4 in Der Zusammenbruchsgesellschaft (1945-1952)
4 in Der Zusammenbruchsgesellschaft (1945-1952)
Im Mai 1945 ging mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht,
zunächst am 8. Mai im französischen Reims und am 9. Mai in Berlin-Karlshorst, ein
verhängnisvolles Kapitel der deutschen Geschichte zu Ende. Damit endete das mit
großem Aplomb und dem Anspruch auf tausendjährige Dauer reklamierte Dritte Reich
schmählich und hinterließ ein verwüstetes Europa, eine zerfallene Weltordnung und
eine verarmte und moralisch in höchstem Maße diskreditierte deutsche Gesellschaft.
Durch Erklärung der Siegermächte über die Übernahme der Staatsgewalt im besiegten
Deutschland hatte auch das Deutsche Reich zu existieren aufgehört. Eine neue Ord-
nung für das besiegte Land war erst noch zu finden,¹ denn die Gegenwart schien alles
andere als zukunftsträchtig:
Eisenbahnnetze, Kanäle, Brücken und Straßen waren von Bomben oder Truppen auf dem
Rückzug zerstört worden. In vielen Gegenden gab es kein Gas, Strom oder Wasser. Nur unter
großen Schwierigkeiten waren Lebensmittel, Medikamente und, als das Jahr 1945 zu Ende ging
und der Winter nahte, Heizmaterialien zu bekommen. Die landwirtschaftliche Produktion hatte
sich nahezu halbiert. Viele Menschen litten an Unterernährung, wurden krank vom nagenden
Hunger. Nicht weniger erdrückend war die Wohnungsnot: Wer überhaupt eine Wohnung hatte,
musste sie oft mit anderen, oft fremden Menschen teilen. Die Städte waren so gründlich zerstört,
dass die Obdachlosigkeit katastrophale Maße annahm.²
Dennoch bildete das Jahr 1945 für Deutschland keine „Stunde null“, von der an vor-
aussetzungslos eine neue Entwicklung in Gang gesetzt werden konnte. Vielmehr
wirkten die Lasten der Vergangenheit noch lange weiter und auch die Entwick-
lungspfade, denen Deutschland seit Langem gefolgt war, konnten nicht einfach ver-
lassen werden. In der mittleren Sicht erwies sich die Zäsur von 1945 deshalb eher
ökonomisch als eine „kapitalistische Kontinuität“ und zugleich politisch auch als ein
„demokratischer Neubeginn“ in der deutschen Geschichte.³ Gerade auch im Hinblick
auf die Entwicklung der Wirtschaft zeigten sich in Westdeutschland in den folgenden
Dekaden beachtliche Kontinuitäten.⁴ Hinsichtlich der Lebensverhältnisse unmittelbar
nach dem Ende des Krieges muss man von einer „Zusammenbruchsgesellschaft“⁵
sprechen, in der die schiere Not ums Überleben für die Masse der Bevölkerung prä-
gend wurde. Hatte das NS-Regime bis zum Ende des Krieges durch eine erbar-
mungslose Ausbeutung der besiegten Staaten und ein striktes Bewirtschaftungssys-
tem unter Androhung z.T. drakonischer Strafen eine einigermaßen ausreichende
Hoffmann 2011, S. 3.
So die Zustandsbeschreibung bei Kershaw 2016, S. 635. Eine knappe Darlegung der ökonomischen
„Post-war misery“ bei Giersch/Paqué/Schmieding 1992, S. 17– 25.
Kocka 1979, S. 166.
Borchardt 1985, S. 45.
Dieser Begriff wurde von Kleßmann (1986, S. 37) in die Diskussion eingeführt.
OpenAccess. © 2018 Toni Pierenkemper, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter
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162 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Die geschilderten Zeitumstände wirkten sich natürlich auch auf die Arbeit des Rhei-
nisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in der unmittelbaren Nach-
kriegszeit aus. Die Folgen des Krieges zeigten sich in den Verlusten des Instituts an
materiellen und personellen Ressourcen. Das Institut war während des Krieges
mehrfach ausgebombt worden und hatte dadurch einen großen Teil seiner Akten und
Bücher verloren. Die Mitarbeiter, soweit sie nicht an anderer Stelle ihren Kriegsein-
satz leisten mussten, hatten sich diesen erschwerten Arbeitsbedingungen anzupas-
sen. Die Finanzlage des Instituts war zwar durch die vertraglich vereinbarten Zu-
schüsse aus öffentlichen Kassen und der privaten Wirtschaft geregelt und daher
solide, doch der überall aufgetretene Mangel in der Kriegsgesellschaft war auch im
RWI sichtbar. Während des Krieges und auch danach hatte die faktische Leitung des
Hauses in den Händen von Walther Däbritz gelegen, und diesem kam auch das größte
Verdienst bei der Wiederbegründung des Instituts nach 1945 zu.
Walther Däbritz war von Anfang an und blieb bis zu seinem Ausscheiden die
dominierende Figur des Instituts und bestimmte weitgehend dessen Arbeitsprogramm
und Entwicklung. Er wurde am 21. Dezember 1881 als Sohn des Seminaroberlehrers
Prof. Dr. phil. Hermann Däbritz und seiner Ehefrau Hulda, geb. Grundmann in Grimma/
Sachsen geboren. ⁸ Däbritz war ev-luth. Konfession. Nach Abschluss der Vorschule
wechselte er 1895 auf die Fürstenschule St. Augustin in Grimma, wo er Ostern 1901 das
Reifezeugnis erhielt. 1901/02 absolvierte er seine Militärzeit als Einjährig-Freiwilliger im
2. Sächsischen Grenadier-Regiment No. 101 in Dresden. 1902 begann er ein Studium der
Rechts- und Staatswissenschaften, zunächst in München, wechselte dann nach Berlin
und schließlich nach Leipzig, wo er im Jahr 1906 sein Erstes Juristisches Staatsexamen
ablegte, im selben Jahr als Dr. phil. promoviert wurde und wenig später, nach Beginn
seiner Berufstätigkeit im Jahre 1907 im darauf folgenden Jahr, zusätzlich noch eine ju-
ristische Promotion erfolgreich abschloss. ⁹ Nach eigener Aussage habe ihm sein „Lehrer
Aly 2005.
Darauf haben auch zeitnahe Studien früh hingewiesen, insbesondere die des Soziologen Schelsky
1955 und ders. 1965.
Universitätsarchiv Köln (UAK) Zug. 17/889 mit einem ausführlichen Lebenslauf. Vgl. auch Ditt 2015.
Das Thema seiner staatswissenschaftlichen Dissertation von 1906 lautete: „Die Staatsschulden
Sachsens in der Zeit von 1763 bis 1837“. Diese Arbeit steht ganz in der Tradition der Historischen Schule
der deutschen Nationalökonomie, ist äußerst informativ, enthält wertvolles empirisches Material und
4.1 Die Neubegründung des RWI nach 1945 163
und Mentor“, Karl Bücher, seinerzeit eine Habilitation in Leipzig angeboten, ein Angebot,
das er jedoch ausgeschlagen habe. ¹⁰
Der Berufsbeginn hatte Walther Däbritz aus dem heimatlichen Sachsen an die
Ruhr geführt, wo er 1907 in eines der bedeutendsten Bankhäuser Westdeutschlands, die
Essener Credit-Anstalt, eintrat und dort zunächst als Volontär, dann als Bankbeamter
und schließlich nach rascher Karriere als Prokurist tätig wurde. Eine privatwirtschaft-
liche Tätigkeit erschien ihm gegenüber dem immer weniger attraktiven Staatsdienst
damals reizvoller. ¹¹ Auch sein persönliches Glück fand er hier, denn am 30. September
1911 heiratete er Margarete Schulz (geb. 3. Oktober 1889), Tochter des Fabrikbesitzers
Hermann Schulz aus Sötenich in der Eifel und dessen Ehefrau Luise, geb. Dietsch. Aus
dieser Ehe entstammten zwei Kinder, Hans (geb. 5. Juli 1912) und Luise (geb. 10. April
1915). Doch das Bankgeschäft allein konnte den vielseitig interessierten Staatswissen-
schaftler auf Dauer nicht befriedigen. Schon im Wintersemester 1908/09 begann Däbritz
in seiner neuen Heimat mit einer zunächst noch nebenamtlich ausgeübten Dozenten-
tätigkeit im Rahmen der „Akademischen Kurse für Wirtschaftswissenschaften, Essen“,
die von den Schichten des gehobenen Bildungsbürgertums der Stadt in Ermangelung
eines entsprechenden staatlichen Angebots selbst organisiert wurden. ¹²
Im Hinblick auf ein gehobenes wissenschaftliches und kulturelles Angebot bil-
dete das Ruhrrevier und mithin auch die Stadt Essen, trotz allen wirtschaftlichen
Fortschritts der vorausgegangenen Dekaden, im frühen 20. Jahrhundert noch eine
Diaspora. Dies war nicht zuletzt auch der preußischen Kulturpolitik geschuldet, die
ja Universitäten lieber in kleine, bürgerlich geprägte Städte wie Bonn oder Münster
legte und damit vermeiden wollte, dass freidenkerisches oder gar sozialistisches oder
marxistisches Gedankengut zu nahe an die aufmüpfige Arbeiterschaft gebracht
würde. Die Gründung der Handelshochschule und der späteren Universität zu Köln in
einer Großstadt mit beachtlicher Industrie ging ja auch auf städtische Initiative zurück
und selbst die Gründung einer Technischen Hochschule, gefordert und gefördert
durch die Ruhrindustrie selbst, wurde ins ferne Aachen und nicht ins Revier gelegt.
Dieses war die kulturelle Situation, die Walther Däbritz bei seiner Ankunft an der
Ruhr vorfand und deren Überwindung er zeitlebens einen Teil seiner Hauptaktivitäten
widmete. Auch deshalb bot er im Wintersemester 1908/09 erstmals in den Akademi-
wird bis heute zitiert. Seine juristische Dissertation „Die Fusion von Aktiengesellschaften nach § 306
HGB“ behandelt hingegen ein weniger anspruchsvolles Thema.
So die Selbstauskunft: Walther Däbritz, „Heimat Essen. Warum ich nach Essen kam? – Warum ich
hier blieb?“, in: Rheinisch-Westfälische Zeitung vom 26. 5.1941.
So seine Aussage in: ebda. Zur Essener Credit-Anstalt neuerdings Bormann/Scholtyseck 2018,
S. 70 – 96.
Die Kurse waren 1907 gegründet worden und sollten sowohl der Praktikerbildung als auch der
gehobenen Fortbildung dienen. Ihr Leiter, Dr. Swet, gewann Däbritz für die Mitarbeit zunächst ne-
benamtlich und dann ab 1912 hauptamtlich, obwohl diesen erneut durch Karl Bücher ein „Ruf aus der
Wissenschaft“ (Habilitationsangebot?) erreichte. Bücher habe dann aber Däbritz‘ Entscheidung für
Essen zugestimmt, obwohl es sich bei den Akademischen Kursen nicht um eine Hochschule handelte.
Ebda.
164 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
schen Kursen eine Veranstaltung mit dem Titel „Wirtschaftliche Konjunktur und Kapi-
talmarkt“ an. ¹³ Darin konnte er offenbar seine Erfahrungen im Bankgeschäft und das
damals neu entfachte und zukunftsweisende Interesse an wirtschaftlichen Konjunkturen
einbringen. Nach einer Reihe weiterer erfolgreicher Lehrveranstaltungen im Rahmen der
Akademischen Kurse gab Walther Däbritz seine Stelle bei der Essener Credit-Anstalt auf
und wechselte 1912 als Hauptamtlicher Dozent an die „Essener Akademischen Kurse für
Wirtschaftswissenschaften und allgemeine Fortbildung“, wie die Kurse unter Betonung
ihrer über die Wirtschaftswissenschaften hinausweisenden Bildungsziele nunmehr ge-
nannt wurden. ¹⁴ Ihm wurde im Rahmen der Kurse das vertraute Gebiet „Geld-, Bank-
und Börsenwesen“ zugewiesen. ¹⁵ Im April 1913 organisierte er im Rahmen seiner Tä-
tigkeiten eine Studienreise Leipziger Studenten in das rheinisch-westfälische Industrie-
revier und hielt dort einen Vortrag „Entwicklung und Organisation der rheinisch-west-
fälischen Montanindustrie“. Auch suchte er sehr bald Anbindung an die im Westen des
Reiches bestehenden Hochschulen und schon im Sommersemester 1914 konnte er im
Staatswissenschaftlichen Seminar der Universität Münster eine Vorlesung „Geschichte
der Großbetriebe des rheinisch-westfälischen Industriereviers“ anbieten. ¹⁶
Doch allen seinen Bemühungen um die Förderung des kulturellen und wissen-
schaftlichen Fortschritts im Ruhrrevier setzte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein
vorläufiges Ende. Im August 1914 musste auch Walther Däbritz als Vizefeldwebel beim
Landwehr-Infanterie-Regiment No. 382 einrücken. Er kämpfte bis 1918 an der Westfront,
wurde dort zum Leutnant der Landwehr befördert und mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse
ausgezeichnet. ¹⁷ Nach seiner Rückkehr nach Essen nahm er im Sommersemester 1919
seine Tätigkeit als Hauptamtlicher Dozent der Akademischen Kurse der Stadt, nunmehr
für das Gebiet der gesamten Volkswirtschaftslehre, wieder auf. Ab dem Herbst 1923
wurde er zum Leiter der Akademischen Kurse bestellt. Hinzu kam, dass er 1925 auch zum
Direktor der neu begründeten Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Essen (später
Niederrheinische Verwaltungsakademie) berufen wurde, die zunächst den Akademi-
schen Kursen angegliedert war und später, im Jahr 1939, verselbständigt wurde. Alle
diese Tätigkeiten wurden nach der Auflösung des „Vortragsamtes der Stadt Essen“ zum
31. Juli 1937, das seit 1933 für den allgemeinen Teil der Akademischen Kurse der Stadt
zuständig gewesen war, zum Zentrum seines beruflichen Wirkens. ¹⁸ Damit hatte Walther
Däbritz in Essen und weit darüber hinaus im Rahmen der Bemühungen um eine kultu-
relle und akademische Aufwertung der Industrieregion eine zentrale Position erlangt.
Mit diesen Bemühungen stand er damals nicht allein, und nicht nur in Essen
wurde der Mangel an wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen im Revier
als schmerzlich empfunden. In diesen Rahmen muss auch die Gründung der
„Volkswirtschaftlichen Vereinigung im rheinisch-westfälischen Industriegebiet“¹⁹
eingeordnet werden, an der Däbritz, gemeinsam mit dem damaligen Hauptge-
schäftsführer der Industrie- und Handelskammer Niederrhein in Duisburg und spä-
teren Oberbürgermeister Otto Most, führend beteiligt war und in der er den Vorsitz des
Wissenschaftlichen Beirats übernahm. In einer Rückschau auf die Gründungsge-
schichte der Vereinigung kann man lesen:
Die kulturelle Situation des Ruhrbezirks ist seit jeher eigenartig gelagert. Es fehlen hier Hoch-
schulen, die anderwärts die gegebenen Mittelpunkte wissenschaftlichen Lebens geworden sind.
Die schönen Künste haben in anderen Landesteilen durch Fürstengunst und politische Zentral-
stellen reiche Anregungen erfahren. Hingegen hat uns keines Mediceers Güte gelächelt. Auch ist
von der Reichshauptstadt her jahrzehntelang eine kulturelle Förderung des Reviers fast geflis-
sentlich unterblieben. So waren wir wesentlich auf die eigene Kraft angewiesen.²⁰
Weil im Ruhrrevier nicht nur eine Universität, sondern auch eine Technische Hoch-
schule fehlte, wurde 1927 in Essen als provisorischer Ersatz ein „Haus der Technik“
gegründet, in dem erfahrenen Technikern zumindest eine praktische Weiterbildung
geboten werden sollte.²¹ Derartige Aktivitäten waren im Revier nach dem Ersten
Weltkrieg überhaupt in verstärktem Maße zu verzeichnen. Bereits 1919 wurde eben-
falls in Essen die „Gesellschaft für Wissenschaft und Leben für das rheinisch-west-
fälische Industriegebiet“ ins Leben gerufen und 1921 erfolgte die Gründung des
„Bundes der Künste im rheinisch-westfälischen Industriegebiet“. Diese beiden am-
bitionierten Versuche, deren organisatorische Untergliederungen ganz eindeutig die
Struktur von Fakultäten der seit Langem gewünschten Universität spiegelten, schei-
Däbritz, 1941. In seinen Auskünften über seine Dienstverhältnisse gegenüber den Militärbehörden
im Jahre 1945 ergeben sich gegenüber seiner Selbstauskunft von 1941 und den aus den Akten ge-
wonnenen Anstellungsverhältnissen einige Unterschiede. Hier gibt Däbritz nämlich an, vom 1.1.1930
bis 1. 3.1933 als Beamter/Dauerangestellter Geschäftsführer der Volkshochschule der Stadt Essen ge-
wesen zu sein und vom 1.1.1930 bis Sommer 1939 zudem Direktor des städtischen Vortragsamtes; vom
1.1.1930 bis 1945 Studienleiter der Verwaltungsakademie und Leiter des RWI. Vgl. Military Government
of Germany. Fragebogen/Personal Questionnaire vom 6.6.1945, in: SAE 140 – 56, Prof. Dr. Däbritz,
Walther, Dauerangestellter (Personalakte).
Däbritz 1936. Knapp auch Däbritz/Stupp 1956, S. 15 – 18.
Däbritz 1936, S. 7.
Däbritz 1941.
166 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
terten dann aber bereits nach wenigen Jahren. Allein die juristische und volkswirt-
schaftliche Gruppe der „Gesellschaft für Wissenschaft und Leben“ konnte als Teil der
1920 gegründeten Volkswirtschaftlichen Vereinigung weitergeführt werden.²² Eine
ähnliche fördernde Funktion übernahmen die „Akademischen Kurse, Essen“, an de-
ren Entwicklung²³ Däbritz ja seit deren Gründung im Jahre 1907 lebhaften Anteil ge-
nommen und deren Leitung er 1923 zu seinem Hauptberuf gemacht hatte. Diese Kurse
entwickelten sich erfolgreich weiter, firmierten später (1937) als „Akademische Kurse
für Wirtschaftswissenschaften und Deutsche Gemeinschaftskultur“ und wurden
nunmehr vom Vortragsamt der Stadt Essen getragen.²⁴ Dem Direktor Walther Däbritz
wurde angesichts seiner 25-jährigen Tätigkeit im Dienste des Instituts öffentlich be-
scheinigt, dass er „große Verdienste geleistet und das geistige Antlitz der Industrie-
metropole entscheidend mitgeformt“ habe.²⁵ Einen weiteren Meilenstein auf dem Weg
des Ruhrreviers aus der wissenschaftlichen Diaspora bildete die Gründung der „Ab-
teilung Westen“ des Berliner Instituts für Konjunkturforschung (später Deutsches
Institut für Wirtschaftsforschung, DIW) als dem Vorläufer des RWI, an der Walther
Däbritz wiederum entscheidend beteiligt war und über die weiter oben bereits aus-
führlich berichtet wurde.²⁶
Alle diese Essener Bemühungen zur Bereicherung des wissenschaftlichen und
kulturellen Lebens im Ruhrrevier blieben nicht beispiellos, wirkten über die Stadt
Essen hinaus und förderten z. B. auch im benachbarten Dortmund entsprechende
Initiativen. Diese führten dort schließlich zur Begründung eines Harkort-Kreises, aus
dem später das Harkort-Institut für westfälische Industrieforschung erwuchs, das zur
Kernzelle der Sozialforschungsstelle Dortmund an der Universität Münster werden
sollte und an dem auch Essener Vertreter entscheidend beteiligt waren.²⁷ Alles in
allem entfaltete sich in der Zwischenkriegszeit an der Ruhr ein umfangreiches Netz
wissenschaftlicher und kultureller Initiativen, die alle dem Ziel verpflichtet waren, der
empfundenen Ödnis des kulturellen Lebens im Revier entgegenzuwirken. Zentrales
Anliegen blieb dabei die Förderung von Wissenschaft und Forschung, uneingestan-
denermaßen wohl auch die Begründung einer Ruhruniversität, ein Wunsch, der erst
Jahrzehnte später während der Bildungsexpansion der 1960er Jahre in der Bundes-
republik Deutschland in Erfüllung gehen sollte.
