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Sitzung: Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, 23. Februar 1950

Das Dokument enthält die Protokolle einer Sitzung des Deutschen Bundestags vom 23. Februar 1950. Es werden verschiedene Anträge, Gesetzesentwürfe und Anfragen diskutiert, unter anderem zur Beendigung der Entnazifizierung und zur Verlegung von Dienststellen des Bundes nach Berlin.

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Sitzung: Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, 23. Februar 1950

Das Dokument enthält die Protokolle einer Sitzung des Deutschen Bundestags vom 23. Februar 1950. Es werden verschiedene Anträge, Gesetzesentwürfe und Anfragen diskutiert, unter anderem zur Beendigung der Entnazifizierung und zur Verlegung von Dienststellen des Bundes nach Berlin.

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Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23.

Februar 1950 1327

Antrag der Abg. Dr. Richter und Gen.


betr. Vorlage eines Gesetzentwurfs zur
Beendigung der Entnazifizierung (Druck-
sache Nr. 561) 1328D, 1329D
Euler (FDP), Antragsteller 1330A, 1353C
Dr. Richter (DRP), Antrag
steller 1332A, 1354C
Dr. Gerstenmeier (CDU) . . . . 1333C
Dr. von Merkatz (DP) 1336A
Dr. Heinemann, Bundesminister
des Innern 1338B

40. Sitzung von Thadden (DRP)


Dr. Etzel (BP)
1340A
1340D, 1355A
Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950. Loritz (WAV) . . . . . . . . 1342D
Erler (SPD) 1344D
Dr. Reismann (Z) 1349C
Geschäftliche, Mitteilungen . . . 1328B, 1386D Paul (KPD) 1351B
Dr. von Brentano (CDU) . . . 1352D
Zustimmung des Bundesrats zum Entwurf
eines Gesetzes zur Verbesserung von Interpellation der Fraktion der SPD betr.
Leistungen an Kriegsopfer 1328C Neufestsetzung der Kohlenpreise (Druck-
sache Nr. 404) . . 1328D, 1355B
Anfrage Nr. 27 der Zentrumsfraktion
betr. die Häuser Dahlmannstraße 5 Imig (SPD), Interpellant . 1355B, 1361C
und 7 in Bonn (Drucksachen Nr. 379 Dr. Erhard, Bundesminister
und 546) 1328C für Wirtschaft 1357A
I Anfrage Nr. 18 der Abg. Dr. Müller und Rische (KPD) . . . . . . . 1359B
C
Gen. betr. Gesetz zur Deckung der Ko- Dr. Blank (FDP) 1360B
sten für den Umsatz ernährungswirt-
schaftlicher Waren (Drucksachen Nr. 278 Dr. Seelos (BP) 1360D
und 585) 1328C
Loritz (WAV) 1361B
Anfrage Nr. 34 der Abg. Goetzendorff und
Gen. betr. Anteil der Heimatvertriebenen Erste Beratung des Entwurfs eines Ge-
an den Stellenplänen der Ministerien setzes über Bekanntmachungen (Druck-
(Drucksachen Nr. 414 und 593) . . . 1328D sache Nr. 512) 1361D

Anfrage Nr. 45 der Fraktion der KPD betr. Beratung des Mündlichen Berichts des
Söldneranwerbung von Deutschen im Ausschusses für Sozialpolitik über den
Bundesgebiet (Drucksachen Nr. 489 und Antrag der Frau Abgeordneten Wessel
595) 1328D und Gen. betr. Rentenversicherung für
die freien Berufe (Drucksache Nr. 488
und 62) 1362A
Schreiben des Bundesministers für An-
gelegenheiten der Vertriebenen vom 14.
Februar 1950 betr. Überführung der noch Schüttler (CSU), Bericht
in den polnisch verwalteten deutschen- erstatter 1362A
Gebieten sowie der in Polen, der Tsche- Krause (Z) 1362D
choslowakei und den südosteuropäischen
Staaten lebenden Deutschen (Druck- Renner (KPD) 1363B, 1366A
sache: Nr. 591) 1328D 1363D
Frau Kalinke (DP)
Zur Tagesordnung 1328D Frau Dr. Steinbiss (CDU) . . . 1364C
Abg. Renner (KPD) 1329A Dr. Hammer (FDP) 1364D
Abg. Dr. von Brentano (CDU) . 1329D Dr. Reismann (Z) 1365B

Erste Beratung des von der Fraktion der Beratung des Antrags der Abgeordneten
FDP eingebrachten Entwurf eines Ge Strauß, Dr. Horlacher, Graf von Spreti
setzes zur Beendigung der Entnazifi- und Gen. betr. Auslandwerbung für den
zierung (Drucksache Nr. 482) in Ver- Fremdenverkehr in Deutschland (Druck-
bindung mit dem sache Nr. 490) 1366C
1328 Deutscher B undestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950

Strauß (CSU), Antragsteller . . 1366C Oskar Müller, Rudolf Kohl, Dr. Baumgartner,
Freiherr von Aretin, Dr. Seebohm. Außerdem
Eichner (BP) 1368A fehlt der Abgeordnete Goetzendorff.
Jacobs (SPD) 1368C
Stahl (FDP) 1369B Präsident Dr. Köhler: Ich habe Ihnen weiter fol-
gende Mitteilungen zu machen.
Dr. Brönner (CDU) 1369D
Mit Schreiben vom 16. Februar 1950 hat der
Mensing (CDU) . . . . . . . 1370A Bundesrat mitgeteilt, daß er in seiner Sitzung
vom gleichen Tage beschlossen hat, dem Entwurf
Beratung des Antrags der Fraktion des eines Gesetzes zur Verbesserung von Leistungen
Zentrums betr. Studienkommission zur an Kriegsopfer trotz grundsätzlicher Bedenken
Erforschung der Möglichkeiten im Kampf gegen § 5 zuzustimmen. Der Bundesrat erwartet
gegen die Arbeitslosigkeit (Drucksache jedoch, daß das in Vorbereitung befindliche end-
Nr. 503). 1370B gültige Gesetz zur Versorgung der Kriegsopfer
den Grundsätzen des Fürsorgerechts, insbesondere
Dr. Bertram (Z), Antragsteller . 1370C dem § 8 der Reichsgrundsätze über Vorausset-
Strauß (CSU) . . . . . . . 1371D zung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge,
Rechnung tragen wird.
Wönner (SPD) 1372A
Der Herr 'Bundeskanzler hat mit Schreiben vom
Harig (KPD) 1372B 11. Februar 1950, Drucksache Nr. 546, die An-
frage Nr. 27 der Abgeordneten Dr. Bertram, Frau
Beratung des Antrags der Fraktion der Wessel und Fraktion, Drucksache Nr. 379, be-
SPD betr. Verlegung von Dienststellen treffend die Hauser Dahlmannstraße 5 und 7 in
des Bundes nach Berlin (Drucksache Bonn beantwortet.
Nr. 508) 1373B
Der Herr Bundesminister für Ernährung, Land-
Meitmann (SPD), Antrag wirtschaft und Forsten hat mit Schreiben vom
steller 1373C, 1384C 15. Februar 1950 die Anfrage Nr. 18 der Abge-
Kaiser, Bundesminister für ge ordneten Dr. Müller und Genossen, Drucksache
samtdeutsche Fragen . 1376B, 1386A Nr. 278, betreffend Gesetz zur Deckung der Ko-
sten für den Umsatz ernährungswirtschaftlicher
Dr. Seelos (BP) 1378A Waren vom 3. November 1948 beantwortet. Ich
verweise auf die Drucksache Nr. 585.
Dr. Reismann (Z) 1379C
Der Herr Bundesminister des Innern hat mit
Dr. Bucerius (CDU) 1380B Schreiben vom 16. Februar 1950 die Anfrage
Dr. Hoffmann (FDP) 1382A Nr. 34 der Abgeordneten Goetzendorff und Ge-
nossen, Drucksache Nr. 414, betreffend Anteil
Neumann (SPD) 1382C der Heimatvertriebenen an den Stellenplänen der
Ministerien, Drucksache Nr. 593, beantwortet.
Dr. Krone (CDU) 1384B
Der Herr Bundesminister der Justiz hat mit
Dritte Beratung des Entwurfs eines Ge- Schreiben vom 21. Februar 1950 die Anfrage
setzes zur vorläufigen Regelung der Nr. 45 der Fraktion der KPD, Drucksache Nr. 489,
Rechtsverhältnisse der im Dienst des betreffend Söldneranwerbung von Deutschen im
Bundes stehenden Personen (Drucksachen Bundesgebiet beantwortet. Ich verweise auf die
Nr. 569, 497 und 175) 1386C Drucksache Nr. 595.

Nächste Sitzung 1386C Der Herr Bundesminister für Angelegenheiten der


Vertriebenen hat gemäß dem ihm durch Beschluß
der 33. Sitzung des Deutschen Bundestages er-
teilten Auftrag - entsprechend den Drucksachen
Nr. 78 und 459 — mit Schreiben vom 14. Februar
Die Sitzung wird um 14 Uhr 2 Minuten durch 1950 berichtet. Das Schreiben wird als Druck-
den' Präsidenten Dr. Köhler eröffnet. - sache Nr. 591 im Augenblick vervielfältigt und
den Mitgliedern zugehen.
Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren!
Ich eröffne die 40. Sitzung des Deutschen Bun- Gemäß einem Beschluß des Ältestenrats wird
destages. die heutige Tagesordnung um eine Vorlage er-
weitert: in Verbindung mit Punkt 2 der Tages-
Ich bitte den Schriftführer Herrn Abgeordne- ordnung, erste Beratung eines Gesetzes zur Be-
ten Matthes die Namen der abwesenden Mitglie- endigung der Entnazifizierung, Drucksache Nr.
der des Hauses bekanntzugeben. 482, wird der Antrag der Abgeordneten Dr. Rich-
ter und Genossen betreffend Vorlage eines Ge-
Matthes, Schriftführer: Es fehlen wegen Er- setzentwurfs zur Beendigung der Entnazifizie-
krankung die Abgeordneten Dr. Orth, Dr. Dr. rung, Drucksache Nr. 561, behandelt werden. —
Lehr, Schütz, Dr. Weiss, Zinn, Kalbfell, Schö- Ich darf das Einverständnis des Hauses annehmen.
nauer, Frau Strobel, Cramer, Herrmann, Parzin-
ger, Determann, Juncker, Fisch, Wittmann. Ent Weiterhin teile ich mit, daß sich die Behand-
schuldigt fehlen: die Abgeordneten Graf von lung des Punktes 1 der Tagesordnung, Interpel-
Spreti, Lausen, Eichler, Dr. Bergsträßer, Dr. Suhr, lation der Fraktion der SPD betreffend Neufest-
Frau Dr. Ilk, Kuhlemann, Reimann, Frau Thiele, setzung der Kohlenpreise, Drucksache Nr. 404,
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1329
(Präsident Dr. Köhler)
etwas verzögert, weil sich der Herr Bundeskanz- Präsident Dr. Köhler: Herr Abgeordneter Ren
ler und der Herr Bundeswirtschaftsminister im ner, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihre
Augenblick bei einem • offiziellen Zusammensein fünf Minuten abgelaufen sind.
mit dem Herrn Außenminister von Holland be- (Abg. Renner: Ich habe nur noch einen Satz
finden. zu sagen! Lassen Sie mich den noch sagen!)
Meine Damen und Herren, das sind die amt- - Nur einen einzigen Satz.
lichen Mitteilungen. (Abg. Renner: Na, sagen wir zwei! —
Wir kommen damit zur Tagesordnung. Heiterkeit.)
(Abg. Renner: Zur Geschäftsordnung!) - Nein, einen!
Zur Geschäftsordnung hat Herr Abgeordneter
Renner (KPD): Wir sind der Auffassung: Die
Renner das Wort.
Regierung ist verpflichtet, im Bundestag die von
uns geforderte Erklärung abzugeben.
Renner (KPD): Meine Damen und Herren! Am (Unruhe.)
18. Februar hat die kommunistische Fraktion des Darüber hinaus sind wir der Meinung, daß der
Bundestages einen Antrag eingebracht, in dem Bundestag ein Recht hat, Memoranden von solcher
gesagt wird: Bedeutung wie dieses Memorandum aus der Hand
Der Bundestag wolle beschließen: der Regierung zu erfahren.
Die Bundesregierung wird aufgefordert, un- (Widerspruch in der Mitte und rechts.)
verzüglich
Präsident Dr. Köhler: Herr Abgeordneter Ren-
1. dem Bundestag Bericht zu erstatten:. ner, Ihre fünf Minuten sind abgelaufen.
a) über das Ergebnis der Besprechungen Renner (KPD): Es ist ein unerträglicher Zu-
zwischen den Hohen Kommissaren und
Mitgliedern der Bundesregierung am stand, daß die Abgeordneten es sich gefallen las-
16. Februar 1950 auf dem Petersberg; sen müssen, ihr Wissen über die politischen Vor-
gänge aus der Zeitung zu erhalten. Schluß mit
b) über das Ergebnis der Besprechungen dieser Geheimpolitik der Adenauer-Regierung!
des ERP-Ministers Blücher mit den
Vertretern des Außenministeriums der Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren!
Vereinigten Staaten von Nordamerika Ich frage das Haus, ob sich gegen diesen Antrag
und der Marshallplan-Verwaltung in Widerspruch erhebt. - Herr Abgeordneter von
Washington; Brentano, ich bitte.
2. das der Bundesregierung am 14. Februar
1950 durch die Hohen Kommissare zuge Dr. von Brentano (CDU): Ich widerspreche nach
stellte Memorandum, das nach Pressemel § 71 der Geschäftsordnung. C
dungen eine Kritik an der bisherigen
Wirtschaftspolitik der Regierung der deut-
schen Bundesrepublik enthält, den Mit- Präsident Dr. Köhler: Danach ist gemäß § 71.
gliedern des Bundestages zugänglich zu Absatz 3 der Antrag nach erfolgtem Widerspruch
machen. abgelehnt.
Meine Damen und Herren! Wir kommen damit
Namens der kommunistischen Fraktion bean- zu Punkt 2 der Tagesordnung:
trage ich, die heutige Tagesordnung durch die
Hinzunahme dieses unseres Antrages zu erwei- Erste Beratung des von der Fraktion der
tern. Unsere Fraktion steht auf dem Standpunkt, FDP eingebrachten Entwurfs eines Ge-
daß der Bundestag mit Recht eine Klärung der setzes zur Beendigung der Entnazifizierung
Kontroverse verlangen kann, die um die Ur- (DrucksaheN.482)
heberschaft dieses anrüchigen Memorandums ent- und gleichzeitig ergänzend zu dem
standen ist. Das deutsche Volk und vor allen Antrag der Abgeordneten Dr. Richter und
Dingen wir, der Bundestag, haben ein Recht, zu Genossen betreffend Vorlage eines Gesetz-
erfahren, ob dieses Memorandum eine Arbeit der entwurfs zur Beendigung der Entnazifizie-
OEEC-Kommission oder eine Arbeit und eine rung (Drucksache Nr. 561).
Stellungnahme der Hohen Kommissare darstellt.
Diese Klärung ist um so notwendiger, da nach Darf ich darauf aufmerksam machen, daß Ihnen
den Meldungen der Presse dieses Memorandum - der Ältestenrat gemäß § 88 der Geschäftsordnung
zweimal die Feststellung enthält, daß die Politik für die Redezeit folgenden Vorschlag macht. Die
der Regierung das Eingeständnis des totalen Redezeit soll 120 Minuten betragen. Die Antrag-
Bankerotts ist. Diese Feststellung bezieht sich so- steller werden von den ihnen im Rahmen der
wohl auf die Denkschrift des Herrn ERP-Mini- Redezeit von 120 Minuten zustehenden 15 Mi-
sters Blücher an die OEEC-Kommission in Paris nuten Gebrauch machen.
als auch auf die Fehlinvestitionen, auf die Um- (Abg. Euler begibt sich an das Rednerpult.)
siedlerbetreuung und das ungenügende Woh- — Ich habe Ihnen noch nicht das Wort erteilt;
nungsbauprogramm. entschuldigen Sie, Herr Abgeordneter! — In-
Außerdem sind wir der Auffassung, daß dem folgedessen wird die Einbringung etwa 15 Minu-
Bundestag schleunigst mitgeteilt werden sollte, ten dauern. Es bleiben dann 105 Minuten für
was der Herr ERP-Minister Blücher außer den alle übrigen Fraktionen. Ich darf nunmehr das
reichen menschlichen Erfahrungen, die er laut Einverständnis des Hauses zu dieser Redezeit-
seinen Äußerungen in einer Pressekonferenz aus einteilung erbitten. — Ich höre keinen Wider-
den USA mitgebracht hat, an Materiellem, an Tat- spruch. Dann ist demgemäß beschlossen.
sächlichem mitbrachte und welche neuen Ver- Ich erteile dem Herrn Abgeordneten Euler zur
pflichtungen er eingegangen ist. Einbringung seines Antrags das Wort.
1330 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950

Euler (FDP), Antragsteller: Meine sehr geehrten allem darunter, daß entgegen dem grundlegenden
Damen und Herren! Wenn sich die Fraktion der Prinzip des Rechtsstaats nicht Taten bestraft
Freien Demokraten entschloß, ein Gesetz zur Be- wurden, sondern daß eine bestimmte Gesinnung
endigung der Entnazifizierung einzubringen, dann unter Strafe gestellt wurde, und dies obendrein
geschah das aus der Auffassung, daß die Grund- nachträglich auf Grund eines Gesetzes, das nicht
legung des demokratischen Rechtsstaats die Be- bestand, als diese Gesinnung zum Träger eines
endigung eines Ausnahmerechts voraussetzt, das Gewaltsystems wurde.
gegen rechtsstaatliche Prinzipien verstößt und Darin liegen zwei rechtsstaatliche Verstöße. Zum .
schon längst zu einer Gefahr für den Aufbau einen der, daß man sich eben nicht darauf be-
eines demokratischen Rechtsstaats in Deutschland schränkte, Taten zu bestrafen, und zum andern
geworden ist. der, daß diese nachträgliche Bestrafung unter
Meine politischen Freunde haben bereits im Verstoß gegen den jeden Rechtsstaat tragenden
Jahre 1946 mit aller Deutlichkeit ausgesprochen, Grundsatz „nulla poena sine lege" geschah. Es
daß eine Entnazifizierung, die sich nicht darauf kommt zum dritten hinzu, daß die Massenjustiz,
beschränkt, vergangene strafbare Handlungen zu die eingerichtet werden mußte, um einen so
sühnen und eine bestimmte politische Führer- großen Bevölkerungsteil in eine quasi-strafrecht-
schaft einflußlos zu machen und zu halten, son- liche Verfolgung zu nehmen, von vornherein
dern die den politischen Irrtum als solchen mit natürlich zu einer Fragwürdigkeit des Ver-
Strafmaßnahmen ahndet, schon deshalb ein Schritt- fahrens und zu einer Fragwürdigkeit der
macher der Renazifizierung werden müßte, weil Sprüche nach ihrem materiellen Inhalt führte, die
es praktisch gar nicht möglich ist, einen Bevölke- in vielen Fällen erneut Unrecht in die Welt
rungsanteil, der mit Angehörigen etwa 50 Prozent setzten.
der Gesamtbevölkerung umfaßt, auf eine rechts- Nun. meine sehr geehrten Damen und-Herren,
staatlichen Ansprüchen genügende Weise gericht- es kommt zu alldem ein Gesichtspunkt, der dann
lich zu verfolgen. besonders dazu beitrug, das Entnazifizierungs-
An zwei großen geschichtlichen Beispielen war verfahren in den Augen weiter Bevölkerungs-
bereits damals abzulesen, daß eine Massenent- schichten als etwas Unmögliches erscheinen zu
nazifizierung, wie sie die Alliierten mitbrachten lassen. Es gab nämlich nach einiger Zeit über-
und uns aufnötigten, ein Fehlschlag werden haupt keine Belastungszeugen von Anstand und
müßte. Zum ersten hat Frankreich gute Erfah- Qualität mehr, und zwar aus all den Erwägun-
rungen damit gemacht, daß sich Talleyrand nach gen über die politische Fehlerhaftigkeit und die
der Niederwerfung Napoleons I. einer Entnapo- rechtsstaatlichen Verstöße bei der Durchführung
leonisierung im Sinne einer auf ein Ausnahme- der Entnazifizierung. So hat die Entnazifizierung
gesetz gestützt en politischen Massenverfolgung dazu beigetragen, das Rechtsgefühl unseres
enthielt. Zum andern bot die politische Säube- Volkes auf das schwerste zu belasten, statt es
rung, die in den Südstaaten der USA nach dem wiederherstellen, zu erneuern und aufzufrischen.
p amerikanischen Bürgerkrieg in den Jahren 1865 Das hat zu schweren Verirrungen des Rechtsgefühls
bis 1869 durchgeführt wurde, ein abschreckendes geführt, und so durfte ich in Erwartung dessen.
Beispiel einer solchen in ein zweifelhaftes recht- was die Entnazifizierung an Übelständen noch
liches Gewand gehüllten politischen Massenver- weiterhin bringen würde, bereits im Jahre 1946
folgung, die wegen ihres ungeheuren Umfangs zu diese Art der Entnazifizierung als ein uns aufer-
einer Fülle von Willkür- und Unrechtsakten legtes nationales Unglück bezeichnen. Dieses na-
führte. Das Ergebnis war damals in den USA, daß tionale Unglück wurde dadurch verstärkt, daß es
die Südstaaten noch nach dem Bürgerkrieg trübe Kräfte gab, die die Entnazifizierung zu einem
Jahre bürgerkriegsähnlicher Natur erlebten. Kampfmittel im Dienste der neuen, innenpoli-
tischen Auseinandersetzung herabwürdigten. Uns
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Das erscheint es nach alledem als eine dringende Not-
war uns schon damals eine Warnung, daß eine hin- wendigkeit, durch Beseitigung dieses Ausnahme-
sichtlich ihres Umfangs außerordentlich über- rechts einen rechtsstaatlichen Zustand herzustel-
spitzte Entnazifizierung hier zu ähnlich bedenk- len, und zwar durch ein bundeseinheitliches Ge-
lichen Zuständen führen könnte. Analysieren wir setz, damit die Rechtsverschiedenheiten, die wäh-
die Fehler, die der Entnazifizierung in dem Aus- rend der Entnazifizierung bestanden, nun nicht
maße, wie wir sie erlebt haben, zu Grunde lagen, durch verschiedenartige Gesetze über die Besei-
dann ist hinsichtlich der politischen Fehlanlage tigung der Entnazifizierung in den einzelnen Län-
zunächst einmal zu sagen, daß von der Entnazifi- dern verewigt werden, deren Inhalt dann davon
zierung ein viel zu -großer Personenkreis ergriffen abhängig ist, welche politische Mehrheit jeweils
wurde, der mit den unmittelbar Betroffenen zu- in dem Landtag besteht.
nächst 27 bis 30 Prozent umfaßte und mit den un-
mittelbaren Angehörigen auf einen Bevölkerungs- Die Frage: ist der Bund überhaupt zuständig,
teil von 50 bis 60 Prozent kam. Damit hing zu- ein solches Gesetz zu machen? ist ja schon längere
sammen, daß alle Betroffenen und ihre Angehö- Zeit vor der heutigen Erörterung der Materie im
rigen zu einer Art Schicksalsgemeinschaft zu- Bundestag zwischen den verschiedenen Instanzen,
sammengeschlossen wurden, und alle diejenigen, die wir auf der Bundesebene' haben, in Abgeord-
die nur Mitläufer waren, und alle die, die aus netenkreisen sowie in der Presse diskutiert wor-
gewissen, wenn auch fehlerhaften idealistischen den. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich
Erwägungen den Nationalsozialismus unterstützt glaube, man muß aus einigen zwingenden Über-
hatten, wider ihren Willen geradezu in eine Front legungen dazu kommen, die Bundeszuständigkeit
der Abwehr gegen das neue Gesetz mit den ei- unter allen Umständen zu bejahen. Es hat sich
gentlich Hauptschuldigen, mit der politischen bei der Entnazifizierung von vornherein um eine
Führerschicht, die Träger des Gewaltsystems und Gesetzesmaterie des Kontrollrates gehandelt. Das
des Terrors war, hineingenötigt wurden. Die aus grundlegende Gesetz ist ein Kontrollratsgesetz,
solchen politisch fehlerhaften Erwägungen her- und lediglich die Durchführungsgesetze wurden
vorgegangene Massenaktion litt nun rechtlich vor von den einzelnen Militärregierungen erlassen,
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1331
(Euler)
weil sich die Alliierten über die Einzelheiten der in dem einen oder andern Falle ein Unwürdiger
materiellen und formalen Durchführung nicht ei- in den Genuß dieser Bestimmungen kommt.
nigen konnten. Hinsichtlich der Gruppe II haben wir in § 3
Die Beseitigung dieser Kontrollratsgesetz- vorgesehen, daß überprüft werden soll, inwieweit
gebung ist unseres Erachtens nun für die junge verhängte Sühnemaßnahmen in Wegfall kommen
deutsche Demokratie ein rechtspolitisches Faktum können. Lediglich die Wahlrechtsausschlüsse sol-
grundlegender Natur; sie ist tragend für den len bestehen bleiben. Die gefällten Sprüche gegen
rechtsstaatlichen Charakter der Bundesrepublik. Angehörige der Gruppe I sollen überhaupt un-
Diesem politischen Faktum kann nur dadurch in berührt bleiben.
genügender Weise Ausdruck gegeben werden, daß Hinsichtlich der Vergangenheit wird eine Frage
die Beendigung der Entnazifizierung durch ein zu prüfen sein, die bei den Beratungen im Aus-
bundeseinheitliches Gesetz erfolgt. schuß erörtert werden müßte. Wir haben eine
Es kommt aber weiter hinzu: selbst wenn man Vorschrift hierüber zunächst nicht vorgesehen,
auf Artikel 74 des Grundgesetzes über die kon- sind aber der Auffassung, daß geprüft werden
kurrierende Gesetzgebung abstellt, so muß man sollte, inwieweit jetzt noch ausstehende Gebüh-
auch aus dem Artikel 74 zu der Bejahung der ren niedergeschlagen werden, weil wir ja wissen,
Bundeszuständigkeit kommen; denn in Ziffer 1 daß in sehr vielen Fällen auf Grund der Kosten-
heißt es, daß sich die konkurrierende Gesetz- bestimmungen Gebührensätze in einer Höhe gel-
gebung auf das Strafrecht und den Strafvollzug tend gemacht worden sind, die rechststaatlich
erstreckt. Es sollte doch nicht im mindesten zwei- überhaupt nicht zu verantworten ist, da ein ganz
felhaft sein, daß die Entnazifizierungsgesetze Ge- eklatantes Mißverhältnis zwischen der aus-
setze strafrechtlichen oder strafrechtsähnlichen gesprochenen Sühne und der Höhe der Kosten-
Gehaltes sind; denn Sühnemaßnahmen, die darin belastung besteht. Soweit diese Kosten nicht ge-
bestehen, daß nicht nur Geldstrafe, sondern auch zahlt werden konnten — es sind zum Teil Stun-
Arbeitslager verhängt wird, daß Geschäfte ge- dungen auf sehr lange Zeit hinaus vereinbart
schlossen, daß Berufsverbote ausgesprochen wer- 'worden —, ist zu prüfen. inwieweit eine Nieder-
den, sind ja strafrechtliche Ahndungsmaßnahmen schlagung der Kosten stattfinden soll.
schwerster Art, die die Subsumtion dieser Ge- Unser Gesetz sieht weiter vor, daß ein An-
setzesmaterie unter den Begriff des Strafrechts spruch auf Ersatz von Schäden aus der Durch-
im Sinne des Artikel 74 rechtfertigen. Wir haben führung der Entnazifizierung nicht zugebilligt
den Gesetzentwurf ausgearbeitet und hier ein- wird. Wir lehnen mit großer Entschiedenheit den
gebracht, weil wir davon überzeugt sind, daß die Gedanken ab, daß nun unter umgekehrtem Vor-
Erwägung der Gründe, die ich eben kurz skiz- zeichen die ganze Beunruhigung weitergetragen
zierte, zur Bejahung der Bundeszuständigkeit für werden soll, die die Entnazifizierung hinsichtlich
dieses Gesetz führen muß. der Vergangenheit und ihrer Überprüfung immer
Zum Inhalt des Gesetzentwurfes, wie er Ihnen wieder aufs neue hervorgebracht hat. Es muß nun
in Drucksache Nr. 482 vorliegt, kann ich mich auf wirklich Schluß damit gemacht werden. Dies
die notwendigsten Darlegungen beschränken. Der schließt aber naturgemäß nicht aus, daß in Einzel-
Verbot
§1bringtdas der Einleitung neuer Ver- fällen. in denen Sprüche auf Grund unerlaubter
fahren und ebenso das Verbot der Durchführung Handlungen gefällt wurden, wegen dieser gegen
schwebender Verfahren. Laufende Verfahren sol- Betroffene begangenen unerlaubten Handlungen
len ohne mündliche Verhandlung eingestellt wer- die Schadenersatzansprüche geltend gemacht wer-
den. Das schließt nicht aus — und wir haben das den, die nach allgemeinen Rechtsvorschriften ge-
im § 4 ausdrücklich hervorgehoben -, daß straf- geben sind.
bare Handlungen, die in früherer Zeit vorgenom- Hinsichtlich der Beamten und Pensionäre, die
men wurden, nach dem allgemeinen Strafrecht im Zuge der Entnazifizierung aus ihren Ämtern
verfolgt werden. Das sollte ein Hinweis darauf gekommen sind bzw. denen auf Grund der Ent-
sein, daß strafbare Handlungen, soweit sie aus nazifizierung die Pensionen vorenthalten werden,
politischen Motiven und in politischen Zusammen- haben wir eine Regelung außer acht gelassen,
hängen damals begangen wurden, nun natürlich weil diese in einem anderen gesetzlichen
weiter verfolgt werden können. Was lediglich Rahmen erfolgen wird. Die Ausgleichung und die
unterbleiben soll, ist die Fortsetzung von irgend- Wiederherstellung des Rechtszustandes für diesen
welchen Verfahren, die nach ihrer ganzen Art we- Personenkreis, meine sehr geehrten Damen und
nig dazu angetan sind, Rechtsgarantien zu geben. Herren, gehört zum Geltungsbereich des Artikel
Hinsichtlich der Behandlung der einzelnen 131, und es ist bereits in Ausführung des Artikel
Gruppen haben wir eine gewisse Unterschied- 131 ein Gesetz für diesen Personenkreis in Vor-
lichkeit walten lassen. Für die Gruppen III. IV bereitung.
und V sieht unser Gesetzentwurf die volle Wie- Wenn nun heute neben unserem Gesetzentwurf,
derherstellung der staatsbürgerlichen Rechte vor. den ich eben kurz charakterisiert habe. gemäß
Das ist auch in der _britischen Zone erforderlich, Drucksache Nr. 561 auch ein Antrag der Abgeord-
obwohl hinsichtlich des Charakters der Gruppe neten Dr. Richter und Genossen behandelt wird,
III in der britischen Zone noch am ehesten Be- dann möchte ich in diesem Zusammenhang sagen,
denken in der Richtung geltend gemacht werden warum wir uns gegen diesen Antrag aussprechen
könnten, ob unter dem Personenkreis, dem unsere müssen. Der Antrag zielt darauf ab, daß die Bun-
Regelung zugute kommt, nicht Vertreter sind, die desregierung ersucht wird, ein Gesetz zur Been-
dieser Vorteile unwürdig sind. Gegenüber diesen digung der Entnazifizierung bestimmten Inhaltes
Bedenken müssen wir geltend machen: es ist heute zu schaffen. Wenn sich der Ausschuß möglichst
im allgemeinen Interesse wichtig, daß der dicke schnell mit dieser Materie befassen soll, dann soll
Strich unter die Vergangenheit gemacht wird, daß er nicht dadurch gehindert werden, daß er in-
die Durchbrechung rechtsstaatlicher Prinzipien, zwischen auf eine Regierungsvorlage warten
wie sie mit dem Ausnahmerecht der Entnazifi- muß, um die der Antrag der Deutschen Rechts-
zierung gegeben war, beendet wird, selbst wenn partei die Regierung ersucht. Also nur aus der
1332 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Euler)
Erwägung heraus, daß die Bejahung Ihres An- was ja bisher in „vorbildlicher" Weise geschehen
trages zu einer Verschleppung der gesamten ist.
Materie und ihrer Behandlung im Ausschuß (Zurufe von der SPD.)
führt, wenden wir uns gegen Ihren Antrag. Wir Aus diesem Grunde lehnen wir die Entnazifizie-
glauben, daß alle Gesichtspunkte, die Sie in dem rung grundsätzlich als etwas Völkerrechtswidri-
Gesetz zur Beendigung der Entnazifizierung gel- ges ab und stehen nicht an, offen zu erklären,
tend machen und geregelt sehen möchten, bei der daß alle — ohne daß wir damit die Leute etwa
Ausschußarbeit an unserer Gesetzesvorlage be- samt und sonders in einen Topf werfen und
rücksichtigt werden können. gleich den Stab über sie brechen wollen —, die
Was uns am Herzen liegt, das ist, diese Beendi- in irgendeiner Form etwas damit zu tun hatten,
gung der Entnazifizierung zu einer Grundlegung doch in gewisser Hinsicht völkerrechtswidrig ge-
des Rechtsstaates werden zu lassen, durch die die handelt haben.
neue Demokratie um so besser legimitiert wird, Die Entnazifizierung war zunächst ein Gebiet,
den Kampf gegen jede Art von Totalitarismus in auf dem gewisse Leute ihren ganzen infernali-
der Zukunft aufzunehmen. Gerade auf der schen politischen Haß austobten.
Grundlage, daß die Beunruhigung aus der Ver-
gangenheit nun endlich beseitigt wird, werden (Abg. Dr. Greve: Das ist doch eine Frechheit
wir um so größere Energie und aus allen Be- sondergleichen! Passen Sie auf, daß ich Sie
völkerungsschichten heraus um so energischere da nicht herunterhole, Herr Richter!)
Unterstützung finden können, wenn es sich in Zu- Inzwischen ist daraus nichts anderes geworden als
kunft darum handelt, totalitären Bestrebungen eine einzige große Gschaftlhuberei. Man geht so-
jeder Art mit der Entschiedenheit entgegenzu- gar soweit, heute Urteilssprüche zu fällen und
treten, die erforderlich ist, um die Demokratie zu verkünden, die man nach den geltenden Ge-
und ihre rechtsstaatliche Ausgestaltung unter setzesbestimmungen nicht anders bezeichnen kann
allen Umständen zu sichern. als einen. als Recht verbrämten Diebstahl. Wenn
wir uns einmal die Leute ansehen, wenigstens
(Beifall rechts. — Lachen und Zurufe links. einen Teil — ich gebe die Ausnahmen, die durch-
— Abg. Dr. Greve: Passen Sie nur auf, daß aus löblich sind, zu —, die sich auf diesem Ge-
Sie nicht das erste Opfer dieses Gesetzes biet breitgemacht haben, dann, meine Damen und
werden!) Herren, erscheint es, glaube ich, als sehr. sehr
notwendig, daß hier ein sehr entscheidender
Vizepräsident Dr. Schäfer: Meine Damen und Schnitt durchgeführt wird, daß einmal grund-
Herren, der Ältestenrat hat heute morgen be- legend Ordnung geschaffen wird. Ich glaube, das
schlossen, die Drucksache Nr. 561, den Antrag der ist auch dem Ansehen der Demokratie sehr nütz-
Abgeordneten Dr. Richter und Genossen, wegen lich und sehr dienlich.
der Themenverwandtschaft im Zusammenhang
mit dem Antrag Drucksache Nr. 482 zu behan- (Lachen und Zurufe bei der SPD.)
deln. Ich erteile zur Antragsbegründung dem Denn ich bin der Überzeugung, meine Herren, —
Herrn Abgeordneten Dr. Richter das Wort.
(Abg. Dr. Greve: S i e schaden dem Ansehen
Dr. Richter (DRP), Antragsteller: Herr Präsi- der Demokratie durch Ihre Existenz am aller
dent! Meine Damen und Herren! Wir sind uns meisten! — Weitere Zurufe links. — Glocke
durchaus darüber im klaren, daß es nicht der des Präsidenten.)
Sinn eines Antrags sein kann, auf einem so wich- — Nun, Herr Greve, Sie sind ganz bestimmt nicht
tigen Gebiet wie dem, das heute zur Debatte der geeignete Interpret einer Demokratie!
steht, etwa eine Verzögerung herbeizuführen. (Erregte Zurufe von der SPD. — Lärm links.
Deshalb ändern wir unseren Antrag in der Form — Glocke des Präsidenten. — Zuruf des
ab, daß wir nicht einen Gesetzentwurf von der Abg. Dr. Greve.)
Regierung vorgelegt haben möchten, sondern daß
dieser Antrag die Unterlage für die Ausschuß — Gerade Sie dürfen sich nicht in dieser Form
arbeit darstellen soll. Wir sehen in manchen aufregen.
Punkten der Gesetzesvorlage doch gewisse Män- (Fortdauernder Lärm links. — Wiederholtes
gel, die wir gern behoben wissen möchten. Glockenzeichen des Präsidenten.)
Hierzu ist zunächst einmal grundsätzlich eines Ich möchte nur das eine sagen: Ich empfinde es
zu sagen, und auch der Kollege Euler deutete als eine ausgesprochene Schwäche der Demokra-
das schon an, wenn auch nicht in der Form, wie tie, wenn Sie eine solche — —
ich es jetzt tun muß. Die Entnazifizierung - be- (Abg. Dr. Greve: Daß Sie überhaupt dort
zeichnete er als eine Ausnahmegesetzgebung. Das stehen und daß Sie reden dürfen, ist eine
ist sie ohne Zweifel; ja sie ist eigentlich noch Schwäche der Demokratie! - Weitere er
etwas ganz anderes, sie ist eigentlich noch viel regte Zurufe von der SPD.)
mehr: sie ist etwas Völkerrechtswidriges.
— Herr Greve, Sie müssen viel lauter reden! Ich
(Lachen und Zurufe bei der SPD.) kann Sie beim besten Willen nicht verstehen,
Sie widerspricht — falls Sie es nicht wissen soll- wenn Ihre sämtlichen Genossen auf einmal
ten — dem Artikel 43 der Haager Landkriegs- schreien.
ordnung. Diesen können Sie sich einmal zu Ge- (Abg. Dr. Greve: Das liegt an Ihren Ohren,
müte führen. Nach diesem Artikel 43 der Haager nicht an unserer Stimme! — Weitere Zurufe
Landkriegsordnung haben die Alliierten nicht das von der SPD.)
Recht, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen
oder Gesetze zu erlassen, die in das innere Leben Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter
eines Volkes eingreifen, sondern sie haben die Dr. Richter, ich würde Ihnen empfehlen, Ihren
bestehenden Gesetze zu achten, Vortrag fortzusetzen und auf Zwiegespräche nicht
(Lachen und Zurufe bei der SPD) einzugehen.
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1333

