1 Einführung Und Grundbegriffe: 1.1 Allgemeines
1 Einführung Und Grundbegriffe: 1.1 Allgemeines
Tabelle 1.1 Eigenlasten von Baustoffen und Bauteilen Tabelle 1.3 Schnee- und Eislasten auf dem Boden und
(Auszug aus DIN 1055-1) Dach nach DIN 1055-5
1
Baustoff Rohdichte Wichte Schneelastzone SK-Werte in
in g/cm3 in kN/m3 auf dem Boden kN/m2
Schwerbeton > 28 1 0,65
Beton 24 2 0,85
Stahlbeton 25 3 1,10
Leichtbeton 1,0–2,0 10,5–21,5 Schneelastzone Formbeiwerte
Porenbeton 0,1–0,8 5–9 auf dem Dach je nach Neigung = α
Mauerwerk aus 0,4 6 0 ≤ α ≤ 30° 0,8
künstlichen Steinen 0,6 8 30° ≤ α ≤ 60° 0,8 × (60° – α)/30°
0,8 10 α ≥ 60° 0
1,2 14
1,4 16
1,6 16
1,8 18 tthermische Beanspruchung infolge von Tem-
.. ..
. . peraturschwankungen oder von ungleichmäßi-
2,4 24 ger Temperatureinwirkung (z. B. bei nur einsei-
Putze mit Mörtel tiger Erwärmung und im Brandfall) und
Gipsputz 20 tSetzungen. Durch falsch beurteilte Tragfähig-
Zementputz 27
Gipsbauplatten 9
keit des Baugrundes, durch ungleichmäßige
Belastungen u. a. können Spannungen inner-
Nadelholz 5
Laubholz 7–11
halb einzelner Bauteile oder des gesamten Bau-
werks entstehen (vgl. a. Abschn. 3, Bild 3.1).
Aluminium 27
Blei 114
Kupfer 89 Diese Beanspruchungen müssen anhand der Pla-
Stahl 78,5 nungsvorhaben und entsprechend den zugrunde
Zink 72–74 zu legenden Bestimmungen (z. B. DIN 1055, DIN
Dachsteine kN/m2 EN 1990 + DIN EN 1991-1) ermittelt werden und
Betondachsteine 0,5–0,65 bilden die Grundlage für den Standsicherheits-
Tondachsteine 0,6–0,95
nachweis (statische Berechnung), s. Abschn. 1.6.
Baustoffe weisen unter Einfluss äußerer Kräfte den einwirkenden Temperaturen – dauernde
spezifische Verhaltensformen auf: Formveränderungen erfahren, die aus struktu-
tElastisches Verhalten. Durch Belastungen und rellen Veränderungen der beteiligten Baustof-
Krafteinwirkungen treten – innerhalb bestimm- fe resultieren. Werden Bauteile aus derartigen
ter Grenzen – keine dauernden Verformungen Baustoffen (z. B. aus gewissen Kunststoffen,
auf. Nach Entlastung „federt” das Bauteil in sei- auch aus Stahl) schockartig belastet, können sie
ne ursprüngliche Form zurück (Bild 1.5a). – insbesondere bei niedrigen Temperaturen –
tPlastisches Verhalten. Werden die Grenzwer- durch „Sprödbruch“ zerstört werden.
te für das elastische Verhalten überschritten,
jedoch Belastungen, die zur Zerstörung führen, Durch äußere Kräfte können Bauteile oder auch
noch nicht erreicht, treten bei allen Bauteilen ganze Bauwerke verformt und in ihrer Stand-
dauernde Verformungen auf (z. B. „Verbiegen“, sicherheit beeinflusst werden. Als Auswirkungen
Bild 1.5b). kommen in Frage:
tFließen (Kriechen). Unter Langzeitbeanspru- tKippen. Ein Bauteil bzw. ein Bauwerk kippt in-
chung können Bauteile – auch abhängig von folge einer Krafteinwirkung (z. B. Wind- oder
4 1 Einführung und Grundbegriffe
1
1.8
Biegen
1.6a 1.6b
1.6 Kippen
a) Standmoment 1.9
b) Kippmoment (vgl. Bild 1.25) Gleiten
1.4 Tragelemente
Tragelemente bilden in den verschiedensten
1.7a 1.7b 1.7c Kombinationen die geometrische Stuktur und
das konstruktive Gefüge eines Bauwerkes.
