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FRIEDRICH SCHILLER
Die Räuber
Quae medicamenta non sanat, ferrum
fanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat.
Hippocrates
:
, regierender Graf von Moor.
, Maximilians Sohn.
, Maximilians Sohn.
, von Edelreich.
, Libertin, nachher Bandit.
, Libertin, nachher Bandit
, Libertin, nachher Bandit
, Libertin, nachher Bandit
, Libertin, nachher Bandit
, Libertiner, nachher Bandit
, Libertin, nachher Bandit
, Libertin, nachher Bandit
, Bastard von einem Edelmann.
, Hausknecht des Grafen von Moor.
.
.
.
.
Der Ort der Geschichte ist Teutschland, die Zeit ohngefehr zwei Jahre.
ERSTER AKT
Franken.
Saal im Moorischen Schloß.
. .
Aber ist euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.
. .
Ganz wohl, mein Sohn — was hattest du mir zu sagen?
Die Post ist angekommen — ein Brief von unserm Korrespondenten in Leipzig —
. .
Begierig.
Nachrichten von meinem Sohne Karl?
Hm! hm! — So ist es. Aber ich rchte — ich weiß nicht — ob ich — eurer Ge-
sundheit? — Ist euch wirklich ganz wohl, mein Vater?
. .
Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? — wie kommst du zu
dieser Besorgnis? Du hast mich zweimal geagt.
Wenn ihr krank seid — nur die leiseste Ahndung habt es zu werden, so laßt mich
— ich will zu gelegnerer Zeit zu euch reden, halb vor sich. Diese Zeitung¹ ist nicht r
einen zerbrechlichen Körper.
. .
Gott! Gott! was werd ich hören?
Laßt mich vorerst auf die Seite gehn, und eine Träne des Mitleids vergießen um
meinen verlornen Bruder — ich sollte schweigen auf ewig — denn er ist euer Sohn:
Ich sollte seine Schande verhüllen auf ewig — denn er ist mein Bruder. — Aber euch
gehorchen ist meine erste traurige Pflicht — darum vergebt mir.
. .
O Karl! Karl! wüßtest du wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! Wie eine ein-
zige ohe Nachricht von dir meinem Leben zehen Jahre zusetzen würde — mich zum
Jüngling machen würde — da mich nun ede, ach! einen Schritt näher ans Grab rückt!
Ist es das, alter Mann so lebt wohl — wir alle würden noch heute die Haare ausraufen
über eurem Sarge.
. .
Bleib! — Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu tun — laß ihm seinen Willen,
indem er sich niedersetzt. Die Sünden seiner Väter werden heimgesucht im Dritten und
vierten Glied — laß ihns vollenden.
nimmt den Brief aus der Tasche.
Ihr kennt unsern Korrespondenten! Seht! Den Finger meiner rechten Hand wollt
ich drum geben, dür ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer giiger Lügner — —
¹Zeitung — Nachricht. [przypis edytorski]
Die Räuber
Faßt euch! Ihr vergebt mir, wenn ich euch den Brief nicht selbst lesen lasse — Noch
dör ihr nicht alles hören.
. .
Alles, alles — mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.
liest.
„Leipzig, vom . Mai. — Verbände mich nicht eine unverbrüchliche Zusage dir auch
nicht das geringste zu verhehlen, was ich von den Schicksalen deines Bruders auffangen
kann, liebster Freund, nimmermehr würde meine unschuldige Feder an dir zur Tyrannin
geworden sein. Ich kann es aus hundert Briefen von dir abnehmen², wie Nachrichten
dieser Art dein brüderliches Herz durchbohren müssen, mir ists als säh ich dich schon
um den Nichtswürdigen, den Abscheulichen“ — — Der alte Moor verbirgt sein Gesicht.
Seht, Vater! ich lese euch nur das glimpflichste — „den Abscheulichen in tausend Tränen
ergossen,“ ach sie flossen — stürzten stromweis von dieser mitleidigen Wange — „mir
ists, als säh ich schon deinen alten, ommen Vater Totenbleich“ — Jesus Maria! ihr
seids, eh ihr noch das mindeste wisset?
. .
Weiter! Weiter!
„Totenbleich in seinen Stuhl zurücktaumeln, und dem Tage fluchen an dem ihm zum
erstenmal Vater entgegengestammelt ward. Man hat mir nicht alles entdecken mögen,
und von dem wenigen das ich weiß erfährst du nur weniges. Dein Bruder scheint nun
das Maß seiner Schande gellt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über dem was er
wirklich erreicht hat, wenn nicht sein Genie das meinige hierin übersteigt. Gestern um
Mitternacht hatte er den großen Entschluß, nach vierzig tausend Dukaten Schulden —
ein hübsches Taschengeld Vater — nachdem er zuvor die Tochter eines reichen Banquiers
allhier ent ungfert, und ihren Galan einen braven Jungen von Stand im Duell auf den
Tod verwundet mit sieben andern, die er mit in sein Luderleben gezogen dem Arm der
Justiz zu entlaufen“ — Vater! Um Gotteswillen Vater! wie wird euch?
. .
Es ist genug. Laß ab mein Sohn!
Ich schone eurer — „man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt, die Beleidigte schreien
laut um Genugtuung, ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt — der Name Moor“ — Ne-
in! Meine armen Lippen sollen nimmermehr einen Vater ermorden! zerreißt den Brief.
Glaubt es nicht, Vater! glaubt ihm keine Silbe!
. .
weint bitterlich.
Mein Name! Mein ehrlicher Name!
ällt ihm um den Hals.
Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahndete mirs nicht, da er noch ein Knabe
den Mädels so nachschlenderte mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen
und Bergen sich herumhetzte, den Anblick der Kirche, wie ein Missetäter das Gefängnis,
floh, und die Pfennige, die er euch abquälte dem ersten dem besten Bettler in den Hut
warf, während daß wir daheim mit ommen Gebeten, und heiligen Predigtbüchern uns
erbauten? — Ahndete mirs nicht da er die Abenteuer des Julius Cäsar und Alexander
Magnus und anderer stockfinsterer Heiden lieber las als die Geschichte des bußfertigen
Tobias? — Hundertmal hab ichs euch geweissagt, denn meine Liebe zu ihm war immer
in den Schranken der kindlichen Pflicht, — der Junge wird uns alle noch in Elend und
Schande stürzen! — O daß er Moors Namen nicht trüge! daß mein Herz nicht so warm
²abnehmen — entnehmen. [przypis edytorski]
Die Räuber
r ihn schlüge! Die gottlose Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal
vor Gottes Richterstuhl anklagen.
. .
Oh — meine Aussichten! Meine goldenen Träume!
Das weiß ich wohl. Das ist es a was ich eben sagte. Der feurige Geist, der in dem
Buben lodert, sagtet ihr immer, der ihn r eden Reiz von Größe und Schönheit so
empfindlich macht; diese Offenheit die seine Seele auf dem Auge spiegelt, diese We-
ichheit des Gehls, die ihn bei edem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt,
dieser männliche Mut der ihn auf den Wipfel hundert ähriger Eichen treibet, und über
Gräben und Palisaden und reißende Flüsse agt, dieser kindische Ehrgeiz, dieser unüber-
windliche Starrsinn, und alle diese schöne glänzende Tugenden, die im Vatersöhnchen
keimten, werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem tref-
flichen Bürger, zu einem Helden, zu einem großen großen Manne machen — seht ihrs
nun Vater! — der feurige Geist hat sich entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat
er getragen. Seht diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat,
seht diese Weichheit, wie zärtlich sie r Koketten girret, wie so empfindsam r die
Reize eine Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie es das Öl seines Lebens in sechs Jähr-
gen so rein weggebrannt hat, daß er bei lebendigem Leibe umgeht³, und da kommen
die Leute, und sind so unverschämt zu sagen: c’est l’amour qui a fait ça!⁴ Ah! seht doch
diesen kühnen unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und aushrt, vor denen
die Heldentaten eines Kartouches und Howards verschwinden! — Und wenn erst diese
prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen, — was läßt sich auch von einem so zarten
Alter Vollkommenes erwarten? — Vielleicht Vater erlebet ihr noch die Freude, ihn an
der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residieret,
und dem müden Wanderer seine Reise um die Häle der Bürde erleichtert — vielleicht
könnt ihr noch, eh ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach seinem Monumente tun, das
er sich zwischen Himmel und Erden errichtet — vielleicht, o Vater, Vater, Vater — seht
euch nach einem andern Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fin-
gern auf euch, die euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplaz im Portrait gesehen
haben.
. .
Und auch du mein Franz auch du? O meine Kinder! Wie sie nach meinem Herzen
zielen!
Ihr seht, ich kann auch witzig sein, aber mein Witz ist Skorpionstich. — Und dann
der trockne Alltagsmensch, der kalte, hölzerne Franz, und wie die Titelgen alle heißen
mögen, die euch der Kontrast zwischen ihm und mir mocht eingegeben haben, wenn
er euch auf dem Schoße saß oder in die Backen zwickte — der wird einmal zwischen
seinen Grenzsteinen sterben, und modern und vergeßen werden, wenn der Ruhm dieses
Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt — Ha! mit gefaltnen Händen dankt
dir o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne Franz — daß er nicht ist wie dieser!
. .
Vergib mir mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der sich in seinen Planen⁵ be-
trogen findet. Der Gott der mir durch Karln Tränen zusendet, wird sie durch dich mein
Franz aus meinen Augen wischen.
Ja Vater aus euren Augen soll er sie wischen. Euer Franz wird sein Leben dran setzen
das eurige zu verlängern. Euer Leben ist das Orakel, das ich vor allem zu Rate ziehe, über
dem was ich tun will, der Spiegel durch den ich alles betrachte — keine Pflicht ist mir
³umgeht — hier: spukt. [przypis edytorski]
⁴c’est l’amour qui a fait ça! — (anz.) die Liebe hat das gemacht! [przypis edytorski]
⁵Planen — Plänen. [przypis edytorski]
Die Räuber
so heilig die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn’s um euer kostbares Leben zu tun ist.
— Ihr glaubt mir das?
. .
Du hast noch große Pflichten auf dir mein Sohn — Gott segne dich r das was du
mir warst und sein wirst!
Nun sagt mir einmal — Wenn ihr diesen Sohn nicht den Euren nennen müßtet, ihr
wärt ein glücklicher Mann?
. .
Stille o stille! da ihn die Wehmutter⁶ mir brachte hub ich ihn gen Himmel und rief:
Bin ich nicht ein glücklicher Mann?
Das sagtet ihr. Nun habt ihrs gefunden? Ihr beneidet den schlechtesten⁷ eurer Bau-
ren, daß er nicht Vater ist zu diesem — Ihr habt Kummer so lang ihr diesen Sohn habt.
Dieser Kummer wird wachsen mit Karln. Dieser Kummer wird euer Leben untergraben.
. .
Oh! er hat mich zu einem achtzig ährigen Manne gemacht.
Nun also — wenn ihr dieses Sohnes euch entäußertet?
. .
auffahrend.
Franz! Franz! was sagst du?
Ist es nicht diese Liebe zu ihm die euch all den Gram macht. Ohne diese Liebe ist er
r euch nicht da. Ohne diese strafbare diese verdammliche Liebe ist er euch gestorben
— ist er euch nie geboren. Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und
Söhnen. Liebt ihr ihn nicht mehr, so ist diese Abart auch euer Sohn nicht mehr, und
wär er aus eurem Fleische geschnitten. Er ist euer Augapfel gewesen bisher, nun aber,
ärgert dich dein Auge, sagt die Schri, so reiß es aus. Es ist besser einäugig gen Himmel,
als mit zwei Augen in die Hölle. Es ist besser Kinderlos gen Himmel, als wenn beide
Vater und Sohn in die Hölle fahren. So spricht die Gottheit!
. .
Du willst ich soll meinen Sohn verfluchen?
Nicht doch! nicht doch! — Euren Sohn sollt ihr nicht verfluchen. Was heißt ihr
euren Sohn? — dem ihr das Leben gegeben habt, wenn er sich auch alle ersinnliche
Mühe gibt das eurige zu verkürzen?
. .
Oh das ist allzuwahr! das ist ein Gericht über mich. Der Herr hats ihm geheißen!
Seht ihrs, wie kindlich euer Busenkind⁸ an euch handelt? Durch eure Väterliche
Teilnehmung erwürgt er euch, mordet euch durch eure Liebe, hat euer Vaterherz selbst
bestochen euch den Garaus zu machen. Seid ihr einmal nicht mehr, so ist er Herr eurer
Güter, König seiner Triebe. Der Damm ist weg, und der Strom seiner Lüste kann itzt
eier dahinbrausen. Denkt euch einmal an seine Stelle! Wie o muß er den Vater unter
die Erde wünschen — wie o den Bruder — die ihm im Lauf seiner Exzesse so unbarm-
herzig im Weg stehen. Ist das aber Liebe gegen Liebe? Ist das kindliche Dankbarkeit
⁶Wehmutter — Hebamme. [przypis edytorski]
⁷schlechtesten — einfachsten. [przypis edytorski]
⁸Busenkind — Lieblingskind. [przypis edytorski]
Die Räuber
gegen väterliche Milde? Wenn er dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre eures
Lebens aufopfert? wenn er den Ruhm seiner Väter der sich schon sieben Jahrhunder-
te unbefleckt erhalten hat, in Einer wollüstigen Minute aufs Spiel setzt? Heißt ihr das
euren Sohn? Antwortet? heißt ihr das einen Sohn?
. .
Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch!
Ein allerliebstes köstliches Kind, dessen ewiges Studium⁹ ist, keinen Vater zu haben
— O daß ihrs begreifen lerntet! daß euch die Schuppen fielen vom Auge! aber eure
Nachsicht muß ihn in seinen Liederlichkeiten befestigen; euer Vorschub ihnen Recht-
mäßigkeit geben. Ihr werdet eilich den Fluch von seinem Haupte laden, auf euch,
Vater, auf euch wird der Fluch der Verdammnis fallen.
. .
Gerecht! sehr gerecht! — Mein mein ist alle Schuld!
Wie viele Tausende, die voll gesoffen haben vom Becher der Wollust, sind durch
Leiden gebessert worden. Und ist nicht der körperliche Schmerz, den edes Übermaß
begleitet, ein Fingerzeig des göttlichen Willens. Sollte ihn der Mensch durch seine grau-
same Zärtlichkeit¹⁰ verkehren¹¹? Soll der Vater das ihm anvertraute Pfand auf ewig zu
Grund richten? — Bedenkt Vater, wenn ihr ihn seinem Elend auf einige Zeit preis ge-
ben werdet, wird er nicht entweder umkehren müssen und sich bessern? oder er wird
auch in der großen Schule des Elends ein Schurke bleiben, und dann — wehe dem Vater
der die Ratschlüsse einer höheren Weisheit durch Verzärtlung zernichtet! — Nun Vater?
. .
Ich will ihm schreiben, daß ich meine Hand von ihm wende.
Da tut ihr recht und klug daran.
. .
Daß er nimmer vor meine Augen komme.
Das wird eine heilsame Wirkung tun.
. .
zärtlich.
Bis er anders worden!
Schon recht, schon recht — Aber, wenn er nun kommt mit der Larve¹² des Heu-
chlers, euer Mitleid erweint, eure Vergebung sich erschmeichelt, und morgen hingeht
und eurer Schwachheit spottet im Arm seiner Huren? — Nein Vater! Er wird eiwillig
wiederkehren, wenn ihn sein Gewissen rein gesprochen hat.
. .
So will ich ihm das auf der Stelle schreiben.
Halt! noch ein Wort Vater! Eure Entrüstung, rchte ich, möchte euch zu harte
Worte in die Feder werfen, die ihm das Herz zerspalten würden — und, dann — glaubt
ihr nicht daß er das schon r Verzeihung nehmen werde, wenn ihr ihn noch eines eigen-
händigen Schreibens wert haltet? Darum wirds besser sein! ihr überlaßt das Schreiben
mir.
⁹Studium — ganzes Bestreben. [przypis edytorski]
¹⁰Zärtlichkeit — hier: Schwachheit. [przypis edytorski]
¹¹verkehren — verändern. [przypis edytorski]
¹²Larve — Maske. [przypis edytorski]
Die Räuber
. .
Tu das mein Sohn. — Ach! es hätte mir doch das Herz gebrochen! Schreib ihm —
—
schnell.
Dabei bleibts also?
. .
Schreib ihm daß ich tausend blutige Tränen, tausend schlaflose Nächte — Aber bring
meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!
Wollt ihr euch nicht zu Bette legen Vater? Es griff euch hart an.
. .
Schreib ihm daß die Väterliche Brust — Ich sage dir bring meinen Sohn nicht zur
Verzweiflung!
Geht traurig ab.
mit Lachen ihm nachsehend.
Tröste dich Alter, du wirst ihn nimmer an diese Brust drücken, der Weg dazu ist
ihm verrammelt, wie der Himmel der Hölle — Er war aus deinen Armen gerissen, ehe
du wußtest daß du es wollen könntest — da müßt ich ein erbärmlicher Stümper sein,
wenn ichs nicht einmal so weit gebracht hätte einen Sohn vom Herzen des Vaters los
zu lösen, und wenn er mit ehernen¹³ Banden daran geklammert wäre — Ich hab einen
magischen Kreis von Flüchen um dich gezogen, den er nicht überspringen soll — Glück
zu Franz! Weg ist das Schoßkind¹⁴ — Der Wald ist heller. Ich muß diese Papiere vollends
aufheben, wie leicht könnte emand meine Handschri kennen? er liest die zerrissenen
Briefstücke zusammen. — Und Gram wird auch den Alten bald fortschaffen, — und ihr¹⁵
muß ich diesen Karl, aus dem Herzen reißen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen
bleiben sollte.
Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein, und bei meiner Ehre! ich
will sie geltend machen. — Warum bin ich nicht der erste aus Mutterleib gekrochen?
Warum nicht der Einzige? Warum mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen?
gerade mir? Nicht anders als ob sie bei meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte? Warum
gerade mir die Lappländers Nase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentotten
Augen? Wirklich ich glaube sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf einen
Haufen geworfen, und mich daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht
gegeben enem dieses zu verleihen, und mir vorzuenthalten? Könnte ihr emand darum
hofieren, eh er entstund? Oder sie beleidigen, eh er selbst wurde? Warum ging sie so
parteilich zu Werke?
Nein! Nein! Ich tu ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungs-Geist mit, setzte uns
nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans Welt — Schwimme, wer schwimmen
kann, und wer zu plump ist geh unter! Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen
will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Größten und Kleinsten,
Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb, und Kra an Kra zernichtet. Das Recht
wohnet beim Überwältiger, und die Schranken unserer Kra sind unsere Gesetze.
Wohl gibt es gewisse gemeinschaliche Pakta, die man geschloßen hat, die Pulse
des Weltzirkels zu treiben. Ehrlicher Name! — wahrhaig eine reichhaltige Münze mit
der sich meisterlich schachern läßt, wers versteht, sie gut auszugeben. Gewissen, — o a
eilich! ein tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschrökken! —
auch das ein gut geschriebener Wechselbrief mit dem auch der Bankerottierer zur Not
noch hinauslangt.
In der Tat, sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und den Pöbel
unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiden es desto bequemer haben. Ohne
¹³ehernen — eisernen. [przypis edytorski]
¹⁴Schoßkind — Lieblingskind. [przypis edytorski]
¹⁵ihr — Amalia. [przypis edytorski]
Die Räuber
Anstand¹⁶, recht schnakische¹⁷ Anstalten! Kommen wir r, wie die Hecken die meine
Bauren gar schlau um ihre Felder herumhren, daß a kein Hase drüber setzt, a beileibe
kein Hase! — Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn, und galoppiert
weich über der Weiland¹⁸ Ernte.
Armer Hase! Es ist doch eine ämmerliche Rolle, der Hase sein müssen auf dieser
Welt — Aber der gnädige Herr braucht Hasen!
Also isch drüber hinweg! Wer nichts rchtet, ist nicht weniger mächtig als der,
den alles rchtet. Es ist itzo die Mode, Schnallen an den Beinkleidern zu tragen, womit
man sie nach Belieben weiter und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach der
neuesten Facon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen wie wir zulegen.
Was können wir dar? Geht zum Schneider! Ich habe Langes und Breites von einer so-
genannten Blutliebe¹⁹ schwatzen gehört, das einem ordentlichen Hausmann²⁰ den Kopf
heiß machen könnte — Das ist dein Bruder! — das ist verdolmetscht; Er ist aus eben
dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist — also sei er dir heilig! —
Merkt doch einmal diese verzwickte Konsequenz, diesen possierlichen Schluß von der
Nachbarscha der Leiber auf die Harmonie der Geister; von eben derselben Heimat zu
eben derselben Empfindung; von einerlei Kost zu einerlei Neigung. Aber weiter — es
ist dein Vater! Er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut — also sei
er dir heilig! Wiederum eine schlaue Konsequenz! Ich möchte doch agen, warum hat
er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir, der erst ein Ich werden sollte?
Hat er mich gekannt ehe er mich machte? Oder hat er an mich gedacht, wie er mich
machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte? Wußte er was ich werden
würde? das wollt ich ihm nicht raten, sonst möcht ich ihn dar strafen, daß er mich
doch gemacht hat? Kann ichs ihm Dank wissen, daß ich ein Mann wurde? So wenig als
ich ihn verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir gemacht hätte. Kann ich eine Liebe
erkennen, die sich nicht auf Achtung gegen mein Selbst gründet? Konnte Achtung gegen
mein Selbst vorhanden sein, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Vorausset-
zung sein muß? Wo stickt²¹ dann nun das Heilige? Etwa im Aktus²² selber durch den
ich entstund? — Als wenn dieser etwas mehr wäre als viehischer Prozeß zur Stillung
viehischer Begierden? Oder stickt es vielleicht im Resultat dieses Aktus, der doch nichts
ist als eiserne Notwendigkeit, die man so gern wegwünschte, wenns nicht auf Unkosten
von Fleisch und Blut geschehn müßte? Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben,
daß er mich liebt? das ist eine Eitelkeit von ihm, die Schoßsünde²³ aller Künstler, die
sich in ihrem Werk kokettieren²⁴, wär es auch noch so häßlich. — Sehet also das ist
die ganze Hexerei, die ihr in einen heiligen Nebel verschleiert unsre Furchtsamkeit zu
mißbrauchen. Soll auch ich mich dadurch gängeln lassen wie einen Knaben?
Frisch also! mutig ans Werk! — Ich will alles um mich her ausrotten, was mich
einschränkt daß ich nicht Herr bin. Herr muß ich sein, daß ich das mit Gewalt ertrotze,
wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht
ab.
Schenke an den Grenzen von Sachsen.
. in ein Buch vertieft. trinkend am Tisch.
.
legt das Buch weg.
¹⁶Ohne Anstand — Fürwahr. [przypis edytorski]
¹⁷schnakische — lächerliche. [przypis edytorski]
¹⁸Weiland — einstigen. [przypis edytorski]
¹⁹Blutliebe — Bindung unter Blutsverwandten. [przypis edytorski]
²⁰Hausmann — Familienvater. [przypis edytorski]
²¹stickt — steckt. [przypis edytorski]
²²Aktus — hier: Zeugungsakt. [przypis edytorski]
²³Schoßsünde — Lieblingssünde. [przypis edytorski]
²⁴kokettieren — bewundern. [przypis edytorski]
Die Räuber
Mir ekelt vor diesem Tintenkleksenden Sekulum²⁵, wenn ich in meinem Plutarch
lese von großen Menschen.
stellt ihm ein Glas hin, und trinkt.
Den Josephus mußt du lesen.
Der lohe Lichtfunke Prometheus ist ausgebrannt, dar nimmt man itzt die Flamme
von Berlappenmehl — Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie
nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules, und studieren sich das Mark aus dem
Schädel was das r ein Ding sei, das er in seinem Hoden gehrt hat? Ein anzösischer
Abbé doziert, Alexander²⁶ sei ein Hasenfuß gewesen, ein schwindsüchtiger Professor hält
sich bei edem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase, und liest ein Kollegium
über die Kra. Kerls, die in Ohnmacht fallen wenn sie einen Buben gemacht haben,
kritteln über die Taktik des Hannibals — feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der
Schlacht bei Kannä, und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren²⁷
müssen.
Das ist a recht Alexandrinisch geflennt.
Schöner Preis r euren Schweiß in der Feldschlacht, daß ihr etzt in Gymnasien²⁸
lebet, und eure Unsterblichkeit in einem Bücherriemen mühsam fortgeschleppt wird.
Kostbarer Ersatz eures verpraßten Blutes, von einem Nürnberger Krämer um Lebkuchen
gewickelt — oder, wenns glücklich geht, von einem anzösischen Tragödienschreiber
auf Stelzen geschraubt, und mit Drahtfäden gezogen zu werden. Hahaha!
trinkt
Lies den Josephus, ich bitte dich drum!
Pfui! Pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der
Vorzeit wiederzukäuen, und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden,
und zu verhunzen mit Trauerspielen. Die Kra seiner Lenden ist versiegen gegangen, und
nun muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.
Tee, Bruder, Tee!
Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen, ha-
ben das Herz nicht ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen —
belecken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln²⁹ den ar-
men Schelm, den sie nicht rchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen, und möchten
einander vergien um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich³⁰ überboten wird. —
Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen
ihren Judenzins am Altare — fallen auf die Knie, damit sie a ihren Schlamp³¹ ausbre-
iten können — wenden kein Aug von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke
isiert ist. — Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in
die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht — — So warm ich
ihnen die Hand drückte — „nur noch einen Tag“ — Umsonst! — Ins Loch mit dem
Hund! — Bitten! Schwüre! Tränen auf den Boden stampfend, Hölle und Teufel!
²⁵Sekulum — Jahrhundert. [przypis edytorski]
²⁶Alexander — Alexander der Große (- v. Chr.). [przypis edytorski]
²⁷exponieren — übersetzen. [przypis edytorski]
²⁸Gymnasien — Lateinschulen. [przypis edytorski]
²⁹hudeln — quälen. [przypis edytorski]
³⁰Aufstreich — Versteigerung. [przypis edytorski]
³¹Schlamp — Schleppe. [przypis edytorski]
Die Räuber
Und um so ein paar tausend lausige Dukaten —
Nein ich mag nicht daran denken. Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnür-
brust³², und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang
verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann
gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus. Sie verpalisadieren³³
sich ins Bauchfell eines Tyrannen, hofieren der Laune seines Magens, und lassen sich
klemmen von seinen Winden. — Ah! daß der Geist Herrmanns noch in der Asche glim-
mte! — Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik
werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen.
Er wirft den Degen auf den Tisch und steht auf.
aufspringend.
Bravo! Bravissimo! du bringst mich eben recht auf das Chapitre³⁴. Ich will dir was
ins Ohr sagen Moor, das schon lang mit mir umgeht, und du bist der Mann dazu —
sauf Bruder sauf! — wie wärs wenn wir Juden würden, und das Königreich wieder aufs
Tapet brächten?
lacht aus vollem Halse.
Ah! Nun merk ich — nun merk ich — du willst die Vorhaut aus der Mode bringen,
weil der Barbier die deinige schon hat?
Daß dich Bärenhäuter³⁵! Ich bin eilich wunderbarerweis schon voraus beschnit-
ten. Aber sag, ist das nicht ein schlauer und herzhaer Plan? Wir lassen ein Manifest
ausgehen in alle vier Enden der Welt und zitieren nach Palästina, was kein Schweinefle-
isch ißt. Da beweis ich nun durch triige Dokumente, Herodes der Vierrst sei mein
Großahnherr gewesen, und so ferner. Das wird ein Viktoria³⁶ abgeben, Kerl, wenn sie
wieder ins Trockene kommen, und Jerusalem wieder aufbauen dörfen. Itzt isch mit den
Türken aus Asien, weil’s³⁷ Eisen noch warm ist, und Zedern gehauen aus dem Libanon,
und Schiffe gebaut, und geschachert mit alten Borden und Schnallen das ganze Volk.
Mittlerweile —
nimmt ihn lächelnd bei der Hand.
Kamerad! Mit den Narrenstreichen ists nun am Ende.
stutzig.
Pfui, du wirst doch nicht gar den verlorenen Sohn spielen wollen? Ein Kerl wie du
der mit dem Degen mehr auf die Gesichter gekrizelt hat, als drei Substituten³⁸ in einem
Schalt ahr ins Befehlbuch schreiben! Soll ich dir von der großen Hundsleiche vorerzeh-
len? ha! ich muß nur dein eigenes Bild wieder vor dich rufen, das wird Feuer in deine
Adern blasen, wenn dich sonst nichts mehr begeistert. Weißt du noch wie die Herren
vom Kollegio³⁹ deiner Dogge das Bein hatten abschießen lassen, und du zur Revange lie-
ßest ein Fasten ausschreiben in der ganzen Stadt. Man schmollte⁴⁰ über dein Reskript⁴¹.
Aber du nicht faul, lässest alles Fleisch aufkaufen in ganz L. daß in acht Stund kein
³²Schnürbrust — Korsett. [przypis edytorski]
³³verpalisadieren — verschanzen. [przypis edytorski]
³⁴Chapitre — (anz.) hier: Thema. [przypis edytorski]
³⁵Bärenhäuter — Faulpelz. [przypis edytorski]
³⁶Viktoria — hier: Sieges ubel. [przypis edytorski]
³⁷weil’s — solange das. [przypis edytorski]
³⁸Substituten — Gehilfen des Amtsschreibers. [przypis edytorski]
³⁹Kollegio — hier: Universität. [przypis edytorski]
⁴⁰schmollte — hier: spöttelte. [przypis edytorski]
⁴¹Reskript — Erlass. [przypis edytorski]
Die Räuber
Knoch mehr zu nagen ist in der ganzen Rundung⁴², und die Fische anfangen im Preise
zu steigen. Magistrat und Bürgerscha düßelten⁴³ Rache. Wir Pursche isch heraus zu
siebzehn hundert, und du an der Spitze, und Metzger, und Schneider und Krämer hin-
terher, und Wirt und Barbierer und alle Züne, und fluchen, Sturm zu laufen wider die
Stadt wenn man den Purschen ein Haar krümmen wollte. Da gings aus, wie’s Schießen
zu Hornberg, und mußten abziehen mit langer Nase. Du lässest Doktores kommen ein
ganzes Koncilium, und botst drei Dukaten wer dem Hund ein Rezept schreiben würde.
Wir sorgten die Herren werden zuviel Ehr im Leib haben und Nein sagen und hattens
schon verabredt sie zu forcieren⁴⁴. Aber das war unnötig, die Herren schlugen sich um
die drei Dukaten, und kams im Abstreich⁴⁵ herab auf drei Batzen, in einer Stund sind
zwölf Rezepte geschrieben, daß das Tier auch bald drauf verreckte.
Schändliche Kerls!
Der Leichenpomp wird veranstaltet in aller Pracht, Karmina⁴⁶ gabs die schwere Meng
um den Hund, und zogen wir aus des Nachts gegen tausend, eine Laterne in der einen
Hand, unsre Raufdegen in der andern, und so fort durch die Stadt mit Glockenspiel
und Geklimper, bis der Hund beigesezt war. Drauf gabs ein Fressen, das währt bis an
den lichten Morgen, da bedanktest du dich bei den Herren r das herzliche Beileid,
und ließest das Fleisch verkaufen ums halbe Geld. Mort de ma vie⁴⁷, da hatten wir dir
Respekt, wie eine Garnison in einer eroberten Festung —
Und du schämst dich nicht damit groß zu prahlen? Hast nicht einmal so viel Scham
dich dieser Streiche zu schämen?
Geh, geh. Du bist nicht mehr Moor. Weißt du noch wie tausendmal du die Flasche
in der Hand den alten Filzen⁴⁸ hast aufgezogen, und gesagt: Er soll nur drauf los schaben
und scharren⁴⁹, du wollest dir dar die Gurgel absaufen. — Weißt du noch? he? weißt
du noch? O du heilloser, erbärmlicher Prahlhans! das war noch männlich gesprochen,
und edelmännisch, aber —
Verflucht seist du, daß du mich dran erinnerst! Verflucht ich, daß ich es sagte! Aber
es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz hörte nicht was meine Zunge prahlte.
schüttelt den Kopf.
Nein! nein! nein! das kann nicht sein. Unmöglich Bruder, das kann dein Ernst nicht
sein. Sag, Brüderchen, ist es nicht die Not die dich so stimmt? Kommt, laß dir ein
Stückchen aus meinen Bubenjahren erzählen. Da hatt ich neben meinem Haus einen
Graben, der, wie wenig, seine acht Schuh breit war, wo wir Buben uns in die Wette
bemühten hinüber zu springen. Aber das war umsonst. Pflumpf!⁵⁰lagst du, und ward ein
Gezisch und Gelächter über dir, und wurdest mit Schneeballen geschmissen über und
über. Neben meinem Haus lag eines Jägers Hund an einer Kette, eine so bissige Bestie,
die dir die Mädels wie der Blitz am Rockzipfel hatte, wenn sie sichs versahn, und zu nah
dran vorbei strichen. Das war nun mein Seelengaudium, den Hund überall zu necken
wo ich nur konnte, und wollt halb krepieren vor Lachen wenn mich dann das Luder
⁴²Rundung — Umgebung. [przypis edytorski]
⁴³düßelten — sannten heimlich auf. [przypis edytorski]
⁴⁴forcieren — zwingen. [przypis edytorski]
⁴⁵im Abstreich — beim Herunterhandeln. [przypis edytorski]
⁴⁶Karmina — Leichengesänge. [przypis edytorski]
⁴⁷Mort de ma vie — (anz.) Bei meinem Leben. [przypis edytorski]
⁴⁸Filzen — Geizhals. [przypis edytorski]
⁴⁹schaben und scharren — knausern und Geld zusammenkratzen. [przypis edytorski]
⁵⁰Pflumpf! — Plumps! [przypis edytorski]
Die Räuber
so giig anstierte, und so gern auf mich losgerannt wär, wenns nur gekonnt hätte. —
Was geschieht? Ein andermal mach ichs ihm auch wieder so, und werf ihn mit einem
Stein so derb an die Ripp, daß er vor Wut von der Kette reißt und auf mich dar⁵¹, und
ich wie alle Donnerwetter reißaus und davon — Tausend Schwerenot! Da ist dir ust der
vermaledeite Graben dazwischen. Was zu tun? Der Hund ist mir hart an den Fersen und
wütig, also kurz resolviert⁵² — ein Anlauf genommen — drüben bin ich. Dem Sprung
hatt ich Leib und Leben zu danken; die Bestie hätte mich zu Schanden gerissen.
Aber wozu itzt das?
Dazu — daß du sehen sollst, wie die Kräe wachsen in der Not. Darum laß ich mirs
auch nicht bange sein, wenns aufs äußerste kommt. Der Mut wächst mit der Gefahr;
Die Kra erhebt sich im Drang. Das Schicksal muß einen großen Mann aus mir haben
wollen, weil’s mir so quer durch den Weg streicht.
ärgerlich.
Ich wüßte nicht wozu wir den Mut noch haben sollten, und noch nicht gehabt
hätten.
So? — Und du willst also deine Gaben in dir verwittern lassen? Dein Pfund vergra-
ben? Meinst du, deine Stinkereien⁵³ in Leipzig machen die Grenzen des menschlichen
Witzes aus? Da laß uns erst in die große Welt kommen. Paris und London! — wo man
Ohrfeigen einhandelt, wenn man einen mit dem Namen eines ehrlichen Mannes grüßt.
Da ist es auch ein Seelenjubilo⁵⁴, wenn man das Handwerk ins große praktiziert⁵⁵. — Du
wirst gaffen! Du wirst Augen machen! Wart, und wie man Handschrien nachmacht,
Würfel verdreht, Schlösser aufbricht, und den Koffern das Eingeweid ausschüttet — das
sollst du noch von Spiegelberg lernen! Die Kanaille⁵⁶ soll man an den nächsten besten
Galgen knüpfen, die bei geraden Fingern verhungern⁵⁷ will.
zerstreut.
Wie? Du hast es wohl gar noch weiter gebracht?
Ich glaube gar, du setzest ein Mißtrauen in mich. Wart, laß mich erst warm werden;
du sollst Wunder sehen, dein Gehirnchen soll sich im Schädel umdrehen, wenn mein
kreisender Witz in die Wochen kommt. — Steht auf, hitzig. Wie es sich aufhellt in mir!
Große Gedanken dämmern auf in meiner Seele! Riesenplane gären in meinem schöpi-
schen Schedel. Verfluchte Schlafsucht! Sich vor’n Kopf schlagend. Die bisher meine Kräe
in Ketten schlug, meine Aussichten sperrte und spannte; ich erwache, hle wer ich bin
— wer ich werden muß!
Du bist ein Narr. Der Wein bramarbasiert⁵⁸ aus deinem Gehirne.
hitziger.
Spiegelberg, wird es heißen, kannst du hexen Spiegelberg? Es ist Schade daß du kein
General worden bist, Spiegelberg, wird der König sagen, du hättest die Östreicher durch
ein Knopfloch ge agt. Ja, hör ich die Dokters ammern, es ist unverantwortlich daß der
⁵¹auf mich dar — auf mich los. [przypis edytorski]
⁵²resolviert — entschlossen. [przypis edytorski]
⁵³Stinkereien — Stänkereien. [przypis edytorski]
⁵⁴Seelenjubilo — Seeleneude. [przypis edytorski]
⁵⁵ins große praktiziert — im Großen mit List aushrt. [przypis edytorski]
⁵⁶Kanaille — Schu, Schurke. [przypis edytorski]
⁵⁷bei geraden Fingern verhungern — ehrlich verhungern. [przypis edytorski]
⁵⁸bramarbasiert — prahlt. [przypis edytorski]
Die Räuber
Mann nicht die Medizin studiert hat, er hätte ein neues Kropfpulver erfunden. Ach!
und daß er das Kamerale⁵⁹ nicht zum Fach genommen hat, werden die Sullys in ihren
Kabinetten seufzen, er hätte aus Steinen Louisd’ore hervorgezaubert. Und Spiegelberg
wird es heißen in Osten und Westen, und in den Kot mit euch ihr Memmen, ihr Kröten,
indes Spiegelberg mit ausgespreiteten Flügeln zum Tempel des Nachruhms empor fliegt.
Glück auf den Weg! Steig du auf Schandsäulen zum Gipfel des Ruhms. Im Schatten
meiner väterlichen Haine, in den Armen meiner Amalia lockt mich ein edler Vergnügen.
Schon die vorige Woche hab ich meinem Vater um Vergebung geschrieben, hab ihm
nicht den kleinsten Umstand verschwiegen, und wo Auichtigkeit ist, ist auch Mitleid
und Hilfe. Laß uns Abschied nehmen Moriz. Wir sehen uns heut, und nie mehr. Die
Post ist angelangt. Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb dieser Stadtmauren.
. . . . treten auf.
Wißt ihr auch, daß man uns auskundschaet?
Daß wir keinen Augenblick sicher sind aufgehoben⁶⁰ zu werden?
Mich wunderts nicht. Es gehe wie es will! saht ihr den Schwarz nicht? sagt er euch
von keinem Brief, den er an mich hätte?
Schon lang sucht er dich, ich vermute so etwas.
Wo ist er, wo, wo? will eilig fort.
Bleib! wir haben ihn hieher beschieden. Du zitterst? —
Ich zittre nicht. Warum sollt ich auch zittern? Kameraden! dieser Brief — eut euch
mit mir! Ich bin der Glücklichste unter der Sonne, warum sollt ich zittern?
tritt auf.
fliegt ihm entgegen.
Bruder, Bruder, den Brief! den Brief!
gibt ihm den Brief, den er hastig aufbricht.
