Methodenbuch 1
Methodenbuch 1
Das Methodenbuch
Lautere Tricks,
mit denen Sie
(nicht nur)
Ihre Deutsch-Tests bestehen
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Inhalt
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Die lauteren Tricks
Herakles drückte bei der ersten Eroberung Trojas die Mauern ein,
sein Freund Telamon erstieg die Mauer und sprang als erster in die Stadt.
Nun galt aber der erste griechische Krieger, der die Stadt betrat, als der Eroberer der Stadt Troja.
Herakles war darüber so sehr erzürnt, dass er hinterhersprang, mit seinem Schwert ausholte und
seinen Freund Telamon erschlagen wollte.
Telamon spürte die drohende Gefahr hinter sich, bückte sich, sammelte einige Mauerreste ein und
schichtete sie auf. Herakles stutzte, hielt mit dem erhobenen Schwert kurz inne und fragte:
„Was tust du da?“
Telamon antwortete: „Ich erbaue für Herakles, den Eroberer der Stadt Troja, einen Altar.“
Herakles lächelte, senkte sein Schwert und ließ seinen Freund leben.
„Lauter“ ist ein nicht so oft gebrauchtes Adjektiv und bedeutet rein, pur, sauber, unvermischt.
Lauteres Gold ist 24 Karat Gold, 1000 von 1000 Anteilen sind Gold.
Diese lauteren Tricks funktionieren deswegen so gut, weil sie hochmanipulativ sind.
Die Deutschen benutzen diese sprachlichen Eigenheiten des Deutschen,
damit sie das Verhalten der anderen Deutschen manipulieren.
Umgekehrt gilt: Alles ist erlaubt, was die Prüfer bemerken und nicht ins Prüfungsprotokoll eintragen.
Dazu zählen auch die lauteren Tricks.
Ein unlauterer Trick ist ein offener Regelbruch, der nicht akzeptiert wird, beispielsweise das
Auftauchen von einem (mitgebrachten) Spickzettel während der Prüfung.
Ein solcher Trick führt direkt zum Eintrag ins Prüfungsprotokoll und zum Nichtbestehen.
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Ein lauterer Trick liegt vor, wenn die Kandidatin sich während der Prüfung vom Prüfer ein
gestempeltes Schmierpapier geben lässt und den Spickzettel schreibt. Die Inhalte sind die gleichen,
der Stempel beweist, dass die Kandidatin diese Informationen innerhalb der Prüfungszeit schrieb.
Ein solcher Trick wird nicht im Prüfungsprotokoll notiert,
die Prüfung läuft (mit diesem Hilfsmittel) weiter.
Lautere Tricks werden von Chefs begrüßt, sie freuen sich darüber, weil sie sagen:
Wer solche Tricks beherrscht, kann meine Kunden besser bedienen und
die betrieblichen Abläufe besser steuern. Solche Leute suche ich.
Diese Tricks funktionieren in Sprachprüfungen ebenso wie an allen anderen Orten. Die Prüfer wissen,
dass es Tricks sind, und geben Punkte, weil diese Tricks die Probleme lösen, bevor sie groß werden.
Diese Tricks sind von den Prüfungsregularien nicht ausgeschlossen.
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Lernverstärker
Abbildung 1 zeigt die Effekte, die ein Sprecher/ eine Sprecherin erzielen möchte und die seinen
Lernprozess positiv rückkoppeln und verstärken.
Vertrauen auslösen
Kommunikation spontan
verbessern
Prüfungen A1-C1
bestehen
Aussagen
emotional färben
Emotionen
auslösen
Phantasien
auslösen
Verstehen
beschleunigen
Soziale Gruppen
öffnen
Selbstwertgefühl
steigern
Verhalten
manipulieren
Respekt
auslösen
Kooperation
auslösen
Komplexe Phantasien
auslösen
Nuancen
präzise ausdrücken
Abb. 1: Alle kommunikativen Effekte, die das Lernen von Deutsch als Zweitsprache verstärken.
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Wer Biodeutsche anspricht und diese kommunikativen Effekte während des Lernprozesses auslöst,
erhält die Unterstützung der Biodeutschen. Die Frage ist also, welche körpersprachlichen oder
sprachlichen Mittel dazu geeignet sind, dass sie diese Effekte auslösen.
Wenn ich in meinen Kontakten mit Biodeutschen einen dieser Effekte erziele,
erhalte ich automatisch weitere Unterstützung in meinem Lernprozess.
Die Biodeutschen nehmen den Effekt wahr,
freuen sich und aktivieren die Spiegelneuronen (Emotion),
werden neugierig (positive Phantasie) und
setzen die Kommunikation fort (Verhalten).
Wenn ich eines der vorgestellten sprachlichen Mittel in meinen Kontakten benutze,
erreiche ich (fast) automatisch den gewünschten kommunikativen Effekt.
Diese Abläufe sind sekundenschnell.
Es ist diese doppelte Rückkopplung und Verstärkung, die diese Auswahl begründet.
Je öfter diese Rückkopplung in den Kontakten mit Biodeutschen stattfindet,
desto einfacher und eleganter wird das Erlernen von Deutsch als Zweitsprache.
Die Prüfungen A1-C1 zu bestehen, ist das vordergründige Ziel. Deutsch soll einfach zu lernen sein.
Nachhaltigkeit und Abkürzungen schließen sich nicht gegenseitig aus.
Es sind die Geschichten, die Rätsel, die Quereinstiege, die Eselsbrücken,
die sich stärker einprägen und ein Leben lang halten.
Die Aussagen emotional zu färben, ist eine Vorstufe von Emotionen auslösen.
Der Effekt tritt ein, weil die eingesetzten sprachlichen Mittel die Spiegelneuronen aktivieren.
Die Emotionen unterlaufen die rationale Betrachtung des Vorgangs. Das macht sie so wirkmächtig.
Die andere Seite sieht so aus: Die Biodeutschen sitzen in ihrer sozialen Gruppe, nehmen mich wahr
und haben noch nicht entschieden, ob sie mich in ihre soziale Gruppe aufnehmen wollen.
Das Vertrauen ist noch nicht da, die Tür ist noch verschlossen.
In dieser Situation hören sie, wie ich ein Element ausspreche,
das nur Menschen ihrer eigenen sozialen Gruppe kennen.
Dieses Hören löst in Zehntelsekunden
eine Kaskade von inneren und äußerlich wahrnehmbaren Reaktionen aus:
Wahrnehmung:
Diese Person spricht ein Element aus, das nur Menschen aus meiner sozialen Gruppe kennen.
Überraschung:
Das ist nicht möglich.
Anerkennung:
Sie muss gute Freunde haben. Jemand hat unsere soziale Gruppe für sie geöffnet.
Sie muss etwas an sich haben, das das Öffnen der sozialen Gruppe rechtfertigt.
Freude:
Ich freue mich sehr. Diese Person kennt und respektiert meine Kultur.
Selbstkritik:
Ich habe diese Person in meiner ersten Analyse unterschätzt.
Diesen Fehler mache ich nicht noch einmal.
Vertrauen:
Ich vertraue dieser Person. Ich weiß, dass sie mich versteht.
Freundlichkeit:
Die bisherige Reserviertheit und Abwehrhaltung sind wie weggeblasen.
Ich zeige dieser Person meine warme, menschliche, verletzbare Seite.
Zusammenarbeit:
Ab jetzt kooperiere ich mit dieser Person und führe sie weiter in meine soziale Gruppe ein.
Ich vermittle weitere Kontakte und zeige ihr Tipps und Tricks, die hier wichtig sind.
Im Film „Lawrence von Arabien“ visualisiert die sich entwickelnde Beziehung zwischen Lawrence und
Auda Abu Tayi, gespielt von Anthony Quinn, welche Stufen eine solche Kaskade nimmt: von der
anfänglichen Reserviertheit bis zur vollständigen Kooperation.
Das Selbstwertgefühl zu steigern, ist das eigentliche Ziel. Die Dinge werden leicht,
wenn ich mir einen hohen Wert beimesse und Erfolg für selbstverständlich erachte.
Verhalten zu manipulieren, ist eine harte Formulierung. Sie drückt die eine Seite aus,
bei der/ die Sprechende gezielt Effekte in den Hörer:innen auslösen möchte und auslösen wird.
Es gibt aber auch die andere Seite,
das Manipuliert-werden-Wollen, das Zusammenpassen-Wollen, das von den Hörer:innen ausgeht.
Die Manipulation findet ihren Weg, weil die Tür nur angelehnt ist,
weil die tiefere Zustimmung zum Manipuliert-Werden
die Zusammenarbeit ermöglicht und einfordert.
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Die Fähigkeit, Respekt auszulösen, hebt die Menschen auf eine Stufe. Wer eine neue Sprache lernt,
braucht den Respekt und das Entgegenkommen der Menschen wie die Luft zum Atmen.
Nuancen präzise ausdrücken zu können, ist ein hohes sprachliches Vermögen. Sie ist eine
Voraussetzung für die Eleganz, mit der ich Deutsch als meine zweite Sprache benutze.
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Die sprachlichen Mittel
Deutsch ist super einfach. Es gibt nur drei Regeln. Diese drei Regeln sind fundamental.
1. Die Verbpositionen haben drei Funktionen.
Sie lösen großes Vertrauen,
Respekt und
geduldiges Zuhören, Zuende-Sprechen-Lassen aus.
2. Die Artikelendungen haben sechs Funktionen.
Sie lösen Emotionen,
Phantasien,
schnelleres Verstehen,
ein verändertes Verhalten,
das Öffnen der sozialen Gruppe und
emotional verbindliche Kooperation aus.
3. Die Verben mit Präpositionen (und die Nomen-Verb-Gruppen) haben drei Funktionen.
Sie lösen Respekt,
eine spezielle Phantasie – die Sprecher:innen gelten als Profis im Beruf – und
spontan kooperatives Verhalten aus.
Das Gute an diesen drei Regeln ist: sie gelten 100%, es gibt keine Ausnahmen.
Das Schlechte an ihnen ist: die anderen ca. 7.000 lebenden Sprachen kennen diese Regeln nicht.
Was auf Deutsch einfach klingt und gut funktioniert,
klingt in allen anderen Sprachen ungewohnt.
Die drei Regeln sind einfach und hochfunktional, aber ungewohnt.
Wer die Funktionen in Deutsch sucht, versteht und benutzt, lernt Deutsch sehr schnell.
Deutsch ist funktional.
Wer deutsche Wörter oder auf Deutsch ausgedrückte Zusammenhänge in die eigene Muttersprache
übersetzt, verliert die Funktionen aus den Augen.
99% erscheinen dann schwierig und ungewohnt.
Das Lernen von Deutsch wird dann lange, langsam, mit vielen Fehlern behaftet und
– von Sprachlevel zu Sprachlevel – immer schwieriger.
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Die Verbpositionen V2 und VL
Es gibt nicht viele Sprachen, die V2-Sprachen sind, siehe dazu [Link]
Stellung:
Deutsch
Niederländisch
Estnisch
Bretonisch
Einen Moment noch: Ist das Verb im Deutschen immer auf Position 2? Zu 100%?
An diesem Punkt gibt es einen Streit zwischen mir, Günther Baur, auf der einen Seite
und vielen Deutschlehrer:innen sowie den meisten gängigen Lehrwerken auf der anderen Seite.
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Meine Argumente in diesem Streit sind:
Verb
Satzart 1. Position 2. Position
Hauptsatz: Ich gehe zu einer Party.
W-Frage: Wann gehst du zu der Party?
Ja-Nein-Frage: Gehst du auch zu der Party?
Du-Imperativ: Geh doch auch zu der Party!
Sie-Imperativ: Gehen Sie doch auch zu der Party!
Bei der Ja-Nein-Frage behaupten meine Kritiker:innen, das Verb sei nicht auf Position 2.
Ich kann eine W-Frage in einen Nebensatz umformen. Beispiel:
Ich möchte wissen, wann du zu der Party gehst.
Ich kann eine Ja-Nein-Frage in einen Nebensatz umformen. Beispiel:
Ich möchte wissen, ob du zu der Party gehst.
Bei der W-Frage ist das W-Fragewort „Wann“ mit dem Nebensatzanfang „wann“ identisch.
Der Nebensatzanfang „ob“ ist also der Platzhalter für ein nicht vorhandenes W-Fragewort.
Wenn „ob“ ein Platzhalter ist,
dann gibt es auch einen Platz, auch dann,
wenn ich den Platz nicht sehen kann oder wenn er unbesetzt ist.
Über diese Argumentation komme ich zu der Vorstellung:
Position 1 ist in der Ja-Nein-Frage unbesetzt,
Position 2 zeigt das Verb.
Bei der Ja-Nein-Frage wird das nicht sichtbare Fragewort mit dem Nebensatzanfang „ob“ ersetzt.
Das bedeutet: Die Position 1 ist bei einer Ja-Nein-Frage vorhanden, aber leer.
Der Stuhl ist da, aber die Person ist nicht auf dem Stuhl.
Wenn Position 1 leer ist, führt das zu der Antwort Ja oder Nein.
Wenn Position 1 ein W-Fragewort hat, führt das zu einer detaillierten Antwort.
Mit dem Argument „Position1 ist leer“ verbleibt das Verb bei der Ja-Nein-Frage auf V2.
Verb
Satzart 1. Position 2. Position
Hauptsatz: Ich gehe zu einer Party.
W-Frage: Wann gehst du zu der Party?
Ja-Nein-Frage: Gehst du auch zu der Party?
Du-Imperativ: Geh doch auch zu der Party!
Sie-Imperativ: Gehen Sie doch auch zu der Party!
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Beim Du-Imperativ behaupten meine Kritiker:innen, das Verb sei nicht auf Position 2.
Ich kann einen Imperativ in einen Du-Satz umformen. Beispiel:
Du gehst auf die Party!
Du nimmst einen Apfel!
Verb
Satzart 1. Position 2. Position
Hauptsatz: Ich gehe zu einer Party.
W-Frage: Wann gehst du zu der Party?
Ja-Nein-Frage: Gehst du auch zu der Party?
Du-Imperativ: Du Gehst doch auch zu der Party!
Sie-Imperativ: Gehen Sie doch auch zu der Party!
Die Debatte darüber, ob der Du-Imperativ mit -e oder ohne -e gebildet wird, ist im Kern eine Debatte
darüber, ob der Indikativ zugrundeliegt, also ob Umgangssprache benutzt wird
(du gehst => Geh!/ du nimmst => Nimm!),
oder ob der Konjunktiv I zugrundeliegt, also ob Hochsprache benutzt wird
(du gehest => Gehe!/ du nehmest => Nehme!).
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Die vermeintliche Inversion rührt daher,
dass die aristokratischen Sprecher:innen sich einer elliptischen Sprechweise bedienten.
Sie sprachen also einen mitgedachten, vorangestellten Nebensatz oder eine andere erklärende
Information nicht aus.
Den aristokratischen Sprecher:innen war dabei klar, dass der angesprochene Untergebene gar nicht
die sprachliche oder grammatische Kenntnis der höfischen Hochsprache hatte.
„[Wie ich bereits sagte,] gehe er in die Küche und sei er fix wieder zurück.“
Der angesprochene Untergebene konnte also nur ungefähr verstehen, was dieser Satz bedeutete.
Daraus resultierte die menschenverachtende, distanzierende, entmenschlichende Komponente des
Er-Imperativs. Der Er-Imperativ verschwand, als die Demokratisierung in Deutschland einsetzte.
Den aristokratischen Sprecher:innen war ebenso klar, dass der angesprochene, gleichrangige Adelige
die höfische Hochsprache inklusive Ellipse und Konjunktiv I kannte. Der andere Adelige konnte sehr
präzise verstehen, welche Wertschätzung sich aus diesen Worten ergab.
Die rekonstruierte Formulierung sieht so aus:
„[Meinem Wunsch gemäß] Gehen Sie in den Rittersaal und seien Sie willkommen.“
Aus diesem Mitwissen und Verstehen-Können ergibt sich
die menschenfreundliche, anerkennende, respektvolle Komponente des Sie-Imperativs.
Der Sie-Imperativ überlebte die Demokratisierung in Deutschland und
gilt heute als die respektvolle Variante.
Für unsere Betrachtung hier ist wichtig, dass auch beim Sie-Imperativ die Position 1 leer ist.
Verb
Satzart 1. Position 2. Position
Hauptsatz: Ich gehe zu einer Party.
W-Frage: Wann gehst du zu der Party?
Ja-Nein-Frage: Gehst du auch zu der Party?
Du-Imperativ: Geh doch auch zu der Party!
Sie-Imperativ: Gehen Sie doch auch zu der Party!
Nun kann ich nicht abschätzen, wie lange meine Kritiker:innen brauchen,
bis sie mich mit guten Argumenten eines Besseren belehren oder
bis sie die Stichhaltigkeit meiner Argumente nachvollziehen und übernehmen können und
bis alle Lehrwerke V2 als 100%-Regel darstellen.
Position 1 kann
aus einem Wort bestehen,
aus einer Information mit mehreren Worten bestehen,
aus einem vorangestellten Nebensatz bestehen oder
leer sein.
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Eine andere Darstellung ist das Karussell.