Dr. Richter (DRP), Antragsteller: Ich werde mich oder wenigstens dafür sorgen, daß einmal nachge
dadurch auch nicht stören lassen! forscht wird inwieweit sie die völkerrechts-
Ich bin der Meinung, daß die Stärke eines widrige Macht, die sie sich angemaßt haben, noch
demokratischen Systems gerade darin besteht, in schamlosester Weise mißbraucht haben.
daß es derartiger Ausnahmegesetze überhaupt Da uns der Antrag sehr wichtig erscheint und
nicht bedarf. Deshalb haben wir in unserem An- wir der Überzeugung sind, daß er allein die rest-
trag verlangt, daß die Gruppen III bis V von lose Beendigung dieses Verbrechens der Entnazi-
vornherein von allen Beschränkungen befreit und fizierung mit sich bringen kann, bitten wir Sie
in ihre alten Rechte eingesetzt werden, was vor um Ihre Zustimmung.
allem für Beamte gilt, (Beifall bei der DRP. - Zurufe von der SPD:
(Zurufe links) „Sieg-Heil!" — Das ist eine Unverschämtheit!)
was aber natürlich denen nicht passen wird, die Vizepräsident Dr. Schiffer: Die Antragsbegrün-
nie für das Berufsbeamtentum, dung ist damit beendet. Wir treten in die Aus-
(Zuruf von der SPD: Was für ein Berufs sprache ein. Das Wort hat der Herr Abgeordnete
beamter Sie sind, haben wir in Luthe ge Gerstenmaier.
sehen!)
sondern für eine ausgesprochene Parteibonzo- Dr. Gerstenmaler (CDU): Meine sehr verehrten
kratie sind. Damen und Herren! Nicht einmal die tempera-
mentvollen Darlegungen meines Herrn Vorred-
(Zurufe von der SPD: Das ist doch unerhört! — ners können die CDU/CSU-Fraktion davon ab-
Hört! Hört!) bringen, für die Beendigung der Entnazifizierung
Die Gruppen I und II einzutreten.
(Hört! Hört! bei der SPD. — Zuruf des (Abg. Dr. von Brentano: Sehr gut! — Abg.
Abg. Dr. Greve) Dr. Schmid: Aber schwer fällt es Ihnen nicht!)
wollen wir jedenfalls auch herausgenommen Erlauben Sie mir, einen Vorbehalt zu machen
sehen. und meinen juristisch unzureichenden Sachver-
(Erregte Zurufe und Lärm links. — stand damit zu entschuldigen, daß ich sage, daß
Glocke des Präsidenten.) mein Freund von Brentano noch von der juristi-
Die nach Gruppe I oder II Eingestuften sollen, schen Seite her zu der Sache sprechen und sich
wenn sie der Überzeugung sind, daß man ihnen insbesondere mit der Frage auseinandersetzen
nichts nachweisen kann, wenigstens das Recht wird, ob dieses Haus dafür kompetent ist, zu der
haben. von sich aus den Antra g zu stellen, daß Sache zu sprechen. Wir meinen aber, daß, ganz
ein Verfahren vor einem ordentlichen Gericht unabhängig davon, ob eine Rechtszuständigkeit
und nicht vor Gerichten durchgeführt wird, bei des Bundes anerkannt wird oder nicht, diese
denen sogenannte Sachverständige, die überhaupt Frage nunmehr nach allen Seiten hin von solcher
gar keine Ahnung von der Sache haben, um die Bedeutung ist, daß es diesem Hause wohl ansteht,
es sich . dreht, das Urteil entscheidend beeinflus- sich mit der Sache selbst zu befassen. Und dazu
sen. darf ich mir erlauben, namens meiner Fraktion
einige Ausführungen zu machen.
Ich will wegen der Kürze meiner Redezeit in (Zuruf links: Erzählen Sie uns mal vom
diesem Zusammenhang nur auf ein Musterbei-
Fall Hedler!)
spiel der ganzen Entnazifizierung hinweisen.
Wir sind für die Beendigung der Entnazifizie-
(Zurufe links: Hedler!) rung, weil erstens nach unserer Auffassung die
— Nun, regen Sie sich nicht über den Fall Hed politische Überzeugung als solche nicht bestraft
ler auf! Die Blamage hatten in dem Fall ja Sie. werden sollte.
(Lachen und Zurufe links.) (Sehr richtig! in der Mitte und rechts. —
Ich rede hier vielmehr von dem Kolbenhever- Zuruf des Abg. Loritz.)
Prozeß. Daß es in Deutschland überhaupt Men- Zweitens sind wir wegen der Problematik des
schen gegeben hat. die den bedeutendsten leben- Verfahrens, die von allen Seiten anerkannt wor-
den deutschen Dichter den ist, für die Beendigung der Entnazifizierung;
(lebhafte Zurufe von der SPD) drittens sind wir für die Beendigung der Ent-
vor ein Entnazifizierungstribunal geschleppt ha- nazifizierung, weil wir es nicht mit Lippenbe-
ben, das ist die größte Schande, die dem deut- kenntnissen bewenden lassen wollen bei der Tat-
schen Volk überhaupt widerfahren konnte; sache, daß eine echte Chance gegeben werden
(erregte Zurufe von der SPD) - muß für die Verführten, die nach Millionen
zählen und auf die wir beim Neuaufbau des deut-
und wenn m an sich dann diese - mit Verlaub schen Vaterlandes nicht zu verzichten gewillt
gesagt - Trottel von Sachverständigen ansieht, sind.
fragt man sich nur, wie überhaupt derartige
Menschen auf die Allgemeinheit losgelassen wer- (Zustimmung in der Mitte. — Zuruf links.)
den konnten. Und schließlich sind wir für die alsbaldige Be-
(Abg. Dr. Greve: Und wenn man Sie ansieht, endigung der Entnazifizierung unter dem Ge-
geht es einem genau so!) sichtspunkt,
Und den Kollegen von Bayern möchte ich nur (Abg. Loritz: Auf einmal?)
den einen guten Rat geben und die Bitte an sie daß eine echte nationale Solidarität in deutschen
aussprechen, daß sie diejenigen, die für das Ur- Landen zustandekommen muß und daß diese
teil gegen Kolbenheyer verantwortlich sind, doch Einigkeit nur durch eine echte Versöhnung zu
einmal auf ihren Geisteszustand untersuchen erzielen ist.
lassen möchten, (Sehr richtig! in der Mitte.)
(Abg. Dr. Greve: Sie sollte man auf Ihren Das ist das erste Kapitel dessen, was wir zur
Geisteszustand untersuchen lassen!) Sache zu sagen wünschen.
1334 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Gerstenmaier)
Erlauben Sie mir nun noch zu sagen, was wir Widerstandslosigkeit gegenüber einer von uns
nicht meinen, wenn wir vom Ende der Ent- mit Sorge beobachteten Tendenz, aus Verbrechern
nazifizierung sprechen. Die Beendigung der Ent- oder politischen Dummköpfen neuerdings Mär-
nazifizierung soll nach unserem Willen nicht die tyrer oder Helden der Nation zu machen.
Anerkennung oder die Rehabilitierung der Ideolo- (Beifall in der Mitte. — Abg. Dr. Schmid:
gie oder der Methoden des Nationalsozialismus Herr Kollege Gerstenmaier, Sie haben da
auch nur im Ausschnitt bedeuten. nach drüben (nach rechts weisend) gezeigt.
(Beifall in der Mitte.) Wen haben Sie damit gemeint?)
Wir wollen keine Abstumpfung der Rechtsbe- — Sie wissen, wo der Feind steht!
griffe und des persönlichen Verantwortungsbe-
wußtseins mit der Beendigung der Entnazifizie- (Beifall in der Mitte und bei der SPD. —
rung verbunden sehen. Zurufe rechts.)
(Sehr gut! in der Mitte.) Nur mit Bedauern können wir feststellen, wie
unter dem Einfluß einer unverantwortlichen De-
Wir möchten, daß ein Mann in deutschen Landen magogie das Bewußtsein für den Begründungs-
dafür geradesteht, was er zu verantworten hat. zusammenhang in weiten Schichten unseres Vol-
(Sehr gut! in der Mitte.) kes allmählich entschwindet, für den Begrün-
Wir sind der Meinung, daß der Mangel an poli- dungszusammenhang, in dem unser nationales
tischer Einsicht weder prämiiert noch bestraft Unglück steht und auch in dem Bewußtsein der
werden soll. Und wir sind der Meinung, daß der anderen Völker stehen bleiben wird.
Mißbrauch der Macht auf jeden Fall bestraft (Beifall in der Mitte.)
werden muß. Wir sind jedoch nicht der Meinung, Ich freue mich, daß meine Fraktion mir erlaubt
daß man sich einfach auf den Satz zurückziehen hat, eine Warnung auszusprechen, eine Warnung,
kann: Der Befehl deckt! daß es auch nach unserem Willen lebensgefähr-
(Sehr richtig! in der Mitte.) lich ist, in deutschen Landen alte gewaltpolitische
Wir sind uns über die Problematik dieser Sache Spiele und verbrecherische Instinkte neu zu be-
völlig klar. Aber wir sprechen es hier aus, tätigen, und daß wir sogar das Spiel mit der-
daß wir der Überzeugung sind, daß der Befehl artigen Gedanken unter Strafe gestellt sehen
nicht absolut deckt. möchten.
(Zustimmung in der Mitte.) (Beifall in der Mitte.)
Was weiter bestraft werden muß, gleichgültig, Es macht uns nicht den mindesten Eindruck,
ob die Entnazifizierung so oder so beendet wird, wenn man so etwas unter Berufung auf die
das ist die persönliche Bereicherung auf Kosten nationale Ehre tut. Das haben wir alles schon
des Volkes. Wir sind auch nicht in der Lage, dem einmal erlebt. Es hat damit geendet, daß der
Gesetzentwurf in der vorliegenden Form zuzu- vornehmste Teil unseres deutschen Adels an den
stimmen, und zwar deshalb, weil vor allem Galgen von Plötzensee, an Schlachterhaken - um
eine Gruppe, von der wir sehen möchten, daß genau zu sein — geendet hat. Auch die Grenzen
sie endlich zur Verantwortung gezogen wird, des gegenwärtig geltenden positiven Rechts wer-
nachdem sie oft feige genug sich bis jetzt der den meine Freunde und mich nicht hindern, für
Verantwortung für die Macht, die sie früher in ty- die Substanz des Rechts in dieser Sache jederzeit
rannischer Weise ausgeübt hat, entzogen hat. Mit mit dem einzutreten, was wir sind und was wir
anderen Worten: Wir wollen keine Freistellung vermögen.
von Hauptschuldigen. Und wir wollen, daß der In all dem — damit wir uns hier nicht miß-
Skandal um Skorzeny und Genossen aufhört. verstehen — bleiben wir uns dessen bewußt, daß
Wir möchten nicht, daß die Gesinnung, die sich wir darin nicht Vollstrecker von Rachemaßnah-
in diesem Hause bekundet und die sich der Män- men sind. Wir wollen keine Rache! Wir wollen,
gel des bisherigen Entnazifizierungssystems voll daß die großen Verbrecher nach Möglichkeit von
bewußt ist, zu einem Freibrief für politische Ban- selber dafür geradestehen, was sie an dem deut-
diten ausgewertet wird. schen Volk und an der Welt begangen haben.
(Beifall in der Mitte.) Wenn sie das nicht tun, dann wird die deutsche
Und noch eine andere Sache, meine Damen und Nation nicht fünf gerade sein lassen! Ich rede
Herren. Wir möchten auch, daß der Gerechtigkeit von den Großen. Für die Kleinen treten wir für
insofern Genüge getan wird, als wir keine Zu- eine viel weitergehende Amnestie ein, als es bis-
lassung von Unbilligkeiten und Ungerechtigkeiten her geschehen ist. Wir sind also nicht Vollstrecker
wünschen, etwa derart, daß die Anerkennung von Rachemaßnahmen, weder der unseren noch
von Vollpensionen bei Parteibuchbeamten oder derjenigen, die auswärtige Mächte in früheren
eine anderweitige Honorierung von Parteikar- Tagen in diesem Punkt für richtig hielten oder
rieren hier noch mit der sanften Billigung dieses vielleicht heute noch da und dort zu erwägen für
Hauses stattfindet. richtig halten. Wir sind auch nicht, indem wir das
(Beifall in der Mitte.) sagen, Vertreter von Siegermächten. Wir treten
Es wäre ein langes Kapitel, und ich finde, daß hier für nichts anderes ein als für die Ehre der
es allmählich Zeit wäre, daß sich dieses Haus deutschen Nation, und wir sind nicht bereit, diese
damit etwas länger auseinandersetzt. Aber bei Ehre der deutschen Nation in die Hände von
der mir zur Verfügung stehenden Redezeit kann Leuten fallen zu lassen, die sich bereits einmal
ich es nur kurz machen. als notorische Versager oder subalterne Geister
erwiesen haben: Remer, Krüger und Genossen.
Nur ein Wort noch zu der politischen und
außenpolitischen Seite der zur Debatte stehenden (Beifall in der Mitte und links.)
Frage. Was wir nicht meinen, was das Ende Diesen Leuten verweigern wir das Recht, auch
der Entnazifizierung in deutschen Landen und nur durch Gesinnungsgenossen hier in diesem
für das Ausland bedeuten soll, das ist, daß diese Saal zu Wort zu kommen.
Beendigung nicht heißen soll: Resignation oder (Lebhafter Beifall in der Mitte und links.)
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung, Bonn, Donnerstag, den [Link] 1050 1335
(Dr. Gerstenmaier)
Wir sind niemand verpflichtet und fühlen uns Beste will, die Situation wiedergegeben wird, der
niemand verpflichtet als Deutschland und der wir draußen gegenüberstehen, die wir ins Auge
Gemeinschaft der den Frieden und die Freiheit zu fassen haben und um deren richtige Erkennt-
liebenden Völker, mit denen wir leben wollen nis wir uns nicht selbst betrügen dürfen. Weil
und mit denen wir leben müssen, wenn wir eine seine Stuttgarter Rede diese Situation redlich
Zukunft haben wollen. wiedergibt, sind wir Mr. McCloy dankbar. Wir
(Sehr richtig! bei der SPD.) stehen nicht an, auszusprechen, daß uns diese
Reden der ungeschminkten Wahrheit unend-
Gerade deshalb glauben wir, daß es einer ge-
nauen Erwägung bedarf, was wir in Zukunft um lich viel lieber sind als die freundlichen Worte
bei manchen Cocktail-Parties
der Lebensmöglichkeit Deutschlands in der Ge-
meinschaft der anderen Völker willen in diesem (Sehr richtig! links.)
Punkt zulassen dürfen und zulassen sollen. Die Trotz ihrer hohen politischen, insbesondere
außenpolitische Bedeutung einer entsprechenden außenpolitischen Bedeutung glauben wir jedoch,
Gesetzgebung, wie wir sie hier vertreten sehen daß wir diese Grundfragen unseres nationalen
möchten und wie wir sie von der Bundesregie- Daseins auf Grund der Geschichte, die wir an
rung vorgelegt sehen möchten, die außenpoliti- uns selber erlebt haben, mit .eigener Kraft be-
sche Bedeutung der hier zur Debatte stehenden wältigen und vor unseren eigenen sittlichen,
Angelegenheit kann überhaupt nicht überschätzt rechtlichen und politischen Wertmaßstäben ver-
werden. antworten müssen. In diesem Punkt bin ich der
(Sehr richtig! links.) Meinung, daß die Angelegenheit, von der wir
Dem Radikalismus, der billig genug ist — es be- hier reden, nicht, jedenfalls nicht ausreichend,
steht ja Redefreiheit, und jeder kann sagen, was unter den Aspekten einer vielleicht noch so wohl-
er will; sogar die Feiglinge kriechen aus ihren meinenden Re-education, überhaupt nicht unter
Löchern —, diesem neuen Radikalismus fehlt, das pädagogischen Gesichtspunkten des Auslandes
haben wir in den letzten Monaten bemerkt, das betrachtet und verstanden werden kann. Wir er-
Augenmaß für die einfachste politische Realität. bitten vom Ausland das Verständnis dafür, daß
Es fehlt ihm das Gewissen für das politisch Er- das deutsche Volk allmählich in eine Bewußt-
laubte, und es fehlt ihm der Verstand für das seinsepoche eintritt, in der es die Auseinander-
politisch Aktuelle, nämlich für Europa. setzung mit seiner eigenen Geschichte und die
(Beifall in der Mitte und links.) Bewältigung dieser Geschichte überhaupt erst in
Vor einigen Tagen habe ich einen Brief von sich selber frei vollziehen muß. Wir würden es
für außerordentlich wertvoll und förderlich hal-
einem. bekannten Deutschen aus Kairo bekom-
men. Er schreibt folgende Sätze: - ten, wenn diese Auseinandersetzung in mög-
lichst großer Freiheit und möglichst ohne daß uns
Es ist eine Freude, festzustellen, wie sehr ausländische Wertmaßstäbe auferlegt werden,
sich die allgemeine Stimmung im Auslande vollzogen werden könnte.
uns gegenüber verbessert hat. Bonn ist zu
einem festen Begriff geworden. Ein ägypti- Wir meinen deshalb, daß hier ein Gesetzeswerk
scher Diplomat sagte mir: „Es ist schön, zu mit eigenen, klar verantworteten Rechtsbegriffen
sehen, daß Ihr Land wieder einen guten geschaffen werden müßte, das erstens die Frei-
Platz im europäischen Konzert eingenommen heit der politischen Überzeugung festlegt, gleich-
hat." Diese Äußerung erscheint mir charak- gültig ob sie uns paßt oder nicht. Hier sind wir
teristisch für die Meinung, die ich jetzt am nicht zu Konzessionen bereit. Denn das gehört
östlichen Mittelmeer angetroffen habe. Es zu den Staats-Grundsätzen, zu denen wir uns
gibt aber auch Kritik. Für mich ist es be- bekennen. Wir respektieren die Freiheit der poli-
drückend, im Auslande manchmal der An- tischen Überzeugung. Zweitens fordern wir eben-
so unbedingt die Bestrafung der verbrecherischen
sicht zu begegnen, als wäre es Bonn gleich-
gültig oder gar angenehm, daß sich das in Tat und ihrer nachgewiesenen Absicht. Drittens
Westdeutschland in stärkerem Maße bemerk- wollen wir die gemeine Gesinnung, gleichgültig,
bar macht, was die Presse oft das „Wieder- ob sie sich politisch oder unpolitisch ausdrückt,
erwachen des deutschen Nationalismus" menschlich und national geächtet wissen. Viertens
wollen wir die demagogischen Angriffe oder die
nennt. Es ist meines Erachtens schwer, sich
etwas vorzustellen, was das gerade wieder bösartige Unterwühlung der Freiheit des Lebens
einsetzende Vertrauen des Auslandes in uns und der Zukunft der Nation energisch bestraft
und unseren aufrichtigen Wunsch nach Mit- wissen.
arbeit nachhaltiger erschüttern könnte als In diesem Zusammenhang sehen wir das Pro-
das öffentliche Auftreten und die Reden von blem des Abschlusses der Entnazifizierung. Die
Remer, Hedler, Dorls und Feitenhansl. CDU/CSU-Fraktion verlangt deshalb erstens den
Abschluß der Entnazifizierung mit ihrer Ver-
(Hört! Hört! bei der SPD. - Zuruf mischung von politischer Gesinnung und krimi-
von der SPD: Nun wißt ihr es!) nellem Tatbestand. Zweitens empfiehlt sie den
Nun noch ein zweites. Wir finden, daß es wert- Erlaß einer Amnestie. Drittens fordert sie eine
voll wäre, in diesem Hause einmal auf die Rede korrekte Strafverfolgung dort, wo Verbrecher zur
zu sprechen zu kommen, die Mr. McCloy vor Rechenschaft gezogen werden müssen. Wir for-
einigen Wochen in Stuttgart gehalten hat. Ich dern dabei — wie die Aufgabe auch juristisch
glaube, daß wir für diese Rede besonders deshalb gemacht wird — eine endgültige Heranziehung
dankbar sein sollten, weil sie die Situation wie- aller der Gruppen und aller der Personen, die
dergibt, die viele von uns kennen, die in den unter den Begriff der Hauptschuldigen zu stellen
letzten Jahren jenseits der deutschen Grenzen sind.
für Deutschland zu tun und zu reden hatten. Wir Wir machen deshalb den Vorschlag, daß die
sind dankbar dafür, daß durch die Stimme und Bundesregierung möglichst bald diesem Hause
die Augen eines wohlwollenden Mannes, von dem ein Gesetz zum Schutz des Staates oder ent-
wir überzeugt sind, daß er für dieses Land das sprechende gesetzliche Bestimmungen zum glei-
1336 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Gerstenmaier)
chen Zweck vorlegt, und wir empfehlen, daß die den Kategorien des in den beiden anderen Zonen
bundeseinheitliche Beendigung der Entnazifi- geltenden Rechts nicht deckten, denen aber doch
zierung einen wesentlichen Teil dieses Gesetz- andere Gruppen vergleichbar gegenübergestellt
gebungswerkes bildet Wir haben starke Beden- werden können und gegenübergestellt werden
ken — ich habe das namens meiner Fraktion sollten.
hier auszusprechen — gegen die Vorlage der Die Fraktion der Deutschen Partei hatte zur
FDP. Wir sind in diesem Augenblick nicht in der Beseitigung der verhängnisvollen Folgewirkun-
Lage, dieser Vorlage zuzustimmen und beantra- gen in abgeschlossenen Entnazifizierungsverfah-
gen daher auch unsererseits ihre Verweisung an ren sich des Begriffes einer politischen Amnestie
den Ausschuß. bedient, und zwar aus rein gesetzestechnischen
(Beifall bei den Regierungsparteien Gründen, ohne damit einzuräumen, daß diese
und bei der SPD.) Verfahren nach ihrer wohlbegründeten Rechts-
überzeugung als Recht begriffen oder akzeptiert
Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der werden konnten. Sie unterwarf sich mit dieser
Herr Abgeordnete Dr. von Merkatz. technischen Nomenklatur einem Faktum, das aus
Dr. von Merkatz (DP): Herr Präsident! Meine der Entscheidung der Sieger hervorgegangen ist,
weil eine Aufhebung dieses Faktums mit rück-
Damen und Herren! Der Herr Bundeskanzler hat wirkender Kraft nicht möglich und auch nicht
in seiner Regierungserklärung vom 20. Septem- wünschenswert erschien, zumal dann neues Un-
ber 1949 ausgeführt: recht, neue Ungerechtigkeit und neue Verwir-
Durch die Denazifizierung ist viel Unglück rung gestiftet worden wären. Darum beschied
und viel Unheil angerichtet worden. Die sich die Fraktion der Deutschen Partei mit einer
wirklich Schuldigen an den Verbrechen, die Wirkung ex nunc und verzichtete auf den ver-
in der nationalsozialistischen Zeit und im geblichen Versuch einer Konstruktion der Auf-
Kriege begangen worden sind, sollen mit aller hebung und Beseitigung ex tunt.
Strenge bestraft werden. Aber im übrigen
Der Rechtsausschuß hat bei Beratung dieses
dürfen wir nicht mehr zwei Klassen von Antrages eine Entscheidung des Justizministeri-
Menschen in Deutschland unterscheiden,
ums angesucht, da zweifelhaft wurde, ob der
(Unruhe und Zurufe links) Bund in dieser Frage die Gesetzgebungskompe-
die politisch Einwandfreien und die nicht tenz habe. Ebenso wie das Justizkollegium ver-
Einwandfreien. Diese Unterscheidung muß neinte der Justizminister unter Billigung des
baldigst verschwinden! Kabinetts aus rechtspolitischen und verfassungs-
Diese Ausführungen im Regierungsprogramm ge- rechtlichen Gründen die Bundeszuständigkeit.
hören zu den wichtigsten Koalitionsvoraus- Der Herr Justizminister ließ sich bei seiner Stel-
setzungen, unter denen die Fraktion der Deut- lungnahme nicht zuletzt von der Erwägung lei-
schen Partei damit einverstanden war, ten, daß die Abschlußgesetzgebung in einigen
(Hört! Hört! links) Ländern bereits zu einer gewissen Reife ge
diehen war und daß das Justizkollegium zu Leit-
daß zwei Fraktionskollegen die ihnen angebo- sätzen gekommen war, die die Aussicht auf eine
tenen Ministerien der Bundesregierung ange- Koordinierung dieser Abschlußgesetzgebung im
nommen haben. Bundesgebiet bot, eine Entwicklung, die offenbar
(Wiederholte Zurufe links.) nicht gestört werden sollte durch die Inanspruch-
Bereits am 8. September 1949 hatte die Frak- nahme einer Kompetenz des Bundes, deren Be-
tion der Deutschen Partei im Bundestag einen gründung dem Herrn Justizminister zweifelhaft
Antrag eingebracht, in dem die Bundesregierung erschien und die ob dieser Zweifel nach Ansicht
ersucht wurde, Gesetze zum sofortigen Abschluß des Herrn Justizministers einen Konflikt zwischen
der Entnazifizierung und zu einer Amnestie dem Bund und den Ländern hätte hervorrufen
aller von den Folgen der bisherigen Entnazifi- können. Zudem erschien dem Herrn Justiz-
zierung Betroffenen der Gruppen III und IV oder minister eine nicht nur zoneneinheitliche. son-
gleichgestellter Gruppen vorzulegen. Dieser An- dern bundeseinheitliche Regelung der Abschluß
trag lag in der Linie des politischen Wollens der gesetzgebung mit Rücksicht auf die Verschieden-
Deutschen Partei, zu der sie sich bereits im heit der Systeme eine fast unlösbare Aufgabe
Zonenbeirat und im niedersächsischen Landtag mit der Gefahr neuer Ungleichheiten und neuer
in den Jahren 1946 und 1947 bekannt hatte. Der Ungerechtigkeiten. Der Gedanke der politischen
Antrag hatte zum Ziel, die breite Masse aller Amnestie, wie sie von der DP zusätzlich gefor-
Entnazifizierungsverfahren zum sofortigen Ab- dert worden war, um wirklich und effektiv die
-
schluß zu bringen und die Fortwirkung aller bei ungleiche Stellung zweier Staatsbürgerklassen
diesen Gruppen bereits erkannten Folgemaßnah- zu beseitigen, wurde nicht weiterverfolgt.
men zu beseitigen, um zunächst einmal in ihrer Unterdessen waren von anderen Fraktionen
Breitenwirkung die politische Unterscheidung dieses Hauses weitere Anträge eingereicht wor-
zweier Klassen von Staatsbürgern, wie das in der den, die auf eine Beendigung der Entnazifizierung
Regierungserklärung verlautbart war, zu been- abzielten. Über sie wurde im Rechtsausschuß in
den. der Sitzung vom 13. 12. vorigen Jahres beraten.
Dieser Antrag war als ein Vorläufer weiterer Hierbei verneinte der Herr Abgeordnete Pro-
Maßnahmen gedacht, um auch die Frage der Be- fessor Brill im wesentlichen die Bundeszustän-
handlung der in den Gruppen I und II einge- digkeit auf Grund einer sorgfältigen Zusammen-
stuften Personen nach sorgfältiger Erwägung stellung der positiven Rechtsbestimmungen und
aller politischen und rechtlichen Momente einer der geübten Praxis. während ich als Mitbericht-
Revision zu unterziehen. Unter den Gruppen III erstatter auf den Widerspruch zwischen dem nur
und IV waren die entsprechenden Kategorien des aus dem Bezug zum Besatzungsrecht verständ-
in der britischen Zone geltenden Entnazifi- lichen Artikel 139 des Grundgesetzes und den
zierungsrechts verstanden worden, die sich mit Grundrechten hinwies, namentlich auf die
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1337
(Dr. von Merkatz)
Grundnormen der Artikel 1 bis 3 sowie auf Präsidenten übergeben darf und die am besten
Artikel 23 des Grundgesetzes. Ferner vertrat ich zusammen mit der Vorlage der FDP der Bera-
die Ansicht, daß durch das auf das Besatzungs- tung unterzogen werden kann. Es handelt sich
recht begründete Entnazifizierungsrecht Grund- dabei — ich möchte darauf hinweisen — nicht
normen der Weimarer Verfassung, also Reichs- um grundsätzliche Unterschiede zu dem Gesetz
recht, abgeändert worden seien. Ich kam zu dem der FDP, sondern lediglich um juristische Ver-
Ergebnis, daß das Entnazifizierungsrecht trotz feinerungen, die den uns gemeinsamen Gedan-
seiner Aufsplitterung in die Zonensysteme und ken verwirklichen, insbesondere die große Ver-
auf die Ländergesetzgebung nach Artikel 125 schiedenheit des in der britischen Zone und des
Absatz 2 Bundesrecht geworden sei. Für den in der amerikanischen Zone geltenden Rechts auf
Fall, daß man dieser Argumentation nicht fol- einen Generalnenner zu bringen.
gen wolle, wies ich darauf hin, daß das Ent- Bei aller Wertschätzung des Herrn Justiz-
nazifizierungsrecht im Querschnitt der drei West- ministers und der hervorragenden juristischen
zonen betrachtet zu drei Vierteln als materielles Facharbeit des von ihm geleiteten Ministeriums,
Strafrecht klassifiziert werden müsse. Hieraus
würde sich gemäß Artikel 72 und 74 des Grund- (Lachen und Zurufe von der SPD)
gesetzes mit Rücksicht auf das Bedürfnis einer bin ich zu meinem Bedauern einmütig mit dem
einheitlichen Regelung die Pflicht zur Inanspruch- Willen meiner Fraktion nicht in der Lage, seinen
nahme der Bundeskompetenz für die Abschluß gewiß wohldurchdachten rechtspolitischen Über-
gesetzgebung und zum Erlaß einer politischen legungen zu folgen, daß man in dieser unser gan-
Amnestie ergeben. zes Volk tief bewegenden Frage auf dem Wege
Im Ergebnis traten die Vertreter der Koaliti- des Justizkollegiums fortfahren sollte. Sie führen
onsparteien dieser Zielsetzung bei, zumal auch zwar zu einer allmählichen Beendigung der Ent-
die von mir vertretene Ansicht Billigung fand, nazifizierung; sie löschen aber nicht dieses mo-
daß die vom Justizkollegium vorgeschlagene Ab- derne Hexentreiben endgültig aus. Sie wälzen
schlußregelung keine wirkliche Beendigung der nicht den Stein auf das Grab einer gefährlichen
Entnazifizierung darstelle. Abschweifung der westlichen Zivilisation in die
Gefilde totalitärer Praxis.
Nunmehr hat die Fraktion der FDP die Initia-
tive wieder aufgenommen, nachdem eine Initia- (Sehr gut! rechts.)
tive der Bundesregierung sowohl hinsichtlich der Sie löschen nicht endgültig diese Mißgeburt aus
Bundesgesetzgebung als auch mit dem Ziel der totalitärem Denken und klassenkämpferischer
Koordinierung der Länderabschlußgesetzgebung Zielsetzung aus, als die sich die Entnazifizierung
nicht entfaltet wurde. Die Fraktion der Deut- entpuppt hat. Sie schlagen nicht die heim-
schen Partei begrüßt diesen Schritt der ihr be- tückische Waffe der Entnazifizierung endgültig
freundeten Fraktion der FDP, aus der Hand derer, die bisher im Konkurrenz-
(Lachen links) kampf der politischen Willensbildung der Par-
o wenngleich sie mit den technischen Einzelheiten teigegensätze sich ihrer zu bedienen wußten.
der Gesetzesvorlage nicht in allen Stücken kon- (Zurufe links.)
form gehen kann. Doch ist das unwesentlich mit Gehen wir den Weg des Justizkollegiums weiter,
Rücksicht auf die grundlegende Tatsache. daß dann wird das Gespenst der Entnazifizierung
durch den Antrag der FDP die Diskussion dieser immer wieder aus dem Grabe aufstehen und um-
Frage aus dem Bereich allgemeiner deklamatori- gehen,
scher Erwägungen herausgenommen wird. Wir (Zustimmung rechts)
kommen somit endlich zur Tat.
aus einem Grab. das ihr die öffentliche Meinung
Die Ausführungen des Herrn Abgeordneten des deutschen Volkes bereitet hat.
Gerstenmaier können meine Fraktion nicht voll-
(Sehr gut! rechts.)
inhaltlich befriedigen.
(Zurufe von der SPD.) Die fachlichen Überlegungen des Justizkollegi-
Wir begrüßen an diesen Ausführungen den ge- ums und mit ihm auch des Justizministeriums
meinsamen Willen, hier endlich zu einem Ab- des Bundes leiden an dem grundsätzlichen
schluß zu kommen. Es gibt aber Dinge. bei denen Fehler, daß sie eine Beendigung der Entnazifi-
man weder rechts noch links zu sehen hat, bei zierung aus der Fortentwicklung dieser in der
Ländergesetzgebung kultivierten Wucherung
denen man einfach geradeaus zu marschieren hat einer Rechtsentartung erzielen wollen. Dieser
und weiter gar nichts.
Fremdkörner in unserem Recht, diese Beleidigung
(Bravo! rechts. — Zurufe von der SPD.)-
unseres Rechtsgewissens,
Wir haben diesen Rechtsgedanken verfolgt ohne (Unruhe und Zurufe links)
Rücksicht auf den Beifall oder das Mißfallen des
Aus- oder Inlands. Hier handelt es sich um diese auf bürokratischem Wege geplante kalte
grundsätzliche Fragen des Rechts, die wir in aller Rache und soziale Revolution muß als totalitäre
Ruhe zum Abschluß bringen wollen. Es kommt Verirrung erkannt und. nachdem einmal die reine
uns nicht darauf an, Lippenbekenntnisse zu Siegermaßnahme, nämlich die Säuberung vollzo-
machen. Wir legen den allergrößten Wert dar gen ist und nicht mehr rückgängig gemacht wer-
auf, daß der Gedanke der gleichen Chance und den kann, in ihrer rechtlichen Verbrämung end-
der Aufhebung der verschiedenen Klassen der gültig und entschieden aus unserem Rechts-
Staatsbürger auch effektiv gemacht wird, und system herausgetrennt werden.
zwar ausnahmslos, und daß man dann nur die (Lebhafte Zurufe links. — Glocke des
jenigen faßt, die Verfehlungen begangen haben. Präsidenten.)
(Sehr gut! rechts.)
Die Fraktion der Deutschen Partei hat, um die Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
Frage weiter zu fördern, auch eine Gesetzesvor- die Redezeit ist abgelaufen; ich bitte zum Schluß
lage ausgearbeitet, die ich hiermit dem Herrn zu kommen.
1338 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950

Dr. von Merkatz (DP): Die Deutsche Partei wird achten auch seinerseits ausgesprochen, daß er eine a
hierbei von einer sehr ernsten politischen Er- Zuständigkeit des Bundes für gesetzgeberische
wägung geleitet. Ziel ihrer Politik ist es, den Maßnahmen auf diesem Gebiet nicht für gegeben
gehetzten, geängstigten und zu fortgesetzten Ent- erachtet.
behrungen und Opfern gepreßten deutschen Meine Damen und Herren, ich schlage Ihnen
Männern und Frauen Sicherheit und Frieden, vor, daß wir diese Rechtsfrage, ob der Bund zu-
Befriedung im wahrsten Sinne des Wortes zu ständig oder nicht zuständig sei, nun ruhig ein-
verschaffen, damit sie ruhig, stetig und zielbe- mal dahingestellt sein lassen und die Dinge unter
wußt an den Wiederaufbau gehen, folgenden praktischen Gesichtspunkten ansehen.
(Zurufe links) Von den elf Bundesländern haben fünf bisher
nüchtern und wirklichkeitsnah ihr Heil in der schon eigene Gesetze erlassen, um die Ent-
Arbeit und i m. Schaffen suchen und immun wer- nazifizierung abzuschließen, und zwar Schleswig-
den gegen den feigen Nihilismus unserer Zeit Holstein mit Gesetz vom 10. Februar 1948 und
und die Verführungskünste der verantwortungs- 6. Juli 1948, Niedersachsen mit der Verordnung
losen politischen Spieler, vom 30. März 1948, Nordrhein-Westfalen mit der
(Unruhe und Zurufe links) Verordnung vom 24. August 1949, Hessen mit
dem Gesetz vom 30. November 1949 und Rhein-
die sie in neue Illusionen, neue Leidenschaften, land-Pfalz mit dem Gesetz vom 19. Januar 1950.
neue Abenteuer zu stürzen trachten. In weiteren vier Bundesländern, nämlich in
(Zurufe links. — Glocke des Präsidenten.) Bayern, Württemberg-Baden, Bremen und Ham-
burg, liegen den gesetzgebenden Körperschaften
Vizepräsident Dr. Schäfer: Ich bitte, nun zum ähnliche Abschlußgesetze vor. In den beiden rest-
Schluß zu kommen. — Die Redezeit ist festge- lichen Bundesländern Baden und Württemberg-
setzt. Ich muß Sie bitten abzuschließen. Hohenzollern ist die Entnazifizierung im wesent-
(Schlußrufe links.) lichen abgeschlossen, so daß sich für diese beiden
Länder diesbezügliche Gesetze überhaupt er-
Dr. von Merkatz (DP): Ich habe meine Redezeit übrigen.
überschritten und unterwerfe mich selbstver- Ich fasse das dahin zusammen: Von elf Bun-
ständlich den Anordnungen des Herrn Präsi- desländern hat ein großer Teil die Gesetzgebung
denten. bereits getroffen: bei einem andern Teil ist sie
(Erneute Schlußrufe.) im Gange, und bei dem Rest ist sie nicht mehr
Wir haben diesen Vorschlag allerdings nur nötig. Wenn wir das als praktisches und durch-
unter der Bedingung gemacht, daß ein wirklich schlagendes Argument gelten lassen, so sollten
wirksames Gesetz zum Schutze der demokrati- wir uns, meine ich. dahin einig werden, daß der
schen Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit in Bundestag diese beiden Vorlagen gar nicht wei-
Deutschland geschaffen wird. ter zu behandeln hätte. Ich für meinen Teil
(Beifall rechts. — Zurufe links.) möchte mich deshalb auch einer Stellungnahme
zu dem Inhalt dieser beiden Vorlagen enthalten.
Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der Nun möchte ich anknüpfend an die Ausfüh-
Herr Bundesminister des Innern. rungen von Herrn Dr. Gerstenmaier noch folgen-
des sagen. Herr Dr. Gerstenmaier hat unter-
Dr. Heinemann, Bundesminister des Innern: strichen, daß diese Dinge im Zusammenhang mit
Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zu- positiven Maßnahmen zum Schutze des Bundes
nächst erklären, daß ich den ausgezeichneten Aus- und seiner demokratischen Institutionen zu sehen
führungen meines Freundes Gerstenmaier für sind. Heute morgen hatte ich Gelegenheit, dem
meinen Teil voll und ganz beistimme. Ausschuß des Bundestages zum Schutze der Ver-
fassung ausführlich über die Vorarbeiten im
(Beifall in der Mitte und bei der SPD.) Bundesinnenministeriums vorzutragen. Ich möchte
Ich habe diesen Ausführungen nichts hinzuzu nicht verfehlen, auch dem Plenum einiges davon
fügen Lind erst recht nichts davon wegzunehmen. zu berichten.
Was die Behandlung der beiden Vorlagen an- Zunächst- ist ein Bundesamt für Verfassungs-
langt, so möchte ich hier aussprechen, daß ich schutz - in Ausführung des Artikels 73 Ziffer 10
eine Zuständigkeit des Bundes nicht für gegeben und des Artikels 87 Absatz 1 — in Bildung be-
erachte. griffen. Der diesbezügliche Gesetzentwurf ist fer-
(Zuruf rechts: Warum denn hier nicht?) tig und steht vor der letzten Abklärung mit den
Die einzige Anknüpfung für eine Zuständigkeit
-
Alliierten. die sich ja für diese Materie einen be-
des Bundes könnte der Artikel '74 Ziffer 1 des sonderen Vorbehalt ausbedungen hatten. Daß das
Grundgesetzes sein, weil dort von einer kon- Bundesverfassungsgericht nach den entsprechen-
kurrierenden Gesetzgebung des Bundes im Be- den Vorlagen in der Entwicklung begriffen ist,
reich des Strafrechtes die Rede ist. brauche ich nicht näher darzustellen.
Wir stehen damit vor der Frage, ob Entnazifi- Neben diesen institutionellen gesetzgeberischen
zierungsmaßnahmen strafrechtlichen Charakter Maßnahmen sind eine Reihe materieller gesetz-
haben. Das verneine ich im Einvernehmen mit geberischer Maßnahmen in Vorbereitung oder
der ganzen Bundesregierung. Entnazifizierungs- auch schon ziemlich vor dem Abschluß. Einmal
bestimmungen haben ihren Zweck in der Siche- wird darüber nachzudenken sein, ob wir ein Ver-
rung des öffentlichen Lebens, des demokratischen sammlungsordnungsgesetz erlassen sollten. Der
Lebens, und weil die Bundesregierung das so Akzent liegt auf „Ordnung"; denn die Versamm-
ansieht, hat sie die Zuständigkeit für die Be- lungsfreiheit als solche ist durch Artikel 8 des
handlung etwaiger Entnazifizierungsfragen durch Grundgesetzes uneingeschränkt garantiert, und
Kabinettsbeschluß dem Innenministerium zu ge- daran soll auch nichts geändert werden. Aber
wiesen und nicht dem Justizministerium. Der es läßt sich sehr wohl darüber nachdenken, ob
Herr Bundesminister der Justiz hat in zwei Gut- nicht von Gesetzes wegen gewisse Spielregeln für
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1339
(Bundesinnenminister Dr. Heinemann)
einen ordnungsmäßigen Ablauf politischer Ver- Strafgesetzbuch wird es sich darum handeln,
sammlungen festgelegt werden sollten. nicht nur Bestimmungen über Hoch- und Landes-
(Abg. Dr. Richter: Da empfehle ich, beim verrat zu überarbeiten und den Tatbestand des
Braunschweiger Polizeipräsidenten anzu Friedensverrates einzuschließen, sondern vor al-
fangen! Dem muß das mal beigebracht len Dingen darum, die Verächtlichmachung von
werden!) Staatsorganen, Staatssymbolen und verantwort-
- Herr Dr. Richter, ich will dem Polizeipräsi- lichen Amtsträgern erheblich intensiver zu be-
kämpfen und unter verschärfte strafrechtliche
denten ja gern die Plattform geben durch ein der-
Maßnahmen zu stellen. Dasselbe gilt für Staats-
artiges Gesetz, verleumdung und für die politische Lüge,
(Heiterkeit)
(Sehr richtig! in der Mitte)
das einmal klarstellen soll, wer Hausherr in einer für Volksverhetzung und Störung verfassungs-
politischen Versammlung ist, wer im Zweifels- mäßiger Ordnung. Damit habe ich Ihnen in eini-
falle als Ruhestörer anzusehen wäre, und der- gen Stichworten angedeutet, in welcher Richtung
gleichen mehrt diese Überlegungen zur Ausgestaltung des Straf-
(Sehr gut! in der Mitte.) gesetzbuches sich bewegen.
Ich weise sodann auf Artikel 9 des Grund- Im Zusammenhang damit wird natürlich sofort
gesetzes hin, durch den Vereine unter Verbot die Frage auftauchen, ob wir es den normalen
gestellt sind, wenn sie verfassungswidrige Ziele Strafgerichten überlassen können, derartige Tat-
verfolgen, und ich weise auf Artikel 21 hin, wo- bestände zu judizieren. Darüber möchte ich eine
nach für politische Parteien dasselbe gelten kann. Meinung in diesem Augenblick noch nicht aus-
Diese beiden Stücke stehen in einem engen Zu- sprechen. Auch der heute morgen mit diesem
sammenhang mit dem Bundesverfassungsgericht, Thema befaßte Ausschuß zum Schutze der Ver-
das ja allein berufen sein wird, diese Verbote fassung hat diese Frage wohl angeschnitten, aber
auszusprechen. Aber die materiellen Bestimmun- noch nicht abschließend behandelt, weil uns allen
gen, die dazu noch erforderlich sind, dürfen auch die Doppelseitigkeit dieses Problems ohne wei-
nicht fehlen. Für die Verwirkung von Grund- teres einsichtig ist. Diese Doppelseitigkeit be-
rechten im Sinne des Artikel 18 des Grundge- steht darin, daß auf der einen Seite die Verur-
setzes wird auch der Verfassungsgerichtshof zu- teilung strafbarer Tatbestände gewährleistet
ständig sein. Deshalb konzentriert sich ein we- werden muß, auf der andern Seite aber den
sentliches Stück aller Bemühungen darauf, daß Sondergerichten eine sehr suspekte Vergangen-
wir diesen Bundesverfassungsgerichtshof alsbald heit anhaftet, die es uns schwer machen würde,
etablieren und damit die eben genannten Bestim- diesen Weg wiederaufzunehmen.
mungen des Grundgesetzes wirksam machen. (Abg. Rische: Sehr verdächtig!)
Nun möchte ich aber auch noch darauf hinwei- Als letztes möchte ich in diesem Zusammen-
sen, daß der Bundesjustizminister mit mir eine hang noch auf das ebenfalls in Arbeit befindliche
Novelle zum Strafgesetzbuch erarbeitet, durch die Pressegesetz hinweisen.
sichergestellt werden soll, daß .gewisse politische (Abg. Rische: Was bleibt denn dann eigent
Handlungen oder Äußerungen unter Strafe ge- lich von der Demokratie noch übrig?)
stellt werden, um auch von dieser Seite her Ord-
nung in unser politisches Leben zu bringen. — Herr Rische, von der Demokratie bleibt für
jeden, der es echt meint, genügend Spielraum
Meine Damen und Herren! In der Niederschrift übrig!
der mündlichen Begründung des Hedler-Urteils
von Neumünster lese ich als Schlußabsatz folgen- (Lachen bei der KPD und Zuruf:
des. Der Vorsitzende sagt da: So, „genügend"?)
Aus dem Pressegesetz möchte ich hier nur einige
Schließen aber möchte ich mit dem Worte Gesichtspunkte hervorheben, die in den Zusam
eines Angehörigen eines nahen Widerstands- menhang des Verfassungsschutzes gehören. Es
kämpfers des 20. Juli, der auch sein Leben dreht sich unter anderem darum, verschärfte Be
lassen mußte. Der betreffende Angehörige stimmungen über die Berichtigung falscher Nach
schreibt hier folgendes: „Nach all dem, was richten festzulegen, um - mit anderen Worten —
meine Familie und ich erlebt haben, können die Wahrheitspflicht der Presse zu unterstreichen
uns wohl Gefühle der Bitterkeit gegen einen
Mann wie Hedler befallen und der Wunsch, (Sehr gut! in der Mitte)
daß er hart bestraft werden möge, und doch sowie auch zu sichern, daß 'der verantwortliche
glaube ich, daß man nicht mit diesem System Redakteur kein Strohmann sein darf, auch nicht
-
des Bestrafens von politischen Gesinnungen in der Person eines politisch immunen Abge-
fortfahren sollte. Überzeugen, aufklären, bes- ordneten.
sermachen, das scheint mir der einzig rich- (Erneute Zurufe in der Mitte: Sehr gut!)
tige Weg zu sein."
Das sind so einige von den Dingen, die in Be-
Meine Damen und Herren, ich würde glücklich arbeitung begriffen sind und die ich in Anknüp-
sein, wenn wir in Deutschland in unserem gan- fung an die Ausführungen von Herrn Dr. Ger-
zen politischen Leben so reif wären, daß wir mit stenmaier hier nennen wollte, um deutlich zu
Überzeugen und Aufklären die Dinge zu steuern machen, daß wir gegen diese Problematik auf
vermöchten. breiter Front angehen müssen, wenn wir wirk-
(Sehr richtig! in der Mitte.) lich zu einem positiven Ergebnis kommen wol-
Ich habe leider die Überzeugung daß das nicht len. Diese Arbeit ist im Gange und wird mit
geht und daß wir deshalb gehalten sind, den aller Intensität betrieben.
Strafrichtern die nötigen gesetzlichen Bestim- (Beifall in der Mitte.)
mungen durch Ausgestaltung des Strafgesetzbu-
ches an die Hand zu geben, mindestens auf Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der
einige, absehbare Zeit. In der Novelle zum Herr Abgeordnete von Thadden.
1340 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950

von Thadden (DRP): Meine Damen und Her- doch in sehr wesentlichen Punkten nicht mit dem
ren! Ich bin sehr glücklich, daß ich direkt nach Antrag der FDP, sondern mit dem unsrigen
dem Herrn Bundesinnenminister sprechen kann, decken.
der hier einige Punkte berührt hat, die wir ge- (Lachen in der Mitte und links.)
rade zum Gegenstand eines Antrages gemacht
haben, für den ich mich im Augenblick bemühe, Herr Dr. Gerstenmaier schlug vor: Wir brauchen
eine weitgehende und fortgeführte Amnestie.
die erforderlichen Unterschriften zusammenzube-
kommen. Dieser Antrag soll die augenblicklichen Das verlangen wir, indem wir sagen: die Eintei-
Intentionen der Regierung noch einmal unter- lung des Volkes in Kategorien, also in Menschen
streichen. Dies vorweg. verschiedener Rangklassen, wird aufgehoben.
Das Ende der Entnazifizierung, Entnazisierung (Abg. Euler: Das haben wir schon bean
oder Säuberung oder Entbräunung mit Hilfe von tragt gehabt!)
„Persil-Scheinen" oder Geld scheint uns eine Die mit dieser Kategorisierung verbundenen
Sache, die sowohl schnell als auch gründlich her- Rechtsnachteile sollen wegfallen. Das ist genau
beigeführt werden sollte. Die Entnazifizierung dasselbe, was Herr Dr. Gerstenmaier in ande-
wurde von den Besatzungsmächten eingeführt ren Worten verlangt hat. Welch' schöne Arbeits-
im Widerspruch zu allem geltenden Recht. Die unterlage ist also unser Antrag!
Besatzungsmächte waren klug genug, bereits Weiter wurde gesagt, man solle an denjenigen
1947 zu merken, daß die Sache einigermaßen ver- nicht vorbeigehen, die sich strafbar gemacht ha-
fahren war — schon unter ihrer Zuständig- ben. Auch das ist unsere Auffassung, daß die-
keit —, um die Sache dann schnellstens in deut- jenigen, die nach den Bestimmungen des Straf-
sche Hände zu legen. Dadurch und danach ist gesetzbuches und nicht eines imaginären Sonder-
die Bürokratisierung, ist die „Verfahrung" die- rechts faßbar sind, gegen sich selbst, wenn sie
ser ganzen Angelegenheit ins Ungeheuerliche ge- mit den gegen sie verhängten Maßnahmen nicht
wachsen. Wir sind inzwischen auf Dinge gekom einverstanden sind, ein Verfahren vor einem or-
men, deren Traurigkeit noch gar nicht in vollem dentlichen Gericht anstrengen können. Unser
Umfang zu überblicken ist; ich weise nur auf Antrag, den wir, wie mein Kollege Richter schon
die jüngsten Fälle in Süddeutschland hin sagte, dem zuständigen Ausschuß als Arbeits-
(Abg. Hilbert: Süddeutschland ist groß! unterlage empfehlen, wird meines Erachtens den
Wo denn?) Antrag der FDP an materiellem Inhalt übertref-
— in Stuttgart —, deren sich in positiver Form fen, zumal vieles in diesem Antrag der FDP ent-
ganz besonders der „Neue Vorwärts" mit einer halten ist, mit dem wir nicht übereinstimmen
sehr schönen Kritik angenommen hat. können. Wir müssen endlich dazu kommen, die
unproduktive Papierwühlerei, die in Hunderten
Früher sagte man — es wurde schon von einem von Ausschüssen auch heute noch betrieben wird
Vorredner gesagt — nulla poena sine lege, keine und für unendlich viele Leute ein Pöstchen, eine
Strafe ohne Gesetz. Dieses neue Recht, das man Pfründe bedeutet, abzuschließen.
unter der Fahne des Rechts proklamierte, bedeutet
etwas ganz anderes, wenn wir es noch weiter so Der § 1 der Vorlage der FDP bedingt eine
unnötige Aufrechterhaltung eines Apparates, der
fortführen, wie es bisher geschehen ist. Es ist
nichts anderes als die Legalisierung von irgend- mit einem Federstrich zu Nutz und Frommen der
welchen Racheakten, Pfründensicherung und Gesamtheit beseitigt werden sollte.
Brotlosmachung von vielen Familienernährern Was den § 2, den Anspruch auf Ersatz von
und damit — ich möchte beinahe sagen — von Schäden anlangt, so ist im Zuge der sogenann-
Sippenhaft. Nachdem in Indien der Kastengeist ten Entnazifizierung vor allen Dingen in den
abgeschafft ist oder abgeschafft wird, ist er hier ersten zwei Jahren unendlich viel geschehen, was
in Deutschland leider noch in voller Blüte. man nach den Bestimmungen des Strafgesetz-
buches mit Diebstahl bezeichnen würde und be-
(Lachen links.)
zeichnet. Diese Diebstähle, die unter dieser Fahne
Wenn wir einen Gesetzentwurf einbringen wür- der Entnazifizierung vorgekommen sind,
den, wonach die Straffreiheit demjenigen zuge-
sichert wird, der einen Entnazifizierungsgerichts- (Zuruf rechts: Werden noch fortgesetzt!)
hof bestochen hat, würden wir, glaube ich, zu müssen gesühnt werden können. Wenn wir das
ungeheuerlichen Ergebnissen kommen, die uns nicht tun, dann schaffen wir ein Sonderrecht.
zeigen, was in dieser Beziehung alles geschehen
ist. Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
(Sehr richtig! rechts. — Zuruf links: Sie Ihre Redezeit ist abgelaufen.
müssen ja Ihre Erfahrungen haben!) -
von Thadden (DRP): Ferner bedingt auch der
Damit wollte ich nur sagen: wenn die Presse voll § 3 weitere Sonderrechte, die wir auf keinen Fa ll
von Bestechungsaktionen gegenüber den Ent- dulenkö.
nazifizierungshöfen ist, so sehe ich in diesem Fall Wenn wir uns alle — der Beifall deutete ja
den Tatbestand der Bestechung nicht so sehr wie darauf hin — mit dem Kollegen Gerstenmaier
den Tatbestand des Selbsterhaltungstriebes und dahingehend einig sind, keine Rache üben zu
der Angst, die wirtschaftliche Existenz durch ein wollen, bleibt für das Haus nur der eine Ausweg,
inkompetentes Gremium abgesprochen zu be- dem Ausschuß uns er en Antrag zur Bearbei-
kommen. tung zu überweisen.
(Zuruf von der KPD: Sind das mutige (Beifall rechts.)
Nazi gewesen! — Zuruf rechts: Vielleicht
gehen die dann einmal wenigstens zu
Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der
nützlicher Arbeit über, die Brüder!)
Herr Abgeordnete Dr. Etzel.
Ich habe voller Freude feststellen können, daß
sich die Auffassungen der CDU, die hier von Dr. Etzel (BP): Meine Damen und Herren! Die
Herrn Dr. Gerstenmaier vorgetragen wurden, Entnazifizierung war, soweit sie sich nicht mit
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1341
(Dr. Etzel)
kriminellen Tatbeständen befaßte, ein Akt der Das Gericht fügte weiter hinzu, daß der ge-
politischen Vergeltung. Sie war die Bestrafung meine Mann in Deutschland nicht vertrauens-
desjenigen, der mit seiner politischen Überzeu- seliger gewesen sei als die Staatsmänner des
gung nicht recht behielt. Sie war eine Äußerung Auslandes, die mit Hitler Abkommen geschlossen
des Vergeltungsbedürfnisses, aber keine Angele- hätten.
genheit der Rechtsprechung und der Moral. (Abg. Rische: Das waren aber nicht die
(Sehr richtig! rechts.) Kleinen!)
Die politischen und psychologischen Ergebnisse In diesem Hause fand am 29. September des
dieses unerfreulichen Kapitels neuer deutscher vergangenen Jahres auf Veranlassung einer in-
Geschichte sind so fürchterlich, daß sich auch die terfraktionellen Gruppe von Mitgliedern des
Initiatoren und Vollstrecker der Entnazifizierung Bundestags ein Vortrag statt. Der Vortragende
mit Grausen von der Drachensaat abwenden. war der bekannte amerikanische Schriftsteller O.
Tatsächlich war sie ein Fehlschlag, der auch von K. Armstrong, und es war okay, was er damals
ihren Urhebern außerhalb Deutschlands zugege- gesagt hat.
ben wird. Der Mann, mit dessen Namen die (Abg. Dr. Schmid: Es war auch Reklame!)
Entnazifizierung unlösbar in der Geschichte ver- Er führte nämlich folgendes aus:
bunden sein wird, General Clay, hat, als er in Ich legte einem höheren Beamten meiner
einem Privatflugzeug am 15. Mai 1949 von Frank- Regierung letzte Woche folgende Frage vor:
furt nach Berlin flog, um Deutschland zu verlas- auf welcher gesetzlicher Vorstellung ist aie
sen, einem Vertreter der amerikanischen Militär- Entnazifizierung begründet? Er antwortete:
zeitung „Stars and Stripes" wörtlich folgendes auf der Tatsache, daß wir den Krieg gewon-
gesagt: nen haben und dem besiegten Volk unseren
Die Deutschen, denen jetzt Gelegenheit ge- Willen aufzwingen können.
boten ist, zu beweisen, daß sie in der Lage Der Schriftsteller O. K. Armstrong sagte, die
sind, ihren Platz in der Völkerfamilie ein- Entnazifizierung stehe im Gegensatz zu allen
zunehmen, waren die Opfer jener Diktatur. Prinzipien der amerikanischen Gerichtsbarkeit.
Nur wenige von denen, die unter der Dik- Er schäme sich, daß einige seiner Landsleute
tatur jener Banditen gestanden sind, wußten, diesen von Amerika gehegten Gedanken der Frei-
was vor sich ging. Sie hatten tatsächlich heit und Demokratie verspotteten, und er be-
keine freie Presse, aus der sie sich hätten zweifle, daß irgend etwas anderes, was in Deutsch-
unterrichten können, , und keine freie Stimme land getan wurde, dem deutschen Volk einen
im Äther. Wer etwas über das Treiben der schlechteren Eindruck von der amerikanischen
Führer in Erfahrung zu bringen suchte, Demokratie geben konnte als diese Politik der
konnte sich prompt auf einen Genickschuß Massenbestrafung.
gefaßt machen.
Das wollte ich nur zum Beweis dafür anfüh-
In dem Prozeß gegen die IG-Farben — es war ren, wie sehr von den siegreichen Vätern der
der Fall 6, Krauch und Genossen — hat das Entnazifizierung diese selbst nun als Fehlschlag
amerikanische Militärtribunal in Nürnberg die in aufgegeben wird und in ihren Ausgangspunkten,
der Anklage erhobene Beschuldigung eines Ver- Grundlagen und Absichten als desavouiert ange-
brechens gegen die Menschlichkeit und gegen den sehen werden muß.
Frieden gemäß Kontrollratsgesetz 10 mit folgen-
der wörtlicher Begründung verneint: Ich stelle ausdrücklich fest, daß die Bayern-
partei nichts mit der nationalsozialistischen Dok-
Wir können von einem gewöhnlichen Bür- trin, die sie auf das entschiedenste ablehnt und
ger nicht erwarten, daß er sich in eine bekämpft, zu tun hat,
Zwangslage versetzen läßt, in der er mitten (Beifall bei der BP)
in der aufregenden Kriegsatmosphäre ent-
scheiden muß, ob seine Regierung recht oder daß sie aber aus Gründen des Rechts, der Moral
unrecht hat, oder, wenn sie anfangs im Recht und der politischen Klugheit dringend wünscht,
gewesen ist, den Augenblick bestimmen einen Abschnitt der Geschichte der Deutschen
muß, von dem an sie sich ins Unrecht ge- beendet zu sehen, der in seinen Auswirkungen
setzt hat. Wir können nicht verlangen, daß die verheerendsten Folgen gehabt hat. Meine
dieser Bürger wegen der Möglichkeit, nach Fraktion hat am 19 Oktober vorigen Jahres un-
den Bestimmungen des Völkerrechts als Ver- gefähr gleichzeitig mit Fraktionen anderer Par-
brecher zu gelten, sich zu der Überzeugung teien einen Antrag gestellt, in dem sie eine in
bekennt, daß sein Land zum Angreifer ge- den Grundlagen übereinstimmende Gesetzgebung
worden sei und daß er seinen Patriotismus, der Länder zum Abschluß der Entnazifizierung
seine Treue zu seinem Heimatland und die forderte. Sie suchte diesen Weg, weil die klare
Verteidigung seines eigenen Herdes aufgibt, Vorschrift des Artikels 139 .des Grundgesetzes und
weil er Gefahr läuft, eines Verbrechens ge- des § 2 Ziffer 3 des Wahlgesetzes eine Zustän-
gen den Frieden beschuldigt zu werden, wäh- digkeit des Bundes ausschließt. Im Verfolg die-
rend er doch andererseits zum Verräter an ser Anregung haben sich dann am 5. und 6. No-
seinem eigenen Lande werden würde, wenn vember 1949 die Justizminister der elf Länder
er auf Grund von Tatsachen, von denen er in Rothenburg ob der Tauber getroffen und dort
nur ungenaue Kenntnis hat, eine falsche Ent- gemeinsame Richtlinien für den Abschluß der
scheidung trifft. Würde man eine solche Ent- Entnazifizierung aufgestellt. Später wurde dann
scheidung von ihm verlangen, so würde man noch in Düsseldorf in einer Abschlußkonferenz
ihm eine Aufgabe zumuten, der sich die für die Länder der amerikanischen Zone ein ge-
Staatsmänner der Welt und die Völkerrechts- meinsamer Kanon für diese Regelung geschaffen.
wissenschaftler nicht gewachsen gezeigt ha- Ein Teil der Länder hat diesen Richtlinien ent-
ben, als sie versuchten, eine klar umrissene sprechend gehandelt. Wir haben soeben ver-
Definition- des Begriffes „Angriff" zu linden. nommen, daß fünf Länder bereits eine abschlie-
1342 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Etzel)
ßende Gesetzgebung erlassen haben. Andere ste- (Abg. Strauß: Vom Bund her ändern wir
hen damit noch im Rückstand. Ein Land es! - Zuruf von der SPD: Also Bundes
— Nordrhein-Westfalen - hat zu erkennen ge exekutive!)
geben, daß es nicht beabsichtigt, neben seinen Wir sehen in der endgültigen, raschen und sach-
Verordnungen des vergangenen und vorvergange- lich zutreffenden Regelung dieses Problems einen
nen Jahres noch eine abschließende Gesetzgebung wirksameren Schutz der Verfassung, als ihn
ins Auge zu fassen. irgendwelche verfassungspolizeilichen Vorschrif-
Wir sehen also einen durchaus buntscheckigen ten oder Einrichtungen bewirken können.
Zustand, der sachlich, vom Standpunkt der Ge- (Beifall bei der BP und bei der DP.)
rechtigkeit aus, aber auch von dem der Politik
durchaus unbefriedigend ist. Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
(Zustimmung bei der BP.) Ihre Redezeit ist nun zu Ende.
Die Beseitigung der Entzweiung und der Ver-
bitterung unseres Volkes, die durch die Entnazi- Dr. Etzel (BP): Den Bürgern eines Landes das
fizierung hervorgebracht worden ist, liegt uns so Bewußtsein zu geben, daß in diesem Heiligen
sehr am Herzen, daß wir Föderalisten sans phrase Jahr 1950 der Befriedung und Versöhnung, dem
unter Umständen sogar geneigt sein könnten, die Frieden, der Gerechtigkeit und der allgemeinen
Zuständigkeit des Bundes zu bejahen, Sittlichkeit der Völker eine freie Bahn gebrochen
(lebhafter Beifall und Heiterkeit) wird, ich sage: das in diesem Heiligen Jahr . zu
beweisen, ziemt uns allen, ob wir an diesem Hei-
nur um eine rasche und befriedigende gemein- ligen Jahr teilnehmen oder nicht!
same Ausscheidung dieses politischen Tumors am
deutschen Volkskörper erreichen zu können. Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
(Abg. Dr. Schmid: Manche profitieren ganz Ihre Redezeit ist abgelaufen,.
gut davon!) Dr. Etzel (BP): Wir könnten an und für sich
Leider lassen die ganz klaren Vorschriften eine geneigt
, - - sein
solche Regelung nicht zu. Wir sind aber der
Meinung, daß der Bund, dessen Initiative wir Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
auch in der Ziffer 2 unseres Antrags vom. 19. Ok- ich habe Sie wiederholt darauf aufmerksam ge-
tober 1949 angerufen hatten, hier einen Schritt macht, daß Ihre Redezeit abgelaufen ist. Ich
unternehmen kann und soll. Der Herr Bundes- muß Sie bitten, nun zum Schluß zu kommen!
innenminister ist die federführende Stelle für (Abg. Strauß: Man könnte beantragen, die
diese Angelegenheit. An ihn richte ich die drin- Redezeit für den Grabgesang seines Föde
gende Bitte, ja Aufforderung, sich nun mit aller ralismus zu verlängern! - Heiterkeit.)
Kraft, Initiative, Entschlossenheit und Beschleu-
nigung mit den Ländern des Bundes in Verbin Dr. Etzel (BP): Wir könnten geneigt sein, die
dung zu setzen, um diejenigen Länder, welche Anträge, die zu diesem ganzen Komplex vorlie-
bereits eine Entnazifizierungsabschlußgesetz- gen und von denen ein Teil bereits im Rechts-
gebung erlassen haben, und diejenigen, die das ausschuß behandelt wird, dem Rechtsausschuß zu
noch nicht vollbringen konnten, sowie drittens überweisen. Wir erwarten uns aber von einer
das Land, das eine Abschlußgesetzgebung nicht solchen Behandlungsart nichts, wohl aber alles
ins Auge fassen will, zur gemeinsamen endgülti- von einer wirklich energischen Initiative des
gen Bereinigung zu bringen. Dabei darf man Herrn Bundesinnenministers.
auch nicht davor zurückschrecken, eine - ich (Beifall bei der BP und bei der DP.)
sage ruhig - unüberlegte Gesetzgebung in den
Ländern unter Umständen zu revidieren. Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der
(Zuruf von der BP: Sehr nötig!) Herr Abgeordnete Loritz.
Der Wahrheit die Ehre zu geben, einen hohen Loritz (WAV): Meine sehr verehrten Damen
politischen Sinn und Instinkt zu beweisen und und Herren! Wie sich doch die Zeiten so rasch
die Grundsätze des Rechts voranzustellen, ist wandeln!
keine Schande und kann nicht hindern, einen ge- (Heiterkeit.)
machten Fehler zu bekennen und zu korrigieren. Heute haben wir eine wunderbare Rede vom
Es müßte erreicht werden können, daß der Herr Herrn Kollegen Gerstenmaier gehört. Der Herr
Bundesinnenminister, daß das Kabinett die Län- Innenminister hat ihm bestätigt: eine exzellente
der zu einer nochmaligen wirklich endgültig Rede! Wenn doch der Kollege Gerstenmaier und
abschließenden Gesetzgebung veranlaßt, die in seine politischen Freunde diese Ausführungen
Wahrheit das Recht wiederherstellt. Ich zögere-
zugunsten der kleinen Mitläufer und der kleinen
nicht zu erklären, daß beispielsweise der Gesetz- Verführten schon im Jahre 1945 oder 1946 oder
entwurf, den das bayerische Kabinett dem Land- 1947 gemacht hätten!
tag zugeleitet hat, vom Standpunkt des Rechts (Unruhe in der Mitte.)
und der politischen Klugheit aus in keiner Weise
befriedigen kann. Seine politischen Freunde hatten in den Länder-
parlamenten genügend Gelegenheit dazu!
(Sehr richtig! bei der WAV und bei
der SPD.) (Widerspruch in der Mitte.)
Die CDU war ja von Anfang an mit führend
Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter, beteiligt; nicht bloß in Bayern, sondern genau
Ihre Redezeit ist abgelaufen. so in dem Lande, in dem der Herr Kollege Gersten-
maier gewählt wurde, in Württemberg-Baden, in
Dr. Etzel (BP) : Ich muß sagen, daß wir gerade Hessen und überall. Damals aber haben wir lei-
ein solches Versagen eines Landes in einer so der von dieser Gesinnung nichts gehört!
fundamentalen Existenzangelegenheit nicht ver- (Beifall rechts. — Abg. Strauß: Sie waren
stehen und nicht begreifen. ja Befreiungsminister!)
Deutscher Bundestag — 40 Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1343
(Loritz)
Damals haben wir von Ihrer Seite nur Hohn (Zuruf in der Mitte: So interessant sind Sie
und Spott gehört, von einigen Ausnahmen ab- doch gar nicht!)
gesehen. Es war von Anfang an eine Katastrophe, daß
(Abg. Strauß: Sie waren ja selbst Ent man die Entnazifizierung, die Bestrafung, auf
nazifizierungsminister!) Kreise erstreckte, die tatsächlich keine oder nur
Hohn und Spott nur haben wir gehört, als ich eine minime Schuld auf sieh geladen haben, daß
das Wort von den Hineingetriebenen und Hinein man aber gegen die wirklich Hauptschuldigen an
gepreßten und von den verführten jugendlichen der Katastrophe von Anfang an mit Glacéhand-
Idealisten prägte. Hohn und Spott haben Sie schuhen vorging, weil die wirklich Schuldigen
damals gegen mich in Kübeln ausgegossen. sehr gute Beziehungen - in erster Linie von
(Abg. Strauß: Als Sie die Nazis verfolgt früher her - aus politischen Gründen zu Ihnen,
haben!) meine sehr verehrten Herren, hatten: der Herr
von Papen, wie Sie wissen, und die Ja-Sager
Denunziert wurde ich in der übelsten Art und zum Ermächtigungsgesetz. Sie wissen doch, wel-
Weise, und in den Zeitungen kamen seitenlange cher politischen Richtung die Herren angehörten
Berichte gegen das, was Sie, meine Herren von und heute teilweise noch angehören.
der Rechten, heute selbst als vernünftig aner-
kennen müssen. (Zuruf in der Mitte: Das ist eine billige
(Widerspruch in der Mitte. — Glocke des Suppe!)
Präsidenten.) Das war das Unglück, daß Sie Sündenböcke ge-
braucht haben, und diese Sündenböcke für das
— Herr Abgeordneter Strauß, ich war Entnazi- Versagen dieser prominenten Politiker von da-
fizierungsminister!
mals hat man leider in Form von Millionen klei
(Heiterkeit.)
nen Leuten gefunden, die nichts anderes gemacht
Ja, gerade ich habe mich dafür eingesetzt, für haben, als daß sie sich in irgendeine Gliederung
die kleinen Hineingetriebenen und Hineinge- haben aufnehmen lassen, um ihre Ruhe zu ha-
preßten, ben, um nicht ihre Existenz zu verlieren oder
(Abg. Strauß: Ist nicht wahr! Sie haben noch schlimmere Dinge zu riskieren. Das war von
die Nazis beleidigt und beschimpft!) Anfang an der Fehler und die Fehlkonstruktion im
und bin gerade deswegen gestürzt worden, weil ganzen Entnazifizierungsprogramm, und alle Ihre
diese meine Politik Ihnen nicht gepaßt hat! Anträge heute dienen nur dazu, diese Schuld zu
(Abg. Strauß: Wegen Unfähigkeit!) verwischen.
— Nein, deswegen, Herr Strauß; und da können (Abg. Dr. Gerstenmaier: Reden Sie keinen
Sie dazwischenschreien, was Sie wollen, Sie än- solchen Unsinn, Herr!)
dern die Tatsachen nicht mehr! Es ist bekannt, - Ich verbitte mir den Ausdruck Unsinn.
wer in Deutschland das Wort von den Hinein (Abg. Dr. Gerstenmaier: Sie sollen uns
getriebenen und Hineingepreßten gesprochen hat! keine Gemeinheiten unterstellen!)
Sie kommen erst heute, weil Sie den Zusam-
menbruch Ihrer ganzen Politik heute sehen, und Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter
heute wollen Sie unser Volk glauben machen, Dr. Gerstenmaier, der Ausdruck „Gemeinheit"
Sie wären von Anfang an so gescheit gewesen entspricht nicht den parlamentarischen Gepflo-
und hätten begriffen, welches Unglück das Ent- genheiten.
nazifizierungsgesetz über unser Volk gebracht (Abg. Dr. Gerstenmaier: Herr Präsident,
hat. er trifft zu: es ist die Unterstellung eines
(Zuruf in der Mitte: Sie haben das Gesetz bösen Willens durch den Redner!)
verschärft!) - Herr Abgeordneter Dr. Gerstenmaier, ich muß
Allerdings in einem — ja, da war ich anderer Sie zur Ordnung rufen. Der Ausdruck ist in der
Auffassung als Sie, Herr Kollege Strauß, und Diskussion nicht anwendbar!
als Ihre Parteifreunde, nämlich bezüglich der (Abg. Dr. Gerstenmaier: Das nehme ich
wirklich Schuldigen am Heraufkommen der Ka- nicht an!)
tastrophe. Da habe ich scharf zugegriffen, und
ich weiß, unter welchem Druck ich stand und wie Loritz (WAV): Meine sehr verehrten Damen
Sie gegen mich hetzten, als ich mich dafür ein- und Herren, uns liegt der Antrag der FDP be
setzte, daß die Ja- Sager zum Ermächtigungs- treffend den Abschluß der Entnazifizierung vor.
gesetz bestraft würden, Der Satz in § 2 dieses Antrags, der sich mit den
(Hört! Hört! bei der KPD) - kleinen Leuten befaßt, entspricht nur dem, was
die hunderttausendmal mehr Schuld auf sich ge- wir alle schon seit Langem wünschen und wollen.
laden haben — jeder einzelne — am Heraufkom- Mit dieser Benachteiligung soll, weiß Gott,
men der Hitlerkatastrophe, als die ganzen Mit- Schluß gemacht werden. Leider sind noch Hun-
läufer zusammengerechnet nicht auf sich ge- derttausende da, die draußen auf der Straße
laden haben. Wie war es denn damals bei den sitzen, die ihren kleinen Posten als Sekretär oder
Sitzungen im Länderrat und überall, in Stutt- sonst etwas verloren haben, während die Ja-
gart? Wie wurde ich unter Druck gesetzt, ich Sager zum Ermächtigungsgesetz an die obersten
solle zustimmen, daß die Ja-Sager zum Ermäch Stellen gekommen sind.
tigungsgesetz nicht unter das Entnazifizierungs- (Zuruf links: Die sitzen doch hier!)
gesetz fallen! Ich habe mich geweigert, obwohl
Sie prominenteste Hilfstruppen dabei gegen mich Meine Damen und Herren, was dagegen § 1
mobilisierten! des FDP-Antrages betrifft, so können wir dem
unter keinen Umständen zustimmen; denn das
(Hört! Hört! bei der KPD.) darf es nicht geben. Was darin steht, ist unhalt-
Das möchte ich Ihnen als kleinen Beitrag zur ge- bar! Stellen Sie sich bitte folgenden Fall vor,
schichtlichen Wahrheit noch ins Gedächtnis zurück- der öfters vorkommt: Ein Gauleiter oder ein
rufen. Reichsleiter oder ein Gestapochef wird irgendwo
1344 Deutscher Bundestag – 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Loritz)
im Lande entdeckt. Soll der Mann jetzt leer aus- wird. Sie hätten in den Länderparlamenten
gehen? Soll der Mann nicht bestraft werden? schon im Jahre 1946 Gelegenheit dazu gehabt.
Solche Leute verdienen keine Schonung für all (Abg. Dr. Freiherr von Rechenberg: Wo
das, was sie gemacht haben. Ich erwarte jetzt war denn die FDP in den Länderparla
einen Zuruf, der lautet menten?)
(Zuruf rechts) - In Württemberg-Baden war sie schon seit 1946
— ja, ich komme gleich darauf! —, der heißt: in der Regierung. Der dortige Staatspräsi
§ 4: Strafrechtlich sollen die Leute zur Verant- dent — —