Was ist dir? wirst du nicht wie die Wand?
Meines Bruders Hand!
Was treibt denn der Spiegelberg?
Der Kerl ist unsinnig. Er macht Gestus wie beim sankt Veits Tanz.
Sein Verstand geht im Ring herum. Ich glaub er macht Verse.
Spiegelberg! He Spiegelberg! — Die Bestie hört nicht.
⁵⁹Kamerale — Verwaltungs- und Wirtschaslehre. [przypis edytorski]
⁶⁰aufgehoben — festgenommen. [przypis edytorski]
Die Räuber
schüttelt ihn.
Kerl! träumst du, oder? —
der sich die ganze Zeit über mit den Pantominen eines Projektmachers⁶¹ im Stubeneck
abgearbeitet hat, springt wild auf.
La Bourse ou la vie!⁶²
und pakt Schweizern an der Gurgel, der ihn gelassen an die Wand wirft, — Moor läßt
den Brief fallen, und rennt hinaus. Alle fahren auf.
ihm nach.
Moor! wonaus, Moor? was beginnst du?
Was hat er, was tat er? Er ist bleich wie die Leiche.
Das müssen schöne Neuigkeiten sein! Laß doch sehen!
nimmt den Brief von der Erde, und liest.
„Unglücklicher Bruder!“ der Anfang klingt lustig. „Nur kürzlich⁶³ muß ich dir mel-
den, daß deine Hoffnung vereitelt ist — du sollst hingehen, läßt dir der Vater sagen,
wohin dich deine Schandtaten hren. Auch, sagt er, werdest du dir keine Hoffnung
machen, emals Gnade zu seinen Füßen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig sein
wollest, im untersten Gewölbe seiner Türme mit Wasser und Brot so lange traktiert zu
werden, bis deine Haare wachsen wie Adlers-Federn, und deine Nägel wie Vogelsklauen
werden. Das sind seine eigene Worte. Er befiehlt mir den Brief zu schließen. Leb wohl
auf ewig! Ich bedaure dich —
Franz von Moor. “
Ein zuckersüßes Brüdergen! In der Tat! — Franz heißt die Kanaille?
sachte herbei schleichend.
Von Wasser und Brot ist die Rede? Ein schönes Leben! Da hab ich anders r euch
gesorgt! Sagt’ ichs nicht, ich müßt’ am Ende r euch alle denken?
Was sagt der Schafskopf? der Esel will r uns alle denken?
Hasen, Krüppel, lahme Hunde seid ihr alle, wenn ihr das Herz nicht habt etwas
Großes zu wagen?
Nun, das wären wir eilich, du hast recht — aber wird es uns auch aus dieser ver-
maledeiten Lage reißen, was du wagen wirst? wird es? —
mit einem stolzen Gelächter.
Armer Tropf! aus dieser Lage reißen? hahaha! — aus dieser Lage reißen? — und auf
mehr raffiniert⁶⁴ dein Fingerhut voll Gehirn nicht? und damit trabt deine Mähre zum
⁶¹Projektmachers — Pläneschmieds. [przypis edytorski]
⁶²La Bourse ou la vie! — (anz.) Geld oder Leben! [przypis edytorski]
⁶³kürzlich — kurz. [przypis edytorski]
⁶⁴raffiniert — sinnt. [przypis edytorski]
Die Räuber
Stalle? Spiegelberg müßte ein Hundsfot sein, wenn er mit dem nur anfangen wollte. Zu
Helden, sag ich dir, zu Freiherrn, zu Fürsten, zu Göttern wirds euch machen!
Das ist viel auf einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl eine halsbrechende Arbeit
sein, den Kopf wirds wenigstens kosten.
Es will nichts als Mut, denn was den Witz betri, den nehm ich ganz über mich.
Mut, sag ich, Schweizer! Mut, Roller, Grimm, Razmann, Schuerle! Mut! —
Mut? Wenns nur das ist — Mut hab ich genug um barfuß mitten durch die Hölle
zu gehn.
Mut genug, mich unterm lichten Galgen mit dem leibhaigen Teufel um einen ar-
men Sünder zu balgen.
So gefällt mirs! Wenn ihr Mut habt, tret einer auf, und sag: Er habe noch etwas zu
verlieren, und nicht alles zu gewinnen! —
Wahrhaig, da gäbs manches zu verlieren, wenn ich das verlieren wollte, was ich
noch zu gewinnen habe!
Ja, zum Teufel! und manches zu gewinnen, wenn ich das gewinnen wollte, was ich
nicht verlieren kann.
Wenn ich das verlieren müßte, was ich auf Borgs auf dem Leibe trage, so hätt’ ich
allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren.
Also denn! Er stellt sich mitten unter sie mit beschwörendem Ton. Wenn noch ein Trop-
fen deutschen Heldenbluts in euren Adern rinnt — kommt! Wir wollen uns in den
böhmischen Wäldern niederlassen, dort eine Räuberbande zusammen ziehen, und —
Was ga ihr mich an? — ist euer bißgen Mut schon verdamp?
Du bist wohl nicht der erste Gauner, der über den hohen Galgen weggesehen hat —
und doch — Was hätten wir sonst noch r eine Wahl übrig?
Wahl? Was? nichts habt ihr zu wählen! Wollt ihr im Schuldturm stecken, und zu-
sammenschnurren bis man zum üngsten Tag posaunt? Wollt ihr euch mit der Schaufel
und Haue um einen Bissen trocken Brot abquälen? Wollt ihr an der Leute Fenster mit
einem Bänkelsänger Lied ein mageres Almosen erpressen? oder wollt ihr zum Kalbsfell
schwören — und da ist erst noch die Frage, ob man euren Gesichtern traut — und dort
unter der milzsüchtigen⁶⁵ Laune eines gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum voraus
abverdienen? oder bei klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spazieren gehn,
oder im Galioten Paradies das ganze Eisen-Magazin Vulkans⁶⁶ hinterschleifen? Seht, das
habt ihr zu wählen, da ist es beisamen, was ihr wählen könnt!
So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht. Ich hab auch meine Plane schon zu-
sammengemacht, aber sie treffen endlich auf eins. Wie wärs, dacht ich, wenn ihr euch
⁶⁵milzsüchtigen — trübsinnigen. [przypis edytorski]
⁶⁶Vulkans — Römischer Gott des Feuers, der Blitze und der Schmiedekunst. [przypis edytorski]
Die Räuber
hinsetztet, und ein Taschenbuch oder einen Almanach, oder so was ähnlichs zusammen-
sudeltet, und um den lieben Groschen rezensiertet, wie’s wirklich⁶⁷ Mode ist?
Zum Henker! ihr ratet nach zu meinen Pro ekten. Ich dachte bei mir selbst, wie
wenn du ein Pietist würdest, und wöchentlich deine Erbauungsstunden hieltest?
Getroffen! und wenn das nicht geht, ein Atheist! Wir könnten die vier Evangelisten
aufs Maul schlagen, ließen unser Buch durch den Schinder verbrennen, und so ging’s
reißend ab.
Oder zögen wir wieder die Franzosen zu Felde — ich kenne einen Dokter, der sich
ein Haus von purem Quecksilber gebaut hat, wie das Epigramm auf der Haustüre lautet.
Steht auf und gibt Spiegelberg die Hand.
Moriz, du bist ein großer Mann! — oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel
gefunden.
Vortreffliche Plane! honnette⁶⁸ Gewerbe! Wie doch die großen Geister sympathisie-
ren! Itzt fehlte nur noch, daß wir Weiber und Kupplerinnen würden, oder gar unsere
Jungferscha zu Markte trieben.
Possen, Possen! Und was hinderts, daß ihr nicht das meiste in einer Person sein
könnt? Mein Plan wird euch immer am höchsten poussieren⁶⁹, und da habt ihr noch
Ruhm und Unsterblichkeit! Seht arme Schlucker! Auch so weit muß man hinausdenken!
Auch auf den Nachruhm, das süße Gehl von Unvergeßlichkeit —
Und oben an in der Liste der ehrlichen Leute! Du bist ein Meister-Redner, Spiegel-
berg, Wenns drauf ankommt, aus einem ehrlichen Mann einen Hollunken⁷⁰ zu machen
— Aber sag doch einer, wo der Moor bleibt? —
Ehrlich, sagst du? Meinst du, du seist nachher weniger ehrlich, als du itzt bist? Was
heißt du ehrlich? Reichen Filzen ein Dritteil ihrer Sorgen vom Hals schaffen, die ih-
nen nur den goldnen Schlaf verscheuchen, das stockende Geld in Umlauf bringen, das
Gleichgewicht der Güter wieder herstellen, mit einem Wort, das goldne Alter⁷¹ wie-
der zurückrufen, dem lieben Gott von manchem lästigen Kostgänger helfen, ihm Krieg,
Pestilenz, teure Zeit und Dokters ersparen — siehst du, das heiß ich ehrlich sein, das
heiß ich ein würdiges Werkzeug in der Hand der Vorsehung abgeben, — und so bei
edem Braten den man ißt, den schmeichelhaen Gedanken zu haben; den haben dir
deine Finten, dein Löwenmut, deine Nachtwachen erworben — von groß und klein
respektiert zu werden —
Und endlich gar bei lebendigem Leibe gen Himmel fahren, und trutz Sturm und
Wind, trutz dem geäßigen Magen der alten Urahne Zeit unter Sonn und Mond und
allen Fixsternen schweben, wo selbst die unvernünigen Vögel des Himmels, von edler
Begierde herbeigelockt, ihr himmlisches Konzert musizieren, und die Engel mit Schwän-
zen ihr hochheiliges Synedrium⁷² halten? Nicht wahr? — und wenn Monarchen und
⁶⁷wirklich — etzt. [przypis edytorski]
⁶⁸honnette — ehrbare. [przypis edytorski]
⁶⁹poussieren — vorwärts bringen. [przypis edytorski]
⁷⁰Hollunken — Halunken. [przypis edytorski]
⁷¹Alter — Zeitalter. [przypis edytorski]
⁷²Synedrium — Ratsversammlung. [przypis edytorski]
Die Räuber
Potentaten⁷³ von Motten und Würmern verzehrt werden, die Ehre haben zu dürfen,
von Jupiters königlichem Vogel⁷⁴ Visiten anzunehmen? — Moriz, Moriz, Moriz! nimm
dich in Acht! nimm dich in Acht, vor dem dreibeinigten Tiere⁷⁵!
Und das schröckt dich, Hasenherz? ist doch schon manches Universal-Genie, das
die Welt hätte reformieren können, auf dem Schind-Anger verfault, und spricht man
nicht von so einem Jahrhunderte, Jahrtausende lang, da mancher König und Kurrst
in der Geschichte überhüp⁷⁶ würde, wenn sein Geschichtschreiber die Lücke in der
Sukzessions-Leiter⁷⁷ nicht scheute, und sein Buch dardurch nicht um ein paar Okta-
vseiten gewönne, die ihm der Verleger mit barem Gelde bezahlt — Und wenn dich der
Wanderer so hin und her fliegen sieht im Winde — der muß auch kein Wasser im Hirn
gehabt haben, brummt er in den Bart, und seufzt über die elenden Zeiten.
klopft ihm auf die Achsel.
Meisterlich, Spiegelberg! Meisterlich! Was, zum Teufel, steht ihr da, und zaudert?
Und laß es auch Prostitution⁷⁸ heißen — Was folgt weiter? Kann man nicht auf den
Fall immer ein Pülvergen mit sich hren, das einen so im stillen übern Acheron rdert,
wo kein Hahn darnach kräht! Nein, Bruder Moriz! dein Vorschlag ist gut. So lautet auch
mein Katechismus⁷⁹.
Blitz! Und der meine nicht minder. Spiegelberg, du hast mich geworben!
Du hast, wie ein anderer Orpheus, die heulende Bestie, mein Gewissen in den Schlaf
gesungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin.
Si omnes consentuint ego non dissentio.⁸⁰ Wohlgemerkt ohne Komma. Es ist ein
Aufstreich in meinem Kopf; Pietisten — Quaksalber — Rezensenten und Jauner. Wer
am meisten bietet, der hat mich. Nimm diese Hand Moriz.
Und auch du Schweizer? gibt die rechte Hand. Also verpfänd ich meine
Seele dem Teufel.
Und deinen Namen den Sternen! was liegt daran, wohin auch die Seele fährt? Wenn
Scharen vorausgesprengter Kuriere unsere Niederfahrt melden, daß sich die Satane fe-
sttäglich herausputzen, sich den tausend ährigen Ruß aus den Wimpern stäuben, und
myriaden⁸¹ gehörnter Köpfe aus der rauchenden Mündung ihrer Schwefel Kamine he-
rvorwachsen, unsern Einzug zu sehen? Kameraden! aufgesprungen isch auf! Kameraden!
was in der Welt wiegt diesen Rausch des Entzückens auf? Kommt Kameraden!
Sachte nur! Sachte! wohin? das Tier muß auch seinen Kopf haben, Kinder.
Giftig.
⁷³Potentaten — Machthabern. [przypis edytorski]
⁷⁴königlichem Vogel — Adler. [przypis edytorski]
⁷⁵dreibeinigten Tiere — Galgen. [przypis edytorski]
⁷⁶überhüpft — übergangen. [przypis edytorski]
⁷⁷Sukzessions-Leiter — Reihe der Generationennachfolge. [przypis edytorski]
⁷⁸Prostitution — hier: Ehrlosigkeit. [przypis edytorski]
⁷⁹Katechismus — hier: Glaubensbekenntnis. [przypis edytorski]
⁸⁰Si omnes consentuint ego non dissentio. — (lat.) Wenn alle zustimmen, schließe ich mich nicht aus. [przypis
edytorski]
⁸¹myriaden — unzählige. [przypis edytorski]
Die Räuber
Was predigt der Zauderer? Stand nicht der Kopf schon, eh noch ein Glied sich regte?
folgt Kameraden!
Gemach sag ich. Auch die Freiheit muß ihren Herrn haben. Ohne Oberhaupt ging
Rom und Sparta zu Grunde.
Geschmeidig.
Ja — haltet — Roller sagt recht. Und das muß ein erleuchteter Kopf sein. Versteht
ihr? Ein feiner politischer Kopf muß das sein. Ja! wenn ich mirs denke, was ihr vor einer
Stunde waret, was ihr itzt seid — durch Einen glücklichen Gedanken seid — Ja eilich,
eilich, müßt ihr einen Chef haben — Und wer diesen Gedanken entsponnen, sagt,
muß das nicht ein erleuchteter politischer Kopf sein?
Wenn sichs hoffen ließe — träumen ließe — Aber ich rchte er wird es nicht tun.
Warum nicht? Sags keck heraus, Freund! — So schwer es ist das kämpfende Schiff
gegen die Winde zu lenken, so schwer sie auch drückt die Last der Kronen — Sags
unverzagt, Roller, — Vielleicht wird ers doch tun.
Und leck ist das Ganze, wenn ers nicht tut. Ohne den Moor sind wir Leib ohne
Seele.
Unwillig von ihm weg.
Stockfisch!⁸²
tritt herein in wilder Bewegung, und läuft heftig im Zimmer auf und nieder, mit
sich selber.
Menschen — Menschen! falsche, heuchlerische Krokodilbrut! Ihre Augen sind Was-
ser! Ihre Herzen sind Erzt! Küsse auf den Lippen! Schwerter im Busen! Löwen und Le-
oparde ttern ihre Jungen, Raben tischen ihren Kleinen auf dem Aas, und Er, Er —
Bosheit hab ich dulden gelernt, kann dazu lächeln, wenn mein erboster Feind mir mein
eigen Herzblut zutrinkt — aber wenn Blutliebe zur Verräterin, wenn Vaterliebe zur Me-
gäre wird: o so fange Feuer männliche Gelassenheit, verwilde zum Tyger sanmütiges
Lamm, und ede Faser recke sich auf zu Grimm und Verderben!
Höre Moor! Was denkst du davon? Ein Räuberleben ist doch auch besser, als bei
Wasser und Brot im untersten Gewölbe der Türme?
Warum ist dieser Geist nicht in einem Tyger gefahren, der sein wütendes Gebiß
in Menschenfleisch haut? Ist das Vatertreue? Ist das Liebe r Liebe? Ich möchte ein
Bär sein, und die Bären des Nordlands wider dies mörderische Geschlecht anhetzen —
Reue, und keine Gnade! — Oh ich möchte den Ozean vergien, daß sie den Tod aus
allen Quellen saufen! vertrauen, unüberwindliche Zuversicht, und kein Erbarmen!
So höre doch, Moor, was ich dir sage!
Es ist unglaublich, es ist ein Traum eine Täuschung — So eine rührende Bitte, so
eine lebendige Schilderung des Elends und der zerfließenden Reue — die wilde Bestie
wär in Mitleid zerschmolzen! Steine hätten Tränen vergossen, und doch — man würde
⁸²Stockfisch! — Langweiliger Mensch. [przypis edytorski]
Die Räuber
es r ein boshaes Pasquill aufs Menschengeschlecht halten, wenn ichs aussagen wollte
— und doch, doch — oh daß ich durch die ganze Natur das Horn des Auuhrs blasen
könnte. Lu, Erde und Meer wider das Hyänen-Gezücht ins Treffen zu hren!
Höre doch, höre! vor Rasen hörst du a nicht.
Weg, weg von mir! Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das Weib nicht geboren?
— Aus meinen Augen du mit dem Menschengesicht! — Ich hab ihn so unaussprechlich
geliebt! so liebte kein Sohn, ich hätte tausend Leben r ihn — schäumend auf die Er-
de stampfend. ha! — wer mir itzt ein Schwert in die Hand gäb, dieser Otterbrut eine
brennende Wunde zu versetzen! wer mir sagte: wo ich das Herz ihres Lebens erzielen,
zermalmen, zernichten — Er sei mein Freund, mein Engel, mein Gott — ich will ihn
anbeten!
Eben diese Freunde wollen a wir sein, laß dich doch weisen⁸³!
Komm mit uns in die böhmischen Wälder! Wir wollen eine Räuberbande sammeln,
und du —
stiert ihn an.
Du sollst unser Hauptmann sein! du mußt unser Hauptmann sein!
wirft sich wild in einen Sessel.
Sklaven und Memmen!
Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! indem er Rollern hart ergreift. Das hast du
nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt! wer blies dir das Wort ein? Ja, bei dem
tausendarmigen Tod! das wollen wir, das müssen wir! der Gedanke verdient Vergötterung
— Räuber und Mörder! — So wahr meine Seele lebt, ich bin euer Hauptmann!
mit lärmendem Geschrei.
Es lebe der Hauptmann!
aufspringend, vor sich.
Bis ich ihm hinhelfe!
Siehe, da fällts wie der Star von meinen Augen! was r ein Tor ich war, daß ich
ins Keficht⁸⁴ zurückwollte! — Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freihe-
it, — Mörder, Räuber! — mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt
— Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit⁸⁵ appellier-
te, weg dann von mir Sympathie und menschliche Schonung! — Ich habe keinen Vater
mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir
emals etwas teuer war! Kommt, kommt! — Oh ich will mir eine rchterliche Zerstreu-
ung machen — es bleibt dabei, ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister
unter euch, der am wildesten sengt, am gräßlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll
königlich belohnt werden — tretet her um mich ein eder, und schwöret mir Treu und
Gehorsam zu bis in den Tod! — schwört mir das bei dieser männlichen Rechte.
geben ihm die Hand.
⁸³weisen — belehren. [przypis edytorski]
⁸⁴Keficht — Käfig. [przypis edytorski]
⁸⁵Menschheit — Menschlichkeit. [przypis edytorski]
Die Räuber
Wir schwören dir Treu und Gehorsam bis in den Tod!
Nun und bei dieser männlichen Rechte! schwör ich euch hier, treu und standha
euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den soll dieser Arm gleich zur Leiche
machen, der emals zagt oder zweifelt, oder zurücktritt! Ein gleiches widerfahre mir von
edem unter euch, wenn ich meinen Schwur verletze! Seid ihrs zuieden?
läuft wütend auf und nieder.
mit aufgeworfenen Hüten.
Wir sinds zuieden.
Nun dann, so laßt uns gehn! Fürchtet euch nicht vor Tod und Gefahr, denn über uns
waltet ein unbeugsames Fatum! Jeden ereilet endlich sein Tag, es sei auf dem weichen
Küssen von Pflaum⁸⁶, oder im rauhen Gewühl des Gefechts, oder auf offenem Galgen
und Rad! Eins davon ist unser Schicksal!
Sie gehen ab.
ihnen nachsehend, nach einer Pause.
Dein Register hat ein Loch. Du hast das Gi weggelassen. Ab.
Im Moorischen Schloß, Amaliens Zimmer.
. .
Du siehst weg, Amalia? verdien ich weniger, als der, den der Vater verflucht hat?
Weg! — ha des liebevollen barmherzigen Vaters, der seinen Sohn Wölfen und Unge-
heuern Preis gibt! daheim labt er sich mit süßem köstlichem Wein, und pflegt seiner
morschen Glieder in Kissen von Eider, während sein großer herrlicher Sohn darbt —
schämt euch, ihr Unmenschen! schämt euch, ihr Drachenseelen, ihr Schande der Men-
schheit! — seinen einzigen Sohn!
Ich dächte, er hätt ihrer zween.
Ja, er verdient solche Söhne zu haben, wie du bist. Auf seinem Todbett wird er
umsonst die welken Hände ausstrecken nach seinem Karl, und schaudernd zurückfahren,
wenn er die eiskalte Hand seines Franzens faßt — oh es ist süß, es ist köstlich süß, von
deinem Vater verflucht zu werden! Sprich Franz, liebe brüderliche Seele! was muß man
tun, wenn man von ihm verflucht sein will?
Du schwärmst, meine Liebe, du bist zu bedauren.
O ich bitte dich — bedauerst du deinen Bruder? — Nein Unmensch, du hassest ihn!
du hassest mich doch auch?
Ich liebe dich wie mich selbst, Amalia.
Wenn du mich liebst, kannst du mir wohl eine Bitte abschlagen?
⁸⁶Küssen von Pflaum — Kissen von Flaum. [przypis edytorski]
Die Räuber
Keine, keine! wenn sie nicht mehr ist als mein Leben.
O, wenn das ist! Eine Bitte, die du so leicht, so gern erllen wirst, stolz. — Hasse
mich! Ich müßte feuerrot werden vor Scham, wenn ich an Karln denke, und mir eben
einfiel, daß du mich nicht hassest. Du versprichst mirs doch? — Itzt geh, und laß mich,
ich bin so gern allein!
Allerliebste Träumerin! wie sehr bewundere ich dein sanes, liebevolles Herz, ihr auf
die Brust klopfend. Hier hier herrschte Karl wie ein Gott in seinem Tempel, Karl stand
vor dir im Wachen, Karl regierte in deinen Träumen, die ganze Schöpfung schien dir nur
in den einzigen zu zerfließen, den einzigen widerzustrahlen, den einzigen dir entgegen
zu tönen.
bewegt.
Ja wahrhaig, ich gesteh es. Euch Barbaren zum Trutz will ichs vor aller Welt ge-
stehen — ich lieb ihn!
Unmenschlich, grausam! Diese Liebe so zu belohnen! Die zu vergessen —
auffahrend.
Was, mich vergessen?
Hattest du ihm nicht einen Ring an den Finger gesteckt? einen Diamantring zum
Unterpfand deiner Treue! — Freilich nun, wie kann auch ein Jüngling den Reizen einer
Metze Widerstand tun? Wer wirds ihm auch verdenken, da ihm sonst nichts mehr übrig
war wegzugeben, — und bezahlte sie ihn nicht mit Wucher dar mit ihren Liebkosun-
gen, ihren Umarmungen?
aufgebracht.
Meinen Ring einer Metze?
Pfui, pfui! das ist schändlich. Wohl aber, wenns nur das wäre! — Ein Ring, so kostbar
er auch ist, ist im Grunde bei edem Juden wieder zu haben — vielleicht mag ihm die
Arbeit daran nicht gefallen haben, vielleicht hat er einen schönern dar eingehandelt.
heftig.
Aber meinen Ring — ich sage meinen Ring?
Keinen andern, Amalia — ha! solch ein Kleinod, und an meinem Finger — und von
Amalia! — von hier sollt ihn der Tod nicht gerissen haben — nicht wahr, Amalia? nicht
die Kostbarkeit des Diamants, nicht die Kunst des Gepräges⁸⁷ — die Liebe macht seinen
Wert aus — Liebstes Kind, du weinest? wehe über den, der diese köstliche Tropfen aus
so himmlischen Augen preßt — ach, und wenn du erst alles wüßtest, ihn selbst sähest,
ihn unter der Gestalt sähest? —
Ungeheuer! wie, unter welcher Gestalt?
Stille, stille, gute Seele, age mich nicht aus! Wie vor sich, aber laut. Wenn es doch
wenigstens nur einen Schleier hätte, das garstige Laster, sich dem Auge der Welt zu
⁸⁷Gepräges — hier: Verzierung des Ringes. [przypis edytorski]
Die Räuber
entstehlen⁸⁸! aber da blickts schrecklich durch den gelben bleifarbenen Augenring; —
da verrät sichs im todenblassen eingefallenen Gesicht, und dreht die Knochen häßlich
hervor — da stammelts in der halben verstümmelten Stimme — da predigts rchter-
lich laut vom zitternden hinschwankenden Gerippe — da durchwühlt es der Knochen
innerstes Mark, und bricht die mannhae Stärke der Jugend — da, da spritzt es den
eitrichten essenden Schaum aus Stirn und Wangen und Mund, und der ganzen Fläche
des Leibes zum scheußlichen Aussatz hervor, und nistet abscheulich in den Gruben der
viehischen Schande — pfui, pfui! mir eckelt. Nasen, Augen, Ohren schütteln sich —
du hast enen Elenden gesehen, Amalia, der in unserem Siechenhause seinen Geist au-
skeuchte, die Scham schien ihr scheues Auge vor ihm zuzublinzen — du ruest Wehe
über ihn aus. Ruf dies Bild noch einmal ganz in deine Seele zurück, und Karl steht vor
dir! — Seine Küsse sind Pest, seine Lippen vergien die deinen!
schlägt ihn:
Schamloser Lästerer!
Graut dir vor diesem Karl? Eckelt dir schon vor dem matten Gemälde? Geh, gaff ihn
selbst an, deinen schönen, englischen⁸⁹ göttlichen Karl! Geh, sauge seinen balsamischen
Atem ein, und laß dich von den Ambrosia-Düen begraben, die aus seinem Rachen
dampfen! der blose Hauch seines Mundes wird dich in enen schwarzen todähnlichen
Schwindel hauchen, der den Geruch eines berstenden Aases und den Anblick eines Le-
ichenvollen Walplatzes⁹⁰ begleitet.
wendet ihr Gesicht ab.
Welches Aufwallen der Liebe! Welche Wollust in der Umarmung — aber ist es nicht
ungerecht einen Menschen um seiner siechen Außenseite willen zu verdammen? Auch
im elendesten Aesopischen Krüppel kann eine große liebenswürdige Seele, wie ein Rubin
aus dem Schlamme glänzen, boshaft lächelnd. Auch aus blattrichten Lippen kann a die
Liebe —
Freilich, wenn das Laster auch die Festen⁹¹ des Charakters erschüttert, wenn mit der
Keuschheit auch die Tugend davon fliegt, wie der Du aus der welken Rose verdamp
— wenn mit dem Körper auch der Geist zum Krüppel verdirbt —
froh aufspringend.
Ha! Karl! nun erkenn ich dich wieder! du bist noch ganz! ganz! alles war Lüge! —
weist du nicht, Bösewicht, daß Karl unmöglich das werden kann? Franz steht einige Zeit
tiefsinnig, dann dreht er sich plötzlich um zu gehn. Wohin so eilig, fliehst du vor deiner
eigenen Schande?
mit verhülltem Gesicht.
Laß mich, laß mich! — meinen Tränen den Lauf lassen — tyrannischer Vater! den
besten deiner Söhne so hinzugeben dem Elend — der ringsumgebenden Schande — laß
mich, Amalia! ich will ihm zun Füßen fallen, auf den Knien will ich ihn beschwören,
den ausgesprochenen Fluch auf mich, auf mich zu laden — mich zu enterben — mich
— mein Blut — mein Leben — alles —
ällt ihm um den Hals.
Bruder meines Karls, bester, liebster Franz!
⁸⁸entstehlen — entfernen. [przypis edytorski]
⁸⁹englischen — engelgleichen, vortrefflichen. [przypis edytorski]
⁹⁰Walplatzes — Schlachtfeldes. [przypis edytorski]
⁹¹Festen — Festungen. [przypis edytorski]
Die Räuber
O Amalia! wie lieb ich dich um dieser unerschütterten Treue gegen meinen Bru-
der — verzeih, daß ich es wagte, deine Liebe auf diese harte Probe zu setzen! — Wie
schön hast du meine Wünsche gerechtfertigt! — Mit diesen Tränen, diesen Seufzern,
diesem himmlischen Unwillen — auch r mich, r mich — unsere Seelen stimmten
so zusammen.
O nein, das taten sie nie!
Ach, sie stimmten so harmonisch zu, ich meinte immer, wir müßten Zwillinge sein!
und wär’ der leidige Unterschied von außen nicht, wobei leider eilich Karl verlieren
muß, wir würden zehnmal verwechselt. Du bist, sagt’ ich o zu mir selbst, a, du bist
der ganze Karl, sein Echo, sein Ebenbild!
schüttelt den Kopf.
Nein, nein, bei enem keuschen Lichte des Himmels! kein Äderchen von ihm, kein
Fünkchen von seinem Gehle —
So ganz gleich in unsern Neigungen — die Rose war seine liebste Blume — welche
Blume war mir über die Rose? Er liebte die Musik unaussprechlich, und ihr seid Zeugen,
ihr Sterne! ihr habt mich so o in der Totenstille der Nacht beim Klaviere belauscht,
wenn alles um mich begraben lag in Schatten und Schlummer — und wie kannst du
noch zweifeln, Amalia, wenn unsere Liebe in einer Vollkommenheit zusammentraf, und
wenn die Liebe die nämliche ist, wie könnten ihre Kinder entarten?
sieht ihn verwundert an.
Es war ein stiller, heiterer Abend, der letzte, eh’ er nach Leipzig abreiste, da er mich
mit sich in ene Laube nahm, wo ihr so o zusammensaßet in Träumen der Liebe —
stumm blieben wir lang — zuletzt ergriff er meine Hand und sprach leise mit Tränen:
ich verlasse Amalia, ich weiß nicht — mir ahnets, als hieß es auf ewig — verlaß sie nicht,
Bruder! — sei ihr Freund — ihr Karl — wenn Karl — nimmer — wiederkehrt — er
stürzt vor ihr nieder und küßt ihr die Hand mit Heftigkeit. Nimmer, nimmer, nimmer wird
er wiederkehren, und ich habs ihm zugesagt mit einem heiligen Eide!
zurückspringend.
Verräter, wie ich dich ertappe! In eben dieser Laube beschwur er mich, keiner andern
Liebe — wenn er sterben sollte — siehst du, wie gottlos, wie abscheulich du — geh aus
meinen Augen.
Du kennst mich nicht, Amalia, du kennst mich gar nicht!
O ich kenne dich, von itzt an kenn ich dich — und du wolltest ihm gleich sein?
Vor dir sollt er um mich geweint haben? Vor dir? Ehe hätt’ er meinen Namen auf den
Pranger geschrieben! Geh den Augenblick!
Du beleidigst mich!
Geh, sag ich. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem
Leben abgezogen.
Die Räuber
Du hassest mich.
Ich verachte dich, geh!
mit den Füßen stampfend.
Wart! so sollst du vor mir zittern! mich einem Bettler aufopfern? Zornig ab.
Geh, Lotterbube — itzt bin ich wieder bei Karln — Bettler, sagt er? so hat die
Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und Könige sind Bettler! — Ich möchte die
Lumpen, die er anhat, nicht mit dem Purpur der Gesalbten⁹² vertauschen — der Blick
mit dem er bettelt, das muß ein großer, ein königlicher Blick sein — ein Blick, der die
Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Großen und Reichen zernichtet! In den Staub
mit dir, du prangendes Geschmeide! Sie reißt sich die Perlen vom Hals. Seid verdammt,
Gold und Silber und Juwelen zu tragen, ihr Großen und Reichen! Seid verdammt, an
üppigen Mahlen zu zechen! Verdammt euren Gliedern wohl zu tun auf weichen Polstern
der Wollust! Karl! Karl! so bin ich dein wert — Ab.
⁹²Purpur der Gesalbten — Mantel der üdischen Könige. [przypis edytorski]
Die Räuber
ZWEITER AKT
nachdenkend in seinem Zimmer.
Es dauert mir zu lange — der Doktor will, er sei im Umkehren⁹³ — das Leben
eines Alten ist doch eine Ewigkeit! — Und nun wär eie, ebene Bahn bis auf diesen
ärgerlichen zähen Klumpen Fleisch, der mir, gleich dem unterirdischen Zauberhund in
den Geistermärchen, den Weg zu meinen Schätzen verrammelt.
Müssen denn aber meine Entwürfe⁹⁴ sich unter das eiserne Joch des Mechanismus
beugen? — Soll sich mein hochfliegender Geist an den Schneckengang der Materie
ketten lassen? — Ein Licht ausgeblasen, das ohnehin nur mit den letzten Öltropfen
noch wuchert — mehr ists nicht — Und doch möcht ich das nicht gern selbst getan
haben um der Leute willen. Ich möcht ihn nicht gern getötet, aber abgelebt. Ich möcht
es machen wie der gescheide Arzt, (nur umgekehrt.) — Nicht der Natur durch einen
Querstreich den Weg verrannt, sondern sie in ihrem eigenen Gange berdert. Und wir
vermögen doch wirklich die Bedingungen des Lebens zu verlängern, warum sollten wir
sie nicht auch verkürzen können?
Philosophen und Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des Ge-
ists mit den Bewegungen der Maschine zusammen lauten. Gichtrische Empfindungen⁹⁵
werden ederzeit von einer Dissonanz der mechanischen Schwingungen begleitet — Le-
idenschaen mißhandeln die Lebenskra — der überladene Geist drückt sein Gehäuse
zu Boden — Wie denn nun? — Wer es verstünde, dem Tod diesen ungebahnten Weg
in das Schloß des Lebens zu ebenen? — den Körper vom Geist aus zu verderben —
ha! ein Originalwerk! — wer das zu Stand brächte? — Ein Werk ohne gleichen! —
Sinne nach Moor! — das wär eine Kunst dies verdiente dich zum Erfinder zu haben.
Hat man doch die Gimischerei beinahe in den Rang einer ordentlichen Wissenscha
erhoben, und die Natur durch Experimente gezwungen, ihre Schranken anzugeben, daß
man nunmehr des Herzens Schläge Jahr lang vorausrechnet, und zu dem Pulse spricht,
bis hieher, und nicht weiter!⁹⁶ — Wer sollte nicht auch hier seine Flügel versuchen?
Und wie ich nun werde zu Werk gehen müssen, diese süße iedliche Eintracht der
Seele mit ihrem Leibe zu stören? Welche Gattung von Empfindnissen ich werde wählen
müssen? Welche wohl den Flor⁹⁷ des Lebens am grimmigsten anfeinden? Zorn? — dieser
heißhungrige Wolf ißt sich zu schnell satt — Sorge? — Dieser Wurm nagt mir zu
langsam — Gram? — diese Natter schleicht mir zu träge — Furcht? — die Hoffnung läßt
sie nicht umgreifen — was? Sind das all die Henker des Menschen? — Ist das Arsenal des
Todes so bald erschöp? — tiefsinnend. Wie? — Nun? — Was? Nein! — Ha! auffahrend.
Schreck! — Was kann der Schreck nicht? — Was kann Vernun, Religion wider dieses
Giganten eiskalte Umarmung? — Und doch? — Wenn er auch diesem Sturm stünde? —
Wenn er? — O so komme du mir zu Hülfe Jammer, und du Reue, höllische Eumenide,
grabende Schlange, die ihren Fraß wiederkäut, und ihren eigenen Kot wiederißt; ewige
Zerstörinnen und ewige Schöpferinnen eures Gies, und du heulende Selbstverklagung
die du dein eigen Haus verwüstest, und deine eigene Mutter verwundest — Und kommt
auch ihr mir zu Hülfe wohltätige Grazien selbst, sanlächelnde Vergangenheit, und du
mit dem überquellenden Füllhorn blühende Zukun, haltet ihm in euren Spiegeln die
Freuden des Himmels vor, wenn euer fliehender Fuß seinen geizigen⁹⁸ Armen entgleitet
— So fall ich Streich auf Streich, Sturm auf Sturm dieses zerbrechliche Leben an, bis
den Furientrupp zuletzt schließt — die Verzweiflung! Triumph! Triumph! — Der Plan
⁹³sei im Umkehren — es ginge ihm besser. [przypis edytorski]
⁹⁴Entwürfe — Pläne. [przypis edytorski]
⁹⁵Gichtrische Empfindungen — Krämpfe. [przypis edytorski]
⁹⁶Eine Frau in Paris soll es durch ordentlich angestellte Versuche mit Gipulvern so weit gebracht haben,
daß sie den entfernten Todestag mit ziemlicher Zuverlässigkeit voraus bestimmen konnte. Pfui über unsere
Ärzte die diese Frau im Prognostizieren beschämt! [przypis autorski]
⁹⁷Flor — Blüte. [przypis edytorski]
⁹⁸geizigen — gierigen. [przypis edytorski]
Die Räuber
ist fertig — Schwer und Kunstvoll wie keiner — zuverlässig — sicher — denn spöttisch.
des Zergliederers Messer findet a keine Spuren von Wunde oder korrosivischen⁹⁹ Gi.
Entschlossen.
Wohlan denn, Herrmann tritt auf. Ha! Deus ex machina! Herrmann!
Zu euren Diensten, gnädiger Junker!
gibt ihm die Hand.
Die du keinem Undankbaren erweisest.
Ich hab Proben davon.
Du sollst mehr haben mit nächstem — mit nächstem, Herrmann! — Ich habe dir
etwas zu sagen, Herrmann.
Ich höre mit tausend Ohren.
Ich kenne dich, du bist ein entschloßner Kerl — Soldaten Herz — Haar auf der
Zunge! — Mein Vater hat dich sehr beleidigt, Herrmann!
Der Teufel hole mich, wenn ichs vergesse!
Das ist der Ton eines Manns! Rache geziemt einer männlichen Brust. Du gefällst
mir, Herrmann. Nimm diesen Beutel, Herrmann. Er sollte schwerer sein, wenn ich erst
Herr wäre.
Das ist a mein ewiger Wunsch, gnädiger Junker, ich dank euch.
Wirklich, Herrmann? wünschest du wirklich, ich wäre Herr? — aber mein Vater hat
das Mark eines Löwen, und ich bin der üngere Sohn.
Ich wollt’, ihr wärt der ältere Sohn, und euer Vater hätte das Mark eines schwind-
süchtigen Mädgens.
Ha! wie dich der ältere Sohn dann belohnen wollte! wie er dich aus diesem unedlen
Staub, der sich so wenig mit deinem Geist und Adel verträgt, ans Licht emporheben
wollte! — Dann solltest du, ganz wie du da bist, mit Gold überzogen werden, und mit
vier Pferden durch die Straßen dahinrasseln, wahrhaig das solltest du! — aber ich ver-
gesse wovon ich dir sagen wollte — hast du das Fräulein von Edelreich schon vergessen,
Herrmann?
Wetter Element! was erinnert ihr mich an das?
Mein Bruder hat sie dir weggefischt.
Er soll dar büßen!
Sie gab dir einen Korb. Ich glaube gar, er warf dich die Treppen hinunter.
