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Methodenbuch 1

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Günther Baur

Das Methodenbuch

Lautere Tricks,
mit denen Sie
(nicht nur)
Ihre Deutsch-Tests bestehen

1
Inhalt

Die lauteren Tricks ................................................................................................................................... 3


Lernverstärker ..................................................................................................................................... 5
Die sprachlichen Mittel ........................................................................................................................... 9
Die drei 100%-Regeln in Deutsch ........................................................................................................ 9
Die Verbpositionen V2 und VL .......................................................................................................... 10
Automatische Sätze (A1-C1) .............................................................................................................. 25
Alle Sprachprüfungen bestehen (A2-C1) ........................................................................................... 30
Partikel (A1-C1).................................................................................................................................. 32
Endungen (A1-C1).............................................................................................................................. 36
Verben mit Präpositionen und Nomen-Verb-Gruppen (B2-C1) ........................................................ 88
Verbposition V,V und B2-Satzbau mit Nachfeld (B2-C1) ................................................................... 90
Sofort positive Phantasien im Kopf der Biodeutschen auslösen....................................................... 94
Die 200-Sätze-Methode .................................................................................................................... 97
Angst und Scham beim Sprechen verkleinern................................................................................... 98
Deutsch B2 ausbauen ...................................................................................................................... 108
Die Methode „Hase und Igel“.......................................................................................................... 112
Wird fortgesetzt .............................................................................................................................. 120

2
Die lauteren Tricks
Herakles drückte bei der ersten Eroberung Trojas die Mauern ein,
sein Freund Telamon erstieg die Mauer und sprang als erster in die Stadt.
Nun galt aber der erste griechische Krieger, der die Stadt betrat, als der Eroberer der Stadt Troja.
Herakles war darüber so sehr erzürnt, dass er hinterhersprang, mit seinem Schwert ausholte und
seinen Freund Telamon erschlagen wollte.
Telamon spürte die drohende Gefahr hinter sich, bückte sich, sammelte einige Mauerreste ein und
schichtete sie auf. Herakles stutzte, hielt mit dem erhobenen Schwert kurz inne und fragte:
„Was tust du da?“
Telamon antwortete: „Ich erbaue für Herakles, den Eroberer der Stadt Troja, einen Altar.“
Herakles lächelte, senkte sein Schwert und ließ seinen Freund leben.

„Lauter“ ist ein nicht so oft gebrauchtes Adjektiv und bedeutet rein, pur, sauber, unvermischt.
Lauteres Gold ist 24 Karat Gold, 1000 von 1000 Anteilen sind Gold.

Ein lauterer Trick ist eine Aktion,


die eine Abkürzung darstellt oder das Verhalten manipuliert, aber akzeptiert wird.
Lautere Tricks werden von den Beteiligten erkannt und – oft mit einem hintersinnigen Schmunzeln –
positiv bewertet.
Wenn lautere Tricks Leben retten können, bewirken sie auch kleinere Wunder.

Diese lauteren Tricks funktionieren deswegen so gut, weil sie hochmanipulativ sind.
Die Deutschen benutzen diese sprachlichen Eigenheiten des Deutschen,
damit sie das Verhalten der anderen Deutschen manipulieren.

Die andere Seite der Medaille sieht so aus:


Die Deutschen wollen manipuliert werden,
sie wollen sich in einer gegebenen Situation schnell orientieren und
sich adäquat und nutzbringend verhalten.
Wenn nun erwachsene Deutschlernende dieselben Manipulatoren benutzen,
fühlen sich die Deutschen spontan wohl und „gut aufgehoben“.
Sie erkennen mit einem Augenzwinkern den lauteren Trick und loben die Sprecher:innen.
Sie reagieren freundlich, respektvoll und kooperativ. Die Manipulation hat funktioniert.
Die Trennlinie zwischen lauteren und unlauteren Tricks verläuft dort,
wo die Prüfungsregularien etwas ausschließen bzw.
wo die Prüfer Verstöße ins Prüfungsprotokoll eintragen und
damit das Nichtbestehen der Prüfung begründen.

Umgekehrt gilt: Alles ist erlaubt, was die Prüfer bemerken und nicht ins Prüfungsprotokoll eintragen.
Dazu zählen auch die lauteren Tricks.

Ein unlauterer Trick ist ein offener Regelbruch, der nicht akzeptiert wird, beispielsweise das
Auftauchen von einem (mitgebrachten) Spickzettel während der Prüfung.
Ein solcher Trick führt direkt zum Eintrag ins Prüfungsprotokoll und zum Nichtbestehen.

3
Ein lauterer Trick liegt vor, wenn die Kandidatin sich während der Prüfung vom Prüfer ein
gestempeltes Schmierpapier geben lässt und den Spickzettel schreibt. Die Inhalte sind die gleichen,
der Stempel beweist, dass die Kandidatin diese Informationen innerhalb der Prüfungszeit schrieb.
Ein solcher Trick wird nicht im Prüfungsprotokoll notiert,
die Prüfung läuft (mit diesem Hilfsmittel) weiter.

Lautere Tricks werden von Chefs begrüßt, sie freuen sich darüber, weil sie sagen:
Wer solche Tricks beherrscht, kann meine Kunden besser bedienen und
die betrieblichen Abläufe besser steuern. Solche Leute suche ich.
Diese Tricks funktionieren in Sprachprüfungen ebenso wie an allen anderen Orten. Die Prüfer wissen,
dass es Tricks sind, und geben Punkte, weil diese Tricks die Probleme lösen, bevor sie groß werden.
Diese Tricks sind von den Prüfungsregularien nicht ausgeschlossen.

Zu den lauteren Tricks zählen darüber hinaus:


 die Augenbraue beim Sprechen hochziehen und damit eine Aussage massiv unterstreichen;
 das Erklären eines Wortes mit einer Wortfamilie. Es vermittelt dem Prüfer ein gutes Gefühl:
Die Deutschkenntnisse sind profund, das Sprechen ist flüssig.
 Alle kommunikativen Modelle auf [Link]

Alle Prüfer wissen, dass es ein Trick ist.


Alle Prüfer überlegen, ob dieser Trick verboten ist.
Alle Prüfer kommen zu dem Schluss, dass dieser Trick in dieser Prüfungssituation erlaubt ist.
Alle Prüfer überlegen, ob sie dem Trick folgen und dem Kandidaten helfen. Viele Prüfer machen das.
Weil die Kandidaten die lauteren Tricks benutzen, bekommen sie Punkte in der Prüfung.
Im Kopf des Prüfers entsteht die Wahrnehmung und die Annahme: Die Kandidatin kennt diesen Trick.
Weil sie den Trick kennt und im Stress benutzt,
kann sie auch reale Situationen im Alltag und im Beruf gut bewältigen.

4
Lernverstärker
Abbildung 1 zeigt die Effekte, die ein Sprecher/ eine Sprecherin erzielen möchte und die seinen
Lernprozess positiv rückkoppeln und verstärken.

Vertrauen auslösen

Kommunikation spontan
verbessern

Prüfungen A1-C1
bestehen

Aussagen
emotional färben

Emotionen
auslösen

Phantasien
auslösen

Verstehen
beschleunigen

Soziale Gruppen
öffnen

Selbstwertgefühl
steigern

Verhalten
manipulieren

Respekt
auslösen

Als beruflicher Profi


erscheinen

Kooperation
auslösen

Komplexe Phantasien
auslösen

Nuancen
präzise ausdrücken
Abb. 1: Alle kommunikativen Effekte, die das Lernen von Deutsch als Zweitsprache verstärken.
5
Wer Biodeutsche anspricht und diese kommunikativen Effekte während des Lernprozesses auslöst,
erhält die Unterstützung der Biodeutschen. Die Frage ist also, welche körpersprachlichen oder
sprachlichen Mittel dazu geeignet sind, dass sie diese Effekte auslösen.

Es gibt natürlich zahllose andere kommunikative Effekte.


Die hier vorgestellten Effekte schafften es in die Auswahl,
weil sie das Erlernen von Deutsch als Zweitsprache massiv unterstützen.

Wenn ich in meinen Kontakten mit Biodeutschen einen dieser Effekte erziele,
erhalte ich automatisch weitere Unterstützung in meinem Lernprozess.
Die Biodeutschen nehmen den Effekt wahr,
freuen sich und aktivieren die Spiegelneuronen (Emotion),
werden neugierig (positive Phantasie) und
setzen die Kommunikation fort (Verhalten).
Wenn ich eines der vorgestellten sprachlichen Mittel in meinen Kontakten benutze,
erreiche ich (fast) automatisch den gewünschten kommunikativen Effekt.
Diese Abläufe sind sekundenschnell.

Es ist diese doppelte Rückkopplung und Verstärkung, die diese Auswahl begründet.
Je öfter diese Rückkopplung in den Kontakten mit Biodeutschen stattfindet,
desto einfacher und eleganter wird das Erlernen von Deutsch als Zweitsprache.

Das Vertrauen-Auslösen hat einen sehr angenehmen Effekt:


Die Biodeutschen sprechen mit mir weiter, interessieren sich für meine Beiträge, haben Nachfragen
und helfen mir bei Problemen.

Die Kommunikation spontan zu verbessern, ist eine hohe Kunst.


Damit gelingt es mir, dass ich meine Unsicherheiten überspiele,
die Unterstützung meiner Gesprächspartner:innen bekomme und
mehr Redezeit erhalte.

Die Prüfungen A1-C1 zu bestehen, ist das vordergründige Ziel. Deutsch soll einfach zu lernen sein.
Nachhaltigkeit und Abkürzungen schließen sich nicht gegenseitig aus.
Es sind die Geschichten, die Rätsel, die Quereinstiege, die Eselsbrücken,
die sich stärker einprägen und ein Leben lang halten.

Die Aussagen emotional zu färben, ist eine Vorstufe von Emotionen auslösen.
Der Effekt tritt ein, weil die eingesetzten sprachlichen Mittel die Spiegelneuronen aktivieren.
Die Emotionen unterlaufen die rationale Betrachtung des Vorgangs. Das macht sie so wirkmächtig.

Das Verstehen-Beschleunigen steht damit unmittelbar in Zusammenhang.


Die ausgelösten Phantasien bringen die Gedanken des Hörers dazu,
dass er sich in seinem Kopf vorstellt, wie der vom Sprecher gesprochene Satz weitergeht und endet.
Der Hörer versucht also, „in die Zukunft zu schauen“ und seine Phantasien so auszurichten,
dass sie das Noch-nicht-Ausgesprochene erfassen.
Im Idealfall kann der Hörer den Satz des Sprechers zu Ende sprechen.
6
Soziale Gruppen öffnen zu können, klingt wie Zauberei.
Es ist möglich, wenn ich weiß, wie ich die Menschen ansprechen kann.

Die andere Seite sieht so aus: Die Biodeutschen sitzen in ihrer sozialen Gruppe, nehmen mich wahr
und haben noch nicht entschieden, ob sie mich in ihre soziale Gruppe aufnehmen wollen.
Das Vertrauen ist noch nicht da, die Tür ist noch verschlossen.
In dieser Situation hören sie, wie ich ein Element ausspreche,
das nur Menschen ihrer eigenen sozialen Gruppe kennen.
Dieses Hören löst in Zehntelsekunden
eine Kaskade von inneren und äußerlich wahrnehmbaren Reaktionen aus:
 Wahrnehmung:
Diese Person spricht ein Element aus, das nur Menschen aus meiner sozialen Gruppe kennen.
 Überraschung:
Das ist nicht möglich.
 Anerkennung:
Sie muss gute Freunde haben. Jemand hat unsere soziale Gruppe für sie geöffnet.
Sie muss etwas an sich haben, das das Öffnen der sozialen Gruppe rechtfertigt.
 Freude:
Ich freue mich sehr. Diese Person kennt und respektiert meine Kultur.
 Selbstkritik:
Ich habe diese Person in meiner ersten Analyse unterschätzt.
Diesen Fehler mache ich nicht noch einmal.
 Vertrauen:
Ich vertraue dieser Person. Ich weiß, dass sie mich versteht.
 Freundlichkeit:
Die bisherige Reserviertheit und Abwehrhaltung sind wie weggeblasen.
Ich zeige dieser Person meine warme, menschliche, verletzbare Seite.
 Zusammenarbeit:
Ab jetzt kooperiere ich mit dieser Person und führe sie weiter in meine soziale Gruppe ein.
Ich vermittle weitere Kontakte und zeige ihr Tipps und Tricks, die hier wichtig sind.
Im Film „Lawrence von Arabien“ visualisiert die sich entwickelnde Beziehung zwischen Lawrence und
Auda Abu Tayi, gespielt von Anthony Quinn, welche Stufen eine solche Kaskade nimmt: von der
anfänglichen Reserviertheit bis zur vollständigen Kooperation.

Das Selbstwertgefühl zu steigern, ist das eigentliche Ziel. Die Dinge werden leicht,
wenn ich mir einen hohen Wert beimesse und Erfolg für selbstverständlich erachte.

Verhalten zu manipulieren, ist eine harte Formulierung. Sie drückt die eine Seite aus,
bei der/ die Sprechende gezielt Effekte in den Hörer:innen auslösen möchte und auslösen wird.
Es gibt aber auch die andere Seite,
das Manipuliert-werden-Wollen, das Zusammenpassen-Wollen, das von den Hörer:innen ausgeht.
Die Manipulation findet ihren Weg, weil die Tür nur angelehnt ist,
weil die tiefere Zustimmung zum Manipuliert-Werden
die Zusammenarbeit ermöglicht und einfordert.

7
Die Fähigkeit, Respekt auszulösen, hebt die Menschen auf eine Stufe. Wer eine neue Sprache lernt,
braucht den Respekt und das Entgegenkommen der Menschen wie die Luft zum Atmen.

Als beruflicher Profi zu erscheinen, verstärkt die bereits genannten Effekte.


Dieser kommunikative Effekt lässt sich in wenigen Minuten herbeiführen.
Ich brauche dafür nur zwei Zutaten, die allerdings gut vorbereitet sein wollen.

Kooperation auszulösen, ist das Ziel in der Arbeitswelt.

Wenn ich komplexe Phantasien auslösen möchte,


muss ich enge Kontakte pflegen und starke (persönliche und kulturelle) Verbindungen eingehen.
Die Belohnung dafür ist ein kurzer Weg zur Erfüllung meiner Wünsche.

Nuancen präzise ausdrücken zu können, ist ein hohes sprachliches Vermögen. Sie ist eine
Voraussetzung für die Eleganz, mit der ich Deutsch als meine zweite Sprache benutze.

8
Die sprachlichen Mittel

Die drei 100%-Regeln in Deutsch

Deutsch ist super einfach. Es gibt nur drei Regeln. Diese drei Regeln sind fundamental.
1. Die Verbpositionen haben drei Funktionen.
Sie lösen großes Vertrauen,
Respekt und
geduldiges Zuhören, Zuende-Sprechen-Lassen aus.
2. Die Artikelendungen haben sechs Funktionen.
Sie lösen Emotionen,
Phantasien,
schnelleres Verstehen,
ein verändertes Verhalten,
das Öffnen der sozialen Gruppe und
emotional verbindliche Kooperation aus.
3. Die Verben mit Präpositionen (und die Nomen-Verb-Gruppen) haben drei Funktionen.
Sie lösen Respekt,
eine spezielle Phantasie – die Sprecher:innen gelten als Profis im Beruf – und
spontan kooperatives Verhalten aus.
Das Gute an diesen drei Regeln ist: sie gelten 100%, es gibt keine Ausnahmen.

Das Schlechte an ihnen ist: die anderen ca. 7.000 lebenden Sprachen kennen diese Regeln nicht.
Was auf Deutsch einfach klingt und gut funktioniert,
klingt in allen anderen Sprachen ungewohnt.
Die drei Regeln sind einfach und hochfunktional, aber ungewohnt.

Wer die Funktionen in Deutsch sucht, versteht und benutzt, lernt Deutsch sehr schnell.
Deutsch ist funktional.

Wer die Logik oder das System in Deutsch oder


die Parallelen zwischen Deutsch und der eigenen Muttersprache sucht, lernt Deutsch nur langsam.
Deutsch ist nicht logisch oder systematisch. Deutsch ist nicht wie die anderen 5.000 Sprachen.

Wer deutsche Wörter oder auf Deutsch ausgedrückte Zusammenhänge in die eigene Muttersprache
übersetzt, verliert die Funktionen aus den Augen.
99% erscheinen dann schwierig und ungewohnt.
Das Lernen von Deutsch wird dann lange, langsam, mit vielen Fehlern behaftet und
– von Sprachlevel zu Sprachlevel – immer schwieriger.

Der grundlegende Tipp lautet also:


 Schalten Sie das Licht/ die Muttersprache aus.
 Der Schock dauert nur einen Augenblick. Huch! Jetzt sehe/ verstehe ich ja gar nichts mehr!
 Zwei Minuten später sehen die Augen die Umrisse im Halbdunkel/ versteht das Denken die
ersten Signale der Funktionen in den Kontakten mit den Biodeutschen.
 Probieren Sie die Funktionen aus, ertasten Sie die Vorteile der Funktionen.
Mit diesem Lernprozess und einigen Tricks erreichen Sie Deutsch C1 in 13 Monaten.
Erleben Sie von Anfang an die Warmherzigkeit und die Kooperation der Biodeutschen.

9
Die Verbpositionen V2 und VL

Die Verbposition V2 (A1-A2)


Die Verbpositionen V2 und VL führen zu fünf erwünschten kommunikativen Effekten:
 Vertrauen auslösen
 Kommunikation spontan verbessern
 Prüfungen A1 bis C1 bestehen
 Verstehen beschleunigen. Die Aktion ist auf Position 2, am Anfang vom Satz.
Beim Lesen von Romanen lässt sich dieser letzte Effekt besonders deutlich aufzeigen.
Die Schnellleser:innen verbinden die Verben auf V2 – meist in Präteritum –
zu einem Aktionsstrom, der sich zu einem „Film im Kopf“ fügt.
viele Menschen haben ein Gefühl der Enttäuschung,
wenn sie dann ins Kino gehen und sich die Verfilmung des Romans anschauen.
Der „Film im Kopf“ ist besser als der Film auf der Leinwand.
 Verhalten manipulieren

Die Regel im Deutschen ist denkbar einfach:


Das Verb steht im Hauptsatz immer auf der zweiten Position
(Verb zweite Position oder – abgekürzt V2).

Das Problem dieser Regel ist,


dass es ca. 7.000 Sprachen weltweit gibt,
siehe dazu [Link]
aber nur acht Sprachen benutzen die Regel V2.

Es gibt nicht viele Sprachen, die V2-Sprachen sind, siehe dazu [Link]
Stellung:
 Deutsch
 Niederländisch
 Estnisch
 Bretonisch

Außerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie wären zu nennen:


 Karitiana, eine brasilianische Indianersprache
 Tohono O´Odham, eine nordamerikanische Indianersprache
 Taiof, eine (noch wenig erforschte) Sprache auf Papua-Neuguinea
 Babatana (Sisiqa), eine Sprache auf den Salomonen.

Diese Liste ist kurz und zeigt:


Die meisten Menschen, die als Erwachsene Deutsch lernen,
sind nicht mit einer dieser V2-Sprachen aufgewachsen. Das bedeutet,
die meisten Menschen, die als Erwachsene Deutsch lernen,
empfinden die grammatische Struktur Verb Position 2 (V2) als ungewöhnlich.

Einen Moment noch: Ist das Verb im Deutschen immer auf Position 2? Zu 100%?
An diesem Punkt gibt es einen Streit zwischen mir, Günther Baur, auf der einen Seite
und vielen Deutschlehrer:innen sowie den meisten gängigen Lehrwerken auf der anderen Seite.

10
Meine Argumente in diesem Streit sind:
Verb
Satzart 1. Position 2. Position
Hauptsatz: Ich gehe zu einer Party.
W-Frage: Wann gehst du zu der Party?
Ja-Nein-Frage: Gehst du auch zu der Party?
Du-Imperativ: Geh doch auch zu der Party!
Sie-Imperativ: Gehen Sie doch auch zu der Party!

Meine Kritiker:innen stimmen mit mir überein:


Im Hauptsatz und in der W-Frage steht das Verb auf der zweiten Position.

Bei der Ja-Nein-Frage behaupten meine Kritiker:innen, das Verb sei nicht auf Position 2.
Ich kann eine W-Frage in einen Nebensatz umformen. Beispiel:
Ich möchte wissen, wann du zu der Party gehst.
Ich kann eine Ja-Nein-Frage in einen Nebensatz umformen. Beispiel:
Ich möchte wissen, ob du zu der Party gehst.
Bei der W-Frage ist das W-Fragewort „Wann“ mit dem Nebensatzanfang „wann“ identisch.
Der Nebensatzanfang „ob“ ist also der Platzhalter für ein nicht vorhandenes W-Fragewort.
Wenn „ob“ ein Platzhalter ist,
dann gibt es auch einen Platz, auch dann,
wenn ich den Platz nicht sehen kann oder wenn er unbesetzt ist.
Über diese Argumentation komme ich zu der Vorstellung:
Position 1 ist in der Ja-Nein-Frage unbesetzt,
Position 2 zeigt das Verb.
Bei der Ja-Nein-Frage wird das nicht sichtbare Fragewort mit dem Nebensatzanfang „ob“ ersetzt.

Das bedeutet: Die Position 1 ist bei einer Ja-Nein-Frage vorhanden, aber leer.
Der Stuhl ist da, aber die Person ist nicht auf dem Stuhl.
Wenn Position 1 leer ist, führt das zu der Antwort Ja oder Nein.
Wenn Position 1 ein W-Fragewort hat, führt das zu einer detaillierten Antwort.
Mit dem Argument „Position1 ist leer“ verbleibt das Verb bei der Ja-Nein-Frage auf V2.

Verb
Satzart 1. Position 2. Position
Hauptsatz: Ich gehe zu einer Party.
W-Frage: Wann gehst du zu der Party?
Ja-Nein-Frage: Gehst du auch zu der Party?
Du-Imperativ: Geh doch auch zu der Party!
Sie-Imperativ: Gehen Sie doch auch zu der Party!

11
Beim Du-Imperativ behaupten meine Kritiker:innen, das Verb sei nicht auf Position 2.
Ich kann einen Imperativ in einen Du-Satz umformen. Beispiel:
Du gehst auf die Party!
Du nimmst einen Apfel!

In dieser Darstellung erscheint der Aspekt Imperativ


im Ausrufezeichen „!“,
in einer schwächeren Betonung des „Du“ und
in einer stärkeren, emphatischen Betonung des Verbs „gehst“ bzw. „nimmst“.
Der Imperativ entsteht dadurch, dass das „Du“ und auch die konjugierte Endung des Verbs „st“ auf
Null abgeschwächt und der (manchmal nicht reguläre) Verbstamm auf 120% emphatisch verstärkt
(und mit einem Schlag auf den Tisch oder mit einer grimmigen Mimik emotional unterstrichen) wird.

Verb
Satzart 1. Position 2. Position
Hauptsatz: Ich gehe zu einer Party.
W-Frage: Wann gehst du zu der Party?
Ja-Nein-Frage: Gehst du auch zu der Party?
Du-Imperativ: Du Gehst doch auch zu der Party!
Sie-Imperativ: Gehen Sie doch auch zu der Party!

Das auf 0% reduzierte „Du“ lässt Position 1 leer zurück,


das Verb (genauer: der Rumpf des konjugierten „Du-Verbs“) bleibt stabil auf Position 2.

Beim Sie-Imperativ lächeln meine Kritiker:innen sardonisch und behaupten:


Hier liegt eine Inversion vor. Das Verb steht nie und nimmer auf Position 2.

Hier muss ich weiter ausholen.


Es existierten zwei Imperative an den deutschen Fürstenhöfen,
 der menschenfeindliche, herabwürdigende Er-Imperativ
„Gehe er in die Küche und sei er fix wieder zurück“ und
 der menschenfreundliche, anerkennende Sie-Imperativ
„Gehen Sie in den Rittersaal und seien Sie willkommen“.
Diese Imperative sind Formulierungen im Konjunktiv I, das zeigen das noch vorhandene Konjunktiv-e
am Ende der Verben und auch die deutlichen Konjunktiv-Verbstämme bei den Ausnahmen (sei, habe,
werde, wisse, auch der fehlende Umlaut bei fahre, nehme etc.).

Die Debatte darüber, ob der Du-Imperativ mit -e oder ohne -e gebildet wird, ist im Kern eine Debatte
darüber, ob der Indikativ zugrundeliegt, also ob Umgangssprache benutzt wird
(du gehst => Geh!/ du nimmst => Nimm!),
oder ob der Konjunktiv I zugrundeliegt, also ob Hochsprache benutzt wird
(du gehest => Gehe!/ du nehmest => Nehme!).

In der heute gängigen Terminologie ausgedrückt:


Der Imperativ „Geh! Nimm!“ ist Umgangssprache, Deutsch A2.
Der Imperativ „Gehe! Nehme!“ ist Hochsprache, Deutsch C1.
Mit -e klingt vornehmer.

12
Die vermeintliche Inversion rührt daher,
dass die aristokratischen Sprecher:innen sich einer elliptischen Sprechweise bedienten.
Sie sprachen also einen mitgedachten, vorangestellten Nebensatz oder eine andere erklärende
Information nicht aus.

Den aristokratischen Sprecher:innen war dabei klar, dass der angesprochene Untergebene gar nicht
die sprachliche oder grammatische Kenntnis der höfischen Hochsprache hatte.
„[Wie ich bereits sagte,] gehe er in die Küche und sei er fix wieder zurück.“
Der angesprochene Untergebene konnte also nur ungefähr verstehen, was dieser Satz bedeutete.
Daraus resultierte die menschenverachtende, distanzierende, entmenschlichende Komponente des
Er-Imperativs. Der Er-Imperativ verschwand, als die Demokratisierung in Deutschland einsetzte.

Den aristokratischen Sprecher:innen war ebenso klar, dass der angesprochene, gleichrangige Adelige
die höfische Hochsprache inklusive Ellipse und Konjunktiv I kannte. Der andere Adelige konnte sehr
präzise verstehen, welche Wertschätzung sich aus diesen Worten ergab.
Die rekonstruierte Formulierung sieht so aus:
„[Meinem Wunsch gemäß] Gehen Sie in den Rittersaal und seien Sie willkommen.“
Aus diesem Mitwissen und Verstehen-Können ergibt sich
die menschenfreundliche, anerkennende, respektvolle Komponente des Sie-Imperativs.
Der Sie-Imperativ überlebte die Demokratisierung in Deutschland und
gilt heute als die respektvolle Variante.

Für unsere Betrachtung hier ist wichtig, dass auch beim Sie-Imperativ die Position 1 leer ist.

Verb
Satzart 1. Position 2. Position
Hauptsatz: Ich gehe zu einer Party.
W-Frage: Wann gehst du zu der Party?
Ja-Nein-Frage: Gehst du auch zu der Party?
Du-Imperativ: Geh doch auch zu der Party!
Sie-Imperativ: Gehen Sie doch auch zu der Party!

Nun kann ich nicht abschätzen, wie lange meine Kritiker:innen brauchen,
bis sie mich mit guten Argumenten eines Besseren belehren oder
bis sie die Stichhaltigkeit meiner Argumente nachvollziehen und übernehmen können und
bis alle Lehrwerke V2 als 100%-Regel darstellen.

Position 1 kann
 aus einem Wort bestehen,
 aus einer Information mit mehreren Worten bestehen,
 aus einem vorangestellten Nebensatz bestehen oder
 leer sein.

Für die Deutschlerner:innen ist wichtig:


Mit der Vorstellung,
dass Position 1 bei der Ja-Nein-Frage, beim Du-Imperativ und beim Sie-Imperativ leer ist,
wird V2 zu einer 100%-Regel.
Diese Regel macht das Erlernen und Sprechen von Deutsch strukturell sehr einfach.

13
Eine andere Darstellung ist das Karussell.
Zeichnung © Hernan Bonet

Wichtige Info Verb andere Informationen

Heute Nachmittag fahre ich mit dem Bus in die Schule.

Wann? Wer? Wie? Wohin?

Auf der II. Position steht das Verb.


Am Verb hängen die anderen Informationen.
Auf der ersten Position steht die wichtige Information.
Der Sprecher entscheidet,
was er als wichtige Information an den Anfang stellen möchte.
Auf der dritten (und vierten, fünften, …) Position stehen
die anderen Informationen.
Die Deutschen zählen Informationen, nicht Wörter.

14
Zeichnung © Hernan Bonet

Wichtige Info Verb andere Informationen

Heute Nachmittag fahre ich mit dem Bus in die Schule.

Mit dem Bus fahre ich heute Nachmittag in die Schule.

Ich fahre heute Nachmittag mit dem Bus in die Schule.

In die Schule fahre ich heute Nachmittag mit dem Bus.

Der Sprecher kann die Informationen tauschen.

Man kann alle Informationen tauschen, aber nicht das Verb!

15
Zeichnung © Hernan Bonet

Ich heute Nachmittag fahre mit dem Bus in die Schule.

Wenn das Verb nicht auf der zweiten Position ist,


haben die Deutschen ein Gefühl von Unsicherheit und Gefahr.
Sie fühlen, dass das Karussell falsch konstruiert ist und nicht lange funktionieren wird.
Sie haben den Impuls,
dass sie „ihr Kind aus dem Karussell herausholen“ wollen.
Dieser Impuls ist meistens nicht sprachlich fixiert,
er ist meistens nicht bewusst, und er ist sehr stark.
Sie stoppen die Kommunikation mit der Person,
die das Verb auf die falsche Position setzt
(=die das Kind in ein kaputtes Karussell setzt).

Kommunikation soll Spaß machen und Nutzen bringen.


Ein Karussell soll Spaß machen und gute Laune bringen.
Ein falsch konstruiertes Karussell ist sinnlos und gefährlich.
Ein Verb auf der falschen Position kann die verschiedenen Informationen nicht halten.
Die Deutschen schrecken vor diesen falsch konstruierten Sätzen zurück.

16
Die Verbposition VL (A1-A2)

Das Verb steht im Hauptsatz immer auf der zweiten Position (V2) und auf der letzten Position
(Verb letzte Position oder – abgekürzt VL),
wenn der Hauptsatz ein trennbares Verb bzw. zwei (oder mehr) Verben beinhaltet.