Walther Däbritz ging den Weg in die akademische Welt persönlich weit früher
und wurde am 6. Juli 1927 an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der
Vgl. die Würdigung von Däbritz bei Rainer Fremdling weiter oben, S. 19 – 25, der diesem gegenüber
Wagemann zu diesem Zeitpunkt sogar einen „methodisch anspruchsvolleren“ Zugriff auf das Kon-
junkturphänomen attestiert. Dabei bezieht er sich auf eine sorgfältige Unterscheidung verschiedener
empirischer Formen des Konjunkturzyklus. Allerdings verweist er zugleich auf Däbritz‘ starke Hin-
wendung zum amerikanischen Empirismus, sodass seine von mir vorgenommene Einschätzung als ein
der Historischen Schule weiterhin eng verbundener Wissenschaftler durch diese Beobachtung meines
Erachtens nicht in Frage gestellt wird. Eine wie bei Wagemann zu konstatierende Weiterentwicklung in
theoretischer Hinsicht in Richtung Kreislaufanalyse und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist bei
Däbritz nicht zu beobachten. Wagemann hingegen, obwohl ebenfalls durch sein Studium bei Gustav
Schmoller und Adolph Wagner von der Historischen Schule stark geprägt, entwickelte sich im Rahmen
seiner herausragenden Funktionen in Berlin zu einem der angesehensten Vertreter der deutschen
Wirtschaftswissenschaftler der Zwischenkriegszeit. Zu Wagemann auch: Tooze 2001.
Däbritz 1941.
Pierenkemper 2000, insb. S. 28 – 40.
168 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Mit Schreiben vom 24. Januar 1932 an den preußischen Minister für Wissenschaft,
Kunst und Volksbildung in Berlin stellte der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissen-
schaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, Leopold von Wiese, den Antrag, Walther
Däbritz zum Honorarprofessor zu berufen. ³¹ Als Begründung wird darauf hingewiesen,
dass dieser bereits 1927 seine Lehrbefugnis (venia legendi) erhalten habe und seitdem
eine erfolgreiche Lehrtätigkeit an der Universität betreibe. Auch wenn er damit eine für
die Verleihung einer Honorarprofessur mindestens achtjährige, üblicherweise jedoch
zehnjährige, Lehrtätigkeit noch nicht absolviert habe, sei angesichts seiner „Sonder-
stellung im Beruf und in der Wissenschaft“ eine Ausnahme naheliegend. Ausführlich
werden dabei seine Forschungsarbeiten erwähnt, die nach Meinung der Fakultät das
„übliche Maß“ bei Weitem überstiegen. Insbesondere wurde verwiesen auf seine histo-
risch fundierten Arbeiten über die Diskonto-Gesellschaft ³² (263 S.) und über die Me-
tallgesellschaft ³³ (300 S.) sowie auf die zahlreichen Arbeiten über Unternehmerper-
sönlichkeiten, ³⁴ aber auch auf seine konjunkturwissenschaftlichen Arbeiten. ³⁵ Seine
Mitwirkung bei der Gründung und seine Herausgebertätigkeit bei den Rheinisch-West-
fälischen Wirtschaftsbiografien wurden im Schreiben lobend erwähnt. ³⁶ Bruno Kuske,
Ordinarius für Wirtschaftsgeschichte in Köln, der nach dem Zweiten Weltkrieg im RWI in
Essen eng mit Däbritz zusammenarbeiten sollte, äußerte sich positiv zu dem Vorhaben,
um auf diese Weise das Verhältnis zwischen der Kölner Fakultät und Essen zu stärken. Er
erwähnte aber zugleich, dass er von der Absicht der Ernennung Däbritz’ zum Hono-
rarprofessor keine Kenntnis gehabt habe, die Person und auch die Einschätzung durch
seine Kollegen ihm bis dahin unbekannt gewesen seien. Der Minister wies mit Schreiben
vom 18. August 1933 den Antrag der Fakultät zurück und bemerkte dazu, dass er diesem
Antrag „noch nicht“ entsprechen könne. ³⁷ Hoffnung blieb also erhalten!
Und tatsächlich, am 26. März 1938 erfolgte seitens der Fakultät ein erneuter Vor-
stoß hinsichtlich der Verleihung einer Honorarprofessur für Walther Däbritz. Nunmehr
war dem Antrag auch ein umfangreicher ausgefüllter Fragebogen zur Person des Pri-
vatdozenten angefügt. Die veränderten Bedingungen im NS-System machten offenbar
zusätzliche Auskünfte unvermeidlich. Diese bezogen sich nicht nur auf die Familie des
Betroffenen bis hin zu Auskünften zu den Großeltern (Ariernachweis), sondern auch
auf seine politische Betätigung. Däbritz gab zwar auf dem Fragebogen noch an, „Keiner
Partei zugehörig“ zu sein, er war allerdings zum 1. Mai 1937 in die NSDAP eingetreten ³⁸
und konnte unter der Rubrik „Mitgliedschaft in nationalen Verbänden“ den NS-Dozen-
tenbund, den NS-Lehrerbund und die SA II (Stahlhelm) anführen. Als Kriegsorden und
Ehrenzeichen erwähnte er das im Ersten Weltkrieg erlangte Eiserne Kreuz I. und
II. Klasse sowie das Hanseatenkreuz. „Im Namen des Führers und Reichskanzlers“ er-
folgte nunmehr mit Datum 13. Juni 1938 die Ernennung zum Honorarprofessor. ³⁹
Die Mitgliedschaft in der NSDAP wie auch im Verein für das Deutschtum im Aus-
land und seine Funktion als förderndes Mitglied der SS stellten sich für Walther Däbritz
nach dem Zweiten Weltkrieg als gravierende Belastung dar. Unmittelbar nach Ende des
Krieges wurde vom Bürgerausschuss ⁴⁰ der Stadt Essen auf seiner Sitzung vom 17. Juli
1945 die Suspendierung von Prof. Däbritz gefordert, und der Oberbürgermeister der
Stadt Essen teilte Däbritz daraufhin mit:
Der Bürgerausschuss hat im Zuge der Bereinigung der Verwaltung von aktiven und überzeugten
Mitgliedern der NSDAP Ihre Entfernung von Ihrem Amt gefordert. Ich sehe mich veranlasst, Sie auf
Grund der Richtlinien der Militärregierung mit sofortiger Wirkung von Ihrem Amt zu suspendieren.
Das war gewiss ein schwerer Schlag für Walther Däbritz, mit dem er wohl kaum ge-
rechnet hatte, wie seine späteren Ausführungen zu seiner Tätigkeit während der NS-Zeit
erahnen lassen. Darüber hinaus erfolgte im Juli 1945 die Amtsenthebung auch unter dem
Verlust seiner Bezüge. ⁴¹ Doch die Suspendierung währte offenbar nicht sehr lange, denn
wenige Monate später entschied die Militärregierung, einigen städtischen Beamten, ⁴²
die zuvor von ihren Ämtern suspendiert worden waren, eine vorläufige Arbeitserlaubnis
für zwei Monate zu gewähren und ihre Konten bei der Reichsbankstelle Essen zu ent-
sperren. ⁴³ Ziemlich genau ein Jahr später, zum 11. November 1946 wurde Walther Däbritz
BA 31XX E0023. Die Aufnahme wurde beantragt am 13.5.1937, die Mitgliedsnummer war 5604891.
UAK Zug. 17/889.
Vermutlich handelte es sich um eine Gruppe von Essener Bürgern, die sich nach dem Ende der NS-
Herrschaft zusammenfand, um den Bürgermeister bei seiner Arbeit zu unterstützen. Dies war wohl
gängige Praxis der britischen Militärbehörden in der ersten Phase der Besetzung Deutschlands. Im
benachbarten Münster bildete der Oberbürgermeister einen ähnlichen Beirat, der von den Briten er-
nannt wurde und erst 1946 durch eine Stadtvertretung ersetzt wurde, die ebenfalls durch die Besat-
zungsmacht berufen worden war. Schollmeier 2015, S. 10.
Im Jahr 1944 hatte Däbritz immerhin ein reguläres Gehalt von 12.863 RM und darüber hinaus
Einnahmen aus wissenschaftlicher Tätigkeit, Wertpapieren und Immobilien in Höhe von 12.648 RM
erhalten. Angaben aus: Military Government of Germany. Fragebogen/Personal Questionnaire vom 6.6.
1945, in: SAE 140 – 56, Prof. Dr. Däbritz, Walther, Dauerangestellter (Personalakte). Dort Angaben über
seine Einkünfte von 1939 bis 1944.
Neben Däbritz zählten dazu Bürgermeister Hahn und die Stadträte Kegel und Dr. Callies.
Schreiben der Reichsbankstelle Essen an die Stadtverwaltung Essen vom 12.11.1945, in: SAE
140 – 56, Prof. Dr. Däbritz, Walther, Dauerangestellter (Personalakte).
170 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
durch Erlass des Innenministers NRW nach Erreichen der Altersgrenze als Studienleiter
mit sofortiger Wirkung in den Ruhestand versetzt. ⁴⁴
Im Rahmen der von den Alliierten betriebenen „Entnazifizierung“ der deutschen
Bevölkerung und Führungsschichten ⁴⁵ wurde Däbritz von der britischen Militärverwal-
tung unmittelbar nach Kriegsende, zeitgleich mit seiner Suspendierung von seinen
städtischen Ämtern im August 1945, auch aus seinem Nebenamt beim RWI entlassen. ⁴⁶
Als Basis für die Überprüfung seiner Aktivitäten während der NS-Zeit diente den Mili-
tärbehörden ein Fragebogen, den er wie zahlreiche andere Deutsche ausfüllen musste. ⁴⁷
Dort gab er wahrheitsgemäß an, seit dem 1. Mai 1937 Mitglied der NSDAP gewesen zu
sein. Weiteren Parteiorganisationen habe er hingegen nicht angehört, sondern er sei
lediglich 1934/35 dem Reichsbund der Deutschen Beamten, der Nationalsozialistischen
Volkswohlfahrt und dem NS-Rechtswahrerbund beigetreten. Darüber hinaus war er
bereits seit 1925 Mitglied des Vereins für das Volkstum im Ausland gewesen und 1934/35
auch Mitglied im Reichskolonialverein. Zudem war er wegen seiner Lehrtätigkeit an der
Universität zu Köln Mitglied der Reichsdozentenschaft, allerdings auch des Deutschen
Roten Kreuzes. Diese Mitgliedschaften lassen Walther Däbritz in der Rückschau eher als
einen an das neue System angepassten Deutschnationalen denn als einen überzeugten
Nationalsozialisten erscheinen, für den ihn im August 1945 der Essener Bürgerausschuss
offenbar gehalten hatte.
In seinen Einlassungen, die er als Anlage dem alliierten Questionnaire beilegte,
verwies er zu seiner Entlastung auch auf die gedruckte Liste seiner sämtlichen Publi-
kationen, in denen er nur „unpolitische Themen“ behandelt habe. Hinsichtlich einer
möglichen Affinität seiner Lehrtätigkeit gegenüber dem NS-Regime führte er weiterhin
aus:
Die einzige eventuell hierher gehörende Vorlesung über ‚Staats- und Wirtschaftsidee des National-
sozialismusʻ, die ich im Sommersemester 1934 in Essen an der Verwaltungsakademie vorgesehen
hatte, ist mir nach ihrer Ankündigung von der Partei untersagt worden, da ich hierfür nicht kom-
petent sei.
In ähnlicher Weise versuchte er seine Distanz zum Nationalsozialismus auch durch die
organisatorischen Veränderungen im Rahmen der Erwachsenenbildung der Stadt Essen
Erlass des Innenministers NRW vom 16.10.1946. Laut einer Notiz vom 11.11.1946 betraf diese
Maßnahme insgesamt zehn Beamte der Stadt Essen. Neben Däbritz handelte es sich um die Herren
Bucher, Glaser, Hensel, Ickler, Kilber, Marczak, Piening, Poschmann und Dr. Handel. Mit Nachricht
vom 10.12.1946 wurde Däbritz mitgeteilt, dass er ein monatliches Ruhegehalt von 675,55 RM erhalte.
Alles in: SAE 140 – 56, Prof. Dr. Däbritz, Walther, Dauerangestellter (Personalakte).
Brunn 1995, S. 192. Zunächst lag die Durchführung der Entnazifizierung in der britischen Zone bei
den Militärbehörden, die das Verfahren allerdings weit weniger strikt als die amerikanische Militär-
verwaltung handhabten. Nach der Übertragung der Zuständigkeit an die deutschen Behörden verliefen
die anhängigen Verfahren häufig im Sande.
Landesarchiv NRW, NW-1005-G32– 1118: Einstufung als „dismissed“ am 27. 8.1945.
SAE 140 – 56, Prof. Dr. Däbritz, Walther, Dauerangestellter (Personalakte).
4.1 Die Neubegründung des RWI nach 1945 171
zu unterstreichen und erscheint in dieser Hinsicht nahezu als ein Opfer des Regimes. Er
verweist darauf:
1933 wurde ich, weil ich nicht das Vertrauen der Partei hatte, nur mit der Maßgabe im Amt gelassen,
dass mir in der Leitung des Vortragsamtes (Akademische Kurse) ein ‚alter Kämpferʻ als Aufsichts-
organ beigegeben werde.
1939 wurde mir das Vortragsamt abgenommen, es wurde aufgelöst und sein ‚Allgemeiner Teilʻ
in die Essener Volksbildungsstätte überführt; letztere einem zuverlässigen PG übertragen.
Ein Opfer des NS-Regimes ist Walther Däbritz gewiss nicht gewesen, doch seine national-
konservative Haltung, die aus seinem Lebenslauf ersichtlich wird, hat ihm eine Anpas-
sung an die neue politische Situation sicherlich erleichtert. Ihn jedoch als „aktives und
überzeugtes Mitglied der NSDAP“ zu bezeichnen, wie das der Essener Bürgerausschuss
im Sommer 1945 tat, würde seiner Persönlichkeit nicht gerecht werden. Davon war die
britische Militärregierung 1945/46 aber noch zu überzeugen und das fiel nicht ganz
leicht. Auf Intervention Bruno Kuskes, der damals neben seinem Ordinariat in Köln
zugleich die Leitung der Abteilung Wirtschaft der Provinzialregierung Rheinland-Nord
innehatte und der mit Datum vom 10. Mai 1946 eine Erklärung zugunsten von Däbritz,
einen damals sogenannten „Persilschein“ zum Reinwaschen von NS-Belasteten, hin-
sichtlich seiner Tätigkeit im RWI abgegeben hatte, entschied der Public Safety Officer am
31. August 1946 „May retain present position“. Die neue Amtszeit am RWI währte al-
lerdings nicht lange, denn eine nochmalige Einstufung vom 30. November 1947 endete
erneut mit der Order „Discretionary removal“. Däbritz musste seine Stellung im Institut
erneut räumen und fand sich wiederum außerhalb seiner gewohnten Betätigungsver-
hältnisse. ⁴⁸ Einen endgültigen Abschluss fand die Entnazifizierung von Walther Däbritz
erst im Mai 1949 durch den Beschluss der Spruchkammer des Stadtkreises Essen, ihn in
die Kategorie V (nicht betroffen) einzuordnen. ⁴⁹ In der führungslosen Zeit nach 1945
übernahm Kuske die Präsidentschaft des Instituts und behielt sie bis 1952 inne. Walther
Däbritz hingegen kehrte bereits nach Übergang des Entnazifizierungsverfahrens an die
deutschen Behörden im Laufe des Jahres 1947 als Geschäftsführender Direktor an das
RWI zurück und blieb dort bis zu seinem Ausscheiden 1955, was er immer gewesen war,
nämlich der eigentliche Leiter des Instituts. ⁵⁰ Sein Leben endete tragisch durch einen
Unfalltod am 26. Juli 1963.
Seinem Lebenswerk blieb allerdings die endgültige Krönung versagt, denn zum
Präsidenten des RWI hat es Däbritz Zeit seiner Tätigkeit im RWI nicht gebracht, ob-
wohl dieses Anliegen mehrfach, auch häufig uneingestanden aus den Unterlagen
durchscheint. Erst mit Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Frühjahr 1955 wur-
den auf der Mitgliederversammlung „weitere Herren in die Organe des Instituts ge-
wählt“.⁵¹ Dazu zählte auch Walther Däbritz, der aus Altersgründen zum 31. März
ausscheiden und danach als „Stellvertretender Präsident“ ab dem 1. April in den
Vorstand des Instituts eintreten würde. Auf der Sitzung des Verwaltungsrates wurde
zugleich beschlossen, Däbritz wegen seiner großen Verdienste um das Institut seit
seiner Gründung im Jahr 1926 einen „Ehrensold“ zu gewähren.
Schon im Vorfeld der Gründung des Instituts im Jahr 1926 war offenbar gewor-
den, dass Däbritz‘ Ambitionen hinsichtlich seiner Stellung im Hause wohl weiter-
gingen, als sie später realisiert werden konnten. Die Initiative zur Gründung der Ab-
RWWA 28 – 72– 3, IHK Essen: Schreiben des Präsidenten Wessels an Dr. Burandt, Hauptge-
schäftsführer der IHK Essen vom 25. 2.1955. Vgl. auch Essener Tageblatt, Nr. 42 vom 19./20. 2.1955.
4.1 Die Neubegründung des RWI nach 1945 173
teilung Westen reklamierte Walther Däbritz später häufig gänzlich für sich, wenn er
z. B. in dem Manuskript zu einem Vortrag vor der Mitgliederversammlung der För-
dergesellschaft am 21. Juli 1951 schlicht behauptet: „Auf meine Initiative hin ist das
Institut vor 25 Jahren gegründet worden.“⁵² Diese Legende konnte sich so weit ver-
festigen, dass eine Schlagzeile der Neuen Ruhr-Zeitung zu seinem 70. Geburtstag
lautete: „Prof. Dr. Dr. Däbritz 70 Jahre. Gründete 1926 das Rhein.-Westf. Institut für
Wirtschaftsforschung“.⁵³ In der Tat hatte Däbritz Mitte der 1920er Jahre eine wichtige
Rolle bei der Begründung der Außenstelle Westen des Instituts für Konjunkturfor-
schung gespielt. Eine derartige Gründung fügte sich in idealer Weise in seine oben
genannten Bemühungen um eine kulturelle und wissenschaftliche Aufwertung der
Ruhrregion. Mit einem solchen Anliegen war er unmittelbar an den Präsidenten des
Instituts in Berlin, Ernst Wagemann, herangetreten und wichtige Initiativen zur
Realisierung dieses Projektes wurden im Folgenden zweifellos von ihm getragen.⁵⁴
Doch waren an der ursprünglichen Initiative von Beginn an auch je ein Vertre-
ter des Ruhrkohlenbergbaus und der Schwereisenindustrie beteiligt.⁵⁵ So wurden die
späteren Verhandlungen um die konkrete Ausgestaltung und Einrichtung der Au-
ßenstelle auch nicht von Däbritz selbst, sondern von den Repräsentanten der beiden
Industriezweige geführt, die den finanziellen Rahmen für das Projekt schufen.⁵⁶ In der
Presse wurden die Initiative zur Gründung des Instituts und die Reise der drei Re-
präsentanten nach Berlin als Weg der „Drei Könige aus dem Mohrenland“ kolpor-
tiert.⁵⁷ Bei den Planungen zur Organisationsstruktur schlug das DIW am 23. November
1942 neben einem Verwaltungsausschuss unter Vorsitz von Ernst Wagemann und ei-
nem Kuratorium, in dem die Förderer der Gründung ihren Platz finden sollten, einen
Präsidenten als Leiter des Instituts vor; Wagemann selbst fand darin als solcher aber
mit keinem Wort Erwähnung.⁵⁸ Wer anders als Walther Däbritz hätte diese Stelle
deshalb naturgemäß besetzen können? Doch im weiteren Verlauf der Umgrün-
dungsverhandlungen der Außenstelle Westen im Jahr 1943 erwies es sich, dass der
Präsident des Berliner DIW auch in Essen die Präsidentschaft übernehmen werde,
während ihm ein Geschäftsführender Direktor für das Tagesgeschäft an die Seite ge-
RWI, Akte Fördergesellschaft: Vortrag Prof. Däbritz Fördergesellschaft, 21.7.1951, S. 7. Zur Grün-
dungsgeschichte insgesamt vgl. ausführlich weiter oben Rainer Fremdling, Punkt 1.2.3.