⁹⁹korrosivischen — zersetzenden. [przypis edytorski]
Die Räuber
Ich will ihn dar in die Hölle stoßen.
Er sagte: man raune sich einander in’s Ohr, du seist zwischen dem Rindfleisch und
Meerrettig¹⁰⁰ gemacht worden, und dein Vater habe dich nie ansehen können, ohne an
die Brust zu schlagen und zu seufzen; Gott sei mir Sünder gnädig!
wild.
Blitz, Donner und Hagel, seid still!
Er riet dir, deinen Adelbrief im Aufstreich¹⁰¹ zu verkaufen, und deine Strümpfe damit
flicken zu lassen.
Alle Teufel! ich will ihm die Augen mit den Nägeln auskratzen.
Was? du wirst böse? was kannst du böse auf ihn sein? Was kannst du ihm böses
tun? was kann so eine Ratze¹⁰² gegen einen Löwen? Dein Zorn versüßt ihm seinen
Triumph nur. Du kannst nichts tun, als deine Zähne zusammenschlagen, und deine
Wut an trocknem Brode auslassen.
stampft auf den Boden.
Ich will ihn zu Staub zerreiben.
klopft ihm auf die Achsel.
Pfui Herrmann! du bist ein Kavalier. Du mußt den Schimpf nicht auf dir sitzen
lassen. Du mußt das Fräulein nicht fahren lassen, nein das mußt du um alle Welt nicht
tun, Herrmann! Hagel und Wetter! ich würde das äußerste versuchen, wenn ich an deiner
Stelle wäre.
Ich ruhe nicht, bis ich Ihn und Ihn¹⁰³ unterm Boden hab.
Nicht so stürmisch, Herrmann! komm näher — du sollst Amalia haben!
Das muß ich, trutz dem Teufel! das muß ich!
Du sollst sie haben, sag ich dir, und das von meiner Hand. Komm näher, sag ich —
du weißt vielleicht nicht, daß Karl so gut als enterbt ist?
näher kommend.
Unbegreiflich, das erste Wort, das ich höre.
Sei ruhig, und höre weiter! du sollst ein andermal mehr davon hören — a, ich sage
dir, seit eilf Monaten so gut als verbannt. Aber schon bereut der alte den voreiligen
Schritt, den er doch, lachend. will ich hoffen, nicht selbst getan hat. Auch liegt ihm die
Edelreich täglich hart an mit ihren Vorwürfen und Klagen. Über kurz oder lang wird er
ihn in allen vier Enden der Welt aufsuchen lassen, und gute Nacht, Herrmann! wenn
¹⁰⁰zwischen dem Rindfleisch und Meerrettig — mal so nebenbei. [przypis edytorski]
¹⁰¹im Aufstreich — Überbieten bei Versteigerungen. [przypis edytorski]
¹⁰²Ratze — Ratte. [przypis edytorski]
¹⁰³Ihn und Ihn — Doppelung als besondere Betonung. [przypis edytorski]
Die Räuber
er ihn findet. Du kannst ihm ganz demütig die Kutsche halten, wenn er mit ihr in die
Kirche zur Trauung fährt.
Ich will ihn am Kruzifix¹⁰⁴ erwürgen!
Der Vater wird ihm bald die Herrscha abtreten, und in Ruhe auf seinen Schlössern
leben. Itzt hat der stolze Strudelkopf den Zügel in Händen, itzt lacht er seiner Hasser
und Neider — und ich, der ich dich zu einem wichtigen großen Manne machen wollte,
ich selbst, Herrmann, werde tiefgebückt vor seiner Türschwelle —
in Hitze.
Nein! so wahr ich Herrmann heiße, das sollt ihr nicht! wenn noch ein Fünkchen
Verstand in diesem Gehirne glostet¹⁰⁵! das sollt ihr nicht!
Wirst du es hindern? auch dich, mein lieber Herrmann, wird er seine Geißel hlen
lassen, wird dir ins Angesicht speien, wenn du ihm auf der Straße begegnest, und wehe
dir dann, wenn du die Achsel zuckst oder das Maul krümmst¹⁰⁶ — siehe, so stehts mit
deiner Anwerbung ums Fräulein, mit deinen Aussichten, mit deinen Entwürfen.
Sagt mir! was soll ich tun?
Höre dann, Herrmann! daß du siehst, wie ich mir dein Schicksal zu Herzen nehme
als ein redlicher Freund — geh — kleide dich um — mach dich ganz unkenntlich, laß
dich beim Alten melden, gib vor, du kämest geraden Wegs aus Böhmen, hättest mit
meinem Bruder dem Treffen bei Prag beigewohnt — hättest ihn auf der Walstatt den
Geist aufgeben sehen —
Wird man mir glauben?
Hoho! dar laß mich sorgen! Nimm dieses Paket. Hier findest du deine Kommis-
sion¹⁰⁷ aushrlich. Und Dokumente darzu, die den Zweifel selbst glaubig¹⁰⁸ machen
sollen — mach itzt nur, daß du fortkommst, und ungesehen! spring durch die Hinter-
türe in den Hof, von da über die Gartenmauer — die Katastrophe dieser Tragi-Komödie
überlaß mir!
Und die wird sein: Vivat der neue Herr, Franciskus von Moor!
streichelt ihm die Backen.
Wie schlau du bist? — denn siehst du, auf diese Art erreichen wir alle Zwecke zu-
mal¹⁰⁹ und bald. Amalia gibt ihre Hoffnung auf ihn auf. Der Alte mißt sich den Tod
seines Sohnes bei, und — er kränkelt — ein schwankendes Gebäude braucht des Erd-
bebens nicht, um über’n Haufen zu fallen — er wird die Nachricht nicht überleben —
dann bin ich sein einiger¹¹⁰ Sohn — Amalia hat ihre Stützen verloren, und ist ein Spiel
meines Willens, da kannst du leicht denken — kurz, alles geht nach Wunsch — aber
du mußt dein Wort nicht zurücknehmen.
¹⁰⁴Kruzifix — beim Beten vor dem Kruzifix. [przypis edytorski]
¹⁰⁵glostet — glimmt. [przypis edytorski]
¹⁰⁶die Achsel zuckst oder das Maul krümmst — dich demütigst. [przypis edytorski]
¹⁰⁷Kommission — Aurag. [przypis edytorski]
¹⁰⁸glaubig — gläubig. [przypis edytorski]
¹⁰⁹zumal — zugleich. [przypis edytorski]
¹¹⁰einiger — einziger. [przypis edytorski]
Die Räuber
Was sagt ihr? frohlockend Eh soll die Kugel in ihren Lauf zurückkehren, und in dem
Eingeweid ihres Schützen wüten — rechnet auf mich! Laßt nur mich machen — Adieu!
ihm nachrufend.
Die Ernte ist dein, lieber Herrmann! — Wenn der Ochse den Kornwagen in die
Scheune gezogen hat, so muß er mit Heu vorlieb nehmen. Dir eine Stallmagd, und
keine Amalia! Geht ab.
Des alten Moors Schlafzimmer.
schlafend in einem Lehnsessel. .
sachte herbei schleichend.
Leise, leise! er schlummert. Sie stellt sich vor den schlafenden. Wie schön, wie ehr-
würdig! — ehrwürdig, wie man die Heiligen malt — nein, ich kann dir nicht zürnen!
Weißlockigtes Haupt, dir kann ich nicht zürnen! Schlummre san, wache oh auf, ich
allein will hingehn und leiden.
. .
träumend.
Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn!
ergreift seine Hand.
Horch, horch! sein Sohn ist in seinen Träumen.
. .
Bist du da? bist du wirklich? ach! wie siehst du so elend? Sieh mich nicht an mit
diesem kummervollen Blick! ich bin elend genug.
weckt ihn schnell.
Seht auf, lieber Greis! ihr träumtet nur. Faßt euch!
. .
halb wach.
Er war nicht da? drückt ich nicht seine Hände? Garstiger Franz! willst du ihn auch
meinen Träumen entreißen?
Merkst dus, Amalia?
. .
ermuntert sich.
Wo ist er? wo? wo bin ich? du da, Amalia?
Wie ist euch? Ihr schlie einen erquickenden Schlummer.
. .
Mir träumte von meinem Sohn. Warum hab ich nicht fortgeträumt? vielleicht hätt’
ich Verzeihung erhalten aus seinem Munde.
Engel grollen nicht — er verzeiht euch. Faßt seine Hand mit Wehmut. Vater meines
Karls! ich verzeih euch.
. .
Nein meine Tochter! diese Toden-Farbe deines Angesichts verdammet den Vater.
Armes Mädgen! Ich brachte dich um die Freuden deiner Jugend — o fluche mir nicht!
Die Räuber
küßt seine Hand mit Zärtlichkeit.
Euch?
. .
Kennst du dieses Bild, meine Tochter?
Karls! —
. .
So sah er, als er ins sechszehende Jahr ging. Itzt ist er anders — Oh es wütet in
meinem Innern — diese Milde ist Unwillen, dieses Lächeln Verzweiflung — Nicht wahr,
Amalia? Es war an seinem Geburtstage in der Jasminlaube, als du ihn maltest? — Oh
meine Tochter! Eure Liebe machte mich so glücklich.
immer das Aug auf das Bild geheftet.
Nein, nein! er ists nicht. Bei Gott! das ist Karl nicht — Hier, hier auf Herz und Stirne
zeigend. So ganz, so anders. Die träge Farbe reicht nicht den himmlischen Geist nachzu-
spiegeln, der in seinem feurigen Auge herrschte. Weg damit! dies ist so menschlich! Ich
war eine Stümperin.
. .
Dieser huldreiche erwärmende Blick — wär er vor meinem Bette gestanden, ich hätte
gelebt mitten im Tode! Nie, nie wär ich gestorben!
Nie, nie wärt ihr gestorben! Es wär ein Sprung gewesen, wie man von einem Ge-
danken auf einen andern und schönern hüp — dieser Blick hätt euch übers Grab hi-
nübergeleuchtet. Dieser Blick hätt’ euch über die Sterne getragen!
. .
Es ist schwer, es ist traurig! Ich sterbe, und mein Sohn Karl ist nicht hier — ich werde
zu Grabe getragen, und er weint nicht an meinem Grabe — wie süß ists, eingewiegt zu
werden in den Schlaf des Todes von dem Gebet eines Sohns — das ist Wiegengesang.
schwärmend.
Ja süß, himmlisch süß ists, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem
Gesang des Geliebten — vielleicht träumt man auch im Grabe noch fort — ein langer,
ewiger unendlicher Traum von Karln bis man die Glocke der Auferstehung läutet —
aufspringend entzückt. und von itzt an in seinen Armen auf ewig,
Pause. Sie geht ans Klavier, und spielt.
Willst dich, Hektor, ewig mir entreißen,
Wo des Aeaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schröcklich Opfer bringt?
Wer wird künig deinen Kleinen lehren
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?
. .
Ein schönes Lied, meine Tochter. Das mußt du mir vorspielen, eh ich sterbe.
Es ist der Abschied Andromachas und Hektors — Karl und ich habens o zusammen
zu der Laute gesungen.
Spielt fort.
Die Räuber
Teures Weib, geh, hol die Todeslanze,
Laß mich fort zum wilden Kriegestanze,
Meine Schultern tragen Ilium;
Über Astyanax unsre Götter!
Hektor fällt, ein Vater-Lands Erretter,
Und wir sehn uns wieder in Elysium.
.
Es wartet draußen ein Mann auf euch. Er bittet vorgelassen zu werden, er hab euch
eine wichtige Zeitung¹¹¹.
. .
Mir ist auf der Welt nur etwas wichtig, du weißts Amalia — ists ein Unglücklicher,
der meiner Hülfe bedarf? Er soll nicht mit Seufzen von hinnen gehn.
Ists ein Bettler, er soll eilig heraufkommen.
ab.
. .
Amalia, Amalia! schone meiner!
spielt fort.
Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,
Einsam liegt dein Eisen in der Halle,
Priams großer Heldenstamm verdirbt!
Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheinet,
Der Cocytus durch die Wüsten weinet,
Deine Liebe in dem Lethe stirbt.
All mein Sehnen, all mein Denken
Soll der schwarze Lethefluß ertränken,
Aber meine Liebe nicht!
Horch! der Wilde rast schon an den Mauren —
Gürte mir das Schwert um, laß das Trauren,
Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht!
. verkappt¹¹². .
Hier ist der Mann. Schröckliche Botschaen, sagt er, warten auf euch. Könnt ihr sie
hören?
. .
Ich kenne nur eine. Tritt her mein Freund, und schone mein nicht! Reicht ihm einen
Becher Wein.
mit veränderter Stimme.
Gnädiger Herr! laßt es einen armen Mann nicht entgelten, wenn er wider Willen
euer Herz durchbohrt. Ich bin ein Fremdling in diesem Lande, aber euch kenn ich sehr
gut, ihr seid der Vater Karls von Moor.
. .
Woher weißt du das?
¹¹¹Zeitung — Nachricht. [przypis edytorski]
¹¹²verkappt — verkleidet. [przypis edytorski]
Die Räuber
Ich kannte euren Sohn —
auffahrend.
Er lebt? lebt? Du kennst ihn? wo ist er, wo, wo?
will hinwegrennen.
. .
Du weißt von meinem Sohn?
Er studierte in Leipzig. Von da zog er, ich weiß nicht wie weit, herum. Er durch-
schwärmte Deutschland in die Runde, und, wie er mir sagte, mit unbedecktem Haupt,
barfuß, und erbettelte sein Brot vor den Türen. Fünf Monate drauf brach der leidige
Krieg zwischen Preußen und Österreich wieder aus, und da er auf der Welt nichts mehr
zu hoffen hatte, zog ihn der Hall von Friderichs siegreicher Trommel nach Böhmen.
Erlaubt mir, sagte er, zum großen Schwerin, daß ich den Tod sterbe auf dem Bette der
Helden, ich habe keinen Vater mehr! —
. .
Sieh mich nicht an, Amalia!
Man gab ihm eine Fahne. Er flog den preussischen Siegesflug mit. Wir kamen zu-
sammen unter ein Zelt zu liegen. Er sprach viel von seinem alten Vater und von bessern
vergangenen Tagen — und von vereitelten Hoffnungen — uns standen die Tränen in
den Augen.
. .
verhüllt sein Haupt in das Küssen
Stille, o stille!
Acht Tage drauf war das heiße Treffen bei Prag — ich darf euch sagen, euer Sohn hat
sich gehalten wie ein wackerer Kriegsmann. Er tat Wunder vor den Augen der Armee.
Fünf Regimenter mußten neben ihm wechseln, er stand. Feuerkugeln fielen rechts und
links, euer Sohn stand. Eine Kugel zerschmetterte ihm die rechte Hand, euer Sohn nahm
die Fahne in die Linke, und stand —
in Entzückung.
Hektor, Hektor! hört ihrs? er stand —
Ich traf ihn am Abend der Schlacht niedergesunken unter Kugel-Gepfeife, mit der
linken hielt er das stürzende Blut, die Rechte hatte er in die Erde gegraben. Bruder! rief
er mir entgegen, es lief ein Gemurmel durch die Glieder: der General sei vor einer Stunde
gefallen — er ist gefallen, sagt ich, und du? — Nun, wer ein braver Soldat ist, rief er,
und lies die linke Hand los, der folge seinem General wie ich! Bald darauf hauchte er
seine große Seele dem Helden zu.
wild auf losgehend.
Daß der Tod deine verfluchte Zunge versiegle! Bist du hieher kommen unserem Vater
den Todesstoß zu geben? — Vater! Amalia! Vater!
Es war der lezte Wille meines sterbenden Kameraden. Nimm dies Schwert, röchelte
er, du wirsts meinem alten Vater überliefern, das Blut seines Sohnes klebt daran, er ist
gerochen, er mag sich weiden. Sag ihm sein Fluch hätte mich ge agt in Kampf und Tod,
ich sei gefallen in Verzweiflung! Sein letzter Seufzer war Amalia.
Die Räuber
Wie aus einem Todesschlummer aufgejagt.
Sein letzter Seufzer, Amalia!
. .
Gräßlich schreiend, sich die Haare ausraufend.
Mein Fluch ihn ge agt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!
Umherirrend im Zimmer.
Oh! Was habt ihr gemacht, Vater? Mein Karl, mein Bruder!
Hier ist das Schwert, und hier ist auch ein Portrait, das er zu gleicher Zeit aus dem
Busen zog! Es gleicht diesem Fräulein auf ein Haar. Dies soll meinem Bruder Franz, sagte
er, — ich weiß nicht was er damit sagen wollte.
wie erstaunt.
Mir? Amalias Portrait? Mir, Karl, Amalia? Mir?
heftig auf Herrmann losgehend.
Feiler¹¹³, Bestochener Betrüger! faßt ihn hart an.
Das bin ich nicht, gnädiges Fräulein. Sehet selbst, obs nicht euer Bild ist — ihr
mögts ihm wohl selbst gegeben haben.
Bei Gott! Amalia, das deine! Es ist wahrlich das deine!
gibt ihm das Bild zurück.
Mein, mein! O Himmel und Erde!
. .
schreiend, sein Gesicht zerfleischend.
Wehe, wehe! mein Fluch ihn ge agt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!
Und er gedachte meiner in der lezten schweren Stunde des Scheidens, meiner! En-
glische Seele — da schon das schwarze Panier¹¹⁴ des Todes über ihm rauschte — meiner!
—
. .
lallend.
Mein Fluch ihn ge agt in den Tod, gefallen mein Sohn in Verzweiflung! —
Den Jammer steh ich nicht aus. Lebt wohl, alter Herr! leise zu . Warum habt
ihr auch das gemacht, Junker?
Geht schnell ab.
aufspringend, ihm nach.
Bleib, bleib! Was waren seine letzte Worte?
zurückrufend.
Sein letzter Seufzer war Amalia.
Ab.
¹¹³Feiler — Käuflicher. [przypis edytorski]
¹¹⁴Panier — Banner, Fahne. [przypis edytorski]
Die Räuber
Sein letzter Seufzer war Amalia! — Nein, du bist kein Betrüger! So ist es wahr —
wahr — er ist tot! — tot! hin und her taumelnd, bis sie umsinkt. tot — Karl ist tot —
Was seh ich? Was steht da auf dem Schwert? geschrieben mit Blut — Amalia!
Von ihm?
Seh ich recht, oder träum ich? Siehe da mit blutiger Schri:
Franz, verlaß meine Amalia nicht. Sieh doch, sieh doch! und auf der andern Seite:
Amalia! deinen Eid zerbrach der allgewaltige Tod. — Siehst du nun, siehst du nun? Er
schriebs mit erstarrender Hand, schriebs mit dem warmen Blut seines Herzens, schriebs
an der Ewigkeit feierlichem Rande! sein fliehender Geist verzog¹¹⁵, Franz und Amalia
noch zusammen zu knüpfen.
Heiliger Gott! es ist seine Hand. — Er hat mich nie geliebt!
schnell ab.
auf den Boden stampfend.
Verzweifelt!¹¹⁶ meine ganze Kunst erliegt an dem Starrkopf.
. .
Wehe, Wehe! Verlaß mich nicht, meine Tochter! — Franz, Franz! gib mir meinen
Sohn wieder!
Wer wars, der ihm den Fluch gab? Wer wars, der seinen Sohn agte in Kampf und
Tod und Verzweiflung? — oh! er war ein Engel! ein Kleinod des Himmels. Fluch über
seine Henker! Fluch, Fluch über euch selber! —
. .
schlägt mit geballter Faust wieder Brust und Stirn.
Er war ein Engel, war Kleinod des Himmels! Fluch, Fluch, Verderben, Fluch über
mich selber! Ich bin der Vater, der seinen großen Sohn erschlug. Mich liebt’ er bis in
den Tod! mich zu rächen rannte er in Kampf und Tod! Ungeheuer, Ungeheuer!
wütet wider sich selber.
Er ist dahin, was helfen späte Klagen? höhnisch lachend. Es ist leichter morden, als
lebendig machen. Ihr werdet ihn nimmer aus seinem Grabe zurückholen.
. .
Nimmer, nimmer, nimmer aus dem Grabe zurückholen! Hin, verloren auf ewig! —
Und du hast mir den Fluch aus dem Herzen geschwätzt, du — du — Meinen Sohn mir
wieder!
Reizt meinen Grimm nicht! Ich verlaß euch im Tode! —
. .
Scheusal! Scheusal! schaff mir meinen Sohn wieder!
ährt aus dem Sessel, will Franzen an der Gurgel fassen, der ihn zurück schleudert.
Kralose Knochen! ihr wagt es — sterbt! verzweifelt!
ab.
¹¹⁵verzog — verweilte. [przypis edytorski]
¹¹⁶Verzweifelt! — Es ist zum Verzweifeln! [przypis edytorski]
Die Räuber
Tausend Flüche donnern dir nach! Du hast mir meinen Sohn aus den Armen ge-
stohlen voll Verzweiflung hin und her geworfen im Sessel. Wehe, Wehe! Verzweifeln, aber
nicht sterben! — Sie fliehen, verlassen mich im Tode — meine gute Engel fliehen von
mir, weichen alle die Heilige vom eisgrauen Mörder — Wehe! Wehe! will mir keiner das
Haupt halten, will keiner die ringende Seele entbinden¹¹⁷? Keine Söhne! keine Töchter!
keine Freunde! — Menschen nur — will keiner, allein — verlassen — Wehe! Wehe! —
Verzweifeln aber nicht sterben!
mit verweinten Augen.
. .
Amalia! Bote des Himmels! Kommst du, meine Seele zu lösen?
mit sanfterem Ton.
Ihr habt einen herrlichen Sohn verloren.
. .
Ermordet willst du sagen. Mit diesem Zeugnis belastet tret ich vor den Richterstuhl
Gottes.
Nicht also, ammervoller Greis! der himmlische Vater rückt’ ihn zu sich. Wir wären
zu glücklich gewesen auf dieser Welt. — Droben, droben über den Sonnen — Wir sehn
ihn wieder.
. .
Wiedersehen, wiedersehen! Oh es wird mir durch die Seele schneiden ein Schwert —
Wenn ich ein Heiliger ihn unter den Heiligen finde — mitten im Himmel werden durch
mich schauern Schauer der Hölle! Im Anschauen des Unendlichen mich zermalmen die
Erinnerung: Ich hab meinen Sohn ermordet!
Oh er wird euch die Schmerz-Erinnerung aus der Seele lächeln, seid doch heiter,
lieber Vater! ich bins so ganz. Hat er nicht schon den himmlischen Hörern den Namen
Amalia vorgesungen auf der seraphischen Harfe, und die himmlischen Hörer lispelten
leise ihn nach? Sein letzter Seufzer war a, Amalia! wird nicht sein erster Jubel, Amalia!
sein?
. .
Himmlischer Trost quillt von deinen Lippen! Er wird mir lächeln, sagst du? Verge-
ben? du mußt bei mir bleiben, Geliebte meines Karls, wenn ich sterbe.
Sterben ist Flug in seine Arme. Wohl euch! Ihr seid zu beneiden. Warum sind diese
Gebeine nicht mürb? Warum diese Haare nicht grau? Wehe über die Kräe der Jugend!
Willkommen, du markloses Alter! näher gelegen dem Himmel und meinem Karl!
tritt auf.
. .
Tritt her, mein Sohn! Vergib mir, wenn ich vorhin zu hart gegen dich war! ich vergebe
dir alles. Ich möchte so gern im Frieden den Geist aufgeben.
Habt ihr genug um euren Sohn geweint? so viel ich sehe, habt ihr nur einen.
. .
Jakob hatte der Söhne zwölf, aber um seinen Joseph hat er blutige Tränen geweint.
¹¹⁷will keiner die ringende Seele entbinden — Will mir keiner im Todeskampf beistehen? [przypis edytorski]
Die Räuber
Hum!
. .
Geh, nimm die Bibel, meine Tochter, und lies mir die Geschichte Jakobs und Josephs!
Sie hat mich immer so gerührt, und damals bin ich noch nicht Jakob gewesen.
Welches soll ich euch lesen?
nimmt die Bibel und blättert.
. .
Lies mir den Jammer des verlassenen, als er ihn nimmer unter seinen Kindern fand —
und vergebens sein harrte im Kreis seiner eilfe — und sein Klage-Lied, als er vernahm;
sein Joseph sei ihm genommen auf ewig —
liest.
„Da nahmen sie Josephs Rock, und schlachteten einen Ziegenbock, und
tauchten den Rock in das Blut, und schickten den bunten Rock hin, und
ließen ihn ihren Vater bringen, und sagen: Diesen haben wir funden, sie-
he, obs deines Sohnes Rock sei, oder nicht? Franz geht plötzlich hinweg. Er
kannte ihn aber und sprach: Es ist meines Sohnes Rock, ein böses Tier hat
ihn geessen, ein reißend Tier hat Joseph zerrissen! — “
. .
ällt aufs Kissen zurück.
Ein reißend Tier hat Joseph zerrissen!
liest weiter.
„Und Jacob zerriß seine Kleider, und legte einen Sack um seine Lenden,
und trug Leide um seinen Sohn lange Zeit, und all seine Söhne und Töchter
traten auf, daß sie ihn trösteten, aber er wollte sich nicht trösten lassen und
sprach: Ich werde mit Leid hinunterfahren — “
. .
Hör auf, hör auf! Mir wird sehr übel.
hinzuspringend, läßt das Buch fallen.
Hilf Himmel! Was ist das?
. .
Das ist der Tod! — Schwarz — schwimmt — vor meinen — Augen — ich bitt dich
— ruf dem Pastor — daß er mir — das Abendmahl reiche — Wo ist — mein Sohn
Franz?
Er ist geflohen! Gott erbarme sich unser!
. .
Geflohen — geflohen von des sterbenden Bett? — — Und das all — all — von zwei
Kindern voll Hoffnung — du hast sie — gegeben — hast sie — genommen — — dein
Name sei — —
mit einem plötzlichen Schrei.
Tot! alles Tot!
ab in Verzweiflung.
Die Räuber
hüpft frohlockend herein.
Tot! schreien sie, tot! Itzt bin ich Herr. Im ganzen Schlosse zettert es, tot! — Wie aber
schlä er vielleicht nur? — eilich, ach eilich! das ist nun eilich ein Schlaf, wo es ewig
niemals, Guten Morgen, heißt — Schlaf und Tod sind nur Zwillinge. Wir wollen einmal
die Namen wechseln! Wackerer, willkommener Schlaf! Wir wollen dich Tod heißen! Er
drückt ihm die Augen zu. Wer wird nun kommen, und es wagen, mich vor Gericht zu
fordern? oder mir ins Angesicht zu sagen: du bist ein Schurke! Weg dann mit dieser
lästigen Larve von Sanmut und Tugend! Nun sollt ihr den nackten Franz sehen, und
euch entsetzen! Mein Vater überzuckerte seine Forderungen, schuf sein Gebiet zu einem
Familienzirkel um, saß liebreich lächelnd am Tor, und grüßte sie Brüder und Kinder. —
Meine Aug-Braunen sollen über euch herhangen wie Gewitter-Wolken, mein herrischer
Name schweben wie ein drohender Komet über diesen Gebirgen, meine Stirne soll euer
Wetterglas¹¹⁸ sein! Er streichelte und koste den Nacken, der gegen ihn störrig zurück
schlug. Streicheln und Kosen ist meine Sache nicht. Ich will euch die zackichte Sporen
ins Fleisch hauen, und die scharfe Geißel versuchen. — In meinem Gebiet solls so weit
kommen, daß Kartoffeln und dünn Bier ein Traktament¹¹⁹ r Festtage werden, und wehe
dem, der mir mit vollen feurigen Backen unter die Augen tritt! Blässe der Armut und
sklavischen Furcht sind meine Leibfarbe¹²⁰: in diese Liverei¹²¹ will ich euch kleiden!
Er geht ab.
die böhmischen Wälder.
. . .
Bist da? bists wirklich? So laß dich doch zu Brei zusammendrucken, lieber Herzens-
-Bruder Moriz! Willkommen in den Böhmischen Wäldern! Bist a groß worden und
stark. Stern-Kreuz-Bataillon! Bringst a Rekruten mit einen ganzen Trieb¹²², du treffli-
cher Werber!
Gelt Bruder? Gelt? Und das ganze Kerl darzu! — du glaubst nicht, Gottes sichtbarer
Segen ist bei mir, war dir ein armer hungriger Tropf, hatte nichts als diesen Stab, da
ich über den Jordan ging, und itzt sind unserer acht und siebenzig, meistens ruinierte
Krämer, re izierte¹²³ Magister und Schreiber aus den schwäbischen Provinzen, das ist dir
ein Korps Kerles, Bruder, deliziöse¹²⁴ Bursche, sag ich dir, wo als einer dem andern die
Knöpfe von den Hosen stiehlt, und mit geladener Flinte neben ihm sicher ist — und
haben voll auf¹²⁵, und stehen dir in einem Renommee vierzig Meilen weit, das nicht zu
begreifen ist. Da ist dir keine Zeitung, wo du nicht ein Artikelchen von dem Schlaukopf
Spiegelberg wirst getroffen haben, ich halte sie mir auch pur deswegen — vom Kopf bis
zun Füßen haben sie mich dir hingestellt, du meinst, du sehst mich, — so gar meine
Rockknöpfe haben sie nicht vergessen. Aber wir hren sie erbärmlich am Narrenseil
herum. Ich geh letzthin in die Druckerei, geb vor, ich hätte den berüchtigten Spiegelberg
gesehn, und diktier einem Skritzler¹²⁶, der dort saß, das leibhae Bild von einem dortigen
Wurmdoktor in die Feder, das Ding kommt um, der Kerl wird eingezogen, par force
inquiriert¹²⁷, und in der Angst und in der Dummheit gesteht er dir, hol mich der Teufel!
gesteht dir, er sei der Spiegelberg — Donner und Wetter! ich war eben auf dem Sprung,
mich beim Magistrat anzugeben, daß die Kanaille mir meinen Namen so verhunzen soll
¹¹⁸Wetterglas — Thermometer. [przypis edytorski]
¹¹⁹Traktament — Verpflegung, Bewirtung. [przypis edytorski]
¹²⁰Leibfarbe — Lieblingsfarbe. [przypis edytorski]
¹²¹Liverei —(anz.) Dienerkleidung. [przypis edytorski]
¹²²Trieb — Herde. [przypis edytorski]
¹²³rejizierte — fortge agte. [przypis edytorski]
¹²⁴deliziöse — köstliche, kuriose. [przypis edytorski]
¹²⁵haben voll auf — das Gewehr geladen. [przypis edytorski]
¹²⁶Skritzler — Schreiberling. [przypis edytorski]
¹²⁷par force inquiriert — unter Androhung von Folter gerichtlich verhört. [przypis edytorski]
Die Räuber
— wie ich sage, drei Monat drauf hangt er. Ich mußte nachher eine derbe Prise Tobak
in die Nase reiben, als ich am Galgen vorbeispazierte, und den Pseudo-Spiegelberg in
seiner Glorie da paradieren sah — und unterdessen daß Spiegelberg hangt, schleicht sich
Spiegelberg ganz sachte aus den Schlingen, und deutet der superklugen Gerechtigkeit
hinterrucks Eselsohren, daß’s zum Erbarmen ist.
lacht.
Dubist eben noch immer der alte.
Das bin ich, wie du siehst, an Leib und Seel. Narr! einen Spaß muß ich dir doch
erzählen, den ich neulich im Cäcilien-Kloster angerichtet habe. Ich treffe das Kloster auf
meiner Wanderscha so gegen die Dämmerung, und da ich eben den Tag noch keine
Patrone verschossen hatte, du weißt, ich hasse das diem perdidi auf den Tod, so mußte
die Nacht noch durch einen Streich verherrlicht werden, und sollts dem Teufel um ein
Ohr gelten! Wir halten uns ruhig bis in die späte Nacht. Es wird mausstill. Die Lich-
ter gehen aus. Wir denken die Nonnen können itzt in den Federn sein. Nun nehm ich
meinen Kameraden Grimm mit mir, heiß die andern warten vorm Tor, bis sie mein Pfe-
ifchen hören würden, — versichere mich des Klosterwächters, nehm ihm die Schlüssel
ab, schleich mich hinein, wo die Mägde schliefen, praktizier¹²⁸ ihnen die Kleider weg,
und heraus mit dem Pack zum Tor. Wir gehn weiter von Zelle zu Zelle, nehmen einer
Schwester nach der andern die Kleider, endlich auch der Äbtissin — Itzt pfeif ich, und
meine Kerls draußen fangen an zu stürmen und zu hasselieren¹²⁹ als käm der üngste
Tag, und hinein mit bestialischem Gepolter in die Zellen der Schwestern! — hahaha!
— da hättest du die Hatz sehen sollen, wie die armen Tiergen in der Finstere¹³⁰ nach
ihren Röcken tappten, und sich ämmerlich geberdeten, wie sie zum Teufel waren, und
wir indes wie alle Donnerwetter zugesetzt, und wie sie sich vor Schreck und Bestürzung
in Bettlacken wikelten, oder unter dem Ofen zusammenkrochen wie Katzen, andere in
der Angst ihres Herzens die Stube so besprenzten¹³¹, daß du hättest das Schwimmen
drin lernen können, und das erbärmliche Gezetter und Lamento, und endlich gar die
alte Schnurre die Äbtissin, angezogen wie Eva vor dem Fall¹³² — du weißt, Bruder, daß
mir auf diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider ist, als eine Spinne und
ein altes Weib, und nun denk dir einmal die schwarzbraune, runzlichte, zottigte Vet-
tel vor mir herumtanzen, und mich bei ihrer ungäulichen Sittsamkeit beschwören —
alle Teufel! ich hatte schon den Ellbogen angesetzt ihr die übriggebliebenen wenigen
edlen¹³³ vollends in den Mastdarm zu stossen — kurz resolviert¹³⁴! entweder heraus mit
dem Silbergeschirr mit dem Klosterschatz und allen den blanken Tälerchen, oder —
meine Kerls verstanden mich schon — ich sage dir, ich hab aus dem Kloster mehr denn
tausend Taler Werts geschlei, und den Spaß obendrein, und meine Kerls haben ihnen
ein Andenken hinterlassen, sie werden ihre neun Monate dran zu schleppen haben.
auf den Boden stampfend.
Daß mich der Donner da weg hatte.
Siehst du? Sag du mehr, ob das kein Luder-Leben ist? und dabei bleibt man isch
und stark, und das Korpus¹³⁵ ist noch beisammen, und schwillt dir stündlich wie ein
Prälats-Bauch — ich weiß nicht, ich muß was magnetisches an mir haben, daß dir alles
Lumpen-Gesindel auf Gottes Erdboden anzieht wie Stahl und Eisen.
¹²⁸praktizier — hier: stehlen. [przypis edytorski]
¹²⁹hasselieren — lärmen. [przypis edytorski]
¹³⁰Finstere — Finsternis. [przypis edytorski]
¹³¹besprenzten — hier: urinieren. [przypis edytorski]
¹³²wie Eva vor dem Fall — nackt. [przypis edytorski]
¹³³edlen — Zähne. [przypis edytorski]
¹³⁴kurz resolviert — hier: kurzen Prozess gemacht. [przypis edytorski]
¹³⁵Korpus — Körper. [przypis edytorski]
Die Räuber
Schöner Magnet du! Aber so möcht ich Henkers doch wissen, was r Hexereien du
brauchst —
Hexereien? Braucht keiner Hexereien — Kopf mußt du haben! Ein gewisses prak-
tisches Judizium¹³⁶, das man eilich nicht in der Gerste ißt — denn siehst du, ich
pfleg immer zu sagen: einen honneten¹³⁷ Mann kann man aus edem Weidenstotzen¹³⁸
formen, aber zu einem Spitzbuben wills Grütz¹³⁹ — auch gehört darzu ein eigenes Na-
tional-Genie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbuben Klima, und da rat ich dir, reis
du ins Graubünder Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.
Bruder! man hat mir überhaupt das ganze Italien gerühmt.
Ja, a! man muß niemand sein Recht vorenthalten, Italien weist auch seine Männer
auf, und wenn Deutschland so fortmacht, wie es bereits auf dem Weg ist, und die Bibel
vollends hinaus votiert¹⁴⁰, wie es die glänzendsten Aspekten hat, so kann mit der Zeit
auch noch aus Deutschland was Gutes kommen, — überhaupt aber, muß ich dir sagen,
macht das Klima nicht sonderlich viel, das Genie kommt überall fort, und das übrige,
Bruder — ein Holzapfel weißt du wohl wird im Paradies-Gärtlein selber ewig keine
Ananas — aber daß ich dir weiter sage, — wo bin ich stehen geblieben?
Bei den Kunstgriffen!
Ja recht, bei den Kunstgriffen. So ist dein erstes, wenn du in die Stadt kommst, du
ziehst bei den Bettelvögten, Stadt-Patrollanten und Zuchtknechten Kundscha ein, wer
so am fleißigsten bei ihnen einspreche, die Ehre gebe, und diese Kunden suchst du auf —
ferner nistest du dich in die Kaffeehäuser, Bordelle, Wirtshäuser ein, spähst, sondierst,
wer am meisten über die wohlfeile Zeit, die nf pro cent, über die einreißende Pest der
Polizeiverbesserungen schreit, wer am meisten über die Regierung schimp, oder wieder
die Physiognomik eifert und dergl: Bruder! das ist die rechte Höhe! die Ehrlichkeit
wackelt wie ein hohler Zahn, du darfst nur den Pelikan¹⁴¹ ansetzen, — oder besser und
kürzer: du gehst und wirfst einen vollen Beutel auf die offene Straße, versteckst dich
irgendwo, und merkst dir wohl, wer ihn aufhebt — eine Weile drauf agst du hinterher,
suchst, schreist, und agst nur so im Vorbeigehen, haben der Herr nicht etwa einen
Geldbeutel gefunden? Sagt er, a? — nun so hats der Teufel gesehen; leugnet ers aber?
der Herr verzeihen — ich wüßte mich nicht zu entsinnen, — ich bedaure, aufspringend.
Bruder! Triumph Bruder! Lösch deine Laterne aus, schlauer Diogenes! — du hast deinen
Mann gefunden.
Du bist ein ausgelernter Prakticus.
Mein Gott! als ob ich noch emals dran gezweifelt hätte — Nun du deinen Mann in
dem Hamen¹⁴² hast, mußt dus auch fein schlau angreifen, daß du ihn hebst! — Siehst
du, mein Sohn? das hab ich so gemacht: — So bald ich einmal die Fährte hatte, hängt’
ich mich meinem Kandidaten an wie eine Klette, saue Brüderscha mit ihm, und No-
tabene! Zechei mußt du ihn halten! da geht eilich ein schönes drauf, aber das achtest
¹³⁶Judizium — Urteilsvermögen. [przypis edytorski]
¹³⁷honneten — ehrbaren. [przypis edytorski]
¹³⁸Weidenstotzen — Weidenstumpf. [przypis edytorski]
¹³⁹Grütz — Verstand. [przypis edytorski]
¹⁴⁰hinaus votiert — verbietet. [przypis edytorski]
¹⁴¹Pelikan — Zange zum Zähneziehen. [przypis edytorski]
¹⁴²Hamen — Fischnetz. [przypis edytorski]
Die Räuber
du nicht — — du gehst weiter, du hrst ihn in Spiel-Kompagnien und bei liederli-
chen Menschern¹⁴³ ein, verwickelst ihn in Schlägereien und schelmische Streiche, bis
er an Sa und Kra und Geld und Gewissen, und gutem Namen bankrut wird, denn
incidenter¹⁴⁴ muß ich dir sagen, du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele
verderbst — Glaube mir Bruder! das hab ich aus meiner starken Praxi wohl nfzigmal
abstrahiert¹⁴⁵, wenn der ehrliche Mann einmal aus dem Nest ge agt ist, so ist der Teufel
Meister — Der Schritt ist dann so leicht — o so leicht, als der Sprung von einer Hure
zu einer Betschwester. — Horch doch! was r ein Knall war das?