Zeichnung © Hernan Bonet

Ich muss in die Stadt gehen.


Die wichtige Information
Vorfeld (erste Position)

Zweite Position Verb

Letzte Position Verb


Informationen
Alle anderen
Mittelfeld

17
Der Elefant zeigt vier Positionen in einem Hauptsatz:

 Auf der ersten Position, beim Rüssel des Elefanten,


steht die wichtige Information:
Was möchte der Sprecher als Erstes zeigen?
 Auf der zweiten Position, dem Vorderbein des Elefanten,
steht das Verb.
Das Verb steht in Deutsch zu 100% auf der zweiten Position.

 Auf der dritten (und vierten, fünften, …) Position,


im Bauch des Elefanten,
sind alle anderen Informationen.
 Auf der letzten Position, dem Hinterbein des Elefanten,
steht das Verb.
Das andere Verb steht in Deutsch zu 100% auf der letzten Position.

18
Was passiert nach einem Fehler bei der Verbposition?
Foto © Pae

Der Elefant sieht sehr schön aus.

Die Biodeutschen sehen dieses Tier, wenn Sie setzen das Verb auf eine falsche Position:

Foto © Pae

Deutschsprachige Kinder reagieren stark, wenn es gibt Fehler bei V2/VL:

 Kind, 2 Jahre alt: Du DARFST so nicht sprechen!!!!!


 Kind, 3 Jahre alt: Mama, du bist dumm!
 Kind, 5 Jahre alt: Mama, du kannst kein Deutsch!
 Jugendliche, 16 Jahre alt: Mama, wenn meine Freundin mich besucht, bleibst du
bitte in der Küche und machst die Tür zu. Du sprichst bitte nicht Deutsch.
Ich möchte nicht, dass meine Freundin hört, wie du Deutsch sprichst. Das ist mir peinlich.

Verbpositionsfehler zerstören das Vertrauen, das sich schon entwickelt hat.


Das Kind ist dann emotional schockiert oder muss sich – als Jugendliche – fremdschämen.

19
Zeichnung © Hernan Bonet

Er brachte den Ring mit, nachdem er ihn beim Juwelier gesehen hat.

Alle
Verb Verb
Verben
II. letzte
Posi- Posi- Letzte
tion tion Position

Hauptsatz NSA Nebensatz

Die Regel VL funktioniert auch im Nebensatz.


Der Nebensatzanfang – weil/ wenn/ dass/ …. – gibt ein Signal:
alle Verben im Nebensatz gehen auf die letzte Position VL.

Die drei großen Vorteile dieser Sprechweise sind:


 Der Hörer muss aufmerksam zuhören, damit er das Verb nicht verpasst.
VL macht den Hörer geduldig, ruhig und respektvoll.
VL löst eine Spannung/ Erwartung/ Neugier/ Aufmerksamkeit beim Hörer aus.
Die Biodeutschen sprechen dann länger mit dem Sprecher, sie interessieren sich für seine
Person und geben ihm mehr Unterstützung und mehr Redezeit.
 Die korrekten Verbpositionen produzieren im Kopf des Hörers
ein großes Vertrauen zum Sprecher.
Das Gefühl ist, dieser Sprecher baut "stabile Brücken".
Der Hörer kann über „die stabile Brücke“ gehen und das Gespräch fortsetzen.
 Die Verbpositionen sind 100%-Regeln, es gibt keine Ausnahmen für diese Verbpositionen.
Das bedeutet, die Satzstruktur in Deutsch ist supereinfach: V2/ VL. Wenn der Sprecher diese
zwei Verbpositionen einhält und benutzt, hat er immer das Vertrauen der Deutschen.

20
Folgende Übung erleichtert es Ihnen, dass Sie die Vorteile von V2 und VL bekommen können.
Sie nehmen einen einfachen Satz und fügen immer mehr Informationen hinzu.
Dadurch verschiebt sich VL immer weiter nach hinten.

Ich habe mich konzentriert.


Ich habe mich gestern konzentriert.
Ich habe mich gestern sehr lang konzentriert.
Ich habe mich gestern sehr lang auf meine Hausaufgabe konzentriert.
Ich habe mich gestern sehr lang auf meine Hausaufgabe aus dem Deutschkurs konzentriert.
Ich habe mich gestern sehr lang auf meine Hausaufgabe aus dem Deutschkurs, die trennbaren
Verben zu lernen, konzentriert.
Ich habe mich gestern sehr lang auf meine Hausaufgabe aus dem Deutschkurs, die trennbaren
Verben zu lernen und auf dem Wochenmarkt zu benutzen, konzentriert.

Die Idee ist: ich kenne das Verb auf VL von Anfang an und "schiebe" es immer weiter nach hinten.
Diese Sprechweise klingt in den allermeisten Kulturen sehr ungewöhnlich.
Sie löst aber die oben genannten Vorteile in der Kommunikation mit Biodeutschen aus.

Ich lade dich ein.


Ich lade dich gerne ein.
Ich lade dich gerne zu meinem Geburtstag ein.
Ich lade dich gerne zu meinem Geburtstag am Samstag ein.

Dich lade ich gerne zu meinem Geburtstag am Samstag ein.


Gerne lade ich dich zu meinem Geburtstag am Samstag ein.
Zu meinem Geburtstag lade ich dich gerne am Samstag ein.

Mit dieser Übung schalte ich die Grammatik meiner Muttersprache aus und die deutsche Grammatik
wieder an.
V2 zerstört Subjekt Verb Objekt (SVO)!
 Ich tausche eine Information
aus dem Mittelfeld des Satzes (=aus dem Bereich hinter dem Verb)
in das Vorfeld (=Position 1) und
spreche dann systematisch V2.
Dabei achte ich darauf, dass die Information im Vorfeld immer länger wird.

21
Wie gewöhne ich mein Sprechen auf diese Regel?
 Jemand kann klatschen, wenn ich mein Verb nicht auf der zweiten Position spreche.
(Variation: Bei Verbpositionsfehler zwicken oder unter dem Tisch mit dem Schuh gegen das
Schienbein schlagen. Wenn ich ohne Hämatom/ ohne einen blauen Fleck nach Hause gehen
möchte, spreche ich lieber V2).
 Einen Satz zehnmal schreiben. Einen Satz zehnmal sprechen.
"Dann nehmen Sie die Schutzkappe ab.
Dann nehmen Sie die Schutzkappe ab.
Dann nehmen Sie ..."
Bis ich Hühneraugen auf der Zunge habe.
 Den Deutschen überall auf den Mund schauen (= genau zuhören).
 Radiosendungen hören (B2 korrekt hören),
Lehrvideos anschauen,
Präsentationen und Werbesendungen anschauen und auswendig mitsprechen
 Mit meinen Kindern Deutsch sprechen und sich gegenseitig V2 beibringen
 Kultfilme mitsprechen oder Lieblingslieder mitsingen
 Meinen Kindern sagen: Du darfst pfeifen, wenn ich das Verb nicht korrekt positioniere
 Eisenhart trainieren: Eine Information auf Position 1 stellen und dann versuchen, das Verb
anzuschließen.
Morgen gehe ich,
Morgen esse ich eine Pizza,
Gestern habe ich dich in der Stadt gesehen
 Mehr lesen (dann sehe ich, dass V2 immer eingehalten wird)
 Mehr hören
 Mehr mich selbst hören. Ich kann meine eigene Stimme mit der Videofunktion des Handys
aufnehmen und kontrollieren. Oh wie peinlich. Sofort löschen. Eine zweite (dritte, vierte,
fünfte), phonetisch und grammatisch korrekte Aufnahme aufzeichnen, bis alles perfekt ist.
Ohne die Tricks der erfolgreichen erwachsene C1-Lerner:innen dauert das einige Wochen.
Ähnlich: mit dem Spiegel, mit einer sehr geduldigen Freundin.
 Kombinierter Trick: Ich frage: Habe ich das richtig gesagt (begleitet mit einem verbindlichen
Augenaufschlag)?
 Ich spreche nur mit den Menschen, die ich mag.
Wenn ich die Menschen mag, fühlen Sie vielleicht auch,
dass ich sie mag, und unterstützen mich.
 Ich bin eine disziplinierte Lernerin. Auf der Straße kann ich nicht gut lernen, das ist mir zu
unstrukturiert. ich höre eine Formulierung: "Wenn es dir nichts ausmacht", Diese
Formulierung verstehe ich nicht und google das. Die Recherche bringt zuerst kein gutes
Ergebnis, ich verstehe den Sinn dieser Formulierung nicht. Jemand hat mir gesagt, diese
Wendung bedeutet ungefähr "Wenn es für dich nicht kompliziert ist".
 Radio ist eine fünfte Person bei uns zuhause. Ich lerne viel mit und aus dem Radio. Es gibt
gekochtes Wasser, kochendes Wasser und zu kochendes Wasser. Diese Unterschiede habe
ich aus dem Radio gelernt.
 Ein Papier auf den Laptop kleben: Wie sehen die Verbpositionen aus?

Ich trainiere die mündliche und schriftliche Selbstkorrektur von V2-Fehlern.


Diese Selbstkorrektur perfektioniere ich.
Dadurch finde ich rasch „hilfreiche Hände“.
Das sind Deutsche, die mir beim Sprechen weitere Tipps geben.

22
Beim Sprechen können Sie folgenden Trick verwenden:
Vorfeld Verb
(Position 1) (V2)
Gestern ich
Gestern kaufte ich …

Wenn Sie auf V2 ein anderes Wort als ein Nomen ausgesprochen haben,
sollten Sie (vor dem Aussprechen des Verbs!) stoppen,
den Satz von Anfang an neu beginnen und
V2 beim Weitersprechen einhalten.

Die Deutschen werden registrieren,


dass Sie einen Fehler vermeiden, bevor er entstanden ist.
Dieses Sprechverhalten gilt bei Deutschen als elegant.

Beim Schreiben können Sie folgenden Trick verwenden, „Kringel und Pfeil“:
Vorfeld Verb
(Position 1) (V2)

Gestern ich kaufte ein Auto.

Sie markieren das Verb und zeigen mit einem Pfeil, wohin sie das Verb schieben möchten.
Das geht schnell und wird von allen Prüfern akzeptiert.

Die Kombination Nebensatzanfang (NSA) + Subjekt Prädikat Objekt (SPO) existiert in Deutsch nicht.
SPO ist in Deutsch möglich (Ich gehe ins Kino, ich kaufe einen Regenschirm),
aber die wichtige Regel ist V2 (Heute gehe ich ins Kino. Einen Regenschirm kaufe ich).

Der Satz
Yesterday I bought a car
wird in Deutsch so ausgedrückt:
Gestern kaufte ich ein Auto.
Der Satz
Gestern ich kaufte ein Auto
ist in Deutsch falsch. Das „ich“ auf Position 2 ist kein Verb.

Hier spielt das Sprachgefühl aus der Muttersprache in das Sprechen des deutschen Satzes hinein.
Im Sprachgefühl aus der Muttersprache klingt die gewählte Satzstruktur stimmig und verständlich.
Dann versuchen wir mal die deutsche Grundstruktur mit englischen Worten:
Yesterday bought I a car
Wie klingt das für einen Englisch-Muttersprachler?
Ein bisschen Achtsamkeit für die 100%-Regel in der Satzstruktur der deutschen Sprache erleichtert
die Kommunikation mit den Biodeutschen erheblich.

23
Die Deutschen registrieren einen Verbpositionsfehler sofort.
Für die Deutschen ist ein Verbpositionsfehler keine Kleinigkeit.
Ein Nicht-Verb auf Position 2 löst bei Deutschen die Phantasie aus,
dass der Sprecher deutsche Sätze nicht konstruieren und
andere alltägliche Abläufe nicht bewältigen kann.
„V3“, also eine nicht korrekte Verbstellung, führt dazu,
dass die Deutschen das Vertrauen zum Sprecher verlieren.
Möglicherweise setzen sie den Kontakt zu ihm nicht fort.
Es ist wie Nicht-Kraftstoff im Tank eines Autos:
Ein Autofahrer, der eine andere Flüssigkeit als Kraftstoff tankt,
löst die Phantasie aus,
dass er auch andere Fehler im Umgang mit Autos begeht.

Warum fällt mir das Sprechen von V2 schwer?


 Ich kenne die Regel, aber beim Sprechen ist es aus dem Kopf, ich haben die Regel verloren
[und merke nicht, wie ich die Kommunikation lädiere].
 Wenn man immer V2 sprechen möchte, wird man beim Sprechen langsam.
 Ich habe das Gefühl, dass ich keine Grammatik kann, weil ich schnell spreche und nicht auf
die Regeln aufpasse.
 Ein Satz wie „Manchmal bei uns es ist ...“ erscheint mir logisch und richtig. Ich merke nicht,
dass das Verb hier auf Position 4 (V4) ist.

24
Automatische Sätze (A1-C1)

Automatische Sätze lösen fünf kommunikative Effekte aus:


 Vertrauen auslösen
 Kommunikation spontan verbessern
 Prüfungen A1 bis C1 bestehen
 Verhalten manipulieren
 Komplexe Phantasien auslösen

Automatische Sätze helfen mir, dass ich die Kommunikation mit Deutschen spontan verbessern und
die Sprachprüfungen bestehen kann. Wie geht das?
Ich lerne Sätze auswendig und spreche sie immer gleich.
Die Sätze passen immer in meinem Alltag. Die Sätze sind ein Zeichen an die anderen Menschen:
Welche Hilfen brauche ich beim Sprechen?
Die Menschen verstehen meine Sätze in meinem Alltag.
Dann helfen sie mir.
Am Anfang spreche ich 2 bis 3 Sekunden.
Dann kommt die Hilfe von dem anderen Menschen.
Mit der Hilfe kann ich noch einen Satz in meinem Alltag sprechen.
Meine Sprechzeit wird länger.
5 Sekunden, 10 Sekunden, 30 Sekunden.
Mein Ziel ist: viele Minuten Deutsch sprechen. Tipp: Ich benutze die automatischen Sätze zuerst
einige Wochen lang in meinem Alltag. Ich lerne ihre Wirkung kennen. Dann setze ich automatische
Sätze in der mündlichen Prüfung ein.

A1
Wie bitte? Ich verstehe nicht.
Bitte nochmal.
Bitte langsam. Nicht so schnell, bitte.
Mein Deutsch ist nicht so gut.
Was ist das?

Der Anti-Englisch-Trick
Viele Deutsche wechseln beim Sprechen in Englisch. Das ist nicht fair. Die Deutschen benutzen mich
als kostenlosen Englischlehrer. Mein Deutsch wird nicht besser. Wenn das geschieht, kann ich sagen:
Oh, Entschuldigung. Ich verstehe nicht. Welche Sprache sprechen Sie?
25
A2
Was bedeutet dieses Wort? Können Sie das Wort bitte erklären?
Wie schreibt man das? Können Sie das bitte buchstabieren?
Können Sie das bitte wiederholen? Was haben Sie gesagt?
Bitte lauter. Können Sie bitte lauter sprechen?
Können Sie bitte langsamer sprechen?
Mein Deutsch ist noch nicht so gut.
Wie sagt man ____________________ auf Deutsch?
(In die Lücke können Sie jedes Wort aus jeder Sprache einfügen.
Sie können auch auf die Sache zeigen. Die Deutschen werden Ihnen helfen.)
Entschuldigen Sie, bitte. Können Sie mir helfen?
Ich brauche _____________________.
Ich suche _____________________.
Wo kann ich ____________________ finden?
Ich bin fremd hier. Kennen Sie sich hier aus? Wissen Sie, wo ...?
Ich habe alles verstanden. Aber eine Frage habe ich noch: Welche ...? Wissen Sie, wann ...?
Ist es der oder die ...?
Mir fehlen die richtigen Worte. Ich weiß nicht, wie man das genau sagt.
Da geht mir jetzt das Licht aus.
Ich verstehe Ihren Dialekt nicht so gut. Können Sie das auch auf Deutsch sagen?
Ich weiß, dass Sie es eilig haben. Haben Sie trotzdem eine Minute Zeit für mich?
Hm, das ist eine interessante Frage.

Der Ehefrauen-Trick
Viele Menschen sprechen in der Familie ihre Muttersprache.
Es gibt viele gute Gründe dafür, aber auch zwei gute Gründe dagegen:
 Das Lernen von Deutsch dauert viel länger.
 Die Kinder reagieren mit negativen Emotionen auf das schlechte Deutsch ihrer Eltern.

Folgende automatische Sätze helfen in der Familie weiter:


 Liebling, ich verstehe dich nicht. Kannst du das bitte auch auf Deutsch sagen?
 Schatzi, du hilfst mir nicht, wenn du mit mir ... (Italienisch, Kurdisch, ...) sprichst.
In vier Wochen ist meine Deutschprüfung. Bitte sprich bis dahin Deutsch mit mir.
 Tut mir leid, mein ... (Italienisch, Kurdisch, ...) ist bis 22:00 Uhr kaputt.

26
Variante: halbautomatische Sätze
Halbautomatische Sätze sind standardisierte Satzanfänge, die ich im Kontext sinnvoll ergänze.
Sie sind extrem sinnvoll in Diskussionen und in schriftlichen Arbeiten.
Sie beschleunigen das Formulieren und machen die Deutschen ruhig und aufmerksam.
Sie geben mir Platz für meine Ideen.
Es lohnt sich, wenn ich vor einer wichtigen mündlichen oder schriftlichen Prüfung
solche Satzanfänge sammle und trainiere.
Entschuldigung, ist es richtig, wenn ich sage: ... ?
Ich bin mir nicht sicher, ob ...?
Das kann sein. Wir sollten aber auch ...
Verstehe ich Sie richtig? Sie sagen, ...
Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich etwas nicht richtig sage.
Das werden meine Leute nicht akzeptieren. Können wir ...?
Ich weiß nicht, was du genau meinst, aber ich denke, ...
Du hast recht, aber ...
Kennen Sie sich mit ... aus? Ich möchte ...

B1
Ich interessiere mich für ...
Ich benötige eine Auskunft. Ich suche ...
Haben Sie einen Tipp für mich? Ich möchte gerne ...
Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
Lassen Sie mich bitte kurz überlegen.
In welchem Kontext könnte das auftauchen?
Das habe ich schon mal gesehen. Das war in ...

B2
Sie lachen, aber im Ernst: die klügsten Leute zerbrechen sich darüber den Kopf.
Ich habe eine komplexe Idee, ich kann sie aber jetzt nicht aussprechen.
Die Grundidee lässt sich in einfachen Worten so formulieren: ...
Mein aktuelles Problem ist, dass mir das wording und die Nuancen in Deutsch fehlen.
Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, dass ... eine große Rolle spielt.
Ein Ansatz besteht darin, dass ...
Das ist aktuell ein wachsendes Problem.
Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht.
Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben.
Wie Sie hören, bin ich nicht bei allen DerDieDas sicher.
Ich würde mich freuen, wenn Sie mich dabei unterstützten.

27
Halbautomatische Sätze B2
Soweit ich das Thema verstanden habe, geht es doch um ...
Ich habe ja ein breites Kreuz, aber ...
Das finde ich nicht für diese Situation angemessen/ nicht stark genug/ zu dick aufgetragen. Wir
sollten ...
Das wäre gut. Wir sollten aber auch ... in Betracht ziehen.
Das könnten wir machen. Aber hast du auch an ... gedacht?
Das sehe ich anders/ nicht so/ genauso. Wir sollten ...
Ich halte das für ratsam/ eine gute Idee/ keine so gute Idee. Wir sollten auf jeden Fall auch ...
Meiner Meinung nach .../ Meiner Erfahrung nach ...
Wie würden Sie das formulieren, wenn ...

C1
Helfen Sie mir auf die Sprünge.
Das Wort liegt mir auf der Zunge.
Ich habe den Faden verloren.
Sie erwischen mich auf dem falschen Fuß.
Wir sollten nicht sofort die Flinte ins Korn werfen.
Ich habe auch kein Patentrezept, aber ...
Noch ist Polen nicht verloren. Wir können doch ...
Ich sehe noch kein Licht am Ende des Tunnels.
Da ist doch ein Licht am Ende des Tunnels.
Da liegt der Hase im Pfeffer (=Da ist das Problem, das wir bis jetzt nicht sehen konnten).
Ich bin mit meinem Latein am Ende.
Lassen Sie uns doch mal ... unter die Lupe nehmen.
Sie bringen mich auf eine Idee.
Wie bringen wir die Kuh vom Eis?

Noch ein bisschen Theorie gefällig?


Flüssig sprechen bedeutet, dass Sie weitersprechen können,
wenn Ihnen ein Wort oder eine Idee fehlt.
Automatische Sätze passen in vielen Situationen, auch im C1-Test Sprechen,
und verbessern schlagartig die Kommunikation.
Sie lösen aus, dass Sie die Initiative behalten.
Sie zeigen, dass Sie für kritische Situationen eine Strategie haben.
Sie zeigen, dass Sie auf jedem Level Redewendungen anwenden können.
Sie lösen (oft) aus, dass Ihr Gesprächspartner Sie beim Sprechen unterstützt.
Sie überbrücken peinliche Gesprächspausen.
Sie sind das Motoröl im Motor.

Personen, die mit automatischen Sätzen kommunizieren,


gelten bei den Deutschen als präzise und zeitsparend,
weil sie Fehler ausschließen, bevor sie entstehen.
Die Deutschen haben mehr Respekt vor diesen Personen und
helfen ihnen gerne, weil sie ebenfalls Fehler vermeiden wollen.
Höflichkeit spielt ebenfalls eine Rolle.
28
Weil die fragende Person höflich ist, wollen die antwortenden Deutschen nicht unhöflich erscheinen.
Last but not least: Warum sollte ich automatische Sätze in Prüfungen benutzen?
Die Prüfer kennen die Situation des Kandidaten und erkennen sofort den Trick:
Automatische Sätze sind Manipulationen.
Die zweijährige Pauline benutzte "Nochma" (=Bitte mach das nochmal),
wenn eine Aktion ihres Papas ihr Spaß gemacht hat.
"Nochma" ist ein elliptischer automatischer Satz.
Der Papa hat den Trick durchschaut - und die Aktion nochmal ausgeführt.

Sie benutzte "Auchma" (=Ich möchte das auch mal ausprobieren),


wenn sie etwas nachmachen wollte.
Alle Leute haben den Trick durchschaut - und Pauline hochgehoben,
damit sie an den Klingelknopf gelangen und ihn drücken konnte.

Die Prüfer bemerken, dass der Kandidat Tricks benutzt - und freuen sich,
dass der Kandidat die deutsche Kultur (auf dem Level C1: die akademische Kultur und die Metaphern)
kennt und sich situativ passend zu helfen weiß.
Wenn ich die Tricks der Kinder benutze, bestehe ich die Prüfung mit weniger Mühe.

Hier deutet sich ein noch nicht gehobener Schatz an.


Was passiert, wenn ich die automatischen Sätze für andere Sprachen finde und benutze?
Come si dice Brille in Italiano?
How can I say occhiali in English?
Viele Sprachlehrer verlören dann ihren Job, und das Wandern zwischen den Sprachen würde normal
werden. Diese Aufgabe kann jemand anderer übernehmen, ich bin nur Deutschlehrer und JobCoach.

29
Alle Sprachprüfungen bestehen (A2-C1)

Der einfachste lautere Trick ist, wenn die Kandidat:innen besser als erwartet sind.
Wer also den Erwartungshorizont seiner aktuellen Prüfung kennt und
die Erwartungen der nächsthöheren Prüfung teilweise erfüllt,
besteht seine aktuelle Prüfung.

Für Sprachtests in Deutsch als Zweitsprache bedeutet das:


Wer die Marker seines aktuellen Sprachlevels in seiner aktuellen Sprachprüfung benutzt,
hat eine Chance, die aktuelle Sprachprüfung zu bestehen.
Wer die Marker des nächsthöheren Sprachlevels in seiner aktuellen Sprachprüfung benutzt,
besteht die aktuelle Sprachprüfung garantiert.

A2-Marker: Verbpositionen V2 und VL korrekt sprechen


Nebensätze sprechen können
(nicht) trennbare Verben benutzen
Einfache, routinemäßige Situationen bewältigen
B1-Marker: Nomen mit ihren dazugehörigen Artikeln (erfragen und) benutzen können
Relativsätze benutzen können
Verben komplett konjugieren können
(Konjunktiv II Passiv Vergangenheit mit Modalverb:
Die Fenster hätten schon längst geputzt werden müssen)
Persönlich Relevantes beschreiben und erklären können
Im Sprachgebiet reisen und die meisten Situationen bewältigen können
B2-Marker: VerbKommaVerb sprechen können
Verben mit Präpositionen mühelos spontan korrekt sprechen können
Nomen-Verb-Gruppen mühelos spontan korrekt sprechen können
Komposita und Fachbegriffe (erfragen und) benutzen können
Attribute benutzen
Präpositionen mit GEN benutzen
Mit B2-Satzanfängen schnelleres Schreiben und Sprechen erreichen
C1-Marker: Partizipialkonstruktionen benutzen
Konjunktiv I benutzen
Idiomatische Wendungen benutzen
Fremdwörter benutzen, vorzugsweise
aus dem Lateinischen und Griechischen (Für Deutsche unbekannte Wortstämme)
oder aus dem Französischen (Für Deutsche ungewöhnliche Nasallaute)
C2-Marker: feine Bedeutungsnuancen einsetzen und deutlich machen
Konnotate von idiomatischen Wendungen kennen und nutzen
Den Gesprächspartner umfassend wahrnehmen und
die eigenen Beiträge auf das Auffassungsvermögen des Hörers abstimmen,
den logischen Aufbau des eigenen Beitrags auf den Hörer ausrichten,
adressatenbezogen und wirksam sprechen, so sprechen, dass der Hörer gut versteht

30
5% bis 10% der Prüflinge nutzen diesen lauteren Trick. Sie gehen zum Beispiel in eine B1-Prüfung und
benutzen mit voller Absicht Verben mit Präpositionen oder einige Fachbegriffe.
Die Prüfer realisieren das und denken:
„Diese Kandidatin/ Dieser Kandidat ist hier falsch.
Sie/ Er sollte ein Zimmer weiter gehen und die nächsthöhere Prüfung versuchen.
Diese B1-Prüfung ist jedenfalls bestanden.“

31
Partikel (A1-C1)
Das Sprechen von Partikeln löst vier erwünschte kommunikative Effekte aus:
 Prüfungen bestehen
 Die Aussagen emotional färben
 Emotionen auslösen und dadurch
 Verhalten manipulieren

Eine Erfolgsstory
Ein Arzt bestand eine Fachsprachprüfung (FSP) mit Fachbegriffen und Partikeln.
Auf die Frage, wo und wie er diese Sprechweise gelernt hatte, antwortete er, er habe diese
Sprechweise im Krankenhaus bei seiner Tätigkeit auf Grundlage der Berufserlaubnis gehört.
Er habe sich darüber gewundert, dass seine deutschen Kolleg:innen im beruflichen und privaten
Kontext anders sprachen, als die Sprachbücher das vorsahen.
Dieser Sache ging er nach und stieß dabei auf die Partikel.
In Pausengesprächen machte er die Erfahrung,
dass die Stimmung untereinander besser wurde, wenn er Partikel benutzte.
Von da an setzte er sie konsequent im Beruf ein,
auch bei Patient:innen, Chefärzt:innen und in der FSP.

Die Partikel folgen der Giga-Regel in der deutschen Phonetik:


Je kürzer, verschliffener und unauffälliger etwas ausgesprochen wird,
desto größer und wirkmächtiger ist der Effekt.

Funktion der Partikel


 Partikel sind eine Wortart. Sie sind ohne Endung.
 Partikel verändern den Inhalt des Satzes nicht.
Sie sind keine Informationen.
Man kann sie weglassen und der Inhalt des Satzes bleibt gleich.
 Sie transportieren verschiedene Emotionen, sie färben den Satz emotional.
Sie sind Manipulationen, sie sind die „Gewürze in der Suppe“.
 Sie haben einen Effekt: Sie verändern die Beziehung zwischen den
Gesprächspartner:innen, genauer gesagt: sie manipulieren das Verhalten des Hörers.
 Für Kinder bieten sie eine einfache Möglichkeit,
mit der sie ihre Eltern zu einer Handlung bewegen können.
 Sie erfordern vom Hörer eine Entscheidung:
Soll er der emotionalen Färbung, die die Partikel vorgeben, nachgeben und
der Absicht des Sprechers folgen?
Das wäre jetzt mit wenig Aufwand verbunden.
Oder soll er sich gegen die emotionale Färbung wehren und
seinen ursprünglichen Ansatz weiterverfolgen?
Das wäre jetzt mit größerem Aufwand verbunden.

