald
Sibylle Laurischk Steffen Bockhahn Alexander Bonde
Stefanie Vogelsang
Harald Leibrecht Eva Bulling-Schröter Viola von Cramon-Taubadel
Andrea Astrid Voßhoff
Sabine Leutheusser- Dr. Martina Bunge Ekin Deligöz
Dr. Johann Wadephul
Schnarrenberger Roland Claus Katja Dörner
Marco Wanderwitz
Lars Lindemann Dr. Diether Dehm Hans-Josef Fell
Kai Wegner
Christian Lindner Heidrun Dittrich Dr. Thomas Gambke
Marcus Weinberg (Hamburg)
Dr. Martin Lindner (Berlin) Werner Dreibus Kai Gehring
Peter Weiß (Emmendingen)
Michael Link (Heilbronn) Dr. Dagmar Enkelmann Katrin Göring-Eckardt
Sabine Weiss (Wesel I)
Dr. Erwin Lotter Klaus Ernst Britta Haßelmann
Ingo Wellenreuther
Oliver Luksic Nicole Gohlke Bettina Herlitzius
Peter Wichtel
Horst Meierhofer Diana Golze Winfried Hermann
Annette Widmann-Mauz
Patrick Meinhardt Annette Groth Priska Hinz (Herborn)
Klaus-Peter Willsch
Gabriele Molitor Dr. Gregor Gysi Ulrike Höfken
Elisabeth Winkelmeier-
Jan Mücke Dr. Rosemarie Hein Dr. Anton Hofreiter
Becker
Petra Müller (Aachen) Dr. Barbara Höll Bärbel Höhn
Dagmar Wöhrl
Burkhardt Müller-Sönksen Andrej Konstantin Hunko Thilo Hoppe
Dr. Matthias Zimmer
Dr. Martin Neumann Ulla Jelpke Uwe Kekeritz
Wolfgang Zöller
(Lausitz) Dr. Lukrezia Jochimsen Katja Keul
Willi Zylajew
Dirk Niebel Katja Kipping Memet Kilic
Hans-Joachim Otto Harald Koch Sven-Christian Kindler
FDP
(Frankfurt) Jan Korte Maria Klein-Schmeink
Jens Ackermann Cornelia Pieper Jutta Krellmann Ute Koczy
Christian Ahrendt Gisela Piltz Katrin Kunert Tom Koenigs
Christine Aschenberg- Dr. Christiane Ratjen- Caren Lay Sylvia Kotting-Uhl
Dugnus Damerau Sabine Leidig Oliver Krischer
Daniel Bahr (Münster) Dr. Birgit Reinemund Ralph Lenkert Agnes Krumwiede
Florian Bernschneider Dr. Peter Röhlinger Michael Leutert Fritz Kuhn
Sebastian Blumenthal Dr. Stefan Ruppert Stefan Liebich Renate Künast
Claudia Bögel Björn Sänger Ulla Lötzer Markus Kurth
Nicole Bracht-Bendt Frank Schäffler Dr. Gesine Lötzsch Undine Kurth (Quedlinburg)
Klaus Breil Christoph Schnurr Thomas Lutze Monika Lazar
Rainer Brüderle Jimmy Schulz Ulrich Maurer Nicole Maisch
4454 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Vizepräsidentin Petra Pau


(A) Agnes Malczak Dr. Hermann Ott Elisabeth Scharfenberg Hans-Christian Ströbele (C)
Jerzy Montag Lisa Paus Christine Scheel Dr. Harald Terpe
Kerstin Müller (Köln) Brigitte Pothmer Dr. Gerhard Schick Markus Tressel
Beate Müller-Gemmeke Tabea Rößner Dr. Frithjof Schmidt Jürgen Trittin
Ingrid Nestle Claudia Roth (Augsburg) Dorothea Steiner Daniela Wagner
Dr. Konstantin von Notz Krista Sager Dr. Wolfgang Strengmann- Wolfgang Wieland
Friedrich Ostendorff Manuel Sarrazin Kuhn Dr. Valerie Wilms

Zweiter Entschließungsantrag der SPD-Fraktion zum men 582. Mit Ja haben gestimmt 128, mit Nein haben
Entwurf eines Gesetzes zur Übernahme von Gewährleis- gestimmt 330, und 124 Kolleginnen und Kollegen haben
tungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungs- sich enthalten.
mechanismus, Drucksache 17/1810: abgegebene Stim-

Endgültiges Ergebnis Wolfgang Gunkel Sönke Rix Dorothee Bär


Abgegebene Stimmen: 582; Hans-Joachim Hacker René Röspel Thomas Bareiß
davon Bettina Hagedorn Dr. Ernst Dieter Rossmann Norbert Barthle
Klaus Hagemann Karin Roth (Esslingen) Günter Baumann
ja: 128 Michael Hartmann Marlene Rupprecht Ernst-Reinhard Beck
nein: 330 (Wackernheim) (Tuchenbach) (Reutlingen)
enthalten: 124 Hubertus Heil (Peine) Anton Schaaf Manfred Behrens (Börde)
Rolf Hempelmann Axel Schäfer (Bochum) Veronika Bellmann
Gustav Herzog Bernd Scheelen Dr. Christoph Bergner
Ja Gabriele Hiller-Ohm Dr. Hermann Scheer Peter Beyer
Petra Hinz (Essen) Marianne Schieder Steffen Bilger
SPD Frank Hofmann (Volkach) (Schwandorf) Clemens Binninger
Ingrid Arndt-Brauer Dr. Eva Högl Werner Schieder (Weiden) Peter Bleser
Rainer Arnold Josip Juratovic Ulla Schmidt (Aachen) Dr. Maria Böhmer
Doris Barnett Oliver Kaczmarek Carsten Schneider (Erfurt) Wolfgang Börnsen
Dr. Hans-Peter Bartels Johannes Kahrs Olaf Scholz (Bönstrup)
(B) Klaus Barthel Dr. h. c. Susanne Kastner Ottmar Schreiner Norbert Brackmann (D)
Sören Bartol Ulrich Kelber Swen Schulz (Spandau) Klaus Brähmig
Bärbel Bas Lars Klingbeil Ewald Schurer Michael Brand
Sabine Bätzing-Lichtenthäler Hans-Ulrich Klose Frank Schwabe Dr. Reinhard Brandl
Dirk Becker Dr. Bärbel Kofler Dr. Angelica Schwall-Düren Helmut Brandt
Uwe Beckmeyer Daniela Kolbe (Leipzig) Stefan Schwartze Dr. Ralf Brauksiepe
Klaus Brandner Fritz Rudolf Körper Dr. Carsten Sieling Dr. Helge Braun
Willi Brase Anette Kramme Sonja Steffen Heike Brehmer
Bernhard Brinkmann Nicolette Kressl Peer Steinbrück Ralph Brinkhaus
(Hildesheim) Angelika Krüger-Leißner Dr. Frank-Walter Steinmeier Gitta Connemann
Edelgard Bulmahn Ute Kumpf Christoph Strässer Leo Dautzenberg
Marco Bülow Christine Lambrecht Kerstin Tack Alexander Dobrindt
Ulla Burchardt Christian Lange (Backnang) Dr. h. c. Wolfgang Thierse Thomas Dörflinger
Martin Burkert Dr. Karl Lauterbach Franz Thönnes Marie-Luise Dött
Petra Crone Steffen-Claudio Lemme Wolfgang Tiefensee Dr. Thomas Feist
Dr. Peter Danckert Burkhard Lischka Rüdiger Veit Enak Ferlemann
Martin Dörmann Gabriele Lösekrug-Möller Ute Vogt Ingrid Fischbach
Elvira Drobinski-Weiß Kirsten Lühmann Dr. Marlies Volkmer Hartwig Fischer (Göttingen)
Garrelt Duin Caren Marks Andrea Wicklein Dirk Fischer (Hamburg)
Sebastian Edathy Katja Mast Heidemarie Wieczorek-Zeul Axel E. Fischer (Karlsruhe-
Siegmund Ehrmann Petra Merkel (Berlin) Dr. Dieter Wiefelspütz Land)
Dr. h. c. Gernot Erler Ullrich Meßmer Waltraud Wolff Dr. Maria Flachsbarth
Petra Ernstberger Dr. Matthias Miersch (Wolmirstedt) Klaus-Peter Flosbach
Karin Evers-Meyer Franz Müntefering Uta Zapf Herbert Frankenhauser
Elke Ferner Dr. Rolf Mützenich Dagmar Ziegler Dr. Hans-Peter Friedrich
Gabriele Fograscher Andrea Nahles Manfred Zöllmer (Hof)
Dr. Edgar Franke Manfred Nink Brigitte Zypries Michael Frieser
Dagmar Freitag Thomas Oppermann Erich G. Fritz
Sigmar Gabriel Holger Ortel Dr. Michael Fuchs
Michael Gerdes Aydan Özoğuz
Nein Hans-Joachim Fuchtel
Martin Gerster Joachim Poß Alexander Funk
CDU/CSU
Iris Gleicke Dr. Wilhelm Priesmeier Ingo Gädechens
Ulrike Gottschalck Dr. Sascha Raabe Ilse Aigner Dr. Peter Gauweiler
Angelika Graf (Rosenheim) Mechthild Rawert Peter Altmaier Dr. Thomas Gebhart
Michael Groß Dr. Carola Reimann Peter Aumer Norbert Geis
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4455
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) Alois Gerig Günter Lach Patrick Schnieder Patrick Döring (C)
Eberhard Gienger Dr. Karl A. Lamers Dr. Andreas Schockenhoff Mechthild Dyckmans
Michael Glos (Heidelberg) Dr. Ole Schröder Rainer Erdel
Josef Göppel Andreas G. Lämmel Bernhard Schulte-Drüggelte Jörg van Essen
Peter Götz Dr. Norbert Lammert Uwe Schummer Ulrike Flach
Dr. Wolfgang Götzer Katharina Landgraf Armin Schuster (Weil am Otto Fricke
Ute Granold Ulrich Lange Rhein) Paul K. Friedhoff
Reinhard Grindel Dr. Max Lehmer Detlef Seif Dr. Edmund Peter Geisen
Hermann Gröhe Paul Lehrieder Johannes Selle Dr. Wolfgang Gerhardt
Michael Grosse-Brömer Dr. Ursula von der Leyen Reinhold Sendker Heinz Golombeck
Markus Grübel Ingbert Liebing Dr. Patrick Sensburg Miriam Gruß
Manfred Grund Matthias Lietz Thomas Silberhorn Joachim Günther (Plauen)
Monika Grütters Dr. Carsten Linnemann Johannes Singhammer Dr. Christel Happach-Kasan
Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Patricia Lips Jens Spahn Heinz-Peter Haustein
Guttenberg Dr. Jan-Marco Luczak Carola Stauche Manuel Höferlin
Olav Gutting Dr. Michael Luther Dr. Frank Steffel Elke Hoff
Florian Hahn Karin Maag Erika Steinbach Birgit Homburger
Holger Haibach Dr. Thomas de Maizière Christian Freiherr von Stetten Dr. Werner Hoyer
Dr. Stephan Harbarth Hans-Georg von der Marwitz Dieter Stier Heiner Kamp
Jürgen Hardt Andreas Mattfeldt Gero Storjohann Michael Kauch
Gerda Hasselfeldt Stephan Mayer (Altötting) Stephan Stracke Dr. Lutz Knopek
Dr. Matthias Heider Dr. Michael Meister Max Straubinger Pascal Kober
Mechthild Heil Dr. Angela Merkel Karin Strenz Dr. Heinrich L. Kolb
Ursula Heinen-Esser Maria Michalk Thomas Strobl (Heilbronn) Gudrun Kopp
Frank Heinrich Dr. h. c. Hans Michelbach Lena Strothmann Dr. h. c. Jürgen Koppelin
Rudolf Henke Dr. Mathias Middelberg Michael Stübgen Sebastian Körber
Michael Hennrich Philipp Mißfelder Dr. Peter Tauber Holger Krestel
Jürgen Herrmann Dietrich Monstadt Antje Tillmann Patrick Kurth (Kyffhäuser)
Ansgar Heveling Marlene Mortler Dr. Hans-Peter Uhl Heinz Lanfermann
Ernst Hinsken Dr. Gerd Müller Arnold Vaatz Sibylle Laurischk
Peter Hintze Stefan Müller (Erlangen) Volkmar Vogel (Kleinsaara) Harald Leibrecht
Christian Hirte Nadine Müller (St. Wendel) Stefanie Vogelsang Sabine Leutheusser-
Robert Hochbaum Dr. Philipp Murmann Andrea Astrid Voßhoff Schnarrenberger
Karl Holmeier Bernd Neumann (Bremen) Dr. Johann Wadephul Lars Lindemann
Franz-Josef Holzenkamp Michaela Noll Marco Wanderwitz Christian Lindner
Joachim Hörster Dr. Georg Nüßlein Kai Wegner Dr. Martin Lindner (Berlin)
(B) Anette Hübinger Franz Obermeier Marcus Weinberg (Hamburg) Michael Link (Heilbronn) (D)
Thomas Jarzombek Eduard Oswald Peter Weiß (Emmendingen) Dr. Erwin Lotter
Dieter Jasper Henning Otte Sabine Weiss (Wesel I) Oliver Luksic
Dr. Franz Josef Jung Dr. Michael Paul Ingo Wellenreuther Horst Meierhofer
Andreas Jung (Konstanz) Rita Pawelski Karl-Georg Wellmann Patrick Meinhardt
Dr. Egon Jüttner Ulrich Petzold Peter Wichtel Gabriele Molitor
Bartholomäus Kalb Dr. Joachim Pfeiffer Annette Widmann-Mauz Jan Mücke
Hans-Werner Kammer Sibylle Pfeiffer Klaus-Peter Willsch Petra Müller (Aachen)
Steffen Kampeter Beatrix Philipp Elisabeth Winkelmeier- Burkhardt Müller-Sönksen
Alois Karl Ronald Pofalla Becker Dr. Martin Neumann
Bernhard Kaster Christoph Poland Dagmar Wöhrl (Lausitz)
Siegfried Kauder (Villingen- Ruprecht Polenz Dr. Matthias Zimmer Dirk Niebel
Schwenningen) Eckhard Pols Wolfgang Zöller Hans-Joachim Otto
Volker Kauder Lucia Puttrich Willi Zylajew (Frankfurt)
Dr. Stefan Kaufmann Daniela Raab Cornelia Pieper
Roderich Kiesewetter Thomas Rachel FDP Gisela Piltz
Eckart von Klaeden Dr. Peter Ramsauer Dr. Christiane Ratjen-
Ewa Klamt Eckhardt Rehberg Jens Ackermann Damerau
Volkmar Klein Katherina Reiche (Potsdam) Christian Ahrendt Dr. Birgit Reinemund
Jürgen Klimke Lothar Riebsamen Christine Aschenberg- Dr. Peter Röhlinger
Julia Klöckner Josef Rief Dugnus Dr. Stefan Ruppert
Axel Knoerig Klaus Riegert Daniel Bahr (Münster) Björn Sänger
Jens Koeppen Johannes Röring Florian Bernschneider Frank Schäffler
Dr. Kristina Dr. Norbert Röttgen Sebastian Blumenthal Christoph Schnurr
Schröder(Wiesbaden) Dr. Christian Ruck Claudia Bögel Jimmy Schulz
Manfred Kolbe Erwin Josef Rüddel Nicole Bracht-Bendt Marina Schuster
Dr. Rolf Koschorrek Albert Rupprecht (Weiden) Klaus Breil Dr. Erik Schweickert
Hartmut Koschyk Anita Schäfer (Saalstadt) Rainer Brüderle Werner Simmling
Thomas Kossendey Dr. Annette Schavan Angelika Brunkhorst Judith Skudelny
Michael Kretschmer Dr. Andreas Scheuer Ernst Burgbacher Dr. Hermann Otto Solms
Gunther Krichbaum Karl Schiewerling Marco Buschmann Joachim Spatz
Dr. Günter Krings Norbert Schindler Sylvia Canel Dr. Max Stadler
Rüdiger Kruse Tankred Schipanski Helga Daub Torsten Staffeldt
Bettina Kudla Georg Schirmbeck Reiner Deutschmann Dr. Rainer Stinner
Dr. Hermann Kues Christian Schmidt (Fürth) Dr. Bijan Djir-Sarai Stephan Thomae
4456 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Vizepräsidentin Petra Pau


(A) Florian Toncar Dr. Barbara Höll Frank Tempel Oliver Krischer (C)
Serkan Tören Andrej Konstantin Hunko Dr. Axel Troost Agnes Krumwiede
Johannes Vogel Ulla Jelpke Alexander Ulrich Fritz Kuhn
(Lüdenscheid) Dr. Lukrezia Jochimsen Kathrin Vogler Renate Künast
Dr. Daniel Volk Katja Kipping Sahra Wagenknecht Markus Kurth
Dr. Guido Westerwelle Harald Koch Halina Wawzyniak Undine Kurth (Quedlinburg)
Dr. Claudia Winterstein Jan Korte Katrin Werner Monika Lazar
Dr. Volker Wissing Jutta Krellmann Sabine Zimmermann Nicole Maisch
Hartfrid Wolff (Rems-Murr) Katrin Kunert Agnes Malczak
Caren Lay BÜNDNIS 90/DIE Jerzy Montag
BÜNDNIS 90/DIE Sabine Leidig GRÜNEN Kerstin Müller (Köln)
GRÜNEN Ralph Lenkert Kerstin Andreae Beate Müller-Gemmeke
Alexander Bonde Michael Leutert Marieluise Beck (Bremen) Ingrid Nestle
Priska Hinz (Herborn) Stefan Liebich Volker Beck (Köln) Dr. Konstantin von Notz
Ulla Lötzer Cornelia Behm Friedrich Ostendorff
Dr. Gesine Lötzsch Viola von Cramon-Taubadel
Enthalten Dr. Hermann Ott
Thomas Lutze Ekin Deligöz Lisa Paus
Ulrich Maurer Katja Dörner
DIE LINKE Brigitte Pothmer
Dorothée Menzner Hans-Josef Fell
Cornelia Möhring Tabea Rößner
Jan van Aken Dr. Thomas Gambke Claudia Roth (Augsburg)
Agnes Alpers Kornelia Möller Kai Gehring
Niema Movassat Krista Sager
Herbert Behrens Katrin Göring-Eckardt Manuel Sarrazin
Steffen Bockhahn Wolfgang Nešković Britta Haßelmann
Thomas Nord Elisabeth Scharfenberg
Eva Bulling-Schröter Bettina Herlitzius
Petra Pau Christine Scheel
Dr. Martina Bunge Winfried Hermann
Roland Claus Richard Pitterle Ulrike Höfken Dr. Gerhard Schick
Sevim Dağdelen Yvonne Ploetz Dr. Anton Hofreiter Dr. Frithjof Schmidt
Dr. Diether Dehm Ingrid Remmers Bärbel Höhn Dorothea Steiner
Heidrun Dittrich Paul Schäfer (Köln) Thilo Hoppe Dr. Wolfgang Strengmann-
Werner Dreibus Dr. Herbert Schui Uwe Kekeritz Kuhn
Dr. Dagmar Enkelmann Dr. Ilja Seifert Katja Keul Hans-Christian Ströbele
Nicole Gohlke Kathrin Senger-Schäfer Memet Kilic Dr. Harald Terpe
Diana Golze Raju Sharma Sven-Christian Kindler Markus Tressel
Annette Groth Dr. Petra Sitte Maria Klein-Schmeink Jürgen Trittin
Dr. Gregor Gysi Sabine Stüber Ute Koczy Daniela Wagner
(B) Heike Hänsel Alexander Süßmair Tom Koenigs Wolfgang Wieland (D)
Dr. Rosemarie Hein Dr. Kirsten Tackmann Sylvia Kotting-Uhl Dr. Valerie Wilms

Wir kommen zum Entschließungsantrag der Fraktion abgegebene Stimmen 583. Mit Ja haben gestimmt 59,
Bündnis 90/Die Grünen zum Entwurf eines Gesetzes zur mit Nein 393. 131 Kolleginnen und Kollegen haben sich
Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines euro- enthalten. Der Entschließungsantrag ist abgelehnt.
päischen Stabilisierungsmechanismus, Drucksache 17/1808:

Endgültiges Ergebnis Hans-Josef Fell Agnes Krumwiede Christine Scheel


Abgegebene Stimmen: 582; Dr. Thomas Gambke Fritz Kuhn Dr. Gerhard Schick
davon Kai Gehring Renate Künast Dr. Frithjof Schmidt
Katrin Göring-Eckardt Markus Kurth Dorothea Steiner
ja: 59 Dr. Wolfgang Strengmann-
Britta Haßelmann Undine Kurth (Quedlinburg)
nein: 392 Bettina Herlitzius Monika Lazar Kuhn
enthalten: 131 Winfried Hermann Nicole Maisch Hans-Christian Ströbele
Ulrike Höfken Agnes Malczak Dr. Harald Terpe
Dr. Anton Hofreiter Jerzy Montag Markus Tressel
Ja Jürgen Trittin
Bärbel Höhn Kerstin Müller (Köln)
Thilo Hoppe Beate Müller-Gemmeke Daniela Wagner
BÜNDNIS 90/DIE Wolfgang Wieland
GRÜNEN Uwe Kekeritz Ingrid Nestle
Dr. Valerie Wilms
Katja Keul Dr. Konstantin von Notz
Kerstin Andreae Memet Kilic Friedrich Ostendorff
Marieluise Beck (Bremen) Sven-Christian Kindler Dr. Hermann Ott Nein
Volker Beck (Köln) Maria Klein-Schmeink Elisabeth Paus
Cornelia Behm Ute Koczy Brigitte Pothmer CDU/CSU
Viola von Cramon-Taubadel Tom Koenigs Tabea Rößner Ilse Aigner
Ekin Deligöz Sylvia Kotting-Uhl Claudia Roth (Augsburg) Peter Altmaier
Katja Dörner Oliver Krischer Elisabeth Scharfenberg Peter Aumer
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4457
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) Dorothee Bär Dr. Matthias Heider Dr. Angela Merkel Karin Strenz (C)
Thomas Bareiß Mechthild Heil Maria Michalk Thomas Strobl (Heilbronn)
Norbert Barthle Ursula Heinen-Esser Dr. h. c. Hans Michelbach Lena Strothmann
Günter Baumann Frank Heinrich Dr. Mathias Middelberg Michael Stübgen
Ernst-Reinhard Beck Rudolf Henke Philipp Mißfelder Dr. Peter Tauber
(Reutlingen) Michael Hennrich Dietrich Monstadt Antje Tillmann
Manfred Behrens (Börde) Jürgen Herrmann Marlene Mortler Dr. Hans-Peter Uhl
Dr. Christoph Bergner Ansgar Heveling Dr. Gerd Müller Arnold Vaatz
Peter Beyer Ernst Hinsken Stefan Müller (Erlangen) Volkmar Vogel (Kleinsaara)
Steffen Bilger Peter Hintze Nadine Müller (St. Wendel) Stefanie Vogelsang
Clemens Binninger Christian Hirte Dr. Philipp Murmann Andrea Astrid Voßhoff
Peter Bleser Robert Hochbaum Bernd Neumann (Bremen) Dr. Johann Wadephul
Dr. Maria Böhmer Karl Holmeier Michaela Noll Marco Wanderwitz
Wolfgang Börnsen Franz-Josef Holzenkamp Dr. Georg Nüßlein Kai Wegner
(Bönstrup) Joachim Hörster Franz Obermeier Marcus Weinberg (Hamburg)
Norbert Brackmann Anette Hübinger Eduard Oswald Peter Weiß (Emmendingen)
Klaus Brähmig Thomas Jarzombek Henning Otte Sabine Weiss (Wesel I)
Michael Brand Dieter Jasper Dr. Michael Paul Ingo Wellenreuther
Dr. Reinhard Brandl Dr. Franz Josef Jung Rita Pawelski Karl-Georg Wellmann
Helmut Brandt Andreas Jung (Konstanz) Ulrich Petzold Peter Wichtel
Dr. Ralf Brauksiepe Dr. Egon Jüttner Dr. Joachim Pfeiffer Annette Widmann-Mauz
Dr. Helge Braun Bartholomäus Kalb Sibylle Pfeiffer Klaus-Peter Willsch
Heike Brehmer Hans-Werner Kammer Beatrix Philipp Elisabeth Winkelmeier-
Ralph Brinkhaus Steffen Kampeter Ronald Pofalla Becker
Gitta Connemann Alois Karl Christoph Poland Dagmar Wöhrl
Leo Dautzenberg Bernhard Kaster Ruprecht Polenz Dr. Matthias Zimmer
Alexander Dobrindt Siegfried Kauder (Villingen- Eckhard Pols Wolfgang Zöller
Thomas Dörflinger Schwenningen) Lucia Puttrich Willi Zylajew
Marie-Luise Dött Volker Kauder Daniela Raab
Dr. Thomas Feist Dr. Stefan Kaufmann Thomas Rachel FDP
Enak Ferlemann Roderich Kiesewetter Dr. Peter Ramsauer
Ingrid Fischbach Eckart von Klaeden Eckhardt Rehberg Jens Ackermann
Hartwig Fischer (Göttingen) Ewa Klamt Katherina Reiche (Potsdam) Christian Ahrendt
Dirk Fischer (Hamburg) Volkmar Klein Lothar Riebsamen Christine Aschenberg-
Axel E. Fischer (Karlsruhe- Jürgen Klimke Josef Rief Dugnus
Land) Julia Klöckner Klaus Riegert Daniel Bahr (Münster)
(B) Dr. Maria Flachsbarth Axel Knoerig Johannes Röring Florian Bernschneider (D)
Klaus-Peter Flosbach Jens Koeppen Dr. Norbert Röttgen Sebastian Blumenthal
Herbert Frankenhauser Dr. Kristina Schröder Dr. Christian Ruck Claudia Bögel
Dr. Hans-Peter Friedrich (Wiesbaden) Erwin Rüddel Nicole Bracht-Bendt
(Hof) Manfred Kolbe Albert Rupprecht (Weiden) Klaus Breil
Michael Frieser Dr. Rolf Koschorrek Anita Schäfer (Saalstadt) Rainer Brüderle
Erich G. Fritz Hartmut Koschyk Dr. Annette Schavan Angelika Brunkhorst
Dr. Michael Fuchs Thomas Kossendey Dr. Andreas Scheuer Ernst Burgbacher
Hans-Joachim Fuchtel Michael Kretschmer Karl Schiewerling Marco Buschmann
Alexander Funk Gunther Krichbaum Norbert Schindler Sylvia Canel
Ingo Gädechens Dr. Günter Krings Tankred Schipanski Helga Daub
Dr. Peter Gauweiler Rüdiger Kruse Georg Schirmbeck Reiner Deutschmann
Dr. Thomas Gebhart Bettina Kudla Christian Schmidt (Fürth) Dr. Bijan Djir-Sarai
Norbert Geis Dr. Hermann Kues Patrick Schnieder Patrick Döring
Alois Gerig Günter Lach Dr. Andreas Schockenhoff Mechthild Dyckmans
Eberhard Gienger Dr. Karl A. Lamers Dr. Ole Schröder Rainer Erdel
Michael Glos (Heidelberg) Bernhard Schulte-Drüggelte Jörg van Essen
Josef Göppel Andreas G. Lämmel Uwe Schummer Ulrike Flach
Peter Götz Dr. Norbert Lammert Armin Schuster (Weil am Otto Fricke
Dr. Wolfgang Götzer Katharina Landgraf Rhein) Paul K. Friedhoff
Ute Granold Dr. Max Lehmer Detlef Seif Dr. Edmund Peter Geisen
Reinhard Grindel Paul Lehrieder Johannes Selle Dr. Wolfgang Gerhardt
Hermann Gröhe Dr. Ursula von der Leyen Reinhold Sendker Heinz Golombeck
Michael Grosse-Brömer Ingbert Liebing Dr. Patrick Sensburg Miriam Gruß
Markus Grübel Matthias Lietz Thomas Silberhorn Joachim Günther (Plauen)
Manfred Grund Dr. Carsten Linnemann Johannes Singhammer Dr. Christel Happach-Kasan
Monika Grütters Patricia Lips Jens Spahn Heinz-Peter Haustein
Dr. Karl-TheodorFreiherr zu Dr. Jan-Marco Luczak Carola Stauche Manuel Höferlin
Guttenberg Dr. Michael Luther Dr. Frank Steffel Elke Hoff
Olav Gutting Karin Maag Erika Steinbach Birgit Homburger
Florian Hahn Dr. Thomas de Maizière Christian Freiherr von Stetten Dr. Werner Hoyer
Holger Haibach Hans-Georg von der Marwitz Dieter Stier Heiner Kamp
Dr. Stephan Harbarth Andreas Mattfeldt Gero Storjohann Michael Kauch
Jürgen Hardt Stephan Mayer (Altötting) Stephan Stracke Dr. Lutz Knopek
Gerda Hasselfeldt Dr. Michael Meister Max Straubinger Pascal Kober
4458 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Vizepräsidentin Petra Pau


(A) Dr. Heinrich L. Kolb Sevim Dağdelen Doris Barnett Burkhard Lischka (C)
Gudrun Kopp Dr. Diether Dehm Dr. Hans-Peter Bartels Gabriele Lösekrug-Möller
Dr. h. c. Jürgen Koppelin Heidrun Dittrich Klaus Barthel Kirsten Lühmann
Sebastian Körber Werner Dreibus Sören Bartol Caren Marks
Holger Krestel Dr. Dagmar Enkelmann Bärbel Bas Katja Mast
Patrick Kurth (Kyffhäuser) Klaus Ernst Sabine Bätzing-Lichtenthäler Petra Merkel (Berlin)
Heinz Lanfermann Nicole Gohlke Dirk Becker Ullrich Meßmer
Sibylle Laurischk Diana Golze Uwe Beckmeyer Dr. Matthias Miersch
Harald Leibrecht Annette Groth Klaus Brandner Franz Müntefering
Sabine Leutheusser- Dr. Gregor Gysi Willi Brase Dr. Rolf Mützenich
Schnarrenberger Heike Hänsel Bernhard Brinkmann Andrea Nahles
Lars Lindemann Dr. Rosemarie Hein (Hildesheim) Manfred Nink
Christian Lindner Dr. Barbara Höll Edelgard Bulmahn Thomas Oppermann
Dr. Martin Lindner (Berlin) Andrej Konstantin Hunko Marco Bülow Holger Ortel
Michael Link (Heilbronn) Ulla Jelpke Ulla Burchardt Aydan Özoğuz
Dr. Erwin Lotter Dr. Lukrezia Jochimsen Martin Burkert Joachim Poß
Oliver Luksic Katja Kipping Petra Crone Dr. Wilhelm Priesmeier
Horst Meierhofer Harald Koch Dr. Peter Danckert Florian Pronold
Patrick Meinhardt Jan Korte Martin Dörmann Dr. Sascha Raabe
Gabi Molitor Jutta Krellmann Elvira Drobinski-Weiß Mechthild Rawert
Jan Mücke Katrin Kunert Garrelt Duin Dr. Carola Reimann
Petra Müller (Aachen) Caren Lay Sebastian Edathy Sönke Rix
Burkhardt Müller-Sönksen Sabine Leidig Siegmund Ehrmann René Röspel
Dr. Martin Neumann Ralph Lenkert Dr. h. c. Gernot Erler Dr. Ernst Dieter Rossmann
(Lausitz) Michael Leutert Petra Ernstberger Karin Roth (Esslingen)
Dirk Niebel Stefan Liebich Karin Evers-Meyer Marlene Rupprecht
Hans-Joachim Otto Ulla Lötzer Elke Ferner (Tuchenbach)
(Frankfurt) Dr. Gesine Lötzsch Gabriele Fograscher Anton Schaaf
Cornelia Pieper Thomas Lutze Dr. Edgar Franke Axel Schäfer (Bochum)
Gisela Piltz Ulrich Maurer Dagmar Freitag Bernd Scheelen
Dr. Christiane Ratjen- Dorothée Menzner Michael Gerdes Dr. Hermann Scheer
Damerau Cornelia Möhring Martin Gerster Marianne Schieder
Dr. Birgit Reinemund Kornelia Möller Iris Gleicke (Schwandorf)
Dr. Peter Röhlinger Niema Movassat Ulrike Gottschalck Werner Schieder (Weiden)
Dr. Stefan Ruppert Wolfgang Nešković Angelika Graf (Rosenheim) Ulla Schmidt (Aachen)
(B) Björn Sänger Carsten Schneider (Erfurt)
(D)
Thomas Nord Michael Groß
Frank Schäffler Petra Pau Wolfgang Gunkel Olaf Scholz
Christoph Schnurr Richard Pitterle Hans-Joachim Hacker Ottmar Schreiner
Jimmy Schulz Yvonne Ploetz Bettina Hagedorn Swen Schulz (Spandau)
Marina Schuster Ingrid Remmers Klaus Hagemann Ewald Schurer
Dr. Erik Schweickert Paul Schäfer (Köln) Michael Hartmann Frank Schwabe
Werner Simmling Michael Schlecht (Wackernheim) Dr. Angelica Schwall-Düren
Judith Skudelny Dr. Herbert Schui Hubertus Heil (Peine) Stefan Schwartze
Dr. Hermann Otto Solms Dr. Ilja Seifert Rolf Hempelmann Dr. Carsten Sieling
Joachim Spatz Kathrin Senger-Schäfer Dr. Barbara Hendricks Sonja Steffen
Dr. Max Stadler Raju Sharma Gustav Herzog Peer Steinbrück
Torsten Staffeldt Dr. Petra Sitte Gabriele Hiller-Ohm Dr. Frank-Walter Steinmeier
Dr. Rainer Stinner Sabine Stüber Petra Hinz (Essen) Christoph Strässer
Stephan Thomae Alexander Süßmair Frank Hofmann (Volkach) Kerstin Tack
Florian Toncar Dr. Kirsten Tackmann Dr. Eva Högl Dr. h. c. Wolfgang Thierse
Serkan Tören Frank Tempel Josip Juratovic Franz Thönnes
Johannes Vogel Dr. Axel Troost Oliver Kaczmarek Wolfgang Tiefensee
(Lüdenscheid) Alexander Ulrich Johannes Kahrs Rüdiger Veit
Dr. Daniel Volk Kathrin Vogler Dr. h. c. Susanne Kastner Ute Vogt
Dr. Guido Westerwelle Sahra Wagenknecht Ulrich Kelber Dr. Marlies Volkmer
Dr. Claudia Winterstein Halina Wawzyniak Lars Klingbeil Andrea Wicklein
Dr. Volker Wissing Katrin Werner Hans-Ulrich Klose Heidemarie Wieczorek-Zeul
Hartfrid Wolff (Rems-Murr) Sabine Zimmermann Dr. Bärbel Kofler Dr. Dieter Wiefelspütz
Daniela Kolbe (Leipzig) Waltraud Wolff
DIE LINKE (Wolmirstedt)
Enthalten Fritz Rudolf Körper
Anette Kramme Uta Zapf
Jan van Aken
Nicolette Kressl Dagmar Ziegler
Agnes Alpers CDU/CSU
Angelika Krüger-Leißner Manfred Zöllmer
Herbert Behrens
Veronika Bellmann Brigitte Zypries
Matthias W. Birkwald Ute Kumpf
Steffen Bockhahn Christine Lambrecht
SPD BÜNDNIS 90/DIE
Eva Bulling-Schröter Christian Lange (Backnang)
GRÜNEN
Dr. Martina Bunge Ingrid Arndt-Brauer Dr. Karl Lauterbach
Roland Claus Rainer Arnold Steffen-Claudio Lemme Alexander Bonde
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4459
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) Wir fahren in der Debatte fort. Das Wort hat der Kol- Manche haben sehr schwere und manche haben sogar (C)
lege Dr. Volker Wissing für die FDP-Fraktion. massive Einbrüche zu verzeichnen. Es gibt auch Kom-
munen, wie München und Frankfurt, die weniger starke
(Beifall bei der FDP)
Probleme haben. Deswegen ist es auch gar nicht so klug,
dass, wenn es um die Reform der Kommunalfinanzen
Dr. Volker Wissing (FDP): geht, die Wortführer immer aus diesen Kommunen kom-
Besten Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen men. Wenn man sehr satt ist, dann ist man kein guter An-
und Kollegen! Nachdem wir uns heute Morgen schon führer der Hungrigen.
sehr intensiv mit finanzpolitischen Problemen in Europa
beschäftigt haben, ist es gut, dass wir heute auch einen (Beifall bei der FDP)
Blick auf die finanzpolitischen Probleme unserer Kom-
munen werfen. Insofern begrüße ich diese Debatte. Was Vizepräsidentin Petra Pau:
ich nicht begrüße, sind die Anträge, die Sie vorgelegt ha- Kollege Wissing, gestatten Sie eine Zwischenfrage
ben. Aber dazu komme ich gleich noch. des Kollegen Sieling?
Herr Kollege Scheelen, Sie haben sich hier hingestellt
und ernsthaft gesagt: Jetzt sehen Sie, was Sie mit Ihrer Dr. Volker Wissing (FDP):
Steuerpolitik unter der christlich-liberalen Koalition bei Nein, das brauchen wir jetzt nicht.
den Kommunen angerichtet haben. (Dr. Carsten Sieling [SPD]: Weil Sie sie nicht
(Bernd Scheelen [SPD]: Die Hälfte des Defi- beantworten können!)
zits geht auf Ihre Steuersenkung zurück!) – Nein, wir können das nachher machen, Herr Sieling;
Sie müssen erkennen, wie abwegig und falsch dieser denn sonst wird diese falsche Darstellung der SPD nie
Satz ist. richtiggestellt.
(Bernd Scheelen [SPD]: Überhaupt nicht! Der (Dr. Carsten Sieling [SPD]: Ihre falsche
Städtetag belegt das!) Darstellung!)
Er ist so abwegig, dass noch nicht einmal Sie selber ihn Deswegen möchte ich Ihnen das einmal klar sagen.
glauben. (Bernd Scheelen [SPD]: Das wollte er ja
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten gerade machen!)
der CDU/CSU – Bernd Scheelen [SPD]: Das Einzelne Kommunen erlitten durch die Finanzpolitik,
hätten Sie gerne!) die Sie, Herr Scheelen, mit hinterlassen haben, einen (D)
(B)
Von 2008 bis 2010 sind die Einnahmen der Kommu- Einnahmeeinbruch von teilweise 60 Prozent.
nen aus der Gewerbesteuer unter Verantwortung sozial- (Bernd Scheelen [SPD]: Mit den Brüdern
demokratischer Finanzminister und Schwestern der schwarzen Seite zusam-
(Bernd Scheelen [SPD]: 2009!) men!)
um 14 Prozent gesunken; das war der Einbruch. 2008 Was sind die Ursachen dafür? – Ich unterstelle Ihnen
hatten wir noch Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von noch nicht einmal, dass Sie den Kommunen etwas Böses
41 Milliarden Euro, und Ende 2009 betrugen die Gewer- wollten. Die Ursachen sind, dass die Gewerbesteuerein-
besteuereinnahmen nur noch 35 Milliarden Euro. nahmen in konjunkturellen Schwächephasen stark sin-
ken, die Ausgaben der Kommunen aber latent eher stei-
Es wäre doch anständig, zu sagen: Wir haben es nicht gen.
geschafft, mit der Gewerbesteuer die Einnahmen der
Kommunen zu stabilisieren. (Bernd Scheelen [SPD]: Deswegen müssen sie
ja stabilisiert werden!)
(Beifall bei der FDP – Bernd Scheelen [SPD]:
35 Milliarden Euro sind nichts?) Deswegen ist die Gewerbesteuer als Jo-Jo-Steuer keine
sichere Einnahmequelle für die Kommunen. Das erzäh-
Das wäre doch anständig gewesen; das wäre auch die len wir Ihnen schon seit Jahren, Sie wollen es aber nicht
Wahrheit und richtig gewesen. Stattdessen lassen Sie glauben.
sich zu diesem Satz darüber herab, was wir mit unserer
Finanzpolitik angerichtet haben sollen. Es gibt über- Sie haben sich hier hingestellt und gesagt, sie müsse
haupt keinen Zusammenhang zwischen der Finanzpoli- durch gewinnunabhängige Elemente verstetigt werden.
tik dieser Bundesregierung und der Situation der Kom-
(Bernd Scheelen [SPD]: Ja! Das ist auch
munen.
richtig!)
(Beifall bei der FDP – Bernd Scheelen [SPD]:
Das ist Ihre Lösung; sie wurde schon angesprochen. Die
Das ist ja lächerlich!)
Kosten der Unternehmen haben Sie dabei in der Bemes-
Es gibt einzelne Kommunen, die massive Probleme sungsgrundlage berücksichtigt. Die Unternehmen müs-
haben. sen jetzt für ihre Ausgaben Gewerbesteuer bezahlen.
(Katrin Kunert [DIE LINKE]: Einzelne? 50 Prozent (Bernd Scheelen [SPD]: Das sind getarnte
der Städte und Gemeinden!) Gewinne!)
4460 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Volker Wissing


