Sitzung: Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, 23. Februar 1950
Sitzung: Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, 23. Februar 1950
Anfrage Nr. 45 der Fraktion der KPD betr. Beratung des Mündlichen Berichts des
Söldneranwerbung von Deutschen im Ausschusses für Sozialpolitik über den
Bundesgebiet (Drucksachen Nr. 489 und Antrag der Frau Abgeordneten Wessel
595) 1328D und Gen. betr. Rentenversicherung für
die freien Berufe (Drucksache Nr. 488
und 62) 1362A
Schreiben des Bundesministers für An-
gelegenheiten der Vertriebenen vom 14.
Februar 1950 betr. Überführung der noch Schüttler (CSU), Bericht
in den polnisch verwalteten deutschen- erstatter 1362A
Gebieten sowie der in Polen, der Tsche- Krause (Z) 1362D
choslowakei und den südosteuropäischen
Staaten lebenden Deutschen (Druck- Renner (KPD) 1363B, 1366A
sache: Nr. 591) 1328D 1363D
Frau Kalinke (DP)
Zur Tagesordnung 1328D Frau Dr. Steinbiss (CDU) . . . 1364C
Abg. Renner (KPD) 1329A Dr. Hammer (FDP) 1364D
Abg. Dr. von Brentano (CDU) . 1329D Dr. Reismann (Z) 1365B
Erste Beratung des von der Fraktion der Beratung des Antrags der Abgeordneten
FDP eingebrachten Entwurf eines Ge Strauß, Dr. Horlacher, Graf von Spreti
setzes zur Beendigung der Entnazifi- und Gen. betr. Auslandwerbung für den
zierung (Drucksache Nr. 482) in Ver- Fremdenverkehr in Deutschland (Druck-
bindung mit dem sache Nr. 490) 1366C
1328 Deutscher B undestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
Strauß (CSU), Antragsteller . . 1366C Oskar Müller, Rudolf Kohl, Dr. Baumgartner,
Freiherr von Aretin, Dr. Seebohm. Außerdem
Eichner (BP) 1368A fehlt der Abgeordnete Goetzendorff.
Jacobs (SPD) 1368C
Stahl (FDP) 1369B Präsident Dr. Köhler: Ich habe Ihnen weiter fol-
gende Mitteilungen zu machen.
Dr. Brönner (CDU) 1369D
Mit Schreiben vom 16. Februar 1950 hat der
Mensing (CDU) . . . . . . . 1370A Bundesrat mitgeteilt, daß er in seiner Sitzung
vom gleichen Tage beschlossen hat, dem Entwurf
Beratung des Antrags der Fraktion des eines Gesetzes zur Verbesserung von Leistungen
Zentrums betr. Studienkommission zur an Kriegsopfer trotz grundsätzlicher Bedenken
Erforschung der Möglichkeiten im Kampf gegen § 5 zuzustimmen. Der Bundesrat erwartet
gegen die Arbeitslosigkeit (Drucksache jedoch, daß das in Vorbereitung befindliche end-
Nr. 503). 1370B gültige Gesetz zur Versorgung der Kriegsopfer
den Grundsätzen des Fürsorgerechts, insbesondere
Dr. Bertram (Z), Antragsteller . 1370C dem § 8 der Reichsgrundsätze über Vorausset-
Strauß (CSU) . . . . . . . 1371D zung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge,
Rechnung tragen wird.
Wönner (SPD) 1372A
Der Herr 'Bundeskanzler hat mit Schreiben vom
Harig (KPD) 1372B 11. Februar 1950, Drucksache Nr. 546, die An-
frage Nr. 27 der Abgeordneten Dr. Bertram, Frau
Beratung des Antrags der Fraktion der Wessel und Fraktion, Drucksache Nr. 379, be-
SPD betr. Verlegung von Dienststellen treffend die Hauser Dahlmannstraße 5 und 7 in
des Bundes nach Berlin (Drucksache Bonn beantwortet.
Nr. 508) 1373B
Der Herr Bundesminister für Ernährung, Land-
Meitmann (SPD), Antrag wirtschaft und Forsten hat mit Schreiben vom
steller 1373C, 1384C 15. Februar 1950 die Anfrage Nr. 18 der Abge-
Kaiser, Bundesminister für ge ordneten Dr. Müller und Genossen, Drucksache
samtdeutsche Fragen . 1376B, 1386A Nr. 278, betreffend Gesetz zur Deckung der Ko-
sten für den Umsatz ernährungswirtschaftlicher
Dr. Seelos (BP) 1378A Waren vom 3. November 1948 beantwortet. Ich
verweise auf die Drucksache Nr. 585.
Dr. Reismann (Z) 1379C
Der Herr Bundesminister des Innern hat mit
Dr. Bucerius (CDU) 1380B Schreiben vom 16. Februar 1950 die Anfrage
Dr. Hoffmann (FDP) 1382A Nr. 34 der Abgeordneten Goetzendorff und Ge-
nossen, Drucksache Nr. 414, betreffend Anteil
Neumann (SPD) 1382C der Heimatvertriebenen an den Stellenplänen der
Ministerien, Drucksache Nr. 593, beantwortet.
Dr. Krone (CDU) 1384B
Der Herr Bundesminister der Justiz hat mit
Dritte Beratung des Entwurfs eines Ge- Schreiben vom 21. Februar 1950 die Anfrage
setzes zur vorläufigen Regelung der Nr. 45 der Fraktion der KPD, Drucksache Nr. 489,
Rechtsverhältnisse der im Dienst des betreffend Söldneranwerbung von Deutschen im
Bundes stehenden Personen (Drucksachen Bundesgebiet beantwortet. Ich verweise auf die
Nr. 569, 497 und 175) 1386C Drucksache Nr. 595.
Euler (FDP), Antragsteller: Meine sehr geehrten allem darunter, daß entgegen dem grundlegenden
Damen und Herren! Wenn sich die Fraktion der Prinzip des Rechtsstaats nicht Taten bestraft
Freien Demokraten entschloß, ein Gesetz zur Be- wurden, sondern daß eine bestimmte Gesinnung
endigung der Entnazifizierung einzubringen, dann unter Strafe gestellt wurde, und dies obendrein
geschah das aus der Auffassung, daß die Grund- nachträglich auf Grund eines Gesetzes, das nicht
legung des demokratischen Rechtsstaats die Be- bestand, als diese Gesinnung zum Träger eines
endigung eines Ausnahmerechts voraussetzt, das Gewaltsystems wurde.
gegen rechtsstaatliche Prinzipien verstößt und Darin liegen zwei rechtsstaatliche Verstöße. Zum .
schon längst zu einer Gefahr für den Aufbau einen der, daß man sich eben nicht darauf be-
eines demokratischen Rechtsstaats in Deutschland schränkte, Taten zu bestrafen, und zum andern
geworden ist. der, daß diese nachträgliche Bestrafung unter
Meine politischen Freunde haben bereits im Verstoß gegen den jeden Rechtsstaat tragenden
Jahre 1946 mit aller Deutlichkeit ausgesprochen, Grundsatz „nulla poena sine lege" geschah. Es
daß eine Entnazifizierung, die sich nicht darauf kommt zum dritten hinzu, daß die Massenjustiz,
beschränkt, vergangene strafbare Handlungen zu die eingerichtet werden mußte, um einen so
sühnen und eine bestimmte politische Führer- großen Bevölkerungsteil in eine quasi-strafrecht-
schaft einflußlos zu machen und zu halten, son- liche Verfolgung zu nehmen, von vornherein
dern die den politischen Irrtum als solchen mit natürlich zu einer Fragwürdigkeit des Ver-
Strafmaßnahmen ahndet, schon deshalb ein Schritt- fahrens und zu einer Fragwürdigkeit der
macher der Renazifizierung werden müßte, weil Sprüche nach ihrem materiellen Inhalt führte, die
es praktisch gar nicht möglich ist, einen Bevölke- in vielen Fällen erneut Unrecht in die Welt
rungsanteil, der mit Angehörigen etwa 50 Prozent setzten.
der Gesamtbevölkerung umfaßt, auf eine rechts- Nun. meine sehr geehrten Damen und-Herren,
staatlichen Ansprüchen genügende Weise gericht- es kommt zu alldem ein Gesichtspunkt, der dann
lich zu verfolgen. besonders dazu beitrug, das Entnazifizierungs-
An zwei großen geschichtlichen Beispielen war verfahren in den Augen weiter Bevölkerungs-
bereits damals abzulesen, daß eine Massenent- schichten als etwas Unmögliches erscheinen zu
nazifizierung, wie sie die Alliierten mitbrachten lassen. Es gab nämlich nach einiger Zeit über-
und uns aufnötigten, ein Fehlschlag werden haupt keine Belastungszeugen von Anstand und
müßte. Zum ersten hat Frankreich gute Erfah- Qualität mehr, und zwar aus all den Erwägun-
rungen damit gemacht, daß sich Talleyrand nach gen über die politische Fehlerhaftigkeit und die
der Niederwerfung Napoleons I. einer Entnapo- rechtsstaatlichen Verstöße bei der Durchführung
leonisierung im Sinne einer auf ein Ausnahme- der Entnazifizierung. So hat die Entnazifizierung
gesetz gestützt en politischen Massenverfolgung dazu beigetragen, das Rechtsgefühl unseres
enthielt. Zum andern bot die politische Säube- Volkes auf das schwerste zu belasten, statt es
rung, die in den Südstaaten der USA nach dem wiederherstellen, zu erneuern und aufzufrischen.
p amerikanischen Bürgerkrieg in den Jahren 1865 Das hat zu schweren Verirrungen des Rechtsgefühls
bis 1869 durchgeführt wurde, ein abschreckendes geführt, und so durfte ich in Erwartung dessen.
Beispiel einer solchen in ein zweifelhaftes recht- was die Entnazifizierung an Übelständen noch
liches Gewand gehüllten politischen Massenver- weiterhin bringen würde, bereits im Jahre 1946
folgung, die wegen ihres ungeheuren Umfangs zu diese Art der Entnazifizierung als ein uns aufer-
einer Fülle von Willkür- und Unrechtsakten legtes nationales Unglück bezeichnen. Dieses na-
führte. Das Ergebnis war damals in den USA, daß tionale Unglück wurde dadurch verstärkt, daß es
die Südstaaten noch nach dem Bürgerkrieg trübe Kräfte gab, die die Entnazifizierung zu einem
Jahre bürgerkriegsähnlicher Natur erlebten. Kampfmittel im Dienste der neuen, innenpoli-
tischen Auseinandersetzung herabwürdigten. Uns
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Das erscheint es nach alledem als eine dringende Not-
war uns schon damals eine Warnung, daß eine hin- wendigkeit, durch Beseitigung dieses Ausnahme-
sichtlich ihres Umfangs außerordentlich über- rechts einen rechtsstaatlichen Zustand herzustel-
spitzte Entnazifizierung hier zu ähnlich bedenk- len, und zwar durch ein bundeseinheitliches Ge-
lichen Zuständen führen könnte. Analysieren wir setz, damit die Rechtsverschiedenheiten, die wäh-
die Fehler, die der Entnazifizierung in dem Aus- rend der Entnazifizierung bestanden, nun nicht
maße, wie wir sie erlebt haben, zu Grunde lagen, durch verschiedenartige Gesetze über die Besei-
dann ist hinsichtlich der politischen Fehlanlage tigung der Entnazifizierung in den einzelnen Län-
zunächst einmal zu sagen, daß von der Entnazifi- dern verewigt werden, deren Inhalt dann davon
zierung ein viel zu -großer Personenkreis ergriffen abhängig ist, welche politische Mehrheit jeweils
wurde, der mit den unmittelbar Betroffenen zu- in dem Landtag besteht.
nächst 27 bis 30 Prozent umfaßte und mit den un-
mittelbaren Angehörigen auf einen Bevölkerungs- Die Frage: ist der Bund überhaupt zuständig,
teil von 50 bis 60 Prozent kam. Damit hing zu- ein solches Gesetz zu machen? ist ja schon längere
sammen, daß alle Betroffenen und ihre Angehö- Zeit vor der heutigen Erörterung der Materie im
rigen zu einer Art Schicksalsgemeinschaft zu- Bundestag zwischen den verschiedenen Instanzen,
sammengeschlossen wurden, und alle diejenigen, die wir auf der Bundesebene' haben, in Abgeord-
die nur Mitläufer waren, und alle die, die aus netenkreisen sowie in der Presse diskutiert wor-
gewissen, wenn auch fehlerhaften idealistischen den. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich
Erwägungen den Nationalsozialismus unterstützt glaube, man muß aus einigen zwingenden Über-
hatten, wider ihren Willen geradezu in eine Front legungen dazu kommen, die Bundeszuständigkeit
der Abwehr gegen das neue Gesetz mit den ei- unter allen Umständen zu bejahen. Es hat sich
gentlich Hauptschuldigen, mit der politischen bei der Entnazifizierung von vornherein um eine
Führerschicht, die Träger des Gewaltsystems und Gesetzesmaterie des Kontrollrates gehandelt. Das
des Terrors war, hineingenötigt wurden. Die aus grundlegende Gesetz ist ein Kontrollratsgesetz,
solchen politisch fehlerhaften Erwägungen her- und lediglich die Durchführungsgesetze wurden
vorgegangene Massenaktion litt nun rechtlich vor von den einzelnen Militärregierungen erlassen,
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1331
(Euler)
weil sich die Alliierten über die Einzelheiten der in dem einen oder andern Falle ein Unwürdiger
materiellen und formalen Durchführung nicht ei- in den Genuß dieser Bestimmungen kommt.
nigen konnten. Hinsichtlich der Gruppe II haben wir in § 3
Die Beseitigung dieser Kontrollratsgesetz- vorgesehen, daß überprüft werden soll, inwieweit
gebung ist unseres Erachtens nun für die junge verhängte Sühnemaßnahmen in Wegfall kommen
deutsche Demokratie ein rechtspolitisches Faktum können. Lediglich die Wahlrechtsausschlüsse sol-
grundlegender Natur; sie ist tragend für den len bestehen bleiben. Die gefällten Sprüche gegen
rechtsstaatlichen Charakter der Bundesrepublik. Angehörige der Gruppe I sollen überhaupt un-
Diesem politischen Faktum kann nur dadurch in berührt bleiben.
genügender Weise Ausdruck gegeben werden, daß Hinsichtlich der Vergangenheit wird eine Frage
die Beendigung der Entnazifizierung durch ein zu prüfen sein, die bei den Beratungen im Aus-
bundeseinheitliches Gesetz erfolgt. schuß erörtert werden müßte. Wir haben eine
Es kommt aber weiter hinzu: selbst wenn man Vorschrift hierüber zunächst nicht vorgesehen,
auf Artikel 74 des Grundgesetzes über die kon- sind aber der Auffassung, daß geprüft werden
kurrierende Gesetzgebung abstellt, so muß man sollte, inwieweit jetzt noch ausstehende Gebüh-
auch aus dem Artikel 74 zu der Bejahung der ren niedergeschlagen werden, weil wir ja wissen,
Bundeszuständigkeit kommen; denn in Ziffer 1 daß in sehr vielen Fällen auf Grund der Kosten-
heißt es, daß sich die konkurrierende Gesetz- bestimmungen Gebührensätze in einer Höhe gel-
gebung auf das Strafrecht und den Strafvollzug tend gemacht worden sind, die rechststaatlich
erstreckt. Es sollte doch nicht im mindesten zwei- überhaupt nicht zu verantworten ist, da ein ganz
felhaft sein, daß die Entnazifizierungsgesetze Ge- eklatantes Mißverhältnis zwischen der aus-
setze strafrechtlichen oder strafrechtsähnlichen gesprochenen Sühne und der Höhe der Kosten-
Gehaltes sind; denn Sühnemaßnahmen, die darin belastung besteht. Soweit diese Kosten nicht ge-
bestehen, daß nicht nur Geldstrafe, sondern auch zahlt werden konnten — es sind zum Teil Stun-
Arbeitslager verhängt wird, daß Geschäfte ge- dungen auf sehr lange Zeit hinaus vereinbart
schlossen, daß Berufsverbote ausgesprochen wer- 'worden —, ist zu prüfen. inwieweit eine Nieder-
den, sind ja strafrechtliche Ahndungsmaßnahmen schlagung der Kosten stattfinden soll.
schwerster Art, die die Subsumtion dieser Ge- Unser Gesetz sieht weiter vor, daß ein An-
setzesmaterie unter den Begriff des Strafrechts spruch auf Ersatz von Schäden aus der Durch-
im Sinne des Artikel 74 rechtfertigen. Wir haben führung der Entnazifizierung nicht zugebilligt
den Gesetzentwurf ausgearbeitet und hier ein- wird. Wir lehnen mit großer Entschiedenheit den
gebracht, weil wir davon überzeugt sind, daß die Gedanken ab, daß nun unter umgekehrtem Vor-
Erwägung der Gründe, die ich eben kurz skiz- zeichen die ganze Beunruhigung weitergetragen
zierte, zur Bejahung der Bundeszuständigkeit für werden soll, die die Entnazifizierung hinsichtlich
dieses Gesetz führen muß. der Vergangenheit und ihrer Überprüfung immer
Zum Inhalt des Gesetzentwurfes, wie er Ihnen wieder aufs neue hervorgebracht hat. Es muß nun
in Drucksache Nr. 482 vorliegt, kann ich mich auf wirklich Schluß damit gemacht werden. Dies
die notwendigsten Darlegungen beschränken. Der schließt aber naturgemäß nicht aus, daß in Einzel-
Verbot
§1bringtdas der Einleitung neuer Ver- fällen. in denen Sprüche auf Grund unerlaubter
fahren und ebenso das Verbot der Durchführung Handlungen gefällt wurden, wegen dieser gegen
schwebender Verfahren. Laufende Verfahren sol- Betroffene begangenen unerlaubten Handlungen
len ohne mündliche Verhandlung eingestellt wer- die Schadenersatzansprüche geltend gemacht wer-
den. Das schließt nicht aus — und wir haben das den, die nach allgemeinen Rechtsvorschriften ge-
im § 4 ausdrücklich hervorgehoben -, daß straf- geben sind.
bare Handlungen, die in früherer Zeit vorgenom- Hinsichtlich der Beamten und Pensionäre, die
men wurden, nach dem allgemeinen Strafrecht im Zuge der Entnazifizierung aus ihren Ämtern
verfolgt werden. Das sollte ein Hinweis darauf gekommen sind bzw. denen auf Grund der Ent-
sein, daß strafbare Handlungen, soweit sie aus nazifizierung die Pensionen vorenthalten werden,
politischen Motiven und in politischen Zusammen- haben wir eine Regelung außer acht gelassen,
hängen damals begangen wurden, nun natürlich weil diese in einem anderen gesetzlichen
weiter verfolgt werden können. Was lediglich Rahmen erfolgen wird. Die Ausgleichung und die
unterbleiben soll, ist die Fortsetzung von irgend- Wiederherstellung des Rechtszustandes für diesen
welchen Verfahren, die nach ihrer ganzen Art we- Personenkreis, meine sehr geehrten Damen und
nig dazu angetan sind, Rechtsgarantien zu geben. Herren, gehört zum Geltungsbereich des Artikel
Hinsichtlich der Behandlung der einzelnen 131, und es ist bereits in Ausführung des Artikel
Gruppen haben wir eine gewisse Unterschied- 131 ein Gesetz für diesen Personenkreis in Vor-
lichkeit walten lassen. Für die Gruppen III. IV bereitung.
und V sieht unser Gesetzentwurf die volle Wie- Wenn nun heute neben unserem Gesetzentwurf,
derherstellung der staatsbürgerlichen Rechte vor. den ich eben kurz charakterisiert habe. gemäß
Das ist auch in der _britischen Zone erforderlich, Drucksache Nr. 561 auch ein Antrag der Abgeord-
obwohl hinsichtlich des Charakters der Gruppe neten Dr. Richter und Genossen behandelt wird,
III in der britischen Zone noch am ehesten Be- dann möchte ich in diesem Zusammenhang sagen,
denken in der Richtung geltend gemacht werden warum wir uns gegen diesen Antrag aussprechen
könnten, ob unter dem Personenkreis, dem unsere müssen. Der Antrag zielt darauf ab, daß die Bun-
Regelung zugute kommt, nicht Vertreter sind, die desregierung ersucht wird, ein Gesetz zur Been-
dieser Vorteile unwürdig sind. Gegenüber diesen digung der Entnazifizierung bestimmten Inhaltes
Bedenken müssen wir geltend machen: es ist heute zu schaffen. Wenn sich der Ausschuß möglichst
im allgemeinen Interesse wichtig, daß der dicke schnell mit dieser Materie befassen soll, dann soll
Strich unter die Vergangenheit gemacht wird, daß er nicht dadurch gehindert werden, daß er in-
die Durchbrechung rechtsstaatlicher Prinzipien, zwischen auf eine Regierungsvorlage warten
wie sie mit dem Ausnahmerecht der Entnazifi- muß, um die der Antrag der Deutschen Rechts-
zierung gegeben war, beendet wird, selbst wenn partei die Regierung ersucht. Also nur aus der
1332 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Euler)
Erwägung heraus, daß die Bejahung Ihres An- was ja bisher in „vorbildlicher" Weise geschehen
trages zu einer Verschleppung der gesamten ist.
Materie und ihrer Behandlung im Ausschuß (Zurufe von der SPD.)
führt, wenden wir uns gegen Ihren Antrag. Wir Aus diesem Grunde lehnen wir die Entnazifizie-
glauben, daß alle Gesichtspunkte, die Sie in dem rung grundsätzlich als etwas Völkerrechtswidri-
Gesetz zur Beendigung der Entnazifizierung gel- ges ab und stehen nicht an, offen zu erklären,
tend machen und geregelt sehen möchten, bei der daß alle — ohne daß wir damit die Leute etwa
Ausschußarbeit an unserer Gesetzesvorlage be- samt und sonders in einen Topf werfen und
rücksichtigt werden können. gleich den Stab über sie brechen wollen —, die
Was uns am Herzen liegt, das ist, diese Beendi- in irgendeiner Form etwas damit zu tun hatten,
gung der Entnazifizierung zu einer Grundlegung doch in gewisser Hinsicht völkerrechtswidrig ge-
des Rechtsstaates werden zu lassen, durch die die handelt haben.
neue Demokratie um so besser legimitiert wird, Die Entnazifizierung war zunächst ein Gebiet,
den Kampf gegen jede Art von Totalitarismus in auf dem gewisse Leute ihren ganzen infernali-
der Zukunft aufzunehmen. Gerade auf der schen politischen Haß austobten.
Grundlage, daß die Beunruhigung aus der Ver-
gangenheit nun endlich beseitigt wird, werden (Abg. Dr. Greve: Das ist doch eine Frechheit
wir um so größere Energie und aus allen Be- sondergleichen! Passen Sie auf, daß ich Sie
völkerungsschichten heraus um so energischere da nicht herunterhole, Herr Richter!)
Unterstützung finden können, wenn es sich in Zu- Inzwischen ist daraus nichts anderes geworden als
kunft darum handelt, totalitären Bestrebungen eine einzige große Gschaftlhuberei. Man geht so-
jeder Art mit der Entschiedenheit entgegenzu- gar soweit, heute Urteilssprüche zu fällen und
treten, die erforderlich ist, um die Demokratie zu verkünden, die man nach den geltenden Ge-
und ihre rechtsstaatliche Ausgestaltung unter setzesbestimmungen nicht anders bezeichnen kann
allen Umständen zu sichern. als einen. als Recht verbrämten Diebstahl. Wenn
wir uns einmal die Leute ansehen, wenigstens
(Beifall rechts. — Lachen und Zurufe links. einen Teil — ich gebe die Ausnahmen, die durch-
— Abg. Dr. Greve: Passen Sie nur auf, daß aus löblich sind, zu —, die sich auf diesem Ge-
Sie nicht das erste Opfer dieses Gesetzes biet breitgemacht haben, dann, meine Damen und
werden!) Herren, erscheint es, glaube ich, als sehr. sehr
notwendig, daß hier ein sehr entscheidender
Vizepräsident Dr. Schäfer: Meine Damen und Schnitt durchgeführt wird, daß einmal grund-
Herren, der Ältestenrat hat heute morgen be- legend Ordnung geschaffen wird. Ich glaube, das
schlossen, die Drucksache Nr. 561, den Antrag der ist auch dem Ansehen der Demokratie sehr nütz-
Abgeordneten Dr. Richter und Genossen, wegen lich und sehr dienlich.
der Themenverwandtschaft im Zusammenhang
mit dem Antrag Drucksache Nr. 482 zu behan- (Lachen und Zurufe bei der SPD.)
deln. Ich erteile zur Antragsbegründung dem Denn ich bin der Überzeugung, meine Herren, —
Herrn Abgeordneten Dr. Richter das Wort.
(Abg. Dr. Greve: S i e schaden dem Ansehen
Dr. Richter (DRP), Antragsteller: Herr Präsi- der Demokratie durch Ihre Existenz am aller
dent! Meine Damen und Herren! Wir sind uns meisten! — Weitere Zurufe links. — Glocke
durchaus darüber im klaren, daß es nicht der des Präsidenten.)