1.7 Knicken
Einen Überblick über die wichtigsten Grundtypen
a) freistehend („Pendelstütze“)
b) einseitig eingespannt
von Tragelementen zeigt Bild 1.10. Sie kommen
c) beidseitig eingespannt innerhalb von Gesamtkonstruktionen in vielfa-
chen Kombinationen untereinander vor.
Einfeldträger als einfache Träger sind Tragele-
Erddruck), wenn das resultierende Kippmoment mente über jeweils eine Öffnung mit zwei Endauf-
größer ist als das Standmoment (das Standmo- lagern (Bild 1.10a). Die erforderlichen statischen
ment ist abhängig von Bauteil- bzw. Bauwerks- Abmessungen hierfür sind vergleichsweise groß.
gewicht und Bauteilbreite) (Bild 1.6).
Durchlaufträger sind Tragelemente über meh-
tKnicken und Beulen. Schlanke, stabförmige rere Öffnungen, die zu wesentlich günstigeren
Bauteile knicken aus, flächige Bauteile (z. B. statischen Abmessungen führen, indem sie die
Wände) beulen aus, wenn sie in Längsrichtung so genannte Durchlaufwirkung über mehrere Fel-
gedrückt werden. der bzw. Auflager hinweg nutzen (Bild 1.10b). Bei
Die Knicksicherheit wird beeinflusst von der solchen Mehrfeldträgern wechseln positive Biege-
Länge und kleinsten Breite des Bauteiles, von momente (Durchbiegungen nach unten) in den
der Art des konstruktiven Anschlusses (freiste- Feldern mit negativen Biegemomenten über den
hend, einseitig oder beidseitig eingespannt, s. Stützen (Biegungen nach oben). Je nach „Last-
Abschn. 1.6) und von der Art des Baustoffes. fall“, d. h. Belastung mit durchlaufenden Stre-
Kennzeichnende Größe ist die sog. Schlankheit ckenlasten (auch aus dem Eigengewicht) oder
bzw. der Schlankheitsgrad (Bild 1.7). Teilbelastung in einzelnen Feldern, können sich
tBiegen. Ein punktuell oder linear gestütztes bei Durchlaufträgern erhebliche Entlastungen
Bauteil biegt sich zwischen den Stützungspunk- für die benachbarten Felder ergeben. Konstruktiv
ten (Auflagern) durch, wenn es quer zur Längs- muss das Verformungsverhalten solcher Träger
achse durch Lasten beansprucht wird (Bild 1.8). berücksichtigt werden (vgl. hierzu auch Bilder
tGleiten. Ein Bauteil kann – insbesondere seit- 1.13 und 1.14).
lich – verschoben werden, wenn die Verbin- In ähnlicher Weise kann die Durchlaufwirkung
dung zu anschließenden Bauteilen oder auch auch bei Deckenplatten genutzt werden. Durch
zum Baugrund nicht durch Reibung oder be- mehrseitige Auflagerung ergeben sich weitere
sondere konstruktive Maßnahmen gesichert ist Möglichkeiten für günstigere statische Abmes-
(Bild 1.9). sungen (s. Abschn. 10.1.1).
1.4 Tragelemente 5
1.10h
1.10a
1
1.10b
1.10c
1.10i
1.10d
1.10e
1.10j
1.10k
1.10f
1.10l
1.10g 1.10m
1.10 Tragelemente
a) Träger als Einfeldträger h) Stütze, Pfosten
b) Mehrfeldträger/Durchlaufträger i) Bogen
c) unterspannter Träger j) Platte
d) Fachwerkträger k) Platte mit Unterzug (Rand- bzw. Feldunterzug)
e) Spannseil l) Platte mit Überzug
f) Fachwerk mit Diagonalverband m) Tragrost/Trägerrost
g) Scheibe
6 1 Einführung und Grundbegriffe
1.11a 1.11b
1.11c 1.11d
1.11 Rahmen
a) mit eingepannten Stützen, Ecken nicht biegesteif (gelenkig) c) Dreigelenkrahmen mit biegesteifen Ecken
b) mit biegesteifen Ecken, Stützen gelenkig gelagert d) geschlossener Rahmen mit biegesteifen Ecken
(Vollrahmen)
Rahmen. In erweitertem Sinne werden auch tragen (Bilder 1.12 bis 1.14). Daraus resultieren
Rahmen als Tragelemente betrachtet. Sie beste- neben dem hierfür erforderlichen erhöhten Ma-
hen aus stab- oder scheibenförmigen Bauteilen, terialeinsatz zu Herstellung biegesteifer Eckaus-
die mit oder ohne Gelenken zusammengefügt bildungen selbst bei einfachen Systemen kom-
sind. Im Baugrund bzw. in Fundamenten können plizierte Verformungen der Gesamtkonstruktion
Rahmenstützen – ebenso wie in angrenzenden (Bild 1.14). Dabei muss beachtet werden, dass
Bauwerksteilen – eingespannt oder gelenkig an- in den schematischen Abbildungen lediglich die
geschlossen sein (Bild 1.11). Verformungen in der Rahmenebene dargestellt
In Rahmen werden Verformungen durch Bean- sind. In der Regel müssen die Beeinflussungen
spruchungen einzelner Teile über biegesteife aber auch im räumlichen Zusammenhang be-
Ecken auf die benachbarten Rahmenteile über- trachtet werden.