Es war gedonnert, nur fortgemacht!
Noch ein kürzerer besserer Weg ist der, du plünderst deinem Mann Haus und Hof
ab, bis ihm kein Hemd mehr am Leibe hebt, alsdann kommt er dir von selber — lern
mich die Pfiffe nicht Bruder — ag einmal das Kupfergesicht¹⁴⁶ dort — Schwere Not!
den hab ich schön ins Garn gekriegt — ich hielt ihm vierzig Dukaten hin, die sollt er
haben, wenn er mir seines Herrn Schlüssel in Wachs drücken wollte — denk einmal!
die dumme Bestie tuts, bringt mir, hol mich der Teufel! die Schlüssel, und will itzt das
Geld haben — Monsieur, sagt ich, weiß er auch, daß ich itzt diese Schlüssel gerades
Wegs zum Polizei-Lieutenant trage, und ihm ein Logis¹⁴⁷ am lichten Galgen miete?
— tausend Sakerment! da hättest du den Kerl sehen sollen die Augen aueißen, und
anfangen zu zappeln wie ein nasser Budel¹⁴⁸ — — „Ums Himmels willen, hab der Herr
doch Einsicht! ich will — will —“ was will er? will er itzt gleich den Zopf hinaufschlagen
und mit mir zum Teufel gehn? — „o von Herzen gern, mit Freuden“ — hahaha! guter
Schlucker, mit Speck fangt man Mäuse — lach ihn doch aus Razmann! hahaha!
Ja, a, ich muß gestehen. Ich will mir diese Lektion mit goldnen Ziffern auf meine
Hirntafel schreiben. Der Satan mag seine Leute kennen, daß er dich zu seinem Mäc-
kler¹⁴⁹ gemacht hat.
Gelt, Bruder? und ich denke, wenn ich ihm zehen stelle, läßt er mich ei ausgehen
— gibt a eder Verleger seinem Sammler das zehente Exemplar gratis, warum soll der
Teufel so üdisch zu Werke gehn? — Razmann! ich rieche Pulver —
Sapperment! ich riechs auch schon lang. — Gib Acht, es wird in der Näh was gesetzt
haben! — Ja a! wie ich dir sage, Moriz — du wirst dem Hauptmann mit deinen Rekruten
willkommen sein — er hat auch schon brave Kerl angelockt.
Aber die meinen! die meinen — Pah —
Nun a! sie mögen hübsche Fingerchen haben — aber ich sage dir, der Ruf unsers
Hauptmanns hat auch schon ehrliche Kerl in Versuchung gehrt.
Ich will nicht hoffen.
Sans¹⁵⁰ Spaß! und sie schämen sich nicht unter ihm zu dienen. Er mordet nicht um
des Raubes willen wie wir — nach dem Geld schien er nicht mehr zu agen, so bald
¹⁴³liederlichen Menschern — Huren. [przypis edytorski]
¹⁴⁴incidenter — zwischendurch. [przypis edytorski]
¹⁴⁵das hab ich aus meiner starken Praxi wohl ünfzigmal abstrahiert — aus meiner Erfahrung gefolgert. [przypis
edytorski]
¹⁴⁶Kupfergesicht — das von Branntwein gerötete Gesicht. [przypis edytorski]
¹⁴⁷Logis — Platz. [przypis edytorski]
¹⁴⁸Budel — Pudel. [przypis edytorski]
¹⁴⁹Mäckler — Makler. [przypis edytorski]
¹⁵⁰Sans — (anz.) ohne. [przypis edytorski]
Die Räuber
ers vollauf haben konnte, und selbst sein Dritteil an der Beute, das ihn von Rechtswe-
gen tri, verschenkt er an Waisenkinder, oder läßt damit arme Jungen von Hoffnung
studieren. Aber soll er dir einen Land unker schröpfen, der seine Bauren wie das Vieh
abschindet¹⁵¹, oder einen Schurken mit goldnen Borden unter den Hammer kriegen,
der die Gesetze falschmünzt, und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst
ein Herrchen von dem Gelichter — Kerl! da ist er dir in seinem Element, und haust
teufelmäßig, als wenn ede Faser an ihm eine Furie wäre.
Hum! hum!
Neulich erfuhren wir im Wirtshaus, daß ein reicher Graf von Regensburg durch-
kommen würde, der einen Prozeß von einer Million durch die Pfiffe seines Advokaten
durchgesetzt hätte, er saß eben am Tisch und brettelte¹⁵², — wie viel sind unserer? ug
er mich, indem er hastig aufstand, ich sah ihn die Unterlippe zwischen die Zähne klem-
men, welches er nur tut, wenn er am grimmigsten ist — nicht mehr als nf! sagt ich —
es ist genug! sagt er, warf der Wirtin das Geld auf den Tisch, lies den Wein, den er sich
hatte reichen lassen unberührt stehen — wir machten uns auf den Weg. Die ganze Zeit
über sprach er kein Wort, lief abseitwärts und allein, nur daß er uns von Zeit zu Zeit
agte, ob wir noch nichts gewahr worden wären, und uns befahl das Ohr an die Erde zu
legen. Endlich so kommt der Graf hergefahren, der Wagen schwer bepackt, der Advokat
saß bei ihm drin, voraus ein Reuter¹⁵³, nebenher ritten zwei Knechte — da hättest du
den Mann sehen sollen, wie er, zwei Terzerolen¹⁵⁴ in der Hand, vor uns her auf den
Wagen zusprang! und die Stimme, mit der er rief: Halt! — der Kutscher, der nicht Halt
machen wollte, mußte vom Bock herabtanzen, der Graf schoß aus dem Wagen in den
Wind, die Reuter flohen — dein Geld, Kanaille! rief er donnernd — er lag wie ein Stier
unter dem Beil — und bist du der Schelm, der die Gerechtigkeit zur feilen Hure macht?
der Advokat zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, — der Dolch stak in seinem Bauch
wie ein Pfahl in dem Weinberg — ich habe das meine getan! rief er, und wandte sich
stolz von uns weg, das Plündern ist eure Sache. Und so mit verschwand er in den Wald
—
Hum, hum! Bruder, was ich dir vorhin erzählt habe, bleibt unter uns, er brauchts
nicht zu wissen. Verstehst du?
Recht, recht! ich versteh.
Du kennst ihn a? Er hat so seine Grillen. Du verstehst mich.
Ich versteh, ich versteh.
in vollem Lauf.
Wer da? was gibts da? Passagiers¹⁵⁵ im Wald?
Hurtig, hurtig! wo sind die andern? — tausendsakerment! ihr steht da, und plaudert!
Wißt ihr denn nicht — wißt ihr denn gar nicht? — und Roller —
Was dann, was dann?
¹⁵¹wie das Vieh abschindet — die Haut abzieht. [przypis edytorski]
¹⁵²brettelte — spielte ein Brettspiel. [przypis edytorski]
¹⁵³Reuter — Reiter. [przypis edytorski]
¹⁵⁴Terzerolen — kleine Pistolen. [przypis edytorski]
¹⁵⁵Passagiers — Reisende. [przypis edytorski]
Die Räuber
Roller ist gehangen, noch vier andere, mit, —
Roller? Schwere Not! seit wenn — woher weißt dus?
Schon über drei Wochen sitzt er, und wir erfahren nichts, schon drei Rechtstäge¹⁵⁶
sind über ihn gehalten worden, und wir hören nichts, man hat ihn auf der Tortur exami-
niert¹⁵⁷, wo der Hauptmann sei? — der wackere Bursche hat nichts bekannt, gestern ist
ihm der Prozeß gemacht worden, diesen Morgen ist er dem Teufel extra Post zugefahren.
Vermaledeit! weiß es der Hauptmann?
Erst gestern erfährt ers. Er schäumt wie ein Eber. Du weißts, er hat immer am
meisten gehalten auf Roller, und nun die Tortur erst — Strick und Leiter sind schon an
den Turm gebracht worden, es half nichts, er selbst hat sich schon in Kapuziners-Kutte
zu ihm geschlichen, und die Person mit ihm wechseln wollen, Roller schlugs hartnäckig
ab, itzt hat er einen Eid geschworen, daß es uns eiskalt über die Leber lief, er wolle ihm
eine Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den
Buckel braun und blau brennen soll. Mir ist bang r die Stadt. Er hat schon lang eine
Pique¹⁵⁸ auf sie, weil sie so schändlich bigott ist, und du weißt, wenn er sagt: ich wills
tun! so ists so viel, als wenns unser einer getan hat.
Das ist wahr! ich kenne den Hauptmann. Wenn er dem Teufel sein Wort drauf ge-
geben hätte in die Hölle zu fahren, er würde nie beten, wenn er mit einem halben Vater
Unser selig werden könnte! — Aber ach! der arme Roller! der arme Roller! —
Memento mori!¹⁵⁹ Aber das regt mich nicht an¹⁶⁰.
Trillert ein Liedgen.
Geh ich vorbei am Rabensteine¹⁶¹,
So blinz ich nur das rechte Auge zu,
Und denk, du hängst mir wohl alleine,
Wer ist ein Narr, ich oder du?
aufspringend.
Horch! ein Schuß.
Schießen und Lärmen.
Noch einer!
Wieder einer! der Hauptmann!
Hinter der Szene gesungen.
Die Nürenberger henken keinen,
Sie hätten ihn denn vor.
¹⁵⁶Rechtstäge — Gerichtstermine. [przypis edytorski]
¹⁵⁷examiniert — unter Folter verhört. [przypis edytorski]
¹⁵⁸Pique — (anz.) Groll, Zorn. [przypis edytorski]
¹⁵⁹Memento mori! — (lat.) Gedenke des Todes! [przypis edytorski]
¹⁶⁰an — auf. [przypis edytorski]
¹⁶¹Rabensteine — Hinrichtungsplatz. [przypis edytorski]
Die Räuber
Da capo.
Roller.
Hinter der Szene.
Holla ho! Holla ho!
Roller! Roller! Holen mich zehn Teufel!
Roller.
Hinter der Szene.
Razmann! Schwarz! Spiegelberg! Razmann!
Roller! Schweizer! Blitz, Donner, Hagel und Wetter!
Fliegen ihm entgegen!
zu Pferd.
. . . . mit Kot und Staub bedeckt,
treten auf.
vom Pferd springend.
Freiheit! Freiheit! — — du bist im trocknen¹⁶², Roller! — Führ meinen Rappen ab,
Schweizer, und wasch ihn mit Wein. Wirft sich auf die Erde. Das hat gegolten!
zu .
Nun bei der Feueresse des Plutos! bist du vom Rad auferstanden?
Bist du sein Geist? oder bin ich ein Narr? oder bist dus wirklich?
in Atem.
Ich bins. Leibhaig. Ganz. Wo glaubst du, daß ich herkomme?
Da ag die Hexe! der Stab war schon über dich gebrochen!
Das war er eilich, und noch mehr. Ich komme recta¹⁶³ vom Galgen her. Laß mich
nur erst zu Atem kommen. Der Schweizer wird dir erzählen. Gebt mir ein Glas Brand-
tenwein! — du auch wieder da, Moriz? Ich dachte dich wo anders wieder zu sehen —
gebt mir doch ein Glas Brandtenwein! meine Knochen fallen auseinander — o mein
Hauptmann! wo ist mein Hauptmann!
Gleich, gleich! — so sag doch, so schwätz doch! wie bist du davon kommmen? wie
haben wir dich wieder? der Kopf geht mir um. Vom Galgen her, sagst du?
stürzt eine Flasche Brandtenwein hinunter.
Ah, das schmeckt, das brennt ein! — gerades Wegs vom Galgen her! sag ich. Ihr
steht da, und ga, und könnts nicht träumen — ich war auch nur drei Schritte von
der Sakerments-Leiter¹⁶⁴, auf der ich in den Schoß Abrahams steigen sollte — so nah,
so nah — war dir schon mit Haut und Haar auf die Anatomie verhandelt! hättest mein
Leben um’n Prise Schnupabak haben können, dem Hauptmann dank ich Lu, Freiheit
und Leben.
¹⁶²trocknen — gerettet. [przypis edytorski]
¹⁶³recta — (lat.) geradewegs. [przypis edytorski]
¹⁶⁴Sakerments-Leiter — hier: die verfluchte Leiter. [przypis edytorski]
Die Räuber
Es war ein Spaß, der sich hören läßt. Wir hatten den Tag vorher durch unsre Spionen
Wind gekriegt, der Roller liege tüchtig im Salz¹⁶⁵, und wenn der Himmel nicht bei Zeit
noch einfallen wollte, so werde er morgen am Tag — das war als¹⁶⁶ heut — den Weg alles
Fleisches gehen müssen — Auf! sagt der Hauptmann, was wiegt ein Freund nicht. — Wir
retten ihn, oder retten ihn nicht, so wollen wir ihm wenigstens doch eine Todesfackel
anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und
blau brennen soll. Die ganze Bande wird aufgeboten. Wir schicken einen Expressen¹⁶⁷
an ihn, der’s ihm in einem Zettelgen beibrachte, das er ihm in die Suppe warf.
Ich verzweifelte an dem Erfolg.
Wir paßten die Zeit ab, bis die Passagen leer waren. Die ganze Stadt zog dem Spek-
takel nach, Reuter und Fußgänger durch einander und Wagen, der Lärm und der Gal-
gen-Psalm ohlten weit. Itzt, sagt der Hauptmann, brennt an, brennt an! Die Kerl flogen
wie Pfeile, steckten die Stadt an drei und dreißig Ecken zumal in Brand, warfen feuri-
ge Lunden¹⁶⁸ in die Nähe des Pulverturms in Kirchen und Scheunen — Mordbleu es
war keine Viertelstunde vergangen, der Nord-Ost-Wind, der auch seinen Zahn auf die
Stadt haben¹⁶⁹ muß, kam uns trefflich zu statten, und half die Flamme bis hinauf in
die obersten Giebel agen. Wir indes Gasse auf Gasse nieder, wie Furien — Feuer o!
Feur o! durch die ganze Stadt — Geheul, — Geschrei — Gepolter — fangen an die
Brandglocken zu brummen, knallt der Pulverturm in die Lu, als wär die Erde mit-
ten entzwei geborsten, und der Himmel zerplatzt, und die Hölle zehntausend Klaer¹⁷⁰
tiefer versunken.
Und itzt sah mein Gefolge zurück — da lag die Stadt wie Gomorrha und Sodom,
der ganze Horizont war Feuer, Schwefel und Rauch, vierzig Gebürge brüllen den infer-
nalischen Schwank¹⁷¹ in die Rund herum nach, ein panischer Schreck schmeißt alle zu
Boden — itzt nutz ich den Zeitpunkt, und risch¹⁷², wie der Wind! — ich war losgebun-
den, so nah wars dabei — da meine Begleiter versteinert wie Loths Weib zurückschaun,
Reißaus! zerrissen die Haufen! davon! Sechzig Schritte weg werf ich die Kleider ab, stürze
mich in den Fluß, schwimm unterm Wasser fort, bis ich glaubte ihnen aus dem Gesich-
te zu sein. Mein Hauptmann schon parat¹⁷³ mit Pferden und Kleidern — so bin ich
entkommen. Moor! Moor! möchtest du auch bald in den Pfeffer¹⁷⁴ geraten, daß ich dir
gleiches mit gleichem vergelten kann!
Ein bestialischer Wunsch, r den man dich hängen sollte — aber es war ein Streich
zum zerplatzen¹⁷⁵.
Es war Hülfe in der Not, ihr könnts nicht schätzen. Ihr hättet sollen — den Strick
um den Hals — mit lebendigem Leibe zu Grabe marschieren wie ich, und die sakermen-
talischen Anstalten und Schinders Zeremonien, und mit edem Schritt, den der scheue
Fuß vorwärts wankte, näher und rchterlich näher die verfluchte Maschine¹⁷⁶, wo ich
einlogiert werden sollte, im Glanz der schröcklichen Morgensonne steigend, und die
¹⁶⁵liege tüchtig im Salz — sei in großer Gefahr. [przypis edytorski]
¹⁶⁶als — also. [przypis edytorski]
¹⁶⁷Expressen — Eilboten. [przypis edytorski]
¹⁶⁸Lunden — Lunten. [przypis edytorski]
¹⁶⁹seinen Zahn auf die Stadt haben — die Stadt nicht leiden kann. [przypis edytorski]
¹⁷⁰Klafter — Altes Längenmaß. [przypis edytorski]
¹⁷¹infernalischen Schwank — höllischen Schlag. [przypis edytorski]
¹⁷²risch — rasch. [przypis edytorski]
¹⁷³parat — bereit. [przypis edytorski]
¹⁷⁴Pfeffer — hier: Gefahr. [przypis edytorski]
¹⁷⁵zum zerplatzen — zum Totlachen. [przypis edytorski]
¹⁷⁶Maschine — hier: Galgen. [przypis edytorski]
Die Räuber
laurenden¹⁷⁷ Schinders-Knechte, und die gräßliche Musik — noch raunt sie in meinen
Ohren — und das Gekrächz hungriger Raben, die an meinem halbfaulen Antezessor¹⁷⁸
zu dreißigen hingen, und das alles, alles — und obendrein noch der Vorschmack der
Seeligkeit, die mir blühete! — Bruder, Bruder und auf einmal die Losung zur Freiheit
— Es war ein Knall, als ob dem Himmelsfaß ein Reif gesprungen wäre — hört Kanail-
len! ich sag euch, wenn man aus dem glühenden Ofen ins Eiswasser springt, kann man
den Abfall¹⁷⁹ nicht so stark hlen als ich, da ich am andern Ufer war.
lacht.
Armer Schlucker! nun ists a verschwitzt¹⁸⁰. trinkt ihm zu. Zur glücklichen Wieder-
geburt!
wirft sein Glas weg.
Nein, bei allen Schätzen des Mammons! ich möchte das nicht zum zweitenmal er-
leben. Sterben ist etwas mehr als Harlequins Sprung, und Todes-Angst ist ärger als
Sterben.
Und der hüpfende Pulverturm — merkst dus itzt, Razmann? — drum stank auch die
Lu so nach Schwefel, stundenweit, als würde die ganze Garderobe des Molochs unter
dem Firmament ausgelüet — es war ein Meisterstreich, Hauptmann! ich beneide dich
drum.
Macht sich die Stadt eine Freude daraus, meinen Kameraden wie ein verhetztes
Schwein abtun zu sehen, was, zum Henker! sollen wir uns ein Gewissen daraus ma-
chen, unserem Kameraden zulieb die Stadt drauf gehen zu lassen? Und neben her hatten
unsere Kerls noch das gefundene Fressen, über den alten Kaiser zu plündern. — Sagt
einmal! was habt ihr weggekapert?
Ich habe mich während des durch einanders in die Stephans-Kirche geschlichen und
die Borden vom Altar-Tuch abgetrennt, der liebe Gott da, sagt ich, ist ein reicher Mann,
und kann a Goldfäden aus einem Batzenstrick machen.
Du hast wohl getan — was soll auch der Plunder in einer Kirche? Sie tragens dem
Schöpfer zu, der über den Trödelkram lachet, und seine Geschöpfe dörfen verhungern.
— Und du Spangeler — wo hast du dein Netz ausgeworfen?
Ich und Bügel haben einen Kaufladen geplündert und bringen Zeug r unser funfzig
mit.
Zwei goldne Sackuhren hab ich weggebixt¹⁸¹, und ein Duzend silberne Löffel darzu.
Gut, gut. Und wir haben ihnen eins angerichtet, dran sie vierzehn Tage werden zu
löschen haben. Wenn sie dem Feuer wehren wollen, so müssen sie die Stadt durch Wasser
ruinieren — Weißt du nicht, Schuerle, wie viel es Tode gesetzt hat?
Drei und achtzig sagt man. Der Turm allein hat ihrer sechszig zu Staub zerschmettert.
¹⁷⁷laurenden — lauernden. [przypis edytorski]
¹⁷⁸Antezessor — Vorgänger. [przypis edytorski]
¹⁷⁹Abfall — Temperaturabfall. [przypis edytorski]
¹⁸⁰verschwitzt — ausgestanden. [przypis edytorski]
¹⁸¹weggebixt — gestohlen. [przypis edytorski]
Die Räuber
sehr ernst.
Roller, du bist teuer bezahlt.
Pah! pah! was heißt aber das? — a, wenns Männer gewesen wären — aber da warens
Wickelkinder, die ihre Lacken vergolden¹⁸², eingeschnurrte¹⁸³ Müttergen, die ihnen die
Mücken wehrten, ausgedörrte Ofenhoker, die keine Türe mehr finden konnten — Pa-
tienten, die nach dem Dokter winselten, der in seinem gravitätischen Trab der Hatz
nachgezogen war — Was leichte Beine hatte, war ausgeflogen der Komödie nach, und
nur der Bodensaz der Stadt blieb zurück, die Häuser zu hüten.
Oh der armen Gewürme! Kranke, sagst du, Greise und Kinder? —
Ja zum Teufel! und Kindbetterinnen darzu, und hochschwangere Weiber, die be-
rchteten, unterm lichten Galgen zu abortieren, unge Frauen, die besorgten sich an
den Schinders-Stückchen zu versehen, und ihrem Kind in Mutterleib den Galgen auf
den Buckel zu brennen — Arme Poeten, die keinen Schuh anzuziehen hatten, weil sie
ihr einziges Paar in die Mache gegeben, und was das Hundsgesindel mehr ist, es lohnt
sich der Mühe nicht, daß man davon redt. Wie ich von ungefehr so an einer Baracke
vorbeigehe hör ich drinnen ein Gezetter, ich guck hinein, und wie ichs beim Licht be-
sehe, was wars? Ein Kind wars noch isch und gesund, das lag auf dem Boden unterm
Tisch, und der Tisch wollte eben angehen, — Armes Tiergen! sagt’ ich, du verierst a
hier, und warfs in die Flamme —
Wirklich, Schuerle? — Und diese Flamme brenne in deinem Busen, bis die Ewig-
keit grau wird! — Fort Ungeheuer! Laß dich nimmer unter meiner Bande sehen! Murrt
ihr? — Überlegt ihr? — Wer überlegt, wenn Ich befehle? — Fort mit ihm, sag ich, — es
sind noch mehr unter euch, die meinem Grimm reif sind. Ich kenne dich, Spiegelberg.
Aber ich will nächstens unter euch treten, und rchterlich Musterung halten.
Sie gehn zitternd ab.
allein, heftig auf und abgehend.
Höre sie nicht, Rächer im Himmel! — Was kann ich dar? Was kannst du da-
r, wenn deine Pestilenz, deine Teurung, deine Wasserfluten, den Gerechten mit dem
Bösewicht auffressen? Wer kann der Flamme befehlen, daß sie nicht auch durch die
gesegneten Saaten wüte, wenn sie das Genist der Hornissel zerstören soll? — O pfui,
über den Kinder-Mord! den Weiber-Mord — den Kranken-Mord! Wie beugt mich
diese Tat! Sie hat meine schönsten Werke vergiet — da steht der Knabe, schamrot
und ausgehöhnt vor dem Auge des Himmels, der sich anmaßte, mit Jupiters Keule zu
spielen, und Pygmeen niederwarf, da er Titanen zerschmettern sollte — geh, geh! du
bist der Mann nicht, das Rachschwert der obern Tribunal ¹⁸⁴zu regieren, du erlagst bei
dem ersten Griff — hier entsag ich dem echen Plan, gehe, mich in irgend eine Klu
der Erde zu verkriechen, wo der Tag vor meiner Schande zurücktritt.
er will fliehen.
eilig.
Sieh dich vor, Hauptmann! Es spukt! Ganze Haufen böhmischer Reuter schwadro-
nieren im Holz herum — der höllische Blaustrumpf¹⁸⁵ muß ihnen verträtscht¹⁸⁶ haben
—
¹⁸²vergolden — in die Windeln machen. [przypis edytorski]
¹⁸³eingeschnurrte — vertrocknete. [przypis edytorski]
¹⁸⁴obern Tribunal — des göttlichen Gerichts. [przypis edytorski]
¹⁸⁵höllische Blaustrumpf — hier: Teufel. [przypis edytorski]
¹⁸⁶verträtscht — ausgeplaudert. [przypis edytorski]
Die Räuber
Hauptmann, Hauptmann! Sie haben uns die Spur abgelauert — rings ziehen ihrer
etliche Tausend einen Kordon¹⁸⁷ um den mittlern Wald.
Weh, weh, weh! Wir sind gefangen gerädert, wir sind gevierteilt! Viele tausend Husa-
ren, Dragoner und Jäger sprengen um die Anhöhe, und halten die Lu-Löcher besetzt.
geht ab.
. . . . . . . -
.
Haben wir sie aus den Federn geschüttelt? Freu dich doch, Roller! Das hab ich mir
lange gewünscht, mich mit so Kommis-Brot Rittern¹⁸⁸ herumzuhauen — wo ist der
Hauptmann? Ist die ganze Bande beisammen? Wir haben doch Pulver genug?
Pulver die schwere Meng. Aber unser sind achzig in allem, und so immer kaum einer
gegen ihrer zwanzig.
Desto besser! und laß es nfzig gegen meinen grossen Nagel sein — Haben sie so
lang gewartet, bis wir ihnen die Streu unterm Arsch angezündt haben — Brüder, Brüder!
so hats keine Not. Sie setzen ihr Leben an zehen Kreuzer, fechten wir nicht r Hals und
Freiheit? — Wir wollen über sie her wie die Sündflut und auf ihre Köpfe herabfeuren
wie Wetterleuchten — Wo zum Teufel! ist dann der Hauptmann?
Er verläßt uns in dieser Not. Können wir denn nicht mehr entwischen?
Entwischen?
Oh! Warum bin ich nicht geblieben in Jerusalem.
So wollt’ ich doch, daß du im Kloak¹⁸⁹ ersticktest, Dreckseele du! Bei nackten Non-
nen hast du ein großes Maul, aber wenn du zwei Fäuste siehst, — Memme, zeige dich
itzt, oder man soll dich in eine Sauhaut nähen, und durch Hunde verhetzen lassen.
Der Hauptmann, Der Hauptmann!
langsam vor sich.
Ich habe sie vollends ganz einschließen lassen, etzt müssen sie fechten wie verzwe-
[Link] Kinder! Nun gibts! Wir sind verloren, oder wir müssen fechten wie ange-
schossene Eber.
Ha! ich will ihnen mit meinen Fangern¹⁹⁰ den Bauch schlitzen, daß ihnen die Kut-
teln¹⁹¹ schuhlang herausplatzen! — Führ uns an, Hauptmann! Wir folgen dir in den
Rachen des Todes.
Ladet alle Gewehre! Es fehlt doch an Pulver nicht?
¹⁸⁷Kordon — Postenkette. [przypis edytorski]
¹⁸⁸Kommis-Brot Rittern — Soldaten. [przypis edytorski]
¹⁸⁹Kloak — Abort. [przypis edytorski]
¹⁹⁰Fangern — Messerartige Seitenwaffe des Jägers r den Fangstoß. [przypis edytorski]
¹⁹¹Kutteln — Eingeweide. [przypis edytorski]
Die Räuber
springt auf.
Pulver genug, die Erde gegen den Mond zu sprengen!
Jeder hat nf paar Pistolen geladen, eder noch drei Kugelbüchsen darzu.
Gut, gut! Und nun muß ein Teil auf die Bäume klettern, oder sich ins Dickicht
verstecken, und Feuer auf sie geben im Hinterhalt —
Da gehörst du hin, Spiegelberg!
Wir andern, wie Furien, fallen ihnen in die Flanken.
Darunter bin ich, ich!
Zugleich muß eder sein Pfeifchen hören lassen, im Wald herum agen, daß unsere
Anzahl schröcklicher werde: auch müssen alle Hunde los, und in ihre Glieder gehetzt
werden, daß sie sich trennen, zerstreuen, und euch in den Schuß rennen. Wir drei,
Roller, Schweizer und ich, fechten im Gedränge.
Meisterlich, vortrefflich! — Wir wollen sie zusammenwettern¹⁹², daß sie nicht wis-
sen, wo sie die Ohrfeigen herkriegen. Ich habe wohl ehe eine Kirsche vom Maul weg-
geschossen, laß sie nur anlaufen.
Schufterle zupft , dieser nimmt den Hauptmann beiseit, und spricht leise mit
ihm.
Schweig!
Ich bitte dich —
Weg! Er dank es seiner Schande, sie hat ihn gerettet. Er soll nicht sterben, wenn ich
und mein Schweizer sterben, und mein Roller. Laß ihn die Kleider ausziehen, so will
ich sagen er sei ein reisender, und ich hab ihn bestohlen — Sei ruhig, Schweizer! Ich
schwöre darauf, er wird doch noch gehangen werden.
tritt auf.
vor sich, stutzt.
Ist das das Drachen Nest? — Mit eurer Erlaubnis, meine Herren! Ich bin ein Diener
der Kirche, und draußen stehen siebenzehnhundert, die edes Haar auf meinen Schläfen
bewachen.
Bravo! bravo! das war wohlgesprochen sich den Magen warm zu halten.
Schweig, Kamerad! — Sagen sie kurz, Herr Pater! was haben Sie hier zu tun?
Mich sendet die hohe Obrigkeit, die über Leben und Tod spricht — ihr Diebe —
ihr Mordbrenner — ihr Schelmen — giige Otterbrut, die im finstern schleicht, und
im verborgenem sticht — Aussatz der Menschheit — Höllenbrut, — köstliches Mahl
r Raben und Ungeziefer — Kolonie r Galgen und Rad —
¹⁹²zusammenwettern — zusammenschlagen. [przypis edytorski]
Die Räuber
Hund! hör auf zu schimpfen, oder —
er drückt ihm den Kolben vors Gesicht.
Pfui doch, Schweizer! du verdirbst ihm a das Konzept — er hat seine Predigt so brav
auswendig gelernt — nur weiter mein Herr! — „r Galgen und Rad?“
Und du, feiner Hauptmann! Herzog der Beutelschneider! Gauner-König! Groß-Mo-
gol aller Schelmen unter der Sonne! — Ganz ähnlich enem ersten abscheulichen Rädels-
hrer, der tausend Legionen schuldloser Engel in rebellisches Feuer fachte¹⁹³, und mit
sich hinab in den tiefen Pfuhl der Verdammnis zog — das Zettergeschrei verlassener
Mütter heult deinen Fersen nach, Blut saufst du wie Wasser, Menschen wägen auf de-
inem mörderischen Dolch keine Lublase auf¹⁹⁴. —
Sehr wahr, sehr wahr! Nur weiter!
Was? sehr wahr, sehr wahr? ist das auch eine Antwort?
Wie, mein Herr? darauf haben Sie sich wohl nicht gefaßt gemacht? Weiter, nur
weiter! Was wollten Sie weiter sagen?
im Eifer.
Entsetzlicher Mensch! hebe dich weg von mir! Picht¹⁹⁵ nicht das Blut des ermor-
deten Reichs-Grafen an deinen verfluchten Fingern? Hast du nicht das Heiligtum des
Herrn mit diebischen Händen durchbrochen, und mit einem Schelmengriff die gewe-
ihten Gefäße des Nachtmahls¹⁹⁶ entwandt? Wie? hast du nicht Feuerbrände in unsere
gottesrchtige Stadt geworfen? und den Pulverturm über die Häupter guter Christen
herabgestürzt? Mit zusammengeschlagenen Händen. Greuliche, greuliche Frevel, die bis
zum Himmel hinaufstinken, das üngste Gericht waffnen, daß es reißend daher bricht!
Reif zur Vergeltung, zeitig zur letzten Posaune!
Meisterlich geraten bis hieher! aber zur Sache! Was läßt mir der hochlöbliche Ma-
gistrat durch sie kund machen?
Was du nie wert bist zu empfangen — Schau um dich, Mordbrenner! Was nur dein
Auge absehen kann, bist du eingeschlossen von unsern Reutern — hier ist kein Raum
zum Entrinnen mehr — so gewiß Kirschen auf diesen Eichen wachsen, und diese Tannen
Pfirsiche tragen, so gewiß werdet ihr unversehrt diesen Eichen und diesen Tannen den
Rücken kehren.
Hörst dus wohl, Schweizer? — Aber nur weiter!
Höre dann, wie gütig, wie langmütig das Gericht mit dir Böswicht verfährt. Wirst du
itzt gleich zum Kreuz kriechen, und um Gnade und Schonung flehen, siehe, so wird dir
die Strenge selbst Erbarmen, die Gerechtigkeit eine liebende Mutter sein — sie drückt
das Auge bei der Häle deiner Verbrechen zu, und läßt es — denk doch! — und läßt es
bei dem Rade bewenden.
¹⁹³fachte — blies. [przypis edytorski]
¹⁹⁴Menschen wägen auf deinem mörderischen Dolch keine Luftblase auf — Menschen bedeuten dir nichts.
[przypis edytorski]
¹⁹⁵Picht — Klebt. [przypis edytorski]
¹⁹⁶Nachtmahls — Abendmahls. [przypis edytorski]
Die Räuber
Hast dus gehört, Hauptmann? Soll ich hingehn, und diesem abgerichteten Schäfer-
hund die Gurgel zusammen schnüren, daß ihm der rote Sa aus allen Schweiß-Löchern
sprudelt? —
Hauptmann! — Sturm! Wetter und Hölle! — Hauptmann! — wie er die Unter-
-Lippe zwischen die Zähne klemmt! soll ich diesen Kerl das oberst zu unterst unters
Firmament wie einen Kegel aufsetzen?
Mir! mir! Laß mich knien, vor dir niederfallen! Mir laß die Wollust ihn zu Brei
zusammenzureiben!
schreit.
Weg von ihm! Wag es keiner ihn anzurühren! — Zum , indem er seinen De-
gen zieht! Sehen sie, Herr Pater! hier stehn neun und siebenzig, deren Hauptmann ich
bin, und weis keiner auf Wink und Kommando zu fliegen, oder nach Kanonen-Musik
zu tanzen, und draußen stehen siebenzehnhundert unter Mousqueten ergraut — aber
hören Sie nun! so redet Moor, der Mordbrenner Hauptmann: Wahr ists, ich habe den
Reichs-Grafen erschlagen, die Dominikus-Kirche angezündet und geplündert, hab Feu-
erbrände in eure bigotte Stadt geworfen, und den Pulverturm über die Häupter guter
Christen herabgestürzt — aber es ist noch nicht alles. Ich habe noch mehr getan. Er
streckt seine rechte Hand aus. Bemerken sie die vier kostbare Ringe, die ich an edem Fin-
ger trage — gehen Sie hin, und richten Sie Punkt r Punkt den Herren des Gerichts
über Leben und Tod aus, was sie sehen und hören werden — diesen Rubin zog ich einem
Minister vom Finger, den ich auf der Jagd zu den Füßen seines Fürsten niederwarf. Er
hatte sich aus dem Pöbelstaub zu seinem ersten Günstling empor geschmeichelt, der
Fall seines Nachbars war seiner Hoheit schemel — Tränen der Waisen huben ihn auf.
Diesen Demant¹⁹⁷ zog ich einem Finanzrat ab, der Ehrenstellen und Ämter an die Me-
istbietenden verkaue und dem traurenden Patrioten von seiner Türe stieß. — Diesen
Achat trag ich einem Pfaffen Ihres Gelichters¹⁹⁸ zur Ehre, den ich mit eigener Hand
erwürgte, als er auf offener Kanzel geweint hatte, daß die Inquisition so in Zerfall käme
— ich könnte Ihnen noch mehr Geschichten von meinen Ringen erzählen, wenn mich
nicht schon die paar Worte gereuten, die ich mit Ihnen verschwendet habe —
O Pharao! Pharao!
Hört ihrs wohl? Habt ihr den Seufzer bemerkt? Steht er nicht da, als wollte er Feuer
vom Himmel auf die Rotte Korah herunter beten, richtet mit einem Achselzucken, ver-
dammt mit einem christlichen Ach! — Kann der Mensch denn so blind sein? Er, der die
hundert Augen des Argus hat Flecken an seinem Bruder zu spähen, kann er so gar blind
gegen sich selbst sein? — Da donnern sie Sanmut und Duldung aus ihren Wolken,
und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem feuerarmigen Moloch —
predigen Liebe des Nächsten, und fluchen den achzig ährigen Blinden von ihren Türen
hinweg: — stürmen wider den Geiz und haben Peru um goldner Spangen willen entvöl-
kert und die Heiden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt — Sie zerbrechen sich die
Köpfe wie es doch möglich gewesen wäre, daß die Natur hätte können einen Ischariot
schaffen, und nicht der schlimmste unter ihnen würde den dreieinigen Gott um zehen
Silberlinge verraten. — O über euch Pharisäer, auch Falschmünzer der Wahrheit, euch
Affen der Gottheit! Ihr scheut euch nicht vor Kreuz und Altären zu knien, zerfleischt
eure Rücken mit Riemen, und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr wähnt mit diesen
erbärmlichen Gaukeleien dem enigen einen blauen Dunst vorzumachen, denn ihr Toren
doch den allwissenden nennt, nicht anders als wie man der Großen am bittersten spottet,
¹⁹⁷Demant — Diamanten. [przypis edytorski]
¹⁹⁸Ihres Gelichters — (abwertend) Ihrer Art. [przypis edytorski]
Die Räuber
wenn man ihnen schmeichelt, daß sie die Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichke-
it und exemplarischen Wandel, und der Gott der euer Herz durchschaut, würde wider
den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der das Ungeheuer am Nilus¹⁹⁹
erschaffen hat. — Scha ihn aus meinen Augen.
Daß ein Bösewicht noch so stolz sein kann!
Nicht genug — Itzt will ich stolz reden. Geh hin, und sage dem hochlöblichen
Gericht, das über Leben und Tod würfelt — Ich bin kein Dieb, der sich mit Schlaf
und Mitternacht verschwört, und auf der Leiter²⁰⁰ groß und herrisch tut — was ich
getan habe werd ich ohne Zweifel einmal im Schuldbuch des Himmels lesen, aber mit
seinen erbärmlichern Verwesern²⁰¹ will ich kein Wort mehr verlieren. Sag ihnen, mein
Handwerk ist Wiedervergeltung — Rache ist mein Gewerbe.
Er kehrt ihm den Rücken zu.
Du willst also nicht Schonung und Gnade? — Gut, mit dir bin ich fertig. Wendet
sich zu der Bande. So höret dann ihr, was die Gerechtigkeit euch durch mich zu wissen
tut! — Werdet ihr itzt gleich diesen verurteilten Missetäter gebunden überliefern, seht,
so soll euch die Strafe eurer Greuel bis auf das letzte Andenken erlassen sein — die
heilige Kirche wird euch verlorne Schafe mit erneuerter Liebe in ihren Mutterschoß
aufnehmen, und edem unter euch soll der Weg zu einem Ehren-Amt offen stehn, mit
triumphierendem Lächeln. Nun, nun? Wie schmeckt das, E. Ma estät? — Frisch also!
Bindet ihn, und seid ei!
Hört ihrs auch? Hört ihr? Was stutzt ihr? Was steht ihr verlegen da? Sie bietet euch
Freiheit, und ihr seid wirklich schon ihre Gefangene. — Sie schenkt euch das Leben, und
das ist keine Prahlerei, denn ihr seid wahrhaig gerichtet — Sie verheißt euch Ehren
und Ämter, und was kann euer Los anders sein, wenn ihr auch obsiegtet, als Schmach
und Fluch und Verfolgung. — Sie kündigt euch Versöhnung vom Himmel an, und ihr
seid wirklich verdammt. Es ist kein Haar an keinem unter euch, das nicht in die Hölle
fährt. Überlegt ihr noch? Wankt ihr noch? Ist es so schwer zwischen Himmel und Hölle
zu wählen? Helfen Sie doch Herr Pater!
vor sich.