(A) Das war eine schlechte Lösung; das haben wir Ihnen von (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten (C)
Anfang an gesagt. der CDU/CSU)
(Bernd Scheelen [SPD]: Das war eine gute Herr Scheelen, lassen Sie uns dieses Thema ernst neh-
Lösung!) men. Wirken Sie bei den anstehenden Beratungen kon-
struktiv mit! Wir wollen in dieser Legislaturperiode eine
Als sich die Krise zugespitzt hat, haben Sie selbst ge- Reform der Kommunalfinanzen ins Bundesgesetzblatt
merkt, was Sie angerichtet haben. Sie haben nämlich In- schreiben.
solvenzbeschleuniger geschaffen. Dabei sollten Sie doch
die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Sie fordern immer wieder, mit den Steuerreformen
vertreten. aufzuhören. Im Bereich der Gemeindefinanzen wird
deutlich, wie notwendig Steuerreformen in der Bundes-
(Beifall bei der FDP)
republik Deutschland sind.
Deswegen sind Sie mit Ihrem Konzept dafür, wie man
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Aber
den Jo-Jo-Effekt der Gewerbesteuer abmildert, geschei-
keine Steuersenkungen zulasten der Kommu-
tert. Setzen, sechs!
nen!)
(Beifall bei der FDP – Bernd Scheelen [SPD]:
Wir haben eine Regierungskommission eingesetzt, die
Das darf nur Frau Piltz sagen! – Dr. Carsten
ernsthafte Alternativvorschläge erarbeiten wird, die Sie
Sieling [SPD]: 6 Prozent ist Ihre Zahl!)
nicht haben. Mit Ihrer Lösung sind Sie gescheitert. Zu
Jetzt stellt sich die Frage, welche andere Lösung es allem anderen sagen Sie nur Nein.
dafür gibt, stabile Kommunalfinanzen zu schaffen,
nachdem der sozialdemokratische Weg nachweislich ge- (Katrin Kunert [DIE LINKE]: Das ist die kom-
scheitert ist. Herr Scheelen, Sie haben sich hier hinge- munalpolitische Kompetenz der FDP!)
stellt und gesagt, was alles nicht gehe. Deswegen – das Wenn uns ein Alternativvorschlag vorliegt, dann kann
muss ich Ihnen leider sagen – sind die Kommunen, wenn den Kommunen geholfen werden. Ich hoffe, dass die
es um ihre finanziellen Interessen geht, bei den Sozialde- Kommission unter Leitung des Bundesfinanzministers
mokraten in schlechten Händen. zügig vorankommt und gute Ergebnisse erzielt, sodass
(Beifall bei der FDP) wir dann das dringende Problem der Gemeindefinanzen,
das Sie nie in den Griff bekommen haben, in dieser Le-
In dieser christlich-liberalen Koalition sind sie in guten gislaturperiode bald lösen können. Das sind wir all den
Händen. Menschen schuldig, die vor Ort mit den Problemen kon-
(B) frontiert sind. (D)
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Gerade bei Ihnen!) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Denn wir haben gesagt, dass mit diesem Jo-Jo-Effekt,
den wir nicht abmildern können, Schluss sein muss. Wir Vizepräsidentin Petra Pau:
brauchen eine solide Einnahmequelle. Das Wort hat die Kollegin Britta Haßelmann für die
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Deswegen haben wir eine Kommission eingesetzt, die
sehr intensiv an einer Alternative zur Gewerbesteuer
arbeitet. Hier sind schon gute Vorschläge genannt wor- Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
den. Es gibt Alternativvorschläge wie eine stärkere Be- Vielen Dank, Frau Präsidentin! – Liebe Kolleginnen
teiligung der Kommunen an der Umsatzsteuer oder He- und Kollegen! Herr Wissing, ich möchte zunächst an Ih-
besatzrechte bei der Einkommensteuer und der ren Beitrag anknüpfen. Wenn man in der Analyse davon
Körperschaftsteuer. Dabei geht es nicht, wie Sie gleich ausgeht, dass es sich bei einer strukturellen Unter-
wieder unterstellen, um eine Verlagerung der Steuerlast finanzierung der Kommunen um ein Problem einzel-
von den Unternehmen hin zu den Bürgerinnen und Bür- ner Kommunen handelt, dann hat man das Problem nicht
gern. verstanden.
(Bernd Scheelen [SPD]: Wie denn sonst? Das (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
ist genau der Effekt!) bei der SPD und der LINKEN)
– Darum geht es nicht, Herr Scheelen. Das hat auch nie Ich versuche, das ganz sachlich zu sagen, obwohl ich
jemand gefordert. Hören Sie auf, ein völlig falsches Bild fast betroffen bin, dass Sie das als Vorsitzender des Fi-
darzustellen! Sie sind doch selbst in der Kommunalpoli- nanzausschusses so analysieren.
tik aktiv und wissen, wie wichtig die Situation für die
Kommunen ist. In Nordrhein-Westfalen hat ein Drittel aller Kommu-
nen Nothaushalte aufgestellt. Die Kassenkredite betra-
(Katrin Kunert [DIE LINKE]: Sie leider scheinbar gen mittlerweile 36 Milliarden Euro bei steigender Ten-
nicht! Das ist Ihr Problem!) denz. Davon entfallen allein 15,9 Milliarden Euro auf
NRW.
– Ihre Vorschläge, Frau Kollegin, mit Mitgliedsbeiträgen
der Parteien Kommunalfinanzierung zu betreiben, sind Ich werde in dieser Debatte versuchen, die Frage zu
wirklich eine bemerkenswerte Expertise. vermeiden, wer in den letzten fünf Jahren in NRW mitre-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4461
Britta Haßelmann
(A) giert hat und gerade wegen seiner kommunenfeindlichen Es tut mit leid, aber ich kann Ihnen das nicht ersparen. (C)
Politik abgewählt worden ist. Das war nämlich die FDP. So zu tun, als wäre das Wachstumsbeschleunigungsge-
setz der Beschleuniger für Geldvermehrung in den Kom-
(Klaus-Peter Flosbach [CDU/CSU]: Die Kom- munen gewesen, grenzt an Hohn.
munen haben mehr Geld bekommen!)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
– Die Kommunen haben nicht mehr Geld bekommen, bei der SPD und der LINKEN)
Herr Flosbach. Wir können das gerne diskutieren. Beim
Landesverfassungsgericht sind mehrere Konnexitätskla- Allein die Kommunen haben Mindereinnahmen in Höhe
gen anhängig. Auch das wissen Sie. Deshalb bitte ich Sie von 1,6 Milliarden Euro durch die Beschlüsse zum
an dieser Stelle, die Debatte etwas ernsthafter zu führen Wachstumsbeschleunigungsgesetz zu verzeichnen.
und aufzuhören, so zu tun, als hätte die Situation der (Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: In den
Kommunen mit der „Farbenlehre“ der letzten ein oder letzten zwei Monaten, oder was?)
zwei Jahre zu tun.
Das sage nicht nur ich Ihnen. Das zeigen auch die Zah-
Widmen wir uns einmal einer ausgewiesenen Ana- len des Bundesfinanzministeriums. Schauen Sie sich die
lyse. Es geht den Kommunen doch nicht deswegen Zahlen doch einfach an! Die Zahlen stammen nicht von
schlecht, weil wir, die Grünen, die SPD und auch die mir, sondern aus dem Bundesfinanzministerium. Wenn
Linken eine Verstetigung der Gewerbesteuer fordern, die man die finanziellen Auswirkungen Ihrer Beschlüsse zu
gerade einbricht. Mein Gott, auf welchem Niveau disku- Steuergesetzgebung, Bürgerentlastung und anderen Be-
tieren wir hier? reichen berechnet, dann stellt man fest, dass die Kom-
Wir haben zurzeit die Situation, dass bei den Kommu- munen allein in den letzten zwei Jahren ein Minus in
nen drei Faktoren kumulieren. Das ist die dramatische Höhe von 6,5 Milliarden Euro durch Steuersenkungsbe-
Situation aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise, die schlüsse zu verzeichnen hatten. Ich bin heilfroh, dass die
die Kommunen voll erfasst. Sie erfasst auch die Gewer- Kanzlerin und Herr Schäuble mittlerweile erklärt haben,
besteuer. Das ist doch völlig klar. Der Rückgang der Ge- es werde mit der Union keine Steuersenkungen – obwohl
werbesteuereinnahmen fällt zwar unterschiedlich aus das der einzige Programmpunkt der FDP auf Bundes-
– bei manchen Kommunen sind es 60 Prozent, bei ande- ebene ist – mehr geben.
ren vielleicht nur 10 Prozent –, aber der Bundesdurch- (Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Sprechen
schnitt liegt bei 19 Prozent. Das ist dramatisch; das wis- Sie doch mal zum Thema!)
sen wir. Aber daraus abzuleiten, dass wir uns für die
Abschaffung der Gewerbesteuer einsetzen sollten, ist ein Hoffen wir, dass sich die Union an dieser Stelle durch-
(B) völliger Trugschluss. setzt und es zu keinen weiteren Steuersenkungen mehr (D)
kommt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der LINKEN – Klaus-Peter (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Flosbach [CDU/CSU]: Ersatz!) sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
KEN)
Es gibt einen zweiten Faktor, der ganz erheblich zu
einer strukturellen Unterfinanzierung der Städte und Ge- Nun zu Ihrem Vorschlag. Ich bin gespannt, wie Sie
meinden beigetragen hat, und zwar nicht nur in Nord- die Quadratur des Kreises durchhalten wollen. Wir brau-
rhein-Westfalen, sondern in der ganzen Republik: Das chen – darin weiß ich mich mit vielen in diesem Hause
sind die steigenden und nicht gegenfinanzierten Sozial- einig – eine Verstetigung der Gewerbesteuereinnahmen.
ausgaben. Schauen Sie sich an, was Sie allein in den Herr Middelberg, über die Einbeziehung der Freiberufler
letzten Jahren veranlasst haben. Wie wir wissen, sind die wird mittlerweile selbst in der Wirtschaft offensiv disku-
Kosten der Unterkunft gestiegen. Gleichzeitig haben Sie tiert. Niemand kann heute mehr erklären, warum es Aus-
den Bundesanteil gesenkt, und zwar mit Hinweis darauf, nahmen gibt und gerade Anwaltskanzleien, Steuerbera-
dass wir irgendwann einmal unter Rot-Grün einen be- tungsbüros und viele Freiberufler keinen Beitrag zur
stimmten Verteilungsschlüssel für die Kosten der Unter- Daseinsvorsorge des Gemeinwesens über die Gewerbe-
kunft in den Hartz-IV-Gesetzen beschlossen haben. Nun steuer leisten. Das ist nicht vermittelbar; das wissen Sie
will niemand mehr über den Verteilungsschlüssel reden. auch. Darüber wird längst in der Wirtschaft diskutiert.
Wer sagt Ihnen denn, Sie dürften über den Verteilungs- Wir sind für eine Verstetigung der Gewerbesteuerein-
schlüssel nicht reden? Wir sagen seit vier Jahren im Par- nahmen und nicht für eine Abschaffung der Gewerbe-
lament: Lassen Sie uns den Verteilungsschlüssel ändern. steuer.
Er ist nicht adäquat und führt nicht zu einer tatsächlichen (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
Übernahme der Kosten. Das ist ein Grund, das zu än- bei der SPD und der LINKEN)
dern. Aber Sie tun so, als ginge das nicht.
Nun zu der vielgelobten Kommission und ihrem Auf-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, trag. Es gibt wieder eine Kommission, und alles soll neu
bei der SPD und der LINKEN) erfunden werden. Wieder einmal wird über die Abschaf-
Einen weiteren Faktor stellen die Auswirkungen der fung der Gewerbesteuer diskutiert. Es geht um einen
Steuersenkungsgesetzgebung dar. aufkommensneutralen Ersatz der Gewerbesteuer. Das
heißt, es geht nicht um eine wundersame Geldvermeh-
(Dr. Volker Wissing [FDP]: Welche denn?) rung und auch nicht darum, dass der Bund den Ländern
4462 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Britta Haßelmann
(A) oder den Kommunen mehr Geld zur Verfügung stellen öffentlichen Haushalte befinden sich in einer schwieri- (C)
will. Hören Sie mit dieser Mär auf! Das müssen auch die gen Situation; wer wollte das bestreiten. Durch die
Städte und Gemeinden wissen. Der aufkommensneutrale schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg
Ersatz der Gewerbesteuer soll durch Anteile an den Ein- und die damit verbundenen Einnahmeausfälle bei den
nahmen aus der Umsatzsteuer und Zuschläge auf die Steuern stehen alle – ich betone: alle – öffentlichen
Körperschaft- und Einkommensteuer erreicht werden. Haushalte vor besonderen Herausforderungen. Dabei
Sie verweisen immer darauf, dass die Einnahmen aus der trägt der Bund die Hauptlast der Krise. Das lässt sich am
Gewerbesteuer so konjunkturanfällig seien. Deshalb vor kurzem verabschiedeten Haushalt 2010 ablesen.
wollen Sie sie durch die Körperschaftsteuer ersetzen. Als verantwortlicher Bürgermeister war mir bereits
Aber bei den Einnahmen aus der Körperschaftsteuer sind Ende 2008 klar, dass diese Krise auch an den Kommu-
in der jetzigen Krisensituation Einbrüche in Höhe von nen nicht spurlos vorübergehen wird. Bereits den
über 50 Prozent zu verzeichnen. Angesichts dessen kön- Gemeindehaushalt 2009 habe ich – wie viele andere
nen Sie die Gewerbesteuer nicht abschaffen mit der Be- Kollegen – mit erheblichen Einnahmeverlusten und Un-
gründung, die Einnahmen brächen ein und bestimmte sicherheiten aufstellen müssen. Ich darf sagen: Wieder
Kommunen seien besonders betroffen, und durch die Kör- einmal bedeutete diese Zeit für uns kommunale Vertreter
perschaftsteuer ersetzen, deren Einnahmen um 50 Prozent nichts Neues. Denn bereits die Jahre 2002 bis 2005 wa-
gesunken sind. ren an finanziellen Grausamkeiten nicht zu überbieten –
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, auch ohne Weltwirtschaftskrise, Herr Scheelen.
bei der SPD und der LINKEN) (Bernd Scheelen [SPD]: Was war mit der
Sie wollen die Körperschaftsteuer von 15 auf 25 Pro- geplatzten Internetblase 2001?)
zent erhöhen. Das bringt maximal 13 Milliarden Euro. Die finanzielle Situation in diesen Jahren unter rot-grü-
Wenn Sie die Gewerbesteuer ersetzen wollen, sind aber ner Regierung war im Übrigen nicht nur für meine Ge-
29 Milliarden Euro erforderlich. Woher kommen die meinde, sondern auch für viele andere weitaus schwerer
fehlenden 16 Milliarden Euro, etwa aus Anteilen an den als das Jahr 2009.
Einnahmen aus der Umsatzsteuer? Das Ganze soll doch
aufkommensneutral erfolgen. Die Anteile müssten von Noch etwas darf ich Ihnen mit auf den Weg geben:
2,2 auf 19 Prozent steigen, um diesen Fehlbetrag auszu- Mit starken Argumenten wurde 2002 von den Spitzen-
gleichen. Wem in den Städten und Gemeinden wollen verbänden, auch von mir ganz persönlich als Kreisvor-
sitzenden eines Spitzenverbandes, an Ihre damalige
Sie das eigentlich erklären? Ich verstehe das nicht.
Regierung und auch an meinen damaligen Ministerpräsi-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) denten Gabriel appelliert, die Kommunen nicht ausblu-
(B) ten zu lassen. Ich weiß, Frau Haßelmann, Sie hören das (D)
Im Raum steht auch ein kommunaler Zuschlag auf die jetzt nicht gerne: Ich habe seinerzeit von Rot-Grün noch
Einkommensteuer mit eigenem Hebesatz. Dadurch würde nicht einmal eine Antwort bekommen. An die Kollegen
der Wettbewerb der Kommunen doch nur angeheizt! Er- der SPD gerichtet, sage ich: Wenn ich heute Ihren Partei-
klären Sie einmal den Kommunen, die Nothaushalte ver- vorsitzenden Gabriel als selbsternannten Retter der
abschiedet haben, in dieser schwierigen Situation, wie sie Kommunen zu diesem Thema sprechen höre, dann
mit kommunalen Hebesätzen ihre Wettbewerbsposition macht mir das Angst. Das Ganze ist einfach nur peinlich.
verteidigen sollen. Wissen Sie, was die Städte im Bergi- Denn dieser Mann hat mich, zumindest in meiner dama-
schen Land und im Ruhrgebiet schon heute sagen? Sie ligen Funktion – ich war damals Bürgermeister –, noch
sagen: Wir sind durch die Hebesätze für die Gewerbe- nicht einmal wahrgenommen, noch nicht einmal ange-
steuer und die Grundsteuer am Ende der Fahnenstange; hört. Wenn man sich seine heutigen Worte anhört, dann
der kommunale Wettbewerb darf nicht noch angeheizt wirkt das fast schon heuchlerisch.
werden.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Mit diesem Modell treiben Sie die Kommunen noch neten der FDP)
mehr in den Ruin. Deshalb sollten Sie überlegen, was
Sie da tun. Notwendig ist, dass in dieser Angelegenheit Heute sieht es zum Glück anders aus. Zum ersten Mal
sachlich diskutiert wird. finden die Kommunen in einer schweren Krise Gehör.
Mit der Einberufung der Gemeindefinanzkommission
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, unter Führung von Bundesfinanzminister Schäuble wird
bei der SPD und der LINKEN) heute mit den und nicht über die Kommunen gespro-
chen. Dabei spielt deren Einnahme- und Ausgabensitua-
Vizepräsidentin Petra Pau: tion eine genauso wichtige Rolle wie mögliche Einspa-
rungen durch Veränderungen von Verwaltungsverfahren.
Das Wort hat der Kollege Andreas Mattfeldt für die
Denkverbote in die eine oder andere Richtung führen
Unionsfraktion.
uns dabei überhaupt nicht weiter. Deshalb ist es unred-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- lich, Frau Kollegin Haßelmann, hier zu suggerieren, die
neten der FDP) Kommunen würden durch den Ersatz der Gewerbesteuer
Einnahmeverluste erleiden. Noch einmal: Wir als Union
Andreas Mattfeldt (CDU/CSU):
sprechen vom Ersatz, von der Veränderung der Gewer-
besteuer und nicht von einem Ausfall der Einnahmen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4463
Andreas Mattfeldt
(A) Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass das derzeit (Katrin Kunert [DIE LINKE]: Die den Kom- (C)
bei vielen Kommunen häufig erheblich schwankende munen vorher entzogen worden sind!)
Gewerbesteueraufkommen für deren Finanzsituation
nicht nur nicht hilfreich, sondern vielfach langfristig so- Zahlreiche Sanierungsmaßnahmen, die mit Sicherheit
gar schädlich sein kann. erst in späteren Jahren oder gar nicht hätten umgesetzt
werden können, wurden so realisiert. Hierdurch wurden
Meine Damen und Herren, wenn wir über die Finanz- nicht nur Arbeitsplätze gesichert, es wurden sogar Ar-
situation der Gemeinden sprechen, gehört es zur Wahr- beitsplätze geschaffen. Wichtig ist vor allem, dass dieses
heit, darauf hinzuweisen, dass die Einnahmen im Jahr Paket erhebliche Einsparungen im energetischen Bereich
2008 so hoch wie nie zuvor seit Bestehen der Bundes- ermöglicht. Dies hat den Kommunen dauerhaft finan-
republik waren. zielle Spielräume verschafft.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Bernd Meine Damen und Herren, jetzt, vor Abschluss der
Scheelen [SPD]: Dank Rot-Grün!) Arbeit der Gemeindefinanzkommission, einzelne Maß-
nahmen zu beschließen, wäre töricht; denn eine positive
In den Jahren 2005 bis 2008 konnte die Verschuldung Veränderung der Finanzsituation der Kommunen sollte
sogar zurückgeführt werden. Ich denke, auch das sollte auch – ich betone das noch einmal – durch eine Vereinfa-
einmal erwähnt werden. chung der Verwaltungsverfahren und der Aufgaben-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – wahrnehmung erfolgen. Dafür braucht es aber ein Ge-
Bernd Scheelen [SPD]: Da haben wir ja auch samtpaket. Deshalb möchte ich Sie ermuntern, in den
noch regiert!) kommenden Monaten gemeinsam mit uns, den Ländern
und den kommunalen Spitzenverbänden mit guten und
Ich gebe zu: Die Kommunen hätten weitere Jahre zur pragmatischen Ideen die Situation der Kommunen zu
Gesundung brauchen können. verbessern.
(Bernd Scheelen [SPD]: Ja!) Lassen Sie die Kommunen nicht zum Spielball der ta-
Nötig ist aber auch eine gewisse Selbstkritik der Kom- gespolitischen Auseinandersetzungen werden! Strengen
munen. Ich finde es bemerkenswert, dass ausgerechnet wir uns an, kluge Lösungen zur Überwindung der kom-
die Bürgermeisterkollegen, die im Supereinnahmejahr munalen Probleme zu finden!
2008 ihre Haushalte nicht ausgleichen konnten, heute Herzlichen Dank.
versuchen, alle Schuld, auch die für eigenes Versagen
und mangelnde Ausgabendisziplin, auf Bund und Län- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
(B) der abzuwälzen. (D)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Vizepräsidentin Petra Pau:
der FDP)
Das Wort hat der Kollege Dr. Carsten Sieling für die
Auch wenn das nicht gerne gehört wird: Wer seinen SPD-Fraktion.
Haushalt schon 2008 nicht ausgleichen konnte, hat
grundlegendere Probleme als die, die sich aus der derzeit (Beifall bei der SPD)
zugegebenermaßen schwierigen Finanzsituation erge-
ben. Meistens ist ein Ausgabenproblem der Grund. Zur Dr. Carsten Sieling (SPD):
Politik gehört – das predige ich seit Jahren –, häufiger Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
ehrlich zu sagen, warum wir nicht alle Wünsche – und Ich knüpfe an das Ende der Rede des Kollegen Mattfeldt
seien sie noch so berechtigt – erfüllen können. In der an. Den Appell, die Kommunen nicht zum Spielball der
Politik muss häufiger Nein gesagt werden. Der Weg weg Politik zu machen, haben Sie offensichtlich an die ei-
von investiven Ausgaben hin zu immer mehr konsumti- gene Koalition gerichtet. Ich kann das nur unterstützen.
ven Ausgaben ist ein Irrweg und kann nicht gutgehen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
Ich bin dankbar, dass sowohl die alte Regierung als BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
auch die christlich-liberale Koalition
Wenn Sie das durchsetzen wollen, müssen Sie allerdings
(Bernd Scheelen [SPD]: Sie meinen Schwarz- viele Dinge und viele Pläne, die Sie haben, ändern.
Gelb!)
Ich möchte Ihnen – dies richtet sich besonders an die
die richtigen Maßnahmen zur Bewältigung der Krise er- Koalitionsfraktionen – zwei Zitate vortragen. Das erste
griffen haben. Diese richtigen Entscheidungen haben Zitat lautet:
sich positiv auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt und wirken
sich immer noch positiv aus. Ich denke, wir sind uns alle Den Gemeinden muss das Recht gewährleistet sein,
einig: Es hätte vor allem am Arbeitsmarkt vieles schlim- alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft
mer kommen können. im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung
zu regeln. … Die Gewährleistung der Selbstverwal-
Als langjähriger Bürgermeister möchte ich der Bun- tung umfasst auch die Grundlagen der finanziellen
desregierung danken, dass sie den Kommunen im Rah- Eigenverantwortung; zu diesen Grundlagen gehört
men des Konjunkturpakets mit über 10 Milliarden Euro eine den Gemeinden mit Hebesatzrecht zustehende
unter die Arme gegriffen hat. wirtschaftskraftbezogene Steuerquelle.
4464 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Carsten Sieling


(A) Das zweite Zitat ist etwas kürzer. Es lautet schlicht: (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ (C)
DIE GRÜNEN)
Wir werden … den Ersatz der Gewerbesteuer durch
einen höheren Anteil an der Umsatzsteuer und ei- Sie wurde auch deshalb zu einer Stabilitätssteuer, weil
nen kommunalen Zuschlag auf die Einkommen- die Maßnahmen, die von Rot-Grün angegangen worden
und Körperschaftsteuer … prüfen. sind, von Schwarz-Rot fortgesetzt wurden. Mit politi-
schen Maßnahmen ist dafür gesorgt worden, dass diese
Sie haben wahrscheinlich erkannt, woher die Zitate Stabilität erreicht wurde. Natürlich war es richtig, dass
stammen. Das erste Zitat ist aus dem Grundgesetz, 2008 hier im Deutschen Bundestag beschlossen wurde,
Art. 28, das zweite Zitat findet sich auf Seite 14 des Ko- die Finanzierungsanteile von Mieten, Pachten und Leasing-
alitionsvertrages dieser Regierungskoalition. Wer die raten hinzuzurechnen. Damit wurde die Verstetigung der
beiden Zitate nebeneinanderlegt, der sieht, dass mit der Gewerbesteuer erreicht. Ich würde mich freuen, wenn
Passage des Koalitionsvertrags das Grundgesetz zumin- ich heute einen Redner oder eine Rednerin der CDU/
dest verdreht wird, wenn sie nicht sogar im Widerspruch CSU hören würde, der bzw. die sagt: Wir sind stolz da-
zum Grundgesetz steht. Denn wenn Sie an die Gewerbe- rauf. Das war eine richtige Entscheidung, weil das dazu
steuer herangehen, werden Sie diese wirtschaftskraftbe- führt, dass die Kommunen wenigstens etwas Stabilität
zogene Steuerquelle mit eigenem Hebesatz angreifen. haben.
Das geht nicht. Auch dieser Aspekt muss in die Diskus-
sion eingeführt werden. (Beifall bei der SPD)

(Beifall bei der SPD und der LINKEN) Was hören wir stattdessen? Wir hören, dass Sie mit
Ihren Plänen nicht nur die Einnahmeseite ins Auge fas-
Ich will die Frage der Bedeutung der Gewerbesteuer sen, sondern jetzt auch die Ausgabenseite. Kollege
aufgreifen. Darauf will ich mich konzentrieren, weil das Middelberg sprach davon, dass auch die Kosten ins
der Kern Ihres Vorhabens ist. Sie wollen schon lange an Auge gefasst werden. Vielleicht diskutieren Sie das ein-
die Gewerbesteuer, und jetzt glauben Sie, dass Sie die mal mit dem Kollegen Mattfeldt. Er verfügt als ehemali-
Chance haben. Kollege Wissing hat mir vorhin leider ger Bürgermeister über Kenntnisse auf diesem Gebiet.
nicht erlaubt, mit einer Zwischenfrage auf sein falsches Sein Nachfolger ist wieder ein Sozialdemokrat, was
Argument hinzuweisen. Die Einnahmen aus der Erhebung mich persönlich sehr freut. Er ist, so glaube ich, noch
der Gewerbesteuer sind – Frau Kollegin Haßelmann hat besser. Herr Mattfeldt ist im Bundestag gut unterge-
das schon angesprochen – laut Steuerschätzung in der bracht. Erklären Sie bitte dem Kollegen Middelberg – in
Tat gewaltig weggebrochen – um 8 Milliarden Euro –, Ihrer Rede haben Sie das angesprochen –, wie eng die
und zwar als Folge der Krise, aber auch als Folge von Handlungsspielräume der Kommunen sind. Wer hier an
(B) Steueränderungen. Man muss die Zahlen einmal neben- die Ausgabenseite herangehen will, der will weitere (D)
einanderstellen: Schon die Einnahmen aus der Gewerbe- Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, der will
steuer sind kräftig eingebrochen, und zwar um Theater schließen und kein Geld mehr für Jugendarbeit
19 Prozent; das ist überhaupt keine Frage. Sie sind von und Kindergärten ausgeben. Wollen Sie das? Wollen Sie
41 Milliarden Euro auf 33 Milliarden Euro gesunken. die Linie Ihres Herrn Koch auch in der Kommunalpolitik
Die Einnahmen aus der Körperschaftsteuer sind aber um einführen? Ich bitte Sie: Lassen Sie die Finger von sol-
exakt 55 Prozent eingebrochen; Kollegin Haßelmann hat chen Überlegungen und Plänen!
das schon gesagt.
(Beifall bei der SPD)
(Beifall bei der SPD – Bernd Scheelen [SPD]: Ich möchte in der verbleibenden Zeit auf das einge-
2001 waren sie bei null!) hen, was Sie in Ihrer Koalitionsvereinbarung konzeptio-
– So ist es. – Sie sehen also, welche gewaltigen Unter- nell ins Auge fassen und was Sie angehen wollen. Es
schiede es gibt. Kollege Wissing, genau diesen Punkt ha- sind unterschiedliche Modelle in der Diskussion. Ich
ben Sie nicht benannt. Sie haben über den Einbruch bei will an dieser Stelle vorwegnehmen, dass das Modell des
der Gewerbesteuer in Höhe von 19 Prozent gesprochen, BDI und des VCI schon unter Rot-Grün geprüft worden
aber die Körperschaftsteuer nicht erwähnt. Das geht ist.
nicht. So kann man nicht argumentieren. Kollege Mattfeldt, wenn Sie sagen, diesmal würden
die Kommunen beteiligt, will ich zumindest darauf hin-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
weisen, dass natürlich auch damals die Kommunen an
DIE GRÜNEN)
der Kommission beteiligt worden sind. Es bestand sogar
Wir diskutieren zurzeit viel über die Finanzmärkte. ein wesentlicher Unterschied. Es gab nämlich die politi-
Ich will einen gängigen Begriff aus dieser Diskussion sche Festlegung in dieser Kommission: keine Entschei-
aufnehmen: Die Volatilität, also die Schwankungen, auf dung gegen die Kommunen. Das erwarte ich auch dies-
den Finanzmärkten wollen wir abschwächen. Bei den mal: keine Entscheidung gegen die Kommunen.
Einnahmen aus der Gewerbesteuer ist diese Volatilität (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Britta
erheblich geringer als bei den Einnahmen aus der Kör- Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
perschaftsteuer. Wir richten unsere Politik darauf aus, NEN])
die Volatilität möglichst gering zu halten. Ich sage deut-
lich: Die Gewerbesteuer ist eine Stabilitätssteuer im Ver- Setzen Sie das durch! Das wäre ein richtiger und wichti-
hältnis zur Körperschaftsteuer. ger Schritt.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4465
Dr. Carsten Sieling
(A) Schon damals ist dieses eine Modell gescheitert und gibt sogar schon große Städte, die schuldenfrei (C)
als nicht vernünftig beurteilt worden. Natürlich ist auch sind!)
damals richtig gerechnet worden. Der Herr Staatssekre-
Ich will Sie als Zweites auf Folgendes hinweisen:
tär hat im Finanzausschuss vorgetragen, jetzt würde end-
Wenn Sie das so machen und von diesen Prinzipien ab-
lich mal richtig gerechnet.
gehen, wird es sich für keine Kommune mehr lohnen,
(Nicolette Kressl [SPD]: Behauptet!) aktive wirtschaftspolitische Standortpolitik zu machen.
Sie haben nämlich keinen Anreiz mehr, Gewerbe anzu-
– Behauptet oder vorgetragen. Ich habe den Zettel gese- siedeln.
hen. Es ist vorgetragen worden, dass dies so sei.
Wie gesagt, natürlich ist auch damals gerechnet und Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
mit viel wissenschaftlichem Sachverstand diskutiert Herr Kollege Sieling, bitte.
worden. Das Modell trägt sich nicht. Es wäre ein schwe-
rer Fehler, wenn die Steuerpflicht – das ist ein Element Dr. Carsten Sieling (SPD):
der Vorschläge – vom Ort der Betriebsstätte zum Wohn- Wenn dieser Anreiz fehlt, wird das dazu führen, dass
sitz der jeweiligen Gesellschafter eines Unternehmens die wirtschaftliche Entwicklung abgeschwächt wird.
verlagert würde. Das wäre eine gefährliche Strukturver- Deshalb: Lassen Sie das sein!
zerrung.
Die Gewerbesteuer ist eine stabile Steuer. Sie ist für
(Beifall bei der SPD – Bernd Scheelen [SPD]: die Kommunen erprobt und sicher.
Eine Zeitbombe!)
Das alles sind Detailpunkte und wichtige Elemente, die Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Sie an der Stelle sehen müssen. Herr Kollege Sieling, Ihre Redezeit ist lange abgelau-
fen. Bitte kommen Sie zum Schluss.
Die Kollegin Haßelmann hat schon auf einige Punkte
hingewiesen. Sie wissen doch, was Sie an Erhöhungen
und Aufschlägen bei den Hebesätzen durchsetzen müss- Dr. Carsten Sieling (SPD):
ten, wenn Sie das alles aufkommensneutral gestalten Herr Präsident, ich bedanke mich für Ihre Geduld und
wollen. Ich verstehe das nicht. Da weiß wieder die rechte sage: Lassen Sie uns die Gewerbesteuer in Deutschland
Hand nicht, was die linke Hand tut. Wenn Sie das so ma- erhalten!
chen, wie Sie es jetzt planen, müssen Sie die Mehrwert- (Beifall bei der SPD – Dr. Daniel Volk [FDP]: Ein
steuer deutlich erhöhen, auf bis zu 25 Prozent. Das hat Bremer SPDler erklärt die Finanzpolitik!)
(B) Herr Zimmermann vom DIW gerade vorgeschlagen. (D)
Herr Kampeter, Staatssekretär im Finanzministerium, Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
hat dazu gesagt: Nicht mit uns! – Recht hat er, der Herr
Das Wort hat die Kollegin Dr. Birgit Reinemund von
Kampeter. Wenn das so ist, dann lassen Sie bitte die Fin-
der FDP-Fraktion.
ger von diesem Unsinn und schlagen Sie nicht vor, die
Mehrwertsteuer auf 25 Prozent zu erhöhen! Das wäre für (Beifall bei der FDP)
die wirtschaftliche Entwicklung in ganz Deutschland
schädlich. Das wäre nicht solide. Das müssen wir lassen. Dr. Birgit Reinemund (FDP):
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Oppo-
DIE GRÜNEN) sitionsfraktionen beschäftigen uns Woche für Woche mit
mehr oder weniger gleichlautenden Anträgen zur Situa-
Ihre Vorschläge – ich finde, wir müssen früh darüber tion der Gemeindefinanzen. Natürlich werden wir die-
diskutieren – haben nicht nur negative quantitative Ef- selben Anträge immer wieder gerne debattieren. Die
fekte auf der Einnahmeseite, sondern auch Strukturef- Lage der Kommunen ist katastrophal. Genau deshalb ha-
fekte, und zwar äußerst gefährliche. Ich will zwei davon ben wir die Gemeindefinanzreform als dringlich auf die
ansprechen. Tagesordnung gesetzt. Dazu hatten Sie jahrelang Zeit.
Erstens. Der Wechsel vom Betriebsstätten- zum Die Kommission zur Reform der Gemeindefinanzen
Wohnsitzprinzip wird dazu führen, dass die großen wird am 8. Juli dieses Jahres ihren Zwischenbericht vor-
Städte weitere Einbußen bei ihren Einnahmen aus der legen. Ich erwarte, dass die Kommissionsmitglieder vor-
Erhebung der Gewerbesteuer erleiden. Die großen Städte urteilsfrei ihre Aufgabe erfüllen.
werden Probleme haben, höhere Hebesätze gegen die
Kommunen in eher ländlichen oder kleinstädtischen Be- (Katrin Kunert [DIE LINKE]: Ganz vorurteils-
reichen drumherum durchzusetzen. Weil die großen frei!)
Städte aber höhere Lasten haben und Infrastrukturleis- Alle heute vorgebrachten Argumente sind bedenkens-
tungen für die gesamte Region erbringen, ist das eine wert und nicht von vornherein falsch. Wir werden sie in-
Verzerrung. Frau Roth, CDU, Frankfurt, hat dies schon tensiv beraten, sobald das Konzept vorliegt. Vorfestle-
deutlich gesagt. Das ist ein negativer Struktureffekt und gungen, wie Sie sie jetzt wieder fordern, werden wir
nicht vertretbar. auch heute nicht zustimmen.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
DIE GRÜNEN – Patrick Döring [FDP]: Es der CDU/CSU – Katrin Kunert [DIE LINKE]:
4466 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Birgit Reinemund


(A) Sie sind doch Stadträtin! Wie ist denn die Si- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten (C)
tuation bei Ihnen im Stadtrat?) der CDU/CSU – Britta Haßelmann [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Das hält keiner Ana-
– Ich bin Stadträtin in Mannheim. Da ist die Situation lyse stand!)
ganz klar: Seit 2005 sind wir nah an der Zwangsverwal-
tung. Damit provozieren Sie, dass Unternehmen ohne Ge-
winn steuerpflichtig werden. Sie schwächen das Eigen-
(Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Also die bes- kapital und verschlechtern die Kreditwürdigkeit. Sie
ten Jahre schon! – Dr. Carsten Sieling [SPD]: verhindern Investitionen und gefährden den Wirtschafts-
Bei Ihnen wären wir nach zwei Jahren schon aufschwung und Arbeitsplätze, und zwar Arbeitsplätze
so weit gewesen!) vor Ort, in den Kommunen.
Alle vorliegenden Anträge setzen auf den alleinigen Glauben Sie, so die Finanzlage der Kommunen ver-
Ausbau ausgerechnet der extrem konjunkturanfälligen bessern zu können? Die Gefahr ist groß, dass eher Steuer-
Gewerbesteuer. Das löst aber nicht die strukturellen Pro- ausfälle aufgrund von Insolvenzen und damit weniger
bleme. Diese Achterbahnsteuer ist, neben den rapide Sozialversicherungsbeiträge und höhere Kosten bei den
wachsenden Ausgaben, gerade das Hauptproblem der Sozialausgaben verursacht werden.
Gemeinden.
(Katrin Kunert [DIE LINKE]: Gehen Sie mal
(Manfred Zöllmer [SPD]: Gucken Sie sich von der Stadt Mannheim aus!)
doch mal die Zahlen an!)
Die Kuh, die man melken will, sollte man nicht schlach-
Wir sind uns doch alle in einem einig: Die Kommu- ten. Das weiß jeder Bauer.
nen brauchen eine verlässlichere Einnahmequelle, als es
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
die Gewerbesteuer in den letzten Jahrzehnten war. Übri-
der CDU/CSU)
gens zahlen nur 38,8 Prozent aller Gewerbesteuerpflich-
tigen überhaupt Gewerbesteuer; Wer die Gemeindefinanzen zukunftsfest gestalten
will, muss offen in die Diskussion der vorgeschlagenen
(Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Wohl wahr!) Modelle gehen. Ich weise in diesem Zusammenhang auf
die übrigen 61,2 Prozent erwirtschaften keinen Gewinn die Modellrechnungen der Stiftung Marktwirtschaft hin.
oder fallen schon heute unter die Freibetragsgrenze. Ge- Entgegen aller Erwartungen hätte ein Ersatz der Gewer-
rade einmal 0,1 Prozent dieser Gewerbesteuerzahler ge- besteuer zum Beispiel für die Großstadt Stuttgart keine
nerieren über 50 Prozent des Gewerbesteueraufkom- negativen Auswirkungen. Stuttgart hätte nach diesem
Modell im Jahr 2002 sogar 255 Millionen Euro mehr zur
(B) mens. (D)
Verfügung gehabt. Andere Kommunen haben in diesem
Mit einer erweiterten Bemessungsgrundlage und Modell schlechter abgeschnitten; auch das will ich nicht
gleichzeitiger Erhöhung der Freibeträge würde dieses verschweigen. Hier muss ein Ausgleich geschaffen wer-
Missverhältnis nicht kleiner. Viele Kommunen sind be- den. Das zeigt doch klar: Wir brauchen eine differen-
reits heute von einzelnen großen Gewerbesteuerzahlern zierte Betrachtung der Gemeindetypen und eine für alle
abhängig und damit vom Wohl und Wehe einzelner tragbare Lösung. Festgefahrene Denkmuster verschlei-
Branchen. Ich nenne nur die VW-Stadt Wolfsburg, SAP ern den Blick in die Zukunft. Denkverbote darf es nicht
in Walldorf und BASF in Ludwigshafen. Das erhöht geben.
nicht gerade die Planbarkeit kommunaler Einnahmen.
Vielen Dank.
Die Vorschläge von den Fraktionen der Linken und
der Grünen kennen nur zwei Stoßrichtungen: (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Erstens. Wir lassen alles beim Alten und fordern ein- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
fach mehr Geld von Bund und Land. – Das funktioniert Das Wort hat jetzt der Kollege Dr. Axel Troost von
nicht. Vielleicht haben Sie es schon bemerkt: Alle Ebe- der Fraktion Die Linke.
nen kämpfen mit Haushaltsdefiziten.
(Beifall bei der LINKEN)
Zweitens. Wir gehen immer stärker in die Substanz-
besteuerung, also Hinzurechnung von Kreditzinsen, Dr. Axel Troost (DIE LINKE):
Mieten, Leasingraten usw. – Sie besteuern damit Ausga-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
ben und nicht Erlöse. Dies widerspricht einem Funda-
Wenn im Hinblick auf die vorliegenden Anträge von
mentalprinzip der deutschen Besteuerung: dem Prinzip
Schnellschüssen die Rede ist, ist diese Aussage sehr
der Leistungsfähigkeit. Jeder sollte nach Maßgabe seiner
stark zu relativieren. Die Diskussion über die Gewerbe-
individuellen ökonomischen Leistungsfähigkeit zur Fi-
steuer ist sehr alt. Der Wissenschaftliche Beirat beim
nanzierung staatlicher Leistungen beitragen. Das erfolgt
Bundesfinanzministerium hat 1980 ein Gutachten vorge-
durch die Besteuerung von Unternehmensgewinnen,
legt, in dem er empfohlen hat, die Gewerbesteuer zu ei-
aber doch bitte nicht durch die Besteuerung von Ausga-
ner Wertschöpfungsteuer weiterzuentwickeln, also im
ben und Verlusten. Sie wollten vielleicht die Konzerne
Prinzip in die Richtung, über die wir seither diskutieren.
treffen, Herr Scheelen; getroffen haben Sie aber den Mit-
telstand, den großflächigen Einzelhandel, innovative Um was geht es? Es ist eine neue Koalition gebildet
Unternehmen, die auf Fremdmittel angewiesen sind. worden. Die FDP, die schon immer strikt für die Ab-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4467
Dr. Axel Troost
(A) schaffung der Gewerbesteuer war, ist Teil dieser Koali- Ich möchte betonen: In der Finanzwissenschaft gab es, (C)
tion. zumindest zu meinen Studienzeiten, nicht nur das Prinzip
der Leistungsfähigkeit, sondern es gab im Kommunalbe-
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Für die Ersetzung!) reich auch ein zweites Prinzip: das Prinzip der Äquiva-
lenz. Unternehmen nutzen öffentliche Leistungen, zum
– Sie wollen sie abschaffen und durch etwas anderes er-
Beispiel Straßen, und dafür müssen sie als Äquivalent ei-
setzen; das ist klar. Darauf komme ich gleich zu spre-
nen steuerlichen Beitrag leisten. Ich glaube, dass unser
chen. Aber zunächst einmal wollen Sie die Abschaffung
Antrag in genau die richtige Richtung zielt. Wir wollen
der Gewerbesteuer. – Diese Forderung konnte man na-
alle unternehmerisch Tätigen, einschließlich freier Be-
türlich nicht in dieser Form in den Koalitionsvertrag auf-
rufe wie Ärzte, Anwälte und vieler anderer, in die Steuer-
nehmen, weil es dagegen auch Widerstände gab. Also
pflicht einbeziehen, natürlich mit steuerlichen Freigren-
hat man gesagt: Wir setzen eine Kommission ein. Dort
zen; das ist völlig klar.
darf es keine Denkverbote geben. Alle Vorschläge müs-
sen geprüft werden. Am Schluss müssen wir entschei- Für den Einzelnen hat das übrigens nur eine bedingte
den, was zu tun ist. Mehrbelastung zur Folge, weil die steuerlichen Beiträge,
die in Form der Gewerbesteuer bzw. der Gemeindewirt-
Es sind schon einige Zahlen genannt worden. Herr schaftsteuer geleistet werden, mit der Einkommensteuer
Schaidinger, Ihr Kollege von der CSU, der Oberbürger- verrechnet werden. Die zusätzliche Belastung ist also
meister von Regensburg und gleichzeitig Präsident des gar nicht so hoch. Ich glaube, dass die Weiterentwick-
Bayerischen Städtetages ist, hat einmal ausgerechnet, lung der Gewerbesteuer zu einer Gemeindewirtschaft-
was es Regensburg kosten würde, den Verlust seiner Ge- steuer der einzige Weg ist, zu einer wirklichen Stabilisie-
werbesteuereinnahmen zu kompensieren. Er kam zu rung der Kommunalfinanzen beizutragen.
dem Ergebnis, dass die Stadt Regensburg die gleichen
Einnahmen wie bisher nur dann erzielen würde, wenn (Beifall bei der LINKEN)
der Mehrwertsteuersatz nicht mehr 19 Prozent, sondern
Über den letzten Punkt, den ich ansprechen möchte,
24,3 Prozent betragen würde. Als er dieses Ergebnis auf
wurde im Finanzausschuss besonders kritisch diskutiert:
die Einnahmen aus der Einkommensteuer übertragen
Er hat dazu geführt, dass sich Grüne und SPD enthalten
hat, kam er zu dem Ergebnis, dass je Einkommensteuer-
haben. Die Antwort auf die Frage, was der Bund ganz
zahlerin und -zahler im Durchschnitt 2 000 Euro mehr
kurzfristig tun kann, um die katastrophale Finanzlage
im Jahr aufzubringen wären. Das sind die Größenord-
der Kommunen zu verbessern, kann aus unserer Sicht
nungen, über die wir reden.
nur lauten: Wir müssen die Aussetzung der Gewerbe-
(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Genau! So ist es!) steuerumlage an den Bund beschließen. Das ist kurzfris-
(B) tig zu beschließen. Das bedeutet, dass sofort mehr Geld (D)
Weil das dem einen oder anderen vielleicht noch nicht bei den Kommunen bleibt.
schlimm genug erscheint, möchte ich erwähnen: In ir-
gendeiner Konstellation wird man sicherlich auch wie- (Beifall bei der LINKEN – Andreas Mattfeldt
der an die Einkommensteuer herangehen und den [CDU/CSU]: Vorschlag für die Gegenfinanzie-
Waigel-Buckel abschaffen. Wir wissen, dass dies mit rung auf Bundesebene?)
Rieseneinnahmeverlusten verbunden wäre. Das würde Man muss das vielleicht nicht auf Dauer machen; aber in
die Kommunen, wenn sie ausschließlich von den Ein- der jetzigen Situation würde es erst einmal die katastro-
nahmen aus der Einkommensteuer abhängig wären, phale Lage der Kommunen wenigstens ein bisschen ver-
massiv treffen. Insofern darf man in allen Berechnungen, bessern.
die man anstellt, nicht nur vom Istzustand ausgehen,
sondern muss auch fragen: Was wird im Einkommen- Danke schön.
steuerrecht zukünftig passieren, und welche Konsequen- (Beifall bei der LINKEN)
zen hat das für die Einnahmen der Kommunen?
Mit unserem Antrag orientieren wir uns im Wesentli- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
chen an den Vorstellungen des Deutschen Städtetages. Das Wort hat jetzt der Kollege Peter Aumer von der
Es geht wohlgemerkt nicht – das ist ja der Witz – um den CDU/CSU-Fraktion.
Erhalt der Gewerbesteuer, weil wir wissen, wie schwach
sie ist, (Beifall bei der CDU/CSU)

(Katrin Kunert [DIE LINKE]: Richtig!) Peter Aumer (CDU/CSU):