32
Wo und wie lerne ich Partikel?
 Partikel sind eher Elemente des gesprochenen Deutsch. Sie werden „versteckt“
ausgesprochen, unauffällig, subtil, meistens unbetont, verschliffen und flüchtig.
 Ein Partikel fällt nicht auf,
als gehörtes Wort wird er oft „übersehen“ oder „vergessen“,
als „Verhaltensmanipulator“ entfaltet er seine ganze Kraft „im Windschatten“ der
anderen Satzteile.
 Partikel erscheinen nur dann in der Literatur,
wenn die mündliche Sprechweise exakt schriftlich wiedergegeben werden soll.
 Im Kindergarten. Kinder sind Weltmeister im Manipulieren.
 Zwischen Schulkindern
 Überall dort, wo Freunde sich unterhalten
 Zwischen Mann und Frau
 Bei mündlichen Anfragen/ Nachfragen
 Beim Kaufen und Verkaufen.
 Bei Kontakten unter Kollegen, besonders dann, wenn es um Arbeitsweisen geht.
 Bei Arbeitsanweisungen, wenn der Chef ein anderes Arbeitsverhalten haben möchte.
 Beim Bäcker
 An der Uni
 Beim Arzt
 Im JobCenter
 Bei Politiker-Interviews
 In der S-Bahn
 In ungefährlichen Situationen ausprobieren und die Effekte wahrnehmen

33
Effekte der Partikel
ja (Verstärker, 60%)
oft im Sinne von „Ich meine es ehrlich“
ziemlich Verstärker (80%)
bestimmt Verstärker (90%)
oft im Sinne von „Ich bin mir ganz (aber nicht 100%) sicher“
ungemein Verstärker (95%)
im Sinne von sehr, äußerst, ganz besonders
zutiefst Verstärker (100%),
oft im Sinne von „sehr“
allerdings Verstärker (100%)
oft im Sinne von „Das ist genau das, was ich erwarte“
aber Verstärker (100%)
oft im Sinne von „Das ist nicht das, was ich erwarte“
wirklich Verstärker 110%
doch Verstärker (120%, meist negativ)
bei Negationen: ein verstärktes Ja
bloß= nur Verstärker (200%) bei negativen Aussagen
Relativierer/ Kleinmacher bei positiven Aussagen
bitte einen Wunsch respektiert/ erfüllt bekommen wollen
(ursprünglich ein elliptischer Satz „[Ich] bitte [dich]“)
denn Freundlichkeit, Neugier
eigentlich Einschränkung, Relativierung
oft im Sinne von „Ich möchte das genau wissen“
einigermaßen Einschränkung, Relativierung
oft im Sinne von „ein bisschen weniger“
einmal/ mal nur kurz, keine Arbeit, keine Mühe
ganz schön innerhalb des Limits
halt eine nolens-volens-Zustimmung,
oft im Sinne von „auch wenn ich anderer Meinung bin“ oder
„auch wenn ich keine Lust darauf habe“
noch läuft weiter, ist jetzt oder später
ruhig ohne Probleme
schon jetzt fertig/ erledigt (Keine Diskussion)
wieder noch einmal, zum wiederholten Male
ruckzuck sehr schnell, ohne Verzögerung, stante pede

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Beispielsätze
ja Das ist ja lieb von dir.
ziemlich Es ist ziemlich spät geworden.
bestimmt Er ist bestimmt nach Hause gegangen.
ungemein Sie ist ungemein klug.
zutiefst Sie war zutiefst enttäuscht von seinem Verhalten.
aber Das ist aber teuer.
Der Hut steht Ihnen aber wirklich gut.
wirklich Wir müssen jetzt wirklich gehen.
doch Komm doch mit.
Mussten Sie liegenbleiben? Nein, ich konnte doch aufstehen.
Kommst du nicht mit? Doch, ich komme mit.
bloß= nur Der will bloß spielen.
Wir machen das nur zur Sicherheit.
bitte Kannst du bitte das Fenster schließen?
denn Wie heißt du denn?
eigentlich Was machst du da eigentlich?
Das ist eigentlich schon eine Frechheit von dem Autofahrer.
einigermaßen Trotz des Staus kam er einigermaßen pünktlich zum Vorstellungsgespräch.
einmal/ mal Komm mal zu mir.
ganz schön Die Wohnung ist ganz schön teuer.
halt Wenn Sie meinen, dann stehe ich halt auf.
noch Derf´s no ebbes sei?
ruhig Du kannst das ruhig machen.
schon Ich bin schon auf dem Schlossplatz.
wieder Das machst du nie mehr wieder, ist das klar?
ruckzuck Er ist ruckzuck nach Hause gefahren.

Kombinierte Partikel haben kombinierte Effekte


Beispielsätze
 Mama, gib mir doch bitte noch ein Eis.

Wie benutze ich Partikel in meiner Funktion als Ärztin/ Arzt?


Ich möchte Sie ja nicht bedrängen,
ich möchte Ihnen allerdings schon sagen,
dass Sie es sich nochmal in aller Ruhe überlegen sollten.
Vielleicht können Sie das alles mal mit einer Freundin besprechen.
Wer fällt Ihnen denn da ein?

35
Endungen (A1-C1)
Endungen haben sechs erwünschte kommunikative Effekte:
 Emotionen auslösen
 Phantasien auslösen
 Verstehen beschleunigen
 Soziale Gruppen öffnen
 Verhalten manipulieren
 Kooperation auslösen

Emotionen auslösen
Millionen von Einwanderer:innen erleben ihre deutschen Gesprächspartner:innen als kühl, reserviert,
abweisend, emotionslos – und zwar monate- und jahrelang.
Es drängt sich die Frage auf: Haben die Deutschen überhaupt Emotionen? Zum Glück, ja.
Wie kommt man an diese Emotionen heran?
Meine, GBs, Antwort lautet: Mit Tricks und Endungen.
Wenn man auf die Ebene der Nanogrammatik geht, wenn man die Effekte der Endungen in einem
„grammatischen Rasterelektronenmikroskop“ betrachtet, findet man miniaturisierte Emotionen.
Als erstes entstehen in den Hörer:innen Minigefühle wie
 ablehnend
 aufmerksam
 lustvoll
 neugierig
 …,
wenn die Sprecher:innen anfangen, Deutsch mit Endungen zu sprechen. Eine recht umfangreiche
Liste von Emotionen findet sich unter [Link]
Diese Minigefühle sind vorsprachlich, unterbewusst und äußerst wirksam.

Ein Trick, wie man aus emotionslosen, gleichgültigen Deutschen freudige, zugewandte Mitmenschen
machen kann, funktioniert so: Larita arbeitete als Kartenabreißerin im Stuttgarter Theater.
(Ihr richtiger Name ist mir, GB, bekannt.)
Alle Leute wussten, sie lernt gerade Deutsch B1, ihr Deutsch ist noch nicht so gut.
Aber sie hatte einen Trick. Wenn die Leute aus der Vorstellung kamen,
stand sie wieder an der Tür und verabschiedete die Besucher:innen mit einem Lächeln.
Niemand beachtete sie, die Leute wussten ja, dass sie kaum Deutsch sprach.
Bei jeder fünften Gruppe lächelte sie und sagte ein phonetisch perfektes „Guat´s Nächtle“.
Die Leute wachten schlagartig aus ihrer Emotionslosigkeit auf,
drehten sich zu ihr um, lächelten zurück und antworteten etwas.
Es war Laritas erste emotionale Kontaktaufnahme mit diesen verschlossenen Deutschen,
ein simpler Trick, aber dieser Trick half ihr,
dass sie Förderinnen und Förderer und finanzstarke Auftraggeber:innen für ihre künstlerische Arbeit
fand.

Das Leben der Migrant:innen ändert sich in dem Moment, in dem sie solche Tricks entwickeln,
positive Emotionen auslösen und den beidseitigen Kontakt zu den Biodeutschen herstellen.
Korrekte Phonetik und korrekte Endungen schaden dabei nicht.

Das „s“ in Guat´s Nächtle“ hat hier die Funktion eines Blinkers am Auto.
36
Indem Larita das „s“ phonetisch perfekt andeutet, ahnen die flüchtigen Hörer:innen schon,
dass hier eine Verniedlichung, ein Diminuativ, eine nette, kleine Sache folgen wird,
etwas mit Neutrum und etwas im Dialekt.
Das Nomen „Nächtle“ bestätigt die bereits begonnene Emotion: Larita denkt beim Abschied daran,
dass die Menschen in ihrer Umgebung eine angenehme Nacht verbringen.
Diese Bestätigung der bereits gestarteten Emotion löst die freundliche Reaktion
der (gerade noch anonymen, desinteressierten) Theaterbesucher:innen aus.

Mit dem einen „s“ in „Guat´s Nächtle“ ist es aber noch nicht getan.
Die Deutschen wollen stabile positive Emotionen, sie wollen Aufmerksamkeit und Verlässlichkeit.
Deshalb produzieren sie und beachten sie einen kontinuierlichen Strom von korrekten Endungen.
Nach meinem, GBs, Erleben gibt es eine Zahl 5,
mit der sich etwas bei den Deutschen in der emotionalen Verarbeitung der Endungen ändert.

Jede:r Autofahrer:in prüft jedes Blinklicht, das er sehen kann.


Jede:r Deutsche prüft jede Endung, die er hören kann.

EINE korrekte Endung kann auswendig gelernt oder zufällig richtig sein.
Das Gefühl der Deutschen ist: Vorsicht.
(Das emotionale Bild im Straßenverkehr: mein Kind fest an die Hand nehmen)
ZWEI korrekte Endungen können Zufall sein.
Das Gefühl ist: Wachsamkeit, erhöhte Aufmerksamkeit.
(Straßenverkehr: das Kind locker an die Hand nehmen)
DREI korrekte Endungen sind mit Glück erreichbar.
Das Gefühl ist: Ambivalenz, emotionale Unentschiedenheit.
(Straßenverkehr: dem Kind die neu auftauchenden Gefahren zeigen)
VIER korrekte Endungen sehen gut aus.
Die Deutschen kontrollieren das weiter. Das Gefühl ist: aufkeimende Hoffnung.
(Straßenverkehr: Das Kind zum Bus bringen,
es unter professionellen, kontrollierten Bedingungen loslassen)
FÜNF korrekte Endungen hintereinander lösen in Deutschen die bisherige Anspannung.
Das Gefühl ist: beginnendes Vertrauen. (Straßenverkehr: dem Kind den Schulweg zutrauen)
SECHS korrekte Endungen öffnen die soziale Gruppe.
Die Sprecherin/ der Sprecher wird als „Gleicher unter Gleichen“ behandelt.
Das Gefühl ist: Vertrauen. (Straßenverkehr: dem Kind ein Fahrrad/ ein Monatsticket kaufen)
ZEHN korrekte Endungen lösen komplexe Phantasien aus, die schneller als die gesprochenen Worte
sind. Der Hörer erschließt oder phantasiert das Ende des Satzes, bevor der Sprecher zu Ende
gesprochen hat. Das Gefühl ist: umfassende Harmonie. (Straßenverkehr: dem erwachsenen Kind den
Autoschlüssel geben.)

Ein Endungsfehler innerhalb der ersten fünf Endungen wirft die Emotion auf Null zurück.
Null bedeutet: die Deutschen werden gleichgültig, sie fühlen sich mit der Sprecherin/ dem Sprecher
unverbunden, sie unterbinden emotionale Regungen.
Je früher eine falsche Endung auftritt, desto stärker ist der Effekt auf die Emotionen.
Die Gesichtsmuskeln verlieren jede Tonalität,
die Gesichter der Deutschen werden ausdruckslos und verschlossen.
Das emotionale Verschließen ist ein Schutz vor emotionalen Enttäuschungen und Verletzungen.
37
In der Gleichgültigkeit annullieren sie die Beziehung so schnell wie möglich.
Hier liegt der Ursprung dafür, dass die meisten erwachsenen Deutschlerner:innen die Deutschen als
emotional kalt erleben. (Straßenverkehr: ich vertraue dir nicht das Leben meines Kindes an.)

Ein Endungsfehler bei der sechsten oder einer späteren Endung


löst bei den Deutschen Ärger und Aggression aus.
Sie haben schon Vertrauen entwickelt und fühlen sich unnötig gestört.
Ärger ist relativ besser als Gleichgültigkeit,
weil die Deutschen im Ärger den Kontakt noch aufrechterhalten und ausbauen wollen.
(Straßenverkehr: Streit und Klärung, danach vertraue ich dir das Leben meines Kindes wieder an.)

Sie werden jetzt sagen: fünf Endungen hintereinander korrekt sprechen? Das ist unmöglich!
Ich, GB, werde Ihnen daraufhin sagen: Ja, das ist unmöglich.
Aber es soll Autofahrer:innen geben, die fünfmal hintereinander korrekt blinken, bevor sie abbiegen.

(Nicht nur) Für Ärzt:innen und Apotheker:innen ist es medizinisch sinnvoll,


dass sie das Vertrauen ihrer Patient:innen und Kund:innen erwerben.
Diese emotionale Essenz ermöglicht, dass sich die Kund:innen auf die Behandlung emotional
einlassen und proaktiv an der Genesung mitwirken.
In diesem Sinne sind Endungen medizinische Hilfsmittel, die auf einer emotionalen Ebene wirken.
Wie ist das in Ihrem Beruf? Kommen Sie in Ihrem Beruf ohne Vertrauen aus?

38
Wie lerne ich, die Endungen automatisch korrekt zu sprechen?
Folgende Übung kann dabei hilfreich sein:
1. Eine Situation benennen
2. Mein Ziel benennen
3. Meine Emotion benennen
4. Meinen ersten Satz für diese Situation formulieren

Die Übung funktioniert folgendermaßen:


Ein Sprecher/ Eine Sprecherin nennt die persönliche Situation, die er/ sie bewältigen möchte.
Er/ Sie fasst ein Ziel ins Auge, das er/ sie in dieser Situation erreichen möchte.
Eine kleine Reflektion fördert die Emotionen zutage,
die er/ sie in dieser Situation empfindet.
Der erste Satz bildet den Eingang in diese gespielte Situation.
Die Emotionen bilden eine Verbindungslinie
zwischen den Menschen in dieser Situation,
zwischen den Menschen und den Objekten und
zwischen den Objekten in dieser Situation.
Entlang dieser Emotionen spricht der Sprecher/ die Sprecherin die Endungen mit,
die Endung drückt seine/ ihre Emotion zu diesem Menschen oder diesem Objekt aus.
Mittels der Spiegelneuronen löst er/ sie die dazu passenden Gefühle in den Hörer:innen aus.
Mit phonetischen Korrekturen werden die Sätze in dieser Situation geübt und automatisiert.
Am Ende wird die Sprechgeschwindigkeit erhöht,
bis Tonfall, Sprechmelodie und Emotion im Einklang sind.
Den Abschluss dieser Übung bildet die Frage:
Wie fühlte sich diese Sprechweise für den Sprecher/ die Sprecherin an?
Auf diese Weise lassen sich Endungen und Emotionen enger und bewusster aneinander anbinden,
auslösen, erleben und kommunikativ nutzbar machen.

39
Phantasien auslösen
Die Endungen von DerDieDas lösen beim Hörer kontrollierte Phantasien aus.
Diese Phantasien führen den Hörer immer näher an das kommunikative Ziel heran.
Dabei können die Phantasien sogar das gesprochene Wort “überholen”.
Der Hörer kennt das Ende des Satzes, bevor der Satz zu Ende gesprochen ist.
DerDieDas wirkt hier wie ein Bild von dem Ziel oder wie eine Wegbeschreibung.
Diese Effekte kann man sichtbar machen, indem man mitten im Satz das Sprechen stoppt.
Beispiel:
Aber ǁ Hier löst die Sprechpause eine Phantasie aus: Es gibt ein Problem, etwas ist widerspenstig, ein Gegensatz.

Aber Lea ǁ Erwartung: Jetzt muss ein Verb (oder ein Attribut, welche Lea genau?) kommen
Bestätigung: Das Verb ist da.
Aber Lea konnteǁ
Phantasie: Der Sprecher verdient, dass der Hörer ihm vertraut.

Erwartung: es muss ein Verb auf der letzten Position geben:

Aber Lea konnte nichtǁ Phantasie: Das vermutete Problem wird sichtbar, etwas funktioniert nicht
Erwartung: Jetzt kommt ein DAT.
Aber Lea konnte nicht mit ǁ
Phantasie: ein Objekt, eine Person

Aber Lea konnte nicht mit ihren ǁ Bestätigung: Der DAT ist da. Plural.
Sanft gelenkte Phantasie: Objekte, Personen.

Bestätigung: Personen.
Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ǁ
Erwartung: Was? Was konnte Lea nicht machen?

Phantasie 1: ein Ort, eine Institution mit Neutrum, z.B.


Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen insǁ
Haus, Parlament, Kino, Apartment, Mausoleum, …

Phantasie 2: Das zweite Verb zeigt eine Bewegung, z.B.

gehen, fahren, laufen, schwimmen, fliegen, …

Bestätigung, das ist ein Ort.


Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theaterǁ
Phantasie 1: Das Verb ist „gehen“.

Phantasie 2: Das ist am Abend, es gibt ein Ticket,

teure Kleider, viele Leute, ein hohes Sprachniveau

Bestätigung: Das Verb ist „gehen“.


Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehenǁ
Phantasie: du kannst dem Sprecher

vertrauen.

Verhalten: du kannst Neugier

entwickeln: Warum?

40
Überraschung: der Sprecher
Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehen wegenǁ
nennt eine Information mehr,

als er ursprünglich geplant hat.

Bestätigung: es gibt eine

Antwort auf meine neugierige

Frage: Warum?

Erwartung: ein Objekt, ein

Grund, eine Person in DAT.

Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehen wegen ihres ǁ
Überraschung: GEN. Der
Sprecher spricht
Hochsprache.
Verhalten: mehr
Respekt, größere
Neugier: Ihres Was? Wer oder
was ist der Grund?

Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehen wegen ihres eifersüchtigen ǁ
Bestätigung: Der Grund ist
Leas Freund/ Mann.
Phantasie: Er liebt sie sehr, er
möchte sie ganz für sich
haben, er schränkt sie ein.

Aber Lea konnte nicht mit ihren Freundinnen ins Theater gehen wegen ihres eifersüchtigen Manns.
Bestätigung: ihr Mann.
Verhalten: Weitere
Nachfragen. Sprachniveau an
Deutsch B2/C1 angleichen,
wenn möglich.

In diesem Beispiel sind in Rot die Abläufe im Kopf des Hörers dargestellt.
Diese Abläufe sind oft eher bildlich als sprachlich, sie sind extrem schnell.
Das Wechselspiel zwischen Erwartung und Bestätigung stärkt das Selbstwertgefühl des Hörers.
Das Wechselspiel zwischen Erwartung und Korrektur bietet dem Hörer die Möglichkeit, dass er die
Orientierung leicht anpassen und „das Richtige fassen“ kann.
Hier sind die gleichzeitig ausgelösten Emotionen nicht dargestellt,
sie sind aber als Energielieferanten ebenfalls sehr wichtig.

41
Zusammengefasst lässt sich sagen:
 Die Phantasien beschleunigen das Verstehen des Sachverhalts und die Empathie zum
Sprecher.
 Die Erwartungen bauen einen Spannungsbogen, das Interesse wird größer.
 Die Bestätigungen stärken das Selbstwertgefühl des Hörers.
 Die Emotionen versorgen den kommunikativen Prozess mit Energie.
 Das Wohlbefinden des Hörers und sein Vertrauen zum Sprecher wachsen in dem Maße,
in dem der Sprecher die Phantasien sanft lenkt,
die Erwartungen bestätigt oder korrigiert und
das Verhalten des Hörers stimmig manipuliert.
 Das Verhalten des Hörers gleicht sich rasch der Sprechsituation an.

Als starke Phantasieauslöser zeigen sich in diesem Beispielsatz


 die Konjunktionen,
 die Verbpositionen,
 die Endungen,
 die Negationen,
 die Satzstellung, hier die Informationen im Nachfeld und
 der Wechsel in ein anderes Sprachniveau.

Verstehen beschleunigen
Jede Endung kann eine Substruktur im Text starten, den so genannten slot.
Wenn ein Objekt in einem Kontext zweimal oder öfter erwähnt wird, benutzen die Deutschen die
Endung zweimal oder öfter.
Die gleiche Endung ist ein Signal: das Wort (Artikel, Pronomen, Adjektive, …) mit dieser Endung ist
das gleiche Objekt.
Wie durch einen Tunnel oder eine Zeitmaschine erscheint das gleiche Objekt an mehreren Stellen im
Text.
Mit dem slot können die Deutschen die Kommunikation schnell und präzise führen.

A, B, C, die Katze lief im Schnee,

und als sie dann nach Hause kam,

da hatt' sie weiße Stiefel an,

o jemine, o jemine,

die Katze lief im Schnee.

42
Die slots funktionieren auch dann,
wenn die Endungen sich wegen eines Verbs oder einer Präposition ändern.

In diesem „Kunden“-slot sind enthalten:


 Die erste Nennung ohne Artikelendungen. Keine Endung – keine Endung ist ein Signal an
Deutsche: Hier kommen eine neue Person, ein neues Objekt oder ein neues Thema. Wegen
der Unschärfe bei „ein-eine-ein“ ist das Genus noch nicht klar. Der Hörer muss jetzt
aufpassen.
 Die zweite Nennung, hier in Form des Personalpronomens „ihn“, mit Genus, Kasus und
Numerus, also hier ♂ AKK Singular. Die zweite Nennung ist für Deutsche ein Signal:
das Genus und der Numerus sind genannt, ab jetzt kannst du alle Zugehörigkeiten
blitzschnell – grammatisch korrekt und situativ passend – zuordnen.
(Das funktioniert bei der ersten Nennung noch nicht.)
 Der Kasus kann innerhalb des slots wechseln. Dieser Kasuswechsel entsteht regelmäßig,
wenn ein Verb oder eine Präposition auf die Person, das Objekt oder das Thema einwirkt.
 Zwei Possessivpronomen, hier in Form von „sein“, also dritte Person ♂ Singular,
die die genauen Zugehörigkeiten anzeigen.
Fazit: Jede Endung kann einen slot starten. Genus und Numerus bleiben im slot immer gleich. Kasus
und Wortarten können sich im slot ändern, dort können Artikel, Adjektiv, Nomen und diverse
Pronomen auftreten.

43
Der gleiche Text mit dem slot für die zweite Person, die Frisörin:
DAT
Ein Kunde sagt zu seiner Frisörin,
dass sie ihn draußen rasieren soll.
Er möchte den Jungs beim Fußballspielen zuschauen.
Sie stellt einen Stuhl auf die Straße und beginnt,
ihren Kunden zu rasieren.
Alle haben ihren Spaß, bis der Ball die Hand der Frisörin trifft.
Das Messer in ihrer Hand schlitzt seinen Hals auf.
Er stirbt wenige Minuten später.
Wer ist schuld an seinem Tod?

Und natürlich kann es zu Mehrdeutigkeiten und Missverständnissen kommen,


die der Hörer im Kontext abwägen und
bei denen er sich für die beste Verstehensvariante entscheiden muss:

Ein Kunde sagt zu seiner Frisörin,


dass sie ihn draußen rasieren soll.
Er möchte den Jungs beim Fußballspielen zuschauen.
Sie stellt einen Stuhl auf die Straße und beginnt,
ihren Kunden zu rasieren.
Alle haben ihren Spaß, bis der Ball die Hand der Frisörin trifft.
Das Messer in ihrer Hand schlitzt seinen Hals auf.
Er stirbt wenige Minuten später.
Wer ist schuld an seinem Tod?

Der Tod des Kunden ist die situativ passendste Variante.


Der Tod des Spaßes ist allerdings auch denkbar.
Die anderen drei Varianten sind grammatisch möglich, im Kontext eher absurd.
Der Hörer wird aufmerksam und „stutzig“:
Was könnte noch gemeint sein? Was könnte dahinterstecken?
Der Hörer versteht und agiert schneller.
Diese Endungen flitzen durch den Text und blitzen an wichtigen Stellen auf.
Der Hörer kann mit diesem Flitzen und Blitzen die Bedeutung schnell, präzise und ohne Mühe
verstehen.
Auf den Hörer wirken die Endungen wie Ampeln und Verkehrsschilder,
wie Blinker und leichte Bewegungen der Fahrzeuge um ihn herum.

44
Ein Kunde sagt zu seiner Frisörin,
dass sie ihn draußen rasieren soll.
Er möchte den Jungs beim Fußballspielen zuschauen.
Sie stellt einen Stuhl auf die Straße und beginnt,
ihren Kunden zu rasieren.
Alle haben ihren Spaß, bis der Ball die Hand der Frisörin trifft.
Das Messer in ihrer Hand schlitzt seinen Hals auf.
Er stirbt wenige Minuten später.
Wer ist schuld an seinem Tod?

Auch für die juristische Würdigung lässt sich das Modell benutzen:
Auf die Frage, wer schuld ist, lässt sich antworten:
 Der Kunde, weil er sich selbst in Gefahr gebracht hat;
 Die Frisörin, weil sie den Auftrag unter gefährlichen Bedingungen annahm;
 Die Jungs, weil sie fahrlässig weiterspielten;
 Der Ball, weil er den Tod mittelbar auslöste;
 Die Hand, weil sie die Kontrolle über das Messer verlor;
 Das Messer, weil es in den Hals hineinschnitt;
 Der Hals, weil er dem Schnitt nicht standhielt;
 Der Stuhl, weil … (OK, jetzt wird es ein bisschen absurd).

Das Entscheidende an den slots und an den dadurch möglichen Querbezügen ist ihre
Geschwindigkeit.
Die slots durchzucken wie Lichtblitze den Text und damit die abgebildete Realität und beleuchten
(aufgrund der eingebauten Unschärfe) verschiedene Beziehungen zwischen den Objekten.
Der Hörer versteht schnell und entscheidet schnell,
welche Verstehensmöglichkeit er für die beste hält.
Dabei kann er die anderen Möglichkeiten im Auge behalten und (später) diskutieren. Eine gewisse
Sicherheit entsteht für den Hörer dadurch, dass die Endungen im slot stets auf einander verweisen.

Der Sprecher benutzt die Endungen wie die Funktionen in einem Auto oder in einer Rakete:
Je länger der slot ist, je mehr Endungen auf einander verweisen,
desto höher wird das Verstehen des Hörers beschleunigt.
Der Hörer nimmt die Endungen wahr und reagiert darauf
mit einem blitzartigen Abgleichen und Bewerten der möglichen Querbezüge.
Mithilfe der Endungen screent der Hörer die Realität und „denkt nach vorne“:
 Welches Objekt ist jetzt wahrscheinlich?
 Was könnte – auf eine nicht genannte oder versteckte Weise – auch gemeint sein?
Slots wahrnehmen entspricht einer Fahrt in einem BMW mit 140 km/h.
Slots benutzen entspricht einer Fahrt in einem Porsche mit 170 km/h.

45
Der Sprecher, der dieses Flitzen und Blitzen beherrscht, gilt als elegant.
Seine Aktionen beim Sprechen sind
 minimalistisch, mit zwei Buchstaben, den Endungen, ändert er die Bezüge;
 mühelos, es gibt keine körperliche Anstrengung;
 stressfrei, es gibt keine mentale Anstrengung;
 präzise, kleine Anstöße haben große Effekte;
 sicher, auch bei hoher Geschwindigkeit;
 korrigierbar, auch in Echtzeit.

Das Entscheidende an den slots ist ihre Geschwindigkeit.


Die Endungen bzw. Pronomen in den slots stellen superschnell Bezüge her und
beschleunigen dadurch das Erfassen der Realität.
Dabei tastet der Hörer auch den Teil der Realität ab, den der Sprecher
 andeuten wollte (Insinuation, Sprachwitz, Mehrdeutigkeit),
 vielleicht gar nicht gemeint hat (Missverständnis) bzw.
 verheimlichen wollte (Freudscher Versprecher).

Die Unschärfe der Artikelendungen ist also kein „Betriebsunfall“ der Grammatik,
den die Deutschen in den letzten tausend Jahren noch nicht behoben haben.
Sie ist ein Konzept, mit dem sich blitzschnell die Realität bis in die 4. und 5. Reihe erfassen lässt.

Weil die Geschwindigkeit in den slots so enorm hoch ist,


empfinden die Deutschen Endungsfehler in den slots als ganz besonders unangenehm.
Eine falsche oder fehlende Endung im slot stört die schnelle, präzise Kommunikation empfindlich.

Dazu noch einmal das Bild des Autofahrens:


 Autofahren ohne Blinken ist möglich,
aber höchst ärgerlich für alle anderen Verkehrsteilnehmer:innen.
Deutsch ohne Endungen empfinden die Deutschen als umständlich und langsam.
Sie denken dann: Wieso schiebst du deinen BMW?
 Kleine Kinder sind nicht alarmiert, wenn der Tachometer 140 km/h anzeigt.
Ein langer, korrekter slot ist kein Problem.
 Kleine Kinder sind höchst alarmiert, wenn der Fahrer ruckartige Bewegungen mit dem
Lenkrad ausführt und das Auto zu wackeln oder zu schlingern anfängt.
Eine falsche Endung im slot ist ein großes Problem.

46
Verhalten manipulieren

Sie können einen Satz mit einer korrekten Endung sprechen.


Können Sie auch in einem Gespräch oder in einem längeren Beitrag
fünf korrekte Endungen hintereinander sprechen?
Dadurch würde sich zunächst die Haltung der Deutschen ändern.

Eine korrekte Endung gilt bei den Deutschen nicht viel,


das kann ein gut gelerntes Wort oder ein Zufall sein.
Die Haltung bleibt bei einer korrekten Endung eher reserviert.
Fünf korrekte Endungen hintereinander geben den Deutschen ein Gefühl:
in diesem Gespräch bin ich gut aufgehoben,
die sprechende Person kennt meine Kultur und beachtet sie.
Die Emotion bleibt vorsichtig und reserviert, wird aber besser.
Jetzt fangen die Deutschen an, darüber nachzudenken, ob sie kooperativ werden.
Die Haltung wandelt sich.

Können Sie auch sieben korrekte Endungen oder mehr hintereinander sprechen?
Wenn ja, geben Sie den Deutschen ein Gefühl, dass sie hier sicher sind.
Das ist nicht mehr Zufall, die sprechende Person kann das.
Die Vorsicht der Deutschen wird kleiner, das Vertrauen wächst,
die deutsche Person bleibt in der Kommunikation, sie arbeitet mit Ihnen zusammen.
Diese Sicherheit macht die Deutschen kooperativ, zugewandt und freundlich.
Das Verhalten der Deutschen wandelt sich, Sie sammeln gute Erfahrungen mit den Deutschen.

In zwölf Jahren Sprachunterricht habe ich, GB, die beklemmende Erfahrung gemacht,
dass die Buch-, Handy- und Sofa-Methoden, die die Sprachschüler:innen bevorzugen,
diese guten Erfahrungen vereiteln.
Es erfordert viel Selbstvertrauen und Mut,
bevor erwachsene Deutschlerner:innen Buch und Handy weglegen, vom Sofa aufstehen und
die Nachbarin um Rat fragen.
Es erfordert noch mehr Selbstvertrauen, Mut und Entschiedenheit, bevor die erwachsenen
Deutschlerner:innen 20 € und eine Einkaufstasche nehmen und auf dem Wochenmarkt einkaufen.
Und noch mehr, bevor die erwachsenen Deutschlerner:innen sich ihr Hobby vor Augen führen,
sich in den Gelben Seiten nach dem passenden Verein umschauen und den Verein aufsuchen.

Als Deutschlehrer und Profi in meinem Beruf muss ich, GB, sagen:
eine Stunde mit der Nachbarin, auf dem Wochenmarkt oder im Verein ersetzt
fünf Stunden mit dem Buch oder dem Handy auf dem Sofa.
Vor allem sammeln Sie die guten Erfahrungen,
die Sie mit dem Buch und dem Handy auf dem Sofa nicht machen können.
In einem autistischen System kann man die Endungen (fast) nicht lernen.