Ist der Kerl unsinnig? — Sorgt ihr etwa, daß dies eine Falle sei, euch lebendig zu fan-
gen? — Leset selbst, hier ist der General-Pardon²⁰² unterschrieben. Er gibt
ein Papier. Könnt ihr noch zweifeln?
Seht doch, seht doch! Was könnt ihr mehr verlangen? — Unterschrieben mit eigener
Hand — es ist Gnade über alle Grenzen — oder rchtet ihr wohl, sie werden ihr Wort
brechen, weil ihr einmal gehört habt, daß man Verrätern nicht Wort hält? — O seid außer
Furcht! Schon die Politik könnte sie zwingen Wort zu halten, wenn sie es auch dem Satan
gegeben hätten. Wer würde ihnen in Zukun noch Glauben beimessen? Wie würden
sie e einem zweiten Gebrauch davon machen können? — ich wollte drauf schwören sie
meinens auichtig. Sie wissen, daß ich es bin, der euch empört und erbittert hat, euch
halten sie r unschuldig. Eure Verbrechen legen sie r Jugendfehler, r Übereilungen
aus. Mich allein wollen Sie haben, ich allein verdiene zu büßen. Ist es nicht so, Herr
Pater?
¹⁹⁹Ungeheuer am Nilus — Krokodil. [przypis edytorski]
²⁰⁰Leiter — auf der Leiter zum Galgen. [przypis edytorski]
²⁰¹Verwesern — Verwaltern. [przypis edytorski]
²⁰²General-Pardon — Allgemeine Begnadigung. [przypis edytorski]
Die Räuber
Wie heißt der Teufel, der aus ihm spricht? — Ja eilich, eilich ist es so — der Kerl
macht mich wirbeln²⁰³.
Wie, noch keine Antwort? denkt ihr wohl gar mit den Waffen noch durchzure-
ißen²⁰⁴? Schaut doch um euch, schaut doch um euch! das werdet ihr doch nicht denken,
das wäre itzt kindische Zuversicht. — Oder schmeichelt ihr euch wohl gar als Helden zu
fallen, weil ihr saht, daß ich mich aufs Getümmel eute? — O glaubt das nicht! — Ihr
seid nicht Moor. — Ihr seid heillose Diebe! Elende Werkzeuge meiner größeren Plane,
wie der Strick verächtlich in der Hand des Henkers! — Diebe können nicht fallen wie
Helden fallen. Das Leben ist den Dieben Gewinn, dann kommt was schröckliches nach
— Diebe haben das Recht vor dem Tode zu zittern. — Höret, wie ihre Hörner tönen!
Sehet, wie drohend ihre Säbel daher blinken! wie? noch unschlüssig? seid ihr toll? seid
ihr wahnwitzig? — Es ist unverzeihlich! Ich dank euch mein Leben nicht, ich schäme
mich eures Opfers!
äußerst erstaunt.
Ich werde unsinnig, ich laufe davon! Hat man e von so was gehört?
Oder rchtet ihr wohl, ich werde mich selbst erstechen, und durch einen Selbst-
-Mord den Vertrag zernichten, der nur an dem lebendigen haet? Nein, Kinder! das ist
eine unnütze Furcht. Hier werf ich meinen Dolch weg, und meine Pistolen und dies
Fläschgen mit Gi, daß mir noch wohlkommen sollte — ich bin so elend, daß ich auch
die Herrscha über mein Leben verloren habe — Was, noch unschlüssig? Oder glaubt
ihr vielleicht, ich werde mich zur Wehr setzen, wenn ihr mich binden wollt? Seht! hier
bind ich meine rechte Hand an diesen Eichenast, ich bin ganz wehrlos, ein Kind kann
mich umwerfen — Wer ist der erste, der seinen Hauptmann in der Not verläßt?
in wilder Bewegung.
Und wann die Hölle uns neunfach umzingelte! schwenkt seinen Degen. Wer kein Hund
ist, rette den Hauptmann!
Zerreißt den Pardon, und wirft die Stücke dem ins Gesicht.
In unsern Kugeln Pardon! Fort Kanaille! sag dem Senat, der dich gesandt hat, du
träfst unter Moors Bande keinen einzigen Verräter an — Rettet, rettet den Hauptmann!
lärmen.
Rettet, rettet, rettet den Hauptmann!
sich losreißend freudig.
Itzt sind wir ei — Kameraden! Ich hle eine Armee in meiner Faust — Tod oder
Freiheit! wenigstens sollen sie keinen lebendig haben!
Man bläst zum Angriff. Lärm und Getümmel. Sie gehen ab mit gezogenem Degen.
²⁰³wirbeln — verwirrt mich. [przypis edytorski]
²⁰⁴durchzureißen — die Oberhand zu gewinnen. [przypis edytorski]
Die Räuber
DRITTER AKT
Amalia, Im Garten, spielt auf der Laute.
Schön wie Engel, voll Walhalla’s Wonne,
Schön vor allen Jünglingen war er,
Himmlisch mild sein Blick, wie Maien Sonne
Rückgestrahlt vom blauen Spiegel-Meer.
Sein Umarmen — wütendes Entzücken! —
Mächtig feurig klope Herz an Herz,
Mund und Ohr gefesselt — Nacht vor unsern Blicken —
Und der Geist gewirbelt himmelwärts.
Seine Küsse — paradiesisch Fühlen! —
Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie
Harfentöne in einander spielen
Zu der himmelvollen Harmonie,
Stürzten, flogen, rasten Geist und Geist zusammen,
Lippen, Wangen brannten, zitterten, —
Seele rann in Seele — Erd und Himmel schwammen
Wie zerronnen, um die Liebenden.
Er ist hin — vergebens ach! vergebens
Stöhnet ihm der bange Seufzer nach.
Er ist hin — und alle Lust des Lebens
Wimmert hin in ein verlornes Ach! —
tritt auf.
Schon wieder hier, eigensinnige Schwärmerin? Du hast dich vom ohen Mahle hin-
weggestohlen, und den Gästen die Freude verdorben.
Schade r diese unschuldige Freuden! das Todenlied muß noch in deinen Ohren
murmeln, das deinem Vater zu Grabe hallte —
Willst du dann ewig klagen? Laß die Toden schlafen, und mache die Lebendigen
glücklich! Ich komme —
Und wann gehst du wieder?
O weh! kein so finsteres stolzes Gesicht! du betrübst mich, Amalia. Ich komme dir
zu sagen —
Ich muß wohl hören, Franz von Moor ist a gnädiger Herr worden.
Ja recht, das wars, worüber ich dich vernehmen wollte — Maximilian ist schlafen
gegangen in der Väter Gru. Ich bin Herr. Aber ich möchte es vollends ganz sein, Amalia
— du weißt, was du unserm Hause warst, du wardst gehalten wie Moors Tochter, selbst
den Tod überlebte seine Liebe zu dir, das wirst du wohl niemals vergessen? —
Die Räuber
Niemals, niemals. Wer das auch so leichtsinnig beim ohen Mahle hinwegzechen
könnte!
Die Liebe meines Vaters mußt du in seinen Söhnen belohnen, und Karl ist tot —
staunst du? schwindelt dir? Ja wahrhaig, der Gedanke ist auch so schmeichelnd erhaben,
daß er selbst den Stolz eines Weibes betäubt. Franz tritt die Hoffnungen der edelsten
Fräuleins mit Füßen, Franz kommt und bietet einer armen ohne ihn hülflosen Waise
sein Herz, seine Hand, und mit ihr all sein Gold an und all seine Schlösser und Wälder.
— Franz, der Beneidete, der Gerchtete erklärt sich eiwillig r Amalia’s Sklaven —
Warum spaltet der Blitz die ruchlose Zunge nicht, die das Frevelwort ausspricht! Du
hast meinen Geliebten ermordet, und Amalia soll dich Gemahl nennen! du —
Nicht so ungestümm, allergnädigste Prinzessin! — Freilich krümmt Franz sich nicht
wie ein girrender Seladon vor dir — eilich hat er nicht gelernt, gleich dem schmachten-
den Schäfer Arkadiens, dem Echo der Grotten und Felsen seine Liebesklagen entgegen
zu ammern — Franz spricht und wenn man nicht antwortet, so wird er — befehlen.
Wurm du, befehlen? mir befehlen? — und wenn man den Befehl mit Hohnlachen
zurückschickt?
Das wirst du nicht. Noch weiß ich Mittel, die den Stolz eines einbildischen²⁰⁵ Star-
rkopfs so hübsch niederbeugen können — Kloster und Mauren!
Bravo! herrlich! und in Kloster und Mauren mit deinem Basilisken-Anblick auf ewig
verschont, und Muße genug an Karln zu denken, zu hangen. Willkommen mit deinem
Kloster! auf, auf mit deinen Mauren!
Haha! ist es das? — gib Acht! Itzt hast du mich die Kunst gelehrt, wie ich dich quälen
soll — diese ewige Grille von Karl soll dir mein Anblick gleich einer feuerhaarigen Furie
aus dem Kopf geiseln, das Schreckbild Franz soll hinter dem Bild deines Lieblings im
Hinterhalt lauren, gleich dem verzauberten Hund, der auf unterirdischen Goldkästen
liegt, — an den Haaren will ich dich in die Kapelle schleifen, den Degen in der Hand,
dir den ehelichen Schwur aus der Seele pressen, dein ungäuliches Bette mit Sturm
ersteigen, und deine stolze Scham mit noch größerem Stolze besiegen.
gibt ihm eine Maulschnelle
Nimm erst das zur Aussteuer hin!
aufgebracht.
Ha! wie das zehnfach, um wieder zehnfach geahndet werden soll! — Nicht meine
Gemahlin — die Ehre sollst du nicht haben — meine Maitresse sollst du werden, daß die
ehrlichen²⁰⁶ Bauernweiber mit Fingern auf dich deuten, wenn du es wagst und über die
Gasse gehst. Knirsche nur mit den Zähnen — speie Feuer und Mord aus den Augen —
mich ergötzt der Grimm eines Weibes, macht dich nur schöner, begehrenswerter. Komm
— dieses Sträuben wird meinen Triumph zieren und mir die Wollust in erzwungnen
Umarmungen würzen — Komm mit in meine Kammer — ich glühe vor Sehnsucht —
itzt gleich sollst du mit mir gehn
will sie fortreißen.
²⁰⁵einbildischen — eingebildeten. [przypis edytorski]
²⁰⁶ehrlichen — ehrbaren. [przypis edytorski]
Die Räuber
ällt ihm um den Hals.
Verzeih mir Franz! wie er sie umarmen will, reißt sie ihm den Degen von der Seite und
tritt hastig zurück. Siehst du Bösewicht was ich etzt aus dir machen kann! — Ich bin ein
Weib aber ein rasendes Weib — wag es einmal mit unzüchtigem Griff meinen Leib zu
betasten — dieser Stahl soll deine geile Brust mitten durchrennen, und der Geist meines
Oheims wird mir die Hand dazu hren. Fleuch²⁰⁷ auf der Stelle!
Sie jagt ihn davon.
Ah! wie mir wohl ist — Itzt kann ich ei atmen — ich hlte mich stark wie das
Funkensprühende Roß, grimmig wie die Tygerin dem siegbrüllenden Räuber ihrer Jun-
gen nach — In ein Kloster sagt er — dank dir r diese glückliche Entdeckung²⁰⁸! —
Itzt hat die betrogene Liebe ihre Freistatt gefunden — das Kloster — das Kreuz des
Erlösers ist die Freistatt²⁰⁹ der betrognen Liebe.
Sie will gehn.
tritt schüchtern herein.
Fräulein Amalia! Fräulein Amalia!
Unglücklicher! Was störest du mich?
Dieser Zentner muß von meiner Seele eh er sie zur Hölle drückt wir sich vor ihr
nieder. Vergebung! Vergebung! Ich hab euch sehr beleidigt Fräulein Amalia.
Steh auf! Geh! Ich will nichts wissen.
Will fort.
der sie zurückhält.
Nein! Bleibt! Bei Gott! Bei dem ewigen Gott! Ihr sollt alles wissen!
Keinen Laut weiter — Ich vergebe dir — Ziehe heim in Frieden.
Will hinwegeilen.
So höret nur ein einziges Wort — es wird euch all eure Ruhe wiedergeben.
kommt zurück und blickt ihn verwundernd an.
Wie Freund? — wer im Himmel und auf Erden kann mir meine Ruhe wiedergeben?
Das kann von meinen Lippen ein einiges Wort — höret mich an.
mit Mitleiden seine Hand ergreifend.
Guter Mensch — Kann ein Wort von deinen Lippen die Riegel der Ewigkeit aue-
ißen?
steht auf.
Karl lebt noch!
²⁰⁷Fleuch — Flieh. [przypis edytorski]
²⁰⁸Entdeckung — Eröffnung (der Absichten). [przypis edytorski]
²⁰⁹Freistatt — Asyl, Zufluchtsort. [przypis edytorski]
Die Räuber
schreiend.
Unglücklicher!
Nicht anders — Nun noch ein Wort — euer Oheim —
gegen ihn herstürzend.
Du lügst —
Euer Oheim —
Karl lebt noch!
Und euer Oheim —
Karl lebt noch?
Auch euer Oheim — Verratet mich nicht,
eilt hinaus.
steht lang wie versteinert. Dann ährt sie wild auf, eilt ihm nach.
Karl lebt noch!
Gegend an der Donau.
, gelagert auf einer Anhöhe unter Bäumen, die Pferde weiden am Hügel hi-
nunter.
Hier muß ich liegen bleiben wirft sich auf die Erde. Meine Glieder wie abgeschlagen.
Meine Zunge trocken, wie eine Scherbe, verliert sich unvermerkt. Ich wollt
euch bitten mir eine Handvoll Wassers aus diesem Strome zu holen, aber ihr seid alle
matt bis in den Tod.
Auch ist der Wein all in unsern Schläuchen.
Seht doch, wie schön das Getreide steht! — Die Bäume brechen fast unter ihrem
Segen. — Der Weinstock voll Hoffnung.
Es gibt ein uchtbares Jahr.
Meinst du? — Und so würde doch Ein Schweiß in der Welt bezahlt. Einer? — —
Aber es kann a über Nacht ein Hagel fallen und alles zu Grund schlagen.
Das ist leicht möglich. Es kann alles zu Grund gehen, wenig Stunden vorm Schne-
iden.
Das sag ich a. Es wird alles zu Grund gehn. Warum soll dem Menschen das gelingen
was er von der Ameise hat, wenn ihm das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleich macht?
— oder ist hier die Mark seiner Bestimmung?
Die Räuber
Ich kenne sie nicht.
Du hast gut gesagt und noch besser getan wenn du sie nie zu kennen verlangtest! —
Bruder — ich habe die Menschen gesehen, ihre Bienensorgen, und ihre Riesenpro ekte
— ihre Götterplane und ihre Mäusegeschäe, das wunderseltsame Wettrennen nach
Glückseligkeit; — dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut — ein anderer der Nase
seines Esels — ein dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worein
so mancher seine Unschuld, und — seinen Himmel setzt, einen Treffer zu haschen, und
— Nullen sind der Auszug — am Ende war kein Treffer darin. Es ist ein Schauspiel,
Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.
Wie herrlich die Sonne dort untergeht!
in den Anblick verschwemmt²¹⁰.
So stirbt ein Held! — Anbetenswürdig!
Du scheinst tief gerührt.
Da ich noch ein Bube war — wars mein Lieblings-Gedanke wie sie zu leben, zu
sterben wie sie — mit verbißnem Schmerz. Es war ein Bubengedanke!
Das will ich hoffen.
drückt den Hut übers Gesicht.
Es war eine Zeit — Laßt mich allein, Kameraden.
Moor! Moor! Was zum Henker? — wie er seine Farbe verändert!
Alle Teufel! was hat er? wird ihm übel?
Es war eine Zeit wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich mein Nachtgebet vergessen
hatte —
Bist du wahnsinnig? Willst du dich von deinen Bubenjahren hofmeistern lassen?
legt sein Haupt auf Grimms Brust.
Bruder! Bruder!
Wie? sei doch kein Kind — ich bitte dich —
Wär ichs — wär ichs wieder!
Pfui! Pfui!
Heitre dich auf. Sieh diese malerische Landscha — den lieblichen Abend.
²¹⁰verschwemmt — versunken. [przypis edytorski]
Die Räuber
Ja Freunde, diese Welt ist so schön.
Nun! das war wohl gesprochen.
Diese Erde so herrlich.
Recht — recht — so hör ichs gerne.
zurückgesunken.
Und ich so häßlich auf dieser schönen Welt — und ich ein Ungeheuer auf dieser
herrlichen Erde.
O weh! o weh!
Meine Unschuld! Meine Unschuld! — Seht! es ist alles hinausgegangen sich im
iedlichen Strahl des Frühlings zu sonnen — warum ich allein die Hölle saugen aus den
Freuden des Himmels? — daß alles so glücklich ist, durch den Geist des Friedens alles
so verschwistert! — die ganze Welt Eine Familie und ein Vater dort oben — Mein Vater
nicht — Ich allein der Verstoßene, ich allein ausgemustert aus den Reihen der Reinen
— mir nicht der süße Name Kind — nimmer mir der Geliebten schmachtender Blick
— nimmer nimmer des Buseneundes Umarmung wild zurückfahrend. Umlagert von
Mördern — von Nattern umzischt — angeschmiedet an das Laster mit eisernen Banden
— hinausschwindelnd²¹¹ ins Grab des Verderbens auf des Lasters schwankendem Rohr
— mitten in den Blumen der glücklichen Welt ein heulender Abbadona!
zu den übrigen.
Unbegreiflich! Ich hab ihn nie so gesehen.
mit Wehmut.
Daß ich wiederkehren düre in meiner Mutterleib! daß ich ein Bettler geboren wer-
den düre! — Nein! ich wollte nicht mehr o Himmel — daß ich werden düre wie die-
ser Taglöhner einer! — O ich wollte mich abmüden, daß mir das Blut von den Schläfen
rollte — mir die Wollust eines einzigen Mittagschlafs zu erkaufen — die Seligkeit einer
einzigen Träne.
zu den andern.
Nur Geduld! der Paroxismus²¹² ist schon im Fallen.
Es war eine Zeit wo sie mir so gern flossen — o ihr Tage des Friedens! Du Schloß
meines Vaters — ihr grünen schwärmerischen Täler! O all ihr Elisiums Szenen me-
iner Kindheit! — Werdet ihr nimmer zurückkehren — nimmer mit köstlichem Säuseln
meinen brennenden Busen kühlen? — Traure mit mir Natur — Sie werden nimmer
zurückkehren, nimmer mit köstlichen Säuseln meinen brennenden Busen kühlen. —
Dahin! dahin! unwiederbringlich! —
mit Wasser im Hut.
Sauf zu Hauptmann — hier ist Wasser genug, und isch wie Eis.
²¹¹hinausschwindelnd — wie im Schwindel getrieben. [przypis edytorski]
²¹²Paroxismus — Folge von sich steigernden Ausbrüchen von Krankheitserscheinungen. [przypis edytorski]
Die Räuber
Du blutest a — was hast du gemacht?
Narr, einen Spaß der mich bald zwei Beine und einen Hals gekostet hätte. Wie ich
so auf dem Sandhügel am Fluß hintrolle, glitsch, so rutscht der Plunder unter mir ab
und ich zehn rheinländische Schuhe²¹³ lang hinunter — da lag ich, und wie ich mir eben
meine nf Sinne wieder zurecht setze, treff ich dir das klarste Wasser im Kies. Genug
diesmal r den Tanz dacht ich, dem Hauptmann wirds wohl schmecken.
gibt ihm den Hut zurück, und wischt ihm sein Gesicht ab.
Sonst sieht man a die Narben nicht die die böhmischen Reuter in deine Stirn ge-
zeichnet haben — dein Wasser war gut Schweizer — diese Narben stehen dir schön.
Pah! hat noch Platz genug r ihrer dreißig.
Ja Kinder — es war ein heißer Nachmittag — und nur Einen Mann verloren —
mein Roller starb einen schönen Tod. Man würde einen Marmor auf seine Gebeine
setzen wenn er nicht mir gestorben wäre. Nehmet vorlieb mit diesem er wischt sich die
Augen. Wie viel warens doch von den Feinden, die auf dem Platz blieben?
Hundert und sechzig Husaren — drei und neunzig Dragoner, gegen vierzig Jäger —
dreihundert in allem;
Dreihundert r Einen! — Jeder von Euch hat Anspruch an diesen Scheitel! Er
entblößt sich das Haupt. Hier heb ich meinen Dolch auf! So wahr meine Seele lebt! Ich
will euch niemals verlassen.
Schwöre nicht! du weißt nicht, ob du nicht noch glücklich werden, und bereuen
wirst.
Bei den Gebeinen meines Roller! Ich will euch niemals verlassen.
kommt.
vor sich.
In dieser Revier herum, sagen sie, werd ich ihn antreffen — he holla! was sind das
r Gesichter? — Solltens — wie wenns diese — sie sinds, sinds! — ich will sie anreden.
Gebt Acht! wer kommt da?
Meine Herrn! verzeihen sie! Ich weiß nicht, geh ich recht, oder unrecht?
Und wer müssen wir sein, wenn Sie recht gehn?
Männer!
Ob wir das auch gezeigt haben, Hauptmann?
²¹³zehn rheinländische Schuhe — Längenmaß. [przypis edytorski]
Die Räuber
Männer such ich, die dem Tod ins Gesicht sehen, und die Gefahr wie eine zahme
Schlange um sich spielen lassen, die Freiheit höher schätzen als Ehre und Leben, deren
bloßer Name, willkommen dem Armen und Unterdrückten, die Beherztesten feig und
Tyrannen bleich macht.
zum Hauptmann.
Der Bursche gefällt mir. — Höre, guter Freund! Du hast deine Leute gefunden.
Das denk ich, und will hoffen, bald meine Brüder. — So könnt ihr mich dann zu
meinem rechten Manne weisen, denn ich such, euren Hauptmann, den großen Grafen
von Moor.
gibt ihm die Hand mit Wärme.
Lieber Junge! wir duzen einander.
näher kommend.
Kennen Sie auch den Hauptmann?
Du bists — in dieser Miene — wer sollte dich ansehen und einen andern suchen?
starrt ihn lang an. Ich habe mir immer gewünscht, den Mann mit dem vernichtenden
Blicke zu sehen, wie er saß auf den Ruinen von Karthago — itzt wünsch ich es nicht
mehr.
Blitzbub!
Und was hrt Sie zu mir?
O Hauptmann! mein mehr als grausames Schicksal — ich habe Schiffbruch gelitten
auf der ungestümmen See dieser Welt, die Hoffnungen meines Lebens hab ich müssen
sehen in den Grund sinken, und blieb mir nichts übrig als die marternde Erinnerung ihres
Verlustes, die mich wahnsinnig machen würde, wenn ich sie nicht durch anderwärtige
Tätigkeit zu ersticken suchte.
Schon wieder ein Kläger wider die Gottheit! — Nur weiter.
Ich wurde Soldat. Das Unglück verfolgte mich auch da — ich machte eine Fahrt
nach Ostindien mit, mein Schiff scheiterte an Klippen — nichts als fehlgeschlagene
Plane!²¹⁴ Ich höre endlich weit und breit erzählen von deinen Taten, Mordbrennereien,
wie sie sie nannten, und bin hieher gereist dreißig Meilen weit, mit dem festen Entschluß
unter dir zu dienen, wenn du meine Dienste annehmen willst — ich bitte dich, würdiger
Hauptmann, schlage mirs nicht ab!
mit einem Sprung.
Heisa! Heisa! So ist a unser Roller zehnhundertfach vergütet! Ein ganzer Mordbru-
der r unsere Bande!
Wie ist dein Name?
²¹⁴Plane! — Pläne. [przypis edytorski]
Die Räuber
Kosinsky.
Wie Kosinsky? weißt du auch, daß du ein leichtsinniger Knabe bist, und über den
großen Schritt deines Lebens weggaukelst, wie ein unbesonnenes Mädgen — Hier wirst
du nicht Bälle werfen oder Kegelkugeln schieben, wie du dir einbildest.
Ich weiß, was du sagen willst — ich bin vier und zwanzig Jahr alt, aber ich habe
Degen blinken gesehen, und Kugeln um mich surren gehört.
So unger Herr? — und hast du dein Fechten nur darum gelernt, arme Reisende um
einen Reichstaler niederzustoßen, oder Weiber hinterrücks in den Bauch zu stechen?
Geh, geh! du bist deiner Amme entlaufen, weil sie dir mit der Rute gedroht hat.
Was zum Henker, Hauptmann! was denkst du? willst du diesen Herkules fortschic-
ken? Sieht er nicht gerade so drein, als wollt er den Marschall von Sachsen mit einem
Rührlöffel über den Ganges agen?
Weil dir deine Lappereien²¹⁵ mißglücken, kommst du, und willst ein Schelm, ein
Meuchelmörder werden? — Mord, Knabe, verstehst du das Wort auch? du magst ruhig
schlafen gegangen sein, wenn du Mohnköpfe abgeschlagen hast, aber einen Mord auf
der Seele zu tragen. —
Jeden Mord, den du mich begehen heißt, will ich verantworten.
Was? bist du so klug? Willst du dich anmaßen einen Mann mit Schmeicheleien zu
fangen? Woher weißt du, daß ich nicht böse Träume habe, oder auf dem Todbett nicht
werde blaß werden? wie viel hast du schon getan, wobei du an Verantwortung gedacht
hast?
Wahrlich! noch sehr wenig, aber doch diese Reise zu dir, edler Graf!
Hat dir dein Hofmeister die Geschichte des Robins in die Hände gespielt, — Man
sollte dergleichen unvorsichtige Kanaillen auf die Galeere schmieden — die deine kin-
dische Phantasie erhitzte, und dich mit der tollen Sucht zum großen Manne ansteckte?
Kützelt²¹⁶ dich nach Namen und Ehre? willst du Unsterblichkeit mit Mordbrennereien
erkaufen? Merk dirs, ehrgeiziger Jüngling! Für Mordbrenner grünet kein Lorbeer! Auf
Banditen-Siege ist kein Triumph gesezt — aber Fluch, Gefahr, Tod Schande — siehst
du auch das Hochgericht ²¹⁷dort auf dem Hügel?
unwillig auf und abgehend.
Ei wie dumm! wie abscheulich, wie unverzeihlich dumm! das ist die Manier nicht!
Ich habs anders gemacht.
Was soll der rchten, der den Tod nicht rchtet?
Brav! Unvergleichlich! Du hast dich wacker in den Schulen gehalten, du hast deinen
Seneka meisterlich auswendig gelernt. — Aber lieber Freund, mit dergleichen Sentenzen
²¹⁵Lappereien — Lappalien. [przypis edytorski]
²¹⁶Kützelt — Kitzelt. [przypis edytorski]
²¹⁷Hochgericht — Galgen. [przypis edytorski]
Die Räuber
wirst du die leidende Natur nicht beschwätzen, damit wirst du die Pfeile des Schmerzens
nimmermehr stumpf machen. — Besinne dich recht, mein Sohn! Er nimmt seine Hand.
Denk, ich rate dir als ein Vater — lern erst die Tiefe des Abgrunds kennen, eh du
hineinspringst! Wenn du noch in der Welt eine einzige Freude zu erhaschen weißt — es
könnten Augenblicke kommen, wo du — aufwachst — und dann: — möcht es zu spät
sein. Du trittst hier gleichsam aus dem Kreise der Menschheit — entweder mußt du ein
höherer Mensch sein, oder du bist ein Teufel — Noch einmal, mein Sohn! wenn dir
noch ein Funken von Hoffnung irgend anderswo glimmt, so verlaß diesen schröcklichen
Bund, den nur Verzweiflung eingeht, wenn ihn nicht eine höhere Weisheit gestiet hat
— man kann sich täuschen — Glaube mir, man kann das r Stärke des Geistes halten,
was doch am Ende Verzweiflung ist — Glaube mir, mir! und mache dich eilig hinweg.
Nein! ich fliehe etzt nicht mehr. Wenn dich meine Bitten nicht rühren, so höre
die Geschichte meines Unglücks. — Du wirst mir dann selbst den Dolch in die Hände
zwingen, du wirst — lagert euch hier auf dem Boden, und hört mir aufmerksam zu!
Ich will sie hören.
Wisset also, ich bin ein böhmischer Edelmann, und wurde durch den ühen Tod
meines Vaters Herr eines ansehnlichen Ritterguts. Die Gegend war paradisisch — denn
sie enthielt einen Engel — ein Mädgen geschmückt mit allen Reizen der blühenden
Jugend, und keusch wie das Licht des Himmels. Doch, wem sag ich das? Es schallt an
euren Ohren vorüber — ihr habt niemals geliebt, seid niemals geliebt worden —
Sachte, sachte! unser Hauptmann wird feuerrot.
Hör auf! ich wills ein andermal hören — morgen, nächstens, oder — wenn ich Blut
gesehen habe.
Blut, Blut — höre nur weiter! Blut, sag ich dir, wird deine ganze Seele llen. Sie
war bürgerlicher Geburt, eine Deutsche — aber ihr Anblick schmelzte die Vorurteile des
Adels hinweg. Mit der schüchternsten Bescheidenheit nahm sie den Trauring von meiner
Hand, und übermorgen sollte ich meine Amalia vor den Altar hren.
Steht schnell auf.
Mitten im Taumel der auf mich wartenden Seligkeit, unter den Zurüstungen²¹⁸ zur
Vermählung — werd ich durch einen Expressen²¹⁹ nach Hof zitiert. Ich stellte mich.
Man zeigte mir Briefe, die ich geschrieben haben sollte, voll verräterischen Inhalts. Ich
errötete über der Bosheit — man nahm mir den Degen ab, warf mich ins Gefängnis,
alle meine Sinnen waren hinweg.
Und unterdessen — nur weiter! ich rieche den Braten schon.
Hier lag ich einen Monat lang, und wußte nicht, wie mir geschah. Mir bangte r
meine Amalia, die meines Schicksals wegen ede Minute einen Tod würde zu leiden
haben. Endlich erschien der erste Minister des Hofes, wünschte mir zur Entdeckung
meiner Unschuld Glück, mit zuckersüßen Worten, liest mir den Brief der Freiheit vor,
gibt mir meinen Degen wieder. Itzt im Triumphe nach meinem Schloß, in die Arme
meiner Amalia zu fliegen, — sie war verschwunden. In der Mitternacht sei sie wegge-
bracht worden, wüßte niemand, wohin? und seit dem mit keinem Aug mehr gesehen.
²¹⁸Zurüstungen — Vorbereitungen. [przypis edytorski]
²¹⁹Expressen — Eilboten. [przypis edytorski]
Die Räuber
Hui! schoß mirs auf wie der Blitz, ich flieg nach der Stadt, sondiere am Hof — alle
Augen wurzelten auf mir, niemand wollte Bescheid geben — endlich entdeck ich sie
durch ein verborgenes Gitter im Pallast — sie warf mir ein Billetchen zu.
Hab ichs nicht gesagt?
Hölle, Tod, und Teufel! da stands! man hatte ihr die Wahl gelassen, ob sie mich
lieber sterben sehen, oder die Mätresse des Fürsten werden wollte. Im Kampf zwischen
Ehre und Liebe entschied sie r das zweite, und lachend ich war gerettet.
Was tatst du da?
Da stand ich, wie von tausend Donnern getroffen! — Blut! war mein erster Gedan-
ke, Blut! mein letzter. Schaum auf dem Munde renn ich nach Haus, wähle mir einen
dreispitzigen Degen, und damit in aller Jast²²⁰ in des Ministers Haus, denn nur er —
er nur war der höllische Kuppler gewesen. Man muß mich von der Gasse bemerkt ha-
ben, denn wie ich hinaurete, waren alle Zimmer verschlossen. Ich suche, ich age: Er
sei zum Fürsten gefahren, war die Antwort. Ich mache mich geradenwegs dahin, man
wollte nichts von ihm wissen. Ich gehe zurück, sprenge die Türen ein, find ihn, wollte
eben — aber da sprangen nf bis sechs Bediente aus dem Hinterhalt, und entwanden
mir den Degen.
stampft auf den Boden.
Und er kriegte nichts, und du zogst leer ab?
Ich wurde ergriffen, angeklagt, peinlich prozessiert, infam — merkts euch! — aus
besonderer Gnade infam aus den Grenzen ge agt, meine Güter fielen als Präsent dem
Minister zu, meine Amalia bleibt in den Klauen des Tygers, verseufzt und vertrauert
ihr Leben, während daß meine Rache fasten, und sich unter das Joch des Despotismus
krümmen muß.
aufstehend, seinen Degen wetzend.
Das ist Wasser auf unsere Mühle, Hauptmann! Da gibts was anzuzünden!
der bisher in heftigen Bewegungen hin und her gegangen, springt rasch auf, zu den Räu-
bern.
Ich muß sie sehen — auf! ra zusammen — du bleibst, Kosinsky — packt eilig
zusammen!
Wohin? was?
Wohin? wer agt wohin? heftig zu . Verräter, du willst mich zurückhal-
ten? Aber bei der Hoffnung des Himmels! —
Verräter ich? — geh in die Hölle, ich folge dir!
ällt ihm um den Hals.
Bruderherz! du folgst mir — sie weint, sie vertrauert ihr Leben. Auf! hurtig! alle!
nach Franken! in acht Tagen müssen wir dort sein. Sie gehen ab.
²²⁰Jast — Auegung, Zorn. [przypis edytorski]
Die Räuber
VIERTER AKT
Ländliche Gegend um das Moorische Schloß.
. , in der Ferne.
Geh voran, und melde mich. Du weißt doch noch alles, was du sprechen mußt?
Ihr seid der Graf von Brand, kommt aus Mecklenburg ich euer Reutknecht — sorgt
nicht, ich will meine Rolle schon spielen, lebt wohl!
ab.
Sei mir gegrüßt, Vaterlands-Erde! Er küßt die Erde. Vaterlands-Himmel! Vaterlands-
-Sonne! — und Fluren und Hügel und Ströme und Wälder! Seid alle, alle mir herzlich
gegrüßt! — wie so köstlich wehet die Lu von meinen Heimat-Gebürgen! wie strömt
balsamische Wonne aus euch den armen Flüchtling entgegen! — Elysium! dichterische
Welt! Halt ein Moor! dein Fuß wandelt in einem heiligen Tempel.
Er kommt näher.
Sieh da auch die Schwalbennester im Schloßhof — auch das Gartentürchen! —
und diese Ecke am Zaun, wo du so o den Fanger²²¹ belauschtest und necktest — und
dort unten das Wiesental, wo du der Held Alexander deine Macedonier ins Treffen bei
Arbela hrtest, und neben dran der grasigte Hügel, von welchem du den persischen Sa-
trapen²²² niederwarfst — und deine siegende Fahne flatterte hoch! Er lächelt. Die goldne
Maienjahre der Knabenzeit leben wieder auf in der Seele des Elenden — da warst du
so glücklich, warst so ganz, so wolkenlos heiter — und nun — da liegen die Trümmer
deiner Entwürfe! Hier solltest du wandeln dereinst, ein großer, stattlicher, gepriese-
ner Mann — hier dein Knabenleben in Amalias blühenden Kindern zum zweitenmal
leben — hier! hier der Abgott deines Volks — aber der böse Feind schmollte darzu!
Er ährt auf. Warum bin ich hiehergekommen? daß mirs ginge wie dem Gefangenen,
den der klirrende Eisenring aus Träumen der Freiheit aufjagt — nein ich gehe in mein
Elend zurück! — der Gefangene hatte das Licht vergessen, aber der Traum der Freiheit
fuhr über ihm wie ein Blitz in die Nacht, der sie finsterer zurückläßt — Lebt wohl, ihr
Vaterlandstäler! einst saht ihr den Knaben Karl, und der Knabe Karl war ein glückli-
cher Knabe — etzt saht ihr den Mann, und er war in Verzweiflung. Er dreht sich schnell
nach dem äußersten Ende der Gegend, allwo er plötzlich stille steht und nach dem Schloß
mit Wehmut herüberblickt. Sie nicht sehen, nicht einen Blick? — und nur eine Mauer
gewesen zwischen mir und Amalia — Nein! sehen muß ich sie — muß ich ihn — es
soll mich zermalmen! Er kehrt um. Vater! Vater! dein Sohn naht — weg mit dir, schwa-
rzes rauchendes Blut! weg hohler grasser²²³ zuckender Todesblick! Nur diese Stunde laß
mir ei! — Amalia! Vater! dein Karl naht! Er geht schnell auf das Schloß zu. — Quäle
mich, wenn der Tag erwacht, laß nicht ab von mir, wenn die Nacht kommt — quäle
mich in schröcklichen Träumen! nur vergie mir diese einzige Wollust nicht! Er steht
an der Pforte. Wie wird mir? was ist das, Moor? Sei ein Mann! — — Todesschauer —
Schrecken Ahndung — —
Er geht hinein.
Gallerie im Schloß.
. treten auf.
Und getrauten Sie sich wohl sein Bildnis unter diesen Gemälden zu erkennen?
²²¹Fanger — Lockvogel. [przypis edytorski]
²²²Satrapen — Statthalter. [przypis edytorski]
²²³grasser — grässlicher. [przypis edytorski]
Die Räuber
O ganz gewiß. Sein Bild war immer lebendig in mir. An den Gemälden herumge-
hend. Dieser ists nicht.
Erraten! — Er war der Stammvater des gräflichen Hauses, und erhielt den Adel vom
Barbarossa, dem er wider die Seeräuber diente.
immer an den Gemälden.
Dieser ists auch nicht — auch der nicht — auch nicht ener dort — er ist nicht unter
ihnen.
Wie, sehen Sie doch besser! ich dachte, Sie kennten ihn —
Ich kenne meinen Vater nicht besser! Ihm fehlt der sanmütige Zug um den Mund,
der ihn aus tausenden kenntlich machte — er ists nicht.
Ich erstaune. Wie? Achtzehn Jahre nicht mehr gesehn, und noch —
schnell, mit einer fliegenden Röte.
Dieser ists!
Er steht wie vom Blitz gerührt.
Ein vortrefflicher Mann!
in seinem Anblick versunken.
Vater, Vater! vergib mir! — Ja ein vortrefflicher Mann! — Er wischt sich die Augen.
Ein göttlicher Mann!
Sie scheinen viel Anteil an ihm zu nehmen.
Oh ein vortrefflicher Mann — und er sollte dahin sein.
Dahin! wie unsere besten Freuden dahingehn — sanft seine Hand ergreifend. Lieber
Herr Graf, es rei keine Seligkeit unter dem Monde.
Sehr wahr, sehr wahr — und sollten Sie schon diese traurige Erfahrung gemacht
haben? Sie können nicht drei und zwanzig Jahre alt sein.
Und habe sie gemacht. Alles lebt um traurig wieder zu sterben. Wir interessieren uns
nur darum, wir gewinnen nur darum, daß wir wieder mit Schmerzen verlieren.
Sie verloren schon etwas?
Nichts. Alles. Nichts — wollen wir weiter gehen, Herr Graf?
So eilig? wes ist dies Bild rechter Hand dort? mich deucht, es ist eine unglückliche
Physiognomie.
Die Räuber
Dies Bild linker Hand ist der Sohn des Grafen, der wirkliche²²⁴ Herr — kommen
Sie, kommen Sie!
Aber dies Bild rechter Hand?
Sie wollen nicht in den Garten gehn?
Aber dies Bild rechter Hand? — du weinst, Amalia?
schnell ab.