wortung gezogen worden. Da liegt aber gerade


der Hase im Pfeffer; denn einen konkreten straf- Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter
rechtlichen Tatbestand im Einzelfall, noch dazu Loritz, Ihre Redezeit läuft ab.
auf so lange Jahre zurück, nachzuweisen, das ist
schwer, in den meisten Fällen sogar unmöglich. Loritz (WAV): Ich bin bereits a m. Ende meiner
Und wenn sich hier ein Redner entrüstet hat, Ausführungen. Ich wiederhole Ihnen eines: Sor-
daß außerhalb des Strafgesetzbuches Bestrafun- gen Sie ohne allzu engherzige Auslegung der Be-
gen erfolgten, so möchte ich ihm nur eines er- stimmungen, ob Länderzuständigkeit oder Bun-
klären: Wie unklug waren doch Ihre Ausfüh- deszuständigkeit —das können wir ja nun, nach-
rungen in dieser ganzen Sache, wie unklug in dem sich auch die Bayernpartei damit einver-
einem Zeitpunkt, da wir in Deutschland, weiß standen erklärt hat, nicht engherzig zu verfah-
Gott, alles tun müßten, um von diesen schauder- ren —, dafür, daß diese Leute, die keine oder
haften Dingen abzurücken, die damals bei Ge- nur eine geringe Schuld auf sich, geladen haben,
stapochefs, Reichs- und Gauleitern passiert sind. endlich einmal wieder als voll gleichberechtigte
Sich mit solchen Herren zu identifizieren, das Staatsbürger angesehen werden. Sorgen Sie da-
wird Ihnen so wenig gut tun, wie es noch ande- für so rasch wie möglich!
ren Leuten gut getan hat. (Abg. Dr. Freiherr von Rechenberg: Das
wollen wir doch! Das ist doch der Sinn!)
(Glocke des Präsidenten.)
Geben Sie aber den wirklich Hauptschuldigen,
den Kreisleitern, Gauleitern und Gestapochefs
Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter keinen Freibrief, dieser verhältnismäßig kleinen
Loritz, ich muß Sie doch darauf aufmerksam ma- Clique, die unser Deutschland so in die Kata-
chen, daß sich niemand im Hause mit Gauleitern strophe geführt hat!
und ähnlichen Kreaturen identifiziert hat. (Zuruf rechts: Schluß!)
Überweisen Sie diesen Antrag an einen Ausschuß
Loritz (WAV) : Nein, nicht in dem Sinne den und sorgen Sie dafür, daß, wenn auch sehr ver-
tifiziert, daß er das ohne weiteres gebilligt hat, spätet, endlich der Gerechtigkeit Genüge ge-
sondern in dem Sinne identifiziert, daß er es schieht.
diesen Leuten durch seinen Antrag ermöglichen (Bravo! bei der WAV.)
will, nicht mehr vor die Entnazifizierungsbehör-
den zitiert zu werden. Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der
(Zurufe recht: Das will keiner! Nach § 4!) Herr Abgeordnete Erler.
Bei Hauptschuldigen muß eine gesetzliche Ver-
mutung über die Schuld dieser Leute statuiert Erler (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
werden. Das ist gar nicht so abwegig. Denken Herren! Wir haben heute von der rechten Seite
Sie an das normale Strafrecht! Wenn mehrere des Hauses eine ganze Anzahl von mutigen Wor-
Leute an einer Zusammenrottung beteiligt sind ten gehört, die zu einem Kampf für Freiheit und
und auch nur einer Gewalttätigkeiten begeht, Recht aufriefen. Ich habe dabei an meine Jugend-
dann wissen Sie, daß auch die anderen ebenso jahre zurückgedacht und habe an die Frühlings-
hart, jedenfalls härter als sonst bestraft werden. monate des Jahres 1933 denken müssen. Ich muß
Das ist hier eine Verantwortung dieses Kreises, Ihnen ganz ehrlich sagen, daß mir auch heute,
der zusammen diese Stellung eingenommen hat, glaube ich, wohler wäre, wenn alle die Stimmen
und von dem, der einmal Reichsleiter oder Gau- für Freiheit und Recht, die jetzt so vernehmlich
leiter oder Gestapochef gewesen ist, kann, ohne durch die Lande klingen, auch von Ihrer Seite in
daß man damit gegen die internationalen Regeln den entscheidenden Tagen des Jahres 1933 er-
des Strafrechts verstößt, weiß Gott, genau -
so klungen wären, als in Deutschland Freiheit und
vermutet werden, daß er schwerste Schuld auf Recht zu Grabe getragen wurden.
sich geladen hat, daß er Verbrechen begangen (Lebhafter Beifall bei der SPD.)
hat, und man kann ihn hier ohne weiteres, ohne
auch damit gegen die internationalen Grundsätze Dann hätten wir uns heute mit dem Problem der
des Strafrechts zu verstoßen, zur Rechenschaft politischen Säuberung, das doch immerhin ein
ziehen. Erbe der nationalsozialistischen Vergangenheit
ist, nicht zu beschäftigen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir Ich begrüße es, daß der Kollege Gerstenmaier
werden dafür stimmen, daß die uns vorliegenden diesen Ursachenzusammenhang, den wir keinen
Anträge an den Ausschuß verwiesen werden. Ich Augenblick aus dem Gedächtnis verlieren dürfen,
unterstreiche voll und ganz, was schon mein heute in aller Klarheit herausgestellt hat.
Vorredner sagte: Die Ungerechtigkeiten der Ent-
nazifizierung müssen unter allen Umständen ge- (Zuruf rechts: Wenn Sie geschossen hätten,
stoppt und wiedergutgemacht werden, soweit das wäre es vielleicht besser gewesen!)
möglich ist, ohne weitere neue Ungerechtigkeiten — Vielleicht wäre es für alle besser gewesen;
zu begehen. Das fordern wir alle. Schade, daß aber wir hätten nicht zu schießen brauchen, wenn
uns das erst heute aus Ihren Reihen vorgelegt unser Bürgertum, das von dieser Seite des Hauses
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1345
(Erler)
vertreten wird, in diesem Zeitpunkt etwas mehr justizminister seinen eigenen Fraktionskollegen
Mut aufgebracht hätte. eine Erklärung darüber abgäbe, wie e r nun zu dem
(Weitere Zurufe rechts.) Gesetzentwurf steht. Der Entwurf behandelt doch,
wenn es auch eine politische Materie ist, die nach
Wer dafür gewesen ist, darf sich heute doch nicht dem Kabinettsbeschluß nachher im Innenministe-
darüber beklagen, daß die anderen etwas zu rium weiter bearbeitet würde, der Sache nach ein
wenig dagegen getan haben. Problem, das den Justizminister zweifellos sehr leb-
(Erneuter Zuruf rechts.) haft inter essiert. Ich glaube, es wäre für das ganze
— Sie sind ja auch ein weißer Rabe! Haus von lebhaftem Interesse, hierüber etwas von
(Zurufe rechts.) ihm zu hören; und es wäre gut, wenn er sich etwas
weniger in Schweigen hüllen, sondern über diese
Ich weiß ganz genau — und nach den Ausführun- Frage einmal reden wollte.
gen manches Sprechers kann ich noch einiges zu
diesem Thema sagen —, wo gewisse Geistesver- Ich darf im Namen meiner Freunde sagen, daß
wandtschaften bis weit in Ihre eigenen Reihen uns eine ganze Reihe der Arbeiten, die das
hineinreichen. Justizkollegium der Länder in dieser Frage ge-
(Erneute Zurufe rechts.) leistet hat, wesentlich sympathischer berühren
als der vorliegende Entwurf der Freien Demo-
Es verwundert uns - das möchte ich der FDP kratischen Partei, und zwar aus einem Grunde,
noch weiter mit auf den Weg geben —, daß in den auch Sie einsehen müssen: die Säuberung ist
dieser überaus wichtigen Frage die Initiative von nun einmal außerordentlich vielgestaltig in de n
einer der Regierungsparteien ausgegangen ist. verschiedenen deutschen Lindern geregelt wor-
Wir haben erfahren, aus welchen Gründen die den, und sie ist über die gesetzliche Unterschied-
Initiative nicht von der Regierung selber kam: lichkeit hinaus in einem noch viel größeren Maße
weil die Regierung der Meinung ist, es sei die in der Praxis unterschiedlich gehandhabt worden,
Zuständigkeit des Bundes nicht gegeben. In ge- so daß ein schlichter Schlußstrich ohne Berück-
wissem, Sinne freut uns das, aber in einem ganz sichtigung dieser Verschiedenheiten neues Un-
anderen Zusammenhang: weil das nämlich doch recht schaffen würde, weil er die verschiedenen
die Wiederherstellung des Zustandes ist, für den Ergebnisse in der Praxis bestehen ließe. Ich
wir uns eingesetzt haben, daß es dem Hause glaube, daß jeder Entwurf von diesen verschie-
recht und billig ist, in entscheidenden Fragen denartigen Länderrechten ausgehen muß und daß
selbst die Initiative zu ergreifen, wenn es dies man vielleicht tatsächlich besser fährt, wenn
zu ihrer Lösung nach Beurteilung der Lage für jedes einzelne Land auf seine Weise sein beson-
notwendig hält. Ich möchte Sie nur darum bitten, deres Problem löst. Ich glaube aber, daß wir
diesen Brauch bei Ihnen vielleicht einmal unbe- über diese Dinge am schnellsten hinwegkommen,
quemen Gesetzentwürfen der Opposition durch- wenn wir dem Antrag entsprechen, der bereits
zuhalten und auch dann einmal einen Gesetzent- gestellt worden ist, und dem Ausschuß Gelegen-
wurf nicht nur hier zu erörtern, sondern voran heit geben, sich an Hand der Angaben des Bun-
zutreiben, wenn in anderen Fragen als denen der desinnenministeriums mit dem in den Ländern
politischen Säuberung die Initiative aus der Mitte u
geschaffenen oder noch zu schaffenden Rechtsz
des Hauses und nicht von der Regierung kommt. stand zu beschäftigen. Es wird dann Sache des
Ich meine Sie, die Sie uns einst hier nahegelegt Hauses sein, zu entscheiden, ob die so geschaffene
haben, auf sehr wesentliche Dinge so lange zu Rechtslage wirklich das Ende der politischen Säu-
warten, bis sie die Regierung von sich aus ge- berung bedeutet oder nicht.
boren hat.
Ich möchte gleich ein Beispiel herausgreifen. Wir haben hier heute eine geschichtliche Stunde
Der Herr Innenminister hat mit Fug und Recht erlebt; ich will es am Rande vermerken. Es war
gefordert, daß die notwendigen Ergänzungsge- der erste Tag, an dem ein Vertreter der Bayern-
setze zum Schlußgesetz über die politische Säu- partei dem Bund die Zuständigkeit der Sache
berung nun wirklich kommen; und er hat gesagt, nach zuerkannt hat. Ich will hoffen, daß Herr
Dr. Etzel dafür in Bayern nicht etwa gehängt
daß dazu unter anderem die Einrichtung des wird, weil er hier in einer sehr wesentlichen
Bundesverfassungsgerichtshofes gehöre. Ja, meine
Damen und Herren, wir haben aber doch bereits Sache ein sehr wichtiges bayerisches Prärogativ
den Gesetzentwurf der Sozialdemokratischen Par- fahrlässigerweise preisgegeben hat.
tei vorliegen! Was hätte denn dieses Haus daran (Heiterkeit.)
gehindert, längst im Besitze dieses für die Siche-
Ich möchte eine zweite Hoffnung daran knüpfen,
rung des Rechtsfriedens und der Verfassungs-
mäßigkeit notwendigen Instituts zu sein, - wenn und zwar die Hoffnung, daß auch dann, wenn
es vielleicht nicht ein ganz klein wenig um die
nicht dies, daß wir auf die Regierungsvorlage war- große Zahl der Stimmen der Betroffenen geht,
ten? sondern wenn es um ein echtes Lebensanliegen
(Zustimmung bei der SPD.) der Nation etwa auf wirtschaftspolitischem Ge-
Was hätte uns gehindert, den sozialdemokrati- biet geht und vielleicht einmal die Interessen der
schen Entwurf, der hier die erste Lesung passiert Länder und die des Bundes aneinandergeraten
hat, so weit zu fördern, daß wir heute schon über könnten, die Bayernpartei soviel Einsicht hat
dieses Gericht verfügten, statt nur darüber zu und sich nicht hinter den Buchstaben des Grund-
debattieren, wenn nicht dieses Warten auf die gesetzes verschanzt,
Regierungsvorlage? (Zuruf rechts)
(Erneute Zustimmung bei der SPD.) sondern sagt: in dieser Sache handelt es sich um
Das ist immerhin auch eine Lehre aus der heu- einen Lebensanspruch des deutschen Volkes, und
tigen Debatte. wir werden, getreu unserem bei der Entnazifi-
Es wäre von Interesse, daß nicht nur der Herr zierung erstmalig geschworenen Eid, auch künf-
Innenminister, sondern gerade auch im Hinblick tig zur Bundesfahne stehen und dem Bund
auf die Fraktionsgemeinschaft der Herr Bundes- lassen, was des Bundes ist.
1346 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Erler)
Für den Ausschuß habe ich noch eine Bitte. Ich Was sollte die Säuberung in den Jahren nach
richte sie an den Herrn Innenminister. Um einen 1945 erreichen? Sie sollte nationalsozialistische
klaren Einblick in die Bedeutung jener gesetz- Einflüsse auf, Politik, Kultur und Wirtschaft aus-
lichen Regelung dieses schwierigen Gebietes zu schalten und die Verantwortlichen je nach dem
gewinnen, möchten meine Freunde bitten, daß Grad ihrer Verantwortlichkeit mit einer gewissen
dem Ausschuß, der sich jetzt mit diesen Fragen Sühne zum Ausgleich für den angerichteten
zu befassen hat, für das gesamte Bundesgebiet Schaden belegen. Außerdem war daran gedacht,
die gleichen Zahlen vermittelt werden, die be- durch die Ausnutzung von Beziehungen zum ver-
reits für die amerikanische Zone vorliegen, damit gangenen Regime erlangte Vermögensvorteile
man sehr plastisch einmal sieht, wieviel Per- und Sonderprofite den so Begünstigten wieder
sonen eigentlich unter die verschiedenen Möglich- zu entziehen. Ich mache gar kein Hehl daraus:
keiten einer solchen gesetzlichen Regelung fallen. alle diese drei Aufgaben hat das Säuberungs-
Sonst würde der Ausschuß sehr arg ins Blaue verfahren nicht gelöst. Ich möchte aber bemer-
hinein diskutieren. ken, um irgendwelchen Entstellungen von An-
fang an entgegenzutreten, daß im Jahre 1946 alle
Nun scheint mir noch eines in diesem Zu- politischen Parteien, und zwar auch die Freie
sammenhang wichtig. Ich glaube, man kann über Demokratische Partei, sich positiv zu dem damals
die ganze Frage der politischen Säuberung nicht geschaffenen Säuberungsrecht eingestellt und an
reden, ohne daß man an den Anfang doch die seiner Durchführung mitgewirkt haben.
Frage der politischen Verantwortung stellt. Das
ist kein strafrechtlicher Tatbestand, den die Säu- Zwei Beispiele, meine Damen und Herren, weil
berung zu würdigen hat. Es war von Anfang an Sie vorhin so temperamentvoll dazawischengeru-
in diesem Falle nun wirklich ohne jeden Um- fen haben, als seien Sie im Jahre 1946 die be-
fall — die konsequente Linie aller Sprecher der geisterten Verfechter von der anderen Seite der
Sozialdemokratischen Partei, bis in die Länder Barrikaden gewesen. Das Säuberungsgesetz im
hinein sich den Bemühungen zu widersetzen, die Lande Württemberg-Baden trägt die Unterschrift
auch von alliierter Seite immer wieder vorge- des demokratischen Ministerpräsidenten Reinhold
tragen wurden, den Säuberungsgesetzen einen Maier. Das ist der Tatbestand Nr. 1. Der Tatbe-
strafrechtlichen Charakter zu geben. Es handelt stand Nr. 2 ist noch viel interessanter. Ich habe
sich um Tatbestände vollkommen anderer Art, hier eine Zeitung vom 28. Juni 1946. Sie ent-
und der entscheidende Tatbestand ist doch — hält die Abschiedsrede eines der Demokratischen
und zwar gerade bei den Hauptschuldigen, denen Partei angehörenden Landrats. Er hat damals
nach der Meinung der Nationalen Rechten ja über seine Tätigkeit berichtet und nicht ohne
auch die Wohltaten eines Schlußstriches zugute Stolz darauf hingewiesen, daß er im Zuge der
kommen sollten — der der politischen, nicht der politischen Säuberung seiner Behörde von ins-
kriminellen Mitverantwortung für einige Millio- gesamt 11 vorhandenen Beamten dort 7 entlas-
nen Tote, für einen zweiten Weltkrieg, für 7 Mil- sen habe. Dann heißt es unter anderem auch, daß
lionen vertriebene Deutsche, für unsere zerstörten nach seinem Urteil die Entnazifizierung nach dem
Städte. Das läßt sich doch nicht durch einen Feder- Gesetz Nr. 8 sowohl gerecht als auch versöhnlich
strich ausradieren. Das ist da, und daran werden gewesen sei;
diese Menschen bis an ihr Lebensende vor sich (Zuruf links: Aha!)
selbst und erst recht im Angesicht des deutschen fast 500 Fälle seien bearbeitet worden — der
Volkes zu tragen haben. Darüber hilft ihnen auch Mann selbst war offensichtlich daran nicht unbe-
keine Amnestie hinweg. teiligt —, und beim Aufbau der Spruchkammer
(Beifall bei der SPD.) habe er, dieser Landrat, tatkräftig mitgewirkt. Ich
möchte das deshalb sagen, weil dieser Landrat —
Denjenigen, der mit dieser Mitverantwortung be- dem ich gar keinen Vorwurf daraus mache, dem
lastet ist, können Sie gar nicht reinwaschen, und ich aber einen Vorwurf daraus mache, daß er
wenn tausend Paragraphen das Gegenteil be- heute hier eine völlig andere Rede gehalten hat
inhalten würden. — Euler heißt.
Und nun zu einem anderen. Auch die Sozial- (Heiterkeit links. - Zurufe und Unruhe.)
demokratische Partei ist der Meinung, daß ein
Schlußstrich unter das ganze Kapitel der politi- Es ist unbestreitbare Tatsache, daß die vielfältig-
schen Säuberung gezogen werden muß. Die Er- sten, uns allen sehr unerwünschten Einflüsse sich
fahrung hat sehr eindeutig bewiesen, daß die auf die Durchführung des Säuberungsverfahrens
Lösung einer politischen Frage mit juristischen nachteilig ausgewirkt haben. Unbefugte Einflüsse
Mitteln nicht möglich war. Man kann mit Frage- gingen bis zu alliierten Dienststellen hinauf, die
bogen keine Revolution nachholen. Das deutsche die sogar nach dem Wortlaut des Gesetzes viel-
Volk kommt an einer wichtigen Tatsache -
nicht leicht möglichen gerechten Ergebnisse in ihr Ge-
vorbei, die auch heute anscheinend wieder ver genteil verfälscht haben. Die Praxis der Spruch-
gegessen wird: daß es die Befreiung von National- kammern war örtlich außerordentlich unter-
sozialismus und Militarismus — so lautet ja der schiedlich. Die Eingriffe der Militärregierungen
Titel des Gesetzes in der amerikanischen Zone — trieben diese Verschiedenheit noch weiter. Im
gar nicht diesem im Jahre 1946 erlassenen Ge- zeitlichen Verlauf seit 1945 stellte sich heraus,
setz verdankt und auch nicht seinem eigenen daß mit dem immer größeren Abstand vorn Jahre
Wirken verdankt leider Gottes nicht —, son- 1945 die Entscheidungen auch gegen politisch sehr
dern die Befreiung vom Nationalsozialismus und verantwortliche Persönlichkeiten des Dritten
Militarismus verdanken wir, ob es uns gefällt Reiches immer milder wurden. Sie hielten keinen
oder nicht, dem Zusammenbruch des national- Vergleich mehr aus mit den ersten Entscheidun-
sozialistischen Staates durch den konzentrischen gen gegen unter Umständen recht harmlose Mit-
Angriff der alliierten Heere. Das ist eine sehr läufer.
reale Tatsache. Damit müssen wir uns abfinden, Schon um, dieser Ungerechtigkeiten willen, die
.und daraus muß man dann auch gewisse Kon- den Grundsatz der Gleichheit vor dem Recht ver-
sequenzen ziehen. letzen, muß eine Bereinigung dieser Materie
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1347
(Erler)
kommen. Das ist auch uns völlig klar, auch noch ner vor einem deutschen Gericht zur Verantwor-
aus einem anderen Grunde. Im Jahre 1945 war tung zu ziehen, die an der hochverräterischen
die Nationalsozialistische Partei wirklich atomi- Festigung der Macht Hitlers im Frühjahr 1933
siert. Statt durch eine Art revolutionären Zu- aktiv teilgenommen haben.
packens die Partei ihrer Häupter zu berauben, (Sehr richtig! bei der SPD.)
hat die schwerfällige Maschinerie der politischen Der Weg vom Kaiserhof zur Reichskanzlei be-
Säuberung dazu beigetragen, den früheren Na- gann zwar mit einer ordnungsmäßigen Berufung
tionalsozialisten ein Maß von Zusammengehörig- durch den Reichspräsidenten. Er führte dann
keits- und Solidaritätsgefühl einzuflößen, das sie aber doch weiter, und zwar über den Reichstags
zu einem großen Teil nicht einmal während des brand und die verfassungswidrige Inhaftierung
Dritten Reiches gehabt haben. von Abgeordneten zu einer ganzen Serie weiterer
(Sehr richtig! bei der FDP.) Verfassungbrüche. Die überlebenden Mitwir-
Wird dieser Sachverhalt in seiner ganzen Trag- kenden jener hochverräterischen Handlungen ha-
weite erkannt, dann muß daraus auch der not- ben nie unter der Anklage des Hochverrats vor
wendige Schluß auf entschiedene Beendigung der einem deutschen Gericht gestanden. Zu ihnen
Säuberungsverfahren hergeleitet werden. Man gehören Schacht, Papen, von Schröder und wie
kann nicht lange Jahre hindurch einen erheb- sie alle heißen.
lichen Teil des ganzen Volkes mindestens äußer- (Zustimmung bei der SPD.)
lich — in der Praxis ist es ja gar nicht so —
als Staatsbürger minderen Rechts behandeln. Wir Die Nürnberger Kriegsverbrechertribunale haben
wollten schon bei unserer Haltung zu den von sich nur damit beschäftigt, was jene Männer und
den Alliierten gewünschten kriminellen Tatbe- viele andere dazu im Ausland oder an Auslän-
ständen des Säuberungsrechts darlegen, daß bei dern verübt haben. Was für ein Maß an Schuld
der Beurteilung politischer Tatbestände nicht die sie dem deutschen Volk gegenüber auf dem
Maßstäbe des gemeinen Rechts anzuwenden seien. Gewissen haben, ist dort nicht zur Sprache ge-
kommen.
Aber nun kamen die Verfahren. Wie sollte man
all die verschiedenen Motive erforschen, welche Solange nun solche Männer durch die bisherige
die große Masse der Mitglieder der NSDAP in Gesetzgebung nicht zur Rechenschaft gezogen
die Partei hineingebracht haben? Ein großer Teil werden konnten, darf man nicht das große Heer
unseres Volkes bejahte das Regime aus Irrtum, der politisch ihnen doch nur folgenden Menschen
andere aus Verblendung, andere aus Profitsucht, weiterhin in die Säuberungsgesetzgebung einzu-
andere deshalb, weil andere, klügere Köpfe, wie fangen suchen. Das ist ein Widerspruch in sich.
zum Beispiel der Herr Schacht, offensichtlich auch Es wäre eine Aufgabe gewesen, den Nutznießern
mittaten, andere aus Bequemlichkeit und — des Dritten Reiches ihre Beute wieder abzujagen.
nicht zu vergessen ein nicht unerheblicher Ich gebe zu, es war nicht einfach, den Nutz-
Teil auch wirklich aus echtem Idealismus, in der nießer so zu definieren, daß nicht neben dem
irrigen Meinung, durch aktive, anständige Mit- Schuldigen auch der Unschuldige gepackt wor-
arbeit an dieser Bewegung könne man für unser den wäre. Aber mit gutem Willen hätte dieses
Volk etwas Nützliches und sozial Ersprießliches Problem angepackt werden können und müssen,
wenn es nicht gerade die Profiteure des Dritten
tun. Diese verschiedenen Beweggründe sind einer Reiches gewesen wären, die sich beizeiten durch
prozessualen Erforschung überhaupt nicht zu-
gänglich. Man kann dem Menschen nicht ins Herz ihre aktive Tätigkeit und ihre angebliche Sach-
kunde in der Wirtschaft von heute des Schutzes
sehen. Man muß bei einem solchen Versuch in einflußreicher alliierter und anderer Stellen ver-
äußeren Indizien steckenbleiben, wie oft etwa der sichert hätten. Ich könnte Ihnen hierfür eine
Hitlergruß erwiesen oder die Kirche besucht
ganze Reihe von Beispielen aus meinem eigenen
wurde. Hat nicht jeder Nazi seinen Renommier- Lande und auch aus anderen Zonen benennen.
juden gehabt, mit dem er vor der Spruchkammer Auch hier gilt der Spruch, daß man nicht den
beweisen konnte, daß er im Grunde seines Her- kleinen Nationalsozialisten anfassen darf, solange
zens doch ein anständiger Mensch gewesen ist? sich der Nutznießer noch seiner Beute erfreut.
Noch viel schlimmer wäre es, wenn wir dazu Wir haben nur die eine Hoffnung — und hof-
übergehen würden, wie es vielerorts leider Got-
tes geschehen ist -- und auch gerade in der fentlich tun Sie dabei dann einmal mit uns einen
guten Schritt nach vorwärts —, daß die kom-
Ostzone bis zum heutigen Tag geschieht —, das mende Lastenausgleichsgesetzgebung der Frage
Verhalten nach 1945 nun etwa als Beweis für
eine nationalsozialistische oder nichtnationalsozia- der Kriegs- und Rüstungsgewinne ihre ganz be-
- sondere Aufmerksamkeit zuwendet. Wir werden
listische Vergangenheit anzusehen. Es sind man-
cherlei Einflüsse auch auf alliierter Seite spürbar das Unsere dazu tun.
geworden, wonach besondere Willfährigkeit aliier (Bravorufe links.)
ten Dienststellen gegenüber mit einem entspre- Das Säuberungsgesetz hat einen populär ge-
chend milden Säuberungsurteil belohnt wurde. wordenen Begriff geschaffen, den des Mitläufers.
Man sollte nach Möglichkeit ohne weiteres aner- Es handelt sich hierbei um die große Masse jener
kennen, daß es gilt, auch diesen Dingen auf den individuell wirklich harmlosen Personen, die sich
Grund zu gehen. infolgedessen auch keinerlei Schuld bewußt sind
Daß die wirklichen Verbrecher vor die ordent- und die es nahezu als Verfolgung empfinden,
lichen Gerichte gehören, ist unbestrittene Mei- wenn sie überhaupt mit einem Spruchkammer
nung aller. Deshalb bedauern wir es — und das verfahren in Berührung gekommen sind. Aber
ist heute noch nicht ausgesprochen worden —, gerade durch ihre Masse haben sie kollektiv das
daß die Alliierten durch das Kontrollratsgesetz Dritte Reich immerhin erst ermöglicht und am
Nr. 11 vom 30. Januar 1946 die Hochverratspara- Leben gehalten. Auch wir sind dafür, durch
graphen 80 bis 94 des deutschen Strafgesetzbuchs einen rückhaltlosen Schlußstrich die Mitläufer
aufgehoben haben. Damit ist uns Deutschen die keinen weiteren Beschränkungen mehr zu unter-
Möglichkeit genommen worden, alle jene Män- werfen.
1348 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Erler)
Einen Hinweis muß ich mir hier gestatten, Präsident Dr. Köhler: Herr Abgeordneter, Ihre
nämlich den, daß Angehörige der führenden In- Redezeit ist gleich, um!
telligenzschicht aus Kultur, Wirtschaft, Wissen-
schaft und Politik, die sich bei der Spruchkammer Erler (SPD): Auch diesem Teil der jungen Ge-
so sehr darum bemüht haben, als Mitläufer ein- neration, der von nicht zu unterschätzender Be-
gestuft zu werden, sich doch eigentlich ein klein deutung für das Werden unseres künftigen
wenig schämen müßten, bei dieser bösen Sache Staatsgefüges ist, muß das Gefühl der bisher auf
mitgelaufen zu sein. ihm lastenden Diffamierung genommen, muß der
Weg in die volle staatsbürgerliche Gleichberechti-
(Sehr gut! bei der SPD.) gung freigemacht werden.
Wer mitläuft, kann nicht führen! Das eine oder So sehr wir also mit dem Grundgedanken, auf
das andere! Wir wollen keine neuen Gesetze for- rechtliche Weise die politische Säuberung zu be-
dern. Wir glauben aber, daß jene Mitläufer, die enden, einverstanden sind, sowenig können wir
wir hier im Auge haben, aus politischem Anstand unsere ernstesten Bedenken gegen den vorliegen-
darauf verzichten sollten, an irgendeiner Stelle den Entwurf der FDP unterdrücken. Wir
unseres öffentlichen Lebens je wieder einen Füh-
können uns nicht vorstellen, daß es keine Bit-
rungsanspruch zu erheben.
terkeit für viele Hunderttausende von Betroffe-
(Sehr wahr! links.) nen auslösen würde, wenn sie erfahren müßten,
Es gibt zwei große Menschengruppen, die bei daß jetzt auch Hauptschuldige, die sich bisher im
der politischen Säuberung außer jedem Verhält- Verborgenen hielten, keine Sühne zu leisten ha-
nis zu anderen Schichten der Bevölkerung hart ben, während die kleinen Mitläufer bereits ihre
angefaßt worden sind. Das eine ist die Beamten- Sühne hinter sich haben. Das geht nicht.
schaft. Auf den öffentlichen Dienst konzentrierte Wir werden bei den Ausschußberatungen darauf
sich ja zu Beginn die Aufmerksamkeit sowohl der hinwirken, daß die Grundsätze der Abschlußge-
deutschen als auch der alliierten Säuberungsbe- setze einiger Länder der amerikanischen Zone,
hörden. Es wurden Maßnahmen verlangt, die bei die uns vernünftig erscheinen, mit hineingearbei-
vollkommen gleichartiger politischer Vergangen- tet werden.
heit in keinem Verhältnis zu den Maßnahmen (Glocke des Präsidenten.)
gegenüber Angehörigen anderer Berufe standen.
Außerdem. wurde wenig Rücksicht darauf genom- Wir vermissen in dem Gesetzentwurf auch die
men, daß die Beamtenschaft während des Dritten Schaffung einer Revisionsmöglichkeit für diejeni-
Reiches unter einem viel stärkeren politischen gen Fälle, die bereits nach Gruppe I und II ent-
Druck stand als jeder andere Beruf. schieden worden sind. Es wäre ein Verstoß gegen
die Rechtsgleichheit, wenn man Urteile aus dem
Die zweite Schicht ist die der jungen Menschen Jahre 1946 auch jetzt noch nach diesen Schluß-
in den Jahrgängen von 1913 ab. Die Jugend- gesetzen in Kraft ließe, während jedermann
amnestie hat ja nur die Jahrgänge von 1919 ab weiß, daß dieselbe Angelegenheit im Jahre 1948
erfaßt. Von der ersten Stunde ihres neuen öffent wesentlich anders beurteilt worden wäre. Ich
lichen Wirkens seit 1945 an hat die Sozialdemo- schließe mich also dem Antrag an, daß der Ge-
kratische Partei gefordert, daß die Jahrgänge ab setzentwurf der FDP dem Ausschuß überwiesen
1913 in jeder Weise von der politischen Säube- wird.
rung ausgenommen werden.
Aber ich bitte das Haus, und zwar sehr ein-
(Widerspruch rechts.) dringlich, dem Antrage der Herren Abgeordneten
Man kann die Menschen, die 1933 noch nicht Dr. Richter und Genossen schlicht die Zustim-
wahlberechtigt waren, nicht für das Entstehen mung zu versagen. In dieser Form geht es wirk-
des Dritten Reiches verantwortlich machen. lich nicht. Der Antrag bedeutet praktisch nicht
(Zustimmung bei der SPD.) einen Schlußstrich unter die bisherige Entnazifi-
Eine viel größere Verantwortung trifft die ältere zierung, sondern er bedeutet eine Ermunterung
Generation, die Eltern, die Schulhäuser, die ge- für die Zukunft. Wir müssen doch auch sehen,
samte politisch erhitzte Atmosphäre der Jahre aus welchem Lager diese Dinge kommen. Der
bis 1933. Gewiß, aus diesen Jahrgängen ist eine Herr Abgeordnete Dr. Richter spricht hier in be-
ganze Anzahl von wirklich aktiven National- merkenswerter Weise von Völkerrechtswidrig-
sozialisten hervorgegangen. Aber war das so ver- keiten.
wunderlich? Hat es nicht sehr viele Menschen (Zuruf rechts: Natürlich sind sie das!)
gegeben — und es waten nicht die schlechte- Dabei mache ich Sie auf eines aufmerksam, und
sten —, die bis zum Ausbruch des Krieges und das ist folgendes: Wenn ich Ihren Standpunkt
darüber hinaus wirklich geglaubt haben, der akzeptiere, daß die Alliierten im Jahre 1945 nicht
Nationalsozialismus sei eine gute Sache und - wür-
zur Änderung der deutschen Gesetzgebung be-
de dem deutschen Volke einen Aufstieg in wirt- rechtigt waren, dann gilt das ganze Nazirecht
schaftlicher Blüte und sozialer Gerechtigkeit brin- weiter, dann haben Sie sich eines Verstoßes ge-
gen? Kann man jener jungen Generation einen gen das Gesetz gegen die Neubildung politischer
Vorwurf daraus machen, daß sie, die bewußt in Parteien schuldig gemacht und haben zu Recht im
Unkenntnis über die größeren politischen und Zuchthaus zu sitzen und nicht hier. Seien Sie
wirtschaftlichen Zusammenhänge gelassen wurde, sich über diese Konsequenz klar! Oder aber es
der die Erfahrungen und Kenntnisse der älte- ist umgekehrt - das wäre eine andere Möglich-
ren Generation fehlten, sich von der äußeren Fas- keit, die ja nicht ausgeschlossen ist; ich weiß es
sade blenden ließ? Es müssen sehr viele anstän- nicht —, dann sind Sie der einzige legitime
dige Menschen positiv auch im nationalsozialisti- Rechtsnachfolger der NSDAP, und dann gehören
schen Staat und seinen Organisationen mitgear- die anderen alle ins Zuchthaus. Eins von beiden
beitet haben. Sonst hätte der Nationalsozialismus nur ist möglich.
bei allem seinem Terror gar nicht so lange be- (Lachen und Zurufe rechts. — Zustimmung
bestehen können. bei der SPD. — Zuruf: Den Schnurrbart
(Glocke des Präsidenten.) trägt er ja schon! — Heiterkeit links.)
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1349
(Erler)
Ich bedaure, daß die Vereinbarungen, die wir Erler (SPD): Wir haben das Dritte Reich über
getroffen haben, und der Lauf der Debatte, die uns ergehen lassen müssen, weil wir nicht vor
sehr aufschlußreich und instruktiv war, es mir 1933 die Voraussetzungen dafür geschaffen haben,
nicht gestatten, noch auf einige. andere sehr we- daß die Heere der Arbeitslosen und der anderen
sentliche Tatbestände hinzuweisen. Aber einen Verelendeten in Lohn und Arbeit gebracht wur-
Tatbestand möchte ich auf alle Fälle herausgrei- den. Das war die soziale Ursache für das Dritte
fen. Das ist der Tatbestand, der jetzt durch die Reich. Ich fürchte, daß uns die schönsten Ge-
öffentliche Debatte über das Hedler-Urteil und setze nichts nützen, wenn wir nicht durch eine
einige andere Dinge die gesamte deutsche und konsequente Wirtschafts- und Sozialpolitik dafür
Weltöffentlichkeit beschäftigt. Die Ausführungen sorgen, daß ähnliche Krankheitsherde nicht wie-
des Herrn Bundesinnenministers zu dieser Frage, der große Massen des deutschen Volkes in die
so vielversprechend sie am Anfang zu klingen politische Radikalisierung treiben. Dafür müssen
schienen, sind für uns doch nicht ausreichend. Es wir gemeinsam wirken. Dann bedeutet der
wird Aufgabe des Hohen Hauses sein, Vorkeh- Schlußstrich unter die Entnazifizierung endgültig
rungen dagegen zu treffen, daß der Schlußstrich einen Schlußstrich unter eine böse, böse Etappe
unter die politische Säuberung nicht gleichzeitig unserer Vergangenheit.
zum Beginn der Renazifizierung wird. Das be- (Lebhafter Beifall bei der SPD.)
deutet aber nicht nur Abwehr durch Gesetze ge-
gen bestimmte Persönlichkeiten, das bedeutet Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat Herr Abge-
weiterhin auch Sauberhaltung der öffentlichen ordneter Dr. Reismann.
Verwaltung von derartigen Einflüssen.
(Zuruf von der SPD: Euler!)
(Zustimmung bei der SPD.) - Es geht der Reihe nach.
Das ist eine Frage der Personalpolitik. Das be-
deutet, daß nicht etwa all jene dunklen Geister Dr. Reismann (Z): Meine sehr verehrten Damen
der Vergangenheit glauben, sie müßten jetzt, und Herren! Bei den Ausführungen, die zum
nachdem sie 1945 ihre Stätte feige im Stich ge- Punkt Entnazifizierung gemacht wurden, mußte
lassen haben, bald wieder dort sitzen, wo inzwi- ich mich an die Hunderttausende von SA- und
schen wirklich sehr viele tatkräftige Männer den SS-Leuten erinnern, die auf höheren Wink bereit
Karren einigermaßen aus dem Dreck gezogen waren, in jedes Haus einzudringen, jeden Mann
haben. zu verprügeln, zu verschleppen, totzuschlagen,
(Lebhafte Zustimmung bei der SPD.) und an ihre Führer, die auf den Knopf drückten,
Das sind die Grundsätze, die wir verankert sehen damit das geschah. Da mußte ich mich an die
möchten. Tage um den 9. November 1938 erinnern, an die
Wir wünschen auch nicht, daß etwa mit dem Kristallnacht. Da mußte ich mich an die Leute
Gedanken gespielt wird, die Wiedergutmachung erinnern, die sich nicht geniert haben, die Plätze
an den Opfern der Entnazifizierung, wie sie sich derer einzunehmen, die wegen ihrer politischen
heute hinstellen, eher vorzunehmen als die Wie- Gesinnung aus ihren Ämtern verdrängt wurden.
dergutmachung an den echten Opfern der natio- Da habe ich mich vor allen Dingen an die er-
nalsozialistischen Verfolgung. Dieser Pflicht sollte innern müssen, die wegen ihrer politischen Ge-
sich das deutsche Volk nun wirklich zuerst be- sinnung, und ohne daß sie irgend etwas Böses
wußt werden. Das ist weiter eine der Forderun- getan hatten, zu Tode gefoltert worden sind. Bei
gen, die wir vorzubringen haben. der Erörterung dieser Frage gebührt das erste
Gedenken diesen Leuten, die die Opfer des
Präsident Dr. Köhler: Herr Abgeordneter, ich Nationalsozialismus geworden sind,
muß Sie nun in aller Form bitten, Ihre Ausfüh- (Lebhafter Beifall beim Zentrum und links)
rungen zu beenden. Sie haben die Redezeit um und den Leuten, die mutig bereit waren, damals
vier Minuten überschritten. Alle anderen Abge- für die Demokratie einzustehen, nicht denen, die
ordneten halten sich auch an die Redezeit. aus Schwäche hinter anderen hergelaufen sind.
Da muß ich sagen: wenn wir damals gewußt
Erler (SPD): Ich komme zum Schluß und sage hätten, daß all die eben genannten Leute der
eines. Das Dritte Reich hat Deutschland nicht NS-Organisationen bloß Mitläufer und Gepreßte
zum Letzten erleben müssen, — — waren, die alle nur darauf warteten, auf irgend-
(Zurufe: Lautsprecher!) eine Art und Weise den armen verfolgten Anti-
-- Der ist e mir abgestellt worden, weil meine nazis helfen zu können, dann hätte sich das
Redezeit fast zu Ende ist. Leben leichter ertragen lassen.
(Sehr richtig! beim Zentrum und links.)
Präsident Dr. Köhler: Nein, Sie sind im Irrtum. Leider haben sie das erst jetzt zu verstehen
Das muß ein technischer Fehler in der Einrich- gegeben. Ich meine, man kann darüber doch
tung sein. Ich habe gar nichts hier abgestellt. nicht einfach hinweggehen und bloß die be-
Erlauben Sie einmal! dauern, die bei den Unebenheiten der Entnazifi-
(Heiterkeit.) zierung unter die Räder gekommen sind.
Wie können Sie mir so etwas unterstellen? — Kein Mensch wird behaupten, daß bei der Ent-
Hören Sie doch, der Lautsprecher geht wieder nazifizierung alles in Ordnung sei. Jedes mensch-
ausgezeichnet. Probieren Sie es bitte! liche Ding ist unvollkommen. Aber es ist längst
(Erneute Heiterkeit.) nicht so schlimm, was gegen die Nationalsozia-
listen geschehen ist, als das, was mit ihrer Hilfe
getan worden ist. Daß muß jetzt einmal gesagt
Erler (SPD): Wir haben uns halt beide geirrt.
werden.
Präsident Dr. Köhler: Nein, ich nicht! Ein Prä- (Zustimmung beim Zentrum und links.)
sident kann sich nie irren. Im übrigen: das verdanken sie doch dem
(Große Heiterkeit.) Führer, was ihnen geschehen ist! Sie und ihr
1350 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Reimann)
Oberosaf haben das deutsche Land, das deutsche erheblich sind. Erfolg: die Vorlage muß zunächst
Volk und den deutschen Staat in einem Zustand einmal den Weg aller Finanzvorlagen passieren.
zurückgelassen, daß wir gar nicht verantwortlich Und bei allem Respekt, Herr Präsident, vor Ihrer
für das sind, was ausgerechnet früheren Trägern Unfehlbarkeit, von der ich soeben vernommen
der Macht geschehen ist. Das muß hier voraus- habe, — ich fürchte, daß hier doch ein kleiner Lap-
geschickt werden, und darüber muß man sich sus unterlaufen ist, da die Vorlage nicht diesen
klar sein. Weg genommen hat und zum mindesten nicht
Letzten Endes muß man sich auch darüber klar darüber berichtet worden ist.
sein: wäre nicht die Entnazifizierung mit all (Abg. Euler: Das ist doch ein Witz,
ihren Fehlern so, wie sie die Alliierten angeord- Herr Reismann!)
net haben, gewesen, dann mögen sich die Be- — Ach, Herr Euler, Sie haben ja gleich Gelegen-
troffenen fragen, ob sie heute überhaupt noch heit zu sprechen. Wenn Sie nichts anderes dar-
lebten. Denn wenn das deutsche Volk auf diesem über zu sagen wissen, als daß Sie glauben, daß
Gebiete mit ihnen abgerechnet hätte *und wenn das ein Witz sei, dann würde ich an Ihrer Stelle
nicht dem strafenden Arm der Volkswut, „der überhaupt nichts sagen! Das ist zu billig!
kochenden Volksseele", wie man so schön sagte,
die Macht der Besatzung in die Arme gefallen Aber nun ein anderes: gerade die Stellung-
wäre, wäre es diesen Leuten viel schlechter er- nahme Ihres Fraktionskollegen, des Herrn Mi-
gangen. Es hält schwer, nach dem soeben von nisters Dehler, sollte auch dem Hause Anlaß zu
der rechten Seite des Hauses Gesagten über diese Bedenken geben; denn er hat uns mit überzeu-
Dinge zu sprechen, ohne bitter zu werden. Es genden Worten schon einmal dargelegt, daß der
fällt wirklich schwer, aber man muß sich be Bund für diese Frage gar nicht zuständig sei.
mühen, jede Sache, also auch diese, nüchtern und Das hat sein treffliches Ministerium sachverstän-
unvoreingenommen anzufassen. dig bekundet und sich da mit ihm in Überein-
stimmung befunden. Ich bin auch wirklich über-
Da wundert mich zunächst eines. Die Vorlage zeugt davon, daß das so ist; denn wir finden in
nennt sich Entwurf eines Gesetzes zur Beendigung Artikel 71 des Grundgesetzes, der abschließend
der Entnazifizierung. Sieht man es sich genauer und ausschließlich aufzählend die Zuständigkeit
an, so ist es ein Gesetz zur Amnestierung aller des Bundes regelt, die Entnazifizierung nicht
Nazis, nicht nur der kleinen, sondern aller Nazis. aufgeführt, sondern wir finden nur in Artikel 131
Man übersieht vielleicht auf seiten der Abgeord- etwas darüber, was hier nicht zur Debatte steht.
neten, die aus dem Süden Deutschlands, aus der Danach ist der Bund gar nicht in der Lage, eine
amerikanischen Zone kommen — wie es in der Abschlußregelung in dieser Frage zu treffen.
französischen Zone ist, weiß ich nicht —, daß
man dort mit ganz anderen Begriffen an die Ent- Aber auch aus materiellen Gründen wäre es
nazifizierung herangegangen ist als in der briti- höchst unzweckmäßig, so zu verfahren. Ich er-
schen Zone. Wenn bei uns in der britischen Zone innere doch daran — es ist eben schon einmal
3) einer in der Stufe III ist, dann ist er kein Mit- angeklungen daß in fast allen Ländern die
läu fer und kein kleiner Nazi, sondern dann hat Entnazifizierung sehr weit vorangeschritten ist,
er den Rang eines Kreisleiters oder mindestens daß sie in der größten Zahl der Länder materiell
eines Ortsgruppenleiters, schon erledigt ist. Was sollen wir denn jetzt noch
nachhinken, um etwas zu beenden, was wir nicht
(Zuruf: Stimmt nicht!)
angefangen haben? Wir haben im Lande Nord-
und das waren gerade, im Durchschnitt gesehen, rhein-Westfalen schon einmal eine Regelung ver-
die bösesten Elemente bei den Nazis; denn sie sucht, zu der uns die Militärregierung die Ge-
vollstreckten den Naziwillen zu hundertfünfzig nehmigung versagt hat. Darum soll die Entnazi-
und hundertachzig Prozent. Die sollen alle am fizierung auch unter der Verantwortung der aus-
nestiert werden, es darf sich keiner mehr urn sie ländischen Mächte, die damit angefangen haben,
kümmern, es dürfen keine politischen Folgerun- zu Ende gebracht werden. Die Unterschiede in
gen daraus gezogen werden. Und wie zart sind den verschiedenen Ländern sind so groß.. daß wir
sie bisher angefaßt worden! uns schon im Rechtsausschuß. unter Juristen. über
Ich komme aber damit meiner Meinung nach die Terminologie kaum noch verständigen konn-
schon zu sehr in die materielle Überlegung hin- ten. Der Begriff der Gruppe III ist in der ame-
ein. Ich schlage vor: Prüfen Sie zunächst einmal rikanischen Zone etwas ganz anderes als in der
die formalen Voraussetzungen genau. Da ver- britischen; er wird dort viel leichter gewogen als
weise ich auf § 48 a der kürzlich abgeänderten in der britischen. Das kann man doch nicht alles
Geschäftsordnung. Damals hat ein weiser über einen Kamm scheren!
von der rechten Seite diese Hauses gesagt,
daß dieser Paragraph auch dazu bestimmt sei,- den Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Anträgen, die von der Rechten, von den Regierungs- Meine Freunde und ich sind der Auffassung, daß
parteien kämen, einen Damm entgegenzusetzen. die Entnazifizierung bisher auch insofern schief
gelaufen ist, als man die Kleinen gehängt hat und
Da es sich hier um eine Amnestierung handelt, die Großen laufen ließ.
wonach alle Folgen, auch Geldstrafen, Bußen,
Kosten, fortfallen, so handelt es sich ohne Zwei- (Sehr richtig! im Zentrum und links.)
fel bei diesem Antrag um eine Finanzvorlage im Aber jetzt kommen gerade die Großen, und da
Sinne des § 48 a Absatz 2, da diese Vorlage in sollen wir auch, noch formal einen Schlußstrich
erheblichem Umfang geeignet ist, für Gegenwart ziehen? Es ist doch so: die haben sich verborgen
oder Zukunft auf die öffentlichen Finanzen ein- gehalten. Der kleine Postsekretär, der Lehrer
zuwirken. oder der Briefträger konnten sich nicht verbor-
(Zuruf rechts: Was?!) gen halten; aber die Leute, die jetzt im Schutze
Im gleichen Maße, in dem Sie behaupten, daß es der Amnestie aus den Mauselöchern kommen, die
notwendig sei, die Entnazifizierung abzuschließen, ihnen das ermöglicht, sollen jetzt großzügig von
da sie noch night abgeschlossen sei, müssen Sie den Schwierigkeiten befreit werden, die sie sich
zugeben, daß die Auswirkungen auf die Finanzen redlich verdient haben!
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1351
(Dr. Reismann)
Man spricht von der kriminellen Seite. Die (Sehr gut! bei der KPD.)
Kriminellen sollen verfolgt werden. Das ist nach Während des Krieges vernahmen wir, die wir gegen
12, 10 oder 9 Jahren nicht leicht, besonders bei Hitler im Kampfe standen, daß es die Absicht
der Praxis der Gerichte. Meine Damen und Her- der Alliierten sei, Deutschland nach dem Nieder-
ren, ich bin Anwalt und stehe nicht bloß als bruch des Hitlerregimes gründlich zu entnazifi-
Abgeordneter, sondern auch als Verteidiger im zieren, zu entmilitarisieren und zu demokrati-
öffentlichen Leben. Wenn es ein Belastungszeuge sieren. Man sprach damals davon, daß vor allen
wagt, gegen einen Nazi etwas zu sagen, findet Dingen diejenigen zur Verantwortung gezogen
sich morgen der zweite Nazi, der ihn belastet, werden sollten, die Hitler zur Macht verholfen
und übermorgen sieht sich der Belastungszeuge hätten. Sind diese Leute wirklich zur Verant-
einem Meineidsverfahren gegenüber! wortung gezogen? — Ich sage Nein. In West-
(Hört! Hört! im Zentrum und links.) deutschland wurden alle , demokratischen Maß-
WIT werden uns bei anderer Gelegenheit wohl nahmen gegen die Großgrundbesitzer und Mono-
noch über diese Zustände in der Justiz zu unter- polkapitalisten, die Hitler zur Macht gebracht
halten haben. Meine Damen und Herren, wir hatten, verhindert. Man versucht heute, die ganze
müssen im Rechtsausschuß einmal zur Sprache Schuld auf Hitler, auf Göring und noch einige
bringen, daß es Gerichte gibt, die Zeugenaus- Gauleiter abzuwälzen. Man muß aber nach den
sagen nach Abzählen und nicht nach Abwägen tieferen Ursachen forschen. Ohne die Unter-
zu bewerten geneigt sind, daß es Verfahren gibt, stützung der deutschen Schwerindustrie und auch
in denen die Verschwörergemeinschaft aus der Herr Euler! — der IG-Farben-Industrie wäre
damaligen Zeit genau so leicht oder hinsichtlich Hitler gar nicht zur Macht gekommen.
ihrer Zeugenaussagen sogar noch schwerer wiegt (Sehr gut! bei der KPD.)
als unbescholtene Zeugen; und wenn es sich auch Diese Leute wurden aber gebraucht, weil die
um einen Propagandaleiter handelt, der früher Westmächte Westdeutschland gar nicht befreien,