Zeichnung © Hernan Bonet
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Zeichnung © Hernan Bonet
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Zeichnung © Hernan Bonet
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Die Verbposition VL (A1-A2)
Das Verb steht im Hauptsatz immer auf der zweiten Position (V2) und auf der letzten Position
(Verb letzte Position oder – abgekürzt VL),
wenn der Hauptsatz ein trennbares Verb bzw. zwei (oder mehr) Verben beinhaltet.
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Der Elefant zeigt vier Positionen in einem Hauptsatz:
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Was passiert nach einem Fehler bei der Verbposition?
Foto © Pae
Die Biodeutschen sehen dieses Tier, wenn Sie setzen das Verb auf eine falsche Position:
Foto © Pae
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Zeichnung © Hernan Bonet
Er brachte den Ring mit, nachdem er ihn beim Juwelier gesehen hat.
Alle
Verb Verb
Verben
II. letzte
Posi- Posi- Letzte
tion tion Position
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Folgende Übung erleichtert es Ihnen, dass Sie die Vorteile von V2 und VL bekommen können.
Sie nehmen einen einfachen Satz und fügen immer mehr Informationen hinzu.
Dadurch verschiebt sich VL immer weiter nach hinten.
Die Idee ist: ich kenne das Verb auf VL von Anfang an und "schiebe" es immer weiter nach hinten.
Diese Sprechweise klingt in den allermeisten Kulturen sehr ungewöhnlich.
Sie löst aber die oben genannten Vorteile in der Kommunikation mit Biodeutschen aus.
Mit dieser Übung schalte ich die Grammatik meiner Muttersprache aus und die deutsche Grammatik
wieder an.
V2 zerstört Subjekt Verb Objekt (SVO)!
Ich tausche eine Information
aus dem Mittelfeld des Satzes (=aus dem Bereich hinter dem Verb)
in das Vorfeld (=Position 1) und
spreche dann systematisch V2.
Dabei achte ich darauf, dass die Information im Vorfeld immer länger wird.
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Wie gewöhne ich mein Sprechen auf diese Regel?
Jemand kann klatschen, wenn ich mein Verb nicht auf der zweiten Position spreche.
(Variation: Bei Verbpositionsfehler zwicken oder unter dem Tisch mit dem Schuh gegen das
Schienbein schlagen. Wenn ich ohne Hämatom/ ohne einen blauen Fleck nach Hause gehen
möchte, spreche ich lieber V2).
Einen Satz zehnmal schreiben. Einen Satz zehnmal sprechen.
"Dann nehmen Sie die Schutzkappe ab.
Dann nehmen Sie die Schutzkappe ab.
Dann nehmen Sie ..."
Bis ich Hühneraugen auf der Zunge habe.
Den Deutschen überall auf den Mund schauen (= genau zuhören).
Radiosendungen hören (B2 korrekt hören),
Lehrvideos anschauen,
Präsentationen und Werbesendungen anschauen und auswendig mitsprechen
Mit meinen Kindern Deutsch sprechen und sich gegenseitig V2 beibringen
Kultfilme mitsprechen oder Lieblingslieder mitsingen
Meinen Kindern sagen: Du darfst pfeifen, wenn ich das Verb nicht korrekt positioniere
Eisenhart trainieren: Eine Information auf Position 1 stellen und dann versuchen, das Verb
anzuschließen.
Morgen gehe ich,
Morgen esse ich eine Pizza,
Gestern habe ich dich in der Stadt gesehen
Mehr lesen (dann sehe ich, dass V2 immer eingehalten wird)
Mehr hören
Mehr mich selbst hören. Ich kann meine eigene Stimme mit der Videofunktion des Handys
aufnehmen und kontrollieren. Oh wie peinlich. Sofort löschen. Eine zweite (dritte, vierte,
fünfte), phonetisch und grammatisch korrekte Aufnahme aufzeichnen, bis alles perfekt ist.
Ohne die Tricks der erfolgreichen erwachsene C1-Lerner:innen dauert das einige Wochen.
Ähnlich: mit dem Spiegel, mit einer sehr geduldigen Freundin.
Kombinierter Trick: Ich frage: Habe ich das richtig gesagt (begleitet mit einem verbindlichen
Augenaufschlag)?
Ich spreche nur mit den Menschen, die ich mag.
Wenn ich die Menschen mag, fühlen Sie vielleicht auch,
dass ich sie mag, und unterstützen mich.
Ich bin eine disziplinierte Lernerin. Auf der Straße kann ich nicht gut lernen, das ist mir zu
unstrukturiert. ich höre eine Formulierung: "Wenn es dir nichts ausmacht", Diese
Formulierung verstehe ich nicht und google das. Die Recherche bringt zuerst kein gutes
Ergebnis, ich verstehe den Sinn dieser Formulierung nicht. Jemand hat mir gesagt, diese
Wendung bedeutet ungefähr "Wenn es für dich nicht kompliziert ist".
Radio ist eine fünfte Person bei uns zuhause. Ich lerne viel mit und aus dem Radio. Es gibt
gekochtes Wasser, kochendes Wasser und zu kochendes Wasser. Diese Unterschiede habe
ich aus dem Radio gelernt.
Ein Papier auf den Laptop kleben: Wie sehen die Verbpositionen aus?
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Beim Sprechen können Sie folgenden Trick verwenden:
Vorfeld Verb
(Position 1) (V2)
Gestern ich
Gestern kaufte ich …
Wenn Sie auf V2 ein anderes Wort als ein Nomen ausgesprochen haben,
sollten Sie (vor dem Aussprechen des Verbs!) stoppen,
den Satz von Anfang an neu beginnen und
V2 beim Weitersprechen einhalten.
Beim Schreiben können Sie folgenden Trick verwenden, „Kringel und Pfeil“:
Vorfeld Verb
(Position 1) (V2)
Sie markieren das Verb und zeigen mit einem Pfeil, wohin sie das Verb schieben möchten.
Das geht schnell und wird von allen Prüfern akzeptiert.
Die Kombination Nebensatzanfang (NSA) + Subjekt Prädikat Objekt (SPO) existiert in Deutsch nicht.
SPO ist in Deutsch möglich (Ich gehe ins Kino, ich kaufe einen Regenschirm),
aber die wichtige Regel ist V2 (Heute gehe ich ins Kino. Einen Regenschirm kaufe ich).
Der Satz
Yesterday I bought a car
wird in Deutsch so ausgedrückt:
Gestern kaufte ich ein Auto.
Der Satz
Gestern ich kaufte ein Auto
ist in Deutsch falsch. Das „ich“ auf Position 2 ist kein Verb.
Hier spielt das Sprachgefühl aus der Muttersprache in das Sprechen des deutschen Satzes hinein.
Im Sprachgefühl aus der Muttersprache klingt die gewählte Satzstruktur stimmig und verständlich.
Dann versuchen wir mal die deutsche Grundstruktur mit englischen Worten:
Yesterday bought I a car
Wie klingt das für einen Englisch-Muttersprachler?
Ein bisschen Achtsamkeit für die 100%-Regel in der Satzstruktur der deutschen Sprache erleichtert
die Kommunikation mit den Biodeutschen erheblich.
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Die Deutschen registrieren einen Verbpositionsfehler sofort.
Für die Deutschen ist ein Verbpositionsfehler keine Kleinigkeit.
Ein Nicht-Verb auf Position 2 löst bei Deutschen die Phantasie aus,
dass der Sprecher deutsche Sätze nicht konstruieren und
andere alltägliche Abläufe nicht bewältigen kann.
„V3“, also eine nicht korrekte Verbstellung, führt dazu,
dass die Deutschen das Vertrauen zum Sprecher verlieren.
Möglicherweise setzen sie den Kontakt zu ihm nicht fort.
Es ist wie Nicht-Kraftstoff im Tank eines Autos:
Ein Autofahrer, der eine andere Flüssigkeit als Kraftstoff tankt,
löst die Phantasie aus,
dass er auch andere Fehler im Umgang mit Autos begeht.
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Automatische Sätze (A1-C1)
Automatische Sätze helfen mir, dass ich die Kommunikation mit Deutschen spontan verbessern und
die Sprachprüfungen bestehen kann. Wie geht das?
Ich lerne Sätze auswendig und spreche sie immer gleich.
Die Sätze passen immer in meinem Alltag. Die Sätze sind ein Zeichen an die anderen Menschen:
Welche Hilfen brauche ich beim Sprechen?
Die Menschen verstehen meine Sätze in meinem Alltag.
Dann helfen sie mir.
Am Anfang spreche ich 2 bis 3 Sekunden.
Dann kommt die Hilfe von dem anderen Menschen.
Mit der Hilfe kann ich noch einen Satz in meinem Alltag sprechen.
Meine Sprechzeit wird länger.
5 Sekunden, 10 Sekunden, 30 Sekunden.
Mein Ziel ist: viele Minuten Deutsch sprechen. Tipp: Ich benutze die automatischen Sätze zuerst
einige Wochen lang in meinem Alltag. Ich lerne ihre Wirkung kennen. Dann setze ich automatische
Sätze in der mündlichen Prüfung ein.
A1
Wie bitte? Ich verstehe nicht.
Bitte nochmal.
Bitte langsam. Nicht so schnell, bitte.
Mein Deutsch ist nicht so gut.
Was ist das?
Der Anti-Englisch-Trick
Viele Deutsche wechseln beim Sprechen in Englisch. Das ist nicht fair. Die Deutschen benutzen mich
als kostenlosen Englischlehrer. Mein Deutsch wird nicht besser. Wenn das geschieht, kann ich sagen:
Oh, Entschuldigung. Ich verstehe nicht. Welche Sprache sprechen Sie?
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A2
Was bedeutet dieses Wort? Können Sie das Wort bitte erklären?
Wie schreibt man das? Können Sie das bitte buchstabieren?
Können Sie das bitte wiederholen? Was haben Sie gesagt?
Bitte lauter. Können Sie bitte lauter sprechen?
Können Sie bitte langsamer sprechen?
Mein Deutsch ist noch nicht so gut.
Wie sagt man ____________________ auf Deutsch?
(In die Lücke können Sie jedes Wort aus jeder Sprache einfügen.
Sie können auch auf die Sache zeigen. Die Deutschen werden Ihnen helfen.)
Entschuldigen Sie, bitte. Können Sie mir helfen?
Ich brauche _____________________.
Ich suche _____________________.
Wo kann ich ____________________ finden?
Ich bin fremd hier. Kennen Sie sich hier aus? Wissen Sie, wo ...?
Ich habe alles verstanden. Aber eine Frage habe ich noch: Welche ...? Wissen Sie, wann ...?
Ist es der oder die ...?
Mir fehlen die richtigen Worte. Ich weiß nicht, wie man das genau sagt.
Da geht mir jetzt das Licht aus.
Ich verstehe Ihren Dialekt nicht so gut. Können Sie das auch auf Deutsch sagen?
Ich weiß, dass Sie es eilig haben. Haben Sie trotzdem eine Minute Zeit für mich?
Hm, das ist eine interessante Frage.
Der Ehefrauen-Trick
Viele Menschen sprechen in der Familie ihre Muttersprache.
Es gibt viele gute Gründe dafür, aber auch zwei gute Gründe dagegen:
Das Lernen von Deutsch dauert viel länger.
Die Kinder reagieren mit negativen Emotionen auf das schlechte Deutsch ihrer Eltern.
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Variante: halbautomatische Sätze
Halbautomatische Sätze sind standardisierte Satzanfänge, die ich im Kontext sinnvoll ergänze.
Sie sind extrem sinnvoll in Diskussionen und in schriftlichen Arbeiten.
Sie beschleunigen das Formulieren und machen die Deutschen ruhig und aufmerksam.
Sie geben mir Platz für meine Ideen.
Es lohnt sich, wenn ich vor einer wichtigen mündlichen oder schriftlichen Prüfung
solche Satzanfänge sammle und trainiere.
Entschuldigung, ist es richtig, wenn ich sage: ... ?
Ich bin mir nicht sicher, ob ...?
Das kann sein. Wir sollten aber auch ...
Verstehe ich Sie richtig? Sie sagen, ...
Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich etwas nicht richtig sage.
Das werden meine Leute nicht akzeptieren. Können wir ...?
Ich weiß nicht, was du genau meinst, aber ich denke, ...
Du hast recht, aber ...
Kennen Sie sich mit ... aus? Ich möchte ...
B1
Ich interessiere mich für ...
Ich benötige eine Auskunft. Ich suche ...
Haben Sie einen Tipp für mich? Ich möchte gerne ...
Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
Lassen Sie mich bitte kurz überlegen.
In welchem Kontext könnte das auftauchen?
Das habe ich schon mal gesehen. Das war in ...
B2
Sie lachen, aber im Ernst: die klügsten Leute zerbrechen sich darüber den Kopf.
Ich habe eine komplexe Idee, ich kann sie aber jetzt nicht aussprechen.
Die Grundidee lässt sich in einfachen Worten so formulieren: ...
Mein aktuelles Problem ist, dass mir das wording und die Nuancen in Deutsch fehlen.
Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, dass ... eine große Rolle spielt.
Ein Ansatz besteht darin, dass ...
Das ist aktuell ein wachsendes Problem.
Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht.
Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben.
Wie Sie hören, bin ich nicht bei allen DerDieDas sicher.
Ich würde mich freuen, wenn Sie mich dabei unterstützten.
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Halbautomatische Sätze B2
Soweit ich das Thema verstanden habe, geht es doch um ...
Ich habe ja ein breites Kreuz, aber ...
Das finde ich nicht für diese Situation angemessen/ nicht stark genug/ zu dick aufgetragen. Wir
sollten ...
Das wäre gut. Wir sollten aber auch ... in Betracht ziehen.
Das könnten wir machen. Aber hast du auch an ... gedacht?
Das sehe ich anders/ nicht so/ genauso. Wir sollten ...
Ich halte das für ratsam/ eine gute Idee/ keine so gute Idee. Wir sollten auf jeden Fall auch ...
Meiner Meinung nach .../ Meiner Erfahrung nach ...
Wie würden Sie das formulieren, wenn ...
C1
Helfen Sie mir auf die Sprünge.
Das Wort liegt mir auf der Zunge.
Ich habe den Faden verloren.
Sie erwischen mich auf dem falschen Fuß.
Wir sollten nicht sofort die Flinte ins Korn werfen.
Ich habe auch kein Patentrezept, aber ...
Noch ist Polen nicht verloren. Wir können doch ...
Ich sehe noch kein Licht am Ende des Tunnels.
Da ist doch ein Licht am Ende des Tunnels.
Da liegt der Hase im Pfeffer (=Da ist das Problem, das wir bis jetzt nicht sehen konnten).
Ich bin mit meinem Latein am Ende.
Lassen Sie uns doch mal ... unter die Lupe nehmen.
Sie bringen mich auf eine Idee.
Wie bringen wir die Kuh vom Eis?
Die Prüfer bemerken, dass der Kandidat Tricks benutzt - und freuen sich,
dass der Kandidat die deutsche Kultur (auf dem Level C1: die akademische Kultur und die Metaphern)
kennt und sich situativ passend zu helfen weiß.
Wenn ich die Tricks der Kinder benutze, bestehe ich die Prüfung mit weniger Mühe.
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Alle Sprachprüfungen bestehen (A2-C1)
Der einfachste lautere Trick ist, wenn die Kandidat:innen besser als erwartet sind.
Wer also den Erwartungshorizont seiner aktuellen Prüfung kennt und
die Erwartungen der nächsthöheren Prüfung teilweise erfüllt,
besteht seine aktuelle Prüfung.
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5% bis 10% der Prüflinge nutzen diesen lauteren Trick. Sie gehen zum Beispiel in eine B1-Prüfung und
benutzen mit voller Absicht Verben mit Präpositionen oder einige Fachbegriffe.
Die Prüfer realisieren das und denken:
„Diese Kandidatin/ Dieser Kandidat ist hier falsch.
Sie/ Er sollte ein Zimmer weiter gehen und die nächsthöhere Prüfung versuchen.
Diese B1-Prüfung ist jedenfalls bestanden.“
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Partikel (A1-C1)
Das Sprechen von Partikeln löst vier erwünschte kommunikative Effekte aus:
Prüfungen bestehen
Die Aussagen emotional färben
Emotionen auslösen und dadurch
Verhalten manipulieren
Eine Erfolgsstory
Ein Arzt bestand eine Fachsprachprüfung (FSP) mit Fachbegriffen und Partikeln.
Auf die Frage, wo und wie er diese Sprechweise gelernt hatte, antwortete er, er habe diese
Sprechweise im Krankenhaus bei seiner Tätigkeit auf Grundlage der Berufserlaubnis gehört.
Er habe sich darüber gewundert, dass seine deutschen Kolleg:innen im beruflichen und privaten
Kontext anders sprachen, als die Sprachbücher das vorsahen.
Dieser Sache ging er nach und stieß dabei auf die Partikel.
In Pausengesprächen machte er die Erfahrung,
dass die Stimmung untereinander besser wurde, wenn er Partikel benutzte.
Von da an setzte er sie konsequent im Beruf ein,
auch bei Patient:innen, Chefärzt:innen und in der FSP.