Sie liebt mich, sie liebt mich! — ihr ganzes Wesen fing an sich zu empören, verräte-
risch rollten die Tränen von ihren Wangen. Sie liebt mich! — Elender, das verdientest
du um sie! Steh ich nicht hier wie ein Gerichteter vor dem tödlichen Block²²⁵! Ist das
der Sopha, wo ich an ihrem Halse in Wonne schwamm? Sind das die väterlichen Säle?
Ergriffen vom Anblik seines Vaters. Du, du — Feuerflammen aus deinem Auge — Fluch,
Fluch, Verwerfung! — wo bin ich? Nacht vor meinen Augen — Schrecknisse Gottes —
Ich, ich hab ihn getötet!
Er rennt davon.
in tiefen Gedanken
Weg mit diesem Bild! weg, feige Memme! was zagst du und vor wem? ist mirs nicht
die wenige Stunden, die der Graf in diesen Mauren wandelt, als schlich immer ein Spion
der Hölle meinen Fersen nach — Ich sollt ihn kennen! Es ist so was großes und o
gesehenes in seinem wilden sonnverbrannten Gesicht, das mich beben macht — auch
Amalia ist nicht gleichgültig gegen ihn! Läßt sie nicht so gierig schmachtende Blicke
auf dem Kerl herumkreuzen, mit denen sie doch gegen alle Welt sonst so geizig tut? —
Sah ichs nicht, wie sie ein Paar diebische Tränen in den Wein fallen lies, den er hinter
meinem Rücken so hastig in sich schlüre, als wenn er das Glas mit hineinziehen wollte.
Ja das sah ich, durch den Spiegel sah ichs mit diesen meinen Augen. Holla Franz! siehe
dich vor! dahinter steckt irgend ein Verderben schwangeres Ungeheuer!
Er steht forschend dem Portrait Karls gegen über.
Sein langer Gänsehals — seine schwarzen Feuerwerfenden Augen hm! hm! — sein
finsteres überhangendes buschichtes Augenbraun. Plötzlich zusammenfahrend — scha-
denohe Hölle! agst du mir diese Ahndung ein? Es ist Karl! a! itzt werden mir alle
Züge wieder lebendig — Er ists! trutz seiner Larve! — Er ists! trutz seiner Larve! —
Er ists — Tod und Verdammnis! auf und ab mit heftigen Schritten. Hab ich darum me-
ine Nächte verpraßt, — darum Felsen hinweggeräumt, und Abgründe eben gemacht —
bin ich darum gegen alle Instinkte der Menschheit rebellisch worden, daß mir zuletzt
dieser unstete Landstreicher durch meine künstlichsten²²⁶ Wirbel tölple²²⁷ — Sachte!
Nur sachte! Es ist nur noch Spielarbeit übrig — Bin ich doch ohnehin schon bis an
die Ohren in Todsünden gewatet daß es Unsinn wäre zurückzuschwimmen, wenn das
Ufer schon so weit hinten liegt — Ans Umkehren ist doch nicht mehr zu gedenken
— die Gnade selbst würde an den Bettelstab gebracht, und die unendliche Erbarmung,
bankerot werden wenn sie r meine Schulden all gut sagen wollte — Also vorwärts wie
ein Mann — Er schellt — Er versammle sich zu dem Geist seines Vaters und komme²²⁸,
der Toden spott ich. — Daniel! he Daniel! — Was gilts den haben sie auch schon gegen
mich aufgewiegelt? Er sieht so geheimnis voll.
kommt.
²²⁴wirkliche — augenblickliche. [przypis edytorski]
²²⁵Block — Block auf dem Richtplatz. [przypis edytorski]
²²⁶künstlichsten — kunstvollsten. [przypis edytorski]
²²⁷tölple — tölpelha dazwischentrete. [przypis edytorski]
²²⁸ — Ergänze: als (Schreck-)Gespenst wieder. [przypis edytorski]
Die Räuber
Was steht zu befehl, mein Gebieter?
Nichts. Fort, lle diesen Becher mit Wein, aber hurtig! ab. Wart Alter! dich
will ich fangen, ins Auge will ich dich fassen, so starr, daß dein getroffenes Gewissen
durch die Larve erblassen soll! — Er soll sterben! — Der ist ein Stümper, der sein Werk
nur auf die Häle bringt, und dann weg geht, und müßig zuga, wie es weiter damit
werden wird.
mit Wein.
Stell ihn hieher! Sieh mir fest ins Auge! Wie deine Knie schlottern! Wie du zitterst!
Gesteh Alter! Was hast du getan?
Nichts, gnädiger Herr, so wahr Gott lebt, und meine arme Seele!
Trink diesen Wein aus! — Was? Du zauderst? — Heraus, schnell! Was hast du in
den Wein geworfen?
Hilf Gott! Was? Ich — in den Wein?
Gi hast du in den Wein geworfen! Bist du nicht bleich wie Schnee? Gesteh, gesteh!
Wer hats dir gegeben? Nicht wahr, der Graf, der Graf hat dirs gegeben?
Der Graf? Jesus Maria! der Graf hat mir nichts gegeben?
Greift ihn hart an.
Ich will dich würgen, daß du blau wirst, eisgrauer Lügner du! Nichts? Und was staket
ihr denn so beisammen? Er und du und Amalia? Und was flüstertet ihr immer zusam-
men? Heraus damit! Was r Geheimnisse, was r Geheimnisse hat er dir anvertraut?
Das weiß der allwissende Gott. Er hat mir keine Geheimnisse anvertraut.
Willst du es leugnen? Was r Kabalen habt ihr angezettelt, Mich aus dem Weg zu
räumen? Nicht wahr? Mich im Schlaf zu erdrosseln? Mir beim Bartscheren die Gurgel
abzuschneiden? Mir im Wein oder im Schokolade zu vergeben²²⁹? Heraus, heraus! —
oder mir in der Suppe den ewigen Schlaf zu geben. Heraus damit! ich weiß alles.
So helfe mir Gott, wenn ich in Not bin, wie ich euch itzt nichts anders sage, als die
reine lautere Wahrheit!
Diesmal will ich dir verzeihen. Aber gelt, er steckte dir gewiß Geld in deinen Beutel?
Er drückte dir die Hand stärker als der Brauch ist? so ungefähr, wie man sie seinen alten
Bekannten zu drücken pflegt?
Niemals, mein Gebieter.
²²⁹vergeben — vergien. [przypis edytorski]
Die Räuber
Er sagte dir, zum Exempel, daß er dich etwa schon kenne? — daß du ihn fast²³⁰
kennen solltest? Daß dir einmal die Decke von den Augen fallen würde — daß — was?
Davon sollt er dir niemals gesagt haben?
Nicht das mindeste.
Das gewisse Umstände ihn abhielten — daß man o Masken nehmen müsse um
seinen Feinden zuzukönnen²³¹ — daß er sich rächen wolle, aufs grimmigste rächen wolle?
Nicht einen Laut von diesem allem.
Was? Gar nichts? Besinne dich recht. — daß er den alten Herrn sehr genau —
besonders genau gekannt — daß er ihn liebe — ungemein liebe — wie ein Sohn liebe
—
Etwas dergleichen erinnere ich mich von ihm gehört zu haben.
blaß
Hat er, hat er wirklich? Wie, so laß mich doch hören! Er sagte, er sei mein Bruder?
betroffen
Was, mein Gebieter? — Nein, das sagte er nicht. Aber wie ihn das Fräulein in der
Gallerie herumhrte, ich putzte eben den Staub von den Rahmen der Gemälde ab,
stand er bei dem Portrait des seligen Herrn plötzlich still, wie vom Donner gerührt. Das
gnädige Fräulein deutete drauf hin, und sagte: ein vortrefflicher Mann! a ein vortreffli-
cher Mann gab er zur Antwort, indem er sich die Augen wischte.
Höre Daniel! Du weißt, ich bin immer ein gütiger Herr gegen dich gewesen, ich
hab dir Nahrung und Kleider gegeben, und dein schwaches Alter in allen Geschäen
geschonet —
Dar lohn euch der liebe Herr Gott! und ich hab euch immer redlich gedienet.
Das wollt ich eben sagen. Du hast mir in deinem Leben noch keine Widerrede
gegeben, denn du weißt gar zu wohl, daß du mir Gehorsam schuldig bist in allem, was
ich dich heiße.
In allem von ganzem Herzen, wenn es nicht wider Gott und mein Gewissen geht.
Possen, Possen! Schämst du dich nicht? Ein alter Mann, und an das Weihnacht-
-Märgen zu glauben! Geh Daniel! das war ein dummer Gedanke. Ich bin a Herr. Mich
werden Gott und Gewissen strafen, wenn es a einen Gott und ein Gewissen gibt.
schlägt die Hände zusammen.
Barmherziger Himmel!
²³⁰fast — hier: wohl. [przypis edytorski]
²³¹zuzukönnen — beizukommen. [przypis edytorski]
Die Räuber
Bei deinem Gehorsam! Verstehst du das Wort auch? Bei deinem Gehorsam befehl
ich dir, morgen darf der Graf nimmer unter den Lebendigen wandeln.
Hilf, heiliger Gott! Weswegen?
Bei deinem blinden Gehorsam! — und an dich werd ich mich halten.
An mich? Hilf selige Mutter Gottes! An mich? Was hab ich alter Mann denn böses
getan?
Hier ist nicht lang Besinnszeit, dein Schicksal steht in meiner Hand. Willst du dein
Leben im tiefsten meiner Türme vollends ausschmachten, wo der Hunger dich zwingen
wird, deine eigene Knochen abzunagen, und der brennende Durst, dein eigenes Wasser
wieder zu saufen? — Oder willst du lieber dein Brod essen im Frieden, und Ruhe haben
in deinem Alter?
Was Herr? Fried und Ruhe im Alter? und ein Todschläger?
Antwort auf meine Frage!
Meine grauen Haaren, meine grauen Haare!
Ja oder Nein!
Nein! — Gott erbarme sich meiner!
im Begriff zu gehen.
Gut, du sollsts nötig haben.
hält ihn auf und ällt vor ihm nieder.
Erbarmen Herr! Erbarmen!
Ja oder Nein!
Gnädiger Herr! ich bin heute ein und siebenzig Jahr alt, und hab Vater und Mutter
geehret, und niemand meines Wissens um des Hellers Wert im Leben vervorteilt²³², und
hab an meinem Glauben gehalten, treu und redlich, und hab in eurem Hause gedienet
vier und vierzig Jahr, und erwarte itzt ein ruhig seliges Ende, ach Herr, Herr! Umfaßt
seine Knie heftig und ihr wollt mir den letzten Trost rauben im sterben, daß der Wurm
des Gewissens mich um mein letztes Gebet bringe, daß ich ein Greuel vor Gott und
Menschen schlafen gehen soll? Nein, nein, mein liebster bester liebster gnädiger Herr,
das wollt ihr nicht, das könnt ihr nicht wollen von einem ein und siebenzig ährigen
Manne.
Ja oder Nein! was soll das Geplapper?
Ich will euch von nun an noch eiiger dienen. Will meine dürren Sehnen in eurem
Dienst wie ein Taglöhner abarbeiten, will üher aufstehen, will später mich niederlegen
²³²vervorteilt — übervorteilt. [przypis edytorski]
Die Räuber
— ach und will euch einschließen in mein Abend– und Morgengebet, und Gott wird
das Gebet eines alten Mannes nicht wegwerfen.
Gehorsam ist besser, denn Opfer. Hast du e gehört, daß sich der Henker zierte,
wenn er ein Urteil vollstrecken sollte?
Ach a wohl! aber eine Unschuld erwürgen — einen —
Bin ich dir etwa Rechenscha schuldig? darf das Beil den Henker agen, warum
dahin und nicht dorthin? — aber sieh, wie langmütig ich bin — ich biete dir eine
Belohnung r das, was du mir huldigtest²³³.
Aber ich hoe ein Christe bleiben zu dörfen, da ich euch huldigte.
Keine Widerrede! siehe ich gebe dir einen ganzen Tag noch Bedenkzeit! Überlege es
nochmals. Glück und Unglück — hörst du, verstehst du? das höchste Glück, und das
äußerste Unglück! Ich will Wunder tun im Peinigen.
Nach einigem Nachdenken.
Ich wills tun, morgen will ichs tun,
ab.
Die Versuchung ist stark, und der war wohl nicht zum Märtyrer seines Glaubens
geboren — Wohlbekomms dann, Herr Graf! Allem Ansehen nach werden sie morgen
Abend ihr Henker Mahl halten! — Es kommt alles nur darauf an, wie man davon denkt,
und der ist ein Narr, der wider seine Vorteile denkt. Den Vater, der vielleicht eine Boute-
ille Wein weiter getrunken hat, kommt der Kitzel²³⁴ an — und draus wird ein Mensch,
und der Mensch war gewiß das letzte, woran bei [der] ganzen Herkules Arbeit gedacht
wird. Nun kommt mich eben auch der Kitzel an — und dran krepiert ein Mensch,
und gewiß ist hier mehr Verstand und Absichten, als dort bei seinem Entstehen war —
Hängt nicht das Dasein der meisten Menschen mehrenteils an der Hitze eines Julius
Mittags, oder am anziehenden Anblick eines Betttuchs, oder an der waagrechten Lage
einer schlafenden Küchen-Grazie, oder an einem ausgelöschten Licht? — Ist die Geburt
des Menschen das Werk einer viehischen Anwandlung, eines Ungefährs, wer sollte we-
gen der Verneinung seiner Geburt sich einkommen²³⁵ lassen an ein bedeutendes etwas
zu denken? Verflucht sei die Torheit unserer Ammen und Wärterinnen²³⁶, die unsere
Phantasie mit schröcklichen Märgen verderben, und gräßliche Bilder von Strafgerich-
ten in unser weiches Gehirnmark drücken, daß unwillkürliche Schauder die Glieder des
Mannes noch in ostige Angst rütteln, unsere kühnste Entschlossenheit sperren, unse-
re erwachende Vernun an Ketten abergläubischer Finsternis legen — Mord! wie eine
ganze Hölle von Furien um das Wort flattert — die Natur vergaß einen Mann mehr zu
machen — die Nabelschnur ist nicht unterbunden worden — der Vater hat in der Hoch-
zeit Nacht glatten Leib bekommen — und die ganze Schattenspielerei ist verschwunden.
Es war etwas und wird nichts — Heißt es nicht eben so viel, als: es war nichts und wird
nichts und um nichts wird kein Wort mehr gewechselt — der Mensch entsteht aus Mo-
rast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gährt wieder zusammen
in Morast, bis er zuletzt an den Schuhsohlen seines Uhrenkels unflätig anklebt. Das
ist das Ende vom Lied — der morastige Zirkel der menschlichen Bestimmung, und
so mit — glückliche Reise, Herr Bruder! Der milzsüchtige podagrische²³⁷ Moralist von
²³³huldigtest — wozu du mich mit der Huldigung verpflichtest. [przypis edytorski]
²³⁴Kitzel — hier: sexuelles Begehren. [przypis edytorski]
²³⁵einkommen — einfallen. [przypis edytorski]
²³⁶Wärterinnen — Kinderauen. [przypis edytorski]
²³⁷podagrische — übel gelaunte. [przypis edytorski]
Die Räuber
einem Gewissen mag runzlichte Weiber aus Bordellen agen, und alte Wucherer auf dem
Todesbett foltern — bei mir wird er nimmermehr Audienz bekommen.
Er geht ab.
Andres Zimmer im Schloß.
. von der einen Seite. von der andern.
hastig.
Wo ist das Fräulein?
Gnädiger Herr! Erlaubt einem armen Mann, euch um etwas zu bitten.
Es ist dir gewährt, was willst du?
Nicht viel, und alles, so wenig und doch so viel — laßt mich eure Hand küssen!
Das sollst du nicht guter Alter! umarmt ihn. Den ich Vater nennen möchte.
Eure Hand, eure Hand! ich bitt euch.
Du sollst nicht.
Ich muß! Er greift sie, betrachtet sie schnell und ällt vor ihm [Link], bester Karl!
erschrickt, faßt sich, fremd.
Freund, was sagst du? Ich verstehe dich nicht.
Ja, leugnet es nur, verstellt euch! Schön, schön! Ihr seid immer mein bester köstlicher
Junker — Lieber Gott! daß ich alter Mann noch die Freude — dummer Tölpel ich, daß
ich euch nicht gleich — ei du himmlischer Vater! So seid ihr a wiedergekommen, und
der alte Herr ist unterm Boden, und da seid ihr a wieder — was r ein blinder Esel ich
doch war, sich vor den Kopf schlagend daß ich euch nicht im ersten Hui — ei du mein!
Wer hätte sich das träumen lassen! — um was ich mit Tränen betete, — Jesus Christus!
Da steht er a leibhaig wieder in der alten Stube!
Was ist das r eine Sprache? Seid ihr vom hitzigen Fieber aufgesprungen, oder wollt
ihr eine Komödien Rolle an mir probieren?
Ei pfui doch, pfui doch! Das ist nicht fein, einen alten Knecht so zum besten haben
— Diese Narbe! He, wißt ihr noch? — Großer Gott! Was ihr mir da r eine Angst
einjagtet — ich hab euch immer so lieb gehabt, und was ihr mir da r Herzeleid hättet
anrichten können — ihr saßt mir im Schoß, — wißt ihr noch? — Dort in der runden
Stube — gelt Vogel! Das habt ihr eilich vergessen — auch den Kuckuck²³⁸, den ihr so
gern hörtet — denkt doch! der Kuckuck ist zerschlagen, in Grunds-Boden²³⁹ geschlagen
— die alte Susel hat ihn verwettert²⁴⁰, wie sie die Stube fegte — a eilich, und da saßt
ihr mir im Schoß, und rie hotto! und ich lief fort, euch den Hotto Gaul zu holen —
²³⁸Kuckuck — Kuckucksuhr. [przypis edytorski]
²³⁹Grunds-Boden — Grund und Boden. [przypis edytorski]
²⁴⁰verwettert — zerschmettert. [przypis edytorski]
Die Räuber
Jesus Gott! Warum mußt ich alter Esel auch fortlaufen? — und wie mirs siedigheiß über
den Buckel lief — wie ich das Zetergeschrei höre draußen im Öhrn²⁴¹, spring herein,
und da lief das helle Blut, und laget am Boden, und hattet — heilige Mutter Gottes!
War mirs nicht, als wenn mir ein Kübel eiskalt Wasser übern Nacken spritzte — aber
so gehts, wenn man nicht alle Augen auf die Kinder hat. Großer Gott, wenns ins Aug
gegangen wäre — Wars darzu noch die rechte Hand. Mein Lebens-Tag, sagt ich, soll
mir kein Kind mehr ein Messer oder eine Schere, oder so was spitziges, sagt ich, in die
Hände kriegen, sagt ich, — war zum Glück noch Herr und Frau verreiset — a a, das
soll mir mein Tag des Lebens eine Warnung sein, sagt ich — Jemini, emini! ich hätte
vom Dienst kommen können, ich hätte, Gott der Herr verzeihs euch, gottloses Kind —
aber gottlob! es heilte glücklich, bis auf die wüste Narbe.
Ich begreife kein Wort von allem, was du sagst.
Ja gelt, gelt? Das war noch eine Zeit? Wie manches Zuckerbrot, oder Bisquit oder
Makrone ich euch hab zugeschoben, hab euch immer am gernsten gehabt, und wißt
ihr noch, was ihr mir drunten sagtet im Stall, wie ich euch auf des alten Herrn seinen
Schweißfuchsen setzte, und euch auf der großen Wiese ließ herum agen? Daniel! sagtet
ihr, laß mich nur einen großen Mann werden, Daniel, so sollst du mein Verwalter sein,
und mit mir in der Kutsche fahren, — a sagt ich und lachte, wenn Gott Leben und
Gesundheit schenkt, und ihr euch eines alten Mannes nicht schämen werdet, sagt ich,
so will ich euch bitten, mir das Häusgen drunten im Dorf zu räumen, das schon eine
gute Weil leer steht, und da wollt ich mir ein Eimer²⁴² zwanzig Wein einlegen, und
wirtschaen in meinen alten Tagen. — Ja lacht nur, lacht nur! Gelt unger Herr, das
habt ihr rein ausgeschwitzt²⁴³? — den alten Mann will man nicht kennen, da tut man so
emd, so rnehm — o ihr seid doch mein goldiger Junker — eilich halt ein bißgen
lucker²⁴⁴ gewesen — nimmt mirs nicht übel! — Wie’s eben das unge Fleisch meistens
ist — am Ende kann noch alles gut werden.
ällt ihm um den Hals.
Ja! Daniel ich wills nicht mehr verhehlen! Ich bin dein Karl, dein verlorner Karl! Was
macht meine Amalia?
fangt an zu weinen.
Daß ich alter Sünder noch die Freude haben soll, — und der Herr selig weine-
te umsonst! — Abe²⁴⁵, abe, weiser Schedel! mürbe Knochen, fahret in die Grube mit
Freuden! Mein Herr und Meister lebt, ihn haben meine Augen gesehen!
Und will halten, was er versprochen hat, — nimm das, ehrlicher Graukopf, r den
Schweißfuchsen im Stall dringt ihm einen schweren Beutel auf nicht vergessen hab ich den
alten Mann.
Wie, was treibt ihr? Zuviel! Ihr habt euch vergriffen.
Nicht vergriffen, Daniel! Daniel will niederfallen. Steh auf, sage mir, was macht meine
Amalia?
Gottes Lohn! Gottes Lohn! Ei Herr Jerem²⁴⁶! — Eure Amalia, oh die wirds nicht
überleben, die wird sterben vor Freude!
²⁴¹Öhrn — Hausflur. [przypis edytorski]
²⁴²Eimer — Altes Flüssigkeitsmaß. [przypis edytorski]
²⁴³ausgeschwitzt — vergessen. [przypis edytorski]
²⁴⁴lucker — locker. [przypis edytorski]
²⁴⁵Abe — Hinab. [przypis edytorski]
²⁴⁶Jerem — Klageruf: O Herr Jesu!. [przypis edytorski]
Die Räuber
heftig.
Sie vergaß mich nicht?
Vergessen? Wie schwätzt ihr wieder? Euch vergessen? — da hättet ihr sollen dabei
sein, hättets sollen mit ansehen, wie sie sich gebehrdete, als die Zeitung²⁴⁷ kam, ihr wärt
gestorben, die der gnädige Herr ausstreuen ließ —
Was sagst du? mein Bruder —
Ja euer Bruder, der gnädige Herr, euer Bruder — ich will euch ein andermal mehr
davon erzählen, wenns Zeit dazu ist — und wie sauber sie ihm abkappte²⁴⁸, wenn er ihr
alle Tage, die Gott schickt, seinen Antrag machte, und sie zur gnädigen Frau machen
wollte. O ich muß hin, muß hin, ihr sagen, ihr die Botscha bringen
will fort.
Halt, halt! sie darfs nicht wissen, darfs niemand wissen, auch mein Bruder nicht —
Euer Bruder? Nein beileibe nicht, er darfs nicht wissen! Er gar nicht! — Wenn
er nicht schon mehr weißt, als er wissen darf — Oh ich sage euch, es gibt garstige
Menschen, garstige Brüder, garstige Herren — aber ich möcht nun alles Gold meines
Herrn willen kein garstiger Knecht sein — der gnädige Herr hielt euch Tot²⁴⁹.
Hum! Was brummst du da?
leiser.
Und wenn man eilich so ungebeten aufersteht — euer Bruder war des Herrn selig
einziger Erbe —
Alter! — Was murmelst du da zwischen den Zähnen, als wenn irgend ein Ungeheuer
von Geheimnis auf deiner Zunge schwebte, das nicht heraus wollte, und doch heraus
sollte, rede deutlicher!
Aber ich will lieber meine alte Knochen abnagen vor Hunger, lieber vor Durst mein
eigenes Wasser saufen, als Wohlleben die Fülle verdienen mit einem Todschlag.
schnell ab.
auffahrend aus schröcklichem Pausen.
Betrogen, betrogen! da fährt es über meine Seele wie der Blitz! — Spitzbübische
Künste! Himmel und Hölle! nicht du, Vater! Spitzbübische Künste! Mörder, Räuber
durch spitzbübische Künste! Angeschwärzt von ihm! verfälscht, unterdrückt meine Briefe
— voll Liebe sein Herz — oh ich Ungeheuer von einem Toren — voll Liebe sein Vater-
-Herz — oh Schelmerei, Schelmerei! Es hätte mich einen Fußfall gekostet, es hätte mich
eine Träne gekostet — oh ich blöder, blöder, blöder Tor! Wider die Wand rennend. Ich
hätte glücklich sein können — oh Büberei, Büberei! das Glück meines Lebens bübisch,
bübisch hinwegbetrogen. Er läuft wütend auf und nieder Mörder, Räuber durch spit-
zbübische Künste! — Er grollte nicht einmal. Nicht ein Gedanke von Fluch in seinem
Herzen — oh Bösewicht! unbegreiflicher, schleichender, abscheulicher Bösewicht!
²⁴⁷Zeitung — Nachricht. [przypis edytorski]
²⁴⁸abkappte — das Wort abschnitt. [przypis edytorski]
²⁴⁹Tot — r tot. [przypis edytorski]
Die Räuber
kommt.
Nun Hauptmann, wo stickst²⁵⁰ du? Was ists? Du willst noch länger hier bleiben,
merk ich?
Auf! Sattle die Pferde! Wir müssen vor Sonnen-Untergang noch über den Grenzen
sein!
Du spaßest.
Befehlend.
Hurtig, hurtig! Zaudre nicht lang, laß alles da! und daß kein Aug dich gewahr wird.
ab.
Ich fliehe aus diesen Mauren. Der geringste Verzug könnte mich wütig machen, und
er ist meines Vaters Sohn — Bruder, Bruder! Du hast mich zum elendesten auf Erden
gemacht, ich habe dich niemals beleidigt, es war nicht brüderlich gehandelt — Ernde
die Früchte deiner Untat in Ruhe, meine Gegenwart soll dir den Genuß nicht länger
vergällen — aber gewiß, es war nicht brüderlich gehandelt. Finsternis verlösche sie auf
ewig, und der Tod rühre sie nicht auf!
.
Die Pferde stehn gesattelt, ihr könnt aufsitzen, wann ihr wollt.
Presser²⁵¹, Presser! Warum so eilig? Soll ich sie nicht mehr sehn?
Ich zäume gleich wieder ab, wenn ihrs haben wollt, ihr hießt mich a über Hals und
Kopf eilen.
Noch einmal! ein Lebewohl noch! ich muß den Gitrank dieser Seligkeit vollends
ausschlürfen, und dann — halt, Kosinsky! Zehn Minuten noch — hinten am Schloßhof
— und wir sprengen davon!
Im Garten.
Du weinst, Amalia? — und das sprach er mit einer Stimme! mit einer Stimme —
mir wars, als ob die Natur sich ver üngete — die genossenen Lenze der Liebe dämmerten
auf mit der Stimme! Die Nachtigall schlug wie damals — die Blumen hauchten²⁵² wie
damals — und ich lag Wonne berauscht an seinem Hals — Ha falsches treuloses Herz!
Wie du deinen Meineid beschönigen willst! Nein, nein, weg aus meiner Seele, du Frevel-
-Bild! — ich hab meinen Eid nicht gebrochen, du einziger! Weg aus meiner Seele, ihr
verräterischen gottlosen Wünsche! im Herzen, wo Karl herrscht, darf kein Erdensohn
nisten. — Aber warum meine Seele, so immer, so wider Willen nach diesem Fremdling?
Hängt er sich nicht so hart an das Bild meines einzigen? Ist er nicht der ewige Begleiter
meines einzigen? Du weinst Amalia? — Ha ich will ihn fliehen! — fliehen! — Nimmer
sehen soll mein Aug diesen Fremdling!
öffnet die Gartentüre.
²⁵⁰stickst — steckst. [przypis edytorski]
²⁵¹Presser — Hartnäckiger Mahner. [przypis edytorski]
²⁵²hauchten — rochen. [przypis edytorski]
Die Räuber
ährt zusammen.
Horch! horch! Rauschte die Türe nicht? Sie wird Karln gewahr, und springt auf. Er? —
wohin? — was? — da hat michs angewurzelt, daß ich nicht fliehen kann — verlaß mich
nicht, Gott im Himmel! — Nein, du sollst mir meinen Karl nicht entreißen! Meine Seele
hat nicht Raum r zwei Gottheiten, und ich bin ein sterbliches Mädgen! Sie nimmt Karls
Bild heraus. Du, mein Karl, sei mein Genius²⁵³ wider diesen Fremdling, den Liebestörer!
dich, dich ansehen, unverwandt, — und weg alle gottlosen Blicke nach diesem
sie sitzt stumm — das Auge starr auf das Bild geheftet.
Sie da, gnädiges Fräulein? — und traurig? — und eine Träne auf diesem Gemälde?
— gibt ihm keine Antwort. — Und wer ist der glückliche, um den sich das Aug
eines Engels versilbert²⁵⁴? darf auch ich diesen Verherrlichten —
er will das Gemälde betrachten.
Nein, a, nein!
zurückfahrend.
Ha! — und verdient er diese Vergötterung? verdient er? —
Wenn sie ihn gekannt hätten!
Ich würd ihn beneidet haben.
Angebetet, wollen sie sagen.
Ha!
Oh sie hätten ihn so lieb gehabt — es war so viel, so viel in seinem Angesicht — in
seinen Augen — im Ton seiner Stimme, das ihnen so gleich kommt — das ich so liebe
—
sieht zur Erde.
Hier, wo sie stehen, stand er tausendmal — und neben ihm die, die neben ihm Him-
mel und Erde vergaß — hier durchirrte sein Aug die um ihn prangende²⁵⁵ Gegend — sie
schien den großen belohnenden Blick zu empfinden, und sich unter dem Wohlgefallen
ihres Meisterbilds zu verschönern — hier hielt er mit himmlischer Musik die Hörer der
Lüe gefangen — hier an diesem Busch pflückte er Rosen, und pflückte die Rosen r
mich — hier hier lag er an meinem Halse, brannte sein Mund auf dem meinen, und die
Blumen starben gern unter der Liebenden Fußtritt —
Er ist nicht mehr?
Er segelt auf ungestümmen Meeren — Amalias Liebe segelt mit ihm — er wandelt
durch ungebahnte sandigte Wüsten — Amalias Liebe macht den brennenden Sand unter
ihm grünen, und die wilden Gesträuche blühen — der Mittag sengt sein entblößtes
Haupt, nordischer Schnee schrump seine Sohlen zusammen, stürmischer Hagel regnet
um seine Schläfe, und Amalias Liebe wiegt ihn in Stürmen ein — Meere und Berge und
²⁵³Genius — hier: Schutzgeist. [przypis edytorski]
²⁵⁴versilbert — mit Tränen llt. [przypis edytorski]
²⁵⁵prangende — glänzende. [przypis edytorski]
Die Räuber
Horizonte zwischen den Liebenden — aber die Seelen versetzen sich aus dem staubigten
Kerker, und treffen sich im Paradiese der Liebe — Sie scheinen traurig, Herr Graf?
Die Worte der Liebe machen auch meine Liebe lebendig.
blaß.
Was? Sie lieben eine andre? — Weh mir, was hab ich gesagt?
Sie glaubte mich tot, und blieb treu dem Totgeglaubten — sie hörte wieder, ich lebe,
und opferte mir die Krone einer Heiligen²⁵⁶ auf. Sie weiß mich in Wüsten irren und im
Elend herumschwärmen, und ihre Liebe fliegt durch Wüsten und Elend mir nach. Auch
heißt sie Amalia wie Sie, gnädiges Fräulein.
Wie beneid ich ihre Amalia!
Oh sie ist ein unglückliches Mädgen, ihre Liebe ist r einen, der verloren ist, und
wird — ewig niemals belohnt.
Nein, sie wird im Himmel belohnt. Sagt man nicht, es gebe eine bessere Welt, wo
die Traurigen sich euen, und die Liebenden sich wiedererkennen?
Ja, eine Welt, wo die Schleier hinwegfallen, und die Liebe sich schröcklich wie-
derfindet — Ewigkeit heißt ihr Name — meine Amalia ist ein unglückliches Mädgen.
Unglücklich, und Sie lieben?
Unglücklich, weil sie mich liebt! wie, wenn ich ein Totschläger wäre? wie mein Fräu-
lein? wenn ihr Geliebter ihnen r eden Kuß einen Mord aufzählen könnte? wehe meiner
Amalia! Sie ist ein unglückliches Mädchen.
froh aufhüpfend.
Ha! wie bin ich ein glückliches Mädgen! Mein einziger ist Nachstrahl²⁵⁷ der Got-
theit, und die Gottheit ist Huld und Erbarmen! Nicht eine Fliege konnt er leiden sehen
— Seine Seele ist so fern von einem blutigen Gedanken, als fern der Mittag von der
Mitternacht ist.
kehrt sich schnell ab, in ein Gebüsch, blickt starr in die Gegend.
singt und spielt auf der Laute.
Willst dich Hektor ewig mir entreißen,
Wo des Aeaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schröcklich Opfer bringt?
Wer wird künig deinen Kleinen lehren,
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?
nimmt die Laute stillschweigend und spielt.
²⁵⁶Krone einer Heiligen — den Nonnenschleier. [przypis edytorski]
²⁵⁷Nachstrahl — Nachglanz. [przypis edytorski]
Die Räuber
Teures Weib, geh, hol die Todeslanze! —
Laß — mich fort — zum wilden Kriegestanze —
Er wirft die Laute weg, und flieht davon.
Ü
Nahgelegener Wald. Nacht.
Ein altes verfallenes Schloß in der Mitte.
Die Räuberbande gelagert auf der Erde.
singen.
Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun,
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum laßt uns heute lustig sein.
Ein eies Leben hren wir,
Ein Leben voller Wonne.
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind handtieren wir,
Der Mond ist unsre Sonne,
Merkurius²⁵⁸ ist unser Mann,
Der’s Praktizieren²⁵⁹ trefflich kann.
Heut laden wir bei Pfaffen uns ein,
Bei masten Pächtern morgen,
Was drüber ist, da lassen wir fein
Den lieben Herrgott sorgen.
Und haben wir im Traubensa
Die Gurgel ausgebadet,
So machen wir uns Mut und Kra,
Und mit dem Schwarzen²⁶⁰ Brüderscha,
Der in der Hölle bratet.
Das Wehgeheul geschlagner Väter,
Der bangen Mütter Klaggezetter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmaus r unsre Trommelhaut!
Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken,
Ausbrüllen wie Kälber umfallen wie Mucken²⁶¹,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren gern.
Und wenn mein Stündlein kommen nun,
Der Henker soll es holen,
So haben wir halt unsern Lohn,
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlückchen auf den Weg von heißen Traubensohn²⁶²
²⁵⁸Merkurius — Gott der Diebe. [przypis edytorski]
²⁵⁹Praktizieren — hier: stehlen. [przypis edytorski]
²⁶⁰Schwarzen — Teufel. [przypis edytorski]
²⁶¹Mucken — Fliegen. [przypis edytorski]
²⁶²Traubensohn — Branntwein. [przypis edytorski]
Die Räuber
Und hura rar dar! gehts, als flögen wir davon.
Es wird Nacht, und der Hauptmann noch nicht da!
Und versprach doch Schlag acht Uhr wieder bei uns einzutreffen.
Wenn ihm leides geschehen wäre — Kameraden! wir zünden an und morden den
Säugling.
nimmt beiseite.
Auf ein Wort, Razmann.
zu Grimm.
Wollen wir nicht Spionen ausstellen?
Laß du ihn! Er wird einen Fang tun daß wir uns schämen müssen.
Da brennst²⁶³ du dich, beim Henker! Er ging nicht von uns wie einer der einen
Schelmenstreich im Schild hrt. Hast du vergessen, was er gesagt hat als er uns über
die Haide hrte? — „Wer nur eine Rube vom Acker stiehlt, daß ichs erfahre läßt seinen
Kopf hier, so wahr ich Moor heiße.” — Wir dörfen nicht rauben.
leise zu .
Wo will das hinaus — rede deutscher.
Pst! Pst! — Ich weiß nicht, was du oder ich r Begriffe von Freiheit haben, daß wir
an einem Karrn ziehen, wie Stiere, und dabei wunderviel von Independenz deklamieren
— Es gefällt mir nicht.
zu
Was wohl dieser Windkopf hier an der Kunkel hat²⁶⁴?
leise zu .
Du sprichst vom Hauptmann? —
Pst doch! Pst! — Er hat so seine Ohren unter uns herumlaufen — Hauptmann
sagst du? wer hat ihn zum Hauptmann über uns gesetzt, oder hat er nicht diesen Titel
usurpiert, der von rechtswegen mein ist? — Wie? legen wir darum unser Leben auf
Würfel²⁶⁵ — baden darum alle Milzsuchten des Schicksals aus, daß wir am End noch
von Glück sagen, die Leibeigenen eines Sklaven zu sein? — Leibeigenen da wir Fürsten
sein könnten? — Bei Gott! Razmann — das hat mir niemals gefallen.
Zu den andern.
Ja — du bist mir der rechte Held, Frösche mit Steinen breit zu schmeißen — Schon
der Klang seiner Nase, wenn er sich schneuzte könnte dich durch ein Nadelöhr agen —
²⁶³brennst — täuschst. [przypis edytorski]
²⁶⁴an der Kunkel hat — im Schilde hrt. [przypis edytorski]
²⁶⁵legen wir darum unser Leben auf Würfel — machen wir darum unser Leben vom Glück abhängig. [przypis
edytorski]
Die Räuber
zu .
Ja — Und Jahre schon dicht’ ich darauf²⁶⁶: Es soll anders werden. Razmann — wenn
du bist wor ich dich immer hielt — Razmann. — Man vermißt ihn — gibt ihn halb
verloren — Razmann — Mich deucht, seine schwarze Stunde²⁶⁷ schlägt — wie? Nicht
einmal röter wirst du, da dir die Glocke zur Freiheit läutet? Hast nicht einmal so viel
Mut, einen kühnen Wink zu verstehen?
Ha, Satan! worin verstrickst du meine Seele?
Hats gefangen?²⁶⁸ — Gut! so folge. Ich habe mirs gemerkt, wo er hinschlich —
Komm! Zwei Pistolen fehlen selten, und dann — so sind wir die erste die den Säugling
erdrosseln.
Er will ihn fortreißen.
Zieht wütend sein Messer.
Ha Bestie! Eben recht erinnerst du mich an die Böhmischen Wälder! — Warst du
nicht die Memme die anhub zu schnadern²⁶⁹, als sie riefen: Der Feind kommt? Ich hab
damals bei meiner Seele geflucht — fahr hin Meuchelmörder
Er sticht ihn Tot.
In Bewegung.
Mord o! Mord o! — Schweizer — Spiegelberg — Reißt sie auseinander —
Wirft das Messer über ihn.
Da! — Und so krepier du — Ruhig Kameraden — Laßt euch den Bettel nicht
unterbrechen, — Die Bestie ist dem Hauptmann immer giig gewesen, und hat keine
Narbe auf ihrer ganzen Haut — Noch einmal, gebt euch zuieden — ha! über den
Racker²⁷⁰ — von hinten her will er Männer zu schanden schmeißen? Männer von hinten
her! — Ist uns darum der helle²⁷¹ Schweiß über die Backen gelaufen, daß wir aus der
Welt schleichen wie Hundstter? Bestie du! Haben wir uns darum unter Feuer und
Rauch gebettet, daß wir zuletzt wie Ratten verrecken?
Aber zum Teufel — Kamerad — was hattet ihr mit einander? — Der Hauptmann
wird rasend werden.
Dar laß mich sorgen — Und du heilloser zu du warst sein Helfershelfer,
du! — Pack dich aus meinen Augen — der Schuerle hats auch so gemacht; aber dar
hängt er itzt auch in der Schweiz, wies ihm mein Hauptmann prophezeit hat —
Man schießt.
aufspringend.