Sinn eines Antrags sein kann, auf einem so wich- — Nun, Herr Greve, Sie sind ganz bestimmt nicht
tigen Gebiet wie dem, das heute zur Debatte der geeignete Interpret einer Demokratie!
steht, etwa eine Verzögerung herbeizuführen. (Erregte Zurufe von der SPD. — Lärm links.
Deshalb ändern wir unseren Antrag in der Form — Glocke des Präsidenten. — Zuruf des
ab, daß wir nicht einen Gesetzentwurf von der Abg. Dr. Greve.)
Regierung vorgelegt haben möchten, sondern daß
dieser Antrag die Unterlage für die Ausschuß — Gerade Sie dürfen sich nicht in dieser Form
arbeit darstellen soll. Wir sehen in manchen aufregen.
Punkten der Gesetzesvorlage doch gewisse Män- (Fortdauernder Lärm links. — Wiederholtes
gel, die wir gern behoben wissen möchten. Glockenzeichen des Präsidenten.)
Hierzu ist zunächst einmal grundsätzlich eines Ich möchte nur das eine sagen: Ich empfinde es
zu sagen, und auch der Kollege Euler deutete als eine ausgesprochene Schwäche der Demokra-
das schon an, wenn auch nicht in der Form, wie tie, wenn Sie eine solche — —
ich es jetzt tun muß. Die Entnazifizierung - be- (Abg. Dr. Greve: Daß Sie überhaupt dort
zeichnete er als eine Ausnahmegesetzgebung. Das stehen und daß Sie reden dürfen, ist eine
ist sie ohne Zweifel; ja sie ist eigentlich noch Schwäche der Demokratie! - Weitere er
etwas ganz anderes, sie ist eigentlich noch viel regte Zurufe von der SPD.)
mehr: sie ist etwas Völkerrechtswidriges.
— Herr Greve, Sie müssen viel lauter reden! Ich
(Lachen und Zurufe bei der SPD.) kann Sie beim besten Willen nicht verstehen,
Sie widerspricht — falls Sie es nicht wissen soll- wenn Ihre sämtlichen Genossen auf einmal
ten — dem Artikel 43 der Haager Landkriegs- schreien.
ordnung. Diesen können Sie sich einmal zu Ge- (Abg. Dr. Greve: Das liegt an Ihren Ohren,
müte führen. Nach diesem Artikel 43 der Haager nicht an unserer Stimme! — Weitere Zurufe
Landkriegsordnung haben die Alliierten nicht das von der SPD.)
Recht, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen
oder Gesetze zu erlassen, die in das innere Leben Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter
eines Volkes eingreifen, sondern sie haben die Dr. Richter, ich würde Ihnen empfehlen, Ihren
bestehenden Gesetze zu achten, Vortrag fortzusetzen und auf Zwiegespräche nicht
(Lachen und Zurufe bei der SPD) einzugehen.
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1333
Dr. Richter (DRP), Antragsteller: Ich werde mich oder wenigstens dafür sorgen, daß einmal nachge
dadurch auch nicht stören lassen! forscht wird inwieweit sie die völkerrechts-
Ich bin der Meinung, daß die Stärke eines widrige Macht, die sie sich angemaßt haben, noch
demokratischen Systems gerade darin besteht, in schamlosester Weise mißbraucht haben.
daß es derartiger Ausnahmegesetze überhaupt Da uns der Antrag sehr wichtig erscheint und
nicht bedarf. Deshalb haben wir in unserem An- wir der Überzeugung sind, daß er allein die rest-
trag verlangt, daß die Gruppen III bis V von lose Beendigung dieses Verbrechens der Entnazi-
vornherein von allen Beschränkungen befreit und fizierung mit sich bringen kann, bitten wir Sie
in ihre alten Rechte eingesetzt werden, was vor um Ihre Zustimmung.
allem für Beamte gilt, (Beifall bei der DRP. - Zurufe von der SPD:
(Zurufe links) „Sieg-Heil!" — Das ist eine Unverschämtheit!)
was aber natürlich denen nicht passen wird, die Vizepräsident Dr. Schiffer: Die Antragsbegrün-
nie für das Berufsbeamtentum, dung ist damit beendet. Wir treten in die Aus-
(Zuruf von der SPD: Was für ein Berufs sprache ein. Das Wort hat der Herr Abgeordnete
beamter Sie sind, haben wir in Luthe ge Gerstenmaier.
sehen!)
sondern für eine ausgesprochene Parteibonzo- Dr. Gerstenmaler (CDU): Meine sehr verehrten
kratie sind. Damen und Herren! Nicht einmal die tempera-
mentvollen Darlegungen meines Herrn Vorred-
(Zurufe von der SPD: Das ist doch unerhört! — ners können die CDU/CSU-Fraktion davon ab-
Hört! Hört!) bringen, für die Beendigung der Entnazifizierung
Die Gruppen I und II einzutreten.
(Hört! Hört! bei der SPD. — Zuruf des (Abg. Dr. von Brentano: Sehr gut! — Abg.
Abg. Dr. Greve) Dr. Schmid: Aber schwer fällt es Ihnen nicht!)
wollen wir jedenfalls auch herausgenommen Erlauben Sie mir, einen Vorbehalt zu machen
sehen. und meinen juristisch unzureichenden Sachver-
(Erregte Zurufe und Lärm links. — stand damit zu entschuldigen, daß ich sage, daß
Glocke des Präsidenten.) mein Freund von Brentano noch von der juristi-
Die nach Gruppe I oder II Eingestuften sollen, schen Seite her zu der Sache sprechen und sich
wenn sie der Überzeugung sind, daß man ihnen insbesondere mit der Frage auseinandersetzen
nichts nachweisen kann, wenigstens das Recht wird, ob dieses Haus dafür kompetent ist, zu der
haben. von sich aus den Antra g zu stellen, daß Sache zu sprechen. Wir meinen aber, daß, ganz
ein Verfahren vor einem ordentlichen Gericht unabhängig davon, ob eine Rechtszuständigkeit
und nicht vor Gerichten durchgeführt wird, bei des Bundes anerkannt wird oder nicht, diese
denen sogenannte Sachverständige, die überhaupt Frage nunmehr nach allen Seiten hin von solcher
gar keine Ahnung von der Sache haben, um die Bedeutung ist, daß es diesem Hause wohl ansteht,
es sich . dreht, das Urteil entscheidend beeinflus- sich mit der Sache selbst zu befassen. Und dazu
sen. darf ich mir erlauben, namens meiner Fraktion
einige Ausführungen zu machen.
Ich will wegen der Kürze meiner Redezeit in (Zuruf links: Erzählen Sie uns mal vom
diesem Zusammenhang nur auf ein Musterbei-
Fall Hedler!)
spiel der ganzen Entnazifizierung hinweisen.
Wir sind für die Beendigung der Entnazifizie-
(Zurufe links: Hedler!) rung, weil erstens nach unserer Auffassung die
— Nun, regen Sie sich nicht über den Fall Hed politische Überzeugung als solche nicht bestraft
ler auf! Die Blamage hatten in dem Fall ja Sie. werden sollte.
(Lachen und Zurufe links.) (Sehr richtig! in der Mitte und rechts. —
Ich rede hier vielmehr von dem Kolbenhever- Zuruf des Abg. Loritz.)
Prozeß. Daß es in Deutschland überhaupt Men- Zweitens sind wir wegen der Problematik des
schen gegeben hat. die den bedeutendsten leben- Verfahrens, die von allen Seiten anerkannt wor-
den deutschen Dichter den ist, für die Beendigung der Entnazifizierung;
(lebhafte Zurufe von der SPD) drittens sind wir für die Beendigung der Ent-
vor ein Entnazifizierungstribunal geschleppt ha- nazifizierung, weil wir es nicht mit Lippenbe-
ben, das ist die größte Schande, die dem deut- kenntnissen bewenden lassen wollen bei der Tat-
schen Volk überhaupt widerfahren konnte; sache, daß eine echte Chance gegeben werden
(erregte Zurufe von der SPD) - muß für die Verführten, die nach Millionen
zählen und auf die wir beim Neuaufbau des deut-
und wenn m an sich dann diese - mit Verlaub schen Vaterlandes nicht zu verzichten gewillt
gesagt - Trottel von Sachverständigen ansieht, sind.
fragt man sich nur, wie überhaupt derartige
Menschen auf die Allgemeinheit losgelassen wer- (Zustimmung in der Mitte. — Zuruf links.)
den konnten. Und schließlich sind wir für die alsbaldige Be-
(Abg. Dr. Greve: Und wenn man Sie ansieht, endigung der Entnazifizierung unter dem Ge-
geht es einem genau so!) sichtspunkt,
Und den Kollegen von Bayern möchte ich nur (Abg. Loritz: Auf einmal?)
den einen guten Rat geben und die Bitte an sie daß eine echte nationale Solidarität in deutschen
aussprechen, daß sie diejenigen, die für das Ur- Landen zustandekommen muß und daß diese
teil gegen Kolbenheyer verantwortlich sind, doch Einigkeit nur durch eine echte Versöhnung zu
einmal auf ihren Geisteszustand untersuchen erzielen ist.
lassen möchten, (Sehr richtig! in der Mitte.)
(Abg. Dr. Greve: Sie sollte man auf Ihren Das ist das erste Kapitel dessen, was wir zur
Geisteszustand untersuchen lassen!) Sache zu sagen wünschen.
1334 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Gerstenmaier)
Erlauben Sie mir nun noch zu sagen, was wir Widerstandslosigkeit gegenüber einer von uns
nicht meinen, wenn wir vom Ende der Ent- mit Sorge beobachteten Tendenz, aus Verbrechern
nazifizierung sprechen. Die Beendigung der Ent- oder politischen Dummköpfen neuerdings Mär-
nazifizierung soll nach unserem Willen nicht die tyrer oder Helden der Nation zu machen.
Anerkennung oder die Rehabilitierung der Ideolo- (Beifall in der Mitte. — Abg. Dr. Schmid:
gie oder der Methoden des Nationalsozialismus Herr Kollege Gerstenmaier, Sie haben da
auch nur im Ausschnitt bedeuten. nach drüben (nach rechts weisend) gezeigt.
(Beifall in der Mitte.) Wen haben Sie damit gemeint?)
Wir wollen keine Abstumpfung der Rechtsbe- — Sie wissen, wo der Feind steht!
griffe und des persönlichen Verantwortungsbe-
wußtseins mit der Beendigung der Entnazifizie- (Beifall in der Mitte und bei der SPD. —
rung verbunden sehen. Zurufe rechts.)
(Sehr gut! in der Mitte.) Nur mit Bedauern können wir feststellen, wie
unter dem Einfluß einer unverantwortlichen De-
Wir möchten, daß ein Mann in deutschen Landen magogie das Bewußtsein für den Begründungs-
dafür geradesteht, was er zu verantworten hat. zusammenhang in weiten Schichten unseres Vol-
(Sehr gut! in der Mitte.) kes allmählich entschwindet, für den Begrün-
Wir sind der Meinung, daß der Mangel an poli- dungszusammenhang, in dem unser nationales
tischer Einsicht weder prämiiert noch bestraft Unglück steht und auch in dem Bewußtsein der
werden soll. Und wir sind der Meinung, daß der anderen Völker stehen bleiben wird.
Mißbrauch der Macht auf jeden Fall bestraft (Beifall in der Mitte.)
werden muß. Wir sind jedoch nicht der Meinung, Ich freue mich, daß meine Fraktion mir erlaubt
daß man sich einfach auf den Satz zurückziehen hat, eine Warnung auszusprechen, eine Warnung,
kann: Der Befehl deckt! daß es auch nach unserem Willen lebensgefähr-
(Sehr richtig! in der Mitte.) lich ist, in deutschen Landen alte gewaltpolitische
Wir sind uns über die Problematik dieser Sache Spiele und verbrecherische Instinkte neu zu be-
völlig klar. Aber wir sprechen es hier aus, tätigen, und daß wir sogar das Spiel mit der-
daß wir der Überzeugung sind, daß der Befehl artigen Gedanken unter Strafe gestellt sehen
nicht absolut deckt. möchten.
(Zustimmung in der Mitte.) (Beifall in der Mitte.)
Was weiter bestraft werden muß, gleichgültig, Es macht uns nicht den mindesten Eindruck,
ob die Entnazifizierung so oder so beendet wird, wenn man so etwas unter Berufung auf die
das ist die persönliche Bereicherung auf Kosten nationale Ehre tut. Das haben wir alles schon
des Volkes. Wir sind auch nicht in der Lage, dem einmal erlebt. Es hat damit geendet, daß der
Gesetzentwurf in der vorliegenden Form zuzu- vornehmste Teil unseres deutschen Adels an den
stimmen, und zwar deshalb, weil vor allem Galgen von Plötzensee, an Schlachterhaken - um
eine Gruppe, von der wir sehen möchten, daß genau zu sein — geendet hat. Auch die Grenzen
sie endlich zur Verantwortung gezogen wird, des gegenwärtig geltenden positiven Rechts wer-
nachdem sie oft feige genug sich bis jetzt der den meine Freunde und mich nicht hindern, für
Verantwortung für die Macht, die sie früher in ty- die Substanz des Rechts in dieser Sache jederzeit
rannischer Weise ausgeübt hat, entzogen hat. Mit mit dem einzutreten, was wir sind und was wir
anderen Worten: Wir wollen keine Freistellung vermögen.
von Hauptschuldigen. Und wir wollen, daß der In all dem — damit wir uns hier nicht miß-
Skandal um Skorzeny und Genossen aufhört. verstehen — bleiben wir uns dessen bewußt, daß
Wir möchten nicht, daß die Gesinnung, die sich wir darin nicht Vollstrecker von Rachemaßnah-
in diesem Hause bekundet und die sich der Män- men sind. Wir wollen keine Rache! Wir wollen,
gel des bisherigen Entnazifizierungssystems voll daß die großen Verbrecher nach Möglichkeit von
bewußt ist, zu einem Freibrief für politische Ban- selber dafür geradestehen, was sie an dem deut-
diten ausgewertet wird. schen Volk und an der Welt begangen haben.
(Beifall in der Mitte.) Wenn sie das nicht tun, dann wird die deutsche
Und noch eine andere Sache, meine Damen und Nation nicht fünf gerade sein lassen! Ich rede
Herren. Wir möchten auch, daß der Gerechtigkeit von den Großen. Für die Kleinen treten wir für
insofern Genüge getan wird, als wir keine Zu- eine viel weitergehende Amnestie ein, als es bis-
lassung von Unbilligkeiten und Ungerechtigkeiten her geschehen ist. Wir sind also nicht Vollstrecker
wünschen, etwa derart, daß die Anerkennung von Rachemaßnahmen, weder der unseren noch
von Vollpensionen bei Parteibuchbeamten oder derjenigen, die auswärtige Mächte in früheren
eine anderweitige Honorierung von Parteikar- Tagen in diesem Punkt für richtig hielten oder
rieren hier noch mit der sanften Billigung dieses vielleicht heute noch da und dort zu erwägen für
Hauses stattfindet. richtig halten. Wir sind auch nicht, indem wir das
(Beifall in der Mitte.) sagen, Vertreter von Siegermächten. Wir treten
Es wäre ein langes Kapitel, und ich finde, daß hier für nichts anderes ein als für die Ehre der
es allmählich Zeit wäre, daß sich dieses Haus deutschen Nation, und wir sind nicht bereit, diese
damit etwas länger auseinandersetzt. Aber bei Ehre der deutschen Nation in die Hände von
der mir zur Verfügung stehenden Redezeit kann Leuten fallen zu lassen, die sich bereits einmal
ich es nur kurz machen. als notorische Versager oder subalterne Geister
erwiesen haben: Remer, Krüger und Genossen.
Nur ein Wort noch zu der politischen und
außenpolitischen Seite der zur Debatte stehenden (Beifall in der Mitte und links.)
Frage. Was wir nicht meinen, was das Ende Diesen Leuten verweigern wir das Recht, auch
der Entnazifizierung in deutschen Landen und nur durch Gesinnungsgenossen hier in diesem
für das Ausland bedeuten soll, das ist, daß diese Saal zu Wort zu kommen.
Beendigung nicht heißen soll: Resignation oder (Lebhafter Beifall in der Mitte und links.)
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung, Bonn, Donnerstag, den [Link] 1050 1335
(Dr. Gerstenmaier)
Wir sind niemand verpflichtet und fühlen uns Beste will, die Situation wiedergegeben wird, der
niemand verpflichtet als Deutschland und der wir draußen gegenüberstehen, die wir ins Auge
Gemeinschaft der den Frieden und die Freiheit zu fassen haben und um deren richtige Erkennt-
liebenden Völker, mit denen wir leben wollen nis wir uns nicht selbst betrügen dürfen. Weil
und mit denen wir leben müssen, wenn wir eine seine Stuttgarter Rede diese Situation redlich
Zukunft haben wollen. wiedergibt, sind wir Mr. McCloy dankbar. Wir
(Sehr richtig! bei der SPD.) stehen nicht an, auszusprechen, daß uns diese
Reden der ungeschminkten Wahrheit unend-
Gerade deshalb glauben wir, daß es einer ge-
nauen Erwägung bedarf, was wir in Zukunft um lich viel lieber sind als die freundlichen Worte
bei manchen Cocktail-Parties
der Lebensmöglichkeit Deutschlands in der Ge-
meinschaft der anderen Völker willen in diesem (Sehr richtig! links.)
Punkt zulassen dürfen und zulassen sollen. Die Trotz ihrer hohen politischen, insbesondere
außenpolitische Bedeutung einer entsprechenden außenpolitischen Bedeutung glauben wir jedoch,
Gesetzgebung, wie wir sie hier vertreten sehen daß wir diese Grundfragen unseres nationalen
möchten und wie wir sie von der Bundesregie- Daseins auf Grund der Geschichte, die wir an
rung vorgelegt sehen möchten, die außenpoliti- uns selber erlebt haben, mit .eigener Kraft be-
sche Bedeutung der hier zur Debatte stehenden wältigen und vor unseren eigenen sittlichen,
Angelegenheit kann überhaupt nicht überschätzt rechtlichen und politischen Wertmaßstäben ver-
werden. antworten müssen. In diesem Punkt bin ich der
(Sehr richtig! links.) Meinung, daß die Angelegenheit, von der wir
Dem Radikalismus, der billig genug ist — es be- hier reden, nicht, jedenfalls nicht ausreichend,
steht ja Redefreiheit, und jeder kann sagen, was unter den Aspekten einer vielleicht noch so wohl-
er will; sogar die Feiglinge kriechen aus ihren meinenden Re-education, überhaupt nicht unter
Löchern —, diesem neuen Radikalismus fehlt, das pädagogischen Gesichtspunkten des Auslandes
haben wir in den letzten Monaten bemerkt, das betrachtet und verstanden werden kann. Wir er-
Augenmaß für die einfachste politische Realität. bitten vom Ausland das Verständnis dafür, daß
Es fehlt ihm das Gewissen für das politisch Er- das deutsche Volk allmählich in eine Bewußt-
laubte, und es fehlt ihm der Verstand für das seinsepoche eintritt, in der es die Auseinander-
politisch Aktuelle, nämlich für Europa. setzung mit seiner eigenen Geschichte und die
(Beifall in der Mitte und links.) Bewältigung dieser Geschichte überhaupt erst in
Vor einigen Tagen habe ich einen Brief von sich selber frei vollziehen muß. Wir würden es
für außerordentlich wertvoll und förderlich hal-
einem. bekannten Deutschen aus Kairo bekom-
men. Er schreibt folgende Sätze: - ten, wenn diese Auseinandersetzung in mög-
lichst großer Freiheit und möglichst ohne daß uns
Es ist eine Freude, festzustellen, wie sehr ausländische Wertmaßstäbe auferlegt werden,
sich die allgemeine Stimmung im Auslande vollzogen werden könnte.
uns gegenüber verbessert hat. Bonn ist zu
einem festen Begriff geworden. Ein ägypti- Wir meinen deshalb, daß hier ein Gesetzeswerk
scher Diplomat sagte mir: „Es ist schön, zu mit eigenen, klar verantworteten Rechtsbegriffen
sehen, daß Ihr Land wieder einen guten geschaffen werden müßte, das erstens die Frei-
Platz im europäischen Konzert eingenommen heit der politischen Überzeugung festlegt, gleich-
hat." Diese Äußerung erscheint mir charak- gültig ob sie uns paßt oder nicht. Hier sind wir
teristisch für die Meinung, die ich jetzt am nicht zu Konzessionen bereit. Denn das gehört
östlichen Mittelmeer angetroffen habe. Es zu den Staats-Grundsätzen, zu denen wir uns
gibt aber auch Kritik. Für mich ist es be- bekennen. Wir respektieren die Freiheit der poli-
drückend, im Auslande manchmal der An- tischen Überzeugung. Zweitens fordern wir eben-
so unbedingt die Bestrafung der verbrecherischen
sicht zu begegnen, als wäre es Bonn gleich-
gültig oder gar angenehm, daß sich das in Tat und ihrer nachgewiesenen Absicht. Drittens
Westdeutschland in stärkerem Maße bemerk- wollen wir die gemeine Gesinnung, gleichgültig,
bar macht, was die Presse oft das „Wieder- ob sie sich politisch oder unpolitisch ausdrückt,
erwachen des deutschen Nationalismus" menschlich und national geächtet wissen. Viertens
wollen wir die demagogischen Angriffe oder die
nennt. Es ist meines Erachtens schwer, sich
etwas vorzustellen, was das gerade wieder bösartige Unterwühlung der Freiheit des Lebens
einsetzende Vertrauen des Auslandes in uns und der Zukunft der Nation energisch bestraft
und unseren aufrichtigen Wunsch nach Mit- wissen.
arbeit nachhaltiger erschüttern könnte als In diesem Zusammenhang sehen wir das Pro-
das öffentliche Auftreten und die Reden von blem des Abschlusses der Entnazifizierung. Die
Remer, Hedler, Dorls und Feitenhansl. CDU/CSU-Fraktion verlangt deshalb erstens den
Abschluß der Entnazifizierung mit ihrer Ver-
(Hört! Hört! bei der SPD. - Zuruf mischung von politischer Gesinnung und krimi-
von der SPD: Nun wißt ihr es!) nellem Tatbestand. Zweitens empfiehlt sie den
Nun noch ein zweites. Wir finden, daß es wert- Erlaß einer Amnestie. Drittens fordert sie eine
voll wäre, in diesem Hause einmal auf die Rede korrekte Strafverfolgung dort, wo Verbrecher zur
zu sprechen zu kommen, die Mr. McCloy vor Rechenschaft gezogen werden müssen. Wir for-
einigen Wochen in Stuttgart gehalten hat. Ich dern dabei — wie die Aufgabe auch juristisch
glaube, daß wir für diese Rede besonders deshalb gemacht wird — eine endgültige Heranziehung
dankbar sein sollten, weil sie die Situation wie- aller der Gruppen und aller der Personen, die
dergibt, die viele von uns kennen, die in den unter den Begriff der Hauptschuldigen zu stellen
letzten Jahren jenseits der deutschen Grenzen sind.
für Deutschland zu tun und zu reden hatten. Wir Wir machen deshalb den Vorschlag, daß die
sind dankbar dafür, daß durch die Stimme und Bundesregierung möglichst bald diesem Hause
die Augen eines wohlwollenden Mannes, von dem ein Gesetz zum Schutz des Staates oder ent-
wir überzeugt sind, daß er für dieses Land das sprechende gesetzliche Bestimmungen zum glei-
1336 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Gerstenmaier)
chen Zweck vorlegt, und wir empfehlen, daß die den Kategorien des in den beiden anderen Zonen
bundeseinheitliche Beendigung der Entnazifi- geltenden Rechts nicht deckten, denen aber doch
zierung einen wesentlichen Teil dieses Gesetz- andere Gruppen vergleichbar gegenübergestellt
gebungswerkes bildet Wir haben starke Beden- werden können und gegenübergestellt werden
ken — ich habe das namens meiner Fraktion sollten.
hier auszusprechen — gegen die Vorlage der Die Fraktion der Deutschen Partei hatte zur
FDP. Wir sind in diesem Augenblick nicht in der Beseitigung der verhängnisvollen Folgewirkun-
Lage, dieser Vorlage zuzustimmen und beantra- gen in abgeschlossenen Entnazifizierungsverfah-
gen daher auch unsererseits ihre Verweisung an ren sich des Begriffes einer politischen Amnestie
den Ausschuß. bedient, und zwar aus rein gesetzestechnischen
(Beifall bei den Regierungsparteien Gründen, ohne damit einzuräumen, daß diese
und bei der SPD.) Verfahren nach ihrer wohlbegründeten Rechts-
überzeugung als Recht begriffen oder akzeptiert
Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der werden konnten. Sie unterwarf sich mit dieser
Herr Abgeordnete Dr. von Merkatz. technischen Nomenklatur einem Faktum, das aus
Dr. von Merkatz (DP): Herr Präsident! Meine der Entscheidung der Sieger hervorgegangen ist,
weil eine Aufhebung dieses Faktums mit rück-
Damen und Herren! Der Herr Bundeskanzler hat wirkender Kraft nicht möglich und auch nicht
in seiner Regierungserklärung vom 20. Septem- wünschenswert erschien, zumal dann neues Un-
ber 1949 ausgeführt: recht, neue Ungerechtigkeit und neue Verwir-
Durch die Denazifizierung ist viel Unglück rung gestiftet worden wären. Darum beschied
und viel Unheil angerichtet worden. Die sich die Fraktion der Deutschen Partei mit einer
wirklich Schuldigen an den Verbrechen, die Wirkung ex nunc und verzichtete auf den ver-
in der nationalsozialistischen Zeit und im geblichen Versuch einer Konstruktion der Auf-
Kriege begangen worden sind, sollen mit aller hebung und Beseitigung ex tunt.