47
In einem kommunikativen System bereiten Sie sich darauf vor,
wie Sie die Deutschen manipulieren können.
Und die Deutschen wollen manipuliert werden!
Die Deutschen achten so sehr auf die Endungen, weil sie
 positive Emotionen spüren wollen;
 mit ihrer Phantasie die Realität erfassen wollen;
 das Gemeinte und das Auch-Mögliche blitzschnell beherrschen wollen;
 im Kontext sich kooperativ verhalten wollen. Sie wollen Teil der Lösung sein.

Ist der Deutschkurs ein kommunikatives System? Eher nicht.


In einem Deutschkurs sitzen vier oder mehr Lernende und ein:e Lehrer:in.
Ein:e Deutschlehrer:in könnte jetzt die Endungsfehler korrigieren,
aber dann könnte sie/ er nicht mehr so viel unterrichten.
Vor allem aber bringt eine lehrende Person nicht das Interesse mit,
dass sie manipuliert und kooperativ gemacht werden möchte.
Deutsche mit diesem Interesse findet man nur außerhalb eines Deutschkurses.

48
Soziale Gruppen öffnen
Knapp 1,4% der Nomen haben zwei Artikel.
„Dabei wird einer der beiden oft nur selten, regional begrenzt oder fachsprachlich gebraucht“, siehe
[Link]
Rechtschreibduden.

Interessant wird es, wenn eine Person „der Butter“ (süddeutsch) oder „die Butter“ (hochdeutsch)
sagt. Die Bitte „Kannst du mir den Butter geben?“ zeigt,
dass der Sprecher aus Süddeutschland stammt und den Hörer als Süddeutschen adressiert.
Wenn der Hörer ein Süddeutscher ist, verstehen die beiden sich prächtig, sie kooperieren sofort.

Phonetisch korrekt klingt das übrigens so:


„Koh´sch m´r da Buttr gea?“ (100% süddeutsch) im Gegensatz zu
„Koh´sch m´r d`Buttr gea?“ (schwäbische Phonetik mit norddeutscher regionaler Anbindung, also z.B.
ein Schwabe in Berlin, der mit Berlinern spricht). In diesem zweiten Beispiel ist der Sprecher aus
Süddeutschland und möchte, dass der norddeutsche Hörer ebenfalls kooperiert.
„da Buttr“ (=verschliffener AKK ♂ Singular) öffnet den Zugang zu Süddeutschen,
„d`Buttr“ (verschliffener AKK ♀ Singular) öffnet den Zugang zu Norddeutschen.
Zum Verschleifen der Endungen siehe weiter unten in diesem Text.

Der gleiche Effekt mit „der Radio“ (Süddeutsche als soziale Gruppe) und „das Radio“ (Norddeutsche):
„Koh´sch m´r da Radio gea?“ (süddeutsch) im Gegensatz zu
„Koh´sch m´r `s Radio gea?“ (schwäbische Phonetik mit norddeutscher regionaler Anbindung, also
nochmal der Schwabe in Berlin, der mit Berlinern spricht).
„da Radio“ (= verschliffener AKK ♂ Singular) öffnet den Zugang zu Süddeutschen,
„`s Radio“ (= verschliffener AKK Neutrum Singular) öffnet den Zugang zu Norddeutschen.

Diese Funktion der Artikel, dass sie den Zugang zu sozialen Gruppen öffnen können,
ist wesentlich für die Integration von erwachsenen Deutschlerner:innen.
Diese Funktion spielt bei allen Artikeln eine Rolle,
weil die Biodeutschen alle Artikel screenen und
danach sich für (oder gegen) eine mögliche Kooperation entscheiden.

Noch zwei Beispiele, die andere soziale Gruppen öffnen:


„Der Video“ bezeichnet einen Film auf einer Hardware-Kassette mit Technologie aus den 1980ern,
„Das Video“ bezeichnet einen Clip in digitaler Form auf youtube oder einer anderen Internet-
Plattform. Die Aussage
„Ich habe einen Video gesehen“ löst bei meinem achtjährigen Sohn großes Erstaunen aus:
Er fragt dann pikiert und abwehrend zurück:
„Wo haben wir in unserer Wohnung einen Videorecorder?
Vor wie vielen Jahrzehnten war das? Wie altmodisch/ rückständig/ peinlich bist du?“
„Ich habe ein Video gesehen“ löst eine ganz andere Reaktion aus:
Er fragt dann interessiert und kooperativ zurück: „Worum ging es?“

„Der Video“ outet mich als dirty old man, von dem junge Leute sich distanzieren.
„Das Video“ signalisiert jungen Leuten, dass ich up to date bin und man sich mit mir unterhalten
kann.

49
„Der Virus“ zeigt, dass ich ein medizinischer Laie und Patient bin,
„Das Virus“ macht klar, dass ich ein Virologe, ein Arzt oder ein medizinisch gebildeter Mensch bin.
„Der Virus“ war bis 2019 die vorherrschende Spezies,
„das Virus“ existierte fast nur in Laboren und medizinischen Fachbeiträgen.
Corona hat diese Verhältnisse umgekehrt, die Berichterstattung über die Pandemie hat
„den Virus“ so gut wie gekillt und
„das Virus“ überall salonfähig gemacht. Alle wollen heute medizinisch gebildet erscheinen.

Die drei Beispiele zeigen: Der Artikel kann unterschiedliche soziale Gruppen öffnen:
 Regionale Gruppen,
 Altersgruppen,
 Berufsgruppen.
Die Nomen mit zwei Artikeln zeigen diesen Effekt ganz besonders augenscheinlich.
Die Nomen mit einem Artikel, also die „normalen“ Nomen, funktionieren ganz genauso,
als Türöffner,
nur dass man bei ihnen kein Gegenstück hat,
das zur Überprüfung des Effektes dienen kann.

Erwachsene Deutschlerner:innen können diese Funktion nutzen,


damit sie Zugang zu bestimmten, für sie interessanten sozialen Gruppen erhalten.
Ein richtig gesprochener Artikel ist ein Signal an Deutsche:
Der Sprecher interessiert sich für die soziale Gruppe und spricht sie punktgenau an.
Die Migrant:innen zeigen mit korrekt gesprochenen Endungen,
dass sie diese Funktion schätzen und „dabei sein“ und mitarbeiten wollen.
Sie wollen dazugehören, im Ergebnis der gemeinsamen Arbeit vorkommen,
im sozialen Miteinander eine produktive Rolle spielen.
Die Deutschen hören sofort,
welch große Leistung in den korrekt gesprochenen Endungen steckt und reagieren positiv.
Wer diese Leistung schafft, nehmen sie gerne in ihre soziale Gruppe auf.

Die Homonyme sind für den Aspekt „soziale Gruppen öffnen“ ebenfalls interessant,
allerdings nur indirekt. Beispiel:
„Die Steuer“ ist das Geld für den Staat,
„Das Steuer“ verändert die Fahrtrichtung des Fahrzeugs.
Bei diesem und ähnlichen Beispielen verändert der Artikel die Bedeutung des Wortes.
Für die sozialen Gruppen wird das relevant,
 wenn Kinder das Spiel „Teekesselchen“ spielen:
Mein „Teekesselchen“ steht im Park und hat Geld.
Mein „Teekesselchen“ hat der Boxer im Handschuh und Goethe im Theater.
Mein „Teekesselchen“ leuchtet und ist süß.
 wenn die Menschen diese Bedeutungen für Wortwitze nutzen:
Ein Elektrofahrzeug ist laut §3d des Kraftfahrzeugsteuergesetzes (KfzStG) von der Steuer
befreit.
Gibt es einen Grundsatz „Ohne ein Steuer die Steuer zurück“?
Bekommt man bei einem autonom fahrenden Elektrofahrzeug ohne Steuerrad
eine negative Kraftfahrzeugsteuer ausbezahlt?

50
Menschen, die eine falsche Artikelendung bei Ihnen korrigieren,
sind Türöffner zu sozialen Gruppen.
Wenn Sie diese Menschen als Freunde gewinnen,
lernen Sie ganz rasch den korrekten Gebrauch der Artikelendungen und
bekommen Zutritt zu den sozialen Gruppen.
Diese Funktion des Öffnens der sozialen Gruppe zeigt,
welche Bedeutung die Super-Methoden – im Text weiter unten –
für die Integration der Menschen haben.
Mit den Super-Methoden bewegen Sie die Deutschen dazu,
dass sie ihre soziale Gruppe für Sie öffnen.
Dadurch entstehen gute soziale Beziehungen und Sicherheit in der Kommunikation.

51
12 Tricks zum Erlernen der Endungen
Folgende Tricks führen dazu, dass Sie die Endungen korrekt aussprechen und ihre kommunikativen
Vorteile nutzen können. Diese Tricks sind so sortiert, dass der Lernprozess möglichst einfach und
schnell verläuft.

1. Das phonetische Training: Endungen sprechen 1

Wer Endungen hören möchte, muss Endungen sprechen können.


Deshalb stelle ich an den Anfang dieses Lernprogramms eine phonetische Übung.
Bitte sprechen Sie diese Abfolge korrekt:
Der Die Das.
Sehr schön. Aber zu langsam. Noch einmal:
DerDieDas.
Schneller:
DerDieDas.
Zweimal:
DerDieDasDerDieDas.
Viermal:
DerDieDasDerDieDasDerDieDasDerDieDas.
Wunderbar. Das war für Beginner.

Jetzt kommt für Fortgeschrittene.


Den Dem Des.
Tut mir leid. Der Unterschied zwischen „Den“ (AKK) und „Dem“ (DAT) war nicht klar genug.
„n“ und „m“ müssen gut zu hören und zu unterscheiden sein.
Den Dem Des.
Sehr schön. Aber zu langsam. Noch einmal:
DenDemDes.
Schneller:
DenDemDes.
Zweimal:
DenDemDesDenDemDes.
Viermal:
DenDemDesDenDemDesDenDemDesDenDemDes.

Sie können diese phonetische Übung weglassen.


Dann verdienen wir Deutschlehrer:innen viel Geld mit Ihnen.

Sie können diese phonetische Übung jeden Tag wenige Minuten lang machen.
Dann werden Sie einige Wochen später die Endungen hören, die die Deutschen sprechen.
Die Deutschen sprechen diese Endungen noch schneller als Sie heute.

Deutsch ist eine manipulative Sprache.


Ein großer Teil der Manipulationen läuft über DerDieDas,
genauer: über die Endungen in DerDieDas DenDemDes.

52
Schnell gesprochene Endungen lösen starke Manipulationen aus.
Langsam gesprochene Endungen lösen schwache Manipulationen aus.

Sie können auf die Manipulationen der Deutschen reagieren, wenn Sie die Endungen hören.
Sie können die Deutschen manipulieren, wenn Sie die Endungen sprechen.
Also: Üben Sie! Üben Sie!
Es ist der beste Tipp, den ich Ihnen nach fünf Jahren Forschung an DerDieDas geben kann.

2. Einen Biodeutschen kooperativ machen

Alle Biodeutschen hören alle Artikelendungen und


alle Biodeutschen können mir beim Sprechen der Artikelendungen helfen.
Mit dem folgenden Trick kann ich (fast) jeden Biodeutschen dazu bringen,
dass er mir den richtigen Artikel nennt. Gleichzeitig öffnet er mir damit seine soziale Gruppe.
Das funktioniert so: Ich spreche den Artikel und das Adjektiv aus und
stoppe vor dem Nomen.
Ich starte ein neues Gespräch:
Ich frage nach dem Artikel.
Alle Deutschen geben mir bei allen Nomen den korrekten Artikel.
Ich gehe zum bereits gesprochenen Artikel zurück.
Dann spreche ich den Satz mit den korrekten Endungen zu Ende.
Das klingt in der gesprochenen Sprache so:

Ich habe eine neue


Oh Entschuldigung.
Sagt man die Jackett
Oder der Jackett?
Es ist das Jackett.
Danke. ein neues Jackett für dich gesehen.

Dieser kleine Satz hat eine große Wirkung:


 Die deutsche Person weiß, dass Sie nicht alle Artikel kennen.
 Sie hört die Frage.
 Sie denkt: Oh, wie schlau: die Sprecherin weiß, wo das Problem ist.
 Sie denkt: Die Sprecherin möchte, dass ich ihr helfe.
 Sie denkt: Möchte ich, dass ich der Sprecherin helfe?
 Sie entscheidet: Ja, klar. Cleveren Leuten helfe ich gerne.
Vielleicht hilft die Sprecherin später mir.
 Sie antwortet: Nein, nein, DAS Jackett.

53
In Rot: diese Dinge passieren im Kopf innerhalb von 0,3 Sekunden.
Der Prozess ist extrem schnell.
Die Sprecherin hat blitzschnell
 die Phantasie,
 die Emotionen und
 das Verhalten
der Hörerin manipuliert.
Mit diesem Trick bekommen Sie
 eine Endung, die Sie korrekt sprechen können,
 eine „hilfreiche Hand“,
die Ihr Deutsch verbessern und
Ihnen noch andere Tipps und Tricks geben wird.
 einen Punkt mehr im Test, den Sie bestehen möchten
(Auch Prüfer:innen können Sie damit manipulieren.
Die Prüfer:innen wissen, dass es ein Trick ist,
aber es ist ein erlaubter, guter, lauterer,
die Kommunikation verbessernder Trick.)

Der Trick funktioniert gut,


weil es den Deutschen peinlich und unangenehm ist,
wenn sie einen Fehler bei den Endungen hören.
Sie machen viele Tricks,
damit sie selbst diesen Fehler nicht begehen.
Sie freuen sich,
wenn ein Nicht-Deutscher diese Tricks anwendet.

Die Deutschen denken dann:


Wow! Wie clever!
Die fragende Person hat das DerDieDas-Problem erkannt!
Sie ist nicht in die Falle gegangen!
Sie löst das Problem, bevor es da ist!
Sie spricht Deutsch ohne Fehler!
Sie zeigt mir, dass sie sich für die deutsche Sprache und Kultur interessiert.
Sie respektiert die Sprache der Deutschen.
Ich respektiere die sprechende Person.

Alle diese Gedanken sind womöglich unterbewusst und vorsprachlich.


Das macht diese Gedanken aber nicht langsam oder unwirksam, ganz im Gegenteil!
Sie sind extrem schnell und lenken das Verhalten stark in die positive Richtung,
je schneller, desto stärker.

Die Deutschen helfen cleveren Leuten gerne.


Sie nennen den richtigen Artikel und
führen die Kommunikation mit positiven Emotionen weiter.
Die sprechende Person hat mit diesem Trick
gerade die Deutschen kooperativ gemacht.
Sie hat ihnen das Vertrauen gegeben,
dass der Kontakt mit ihr sich lohnt.

54
Wenn die sprechende Person diesen Trick zehnmal anwendet,
denken die Deutschen:
Oh wow!
Diese Person kennt die Tricks der Deutschen!
Wenn sie den Trick hundertmal anwendet,
denken die Deutschen:
Diese Person spricht perfekt Deutsch.
Aber es gibt auch Grenzen:
Ihren Chef fragt sie
besser nicht fünfmal an einem Tag
nach DerDieDas.

55
Die Deutschen benutzen zwei ähnliche Tricks, nur wesentlich schneller.

Trick5a: Sie sprechen den Artikel und das Adjektiv aus und
stoppen vor dem Nomen.
Sie legen eine Sprechpause ein und gehen zum bereits gesprochenen Artikel zurück.
Sie korrigieren den Artikel und sprechen den Satz mit den korrekten Endungen zu Ende.
Das klingt in der gesprochenen Sprache so:

Ich habe eine neue ein neues Jackett für dich gesehen.
Die Sprechpause wird extrem miniaturisiert.
Ich habe eine neueǁein neues Jackett für dich gesehen.

Phonetisch erscheint diese miniaturisierte Sprechpause


nur noch als ein neu angesetzter Artikel,
die kleine Unterbrechung in der Satzmelodie markiert
die Artikelkorrektur.

Trick 5b: Sie sprechen den Artikel und das Adjektiv aus und
stoppen vor dem Nomen.
Sie legen eine Sprechpause ein und
suchen ein Synonym für das grammatisch nicht passende Nomen.
Sie korrigieren das Nomen und sprechen den Satz korrekt zu Ende.
Das klingt in der gesprochenen Sprache so:

Ich habe eine neue Jacke für dich gesehen.


Die Sprechpause wird extrem miniaturisiert.
Ich habe eine neueǁJacke für dich gesehen.

Phonetisch erscheint diese miniaturisierte Sprechpause


nur noch als ein neu angesetztes Nomen,
die kleine Unterbrechung in der Satzmelodie markiert
die Suche nach dem grammatisch passenden Synonym.

Je schneller und unmerklicher die Sprecher:innen diese Korrekturen vollziehen,


desto eleganter wirkt die Lösung.
Die Hörer:innen honorieren das mit einem umso kooperativeren Verhalten.

56
3. Alle Biodeutschen kooperativ machen

Manchmal stoßen die Deutschen ein ungläubiges „Hä?!“ aus,


ziehen die Augenbrauen zusammen und verziehen den Mund.
Diese Mimik steht für Distanz, Zurückstoßen, Nichtakzeptanz, für starke Kritik.

Locker bleiben,
die Augenbraue hochziehen,
lächeln und eine verbindliche Frage stellen, z.B.
„Was ist los mit Ihnen?
Haben Sie ein Gespenst gesehen?
Haben wir ein Beziehungsproblem?“

Die Augenbraue ist bei den Biodeutschen ein Kommunikationsinstrument.


Das Zusammenziehen der Augenbrauen hat die Funktion einer sich schließenden, ins Schloss
fallenden, zuknallenden Tür.
Das Hochziehen von einer Augenbraue hat die Funktion einer sich öffnenden, einladenden Tür.
Indem ich meine Hörer:in anschaue und die Augenbraue hochziehe,
fokussiere ich sie und „tauche in ihr Inneres“,
ich nehme sehr starken, auch penetranten Kontakt auf.

Diese Art des Kontaktaufnehmens hat eine magische Wirkung.


Die Hörerin weiß, dass sie im Fokus steht und dass sie ab jetzt hohe Erwartungen erfüllen muss.
Diese mimische Manipulation zwingt die Hörerin dazu, dass sie die Beziehung klärt:
 entweder freut sie sich über die Intensivierung des Kontaktes und führt das Gespräch positiv
weiter
 oder sie wehrt sich gegen die Penetranz dieses Augenblicks und zieht sich kampflos und
verschämt zurück.

In beiden Fällen steht die Person, die die Augenbraue hochzieht, positiv da:
 das Zurückgestoßen-Werden, Nichtakzeptiert-Werden, Kritisiert-Werden verschwindet und
 mit etwas Glück entsteht eine neue, positive Verbindlichkeit,
die eine trautere Atmosphäre, ein angenehmeres Zusammenarbeiten bewirkt.

Die hochgezogene Augenbraue hat eine listige, hintergründige, nicht leicht zu durchschauende
Komponente. Sie signalisiert
 einerseits verborgene Reichtümer,
die bei einer positiven Wendung der Kommunikation der Hörerin zur Verfügung stehen,
 andererseits große Kräfte,
die bei einer negativen Wendung der Kommunikation der Hörerin das Leben schwer machen.
Die Hörerin muss sich in Sekundenbruchteilen entscheiden,
welcher Seite sie sich zuneigt und wie sie die Kommunikation weiterführen möchte.
In diesem Sinne ist die Reaktion auf die Augenbraue auch ein frühes Warnsignal.
Kaiserinnen benutzen die hochgezogene Augenbraue als Disziplinierungsinstrument, wie ein Szepter.

57
Da alle Biodeutschen alle gesprochenen Endungen wahrnehmen und
im Sinne der oben genannten Funktionen nutzen,
kann ich auch alle Biodeutschen mit einfachen Tricks dazu bewegen,
dass sie meinen Lernprozess unterstützen.
 Der oben genannte Trick, der 100%-Trick,
das Stoppen vor dem Nomen,
bildet dabei das mächtigste Instrument.
 Ich kann einen Freund fragen:
Was ist los mit dir?
Warum korrigierst du mich nicht, wenn ich eine Endung falsch ausspreche?
 Ich kann ein Kind bitten:
Weißt du, ich kenne deine Sprache noch nicht so genau.
Wie sagt man das auf Deutsch richtig?
 Ich kann den Oops-Satz aussprechen,
wenn das Gesicht eines Hörers spontan jeden Tonus verliert und emotionslos wird:
Oops. War eine Endung falsch?

58
4. Mit Personen Artikelendungen lernen

Ich suche in meinem Alltag eine sympathische Person.


Diese Person bitte ich:
Kannst du bitte mich korrigieren,
wenn ich einen Fehler beim Sprechen mache?
Dieser Trick funktioniert gut,
weil die harte Kritik mit der Sympathie weich gemacht und
mit dem Erfolg schön gemacht wird.
Ich kann ja mal meine Kontakte checken.
Wen möchte ich für diese Aufgabe haben?

Ich arbeite (ehrenamtlich)


mit kleinen Kindern oder mit Senioren.
Sie sind die härtesten Grammatiklehrer.
Sie bringen Null Toleranz mit, sie korrigieren sofort alles.
Ein Kindergarten ist die Formel 1 in DerDieDas.
Senioren bringen zusätzlich ein Extratraining in
Hören von Dialekt und genuschelten Wörtern.
Wenn ich das verstehen und darauf antworten kann,
kann ich in Deutsch alles.
Ich kann auch mein Hobby ausbauen und
in einem Verein mitarbeiten.
Die Leute in einem Verein freuen sich
über meine Mitarbeit und
helfen mir in vielen anderen Fragen.
Wie funktioniert es?
Ich klicke auf einen der links unter den Bildern.
Sie führen mich zum Stuttgarter Kindertagesstättenführer,
zu einer Suchmaske für Altenheime oder
zu einer Suchmaske für die Stuttgarter Vereine.
Ich suche mir die passende Adresse heraus.
Ich besuche die Einrichtung und frage den Chef:
“Ich habe aktuell einige Stunden pro Woche Zeit und
möchte in Ihrer Einrichtung mitarbeiten.
Welche Möglichkeiten sehen Sie?”

59
[Link] führt zu Kindergärten in Stuttgart.

[Link] führt zu passenden Institutionen.

[Link] führt zu den Adressen von Vereinen in


Stuttgart.

Auf dieser kleinen Tabelle sehe ich die sechs verschiedenen Artikel im Deutschen:
DerDieDas, dendemdes. Mehr sind es nicht.
Ich lerne diese sechs Artikel:
DerDieDas, dendemdes
DerDieDas, dendemdes

60
Der nächste Trick ist simpel: Sie drucken diese Tabelle aus,
schneiden sie mit einer Schere aus und
stecken sie in die Brusttasche oder
kleben sie auf die Rückseite des Handys.

♂ ♀ Neutrum Plural
NOM der die das die
AKK den die das die
DAT dem der dem den
GEN des der des der

Wenn Sie beim Sprechen nicht sicher sind,


halten Sie sich diese kleine Tabelle vor Augen und
sprechen den Artikel korrekt.
Das Sprechen mit diesem Papier dauert ungefähr sechs Wochen,
danach können Sie die Artikel automatisch korrekt sprechen.

Ist das komisch oder peinlich? Nein.


Die Deutschen denken: Das ist sehr clever.
Diese Person weiß, wie sie das Problem schnell löst.

61
5. Abgestürzte Kommunikation neu starten

Ich achte auf die Mimik der Biodeutschen.


Manchmal wird das Gesicht von
meinem deutschen Gesprächspartner emotionslos.

Das ist ein Zeichen dafür,


dass ich einen Fehler mit einer Endung gemacht habe und
er die Kommunikation mit mir stoppen möchte.

Dann reagiere ich schnell und frage:

“Oops, war eine Endung falsch?”


Die Biodeutschen werden dann lachen und
die Kommunikation fortsetzen.
Hinter dem Lachen steckt eine komplexe emotionale Aufwallung,
in der ein Gefühl von Peinlichkeit, von Scham eine große Rolle spielt.
Der Oops-Satz zeigt den Biodeutschen,
dass ihre Strategie der emotionslosen Kommunikationslosigkeit
durchschaut ist und dass sie sich schämen sollen.
Die Biodeutschen wissen genau: Nichtbeachten ist keine Lösung.
Nichtbeachten ist gleichbedeutend mit Schneiden,
d.h. mit emotionalem Wehtun dadurch, dass man eine Person wie Luft behandelt.

Wenn nun jemand kommt und den Oops-Satz ausspricht,


startet ein gegenläufiger emotionaler Prozess in den Biodeutschen.
 Ich habe schon angefangen, diese Person zu schneiden.
 Die Person hat es gemerkt, dass ich sie schneide.
 Schneiden, also Nichtbeachten, Wie-Luft-Behandeln
Ist ein starkes Regulativ, das eine starke „Untat“ der Person voraussetzt.
 Die „Untat“ ist aber nur eine falsch ausgesprochene Endung, eine Petitesse.
 Ich habe stark überreagiert, das Schneiden ist nicht gerechtfertigt.
 Ich möchte nicht, dass andere bemerken, dass ich überreagiert habe.
 Ich lache und überspiele die für mich peinliche Situation.
 Ich gehe zurück in die Kommunikation.

62
Das Stoppen der Kommunikation ist
eine jahrhundertealte,
tief im Unterbewusstsein verwurzelte Reaktion.
Die Deutschen nutzen Fehler bei Endungen
als ein Alarmsignal:
der Sprecher ist nicht Deutscher.
Das Alarmsignal löst Phantasien aus, z.B.:
+ Der Sprecher bleibt nicht hier.
+ Er reist nur durch Deutschland.
+ Verliebe dich nicht in ihn (Emotion!) und
mach keine Geschäfte mit ihm (Verhalten!),
+ er wird dich enttäuschen (Phantasie!).

Die Phantasien steuern das Verhalten der Deutschen.


Der Oops-Satz stoppt diese Reaktion und
führt die Deutschen zurück in die Kommunikation.
Der Oops-Satz wirkt wie ein Restart,
nachdem der Computer abgestürzt ist,
nur schneller.

63
6. Sich verschließende oder abwehrende Biodeutsche kooperativ machen

Biodeutsche sind nicht nur Gutmenschen, es gibt auch ausgesprochen fiese, unfaire Exemplare.
Einige von ihnen verdrehen die Augen und schauen mit spitzem Mund nach unten.
Diese Mimik ist ein deutliches Signal an die anderen Biodeutschen:
Komm, wir verbünden uns gegen die Migrant:innen.
Wir helfen ihnen nicht, wir kooperieren nicht,
wir schauen zu, wie die Probleme der Migrant:innen größer werden.

In so einer Situation helfen idiomatische Wendungen:


 Bevor ich vor die Hunde gehe, kann ich immer noch …
 Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen.
Eine Sammlung von idiomatischen Wendungen und ihren Bedeutungen finden Sie unter
[Link]

Ein halber Satz, phonetisch korrekt in dem Dialekt gesprochen, der in Ihrer Region gebräuchlich ist,
durchbricht die Isolation und löst die angespannte Stimmung.
Der Weg dorthin sieht folgendermaßen aus:
 Fragen Sie drei Kolleg:innen, mit welchem Spruch sie mit den Dialektsprecher:innen sofort
warm werden. Zwei Kolleg:innen werden nicht verstehen, was Sie meinen.
Die dritte Person wird lächeln und Ihnen einen halben Satz nennen, z.B.
Ich kenne zwar Schbätzle schaba, aber … kenne ich nicht.
 Die Dialekt-Worte sollten Sie sich phonetisch ganz exakt vorsprechen lassen.
Sie sollten solange üben, bis Sie diese Worte ebenso exakt in Dialekt sprechen können.
 In der Situation mit den Dialektsprecher:innen benutzen Sie diesen eingeübten Satz.
Die Dialektsprecher:innen hören dann von Ihnen etwas, das eigentlich nicht möglich ist:
Ein:e Migrant:in spricht Dialekt. Das löst eine komplexe Bewegung im Kopf der
Dialektsprecher:innen aus, an deren Ende Sie in die soziale Gruppe aufgenommen werden.
Die Isolation ist durchbrochen.
 Aber Vorsicht: sprechen Sie nicht schwäbischen Dialekt,
wenn Sie in eine Gruppe von badischen Menschen aufgenommen werden wollen.
Der phonetisch eingeübte Satz sollte zum Dialekt der angesprochenen Menschen passen.

64
7. Alle Endungen korrekt sprechen können: Pilot:in im Cockpit

Können Sie das: in einem Text von drei bis vier Sätzen sieben Endungen hintereinander korrekt
sprechen? Sie werden sagen: Das ist unmöglich. Keiner kann alle Endungen mit all den Wechseln von
AKK, DAT und GEN in korrekter Weise aussprechen.

Lassen Sie uns das mal überprüfen:


Können Sie das: in einem Text von drei bis vier Sätzen sieben Endungen hintereinander korrekt
sprechen? Sie werden sagen: Das ist unmöglich. Keiner kann alle Endungen mit all den Wechseln von
AKK, DAT und GEN in korrekter Weise aussprechen.
Das sind zehn Endungen in drei Zeilen.

Mit Biodeutschen sprechen ist wie mit einem Flugzeug fliegen.


Die Endungen in Deutsch sind wie die Knöpfe im Cockpit des Flugzeugs.
Wenn ich die Knöpfe korrekt drücke,
halte ich das Flugzeug in der Atmosphäre in Balance.
Wenn ich die Endungen korrekt spreche,
halte ich die Kommunikation mit den Biodeutschen in Balance.

Sie sind die Pilotin/ der Pilot im Cockpit, Sie drücken die Knöpfe.