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Wo und wie lerne ich Partikel?
Partikel sind eher Elemente des gesprochenen Deutsch. Sie werden „versteckt“
ausgesprochen, unauffällig, subtil, meistens unbetont, verschliffen und flüchtig.
Ein Partikel fällt nicht auf,
als gehörtes Wort wird er oft „übersehen“ oder „vergessen“,
als „Verhaltensmanipulator“ entfaltet er seine ganze Kraft „im Windschatten“ der
anderen Satzteile.
Partikel erscheinen nur dann in der Literatur,
wenn die mündliche Sprechweise exakt schriftlich wiedergegeben werden soll.
Im Kindergarten. Kinder sind Weltmeister im Manipulieren.
Zwischen Schulkindern
Überall dort, wo Freunde sich unterhalten
Zwischen Mann und Frau
Bei mündlichen Anfragen/ Nachfragen
Beim Kaufen und Verkaufen.
Bei Kontakten unter Kollegen, besonders dann, wenn es um Arbeitsweisen geht.
Bei Arbeitsanweisungen, wenn der Chef ein anderes Arbeitsverhalten haben möchte.
Beim Bäcker
An der Uni
Beim Arzt
Im JobCenter
Bei Politiker-Interviews
In der S-Bahn
In ungefährlichen Situationen ausprobieren und die Effekte wahrnehmen
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Effekte der Partikel
ja (Verstärker, 60%)
oft im Sinne von „Ich meine es ehrlich“
ziemlich Verstärker (80%)
bestimmt Verstärker (90%)
oft im Sinne von „Ich bin mir ganz (aber nicht 100%) sicher“
ungemein Verstärker (95%)
im Sinne von sehr, äußerst, ganz besonders
zutiefst Verstärker (100%),
oft im Sinne von „sehr“
allerdings Verstärker (100%)
oft im Sinne von „Das ist genau das, was ich erwarte“
aber Verstärker (100%)
oft im Sinne von „Das ist nicht das, was ich erwarte“
wirklich Verstärker 110%
doch Verstärker (120%, meist negativ)
bei Negationen: ein verstärktes Ja
bloß= nur Verstärker (200%) bei negativen Aussagen
Relativierer/ Kleinmacher bei positiven Aussagen
bitte einen Wunsch respektiert/ erfüllt bekommen wollen
(ursprünglich ein elliptischer Satz „[Ich] bitte [dich]“)
denn Freundlichkeit, Neugier
eigentlich Einschränkung, Relativierung
oft im Sinne von „Ich möchte das genau wissen“
einigermaßen Einschränkung, Relativierung
oft im Sinne von „ein bisschen weniger“
einmal/ mal nur kurz, keine Arbeit, keine Mühe
ganz schön innerhalb des Limits
halt eine nolens-volens-Zustimmung,
oft im Sinne von „auch wenn ich anderer Meinung bin“ oder
„auch wenn ich keine Lust darauf habe“
noch läuft weiter, ist jetzt oder später
ruhig ohne Probleme
schon jetzt fertig/ erledigt (Keine Diskussion)
wieder noch einmal, zum wiederholten Male
ruckzuck sehr schnell, ohne Verzögerung, stante pede
34
Beispielsätze
ja Das ist ja lieb von dir.
ziemlich Es ist ziemlich spät geworden.
bestimmt Er ist bestimmt nach Hause gegangen.
ungemein Sie ist ungemein klug.
zutiefst Sie war zutiefst enttäuscht von seinem Verhalten.
aber Das ist aber teuer.
Der Hut steht Ihnen aber wirklich gut.
wirklich Wir müssen jetzt wirklich gehen.
doch Komm doch mit.
Mussten Sie liegenbleiben? Nein, ich konnte doch aufstehen.
Kommst du nicht mit? Doch, ich komme mit.
bloß= nur Der will bloß spielen.
Wir machen das nur zur Sicherheit.
bitte Kannst du bitte das Fenster schließen?
denn Wie heißt du denn?
eigentlich Was machst du da eigentlich?
Das ist eigentlich schon eine Frechheit von dem Autofahrer.
einigermaßen Trotz des Staus kam er einigermaßen pünktlich zum Vorstellungsgespräch.
einmal/ mal Komm mal zu mir.
ganz schön Die Wohnung ist ganz schön teuer.
halt Wenn Sie meinen, dann stehe ich halt auf.
noch Derf´s no ebbes sei?
ruhig Du kannst das ruhig machen.
schon Ich bin schon auf dem Schlossplatz.
wieder Das machst du nie mehr wieder, ist das klar?
ruckzuck Er ist ruckzuck nach Hause gefahren.
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Endungen (A1-C1)
Endungen haben sechs erwünschte kommunikative Effekte:
Emotionen auslösen
Phantasien auslösen
Verstehen beschleunigen
Soziale Gruppen öffnen
Verhalten manipulieren
Kooperation auslösen
Emotionen auslösen
Millionen von Einwanderer:innen erleben ihre deutschen Gesprächspartner:innen als kühl, reserviert,
abweisend, emotionslos – und zwar monate- und jahrelang.
Es drängt sich die Frage auf: Haben die Deutschen überhaupt Emotionen? Zum Glück, ja.
Wie kommt man an diese Emotionen heran?
Meine, GBs, Antwort lautet: Mit Tricks und Endungen.
Wenn man auf die Ebene der Nanogrammatik geht, wenn man die Effekte der Endungen in einem
„grammatischen Rasterelektronenmikroskop“ betrachtet, findet man miniaturisierte Emotionen.
Als erstes entstehen in den Hörer:innen Minigefühle wie
ablehnend
aufmerksam
lustvoll
neugierig
…,
wenn die Sprecher:innen anfangen, Deutsch mit Endungen zu sprechen. Eine recht umfangreiche
Liste von Emotionen findet sich unter [Link]
Diese Minigefühle sind vorsprachlich, unterbewusst und äußerst wirksam.
Ein Trick, wie man aus emotionslosen, gleichgültigen Deutschen freudige, zugewandte Mitmenschen
machen kann, funktioniert so: Larita arbeitete als Kartenabreißerin im Stuttgarter Theater.
(Ihr richtiger Name ist mir, GB, bekannt.)
Alle Leute wussten, sie lernt gerade Deutsch B1, ihr Deutsch ist noch nicht so gut.
Aber sie hatte einen Trick. Wenn die Leute aus der Vorstellung kamen,
stand sie wieder an der Tür und verabschiedete die Besucher:innen mit einem Lächeln.
Niemand beachtete sie, die Leute wussten ja, dass sie kaum Deutsch sprach.
Bei jeder fünften Gruppe lächelte sie und sagte ein phonetisch perfektes „Guat´s Nächtle“.
Die Leute wachten schlagartig aus ihrer Emotionslosigkeit auf,
drehten sich zu ihr um, lächelten zurück und antworteten etwas.
Es war Laritas erste emotionale Kontaktaufnahme mit diesen verschlossenen Deutschen,
ein simpler Trick, aber dieser Trick half ihr,
dass sie Förderinnen und Förderer und finanzstarke Auftraggeber:innen für ihre künstlerische Arbeit
fand.
Das Leben der Migrant:innen ändert sich in dem Moment, in dem sie solche Tricks entwickeln,
positive Emotionen auslösen und den beidseitigen Kontakt zu den Biodeutschen herstellen.
Korrekte Phonetik und korrekte Endungen schaden dabei nicht.
Das „s“ in Guat´s Nächtle“ hat hier die Funktion eines Blinkers am Auto.
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Indem Larita das „s“ phonetisch perfekt andeutet, ahnen die flüchtigen Hörer:innen schon,
dass hier eine Verniedlichung, ein Diminuativ, eine nette, kleine Sache folgen wird,
etwas mit Neutrum und etwas im Dialekt.
Das Nomen „Nächtle“ bestätigt die bereits begonnene Emotion: Larita denkt beim Abschied daran,
dass die Menschen in ihrer Umgebung eine angenehme Nacht verbringen.
Diese Bestätigung der bereits gestarteten Emotion löst die freundliche Reaktion
der (gerade noch anonymen, desinteressierten) Theaterbesucher:innen aus.
Mit dem einen „s“ in „Guat´s Nächtle“ ist es aber noch nicht getan.
Die Deutschen wollen stabile positive Emotionen, sie wollen Aufmerksamkeit und Verlässlichkeit.
Deshalb produzieren sie und beachten sie einen kontinuierlichen Strom von korrekten Endungen.
Nach meinem, GBs, Erleben gibt es eine Zahl 5,
mit der sich etwas bei den Deutschen in der emotionalen Verarbeitung der Endungen ändert.
EINE korrekte Endung kann auswendig gelernt oder zufällig richtig sein.
Das Gefühl der Deutschen ist: Vorsicht.
(Das emotionale Bild im Straßenverkehr: mein Kind fest an die Hand nehmen)
ZWEI korrekte Endungen können Zufall sein.
Das Gefühl ist: Wachsamkeit, erhöhte Aufmerksamkeit.
(Straßenverkehr: das Kind locker an die Hand nehmen)
DREI korrekte Endungen sind mit Glück erreichbar.
Das Gefühl ist: Ambivalenz, emotionale Unentschiedenheit.
(Straßenverkehr: dem Kind die neu auftauchenden Gefahren zeigen)
VIER korrekte Endungen sehen gut aus.
Die Deutschen kontrollieren das weiter. Das Gefühl ist: aufkeimende Hoffnung.
(Straßenverkehr: Das Kind zum Bus bringen,
es unter professionellen, kontrollierten Bedingungen loslassen)
FÜNF korrekte Endungen hintereinander lösen in Deutschen die bisherige Anspannung.
Das Gefühl ist: beginnendes Vertrauen. (Straßenverkehr: dem Kind den Schulweg zutrauen)
SECHS korrekte Endungen öffnen die soziale Gruppe.
Die Sprecherin/ der Sprecher wird als „Gleicher unter Gleichen“ behandelt.
Das Gefühl ist: Vertrauen. (Straßenverkehr: dem Kind ein Fahrrad/ ein Monatsticket kaufen)
ZEHN korrekte Endungen lösen komplexe Phantasien aus, die schneller als die gesprochenen Worte
sind. Der Hörer erschließt oder phantasiert das Ende des Satzes, bevor der Sprecher zu Ende
gesprochen hat. Das Gefühl ist: umfassende Harmonie. (Straßenverkehr: dem erwachsenen Kind den
Autoschlüssel geben.)
Ein Endungsfehler innerhalb der ersten fünf Endungen wirft die Emotion auf Null zurück.
Null bedeutet: die Deutschen werden gleichgültig, sie fühlen sich mit der Sprecherin/ dem Sprecher
unverbunden, sie unterbinden emotionale Regungen.
Je früher eine falsche Endung auftritt, desto stärker ist der Effekt auf die Emotionen.
Die Gesichtsmuskeln verlieren jede Tonalität,
die Gesichter der Deutschen werden ausdruckslos und verschlossen.
Das emotionale Verschließen ist ein Schutz vor emotionalen Enttäuschungen und Verletzungen.
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In der Gleichgültigkeit annullieren sie die Beziehung so schnell wie möglich.
Hier liegt der Ursprung dafür, dass die meisten erwachsenen Deutschlerner:innen die Deutschen als
emotional kalt erleben. (Straßenverkehr: ich vertraue dir nicht das Leben meines Kindes an.)
Sie werden jetzt sagen: fünf Endungen hintereinander korrekt sprechen? Das ist unmöglich!
Ich, GB, werde Ihnen daraufhin sagen: Ja, das ist unmöglich.
Aber es soll Autofahrer:innen geben, die fünfmal hintereinander korrekt blinken, bevor sie abbiegen.
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Wie lerne ich, die Endungen automatisch korrekt zu sprechen?
Folgende Übung kann dabei hilfreich sein:
1. Eine Situation benennen
2. Mein Ziel benennen
3. Meine Emotion benennen
4. Meinen ersten Satz für diese Situation formulieren
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Phantasien auslösen
Die Endungen von DerDieDas lösen beim Hörer kontrollierte Phantasien aus.
Diese Phantasien führen den Hörer immer näher an das kommunikative Ziel heran.
Dabei können die Phantasien sogar das gesprochene Wort “überholen”.
Der Hörer kennt das Ende des Satzes, bevor der Satz zu Ende gesprochen ist.
DerDieDas wirkt hier wie ein Bild von dem Ziel oder wie eine Wegbeschreibung.
Diese Effekte kann man sichtbar machen, indem man mitten im Satz das Sprechen stoppt.
Beispiel:
Aber ǁ Hier löst die Sprechpause eine Phantasie aus: Es gibt ein Problem, etwas ist widerspenstig, ein Gegensatz.
Aber Lea ǁ Erwartung: Jetzt muss ein Verb (oder ein Attribut, welche Lea genau?) kommen
Bestätigung: Das Verb ist da.
Aber Lea konnteǁ
Phantasie: Der Sprecher verdient, dass der Hörer ihm vertraut.
Aber Lea konnte nichtǁ Phantasie: Das vermutete Problem wird sichtbar, etwas funktioniert nicht
Erwartung: Jetzt kommt ein DAT.
Aber Lea konnte nicht mit ǁ
Phantasie: ein Objekt, eine Person
Aber Lea konnte nicht mit ihren ǁ Bestätigung: Der DAT ist da. Plural.
Sanft gelenkte Phantasie: Objekte, Personen.
Bestätigung: Personen.
Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ǁ
Erwartung: Was? Was konnte Lea nicht machen?
vertrauen.
entwickeln: Warum?
40
Überraschung: der Sprecher
Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehen wegenǁ
nennt eine Information mehr,
Frage: Warum?
Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehen wegen ihres ǁ
Überraschung: GEN. Der
Sprecher spricht
Hochsprache.
Verhalten: mehr
Respekt, größere
Neugier: Ihres Was? Wer oder
was ist der Grund?
Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehen wegen ihres eifersüchtigen ǁ
Bestätigung: Der Grund ist
Leas Freund/ Mann.
Phantasie: Er liebt sie sehr, er
möchte sie ganz für sich
haben, er schränkt sie ein.
Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehen wegen ihres eifersüchtigen Manns.
Bestätigung: ihr Mann.
Verhalten: Weitere
Nachfragen. Sprachniveau an
Deutsch B2/C1 angleichen,
wenn möglich.
In diesem Beispiel sind in Rot die Abläufe im Kopf des Hörers dargestellt.
Diese Abläufe sind oft eher bildlich als sprachlich, sie sind extrem schnell.
Das Wechselspiel zwischen Erwartung und Bestätigung stärkt das Selbstwertgefühl des Hörers.
Das Wechselspiel zwischen Erwartung und Korrektur bietet dem Hörer die Möglichkeit, dass er die
Orientierung leicht anpassen und „das Richtige fassen“ kann.
Hier sind die gleichzeitig ausgelösten Emotionen nicht dargestellt,
sie sind aber als Energielieferanten ebenfalls sehr wichtig.
41
Zusammengefasst lässt sich sagen:
Die Phantasien beschleunigen das Verstehen des Sachverhalts und die Empathie zum
Sprecher.
Die Erwartungen bauen einen Spannungsbogen, das Interesse wird größer.
Die Bestätigungen stärken das Selbstwertgefühl des Hörers.
Die Emotionen versorgen den kommunikativen Prozess mit Energie.
Das Wohlbefinden des Hörers und sein Vertrauen zum Sprecher wachsen in dem Maße,
in dem der Sprecher die Phantasien sanft lenkt,
die Erwartungen bestätigt oder korrigiert und
das Verhalten des Hörers stimmig manipuliert.
Das Verhalten des Hörers gleicht sich rasch der Sprechsituation an.
Verstehen beschleunigen
Jede Endung kann eine Substruktur im Text starten, den so genannten slot.
Wenn ein Objekt in einem Kontext zweimal oder öfter erwähnt wird, benutzen die Deutschen die
Endung zweimal oder öfter.
Die gleiche Endung ist ein Signal: das Wort (Artikel, Pronomen, Adjektive, …) mit dieser Endung ist
das gleiche Objekt.
Wie durch einen Tunnel oder eine Zeitmaschine erscheint das gleiche Objekt an mehreren Stellen im
Text.
Mit dem slot können die Deutschen die Kommunikation schnell und präzise führen.
o jemine, o jemine,
42
Die slots funktionieren auch dann,
wenn die Endungen sich wegen eines Verbs oder einer Präposition ändern.
43
Der gleiche Text mit dem slot für die zweite Person, die Frisörin:
DAT
Ein Kunde sagt zu seiner Frisörin,
dass sie ihn draußen rasieren soll.
Er möchte den Jungs beim Fußballspielen zuschauen.
Sie stellt einen Stuhl auf die Straße und beginnt,
ihren Kunden zu rasieren.
Alle haben ihren Spaß, bis der Ball die Hand der Frisörin trifft.
Das Messer in ihrer Hand schlitzt seinen Hals auf.
Er stirbt wenige Minuten später.
Wer ist schuld an seinem Tod?
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Ein Kunde sagt zu seiner Frisörin,
dass sie ihn draußen rasieren soll.
Er möchte den Jungs beim Fußballspielen zuschauen.