Strenge bestraft werden. Aber im übrigen
Der Rechtsausschuß hat bei Beratung dieses
dürfen wir nicht mehr zwei Klassen von Antrages eine Entscheidung des Justizministeri-
Menschen in Deutschland unterscheiden,
ums angesucht, da zweifelhaft wurde, ob der
(Unruhe und Zurufe links) Bund in dieser Frage die Gesetzgebungskompe-
die politisch Einwandfreien und die nicht tenz habe. Ebenso wie das Justizkollegium ver-
Einwandfreien. Diese Unterscheidung muß neinte der Justizminister unter Billigung des
baldigst verschwinden! Kabinetts aus rechtspolitischen und verfassungs-
Diese Ausführungen im Regierungsprogramm ge- rechtlichen Gründen die Bundeszuständigkeit.
hören zu den wichtigsten Koalitionsvoraus- Der Herr Justizminister ließ sich bei seiner Stel-
setzungen, unter denen die Fraktion der Deut- lungnahme nicht zuletzt von der Erwägung lei-
schen Partei damit einverstanden war, ten, daß die Abschlußgesetzgebung in einigen
(Hört! Hört! links) Ländern bereits zu einer gewissen Reife ge
diehen war und daß das Justizkollegium zu Leit-
daß zwei Fraktionskollegen die ihnen angebo- sätzen gekommen war, die die Aussicht auf eine
tenen Ministerien der Bundesregierung ange- Koordinierung dieser Abschlußgesetzgebung im
nommen haben. Bundesgebiet bot, eine Entwicklung, die offenbar
(Wiederholte Zurufe links.) nicht gestört werden sollte durch die Inanspruch-
Bereits am 8. September 1949 hatte die Frak- nahme einer Kompetenz des Bundes, deren Be-
tion der Deutschen Partei im Bundestag einen gründung dem Herrn Justizminister zweifelhaft
Antrag eingebracht, in dem die Bundesregierung erschien und die ob dieser Zweifel nach Ansicht
ersucht wurde, Gesetze zum sofortigen Abschluß des Herrn Justizministers einen Konflikt zwischen
der Entnazifizierung und zu einer Amnestie dem Bund und den Ländern hätte hervorrufen
aller von den Folgen der bisherigen Entnazifi- können. Zudem erschien dem Herrn Justiz-
zierung Betroffenen der Gruppen III und IV oder minister eine nicht nur zoneneinheitliche. son-
gleichgestellter Gruppen vorzulegen. Dieser An- dern bundeseinheitliche Regelung der Abschluß
trag lag in der Linie des politischen Wollens der gesetzgebung mit Rücksicht auf die Verschieden-
Deutschen Partei, zu der sie sich bereits im heit der Systeme eine fast unlösbare Aufgabe
Zonenbeirat und im niedersächsischen Landtag mit der Gefahr neuer Ungleichheiten und neuer
in den Jahren 1946 und 1947 bekannt hatte. Der Ungerechtigkeiten. Der Gedanke der politischen
Antrag hatte zum Ziel, die breite Masse aller Amnestie, wie sie von der DP zusätzlich gefor-
Entnazifizierungsverfahren zum sofortigen Ab- dert worden war, um wirklich und effektiv die
-
schluß zu bringen und die Fortwirkung aller bei ungleiche Stellung zweier Staatsbürgerklassen
diesen Gruppen bereits erkannten Folgemaßnah- zu beseitigen, wurde nicht weiterverfolgt.
men zu beseitigen, um zunächst einmal in ihrer Unterdessen waren von anderen Fraktionen
Breitenwirkung die politische Unterscheidung dieses Hauses weitere Anträge eingereicht wor-
zweier Klassen von Staatsbürgern, wie das in der den, die auf eine Beendigung der Entnazifizierung
Regierungserklärung verlautbart war, zu been- abzielten. Über sie wurde im Rechtsausschuß in
den. der Sitzung vom 13. 12. vorigen Jahres beraten.
Dieser Antrag war als ein Vorläufer weiterer Hierbei verneinte der Herr Abgeordnete Pro-
Maßnahmen gedacht, um auch die Frage der Be- fessor Brill im wesentlichen die Bundeszustän-
handlung der in den Gruppen I und II einge- digkeit auf Grund einer sorgfältigen Zusammen-
stuften Personen nach sorgfältiger Erwägung stellung der positiven Rechtsbestimmungen und
aller politischen und rechtlichen Momente einer der geübten Praxis. während ich als Mitbericht-
Revision zu unterziehen. Unter den Gruppen III erstatter auf den Widerspruch zwischen dem nur
und IV waren die entsprechenden Kategorien des aus dem Bezug zum Besatzungsrecht verständ-
in der britischen Zone geltenden Entnazifi- lichen Artikel 139 des Grundgesetzes und den
zierungsrechts verstanden worden, die sich mit Grundrechten hinwies, namentlich auf die
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1337
(Dr. von Merkatz)
Grundnormen der Artikel 1 bis 3 sowie auf Präsidenten übergeben darf und die am besten
Artikel 23 des Grundgesetzes. Ferner vertrat ich zusammen mit der Vorlage der FDP der Bera-
die Ansicht, daß durch das auf das Besatzungs- tung unterzogen werden kann. Es handelt sich
recht begründete Entnazifizierungsrecht Grund- dabei — ich möchte darauf hinweisen — nicht
normen der Weimarer Verfassung, also Reichs- um grundsätzliche Unterschiede zu dem Gesetz
recht, abgeändert worden seien. Ich kam zu dem der FDP, sondern lediglich um juristische Ver-
Ergebnis, daß das Entnazifizierungsrecht trotz feinerungen, die den uns gemeinsamen Gedan-
seiner Aufsplitterung in die Zonensysteme und ken verwirklichen, insbesondere die große Ver-
auf die Ländergesetzgebung nach Artikel 125 schiedenheit des in der britischen Zone und des
Absatz 2 Bundesrecht geworden sei. Für den in der amerikanischen Zone geltenden Rechts auf
Fall, daß man dieser Argumentation nicht fol- einen Generalnenner zu bringen.
gen wolle, wies ich darauf hin, daß das Ent- Bei aller Wertschätzung des Herrn Justiz-
nazifizierungsrecht im Querschnitt der drei West- ministers und der hervorragenden juristischen
zonen betrachtet zu drei Vierteln als materielles Facharbeit des von ihm geleiteten Ministeriums,
Strafrecht klassifiziert werden müsse. Hieraus
würde sich gemäß Artikel 72 und 74 des Grund- (Lachen und Zurufe von der SPD)
gesetzes mit Rücksicht auf das Bedürfnis einer bin ich zu meinem Bedauern einmütig mit dem
einheitlichen Regelung die Pflicht zur Inanspruch- Willen meiner Fraktion nicht in der Lage, seinen
nahme der Bundeskompetenz für die Abschluß gewiß wohldurchdachten rechtspolitischen Über-
gesetzgebung und zum Erlaß einer politischen legungen zu folgen, daß man in dieser unser gan-
Amnestie ergeben. zes Volk tief bewegenden Frage auf dem Wege
Im Ergebnis traten die Vertreter der Koaliti- des Justizkollegiums fortfahren sollte. Sie führen
onsparteien dieser Zielsetzung bei, zumal auch zwar zu einer allmählichen Beendigung der Ent-
die von mir vertretene Ansicht Billigung fand, nazifizierung; sie löschen aber nicht dieses mo-
daß die vom Justizkollegium vorgeschlagene Ab- derne Hexentreiben endgültig aus. Sie wälzen
schlußregelung keine wirkliche Beendigung der nicht den Stein auf das Grab einer gefährlichen
Entnazifizierung darstelle. Abschweifung der westlichen Zivilisation in die
Gefilde totalitärer Praxis.
Nunmehr hat die Fraktion der FDP die Initia-
tive wieder aufgenommen, nachdem eine Initia- (Sehr gut! rechts.)
tive der Bundesregierung sowohl hinsichtlich der Sie löschen nicht endgültig diese Mißgeburt aus
Bundesgesetzgebung als auch mit dem Ziel der totalitärem Denken und klassenkämpferischer
Koordinierung der Länderabschlußgesetzgebung Zielsetzung aus, als die sich die Entnazifizierung
nicht entfaltet wurde. Die Fraktion der Deut- entpuppt hat. Sie schlagen nicht die heim-
schen Partei begrüßt diesen Schritt der ihr be- tückische Waffe der Entnazifizierung endgültig
freundeten Fraktion der FDP, aus der Hand derer, die bisher im Konkurrenz-
(Lachen links) kampf der politischen Willensbildung der Par-
o wenngleich sie mit den technischen Einzelheiten teigegensätze sich ihrer zu bedienen wußten.
der Gesetzesvorlage nicht in allen Stücken kon- (Zurufe links.)
form gehen kann. Doch ist das unwesentlich mit Gehen wir den Weg des Justizkollegiums weiter,
Rücksicht auf die grundlegende Tatsache. daß dann wird das Gespenst der Entnazifizierung
durch den Antrag der FDP die Diskussion dieser immer wieder aus dem Grabe aufstehen und um-
Frage aus dem Bereich allgemeiner deklamatori- gehen,
scher Erwägungen herausgenommen wird. Wir (Zustimmung rechts)
kommen somit endlich zur Tat.
aus einem Grab. das ihr die öffentliche Meinung
Die Ausführungen des Herrn Abgeordneten des deutschen Volkes bereitet hat.
Gerstenmaier können meine Fraktion nicht voll-
(Sehr gut! rechts.)
inhaltlich befriedigen.
(Zurufe von der SPD.) Die fachlichen Überlegungen des Justizkollegi-
Wir begrüßen an diesen Ausführungen den ge- ums und mit ihm auch des Justizministeriums
meinsamen Willen, hier endlich zu einem Ab- des Bundes leiden an dem grundsätzlichen
schluß zu kommen. Es gibt aber Dinge. bei denen Fehler, daß sie eine Beendigung der Entnazifi-
man weder rechts noch links zu sehen hat, bei zierung aus der Fortentwicklung dieser in der
Ländergesetzgebung kultivierten Wucherung
denen man einfach geradeaus zu marschieren hat einer Rechtsentartung erzielen wollen. Dieser
und weiter gar nichts.
Fremdkörner in unserem Recht, diese Beleidigung
(Bravo! rechts. — Zurufe von der SPD.)-
unseres Rechtsgewissens,
Wir haben diesen Rechtsgedanken verfolgt ohne (Unruhe und Zurufe links)
Rücksicht auf den Beifall oder das Mißfallen des
Aus- oder Inlands. Hier handelt es sich um diese auf bürokratischem Wege geplante kalte
grundsätzliche Fragen des Rechts, die wir in aller Rache und soziale Revolution muß als totalitäre
Ruhe zum Abschluß bringen wollen. Es kommt Verirrung erkannt und. nachdem einmal die reine
uns nicht darauf an, Lippenbekenntnisse zu Siegermaßnahme, nämlich die Säuberung vollzo-
machen. Wir legen den allergrößten Wert dar gen ist und nicht mehr rückgängig gemacht wer-
auf, daß der Gedanke der gleichen Chance und den kann, in ihrer rechtlichen Verbrämung end-
der Aufhebung der verschiedenen Klassen der gültig und entschieden aus unserem Rechts-
Staatsbürger auch effektiv gemacht wird, und system herausgetrennt werden.
zwar ausnahmslos, und daß man dann nur die (Lebhafte Zurufe links. — Glocke des
jenigen faßt, die Verfehlungen begangen haben. Präsidenten.)
(Sehr gut! rechts.)
Die Fraktion der Deutschen Partei hat, um die Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
Frage weiter zu fördern, auch eine Gesetzesvor- die Redezeit ist abgelaufen; ich bitte zum Schluß
lage ausgearbeitet, die ich hiermit dem Herrn zu kommen.
1338 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
Dr. von Merkatz (DP): Die Deutsche Partei wird achten auch seinerseits ausgesprochen, daß er eine a
hierbei von einer sehr ernsten politischen Er- Zuständigkeit des Bundes für gesetzgeberische
wägung geleitet. Ziel ihrer Politik ist es, den Maßnahmen auf diesem Gebiet nicht für gegeben
gehetzten, geängstigten und zu fortgesetzten Ent- erachtet.
behrungen und Opfern gepreßten deutschen Meine Damen und Herren, ich schlage Ihnen
Männern und Frauen Sicherheit und Frieden, vor, daß wir diese Rechtsfrage, ob der Bund zu-
Befriedung im wahrsten Sinne des Wortes zu ständig oder nicht zuständig sei, nun ruhig ein-
verschaffen, damit sie ruhig, stetig und zielbe- mal dahingestellt sein lassen und die Dinge unter
wußt an den Wiederaufbau gehen, folgenden praktischen Gesichtspunkten ansehen.
(Zurufe links) Von den elf Bundesländern haben fünf bisher
nüchtern und wirklichkeitsnah ihr Heil in der schon eigene Gesetze erlassen, um die Ent-
Arbeit und i m. Schaffen suchen und immun wer- nazifizierung abzuschließen, und zwar Schleswig-
den gegen den feigen Nihilismus unserer Zeit Holstein mit Gesetz vom 10. Februar 1948 und
und die Verführungskünste der verantwortungs- 6. Juli 1948, Niedersachsen mit der Verordnung
losen politischen Spieler, vom 30. März 1948, Nordrhein-Westfalen mit der
(Unruhe und Zurufe links) Verordnung vom 24. August 1949, Hessen mit
dem Gesetz vom 30. November 1949 und Rhein-
die sie in neue Illusionen, neue Leidenschaften, land-Pfalz mit dem Gesetz vom 19. Januar 1950.
neue Abenteuer zu stürzen trachten. In weiteren vier Bundesländern, nämlich in
(Zurufe links. — Glocke des Präsidenten.) Bayern, Württemberg-Baden, Bremen und Ham-
burg, liegen den gesetzgebenden Körperschaften
Vizepräsident Dr. Schäfer: Ich bitte, nun zum ähnliche Abschlußgesetze vor. In den beiden rest-
Schluß zu kommen. — Die Redezeit ist festge- lichen Bundesländern Baden und Württemberg-
setzt. Ich muß Sie bitten abzuschließen. Hohenzollern ist die Entnazifizierung im wesent-
(Schlußrufe links.) lichen abgeschlossen, so daß sich für diese beiden
Länder diesbezügliche Gesetze überhaupt er-
Dr. von Merkatz (DP): Ich habe meine Redezeit übrigen.
überschritten und unterwerfe mich selbstver- Ich fasse das dahin zusammen: Von elf Bun-
ständlich den Anordnungen des Herrn Präsi- desländern hat ein großer Teil die Gesetzgebung
denten. bereits getroffen: bei einem andern Teil ist sie
(Erneute Schlußrufe.) im Gange, und bei dem Rest ist sie nicht mehr
Wir haben diesen Vorschlag allerdings nur nötig. Wenn wir das als praktisches und durch-
unter der Bedingung gemacht, daß ein wirklich schlagendes Argument gelten lassen, so sollten
wirksames Gesetz zum Schutze der demokrati- wir uns, meine ich. dahin einig werden, daß der
schen Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit in Bundestag diese beiden Vorlagen gar nicht wei-
Deutschland geschaffen wird. ter zu behandeln hätte. Ich für meinen Teil
(Beifall rechts. — Zurufe links.) möchte mich deshalb auch einer Stellungnahme
zu dem Inhalt dieser beiden Vorlagen enthalten.
Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der Nun möchte ich anknüpfend an die Ausfüh-
Herr Bundesminister des Innern. rungen von Herrn Dr. Gerstenmaier noch folgen-
des sagen. Herr Dr. Gerstenmaier hat unter-
Dr. Heinemann, Bundesminister des Innern: strichen, daß diese Dinge im Zusammenhang mit
Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zu- positiven Maßnahmen zum Schutze des Bundes
nächst erklären, daß ich den ausgezeichneten Aus- und seiner demokratischen Institutionen zu sehen
führungen meines Freundes Gerstenmaier für sind. Heute morgen hatte ich Gelegenheit, dem
meinen Teil voll und ganz beistimme. Ausschuß des Bundestages zum Schutze der Ver-
fassung ausführlich über die Vorarbeiten im
(Beifall in der Mitte und bei der SPD.) Bundesinnenministeriums vorzutragen. Ich möchte
Ich habe diesen Ausführungen nichts hinzuzu nicht verfehlen, auch dem Plenum einiges davon
fügen Lind erst recht nichts davon wegzunehmen. zu berichten.
Was die Behandlung der beiden Vorlagen an- Zunächst- ist ein Bundesamt für Verfassungs-
langt, so möchte ich hier aussprechen, daß ich schutz - in Ausführung des Artikels 73 Ziffer 10
eine Zuständigkeit des Bundes nicht für gegeben und des Artikels 87 Absatz 1 — in Bildung be-
erachte. griffen. Der diesbezügliche Gesetzentwurf ist fer-
(Zuruf rechts: Warum denn hier nicht?) tig und steht vor der letzten Abklärung mit den
Die einzige Anknüpfung für eine Zuständigkeit
-
Alliierten. die sich ja für diese Materie einen be-
des Bundes könnte der Artikel '74 Ziffer 1 des sonderen Vorbehalt ausbedungen hatten. Daß das
Grundgesetzes sein, weil dort von einer kon- Bundesverfassungsgericht nach den entsprechen-
kurrierenden Gesetzgebung des Bundes im Be- den Vorlagen in der Entwicklung begriffen ist,
reich des Strafrechtes die Rede ist. brauche ich nicht näher darzustellen.
Wir stehen damit vor der Frage, ob Entnazifi- Neben diesen institutionellen gesetzgeberischen
zierungsmaßnahmen strafrechtlichen Charakter Maßnahmen sind eine Reihe materieller gesetz-
haben. Das verneine ich im Einvernehmen mit geberischer Maßnahmen in Vorbereitung oder
der ganzen Bundesregierung. Entnazifizierungs- auch schon ziemlich vor dem Abschluß. Einmal
bestimmungen haben ihren Zweck in der Siche- wird darüber nachzudenken sein, ob wir ein Ver-
rung des öffentlichen Lebens, des demokratischen sammlungsordnungsgesetz erlassen sollten. Der
Lebens, und weil die Bundesregierung das so Akzent liegt auf „Ordnung"; denn die Versamm-
ansieht, hat sie die Zuständigkeit für die Be- lungsfreiheit als solche ist durch Artikel 8 des
handlung etwaiger Entnazifizierungsfragen durch Grundgesetzes uneingeschränkt garantiert, und
Kabinettsbeschluß dem Innenministerium zu ge- daran soll auch nichts geändert werden. Aber
wiesen und nicht dem Justizministerium. Der es läßt sich sehr wohl darüber nachdenken, ob
Herr Bundesminister der Justiz hat in zwei Gut- nicht von Gesetzes wegen gewisse Spielregeln für
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1339
(Bundesinnenminister Dr. Heinemann)
einen ordnungsmäßigen Ablauf politischer Ver- Strafgesetzbuch wird es sich darum handeln,
sammlungen festgelegt werden sollten. nicht nur Bestimmungen über Hoch- und Landes-
(Abg. Dr. Richter: Da empfehle ich, beim verrat zu überarbeiten und den Tatbestand des
Braunschweiger Polizeipräsidenten anzu Friedensverrates einzuschließen, sondern vor al-
fangen! Dem muß das mal beigebracht len Dingen darum, die Verächtlichmachung von
werden!) Staatsorganen, Staatssymbolen und verantwort-
- Herr Dr. Richter, ich will dem Polizeipräsi- lichen Amtsträgern erheblich intensiver zu be-
kämpfen und unter verschärfte strafrechtliche
denten ja gern die Plattform geben durch ein der-
Maßnahmen zu stellen. Dasselbe gilt für Staats-
artiges Gesetz, verleumdung und für die politische Lüge,
(Heiterkeit)
(Sehr richtig! in der Mitte)
das einmal klarstellen soll, wer Hausherr in einer für Volksverhetzung und Störung verfassungs-
politischen Versammlung ist, wer im Zweifels- mäßiger Ordnung. Damit habe ich Ihnen in eini-
falle als Ruhestörer anzusehen wäre, und der- gen Stichworten angedeutet, in welcher Richtung
gleichen mehrt diese Überlegungen zur Ausgestaltung des Straf-
(Sehr gut! in der Mitte.) gesetzbuches sich bewegen.
Ich weise sodann auf Artikel 9 des Grund- Im Zusammenhang damit wird natürlich sofort
gesetzes hin, durch den Vereine unter Verbot die Frage auftauchen, ob wir es den normalen
gestellt sind, wenn sie verfassungswidrige Ziele Strafgerichten überlassen können, derartige Tat-
verfolgen, und ich weise auf Artikel 21 hin, wo- bestände zu judizieren. Darüber möchte ich eine
nach für politische Parteien dasselbe gelten kann. Meinung in diesem Augenblick noch nicht aus-
Diese beiden Stücke stehen in einem engen Zu- sprechen. Auch der heute morgen mit diesem
sammenhang mit dem Bundesverfassungsgericht, Thema befaßte Ausschuß zum Schutze der Ver-
das ja allein berufen sein wird, diese Verbote fassung hat diese Frage wohl angeschnitten, aber
auszusprechen. Aber die materiellen Bestimmun- noch nicht abschließend behandelt, weil uns allen
gen, die dazu noch erforderlich sind, dürfen auch die Doppelseitigkeit dieses Problems ohne wei-
nicht fehlen. Für die Verwirkung von Grund- teres einsichtig ist. Diese Doppelseitigkeit be-
rechten im Sinne des Artikel 18 des Grundge- steht darin, daß auf der einen Seite die Verur-
setzes wird auch der Verfassungsgerichtshof zu- teilung strafbarer Tatbestände gewährleistet
ständig sein. Deshalb konzentriert sich ein we- werden muß, auf der andern Seite aber den
sentliches Stück aller Bemühungen darauf, daß Sondergerichten eine sehr suspekte Vergangen-
wir diesen Bundesverfassungsgerichtshof alsbald heit anhaftet, die es uns schwer machen würde,
etablieren und damit die eben genannten Bestim- diesen Weg wiederaufzunehmen.
mungen des Grundgesetzes wirksam machen. (Abg. Rische: Sehr verdächtig!)
Nun möchte ich aber auch noch darauf hinwei- Als letztes möchte ich in diesem Zusammen-
sen, daß der Bundesjustizminister mit mir eine hang noch auf das ebenfalls in Arbeit befindliche
Novelle zum Strafgesetzbuch erarbeitet, durch die Pressegesetz hinweisen.
sichergestellt werden soll, daß .gewisse politische (Abg. Rische: Was bleibt denn dann eigent
Handlungen oder Äußerungen unter Strafe ge- lich von der Demokratie noch übrig?)
stellt werden, um auch von dieser Seite her Ord-
nung in unser politisches Leben zu bringen. — Herr Rische, von der Demokratie bleibt für
jeden, der es echt meint, genügend Spielraum
Meine Damen und Herren! In der Niederschrift übrig!
der mündlichen Begründung des Hedler-Urteils
von Neumünster lese ich als Schlußabsatz folgen- (Lachen bei der KPD und Zuruf:
des. Der Vorsitzende sagt da: So, „genügend"?)
Aus dem Pressegesetz möchte ich hier nur einige
Schließen aber möchte ich mit dem Worte Gesichtspunkte hervorheben, die in den Zusam
eines Angehörigen eines nahen Widerstands- menhang des Verfassungsschutzes gehören. Es
kämpfers des 20. Juli, der auch sein Leben dreht sich unter anderem darum, verschärfte Be
lassen mußte. Der betreffende Angehörige stimmungen über die Berichtigung falscher Nach
schreibt hier folgendes: „Nach all dem, was richten festzulegen, um - mit anderen Worten —
meine Familie und ich erlebt haben, können die Wahrheitspflicht der Presse zu unterstreichen
uns wohl Gefühle der Bitterkeit gegen einen
Mann wie Hedler befallen und der Wunsch, (Sehr gut! in der Mitte)
daß er hart bestraft werden möge, und doch sowie auch zu sichern, daß 'der verantwortliche
glaube ich, daß man nicht mit diesem System Redakteur kein Strohmann sein darf, auch nicht
-
des Bestrafens von politischen Gesinnungen in der Person eines politisch immunen Abge-
fortfahren sollte. Überzeugen, aufklären, bes- ordneten.
sermachen, das scheint mir der einzig rich- (Erneute Zurufe in der Mitte: Sehr gut!)
tige Weg zu sein."