sondern es geht um eine Weiterentwicklung der Gewer- Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
besteuer. Wir wollen gewährleisten, dass die Einnahmen ren! Ich denke, wir alle haben das gleiche Ziel.
aus der Gewerbesteuer nicht mehr so konjunkturabhän- (Katrin Kunert [DIE LINKE]: Das glaube ich
gig sind und dass man nicht von einzelnen Betrieben ab- nicht!)
hängig ist. Im Prinzip geht es um die Ausweitung der
Bemessungsgrundlage und um die Einbeziehung aller – Sie glauben es nicht. – Das Ziel ist das Wohlergehen un-
unternehmerisch Tätigen in der Bevölkerung. serer Kommunen. Wenn Sie von den Linken das ideolo-
gisch sehen, dann kommen wir nie zu einer guten Lösung
(Beifall bei der LINKEN) zusammen. Wir ringen in der Regierungskommission da-
4468 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Peter Aumer
(A) rum, eine tragfähige, zukunftsfähige Lösung zu finden. Des- Zum einen müssen die Einnahmen der Kommunen (C)
wegen hilft Populismus in solchen Diskussionen nichts. unabhängiger von der konjunkturellen Entwicklung ge-
macht werden als bisher. Die Gewerbesteuereinnahmen
(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Ist der Regensbur- sind für die kommunalen Haushalte nicht immer planbar
ger Oberbürgermeister Populist?) und verlässlich. Deswegen müssen wir eine beständige
– Ich komme aus Regensburg. und verlässliche Grundlage schaffen.
Zum anderen dürfen aber Kapital und Liquidität der
Ich rede über die Anträge, die Sie gestellt haben. Das Unternehmen in Verlustjahren nicht zusätzlich belastet
Bundeskabinett hat am 24. Februar eine Regierungs- werden. Deswegen werden in der Kommission auch
kommission eingesetzt. Wir arbeiten daran, dass wir bis Maßnahmen zur Aufkommensstabilisierung unter Fort-
zum Sommer zukunftsfähige Vorschläge auf den Weg bestand der Gewerbesteuer geprüft und erarbeitet, die
bringen. Sie kommen aber mit Vorschlägen, die nicht nicht zugleich die Attraktivität unseres Standorts beein-
durchgerechnet und nicht durchdacht sind. Ich denke, trächtigen.
damit legen Sie ein Stück weit Populismus an den Tag.
In der Kommission werden alle Vorschläge auf ihre
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Realisierbarkeit hin geprüft, und sie müssen gemeinsam
mit den Kommunen mit Blick auf die Umsetzbarkeit be-
Auf der Tagesordnung der eingesetzten Kommission raten werden. Wir, die CSU, haben uns festgelegt: Gegen
findet man – anders als in Ihren Anträgen – nicht nur den Willen der Kommunen wird eine Neuordnung der
punktuelle Ad-hoc-Lösungen: Die Kommission kümmert Kommunalfinanzen nicht Gesetz werden.
sich im Gesamtzusammenhang um unsere Kommunen.
Sie will – das ist ihr grundsätzlicher Ansatz – die Grund- (Beifall des Abg. Dr. Carsten Sieling [SPD])
lagen der kommunalen Finanzen stärken, und zwar gleich
Dies halte ich für unseren Auftrag.
in mehrfacher Hinsicht. Es geht in diesem Zusammen-
hang um die kommunalen Finanzquellen, um größere Ge- Zuvor hat Herr Scheelen über das Fundament gespro-
staltungs- und Entscheidungsspielräume bei der Erfül- chen, das die Kommunen bilden. Ich habe vorhin im
lung der kommunalen Aufgaben sowie um größere Kürschner nachgeschaut, wie viele Kommunalpolitiker
Beteiligung der Kommunen an der Gesetzgebung. Genau in unserer Fraktion tätig sind. Ich halte es für unser aller
das brauchen unsere Kommunen. Entsprechende Vor- Anliegen, geordnete Verhältnisse der kommunalen Haus-
schläge zu entwickeln, ist der Auftrag dieser Kommis- halte gewährleisten zu können. Deswegen ist diese Art
sion. des Populismus, des Aufeinandereindreschens und des
Streits, wer denn da die besseren Lösungen findet, nicht
(B) Für die Kommunalfinanzen gilt: Viele Probleme sind der richtige Weg. Wir sollten um die besten Lösungen (D)
eine Folge der tiefgreifenden Finanz- und Wirtschafts- streiten. Dafür sind wir gewählt worden; dazu werden die
krise; wir haben aber auch ein strukturelles Problem, das Kommission und auch wir einen Beitrag leisten. Ich
sich über eine längere Zeit entwickelt hat. Gerade des- hoffe, dass wir dabei konstruktiv zusammenarbeiten und
wegen ist es wichtig und richtig, dass die Aufarbeitung die besten Lösungen finden können.
dieser Probleme und die Erarbeitung von Lösungsvor-
schlägen gemeinsam mit Vertretern der Länder und Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
Kommunen sowie der kommunalen Spitzenverbände er- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
folgen; das ist das Ziel. Herr Dr. Troost, die kommuna- Dr. Carsten Sieling [SPD]: Machen Sie doch
len Spitzenverbände sind daher dabei. Die Einwände des Bürokratieabbau! Lassen Sie die Kommission
Regensburger Oberbürgermeisters sind berechtigt und ganz sein!)
richtig. Wir müssen eine gute Reform auf den Weg brin-
gen.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Es ist die Stärke der Gemeindefinanzkommission, Abschließend hat die Kollegin Antje Tillmann von
dass die Sachnähe und Kompetenz der Kommunen und der CDU/CSU-Fraktion das Wort.
der kommunalen Spitzenverbände genutzt werden. Die (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Gemeindefinanzkommission hat ihre Arbeit mit hoher
Dringlichkeit aufgenommen. Schon im Sommer sollen
erste Ergebnisse zur Neuordnung der Kommunalfinan- Antje Tillmann (CDU/CSU):
zen vorgelegt werden. Schnelligkeit darf aber nicht vor Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
Sachlichkeit und Sorgfalt gehen. Verehrte Zuhörer! Herr Kollege Troost, Frau Kollegin
Kunert! Jetzt hätte ich gern noch den Kollegen Scheelen
Ziel der Arbeit der Gemeindefinanzkommission ist angesprochen; der hat aber anscheinend keine Lust
es, zum einen für die Kommunen stabile und planbare mehr, über Kommunalfinanzen zu sprechen. Insgesamt
Einnahmen zu schaffen. Zum anderen soll und muss das fällt auf, dass die SPD prozentual bei dieser Debatte am
kommunale Selbstverwaltungsrecht erhalten bleiben. schlechtesten vertreten ist.
Bei der ganzen Debatte um die Kommunalfinanzen ist es
(Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Peinlich!
aber auch wichtig, dass die lokale Bindung zwischen
Sehr beschämend!)
Wirtschaft und Kommunen – Herr Dr. Troost, Sie haben
das Äquivalenzprinzip angesprochen – erhalten bleibt. Das zeigt ein bisschen, wie Ihr Interesse an den Kommu-
Dabei müssen zwei Anforderungen erfüllt werden: nalfinanzen ist.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4469
Antje Tillmann
(A) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) den der Bund die arbeitsmarktliche Verantwortung trägt. (C)
Wir sind zuständig für den Anteil, der sich an den Be-
Lieber Kollege Troost, ist Ihnen eigentlich aufgefal- darfsgemeinschaften orientiert. Aber Sie wissen auch,
len, dass Ihrem Titel „Abgeordneter“ das Wort „Bundes- dass das Thema noch nicht gegessen ist. Im Vermitt-
tag“ – Sie sind Bundestagsabgeordneter – vorangestellt lungsverfahren werden wir selbstverständlich auch über
ist? Sie sind vorrangig Abgeordneter des Bundestages, die Verteilung dieser Kosten noch einmal reden müssen.
und das sage ich nicht deshalb, weil ich Ihnen vorwerfen
will, dass Sie sich für Kommunen engagieren. Nein, das Sie erwähnen als zweiten Punkt Soforthilfen für Kom-
ist gut und richtig, das tun unsere Kolleginnen und Kol- munen. Sie nennen aber keine Summe. Ich nehme einfach
legen auch. Ich selber bin über lange Jahre Kommunal- einmal den Betrag aus dem Konjunkturprogramm, den
politikerin gewesen. wir den Kommunen als Soforthilfe zur Verfügung gestellt
haben. Die Kommunen haben im letzten Jahr 10 Milliar-
Es ist absolut richtig, auf die Situation der Kommu- den Euro aus diesem Programm bekommen; diese Mittel
nen hinzuweisen. Ein Schuldenstand von 110 Milliar- wurden um den Anteil der Länder, 3 Milliarden Euro, er-
den Euro bei den Kommunen ist bedrohlich. Es ist in gänzt. Sollten wir das erneut tun, würden wir unsere Ver-
vielen Reden darauf hingewiesen worden, wie die finan- schuldung von 80 auf 90 Milliarden erhöhen. Das ergäbe
zielle Situation ist. Ihr Engagement werfe ich Ihnen einen Anteil von 0,3 Prozent, den wir noch hinzurechnen
nicht vor. Allerdings halte ich es für bedenklich, dass Sie müssten. Dies bedeutete ein Scheitern bei der Schulden-
die Situation des Bundes in Ihrem Antrag mit keinem begrenzung, die wir zugesagt haben und wofür wir in der
einzigen Wort erwähnen. Ihr Antrag tut so, als könne der Europäischen Union auch in der Verpflichtung stehen.
Bund aus seinem großen Füllhorn von Einnahmen alle
Probleme der Kommunen ohne weiteres lösen, was aber Ich bin auch sicher, dass es den Kommunen darauf
allein daran scheitere, dass wir böswillig die Kommunen gar nicht ankommt. Die Kommunen wollen keine Zu-
schlecht dastehen lassen wollen. satzprogramme des Bundes, bei denen wir im Deutschen
Bundestag festlegen, was sie mit diesen Mitteln tun müs-
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Wir haben sen.
auch andere Anträge mit anderen Steuervor-
schlägen! – Katrin Kunert [DIE LINKE]: Wir (Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Richtig!)
könnten ja die Millionärssteuer einführen, zum
Beispiel!) Selbstverständlich sind wir uns mit den kommunalen
Vertretern auch einig geworden, dass der Schwerpunkt
– Über das alles können wir gerne diskutieren; auch das auf kindliche Bildung und Infrastruktur sinnvoll ist.
können wir in dieser Kommission gern bereden. In Ih- Aber tatsächlich wollen die Kommunen gerne selbst ent-
(B) rem Antrag steht das alles aber nicht. In Ihrem Antrag scheiden – das können sie auch, weil sie näher an den (D)
steht in fünf Punkten, was Sie dem Bund zumuten wol- Menschen sind –, was sie mit ihren Einnahmen machen.
len, damit die Situation der Kommunen verbessert wird. Sie brauchen eine Einnahmequelle, die nicht mit Pro-
Genau da werden wir uns nicht einig, Frau Kollegin grammen verbunden ist. So können sie vor Ort selber
Kunert. Sie wissen doch selbst, dass der Bund bei einem verantwortlich reagieren.
Defizit von 5 Prozent in diesem Jahr und bei einem Ge-
samtschuldenstand von 73 Prozent in einer noch sehr (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
viel schlechteren Situation ist als die Kommunen. Ein weiterer Punkt ist die Altschuldenhilfe. Welch in-
(Katrin Kunert [DIE LINKE]: Bei der Be- tensive Mühe Sie sich bei der Erarbeitung Ihres Antrags
steuerung wundert mich das nicht!) gegeben haben, kann man auch in diesem Punkt erken-
nen; denn es wird keine Zahl genannt. Sie schreiben mit
Daher meine ich: So einfach, wie Sie es in Ihrem Antrag keinem Wort, wie Sie sich die Umsetzung vorstellen. Sie
schreiben, ist es eben nicht. schreiben nicht, ob es eine Zinshilfe oder eine Entschul-
dung sein soll. Soll der Bund nach Ihrer Auffassung die
Ich hätte dem Kollegen Scheelen auf seine Frage, ob Schulden der Kommunen in Höhe von 110 Milliarden
wir auf irgendetwas aus der Zeit der Großen Koalition Euro übernehmen? In diesem Jahr hätten wir damit ein
stolz sind, gern noch geantwortet: Ja, das bin ich. Dass Defizit von 200 Milliarden Euro und ein prozentuales
wir die Schuldenbremse zusammen beschlossen haben, Defizit in Höhe von 9 Prozent, gemessen am BIP. Da ist
halte ich für eine gute Entscheidung. Aber die Schulden- Griechenland nicht mehr weit.
bremse ist bisher nur Papier, und Sie müssen natürlich
mit uns gemeinsam diesem Papier auch Taten folgen las- Zu den völlig unüberlegten Vorschlägen, die Sie in Ih-
sen. Wir werden mit dem Haushalt 2011 in die Schul- rem Antrag machen, gehört auch die Abschaffung der
denbremse einsteigen. Ich hoffe sehr, dass Sie sich noch Gewerbesteuerumlage von den Gemeinden an die Län-
daran erinnern, dass wir das gemeinsam geschafft haben, der. Das ist der vierte Vorschlag in Ihrem Antrag. Ihnen
und dass Sie dann auch bei den Taten entsprechende Be- ist entgangen, dass der Deutsche Bundestag nicht auf
schlüsse folgen lassen. Einnahmen der Länder verzichten kann. Es geht also
schon rein rechtlich nicht, was Sie da verlangen.
Der Antrag der Linken steht jedenfalls unter dem
Motto „Der Bund wird es schon richten“. Das beginnt Ich würde gerne Ihren Blick auf das Jahr 1970 lenken.
bei den Kosten der Unterkunft, bei denen Sie behaupten, Im Jahr 1970 ist die Gewerbesteuerumlage nämlich nicht
der Bund ziehe sich aus der Verantwortung. Tatsächlich auf Antrag des Bundes eingeführt worden, sondern auf
zahlen wir 26 Prozent der Kosten. Das ist der Anteil, für Antrag der Kommunen, die schon damals festgestellt ha-
4470 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Antje Tillmann
(A) ben, dass die Gewerbesteuer sehr schwankungsanfällig hingewiesen –, dass eine Anrechnung auf die Einkom- (C)
ist. Damals haben die Kommunen darum gebeten, einen mensteuer erfolgt. Mir als Steuerberaterin tut das nicht
Anteil an der Einkommensteuer zu bekommen, die weit- weh, mich kostet die Gewerbesteuer keinen Cent. Ich
aus weniger schwankungsgefährdet ist. kann das bei der Einkommensteuer wieder abziehen. Es
kommen also auch in dieser Hinsicht erhebliche Minder-
Wenn wir die Gewerbesteuerumlage abschaffen woll- einnahmen bei der Einkommensteuer auf uns zu.
ten, dann müssten wir nicht nur sagen, wie die Minder-
einnahmen in Höhe von 2 Milliarden Euro kompensiert Wir sollten das diskutieren. Dafür haben wir diese
werden sollen, sondern wir müssten auch gleichzeitig Kommission auf Bundesebene eingesetzt. Zum Ergebnis
die Kommunen darüber informieren, dass ihr Anteil an habe ich noch keine Meinung. Ich glaube, die Gewerbe-
der Einkommensteuer mit dieser Vereinbarung obsolet steuer auch nach sieben Jahren zum fünften oder sechs-
ist. ten Mal zu diskutieren, ist richtig. Falls wir mit den
Kommunen zu keinem gemeinsamen Ergebnis kommen
Ich nenne Ihnen ein praktisches Beispiel für die Fol- – das steht bereits im Kommissionsbericht –, wird keine
gen einer Abschaffung der Gewerbesteuerumlage. Da sie
Veränderung vorgenommen. Ich halte es für schwierig,
prozentual aus den Einnahmen bestritten wird, sind na- für die Gewerbesteuer einzutreten, aber immer dann,
türlich jene Städte besonders bevorzugt, die am wenigs- wenn es Probleme gibt, den Bund aufzufordern, etwas
ten Probleme mit der Gewerbesteuer haben. Wer die
Geld nachzuschießen; denn das ist meist dann der Fall,
höchsten Gewerbesteuereinnahmen hat, zahlt auch die wenn dem Bund das Wasser ähnlich bis zum Halse steht.
höchste Gewerbesteuerumlage. Ein kleiner Vergleich:
Die Stadt Coburg hat ein Gewerbesteueraufkommen von Ich kann sehr gelassen den Bericht abwarten, der hof-
2 668 Euro pro Einwohner und die Stadt Weimar von fentlich noch vor der Sommerpause als Zwischenbericht
191 Euro. Ich sehe nicht, dass die Stadt Weimar weniger veröffentlicht wird. Die Kommission hat gegenüber der
finanzielle Probleme hat als Coburg. Sie wollen mit der Debatte in diesem Haus den großen Vorteil, dass die Ge-
Abschaffung der Gewerbesteuerumlage nur den reichen meinden mitreden können. Hier reden wir über die Ge-
Städten Geld zurückgeben. Das ist keine Lösung des meinden und nicht mit den Gemeinden. Ich würde sehr
Problems. gerne mit der Kommission und den Kommunen über die
Probleme reden. Ich glaube, wir sollten den Bericht ab-
(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Axel Troost
warten. Wir werden die Vorschläge sehr intensiv disku-
[DIE LINKE]: Sie wollen gar nichts tun! Das
tieren und feststellen, ob nicht der eine oder andere Vor-
ist der Unterschied! – Andreas Mattfeldt
schlag aus Ihrem Antrag, Frau Haßelmann, umzusetzen
[CDU/CSU]: Sehr gutes Argument!)
ist, aber jeweils unter Berücksichtigung der Auswirkung
(B) Mein letzter Punkt sind die Hinzurechnungen. Ich auf den Bundeshaushalt. Dazu gehört ehrlicherweise, (D)
hätte auch da gerne den Kollegen Scheelen angespro- dass wir dann bei den Beratungen für den Haushalt 2011
chen, weil bei den Hinzurechnungen nicht das Problem für diese 3 Milliarden Euro, die im Bundeshaushalt weg-
der Steuertrickserei und auch nicht das Problem der Ge- fallen, eine Gegenfinanzierung finden müssen, damit wir
staltungsmodelle existieren. Ein Ladenlokal, das vo- die Schuldenbremse, die bisher ja nur auf dem Papier
rübergehend Umsatzeinbrüche zu verzeichnen hat, aber steht, auch tatsächlich mit Leben erfüllen. Ich glaube,
trotzdem die Mieten und Pachten zahlen muss, zahlt die dass uns hier das Ergebnis der Kommission die richtige
Gewerbesteuer aus der Substanz. Wenn man kein Geld Richtung weist.
mehr nachschießen kann, dann ist die einfachste Lösung
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
die Entlassung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Deshalb bin ich beim Vorschlag, die Substanzbesteue-
rung auszudehnen, sehr vorsichtig. Ich will nicht verheh- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
len, dass es kurzfristig ein Erfolg sein kann, aber lang- Ich schließe die Aussprache.
fristig sollten wir Unternehmen nur dann mit Steuern
belasten, wenn Gewinne tatsächlich eingefahren werden. Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 17/1744 und 17/1764 an die in der Ta-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Aus meiner Sicht ist Ihr Antrag keiner, den man aus Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
Sicht eines Bundestagsabgeordneten verantwortlich dis- sind die Überweisungen so beschlossen.
kutieren kann. Das ist anders beim Antrag der Grünen. – Beschlussempfehlung des Finanzausschusses zu dem
Frau Haßelmann hört gar nicht, dass ich ihren Antrag ge- Antrag der Fraktion Die Linke mit dem Titel: „Für eine
rade lobe. Verstetigung der Kommunalfinanzen – Die Gewerbe-
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- steuer zur Gemeindewirtschaftsteuer weiterentwickeln“.
NEN]: Doch! Das habe ich gehört!) Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung
auf Drucksache 17/1783, den Antrag der Fraktion Die
– Gut. – Im Antrag der Grünen gibt es selbstverständlich Linke auf Drucksache 17/783 abzulehnen. Wer stimmt
Punkte, denen ich zustimmen kann. Ja, die Körperschaft- für diese Beschlussempfehlung? – Gegenstimmen? –
steuer ist ähnlich schwankungsanfällig wie die Gewerbe- Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung ist mit den
steuer. Ich kann sehr gut damit leben, dass wir überprü- Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen
fen, ob Freiberufler in die Gewerbesteuer aufzunehmen der Fraktion Die Linke bei Enthaltung von SPD und
sind. Aber das Problem ist – Herr Troost hat eben darauf Bündnis 90/Die Grünen angenommen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4471
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Ich rufe die Tagesordnungspunkte 29 a und 29 b auf: bei der bandenmäßigen Hinterziehung von Umsatz- und (C)
Verbrauchsteuern.
a) Beratung des Antrags der Fraktionen der CDU/
CSU und der FDP Das Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikations-
überwachung nimmt erstmals diesen qualifizierten Tat-
Steuerhinterziehung wirksam und zielgenau bestand in den Katalog des § 100 a Strafprozessordnung
bekämpfen auf, womit ohne Wissen der Betroffenen eine Telekom-
– Drucksache 17/1755 – munikationsüberwachung und -aufzeichnung ermöglicht
wird. Damit haben wir erstmals im Steuerstrafrecht die
Überweisungsvorschlag: Möglichkeit der Telekommunikationsüberwachung für
Finanzausschuss (f)
Auswärtiger Ausschuss
besonders schwere Steuerhinterziehungstatbestände. Das
Rechtsausschuss hat es vorher nicht gegeben. Wir haben die Verjährungs-
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie frist für besonders schwere Fälle der Steuerhinterzie-
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union hung auf zehn Jahre erhöht.
Haushaltsausschuss
Neben dem Gesetzgeber war auch die Steuerfahndung
b) Beratung des Antrags der Abgeordneten in Deutschland erfolgreich. Jahr für Jahr haben wir rund
Dr. Gerhard Schick, Dr. Thomas Gambke, Britta 40 000 Verfahren, davon 17 000 Strafverfahren, und
Haßelmann, weiterer Abgeordneter und der Frak- Mehreinnahmen in Milliardenhöhe.
tion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Auch die Rechtsprechung bekämpft die Steuerhinter-
Steuerhinterziehung wirksam bekämpfen ziehung energisch. Der Bundesgerichtshof hat jetzt die
Strafzumessungsregelungen bei der Steuerhinterziehung
– Drucksache 17/1765 – präzisiert. Der Strafrahmen von zehn Jahren ist nach An-
Überweisungsvorschlag: sicht unserer Fraktion ausreichend; aber bei dem einen
Finanzausschuss (f) oder anderen Urteil empfindet man mitunter dessen Aus-
Rechtsausschuss
schöpfung als etwas unzureichend. Der Bundesgerichts-
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die hof hat deshalb jetzt entschieden, dass Freiheitsstrafen be-
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. Gibt es Wi- reits ab Hinterziehungssummen von 50 000 Euro möglich
derspruch dagegen? – Das ist nicht der Fall. Dann ist das sind, ab Hinterziehungssummen von 100 000 Euro uner-
so beschlossen. lässlich sind, allerdings beim Ersttäter noch zur Be-
währung ausgesetzt werden. Bei Hinterziehungen in
Ich erteile als erstem Redner dem Kollegen Manfred Millionenhöhe schließt der Bundesgerichtshof künftig
Kolbe von der CDU/CSU-Fraktion das Wort. die Möglichkeit einer Strafaussetzung zur Bewährung
(B) aus. Wer also Steuern in Millionenhöhe hinterzieht, sitzt (D)
(Beifall bei der CDU/CSU)
tatsächlich.

Manfred Kolbe (CDU/CSU): Steuerhinterziehung findet nicht nur im nationalen


Bereich, sondern auch im internationalen Bereich statt,
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten weil grenzüberschreitend steuerliche Sachverhalte natür-
Damen und Herren! Taxes are what we pay for a civi- lich schwieriger zu erfassen sind und sogenannte Steuer-
lized society – Steuern sind unser Beitrag für eine zivi- oasen dies bisher durch eine Verweigerung der Zusam-
lisierte Gesellschaft. Das steht über dem Eingang der menarbeit begünstigt haben.
amerikanischen Steuerbehörde IRS. Meines Erachtens
könnte diese Aussage auch über jedem deutschen Zentrales Ziel aller Bundesregierungen war es deshalb,
Finanzamt stehen: Steuern sind die finanzielle Grund- den sogenannten OECD-Standard möglichst weitgehend
lage unseres Gemeinwesens. durchzusetzen, wonach für die Besteuerung relevante In-
formationen auf Ersuchen ausländischer Steuerbehörden
(Ute Kumpf [SPD]: Das sieht der Herr Solms zur Verfügung gestellt werden müssen. Zwar akzeptierte
aber nicht so!) die Mehrzahl der Steueroasen den OECD-Standard, ver-
weigerte dann jedoch dessen Umsetzung.
Das heißt auch: Eine zivilisierte Gesellschaft muss sich
gegen diejenigen wehren, die sie ausnutzen und schädi- Hier haben wir auf dem G-20-Gipfel im April 2009 ei-
gen, sowohl durch Steuerhinterziehung auf der Einnah- nen Durchbruch erzielt. Durch die Androhung „schwar-
menseite als auch durch Leistungsbetrug auf der Ausga- zer“ bzw. „grauer“ Listen haben sich jetzt alle bedeuten-
benseite. den internationalen Finanzzentren bereit erklärt, diesen
OECD-Standard anzuerkennen. So weit unser Tätigwer-
Die unionsgeführte Große Koalition und die jetzt re- den auf internationaler Ebene.
gierende christlich-liberale Koalition haben deshalb
zahlreiche gesetzgeberische Maßnahmen zur Bekämp- Ich sage Ihnen auch, was wir auf internationaler
fung der Steuerhinterziehung auf den Weg gebracht, Ebene im Gegensatz zum vorherigen Finanzminister
deutlich mehr als die rot-grünen Vorgängerregierungen nicht tun werden. Wir werden nicht mehr völlig Un-
von 1998 bis 2005. schuldige und an Steuerhinterziehung völlig Unbetei-
ligte wie etwa die Indianer oder die Republik Burkina
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Faso mit ihrer Hauptstadt Ouagadougou beleidigen. Das
ist – das sagen wir ganz deutlich – nicht unsere Politik.
Wir haben durch den neuen § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 5
Abgabenordnung endlich eine wirksame Strafverfolgung (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
4472 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Manfred Kolbe
(A) Suaviter in modo, fortiter in re – maßvoll im Ton, hart in (Nicolette Kressl [SPD]: Anders als Sie lernen (C)
der Sache: So ist die Politik der christlich-liberalen Bun- wir dazu!)
desregierung.
Auch Herr Schick sollte hier einmal zuhören.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Dr. Gerhard Schick [BÜNDNIS 90/DIE
Gerade in jüngster Zeit haben die Bundeskanzlerin GRÜNEN]: Ich höre Ihnen stets zu!)
und auch der Bundesfinanzminister beim Ankauf der Das war eine Maßnahme der rot-grünen Regierung. Da-
Steuersünder-CD sofort energisch gehandelt. Sofort mals wollte man Steuerhinterziehern bei einer straf-
nachdem dies bekannt geworden ist, hat die Bundes- befreienden Erklärung einen ermäßigten Steuersatz von
kanzlerin am 1. Februar gesagt – ich zitiere –: 25 bzw. 35 Prozent einräumen. Wenn wir das jetzt vor-
Vom Ziel her sollten wir, wenn diese Daten relevant schlagen würden, würden Sie uns in der Luft zerreißen.
sind, auch in ihren Besitz kommen. Jeder vernünf- Das war rot-grüne Steuerhinterziehungsbekämpfungs-
tige Mensch weiß, dass Steuerziehung geahndet politik.
werden muss. Meine Fraktion geht seit jeher den richtigen Mittel-
So weit das Zitat der Bundeskanzlerin. Hier wurde also weg.
nicht moderiert, meine Damen und Herren von den So- (Lachen bei der SPD – Dr. Gerhard Schick
zialdemokraten, sondern Führungsstärke bewiesen. [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Egal, wo die
Der Ankauf dieser CD ist natürlich nicht ganz unpro- Mitte ist!)
blematisch. Die Frage, ob fehlerhaft gewonnene Be- Wir treten einerseits für die grundsätzliche Beibehaltung
weise, hier ein rechtswidrig gewonnenes Beweisstück, der strafbefreienden Selbstanzeige gemäß § 371 Abga-
prozessual verwertet werden dürfen oder ob wir zu ei- benordnung ein, möchten aber andererseits dort, wo die
nem sogenannten Beweisverwertungsverbot kommen, Selbstanzeige mit krimineller Energie von Anfang an be-
ist natürlich eine schwierig zu beantwortende Frage des reits Teil einer Hinterziehungsstrategie ist, engere
Strafrechts und des Strafprozessrechts. Aber wir haben Schranken setzen.
diese Frage entschieden, und zwar richtig.
Die strafbefreiende Selbstanzeige ist der verfassungs-
Mittlerweile werden die deutschen Finanzämter auf- rechtlich anerkannte Weg zurück in die Steuerehrlich-
grund dieser ersten CD sowie weiterer angebotener CDs keit. Die Regelungen des § 371 Abgabenordnung beru-
mit Selbstanzeigen geradezu überflutet. Seit Jahresbe- hen sowohl auf fiskalpolitischen als auch auf
ginn sind knapp 20 000 Selbstanzeigen eingegangen. kriminalpolitischen Zielsetzungen. Fiskalpolitisch wol-
(B) Diese sollen bisher zu Mehreinnahmen von rund 4 Mil- len wir damit bisher verheimlichte Steuerquellen er- (D)
liarden Euro geführt haben. Nur rund 15 Prozent dieser schließen, die auch eine verstärkte Finanzverwaltung
Selbstanzeigen stehen im direkten Zusammenhang zu nicht aufspüren könnte. Kriminalpolitisch wird damit
den angekauften CDs. 85 Prozent sind reine Folgewir- dem Prinzip der tätigen Reue Rechnung getragen. Wer
kungen aufgrund der Möglichkeit der strafbefreienden die Wirkung einer Tat rückgängig macht, wird milder
Selbstanzeige. behandelt. Die strafbefreiende Selbstanzeige ist kein
deutsches Sonderrecht, sondern es gibt sie in ähnlicher
Damit ergibt sich unserer Ansicht nach auch ganz klar Form auch in den meisten anderen europäischen Staaten
die Antwort auf die Frage, wie wir mit dem Gesetzent- und den USA. So weit zur grundsätzlichen Bejahung des
wurf der SPD verfahren sollen, der ja die strafbefreiende § 371 Abgabenordnung.
Selbstanzeige nach § 371 Abgabenordnung ersatzlos ab-
schaffen will. Dies lehnen wir ab. Wir meinen, der Ge- Wir sagen aber auch: Die Flut der Selbstanzeigen
setzentwurf ist etwas schlicht. Man muss sich Gedanken – gerade nach dem Ankauf der CD mit Daten über Steu-
machen ersünder – zeigt, dass nicht immer, um es vorsichtig zu
sagen, nur ehrliche Reue der ausschlaggebende Grund
(Manfred Zöllmer [SPD]: Aber die richtigen! – für die Steuerehrlichkeit war. Vielmehr war es oft die
Ute Kumpf [SPD]: Und nicht zu lange, Herr Angst vor Entdeckung oder das Nichtaufgehen einer
Kollege!) kühl kalkulierten Hinterziehungsstrategie. Wir wollen
über die strafbefreiende Selbstanzeige, über die krimi- die Erkenntnisse aus den letzten Monaten dazu nutzen,
nalpolitischen Zielsetzungen einerseits und die fiskal- das Institut der strafbefreienden Selbstanzeige zu über-
politischen Zielsetzungen andererseits. Diese stehen prüfen. Wir wollen dieses Institut erhalten, aber es darf
– das sei zugegeben – zum Teil im Widerspruch. Aber nicht mehr als Mittel einer Hinterziehungsstrategie miss-
einfach zu sagen „Weg damit!“, damit machen Sie es braucht werden. Deshalb haben wir in unserem Antrag
sich etwas zu einfach. Das ist nicht unser Weg. einige Prüfwünsche und mögliche Änderungen aufge-
zeigt. Wir bitten die Bundesregierung, diese Vorschläge
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) mit ihrem Sachverstand, sicherlich gemeinsam mit den
Ländern, zu prüfen.
Ich möchte kurz an die Historie erinnern – Frau
Kressl, Sie werden es noch wissen –: Als Rot-Grün noch Erstens. Wir wollen die Teilselbstanzeige ausschlie-
regierte, wurde ein völlig anderer Weg gegangen. Ich er- ßen. Wer Selbstanzeige erstattet, muss sich vollständig
innere an die Brücke in die Steuerehrlichkeit. Das war offenbaren. Er darf nicht scheibchenweise nur die Taten
die Amnestie aus dem Jahre 2003. nennen, deren Entdeckung er möglicherweise befürchtet,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4473
Manfred Kolbe
(A) sich beispielsweise, wenn das Land A gerade besonders stattfand, ist zu entscheiden, ob die Strafbefreiung ein- (C)
im Fokus ist, nur für das dort deponierte Geld erklären, tritt oder nicht –, oder reicht der Zugang der Betriebsprü-
das Geld in Land B und C aber weiterhin verheimlichen. fungsanordnung aus?
Drittens. Wir denken auch über einen Zuschlag zu
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: den Hinterziehungszinsen nach,
Erlauben Sie eine Zwischenfrage des Kollegen
Montag, Herr Kolbe? (Beifall des Abg. Jerzy Montag [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN])
Manfred Kolbe (CDU/CSU): damit derjenige, der hinterzieht, nicht besser als derje-
Jawohl. nige behandelt wird, der zwar deklariert, aber aus ir-
gendwelchen Gründen nicht zahlt.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Das ist eine Reihe von Prüfaufträgen an das BMF, die
Herr Kolbe lässt die Zwischenfrage zu. – Bitte. uns in den nächsten Monaten beschäftigen wird, aber die
eine gute Lösung dieses Problems in Aussicht stellt.
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Lassen Sie mich abschließend sagen, dass natürlich
Danke, Herr Präsident. – Herr Kollege, ich habe über
trotz internationaler Finanzkrise ein einfaches, niedriges
Ihre Idee mit Interesse gelesen. Da Sie sie jetzt wieder-
und gerechtes Steuersystem ein Beitrag zur Bekämpfung
holen, habe ich sie nun auch mit Interesse gehört. Ich
der Steuerhinterziehung ist.
wollte Sie fragen, wie sich Ihre Fraktion die Lösung die-
ser Problematik vorstellt. Ich nenne eine ganz klare Kon- (Beifall bei der FDP)
stellation: Jemand hat Steuern hinterzogen, indem er
Geldbeträge in zwei ausländischen Staaten deponiert hat. Ich zitiere den deutschen Nationalökonomen Hans-Karl
Jetzt macht er eine Selbstanzeige und zeigt den Sachver- Schneider, der einmal gesagt hat:
halt A an. Von dem Sachverhalt B weiß niemand. Er er- Wer mehr als die Hälfte seines Einkommens an das
klärt, dass es eine vollständige und richtige Anzeige ist. Finanzamt abführen muss, ist mehr darauf bedacht,
Dann wird er so behandelt, als habe er eine vollständige Steuern zu sparen, als darauf, Geld zu verdienen.
umfängliche Selbstanzeige gemacht. Wie wollen Sie si-
cherstellen, dass die Strafbefreiung in einer solchen Auch daran ist etwas Wahres.
Konstellation nicht gewährt wird, wenn der zweite Sach- Zu einer Bekämpfung der Steuerhinterziehung gehört
verhalt weder den Ermittlungsbehörden noch den Fi- deshalb auch ein Steuersystem, das von den Bürgerinnen
(B) nanzbehörden noch sonst jemandem bekannt ist? und Bürgern akzeptiert wird, in dem sie zwar nicht gerne (D)
ihre Steuern zahlen – das wäre vielleicht zu viel verlangt –,
Manfred Kolbe (CDU/CSU): in dem sie aber den Sinn und Zweck einsehen, nämlich
Herr Kollege, erstens tun Sie mir und meiner Fraktion die finanzielle Grundlage unseres Gemeinwesens zu
zu viel der Ehre an, wenn Sie sagen, das sei unsere Idee. schaffen.
Hierbei handelt es sich um eine in der Literatur heftig
In diesem Sinne werden wir unseren Antrag beraten
umstrittene Frage. Wir wollen überprüfen, ob dies helfen
und hoffen auf eine möglichst breite Zustimmung.
kann, Hinterziehungsstrategien einzugrenzen. Denn es
ist ganz klar kein Fall von tätiger Reue, wenn jemand Danke.
Schwarzgelder in den Ländern A, B und C hat, A erklärt,
aber B und C für sich behält. Wie weit das im Einzelnen (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
geht und ob wir da eventuell Probleme mit der Rechts-
kraft bekommen, soll im Rahmen des Prüfauftrags de- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
tailliert geprüft werden. Wir legen heute keinen abschlie- Das Wort hat der Kollege Martin Gerster von der
ßenden Gesetzentwurf vor. Wir zeigen Wege auf, wie SPD-Fraktion.
man zu einem sachgerechten Mittelweg kommt, also Er-
haltung des Instituts, aber Verhinderung des Miss- (Beifall bei der SPD)
brauchs. – Danke für die Frage.
Martin Gerster (SPD):
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Herr Präsident! Geschätzte Kolleginnen und Kolle-
NEN]: Gern geschehen!) gen! Wenn man dem Kollegen Kolbe zuhört, dann ge-
Zweitens. Wir wollen über den Zeitpunkt der Tatent- winnt man den Eindruck, dass die schwarz-gelbe Koali-
deckung nachdenken. Wann ist eine Tat entdeckt? Ist tionszusammenarbeit eine neue Speerspitze im Kampf
dazu die vollkommene Ausermittlung des Sachverhaltes gegen Steuerhinterziehung ist.
erforderlich, wie es derzeit die Rechtsprechung fordert, (Dr. Daniel Volk [FDP]: Das ist nicht nur ein
oder reicht dazu ein tatsachengestützter Anfangsver- Eindruck!)
dacht? Ein anderer Fall ist die Betriebsprüfung. Muss
der Betriebsprüfer erst erscheinen – dazu gibt es nette Aber wenn man nicht nur kurz hinschaut, sondern auch
Klausurfälle, denn manchmal wird ihm am Gartentor die ein bisschen am Lack kratzt, also sich die vorliegenden
entsprechende Selbstanzeige übergeben und je nach Anträge genauer ansieht, dann stellt man fest: große Er-
dem, ob die Selbstanzeige vor oder hinter dem Gartentor wartungen, große Ziele. Aber was steckt dahinter?
4474 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Martin Gerster
(A) In der Gemengelage der parlamentarischen Initiativen ben. Deswegen sage ich an dieser Stelle: Sie schmücken (C)
sehen wir: Die SPD-Fraktion legt einen Gesetzentwurf sich in diesem Antrag mit fremden Federn. Es wäre
vor, in dem ganz konkret etwas gefordert wird. Von den schön gewesen, wenn Sie gesagt hätten, wer bei dieser
anderen Fraktionen gibt es Anträge. Die Fraktion Die Entwicklung Motor und wer Bremser war.
Linke hat ihren Antrag mit den Worten überschrieben:
„Den Kampf gegen Steuerhinterziehung nicht dem Zu- Herr Kolbe, wenn man schaut, was konkret in Ihrem
fall überlassen“. Wie in einem Überbietungswettbewerb Antrag steht, dann wird es wirklich dünn.
heißt es als Überschrift in dem Antrag der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen: „Steuerhinterziehung wirksam Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
bekämpfen“. Sie von der Koalition setzen noch eins Herr Gerster, erlauben Sie eine Zwischenfrage des
drauf und titeln in Ihrem Antrag: „Steuerhinterziehung Kollegen Kolbe?
wirksam und zielgenau bekämpfen“.
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Genau!) Martin Gerster (SPD):
Ja, gerne.
Wenn man sich aber Ihren Antrag anschaut, dann
wird sehr schnell deutlich, dass die Wunschehe von Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Union und FDP zerrüttet ist. Es gibt kein Thema, bei
Bitte schön.
dem das so deutlich wird wie beim Thema Steuern und
Steuerhinterziehungsbekämpfung.
Manfred Kolbe (CDU/CSU):
(Stefan Müller [Erlangen] [CDU/CSU]: Das Herr Gerster, Sie haben zugegeben, dass wir eine
ist Unsinn!) lange Liste mit dem füllen können, was unionsgeführte
Deswegen sage ich: Das, was Sie hier machen, ist Bundesregierungen seit 2005 zur Bekämpfung der Steu-
Schaumschlägerei. erhinterziehung unternommen haben. Können Sie aus
dem Stegreif eine ebenso lange Liste mit den Maßnah-
Herr Kolbe, Sie selber haben das Thema Steuer-CD men anfüllen, die Rot-Grün in der Regierungszeit von
angesprochen. Das, was in Baden-Württemberg veran- 1998 bis 2005 zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung
staltet wird, ist wirklich nicht toll. Zuerst sagt die Lan- ergriffen hat?
desregierung: Wir wollen die Steuer-CD erwerben. Dann
erklärt der FDP-Justizminister Goll: Das wollen wir
Martin Gerster (SPD):
doch nicht machen. Bis heute ist noch nicht geklärt, was
mit der angebotenen Steuer-CD und den darauf befindli- Da ist ebenfalls einiges passiert, Herr Kolbe.
(B) chen Daten von Steuerhinterziehern passieren soll. Auf (Manfred Kolbe [CDU/CSU]: Dann schießen (D)
die Frage, ob sie nun erworben wird oder nicht, sind Sie Sie mal los!)
die Antwort schuldig geblieben.
Ich sage Ihnen ganz deutlich: Im Rahmen der Großen
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ Koalition kamen die Initiativen von Herrn Steinbrück
DIE GRÜNEN) und von der SPD-Fraktion. Sagen Sie doch einmal, wel-
che Initiative in der Zeit der Großen Koalition aus der
Konkret zu Ihrem Antrag „Steuerhinterziehung wirk-
Feder des Wirtschaftsministers gekommen ist. Von dort
sam und zielgenau bekämpfen“ sage ich: Je ambitionier-
habe ich Initiativen vermisst. Von dort ist gar nichts ge-
ter die Überschrift, desto weniger Inhalt. Zwar ist Ihr
kommen.
Antrag umfangreich und umfasst viele Seiten, Herr
Kolbe, aber eigentlich ist das ein Nichtantrag. Viel von (Manfred Kolbe [CDU/CSU]: Die Frage ha-
dem Wenigen, das Sie darin formulieren, kennen wir aus ben Sie nicht beantwortet!)
der letzten Legislaturperiode. Motor war dabei aber
nicht die Unionsfraktion, sondern die SPD-Fraktion mit – In der Anhörung, die ja noch ansteht, können wir gerne
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. noch einmal darüber beraten. Da gibt es einiges, das ich
Ihnen dann sicherlich mitteilen kann.
(Beifall bei der SPD)
(Manfred Kolbe [CDU/CSU]: Da müssen Sie
Sie von der Union waren die Bremser, und die FDP- erst scharf nachdenken!)
Fraktion hat immer dagegen gestimmt. Insofern verstehe
ich gar nicht, wie Sie sich überhaupt darauf einigen Schauen wir doch einmal konkret in Ihren Antrag. Er
konnten, dies als Pluspunkte in Ihren Antrag zu schrei- ist Beratungsgegenstand und nicht die Vergangenheits-
ben. bewältigung. Das, was Sie da vorschlagen, ist wirklich
dünn. Ich halte es für abenteuerlich, wenn Sie im Antrag
In der Tat ist es so, dass Bundesfinanzminister Peer behaupten, dass Steuersenkungen als Maßnahme gegen
Steinbrück und die SPD-Fraktion einiges Gute auf den Steuerhinterziehungen gelten können. Es ist ja wirklich
Weg gebracht haben. Ich denke an das Steuerhinterzie- unglaublich, dass hier das sogenannte Wachstumsbe-
hungsbekämpfungsgesetz, an die Durchsetzung der schleunigungsgesetz aufgeführt wird und ganz gezielt
OECD-Standards und die Austrocknung der Steueroa- darauf verwiesen wird, dass es als Maßnahme gegen
sen, aber auch an die Veränderung der Fristen für die Steuerhinterziehung gelten soll. Ich frage mich, ob die
Verjährung in Bezug auf die Verfolgung, die wir im Rah- Zusatzsubventionen für Hoteliers die Steuerehrlichkeit
men des Jahressteuergesetzes 2009 vorgenommen ha- in Deutschland fördern können. Wie soll denn das funk-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4475
Martin Gerster
(A) tionieren? Das steht in Ihrem Antrag. Das ist doch ein (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (C)
zusätzlicher Aufbau von Steuerbürokratie und lädt gera- NEN]: Dann muss man Steuern senken!)
dezu dazu ein, keine richtigen Angaben zu machen. In-
dann haben die Bürgerinnen und Bürger ein Recht da-
sofern sage ich: Das, was Sie in Ihren Antrag geschrie-
rauf, dass unser Steuerrecht stringent vollzogen wird.
ben haben, ist lachhaft.
Weil hier im politischen Raum immer wieder die Be-
Ansonsten enthält der Antrag eine Reihe von Prüfauf- hauptung laut wird, dass Steuerhinterziehung nicht be-
trägen. Herr Kolbe, Sie haben darauf hingewiesen, dass kämpft und viel Populismus mit diesem Thema betrie-
die SPD-Fraktion einen Gesetzentwurf zur Abschaffung ben wird,
der Straffreiheit bei Selbstanzeige bei Steuerhinterzie-
hung eingebracht hat. Ich bin überrascht, dass Sie das (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
nicht aufgreifen; denn noch im Februar hieß es in der NEN]: Ach ja!)
Augsburger Allgemeinen Zeitung wie folgt: haben die Koalitionsfraktionen einen Antrag vorgelegt,
Die momentane Entwicklung der Selbstanzeigen damit die Bürgerinnen und Bürger auch einmal sehen,
„pervertiere den Sinn des Gesetzes“ … was dieser Staat in der Vergangenheit alles getan hat, um
Steuerhinterziehung stringent zu verfolgen; denn das
– so Ihr Fraktionskollege Michelbach wörtlich – sind wir den ehrlichen Steuerzahlerinnen und Steuerzah-
Sie zeige, dass Selbstanzeigen nicht aus Reue, son- lern schuldig.
dern aus Angst vor Entdeckung vorgenommen wür- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
den. Michelbach forderte daher die Abschaffung
der Regelung. Gleichwohl gibt es das Instrument der strafbefreien-
den Selbstanzeige, und viele verstehen nicht, warum es
Ehrlich gesagt vermisse ich das in Ihrem Antrag. das gibt. Wir verzeichnen 18 000 Selbstanzeigen, mit de-
Schade, dass Sie die Anregung vom Kollegen nen Steuermehreinnahmen in Höhe von 1,25 Milliarden
Michelbach nicht aufgenommen haben. In der Anhörung Euro verbunden sind. Das spricht eine klare Sprache.
werden wir die Experten, beispielsweise von der Deut- Deswegen kann man sagen, dass sich die Möglichkeit
schen Steuer-Gewerkschaft, hören. Sie werden uns sa- der strafbefreienden Selbstanzeige im deutschen Steuer-
gen, wie wir an dieser Stelle vorgehen sollen. recht bewährt hat. Deswegen wollen wir daran festhal-
(Antje Tillmann [CDU/CSU]: Die fordern das ten.
auch nicht mehr!) Wir wollen die Verfolgung von Steuersündern nicht
erschweren, sondern wir wollen sie vereinfachen. Kaum
Wir von der SPD-Fraktion stehen dazu: Wir wollen
dass Sie jetzt in der Opposition sind, stellen Sie sich,
(B) die Straffreiheit bei Selbstanzeige abschaffen. Wir wol- (D)
nachdem Sie die strafbefreiende Selbstanzeige elf Jahre
len die Steuerfahndung ausbauen. Letztendlich wollen
lang, als Sie die Regierungsverantwortung hatten, aus
wir – ich glaube, das ist in diesem Zusammenhang wich-
guten Gründen nicht abgeschafft haben, hier hin und
tig – den Verfolgungsdruck auf diejenigen erhöhen, die schreien laut: Das muss weg.
systematisch und mit krimineller Energie Steuern hinter-
ziehen. Das ist unser Auftrag. (Dr. Gerhard Schick [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Das ist so wie mit Ihrem Steuer-
Deswegen sage ich: Wir von der SPD-Fraktion sind konzept!)
mit unserem Gesetzentwurf aus meiner Sicht auf dem
richtigen Weg. Ihr Antrag besteht aus vielen Prüfaufträ- Herr Kollege Gerster, in unserem Steuerrecht wird auf
gen – aus einem bunten Kessel –, und eigentlich ist nicht Kooperation gesetzt. Das ist ein sehr kompliziertes Steuer-
wirklich etwas dabei, was man greifen kann. recht. Das ist etwas, was man an anderer Stelle diskutie-
ren muss. Es setzt auf Kooperation, die nicht nur freiwil-
Aber es gibt ja noch die Anhörung Ende Juni. Dort lig ist. Die Steuerbürger müssen den Steuerbehörden alle
werden wir ein paar Stunden lang beraten und die Sach- Informationen mitteilen, auch wenn sie in der Vergan-
verständigen hinzuziehen. Ich freue mich auf diese Dis- genheit falsche Angaben gemacht haben.
kussion und natürlich auch auf die Diskussion im Fi-
nanzausschuss. Wir haben ein Strafrecht, das besagt, dass sich nie-
mand selbst belasten muss. Wenn Sie jetzt die strafbe-
Herzlichen Dank. freiende Selbstanzeige abschaffen und die Kooperations-
(Beifall bei der SPD) pflicht im Steuerrecht beibehalten, dann frage ich:
Können Sie mir einmal sagen, wie das gehen soll?
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Das Wort hat jetzt der Kollege Dr. Volker Wissing der CDU/CSU)
von der FDP-Fraktion. Deswegen gibt es nicht nur Gründe der Vereinfa-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) chung und fiskalpolitische Gründe dafür, dass die straf-
befreiende Selbstanzeige richtig und wichtig ist. Es gibt
auch verfassungsrechtliche Gründe dafür, warum wir sie
Dr. Volker Wissing (FDP):
brauchen. Deswegen wollen wir sie auch nicht infrage
Ich danke Ihnen. – Herr Präsident! Liebe Kolleginnen
stellen.
und Kollegen! Wenn man eine so angespannte Haus-
haltslage hat, wie wir sie gegenwärtig haben, Jetzt sind Sie also doppelt des Populismus entlarvt.
4476 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: minister in Rheinland-Pfalz, Carsten Kühl, und er hat (C)
Herr Kollege Wissing, erlauben Sie eine Zwischen- recht.
frage des Kollegen Gerster?
Aus diesem Grund haben auch die Bundesfinanzmi-
nister der SPD diesem Mann nie widersprochen, sondern
Dr. Volker Wissing (FDP): sie haben genau dasselbe getan wie der Finanzminister
Ja. in Rheinland-Pfalz, nämlich sich für den Erhalt der straf-
befreienden Selbstanzeige eingesetzt.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Also bleibt festzuhalten: Die Sozialdemokraten haben
Bitte schön, Herr Gerster.
elf Jahre lang an dem Instrument festgehalten. Die so-
zialdemokratischen Finanzminister halten an diesem In-
Martin Gerster (SPD): strument fest. Es passt in unsere Rechtsordnung, und
Herr Kollege Wissing, ich bin jetzt doch etwas über- deswegen hält auch diese Koalition an diesem Instru-
rascht, dass Sie die strafbefreiende Selbstanzeige als be- ment fest.
währtes Instrument bezeichnen. Mir liegt hier ein Artikel
aus dem manager magazin vom 19. Februar 2010 vor. Das heißt noch lange nicht, dass man nicht die Dis-
Darin war zu lesen: kussionen verfolgt, die sich um die Anwendung dieses
Rechtsinstruments drehen. Der Kollege Kolbe hat be-
Auch der Vorsitzende des Bundestags-Finanzaus- reits darauf hingewiesen, dass darüber diskutiert wird,
schusses, Volker Wissing (FDP), stellt … das In- ob es im Einzelfall ausreicht, die strafbefreiende Selbst-
strument der Selbstanzeige infrage. Wissing beklagt anzeige an der Gartentür abzugeben, oder ob man das
demnach, das Gesetz werde noch an der Wohnungstür machen kann bzw. ob der Vor-
– so wörtlich – garten oder der Pfad zwischen Vorgarten und Haustür
die entscheidende Schwelle ist, und dass überlegt wird,
„oft missbraucht“, es bestehe eine „krasse Gerech- diese Situation abzuschaffen, weil sie unwürdig ist.
tigkeitslücke“. Denn hinter der strafbefreienden Selbstanzeige verbirgt
Können Sie mir Ihre Rolle rückwärts in diesem Punkt sich auch eine gewisse Großzügigkeit.
erklären? Wir wollen nicht, dass jemand eine strafbefreiende
(Manfred Zöllmer [SPD]: Das war vor der Selbstanzeige neben der Haustür liegen hat, um sie
Wahl!) schnell zu holen, wenn er erwischt wird, und sich Straf-
freiheit zu verschaffen; einstweilen genießt man die Vor-
– Das war vor der NRW-Wahl. teile der Steuerhinterziehung. Das wollen wir nicht, weil (D)
(B)
wir immer dafür eingetreten sind, die Steuergesetze
Dr. Volker Wissing (FDP): stringent zu vollziehen und weil es für uns eine zentrale
Das kann ich Ihnen erklären, und das hätte ich jetzt Frage für die Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft ist.
auch noch weiter ausgeführt. Im Übrigen können Sie das
auch dem Antrag entnehmen, in dem ganz klar steht Aber man muss eine kluge und sinnvolle Regelung
– das steht auch in dem Artikel, den Sie zitiert haben; finden, die auch rechtsstaatlich in Ordnung ist und die
wenn sie ihn vollständig zitiert hätten, dann hätten Sie fiskalpolitischen Interessen des Staates wahren muss.
das auch vorgelesen –, dass ich das Instrument der straf- Das macht diese Koalition.
befreienden Selbstanzeige nicht aufgeben möchte. Wir Wenn Sie regieren würden, dann hätten Sie einen sol-
sind es den Menschen aber schuldig, kontinuierlich zu chen Antrag niemals vorgelegt.
überprüfen, ob es einen Reformbedarf, einen Verbesse-
rungsbedarf oder einen Präzisierungsbedarf gibt, weil es Vielen Dank.
immer das Ziel sein muss, die Einhaltung der Steuerge- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
setze stringent zu beachten und diejenigen, die sie nicht
beachten, stringent zu verfolgen.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Nichts anderes habe ich in der Öffentlichkeit gesagt, Das Wort hat der Kollege Richard Pitterle von der
und nichts anderes sage ich heute an diesem Mikrofon. Fraktion Die Linke.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten (Beifall bei der LINKEN)
der CDU/CSU)
Herr Kollege Gerster, Sie sind in doppelter Hinsicht Richard Pitterle (DIE LINKE):
des Populismus entlarvt: zum einen, weil Sie in elf Jah- Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kollegin-
ren Regierungsverantwortung nicht umgesetzt haben, nen und Kollegen! „Nur zwei Dinge auf Erden sind uns
was Sie heute fordern, und zum anderen, weil es nicht ganz sicher: der Tod und die Steuer“, sagte einst der
sinnvoll ist. Deswegen sagen auch die noch verbliebenen amerikanische Präsident Benjamin Franklin. Mit dem
SPD-Finanzminister in den Ländern – es gibt ja nicht ersten Punkt hatte er recht. Beim zweiten konnte er sich
mehr viele –, dass erst die Straffreiheit Steuersündern ei- offensichtlich nicht vorstellen, dass es Zeitgenossen ge-
nen Anreiz bietet, auf den Pfad der Tugend zurückzu- ben würde, die eine ungeheure Fantasie und Energie ent-
kehren. Durch die Straffreiheit eröffnet sich für den Staat falten, ihrer staatsbürgerlichen Verpflichtung zur Zah-
die Chance, Einnahmen zu erzielen. Das sagt Ihr Finanz- lung der Steuer zu entgehen. Diese handeln nach dem
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4477
Richard Pitterle
(A) Motto „Steuern zahlen nur die Dummen“ und hoffen da- Zum Thema der strafbefreienden Selbstanzeige. Kaum (C)
rauf, dass man zu dumm ist, um ihnen auf die Schliche hatte eine Oppositionsfraktion hier im Haus den Antrag
zu kommen. Meistens haben sie leider recht. gestellt, diese abzuschaffen, kommt die Regierungskoali-
tion mit ihrem Prüfauftrag an die Regierung, wie die An-
Die Ausmaße der Steuerhinterziehung sind im Zuge
forderungen an eine strafbefreiende Selbstanzeige ver-
der Affäre um den Ankauf der Steuer-CD aus der
schärft werden könnten. Das kennen wir schon aus der
Schweiz mehr als deutlich geworden. Laut Medien-
Märchenwelt: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann
berichten haben sich bis jetzt mehr als 18 000 Steuer-
prüfen sie noch heute.
kriminelle selbst angezeigt und dem Fiskus 1,25 Mil-
liarden Euro zurückgezahlt. Dabei ist die Schweiz auch (Beifall bei der LINKEN)
nur eine der sogenannten Steueroasen auf dieser Welt.
Damit Sie mich nicht missverstehen: Aus meiner juristi-
Wir müssen endlich alle Steueroasen austrocknen, wenn
schen Sicht und Praxis sind vernünftige Vorschläge da-
wir mehr Steuergerechtigkeit erreichen wollen.
bei. Aber warum soll geprüft und nicht sofort umgesetzt
(Beifall bei der LINKEN) werden? Sie selber haben doch auf die vielen Vorschläge
in der juristischen Literatur hingewiesen. Ich habe kein
In Anbetracht dieser immensen Summen aus der Vertrauen, dass Sie das zügig umsetzen. Auch die Men-
Steuerhinterziehung und der dramatischen Situation der schen im Land glauben Ihnen nicht.
öffentlichen Haushalte – wir haben heute schon über die
Kommunalfinanzen diskutiert – begrüßen wir grundsätz- Es gäbe noch viel zu diesem Thema zu sagen. Aber
lich alle Initiativen, die das Ziel haben, Steuerhinterzie- ich sehe, dass meine Zeit abgelaufen ist – die Zeit der
hung effektiv zu bekämpfen. Bei der Regierungskoali- Steuerhinterzieher hoffentlich auch bald.
tion bleibt die Frage, warum sie nicht schon früher mehr
(Beifall bei der LINKEN)
unternommen hat und ob tatsächlich mehr herauskommt
als vollmundige Ankündigungen. Denn es reicht nicht,
immer nur den Mund zu spitzen. Wer den Mund spitzt, Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
muss auch pfeifen. Als letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt hat
das Wort der Kollege Dr. Gerhard Schick von
(Beifall bei der LINKEN) Bündnis 90/Die Grünen.
Hellhörig werde ich, wenn im Antrag der Regierungs-
koalition davon die Rede ist, dass zur Umsetzung der Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
OECD-Standards bestehende Doppelbesteuerungsabkom- NEN):
men nicht angepasst werden müssten. Die bestehenden Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
(B) Regelungen zum Informationsaustausch seien ausrei- Uns liegen heute zwei Anträge – einer von den Koali- (D)
chend, heißt es in Ihrem Antrag, soweit der Abkommens- tionsfraktionen und einer von Bündnis 90/Die Grünen –
partner in Bezug auf den Zugang zu Bankinformationen vor. Der Gesetzentwurf der SPD steht heute nicht zur
keinen Beschränkungen aufgrund seines nationalen Diskussion. Über ihn werden wir demnächst im Aus-
Rechts unterliege. Das Problem dabei ist jedoch, dass die schuss diskutieren.
Bestimmungen im OECD-Musterabkommen zum Infor-
Was den Antrag der Koalitionsfraktionen betrifft: Sie
mationsaustausch nicht geeignet sind, unserer Steuerver-
waren sehr fleißig und haben auf zehn Seiten eine um-
waltung die notwendigen Informationen über die Geld-
fassende Zusammenschau gemacht. Ich wünschte mir,
anlagen der Steuerkriminellen zu verschaffen. Da liegt
dass auch Kleine Anfragen so ausführlich beantwortet
doch der Hund begraben. Die Länder, die als Steuer-
würden. Aber Sie schreiben eigentlich nichts Entschei-
oasen genutzt werden, können nämlich OECD-Standards
dendes zu dem, was die Bundesregierung auf nationaler
akzeptieren und gerade so weitermachen wie bisher;
Ebene vorhat. Dort, wo es um nationale Angelegen-
denn sie können sich darauf berufen, dass ihre Verwal-
heiten geht, schreiben Sie plötzlich etwas über Umsatz-
tungen gar keine Informationen von den Banken erheben
steuerbetrug. Das hat mit Einkommensteuerhinterzie-
und sie durch Art. 26 Abs. 3 des OECD-Standards expli-
hung überhaupt nichts zu tun. Im Endeffekt handelt es
zit davon enthoben sind, ihre Verwaltungspraxis ändern
sich bei Ihrem Antrag um eine Fleißaufgabe mit ange-
zu müssen. Das wissen Sie doch ganz genau. Sie wollen
hängtem Prüfauftrag. Das ist für Regierungsfraktionen
uns und den Menschen im Land Sand in die Augen
schwach.
streuen. Das ist doch ein Skandal.
Ihr Antrag geht aber auch inhaltlich an der Sache vor-
(Beifall bei der LINKEN)
bei. Die strafbefreiende Selbstanzeige hat sich in der
Die Linke fordert, die betreffenden Staaten nicht nur vorhandenen Form doch nicht bewährt. Sie hat vielmehr
zur Umsetzung der OECD-Standards zu verpflichten, falsche Anreize gesetzt und dazu geführt, im Zweifels-
sondern mit ihnen zu vereinbaren, funktionierende in- fall zuzuwarten. Bevor der Ermittler vor der Tür steht,
nerstaatliche Mechanismen zu schaffen, die zur Erlan- erhalten die Betreffenden häufig Hinweise von den ge-
gung der von unserer Steuerverwaltung angefragten In- prüften Kreditinstituten oder – wie bei den Steuer-CDs –
formationen unerlässlich sind. Kommt der betreffende aus der Öffentlichkeit. Die Möglichkeit, Reue zu zeigen,
Staat dieser Vereinbarung nicht nach, so ist das Abkom- wird häufig instrumentalisiert, um noch besser Steuern
men mit ihm zu kündigen, dieses Land als nicht koope- zu hinterziehen. An dieser Stelle besteht Korrekturbe-
rativer Staat zu definieren und die Verordnung zur darf. Als wir vor kurzem eine Kleine Anfrage gestellt
Steuerhinterziehungsbekämpfung anzuwenden. haben, war noch nicht die Rede davon, dass Sie korrigie-
4478 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Gerhard Schick