Horch! ein Pistolschuß! Man schießt wieder. Noch einer! Holla! Der Hauptmann!
Nur Geduld! Er muß zum drittenmal schießen
Man hört noch einen Schuß.
²⁶⁶dicht’ ich darauf — denk ich daran. [przypis edytorski]
²⁶⁷schwarze Stunde — Todesstunde. [przypis edytorski]
²⁶⁸Hats gefangen? — Hast du verstanden?. [przypis edytorski]
²⁶⁹zu schnadern — vor Angst zu zittern. [przypis edytorski]
²⁷⁰Racker — hier: Schurke. [przypis edytorski]
²⁷¹helle — hier: ganze. [przypis edytorski]
Die Räuber
Er ists! — Ists! — Salvier dich²⁷², Schweizer — laßt uns ihm antworten.
Sie schießen.
. treten auf.
ihnen entgegen.
Sei willkommen mein Hauptmann — Ich bin ein bißchen vorlaut gewesen seit du
weg bist Er ührt ihn an die Leiche. Sei du Richter zwischen mir und diesen — von hinten
hat er dich ermorden wollen.
Mit Bestürzung.
Was? Den Hauptmann?
In den Anblick versunken, bricht heftig aus.
O unbegreiflicher Finger der rachekundigen Nemesis! — Wars nicht dieser, der mir
das Sirenenlied trillerte? — Weihe dies Messer der dunklen Vergelterin! — das hast du
nicht getan Schweizer.
Bei Gott! ich habs wahrlich getan, und es ist beim Teufel nicht das schlechtste, was
ich in meinem Leben getan habe
geht unwillig ab.
Nachdenkend.
Ich verstehe — Lenker im Himmel — ich verstehe — die Blätter fallen von den
Bäumen — und mein Herbst ist kommen — Scha mir diesen aus den Augen
Spiegelbergs Leiche wird hinweg getragen.
Gib uns Ordre Hauptmann — was sollen wir weiter tun?
Bald — bald ist alles erllet — Gebt mir meine Laute — Ich habe mich selbst
verloren, seit ich dort war — Meine Laute sag ich — Ich muß mich zurück lullen in
meine Kra — verlaßt mich.
Es ist Mitternacht Hauptmann.
Doch warens nur die Tränen im Schauspielhaus — den Römergesang muß ich hören,
daß mein schlafender Genius²⁷³ wieder aufwacht — Meine Laute her — Mitternacht sagt
ihr?
Wohl bald vorüber. Wie Blei liegt der Schlaf in uns. Seit drei Tagen kein Auge zu.
Sinkt denn der Balsamische Schlaf auch auf die Augen der Schelmen? Warum fliehet
er mich? Ich bin nie ein Feiger gewesen, oder ein schlechter Kerl — Legt euch schlafen
— Morgen am Tage gehen wir weiter.
Gute Nacht Hauptmann
Sie lagern sich auf der Erde und schlafen ein.
Tiefe Stille.
. Nimmt die Laute und spielt.
²⁷²Salvier dich — Bring dich in Sicherheit. [przypis edytorski]
²⁷³Genius — hier: die im Menschen wirkende geistige, göttliche Kra. [przypis edytorski]
Die Räuber
Sei willkommen iedliches Gefilde,
Nimm den Letzten aller Römer auf,
Von Philippi, wo die Mordschlacht brüllte
Schleicht mein Gram gebeugter Lauf.
Kaßius, wo bist du? — Rom verloren!
Hingewürgt mein brüderliches Heer,
Meine Zuflucht zu des Todes Toren!
Keine Welt r Brutus mehr.
Wer mit Schritten eines Niebesiegten
Wandert dort vom Felsenhang? —
Ha! wenn meine Augen mir nicht lügten?
Das ist eines Römers Gang. —
Tybersohn — von wannen deine Reise?
Dauert noch die Siebenhügelstadt²⁷⁴?
O geweinet hab ich um die Waise,
Daß sie nimmer einen Cesar hat.
Ha! du mit der drei und zwanzigfachen Wunde!
Wer rief Toder dich an’s Licht?
Schaudre rückwärts, zu des Orkus Schlunde,
Stolzer Weiner! — Triumfiere nicht!
Auf Philippis eisernem Altare²⁷⁵
Raucht der Freiheit leztes Opferblut;
Rom verröchelt über Brutus Bahre,
Brutus geht zu Minos — Kreuch in deine Flut!
O ein Todesstoß von Brutus Schwerde!
Auch du — Brutus — du?
Sohn — es war dein Vater — Sohn — die Erde
Wär gefallen dir als Erbe zu,
Geh — du bist der größte Römer worden,
Da in Vaters Brust dein Eisen drang,
Geh — und heul es bis zu enen Pforten:
Brutus ist der größte Römer worden
Da in Vaters Brust sein Eisen drang;
Geh — du weißts nun was an Lethes Strande
Mich noch bannte —
Schwarzer Schiffer stoß vom Lande!
Vater halt! — Im ganzen Sonnenreiche
Hab ich Einen nur gekannt,
Der dem großen Cesar gleiche
Diesen Einen hast du Sohn genannt.
Nur ein Cesar mochte Rom verderben
²⁷⁴Siebenhügelstadt — Rom. [przypis edytorski]
²⁷⁵Altare — Schlachtfeld. [przypis edytorski]
Die Räuber
Nur nicht Brutus mochte Cesar stehn.
Wo ein Brutus lebt muß Cesar sterben,
Geh du linkswärts, laß mich rechtswärts gehn.
Er legt die Laute hin, geht tiefdenkend auf und nieder. Wer mir Bürge wäre? — — Es
ist alles so finster — verworrene Labyrinthe — kein Ausgang — kein leitendes Gestirn
— wenns aus wäre mit diesem letzten Odemzug — Aus wie ein schales Marionettenspiel
— Aber wor der heiße Hunger nach Glückseligkeit? Wor das Ideal einer unerreich-
ten Vollkommenheit? Das Hinausschieben unvollendeter Plane? — wenn der armselige
Druck dieses armseligen Dings Die Pistole vors Gesicht haltend. den Weisen dem Toren —
den Feigen dem Tapfern — den Edlen dem Schelmen gleich macht? — Es ist doch eine
so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der
vernünigen sein? — Nein! Nein! es ist etwas mehr, denn ich bin noch nicht glücklich
gewesen.
Glaubt ihr, ich werde zittern? Geister meiner Erwürgten! ich werde nicht zittern.
Heftig zitternd. — Euer banges Sterbegewinsel — euer schwarzgewürgtes Gesicht —
eure rchterlich klaffenden Wunden sind a nur Glieder einer unzerbrechlichen Kette
des Schicksals, und hängen zuletzt an meinen Feierabenden²⁷⁶, an den Launen meiner
Armen und Hofmeister, am Temperament meines Vaters, am Blut meiner Mutter —
von Schauer geschüttelt. Warum hat mein Perillus einen Ochsen aus mir gemacht, daß
die Menschheit in meinem glühenden Bauche bratet?
Er setzt die Pistolen an.
Zeit und Ewigkeit — gekettet aneinander durch ein einzig Moment! — Grauser
Schlüssel, der das Gefängnis des Lebens hinter mir schließt, und vor mir auiegelt die
Behausung der ewigen Nacht — sage mir — o sage mir — wohin — wohin wirst du
mich hren? — Fremdes, nie umsegeltes Land! — Siehe, die Menschheit erschlappt
unter diesem Bilde, die Spannkra des Endlichen läßt nach, und die Phantasei, der
mutwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor —
Nein! Nein! Ein Mann muß nicht straucheln — Sei wie du willst namenloses Jenseits —
bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu — Sei wie du willst, wenn ich nur mich selbst
mit hinübernehme — Außendinge sind nur der Anstrich des Manns — Ich bin mein
Himmel und meine Hölle.
Wenn Du mir irgend einen eingeäscherten Weltkreis allein ließest, den Du aus de-
inen Augen verbannt hast, wo die einsame Nacht, und die ewige Wüste meine Aussichten
sind? — Ich würde dann die schweigende Öde mit meinen Phantasien bevölkern, und
hätte die Ewigkeit zur Muße, das verworrene Bild des allgemeinen Elends zu zergliedern.
— Oder willst du mich durch immer neue Geburten und immer neue Schauplätze des
Elends von Stufe zu Stufe — zur Vernichtung — hren? Kann ich nicht die Lebens-
fäden, die mir enseits gewoben sind so leicht zerreißen wie diesen? — Du kannst mich
zu nichts machen — Diese Freiheit kannst du mir nicht nehmen Er lädt die Pistole.
Plötzlich hält er inn. Und soll ich r²⁷⁷ Furcht eines qualvollen Lebens sterben? — Soll
ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? — Nein! ich wills dulden Er wirft die
Pistole weg. Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich wills vollenden.
Es wird immer Finstrer.
Der durch den Wald kommt.
Horch! Horch! grausig heulet der Kauz — zwölf schlägts drüben im Dorf — wohl,
wohl — das Bubenstück schlä²⁷⁸ — in dieser Wilde²⁷⁹ kein Lauscher. Tritt an das
Schloß und pocht. Komm herauf, Jammermann, Turmbewohner! — Deine Mahlzeit ist
bereitet.
Sachte zurücktretend.
²⁷⁶Feierabenden — hängen letztlich davon ab, wann ich Selbstmord begehe. [przypis edytorski]
²⁷⁷ ür — aus. [przypis edytorski]
²⁷⁸das Bubenstück schläft — das Verbrechen ist in Dunkel gehüllt. [przypis edytorski]
²⁷⁹Wilde — Wildnis. [przypis edytorski]
Die Räuber
Was soll das bedeuten?
aus dem Schloß.
Wer pocht da? He? Bist dus Herrmann mein Rabe?
Bins Herrmann, dein Rabe. Steig herauf ans Gitter und iß. Eulen schreien. Fürchter-
lich trillern deine Schlafkammeraden Alter — dir schmeckt?
Hungerte mich sehr. Habe Dank, Rabensender rs Brot in der Wüste! — Und wie
gehts meinem lieben Kind, Herrmann?
Stille — Horch — Geräusch wie von schnarchenden! hörst du nicht was?
Wie? hörst du etwas?
Den seufzenden Windlaut durch die Ritzen des Turms — Eine Nachtmusik davon
einem die Zähn klappern, und die Nägel blau werden — Horch noch einmal — Immer
ist mir, als hört ich ein Schnarchen. — Du hast Gesellscha, Alter — Hu hu hu!
Siehst du etwas?
Leb wohl — leb wohl — Grausig ist diese Stätte — Steig ab ins Loch — droben
dein Helfer, dein Rächer — verfluchter Sohn! —
Will fliehen.
Mit Entsetzen hervortretend.
Steh!
Schreiend.
Oh mir!
Steh, sag ich!
Weh! Weh! Weh! Nun ist alles verraten!
Steh! Rede! Wer bist du? Was hast du hier zu tun? Rede!
Erbarmen o Erbarmen gestrenger Herr! — Nur ein Wort höret an, eh ihr mich
umbringt.
Indem er den Degen zieht.
Was werd ich hören?
Wohl habt ihr mirs beim Leben verboten — Ich konnt nicht anders — dur nicht
anders — im Himmel ein Gott — euer leiblicher Vater dort — mich ammerte sein —
Stecht mich nieder.
Hier steckt ein Geheimnis — heraus! Sprich! Ich will alles wissen.
Die Räuber
aus dem Schloß.
Weh! Weh! Bist dus Herrmann der da redet? Mit wem redst du Herrmann?
Drunten noch emand. — Was geht hier vor? Läuft dem Turme zu. Ists ein Gefange-
ner, den die Menschen abschüttelten? — Ich will seine Ketten lösen. — Stimme! noch
einmal! wo ist die Türe?
O habt Barmherzigkeit Herr — dringt nicht weiter, Herr — geht aus Erbarmen
vorüber
Verrennt ihm den Weg.
Vierfach geschlossen! Weg da — Es muß heraus — Itzt zum erstenmal komm mir
zu Hülfe, Dieberei, Er nimmt Brechinstrumente, und öffnet das Gittertor. Aus dem Grunde
steigt ein Alter, ausgemergelt wie ein Gerippe.
Erbarmen einem Elenden! Erbarmen!
Springt erschrocken zurück.
Das ist meines Vaters Stimme!
. .
Habe Dank, o Gott! Erschienen ist die Stunde der Erlösung.
Geist des alten Moors! Was hat dich beunruhigt in deinem Grab? Hast du eine Sünde
in ene Welt geschleppt, die der den Eingang in die Pforten des Paradieses verrammelt?
Ich will Messen lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heimat zu senden. Hast du das
Gold der Witwen und Waisen unter die Erde vergraben, das dich zu dieser mitternäch-
tlichen Stunde heulend herumtreibt, ich will den unterirdischen Schatz aus den Klauen
des Zauberdrachen reißen, und wenn er tausend rote Flammen auf mich speit, und seine
spitzen Zähne gegen meinem Degen bleckt, oder kommst du auf meine Fragen die Rät-
sel der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der bleichen Furcht nicht.
. .
Ich bin kein Geist. Taste mich an, ich lebe, oh ein elendes erbärmliches Leben!
Was? Du bist nicht begraben worden?
. .
Ich bin begraben worden — das heißt: ein toter Hund liegt in meiner Väter Gru;
und ich — drei volle Monde schmacht ich schon in diesem finstern unterirdischen Ge-
wölbe, von keinem Strahle beschienen, von keinem warmen Lüchen angeweht, von
keinem Freunde besucht, wo wilde Raben krächzen, und mitternächtliche Uhus heulen
—
Himmel und Erde! Wer hat das getan?
. .
Verfluch ihn nicht! — Das hat mein Sohn Franz getan.
Franz? Franz? Oh ewiges Chaos!
Die Räuber
. .
Wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast, Erlöser, den ich nicht
kenne, o so höre den Jammer eines Vaters, den ihm seine Söhne bereitet haben — drei
Monden schon hab ichs tauben Felsenwänden zugewinselt; aber ein hohler Widerhall
äe meine Klagen nur nach. Darum, wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches
Herz hast.
Diese Aufforderung könnte die wilden Bestien aus ihren Löchern hervorrufen!
. .
Ich lag eben auf dem Siechbett, hatte kaum angefangen aus einer schweren Kran-
kheit etwas Kräe zu sammeln, so hrte man einen Mann zu mir, der vorgab, mein
Erstgeborner sei gestorben in der Schlacht, und mit sich brachte ein Schwert, gefärbt
mit seinem Blut, und sein letztes Lebewohl, und daß ihn mein Fluch ge agt hätte in
Kampf und Tod und Verzweiflung.
Heftig von ihm abgewandt.
Es ist offenbar!
. .
Höre weiter! ich ward unmächtig bei der Botscha. Man muß mich r tot ge-
halten haben, denn als ich wieder zu mir selber kam, lag ich schon in der Bahre, und
ins Leichentuch gewickelt wie ein Toter. Ich krazte an dem Deckel der Bahre. Er ward
aufgetan. Es war finstere Nacht, mein Sohn Franz stand vor mir, — Was? rief er mit ent-
setzlicher Stimme, willst du denn ewig leben? — und gleich flog der Sargdeckel wieder
zu. Der Donner dieser Worte hatte mich meiner Sinne beraubt, als ich wieder erwachte,
hlt ich den Sarg erhoben und fortgehrt in einem Wagen eine halbe Stunde lang.
Endlich ward er geöffnet — ich stand am Eingang dieses Gewölbes, mein Sohn vor
mir, und der Mann, der mir das blutige Schwert von Karln gebracht hatte — zehnmal
umfaßt ich seine Knie, und bat und flehte, und umfaßte sie und beschwur — das Flehen
seines Vaters reichte nicht an sein Herz — hinab mit dem Balg! donnerte es von seinem
Munde, er hat genug gelebt, und hinab ward ich gestoßen ohn Erbarmen, und mein
Sohn Franz schloß hinter mir zu.
Es ist nicht möglich, nicht möglich! Ihr müßt euch geirrt haben.
. .
Ich kann mich geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch nicht! So lag ich zwanzig
Stunden, und kein Mensch gedachte meiner Not. Auch hat keines Menschen Fußtritt
e diese Einöde betreten, denn die allgemeine Sage geht, daß die Gespenster meiner
Väter in diesen Ruinen rasselnde Ketten schleifen, und in mitternächtlicher Stunde ihr
Totenlied raunen. Endlich hört ich die Tür wieder aufgehen, dieser Mann brachte mir
Brot und Wasser, und entdeckte mir, wie ich zum Tod des Hungers verurteilt gewesen,
und wie er sein Leben in Gefahr setze, wenn es herauskäm, daß er mich speise. So
ward ich kümmerlich erhalten diese lange Zeit, aber der unaufhörliche Frost — die faule
Lu meines Unrats, — der grenzenlose Kummer — meine Kräe wichen, mein Leib
schwand, tausendmal bat ich Gott mit Tränen um den Tod, aber das Maß meiner Strafe
muß noch nicht gellet sein — oder muß noch irgend eine Freude meiner warten, daß
ich so wunderbarlich erhalten bin. Aber ich leide gerecht — Mein Karl! mein Karl! —
und er hatte noch keine graue Haare.
Es ist genug. Auf! ihr Klötze, ihr Eisklumpen! Ihr trägen hllosen Schläfer! Auf!
will keiner erwachen? Er tut einen Pistolenschuß über die schlafenden Räuber.
aufgejagt.
He, holla! holla! was gibts da?
Die Räuber
Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt? der ewige Schlaf würde
wach worden sein! Schaut her, schaut her! die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden,
das Band der Natur ist entzwei, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater
erschlagen.
Was sagt der Hauptmann!
Nein, nicht erschlagen! das Wort ist Beschönigung! — der Sohn hat den Vater tau-
sendmal gerädert, gespießt, gefoltert, geschunden! die Worte sind mir zu menschlich
— worüber die Sünde rot wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Äonen²⁸⁰
kein Teufel gekommen ist. — Der Sohn hat seinen eigenen Vater — oh seht her, seht
her! er ist in Unmacht gesunken, — in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater —
Frost, — Blöße, — Hunger, — Durst — oh seht doch, seht doch! — es ist mein eigner
Vater, ich wills nur gestehn.
springen herbei und umringen den Alten.
Dein Vater? dein Vater?
tritt ehrerbietig näher, ällt vor ihm nieder
Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füße! du hast über meinen Dolch zu
befehlen.
Rache, Rache, Rache dir! grimmig beleidigter, entheiligter Greis! So zerreiß ich von
nun an auf ewig das brüderliche Band, er zerreißt sein Kleid von oben an bis unten. So ver-
fluch ich eden Tropfen brüderlichen Bluts im Antlitz des offenen Himmels! Höre mich
Mond und Gestirne! Höre mich mitternächtlicher Himmel! der du auf die Schandtat
herunterblicktest! Höre mich dreimalschröcklicher Gott, der da oben über dem Monde
waltet, und rächt und verdammt über den Sternen, und feuerflammt über der Nacht!
Hier knie ich — hier streck ich empor die drei Finger in die Schauer der Nacht — hier
schwör ich, und so speie die Natur mich aus ihren Grenzen wie eine bösartige Bestie aus,
wenn ich diesen Schwur verletze, schwör ich das Licht des Tages nicht mehr zu grüßen,
bis des Vater-Mörders Blut, vor diesem Steine verschüttet, gegen die Sonne damp.
Er steht auf.
Es ist ein Belials Streich! Sag einer, wir seien Schelmen! Nein bei allen Drachen! So
bunt haben wirs nie gemacht!
Ja! und bei allen schröcklichen Seufzern derer, die emals durch eure Dolche stur-
ben²⁸¹, derer, die meine Flamme aß und mein fallender Turm zermalmte, — eh soll
kein Gedanke von Mord oder Raub Platz finden in eurer Brust, bis euer aller Kleider von
des verruchten Blute scharlachrot gezeichnet sind — das hat euch wohl niemals geträu-
met, daß ihr der Arm höherer Ma estäten seid? der verworrene Knäul unsers Schicksals
ist aufgelößt! Heute, heute hat eine unsichtbare Macht unser Handwerk geadelt! Betet
an vor dem, der euch dies erhabene Los gesprochen, der euch hieher gehrt, der euch
gewürdiget hat die schröckliche Engel seines finstern Gerichtes zu sein! Entblößet eure
Häupter! Kniet hin in den Staub, und stehet geheiliget auf! sie knien.
Gebeut²⁸² Hauptmann! was sollen wir tun?
²⁸⁰Äonen — Ewigkeiten. [przypis edytorski]
²⁸¹sturben — starben. [przypis edytorski]
²⁸²Gebeut — Gebiete. [przypis edytorski]
Die Räuber
Steh auf Schweizer! und rühre diese heilige Locken an! er ührt ihn zu seinem Vater
und gibt ihm eine Locke in die Hand. Du weißt noch, wie du einsmals enem böhmischen
Reuter den Kopf spaltetest, da er eben den Säbel über mich zuckte, und ich atemlos
und erschöp von der Arbeit in die Knie gesunken war? dazumal verhieß ich dir eine
Belohnung, die königlich wäre, ich konnte diese Schuld bisher niemals bezahlen, —
Das schwurst du mir, es ist wahr, aber laß mich dich ewig meinen Schuldner nennen!
Nein, itzt will ich bezahlen. Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden
wie du! — Räche meinen Vater!
Schweizer steht auf.
Großer Hauptmann! Heut hast du mich zum erstenmal stolz gemacht! — Gebeut,
wo, wie, wann soll ich ihn schlagen²⁸³?
Die Minuten sind geweiht, du mußt eilends gehen — lies dir die würdigsten aus der
Bande, und hre sie gerade nach des Edelmanns Schloß! zerr ihn aus dem Bette, wenn
er schlä, oder in den Armen der Wollust liegt, schlepp ihn vom Mahle weg, wenn er
besoffen ist, reiß ihn vom Krucifix, wenn er betend vor ihm auf den Knien liegt! Aber
ich sage dir, ich schärf es dir hart ein, lie’ ihn mir nicht tot! dessen Fleisch will ich
in Stücken reißen, und hungrigen Geiern zur Speise geben, der ihm nur die Haut ritzt,
oder ein Haar kränkt! Ganz muß ich ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig
bringst, so sollst du eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem Könige mit
Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst ei ausgehn, wie die weite Lu — hast du
mich verstanden, so eile davon!
Genug Hauptmann — Hier hast du meine Hand darauf: Entweder, du siehst zwei
zurückkommen, oder gar keinen. Schweizers Würgengel kommt
ab mit einem Geschwader.
Ihr übrigen zerstreut euch im Wald — Ich bleibe.
²⁸³schlagen — töten. [przypis edytorski]
Die Räuber
FÜNFTER AKT
Aussicht von vielen Zimmern.
Finstre Nacht.
kommt mit einer Laterne und einem Reisebündel:
Lebewohl, teures Mutterhaus — Hab so manch guts und liebs in dir genossen, da der
Herr seliger noch lebete — Tränen auf deine Gebeine du lange verfaulter! das verlangt er
von einem alten Knecht — es war das Obdach der Waisen, und der Port der Verlassenen,
und dieser Sohn hats gemacht zur Mördergrube — Lebe wohl du guter Boden! wie o
hat der alte Daniel dich abgefegt — Lebe wohl du lieber Ofen, der alte Daniel nimmt
schweren Abschied von dir — es war dir alles so vertraut worden — wird dir weh tun,
alter Elieser — Aber Gott bewahre mich in Gnaden vor dem Trug und List des Argen
— Leer kam ich hieher — leer zieh ich wieder hin — aber meine Seele ist gerettet
wie er gehen will kömmt
im Schlafrock hereingestürzt.
Gott steh mir bei! Mein Herr!
Löscht die Laterne aus.
Verraten! Verraten! Geister ausgespien aus Gräbern — Losgerüttelt das Totenreich
aus dem ewigen Schlaf brüllt wider mich Mörder! Mörder! — wer regt sich da?
ängstlich.
Hilf heilige Mutter Gottes! seid ihrs gestrenger Herre, der so gräßlich durch die
Gewölbe schreit, daß alle Schläfer auffahren?
Schläfer? Wer heißt euch schlafen? Fort zünde Licht an ab, es kommt ein
andrer . Es soll niemand schlafen in dieser Stunde. Hörst du? Alles soll auf sein
— in Waffen — alle Gewehre geladen — Sahst du sie dort den Bogengang hinschweben?
Wen gnädiger Herr?
Wen, Dummkopf, wen? So kalt, so leer agst du, wen? hat michs doch angepackt
wie der Schwindel! wen, Eselskopf! wen? Geister und Teufel! wie weit ists in der Nacht?
Eben itzt ru der Nachtwächter zwei an.
Was? will diese Nacht währen bis an den üngsten Tag? hörtest du keinen Tumult in
der Nähe? Kein Siegsgeschrei? Kein Geräusch galoppierender Pferde? wo ist Kar — der
Graf, will ich sagen?
Ich weiß nicht, mein Gebieter.
Du weißts nicht? Du bist auch unter der Rotte? Ich will dir das Herz aus den Rippen
stampfen! mit deinem verfluchten: ich weiß nicht! Fort, hole den Pastor!
Die Räuber
Gnädiger Herr!
Murrst du? zögerst du? Erster Bedienter eilend ab. Was? auch Bettler wider mich
verschworen? Himmel, Hölle! alles wider mich verschworen?
kommt mit dem Licht.
Mein Gebieter —
Nein! ich zittere nicht! Es war ledig ein Traum. Die Toden stehen noch nicht auf —
wer sagt, daß ich zittere und bleich bin? Es ist mir a so leicht, so wohl.
Ihr seid totenbleich, eure Stimme ist bang und lallet.
Ich habe das Fieber. Sage du nur, wenn der Pastor kommt, ich habe das Fieber. Ich
will morgen zur Ader lassen, sage dem Pastor.
Befehlt ihr, daß ich euch Lebensbalsam²⁸⁴ auf Zucker tröpfle?
Tröpfle mir auf Zucker! der Pastor wird nicht sogleich da sein. Meine Stimme ist
bang und lallet, gib Lebensbalsam auf Zucker!
Gebt mir erst die Schlüssel, ich will drunten holen im Schrank —
Nein, nein, nein! Bleib! oder ich will mit dir gehn. Du siehst, ich kann nicht allein
sein! wie leicht könnt ich, du siehst a — unmächtig — wenn ich allein bin. Laß nur,
laß nur! Es wird vorübergehen, du bleibst.
Oh ihr seid ernstlich krank.
Ja eilich, eilich! das ists alles. — Und Krankheit verstöret das Gehirn, und brütet
tolle und wunderliche Träume aus — Träume bedeuten nichts — nicht wahr Daniel?
Träume kommen a aus dem Bauch, und Träume bedeuten nichts — ich hatte so eben
einen lustigen Traum
er sinkt unmächtig nieder.
Jesus Christus! was ist das? Georg! Conrad! Bastian! Martin! so gebt doch nur eine
Urkund²⁸⁵ von euch! Rüttelt ihn. Maria, Magdalena und Joseph! so nimmt doch nur
Vernun an! So wirds heißen, ich hab ihn tot gemacht! Gott erbarme sich meiner!
verwirrt.
Weg — weg! was rüttelst du mich so, scheußliches Todengeripp? — die Toden stehen
noch nicht auf —
O du ewige Güte! Er hat den Verstand verloren.
richtet sich matt auf.
²⁸⁴Lebensbalsam — Balsamtropfen zur Stärkung oder Linderung. [przypis edytorski]
²⁸⁵Urkund — Lebenszeichen. [przypis edytorski]
Die Räuber
Wo bin ich? — du Daniel? was hab ich gesagt? merke nicht drauf! ich hab eine Lüge
gesagt, es sei was es wolle — komm! hilf mir auf! — es ist nur ein Anstoß von Schwindel
— weil ich — weil ich — nicht ausgeschlafen habe.
Wär nur der Johann da! ich will Hülfe rufen, ich will nach Ärzten rufen.
Bleib! setz dich neben mich auf diesen Sopha — so — du bist ein gescheuter Mann,
ein guter Mann. Laß dir erzählen!
Itzt nicht, ein andermal! ich will euch zu Bette bringen, Ruhe ist euch besser.
Nein, ich bitte dich, laß dir erzählen, und lache mich derb aus! — Siehe mir dauchte,
ich hätte ein königlich Mahl gehalten, und mein Herz wär guter Dinge, und ich läge
berauscht im Rasen des Schloßgartens, und plötzlich — es war zur Stunde des Mittags
— plötzlich, aber ich sage dir, lache mich derb aus! —
Plötzlich?
Plötzlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr, ich taumelte bebend
auf, und siehe da war mirs, als säh ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger
Lohe, und Berge und Städte und Wälder, wie Wachs im Ofen zerschmolzen, und eine
heulende Windsbraut²⁸⁶ fegte von hinnen Meer Himmel und Erde — da erscholls wie aus
ehernen Posaunen: Erde gib deine Toden, gib deine Toden, Meer! und das nackte Gefild
begonn zu kreißen²⁸⁷, und aufzuwerfen Schedel und Rippen und Kinnbacken und Beine,
die sich zusammenzogen in menschliche Leiber, und daher strömten unübersehlich, ein
lebendiger Sturm: Damals sah ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fuß des donnernden
Sina, und über mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Bergs auf drei
rauchenden Stühlen drei Männer, vor deren Blick flohe die Kreatur —
Das ist a das leibhae Konterfei vom üngsten Tage.
Nicht wahr? das ist tolles Gezeuge²⁸⁸? Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Ster-
nennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen
Aufgang und Niedergang und sprach: Ewig, heilig, gerecht, unverfälschbar! Es ist nur
Eine Wahrheit, es ist nur Eine Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelnden Wurme!
— da trat hervor ein Zweiter, der hatte in seiner Hand einen blitzenden Spiegel, den
hielt er zwischen Aufgang und Niedergang, und sprach: Dieser Spiegel ist Wahrheit;
Heuchelei und Larven bestehen nicht — da erschrak ich und alles Volk, denn wir sahen
Schlangen und Tyger und Leoparden Gesichter zurückgeworfen aus dem entsetzlichen
Spiegel. — Da trat hervor ein Dritter, der hatte in seiner Hand eine eherne Wage, die
hielt er zwischen Aufgang und Niedergang, und sprach: tretet herzu, ihr Kinder von
Adam — ich wäge die Gedanken in der Schale meines Zornes! und die Werke mit dem
Gewicht meines Grimms! —
Gott erbarme sich meiner.
Schneebleich stunden alle, ängstlich klope die Erwartung in eglicher Brust. Da
war mirs, als hört ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und
mein innerstes Mark geor in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell begonn
²⁸⁶Windsbraut — Sturm. [przypis edytorski]
²⁸⁷kreißen — gebären. [przypis edytorski]
²⁸⁸Gezeuge — Zeug. [przypis edytorski]
Die Räuber
die Waage zu klingen, zu donnern der Fels, und die Stunden zogen vorüber, eine nach
der andern an der links hangenden Schale, und eine nach der andern warf eine Todsünde
hinein —
Oh Gott vergeb euch!
Das tat er nicht! — die Schale wuchs zu einem Gebirge, aber die andere voll vom
Blut der Versöhnung hielt sie noch immer hoch in den Lüen — zuletzt kam ein alter
Mann, schwer gebeuget vom Gram, angebissen den Arm von wütendem Hunger, aller
Augen wanden sich scheu vor dem Mann, ich kannte den Mann, er schnitt eine Locke
von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die Schale der Sünden, und siehe,
sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und die Schale der Versöhnung flatterte hoch auf!
— Da hört ich eine Stimme schallen aus dem Rauche des Felsen: Gnade, Gnade edem
Sünder der Erde und des Abgrunds! du allein bist verworfen! — Tiefe Pause. Nun, warum
lachst du nicht?
Kann ich lachen, wenn mir die Haut schaudert? Träume kommen von Gott.
Pfui doch, pfui doch! sage das nicht! Heiß mich einen Narren, einen aberwitzigen,
abgeschmackten Narren! Tu das, lieber Daniel, ich bitte dich drum, spotte mich tüchtig
aus!
Träume kommen von Gott. Ich will r euch beten.
Du lügst, sag ich — geh den Augenblick, lauf, spring, sieh, wo der Pastor bleibt,
heiß ihn eilen, eilen, aber ich sage dir, du lügst.
im Abgehn.
Gott sei euch gnädig!
Pöbel-Weisheit, Pöbelfurcht! — Es ist a noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene
nicht vergangen ist, oder ein Auge findet über den Sternen — hum, hum! wer raunte mir
das ein? Rächet denn droben über den Sternen einer? — Nein, nein! Ja, a! Fürchterlich
zischelts um mich: Richtet droben einer über den Sternen! Entgegen gehen dem Rächer
über den Sternen diese Nacht noch! Nein! sag ich — Elender Schlupfwinkel, hinter den
sich deine Feigheit verstecken will — öd, einsam, taub²⁸⁹ ists droben über den Sternen
— wenns aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich befehle, es ist nicht!
wenns aber doch wäre? Weh dir, wenns nachgezählt worden wäre! wenns dir vorgezählt
würde diese Nacht noch! — warum schaudert mir so durch die Knochen? — Sterben!
warum packt mich das Wort so? Rechenscha geben dem Rächer droben über den
Sternen — und wenn er gerecht ist, Waisen und Witwen, Unterdrückte, Geplagte heulen
zu ihm auf, und wenn er gerecht ist? — warum haben sie gelitten, warum hast du über
sie triumphieret? —
tritt auf.
Ihr ließt mich holen, gnädiger Herr. Ich erstaune. Das erstemal in meinem Leben!
Habt ihr im Sinn über die Religion zu spotten, oder fangt ihr an vor ihr zu zittern?
Spotten oder zittern, e nachdem du mir antwortest. — Höre Moser, ich will dir
zeigen, daß du ein Narr bist, oder die Welt rn Narren halten willst, und du sollst mir
antworten. Hörst du? Auf dein Leben sollst du mir antworten.
²⁸⁹taub — leer. [przypis edytorski]
Die Räuber
Ihr fordert einen höheren vor euren Richterstul. Der höhere wird euch dermaleins²⁹⁰
antworten.
Itzt will ichs wissen, itzt, diesen Augenblick, damit ich nicht die schändliche Torheit
begehe, und im Drange der Not den Götzen des Pöbels anrufe, ich habs dir o mit
Hohnlachen beim Burgunder zugesoffen: Es ist kein Gott! — Itzt red ich im Ernste
mit dir, ich sage dir: es ist keiner! du sollst mich mit allen Waffen widerlegen, die du in
deiner Gewalt hast, aber ich blase sie weg mit dem Hauch meines Mundes.
Wenn du auch eben so leicht den Donner wegblasen könntest, der mit zehntausend-
fachem Centner-Gewicht auf deine stolze Seele fallen wird! dieser allwissende Gott, den
du Tor und Bösewicht mitten aus seiner Schöpfung zernichtest braucht sich nicht durch
den Mund des Staubes zu rechtfertigen. Er ist eben so groß in deinen Tyranneien, als
irgend in einem Lächeln der siegenden Tugend.
Ungemein gut Pfaffe! So gefällst du mir.
Ich stehe hier in den Angelegenheiten eines größern Herrn, und rede mit einem, der
Wurm ist wie ich, dem ich nicht gefallen will. Freilich müßt ich Wunder tun können,
wenn ich deiner halsstarrigen Bosheit das Geständnis abzwingen könnte, — aber wenn
deine Überzeugung so fest ist? warum ließest du mich rufen, sage mir doch, warum
ließest du mich in der Mitternacht rufen?
Weil ich lange Weile hab, und eben am Schachbrett keinen Geschmack finde. Ich will
mir einen Spaß machen, mich mit Pfaffen herumzubeißen. Mit dem leeren Schrecken
wirst du meinen Mut nicht entmannen. Ich weiß wohl, daß der enige auf Ewigkeit ho,
der hier zu kurz gekommen ist: aber er wird garstig betrogen. Ich habs immer gelesen,
daß unser Wesen nichts ist als Sprung des Geblüts²⁹¹, und mit dem letzten Blutstropfen
zerrinnt auch Geist und Gedanke. Er macht alle Schwachheiten des Körpers mit, wird er
nicht auch aufhören bei seiner Zerstörung? nicht bei seiner Fäulung verdampfen? Laß
einen Wassertropfen in deinem Gehirne verirren, und dein Leben macht eine plötzliche
Pause, die zunächst an das Nichtsein grenzt, und ihre Fortdauer ist der Tod. Empfindung
ist Schwingung einiger Saiten, und das zerschlagene Klavier tönet nicht mehr. Wenn
ich meine sieben Schlösser schleifen lasse²⁹², wenn ich diese Venus zerschlage, so ists
Symmetrie und Schönheit gewesen. Siehe da! das ist eure unsterbliche Seele!
Das ist die Philosophie eurer Verzweiflung. Aber euer eigenes Herz, das bei die-
sen Beweisen ängstlich bebend wider eure Rippen schlägt, stra euch Lügen. Diese
Spinnweben von Systemen zerreißt das einzige Wort: du mußt sterben! — ich fordere
euch auf, das soll die Probe sein, wenn ihr im Tode annoch feste steht, wenn euch eure
Grundsätze auch da nicht im Stiche lassen, so sollt ihr gewonnen haben; wenn euch im
Tode nur der mindeste Schauer anwandelt, weh euch dann! ihr habt euch betrogen.
verwirrt.
Wenn mich im Tode ein Schauer anwandelt?
Ich habe wohl mehr solche Elende gesehen, die bis hieher der Wahrheit Riesentrotz
boten, aber im Tode selbst flattert die Täuschung dahin. Ich will an eurem Bette stehn,
wenn ihr sterbet — ich möchte so gar gern einen Tyrannen sehen dahinfahren — ich
²⁹⁰dermaleins — zukünig. [przypis edytorski]
²⁹¹Sprung des Geblüts — Pulsieren des Blutes. [przypis edytorski]
²⁹²schleifen lasse — dem Erdboden gleichmachen lasse. [przypis edytorski]
Die Räuber
will dabeistehn, und euch starr ins Auge fassen, wenn der Arzt eure kalte nasse Hand er-
grei, und den verloren schleichenden Puls kaum mehr finden kann, und aufschaut, und
mit enem schröcklichen Achselzucken zu euch spricht: menschliche Hülfe ist umsonst!
Hütet euch dann, o hütet euch a, daß ihr da ausseht wie Richard und Nero!
Nein, nein!
Auch dieses Nein wird dann zu einem heulenden Ja — ein innerer Tribunal²⁹³, den
ihr nimmermehr durch skeptische Grübeleien bestechen könnt, wird itzo erwachen, und
Gericht über euch halten. Aber es wird ein Erwachen sein, wie des lebendig begrabenen
im Bauche des Kirchhofs, es wird ein Unwille sein wie des Selbstmörders, wenn er den
tödlichen Streich schon getan hat und bereut, es wird ein Blitz sein, der die Mitter-
-Nacht eures Lebens zumal überflammt, es wird Ein Blick sein, und wenn ihr da noch
feste steht, so sollt ihr gewonnen haben!
unruhig im Zimmer auf und abgehend.
Pfaffengewäsche, Pfaffengewäsche!