Sie stellt einen Stuhl auf die Straße und beginnt,
ihren Kunden zu rasieren.
Alle haben ihren Spaß, bis der Ball die Hand der Frisörin trifft.
Das Messer in ihrer Hand schlitzt seinen Hals auf.
Er stirbt wenige Minuten später.
Wer ist schuld an seinem Tod?
Auch für die juristische Würdigung lässt sich das Modell benutzen:
Auf die Frage, wer schuld ist, lässt sich antworten:
Der Kunde, weil er sich selbst in Gefahr gebracht hat;
Die Frisörin, weil sie den Auftrag unter gefährlichen Bedingungen annahm;
Die Jungs, weil sie fahrlässig weiterspielten;
Der Ball, weil er den Tod mittelbar auslöste;
Die Hand, weil sie die Kontrolle über das Messer verlor;
Das Messer, weil es in den Hals hineinschnitt;
Der Hals, weil er dem Schnitt nicht standhielt;
Der Stuhl, weil … (OK, jetzt wird es ein bisschen absurd).
Das Entscheidende an den slots und an den dadurch möglichen Querbezügen ist ihre
Geschwindigkeit.
Die slots durchzucken wie Lichtblitze den Text und damit die abgebildete Realität und beleuchten
(aufgrund der eingebauten Unschärfe) verschiedene Beziehungen zwischen den Objekten.
Der Hörer versteht schnell und entscheidet schnell,
welche Verstehensmöglichkeit er für die beste hält.
Dabei kann er die anderen Möglichkeiten im Auge behalten und (später) diskutieren. Eine gewisse
Sicherheit entsteht für den Hörer dadurch, dass die Endungen im slot stets auf einander verweisen.
Der Sprecher benutzt die Endungen wie die Funktionen in einem Auto oder in einer Rakete:
Je länger der slot ist, je mehr Endungen auf einander verweisen,
desto höher wird das Verstehen des Hörers beschleunigt.
Der Hörer nimmt die Endungen wahr und reagiert darauf
mit einem blitzartigen Abgleichen und Bewerten der möglichen Querbezüge.
Mithilfe der Endungen screent der Hörer die Realität und „denkt nach vorne“:
Welches Objekt ist jetzt wahrscheinlich?
Was könnte – auf eine nicht genannte oder versteckte Weise – auch gemeint sein?
Slots wahrnehmen entspricht einer Fahrt in einem BMW mit 140 km/h.
Slots benutzen entspricht einer Fahrt in einem Porsche mit 170 km/h.
45
Der Sprecher, der dieses Flitzen und Blitzen beherrscht, gilt als elegant.
Seine Aktionen beim Sprechen sind
minimalistisch, mit zwei Buchstaben, den Endungen, ändert er die Bezüge;
mühelos, es gibt keine körperliche Anstrengung;
stressfrei, es gibt keine mentale Anstrengung;
präzise, kleine Anstöße haben große Effekte;
sicher, auch bei hoher Geschwindigkeit;
korrigierbar, auch in Echtzeit.
Die Unschärfe der Artikelendungen ist also kein „Betriebsunfall“ der Grammatik,
den die Deutschen in den letzten tausend Jahren noch nicht behoben haben.
Sie ist ein Konzept, mit dem sich blitzschnell die Realität bis in die 4. und 5. Reihe erfassen lässt.
46
Verhalten manipulieren
Können Sie auch sieben korrekte Endungen oder mehr hintereinander sprechen?
Wenn ja, geben Sie den Deutschen ein Gefühl, dass sie hier sicher sind.
Das ist nicht mehr Zufall, die sprechende Person kann das.
Die Vorsicht der Deutschen wird kleiner, das Vertrauen wächst,
die deutsche Person bleibt in der Kommunikation, sie arbeitet mit Ihnen zusammen.
Diese Sicherheit macht die Deutschen kooperativ, zugewandt und freundlich.
Das Verhalten der Deutschen wandelt sich, Sie sammeln gute Erfahrungen mit den Deutschen.
In zwölf Jahren Sprachunterricht habe ich, GB, die beklemmende Erfahrung gemacht,
dass die Buch-, Handy- und Sofa-Methoden, die die Sprachschüler:innen bevorzugen,
diese guten Erfahrungen vereiteln.
Es erfordert viel Selbstvertrauen und Mut,
bevor erwachsene Deutschlerner:innen Buch und Handy weglegen, vom Sofa aufstehen und
die Nachbarin um Rat fragen.
Es erfordert noch mehr Selbstvertrauen, Mut und Entschiedenheit, bevor die erwachsenen
Deutschlerner:innen 20 € und eine Einkaufstasche nehmen und auf dem Wochenmarkt einkaufen.
Und noch mehr, bevor die erwachsenen Deutschlerner:innen sich ihr Hobby vor Augen führen,
sich in den Gelben Seiten nach dem passenden Verein umschauen und den Verein aufsuchen.
Als Deutschlehrer und Profi in meinem Beruf muss ich, GB, sagen:
eine Stunde mit der Nachbarin, auf dem Wochenmarkt oder im Verein ersetzt
fünf Stunden mit dem Buch oder dem Handy auf dem Sofa.
Vor allem sammeln Sie die guten Erfahrungen,
die Sie mit dem Buch und dem Handy auf dem Sofa nicht machen können.
In einem autistischen System kann man die Endungen (fast) nicht lernen.
47
In einem kommunikativen System bereiten Sie sich darauf vor,
wie Sie die Deutschen manipulieren können.
Und die Deutschen wollen manipuliert werden!
Die Deutschen achten so sehr auf die Endungen, weil sie
positive Emotionen spüren wollen;
mit ihrer Phantasie die Realität erfassen wollen;
das Gemeinte und das Auch-Mögliche blitzschnell beherrschen wollen;
im Kontext sich kooperativ verhalten wollen. Sie wollen Teil der Lösung sein.
48
Soziale Gruppen öffnen
Knapp 1,4% der Nomen haben zwei Artikel.
„Dabei wird einer der beiden oft nur selten, regional begrenzt oder fachsprachlich gebraucht“, siehe
[Link]
Rechtschreibduden.
Interessant wird es, wenn eine Person „der Butter“ (süddeutsch) oder „die Butter“ (hochdeutsch)
sagt. Die Bitte „Kannst du mir den Butter geben?“ zeigt,
dass der Sprecher aus Süddeutschland stammt und den Hörer als Süddeutschen adressiert.
Wenn der Hörer ein Süddeutscher ist, verstehen die beiden sich prächtig, sie kooperieren sofort.
Der gleiche Effekt mit „der Radio“ (Süddeutsche als soziale Gruppe) und „das Radio“ (Norddeutsche):
„Koh´sch m´r da Radio gea?“ (süddeutsch) im Gegensatz zu
„Koh´sch m´r `s Radio gea?“ (schwäbische Phonetik mit norddeutscher regionaler Anbindung, also
nochmal der Schwabe in Berlin, der mit Berlinern spricht).
„da Radio“ (= verschliffener AKK ♂ Singular) öffnet den Zugang zu Süddeutschen,
„`s Radio“ (= verschliffener AKK Neutrum Singular) öffnet den Zugang zu Norddeutschen.
Diese Funktion der Artikel, dass sie den Zugang zu sozialen Gruppen öffnen können,
ist wesentlich für die Integration von erwachsenen Deutschlerner:innen.
Diese Funktion spielt bei allen Artikeln eine Rolle,
weil die Biodeutschen alle Artikel screenen und
danach sich für (oder gegen) eine mögliche Kooperation entscheiden.
„Der Video“ outet mich als dirty old man, von dem junge Leute sich distanzieren.
„Das Video“ signalisiert jungen Leuten, dass ich up to date bin und man sich mit mir unterhalten
kann.
49
„Der Virus“ zeigt, dass ich ein medizinischer Laie und Patient bin,
„Das Virus“ macht klar, dass ich ein Virologe, ein Arzt oder ein medizinisch gebildeter Mensch bin.
„Der Virus“ war bis 2019 die vorherrschende Spezies,
„das Virus“ existierte fast nur in Laboren und medizinischen Fachbeiträgen.
Corona hat diese Verhältnisse umgekehrt, die Berichterstattung über die Pandemie hat
„den Virus“ so gut wie gekillt und
„das Virus“ überall salonfähig gemacht. Alle wollen heute medizinisch gebildet erscheinen.
Die drei Beispiele zeigen: Der Artikel kann unterschiedliche soziale Gruppen öffnen:
Regionale Gruppen,
Altersgruppen,
Berufsgruppen.
Die Nomen mit zwei Artikeln zeigen diesen Effekt ganz besonders augenscheinlich.
Die Nomen mit einem Artikel, also die „normalen“ Nomen, funktionieren ganz genauso,
als Türöffner,
nur dass man bei ihnen kein Gegenstück hat,
das zur Überprüfung des Effektes dienen kann.
Die Homonyme sind für den Aspekt „soziale Gruppen öffnen“ ebenfalls interessant,
allerdings nur indirekt. Beispiel:
„Die Steuer“ ist das Geld für den Staat,
„Das Steuer“ verändert die Fahrtrichtung des Fahrzeugs.
Bei diesem und ähnlichen Beispielen verändert der Artikel die Bedeutung des Wortes.
Für die sozialen Gruppen wird das relevant,
wenn Kinder das Spiel „Teekesselchen“ spielen:
Mein „Teekesselchen“ steht im Park und hat Geld.
Mein „Teekesselchen“ hat der Boxer im Handschuh und Goethe im Theater.
Mein „Teekesselchen“ leuchtet und ist süß.
wenn die Menschen diese Bedeutungen für Wortwitze nutzen:
Ein Elektrofahrzeug ist laut §3d des Kraftfahrzeugsteuergesetzes (KfzStG) von der Steuer
befreit.
Gibt es einen Grundsatz „Ohne ein Steuer die Steuer zurück“?
Bekommt man bei einem autonom fahrenden Elektrofahrzeug ohne Steuerrad
eine negative Kraftfahrzeugsteuer ausbezahlt?
50
Menschen, die eine falsche Artikelendung bei Ihnen korrigieren,
sind Türöffner zu sozialen Gruppen.
Wenn Sie diese Menschen als Freunde gewinnen,
lernen Sie ganz rasch den korrekten Gebrauch der Artikelendungen und
bekommen Zutritt zu den sozialen Gruppen.
Diese Funktion des Öffnens der sozialen Gruppe zeigt,
welche Bedeutung die Super-Methoden – im Text weiter unten –
für die Integration der Menschen haben.
Mit den Super-Methoden bewegen Sie die Deutschen dazu,
dass sie ihre soziale Gruppe für Sie öffnen.
Dadurch entstehen gute soziale Beziehungen und Sicherheit in der Kommunikation.
51
12 Tricks zum Erlernen der Endungen
Folgende Tricks führen dazu, dass Sie die Endungen korrekt aussprechen und ihre kommunikativen
Vorteile nutzen können. Diese Tricks sind so sortiert, dass der Lernprozess möglichst einfach und
schnell verläuft.
Sie können diese phonetische Übung jeden Tag wenige Minuten lang machen.
Dann werden Sie einige Wochen später die Endungen hören, die die Deutschen sprechen.
Die Deutschen sprechen diese Endungen noch schneller als Sie heute.
52
Schnell gesprochene Endungen lösen starke Manipulationen aus.
Langsam gesprochene Endungen lösen schwache Manipulationen aus.
Sie können auf die Manipulationen der Deutschen reagieren, wenn Sie die Endungen hören.
Sie können die Deutschen manipulieren, wenn Sie die Endungen sprechen.
Also: Üben Sie! Üben Sie!
Es ist der beste Tipp, den ich Ihnen nach fünf Jahren Forschung an DerDieDas geben kann.
53
In Rot: diese Dinge passieren im Kopf innerhalb von 0,3 Sekunden.
Der Prozess ist extrem schnell.
Die Sprecherin hat blitzschnell
die Phantasie,
die Emotionen und
das Verhalten
der Hörerin manipuliert.
Mit diesem Trick bekommen Sie
eine Endung, die Sie korrekt sprechen können,
eine „hilfreiche Hand“,
die Ihr Deutsch verbessern und
Ihnen noch andere Tipps und Tricks geben wird.
einen Punkt mehr im Test, den Sie bestehen möchten
(Auch Prüfer:innen können Sie damit manipulieren.
Die Prüfer:innen wissen, dass es ein Trick ist,
aber es ist ein erlaubter, guter, lauterer,
die Kommunikation verbessernder Trick.)
54
Wenn die sprechende Person diesen Trick zehnmal anwendet,
denken die Deutschen:
Oh wow!
Diese Person kennt die Tricks der Deutschen!
Wenn sie den Trick hundertmal anwendet,
denken die Deutschen:
Diese Person spricht perfekt Deutsch.
Aber es gibt auch Grenzen:
Ihren Chef fragt sie
besser nicht fünfmal an einem Tag
nach DerDieDas.
55
Die Deutschen benutzen zwei ähnliche Tricks, nur wesentlich schneller.
Trick5a: Sie sprechen den Artikel und das Adjektiv aus und
stoppen vor dem Nomen.
Sie legen eine Sprechpause ein und gehen zum bereits gesprochenen Artikel zurück.
Sie korrigieren den Artikel und sprechen den Satz mit den korrekten Endungen zu Ende.
Das klingt in der gesprochenen Sprache so:
Ich habe eine neue ein neues Jackett für dich gesehen.
Die Sprechpause wird extrem miniaturisiert.
Ich habe eine neueǁein neues Jackett für dich gesehen.
Trick 5b: Sie sprechen den Artikel und das Adjektiv aus und
stoppen vor dem Nomen.
Sie legen eine Sprechpause ein und
suchen ein Synonym für das grammatisch nicht passende Nomen.
Sie korrigieren das Nomen und sprechen den Satz korrekt zu Ende.
Das klingt in der gesprochenen Sprache so:
56
3. Alle Biodeutschen kooperativ machen
Locker bleiben,
die Augenbraue hochziehen,
lächeln und eine verbindliche Frage stellen, z.B.
„Was ist los mit Ihnen?
Haben Sie ein Gespenst gesehen?
Haben wir ein Beziehungsproblem?“
In beiden Fällen steht die Person, die die Augenbraue hochzieht, positiv da:
das Zurückgestoßen-Werden, Nichtakzeptiert-Werden, Kritisiert-Werden verschwindet und
mit etwas Glück entsteht eine neue, positive Verbindlichkeit,
die eine trautere Atmosphäre, ein angenehmeres Zusammenarbeiten bewirkt.
Die hochgezogene Augenbraue hat eine listige, hintergründige, nicht leicht zu durchschauende
Komponente. Sie signalisiert
einerseits verborgene Reichtümer,
die bei einer positiven Wendung der Kommunikation der Hörerin zur Verfügung stehen,
andererseits große Kräfte,
die bei einer negativen Wendung der Kommunikation der Hörerin das Leben schwer machen.
Die Hörerin muss sich in Sekundenbruchteilen entscheiden,
welcher Seite sie sich zuneigt und wie sie die Kommunikation weiterführen möchte.
In diesem Sinne ist die Reaktion auf die Augenbraue auch ein frühes Warnsignal.
Kaiserinnen benutzen die hochgezogene Augenbraue als Disziplinierungsinstrument, wie ein Szepter.
57
Da alle Biodeutschen alle gesprochenen Endungen wahrnehmen und
im Sinne der oben genannten Funktionen nutzen,
kann ich auch alle Biodeutschen mit einfachen Tricks dazu bewegen,
dass sie meinen Lernprozess unterstützen.
Der oben genannte Trick, der 100%-Trick,
das Stoppen vor dem Nomen,
bildet dabei das mächtigste Instrument.
Ich kann einen Freund fragen:
Was ist los mit dir?
Warum korrigierst du mich nicht, wenn ich eine Endung falsch ausspreche?
Ich kann ein Kind bitten:
Weißt du, ich kenne deine Sprache noch nicht so genau.
Wie sagt man das auf Deutsch richtig?
Ich kann den Oops-Satz aussprechen,
wenn das Gesicht eines Hörers spontan jeden Tonus verliert und emotionslos wird:
Oops. War eine Endung falsch?
58
4. Mit Personen Artikelendungen lernen
59
[Link] führt zu Kindergärten in Stuttgart.
Auf dieser kleinen Tabelle sehe ich die sechs verschiedenen Artikel im Deutschen:
DerDieDas, dendemdes. Mehr sind es nicht.
Ich lerne diese sechs Artikel:
DerDieDas, dendemdes
DerDieDas, dendemdes
60
Der nächste Trick ist simpel: Sie drucken diese Tabelle aus,
schneiden sie mit einer Schere aus und
stecken sie in die Brusttasche oder
kleben sie auf die Rückseite des Handys.
♂ ♀ Neutrum Plural
NOM der die das die
AKK den die das die
DAT dem der dem den
GEN des der des der
61
5. Abgestürzte Kommunikation neu starten
62
Das Stoppen der Kommunikation ist
eine jahrhundertealte,
tief im Unterbewusstsein verwurzelte Reaktion.
Die Deutschen nutzen Fehler bei Endungen
als ein Alarmsignal:
der Sprecher ist nicht Deutscher.