(A) ren wollen. Nun wollen Sie das prüfen. Ich sage an die in großem Umfang der Beteiligung an unserem Gemein- (C)
Adresse der Bundesregierung: Es ist notwendig, hier wesen.
sehr genau zu präzisieren. Es reicht nicht aus, wie Herr
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Das ist schon
Wissing zu argumentieren, dass es ein gewisses Auf-
übertrieben!)
kommen durch die strafbefreiende Selbstanzeige gibt.
Vielmehr muss man schauen, wo die strafbefreiende Es passiert das Gegenteil dessen, was Sie, Herr Kolbe,
Selbstanzeige vielleicht dem guten Anreiz entgegen- gesagt haben. Häufig schreien manche Personen, auch
steht, steuerehrlich zu sein. Diese beiden Sachverhalte aus Ihren Fraktionen und Parteien. Sie sind zwar hart im
sind gegeneinander abzuwägen. Wir jedenfalls sehen er- Ton, aber leider sehr moderat in der Sache. Wir wollen
heblichen Korrekturbedarf. das ändern und in der Sache klar vorankommen.
In unserem Antrag geht es allerdings nicht nur darum. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wir schlagen darüber hinaus eine ganze Reihe von Maß-
nahmen vor, von denen bei Ihnen nicht die Rede ist, ob- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
wohl an den entsprechenden Stellen dringend etwas ge- Ich schließe die Aussprache.
tan werden müsste.
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
Erstens. Das Steuerhinterziehungsbekämpfungsgesetz den Drucksachen 17/1755 und 17/1765 an die in der Ta-
ist immer noch ein stumpfes Schwert, ein Schwert, das gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
nicht wirkt, weil Sie es nicht anwenden. Das muss korri- Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
giert werden. sind die Überweisungen so beschlossen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich rufe die Tagesordnungspunkte 30 a bis 30 c auf:
Zweitens. Was die Bundessteuerverwaltung angeht, a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Anton
ist es nicht so, wie Sie es schreiben: dass steuerlich rele- Schaaf, Anette Kramme, Elke Ferner, weiterer
vante Informationen ohne Mithilfe der Beteiligten nicht Abgeordneter und der Fraktion der SPD
aufgeklärt werden können. Die Frage ist, ob wir unsere
Verwaltungen in die Lage versetzen, Aufklärung zu be- Das Risiko von Altersarmut durch veränderte
treiben. Die Vorkommnisse in Hessen zeigen uns, wie rentenrechtliche Bewertungen von Zeiten der
CDU/FDP-Regierungen manchmal mit denjenigen um- Langzeitarbeitslosigkeit und der Niedriglohn-
gehen, die Aufklärung leisten wollen. Beschäftigung bekämpfen

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie – Drucksache 17/1747 –


(B) des Abg. Steffen Bockhahn [DIE LINKE]) Überweisungsvorschlag: (D)
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
Auch die CDU/FDP-Regierung in Baden-Württemberg Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
will Möglichkeiten, eine Sache ohne die Mithilfe der Be- Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsausschuss
troffenen aufzuklären, anscheinend gar nicht nutzen,
weil es nicht in ihrem politischen Interesse ist. b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Matthias
W. Birkwald, Klaus Ernst, Dr. Martina Bunge,
Ich will noch auf einen anderen Punkt eingehen. Alle
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
schweigen zu der Rolle deutscher Banken in dieser
LINKE
Frage. Wir Grüne tun es nicht. Ich glaube, es täte uns in
der Diskussion mit unseren Nachbarstaaten gut, einmal Schutz bei Erwerbsminderung umfassend ver-
zu sagen, dass deutsche Banken mit ihren Tochtergesell- bessern – Risiken der Altersarmut verringern
schaften auf diesem Gebiet ebenfalls aktiv sind. Dann
– Drucksache 17/1116 –
wäre man ehrlich, und dann müsste man in Deutschland
beim Kreditwesengesetz ansetzen. Man sollte dafür sor- Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
gen, dass es sowohl bei uns als auch in anderen Staaten Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
unmöglich ist, mithilfe unserer Kreditinstitute Steuern Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
zu hinterziehen. Das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Ausschuss für Gesundheit

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Matthias
sowie bei Abgeordneten der LINKEN) W. Birkwald, Klaus Ernst, Dr. Martina Bunge,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
Auch an dieser Stelle zeigt sich, ob man dem Sachver- LINKE
halt ernsthaft gegenübertritt oder ob es nur darum geht,
der Aufregung in der Bevölkerung und sinkenden Um- Risiken der Altersarmut verringern – Renten-
fragewerten kurzfristig etwas entgegenzusetzen. beiträge für Langzeiterwerbslose erhöhen
In unserem Antrag werden weitere Vorschläge ge- – Drucksache 17/1735 –
macht. Der Ausschuss wird eine Anhörung zu dem Ge- Überweisungsvorschlag:
samtkomplex durchführen. Ich glaube, das ist nötig. Ich Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
Finanzausschuss
fordere Sie auf, ehrlich der Frage nachzugehen, was in Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
unserem Land eigentlich passiert. Gerade die Eliten, ge- Ausschuss für Gesundheit
rade die Leistungsträger entziehen sich häufig über Jahre Haushaltsausschuss
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4479
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die armut von morgen zu vermeiden. Das bedeutet, dass wir (C)
Aussprache eine Dreiviertelstunde vorgesehen. Gibt es rückwirkend Änderungen bei der Rentenberechnung
Widerspruch? – Das ist nicht der Fall. Dann ist das so brauchen.
beschlossen.
Erstens müssen Zeiten der Langzeitarbeitslosigkeit
Ich eröffne die Aussprache und erteile als erstem Red- besser bewertet werden, und zwar unabhängig davon, ob
ner das Wort dem Kollegen Juratovic von der SPD-Frak- Leistungen nach dem SGB II bezogen wurden. Wer auf-
tion. grund des Einkommens des Partners keine Leistungen
(Beifall bei der SPD) der Grundsicherung für Arbeitsuchende erhält, darf bei
der Rente nicht bestraft werden. Konkret fordern wir,
dass Zeiten nach dem 1. Januar 2000, in denen Arbeits-
Josip Juratovic (SPD): losenhilfe oder Grundsicherung bezogen wurde, in der
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten gesetzlichen Rentenversicherung als beitragsgeminderte
Kolleginnen und Kollegen! Heute hat der Deutsche Bun- Zeiten gewertet werden.
destag Maßnahmen zur Sicherung des Euro und der Fi-
nanzwelt beschlossen. Es wird behauptet, dass die Fi- Zweitens wollen wir, dass die Rentenansprüche von
nanzkrise alle Staaten des Euro-Raums verursacht haben, Arbeitnehmern, deren Einkommen unter 75 Prozent des
weil sie über ihre Verhältnisse gelebt haben. Für Staaten Durchschnittsverdienstes liegt, angehoben werden, wie
mag dies zutreffen, aber für alle Bürger auf keinen Fall. es für Beitragszeiten von vor 1992 gilt. Konkret soll da-
Wir dürfen eines nicht vergessen: Die globale Finanz- für die Regelung über die Mindestentgeltpunkte bei ge-
und Wirtschaftskrise war möglich, weil Spekulanten im ringem Arbeitsentgelt bis zum Ende dieses Jahres ver-
internationalen Finanzkasino Geld verjubelten, das von längert werden.
Arbeitnehmern unter größten Anstrengungen erwirt-
Diese Änderungen werden nicht für umsonst zu ha-
schaftet worden war.
ben sein.
(Anton Schaaf [SPD]: So ist das!)
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das würde mich
Immer mehr Menschen arbeiten in Deutschland für interessieren: Was kostet das, und wie soll das
Hungerlöhne, während ihr Arbeitsleben immer stärker finanziert werden? – Matthias W. Birkwald
gekennzeichnet ist durch Leistungsverdichtung, Stress [DIE LINKE]: Geld ist genug da, Herr Kolb!)
und Lohnzurückhaltung. Andere Menschen wiederum
haben ihren Arbeitsplatz verloren, weil Heuschrecken Es geht dabei jedoch nicht nur um den Schutz von Ein-
ihr Unternehmen aufkauften und große Rendite mach- zelschicksalen, sondern auch um die Bewahrung des so-
(B) ten, indem sie Massenentlassungen vornahmen. Wir ste- zialen Friedens. Ist es den Menschen in unserem Land zu (D)
hen nicht nur in der Verantwortung, dass wir künftig luf- vermitteln, dass Bankenmanager trotz Finanzkrise wie-
tige Finanzspekulationen unterbinden, sondern auch, der Millionengehälter einstreichen, während der recht-
dass wir den Menschen Sicherheit geben, die für den schaffene Arbeitnehmer immer mehr leisten muss und
Wohlstand hier in Deutschland hart arbeiten oder die dennoch den Gürtel immer enger schnallen soll? Ist es
trotz größter Anstrengungen und Weiterbildungen für gerecht, dass immer mehr Menschen zu Dumpinglöhnen
mehrere Jahre keinen Job finden. beschäftigt werden oder unverschuldet arbeitslos sind
und einer Armutsrente entgegensehen?
(Beifall der Abg. Gabriele Hiller-Ohm [SPD])
Nein, werte Kolleginnen und Kollegen. Wir müssen
Das bedeutet einerseits, dass wir für mehr Fairness auf gegensteuern: Wir müssen die Arbeitswelt humanisieren.
dem Arbeitsmarkt sorgen müssen. Um prekären Löhnen Dazu gehören gute Löhne und eine gute Altersabsiche-
einen Riegel vorzuschieben, brauchen wir so schnell wie rung. Dazu gehören auch bessere und gesündere Arbeits-
möglich einen flächendeckenden Mindestlohn. bedingungen. Meine Kollegen am Fließband können un-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten ter den heutigen Umständen nicht bis 67 arbeiten, häufig
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE auch nicht bis 65 und oft auch nicht bis 60.
GRÜNEN) (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Die SPD hat
Das bedeutet andererseits, dass wir die Menschen, die doch die Rente mit 67 beschlossen! – Steffen
von prekärer Beschäftigung und Langzeitarbeitslosigkeit Bockhahn [DIE LINKE]: Da hat er recht, der
betroffen sind, vor unwürdiger Altersarmut bewahren Herr Kolb!)
müssen. Deshalb werden wir Sozialdemokraten dieses Jahr ganz
Die Erwerbsbiografien sind heute anders als vor 20 Jah- genau hinschauen, wenn die Bundesregierung aufgrund
ren: Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Arbeitneh- der Überprüfungsklausel über die Rente ab 67 berichtet.
mer von der Lehre bis zur Rente im selben Betrieb arbei- Wir werden es nicht hinnehmen, wenn aus der Anhe-
ten. Es wird für die Arbeitnehmer zu einer allgemeinen bung des Renteneintrittsalters eine indirekte Rentenkür-
Erfahrung, dass man im Erwerbsleben auch Zeiten der zung wird. Wir stehen für eine solidarische Gesellschaft,
Arbeitslosigkeit und Zeiten prekärer Beschäftigung hat. die jedem Menschen ein würdiges Leben – während der
Deswegen muss der Staat eingreifen. Beschäftigung wie während der Rente – gewährleistet.
Wir Sozialdemokraten fordern in unserem Antrag, dass Werte Kolleginnen und Kollegen von den Koalitions-
die Bundesregierung Maßnahmen ergreift, um die Alters- fraktionen, bekennen Sie Farbe! Unterstützen Sie unse-
4480 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Josip Juratovic
(A) ren Antrag, um nicht nur ein leistungsstarkes, sondern Altersarmut muss auch für künftige Generationen wei- (C)
auch ein sozial gerechtes Deutschland zu ermöglichen. testgehend ein Fremdwort bleiben. Das ist das Ziel unse-
rer Alterssicherungspolitik.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg.
(Beifall bei der SPD) Dr. Heinrich L. Kolb [FDP])
Um nun eine zielgerichtete und bedarfsgerechte Lö-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: sung zu finden, bedarf es aber nicht der Umsetzung vieler
Das Wort hat jetzt der Kollege Peter Weiß von der Einzelanträge, wie sie uns jetzt vorliegen, sondern eines
CDU/CSU-Fraktion. Gesamtkonzepts. Deshalb haben wir vereinbart, dass wir
dazu eine Regierungskommission einsetzen, auch mit
(Beifall bei der CDU/CSU) wissenschaftlicher Unterstützung. Wir sind mit Frau
Bundesministerin Ursula von der Leyen übereingekom-
Peter Weiß (Emmendingen) (CDU/CSU): men, dass diese Kommission zu Beginn des Jahres 2011
eingesetzt wird, sodass wir im kommenden Jahr aufgrund
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! eines konkreten, wissenschaftlich fundiert erarbeiteten
Ich denke, zuerst muss man etwas feststellen, was auch Vorschlags ein Gesamtkonzept zur Sicherung gegen Al-
im SPD-Antrag erfreulicherweise ganz vorne steht: Es tersarmut hier im Parlament beraten und beschließen kön-
ist eine großartige Leistung unseres deutschen Renten- nen.
systems, dass heute nur 2,3 Prozent der Rentnerinnen
und Rentner wegen zu geringer Alterseinkünfte auf zu- Das braucht einen gewissen Vorlauf, und man braucht
sätzliche staatliche Unterstützung angewiesen sind. dafür, wie man neudeutsch sagt, Manpower. Deshalb
möchte ich mich bei Frau Ministerin Ursula von der
(Beifall bei der CDU/CSU – Anton Schaaf Leyen ausdrücklich dafür bedanken, dass sie bereits im
[SPD]: Das stimmt!) Frühjahr dieses Jahres in ihrem Haus ein neues Referat
mit dem Titel „Bekämpfung von Altersarmut“ eingerich-
Zur Erinnerung: Vor dem Jahr 1957, in dem – eine der
tet hat. Das zeigt wieder einmal: Die Regierung ist etwas
großen Leistungen Konrad Adenauers – die dynamische
schneller, als die Opposition erlaubt.
Rente eingeführt worden ist, waren in Deutschland über
70 Prozent der Rentnerinnen und Rentner auf Sozialhilfe (Steffen Bockhahn [DIE LINKE]: Tosender
angewiesen, weil sie zu wenig zum Leben hatten. Es ist Beifall! – Gegenruf von der CDU/CSU: Das
eine erstaunliche Entwicklung, die wir in den Jahrzehn- war auch für uns zu schnell! – Beifall bei der
ten seitdem hinbekommen haben, auf die wir Deutsche CDU/CSU – Anton Schaaf [SPD]: Die Minis-
(B) (D)
zu Recht stolz sein können. terin hat gesagt, sie kann in diesem Jahr nur
noch SGB II machen! Sie ist ausgelastet!)
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich möchte ausdrücklich für die Kommission sagen,
Aber richtig ist auch: Wenn wir diese großartige Leis- dass wir selbstverständlich all die Vorschläge, die jetzt in
tung unseres Sozialstaats für die Zukunft erhalten wollen, Oppositionsanträgen als Wünsche an die Regierung he-
dann müssen wir auch die Gefahren sehen, die uns dro- rangetragen werden, damit sie in die Gesetzgebung ein-
hen. Sie drohen uns deswegen, weil die Langzeitarbeits- fließen, unvoreingenommen prüfen werden. Aber der
losigkeit zunimmt, weil zu wenig in der Rentenkasse an- wichtigste Punkt – er wird durch die Vorschläge leider
gespart wird, weil nicht gesicherte Selbstständigkeit nicht erfasst – ist, wie wir wirklich zielgenau und be-
zunimmt und weil unterbrochene Erwerbsbiografien zu- darfsgerecht helfen. Zum Beispiel: Natürlich ist die
nehmen, und das bei einem sinkenden Niveau der gesetz- Rente nach Mindesteinkommen mit einer Höherwertung
lichen Rente. Deshalb haben wir, CDU, CSU und FDP, in von Entgeltpunkten etwas, mit dem man dem einen oder
unserem Koalitionsvertrag für die neue Bundesregierung anderen Arbeitnehmer hilft, über das Grundsicherungsni-
festgeschrieben – ich zitiere –: veau hinauszukommen; aber einige bleiben trotzdem zu-
rück. Natürlich ist die Zahlung eines höheren Beitrags für
Wir verschließen die Augen nicht davor, dass durch Langzeitarbeitslose in die Rentenkasse eine Möglichkeit,
veränderte wirtschaftliche und demographische die dem einen oder anderen hilft, über das Grundsiche-
Strukturen in Zukunft die Gefahr einer ansteigenden rungsniveau hinauszukommen; aber viele andere bleiben
Altersarmut besteht. Deshalb wollen wir, dass sich dahinter zurück, sie müssen trotzdem Grundsicherung im
die private und betriebliche Altersvorsorge auch für Alter beantragen. Deshalb sollten wir genau prüfen, wie
Geringverdiener lohnt und auch diejenigen, die ein wir wirklich sicherstellen können, dass jemand, der sein
Leben lang Vollzeit gearbeitet und vorgesorgt haben, ganzes Leben fleißig gearbeitet und Beiträge gezahlt hat,
ein Alterseinkommen oberhalb der Grundsicherung sicher sein kann, dass er am Schluss, wenn er in Rente
erhalten, das bedarfsabhängig und steuerfinanziert geht – das ist der wichtige Punkt –, von diesem Altersein-
ist. kommen, das er insgesamt hat, leben kann und nicht
Ich halte das für das zentrale und wichtigste rentenpo- Grundsicherung beziehen muss. Das ist unser Ziel.
litische Vorhaben dieser Koalition, das wir zum Erfolg (Beifall bei der CDU/CSU)
führen wollen.
Diese Zielsetzung darf sich aber nicht allein auf die
(Beifall bei der CDU/CSU) gesetzliche Rente beschränken; denn, verehrte Kollegin-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4481
Peter Weiß (Emmendingen)
(A) nen und Kollegen vor allen Dingen von der SPD und den Alter angewiesen ist. Die Rente desjenigen, der aus an- (C)
Grünen, in Ihrer Regierungsverantwortung haben Sie deren Versorgungssystemen schon genug oder ausrei-
massiv die Veränderung des deutschen Alterssicherungs- chend hat, brauchen wir nicht noch zusätzlich aufzuwer-
systems hin zu einem Dreisäulensystem vorangetrieben. ten.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Kapitalgedeckte (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: So ist es!)
Alterssicherung!)
Genau dies wird in den Oppositionsanträgen leider nicht
Dazu gehört, dass in Zukunft die Alterssicherung nicht bedacht. Wir wollen eine bedarfsgerechte und damit
allein aus der gesetzlichen Rente, sondern genauso aus zielgenaue Sicherung gegen Altersarmut. Das ist die
der betrieblichen Altersvorsorge und der privaten, kapi- Aufgabenstellung.
talgedeckten Altersvorsorge erfolgen soll. Deshalb müs-
sen wir in ein Gesamtsystem auch die Leistungsfähigkeit (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
der betrieblichen und der privaten, kapitalgedeckten Al- Anton Schaaf [SPD]: Das ist doch Quatsch!
tersvorsorge einbeziehen. Diese beiden Säulen müssen Was wir vorhaben, ist zielgerichtet – genau für
ebenfalls einen Beitrag zur Verhinderung von Alters- diesen Personenkreis!)
armut leisten. Meine verehrten Kolleginnen und Kollegen, um es
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- zusammenzufassen: Wir werden die Vorschläge, die ge-
neten der FDP) macht worden sind, in der Kommission, die wir nächstes
Jahr einsetzen werden, allesamt aufgreifen. Wir von der
Das gilt auch für den Antrag, der zur Erwerbsminde- christlich-liberalen Koalition wollen – das ist ein zentra-
rungsrente vorgelegt wird. Selbstverständlich, wir müs- les Anliegen unserer Rentenpolitik – das deutsche Al-
sen etwas tun, damit jemand, der erwerbsgemindert ist, terssicherungssystem mit einer zusätzlichen Sicherung
angesichts des sinkenden Rentenniveaus nicht automa- gegen Altersarmut versehen. Das ist notwendig und rich-
tisch in die Grundsicherung – früher nannte man das tig. Das wird eine der großen Aufgaben dieser Koalition
„Sozialhilfe“ – für Ältere fällt. Aber dazu müssen auch werden, und ihr werden wir uns stellen.
die private, kapitalgedeckte und die betriebliche Alters-
vorsorge eine zusätzliche Leistung erbringen. Das gehört So darf ich heute zum Schluss Ihnen allen ein frohes
in ein Gesamtkonzept, das wir einführen wollen. und gesegnetes Pfingstfest wünschen. Noch ein Tipp:
Weichen Sie dem Heiligen Geist nicht aus!
Ein solches Gesamtkonzept rät uns letztlich auch der
Präsident der Deutschen Rentenversicherung. Ich darf Vielen Dank.
aus einem Aufsatz von Herrn Dr. Herbert Rische vom (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(B) Beginn dieses Jahres zitieren: (D)

Die Zahlen verdeutlichen, dass die Lebensstandard- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
sicherung bei Eintritt der vollen Erwerbsminderung Das Wort hat jetzt der Kollege Matthias Birkwald von
– ebenso wie bei der Altersrente – vor dem Hinter- der Fraktion Die Linke.
grund der Entwicklung des Rentenniveaus künftig
im Regelfall nicht mehr allein durch die Leistungen (Beifall bei der LINKEN)
der gesetzlichen RV gewährleistet werden kann,
auch wenn die gesetzliche RV die stärkste Säule der Matthias W. Birkwald (DIE LINKE):
Sicherung bei Alter und Erwerbsminderung bleiben Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten
wird. Damen und Herren! Gute Arbeit, gute Löhne, gute
Meine sehr geehrten Damen und Herren, auch der Rente – das ist der Dreiklang, an dem wir Linken unsere
Ansatz bei den Minirenten, deren Zahl in der Tat zu- Sozial- und Arbeitsmarktpolitik ausrichten.
nimmt, führt uns nicht in die richtige Richtung; denn Altersarmut ist – leider – wieder in der Mitte der Ge-
Minirenten entstehen nicht nur, weil jemand sein ganzes sellschaft angekommen: als Mangel an Einkommen und
Leben lang wenig in die Rentenkasse eingezahlt hat, als Angst um die Zukunft. Schon heute sind die Men-
sondern Minirenten entstehen in zunehmendem Maße schen im Osten stärker von Armut betroffen als die im
auch dadurch, dass Menschen ihre Beschäftigungsver- Westen, und das wird auch künftig so bleiben, wenn wir
hältnisse verändern, nach einigen Jahren als Angestellte nicht gegensteuern. Ob in der Kindheit, im Erwerbsleben
oder Arbeiter selbstständig werden und sich dort eine oder im Alter: Armut zu vermeiden, muss für eine demo-
gute Altersversorgung aufbauen oder nach einigen Jah- kratische Sozialpolitik selbstverständlich sein, und dafür
ren in ein Beamtenverhältnis wechseln oder vielleicht kämpft die Linke.
auch aus einem Beamtenverhältnis ausscheiden. Deshalb
ist die entscheidende Frage nicht: „Ist bei der Deutschen (Beifall bei der LINKEN)
Rentenversicherung nur eine Minirente notiert?“, son-
dern: Hat jemand außer dieser Minirente keine andere Der Schlachtruf, mit dem die neue Sozialdemokratie
Form von Altersversorgung? ihren Angriff auf den Sozialstaat ritt, war – ich zitiere –:
„Jede Arbeit ist besser als keine Arbeit.“ Der sozialde-
„Bedarfsgerecht“ heißt für mich: Demjenigen, der im mokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder hier in
Alter tatsächlich zu wenig hat, wollen wir zielgerichtet Deutschland und Tony Blair in Großbritannien wollten
helfen, damit er möglichst nicht auf Grundsicherung im Ende der 90er-Jahre einen dritten Weg, und sie ebneten
4482 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Matthias W. Birkwald
(A) die Fläche für Niedrigstlöhne. Sie behaupteten fälschli- nicht die Suppe auslöffeln, die ihnen Ihre verfehlte Poli- (C)
cherweise – ich zitiere –: tik eingebrockt hat!
Teilzeitarbeit und geringfügige Arbeit sind besser Den Lebensstandard sichern und Armut vermeiden,
als gar keine Arbeit, denn sie erleichtern den Über- das muss selbstverständlich für alle gelten. Das gilt auch
gang von Arbeitslosigkeit in Beschäftigung. für all die, die aus gesundheitlichen Gründen nicht oder
Das heißt, die Hungerpeitsche treibt die Menschen in nicht mehr arbeiten können. Gegen das Schicksal der Er-
mies bezahlte und darüber hinaus sinnentleerte Arbeit. werbsminderung abzusichern, war schon immer eine
Wer Minijobs sät, wird Altersarmut ernten. Dieser Weg Hauptaufgabe der Rentenversicherung. Rot-Grün hat
ist eine Sackgasse. hier ebenfalls die Lage der Betroffenen auf eine Weise
verschlechtert, die gegen jegliches Gerechtigkeitsemp-
(Beifall bei der LINKEN) finden verstößt. Wer aus gesundheitlichen Gründen vor
dem 63. Lebensjahr nicht mehr arbeiten kann, wird mit
An ihrem Ende stehen unwürdige Jobs und Altersarmut.
Rentenkürzungen bis zu 11 Prozent bestraft. Das ist
Ich sage Ihnen: Arbeit darf nicht arm machen. Von Ar-
falsch und nicht zu rechtfertigen. Das ist schlicht unge-
beit muss man leben können – jetzt und im Alter.
recht. Ändern wir das!
(Beifall bei der LINKEN)
Damit Sie sich hier nicht einfach schön zurücklehnen,
Wir Linken wollen eine Rente, die den Lebensstandard meine Damen und Herren von der CDU/CSU und der
sichert und die vor Altersarmut schützt. FDP: Sie haben das im Bundesrat alles mitbeschlossen;
Liebe Kolleginnen und Kollegen in der SPD, Armut also stecken Sie genauso mit drin wie Rot-Grün.
und Rentenklau sind nicht das Ergebnis von Naturgewal- Diese Irrwege müssen wir verlassen. Nur einzelne
ten, sondern das Ergebnis politischer Irrwege. Die kön- Schlaglöcher auszubessern, reicht nicht. Der ganze Weg
nen und müssen wir schleunigst verlassen. ist falsch. Die Richtung müssen wir ändern. Links he-
(Beifall bei der LINKEN) rum, bitte!

Wir Linken fordern deutlich höhere Rentenansprüche (Beifall bei der LINKEN – Zurufe von der
für Langzeiterwerbslose. Noch Mitte der 90er-Jahre CDU/CSU: Bloß nicht! – Das hättet ihr wohl
wurden in der Arbeitslosenhilfe pro Kopf durchschnitt- gerne!)
lich 236 Euro an die Rentenkasse gezahlt. Heute, unter
Hartz IV, sind es klägliche 40 Euro. Nach einem Jahr Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Hartz IV ergibt das einen Rentenanspruch von 2,09 Euro. Das Wort hat jetzt der Kollege Dr. Heinrich Kolb von
(B) Hier wird ein gesellschaftliches Problem schamlos auf der FDP-Fraktion. (D)
die Betroffenen abgewälzt. Das ist höchst unanständig.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
(Beifall bei der LINKEN) der CDU/CSU)
Gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund
fordern wir, für Langzeiterwerbslose statt 40 Euro künf- Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
tig 250 Euro in die Rentenkasse zu zahlen. Das ergibt Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
dann nach aktuellen Rentenwerten 13,60 Euro im Wes- Linksverkehr, Herr Birkwald, ist gefährlich, wenn er
ten und 12,10 Euro im Osten Deutschlands. Das ist übri- nicht koordiniert stattfindet.
gens ein weiterer Grund, endlich die Rentenwerte Ost
auf Westniveau anzuheben. (Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Machen
wir koordiniert!)
(Beifall bei der LINKEN)
Dann gibt es nämlich Frontalzusammenstöße in großer
Liebe Kolleginnen und Kollegen, machen wir uns Zahl. Deswegen, meine ich, sollten wir vorerst bei den
nichts vor: Höhere Beiträge für Langzeiterwerbslose bestehenden Verkehrsregeln bleiben; die sind so schlecht
sind nur ein Baustein für einen neuen, sozial gerechten nicht.
Weg in der Alterssicherung. Niedrige Einkommen müs-
sen aufgewertet werden. Geringe Einkommen müssen Ich werte die Anträge, die von der gesamten Opposi-
nach unten begrenzt werden. Der Gewerkschaftsvorsit- tion heute hier vorliegen, so, dass das Thema Alters-
zende Klaus Wiesehügel von der IG BAU hat den richti- armut jetzt auch von der aktuellen Opposition bearbeitet
gen Weg gewiesen. wird, nachdem die Koalition sich dieses Thema in ihrem
Koalitionsvertrag angenommen hat.
(Anton Schaaf [SPD]: Guter Mann!)
(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜND-
Er fordert einen flächendeckenden gesetzlichen Min- NIS 90/DIE GRÜNEN]: Passiert ist aber noch
destlohn von 10 Euro. Folgen Sie einem Mann, der weiß, nichts!)
wovon er spricht!
Ich will auch darauf hinweisen, dass die FDP-Bundes-
(Beifall bei der LINKEN)
tagsfraktion als erste Fraktion in diesem Haus in der letz-
10 Euro Mindestlohn sind ein durch nichts zu erset- ten Legislaturperiode schon sehr intensiv an diesem
zender Baustein, um Altersarmut wirklich und wirksam Thema gearbeitet und auch Anträge dazu eingebracht
zu vermeiden. Lassen Sie die Rentnerinnen und Rentner hat.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4483
Dr. Heinrich L. Kolb
(A) Wenn wir jetzt diesen Diskussionsprozess anfangen, mögens in der Lage ist, sein Auskommen zu gestalten, (C)
sollten wir uns noch einmal vor Augen führen, was Ar- vom Staat eine ergänzende Hilfe bekommt.
mut eigentlich bedeutet. Wir haben zum einen den Be-
griff der absoluten Armut. Absolute Armut im Alter Ich glaube, wir können durchaus sagen: Die Gefahr
wird mit der Grundsicherung – das war ja damals auch der Altersarmut lässt sich auf bestimmte Personengrup-
der Ansatz von Rot-Grün – in Höhe von etwa 660 Euro pen typisierend eingrenzen. Vor allen Dingen sind es al-
im Monat vermieden. Zum anderen haben wir eine Ar- leinerziehende Frauen, Soloselbstständige, Menschen,
mutsrisikogrenze; diese liegt höher, und zwar bei die in ihrer Erwerbsbiografie Phasen der Langzeit-
60 Prozent des bedarfsgewichteten Medianeinkom- arbeitslosigkeit hatten, und Menschen, die von Erwerbs-
mens, also bei 880 Euro. unfähigkeit betroffen sind. Wir müssen jeden Einzelfall
sehr differenziert betrachten. Das vermisse ich bei Ihnen.
Ich glaube, wenn wir darüber reden, wie Altersarmut
zu vermeiden ist, dann geht es darum, die Lücke zwi- Was beispielsweise die Soloselbstständigen angeht,
schen absoluter Armut und Armutsrisikogrenze mög- so glaube ich nicht, dass man das Problem lösen kann,
lichst zu schließen und dafür zu sorgen, dass das Ge- indem man einem Menschen, der selbstständig erwerbs-
samtalterseinkommen der Menschen über dieser Grenze tätig sein will, vorschreibt, wie er für sein Alter vorsor-
liegt. Es darf gerne auch mehr sein; das will ich ganz gen soll; ich bin also nicht für eine Versicherungspflicht
deutlich sagen. Aber die Aufgabe des Staates kann nur in der Rentenversicherung. Aber es muss eine Pflicht zur
sein, das Risiko der Armut im Alter und natürlich auch Versicherung geben. In jedem Jahr, in dem jemand arbei-
während der Erwerbsphase zu vermeiden. Ich denke, es tet, muss er einen Teil seines Einkommens für seine Al-
ist wichtig, dies vorab sehr deutlich zu sagen. tersvorsorge verwenden, damit er am Ende seines Er-
werbslebens nicht der Gesellschaft zur Last fällt.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
CDU/CSU) (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
CDU/CSU)
Wir können feststellen – das ist ein Erfolg unseres
Sozialstaates –, dass Altersarmut heute kein verbreitetes Meine Damen und Herren, den jungen Menschen
Phänomen ist. Im Gegenteil, das Armutsrisiko für Ältere müssen wir das Signal geben: Eigene Vorsorge muss
ist zwischen 1984 und 2003 sogar deutlich zurückge- sich lohnen. Das heißt, jedem, der heute mit 16 oder
gangen. Der Anteil der Menschen im Alter von 17 Jahren in einen Betrieb kommt und sich fragt: „Soll
65 Jahren und darüber, der auf Leistungen der Grund- ich einen Riester-Vertrag abschließen: ja oder nein? Soll
sicherung im Alter und bei Erwerbsminderung angewie- ich in eigener Anstrengung etwas für meine Altersvor-
sen ist, beträgt 2,3 Prozent; das sind, in absoluten Zah- sorge tun?“, muss man sagen: Tu das auf jeden Fall.
(B) len, 371 000 Menschen. Jeder Einzelfall ist relevant und (D)
Denn erstens ist die gesetzliche Rentenversicherung
muss uns sorgen. Wir müssen diese Armut ernst nehmen. keine Lebensstandardsicherung mehr, sondern sie sichert
Weil der Kollege Birkwald gesagt hat, Altersarmut sei das Existenzminimum. Zweitens wird es sich auf jeden
in der Mitte der Gesellschaft angekommen, will ich da- Fall für dich lohnen, selbst dann, wenn du in deinem
rauf hinweisen: Ich glaube, dass die Altersarmut zu- weiteren Erwerbsleben Schwierigkeiten haben solltest.
nehmen wird, und zwar aus den Gründen, die bereits Wir von der FDP haben Vorschläge vorgelegt, was zu
genannt worden sind; dazu gehören beispielsweise ge- tun ist, damit sich die Altersvorsorge lohnt. Wir wollen
brochene Erwerbsbiografien insbesondere in den neuen sagen: Auf jeden Fall wirst du von dem, was du an eige-
Bundesländern. Aber ich glaube auch, wir können glück- ner Vorsorge geleistet hast, einen höheren Betrag behal-
licherweise davon ausgehen, dass die Mehrzahl der ten dürfen. – Wir wollen einen Freibetrag in Höhe von
Menschen in unserer Gesellschaft künftig ein ausrei- 100 Euro und darüber hinaus nur eine Teilanrechnung
chendes Alterseinkommen hat. dessen, was jemand aus privater und betrieblicher Vor-
Es ist wichtig, dass wir in dieser Diskussion nicht nur sorge zur Verfügung hat. Das ist ein Element, mit dem
auf die Alterseinkommen abstellen. An dieser Stelle ist die Lücke, von der ich am Anfang gesprochen habe, ge-
das richtig, was der Kollege Weiß gesagt hat: Nicht je- schlossen werden kann.
der, der eine niedrige Rente hat, hat im Alter auch ein
niedriges Gesamteinkommen, sondern viele Menschen Herr Kollege Schaaf – Sie werden noch nach mir
haben nur deshalb relativ geringe Anwartschaften in der sprechen –, ich glaube, dass die Vorschläge, die die Op-
Rentenversicherung, weil sie im Laufe ihres Arbeits- position hier heute auf den Tisch gelegt hat, nicht wirk-
lebens in andere Alterssicherungsformen gewechselt lich zielführend sind, weil sie nicht ausreichend differen-
sind, beispielsweise in berufsständische Versorgungs- zieren. Die Anträge sind ein Stück weit Ausdruck Ihres
werke. schlechten Gewissens. Ich finde es interessant, dass Sie
heute die Anwartschaften von Langzeitarbeitslosen ver-
Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen: Das Einkom- bessern wollen, nachdem Sie die Beiträge für Langzeit-
men im Alter sollte nicht losgelöst von dem Vermögen, arbeitslose in Zeiten der rot-grünen Koalition halbiert
das Menschen im Alter aufgebaut, das sie geerbt und das haben, mit dem Ergebnis – Herr Birkwald hat das gesagt
sie anderweitig zur Verfügung haben, betrachtet werden. –, dass ein Langzeitarbeitsloser aktuell für ein Jahr der
Deswegen ist es wichtig, zielgenau anzusetzen und ziel- Langzeitarbeitslosigkeit 2,09 Euro Rente erhält. Übri-
orientiert zu handeln, sodass nur derjenige, der ein nie- gens, Herr Kollege Birkwald, lagen Sie an einer Stelle
driges Einkommen hat und nicht aufgrund eigenen Ver- falsch: Für Sozialhilfeempfänger wurden nach meiner
4484 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Dr. Heinrich L. Kolb