Neue Ruhr-Zeitung, Nr. 296 vom 20.12.1951. Die Meldung ist insoweit irreführend, als 1926 nicht das
RWI, sondern eine Außenstelle des Instituts für Konjunkturforschung in Essen gegründet wurde,
woran Däbritz in bedeutender Weise beteiligt war.
Genauer dazu oben Rainer Fremdling, Vorgeschichte und Gründung, S. 80 – 94.
Neben Däbritz waren der Essener Oberbürgermeister und ein Vertreter des Bergbauvereins daran
beteiligt.
Seitens des Bergbauvereins war damit Dr. Sogemeier betraut und von der Eisen- und Stahlindustrie
Dr. Steinberg.
„Drei Könige aus dem Mohrenland. Geburtstagsfeier des Rheinisch-Westfälischen Instituts für
Wirtschaftsforschung“, in: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 296 vom 20.12.1951.
RWI: Schreiben Wagemann, Berlin an Vorstand der Gutehoffnungshütte/Oberhausen, der Gel-
senkirchener Bergwerks AG, Fried. Krupp, Essen und der Hibernia AG, Herne vom 23.11.1942.
174 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
stellt wurde.⁵⁹ Diese Funktion wurde von Walther Däbritz übernommen und er be-
hauptete seine Essener Führungsposition auch in diesem Amt, ohne selbst als Prä-
sident zu fungieren.
Ein zweites Mal scheiterte sein derartiges Bemühen um die Übernahme der Prä-
sidentschaft unmittelbar nach Kriegsende. Der nominelle Präsident des RWI, Ernst
Wagemann, hatte ja in Berlin am Ende des Krieges sein Amt als Präsident des DIW an
seinen Stellvertreter Rolf Wagenführ übergeben und die Führung des dortigen Insti-
tuts ging später an Ferdinand Friedensburg über. Damit war das Essener Institut quasi
führungslos geworden, auch wenn Wagemann formell noch als dessen Präsident
geführt wurde. Dies, obwohl er in Berlin nicht mehr als Präsident fungierte, ihm eine
entsprechende Betätigung sogar ausdrücklich verboten war und er alsbald in Süd-
amerika eine neue Position fand.⁶⁰ Formell legte er erst im Jahre 1947 das Präsiden-
tenamt am RWI nieder und wurde darin durch Bruno Kuske ersetzt.⁶¹
Das Essener Institut war nach 1945 zwar quasi „herrenlos“, aber keinesfalls
führungslos. Einer Übernahme der Präsidentschaft durch die bestimmende Persön-
lichkeit vor Ort stand dieses Mal die britische Militärverwaltung entgegen, und die
Probleme mit der Entnazifizierung des Geschäftsführenden Direktors machten es
nötig, Bruno Kuske, den siebzigjährigen Ordinarius aus Köln, mit zahlreichen wirt-
schaftspolitischen und wissenschaftlichen Verpflichtungen in Rheinland und West-
falen betraut und zudem im verkehrstechnisch abgelegenen Neuss wohnhaft, als
Präsidenten des RWI 1947 „vorzuschieben“.⁶² Kuske war unter den gegebenen Be-
dingungen praktisch kaum in der Lage und aus der Sicht seiner persönlichen Inter-
essen wohl auch kaum bereit, das Institut effizient zu führen, sodass diese Aufgabe
weiterhin dem Geschäftsführenden Direktor Däbritz oblag. Schließlich scheiterte auch
der Versuch, Kuske in dem von ihm nur wenig effektiv ausgefüllten Amt als Präsident
des Instituts vorzeitig zu ersetzen, als Däbritz bereits 1948 in diesem Sinne tätig
wurde.⁶³ Kuske blieb bis 1951 im Amt und wurde später durch Theodor Wessels als
Präsident abgelöst. Däbritz hatte sich die Sache offenbar anders vorgestellt, denn in
seinem Vortragsmanuskript zur Mitgliederversammlung der Fördergesellschaft am
21. Juli 1951 finden sich am Schluss folgende Passagen:⁶⁴
Zum Schluss kann ich nicht umhin, Ihnen von einem Beschluss der vorausgegangenen Sitzung des
Verwaltungsrates und der Mitgliederversammlung Kenntnis zu geben. Unser lieber und verehrter
Präsident, Herr Professor Kuske, hat das Präsidium des Instituts niedergelegt. Um seinen weisen Rat
uns auch weiterhin zu erhalten, haben wir ihn zum Ehrenpräsidenten des Instituts ernannt.
Statt seiner ist mir [Unterstreichung i.O.] das Präsidium des Institutes übertragen worden. Auf
meine Initiative hin ist das Institut vor 25 Jahren gegründet worden. Ein sehr wesentlicher Teil meiner
wissenschaftlichen Arbeit hat in diesem Vierteljahrhundert dem Institut gegolten. Das soll auch
weiter so bleiben, so lange es in meinen Kräften steht.
Dessen möchte ich die Mitglieder unserer Fördergesellschaft zum Schluss auf das herzlichste
versichern.
Die beiden letzten Passagen des Manuskriptes wurden von Walther Däbritz hand-
schriftlich gestrichen. Offenbar hatte sich sein Wunsch auf den Zugriff zum Präsi-
dentenamt nicht durchsetzen lassen. Ein Schreiben der Stadtsparkasse Essen hin-
sichtlich der Zeichnungsberechtigung für das Scheckkonto Nr. 28021 lässt diese
Absicht und den lockeren Umgang mit dem Präsidententitel durch Däbritz nochmals
offenbar werden. Die Sparkasse weist darauf hin, dass Prof. Dr. Däbritz und Dr.
Winkelmeyer bei der Eröffnung des Kontos als Zeichnungsberechtigte ihre Unter-
schriftsproben hinterlegt hätten. Gemäß § 8 der Satzung des RWI vertritt der Präsident
aber allein das Institut und damals sei gegenüber der Sparkasse erklärt worden, dass
Prof. Kuske 1947 zwar Präsident gewesen, dieser aber mittlerweile ausgeschieden und
Däbritz an dessen Stelle zum Präsidenten gewählt worden sei. „Für die Rechtsgül-
tigkeit der hinterlegten Unterschriften benötigen wir daher noch eine besondere
Vollmachtserklärung“⁶⁵ – so die Sparkasse, weil laut Protokoll des Verwaltungsrats
des RWI vom 19. Juli 1952 Prof. [Link] zum Nachfolger von Prof. Dr. Kuske gewählt
worden sei. Eine entsprechende Änderung im Vereinsregister (Nr. VR. 705) wurde
vorgenommen.⁶⁶ Dass Kuske durch Wessels ersetzt wurde und bei dessen Ausscheiden
im Jahre 1952 Däbritz auch bei der dritten Gelegenheit nicht zum Präsidenten avan-
cierte, mag am Prestige der Kölner Fakultät gelegen haben und an der weiterhin
praktizierten Form einer lockeren Führung durch den neuen Präsidenten. Walther
Däbritz wurde jedenfalls in seinem Wirken auch unter der neuen Präsidentschaft
kaum eingeschränkt und er blieb das Herz des Instituts bis zu seinem eigenen Aus-
scheiden im Jahre [Link] schließlich unter den gegebenen Umständen in Essen, wer
„unter“ Walther Däbritz Präsident des RWI gewesen ist,⁶⁷ scheint bis in die 1950er
Jahre auch nur von nachrangiger Bedeutung gewesen zu sein.
In diesem Sinne war Däbritz als Geschäftsführender Direktor des RWI bereits
unmittelbar nach Kriegsende, im Juni 1945, aktiv geworden und hatte sich folgerich-
RWI, Akte Grundbuch Erbbau. Haus Altbau: Schreiben der Stadtsparkasse Essen, 4.9.1952.
RWI, Akte Grundbuch Erbbau. Haus Altbau: Schreiben des Amtsgerichts, 18.5.1953. „Der Vorstand
ist neu gewählt.“
Seine überragende Bedeutung im RWI wird auch 1951 mit der Festschrift zu Däbritz‘ 70. Geburtstag
deutlich, in der Beiträge zahlreicher prominenter Autoren versammelt sind: Rheinisch-Westfälisches
Institut für Wirtschaftsforschung (Hg.), Beiträge zur Wirtschaftsforschung. Festgabe für Walther
Däbritz, Essen 1952.
176 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
tig an die Essener Industrie- und Handelskammer gewandt, um die Möglichkeiten der
Weiterführung des Instituts unter den veränderten Bedingungen der Besatzungs-
herrschaft zu eruieren.⁶⁸ Er bekundete dabei u. a. die Absicht, „das Institut zum
führenden wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitut in dem neubegrenzten
territorialen Bereich zu machen“. Diese Einschätzung war wohl auch durch die Be-
setzung Berlins durch die Sowjetarmee begründet, die hinsichtlich der Arbeit des
dortigen Mutterinstituts DIW wenig Optimismus erlaubte. Der Essener Oberbürger-
meister stimmte dem Ansinnen Däbritz’ vollinhaltlich zu, bemerkte aber, dass zu-
nächst unmittelbar dazu nichts geschehen könne, bis in absehbarer Zeit „die Frage der
organisatorischen und finanziellen Neuordnung des Instituts geklärt sei.“ Dazu sagte
er seine Unterstützung zu. Eine Bestandsaufnahme der bestehenden Umstände schien
zunächst unverzichtbar und das betraf vor allem die räumlichen Verhältnisse des
Instituts, die Personalausstattung und seine finanzielle Basis.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Niederschrift über die Besprechung mit Herrn Oberbürgermeister,
Herrn Beigeordneten a. D. Dr. Meurer, Dr. Brandenburger, Professor Dr. Däbritz, Essen, 23.6.1945.
RWI, Akte Grundbuch Erbbau. Haus Altbau. Eine gleichlautende Liste findet sich auch in: RWI,
Akte Chronik. Dazu ausführlich weiter oben bei Rainer Fremdling, S. 98 – 99.
RWI, Akte Grundbuch Erbbau. Haus Altbau.
Es ist daran zu erinnern, dass während dieses Zeitraums die „Ruhrschlacht“ in vollem Gange war
und deshalb die Arbeit des Instituts gewiss nur in sehr eingeschränktem Rahmen möglich war. Vgl.
dazu Tooze 2008, S. 685 f.
4.1 Die Neubegründung des RWI nach 1945 177
terstützung privater Kreise schneller in Gang“ zu bringen, als das wohl allein mit
Unterstützung der Stadt Essen möglich gewesen wäre. Es ging vor allem um die Be-
reitstellung äußerst knapper Baumaterialien, die in diesem Schreiben genauestens
aufgeführt wurden, und um die Umsetzung des Projektes durch die Firma Hagemann
aus Essen. Ein Rohbau konnte bis zum 1. Juni 1947 fertiggestellt werden, mit den
Dacharbeiten wurde im Juni begonnen und alsbald konnten zwei Kellerräume, ein
Raum im Erdgeschoss und ein Raum in der ersten Etage genutzt werden. Bis zum
November 1948, also bis nach der Währungsreform im Juni 1948, wurden so aus-
schließlich durch private Unterstützung von Firmen und Einzelspendern 95 qm Kel-
lerräume, 220 qm Wohn-, 185 qm Geschäfts- und 175 qm Nebenräume errichtet.⁷²
Doch die Freude des RWI an den neu geschaffenen Räumen blieb nicht ungetrübt.
Stadtdirektor Dr. Wolff machte alsbald Ansprüche geltend, diese Räume für städtische
Verwaltungszwecke in Anspruch nehmen zu können, weil die Instandsetzungsarbei-
ten ohne seine Kenntnisse und ohne sein Einverständnis erfolgt waren und sich das
Grundstück Bismarckstraße im Eigentum der Stadt befinde. Dagegen verwahrte sich
Däbritz vehement und erklärte, dass das Grundstück auf dem städtischen Konto
„Stiftungen“ geführt werde und nicht in die Zuständigkeit des Dezernenten Dr. Wolf
falle, das städtische Grundstücks- und Hochbauamt über die Wiederherstellung des
Gebäudes informiert gewesen sei und zudem der Oberstadtdirektor Dr. Rosendahl als
stellvertretender Präsident des RWI von Anfang an bestens in das Projekt eingebun-
den war. Däbritz machte seinem Ärger Luft, indem er bei der Besichtigung des Hauses
darauf hinwies, dass Dr. Wolf besser dankbar sein sollte, „nicht den Trümmerhaufen
von damals mit offenem Dach, einem aufgerissenen Nordflügel und alles in gänzlich
verkommenem Zustand“ vorzufinden.⁷³ Die Kosten des Wiederaufbaus des Hauses
Bismarckstraße 62 für Maurer-, Schreiner- und Anstreicherarbeiten wurden im
Nachhinein (1950) von Däbritz auf 14.254,26 DM beziffert und zugleich eine Bitte um
Beteiligung an diesen Kosten an die Stadt Essen gerichtet.⁷⁴ Auch bat er darum, dass
die Verwaltungsakademie der Stadt, mit der man sich das Haus teilen musste, mög-
lichst bald zum Auszug bewegt werden könne, weil die verfügbaren Räume dem
Platzbedarf des wachsenden Forschungsinstituts nicht mehr genügten.⁷⁵ Eine end-
gültige Lösung der Raumfrage des Instituts wurde dann erst durch den Verwaltungsrat
auf den Weg gebracht, als dieser auf seiner Sitzung vom 19. Juli 1952 beschloss, ein
eigenes Gebäude auf dem Grundstück Hohenzollernstraße 1 zu errichten.
Finanzausstattung
Die „Abteilung Westen“ des IfK Berlin in Essen verfügte 1940 über einen bescheide-
nen Etat von lediglich 35.000 RM jährlich.⁷⁶ Der erste Etat der Abteilung Westen hatte
sich 1926 sogar nur auf 30.000 RM belaufen und musste noch ausschließlich vor Ort
aufgebracht werden.⁷⁷ Er wurde zu gleichen Teilen von der Essener Stadtverwaltung,
dem Verein für die bergbaulichen Interessen in Essen und der Essener Industrie- und
Handelskammer bereitgestellt. Im Rahmen der ins Auge gefassten Erweiterung des
Instituts und um dessen Aufgaben im Zuge des „Neubau[s] einer großdeutschen
Wirtschaft“ gerecht zu werden,⁷⁸ sollte der Etat des Hauses 1940 auf 90.000 RM ver-
dreifacht werden. Zugleich wurde eine Umfirmierung der „Abteilung Westen“ des
vormaligen Instituts für Konjunkturforschung (IfK) in Berlin und nunmehr Deutsches
Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) genannten Berliner Stammhauses in Deut-
sches Institut für Wirtschaftsforschung, Abteilung Westen ins Auge gefasst.⁷⁹ Als
Personalbedarf wurden dafür eine wissenschaftliche Abteilung mit fünf Referenten
sowie ein Büro mit Vorsteher und drei weiblichen Hilfskräften vorgesehen. Kurze Zeit
später verwies Walther Däbritz in einem vertraulichen Bericht auf die Absicht, die
Essener Abteilung, den übrigen Außenstellen des Berliner Instituts vergleichbar, als
Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung zu verselbständigen.⁸⁰ Er
gab mit Bezug auf den Krieg zu bedenken, „welche große Perspektive für den rhei-
nisch-westfälischen Wirtschaftsraum sich künftig aus seinem veränderten Verhältnis
zu Holland, Belgien, Nord- und Ostfrankreich ergeben werde“. Dafür erschien ihm
eine Erhöhung des gegenwärtigen Etats auf 110.000 RM angemessen, von dem die
Hälfte aus Beiträgen der Industrie stammen sollte. Tatsächlich wurden bei Verselb-
ständigung des Instituts für das Geschäftsjahr 1943/44 150.000 RM bereitgestellt,
davon zwei Drittel seitens der Industrie und ein Drittel von der öffentlichen Hand.⁸¹
Die ursprüngliche Finanzausstattung hatte auch über das Kriegsende hinaus
Bestand.⁸² Doch sehr bald kam es unter den Zahlern zu Verzögerungen und Verwei-
gerungen ihrer Beiträge. Walther Däbritz wandte sich deshalb bereits im Januar 1946
mit der Bitte an die IHK Essen, die Finanzen des RWI auf eine neue Basis zu stellen.
Bisher hätten die Gauwirtschaftskammern Düsseldorf, Essen, Westfalen-Süd und
Westfalen-Nord jeweils 12.500 RM jährlich zur Verfügung gestellt. Aufgrund der Be-
schlüsse der Militärregierung sei aber nunmehr unklar, ob die Wirtschaft weiterhin
RWI, Akte Chronik: Gesichtspunkte für den Ausbau des Konjunkturinstituts Essen, 15.10.1940, S. 8.
RWI, Akte Chronik: Chronik, 13.11.1951 (Die Akte wurde vermutlich von Walther Däbritz verfasst).
Ausführlich dazu weiter oben Rainer Fremdling, S. 80 – 81.
Ebda., S. 86.
RWI, Akte Chronik: Institut für Konjunkturforschung, Essen (Walther Däbritz), 11.1.1941, S. 3.
RWI, Akte Chronik: Schreiben (vertraulich) von Walther Däbritz an Dr. von Dryander, DIW Berlin,
26. 2.1943, S. 5.
Finanzielle Restriktionen spielten im Bewirtschaftungssystem der unmittelbaren Nachkriegszeit
mit ihrem Überhang an Reichsmark insgesamt keine entscheidende Rolle. Das änderte sich erst mit der
Währungsreform im Juni 1948, die auch das RWI in eine existentielle Krise stürzte.
4.1 Die Neubegründung des RWI nach 1945 179
mit Pflichtbeiträgen für die Kammern belegt werden könnte und deshalb deren Zah-
lungsfähigkeit gefährdet sei.⁸³ Doch erwies sich diese Sorge als unbegründet und in
der unmittelbaren Nachkriegszeit konnte das RWI unter schwierigen Bedingungen
seine Arbeit fortsetzen und bereits wieder eine Reihe von Forschungsbeiträgen lie-
fern.⁸⁴ Der Etat des Instituts für 1946/47 in Höhe von insgesamt 201.723,46 RM schien
solide finanziert und auch der Voranschlag für 1947/48 in Höhe von 305.000 RM ließ
keine gravierenden Finanzprobleme offenbar werden.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Schreiben von Däbritz an den Präsidenten der IHK Essen (Dr. Theo
Goldschmidt), 28.1.1946. Eine Aktennotiz vom 5. 2.1945 gibt darüber Auskunft, dass auch die IHK
Essen ihren Anteil von 12.500 RM, den sie 1944/45 noch gezahlt hatte, nunmehr auf 6.000 RM redu-
zierte.