Das Alarmsignal löst Phantasien aus, z.B.:
+ Der Sprecher bleibt nicht hier.
+ Er reist nur durch Deutschland.
+ Verliebe dich nicht in ihn (Emotion!) und
mach keine Geschäfte mit ihm (Verhalten!),
+ er wird dich enttäuschen (Phantasie!).
63
6. Sich verschließende oder abwehrende Biodeutsche kooperativ machen
Biodeutsche sind nicht nur Gutmenschen, es gibt auch ausgesprochen fiese, unfaire Exemplare.
Einige von ihnen verdrehen die Augen und schauen mit spitzem Mund nach unten.
Diese Mimik ist ein deutliches Signal an die anderen Biodeutschen:
Komm, wir verbünden uns gegen die Migrant:innen.
Wir helfen ihnen nicht, wir kooperieren nicht,
wir schauen zu, wie die Probleme der Migrant:innen größer werden.
Ein halber Satz, phonetisch korrekt in dem Dialekt gesprochen, der in Ihrer Region gebräuchlich ist,
durchbricht die Isolation und löst die angespannte Stimmung.
Der Weg dorthin sieht folgendermaßen aus:
Fragen Sie drei Kolleg:innen, mit welchem Spruch sie mit den Dialektsprecher:innen sofort
warm werden. Zwei Kolleg:innen werden nicht verstehen, was Sie meinen.
Die dritte Person wird lächeln und Ihnen einen halben Satz nennen, z.B.
Ich kenne zwar Schbätzle schaba, aber … kenne ich nicht.
Die Dialekt-Worte sollten Sie sich phonetisch ganz exakt vorsprechen lassen.
Sie sollten solange üben, bis Sie diese Worte ebenso exakt in Dialekt sprechen können.
In der Situation mit den Dialektsprecher:innen benutzen Sie diesen eingeübten Satz.
Die Dialektsprecher:innen hören dann von Ihnen etwas, das eigentlich nicht möglich ist:
Ein:e Migrant:in spricht Dialekt. Das löst eine komplexe Bewegung im Kopf der
Dialektsprecher:innen aus, an deren Ende Sie in die soziale Gruppe aufgenommen werden.
Die Isolation ist durchbrochen.
Aber Vorsicht: sprechen Sie nicht schwäbischen Dialekt,
wenn Sie in eine Gruppe von badischen Menschen aufgenommen werden wollen.
Der phonetisch eingeübte Satz sollte zum Dialekt der angesprochenen Menschen passen.
64
7. Alle Endungen korrekt sprechen können: Pilot:in im Cockpit
Können Sie das: in einem Text von drei bis vier Sätzen sieben Endungen hintereinander korrekt
sprechen? Sie werden sagen: Das ist unmöglich. Keiner kann alle Endungen mit all den Wechseln von
AKK, DAT und GEN in korrekter Weise aussprechen.
Sie sind die Pilotin/ der Pilot im Cockpit, Sie drücken die Knöpfe.
65
8. Von den Kindern lernen: Artikelendungen für Analphabet:innen
66
Ich höre die erste, unscharfe Nennung.
Ich warte zwei Sekunden.
Ich höre die zweite, klare Nennung.
Die zweite Nennung macht es klar. “Hase” = “er” ==> “der Hase”.
Die zwei Sekunden helfen mir auch bei DAT und GEN.
Beispiel: In dem Blog finden Sie viele Lernhilfen.
Es zeigt Lösungen, die wir im Unterricht entwickelt haben.
Bei dem DAT “dem Blog” weiß ich nicht, ob Blog maskulin oder Neutrum ist.
Beides ist möglich.
Die zweite Nennung macht es klar: “Blog” = “Es” ==> “das Blog”.
Die Kinder in Deutschland benutzen diese drei Tricks beim Hören und Sprechen.
Sie können damit innerhalb von wenigen Wochen
alle DerDieDas spontan automatisch korrekt sprechen.
67
Kinder kennen die grammatischen Bezeichnungen NOM, AKK, DAT und GEN nicht.
Eine kleine Situation soll zeigen, wie die Kinder die Endungen via Hören lernen.
Eine Familie macht einen Ausflug in den Wald. Eine Person sagt:
68
Wie funktionieren die Endungen in dieser Situation?
1. Nennung
Da ist ein Hase . Keine Endung=
keine Info
Signal: ♂ oder Neutrum ist unklar.
Du musst selber schauen.
? Es gibt eine kleine Sprechpause.
In dieser Sprechpause macht das Kind seine
Augen auf und
sucht das Objekt.
2. Nennung
Da ist noch einer. Endung –er=
Wichtige Info:
NOM
♂
Singular
An dieser Stelle lernt das Kind:
Hase – der Hase.
Das Kind lernt den Artikel.
Signal:
Diese Endung musst du
wieder benutzen.
Die wichtige Info wird
Der Hase rennt über die Wiese. schnell
präzise und
unbetont
wiederholt.
Signal: „einer“ und „der Hase“ sind das gleiche
Objekt.
Die Objekte hängen zusammen.
Die wichtige Info
Siehst du ihn? wird als AKK-Objekt
AKK wieder benutzt.
Signal: Der Sinnzusammenhang wird größer.
Die wichtige Info kann am Possessivpronomen
Dein erster Hase! nicht landen und „springt“ zum Adjektiv.
69
Das ist der Grund,
warum einwandernde Kindergartenkinder
die Endungen viel schneller lernen
als ihre Eltern.
70
Kinder steuern über die Endungen
das schnelle Erfüllen ihrer Wünsche.
Sie lernen: wenn sie die Endung sprechen,
bekommen sie schneller, was sie haben wollen.
Kinder manipulieren.
Endungen sind ein Mittel der Manipulation.
Ihre Gehirne sind frisch und müssen die Denkstrukturen bauen.
Ihre Gehirne sind wie ein Schwamm, sie saugen alles auf.
Die gelenkten Phantasien lösen für Kinder ein Problem, das erwachsene Deutschlerner:innen für
unlösbar halten: die „gezielte Unschärfe“ der Artikelendungen. Jede Artikelendung kommt in der
„kleinen Tabelle“ mindestens zweimal vor:
Der:
NOM ♂ Singular
DAT ♀ Singular
GEN ♀ Singular
GEN Plural
Die:
NOM ♀ Singular
AKK ♀ Singular
NOM Plural
AKK Plural
Das:
NOM Neutrum Singular
AKK Neutrum Singular
Den:
AKK ♂ Singular
DAT Plural
Dem:
DAT ♂ Singular
DAT Neutrum Singular
Des:
GEN ♂ Singular
GEN Neutrum Singular
71
Kinder machen aus diesem Labyrinth der zweideutigen Hinweise ein Memory-Spiel:
72
Hinter dieser Empörung, hinter diesen emotionalen Aufwallungen steht die Erfahrung der Kinder,
dass ein falsch gesetzter Artikel ihre gelenkte Phantasie
in eine falsche, schmerzhafte, beschämende Richtung führt.
Sie empfinden das als emotionale Verletzung,
als ein Führen gegen die Wand, als ein „Aussetzen im Wald“,
als ein Hinausschleudern in den kalten Kosmos.
Falsche Artikelendungen sind wie falsche Verkehrszeichen im Straßenverkehr,
ein NoGo in Deutsch, die Kinder spüren das sehr genau.
Die Unschärfe (genauer: die nicht vorhandene Trennschärfe) bei DAT ♂ und DAT Neutrum öffnet
der Phantasie,
dem uneigentlichen Sprechen,
dem Andeuten,
dem Zufällig-das-Richtige-Finden,
dem Freudschen Versprecher
Räume für das inhaltliche Denken und für den Humor und
erhöht die Aufmerksamkeit.
Dieses grammatische Phänomen ist alt und in anderen indoeuropäischen Sprachen verbreitet,
z.B. im Lateinischen und Altgriechischen.
Diese Unschärfe gibt es in Deutsch bei allen Artikelendungen.
73
Werden dadurch nicht Missverständnisse provoziert?
Ja, ganz sicherlich, aber nur bei denjenigen, die den Tanz auf dem Seil nicht gewöhnt sind.
Wer das blitzartige Verbinden der Endungen für die Beherrschung der Realität benutzt,
kann den Jaguar im Dschungel lokalisieren und ihn verfolgen, ohne ihn zu sehen.
Diese Fähigkeit ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil
in einer sich dynamisch entwickelnden Gesellschaft.
e= die Adjektivendung.
Sie dient sehr oft der Rhythmik und der Satzmelodie.
Dieses „e“ ist unbetont und stellt sich zwischen die beiden betonten Silben.
Dadurch ergibt sich der phonetische Wechsel von
betont-unbetont-betont,
dam-da-dam,
blau-e-Kleid,
der in den Ohren der Biodeutschen als schön gilt.
Bezogen auf die bereits gestartete, suchende Phantasie ist das „e“ ein retardierendes Moment,
ein Spannungsaufbau, der die Suche nach dem richtigen Neutrum-Objekt intensiviert.
Das „e“ gibt keinen Hinweis auf das Genus.
Seine Funktion besteht darin, dass es die Phantasie stimuliert.
74
Exkurs: Das „e“, phonetische Schreibweise „ə“, ausgesprochen „schwa“, ist eine Variation,
die auf die ältesten Schichten der germanischen Grammatik zurückgeht.
Einerseits hat diese Endung eine große Bedeutung für die Rhythmik und für das ästhetische
Empfinden der Satzmelodie.
Andererseits markiert die Adjektivendung auch Wörter aus anderen Sprachen,
die früh ins Deutsche/ Germanische übernommen wurden.
Wie tief die Wurzeln der Adjektivendung reichen, zeigt
[Link]
Wie weit verbreitet das phonetische ə im Deutschen und Englischen ist und
wie es mir beim Lernen von Deutsch hilft, finde ich
unter [Link]
Mehr dazu unter der Frage:
Warum kann ich mit dem Löwen spielen, aber nicht mit dem Tigeren?
Warum hat der Löwe ein „en“, der Tiger aber nicht?
Kleid
Die Kinder finden beim dritten Wort das, was sie erwarten.
Die Phantasie ist am richtigen Ort gewesen.
Neutrum Singular war die gelegte Spur, die die Phantasie des Hörers verfolgt hat,
„Kleid“ war das Neutrum-Objekt, das am Ende der Spur steht und die Phantasie positiv bestätigt.
Über die Artikelendung hast du die Spur und
über die angeregte Phantasie das Vertrauen im Hörer angelegt.
Der Hörer fühlt sich wohl und kommuniziert mit dir gerne weiter.
Gegenteil: die blaue Kleid: [Vorsicht: das ist ein Fehler beim Sprechen! GB]
„e“ in „die“= die wichtige Information: das ist ein ♀ Singular.
Du lenkst die Phantasie deines Hörers in Richtung ♀.
Die Kinder finden beim dritten Wort nicht das, was sie erwarten.
Sie fühlen sich betrogen, verletzt, in die falsche Richtung geführt.
Der Hörer vertraut dem Sprecher nicht.
Der Sprecher weiß nicht, wie man das Vertrauen produziert.
Der Hörer hat eine Phantasie:
Du wirst viele Probleme bekommen, weil die Hörer dir nicht vertrauen.
75
Jede Artikelendung hat also mindestens zwei grammatische Bezüge, z.B.
„den“
AKK ♂ Singular
DAT Plural.
Die Bedeutung der Artikelendung erschließt sich oft aus dem Kontext, z.B.
Ich schicke den Erzieher zu den Kindern.
Hier ist klar, dass das erste „den“ ein AKK ♂ Singular ist, das zweite „den“ ein DAT Plural.
Das erste „den“ markiert die angesprochene Person,
das zweite „den“ löst im Zusammenspiel mit der Präposition „zu“ die Phantasie eines „Wohin“, einer
Richtungsangabe aus.
Die südafrikanischen calibration gas engineers berichten von ganz ähnlichen Funktionen:
76
Für Kinder stellen die Mehrdeutigkeiten, die die Artikelendungen öffnen, ein Spiel dar,
ähnlich wie im Winter die vereisten Pfützen auf der Straße oder
wie die Bewegungen auf einem Skateboard:
Gerade, weil die Bewegungen schwer zu kontrollieren sind, macht es Spaß, mit ihnen zu spielen.
Sie nehmen Anlauf, schliddern über das Eis oder beschleunigen in der half pipe und
freuen sich, wenn sie ohne Unfall auf der anderen Seite ankommen.
77
Wenn ich die Balance mit der Unschärfe der Endungen beherrsche,
führe ich den Hörer durch mein Verständnis der (mehrdeutigen) Realität.
Der Hörer will und begrüßt das. Er will
schnell
präzise
korrekt
mühelos
geführt und manipuliert werden.
Der Sinn der erwünschten Manipulation liegt darin,
dass ja auch der Hörer ein Interesse daran hat,
dass er in der mehrdeutigen Realität stimmig interagieren und kooperieren kann.
78
Ich höre jeden Tag zehn Minuten lang deutsche Nachrichten.
Am Anfang verstehe ich nichts.
Nach einigen Wochen verstehe ich
(Teile von) ein paar Nachrichten.
Die Verbindung von Aktuellem,
korrekter Grammatik und
Gesprächen mit Nachbarn, Kollegen und Freunden
verbessert rasch das Hören und Sprechen von DerDieDas.
79
11. Das phonetische Training: Endungen sprechen 2
In dieser rhythmischen Sprechweise bekommen die Artikelendungen fast immer den unbetonten
Anteil. Die Endungen werden also fast immer schwach, unbetont, weniger deutlich ausgesprochen.
Die Artikelendungen werden oftmals in der Phonetik nur noch angedeutet und können leicht
zwischen oder hinter den Wortstämmen verblassen oder verschwinden.
Im Folgenden zeige ich die Auswirkungen dieser Sprechweise an Beispielen aus dem Schwäbischen,
weil diese Auswirkungen im Dialekt viel stärker und krasser zu Tage treten.
Im Hochdeutschen gibt es diese trochäische Sprechweise ebenfalls.
Auch dort kann es schwierig sein, eine Artikelendung zu hören.
Verschlucken
Dem Satz Hasch d´Margarete gsea?“ ist die rhythmische Sprechweise
Da Damda damda damda unterlegt.
Hasch d´Marga re te gsea?
Hast du die Margarete gesehen?
Damit das funktioniert, ist das lange „i“ aus „die Margarete“ verschluckt, also eliminiert.
Der Rhythmus setzt sich durch,
der Artikel bleibt als Buchstabe „d“ erhalten und wird an den Namen Margarete „angeflanscht“.
Schwäbische Dialektsprecher:innen behalten den Artikel bei und sprechen ihn aus,
weil er eine höhere Präzisierung bietet und dadurch Nachfragen und Zeitverlust vermeidet.
Schwäbische Dialekthörer:innen registrieren
diesen angedeuteten, angeflanschten, seiner Vokalität beraubten Artikel sehr genau,
prüfen alle realen Wahrnehmungen und phantasiereich erschlossenen Vermutungen und
greifen den Artikel in ihrer Antwort pointiert wieder auf:
„Die isch dussa em Hof“,
„Die ist draußen im Hof“.
Die Abläufe sind minimalistisch gesteuert, extrem schnell und extrem präzise,
bei gleichzeitiger Ruhe der Beteiligten, ähnlich wie Porschefahren oder Flugzeugfliegen.
Verschlucken tritt auch in der Phonetik norddeutscher Dialekte auf. Der Satz
„Ich komm aus Bre-em“
weist gleich zwei verschluckte Endungen auf. Damit die Satzmelodie
da-damda-damda aufrechterhalten bleiben kann,
wird der Vokal in der betonten Silbe dupliziert und in einer etwas schwächeren Betonung angehängt.
Auf diese Weise bleibt die spezielle Satzmelodie des Bremer Dialekts erhalten.
80
Fazit 1: Der Rhythmus erzwingt manchmal ein Verschlucken der Artikelendung.
Die Dialekthörer:innen reagieren trotzdem passgenau auf
die nicht mehr vorhandene Artikelendung und führen sie situativ passend im slot weiter.
Fazit 2: Erwachsene Deutschlerner:innen können solche Abläufe mit den herkömmlichen Methoden
(Buch, Übungs-CD, Handy, Deutschkurs, …) nicht erfassen.
Verschluckte Artikelendungen erschließen sich ihnen erst im Kontakt mit den Biodeutschen,
wenn die verschluckten Endungen der Beschleunigung und der Lenkung von Abläufen dienen.
Verschleifen
Das einfachste Beispiel für Verschleifen ist die Verkürzung von Präposition und Artikel:
Verschleifen ist ein Begriff aus der Metallbearbeitung. Die Oberfläche eines Metallgegenstands wird
mit Schleifpapier, mit einer Feile oder einem Schleifstein abgerieben und geglättet.
Genau so kann man sich das vorstellen: die Endungen sind im Deutschen unzählige Male benutzt,
durch Myriaden Gesprächssituationen geschleift, verformt und verkürzt worden.
Die Deutschen benutzen die Endungen,
damit sie schneller kommunizieren und den Alltag besser organisieren können.
Die Endungen legen die Verbindungen zwischen den Objekten, ähnlich wie Telefonkabel.