(A) Kenntnis nie Rentenversicherungsbeiträge gezahlt; das men, die unter Altersarmut leiden. Dann ist man nicht (C)
muss man an dieser Stelle deutlich machen. mehr bei 300 000, sondern bei 1 Million betroffenen
Menschen. Wenn man die Einkommensarmutsgrenze be-
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Das
rücksichtigt, kommt man auf anderthalb bis 2 Millionen
habe ich nie gesagt!)
Menschen. Das ist keine kleine Gruppe; man müsste ei-
Herr Kollege Schaaf, ich glaube, Sie werden ein gentlich schon jetzt etwas für sie tun. Man muss es beto-
Stück weit von Ihrem schlechten Gewissen getrieben. nen: Die Altersarmut ist schon da.
Man muss Ihrem Ansatz an einer Stelle widersprechen.
Die Altersarmut wird ansteigen – das wurde von allen
Sie wollen einen nachsorgenden, kompensatorischen
Rednern gesagt –, wenn wir jetzt nicht gegensteuern. Die
Ansatz zur Vermeidung der Altersarmut; wir wollen ei-
Rente ist ein langsam treibendes Schiff. Das heißt, wir
nen präventiven, vorsorgenden Ansatz. Mit der Rente
müssen jetzt Maßnahmen ergreifen, um die Altersarmut,
nach Mindestentgelt wollen Sie hier am Ende nichts an-
die wahrscheinlich in zehn bis 15 Jahren besonders stark
deres als einen Reparaturbetrieb einführen. Das kann
ansteigen wird, einzudämmen.
man aber nicht wirklich und tatsächlich der Rentenver-
sicherung auferlegen. Die Rentenversicherung ist mit (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
guten Gründen eine beitragsfinanzierte, äquivalenzori- DIE GRÜNEN und der LINKEN)
entierte Leistung. Das, was Sie wollen, ist Umverteilung
in einem beitragsfinanzierten System. Das kann nicht Es geht aber um noch mehr – ich sehe hier diverse
funktionieren. Sie organisieren prozentuale oder auch junge Leute –: Es geht um das Vertrauen in die Alters-
absolute Erhöhungen. Dabei läuft man aber immer Ge- sicherung insgesamt. Wir müssen da unbedingt herange-
fahr, dass im System Überholprozesse stattfinden. Das hen. Viele Menschen glauben nicht mehr, dass sie im Al-
heißt, die Umsetzung der Vorschläge, die Sie auf den ter eine armutsfeste Rente erhalten werden. Hier müssen
Tisch gelegt haben, könnte immer wieder zu neuen Un- wir ansetzen: Wir brauchen eine Rente, die erstens ar-
gerechtigkeiten führen. mutsfest ist, zweitens auf einfachen Regeln basiert – wir
wollen keine undurchschaubaren Regelungen, wie es sie
Ich glaube deswegen, dass die Anträge, die Sie von jetzt teilweise gibt – und drittens mit einer entsprechen-
der Opposition hier heute eingebracht haben, nicht der den Finanzierung unterlegt ist. Das sind die drei wesent-
Weisheit letzter Schluss sind. Sie sind gut beraten, auf lichen Punkte, die wir bei der Rente erreichen müssen,
das zu warten, was Herr Weiß schon angekündigt hat: um Altersarmut zu vermeiden; das sind für uns Grüne
die Ergebnisse der Arbeit der Regierungskommission. die wesentlichen Kriterien.
Das wird uns endlich voranbringen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(B) Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (D)
Wenn ich mir die Anträge anschaue, die von SPD und
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Linken vorgelegt werden, erkenne ich, dass sie diese
Kriterien – ich muss das sagen – leider nicht erfüllen. Ich
Vizepräsidentin Petra Pau: mache das einmal am Beispiel der Rente mit Min-
Das Wort hat der Kollege Dr. Strengmann-Kuhn für desteinkommen deutlich, die in beiden Anträgen vor-
die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. kommt und die meines Erachtens zu Recht ein Auslauf-
modell ist. Es ist nicht armutsfest; es beschränkt sich auf
eine Gruppe, die 35 Jahre eingezahlt hat. Bei ihnen wer-
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn (BÜNDNIS 90/
den eben Rentenansprüche aufgestockt, wenn sie im
DIE GRÜNEN):
Durchschnitt unterhalb von 0,75 Entgeltpunkten liegen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wer mit offenen Augen durch das Land, durch die Groß- Rechnet man dies um, bedeutet es, dass auch Leute,
städte geht, der sieht, dass die Altersarmut schon da ist; die länger als 35 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt ha-
sie ist nicht nur ein Problem der Zukunft. Man sieht ben und dann eine Aufstockung erhalten, nicht unbe-
schon jetzt zunehmend ältere Menschen, die in Altglas- dingt eine armutsfeste Rente bekommen, denn 75 Pro-
containern und Mülleimern herumstochern. Wir haben zent von einem Entgeltpunkt mal 35 Jahre ist gerade
schon jetzt eine zum Teil extreme Altersarmut. Die Zahl eben existenzsichernd, wenn man an die Grundsicherung
der Grundsicherungsbezieher im Alter ist tatsächlich herangeht. Herr Kolb hat gesagt, eigentlich müsste man
noch nicht sehr hoch; aber sie ist in den letzten Jahren für Armutsfestigkeit noch höher gehen. Wenn man nach
kontinuierlich angestiegen. den Maßstäben der Linken geht, müsste man noch deut-
lich höher gehen.
Das ist nur die Spitze des Eisbergs: Trotz der Verbes-
serungen, die wir unter Rot-Grün in diesem Bereich her- Die Rente mit Mindesteinkommen ist also auch nicht
beigeführt haben, ist der Anteil der verdeckten Armut im unbedingt armutsfest. Das ist relativ kompliziert zu be-
Alter immer noch hoch. In dieser Altersgruppe ist die rechnen – wer weniger als 0,75 Entgeltpunkte kriegt, be-
Spanne zwischen der Quote der relativen Einkommens- kommt auf die eigenen Entgeltpunkte die Hälfte noch
armut und der Quote der Grundsicherungsbezieher – das einmal drauf – und für die meisten Leute nicht wirklich
kann man im Antrag der SPD nachlesen – sehr groß. durchschaubar. Es ist also meines Erachtens nicht der
Schätzungen gehen davon aus, dass auf eine Person, die richtige Weg. Außerdem ist es beitragsfinanziert; auch
im Alter Grundsicherung bezieht, immer noch – früher das halte ich nicht für vernünftig, weil die Umverteilung
waren es mehr – zwei bis drei weitere Personen kom- zur Sicherung vor Altersarmut steuerfinanziert sein
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4485
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn
(A) sollte. Das ist auch die Maßgabe bei unseren Vorschlä- hier zumindest von der Linken ein absoluter Systemwan- (C)
gen. del gewünscht wird: Träger der Grundsicherung nach
dem SGB II übernehmen für die Zeiten des Arbeitslo-
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: sengeld-II-Bezugs die Beiträge nach der Hälfte des
Richtig!) Durchschnittsentgeltes. Das heißt, diejenigen, die die
Die Rente mit Mindesteinkommen wirkt dabei also nicht Grundsicherung bezahlen müssen, müssen in Zukunft
unbedingt. auch die Rentenbeiträge bezahlen. Damit wenden Sie
sich vom Äquivalenzprinzip ab – darauf hat der Kollege
Bei den Vorschlägen, die Sie hinsichtlich der Lang- Kolb von unserem Koalitionspartner bereits hingewiesen –
zeitarbeitslosen machen, ist es ähnlich. 0,5 Entgelt- und wollen jetzt schon in die steuerfinanzierte Rente ein-
punkte sind noch weniger als 0,75; da brauchte man steigen, unbeschadet der Tatsache, dass wir jetzt – auch
60 Jahre, um eine existenzsichernde Rente zu bekom- das ist für die Zuschauer interessant zu wissen –, also
men. Das hilft den Langzeitarbeitslosen natürlich ein auch heuer, bereits über 80 Milliarden Euro als Zu-
bisschen – wir wollen das durchaus auch anheben –, ist schüsse aus steuerfinanzierten Mitteln in die Renten-
aber nicht armutsfest. Finanzierungsvorschläge machen kasse geben müssen.
Sie hierzu auch nicht.
Wir halten von einem Systemwandel letztendlich
Da ich jetzt nur noch eine Dreiviertelminute habe, nichts. Deshalb werden wir Ihre Anträge selbstverständ-
ganz kurz unsere Vorschläge zur Erwerbsminderungs- lich ablehnen, was Sie nicht völlig überraschen dürfte.
rente; das müssen wir dann im Ausschuss diskutieren.
Unsere Vorschläge entsprechen diesen Maßstäben: Wir Die Linke will nicht anerkennen, dass die Zusammen-
brauchen eine Rente, die armutsfest ist. Wir wollen jetzt führung der Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe zumin-
mit Leuten anfangen, die langjährig versichert sind, und dest erfolgreich war. Sie reden das System immer wieder
zwar 30 Jahre. Da sollte der Maßstab eine Rente sein, schlecht; Sie sagen nicht, was anstelle der Sozialhilfe
die höher ist als die Grundsicherung, also in der Größen- kommen soll. Der Kollege Weiß hat schon darauf hinge-
ordnung von etwa 30 Entgeltpunkten, und es sollte steu- wiesen, dass die Sozialhilfeempfänger vor der Zusam-
erfinanziert sein. Wir nennen das Garantierente. Das ist menlegung in dem SGB-II-Bereich keine Arbeitsangebote
der erste Punkt, der wichtig ist, um eine armutsfeste und keine Einbeziehung in die Vermittlungsmöglichkei-
Rente zu erzeugen. Das kostet knapp 5 Milliarden Euro ten hatten. Das würden Sie dann konsequenterweise wie-
Steuermittel. Das halte ich für machbar. der abschaffen wollen.
Zweiter Punkt: Bei den Langzeiterwerbslosen wollen Bis 2004 hatten wir 2,95 Millionen Menschen in So-
(B) wir zu der Situation vor der Halbierung zurückkommen. zialhilfe. Sie haben überhaupt nicht in die Rentenversi- (D)
Das heißt, wir wollen Langzeitarbeitslose mit Menschen cherung und oft auch nicht in die Krankenversicherung
gleichstellen, die 400 Euro Einkommen beziehen. Das eingezahlt. Es wäre also der völlig falsche Weg, das Sys-
ist übrigens auch ein Punkt, der bei beiden Vorschlägen, tem, das wir gemeinsam mit der SPD in der Großen Ko-
bei SPD und Linken, noch nicht berücksichtigt ist. Wenn alition in den letzten vier Jahren fortentwickelt haben,
man für die Langzeitarbeitslosen auf 0,5 Entgeltpunkte wieder abzuschaffen; dies gäbe den Menschen Steine
hochgeht, muss man natürlich überlegen: Was ist denn statt Brot.
mit Erwerbstätigen, die weniger als 0,5 Entgeltpunkte
haben? An dieser Stelle empfinde ich Ihre Vorschläge als (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
einfach noch nicht zu Ende gedacht. Es ist nicht wirklich neten der FDP)
armutsfest, es ist zu kompliziert, und die Finanzierung Auch die private Vorsorge zu diskreditieren, ist ab-
ist auch nicht geklärt. Deswegen werden wir dazu noch surd. Es mag den Fall geben – vor einigen Monaten
unsere eigenen Vorschläge vorlegen, die besser als die wurde in der Presse groß darüber berichtet –, dass der
von SPD und Linken geeignet sind, Armut im Alter zu eine oder andere von seiner Riester-Rente, nachdem sie
bekämpfen. im Alter verrechnet werden soll, keinen nennenswerten
Herzlichen Dank. Erlös zu erwarten hat. Was haben wir daraufhin mit un-
serem sozial orientierten, liberalen Koalitionspartner ge-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) macht?
(Lachen bei Abgeordneten der SPD –
Vizepräsidentin Petra Pau:
Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sag doch einfach
Das Wort hat der Kollege Paul Lehrieder für die FDP!)
Unionsfraktion.
– Das ist der Vorgriff auf Pfingsten. Bei uns ist der Hei-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) lige Geist schon angekommen. – Wir haben das Schon-
vermögen verdreifacht, von 250 auf 750 Euro pro Le-
Paul Lehrieder (CDU/CSU): bensjahr, das heißt, ein 50-Jähriger hat jetzt schon in
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! einer der Riester-Rente ähnlichen Anlageform die Mög-
Liebe Kollegen! Es wurde schon einiges zu den Anträ- lichkeit, gut 37 000 Euro für das Alter zurückzuhalten.
gen der Linkspartei und auch der SPD gesagt. Ich stelle Auch das ist eine Möglichkeit, alterssichere Renten zu
fest, nachdem ich die Anträge durchgeschaut habe, dass gewährleisten, um Armut im Alter zu vermeiden.
4486 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Paul Lehrieder
(A) (Anton Schaaf [SPD]: Wie viele profitieren (Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Doch, (C)
davon?) ab 9,47 Euro!)
Das halten wir für wichtiger und effizienter, als jetzt – Langsam.
durch einen Etikettenschwindel, durch großes Um-
Ich bin gespannt – der Kollege Schaaf spricht nach
schichten von der einen öffentlichen Kasse in die andere
mir –, wie hoch Mindestlöhne Ihrer Vorstellung nach
öffentliche Kasse, so zu tun, als ob eine geringer wer-
sein sollten. Mittlerweile haben wir einen Überbietungs-
dende Schicht unserer Bevölkerung in wenigen Jahren
wettbewerb. Der DGB hat sie von 7,50 Euro auf 8,50 Euro
locker die anstehenden Renten überhaupt bedienen kann.
angehoben. Nächste Woche sind wir bei 9,50 Euro. Ich
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Das war warte darauf, dass Sie 11 Euro vorschlagen. Wir sind
doch in der Vergangenheit auch so!) nicht auf dem persischen Markt, nach dem Motto „Wer
bietet mehr?“, „Wer hat höhere Ansprüche?“.
Durch die demografische Entwicklung haben wir
mittlerweile mehr Ältere und weniger Jüngere. Das ist (Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Man
der Grund, warum wir den Nachhaltigkeitsfaktor und muss davon leben können!)
den Riester-Faktor in den letzten Jahren ein Stück weit
in die Rentenberechnungen einbeziehen mussten. Wir Wir wollen keinen Staatsdirigismus, wie ihn die SED,
haben weniger junge Menschen, die in Zukunft noch Entschuldigung Linkspartei – beinahe hätte ich PDS ge-
mehr die Lasten der alten Menschen tragen müssen. Das sagt –, will, sondern wir wollen das Prinzip der sozialen
kann auf Dauer nicht funktionieren. Marktwirtschaft möglichst auch in diesem Bereich fort-
entwickeln. Sozial ist, was wir in den nächsten Jahren
Lassen Sie mich noch zwei Bemerkungen machen. auf den Weg bringen wollen. In den letzten Jahren haben
Wir haben, wie in unserem Koalitionsvertrag festge- wir einiges auf den Weg gebracht, das in die richtige
schrieben, vor, einen wesentlichen Ausgabenposten für Richtung ging, lieber Kollege Schaaf. Wir haben, Herr
das Alter umfassend zu reformieren, und zwar ist das die Kollege Kolb, in den letzten Monaten schon einiges auf
eigengenutzte Immobilie. Wenn ein junger Mensch mit den richtigen Weg gebracht.
20, 30 Jahren halbwegs vernünftig verdient, sich eine Ei-
gentumswohnung kauft oder ein Häuschen baut, Schul- Ich gehe davon aus, dass hoffentlich alle Parteien in
den hat und sie im Laufe von 20 Jahren abzahlt, kann er diesem Haus in den nächsten Tagen, zu Pfingsten, den
dieses Häuschen, unbeschadet der Größe, auch im Alter vom Kollegen Peter Weiß gewünschten Heiligen Geist
behalten. Das heißt, wir werden ihm in Zukunft auch in in ausreichendem Umfang erwarten dürfen, damit wir
diesem Bereich des Ausgabenblocks, der das Alter be- uns mit den richtigen Entscheidungen nach den Pfingst-
(B) trifft, die entsprechende Zeit belassen. Wenn ein Mensch ferien wiedersehen. (D)
das Pech hat, mit 40, 50 Jahren für längere Zeit arbeits- Herzlichen Dank.
los zu sein, muss er als Langzeitarbeitsloser sein Häus-
chen nicht verbraten, um Hartz IV zu bekommen. Auch (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
dafür haben wir gesorgt.
Wir wollen aber auch für die jungen Leute Anreize Vizepräsidentin Petra Pau:
schaffen. Wir haben vor wenigen Wochen gemeinsam Das Wort hat der Kollege Anton Schaaf für die SPD-
mit der SPD-Fraktion – lieber Anton Schaaf, das habt ihr Fraktion.
gut gemacht, Katja Mast hat darauf beharrt – die Hinzu- (Beifall bei der SPD)
verdienstmöglichkeiten von Kindern in Hartz IV verbes-
sert.
Anton Schaaf (SPD):
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Jugendlichen!) Lieber Peter Weiß, in der Tat ist es so, dass die Ge-
Man muss sehen: Es lohnt sich, etwas zurückzulegen. Es schichte der gesetzlichen Rentenversicherung eine Er-
lohnt sich, 1 200 Euro in vier Wochen Ferien anzuspa- folgsgeschichte ist, insbesondere bei der Frage der Ar-
ren. Das verhindert zwar noch nicht die Altersarmut, mutsbekämpfung. Da sind wir uns völlig einig, und das
aber es ist auf jeden Fall ein Anreiz: Der Staat sorgt mit ist völlig klar.
steuerfinanzierten Mitteln dafür, dass du nicht verhun- (Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Ja!)
gerst, dass es dir nicht schlecht geht. Der Staat lässt dir
das Geld, wenn du dich entsprechend anstrengst. Die Opposition zielt mit ihren Anträgen darauf ab – so
habe ich sie jedenfalls verstanden –, dass das auch so
Fordern und Fördern ist das Prinzip von Hartz IV. bleibt. Das ist genau der entscheidende Punkt.
Kollege Peter Weiß hat darauf hingewiesen: Wir werden
die Auswirkungen auf das Rentensystem im Blick behal- (Beifall bei der SPD und der LINKEN)
ten müssen. Da gebe ich Ihnen recht. Wir müssen auf-
Allen Anträgen gemeinsam ist die Absicht, dafür zu sor-
passen, wie sich das entwickelt. Ich bin nicht der Auffas-
gen, dass das so bleibt.
sung, Herr Kollege Birkwald, wie Sie das ausgeführt
haben, dass die Hungerpeitsche zu Niedriglöhnen treibt. Absehbar ist doch – das ist doch Ihnen allen be-
10 Euro Mindestlohn sind nicht das probate Mittel, eine kannt –, dass es eine massive Zunahme von Altersarmut
existenzsichernde Rente zu bekommen. vor dem Hintergrund des Istzustandes geben wird, also
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4487
Anton Schaaf
(A) nicht vor dem Hintergrund dessen, was irgendwann in Kollege Birkwald, ich weiß ja, dass einige Ihrer Frak- (C)
Zukunft passieren wird, sondern vor dem Hintergrund tionskollegen sich im Wesentlichen in Abgrenzung zur
des Istzustandes. Langzeitarbeitslosigkeit und prekäre SPD verstehen. Das ist auch in Ordnung. Wo Kritik be-
Beschäftigung tragen zum Beispiel dazu bei – um sie rechtigt ist, nehme ich die auch hin. Sicherlich ist ein
geht es in den Diskussionen ja im Wesentlichen –, dass Teil der Gesetze, die wir gemacht haben, mitverantwort-
Menschen in Zukunft im Alter arm sein werden. Sie ant- lich dafür, dass der Niedriglohnbereich gewachsen ist.
worten, bisher zumindest, in keiner Weise darauf, wie
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Okay!)
Sie damit umgehen wollen.
Man muss sich aber genau anschauen, warum. Nehmen
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]:
wir einmal das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz. Im Ge-
Richtig!)
setz steht: gleiches Geld für gleiche Arbeit vom ersten
Da macht sich dann die Opposition in diesem Hause Tag an. Dann haben wir im guten Glauben und in Ab-
trotz aller Differenzen, die es hier gibt, Gedanken da- sprache mit den Gewerkschaften eine tarifliche Öff-
rüber, wie man die Situation, die da absehbar ist, für die nungsklausel in das Gesetz aufgenommen. Die hat uns in
Betroffenen zumindest ein Stück weit verhindern kann. diesem Bereich das Genick gebrochen. Das gebe ich ja
Darum geht es bei dieser Geschichte. zu. Das hat aber niemand von den Akteuren, die damals
daran beteiligt waren, in irgendeiner Form gewollt.
Der Verweis darauf, es gebe eine Kommission und
man rede da miteinander, irgendwann werde schon et- In Kombination mit den Zumutbarkeitskriterien im
was kommen – – SGB II wurde das natürlich zu einem echten Problem.
Im Gesetzentwurf der damaligen rot-grünen Regierung
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Nein, wir haben stand allerdings drin: Zumutbar ist Arbeit, die tariflich
Anträge in der letzten Legislaturperiode einge- oder ortsüblich entlohnt wird. Erst die unionsgeführten
bracht!) Länder im Bundesrat haben aus „tariflich oder ortsüb-
– Ja, ja, das habe ich Ihnen, Herr Kolb, ja bei der Debatte lich“ „sittenwidrig“ gemacht. Sonst hätten wir damals
über die Angleichung von Ost- und Westrenten, die ges- die Arbeitsmarktreform gar nicht umsetzen können.
tern stattgefunden hat, schon gesagt, wie es sich verhält: (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Sie sagen, wir müssen in diesem Jahr loslegen, Ihre Mi- DIE GRÜNEN)
nisterin aber sagt, in diesem Jahr machen wir gar nichts,
weil wir mit dem SGB II so viel zu tun haben. In dieser Kombination ist der Niedriglohnbereich zum
Problem geworden. Das müssen wir konstatieren.
Ich befürchte, Sie werden in dieser Legislaturperiode
(B) bei der Frage der Vermeidung von Altersarmut auch Jetzt stehen wir hier und bieten Lösungen an, damit (D)
nichts zustande bringen, zumal, Peter Weiß, die Unter- die Menschen, die sich in solch prekären Beschäfti-
schiede in der Koalition ja offensichtlich sind: Die einen gungsverhältnissen befinden, nicht im Alter arm sind.
setzen auf gnadenlose Privatisierung und Individualisie- Das kann man uns nicht zum Vorwurf machen. Vielmehr
rung der Risiken. Das macht die Union dagegen in wei- könnte man uns zugestehen, dass wir aus den Folgen
ten Teilen nicht – Gott sei Dank. dessen, was da passiert ist, gelernt haben und daraus die
Konsequenzen ziehen. Sich immer in Abgrenzung zu
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wir können die verstehen, ist ein ziemlich einfacher Politikstil. Das
Riester-Rente nicht einführen, sie ist schon wollte ich Ihnen einmal gesagt haben.
da!)
Die Frage nach einem schlechten Gewissen, Herr
Es besteht aber eine unvorstellbar große Differenz Kolb, stellt sich mir an dieser Stelle gar nicht. Vielmehr
zwischen den beiden Koalitionsfraktionen in der Frage, stelle ich fest, dass der derzeitige Zustand dazu führen
wie es zukünftig mit der Alterssicherung weitergehen wird, dass viele der Soloselbstständigen von Altersarmut
soll. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man hier zu betroffen sein werden, wenn wir nicht damit umgehen.
schlüssigen Konzepten kommen wird. Ich befürchte
eher, das werden wieder Wischiwaschikonzepte. Ich Ich stelle fest, dass es im Osten der Republik Löhne
habe nämlich schon erkannt, worauf das hinauslaufen gibt, die bestimmt kein vernünftiges Rentenniveau ga-
kann. Peter Weiß stellt sich hier hin und sagt: Wer le- rantieren werden, wenn wir damit nicht in irgendeiner
benslang Vollzeit gearbeitet hat, muss ein Alterseinkom- Form umgehen.
men erhalten, das zumindest oberhalb der Grundsiche- Ich stelle auch fest, dass wir immer noch 3,5 Millio-
rung liegt. – Wer ein Leben lang, 40, 45, 50 Jahre lang, nen Arbeitslose haben, die auch von Altersarmut betrof-
gearbeitet hat, dessen Renteneinkommen sollte nicht fen sein werden, wenn wir nicht damit umgehen.
knapp oberhalb der Grundsicherung liegen. Vielmehr
sollte er ein vernünftiges Auskommen, und zwar nur All das stelle ich schlichtweg fest. Vor diesem Hinter-
über die Rente, haben. Darum geht es, grund machen wir Vorschläge. Da brauche ich gar kein
schlechtes Gewissen zu haben. Vielmehr führt uns die
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem Betrachtung des Istzustandes zu der Forderung, jetzt
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) endlich zu handeln.
und damit zusammen hängen die Fragen nach dem Leis- Vor dem Hintergrund eines höheren Renteneintrittsal-
tungsniveau. ters – das ist uns völlig klar – müssen wir uns noch ein-
4488 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

Anton Schaaf
(A) mal genau anschauen, ob wir die Regelungen zur Er- Ich rufe den Tagesordnungspunkt 31 auf. (C)
werbsminderungsrente – das wird in unserem Antrag ja
Erste Beratung des von den Fraktionen CDU/
nur angedeutet – so lassen können, wie sie sind. Im euro-
CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
päischen Vergleich stellen wir fest, dass die Möglichkeit
NEN eingebrachten Entwurfs eines Sechsten Ge-
des Zugangs zur Erwerbsminderungsrente in Deutsch-
setzes zur Änderung des Weingesetzes
land ein Flaschenhals ist. In allen anderen Ländern ist
der Zugang zur Erwerbsminderungsrente besser und ein- – Drucksache 17/1749 –
facher. Das müssen wir schlichtweg konstatieren. Damit Überweisungsvorschlag:
muss man umgehen. Ich bin vorsichtig, ob man alles Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
gleichzeitig regeln sollte: die Abschlagsregelung in Verbraucherschutz
Höhe von maximal 10,8 Prozent, wenn man früher als Interfraktionell wird vorgeschlagen, die Reden zu
mit 63 Jahren in Rente geht, die Zurechnungszeiten und diesem Tagesordnungspunkt zu Protokoll zu geben.
die Zugangsmöglichkeiten. Bezüglich der Erwerbsmin- Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Es han-
derungsrente ist es so, dass das Zugangsalter bei durch- delt sich um folgende Kolleginnen und Kollegen: Gustav
schnittlich deutlich unter 50 Jahren liegt. Da zieht die Herzog für die SPD, Dr. Erik Schweickert für die FDP,
Zurechnungszeit bis 60 Jahre, die wir genau dafür einge- Alexander Süßmair für die Linke, Ulrike Höfken für
führt haben, dass die Menschen im Alter ein brauchbares Bündnis 90/Die Grünen und die Parlamentarische
Auskommen haben. Dass das im Einzelfall nicht immer Staatssekretärin Julia Klöckner für die Bundesregie-
passt, ist völlig klar. Deshalb müssen wir darüber reden, rung.1)
wie wir die Erwerbsminderungsrente vor dem Hinter-
Interfraktionell wird die Überweisung des Gesetzent-
grund des höheren Renteneintrittalters stabiler, besser
wurfs auf Drucksache 17/1749 an die in der Tagesord-
und verträglicher für die Menschen machen. Deswegen
nung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie
steht es auch in unserem Antrag.
damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die
Gespannt sind wir darauf – dazu gibt es ja auch eine Überweisung so beschlossen.
Kleine Anfrage –, wie es mit der Überprüfungsklausel Ich rufe die Tagesordnungspunkte 32 a und 32 b auf.
bezüglich der Rente mit 67 aussehen wird. Welche Krite-
rien legt die Bundesregierung an? a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Kai
Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Das weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
haben wir schon einmal gefragt!) NIS 90/DIE GRÜNEN
(B) – Ja, darauf sind wir sehr gespannt. – Man muss den Ist- Gute Lehre an allen Hochschulen garan- (D)
zustand konstatieren. Wir haben eine massive Wirt- tieren – Eine dritte Säule im Hochschulpakt
schafts- und Finanzkrise, die Auswirkungen auf den Ar- verankern und einen Wettbewerb für heraus-
beitsmarkt hat. Hier haben wir gemeinsam verhindert, ragende Lehre auflegen
dass da alles wegbricht. Aber die Langzeitfolgen sind – Drucksache 17/1588 –
noch nicht absehbar. Deswegen müssen wir uns das noch
Überweisungsvorschlag:
einmal genau anschauen, wie sich die arbeitsmarkt- und Ausschuss für Bildung, Forschung und
sozialpolitische Situation der Älteren, insbesondere der Technikfolgenabschätzung (f)
Älteren mit Handicap, mit Erwerbsminderungshinter- Ausschuss für Arbeit und Soziales
grund oder Ähnlichem, darstellt. Vor diesem Hinter- Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsausschuss
grund müssen wir dann entscheiden, wie wir mit der
Rente mit 67 umgehen. b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Nicole
Gohlke, Dr. Petra Sitte, Agnes Alpers, weiterer
Ich freue mich auf die Ausschussberatungen zu den Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE
Anträgen und warte gespannt auf die Vorschläge der Re-
gierung. Ich wünsche Ihnen ein schönes Pfingstwochen- Qualitätsoffensive für die Lehre starten – Ein-
ende, ganz besonders Ihnen, Herr Kolb. Wenn man vor heit von Forschung und Lehre sichern
dem Hintergrund dessen, was man real tut, bezüglich der – Drucksache 17/1737 –
politischen Stimmung bei 3 Prozent liegt, dann hat man Überweisungsvorschlag:
allen Grund, am Wochenende einmal über sich selbst Ausschuss für Bildung, Forschung und
nachzudenken. Technikfolgenabschätzung (f)
Ausschuss für Arbeit und Soziales
(Beifall bei der SPD und der LINKEN) Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsausschuss

Vizepräsidentin Petra Pau: Auch hier wird interfraktionell vorgeschlagen, die


Ich schließe die Aussprache. Interfraktionell wird die Reden zu diesem Tagesordnungspunkt zu Protokoll zu
Überweisung der Vorlagen auf den Drucksachen 17/1747, geben. Ich sehe, Sie sind damit einverstanden. Es han-
17/1116 und 17/1735 an die in der Tagesordnung aufge- delt sich um folgende Kolleginnen und Kollegen:
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein- Monika Grütters und Tankred Schipanski für die
verstanden? – Das ist der Fall. Dann sind die Überwei-
sungen so beschlossen. 1) Anlage 6
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4489
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) Unionsfraktion, Swen Schulz für die SPD, Dr. Martin Wir sind damit am Schluss unserer heutigen Tages- (C)
Neumann für die FDP, Nicole Gohlke für die Fraktion ordnung.
Die Linke und Kai Gehring für die Fraktion Bündnis 90/
Die Grünen.1) Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bun-
destages auf Mittwoch, den 9. Juni 2010, 13 Uhr, ein.
Auch hier wird interfraktionell vorgeschlagen, die
Vorlagen auf den Drucksachen 17/1588 und 17/1737 an Ich wünsche Ihnen erholsame Feiertage und allen, die
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu es nötig haben, gute Genesung.
überweisen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der (Heiterkeit und Beifall – Petra Ernstberger
Fall. Dann sind die Überweisungen so beschlossen. [SPD]: Danke, gleichfalls!)
Die Sitzung ist geschlossen.
1) Anlage 7 (Schluss: 15.24 Uhr)

(B) (D)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4491

(A) Anlagen zum Stenografischen Bericht (C)

Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten

entschuldigt bis entschuldigt bis


Abgeordnete(r) einschließlich Abgeordnete(r) einschließlich

Bender, Birgitt BÜNDNIS 90/ 21.05.2010 Winkler, Josef Philip BÜNDNIS 90/ 21.05.2010
DIE GRÜNEN DIE GRÜNEN

Binder, Karin DIE LINKE 21.05.2010 Wunderlich, Jörn DIE LINKE 21.05.2010

Binding (Heidelberg), SPD 21.05.2010


Lothar
Anlage 2
Bollmann, Gerd SPD 21.05.2010
Erklärungen nach § 31 GO
Bosbach, Wolfgang CDU/CSU 21.05.2010
zur namentlichen Abstimmung über den Ent-
Buchholz, Christine DIE LINKE 21.05.2010 wurf eines Gesetzes zur Übernahme von Ge-
währleistungen im Rahmen eines europäischen
Gloser, Günter SPD 21.05.2010 Stabilisierungsmechanismus (Zusatztagesord-
nungspunkt 13)
Goldmann, Hans- FDP 21.05.2010
Michael
Veronika Bellmann (CDU/CSU): Ich kann dem vor-
Groschek, Michael SPD 21.05.2010 liegenden Gesetzentwurf nicht zustimmen. Dem Grie-
chenland-Paket habe ich nur zugestimmt, weil die Zeit
Höger, Inge DIE LINKE 21.05.2010 für die Erarbeitung einer in den EU-Verträgen fehlenden
(B) Rechtsgrundlage für ein geordnetes Restrukturierungs- (D)
Hönlinger, Ingrid BÜNDNIS 90/ 21.05.2010 verfahren für Griechenland gefehlt hat. So wurde zumin-
DIE GRÜNEN dest argumentiert. Nun muss ich aber sehen, dass für die
Erarbeitung einer viel weitreichenderen Rechtsgrund-
Humme, Christel SPD 21.05.2010 lage offenbar zehn Tage vollkommen ausreichend wa-
ren. Ich fühle mich dadurch im Nachhinein gewisserma-
Kühn, Stephan BÜNDNIS 90/ 21.05.2010 ßen getäuscht.
DIE GRÜNEN
Man beachte, dass allein der Finanz- und Garantie-
Nietan, Dietmar SPD 21.05.2010 umfang des Griechenland-Pakets für Deutschland bei
22 Milliarden Euro zuzüglich Zinsrisiken liegt, der des
Petermann, Jens DIE LINKE 21.05.2010 Gewährleistungsgesetzes bei 147 Milliarden Euro ein-
schließlich einer zusätzlichen Garantieermächtigung.
Pflug, Johannes SPD 21.05.2010 Der Zeitfaktor gilt auch noch für einen anderen Fakt, al-
lerdings in ganz anderer Hinsicht. Die Konstruktion der
Reichenbach, Gerold SPD 21.05.2010 noch zu gründenden milliardenschweren Zweckgemein-
schaft – 440 Milliarden Euro – liegt nur in groben Zügen
Dr. Riesenhuber, Heinz CDU/CSU 21.05.2010 vor. Die vertraglichen Grundlagen sind nicht hinrei-
chend bestimmt, sodass es für Parlamentarier schwierig
Roth, Michael SPD 21.05.2010 ist, verantwortlich zu entscheiden. Den acht in der Ab-
stimmungserklärung der Abgeordneten Klaus-Peter
Schmidt (Eisleben), SPD 21.05.2010 Willsch und Manfred Kolbe genannten Punkten stimme
Silvia ich vollinhaltlich zu.
Dr. Schwanholz, Martin SPD 21.05.2010 Alles in allem hoffe ich dennoch, dass trotz aller Be-
schwernisse meinerseits meine Vermutungen im Hin-
Schwanitz, Rolf SPD 21.05.2010 blick auf die Entwicklung der EU nicht eintreffen mö-
gen, nach denen es eine EU mit Stabilitäts- und
Steinbach, Erika CDU/CSU 21.05.2010 Wachstumskriterien und einer Leitwährung deutscher
Prägung im Sinne eines Staatenbundes nicht mehr geben
Weinberg, Harald DIE LINKE 21.05.2010 wird, stattdessen der Weg in einen europäischen Bundes-
staat als Transferunion auf Grundlage einer Durch-
4492 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) schnittswahrung durch das Gewährleistungsgesetz vor- Die Teilnahme des IWF im vorliegenden Maßnahme- (C)
programmiert ist. paket ist im Unterschied zum Griechenland-Paket keine
Bedingung. Der IWF stellt lediglich Zahlungsunfähig-
Rechtliche Bedenken: Das vorgesehene Hilfssystem keit fest und muss das Sparprogramm billigen. Damit
verstößt gegen geltendes EU-Recht. Das gilt sowohl für fehlen ein notwendiges Korrektiv und ein Mitfinanzie-
die Finanzierung durch EU-Anleihen als auch für die rer.
Abgabe von bilateralen Garantien durch Mitgliedstaaten.
Es ist auch kein singuläres Ereignis im Sinne des Die beabsichtigte Zweckgesellschaft ist mit einem eu-
Art. 122 AEUV – Vertrag über die Arbeitsweise der Eu- ropäischen Währungsfonds vergleichbar. Im Übrigen
ropäischen Union –, da die Lage hilfebedürftiger Mit- teile ich nicht die Hoffnung, dass deren Existenz ledig-
gliedstaaten zu großen Teilen von ihnen selbst ver- lich drei Jahre plus vielleicht noch einmal soviel für die
ursacht wurde Diese liegt in der Situation der Abwicklung betragen wird. Europäische Realitäten ha-
Staatshaushalte begründet. Das Budgetrecht obliegt den ben uns gezeigt, dass sich einmal eingerichtete Instituti-
jeweiligen Parlamenten. Ferner hat gemäß Stabilitäts- onen selten an Befristungen halten. Für problematisch
pakt die EU ebenfalls eine Überwachungsfunktion. Inso- erachte ich, dass die EU-Kommission die Möglichkeit
fern ist die Bestimmung des Art. 122, dass die Union erhalt, im eigenen Namen Kredite aufzunehmen.
Beistand gewähren kann, wenn einem „Mitgliedsstaat Ich bleibe bei meiner Überzeugung, die ich bereits im
aufgrund von Naturkatastrophen oder außergewöhnli- Zuge der Verabschiedung des Griechenland-Pakets ge-
chen Ereignissen, die sich seiner Kontrolle entziehen ...“, äußert habe, dass die Banken viel zu wenig am Rettungs-
nicht anwendbar. Auf ein singuläres Ereignis, das sich paket beteiligt wurden. Es bleibt abzuwarten, welchen
der eigenen Kontrolle entzieht, kann man sich nicht be- Grad der Verbindlichkeit deren angebotene freiwillige
rufen, wenn auf Staatspapiere, die man aus einem Ge- Hilfen erreichen. Die unisono erfolgte Befürwortung der
winnmotiv heraus gekauft hat, Abschreibungsverluste Banken zum Rettungspaket ist ein deutliches Zeichen
drohen. Die Unabhängigkeit der EZB wird infrage ge- dafür, dass das Gewährleistungsgesetz eigentlich ein
stellt, da sie sich an dem Beistand im Rahmen des Hilfs- Bankenpaket ist, das bei Androhung der Systemrelevanz
systems beteiligt. Der Erwerb von Staatsanleihen am of- die Gewähr bietet, auch weiterhin Gewinne privatisieren
fenen Markt ist ein direkter Verstoß gegen Art. 123 und Verluste sozialisieren zu können.
AEUV.
Hinter der auffälligen Überaktivität einiger EU-Mit-
Die in Art. 125 – Haftungsausschlüsse – Abs. 2 dem gliedstaaten, insbesondere Frankreichs, das schon im
Rat zugeteilte Ermächtigung in Art. 123 – Verbot von Falle Griechenlands eine Restrukturierung unbedingt
Kreditfaszilitäten für öffentliche Einrichtungen – verhindern wollte, steht offenbar das Interesse, die Kapi-
(B) Art. 124 – Verbot zu berechtigtem Zugang von Finanzin- talanleger vor Schuldenmoratorien und nachrangiger (D)
stituten für öffentliche Einrichtungen – und Art. 125 be- Positionierung ihrer Ansprüche hinter denen des IWF
inhaltet lediglich, die Definition der Anwendung vor- und damit vor Neubewertung der Risiken zu schützen.
gesehener Verbote näher zu bestimmen. Sie erlaubt nicht Das hätte zu Schwierigkeiten der französischen Banken
die gänzliche Aufhebung dieser Verbote. Durch das Ge- geführt. Deutsche Banken hätten unter das Dach der
währleistungsgesetz wird aber ein echtes Gemein- SoFFin schlüpfen müssen. Das hätte zwar Kapitalhilfe,
schaftsinstrument geschaffen. Das heißt, die in vorge- aber auch staatlichen Einfluss und Kontrolle bedeutet,
nannten Artikeln verankerten Verbote werden was keines dieser Kreditinstitute will.
aufgehoben. Das halte ich für rechtswidrig.
Wenn ein angemessener Forderungsverzicht der
Grundsätzliche Bedenken: Ich stimme der Aussage Gläubiger realisiert wird, bevor internationale Hilfe ein-
des Bundesbankpräsidenten Axel Weber ausdrücklich setzt, können sogar die Märkte als Instrument zum Errei-
zu, wenn er sagt, dass die Beschlüsse die Fundamente chen von Schuldendisziplin wirken. Leider hat der IWF
der Wahrungsunion in ganz erheblicher Weise strapazie- einen solchen, für ihn sonst üblichen Forderungsver-
ren. Die Vorstellung, die prekäre finanzielle Situation zicht, weder im Falle von Griechenland noch für den
einzelner Mitgliedstaaten der Euro-Gruppe könnte mit EU-Gewährleistungsmechanismus gefordert. Auch des-
Milliardengarantien und Krediten abgewendet und da- halb wird das vorliegende Gesetz nicht zur notwendigen
durch der Euro gestärkt werden, halte ich für illusorisch. Schuldendisziplin in den Ländern führen.
Auch das riesige Hilfspaket saniert deren Staatsfinanzen
nicht; es schwächt vielmehr. Selbst die kurzfristige Ab- Durch den Wegfall von Wechselkursmechanismen bei
schwächung der Spekulations- und Nervositätsdynamik Einführung der einheitlichen Währung für den Euro-
an den Finanzmärkten kann nicht darüber hinwegtäu- Raum, gibt es nur noch wenige Instrumente, auf Wettbe-
schen, dass durch eine derartige Ad-hoc-Politik langfris- werbsfähigkeit, Bonität, Schuldendisziplin der Mitglied-
tig mehr Vertrauen zerstört wird und keine echte Stabili- staaten zu reagieren. Wenn die Preisstabilität erhalten
sierung erzielt werden kann. bleiben soll, so bleibt da nur noch die unterschiedliche
Zinsbewertung. Zinssteigerung infolge unsolider Haus-
Der Euro droht von einer Leitwährung zu einer haltpolitik kann sehr disziplinierend wirken. Durch das
Durchschnitts- bzw. Weichwährung zu werden, die Sta- Gewährleistungsgesetz wird auch dieser Bewertungsme-
bilitätsgemeinschaft der Euro-Zone zu einer Schulden-, chanismus ausgehebelt, praktisch Zinskonvergenz her-
Haftungs- und Transfergemeinschaft zu verkommen. gestellt. Deutschland, das die Hauptlast der Gewährleis-
Das ist ein weiterer Grund, dass sich an den Märkten tung zu tragen hat, hilft seinen Konkurrenten am
kaum Vertrauen herstellen lassen wird. Kapitalmarkt, sich wieder billiger zu verschulden. Das
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4493

(A) ist meines Erachtens falsch verstandene Solidarität. Die Alexander Funk (CDU/CSU): Hiermit teile ich mit, (C)
europäische Schuldenblase wird weiter aufgeblasen. Das dass ich mich dem Mehrheitsvotum der Regierungsko-
beflügelt Abwertungserwartungen für den Euro. Die Sta- alition zum Stabilisierungsgesetz bei der Abstimmung
bilisierung des Euro-Kurses ist nicht zu erwarten, was im Deutschen Bundestag am 21. Mai 2010 nicht an-
schon dessen nur kurzer Aufwärtstrend nach Ankündi- schließen werde. Ich habe diese Entscheidung nach reif-
gung des Rettungspaketes an den Börsen deutlich lichem Überlegen, intensiver Prüfung aller mir zugängli-
machte. Was ohne das Gewährleistungsgesetz nur zur chen Informationen und in der Konsequenz meiner
Abwertung der Staatsschuldentitel einzelner Euro-Län- massiven Bedenken gegen den eingeschlagenen finanz-
der geführt hätte, kann nun zur Abwertung der ganzen und europapolitischen Weg getroffen.
Währung führen. Das wiederum bedeutet einen allge-
Bereits anlässlich der Abstimmung über das Gesetz
meinen Anstieg des Zinsniveaus auch für Deutschland
zum Erhalt der Währungsunion vom 7. Mai 2010 habe
sowie ein erhöhtes Inflationsrisiko. Damit wird das Ge-
ich meine Befürchtung kundgetan, dass mit der Über-
währleistungsgesetz auch noch zur Wachstumsbremse
nahme von Kreditbürgschaften für Griechenland nicht
für Deutschland.
nur formalrechtlich, sondern auch inhaltlich gegen zen-
Sonstige Bewertungen: Anzuerkennen ist, dass sich trale Regularien der einschlägigen europäischen Gesetze
die Bundesregierung bemüht, dem Gewährleistungspa- verstoßen und der Weg zu einer mit unkalkulierbaren Ri-
ket eine grundlegende Reform des Stabilitäts- und siken verbundenen Uminterpretation der Europäischen
Wachstumspaktes an die Seite zu stellen. Diese Reform Union zu einer Transferunion eröffnet wird.
einstimmig in der Union von 27 Staaten, bei denen ei- Bedauerlicherweise muss ich feststellen, dass sich,
nige die Vertragsänderungen per Referendum ratifizieren wenige Tage nach der Beschlussfassung des Deutschen
lassen müssen, und in einem wegen der Dringlichkeit Bundestages in Sachen Griechenland, meine Befürch-
der Haushaltkonsolidierung und der daraus resultieren- tungen und Bedenken in jeglicher Form bestätigt haben.
den Finanzausstattung nahen Zeithorizont umzusetzen, Die besonders betonte Singularität der Hilfsmaßnahmen
halte ich allerdings für illusorisch. für Griechenland wird durch die beabsichtigte, exorbi-
Anzuerkennen ist ferner, dass endlich notwendige tante Garantiesumme von mindestens 123 Milliarden
Maßnahmen der Finanzmarktregulierung in Angriff Euro zum Dauerrisiko für den Haushalt der Bundesrepu-
genommen wurden, wobei ich hoffe, dass die jetzige Dy- blik.
namik in diesem Prozess anhält und nicht nur dem Der vorgelegte Gesetzesentwurf sieht einen potenziel-
Leidensdruck, die notwendige Zustimmung zum vorlie- len Beistand der Union für Mitgliedstaaten vor, die
genden Gesetz zu bekommen, geschuldet ist. Die Unter- „durch außergewöhnliche Ereignisse, die sich ihrer Kon-
(B) stützung für die Finanztransaktionsteuer ist mir aber ein- trolle entziehen, von gravierenden Schwierigkeiten (D)
deutig zu halbherzig. Außerdem fehlt mir die unbedingt ernstlich bedroht sind.“ Unter dieser Maßgabe werden in
erforderliche Trennung des klassischen Bankgeschäftes unüberschaubarer Größenordnung finanzpolitische Miss-
vom risikoreichen Investmentbanking und dessen Unter- wirtschaft, Haushaltsdefizite sowie das Unterlaufen des
legung mit Eigenkapital. Stabilitätspaktes zu einer höheren Gewalt, die sich dem
Einfluss der Staaten entzöge, uminterpretiert und nach-
Thomas Dörflinger (CDU/CSU): Dem von den träglich legitimiert. Eine tatsächliche ökonomische Ge-
Koalitionsfraktionen vorgelegten und heute nach 2. und fährdung des Euro kann meines Erachtens gewiss nicht
3. Lesung zur Abstimmung stehenden Gesetzentwurf zur durch die potenziellen Abschreibungsverluste der Inha-
Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines ber von Staatsanleihen begründet und zu einem „außer-
europäischen Stabilisierungsmechanismus werde ich gewöhnlichen Ereignis“ stilisiert werden, das die Kap-
meine Zustimmung erteilen. Ich stelle für diese Zustim- pung der No-bail-out-Klausel unerlässlich mache.
mung folgende Bedenken zurück: Ich hege erhebliche Zweifel an der vorgebrachten
Erstens. Ich hege Zweifel, ob einerseits die bisher aus Einschätzung, dass durch die implementierten Kontroll-
guten Gründen völlig unabhängige Rolle der Europäi- mechanismen ein nachhaltiger Konsolidierungserfolg
schen Zentralbank, EZB,) angesichts ihrer Absicht, beim der etwaig betroffenen Länder erreicht werden kann,
Ankauf von Staatsanleihen aktiv zu werden, nicht min- ebenso bezweifele ich die Dauerhaftigkeit der intendier-
destens temporär beeinträchtigt wird, und andererseits ten marktberuhigenden Effekte des Stabilisierungsgeset-
diese Praxis ohne Auswirkung auf die Geldwertstabilität zes. Im Gegenteil sind meines Erachtens ein weiterer
in der Euro-Zone bleibt. Kursverfall des Euros, eine stetig steigende Inflationsge-
fahr sowie mittelfristig zu erwartende Zinserhöhungen
Zweitens. Die von der Europäischen Union, EU, be- direkte wirtschaftliche Effekte der jetzigen Maßnahmen
reitgestellten 60 Milliarden Euro dürfen weder als Ein- und insbesondere die Degradierung der Europäischen
fallstor für eine zusätzliche Steuerfinanzierung für die Zentralbank zu einem Instrumentarium tagespolitischen
EU begriffen werden, noch darf dies als Einstieg in eine Opportunismus'.
Kreditfinanzierung der EU führen.
Ich bedauere ausdrücklich, dass die vielfältigen und
Drittens. Angesichts der Höhe der bereitzustellenden wissenschaftlich renommierten Kritiker dieses einge-
Bürgschaften wäre nicht nur ein Mitwirkungsrecht, son- schlagenen Weges bisher keine Gelegenheit erhalten ha-
dern ein Zustimmungsvorbehalt des Haushaltsausschus- ben, mit uns über Alternativstrategien fachlich fundiert
ses des Deutschen Bundestages angezeigt. zu beraten. Andere und gangbare Wege der Krisenbe-
4494 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) wältigung sind indes in den Wirtschaftsteilen der seriö- stärkt, dass eine Umsetzung der Finanztransaktionsteuer (C)
sen Tages- und Fachpresse für jeden Bürger nachlesbar in der Euro-Zone möglich ist.
und meines Erachtens mindestens bedenkenswert und
diskussionsfähig. Auch aus diesem Grunde hege ich Die Bankenkrise des Jahres 2008 wurde mit den Steu-
massive Zweifel an der immer wieder monierten Alter- ermitteln aller Bürger eingegrenzt. Ohne die damit ver-
nativlosigkeit des Programmes und warne mit Nach- bundene Kreditaufnahme hätte Deutschland im Jahr
druck vor den Konsequenzen dieser Ausblendung von 2010 einen Haushalt ohne Neuverschuldung erreicht.
Exit-Strategien. Nach dem Löschen des spekulativen Flächenbrands im
Bankensektor wurde international zu wenig für die Be-
Mitunter wird der berechtigten Kritik an der Außer- kämpfung der Ursachen getan. Eine erneute Belastung
kraftsetzung aller finanzpolitischen Grundüberzeugun- der Steuerzahler ohne Einbeziehung des Finanzsektors
gen unserer CDU und insbesondere der Väter der Wäh- kann ich nicht mittragen. Dem Entschließungsantrag mit
rungsunion inzwischen unterstellt, einen aktiven Beitrag der Drucksachennummer 17/1809 zur Einführung einer
an der zu erwartenden ausbleibenden Marktberuhigung Finanztransaktionsteuer stimme ich zu.
zu leisten. Ich verwehre mich in aller Schärfe gegen
diese Argumentationsführung. Das berechtigte und von
den Bürgerinnen und Bürgern auch erwartete Ringen um Dr. Lutz Knopek (FDP): Bevor wir heute über einen
den besten Weg in einer für uns alle entscheidenden Gesetzentwurf mit so weitreichenden Folgen entschei-
Situation gehört zur guten Tradition der christlichen den, mache ich von meinem Recht Gebrauch, mein Ab-
Unionsparteien. Unsere Partei war immer der Garant für stimmungsverhalten zu begründen.
fiskal- und finanzpolitische Vernunft und Seriosität und Ungleiche wirtschaftliche Entwicklungen in unter-
nicht zuletzt deshalb der entscheidende bundespolitische schiedlichen Staaten erfordern eine Anpassung des re-
Akteur der Europäischen Integration.
alen Wechselkurses. In einem gemeinsamen Währungs-
Ich versichere Ihnen, dass ich mich nach Kräften für raum sind die Handlungsspielräume einzelner Staaten,
die Menschen in unserem Land und für eine starke und kurzfristig auf länderspezifische Entwicklungen zu re-
erfolgreiche Arbeit unserer CDU einsetzen werde. agieren, jedoch beschränkt, da der nominale Wechsel-
kurs als Anpassungsinstrument nicht mehr zur Verfügung
Überdies schließe ich mich der vorgelegten Erklärung steht. Verschiedene Sprachen und kulturelle Unter-
meiner Fraktionskollegen Klaus-Peter Willsch und schiede schränken die Faktormobilität ein, sodass ein
Manfred Kolbe ausdrücklich an. Ausgleich über eine Zu- oder Abwanderung von Kapital
und Arbeitskräften nur eingeschränkt infrage kommt.
(B) Dem vorgelegten Gesetzentwurf der Bundesregierung Die anhaltenden Proteste in Griechenland zeigen, dass (D)
kann ich daher am 21. Mai 2010 nicht zustimmen. die Faktorpreisflexibilität ebenfalls erheblich einge-
schränkt ist. Keine demokratisch gewählte Regierung
Josef Göppel (CDU/CSU): Eine dauerhafte Siche- wird in kurzer Zeit die zur Herstellung der Wettbewerbs-
rung unserer gemeinsamen Währung Euro kann nur ge- fähigkeit erforderlichen drastischen Lohnsenkungen
lingen, wenn Haushaltskonsolidierung der Euro-Staaten durchsetzen können. Als letztes Mittel – wird der Weg in
und Regulierung der Finanzmärkte gemeinsam angegan- die geordnete Insolvenz ausgeschlossen – verbleibt da-
gen werden. Dabei müssen die Finanzmärkte an den her nur noch die Möglichkeit, eine reale Ungleichge-
Kosten der Bankenkrise und der Sanierung der Staats- wichtssituation im Rahmen umfassender interstaatlicher
haushalte angemessen beteiligt werden. Mit dem Gesetz Transfers abzubauen. Ein solches Finanzausgleichssys-
zum europäischen Stabilisierungsmechanismus über- tem in einer Währungsunion politisch selbstständiger
nimmt Deutschland konkrete finanzielle Verpflichtun- Staaten gefährdet aufgrund fehlender Anreize zur finan-
gen, doch die Beteiligung der Finanzmärkte bleibt weiter ziellen Solidität nicht nur die Anpassungsfunktion über
unbestimmt. die Märkte, es macht auch eine glaubhafte Gelddisziplin
schwierig. Bereits 1990 hat die Europäische Kommis-
Nur eine Finanztransaktionsteuer bringt einen nen- sion in ihrem vorbereitenden Bericht zur Europäischen
nenswerten Ertrag und dämmt gleichzeitig kurzfristige Währungsunion mit dem Titel „One Market, One Mo-
Spekulation ohne Bezug zur Realwirtschaft wirkungs- ney“ dazu Folgendes festgestellt:
voll ein. Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die
sich in ihrem Geschäftsmodell auf die Finanzierung von Die Schaffung der Währungsunion setzt die lang-
Unternehmensinvestitionen konzentrieren, haben in der fristige Vereinbarkeit zwischen der gemeinsamen
Bundestagsanhörung vom 17. Mai 2010 der Finanztrans- Geldpolitik und der Haushaltspolitik in den einzel-
aktionsteuer den Vorzug vor Bankenabgabe und Finanz- nen Mitgliedstaaten voraus. Untragbare Haushalts-
aktivitätsteuer gegeben. Investmentbanken und Hedge- situationen in einem Mitgliedstaat würden die mo-
fonds würden hingegen aufgrund des schnellen Umschlags netäre Stabilität in der Gemeinschaft insgesamt
ihres Vermögens durch eine Finanztransaktionsteuer in ernsthaft bedrohen. Durch hohe und wachsende
ihren krisenverstärkenden Aktivitäten gebremst. Die seit Schuldenquoten würde Druck auf die Gemeinschaft
1986 existierende britische Börsenumsatzsteuer beweist, ausgeübt, finanzielle Hilfestellung zu leisten. Da
dass bei geringen Steuersätzen auf Transaktionen keine Geld- und Haushaltspolitik langfristig interdepen-
Schwächung des Finanzplatzes eintritt. Durch die Anhö- dent sind, führt dies letztlich zu einer Inflationsfi-
rung des Finanzausschusses sehe ich mich darin be- nanzierung der Staatsschuld.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4495