Dazu weiter unten ausführlich.
RWI, Akte Chronik: Tätigkeitsbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Abteilung
Westen, für das Jahr 1942/43, S. 4.
RWI: Ausgeschiedene Mitarbeiter des Instituts, Anlage zum Bericht „Die Entstehung der empiri-
schen Konjunkturforschung“ von Walther Däbritz, 13.11.1951.
RWWA 28 – 72– 3, IHK Essen: RWI-Personalübersicht, in: Anlage zum Protokoll der Sitzung des
Verwaltungsrats vom 22. 2.1950.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Rheinisch-Westfälisches Institut für praktische Wirtschaftsforschung.
I. Tätigkeitsbericht für das Geschäftsjahr 1946/47 und Haushaltsrechnung 1946/47. Demnach verfügte
das Institut 1945 über insgesamt 16 Mitarbeiter, die entweder bereits vor 1945 in das Institut eingetreten
waren und es bis 1950 wieder verlassen hatten (9 Personen aus der Liste von 1951) oder die 1950 noch
beschäftigt waren, aber bereits vor 1945 eingetreten waren (7 Personen aus der Liste von 1950). Allein
Dr. Kurt Klag taucht in beiden Listen auf. Dieser war am 1.9.1944 in die Dienste des Instituts einge-
treten, schied aber durch Tod am 5. 5.1951 aus.
Nach seinen Personaldaten kam in den folgenden Jahren die Arbeit des Instituts offenbar weit-
gehend zum Erliegen, denn für die Jahre 1946 und 1947 kann er lediglich einen Personalbestand von
jeweils sechs Mitarbeitern belegen. Erst 1948 mit 14 Personen und 1949 mit 12 Mitarbeitern scheint ein
180 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
aus einem unterschiedlichen Bezugszeitraum der beiden Angaben erklären. Die Lei-
tung des RWI wurde auch 1945 weiterhin durch Walther Däbritz als dem Geschäfts-
führenden Direktor wahrgenommen, unterstützt durch Dr. Gregor Winkelmeyer als
Personalreferenten. Daneben waren im Jahr 1945 sieben wissenschaftliche Referen-
ten⁹⁰ und sieben weitere Mitarbeiter⁹¹ im RWI tätig. Vier der Wissenschaftler und drei
der übrigen Mitarbeiter schieden allerdings bis zur Währungsreform vom Juni 1948
bereits aus, ohne dass Neueinstellungen vorgenommen wurden, sodass sich die Mit-
arbeiterzahl des Instituts bis dahin auf insgesamt neun Personen vermindert hatte.
Eine Personalübersicht von 1950⁹² führt dann für dieses Jahr wieder erneut insgesamt
16 Personen als Angehörige des Instituts an, wovon drei der Institutsleitung zuge-
rechnet werden können;⁹³ sieben weitere arbeiteten als diplomierte bzw. promovierte
Wissenschaftler⁹⁴ und drei Mitarbeiter als „Statistiker“⁹⁵ bzw. sieben als Bürokräfte.⁹⁶
Bald darauf, ab dem Jahr 1952, arbeitete das RWI mit insgesamt 21 Mitarbeitern, von
denen zehn als Wissenschaftler tätig waren, mit neuer Kraft.⁹⁷ Und bis zum Jahr 1954
erhöhte sich der Personalbestand des Hauses sogar weiter auf 47 Personen und hatte
sich damit gegenüber 1945 nahezu verdreifacht.⁹⁸
neuer Aufschwung in der Arbeit des Instituts beobachtbar, doch erzwangen die finanziellen Restrik-
tionen im Zusammenhang mit der Währungsreform seinen Daten zufolge sehr bald wieder Ein-
schränkungen, die sich in einem verminderten Personalbestand 1950 (2 Personen) und 1951 (4 Per-
sonen) niederschlugen. Diese Angaben lassen sich in den Quellen nicht verifizieren. Zu den
Personaldaten siehe Rainer Fremdling, Teil I, Tabelle 1.4. – 3, S. 96 – 97.
Dazu zählten Emil Chandon (1.4.1930 – 31.7.1946), Dr. Else Moldrings (1.4.1930 – 30.4.1945),
Dr. Albert Meurer (1.11.1941– 31.12.1944, bis 1.5.1945 auf Honorarbasis), Dr. Matthias Odenthal (15.7.
1942– 31.10.1945), Dr. Hermann Bohrer (1.9.1944– 1.5.1949, auf Honorarbasis), Dr. Kurt Klag (1.9.
1944– 5. 5.1951, verstorben) und Dr. Paul Wiel (seit 15. 5.1942).
Es handelte sich um die Sekretärinnen Selma Bartilla, später Chandon (1. 2.1928 – 31.7.1945),
Irmgard Schaefer (16. 5.1941– 30.9.1947), Herta Wagner (1.7.1943 – 30.6.1948) und Plötze (seit 16.6.
1943) sowie die Stenotypistin Mittelhesper (seit 1.7.1947), die Büroangestellte Törmer (seit 19.10.1942)
und den Zeichner Bernd Engelhardt (7.9.1942– 30.4.1946).
RWWA 28 – 72– 3, IHK Essen: RWI-Personalübersicht, in: Anlage zum Protokoll der Sitzung des
Verwaltungsrats vom 22. 2.1950.
Dazu zählen Bruno Kuske als Präsident, Walther Däbritz als Geschäftsführender Direktor und
Gregor Winkelmeyer als Personalreferent.
Nämlich Dr. Weil, Dr. Klag, Dr. Bauer, Dr. Winkelmeyer, der allerdings bereits bei der Geschäfts-
führung verortet war, Dipl. Kaufm. Riethmann, Dr. Beckermann, Dipl. Kaufm. Pürsten.
Flecken, Langen, Weiss.
Fischer, Plötze, Maxaner, Schwindling, Mittelhesper, Müller, Törmer.
Nach Hesse 2016, S. 419.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Geburtstagsliste (Stand 15.6.1954).
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 181
Der Wunsch nach einer Neuordnung in sachlicher und finanzieller Hinsicht ergibt sich aus den
Zeitverhältnissen. Die Verkehrsbeziehungen zwischen den Besatzungszonen, die Durchführung
des Industrieplanes, die Währungssanierung, die Festsetzung der Reparationen werden für die
deutsche Wirtschaft eine grundlegend neue Lage schaffen. Der Wiederaufbau wird sich nur auf
Grund langfristiger Planungen durchführen lassen. Bei der Klärung der sich aus all diesen Vor-
gängen ergebenden Strukturprobleme kann wissenschaftliche Forschung sowohl für die Staats-
und Wirtschaftsführung wie für den Einzelbetrieb wertvolle Unterlagen schaffen und Orientie-
rungen ermöglichen. Insbesondere vermag dies die praktische Wirtschaftsforschung, wie sie das
Institut seit jeher betrieben hat.
Dem Autor schien die bislang geleistete Arbeit im Zuge der NS-Kriegswirtschaft of-
fenbar besonders geeignet, beim Neuaufbau von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
mitzuwirken. Insbesondere die bisherige deutliche Orientierung an der praktischen
Umsetzung der Forschungsergebnisse hielt er für erwähnenswert, die auch in einer
neuen bzw. erweiterten Benennung des Instituts ihren Ausdruck fand. Als Aufgaben
eigens hervorgehoben wurden die Wiederaufnahme der Konjunkturforschung, die
sich in der gelenkten Wirtschaft des Dritten Reichs als obsolet erwiesen hatte,
Strukturanalysen und Branchenstudien, die Beobachtung der Dynamik des allge-
meinen Wirtschaftsverlaufes sowie die betriebswirtschaftliche Forschung. Zur Fi-
nanzierung des Instituts im Umfang von 185.000 RM sollten die öffentliche Hand mit
78.000 RM¹⁰¹ und Industrie und Gewerkschaften mit jeweils 50.000 RM¹⁰² beitragen.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Brief des RWI an IHK Essen vom 4.9.1946.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen. So auch der Titel des Memorandums, das offenbar an die örtlichen
Instanzen gerichtet war.
Das Land Nordrhein-Westfalen sollte 50.000 RM, die Stadt Essen 20.000 RM und der Sied-
lungsverband Ruhrkohlenbezirk 8.000 RM beitragen.
Hier sollten die Industrie- und Handelskammern 30.000 RM und die Kohlen- und Eisenindustrie
20.000 RM beitragen sowie die Gewerkschaften 50.000 RM. Die Gewerkschaften lehnten dieses An-
sinnen allerdings ab, obwohl sie an der Arbeit des Instituts durchaus Interesse zeigten. Im Akten-
182 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Die IHK Essen unterstützte diese Initiative unmittelbar und bat bereits einen Tag nach
Vorlage des Däbritz’schen Memorandums sämtliche Kammern der Nord-Rheinprovinz
und Westfalens um finanzielle Unterstützung.
Eine entsprechende Neukonstituierung des RWI als Verein erfolgte auf einer ge-
meinsamen Sitzung des Verwaltungsrates und der Mitgliederversammlung und des
Wissenschaftlichen Beirats dann am 28. Februar 1947.¹⁰³ Das alte Kuratorium hatte
bereits am 12. Februar 1947 getagt und dort eine neue Satzung des Vereins beschlossen
und zugleich Bruno Kuske zum Präsidenten des nunmehr als „Rheinisch-Westfäli-
sches Institut für praktische [Hervorhebung T. P.] Wirtschaftsforschung“ firmierenden
Instituts gewählt.¹⁰⁴ Als Organe des Instituts (§ 7 der Satzung) waren der Präsident als
verantwortlicher wissenschaftlicher Leiter und der Verwalter, ein wissenschaftlicher
Beirat¹⁰⁵ und die Mitgliederversammlung des Vereins als Beschlussorgan vorgesehen.
Im September des Jahres 1947 konnte dann von einer erfolgreichen Wiederbe-
gründung des Instituts berichtet werden.¹⁰⁶ Die in der neuen Satzung vorgesehenen
Gremien, ein Verwaltungsrat und ein Wissenschaftlicher Beirat, waren gebildet wor-
den und das Präsidium war von Prof. Wagemann auf Prof. Kuske Neuss/Köln über-
gegangen. Im Tätigkeitsbericht für das Geschäftsjahr 1946/47 wurde von den drü-
ckenden Alltagssorgen der Mitarbeiter des Instituts berichtet, die „im ganzen gesehen
noch wesentlich ungünstiger als in den vorausgegangenen Kriegsjahren“ waren.¹⁰⁷
Dort ist von unzulänglicher Ernährung und Mangelversorgung, von Verkehrsschwie-
rigkeiten, den durch Bombenschäden beeinträchtigten Arbeitsmöglichkeiten und
unzureichender Beheizung durch Kohlemangel die Rede. Die Arbeitszeit wurde um
ein Viertel vermindert und die Gehälter wurden entsprechend gekürzt. Dafür hätten
auch finanzielle Erwägungen gesprochen, obwohl unmittelbar ein gravierendes Fi-
nanzproblem angesichts des herrschenden Geldüberhangs in der Nachkriegswirt-
schaft nicht ersichtlich war.
Unter den gegebenen Zeitumständen, d. h. unter Beibehaltung des von der NS-
Obrigkeit eingeführten Bewirtschaftungssystems und einer Bargeldschwemme in
Folge einer durch die Kriegsfinanzierung zurückgestauten Inflation, schienen die
Maßnahmen der Geschäftsleitung allerdings weit eher der Freistellung des Personals
für Schwarzmarktgeschäfte und Hamsterfahrten als einer finanziellen Sanierung des
vermerk Driever, IHK Essen vom 6.11.1946 (RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen) heißt es, dass „bei den Ge-
werkschaften zur Zeit kein Geld zur Unterstützung unseres Essener Instituts vorhanden ist“, jedoch sei
„von mangelndem Interesse keine Rede.“
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Protokoll, 28. 2.1947.
Nach der Übernahme der Präsidentschaft des RWI durch Theodor Wessels im Jahre 1952 kehrte
man zur alten Bezeichnung zurück.
Schon bei den Planungen zur Gründung der „Außenstelle Westen“ im Mai 1926 war ein Wis-
senschaftlicher Beirat vorgesehen. Vgl. dazu Rainer Fremdling weiter oben.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Bericht über die Entwicklung des Instituts seit Herbst 1946 vom 15.9.
1947.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Rheinisch-Westfälisches Institut für praktische Wirtschaftsfor-
schung. I. Tätigkeitsbericht für das Geschäftsjahr 1946/47, S. 1.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 183
Abb. 4: Gruppenfoto Ende der 1940er Jahre, in der Mitte Walther Däbritz
Betriebswirtschaftliche Abteilung
Die Betriebswirtschaftliche Abteilung (B-Abteilung) trat zusätzlich neben die bis-
herige Forschungsabteilung und galt nunmehr als gleichrangig gegenüber der
Volkswirtschaftlichen Abteilung (V-Abteilung). Eine dritte Abteilung wurde den bei-
den genannten quasi als gemeinsame Serviceabteilung zugeordnet. Als Leiter der
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Sitzung des Verwaltungsrats am 20.7.1948. Eine derartige Verein-
barung über die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft wurde auf dieser dramatischen Sitzung förmlich
getroffen.
184 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Schreiben Dr. Driever, IHK Essen an Wilhelm Helmrich, Düsseldorf,
3.4.1947. Darin wird darauf hingewiesen, dass sich insbesondere Kuske für eine rasche Berufung
Hasenacks eingesetzt habe, weil sein Kölner Kollege Schmalenbach sich sehr für diesen verwandt
habe.
Mantel 2009, S. 145.
Schneider 1997, S. 215 – 217.
Schneider 2001, S. 254 f.
Engeleitner 1966 und ders. 1976.
Hardach 1971.
RWWA 28 – 72– 3, IHK Essen: Tätigkeitsbericht für die Zeit vom 1. April 1947 bis zum 20. Juni 1948,
S. 2.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 185
ausführlich vorgestellt und intensiv diskutiert.¹¹⁶ Doch konnte die Abteilung in der
Folgezeit innerhalb des Institutes nicht reüssieren. Das mag am Leiter gelegen haben,
der niemals eine Basis der Zusammenarbeit mit Däbritz gefunden hatte, und dessen
Berufung im Nachhinein als Reinfall bezeichnet wurde,¹¹⁷ oder aber auch an den
schwierigen Zeitumständen. Unter den finanziellen Bedingungen unmittelbar nach
der Währungsreform im Sommer 1948 wird jedenfalls geklagt, dass die Betriebswirt-
schaftliche Abteilung bis dahin lediglich hohe Kosten, aber keine zusätzlichen Ein-
nahmen für das Institut gebracht habe,¹¹⁸ obwohl die Wirtschaft ursprünglich zuge-
stimmt habe, diese Abteilung zu finanzieren. Die zugesagte Finanzierung der
Abteilung durch die Wirtschaft wurde von deren Repräsentanten im Verwaltungsrat
allerdings vehement bestritten und man verwies darauf, dass eine derartige Finan-
zierung zu den allgemeinen Aufgaben des Instituts gehöre.¹¹⁹ Auch stießen die Ar-
beitsvorhaben der Betriebswirtschaftlichen Abteilung bei den Essener Wirtschafts-
prüfern auf Widerspruch, weil diese hier eine Bedrohung ihres eigenen
Betätigungsbereiches sahen. Mit einer schlichten Auflösung der Abteilung im Zuge der
notwendigen Sparmaßnahmen nach der Währungsreform 1948 war allerdings die IHK
Essen nicht einverstanden. Dazu findet sich folgende Stellungnahme:
Meine Bedenken gelten nicht nur der Streichung der Betriebswirtschaft aus dem Programm des
Instituts, sondern gelten, worauf ich Prof. Däbritz auch aufmerksam gemacht habe, auch der
Zukunft des Instituts, wenn es sich ausschließlich auf den volkswirtschaftlichen Teil unter Prof.
Däbritz beschränkt. Ich vermute, dass einige Geldgeber nicht mehr bereit sein werden, aus-
schließlich für die volkswirtschaftliche Abteilung zu zahlen.¹²⁰
Gleichwohl wurde die Abteilung nach dem Ausscheiden von Prof. Hasenack im
Sommer 1949 aufgelöst und die verbleibenden beiden Mitarbeiter lediglich als ein
weiteres Referat in das übrige Institut eingegliedert.¹²¹
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Sitzung des Wissenschaftlichen Beirats, 13.6.1947.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen. Bei der ersten Erörterung der Nachfolge Däbritz‘ im August 1949 wird
darauf hingewiesen: Das „ganze Vorgehen der letzten Zeit berühre ihn ähnlich wie die seinerzeitige
Vorbereitung der Einstellung von Herrn Prof. Hasenack. Man dürfe nicht zum zweiten Mal durch allzu
eiliges Handeln wieder hereinfallen.“ Protokoll der Besprechung vom 10. 8.1949. An anderer Stelle
findet man seitens der IHK Essen im Juli 1948 die Feststellung: „Prof. Däbritz macht keinen Hehl
daraus, dass er auch aus sachlichen und persönlichen Gründen nach seiner Überzeugung die Ehe mit
Herrn Prof. Hasenack nicht fortsetzen zu können glaubt.“ RWWA 28 – 72– 2, IHK Essen.
Allerdings lassen sich auch weiterhin Publikationen zur betriebswirtschaftlichen Absatzpolitik
finden: RWI Schriften 007: Robert Nieschlag, Die Dynamik der Betriebsformen im Handel, Essen 1954.
Eine Aufstellung aller erschienenen Hefte in dieser Reihe ist online einsehbar unter: [Link]
[Link]/media/content/pages/publikationen/aufgegebene-publikationsreihen/RWI_RWI-[Link]
[zuletzt abgerufen am 19.12. 2017].
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Schreiben Kuske an Driever, IHK Essen, 11.5.1948.
RWWA 28 – 72– 2, IHK Essen: Vorlage Küster, IHK Essen für Präsidenten Goldschmidt. Betrifft:
Rheinisch-Westfälisches Institut für praktische Wirtschaftsforschung, Juli 1948.
RWI, Akte Verwaltungsrat, Hauptakte Nr. 1: Anlage 2 zum Protokoll der Sitzung des Verwal-
tungsrats vom 22. 2.1950.
186 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Arbeitsgemeinschaften
Als weitaus erfolgreicher als die Einbeziehung betriebswirtschaftlicher Fragestellun-
gen in das Forschungsprogramm des Instituts erwies sich die Begründung einer Ar-
beitsgemeinschaft zunächst mit weiteren Forschungsinstitutionen aus der engeren
Region.¹²² „Bestimmend hierfür war der Wunsch, wichtige materielle und ideelle In-
teressen der wirtschaftlichen Forschung gegenüber den Zonen- und anderen Behör-
den gemeinsam zu vertreten.“¹²³ Schon früh hatte Walther Däbritz auch für eine ein-
heitliche Spitze der bestehenden Wirtschaftsforschungsinstitute im Rahmen einer
Arbeitsgemeinschaft geworben.¹²⁴ Insbesondere eine Wiederbelebung der Konjunk-
turforschung, in der gegenwärtig das Berliner DIW unter Friedensburg führend sei,
erschien ihm zukunftsträchtig, aber auch die Strukturforschung, wie sie durch andere
Institute oder das gerade gegründete süddeutsche ifo-Institut betrieben wurde, er-
öffne bedeutsame neue Erkenntnisse.