Der Weg dorthin sieht folgendermaßen aus:


 Es geht mir um etwas, es gibt etwas Wichtiges, das ich erreichen möchte.
 Die Reaktionen der Biodeutschen
(= die Kräfte der Atmosphäre, die das Flugzeug oben halten)
können mir dieses Wichtige geben.
 Ich beobachte die Reaktionen der Deutschen und spreche schnell die korrekten Endungen
(=ich drücke schnell die jetzt passenden Knöpfe im Flugzeug).
Dadurch lenke ich die Reaktionen der Biodeutschen in Richtung Kooperation.
 Ich nehme die leisen Reaktionen der Biodeutschen wahr. Mit den korrigierenden Sätzen
(Stoppen vor dem Nomen, Augenbraue, Oops-Satz, …) halte ich meine Fehlerquote klein.
 Die Anzahl der Kontakte mit Biodeutschen entscheidet über meinen Lernprozess.
Sonst nichts. Es ist die Anzahl der Kontakte.
 Ich begehe jeden Endungsfehler nur einmal. Beim nächsten Mal passiert mir das nicht mehr.
Ich eliminiere meine Wiederholungsfehler und meine Probleme in der Kommunikation.
Die Endungen tragen und unterstützen die Kommunikation.
 Meine Kontakte mit den Biodeutschen werden elegant. Mit immer mehr Routine vermeide
ich immer mehr Fehler und brauche immer weniger Korrekturen. Die Biodeutschen
honorieren das mit viel kommunikativer und lebenspraktischer Unterstützung für meine
Projekte.
Nochmal das Bild des Flugzeugs:
ich erreiche die passende Flughöhe, halte die geplante Fluggeschwindigkeit und erreiche mit
möglichst wenig Energie das gewünschte Ziel.

65
8. Von den Kindern lernen: Artikelendungen für Analphabet:innen

Die drei Kindertricks sind:


 Ich achte auf AKK.
 Ich achte auf feminin.
 Ich achte auf die zweite Nennung.

Ich achte auf AKK.


Beispiel: “Der Mann sucht einen Schlüssel, eine Jacke und ein Handy.”
Die Endungen in AKK sind unterschiedlich lang.
Lange Endung “en”= maskulin,
kurze Endung “e”= feminin,
keine Endung ” “= Neutrum. Size matters.
Dieser Trick funktioniert gut, weil es so viele Verben mit AKK-Objekt gibt.

Ich achte auf feminin.


Beispiel: “Eine Frau hält mit einer Hand eine Puppe ihrer Tochter.”
Die Endungen bei feminin sind immer “e”
(bei NOM – eine Frau – und bei AKK – eine Puppe -)
oder “er”
(bei DAT – mit einer Hand – und bei GEN – ihrer Tochter-).
Dieser Trick funktioniert gut, weil die meisten Nomen, laut Duden 46%, feminin sind.

66
Ich höre die erste, unscharfe Nennung.
Ich warte zwei Sekunden.
Ich höre die zweite, klare Nennung.

Beispiel: Da läuft ein Hase.


Er rennt in den Wald.
Bei dem NOM “ein Hase” weiß ich nicht, ob Hase maskulin oder Neutrum ist.
Beides ist möglich.
Die Deutschen führen ein neues Objekt mit dem unbestimmten Artikel ein-eine-ein ein
(erste Nennung).
Dann sprechen sie mit dem bestimmten Artikel oder mit dem Personalpronomen weiter
(zweite Nennung).

Die zweite Nennung macht es klar. “Hase” = “er” ==> “der Hase”.

Die zwei Sekunden helfen mir auch bei DAT und GEN.
Beispiel: In dem Blog finden Sie viele Lernhilfen.
Es zeigt Lösungen, die wir im Unterricht entwickelt haben.
Bei dem DAT “dem Blog” weiß ich nicht, ob Blog maskulin oder Neutrum ist.
Beides ist möglich.

Die zweite Nennung macht es klar: “Blog” = “Es” ==> “das Blog”.

Dieser Trick funktioniert gut,


weil die Deutschen fast immer zuerst ein neues Objekt einführen und
es dann näher beschreiben.

Die Kinder in Deutschland benutzen diese drei Tricks beim Hören und Sprechen.
Sie können damit innerhalb von wenigen Wochen
alle DerDieDas spontan automatisch korrekt sprechen.

67
Kinder kennen die grammatischen Bezeichnungen NOM, AKK, DAT und GEN nicht.

Eine kleine Situation soll zeigen, wie die Kinder die Endungen via Hören lernen.
Eine Familie macht einen Ausflug in den Wald. Eine Person sagt:

Da ist ein Hase. Da ist noch einer.


Der Hase rennt über die Wiese. Siehst du ihn?
Dein erster Hase!

Die Emotionen, z.B. Überraschung, Aufregung, Neugier, und


die sozialen Interaktionen,
z.B. veränderte Stimme, Intonation, Sprechgeschwindigkeit, das Anstupsen des Kindes,
das Zeigen mit dem Finger auf das Objekt, die Freude auf dem Gesicht der Menschen etc.
sind wesentliche Bestandteile für das Lernen des Kindes.

68
Wie funktionieren die Endungen in dieser Situation?
1. Nennung
Da ist ein Hase . Keine Endung=
keine Info
Signal: ♂ oder Neutrum ist unklar.
Du musst selber schauen.
? Es gibt eine kleine Sprechpause.
In dieser Sprechpause macht das Kind seine
Augen auf und
sucht das Objekt.
2. Nennung
Da ist noch einer. Endung –er=
Wichtige Info:
NOM

Singular
An dieser Stelle lernt das Kind:
Hase – der Hase.
Das Kind lernt den Artikel.

Signal:
Diese Endung musst du
wieder benutzen.
Die wichtige Info wird
Der Hase rennt über die Wiese.  schnell
 präzise und
 unbetont
wiederholt.
Signal: „einer“ und „der Hase“ sind das gleiche
Objekt.
Die Objekte hängen zusammen.
Die wichtige Info
Siehst du ihn? wird als AKK-Objekt
AKK wieder benutzt.
Signal: Der Sinnzusammenhang wird größer.
Die wichtige Info kann am Possessivpronomen
Dein erster Hase! nicht landen und „springt“ zum Adjektiv.

Die Kinder spüren:


es gibt Zusammenhänge zwischen den Menschen und Objekten.
Die Kinder hören die gespürten Zusammenhänge in den Endungen.

Die Kinder kennen,


was die Endungen benennen.
The children know,
what the endings show.

69
Das ist der Grund,
warum einwandernde Kindergartenkinder
die Endungen viel schneller lernen
als ihre Eltern.

Kinder lernen die Endungen sehr schnell,


 weil sie sich in einer Situation, in einem Kontext bewegen,
 weil sie die Zusammenhänge zwischen Menschen und Objekten sehen und benutzen, und
 weil die wichtige Information (= die Endung)
diese gesehenen und benutzten Sinnzusammenhänge
auf einfache, schnelle und präzise Weise
sprachlich ausdrückt.
Die Endungen sind für die Kinder sinnvoll und logisch.

Warum lernen Kinder die Endungen so schnell und so perfekt?


 Sie haben Dutzende sofort korrigierende „hilfreiche Hände“,
nämlich die anderen Kinder.

Auch hier gilt die Regel:


Die Anzahl der Kontakte mit Biodeutschen entscheidet über die Geschwindigkeit,
mit der man die Endungen lernen kann.
20 biodeutsche Kinder stellen an einem Kindergarten-Vormittag
zu einem Migrantenkind mehr Kontakte her,
als ein:e Deutschdozent:in mit einer erwachsenen Person herstellen kann,
wenn sie/ er 10 erwachsene Migrant:innen im Vormittags-Deutschkurs unterrichtet.

Für das Lernen der Endungen ist


das Setting im Kindergarten besser als
das Setting im Deutschunterricht.

 Die Kinder merken sehr schnell,


dass die Endungen die Phantasie lenken.
Sie denken nicht rational,
sie denken "phantastisch",
die Grenze zwischen Phantasie und Realität
ist noch nicht klar definiert.
 Sie benutzen sehr schnell die Endungen,
damit die anderen Kinder
die gleichen Phantasien haben wie sie.
 Ein Endungsfehler ist für Kinder ähnlich
wie ein physischer Schmerz:
"Du darfst nicht so sprechen!!!"
 Kinder übersetzen nicht.
Sie denken Sprache 1 und sprechen Sprache 1,
sie denken Sprache 2 und sprechen Sprache 2.
Das ist ganz einfach: ich sehe das Gesicht und
spreche die Sprache, die zum Gesicht passt.

70
 Kinder steuern über die Endungen
das schnelle Erfüllen ihrer Wünsche.
Sie lernen: wenn sie die Endung sprechen,
bekommen sie schneller, was sie haben wollen.
Kinder manipulieren.
Endungen sind ein Mittel der Manipulation.
 Ihre Gehirne sind frisch und müssen die Denkstrukturen bauen.
Ihre Gehirne sind wie ein Schwamm, sie saugen alles auf.

9. Spaß haben mit der Unschärfe der Artikelendungen

Die gelenkten Phantasien lösen für Kinder ein Problem, das erwachsene Deutschlerner:innen für
unlösbar halten: die „gezielte Unschärfe“ der Artikelendungen. Jede Artikelendung kommt in der
„kleinen Tabelle“ mindestens zweimal vor:
Der:
 NOM ♂ Singular
 DAT ♀ Singular
 GEN ♀ Singular
 GEN Plural
Die:
 NOM ♀ Singular
 AKK ♀ Singular
 NOM Plural
 AKK Plural
Das:
 NOM Neutrum Singular
 AKK Neutrum Singular
Den:
 AKK ♂ Singular
 DAT Plural
Dem:
 DAT ♂ Singular
 DAT Neutrum Singular
Des:
 GEN ♂ Singular
 GEN Neutrum Singular

71
Kinder machen aus diesem Labyrinth der zweideutigen Hinweise ein Memory-Spiel:

Weil die Kinder die gelenkten Phantasien einsetzen,


entscheiden sie bei jeder Artikelendung (die ja zwei oder vier Richtungen zeigt),
welche Phantasie in diesem Kontext schneller zum Ziel führt.
Die zweideutigen Endungen und die gelenkten Phantasien öffnen den Raum
 für Sprachspiele,
 für Witz,
 für Querbezüge,
 für Missverständnisse,
 für bildhaftes, kontextuelles Erfassen komplexer Zusammenhänge,
 für simultanes Verstehen
(Schallgeschwindigkeit, so schnell wie das gesprochene Wort) und
 für zielführende Abkürzungen
(Lichtgeschwindigkeit, die Bedeutung erfassen, bevor das Wort ausgesprochen wird).
Diese „Kinder-Technik“ beschleunigt den intuitiven Lernprozess der Kinder ganz extrem.

Weil die erwachsenen Deutschlerner:innen Logik einsetzen,


überlegen sie bei jedem Nomen,
welche Artikelendung hier Sinn machen könnte.
Sie konstruieren aus Übersetzungen oder aus halbherzigen logischen Erwägungen
neue Artikelendungen oder lassen die Artikel komplett weg.
Dadurch öffnet sich im Deutschen ein Raum
 für Sinnlosigkeit,
 für Beliebigkeit, d.h. für nicht vorhandene Steuerung,
 für kommunikative Sackgassen, Situationen, in denen es nicht weitergeht, und
 für Desorientierung.
Diese „Erwachsenen-Technik“ blockiert den logischen Lernprozess und produziert in der
Kommunikation viele frustrierende Erlebnisse.

Kinder reagieren auf falsch gesetzte Artikel extrem negativ:


 Du DARFST so nicht sprechen! (Kind, drei Jahre, mit Tränen in den Augen)
 Mama, du bist dumm! (Kind, vier Jahre, mit großem Ärger)
 Mama, du bist peinlich. (Jugendliche, 16 Jahre, mit Fremdschämen)

72
Hinter dieser Empörung, hinter diesen emotionalen Aufwallungen steht die Erfahrung der Kinder,
dass ein falsch gesetzter Artikel ihre gelenkte Phantasie
in eine falsche, schmerzhafte, beschämende Richtung führt.
Sie empfinden das als emotionale Verletzung,
als ein Führen gegen die Wand, als ein „Aussetzen im Wald“,
als ein Hinausschleudern in den kalten Kosmos.
Falsche Artikelendungen sind wie falsche Verkehrszeichen im Straßenverkehr,
ein NoGo in Deutsch, die Kinder spüren das sehr genau.

DAT ♂ und DAT Neutrum haben die gleiche Endung.


Der Vorteil dieser Unschärfe ist, dass die Hörer:innen noch aufmerksamer zuhören müssen,
damit sie aus dem grammatisch Möglichen das inhaltlich Gemeinte richtig zuordnen.
Diese Unschärfe hält die bereits gestartete Phantasie – grammatisch – am Leben,
ohne dass klar ist, ob die Phantasie – inhaltlich – nötig ist.
Die Endung wirkt hier wie eine vereiste Pfütze auf der Straße:
die Kinder haben Spaß mit ihr und schlittern absichtlich über das Eis.
Die Passant:innen passen viel besser auf, weil sie nicht auf dem Eis ausrutschen wollen.
Die Kinder (und die Comedians und viele andere) spielen mit dem Spaß und mit den Möglichkeiten,
die durch die grammatisch möglichen Querbezüge in der Realität entstehen.
Dieser Spaß und dieses Spiel ermöglichen es den Kindern,
dass sie mit der Phantasie die Realität beherrschen.
Spaß und Spiel und die Lust an der Beherrschbarkeit der Realität sind die Treibmittel,
mit denen die Kinder DerDieDas lernen und so zäh verteidigen.

Die Unschärfe (genauer: die nicht vorhandene Trennschärfe) bei DAT ♂ und DAT Neutrum öffnet
 der Phantasie,
 dem uneigentlichen Sprechen,
 dem Andeuten,
 dem Zufällig-das-Richtige-Finden,
 dem Freudschen Versprecher
Räume für das inhaltliche Denken und für den Humor und
erhöht die Aufmerksamkeit.
Dieses grammatische Phänomen ist alt und in anderen indoeuropäischen Sprachen verbreitet,
z.B. im Lateinischen und Altgriechischen.
Diese Unschärfe gibt es in Deutsch bei allen Artikelendungen.

Die Unschärfe ist demnach ein Konzept.


Sechs Endungen (und der Nullartikel, die Nicht-Endung bei ein-eine-ein) bilden die Basis
für sechzehn Rezeptoren, die an zehntausenden Worten ansetzen und
blitzartige inhaltliche Verbindungen im Kontext herstellen,
Andeutungen und Mehrdeutigkeiten inklusive.
Die Realität erscheint dadurch als eine Staffelung
von Sichtbarem und Verborgenem,
von Mehr-Möglichem,
die es zu durchdringen und
mithilfe der hastig hingeworfenen Schlüssel – der Endungen – zu entschlüsseln gilt.

73
Werden dadurch nicht Missverständnisse provoziert?
Ja, ganz sicherlich, aber nur bei denjenigen, die den Tanz auf dem Seil nicht gewöhnt sind.

Wer das blitzartige Verbinden der Endungen für die Beherrschung der Realität benutzt,
kann den Jaguar im Dschungel lokalisieren und ihn verfolgen, ohne ihn zu sehen.
Diese Fähigkeit ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil
in einer sich dynamisch entwickelnden Gesellschaft.

das blaue Kleid

as=die wichtige Information: das ist ein Neutrum Singular.


Du brauchst diese wichtige Information beim Sprechen,
weil du damit die Phantasie deines Hörers kontrollierst.
Die Phantasie des Hörers startet bei „das“ und
sucht im weiten Kosmos der – in diesem Kontext möglichen – Neutrum-Objekte das richtige Objekt:
Haus – Auto – Formular - … sind möglich. Sie alle sind Neutrum.

blau= eine Eigenschaft des Objekts.


Mit dem Adjektiv „blau“ schränkst du die Anzahl der möglichen Neutrum-Objekte ein.
Als Sprecher baust du damit einen Filter ein,
mit dem der Hörer die Anzahl der möglichen Objekte in seiner Phantasie radikal verkleinert.
Das Bild wird klarer.

e= die Adjektivendung.
Sie dient sehr oft der Rhythmik und der Satzmelodie.
Dieses „e“ ist unbetont und stellt sich zwischen die beiden betonten Silben.
Dadurch ergibt sich der phonetische Wechsel von
betont-unbetont-betont,
dam-da-dam,
blau-e-Kleid,
der in den Ohren der Biodeutschen als schön gilt.

Bezogen auf die bereits gestartete, suchende Phantasie ist das „e“ ein retardierendes Moment,
ein Spannungsaufbau, der die Suche nach dem richtigen Neutrum-Objekt intensiviert.
Das „e“ gibt keinen Hinweis auf das Genus.
Seine Funktion besteht darin, dass es die Phantasie stimuliert.

74
Exkurs: Das „e“, phonetische Schreibweise „ə“, ausgesprochen „schwa“, ist eine Variation,
die auf die ältesten Schichten der germanischen Grammatik zurückgeht.
Einerseits hat diese Endung eine große Bedeutung für die Rhythmik und für das ästhetische
Empfinden der Satzmelodie.
Andererseits markiert die Adjektivendung auch Wörter aus anderen Sprachen,
die früh ins Deutsche/ Germanische übernommen wurden.
Wie tief die Wurzeln der Adjektivendung reichen, zeigt
[Link]
Wie weit verbreitet das phonetische ə im Deutschen und Englischen ist und
wie es mir beim Lernen von Deutsch hilft, finde ich
unter [Link]
Mehr dazu unter der Frage:
Warum kann ich mit dem Löwen spielen, aber nicht mit dem Tigeren?
Warum hat der Löwe ein „en“, der Tiger aber nicht?

Kleid

Die Kinder finden beim dritten Wort das, was sie erwarten.
Die Phantasie ist am richtigen Ort gewesen.
Neutrum Singular war die gelegte Spur, die die Phantasie des Hörers verfolgt hat,
„Kleid“ war das Neutrum-Objekt, das am Ende der Spur steht und die Phantasie positiv bestätigt.
Über die Artikelendung hast du die Spur und
über die angeregte Phantasie das Vertrauen im Hörer angelegt.
Der Hörer fühlt sich wohl und kommuniziert mit dir gerne weiter.

Gegenteil: die blaue Kleid: [Vorsicht: das ist ein Fehler beim Sprechen! GB]
„e“ in „die“= die wichtige Information: das ist ein ♀ Singular.
Du lenkst die Phantasie deines Hörers in Richtung ♀.
Die Kinder finden beim dritten Wort nicht das, was sie erwarten.
Sie fühlen sich betrogen, verletzt, in die falsche Richtung geführt.
Der Hörer vertraut dem Sprecher nicht.
Der Sprecher weiß nicht, wie man das Vertrauen produziert.
Der Hörer hat eine Phantasie:
Du wirst viele Probleme bekommen, weil die Hörer dir nicht vertrauen.

75
Jede Artikelendung hat also mindestens zwei grammatische Bezüge, z.B.

„den“

 AKK ♂ Singular
 DAT Plural.

Die Bedeutung der Artikelendung erschließt sich oft aus dem Kontext, z.B.
Ich schicke den Erzieher zu den Kindern.
Hier ist klar, dass das erste „den“ ein AKK ♂ Singular ist, das zweite „den“ ein DAT Plural.
Das erste „den“ markiert die angesprochene Person,
das zweite „den“ löst im Zusammenspiel mit der Präposition „zu“ die Phantasie eines „Wohin“, einer
Richtungsangabe aus.

Aber nicht immer ist das so, z.B.


Das Auto beschädigt das Fahrrad.
Bei diesem Satz kann „Das Auto“ NOM sein, das Auto bewegt sich und beschädigt das Fahrrad.
Genauso gut kann „Das Auto“ AKK sein, das Fahrrad bewegt sich und beschädigt das Auto.
Der grammatisch nicht sichtbare Unterschied spielt in der Realität und vor Gericht eine große Rolle:
Wer sein Fahrzeug bewegt und den anderen geschädigt hat, bezahlt den Schaden.

Es kommt auf die passendere Bedeutung im Kontext an.


Die andere, nicht so passende Bedeutung schwingt als Option im Hintergrund mit und
erweitert das Verstehen der (ebenfalls mehrdeutigen, nicht immer klaren) Realität.
Die zweite, (auch dritte, vierte,) mitschwingende Bedeutung evoziert und trainiert
 die Phantasie
 das Denken
 das Verstehen
für die Optionen in der (ebenfalls mehrdeutigen, nicht immer klaren) Realität.

Die südafrikanischen calibration gas engineers berichten von ganz ähnlichen Funktionen:

Diese hochspezialisierten Expert:innen hantieren mit

 kleinen und großen Gasflaschen;


 unterschiedlichen Ventilen und Gasleitungen;
 unterschiedlichen Drücken zwischen 68 bar und 210 bar;
 toxischen Gasen;
 explosiven Gasen;
 toxisch-explosiven Gasen.

There is no room for a oops.


Ähnlich bei den Perlentauchern vor den britischen Kanalinseln:
Das Meer lehrt uns, dass wir keinen Fehler machen dürfen.
Ähnlich bei den Seiltänzerinnen: Die Kunst besteht darin, dass wir es leicht aussehen lassen.

76
Für Kinder stellen die Mehrdeutigkeiten, die die Artikelendungen öffnen, ein Spiel dar,
ähnlich wie im Winter die vereisten Pfützen auf der Straße oder
wie die Bewegungen auf einem Skateboard:
Gerade, weil die Bewegungen schwer zu kontrollieren sind, macht es Spaß, mit ihnen zu spielen.
Sie nehmen Anlauf, schliddern über das Eis oder beschleunigen in der half pipe und
freuen sich, wenn sie ohne Unfall auf der anderen Seite ankommen.

DerDieDas funktioniert genauso:


Die Artikelendungen weisen in eine Richtung, in die ich als Hörer denken muss.
In dieser Richtung liegt das Thema/ das Nomen/ das Bild,
das noch unscharf, schillernd, noch nicht greifbar ist.
In dieser Richtung liegen allerdings auch noch Abzweiger,
Mehrdeutigkeiten und auch Einladungen zu Unfällen, die es zu vermeiden gilt.
Indem ich DerDieDas jedes Mal ausbalanciere und die passendere Option auswähle,
beherrsche ich unfallfrei die Realität. Aus diesem Grund ist DerDieDas in Deutsch so wichtig.

Mit Artikelendungen und Kontext löse ich komplexe, auch mehrdeutige


Phantasien im Kopf des Hörers aus.
Wenn ich eine Artikelendung mit Lächeln und Augenbraue ausspreche und
meinen Hörer beobachte, lerne ich extrem schnell, wie ich den Hörer manipuliere.
An diesem Punkt beginnen
 der Spaß,
 das vergrößerte Selbstwertgefühl,
 die Anerkennung und
 der Erfolg.
Die Anzahl der Kontakte mit Biodeutschen erhöht die Geschwindigkeit, mit der ich die Endungen für
 das Evozieren der Emotionen
 das Auslösen von Phantasien
 das Beschleunigen des Verstehens
 das Vertiefen des Vertrauens
 das Manipulieren des Verhaltens und
 das Öffnen der sozialen Gruppe
einsetze.
Es ist die Anzahl der Kontakte mit Biodeutschen.
Nichts anderes kann diese Funktionen so rasch auslösen und die gewünschten Effekte erzielen.

77
Wenn ich die Balance mit der Unschärfe der Endungen beherrsche,
führe ich den Hörer durch mein Verständnis der (mehrdeutigen) Realität.
Der Hörer will und begrüßt das. Er will
 schnell
 präzise
 korrekt
 mühelos
geführt und manipuliert werden.
Der Sinn der erwünschten Manipulation liegt darin,
dass ja auch der Hörer ein Interesse daran hat,
dass er in der mehrdeutigen Realität stimmig interagieren und kooperieren kann.

10. Mit Medien Artikelendungen lernen

Ich übe mit der DerDieDas-App.


Ich kann die Fahrten mit der S-Bahn oder
die Wartezeiten beim Arzt nützen
und ein paar Artikel lernen.

78
Ich höre jeden Tag zehn Minuten lang deutsche Nachrichten.
Am Anfang verstehe ich nichts.
Nach einigen Wochen verstehe ich
(Teile von) ein paar Nachrichten.
Die Verbindung von Aktuellem,
korrekter Grammatik und
Gesprächen mit Nachbarn, Kollegen und Freunden
verbessert rasch das Hören und Sprechen von DerDieDas.

[Link] führt zu den Nachrichten auf ARD.

Ich mache online-Übungen.


Ich nutze die Wartezeiten im Bus oder beim Arzt.
Eine Sammlung solcher Übungen finde ich, wenn ich
[Link] öffne.

Ich lese Bücher auf Deutsch,


die für mich interessant sind.
Gute Bücher auf dem Level A2 finde ich
in der Stadtbibliothek Stuttgart im zweiten Stock.
Dort sind die Kinderbücher,
die (fast) alle Themen abdecken und
eine Mischung aus einfacher Grammatik (A2) und
Fachbegriffen (B2-Wortschatz) bieten.
Die passenden Endungen werden mir
automatisch beim Lesen mitgeliefert.

Viel Freude beim Ausprobieren dieser und der anderen Tricks.

79
11. Das phonetische Training: Endungen sprechen 2

Deutsch ist eine „trochäische Sprache“, das bedeutet,


dass viele Wörter eine betonte und eine unbetonte Silbe haben, z.B. Katze, Tasche, Apfel.
Die zweite Silbe wird deutlich schwächer betont als die erste.
Dadurch entsteht ein rhythmisches Element „damda“,
der Wortstamm ist das betonte „dam“,
die zweite Silbe (oder der Plural bei Tische, Hunde, Ärzte) ist das unbetonte „da“.
Die Aneinanderreihung von diesen Worten ergibt einen Rhythmus. Beispiel:
„Gestern bin ich mit der Mutter in die Stadt gefahren“ führt zu folgender Rhythmik:
Damda damda dam da damda damda dam dadamda“

In dieser rhythmischen Sprechweise bekommen die Artikelendungen fast immer den unbetonten
Anteil. Die Endungen werden also fast immer schwach, unbetont, weniger deutlich ausgesprochen.

Die Artikelendungen werden oftmals in der Phonetik nur noch angedeutet und können leicht
zwischen oder hinter den Wortstämmen verblassen oder verschwinden.
Im Folgenden zeige ich die Auswirkungen dieser Sprechweise an Beispielen aus dem Schwäbischen,
weil diese Auswirkungen im Dialekt viel stärker und krasser zu Tage treten.
Im Hochdeutschen gibt es diese trochäische Sprechweise ebenfalls.
Auch dort kann es schwierig sein, eine Artikelendung zu hören.

Verschlucken
Dem Satz Hasch d´Margarete gsea?“ ist die rhythmische Sprechweise
Da Damda damda damda unterlegt.
Hasch d´Marga re te gsea?
Hast du die Margarete gesehen?
Damit das funktioniert, ist das lange „i“ aus „die Margarete“ verschluckt, also eliminiert.
Der Rhythmus setzt sich durch,
der Artikel bleibt als Buchstabe „d“ erhalten und wird an den Namen Margarete „angeflanscht“.
Schwäbische Dialektsprecher:innen behalten den Artikel bei und sprechen ihn aus,
weil er eine höhere Präzisierung bietet und dadurch Nachfragen und Zeitverlust vermeidet.
Schwäbische Dialekthörer:innen registrieren
diesen angedeuteten, angeflanschten, seiner Vokalität beraubten Artikel sehr genau,
prüfen alle realen Wahrnehmungen und phantasiereich erschlossenen Vermutungen und
greifen den Artikel in ihrer Antwort pointiert wieder auf:
„Die isch dussa em Hof“,
„Die ist draußen im Hof“.
Die Abläufe sind minimalistisch gesteuert, extrem schnell und extrem präzise,
bei gleichzeitiger Ruhe der Beteiligten, ähnlich wie Porschefahren oder Flugzeugfliegen.

Verschlucken tritt auch in der Phonetik norddeutscher Dialekte auf. Der Satz
„Ich komm aus Bre-em“
weist gleich zwei verschluckte Endungen auf. Damit die Satzmelodie
da-damda-damda aufrechterhalten bleiben kann,
wird der Vokal in der betonten Silbe dupliziert und in einer etwas schwächeren Betonung angehängt.
Auf diese Weise bleibt die spezielle Satzmelodie des Bremer Dialekts erhalten.

80
Fazit 1: Der Rhythmus erzwingt manchmal ein Verschlucken der Artikelendung.
Die Dialekthörer:innen reagieren trotzdem passgenau auf
die nicht mehr vorhandene Artikelendung und führen sie situativ passend im slot weiter.

Fazit 2: Erwachsene Deutschlerner:innen können solche Abläufe mit den herkömmlichen Methoden
(Buch, Übungs-CD, Handy, Deutschkurs, …) nicht erfassen.
Verschluckte Artikelendungen erschließen sich ihnen erst im Kontakt mit den Biodeutschen,
wenn die verschluckten Endungen der Beschleunigung und der Lenkung von Abläufen dienen.

Verschleifen

Das einfachste Beispiel für Verschleifen ist die Verkürzung von Präposition und Artikel:

„Ich gehe zu dem Doktor“ wird verkürzt zu:


„Ich gehe zum Doktor“.
„Ich gehe zu der Großmutter“ wird verkürzt zu:
„Ich gehe zur Großmutter“.
Der Artikel wird abgeschliffen, die Endung wird an die Präposition „angeflanscht“,
aus „zu dem“ entsteht „zum“,
aus „zu der“ wird „zur“.

Verschleifen ist ein Begriff aus der Metallbearbeitung. Die Oberfläche eines Metallgegenstands wird
mit Schleifpapier, mit einer Feile oder einem Schleifstein abgerieben und geglättet.
Genau so kann man sich das vorstellen: die Endungen sind im Deutschen unzählige Male benutzt,
durch Myriaden Gesprächssituationen geschleift, verformt und verkürzt worden.
Die Deutschen benutzen die Endungen,
damit sie schneller kommunizieren und den Alltag besser organisieren können.
Die Endungen legen die Verbindungen zwischen den Objekten, ähnlich wie Telefonkabel.
Die Endungen in den Dialekten sind zum Teil noch schwieriger zu hören als
die Endungen im Deutschen. Das Verschleifen ist in den Dialekten stärker.

Die Deutschen sprechen


Für die Deutschen klingt diese
die Endungen
Kombination elegant.
 leise
 immer präzise Wer so spricht,
 120% genau und gilt bei den Deutschen
 kurz und verschliffen, als eine Person,
d.h. ohne Betonung aus. die mühelos alles richtig macht.

81
Was ist wichtiger?
Nomen oder Endungen
Geld oder Liebe
Hardware oder Software
sichtbar oder unsichtbar
Die Deutschen denken: beides!
Mein Tipp: Denken Sie Deutsch und nehmen Sie beides!