(A) Mit der heutigen Entscheidung tritt Deutschland da- meinsamen Bemühungen für unabsehbar und daher un- (C)
her den unweigerlichen Weg in eine europäische Trans- vertretbar halte.
ferunion an. Damit übernimmt Deutschland de facto die
Gewährleistung der Schulden derjenigen europäischen Für meine Zustimmung sind die gesetzliche Bindung
Staaten, die über einen langen Zeitraum unsolide gewirt- der Finanzierungsmaßnahmen an ein zwischen dem be-
schaftet haben. Verantwortungslosigkeit wird somit be- troffenen Mitgliedstaat mit dem Internationalen Wäh-
lohnt. Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank, rungsfonds, der Europäischen Kommission und der Eu-
erstmals Staatsanleihen aufzukaufen – wenn auch zu- ropäischen Zentralbank vereinbartes und von allen
nächst einmal geldmengenneutral – lässt an der Unab- Staaten des Euro-Raumes gebilligtes wirtschafts- und fi-
hängigkeit der EZB erhebliche Zweifel aufkommen. nanzpolitisches Programm sowie die nun endlich ein-
Langfristig wird mit der heutigen Entscheidung die geleiteten Regulierungen spekulativer Finanzgeschäfte
Geldwertstabilität des Euro wesentlich gefährdet. wesentlich. Dagegen bedaure ich, dass das Gesetz keine
Regelungen für die zu gründende Zweckgesellschaft zur
Diese Entscheidung kann ich daher nicht mittragen. Gewährung von Krediten enthält, sondern der Deutsche
Ich stimme gegen diesen Gesetzentwurf. Bundestag sich mit der Vorlage der für diese Zweck-
gesellschaft noch in Vorbereitung befindlichen Vertrags-
Patrick Kurth (Kyffhäuser) (FDP): Die zahlreiche gestaltung begnügt, die nach meiner Überzeugung seiner
Kritik an dem Gesetz muss von der Bundesregierung in Zustimmung unbedingt bedurft hätte.
erheblichem Maße ernst genommen werden. Auch ich
kann zahlreiche Details des Gesetzes nicht nachvollzie- Paul Lehrieder (CDU/CSU): Bei der Abstimmung
hen oder bin bei Einzelfragen dagegen. in der Fraktion am 20. Mai 2010 hatte ich dem Gesetzes-
vorhaben meine Zustimmung verweigert.
In der Hauptsache lehne ich die Finanzmarkttrans-
aktionsteuer ab. Sie kann nur global eingefühlt wirken, Nach Überprüfung aller Beweggründe für und wider
ansonsten bleibt sie wirkungslos. Zumal lehne ich es ab, das Gesetzesvorhaben in materieller und formeller Hin-
dass vor allem Kleinsparer belastet werden. sicht habe ich nunmehr trotz fortbestehender Bedenken
am Freitag, den 21. Mai 2010, dem Gesetz zur Über-
Fragen bleiben bestehen: Was passiert, wenn Defizit- nahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäi-
staaten gegen Auflagen verstoßen? Was folgt, wenn der schen Stabilisierungsmechanismus meine Zustimmung
IWF abzieht? Die genaue Garantie dazu bleibt fraglich. erteilt.
Der Eindruck bleibt, dass Schulden mit Schulden be-
kämpft werden. Immer mehr Bürger dieses Landes fragen sich, ob es
(B) denn richtig sei, quasi in jeder Sitzungswoche neue mil- (D)
Trotz dieser bestehenden Einzelfragen und nicht liardenschwerer Rettungspakete – Rettung der Länder,
nachvollziehbaren Details stimme ich diesem Gesetz zu. des Euro und der EU, der Banken – auf den Weg zu brin-
Letztlich muss ich mich allerdings auf die Richtigkeit gen. Der Politik kommt gerade in Anbetracht dieser fi-
der Maßnahme verlassen, die von Experten und der Bun- nanziellen Dimensionen eine besondere Verantwortung
desregierung vorgeschlagen werden. zu, Zusammenhänge und Entscheidungsprozesse nach-
Für mich ist dabei aber entscheidend: Mit dem heuti- vollziehbar und transparent zu gestalten. Deshalb muss
gen Tag wird ausdrücklich nicht ein Vorgang abge- das Parlament genau wissen, worüber es abstimmt.
schlossen. Nein! Aus meiner Sicht haben wir die Lösung Durch die Eilbedürftigkeit des Verfahrens hat die
eines Problems nur verschoben und ein wenig Zeit ge- Bundesregierung den Bundestag nicht so umfassend be-
wonnen. Die Uhr läuft zur Lösung des Problems rück- teiligt, wie es angesichts der Bedeutung des Gesetzes
wärts. Deshalb muss der heutige Beschluss der Start notwendig gewesen wäre. Grundlegende Informationen
einer intensiven europäischen Politik zur Rettung des über Organisationsstrukturen, Verfahren und Techniken
Euro. Jetzt muss die Bundesregierung Führungsverant- des geplanten finanziellen Beistands für Mitgliedstaaten
wortung übernehmen und insbesondere eine Politik des der Euro-Zone wurden den Volksvertretern nur unzurei-
Schuldenabbaus und ordentlicher Haushalte in der Euro- chend und unter Zeitdruck zugeleitet. Die vertraglichen
Zone und bei den Mitgliedstaaten einfordern. Grundlagen müssen aber klar sein – eine Blankovoll-
Drastische Maßnahmen stehen an, für die der Bundes- macht darf keinesfalls erteilt werden.
tag und die Bundesregierung bei der deutschen Bevölke- Im Vertrauen auf den Finanzminister und die Bundes-
rung und die europäischen Mitgliedstaaten intensiv wer- regierung stimme ich dem Gesetzentwurf trotz der ge-
ben müssen. Mit anderen Worten: Wenn die gewonnene nannten Bedenken zu. Grund ist der Ernst der Lage: Der
Zeit nicht für drastische Reformen in der Euro-Zone ge- Vertrauensverlust der Finanzmärkte in die Solvenz von
nutzt wird, ist der Euro in Gefahr. Euro-Ländern ist nicht auf Griechenland beschränkt ge-
blieben. Erste Ansteckungseffekte auf andere Euro-Län-
Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU): Dem Gesetz zur der waren zu verzeichnen. Wäre es zum Verlust des Ver-
Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines trauens in die Zahlungsfähigkeit mehrerer Euro-Länder
europäischen Stabilisierungsmechanismus stimme ich gekommen, hätte das den Anfang vom Ende der Wäh-
zu, weil ich auch unter Berücksichtigung ernst zu neh- rungsunion bedeuten können, mit unverantwortbaren
mender Zweifel an Art und Umfang der vorgesehenen volkswirtschaftlichen und sozialen Kosten für Deutsch-
Maßnahmen die Risiken einer Verweigerung dieser ge- land und Europa.
4496 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) Dr. Georg Nüßlein (CDU/CSU): Wer dem heute zu Bundesstaat, keine gemeinsame, französisch dominierte (C)
beschließenden Gesetz nicht zustimmt, müsste in der Wirtschaftsregierung will, der tut in den nächsten Wo-
Lage sein, die Alternativen zu skizzieren – Alternativen, chen und Monaten gut daran, unsere Regierung in diesen
deren Konsequenzen überschaubar und beherrschbar Fragen eng zu begleiten.
sein müssten. Ich gebe freimütig zu, dass ich mich dazu
außerstande sehe. Deshalb werde ich dem Gesetz zu- Frank Schäffler (FDP): Wir entscheiden gleich über
stimmen müssen. das sogenannte Euro-Stabilisierungsgesetz. Dieses Gesetz
Allerdings will ich hier nochmals deutlich zu Proto- ist einmalig in der deutschen Geschichte. Diese Einma-
koll geben, dass ich das grundsätzliche Vorgehen aus- ligkeit veranlasst mich, von meinem parlamentarischen
drücklich nicht billige. Das Fehlen der Vertragsgrundla- Recht Gebrauch zu machen, mein Abstimmungsverhal-
gen für die zu gründende Zweckgesellschaft ist zu ten vor dem Deutschen Bundestag zu begründen.
bemängeln. Ich erwarte hier die Umsetzung der Verspre-
Ich werde dem vorliegenden Gesetzentwurf nicht zu-
chen, insbesondere dass diese Einrichtung befristet be-
stimmen. Denn dieses Gesetz ist kein Rettungspaket für
steht.
den Euro und Europa.
Für unangemessen halte ich auch die Beschneidung
Das vereinte Europa ist von seinen Gründungsvätern
des Haushalts- und Mitspracherechtes des Parlamentes.
Die Handlungsfähigkeit der Regierung und das Ver- Konrad Adenauer, Robert Schumann, Jean Monnet,
trauen der Märkte wären meines Erachtens durch die Alcide de Gasperi und anderen als ein Hort der Freiheit
Ausnahmeregelung, sprich den Verweis auf die – freilich gegen alle Formen von Diktatur, Unfreiheit und Plan-
dann darzulegenden – zwingenden Gründe für eine erst wirtschaft erträumt worden. Das heutige Europa ist auf
nachträgliche Einbindung des Haushaltsausschusses, in dem Weg in die monetäre Planwirtschaft und den politi-
jedem Fall gesichert. Ich halte es für ausgesprochen we- schen Zentralismus.
nig souverän, dass die Formulierungen im Gesetz quasi Die Gründungsväter Europas wollten ein Europa des
lauten sollen: Erstens. Der Haushaltsausschuss muss Rechts und der Rechtsstaatlichkeit. Die heutigen Regie-
nicht unbedingt zustimmen. Zweitens. Im Ausnahmefall rungen des Euro-Raums, die EU-Kommission und die
muss er gar nicht zustimmen. – Mag sein, dass das über- EZB verabreden sich hingegen zum kollektiven Rechts-
spitzt formuliert ist. Mag sein, dass die CSU gegenüber bruch, obwohl die EU-Kommission als Hüterin der Ver-
der bloßen „Unterrichtung des Haushaltsausschusses“ träge und die nationalen Regierungen zum Schutz des
hier Entscheidendes verbessert hat. Aber: Europapolitik Rechts verpflichtet sind.
muss künftig parlamentarisch kontrolliert werden. Das
Bundesverfassungsgericht hat zu Recht diese Kontrolle Es gibt Alternativen zum derzeitigen planwirtschaftli-
(B)
als Ergänzung zum Lissabon-Vertrag verlangt, und ich chen und rechtswidrigen Handeln der europäischen Re- (D)
habe zuvor mit Verweis auf diesen Mangel wohlüberlegt gierungen und der EU-Kommission. Planwirtschaft und
nicht zugestimmt. Dass wir heute die auf bloßes Bemü- Rechtsbruch sind nicht alternativlos. Wir müssen uns je-
hen reduzierte Formulierung aus dem Begleitgesetz doch trauen, die Alternativen zu bedenken, zu wählen
übernehmen, ist die Fortschreibung eines Fehlers, den und anschließend mutig umzusetzen. Vor allem müssen
wir bewusst begangen haben. Ich empfehle einen Ver- wir anfangen, die heute wieder vielfach geschürte Angst
gleich unserer Forderungen zu Oppositionszeiten, darge- vor der Freiheit zu bekämpfen. Dieser Kampf beginnt
legt in Drucksache 15/4716 vom 25. Januar 2005, und mit einem freien Denken: Wir müssen uns trauen, die
dessen, was wir uns dann selbst zugebilligt haben, wohl- Ursachen unserer Finanz- und Überschuldungskrise zu
gemerkt nachdem uns das Verfassungsgericht zur Wah- benennen.
rung unserer eigenen parlamentarischen Rechte gezwun-
gen hat. Die Hauptursache der Finanz- und Überschuldungs-
krise von Staaten und Banken liegt in der Geld- und Kre-
Mir stellt sich die Frage, wie lange wir eine Europa- ditschöpfung aus dem Nichts und der Möglichkeit, staat-
politik machen wollen, die auf Messers Schneide an der liches ungedecktes Zwangspapiergeld unbegrenzt zu
Verfassungswidrigkeit entlangbalanciert, bei der sich das vermehren. Ohne diese Alchemie des Geldes hätte kein
nationale Parlament in bemerkenswerter Gleichmütig- weltweites Schneeballsystem aus ungedeckten zukünfti-
keit selbst kastriert, bei der am Ende die Exekutive De- gen Zahlungsverpflichtungen entstehen können.
mokratie und Gewaltenteilung ersetzt, bei der Verant-
wortung und Kompetenz extrem auseinanderfallen. Es Dieses Schneeballsystem ist nur möglich, weil der
kann ja sein, dass eine Notfallsituation wie die vorlie- Staat aus Gründen der leichteren Finanzierung von
gende nicht Raum für eine so grundsätzliche Diskussion Staatsausgaben den Banken Privilegien verliehen hat,
lässt. Ein Weiter-so kann es aber auch nicht geben. Die die gegen die Grundprinzipien jeder marktwirtschaftli-
Beratung durch das Parlament war im Rahmen der Krise chen Ordnung verstoßen.
hilfreich. Ohne uns hätte es die notwendige Beteiligung Zum einen handelt es sich um das Teilreserveprivileg,
des IWF nicht gegeben, und ohne sie bliebe nicht die mit dem die Geschäftspraktik der Geld- und Kredit-
kleine Chance, dass die mit deutschen Garantien gewon- schöpfung legalisiert worden ist.
nene Zeit genutzt wird, um endlich auf einen europäi-
schen Stabilitätskurs zu kommen. Stattdessen hätten wir Zum anderen wurde durch die Gründung von Zentralban-
einen europäischen Währungsfonds und eine Transfer- ken der Zusammenhang von Haftung und Entscheidung für
union bekommen. Wer wie ich keinen europäischen den Bankensektor außer Kraft gesetzt. Zentralbanken wird
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4497

(A) die Hauptaufgabe zugewiesen, als Kreditgeber letzter Die Europäische Union hat mit dem vereinbarten Ret- (C)
Hand die Insolvenz von Banken zu verhindern. Eine tungsschirm das Tor zur Transferunion aufgestoßen. An-
Marktwirtschaft ohne Insolvenzrichter ist jedoch keine ders als bei der zuvor beschlossenen Griechenland-Hilfe
Marktwirtschaft. Zudem zerstören Zentralbanken durch wird mit der Verordnung zur Aufnahme von Gemein-
ihre Zinspolitik das Preissystem von Gesellschaften. Des- schaftsanleihen, dem Aufkauf schlecht besicherter
halb wird diese Art der Marktwirtschaft ständig von Kri- Staatsanleihen durch die EZB und dem vorliegenden Ge-
sen – boom and bust – heimgesucht. Die marktwirtschaft- währleistungsgesetz die Übernahme von Risiken institu-
lichen Selbstreinigungs- und Lenkungskräfte sind durch tionalisiert. Der sogenannte Rettungsschirm organisiert
staatlichen Zwang im höchst wichtigen Finanzbereich und besiegelt die Mitverantwortung aller europäischen
weitgehend außer Kraft gesetzt. Partnerländer für die unsolide Finanzpolitik Einzelner.
Die Tatsache, dass die Haftung formal nur „pro rata“ or-
Die Vorschläge über neue Finanzmarktsteuern sind ganisiert wird und zumindest die Zweckgesellschaft zeit-
deshalb ein Ablenkungsmanöver, das vom eigentlichen lich befristet ist, ändert nichts an diesem grundlegenden
Problem unserer Geldordnung ablenken soll. Befund. Indem wir die wirtschaftspolitischen Probleme
Darüber hinaus führt dieses Geldsystem fast zwangs- einzelner Länder zulasten der Steuerzahler der Übrigen
läufig zur Überschuldung von Staaten und Banken, die sozialisieren, verändern wir den Charakter der Wäh-
sich in diesem Prozess gegenseitig decken, stützen und rungsunion grundlegend. Wir begeben uns auf einen
erpressen. Die Erpressung lautet: Werden die Zahlungen Weg, der langfristig zu einer erheblichen Destabilisie-
für uns eingestellt, fällt das gesamte Finanzsystem zu- rung der Währungsordnung führen kann und die Wachs-
sammen. tumsperspektiven Deutschlands deutlich verschlechtert.

Ich stimme dem vorliegenden Gesetz nicht zu. Wer ein stabiles Europa und einen stabilen Euro ha-
ben will, darf nicht allein auf die Bindekraft politischer
Dieses Gesetz verstößt gegen europäisches Recht. Die Willensbekundungen vertrauen. Der Stabilitäts- und
Institutionen, die zum Schutz des Rechts verpflichtet Wachstumspakt war für Deutschland die unabdingbare
sind, erfüllen ihre Aufgabe nicht. Voraussetzung für die Zustimmung zur Einführung des
Zweitens wird durch diesen Rechtsbruch nicht der Euro. Er setzte auf eine doppelte Absicherung, eine poli-
Euro gerettet, sondern zerstört. tische und eine marktwirtschaftliche – mittels der
Maastricht-Kriterien durch politische Selbstbindung ei-
Und drittens wird die Überschuldungskrise von Staa- nerseits und mittels der No-Bail-out-Bestimmung durch
ten und Banken durch dieses sogenannte Rettungspaket die disziplinierende Kraft der Märkte und die Vermei-
nicht entschärft, sondern verschärft. dung von Moral-Hazard-Effekten andererseits. Die poli-
(B) tische Selbstbindung wurde bereits 2005 von der Regie- (D)
Durch diese Maßnahmen lösen wir unsere derzeitigen
rung Schröder aufgeweicht. Jetzt wird auch die zweite
Probleme nicht. Was wir zur Lösung unser derzeitigen
Absicherungslinie, das marktwirtschaftliche Korrektiv
Probleme in Europa brauchen, ist eine neue Geldord-
der Währungsunion, außer Kraft gesetzt.
nung, eine marktwirtschaftliche Geldordnung und nicht
Planwirtschaft. Deshalb sage ich: Nein! Der Ausschluss einer gegenseitigen Haftung der EU-
Länder sorgt dafür, dass Kapitalanleger einen permanen-
Dr. Hermann Otto Solms (FDP): Die Stabilität des ten Anreiz haben, Risiken realistisch einzuschätzen, die
europäischen Banken- und Finanzsystems ist von über- fiskalische Entwicklung der Länder genau zu beobach-
ragender volkswirtschaftlicher Bedeutung. Wenn akute ten und Risikovorsorge zu treffen. Das schlägt sich
Gefahr im Verzuge ist, muss gehandelt werden. Die Be- zwangsläufig nieder in einer divergierenden Zinsent-
mühungen der Bundesregierung, Zeit zu gewinnen, um wicklung je nach Bonität der Staaten. Mit der jetzt in die
größeren Schaden abzuwenden, verdienen unsere Unter- Wege geleiteten Aushebelung der No-Bail-out-Klausel
stützung. Das war bei der Abstimmung zur Griechen- wird die Zinsdifferenz eingeebnet, der Kauf einer Staats-
land-Hilfe am 7. Mai der Fall. Deswegen konnte man ihr anleihe für die Anleger zu einem risikofreien Geschäft
noch zustimmen. Dazu verweise ich auf meine schriftli- und die Ausweitung der Staatsverschuldung den hoch-
che Erklärung zur Abstimmung. verschuldeten Ländern ökonomisch erleichtert. Das be-
deutet nicht nur eine erhebliche potenzielle Belastung
Der jetzt in Europa ausgehandelte Rettungsschirm der garantiegebenden Länder und deren Steuerzahler,
setzt dagegen nicht allein auf Zeitgewinn. Er verändert sondern die Gefahr einer Fehlallokation und der Ver-
gleichzeitig die Architektur der Europäischen Wäh- schwendung von Kapital. Die fiskalische Disziplin des
rungsunion fundamental. Die Einhaltung des ohnehin Systems wird gelockert, die Fliehkräfte der Währungs-
aufgeweichten Stabilitäts- und Wachstumspaktes wird union nehmen zu.
für die Zukunft allein in die Verantwortung der Politik
gelegt. Statt die disziplinierende Kraft der Märkte in Zu- Wer hohe Risiken eingeht, muss dafür auch haften.
kunft klüger zu nutzen, müssen wir Europäer mehr denn Die No-Bail-out-Bestimmung war Ausdruck dieses Prin-
je darauf vertrauen, dass die Politik die Kraft aufbringen zips. Der mit dem Rettungsschirm institutionalisierte
wird, allein durch politischen Druck, durch Pflichten und Ausstieg der europäischen Finanzpolitik aus dem No-
Vorschriften die Schuldensünder zu disziplinieren. Dass Bail-out-Prinzip ist ein grundlegender Fehler. In dem
dieses Vertrauen die Politik überfordert, hat aber die Ver- Moment, wo dieses Prinzip nicht mehr gilt, kommt es zu
gangenheit gezeigt. einer dauerhaften Asymmetrie der Risiken. Entgegen
4498 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) fundamentalen marktwirtschaftlichen Prinzipien haften nach dem Gesetzentwurf einzurichtende Zweckgesell- (C)
die Staaten Europas dann für die Risiken der privaten schaft zur europäischen Finanzstabilisierung aussehen
Marktteilnehmer. Das bedeutet, dass letztlich systema- soll. Ein Entwurf für die rechtliche und inhaltliche Ge-
tisch die Steuerzahler für die Fehlinvestitionen von Ban- staltung liegt bis heute nicht vor. Eine Zustimmung des
ken, Versicherungen und anderen privaten Marktteilneh- Deutschen Bundestages vor der Übernahme von konkre-
mern geradestehen. ten Garantien für einzelne Länder ist nicht vorgesehen.
Das Haushaltsrecht des Parlaments wird damit verletzt.
Die ökonomischen Grundprobleme der gegenwärti-
Eine bloße Unterrichtung allein des Haushaltsausschus-
gen Verwerfungen werden durch den Rettungsschirm
ses kann das Budgetrecht des ganzen Parlaments nicht
nicht gelöst. Anders als bei der Griechenland-Hilfe geht
ersetzen, auch nicht Bemühungen zum Einvernehmen
der notwendige Gewinn an Zeit einher mit einer massi-
mit diesem Ausschuss. Mir wird damit ein fundamenta-
ven Veränderung des Charakters der Währungsunion.
les parlamentarisches Recht genommen, denn jeder Ab-
Der Zusammenhang zwischen Marktreaktionen und na-
geordnete hat das Recht zur Mitentscheidung über Haus-
tionalen Stabilitätsbemühungen wird weiter gelockert.
haltstitel von existentieller Größe.
Die Stabilität der Währung wird in Zukunft in erster Li-
nie von den jeweiligen politischen Kräfteverhältnissen Aber auch inhaltlich habe ich durchgreifende Beden-
und den vermeintlichen politischen Notwendigkeiten ab- ken gegen den Gesetzentwurf. Falsch und unverantwort-
hängig sein. Die ökonomische Institutionalisierung einer lich ist wiederum, dass es keine Vorsorge dagegen gibt,
Stabilitätsordnung gerät dagegen ins Abseits. Die insti- dass die Garantien aus Steuermitteln nicht den privaten
tutionellen Veränderungen bedeuten einen irreversiblen großen Gläubigerbanken zugute kommen. Diese werden
Schritt hin zur Transferunion, bei der die Steuerzahler in erster Linie Nutznießer der Garantien sein, denn ihre
der stabilitätsorientierten Länder automatisch für die Risiken werden übernommen und Renditen sowie Spe-
Disziplinlosigkeit und Verschwendungssucht der ande- kulationsgewinne garantiert. Staatliche Garantien dürf-
ren haften. Deshalb wäre es gerade Aufgabe der Bundes- ten meines Erachtens deshalb nur gegeben werden, wenn
regierung, die deutschen Steuerzahler vor diesen Gefah- sie im Rang vor den Krediten der Großbanken und priva-
ren zu bewahren. ten Gläubiger bedient werden. Alle Kredite, die aus
Angesichts dieser nicht nur von mir, sondern auch staatlichen Mitteln garantiert werden, nebst Zinsen, soll-
von vielen namhaften Experten aus Wissenschaft und ten also zurückgezahlt sein, bevor die privaten Gläubiger
Praxis genannten Einwände, kann ich dem Gesetzent- Geld erhalten.
wurf nicht zustimmen. Wegen der gebotenen Solidarität Auf meine parlamentarische Anfrage hat die Bundes-
mit meiner Fraktion werde ich mich, statt abzulehnen, regierung am 19. Mai 2010 geantwortet, dass jedes Dar-
der Stimme enthalten. lehen an notleidende Staaten (D)
(B)

Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- … gleichgestellt [ist] mit allen anderen gegenwärti-
NEN): Dem Gesetzentwurf der Koalitionsfraktionen gen und zukünftigen ungedeckten und nicht nach-
stimme ich nicht zu. Ich stimme mit Enthaltung. rangigen Darlehen und Verbindlichkeiten des Dar-
lehensnehmers … Lediglich die Darlehen des
Ich halte es für richtig, dass die europäischen Länder Internationalen Währungsfonds haben eine vorran-
gemeinsam vorsorgen. Nach Griechenland drohen nun gige Sicherung. Dies entspricht dem seit Gründung
auch andere europäische Länder, zahlungsunfähig zu des Internationalen Währungsfonds weltweit übli-
werden. Die Schuldenentwicklung und die unverant- chen Verfahren bei ähnlichen Unterstützungen
wortlichen Spekulationen haben zu einer unerträglichen durch den Internationalen Währungsfonds. Dieser
Situation geführt. Die Entwicklung der Finanzmärkte bevorrechtigte Gläubigerstatus wird Einzelstaaten
und die rasanten Währungsschwankungen waren und oder einer Gruppe von Einzelstaaten in der bisheri-
sind alarmierend. Die bekannt gewordene Finanzlage gen Rechts- und Kreditpraxis globaler Finanzierun-
und Verschuldung mehrerer europäischer Länder lässt gen nicht zugesprochen.
Schlimmes befürchten. Die Bereitstellung von staatli-
chen Garantien für Kredite an notleidende Länder kann Eine solche Bevorzugung des IWF ist nicht gerecht-
ein Weg sein, um Zeit zu gewinnen und den Ländern so fertigt. Ein Vorrang der Tilgung von Krediten, die aus
die Möglichkeit zu verschaffen, mit internationaler Hilfe Steuermitteln der europäischen Länder garantiert wer-
ihre Wirtschaft zu konsolidieren und ihre Finanzen in den, ist genauso notwendig, richtig und gerechtfertigt
Ordnung zu bringen. Aber der vorgelegte Gesetzentwurf wie bei Krediten des IWF. Bisherigen privaten Groß-
ist ungenügend und verstößt gegen das Grundgesetz. Die gläubigern dagegen ist zuzumuten, dass sie das Risiko
Beteiligungsrechte des Deutschen Bundestages nach weiter tragen, das sie sehenden Auges bei Hingabe der
Art. 23 Abs. 2 und 3 sind nicht gewahrt. Kredite eingegangen sind. Sie lassen sich das erhöhte
Risiko ja auch durch hohe Zinsen bezahlen. Ohne die
Der Gesetzentwurf enthält eine Generalermächtigung staatlichen Kredite hätten die bisherigen privaten Groß-
für die Bundesregierung, Garantien in unfassbarer Höhe gläubiger das eingesetzte Kapital ja schließlich ganz
aus Finanzen des Bundes sollen zur Verfügung gestellt oder zum großen Teil verloren.
werden, ohne dass ausreichend klar und bestimmt ist, zu-
gunsten welchen Staates unter welchen Bedingungen so- Außerdem dürften meines Erachtens Garantien in
wie durch wen und wie kontrolliert die Garantien gege- Milliardenhöhe aus Steuermitteln nur gegeben werden,
ben werden dürfen. So bleibt völlig unklar, wie eine wenn die privaten Großbanken zur Kasse gebeten und an
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4499

(A) der Bezahlung der Hilfen echt beteiligt werden. Dazu dass dem Marktgeschehen offenbar kein Ordnungsrah- (C)
muss der Bankensektor reguliert und eine Finanztransak- men gesetzt werden konnte. Angesichts der Personalaus-
tionsteuer eingeführt werden. Eine vage Absichtserklä- stattung der Bundesbank ist dies offensichtlich kein
rung der Bundesregierung für dahingehende Bemühun- quantitatives Problem. Deshalb sind Maßnahmen zur
gen auf internationaler Ebene reicht nicht aus. Konkrete qualitativen Stärkung der Aufsichtsbehörden vordring-
Vorschläge müssten jetzt vorgelegt werden. lich.

Auch für mich ist das Bekenntnis zur Europäischen Fünftens. Ich halte ein Zustimmungserfordernis des
Union und zum Prinzip der innereuropäischen Solidari- Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages für
tät zentral wichtig. Auch ich halte es für notwendig, dass notwendig. Eine solche Konditionierung würde nach
die EU-Länder sich gegenseitig helfen, wenn ein Land in meiner Auffassung das Vertrauen der Finanzmärkte in
Not gerät. Auch ich will der Bevölkerung notleidender den Euro stärken, weil es die Befürchtung entkräften
Mitgliedstaaten in einer jetzigen Finanzkrise beistehen. kann, die Europäische Kommission könnte von den jetzt
Staatlich garantierte deutsche Kredite können ein Mittel geschaffenen Instrumenten im Übermaß Gebrauch ma-
sein, um der Finanznot dieser Staaten entgegenzuwirken chen.
und sollten dann vor allem eingesetzt werden, um dort
den sozial Benachteiligten zu helfen.
Anlage 3
Karl-Georg Wellmann (CDU/CSU): Ich kann dem
Gesetz unter anderem aus folgenden Gründen nicht zu- Erklärung nach § 31 GO
stimmen:
der Abgeordneten Steffen Bockhahn und
Erstens. Mit dem Gesetz wird faktisch eine Garantie Dr. Barbara Höll (beide DIE LINKE) zur nament-
für Haushaltsdefizite von Mitgliedstaaten gegeben, bei lichen Abstimmung über den Entwurf eines Ge-
denen gegenwärtig zweifelhaft ist, ob sie die volkswirt- setzes zur Übernahme von Gewährleistungen
schaftlichen Voraussetzungen erfüllen, gleichberechtigt im Rahmen eines europäischen Stabilisierungs-
an der Währungsgemeinschaft teilzuhaben. Dieses kann mechanismus (Zusatztagesordnungspunkt 13)
sowohl zu einer Schwächung des Euro insgesamt als
Wir stimmen dem Antrag nicht zu, weil wir eine Fest-
auch zu einer Verschlechterung des deutschen Ratings legung auf eine Entschuldung oder Teilentschuldung
und damit zu einer Erhöhung der Zinslasten in einem europäischer Länder zum jetzigen Zeitpunkt nicht für
(B) zweistelligen Milliardenbereich führen. richtig halten. Weder sind Modalitäten dieser Entschul- (D)
Zweitens. Mit den gegenwärtigen Stützungsaktionen dung im abgestimmten Antrag geklärt, noch kann ausge-
erreichen wir nur einen begrenzten Zeitgewinn. Dies schlossen werden, dass ein solches Vorgehen zu unkal-
machte nur Sinn, wenn es in einem überschaubaren Zeit- kulierbaren Risiken führt. Die Botschaft, dass Schulden
raum zu einer Umstrukturierung des Mechanismus zur nicht werthaltig sind, wäre ein fatales Signal, weil sie
Überwachung und Verhinderung von Haushaltsdefizi- den Schluss zulassen könnte, dass verliehenes Geld
ten in Mitgliedstaaten käme, wenn die zu stützenden wertlos würde. Ein solches Vorgehen wäre geeignet,
Volkswirtschaften die Kraft zu drastischen Restrukturie- Vertrauen in die europäische Gemeinschaftswährung,
die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in der Europäi-
rungsmaßnahmen fänden und es gleichzeitig zu einem
schen Union sowie in die Liquidität der betroffenen
nachhaltigen Abbau der Haushaltsdefizite in allen Mit-
Staaten ernsthaft zu gefährden.
gliedsländern, auch in der Bundesrepublik Deutschland,
käme. Ich habe Zweifel, ob alle betroffenen Staaten die Zudem wäre bei einer sofortigen Entschuldung offen,
Kraft für ein solches Vorgehen finden werden. ob nicht Geldinstitute und Finanzinvestoren durch die
Nutzung von Kreditausfallversicherungen erneut erheb-
Drittens. Ich bin der Auffassung, dass die Instrumente
liche Gewinne zulasten der Staaten und von Kleinanle-
zur Überwachung der Finanzmärkte nachhaltig ausge-
gern machen würden. Vielmehr entsteht die Gefahr, dass
baut werden müssen. Erforderlich wäre eine Entkoppe-
es attraktiv wird, sich mit Staatsanleihen und Kreditaus-
lung des Spiel- und Wettsystems internationaler Finanz- fallversicherungen spekulativ auf eine Entschuldung
jongleure von der Realwirtschaft. Seit der Bankenkrise vorzubereiten, um dann zu profitieren. Eine solche Ent-
2008 wird die Notwendigkeit solcher Maßnahmen her- wicklung lehnen wir strikt ab.
vorgehoben. Die aktuellen Erscheinungen auf den Fi-
nanzmärkten zeigen aber, dass wirksame Maßnahmen Möglichkeiten zur teilweisen oder vollständigen Ent-
bisher nicht eingeleitet wurden. Ich bin skeptisch, ob die schuldung von Staaten, beispielsweise durch ein Insol-
internationale Gemeinschaft diesbezüglich in absehbarer venzrecht für Staaten, müssen seriös und sorgfältig ge-
Zeit zu koordinierten Maßnahmen finden wird. prüft werden. Erst in Kenntnis dieser Untersuchungen
könnte begründet eine solche Forderung erhoben wer-
Viertens. Die deutschen Institutionen der Finanzauf- den.
sicht, BaFin und Bundesbank, sind nach eigener Darstel-
lung von den Ereignissen überrascht worden. Diese Tat- Aus den oben genannten Gründen haben wir uns zum
sache ist ebenso besorgniserregend wie der Umstand, Antrag enthalten.
4500 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) Anlage 4 Stabilisierungsmechanismus (Zusatztagesord- (C)


nungspunkt 13)
Erklärung nach § 31 GO
Erstens. Der bereits mit dem „Griechenland-Hilfege-
der Abgeordneten Dr. Valerie Wilms und Bettina
setz“ eingeschlagene Irrweg einer Bekämpfung der zu
Herlitzius (beide BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
hohen Staatsverschuldung durch eine noch höhere
zur namentlichen Abstimmung über den Ent-
Staatsverschuldung wird mit diesem Gesetz mit großem
wurf eines Gesetzes zur Übernahme von Ge-
Tempo und drastisch erhöhtem Risiko für die deutschen
währleistungen im Rahmen eines europäischen
Steuerzahler weitergegangen. Nach der Übernahme ei-
Stabilisierungsmechanismus (Zusatztagesord-
nes Haftungsrisikos in Höhe von 22,4 Milliarden Euro
nungspunkt 13)
für Haushaltsfehlbeträge Griechenlands wird nunmehr
Als überzeugte Europäerinnen und Europäer befür- den Deutschen ein zusätzliches Haftungsrisiko in Höhe
worten wir die Grundidee eines Euro-Stabilitätspaktes. von bis zu 150 Milliarden Euro für die Unterstützung
Er ist ein Signal zu stärkerer europäischer Integration. Er weiterer Länder mit Haushaltsschwierigkeiten im Euro-
gibt den Finanzmärkten eine von mehreren notwendigen Raum aufgebürdet.
Antworten auf die ungehemmten Spekulationen der letz-
ten Jahre, die zum Zusammenbruch großer Banken und Zweitens. Die europäische Einigung ist eine großar-
Volkswirtschaften geführt haben und deren Kosten auf tige Leistung der Politik im Europa der Zeit nach dem
die Allgemeinheit abgewälzt wurden. Der Stabilitätspakt Zweiten Weltkrieg. Die Währungsunion ist politisches
kann ein Aufbruch zu nachhaltiger Haushaltsführung Symbol der höchsten Ausprägungsstufe dieses Prozes-
und verstärkter Sparsamkeit sein. ses. Für uns Deutsche war es wichtig, die Erfolgsge-
schichte der Deutschen Bundesbank durch die Unabhän-
In den letzten Tagen kam es innerhalb der Regierung gigkeit der Europäischen Zentralbank auf den gesamten
und Koalition zu einem Meinungswechsel, der endlich Euro-Raum zu übertragen. Durch Errichtung des Stabili-
auch die Notwendigkeit stärkerer Regulierungen am Fi- tätspaktes hofften wir, Vorsorge dafür zu treffen, den ge-
nanzmarkt anerkennt. Nun sollen auch endlich Maßnah- samten Euro-Raum auf das Ziel der nachhaltigen Haus-
men wie die Transaktionsteuer, das Verbot von Leerver- haltspolitik und der Preiswertstabilität zu verpflichten.
käufen und Kreditausfallversicherungen, sofern sie nicht In den europäischen Verträgen ist hierzu festgelegt, dass
der Absicherung eigener Risiken dienen, sowie die im Euro-Raum kein Staat für die Schulden des anderen
strenge Regulierung von Hedgefonds erfolgen. aufkommen muss, ja nicht einmal darf – Bail-out-Ver-
bot. Dies ist der Kern des Vertrauens in den Euro ange-
Angesichts dieser Schritte der Regierungskoalition
sichts der sehr unterschiedlichen Volkswirtschaften in
hin zu den von meiner Fraktion schon lange geforderten
(B) Maßnahmen bleibt es absolut unverständlich, wieso sie diesem gemeinsamen Währungsraum. Schon die vorge- (D)
sehene Hilfe für Griechenland, erst recht aber die neu
dem Parlament keinen Vorschlag für einen interfraktio-
aufgerufene Summe verstößt offenbar gegen die Buch-
nellen Beschluss unterbreitet. Eine breite Mehrheit wäre
staben, in jedem Falle aber gegen den Geist der gültigen
möglich gewesen. Wir hätten klarmachen können, dass
europäischen Verträge. So wird die langfristige Stabilität
wir als verantwortungsvolle Politikerinnen und Politiker
des Euro nicht gesichert, sondern nachhaltig gefährdet.
das Allgemeingut schützen und die ungebremste Größe
eines völlig überdimensionierten und bislang weitestge- Drittens. Der Weg ist auch ökonomisch falsch. Man
hend unregulierten Finanzmarktes beschränken wollen. wirft dem schlechten Geld kein gutes hinterher. Der rich-
Die Koalition hatte ganz offensichtlich kein Interesse, tige Weg zur Lösung der griechischen Finanzkrise wäre
dieses starke und gegenüber allen Akteuren auch not- ein Schuldenmoratorium und ein Teilverzicht der Gläubi-
wendige Signal zu setzen. Damit werden die Bürgerin- ger auf ihre Forderungen. Dadurch trügen einerseits die-
nen und Bürger Europas und Deutschlands weiter im jenigen Anleihengläubiger zur Sanierung Griechenlands
Unklaren gelassen, ob den Ankündigungen zu stärkerer bei, die teilweise spekulativ griechische Anleihen mit ho-
Regulierung auch Taten folgen. Diese Regierung unter- hen Zinsen gekauft haben und deren erhöhtes Risiko sich
gräbt damit ihre Glaubwürdigkeit – und die Glaubwür- jetzt realisierte. Andererseits hätte Griechenland alleine
digkeit der Politik insgesamt. Eine Zustimmung zum bei einer Teilentschuldung eine echte Chance, da die
vorgelegten – und in vielen Punkten noch unklaren – Ge- derzeitige über dem jährlichen Bruttosozialprodukt von
setzentwurf ist uns daher nicht möglich. Deswegen wer- 240 Milliarden Euro liegende Staatsschuld von über
den wir uns der Stimme enthalten. 300 Milliarden Euro nach Ansicht fast aller Experten
nicht zu bewältigen ist.
Viertens. Am Sonntag, dem 9. Mai 2010, hat der Eu-
ropäische Rat für Wirtschaft und Finanzen unter der Be-
Anlage 5 teiligung Deutschlands die Errichtung eines Finanzstabi-
Erklärung nach § 31 GO lisierungsmechanismus mit einem Finanzvolumen von
60 Milliarden Euro beschlossen. Dies hätte nach deut-
der Abgeordneten Dr. Peter Gauweiler, Manfred schem Recht nicht ohne vorherige Befassung des Deut-
Kolbe und Klaus-Peter Willsch (alle CDU/CSU) schen Bundestages erfolgen dürfen. Die Einrichtung die-
zur namentlichen Abstimmung über den Ent- ses Finanzstabilisierungsmechanismus verstößt gegen
wurf eines Gesetzes zur Übernahme von Ge- das Bail-out-Verbot der europäischen Verträge. Hier ist
währleistungen im Rahmen eines europäischen geregelt, dass weder die Gemeinschaft noch einzelne
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4501