1.12 Rahmen
Verformungen bei horizontaler Beanspruchung
1.5 Tragwerksysteme 7
1.13a 1.13b
1.13c 1.13d
1.13 Rahmen
Verformungen bei vertikaler Beanspruchung
a) Rahmen mit eingepannten Stützen c) Dreigelenkrahmen mit gelenkig gelagerten Stützen
b) Zweigelenkrahmen mit gelenkig gelagerten Stützen d) Umlaufender Rahmen, gelenkig gelagert (Vollrahmen)
1.14a 1.14b
1.18 Rosttragwerke
1.19a 1.19b
1.19 Raumtragwerke (System MERO)
a) Untersicht einer Dachkonstruktion
b) typischer Knoten
1.25 Schwerkraftmauer
Kippsicherheit =
Standmoment 1.26 Eingespannte 1.27 Mauer zwischen
× ≥ 1,5 Stahlbetonwand eingespannten Stahlstützen
Kippmoment
Als Grundrisstypen von Bauten mit tragenden tQuerwand- oder Schottenbauten (Bauwerke mit
Wänden („Wandbauten“) haben sich darüber hin- tragenden ausgesteiften Querwänden, Bild
aus entwickelt 1.32b).
tLängswandbauten (Bauwerke mit tragenden, Die Wahl eines derartigen statischen Wandbau-
ausgesteiften Längswänden, Bild 1.32a) systems ist von entscheidender Bedeutung für
1.6 Standsicherheit 13
10 10 10 10
5,75
8 5 7 2 6 6 6 6
3 7 10
4 4 4 4 4 4
11,50
5,75
8 8 8 8
6 10 6 6 6 6
2 8
1.32a 1 1.32b
1.33 Aussteifung bei freier Grundrissgestaltung 1.34 Ungünstige Anordnung von Aussteifungsscheiben
durch Wandscheiben
1.35a 1.35b
Windsog) zu berücksichtigen und muss in min- In Skelettbauten kann die Aussteifung in einer
destes zwei Richtungen erfolgen. Die Bauteile zur Richtung durch Rahmen oder Binder mit bie-
Aussteifung dürfen sich nicht kreuzen. gesteifen Eckverbindungen und ggf. Einspan-
Ebenso ist bei der Anordnung der aussteifenden nung (s. Bild 1.11) erreicht werden. Die Binder
Scheiben zu beachten, dass auch Momente („Ver- untereinander können in der anderen Richtung
drehungen“) um die Senkrechte aufgenommen durch Wand- und Deckenscheiben wie im Wand-
werden können. Bei einer Anordnung der aus- bau ausgesteift werden (Bild 1.35a). Meistens
steifenden Scheiben wie in Bild 1.34 ist die De- ist aber die Ausführung von Dreiecksverbän-
ckenplatte bei einer Beanspruchung in Drehrich- den durch zugbeanspruchte Stahlprofile oder
tung um die Senkrechte verschieblich gelagert. -seile wirtschaftlicher (Bild 1.35b und 1.10f).