Diese frühen, eher noch regional eng begrenzten Ansätze und Anregungen zu
einer Zusammenarbeit wissenschaftlicher Forschungsinstitute wurden auf Initiative
des Bundeswirtschaftsministeriums und gefördert durch Wirtschaftsminister Ludwig
Erhard selbst aufgegriffen und weitergeführt.¹²⁵ Am 25. Februar 1949 hatten sich
nämlich in Königstein im Taunus Vertreter zahlreicher wirtschaftswissenschaftlicher
Forschungsinstitute des damaligen Vereinigten Wirtschaftsgebiets zusammengefun-
den, um auf „Anregung des heutigen [1950] Wirtschaftsministers Prof. Erhard“ zu
fordern, dass „mangels eines zentralen Forschungsinstituts, wie es in früheren Zeiten
das Institut für Konjunkturforschung in Berlin gewesen war, die vorhandenen ein-
zelnen Institute sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen schließen und in enger
Fühlung zur Wirtschaftsverwaltung treten sollten.“¹²⁶
Dort wurde tatsächlich eine Arbeitsgemeinschaft Deutscher Wirtschaftswissen-
schaftlicher Forschungsinstitute¹²⁷ gegründet, zunächst in lediglich loser Form, die
Dazu zählten neben dem RWI die Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund,
das Institut für Weltwirtschaft in Kiel und das Institut für allgemeine und textile Marktwirtschaft an der
Universität Münster in Vreden.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Rheinisch-Westfälisches Institut für praktische Wirtschaftsfor-
schung. I. Tätigkeitsbericht für das Geschäftsjahr 1946/47, S. 5.
„Zersplitterte Wirtschaftsforschung. Zweckmäßigkeit einer einheitlichen Spitze der bestehenden
Institute“, in: Handelsblatt vom 3.9.1948.
Walther Däbritz, „Zentrale Wirtschaftsforschung. Wieder laufende Konjunkturberichte vorgese-
hen“, in: Die Welt vom 12. 5.1949, berichtet von den Anfängen einer koordinierten Wirtschaftsforschung
in Westdeutschland. Er verweist auf erste Erfolge der Zusammenarbeit zunächst in der britischen Zone
1947/48 und die inzwischen erfolgte Gründung der Arbeitsgemeinschaft 1949. Neuerdings dazu auch
Hesse 2016, S. 420.
RWI, Akte Verwaltungsrat, Hauptakte Nr. 1: Anlage 3 zum Protokoll der Sitzung des Verwal-
tungsrats vom 22. 2.1950.
An der Gründung der Arbeitsgemeinschaft waren insgesamt vierzehn Institute beteiligt, nämlich
die Bank Deutscher Länder in Frankfurt am Main, der Bremer Ausschuss für Wirtschaftsforschung, das
Deutsche Büro für Friedensfragen in Stuttgart, die Forschungsstelle der Internationalen Konferenz der
Agrarwissenschaften in Freiburg, die Forschungsstelle für allgemeine und textile Marktwirtschaft der
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 187
allerdings bereits im folgenden Jahr festere Strukturen annahm. Auf einem zweiten
Treffen in Kiel am 9. November 1949 wurde der Arbeitsgemeinschaft die Rechtsform
eines eingetragenen Vereins gegeben, in dessen Vorstand als Vorsitzende Dr. Ferdi-
nand Friedensburg, Präsident des DIW Berlin, Prof. Fritz Baade, Präsident des Kieler
Instituts für Weltwirtschaft, und Präsident Wagner vom Bayrischen Statistischen
Landesamt sowie dem Institut für Wirtschaftsforschung in München gewählt wur-
den.¹²⁸ Auch wurde der Arbeitsgemeinschaft zugleich ein Sekretariat zugeordnet,
dessen endgültiger Sitz nach Bonn nahe der Bundesregierung verlegt wurde. Die
Kieler, Münchener und Berliner Institute entsandten zudem jeweils einen Verbin-
dungsreferenten zum Bonner Sekretariat – das RWI in Essen sah aus Kostengründen
davon ab.
Die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft entwickelte sich außerordentlich erfolgreich.
Zwischen Februar 1949 und 1950 fanden an wechselnden Orten bereits fünf Sitzun-
gen statt, an denen regelmäßig auch Vertreter der wichtigen Ministerien der bizona-
len Verwaltung und später auch der Bundesregierung teilnahmen. Zudem wurde eine
Reihe von Arbeitskreisen gegründet, die speziellen Fragen, z. B. zur Einkommens-
verteilung, zu Flüchtlings-, Europa-, und Ost-West-Themen sowie zu methodischen
Problemen der Konjunkturbeobachtung und der Aufstellung gesamtwirtschaftlicher
Bilanzen nachgehen sollten. Eine Vereinheitlichung der Konjunkturberichterstat-
tung wurde ebenfalls ins Auge gefasst und für den Mai 1950 eine mehrtägige Ar-
beitstagung der Institute aus München, Kiel, Berlin und Essen in Bonn vereinbart,
auf der ein „Versuch gemacht werden [sollte,] einen gemeinschaftlichen Bericht
aller vier Institute zu verfassen, der […] als gemeinsame Veröffentlichung der In-
stitute gilt.“¹²⁹
Bei der Erstellung einer derartigen Gemeinschaftsdiagnose¹³⁰ erlangte das RWI im
Arbeitskreis Konjunkturbeobachtung der Arbeitsgemeinschaft später, dank der lang-
jährigen Tätigkeit des Essener Mitarbeiters Bernhard Filusch als „Federführender“
und Koordinator des Gemeinschaftsunternehmens¹³¹ mit seinem bald auf über fünfzig
Personen gewachsenen Mitarbeiterkreis, eine führende Position. Eine erste derartige
Gemeinschaftsdiagnose erschien im Juli 1950 mit dem Titel „Die Lage der Westdeut-
schen Wirtschaft und der Weltwirtschaft um die Jahresmitte 1950“. Und diese Praxis
wird unter verändertem Titel bis heute fortgeführt.¹³²
Auch erste internationale Kontakte wurden im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft
geknüpft. Doch ein Ärgernis für das RWI blieb hinsichtlich der Zusammenarbeit der
Institute bestehen, denn die Einrichtungen in Berlin, Kiel und München wurden fi-
nanziell durch das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt, das Essener Institut
hingegen zunächst nicht. Als Argument wurde vorgebracht, das Essener sei ein Re-
gionalinstitut und deshalb in erster Linie die Landesregierung für dessen Förderung
zuständig. Walther Däbritz wies aber mehrfach darauf hin, dass die Arbeiten des RWI
auch über die Region hinauswiesen und die Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschafts-
prognose ebenfalls eine paritätische Behandlung des Essener Instituts rechtfertige.
Das Ministerium hatte deshalb ein Einsehen und stellte für das laufende Jahr 1950
einen Betrag von 50.000 DM für das RWI bereit, eine angestrebte Erhöhung auf
100.000 DM war demnach noch nicht gelungen, werde aber weiter betrieben.¹³³
Bernhard Filusch war zunächst ab 1957 als Mitarbeiter an der Aufstellung der Gemeinschafts-
diagnose beteiligt, von 1964 bis 1986 prägte er dann als „Federführender“ ganz wesentlich die Arbeit
des Arbeitskreises.
Bereits nach der dritten Gemeinschaftsdiagnose wurde der Titel erstmals geändert in: Die Lage
der Weltwirtschaft und der westdeutschen Wirtschaft.
RWI, Akte Verwaltungsrat, Hauptakte Nr. 1: Protokoll der Mitgliederversammlung vom 24.6.1950.
Das Kieler Institut hatte bereits im Haushaltsjahr 1949/50 einen Bundeszuschuss von 300.000 DM
erhalten und im Jahr 1950/51 waren insgesamt 1 Mio. DM vorgesehen, wieder 300.000 DM für Kiel und
neu 260.000 DM für Berlin und 240.000 DM für München.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 189
Das Institut setzte seine Arbeit nach der Kapitulation der Wehrmacht und dem
Untergang des Großdeutschen Reichs 1945 nahezu bruchlos fort. Noch vor der Be-
setzung Essens durch alliierte Truppen erschienen im Februar 1945 zwei Studien, mit
denen auch die Reihe der RWI Schriften ¹³⁴ fortgesetzt werden konnte. Die bereits seit
1929 herausgegebenen Konjunkturberichte des Instituts waren mit Beginn des Krieges
nach zehnjähriger Erscheinungsdauer 1938/39 eingestellt worden¹³⁵ und wurden als
regelmäßige Publikation ab dem ersten Jahrgang 1949/50 wieder aufgenommen.¹³⁶ Im
Vorwort zum ersten Band der Konjunkturberichte gab Walther Däbritz einen kurzen
Rückblick auf die Geschichte des RWI seit 1926 und verwies auf zahlreiche Parallelen
in der wissenschaftlichen Arbeit des Hauses zu der Konjunkturberichterstattung seit
1927. Neu erschien ihm nunmehr hingegen, dass neben den konjunkturellen Verwer-
fungen im Wirtschaftsablauf zunehmend auch die strukturellen Ungleichgewichte der
Wirtschaft in den Blick genommen werden müssten. Damit sprach er bereits sehr früh
ein Forschungsfeld an, das für das erneuerte RWI von großer Bedeutung werden
sollte. Darüber hinaus verwies er auch auf die zeitbedingten Mängel des statistischen
Materials, wodurch die Arbeit des Hauses erschwert werde, zumal sich diese ja nicht
mehr nur auf das Ruhrgebiet, sondern auf das gesamte Land Nordrhein-Westfalen
beziehen sollte. Bis heute (2018) werden diese Publikationen als RWI Konjunkturbe-
richte im 69. Jahrgang weitergeführt.¹³⁷
Im Mai 1950 kamen die vierteljährlich erscheinenden Mitteilungen des Rheinisch-
Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung als eine weitere, neue Publikation des
RWI hinzu. Die einzelnen Hefte der Reihe wurden zunächst in hektographierter Form
im DIN-A-4-Format den Mitgliedern der Fördergesellschaft kostenlos zugesandt, waren
ansonsten für eine DM direkt durch das RWI zu beziehen. In den etwa zehn jährlich
erscheinenden Heften im Umfang von zwölf bis sechzehn Seiten wurde knapp über
RWI Sign. 51 als Bände 51/17 und 51/18 fortgesetzt. Als erster Band der Reihe war 1939 eine Arbeit
„Wirtschaftsstruktur und Krisenfestigkeit in 30 rheinisch-westfälischen Großstädten“, RWI 51/1, mit
dem Vermerk: „als Manuskript gedruckt, geheim“ erschienen. Bis 1944 wurden insgesamt 16 weitere
Bände der RWI Studien publiziert. Ab 1951 wurden die RWI Schriften unter Nr. 001 mit „Der Warenkredit
an letzte Verbraucher in Deutschland“ (o.V.) neu begonnen und 2013 mit Nr. 084 von U. Neumann, L.
Trettin und C. M. Schmidt „Förderung lokaler Ökonomie – Fallstudie im Rahmen der Evaluation des
Programms Soziale Stadt NRW“ eingestellt.
Zu Inhalt und Qualität der Konjunkturberichte der Abteilung Westen siehe Rainer Fremdling,
Vorgeschichte und Gründung, S. 47– 50. Eine Liste der Arbeiten findet sich im Anhang auf S. 430 – 434.
RWI Sign. P 34. Konjunkturberichte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für praktische Wirt-
schaftsforschung, Neue Folge. 1. Jahrgang, Essen 1949/50. In diesem ersten Jahrgang 1949/50 firmierte
das herausgebende Institut erst- und einmalig mit dem Adjektiv praktische Wirtschaftsforschung. Im
zweiten Jahrgang fehlte dieses Attribut bereits wieder. Vor dem Krieg war zunächst ein nicht für die
Öffentlichkeit bestimmter Monatsbericht der Abteilung Westen, Essen, des Instituts für Konjunkturfor-
schung, Berlin (abgeschlossen Nov. 1927) erschienen, danach fünf weitere Berichte ohne Signatur bis
Juni 1928 und dann 1929 der erste Jahrgang der Konjunkturberichte der Abteilung Westen, Essen, des
Instituts für Konjunkturforschung, Berlin.
Einzusehen auf der Internetseite des RWI: [Link]
turberichte/ [zuletzt abgerufen am 16.12. 2017].
190 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
die Forschungen des Hauses berichtet. Gelegentlich fanden auch anderwärts bereits
veröffentlichte Arbeiten darin Berücksichtigung.¹³⁸ Darüber hinaus erschienen in lo-
ser Reihenfolge vom Institut verantwortete Einzelschriften zu bestimmten Fragestel-
lungen. Hinzu kamen im Laufe der Jahre einige spezielle Reihen, die mit wechselnden
Arbeitsschwerpunkten des Instituts korrespondierten, die aber wieder eingestellt
wurden.¹³⁹ Daneben verfasste das RWI bereits seit Verselbständigung gegenüber dem
DIW in Berlin im Jahre 1943 eigenständige Gutachten, die schon 1945 fortgesetzt, aber
nur zum Teil veröffentlicht wurden.¹⁴⁰ In allen diesen Publikationen spiegeln sich die
Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts.
[Link] Voraussetzungen
Neue Verwaltungsstrukturen
Mit dem Untergang des Dritten Reichs war die staatliche Ordnung in Deutschland
zerfallen und die örtlichen Militärkommandanten übernahmen die lokalen Verwal-
tungen, bedienten sich vor Ort dabei zumeist des deutschen Personals und deutscher
Expertise.¹⁴¹ In der nordwestlichen Besatzungszone, die zunächst vor allem durch
amerikanische Truppen besetzt worden war, übernahmen die Briten im Mai 1945 in der
ehemaligen preußischen Provinz Westfalen und am 21. Juni auch in der nördlichen
Rheinprovinz das Kommando. Da die ursprünglich vorgesehene gemeinsame Ver-
waltung Deutschlands durch den Alliierten Kontrollrat in Berlin nicht funktionierte,¹⁴²
war die britische Regierung gezwungen, in ihrer Besatzungszone, die neben Westfalen
und den nördlichen Rheinlanden auch die preußischen Provinzen Hannover und
So in Heft 3 (Juli 1950), S. 1– 7: „Die Lage der westdeutschen Wirtschaft und der Weltwirtschaft“,
bearbeitet innerhalb des Arbeitskreises Konjunkturbeobachtung in Bonn im Juli 1950 und verfasst vom
21. bis 24. Juli in München durch das ifo-Institut (München), das DIW (Berlin), das Institut für land-
wirtschaftliche Marktforschung (Braunschweig-Völkenrode), das Institut für Weltwirtschaft (Kiel) und
das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (Essen). In Heft 6 (Oktober 1950), S. 1– 6
findet sich ein Beitrag „Die Lage der westdeutschen Wirtschaft im Herbst 1950“, der dem Heft 1 der
Konjunkturberichte N.F., 2. Jg. des RWI entnommen wurde.
So Schriften und Materialien zu Handwerk und Mittelstand (15 Bde.) und Schriften und Materialien
zur Regionalforschung (11 Bde.).
Über die gutachterliche Tätigkeit des Instituts vor 1945 gibt die RWI-Akte Arbeiten des Instituts
und der Mitglieder, Bd. I (Nr. 1, Sign. 121/1 bis Nr. 6, Sign. 121/6) Auskunft, wobei Nr. 6, Sign. 121/6 in der
Akte fehlt. Interessant erscheinen vor 1945 am ehesten die Ausgaben 121/4: „System Kehrl“ (Mai 1943, 5
S.) und 121/5: „System Speer“ (1943, 7 S.) mit einer Beschreibung und grafischen Darstellung der un-
terschiedlichen Formen der Rüstungswirtschaft unter den beiden zuständigen Ministern. Die Bde. II
(Nr. 7, Sign. 121/7 bis Nr. 41, Sign. 121/41) und III (Nr. 42, Sign. 121/42 bis Nr. 46, Sign. 121/46) enthalten
Gutachten bis zum Jahr 1954.
Zum Folgenden knapp Först 1986. Eine ausführliche Geschichte der Gründung des Landes NRW
auf der Basis der vom Autor selbst editierten Akten der britischen Militärverwaltung bei Steininger
1990.
Benz (2009, S. 51– 59) zum Potsdamer Abkommen und den daraus herzuleitenden Absichten der
Siegermächte.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 191
Darin flossen gewiss auch Erkenntnisse ein, die das Institut in vorausgehenden Gutachten ge-
wonnen hatte. Vgl. RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II (Nr. 7– 41), 121/8: Äus-
serungen zur Frage der Abgrenzung des Ruhrbezirks (27.8.1945, 18 S.) und 121/9: Wirtschaftliche
Struktur von Rheinland und Westfalen (28.7.1945, 14 S. mit 6 Tabellen).
RWI 51/20: Emil C. Chandon, Grundzüge des Bevölkerungs- und Wirtschaftsaufbaus des Briti-
schen Besatzungsgebietes, Essen 1946. Ein zusätzliches englischsprachiges Deckblatt, Inhaltsver-
zeichnis und eine Zusammenfassung erleichterten den britischen Behörden die Nutzung. Vgl. auch
RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II, Nr. 15 (Sign. 121/15) Zur Frage der Län-
derabgrenzung innerhalb des britischen Besatzungsgebiets (Essen, 3.6.1946, 18 S.).
RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II: Nr. 8 (Sign. 121/8): Äusserungen zur
Frage der Abgrenzung des Ruhrbezirks (1945); Nr. 9 (Sign. 121/9): Wirtschaftliche Struktur von Rhein-
land und Westfalen (1945); Nr. 15 (Sign. 121/15): Zur Frage der Länderabgrenzung innerhalb des briti-
schen Besatzungsgebiets (Essen, 3.6.1946, 18 S.); Nr. 14 (Sign. 121/14): Der Bezirk der Industrie- und
Handelskammer für die Stadtkreise Essen, Mülheim und Oberhausen zu Essen (1946) und Nr. 22 (Sign.
121/22): Ergänzung zu den Druckbogen Materialien zu dem Vortrag: Entwicklung und Aufbau des
Ruhrgebiets mit besonderer Berücksichtigung der Stadt Essen.
RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II: Nr. 23 (Sign. 121/23): Zukunftsmög-
lichkeiten der Essener Wirtschaft (1947) und Nr. 26 (Sign. 121/26): Die Essener Industrie im Herbst 1946
(1947).
RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II: Nr. 16 (Sign. 121/16): Die Bedeutung der
Fahrpreiserhöhung für den Berufsverkehr im Ruhrgebiet (1946) und Nr. 30 (Sign. 121/30): Die Struk-
turwandlungen der deutschen Bevölkerung (Britische Zone), (1947).
RWI 51/20: Emil C. Chandon, Grundzüge des Bevölkerungs- und Wirtschaftsaufbaus des Briti-
schen Besatzungsgebietes, Essen 1946, S. 45.