Das sind so einige von den Dingen, die in Be-
Meine Damen und Herren, ich würde glücklich arbeitung begriffen sind und die ich in Anknüp-
sein, wenn wir in Deutschland in unserem gan- fung an die Ausführungen von Herrn Dr. Ger-
zen politischen Leben so reif wären, daß wir mit stenmaier hier nennen wollte, um deutlich zu
Überzeugen und Aufklären die Dinge zu steuern machen, daß wir gegen diese Problematik auf
vermöchten. breiter Front angehen müssen, wenn wir wirk-
(Sehr richtig! in der Mitte.) lich zu einem positiven Ergebnis kommen wol-
Ich habe leider die Überzeugung daß das nicht len. Diese Arbeit ist im Gange und wird mit
geht und daß wir deshalb gehalten sind, den aller Intensität betrieben.
Strafrichtern die nötigen gesetzlichen Bestim- (Beifall in der Mitte.)
mungen durch Ausgestaltung des Strafgesetzbu-
ches an die Hand zu geben, mindestens auf Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der
einige, absehbare Zeit. In der Novelle zum Herr Abgeordnete von Thadden.
1340 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
von Thadden (DRP): Meine Damen und Her- doch in sehr wesentlichen Punkten nicht mit dem
ren! Ich bin sehr glücklich, daß ich direkt nach Antrag der FDP, sondern mit dem unsrigen
dem Herrn Bundesinnenminister sprechen kann, decken.
der hier einige Punkte berührt hat, die wir ge- (Lachen in der Mitte und links.)
rade zum Gegenstand eines Antrages gemacht
haben, für den ich mich im Augenblick bemühe, Herr Dr. Gerstenmaier schlug vor: Wir brauchen
eine weitgehende und fortgeführte Amnestie.
die erforderlichen Unterschriften zusammenzube-
kommen. Dieser Antrag soll die augenblicklichen Das verlangen wir, indem wir sagen: die Eintei-
Intentionen der Regierung noch einmal unter- lung des Volkes in Kategorien, also in Menschen
streichen. Dies vorweg. verschiedener Rangklassen, wird aufgehoben.
Das Ende der Entnazifizierung, Entnazisierung (Abg. Euler: Das haben wir schon bean
oder Säuberung oder Entbräunung mit Hilfe von tragt gehabt!)
„Persil-Scheinen" oder Geld scheint uns eine Die mit dieser Kategorisierung verbundenen
Sache, die sowohl schnell als auch gründlich her- Rechtsnachteile sollen wegfallen. Das ist genau
beigeführt werden sollte. Die Entnazifizierung dasselbe, was Herr Dr. Gerstenmaier in ande-
wurde von den Besatzungsmächten eingeführt ren Worten verlangt hat. Welch' schöne Arbeits-
im Widerspruch zu allem geltenden Recht. Die unterlage ist also unser Antrag!
Besatzungsmächte waren klug genug, bereits Weiter wurde gesagt, man solle an denjenigen
1947 zu merken, daß die Sache einigermaßen ver- nicht vorbeigehen, die sich strafbar gemacht ha-
fahren war — schon unter ihrer Zuständig- ben. Auch das ist unsere Auffassung, daß die-
keit —, um die Sache dann schnellstens in deut- jenigen, die nach den Bestimmungen des Straf-
sche Hände zu legen. Dadurch und danach ist gesetzbuches und nicht eines imaginären Sonder-
die Bürokratisierung, ist die „Verfahrung" die- rechts faßbar sind, gegen sich selbst, wenn sie
ser ganzen Angelegenheit ins Ungeheuerliche ge- mit den gegen sie verhängten Maßnahmen nicht
wachsen. Wir sind inzwischen auf Dinge gekom einverstanden sind, ein Verfahren vor einem or-
men, deren Traurigkeit noch gar nicht in vollem dentlichen Gericht anstrengen können. Unser
Umfang zu überblicken ist; ich weise nur auf Antrag, den wir, wie mein Kollege Richter schon
die jüngsten Fälle in Süddeutschland hin sagte, dem zuständigen Ausschuß als Arbeits-
(Abg. Hilbert: Süddeutschland ist groß! unterlage empfehlen, wird meines Erachtens den
Wo denn?) Antrag der FDP an materiellem Inhalt übertref-
— in Stuttgart —, deren sich in positiver Form fen, zumal vieles in diesem Antrag der FDP ent-
ganz besonders der „Neue Vorwärts" mit einer halten ist, mit dem wir nicht übereinstimmen
sehr schönen Kritik angenommen hat. können. Wir müssen endlich dazu kommen, die
unproduktive Papierwühlerei, die in Hunderten
Früher sagte man — es wurde schon von einem von Ausschüssen auch heute noch betrieben wird
Vorredner gesagt — nulla poena sine lege, keine und für unendlich viele Leute ein Pöstchen, eine
Strafe ohne Gesetz. Dieses neue Recht, das man Pfründe bedeutet, abzuschließen.
unter der Fahne des Rechts proklamierte, bedeutet
etwas ganz anderes, wenn wir es noch weiter so Der § 1 der Vorlage der FDP bedingt eine
unnötige Aufrechterhaltung eines Apparates, der
fortführen, wie es bisher geschehen ist. Es ist
nichts anderes als die Legalisierung von irgend- mit einem Federstrich zu Nutz und Frommen der
welchen Racheakten, Pfründensicherung und Gesamtheit beseitigt werden sollte.
Brotlosmachung von vielen Familienernährern Was den § 2, den Anspruch auf Ersatz von
und damit — ich möchte beinahe sagen — von Schäden anlangt, so ist im Zuge der sogenann-
Sippenhaft. Nachdem in Indien der Kastengeist ten Entnazifizierung vor allen Dingen in den
abgeschafft ist oder abgeschafft wird, ist er hier ersten zwei Jahren unendlich viel geschehen, was
in Deutschland leider noch in voller Blüte. man nach den Bestimmungen des Strafgesetz-
buches mit Diebstahl bezeichnen würde und be-
(Lachen links.)
zeichnet. Diese Diebstähle, die unter dieser Fahne
Wenn wir einen Gesetzentwurf einbringen wür- der Entnazifizierung vorgekommen sind,
den, wonach die Straffreiheit demjenigen zuge-
sichert wird, der einen Entnazifizierungsgerichts- (Zuruf rechts: Werden noch fortgesetzt!)
hof bestochen hat, würden wir, glaube ich, zu müssen gesühnt werden können. Wenn wir das
ungeheuerlichen Ergebnissen kommen, die uns nicht tun, dann schaffen wir ein Sonderrecht.
zeigen, was in dieser Beziehung alles geschehen
ist. Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
(Sehr richtig! rechts. — Zuruf links: Sie Ihre Redezeit ist abgelaufen.
müssen ja Ihre Erfahrungen haben!) -
von Thadden (DRP): Ferner bedingt auch der
Damit wollte ich nur sagen: wenn die Presse voll § 3 weitere Sonderrechte, die wir auf keinen Fa ll
von Bestechungsaktionen gegenüber den Ent- dulenkö.
nazifizierungshöfen ist, so sehe ich in diesem Fall Wenn wir uns alle — der Beifall deutete ja
den Tatbestand der Bestechung nicht so sehr wie darauf hin — mit dem Kollegen Gerstenmaier
den Tatbestand des Selbsterhaltungstriebes und dahingehend einig sind, keine Rache üben zu
der Angst, die wirtschaftliche Existenz durch ein wollen, bleibt für das Haus nur der eine Ausweg,
inkompetentes Gremium abgesprochen zu be- dem Ausschuß uns er en Antrag zur Bearbei-
kommen. tung zu überweisen.
(Zuruf von der KPD: Sind das mutige (Beifall rechts.)
Nazi gewesen! — Zuruf rechts: Vielleicht
gehen die dann einmal wenigstens zu
Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der
nützlicher Arbeit über, die Brüder!)
Herr Abgeordnete Dr. Etzel.
Ich habe voller Freude feststellen können, daß
sich die Auffassungen der CDU, die hier von Dr. Etzel (BP): Meine Damen und Herren! Die
Herrn Dr. Gerstenmaier vorgetragen wurden, Entnazifizierung war, soweit sie sich nicht mit
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1341
(Dr. Etzel)
kriminellen Tatbeständen befaßte, ein Akt der Das Gericht fügte weiter hinzu, daß der ge-
politischen Vergeltung. Sie war die Bestrafung meine Mann in Deutschland nicht vertrauens-
desjenigen, der mit seiner politischen Überzeu- seliger gewesen sei als die Staatsmänner des
gung nicht recht behielt. Sie war eine Äußerung Auslandes, die mit Hitler Abkommen geschlossen
des Vergeltungsbedürfnisses, aber keine Angele- hätten.
genheit der Rechtsprechung und der Moral. (Abg. Rische: Das waren aber nicht die
(Sehr richtig! rechts.) Kleinen!)
Die politischen und psychologischen Ergebnisse In diesem Hause fand am 29. September des
dieses unerfreulichen Kapitels neuer deutscher vergangenen Jahres auf Veranlassung einer in-
Geschichte sind so fürchterlich, daß sich auch die terfraktionellen Gruppe von Mitgliedern des
Initiatoren und Vollstrecker der Entnazifizierung Bundestags ein Vortrag statt. Der Vortragende
mit Grausen von der Drachensaat abwenden. war der bekannte amerikanische Schriftsteller O.
Tatsächlich war sie ein Fehlschlag, der auch von K. Armstrong, und es war okay, was er damals
ihren Urhebern außerhalb Deutschlands zugege- gesagt hat.
ben wird. Der Mann, mit dessen Namen die (Abg. Dr. Schmid: Es war auch Reklame!)
Entnazifizierung unlösbar in der Geschichte ver- Er führte nämlich folgendes aus:
bunden sein wird, General Clay, hat, als er in Ich legte einem höheren Beamten meiner
einem Privatflugzeug am 15. Mai 1949 von Frank- Regierung letzte Woche folgende Frage vor:
furt nach Berlin flog, um Deutschland zu verlas- auf welcher gesetzlicher Vorstellung ist aie
sen, einem Vertreter der amerikanischen Militär- Entnazifizierung begründet? Er antwortete:
zeitung „Stars and Stripes" wörtlich folgendes auf der Tatsache, daß wir den Krieg gewon-
gesagt: nen haben und dem besiegten Volk unseren
Die Deutschen, denen jetzt Gelegenheit ge- Willen aufzwingen können.
boten ist, zu beweisen, daß sie in der Lage Der Schriftsteller O. K. Armstrong sagte, die
sind, ihren Platz in der Völkerfamilie ein- Entnazifizierung stehe im Gegensatz zu allen
zunehmen, waren die Opfer jener Diktatur. Prinzipien der amerikanischen Gerichtsbarkeit.
Nur wenige von denen, die unter der Dik- Er schäme sich, daß einige seiner Landsleute
tatur jener Banditen gestanden sind, wußten, diesen von Amerika gehegten Gedanken der Frei-
was vor sich ging. Sie hatten tatsächlich heit und Demokratie verspotteten, und er be-
keine freie Presse, aus der sie sich hätten zweifle, daß irgend etwas anderes, was in Deutsch-
unterrichten können, , und keine freie Stimme land getan wurde, dem deutschen Volk einen
im Äther. Wer etwas über das Treiben der schlechteren Eindruck von der amerikanischen
Führer in Erfahrung zu bringen suchte, Demokratie geben konnte als diese Politik der
konnte sich prompt auf einen Genickschuß Massenbestrafung.
gefaßt machen.
Das wollte ich nur zum Beweis dafür anfüh-
In dem Prozeß gegen die IG-Farben — es war ren, wie sehr von den siegreichen Vätern der
der Fall 6, Krauch und Genossen — hat das Entnazifizierung diese selbst nun als Fehlschlag
amerikanische Militärtribunal in Nürnberg die in aufgegeben wird und in ihren Ausgangspunkten,
der Anklage erhobene Beschuldigung eines Ver- Grundlagen und Absichten als desavouiert ange-
brechens gegen die Menschlichkeit und gegen den sehen werden muß.
Frieden gemäß Kontrollratsgesetz 10 mit folgen-
der wörtlicher Begründung verneint: Ich stelle ausdrücklich fest, daß die Bayern-
partei nichts mit der nationalsozialistischen Dok-
Wir können von einem gewöhnlichen Bür- trin, die sie auf das entschiedenste ablehnt und
ger nicht erwarten, daß er sich in eine bekämpft, zu tun hat,
Zwangslage versetzen läßt, in der er mitten (Beifall bei der BP)
in der aufregenden Kriegsatmosphäre ent-
scheiden muß, ob seine Regierung recht oder daß sie aber aus Gründen des Rechts, der Moral
unrecht hat, oder, wenn sie anfangs im Recht und der politischen Klugheit dringend wünscht,
gewesen ist, den Augenblick bestimmen einen Abschnitt der Geschichte der Deutschen
muß, von dem an sie sich ins Unrecht ge- beendet zu sehen, der in seinen Auswirkungen
setzt hat. Wir können nicht verlangen, daß die verheerendsten Folgen gehabt hat. Meine
dieser Bürger wegen der Möglichkeit, nach Fraktion hat am 19 Oktober vorigen Jahres un-
den Bestimmungen des Völkerrechts als Ver- gefähr gleichzeitig mit Fraktionen anderer Par-
brecher zu gelten, sich zu der Überzeugung teien einen Antrag gestellt, in dem sie eine in
bekennt, daß sein Land zum Angreifer ge- den Grundlagen übereinstimmende Gesetzgebung
worden sei und daß er seinen Patriotismus, der Länder zum Abschluß der Entnazifizierung
seine Treue zu seinem Heimatland und die forderte. Sie suchte diesen Weg, weil die klare
Verteidigung seines eigenen Herdes aufgibt, Vorschrift des Artikels 139 .des Grundgesetzes und
weil er Gefahr läuft, eines Verbrechens ge- des § 2 Ziffer 3 des Wahlgesetzes eine Zustän-
gen den Frieden beschuldigt zu werden, wäh- digkeit des Bundes ausschließt. Im Verfolg die-
rend er doch andererseits zum Verräter an ser Anregung haben sich dann am 5. und 6. No-
seinem eigenen Lande werden würde, wenn vember 1949 die Justizminister der elf Länder
er auf Grund von Tatsachen, von denen er in Rothenburg ob der Tauber getroffen und dort
nur ungenaue Kenntnis hat, eine falsche Ent- gemeinsame Richtlinien für den Abschluß der
scheidung trifft. Würde man eine solche Ent- Entnazifizierung aufgestellt. Später wurde dann
scheidung von ihm verlangen, so würde man noch in Düsseldorf in einer Abschlußkonferenz
ihm eine Aufgabe zumuten, der sich die für die Länder der amerikanischen Zone ein ge-
Staatsmänner der Welt und die Völkerrechts- meinsamer Kanon für diese Regelung geschaffen.
wissenschaftler nicht gewachsen gezeigt ha- Ein Teil der Länder hat diesen Richtlinien ent-
ben, als sie versuchten, eine klar umrissene sprechend gehandelt. Wir haben soeben ver-
Definition- des Begriffes „Angriff" zu linden. nommen, daß fünf Länder bereits eine abschlie-
1342 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Etzel)
ßende Gesetzgebung erlassen haben. Andere ste- (Abg. Strauß: Vom Bund her ändern wir
hen damit noch im Rückstand. Ein Land es! - Zuruf von der SPD: Also Bundes
— Nordrhein-Westfalen - hat zu erkennen ge exekutive!)
geben, daß es nicht beabsichtigt, neben seinen Wir sehen in der endgültigen, raschen und sach-
Verordnungen des vergangenen und vorvergange- lich zutreffenden Regelung dieses Problems einen
nen Jahres noch eine abschließende Gesetzgebung wirksameren Schutz der Verfassung, als ihn
ins Auge zu fassen. irgendwelche verfassungspolizeilichen Vorschrif-
Wir sehen also einen durchaus buntscheckigen ten oder Einrichtungen bewirken können.
Zustand, der sachlich, vom Standpunkt der Ge- (Beifall bei der BP und bei der DP.)
rechtigkeit aus, aber auch von dem der Politik
durchaus unbefriedigend ist. Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
(Zustimmung bei der BP.) Ihre Redezeit ist nun zu Ende.
Die Beseitigung der Entzweiung und der Ver-
bitterung unseres Volkes, die durch die Entnazi- Dr. Etzel (BP): Den Bürgern eines Landes das
fizierung hervorgebracht worden ist, liegt uns so Bewußtsein zu geben, daß in diesem Heiligen
sehr am Herzen, daß wir Föderalisten sans phrase Jahr 1950 der Befriedung und Versöhnung, dem
unter Umständen sogar geneigt sein könnten, die Frieden, der Gerechtigkeit und der allgemeinen
Zuständigkeit des Bundes zu bejahen, Sittlichkeit der Völker eine freie Bahn gebrochen
(lebhafter Beifall und Heiterkeit) wird, ich sage: das in diesem Heiligen Jahr . zu
beweisen, ziemt uns allen, ob wir an diesem Hei-
nur um eine rasche und befriedigende gemein- ligen Jahr teilnehmen oder nicht!
same Ausscheidung dieses politischen Tumors am
deutschen Volkskörper erreichen zu können. Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
(Abg. Dr. Schmid: Manche profitieren ganz Ihre Redezeit ist abgelaufen,.
gut davon!) Dr. Etzel (BP): Wir könnten an und für sich
Leider lassen die ganz klaren Vorschriften eine geneigt
, - - sein
solche Regelung nicht zu. Wir sind aber der
Meinung, daß der Bund, dessen Initiative wir Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter,
auch in der Ziffer 2 unseres Antrags vom. 19. Ok- ich habe Sie wiederholt darauf aufmerksam ge-
tober 1949 angerufen hatten, hier einen Schritt macht, daß Ihre Redezeit abgelaufen ist. Ich
unternehmen kann und soll. Der Herr Bundes- muß Sie bitten, nun zum Schluß zu kommen!
innenminister ist die federführende Stelle für (Abg. Strauß: Man könnte beantragen, die
diese Angelegenheit. An ihn richte ich die drin- Redezeit für den Grabgesang seines Föde
gende Bitte, ja Aufforderung, sich nun mit aller ralismus zu verlängern! - Heiterkeit.)
Kraft, Initiative, Entschlossenheit und Beschleu-
nigung mit den Ländern des Bundes in Verbin Dr. Etzel (BP): Wir könnten geneigt sein, die
dung zu setzen, um diejenigen Länder, welche Anträge, die zu diesem ganzen Komplex vorlie-
bereits eine Entnazifizierungsabschlußgesetz- gen und von denen ein Teil bereits im Rechts-
gebung erlassen haben, und diejenigen, die das ausschuß behandelt wird, dem Rechtsausschuß zu
noch nicht vollbringen konnten, sowie drittens überweisen. Wir erwarten uns aber von einer
das Land, das eine Abschlußgesetzgebung nicht solchen Behandlungsart nichts, wohl aber alles
ins Auge fassen will, zur gemeinsamen endgülti- von einer wirklich energischen Initiative des
gen Bereinigung zu bringen. Dabei darf man Herrn Bundesinnenministers.
auch nicht davor zurückschrecken, eine - ich (Beifall bei der BP und bei der DP.)
sage ruhig - unüberlegte Gesetzgebung in den
Ländern unter Umständen zu revidieren. Vizepräsident Dr. Schäfer: Das Wort hat der
(Zuruf von der BP: Sehr nötig!) Herr Abgeordnete Loritz.
Der Wahrheit die Ehre zu geben, einen hohen Loritz (WAV): Meine sehr verehrten Damen
politischen Sinn und Instinkt zu beweisen und und Herren! Wie sich doch die Zeiten so rasch
die Grundsätze des Rechts voranzustellen, ist wandeln!
keine Schande und kann nicht hindern, einen ge- (Heiterkeit.)
machten Fehler zu bekennen und zu korrigieren. Heute haben wir eine wunderbare Rede vom
Es müßte erreicht werden können, daß der Herr Herrn Kollegen Gerstenmaier gehört. Der Herr
Bundesinnenminister, daß das Kabinett die Län- Innenminister hat ihm bestätigt: eine exzellente
der zu einer nochmaligen wirklich endgültig Rede! Wenn doch der Kollege Gerstenmaier und
abschließenden Gesetzgebung veranlaßt, die in seine politischen Freunde diese Ausführungen
Wahrheit das Recht wiederherstellt. Ich zögere-
zugunsten der kleinen Mitläufer und der kleinen
nicht zu erklären, daß beispielsweise der Gesetz- Verführten schon im Jahre 1945 oder 1946 oder
entwurf, den das bayerische Kabinett dem Land- 1947 gemacht hätten!
tag zugeleitet hat, vom Standpunkt des Rechts (Unruhe in der Mitte.)
und der politischen Klugheit aus in keiner Weise
befriedigen kann. Seine politischen Freunde hatten in den Länder-
parlamenten genügend Gelegenheit dazu!
(Sehr richtig! bei der WAV und bei
der SPD.) (Widerspruch in der Mitte.)
Die CDU war ja von Anfang an mit führend
Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter, beteiligt; nicht bloß in Bayern, sondern genau
Ihre Redezeit ist abgelaufen. so in dem Lande, in dem der Herr Kollege Gersten-
maier gewählt wurde, in Württemberg-Baden, in
Dr. Etzel (BP) : Ich muß sagen, daß wir gerade Hessen und überall. Damals aber haben wir lei-
ein solches Versagen eines Landes in einer so der von dieser Gesinnung nichts gehört!
fundamentalen Existenzangelegenheit nicht ver- (Beifall rechts. — Abg. Strauß: Sie waren
stehen und nicht begreifen. ja Befreiungsminister!)
Deutscher Bundestag — 40 Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1343
(Loritz)
Damals haben wir von Ihrer Seite nur Hohn (Zuruf in der Mitte: So interessant sind Sie
und Spott gehört, von einigen Ausnahmen ab- doch gar nicht!)
gesehen. Es war von Anfang an eine Katastrophe, daß
(Abg. Strauß: Sie waren ja selbst Ent man die Entnazifizierung, die Bestrafung, auf
nazifizierungsminister!) Kreise erstreckte, die tatsächlich keine oder nur
Hohn und Spott nur haben wir gehört, als ich eine minime Schuld auf sieh geladen haben, daß
das Wort von den Hineingetriebenen und Hinein man aber gegen die wirklich Hauptschuldigen an
gepreßten und von den verführten jugendlichen der Katastrophe von Anfang an mit Glacéhand-
Idealisten prägte. Hohn und Spott haben Sie schuhen vorging, weil die wirklich Schuldigen
damals gegen mich in Kübeln ausgegossen. sehr gute Beziehungen - in erster Linie von
(Abg. Strauß: Als Sie die Nazis verfolgt früher her - aus politischen Gründen zu Ihnen,
haben!) meine sehr verehrten Herren, hatten: der Herr
von Papen, wie Sie wissen, und die Ja-Sager
Denunziert wurde ich in der übelsten Art und zum Ermächtigungsgesetz. Sie wissen doch, wel-
Weise, und in den Zeitungen kamen seitenlange cher politischen Richtung die Herren angehörten
Berichte gegen das, was Sie, meine Herren von und heute teilweise noch angehören.
der Rechten, heute selbst als vernünftig aner-
kennen müssen. (Zuruf in der Mitte: Das ist eine billige
(Widerspruch in der Mitte. — Glocke des Suppe!)
Präsidenten.) Das war das Unglück, daß Sie Sündenböcke ge-
braucht haben, und diese Sündenböcke für das
— Herr Abgeordneter Strauß, ich war Entnazi- Versagen dieser prominenten Politiker von da-
fizierungsminister!
mals hat man leider in Form von Millionen klei
(Heiterkeit.)
nen Leuten gefunden, die nichts anderes gemacht
Ja, gerade ich habe mich dafür eingesetzt, für haben, als daß sie sich in irgendeine Gliederung
die kleinen Hineingetriebenen und Hineinge- haben aufnehmen lassen, um ihre Ruhe zu ha-
preßten, ben, um nicht ihre Existenz zu verlieren oder
(Abg. Strauß: Ist nicht wahr! Sie haben noch schlimmere Dinge zu riskieren. Das war von
die Nazis beleidigt und beschimpft!) Anfang an der Fehler und die Fehlkonstruktion im
und bin gerade deswegen gestürzt worden, weil ganzen Entnazifizierungsprogramm, und alle Ihre
diese meine Politik Ihnen nicht gepaßt hat! Anträge heute dienen nur dazu, diese Schuld zu
(Abg. Strauß: Wegen Unfähigkeit!) verwischen.
