Franz Kafka, Der Proceß
Interpretationsansätze
Text 1:
Josef. K. wird um seiner Lieblosigkeit willen, um seiner Nur-Korrektheit und Kühlherzigkeit
willen bestraft - oder, wie mir scheint, er bestraft sich selbst, mißbilligt und maßregelt sich.
Das geheimnisvolle Gericht, über das er oft so verachtend denkt, das er im Grunde aber
doch anerkennt, ist sein Gewissen, vor dem er mit seinem Leben, mit der Flüchtigkeit,
Lässigkeit, Gleichgültigkeit seines Erdenwandelns unzufrieden ist. In dieser anfangs
zurückgedrängten, später sich immer deutlicher kenntlich machenden Unzufriedenheit liegt
schon die Strafe, das Urteil, liegt zugleich die Sühne, die Katharsis [innere Reinigung] des
'Prozeß'-Romans. Josef K. liebt niemanden, deshalb muß er sterben.
Max Brod: Über Franz Kafka. Frankfurt a. M. 1974
Text 2:
So ist der Sinn des Prozessromanes in einer Prüfung zu sehen, die darin besteht, ob die
zermürbende Taktik des Prozessganges K. zermürbt und zur Zerknirschung bringt, daß er
der Tatsache des Gerichtes gegenüber seine Nichtigkeit erkennt. Aber K. kommt über sein
allgemein ethisch-juristisches Denken nicht hinaus und behält, weil man ihm keine
besondere Verfehlung nachweist, bis zuletzt den Kopf oben. Indem er aber nach seiner
Meinung recht behält, setzt er sich dem (himmlischen) Gericht gegenüber ins Unrecht und,
ohne recht zu wissen warum, zieht er die letzte Bestrafung selber herbei, indem er eigentlich
- auch wieder ohne es zu ahnen - sich selbst das Urteil spricht.
Es ist der religiöse Sinn des Prozeßromanes, daß der eigentliche Sinnhintergrund des
Prozesses der mythische Prozeß der Schuldvergegenständlichung ist, der aber unterhalb
der eigentlichen Bewußtseinsebene bleibt. Die Metaphysik der unbekannten, aber realen
Schuld besteht darin, daß das Gefühl der Sündhaftigkeit ausbleibt. Wäre K. zu einem
durchdrungenen Sündengefühl seines Daseins überhaupt gekommen, so wäre er im Sinn
des Himmels gerettet worden: denn ihm hätte dann die Möglichkeit der Reue offen-
gestanden, die die Sünde einsieht und suspendiert. Denn ist erst einmal die Sünde gesetzt,
kann die Reue erscheinen. Solange sie aber nicht erscheint, bleibt die Angst, deren Objekt
das Nichts ist, weil sie nur Schuld ahnt, aber den "Sprung" nicht wagt, in dem die Sünde
gesetzt wird und die Augen vor Erkenntnis aufgehen. Weil das aber nicht geschieht, die
wirkliche Zerknirschung ausbleibt, bleibt K. in der Angst, er erkennt nicht die unheimliche
Wirklichkeit des überirdischen Gerichtes und findet [...] nicht die Antwort auf die Schuldfrage,
die über alle erdenkbare Schuld hinausliegt, weil sie eine Totalschuld des fehlgegangenen
Lebens meint.
Hans Joachim Schoeps: Theologische Motive in der Dichtung Franz Kafkas. Die Neue
Rundschau 62. Frankfurt a.M. 1952.
Text 3:
Im „'Prozeß“ zeigt er [Kafka], wie eine ganz bestimmte, der Normalität angepaßte Existenz
des kleinen Bankangestellten Josef K. zunächst von außen gestört und schließlich in einem
langen Reduktionsprozeß (die Zeitstruktur verweist auf das Jahr nach K. dreißigstem
Geburtstag) aufgelöst wird. Als Machtmittel dient das Schuldbewußtsein, jene Forderung der
herrschenden Mächte, zur bedingungslosen Unterwerfung unter die Autorität bis zur
hündischen Versklavung (Kaufmann Block). Kafka stellt den Prozess nicht als politischen
dar, sondern als Einwirken anonymer Mächte und Instanzen [...]
Peter U. Beicken: Franz Kafka. Eine kritische Einführung in sein Werk. Frankfurt a.M. 1974
Text 4
Während die individualpsychologischen Deutungen psychische Defekte von Josef K.
hervorheben und mit Kafkas Kontaktunfähigkeit, Vaterproblemen und Lösungsversuchen
gegenüber der Familie zusammenbringen, die Psychopathographie <<Beschreibung der
Leidensgeschichte der Seele>> also weitgehend deskriptiv betreiben, finden sich in den
sozialpsychologischen Interpretationen deutliche Wertungen. Josef K. erscheint als Produkt
seiner bürgerlichen Familiensozialisation <<etwa: Erziehung durch die Familie zu
bestimmten Einstellungen und Verhaltensweisen, um das Überleben in der Gesellschaft zu
ermöglichen>>. Der Prozeß entlarvt lediglich, was in ihm angelegt ist. Eine ähnliche
Werteverteilung charakterisiert die soziologische Interpretation. Die inkriminierte <<hier: für
falsch, verhängnisvoll erklärte>> Größe ist hier nicht die Familie, sondern die
gesellschaftliche Gruppe, der Josef K. zugehört und die ihm seine Verhaltenstereotypien
<<feststehende Verhaltensmuster>> eingeimpft hat. Die politischen Erklärungen sind
umgepolte soziologische Wertungen: nicht der "leitende Angestellte", sondern der "Einzelne"
schlechthin wird durch anonyme Instanzen verfolgt; dementsprechend ist die Prozeßbehörde
ein gesellschaftlicher Apparat. Deutlich anders werten die theologischen oder
philosophischen Interpretationen. Sie sind fast durchweg auf eine Rechtfertigung des
Gerichtes angelegt, während der Perspektivfigur mangelnde Einsicht in die Situation des
Menschen in der Welt vorgeworfen wird.
Karlheinz Fingerhut: Franz Kafka: Der Prozeß. In: J. Lehmann (Hrsg.): Deutsche Romane
von Grimmelshausen bis Walser. Band 1. Frankfurt a. M. 1982.