192 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Die geringe Bedeutung der Landwirtschaft für die Erwerbstätigkeit und die Ver-
sorgung der Bevölkerung in der britischen Besatzungszone bestätigte eine weitere
Untersuchung des RWI,¹⁴⁹ ebenso wie die überragende Bedeutung der gewerblichen
bzw. der industriellen Wirtschaft in bestimmten Teilen der Region.¹⁵⁰ Hier, wie in
zahlreichen weiteren Studien, kommt den statistischen Erhebungen der Vorkriegszeit,
in diesem Falle der Betriebszählung von 1939 und dem Industriezensus von 1936, eine
überragende Bedeutung zu, wie Walther Däbritz im Vorwort der Publikation eigens
hervorhob. Neuere statistische Daten für eine „Bestandsaufnahme des industriellen
Volumens des Gebietes der heutigen britischen Zone“ lagen im Jahr 1946 noch nicht
vor. Auf dieser Basis ließen sich einzelne Industriezweige analysieren und darstellen
und so zu einem Bild der Industriestruktur der Region verdichten. Die außerordent-
liche Bedeutung der Produktionsmittelindustrie wurde nochmals eindringlich her-
vorgehoben, ebenso wie die dadurch bedingte besondere Stellung der Großbetriebe
und deren hohe Kapitalintensität. Diese Ergebnisse wurden durch eine Untersuchung
bestätigt, die vier Mitarbeiter des RWI in einer Untersuchung vorstellten, die Walther
Däbritz zu seinem 65. Geburtstag am 21. Dezember 1946 gewidmet war.¹⁵¹ In vier
Beiträgen zur Nicht-Kohlenchemie,¹⁵² zur Kohlenindustrie,¹⁵³ zur Eisen schaffenden
Industrie und zur Eisen und Metall verarbeitenden Industrie schilderten die Autoren
die Entwicklung der vier Branchen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es handelte sich
also um eine überwiegend wirtschaftshistorische, anschauliche, rein deskriptive
Darstellung mit zahlreichen Tabellen und Karten, die z.T. bis auf die Ebene von Ein-
zelunternehmen zurückging. Für das Verständnis der Militärbehörden mag eine sol-
che Darstellung hilfreich gewesen sein, eine Zukunftsperspektive für das Ruhrgebiet
ließ sich daraus nicht herleiten. Und das galt auch für zwei weitere Arbeiten aus dem
Institut, die sich dezidiert mit der Essener Wirtschaft befassten.¹⁵⁴ Ob, wie behauptet,
aus einer historisch-deskriptiven Beschreibung der Essener Industriestruktur tat-
sächlich eine positive Entwicklungsperspektive herzuleiten war, musste sich erst noch
zeigen.
RWI 51/27: Kurt Klag, Die Landwirtschaft innerhalb des britischen Besatzungsgebiets, Essen 1946.
RWI 51/31: Emil C. Chandon, Die Industriestruktur des britischen Besatzungsgebiets, Essen-
Kettwig 1947.
RWI 51/32: Beiträge zur Industriewirtschaft des Ruhrgebietes, Essen-Kettwig 1947. Bei den Autoren
handelte es sich um Dr. Paul Wiel, Dr. Gregor Winkelmeyer, Dr. Kurt Klag und Dr. Hermann Bohrer. Eine
Arbeit von Kurt Klag, Die Standortbedingungen der Eisen schaffenden Industrie des Ruhrgebiets,
Essen-Kettwig 1947, wurde vom RWI dazu noch separat publiziert (RWI 51/35 a). Es handelte sich dabei
um seine im selben Jahr bei Bruno Kuske in Köln angefertigte Dissertation.
Dazu auch RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II: Nr. 35 (Sign. 121/35): Die
Nichtkohlenindustrie in Nordrhein-Westfalen (1947).
RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II: Nr. 13 (Sign. 121/13): Tabellenver-
zeichnis Steinkohlenempfang (1936 – 1941).
RWI 51/33: Hermann Bohrer, Beiträge zu den Struktur- und Standortproblemen der Essener
Wirtschaft, Essen-Kettwig 1947 und RWI 51/33 a: ders., Die Zukunft der Essener Wirtschaft, Essen-
Kettwig 1947.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 193
RWI 51/28: Übersicht über die Struktur des Landes Nordrhein-Westfalen, Essen 1946.
RWI 51/24 a: Zur Frage der Länderabgrenzung innerhalb des britischen Besatzungsgebietes, Essen
1946.
Först 1990, S. 27. Zur Neugliederung vgl. auch Benz 2009, S. 63 f.
Noch 1948 weist Walther Däbritz auf die „Gefahren einer Zerstückelung“ des Landes NRW durch
eine drohende Neugliederung der gerade erst geschaffenen Länder hin, in: Die Welt vom 5.6.1948.
Verordnung der Militärregierung Nr. 46 vom 23. 8.1946: Betreffend die Auflösung der Provinzen
des ehemaligen Preußen in der britischen Zone und ihre Neubildung als selbständige Länder.
Först 1990, S. 43.
194 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Landeszentralbank, um den sich Köln, Essen und Düsseldorf beworben hatten und in
dem Düsseldorf als Sitz der Landesregierung schließlich obsiegte.¹⁶¹
Auch die amerikanischen Militärbehörden hatten in ihrer Besatzungszone nach
Kriegsende rasch neue Länder begründet und deren Führung, dem Ministerpräsi-
denten und den Ministerien, auch Kompetenzen übertragen. Ein Länderrat als ge-
meinsames Organ der Ministerpräsidenten übernahm dabei Koordinierungsfunktio-
nen und dessen Ausschüsse bzw. Unterausschüsse wurden mit zentralen Aufgaben
betraut.¹⁶² In der neu geschaffenen Bipartite Economic Control Group (BECG) ge-
wannen die Ansichten der Amerikaner hinsichtlich der Grundzüge einer liberalen
bizonalen Wirtschaftsordnung bald die Überhand und die Planungs- und Sozialisie-
rungsvorstellungen der Briten wurden zurückgedrängt. Eine Abkehr vom Anspruch
einer umfassenden Produktionsplanung, wie sie in der britischen Zone angestrebt
worden war, wurde unübersehbar und ein „Maximum an wirtschaftlicher Freiheit mit
einem Minimum an Lenkung zu verbinden“, wurde zum erklärten Ziel.¹⁶³ „Der Ver-
such, die Steuerung der Bizonenindustrie mit Hilfe eines Systems direkter Kontrollen
zu handhaben, wurde aber nach der Fusion der beiden angelsächsischen Zonen nicht
ernsthaft weiterverfolgt.“¹⁶⁴
Es kam vielmehr zur Gründung einer Reihe weiterer Institutionen, mit denen
die Grundstruktur unserer heutigen Verfassungsordnung gelegt wurde.¹⁶⁵ Dazu zählte
die Einrichtung eines Wirtschaftsrats in Frankfurt am Main mit 52 Mitgliedern, die von
den Landtagen gewählt wurden. Später (1948) wurde er zu einem Quasi-Parlament
aufgewertet. Diesem waren Direktoren für die fünf verschiedenen zivilen Verwaltun-
gen zugeordnet, die später in einem Kollektivorgan, dem Verwaltungsrat, als eine
Quasi-Regierung zusammengefasst wurden.¹⁶⁶ Der Weg zur Gründung eines West-
staates, der Bundesrepublik Deutschland, war damit beschritten. Und nachdem es auf
der Moskauer Außenministerkonferenz (10. März bis 24. April 1947) in der Deutsch-
landpolitik zum offenen Bruch zwischen den Alliierten gekommen war, ging man auf
diesem Weg weiter voran, und einige Jahre später, am 23. Mai 1949, trat der neue Staat
nach Verkündung des Grundgesetzes offiziell ins Leben.¹⁶⁷ Doch die drängenden
wirtschaftlichen und sozialen Probleme der unmittelbaren Nachkriegszeit waren
Walther Däbritz, „Die Frage des Sitzes der Landeszentralbank. Wirtschaftliche Schwerpunkte als
Grundlage des Bankverkehrs im Spiegel der Statistik“, in: Handelsblatt, Nr. 13 vom 25. 3.1948. Und eine
Entgegnung der IHK zu Köln: „Die Frage des Sitzes der Landeszentralbank. Eine Antwort an Prof. Dr.
Däbritz“ und ein erneuter Kommentar von Däbritz: „Das Schwergewicht des Geldverkehrs. Noch
einmal Köln oder Düsseldorf? – Abschluss der Erörterung“.
So gab es bereits seit Februar 1946 in der amerikanischen Zone einen solchen „Ausschuß für
Wirtschaft, Industrie und Handel“. Vgl. dazu Abelshauser 1975, S. 72.
Keiser 1947, S. 293 f.
Abelshauser 1975, S. 86.
Först 1990, S. 51 f.
Benz 2009, S. 142– 144 und S. 156 – 159.
Zu den einzelnen Schritten der Staatsgründung: Benz 2009, S. 172– 208 und knapp Steininger
1998.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 195
Entnazifizierung
Mit der Niederlage der deutschen Wehrmacht schien es den Alliierten zugleich ge-
boten, durch geeignete Maßnahmen zur Demilitarisierung und Entnazifizierung der
deutschen Gesellschaft beizutragen. Die Entwaffnung und Entlassung aller Wehr-
machtsangehörigen, die Entfernung aller militärischen Anlagen und die Einstellung
der Rüstungsproduktion erwiesen sich dabei als wesentlich einfacher als die Be-
kämpfung nationalsozialistischen Gedankenguts. Basis aller Maßnahmen bildete
eine Übereinkunft der Alliierten auf der Konferenz von Jalta, „alle Kriegsverbrecher
vor Gericht zu bringen und einer schnellen und gerechten Bestrafung zuzuführen.“¹⁶⁸
Die Amerikaner brachten ein groß angelegtes Umerziehungsprogramm der deutschen
Bevölkerung auf den Weg, nach dem alle erwachsenen Deutschen auf der Basis eines
umfangreichen Fragebogens Rechenschaft über ihre Betätigung während der NS-Zeit
abzulegen hatten. Dazu wurden sie von eigens geschaffenen Zivilgerichten, soge-
nannten Spruchkammern, in fünf Kategorien unterschieden, zwischen „Hauptschul-
digen“ auf der einen Seite und „Unbelasteten“ auf der anderen Seite, je nach Schwere
der Verstrickung in die verbrecherischen Aktivitäten des Regimes.¹⁶⁹
In den einzelnen Besatzungszonen wurden die Verfahren mit sehr unterschied-
licher Intensität durchgeführt, zunächst am strengsten wohl in der amerikanischen
Zone,¹⁷⁰ weniger streng in der französischen¹⁷¹ und eher zögerlich in der britischen
Zone.¹⁷² Das ursprüngliche Ansinnen, alle Nationalsozialisten aus Wirtschaft und
Verwaltung zu entfernen, wurde sehr schnell durchbrochen und nur allmählich
konnte sich ein geordnetes Verfahren entwickeln.¹⁷³ In Nordrhein-Westfalen vollzog
sich die Entnazifizierung durch die Besatzungsmacht selbst in einer ersten Phase¹⁷⁴
wenig planvoll. Im Oktober 1947 wurde dann der Landtag aufgefordert, ein entspre-
chendes Gesetz zu erlassen, was aber von der Militärregierung verworfen wurde, und
erst die Kontrollratsdirektive Nr. 38 vom September 1948 schuf eine praktikable Vor-
aussetzung für ein einigermaßen geordnetes Verfahren.¹⁷⁵ Dennoch blieben zahlreiche
Stolper 1949, S. 298 und der Text der Note auf S. 309 – 329. Darauf bezog sich die Direktive JCS 1067
(Joint Chief of Staff) vom 24.4.1945, nach der alle militärischen und nationalsozialistischen Einflüsse
zukünftig aus öffentlichen Dienststellen wie auch dem gesamten kulturellen und wirtschaftlichen
Leben des deutschen Volkes ausgeschaltet werden sollten.
Fürstenau 1969.
Niethammer 1972.
Henke 1981.
Lange 1982 und Krüger 1982. Vgl. auch Benz 2009, S. 112– 119.
Brunn 1995, S. 192.
Basis dafür bot die Kontrollratsdirektive Nr. 24 vom 12.1.1946, die wenig praktikabel formuliert
war.
Först 1990, S. 53 f.
196 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Nahrungsmittelversorgung
Eines der gravierendsten Probleme der westdeutschen Bevölkerung lag in der unzu-
reichenden Nahrungsmittelversorgung, denn große Teile des östlichen Reichsgebiets,
das vor dem Krieg als ein landwirtschaftliches Überschussgebiet gegolten hatte, be-
fanden sich nunmehr unter polnischer Verwaltung oder gehörten zur sowjetischen
Besatzungszone und konnten deshalb zur Versorgung der westlichen Gebiete nichts
beitragen. Auch hatte die Produktivität der Landwirtschaft während des Krieges ins-
gesamt gelitten, es fehlte an Düngemitteln und, nach Freisetzung der landwirt-
schaftlich tätigen „Fremdarbeiter“, auch an Arbeitskräften. Im Chaos des Kriegsendes
blieb den alliierten Militärbehörden daher zunächst nichts anderes übrig, als am
überkommenen Zuteilungssystem durch Lebensmittelkarten festzuhalten.¹⁷⁷ Bis zum
Ende des Krieges war es den deutschen Behörden immerhin noch gelungen, Rationen
im Umfang von 2.000 Kalorien pro Person und Tag auszugeben. Während unter alli-
ierter Obhut 1945 anfangs noch eine Tagesration von 1.550 Kalorien für Normalver-
braucher vorgesehen war, beliefen sich die tatsächlich zugeteilten Rationen im Mai/
Juni 1945 auf lediglich 680 Kalorien. Im August konnten sie auf immerhin 1.150 Ka-
lorien angehoben werden.¹⁷⁸ Den britischen Behörden gelang die benötigte Einfuhr
von Brotgetreide allenfalls zur Hälfte und die geringe Kohleförderung verursachte im
Winter 1946/47 darüber hinaus einen gravierenden Brennstoffmangel für die Bevöl-
kerung. Damit konnte eine hinreichende Ernährung durch das herrschende Bewirt-
In der britischen Zone wurde das Verfahren Ende 1947 in deutsche Hände gelegt, vgl. ausführlich
Krämer 2001 und Lange 1982, S. 232.
Farquarsson 1985.
Boelcke 1986, insb. Kapitel 2, S. 33 – 73. Ähnlich: Benz 2009, S. 87 und Erker 1990.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 197
RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II: Nr. 20 (Sign. 121/20): Die Rationssätze
der 91. und 92. Zuteilungsperiode (Oktober 1946).
Först 1990, S. 36 und S. 41.
Schmitz 1956, S. 499. Vgl. auch Abelshauser 1975, Abb. 11, S. 133.
Kielmansegg 2000, S. 80.
Häusser/Maugg 2009, S. 50 f.
RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II, Nr. 21 (Sign. 121/21): Stellungnahme zur
Sicherung der Ernährungsgrundlagen (Januar 1947). Beispiele aus der Kölner Region bei Dülfer 1996.
Ähnliches galt natürlich auch für die Wohnverhältnisse, vgl. dazu Schulz 1994, S. 31– 45.
Auch wenn naturgemäß Preise auf illegalen Märkten schwierig zu bestimmen sind, finden sich
derartige Angaben bei Möller 1976, S. 469.
Stolper 1964, S. 238.
198 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Wozu also arbeiten, wenn die Arbeit nur Hunger verzögerte, den Verschleiß von Kleidern und
Schuhen beschleunigte, und es gegen Geld allein weder Lebensmittel noch Kleidung, noch
Hausrat, oder sonst etwas Brauchbares zu kaufen gab?¹⁸⁷
Bevölkerungsverschiebungen
Nicht nur die materielle Infrastruktur und der Kapitalstock der deutschen Volkswirt-
schaft waren durch den Krieg schwerwiegend geschädigt worden, sondern auch
hinsichtlich des Arbeitspotentials hatten sich Beeinträchtigungen ergeben. Bereits
mit dem Vorrücken der Roten Armee in das Reichsgebiet hatte eine beachtliche
Fluchtbewegung der deutschen Bevölkerung eingesetzt und der Zustrom von Men-
schen in die mittleren und westlichen Teile des Reichs verstärkte sich noch, als es
nach dem Potsdamer Abkommen zu umfangreichen Zwangsumsiedlungen aus den
nunmehr unter polnischer Verwaltung stehenden Gebieten kam.¹⁹⁰ Nach Gründung
der DDR und der dortigen Bodenreform traten bald Flüchtlinge aus der vormaligen
Sowjetzone, die ihr Glück in der Bundesrepublik suchten, als eine weitere Gruppe
hinzu,¹⁹¹ sodass bereits bis 1946 über 9 Mio. Personen davon betroffen waren und
diese gewaltige Wanderungsbewegung bis Ende der 1950er Jahre insgesamt bis zu 14
Ebda.
Bundesminister für den Marshallplan 1953, S. 23 f. Noch 1948/49 bestanden diese Einfuhren zum
größeren Teil aus Nahrungs- und Futtermitteln sowie Saaten. Erst zu Beginn der 1950er Jahre über-
wogen Rohstoffe für die industrielle Produktion.
So etwa im Rahmen der durch den ehemaligen Präsidenten angeregten CARE-Pakete und der
sogenannten Schwedenspeisungen von Schulkindern.
Edding 1949.
Die unterschiedlichen Gruppen und ihre Versorgungsansprüche aufgrund des Lastenaus-
gleichsgesetzes von 1952 wurden erstmals nach drei Kategorien im Bundesvertriebenengesetz vom Mai
1953 unterschieden.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 199
bis 16 Mio. Menschen umfasste.¹⁹² Im Westen wurde diesen häufig eine wenig
freundliche Aufnahme zuteil, sie wurden zumeist als Fremde und Störende wahrge-
nommen.¹⁹³ Die Sozialstruktur des Landes wurde durch diese Zuwanderung nach-
haltig durchgerüttelt und verändert.¹⁹⁴
Um der Probleme des befürchteten wachsenden Zustroms an Menschen Herr
werden zu können, bedurfte es genauerer Informationen über Umfang, Struktur und
Wirtschaftslage der Bevölkerung an der Ruhr. Auf Anregung des Ruhrsiedlungsver-
bandes unternahm das RWI als erste Studie nach Ende des Krieges bereits im März
1945 eine Untersuchung über die Bevölkerungsstruktur an der Ruhr.¹⁹⁵ Im Vorwort
der Arbeit bedauerte Walther Däbritz, dass trotz mittlerweile erfolgter tiefgreifender
Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur der Region wegen fehlender neuer Daten
auf die Vorkriegsverhältnisse Bezug genommen werden musste. Er verknüpfte damit
allerdings zugleich die Hoffnung, dass „für den künftigen Wiederaufbau wertvolle
Ergebnisse“ vorgelegt werden könnten. Die Tabellen über die Bevölkerung (S. 11– 37),
über das Siedlungs- und Wohnungswesen (S. 38 – 44) und die Wirtschaft der Region
(S. 47– 58) beruhten ausschließlich auf den Daten der Volks-, Berufs- und Betriebs-
zählung vom 15. Mai 1939. Aktuelle Daten über Umfang und Lage der Bevölkerung an
der Ruhr waren erst aus einer Auszählung der Lebensmittelkartenbezieher nach 1945
zu gewinnen. Demnach ließ sich ein deutlicher Rückgang der Bevölkerungszahl an der
Ruhr feststellen, der auf die bis Juni 1946 herrschende Zuzugssperre in die Region
zurückzuführen war.¹⁹⁶ Im Kern des Ruhrgebiets lebten am Ende des Krieges wie in
anderen Großstädten in NRW z.T. nur noch 10 bis 20 Prozent der ursprünglichen
Bevölkerung. Die Wohnungsnot war dort derartig groß, dass die Belegung der vor-
handenen Wohnungen von 1,0 Personen pro Raum (1939) auf 1,4 Personen gestiegen
war.
Nicht nur die Umwälzungen der Bevölkerungsstruktur, auch ihr Zustand und
die Versorgungslage bereiteten den Behörden einiges Kopfzerbrechen. Eine Erhebung
des Gesundheitszustandes der Arbeiter an der Ruhr kam 1946 zu dem bedrückenden
Ergebnis, dass die „Gesundheit der Ruhrarbeiter weit mehr gefährdet [sei] als die
Zu den Zahlen: Benz 2009, S. 99. Pfeil 2003, S. 123 – 124 bezeichnet dies als „größtes Vertrei-
bungsgeschehen in der Weltgeschichte“.