— Nein, deswegen, Herr Strauß; und da können (Abg. Dr. Gerstenmaier: Reden Sie keinen
Sie dazwischenschreien, was Sie wollen, Sie än- solchen Unsinn, Herr!)
dern die Tatsachen nicht mehr! Es ist bekannt, - Ich verbitte mir den Ausdruck Unsinn.
wer in Deutschland das Wort von den Hinein (Abg. Dr. Gerstenmaier: Sie sollen uns
getriebenen und Hineingepreßten gesprochen hat! keine Gemeinheiten unterstellen!)
Sie kommen erst heute, weil Sie den Zusam-
menbruch Ihrer ganzen Politik heute sehen, und Vizepräsident Dr. Schäfer: Herr Abgeordneter
heute wollen Sie unser Volk glauben machen, Dr. Gerstenmaier, der Ausdruck „Gemeinheit"
Sie wären von Anfang an so gescheit gewesen entspricht nicht den parlamentarischen Gepflo-
und hätten begriffen, welches Unglück das Ent- genheiten.
nazifizierungsgesetz über unser Volk gebracht (Abg. Dr. Gerstenmaier: Herr Präsident,
hat. er trifft zu: es ist die Unterstellung eines
(Zuruf in der Mitte: Sie haben das Gesetz bösen Willens durch den Redner!)
verschärft!) - Herr Abgeordneter Dr. Gerstenmaier, ich muß
Allerdings in einem — ja, da war ich anderer Sie zur Ordnung rufen. Der Ausdruck ist in der
Auffassung als Sie, Herr Kollege Strauß, und Diskussion nicht anwendbar!
als Ihre Parteifreunde, nämlich bezüglich der (Abg. Dr. Gerstenmaier: Das nehme ich
wirklich Schuldigen am Heraufkommen der Ka- nicht an!)
tastrophe. Da habe ich scharf zugegriffen, und
ich weiß, unter welchem Druck ich stand und wie Loritz (WAV): Meine sehr verehrten Damen
Sie gegen mich hetzten, als ich mich dafür ein- und Herren, uns liegt der Antrag der FDP be
setzte, daß die Ja- Sager zum Ermächtigungs- treffend den Abschluß der Entnazifizierung vor.
gesetz bestraft würden, Der Satz in § 2 dieses Antrags, der sich mit den
(Hört! Hört! bei der KPD) - kleinen Leuten befaßt, entspricht nur dem, was
die hunderttausendmal mehr Schuld auf sich ge- wir alle schon seit Langem wünschen und wollen.
laden haben — jeder einzelne — am Heraufkom- Mit dieser Benachteiligung soll, weiß Gott,
men der Hitlerkatastrophe, als die ganzen Mit- Schluß gemacht werden. Leider sind noch Hun-
läufer zusammengerechnet nicht auf sich ge- derttausende da, die draußen auf der Straße
laden haben. Wie war es denn damals bei den sitzen, die ihren kleinen Posten als Sekretär oder
Sitzungen im Länderrat und überall, in Stutt- sonst etwas verloren haben, während die Ja-
gart? Wie wurde ich unter Druck gesetzt, ich Sager zum Ermächtigungsgesetz an die obersten
solle zustimmen, daß die Ja-Sager zum Ermäch Stellen gekommen sind.
tigungsgesetz nicht unter das Entnazifizierungs- (Zuruf links: Die sitzen doch hier!)
gesetz fallen! Ich habe mich geweigert, obwohl
Sie prominenteste Hilfstruppen dabei gegen mich Meine Damen und Herren, was dagegen § 1
mobilisierten! des FDP-Antrages betrifft, so können wir dem
unter keinen Umständen zustimmen; denn das
(Hört! Hört! bei der KPD.) darf es nicht geben. Was darin steht, ist unhalt-
Das möchte ich Ihnen als kleinen Beitrag zur ge- bar! Stellen Sie sich bitte folgenden Fall vor,
schichtlichen Wahrheit noch ins Gedächtnis zurück- der öfters vorkommt: Ein Gauleiter oder ein
rufen. Reichsleiter oder ein Gestapochef wird irgendwo
1344 Deutscher Bundestag – 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Loritz)
im Lande entdeckt. Soll der Mann jetzt leer aus- wird. Sie hätten in den Länderparlamenten
gehen? Soll der Mann nicht bestraft werden? schon im Jahre 1946 Gelegenheit dazu gehabt.
Solche Leute verdienen keine Schonung für all (Abg. Dr. Freiherr von Rechenberg: Wo
das, was sie gemacht haben. Ich erwarte jetzt war denn die FDP in den Länderparla
einen Zuruf, der lautet menten?)
(Zuruf rechts) - In Württemberg-Baden war sie schon seit 1946
— ja, ich komme gleich darauf! —, der heißt: in der Regierung. Der dortige Staatspräsi
§ 4: Strafrechtlich sollen die Leute zur Verant- dent — —
(A) Renner (KPD): Der Widerstand, den die Frau heben. — Gegenprobe. — Der Antrag ist an-
Kalinke in der prägnanten Form, die ihr eigen genommen.
ist, zum Ausdruck gebracht hat, ist ja ein grund- (Abg. Renner: Aber kosten darf die Sache
sätzlicher Widerstand beim Besitzbürgertum nichts, Herr Präsident! Das nennt man
gegen die Sozialversicherung. Darüber müssen Schaumschlägerei! — Heiterkeit.)
wir uns klar werden.
Ich rufe auf Punkt 5 der Tagesordnung:
(Heiterkeit in der Mitte und rechts.)
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Eine derartige Altersversorgung als überflüssig Strauß; Dr. Horlacher, Graf von Spreti
hinzustellen, das kann nur die Meinung eines und Genossen betreffend Auslandswerbung
saturierten Bürgers sein. Die Sache ist so: man für den Fremdenverkehr in Deutschland
spricht hier von den Ärzten. Wir haben vor (Drucksache Nr. 490).
wenigen Tagen noch in einem Spezialausschuß
uns über die Notlage der Ärzte unterhalten kön- Auch hier hat der Ältestenrat den Vorschlag
nen. Dort war man ganz anderer Auffassung. zu machen, die Debatte auf 20 Minuten zu be-
Ich steile fest, daß eine Wiederherstellung der schränken. Erhebt sich Widerspruch? — Das ist
Altersversorgungsleistungen der Ärzte bisher nicht der Fall. Das Hohe Haus hat die. Gesamt-
nur in einer ehemaligen Provinz Preußens und redezeit auf 20 Minuten beschränkt.
in einem Land fertiggebracht worden ist. Wer Wer wird den Antrag begründen? — Zur Be-
redet denn davon, daß durch dieses Gesetz eine gründung hat das Wort der Herr Abgeordnete
Belastung der Sozialversicherungsträger eintreten Strauß. 5 Minuten, Herr Abgeordneter!
soll? Ist das nicht tatsächlich so zu machen, wie
ich es gesagt habe, daß man einmal der Frage der Strauß (CSU), Antragsteller: Herr Präsident!
Aufwertung der verlorengegangenen Kapitalien Meine Damen und Herren! Der Antrag Druck-
nahetritt, statt sie so in Bausch und Bogen ab- sache Nr. 490 befaßt sich mit der Auslands-
zulehnen angesichts der ungeheueren Notlage werbung für den Fremdenverkehr in Deutsch-
zum Beispiel der Künstler. der Journalisten, die land. Der Fremdenverkehr ist eine Existenzquelle
nach einer gesetzlichen Regelung ihres Anspruchs hauptsächlicher Art für eine ganze Reihe von
verlangen? So liegen doch die Dinge! deutschen Gebieten, insbesondere für Bayern,
Baden, Württemberg. Rheinland und die Nord-
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter seegebiete. Der Fremdenverkehr darf nicht allein
Renner. Sie haben Ihren einen Satz mit mehre- vom Standpunkt des Hotel- und Gaststättenge-
ren Faktoren multipliziert! werbes her gesehen werden. Der Fremdenverkehr
ist eine Art Schlüsselgewerbe. an das eine ganze
Renner (KPD): Entschuldigen Sie! Noch einen Serie, eine Vielzahl von weiteren Berufen mit
Satz. — Die Frage nach dem Risiko kann doch ihren Existenzmöglichkeiten angehängt ist. Doch
nur einer stellen, in dessen Vorstellung über die Aussprache über den Fremdenverkehr. seine
auptnichsderlLöungach
privat- Problematik. seine Aufgaben, seinen Wiederauf
kapitalistischen Versicherungsprinzipien denk- bau und seine Förderung wird wohl ein ander-
bar ist. mal in einem anderen Zusammenhange statt-
(Glocke des Präsidenten.) finden müssen. Hier handelt es sich um ein be-
Ich halte unseren Antrag aufrecht. Wir sind der sonderes Spezialgebiet: die Werbung für den
Auffassung, daß die Notlage so groß ist. daß Fremdenverkehr von Ausländern in Deutschland,
der Bund gehalten sein soll, mit einem Gesetz ein Spezialgebiet, das gerade heuer, in diesem
diese Notlage zu parieren. Jahr, behandelt werden muß und als vordring-
lich anzusehen ist. Der Fremdenverkehr hat bei
uns mehr als in jedem anderen Lande durch
Vizepräsident Dr. Schmid: Es liegen zwei An- Krieg und Kriegsfolgen einen Zusammenbruch
träge vor: der Antrag des Ausschusses und der erlitten, von dem er sich bis heute nur in kleinen
vom Abgeordneten Renner eingereichte Ab- Zügen erholt hat. Die anderen Fremdenverkehrs-
änderungsantrag dazu. Ich verlese ihn: länder Europas wie Österreich, Italien, die
Die Bundesregierung wird beauftragt, dem Schweiz, Frankreich haben längst in einem be-
Bundestag einen Gesetzentwurf über die reits weitergehenden Maße infolge der
Alters- und Hinterbliebenenversicherung der günstigeren Umstände, infolge ihrer günstigeren
freien Berufe baldigst vorzulegen. Lage. infolge der ihnen nicht auferlegten Be-
Ich lasse zunächst über diesen Abänderungs- schränkungen es vermocht, ihren Fremdenver-
--h kehr wieder in Gang zu bringen. Bei uns sind
antrag abstimmen. besondere Erschwernisse eingetreten; Kriegszer-
(Abg. Hilbert: § 48 a. Herr Präsident! — störungen, Besatzungsschäden. da eine Vielzahl
Abg. Renner: Soll denn Ihr Vorschlag von Betrieben, gerade in Bayern durch Be-
nichts kosten?) satzungsmächte und durch DPs usw. belegt wor-
— Herr Abgeordneter Hilbert, der § 48 a ist schon den ist — ebenso anderswo —, die Hemmnisse
im Ältestenrat schwer zu handhaben; er ist auf der Zwangswirtschaft, die Erschwerungen unseres
diesem Stuhle noch schwerer zu handhaben. Ich lahmgelegten und erst langsam in Gang kom-
nehme an, daß Sie mehr ein Selbstgespräch ge- menden Verkehrswesens, nicht zu vergessen die
führt haben, als Sie den Paragraphen zitierten. Paßschwierigkeiten und die fast unerträglichen
Einschränkungen und Hemmnisse, die heute dem
Ich lasse über den Antrag abstimmen. Wer für Ausländer, wenn er nach Deutschland kommt,
den Abänderungsantrag ist, den bitte ich, die ebenso auferlegt werden wie dem Deutschen
Hand zu erheben. — Die Gegenprobe. — Ab- wenn er ins Ausland gehen will.
gelehnt.
Allmählich sind diese Schranken wenigstens
Wer für den Antrag des Ausschusses Druck- zum Teil wieder abgebaut worden. Mit dem
sache Nr. 488 ist, den bitte ich, die Hand zu er Wegfall der Zwangswirtschaft ist ein Wesent-
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1367
(Dr. Strauß)
liches zum Wiederaufbau, zur Wiederingang- lar beträgt, dann wird man einen Betrag von
setzung des Fremdenverkehrs geleistet worden. 25 Millionen Dollar an Devisen durch den
Die Verkehrswege haben sich gebessert, neue Fremdenverkehr nicht so unwesentlich veran-
Autobuslinien sind geschaffen, die Bundesbahn schlagen.
verkehrt mit raschen Zügen in kurzer Folge. Die Immerhin müssen wir heute feststellen, daß
Betriebe sind verbessert worden, wenn auch wir mit unseren Einnahmen aus dem Fremden-
gerade auf diesem Gebiet noch viel getan wer- verkehr, im besonderen auch von Ausländern, in
den muß, insbesondere mit langfristigen Kre- Deutschland wesentlich unter den Vorkriegssätzen
diten zu einem nicht allzu hohen Zinsfuß, um liegen und wesentlich hinter die Leistungen des
unseren Fremdenverkehr wieder in Gang zu Auslandes zurückgeglitten sind. Wenn ich dazu
bringen, um das Hotel- und Gaststättengewerbe nur einige wenige Zahlen nennen darf, so hat
wieder konkurrenzfähig zu machen, nicht nur um Frankreich im Jahre 1948 aus dem Fremdenver-
ihm ein Geschenk zu machen, sondern im Inter- kehr eine Summe von 100 Millionen Dollar ein-
esse unserer ganzen Volkswirtschaft. genommen, das Vierfache von dem, was wir im
Dringend wünschenswert ist eine Paßregelung, Jahre 1949 eingenommen haben; 1948 war der
die es nicht nur den Deutschen leichter macht, ins Ausländerfremdenverkehr bei uns ja noch un-
Ausland zu kommen, sondern die es auch den wesentlich. Italien hat im Jahre 1948 80 Millionen
Ausländern leichter macht, wieder nach Deutsch- Dollar eingenommen, die Schweiz 98 Millionen
land zu kommen. Der Unfug der Fragebogen mit Dollar und Großbritannien 188 Millionen Dollar.
ihren drei Dutzend Fragen für Deutsche und für Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß bei
Ausländer, um heraus- oder hereinzukommen, uns im Laufe der letzten Jahre eines nicht
muß endlich einmal aufhören in einem Zeitpunkt, durchgeführt werden konnte, was durch diesen
da man von uns verlangt, daß wir uns als voll- Antrag jetzt wieder in Gang gesetzt werden
wertiges Glied in die Völkerfamilie Europas und soll, die Auslandswerbung. Durch diesen Antrag
der ganzen Welt einfügen sollen. Und gerade soll die Bundesregierung veranlaßt werden, sich
heuer, im Jahre der Passionsspiele, die in Ober- in besonderem Maße wiederum dieser Aufgabe
ammergau aufgeführt werden, heuer, wo im zuzuwenden, nämlich der Werbung für den
Zuge des Heiligen Jahres eine Reihe von Frem- Fremdenverkehr von Ausländern in Deutschland.
den auch von außereuropäischen Gebieten nach Früher wurde diese Werbung insbesondere durch
Europa und nach Deutschland kommt, gerade die Reichsbahnzentrale für den deutschen Reise
heuer ist die Notwendigkeit einer Auslands- dienst im Auslande betrieben. Diese hat früher
werbung für den Fremdenverkehr besonders eine Unterstützung von ungefähr 4 bis 5
dringend. Heuer ist auch die Gelegenheit beson- Millionen Reichsmark zur Durchführung der
ders gut, daß eine Reihe von Ausländern nach Werbung im Auslande aus Reichsmitteln er-
Deutschland kommt, daß ihnen der Aufenthalt halten. Erst in diesem Jahre, im Haushaltsjahre
angenehm gestaltet wird und daß sie dadurch 1919/50, ist wieder ein Betrag von 300 000 D-
wieder angezogen werden, in den folgenden Mark eingesetzt worden, und erst im Haushalts-
Q Tahren wiederzukommen. Heuer ist vielleicht in jahr 1950/51 wollen das Bundesministerium für
diesem Sinne sogar ein entscheidendes Jahr der Verkehr und das Bundesministerium für Wirt-
Werbung für unseren Fremdenverkehr. schaft dafür wieder einen Gesamtbetrag von
Wir dürfen aber neben der wirtschaftspoli- 1 750 000 D-Mark zur Verfügung stellen. Die
tischen Bedeutung des Fremdenverkehrs im In- sWerbung für den Fremdenverkehr von Au
lande nicht die Aufgabe übersehen, die er auch ländern in Deutschland benötigt selbstverständ-
im Zusammenhang mit der gesamten Wirtschafts- lich Mittel; aber die Höhe der aufgewendeten
politik, im besonderen der Verbesserung unserer Mittel kommt regelmäßig auch für die gesamte
an sich immer passiven Handelsbilanz hat. Der Wirtschaft durch eine erhöhte Einnahme, durch
Fremdenverkehr hat gerade in Deutschland wie eine günstigere Zahlungsbilanz, zum Ausdruck.
auch in anderen Ländern immer wesentlich dazu Uns interessieren in diesem Zusammenhange
beitragen müssen, durch eine bessere Zahlungs- nicht die Kompetenzstreitigkeiten oder die Kom-
bilanz die ungünstige Handelsbilanz auszu- petenzkonflikte zwischen Bundesverkehrsmi-
gleichen. Wenn man dazu einige Zahlen nennen nisterium und Bundeswirtschaftsministerium. Ich
will, so kann man folgende herausgreifen. Im schlage deshalb auch vor, diesen Antrag dem
Jahre 1936 hatten wir eine Gesamtausfuhr von Ausschuß für Verkehrswesen federführend und
4,7 Milliarden Reichsmark in Waren. Der Aus- dem Ausschuß für Wirtschaft zu überweisen.
länderfremdenverkehr hat demgegenüber bei uns Soweit Reisezwecke in Betracht kommen, ist das
130 Millionen Reichsmark, in Devisen gerechnet,
- Verkehrsministerium maßgebend; soweit aber der
ein gebracht, also 2,6 Prozent des Exports. Im Jahre Fremdenverkehr insgesamt in Betracht kommt,
1938 betrug unsere Ausfuhr 5 6 Milliarden Reichs- insbesondere in seiner wirtschaftlichen Be-
mark. Aus dem Fremdenverkehr von Ausländern deutung, ist wohl das Bundesministerium für
kamen 186 Millionen Reichsmark herein, also 3.3 Wirtschaft zuständig, das ja dafür auch eine Ver-
Prozent. Im Jahre 194q waren 240 000 Ausländer waltungsstelle errichtet hat.
mit insgesamt 550 000 Übernachtungen in Deutsch- Eines sollte allerdings mit dem Fremdenver-
lend, die insgesamt - das läßt sich nur kehr nicht geschehen. Mir ist eine Denkschrift
schätzungsweise ermitteln — eine Einnahme von des Bundesverkehrsministeriums in die Hand ge-
25 Millionen Dollar, also 100 Millionen D-Mark,
fallen, in der jemand die Definition des Fremden-
zu dem bereits abgewerteten Kurs gerechnet er- verkehrs als Versuch für eine Stilübung philo-
bracht haben. Immerhin ist das auch in der ge- sophisch-juristischer Art mißbraucht hat. Ich
samten Handelsbilanz und in der gesamten kann mir nicht versagen, das wiederzugeben,
Zahlungsbilanz des Jahres 1949 ein gar nicht so wenn der Herr Präsident es erlaubt. Dort
unwesentlicher Posten. Wenn man nämlich be-
denkt. daß der Erlös aus unserer Gesamtausfuhr heißt es:
aus Werkzeugmaschinen einschließlich Walzwerk Der Fremdenverkehr im allgemeinen, fußend
anlagen und Kraftmaschinen 27,7 Millionen Dol auf Bewegungsmotiven, ist begrifflich die
1368 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Strauß)
Überwindung des Raumes durch natürliche Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
Personen, Abgeordnete Jacobs.
(Heiterkeit)
die einen Ort aufsuchen, ohne dort einen Jacobs (SPD): Hohes Haus! Die diesem Antrag
ständigen Wohnsitz zu begründen. zugrundeliegende Absicht ist eine sehr löbliche,
und meine Fraktion ist mit einer entsprechenden
(Große Heiterkeit.) Förderung des Fremdenverkehrs durchaus ein-
Wenn es hier noch hieße: „die einen gewissen verstanden. Der Herr Kollege Strauß hat bei der
Ort aufsuchen, ohne dort einen ständigen Wohn- Erörterung des Antrags allerdings ausschließlich
sitz zu begründen", wäre der Fremdenverkehr die rein volkswirtschaftlichen Gesichtspunkte eine
in noch großzügigerem Maße definiert als hier. Rolle spielen lassen und dabei für uns den etwas
bitteren Geschmack auf der Zunge zurückgelas-
(Erneute große Heiterkeit.) sen, als wenn es weniger um die Fremden denn
Uns kommt es darauf an, daß die Methoden um das geht, was die Fremden in der Tasche
und die Maßnahmen, die bei der Werbung für tragen. Aber für uns Sozialdemokraten hat die
den Fremdenverkehr von Ausländern in Deutsch- Fremdenwerbung darüber hinaus noch eine Seite,
land angewendet werden müssen, in beiden Aus- die gerade in der heutigen Situation nicht ge-
schüssen ernsthaft diskutiert werden und daß nügend berücksichtigt werden kann, und zwar
sich die Verwaltung im Interesse der gesamten handelt es sich um eine rein politische und damit
deutschen Wirtschaft dieser Frage mit Nachdruck auch geistige Angelegenheit, nämlich um eine Art
annimmt. von Fremdenwerbung, die es zumindest den kom-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Renner: menden Generationen in Europa einmal gestattet,
1 zu 0 für Bayern! — Heiterkeit.) sich gegenseitig nicht nur aus der Perspektive
einer Maginotlinie oder eines Westwalls und nicht
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der immer nur in einem Rock, der mehr als vier
Herr Abgeordnete Eichner. Knöpfe hat, kennenzulernen. Weil dem so ist,
legen wir großen Wert darauf, daß mit der soge-
nannten Organi sierung des Fremdenverkehrs
Fichner (BP): Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Die Fraktion der Bayernpartei begrüßt — wenn dieses Wort schon einmal in diesem Zu-
diesen Antrag sehr und unterstützt ihn aufs sammenhang notwendig ist — Stellen und Per-
sonen beauftragt werden, die dieser selbstver-
wärmste. Die Fremdenwerbung bringt nicht bloß ständlichen Voraussetzung des Fremdenverkehrs
kostbare Devisen herein; sie ist auch geeignet,
die Brücke zum Ausland erneut zu schlagen. Nun auch Rechnung tragen. Wir befürchten, daß auf
muß aber ein Hemmschuh im Inland beiseite ge- dem Gebiet der Personalpolitik auch hier wieder
räumt werden. Wie Sie alle wissen, ist gerade von vornherein entscheidende Fehler gemacht
werden.
Bayern mit Flüchtlingen und DPs sehr über
setzt, so daß die Räume in den Fremdenverkehrs- Ich darf auf folgendes hinweisen, was mir Ver
gebieten zweckentfremdet wurden. Daher ist es anlassung war, zu diesem Punkt der Tagesord
wohl auch gekommen, daß im vorigen Jahr viele nung überhaupt Stellung zu nehmen. In Frank-
Fremde nicht aufgenommen werden konnten und furt erscheint eine sehr repräsentativ aufgemachte
den Ort wieder verlassen mußten. Zeitschrift in. zwölf Sprachen. Sie nennt sich
(Zuruf links.) „Deutsche Revue" und hat sich die Werbung für
den Fremdenverkehr zur Aufgabe gesetzt. Der
- Ich glaube, wir können hier feststellen - ich Chefredakteur scheint ein Herr Schwarzenstein
bin ja der Vertreter eines solchen Gebiets —, daß zu sein, der die Direktoren der einzelnen Ver-
nicht die groben Bayern, sondern die Verhält-
kehrsämter in Deutschland aufgefordert hat, für
nisse, wie ich sie eben geschildert habe, die Ur- dieses Heft Bilder repräsentativer Bauten und
sache waren. von Landschaften einzusenden. Ich habe zufällig
(Zurufe links.) Gelegenheit gehabt, eine solche Aufforderung an
In Starnberg ist während des Dritten Reichs ein den Verkehrsdirektor des Gebiets zu lesen, aus
Tbc-Krankenhaus errichtet worden. Man kann dem ich stamme. Der Direktor des Verkehrsamtes
es selbstverständlich verstehen, daß die Fremden in Trier hat entsprechend dieser Aufforderung
einen solchen Ort meiden. Wir müssen zum Bei- selbstverständlich auch ein Bild der Porta Nigra
spiel auch sehen — und ich bitte auch hier um eingesandt. Er hat auf seine Frage, warum dieses
die Unterstützung, daß den Übelständen nach Bild in der Zeitschrift nicht erschienen ist, fol-
Kräften abgeholfen wird —, daß nicht nur - die gende Antwort von diesem Mann bekommen, die
Fremdenverkehrsgebiete übersetzt, sondern auch kurz vorlesen zu dürfen ich die Erlaubnis des
oft unruhig sind, weil dort Lärm vorhanden ist. Herrn Präsidenten erbitten möchte. Es heißt dar-
Die Fremden suchen aber Ruhe und Erholung. Ich in:
hoffe, daß wir unsere Bitte, solchen Übelständen Wir haben selbstverständlich daran gedacht,
abzuhelfen, nicht umsonst getan haben. diesrpäntavTozubige,kmn
Mein Vorredner, der Herr Kollege Strauß, hat dann aber zu der Überregung, daß es wohl
schon darauf hingewiesen, daß heuer die Passions- besser wäre, in unserer Zeitschrift als Illu-
spiele in Oberammergau stattfinden. Es ist da- stration zu dem einleitenden Artikel nicht
her angebracht, daß bis zu diesem Zeitpunkt gerade ein Bauwerk zu wählen, das einer,
diese Gebiete so gut als möglich geräumt sind, wenn auch schon lange zurückliegenden Be-
weil sonst die Fremden das benachbarte Tirol und satzungszeit seine Entstehung verdankt.