noch so oft gelogen haben mag, er wird behan- sondern ihren Interessen unterwerfen wollten.
delt wie irgendein anderer Zeuge, auch wenn es Sie wurden bei der sogenannten Neuordnung der
sich um Ent- oder Belastung früherer Nazis Industrie herangezogen. Man brauchte die Groß
handelt. grundbesitzer, um jene Wirtschaft des deutschen
Wir sind also der Ansicht — das darf ich zu- Reichsnährstandes fortzuführen. Dagegen wur
sammenfassend für meine Fraktion erklären —, den die kleinen Lohnkutscher, die Chauffeure,
daß der Bund für die Abschlußregelung der Ent- die kleinen Angestellten aus ihren Arbeitsstellen
nazifizierung nicht zuständig ist,. daß es sich hier hinausgeworfen. Die Großen gingen leer aus. Die
um eine Finanzvorlage handelt, die deswegen Generäle wurden sehr • milde behandelt. Man
nach den entsprechenden Vorschriften behandelt braucht diese Herren für die Remilitarisierung
werden muß, daß die Entnazifizierung in den Westdeutschlands zum Kampf gegen die fried
Ländern zum Abschluß gebracht werden muß und lichen und fortschrittlichen Kräfte in der Welt.
schließlich, daß man die kleinen Nazis laufen las- (Lachen und Zurufe.)
sen sollte, daß aber die Großen nicht durch einen
Generalpardon jetzt vor Toresschluß noch um die Wenn ich heute die Vertreter der CDU und
,;Früchte" ihrer Tätigkeit in der Nazizeit gebracht die Herren von der rechten Seite höre, dann
werden dürfen. kann ich nicht begreifen, daß Herr Abgeordneter
Gerstenmaier so starke Worte gegen die Nazis
Es wäre zu diesem Kapitel noch vieles zu sa- findet, während sein Kollege Sträter im Lande
gen, aber lassen Sie mich, da meine Redezeit zu Nordrhein-Westfalen sich bei jeder Gelegenheit
Ende geht, mit einem Hinweis schließen: Wir schützend vor die führenden Leute der Nazi-
sind nicht am Ende aller Tage, meine sehr ver- partei stellt.
ehrten Damen und Herren, und wenn wir jetzt (Sehr gut! bei der KPD. — Abg. Dr. Ger
weich werden gegenüber den Leuten, die das Un- stenmaier: Wir sind doch nicht gleichge
heil unserer Tage verschuldet haben, wo — so schaltet wie Sie und beziehen unsere Be
frage ich Sie — wollen Sie dann die Verteidiger fehle nicht von auswärts!)
unserer Demokratie finden, wenn sie wieder ein
mal angefochten wird? Ich erinnere nur an das Urteil gegen die Gestapo-
Henker Redemeier und Kaufmann in Bielefeld.
(Sehr richtig! im Zentrum und links.)
Die Arbeiter und die Gewerkschaften haben mit
Saat sich dann nicht ieder, meine Damen und Recht gegen dieses Urteil demonstriert. Und was
Herren: es ist schon viel besser, mitzulaufen und tritt ein? Der Herr Justizminister Sträter, ein
sich hinterher entnazifizieren zu lassen und- einen führender Mann der CDU und Herausgeber der
Strich unter die Sache machen zu lassen? „Westfalenpost", ordnet eine strafrechtliche Un-
(Sehr gut! im Zentrum und links.) tersuchung gegen die Gewerkschaftsführer und
Das alles müssen Sie dabei bedenken. Ich bin gegen Redakteure an.
für eine totale Ablehnung beider Anträge, nicht (Hört! Hört! bei der KPD.)
für Verweisung an einen Ausschuß. Genau so wie im Falle des Herrn Schacht, wo die
Arbeiter in Düsseldorf nicht duldeten, daß dieser
Präsident Dr. Köhler: Ich danke dem Herrn Herr dort sein Unwesen trieb!
Abgeordneten für die Einhaltung seiner Redezeit. (Zuruf rechts.)
Als nächster hat das Wort Herr Abgeordneter In welchem Gegensatz stehen Ihre Worte, Herr
Paul. Gerstenmaier, zu jenen „Taten" des Herrn
Paul (KPD): Meine Damen und Herren! Das Sträter!
Entnazifizierungsproblem, welches nun schon seit (Abg. Dr. Gerstenmaier: Wir sind ein freier
einigen Jahren in Deutschland geistert, kann nicht Bund freier Männer und nicht gleichge
losgelöst von der Frage der Verantwortlichen für schaltet wie Sie! Wir tanzen nicht auf
das faschistische Terrorsystem betrachtet werden. Kommando!)
1352 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Paul)
- Ach, das ist ein billiges Vergnügen, was Sie den Entnazifizierungsausschüssen ausgetreten,
sich hier leisten! weil wir diesen Schwindel nicht mehr mit-
(Abg. Dr. Gerstenmaier: Das ist kein machen wollten. Wir wollen keine Verfolgung
billiges Vergnügen, sondern nackte der kleinen Leute. Wir wünschen, daß die poli-
Wahrheit!) tisch Verantwortlichen zu r Verantwortung ge-
Oder denken Sie an Herrn Lehr, der hier in die- zogen werden, das heißt, daß in erster Linie die
sem Hause sitzt und der im Parkhotel als Ober- Monopolkapitalisten und Junker entmachtet und
bürgermeister der Stadt Düsseldorf Hitler enteignet werden und daß darüber hinaus die
empfing! Verbrecher gegen die Menschlichkeit, die Gesta-
po-Henker und Gauleiter dorthin befördert wer-
(Hört! Hört! bei der KPD.) den, wohin sie gehören. Wir wünschen deshalb
Heute ist er Abgeordneter der CDU in diesem eine baldige Beendigung der Entnazifizierung,
Hause, und er hätte beinahe, wenn nicht irgend- aber eine Generalamnestie für alle Nazis kann
welche sonstigen Gründe vorgelegen hätten, in es nicht geben. Es darf auch nicht in den Ver-
dieser Regierung gesessen! waltungsstellen der Kommunen und der Länder
(Sehr gut bei der KPD. - Abg. Renner: wieder der Parteibuchbeamte Einzug halten,
Er hat die Geldschränke aufgemacht, und auch das kann es nicht geben. Wir werden den
heute ist er „Demokrat"! — Abg. Dr. Kampf um die Demokratisierung auch West-
Schmid: Molotow hat sich von Hitler deutschlands weiterführen. Im Rahmen des
empfangen lassen!) Kampfes um ein einheitliches demokratisches
Sehen Sie, so liegen die Dinge! Man sieht in Deutschland werden wir mit der Bevölkerung
Ihren Reihen genügend Leute, die für das Auf- weiterkämpfen für die Bestrafung der am Hit-
kommen der Hitler-Diktatur mitverantwortlich ler-Regime wirklich Schuldigen,
sind. (Zuruf: Titoisten!)
(Zuruf des Abg. Dr. Gerstenmaier.) damit jener Boden bereitet wird, auf dem nicht
Es wurden zum Beispiel auch bereits die Ja-Sager mehr neue faschistische Diktaturgelüste gedeihen
zum Ermächtigungsgesetz angezogen. können. Nicht neue Verordnungen, wie sie hier
(Erneuter Zuruf des Abg. Dr. Gerstenmaier.) angekündigt wurden, werden das demokratische
Leben unseres Volkes sichern. Ich vermute, daß
— Sie sagen, ich sei verantwortlich. Ich glaube, bei den angekündigten Maßnahmen des Herrn
ich kann meine Zuchthausjahre mit Ihren Ge- Innenministers in erster Linie daran gedacht ist,
fängnistagen noch messen! gegen die wirklichen Kämpfer für Fortschritt,
(Abg. Renner: Sehr gut!) Frieden und Demokratie vorzugehen, nämlich
Ich habe nämlich mein Antinaziherz nicht erst gegen die Kommunisten und gegen die fried-
im Jahre 1945 entdeckt! Wenn es nach mir und lichen Kräfte. Nach den Äußerungen, die Herr
meiner Partei gegangen wäre, wären die Nazis Justizminister Dr. Dehler in Berlin zu diesem
gar nicht zur Macht gekommen. Problem gemacht hat, bin ich zu dieser Ver-
(Abg. Dr. Gerstenmaier: Dann hätten wir mutung berechtigt. Wir werden uns jeder
Sie! Tun Sie mal nicht so!) faschistischen Methode widersetzen. Wir werden
die Bevölkerung aufrufen, mit uns den *Kampf
Das müssen wir auch einmal den Vertretern weiterzuführen für ein einheitliches demokrati-
der Sozialdemokratischen Partei sagen: wir soll- sches Deutschland, für ein Deutschland. in dem
ten als Arbeiterparteien und als Arbeiterklasse ein für allemal das Großkapital ausgeschaltet ist
aus der Vergangenheit die Lehre ziehen. Hätten und die Militaristen nichts mehr zu sagen haben,
wir als Arbeiterklasse, das heißt SPD, KPD und in dem aber das werktätige Volk den entschei-
Gewerkschaften, damals einheitlich gehandelt, denden Einfluß ausübt.
wäre Hitler ebenfalls nicht zur Macht gekom-
men. Und wenn wir heute, nach 1945, eine so (Beifall bei der KPD.)
verfahrene Situation' in Westdeutschland haben,
dann ist auch das zum größten Teil darauf zu- Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr Ab-
rückzuführen, daß ein einheitliches Vorgehen, geordnete Dr. von Brentano.
welches wir immer vorgeschlagen haben, von der
Sozialdemokratischen Partei bisher abgelehnt Dr. von Brentano (CDU): Meine Damen und
worden ist. Herren! Die Frage, ob der Bund für die Gesetz-
(Zuruf von der SPD: Gott sei Dank!) gebung über die Denazifizierung zuständig ist,
wurde nur mit wenigen Wort gestreift. Ich neige
— Statt dessen sind Sie lieber mit anderen Krei- dazu, die Frage in Übereinstimmung mit der
sen zusammengegangen. Dadurch ist in West- Auffassung des Kabinetts zu verneinen. Wir
deutschland eine Situation entstanden, die man haben diese Fragen auch im Parlamentarischen
wahrlicntsdemokhiInrsde Rat besprochen; die Auffassung im Parlamentari-
Werktätigen ansprechen kann. schen Rat ging bei der Schaffung des Grund-
(Zuruf rechts: Deswegen sind Sie auch gesetzes dahin, daß der Bund auf diesem Gebiet
abgesetzt worden!) keine Zuständigkeit besitzen werde. Man kann
— Weswegen ich abgesetzt worden bin? Das ist die Zuständigkeit auch nicht mit lapidaren
für mich eine Ehre! Sätzen begründen, wie ich sie zu meiner Freude
und Überraschung aus dem Munde des Herrn
(Große Heiterkeit.) Kollegen Dr. Etzel gehört habe. Er sprach von
Ich wollte mich nämlich als Minister nicht dem der „elementaren fundamentalen Existenzfrage"
Marshall-Plan unterordnen. Damit Sie es wissen. und glaubte, mit dieser Begründung den Bund
Wir Kommunisten haben uns schon immer anrufen zu sollen, auf diesem Gebiete gesetz-
gegen diese verfehlte Entnazifizierung gewandt. geberisch tätig zu sein. Ich bin gespannt, ob
Wir haben verlangt, daß man die Großen her- Herr Kollege Dr. Etzel auch dann, wenn wirklich
anholt. Wir sind auch schon vor langer Zeit aus fundamentale Existenzfragen des Bundes hier be-
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1353
(Dr. von Brentano)
handelt werden, einer solchen extensiven Aus- und nach den Gründen zu forschen, die diese
legung des Grundgesetzes zuneigen wird. Ich Fehlentwicklung ermöglicht haben, um aus der
glaube, wir haben aus Rechtsgründen nicht die Erkenntnis die notwendigen Folgerungen für
Möglichket,dsFramRenZu- unser deutsches Schicksal zu ziehen. Wenn die
ständigkeit des Bundes zu entscheiden. Wir wer- Denazifizierung in diesem Sinne Anlaß sein wird,
den uns darauf beschränken müssen, das zu tun, uns auf uns selbst und auf unsere Aufgabe zu
was bisher geschehen ist: im Justizkollegium eine besinnen, dann war sie selbst und war diese De-
möglichst gleichförmige Regelung dieser Frage batte nicht fruchtlos.
anzustreben. (Lebhafter Beifall in der Mitte.)
Die Notwendigkeit, das Problem der Denazifi-
zierung zu beenden, und die Notwendigkeit, es
möglichst einheitlich zu beenden, soweit die ganz Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat Herr Abge-
verschiedene Gesetzgebung und die Praxis des ordneter Euler, und zwar im Sinne des § 50 als
Spruchkammerverfahrens es überhaupt zulassen, Schlußwort.
wird auch von meinen Freunden und von mir in
Übereinstimmung mit meinem Freund Gersten- Euler (FDP): Meine sehr verehrten Damen und
maier unterstrichen.
Herren! Ein Hinweis des Kollegen Erler auf
Es sollte noch ein zweites gesagt werden. einen Bericht über meine Tätigkeit als Landrat
Manche Äußerungen, die hier gefallen sind, klan- in Hersfeld in den Jahren 1945 und 1946 gibt mir
gen nach der Melodie: Nicht der Mörder, sondern die sehr willkommene Gelegenheit, einige Worte
der Ermordete ist schuldig. Wir sollten uns von zur Richtigstellung zu sagen. Damals war der
solchen Vorstellungen freimachen und notfalls Mitwirkungsspielraum innerhalb der deutschen
distanzieren. Ich glaube, es war nicht gut und Exekutive — zu einem Zeitpunkt, als das Gesetz
richtig, hier die Völkerrechtswidrigkeit dieser über die Befreiung vom Nationalsozialismus und
Gesetzgebung unter Berufung auf die Haager Militarismus überhaupt noch nicht galt, sondern
Landkriegsordnung zur Diskussion zu stellen. Ich die Exekutive in der amerikanischen Zone unter
fürchte, wir müßten uns doch den Einwand ge- dem Gesetz Nr. 7 der Besatzungsmacht stand —
fallen lassen, daß die Haager Landkriegsordnung außerordentlich begrenzt. Mein Verhalten hat die
nicht immer Richtschnur des Handelns der deut- Bevölkerung bei den nachfolgenden Wahlen an-
schen verantwortlichen Stellen war. Ich warne erkannt. Sie erkannte an, daß ich von dem Platz
vor einem solchen falschen Zungenschlag. Es ist eines Landrates aus alles getan habe, um einen
notwendig, die Denazifizierung in dem Sinne zu möglichst großen Kreis von solchen Menschen,
beenden, wie es mein Freund Gerstenmaier aus- die nicht irgendwie als aktive Träger des Natio-
sprach, nämlich eine Rechtsgrundlage für das nalsozialismus bezeichnet werden konnten, vor
Ende dieses zweifellos vollkommen verfahrenen den •Folgen des Gesetzes Nr. 7 der amerikanischen
Unternehmens zu schaffen, damit wir auf Grund Besatzungsmacht zu bewahren. Wenn Sie sich
einer gemeinsamen Regelung — sei es auf Bun- nähere Auskunft darüber holen wollen, dann ge-
desebene, sei es durch übereinstimmende Rege- hen Sie nach Hersfeld. Ich habe die Auskunft,
lung in den Ländern — die Voraussetzungen für die Sie bekommen werden, in keiner Weise zu
ein Recht im Geiste einer echten Versöhnungsbe- fürchten.
reitschaft schaffen, so daß das gleiche Recht im (Zuruf.)
ganzen Bundesgebiet gilt.
Aber nun etwas anderes. Wir sind als politische
Aber ich wiederhole: diese Versöhnungsbereit- Partei bereits im Frühjahr 1946 mit ersten An-
schaft muß dort ein Ende finden, wo es darum trägen im Hessischen Landtag hervorgetreten. Im
geht, sich nicht nur mit der Vergangenheit als Frühjahr 1947 sind erneut umfangreiche An-
solcher, sondern auch mit den Erscheinungsfor- träge, die unsere Partei eingebracht hatte, im
men der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich Hessischen Landtag behandelt worden. Dabei
wünschte, daß die Frage der Denazifizierung auch haben wir leider feststellen müssen, daß wir
hier und im Ausschuß Anlaß gäbe, uns einmal nicht die Unterstützung der Sozialdemokratischen
mit den metaphysischen Vorgängen zu befassen, Partei fanden, die uns sehr erwünscht gewesen
die das Jahr 1933 überhaupt ermöglicht haben, wäre, um die Einheitsfront aller deutschen Par-
und uns freizumachen von der Vorstellung, daß teien herzustellen in dem Sinne, daß wir hätten
die Jahre 1933-1945 nur ein historisches Akzi- Initiative entwickeln können, um das Gesetz zur
dens seien, das man jetzt aus dem Bewußtsein Befreiung vom Nationalsozialismus und Militaris-
herausmanipulieren könne, daß es genüge, sich mus so einzuschränken und abzumildern, daß ein
von den äußeren Erscheinungsformen der Zeit Teil der verhängnisvollen Folgen, die schon da-
zu distanzieren, ohne eine Antwort auf die Frage mals mit aller Klarheit vorauszusehen waren,
zu suchen: Wie kam es zu diesen Ereignissen, und vermieden worden wäre. Da die Frage des
wie können wir als diejenigen, die die Verant- historischen Verlaufs von Ihnen aufgeworfen
wortung für die Gestaltung des deutschen Schick- worden ist, meine Damen und Herren von der
sals tragen, alles tun, um eine ähnliche Fehlent- Sozialdemokratie, wäre es ein Verstoß wider die
wicklung endgültig zu verhindern? Wahrheit, wenn ich hier nicht aussprechen würde,
(Sehr richtig! in der Mitte.) daß leider die Besinnung, die wir Ihnen schon
Dazu genügt — darüber sind wir uns wohl alle früher gewünscht hätten, erst viel zu spät ge-
im Hause klar — kein Denazifizierungsgesetz, kommen ist. Sie sind sehr lange Zeit Träger
mag es auch noch so gut oder noch so schlecht einer sehr scharfen Entnazifizierung gewesen
sein. Dazu reicht auch nicht der Versuch, ledig- und haben Gelegenheiten, die Ihnen geboten
lich einen Schlußstrich unter die Vergangenheit waren, um eine Einheitsfront mit dem Ziel einer
zu ziehen, sondern das wird uns nur gelingen, Milderung und Abschwächung der Entnazifi-
wenn wir wirklich bereit und entschlossen sind, zierung in den Landesparlamenten herzustellen,
uns mit den Grundlagen unserer geschichtlichen nicht in dem Sinne unterstützt, wie das erforder-
Entwicklung dieser Jahre auseinanderzusetzen lich gewesen wäre.
1354 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Euler)
(Abg. Renner: Was haben Sie eigentlich daran gedacht, die Entnazifizierung durch ein
unter Hitler getrieben? — Zuruf links: Er einheitliches Gesetz auf Bundesbasis zu beenden.
ist schwerhörig!) Um dieses Gesetz werden wir kämpfen, und wir
Wenn wir heute hier unseren Gesetzentwurf hoffen, daß wir es in diesem Bundestag durch-
besprechen, dann stellen wir zwar fest: die Ein- setzen werden.
sicht, daß die Entnazifizierung sich als sehr wenig (Beifall bei der FDP. — Abg. Renner:
segensvoll für die Heraufführung demokratischer Heil Hitler!)
Zustände in Deutschland erwiesen hat, ist allge-
mein geworden. Man wehrt sich aber noch da- Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren!
gegen, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Ein weiteres Schlußwort von zwei Minuten zu
Das spielt heute in die Frage der Bejahung oder dem Antrag Nr. 561 hat noch der Herr Abgeord-
Verneinung der Zuständigkeit des Bundes hin- nete Dr. Richter.
ein. Wir bedauern ganz außerordentlich, daß so- (Abg. Renner: Redezeit einhalten!)
wohl der Herr Innenminister als auch die Ver-
treter der CDU die Zuständigkeit des Bundes Dr. Richter (DRP): Herr Präsident! Meine Da-
glaubten verneinen zu sollen. men und Herren! Die Erkenntnis, daß mit der
(Unruhe. — Glocke des Präsidenten. — Zu Entnazifizierung Schluß gemacht werden muß,
ruf links: Auch der Justizminister!) hat sich ja nun allmählich ziemlich weit verbrei-
Nun, meine sehr geehrten Damen und Herren, tet. Nur stellen wir fest, daß man hier mit
die politische Verantwortung, von der man aus- allerhand Einwänden gekommen ist, die eigent-
ging, als es sich darum handelte, die Entnazifi- lich gar keinen sachlichen Hintergrund hatten. Es
zierung einzuleiten, nimmt den Entnazifizierungs- ist davon die Rede gewesen, daß man denjenigen,
gesetzen nicht den Charakter strafrechtlicher Ahn- denen wirklich Verbrechen nachgewiesen werden
dung, und was besonders bedauerlich ist, mei- können, jetzt freien Lauf lassen wollte. Hätte
stens gar nicht der Ahndung von Taten, sondern man, bevor man derartige Töne hier im Parla-
nur von Gesinnungen und Haltungen. Wir ha- ment anschlug, unseren Antrag genau durchge-
ben kein entscheidendes Argument dagegen ge- lesen, hätte man festgestellt, daß davon bei uns
hört, daß die Entnazifizierung strafrechtlichen und bei dem Gesetzesantrag der FDP gar keine
Charakters sei, und ich glaube, in Anbetracht Rede sein kann. Wenn weiter davon die Rede
des Charakters der meisten Sühnemaßnahmen ist, man müsse sich ansehen, von welcher Seite
läßt sich gar nicht leugnen, daß die Entnazifi- die Anträge kämen,
zierung — ungeachtet dessen, daß ihr eigentlicher (Zuruf links: Sehr gut!)
Zweck etwas anderes war — doch ihren Mitteln so nehmen wir das zur Kenntnis. Ich möchte
und Methoden nach durchaus als eine strafrecht- nur eines feststellen. So engstirnig sind wir bis-
liche Maßnahme angesehen werden muß. her nicht verfahren, denn wir haben auch dann
(Zuruf links: Das ist schon ein paarmal Anträgen von einer ganz anderen Seite zuge-
widerlegt worden!) stimmt, wenn wir sie für gut hielten und wenn
Ich glaube, die vertiefte Unterhaltung über diese sie mit unserer ganzen Zielsetzung übereinstimm-
Frage im Ausschuß wird zu dem Ergebnis füh- ten. Wir stellen uns nicht nur vor den Wahlen
ren, daß eine Mehrheit für die Bejahung der vor die Leute hin und erzählen ihnen beispiels-
Bundes-Zuständigkeit zu finden sein wird. weise, daß wir mit allerhand Einwänden gegen die
Lassen Sie mich noch auf einen praktischen Entnazifizierung sind, um dann im Bundes-
Gesichtspunkt hinweisen, der nicht bestritten tag die Entnazifizierung zu durchkreuzen. Ich
werden kann. Gerade die Regelung auf Landes- glaube. daß man wirklich einen Schlußstrich dar-
basis mit dem Ergebnis, daß die in den Ländern unter ziehen soll; das ist heute höchste Zeit.
ergehenden Entnazifizierungsschlußbestimmungen Wenn man dafür sorgen will. daß diese Dinge in
völlig verschiedenartigen Inhalts sind, sollte uns eine geordnete rechtliche Bahn kommen und
auf den richtigen Weg führen. Die Entnazifi- daß nicht mehr wie bisher ungeheure Steuergel-
zierungsschlußgesetze in einigen Ländern - und der für Schauprozesse vergeudet werden, die in
es ist kein Zufall: gerade in den Ländern, in diesem Rahmen in Deutschland durchgeführt
denen die Sozialdemokratie eine beherrschende wurden, dann, glaube ich, ist es Zeit, daß man
Stellung innehat — führen eben tatsächlich nicht sich zur Tat aufrafft und nicht bloß Worte gegen-
zur Beendigung der Entnazifizierung, sondern in über dem Volk macht. Deshalb bitte ich Sie, die-
gewisser Weise zu ihrer Verewigung. Beispiels- sem Antrag zuzustimmen.
weise befinden sich in dem von der hessischen (Beifall bei der DRP.)
Landesregierung erlassenen Gesetz zwei Bestim-
-
mungen, Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren,
(Zurufe: Schlußwort!) ich stelle fest: die Aussprache über die Anträge
die klar herausstellen, daß es bei der zukünftigen Drucksachen Nr. 482 und 561 ist geschlossen. In
Personalpolitik auf die Einstufung nach den beiden Fällen liegt der Antrag auf Überwei-
Kategorien des Entnazifizierungsgesetzes ankom sung an den Ausschuß vor.
men solle. Es ist uns durchaus unerwünscht, (Abg. Ollenhauer: Getrennt abstimmen!)
Ländergesetze zu ermöglichen, die einen derarti-
gen Inhalt haben. Wenn die Bundesregierung in — Getrennt, selbstverständlich! Wer für die
ihrer Regierungserklärung unter anderem die Überweisung der Drucksache Nr. 482 an den Aus-
schuß ist, den bitte ich, die Hand zu erheben. —
Beendigung, und zwar die schnellstmögliche Be- Danke. Ich bitte um die Gegenprobe. — Das
endigung der Entnazifizierung verheißen hat,
dann konnten wir darunter nicht die Durchfüh- ist wohl ein fast einstimmiger Beschluß.
rung von Entnazifizierungsschlußgesetzen in den Wir kommen nunmehr zu der Abstimmung
einzelnen Ländern verstehen, und so ist das über den Antrag auf Überweisung der Druck-
wohl auch von der Regierung damals nicht ver- sache Nr. 561 an den Ausschuß. Wer dafür ist,
standen worden. Nein, damals war mit Recht den bitte ich, die Hand zu erheben. — Danke.
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23, Februar 1950 1355
(Präsident Dr. Köhler)
Ich bitte um die Gegenprobe. — Das letz- der damaligen Debatte auf diese Punkte gar
tere ist die Mehrheit. Damit ist der Antrag nicht so sehr Gewicht gelegt, aber heute zeigt
auf Überweisung an den Ausschuß und der es sich, daß sie schon zu ihrer Wirkung kommen.
Antrag als solcher abgelehnt. Denn jetzt hat Holland schon bei der Ruhrbe-
Herr Abgeordneter Dr. Etzel, Sie hatten sich hörde Einspruch eingelegt, weil Holland es als
noch zu einer persönlichen Erklärung nach Schluß diskriminierende Maßnahme auffaßt, daß die Ex-
der Beratung gemeldet. Ich erteile Ihnen zu die- portkohle nach der Schweiz und Frankreich bil-
ser persönlichen Erklärung im Sinne des § 84 liger ist als nach Holland.
der Geschäftsordnung das Wort. Worauf sich heute unsere Eingabe stützt, das
ist die Ziffer 3; denn da stand die Vorschrift, daß
Dr. Etzel (BP): Meine Damen und Herren! Die binnen 7 Tagen Maßnahmen zu treffen seien,
Ausführungen einiger Debatteredner könnten so daß die Kohle importierenden Länder durch die
gedeutet werden, als wären sie der Meinung, ich Abwertung der D-Mark nicht geschädigt werden
hätte die Gesetzgebungsbefugnis des Bundes im dürften. Es waren auch Vorschläge dazu ange-
Bereich der Entnazifizierung bejaht. Das Gegen- geben, und unter diesen Vorschlägen stand ein-
teil ist der Fall. mal die Aufrechterhaltung desselben Preises für
(Lachen links.) Exportkohle vor der Abwertung, zum andern
Ich habe ausdrücklich erklärt, daß eine solche mal Angleichung der Export- und Inlandpreise,
Zuständigkeit im Hinblick auf den Artikel 139 des daß die Differenz nicht größer sein sollte als
vor der Abwertung. Für die Durchführung
Grundgesetzes und des § 2 des Wahlgesetzes
nicht besteht. Ich habe weiterhin gesagt, die sollte die Bundesregierung Maßnahmen vorschla-
Angelegenheit sei für uns von so eminenter Be- gen. Anläßlich der Bekanntgabe dieses Memo-
randums hat dann der Herr Bundeskanzler im
deutung, daß sie uns veranlassen könnte, die Zu-
Namen der Bundesregierung Erklärungen abge-
ständigkeit des Bundes zu bejahen, wenn das
rechtlich ginge, und ich habe ausdrücklich wei- geben, die ich hier einmal wörtlich vorbringen
möchte:
ter hinzugefügt, daß ich mir nur einen Weg als
erfolgreich vorstellen kann, nämlich den der Ini- Wir sind der Auffassung, daß eine derartige
tiative des Herrn Bundesinnenministers bei den Heraufsetzung aus Anlaß der Angleichung
Länderregierungen. Ich habe weiter hinzuge- des Verrechnungskurses der D-Mark an den
fügt, daß ich es durchaus nicht als eine Schande Dolar
erachte, wenn die Länderregierungen auf Grund — er betonte nicht Abwertung der D-Mark —
dieser Initiative in einer größeren Übereinstim- für die deutsche Wirtschaft unmöglich und
mung ihre bisher erlassenen Gesetze revidieren. 'untragbar ist. Wir werden diesen Weg unter
Die Länderregierungen revidieren, nicht der keinen Umständen beschreiten. Ich erkläre
Bund. das ausdrücklich namens der Bundes-
regierung.
Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren!
Mit dieser Erklärung des Herrn Bundeskanzlers
Wir kehren nunmehr zu Punkt 1 der Tagesord- waren nun wohl die Parteien des Hohen Hauses
nung zurück: sämtlich einverstanden; denn auch Herr Dr.
Interpellation der Fraktion der SPD be- Bucerius, der Sprecher der CDU, sagte:
treffend Neufestsetzung der Kohlenpreise
(Drucksache Nr. 404). Wir haben mit Genugtuung vernommen, daß
die innerdeutschen Kohlenpreise unter kei-
Darf ich über die Redezeit folgendes bekannt- nen Umständen erhöht werden dürfen, weil
geben. Der Ältestenrat schlägt gemäß § 88 der eine solche Erhöhung das bestehende deut-
Geschäftsordnung vor, die Gesamtredezeit auf sche Preis- und Lohngefüge stark erschüttern
90 Minuten zu beschränken. Darf ich dazu das würde. Die CDU/CSU-Fraktion bittet die
Einverständnis des Hauses feststellen? — Ich höre Bundesregierung, an diesem Standpunkt bei
keinen Widerspruch. — Es ist demgemäß be- der Verhandlung unter allen Umständen
schlossen. festzuhalten.
Für die Begründung durch die Antragsteller (Abg. Dr. Bucerius: Sehr wahr!)
sind 20 Minuten vorgesehen. Wer von den Her-
ren Antragstellern wünscht das Wort zur Begrün- Mein Fraktionsfreund Kollege Dr. Schumacher
dung? — Herr Abgeordneter Imig, bitte! ersuchte dann die Bundesregierung um ein de-
tailliertes Programm von Abwehrmaßnahmen
Imig (SPD), Interpellant: Herr Präsident! unter der Bedingung, daß die Bewilligung der
Meine Damen und Herren! Die mit Wirkung - dafür erforderlichen Mittel der Zuständigkeit des
vom 1. 1. 1950 erfolgte Regelung des Kohlenprei- Hohen Hauses unterliegen sollte. Aber, meine
Damen und Herren, ich bin der guten Meinung:
ses ist auf die Vorgänge bei der Festsetzung des
neuen Verrechnungskurses der D-Mark anläßlich wenn die Bundesregierung diesem Ersuchen
der Pfundabwertung zurückzuführen. Die Bun- nachgekommen wäre, dann wäre sie ihrer son-
desregierung hatte damals der Hohen Kommis- stigen Handlungsweise untreu geworden.
sion einen Kurs von 22,5 Dollar-Cent vorgeschla- Am 29. 9. hat dann nochmals eine Unterredung
gen. Aber dann hat die Hohe Kommission am auf dem Petersberg stattgefunden. Auch hier
28. 9. in einem. Memorandum den Beschluß fest- wurde § 3 des Memorandums noch einmal er-
gelegt, daß diese Kursfestsetzung 23,8 Dollar- wähnt, und die Bundesregierung sollte dazu neue
Cent sein solle. Diese Festsetzung war mit ganz Vorschläge ausarbeiten. Die Hohe Kommission
bestimmten Vorschriften verbunden, und zwar hat nun zu Anfang Dezember zu Verhandlungen
einmal unter Ziffer 2, daß jegliche diskrimi- geladen, die auf dem Hügel zunächst unter Hin-
nierenden Maßnahmen zu verschwinden haben, zuziehung von zwei Vertretern der DKBL statt-
zweitens: Aufhören jeglichen Dumpings, und gefunden haben. Aber damit im Hohen Hause
zum dritten: Einstellung jeglicher Subsidien für kein Irrtum aufkommt, möchte ich sagen, daß
diese beiden Maßnahmen. Wir haben anläßlich die DKBL keine Wirtschaftsabteilung der Ge-
1356 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Imig)
werkschaften, sondern die Deutsche Kohlenberg- belastung von 0,36 D-Mark stark gefährdet. Bis
bauleitung ist. Seitens dieser Vertreter der jetzt haben die Bergarbeiter bewiesen, daß sie
DKBL wurde jede Änderung des Kohlenpreises, für die wirtschaftlichen Verhältnisse immerhin
die die Kostenlage des Bergbaues nach der Mi- Verständnis aufgebracht haben. Sie haben bei
nusseite beeinflussen konnte, abgelehnt. Die Ver- der letzten Lohnforderung diese Tatsache eben
handlungen sind dann ohne die DKBL weiter- in Rechnung stellen müssen. Das ist der Beweis
geführt worden und ergaben das bekannte Re- einer wirtschaftlichen Vernunft und die Aner-
sultat: 2 Mark 18 je Tonne Minderung des Ex- kennung wirtschaftlicher Verhältnisse, und diese
portpreises und Erhöhung des Inlandpreises um wirtschaftliche Vernunft und diese Anerkennung
30 Pfennig je Tonne. Dazu kommt noch der der wirtschaftlichen Verhältnisse möchte ich auch
Krisenzuschlag der Bundesbahn für die Kohlen- allen Verfechtern der freien Marktwirtschaft
frachten von 12 1/2 vom Hundert: Verteuerung pro einmal anempfehlen.
Tonne 10 Pfennig. Aber das wollen wir in der (Sehr wahr! bei der SPD.)
Rechnung nicht weiter berücksichtigen.
Es wäre manche Unzufriedenheit beseitigt wor-
Die Regelung ist natürlich nicht in 7 Tagen den, wenn man dem nachgekommen wäre. Nach
erfolgt. Es hat auch keine Erhöhung des In- den Gesetzen der freien Wirtschaft gilt nun eben
landpreises um 25 Prozent stattgefunden. Aber einmal das freie Spiel der Kräfte. Was würde
im Prinzip ist die Bundesregierung gedrängt aber daraus werden, wenn einmal beide Sozial-
worden, diesen Weg zu beschreiten. Die Sen- partner diesen Standpunkt vertreten würden!
kung des Exportpreises um 2 Mark 18 und die
Erhöhung des Inlandpreises um 30 Pfennig be- (Sehr gut! bei der SPD.)
wirkt, daß die jetzige Differenz zwischen Inland- Der Herr Wirtschaftsminister hat als Rezept,
preis und Exportpreis 5 Mark 50 beträgt. Wir um dieses Minus wieder auszugleichen, erhöhte
haben bisher nach den amtlichen Berechnungen Leistungen empfohlen. Erhöhte Leistungen be-
im Bundesgebiet 104 Millionen Tonnen Kohle ge- deuten aber Investitionen für die Mechanisie-
fördert. Davon wurden 22 Millionen Tonnen rung. Das ist ein langfristiges Programm und
exportiert — ohne 5 Millionen Tonnen Braun- kann nicht von heute auf morgen verwirklicht
kohlebriketts —, und nach diesem Stande haben werden. Die physische Leistung des einzelnen
wir einen Exportmindererlös von rund 48 Mil- Arbeiters im Bergbau ist in einem dauernden
lionen D-Mark. Es erfolgt natürlich ein teil- Ansteigen begriffen. Auf der anderen Seite ha-
weiser Ausgleich, durch die Erhöhung des In- ben wir aber zu verzeichnen, daß der Kohlen-
landpreises mit 25 Millionen D-Mark, so daß wir großhandel eine Erhöhung seiner Handelsver-
also im Bergbau einen Mindererlös von rund 23 dienstquote von 50 Prozent bekommen hat.
Millionen D-Mark zu verzeichnen haben. Das (Hört! Hört! bei der SPD.)
bewirkt, daß für den Inlandsverbrauch eine un-
gedeckte Spanne von 0,36 D-Mark je Tonne vor- Das bedeutet für den Konsumenten einfach eine
handen ist. Natürlich sind dann einige große Gewinnverlagerung vom deutschen Kohlenver-
Bedarfsträger von dieser Erhöhung ausgenom- kauf auf den Kohlenhandel; aber für uns als
men worden, wie die Bundesbahn, Eisen- und Bergarbeiter bedeutet das eine Minderung des
Stahlindustrie, Elektrizitätswerke, Gas- und Was- Erlöses des Bergbaues; das ist ein wesentlicher
serwerke, die einen Verbrauch von rund 26,2 Unterschied. Es handelt sich hier um eine Ver-
Millionen Tonnen haben. Das sind also rund dienstspanne, die nahezu 20 Millionen Mark aus-
32 Prozent des Inlandabsatzes. Die gesamte dar- macht. Meine Damen und Herren, ich darf es
auf entfallende Mehrbelastung wird dem ver- einmal deutlich sagen, daß es die Bergarbeiter
bleibenden Inlandsrestverbrauch zugeschrieben. satt haben, daß auf ihre Kosten Preispolitik ge-
Man hat wahrscheinlich mit der Herausnahme trieben wird. Die Bergarbeiter haben durch ihr
der großen Bedarfsträger ein Ausweichen vor Verhalten in aller Deutlichkeit gezeigt, daß sie
den Rückschlägen auf die Preisgestaltung bewir- gewillt sind, den wirtschaftlichen Verhältnissen
ken wollen. Aber selbst diese Möglichkeit, die Rechnung zu tragen. Sie haben deswegen auch
man da zu erschöpfen versucht, kann natürlich in bezug auf das Mitbestimmungsrecht ganz be-
nicht bewirken, daß die übrige Industrie, die ja stimmte Forderungen zu stellen. Ich habe ein-
auch Kohlenverbraucher ist, diese Erhöhung ohne mal in diesem Hohen Hause eine Äußerung der
weiteres absorbieren kann. Die Wirkungen die- Rechten gehört: „Das müßte schön aussehen,
ser Handlung sind schon damals bei der Debatte wenn die Arbeiter mitbestimmen würden". Ich
über das Memorandum der Hohen Kommission verstehe eigentlich gar nicht, warum Sie so
sämtlich geschildert worden, namentlich eine ängstlich sind. Wir haben bisher zwei Kriege
starke Beeinflussung unserer Handelsbilanz gehabt, die ein gerüttelt Maß von Not und Elend,
- von Trümmern und Schutt geschaffen haben.
durch den Verlust von Devisenbeträgen, die für
uns so äußerst wertvoll sind, Wenn ich einmal zynisch werden darf, möchte
ich Ihnen ehrlich versichern, daß der dümmste
Aber das Ganze berührt auch noch eine zweite Funktionär innerhalb der Gewerkschaften noch
Seite, und das ist die Lohnfrage. Es ist nun viel zu schlau dazu ist, um einen derartigen
einmal so, daß einer der lohnintensivsten Be- Haufen von Dreck und Schutt hinzulegen. In
triebe der Bergbau ist. Hier erfolgt die Er- dieser Beziehung können Sie also eigentlich un-
tragsberechnung nicht nach Mark, sondern nach bekümmert sein.
Pfennigen. Meine Damen und Herren! Bei der
jetzigen Jahresförderung bedeutet ein Pfennig Sie berufen sich immer darauf, daß diese Maß-
pro Tonne Kohle eine Million D-Mark. Durch nahmen ergriffen werden müßten, um zu einer
die Erhöhung der Belegschaft und die persön- blühenden Wirtschaft zu kommen. Die „blü-
liche Leistungssteigerung des Bergmannes ist eine hende Wirtschaft" mit dem „ehrlichen, tüchtigen"
Verbesserung der Kostenlage des Bergbaues um Unternehmer haben wir schon gehabt, und zwar
2 Mark 50 je Tonne verwertbarer Förderung er- so, daß nahezu nichts mehr daran auszubauen
zielt worden. Dieses durch die Leistungssteige- war; und wir haben dabei Millionen von Er-
rung bedingte Kostenbild wird durch die Neu werbslosen gehabt. Es handelt sich nicht nur um
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1357
(Imig)
ein Produktionsproblem, sondern es ist in der len, da sie eine Beeinträchtigung des europäi-
Hauptsache mit ein Verteilungsproblem. Und schen Wiederaufbaues bedeuten.
wenn Sie sich auf den tüchtigen und ehrlichen In Verfolgung dieser Linie überreichte die
Unternehmer berufen, dann vergessen Sie nicht, Alliierte Hohe Kommission der Bundesregierung
meine Damen und Herren, daß der skrupellose Anfang Dezember ein Memorandum, in dem
und hemmungslose Unternehmer immer noch mitgeteilt wurde, daß eine Dreimächte-Studien-
dem ehrlichen und tüchtigen überlegen ist! gruppe für deutsche Kohlepreise angewiesen
An den Herrn Bundesminister habe ich noch worden sei, sich mit von der Bundesregierung
die Frage zu richten, inwieweit die Erhöhung der zu benennenden Sachverständigen in Verbindung
Quote für den Kohlengroßhandel jetzt noch einen zu setzen, um neue Kohlen-Exportpreise für das
zusätzlichen Gewinn für diesen bedeutet. erste Quartal 1950 aufzustellen und zu einem
(Beifall bei der SPD.) Abkommen über die Verminderung der zwischen
dem deutschen Exportpreis und dem Inlandpreis
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der für Kohle bestehenden Differenz zu gelangen.
Herr Bundeswirtschaftsminister. Diese Differenz betrug, wie ich schon sagte,
8 D-Mark pro Tonne. Weiter wurde in dem
Dr. Erhard, Bundesminister für Wirtschaft: Herr Memorandum darauf hingewiesen, daß die Sach-
Präsident! Meine Damen und Herren! Die Neu- verständigen der Alliierten Hohen Kommission
regelung der Kohlenpreise ab 1. Januar 1950 geht eine Verringerung der Differenz um 50 Prozent,
nicht auf einen Vorschlag der Bundesregierung das heißt also um 4 D-Mark pro Tonne, in Er-
zurück, sondern erfolgte auf Veranlassung der wägung gezogen hätten.
Alliierten Hohen Kommission, die für die Fest- Die Bundesregierung wünschte sich diesen Ver-
setzung der deutschen Kohlenexportpreise nach handlungen vor allem auch deshalb nicht zu ent-
Anweisung Nr. 33 der JEIA die alleinige. Zu- ziehen, weil sie grundsätzlich die Konzeption
ständigkeit hat. Es ist daran zu erinnern, daß der Abschaffung der Doppelpreise als förderndes
die Hohe Kommission bei der Festsetzung der Moment für die europäische Wirtschaftseinheit
Kohlenexportpreise
- unmittelbar nach der D anzuerkennen bereit war und den Wunsch hatte,
Mark-Abwertung die Bundesregierung vor die einen praktischen Beitrag im Sinne der europäi-
Alternative stellte, entweder die Kohlenexport schen Zusammenarbeit zu leisten. Obwohl dies
preise um den vollen Betrag der D-Mark-Abwer- ein sehr erhebliches Opfer bedeutete, erklärte
tung zu senken oder aber die deutschen Inlands- sich die Bundesregierung schließlich bereit, die
preise für Kohle so zu erhöhen, daß das bis- Kohlen-Exportpreise um 2,18 D-Mark je Tonne
herige Verhältnis zwischen Inlands- und Aus- zu senken und gleichzeitig den Inlandspreis nur
landspreis unverändert blieb. Die Bundesregie- in einem solchen Umfang zu erhöhen, daß sich
rung hat in diesem Zusammenhang damals er- keinesfalls Auswirkungen auf das gesamte Preis-
klärt, daß sie eine Erhöhung der Inlandspreise gefüge befürchten ließen. Diese Erhöhung be-
der Kohle keineswegs vorzunehmen wünsche und trug 0,30 D-Mark pro Tonne für den Inlands
daher den Weg unveränderter D-Mark-Export- preis. Die alliierte Kommission zeigte schließ-
preise, das heißt um den vollen Abwertungsbe lich für den deutschen Standpunkt Verständnis
trag gesenkter Dollarerlöse wähle. und nahm den deutschen Vorschlag als einen
Ich darf hinzufügen, daß diese Entscheidung ersten Schritt in der Richtung auf Abschaffung
richtig gewesen ist; denn es wäre angesichts der der Doppelpreise an, obwohl die damit erreichte
Entwicklung auf dem Weltmarkt und des Ver- Verringerung der Spanne zwischen Inlands- und
haltens Englands im Kohlenexport selbstver- Exportpreis um 30 Prozent nicht den Forderun-
ständlich gar nicht möglich gewesen, die alten gen der Alliierten Hohen Kommission entsprach.
Dollarerlöse aufrechtzuerhalten. Bei der Erhöhung des Inland-Kohlepreises um
Die Inlandspreisvorschläge der Bundesregie- 0,30 D-Mark je Tonne im Durchschnitt nahm die
rung wurden von der Hohen Kommission ange- Bundesregierung weitgehend Rücksicht auf die
nommen, jedoch mit der Klausel, daß im Laufe Verbrauchergruppen mit hohem Kohlenkosten-
der kommenden Monate eine Überprüfung der anteil. So wurden die Preise der Kohlensorten,
Exportpreise mit dem Ziel vorzunehmen sei, ein die vornehmlich für den Verbrauch der Bundes-
revidiertes Preisschema ab 1. Januar 1950 ein bahn, der eisenschaffenden Industrie und der
zuführen. Inzwischen wurde die bestehende Dif- Versorgungsbetriebe in Betracht kommen, nicht
ferenz zwischen dem Exportpreis und Inlands- oder nur sehr geringfügig erhöht. Im übrigen
preis für westdeutsche Kohle und Koks -Gegen- sind mit der am 1. Januar 1950 in Kraft getre-
stand starker Kritik seitens der Organisation für tenen Kohlenpreiserhöhung im Inland keine we-
den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas; denn sentlichen Auswirkungen auf andere Produkt-
es bestand zwischen Inlandspreis und Export- preise zu erwarten, da das Ausmaß dieser Koh-
preis eine Differenz von ungefähr 8 Mark. Maß- lenpreiserhöhung nicht einmal ein Prozent des
gebend war und ist dabei die Auffassung, daß bis dahin gültigen Kohlenpreises beträgt. Bei
ein einheitliches Niveau der Kohlekosten in den der überwiegenden Zahl der Industrien sind bis-
europäischen Ländern eine wichtige Vorausset- her Auswirkungen auf die Produktpreise nicht
zung für eine zukünftige europäische Wirt- bekanntgeworden.
schaftseinheit bildet. In den Verhandlungen der Der Bergbau selbst hat erkennen lassen, daß
OEEC in Paris wurde bezüglich der Kohle hierzu eine Erhöhung der Inlandpreise um 0,30 D-Mark
herausgestellt, daß die Wirtschaft der auf Kohle je Tonne im Durchschnitt nicht ausreiche, um die
einfuhr aus Deutschland angewiesenen Länder Erlösminderung im Export auszugleichen. Eine
— selbstverständlich auch in England — durch Erhöhung um 0,66 D-Mark je Tonne wurde vom
die Höhe der Kohlenexportpreise gegenüber den Bergbau als erforderlich bezeichnet, eine Forde-
kohleexportierenden Ländern mit ihren niedrigen rung, die die Bundesregierung mit Rücksicht auf
Inlandspreisen erheblich benachteiligt werde und die Gefahr einer Auswirkung auf das gesamte
daß diese Doppelpreise abgeschafft werden sol- Preisgefüge nicht erfüllen zu können glaubte.
1358 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Bundesminister Dr. Erhard)
Im übrigen hätte nach Auffassung der Bundes- derungsziffern im Steinkohlenbergbau sich von
regierung eine durchschnittliche Erhöhung um September 1948 bis Januar 1950 von rund 290 000
0,50 D-Mark je Tonne zur vollen Abdeckung der Tonnen auf -360 000 Tonnen Tagesleistung erhöht
Erlösminderung im Export genügt. Die sich da- haben. Auch die Leistung pro Mann und Schicht
nach ergebende ungedeckte Differenz ist nicht so ist von 1150 Kilogramm in der gleichen Zeit auf
bedeutend, um nennenswerte Auswirkungen auf 1380 Kilogramm gestiegen. Eine Reihe von Ma-
die Rentabilitätslage, die Förderung und die so- terialkosten haben sich nicht unwesentlich ver-
zialen Leistungen der Bergbaubetriebe zu haben. ringert. Zum Beispiel ist der Grubenholzpreis
In einem von der Alliierten Hohen Kommis- in der gleichen Zeit von 35 D-Mark je Fest-
sion veröffentlichten Presse-Kommuniqué zu den meter auf 31 D-Mark je Festmeter gesunken,
neuen deutschen Kohle-Exportpreisen wurde dar- und gleichzeitig ist der Grubenholzverbrauch von
auf hingewiesen, daß die ab 1. Januar 1950 er- 33,8 Festmeter auf 27,4 Festmeter pro 1000 Ton-
folgte Erhöhung der deutschen Bahnfrachten nen Förderung gesunken, was zum Teil aller-
nicht zu Lasten der ausländischen Abnehmer von dings mit einem stärkeren Einsatz von Eisen,
deutscher Kohle gehen werde. Demgegenüber hat zum Teil aber auch mit der Lieferung besserer
die Bundesregierung in einer Note an die Al- Hölzer in angemessenen Abmessungen zusam-
liierte Hohe Kommission darauf hingewiesen, menhängt. Diese Steigerung der Leistung und
daß in den Dezember-Verhandlungen zur Neu- Verminderung der Unkosten kann nicht ohne
ordnung der Kohle-Exportpreise von den deut- wesentliche Einwirkung auf die Ertragslage, auf
schen Sachverständigen eindeutig dargelegt und die Frage der Abschreibungen und die Höhe des
in ihrem endgültigen Preisvorschlag zum Aus- Kapitaldienstes sein. Auf der anderen Seite ist
druck gebracht wurde, daß sie eine nachträglich es nicht zu leugnen, daß die inzwischen eingetre-
erfolgende Erhöhung der Bahnfrachten in der tene Lohnerhöhung, die Steigerung der Sozial-
Freistellung für die Frei-Grenze-Preise Berück- kosten und die Veränderung der Urlaubsregelung
sichtigung finden müsse. Da die Alliierte Hohe sowie die Senkung der Exporterlöse sich in der
Kommission darauf bestand, daß die Kohlen- entgszRichubemrka n
Exportpreise ohne Berücksichtigung der inzwi- müssen, es sei denn, daß gleichzeitig eine weitere
schen erfolgten Erhöhung der Bahnfrachten den Leistungssteigerung eintritt.
ausländischen Abnehmern bekanntgegeben wür- Von dem Bundesministerium für Wirtschaft ist
den, was inzwischen geschehen ist, sah die Bun- daher eine erneute Prüfung der Kosten- und Er-
desregierung nur den Ausweg, gleichzeitig mit tragslage eingeleitet worden, die die Verände-
der eben genannten Note der Alliierten Hohen rungen seit der erwähnten Kohlenenquête be-
Kommission neue Exportpreisvorschläge zu über- rücksichtigen soll. Die Prüfung ist noch nicht
mitteln, in welchen die Bahnfrachterhöhungen völlig abgeschlossen. Nach ihrem Abschluß wird
Berücksichtigung finden, und der Erwartung die Regierung zu den Forderungen des Bergbaus
Ausdruck zu geben, daß die Alliierte Hohe Kom- Stellung nehmen.
mission sich bereit findet, auf der Grundlage die-
ser Vorschläge über eine Revision der Export- Was nun die Frage der Kohlenhandelswege
preise zusammen mit deutschen Sachverständi- anlangt, so sind Unterschiede zwischen der bri-
gen zu beraten. Auf Grund dieser Vorschläge tischen, amerikanischen und französischen Zone
haben Verhandlungen stattgefunden, die noch festzustellen. In der amerikanischen Zone wurde
nicht zum Abschluß gelangt sind. auf Verlangen der US-Militärregierung durch Be-
schluß des süddeutschen Länderrats mit Wirkung
Ich darf zur Kosten- und Ertragslage noch fol- vom 1. 7. 1946 die Festlegung der Lieferbezie-