(A) Mitgliedstaaten für Haushaltsdefizite anderer Länder mentarier zu streiten, bis der beste – der richtige Weg ge- (C)
einstehen dürfen. Da für die Verwendung dieser Mittel funden ist. Die Schwierigkeit der aktuellen Themen
nicht einmal der Einstimmigkeitszwang besteht, sondern bringt die zum Teil doch sehr deutlichen Unterschiede
mit qualifizierter Mehrheit entschieden wird, kann eine unserer Parteien zutage, tatsächliche oder auch nur rein
Mehrheit von Haushaltsdefizitstaaten über die Verwen- taktisch motivierte.
dung dieser Mittel entscheiden.
Jetzt beraten wir aber ein angenehmes Thema. Auch
Fünftens. Nun soll durch Veränderung der europäi- wenn der Gesetzestext recht trocken wirkt, so geht es
schen Verträge erreicht werden, dass Defizitsünder unter letztendlich dann doch um die Qualität im Glase. Mit der
den Euro-Ländern durch Stimmrechtsentzug und Aus- letzten Weingesetzänderung haben wir insbesondere die
schluss aus der Währungsunion bestraft werden können. Reform der europäischen Weinmarktordnung in nationa-
Wer sich des langen Verfahrens für die endgültige Ratifi- les Recht umgesetzt und uns gleichzeitig Zeit verschafft,
zierung des heute gültigen Vertrages von Lissabon erin- die verhandelten Spielräume zu nutzen. So werden wir
nert, wird zumindest einräumen, dass dies ein unabseh- das komplizierte Bezeichnungsrecht so gestalten, dass
bar langer Weg sein wird, mit vielfältigen Risiken des wir sowohl Bewährtes erhalten als auch die neuen Chan-
Scheiterns; alle 27 Staaten müssen nach ihren Regeln zu- cen ergreifen können. Deshalb zitiere ich den VDP-
stimmen, unter anderem Volksabstimmungserfordernis Präsidenten Steffen Christmann, der sagte, dass „der
in mehreren Mitgliedsländern der EU. Systemwechsel von der Oechsle-Pyramide hin zur Her-
kunfts-Pyramide den richtigen Weg weise“. Verbrauche-
Sechstens. Weiterhin möchte man die Defizitsünder rinnen und Verbraucher kennen und vertrauen in den
zukünftig in ihrem Haushaltsgebaren kontrollieren. Dazu Zusammenhang zwischen Herkunft und Qualität der
ist nur anzumerken, dass wir als Deutscher Bundestag uns Weine. Über zweieinhalb Tausend Einzellagen in
verbitten würden, dass die EU-Kommission in unser Deutschland sind ein Garant für die Vielfältigkeit und
Budgetrecht eingreift. Wie können wir realistischerweise einzigartige Charaktere der Deutschen Weine.
von den nationalen Parlamenten der „Defizitsünder“ er-
warten, dass diese sich das gefallen lassen, wenn sie es Um dies zu erhalten, haben wir uns bei der Wein-
mit einem einfachen Nein verhindern können? Nichts dis- marktreform und der nationalen Umsetzung eingesetzt.
zipliniert Haushaltssünder mehr als die Furcht vor Zins- Dabei waren und sind wir erfolgreich, hier im Hohen
steigerungen infolge unsolider Haushaltspolitik. Genau Haus als auch im Schulterschluss mit den Weinbau trei-
dieses Instrument wird durch das vorgesehene Gesetz benden Bundesländern und der Weinwirtschaft. Bei allen
ausgehebelt. Differenzen in anderen Bereichen, beim Wein kommen
wir zusammen, nicht nur nach getaner Arbeit sondern
Siebtens. Wir können in der derzeitigen Situation der auch hier bei der heute beratenen Weingesetzänderung.
(B) deutschen Staatsfinanzen dem Steuerzahler keine weite- (D)
ren Belastungen in diesem Ausmaß zumuten, ohne die Gemeinsamkeit und Erfolg gehören zusammen, wie
Einhaltung der gerade in das Grundgesetz aufgenomme- wir im Bereich Weinpolitik mittlerweile aus persönlicher
nen Schuldenbremse zu gefährden. Auch werden künftig Erfahrung sagen können. Das 2003 gegründete Parla-
notwendige Einsparungen in Deutschland kaum noch mentarische Weinforum ist unsere überfraktionelle Platt-
politisch zu vermitteln sein, wenn wir hier Garantien für form. In guter Zusammenarbeit mit der Weinwirtschaft
ganz Europa in dreistelliger Milliardenhöhe übernom- kommen wir als Berichterstatter dort im Vorfeld zu der
men haben. Lösung, die dem Zweck dient, die Weinbaukultur und
die Qualität der Weine zu erhalten und auszubauen, re-
Achtens. Der Euro-Raum wird durch den Haftungs- gionale und nachhaltige Kreisläufe zu stärken, den Be-
verbund für Haushaltsdefizite anderer Mitgliedstaaten trieben ein gesichertes Einkommen zu bieten und den
zur dauerhaften Transferunion umgebaut. Das ist das Ge- Tourismus zu stärken. Wir stehen vor großen Herausfor-
genteil von dem, was Bundeskanzler Kohl, Finanzminis- derungen, die es zu meistern gilt. Der Klimawandel birgt
ter Waigel und die gesamte CDU/CSU den Deutschen bei nicht absehbare Risiken, der Weg zur Agrarreform 2013
Aufgabe der D-Mark und Übergang zum Euro verspro- ist noch nicht geebnet, dem Trend zum Billigkonsum
chen haben. Das ist das Gegenteil von unserer Überzeu- und der Geiz-ist-geil-Mentalität auch beim Wein ist un-
gung, dass Leistung sich lohnen muss. Dem können wir bedingt entschieden entgegenzutreten. Hier macht nicht
uns nicht anschließen. nur das zentrale Weinmarketing eine gute Arbeit, auch
Deshalb können wir diesen Weg nicht mitgehen. sonst haben wir beste Voraussetzungen. Wir haben quali-
fizierte Winzerinnen und Winzer – das beste Fundament
für die Herstellung und den Vertrieb hervorragender
Anlage 6 Weine. Wir haben beste Lagen, gutes Klima und großes
Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher. Unser
Zu Protokoll gegebene Reden Weinrecht ist auf Qualität ausgerichtet und es sorgt für
faire Wettbewerbsbedingungen unter den Weinbaube-
zur Beratung des Entwurfs eines Sechsten Ge- trieben. In letzter Zeit hat sich allerdings ein Verfahren
setzes zur Änderung des Weingesetzes (Tages- verbreitet, das mir ernste Sorgen bereitet. In „Koopera-
ordnungspunkt 31) tion“ von Traubenerzeugern und Traubenverarbeitern
wird die Hektarertragsregelung umgangen. Somit ent-
Gustav Herzog (SPD): Wir haben eine Zeit der gro- steht ein zwar legaler, aber unfairer und daher uner-
ßen Entscheidungen. Wir sind gefordert, uns als Parla- wünschter Wettbewerbsvorteil!
4502 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) Bereits in der letzten Legislatur, bei der fünften Ge- An die alte Hektarertragsregelung sind neben den rei- (C)
setzesänderung haben wir darauf hingewiesen, dass dem nen Traubenerzeugern – also Weinbaubetriebe, die Reb-
Treiben ein Ende zu setzen ist. Sinn der Hektarertragsre- flächen bewirtschaften und die Trauben nicht selbst ver-
gelung ist, die Menge pro Hektar im Dienste der Qualität arbeiten – auch Trauben-, Most- und Weinerzeuger
und der Preisstabilität zu begrenzen. Mit dem vorliegen- – Weinbaubetriebe, die Trauben aus selbst bewirtschaf-
den Gesetzentwurf, der in enger Abstimmung aller Be- teten Rebflächen verarbeiten und in der Regel als Most
teiligten erarbeitet wurde, sorgen wir für klare Verhält- oder Wein vermarkten – gebunden.
nisse. Den Vorwurf, dass wir damit die Bürokratie
aufbauen, lasse ich nicht gelten, insbesondere nicht von Zwischenverarbeiter, zum Beispiel Kelterstationen,
denen, die von der derzeitigen Rechtslage einseitig pro- die die Trauben kaufen, keltern und weiterverkaufen, un-
fitieren. Lassen Sie uns den Gesetzentwurf sorgfältig im terliegen dieser Regelung bislang nicht. Sie müssen mit
Ausschuss beraten und schnell eine gute Lösung für den theoretischen Umrechnungsfaktoren rechnen. Genauso
deutschen Wein beschließen. verhält es sich bei reinen Weinerzeugern – Betrieben
ohne Rebflächen –, die Trauben, Most und Wein kaufen
und weiterverarbeiten. So kommt es, dass diejenigen, die
Dr. Erik Schweickert (FDP): Heute geht es um ein nicht an die Hektarertragsregelung gebunden sind, mehr
Thema, mit welchem ich nicht nur in der Funktion des Wein in den Verkehr bringen dürfen als ein Erzeuger
Berichterstatters für Weinbaupolitik der FDP-Bundes- oder eine Erzeugergemeinschaft, wenn diese aus der
tagsfraktion zu tun habe, sondern es betrifft mich auch gleichen Menge Trauben oder Most selbst Wein herstel-
als Professor für Internationale Weinwirtschaft am Cam- len.
pus Geisenheim.
Hierdurch werden die abnehmenden Betriebe gegen-
Und deshalb freue ich mich gar nicht darüber, heute über den Erzeugerbetrieben oder Erzeugergemeinschaf-
und hier dieses Gesetz beraten zu müssen. Warum? Ich ten, die selbst Wein herstellen und vermarkten, bevor-
habe nämlich den Anspruch an mich – wie sicherlich teilt. Und aus dieser Situation heraus werden die neuen
viele von Ihnen hier auch –, die Ursachen eines Pro- Geschäftsmodelle gegründet, um hieraus einen Vorteil
blems erst zu analysieren und dieses Problem im An- zu haben. Wenn nun ein oder zwei Unternehmen hier
schluss daran zu beseitigen. eine Regelungslücke entdeckt hätten, die sich durch
Gründung einer „speziellen Unternehmensstruktur“,
Und da bin ich es nicht gewohnt, nur an den Sympto- man könnte aber auch Scheinfirma sagen, positiv nutzen
men herumzudoktern. Das Problem, das wir haben, be- lässt, kann man das noch als „cleverer als der Gesetzge-
steht darin, dass diese Symptome schon lange augenfäl- ber“ abtun. Wenn es aber die ersten Anzeichen gibt, dass
lig sind. Ich war damals noch gar nicht Mitglied dieses es hier in einigen b.A.-Gebieten zu einer Art Massenbe- (D)
(B)
Hohen Hauses, als meine Fraktion in der 16. Wahl- wegung kommt, müssen wir hier als Gesetzgeber reagie-
periode am 17. Juni 2009 einen Entschließungsantrag ren. Wir müssen als Mitgliedsstaat der EU dafür Sorge
zur Änderung des Weingesetzes im Ausschuss für Er- tragen, dass in Deutschland die Regelungen nicht um-
nährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz einge- gangen werden.
bracht hat.
Wir dürfen aber auch nicht vergessen: Wir befinden
Das damals schon zu beobachtende Problemfeld war uns in der Weinwirtschaft in einem sehr stark regulierten
ein sprunghafter Anstieg von Betriebsgründungen in der Bereich. Der Staat schreibt vor, auf welcher Fläche der
Weinwirtschaft. Nun heißen wir es ja in aller Regel gut, Winzer seinen Wein anbauen darf; der Staat schreibt vor,
wenn jemand ein Unternehmen gründet, weil damit welche Rebsorten angebaut werden dürfen. Und der
Wirtschaftswachstum, Dynamik und Arbeitsplätze ver- Staat schreibt vor, wie viel vom Traubenertrag der Win-
bunden sind. Allerdings zeigte sich bei der Analyse zer ernten und vermarkten darf – um ihm dann auch
dieser Betriebe und Geschäftsmodelle, dass sie nur des- noch zu sagen, wie der Wein schmecken und welche
halb gegründet wurden, um – ich nenne es mal – staatlichen Regelungen er beim Marketing beachten
„schlitzohrig“ die bestehenden rechtlichen Rahmenbe- muss. Freie Entfaltungsmöglichkeiten für einen Unter-
dingungen zum Hektarhöchstertrag „clever zu gestal- nehmer sehen anders aus! Als Liberalen sind mir das
ten“. deutlich zu viele Staatseingriffe. Aber die werden wir
heute und an dieser Stelle nicht modifizieren können,
Dies sieht folgendermaßen aus: Nach gegenwärtiger sondern wir werden nur dafür sorgen können, dass in ei-
Gesetzeslage erfolgt die Quotierung des Weines nur im nem – sagen wir mal – „suboptimal“ regulierten Markt
ersten Produktionsprozess, also bei der Traubenerzeu- durch eine weitere Regulierung das Suboptimale etwas
gung, wo das Traubengewicht maßgeblich ist. Bemes- abgeschwächt wird.
sungsgrundlage ist bislang nur die im Betrieb erzeugte
Weinmenge, die den quotierten Gesamthektarertrag ei- Aber diese notwendige Verbesserung an der einen
nes Betriebes nicht übersteigen darf. Für die Hektar- Stelle darf nicht dazu führen, dass wir an einer anderen
ertragsreglung ist bislang also nur der Traubenerzeuger Stelle einen Wirtschaftszweig über Gebühr belasten. Da-
verantwortlich. Mehrerträge einzelner Weinlagen oder mit meine ich die Weinkellereien und Weinhandelskelle-
Rebsorten können mit Mindermengen anderer Lagen reien, die sich aufgrund ihrer Orientierung an der soge-
und Sorten innerhalb des Betriebes ausgeglichen wer- nannten „Wine-Chain“, also der Versorgungskette für
den. Dies ist die Einbetriebsregelung, die für uns Libe- Wein vom Erzeuger bis zum Endkunden, arbeitsteilig
rale so wichtig ist. spezialisiert haben. Weil sich diese Unternehmen im sehr
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4503

(A) preisaggressiven internationalen Weinmarkt bewegen, kaufen, ohne selber Weinreben zu bewirtschaften. Hier (C)
brauchen sie Effizienz – auch, um an die freien Trauben- war eine den Markt zunehmend verzerrend wirkende Re-
erzeuger ordentliche Traubengelder zahlen zu können. gelungslücke entstanden, die geschlossen werden muss,
wenn alle in der Logik der Weinmarktordnung bleiben
Diese Weinkellereien sind sicherlich alles andere als wollen. Dass die LINKE an der Einbringung des Geset-
Scheinfirmen und werden trotzdem durch diese Rege- zesvorschlags nicht beteiligt wird, liegt allein an dem
lung negativ getroffen. Deshalb war es wichtig und not- undemokratischen Gehabe der Koalition, insbesondere
wendig, hier Spielräume zu eröffnen. Mit der Möglich- der CDU/CSU-Fraktion. Dafür kann die Linke nichts.
keit der nachträglichen Herabstufung bis zum 15. Januar Sie unterstützt den Gesetzesentwurf trotzdem.
des Erntefolgejahres sollte hier ein Instrumentarium ge-
schaffen werden, um gewisse wirtschaftliche Härten zu Aber zurück zum Thema: Uns allen ist klar, dass die
entschärfen. Allerdings muss hier ein Verfahren gefun- gemeinsame Marktordnung planwirtschaftliche Elemente
den werden, das tatsächlich auch ohne viel Bürokratie beinhaltet. Dem folgt das Weingesetz. Diese sechste Än-
von den Betrieben in der Praxis umsetzbar ist. derung des Weingesetzes ergibt sich aus Sicht der Lin-
ken zwingend aus der fünften Änderung. Geht es doch
Auch aufgrund eigener langjähriger Erfahrungen in
schließlich um verlässliche Qualität für die Verbraucher
diesem Bereich gehe ich davon aus, dass wir hier, wenn
und verlässliche Preise für Verbraucher und Erzeuger.
wir an die Ursache des Problems gehen wollen, deshalb
Deutscher Wein darf nicht durch Menge, er muss durch
an die Umrechungsfaktoren ran müssen. Diese sind his-
Qualität punkten!
torisch tradiert und längst durch den tatsächlichen tech-
nischen Fortschritt in der Weinwirtschaft obsolet. Die Durch Werbung für diese Qualität kann die Weinwirt-
Grundlage des Wiegens ist heute, unter anderem durch schaft versuchen, die gesunkene Nachfrage, bei gleich-
den Einsatz des Vollernters, entrapptes Lesegut. zeitig gestiegener Produktion, wieder zu erhöhen. Wir
Deshalb habe ich schon bei der ersten Runde zu die- schlagen allerdings einen anderen Weg vor: Wir wollen
sem Thema in diesem Jahr vom BMELV gefordert, dass regionale Wertschöpfungsketten fördern und ökologisch
die durchschnittlichen tatsächlichen Auspressquoten der unsinnige Transporte verteuern. Denn es ist nicht einzu-
letzten Jahre erhoben werden. Diese Ergebnisse liegen sehen, warum Wein, der mehrere 10 000 Kilometer ent-
anscheinend leider bisher noch nicht vor. Ich habe aber fernt industriell von prekär Beschäftigten hergestellt
eine gewisse Vorstellung, wie das Ergebnis aussehen wurde, nur ein Drittel des hier bei uns sozial und ökolo-
wird – bei bis zu 80 Prozent inklusive Anreicherung. gisch nachhaltig produzierten Weins kostet. Hier müssen
wir ansetzen, um die europäische und deutsche Wein-
Aus diesem Grund bleibt uns, unter der Prämisse, die wirtschaft zu stärken.
Entwicklungen bei den Firmenkonstrukten für den
(B)
Herbst diesen Jahres nicht noch weiter anzufeuern, nur Die Frage ist auch, inwieweit die bisherigen Änderun- (D)
die Möglichkeit, jetzt in die erste Lesung zu gehen, so- gen des Weinrechts zielführend waren. War es richtig,
dass das Gesetz noch rechtzeitig vor der Ernte 2010 die Differenzierung zwischen den Rebsorten bei der
rechtskräftig werden kann. Hektarertragsregelung zu streichen? Oder hat diese
Streichung die Entwicklung, die nun mit der sechsten
Änderung eingedämmt werden soll, erst begünstigt?
Alexander Süßmair (DIE LINKE): Das erste Wun-
der Jesus, von dem Johannes berichtet, ist die Geschichte Allgemeiner gesprochen: Erschwert nicht die Intrans-
von einem Freudenfest, einer Hochzeit. Allerdings ist parenz des Weinrechts, seine Zerstückelung durch zahl-
die Freude getrübt; denn beizeiten geht der Wein aus. reiche Verordnungen auf regionaler, nationaler und euro-
Jesus schafft Abhilfe und verwandelt Wasser in Wein – päischer Ebene seine faktische Umsetzung? Und ist das,
und nicht zu knapp, sondern wohl um die 600 Liter. Den was hier beschlossen werden soll, nicht Flickschusterei
antiken Hörern dieser Geschichte war die Handlung ver- auf dem Rücken von Erzeugern und Verbrauchern? Er-
traut; denn auch dem griechischen Gott Dionysos wur- zeuger und Verbraucher benötigen Sicherheit. Mein
den Weinwunder nachgesagt. Wunsch wäre ein mit Weitblick verfasstes neues Wein-
recht. Aber das käme wohl schon einem Weinwunder
Heutige Weinwunder sehen allerdings anders aus.
gleich.
Erst einmal haben wir in Deutschland und Europa nicht
mehr das Problem, dass uns der Wein ausgeht wie in der
Bibel beschrieben, sondern genau das Gegenteil. Zu viel Ulricke Höfken (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Wein im Angebot führt zu sinkenden Preisen und zu ne- Qualität ist die Grundlage für den Erfolg unseres Wein-
gativen Auswirkungen auf das Einkommen der Winzer. baus. Deshalb ist es auch richtig, gegen eine Aufwei-
Die Gegensteuerung über die Hektarertragsregelung bei chung der Hektarertragsregelung durch vermehrte Aus-
den Winzern, also die Beschränkung der Menge an pressung vorzugehen. Wir würden uns allerdings
Wein, die pro Hektar erzeugt werden darf, ist dabei rich- manchmal wünschen, dass die Bundesregierung auch in
tig. Sie fördert die Qualität des Weines und wirkt redu- anderen Produktbereichen so engagiert für Mengenbe-
zierend auf das Weinangebot. grenzungen eintritt wie beim Weinbau, ich nenne hier
nur das Stichwort Milch.
Die jetzt vorgeschlagene Gesetzesänderung ist folge-
richtig, da nicht nur die Winzer an die Ertragsregelung Aber zurück zum Wein: Die Gefahr von Umgehungs-
gebunden werden, sondern auch die Verarbeitungsbe- möglichkeiten, Betriebsteilungen und daraus resultieren-
triebe, also die, die die Trauben von den Winzern auf- den Wettbewerbsverzerrungen muss gebannt werden.
4504 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) Deswegen ist die vorliegende Regelung vernünftig – brückenprojekts sofort circa 400 Millionen Euro einspa- (C)
auch wenn dies vielleicht schon früher hätte geschehen ren. Und bei solchen sinnvollen Initiativen dürfen Sie
sollen. Die Kritik der Kellereien und der Fassweinanbie- natürlich gerne mit unserer interfraktionellen Unterstüt-
ter ist zwar verständlich, aber angesichts der anstehen- zung rechnen.
den Probleme ist es gut, dass wir mit der vorliegenden
Änderung des Weingesetzes eine Regelungslücke schlie-
Julia Klöckner, Parl. Staatssekretärin bei der Bun-
ßen.
desministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Ver-
Ansprechen möchte ich aber noch weitere Herausfor- braucherschutz: Unter deutschen Winzerinnen und Win-
derungen im Weinbau: zern machen sich zunehmend Unmut und Verärgerung
breit. Aber auch der eine oder andere Weinliebhaber
Thema unseres letzten, von Professor Schweickert macht sich inzwischen so seine Gedanken. Und das nicht
organisierten Parlamentarischen Weinforums war der ganz zu Unrecht. Denn aus einigen deutschen Weinan-
Klimawandel. Seit Jahren verzeichnen die Winzer deut- baugebieten kommt vermehrt Wein auf den Markt, der
liche Veränderungen bei Vegetationsphasen, Reifedau- nicht von der Hektarertragsregelung erfasst wird. Wir ge-
ern und -terminen oder Lesebeginn. Untersuchungen der hen davon aus, dass es sich dabei in einigen Anbaugebie-
Forschungsanstalt Geisenheim belegen, dass die Tem- ten inzwischen um rund 5 bis 7 Prozent des vermarkteten
peraturänderungen der letzten 50 Jahre bereits zu Verän- Weins handelt. Bezogen auf einzelne Rebsorten – wie
derungen im Rebsortenspektrum verschiedener Anbau- zum Beispiel der Rotweinsorte Dornfelder – dürfte dieser
regionen geführt haben, die sich bei ungebremster Anteil teilweise regional sogar schon bis zu 10 Prozent
Erderwärmung noch ausweiten werden. In Rheinhessen betragen.
wird heute Cabernet Sauvignon kultiviert, was noch vor
zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Gleichzeitig wer- Was ist der Grund für die Aufregung? Die Hektarer-
den im Rheingau mit deutschen Rebsorten wie Müller- tragsregelung ist ein wesentliches Element zur Siche-
Thurgau immer seltener gute Ergebnisse erzielt. Mel- rung der hohen Qualität deutschen Weins. Damit trägt
dungen, die man vor kurzem als Scherz abgetan hätte, sie zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähig-
werden plötzlich erschreckend real: Weinimporteure keit des deutschen Weinbaus bei. Dieses Ziel gerät in
sprechen offen über die mittelfristige Aufgabe des Wein- Gefahr, wenn die Regelung nicht mehr richtig greifen
baus in Australien und eine „Verlagerung“ nach Indien, kann, weil sie gewisse Lücken aufweist. Was aber viel-
britische Medien berichten irritiert von Rekorderträgen leicht noch viel gravierender zu Buche schlägt: Die Ent-
der Winzer in Südengland. Wein ist ein Indikator, der wicklung führt zu Wettbewerbsverzerrungen zwischen
uns eindrücklich vor Augen führt, welche wirtschaftli- den einzelnen Weinerzeugergruppen.
(B) chen, ökologischen, aber auch kulturellen Folgen uns Worin liegen die Ursachen? Grundsätzlich gilt die (D)
drohen, wenn wir dem Klimawandel nicht entschieden
begegnen. Die Ablehnung des von uns in der letzten Sit- Hektarertragsregelung für alle Betriebe, die Weintrauben
zungswoche eingebrachten Klimaschutzgesetzes und die erzeugen. Die Betonung liegt dabei auf „Trauben erzeu-
unsägliche Diskussion über neue Kohlekraftwerke oder gen“. Die Regelung setzt also beim Traubenerzeuger an.
die Verlängerung von Laufzeiten der Atomkraftwerke ist Begrenzt wird allerdings nicht unmittelbar die Trauben-
deshalb ebenso verantwortungslos wie die von FDP und erzeugung, sondern die Vermarktung des hieraus erzeug-
CDU/CSU beschossenen Kahlschläge bei der Solarför- ten Weins. Die Ertragsbegrenzung ist demnach in Litern
derung und die Sperre des Marktanreizprogramms für Wein festgelegt. Das hat im Vergleich zu einer Begren-
Pelletheizungen, Solarthermie etc. Das ist ein Schlag zung der Traubenerzeugung den Vorteil, dass wir – bezo-
nicht nur gegen den Klimaschutz, sondern vor allem ge- gen auf das Enderzeugnis Wein – eine höhere Zielgenau-
gen Mittelstand, Handwerk, Landwirtschaft, Garten- und igkeit erreichen und die Regelung dennoch mit einem
eben auch Weinbaubetriebe. vertretbaren Aufwand zu verwalten ist. Solange die Win-
zer – wie in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle –
Auch die faktische Schließung des Julius-Kühn-Insti- ihre Trauben selbst zu Wein verarbeiten und vermarkten
tuts für Pflanzenschutz im Obst- und Weinbau in Bern- oder an eine Genossenschaft angeschlossen sind, ist dies
kastel durch die Bundesregierung ist angesichts des mas- alles unproblematisch, weil die Betriebe genau wissen,
siven Forschungsbedarfs speziell auch zu Klimaschutz, wie viel Wein sie sozusagen im Keller liegen haben.
Steillagen und Biowein ein Skandal. Genau dort soll Folglich geben diese Betriebe bei der Ermittlung ihres
stattdessen mit dem „Hochmoselübergang“ ein giganti- Hektarertrags die von ihnen erzeugte Weinmenge an.
sches Monster-Straßenbauprojekt realisiert werden, dass
die Zerstörung der besten Rieslinglagen der Welt bedeu- Ein Winzer, der seine Trauben vielleicht noch über ei-
ten könnte. Wir fordern die Bundesregierung auf, sofort nen Kommissionär oder Zwischenhändler an eine Kelle-
einen umfassenden Baustopp zu veranlassen! Solche rei oder einen anderen Traubenverarbeiter abgibt, weiß
Projekte sind im wahrsten Sinne ein Angriff auf die dagegen nicht, wie viel Wein aus seinen Trauben erzeugt
Wurzeln unserer Weinkultur – da hilft auch keine konse- wird. Deswegen muss er zur Ermittlung seines Hektarer-
quentere Umsetzung bei Umrechnungsfaktoren mehr. trags die abgegebenen Trauben in eine fiktive Wein-
menge umrechnen. Dafür verwendet er bundeseinheitlich
In diesen Tagen diskutieren wir viel über Einsparun- festgesetzte Umrechnungsfaktoren, die den durchschnitt-
gen in den öffentlichen Haushalten. Unser Vorschlag lichen Ausbeutesatz von Trauben widerspiegeln. Oder
dazu: statt bei Kitas und Bildung zu kürzen, könnten Sie anders ausgedrückt: Die Faktoren geben an, wie viel
allein durch den Stopp des unsinnigen Hochmosel- Wein aus 1 Kilogramm Trauben im Normalfall hergestellt
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4505

(A) wird. Während also für einen selbst vermarktenden Wein- Was erreichen wir mit der Neuregelung? Erstens. Wir (C)
baubetrieb oder eine Winzergenossenschaft die tatsäch- schließen bestehende Lücken in der Hektarertragsrege-
lich erzeugte Weinmenge zur Feststellung des Hektarer- lung und sorgen damit für mehr Wettbewerbsgerechtig-
trags maßgebend ist, ist es beim reinen Traubenerzeuger keit. Das heißt, Betriebe, die von der jetzigen Situation
nur eine rechnerisch ermittelte Größe. Auf dieses Um- in besonderem Maße profitieren, werden diesen Vorteil
rechnungssystem hatte man sich bei der Einführung der in Zukunft nicht mehr haben. Umgekehrt wird die große
Hektarertragsregelung aus Gründen der Verwaltungsver- Mehrheit selbst vermarktender Weinbaubetriebe, Win-
einfachung verständigt, weil man davon ausging, dass es zergenossenschaften und Trauben abgebender Winzer,
in der Praxis zu keinen großen Abweichungen von den deren Abnehmer schon in der Vergangenheit die Um-
Faktoren kommen würde. rechnungsfaktoren eingehalten haben, im Wettbewerb
gestärkt.
Lange Zeit war dies auch der Fall. Doch gerade in den
letzten Jahren haben wir festgestellt, dass aus 1 Kilo- Zweitens. Wenn die Trauben weniger stark ausge-
gramm Trauben teilweise deutlich mehr Wein erzeugt presst werden, kommt dies der Weinqualität zugute. Das
worden ist, als den Umrechnungsfaktoren entspricht. ist auch im Interesse des Verbrauchers. Und drittens trägt
Diese Mehrmengen waren so auffällig, dass man nicht die Maßnahme zur Marktstabilisierung bei. Denn die
mehr von natürlichen Schwankungen sprechen konnte. Trauben verarbeitenden Betriebe müssen künftig je nach
Vielmehr werden diese Mehrmengen inzwischen syste- Rebsorte zwischen 5 und 10 Prozent – teilweise sogar
matisch erzeugt. Ermöglicht wird dies zum einen durch 15 Prozent – mehr Trauben als bisher verarbeiten, wenn
ein stärkeres Auspressen der Trauben, zum anderen aber sie die Weinerzeugung auf gleichem Niveau aufrechter-
auch durch moderne Ernte- und Verarbeitungsverfahren halten wollen. Eine höhere Nachfrage könnte dann allen
und den Anbau ausbeutereicher Rebsorten. Das Ganze Winzerinnen und Winzern zugutekommen.
ist wirtschaftlich deshalb so interessant, weil für die Ich bitte Sie daher um Unterstützung des Vorhabens.
Mehrmengen der gleiche Preis am Markt erzielt werden
kann wie für Wein aus normal ausgepressten Trauben.
Den Nutzen haben sowohl die verarbeitenden Betriebe Anlage 7
als auch die abgebenden Traubenerzeuger, weil sie sich
die zusätzlichen Erlöse untereinander aufteilen. Die an Zu Protokoll gegebene Reden
sich unter Qualitätsgesichtspunkten sinnvollen Trauben-
ablieferungen werden dadurch infrage gestellt oder sogar zur Beratung der Anträge:
ad absurdum geführt. – Gute Lehre an allen Hochschulen garantie-
ren – Eine dritte Säule im Hochschulpakt
(B) Der wirtschaftliche Vorteil ist offensichtlich so groß, (D)
verankern und einen Wettbewerb für he-
dass inzwischen immer mehr Weinbaubetriebe dazu über- rausragende Lehre auflegen
gehen, die Traubenerzeugung von der Weinerzeugung zu
trennen, indem sie eigens zu diesem Zweck Tochterunter- – Qualitätsoffensive für die Lehre starten –
nehmen gründen. Wenn sich also – nur um ein Beispiel zu Einheit von Forschung und Lehre sichern
nennen – in einem bestimmten Anbaugebiet ein Fami-
lienbetrieb mit 10 Hektar Rebfläche formal in zwei Ein- (Tagesordnungspunkt 32 a und b)
heiten teilt, sodass etwa der Vater die Trauben und der
Sohn den Wein erzeugt, können beide in dieser Konstel- Monika Grütters (CDU/CSU): Rituale sind ja etwas
lation bei einer unterstellten Weinausbeute von 85 Pro- Schönes, es gibt sie, weil die Menschen sich einrichten
zent insgesamt 119 000 Liter Qualitätswein vermarkten. wollen in Bewährtem, in Erprobtem, in lieb gewordene
Dies wären 14 000 Liter oder umgerechnet über 13 Pro- Gewohnheiten. So ist das manchmal auch in der Politik.
zent mehr Wein, als dieser Betrieb ohne Teilung vermark- Und so ist das ganz offensichtlich vor allem bei Ihnen,
ten dürfte. Und dies alles ganz legal! Eine derartige den Grünen, den grünen Bildungspolitikern, dem verehr-
Diskrepanz ist nicht nur mit den Prinzipien der Wettbe- ten Kollegen Gehring. Denn langsam, aber sicher wird
werbsgerechtigkeit unvereinbar, sondern auch unter Qua- das Reden hier mit Ihnen über die Verbesserung der
litätsgesichtspunkten kaum zu vermitteln. Denn wir för- Lehre ja zum richtigen Plenarritual: Alle zwei Jahre neh-
dern – oder klar gesagt: Wir provozieren geradezu – mit men Sie Ihren alten Antrag, verändern heimlich ein paar
dieser Regelung ein zu starkes Auspressen der Trauben. Formulierungen, alle zwei Jahre stellen wir uns alle dann
am Ende einer langen Sitzungswoche zu guter Letzt
Wie wollen wir dieses Problem nun lösen? Ganz ein- noch einmal hier in den Plenarsaal und sagen uns die
fach: Wir verpflichten alle Betriebe, die Trauben abneh- gleichen Sätze wie ehedem – und alle zwei Jahre haben
men und zu Wein verarbeiten, die vorgegebenen Umrech- Sie vor allem deshalb einen Anlass, Ihren alten Antrag
nungsfaktoren einzuhalten. Zwar ist die Neuregelung mit mal wieder aufzumöbeln, weil wir, die Regierungspar-
einem zusätzlichen Verwaltungs- und Kontrollaufwand teien und die Ministerin Schavan, einmal mehr gehan-
verbunden, weil nun wirklich alle Weinerzeuger von der delt haben. Und auch hier ist die Reaktion fast gebets-
Hektarertragsregelung erfasst werden. Aber das Ziel, mühlenartig dieselbe, also auch schon ritualverdächtig:
nämlich eine hohe Weinqualität bei zugleich fairem Wett- Die Opposition merkt, dass sich mal wieder etwas getan
bewerb, rechtfertigt diesen zusätzlichen Aufwand. Und hat in der Bildungs-, in der Hochschulpolitik, zur Ver-
das sehen auch die größten Weinbau treibenden Länder in besserung der Lehre in diesem Fall. Und dann wärmt
Deutschland so. diese Opposition ihre alten Sachen auf und ruft: Regie-
4506 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) rung tut was, die CDU unterstützt die Studierenden (das net werden. Für die Finanzierung sind 10 Millionen Euro (C)
ist aber doch eigentlich unsere Domäne, was fällt denen für drei Jahre vorgesehen, je zur Hälfte vom Stifterver-
ein???), also schnell noch den Zusatz angehängt: Aber band und dem jeweiligen Sitzland finanziert. Der Wett-
was die Regierung tut, das ist noch nicht genug. Könnt bewerb wird zunächst einmalig durchgeführt, soll aber
Ihr nicht noch mehr Geld geben? bei positiver Evaluierung fortgesetzt werden. Ein solcher
Wettbewerb ist ein erster Schritt, der die Länder – nicht
So, genau so, klingt das auch jetzt schon wieder – und den Bund – aber nicht von der Notwendigkeit weiterer
kommt uns sehr, sehr bekannt vor. Zuletzt haben Sie die- Maßnahmen entbindet, um auch in der Breite gute Be-
ses Ritual am 7. März 2008 abgefeiert, davor war es am dingungen für exzellente Lehre zu schaffen.
16. Februar 2006. Auch damals haben wir hier gestanden
und mit Ihnen um „mehr Qualität für die Hochschulen“ Außerdem haben die Hochschulen in den letzten Jah-
gerungen. Lieber Herr Gehring, bei allem Respekt vor ren in hohem Umfang damit begonnen, Lehrpreise ein-
der Bedeutung der Hochschulen, bei aller Einsicht in die zuführen. Darüber hinaus gibt es mehrere hochschul-
schwierigen Situationen da, bei allem Engagement vor übergreifende Ansätze zur Etablierung von Lehrpreisen,
allem für die Lehre – ich erinnere daran: Wir sind es ja, wie zum Beispiel den seit 2006 von HRK und Stifter-
die hier mal wieder handeln! Wir haben verstanden! – verband gemeinsam vergebenen „ars-legendi-Preis für
Manche Rituale ermüden. exzellente Hochschullehre“ (Preisgeld: 50 000 Euro),
der im jährlichen Rhythmus alternierend für eine be-
Nun könnte man sagen: Prächtige Grüne, die lassen stimmte Disziplin ausgelobt wird (2008: Wirtschaftswis-
einfach nicht locker. – Ich erlaube mir nur, Sie einmal senschaften); den „Exzellenz-in-der-Lehre-Preis“ des
mehr darauf aufmerksam zu machen, dass Sie aber auch hessischen Wissenschaftsministeriums, der 2007 zum
jetzt mal wieder nur hinterherhinken. Sie wissen ja, dass ersten Mal vergeben wurde und mit einem Preisgeld von
Bundesbildungsministerin Annette Schavan gerade in 250 000 Euro (plus 125 000 Euro der Hertie-Stiftung)
der vergangenen Woche einen Qualitätspakt für die nach eigenen Angaben die höchste staatliche Ehrung
Lehre verkündet hat: 2 Milliarden Euro will der Bund in dieser Art in Deutschland ist; den Medidaprix (Preisgeld
den kommenden zehn Jahren für mehr Personal, bessere 100 000 Euro), der speziell für mediendidaktisch heraus-
Qualifizierung und Betreuung ausgeben, also 200 Mil- ragende Ansätze der Hochschullehre abwechselnd vom
lionen Euro jährlich für die Hochschulen, für die be- BMBF und dem österreichischen Wissenschaftsministe-
kanntlich die Länder zuständig sind! „Zu wenig“, sagen rium finanziert wird. Solche Lehrpreise sind eine schöne
die Studierenden und die Grünen, „ein Anfang“, sagen Komponente in den Bemühungen um eine Aufwertung
die Rektoren. der Hochschullehre. Ihren Wirkungsgrad sollte man mit
Ja, ein Anfang – genau das ist es, und genau so ist die- Blick auf die angemahnte Verbesserung der Hochschul-
(B) ser Qualitätspakt gemeint. Auch wir wissen, dass der lehre in der Breite aber auch nicht überschätzen. (D)
Wissenschaftsrat eine ganz andere Dimension nennt. Und selbst die schwerfällige KMK hat ja erkannt,
Aber auch Sie, die Opposition, die SPD, die Grünen, die dass die Länder sich des Themas Hochschullehre anneh-
Linken, die meinen, auch eben noch schnell einen An- men sollten, und hat im Juni 2007 die Amtschef-Kom-
trag zusammenschustern zu müssen, Sie alle wissen ge- mission „Qualitätssicherung in Hochschulen“ beauf-
nauso gut wie wir, dass die Bundesländer zuständig sind tragt, unter Einbeziehung des Stifterverbands eben auch
für die Unis, für die Studis, für die Lehre dort. Und Sie ein Konzept für eine Qualitätsoffensive in der Lehre zu
wissen ebenfalls, dass dieses Paket in Zeiten, in denen entwickeln. Die Rektoren haben dann auch zur aktuellen
wir ganz andere Aufgaben mit ganz anderen Summen zu Initiative der Bundesbildungsministerin gesagt, das sei
bewältigen haben, für den Bildungsbereich geradezu ein ein guter Anfang – auch sie lernen also dazu.
Meilenstein für die Verbesserung der Lehre ist. Wenn Sie
alle, auch Herr Gehring, tatsächlich an der Sache und Nehmen Sie, verehrte Kolleginnen und Kollegen von
nicht nur am ritualisierten Geschrei interessiert wären, der Opposition, sich daran mal ein Beispiel.
dann würden Sie auch mal mithelfen, derartige Quali-
tätsoffensiven, derartige Haushaltsentscheidungen, derar- Wir halten am Ende doch noch einmal fest, auch das
tige Initiativen der Regierung für die deutschen Hoch- nicht zum ersten, sondern zum wiederholten Mal – Ri-
schulen – in allen Ihren Bundesländern und Wahlkreisen – tuale haben ja auch etwas Verbindendes –, dass wir uns
zu unterstützen! alle darin einig sind, wie wichtig die Hochschulen für
unser Land sind, dass sie für die Studierenden da sind
Herr Gehring, noch kurz zu Ihrer Forderung, der und wir eben dies nie aus dem Blick verlieren dürfen,
Bund solle einen Wettbewerb für herausragende Lehre dass deren Situation schwierig genug ist, dass zwar die
auflegen: Auch das ist natürlich nicht Sache des Bundes, Länder zuständig sind, wir aber über Mittel verfügen, die
sondern originäre Aufgabe der Länder oder auch mal der genau dafür zur Verfügung gestellt werden sollten, und
Hochschulen. Es bleibt ihnen ja unbenommen, die Gel- dass wir eben das genau deshalb tun. 200 Millionen im
der des Bundes für die Verbesserung der Lehrqualität ge- Jahr vom Bund für die Verbesserung der Lehre an den
nau dafür zu verwenden. Im Übrigen darf ich daran erin- Hochschulen in den Ländern, 2 Milliarden in diesen Zei-
nern, dass die KMK – wie Sie wissen – eine gemeinsame ten für diesen Zweck – das ist ein notwendiges, ein
Initiative mit dem Stifterverband für einen „Wettbewerb wichtiges, ein gutes Signal.
exzellente Lehre“ gestartet hat. Im Rahmen des Wettbe-
werbs sollen Konzepte von Hochschulen zur Strategie- Es wäre aber ein föderales Missverständnis, zu glau-
entwicklung im Bereich Studium und Lehre ausgezeich- ben, der Bund habe die Rolle eines Wächters darüber
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4507

(A) inne, wie die Länder dann zu Hause ihre – ja noch viel Überzeugung, dass Ihre Forderung nach speziellen Lehr- (C)
weitergehenden – Aufgaben erfüllen. professuren sowie Lehrjuniorprofessuren falsch ist. Dies
widerspricht unserem Humboldt’schen Ansatz von Ein-
Tankred Schipanski (CDU/CSU): Liest man die heit von Forschung und Lehre. Unserer Überzeugung
Überschriften zu den heute zu debattierenden Anträgen, nach kann nur jemand eine gute Lehre machen, der auch
so kann wohl jede Fraktion der Forderung nach guter in der Forschung stark ist. Denn genau darin besteht ja
Lehre zustimmen. Die fraktionellen Unterschiede ste- das Ziel unserer Hochschulausbildung: Wir möchten
cken wie immer im Detail. Auch sind unsere Vorstellun- Studierende so früh wie möglich mit der aktuellen For-
gen, was eine gute Lehre ausmacht, doch ein ganzes schung in Kontakt bringen und ihr Interesse und ihre Be-
Stück weit entfernt von dem, was wir in den Anträgen geisterung dafür wecken.
von den Linken und Bündnis 90/Die Grünen präsentiert Deshalb sollte nach unserer Überzeugung bei den Be-
bekommen. rufungen von Professoren und der Einstellung von wis-
Die Linken singen wieder das Lied von mehr Geld für senschaftlichem Personal der Aspekt der „guten Lehre“
alles; wenig Leistung um Abschlüsse zu erreichen; man- stärker in den Mittelpunkt rücken. Ich selbst habe in Be-
gelnde Mitbestimmungsrechte – anscheinend bestimmen rufungskommissionen mitgewirkt und weiß aus der Pra-
nun die „bösen“ Hochschulräte auch noch die Lehrin- xis, dass die Lehrleistung der Bewerber in der Gesamt-
halte; und man höre und staune: Mit der Forderung nach bewertung viel zu wenig ins Gewicht fällt. Hier ist
der Abschaffung des Präsenzstudiums wollen sie die jedoch der Landesgesetzgeber gefordert, klare Kriterien
Studierenden gar aus den Hörsälen und Seminarräumen für Berufungsverfahren aufzustellen, insbesondere die
treiben, rätselhaft, wofür sie dann noch eine gute Lehre Lehrleistung von Bewerbern viel stärker zu berücksichti-
benötigen. Für die Linken behindern Abgabe- und Mel- gen. Die bisher übliche Praxis, vorrangig nach dem
defristen für Bachelor- und Masterarbeiten sowie Prü- Publikationsverzeichnis und der Drittmittelquote einer
fungstermine den Verlauf des Studiums. Sie wollen am Bewerberin oder eines Bewerbers zu schauen, ist jeden-
liebsten – ich zitiere aus dem Antrag: mit „unabhängigen falls nur bedingt zielführend, wenn wir eine Qualitäts-
Lerngruppen“ – ein „selbstbestimmtes Projektstudium“, verbesserung in der Lehre erreichen wollen. Neben die-
das heißt, wir treffen uns alle unter einem Baum, sitzen sen durchaus wichtigen Kriterien muss stärker ins
im Kreis, rauchen ein bisschen und lassen unseren fach- Gewicht fallen, ob die Bewerberin oder der Bewerber
lichen Gedanken freien Lauf. Die Ergebnisse dieser Vor- über didaktische Kompetenzen verfügt und in der Lage
stellung von Lehre, verbunden mit ideologischer Ver- ist, Studieninhalte anschaulich und nachvollziehbar zu
blendung, haben wir auf dem Bologna-Gipfel gesehen. vermitteln.
Die sozialistischen Studentengruppen verließen die Kon- Unsere Exzellenzinitiative darf nicht dazu führen, (D)
(B) ferenz, sie sind und waren nicht in der Lage, an einer
dass sich Spitzenforscher aus der Lehre „freikaufen“.
Diskussion teilzunehmen. Ihnen ging es nicht darum, mit Richtig ist, dass wir bei der Exzellenzinitiative auch
den beteiligten Bildungspartnern über konkrete Maßnah- Lehrleistungen berücksichtigen müssen, denn eine Spit-
men zur Weiterentwicklung des Bologna-Prozesses zu zenuniversität macht nicht nur eine gute Forschung, son-
diskutieren. Für sie stellte der Gipfel offenbar nur eine dern eben auch eine gute Lehre aus.
Plattform für ihre Provokationen dar. Das zeigt wieder
einmal mehr: Die Linken sind nicht dialogfähig und le- Nun zu ihrer aus der US-amerikanischen Hochschul-
ben scheinbar in einer eigenen, entrückten Welt. landschaft stammenden Idee, Juniorprofessuren für Lehre
obligatorisch mit einer „Tenure Track“-Option zu verse-
Die Vorschläge der Linken führen nicht zu einer „gu-
hen. Eine gute Lehre wird dadurch meines Erachtens
ten Lehre“! Sie verstehen nicht, was das Prinzip der Wis-
nicht automatisch befördert. Auch hier gilt: Gute Lehre
senschaftsfreiheit mit „Einheit von Forschung und
geht nicht ohne gute Forschung. Und die „Tenure Track“-
Lehre“ sowie „Freiheit von Forschung und Lehre“
Option sollte das bleiben, was sie ist: ein Anreizsystem,
meint. Es ist für uns erschreckend, was sich hinter der
um die besten und geeignetsten Wissenschaftler an den
bürgerlich wirkenden Überschrift des Antrags der Lin-
Hochschulen zu halten. Diese nur für die Juniorprofessu-
ken versteckt. Sie sind und bleiben als Nachfolger der
ren in der Lehre obligatorisch einzuführen, setzt eindeu-
SED der Wolf im Schafspelz! Insofern beziehe ich
tig die falschen Signale.
meine folgenden Ausführungen auf den Antrag von
Bündnis 90/Die Grünen. Wir müssen die Antragssteller von einem Irrglauben
Wir wissen, wie auch der Antrag von Bündnis 90/Die abbringen: Gute Lehre kann man nicht allein mit Geld
Grünen richtig erkennt, dass die Lehre eine wichtige kaufen! Die christlich-liberale Koalition investiert im
Leistung in unserer Hochschulausbildung ist, die es an- Rahmen des Qualitätspakts Lehre in den nächsten zehn
zuerkennen und zu stärken gilt. Wir wissen, dass ein per- Jahren pro Jahr 200 Millionen Euro, also insgesamt rund
sönlicher Kontakt mit dem Lehrenden, das Erleben einer 2 Milliarden Euro in die Förderung der Lehre. Das Geld
Vorlesung oder eines Seminars, der Aufbau eines sozia- wird direkt für Personal, für vorgezogene Berufungen,
len Umfeldes elementare Bestandteile von studentischer für Einstellungen im Mittelbau, Tutorenprogramme und
und universitärer Kultur sind. Weiterbildungsangebote zur Verfügung stehen. Dabei
werden wir aber auch den Gedanken der Exzellenz nicht
Doch, verehrte Kollegen der Fraktion Bündnis 90/Die außen vor lassen. Wissenschaftler und Hochschulen sol-
Grünen, sind wir uns auch mit Ihnen über den Weg hin len ihre Konzepte vorlegen und aus diesen sollen dann
zu einer guten Lehre nicht vollends einig. Ich bin der – ebenso wie das bei der Bewerbung um Drittmittel üb-
4508 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) lich ist – die besten Konzepte ausgewählt und gefördert Da ich ja direkt von einer Universität komme, lassen (C)
werden. Sie mich abschließend noch ein Beispiel von meiner
Heimatuniversität, der TU Ilmenau, aufzeigen: Dort
Auch die immer wieder beschworenen Betreuungs- wird bereits innovative und gute Lehre gelebt. Gegen-
schlüssel für Studierende pro Hochschullehrer können wärtig wird dort ein spannendes E-Learning-Projekt ge-
nicht das Allheilmittel sein. Bei der klassischen Lehr- testet. Die Entwicklung kreativer Lernsoftware ist zwi-
methode des Frontalunterrichts sowie einer guten Vor- schenzeitlich so weit, dass sich Studenten auf ihr
und Nachbereitung einer Lehrveranstaltung konnten wir Mobiltelefon Lernmaterialen laden und bearbeiten kön-
die Erfahrung machen, dass der Notendurchschnitt bei nen. Doch – und lassen Sie mich dies abschließend noch
einer Klausur völlig identisch ist, egal ob in einer Semi- einmal betonen – ersetzt dies nicht den persönlichen
nargruppe 15 oder 80 Studierende saßen. Sie sehen: Die Kontakt zwischen Lehrkräften und Studierenden. Denn
besten Lehren für die Zukunft ziehen wir aus der eigenen es ist schließlich im ureigenen Interesse des Lehrenden,
Erfahrung. frühestmöglich in den Kontakt mit engagierten und mo-
Gute Lehre kann man auch nicht gesetzlich verord- tivierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissen-
nen! Das Einzige, was wir machen können, ist, gute schaftlern zu kommen und einen Austausch zu ent-
Rahmenbedingungen zu schaffen. Viele Ihrer Forderun- wickeln, von dem beide Seiten profitieren: Lehrkräfte
gen aus dem Antrag werden völlig freiwillig bereits ebenso wie die Studierenden.
praktiziert. Viele Hochschulen loben selbst Lehrpreise
aus, evaluieren ihre Lehre, stehen im ständigen Dialog Swen Schulz (Spandau) (SPD): Die Anträge der
mit den Studierenden. Auch bundesweite oder lokale Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke zur
Hochschulzeitschriften wählen die besten Lehrenden Verbesserung der Hochschullehre enthalten viele Über-
aus. Jedoch wird ein begabter Rhetoriker immer einen legungen und Forderungen, die auch wir von der SPD in
Hörsaal voller Studenten in seinen Bann ziehen können, unserem bereits im Dezember letzten Jahres vorgelegten
er wird seine Vorlesung immer mit Scherzen würzen und Antrag „Studienpakt für Qualität und gute Lehre jetzt
den Dialog mit den Studierenden suchen. Den Wissen- durchsetzen“ formuliert haben. Es gibt die eine oder an-
schaftlern, die keine Lehrerfahrung haben, geben wir be- dere unterschiedliche Akzentsetzung in den Anträgen –
reits viele Hilfestellungen an die Hand. Dem wissen- das ist gut so; denn das gibt Stoff für anregende und wei-
schaftlichen Personal werden umfangreiche Angebote terführende Diskussionen in den Ausschüssen. So legen
für didaktische Weiterbildungen gemacht. Als Beispiele etwa Bündnis 90/Die Grünen schon im Titel ihres Antra-
verweise ich hier auf das vielfältige Veranstaltungsange- ges einen stärkeren Akzent auf die Ausrufung eines
bot des Hochschuldidaktikzentrums Baden-Württem- neuen Wettbewerbes für herausragende Lehre. Wir ha-
(B) berg oder auf die Hochschuldidaktik-Initiative Thürin- ben im Grundsatz nichts gegen dieses Instrument einzu- (D)
gen. Gemeinsam mit den Ländern wird der Bund wenden. Doch ein Wettbewerb sollte nur eine Ergänzung
nunmehr Zentren für Studium und Lehre einrichten, die sein für die viel wichtigere Verbesserung der Grund-
neue Impulse zur Professionalisierung und Qualitätssi- finanzierung aller Hochschulen gleichermaßen. Die
cherung der Lehre geben. Zudem wird es eine Akademie Hochschulen sollten sich endlich mehr mit den Studie-
für Lehre geben, die die neusten Erkenntnisse in der renden befassen als mit aufwendigen Antragsverfahren.
Lehrforschung aufbereitet und an die Hochschulen ver-
mittelt. Somit ergänzt der Qualitätspakt Lehre die vor- Doch insgesamt – ich betone das ausdrücklich – ge-
handenen Strukturen und Programme. Zu wenig Fortbil- hen die Anträge in die richtige Richtung. Das politische
dungszentren, wie von der Opposition behauptet, haben Problem ist vielmehr, dass es der Regierungskoalition
wir diesbezüglich in keinem Fall! aus CDU/CSU und FDP entgegen allen öffentlichen Be-
teuerungen am entschiedenen Willen zu einer starken
Didaktische Schulungen, Beamer, Power-Point-Prä-
sentationen, Mikrofone, Kopien können aber die wich- Initiative zugunsten der Hochschullehre fehlt. Die groß
tigsten Bausteine „guter Lehre“ nicht ersetzen: Engage- angekündigte Bologna-Konferenz, zu der Bundesminis-
ment des Lehrenden in Vorlesungen bzw. Seminaren und terin Schavan eingeladen hat, ist der vorläufige Höhe-
Lernmotivation aufseiten der Studierenden. Engagement punkt einer Reihe von Scheinaktivitäten. Die propagierte
und Motivation sind die Schlüsselkompetenzen guter Beteiligung der Studierenden ist letztlich nur der Form
Lehre. Und wir müssen gemeinsam nach Wegen suchen, nach erfolgt. Ihre zentralen Forderungen wurden igno-
diese Kompetenzen bei unseren Hochschullehrern, dem riert. Das Abschlusskommuniqué ist an Belanglosigkeit
akademischen Mittelbau und unseren Studierenden wie- nicht zu überbieten. Vor allem aber: Die Ansage der
der zu stärken. Bundesministerin, 2 Milliarden Euro für verbesserte
Lehre ausgeben zu wollen, hört sich zunächst gewaltig
Tauglich sind die Vorschläge der Fraktion Bündnis 90/ an. Doch bei näherem Hinsehen wird klar, dass damit
Die Grünen bezüglich der Bewertung „guter Lehre“. Wir nicht ernsthaft Probleme gelöst werden können. Denn
brauchen, ich zitiere aus dem Antrag, „einen Methoden- die 2 Milliarden Euro sollen auf zehn Jahre gestreckt
mix, der die Bewertung von Lehrveranstaltungen durch werden, macht also nur noch 200 Millionen jährlich. Das
Studierende, Peer-Review-Verfahren sowie Absolven- macht auf den einzelnen Studierenden, pro Semester
ten- und Abbrecherbefragungen umfasst“. Wir suchen umgerechnet, gerade einmal 45 Euro. Dabei wären in je-
also einen Dialog zwischen Studierenden und Lehren- dem einzelnen Jahr 1,1 Milliarden Euro nötig, wie der
den. Dieser muss aber nicht verordnet werden, sondern Wissenschaftsrat den Verantwortlichen in Bund und
dieser wächst an einer guten Hochschule! Ländern unlängst ins Stammbuch geschrieben hat.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4509