Österreich aufsuchen und Bayern meiden. (Allgemeine Heiterkeit und Zurufe.)
(Zurufe von der KPD.) Ich bin der Auffassung, daß das nur das geistige
Ich komme zum Schluß und möchte nochmals Produkt eines Zwillingswesens sein kann; denn
betonen, daß wir den Antrag aufs wärmste unter- in einem Mann allein kann nicht soviel idiotischer
stützen. Nationalismus virulent sein, abgesehen davon,
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1369
(Jacobs)
daß anscheinend auch für einen Journalisten das — Über Bonn möchte ich jetzt nicht sprechen. Da
D Wort zu gelten hat: Geschichtskenntnis ist Glück- sind wir ja gastlich aufgenommen.
sache. Dieses Tor wurde nämlich von den Men- (Heiterkeit.)
schen, von denen es erbaut wurde, damals nicht Aber meine verehrten Kollegen: der Hotelier
als das Werk einer Besatzungsmacht angesehen, darf den Fremden, wenn er zu uns kommt, nicht
sondern galt als Schutzmaßnahme gegen die da- neppen. Der Hotelier wird mit den Preisen her-
mals — das ist allerdings eine sehr lange zurück- untergehen müssen. Er muß sich wieder daran
liegende Zeit - einfallenden ollen Germanen. gewöhnen, daß man auch mit dem Pfennig und
Es handelt sich also darum, daß dieses Werk ge- mit der Mark rechnet.
gen die Okkupanten dieses Gebiets errichtet
wurde. Ich will nun nicht sagen, daß uns als Be- Notwendig ist aber etwas anderes: daß der
Fremde, der zu uns kommt, auch gastliche Auf-
völkerung in der Zwischenzeit nicht Freud und nahme findet. Und darüber habe ich nun eine
Leid mit den damaligen Okkupanten getroffen
hat, vielleicht mehr Leid als Freud. Wir haben ernste Bemerkung zu machen. Den Häusern, die
uns mit dieser Entwicklung durchaus abzufinden requisitioniert waren — und es sind in erster
vermocht. Ich hielt es für notwendig, dies dem Linie die guten Hotels und die guten Häuser re-
Hohen Haus mitzuteilen, um zu zeigen, wie hier quisitioniert worden —. fehlt es zum Teil eben
tatsächlich die Gefahr vorhanden ist, daß an heute noch an den notwendigen Einrichtungen,
solchen Stellen wiederum Menschen in irgend- um dem fremden Gast das zu bieten, was er viel-
einer Form entscheidend mitwirken können. bei leicht zu Hause hat. Es wird notwendig sein, im
denen solche im Effekt gefährlichen Vorstellun- Rahmen der Arbeitsbeschaffung zur Unterbrin-
gen virulent sind. Wir sollten uns hüten, die gung von mehr Menschen im Fremdenverkehrs-
Frage des Fremdenverkehrs ausschließlich von gewerbe. also um die Arbeitslosigkeit zu einem
der volkswirtschaftlichen, von der kommerziellen kleinen Teil zu bekämpfen, gewisse Kredite auch
dem Fremdenverkehr zu geben, damit er wirklich
Seite her zu sehen, sondern sollten auch dem Ge- wieder aufbauen kann.
sichtspunkt Rechnung tragen. den ich zu Anfang
meiner Ausführungen erwähnte, nämlich den Das letzte, was ich noch zu sagen habe, ist
Fremdenverkehr auch im Hinblick auf die zu- — wir haben es hier schon einmal aus-
künftige Entwicklung der Beziehungen der Völ- gesprochen —: auch die restlichen Requisitionen
ker untereinander zu sehen. Und wir sollten bei müssen endlich fallen. Wir können im Auslande
der Auswahl der damit zu beauftragenden Per- nicht werben, wenn die beste n Hotelbetriebe noch
sonen mit aller Entschiedenheit darauf achten, beschlagnahmt sind. Wenn ich aus meiner Hei-
daß wir nicht auf solche Leute zurückgreifen mat nur Baden-Baden und Freiburg herausgreife,
müssen, die unter Umständen viel mehr Por- so ist zu sagen: Baden-Baden ist ein internatio-
zellan zerschla gen. als sie Gutes zu tun geeignet naler Kurort, der von Fremden, von den Ameri-
und in der Lage sind. kanern besucht wurde. Sie können heute dort nicht
(Beifall bei der SPD und in der Mitte.) hin, weil die großen Hotels zum großen Teil roch
beschlagnahmt sind. Wenn wir also Fremdenver
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der kehr treiben wollen, dann muß die Regierung
Herr Abgeordnete Stahl. mit den Herren Hohen Kommissaren darüber
verhandeln, daß auch die letzten Requisitionen
Stahl (FDP): Herr Präsident! Verehrte Ab- fallen.
geordnete! Damit nicht der Eindruck entsteht, als Nun noch ganz kurz ein anderes, weil der An-
ob der Fremdenverkehr nur in Bayern zu Hause trag von den Reisebüros spricht. Am 4. November
ist, habe ich mich zum Wort gemeldet, als die 1946 hat der Kontrollrat beschlossen, daß das alte
zwei Herren aus Bayern hier sprachen. gute deutsche Reisebüro MER, das Mitteleuro-
(Heiterkeit.) päische Reisebüro, seinen Namen ändern mußte
Ich darf nur wenige kurze Worte hinzusetzen, in „Deutsches Reisebüro". Auch da kommt wieder
und zwar ein kritisches Wort dahingehend, daß langsam die Zeit, in der man unseren Reisebüros
vielleicht im deutschen Fremdenverkehr auch ge- die alten Möglichkeiten der Werbung geben
wisse Institutionen des Fremdenverkehrs sich sollte.
etwas ändern müssen. Wenn man sich da oder Im übrigen glaube ich, daß ich nicht zuviel zu
dort, zum Beispiel in den Großstädten — ich sagen habe. Es ist richtig, daß der Antrag der CSU
möchte jetzt keine Namen nennen —, die Preise unterstützt wird. Auch meine Fraktion tut das
ansieht, so graust es einem, der vom Grenzgebiet und bittet das ganze Haus, dem Antrage zuzu-
kommt, ob er aus Bayern, aus Baden oder aus stimmen.
Württemberg ist, daß da der internationale- Gast
(Bravo! in der Mitte und bei der FDP.)
— vielleicht ein Mann einer alliierten Dienst-
stelle — für eine Übernachtung ohne Verpfle-
gung, ohne Frühstück viel mehr zahlen muß als Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
der Erholungsuchende in anderen Gebieten. Bei Herr Abgeordnete Dr. Brönner.
uns bekommt man in den Fremdenverkehrs-
gebieten dafür eine ganze Tagesverpflegung. Das Dr. Brönner (CDU): Herr Präsident! Meine Da-
macht im Ausland keinen guten Eindruck. men und Herren! Wir haben eine ganze Reihe
von Gründen gehört, derentwegen wir im Aus-
(Zuruf links: Wo ist das?) land für den Fremdenverkehr in Deutschland
— Wenn gefragt wird, wo das ist, dann entgegne werben sollen. Diesen Gründen stimmen wir zu.
ich: das ist in erster Linie Frankfurt, das sind Ich möchte in die Aussprache eine neue Idee hin-
die Großstädte hier im Rheinland. Da kostet eine eintragen. Wir wollen diese Menschen nicht bloß
Übernachtung — man soll sich darüber sehr unterhalten, nicht bloß für unsere schönen Ge-
wohl einmal etwas wundern — 12, 13, 14 und genden interessieren, sondern wir wollen sie in
15 D-Mark. Dafür ist bei uns, in den Reise- unseren Bädern auch möglichst gesund machen.
gebieten, die ganze Verpflegung enthalten. Unsere deutschen Bäder haben nicht nur die Auf-
(Zuruf links: In Bonn aber nicht!) gabe, die Deutschen, sondern auch das Ausland
1370 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Brönner)
darufhinzwes,ßb ochmerzu Dr. Bertram (Z): Meine Damen und Herren! Die
haben ist: das Wichtigste im Leben, die Gesund- sozialeMrktwchfsozialeSrt
heit! Daher möchte ich auch aus dem Grunde das bieten. Was heißt soziale Sicherheit anders als
Bad Mergentheim erwähnen. Bad Mergentheim Sicherheit des Arbeitsplatzes? Die Sicherheit des
erhält schon seit langen Jahren vom Ausland Arbeitsplatzes zu schaffen, ist das Ziel, das uns
Anfragen, so daß hier auch eine Devisenquelle wahrscheinlich alle eint. Wenn wir diesen Antrag
fließen könnte. Ich muß und darf wohl hier unter- eingebracht haben, so haben wir das in der Über-
streichen: nicht bloß die Unterhaltung, nicht bloß zeugung getan, daß alle ; die in diesem Hause ver-
das Vergnügen, sondern auch die Gesundheit ist sammelt sind, sich für dieses Ziel einsetzen wer-
für alle Menschen der ganzen Welt bedeutsam. den, daß aber nicht nur wir, die wir in diesem
Daher halte ich es für angebracht, daß diese Or- Hause sind, etwas dazu zu sagen haben, sondern
ganisation, die im Ausland wirbt: „Besucht das daß auch außerhalb des Hauses in Deutschland
deutsche Land", auch dahin wirkt, daß die Kran- eine Reihe von maßgebenden Persönlichkeiten
ken des Auslandes auch die deutschen Bäder be- vorhanden ist, die in der Vergangenheit und auch
suchen möchten und auf diese Weise sich selbst in der jetzigen Zeit auf diesem Gebiet gearbeitet
und der , gesamten deutschen Wirtschaftslage 'haben.
einen großen Dienst erweisen. Wenn man nun einwendet, der Vorschlag einer
Studienkommission verzögere möglicherweise die
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Lösung des ganzen Problems, so glaube ich nicht,
Herr Abgeordnete Mensing. daß dieser Einwand richtig ist. Die gegenwärtige
Arbeitslosigkeit ist ja nicht nur eine saisonale Ar-
Mensing (CDU): Herr Präsident! Meine Damen beitslosigkeit, die mit Mitteln bekämpft werden
und Herren! Ich werde mich nur kurz dazu könnte, die heute eingesetzt und morgen wirkeam
äußern. Ich möchte daran erinnern, daß wir im werden würden. Die Arbeitslosigkeit, unter der
Lande Niedersachsen den Kranz der niedersäch- wir alle leiden, hat sicherlich auch strukturelle
sischen Bäder haben. Bäder von Weltruf. Ihnen Gründe und Gründe, die in dem gesamten Wirt-
allen dürfte bekannt sein, daß berühmte Bäder schaftssystem liegen. Die strukturelle Arbeits-
wie Oeynhausen und Eilsen fast ganz von der Be- losigkeit und die systembedingte Arbeitslosigkeit
satzungsmacht beschlagnahmt sind. Ich halte es zu bekämpfen, ist eine Aufgabe, die sich nicht von
für unbedingt erforderlich, daß die Bundesregie- heute auf morgen erledigen läßt. Das ist eine Auf-
rung die Besatzungsmacht darauf aufmerksam gabe, über deren Bewältigung die Besten des
macht, daß es notwendig ist. diese Heilbäder der deutschen Volkes nachdenken sollten. Ich glaube
Allgemeinheit wieder zuzuführen. Es ist eine deshalb, daß wir mit einer solchen Studienkom-
Notwendigkeit, daß wir von der Tribüne dieses mission wohl etwas erreichen körnten. Vor allem
Hohen Hauses dieses zum Ausdruck bringen. glaube ich daß eine solche Studienkommission
,
Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr Ab- in Berlin selbst durchaus akzeptiert und auch
geordnete Dr. Seelos. nicht als einen Appell an die niederen Instinkte
bezeichnet. Ich verstehe also nicht, warum die-
Dr. Seelos (BP): Herr Präsident! Meine Damen selben Argumente, die irgendwoanders möglich
und Herren! Ich hatte ursprünglich gebeten, mir sind, hier in einer solchen gegnerischen Stim-
eine etwas längere Redezeit zu geben, da ich mung aufgenommen worden sind. Sie glauben
sämtliche Probleme hier einmal grundsätzlich er- immer, daß wir in Bayern bei Berliner Proble-
örtern wollte, um endlich ein für allemal den men stets nur aus alten Ressentiments handeln.
gegensätzlichen Auffassungen, die hier in so un- Ich kann Ihnen sagen: diese Ressentiments haben
schöner Weise zum Austrag kommen, ein Ende einmal in Bayern bestanden, sind aber nicht
zu machen, und ich war gewillt, durchaus posi- mehr da oder nur in sehr geringem Maße; denn
tiv zu allen Problemen Berlins zu sprechen. Ich inzwischen haben wir schließlich sehr viel er-
habe leider nicht die Redezeit bekommen, und lebt. Wir kennen in Bayern die harten zwei
ich möchte nun an die Großmut des Präsidenten Jahre der ersten Besatzungszeit. Wir kennen
appellieren, mir auch soviel mehr Zeit zu ge- das unerhörte Auftreten der DPs in der ersten
ben, wie dem Sprecher der SPD gegeben worden Nachkriegszeit. Wir kennen die Misere, die wir
ist. Ich wollte auch nicht mit irgendwelchen und die 2,3 Millionen Heimatvertriebene in
Geschäftsordnungspraktiken mir etwa 5 Minuten Bayern haben. Wir bekommen auch keine zen-
mehr ergeizen, wie es die KPD immer zu tun tralen Befehle mehr von Berlin, die vielleicht
pflegt; eine gewisse Aversion hervorrufen könnten; die
(Widerspruch bei der KPD) gab es dann gegenüber Frankfurt und jetzt ge-
denn die Störung der Arbeit des Bundestages genüber Bonn. Also auch hier scheidet Berlin aus.
mit diesen Geschäftsordnungspraktiken ist mir Sprecher der Bayernpartei haben wiederholt
von Herzen zuwider. unter dem Beifall des Hauses auf die Verdienste
(Zurufe von der KPD und von der WAV.) Berlins in diesem Kampf um Europa und diese
dankenswerte Aufgabe, Vorposten des Abend-
Übrigens kennt mich Herr Meitmann, der Spre- landes gegenüber der kommunistischen Flut zu
cher der SPD, anscheinend noch nicht. Ich habe sein, hingewiesen.
zu Berlin damals kein Wort gesprochen, sondern (Bravo!)
es war ein Fraktionskollege von mir.
Wir haben die Leiden der Berliner immer an-
(Abg. Meitmann: Ich habe mich ver erkannt, nicht bloß hier in Worten, sondern
sprochen! Ich meinte Ihren Kollegen haben gerade von Bayern aus durch reichliche
Besold!) Taten geholfen. Sie dürfen aber von uns nicht
Das nur zur Richtigstellung. Nicht daß ich etwa verlangen, daß wir, wenn eine Berliner Frage
die Ausführungen von Herrn Besold nicht voll- oder ein Gesetz über Berlin zur Debatte steht,
inhaltlich decken würde; ich komme noch dar ohne Prüfung einfach Ja sagen. Gerade das
auf zu sprechen. Aber Sie dürfen mir glauben: letzte Mal war es so, daß wir das Gesetz erst
Wir müssen einmal dieses Problem in positiver ein paar Stunden vorher zu Gesicht bekamen. Sie
Weise zum Austrag bringen, und Sie müssen haben uns nicht einmal die uns geschäftsord-
nicht von vornherein immer bei uns den schlech- nungsmäßig zustehende Frist zugebilligt, sondern
ten Willen annehmen, der Berliner Situation von uns verlangt, daß wir Ja sagen, ohne das
nicht gerecht werden zu wollen. Gerade die Gesetz zu kennen. Das war im Stil einer frühe-
letzte Diskussion hat doch gezeigt — Sie können ren Zeit. Wenn wir Zeit haben wollten, geschah
das Protokoll der Ausführungen von Herrn Besold es nicht, um die Sache zu verschleppen, sondern
nachlesen —, daß er so sachliche Argumente dar- nur um uns wirklich ernsthaft mit dem Sinn
gelegt hat, die in der kühlen, sachlichen Atmo- des Gesetzentwurfes vertraut zu machen. Es
sphäre des Bundesrates fast wörtlich genau so scheint mir wirklich nicht am Platze zu sein,
von zwei Vertretern der bayerischen Regierung daß Sie in dieser Art, wie es zum Beispiel Ihr
vorgebracht und selbstverständlich akzeptiert Sprecher jetzt schon wieder getan hat, Ioswet-
worden sind, die aber hier schärfsten Wider tern; das ist bei einer wirklich sachlichen Prü-
spruch gefunden haben und von einem Mitglied fung nicht gerechtfertigt. Wir sehen das Pro-
eben derselben Partei als ein Appell an die nie- blem schließlich auch unter allgemeinen politi-
deren Instinkte gegeißelt worden sind, womit er schen, außenpolitischen Gesichtspunkten Wir
den dröhnenden Beifall des Hauses gefunden hat. sind der Auffassung, daß wir den Berlinern in-
folge ihrer furchtbaren, eingeschlossenen Lage
Präsident Dr. Köhler: Herr Abgeordneter,
- darf niemals den gleichen Lebensstandard geben kön-
ich einmal fragen: den „gröhlenden Beifall"? nen, wie wir ihn in Westdeutschland haben. Es
war nicht einmal der Großmacht Amerika mög-
Dr. Seelos (BP): Den dröhnenden Beifall! lich, den Berlinern die Leiden einer Luftbrücken
zeit abzunehmen. Noch viel weniger wird es
Präsident Dr. Köhler: Ach so: den dröhnenden uns in Westdeutschland gelingen, den Berlinern
Beifall. Das ist natürlich etwas ganz anderes. die Leiden der Situation völlig abzunehmen.
(Heiterkeit.) Wenn wir nach den vorgestrigen Feststellun-
gen des - Wirtschaftsinstituts in Berlin weiterhin
Dr. Seelos (BP): Mir wird immer Böses zu- mit einem verlorenen Zuschuß und Krediten von
getraut! 90 bis 100 Millionen Mark monatlich rechnen
(Erneute Heiterkeit.) müssen, dann bedeutet das eine unerhörte An-
Ferner hat zum Beispiel gerade vorgestern zapfung. Wir müssen uns wirklich überlegen,
Herr Bundesminister Schäffer auch den Berlinern ob wir das vertragen können, ohne daß West-
erzählt: Es gibt nicht nur ein Berliner Not- deutschland selbst zum Erliegen kommt und da-
standsgebiet; auch wir in Westdeutschland haben mit die Hilfsmöglichkeit für Berlin überhaupt
viele Notstandsgebiete, und besonders ich habe abgeschnitten wird. Hätte man diese Milliarde
auch eines im Bayerischen Wald. Das hat man pro Jahr in eine produktive Erwerbslosenfür-
Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1379
(Dr. Seelos)
sorge gesteckt, dann hätten wir, wie Sie sich selbst denken geäußert, und das ist dann von Ihnen zu
ausrechnen können, wohl 600 000 bis 700 000 Er- der völlig ungerechtfertigten Demonstration be-
werbslose weniger in Westdeutschland, und die nützt worden.
Regierung hätte sich nicht diese Vorwürfe von Zu der Frage, die auf der Tagesordnung steht,
seiten der Alliierten und von seiten der SPD brauche ich eigentlich nicht mehr Stellung zu
machen lassen müssen. Es sind also schließlich nehmen; denn nach den Ausführungen des Herrn
komplexe Probleme, in denen wir stehen. Wenn Bundesministers Kaiser ist das nicht aktuell.
man hier etwas wegnimmt und woanders hinein- (Lachen bei der SPD.)
schmeißt, muß man eben die Konsequenzen dar-
aus tragen. Unsere Möglichkeiten sind beim Ich kann mir 'also Ausführungen hierüber sparen.
besten Willen doch beschränkt. Nur das möchte ich noch sagen. Ich wäre Ihnen
dankbar, wenn Sie künftig bei der Bewertung
Sie müssen uns erlauben, daß wir die Berliner unserer Stellungnahme zu Berliner Fragen meine
Probleme wirklich sachlich prüfen. Sie dürfen grundsätzlichen Bemerkungen, die ich heute hier
uns nicht von vornherein vorwerfen, daß es gemacht habe, wenigstens etwas würdigen
böser Wille ist, wenn wir da oder dort unsere würden.
Bedenken erheben oder da und dort unsere Ein- (Beifall bei der BP.)
würfe machen. Es darf auch nicht falsch auf-
gefaßt werden, wenn wir, die wir das bayerische Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat Herr Abge-
Elendsgebiet an der böhmischen Grenze kennen,
sagen: diese Einwohner leben oft noch unter viel ordneter Dr. Reismann.
schlimmeren Umständen als heute noch die Ber-
liner Bevölkerung. Dr. Reismann (Z): Meine Damen und Herren!
Die Zentrumsfraktion würdigt in vollstem Um-
(Abg. Dr. Bucerius: Aber nicht unter so fang die Motive, die Herrn Meitmann und seine
gefährlichen Umständen wie die Berliner!) Fraktion veranlaßt haben, dem Hohen Hause den
Ich meine auch: warum sollen wir den Alliierten Antrag Nr. 508 vorzulegen. Aber wenn man den
diese politische Groteske, die sie geschaffen ha- Inhalt dieses Antrags einmal durchliest, so muß
ben, völlig aus ihrer Verantwortung nehmen? man sich doch sagen, daß diese Fragen nicht allein
(Abg. Renner: Hört! Hört!) mit dem guten Herzen erledigt werden können,
Wenn wir dieses Problem unter Einsatz unseres sondern daß man ganz nüchtern die Auswirkun-
Letzten überbrücken, wird es in der Welt bald gen und die Folgen bedenken muß, die sich
gar nicht mehr diskutiert, daß die Berliner in- daraus ergeben. Mit der Einheit Deutschlands
folge der alliierten Maßnahmen, dieser alliierten hat der Antrag direkt nichts zu tun.
Konzeption, solche Leiden haben und daß es nicht (Zuruf links: Doch!)
unsere Schuld ist. — Nein, in keiner Weise. Die Einheit Deutsch-
(Abg. Dr. Bucerius: Sie sind kein guter lands wird nicht mehr und nicht weniger da-
3) Psychologe, Herr Dr. Seelos!) durch hergestellt, daß diese Zentralbehörden in
Wenn wir vollends sehen, daß über unsere An- Berlin oder anderswo sind. Die Sache hängt da-
träge für ein Notstandsgebiet schon drei Monate von ab; daß die Alliierten sich verständigen.
hingegangen sind, ohne daß wir den ernsten Wil- Dazu können wir leider viel zu wenig beitragen.
len spüren, Air dieses Gebiet etwas zu tun, Man muß aus dieser Atmosphäre die Dinge lö-
während andererseits ein Gesetz für Berlin in sen, um sie nicht unter falschen Aspekten zu be-
drei Tagen in drei Lesungen durchgepeitscht handeln. Es ist eine eminent praktische Ange-
wird, müssen wir unsererseits doch an einem ge- legenheit und gar keine grundsätzliche Ange-
wissen guten Willen der anderen Seite zweifeln. legenheit, um die es sich hier handelt. Wir müs-
Wie hätten wir es begrüßt und wie hätte es un- sen doch zunächst einmal sehen, daß es sich hier
sere Situation in Bayern erleichtert, wenn gerade um Behörden handelt, die, wenn sie in Berlin
bei unseren Anträgen ein Berliner hierhergetre- sind und westdeutsche Fragen regeln sollen, vom
ten wäre und einmal gesagt hätte: wir sind in Bundesgebiet her — je nach Belieben der Rus-
gemeinsamer Not, wir sehen ein, daß es dort sen überhaupt nicht erreichbar sind, die nicht
im Osten Bayerns miserabel zugeht; uns geht es bloß ungeheure Reisekosten erfordern, sondern
auch schlecht, jetzt wollen wir sehen, wie wir eine Erschwernis mit sich bringen, die diese Be-
euch helfen können; helft aber auch uns! Solche hörden zur Arbeitsunfähigkeit verurteilen wird.
Worte wären zu Herzen gegangen. Wenn sie Ganz abgesehen von der Frage: Welche Beamten
gesprochen worden wären, hätten wir diese Ber- würden sich denn überhaupt bereit finden, dahin
liner Frage noch besser behandeln können. - zu gehen?