gendes sagen. Der Bergbau beziffert unter Be- hungen — der sogenannte zementierte Handels-
rücksichtigung der Kohlenpreiserhöhung um 0,30 weg — aufgehoben und der freie Wettbewerb
D-Mark je Tonne den Verlust des Berg- beim Absatz von Kohle wiederhergestellt. Der
baues infolge der Senkung des Exportprei- Verbraucher ist in der Wahl seines Lieferers
ses auf rund 20 Millionen D-Mark pro Jahr, er- frei.
klärt die Mindereinnahme für außerordentlich
bedeutsam und leitet daraus Ansprüche auf Er- In der britischen Zone hat bis vor kurzem
höhung der Subventionen her. Der Bergbau be- noch der zementierte Handelsweg bestanden. Ich
zieht sich hierbei auf den Bericht des Enquête- darf in Erinnerung an Verhandlungen im Wirt-
Ausschusses aus dem Jahre 1949, in dem unter schaftsrat noch sagen, daß seinerzeit gerade auch
anderem ausgeführt wird, daß der Ausschuß im von der SPD, insbesondere von dem Abgeordne-
gegenwärtigen Augenblick keine Möglichkeit ten Dahrendorf, mir gegenüber wiederholt die
sieht, dem Wirtschaftsrat eine allgemeine Preis- Auflösung der zementierten Handelswege als
senkung für Steinkohle und so weiter zu- emp- dringend notwendig bezeichnet wurde. Für die
fehlen, da das Ergebnis der Untersuchungszeit britische Zone stellt sich die Sache wie folgt
weder eine Preissenkung noch eine Preiserhö- dar. Auf Grund der Ende Dezember 1949 zwi-
hung rechtfertigt. Der Enquête liegen einge- schen der Kohlenabsatzorganisation, Deutscher
hende Untersuchungen zu Grunde, die sich jedoch Kohlen-Verkauf, und dem Kohlengroßhandel ge-
auf die Verhältnisse im Bergbau vom September troffenen Vereinbarung sind alle Geschäfte mit
Industrieverbrauchern mit einem Jahresbedarf
1948 beziehen.
bis zu 6000 Tonnen dem Großhandel überlassen.
(Zuruf von der KPD: Ist längst überholt!) Der Verbraucher ist in der Wahl des Händlers
In der Zwischenzeit sind eine Reihe von Ver- frei. Geschäfte über 6000 Tonnen bleiben dem
änderungen der Kosten und der Ertragslage des
- DKV als Direktgeschäft. Soweit der Großhandel
Kohlenbergbaues eingetreten, und zwar sowohl allerdings industrielle Verbraucher mit einem
solche, die in Richtung einer Senkung der Kosten Jahresbedarf von über 6000 Tonnen bisher schon
und einer Erhöhung der Erträge gehen, wie an- beliefert hat, bleiben ihm diese Geschäfte er-
dererseits auch solche, die die Kosten- und Er- halten. Dem Großhandel bleiben ferner die
tragslage ungünstig beeinflussen. Unter anderem Lieferanteile bei solchen Industrieverbrauchern,
kann darauf hingewiesen werden, daß die För deren Jahresbedarf über 6000 Tonnen liegt und
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn. Donnerstag, den 23. Februar 1950 1359
(Bundesminister Dr. Erhard)
bei denen er bereits in Mitlieferung steht. Lie- lungsbilanz auf das schwerste belastet. Nach der (C
ferungen an Kohleneinzelhändler werden aus- D-Mark-Umwertung ging der Durchschnittserlös
schließlich über den Kohlengroßhandel ausge- für Exportkohle von rund 16, Dollar auf 12,50
führt. Selbstverständlich übernimmt der Koh- Dollar je Tonne zurück, was zum Beispiel für
lengroßhandel damit auch die Kosten des Del- den Monat November 1949 bei einem Export von
kredere und die Funktionskosten, die damit ver- 1,85 Millionen Tonnen einen Ausfall von rund
bunden sind. 6,5 Millionen Dollar bedeutet. Der Gesamtdollar-
In der französischen Zone gilt folgendes. Die verlust aus der zweiten und aus der ersten Koh-
Festlegung der Lieferbeziehungen ist mit Wir- lenpreisherabsetzung beträgt bei einem Jahres-
kung vom 1. 10. 1948 aufgehoben, jedoch mit der export von 22,6 Millionen Tonnen immerhin
Maligabe, daß alle Verbraucher mit einer Jah- rund 90 Millionen Dollar.
resabnahme von 2400 Tonnen der Oberrheini- Demgegenüber steht die schon von dem Kol-
schen Kohlen-Union zur unmittelbaren Beliefe- legen Imig angeführte Erhöhung des Inland-
rung vorbehalten sind. Mit der Umgestaltung kohlepreises. Diese Erhöhung geht einseitig zu
der Oberrheinischen Kohlen-Union wird auch Lasten des deutschen Bergbaus, der wiederum
eine Neuregelung über die Tonnengrenze zu er- den üblichen Ausweg gesucht hat — in Form einer
folgen haben. Abwälzung —, die deutsche Verbraucherschaft zu
Infolge der Lockerung des zementierten Han- belasten.
delsweges in der britischen Zone entgeht dem Diese beträchtlichen Devisenverluste — das
Bergbau jährlich ein bestimmter Betrag an Ra- muß man auch einmal sagen — sind nichts an-
batten, der nunmehr dem Großhandel eingeräumt deres als eine verschleierte Form deutscher Re-
werden muß. Dieser Betrag wird aber nur auf parationsleistungen an die westlichen Alliierten.
3,8 Millionen D-Mark im Jahr veranschlagt. Der (Sehr richtig! bei der KPD.)
dem Bergbau dadurch entstehende Verlust wird
durch die Erwägung kompensiert, daß dem Koh- Der Zweck ist offensichtlich die Schädigung der
lenbergbau bei einer Auflockerung der Kohlen- deutschen Wirtschaft. Nur diesem Zweck dien-
lage, also insbesondere bei steigender Produktion, ten und dienen auch jene Gespräche, die in
bei einsetzender Kohlenschwemme an einem lei- Kreisen der französischen, belgischen und eng-
stungsfähigen Großhandel viel gelegen sein muß. lischen Wirtschaft seit Monaten über angebliche
Diese Stärkung des Kohlengroßhandels ist auf diskriminierende deutsche Maßnahmen gegen die
anderem Wege nicht zu erreichen. Immerhin Wirtschaft ihrer Länder geführt werden. Nach
ist im Hinblick auf die finanzielle Lage des den Ergebnissen dieser Gespräche soll die deut-
Bergbaus von einer vollständigen Aufhebung des sche Wirtschaft angeblich auf Grund der billige-
zementierten Handelsweges abgesehen und nur ren Kohlenpreise im Inlande preisgünstiger kal-
die oben skizzierte Lockerung durchgeführt wor- kulieren können. Man spricht in diesen Kreisen
den. Außerdem steht die Aufgabenteilung zwi von einem deutschen Exportvorteil. Wo er lie-
schen Bergbau und Großhandel im Einklang mit gen soll, kann ich allerdings bei -der ganzen wirt-
den Grundgedanken der Wirtschaftspolitik. Auch. schaftlichen Lage in Westdeutschland und in den
war es notwendig, eine allmähliche Angleichung westlichen Ländern keineswegs einsehen. Jeden-
der Verhältnisse in der britischen und amerikani- falls ist diese Auffassung der englischen, ame-
schen Zone vorzunehmen. Der jetzt noch be- rikanischen, belgischen und französischen Inter-
stehende Unterschied kann in Kauf genommen essenkreise eigentümlicherweise oder gerade
werden, da der Großhandel in der amerikani- darum auch der Standpunkt der Hohen Kommis-
schen Zone auch früher eine freiere Stellung ge- sare. Sie haben am 2. Dezember 1949 in einem
genüber dem zechengebundenen Handel der jet- Memorandum über diskriminierende Maßnahmen
zigen britischen Zone gehabt hat. im Bundesgebiet festgestellt, daß . die deutschen
Exportpreise für Kohle zu hoch und unfair ge-
Vizepräsident Dr. Schmid: Ich eröffne die Aus- genüber der Wirtschaft der anderen Länder
sprache. Das Wort hat der Herr Abgeordnete seien. Die Hohen Kommissare haben dann auf
Rische. Herr Abgeordneter, im Rahmen der Grund dieses Ergebnisses den bekannten Druck
Vereinbarung über die Redezeit entfallen auf auf die Bundesregierung ausgeübt. Aber die
Sie 8 Minuten. deutsche Wirtschaft war immerhin erstaunt dar-
über, daß die Bundesregierung so schnell den
Rische (KPD): Meine Damen und Herren! Seit Wünschen der Hohen Kommission nachgab und,
jeher ging es in der deutschen Politik uni die noch bevor das Amt für europäische wirtschaft-
Kohle des Ruhrgebiets. Leider können wir - uns liche Zusammenarbeit den jetzt auch vom Bun-
erst heute mit einer Angelegenheit beschäftigen, deswirtschaftsminister angemerkten Bericht über
die von der Regierung schon vor einiger Zeit die Neuregelung der Kohlenpreise vorlegte,
eigenmächtig entschieden wurde, nämlich mit der eigenmächtig den neuen Exportkohlen- und In-
zweiten Herabsetzung des Exportkohlepreises landspreis festsetzte. Dieser Bericht sollte be-
und der Erhöhung des Inlandkohlepreises. Der kanntlich bis zum 15. Januar 1950 erfolgen. Die
Exportpreis deutscher Kohle erfuhr bekanntlich Adenauer-Regierung ging aber allen anderen
innerhalb weniger Monate eine zweite Senkung, Ländern bei der Neufestsetzung der Differenz
und zwar um 2,18 D-Mark je Tonne. Damit hat zwischen Export- und Inlandpreis — das muß
die Adenauer-Regierung — wie ich schon sagte, man sagen — freiwillig voran.
in eigenmächtiger Art und Weise — der deut- Der Herr Kollege Imig hat in seiner Rede schon
schen Wirtschaft, und zwar auf Grund des Be- auf die bekannten Einwände der Holländer
fehls der Hohen Kommission, erneut einen in der Ruhrbehörde hingewiesen. Diese Herren
schweren Schlag versetzt. haben aus der zweiten Kohlenpreisfestsetzung
Wiederum wird durch eine Maßnahme, die mei- eine Lehre gezogen. Sie wollen die gleichen Pri-
ner Meinung nach unzweideutig einen diskrimi- vilegien auf Kosten der deutschen Wirtschaft be-
nierenden C harakter trägt, die deutsche Zah anspruchen.
1360 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Rische)
In diesem Zusammenhang erinnere ich an die Fraktion der DP habe ich zu erklären, daß wir K
sich am Horizont schon bemerkbar machende durch die Erklärung des Herrn Bundeswirt-
europäische Kohlenschwemme. Die Wirtschafts- schaftsministers die Interpellation der SPD auf
abteilung der UN hat vor einiger Zeit einen Be- Drucksache Nr. 404 für erschöpfend und befrie-
richt über diese Gefahren, die besonders dem digend beantwortet erachten. Es ist natürlich
westdeutschen Bergbau drohen, veröffentlicht. aufs höchste zu bedauern, daß wir heute in der
Wir sind der Meinung, daß die zweite Export- Gestaltung unserer Kohlenpreise noch nicht wie-
kohlenpreissenkung, die eine Maßnahme zur Fi- der frei sind, weder im Innern noch nach außen.
nanzierung der ausländischen Konkurrenz ge- Aber es muß doch merkwürdig anmuten, wenn
gen die deutsche Wirtschaft darstellt, gerade in der Herr Kollege Rische immer in einem. Atem
dieser Hinsicht von großer Bedeutung ist. davon spricht, daß die Bundesregierung das frei-
Die Kohlenpreissenkung war auch ein will- willig getan habe
kommener Anlaß, um den Lohnkampf der Berg- (Abg. Rische: Das hat ja der Herr Bundes
arbeiter zu beeinflussen, Kollege Imig. Die Ge- wirtschaftsminister selbst zugegeben!)
werkschaften wichen bekanntlich in dieser Frage und daß Diktate ergangen seien. Das eine oder
zurück und haben sich den Auffassungen der das andere kann doch nur richtig sein.
DKBL angeschlossen. Aber der Herr Wirtschafts- (Abg. Rische: Sie verkennen die doppelte
minister hat ebenfalls zu der damaligen Zeit zu Ausbeutung in Westdeutschland und den
der Kohlenpreissenkung Stellung genommen und doppelten Druck!)
gefordert, daß die eintretenden Verluste im
Bergbau durch die Mehrarbeit der Bergarbeiter Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter
wettgemacht werden müßten. Er will also, daß Rische, Sie hatten ausreichend Gelegenheit, hier
durch verschärfte Ausbeutung, durch die An- zu Wort zu kommen.
wendung der Gedingeschere die Bergarbeiter die (Abg. Rische: Leider nicht! Nur 7 Minuten!)
Kosten der Verlustwirtschaft dieser Regierung
tragen sollen. — Es waren acht.
Die Bergarbeiter haben die Steigerung der Dr. Blank (FDP): Ich glaube, daß man der Bun-
täglichen Förderung von 291 000 Tonnen im Sep- desregierung bei ihrer Erklärung nur folgen
tember 1948 auf durchschnittlich 360 000 Tonnen kann, daß sie noch verhältnismäßig glücklich da-
durch ihre Leistung erzielt. Die Schichtleistung vongekommen ist indem sie gegenüber der For-
liegt heute schon auf vielen Schachtanlagen des derung auf Senkung der Spanne zwischen Aus-
Ruhrgebiets weit über dem Vorkriegsstand. Und lands- und Inlandspreis um 50 Prozent, die an
nun verlangt der Herr Wirtschaftsminister, daß uns herangebracht war, die Spanne um nur 30
die Bergarbeiter die Verluste der deutschen Prozent senkte. Daß wir für unsere Kohle bei
Wirtschaft auf Grund von Zwangsdiktaten tra- der Ausfuhr nicht mehr erzielen können, ist an
gen sollen. Die von der Adenauer-Regierung sich höchst bedauerlich, besonders weil auch die
freiwillig und ohne Befragen des Parlaments vor- letzte Preissenkung an sich marktwirtschaftlich
genommene Exportpreisfestsetzung zeigt unserer nicht unbedingt geboten war. Aber wir müssen
Meinung nach wieder einmal die Auswirkungen auf der anderen Seite, wie es der Herr Bundes-
der kolonialen Herrschaft der westlichen Alliier- wirtschaftsminister schon ausgeführt hat, auch
ten in Westdeutschland. Dieser koloniale Zu- anerkennen und uns mit der Bundesregierung in
stand bedeutet, daß wir ständig derartige Dik- der Hoffnung vereinigen, daß unser Schritt, den
tate ausländischer Interessenvertreter über die der Herr Bundeswirtschaftsminister als ein Opfer
Hohe Kommission werden hinnehmen müssen. bezeichnet hat, auf dem Wege zur weiteren
Wir kennen eine Reihe dieser Diktate, und ich Liberalisierung des europäischen Handels sich für
bin der Meinung, daß diese Regierung in Zukunft ganz Europa als nützlich erweisen wird.
noch des öfteren den Canossa-Gang zum Peters
berg antreten muß, um Diktate gegen die deut- (Abg. Rische: Das wird dann ein weiteres
sche Wirtschaft und damit auch gegen die deut- Opfer sein!)
schen Werktätigen entgegenzunehmen. - Das wird sich herausstellen.
(Glocke des Präsidenten.) (Abg. Rische: Das wissen Sie ja schon!)
— Nein, das wissen wir nicht.
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter, Wir haben allerdings einen Wunsch. Der
Ihre Redezeit ist abgelaufen. Kampf gegen die Diskriminierungen, das heißt
Rische (KPD): Wir Kommunisten sind der- An- gegen das zweigleisige Preissystem, das wir bei
sicht, daß diese diskriminierende Maßnahme ge- uns abzubauen auf dem Wege sind, sollte mög-
gen die deutsche Wirtschaft ungesetzlich ist und lichst auch in anderen Ländern geführt und ge-
daß die Regierung recht eigenmächtig gehandelt wonnen werden, damit auch die deutsche Wirt-
hat, indem sie den Kohlenexportpreis zuungun- schaft einmal in die Lage kommt, Einfuhrgüter,
die sie aus dem Ausland erwerben muß, zu den
sten der westdeutschen Wirtschaft und damit billigeren Inlandspreisen des Auslandes und nicht
auch zu Lasten der deutschen Verbraucher auf
Kosten des Lebensstandards der Bergarbeiter zu den höheren Weltmarktpreisen zu beziehen.
festlegte. Wir halten, wie ich mir bereits zu erklären
(Beifall bei der KPD.) erlaubte, die Interpellation der SPD für ausrei-
chend und erschöpfend beantwortet.
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
Herr Abgeordnete Dr. Blank. Ihre Redezeit be- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
trägt 12 Minuten. Herr Abgeordnete Dr. Seelos.
Dr. Blank (FDP): Meine sehr geehrten Damen Dr. Seelos (BP): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Namens meiner Freunde sowie und Herren! Wenn es sich hier auch im wesentlichen
namens der Fraktion der CDU/CSU und der um die Exportpreise für Kohle handelt, so ist
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1361
(Dr. Seelos)
doch auch eine Erhöhung des Inlandkohlenpreises entscheidenden Gebiet, auf dem Gebiet der
enthalten. Für Bayern ergibt das eine weitere Kohle, die Bundesregierung die feierlich gege-
Verschlechterung der industriellen Wettbewerbs- benen Zusagen nicht eingehalten hat, die sie im
lage gegenüber der westdeutschen Industrie.. Für Herbst vor dem ganzen Parlament machte, näm-
uns sind nach dem Krieg die benachteiligenden lich unter keinen Umständen die Preise für aller-
Momente sehr gewachsen. Früher haben wir wichtigste Güter zu . erhöhen. Es tut uns außer-
den höheren Kohlenkostenanteil, der jetzt 50 bis ordentlich leid, daß auch hier wieder die Re-
80 Prozent höher liegt als im Westen, dadurch gierung von sich aus gegen die Interessen unse-
kompensieren können, daß wir die billigere und rer gesamten Volkswirtschaft gehandelt hat.
bessere oberschlesische Kohle oder auch Saar- (Lebhafter Beifall bei der WAV.)
kohle bezogen haben, daß wir außerdem den
Frachtnachteil durch den Export nach dem Süd- Vizepräsident Dr. Schmid: Weitere Wortmel-
osten und Osten überwinden konnten. Jetzt ist dungen liegen nicht vor.
das alles unmöglich geworden. Wir müssen nicht
bloß die höheren Kohlenpreise zahlen, wir mäs- Das Schlußwort hat der Antragsteller.
sen höhere Fracht zahlen, und der Export geht
nach Westdeutschland und nach Westeuropa zu- Imig (SPD), Antragsteller: Meine Damen und
rück. Herren, ich kann mich kurz fassen. Der Herr
Die bayerische Industrie hat sich schon be- Bundeswirtschaftsminister wies darauf hin, daß
müht, die Kohlenkostenanteile zu senken, indem das Bestreben bestünde, eine Vereinheitlichung
man Absprachen der Kohleninteressenten über in die Kohlewirtschaft hineinzubringen, und zwar
Kohlenausgleichpreise anstrebt, ähnlich wie es sämtlicher kohleproduzierenden Länder. Wir
bei der Braunkohle der Fall war oder wie wir freuen uns darüber; denn man scheint doch all-
es zum Beispiel in Bayern mit den Strompreisen mählich zu dem Standpunkt zu kommen, daß
machen, die wir durch einen gewissen Ausgleich eine gewisse Planwirtschaft auf dem Gebiet doch
auch einheitlich gestalten. Diese Staffelung einmal betrieben werden muß.
könnte natürlich nur durch eine syndikatsähn- Eine Frage aber ist von dem Herrn Bundes-
liche Einrichtung erfolgen, die an sich auf den wirtschaftsminister nicht beantwortet worden.
Widerstand der Besatzungsmächte stoßen könnte. Wir hatten in der Drucksache Nr. 404 auch ge-
Der Widerstand wird aber wohl überwunden fragt, warum die Bundesregierung ihre Meinung
werden, wenn man ihnen stichhaltige Argumente geändert habe. Nun hat der Herr Kollege Blank
vorhält. eben gesagt, daß die Bundesregierung das ja nicht
Ein fast noch stärkerer Widerstand wäre aber freiwillig getan habe. Wir sind völlig mit Ihnen
von der westdeutschen Industrie zu befürchten, einverstanden, Herr Kollege Blank, aber wenn
da die neue Einrichtung geschaffen werden das so ist, dann dürfte man vorher nicht die
müßte, um die Länder, die besonders stark unter Erklärung abgeben, daß man unter keinen Um-
der Arbeitslosigkeit leiden und die Flüchtlings- ständen gewillt sei, diesen Weg zu beschreiten.
ansiedlung in den industriellen Gebieten zu be- (Abg. Dr. Bucerius: Im Zusammenhang mit
treiben haben, stärker zu berücksichtigen. Wir der Währungsabwertung ist das besprochen
können nicht mehr nach reinen Standortsbegrif- worden!)
fen verfahren, — Aber nein, dann sind Sie nicht genau infor-
(Hört! Hört! bei der SPD) miert, Herr Kollege! Hier handelt es sich darum:
sondern wir müssen die allgemeinen Probleme, es war eine Vorschrift der Hohen Kommission,
die sich durch die Flüchtlingsfragen ergeben, be- irgendwie zu einer Regelung des Kohlenpreises
rücksichtigen. zu kommen; die Bundesregierung hat aber aus-
drücklich betont, daß sie nicht gewillt sei, den
Ich wollte nur in kurzen Worten im Zusam- Weg einer Kohlenpreiserhöhung im Inland zu
menhang mit der neuen Erhöhung der Kohlen beschreiten.
preise auf die besonderen Probleme der bayeri- (Sehr richtig! bei der SPD.)
schen Industrie hinweisen, um Verständnis für
unsere schwierige Lage in dieser Beziehung zu Trotzdem aber hat sie den Weg beschritten!
wecken. (Abg. Loritz: Sehr richtig!)
Das ist doch das Wesentliche dabei.
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Wir möchten also nun noch die Frage beant-
Herr Abgeordnete Loritz. wortet haben, Herr Bundeswirtschaftsminister,
- wieso die Regierung dazu gekommen ist, ihre
Loritz (WAV): Meine sehr verehrten Damen Absicht, diesen Weg nicht zu beschreiten, zu
und Herren! Ich möchte für die Fraktion der ändern.
WAV folgendes erklären: Wir von der WAV sind
durch die Darlegungen des Herrn Bundeswirt-
schaftsministers auf die SPD-Interpellation kei- Vizepräsident Dr. Schmid: Wortmeldungen lie-
neswegs befriedigt. Im Gegenteil, ich muß unse- gen nicht mehr vor. Ich erkläre die Beratung zu
rer lebhaften Enttäuschung darüber Ausdruck diesem Punkt für geschlossen.
geben, daß der Bundeswirtschaftsminister auch Ich rufe auf Punkt 3 der Tagesordnung:
hier die Probleme in ihrer ganzen Tragweite an- Erste Beratung des Entwurfs eines Gesetzes
scheinend nicht völlig erfaßt hat. Wir wenden über Bekanntmachungen (Drucksache Nr.
uns schärfstens gegen die Preiserhöhung für In-
landskohle. Wir sind nicht in der Lage, diese 512).
Preiserhöhung zu bagatellisieren, wie das von Der Herr Bundesjustizminister verzichtet auf
gewisser Seite versucht worden ist. Wir sind ins- die Begründung; er verweist auf die schriftliche
besondere darüber aufgebracht, daß, nachdem wir Begründung.
es bei Benzin und Treibstoff schon erlebt haben, Ich eröffne die Aussprache. - Wortmeldungen
auf einem weiteren für die ganze Wirtschaft liegen nicht vor.
1362 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Vizepräsident Dr. Schmid)
Ich schlage vor, den Entwurf an den Ausschuß Aufführung von Theaterstücken, bei Kinovorfüh
für Rechtswesen und Verfassungsrecht zu verwei- rungen, Konzertveranstaltungen, bei Neuauflagen
sen. — Es erhebt sich kein Widerspruch; es ist von Büchern, Noten usw. ein Altersfonds geschaf-
so beschlossen. fen werden könne. Man prüfe ernstlich, ob nicht
auf solche oder ähnliche Art ein Weg gefunden
ich rufe auf Punkt 4 der Tagesordnung: werden, könne, und hoffe, recht bald passende
Beratung des Mündlichen Berichts des Aus- Vorschläge machen zu können. Keinesfalls möge
schusses für Sozialpolitik über den Antrag man aber zu einer Zwangsversicherung greifen,
der Abgeordneten Frau Wessel und Ge- die ihren speziellen Verhältnissen nicht gerecht
nossen betreffend Rentenversicherung für würde.
die freien Berufe (Drucksachen Nr. 488 Auf Wunsch des Ausschusses erstattete der Re-
und 62). gierungsvertreter, Abteilung Arbeit, Bericht über
Ich erteile das Wort dem Berichterstatter, die Auswirkungen, die die damalige Einbeziehung
Herrn Abgeordneten Schüttler. der Handwerker in die Angestelltenversicherung
bis jetzt gezeitigt habe. Obschon genaue stati-
Schüttler (CDU), Berichterstatter: Herr Präsi- stische Unterlagen darüber im Augenblick noch
dent! Meine Damen und Herren! Der Ausschuß nicht zur Verfügung stünden, könne schon heute
für Sozialpolitik befaßte sich in seiner Sitzung gesagt werden, daß die Einbeziehung dieser Be-
vom 1. Februar mit dem Antrag der Zentrums- rufsgruppe in die Angestelltenversicherung eine
fraktion Drucksache Nr. 62 • betreffend Renten- außerordentliche Belastung mit sich gebracht
versicherung für die freien Berufe. Zu dieser habe. Man rechne schon in diesem Jahr damit, daß
Beratung waren die leitenden Persönlichkeiten auch in diesem Versicherungszweig die Einnah-
der freien Berufsverbände, Ärzte, freischaffende men die Ausgaben nicht mehr decken, und zwar
Künstler usw. geladen, um einmal ihren Stand- zum großen Teil mitverursacht durch die Ein-
punkt zu diesem Problem kennenzulernen. beziehung der Handwerkergruppe in diese Ver-
Die Vertreter dieser freien Berufsgruppen ga- sicherung.
ben mit allem Nachdruck zu erkennen, daß sie Von mehreren Mitgliedern des Ausschusses
grundsätzlich gegen die Einführung von Zwangs- wurde betont, daß man die freien Berufe nicht
versicherungen seien. Der Vertreter der Ärzte- gegen ihren Willen in eine Zwangsversicherung
schaft verwies auf die vorbildliche Regelung, die einbeziehen dürfe. Man solle dem Bestreben, sich
sie in seinem Berufsstande bis zur Währungs- auf genossenschaftlichem Wege selbst zu helfen,
reform auf der Basis der Ärztekammern beses- jede Unterstützung angedeihen lassen und alle
sen hätten und daß sie nun leider durch die Zer- Hilfe zur Verfügung stellen, um dieses erstrebte
rüttung der Währung in große Schwierigkeiten Ziel zu erreichen.
gekommen seien. Wenn man ihnen helfen wolle, Der Ausschuß stellt daher einstimmig folgen-
so sei das nicht auf dem Wege über eine Zwangs den Antrag:
versicherung möglich, sondern einzig und allein
dadurch, daß man ihnen die alte Rechtsordnung Der Bundestag wolle beschließen:
in den Ärztekammern wieder zurückgebe und Der Bundesregierung wird empfohlen, sich
wenn möglich die durch die Währungsumstellung mit einer zweckentsprechenden Alters- und
verlorengegangenen Deckungsgrundlagen höher Hinterbliebenenversorgung der freien Berufe
aufwerte. Falls diese Möglichkeiten gegeben eingehend zu befassen.
seien, sei nicht der geringste Anlaß vorhanden, Der Ausschuß empfiehlt dem Hohen Hause die
sie irgendwie mit einer Zwangsversicherung zu Annahme dieses Antrages.
beglücken. Der Vertreter führte aus, daß diese An-
sicht Gemeingut der Ärzteschaft sei, und bat aus (Bravo!)
diesem Grunde dringend, sie mit jedem staat- Vizepräsident Dr. Schmid: Ich danke dem Herrn
lichen Zwang zu verschonen; er sei beauftragt, Berichterstatter und eröffne die Aussprache. Ehe
die gleiche Erlärung auch für die übrigen freien ich dem Abgeordneten Dr. Reismann das Wort
Berufsgruppen abzugeben. erteile, möchte ich bekanntgeben, daß der Älte-
Der Vorsitzende der Berufsgruppe freischaf- stenrat vorschlägt, die Aussprache zu diesem
fender Künstler schilderte die augenblickliche Punkt auf 20 Minuten zu beschränken. - Es er-
große Notlage sowohl der schaffenden wie auch hebt sich kein Widerspruch; das Haus hat so
der arbeitsunfähigen Berufskollegen. Trotz all der beschlossen.
Not könne er aber auch für diese Gruppe - er- Das Wort hat Herr Abgeordneter Dr. Reismann.
klären, daß eine Zwangseinbeziehung dieses Per- (Abg. Dr. Reismann: Ich bitte, das Wort an
sonenkreises in eine staatliche Sozialversicherung Herrn Krause abzugeben, der inzwischen
unerwünscht und nach ihrem Dafürhalten auch eingetroffen ist!)
undurchführbar sei. Die freischaffenden Künstler,
die keinen Arbeitgeber hätten, müßten in all — Das Wort hat Herr Abgeordneter Krause. —
diesen Fällen die monatlichen Versicherungsbei- 5 Minuten, Herr Abgeordneter, beträgt Ihre
träge selbst aufbringen; das sei bei dem knappen Redezeit!
und vielfach unregelmäßigen Einkommen un-
denkbar. Sollte man es trotzdem versuchen, so Krause (Z): Meine sehr verehrten Damen und
würde sich bald herausstellen, daß der Gerichts- Herren! Die Zentrumsfraktion ist mit der Rege-
vollzieher bei dieser Berufsgruppe täglicher Gast lung, die im Ausschuß getroffen worden ist,
sein würde. Man habe auch in ihrem Kreise die grundsätzlich zufrieden. Wir wollen aber diese
Notwendigkeit einer Altersvorsorge durchaus er- Gelegenheit benutzen, um einmal in aller Öffent-
kannt; doch werde man wohl einen anderen lichkeit darzutun, was sich auf dem Gebiete der
Weg finden müssen, der ohne persönliche Bei- freien Berufe im Bundesgebiet tut. Ich darf daran
tragsleistungen des einzelnen zum Ziele führe. erinnern, daß es im ganzen Bundesgebiet 200 000
Man habe sich bereits Gedanken darüber ge- Freiberufler gibt und daß diese insgesamt unge-
macht, ob nicht durch eine bindende Abgabe bei fähr eine halbe Mil li on Arbeitnehmer beschäf-
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1363
(Krause)
tigen. Nur bei 25 Prozent der Freiberufler ist — Ach so, zufälligerweise aber einer von Ihrer
das Einkommen mit ihrem früheren Durch- Fraktion, von der CDU! — Die Argumente, die
schnittseinkommen vergleichbar. In besonders im Ausschuß gegen diese Sache ins Feld geführt
großer wirtschaftlicher Notlage befinden sich zum wurden, waren zu 99,9 Prozent dagegen. 0,1 Pro-
Beispiel die Ärzte; man kann da von etwa 50 zent war bestenfalls für eine wirkliche Reali
Prozent der Gesamtzahl sprechen. Ich erinnere sierung dieses Gedankens ins Feld geführt wor-
vor allen Dingen auch an die Notlage der jun- den. In dem Ausschuß sind wir — nebenbei be-
gen Ärzte und all der Heimkehrer, besonders so- merkt — nicht stimmberechtigt. So liegen doch
weit sie Freiberufler sind. Allein in einer Groß- die Dinge.
stadt der amerikanischen Zone lebt fast die Die Notlage der freien Berufe gehört zu einem
Hälfte der Rechtsanwälte in beängstigender Nähe oft exerzierten Kapitel in Ihren Zeitungen und
des Lebensstandards von Arbeitslosen und Wohl- Versammlungen. Wenn Sie vor die Alternative
fahrtsempfängern. Das alles hat uns veranlaßt, gestellt werden, etwas zu tun, kommen Sie mit
den Stein auf diesem Gebiet überhaupt erst ein- den — verzeihen Sie — sehr abgedroschenen
mal ins Rollen zu bringen. Argumenten, man solle die Altersversorgung auf
Jetzt wird m an uns fragen, welche praktischen genossenschaftlicher Basis regeln und der freien
Vorschläge wir der Bundesregierung mit auf den Initiative dieser Kreise Tür und Tor öffnen. Sie
Weg geben möchten. Es erscheint uns zweck- haben es sogar fertiggebracht, uns im Ausschuß
mäßig, daß man im Sinne des Altsparergesetzes zu erklären, der Bundesvorstand der freien Be-
die Beträge für Versorgungszwecke bei den Or- rufe sei im Prinzip gegen die Einführung einer
ganisationen der Selbstverwaltungen der freien Zwangsversicherung. Wir sind der Meinung, der
Berufe, für die ja teilweise eine Pflichtversiche- Beschluß des Ausschusses muß in der Form um-
rung bestand, als aufwertungsfähig anerkennt. geändert werden, daß der Bundesregierung nicht
Zweitens sollte, wenn die Versorgungseinrich- empfohlen wird, sondern daß sie beauftragt wird,
tungen wiederbelebt werden, eine Unterstützung ein Gesetz über die Alters- und Hinterbliebenen-
insofern erfolgen, als man diesen Einrichtungen versorgung der freien Berufe vorzubereiten und
dann durch eine entsprechende Aufwertung mit dem Haus vorzulegen. Ich erhebe das zum Abän-
Hilfe der Gewährung von Ausgleichfordn derungsantrag.
an die öffentliche Hand praktisch entgegenkom-
men müßte. Vizepräsident Dr. Schmid: Haben Sie ihn
Im übrigen bitten wir die Bundesregierung, vor schriftlich?
allen Dingen das Bundesarbeitsministerium und
insbesondere auch alle 46 Freiberufler in diesem Renner (KPD): Ich reiche den Abänderungsan-
Hohen Hause, alles zu tun, was geeignet ist, die trag sofort schriftlich ein. - Lassen Sie mich mit
Notlage der Freiberufler im Alter zu beseitigen. einer Feststellung schließen, die sich auch aus
Wir wünschen grundsätzlich und aufrichtigen der Diskussion im Ausschuß ergeben hat. Es
Herzens, daß der Herr Bundesarbeitsminister sich gibt einen Stadtstaat - wenn ich einmal das
dabei der Mitarbeit des Bundesverbandes der Wort gebrauchen soll —: Berlin. Dort gab es
Freien Berufe in Düsseldorf, dem 16 Organisa- bis vor kurzem eine derartige Zwangsversiche
tionen angeschlossen sind, bedient. rung für die freien Berufe. Das Gesetz stammte
noch aus der guten schönen Zeit, als man im
(Beifall im Zentrum.) einheitlichen Berlin solche fortschrittlichen Ge-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Herr setze schaffen konnte. Uns ist im Ausschuß von
Abgeordneter Renner. 5 Minuten! einer Vertreterin Berlins berichtet worden, daß
man mit diesem Gesetz gute Erfahrungen ge-
Renner (KPD): Herr Präsident! Meine Damen macht habe und daß die freien Berufe mit diesen
und Herren! Wenn der Antragsteller sich mit Leistungen sehr einverstanden waren. Uns ist
dieser Erledigung seines Antrages durch den aber auch gesagt worden, man habe inzwischen
Ausschuß einverstanden erklärt, ist das seine das Gesetz in Westberlin liquidiert
Sache. Wir sind mit der Erledigung nicht ein- (Abg. Neumann: Sie haben keine Ahnung!)
verstanden. Wir halten den Vorschlag des Aus- im Zuge der Angleichung der Gesetzgebung West-
schusses für eine einfache Beerdigung des ur- Berlins an die Gesetzgebung des Bundes.
sprünglichen Gedankens, der in dem Antrag ent
halten war. Wenn hier in der Abwehr dieses An- (Abg. Neumann: Ein Irrtum, Herr Renner!)
trages auf Einführung einer Pflichtversicherung - Wenn ich mich geirrt haben sollte, - —
davon gesprochen worden ist, welch schwere
- Be- (Abg. Neumann: Sie haben verkehrt gehört!)
lastung der Sozialversicherung dort, wo ähnliche — Dann bitte ich Sie, sich bei Ihrer verehrten
Versicherungen bestanden haben oder noch be- Frau Kollegin Schroeder zu erkundigen.
stehen, bereits entstanden sei, dann glaube ich
doch darauf hinweisen zu müssen, daß wir an (Zuruf der Abg. Frau Schroeder.)
dem Problem der Sicherung der Leistung der Diese kleine Bosheit wollte ich mir am Ende
Sozialversicherungsträger durch eine wirkliche meiner Betrachtungen nicht verkneifen.
Aufwertung der verlorengegangenen Vermögen Den Abänderungsantrag werde ich sofort
wohl nicht vorbeikommen können. Ich bin zudem schriftlich einreichen.
der Auffassung, daß nach wie vor der Bund seine
Verpflichtungen gegenüber den bankrottgewirt- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Frau
schafteten Sozialversicherungsträgern endlich und Abgeordnete Kalinke.
endgültig erfüllen muß.
Gegen ihren Willen soll man, so sagte der Frau Kalinke (DP): Herr Präsident! Meine Her-
Sprecher der CDU, den freien Berufen keine ren und Damen! Nach der eindeutigen Stellung-
Zwangsversicherung auferlegen. nahme im Ausschuß wäre es eigentlich nicht not-
(Zuruf: Das war der Berichterstatter, wendig gewesen, noch eine Debatte zu führen.
Herr Renner!) (Sehr richtig! rechts.)
1 364 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Frau Kalinke)
Die vornehmste Verpflichtung der Demokratie Frau Kalinke (DP): Ich habe nur auf seinen Zu
sollte sein, die Bedürfnisse derjenigen zu erfor- ruf geantwortet. Zur Sache darf ich erklären,
schen, die es angeht. In einer Zeit, die uns vor daß wir der Auffassung sind, der Antrag, so wie
so viele Aufgaben stellt, die wir nicht erfüllen er vom Ausschuß beschlossen worden ist, ist
können, sollten wir uns davor hüten, Menschen das möglichste dessen, was tragbar ist. Ein an-
mit einer Lösung zu beglücken, die sie nicht derer Antrag von Herrn Renner wird von meiner
wünschen. Der Herr Berichterstatter hat sehr Fraktion mit aller Entschiedenheit abgelehnt
sachlich und sehr richtig erklärt, daß sich im werden.
Ausschuß die absolute Mehrheit von denjenigen (Beifall rechts.)
hat überzeugen lassen, die es anging, nämlich von
den Vertretern der organisierten freien Berufe. Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Frau
Ich bin überzeugt, die Vertreter des Ärztestandes Abgeordnete Dr. Steinbiss.
werden noch das ihre dazu sagen, wieweit sie in
Vergangenheit und Gegenwart bewiesen haben, Frau Dr. Steinbiss (CDU): Herr Präsident! Meine
daß sie die Altersversorgung ihrer Berufsange- Damen und Herren! Frau Kalinke hat eben aus-
hörigen in voller Verpflichtung und Verantwor- geführt, daß uns der Antrag der Zentrumsfrak-
tung selbst zu lösen verstanden. Sie haben uns tion sehr überrascht hat, denn die Zentrumsfrak-
im Ausschuß auch gesagt, wie sie sich die künf- tion hätte es ia leicht gehabt. sich hei den Spit-
tige Lösung vorstellen, und zwar unter den glei zenorganisationen oder sonstigen Organisationen
hen Voraussetzungen, wie sie in der Praxis der freien Berufe zu erkundigen, was deren
schon beispielhaft entwickelt worden sind. Wei- Wunsch ist. Wir sind aber vielleicht doch in einer
ter ist uns mit aller Klarheit gesagt worden, daß Beziehung froh, daß der Antrag vorgelegen hat,
diejenigen, die die Versicherung nicht wünschen, denn durch ihn ist die Frage der ärztlichen Be-
auch keine Möglichkeit hätten, die Beiträge auf- rufsvertretung aufgerollt worden. und wir hof-
zubringen. Also es geht hier um die ganz ein- fen, daß es nun nicht eher abreißt, als bis diese
deutige Frage: Staatsfürsorge oder Versicherung? Frage gelöst ist. Es ist Ihnen hier schon gesagt
Wenn ich in der kurzen Zeit, die mir zur Ver- worden, in welcher Weise — man kann sagen
fügung steht — ich darf nur fünf Minuten spre- geradezu vorbildlicher Weise — die Ärzte für
chen —, das Alter ihrer Standesgenossen und deren Hin-
(ironische Bravorufe links) terbliebenen gesorgt haben. Trotz Zusammen-
bruchs. trotz Währungsreform haben die Ärzte
das Problem nur anrühren kann, so möchte ich diese Versorgung durchgehalten. einzelne Länder
dem Kollegen Renner doch sagen, daß er diesmal wie Nordrhein-Westfalen und Bayern sogar in
Frau Schroeder — obwohl ich sonst mit ihr nicht voller Höhe. Es ist aber der Wunsch, daß alle
immer einig bin — falsch zitiert hat. Die Vertre- Bundesländer ebenso ihren freiwillig übernom-
terin Berlins hat mit aller Klarheit im Aus- menen Verpflichtungen nachkommen können. So
schuß gesagt, daß sie mit der Zwangsversicherung negativ der Antrag der Zentrumsfraktion ist, so
der Selbständigen die schlechtesten Erfahrungen wollen wir ihn doch positiv werten, wenn es
gemacht hätten, daß diese selbständigen Berufe durch ihn gelingen sollte unsere Ä rztekommen
kein gutes Risiko gewesen sind und man aus die- als Körperschaft öffentlichen Rechts mit der
sen Gründen — nicht etwa aus Gründen der Selbstverwaltung und der Pflichtzugehörigkeit
Anpassung an den Westen —, also auf Grund aller Ärzte wieder aufbauen zu können.
dieser Erfahrung feststellen mußte, daß die freien (Beifall in der Mitte und rechts.)
und damit selbständigen Berufe aus der Versiche-
rung herausgenommen werden sollten. Im übri- Vizepräsident Dr. Schmid:
gen würde ich um der Versicherten willen glück- Das Wort hat der
lich sein, wenn diese Anpassung an den Westen Herr Abgeordnete Hammer.
schon verwirklicht worden wäre! Dr. Hammer (FDP): Meine Damen und Herren!
Das übrige, was hier ausgeführt worden ist, hat Ich bedaure, das vom Kollegen Renner ange-
mit dem Antrag der Zentrums-Fraktion nichts schnittene Kapitel der Notlage der freien Berufe
mehr zu tun. Der Antrag der Zentrums-Fraktion deshalb nicht weiter behandeln zu können, weil
wollte eine gesetzliche Zwangsversicherung für die Geschäftsordnung uns nur einige Minuten
alle freien Berufe. Das ist eigentlich eindeutig Zeit zur Behandlung des Antrages der Zentrums-
im Ausschuß abgelehnt worden. fraktion läßt. In dem Antrag der Zentrums-
(Abg. Dr. Reismann: Sie müssen den Antrag fraktion steht ja nur eins drin; das ist die For-
lesen, Frau Kalinke!) derung nach einer Rentenversicherung für sämt-
--c
liche freien Berufe. Es hat keinen Sinn, das ab-
— Ich kenne Ihren Antrag besser als Ihr Ver- zustreiten. Wir haben bei der Überprüfung dieses
treter, Herr Dr. Reismann. Sie waren ja im Aus- Tatbestands widerspruchslos festgestellt, daß die
schuß bei der Beratung leider nicht dabei. verschiedenen Berufsgruppen, die man zusammen
(Heiterkeit.) als freie Berufe bezeichnet, ein so verschiedenes
Krankheits- und Sterbefallrisiko haben, daß man
Sie kamen erst zum Schluß und haben, da Sie bei einer Zusammenfassung dieser Berufe in
erst zum Schluß kamen, nicht einmal die Auf- einer Organisation keinesfalls mehr von einer
fassung derjenigen gehört, die als Sachverstän- Versicherung sprechen kann. Eine Versicherung
dige dazu gesprochen haben. Sie haben sich ent- setzt eine Gleichheit der Risiken voraus, wenn
schuldigen lassen, und wir haben im Ausschuß man auch in der Diskussion über die Sozialver-
über eine Stunde auf Sie gewartet. Deshalb kön- sicherung in den letzten Jahren sehr oft von
nen Sie auch nicht so genau Bescheid wissen. dieser Erkenntnis hat abgehen wollen. Ich bitte
nicht zu vergessen, daß zum Beispiel die deutsche
Vizepräsident Dr. Schmid: Sprechen Sie lieber Ärzteschaft durch die Gefahren der Berufs-
zur Sache als zur Person des Herrn Abgeordne- infektion, durch die Kreislaufkrankheiten, die ihr
ten Reismann. Beruf mit sich bringt, ein sehr niedriges Lebens-
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1365
(Dr. Hammer)
alter hat, im Gegensatz zu einem willkürlich Berufe (Ärzte, Journalisten, Künstler,
herausgegriffenen Stand, der in diese Einheits- Rechtsanwälte, Schriftsteller, Notare pp.) ge-
versicherung hineinkommen sollte, der deutschen schaffen wird.
Rechtsanwaltschaft. Mit welchem Recht bürden Dabei ist nicht gesagt, daß eine einzige Ver-
Sie derartige Risiken, die im übrigen in den. sicherung für alle zusammen bestimmt sein soll,
Einzelhtocgaurfshtind,e sondern es wäre durchaus möglich, daß man für
Berufsgruppen auf? Bei dieser Regelung bliebe die einzelnen Berufsstände, soweit verschiedene
eben keine Versicherung übrig, es wäre eine Risiken das verlangen, verschieden verfährt.
Fürsorgeanstalt.
(Abg. Frau Kalinke: Ihr Vertreter
Die freien Berufe, insbesondere die Ärzte- erwähnte den Beveridge-Plan!)
schaft, zu der ich gehöre, haben bewiesen, daß - Davon habe ich selber gesprochen. Wir haben
sie auf genossenschaftlicher und freiheitlicher aber nicht verlangt, daß das nur auf diesem
Basis eine wunderbare Altersversorgung zu- Wege geschehe.
stande gebracht haben. Das Argument des Herrn
Reismann, daß diese Versicherung der Ärzte und Aber, meine Damen und Herren, sowohl im
die freiwilligen Versicherungen durch die Wäh- Ausschuß als auch bei den Vertretern der be-
rungskatastrophe zu Ende gekommen seien, gilt rufsständischen Organisationen war man sich
ja auch für die große deutsche Sozialver- darüber klar, daß wegen der gar nicht abzu-
sicherung. Mir ist nicht bekannt, daß die Sozial- leugnenden ungeheuren Notlage — nicht bloß
versicherung Deckungsgrundlagen hat über die der Berufstätigen, sondern auch bei den Alten,
Währungsreform hinüberretten können. Ihre bei den Kranken und bei den Hinterbliebenen
Existenz im Augenblick, die Weiterleistung ihrer aus jenen Berufsständen — die Situation
Beiträge beruht auf einem Gesetz, das erhöhte dringend eine Abhilfe verlangt. Nur über den
Beiträge erzwungen hat. Sie beruht auf einem Weg waren wir verschiedener Meinung. Zu
Umlageverfahren, das durch einen politischen unserem Vorschlag gehört es durchaus auch, daß
Entscheid der deutschen Gremien entstanden ist. man beispielsweise auf dem Weg über die Aus-
Wenn Sie das wollen, so können Sie das auch gleichsleistungen der Länder an die Ver-
für die privaten Lebensversicherungen oder für sicherungen diese instand setzt, besser aufzu-
irgendeine Kapitalaufwertung durchführen. Die werten, als das bisher der Fall war, wo es
hier vorgetragenen Gegenargumente sind nicht praktisch für sie ausgeschlossen war. Meine
in der Lage, uns zu überzeugen. Wir haben von Damen und Herren, tun Sie doch nicht aus
alters her ein ganz feines Empfinden dafür, irgendwelchem Agitationsbedürfnis etwa so, als
wenn man bei der Konstituierung von Fürsorge- ob von unserem Antrag kein gutes Haar übrig
einrichtungen gegen den Grundsatz eines freien wäre. Zumindest müssen Sie zugeben, daß es
Staates verstößt. Der Wohlfahrtsstaat ist die notwendig ist, daß diese zahlenmäßig schwächeren
Voraussetzung für die Verwirklichung des Poli- Kreise, die keine so große Zahl wie die Summe
zeistaates, und Sie werden deshalb nicht ver- aller Angestellten, Arbeiter oder Gewerbe-
langen können, daß meine Fraktion die Ten- treibenden ausmachen, die noch durch materielle
denz eines derartigen Antrags unterstützt. Wir Unterlagen in ihrer Existenz eben auch im Alter
schließen uns dem Ausschußbeschluß an. gesichert sind, endlich einmal berücksichtigt wer-
den, nachdem man ihnen zweimal in einer Ge-
(Beifall bei der FDP.) neration die Frucht ihrer Ersparnisse gestohlen
hat
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der (Zuruf links: Wer?)
Herr Abgeordnete Dr. Reismann. Wollen Sie das
Wort zur Sache oder zu einer persönlichen Be- anders kann man das nicht nennen —, und
das von Amts wegen.
merkung?
(Abg. Dr. Reismann: Zur Sache! Zu einer Dann muß man sich einmal überlegen, daß
persönlichen Bemerkung außerdem!) man es bei den Leuten, die heute zum Wort
kommen und sagen: das ist nicht möglich, wir
— Ich appelliere an Ihr kollegiales Mitgefühl helfen uns selbst, zumeist mit solchen zu tun
mit dem Hause. hat, für die das Wort gilt: „Wir sind noch ein-
(Heiterkeit.) mal davongekommen." Nebenbei gesagt handelt
persönlichen es sich bei denen, die ihre Versicherung günstig
Dr. Reismann (Z): Darf ich mit der gestaltet haben, nicht nur um Ärzte. Bei den
Bemerkung beginnen, da ich eben persönlich Ärzten ist die berufsständische Versicherung ja
apostrophiert worden bin, ich sei in einer immer die beste gewesen. Es handelt sich um
-
Sitzung nicht dagewesen. Das passiert bekannt- solche, die völlig mittellos und hilflos -dastehen.
lich jedem von uns: wenn zwei Ausschußsitzungen Ich bin ja leider selber auch so einer, die keine
kollidieren, dann geht man zu der wichtigeren Hilfe nötig haben. Ich habe noch einmal eine
Sache. Das habe ich getan. Ich habe dann aber Gelegenheit. Obwohl ich mein ganzes Vermögen
der Verhandlung dieser Sache von Anfang bis verloren habe, hoffe ich, für den Rest meines
zu Ende beigewohnt. Ich weiß nicht, was es über- Lebens noch so viel zu erübrigen, daß ich davon
haupt für einen Zweck hat, das hier zu er- leben kann, wenn ich nicht mehr arbeiten kann.
wähnen; das passiert jedem von uns im Hause Und solche Leute haben gesprochen, wenn sie
gelegentlich. sagen: das ist überflüssig. Unsere Pflicht ist es,
Soweit zur Person. Nur zur Sache. Da muß ich derer zu gedenken, die nicht mehr in der Lage
zunächst feststellen, daß hier immer die Rede sind, für sich zu sorgen, und von denen die
von einer Zwangsversicherung ist. Von Zwang andern etwa erklären: es ist nicht nötig.
und von einer staatlichen Fürsorge steht in
unserem Antrag gar nichts drin. Es heißt: (Beifall beim Zentrum.)
Die Bundesregierung wird beauftragt, bal Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
digst ein Gesetz vorzulegen, durch das eine Herr Abgeordnete Renner, gegen das Ver-
Rentenversicherung zugunsten der freien sprechen, nur einen Satz zu sprechen.
366 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950