Viele Migranten hören diese Endungen am Anfang nicht.


Wenn sie die Endungen nicht hören,
können sie sie auch nicht sprechen.

Für die Migranten klingen die Endungen so,


als wären sie nur klein und unwichtig.
Dabei sind sie fast immer relevant für das Verhalten des Hörers.

Beispiel:
Nach hundert Metern kommt eine Ampel.
Vor ihr$ musst du abbiegen.

Nach hundert Metern kommt ein Restaurant.


$ musst du abbiegen.
Vor ihm

Dieses „ihr“ oder „ihm“ ist für Deutsche sehr relevant.


Es entscheidet darüber, welches Objekt genau gemeint ist.
Ein Fehler bei der Endung löst aus,
dass die Person den Bezug zum genannten Nomen nicht findet.
In diesem Beispiel heißt das,
dass die Person falsch abbiegt und den Weg nicht findet.

Noch schwieriger zu hören ist es,


wenn die Leute Dialekt sprechen:

$ muasch abbiagǝ.
Voa ihǝ

$ muasch abbiagǝ.
Voaehm

Die Aussprache von „ihǝ“ ist nicht „ihrrrrr“ (betontes „r“),


sondern changiert zwischen
 „r“
 „e“ und
 „a“.
Die Endungen werden oft „verschliffen“, d.h.
sie sind einerseits sehr präzise (Genus, Numerus, Kasus),
sie sind andererseits phonetisch sehr undeutlich, in verschiedenen Dialekten auch verschieden und
oft genug in Schriftsprache nicht eineindeutig abbildbar ausgesprochen.

82
Für erwachsene Deutschlerner ist eine verschliffene Endung in der ersten Lernphase fast nicht
hörbar.
Für Biodeutsche ist eine verschliffene Endung eine wichtige, bedeutungsentscheidende Information.

Eine korrekt gesprochene Endung ist ein Signal:


 Ich kenne und respektiere deine Kultur und deine Sprache.
 Ich interessiere mich für das Leben hier und für deine Person.
 Ich bin höflich und beachte die Regeln, die hier gelten.
 Ich kann auch kleine und scheinbar unwichtige Regeln einhalten.
 Ich kann schnell und präzise sprechen, ohne anzuecken.

Dieses Signal ist für Biodeutsche sehr klein und einfach und normal,
wie der Schlüssel zum eigenen Auto oder zur Wohnung.
Die Wirkung von diesem Signal ist:
Die Biodeutschen haben Vertrauen zum Sprecher und setzen die Kommunikation fort.

Diese eine Wirkung hat zahlreiche Folgen:


 Der Sprecher betritt das soziale Umfeld und wird von den Bekannten, Freunden und
Verwandten der Deutschen wohlwollend aufgenommen;
 Der Sprecher kann seine beruflichen Ziele nennen und bekommt Unterstützung, damit er sie
erreichen kann;
 Der Sprecher findet einen Job und kann Geld verdienen.

Das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) weist für das deutsche „seine“ die Aussprache [seinɘ]
aus.
Die Endung –e ist ein unbetonter, bedeutungsentscheidender Laut.
Deutschlerner können diesen Laut [ɘ] am Anfang oft nicht hören (und nicht sprechen), weil er
unbetont ist.
Deutsche sehen diesen Laut ɘ als eine wichtige, inhaltliche Information an, weil er
bedeutungsentscheidend ist.
Sie hören, verstehen, wiederholen und variieren diese Information.
Sie benutzen diese Information darüber hinaus als inhaltliches Controlling-Instrument im Gespräch.

Ähnlich verhält es sich mit den anderen Endungen –er, -es, -en, -em.
Erwachsene Deutschlerner:innen können den Unterschied
zwischen seinen und seinem,
zwischen seine und seiner
am Anfang (fast) nicht hören und nicht sprechen.
Biodeutsche brauchen diese unterschiedlichen Laute, damit sie die Objekte, die Personalpronomen
etc. inhaltlich stimmig zuordnen können.

Fazit: Erwachsene Deutschlerner:innen haben Probleme,


die Endungen (zu hören und) richtig zu sprechen.

83
Das Sprechen-Lernen der Endungen ist wie das Lernen von Fahrradfahren.
Am Anfang muss ich viele Bewegungen gleichzeitig koordinieren.
Ich fühle mich unsicher, brauche viel Unterstützung und mache Fehler.
Ich habe ein Ziel und mache meine Übungen,
damit ich mich ähnlich elegant bewegen kann wie die Menschen um mich herum.
Ich bin überrascht, wenn ich merke, dass ich alles korrekt mache und
ich mich (auf dem Fahrrad und in der Kommunikation) schnell und ohne Unfall bewege.
Ich nehme meinen Mut zusammen und benutze mein Fahrrad und meine Zweitsprache wie einen Teil
von mir selbst.
Die Menschen, die mich bei meinen Übungen und mit meiner wachsenden Eleganz sehen, freuen
sich, machen mir Mut und helfen mir weiter.
Mit dieser Kombination lerne ich in wenigen Wochen Fahrradfahren.
Mit dieser Kombination wird Deutsch innerhalb eines Jahres meine Zweitsprache.
Ich kann in Deutsch ähnlich sicher sprechen wie in meiner Muttersprache.

Verschmelzen

Zwei Konsonanten werden „heißgemacht“ und zu einer anderen Form transformiert.


Es entsteht ein neuer Konsonant. Beispiele:

etwas
Das „t“ t w Das „w“
t wmb wird zu einem „wm“ phonetisch erweitert und
wird weich und d b in einem „b“-Laut gestoppt
verschwindet bb Das „b“ wird dupliziert, wegen des kurzen Vokals „e“
ebbes
Ich heiße Herr Marktwart
kw Das „t“ wird verschliffen und verschluckt
qu Das neu entstandene „kw“ wird
als ein Buchstabe „q“ geschrieben
Marquardt

Verschmolzene Konsonanten machen es auch Biodeutschen extrem schwierig,


dass sie das ursprüngliche Wort noch erkennen.

Beim Verschmelzen wirken jahrtausendealte Konsonantenregeln.


Wer diese Regeln kennt, kann nicht nur Dialektworte und Sprachvarietäten entschlüsseln, sondern
auch auf den Spuren wandernder, weitergegebener Worte zwischen den Kulturen spazieren gehen.
Das Kapitel „Zwischen den Kulturen wandern“ im Download „Wortfamilien und Kontexte“ führt
diesen Aspekt beispielhaft aus.

84
Überlappen

Die Endungen verschwinden teilweise hinter dem nachfolgenden Konsonanten des Nomens.
Das passiert besonders oft dann,
wenn der letzte Konsonant der Endung gleich ist
wie der erste Konsonant des Nomens. Beispiel:
Mein Handy ist in meinem Mantel.
Mei Handy´sch en meim Mandl.

Die drei „m“ in „meim Mandl“ werden im Dialekt extrem schnell ausgesprochen,
das DAT-„m“ verschwindet teilweise hinter dem Mandl-„M“.
Schwäbische Leute sprechen und hören an dieser Stelle drei „m“,
erwachsene Deutschlerner:innen erfassen das mittlere „m“, also den DAT, nicht mehr.
Für schwäbische Leute ist das angedeutete DAT-„m“ wesentlich
für das schnelle und präzise Erfassen und das reibungslose Koordinieren der Verhaltensweisen.
Sie nehmen das DAT-„m“ wahr wie die Schulter eines Kindes, das sich hinter dem Baum versteckt.

Nuscheln

Eberhard Rehfeld war ein experimentell arbeitender


Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in den 1970ern bis 1990ern.
Auf die Frage:
Eberhard, warum nuschelst du so?
antwortete er:
Das ist eine Hörprobe. Die Schüler lernen bei mir Hören.

Die Lösung besteht darin, dass die Deutschlerner:innen die Endungen unterbewusst speichern und
sie
 korrekt und
 genuschelt
aussprechen. Dann sprechen sie elegant Deutsch.
Ihre Arbeit gilt dann als mühelos.
Ihre Ideen gelten dann als relevant und nützlich.

Die Endungen sind Die Kommunikation wird

 kurz  schnell
 unbetont und genuschelt  mühelos und leicht
 präzise  präzise

85
Die Deutschen sprechen
die Endungen
 immer korrekt
 120% genau und
 kurz und genuschelt,
d.h. ohne Betonung aus.
Für die Deutschen klingt
diese Kombination elegant.
Wer so spricht,
gilt bei den Deutschen
als eine Person,
die mühelos alles richtig
macht.

Nuscheln ist eine sprachliche Eigenart von Chefs: Sie sprechen leise und ohne Lippenbewegungen.
Dieser Sprechtrick zwingt die Hörer:innen dazu, dass sie sich extrem auf den Sprecher konzentrieren
müssen, wenn sie etwas verstehen wollen. Nuscheln ist also eine Sprechtechnik, die – aus Sicht des
Leiters – das Führen und Leiten von Gruppen erleichtert.

12. Das Ende des phonetischen Trainings

Das phonetische Training läuft, wenn die Hörer:innen in einer fahrenden S-Bahn durch alle
Nebengeräusche hindurch eine DAT-Endung zu hören versuchen.
Das phonetische Training ist zu Ende, wenn die Hörer:innen
 in einer Online-Veranstaltung
 einen nuschelnden
 Dialektsprecher
 hinter einer FFP2-Maske
 trotz diverser Hintergrundgeräusche (Papier zerknüllen, auf den Tisch klopfen)
verstehen können.

Der Alltag in Deutschland ist genau von solchen Bedingungen geprägt. In der Interdisziplinären
Notaufnahme (INA) des Katharinenhospitals Stuttgart müssen ausländische Mediziner:innen
 Maschinengeräusche (Sensoren, Piepen etc.) herausfiltern
 Nebengespräche aus der Nachbar-Patientenbox zuordnen und als (un-) wichtig einstufen
(halbhohe Wände, Vorhang, keine abgeschlossenen Zimmer)
 Zwischenrufe von Kolleg:innen und Patient:innen verstehen und angemessen darauf
reagieren können
 Den schnell sprechenden, nuschelnden Notarzt hinter der FFP2-Maske verstehen
 Am Handy Informationen und Anweisungen verstehen können
 Mit der dialektsprechenden Seniorin ein Aufnahmegespräch führen können
 Mimische, gestische und pantomimische Signale wahrnehmen können
 In allem die bedeutungsrelevanten, das Verhalten manipulierenden Endungen sicher
zuordnen können.
Dies alles simultan.

86
Wird es ein Deutsch ohne Endungen geben?
Eine Griechin sagte einmal:
Wir Griechen haben 2400 Jahre Erfahrung mit Schriftlichkeit.
Wir haben die Deklination und große Teile der Verbkonjugation über Bord geworfen.
Die Deutschen haben 800 Jahre Erfahrung mit Schriftlichkeit.
Die Deutschen werden ihre Deklination und ihr Spiel mit den Verbpositionen auch irgendwann über
Bord werfen.

Unerwartete Hilfe kommt von einem Archäologen mit Migrationshintergrund.


Nicolas J. Conard berichtet seit Jahren über die Venus vom Hohle Fels. Dabei setzt er sich über die
gängige Deklination und über historische Schreibungen des Namens hinweg.
Die Venus vom Hohle Fels ist also nicht nur die älteste Darstellung des weiblichen Körpers.
Sie ist vielleicht auch der Anfang vom Ende der Deklination im Deutschen.

87
Verben mit Präpositionen und Nomen-Verb-Gruppen (B2-C1)
Verben mit Präpositionen (V+P) und Nomen-Verb-Gruppen (NV-Gruppen) haben acht erwünschte
kommunikative Effekte:
 Prüfungen von A2 bis C1 bestehen
 Phantasien auslösen
 Verstehen beschleunigen
 Verhalten manipulieren
 Respekt auslösen
 Als beruflicher Profi erscheinen
 Kooperation auslösen
 Nuancen präzise auslösen
Damit sind sie ein starker sprachlicher Turbo in der beruflichen Entwicklung.

Verben mit Präpositionen gelten als B2-Marker, wenn sie flüssig korrekt gesprochen werden.
Diese Fähigkeit lässt sich ganz einfach trainieren.
Nehmen Sie einen B2-Text. Lassen Sie Ihren Zeigefinger über dem Text kreisen,
stoßen Sie den Finger auf den Text und
finden Sie so ganz unwillkürlich ein Verb mit Präposition.

Dieses Verb mit Präposition, z.B. „arbeiten an“ trainieren Sie bitte nach folgendem Muster:
1. Formulieren Sie einen Hauptsatz mit diesem V+P:
Der Archäologieprofessor arbeitet an einem Buch über Pyramiden in Nubien.
2. Formulieren Sie einen W-Fragesatz mit diesem V+P:
Seit wann arbeitet er an diesem Buch?
3. Formulieren Sie einen Nebensatz mit diesem V+P:
Der Archäologieprofessor bekräftigt seine Absicht, dass er weiterhin an dem Buch arbeitet.
4. Versuchen Sie, mit diesem V+P ein Passiv zu bilden:
An dem Buch über Pyramiden in Nubien wird weiterhin gearbeitet.
Dieses harte Training (HS/ W/ NS/ Passiv) hat folgende Vorteile:
 Jede Person trainiert aufgrund des Zufallsgenerators „kreisender Zeigefinger“ eine eigene
Sammlung von V+P. Das ist wichtig, damit in einer B2-Prüfung nicht drei Kandidat:innen
hintereinander die gleichen V+P benutzen.
Den Prüfern würde das auffallen,
Kandidat:in 1 würde bestehen, Kandidat:in 2 würde misstrauisch beäugt und Kandidat:in 3
würde durchfallen mit dem Argument,
dass alle drei einen guten Sprachlehrer hatten,
aber nur auswendig Reproduziertes von sich geben.
 Jede Person kennt bei dem von ihr ausgesuchten V+P genau
den Satzbau, die Endungen, die Satzmelodie etc. bei allen Satzbauarten.
 Der Passiv-Satz hat noch eine wichtige Funktion. Drei Varianten sind möglich:
+ es gibt ein Passiv, kein Problem.
+ es gibt ein „schiefes Passiv“, die Deutschen verstehen, aber sie verziehen das Gesicht und
wenden ein: „Man sagt das so nicht.“
+ ein Passiv ist bei diesem V+P nicht möglich.
Indem ich den Passiv-Satz probiere, sehe ich, bis wohin ich dieses V+P benutzen kann.
Ich kenne den Wirkungsradius dieses V+P.
Das erleichtert das flüssige Sprechen ungemein.

88
 Eine Person, die Sätze mit V+P flüssig korrekt sprechen kann, gilt als Profi im Beruf.
 Eine Person, die Sätze mit V+P flüssig korrekt sprechen kann, gilt als Person,
die mit dem Kunden sprechen kann.
Damit hat sie beim Teamchef einen Stein im Brett.
 Eine Person, die Sätze mit V+P flüssig korrekt sprechen kann, gilt als nützlich.
 Wer diese Phantasien in den ersten Sätzen eines (Telefon-) Gesprächs auslösen kann,
bekommt die Unterstützung von Frau Werwolf und weitere zwei Minuten mit dem Chef.

Verben mit Präpositionen sind also Gamechanger,


sie öffnen Türen, die ansonsten verschlossen bleiben.

Für Nomen-Verb-Gruppen gelten dieselben Trainingssätze und dieselben Vorteile.


Es lohnt sich also, wenn Sie ca. 8 V+P und 3 NV-Gruppen solange hart trainieren,
bis Sie sie flüssig sprechen und die Sätze variieren können.

Beispiel: in Betracht ziehen


HS: Wir sollten einen Medikamentenwechsel in Betracht ziehen.
W: Was haben wir übersehen? Was sollten wir außerdem in Betracht ziehen?
NS: Der Oberarzt gab zu bedenken, dass wir die Langzeitwirkungen noch nicht in Betracht
gezogen haben.
Passiv: Wurden schon die Wechselwirkungen in Betracht gezogen?

In einem Sprachtest verwenden Sie dann 2-3 Ihrer einstudierten V+P und 1-2 NV-Gruppen.
Die Prüfer werden das registrieren und Sie als B2-Sprecher:in erkennen.
Der Aufwand dieses Trainings beläuft sich auf ca. zwei Stunden.

89
Verbposition V,V und B2-Satzbau mit Nachfeld (B2-C1)
Die Verbposition V,V hat zwei kommunikative Effekte:
 Phantasien auslösen
 Respekt auslösen

B2: Der Trailer & Truck


Zeichnung © Hernan Bonet

NSA Nebensatz Hauptsatz

Nachdem er den Ring beim Juwelier gesehen hat, brachte er ihn mit.

Alle
Verb Verb
Verben
II. letzte
Letzte Posi- Posi-
Position tion tion

Hier ist der Nebensatz auf der I. Position,


Der Nebensatz ist hier eine Information auf die Frage: Wann?
Diese I. Position (=der Nebensatz) kann sehr lang werden.

90
Zeichnung © Hernan Bonet

NSA Nebensatz Hauptsatz


Nachdem er den Ring beim Juwelier gesehen hat, brachte er ihn mit.

Alle Verb Verb


Verben II. letzte
Letzte Posi- Posi-
Position tion tion

Der Nebensatz hat alle Verben auf der letzten Position,


dann kommt das Komma,
dann kommt das Verb des Hauptsatzes auf der II. Position.
Das Verb auf der II. Position ist der Motor im Satz.
Es zieht und schiebt den ganzen Satz und
trägt und bewegt alle Informationen.

Es entsteht eine Kombination:


Verb Komma Verb

Wenn die Deutschen diese Kombination hören oder lesen,


reagieren sie freundlich. Sie haben das Gefühl: Der Sprecher kann mit großer Sicherheit auch
schwierige Sätze konstruieren und bewegen.

91
B2: Die Golden Gate Brücke

Der Hauptsatz als Golden Gate Brücke


Die Golden Gate Brücke wird von zwei Pylonen getragen.
Der Hauptsatz wird von zwei Verben getragen.

Mittelfeld
Die spontane Information

Alle anderen Informationen


Die wichtige Information
Vorfeld (erste Position)
Nullte Position aduso

Zweite Position Verb

Letzte Position Verb

Nachfeld

Aber Harold konnte nicht mit seinen Freunden ins Theater gehen wegen Lea.

92
VerbKommaVerb ist die einfachste Methode. Dabei stellt man einen A2-Nebensatz um, Beispiel:

A2: Ich kann nicht ins Kino gehen , weil ich arbeiten muss .

V2 VL VL

B2: Weil ich arbeiten muss, kann ich nicht ins Kino gehen .

VerbKommaVerb VL

Die Worte sind gleich, die Satzstellung ist anders. Der Nebensatz wird nach vorne gestellt.
Der Nebensatz nimmt damit die Position 1 ein, inklusive seiner Verben auf der letzten Position.
Weil der ganze Nebensatz auf Position 1 ist, folgt direkt nach dem Komma das Verb des Hauptsatzes.
Die Regel „Verb zweite Position (V2)“ bleibt damit erhalten.
Das ergibt die Verbstellung „VerbKommaVerb“.
Das Subjekt des Hauptsatzes wird auf Position 3 gestellt, hinter das Verb.

Eine Kollegin nannte diese Verbstellung „Verb küsst Verb“.

B2: Weil ich arbeiten muss, kann ich nicht ins Kino gehen .

Verb küsst Verb VL

Wer so sprechen kann, gilt als B2-Sprecher.

Die deutschen Verbstellungen V2/ VL und V,V nehmen keine Rücksicht auf
die Satzstellung Subjekt-Verb-Objekt (SVO),
die in vielen anderen indoeuropäischen Sprachen „normal“ ist.
SVO kommt in Deutsch vor, ist aber kein Standard.
Das Schöne an VerbKommaVerb ist, dass es als B2-Marker gilt und subtil auf die Biodeutschen
einwirkt. Wer so sprechen kann, löst einige (unterbewusste) Phantasien und Verhaltensweisen aus:
 Die Biodeutschen glauben, diese Person kann alle Satzkonstruktionen sprechen.
 Man traut ihr schwierigere Aufgaben zu.
 Sie bekommt mehr Respekt.
 Sie bekommt sofort eine freundliche, umgängliche Reaktion. Kommentiert [GB1]:
Fazit: Auch A2-Sprecher:innen können diese Sprechweise trainieren und mehr Vorteile bekommen.

93
Sofort positive Phantasien im Kopf der Biodeutschen auslösen
Eine Chilenin sagte: Die Deutschen sind unkooperativ, herzlos und kalt. Daraufhin fragte ich sie:
Kennst du die Tricks, wie du diese Leute kooperativ, warmherzig und freundlich machen kannst?
Sie entgegnete halb zweiflerisch, halb neugierig: Ist das möglich?

Es gibt fünf Tricks, wie das gelingen kann:


1. einen Hund kaufen und mit ihm spazierengehen;
2. ein Baby bekommen und den Kinderwagen durch die Nachbarschaft schieben;
3. in einem Garten arbeiten;
4. ehrenamtlich mitarbeiten, in einem Verein mitarbeiten.

Diese vier Verhaltensweisen lösen eine Phantasie aus:


Diese Person kümmert sich um andere.
Diese Person geht nicht mehr weg, sie bleibt in Deutschland.

Diese positive Phantasie beseitigt sofort die bisher bestehenden Barrieren zwischen den Menschen in
der deutschen Gesellschaft. Das wiederum ändert spontan das Verhalten der Deutschen.
Aus unkooperativen, herzlosen, kalten, desinteressierten Deutschen werden
kooperative, warmherzige, freundliche, zugewandte Menschen.

In diesem Zusammenhang ist die ehrenamtliche Mitarbeit wichtig.


Rund 15 Millionen Menschen sind in Deutschland ehrenamtlich tätig, siehe
[Link]
Diese 15 Millionen Menschen sind besser gebildet, haben mehr soziale Kontakte und verfügen über
mehr Geld als die Gesamtbevölkerung. Was ist hier die Ursache und was ist die Folge?
 War zuerst die höhere Bildung da und damit verbunden die Einsicht, dass Ehrenamt sinnvoll
ist? Oder war zuerst das Ehrenamt da und die höhere Bildung wurde dadurch erleichtert?
 Hatten diese Menschen schon immer viele Kontakte und nutzen sie in einem Ehrenamt?
Oder verschaffte das Ehrenamt ihnen diese zahlreichen Kontakte?
 War zuerst der Reichtum da und kam das Ehrenamt später dazu?
Oder war zuerst das Ehrenamt da und diese Menschen wurden später reich?
Aus der Sicht eines Deutschlehrers gleicht diese Diskussion der Frage:
Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?

Viel interessanter ist, dass das Ehrenamt das Deutschlernen enorm beschleunigt und
viele Einblicke, viele Tipps und Tricks für ein besseres Leben in Deutschland liefert.
Es gibt viele Wege, wie eine Person ein für sie passendes Ehrenamt finden kann:

 Die Nachbar:innen fragen. Wenn 15 Millionen von 83 Millionen Einwohner:innen


ehrenamtlich tätig sind, sollten auch in der näheren Umgebung Ehrenamtliche vorhanden
sein.
 Auf [Link] den eigenen Ort und den Suchbegriff „Vereine“ eingeben,
z.B. „Stuttgart Vereine“
 Im Rathaus nach Vereinen und anderen Institutionen fragen.
Viele Rathaus-Webseiten haben auch eine eigene Liste der örtlichen Vereine.
 In Stuttgart das Europa-Zentrum besuchen, siehe [Link]

94
 Nach speziellen Organisationen suchen, z.B. die Tauschbörse, der Tauschring, die
Nachbarschaftshilfe o.ä.

Die Inhalte des Ehrenamts kann man frei wählen:


 Achtjährige Kinder in Fußball trainieren;
 In der Tafel Regale einräumen;
 Im Seniorenheim Leute durch den Park schieben;
 Im Schützenverein Kassierer sein und die Einnahmen verwalten;
 …
Alle diese ehrenamtlichen Tätigkeiten haben zahlreiche positive Effekte, von denen ich zwei
hervorheben möchte:
 Die Tipps und Tricks, die man im Ehrenamt „nebenher“ erhält, machen das eigene Leben
besser.
 Das eigene Deutsch wird sprunghaft besser.

Der fünfte Trick lautet: DerDieDas ohne Fehler sprechen und schreiben können.
Dafür gibt es fünf erfolgreiche Möglichkeiten:
1. Ich spreche den Artikel und das Adjektiv aus und
stoppe vor dem Nomen.
Ich starte ein neues Gespräch:
Ich frage nach dem Artikel.
Alle Deutschen geben mir bei allen Nomina den korrekten Artikel.
Ich gehe zum bereits gesprochenen Artikel zurück.
Dann spreche ich den Satz mit den korrekten Endungen zu Ende.
Das klingt in der gesprochenen Sprache so:

Ich habe eine neue


Oh Entschuldigung.
Sagt man die Jackett
Oder der Jackett?
Es ist das Jackett.
Danke. ein neues Jackett für dich gesehen.
2. Artikelendungen sind immer auch zweideutig, ambiguitär,
sie weisen die Phantasie stets in zwei Richtungen.
Dieses Orientieren auf zwei mögliche Ziele gibt ihnen einen Hauch des Obskuren.
Für Kinder ist das eine Quelle des Spaßes, wie eine vereiste Pfütze auf der Straße.
Für Erwachsene ist das eine Quelle der Scham, wie ein Fleck auf der Kleidung.
Mit den Artikeln soll sich die angesprochene Person den Sinn erschließen,
bevor alle Worte genannt sind.
Wenn ich eine Artikelendung mit Lächeln und Augenbraue ausspreche und
meinen Hörer beobachte, lerne ich extrem schnell, wie ich den Hörer manipuliere.

95
3. Ich kann einen Freund fragen:
Was ist los mit dir?
Warum korrigierst du mich nicht, wenn ich eine Endung falsch ausspreche?
4. Ich kann ein Kind bitten:
Weißt du, ich kenne deine Sprache noch nicht so genau.
Wie sagt man das auf Deutsch richtig?
5. Es kommt vor, dass das Gesicht eines Hörers spontan jeden Tonus verliert und emotionslos
wird: Dann bringt folgender Satz die Rettung:
Oops. War eine Endung falsch?

Die Gründe, warum diese fünf Methoden so großen Erfolg erzielen,


können Sie im Download „Endungen“ nachlesen.

Ich, Günther Baur, habe in 12 Jahren Unterrichtstätigkeit nur eine Frau kennengelernt,
die die Endungen mit Übungen gelernt hat.
Auf meine Frage, wie sie das geschafft hat, antwortete sie:
Wenn ein Lehrer drei Übungen aufgab, hat sie zehn Übungen erledigt.
Sie hat solange trainiert, bis es keine Fehler mehr gab.

Ich habe kein Lehrwerk gesehen, das die Beherrschung von DerDieDas sicherstellt.

Die Tricks der erfolgreichen erwachsenen C1-Lerner:innen finden Sie ebenfalls in dem genannten
Download „Endungen“. Diese Tricks erfordern eine persönliche Entschiedenheit und ein rigoroses
Vorgehen.

Im Übrigen gilt: DerDieDas lernt man im Kontakt mit Deutschen. Sonst nicht.
Die Anzahl der Kontakte entscheidet über die Geschwindigkeit, mit der man DerDieDas lernt.
Dies führt uns zurück zu den vier Tricks am Anfang.
Diese vier Tricks erleichtern den Kontakt mit den Deutschen.

96
Die 200-Sätze-Methode
Diese Methode ist eine der wenigen Methoden, bei der Sie Geld einsetzen müssen.
Gehen Sie in ein Schreibwarengeschäft und kaufen Sie ein DIN A4 Heft liniert.
80 Cent bis zwei Euro müssen Sie schon investieren, sonst klappt es nicht.

In einer schmalen Spalte links (etwa drei Finger breit) notieren Sie ein deutsches Wort,
das heute für Sie neu ist. Beispiel:
Tapir
Neben diesem Wort schreiben Sie einen Satz, in dem das neue Wort vorkommt.
Alle anderen Worte in diesem Satz sind Ihnen bekannt.
Formulieren Sie eine eigene Idee? Das ist wunderbar.
Dann verstehen Sie das neue Wort in einem von Ihnen formulierten Kontext. Beispiele:

Tapir Der Tapir ist ein Tier in Südamerika. Er hat eine lange Nase.
Infusion Eine Infusion ist eine Flüssigkeit, die durch einen Schlauch
in den Körper eines Patienten verbracht/ eingeträufelt wird.

Die 200-Sätze-Methode hat einige Vorteile:


 Alleine: Sie können alleine und ohne weitere Hilfsmittel Deutsch lernen.
 Nachhaltigkeit: Jedes Wort, das Sie in einen selbst formulierten Kontext eingefügt haben,
können Sie sich gut merken. Sie vergessen dieses Wort nicht mehr.
 Wissen vergrößern: Sie bewegen sich immer am Rand Ihres aktuellen Wissens und
verschieben ihn. Ihr Wissen wird größer.
Sie bekommen Routine im Umgang mit neuen Wörtern.
 Selbstkorrektur: Bei Satz (X +80) können Sie zu Satz X zurückgehen, den Satz X lesen und
korrigieren. Weil Sie nach (X+80) Sätzen Routine im Schreiben erlangt haben, können Sie ihre
Texte selbst korrigieren.
 Deutsch sprechen: Nach 150 Sätzen am Rande Ihres Wissens können Sie (fast) flüssig Deutsch
sprechen. Erklärungen, Beispiele und Umschreibungen von etwas Neuem fallen Ihnen leicht.
 Kundig sein: Nach 200 Sätzen, die Sie am Rand Ihres Wissens formuliert haben, sind Sie fertig
mit Deutsch B2. Sie können als Kunde und Fachkraft im beruflichen Umfeld auftreten.
 Professionalität: Die 200-Sätze-Methode eignet sich wunderbar für das Erlernen von
Fachbegriffen. Wenn Sie diese Methode mit der Methode „Wortfamilien“ kombinieren,
können Sie jeden Fachbegriff auf jedem Sprachlevel erklären.
 Geschenk: Das Heft mit den 200 Sätzen stellen Sie in Ihr Bücherregal und schenken es dreißig
Jahre später einem Enkelkind.

97
Angst und Scham beim Sprechen verkleinern
Angst und Scham halten viele Menschen davon ab, dass sie das Gelernte benutzen.
Es ist ein großer Schritt, wenn ich weiterspreche.
Wenn mein Interesse größer ist als meine Scham, helfen mir die Deutschen.