Die Endungen in den Dialekten sind zum Teil noch schwieriger zu hören als
die Endungen im Deutschen. Das Verschleifen ist in den Dialekten stärker.
81
Was ist wichtiger?
Nomen oder Endungen
Geld oder Liebe
Hardware oder Software
sichtbar oder unsichtbar
Die Deutschen denken: beides!
Mein Tipp: Denken Sie Deutsch und nehmen Sie beides!
Beispiel:
Nach hundert Metern kommt eine Ampel.
Vor ihr$ musst du abbiegen.
$ muasch abbiagǝ.
Voa ihǝ
$ muasch abbiagǝ.
Voaehm
82
Für erwachsene Deutschlerner ist eine verschliffene Endung in der ersten Lernphase fast nicht
hörbar.
Für Biodeutsche ist eine verschliffene Endung eine wichtige, bedeutungsentscheidende Information.
Das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) weist für das deutsche „seine“ die Aussprache [seinɘ]
aus.
Die Endung –e ist ein unbetonter, bedeutungsentscheidender Laut.
Deutschlerner können diesen Laut [ɘ] am Anfang oft nicht hören (und nicht sprechen), weil er
unbetont ist.
Deutsche sehen diesen Laut ɘ als eine wichtige, inhaltliche Information an, weil er
bedeutungsentscheidend ist.
Sie hören, verstehen, wiederholen und variieren diese Information.
Sie benutzen diese Information darüber hinaus als inhaltliches Controlling-Instrument im Gespräch.
Ähnlich verhält es sich mit den anderen Endungen –er, -es, -en, -em.
Erwachsene Deutschlerner:innen können den Unterschied
zwischen seinen und seinem,
zwischen seine und seiner
am Anfang (fast) nicht hören und nicht sprechen.
Biodeutsche brauchen diese unterschiedlichen Laute, damit sie die Objekte, die Personalpronomen
etc. inhaltlich stimmig zuordnen können.
83
Das Sprechen-Lernen der Endungen ist wie das Lernen von Fahrradfahren.
Am Anfang muss ich viele Bewegungen gleichzeitig koordinieren.
Ich fühle mich unsicher, brauche viel Unterstützung und mache Fehler.
Ich habe ein Ziel und mache meine Übungen,
damit ich mich ähnlich elegant bewegen kann wie die Menschen um mich herum.
Ich bin überrascht, wenn ich merke, dass ich alles korrekt mache und
ich mich (auf dem Fahrrad und in der Kommunikation) schnell und ohne Unfall bewege.
Ich nehme meinen Mut zusammen und benutze mein Fahrrad und meine Zweitsprache wie einen Teil
von mir selbst.
Die Menschen, die mich bei meinen Übungen und mit meiner wachsenden Eleganz sehen, freuen
sich, machen mir Mut und helfen mir weiter.
Mit dieser Kombination lerne ich in wenigen Wochen Fahrradfahren.
Mit dieser Kombination wird Deutsch innerhalb eines Jahres meine Zweitsprache.
Ich kann in Deutsch ähnlich sicher sprechen wie in meiner Muttersprache.
Verschmelzen
etwas
Das „t“ t w Das „w“
t wmb wird zu einem „wm“ phonetisch erweitert und
wird weich und d b in einem „b“-Laut gestoppt
verschwindet bb Das „b“ wird dupliziert, wegen des kurzen Vokals „e“
ebbes
Ich heiße Herr Marktwart
kw Das „t“ wird verschliffen und verschluckt
qu Das neu entstandene „kw“ wird
als ein Buchstabe „q“ geschrieben
Marquardt
84
Überlappen
Die Endungen verschwinden teilweise hinter dem nachfolgenden Konsonanten des Nomens.
Das passiert besonders oft dann,
wenn der letzte Konsonant der Endung gleich ist
wie der erste Konsonant des Nomens. Beispiel:
Mein Handy ist in meinem Mantel.
Mei Handy´sch en meim Mandl.
Die drei „m“ in „meim Mandl“ werden im Dialekt extrem schnell ausgesprochen,
das DAT-„m“ verschwindet teilweise hinter dem Mandl-„M“.
Schwäbische Leute sprechen und hören an dieser Stelle drei „m“,
erwachsene Deutschlerner:innen erfassen das mittlere „m“, also den DAT, nicht mehr.
Für schwäbische Leute ist das angedeutete DAT-„m“ wesentlich
für das schnelle und präzise Erfassen und das reibungslose Koordinieren der Verhaltensweisen.
Sie nehmen das DAT-„m“ wahr wie die Schulter eines Kindes, das sich hinter dem Baum versteckt.
Nuscheln
Die Lösung besteht darin, dass die Deutschlerner:innen die Endungen unterbewusst speichern und
sie
korrekt und
genuschelt
aussprechen. Dann sprechen sie elegant Deutsch.
Ihre Arbeit gilt dann als mühelos.
Ihre Ideen gelten dann als relevant und nützlich.
kurz schnell
unbetont und genuschelt mühelos und leicht
präzise präzise
85
Die Deutschen sprechen
die Endungen
immer korrekt
120% genau und
kurz und genuschelt,
d.h. ohne Betonung aus.
Für die Deutschen klingt
diese Kombination elegant.
Wer so spricht,
gilt bei den Deutschen
als eine Person,
die mühelos alles richtig
macht.
Nuscheln ist eine sprachliche Eigenart von Chefs: Sie sprechen leise und ohne Lippenbewegungen.
Dieser Sprechtrick zwingt die Hörer:innen dazu, dass sie sich extrem auf den Sprecher konzentrieren
müssen, wenn sie etwas verstehen wollen. Nuscheln ist also eine Sprechtechnik, die – aus Sicht des
Leiters – das Führen und Leiten von Gruppen erleichtert.
Das phonetische Training läuft, wenn die Hörer:innen in einer fahrenden S-Bahn durch alle
Nebengeräusche hindurch eine DAT-Endung zu hören versuchen.
Das phonetische Training ist zu Ende, wenn die Hörer:innen
in einer Online-Veranstaltung
einen nuschelnden
Dialektsprecher
hinter einer FFP2-Maske
trotz diverser Hintergrundgeräusche (Papier zerknüllen, auf den Tisch klopfen)
verstehen können.
Der Alltag in Deutschland ist genau von solchen Bedingungen geprägt. In der Interdisziplinären
Notaufnahme (INA) des Katharinenhospitals Stuttgart müssen ausländische Mediziner:innen
Maschinengeräusche (Sensoren, Piepen etc.) herausfiltern
Nebengespräche aus der Nachbar-Patientenbox zuordnen und als (un-) wichtig einstufen
(halbhohe Wände, Vorhang, keine abgeschlossenen Zimmer)
Zwischenrufe von Kolleg:innen und Patient:innen verstehen und angemessen darauf
reagieren können
Den schnell sprechenden, nuschelnden Notarzt hinter der FFP2-Maske verstehen
Am Handy Informationen und Anweisungen verstehen können
Mit der dialektsprechenden Seniorin ein Aufnahmegespräch führen können
Mimische, gestische und pantomimische Signale wahrnehmen können
In allem die bedeutungsrelevanten, das Verhalten manipulierenden Endungen sicher
zuordnen können.
Dies alles simultan.
86
Wird es ein Deutsch ohne Endungen geben?
Eine Griechin sagte einmal:
Wir Griechen haben 2400 Jahre Erfahrung mit Schriftlichkeit.
Wir haben die Deklination und große Teile der Verbkonjugation über Bord geworfen.
Die Deutschen haben 800 Jahre Erfahrung mit Schriftlichkeit.
Die Deutschen werden ihre Deklination und ihr Spiel mit den Verbpositionen auch irgendwann über
Bord werfen.
87
Verben mit Präpositionen und Nomen-Verb-Gruppen (B2-C1)
Verben mit Präpositionen (V+P) und Nomen-Verb-Gruppen (NV-Gruppen) haben acht erwünschte
kommunikative Effekte:
Prüfungen von A2 bis C1 bestehen
Phantasien auslösen
Verstehen beschleunigen
Verhalten manipulieren
Respekt auslösen
Als beruflicher Profi erscheinen
Kooperation auslösen
Nuancen präzise auslösen
Damit sind sie ein starker sprachlicher Turbo in der beruflichen Entwicklung.
Verben mit Präpositionen gelten als B2-Marker, wenn sie flüssig korrekt gesprochen werden.
Diese Fähigkeit lässt sich ganz einfach trainieren.
Nehmen Sie einen B2-Text. Lassen Sie Ihren Zeigefinger über dem Text kreisen,
stoßen Sie den Finger auf den Text und
finden Sie so ganz unwillkürlich ein Verb mit Präposition.
Dieses Verb mit Präposition, z.B. „arbeiten an“ trainieren Sie bitte nach folgendem Muster:
1. Formulieren Sie einen Hauptsatz mit diesem V+P:
Der Archäologieprofessor arbeitet an einem Buch über Pyramiden in Nubien.
2. Formulieren Sie einen W-Fragesatz mit diesem V+P:
Seit wann arbeitet er an diesem Buch?
3. Formulieren Sie einen Nebensatz mit diesem V+P:
Der Archäologieprofessor bekräftigt seine Absicht, dass er weiterhin an dem Buch arbeitet.
4. Versuchen Sie, mit diesem V+P ein Passiv zu bilden:
An dem Buch über Pyramiden in Nubien wird weiterhin gearbeitet.
Dieses harte Training (HS/ W/ NS/ Passiv) hat folgende Vorteile:
Jede Person trainiert aufgrund des Zufallsgenerators „kreisender Zeigefinger“ eine eigene
Sammlung von V+P. Das ist wichtig, damit in einer B2-Prüfung nicht drei Kandidat:innen
hintereinander die gleichen V+P benutzen.
Den Prüfern würde das auffallen,
Kandidat:in 1 würde bestehen, Kandidat:in 2 würde misstrauisch beäugt und Kandidat:in 3
würde durchfallen mit dem Argument,
dass alle drei einen guten Sprachlehrer hatten,
aber nur auswendig Reproduziertes von sich geben.
Jede Person kennt bei dem von ihr ausgesuchten V+P genau
den Satzbau, die Endungen, die Satzmelodie etc. bei allen Satzbauarten.
Der Passiv-Satz hat noch eine wichtige Funktion. Drei Varianten sind möglich:
+ es gibt ein Passiv, kein Problem.
+ es gibt ein „schiefes Passiv“, die Deutschen verstehen, aber sie verziehen das Gesicht und
wenden ein: „Man sagt das so nicht.“
+ ein Passiv ist bei diesem V+P nicht möglich.
Indem ich den Passiv-Satz probiere, sehe ich, bis wohin ich dieses V+P benutzen kann.
Ich kenne den Wirkungsradius dieses V+P.
Das erleichtert das flüssige Sprechen ungemein.
88
Eine Person, die Sätze mit V+P flüssig korrekt sprechen kann, gilt als Profi im Beruf.
Eine Person, die Sätze mit V+P flüssig korrekt sprechen kann, gilt als Person,
die mit dem Kunden sprechen kann.
Damit hat sie beim Teamchef einen Stein im Brett.
Eine Person, die Sätze mit V+P flüssig korrekt sprechen kann, gilt als nützlich.
Wer diese Phantasien in den ersten Sätzen eines (Telefon-) Gesprächs auslösen kann,
bekommt die Unterstützung von Frau Werwolf und weitere zwei Minuten mit dem Chef.
In einem Sprachtest verwenden Sie dann 2-3 Ihrer einstudierten V+P und 1-2 NV-Gruppen.
Die Prüfer werden das registrieren und Sie als B2-Sprecher:in erkennen.
Der Aufwand dieses Trainings beläuft sich auf ca. zwei Stunden.
89
Verbposition V,V und B2-Satzbau mit Nachfeld (B2-C1)
Die Verbposition V,V hat zwei kommunikative Effekte:
Phantasien auslösen
Respekt auslösen
Nachdem er den Ring beim Juwelier gesehen hat, brachte er ihn mit.
Alle
Verb Verb
Verben
II. letzte
Letzte Posi- Posi-
Position tion tion
90
Zeichnung © Hernan Bonet
91
B2: Die Golden Gate Brücke
Mittelfeld
Die spontane Information
Nachfeld
Aber Harold konnte nicht mit seinen Freunden ins Theater gehen wegen Lea.
92
VerbKommaVerb ist die einfachste Methode. Dabei stellt man einen A2-Nebensatz um, Beispiel:
A2: Ich kann nicht ins Kino gehen , weil ich arbeiten muss .
V2 VL VL
B2: Weil ich arbeiten muss, kann ich nicht ins Kino gehen .
VerbKommaVerb VL
Die Worte sind gleich, die Satzstellung ist anders. Der Nebensatz wird nach vorne gestellt.
Der Nebensatz nimmt damit die Position 1 ein, inklusive seiner Verben auf der letzten Position.
Weil der ganze Nebensatz auf Position 1 ist, folgt direkt nach dem Komma das Verb des Hauptsatzes.
Die Regel „Verb zweite Position (V2)“ bleibt damit erhalten.
Das ergibt die Verbstellung „VerbKommaVerb“.
Das Subjekt des Hauptsatzes wird auf Position 3 gestellt, hinter das Verb.
B2: Weil ich arbeiten muss, kann ich nicht ins Kino gehen .
Die deutschen Verbstellungen V2/ VL und V,V nehmen keine Rücksicht auf
die Satzstellung Subjekt-Verb-Objekt (SVO),
die in vielen anderen indoeuropäischen Sprachen „normal“ ist.
SVO kommt in Deutsch vor, ist aber kein Standard.
Das Schöne an VerbKommaVerb ist, dass es als B2-Marker gilt und subtil auf die Biodeutschen
einwirkt. Wer so sprechen kann, löst einige (unterbewusste) Phantasien und Verhaltensweisen aus:
Die Biodeutschen glauben, diese Person kann alle Satzkonstruktionen sprechen.
Man traut ihr schwierigere Aufgaben zu.
Sie bekommt mehr Respekt.
Sie bekommt sofort eine freundliche, umgängliche Reaktion. Kommentiert [GB1]:
Fazit: Auch A2-Sprecher:innen können diese Sprechweise trainieren und mehr Vorteile bekommen.
93
Sofort positive Phantasien im Kopf der Biodeutschen auslösen
Eine Chilenin sagte: Die Deutschen sind unkooperativ, herzlos und kalt. Daraufhin fragte ich sie:
Kennst du die Tricks, wie du diese Leute kooperativ, warmherzig und freundlich machen kannst?
Sie entgegnete halb zweiflerisch, halb neugierig: Ist das möglich?
Diese positive Phantasie beseitigt sofort die bisher bestehenden Barrieren zwischen den Menschen in
der deutschen Gesellschaft. Das wiederum ändert spontan das Verhalten der Deutschen.
Aus unkooperativen, herzlosen, kalten, desinteressierten Deutschen werden
kooperative, warmherzige, freundliche, zugewandte Menschen.
Viel interessanter ist, dass das Ehrenamt das Deutschlernen enorm beschleunigt und
viele Einblicke, viele Tipps und Tricks für ein besseres Leben in Deutschland liefert.
Es gibt viele Wege, wie eine Person ein für sie passendes Ehrenamt finden kann:
94
Nach speziellen Organisationen suchen, z.B. die Tauschbörse, der Tauschring, die
Nachbarschaftshilfe o.ä.
Der fünfte Trick lautet: DerDieDas ohne Fehler sprechen und schreiben können.
Dafür gibt es fünf erfolgreiche Möglichkeiten:
1. Ich spreche den Artikel und das Adjektiv aus und
stoppe vor dem Nomen.
Ich starte ein neues Gespräch:
Ich frage nach dem Artikel.
Alle Deutschen geben mir bei allen Nomina den korrekten Artikel.
Ich gehe zum bereits gesprochenen Artikel zurück.
Dann spreche ich den Satz mit den korrekten Endungen zu Ende.
Das klingt in der gesprochenen Sprache so:
95
3. Ich kann einen Freund fragen:
Was ist los mit dir?
Warum korrigierst du mich nicht, wenn ich eine Endung falsch ausspreche?
4. Ich kann ein Kind bitten:
Weißt du, ich kenne deine Sprache noch nicht so genau.
Wie sagt man das auf Deutsch richtig?
5. Es kommt vor, dass das Gesicht eines Hörers spontan jeden Tonus verliert und emotionslos
wird: Dann bringt folgender Satz die Rettung:
Oops. War eine Endung falsch?
Ich, Günther Baur, habe in 12 Jahren Unterrichtstätigkeit nur eine Frau kennengelernt,
die die Endungen mit Übungen gelernt hat.
Auf meine Frage, wie sie das geschafft hat, antwortete sie:
Wenn ein Lehrer drei Übungen aufgab, hat sie zehn Übungen erledigt.
Sie hat solange trainiert, bis es keine Fehler mehr gab.
Ich habe kein Lehrwerk gesehen, das die Beherrschung von DerDieDas sicherstellt.
Die Tricks der erfolgreichen erwachsenen C1-Lerner:innen finden Sie ebenfalls in dem genannten
Download „Endungen“. Diese Tricks erfordern eine persönliche Entschiedenheit und ein rigoroses
Vorgehen.