(Beifall bei der BP.) (Abg. Dr. Reif: Wir haben genug in
Ich sage Ihnen das in aller Offenheit und Ehr- Berlin, die das machen!)
lichkeit, die ich auch von der anderen Seite er- Dann sollen nur Berliner Beamte diese Behörden
warte. Wenn diese Auseinandersetzungen aber speisen? Das geht ja nun auch wieder nicht,
so geführt werden, wenn immer gesagt wird, daß daß hinterher nur ausgesprochen ortsfremde, mit
sich nur die Bayernpartei dagegen wende, wenn den Verhältnissen des westlichen Teils des Bun-
so in explosiver Art die Frage verschoben wird, des nicht vertraute Personen über diese An-
dann schaden Sie ja letztlich Berlin. Wenn Sie gelegenheiten entscheiden. Damit können wir
es uns nur ein bißchen erleichtern und unseren uns nicht einverstanden erklären. Ebensowenig
Einwendungen etwas gerecht werden, haben Sie kann man allerdings nach unserer Auffassung den
auch in Berliner Dingen immer unsere Zustim- Berlinern zumuten, immer den Weg zum We-
mung. Es ist von Ihnen nie gewertet worden, sten zu machen, wenn ihre Angelegenheiten ent-
daß wir für das Berliner .Kraftwerk West und schieden werden, solange nicht eine laufende
für alle diese Berliner Kredite gestimmt haben. Verbindung es ermöglicht, daß die Angelegen-
Nur in einem einzigen Punkt, nämlich in der heiten Gesamtdeutschlands an einer Stelle ge-
Frage der Umsatzsteuer, haben wir unsere Be regelt werden.
1380 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Dr. Reismann)
Nach den Ausführungen, die d er Herr Bundes- unter Punkt 2: „Absatzsteigerung der Berliner R
minister Kaiser soeben gemacht hat, ist im übri- Wirtschaft, insbesondere auch durch steuer- und
gen die Stadt Berlin aber auch schon derart mit tarifpolitische Maßnahmen". Das ist ein Punkt,
Behörden bedacht, daß kein weiterer Grund be- über den wir kürzlich, wie Sie wissen, ausführ-
steht, die Verwaltung urn diese nicht notwendi- lich verhandelt haben, der zu einem Beschluß
gen Erschwernisse noch zu verkomplizieren. dieses Hauses geführt hat und der in Berlin sehr
Meine Fraktion kann sich deswegen nicht bereit lebhaft begrüßt wurde. Drittens,: „Beschaffung
finden, für diesen Antrag der SPD zu stimmen. von Investitions- und Betriebsmittelkrediten aus
Das hat gar nichts mit irgendeiner Aversion ge- öffentlichen und privaten Quellen". Sie wissen,
gen die Stadt Berlin oder den Namen Berlin zu daß namhafte Kredite dieser Art nach Berlin ge-
tun. Das ist lediglich eine Überlegung, die aus flossen sind. Fünftens: „Regelung der sogenann-
der Notwendigkeit resultiert, den Bedürfnissen ten Uraltkonten". Nicht weniger als 250 Millio-
der Verwaltung und des Verkehrs Rechnung zu nen D-Mark werden aus den Mitteln der Bundes-
tragen, die Arbeitsfähigkeit dieser Behörde und republik für diese Zwecke für Berlin zur Ver-
die Schnelligkeit ihrer Arbeit zu unterstützen, fügung gestellt. Sechstens: „Realisierung der
wo immer es geht. Im übrigen schlagen wir vor, Blockadehilfe". Aus den Mitteln, die der Ma-
man möge umgekehrt Außenstellen oder, wie es gistrat Berlin von der Bundesrepublik erhält,
der Herr Minister eben genannt hat, Vertretun- ist der Magistrat in Berlin jedenfalls in be-
gen der Zentralbehörden ruhig nach Berlin legen, scheidenem Umfange - in der Lage, die Blok-
die dann ab und zu einmal hinreisen, aber nicht kadehilfe in Berlin Wirklichkeit werden zu las-
die ungeheuren Kosten des stetigen Reiseverkehrs sen. Siebentens: „Einschaltung Berlins in die
von Berlin zum Westen und vom Westen nach Abwicklung des Ost-Westhandels". Auch diese
Berlin notwendig machen. Ich bitte Sie, sich zum ist zu einem namhaften Teil bereits Wirklichkeit
Beispiel nur einmal zu überlegen, daß der geworden, und wir haben soeben von dem Herrn
Bundesrechnungshof doch dauernd auf Reisen Minister für gesamtdeutsche Fragen gehört, daß
sein muß, wodurch sich Tausende von Kilome- eine besondere Dienststelle zur Förderung des
tern und entsprechende Tagegelder ergeben. Was Ost-Westhandels und seiner Abwicklung in Ber-
muten Sie beim Bundesverfassungsgericht den lin errichtet werden soll. Achtens heißt es in
Parteien und ihren Vertretern zu, wenn sie diesem Antrag: „Errichtung von Bundesbehör-
laufend nach Berlin fahren müssen! Ich fürchte, den in Berlin".
sowohl das Bundesverwaltungsgericht wie auch Sie sehen also, daß die CDU/CSU-Fraktion sich
das Bundesverfassungsgericht werden mit den gewiß nicht zurückgehalten hat, sondern mit sehr
westdeutschen Angelegenheiten ausreichend zu energischen und mit klar und präzise formulier-
tun haben. Was für einen Zeitverlust hat das ten Anträgen an dieses Haus herangetreten ist,
zur Folge! Alles unproduktive Arbeiten! mit Anträgen, die schon in einem sehr erheblichen
Dann die Altpatente, von denen im Antrag die Umfang ihre Realisierung gefunden haben. Wir
B) Rede ist. Soweit sie westdeutsche Interessenten wollen aber trotzdem die Äußerung des Unmuts
betreffen, wird in zahllosen Fällen der Verkehr darüber, daß nicht noch mehr hat geschehen kön-
mit diesen Behörden erschwert, wenn diese nen, vergessen. Es hat ja auch keinen Zweck,
immer nach Berlin reisen müssen. in dieser uns alle so intensiv angehenden An-
gelegenheit miteinander zu hadern. Wir wollen
Zu unserem Bedauern ist es also technisch ab- versuchen, gemeinsam das große Ziel, das uns
solut unmöglich und höchst unzweckmäßig. Man vor Augen steht, zu erreichen, nämlich Berlin
darf sich nicht von reinen Sentiments oder wieder so auf eigene Füße zu stellen, daß es
Ressentiments in dieser höchst nüchternen, un lebensfähig ist und für uns wirken kann. Des-
prosaischen Angelegenheit leiten und verleiten halb wollen wir auch das, was der Herr Abgeord-
lassen. nete Seelos heute gesagt hat, in positivem Sinne
(Beifall beim Zentrum.) nehmen. Wir wollen es ihm nicht übelnehmen, daß
er für die Notgebiete seiner bayerischen Heimat
Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr eingetreten ist in einem Augenblick, in dem auch
Abgeordnete Dr. Bucerius. an Berlin gedacht werden muß. Ich bin allerdings
— entgegen seiner Meinung -- der Auffassung,
Dr. BucerIus (CDU): Meine Damen und Herren! daß es den Berlinern nicht anstünde, heute eine
Der Herr Abgeordnete Meitmann hat in seiner Nothilfeaktion für die bayerischen Gebiete ein-
für Berlin warm eintretenden Rede unter ande- zuleiten. Berlin ist selber ein notleidendes
rem gesagt: „Die Berliner Bevölkerung - will Land, und alles, was wir ihm zugestehen kön-
nicht mehr schöne Worte hören"; er hat auch die nen, ist, auf seine eigenen Nöte hinzuweisen.
Frage gestellt: „Wird der Kampf um Berlin le- Wir würden überrascht sein, wenn von dieser
diglich der Opposition überlassen?" Ich finde, Seite her ein Notruf für Bayern käme. Aber
daß diese Äußerungen dem Sachverhalt nicht Herr Seelos wird uns immer bereit finden, das
ganz gerecht werden. Ich darf darauf verwei zu tun, was möglich ist, auch für seine baye-
sen, daß der erste Antrag, der in diesem Hause rische Heimat.
hinsichtlich Berlins gestellt wurde, in der Druck- Ich kann mich allerdings nicht mit dem ab-
sache Nr. 12 — das ist der Antrag vom 9. Sep- finden, was der Herr Vertreter der Zentrums-
tember 1919 — niedergelegt ist. Er trägt nam- fraktion gesagt hat. Wir müssen uns über eins
hafte Unterschriften: Dr. Adenauer, Dr. Erhard, völlig klar sein: wir leben in einem Zeitalter,
Dr. Holzapfel, Kaiser, Dr. Krone, Schäffer, Dr. in dem äußerste Risiken getragen werden
Tillmanns und Fraktion. In diesem Antrag, der müssen.
zusammen mit einem wenige Tage später von (Sehr richtig! in der Mitte.)
der sozialdemokratischen Fraktion eingereichten
Antrag zum Beschluß dieses Hauses erhoben wurde, Die Grenze gegen den Osten ist nicht stabil. Von
sind eine Reihe von Punkten niedergelegt, die ich jener Seite des Eisernen Vorhangs her werden
ins Gedächtnis zurückrufen darf. Unter anderem ununterbrochen Versuche gemacht, über diese
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1381
(Dr. Bucerius)
Grenze hinüberzugreifen. Die psychologischen verleihen. Ich darf einige Beispiele anführen.
Belastungen für den deutschen Westen, für den Eine große, im ganzen Bundesgebiet und in Ber-
europäischen Westen und für Berlin sind unge- lin arbeitende Versicherungsgesellschaft hat in
heuerlich. Und wenn die Berliner nicht die Westdeutschland 270, in Berlin dagegen 400 An-
Überzeugung gewinnen, daß wir sie als untrenn- gestellte. Eine andere große Gesellschaft, die ihr
baren Bestandteil der Bundesrepublik ansehen, Schwergewicht immer im Westen Deutschlands
dann muß der Mut. der Berliner Bevölkerung hatte, hat hier 1500 und in Berlin 200 Ange-
sinken. Der Mut der Berliner Bevölkerung muß stellte. Eine kleinere Gesellschaft hat hier 90,
aufrechterhalten werden, nicht nur im Interesse in Berlin 40 Angestellte; eine mittelgroße Ver-
der Berliner, sondern in unserem eigensten sicherungsgesellschaft hier 300, in Berlin 250 An-
Interesse. Denn wenn die Bastion Berlin eines gestellte. Sie sehen, daß auch auf seiten der
Tages einmal fallen sollte — und sie wird fal- privaten Versicherungswirtschaft die Bereit-
len, wenn Sowjetrußland sieht, daß der euro- schaft, ja die Erwartung besteht, daß in Kürze
päische Westen und daß Deutschland nicht bereit irgend etwas geschieht, um in Berlin die Vor-
sind, Berlin zu stützen —, dann hat es keinen aussetzungen für eine fruchtbare Beschäftigung
Sinn mehr, darüber zu rechten, wo und in wel- der jetzt bestehenden Außenstellen zu schaffen.
chem Landesteil westdeutsche Behörden aufge- Bei dem Bundesrechnungshof handelt es sich
richtet werden sollen. Wir werden dann keine um eine Position, die mir zunächst einmal zwei-
Gelegenheit mehr haben, irgendeine. Behörde auf- felhaft erscheint. Der Bundesrechnungshof muß
zurichten. Die Zeit ist dafür dann unwider- bei den einzelnen Behörden im Bundesgebiet
ruflich vorbei. herumreisen und sich Klarheit über die Abrech-
Deshalb handelt es sich hier nicht um eine nungsverhältnisse verschaffen. Ich glaube nicht,
Angelegenheit, die lediglich aus dem Gesichts- daß es einen Sinn hat, von einer solchen Stelle
punkt der Zweckmäßigkeit zu beurteilen ist. Po- ein Firmenschild mit einem Zimmer in Berlin zu
litische Momente spielen hier nun einmal eine errichten, in dem. tatsächliche Arbeit nicht ge-
ganz bedeutende Rolle. Sie können und sollten leistet werden kann.
aus der Sache nicht hinweggedacht werden. Das
Wie es bei der Schuldenverwaltung, bei der
schließt nicht aus, daß wir die Gesichtspunkte der Vermögensverwaltung aussieht, müßte in einer
Zweckmäßigkeit nicht außer acht lassen. Ich darf Untersuchung noch geklärt werden.
Sie darauf verweisen, daß der Antrag der CDU
lautete: „Errichtung von Bundesbehörden in Ber- Es ist sehr interessant, daß der Vorschlag ge-
lin". Es ist sehr interessant, zu sehen, daß der macht worden ist, einen Teil der Altpatente
sozialdemokratische Antrag in dieser Beziehung weiterhin in Berlin zu bearbeiten. Auch diese
etwas vorsichtiger und zurückhaltender war. Er Frage wird unter Hinzuziehung von Sachverstän-
bat nämlich die Bundesregierung nur, zu über- digen im Ausschuß in kürzester Zeit geklärt wer-
prüfen, „in welchem Umfang, ohne den Ablauf den können.
des Geschäftsverkehrs zu erschweren, Dienststel- Das Bundesverfassungsgericht möchte ich in O
len der Bundesrepublik nach Berlin verlegt wer- der Tat lieber bei den hiesigen Behörden sehen.
den können". Also selbst die Sozialdemokratie
hat zu geeigneter Zeit und an geeigneter Stelle Dagegen liegt die Frage der Sozialversiche-
darauf hingewiesen, daß die technischen Schwie- rungsämter und des Bundesverwaltungsgerichts
rigkeiten nicht außer acht gelassen werden kön- wieder auf einem anderen Gebiet. Das Bundes-
nen. Unter diesem Gesichtspunkt müssen wir verwaltungsgericht wird überwiegend Verwal-
heute auch den sozialdemokratischen Antrag be- tungsarbeit haben, also eine Angelegenheit, die
urteilen. Es war die Frage, ob wir in der Lage man sich durchaus in Berlin wird vorstellen
sind, diesen Antrag vielleicht heute schon durch können.
Annahme zum Beschluß zu erheben. Wir haben Alles das muß natürlich Gegenstand einer
dagegen Bedenken, und ich freue mich, feststel- gründlichen Prüfung sein, bei der die zustän
len zu können, daß die Kollegen von der Sozial- digen Ausschüsse ihr Wort zu sprechen haben.
demokratie diesen Bedenken beigetreten sind. Die zuständigen Ausschüsse sind nach meiner
Wir haben die Absicht und bitten Sie, den An- Auffassung als federführender Ausschuß natür-
trag der SPD zunächst einmal im Ausschuß zu lich der Ausschuß Berlin, zweitens der Aus-
überprüfen. schuß für innere Verwaltung. Ich hoffe, daß
Ich darf zu dem Antrag der SPD einige wenige diese beiden Ausschüsse sich in recht kurzer Zeit
Worte sagen. In dem Antrag wird zunächst zu einem für Berlin günstigen Ergebnis werden
verlangt, daß bis zum 1. März 1950 das - Bun- entschließen können. Dabei sind die Untersu-
desaufsichtsamt für Privatversicherung nach Ber- chungen, die die Ausschüsse anzustellen haben,
lin verlegt wird. Dieses Bundesaufsichtsamt für nicht nur auf diejenigen Dienststellen beschränkt,
Privatversicherung existiert heute noch gar nicht. die der Antrag der SPD genannt hat. Über
Es kann also schlecht nach Berlin verlegt wer- weitere Dienststellen, die der Initiative der ein-
den. Ob es bis zum 1. März 1950 errichtet ist, zelnen Beteiligten im Ausschuß vorbehalten sind,
ist schwer zu übersehen. In diesem Zusammen- kann dort ebenfalls noch diskutiert werden.
hang einige wenige Worte über die Beiträge, die Ich wiederhole es: die Sache Berlin ist die
die private Versicherungswirtschaft schon heute Sache aller Deutschen, wie sie die Sache aller
für die Aufrechterhaltung der Außenstelle Ber- Europäer ist. Wir werden immer, bei jeder Ge-
lin leistet. Ich habe mich davon überzeugt, daß legenheit und in jeder geeigneten Form für Ber-
große und bedeutende Versicherungen, die in
Westdeutschland ihren Sitz haben, heute noch lin eintreten.
sehr namhafte Dienststellen in Berlin unterhal- (Beifall bei der CDU/CSU. - Abg. Rische:
ten in der Erwartung, daß demnächst in Berlin Rückzugsstrategie!)
Stellen gegründet werden, die diesen schon be-
stehenden Außenstellen der westdeutschen Ver- Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr
sicherungsgesellschaften wieder Beschäftigung Abgeordnete Dr. Hoffmann.
1382 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
Dr. Hoffmann (FDP): Herr Präsident! Meine Lassen Sie mich den Ausführungen meines
Damen und Herren! Auch meine Freunde und Herrn Vorredners nach dieser Richtung hin nur
ich stimmen mit der Grundtendenz des Antrages noch eines hinzufügen! Ich glaube, wir sollten
der SPD-Fraktion völlig überein. Wir haben in auch berücksichtigen, daß es in Berlin heute nicht
der vorletzten Woche ein Gesetz verabschiedet, allein darum geht, diesen Vorposten rechtsstaat-
das dem Zweck diente, der produzierenden Ber- licher Ordnung in unserem eigenen Interesse,
liner Wirtschaft beim Wiederaufbau behilflich im Interesse der deutschen Bundesrepublik zu
zu sein. Bei dem vorliegenden Antrag dagegen erhalten. Wir sollten auch daran denken, daß der
handelt es sich um Maßnahmen, die bezwecken, ganze deutsche Osten, die gesamte deutsche Be-
Berlin wieder, wie in früherer Zeit, wenigstens völkerung der Ostzone aufmerksam und voller
teilweise zum Träger von Dienstleistungen für Hoffnungen, gelegentlich aber auch mit Befürch-
das ganze Bundesgebiet zu machen. Wir sind tungen auf das schaut, was in Berlin vor sich
uns darüber im klaren, daß man damit zunächst geht.
nur einen sehr bescheidenen Anfang machen (Zustimmung bei den Regierungsparteien.)
kann. Das, was in dem sozialdemokratischen An- Schon mit Rücksicht darauf, daß auch diese un-
trag an Dienststellen vorgeschlagen wird, die nach sere deutschen Mitbürger in der Ostzone ermun-
Berlin verlegt werden könnten, wird nur zu tert we rden müssen, haben wir einen Beweis
einem sehr geringen Teil die Dienstleistungska- mehr dafür zu liefern, daß wir gewillt sind, diese
pazitäten auszunutzen vermögen, die in Berlin Bastion jenseits des Eisernen Vorhanges, die
nach wie vor vorhanden sind und ausgenutzt Berlin heute darstellt, mit allen Mitteln zu ver-
werden könnten. Aber es kommt wesentlich dar- teidigen und zu stützen.
auf an, daß dieser Anfang bald gemacht wird. In diesem Sinne bitte ich auch im Namen
Wir sind allerdings auch der Meinung, daß es meiner Fraktion, der Überweisung des Antrages
einer solchen Mahnung, wie sie der SPD-Antrag an den Ausschuß für Berlin zuzustimmen.
darstellt, gar nicht bedurft hätte, um die Bundes- (Beifall bei der FDP.)
regierung an die Erfüllung des von ihr gegebe- Präsident Dr. Köhler: Das Wort hat der Herr
nen Versprechens zu erinnern. Abgeordnete Neumann.
(Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.)
Neumann (SPD): Meine Damen und Herren!
Wir haben durch den Herrn Bundesminister für Ich darf meiner Freude darüber Ausdruck geben,
gesamtdeutsche Angelegenheiten einen Situations- daß sich die Herren Redner der verschiedensten
bericht darüber bekommen, in welchem Stadium Fraktionen fast überwiegend positiv zur Frage
sich die Prüfung der Frage der Verlegung von Berlin ausgesprochen haben. Das ist für uns ganz
Behörden nach Berlin zur Zeit befindet. Ich halte besonders erfreulich; denn wir glauben ja, daß
es für außerordentlich nützlich, wenn diese Über- wir in Berlin nicht die Frage einer Partei, son-
legungen in dem dafür zuständigen Ausschuß dern eine gesamtdeutsche Aufgabe zu lösen ha-
für Berlin fortgesetzt werden. Ich bitte daher ben. Ich freue mich namentlich darüber, daß
die Herren Kollegen von der SPD, doch nicht die Damen und Herren, die uns in Berlin be-
darauf zu bestehen, daß heute abend bereits über suchen und die zu einem. Teil sehr skeptisch nach
diesen Antrag entschieden wird. Ich halte das Berlin kommen, in Berlin gute Eindrücke ge-
für um so weniger notwendig oder zweckmäßig, sammelt haben und daß sie, die manchmal wirk-
weil wir ja gerade für diese Materie einen lich als Kritiker im Bundestag aufgetreten sind,
Sonderausschuß im Bundestag eingesetzt haben, sich im Westen positiv über Berlin geäußert ha-
der, wie wohl allseitig anerkannt wird, bisher ben. Herrn Kollegen Dr. Seelos danke ich für
eine ausgezeichnete, sehr sachliche Arbeit ge- seine Worte, möchte allerdings gleichzeitig die
leistet hat und in dem es nie zu irgendwelchen Einladung aussprechen, er möge uns einmal in
grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten ge- Berlin besuchen. Wir haben ja nichts zu ver-
kommen ist. bergen, sondern wir wollen offen alles zeigen,
was er sehen will und was vielleicht heute noch
Selbstverständlich stehen der Verlegung von
sein Mißtrauen erweckt.
Bundesbehörden nach Berlin unter den nun ein-
mal vorhandenen schwierigen Verkehrs- und (Zuruf von der KPD: Das fördert den
sonstigen Verhältnissen einige Bedenken entge- Fremdenverkehr!)
gen. Es ist nicht zu verkennen, daß derjenige, der - Das fördert den Fremdenverkehr! Das ist sehr
vor der Aufgabe steht, solche Dienststellen nach schön, und das ist wenigstens bei uns noch mög-
Berlin zu verlegen, vielleicht diesen Bedenken lich.
ein größeres Gewicht beimißt als derjenige Be- (Lachen bei der KPD.)
urteiler, der diese Frage überwiegend unter — Diese Möglichkeiten sind in West-Berlin im
psychologisch-politischen Gesichtspunkten be- Gegensatz zu Ihnen ja noch gegeben.
trachtet. Wenn man aber solche Fragen aus- (Erneuter Zuruf von der KPD.)
schließlich nach Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten
entscheiden will, dann wird sich immer eine Nun glaube ich aber doch, zu einigen Äuße-
Fülle von Einwänden finden lassen. Das würde rungen der Redner etwas sagen zu müssen. Herr
aber der Sache nicht gerecht werden. Es geht Kollege Dr. Bucerius, entschuldigen Sie bitte! Wir
doch heute darum, daß Berlin geholfen werden wollen ja hier keinen Wettstreit führen. Nicht
muß, und es ist, glaube ich, schon richtig, wenn der Antrag Nr. 12 der CDU war der erste zur
gesagt wird, das könne nicht allein mit Worten Berlin-Frage, sondern der Antrag Nr. 3 der
geschehen. Die Berliner Bevölkerung erwartet sozialdemokratischen Fraktion.
mit Recht von uns deutlich sichtbare Zeichen (Zuruf des Abg. Dr. Krone.)
unserer Anerkennung und unserer Hilfsbereit- — Ich habe das auch nicht gesagt, Herr Krone.
schaft, die die Berliner dazu ermutigen, auch Aber da Sie in Ihren Versammlungen so außer-
weiterhin den Kampf zu bestehen, den sie zu ordentlichen Wert auf diese Dinge legen, wollte
führen gezwungen sind.' ich das hier betonen.
Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1383
(Neumann)
Wir haben gerade bei der Stellung dieser An- daß dadurch bei einem Teil der Abgeordneten K
träge die Hoffnung gehabt, daß sie sich für Ber- falsche Eindrücke entstehen.
lin weit schneller positiv auswirken werden. Es ist geplant worden, daß Vertretungen der
Herr Kollege Bucerius, Sie haben sich auch ge- Ministerien für gesamtdeutsche Fragen, für den
irrt. Der Ausschuß hat den Beschluß gefaßt, zu Marshallplan, für den Verkehr, für Wohnungs-
überprüfen, in welchem Umfang, ohne den Ab- bau, für Post- und Fernmeldewesen in Berlin er-
lauf des Geschäftsverkehrs zu erschweren, Dienst- richtet werden. Aber das ist nicht der Sinn weder
stellen der Bundesrepublik nach Berlin gelegt des sozialdemokratischen Antrages noch, Herr
werden können. Kollege Bucerius, Ihres Antrages, den Sie nann-
(Abg. Dr. Bucerius: Das steht in Ihrem ten, sondern Sie haben in Ihrem Antrag vom
Antrag!) 9. September, der die Unterschriften Dr. Aden-
— Entschuldigung, das ist nicht der Fall, sondern auer, Dr. Erhard, Dr. Holzapfel, Kaiser, Krone,
das ist der Mündliche Bericht des 9. Ausschusses. Schäffer, Tillmanns und Fraktion trägt, ganz klar
Unser Antrag Nr. 16 — Sie können das nach- gefordert: Errichtung von Bundesbehörden in
prüfen — ist so, wie Sie es ausgeführt haben, Berlin. Da muß ich feststellen, daß ein halbes
nicht darin enthalten. Jahr nach der Stellung dieses Antrages bisher in
Berlin nicht das geringste neu errichtet worden
(Abg. Dr. Bucerius: Wörtlich, ist.