Lüttinger 1986.
Hockerts 1986. Zur amerikanischen Sicht auf das Flüchtlingsproblem vgl.: Der amerikanische
Hochkommissar für Deutschland (Hg.), Bericht über Deutschland, Nr. 5 (Okt./Dez. 1950), S. 69 – 78:
Assimilierung der Heimatlosen; Nr. 9 (Okt./Dez. 1951), S. 70 – 82: Der Abschluss des DP-Programms
[Displaced Persons] und Nr. 10 (Jan./März 1952), S. 65 – 72: Menschen ohne Heimat.
RWI 51/19: Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (Hg.) (Bearbeiterin Frau Dr. Annecke-Mönning-
hoff), Essen 1945.
RWI 51/30: Die Bevölkerungsbewegung im Land Nordrhein-Westfalen vom September 1939–Juni
1946, Essen 1946, und RWI 51/30 a: I. Die Bevölkerungsbewegung im Lande Nordrhein-Westfalen vom
Juli 1946 bis Juni 1947 und II. Die Wohnungsverhältnisse in den Städten Nordrhein-Westfalens in der
Nachkriegszeit, Essen 1947.
200 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
RWI 51/25: Matthias Odenthal, Der Gesundheitszustand der Ruhrknappschaftsmitglieder in dem
Zeitraum 1913 – 1943, Essen 1946.
RWI 51/29: Paul Wiel, Überlegungen und Berechnungen zum Wiederaufbau der Wohnungen in
den Ruhrgebietsstädten, Essen-Kettwig 1947.
RWI 51/25: Matthias Odenthal, Der Gesundheitszustand der Ruhrknappschaftsmitglieder in dem
Zeitraum 1913 – 1943, Essen 1946, S. 27.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 201
waren. Auch stammten die Vertriebenen und Flüchtlinge zumeist aus den ländlichen
Regionen des deutschen Ostens, sodass deren Berufsqualifikationen mit den An-
sprüchen der industrialisierten Westregionen nicht immer übereinstimmten. Gleich-
wohl bildeten sie in der mittleren Sicht ein wertvolles Arbeitskräftepotential, das dann
beim Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nach der Währungsreform zu einer
wichtigen ökonomischen Ressource wurde.²⁰⁰
einer eigenen Behörde ausgebaut wurde.²⁰⁵ Insgesamt setzte die britische Militärver-
waltung in ihrer Zone auf eine stramme Zentralisierung und eine strikte Kontrolle der
ausführenden Behörden, kurzum auf ein System zentraler Planung.²⁰⁶ Damit befand
sie sich in einem fundamentalen Gegensatz zur Politik, welche die amerikanische
Besatzungsmacht in ihrer Zone praktizierte.²⁰⁷ Das führte zu Problemen, als beide
Zonen 1947 in einem Vereinigten Wirtschaftsgebiet (Bizone) zusammengefasst wur-
den.
Schon im Februar 1945, also vor Kriegsende und auch noch vor der Übergabe
Essens an die alliierten Truppen (diese erfolgte am 11. April 1945), machte man sich
im RWI Gedanken über die „zu erwartenden Veränderungen in der Weltkohlenwirt-
schaft“.²⁰⁸ Im Vorwort der Studie gibt Walther Däbritz seiner Erwartung Ausdruck,
dass, obwohl im Laufe des Krieges die Förderkapazitäten für Kohle weltweit deutlich
ausgeweitet worden waren, für das Ruhrgebiet in der Nachkriegszeit dennoch eine
steigende Nachfrage zu erwarten sei. Dem stimmte auch der Autor der Studie zu, der
überdies eine „Wiederherstellung der Förderleistung innerhalb recht kurzer Frist“
erwartete, weil die Zerstörungen in den Bergwerken nicht nachhaltig [Link]
aber drohe ein Problem mit fehlenden Arbeitskräften, sodass ein allgemeiner Koh-
lenmangel bevorstehe. Tatsächlich erwies sich die Förderleistung der Ruhrkohlenze-
chen nach Kriegsende als völlig unzureichend.²⁰⁹ Die Aufrechterhaltung der Förder-
leistung während des Krieges war vor allem durch den steigenden Einsatz von
Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern im Ruhrkohlenbergbau möglich gewesen, de-
ren Anteil an der Belegschaft von 0,7 Prozent (1940) auf 42,6 Prozent (1945) gestiegen
war. Zur Behebung des Kohlenmangels erschien daher eine Erhöhung der Beleg-
schaften der Zechen unvermeidbar, verbunden mit einer Ausdehnung der Arbeits-
Abelshauser 1975, S. 73 – 76. Als wichtigste Behördenzweige entstanden 1946 das Zentralamt für
Wirtschaft (ZAW) unter Leitung von Victor Agartz und das Zentralamt für Ernährung und Landwirt-
schaft (ZEL) unter Leitung von Hans Schlangen-Schöningen. Weitere Zentralämter als Hilfs- und Exe-
kutivorgane der Militärverwaltung folgten. Zu den Verwaltungsstrukturen auch Benz 2009, S. 69 – 75.
Es bleibt daran zu erinnern, dass auch im Vereinigten Königreich selbst unter einer Labour-Re-
gierung zu dieser Zeit entsprechende Planungsaktivitäten und Verstaatlichungen von Schlüsselindu-
strien vorangetrieben wurden.
Abelshauser 1975, S. 81.
RWI 51/17: Auswirkungen des gegenwärtigen Krieges auf die Weltkohlenwirtschaft [handschrift-
lich: bearbeitet von Dr. Friedensburg], Essen 1945. Dabei handelt es sich offenbar um die erste Pu-
blikation des RWI nach dem Zweiten Weltkrieg.
RWI 51/22: Die Ursachen der niedrigen Förderung im Ruhrkohlenbergbau, Essen 1946. Die mo-
natliche Förderleistung hatte im ersten Halbjahr 1944 in etwa auf der Höhe des Jahres 1938 gelegen
(1938 = 100), im Januar 1945 aber nur noch bei gut der Hälfte (53,0 Prozent) und im Februar sogar noch
darunter (46,7 Prozent).Von März bis Juni 1945 lag die Förderung weitgehend still. Im Juni wurde dann
mit 16 Prozent der Leistung von 1938 wieder begonnen und diese bis Februar 1946 wieder auf
41 Prozent gesteigert.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 203
Darüber konnte das RWI alsbald erste bedeutsame Informationen bereitstellen: RWI 51/36: Ar-
beitszeiten und Arbeitsverdienste in den wichtigsten Fabrikationszweigen Westdeutschlands unter
besonderer Berücksichtigung der Eisen- und Metallindustrie. Lohnstatistische Unterlagen aus den
Amtlichen Lohnerhebungen 1938 und 1946, Essen-Kettwig 1948 [„Heltenarbeit“: Bearbeiter: W. Helten,
Beratender Statistiker: H. W. Köllermann, Dipl.-Volksw. Regierungsrat, Düsseldorf].
RWI 51/18: Walther Däbritz, Neue Aufgaben in der Eisenerzversorgung der europäischen Länder,
Essen 1945.
Ebda.
RWI 51/35 a: Kurt Klag, Die Standortbedingungen der Eisen schaffenden Industrie des Ruhrbe-
zirks, Essen-Kettwig 1947.
RWI 51/24 b: Die Bedeutung der Fahrpreiserhöhung für den Berufsverkehr, mit zwei Karten, Essen
1946.
204 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Transportsystem galten im gleichen Maße natürlich auch für den Transport von Waren
und Rohstoffen.²¹⁵
Aber nicht nur der lokale Personenverkehr, insbesondere auch der notwendige
interregionale Austausch von Gütern war schwer beeinträchtigt und das lag nicht nur
am zerstörten Verkehrssystem. Es waren vor allem die Probleme des Außenhandels,
die der Wiederingangsetzung der Wirtschaft im Wege standen.²¹⁶ In der Vorkriegs-
wirtschaft hatte die Ausfuhr der Wirtschaft der britischen Zone etwa 40 Prozent der
Produktion betragen und davon waren 70 bis 80 Prozent in Europa abgesetzt worden.
Die Wiederbelebung der Ausfuhr blieb für die Entwicklung der britischen Zone ein
„dringendes Erfordernis“ (S. 43). Diese Einschätzung wurde von einer genaueren
Untersuchung der Exportstruktur des Gebietes der britischen Zone in der Vorkriegszeit
nachdrücklich gestützt.²¹⁷ Entsprechende Empfehlungen bezogen sich deshalb alle
auf eine dezidierte Förderung der industriellen Ausfuhr.
Der im Krieg aufgestaute Bedarf zahlreicher Länder könne dieser Studie gemäß
nach dem Krieg für die Ruhrindustrie bedeutende Exportchancen eröffnen. Dies gelte
insbesondere für Produktionsgüter, die zwischen hoch entwickelten Industriewirt-
schaften in hohem Maße ausgetauscht werden. Hier könne sich die Ruhrwirtschaft mit
ihrer spezialisierten Qualitätsproduktion möglicherweise einen bedeutenden Anteil
sichern.²¹⁸ Dem standen aber gegenwärtig (1946) noch die Vorgaben des Industrie-
planes entgegen, nach dem nicht nur die Stahlproduktion auf 5,8 Mio. Jahrestonnen
begrenzt bleiben sollte, sondern auch zahlreiche Industriezweige in ihrer Produk-
tionskapazität beschnitten wurden. Damit werde die „gesamte Industrie der briti-
schen Zone einem sehr starken Schrumpfungsprozess“ unterworfen „und eine rasche
Erholung der Wirtschaft“ verhindert. Die „Wiedergewinnung der Ausfuhrkraft der
britischen Zone“ musste vielmehr das Ziel sein und deshalb sollte der alliierte Indu-
strieplan mit einem „Ausfuhrplan“ koordiniert werden. Zur „Hebung der Ausfuhr-
kraft“ waren daher eine verbesserte Rohstoffeinfuhr, eine hinreichende Kohleversor-
gung durch die Abschaffung der Kohlezwangsausfuhren und eine Erhöhung der
Stahlquote im Industrieplan erste Voraussetzungen. Doch diese Vorschläge entspra-
chen zu diesem Zeitpunkt noch einem Wunschdenken der Experten, weit weniger den
realen politischen Gegebenheiten.
Im Sommer 1945 waren immerhin bereits die lebenswichtigen Grundstoffindu-
strien an der Ruhr allmählich wieder in Gang gekommen und die Industrieproduktion
der britischen Zone nahm im zweiten Halbjahr 1945 stetig zu. Sie expandierte dann bis
RWI 51/24: Paul Wiel, Der Güterverkehr des britischen Besatzungsgebietes, Essen 1946.
RWI 51/21: Hermann Bohrer, Die Bedeutung des britisch besetzten Gebietes für die deutsche
Ausfuhr, unter besonderer Berücksichtigung des Außenhandels mit Westeuropa, Essen 1946.
RWI 51/23: Hermann Bohrer, Regional und branchenmäßig gegliederte Ausfuhr des britisch be-
setzten Gebietes, Essen 1946.
RWI 51/26: Hermann Bohrer, Die zukünftigen außenwirtschaftlichen Aufgaben des britisch be-
setzten Gebietes, Essen 1946. Zu dem deutschen Produktionsregime vgl. ausführlich Abelshauser 2003.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 205
zum August des Jahres 1946 ohne spürbare Rückschläge.²¹⁹ Doch im Winter 1946/47
war ein deutlicher Rückgang des Produktionsniveaus zu verzeichnen, der dem hoff-
nungsvollen Aufschwung ein jähes Ende setzte. In der britischen Zone war das ge-
samte Wachstum der Industrieproduktion des vorausgehenden Jahres im Februar 1947
wieder verlorengegangen und auch in der amerikanischen Zone war der industrielle
Output gesunken; der Rückgang hielt sich dort aber im Vergleich zur britischen Zone
in Grenzen. Zur „Lähmungskrise“²²⁰ im britischen Sektor mögen auch die Sozialisie-
rungsbemühungen der Besatzungsmacht und die damit ungeklärten Eigentumsrechte
an den Bergbau- und Hüttenunternehmen beigetragen haben; entscheidend war je-
doch eine „Transportkrise“, die aufgrund eines ungewöhnlich langen und kalten
Winters zum gänzlichen Zusammenbruch des Schifffahrts- und Eisenbahntransport-
systems geführt hatte.²²¹ „Die wirtschaftliche Entwicklung schritt […] gemessen an der
Kapazität der Infrastruktur zu schnell voran, um ein steigendes Transportaufkommen
auch unter saisonal extremen Bedingungen zu bewältigen. Im Winter 1946/47 hatte
der Krieg die deutsche Wirtschaft wieder eingeholt.“²²²
Der erste Versuch einer industriellen Rekonstruktion der deutschen Wirtschaft
war also schon im zweiten Nachkriegswinter gescheitert und das äußerte sich an der
Ruhr vor allem in einem Rückgang der Kohleproduktion und in einer manifesten Er-
nährungskrise. Erst ab dem Jahr 1947 lässt sich ein nachhaltiger Aufschwung der
Industrieproduktion im nunmehr Vereinigten Wirtschaftsgebiet beobachten, der sich
in den offiziellen Produktionsstatistiken nur unzureichend niederschlägt. Denn ein
beachtlicher Teil der Produzenten brachte in Erwartung einer baldigen Währungsre-
form die zusätzliche Produktion nicht gegen Einnahmen an wertloser Reichsmark an
den Markt, sondern hortete sie in der Hoffnung auf eine werthaltige Währung im
Lager. Erst mit der Währungsreform in Juni 1948 drängten diese Waren dann auf den
Markt und machten das möglich, was von manchen Zeitgenossen als Wunder wahr-
genommen wurde, nämlich ein plötzlich reichhaltiges Warenangebot.
Benz 2009, S. 103. In der britischen Zone fielen darunter 496 Betriebe, in der amerikanischen Zone
lediglich 166. Die amerikanische Regierung hatte aber bereits am 3. 5.1946 einen Demontagestopp in
ihrer Zone verfügt.
Revidiertes Abkommen über Industriekontrollen, in: Der amerikanische Hochkommissar für
Deutschland (Hg.), Bericht über Deutschland, Nr. 6 (Jan./März 1951), S. 181– 193.
Vgl. dazu weiter unten Punkt 4.2.1.
RWI Sign. 52, 1: Wilhelm Hasenack, Betriebsdemontagen als Reparationsform. Beweggründe und
Zeitpunkt der Demontage-Aktion, Essen-Kettwig 1948 (RWI, Schriften der Betriebswirtschaftlichen
Abteilung, H. 1); RWI Sign. 52, 2: ders. (unter Mitarbeit von Dipl. Ing. Th. Macht),Wirtschaftsgefahren an
der Ruhr durch Demontagen, Köln 1948 (RWI, Schriften der Betriebswirtschaftlichen Abteilung, H. 2)
und RWI Sign. 52, 3: ders., Dismantling in the Ruhr Valley. A Menace to European Recovery (ERP), Köln
1949 (RWI, Publications of the „Betriebswirtschaftliche Abteilung“).
RWI Sign. 52, 1: Wilhelm Hasenack, Betriebsdemontagen als Reparationsform., S. 88 – 91.
RWI Sign. 52, 3: Wilhelm Hasenack, Dismantling in the Ruhr Valley.
4.2 Die Wiederaufnahme der Institutsarbeit 1945 – 1948 209
weiteren Studie aufgezeigt:²³⁶ Die Ruhrdemontagen würden auf die übrige deutsche
und europäische Wirtschaft ausstrahlen und diese entscheidend schwächen. Zudem
waren in vielen Fällen die Demontagegüter für die Gläubiger zumeist wertlos, weil sie
nicht ohne Weiteres genutzt werden konnten. Konsequenterweise wurde ein sofortiger
Demontagestopp gefordert sowie eine erneute Überprüfung der endgültigen Demon-
tageliste. Ein solcher Stopp sei aber gegenwärtig (1948) noch nicht durchsetzbar, weil
damit das Eingeständnis der Alliierten eines „Scheiterns“ ihrer Politik verbunden
wäre.
Die Demontagepolitik der Alliierten erwies sich in ökonomischer Hinsicht je-
doch als völlig sinnlos und führte weder zu einer volkswirtschaftlich relevanten
Vernichtung von Kapazitäten noch behinderte sie den Wiederaufbau des deutschen
Produktionspotentials. Ganz im Gegenteil, gelegentlich wird ihr sogar im Hinblick auf
Rationalisierung und Modernisierung der deutschen Industrie eine segensreiche
Wirkung zugeschrieben.²³⁷ Die vorhandenen Kapazitäten konnten in der Nach-
kriegszeit wegen des Mangels an Rohstoffen und Arbeitskräften nicht voll genutzt
werden. Und das tatsächliche Produktionspotential war weitaus größer als allgemein
angenommen, denn das Ausmaß der Kriegszerstörungen wurde von den Zeitgenossen
bei Weitem überschätzt, die sich „nahezu auf die Anfangszeiten der Industrialisierung
in Deutschland zurückgeworfen“ sahen.²³⁸ Nach verschiedenen Schätzungen soll die
Verminderung des gewerblichen Anlagevermögens an der Ruhr bis 1945 etwa ein
Viertel des Bestandes von 1936 betragen haben. Eine Neuberechnung kommt hinge-
gen zu dem Schluss, dass es in diesem Zeitraum wegen der außerordentlich hohen
Neuinvestitionen während der NS-Zeit um etwa 20 Prozent gewachsen sei und deshalb
in Deutschland 1945 deutliche industrielle Überkapazitäten bestanden hätten, die
auch durch die Demontagen nicht abgebaut worden seien.²³⁹
Was die Reparationen anbetraf, die Deutschland an die Kriegsgegner leisten
sollte, wurden auf der Pariser Reparationskonferenz im November/Dezember 1945
bestimmte Quoten festgelegt, nach denen die 18 Siegerstaaten aus den Westzonen
entschädigt werden sollten. Die Interalliierte Reparationsagentur in Brüssel widmete
sich ab 1946 der Verteilung der eingehenden Leistungen.²⁴⁰ Insbesondere die So-
wjetunion hatte bereits Reparationen von 10 Mrd. US-Dollar reklamiert, doch die
westlichen Alliierten wollten sich nicht auf eine derartige Forderung einlassen, weil
sie dadurch eine Beeinträchtigung des Wiederaufbaus in Westdeutschland fürchte-
RWI Sign. 52, 2: Wilhelm Hasenack, Wirtschaftsgefahren an der Ruhr durch Demontagen, S. 4– 6
und 161– 164.
So z. B. Hans-Günther Sohl, „Nur die Sanktionen machten einen Aufstieg der Stahlindustrie
möglich“, in: Welt am Sonntag, Nr. 23 vom 4.6.1989, S. 44: „Demontage und Entflechtung waren
Wirtschaftssanktionen, die letztendlich dazu beitrugen, dass die deutsche Stahlindustrie anderen
Nationen überlegen war.“ Vgl. dazu: Pierenkemper 1999, S. 84.
Detmolder Memorandum nach: Möller 1961, S. 117.
Abelshauser 1975, S. 115 – 125.
Benz 2009, S. 102.
210 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
ten, durch die sie höhere Versorgungslasten für die deutsche Bevölkerung zu über-
nehmen gezwungen wären.²⁴¹ Deshalb einigte man sich darauf, dass jede Besat-
zungsmacht ihre Reparationsforderungen aus ihrer eigenen Zone befriedigen solle.