(A) Renner (KPD): Der Widerstand, den die Frau heben. — Gegenprobe. — Der Antrag ist an-
Kalinke in der prägnanten Form, die ihr eigen genommen.
ist, zum Ausdruck gebracht hat, ist ja ein grund- (Abg. Renner: Aber kosten darf die Sache
sätzlicher Widerstand beim Besitzbürgertum nichts, Herr Präsident! Das nennt man
gegen die Sozialversicherung. Darüber müssen Schaumschlägerei! — Heiterkeit.)
wir uns klar werden.
Ich rufe auf Punkt 5 der Tagesordnung:
(Heiterkeit in der Mitte und rechts.)
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Eine derartige Altersversorgung als überflüssig Strauß; Dr. Horlacher, Graf von Spreti
hinzustellen, das kann nur die Meinung eines und Genossen betreffend Auslandswerbung
saturierten Bürgers sein. Die Sache ist so: man für den Fremdenverkehr in Deutschland
spricht hier von den Ärzten. Wir haben vor (Drucksache Nr. 490).
wenigen Tagen noch in einem Spezialausschuß
uns über die Notlage der Ärzte unterhalten kön- Auch hier hat der Ältestenrat den Vorschlag
nen. Dort war man ganz anderer Auffassung. zu machen, die Debatte auf 20 Minuten zu be-
Ich steile fest, daß eine Wiederherstellung der schränken. Erhebt sich Widerspruch? — Das ist
Altersversorgungsleistungen der Ärzte bisher nicht der Fall. Das Hohe Haus hat die. Gesamt-
nur in einer ehemaligen Provinz Preußens und redezeit auf 20 Minuten beschränkt.
in einem Land fertiggebracht worden ist. Wer Wer wird den Antrag begründen? — Zur Be-
redet denn davon, daß durch dieses Gesetz eine gründung hat das Wort der Herr Abgeordnete
Belastung der Sozialversicherungsträger eintreten Strauß. 5 Minuten, Herr Abgeordneter!
soll? Ist das nicht tatsächlich so zu machen, wie
ich es gesagt habe, daß man einmal der Frage der Strauß (CSU), Antragsteller: Herr Präsident!
Aufwertung der verlorengegangenen Kapitalien Meine Damen und Herren! Der Antrag Druck-
nahetritt, statt sie so in Bausch und Bogen ab- sache Nr. 490 befaßt sich mit der Auslands-
zulehnen angesichts der ungeheueren Notlage werbung für den Fremdenverkehr in Deutsch-
zum Beispiel der Künstler. der Journalisten, die land. Der Fremdenverkehr ist eine Existenzquelle
nach einer gesetzlichen Regelung ihres Anspruchs hauptsächlicher Art für eine ganze Reihe von
verlangen? So liegen doch die Dinge! deutschen Gebieten, insbesondere für Bayern,
Baden, Württemberg. Rheinland und die Nord-
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter seegebiete. Der Fremdenverkehr darf nicht allein
Renner. Sie haben Ihren einen Satz mit mehre- vom Standpunkt des Hotel- und Gaststättenge-
ren Faktoren multipliziert! werbes her gesehen werden. Der Fremdenverkehr
ist eine Art Schlüsselgewerbe. an das eine ganze
Renner (KPD): Entschuldigen Sie! Noch einen Serie, eine Vielzahl von weiteren Berufen mit
Satz. — Die Frage nach dem Risiko kann doch ihren Existenzmöglichkeiten angehängt ist. Doch
nur einer stellen, in dessen Vorstellung über die Aussprache über den Fremdenverkehr. seine
auptnichsderlLöungach
privat- Problematik. seine Aufgaben, seinen Wiederauf
kapitalistischen Versicherungsprinzipien denk- bau und seine Förderung wird wohl ein ander-
bar ist. mal in einem anderen Zusammenhange statt-
(Glocke des Präsidenten.) finden müssen. Hier handelt es sich um ein be-
Ich halte unseren Antrag aufrecht. Wir sind der sonderes Spezialgebiet: die Werbung für den
Auffassung, daß die Notlage so groß ist. daß Fremdenverkehr von Ausländern in Deutschland,
der Bund gehalten sein soll, mit einem Gesetz ein Spezialgebiet, das gerade heuer, in diesem
diese Notlage zu parieren. Jahr, behandelt werden muß und als vordring-
lich anzusehen ist. Der Fremdenverkehr hat bei
uns mehr als in jedem anderen Lande durch
Vizepräsident Dr. Schmid: Es liegen zwei An- Krieg und Kriegsfolgen einen Zusammenbruch
träge vor: der Antrag des Ausschusses und der erlitten, von dem er sich bis heute nur in kleinen
vom Abgeordneten Renner eingereichte Ab- Zügen erholt hat. Die anderen Fremdenverkehrs-
änderungsantrag dazu. Ich verlese ihn: länder Europas wie Österreich, Italien, die
Die Bundesregierung wird beauftragt, dem Schweiz, Frankreich haben längst in einem be-
Bundestag einen Gesetzentwurf über die reits weitergehenden Maße infolge der
Alters- und Hinterbliebenenversicherung der günstigeren Umstände, infolge ihrer günstigeren
freien Berufe baldigst vorzulegen. Lage. infolge der ihnen nicht auferlegten Be-
Ich lasse zunächst über diesen Abänderungs- schränkungen es vermocht, ihren Fremdenver-
--h kehr wieder in Gang zu bringen. Bei uns sind
antrag abstimmen. besondere Erschwernisse eingetreten; Kriegszer-
(Abg. Hilbert: § 48 a. Herr Präsident! — störungen, Besatzungsschäden. da eine Vielzahl
Abg. Renner: Soll denn Ihr Vorschlag von Betrieben, gerade in Bayern durch Be-
nichts kosten?) satzungsmächte und durch DPs usw. belegt wor-
— Herr Abgeordneter Hilbert, der § 48 a ist schon den ist — ebenso anderswo —, die Hemmnisse
im Ältestenrat schwer zu handhaben; er ist auf der Zwangswirtschaft, die Erschwerungen unseres
diesem Stuhle noch schwerer zu handhaben. Ich lahmgelegten und erst langsam in Gang kom-
nehme an, daß Sie mehr ein Selbstgespräch ge- menden Verkehrswesens, nicht zu vergessen die
führt haben, als Sie den Paragraphen zitierten. Paßschwierigkeiten und die fast unerträglichen
Einschränkungen und Hemmnisse, die heute dem
Ich lasse über den Antrag abstimmen. Wer für Ausländer, wenn er nach Deutschland kommt,
den Abänderungsantrag ist, den bitte ich, die ebenso auferlegt werden wie dem Deutschen
Hand zu erheben. — Die Gegenprobe. — Ab- wenn er ins Ausland gehen will.
gelehnt.
Allmählich sind diese Schranken wenigstens
Wer für den Antrag des Ausschusses Druck- zum Teil wieder abgebaut worden. Mit dem
sache Nr. 488 ist, den bitte ich, die Hand zu er Wegfall der Zwangswirtschaft ist ein Wesent-
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1367
(Dr. Strauß)
liches zum Wiederaufbau, zur Wiederingang- lar beträgt, dann wird man einen Betrag von
setzung des Fremdenverkehrs geleistet worden. 25 Millionen Dollar an Devisen durch den
Die Verkehrswege haben sich gebessert, neue Fremdenverkehr nicht so unwesentlich veran-
Autobuslinien sind geschaffen, die Bundesbahn schlagen.
verkehrt mit raschen Zügen in kurzer Folge. Die Immerhin müssen wir heute feststellen, daß
Betriebe sind verbessert worden, wenn auch wir mit unseren Einnahmen aus dem Fremden-
gerade auf diesem Gebiet noch viel getan wer- verkehr, im besonderen auch von Ausländern, in
den muß, insbesondere mit langfristigen Kre- Deutschland wesentlich unter den Vorkriegssätzen
diten zu einem nicht allzu hohen Zinsfuß, um liegen und wesentlich hinter die Leistungen des
unseren Fremdenverkehr wieder in Gang zu Auslandes zurückgeglitten sind. Wenn ich dazu
bringen, um das Hotel- und Gaststättengewerbe nur einige wenige Zahlen nennen darf, so hat
wieder konkurrenzfähig zu machen, nicht nur um Frankreich im Jahre 1948 aus dem Fremdenver-
ihm ein Geschenk zu machen, sondern im Inter- kehr eine Summe von 100 Millionen Dollar ein-
esse unserer ganzen Volkswirtschaft. genommen, das Vierfache von dem, was wir im
Dringend wünschenswert ist eine Paßregelung, Jahre 1949 eingenommen haben; 1948 war der
die es nicht nur den Deutschen leichter macht, ins Ausländerfremdenverkehr bei uns ja noch un-
Ausland zu kommen, sondern die es auch den wesentlich. Italien hat im Jahre 1948 80 Millionen
Ausländern leichter macht, wieder nach Deutsch- Dollar eingenommen, die Schweiz 98 Millionen
land zu kommen. Der Unfug der Fragebogen mit Dollar und Großbritannien 188 Millionen Dollar.
ihren drei Dutzend Fragen für Deutsche und für Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß bei
Ausländer, um heraus- oder hereinzukommen, uns im Laufe der letzten Jahre eines nicht
muß endlich einmal aufhören in einem Zeitpunkt, durchgeführt werden konnte, was durch diesen
da man von uns verlangt, daß wir uns als voll- Antrag jetzt wieder in Gang gesetzt werden
wertiges Glied in die Völkerfamilie Europas und soll, die Auslandswerbung. Durch diesen Antrag
der ganzen Welt einfügen sollen. Und gerade soll die Bundesregierung veranlaßt werden, sich
heuer, im Jahre der Passionsspiele, die in Ober- in besonderem Maße wiederum dieser Aufgabe
ammergau aufgeführt werden, heuer, wo im zuzuwenden, nämlich der Werbung für den
Zuge des Heiligen Jahres eine Reihe von Frem- Fremdenverkehr von Ausländern in Deutschland.
den auch von außereuropäischen Gebieten nach Früher wurde diese Werbung insbesondere durch
Europa und nach Deutschland kommt, gerade die Reichsbahnzentrale für den deutschen Reise
heuer ist die Notwendigkeit einer Auslands- dienst im Auslande betrieben. Diese hat früher
werbung für den Fremdenverkehr besonders eine Unterstützung von ungefähr 4 bis 5
dringend. Heuer ist auch die Gelegenheit beson- Millionen Reichsmark zur Durchführung der
ders gut, daß eine Reihe von Ausländern nach Werbung im Auslande aus Reichsmitteln er-
Deutschland kommt, daß ihnen der Aufenthalt halten. Erst in diesem Jahre, im Haushaltsjahre
angenehm gestaltet wird und daß sie dadurch 1919/50, ist wieder ein Betrag von 300 000 D-
wieder angezogen werden, in den folgenden Mark eingesetzt worden, und erst im Haushalts-
Q Tahren wiederzukommen. Heuer ist vielleicht in jahr 1950/51 wollen das Bundesministerium für
diesem Sinne sogar ein entscheidendes Jahr der Verkehr und das Bundesministerium für Wirt-
Werbung für unseren Fremdenverkehr. schaft dafür wieder einen Gesamtbetrag von
Wir dürfen aber neben der wirtschaftspoli- 1 750 000 D-Mark zur Verfügung stellen. Die
tischen Bedeutung des Fremdenverkehrs im In- sWerbung für den Fremdenverkehr von Au
lande nicht die Aufgabe übersehen, die er auch ländern in Deutschland benötigt selbstverständ-
im Zusammenhang mit der gesamten Wirtschafts- lich Mittel; aber die Höhe der aufgewendeten
politik, im besonderen der Verbesserung unserer Mittel kommt regelmäßig auch für die gesamte
an sich immer passiven Handelsbilanz hat. Der Wirtschaft durch eine erhöhte Einnahme, durch
Fremdenverkehr hat gerade in Deutschland wie eine günstigere Zahlungsbilanz, zum Ausdruck.
auch in anderen Ländern immer wesentlich dazu Uns interessieren in diesem Zusammenhange
beitragen müssen, durch eine bessere Zahlungs- nicht die Kompetenzstreitigkeiten oder die Kom-
bilanz die ungünstige Handelsbilanz auszu- petenzkonflikte zwischen Bundesverkehrsmi-
gleichen. Wenn man dazu einige Zahlen nennen nisterium und Bundeswirtschaftsministerium. Ich
will, so kann man folgende herausgreifen. Im schlage deshalb auch vor, diesen Antrag dem
Jahre 1936 hatten wir eine Gesamtausfuhr von Ausschuß für Verkehrswesen federführend und
4,7 Milliarden Reichsmark in Waren. Der Aus- dem Ausschuß für Wirtschaft zu überweisen.
länderfremdenverkehr hat demgegenüber bei uns Soweit Reisezwecke in Betracht kommen, ist das
130 Millionen Reichsmark, in Devisen gerechnet,
- Verkehrsministerium maßgebend; soweit aber der
ein gebracht, also 2,6 Prozent des Exports. Im Jahre Fremdenverkehr insgesamt in Betracht kommt,
1938 betrug unsere Ausfuhr 5 6 Milliarden Reichs- insbesondere in seiner wirtschaftlichen Be-
mark. Aus dem Fremdenverkehr von Ausländern deutung, ist wohl das Bundesministerium für
kamen 186 Millionen Reichsmark herein, also 3.3 Wirtschaft zuständig, das ja dafür auch eine Ver-
Prozent. Im Jahre 194q waren 240 000 Ausländer waltungsstelle errichtet hat.
mit insgesamt 550 000 Übernachtungen in Deutsch- Eines sollte allerdings mit dem Fremdenver-
lend, die insgesamt - das läßt sich nur kehr nicht geschehen. Mir ist eine Denkschrift
schätzungsweise ermitteln — eine Einnahme von des Bundesverkehrsministeriums in die Hand ge-
25 Millionen Dollar, also 100 Millionen D-Mark,
fallen, in der jemand die Definition des Fremden-
zu dem bereits abgewerteten Kurs gerechnet er- verkehrs als Versuch für eine Stilübung philo-
bracht haben. Immerhin ist das auch in der ge- sophisch-juristischer Art mißbraucht hat. Ich
samten Handelsbilanz und in der gesamten kann mir nicht versagen, das wiederzugeben,
Zahlungsbilanz des Jahres 1949 ein gar nicht so wenn der Herr Präsident es erlaubt. Dort
unwesentlicher Posten. Wenn man nämlich be-
denkt. daß der Erlös aus unserer Gesamtausfuhr heißt es:
aus Werkzeugmaschinen einschließlich Walzwerk Der Fremdenverkehr im allgemeinen, fußend
anlagen und Kraftmaschinen 27,7 Millionen Dol auf Bewegungsmotiven, ist begrifflich die
1368 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Strauß)
Überwindung des Raumes durch natürliche Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
Personen, Abgeordnete Jacobs.
(Heiterkeit)
die einen Ort aufsuchen, ohne dort einen Jacobs (SPD): Hohes Haus! Die diesem Antrag
ständigen Wohnsitz zu begründen. zugrundeliegende Absicht ist eine sehr löbliche,
und meine Fraktion ist mit einer entsprechenden
(Große Heiterkeit.) Förderung des Fremdenverkehrs durchaus ein-
Wenn es hier noch hieße: „die einen gewissen verstanden. Der Herr Kollege Strauß hat bei der
Ort aufsuchen, ohne dort einen ständigen Wohn- Erörterung des Antrags allerdings ausschließlich
sitz zu begründen", wäre der Fremdenverkehr die rein volkswirtschaftlichen Gesichtspunkte eine
in noch großzügigerem Maße definiert als hier. Rolle spielen lassen und dabei für uns den etwas
bitteren Geschmack auf der Zunge zurückgelas-
(Erneute große Heiterkeit.) sen, als wenn es weniger um die Fremden denn
Uns kommt es darauf an, daß die Methoden um das geht, was die Fremden in der Tasche
und die Maßnahmen, die bei der Werbung für tragen. Aber für uns Sozialdemokraten hat die
den Fremdenverkehr von Ausländern in Deutsch- Fremdenwerbung darüber hinaus noch eine Seite,
land angewendet werden müssen, in beiden Aus- die gerade in der heutigen Situation nicht ge-
schüssen ernsthaft diskutiert werden und daß nügend berücksichtigt werden kann, und zwar
sich die Verwaltung im Interesse der gesamten handelt es sich um eine rein politische und damit
deutschen Wirtschaft dieser Frage mit Nachdruck auch geistige Angelegenheit, nämlich um eine Art
annimmt. von Fremdenwerbung, die es zumindest den kom-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Renner: menden Generationen in Europa einmal gestattet,
1 zu 0 für Bayern! — Heiterkeit.) sich gegenseitig nicht nur aus der Perspektive
einer Maginotlinie oder eines Westwalls und nicht
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der immer nur in einem Rock, der mehr als vier
Herr Abgeordnete Eichner. Knöpfe hat, kennenzulernen. Weil dem so ist,
legen wir großen Wert darauf, daß mit der soge-
nannten Organi sierung des Fremdenverkehrs
Fichner (BP): Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Die Fraktion der Bayernpartei begrüßt — wenn dieses Wort schon einmal in diesem Zu-
diesen Antrag sehr und unterstützt ihn aufs sammenhang notwendig ist — Stellen und Per-
sonen beauftragt werden, die dieser selbstver-
wärmste. Die Fremdenwerbung bringt nicht bloß ständlichen Voraussetzung des Fremdenverkehrs
kostbare Devisen herein; sie ist auch geeignet,
die Brücke zum Ausland erneut zu schlagen. Nun auch Rechnung tragen. Wir befürchten, daß auf
muß aber ein Hemmschuh im Inland beiseite ge- dem Gebiet der Personalpolitik auch hier wieder
räumt werden. Wie Sie alle wissen, ist gerade von vornherein entscheidende Fehler gemacht
werden.
Bayern mit Flüchtlingen und DPs sehr über
setzt, so daß die Räume in den Fremdenverkehrs- Ich darf auf folgendes hinweisen, was mir Ver
gebieten zweckentfremdet wurden. Daher ist es anlassung war, zu diesem Punkt der Tagesord
wohl auch gekommen, daß im vorigen Jahr viele nung überhaupt Stellung zu nehmen. In Frank-
Fremde nicht aufgenommen werden konnten und furt erscheint eine sehr repräsentativ aufgemachte
den Ort wieder verlassen mußten. Zeitschrift in. zwölf Sprachen. Sie nennt sich
(Zuruf links.) „Deutsche Revue" und hat sich die Werbung für
den Fremdenverkehr zur Aufgabe gesetzt. Der
- Ich glaube, wir können hier feststellen - ich Chefredakteur scheint ein Herr Schwarzenstein
bin ja der Vertreter eines solchen Gebiets —, daß zu sein, der die Direktoren der einzelnen Ver-
nicht die groben Bayern, sondern die Verhält-
kehrsämter in Deutschland aufgefordert hat, für
nisse, wie ich sie eben geschildert habe, die Ur- dieses Heft Bilder repräsentativer Bauten und
sache waren. von Landschaften einzusenden. Ich habe zufällig
(Zurufe links.) Gelegenheit gehabt, eine solche Aufforderung an
In Starnberg ist während des Dritten Reichs ein den Verkehrsdirektor des Gebiets zu lesen, aus
Tbc-Krankenhaus errichtet worden. Man kann dem ich stamme. Der Direktor des Verkehrsamtes
es selbstverständlich verstehen, daß die Fremden in Trier hat entsprechend dieser Aufforderung
einen solchen Ort meiden. Wir müssen zum Bei- selbstverständlich auch ein Bild der Porta Nigra
spiel auch sehen — und ich bitte auch hier um eingesandt. Er hat auf seine Frage, warum dieses
die Unterstützung, daß den Übelständen nach Bild in der Zeitschrift nicht erschienen ist, fol-
Kräften abgeholfen wird —, daß nicht nur - die gende Antwort von diesem Mann bekommen, die
Fremdenverkehrsgebiete übersetzt, sondern auch kurz vorlesen zu dürfen ich die Erlaubnis des
oft unruhig sind, weil dort Lärm vorhanden ist. Herrn Präsidenten erbitten möchte. Es heißt dar-
Die Fremden suchen aber Ruhe und Erholung. Ich in:
hoffe, daß wir unsere Bitte, solchen Übelständen Wir haben selbstverständlich daran gedacht,
abzuhelfen, nicht umsonst getan haben. diesrpäntavTozubige,kmn
Mein Vorredner, der Herr Kollege Strauß, hat dann aber zu der Überregung, daß es wohl
schon darauf hingewiesen, daß heuer die Passions- besser wäre, in unserer Zeitschrift als Illu-
spiele in Oberammergau stattfinden. Es ist da- stration zu dem einleitenden Artikel nicht
her angebracht, daß bis zu diesem Zeitpunkt gerade ein Bauwerk zu wählen, das einer,
diese Gebiete so gut als möglich geräumt sind, wenn auch schon lange zurückliegenden Be-
weil sonst die Fremden das benachbarte Tirol und satzungszeit seine Entstehung verdankt.
Österreich aufsuchen und Bayern meiden. (Allgemeine Heiterkeit und Zurufe.)
(Zurufe von der KPD.) Ich bin der Auffassung, daß das nur das geistige
Ich komme zum Schluß und möchte nochmals Produkt eines Zwillingswesens sein kann; denn
betonen, daß wir den Antrag aufs wärmste unter- in einem Mann allein kann nicht soviel idiotischer
stützen. Nationalismus virulent sein, abgesehen davon,
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1369
(Jacobs)
daß anscheinend auch für einen Journalisten das — Über Bonn möchte ich jetzt nicht sprechen. Da
D Wort zu gelten hat: Geschichtskenntnis ist Glück- sind wir ja gastlich aufgenommen.
sache. Dieses Tor wurde nämlich von den Men- (Heiterkeit.)
schen, von denen es erbaut wurde, damals nicht Aber meine verehrten Kollegen: der Hotelier
als das Werk einer Besatzungsmacht angesehen, darf den Fremden, wenn er zu uns kommt, nicht
sondern galt als Schutzmaßnahme gegen die da- neppen. Der Hotelier wird mit den Preisen her-
mals — das ist allerdings eine sehr lange zurück- untergehen müssen. Er muß sich wieder daran
liegende Zeit - einfallenden ollen Germanen. gewöhnen, daß man auch mit dem Pfennig und
Es handelt sich also darum, daß dieses Werk ge- mit der Mark rechnet.
gen die Okkupanten dieses Gebiets errichtet
wurde. Ich will nun nicht sagen, daß uns als Be- Notwendig ist aber etwas anderes: daß der
Fremde, der zu uns kommt, auch gastliche Auf-
völkerung in der Zwischenzeit nicht Freud und nahme findet. Und darüber habe ich nun eine
Leid mit den damaligen Okkupanten getroffen
hat, vielleicht mehr Leid als Freud. Wir haben ernste Bemerkung zu machen. Den Häusern, die
uns mit dieser Entwicklung durchaus abzufinden requisitioniert waren — und es sind in erster
vermocht. Ich hielt es für notwendig, dies dem Linie die guten Hotels und die guten Häuser re-
Hohen Haus mitzuteilen, um zu zeigen, wie hier quisitioniert worden —. fehlt es zum Teil eben
tatsächlich die Gefahr vorhanden ist, daß an heute noch an den notwendigen Einrichtungen,
solchen Stellen wiederum Menschen in irgend- um dem fremden Gast das zu bieten, was er viel-
einer Form entscheidend mitwirken können. bei leicht zu Hause hat. Es wird notwendig sein, im
denen solche im Effekt gefährlichen Vorstellun- Rahmen der Arbeitsbeschaffung zur Unterbrin-
gen virulent sind. Wir sollten uns hüten, die gung von mehr Menschen im Fremdenverkehrs-
Frage des Fremdenverkehrs ausschließlich von gewerbe. also um die Arbeitslosigkeit zu einem
der volkswirtschaftlichen, von der kommerziellen kleinen Teil zu bekämpfen, gewisse Kredite auch
dem Fremdenverkehr zu geben, damit er wirklich
Seite her zu sehen, sondern sollten auch dem Ge- wieder aufbauen kann.
sichtspunkt Rechnung tragen. den ich zu Anfang
meiner Ausführungen erwähnte, nämlich den Das letzte, was ich noch zu sagen habe, ist
Fremdenverkehr auch im Hinblick auf die zu- — wir haben es hier schon einmal aus-
künftige Entwicklung der Beziehungen der Völ- gesprochen —: auch die restlichen Requisitionen
ker untereinander zu sehen. Und wir sollten bei müssen endlich fallen. Wir können im Auslande
der Auswahl der damit zu beauftragenden Per- nicht werben, wenn die beste n Hotelbetriebe noch
sonen mit aller Entschiedenheit darauf achten, beschlagnahmt sind. Wenn ich aus meiner Hei-
daß wir nicht auf solche Leute zurückgreifen mat nur Baden-Baden und Freiburg herausgreife,
müssen, die unter Umständen viel mehr Por- so ist zu sagen: Baden-Baden ist ein internatio-
zellan zerschla gen. als sie Gutes zu tun geeignet naler Kurort, der von Fremden, von den Ameri-
und in der Lage sind. kanern besucht wurde. Sie können heute dort nicht
(Beifall bei der SPD und in der Mitte.) hin, weil die großen Hotels zum großen Teil roch
beschlagnahmt sind. Wenn wir also Fremdenver
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der kehr treiben wollen, dann muß die Regierung
Herr Abgeordnete Stahl. mit den Herren Hohen Kommissaren darüber
verhandeln, daß auch die letzten Requisitionen
Stahl (FDP): Herr Präsident! Verehrte Ab- fallen.
geordnete! Damit nicht der Eindruck entsteht, als Nun noch ganz kurz ein anderes, weil der An-
ob der Fremdenverkehr nur in Bayern zu Hause trag von den Reisebüros spricht. Am 4. November
ist, habe ich mich zum Wort gemeldet, als die 1946 hat der Kontrollrat beschlossen, daß das alte
zwei Herren aus Bayern hier sprachen. gute deutsche Reisebüro MER, das Mitteleuro-
(Heiterkeit.) päische Reisebüro, seinen Namen ändern mußte
Ich darf nur wenige kurze Worte hinzusetzen, in „Deutsches Reisebüro". Auch da kommt wieder
und zwar ein kritisches Wort dahingehend, daß langsam die Zeit, in der man unseren Reisebüros
vielleicht im deutschen Fremdenverkehr auch ge- die alten Möglichkeiten der Werbung geben
wisse Institutionen des Fremdenverkehrs sich sollte.
etwas ändern müssen. Wenn man sich da oder Im übrigen glaube ich, daß ich nicht zuviel zu
dort, zum Beispiel in den Großstädten — ich sagen habe. Es ist richtig, daß der Antrag der CSU
möchte jetzt keine Namen nennen —, die Preise unterstützt wird. Auch meine Fraktion tut das
ansieht, so graust es einem, der vom Grenzgebiet und bittet das ganze Haus, dem Antrage zuzu-
kommt, ob er aus Bayern, aus Baden oder aus stimmen.
Württemberg ist, daß da der internationale- Gast
(Bravo! in der Mitte und bei der FDP.)
— vielleicht ein Mann einer alliierten Dienst-
stelle — für eine Übernachtung ohne Verpfle-
gung, ohne Frühstück viel mehr zahlen muß als Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
der Erholungsuchende in anderen Gebieten. Bei Herr Abgeordnete Dr. Brönner.
uns bekommt man in den Fremdenverkehrs-
gebieten dafür eine ganze Tagesverpflegung. Das Dr. Brönner (CDU): Herr Präsident! Meine Da-
macht im Ausland keinen guten Eindruck. men und Herren! Wir haben eine ganze Reihe
von Gründen gehört, derentwegen wir im Aus-
(Zuruf links: Wo ist das?) land für den Fremdenverkehr in Deutschland
— Wenn gefragt wird, wo das ist, dann entgegne werben sollen. Diesen Gründen stimmen wir zu.
ich: das ist in erster Linie Frankfurt, das sind Ich möchte in die Aussprache eine neue Idee hin-
die Großstädte hier im Rheinland. Da kostet eine eintragen. Wir wollen diese Menschen nicht bloß
Übernachtung — man soll sich darüber sehr unterhalten, nicht bloß für unsere schönen Ge-
wohl einmal etwas wundern — 12, 13, 14 und genden interessieren, sondern wir wollen sie in
15 D-Mark. Dafür ist bei uns, in den Reise- unseren Bädern auch möglichst gesund machen.
gebieten, die ganze Verpflegung enthalten. Unsere deutschen Bäder haben nicht nur die Auf-
(Zuruf links: In Bonn aber nicht!) gabe, die Deutschen, sondern auch das Ausland
1370 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Brönner)
darufhinzwes,ßb ochmerzu Dr. Bertram (Z): Meine Damen und Herren! Die
haben ist: das Wichtigste im Leben, die Gesund- sozialeMrktwchfsozialeSrt
heit! Daher möchte ich auch aus dem Grunde das bieten. Was heißt soziale Sicherheit anders als
Bad Mergentheim erwähnen. Bad Mergentheim Sicherheit des Arbeitsplatzes? Die Sicherheit des
erhält schon seit langen Jahren vom Ausland Arbeitsplatzes zu schaffen, ist das Ziel, das uns
Anfragen, so daß hier auch eine Devisenquelle wahrscheinlich alle eint. Wenn wir diesen Antrag
fließen könnte. Ich muß und darf wohl hier unter- eingebracht haben, so haben wir das in der Über-
streichen: nicht bloß die Unterhaltung, nicht bloß zeugung getan, daß alle ; die in diesem Hause ver-
das Vergnügen, sondern auch die Gesundheit ist sammelt sind, sich für dieses Ziel einsetzen wer-
für alle Menschen der ganzen Welt bedeutsam. den, daß aber nicht nur wir, die wir in diesem
Daher halte ich es für angebracht, daß diese Or- Hause sind, etwas dazu zu sagen haben, sondern
ganisation, die im Ausland wirbt: „Besucht das daß auch außerhalb des Hauses in Deutschland
deutsche Land", auch dahin wirkt, daß die Kran- eine Reihe von maßgebenden Persönlichkeiten
ken des Auslandes auch die deutschen Bäder be- vorhanden ist, die in der Vergangenheit und auch
suchen möchten und auf diese Weise sich selbst in der jetzigen Zeit auf diesem Gebiet gearbeitet
und der , gesamten deutschen Wirtschaftslage 'haben.
einen großen Dienst erweisen. Wenn man nun einwendet, der Vorschlag einer
Studienkommission verzögere möglicherweise die
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Lösung des ganzen Problems, so glaube ich nicht,
Herr Abgeordnete Mensing. daß dieser Einwand richtig ist. Die gegenwärtige
Arbeitslosigkeit ist ja nicht nur eine saisonale Ar-
Mensing (CDU): Herr Präsident! Meine Damen beitslosigkeit, die mit Mitteln bekämpft werden
und Herren! Ich werde mich nur kurz dazu könnte, die heute eingesetzt und morgen wirkeam
äußern. Ich möchte daran erinnern, daß wir im werden würden. Die Arbeitslosigkeit, unter der
Lande Niedersachsen den Kranz der niedersäch- wir alle leiden, hat sicherlich auch strukturelle
sischen Bäder haben. Bäder von Weltruf. Ihnen Gründe und Gründe, die in dem gesamten Wirt-
allen dürfte bekannt sein, daß berühmte Bäder schaftssystem liegen. Die strukturelle Arbeits-
wie Oeynhausen und Eilsen fast ganz von der Be- losigkeit und die systembedingte Arbeitslosigkeit
satzungsmacht beschlagnahmt sind. Ich halte es zu bekämpfen, ist eine Aufgabe, die sich nicht von
für unbedingt erforderlich, daß die Bundesregie- heute auf morgen erledigen läßt. Das ist eine Auf-
rung die Besatzungsmacht darauf aufmerksam gabe, über deren Bewältigung die Besten des
macht, daß es notwendig ist. diese Heilbäder der deutschen Volkes nachdenken sollten. Ich glaube
Allgemeinheit wieder zuzuführen. Es ist eine deshalb, daß wir mit einer solchen Studienkom-
Notwendigkeit, daß wir von der Tribüne dieses mission wohl etwas erreichen körnten. Vor allem
Hohen Hauses dieses zum Ausdruck bringen. glaube ich daß eine solche Studienkommission
,