1.7 Normen 15
1.7 Normen
Norm Ausgabedatum Titel
1
DIN 1055-1 06.2002 Einwirkungen auf Tragwerke; Wichten und Flächenlasten von Baustoffen,
Bauteilen und Lagerstoffen
DIN 1055-2 02.1976 Lastannahmen für Bauten; Bodenkenngrößen, Wichte, Reibungswinkel, Kohäsion,
Wand-Reibungswinkel
E DIN 1055-2 01.2007 Einwirkungen auf Tragwerke; Bodenkenngrößen
DIN 1055-3 03.2006 –; Eigen- und Nutzlasten für Hochbauten
DIN 1055-4 03.2005 –; Windlasten
DIN 1055-4, Ber. 1 03.2006 –; –; Berichtigungen zu DIN 1055-4: 2005-03
DIN 1055-5 07.2005 –; Schnee- und Eislasten
DIN 1055-100 03.2001 –; Grundlagen der Tragwerksplanung; Sicherheitskonzept und Bemessungsregeln
DIN EN 1990 10.2002 Eurocode: Grundlagen der Tragwerksplanung
DIN EN 1991-1-1 10.2002 Eurocode 1: Einwirkungen auf Tragwerke; Teil 1-1: Allgemeine Einwirkungen auf
Tragwerke; Wichten, Eigenlasten und Nutzlasten im Hochbau
DIN EN 1991-1-2 09.2003 –; –; Teil 1-2: Allgemeine Einwirkungen Brandeinwirkungen auf Tragwerke
DIN EN 1991-1-3 09.2004 –; –; Teil 1-3: Allgemeine Einwirkungen, Schneelasten
E DIN EN 1991-1-3/NA 1 04.2007 Nationaler Anhang – National festgelegte Parameter – Eurocode 1, Einwirkungen
auf Tragwerke – Teil 1-3: Allgemeine Einwirkungen – Schneelasten
DIN EN 1991-1-4 07.2005 Eurocode 1: –; Teil 1-4: Allgemeine Einwirkungen, Windlasten
DIN EN 1991-1-5 07.2004 –; –; Teil 1-5: Allgemeine Einwirkungen; Temperatureinwirkungen
E DIN EN 1991-1-5/NA 12.2007 Nationaler Anhang – National festgelegte Parameter – Eurocode 1, Einwirkungen
auf Tragwerke – Teil 1-5: Allgemeine Einwirkungen – Temperatureinwirkungen
DIN 4149 04.2005 Bauten in deutschen Erdbebengebieten; Lastannahmen, Bemessung und
Ausführung üblicher Hochbauten
DIN 4150-1 06.2001 Erschütterungen im Bauwesen; Vorermittlung von Schwingungsgrößen
DIN 4150-2 06.1999 –; Einwirkungen auf Menschen in Gebäuden
DIN 4150-3 02.1999 –; Einwirkungen auf bauliche Anlagen
1.8 Literatur
[1] Ackermann, K.: Tragwerke in der konstruktiven Architektur. Stuttgart 1988
[2] Egger, H., Beck, H., Mandl, P.: Tragwerkselemente. Stuttgart 2003
[3] Engel, H.: Tragsysteme. Ostfildern 2007
[4] Führer, W., Ingendaaij, S., Stein, F.: Der Entwurf von Tragwerken. Köln 1995
[5] Krauss, F., Führer, W., Neukäter, H. J., Willems, C. C.: Grundlagen der Tragwerkslehre 1 und 2. Köln 2007 und 2004
[6] Laske/Richter: Form-, vektor- und flächenaktive Tragsysteme, FHD 1996; [Link]
[7] Meistermann, A.: Tragsysteme. Basel 2007
[8] Meskovris, K., Hake, E.: Statik der Stabtragwerke. Berlin 2009
[9] Mann, W.: Tragwerkslehre in Anschauungsmodellen. Kassel 2007
[10] Leicher, G.: Tragwerkslehre in Beispielen und Zeichnungen. Neuwied 2006
[11] Pech, A., Kolbitsch, A., Zach, F.: Tragwerke. Wien 2007
[12] Rybicki, R., Priez, F.: Faustformeln und Faustwerte für Tragwerke im Hochbau. Düsseldorf 2007
[13] Schmidt, P.: Schalentragwerke aus Spannbeton. IRB 1998; [Link]
[14] Schneider, K.-J., Volz, H., Hess, R.: Entwurfshilfen für Architekten und Bauingenieure – Faustformeln für Trag-
konstruktionen. Berlin 2004