Im Übrigen gilt: DerDieDas lernt man im Kontakt mit Deutschen. Sonst nicht.
Die Anzahl der Kontakte entscheidet über die Geschwindigkeit, mit der man DerDieDas lernt.
Dies führt uns zurück zu den vier Tricks am Anfang.
Diese vier Tricks erleichtern den Kontakt mit den Deutschen.
96
Die 200-Sätze-Methode
Diese Methode ist eine der wenigen Methoden, bei der Sie Geld einsetzen müssen.
Gehen Sie in ein Schreibwarengeschäft und kaufen Sie ein DIN A4 Heft liniert.
80 Cent bis zwei Euro müssen Sie schon investieren, sonst klappt es nicht.
In einer schmalen Spalte links (etwa drei Finger breit) notieren Sie ein deutsches Wort,
das heute für Sie neu ist. Beispiel:
Tapir
Neben diesem Wort schreiben Sie einen Satz, in dem das neue Wort vorkommt.
Alle anderen Worte in diesem Satz sind Ihnen bekannt.
Formulieren Sie eine eigene Idee? Das ist wunderbar.
Dann verstehen Sie das neue Wort in einem von Ihnen formulierten Kontext. Beispiele:
Tapir Der Tapir ist ein Tier in Südamerika. Er hat eine lange Nase.
Infusion Eine Infusion ist eine Flüssigkeit, die durch einen Schlauch
in den Körper eines Patienten verbracht/ eingeträufelt wird.
97
Angst und Scham beim Sprechen verkleinern
Angst und Scham halten viele Menschen davon ab, dass sie das Gelernte benutzen.
Es ist ein großer Schritt, wenn ich weiterspreche.
Wenn mein Interesse größer ist als meine Scham, helfen mir die Deutschen.
12 Satzanfänge, die die Angst verkleinern und Ihnen das Sprechen leichter machen:
Können Sie mir bitte sagen, wo… ?
Meiner Meinung nach …
Was denkst du/ denken Sie über …?
Haben Sie gerade Zeit? Ich brauche …
Darf ich eine kurze Frage stellen? W… ?
Ich finde/ meine/ denke/, dass …
Hast du schon an … gedacht? Wir sollten noch …
Wir haben noch nicht daran gedacht, dass …
Der Unterschied zwischen … und … ist, dass …
Es kommt darauf an, dass …
Ich suche … Wen würdest du/ würden Sie fragen?
Das habe ich nicht ganz verstanden. Meinen Sie, dass …?
Was würdest du machen, wenn …?
Sie sollten diese (und andere) Satzanfänge genau gleich üben wie DerDieDas, DenDemDes.
Einige Wochen später können Sie die Satzanfänge schnell automatisiert sprechen und schreiben.
Ein Effekt dieser Übung ist, dass Sie öfter und länger Deutsch sprechen.
Ich muss viel Grammatik beachten: V2 und VL, DAT oder AKK, …
Wenn ich denken muss, kann ich nicht schnell korrekt sprechen.
Ich habe bis jetzt nur ein Jahr in Deutschland gelebt,
dazu noch unter den Bedingungen des Lockdowns.
Ich brauche mehr Kontakte,
ich brauche mehr Hörproben,
zurzeit sind Kontakte nur via Zoom, via Telefon, via WhatsApp-Call,
in der Familie (100% Deutsch!) möglich.
Sie kennen Rumpelstilzchen noch nicht?
Kinder lösen viele Angstprobleme mit Rumpelstilzchen.
Lesen Sie dieses kleine Märchen, dann überlegen Sie:
Wie wenden Sie diesen Trick in Ihrem Leben an?
98
Was kann ich mit meiner Angst machen?
Folgende Aktivitäten machen das Erlernen von Deutsch lang, schwierig und frustrierend:
Was sind die Alternativen? Wenn wir die nicht weiterführenden Ansätze von der vorigen Seite aus
ihrer Form stürzen und positiv wenden, entstehen radikale, rasch wirkende Lerntechniken:
Ich, GB, kenne den Einwand: Das ist unmöglich! Das kann ich nicht machen!
Ich, GB, sage dazu: Ja, das ist unmöglich. Das können Sie nicht machen.
Das passt überhaupt nicht zu den Rollen, die Sie in der Familie einnehmen.
Es geht nicht.
Es geht nicht bis zu dem Tag, an dem Sie es tun. Dann geht es doch.
9. Vom Sofa aufstehen, rausgehen, Deutsch benutzen
a. Die Komfortzone verlassen, etwas Neues versuchen.
b. Nach Ansicht von Simone Henke, die Zehntausende von Einstufungstests
durchgeführt hat, die wichtigste Lerntechnik.
10. Die Ansprüche erhöhen und dort einkaufen, wo es das gibt, was Sie haben wollen.
a. Dort nachfragen. Als Kunde/ Kundin auftreten, Selbstbewusstsein zeigen.
11. In den social media Deutsch benutzen, lächeln, zu Korrekturen auffordern.
12. In der Öffentlichkeit die Straßenseite wechseln, wenn jemand Ihre Muttersprache spricht.
Nicht zeigen, dass Sie diese Sprache ebenfalls sprechen.
13. Die Handyeinstellungen auf Deutsch schalten, den Schock aushalten und
a. in den nächsten 3-4 Tagen die Kontrolle über das Handy wiedererlangen.
b. Von da an das Handy auf Deutsch benutzen.
14. Nachrichten auf Deutsch hören/ anschauen und mit den Nachbar:innen darüber sprechen.
15. Das unbekannte deutsche Wort sich merken und warten, bis es in einem anderen Kontext
wiederauftaucht. Seine Bedeutung aus dem Kontext erschließen.
[Diese Methode sieht langsam aus,
ist aber ein extremer Beschleuniger in den Randzonen Ihres Wortschatzes.
Je öfter und nachhaltiger und je neugieriger Sie in den neuen Kontext gehen,
desto schneller wird diese Methode.
Wissenschaftler:innen benutzen diese Methode, um neue Wissensgebiete zu erschließen.]
16. Die Deutschen beim Sprechen beobachten, die fünf Funktionen von DerDieDas benutzen und
schauen, welche anderen Reaktionen die Deutschen an den Tag legen.
Diese Reaktionen konsequent in der Kommunikation nutzen.
104
Wie lernen Erwachsene Deutsch C1?
Nur ca. 8 Millionen Menschen sprechen nach meiner, GBs, Schätzung Deutsch C1 und
nur ca. 5 Millionen Menschen Deutsch C2.
Muttersprache und hoher Sprachlevel sind zwei verschiedene Dinge.
Nicht alle, die Spaß am Skifahren haben, gehen in die Antarktis.
Das Flugzeug, das in die Antarktis fliegt, hat keine Heizung.
Wenn du in die Antarktis gehst, sollte dein Ziel etwas anderes sein als die Antarktis.
Ich, GB, arbeite auch als Prüfer in C1-Prüfungen oder in telc Tests Deutsch C1 als medizinische
Fachsprache. Einige wenige Male begegneten mir dort oder bei anderen Gelegenheiten Menschen,
die im Erwachsenenalter flüssig fehlerfrei Deutsch C1 lernen konnten.
Diese Leute fragte ich, wie sie diesen Grad an Perfektion erreichten.
Hier sind ihre Antworten, die Tricks der erfolgreichen C1-Deutschlerner:innen:
Russisch und Deutsch sind nicht meine Muttersprachen.
Ich habe einsprachig Russisch in einem russischen Krankenhaus gearbeitet.
Weil ich diese Verantwortung kannte,
wollte ich die gleichen Fähigkeiten in Deutsch erwerben.
Deutsch lernen war nicht mein Ziel.
Mein Ziel war, der Verantwortung gerecht zu werden.
Ich bin eine ukrainische Ingenieurin.
In meiner Muttersprache gibt es keine Artikel.
Als ich merkte, dass meine Sprechweise massive Kommunikationsprobleme mit meinen
deutschen Kolleg:innen auslöste,
habe ich in meiner Arbeit alle Wiederholungsfehler eliminiert.
Ich erlaubte mir, dass ich jeden Fehler einmal mache und ihn danach eliminiere.
Ich wollte den Stress mit den Kolleg:innen sofort beenden.
Ich wollte einen Arbeitsprozess ohne Reibungsverlust.
Ich las meinen Kindern deutsche Märchen vor.
Wenn ich ein Wort falsch aussprach, korrigierten sie mich sofort.
Meine Sprechweise wurde dadurch nach einigen Wochen flüssig.
Ich lebe als Italienerin in Stuttgart.
Wenn ich höre, dass eine Person Italienisch spricht, wechsle ich die Straßenseite.
Ich möchte nicht, dass diese Leute wissen, dass ich Italienisch spreche.
Wenn ich mit meinem italienischen Mann Italienisch sprechen möchte,
kaufen wir uns ein Ticket, fliegen nach Mailand und sprechen dort Italienisch.
Wenn ich meinen Fuß auf deutschen Boden setze, spreche ich Deutsch.
Ich mache das, weil ich in meinem C2-Beruf in Deutschland arbeiten möchte.
Dort MUSS ich ALLES verstehen, nicht nur die unbekannten Wörter, auch die Andeutungen,
die versteckten Informationen, die nicht versprachlichten Gedanken.
Ich habe die Endungen an der Kasse bei McDonald´s gelernt.
Wenn du in dieser Situation eine auf Schwäbisch genuschelte Endung nicht richtig verstehst,
du deswegen einen falschen Preis verlangst und die Kundin vor dir explodiert,
wirst du diesen Fehler kein zweites Mal begehen.
Es kommt darauf an, wie sehr du die Sprache liebst und wie sehr du an der Sprache arbeitest.
Ich habe ein bisschen Deutsch in Syrien gelernt und bin aus dem Bürgerkrieg nach
Deutschland ausgeflogen. Als meine Familie mich nach zwei Jahren Trennung in die Arme
schloss, sagte ich meinen Cousinen: Bitte sprecht Deutsch mit mir.
105
Du musst über deine persönliche Leistungsgrenze gehen, du musst mehr geben, als du hast.
Damit du das kannst, musst du etwas vorbereiten und organisieren.
Das ist auch völlig normal. Wenn du den nächsten Level erreichen willst, musst du das
Bisherige hinter dir lassen, es nützt dir nichts mehr. Du musst die Grenze überschreiten.
Dein Leben ändert sich, wenn du Deutsch C1 sprechen willst, es ist nicht wie vorher.
Du wirst Menschen verlieren, wenn du das machst, und du wirst neue Leute kennenlernen.
Ich habe mir über [Link] ein gebrauchtes Fahrrad gekauft.
Ich habe diesen Kontakt und diese Preisverhandlung intensiv vorbereitet.
Weil ich danach nicht alleine Fahrrad fahren wollte,
organisierte ich in meinem Stadtviertel einen Fahrradtreff, wir fahren regelmäßig Fahrrad.
Ich habe Deutsch C1 auf dem Fahrrad gelernt.
Ich bin ein Trampolin-Sportler aus dem Baltikum.
Als ich nach Deutschland kam, wollte ich wissen,
was die anderen Leute im Training über mich sprechen.
Ich habe Deutsch mit dem gleichen Hochleistungssport-Willen gelernt,
mit dem ich mich auf die Wettkämpfe vorbereite.
Jordan Romero schleifte auf seinem Schulweg einen großen LKW-Reifen hinter sich her,
damit er die Kondition für die Seven Summits bekam. Kein anderer Jugendlicher tat das.
Kreativität und Entschlossenheit, das ist es.
Ich bin mit dem Ziel nach Deutschland gekommen, hier Medizin zu studieren.
Als ich im A2-Kurs war, begann ich,
einige Stunden pro Woche ehrenamtlich beim Roten Kreuz mitzuarbeiten.
Ich habe bei Fachleuten die Worte gelernt, für die ich mich interessiere.
Für andere Menschen war das gräßlich, was ich zu sehen bekam,
aber für mich waren es die Stufen zu meinem Traum.
Ich habe Deutsch A1 bis C1 in dreizehn Monaten absolviert.
Beim Arbeiten und beim Lesen von Fachbeiträgen habe ich den Leuten „auf den Mund
geschaut“. Sie benutzen unglaublich viele Wörter, die man eigentlich nicht für die Arbeit
braucht, die aber den Prozess zwischen den Menschen flüssig machen. Das sind Wörter wie
„halt“, „jetzt“, „eigentlich“. Diese Sprechweise habe ich mir angewöhnt, ich spreche Satzteile
wie „dann halt jetzt in der …“ Sie sprechen in Bildern. Formulierungen wie „mich schlau
machen“ oder „nicht, dass ich wüsste“ benutze ich, weil sie eine Spannung aufbauen und die
Menschen darauf gespannt machen, wie ich weiter vorgehe. Es gibt auch Satzanfänge auf
Deutsch C1, die das Sprechen in Fluss halten, etwas wie „Nichtsdestotrotz“,
„Vorsichtshalber“, „Auf jeden Fall“, „Selbstverständlich“. Deutsch C1 wird leicht und elegant,
wenn du diese Tricks einübst und in der Arbeit benutzt. Die Fachsprachenprüfung der Ärzte
habe ich damit und mit Fachbegriffen bestanden.
Eine einzige Person (von tausenden, die ich, GB, kennenlernte) lernte DerDieDas in einem
Deutschkurs. Auf die Frage, wie sie das geschafft hatte, antwortete sie: „Wenn die Lehrerin
drei Übungen als Hausaufgabe stellte, erledigte ich zehn Übungen. Ich übte solange, bis ich
diese Dinge korrekt sprechen konnte.“
106
Diesen Antworten ist gemeinsam, dass Deutsch-Lernen nicht das Ziel war.
Die Menschen hatten ein anderes Ziel vor Augen, für das sie sich einsetzten.
Die Ziele, die Umstände, die Lernmethoden und die Tricks unterscheiden sich stark,
von einem Punkt abgesehen:
sie passen 100% zu der Person, die sie einsetzt, und zur Alltagssituation, in der sie eingesetzt werden.
Der hohe Sprachlevel war nur ein spin off oder eine Zwischenstation auf dem Weg zum Ziel.
Sie alle lernten DerDieDas in ihrem Alltag in der Kommunikation mit den Menschen,
die ihnen beim Erreichen ihrer Ziele halfen.
Die persönlichen Ziele und der persönliche Einsatz im Alltag sind die Schlüssel zu Deutsch C1.
DerDieDas entfaltet seine Funktionen erst dann, „wenn es um etwas geht“,
wenn den Menschen in der Kommunikation etwas wichtig ist, für das sie sich einsetzen.
Diesen Einsatz kann man allerdings auch auf dem Level A1 zeigen,
wie das McDonald´s-Beispiel oder das Trampolin-Beispiel zeigen.
Ab einem bestimmten (möglichst frühen!) Punkt ist es lehrreicher und befreiender,
wenn man rausgeht und Sardinen auf dem Wochenmarkt kauft,
als auf dem Sofa zu sitzen und Lektion 14 zu büffeln.
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Deutsch B2 ausbauen
Die 200-Sätze-Methode wurde oben, Seite 20, bereits beschrieben. Sie gehört in diese Gruppe dazu,
weil sie innerhalb von 200 Sätze x 2 Minuten = 400 Minuten = 7 Stunden konzentrierter Arbeit den
Level B2 erreichbar macht.
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Attribute
Attribute sind nicht Informationen.
Sie sind die Antwort auf die Frage: Welcher/ Welche/ Welches genau?
Mit einem Attribut kann ich Informationen auf kleinem Raum präzisieren.
Die B2-Version mit dem Attribut ist dabei die kürzeste Version.
Position 1 V2
Das Attribut „mit dem Hut“ ist also nicht eine zweite Information,
die das Verb auf Position 3 drückte.
Das Attribut ist eine Präzisierung der Information auf Position 1,
das Verb bleibt auf Position 2.
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Präpositionen mit GEN
Der Kasus Genitiv ist etwas, das die meisten Deutschen vermeiden.
Der Grund für diese Vermeidungshaltung ist ganz einfach: Der Genitiv ist ihnen zu kompliziert.
In der Hochsprache, im klassischen Deutsch erfährt der GEN einen weiteren looping:
Der GEN wird vorangestellt, der Artikel des Objekts wird eliminiert.
Wenn der Objekt-Artikel nicht mehr da ist, fällt es den Hörer:innen noch schwerer,
die fünf Funktionen des Artikels zu erkennen. Es handelt sich um ein „verschleiertes Sprechen“.
In dem gewählten C2-Beispiel ist nicht mehr ohne weiteres erkennbar,
dass es sich hier um eine Bewegung handelt.
Die Bewegung ergibt sich aus dem Kontext, nicht mehr aus dem (eliminierten) Artikel:
„So muss ich fallen in des Feindes Hand“.
Wenn das noch nicht genug ist, gibt es ein letztes Argument gegen die Verwendung des Genitivs:
Die Deutschen erkennen den Genitiv als eine Form der korrekten Schriftsprache.
Denjenigen, der mit GEN spricht, halten sie für arrogant.
GEN und die zahlreichen Präpositionen mit GEN haben nämlich einen entscheidenden Vorteil.