keineswegs eine Verzögerung mit sich zu bringen


Ich möchte weiter abschließend folgendes fest braucht, da die sofort möglichen Mittel zur Be-
stellen Wenn hier gesagt wurde, daß das Gast- kämpfung der Arbeitslosigkeit von der Regierung
stätten- und Beherbergungsgewerbe zur Zeit Phan- pflichtgemäß erforscht und eingesetzt werden
tasiepreise nehme so mag das bedingt richtig müssen. Diejenigen Mittel aber die zur Bekämp-
sein. Aber zur Ehre dieses Berufsstandes möchte fung der strukturellen Arbeitslosigkeit und der
ich feststellen, daß nach dem Zusammenbruch systembedingten Arbeitslosigkeit notwendig sind,
wohl kein Berufsstand von seiten der Soldaten werden wir alle zusammen erarbeiten können. Ich
der Besatzungsmächte so ausgeplündert wurde erinnere mich, daß auch seitens der Regierung
wie gerade dieser Berufsstand. der Wunsch an uns herangetragen worden ist. in
(Beifall bei der CDU. — Abg. Rische: diesen Fällen zusammenzuarbeiten. Insbesondere
Er hat sich aber gut erholt!) hat der Herr Abgeordnete Wellhausen darauf hin-
gewiesen, daß er eine formelle Einladung auch an
Vizepräsident Dr. Schmid: Sind noch weitere die Opposition ergehen ließ, auf diesem Gebiet
Wortmeldungen zu erwarten? — Das ist nicht der mit der Regierung zusammenzuarbeiten. Dieser
Fall. Dann schließe ich die Beratung. Es ist der Einladung folgen wir gern. Es ist ja auch im Aus-
Antrag gestellt, den Antrag auf Drucksache Nr. land so, daß bei Problemen, die nicht durch so-
490 an zwei Ausschüsse, den Ausschuß für Ver- fortige Maßnahmen gelöst werden können, be-
kehr und den Ausschuß für Wirtschaft. zu über- sondere Kommissionen eingesetzt werden um in
weisen. Federführend soll der Ausschuß für Ver- diesen Kommissionen das Für und Wider ein-
kehr sein. Wer für diesen Antrag ist, den
- bitte gehend zu erörtern. Es ist auch nicht notwendig,
ich, die Hand zu erheben. — Ich bitte um die daß diese Kommission einen sehr großen Umfang
Gegenprobe. — Einstimmig angenommen. hat. Ich kann mir vorstellen, daß zu der Kom-
mission selbst nur eine Reihe von Mitgliedern der
Ich rufe Punkt 6 der Tagesordnung auf: in Betracht kommenden Ausschüsse zu gehören
Beratung des Antrags der Fraktion des braucht, daß eine geringe Anzahl von Sachver-
Zentrums betreffend Studienkommission ständigen hinzuzutreten hätte, daß im übrigen
zur Erforschung der Möglichkeiten im aber die Kommission nach Art eines Unter-
Kampf gegen die Arbeitslosigkeit (Druck- suchungsausschusses zu verfahren hätte und dann
sache Nr. 503). die verschiedenen in Betracht kommenden Stellen
dazu hören könnte.
Ich schlage Ihnen vor, die Empfehlung des
Ältestenrats anzunehmen, die Gesamtredezeit für Die Einigkeit, die dann möglicherweise in dem
diesen Punkt auf 30 Minuten zu beschränken. Kommissionsbericht erzielt wird, dürfte geeignet
— Es erhebt sich kein Widerspruch. Es ist so be- sein, unserer ganzen Wirtschaftspolitik einen ge-
schlossen. wissen Impuls zu geben. Die zukünftige Ent-
wicklung der Arbeitslosigkeit ist noch völlig un-
Das Wort zur Begründung hat der Herr Ab- geklärt. Wir wissen keineswegs, ob nicht in Zu-
geordnete Dr. Bertram. sammenhang mit der steigenden Arbeitsleistung
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1371
(Dr. Bertram)
des einzelnen Arbeiters in den nächsten Monaten fen. Hier herrscht brutal die Diktatur des Be-
und Jahren noch eine zusätzliche Arbeitslosig- zugsscheins „Geld". Eine Kluft hat sich aufgetan,
keit zu befürchten ist. Auch hier müssen ent- die allgemeines Mißtrauen und eine steigende Un-
sprechende langfristige Arbeitsbeschaffungspro- zufriedenheit in diesen weiten Schichten auf-
gramme ausgearbeitet werden. kommen läßt. Die Entwurzelung dieser Stief-
Wir vom Zentrum haben eine ganz bestimmte kinder der Erholung ist so stark, daß nur eine
Vorstellung davon, wie die Erholung der deut- ganz entschlossene Politik die Gefahr einer sozia-
schen Wirtschaft durchgeführt werden sollte. Wir len Auseinandersetzung größten Ausmaßes und
haben dazu einen Antrag überreicht. Wesentlich damit einen Zusammenbruch unseres jungen
scheint uns aber zu sein, daß überhaupt eine Staates vermeiden kann.
aktive Konjunkturpolitik getrieben wird. Wir sind Wenn wir in dieser Kommission zu einem
der Ansicht, daß die bisher getroffenen Maß- praktischen Vorschlag kommen würden, dann
nahmen als Maßnahmen zur Beseitigung der Ur- dürfte vor allem von Bedeutung sein, daß die Zu-
sachen der langfristigen Arbeitslosigkeit keines- sammenarbeit der verschiedenen Ministerien ein-
wegs ausreichen. Nur eine entschlossen auf- deutig geklärt wird. Die Abstimmung der Not-
bauende Politik, die rechtzeitig die Auffangposi- wendigkeiten zwischen den einzelnen Ressorts,
tionen für die infolge der Rationalisierungswelle zwischen Fin anz- und Wirtschaftsministerium,
— die die gesamte europäische Wirtschaft erfaßt wird von besonderer Wichtigkeit sein.
hat - freiwerdenden Arbeitslosen schafft, kann (Glocke des Präsidenten.)
mit diesem Problem fertig werden.
Als solche produktiven Maßnahmen müßten in Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter,
dem Ausschuß im einzelnen folgende erörtert ich bitte Sie, zum Schluß zu kommen.
werden: die sofortige Inangriffnahme des Wie-
deraufbaus der zerstörten Städte, nach Möglich- Dr. Bertram (Z): Konjunkturbeobachtung, Wirt-
keit die Herausführung des Baugewerbes aus dem schaftspolitik, Kredit- und Finanzpolitik müssen
saisonalen Charakter, die sofortige Wiederauf- an zentraler Stelle nach einheitlichem Plan ge-
nahme des Handelsverkehrs mit dem, Osten und lenkt werden. Die Konjunkturpolitik bzw. die
dem Südosten sowie die Liberalisierung nur Zug Beschäftigungspolitik muß unter eine solche Zen-
um Zug mit der Liberalisierung des Handels auch tralinstanz gestellt werden, und dadurch muß die
seitens der anderen Länder, ferner eine Einfuhr- konjunkturelle Wirtschaftslenkung ohne den Auf-
lenkung auf die Rohstoffe hin und die tunlichste bau einer Verwaltungswirtschaft die Sicherung
Vermeidung der Einfuhr von industriellen und der jetzt versagenden Selbststeuerung der Markt-
Lebensmittelrohstoffen aus dem Dollarraum; eine wirtschaft herbeiführen.
Exportförderung durch Festsetzung eines richtigen Ich bin der Ansicht, daß, wenn in der Studien-
Wechselkurses, die Ausnutzung des deutschen und kommission nach diesen Grundsätzen gearbeitet
ausländischen technischen Fortschritts insbeson- wird, wohl ein großes und langfristig wirksames
dere beim Verkehrsgewerbe durch Einführung Programm erstellt werden kann, das die Grund-
neuartiger Beförderungsmethoden und durch die lagen unserer Wirtschaftspolitik neu zu ordnen
Inangriffnahme der Beseitigung der strukturell gestattet.
bedingten Verkehrskrise. Vor allem müssen auch (Beifall beim Zentrum.)
die nicht kostendeckenden Tarife der Bundesbahn
beseitigt werden. Das landwirtschaftliche Pach- Vizepräsident Dr. Schmid: Ich eröffne die Aus-
tungswesen und der Düngerabsatz müssen in sprache. Das Wort hat der Herr Abgeordnete
dieser Kommission eingehend besprochen und die Strauß.
Förderungsmaßnahmen untersucht werden. Der
Aufbau dezentralisierter Industrien auf dem Struve (CSU): Herr Präsident! Meine Damen
Lande muß geprüft werden. Es muß ein echter und Herren! Für die Fraktion der CDU/CSU, für
Leistungswettbewerb durch scharfe Monopolkon- die Fraktion der FDP und die Fraktion .der DP
trolle erörtert werden. Die richtige Lenkung der darf ich mich auf eine kurze Erklärung beschrän-
Gegenwertmittel und des allgemeinen Kapital- ken. Wir begrüßen selbstverständlich jede Mög-
stroms wäre ebenfalls zu erörtern. lichkeit, der Arbeitslosigkeit wirksam entgegen-
Um eine aktive Politik zur Beseitigung der zutreten und alle Maßnahmen zu ihrer Bekämp-
Arbeitslosigkeit zu ergreifen, darf auch der Staat, fung zu ergreifen. Doch scheint uns der Antrag
der der größte Konsument des Marktes ist, was auf Einsetzung einer Studienkommission in der
seine Einnahmen, aber auch was seine Ausgaben vorliegenden Formulierung nicht das geeignete
anbelangt, sich nicht versagen. Die Arbeits-- Mittel zu sein, um alle Wege zur Bekämpfung der
beschaffungsmaßnahmen hinsichtlich der Land Arbeitslosigkeit zu ermitteln und die Resultate
melioration und der Sicherstellung der landwirt- dieser Ermittlung entsprechend zu verwerten.
schaftlichen Bestellung ist eine bevorzugte Auf- (Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.)
gabe der staatlichen Politik und einer ent- Ohne Zweifel sind - auf Einzelheiten will ich
sprechenden Steuer- und Kreditpolitik. nicht eingehen - Vertreter von ganzen Gruppen
Die Arbeitslosigkeit ist ja nur ein Teilproblem in dem Antrag nicht aufgeführt, die eine wesent-
der allgemeinen Not. Schon heute ist das Wort liche Rolle bei allen Maßnahmen zur Bekämp-
von den Stiefkindern der Erholung geprägt wor- fung der Arbeitslosigkeit zu spielen haben, ob es
den. Damit sind die etwa 9 Millionen Sozial- nun die Vertreter der Bauernverbände oder Ar-
rentner, Kriegsversehrten, Kriegshinterbliebenen beitgeberverbände oder Vertreter der Wirtschafts-
und Arbeitslosen gemeint. Dieser Kreis der Stief- wissenschaft oder Vertreter anderer Kreise sind.
kinder der Erholung wird sich, wenn nicht als- Wir müssen uns nach meiner Meinung sowohl
bald eingegriffen wird, noch weiter vergrößern. über die Zusammensetzung einer solchen Kom-
Dieser Bevölkerungskreis leidet unter ganz er- mission wie über den Umfang ihrer Aufgaben
heblichem Unterkonsum. Manche Familien können noch eingehend unterhalten. Das kann heute im
sich kaum die notwendigsten Lebensmittel kau Plenum nicht geschehen. Ein Abänderungsantrag
1372 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Strauß)
ist aus dem Handgelenk heraus nicht zu stellen. in Nordrhein-Westfalen 35 000 Personen zusätz-
Darum halten wir es für zweckmäßig, bevor wir lich arbeitslos geworden sind. Es ist daher not-
uns darüber entscheiden, wie wir uns zu dieser wendig, daß etwas getan wird. Es muß etwas ge-
Studienkommission stellen und worin wir ihre tan werden, es hätte schon längst etwas getan
Aufgaben sehen, den vorliegenden Antrag dem werden müssen. Ich bin aber nicht der Meinung,
Ausschuß für Wirtschaft federführend und zur daß das, was hier vorgeschlagen wurde, der rich-
Mitbearbeitung dem Ausschuß für Arbeit zu über- tige Weg ist. Das, was eben von dem Vertreter
weisen. In diesem Sinne werden die drei genann- des Zentrums zur Begründung gesagt worden ist,
ten Fraktionen auch stimmen. ist doch gerade das, was wir alle von unserer Re-
gierung erwarten, das ist doch das, was zu den
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Aufgaben unserer Regierung gehört. Wir haben
Herr Abgeordnete Wönner. doch solche Experten, die auf dem Gebiet so un-
geheuer viel und Großes leisten können; das ha-
Wönner (SPD): Herr Präsident! Meine Damen ben sie vorher immer gesagt. Wir haben einen
und Herren! Heute vor 14 Tagen ist — so glaube Bundeskanzler namens Adenauer, der hat gerade
ich wenigstens sagen zu dürfen — einmal mehr dies Problem in den Vordergrund seiner Auf-
klar geworden, daß es mit das ernsteste Anliegen gaben gestellt. Wir haben einen Professor Erhard
meiner politischen Freunde ist, dem .Problem der als Wirtschaftsminister, der hat die Arbeitslosig-
Arbeitslosigkeit mit allen zur Verfügung stehen- keit zuerst negiert, und nachher hat er gesagt:
den Mitteln auf den Leib zu rücken. Wir glauben wenn ich das will, ist in wenigen Tagen das Ar-
aber nicht, daß der hier vorgeschlagene Ausschuß beitslosenproblem gelöst. Dann haben wir noch
ein sehr geeignetes Mittel wäre, um dieses Pro- einen Arbeitsminister Storch, der hat sich doch
blem tatsachlich zu meistern. Wir fürchten vor ähnlich ausgelassen. Warum denn jetzt eine
allem., daß damit die von dem Antragsvertreter Studienkommission aufbauen und das Prestige,
selbst geäußerte zeitliche Verzögerung mindestens das man noch bei der schaffenden Bevölkerung
eine Fehlerquelle darstellen würde, die wir im und den Arbeitslosen hat, verlieren? Die lachen
Augenblick unter keinen Umständen ertragen nämlich darüber. Es hat nach 1918 auch so etwas
könnten. wie eine Studienkommission gegeben, das ist noch
Noch ein zweites wäre dazu zu bemerken. Die in Erinnerung.
Ausführungen zur Begründung dieses Antrages In der vergangenen Woche hat mein Fraktions-
haben klarwerden lassen, daß dieser Ausschuß freund Nuding anläßlich der Debatte über das
wahrscheinlich schon sehr bald in eine Grund- Arbeitslosenproblem auf die Ursachen der Arbeits-
satzdebatte' über die Wirtschaftspolitik an sich losigkeit hingewiesen und dargetan, daß sie im
eintreten müßte. Das würde wiederum nicht ge- Widerspruch des Systems liegen. Er hat nicht ver-
eignet sein, das Problem wesentlich zu fördern. gessen, dabei darauf hinzuweisen, daß gerade der
Marshallplan eine dieser Ursachen darstellt. Jetzt
Wir glauben, folgendes feststellen zu dürfen. soll aber diese Kommission gebildet werden, und
)
Die Ursachen der Arbeitslosigkeit als solche sind sie soll ein Gutachten erstatten. Ich denke, wir
bekannt. Die Möglichkeiten, ihrer Herr zu wer- brauchen keine Gutachten mehr. Wir brauchen
den, und die Notwendigkeiten hierzu sind auch nur hinauszugehen, da sehen wir die ungeheure
bekannt. Wenn etwa daran noch etwas gefehlt Wohnungsnot, da sehen wir die ungeheuren
haben sollte, dann wäre es durchaus möglich, zu Trümmer, die daliegen, wir brauchen auch nur
dem 16-Punkte Programm des Deutschen Gewerk- den Zustand der Bundesbahn zu betrachten, dann
schaftsbundes zu diesem Problem zurückzukehren, brauchen wir kein Gutachten darüber, wie wir
um es noch einmal zum Gegenstand der Beratung für die Arbeitslosen Arbeit finden. Wir können
zu machen. Aber das Hohe Haus hat ja schon uns meinetwegen auch ganz freundlich an die
vor vierzehn Tagen die Regierung noch einmal Gewerkschaften wenden. Die Gewerkschaften ha-
gebeten, ein ausreichendes Arbeitsbeschaffungs- ben genügend Untersuchungen angestellt. Die Ge-
programm vorzulegen. Dieses Programm, von werkschaften würden das Gutachten, ohne daß
dem wir erwarten, daß es dem Haus sehr bald wir eine Kommission bilden, schon geben können.
vorgelegt wird, wird erneut Gelegenheit geben, Mein Kollege Hans Böhm hat mir heute nach-
sich darüber zu unterhalten, ob die von der Re- mittag freundlicherweise eine Zeitung zur Ver-
gierung vorgeschlagenen Maßnahmen als aus- fügung gestellt, die „Welt der Arbeit". Die
reichend empfunden werden können oder nicht. neueste Nummer dieser Zeitung, die morgen erst
Wir glauben nämlich sagen zu dürfen: das Pro- herauskommt, hat als Hauptüberschrift auf der
blem ist nicht mehr nur ein wirtschafts- ersten Seite stehen: „Übergewinne eingestanden.
politisches Problem, das Problem ist nicht mehr Erhard gibt Milliarden-Gewinne der Unter-
nur ein sozialpolitisches Problem, sondern es ist nehmer zu." Wir lesen dann auf der ersten Seite,
ein Problem von so eminenter allgemeinpolitischer daß seit der Währungsreform 4 1/2 bis 5 1/2 Milliar-
Bedeutung geworden, daß die Regierung keinen den D-Mark Privatgewinne für Investierungen
Augenblick zögern kann, die Vorlage so rasch wie gemacht worden sind. Sehen Sie, meine Herr-
möglich zu machen. Wir werden daher dem An- schaften, da könnte man doch dazu übergehen,
trag nicht zustimmen können. den Unternehmern einfach zu verbieten, weitere
Entlassungen vorzunehmen. Man könnte ein wei-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der teres tun, man könnte ihnen gebieten, in Höhe
Herr Abgeordnete Harig. von 5 Prozent ihrer Belegschaft junge Menschen
aufzunehmen, die jetzt keine Arbeit haben, von
Harig (KPD): Meine Damen und Herren! Ich denen wir jetzt schon eine halbe Million haben,
habe heute nachmittag in einer Zeitung gelesen, und sie als Lehrlinge in die Betriebe einzustellen.
daß die Arbeitslosigkeit weiterhin im Steigen be- Wenn 5 Prozent dieser jungen Leute Lehrlinge
griffen ist und daß jetzt offiziell 2 018 000 Arbeits- würden, würde das für manchen Familienvater,
lose registriert worden sind, ferner daß allein im vielleicht für manchen arbeitslosen Vater eine
Monat Februar, der noch gar nicht zu Ende ist, wertvolle Unterstützung sein.
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1373
(Harig)
Die sozialdemokratische Fraktion hat eben er- begrenzen und die Gesamtredezeit für die Aus-
klärt, daß sie gegen die Studienkommission ist. sprache auf 90 Minuten. — Es erhebt sieh kein
Die Sozialdemokraten tun auch gut daran, gegen Widerspruch; es ist so beschlossen.
diesen Antrag zu stimmen. Denn was hat sich Das Wort zur Begründung hat der Herr Ab-
herausgestellt? Auch wir haben anläßlich der De- geordnete Meitmann.
batte über die Arbeitslosigkeit einige Vorschläge
gemacht. Der Bundeskanzler aber hat erklärt: Meitmann (SPD), Antragsteller: Meine Damen
„Die SPD hat nicht einen einzigen konkreten Vor- und Herren! In der vorletzten Sitzungswoche, in
schlag gemacht." Wenn sie noch keinen gemacht der 37. Plenarsitzung des Bundestags, haben wir
hat, mein Gott, dann wird sie auch in. Zukunft das Gesetz über Hilfsmaßnahmen zur Förderung
keinen machen können. der Berliner Wirtschaft verabschiedet. Es ist tief
(Zuruf: Wir haben auf Sie gewartet!) bedauerlich, daß sich ein, wenn auch nur kleiner
— Ich habe eben Vorschläge gemacht. Teil der Abgeordneten des Bundestags bei der
Und die CDU — das steht in der Zeitung — Abstimmung der Stimme enthalten und ein
hat geschrieben: „Es ist offensichtlich, daß die Ar- - Gott sei Dank, das darf ich sagen — auch nur
beitslosigkeit gottgewollt ist, und es bleibt nichts kleiner Teil der Abgeordneten bei ihrer Stimm-
anderes übrig, als sich darin zu schicken." abgabe gegen dieses Hilfsgesetz für Berlin ent-
schieden hat. Es waren erwartungsgemäß die Ver-
(Lachen bei der CDU. — Zuruf: Die treter der Kommunistischen Partei, jener Partei
Dummheit ist gottgewollt!) in der Bundesrepublik, deren östliche diktato-
rische Führer und Einpeitscher in diesem Hause
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter, uns ursächlich veranlaßt haben, dieses Gesetz
ich bitte Sie, zum Schluß zu kommen., einzubringen und zu verabschieden.
Harig (KPD): Es bleibt also nur noch übrig, daß Das Gesetz enthält drei konkrete Hilfsmaß-
die Kornmission, wenn beide Teile keine anderen nahmen für Berlin: eine Bundesgarantie zur Ab-
Auswege kennen, von der Rechten gebildet wird; deckung des dem Warenbezug aus Groß-Berlin
die findet einen Ausweg, die Remilitarisierung. nach dem Westen anhaftenden Risikos, eine Bun-
Wir sind der bescheidenen Meinung, daß man uns desbürgschaft zur Sicherstellung der Finanzierung
und unseren Arbeitslosen keinen Gefallen getan eines einzigen, wenn auch sehr bedeutenden wirt-
hat mit dem Stahlembargo. Man hat ihnen auch schaftlichen Versorgungsunternehmens, des Kraft-
keinen Gefallen getan, als man nicht gekämpft werkes West, und drittens die Gewährung einer
hat um, den Schienenauftrag. dreiprozentigen Umsatzsteuervergütung für Ge-
genstände, die in West-Berlin erworben oder her-
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter, gestellt und in das westdeutsche Bundesgebiet
Ihre Redezeit ist abgelaufen! überführt werden. Alle drei Maßnahmen zielen
ab auf die Förderung der Berliner Produktion
Harig (KPD): Noch einen Satz! und damit — und das ist das für uns Entschei-
dende — auf die Steigerung der Beschäftigungs-
Man sollte eine solche Kommission schaffen und möglichkeiten der Berliner Bevölkerung, deren
sie nach der Sowjetunion schicken. Dort kann sie Arbeitslosenzahl, wie wir alle wissen, über der
studieren, wie man der Arbeitslosigkeit Herr sämtlicher anderen deutschen Bundesländer liegt.
wird.
(Lachen in der Mitte und rechts.) (Abg. Rische: Daran sind wohl auch
die Diktatoren schuld?)
Aber dazu sind Sie nicht in der Lage!
So erfreulich die Verabschiedung dieses Ge-
(Abg. Dr. Reif: Fahren S i e doch hinüber!) setzes ist, so wichtig ist die Erkenntnis, daß dieses
Gesetz — ich hoffe, daß das ganze Haus von
Vizepräsident Dr. Schmid: Weitere Wortmel- dieser Erkenntnis beseelt ist und auch willens ist,
dungen liegen nicht vor. Ich schließe die Aus- ihr zu folgen — nur ein Anfang ist. Bei diesen
sprache. • Maßnahmen, die wir in der vorletzten Sitzung
Wir kommen zur Abstimmung. Es ist der An- beschlossen haben, handelt es sich nur um einen
trag gestellt, den Antrag Drucksache Nr. 503 an ersten Schritt. Wir möchten, daß der Bundestag
den Ausschuß für Wirtschaftspolitik und den Aus- nun in rascher Folge, Zug um Zug auf diesem
schuß für Arbeit zu überweisen; dabei soll der Wege weitergeht, um Berlin zu helfen. Ich will
Ausschuß für Wirtschaftspolitik federführend den zahllosen Sympathieerklärungen und Solida-
sein. Wer für diese Überweisung ist, den bitte ritätsproklamationen, die aus fast allen Kreisen
ich, die Hand zu erheben. — Gegenprobe! — Das der westdeutschen Bevölkerung gekommen und
ist die Mehrheit. Der Antrag auf Überweisung ist mit mehr oder weniger großer Nachdrücklichkeit
abgelehnt. abgegeben worden sind, nicht etwa den Wert ab-
Wir kommen dann zur Abstimmung über den sprechen. Ich bin weit davon entfernt. Meine
Antrag selbst. Wer für den Antrag Drucksache Freunde und ich sind der Meinung, daß jede
Nr. 503 ist, den bitte ich, die Hand zu erheben. solche Erklärung ihren inneren politischen Wert
- Gegenprobe! — Mit überwiegender Mehrheit hat. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestags
abgelehnt. aber würden den Ehrentitel „Volksvertreter"
Ich rufe auf Punkt 7 der Tagesordnung: nicht verdienen, wenn sie von solchen Erklärun-
gen nicht zu Taten übergingen; denn erst da-
Beratung des Antrags der Fraktion der durch erscheinen solche Erklärungen glaubhaft
SPD betreffend Verlegung von Dienst- und bekommen sie ihren Wert. Es ist doch wohl
stellen des Bundes nach Berlin (Drucksache die echteste und bedeutsamste all unserer Auf-
Nr. 508). gaben, die wir als Abgeordnete haben, unsere
Ich habe dazu mitzuteilen, daß der Ältestenrat jetzt getrennten deutschen Gebiete wieder zu
dem Plenum den Vorschlag macht, die Zeit für einem einheitlichen wirtschaftlichen, kulturellen
die Begründung des Antrags auf 15 Minuten zu und sozialen Gemeinwesen zusammenzuführen.
1374 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Meitmann)
Alle Ausführungen über die Einheit Deutsch- Berlin erlassen worden sind, will ich Ihnen — und
lands sind leeres Gerede, wenn diesem Gesamt- das darf ich als Abgeordneter meines Hambur-
gebiet nicht aus voller Überzeugung vom inneren gischen Landes bescheidenerweise hier .sagen —
Wert der inneren Gestaltung dieses Landes das an einem Beispiel beweisen. Unter Ziffer 1 un-
gegeben wird, was seine Einheit mit Sicherheit seres Antrages ist das Bundesaufsichtsamt für
verbürgt, nämlich die Freiheit seiner Bürger! Privatversicherung aufgeführt. Im Bundesrat
Hierfür soll der Antrag, den die sozialdemokra- haben die Vertreter des Landes Hamburg den
tische Fraktion eingebracht hat, ein weiterer. Be- Alternativantrag gestellt — und so ist er ge-
weis sein; er soll dem Hause beweisen, daß wir meint —, für den Fall,- daß dieses Haus und die
es mit diesen Erklärungen ernst meinen. Regierung aus irgendeiner Überlegung heraus
Aus diesem Grunde, meine Damen und Herren, nicht willens sind, diese Institution nach Berlin
hätten wir es auch viel lieber gesehen, wenn zu verlegen, das Bundesaufsichtsamt für Privat-
statt des Antrages meiner Fraktion eine dem versicherung nach Hamburg zu verlegen. Ich habe
Sinn und Inhalt dieses Antrages entsprechende die Argumente und die Begründung geprüft, und
Vorlage des Herrn Ministers für gesamtdeutsche ich kann, ohne daß ich mich Hamburg mehr als
Fragen dem Hause unterbreitet worden wäre, und der Bundes-Republik verbunden erkläre, vor
noch lieber, wenn es eine Vorlage der Regierung jedem deutschen Lande sagen, daß diese Argu-
wäre, hinter der alle Kabinettsmitglieder stehen. mente gut und achtbar sind. Aber ich erkläre
Wir fragen uns: warum geschah und geschieht auch, daß wir Sozialdemokraten, die wir hier
das eigentlich nicht? Hat der zuständige Herr sitzen — alle unsere Abgeordneten Mann für
Minister oder hat ein anderes Kabinettsmitglied Mann — für die Verlegung auch dieses Amtes
etwa Bedenken sachlicher Art? Was ist denn der nach Berlin eintreten und stimmen werden.
eigentliche Sinn unseres Antrages? Es ist nichts Die Priorität Berlins ist keine Frage des Inter-
anderes als die konsequente Folgerung aus einem esses einer Gruppe von Deutschen irgendeines
bereits am 21. Oktober des vorigen Jahres ge- Landes, sondern das ist die politische Frage der
faßten Beschluß dieses Hohen Hauses. Der Bun- Stützung und Erhaltung unseres Vorpostens im
destag hat darin die Meinung ausgesprochen, daß Kampf für die Freiheit auch unseres Westdeutsch-
Berlin so behandelt werden solle, als ob es de lands und Europas.
facto und de jure das zwölfte deutsche Land sei. (Beifall.)
Vier volle Monate hat die Bundesregierung uns Wir sind weit entfernt von Selbstzufriedenheit,
auf ihre Initiative warten lassen. Wir fragen uns: und wir sind mit den sozialen, ökonomischen und
ist das Zufall, oder liegen so ernste Bedenken politischen Umständen in Westdeutschland gar
vor? Wenn ja, dann möchten wir sie hören. Vier nicht zufrieden. Aber wir wissen. daß die Not der
Monate sind ins Land gegangen, während deren Berliner Bevölkerung um das Vielfache größer
die Pression auf Berlin ständig zunahm, bis wir, ist gegenüber der, in der wir selber uns befinden
die Opposition, nun wiederum, wie in vielen an-
deren Fällen, gezwungen waren, die Initiative zu und mit der fertigzuwerden wir uns bemühen.
ergreifen und durch den vorliegenden Antrag den Meine Damen und Herren! In dem Beschluß
Versuch zu unternehmen, Berlin rasch und wirk- des Bundestages wird von Berlin als dem zwölf-
sam zu helfen. Dem Sinn des Wortes „regieren" ten Land gesprochen, das wir in unsere Sorgen
entspräche es doch wohl, wenn man in so wich- so einbeziehen wollten, als gehörte es de jure zu
tigen Dingen, wie es durch diesen eben gekenn- uns. Ich möchte diese Reihenfolge umkehren und
zeichneten Beschluß des Bundestages deutlich ge- sagen: von heute ab und solange Berlin nicht de
worden ist, voranginge. Regieren heißt führen. facto in all seinen Beziehungen wirklich ein Land
heißt in der Initiative sein. Für den Fall, daß der deutschen Bundesrepublik ist, so lange zu-
hier sachliche Bedenken geltend gemacht werden mindest, ohne jede juristische Einschränkung, ist
sollten, stelle ich fest: Mit der einzigen Ausnahme Berlin für uns Sozialdemokraten das erste
des Bundesverfassungsgerichts, das wohl dem Land der deutschen Bundesrepublik. Ich möchte
früheren Reichsgericht in Leipzig gleichzusetzen auch glauben, daß dieser Mangel an Initiative der
ist, sind alle Bundeseinrichtungen, deren Ver- Regierung, den man vielleicht durch eingehende
legung oder, besser und richtiger gesagt, Wieder- Untersuchungen zu erklären versuchen wird, bis-
aufrichtung in Berlin wir beantragt haben, früher weilen seine Ursache in der mangelnden Einsicht
Einrichtungen Berlins gewesen und haben schon in die Bedeutung dieser Verbundenheit West-
immer einen Bestandteil des Berliner Lebens ge- deutschlands mit Berlin und unseres gesamten
bildet. Berlins Anspruch, wenigstens traditionell, Bundesgebietes mit Deutschlands Problematik
noch mehr aber aus der Sache und aus der Situa- überhaupt hat. Vielleicht werden Sie nachher in
tion heraus, auf eine Zurückverlegung dieser - in der Debatte mit dem Argument kommen, wegen
unserem Antrag dafür vorgesehenen Bundesein- ein paar hundert Beamter seien die Unbequem-
richtungen steht für uns Sozialdemokraten außer lichkeiten zu groß. Ich habe mir die Zahlen für
Zweifel. Wer diesen Anspruch aus der Vergan den Bundesrechnungshof einmal geben lassen; es
genheit und aus der gegebenen Situation Deutsch- sind etwa 250 Beamte und Angestellte, die dort
lands und Berlins nicht anerkennt, von dem tätig sind. Wir wissen, daß, wenn von diesen ein-
möchten wir wohl annehmen, daß er es mit seinen mal jemand in unser Parlament kommen will,
Komplimenten und seinen Sympathieerklärungen damit einige Unbequemlichkeiten verbunden sein
nicht ganz ernst meint. Die Berliner Bevölkerung werden, die nicht diese Menschen verschulden,
jedenfalls —das wissen Sie ja — will jetzt nicht sondern die an den Grenzen durch zeitweise ver-
mehr schöne Worte. Oft genug haben wir, wenn schärfte Revision entstehen. Sollten wir, so wird
wir mit den Menschen in Berlin zusammensaßen, man wohl fragen, bei dieser Sachlage so ent-
gehört: Der Worte sind genug gewechselt, jetzt scheiden?
woll'n wir endlich Taten sehn! Ebensowenig scheint mir das Argument „wegen
Daß wir Sozialdemokraten es ernst mit diesen der Verkehrsschwierigkeiten und labilen Ver-
Konsequenzen aus Proklamationen meinen, die kehrseinrichtungen für den Gütertransport und
überall in Deutschland und darüber hinaus für für den Warentransport von und nach Berli n"
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1375
(Meitmann)
durchschlagend zu sein. Sehr interessant — und trotz nachgewiesener steigender Aktivität der
ich meine, jeder Abgeordnete hätte die Pflicht, es Produktion! Das ist ein Beweis für den Fleiß
gleich uns ebenso zu werten — sind jene Presse- und den Arbeitswillen der Berliner Bevölkerung,
mitteilungen, die in den letzten Tagen gebracht ohne die der Effekt nicht in Erscheinung treten
wurden, in denen geäußert wurde — ich habe könnte: die Arbeitslosen mit in den Arbeitsprozeß
nicht daran geglaubt und glaube auch bis zu einzubeziehen. Das Anwachsen der Berliner Ar-
diesem Augenblick nicht daran —, daß die Bun- beitslosenzahl erklärt sich nach den amtlichen
desregierung sich bereits, ohne es zu veröffent- Berichten daraus, daß allein 4 000 Arbeitslose aus
lichen, entschieden haben sollte, vier in unserem dem Ostsektor Berlins neu hinzugekommen sind.
Antrag genannte Einrichtungen nach Köln oder Sie sind in den Westsektoren arbeitslos geworden,
.ins linksrheinische Gebiet zu verlagern. Ich frage weil sie unter dem Druck der sogenannten „volks-
den Herrn Vertreter der Regierung, ob solche demokratischen" Regierung der Ostzone gezwun-
Entscheidungen schon gefällt oder erst beab- gen wurden, ihre Wohnungen in Westberlin zu
sichtigt sind und ob die Regierung dafür die Ver- verlassen und in den Ostsektor zu ziehen. Da ent-
antwortung übernehmen will. Ich frage also, ob steht doch wohl für uns alle die Frage, ob wir
jene oft gehörte Behauptung, der ich mich keines- dieser ihrer Haltung — ihre Freiheit selbst um
wegs anschließe, daß , das Schwergewicht der Kon- das Opfer der Arbeitslosigkeit nicht aufzu-
solidierung dieser Regierung linksrheinisch eta- geben -- mit Gleichgültigkeit begegnen sollen.
bliert und der Kampf um Berlin der Opposition
und Berlin selber überlassen wird, zutrifft. Die Diese erschreckenden Zahlen werden noch be-
Konsequenzen einer solchen Entscheidung schon denklicher, wenn wir sie nach Berufen analy-
jetzaufign,sch epolit sieren. Von 45 Prozent Arbeitslosen — gemes-
Pflicht für Berlin und uns alle. sen an der arbeitsfähigen Bevölkerung Berlins --
sind allein 25 Prozent solche, die kaufmänni-
Wenn in dieser Situation von einer bestimmten schen Berufen angehören oder früher in Reichs-
Gruppe, die auch in diesem Haus ihre Vertre- institutionen, die wir jetzt nach Berlin zurück-
tung hat, versucht wird - wenn auch mehr verlegen wollen, tätig gewesen sind. Der Herr
mit Bombastik als mit Ernst —, mit einem so- Arbeitsminister — den ich nicht auf der Bank
genannten Marsch auf Berlin à la Mussolini Ber- der Regierung sehe — stimmt doch wohl, so
lin zu erobern, wenn solche Meinungen in diesem möchte ich glauben, mit uns darin überein, daß
Hause oder gar von den verantwortlichen Körper- es ein außerordentlich wichtiges ökonomisches
schaften, Beamten und Bediensteten der Bundes- und arbeitspolitisches Problem ist, eine solche
republik übernommen werden sollten, daß man Menge von Hunderttausenden, die nur in Jah-
nicht wisse, ob diese wertvollen Einrichtungen, ren auf diesen Spezialberuf und die Arbeit, die
die sich dann dort befinden würden, nicht über- ihrer in diesen Verwaltungen harrt, wieder vor
haupt durch einen Verlust Berlins verloren gehen bereitet werden könnten, einzusetzen statt ein-
könnten, so muß ich dazu schon sagen, daß das fach ohne Betätigung zu lassen. Bei dieser Auf
überhaupt kein Argument ist! Das wäre das gabe, einen weiteren konkreten Schritt zur Ein
Argument des politischen Defaitismus. Das wäre heit Deutschlands zu tun, sollte uns nichts
die offene Preisgabe Berlins. Ihr müßte sehr trennen!
bald der Schreckensruf aus früherer Zeit folgen:
„Rette sich, wer kann!", und zwar für das ganze Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter,
übrige Westdeutschland und mit dem weiteren
Abrollen dieses Problems wahrscheinlich auch für ich bitte, zum Schluß zu kommen.
manchen Staat und manches Volk in Europa.
Wenn wir jetzt sagen: „Auf die Schanzen für Meitmann (SPD), Antragsteller: Jawohl! —
Berlin!", dann sind wir willens, auch Argumente, Meine Damen und Herren, ich muß auf einige
die in ruhigen und geordneten Zeiten ihre Be- weitere Hinweise verzichten, weil ich von der
deutung haben könnten, abzuweisen; denn wir Tatsache, daß , die Redezeit verkürzt werden soll,
sagen damit: Wir helfen nicht nur Berlin, sondern erst in dem Augenblick erfahren habe, als ich die
wir helfen uns selbst, wir helfen Westdeutsch- Rednertribüne betreten habe. — Eine Bitte will
land, und damit helfen wir auch , , ein neues und ich an die Herren der Bayernpartei richten. Das,
ein zusammenarbeitendes modernes einheitliches was in der letzten Sitzung von den Herren Ab-
Europa in Funktion zu bringen. Schnelle und aus- geordneten Seelos und Besold als Grundmotiv
reichende Verstärkung der demokratischen Kräfte gesagt worden ist - „Wir wollen Berlin schon
an der Kampffront für die Demokratie — und helfen, aber nur unter der Bedingung, daß auch
das ist Berlin — ist das Gebot der Stunde! -Wenn unseren Notstandsgebieten geholfen wird" —,
wir das praktisch und konkret formulieren, so ich als Gesinnung aus dem Geiste der
heißt das: Hebung des Lebensstandards, Schaf- Gartenlaube-Leser bezeichnen: Erst mein Tisch
fung und Sicherung der Arbeitsplätze und aktive gedeckt, dann helfe ich anderen!
politische Teilnahme der Berliner Bevölkerung (Abg. Dr. Seelos: Ich antworte dann!)
an der sozialen und staatsrechtlichen Gestaltung — Dieser Geist und diese Gesinnung, Herr See
der Deutschen Bundesrepublik. In dieser Erkennt- los, führen zu einer schlechten Politik. Das ist
nis sollten wir uns alle vereinigen, unsere Be- eine Politik, die das deutsche Volk - in den
denken zurückstellen und für den Antrag als die Kreisen, die es wirklich darstellen, den Kreisen
konkrete Auswertung des Beschlusses des Bundes- der arbeitenden Menschen — einfach nicht ver
tages eintreten. steht. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, als
Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ganz wenige, die ersten Anzeichen der Not in Berlin spürbar
aber sehr eindringliche Zahlen sage. Am 15. wurden, wie Arbeiterfrauen und Männer, zum
Januar hatte Berlin eine Arbeitslosigkeit von Teil selbst arbeitslos, die Pakete für Berlin pack
292 922. Dazu kamen 55 000 und einige hundert ten und wie sie ihre Kinder zuzogen, um sie
Kurzarbeiter. Am 31. Januar waren es 302 842 diesen Akt der Solidarität erleben zu lassen. Die
und 53 000, also eine kleine Abnahme der Kurz- sen Geist der Solidarität der Arbeiterwohlfahrt,
arbeiter, aber 10 000 Arbeitslose mehr. Dies alles die nicht einen Vorwegbescheid und eine Vor-
1376 Deutscher Bundestag – 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Meitmann)
wegdotierung ihrer Landstriche beantragt hat, Gestern erst bin ich mit dem Herrn Bundes-
möchte ich sehen, wenn wir diese Aufgabe, Berlin finanzminister Dr. Schäffer aus Berlin zurück-
zu helfen, als Volksvertreter behandeln. So li gekehrt. Wir hatten die durch den Fasching
-daritäohneAspucd nWsh, schließlich etwas beeinträchtigten Arbeitstage am
irgendwie dafür gerühmt oder anerkannt zu wer- Rhein genutzt, um der schwer kämpfenden Stadt
den! Ausdrücklich kann ich sagen, daß die kari- Berlin und ihrer Bevölkerung erneut zu bekun-
tativen Verbände, für die die Bayernpartei des den, wie sehr sich die Bundesrepublik und die
Herrn Seelos plädiert hat, nicht von den Ber- Bundesregierung im Willen und in der Tat mit
liner Nothilfsmitteln vorweg bedient worden ihr verbunden wissen und wie sehr Bundes-
sind; sie würden sich dagegen wehren, wenn republik und Bundesregierung für die Erfüllung
ihnen das als ihre Absicht unterstellt würde. Ich der einfach weltgeschichtlichen Aufgabe mit ein
glaube, daß in dieser Not Deutschlands alle diese stehen, die Berlin in dieser Zeit erwachsen ist.
Hilfskräfte ihre Pflicht aus der gleichen Gesin- Unsere Begegnung mit den Persönlichkeiten, die
nung, die ich vertrete, getan haben. in dieser inselhaften Einengung unmittelbare
In der vorletzten Sitzung, als wir das Berlin- Verantwortung tragen, war gut und sehr er-
Gesetz verabschiedeten, hat der von uns allen mutigend. Ich glaube sagen zu dürfen: sie war
doch verehrte Alterspräsident diesen Satz als gut und ermutigend für beide Teile. In den stun-
ein gutes und der Wirklichkeit entsprechendes denlangen Beratungen und Verhandlungen, die
Symbol geformt: Berlin ist und will kein Bett- wir mit Oberbürgermeister Dr. Reuter, mit dem
ler sein, Berlin ist ein gesunder Arbeiter, der Stadtkämmerer Haas und mit den übrigen Mit-
aber zuviel Last auf seinen Schultern hat. Ich gliedern des Magistrats sowie im Anschluß daran
möchte Ihnen — da ich ja aus der Gegend bin, mit den führenden Persönlichkeiten des politi-
wo die wilden Stürme des Nordwestens auf die schen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens
Deiche branden — sagen, in welchem Geist wir der Stadt führten, spielten ganz selbstverständ-
diese Arbeit für Berlin von uns allen getan lich neben den anderen Fragen der nationalen
wissen möchten. Der erste Deich, der gefähr- Verpflichtung, die man vielleicht etwas sehr un-
detste Deich ist es, auf den der Deichvogt ruft, zulänglich nur „Berlin-Hilfe" nennt, auch die
wenn die Stürme die Deiche bedrohen, und nicht Anliegen immer wieder eine Rolle, die Gegen-
der hintere und der letzte; sondern wenn der stand des vorliegenden Antrags der Fraktion der
Deichvogt ruft: „Auf die Deiche!", dann ist es SPD sind. Es gilt das insbesondere für die Ver-
für jedes Kind dort oben in Schleswig-Holstein handlungen, die wir unter dem Vorsitz des Ober-
und an der ostfriesischen Küste eine Selbstver- bürgermeisters mit dem gesamten Magistrat der
ständlichkeit, dorthin zu gehen, wo die Haupt- Stadt führten. Was kann dazu und was kann
gefahr ist, und alles an dieser Stelle einzusetzen. in Verbindung damit zu dem Antrag gesagt
In diesem Sinne und in diesem Geist möchten werden?
wir, daß Sie sich mit uns vereinigen, und wir Der Bundestag hat am 21. Oktober 1949 auf
sind sicher, daß Sie es tun werden, und wenn Antrag des Berlin-Ausschusses unter anderem
Sie es über sich bringen können, dann verschie- beschlossen, zu überprüfen, in welchem Umfang,
ben Sie wegen der Dringlichkeit und Bedeutung ohne den Ablauf des Geschäftsverkehrs zu er-
unseren Antrag nicht an einen Ausschuß, son- schweren, Dienststellen der Bundesrepublik nach
dern entschließen Sie sich, jetzt schon und heute für Berlin verlegt werden können. Wie steht es zur
die Gesamtbevölkerung Berlins den Beweis der Stunde um die Überprüfung und um die Erfül-
echten und ehrlichen Absicht dadurch zu erbrin- lung dieses Auftrags des Bundestags an die Bun-
gen, daß wir heute schon über diesen Antrag desregierung? Ich darf es, ohne etwas zu ver-
beschließen. schweigen und ohne etwas zu beschönigen, in
(Beifall bei der SPD.) letzter Konkretheit zu sagen versuchen. Die
Überprüfung, in welchem Umfang Dienststellen
der Bundesrepublik nach Berlin verlegt werden
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der können, ist noch nicht abgeschlossen. Sie kann
Herr Bundesminister für gesamtdeutsche Ange- auch gar nicht abgeschlossen sein. Es ist noch
legenheiten. keine Möglichkeit gegeben, in solcher Konkret-
heit, wie es in dem Antrag vor allem. unter
Kaiser, Bundesminister für gesamtdeutsche Punkt 1 ausgeführt ist, Beschluß zu fassen. In
Fragen: Meine Damen und Herren! Vom Stand- den einzelnen Ministerien sind im Zusammen-
punkt der Sorge und Verpflichtung für Berlin, hang mit den in Vorbereitung befindlichen Ge-
in der sich die Bundesregierung mit der über- setzentwürfen über die Errichtung derartiger
-
wältigenden Mehrheit des Bundestags in Überein- oberster Bundesbehörden noch Erwägungen ins-
stimmung weiß, bedaure ich in etwa diesen er- besondere auch darüber im Gange, was unter
neuten Berlinantrag, so sehr ich seinen Inhalt Beachtung des Auftrags des Bundestags an die
auch zu würdigen weiß. Die Debatte um ihn Bundesregierung nach Berlin verlegt werden
schließt nämlich die Gefahr ein, daß man sich kann. Es kann daher zur Stunde nur über den
zum Schaden der Aufgabe, die zu erfüllen ist, erreichten St an d der Pläne berichtet werden.
leicht auseinanderdenkt und auseinanderredet. Es Hinsichtlich der Errichtung von Vertretungen
darf ja nicht dazu kommen, daß man sich im der Bundesministerien in Berlin ist folgendes
Ausdruck der Sorge und Verantwortung um und zu sagen. Erstens bestehen in Berlin bereits
für Berlin schließlich gegenseitig — gleich aus Vertretungen des Bundesministeriums für Wirt-
welchen Gründen immer — zu überspielen sucht. schaft — diese Vertretung ist im weiteren Aus-
(Sehr richtig! in der Mitte.) bau begriffen —, des Bundesministeriums für Er-
Das könnte nach der einen und der andern Seite nährung, Landwirtschaft und Forsten und des
leicht nur hemmend und lähmend wirken, und Bundesministeriums für Finanzen. Zweitens: der
das ist doch schließlich gerade das, was unter Bundesbevollmächtigte der Bundesrepublik
keinen Umständen geschehen kann und was auch Deutschland in Berlin ist am 31. Januar 1950, also
niemand von uns wollen kann. wenige Tage bevor dieser Antrag der SPD ein-
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1377
(Bundesminister Kaiser)
gereicht wurde, von der Bundesregierung er- Befürwortet wird vom Bundesministerium des
nannt worden. Er hat seine Tätigkeit wie das Innern ferner die Verlegung der Interzonen-Han-
bekannt ist, inzwischen aufgenommen. Es war delsstatistik nach Berlin. Weiter: die frühere
nicht Schuld der Bundesregierung, daß sich die Chemisch-Technische Reichsanstalt und das Ku-
Berufung des Bundesbevollmächtigten so lange ratorium für Wirtschaftlichkeit sind in Berlin.
hinausgezögert hat. Drittens: die Errichtung von Reststellen dieser beiden Institutionen befinden
Abteilungen, Vertretungen oder Verbindungsre- sich nach wie vor in Berlin. Sie verbleiben dort,
feraten wird von folgenden Ministerien vorge- ohne daß parallele Organisationen im Westen er-
nommen. Vom Bundesministerium für gesamt- richtet werden. Dann noch die Verhandlungs-
deutsche Fragen; es führt, nachdem der Bundes- führung für die Interzonen-Handelsaufgaben, die
bevollmächtigte sein Amt angetreten hat, nun- aus gegebener Veranlassung als Treuhandstelle
mehr raschestens die Errichtung seiner eigenen dem Deutschen Industrie- und Handelstag zuge-
Abteilung in Berlin durch. Da der Abteilungs- ordnet worden sind. Dieser Einrichtung, die im
leiter zugleich Stellvertreter des Bundesbevoll- Ausbau begriffen ist, kommt für die weitere Ent-
mächtigten sein wird, verzögerte sich zunächst die wicklung des Interzonen-Handels große Bedeu-
Errichtung dieser Abteilung. Auch ist es erst tung und Verantwortung zu.
jetzt möglich geworden, die Raumfrage zu lösen.
Das Haus der deutschen Bundesrepublik, in dem Meine Damen und Herren, Sie werden sagen:
die Berliner Vertretungen der Ministerien usw. das ist ja alles wenig; und es ist auch erst ein
vereinigt werden, öffnet am 1. April 1950 in der Anfang. Das ist aber der augenblickliche Stand.
Kaiserallee gegenüber dem bekannten früheren Alles weitere wird von der Bundesregierung in
Joachimsthaler Gymnasium seine Pforten. letzter Gewissenhaftigkeit geprüft und so rasch
wie möglich zur Entscheidung gebracht. Ich
(Bravo! in der Mitte.) weiß, daß der bisherige Stand den Erfordernissen
Es handelt sich dabei um ein bundeseigenes Ge- und den Notwendigkeiten, seien sie nun mate-
bäude. Von dem Erwerb des zunächst in Aus- rieller oder seien sie — ich befinde mich da mit
sicht genommenen, sehr repräsentativen Gebäu- dem Herrn Kollegen Meitmann in voller Über-
des am Fehrbelliner Platz, des bekannten Kar- einstimmung — nationalpolitischer Art, wie sie
stadt-Hauses, wurde aus Gründen der gebotenen nicht nur in Berlin und wie sie hier im Hause
Sparsamkeit Abstand genommen, da die Erwer- nicht nur von der Opposition, sondern von uns
bung dieses Gebäudes allein 7 1/2 Millionen D- allen empfunden werden, nicht entspricht. Ich
Mark erfordert hätte. Weiter vom Bundesmini- bitte den Bundestag aber, gewiß zu sein, daß
sterium für den Marshallplan, vom Bun desmini- die Bundesregierung um ihre Verpflichtungen
sterium für Verkehr, vom Bundesministerium und um ihre Verantwortung für Berlin weiß.
für den Wohnungsbau, vom Bundesministerium Sie würde, nein: sie müßte es als befremdlich
für das Post- und Fernmeldewesen. Dieses empfinden, wenn man diesen ihren Willen, für
Ministerium glaubt sich nach Lage der Ver- Berlin alles zu tun, was nur geschehen kann, an-
hältnisse zwar nicht in der Lage zu sehen, förm- zweifeln würde. Die Bundesregierung weiß, daß
liche Zentralämter nach Berlin zu verlegen, doch sie durch die Verlegung oder, besser gesagt, durch
wird es nach seiner Versicherung starke Vertre- die Rückführung bzw. durch die Neuerrichtung
tungen der beiden technischen Zentralämter in förmlicher Bundesbehörden in Berlin, die unter
Berlin einrichten. Vom Bundesministerium für den obwaltenden Umständen nicht notwendiger-
Angelegenheiten der Vertriebenen erfolgt die Be- weise im Bereich des engeren Bundesgebietes
rufung von Beauftragten, die für die Koordinie- ihres Amtes walten müssen, nur einer Verpflich-
rung des Aufnahmeverfahrens in Verbindung mit tung gerecht wird, über die es bei keinem von
dem Sozialamt des Magistrats von Groß-Berlin uns überhaupt eine Diskussion geben sollte und
tätig sein werden. Und ganz selbstverständlich geben darf. Es kommen hier insbesondere Bun-
wird vom Arbeitsministerium zunächst die Er- desbehörden aus dem Zuständigkeitsbereich des
richtung einer Verbindungsstelle vorgenommen. Justiz-, des Finanz- und des Arbeitsministeriums
in Betracht, 'und ich darf hierzu gleich bemerken,
Was ferner die Verlegung sonstiger Dienst- daß ich persönlich der Auffassung bin, daß nicht
stellen nach Berlin angeht, so ist festzustellen: nur das Bundesaufsichtsamt für Privatversiche-
Folgende Dienststellen befinden sich in Berlin: rung und andere Behörden, die hier aufgeführt
die frühere Reichsschuldenverwaltung; dann eine sind, nach Berlin gehören, sondern auch noch
Verbindungsstelle des Rechnungshofes, der Nor- andere Behörden, und ich insbesondere werde
menausschuß, die Staatsdruckerei; die frühere mit Nachdruck dafür eintreten. Nur gebe ich,
Reichsdruckerei in Berlin ist auf den Bund- über meine Damen und Herren, noch einmal dem
gegangen. Das Patentamt, Dienststelle Berlin, sehr dringenden Wunsche Ausdruck, daß wir
ist gemäß Verordnung vom 9. Februar 1950 auf uns in dieser ganzen Angelegenheit herüber und
der Grundlage des früheren Reichspatentamtes hinüber mit größerem Vertrauen begegnen. Wir
errichtet worden. Es ist bekannt, daß der Bun- gestehen dabei der Opposition ganz selbstver-
desminister der Justiz inzwischen in Berlin per- ständlich durchaus das Recht immer neuer Mah-
sönlich geprüft hat, welche Aufgaben dieser nung und immer neuen Antriebs zu. Nur sollte
Dienst- bzw. Zweigstelle übertragen werden kön- diese ihre Tätigkeit nicht von erkennbarem Miß-
nen. Weiter die Verbindungsstelle oder Vertre- trauen getragen sein. Das hilft ja nicht, sondern
tung des Statistischen Amtes in Berlin. Diese das könnte nur lähmen und hemmen, und das
Vertretung wird durch das Bundesministerium wäre in der Sorge und im Denken an Berlin
des Innern erweitert. Beabsichtigt ist insbeson- das Gefährlichste und das Bedauerlichste. Wenn
dere die Verlagerung der Aufarbeitung von sta- irgendwo, meine Damen und Herren, so ist in
tistischem Material des Bundes und der statisti- der Sorge und in der Verantwortung für und um
schen Landesämter zur Ausnutzung der in Berlin Berlin die Pflicht zur Gemeinsamkeit für uns alle
vorhandenen Fachkräfte. Der Umfang dieser Auf- miteinander gegeben.
tragsverlagerung wird zur Zeit von einem Aus-
schuß der statistischen Landesämter geprüft. (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien.)
1378 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950

Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr Ab- in Berlin selbst durchaus akzeptiert und auch
geordnete Dr. Seelos. nicht als einen Appell an die niederen Instinkte
bezeichnet. Ich verstehe also nicht, warum die-
Dr. Seelos (BP): Herr Präsident! Meine Damen selben Argumente, die irgendwoanders möglich
und Herren! Ich hatte ursprünglich gebeten, mir sind, hier in einer solchen gegnerischen Stim-
eine etwas längere Redezeit zu geben, da ich mung aufgenommen worden sind. Sie glauben
sämtliche Probleme hier einmal grundsätzlich er- immer, daß wir in Bayern bei Berliner Proble-
örtern wollte, um endlich ein für allemal den men stets nur aus alten Ressentiments handeln.
gegensätzlichen Auffassungen, die hier in so un- Ich kann Ihnen sagen: diese Ressentiments haben
schöner Weise zum Austrag kommen, ein Ende einmal in Bayern bestanden, sind aber nicht
zu machen, und ich war gewillt, durchaus posi- mehr da oder nur in sehr geringem Maße; denn
tiv zu allen Problemen Berlins zu sprechen. Ich inzwischen haben wir schließlich sehr viel er-
habe leider nicht die Redezeit bekommen, und lebt. Wir kennen in Bayern die harten zwei
ich möchte nun an die Großmut des Präsidenten Jahre der ersten Besatzungszeit. Wir kennen
appellieren, mir auch soviel mehr Zeit zu ge- das unerhörte Auftreten der DPs in der ersten
ben, wie dem Sprecher der SPD gegeben worden Nachkriegszeit. Wir kennen die Misere, die wir
ist. Ich wollte auch nicht mit irgendwelchen und die 2,3 Millionen Heimatvertriebene in
Geschäftsordnungspraktiken mir etwa 5 Minuten Bayern haben. Wir bekommen auch keine zen-
mehr ergeizen, wie es die KPD immer zu tun tralen Befehle mehr von Berlin, die vielleicht
pflegt; eine gewisse Aversion hervorrufen könnten; die
(Widerspruch bei der KPD) gab es dann gegenüber Frankfurt und jetzt ge-
denn die Störung der Arbeit des Bundestages genüber Bonn. Also auch hier scheidet Berlin aus.
mit diesen Geschäftsordnungspraktiken ist mir Sprecher der Bayernpartei haben wiederholt
von Herzen zuwider. unter dem Beifall des Hauses auf die Verdienste
(Zurufe von der KPD und von der WAV.) Berlins in diesem Kampf um Europa und diese
dankenswerte Aufgabe, Vorposten des Abend-
Übrigens kennt mich Herr Meitmann, der Spre- landes gegenüber der kommunistischen Flut zu
cher der SPD, anscheinend noch nicht. Ich habe sein, hingewiesen.
zu Berlin damals kein Wort gesprochen, sondern (Bravo!)
es war ein Fraktionskollege von mir.
Wir haben die Leiden der Berliner immer an-
(Abg. Meitmann: Ich habe mich ver erkannt, nicht bloß hier in Worten, sondern
sprochen! Ich meinte Ihren Kollegen haben gerade von Bayern aus durch reichliche
Besold!) Taten geholfen. Sie dürfen aber von uns nicht
Das nur zur Richtigstellung. Nicht daß ich etwa verlangen, daß wir, wenn eine Berliner Frage
die Ausführungen von Herrn Besold nicht voll- oder ein Gesetz über Berlin zur Debatte steht,
inhaltlich decken würde; ich komme noch dar ohne Prüfung einfach Ja sagen. Gerade das
auf zu sprechen. Aber Sie dürfen mir glauben: letzte Mal war es so, daß wir das Gesetz erst
Wir müssen einmal dieses Problem in positiver ein paar Stunden vorher zu Gesicht bekamen. Sie
Weise zum Austrag bringen, und Sie müssen haben uns nicht einmal die uns geschäftsord-
nicht von vornherein immer bei uns den schlech- nungsmäßig zustehende Frist zugebilligt, sondern
ten Willen annehmen, der Berliner Situation von uns verlangt, daß wir Ja sagen, ohne das
nicht gerecht werden zu wollen. Gerade die Gesetz zu kennen. Das war im Stil einer frühe-
letzte Diskussion hat doch gezeigt — Sie können ren Zeit. Wenn wir Zeit haben wollten, geschah
das Protokoll der Ausführungen von Herrn Besold es nicht, um die Sache zu verschleppen, sondern
nachlesen —, daß er so sachliche Argumente dar- nur um uns wirklich ernsthaft mit dem Sinn
gelegt hat, die in der kühlen, sachlichen Atmo- des Gesetzentwurfes vertraut zu machen. Es
sphäre des Bundesrates fast wörtlich genau so scheint mir wirklich nicht am Platze zu sein,
von zwei Vertretern der bayerischen Regierung daß Sie in dieser Art, wie es zum Beispiel Ihr
vorgebracht und selbstverständlich akzeptiert Sprecher jetzt schon wieder getan hat, Ioswet-
worden sind, die aber hier schärfsten Wider tern; das ist bei einer wirklich sachlichen Prü-
spruch gefunden haben und von einem Mitglied fung nicht gerechtfertigt. Wir sehen das Pro-
eben derselben Partei als ein Appell an die nie- blem schließlich auch unter allgemeinen politi-
deren Instinkte gegeißelt worden sind, womit er schen, außenpolitischen Gesichtspunkten Wir
den dröhnenden Beifall des Hauses gefunden hat. sind der Auffassung, daß wir den Berlinern in-
folge ihrer furchtbaren, eingeschlossenen Lage
Präsident Dr. Köhler: Herr Abgeordneter,
- darf niemals den gleichen Lebensstandard geben kön-
ich einmal fragen: den „gröhlenden Beifall"? nen, wie wir ihn in Westdeutschland haben. Es
war nicht einmal der Großmacht Amerika mög-
Dr. Seelos (BP): Den dröhnenden Beifall! lich, den Berlinern die Leiden einer Luftbrücken
zeit abzunehmen. Noch viel weniger wird es
Präsident Dr. Köhler: Ach so: den dröhnenden uns in Westdeutschland gelingen, den Berlinern
Beifall. Das ist natürlich etwas ganz anderes. die Leiden der Situation völlig abzunehmen.
(Heiterkeit.) Wenn wir nach den vorgestrigen Feststellun-
gen des - Wirtschaftsinstituts in Berlin weiterhin
Dr. Seelos (BP): Mir wird immer Böses zu- mit einem verlorenen Zuschuß und Krediten von
getraut! 90 bis 100 Millionen Mark monatlich rechnen
(Erneute Heiterkeit.) müssen, dann bedeutet das eine unerhörte An-
Ferner hat zum Beispiel gerade vorgestern zapfung. Wir müssen uns wirklich überlegen,
Herr Bundesminister Schäffer auch den Berlinern ob wir das vertragen können, ohne daß West-
erzählt: Es gibt nicht nur ein Berliner Not- deutschland selbst zum Erliegen kommt und da-
standsgebiet; auch wir in Westdeutschland haben mit die Hilfsmöglichkeit für Berlin überhaupt
viele Notstandsgebiete, und besonders ich habe abgeschnitten wird. Hätte man diese Milliarde
auch eines im Bayerischen Wald. Das hat man pro Jahr in eine produktive Erwerbslosenfür-
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1379
(Dr. Seelos)
sorge gesteckt, dann hätten wir, wie Sie sich selbst denken geäußert, und das ist dann von Ihnen zu
ausrechnen können, wohl 600 000 bis 700 000 Er- der völlig ungerechtfertigten Demonstration be-
werbslose weniger in Westdeutschland, und die nützt worden.
Regierung hätte sich nicht diese Vorwürfe von Zu der Frage, die auf der Tagesordnung steht,
seiten der Alliierten und von seiten der SPD brauche ich eigentlich nicht mehr Stellung zu
machen lassen müssen. Es sind also schließlich nehmen; denn nach den Ausführungen des Herrn
komplexe Probleme, in denen wir stehen. Wenn Bundesministers Kaiser ist das nicht aktuell.
man hier etwas wegnimmt und woanders hinein- (Lachen bei der SPD.)
schmeißt, muß man eben die Konsequenzen dar-
aus tragen. Unsere Möglichkeiten sind beim Ich kann mir 'also Ausführungen hierüber sparen.
besten Willen doch beschränkt. Nur das möchte ich noch sagen. Ich wäre Ihnen
dankbar, wenn Sie künftig bei der Bewertung
Sie müssen uns erlauben, daß wir die Berliner unserer Stellungnahme zu Berliner Fragen meine
Probleme wirklich sachlich prüfen. Sie dürfen grundsätzlichen Bemerkungen, die ich heute hier
uns nicht von vornherein vorwerfen, daß es gemacht habe, wenigstens etwas würdigen
böser Wille ist, wenn wir da oder dort unsere würden.
Bedenken erheben oder da und dort unsere Ein- (Beifall bei der BP.)
würfe machen. Es darf auch nicht falsch auf-
gefaßt werden, wenn wir, die wir das bayerische Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat Herr Abge-
Elendsgebiet an der böhmischen Grenze kennen,
sagen: diese Einwohner leben oft noch unter viel ordneter Dr. Reismann.
schlimmeren Umständen als heute noch die Ber-
liner Bevölkerung. Dr. Reismann (Z): Meine Damen und Herren!
Die Zentrumsfraktion würdigt in vollstem Um-
(Abg. Dr. Bucerius: Aber nicht unter so fang die Motive, die Herrn Meitmann und seine
gefährlichen Umständen wie die Berliner!) Fraktion veranlaßt haben, dem Hohen Hause den
Ich meine auch: warum sollen wir den Alliierten Antrag Nr. 508 vorzulegen. Aber wenn man den
diese politische Groteske, die sie geschaffen ha- Inhalt dieses Antrags einmal durchliest, so muß
ben, völlig aus ihrer Verantwortung nehmen? man sich doch sagen, daß diese Fragen nicht allein
(Abg. Renner: Hört! Hört!) mit dem guten Herzen erledigt werden können,
Wenn wir dieses Problem unter Einsatz unseres sondern daß man ganz nüchtern die Auswirkun-
Letzten überbrücken, wird es in der Welt bald gen und die Folgen bedenken muß, die sich
gar nicht mehr diskutiert, daß die Berliner in- daraus ergeben. Mit der Einheit Deutschlands
folge der alliierten Maßnahmen, dieser alliierten hat der Antrag direkt nichts zu tun.
Konzeption, solche Leiden haben und daß es nicht (Zuruf links: Doch!)
unsere Schuld ist. — Nein, in keiner Weise. Die Einheit Deutsch-
(Abg. Dr. Bucerius: Sie sind kein guter lands wird nicht mehr und nicht weniger da-
3) Psychologe, Herr Dr. Seelos!) durch hergestellt, daß diese Zentralbehörden in
Wenn wir vollends sehen, daß über unsere An- Berlin oder anderswo sind. Die Sache hängt da-
träge für ein Notstandsgebiet schon drei Monate von ab; daß die Alliierten sich verständigen.
hingegangen sind, ohne daß wir den ernsten Wil- Dazu können wir leider viel zu wenig beitragen.
len spüren, Air dieses Gebiet etwas zu tun, Man muß aus dieser Atmosphäre die Dinge lö-
während andererseits ein Gesetz für Berlin in sen, um sie nicht unter falschen Aspekten zu be-
drei Tagen in drei Lesungen durchgepeitscht handeln. Es ist eine eminent praktische Ange-
wird, müssen wir unsererseits doch an einem ge- legenheit und gar keine grundsätzliche Ange-
wissen guten Willen der anderen Seite zweifeln. legenheit, um die es sich hier handelt. Wir müs-
Wie hätten wir es begrüßt und wie hätte es un- sen doch zunächst einmal sehen, daß es sich hier
sere Situation in Bayern erleichtert, wenn gerade um Behörden handelt, die, wenn sie in Berlin
bei unseren Anträgen ein Berliner hierhergetre- sind und westdeutsche Fragen regeln sollen, vom
ten wäre und einmal gesagt hätte: wir sind in Bundesgebiet her — je nach Belieben der Rus-
gemeinsamer Not, wir sehen ein, daß es dort sen überhaupt nicht erreichbar sind, die nicht
im Osten Bayerns miserabel zugeht; uns geht es bloß ungeheure Reisekosten erfordern, sondern
auch schlecht, jetzt wollen wir sehen, wie wir eine Erschwernis mit sich bringen, die diese Be-
euch helfen können; helft aber auch uns! Solche hörden zur Arbeitsunfähigkeit verurteilen wird.
Worte wären zu Herzen gegangen. Wenn sie Ganz abgesehen von der Frage: Welche Beamten
gesprochen worden wären, hätten wir diese Ber- würden sich denn überhaupt bereit finden, dahin
liner Frage noch besser behandeln können. - zu gehen?
(Beifall bei der BP.) (Abg. Dr. Reif: Wir haben genug in
Ich sage Ihnen das in aller Offenheit und Ehr- Berlin, die das machen!)
lichkeit, die ich auch von der anderen Seite er- Dann sollen nur Berliner Beamte diese Behörden
warte. Wenn diese Auseinandersetzungen aber speisen? Das geht ja nun auch wieder nicht,
so geführt werden, wenn immer gesagt wird, daß daß hinterher nur ausgesprochen ortsfremde, mit
sich nur die Bayernpartei dagegen wende, wenn den Verhältnissen des westlichen Teils des Bun-
so in explosiver Art die Frage verschoben wird, des nicht vertraute Personen über diese An-
dann schaden Sie ja letztlich Berlin. Wenn Sie gelegenheiten entscheiden. Damit können wir
es uns nur ein bißchen erleichtern und unseren uns nicht einverstanden erklären. Ebensowenig
Einwendungen etwas gerecht werden, haben Sie kann man allerdings nach unserer Auffassung den
auch in Berliner Dingen immer unsere Zustim- Berlinern zumuten, immer den Weg zum We-
mung. Es ist von Ihnen nie gewertet worden, sten zu machen, wenn ihre Angelegenheiten ent-
daß wir für das Berliner .Kraftwerk West und schieden werden, solange nicht eine laufende
für alle diese Berliner Kredite gestimmt haben. Verbindung es ermöglicht, daß die Angelegen-
Nur in einem einzigen Punkt, nämlich in der heiten Gesamtdeutschlands an einer Stelle ge-
Frage der Umsatzsteuer, haben wir unsere Be regelt werden.
1380 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Reismann)
Nach den Ausführungen, die d er Herr Bundes- unter Punkt 2: „Absatzsteigerung der Berliner R
minister Kaiser soeben gemacht hat, ist im übri- Wirtschaft, insbesondere auch durch steuer- und
gen die Stadt Berlin aber auch schon derart mit tarifpolitische Maßnahmen". Das ist ein Punkt,
Behörden bedacht, daß kein weiterer Grund be- über den wir kürzlich, wie Sie wissen, ausführ-
steht, die Verwaltung urn diese nicht notwendi- lich verhandelt haben, der zu einem Beschluß
gen Erschwernisse noch zu verkomplizieren. dieses Hauses geführt hat und der in Berlin sehr
Meine Fraktion kann sich deswegen nicht bereit lebhaft begrüßt wurde. Drittens,: „Beschaffung
finden, für diesen Antrag der SPD zu stimmen. von Investitions- und Betriebsmittelkrediten aus
Das hat gar nichts mit irgendeiner Aversion ge- öffentlichen und privaten Quellen". Sie wissen,
gen die Stadt Berlin oder den Namen Berlin zu daß namhafte Kredite dieser Art nach Berlin ge-
tun. Das ist lediglich eine Überlegung, die aus flossen sind. Fünftens: „Regelung der sogenann-
der Notwendigkeit resultiert, den Bedürfnissen ten Uraltkonten". Nicht weniger als 250 Millio-
der Verwaltung und des Verkehrs Rechnung zu nen D-Mark werden aus den Mitteln der Bundes-
tragen, die Arbeitsfähigkeit dieser Behörde und republik für diese Zwecke für Berlin zur Ver-
die Schnelligkeit ihrer Arbeit zu unterstützen, fügung gestellt. Sechstens: „Realisierung der
wo immer es geht. Im übrigen schlagen wir vor, Blockadehilfe". Aus den Mitteln, die der Ma-
man möge umgekehrt Außenstellen oder, wie es gistrat Berlin von der Bundesrepublik erhält,
der Herr Minister eben genannt hat, Vertretun- ist der Magistrat in Berlin jedenfalls in be-
gen der Zentralbehörden ruhig nach Berlin legen, scheidenem Umfange - in der Lage, die Blok-
die dann ab und zu einmal hinreisen, aber nicht kadehilfe in Berlin Wirklichkeit werden zu las-
die ungeheuren Kosten des stetigen Reiseverkehrs sen. Siebentens: „Einschaltung Berlins in die
von Berlin zum Westen und vom Westen nach Abwicklung des Ost-Westhandels". Auch diese
Berlin notwendig machen. Ich bitte Sie, sich zum ist zu einem namhaften Teil bereits Wirklichkeit
Beispiel nur einmal zu überlegen, daß der geworden, und wir haben soeben von dem Herrn
Bundesrechnungshof doch dauernd auf Reisen Minister für gesamtdeutsche Fragen gehört, daß
sein muß, wodurch sich Tausende von Kilome- eine besondere Dienststelle zur Förderung des
tern und entsprechende Tagegelder ergeben. Was Ost-Westhandels und seiner Abwicklung in Ber-
muten Sie beim Bundesverfassungsgericht den lin errichtet werden soll. Achtens heißt es in
Parteien und ihren Vertretern zu, wenn sie diesem Antrag: „Errichtung von Bundesbehör-
laufend nach Berlin fahren müssen! Ich fürchte, den in Berlin".
sowohl das Bundesverwaltungsgericht wie auch Sie sehen also, daß die CDU/CSU-Fraktion sich
das Bundesverfassungsgericht werden mit den gewiß nicht zurückgehalten hat, sondern mit sehr
westdeutschen Angelegenheiten ausreichend zu energischen und mit klar und präzise formulier-
tun haben. Was für einen Zeitverlust hat das ten Anträgen an dieses Haus herangetreten ist,
zur Folge! Alles unproduktive Arbeiten! mit Anträgen, die schon in einem sehr erheblichen
Dann die Altpatente, von denen im Antrag die Umfang ihre Realisierung gefunden haben. Wir
B) Rede ist. Soweit sie westdeutsche Interessenten wollen aber trotzdem die Äußerung des Unmuts
betreffen, wird in zahllosen Fällen der Verkehr darüber, daß nicht noch mehr hat geschehen kön-
mit diesen Behörden erschwert, wenn diese nen, vergessen. Es hat ja auch keinen Zweck,
immer nach Berlin reisen müssen. in dieser uns alle so intensiv angehenden An-
gelegenheit miteinander zu hadern. Wir wollen
Zu unserem Bedauern ist es also technisch ab- versuchen, gemeinsam das große Ziel, das uns
solut unmöglich und höchst unzweckmäßig. Man vor Augen steht, zu erreichen, nämlich Berlin
darf sich nicht von reinen Sentiments oder wieder so auf eigene Füße zu stellen, daß es
Ressentiments in dieser höchst nüchternen, un lebensfähig ist und für uns wirken kann. Des-
prosaischen Angelegenheit leiten und verleiten halb wollen wir auch das, was der Herr Abgeord-
lassen. nete Seelos heute gesagt hat, in positivem Sinne
(Beifall beim Zentrum.) nehmen. Wir wollen es ihm nicht übelnehmen, daß
er für die Notgebiete seiner bayerischen Heimat
Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr eingetreten ist in einem Augenblick, in dem auch
Abgeordnete Dr. Bucerius. an Berlin gedacht werden muß. Ich bin allerdings
— entgegen seiner Meinung -- der Auffassung,
Dr. BucerIus (CDU): Meine Damen und Herren! daß es den Berlinern nicht anstünde, heute eine
Der Herr Abgeordnete Meitmann hat in seiner Nothilfeaktion für die bayerischen Gebiete ein-
für Berlin warm eintretenden Rede unter ande- zuleiten. Berlin ist selber ein notleidendes
rem gesagt: „Die Berliner Bevölkerung - will Land, und alles, was wir ihm zugestehen kön-
nicht mehr schöne Worte hören"; er hat auch die nen, ist, auf seine eigenen Nöte hinzuweisen.
Frage gestellt: „Wird der Kampf um Berlin le- Wir würden überrascht sein, wenn von dieser
diglich der Opposition überlassen?" Ich finde, Seite her ein Notruf für Bayern käme. Aber
daß diese Äußerungen dem Sachverhalt nicht Herr Seelos wird uns immer bereit finden, das
ganz gerecht werden. Ich darf darauf verwei zu tun, was möglich ist, auch für seine baye-
sen, daß der erste Antrag, der in diesem Hause rische Heimat.
hinsichtlich Berlins gestellt wurde, in der Druck- Ich kann mich allerdings nicht mit dem ab-
sache Nr. 12 — das ist der Antrag vom 9. Sep- finden, was der Herr Vertreter der Zentrums-
tember 1919 — niedergelegt ist. Er trägt nam- fraktion gesagt hat. Wir müssen uns über eins
hafte Unterschriften: Dr. Adenauer, Dr. Erhard, völlig klar sein: wir leben in einem Zeitalter,
Dr. Holzapfel, Kaiser, Dr. Krone, Schäffer, Dr. in dem äußerste Risiken getragen werden
Tillmanns und Fraktion. In diesem Antrag, der müssen.
zusammen mit einem wenige Tage später von (Sehr richtig! in der Mitte.)
der sozialdemokratischen Fraktion eingereichten
Antrag zum Beschluß dieses Hauses erhoben wurde, Die Grenze gegen den Osten ist nicht stabil. Von
sind eine Reihe von Punkten niedergelegt, die ich jener Seite des Eisernen Vorhangs her werden
ins Gedächtnis zurückrufen darf. Unter anderem ununterbrochen Versuche gemacht, über diese
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1381
(Dr. Bucerius)
Grenze hinüberzugreifen. Die psychologischen verleihen. Ich darf einige Beispiele anführen.
Belastungen für den deutschen Westen, für den Eine große, im ganzen Bundesgebiet und in Ber-
europäischen Westen und für Berlin sind unge- lin arbeitende Versicherungsgesellschaft hat in
heuerlich. Und wenn die Berliner nicht die Westdeutschland 270, in Berlin dagegen 400 An-
Überzeugung gewinnen, daß wir sie als untrenn- gestellte. Eine andere große Gesellschaft, die ihr
baren Bestandteil der Bundesrepublik ansehen, Schwergewicht immer im Westen Deutschlands
dann muß der Mut. der Berliner Bevölkerung hatte, hat hier 1500 und in Berlin 200 Ange-
sinken. Der Mut der Berliner Bevölkerung muß stellte. Eine kleinere Gesellschaft hat hier 90,
aufrechterhalten werden, nicht nur im Interesse in Berlin 40 Angestellte; eine mittelgroße Ver-
der Berliner, sondern in unserem eigensten sicherungsgesellschaft hier 300, in Berlin 250 An-
Interesse. Denn wenn die Bastion Berlin eines gestellte. Sie sehen, daß auch auf seiten der
Tages einmal fallen sollte — und sie wird fal- privaten Versicherungswirtschaft die Bereit-
len, wenn Sowjetrußland sieht, daß der euro- schaft, ja die Erwartung besteht, daß in Kürze
päische Westen und daß Deutschland nicht bereit irgend etwas geschieht, um in Berlin die Vor-
sind, Berlin zu stützen —, dann hat es keinen aussetzungen für eine fruchtbare Beschäftigung
Sinn mehr, darüber zu rechten, wo und in wel- der jetzt bestehenden Außenstellen zu schaffen.
chem Landesteil westdeutsche Behörden aufge- Bei dem Bundesrechnungshof handelt es sich
richtet werden sollen. Wir werden dann keine um eine Position, die mir zunächst einmal zwei-
Gelegenheit mehr haben, irgendeine. Behörde auf- felhaft erscheint. Der Bundesrechnungshof muß
zurichten. Die Zeit ist dafür dann unwider- bei den einzelnen Behörden im Bundesgebiet
ruflich vorbei. herumreisen und sich Klarheit über die Abrech-
Deshalb handelt es sich hier nicht um eine nungsverhältnisse verschaffen. Ich glaube nicht,
Angelegenheit, die lediglich aus dem Gesichts- daß es einen Sinn hat, von einer solchen Stelle
punkt der Zweckmäßigkeit zu beurteilen ist. Po- ein Firmenschild mit einem Zimmer in Berlin zu
litische Momente spielen hier nun einmal eine errichten, in dem. tatsächliche Arbeit nicht ge-
ganz bedeutende Rolle. Sie können und sollten leistet werden kann.
aus der Sache nicht hinweggedacht werden. Das
Wie es bei der Schuldenverwaltung, bei der
schließt nicht aus, daß wir die Gesichtspunkte der Vermögensverwaltung aussieht, müßte in einer
Zweckmäßigkeit nicht außer acht lassen. Ich darf Untersuchung noch geklärt werden.
Sie darauf verweisen, daß der Antrag der CDU
lautete: „Errichtung von Bundesbehörden in Ber- Es ist sehr interessant, daß der Vorschlag ge-
lin". Es ist sehr interessant, zu sehen, daß der macht worden ist, einen Teil der Altpatente
sozialdemokratische Antrag in dieser Beziehung weiterhin in Berlin zu bearbeiten. Auch diese
etwas vorsichtiger und zurückhaltender war. Er Frage wird unter Hinzuziehung von Sachverstän-
bat nämlich die Bundesregierung nur, zu über- digen im Ausschuß in kürzester Zeit geklärt wer-
prüfen, „in welchem Umfang, ohne den Ablauf den können.
des Geschäftsverkehrs zu erschweren, Dienststel- Das Bundesverfassungsgericht möchte ich in O
len der Bundesrepublik nach Berlin verlegt wer- der Tat lieber bei den hiesigen Behörden sehen.
den können". Also selbst die Sozialdemokratie
hat zu geeigneter Zeit und an geeigneter Stelle Dagegen liegt die Frage der Sozialversiche-
darauf hingewiesen, daß die technischen Schwie- rungsämter und des Bundesverwaltungsgerichts
rigkeiten nicht außer acht gelassen werden kön- wieder auf einem anderen Gebiet. Das Bundes-
nen. Unter diesem Gesichtspunkt müssen wir verwaltungsgericht wird überwiegend Verwal-
heute auch den sozialdemokratischen Antrag be- tungsarbeit haben, also eine Angelegenheit, die
urteilen. Es war die Frage, ob wir in der Lage man sich durchaus in Berlin wird vorstellen
sind, diesen Antrag vielleicht heute schon durch können.
Annahme zum Beschluß zu erheben. Wir haben Alles das muß natürlich Gegenstand einer
dagegen Bedenken, und ich freue mich, feststel- gründlichen Prüfung sein, bei der die zustän
len zu können, daß die Kollegen von der Sozial- digen Ausschüsse ihr Wort zu sprechen haben.
demokratie diesen Bedenken beigetreten sind. Die zuständigen Ausschüsse sind nach meiner
Wir haben die Absicht und bitten Sie, den An- Auffassung als federführender Ausschuß natür-
trag der SPD zunächst einmal im Ausschuß zu lich der Ausschuß Berlin, zweitens der Aus-
überprüfen. schuß für innere Verwaltung. Ich hoffe, daß
Ich darf zu dem Antrag der SPD einige wenige diese beiden Ausschüsse sich in recht kurzer Zeit
Worte sagen. In dem Antrag wird zunächst zu einem für Berlin günstigen Ergebnis werden
verlangt, daß bis zum 1. März 1950 das - Bun- entschließen können. Dabei sind die Untersu-
desaufsichtsamt für Privatversicherung nach Ber- chungen, die die Ausschüsse anzustellen haben,
lin verlegt wird. Dieses Bundesaufsichtsamt für nicht nur auf diejenigen Dienststellen beschränkt,
Privatversicherung existiert heute noch gar nicht. die der Antrag der SPD genannt hat. Über
Es kann also schlecht nach Berlin verlegt wer- weitere Dienststellen, die der Initiative der ein-
den. Ob es bis zum 1. März 1950 errichtet ist, zelnen Beteiligten im Ausschuß vorbehalten sind,
ist schwer zu übersehen. In diesem Zusammen- kann dort ebenfalls noch diskutiert werden.
hang einige wenige Worte über die Beiträge, die Ich wiederhole es: die Sache Berlin ist die
die private Versicherungswirtschaft schon heute Sache aller Deutschen, wie sie die Sache aller
für die Aufrechterhaltung der Außenstelle Ber- Europäer ist. Wir werden immer, bei jeder Ge-
lin leistet. Ich habe mich davon überzeugt, daß legenheit und in jeder geeigneten Form für Ber-
große und bedeutende Versicherungen, die in
Westdeutschland ihren Sitz haben, heute noch lin eintreten.
sehr namhafte Dienststellen in Berlin unterhal- (Beifall bei der CDU/CSU. - Abg. Rische:
ten in der Erwartung, daß demnächst in Berlin Rückzugsstrategie!)
Stellen gegründet werden, die diesen schon be-
stehenden Außenstellen der westdeutschen Ver- Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr
sicherungsgesellschaften wieder Beschäftigung Abgeordnete Dr. Hoffmann.
1382 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950

Dr. Hoffmann (FDP): Herr Präsident! Meine Lassen Sie mich den Ausführungen meines
Damen und Herren! Auch meine Freunde und Herrn Vorredners nach dieser Richtung hin nur
ich stimmen mit der Grundtendenz des Antrages noch eines hinzufügen! Ich glaube, wir sollten
der SPD-Fraktion völlig überein. Wir haben in auch berücksichtigen, daß es in Berlin heute nicht
der vorletzten Woche ein Gesetz verabschiedet, allein darum geht, diesen Vorposten rechtsstaat-
das dem Zweck diente, der produzierenden Ber- licher Ordnung in unserem eigenen Interesse,
liner Wirtschaft beim Wiederaufbau behilflich im Interesse der deutschen Bundesrepublik zu
zu sein. Bei dem vorliegenden Antrag dagegen erhalten. Wir sollten auch daran denken, daß der
handelt es sich um Maßnahmen, die bezwecken, ganze deutsche Osten, die gesamte deutsche Be-
Berlin wieder, wie in früherer Zeit, wenigstens völkerung der Ostzone aufmerksam und voller
teilweise zum Träger von Dienstleistungen für Hoffnungen, gelegentlich aber auch mit Befürch-
das ganze Bundesgebiet zu machen. Wir sind tungen auf das schaut, was in Berlin vor sich
uns darüber im klaren, daß man damit zunächst geht.
nur einen sehr bescheidenen Anfang machen (Zustimmung bei den Regierungsparteien.)
kann. Das, was in dem sozialdemokratischen An- Schon mit Rücksicht darauf, daß auch diese un-
trag an Dienststellen vorgeschlagen wird, die nach sere deutschen Mitbürger in der Ostzone ermun-
Berlin verlegt werden könnten, wird nur zu tert we rden müssen, haben wir einen Beweis
einem sehr geringen Teil die Dienstleistungska- mehr dafür zu liefern, daß wir gewillt sind, diese
pazitäten auszunutzen vermögen, die in Berlin Bastion jenseits des Eisernen Vorhanges, die
nach wie vor vorhanden sind und ausgenutzt Berlin heute darstellt, mit allen Mitteln zu ver-
werden könnten. Aber es kommt wesentlich dar- teidigen und zu stützen.
auf an, daß dieser Anfang bald gemacht wird. In diesem Sinne bitte ich auch im Namen
Wir sind allerdings auch der Meinung, daß es meiner Fraktion, der Überweisung des Antrages
einer solchen Mahnung, wie sie der SPD-Antrag an den Ausschuß für Berlin zuzustimmen.
darstellt, gar nicht bedurft hätte, um die Bundes- (Beifall bei der FDP.)
regierung an die Erfüllung des von ihr gegebe- Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr
nen Versprechens zu erinnern. Abgeordnete Neumann.
(Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.)
Neumann (SPD): Meine Damen und Herren!
Wir haben durch den Herrn Bundesminister für Ich darf meiner Freude darüber Ausdruck geben,
gesamtdeutsche Angelegenheiten einen Situations- daß sich die Herren Redner der verschiedensten
bericht darüber bekommen, in welchem Stadium Fraktionen fast überwiegend positiv zur Frage
sich die Prüfung der Frage der Verlegung von Berlin ausgesprochen haben. Das ist für uns ganz
Behörden nach Berlin zur Zeit befindet. Ich halte besonders erfreulich; denn wir glauben ja, daß
es für außerordentlich nützlich, wenn diese Über- wir in Berlin nicht die Frage einer Partei, son-
legungen in dem dafür zuständigen Ausschuß dern eine gesamtdeutsche Aufgabe zu lösen ha-
für Berlin fortgesetzt werden. Ich bitte daher ben. Ich freue mich namentlich darüber, daß
die Herren Kollegen von der SPD, doch nicht die Damen und Herren, die uns in Berlin be-
darauf zu bestehen, daß heute abend bereits über suchen und die zu einem. Teil sehr skeptisch nach
diesen Antrag entschieden wird. Ich halte das Berlin kommen, in Berlin gute Eindrücke ge-
für um so weniger notwendig oder zweckmäßig, sammelt haben und daß sie, die manchmal wirk-
weil wir ja gerade für diese Materie einen lich als Kritiker im Bundestag aufgetreten sind,
Sonderausschuß im Bundestag eingesetzt haben, sich im Westen positiv über Berlin geäußert ha-
der, wie wohl allseitig anerkannt wird, bisher ben. Herrn Kollegen Dr. Seelos danke ich für
eine ausgezeichnete, sehr sachliche Arbeit ge- seine Worte, möchte allerdings gleichzeitig die
leistet hat und in dem es nie zu irgendwelchen Einladung aussprechen, er möge uns einmal in
grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten ge- Berlin besuchen. Wir haben ja nichts zu ver-
kommen ist. bergen, sondern wir wollen offen alles zeigen,
was er sehen will und was vielleicht heute noch
Selbstverständlich stehen der Verlegung von
sein Mißtrauen erweckt.
Bundesbehörden nach Berlin unter den nun ein-
mal vorhandenen schwierigen Verkehrs- und (Zuruf von der KPD: Das fördert den
sonstigen Verhältnissen einige Bedenken entge- Fremdenverkehr!)
gen. Es ist nicht zu verkennen, daß derjenige, der - Das fördert den Fremdenverkehr! Das ist sehr
vor der Aufgabe steht, solche Dienststellen nach schön, und das ist wenigstens bei uns noch mög-
Berlin zu verlegen, vielleicht diesen Bedenken lich.
ein größeres Gewicht beimißt als derjenige Be- (Lachen bei der KPD.)
urteiler, der diese Frage überwiegend unter — Diese Möglichkeiten sind in West-Berlin im
psychologisch-politischen Gesichtspunkten be- Gegensatz zu Ihnen ja noch gegeben.
trachtet. Wenn man aber solche Fragen aus- (Erneuter Zuruf von der KPD.)
schließlich nach Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten
entscheiden will, dann wird sich immer eine Nun glaube ich aber doch, zu einigen Äuße-
Fülle von Einwänden finden lassen. Das würde rungen der Redner etwas sagen zu müssen. Herr
aber der Sache nicht gerecht werden. Es geht Kollege Dr. Bucerius, entschuldigen Sie bitte! Wir
doch heute darum, daß Berlin geholfen werden wollen ja hier keinen Wettstreit führen. Nicht
muß, und es ist, glaube ich, schon richtig, wenn der Antrag Nr. 12 der CDU war der erste zur
gesagt wird, das könne nicht allein mit Worten Berlin-Frage, sondern der Antrag Nr. 3 der
geschehen. Die Berliner Bevölkerung erwartet sozialdemokratischen Fraktion.
mit Recht von uns deutlich sichtbare Zeichen (Zuruf des Abg. Dr. Krone.)
unserer Anerkennung und unserer Hilfsbereit- — Ich habe das auch nicht gesagt, Herr Krone.
schaft, die die Berliner dazu ermutigen, auch Aber da Sie in Ihren Versammlungen so außer-
weiterhin den Kampf zu bestehen, den sie zu ordentlichen Wert auf diese Dinge legen, wollte
führen gezwungen sind.' ich das hier betonen.
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1383
(Neumann)
Wir haben gerade bei der Stellung dieser An- daß dadurch bei einem Teil der Abgeordneten K
träge die Hoffnung gehabt, daß sie sich für Ber- falsche Eindrücke entstehen.
lin weit schneller positiv auswirken werden. Es ist geplant worden, daß Vertretungen der
Herr Kollege Bucerius, Sie haben sich auch ge- Ministerien für gesamtdeutsche Fragen, für den
irrt. Der Ausschuß hat den Beschluß gefaßt, zu Marshallplan, für den Verkehr, für Wohnungs-
überprüfen, in welchem Umfang, ohne den Ab- bau, für Post- und Fernmeldewesen in Berlin er-
lauf des Geschäftsverkehrs zu erschweren, Dienst- richtet werden. Aber das ist nicht der Sinn weder
stellen der Bundesrepublik nach Berlin gelegt des sozialdemokratischen Antrages noch, Herr
werden können. Kollege Bucerius, Ihres Antrages, den Sie nann-
(Abg. Dr. Bucerius: Das steht in Ihrem ten, sondern Sie haben in Ihrem Antrag vom
Antrag!) 9. September, der die Unterschriften Dr. Aden-
— Entschuldigung, das ist nicht der Fall, sondern auer, Dr. Erhard, Dr. Holzapfel, Kaiser, Krone,
das ist der Mündliche Bericht des 9. Ausschusses. Schäffer, Tillmanns und Fraktion trägt, ganz klar
Unser Antrag Nr. 16 — Sie können das nach- gefordert: Errichtung von Bundesbehörden in
prüfen — ist so, wie Sie es ausgeführt haben, Berlin. Da muß ich feststellen, daß ein halbes
nicht darin enthalten. Jahr nach der Stellung dieses Antrages bisher in
Berlin nicht das geringste neu errichtet worden
(Abg. Dr. Bucerius: Wörtlich, ist.
Herr Neumann!)
(Abg. Dr. Bucerius: Sie sollen ja auch
Aber ich mache darauf aufmerksam., daß auch zwanzig Jahre halten!)
der Mündliche Bericht, der uns am, 14. Oktober
hier zugegangen ist, leider noch nicht realisiert Man ist bisher nur dabei gewesen, den Bundes-
worden ist. bevollmächtigten in Berlin zu schaffen. Das ist
durchaus richtig, und wir hoffen, daß er eine
Der Herr Minister Kaiser hat von seiner Reise wertvolle Stütze für die Wahrung der Inter-
nach Berlin gesprochen und erklärt, daß er genau essen ganz Berlins ist. Wir glauben auch, daß er
so wie Herr Minister Schäffer die Ermutigung vielleicht eine stärkere Möglichkeit der Verle-
gefunden hat, weiter für Berlin zu arbeiten. Wir gung von Behörden nach Berlin organisieren
freuen uns sehr; denn ich darf Ihnen, meine wird. Aber die sozialdemokratische Fraktion hat
Damen und Herren, sagen: wir Berliner sind gar diesen Antrag gestellt, weil sie feststellen muß,
nicht entmutigt; wir wissen, welche Aufgabe wir daß positiv in dieser Hinsicht nichts getan wor-
zu erfüllen haben. Wir bedauern nur, daß es den ist.
nicht möglich ist, eine weit schnellere Hilfe des
Bundes für Berlin zu organisieren. Der Herr Bundesminister Kaiser hat von der
Errichtung des kleinen Bundeskabinetts in Ber-
Herr Minister Kaiser, von diesem Standpunkt lin gesprochen. Persönlich möchte ich dazu als
aus bedauere ich außerordentlich Ihre Ausfüh- Berliner sagen: ich glaube, es ist nicht nötig, daß
rungen über das, was für Berlin bisher positiv wir zwei Bundeskabinette haben; wir wären viel
getan worden ist. Sie haben nämlich dadurch glücklicher, wenn wir ein Bundeskabinett hät-
bei einem Teil der Abgeordneten, die die Dinge ten, das schnellstens die positiven Dinge für
nicht kennen, Hoffnungen erweckt, die in Wirk- . Berlin macht. Das ist unserer Meinung nach das
lichkeit gar nicht da sind. Der Herr Kollege Entscheidende, und daran können wir, Herr Kol-
Hoffm an n sagt: Bitte, der Minister Kaiser hat lege Bucerius, leider nichts ändern.
doch gesagt, es ist alles getan; eine Mahnung ist
doch unnötig. Sie haben in Ihrem Antrage gesagt und insbe-
(Zuruf von der CDU: sondere bei der Diskussion am 30. September
Das hat er nicht gesagt!) hier gehört, daß die erste Sorge der Bundes-
regierung ist, für Berlin diese Dinge zu erledigen,
— Das hat er doch gesagt. Herr Dr. Reismann und der Herr Minister Kaiser hat erklärt, daß
sagt: Wenn Berlin schon derartig mit Behörden es nicht zuletzt Aufgabe und Sorge Nr, 1 des
bedacht ist, ist doch von seiten der Bundesbe- Herrn Finanzministers und nicht weniger des
hörden schon sehr viel get an . Herrn Wirtschaftsministers sein wird, in ganz be-
Ich mache darauf aufmerksam., Herr Minister sonderer Weise für Berlin positiv etwas zu
Kaiser: Sie wissen sehr genau, daß die Vertre- machen.
tungen des Ministeriums für Ernährung und des (Abg. Dr. Bucerius: Ist denn das nicht
Ministeriums für Wirtschaft nicht neu ein gerich- geschehen?)
tet sind, sondern daß man hier nur das Firmen- — Herr Kollege Dr. Bucerius, am 18. Juni war
schild der Bundesregierung ausgewechselt hat. der damalige Direktor der Verwaltung für Wirt-
Ich mache darauf aufmerksam, das die Reichs- schaft der Zweizonenverwaltung in Berlin und
schuldenverwaltung, die Sie nannten, daß die hat uns eine Serie von Versprechungen gemacht.
Staatsdruckerei, das Statistische Amt und das Er hat erklärt, daß im dritten Vierteljahr die
Patentamt immer in Ber li n waren und daß der Arbeitslosigkeit in Berlin gemildert wird, indem
Magistrat von Berlin seit dem Jahre 1945 diese man die gesamte Wirtschaftskraft des Bundes
Dienststellen wieder aufgebaut und ausgebaut von drei Milliarden für Berlin einsetzt und damit
hat. Es ist also in dieser Beziehung von der Bun- zu positiven Entschlüssen kommt. Ich bedauere
desregierung bisher nichts getan worden. Das sehr,. feststellen zu müssen, daß ich von der Aus-
sind alles Behörden, die früher in Berlin waren, wirkung derartiger Maßnahmen nichts weiß, daß
die nicht verlegt worden sind, die ihre Tätigkeit, in der Hauptsache nichts geschehen ist.
finanziert von Groß-Berlin, für gesamtdeutsche
Aufgaben immer durchgeführt haben. Sie wissen (Abg. Dr. Bucerius: Sie machen es uns
sehr schwer! — Abg. Strauß: Sie reden als
ganz genau, wie sehr wir bedauern, daß man Parteipolitiker!)
Teile des Patentamtes im vorigen Jahr von Ber-
lin weggenommen hat und unter Aufwendung Ich bedauere außerordentlich die Äußerung des
sehr großen Kosten in München neu aufbaut Herrn Kollegen Dr. Seelos über die Schuld der
und damit Berlin weiter entblößt. Wir bedauern, Alliierten. Ich möchte mich ü be r dieses Problem
1384 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Neumann)
nicht äußern, Herr Kollege Seelos, und ich möchte nicht nur für die Stadt Berlin, sondern durch die
nur sagen, daß wir unseren Freiheitskampf in Stadt Berlin auch für die 18 Millionen deutscher
Berlin nur dadurch bestehen konnten, daß die Brüder und Schwestern drüben in der Zone zu
Alliierten die Luftbrücke organisiert haben. erfüllen haben.
(Abg. Dr. Seelos: Jetzt! Neuerdings!) (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien.)
Das stelle ich fest! — Herr Kollege Dr. Seelos,
wenn Sie „Jetzt!" sagen, was sie jetzt tun, Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren,
dann muß ich Ihnen entgegnen: wenn alle deut- weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Wird
schen Dienststellen so positiv wären wie so von den Herren Antragstellern das Schlußwort
manche ausländische, dann sähe es für Berlin gewünscht? — Bitte, Herr Abgeordneter Meit-
besser aus! mann! Darf ich im allgemeinen Interesse den
(Zurufe in der Mitte: Unerhört!) Appell an Sie richten, Ihr Schlußwort so kurz wie
möglich zu halten.
Ich möchte das mit aller Deutlichkeit sagen. Ich
bin gern bereit, Ihnen das noch etwas näher zu Meitmann (SPD), Antragsteller: Ich bedauere,
erklären. daß — vielleicht durch Mißverständnisse, viel-
(Zurufe in der Mitte: Wer hat denn Berlin leicht auch dadurch, daß man sich seiner eigenen
geholfen?) früheren Ausführungen nicht erinnert — eine so
Wir haben in Berlin eine gesamtdeutsche Auf- unglückliche Atmosphäre in die Behandlung
gabe zu erfüllen. Wir werden sie in der bisheri- dieses für uns alle, wie ich glaube und hoffe, so
gen Art durchzuführen versuchen. Ich hoffe aber, wichtigen und im Grunde doch gemeinsam ver-
daß wir jetzt endlich Hilfe bekommen, eine Hilfe, pflichtenden Problems hineingetragen worden ist.
die für die Berliner Wirtschaft unbedingt not- (Abg. Dr. Bucerius: Sehr richtig!)
wendig ist! Ich selber bin durch Hinweise — vielleicht haben
(Große Unruhe. — Zurufe in der Mitte: sie ihre Ursache in der auch mir erst sehr spät
Unerhört! — Abg. Dr. Bucerius: Das war bekanntgewordenen Einschränkung der Redezeit —
sehr schade, Herr Neumann! — Abg. Hil in den Verdacht gekommen, als ob ich etwas
bert: Sie haben viel verdorben, Herr hätte sagen wollen, was durchaus nicht in meiner
Kollege Neumann!) Absicht und in der meiner Fraktion lag. Aber
man sollte nicht Dinge, die vielleicht nur unklar
Präsident Dr. Köhler Das Wort hat Herr Abge- gesagt worden sind, so auslegen, als ob sie in bös-
ordneter Dr. Krone. williger Absicht gesagt worden wären. Eins aber,
meine Damen und Herren, möchte ich in aller
Dr. Krone (CDU): Meine Damen und Herren! Eindringlichkeit und Deutlichkeit hier feststellen:
Ich hatte als Abgeordneter, der von Berlin nach Was einmal gesagt worden ist und seinem Wort-
hier gesandt worden ist, nicht vor, noch ein Wort laut nach nicht mißverstanden werden kann, das
zu sagen; es ist aber, glaube ich, meine Pflicht, nehmen Sie bitte auch so ernst, wie wir es ernst
es jetzt nach diesen Ausführungen des Herrn nehmen! Mir ist noch in Erinnerung, wie eine Ab-
Abgordneten Neumann zu tun. geordnete dieses Hauses bei der Diskussion über
(Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.) das Notopfer Berlin hier einen Kommissar für
Ich möchte an die Spitze meiner Ausführungen, Berlin forderte.
auch im Namen der Berliner Bevölkerung, ein (Widerspruch in der Mitte.)
Wort des Dankes an die Bundesregierung stellen, — Jawohl: einen Kommissar! Wir haben genug
(Bravorufe und Händeklatschen bei den von den Kommissaren! Wir haben viel zuviel und
Regierungsparteien) viel zulange Kommissare gehabt. Jetzt wollen wir
ein Wort des Dankes dafür, daß sie ihr Ver- endlich die Demokratie anerkannt wissen! Ich
sprechen, Berlin zu helfen, wahrgemacht hat. danke Herrn Dr. Tillmanns, den ich aus meiner
früheren Berliner Zeit kenne, daß er hier in der
(Erneuter lebhafter Beifall bei den vorigen Sitzung gesagt hat: Die politischen An-
Regierungsparteien.) gelegenheiten der Länder sind ih re Angelegen-
Ich möchte ihr ein Wort des Dankes dafür sagen, heiten. Letztlich gibt es da keine Manipulationen,
daß sie in dem Bevollmächtigten der Bundes- auch dann nicht, wenn der politische Wille eines
republik in Berlin einen Mann ernannt hat, der Landes — dessen spezielle föderativen Rechte Sie,
der Mittler zwischen hier und drüben sein soll meine Damen und Herren von dieser Seite des
und der eine große Aufgabe auch für die 18 Milli- Hauses, doch vertreten - nun auch einmal wie
-
onen Menschen in der Sowjetzone zu erfüllen in Berlin zum Ausdruck kommt und wenn die
hat. Ich möchte ein Wort des Dankes auch für Bevölkerung dieser Stadt einmal 65 Prozent So-
die wirtschaftliche Hilfe sagen, die Berlin ge- zialdemokraten wählt. Ich glaube, wir alle können
leistet worden ist. Ich wiederhole nur die Mah- froh sein, daß es so ist, nicht nur wir Sozial-
nung des Herrn Ministers Kaiser, daß wir auch demokraten.
. als Berliner in dieser Frage der Hilfe für Berlin Warum sage ich das? — Ich sage es ganz offen:
gut daran tun, diesen gemeinsamen Willen dieses nicht weil ich mich oder meine Partei von dem
Hohen Hauses in keiner Weise zu beeinträchtigen Verdacht reinigen wollte, als ob wir dort mit dem
und zu stören. Auftrag einer legalen Mehrheit nun etwa Wünsche
(Sehr richtig! und Händeklatschen bei den der Minderheit rücksichtslos zurückdrängen woll-
Regierungsparteien.) ten oder es schon getan hätten, sondern im Hin-
Ich habe die Hoffnung, meine Damen und blick auf die vielen arbeitenden Menschen jen-
Herren, daß unbeschadet der parteipolitischen seits von Berlin, in der Ostzone, die ihr Wahl-
Einstellung auch hier im Hause der Wille, Ber- recht nicht ausüben können. Ihr Wille findet Aus-
lin zu helfen, erhalten bleibt, daß diese Aufgabe druck in dem Willen der großen Masse der Ber-
nach wie vor auch in diesem Hause als nationale liner Bevölkerung, die dieser einen Gruppe der
Aufgabe anerkannt wird, eine Aufgabe, die wir demokratischen Parteien nun einmal ihre Stimme
Deutscher Bundestag. - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1385
(Meitmann)
gegeben hat. In i h r sehen sie ihren besten Ga- täuschung und die lange Prüfungszeit der Ber
ranten für ihre Hoffnung — und darum sollten liner nicht noch zu verlängern. Wenn ich auch der
wir uns doch alle darauf einigen —, daß sie alle Regierung pflichteifrige und pflichtmäßige Über-
wieder einmal bei freier Stimmabgabe und mit legungen unterstelle, — vier Monate sind eine
gleichem Stimmrecht in Deutschland, in der ge- lange Zeit, Herr Bundesminister, vier Monate Zeit
samtdeutschen Republik antreten können. Nur für die Behandlung von Maßnahmen, die wirk-
aus dieser Überlegung heraus sage ich das und lich, wie wir glauben, einen ernsthaften und kon-
möchte Sie dringend bitten, solche Bemerkungen kreten Schritt zur Behebung der Arbeitslosigkeit
wie diese - hier steht es, im Protokoll der 37. darstellen würden.
Sitzung! zu unterlassen, man müsse Hilfsmaß- Aber Ihnen, Herr Dr. Reismann vom Zentrum,
nahmen für Berlin davon abhängig machen, daß darf ich noch eines sagen: Sie meinen, diese Dinge
sie auch „richtig gesteuert" würden. Den freien hätten nichts mit der deutschen Einheit zu tun.
Willen und die freie Entscheidung der Berliner Wir haben das bei der Debatte über die Arbeits-
Bevölkerung soll man respektieren, solange eine losigkeit schon einmal gesagt: das i s t die Frage
Neuwahl diese Entscheidung nicht korrigiert, und der deutschen Einheit, ob die Teile Deutschlands
wir sind der Meinung, daß es der Demokratie und in politischer Freiheit, aber auch in sozialer Ge-
der Einheitlichkeit unserer Verbundenheit mit rechtigkeit zusammenwirken können. Darum le-
Berlin, dem wir uns alle verpflichtet fühlen, nicht gen wir das Schwergewicht auf die Hilfe für die
zuträglich ist, wenn dieser demokratischen Ent- Unmenge Erwerbsloser in Berlin, die fast die
scheidung auf diesem Wege und mit unmißver- Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung Berlins
ständlichen Worten Abtrag getan wird. Das dazu! darstellen, und sagen mit allem Nachdruck: aus
Und nun will ich ganz kurz nur meiner Ent- diesem Grunde und aus dieser Überlegung her-
täuschung Ausdruck geben. Herr Bundesminister! aus muß alles getan werden, was diese Bevölke-
Ich habe wohl diesen langen Katalog gehört, aber rung in Arbeit bringt, in Produktion und in die
meine Sorge war — und darum habe ich die inerBjahugzdmSt,esirch-
direktFagnSch-:idfüren lich noch nicht gehört, wenn sie auch nach un-
Reihe von Einrichtungen, über die wir im Aus- serem Willen so behandelt werden soll, wie wenn
schuß noch diskutieren werden und über deren sie diesem Staat, nämlich Westdeutschland, be-
Zurückverlegung nach Berlin wir uns hoffentlich reits angehörte.
sehr schnell verständigen werden, Entscheidungen Ich will die unliebsame Verschärfung nicht
im Bundeskabinett dahingehend gefaßt, daß diese durch meine Ausführungen verstärkt haben, son-
Institutionen hier nach Köln oder nach dieser dern ich will damit den Willen und das Bekennt-
Seite des Rheins verlagert werden? Wir halten nis festgestellt haben, daß wir sehr langmütig,
das für eine politische Frage erster Ordnung, aber sehr hellhörig gegenüber solchen Versuchen
denn diese Hilfsmaßnahmen sind ja nicht allein sind, immer da, wo Sozialdemokraten die Ver-
von der funktionierenden Einrichtung her zu be antwortung übertragen bekommen haben, dann
werten„ sondern vor allem unter dem Gesichts- von Parteipolitik zu reden.
punkt ihrer Bedeutung für die Berliner Arbeits- (Zuruf von der CDU: Wer redet
losigkeit, der Hilfe für diese 300 000 Menschen, denn heute davon?)
unter denen etwa 100 000 Spezialkräfte sich be-
finden. Und Herr Dr. Reismann, wie können Sie, — Das ist von einzelnen Mitgliedern dieses
mit dem ich doch auf meiner Fahrt nach England Hauses geschehen..
alle möglichen deutschen Fragen so freundschaft- (Erneute Zurufe von der CDU:
lich habe diskutieren können, jetzt hier dieselbe Wo denn? Wann denn?)
Linie wie die Bayern-Partei beziehen und sagen, — In dieser Debatte! Es wurde gesagt, die partei-
es müßten auch westdeutsche Beamte nach Berlin politischen Erwägungen müßten außer Betracht
geschickt werden, sonst gehe das nicht? Wie bleiben. Das ist auch unsere Meinung. Aber dann
können Sie solche Argumente hier anführen! Ich soll man konsequent sein. Dann soll man auch
betone nachdrücklichst, meine Damen und Her- jede Mißdeutung in der Richtung der Verant-
ren: uns treibt die große Sorge, daß wir aus den wortlichkeit der dort leider oder Gott sei Dank
vielen Anträgen, die - wir wissen es, Herr Buce- — wer weiß es, wie die Dinge auslaufen? — in
rius — doch mehr allgemeiner Natur waren, nicht dieser großen Verantwortung stehenden sozial-
herauskommen. Wir wollen Ihre Initiative gar demokratischen Mehrheit unterlassen. Bitte, miß-
nicht verkleinern. Wir wollen ruhig alles das an- deuten Sie nicht unsere hier ausgesprochene
erkennen, was auch Sie getan haben, zunächst Sorge, daß trotz aller Versicherungen auch solche
einmal allgemein und in politischer Hinsicht
- durch Überlegungen bei einzelnen Abgeordneten und in
die Aufrollung der Gesamtfrage in Anträgen und einzelnen Kreisen unseres Volkes Platz gegriffen
Interpellationen. Aber jetzt kommt die Zeit, haben und hier zum Ausdruck gekommen sind.
meine Damen und Herren, wo diese allge Wir haben diese Sorge ausgesprochen, gerade weil
meinen Willenskundgebungen des Parlaments wir wollen, daß wir doch wenigstens in dieser
und der betreffenden Parteien ihren Ausdruck in Frage einig sind.
ganz konkreten Anträgen finden müssen.
Deshalb haben wir auch gebeten, die Wichtigkeit
(Abg. Dr. Bucerius: Ist das noch nicht unserer Anträge dadurch anzuerkennen, daß wir
geschehen, Herr Abgeordneter Meitmann?) sie jetzt schon verabschieden. Sie haben den An-
Einen solchen Antrag haben wir gestellt. Wir trag auf Überweisung an den Ausschuß gestellt.
wollen seine Behandlung nicht erschweren. Im Wir stimmen dem zu, aber ich möchte in aller
Gegenteil, wir hätten erwartet, und ich hatte ge- Form den Zusatzantrag einbringen, daß unser An-
hofft, daß wir jetzt schon beschließen könnten. trag im Ausschuß schnellstens behandelt wird.
Wir sind dafür und stimmen Ihrem Antrag zu, Denn, meine Damen und Herren, wir sind uns klar
ihn im Berlin-Ausschuß zu behandeln. Aber wir darüber, und ich persönlich bin davon überzeugt:
haben die dringende Bitte, meine Damen und es wird gar nicht lange dauern — ich habe mich
Herren, daß das schnell geschieht, um die Ent eigentlich gewundert, daß die kommunistische
1386 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Meitmann)
Fraktion hierzu nicht das Wort genommen hat —, Wer für den weitestgehenden Antrag ist, die
(Zurufe von der KPD) Drucksache Nr. 508 an den Ausschuß für Berlin
dann wird die Entscheidung darüber gefallen sein, als federführenden Ausschuß für Fragen der inne-
ob die Menschen Berlins und der Ostzone als ren Verwaltung zu überweisen, den bitte ich, die
gleiche Bürger mit den gleichen freiheitlichen Hand zu erheben. — Ich danke. Ich bitte um die
Rechten wie die hier in Westdeutschland ihren Gegenprobe. - Es ist fast einstimmig so be-
Kopf um zwei Zoll höher tragen können, um einen schlossen.
Zoll höher deshalb, weil Berlin und unser deut Wir kommen zu Punkt 8 der Tagesordnung:
scheOtgbinFrudsozaleWür Dritte Beratung des Entwurfs eines Gesetzes
und auch de jure mit allen Rechten wieder mit uns zur vorläufigen Regelung der Rechtsverhält-
vereinigt sein werden, und um den anderen Zoll nisse der im Dienst des Bundes stehenden
höher in der Überzeugung, daß jeder einzelne Personen (Drucksachen Nr. 569, 497 und 175).
Westdeutschland sein Teil dazu beigetragen hat.
Ich stehe auch nicht an, zu erklären, daß es nach Mir ist mitgeteilt worden, daß auf Grund inter-
einer solchen Hilfsaktion von Menschen, die keine fraktioneller Fühlungnahme dieser Punkt heute
Deutschen waren, die als Opfer ihrer Tätigkeit, den nicht behandelt werden soll. Es ist nun geplant,
Berlinern zu helfen, in Berlin begraben sind, be- diesen Punkt morgen an zweiter Stelle zu behan-
schämend wäre, wenn wir die Sorge, wie es hier deln, also nach der ersten Beratung des Entwurfs
heute zum Ausdruck gekommen ist, den Alliierten eines Ersten Wohnungsbaugesetzes. Nach diesem
allein überlassen wollten, statt unsere eigenen po- vertagten Punkt findet die zweite und dritte Be-
litischen Reserven zu mobilisieren und in diesen ratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung
Kampf zu werfen. Das ist Pflicht aller Deutschen, des Einkommensteuergesetzes statt.
und dem sollte unser Antrag dienen! Ich berufe die nächste Sitzung des Bundestags
(Lebhafter Beifall bei der SPD.) auf Freitag, den 24. Februar, 14 Uhr 30 Minuten,
ein und habe noch folgende Mitteilungen zu
Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren! machen.
Das Wort hat Herr Bundesminister Kaiser. (Zuruf: 13 Uhr 30 Minuten!)
Kaiser, Bundesminister für gesamtdeutsche Fra- — Verzeihung! Ich bin wiederholt gebeten worden,
gen: Ich möchte dem Kollegen Meitmann nur die die Sitzung um 14 Uhr 30 Minuten einzuberufen,
Erklärung abgeben, daß im Bundeskabinett kei- da um 13 Uhr eine Fraktionssitzung der CDU
nerlei derartige Beschlüsse, die ihm Sorge machen stattfindet.
könnten, gefaßt worden sind. Im übrigen gent (Zuruf links: Die soll um 9 Uhr
meine Bitte an das Haus, wir sollten es uns abge- anfangen!)
wöhnen, uns in der Sorge und in der Verantwor- Es bleibt daher bei dem vorgesehenen Termin des
tung für unsere Stadt Berlin gegenseitig über Beginns, also um 14 Uhr 30 Minuten.
treffen zu wollen. Um 12 Uhr findet eine Fraktionssitzung der
(Sehr richtig!) FDP statt.
Die Sorge und die Verantwortung für Berlin ist Weitere Mitteilungen liegen nicht vor.
Sache des ganzen deutschen Volkes und kommt
hier im Hause zum Ausdruck. Ich bitte die Damen und Herren, die für die
dritte Beratung des Beamtengesetzes notwendigen
(Zuruf bei der KPD: Magnet Westdeutschland!) Unterlagen auch morgen wieder mitzubringen.
Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren! Ich schließe damit die 40. Sitzung des Deutschen
Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich Bundestages.
schließe die Aussprache über die Drucksache
Nr. 508. (Schluß der Sitzung: 21 Uhr 8 Minuten.)

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