Herr Neumann!)
(Abg. Dr. Bucerius: Sie sollen ja auch
Aber ich mache darauf aufmerksam., daß auch zwanzig Jahre halten!)
der Mündliche Bericht, der uns am, 14. Oktober
hier zugegangen ist, leider noch nicht realisiert Man ist bisher nur dabei gewesen, den Bundes-
worden ist. bevollmächtigten in Berlin zu schaffen. Das ist
durchaus richtig, und wir hoffen, daß er eine
Der Herr Minister Kaiser hat von seiner Reise wertvolle Stütze für die Wahrung der Inter-
nach Berlin gesprochen und erklärt, daß er genau essen ganz Berlins ist. Wir glauben auch, daß er
so wie Herr Minister Schäffer die Ermutigung vielleicht eine stärkere Möglichkeit der Verle-
gefunden hat, weiter für Berlin zu arbeiten. Wir gung von Behörden nach Berlin organisieren
freuen uns sehr; denn ich darf Ihnen, meine wird. Aber die sozialdemokratische Fraktion hat
Damen und Herren, sagen: wir Berliner sind gar diesen Antrag gestellt, weil sie feststellen muß,
nicht entmutigt; wir wissen, welche Aufgabe wir daß positiv in dieser Hinsicht nichts getan wor-
zu erfüllen haben. Wir bedauern nur, daß es den ist.
nicht möglich ist, eine weit schnellere Hilfe des
Bundes für Berlin zu organisieren. Der Herr Bundesminister Kaiser hat von der
Errichtung des kleinen Bundeskabinetts in Ber-
Herr Minister Kaiser, von diesem Standpunkt lin gesprochen. Persönlich möchte ich dazu als
aus bedauere ich außerordentlich Ihre Ausfüh- Berliner sagen: ich glaube, es ist nicht nötig, daß
rungen über das, was für Berlin bisher positiv wir zwei Bundeskabinette haben; wir wären viel
getan worden ist. Sie haben nämlich dadurch glücklicher, wenn wir ein Bundeskabinett hät-
bei einem Teil der Abgeordneten, die die Dinge ten, das schnellstens die positiven Dinge für
nicht kennen, Hoffnungen erweckt, die in Wirk- . Berlin macht. Das ist unserer Meinung nach das
lichkeit gar nicht da sind. Der Herr Kollege Entscheidende, und daran können wir, Herr Kol-
Hoffm an n sagt: Bitte, der Minister Kaiser hat lege Bucerius, leider nichts ändern.
doch gesagt, es ist alles getan; eine Mahnung ist
doch unnötig. Sie haben in Ihrem Antrage gesagt und insbe-
(Zuruf von der CDU: sondere bei der Diskussion am 30. September
Das hat er nicht gesagt!) hier gehört, daß die erste Sorge der Bundes-
regierung ist, für Berlin diese Dinge zu erledigen,
— Das hat er doch gesagt. Herr Dr. Reismann und der Herr Minister Kaiser hat erklärt, daß
sagt: Wenn Berlin schon derartig mit Behörden es nicht zuletzt Aufgabe und Sorge Nr, 1 des
bedacht ist, ist doch von seiten der Bundesbe- Herrn Finanzministers und nicht weniger des
hörden schon sehr viel get an . Herrn Wirtschaftsministers sein wird, in ganz be-
Ich mache darauf aufmerksam., Herr Minister sonderer Weise für Berlin positiv etwas zu
Kaiser: Sie wissen sehr genau, daß die Vertre- machen.
tungen des Ministeriums für Ernährung und des (Abg. Dr. Bucerius: Ist denn das nicht
Ministeriums für Wirtschaft nicht neu ein gerich- geschehen?)
tet sind, sondern daß man hier nur das Firmen- — Herr Kollege Dr. Bucerius, am 18. Juni war
schild der Bundesregierung ausgewechselt hat. der damalige Direktor der Verwaltung für Wirt-
Ich mache darauf aufmerksam, das die Reichs- schaft der Zweizonenverwaltung in Berlin und
schuldenverwaltung, die Sie nannten, daß die hat uns eine Serie von Versprechungen gemacht.
Staatsdruckerei, das Statistische Amt und das Er hat erklärt, daß im dritten Vierteljahr die
Patentamt immer in Ber li n waren und daß der Arbeitslosigkeit in Berlin gemildert wird, indem
Magistrat von Berlin seit dem Jahre 1945 diese man die gesamte Wirtschaftskraft des Bundes
Dienststellen wieder aufgebaut und ausgebaut von drei Milliarden für Berlin einsetzt und damit
hat. Es ist also in dieser Beziehung von der Bun- zu positiven Entschlüssen kommt. Ich bedauere
desregierung bisher nichts getan worden. Das sehr,. feststellen zu müssen, daß ich von der Aus-
sind alles Behörden, die früher in Berlin waren, wirkung derartiger Maßnahmen nichts weiß, daß
die nicht verlegt worden sind, die ihre Tätigkeit, in der Hauptsache nichts geschehen ist.
finanziert von Groß-Berlin, für gesamtdeutsche
Aufgaben immer durchgeführt haben. Sie wissen (Abg. Dr. Bucerius: Sie machen es uns
sehr schwer! — Abg. Strauß: Sie reden als
ganz genau, wie sehr wir bedauern, daß man Parteipolitiker!)
Teile des Patentamtes im vorigen Jahr von Ber-
lin weggenommen hat und unter Aufwendung Ich bedauere außerordentlich die Äußerung des
sehr großen Kosten in München neu aufbaut Herrn Kollegen Dr. Seelos über die Schuld der
und damit Berlin weiter entblößt. Wir bedauern, Alliierten. Ich möchte mich ü be r dieses Problem
1384 Deutscher Bundestag - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Neumann)
nicht äußern, Herr Kollege Seelos, und ich möchte nicht nur für die Stadt Berlin, sondern durch die
nur sagen, daß wir unseren Freiheitskampf in Stadt Berlin auch für die 18 Millionen deutscher
Berlin nur dadurch bestehen konnten, daß die Brüder und Schwestern drüben in der Zone zu
Alliierten die Luftbrücke organisiert haben. erfüllen haben.
(Abg. Dr. Seelos: Jetzt! Neuerdings!) (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien.)
Das stelle ich fest! — Herr Kollege Dr. Seelos,
wenn Sie „Jetzt!" sagen, was sie jetzt tun, Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren,
dann muß ich Ihnen entgegnen: wenn alle deut- weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Wird
schen Dienststellen so positiv wären wie so von den Herren Antragstellern das Schlußwort
manche ausländische, dann sähe es für Berlin gewünscht? — Bitte, Herr Abgeordneter Meit-
besser aus! mann! Darf ich im allgemeinen Interesse den
(Zurufe in der Mitte: Unerhört!) Appell an Sie richten, Ihr Schlußwort so kurz wie
möglich zu halten.
Ich möchte das mit aller Deutlichkeit sagen. Ich
bin gern bereit, Ihnen das noch etwas näher zu Meitmann (SPD), Antragsteller: Ich bedauere,
erklären. daß — vielleicht durch Mißverständnisse, viel-
(Zurufe in der Mitte: Wer hat denn Berlin leicht auch dadurch, daß man sich seiner eigenen
geholfen?) früheren Ausführungen nicht erinnert — eine so
Wir haben in Berlin eine gesamtdeutsche Auf- unglückliche Atmosphäre in die Behandlung
gabe zu erfüllen. Wir werden sie in der bisheri- dieses für uns alle, wie ich glaube und hoffe, so
gen Art durchzuführen versuchen. Ich hoffe aber, wichtigen und im Grunde doch gemeinsam ver-
daß wir jetzt endlich Hilfe bekommen, eine Hilfe, pflichtenden Problems hineingetragen worden ist.
die für die Berliner Wirtschaft unbedingt not- (Abg. Dr. Bucerius: Sehr richtig!)
wendig ist! Ich selber bin durch Hinweise — vielleicht haben
(Große Unruhe. — Zurufe in der Mitte: sie ihre Ursache in der auch mir erst sehr spät
Unerhört! — Abg. Dr. Bucerius: Das war bekanntgewordenen Einschränkung der Redezeit —
sehr schade, Herr Neumann! — Abg. Hil in den Verdacht gekommen, als ob ich etwas
bert: Sie haben viel verdorben, Herr hätte sagen wollen, was durchaus nicht in meiner
Kollege Neumann!) Absicht und in der meiner Fraktion lag. Aber
man sollte nicht Dinge, die vielleicht nur unklar
Präsident Dr. Köhler Das Wort hat Herr Abge- gesagt worden sind, so auslegen, als ob sie in bös-
ordneter Dr. Krone. williger Absicht gesagt worden wären. Eins aber,
meine Damen und Herren, möchte ich in aller
Dr. Krone (CDU): Meine Damen und Herren! Eindringlichkeit und Deutlichkeit hier feststellen:
Ich hatte als Abgeordneter, der von Berlin nach Was einmal gesagt worden ist und seinem Wort-
hier gesandt worden ist, nicht vor, noch ein Wort laut nach nicht mißverstanden werden kann, das
zu sagen; es ist aber, glaube ich, meine Pflicht, nehmen Sie bitte auch so ernst, wie wir es ernst
es jetzt nach diesen Ausführungen des Herrn nehmen! Mir ist noch in Erinnerung, wie eine Ab-
Abgordneten Neumann zu tun. geordnete dieses Hauses bei der Diskussion über
(Sehr richtig! bei den Regierungsparteien.) das Notopfer Berlin hier einen Kommissar für
Ich möchte an die Spitze meiner Ausführungen, Berlin forderte.
auch im Namen der Berliner Bevölkerung, ein (Widerspruch in der Mitte.)
Wort des Dankes an die Bundesregierung stellen, — Jawohl: einen Kommissar! Wir haben genug
(Bravorufe und Händeklatschen bei den von den Kommissaren! Wir haben viel zuviel und
Regierungsparteien) viel zulange Kommissare gehabt. Jetzt wollen wir
ein Wort des Dankes dafür, daß sie ihr Ver- endlich die Demokratie anerkannt wissen! Ich
sprechen, Berlin zu helfen, wahrgemacht hat. danke Herrn Dr. Tillmanns, den ich aus meiner
früheren Berliner Zeit kenne, daß er hier in der
(Erneuter lebhafter Beifall bei den vorigen Sitzung gesagt hat: Die politischen An-
Regierungsparteien.) gelegenheiten der Länder sind ih re Angelegen-
Ich möchte ihr ein Wort des Dankes dafür sagen, heiten. Letztlich gibt es da keine Manipulationen,
daß sie in dem Bevollmächtigten der Bundes- auch dann nicht, wenn der politische Wille eines
republik in Berlin einen Mann ernannt hat, der Landes — dessen spezielle föderativen Rechte Sie,
der Mittler zwischen hier und drüben sein soll meine Damen und Herren von dieser Seite des
und der eine große Aufgabe auch für die 18 Milli- Hauses, doch vertreten - nun auch einmal wie
-
onen Menschen in der Sowjetzone zu erfüllen in Berlin zum Ausdruck kommt und wenn die
hat. Ich möchte ein Wort des Dankes auch für Bevölkerung dieser Stadt einmal 65 Prozent So-
die wirtschaftliche Hilfe sagen, die Berlin ge- zialdemokraten wählt. Ich glaube, wir alle können
leistet worden ist. Ich wiederhole nur die Mah- froh sein, daß es so ist, nicht nur wir Sozial-
nung des Herrn Ministers Kaiser, daß wir auch demokraten.
. als Berliner in dieser Frage der Hilfe für Berlin Warum sage ich das? — Ich sage es ganz offen:
gut daran tun, diesen gemeinsamen Willen dieses nicht weil ich mich oder meine Partei von dem
Hohen Hauses in keiner Weise zu beeinträchtigen Verdacht reinigen wollte, als ob wir dort mit dem
und zu stören. Auftrag einer legalen Mehrheit nun etwa Wünsche
(Sehr richtig! und Händeklatschen bei den der Minderheit rücksichtslos zurückdrängen woll-
Regierungsparteien.) ten oder es schon getan hätten, sondern im Hin-
Ich habe die Hoffnung, meine Damen und blick auf die vielen arbeitenden Menschen jen-
Herren, daß unbeschadet der parteipolitischen seits von Berlin, in der Ostzone, die ihr Wahl-
Einstellung auch hier im Hause der Wille, Ber- recht nicht ausüben können. Ihr Wille findet Aus-
lin zu helfen, erhalten bleibt, daß diese Aufgabe druck in dem Willen der großen Masse der Ber-
nach wie vor auch in diesem Hause als nationale liner Bevölkerung, die dieser einen Gruppe der
Aufgabe anerkannt wird, eine Aufgabe, die wir demokratischen Parteien nun einmal ihre Stimme
Deutscher Bundestag. - 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950 1385
(Meitmann)
gegeben hat. In i h r sehen sie ihren besten Ga- täuschung und die lange Prüfungszeit der Ber
ranten für ihre Hoffnung — und darum sollten liner nicht noch zu verlängern. Wenn ich auch der
wir uns doch alle darauf einigen —, daß sie alle Regierung pflichteifrige und pflichtmäßige Über-
wieder einmal bei freier Stimmabgabe und mit legungen unterstelle, — vier Monate sind eine
gleichem Stimmrecht in Deutschland, in der ge- lange Zeit, Herr Bundesminister, vier Monate Zeit
samtdeutschen Republik antreten können. Nur für die Behandlung von Maßnahmen, die wirk-
aus dieser Überlegung heraus sage ich das und lich, wie wir glauben, einen ernsthaften und kon-
möchte Sie dringend bitten, solche Bemerkungen kreten Schritt zur Behebung der Arbeitslosigkeit
wie diese - hier steht es, im Protokoll der 37. darstellen würden.
Sitzung! zu unterlassen, man müsse Hilfsmaß- Aber Ihnen, Herr Dr. Reismann vom Zentrum,
nahmen für Berlin davon abhängig machen, daß darf ich noch eines sagen: Sie meinen, diese Dinge
sie auch „richtig gesteuert" würden. Den freien hätten nichts mit der deutschen Einheit zu tun.
Willen und die freie Entscheidung der Berliner Wir haben das bei der Debatte über die Arbeits-
Bevölkerung soll man respektieren, solange eine losigkeit schon einmal gesagt: das i s t die Frage
Neuwahl diese Entscheidung nicht korrigiert, und der deutschen Einheit, ob die Teile Deutschlands
wir sind der Meinung, daß es der Demokratie und in politischer Freiheit, aber auch in sozialer Ge-
der Einheitlichkeit unserer Verbundenheit mit rechtigkeit zusammenwirken können. Darum le-
Berlin, dem wir uns alle verpflichtet fühlen, nicht gen wir das Schwergewicht auf die Hilfe für die
zuträglich ist, wenn dieser demokratischen Ent- Unmenge Erwerbsloser in Berlin, die fast die
scheidung auf diesem Wege und mit unmißver- Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung Berlins
ständlichen Worten Abtrag getan wird. Das dazu! darstellen, und sagen mit allem Nachdruck: aus
Und nun will ich ganz kurz nur meiner Ent- diesem Grunde und aus dieser Überlegung her-
täuschung Ausdruck geben. Herr Bundesminister! aus muß alles getan werden, was diese Bevölke-
Ich habe wohl diesen langen Katalog gehört, aber rung in Arbeit bringt, in Produktion und in die
meine Sorge war — und darum habe ich die inerBjahugzdmSt,esirch-
direktFagnSch-:idfüren lich noch nicht gehört, wenn sie auch nach un-
Reihe von Einrichtungen, über die wir im Aus- serem Willen so behandelt werden soll, wie wenn
schuß noch diskutieren werden und über deren sie diesem Staat, nämlich Westdeutschland, be-
Zurückverlegung nach Berlin wir uns hoffentlich reits angehörte.
sehr schnell verständigen werden, Entscheidungen Ich will die unliebsame Verschärfung nicht
im Bundeskabinett dahingehend gefaßt, daß diese durch meine Ausführungen verstärkt haben, son-
Institutionen hier nach Köln oder nach dieser dern ich will damit den Willen und das Bekennt-
Seite des Rheins verlagert werden? Wir halten nis festgestellt haben, daß wir sehr langmütig,
das für eine politische Frage erster Ordnung, aber sehr hellhörig gegenüber solchen Versuchen
denn diese Hilfsmaßnahmen sind ja nicht allein sind, immer da, wo Sozialdemokraten die Ver-
von der funktionierenden Einrichtung her zu be antwortung übertragen bekommen haben, dann
werten„ sondern vor allem unter dem Gesichts- von Parteipolitik zu reden.
punkt ihrer Bedeutung für die Berliner Arbeits- (Zuruf von der CDU: Wer redet
losigkeit, der Hilfe für diese 300 000 Menschen, denn heute davon?)
unter denen etwa 100 000 Spezialkräfte sich be-
finden. Und Herr Dr. Reismann, wie können Sie, — Das ist von einzelnen Mitgliedern dieses
mit dem ich doch auf meiner Fahrt nach England Hauses geschehen..
alle möglichen deutschen Fragen so freundschaft- (Erneute Zurufe von der CDU:
lich habe diskutieren können, jetzt hier dieselbe Wo denn? Wann denn?)
Linie wie die Bayern-Partei beziehen und sagen, — In dieser Debatte! Es wurde gesagt, die partei-
es müßten auch westdeutsche Beamte nach Berlin politischen Erwägungen müßten außer Betracht
geschickt werden, sonst gehe das nicht? Wie bleiben. Das ist auch unsere Meinung. Aber dann
können Sie solche Argumente hier anführen! Ich soll man konsequent sein. Dann soll man auch
betone nachdrücklichst, meine Damen und Her- jede Mißdeutung in der Richtung der Verant-
ren: uns treibt die große Sorge, daß wir aus den wortlichkeit der dort leider oder Gott sei Dank
vielen Anträgen, die - wir wissen es, Herr Buce- — wer weiß es, wie die Dinge auslaufen? — in
rius — doch mehr allgemeiner Natur waren, nicht dieser großen Verantwortung stehenden sozial-
herauskommen. Wir wollen Ihre Initiative gar demokratischen Mehrheit unterlassen. Bitte, miß-
nicht verkleinern. Wir wollen ruhig alles das an- deuten Sie nicht unsere hier ausgesprochene
erkennen, was auch Sie getan haben, zunächst Sorge, daß trotz aller Versicherungen auch solche
einmal allgemein und in politischer Hinsicht
- durch Überlegungen bei einzelnen Abgeordneten und in
die Aufrollung der Gesamtfrage in Anträgen und einzelnen Kreisen unseres Volkes Platz gegriffen
Interpellationen. Aber jetzt kommt die Zeit, haben und hier zum Ausdruck gekommen sind.
meine Damen und Herren, wo diese allge Wir haben diese Sorge ausgesprochen, gerade weil
meinen Willenskundgebungen des Parlaments wir wollen, daß wir doch wenigstens in dieser
und der betreffenden Parteien ihren Ausdruck in Frage einig sind.
ganz konkreten Anträgen finden müssen.
Deshalb haben wir auch gebeten, die Wichtigkeit
(Abg. Dr. Bucerius: Ist das noch nicht unserer Anträge dadurch anzuerkennen, daß wir
geschehen, Herr Abgeordneter Meitmann?) sie jetzt schon verabschieden. Sie haben den An-
Einen solchen Antrag haben wir gestellt. Wir trag auf Überweisung an den Ausschuß gestellt.
wollen seine Behandlung nicht erschweren. Im Wir stimmen dem zu, aber ich möchte in aller
Gegenteil, wir hätten erwartet, und ich hatte ge- Form den Zusatzantrag einbringen, daß unser An-
hofft, daß wir jetzt schon beschließen könnten. trag im Ausschuß schnellstens behandelt wird.
Wir sind dafür und stimmen Ihrem Antrag zu, Denn, meine Damen und Herren, wir sind uns klar
ihn im Berlin-Ausschuß zu behandeln. Aber wir darüber, und ich persönlich bin davon überzeugt:
haben die dringende Bitte, meine Damen und es wird gar nicht lange dauern — ich habe mich
Herren, daß das schnell geschieht, um die Ent eigentlich gewundert, daß die kommunistische
1386 Deutscher Bundestag — 40. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 23. Februar 1950
(Meitmann)
Fraktion hierzu nicht das Wort genommen hat —, Wer für den weitestgehenden Antrag ist, die
(Zurufe von der KPD) Drucksache Nr. 508 an den Ausschuß für Berlin
dann wird die Entscheidung darüber gefallen sein, als federführenden Ausschuß für Fragen der inne-
ob die Menschen Berlins und der Ostzone als ren Verwaltung zu überweisen, den bitte ich, die
gleiche Bürger mit den gleichen freiheitlichen Hand zu erheben. — Ich danke. Ich bitte um die
Rechten wie die hier in Westdeutschland ihren Gegenprobe. - Es ist fast einstimmig so be-
Kopf um zwei Zoll höher tragen können, um einen schlossen.
Zoll höher deshalb, weil Berlin und unser deut Wir kommen zu Punkt 8 der Tagesordnung:
scheOtgbinFrudsozaleWür Dritte Beratung des Entwurfs eines Gesetzes
und auch de jure mit allen Rechten wieder mit uns zur vorläufigen Regelung der Rechtsverhält-
vereinigt sein werden, und um den anderen Zoll nisse der im Dienst des Bundes stehenden
höher in der Überzeugung, daß jeder einzelne Personen (Drucksachen Nr. 569, 497 und 175).
Westdeutschland sein Teil dazu beigetragen hat.
Ich stehe auch nicht an, zu erklären, daß es nach Mir ist mitgeteilt worden, daß auf Grund inter-
einer solchen Hilfsaktion von Menschen, die keine fraktioneller Fühlungnahme dieser Punkt heute
Deutschen waren, die als Opfer ihrer Tätigkeit, den nicht behandelt werden soll. Es ist nun geplant,
Berlinern zu helfen, in Berlin begraben sind, be- diesen Punkt morgen an zweiter Stelle zu behan-
schämend wäre, wenn wir die Sorge, wie es hier deln, also nach der ersten Beratung des Entwurfs
heute zum Ausdruck gekommen ist, den Alliierten eines Ersten Wohnungsbaugesetzes. Nach diesem
allein überlassen wollten, statt unsere eigenen po- vertagten Punkt findet die zweite und dritte Be-
litischen Reserven zu mobilisieren und in diesen ratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung
Kampf zu werfen. Das ist Pflicht aller Deutschen, des Einkommensteuergesetzes statt.
und dem sollte unser Antrag dienen! Ich berufe die nächste Sitzung des Bundestags
(Lebhafter Beifall bei der SPD.) auf Freitag, den 24. Februar, 14 Uhr 30 Minuten,
ein und habe noch folgende Mitteilungen zu
Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren! machen.
Das Wort hat Herr Bundesminister Kaiser. (Zuruf: 13 Uhr 30 Minuten!)
Kaiser, Bundesminister für gesamtdeutsche Fra- — Verzeihung! Ich bin wiederholt gebeten worden,
gen: Ich möchte dem Kollegen Meitmann nur die die Sitzung um 14 Uhr 30 Minuten einzuberufen,
Erklärung abgeben, daß im Bundeskabinett kei- da um 13 Uhr eine Fraktionssitzung der CDU
nerlei derartige Beschlüsse, die ihm Sorge machen stattfindet.
könnten, gefaßt worden sind. Im übrigen gent (Zuruf links: Die soll um 9 Uhr
meine Bitte an das Haus, wir sollten es uns abge- anfangen!)
wöhnen, uns in der Sorge und in der Verantwor- Es bleibt daher bei dem vorgesehenen Termin des
tung für unsere Stadt Berlin gegenseitig über Beginns, also um 14 Uhr 30 Minuten.
treffen zu wollen. Um 12 Uhr findet eine Fraktionssitzung der
(Sehr richtig!) FDP statt.
Die Sorge und die Verantwortung für Berlin ist Weitere Mitteilungen liegen nicht vor.
Sache des ganzen deutschen Volkes und kommt
hier im Hause zum Ausdruck. Ich bitte die Damen und Herren, die für die
dritte Beratung des Beamtengesetzes notwendigen
(Zuruf bei der KPD: Magnet Westdeutschland!) Unterlagen auch morgen wieder mitzubringen.
Präsident Dr. Köhler: Meine Damen und Herren! Ich schließe damit die 40. Sitzung des Deutschen
Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich Bundestages.
schließe die Aussprache über die Drucksache
Nr. 508. (Schluß der Sitzung: 21 Uhr 8 Minuten.)