Sie verschaffen den Sprecher:innen einen kleinen sprachlichen Vorsprung
und manipulieren sehr subtil das Verhalten der Hörer:innen. Diese Manipulation sieht in etwa so aus:
Meine Sprache ist besser als deine Sprache.
Mein Bildungsniveau ist höher als dein Bildungsniveau.
Ich kenne Dinge, die du nicht kennst.
Im Kopf der Hörer:innen entsteht infolge des Genitivs eine kleine Irritation,
die sie unsicher werden lässt.
Die Unsicherheit hemmt die Aktivitäten der Hörer:innen,
wegen der Hemmungen vergrößert sich der Spielraum der B2-Sprecher:innen.
110
Die absolute Spitze erreichen Sie,
wenn Sie ohne mit der Wimper zu zucken „Wegen meiner“ aussprechen können:
Wegen meiner können wir mit dem Arzt-Arzt-Gespräch fortfahren.
Ich freue mich darauf, dass ich die Implikationen dieses Falls mit Ihnen diskutieren darf.
Wegen meiner können wir ins Kino gehen.
So ein Schmuckstück wie die Präpositionen mit GEN fällt Ihnen nicht in den Schoß.
Sie müssen diese Sprechweise hart trainieren. Als Trainingsmethoden eignen sich:
Die 200-Sätze-Methode einsetzen
Alleine vor dem Spiegel sprechen und versuchen, dabei nicht zu lachen
Mit einer Freundin trainieren
Mit der Videofunktion des Handys arbeiten.
Das ist die unangenehmste, aber auch die schnellste Methode.
Mit der schwäbischen Nachbarin sprechen (Schiller, Hölderlin, Uhland waren Schwaben!
Wer den schwäbischen Dialekt versteht, hat nur noch wenige Probleme im Deutschen.)
Face-to-face im online-Unterricht sprechen und dabei B2 erreichen und halten
In den Kontext gehen, Präpositionen mit GEN benutzen und die Reaktionen der Menschen
beobachten.
Last but not least: Eine Sammlung von Präpositionen mit GEN finden Sie unter
[Link]
Suchen Sie sich Ihre drei bis fünf Lieblings-Präpositionen mit GEN aus und trainieren Sie sie.
Das Aussprechen einer Präposition mit GEN dauert nur ein-zwei Sekunden.
Das Training dieser Art des Sprechens dauert nach meiner, GBs, Einschätzung
zwei bis drei Stunden, nicht länger.
Sobald Sie Ihre Lieblings-Präpositionen mit GEN in Ihrem Alltag einsetzen, ändert sich
ganz subtil Ihr Leben in Deutschland. Ihr Ansehen wird steigen. Diese Medaille hat zwei Seiten:
Arroganz und Distanz auf der einen Seite, Respekt und Unterstützung auf der anderen Seite.
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Die Methode „Hase und Igel“
Jede Prüfung, jeder Wettlauf, jedes Spiel rührt von einer Person oder eine Instanz,
die die Regeln für die Prüfung/ den Wettlauf/ das Spiel/ … festlegt.
Diese Person oder Instanz ist der Igel.
Der Igel legt die Regeln so fest, dass der Igel immer gewinnt.
Bei allen Sprachprüfungen ist klar, dass es diese Regeln gibt.
Es ist aber nicht immer klar, wer die Regeln mitbringt und setzt, wer der Igel ist.
In den Sprachprüfungen ist es möglich,
dass die Kandidat:innen die Igel-Rolle zeitweise einnehmen und wichtige Punkte sammeln.
Exkurs:
Wenn Sie in Ihrer Prüfung „Ick bün all hier“ sagen können, werden Sie Ihre Prüfer stark beeindrucken.
Wer einen Spruch aus den Grimmschen Märchen zitieren kann,
löst bei Deutschen eine Phantasie aus: Diese Person kennt alle Grimmschen Märchen.
Wer die Grimmschen Märchen kennt, kennt alles in der deutschen Kultur.
Suchen Sie mal „Rucke di guck“ oder „Spieglein, Spieglein“,
benutzen Sie diese Sprüche im Kontakt mit Deutschen und schauen Sie, was passiert.
Fazit:
Wenn ein „Igel“ die Prüfung betritt und die Struktur der Prüfung dreht,
bekommen die Prüfer:innen
schnell und
mühelos
detailliertere und
qualitativ bessere
Ergebnisse.
112
Die Prüfer:innen wissen, dass es sich hier um eine Manipulation handelt.
Da diese Manipulation sich allerdings im Zielkorridor der Prüfung befindet und
die Prüfung übererfüllt, gehen die Prüfer:innen diesen Weg mit.
Das ist die Hase-Igel-Struktur in Prüfungen.
113
Die Vorbereitung auf die Igel-Rolle
Welche "Nachteile" gibt es?
Das Verfahren, in die Igel-Rolle zu schlüpfen und die Führung der FSP/ des Gesprächs zu
übernehmen, erfordert eine Vorbereitung, eine Auswahl unter 40 Adressen, Mut und
Selbstbewusstsein (Das lässt sich trainieren).
Schlechte Prüfer:innen sind schockiert
(und lassen sich von den anderen Prüfer:innen überzeugen).
Welche Hindernisse gibt es auf dem Weg zur Igel-Struktur und wie überwinde ich sie?
Ich versuche zu verstehen. Der „Igel“ hat geschummelt, oder? Ja und Nein.
Der „Igel“ benutzt einen so genannten „lauteren Trick“.
Die Prüfer:innen wissen, dass es ein Trick ist, aber dieser Trick ist nicht in den Regularien
ausgeschlossen, man kann diesen Trick in der Prüfung benutzen.
Beispiel: Man darf in einer Prüfung nicht einen Spickzettel aus dem Ärmel ziehen und ihn
benutzen. Aber man darf in einer Prüfung die Aufsichtsperson um ein gestempeltes
Schmierpapier bitten und während der Prüfung einen Spickzettel schreiben. Der Stempel auf
dem Papier beweist, dass man den Spickzettel nicht von außen in die Prüfung getragen hat.
Wenn wir wissen, welche Punkte wichtiger sind,
können wir diese Punkte in der Prüfung bearbeiten.
Wenn wir wissen, in welche Richtung wir gehen müssen,
können wir schneller sein. (wenn, konditional, nicht sicher)
Weil ich die Punkte in die Prüfung trage, die ich bearbeiten möchte,
kann ich sie viel besser bearbeiten.
Weil ich die Richtung vorgebe, bin ich schneller. (weil, kausal, so gut wie sicher)
Wir sollen also eine Struktur für die FSP haben.
Für jeden Schritt dieser Prüfung sollen wir etwas im Kopf haben.
Egal, wie die Prüfung läuft, sollen wir mit den vorbereiteten Schritten/ Elementen/
Redemitteln/ ... antworten. Dann klingt es spontan und kenntnisreich.
Wenn ich meine Struktur vorbereitet habe, bleibe ich bei meiner Struktur.
Meine Struktur ist im Sinne der FSP die erfolgreichere Struktur.
Wenn wir etwas vorbereitet haben, ist niemand besser vorbereitet als wir.
Niemand weiß besser, was und wie wir es vorbereitet haben.
(GB: Wie lange haben Sie sich auf die FSP vorbereitet? 10 Jahre.
Wie lange haben sich die Prüfer auf die FSP vorbereitet? Eine halbe Minute bis
2-3 Stunden höchstens, meistens am gleichen Tag, am Tag der Prüfung)
Lächeln und von Anfang an mit Erfolg rechnen, ist möglich.
Aber das geht doch nicht, Herr Baur.
Man kann doch nicht 100% der Gesprächsführung an sich reißen!
Warum nicht? Wir können uns selbst zur FSP anmelden.
Wenn wir fühlen, dass wir zum Zeitpunkt x bereit sind,
können wir uns zum früheren Zeitpunkt y anmelden.
Zur richtigen Zeit werden wir im richtigen Zustand sein und die Prüfung bestehen.
Man kann doch nicht ...!
GB sagt: Ja, das ist korrekt.
Man kann das nicht.
Das ist unmöglich.
114
Das geht nicht.
Das geht nicht bis zu dem Tag, an dem Sie es tun.
Dann geht es doch.
Fühlen sich die Prüfer:innen verletzt, wenn jemand ihnen die Struktur aus der Hand nimmt?
Fühlen sie sich fremdbestimmt?
Nein, sie fühlen sich (in aller Regel) erleichtert und
bekommen ohne Mühe alle Infos, die sie erfragen wollten.
Werden alle meine Wünsche verwirklicht?
GB sagt: Ja, wenn du sie aussprichst.
Wenn du sagst,
was du willst,
bekommst du Unterstützung
von unerwarteter Seite.
Eine sprachliche Variante der Igel-Struktur benutzt tekamolo. Nach einer kleinen Manipulation stellt
der Prüfer die Frage, die der Kandidat beantworten kann. Dieser sprachliche Trick ist relativ einfach.
Die Biodeutschen ordnen ihre Informationen nach dem Muster tekamolo, das ist temporal-kausal-
modal-lokal oder Wann?-Warum?-Wie?-Wo? Wenn man diese Reihenfolge einhält, erscheint den
Deutschen alles normal, sie stellen danach keine Fragen. Wenn man diese Reihenfolge
durcheinanderwirbelt, ist der Satz grammatisch korrekt, er entspricht aber nicht den Erwartungen
der Deutschen. Sie stellen dann Fragen.
Beispiel tekamolo (Wann?-Warum?-Wie?-Wo?):
Nach dem Abhören der Lunge würde ich wegen der anhaltenden Atemnot mit einer Bronchoskopie
zum betroffenen Lungenabschnitt vordringen. (In dieser Reihenfolge der Informationen werden die
Prüfer keine Frage stellen.)
Beispiel mokatelo (Wie?-Warum?-Wann?-Wohin?):
Mit einer Bronchoskopie würde ich wegen der anhaltenden Atemnot nach dem Abhören der Lunge
zum betroffenen Lungenabschnitt vordringen. (In dieser Reihenfolge fällt den Prüfern subtil auf, dass
die Information „Wie? – Mit einer Bronchoskopie“ weit weg von der erwarteten Satzposition ist. Sie
werden das hinterfragen: Warum nicht mit einem CT? Wie können Sie so sicher sein?) Geschickt
eingesetzt, löst diese Igelstruktur aus, dass Sie Fragen erhalten, die Sie gut beantworten können.
115
Die Igel-Rolle in der Fachsprachenprüfung der Ärzt:innen
Ein ausländischer Facharzt teilt in der Fachsprachenprüfung (FSP) den Prüfer:innen detailliert
mit, welche Rahmenbedingungen für seinen Facharzt-Einsatz gelten müssen, damit er diese
Stelle antritt. Je enger er die Bedingungen setzt, desto klarer wird sein berufliches Zielgebiet.
Eine Prüferin gibt ihm noch während der FSP eine Visitenkarte, die ihn zur nächsten
Arbeitsstelle führt. Der ausländische Facharzt war in meinem, GBs, FSP-Vorbereitungskurs.
Ein ausländischer Allgemeinmediziner kümmert sich in der FSP konsequent um seinen
„Patienten“, er kümmert sich in keiner Weise um das Prüfungssetting.
Auf die Frage, ob er das Prüfungssetting kenne, antwortete er,
„Nein, und das ist auch nicht nötig“.
Indem er sich auf seinen „Patienten“, auf dessen Bedürfnisse und dessen optimale
Behandlung konzentriert, übererfüllt er völlig stressfrei und freundlich die Kriterien der FSP.
Der ärztliche Prüfer bietet ihm im Anschluss an die FSP eine Arbeitsstelle an.
Auf die abschließende Frage, warum er sich in der Fachsprachenprüfung so verhalten habe,
antwortete er lächelnd: „Ich wollte wissen, ob Ihr Prüfungssetting etwas taugt“.
In dieser FSP mimte ich, GB, den „Patienten“.
Eine komplexe Variante der Igel-Struktur skizziert die einzelnen Schritte der Prüfung im
„Rückwärtsgang“, vom erfolgreichen Ende zurück bis zum Beginn des Anamnesegesprächs.
Wenn diese Schritte komplett sind,
wird das Ganze aus seiner Form gestürzt und vom Beginn bis zum Ende durchgespielt.
Die Vorteile des „Rückwärtsgangs“ sind:
Das (erfolgreiche) Ende ist von Anfang an bekannt und bildet den Ziel- und
Orientierungspunkt;
Ich trainiere vom Ende her,
das bedeutet, das Ende trainiere ich 20 Mal, den Anfang nur 3-4 Mal.
Ich kann mich nicht „verirren“,
ich bleibe stets auf dem Kritischen Pfad, der mich zum Erfolg führt.
Jeder Schritt ist logisch, auch bei einer unklaren Symptomatik.
117
Die Ärzt:innen überraschen die Prüfer:innen positiv, wenn sie
im small talk große Teile der Prüfungskriterien erfüllen
(und damit ihre eigene FSP stark erleichtern:
Was im small talk geklärt wurde, wird in der FSP nicht mehr so hart geprüft)
präzise die Krankenhausabteilung/ die Bedingungen in der klinischen Praxis/ die angestrebte
Spezialisierung und das eigene Lernfeld/ ihr Forschungsinteresse benennen (In Deutschland
gilt die Regel: Je genauer und detaillierter ich meine Ziele formuliere, desto rascher und
passgenauer sind die Hilfestellungen, die ich erhalte. Je unklarer und unspezifischer ich
spreche, desto gleichgültiger und desinteressierter werden meine Ansprechpartner:innen.
Die Unterstützung wird dann nicht sehr groß sein, die FSP ist dann tendenziell härter.)
den Patienten in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen
rasch die Ziel- und Orientierungspunkte erreichen
gleichermaßen Umsicht und den Blick für Details sowie systematisches Arbeiten unter
Beweis stellen
den Standard kennen und begründet und gewinnbringend vom Standard abweichen.
Das sind die Gelegenheiten, bei denen die Ärzt:innen
in die Igelrolle schlüpfen,
die Mikrostruktur der FSP drehen,
den Fortgang des Gesprächs bestimmen und
ihren Erfolg sicherstellen.
Wer zum Beispiel eine B1-Sprachprüfung bestehen möchte, kann den acht Linien folgen,
die von dem Effekt „Prüfungen A1-C1 bestehen“ ausgehen.
Sie führen zu diesen acht sprachlichen oder grammatischen Mitteln:
Verbpositionen V2/VL
Automatische Sätze B2
B1-Marker, damit eine 70%-Chance erhalten
B2-Marker, damit eine 95%-Chance erhalten
Partikel, damit der Aussage eine emotionale Färbung verleihen und dezent und hochwirksam
manipulieren
Verben mit Präpositionen und Nomen-Verb-Gruppen
Phonetische Übungen vor dem Spiegel/ mit Videofunktion des Handys/ mit einer Freundin/
mit einer Phonetiklehrerin durchführen
Fachbegriffe, siehe den Download „A1-B2 Wortfamilien“
Wer bei seinen Gesprächspartner:innen Respekt auslösen möchte, kann drei Linien folgen:
Verben mit Präpositionen und Nomen-Verb-Gruppen
Verbposition V,V
Fachbegriffe, siehe den Download „A1-B2 Wortfamilien“
Abbildung 20 lässt sich auch von der anderen Seite her benutzen.
Wer zum Beispiel Automatische Sätze trainiert und konsequent im Alltag einsetzt,
erzielt folgende vier Effekte:
Vertrauen auslösen
Kommunikation spontan verbessern
118
Prüfungen A1-C1 bestehen
Verhalten manipulieren
Wer Endungen trainiert und Wiederholungsfehler bei den Endungen konsequent eliminiert,
erzielt sechs Effekte:
Emotionen auslösen
Phantasien auslösen
Verstehen beschleunigen
Verhalten manipulieren
Soziale Gruppen öffnen
Kooperation auslösen
Abbildung 20 gibt auch den Hinweis, welches sprachliche oder grammatische Mittel auf welchen
Sprachleveln einsetzbar ist. Das erleichtert es den Lernenden, den nächsten Lernschritt auszuwählen
bzw. passende Wiederholungs- oder Automatisierungsschleifen einzuplanen.
Was nach viel Arbeit aussieht, entpuppt sich im Lernprozess als massive Steigerung der Effizienz.
119
Verbpositionen
Vertrauen auslösen
V2/ VL A1-A2
Aussagen emotional
Partikel A1-C1
färben
Emotionen
Endungen A1-C1
auslösen
Verbposition
Verstehen beschleunigen
V,V B2-C1
Soziale Gruppen
Sprachvarietäten A2-C1
öffnen
Selbstwertgefühl
Phonetik A1-C1
steigern
Idiomatische
Verhalten manipulieren
Wendungen C1
Respekt
Fachbegriffe B2-C1
auslösen
Kooperation
auslösen
Komplexe Phantasien
auslösen
Nuancen präzise
ausdrücken
Abb. 20: alle kommunikativen Effekte, die das Lernen von Deutsch als Zweitsprache verstärken. Alle
körpersprachlichen oder sprachlichen Mittel, die die genannten kommunikativen Effekte auslösen.
Wird fortgesetzt
120