12 Satzanfänge, die die Angst verkleinern und Ihnen das Sprechen leichter machen:
 Können Sie mir bitte sagen, wo… ?
 Meiner Meinung nach …
 Was denkst du/ denken Sie über …?
 Haben Sie gerade Zeit? Ich brauche …
 Darf ich eine kurze Frage stellen? W… ?
 Ich finde/ meine/ denke/, dass …
 Hast du schon an … gedacht? Wir sollten noch …
 Wir haben noch nicht daran gedacht, dass …
 Der Unterschied zwischen … und … ist, dass …
 Es kommt darauf an, dass …
 Ich suche … Wen würdest du/ würden Sie fragen?
 Das habe ich nicht ganz verstanden. Meinen Sie, dass …?
 Was würdest du machen, wenn …?

Sie sollten diese (und andere) Satzanfänge genau gleich üben wie DerDieDas, DenDemDes.
Einige Wochen später können Sie die Satzanfänge schnell automatisiert sprechen und schreiben.
Ein Effekt dieser Übung ist, dass Sie öfter und länger Deutsch sprechen.

Was macht mir denn genau Angst?

 Ich muss viel Grammatik beachten: V2 und VL, DAT oder AKK, …
 Wenn ich denken muss, kann ich nicht schnell korrekt sprechen.
 Ich habe bis jetzt nur ein Jahr in Deutschland gelebt,
dazu noch unter den Bedingungen des Lockdowns.
 Ich brauche mehr Kontakte,
ich brauche mehr Hörproben,
zurzeit sind Kontakte nur via Zoom, via Telefon, via WhatsApp-Call,
in der Familie (100% Deutsch!) möglich.
 Sie kennen Rumpelstilzchen noch nicht?
Kinder lösen viele Angstprobleme mit Rumpelstilzchen.
Lesen Sie dieses kleine Märchen, dann überlegen Sie:
Wie wenden Sie diesen Trick in Ihrem Leben an?

98
Was kann ich mit meiner Angst machen?

 Meine Angst begrüßen


 Meine Angst loben
 Meiner Angst zeigen, wann sie wichtig für mich ist
 Meine Angst zum Spielen schicken
 Machen, was meine Angst mir sagt
 Mit meiner Angst streiten: Was machst du denn hier?
 Meine Angst akzeptieren: es ist normal, wenn ich in dieser Situation nervös bin
 Mir den schlimmsten Fall vorstellen: Was kann passieren, wenn … (sehr oft dreht der Planet
sich weiter. Manchmal ist eine Planänderung wichtig, damit ich größeres Unheil verhindere.)
 Mich vor den negativen Folgen meiner Angst schützen (Die Angst hat nicht Recht.)
 Mich vor den negativen Folgen meiner realen Situation schützen (Die Angst hat Recht.)
 Mich fragen: Hat die andere Person Angst?
 Einen Spezialisten einschalten (Psychologe, Psychiater, Bodyguard, Rechtsanwalt, Polizei,
Armee, ….)

Diese Auslöser von Ihrer Angst können Sie gezielt verkleinern:


 Suchen Sie eine Person, die Sie konsequent bei V2 oder bei DAT korrigiert.
 Sie können das Denken oder die Geschwindigkeit beim Sprechen reduzieren.
Das Denken reduzieren Sie mit Wortfamilien.
Die Geschwindigkeit reduzieren Sie mit Denkpausen,
mit einem Schluck Wasser,
mit einer Gegenfrage,
mit langsamem, betontem Sprechen, mit …
 Ihre Haltung zu Deutsch beeinflusst Ihr Lernen stärker als der Lockdown.
Vielleicht sollten Sie dort Ihre Kontakte und Ihr Lernen ausbauen,
wo Sie mehr Freude an Deutsch haben.
 Welche Lern- und Kontaktmöglichkeiten sind im Lockdown sicher und erlaubt?
Welche davon sind in Ihrem Alltag möglich?
Welche Kontakte haben Sie noch nicht ausprobiert?
Welche davon fallen Ihnen leicht?
Welche davon bringen Ihnen viel?
Die Antworten auf diese Fragen führen Sie aus Ihrer Angst heraus.
 Sie können Routineabläufe in Ihrem Alltag sprachlich automatisieren.
+ Taxifahrer:innen üben sich im (vermeintlich leichten) small talk, im lockeren Parlando.
+ Apotheker:innen üben sich im Beraten von leidenden Kund:innen.
+ Verkäufer:innen üben sich im Erahnen und Erfüllen der verdeckten Kundenwünsche.
+ Ärzt:innen üben sich darin, dass sie es der kranken Person und den nachfolgenden
behandelnden Ärzt:innen möglichst leicht machen.
Automatisieren bedeutet nicht Auswendiglernen. Es reicht nicht, dass man das Auto auf 50
km/h beschleunigt und hofft, dass keine Kurve kommt. Automatisieren bedeutet, genügend
viele Redemittel hundertfach trainieren, bis Sie bei jeder neuen Situation flexibel und
zielorientiert agieren können, ohne nachzudenken: spontan, korrekt, verbindlich-
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unaufdringlich, in einer fließenden, ausbalancierten, eleganten Bewegung, die locker und
leicht (stressfrei und mühelos) erscheint. Mit den Automatischen Sätzen gelingt das auf
jedem Sprachlevel.
 Sie können die Nicht-Routine vorhersehen und sprachlich vorbereiten.
Sie haben zum Beispiel das Ticket auf dem Handy, der Akku ist leer und der Kontrolleur wird
ungemütlich? In dieser Situation können Sie
+ lächeln;
+ Nein sagen, die Strafe nicht akzeptieren;
+ sich darauf konzentrieren, dass Sie keine Strafe bekommen;
+ Deutsch B2 sprechen: V+P, NV-Gruppen, Präpositionen mit GEN, Komposita… sorgen für
mehr Respekt Ihnen gegenüber;
+ eine Freundin anrufen, die Ihnen mitteilt, wie Sie sich verhalten sollen;
+ die Situation erklären;
+ fragen, wo Sie hier im Bus/ in der U-Bahn Ihr Ladegerät anschließen und Ihr Handy aufladen
können;
+ den Kontrolleur fragen, ob wir die Sache jetzt hier gemeinsam beenden oder ob wir die
Polizei rufen sollen, damit jemand einen unabhängigen Blick/ juristischen Sachverstand in
das Gespräch bringt (Ich, GB, kenne eine Kopftuchträgerin, die mit dieser Frage nach Jahren
der Angst ihren Mut wiedergefunden hat);
+ sich von dem Kontrolleur beraten lassen und dabei viele W-Fragen stellen:
Wie bekomme ich das zu Unrecht eingeforderte, erhöhte Personenbeförderungsentgelt
wieder zurück? Auf welcher Webseite finde ich die entsprechende Eingabemaske?
+ alle Informationen wiederholen und dem Kontrolleur Gelegenheit dazu geben, dass er
Falsch-Verstandenes korrigiert und Fehlendes ergänzt;
+ die Informationen mitschreiben;
+ das Geld nicht bezahlen, stattdessen die Personalien angeben. Das verschafft Ihnen Zeit, in
der Sie weitere Schritte unternehmen können, bevor das Geld fällig wird;
+ das Eintreffen der Polizei abwarten. Es gibt Situationen, in denen die Polizei eine Hilfe
darstellt. Diese Hilfe und Unterstützung sollten Sie dann nutzen, um größeren Schaden
abzuwenden;
+ sich freundlich voneinander verabschieden und sich für die schöne Gelegenheit bedanken,
in der Sie Ihr Deutsch B2 zur Anwendung bringen durften;
Günther Baurs Tipp: Das Gespräch sollte solange dauern, dass die Höhe der Strafe der Höhe
des Lohns für den Kontrolleur entspricht. Wenn Sie 60 Euro bezahlen müssen, wollen Sie
auch die Leistung von 60 € erhalten. Kaufen Sie die Zeit für ein Deutsch-B2-Training.
 Mohandas K. Gandhi lesen.
 Ruhig bleiben, sich nicht aufregen, kaltblütig bleiben, aktiv bleiben.
 Tricks benutzen, z.B. sagen: „Das wollte ich Ihnen gerade vorschlagen“, wenn die andere
Person mit der Polizei droht.
 Wenn Sie nachts in einer deutschen Stadt angegriffen werden, rufen Sie Feuer! FEUER!!!
Die Leute in den Wohnungen werden sofort neugierig und schauen aus den Fenstern. Alle
wollen helfen, der Angreifer ist einen Moment irritiert und sucht selbst das Feuer. Der
Angreifer hat einen Plan, ein "Drehbuch", aber das Wort durchkreuzt seinen Plan. Wenn er
merkt, dass sein Plan nicht mehr funktioniert, wird er den Angriff stoppen und weggehen.
Niemand wird Ihnen böse sein, alle werden Sie für Ihre Klugheit loben, wenn Sie die Situation
erklären und es kein Feuer gibt. Alle anderen Worte, z.B. Hilfe, Haltet den Dieb oder Ich bin
Landesmeister in Karate, haben andere Wirkungen und nützen Ihnen weniger.
100
 Nutzen Sie die Kraft der Gemeinschaft. Ein Kind aus meinem, GBs, Kindergarten wurde auf
der Straße von einem fremden Mann angesprochen: „Hier hast du ein Bonbon. Deine Mutter
schickt mich. Ich soll dich zu ihr bringen, es geht ihr schlecht.“ In der deutschen Kultur gilt
diese Situation: Ein fremder Mann gibt einem Kind ein Bonbon, als enormes Warnsignal.
Dieser Mann hat ein „Drehbuch“ und möchte das Kind entführen, missbrauchen und
womöglich töten. Das Kind nahm das Bonbon nicht an und gab diese Information an die
Kindergärtnerin weiter. Der Kindergarten verständigte die anderen Kindergärten, Schulen,
die Eltern, die Vereine und die Polizei. Die Kinder erhielten klare Anweisungen für ihre Wege.
Polizist:innen in Zivilkleidung verständigten die Geschäftsleute, alle hielten die Augen offen,
der Mann gab seinen Plan auf. Das Beispiel zeigt, dass Sie angstauslösende Situationen und
Gefährdungen kontrollieren können, wenn Sie wenige Worte sprechen.
 Letzter Tipp: Antworten sammeln auf die Frage:
„Was würdest du tun, wenn du keine Angst vor der Sprachprüfung hättest?“
+ Flüssig sprechen
+ Mich auf meine Informationen konzentrieren, zeigen, was ich vorbereitet habe und was ich
kann
+ Meine Kenntnisse zeigen
+ Meine Stärke zeigen
+ Langsam sprechen, damit ich meinen Stress herunterfahre
+ Tief durchatmen
+ Nochmal von vorne beginnen (hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen)
+ Mich auf meine Fähigkeiten besinnen, ich kann diese Sprache als Fremdsprache sprechen,
der Prüfer kann wahrscheinlich in meiner Muttersprache nicht so gut sprechen wie ich
+ Dem Prüfer Fragen stellen, die Kompetenzen des Prüfers proaktiv einfordern, die
Prüfungssituation in eine Lernsituation umwandeln. Formulierungen dafür sind: Was meinen
Sie mit …? Ich verstehe Ihren Ansatz nicht. Worauf zielen Sie ab? Geben Sie mir ein Stichwort.
Helfen Sie mir auf die Sprünge. Wie würden Sie denn auf diese Frage antworten? (Das
funktioniert bei allen schwierigen Fragen, bei vielen Prüfern)
+ Nicht denken: Ich muss das beantworten!! Stattdessen denken (und sagen):
Das ist eine interessante Frage. Lassen Sie mich kurz überlegen.
Wenn ich diese Frage beantworten müsste, würde ich folgendermaßen vorgehen: …
Diese Frage kann ich in folgende Teilaspekte auseinandernehmen: …
Meine erste/ spontane/ gefühlsmäßige Reaktion wäre …
Ich kann nicht alles beantworten, aber ich kann folgende Teile Ihrer Frage beantworten: …
Folgende W-Fragen bieten sich an, wenn man diese Frage weiterverfolgen möchte: W…
Ich kenne einen Freund/ eine prominente Person/ einen Experten/ einen spezialisierten
Beruf, der diese Frage beantworten könnte. Ich würde [Name der Person bzw. Beruf] diese
Frage vorlegen.
Folgende Instrumente/ Methoden/ Verfahren/ Standards/ … führen zur Beantwortung Ihrer
Frage: …
Alle Antworten auf die „Was würdest du tun“-Frage können Sie vom Konjunktiv befreien und
aus einer nicht-realen Überlegung zu einer realen Handlung machen. Tun Sie es. Sie wissen
jetzt, was Sie machen müssen, wenn die Angst in Ihnen hochsteigt. Machen Sie das, was Sie
tun würden, wenn Sie keine Angst hätten. Üben Sie das am Anfang in unkritischen
Situationen, wo Ihnen nichts passieren kann. Dann gehen Sie zu schwierigeren Situationen
über. Das steigern Sie, bis Sie auch die schwierigsten Situationen bewältigen.
101
Wie lernen Erwachsene DerDieDas nicht?

Was machen erwachsene Deutschlerner:innen,


damit sie DerDieDas möglichst lange nicht lernen?
Der Clou an dieser Frage ist,
dass die erwachsenen Deutschlerner:innen
etwas mit viel Energie tun,
das ihren Erfolg verzögert oder verhindert.
Wenn sie dieses „etwas“ weglassen,
wenn sie diese Energie nicht einsetzen,
stellt sich ihr Erfolg schnell und mühelos ein.

Folgende Aktivitäten machen das Erlernen von Deutsch lang, schwierig und frustrierend:

1. In Ihrer Muttersprache gibt es die V2-Stellung und die VL-Stellung nicht.


In der Grammatik Ihrer Muttersprache klingen V2 und VL falsch.
a. Verbpositionen im Deutschen ignorieren,
b. stattdessen die Satzstruktur Ihrer Muttersprache mit deutschen Wörtern bestücken.
(GB sagt dazu: Das Auto fährt auf Schienen.)
c. Die Deutschen sagen: Ich verstehe jedes Wort und so funktioniert es nicht.
2. In Ihrer Muttersprache gibt es keine Artikel.
a. Die Funktionen und die Effekte der Artikel im Deutschen nicht kennen.
b. Glauben, dass die Endungen nicht wichtig sind.
c. Endungen weglassen,
d. schnell Ärger bekommen oder wie Luft behandelt werden und nicht wissen, warum.
3. Alles in Muttersprache denken und dann ins Deutsche übersetzen.
Dieses Vorgehen führt bei vielen Sprachen praktisch sofort dazu,
dass Sie die Artikel in Deutsch weglassen.
4. Die meisten Menschen in Ihrem Alltag benutzen keine oder falsche Endungen.
a. Nicht wissen, welche Endung wann korrekt ist.
5. Sich schämen, Deutsch zu sprechen.
6. Die deutsche Sprache als etwas Fremdes, Nicht-zu-mir-Gehöriges ablehnen und von sich
abspalten.
7. Situationen vermeiden, in denen Sie Deutsch sprechen müssen.
a. Lieber auf Vorteile verzichten.
8. Zuhause Muttersprache sprechen.
9. Auf dem Sofa sitzen und warten, bis jemand vorbeikommt, der mit Ihnen Deutsch spricht.
a. In der Komfortzone bleiben.
b. Die beste Methode, mit der Sie alles Gelernte rasch wieder vergessen.
10. Im muttersprachlichen Lebensmittelladen einkaufen.
11. In den social media Muttersprache benutzen.
12. In der Öffentlichkeit Muttersprache sprechen.
Menschen, die Ihre Muttersprache sprechen, sofort in Muttersprache ansprechen und
konsequent bei der Muttersprache bleiben.
13. Die Handy-Einstellungen auf Muttersprache schalten.
14. Nachrichten auf Muttersprache hören/ anschauen.
15. Jedes unbekannte deutsche Wort in Google nachschauen und übersetzen.
102
16. Den Sinn von DerDieDas suchen.
Solange Sie keinen Sinn in DerDieDas sehen können,
DerDieDas weglassen/ alles in ♀ ausdrücken/ Artikel und Endungen „tricksen“,
z.B. jeden Artikel als „de“ aussprechen und hoffen, dass die Deutschen das nicht merken.
Dieser Satz lautet dann:
„De Sinn von DeDeDe suchen.
Solange Se keine Sinn in DeDeDe sehen können,
DeDeDe weglassen/ alle in ♀ ausdrücken/ Artikel und Endungen „tricksen“,
z.B. jede Artikel als „de“ aussprechen und hoffen, dass de Deutsche de nicht merken.“
Das ergibt 16 Fehler, die die Deutschen sofort bemerken.
Ein Schild, auf dem steht: ICH IGNORIERE DERDIEDAS, ist weniger auffällig.

Wenn Sie diese 16 Aktivitäten konsequent weglassen,


wenn Sie stattdessen etwas anderes machen,
verbrauchen Sie weniger Energie und
lernen Deutsch schneller, einfacher und freudiger.

Wie lernen Erwachsene DerDieDas?

Was sind die Alternativen? Wenn wir die nicht weiterführenden Ansätze von der vorigen Seite aus
ihrer Form stürzen und positiv wenden, entstehen radikale, rasch wirkende Lerntechniken:

1. Den Beitrag [Link] lesen. Danach mit viel Disziplin die


Verbpositionen im Deutschen einhalten und das Vertrauen der Deutschen erwerben.
2. Den Gedanken zulassen, dass die Artikel und die Endungen im Deutschen viele wichtige
Funktionen haben. Diese Funktionen im Download „Endungen“ nachlesen. Mit korrekten
Endungen die Kooperation der Deutschen auslösen.
3. Auf Deutsch denken, in Bildern denken oder gar nicht denken.
4. Im Alltag Menschen suchen, die die Endungen korrekt aussprechen, z.B. die Dialekt-
sprechende Nachbarin.
a. Sich Endungen zeigen lassen.
5. Den ganzen Mut zusammennehmen, sich fragen:
a. Was kann schon schiefgehen? Der Planet wird sich danach weiterdrehen.
6. „Es hängt davon ab, wie sehr du die deutsche Sprache liebst.“
a. Aspekte der deutschen Sprache suchen, die ich begrüßen, mögen und lieben kann.
b. Diese Aspekte sich aneignen und ausbauen.
7. Situationen suchen, in denen Sie Deutsch sprechen müssen.
a. Vorteile ergattern.
8. Zuhause Deutsch sprechen. Die Ehefrauen-Tricks benutzen.
Folgende Sätze helfen in der Familie weiter:
a. Liebling, ich verstehe dich nicht. Kannst du das bitte auch auf Deutsch sagen?
b. Schatzi, du hilfst mir nicht, wenn du mit mir … (Italienisch, Kurdisch, …) sprichst.
In vier Wochen ist meine Deutschprüfung. Bitte sprich bis dahin Deutsch mit mir.
c. Tut mir leid, mein … (Italienisch, Kurdisch, …) ist bis 22:00 Uhr kaputt.
Sprich bitte Deutsch mit mir.
Die Streitvarianten:
d. Deutsch und einen Kuss oder … (Italienisch, Kurdisch, …) und einen Streit:
103
Was ist dir lieber?
e. Was ist das für eine blöde Sprache, die du sprichst?
f. Kannst du kein Deutsch? Das hier ist Deutschland, man spricht hier Deutsch!

Ich, GB, kenne den Einwand: Das ist unmöglich! Das kann ich nicht machen!
Ich, GB, sage dazu: Ja, das ist unmöglich. Das können Sie nicht machen.
Das passt überhaupt nicht zu den Rollen, die Sie in der Familie einnehmen.
Es geht nicht.
Es geht nicht bis zu dem Tag, an dem Sie es tun. Dann geht es doch.
9. Vom Sofa aufstehen, rausgehen, Deutsch benutzen
a. Die Komfortzone verlassen, etwas Neues versuchen.
b. Nach Ansicht von Simone Henke, die Zehntausende von Einstufungstests
durchgeführt hat, die wichtigste Lerntechnik.
10. Die Ansprüche erhöhen und dort einkaufen, wo es das gibt, was Sie haben wollen.
a. Dort nachfragen. Als Kunde/ Kundin auftreten, Selbstbewusstsein zeigen.
11. In den social media Deutsch benutzen, lächeln, zu Korrekturen auffordern.
12. In der Öffentlichkeit die Straßenseite wechseln, wenn jemand Ihre Muttersprache spricht.
Nicht zeigen, dass Sie diese Sprache ebenfalls sprechen.
13. Die Handyeinstellungen auf Deutsch schalten, den Schock aushalten und
a. in den nächsten 3-4 Tagen die Kontrolle über das Handy wiedererlangen.
b. Von da an das Handy auf Deutsch benutzen.
14. Nachrichten auf Deutsch hören/ anschauen und mit den Nachbar:innen darüber sprechen.
15. Das unbekannte deutsche Wort sich merken und warten, bis es in einem anderen Kontext
wiederauftaucht. Seine Bedeutung aus dem Kontext erschließen.
[Diese Methode sieht langsam aus,
ist aber ein extremer Beschleuniger in den Randzonen Ihres Wortschatzes.
Je öfter und nachhaltiger und je neugieriger Sie in den neuen Kontext gehen,
desto schneller wird diese Methode.
Wissenschaftler:innen benutzen diese Methode, um neue Wissensgebiete zu erschließen.]
16. Die Deutschen beim Sprechen beobachten, die fünf Funktionen von DerDieDas benutzen und
schauen, welche anderen Reaktionen die Deutschen an den Tag legen.
Diese Reaktionen konsequent in der Kommunikation nutzen.

104
Wie lernen Erwachsene Deutsch C1?
Nur ca. 8 Millionen Menschen sprechen nach meiner, GBs, Schätzung Deutsch C1 und
nur ca. 5 Millionen Menschen Deutsch C2.
Muttersprache und hoher Sprachlevel sind zwei verschiedene Dinge.
Nicht alle, die Spaß am Skifahren haben, gehen in die Antarktis.
Das Flugzeug, das in die Antarktis fliegt, hat keine Heizung.
Wenn du in die Antarktis gehst, sollte dein Ziel etwas anderes sein als die Antarktis.

Ich, GB, arbeite auch als Prüfer in C1-Prüfungen oder in telc Tests Deutsch C1 als medizinische
Fachsprache. Einige wenige Male begegneten mir dort oder bei anderen Gelegenheiten Menschen,
die im Erwachsenenalter flüssig fehlerfrei Deutsch C1 lernen konnten.
Diese Leute fragte ich, wie sie diesen Grad an Perfektion erreichten.
Hier sind ihre Antworten, die Tricks der erfolgreichen C1-Deutschlerner:innen:
 Russisch und Deutsch sind nicht meine Muttersprachen.
Ich habe einsprachig Russisch in einem russischen Krankenhaus gearbeitet.
Weil ich diese Verantwortung kannte,
wollte ich die gleichen Fähigkeiten in Deutsch erwerben.
Deutsch lernen war nicht mein Ziel.
Mein Ziel war, der Verantwortung gerecht zu werden.
 Ich bin eine ukrainische Ingenieurin.
In meiner Muttersprache gibt es keine Artikel.
Als ich merkte, dass meine Sprechweise massive Kommunikationsprobleme mit meinen
deutschen Kolleg:innen auslöste,
habe ich in meiner Arbeit alle Wiederholungsfehler eliminiert.
Ich erlaubte mir, dass ich jeden Fehler einmal mache und ihn danach eliminiere.
Ich wollte den Stress mit den Kolleg:innen sofort beenden.
Ich wollte einen Arbeitsprozess ohne Reibungsverlust.
 Ich las meinen Kindern deutsche Märchen vor.
Wenn ich ein Wort falsch aussprach, korrigierten sie mich sofort.
Meine Sprechweise wurde dadurch nach einigen Wochen flüssig.
 Ich lebe als Italienerin in Stuttgart.
Wenn ich höre, dass eine Person Italienisch spricht, wechsle ich die Straßenseite.
Ich möchte nicht, dass diese Leute wissen, dass ich Italienisch spreche.
Wenn ich mit meinem italienischen Mann Italienisch sprechen möchte,
kaufen wir uns ein Ticket, fliegen nach Mailand und sprechen dort Italienisch.
Wenn ich meinen Fuß auf deutschen Boden setze, spreche ich Deutsch.
Ich mache das, weil ich in meinem C2-Beruf in Deutschland arbeiten möchte.
Dort MUSS ich ALLES verstehen, nicht nur die unbekannten Wörter, auch die Andeutungen,
die versteckten Informationen, die nicht versprachlichten Gedanken.
 Ich habe die Endungen an der Kasse bei McDonald´s gelernt.
Wenn du in dieser Situation eine auf Schwäbisch genuschelte Endung nicht richtig verstehst,
du deswegen einen falschen Preis verlangst und die Kundin vor dir explodiert,
wirst du diesen Fehler kein zweites Mal begehen.
 Es kommt darauf an, wie sehr du die Sprache liebst und wie sehr du an der Sprache arbeitest.
Ich habe ein bisschen Deutsch in Syrien gelernt und bin aus dem Bürgerkrieg nach
Deutschland ausgeflogen. Als meine Familie mich nach zwei Jahren Trennung in die Arme
schloss, sagte ich meinen Cousinen: Bitte sprecht Deutsch mit mir.
105
 Du musst über deine persönliche Leistungsgrenze gehen, du musst mehr geben, als du hast.
Damit du das kannst, musst du etwas vorbereiten und organisieren.
Das ist auch völlig normal. Wenn du den nächsten Level erreichen willst, musst du das
Bisherige hinter dir lassen, es nützt dir nichts mehr. Du musst die Grenze überschreiten.
Dein Leben ändert sich, wenn du Deutsch C1 sprechen willst, es ist nicht wie vorher.
Du wirst Menschen verlieren, wenn du das machst, und du wirst neue Leute kennenlernen.
Ich habe mir über [Link] ein gebrauchtes Fahrrad gekauft.
Ich habe diesen Kontakt und diese Preisverhandlung intensiv vorbereitet.
Weil ich danach nicht alleine Fahrrad fahren wollte,
organisierte ich in meinem Stadtviertel einen Fahrradtreff, wir fahren regelmäßig Fahrrad.
Ich habe Deutsch C1 auf dem Fahrrad gelernt.
 Ich bin ein Trampolin-Sportler aus dem Baltikum.
Als ich nach Deutschland kam, wollte ich wissen,
was die anderen Leute im Training über mich sprechen.
Ich habe Deutsch mit dem gleichen Hochleistungssport-Willen gelernt,
mit dem ich mich auf die Wettkämpfe vorbereite.
Jordan Romero schleifte auf seinem Schulweg einen großen LKW-Reifen hinter sich her,
damit er die Kondition für die Seven Summits bekam. Kein anderer Jugendlicher tat das.
Kreativität und Entschlossenheit, das ist es.
 Ich bin mit dem Ziel nach Deutschland gekommen, hier Medizin zu studieren.
Als ich im A2-Kurs war, begann ich,
einige Stunden pro Woche ehrenamtlich beim Roten Kreuz mitzuarbeiten.
Ich habe bei Fachleuten die Worte gelernt, für die ich mich interessiere.
Für andere Menschen war das gräßlich, was ich zu sehen bekam,
aber für mich waren es die Stufen zu meinem Traum.
Ich habe Deutsch A1 bis C1 in dreizehn Monaten absolviert.
 Beim Arbeiten und beim Lesen von Fachbeiträgen habe ich den Leuten „auf den Mund
geschaut“. Sie benutzen unglaublich viele Wörter, die man eigentlich nicht für die Arbeit
braucht, die aber den Prozess zwischen den Menschen flüssig machen. Das sind Wörter wie
„halt“, „jetzt“, „eigentlich“. Diese Sprechweise habe ich mir angewöhnt, ich spreche Satzteile
wie „dann halt jetzt in der …“ Sie sprechen in Bildern. Formulierungen wie „mich schlau
machen“ oder „nicht, dass ich wüsste“ benutze ich, weil sie eine Spannung aufbauen und die
Menschen darauf gespannt machen, wie ich weiter vorgehe. Es gibt auch Satzanfänge auf
Deutsch C1, die das Sprechen in Fluss halten, etwas wie „Nichtsdestotrotz“,
„Vorsichtshalber“, „Auf jeden Fall“, „Selbstverständlich“. Deutsch C1 wird leicht und elegant,
wenn du diese Tricks einübst und in der Arbeit benutzt. Die Fachsprachenprüfung der Ärzte
habe ich damit und mit Fachbegriffen bestanden.
 Eine einzige Person (von tausenden, die ich, GB, kennenlernte) lernte DerDieDas in einem
Deutschkurs. Auf die Frage, wie sie das geschafft hatte, antwortete sie: „Wenn die Lehrerin
drei Übungen als Hausaufgabe stellte, erledigte ich zehn Übungen. Ich übte solange, bis ich
diese Dinge korrekt sprechen konnte.“

106
Diesen Antworten ist gemeinsam, dass Deutsch-Lernen nicht das Ziel war.
Die Menschen hatten ein anderes Ziel vor Augen, für das sie sich einsetzten.
Die Ziele, die Umstände, die Lernmethoden und die Tricks unterscheiden sich stark,
von einem Punkt abgesehen:
sie passen 100% zu der Person, die sie einsetzt, und zur Alltagssituation, in der sie eingesetzt werden.
Der hohe Sprachlevel war nur ein spin off oder eine Zwischenstation auf dem Weg zum Ziel.
Sie alle lernten DerDieDas in ihrem Alltag in der Kommunikation mit den Menschen,
die ihnen beim Erreichen ihrer Ziele halfen.
Die persönlichen Ziele und der persönliche Einsatz im Alltag sind die Schlüssel zu Deutsch C1.
DerDieDas entfaltet seine Funktionen erst dann, „wenn es um etwas geht“,
wenn den Menschen in der Kommunikation etwas wichtig ist, für das sie sich einsetzen.
Diesen Einsatz kann man allerdings auch auf dem Level A1 zeigen,
wie das McDonald´s-Beispiel oder das Trampolin-Beispiel zeigen.
Ab einem bestimmten (möglichst frühen!) Punkt ist es lehrreicher und befreiender,
wenn man rausgeht und Sardinen auf dem Wochenmarkt kauft,
als auf dem Sofa zu sitzen und Lektion 14 zu büffeln.