(A) Leider ist zu befürchten, dass selbst die unzureichen- fel waren ja mehr Maulwurfshügel. Jetzt verwenden die (C)
den Planungen der Frau Schavan sich letztlich als Sei- Finanzer von Bund und Ländern alle Kraft darauf, das
fenblase entpuppen werden – wenn die Herren Koch und Finanzierungsdefizit in Bildung und Forschung herun-
Schäuble den Haushalt zurechtgestutzt haben. Jetzt rächt terzurechnen. Und das Chaos, das die Bundesregierung
sich die verantwortungslose Steuer- und Haushaltspoli- mit dem Haushalt angerichtet hat, macht ein gutes Er-
tik der Regierungskoalition. In der Tat stehen wir vor ei- gebnis des Bildungsgipfels leider umso unwahrscheinli-
ner gewaltigen Herausforderung: Die Krisen im Banken- cher.
und Finanzbereich belasten den Bundeshaushalt enorm.
Aber anstatt vorzusorgen und klug zu investieren, wur- Erst gestern haben die Bundesländer klargemacht,
den Milliarden für Steuergeschenke an Hoteliers und Er- was sie von Investitionen in die Bildungspolitik halten.
ben herausgeschleudert. Ich habe bereits vor Monaten Auf Initiative von Bayern und Hessen haben die Finanz-
im Deutschen Bundestag Frau Schavan aufgefordert, minister der Länder mit Mehrheit die vom Bund ge-
endlich denen in der Regierungskoalition die Zähne zu plante Erhöhung des BAföG abgelehnt. Was kommt als
zeigen, die mit einer unseriösen Haushalts- und Finanz- Nächstes dran?
politik den Bildungsinvestitionen in den Kommunen, in Die SPD-Fraktion setzt sich für die ordentliche Finan-
den Ländern und im Bund die Beine weghauen. Doch zierung besserer Lehre ein. Wir wollen, dass das auf dem
die Bundesbildungsministerin hat es geschehen lassen. Bildungsgipfel vereinbart wird, und wir sagen auch, wo-
Dann war zu lesen, dass Frau Schavan in einem Inter- her wir das Geld nehmen wollen, nämlich durch einen
view sagte: „Jetzt zucke ich, wenn ich immer wieder das Bildungssoli, den wir von Spitzenverdienern durch die
Thema Steuersenkung höre“. Ja meine Güte, Frau Minis- Erhöhung des Spitzensteuersatzes erzielen. Die Regie-
terin zuckt vor lauter Schreck. Wie das Kaninchen vor rungskoalition ist leider weit davon entfernt, diesen rich-
der Schlange erstarrt sie und hofft, dass alles gutgehen tigen Weg einzuschlagen. Die Folgen tragen die Studie-
möge. Wann endlich sehen wir, sehen die Bürgerinnen renden und in der Konsequenz die ganze Gesellschaft.
und Bürger eine Bildungsministerin, die kämpft? Statt-
dessen tingelt sie seit Wochen durch die Gegend mit ih- Dr. Martin Neumann (Lausitz) (FDP): Bologna se-
rer neu gewonnenen Überzeugung, dass das Koopera- hen wir als einen Prozess, der mittlerweile bereits weit
tionsverbot von Bund und Ländern bei der Bildung vorangeschritten ist, aber noch lange nicht als abge-
aufgehoben werden sollte. Wir freuen uns über diesen schlossen bezeichnet werden kann. Nicht zuletzt die
Sinneswandel. Doch auch hier: Wo bleibt die konkrete erste nationale Bologna-Konferenz am vergangen
Aktivität? Wann kommt Frau Schavan aus ihrem Wol- Montag – aus meiner Sicht eine erfolgreiche Veranstal-
kenkuckucksheim herunter und macht mal etwas Kon- tung – hat deutlich gemacht, dass Anpassungen zum
(B) kretes? Wohle der Studierenden erforderlich sind. Deshalb ha- (D)
ben wir uns bereits im Koalitionsvertrag mit der Union
Ich habe Frau Schavan vor längerem im Bundestag darauf verständigt, gemeinsam mit den Ländern ein „Bo-
eine gemeinsame, überparteiliche Initiative im Deut-
logna-Qualitäts- und Mobilitätspaket“ zu schnüren, in
schen Bundestag angeboten. Ich habe ihr danach noch- welchem ein Kernelement die Verbesserung der Lehre
mal geschrieben und konkrete Vorschläge gemacht. Die sein wird.
Reaktion war: Ein Schreiben mit lapidaren Äußerungen
und schönen Worten. So schreibt Sie am 20. Mai 2010: Es wird Sie nicht verwundern – dies sage ich insbe-
sondere mit Blick auf die Kolleginnen und Kollegen aus
Bund und Länder sind sich der Verantwortung und
den Fraktionen der SPD und der Grünen –, wenn ich an
der Bedeutung dieser gesamtstaatlichen Aufgabe
dieser Stelle auch einmal darauf hinweisen muss, dass
sehr bewusst. Die Bundeskanzlerin, die Regierung-
die in den Anträgen der Fraktionen Die Linke und
schefin und die Regierungschefs der Länder haben
Bündnis 90/Die Grünen dargestellten Defizite im Be-
in ihrer Besprechung am 16. Dezember 2009 das
reich der Hochschullehre, für die sie immer wieder auch
gemeinsame Ziel bekräftigt, die Ausgaben für Bil-
die Bologna-Reform verantwortlich machen, aufgrund
dung und Forschung bis 2015 auf 10 Prozent des
ihrer Versäumnisse während der rot-grünen Regierungs-
Bruttoinlandsprodukts zu steigern.
zeit – nämlich da, als Bologna auf den Weg gebracht
Dabei sitzen die Regierungschefs schon längst ohne wurde – durch eine fehlende finanzielle Begleitung der
sie beisammen und planen die Einsparungen und Ein- Reform erst verursacht bzw. verstärkt wurden.
schnitte im Bildungsbereich – während Frau Schavan
Meine Damen und Herren von den Grünen, Sie sind
ganz alleine weiter von der Erreichung des 10-Prozent-
Ziels träumt und philosophiert. Wenn es aber konkret Ihrer Verantwortung damals nicht gerecht geworden und
kommen heute mit dem erhobenen Zeigefinger. Das mag
wird, duckt sich Frau Schavan weg. Das ist beim soge-
Ihrer Oppositionsrolle geschuldet sein, ist aus meiner
nannten Bologna-Gipfel so gewesen, das ist bei der
Sicht jedoch vollkommen unnötig. Heute nämlich wird
Haushalts- und Steuerpolitik so, und das ist beim Thema
der Bund seiner Verantwortung gerecht. Die Bundesre-
Föderalismus so.
gierung fördert mit dem Hochschulpakt II den systemati-
Auch bei der Verbesserung der Hochschullehre kom- schen Ausbau der Studienplatzkapazitäten allein in 2010
men wir nur dann weiter, wenn wir eine gute Zusam- mit 508 Millionen Euro. Die christlich-liberale Bundes-
menarbeit von Bund und Ländern erreichen. Aber die regierung stellt für die Weiterentwicklung des Bologna-
nächste große Show ist ja bereits angesagt: der „Bil- Prozesses 33 Millionen Euro zur Verfügung und etati-
dungsgipfel“ der Bundeskanzlerin. Die letzten zwei Gip- sierte bereits 760 Millionen Euro für einen Qualitäts-
4510 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) pakt, welcher durch eine Kofinanzierung der Länder er- weise etwas für die Lehre zu tun, empört mich das umso (C)
gänzt werden soll. Hier können wir mit einem mehr. Die Universität Potsdam, die größte Hochschule in
beträchtlichen Zugewinn für die Hochschullehre rech- Brandenburg, hat mittlerweile über 20 000 Studierende
nen. und ist damit längst an ihren Kapazitätsgrenzen ange-
langt. Überfüllte Seminare und „Massenabfertigungen“,
Meine Damen und Herren von der Opposition, we- wie sie seitens der Bildungsstreikenden – auf die sich
nigstens darin sind Sie sich ja einig: Sie fordern immer Die Linke ja allzu gern beruft – immer wieder beklagt
wieder die Abschaffung von Studienbeiträgen. Mittler- wurden, sind in Potsdam Realität. Und die einzige Re-
weile fließen deutlich mehr als 1,2 Milliarden Euro aus aktion von Rot-Rot ist es, für noch mehr Studierende zu
Erlösen der Studienbeiträge in die Hochschullehre. werben, um möglichst viele Mittel aus dem Hochschul-
Diese Einnahmen decken bundesweit mehr als ein Drit- pakt zu ergattern!
tel der Kosten zusätzlicher Hochschulinvestitionen.
Hochschulen im Verantwortungsbereich liberaler Minis- Nicht anders sieht es übrigens im ebenfalls rot-rot-re-
ter konnten dadurch bemerkenswerte Verbesserungen er- gierten Berlin aus. Trotz erheblicher Beteiligung des
zielen. Während die Ausgaben der Hochschulen in Bay- Bundes ist der durchschnittliche Landeszuschuss pro
ern im Zeitraum von 2006 bis 2008 um 778 Millionen Studierendem und Jahr an die Hochschulen seit 2006 um
Euro stiegen und die nordrhein-westfälischen Hochschu- mehr als 600 Euro eingebrochen.
len im selben Zeitraum sogar 881 Millionen Euro mehr Wenn im Bundestag dann Die Linke mit ihrem Antrag
investieren konnten, fiel der finanzielle Zugewinn in einerseits Mittelsteigerungen für die Hochschulen for-
Berlin und Brandenburg beschämend gering aus. Sie dert, um eine Steigerung der Lehrqualität zu erreichen,
wollen allen Hochschulen diese Einnahmequelle streitig und andererseits absurderweise auch noch die Abschaf-
machen, ohne uns die Frage beantworten zu können, wie fung von Studiengebühren fordert, wenngleich diese
Sie die zu erwartenden Einnahmeverluste für die Hoch- mittlerweile eine erhebliche Bedeutung für die Finanzie-
schulen auffangen wollen. Stattdessen finden sich im rung von Hochschulen haben, kann man das ganze Papier
Antrag der Grünen diverse Vorschläge, die im Wesentli- eigentlich nicht mehr ernst nehmen. Auch das Deutsche
chen auf eine zentrale Steuerung des Hochschulwesens Studentenwerk bestätigte doch, dass Studienbeiträge durch-
abstellen. Sie setzen auf Gender- und Diversity-Kompe- aus zielgerichtet zur Verbesserung der Betreuungs- und
tenzen als zentrale Qualitätskriterien bei der Bewertung Studiensituation der Studierenden eingesetzt werden und
guter Lehre und fordern flächendeckend Landeslehr- damit eine erhebliche positive Wirkung auf die Situation
preise. Dann beklagen Sie die Differenzierung der Perso- der Hochschulen entfalten.
nalkategorien an den Hochschulen und wollen aber
gleichzeitig zusätzliche Professuren und Juniorprofessu- Meine Damen und Herren von der Fraktion Die
(B) ren mit dem Schwerpunkt Lehre schaffen. Für mich lässt Linke, mit Ihrem unsystematisch zusammengewürfelten (D)
sich dieses grüne Klein-Klein beim besten Willen nicht Forderungskatalog zur Deckung des Mittelbedarfs deut-
mit einer modernen Wissenschaftspolitik vereinbaren. scher Hochschulen, welcher von einer Grundgesetzre-
Ich bin davon überzeugt: Mit dem von uns eingeschlage- form bis zur Erarbeitung von diversen Aktionsplänen
nen Weg, der eine Anerkennungskultur für die Lehre för- reicht, lassen Sie vollkommen außer Acht, dass der Bund
dern wird, unterstützt der Bund die qualitative Weiter- schon jetzt für den Hochschulbereich Mitwirkungs- und
entwicklung des Bologna-Prozesses besser und wird Finanzierungsmöglichkeiten besitzt und diese auch
damit sicher mehr für die Hochschulen und vor allem für nutzt. Wir stellen bereits gemeinsam mit den Ländern er-
die Studierenden erreichen. hebliche Mittel für den Ausbau zusätzlicher Studien-
platzkapazitäten über den Hochschulpakt zur Verfügung.
Meine Damen und Herren, ich erwarte aber auch, Mit dem Qualitätspakt Lehre stellt der Bund in den
dass die Länder ihre Hausaufgaben machen. Wer die Zu- nächsten zehn Jahren außerdem beträchtliche Mittel zur
ständigkeit für die Bildung bei sich sieht, muss auch die Steigerung der Lehrqualität bereit. Sie hingegen zeigen
dazugehörende Verantwortung übernehmen und schließ- lediglich auf die Bundesregierung und fordern sie auf,
lich auch das dafür erforderliche Geld in die Hand neh- mehr für die Finanzierung der Hochschulen zu tun, und
men. Es empört mich daher, wenn ich von Vorschlägen dort, wo Sie selbst in Verantwortung sind, machen Sie
höre, bei der Bildung zu sparen. Wenn ich sehe, dass das genaue Gegenteil. Das ist nicht glaubwürdig, und die
zum Beispiel in meinem Bundesland, nämlich Branden- Menschen im Land, vor allem die Studierenden, sehen
burg – übrigens seit 20 Jahren von der SPD regiert – al- das auch.
lein darauf gesetzt wird, möglichst viele Bundesmittel
aus dem Hochschulpakt 2020 zu bekommen, indem Sehr geehrte Damen und Herren, Sie sehen, Koalition
massiv Studierende ins Land gelockt werden, gleichzei- und Bundesregierung setzen ihre Prioritäten bei Bildung
tig aber nicht im gleichen Maße eigene Investitionen in und Forschung. Unser Ziel bleibt es, Deutschland zur
den Ausbau zusätzlicher Kapazitäten an den Hochschu- Bildungsrepublik zu machen. Die Länder, aber auch die
len getätigt werden, dann ärgert mich das maßlos. Wenn Hochschulen haben in uns einen verlässlichen Partner.
die dortige rot-rote Landesregierung in ihrem Koali- An ihnen selbst ist es aber auch, mit eigenen Anstren-
tionsvertrag von der großen Bedeutung der Bildung phi- gungen ihren Beitrag zu leisten, unserem gemeinsamen
losophiert, gleichzeitig aber tatenlos zusieht – nein, ich Ziel noch näherzukommen.
behaupte: es mit ihrer soeben beschriebenen Strategie
sogar massiv befördert –, dass die Hochschulen im Nicole Gohlke (DIE LINKE): Überfüllte Hörsäle,
Lande aus allen Nähten platzen, ohne auch nur ansatz- Prüfungsstress, hohe Präsenzpflicht, Stellenabbau und
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4511

(A) abstruse Betreuungsrelationen – eine Professorin oder Wenn Sie an dieser Situation grundlegend etwas än- (C)
ein Professor ist durchschnittlich für 60 Studierende ver- dern wollen, sorgen Sie für mehr und vor allem für
antwortlich! So kann man schlagwortartig die Lehr- und kontinuierliche Mittel! Stellen Sie mehr Personal mit ge-
Lernsituation an den Hochschulen umschreiben. Das sicherten Arbeitsverhältnissen ein und schaffen Sie Qua-
kommt nicht von ungefähr: Jahrzehntelang wurden die lifizierungsmöglichkeiten! Der Wissenschaftsrat veran-
Hochschulen unterfinanziert; zudem wurde der Bologna- schlagt allein für die Verbesserung der Qualität der Lehr-
Prozess implementiert, nach dem Motto „Schaut doch, und Lernbedingungen ein jährliches Budget von 1,1 Mil-
wie ihr damit klarkommt!“ Und da ist es kein Wunder, liarden Euro. Sie bieten 200 Millionen Euro und wollen
dass die Versprechen auf neue Lehr- und Lernformen, dafür noch gefeiert werden. Mit Verlaub, aber das ist ab-
wie etwa ein selbstbestimmtes Projektstudium, forschen- surd!
des Lernen, die Anerkennung und Integration von unab-
Und mit der Exzellenzinitiative verschärft die Bun-
hängigen Lerngruppen in den Lehrbetrieb oder E-Lear-
desregierung dieses Problem noch. Nicht nur, dass
ning, nicht umgesetzt wurden.
dadurch die Mittel konzentriert und einer breiteren
Die Bologna-Konferenz vom vergangenen Montag Finanzierung, von der alle Hochschulen etwas hätten,
wäre eine gute Gelegenheit gewesen, mit allen Verant- entzogen werden, dazu kommt, dass diejenigen, die in
wortlichen gemeinsam Veränderungen zu beschließen. solchen Exzellenzprojekten forschen, sich doch kaum
Sie, Frau Schavan, haben sie nur dazu genutzt, Ihre alt- noch an der Lehre beteiligen. Stattdessen gibt es dann
bekannten Projekte erneut vorzustellen. Und es sollte Ih- die reinen Lehrbeauftragten, die aber keine Zeit mehr
nen zu denken geben, meine Kolleginnen und Kollegen haben, zu forschen. Sie betreiben eine Ausdifferenzie-
von den Regierungsfraktionen, Frau Schavan, dass die rung in Forschungs- und Lehruniversitäten; Sie treiben
Bildungsstreikenden die Sitzung vorzeitig verlassen ha- mit Ihrer Politik die Trennung von Forschung und Lehre
ben. Denn die Bildungsministerin ist wirklich mit kei- voran! Und das nennen Sie dann Wissenschaftsstandort.
nem Wort auf die Forderungen der Studierenden einge- Sie beschneiden und zerstören doch auf diese Weise die
gangen, sie hat nicht mal die Gelegenheit genutzt, mit Wissenschaft an der Wurzel!
den anwesenden Kultusminister und Kultusministerin- Ich kann Ihnen nur sagen: Die richtige Antwort auf so
nen und Hochschulrektoren und Hochschulrektorinnen eine Politik heißt Protest! Dass man sich für gute Bil-
konkrete Vereinbarungen zu treffen. dung nicht auf Frau Schavan und die Landesregierungen
verlassen kann, hat der Bologna-Gipfel am Montag be-
Grundvoraussetzung für jede Verbesserung an der wiesen. Ich hoffe, dass die Studierenden am 9. Juni vor
Hochschule und in der Lehre ist Geld: Es ist nicht einzu- allem gemeinsam mit Lehrkräften und Beschäftigten der
sehen, dass die Krise und die Konsolidierung der Haus- Hochschulen die nächste Runde des Bildungsstreiks ein- (D)
(B) halte auf dem Rücken der Bildung ausgetragen werden
läuten. Es geht um nicht weniger als den freien und glei-
sollen, wie es nun Ihr Ministerpräsident Roland Koch in chen Zugang zu guter Bildung! Dafür braucht es auch
Hessen fordert. 2 Milliarden will die Bundesregierung in Bedingungen, unter denen man auch gut lehren und ler-
den nächsten zehn Jahren für die Verbesserung der Lehre nen kann.
zur Verfügung stellen. Zum Vergleich: über 100 Milliar-
den Euro konnten schon wieder über Nacht für die
Schuldner Griechenlands mobilisiert werden, also für Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Gute
die Banken. Sie handeln nach dem Motto: „Geld für Studien- und Lernbedingungen entscheiden maßgeblich
Banken statt für Bildung!“ Das ist ein Skandal! Und der über ein erfolgreiches Studium. Lehre muss Studierende
Anteil der öffentlichen Ausgaben pro Student am Brutto- motivieren und inspirieren, Forschungsinteresse wecken,
inlandsprodukt ist seit den 70er-Jahren um zwei Drittel Kreativität, eigenständiges Denken und wissenschaftli-
zurückgegangen! So schaut Ihre Bildungsrepublik aus! ches Arbeiten fördern. Steigende Studierendenzahlen
Da müssen Sie sich nicht über weitere Proteste wundern! und eine fehlende Finanzierung der Bologna-Reform ha-
ben die Lehr- und Betreuungssituation an den Hochschu-
Die Qualität von Lehre und Studium ist untrennbar len aber vielerorts verschlechtert statt verbessert.
mit guten Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen ver-
Mit durchschnittlich 60 Studierenden pro Professorin
knüpft. Sie reden doch immer von Exzellenz! Dann
oder Professor – in einzelnen Fächern noch deutlich
schaffen Sie einfach mal exzellente Bedingungen! Ohne
mehr – lässt sich nur schwer eine Lehre organisieren, die
hervorragende Arbeitsbedingungen wird es keine her-
den Begabungen, Talenten und der Neugierde des Ein-
vorragende Lehre geben. Ihre Politik führte geradewegs
zelnen gerecht wird. Gute Lehre darf nicht länger Kür
in katastrophale Arbeits- und Beschäftigungsbedingun-
für wenige, sondern muss Anspruch und Realität an al-
gen an den Hochschulen – besonders unterhalb der Pro-
len Hochschulen werden. Wir brauchen von allen Ak-
fessur. Lehrbeauftragte sichern den laufenden Lehrbe-
teuren – im Bund, in den Ländern, an den Hochschulen –
trieb, sie tun dies völlig unterbezahlt und ohne gesicherte
gemeinsam getragene Strategien, wie wir für alle Studie-
Perspektiven. Drei Viertel aller wissenschaftlichen Mit-
renden endlich ein besseres Studium und einen transpa-
arbeiterinnen und Mitarbeiter an Hochschulen sind nach renten, mobilitätsfreundlichen europäischen Hochschul-
Angaben des Statistischen Bundesamtes befristet be- raum verwirklichen.
schäftigt, die Hälfte davon in Teilzeit. Und dieser Trend
reicht bis zu den Professuren, deren Stellen 2008 bereits Akzeptanz und Erfolg der Bachelor- und Masterab-
zu 16 Prozent befristet waren, 1998 waren es noch schlüsse hängen maßgeblich von einem deutlich verbes-
5 Prozent. serten Betreuungsschlüssel ab. Diese Botschaft setzen
4512 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) wir Grüne und die Studierenden schon lange; sie muss die Mitsprache der Länder umgehen, indem sie die (C)
endlich von den Wissenschaftsministerinnen und -minis- Hochschulen direkt beteiligt. Das ist keine tragfähige
tern sowie der Bundesbildungsministerin nicht nur ge- Lösung. Außerdem würde das, was die Ministerin bis-
hört, sondern auch in die Realität übersetzt werden. lang lediglich skizziert hat, mit großer Wahrscheinlich-
keit dazu führen, dass die Förderung nicht an der Zahl
Wir Grüne haben bereits in der letzten Legislatur eine der Studierenden ausgerichtet würde, sondern nur einige
umfassende Gesamtstrategie für gute Lehre gefordert Hochschulen die Mittel unter sich aufteilten. Unser Vor-
und ein Konzept vorgelegt. Es ist traurig, dass fast vier schlag einer dritten Säule im Hochschulpakt bindet alle
Jahre verstrichen sind, bevor die Ministerin das Thema Verantwortlichen mit ein und leitet die Mittel zielgerich-
endlich anpackt. Zu einer Gesamtstrategie für gute Lehre tet dort hin, wo sie gebraucht werden.
gehört, dass der Hochschulpakt zwischen Bund und Län-
dern, der massiv unterfinanziert ist und noch nicht ein- Mit unserer Gesamtstrategie sorgen wir dafür, allen
mal die Kosten für unterdurchschnittliche Studienbedin- Studierenden eine gute Lehre zu garantieren sowie die
gungen trägt, endlich besser ausgestattet wird und dass Einheit von Forschung und Lehre zu stärken statt aufzu-
mehr Studienplätze geschaffen werden. kündigen. Wir wollen die Reputation und Anerkennung
von Lehre stärken und sie damit perspektivisch endlich
Seit Monaten kündigt die Bundesministerin nun zwar auf Augenhöhe mit der Forschung bringen. Denn gute
ein „Qualitätsprogramm für die Lehre“ an, dies reicht Lehre muss sich lohnen, sie braucht mehr Wertschätzung
aber weder finanziell noch strukturell aus, die unzurei- und klare Struktur- und Finanzentscheidungen der Poli-
chende Förderung, Ausstattung und Wertschätzung der tik. Daher bitte ich Sie: Stimmen Sie unserem Antrag zu.
Lehre zu überwinden. Schavans vages Bologna-Paket
und der vollmundig angekündigte 2-Milliarden-Euro-
„Qualitätspakt für die Lehre“ drohen nun dem Rotstift Anlage 8
der CDU-Ministerpräsidenten zum Opfer zu fallen. Wir
brauchen einen Rettungsschirm für Hochschulen, keinen Amtliche Mitteilungen
Koalitionskrach über Kürzungen. Der Bundesrat hat in seiner 869. Sitzung am 7. Mai
Die Bildungsrepublik wird von Koch & Co abgeris- 2010 beschlossen, den nachstehenden Gesetzen zuzu-
sen, bevor mit ihrem Bau ernsthaft begonnen wurde. stimmen bzw. einen Antrag gemäß Artikel 77 Absatz 2
Wer bei Bildungsinvestitionen kürzen will, versündigt des Grundgesetzes nicht zu stellen:
sich an jungen Generationen, verhindert Teilhabe, ver- – Gesetz zur Abschaffung des Finanzplanungsrates
geudet Zukunfts- und Innovationsfähigkeit. Nur Länder, und zur Übertragung der fortzuführenden Aufga-
die auch in Zeiten desolater Haushaltslagen die Priorität ben auf den Stabilitätsrat sowie zur Änderung wei-
(B) auf ein leistungsfähigeres Bildungs- und Hochschulsys- (D)
terer Gesetze
tem legen, können aus Krisen gestärkt hervorgehen.
Wenn Ministerin Schavan nicht als Ankündigungs- Der Bundesrat hat ferner die nachstehende Entschlie-
ministerin enden möchte, dann muss sie im Schulter- ßung gefasst:
schluss mit Kanzlerin Merkel auf dem Bildungsgipfel
am 10. Juni einen festen Fahrplan für eine Reform der Die Bundesregierung wird gebeten, die Auswirkun-
Bologna-Reform vereinbaren und einen echten Quali- gen der in diesem Gesetz vorgenommenen Änderung des
tätspakt für die Lehre schließen. Schavan darf die Stu- Zweiten Buches Sozialgesetzbuch (SGB II) zeitnah aus-
dien- und Lehrreform nicht allein den Ländern oder zuwerten und bei Bedarf eine einheitliche Regelung von
Hochschulen überlassen, sondern muss ihrer Verantwor- SGB XII und SGB II herbeizuführen.
tung als Bundesbildungsministerin gerecht werden. Begründung:
Das SGB XII enthält bereits eine erprobte Regelung
Wir fordern von der Bundesregierung in Zusammen-
für abweichende Bedarfe. Mit der betreffenden Rege-
arbeit mit den Ländern ein verlässliches Gesamtkonzept
lung dieses Gesetzes erfolgt eine unterschiedliche
zur Sicherung guter Lehrqualität. Zentrale Elemente sind
Ausgestaltung der beiden Fürsorgesysteme SGB II
eine dritte Säule im Hochschulpakt und ein Bundeswett-
und SGB XII. Im Interesse einer Harmonisierung in
bewerb für herausragende und innovative Lehre. Durch
Fragen der existenzsichernden Bedarfe sollte jedoch
die dritte Säule sollen Bundesmittel zielgenau an die
im SGB II eine dem SGB XII analoge Regelung für
Hochschulen fließen für Professuren und Junior-Profes-
atypische Bedarfslagen erfolgen.
suren mit dem Schwerpunkt Lehre, für Tutorien und
Mentoring-Programme sowie für didaktische Fort- und Die Übernahme einer gleichlautenden Öffnungsklau-
Weiterbildung, Zentren für Fachdidaktik und für Perso- sel auch in das SGB II würde der Rechtssicherheit
nalmanagement, Qualitätssicherung sowie Lehrorganisa- und Rechtsklarheit dienen.
tion an den Hochschulen.
– Fünftes Gesetz zur Änderung des Kraftfahrzeug-
Nach all dem Gegenwind aus den Ländern hat Bun- steuergesetzes
desministerin Schavan nun statt eines umfassenden Kon-
– Achtes Gesetz zur Änderung des Bundes-Immis-
zepts zur Stärkung der Lehre eine „Akademie für gute
sionsschutzgesetzes
Lehre“ angekündigt. Diese Idee halten wir für verfehlt
und eindeutig zu kurz gesprungen. Durch die Einrich- – Erstes Gesetz zur Änderung des Telemediengeset-
tung einer „Akademie“ will die Bundesministerin nur zes (1. Telemedienänderungsgesetz)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4513

(A) – Gesetz zur Änderung des Abkommens vom 15. De- Rat seinen Präsidenten Herman Van Rompuy damit be- (C)
zember 1950 über die Gründung eines Rates für auftragt hat, eine Task Force einzurichten, um Vor-
die Zusammenarbeit auf dem Gebiete des Zollwe- schläge für eine bessere Prävention und Krisenbewälti-
sens gung in der Eurozone zu erarbeiten.
– Gesetz zu den Änderungsurkunden vom 24. No- Das aufwendige Maßnahmenpaket kann nur effektiv
vember 2006 zur Konstitution und zur Konvention und nachhaltig sein, wenn es dazu beiträgt, verlorenes
der Internationalen Fernmeldeunion vom 22. De- Vertrauen zurückzugewinnen und Lasten gerecht zu ver-
zember 1992 teilen.
– Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen zum Der Bundesrat fordert die Bundesregierung auf, sich
Erhalt der für die Finanzstabilität in der Wäh- auf europäischer Ebene dafür einzusetzen, dass
rungsunion erforderlichen Zahlungsfähigkeit der
Hellenischen Republik (Währungsunion-Finanzsta- – die zuständigen europäischen Institutionen in die Lage
bilitätsgesetz – WFStG) versetzt werden, wirksame Maßnahmen ergreifen zu
können, die für eine effektivere Überwachung der
Haushalts- und Finanzpolitiken der Mitgliedstaaten
Der Bundesrat hat ferner die nachstehende Entschlie- sorgen. Insbesondere dem Europäischen Statistikamt
ßung gefasst: EUROSTAT muss ein Zugriffs-, Durchgriffs- und
In der aktuellen Krise geht es um Bestand und Zukunft Kontrollrecht gegenüber den nationalen Statistikäm-
der Europäischen Union – nicht nur um Griechenland. tern eingeräumt werden. Der Europäische Rech-
Der Bundesrat befasst sich in europäischer und gesamt- nungshof ist durch erweiterte Prüfungsrechte zu stär-
staatlicher Verantwortung mit dem Gesetz zum Erhalt der ken.
Stabilität der Währungsunion. Er erachtet die von Inter- – ein effektiver Frühwarnmechanismus eingerichtet wird,
nationalem Währungsfonds, Europäischer Kommission, der im Fall drohender Überschuldung von Staaten eine
Europäischer Zentralbank sowie den Euro-Staaten be- Warnung auslöst. Defizitsünder sollten vor Verab-
schlossenen Maßnahmen für Griechenland als unabding- schiedung ihrer Haushalte der Eurogruppe berichten
bar. Eine stabile Wirtschafts- und Währungspolitik benö- müssen und diese sollte dazu öffentlich Stellung bezie-
tigt ein klares Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft hen können.
und dem damit verbundenen notwendigen Prinzip des
marktwirtschaftlichen Wettbewerbs. Deutschland braucht – der Stabilitäts- und Wachstumspakt in seiner Funktion
den Euro – ebenso wie Europa. Ohne gemeinsame Wäh- gestärkt wird, indem Euro-Mitgliedstaaten, die wie-
rung hätte die Wirtschafts- und Finanzkrise unseren Kon- derholt übermäßige Haushaltsdefizite aufweisen, ei-
(B)
tinent noch härter getroffen. nem beschleunigten Defizitverfahren unterworfen (D)
werden, so dass Sanktionen früher greifen können.
Griechenland zu helfen ist notwendig, um eine Zah- Sanktionen müssen zu einem früheren Zeitpunkt ver-
lungsunfähigkeit des Landes zu verhindern und die hängt werden, und nicht erst, wenn ein Staat am Rande
Euro-Zone vor unkalkulierbaren Erschütterungen zu be- der Zahlungsunfähigkeit steht und weitere Zahlungs-
wahren. Die Unterstützung ist ein Ausnahmefall, der verpflichtungen in der konkreten Situation keinen un-
nicht in einen Mechanismus für weitere notleidende mittelbaren Mehrwert bringen.
Staaten führt. Die Währungsunion darf sich nicht suk-
zessive in eine Transferunion wandeln. Grundlage ist die – die Hürden für politische Einflussnahme gegen zu
Stärkung und Verschärfung des bestehenden Stabilitäts- verhängende Sanktionen möglichst hoch gelegt wer-
und Wachstumspaktes. den, etwa durch zu veröffentlichende Berichte der Eu-
ropäischen Zentralbank.
Die international vereinbarten Maßnahmen sehen in
den nächsten Jahren einen strikten Sparkurs und struktu- – der Stabilitäts- und Wachstumspakt so modifiziert
relle Reformen für Griechenland vor, mit denen das wird, dass deutlich spürbarere Sanktionen verhängt
Land schrittweise seine öffentlichen Finanzen wieder werden können, z. B. Sperrung von Mitteln aus den
stabilisieren und die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirt- EU-Struktur- und Kohäsionsfonds für Euro-Mitglied-
schaft verbessern soll. Die von Griechenland zu treffen- staaten, die durch übermäßige Haushaltsdefizite die
den Entscheidungen zur Einhaltung des Sparkurses und Eurozone als Ganzes gefährden, Suspendierung der
der strukturellen Reformen sind streng zu überwachen. Stimmrechte, und die Verhängung von Sanktionen,
Grundlage bilden die zwischen dem Internationalen die soweit möglich automatisch ausgelöst werden.
Währungsfonds, der Europäischen Kommission im Auf-
– neue Instrumentarien für überschuldete Staaten entwi-
trag der Mitgliedstaaten der Europäischen Union und
ckelt werden, mit denen ein Restrukturierungs- und In-
von Griechenland unter Mitwirkung der Europäischen
solvenzsystem aufgebaut wird. Dieses Restrukturie-
Zentralbank vereinbarten Maßnahmen. Der Bundesrat
rungs- und Insolvenzverfahren muss systemische
fordert die Bundesregierung auf, über die diesbezügli-
Risiken vermeiden und klar regeln, dass die Gläubiger
chen Fortschritte bzw. über die Einhaltung dieser Verein-
auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssen
barungen regelmäßig zu berichten.
(Umschuldung). Es muss sichergestellt sein, dass Re-
Die Krise in Griechenland hat aber auch strukturelle strukturierungs- und Insolvenzverfahren zügig und un-
Schwächen der europäischen Währungsunion offenge- ter Wahrung der Rechtssicherheit durchgeführt werden
legt. Der Bundesrat begrüßt daher, dass der Europäische können; damit soll treffsicher gewährleistet werden,
4514 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010

(A) dass diejenigen, die spekulieren, entsprechend den von – Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen im (C)
ihnen eingegangenen Risiken herangezogen werden. Rahmen eines europäischen Stabilisierungsme-
chanismus
– der Anleger- und Verbraucherschutz in Europa verbes-
sert sowie insbesondere der sogenannte „graue Kapi-
talmarkt“ reguliert und beaufsichtigt wird. Künftig Die Vorsitzenden der folgenden Ausschüsse haben
darf kein Finanzmarkt, kein Finanzmarktakteur und mitgeteilt, dass der Ausschuss gemäß § 80 Absatz 3 Satz 2
kein Finanzmarktprodukt ohne Regulierung, Aufsicht der Geschäftsordnung von einer Berichterstattung zu der
und Haftung bleiben. nachstehenden Vorlage absieht:
– bei zukünftigen Beitrittsanträgen zur Währungsunion
ein längeres, zum Beispiel fünfjähriges, Monitoring- Auswärtiger Ausschusses
verfahren durchgeführt wird, in dem der Kandidat be-
weist, dass er in der Lage ist, eine dauerhaft stabili- – Unterrichtung durch die Bundesregierung
tätsorientierte Finanzpolitik zu führen, und dabei auch Bericht der Bundesregierung über die Ergebnisse ihrer
auf seine Wettbewerbsfähigkeit achtet. Bemühungen um die Weiterentwicklung der politischen
und ökonomischen Gesamtstrategie für die Balkanstaa-
Die aktuelle Krise um Griechenland hat auch verdeut- ten und ganz Südosteuropa (Berichtszeitraum: 1. Februar
licht, dass im Finanzmarktsystem Änderungen dringend 2009 bis 28. Februar 2010)
erforderlich sind, um dessen Krisenresistenz zu stärken. – Drucksachen 17/1200, 17/1485 Nr. 2 –
Daher fordert der Bundesrat die Bundesregierung dazu
auf, Ausschuss für Gesundheit
– sich für die Schaffung einer unabhängigen europäi-
– Unterrichtung durch die Bundesregierung
schen Rating-Agentur einzusetzen, die ihre Ratings
vollständig transparent macht. Bericht zur Situation der Transplantationsmedizin in
Deutschland zehn Jahre nach Inkrafttreten des Trans-
– die Regulierung von Rating-Agenturen zu verbessern, plantationsgesetzes
indem wirtschaftliche Verflechtungen von Rating- – Drucksachen 16/13740, 17/591 Nr. 1.15 –
Agenturen und Finanzmarktakteuren ausgeschlossen
und mögliche Marktmanipulationen durch die Fi- – Unterrichtung durch die Bundesregierung
nanzaufsicht streng kontrolliert werden. Gutachten 2009 des Sachverständigenrates zur Begut-
achtung der Entwicklung im Gesundheitswesen
– ein Verbot ungedeckter Leerverkäufe von Finanz- Koordination und Integration – Gesundheitsversor-
(B) marktinstrumenten einzuführen. gung in einer Gesellschaft des längeren Lebens (D)
– alle Finanzprodukte und alle Finanzmarktteilnehmer, – Drucksachen 16/13770, 17/591 Nr. 1.16 –
zum Beispiel Hedge-Fonds, zu regulieren.
– Unterrichtung durch die Bundesregierung
– den Kauf von Kreditausfallversicherungen (CDS), die Bericht der Bundesregierung zu Erfahrungen mit der
nicht zur Absicherung eigener oder mandatierter Risi- Erprobung von Arzneimitteln an Minderjährigen nach
ken dienen, umgehend zu verbieten. Der Bundesrat Inkrafttreten des Zwölften Gesetzes zur Änderung des
Arzneimittelgesetzes
spricht sich für die Schaffung europäischer Clearing-
stellen und Handelsplattformen aus, die wirksam re- – Drucksachen 16/14131, 17/591 Nr. 1.33 –
guliert werden.
– Unterrichtung durch die Bundesregierung
– bei Verbriefungen einen signifikanten Selbstbehalt Bericht der Bundesregierung über die Umsetzung der
einzuführen. Zugleich erwartet der Bundesrat die Er- gesetzlichen Vorschrift zur Fortsetzung der Arzneimit-
stellung verbindlicher Standards für Verbriefungen. teltherapie nach Krankenhausbehandlung
– Drucksachen 16/14137, 17/591 Nr. 1.34 –
– die Erhebung einer risikoadjustierten Bankenabgabe
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
zur Errichtung eines Stabilitäts-Fonds zur Finanzie-
rung künftiger Restrukturierungs- und Abwicklungs- – Unterrichtung durch die Bundesregierung
maßnahmen bei Banken voranzutreiben, damit der Fi-
Bericht der Bundesregierung 2009 zur Anwendung des
nanzsektor bei zukünftigen Krisen selbst gewappnet Standardkosten-Modells und zum Stand des Bürokra-
ist und reagieren kann. tieabbaus
– sich in Europa und in der G-20-Gruppe für die Um- – Drucksachen 17/300, 17/591 Nr. 1.46 –
setzung der jetzt vom Internationalen Währungsfonds
– Unterrichtung durch die Bundesregierung
vorgelegten Vorschläge hinsichtlich eines abgestimm-
ten Vorgehens zur Beteiligung des Finanzsektors an Jahresgutachten 2009/10 des Sachverständigenrates zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
den Kosten der Krise einzusetzen.
– Drucksache 17/44 –

Der Bundesrat hat in seiner 870. Sitzung am 21. Mai – Unterrichtung durch die Bundesregierung
2010 beschlossen, zu dem nachstehenden Gesetz einen Bericht der Bundesregierung über den Stand der Doha-
Antrag gemäß Artikel 77 Absatz 2 des Grundgesetzes Welthandelsrunde
nicht zu stellen: – Drucksachen 17/316, 17/503 1.2 –
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 44. Sitzung. Berlin, Freitag, den 21. Mai 2010 4515

(A) – Unterrichtung durch die Bundesregierung Ratsdokument 15058/09 (C)


Jahreswirtschaftsbericht 2010 der Bundesregierung Drucksache 17/1100 Nr. A.8
EuB-BReg 77/2010
– Drucksache 17/500 –

Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und


Die Vorsitzenden der folgenden Ausschüsse haben Verbraucherschutz
mitgeteilt, dass der Ausschuss die nachstehenden Unions-
Drucksache 17/1492 Nr. A.28
dokumente zur Kenntnis genommen oder von einer Bera- Ratsdokument 8174/10
tung abgesehen hat:

Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und


Auswärtiger Ausschuss Entwicklung
Drucksache 17/859 Nr. A.3 Drucksache 17/1270 Nr. A.6
Ratsdokument 5935/10 Ratsdokument 6822/10
Drucksache 17/859 Nr. A.4 Drucksache 17/1270 Nr. A.7
Ratsdokument 5938/10 Ratsdokument 6963/10
Drucksache 17/1100 Nr. A.1 Drucksache 17/1492 Nr. A.37
Ratsdokument 17811/09 Ratsdokument 7709/10
Drucksache 17/1492 Nr. A.1
EuB-BReg 82/2010
Drucksache 17/1492 Nr. A.3 Ausschuss für Tourismus
EuB-BReg 85/2010
Drucksache 17/1492 Nr. A.5 Drucksache 17/1492 Nr. A.42
EuB-EP 2008; P7_TA-PROV(2010)0017 Ratsdokument 8253/10

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen
Union
Drucksache 17/859 Nr. A.9
Ratsdokument 5662/10 Drucksache 17/315 Nr. A.8
Drucksache 17/859 Nr. A.10 Ratsdokument 17196/09

(B) (D)
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, [Link]
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, [Link]
ISSN 0722-7980

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