Itzt zum erstenmal werden die Schwerder einer Ewigkeit durch eure Seele schne-
iden, und itzt zum erstenmal zu spät. — Der Gedanke Gott weckt einen rchterlichen
Nachbar auf, sein Name heißt Richter. Sehet Moor, ihr habt das Leben von tausenden
an der Spitze eures Fingers, und von diesen tausenden habt ihr neunhundert neun und
neunzig elend gemacht. Euch fehlt zu einem Nero nur das römische Reich, und nur
Peru zu einem Pizarro. Nun glaubt ihr wohl, Gott werde es zugeben, daß ein einziger
Mensch in seiner Welt wie ein Wütrich hause, und das oberste zu unterst kehre? Glaubt
ihr wohl, diese neunhundert und neun und neunzig seien nur zum Verderben, nur zu
Puppen eures satanischen Spieles da? Oh glaubt das nicht! Er wird ede Minute, die ihr
ihnen getötet, ede Freude, die ihr ihnen vergiet, ede Vollkommenheit, die ihr ihnen
versperret habt, von euch fodern dereinst, und wenn ihr darauf antwortet, Moor, so sollt
ihr gewonnen haben.
Nichts mehr, kein Wort mehr! willst du, daß ich deinen schwarzlebrigen Grillen²⁹⁴
zu Gebot steh?
Sehet zu, das Schicksaal der Menschen stehet unter sich in rchterlich schönem
Gleichgewicht. Die Waagschaale dieses Lebens sinkend wird hoch steigen in enem,
steigend in diesem wird in enem zu Boden fallen. Aber was hier zeitliches Leiden war,
wird dort ewiger Triumph, was hier endlicher Triumph war, wird dort ewige unendliche
Verzweiflung.
wild auf ihn losgehend.
Daß dich der Donner stumm mache, Lügengeist du! Ich will dir die verfluchte Zunge
aus dem Munde reißen!
Fühlt ihr die Last der Wahrheit so üh? Ich habe a noch nichts von Beweisen
gesagt. Laßt mich nur erst zu den Beweisen —
Schweig, geh in die Hölle mit deinen Beweisen! zernichtet wird die Seele, sag ich
dir, und sollst mir nicht darauf antworten!
²⁹³innerer Tribunal — Gewissen. [przypis edytorski]
²⁹⁴schwarzlebrigen Grillen — melancholische Schwärmereien. [przypis edytorski]
Die Räuber
Darum winseln auch die Geister des Abgrunds, aber der im Himmel schüttelt das
Haupt. Meint ihr, dem Arm des Vergelters im öden Reich des Nichts zu entlaufen? und
hret ihr gen Himmel, so ist er da! und bettetet ihr euch in der Hölle, so ist er wieder
da! und sprächet ihr zu der Nacht: verhülle mich! und zu der Finsternis: birg mich! so
muß die Finsternis leuchten um euch, und um den Verdammten die Mitternacht ragen
— aber euer unsterblicher Geist sträubt sich unter dem Wort, und siegt über den blinden
Gedanken.
Ich will aber nicht unsterblich sein — sei es, wer da will, ich wills nicht hindern.
Ich will ihn zwingen, daß er mich zernichte, ich will ihn zur Wut reizen, daß er mich
in der Wut zernichte. Sag mir, was ist die größte Sünde, und die ihn am grimmigsten
aufbringt?
Ich kenne nur zwo. Aber sie werden nicht von Menschen begangen, auch ahnden sie
Menschen nicht.
Diese zwo! —
sehr bedeutend.
Vatermord heißt die eine, Brudermord die andere — Was macht euch auf einmal so
bleich?
Was Alter? Stehst du mit dem Himmel oder mit der Hölle im Bündnis? Wer hat dir
das gesagt?
Wehe dem, der sie beide auf dem Herzen hat! Ihm wäre besser, daß er nie geboren
wäre! Aber seid ruhig, ihr habt weder Vater noch Bruder mehr!
Ha! — was, du kennst keine drüber? Besinne dich nochmals — Tod, Himmel, Ewig-
keit, Verdammnis schwebt auf dem Laut deines Mundes — keine einzige drüber?
Keine einzige drüber.
ällt in einen Stuhl.
Zernichtung! Zernichtung!
Freut euch, eut euch doch! preist euch doch glücklich! — Bei allen euern Greueln
seid ihr noch ein Heiliger gegen den Vatermörder. Der Fluch, der euch tri, ist gegen
den, der auf diesen lauert, ein Gesang der Liebe — die Vergeltung —
aufgesprungen.
Geh in tausend Grüe, du Eule! wer hies dich hieher kommen? geh, sag ich, oder
ich stoß dich durch und durch!
Kann das Pfaffengewäsche so einen Philosophen in Harnisch agen? Blast es doch
weg mit dem Hauch eures Mundes!
geht ab.
wirft sich in seinem Sessel herum in schröcklichen Bewegungen, tiefe Pause.
Ein eilig.
Die Räuber
Amalia ist entsprungen, der Graf ist plözlich verschwunden.
kommt ängstlich.
Gnädiger Herr, agt ein Trupp feuriger Reuter²⁹⁵ die Steig²⁹⁶ herab, schreien Mord o,
Mord o — das ganze Dorf in Alarm.
Geh laß alle Glocken zusammenläuten alles soll in die Kirche — auf die Knie fallen
alles — beten r mich — alle Gefangnen sollen los sein und ledig, ich will den Armen
alles doppelt und dreifach wiedergeben, ich will — so geh doch — so ruf doch den
Beichtvater, daß er mir meine Sünden hinwegsegne — bist du noch nicht fort?
Das Getümmel wird hörbarer.
Gott verzeih mir meine schwere Sünde! Wie soll ich das wieder reimen? Ihr habt a
immer das liebe Gebet über alle Häuser hinausgeworfen²⁹⁷, habt mir so manche Postill
und Bibelbuch an den Kopf ge agt, wenn ihr mich ob dem Beten²⁹⁸ ertapptet —
Nichts mehr davon — Sterben! siehst du! Sterben! — Es wird zu spät man hört
toben. Bete doch! Bete!
Ich sagt’s euch immer — ihr verachtet das liebe Gebet so — aber gebt acht, gebt acht!
wenn die Not an Mann geht, wenn euch das Wasser an die Seele geht, ihr werdet alle
Schätze der Welt um ein christliches Seufzerlein geben — Seht ihrs? Ihr verschimpet
mich! Da habt ihrs nun! Seht ihrs?
umarmt ihn ungestüm.
Verzeih lieber, goldner Perlendaniel verzeih — ich will dich kleiden von Fuß auf —
so bet doch — ich will dich zum Hochzeiter²⁹⁹ machen — ich will — so bet doch — ich
beschwöre dich — auf den Knien beschwör ich dich — Ins T-ls Namen! so bet doch!
Tumult auf den Straßen, Geschrei — Gepolter —
auf der Gasse.
Stürmt! Schlagt tot! Brecht ein! Ich sehe Licht! dort muß er sein.
auf den Knien.
Höre mich beten Gott im Himmel! — Es ist das erstemal — soll auch gewiß nimmer
geschehen — Erhöre mich Gott im Himmel.
Mein doch! Was treibt ihr? Das ist a gottlos gebetet.
Volksauflauf.
Diebe! Mörder! wer lärmt so gräßlich in dieser Mitternachtsstunde!
immer auf der Gasse.
Schlag sie zurück Kamerad — der Teufel ists und will euren Herrn holen — wo ist
der Schwarz mit seinem Haufen? — Postier dich ums Schloß Grimm — Lauf Sturm
wider die Ringmauer!
²⁹⁵Reuter — Reiter. [przypis edytorski]
²⁹⁶Steig — ansteigende Straße. [przypis edytorski]
²⁹⁷hinausgeworfen — verworfen. [przypis edytorski]
²⁹⁸ob dem Beten — beim Beten. [przypis edytorski]
²⁹⁹Hochzeiter — Bräutigam. [przypis edytorski]
Die Räuber
Holt ihr Feuerbrände — wir hinauf oder er herunter — Ich will Feuer in seine Säle
schmeißen.
betet.
Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen mein Herrgott — hab mich nie mit Kle-
inigkeiten abgegeben mein Herrgott —
Gott sei uns gnädig. Auch seine Gebete werden zu Sünden.
Es fliegen Steine und Feuerbrände. Die Scheiben fallen. Das Schloß brennt.
Ich kann nicht beten — hier hier! Auf Brust und Stirn schlagend, Alles so öd — so
verdorret steht auf. Nein ich will auch nicht beten — diesen Sieg soll der Himmel nicht
haben, diesen Spott mir nicht antun die Hölle —
Jesus Maria! hel — rettet — das ganze Schloß steht in Flammen!
Hier nimm diesen Degen. Hurtig. Jag mir ihn hinterrücks in den Bauch, daß nicht
diese Buben kommen und treiben ihren Spott aus mir.
Das Feuer nimmt überhand.
Bewahre! Bewahre! Ich mag niemand zu üh in den Himmel rdern, viel weniger
zu üh
er entrinnt.
ihm graß³⁰⁰ nachstierend, nach einer Pause.
In die Hölle wolltest du sagen — Wirklich! ich wittere so etwas — wahnsinnig. Sind
das ihre hellen Triller? hör ich euch zischen ihr Nattern des Abgrunds? — Sie dringen
herauf — Belagern die Türe — warum zag ich so vor dieser bohrenden Spitze? — die
Türe kracht — stürzt — unentrinnbar — Ha! so erbarm du dich meiner!
er reißt seine goldene Hutschnur ab, und erdrosselt sich.
mit seinen Leuten.
Mordkanaille wo bist du? — Saht ihr wie sie flohen? — hat er so wenig Freunde?
— Wohin hat sich die Bestie verkrochen?
stößt an die Leiche.
Halt! was liegt hier im Weg? Zündet³⁰¹ hieher —
Er hat das Prevenire gespielt.³⁰² Steckt eure Schwerder ein, hier liegt er wie eine
Katze verreckt.
Tot! was? tot? ohne mich tot — Erlogen sag ich — Gebt acht wie hurtig er auf die
Beine springt? — rüttelt ihn. Heh du! Es gibt einen Vater zu ermorden.
Gib dir keine Müh. Er ist maustot.
tritt von ihm weg.
³⁰⁰graß — wild. [przypis edytorski]
³⁰¹Zündet — Leuchtet. [przypis edytorski]
³⁰²Er hat das Prevenire gespielt. — Er ist uns zuvorgekommen. [przypis edytorski]
Die Räuber
Ja! Er eut sich nicht — Er ist maustot — Gehet zurück und saget meinem Haupt-
mann: Er ist maustot — mich sieht er nicht wieder.
Schießt sich vor die Stirn.
Der Schauplatz, wie in der lezten Szene des vorigen Akts.
auf einem Stein sitzend. gegenüber. Räuber hin und her
im Wald.
.
Er kommt noch nicht?
schlägt mit dem Dolch auf einen Stein daß es Funken gibt.
. .
Verzeihung sei seine Strafe — meine Rache verdoppelte Liebe.
.
Nein, bei meiner grimmigen Seele. Das soll nicht sein. Ich wills nicht haben. Die
große Schandtat soll er mit sich in die Ewigkeit hinüber schleppen! — Wor hab ich
ihn dann umgebracht?
. .
in Tränen ausbrechend.
O mein Kind.
.
Was? — du weinst um ihn — an diesem Turme?
. .
Erbarmung! o Erbarmung! Heftig die Hände ringend. Itzt — itzt wird mein Kind
gerichtet!
.
erschrocken.
Welches?
. .
Ha! was ist das r eine Frage?
.
Nichts. Nichts.
. .
Bist du kommen Hohngelächter anzustimmen über meinem Jammer?
.
Verrätrisches Gewissen! — Merket nicht auf meine Rede.
. .
Ja ich hab einen Sohn gequält, und ein Sohn mußte mich wieder quälen, das ist
Gottes Finger — o mein Karl! mein Karl! wenn du um mich schwebst im Gewand des
Friedens. Vergib mir. Oh vergib mir!
.
schnell.
Er vergibt euch. Betroffen. Wenn ers wert ist euer Sohn zu heißen — Er muß euch
vergeben.
. .
Ha! Er war zu herrlich r mich — Aber ich will ihm entgegen mit meinen Tränen,
meinen schlaflosen Nächten, meinen quälenden Träumen, seine Knie will ich umfassen
— rufen — laut rufen: Ich habe gesündigt im Himmel, und vor dir. Ich bin nicht wert,
daß du mich Vater nennst.
Die Räuber
.
sehr gerührt.
Er war euch lieb euer andrer Sohn?
. .
Du weißt es o Himmel. Warum ließ ich mich doch durch die Ränke eines bösen
Sohnes betören? Ein gepriesener Vater ging ich einher unter den Vätern der Menschen.
Schön um mich blühten meine Kinder voll Hoffnung. Aber — o der unglückseligen
Stunde! — der böse Geist fuhr in das Herz meines zweiten, ich traute der Schlange —
verloren meine Kinder beide.
Verhüllt sich das Gesicht.
.
geht weit von ihm weg.
Ewig verloren.
. .
Oh ich hl es tief was mir Amalia sagte, der Geist der Rache sprach aus ihrem
Munde. Vergebens ausstrecken deine sterbenden Hände wirst du nach einem Sohn, ver-
gebens wähnen zu umfassen die warme Hand deines Karls, der nimmermehr an deinem
Bette steht —
reicht ihm die Hand mit abgewandtem Gesicht.
. .
Wärst du meines Karls Hand! — Aber er liegt fern im engen Hause³⁰³, schlä schon
den eisernen Schlaf, höret nimmer die Stimme meines Jammers — weh mir! Sterben
in den Armen eines Fremdlings — Kein Sohn mehr — kein Sohn mehr, der mir die
Augen zudrücken könnte —
.
in der heftigsten Bewegung.
Itzt muß es sein — itzt — verlaßt mich zu den Räubern. Und doch — Kann ich ihm
denn seinen Sohn wieder schenken? — Ich kann ihm seinen Sohn doch nicht mehr
schenken — Nein! Ich wills nicht tun.
. .
Wie Freund? Was hast du da gemurmelt?
.
Dein Sohn — Ja alter Mann — stammelnd. Dein Sohn — ist — ewig verloren.
. .
Ewig?
.
in der ürchterlichsten Beklemmung gen Himmel sehend.
O nur diesmal — Laß meine Seele nicht matt werden — nur diesmal halte mich
auecht!
. .
Ewig sagst du?
.
Frage nichts weiter. Ewig, sagt ich.
. .
Fremdling! Fremdling! Warum zogst du mich aus dem Turme?
.
Und wie? — Wenn ich etzt seinen Seegen weghaschte — haschte wie ein Dieb,
und mich davonschlich mit der göttlichen Beute — Vatersegen sagt man, geht niemals
verloren.
³⁰³im engen Hause — im Grab. [przypis edytorski]
Die Räuber
. .
Auch mein Franz verloren? —
.
stürzt vor ihm nieder.
Ich zerbrach die Riegel deines Turms — Gib mir deinen Segen.
..
mit Schmerz.
Daß du den Sohn vertilgen mußtest, Retter des Vaters! — Siehe die Gottheit ermüdet
nicht im Erbarmen, und wir armseligen Würmer gehen schlafen mit unserm Groll legt
seine Hand auf des Räubers Haupt. Sei so glücklich, als du dich erbarmest.
.
weichmütig aufstehend.
O — wo ist meine Mannheit? Meine Sehnen werden schlapp, der Dolch sinkt aus
meinen Händen.
. .
Wie köstlich ists wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen, wie der Tau der vom
Hermon fällt auf die Berge Zion — Lern diese Wollust verdienen unger Mann, und
die Engel des Himmels werden sich sonnen in deiner Glorie. Deine Weisheit sei die
Weisheit der grauen Haare, aber dein Herz — dein Herz sei das Herz der unschuldigen
Kindheit.
.
O einen Vorschmack dieser Wollust. Küsse mich göttlicher Greis!
..
küßt ihn.
Denk es sei Vaterskuß, so will ich denken ich küsse meinen Sohn — du kannst auch
weinen?
.
Ich dacht, es sei Vaterskuß! — Weh mir, wenn sie ihn etzt brächten!
Schweizers Ge ährten treten auf im stummen Trauerzug, mit gesenkten Häuptern, und
verhüllten Gesichtern.
.
Himmel!
tritt scheu zurück, und sucht sich zu verbergen. Sie ziehen an ihm vorüber. Er sieht weg
von ihnen. Tiefe Pause. Sie halten.
mit gesenktem Ton.
Mein Hauptmann.
R. Moor antwortet nicht und tritt weiter zurück.
Teurer Hauptmann.
Räuber Moor weicht weiter zurück.
Wir sind unschuldig mein Hauptmann.
.
ohne nach ihnen hinzuschaun.
Wer seid ihr?
Du blickst uns nicht an. Deine Getreuen.
.
Weh euch wenn ihr mir getreu wart!
Die Räuber
Das letzte Lebewohl von deinem Knecht Schweizer — er kehrt nie wieder dein
Knecht Schweizer.
.
aufspringend.
So habt ihr ihn nicht gefunden?
Tot gefunden.
.
froh empor hüpfend.
Habe Dank Lenker der Dinge — Umarmet mich meine Kinder — Erbarmung sei
von nun an die Losung — Nun wär auch das überstanden — Alles überstanden.
Neue . .
Heisa, heisa! Ein Fang, ein superber Fang!
mit fliegenden Haaren.
Die Toden schreien sie, seien erstanden auf seine Stimme — mein Oheim lebendig
— in diesem Wald — wo ist er? Karl! Oheim! — Ha!
Stürzt auf den Alten zu.
. .
Amalia! Meine Tochter! Amalia!
Hält sie in seinen Armen gepreßt.
.
zurückspringend.
Wer bringt dies Bild vor meine Augen?
entspringt dem Alten und springt auf den Räuber zu, und umschlingt ihn entzückt.
Ich hab ihn, o ihr Sterne! Ich hab ihn! —
sich losreißend, zu den Räubern.
Brecht auf ihr! Der Erzfeind³⁰⁴ hat mich verraten!
Bräutigam, Bräutigam, du rasest! Ha! Vor Entzückung! Warum bin ich auch so hl-
los, mitten im Wonnewirbel so kalt?
..
sich aufraffend.
Bräutigam? Tochter! Tochter! Ein Bräutigam?
Ewig sein! Ewig, ewig, ewig mein! — Oh ihr Mächte des Himmels! Entlastet mich
dieser³⁰⁵ tödlichen Wollust, daß ich nicht unter der Bürde vergehe!
.
Reißt sie von meinem Halse! Tötet sie! Tötet ihn! mich! euch! alles! Die ganze Welt
geh zu Grunde!
Er will davon.
Wohin? was? Liebe Ewigkeit! Wonn Unendlichkeit, und du fliehst?
³⁰⁴Erzfeind — Teufel. [przypis edytorski]
³⁰⁵dieser — von dieser. [przypis edytorski]
Die Räuber
.
Weg, weg! — Unglückseligste der Bräute! — Schau selbst, age selbst, höre! —
Unglückseligster der Väter! Laß mich immer ewig davon rennen!
Haltet mich! Um Gottes willen, haltet mich! — Es wird mir so Nacht vor den Augen
— Er flieht!
.
Zu spät! Vergebens! Dein Fluch, Vater, — age mich nichts mehr! — ich bin, ich
habe — dein Fluch — dein vermeinter³⁰⁶ Fluch! — Wer hat mich hergelockt? Mit
gezogenem Degen auf die Räuber losgehend. Wer von euch hat mich hieher gelockt, ihr
Kreaturen des Abgrunds? So vergeh dann, Amalia! — Stirb, Vater! Stirb durch mich zum
drittenmal! — Diese deine Retter sind Räuber und Mörder! Dein Karl ist ihr Haupt-
mann.
gibt seinen Geist auf.
steht stumm, und starr wie ein Bildsäule. Die ganze Bande in ürchterlicher Pause.
wider eine Eiche rennend.
Die Seelen derer, die ich erdrosselte im Taumel der Liebe — derer, die ich zersch-
metterte im heiligen Schlaf, derer, — hahaha! Hört ihr den Pulverturm knallen über der
kreisenden Stühlen³⁰⁷! Seht ihr die Flammen schlagen an den Wiegen der Säuglinge?
das ist Brautfackel, das ist Hochzeitmusik — oh er vergißt nicht, er weiß zu knüpfen —
darum von mir die Wonne der Liebe! darum mir zur Folter die Liebe! das ist Vergeltung!
Es ist wahr! Herrscher im Himmel! Es ist wahr. — Was hab ich getan, ich unschul-
diges Lamm? Ich habe diesen geliebt!
.
Das ist mehr als ein Mann erduldet. Hab ich doch den Tod aus mehr denn tausend
Röhren auf mich zupfeifen gehört, und bin ihm keinen Fußbreit gewichen, soll ich itzt
erst lernen beben wie ein Weib? beben vor einem Weib? — Nein, ein Weib erschüttert
meine Mannheit nicht — Blut, Blut! Es ist nur ein Anstoß³⁰⁸ vom Weibe — Blut muß
ich saufen, es wird vorübergehen.
Er will davon fliehn.
ällt ihm in die Arme.
Mörder! Teufel! Ich kann dich Engel nicht lassen.
schleudert sie von sich.
Fort falsche Schlange, du willst einen rasenden höhnen, aber ich poche dem Tyran-
nen-Verhängnis — was, du weinest? Oh ihr losen boshaen Gestirne! Sie tut als ob sie
weine, als ob um mich eine Seele weine. ällt ihm um den Hals. Ha was ist das?
Sie speit mich nicht an, stößt mich nicht von sich — Amalia! Hast du vergessen? weißt
du auch, wen du umarmest, Amalia?
Einziger, unzertrennlicher!
aufblühend in ekstatischer Wonne.
Sie vergibt mir, sie liebt mich! Rein bin ich wie der Äther des Himmels, sie liebt
mich. — Weinenden Dank dir, Erbarmer im Himmel! Er ällt auf die Knie und weinet
³⁰⁶vermeinter — vermeintlicher. [przypis edytorski]
³⁰⁷kreisenden Stühlen — Gebärstühlen. [przypis edytorski]
³⁰⁸Anstoß — Anfall. [przypis edytorski]
Die Räuber
heftig. Der Friede meiner Seele ist wiedergekommen, die Qual hat ausgetobt, die Hölle
ist nicht mehr — Sieh, o sieh, die Kinder des Lichts weinen am Hals der weinenden
Teufel — aufstehend zu den Räubern. So weinet doch auch! weinet, weinet, ihr seid a so
glücklich — O Amalia! Amalia! Amalia!
Er hängt an ihrem Mund, sie bleiben in stummer Umarmung.
grimmig hervortretend.
Halt ein Verräter! — Gleich laß diesen Arm fahren — oder ich will dir ein Wort
sagen, daß dir die Ohren gellen, und deine Zähne vor Entsetzen klappern!
Streckt das Schwert zwischen beide.
Denk an die böhmischen Wälder! Hörst du, zagst du? — an die böhmischen Wälder
sollst du denken! Treuloser, wo sind deine Schwüre? Vergißt man Wunden so bald? da
wir Glück, Ehre und Leben in die Schanze schlugen³⁰⁹ r dich? Da wir dir standen wie
Mauren, auffingen wie Schilder die Hiebe, die deinem Leben galten, — hubst du da
nicht deine Hand zum eisernen³¹⁰ Eid auf, schwurest, uns nie zu verlassen, wie wir dich
nicht verlassen haben? — Ehrloser! Treuvergessener! Und du willst abfallen, wenn eine
Metze greint?
Pfui, über den Meineid! der Geist des geopferten Rollers, den du zum Zeugen aus
dem Todenreich zwangest, wird erröten über deine Feigheit, und gewaffnet aus seinem
Grabe steigen, dich zu züchtigen.
durcheinander, reißen ihre Kleider auf.
Schau her, schau! Kennst du diese Narben? du bist unser! Mit unserem Herzblut
haben wir dich zum Leibeigenen angekau, unser bist du, und wenn der Erzengel Mi-
chael mit dem Moloch ins Handgemeng kommen sollte! — Marsch mit uns! Opfer um
Opfer! Amalia r die Bande!
.
läßt ihre Hand fahren.
Es ist aus! — Ich wollte umkehren und zu meinem Vater gehn, aber der im Himmel
sprach, es soll nicht sein. Kalt. Blöder Tor ich, warum wollt ich es auch? Kann denn ein
großer Sünder noch umkehren? Ein großer Sünder kann nimmermehr umkehren, das
hätt’ ich längst wissen können — Sei ruhig, ich bitte dich, sei ruhig! so ists a auch recht
— Ich habe nicht gewollt, da er mich suchte, itzt da ich ihn suche, will Er nicht, was ist
billiger? — Rolle doch deine Augen nicht so — er bedarf a meiner nicht. Hat er nicht
Geschöpfe die Fülle, Einen kann er so leicht missen, und dieser Eine bin nun ich. —
Kommt Kameraden!
reißt ihn zurück.
Halt, halt! Einen Stoß! einen Todesstoß! Neu verlassen! Zeuch³¹¹ dein Schwert, und
erbarme dich!
.
Das Erbarmen ist zu Bären geflohen, — ich töde dich nicht!
seine Knie umfassend.
Oh um Gotteswillen, um aller Erbarmungen willen! Ich will a nicht Liebe mehr,
weiß a wohl, daß droben unsere Sterne feindlich von einander fliehen, — Tod ist meine
Bitte nur. — Verlassen, verlassen! Nimm es ganz in seiner entsetzlichen Fülle, verlassen!
³⁰⁹n die Schanze schlugen — aufs Spiel setzten. [przypis edytorski]
³¹⁰eisernen — ewigen. [przypis edytorski]
³¹¹Zeuch — Zieh. [przypis edytorski]
Die Räuber
Ich kanns nicht überdulden³¹². Du siehst a, das kann kein Weib überdulden. Tod ist
meine Bitte nur! Sieh, meine Hand zittert! Ich habe das Herz nicht zu stoßen. Mir bangt
vor der blitzenden Schneide — dir ists a so leicht, so leicht, bist a Meister im Morden,
zeuch dein Schwert, und ich bin glücklich!
.
Willst du allein glücklich sein? Fort, ich töde kein Weib!
Ha Würger! du kannst nur die Glücklichen töten, die Lebenssatten gehst du vorüber.
Kriecht zu den Räubern. So erbarmet euch meiner, ihr Schüler des Henkers! — Es ist ein
so blutdürstiges Mitleid in euren Blicken, das dem Elenden Trost ist — euer Meister ist
ein eitler feigherziger Prahler.
.
Weib, was sagst du?
wenden sich ab.
Kein Freund? auch unter diesen nicht ein Freund? Sie steht auf. Nun denn, so lehre
mich Dido sterben!
Sie will gehen, ein Räuber zielt.
.
Halt! Wag es — Moors Geliebte soll nur durch Moor sterben!
Er ermordet sie.
Hauptmann, Hauptmann! Was machst du, bist du wahnsinnig worden?
auf den Leichnam mit starrem Blick.
Sie ist getroffen! Dies Zucken noch, und dann wirds vorbei sein — Nun, seht doch!
habt ihr noch was zu fordern? Ihr opfertet mir ein Leben auf, ein Leben, das schon nicht
mehr euer war, ein Leben voll Abscheulichkeit und Schande — ich hab euch einen Engel
geschlachtet. Wie, seht doch recht her! Seid ihr nunmehr zuieden?
Du hast deine Schuld mit Wucher bezahlt. Du hast getan, was kein Mann würde r
seine Ehre tun. Komm itzt weiter!
Sagst du das? Nicht wahr, das Leben einer Heiligen um das Leben der Schelme, es
ist ungleicher Tausch? — O ich sage euch, wenn eder unter euch aufs Blutgerüste ging,
und sich ein Stück Fleisch nach dem andern mit glühender Zange abzwicken lies, daß die
Marter eilf Sommertäge dauerte, es wiege diese Tränen nicht auf. Mit bitterem Gelächter.
Die Narben, die böhmischen Wälder! Ja a! Dies mußte eilich bezahlt werden.
Sei ruhig, Hauptmann! Komm mit uns, der Anblick ist nicht r dich. Führe uns
weiter!
.
Halt — noch ein Wort eh wir weiter gehn — Merket auf ihr schadenohe Scher-
gen³¹³ meines barbarischen Winks — Ich höre von diesem Nun an auf euer Hauptmann
zu sein — Mit Scham und Grauen leg ich hier diesen blutigen Stab nieder worunter zu
eveln ihr euch berechtiget wähntet, und mit Werken der Finsternis dies himmlische
Licht zu besudeln — Gehet hin zur Rechten und Linken — Wir wollen ewig niemals
gemeine Sache machen.
³¹²überdulden — erdulden. [przypis edytorski]
³¹³Schergen — Gerichtsdiener. [przypis edytorski]
Die Räuber
Ha Mutloser! Wo sind deine hochfliegende Plane? Sinds Seifenblasen gewesen, die
beim Hauch³¹⁴ eines Weibes zerplatzen?
.
O über mich Narren, der ich wähnete die Welt durch Greuel zu verschönern, und
die Gesetze durch Gesetzlosigkeit auecht zu halten. Ich nannte es Rache und Recht —
Ich maßte mich an, o Vorsicht³¹⁵ die Scharten deines Schwerts auszuwetzen und deine
Parteilichkeiten gut zu machen — aber — O eitle Kinderei — da steh ich am Rand
eines entsetzlichen Lebens, und erfahre nun mit Zähnklappern und Heulen, daß zwei
Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grund richten würden. Gnade
— Gnade dem Knaben, der Dir vorgreifen wollte — Dein eigen allein ist die Rache.
Du bedarfst nicht des Menschen Hand. Freilich stehts nun in meiner Macht nicht mehr
die Vergangenheit einzuholen — schon bleibt verdorben, was verdorben ist — was ich
gestürzt habe steht ewig niemals mehr auf — Aber noch blieb mir etwas übrig, womit
ich die beleidigte Gesetze versöhnen, und die mißhandelte Ordnung wiederum heilen
kann. Sie bedarf eines Opfers — Eines Opfers, das ihre unverletzbare Ma estät vor der
ganzen Menschheit entfaltet — dieses Opfer bin ich selbst. Ich selbst muß r sie des
Todes sterben.
Nimmt ihm den Degen weg — Er will sich umbringen.
.
Toren ihr! Zu ewiger Blindheit verdammt! Meinet ihr wohl gar eine Todsünde werde
das Äquivalent gegen Todsünden sein, meinet ihr die Harmonie der Welt werde durch
diesen gottlosen Mißlaut gewinnen? Wirft ihnen seine Waffen verächtlich vor die Füße. Er
soll mich lebendig haben. Ich geh, mich selbst in die Hände der Justiz zu überliefern.
Legt ihn an Ketten! Er ist rasend worden.
.
Nicht, als ob ich zweifelte sie werde mich zeitig genug finden, wenn die obere Mächte
es so wollen. Aber sie möchte mich im Schlaf überrumpeln, oder auf der Flucht ereilen,
oder mit Zwang und Schwert umarmen, und dann wäre mir auch das einige Verdienst
entwischt, daß ich mit Willen r sie gestorben bin. Was soll ich gleich einem Diebe
ein Leben länger verheimlichen, das mir schon lang im Rat der himmlischen Wächter
genommen ist?
Laßt ihn hinfahren. Es ist die Groß-Mann-Sucht. Er will sein Leben an eitle Be-
wunderung setzen.
.
Man könnte mich darum bewundern. Nach einigem Nachsinnen. Ich erinnere mich
einen armen Schelm³¹⁶ gesprochen zu haben als ich herüberkam, der im Taglohn arbeitet
und eilf lebendige Kinder hat — Man hat tausend Louisdore geboten, wer den großen
Räuber lebendig liefert — dem Mann kann geholfen werden.
Er geht ab.
Man nehme dieses Schauspiel r nichts anders, als eine dramatische Geschichte, die die
Vorteile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Opera-
tionen zu ertappen, benuzt, ohne sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks
einzuzäunen, oder nach dem so zweifelhaen Gewinn bei theatralischer Verkörperung
³¹⁴Hauch — Atemzug. [przypis edytorski]
³¹⁵Vorsicht — Vorsehung. [przypis edytorski]
³¹⁶Schelm — hier: Schlucker. [przypis edytorski]
Die Räuber
zu geizen³¹⁷. Man wird mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumutung ist, binnen
drei Stunden drei außerordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Tätigkeit von viel-
leicht tausend Räderchen abhänget, so wie es in der Natur der Dinge unmöglich kann
gegründet sein, daß sich drei außerordentliche Menschen auch dem durchdringend-
sten Geisterkenner³¹⁸ innerhalb vier und zwanzig Stunden entblößen. Hier war Fülle
ineinandergedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzuengen Pal-
lisaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.
Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein In-
halt, der es von der Bühne verbannet. Die Ökonomie desselben machte es notwendig,
daß mancher Charakter aureten mußte, der das feinere Gehl der Tugend beleidigt,
und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Notwen-
digkeit gesetzt, wenn er anders eine Kopie der wirklichen Welt, und keine idealischen
Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist einmal so die
Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattiert werden, und die Tugend
im Kontrast mit dem Laster das lebendigste Kolorit erhält. Wer sich den Zweck vor-
gezeichnet hat, das Laster zu stürzen, und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an
ihren Feinden zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nackten Abscheulichkeit
enthüllen, und in seiner kolossalischen Größe vor das Auge der Menschheit stellen — er
selbst muß augenblicklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, — er muß sich
in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine
Seele sträubt.
Das Laster wird hier mit samt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es löst in
Franzen all die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstraktionen auf,
skelettisiert die richtende Empfindung, und scherzt die ernsthae Stimme der Religion
hinweg. Wer es einmal so weit gebracht hat, (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden)
seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht
heilig mehr — dem ist die Menschheit, die Gottheit nichts — Beide Welten sind nichts
in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Mißmenschen³¹⁹ dieser Art ein treffen-
des lebendiges Konterfei hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems
auseinander zu gliedern — und ihre Kra an der Wahrheit zu prüfen. Man unterrichte
sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr’s gelungen hat — Ich denke,
ich habe die Natur getroffen.
Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leser in
Verlegenheit setzen möchte. Ein Geist, den das äußerste Laster nur reizet um der Größe
willen, die ihm anhänget, um der Kraft willen, die es erheischet³²⁰, um der Gefahren wil-
len, die es begleiten. Ein merkwürdiger wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kra,
nach der Richtung, die diese bekömmt, notwendig entweder ein Brutus oder ein Katili-
na zu werden. Unglückliche Konjunkturen entscheiden r das zweite und erst am Ende
einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem ersten. Falsche Begriffe von Tätigkeit und
Einfluß, Fülle von Kra, die alle Gesetze übersprudelt, mußten sich natürlicher Weise
an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen von
Größe und Wirksamkeit dure sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt ge-
sellen, so war der seltsame Donquixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen
und lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst anmerken
dörfen, daß ich dieses Gemälde so wenig nur allein Räubern vorhalte, als die Satyre des
Spaniers nur allein Ritter geißelt.
Auch ist itzo der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu
lassen, daß man beinahe r kein Genie mehr passiert³²¹, wenn man nicht seinen gottlo-
sen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der
Schrift³²² muß sich in alltäglichen Assembleen³²³ von den sogenannten witzigen Köpfen
³¹⁷geizen — gierig streben. [przypis edytorski]
³¹⁸Geisterkenner — hier: Kenner der menschlichen Seele. [przypis edytorski]
³¹⁹Mißmenschen — missratenen Menschen. [przypis edytorski]
³²⁰erheischet — erfordert. [przypis edytorski]
³²¹passiert — gilt, durchgeht. [przypis edytorski]
³²²Schrift — Bibel. [przypis edytorski]
³²³Assembleen — Versammlungen. [przypis edytorski]
Die Räuber
mißhandeln, und ins Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so heilig und ernstha,
das, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann? — Ich kann hoffen, daß
ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine³²⁴ Rache verscha habe, wenn
ich diese mutwilligen Schriverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem
Abscheu der Welt überliefere.
Aber noch mehr. Diese unmoralische Charaktere, von denen vorhin gesprochen
wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, a o von Seiten des Geistes gewinnen,
was sie von Seiten des Herzens verlieren. Hierin habe ich nur die Natur gleichsam wör-
tlich abgeschrieben. Jedem, auch dem Lasterhaesten ist gewissermaßen der Stempel
des göttlichen Ebenbilds aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen so
weiten Weg zum großen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die Moralität hält gle-
ichen Gang mit den Kräen, und e weiter die Fähigkeit, desto weiter und ungeheurer
ihre Verirrung, desto imputabler³²⁵ ihre Verfälschung.
Klopstoks Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung in Ab-
scheu schmilzt. Miltons Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen durch das unweg-
same Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei all ihren Greueln noch ein
großes staunenswürdiges Weib, und Shakespears Richard hat so gewiß am Leser einen
Bewunderer, als er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn
es mir darum zu tun ist, ganze Menschen hinzustellen, so muß ich auch ihre Vollkom-
menheiten mitnehmen, die auch dem bösesten nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tyger
gewarnt haben will, so darf ich seine schöne blendende Fleckenhaut nicht übergehen,
damit man nicht den Tyger beim Tyger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit
ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst, und äußert eine zurückstoßende Kra,
statt daß er die Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn
er redet. Eine edle Seele erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das
Ohr das Gekritzel eines Messers auf Glas.
Aber eben darum will ich selbst mißraten³²⁶ haben, dieses mein Schauspiel auf der
Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem Leser, schon ein ge-
wisser Gehalt von Geisteskra dazu; bei enem, daß er das Laster nicht ziere, bei diesem,
daß er sich nicht von einer schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu
schätzen. Meiner Seits entscheide ein Dritter — aber von meinen Lesern bin ich es nicht
ganz versichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstan-
den wissen, der Pöbel wurzelt, (unter uns gesagt) weit um, und gibt zum Unglück —
den Ton an. Zu kurzsichtig mein Ganzes auszureichen³²⁷, zu kleingeistisch mein Großes
zu begreifen, zu bosha mein Gutes wissen zu wollen, wird er, rcht’ ich, fast meine
Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich stürze, darin zu fin-
den meinen, und seine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man
gemeiniglich alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Es ist das ewige Dacapo mit Abdera und Demokrit, und unsre gute Hippokrate
müßten ganze Plantagen Nießwurz erschöpfen, wenn sie dem Unwesen durch ein heil-
sames Dekokt³²⁸ abhelfen wollten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusam-
menstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel
hört nie auf, Pöbel zu sein, und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und
Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht hätt’ ich den schwachherzigen zu ommen³²⁹ der
Natur minder getreu sein sollen; aber wenn ener Käfer, den wir alle kennen, auch den
Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß Feuer verbrannt, und Wasser
ersäu habe, soll darum Perle — Feuer — und Wasser konfisziert werden?
Ich darf meiner Schri, zufolge ihrer merkwürdigen³³⁰ Katastrophe mit Recht einen
Plaz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der
seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Geleise der Gesetze. Die Tugend geht
³²⁴gemeine — einfache. [przypis edytorski]
³²⁵imputabler —(lat.) zurechenbarer. [przypis edytorski]
³²⁶mißraten — abgeraten. [przypis edytorski]
³²⁷auszureichen —zu erfassen. [przypis edytorski]
³²⁸Dekokt — Absud aus Heilpflanzen. [przypis edytorski]
³²⁹zu frommen —zum Nutzen. [przypis edytorski]
³³⁰merkwürdigen — bemerkenswerten. [przypis edytorski]
Die Räuber
siegend davon. Wer nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen
zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er — nicht den Dichter bewundere, aber den
rechtschaffenen Mann in mir hochschätze.
Geschrieben in der Ostermesse.
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Der Herausgeber.
Ten utwór nie est ob ęty ma ątkowym prawem autorskim i zna du e się w domenie publiczne , co oznacza że
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Źródło: [Link]
Tekst opracowany na podstawie: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke herausgegeben von Otto Güntter und
Georg Witkowski, Leipzig .
Wydawca: Fundac a Nowoczesna Polska
Publikac a zrealizowana w ramach pro ektu Wolne Lektury ([Link] Wydano z finansowym
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Die Räuber