107
Deutsch B2 ausbauen

Es existiert eine unsichtbare, aber deutlich spürbare B2-Barriere:


ca. drei Viertel der deutschen Bevölkerung werden nervös,
wenn sie z.B. in einem Unternehmen anrufen müssen.
Sie wissen, dort wird Deutsch B2 gesprochen, und
sie wissen, dass ihr aktuelles Deutsch dafür nicht ausreicht.

Fünf einfache Trainingsmethoden führen Sie dahin,


dass Sie diese Barriere überwinden und etliche Vorteile bekommen können.
Einige dieser Vorteile sind:
 Die Sprecher:innen, die die folgenden B2-Marker benutzen, werden von den Biodeutschen
als B2-Sprecher:innen erkannt.
 Die B2-Sprecher:innen werden als Profi in ihrem Beruf angesehen.
 Die B2-Sprecher:innen …

Die 200-Sätze-Methode wurde oben, Seite 20, bereits beschrieben. Sie gehört in diese Gruppe dazu,
weil sie innerhalb von 200 Sätze x 2 Minuten = 400 Minuten = 7 Stunden konzentrierter Arbeit den
Level B2 erreichbar macht.

Es gibt viele Vorteile. Wer B2-Marker in der freien Wildbahn einsetzt,


 wird als B2-Sprecher:in erkannt, bekommt mehr Respekt (und besteht den B2-Test);
 löst die Phantasie aus, dass sie/ er ein Profi im Beruf ist;
 löst die Phantasie aus, dass sie/ er grundsätzlich nützlich ist,
z.B. als Kundinnen, Lieferant:innen oder zukünftige Mitarbeiterinnen;
 bekommt von seinen Gesprächspartner:innen ein freundlicheres, unterstützendes Verhalten.

108
Attribute
Attribute sind nicht Informationen.
Sie sind die Antwort auf die Frage: Welcher/ Welche/ Welches genau?
Mit einem Attribut kann ich Informationen auf kleinem Raum präzisieren.

A1, zwei Sätze, zweimal definiter Artikel:


Der Mann trägt einen Hut. Der Mann ist mein Bruder.
A2, zwei Sätze, Wechsel von indefinitem Artikel zu Demonstrativpronomen:
Ein Mann trägt einen Hut. Dieser Mann ist mein Bruder.
B1, Relativsatz:
Der Mann, der einen Hut trägt, ist mein Bruder.
B2, Attribut:
Der Mann mit dem Hut ist mein Bruder.
C1, Partizipialkonstruktion:
Der einen Hut tragende Mann ist mein Bruder.

Die B2-Version mit dem Attribut ist dabei die kürzeste Version.

Die grammatische Analyse sieht so aus:


1 Welcher genau?

Der Mann mit dem Hut ist mein Bruder.

Position 1 V2
Das Attribut „mit dem Hut“ ist also nicht eine zweite Information,
die das Verb auf Position 3 drückte.
Das Attribut ist eine Präzisierung der Information auf Position 1,
das Verb bleibt auf Position 2.

109
Präpositionen mit GEN
Der Kasus Genitiv ist etwas, das die meisten Deutschen vermeiden.
Der Grund für diese Vermeidungshaltung ist ganz einfach: Der Genitiv ist ihnen zu kompliziert.

A1: in die Hand vom Feind


B2: in die Hand des Feindes
C2: in des Feindes Hand (Schiller, Wilhelm Tell, Zeile 120)

Der GEN erzwingt ein zweites GEN-s am Nomen,


allerdings nur bei Maskulin und Neutrum Singular
und nur, wenn der letzte Buchstabe des Nomens kein „s“ oder „z“ ist.
Drei Viertel der Deutschen benutzen lieber die Variante mit „von“ + DAT.
Beim DAT gibt es diese grammatischen Kapriolen nicht.

In der Hochsprache, im klassischen Deutsch erfährt der GEN einen weiteren looping:
Der GEN wird vorangestellt, der Artikel des Objekts wird eliminiert.
Wenn der Objekt-Artikel nicht mehr da ist, fällt es den Hörer:innen noch schwerer,
die fünf Funktionen des Artikels zu erkennen. Es handelt sich um ein „verschleiertes Sprechen“.
In dem gewählten C2-Beispiel ist nicht mehr ohne weiteres erkennbar,
dass es sich hier um eine Bewegung handelt.
Die Bewegung ergibt sich aus dem Kontext, nicht mehr aus dem (eliminierten) Artikel:
„So muss ich fallen in des Feindes Hand“.

Wenn das noch nicht genug ist, gibt es ein letztes Argument gegen die Verwendung des Genitivs:
Die Deutschen erkennen den Genitiv als eine Form der korrekten Schriftsprache.
Denjenigen, der mit GEN spricht, halten sie für arrogant.

Meine, GBs, Empfehlung lautet:


 Wirken Sie arrogant!
 Benutzen Sie GEN!
 Benutzen Sie Präpositionen mit GEN!
Dann sind Sie sicher B2-Sprecher:in.

GEN und die zahlreichen Präpositionen mit GEN haben nämlich einen entscheidenden Vorteil.
Sie verschaffen den Sprecher:innen einen kleinen sprachlichen Vorsprung
und manipulieren sehr subtil das Verhalten der Hörer:innen. Diese Manipulation sieht in etwa so aus:
 Meine Sprache ist besser als deine Sprache.
 Mein Bildungsniveau ist höher als dein Bildungsniveau.
 Ich kenne Dinge, die du nicht kennst.
Im Kopf der Hörer:innen entsteht infolge des Genitivs eine kleine Irritation,
die sie unsicher werden lässt.
Die Unsicherheit hemmt die Aktivitäten der Hörer:innen,
wegen der Hemmungen vergrößert sich der Spielraum der B2-Sprecher:innen.

110
Die absolute Spitze erreichen Sie,
wenn Sie ohne mit der Wimper zu zucken „Wegen meiner“ aussprechen können:
 Wegen meiner können wir mit dem Arzt-Arzt-Gespräch fortfahren.
Ich freue mich darauf, dass ich die Implikationen dieses Falls mit Ihnen diskutieren darf.
 Wegen meiner können wir ins Kino gehen.

So ein Schmuckstück wie die Präpositionen mit GEN fällt Ihnen nicht in den Schoß.
Sie müssen diese Sprechweise hart trainieren. Als Trainingsmethoden eignen sich:
 Die 200-Sätze-Methode einsetzen
 Alleine vor dem Spiegel sprechen und versuchen, dabei nicht zu lachen
 Mit einer Freundin trainieren
 Mit der Videofunktion des Handys arbeiten.
Das ist die unangenehmste, aber auch die schnellste Methode.
 Mit der schwäbischen Nachbarin sprechen (Schiller, Hölderlin, Uhland waren Schwaben!
Wer den schwäbischen Dialekt versteht, hat nur noch wenige Probleme im Deutschen.)
 Face-to-face im online-Unterricht sprechen und dabei B2 erreichen und halten
 In den Kontext gehen, Präpositionen mit GEN benutzen und die Reaktionen der Menschen
beobachten.

Last but not least: Eine Sammlung von Präpositionen mit GEN finden Sie unter
[Link]
Suchen Sie sich Ihre drei bis fünf Lieblings-Präpositionen mit GEN aus und trainieren Sie sie.

Das Aussprechen einer Präposition mit GEN dauert nur ein-zwei Sekunden.
Das Training dieser Art des Sprechens dauert nach meiner, GBs, Einschätzung
zwei bis drei Stunden, nicht länger.

Sobald Sie Ihre Lieblings-Präpositionen mit GEN in Ihrem Alltag einsetzen, ändert sich
ganz subtil Ihr Leben in Deutschland. Ihr Ansehen wird steigen. Diese Medaille hat zwei Seiten:
Arroganz und Distanz auf der einen Seite, Respekt und Unterstützung auf der anderen Seite.

111
Die Methode „Hase und Igel“
Jede Prüfung, jeder Wettlauf, jedes Spiel rührt von einer Person oder eine Instanz,
die die Regeln für die Prüfung/ den Wettlauf/ das Spiel/ … festlegt.
Diese Person oder Instanz ist der Igel.
Der Igel legt die Regeln so fest, dass der Igel immer gewinnt.
Bei allen Sprachprüfungen ist klar, dass es diese Regeln gibt.
Es ist aber nicht immer klar, wer die Regeln mitbringt und setzt, wer der Igel ist.
In den Sprachprüfungen ist es möglich,
dass die Kandidat:innen die Igel-Rolle zeitweise einnehmen und wichtige Punkte sammeln.

Das Märchen der Brüder Grimm finden Sie unter


[Link]
in einer Übersetzung ins Deutsche. Lesen Sie bitte zunächst dieses Märchen.
Wenn Sie das Original auf Plattdeutsch hören wollen, werden Sie hier fündig:
[Link]

Exkurs:
Wenn Sie in Ihrer Prüfung „Ick bün all hier“ sagen können, werden Sie Ihre Prüfer stark beeindrucken.
Wer einen Spruch aus den Grimmschen Märchen zitieren kann,
löst bei Deutschen eine Phantasie aus: Diese Person kennt alle Grimmschen Märchen.
Wer die Grimmschen Märchen kennt, kennt alles in der deutschen Kultur.
Suchen Sie mal „Rucke di guck“ oder „Spieglein, Spieglein“,
benutzen Sie diese Sprüche im Kontakt mit Deutschen und schauen Sie, was passiert.

Die Prüfer:innen haben einige Vorteile,


wenn ein Igel auftritt und ihnen die Struktur der Prüfung aus der Hand nimmt.
 Der Igel beschleunigt den Prüfungsprozess;
 die Prüfer:innen erhalten viele relevante Informationen
über die Person und die Arbeitsweise des Igels;
 dieser Teil der Prüfung ist für die Prüfer:innen mühelos,
alles wird geliefert, "es kommt von allein";
 die Prüfer:innen können den Kandidat:innen
beim Bearbeiten und Lösen von Aufgaben zuschauen;
 die Prüfer:innen können zuschauen, wie die Kandidat:innen die Führung übernehmen.
 die Kandidat:innen können insgesamt viel präziser ihre Qualitäten zeigen.

Fazit:
Wenn ein „Igel“ die Prüfung betritt und die Struktur der Prüfung dreht,
bekommen die Prüfer:innen
 schnell und
 mühelos
 detailliertere und
 qualitativ bessere
Ergebnisse.

112
Die Prüfer:innen wissen, dass es sich hier um eine Manipulation handelt.
Da diese Manipulation sich allerdings im Zielkorridor der Prüfung befindet und
die Prüfung übererfüllt, gehen die Prüfer:innen diesen Weg mit.
Das ist die Hase-Igel-Struktur in Prüfungen.

Die Igel-Rolle im Vorstellungsgespräch


Eine Kandidatin dreht die Struktur eines Vorstellungsgesprächs.
Sie hat sich im Vorfeld gut vorbereitet und über mehrere Wege Hinweise
zum Produkt, zur Kundenstruktur, zum Marktumfeld, zum Betriebsklima etc. erhalten.
Während des Gesprächs spricht sie ihren Kenntnisstand darüber offen aus und gibt ihren
Gesprächpartner:innen Gelegenheit, dass sie die „Hochglanzvariante“ teilweise korrigieren.
Sehr subtil überprüft sie das Gesagte, indem sie zum Beispiel fragt, ob sie den Arbeitsbereich jetzt
besichtigen oder ob sie das letzte Kaufargument am Point of Sale genannt bekommen könne.
Dieses Verhalten ist zweifellos frech.
Es ist, als ob man bei CocaCola in Atlanta nach der Rezeptur des CocaCola-Extraktes fragt.
An dieser Stelle des Gesprächs bleibt den Entscheider:innen nichts übrig,
als Farbe zu bekennen und in ihrem Verhalten zu zeigen, wie es um das Betriebsklima bestellt ist.
Die Kandidatin provoziert Verhaltensweisen der Interviewer:innen,
aus denen sie Informationen über das Arbeitsklima in der Abteilung ablesen kann.
Die Interviewer:innen gehen auf dieses Gesprächssetting ein und geben zum Teil brisante Infos,
weil sie neugierig sind und die Arbeitsweise dieser Kandidatin besser verstehen wollen.
Gute Interviewer:innen unterbreiten einer solchen Kandidatin sehr weitgehende Angebote,
weil sie die Angebote der anderen Unternehmen überbieten wollen.
Gute Recruiter:innen stellen am Ende eines solchen Gesprächs eine zugespitzte Frage,
mit der die Kandidatin ihre letzten Entscheidungsparameter formulieren und
in ihre Entscheidung einfließen lassen kann.
Auf diese Weise findet der Igel diejenigen Chefs, mit denen er harmoniert.

Nur unsichere Chefs stoppen diesen Vorgang.


Auch das gehört zum Kalkül des Igels:
Schlechte Chefs halten der Prüfung des Igels nicht stand und sortieren sich rasch selbst aus.
Sie outen sich als schlechter Chef.
Der Igel bedankt sich, erklärt,
dass sie beide von der Entscheidung des Chefs profitieren und sich viel Mühe sparen, und
verabschiedet sich zufrieden. Die Zufriedenheit ergibt sich aus der handgeschöpften Information,
die der schlechte Chef eigentlich nicht geben wollte.

113
Die Vorbereitung auf die Igel-Rolle
Welche "Nachteile" gibt es?

 Das Verfahren, in die Igel-Rolle zu schlüpfen und die Führung der FSP/ des Gesprächs zu
übernehmen, erfordert eine Vorbereitung, eine Auswahl unter 40 Adressen, Mut und
Selbstbewusstsein (Das lässt sich trainieren).
 Schlechte Prüfer:innen sind schockiert
(und lassen sich von den anderen Prüfer:innen überzeugen).

Welche Hindernisse gibt es auf dem Weg zur Igel-Struktur und wie überwinde ich sie?

 Ich versuche zu verstehen. Der „Igel“ hat geschummelt, oder? Ja und Nein.
Der „Igel“ benutzt einen so genannten „lauteren Trick“.
Die Prüfer:innen wissen, dass es ein Trick ist, aber dieser Trick ist nicht in den Regularien
ausgeschlossen, man kann diesen Trick in der Prüfung benutzen.
Beispiel: Man darf in einer Prüfung nicht einen Spickzettel aus dem Ärmel ziehen und ihn
benutzen. Aber man darf in einer Prüfung die Aufsichtsperson um ein gestempeltes
Schmierpapier bitten und während der Prüfung einen Spickzettel schreiben. Der Stempel auf
dem Papier beweist, dass man den Spickzettel nicht von außen in die Prüfung getragen hat.
 Wenn wir wissen, welche Punkte wichtiger sind,
können wir diese Punkte in der Prüfung bearbeiten.
 Wenn wir wissen, in welche Richtung wir gehen müssen,
können wir schneller sein. (wenn, konditional, nicht sicher)
 Weil ich die Punkte in die Prüfung trage, die ich bearbeiten möchte,
kann ich sie viel besser bearbeiten.
 Weil ich die Richtung vorgebe, bin ich schneller. (weil, kausal, so gut wie sicher)
 Wir sollen also eine Struktur für die FSP haben.
 Für jeden Schritt dieser Prüfung sollen wir etwas im Kopf haben.
 Egal, wie die Prüfung läuft, sollen wir mit den vorbereiteten Schritten/ Elementen/
Redemitteln/ ... antworten. Dann klingt es spontan und kenntnisreich.
 Wenn ich meine Struktur vorbereitet habe, bleibe ich bei meiner Struktur.
Meine Struktur ist im Sinne der FSP die erfolgreichere Struktur.
Wenn wir etwas vorbereitet haben, ist niemand besser vorbereitet als wir.
Niemand weiß besser, was und wie wir es vorbereitet haben.
(GB: Wie lange haben Sie sich auf die FSP vorbereitet? 10 Jahre.
Wie lange haben sich die Prüfer auf die FSP vorbereitet? Eine halbe Minute bis
2-3 Stunden höchstens, meistens am gleichen Tag, am Tag der Prüfung)
 Lächeln und von Anfang an mit Erfolg rechnen, ist möglich.
 Aber das geht doch nicht, Herr Baur.
Man kann doch nicht 100% der Gesprächsführung an sich reißen!
Warum nicht? Wir können uns selbst zur FSP anmelden.
Wenn wir fühlen, dass wir zum Zeitpunkt x bereit sind,
können wir uns zum früheren Zeitpunkt y anmelden.
Zur richtigen Zeit werden wir im richtigen Zustand sein und die Prüfung bestehen.
 Man kann doch nicht ...!
GB sagt: Ja, das ist korrekt.
Man kann das nicht.
Das ist unmöglich.
114
Das geht nicht.
Das geht nicht bis zu dem Tag, an dem Sie es tun.
Dann geht es doch.
 Fühlen sich die Prüfer:innen verletzt, wenn jemand ihnen die Struktur aus der Hand nimmt?
Fühlen sie sich fremdbestimmt?
Nein, sie fühlen sich (in aller Regel) erleichtert und
bekommen ohne Mühe alle Infos, die sie erfragen wollten.
 Werden alle meine Wünsche verwirklicht?
GB sagt: Ja, wenn du sie aussprichst.
Wenn du sagst,
was du willst,
bekommst du Unterstützung
von unerwarteter Seite.

Einfache Varianten der Igel-Rolle


Eine einfache Variante der Igel-Struktur ergibt sich, wenn ich die Zeit verknappe.
Wenn ich nicht mehr zwanzig Minuten Zeit habe, sondern nur noch acht Minuten,
werde ich ganz anders effizient arbeiten. Die Zeit lässt sich tendenziell immer weiter verknappen,
Beispiel: Wenn du dein Leben in einem Wort ausdrücken sollst, welches Wort wäre das?

Eine sprachliche Variante der Igel-Struktur benutzt tekamolo. Nach einer kleinen Manipulation stellt
der Prüfer die Frage, die der Kandidat beantworten kann. Dieser sprachliche Trick ist relativ einfach.
Die Biodeutschen ordnen ihre Informationen nach dem Muster tekamolo, das ist temporal-kausal-
modal-lokal oder Wann?-Warum?-Wie?-Wo? Wenn man diese Reihenfolge einhält, erscheint den
Deutschen alles normal, sie stellen danach keine Fragen. Wenn man diese Reihenfolge
durcheinanderwirbelt, ist der Satz grammatisch korrekt, er entspricht aber nicht den Erwartungen
der Deutschen. Sie stellen dann Fragen.
Beispiel tekamolo (Wann?-Warum?-Wie?-Wo?):
Nach dem Abhören der Lunge würde ich wegen der anhaltenden Atemnot mit einer Bronchoskopie
zum betroffenen Lungenabschnitt vordringen. (In dieser Reihenfolge der Informationen werden die
Prüfer keine Frage stellen.)
Beispiel mokatelo (Wie?-Warum?-Wann?-Wohin?):
Mit einer Bronchoskopie würde ich wegen der anhaltenden Atemnot nach dem Abhören der Lunge
zum betroffenen Lungenabschnitt vordringen. (In dieser Reihenfolge fällt den Prüfern subtil auf, dass
die Information „Wie? – Mit einer Bronchoskopie“ weit weg von der erwarteten Satzposition ist. Sie
werden das hinterfragen: Warum nicht mit einem CT? Wie können Sie so sicher sein?) Geschickt
eingesetzt, löst diese Igelstruktur aus, dass Sie Fragen erhalten, die Sie gut beantworten können.

115
Die Igel-Rolle in der Fachsprachenprüfung der Ärzt:innen
 Ein ausländischer Facharzt teilt in der Fachsprachenprüfung (FSP) den Prüfer:innen detailliert
mit, welche Rahmenbedingungen für seinen Facharzt-Einsatz gelten müssen, damit er diese
Stelle antritt. Je enger er die Bedingungen setzt, desto klarer wird sein berufliches Zielgebiet.
Eine Prüferin gibt ihm noch während der FSP eine Visitenkarte, die ihn zur nächsten
Arbeitsstelle führt. Der ausländische Facharzt war in meinem, GBs, FSP-Vorbereitungskurs.
 Ein ausländischer Allgemeinmediziner kümmert sich in der FSP konsequent um seinen
„Patienten“, er kümmert sich in keiner Weise um das Prüfungssetting.
Auf die Frage, ob er das Prüfungssetting kenne, antwortete er,
„Nein, und das ist auch nicht nötig“.
Indem er sich auf seinen „Patienten“, auf dessen Bedürfnisse und dessen optimale
Behandlung konzentriert, übererfüllt er völlig stressfrei und freundlich die Kriterien der FSP.
Der ärztliche Prüfer bietet ihm im Anschluss an die FSP eine Arbeitsstelle an.
Auf die abschließende Frage, warum er sich in der Fachsprachenprüfung so verhalten habe,
antwortete er lächelnd: „Ich wollte wissen, ob Ihr Prüfungssetting etwas taugt“.
In dieser FSP mimte ich, GB, den „Patienten“.

Eine komplexe Variante der Igel-Struktur skizziert die einzelnen Schritte der Prüfung im
„Rückwärtsgang“, vom erfolgreichen Ende zurück bis zum Beginn des Anamnesegesprächs.
Wenn diese Schritte komplett sind,
wird das Ganze aus seiner Form gestürzt und vom Beginn bis zum Ende durchgespielt.
Die Vorteile des „Rückwärtsgangs“ sind:
 Das (erfolgreiche) Ende ist von Anfang an bekannt und bildet den Ziel- und
Orientierungspunkt;
 Ich trainiere vom Ende her,
das bedeutet, das Ende trainiere ich 20 Mal, den Anfang nur 3-4 Mal.
Ich kann mich nicht „verirren“,
ich bleibe stets auf dem Kritischen Pfad, der mich zum Erfolg führt.
 Jeder Schritt ist logisch, auch bei einer unklaren Symptomatik.

Die Planung dieser Igel-Struktur sieht so aus:


 Ich kenne die Kriterien der Musterbewertungsbogen der Landesärztekammer Berlin und
achte darauf, dass ich sie in meinem Auftreten berücksichtige, siehe
[Link]
(Mir ist klar, dass jede Prüfungskammer andere Kriterien haben kann und jede FSP anders
verläuft. Dennoch ist es sinnvoll, wenn ich mich an diesen Kriterien orientiere und sie in
meiner FSP im Großen und Ganzen erfülle.)
 Ich wähle das Optimum aus und nütze dem Patienten.
 Ich entwickle im Arzt-Arzt-Gespräch eine Verdachtsdiagnose (oder auch nicht),
eine kleine Zahl von Differenzialdiagnosen und weiterführende nächste Schritte.
Zu jeder Diagnose kann ich (möglichst stichhaltige) Gründe anführen.
 Ich benenne meine Unklarheit/ mein Problem/ meinen Ansatz bei diesem Fall im Arzt-
Arztgespräch und diskutiere die Sinnhaftigkeit der therapeutischen Maßnahmen und ihrer
Alternativen. („Das Besondere an diesem Fall ist …/ Bei diesem Fall brauche ich Ihre
Einschätzung in puncto …/ Symptom xy passt nicht so recht ins Bild“)
116
 In der Fallpräsentation, die die ersten Minuten des Arzt-Arzt-Gesprächs umfasst,
gehe ich auf die Situation meines Gesprächspartners ein
(„Haben Sie ein paar Minuten Zeit oder soll ich später kommen?“)
 Ich arbeite dem nachfolgenden Arzt zu,
bestimmte Schritte sind schon erledigt,
der kritische Pfad ist für den nachfolgenden Arzt kürzer.
 Bei Unklarheiten erweitere ich meine Systematik. Ich gehe zum Beispiel
+ von Symptom zu Symptom
+ von Laborparameter zu Laborparameter
+ von Organ zu Organ
+ von bildgebendem Verfahren zu bildgebendem Verfahren
+ von Krankenhausabteilung zu Krankenhausabteilung (Wen berufe ich konsiliarisch?
Was verspreche ich mir davon? Wer kann welche Klärung herbeiführen?)
+ zu den Vor- und Nachteilen verschiedener
präventiver, kurativer oder operativer Therapieansätze
+ von Medikament zu Medikament
+ von Wechselwirkung zu Wechselwirkung.
 Ich kann punktgenau Untersuchungsmethoden einsetzen.
 Die anamnestischen Angaben grenzen die Diagnose (noch nicht hinreichend) ein.
 Ich fasse das Gesagte zusammen, stelle Sicherungsfragen und gebe dem Patienten die
Gelegenheit, dass er falsch Verstandenes korrigieren bzw. Fehlendes ergänzen kann.
 Ich erfasse die unstrukturiert vorgebrachten Angaben des Patienten in einer Struktur, die mir
die Übersicht erleichtert.
 Ich nutze anfangs die Gesprächsangebote des Patienten und stelle später ergänzende Fragen,
mit denen ich die Anamnese komplettiere.

Die Ziel- und Orientierungspunkte der Prüfer:innen sind vorhersehbar:


 Können die Ärzt:innen den Patienten patientengerecht ansprechen, von Anfang an eine
Atmosphäre des Vertrauens schaffen, dem Patienten empathisch zuhören, ihn adäquat
informieren und das Arzt-Patienten-Verhältnis vertrauensvoll ausbauen?
 Können die Ärzt:innen den Fall präzise dokumentieren und damit dem nachfolgenden Arzt
die Arbeit erleichtern?
 Können die Ärzt:innen im Zusammenspiel mit dem Oberarzt/ Chefarzt alle Implikationen
diskutieren und für den Patienten ein Optimum entwickeln?
 Sind die Ärzt:innen im Umgang mit den Fachbegriffen trittsicher?

117
Die Ärzt:innen überraschen die Prüfer:innen positiv, wenn sie
 im small talk große Teile der Prüfungskriterien erfüllen
(und damit ihre eigene FSP stark erleichtern:
Was im small talk geklärt wurde, wird in der FSP nicht mehr so hart geprüft)
 präzise die Krankenhausabteilung/ die Bedingungen in der klinischen Praxis/ die angestrebte
Spezialisierung und das eigene Lernfeld/ ihr Forschungsinteresse benennen (In Deutschland
gilt die Regel: Je genauer und detaillierter ich meine Ziele formuliere, desto rascher und
passgenauer sind die Hilfestellungen, die ich erhalte. Je unklarer und unspezifischer ich
spreche, desto gleichgültiger und desinteressierter werden meine Ansprechpartner:innen.
Die Unterstützung wird dann nicht sehr groß sein, die FSP ist dann tendenziell härter.)
 den Patienten in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen
 rasch die Ziel- und Orientierungspunkte erreichen
 gleichermaßen Umsicht und den Blick für Details sowie systematisches Arbeiten unter
Beweis stellen
 den Standard kennen und begründet und gewinnbringend vom Standard abweichen.
Das sind die Gelegenheiten, bei denen die Ärzt:innen
 in die Igelrolle schlüpfen,
 die Mikrostruktur der FSP drehen,
 den Fortgang des Gesprächs bestimmen und
 ihren Erfolg sicherstellen.

Wer zum Beispiel eine B1-Sprachprüfung bestehen möchte, kann den acht Linien folgen,
die von dem Effekt „Prüfungen A1-C1 bestehen“ ausgehen.
Sie führen zu diesen acht sprachlichen oder grammatischen Mitteln:
 Verbpositionen V2/VL
 Automatische Sätze B2
 B1-Marker, damit eine 70%-Chance erhalten
 B2-Marker, damit eine 95%-Chance erhalten
 Partikel, damit der Aussage eine emotionale Färbung verleihen und dezent und hochwirksam
manipulieren
 Verben mit Präpositionen und Nomen-Verb-Gruppen
 Phonetische Übungen vor dem Spiegel/ mit Videofunktion des Handys/ mit einer Freundin/
mit einer Phonetiklehrerin durchführen
 Fachbegriffe, siehe den Download „A1-B2 Wortfamilien“

Wer bei seinen Gesprächspartner:innen Respekt auslösen möchte, kann drei Linien folgen:
 Verben mit Präpositionen und Nomen-Verb-Gruppen
 Verbposition V,V
 Fachbegriffe, siehe den Download „A1-B2 Wortfamilien“

Abbildung 20 lässt sich auch von der anderen Seite her benutzen.
Wer zum Beispiel Automatische Sätze trainiert und konsequent im Alltag einsetzt,
erzielt folgende vier Effekte:
 Vertrauen auslösen
 Kommunikation spontan verbessern
118
 Prüfungen A1-C1 bestehen
 Verhalten manipulieren

Wer Endungen trainiert und Wiederholungsfehler bei den Endungen konsequent eliminiert,
erzielt sechs Effekte:
 Emotionen auslösen
 Phantasien auslösen
 Verstehen beschleunigen
 Verhalten manipulieren
 Soziale Gruppen öffnen
 Kooperation auslösen

Abbildung 20 gibt auch den Hinweis, welches sprachliche oder grammatische Mittel auf welchen
Sprachleveln einsetzbar ist. Das erleichtert es den Lernenden, den nächsten Lernschritt auszuwählen
bzw. passende Wiederholungs- oder Automatisierungsschleifen einzuplanen.
Was nach viel Arbeit aussieht, entpuppt sich im Lernprozess als massive Steigerung der Effizienz.

119
Verbpositionen
Vertrauen auslösen
V2/ VL A1-A2

Kommunikation spontan Automatische


verbessern Sätze A1-C1

Prüfungen A1-C1 Marker aus dem nächsthöheren


bestehen Level einsetzen A2-C1

Aussagen emotional
Partikel A1-C1
färben

Emotionen
Endungen A1-C1
auslösen

Phantasien Verben mit Präpositionen


auslösen Nomen-Verb-Gruppen B2-C1

Verbposition
Verstehen beschleunigen
V,V B2-C1

Soziale Gruppen
Sprachvarietäten A2-C1
öffnen

Selbstwertgefühl
Phonetik A1-C1
steigern

Idiomatische
Verhalten manipulieren
Wendungen C1

Respekt
Fachbegriffe B2-C1
auslösen

Als beruflicher Profi Augenbraue und andere


erscheinen körpersprachliche Signale C1

Kooperation
auslösen

Komplexe Phantasien
auslösen

Nuancen präzise
ausdrücken
Abb. 20: alle kommunikativen Effekte, die das Lernen von Deutsch als Zweitsprache verstärken. Alle
körpersprachlichen oder sprachlichen Mittel, die die genannten kommunikativen Effekte auslösen.

Wird fortgesetzt
120

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