Reparationsleistungen aus der britischen Zone wurden bereits im Mai 1946 einge-
stellt.²⁴² Da weder die Amerikaner noch die Briten derartige Ansprüche im großen Stil
anmeldeten, kamen die Bewohner Westdeutschlands relativ günstig weg, ganz anders
hingegen die Bevölkerung Ostdeutschlands.²⁴³ Hier lässt sich der Wert der Reparati-
onsleistungen an die Sowjetunion auf mindestens 14 Mrd. US-Dollar veranschlagen.²⁴⁴
Für den westdeutschen Wiederaufbau und für die Ruhrindustrie im Besonderen
spielten deshalb Reparationen eine untergeordnete Rolle.
regierung vom 17. Juni 1947 wurde das Ziel einer gemeinwirtschaftlichen Orientierung
der neuen Wirtschaftsverfassung ausdrücklich hervorgehoben.²⁴⁸ Als im August 1946
die Eisen- und Stahlwerke an der Ruhr einer deutschen Treuhänderverwaltung un-
terstellt wurden, schien der Moment günstig, mit der Vergemeinschaftung des Ei-
gentums an der Ruhrindustrie voranzuschreiten. Die britische Regierung, ihre Mili-
tärbehörden in Deutschland, die deutschen Gewerkschaften und zahlreiche deutsche
Politiker waren dem Vorhaben durchaus zugeneigt, doch dieser Versuch scheiterte
letztlich an den Amerikanern, die ja ab dem 1. Januar 1947 im Rahmen des nunmehr
Vereinigten Wirtschaftsgebiets ebenfalls Einfluss auf die Gestaltung der Verhältnisse
an der Ruhr gewannen. Sie verzögerten die Entwicklung maßgeblich, veränderten die
Entscheidungsprozesse²⁴⁹ und wirkten darauf hin, der kommenden Bundesregierung
den Beschluss über die Eigentumsverfassung der Montanindustrie an der Ruhr zu
überlassen.
Unmittelbar nach der Besetzung des Ruhrgebiets durch alliierte Truppen im
Frühjahr 1945 war die Rhein-Ruhr-Kontrollabteilung gegründet worden, der sogleich
die Sicherung der Förderanlagen der Zechenbetriebe, die Aufrechterhaltung der För-
derung und die Verteilung der Kohlen übertragen wurde.²⁵⁰ Die britische Militärver-
waltung war im Rahmen der Alliierten Militärkommission (AMK) für die Ruhrkoh-
lenindustrie zuständig und gründete als Leitungsorgan eine West German Coal
Control (WGCC) mit Sitz in Essen. Diese Institution änderte im Laufe ihrer Existenz
mehrfach ihren Namen und ging schließlich, nach Beitritt der Amerikaner zur Bizone
1947, in der US/UK Coal Control auf.²⁵¹
Eine Beteiligung deutscher Stellen an der Verwaltung der Ruhrzechen wurde erst
durch Verordnungen der britischen und amerikanischen Militärregierungen im No-
vember 1947 geschaffen. Daraufhin wurde die Deutsche Kohlenbergbauleitung ge-
gründet, der ein verantwortlicher Generaldirektor vorstand, dem weitere Direktoren
für einzelne Sachgebiete zugewiesen wurden. Ein Beirat mit Vertretern der Arbeit-
nehmer und der Alteigentümer wurde der Leitung zur Seite gestellt. Die Alteigentümer
der Zechen und ihre Geschäftsleitungen hatten jeglichen Einfluss auf den Betrieb der
Bergwerke verloren. Die rechtliche Grundlage für das Handeln der Alliierten bildete
das Kontrollratsgesetz Nr. 53, durch das alle industriellen Vermögenswerte in
Deutschland der alliierten Kontrolle unterworfen worden waren. Durch die Verfügung
der britischen Militärregierung Nr. 5 vom 22. Dezember 1945 wurde es für den Ruhr-
bergbau präzisiert und löste diesen zugleich von allen Bindungen an die Eisen- und
Stahlindustrie. Unter diesen Bedingungen arbeitete die gesamte Kohlewirtschaft an
der Ruhr bis 1950.
Erst mit dem Gesetz Nr. 27 der Hohen Kommission vom 16. Mai 1950 ging man
daran, die Eigentumsverhältnisse des Ruhrkohlenbergbaus neu zu ordnen. Richt-
punkte einer Neuordnung waren erstens die Verhinderung einer übergroßen Kon-
zentration der Branche durch die Schaffung zahlreicher, in Wettbewerb zueinander
stehender Bergbauunternehmen und zweitens die Auflösung des Kohle-Eisen-Ver-
bunds an der Ruhr.²⁵² Zu diesem Zweck wurden insgesamt 23 neue „Einheitsgesell-
schaften“ des Steinkohlenbergbaus an der Ruhr geschaffen, wobei alle ehemaligen
sogenannten „Hüttenzechen“ nunmehr von den Eisen- und Stahlwerken getrennt
wurden. Eine Steigerung der Kohleförderung dieser Unternehmen lag im Interesse
aller Beteiligten, über die Eigentumsverhältnisse an den neu geschaffenen Berg-
werksgesellschaften war hingegen noch nicht entschieden. Im Unterschied zur Koh-
lenwirtschaft hatten die Alliierten an einer Steigerung der Eisen- und Stahlproduktion
an der Ruhr kein Interesse. Der gültige Industrieniveauplan sah vielmehr eine Redu-
zierung der Produktionskapazitäten dieses Sektors vor.
Eine formelle Beschlagnahme der Werke der deutschen Eisen- und Stahlindustrie
erfolgte am 20. August 1947, und die eigens dazu geschaffene North German Iron
and Steel Control (NGISC) übernahm die treuhänderische Verwaltung der Vermö-
genswerte der Unternehmen. Ähnlich wie in der Kohlewirtschaft wurde auch hier eine
deutsche Behörde geschaffen, die Treuhandverwaltung der NGISC, die in Düsseldorf
ihren Sitz nahm und das Tagesgeschäft der Hüttenunternehmen betrieb. Erste Über-
legungen von deutscher Seite sahen auch hier eine Ausgründung von 24 neuen
„Stahlunternehmen“ vor, stießen aber auf alliierte Vorbehalte, weil die britische Re-
gierung ihre Pläne einer Sozialisierung der deutschen Montanindustrie noch nicht
aufgegeben hatte. Das Gesetz Nr. 75 der alliierten Militärverwaltung vom 10. November
1948 über die „Umgestaltung des deutschen Kohlenbergbaus und der deutschen Ei-
sen- und Stahlindustrie“ schuf eine gesetzliche Grundlage für die Umgestaltung der
deutschen Montanindustrie. Ein Exekutivorgan, der Stahltreuhänderverband, wurde
geschaffen, um ähnlich der Kohlewirtschaft auch der Eisen- und Stahlindustrie eine
neue Unternehmensstruktur zu geben. Eine abschließende Regelung der Eigentums-
verhältnisse wurde hingegen ausdrücklich der zukünftigen deutschen Regierung
vorbehalten. Eine Sozialisierung war damit endgültig vom Tisch.
Die Entflechtung der deutschen Eisen- und Stahlindustrie endete mit einem
Kompromiss zwischen alliierten und deutschen Interessen. Während die Alliierten vor
allem an einer Dekartellisierung und Entflechtung der deutschen Schwerindustrie
interessiert waren, ging es den deutschen Vertreten, zu denen mittlerweile auch die
Bundesregierung gehörte, um eine Aufrechterhaltung der bewährten Verbundwirt-
schaft in der Branche. Im Ergebnis wurden auch hier 26 neue „Einheitsgesellschaften“
geschaffen, in denen sich die Kerne der Konzerne von Hoesch, Klöckner und Man-
nesmann wiederfanden. Zwar waren auch die Vereinigten Stahlwerke in dreizehn
1939 waren etwa 55 Prozent der gesamten Kohleförderung an der Ruhr durch die großen Mon-
tankonzerne kontrolliert worden.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 213
Das RWI war von allen Nöten der frühen Nachkriegszeit unmittelbar betroffen. Zu-
nächst hielten die „abnormen Verhältnisse, die unzulängliche Ernährung und andere
Schwierigkeiten, unter denen das Institut im Jahre 1946/47 zu arbeiten genötigt ge-
wesen war“,²⁵⁹ auch 1948 weiter an. Dramatisch wurde die Lage aber erst nach der
Währungsreform: „Durch die Währungsreform ist die jetzige und künftige Lage des
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Rundlauf der V. [Volkswirtschaftlichen] und B. [Betriebswirtschaft-
lichen] Abteilungen vom 25.6.1948.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Abschrift. Planungen mit Datum 13.7.1948.
RWWA 28 – 72– 2, IHK Essen: Vorlage Küster, IHK Essen für Präsidenten Goldschmidt. Betrifft:
Rheinisch-Westfälisches Institut für praktische Wirtschaftsforschung, Juli 1948.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Rhein.-Westf. Institut für praktische Wirtschaftsforschung, Essen,
24. 8.1948.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 215
Fördergesellschaft
Eine Anregung aus der Diskussion des Verwaltungsrats um die Finanzlage des Insti-
tuts vom 20. Juli fiel allerdings auf fruchtbaren Boden. Tatsächlich wurde die Grün-
dung einer Fördergesellschaft ins Auge gefasst und zum 7. März 1949 eine Einladung
zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Rheinisch-Westfäli-
schen Instituts für praktische Wirtschaftsforschung“ in das Hotel Kaiserhof in Essen
ausgesprochen.²⁶⁶ Bereits im Juni 1950 konnte Däbritz dann hinsichtlich der Förder-
gesellschaft festhalten, dass deren Zuschüsse dem Institut „ganz wesentlich ermög-
licht [haben], über die Schwierigkeiten hinweg zu kommen, die uns die Währungs-
reform bereitet hatte, und sie haben uns auch im laufenden Jahr den schrittweisen
Ausbau des Instituts erleichtert“.²⁶⁷ Schon 1951 ließ sich festhalten, dass nach den
finanziellen Schwierigkeiten, die mit der Währungsreform 1948 über das Institut ge-
kommen waren, eine Fördergesellschaft wertvolle Hilfe geleistet hatte.²⁶⁸
RWWA 28 – 72– 3, IHK Essen: Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrats vom 22. 2.1950.
Dabei ging es um die Umsetzung der von den Alliierten verfügten Zerschlagung des Kruppschen
Industriekomplexes, vgl. dazu Gall 2002, S. 473 – 511.
RWWA 28 – 72– 3, IHK Essen: Einladung zur Gründungsversammlung am 7. März 1949 und
„Satzung der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Rheinisch-Westfälischen Instituts für prak-
tische Wirtschaftsforschung, Essen“.
RWI, Akte Verwaltungsrat, Hauptakte Nr. 1: Sitzung der Fördergesellschaft am 24.6.1950.
RWWA 427– 23 – 11, Volks- und Betriebswirtschaftliche Vereinigung: Das 25jährige Bestehen des
Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, S. 2.
216 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Wissenschaftlicher Beirat
Im Jahr 1950 kam es auch zu einer Änderung der Satzung des Trägervereins und zu
entsprechenden organisatorischen Umgestaltungen im Institut. Bis dahin hatte es
lediglich einen dreiköpfigen Vorstand, eine Mitgliederversammlung, die zugleich in
identischer Zusammensetzung als Verwaltungsrat fungierte, und einen Wissen-
schaftlichen Beirat gegeben. Im Vorfeld der Beschlussfassung über die geplante Sat-
zungsänderung hatte Walther Däbritz den Mitgliedern des Verwaltungsrates die In-
formation zukommen lassen, dass „der Wissenschaftliche Beirat wegfallen“ solle.
Er argumentierte, „ein solches Instrument ist wohl da zweckmäßig, wo ein Institut
nicht über eigene Sachkenntnis verfügt.“²⁶⁹ Diese sei im RWI doch offenbar in aus-
reichendem Maße vorhanden, sodass ein derartiges Organ überflüssig erscheine. Eine
Änderung, nach der das Institut nunmehr über drei Organe verfügte (§ 7), nämlich
einen Präsidenten, den Verwaltungsrat und die Mitgliederversammlung, wurde tat-
sächlich am 22. Februar 1950 beschlossen, und den bisherigen Mitgliedern des Wis-
senschaftlichen Beirats, unter denen sich immerhin so renommierte Wissenschaftler
wie Alfred Müller-Armack und Eugen Schmalenbach befanden, wurde mit Schreiben
vom 10. März 1950 lakonisch mitgeteilt, dass der Beirat aufgelöst worden sei und man
ihnen für ihre Mitarbeit danke.²⁷⁰
Dieses Vorgehen wirft ein bezeichnendes Licht auf das Selbstverständnis und
die Arbeitsweise des RWI und die wissenschaftliche Führung des Hauses zu Beginn
der 1950er Jahre. Offenbar dominierte gänzlich das Interesse an der praktischen
Umsetzung der Arbeit und man suchte deshalb eine enge Verzahnung mit der re-
gionalen Industrie. Deren wichtigste Vertreter fanden sich dann auch im Verwal-
tungsrat, der seine Arbeit fortan auf die Artikulation der Bedürfnisse der Industrie und
auf die Aufbringung zusätzlicher Mittel für die Arbeit des Instituts konzentrierte. Eine
Zusammenarbeit mit den Wirtschaftswissenschaften und der Volkswirtschaftslehre
der frühen Bundesrepublik wurde nicht gesucht.²⁷¹ Diese verhängnisvolle Weichen-
stellung zu Beginn der 1950er Jahre sollte sich später rächen, weil auf dem einge-
schlagenen Weg der Austausch mit der sich wandelnden und fortentwickelnden
Volkswirtschaftslehre weitgehend verlorenging und eine stark an den Bedürfnissen
der regionalen Industrie orientierte Wirtschaftspolitik in die Sackgasse führte. Dieser
Mangel einer Rückbindung der Arbeit des Institutes an die Wirtschaftswissenschaften
war 1982 einer der Hauptkritikpunkte der Begutachtung der Leistungen des RWI durch
den Wissenschaftsrat und brachte das Institut nahe an eine Schließung.²⁷²
RWI, Akte Verwaltungsrat, Hauptakte Nr. 1: Schreiben Däbritz’ an Dr. Kluitmann, 20. 2.1950.
RWI, Akte Verwaltungsrat, Hauptakte Nr. 1: Protokoll der Mitgliederversammlung, 24.6.1950 und
Schreiben Kuskes an die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats. Hier findet sich auch eine Liste
sämtlicher Mitglieder des Gremiums.
Hesse 2010.
Wissenschaftsrat 1982, S. 65 – 76 und dazu weiter unten ausführlich in Kapitel 6.2.2.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 217
Institutsleitung
Angesichts des fortgeschrittenen Alters des Wissenschaftlichen Direktors kam es im
Sommer 1948 zu einer ersten Diskussion um die Nachfolge von Walther Däbritz in
diesem Amt. Weil der seitens der IHK aus eigenen Reihen vorgeschlagene Nachfolge-
Kandidat zwar als „begabter Journalist“ bezeichnet, aber wissenschaftlich als nicht
hinreichend ausgewiesen erachtet wurde, kam es zu Unstimmigkeiten und zum
Rückzug von Direktor Hundhausen aus der Leitung der Fördergesellschaft, der den
Kandidaten vorgeschlagen hatte.²⁷³ Es wurde argumentiert, dass eine derartige Per-
sonalentscheidung hinsichtlich der Führung des Instituts insbesondere die gegen-
wärtigen Bemühungen um eine Wiederaufnahme der Konjunkturberichterstattung
konterkarieren würde. Dieser Einschätzung stimmte auch Däbritz zu und würde, wenn
er seinem persönlichen Anliegen, aus Altersgründen heraus – er ging zu diesem
Zeitpunkt immerhin bereits auf die Siebzig zu – „in die zweite Reihe“ zurückzutreten,
folge, „den besten Repräsentanten der Wagemann Schule in unserer Nähe“ bevor-
zugen. An anderer Stelle nannte er Dr. Wagenführ als einen geeigneten Kandidaten.²⁷⁴
Auf einer Besprechung²⁷⁵ mit Repräsentanten der Stadt und der IHK Essen am
10. August 1949 wurde jedoch der gemeinsame Beschluss gefasst, Däbritz zunächst in
seinem Amt zu belassen. Die ganze Angelegenheit sollte um eineinhalb Jahre bis zum
Ausscheiden Kuskes als Präsident verschoben werden. Bedauert wurde auch, dass
Däbritz nicht frühzeitig einen Nachfolger benannt habe. Von einem Ausscheiden
Däbritz’ war dann allerdings in den folgenden Jahren nicht mehr die Rede und er blieb
bis 1955, also fast bis zu seinem 75. Geburtstag, im Amt.
Während Walther Däbritz in dieser schwierigen Zeit mit großer Energie die Ver-
hältnisse des Instituts neu ordnete, „thronte“ Bruno Kuske weitestgehend als Präsi-
dent über allem. In das Tagesgeschäft war er kaum eingebunden, leitete zumeist die
Gremiensitzungen, hielt Festansprachen und repräsentierte das RWI nach außen. Für
ein größeres Engagement im Institut fehlten ihm auch sämtliche Voraussetzungen: Er
lebte fernab Essens in Neuss bzw. Köln, war als Wirtschaftshistoriker hervorragend
ausgewiesen, nicht aber in der empirischen Wirtschaftsforschung verankert, und
bekleidete neben seinem Kölner Ordinariat²⁷⁶ zahlreiche weitere bedeutende Ämter in
Politik und Wissenschaft.
Bruno Kuske wurde am 29. Juli 1876 in Dresden geboren. Er stammte aus einfachen
Verhältnissen, denn sein Vater, evangelischer Konfession, arbeitete dort als Schneider-
meister. ²⁷⁷ Aufgrund seiner sozialen Herkunft begann seine Bildungskarriere zunächst
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Schreiben Dr. Rudolf Reguls an Däbritz, 29.7.1949.
RWWA 28 – 72– 1, IHK Essen: Briefwechsel um Nachfolge von Däbritz zwischen dem 2. und 10. 8.
1949.
Anwesend waren Oberbürgermeister Goldschmidt, Stadtdirektor Rosendahl, Dr. Küster (Haupt-
geschäftsführer der IHK Essen) und Däbritz selbst.
In Köln fungierte er zudem zeitweilig als Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Fakultät und als Rektor der Universität.
Zum Lebenslauf Kuskes ausführlich: UAK Zug. 17 I, Nr. 3261 b. Vgl. auch Henning 1988.
218 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
mit dem Besuch einer Volksschule. Bis Ostern 1891 setzte er seine schulische Laufbahn
mit der Hohen Volksschule des Ehreschen Stiftes Dresden fort. Daran schloss sich der
sechsjährige Besuch des Freiherrlich von Flechterschen Lehrerseminars in Dresden an,
zunächst drei Jahre in der Präparandenanstalt, dann im Seminar selbst, bis Oktober
1897. Danach war Kuske zunächst drei Jahre als Hilfslehrer im sächsischen Schuldienst
tätig, ehe er dort die II. Lehrerprüfung ablegte, deren Absolvierung mit der Berechtigung
zum Studium an einer Hochschule verbunden war. Diese neue Chance zu einer akade-
mischen Ausbildung nutzte der junge Lehrer unmittelbar und begann noch im Som-
mersemester 1900 mit dem Studium der Handelswissenschaften an der Handelshoch-
schule in Leipzig. ²⁷⁸ Daneben studierte Kuske auch an der Universität Leipzig, wo er u. a.
Veranstaltungen zur Nationalökonomie von Karl Bücher besuchte. Dort kam er auch in
freundschaftlichen Kontakt mit Eugen Schmalenbach, der während dieser Zeit als As-
sistent bei Bücher tätig war. Im Sommersemester 1903 legte Kuske in Leipzig die Päd-
agogische Staatsprüfung ab und im folgenden Semester promovierte er dort zum Dr. phil.
mit der Arbeit „Das Schuldenwesen der deutschen Städte im Mittelalter“, eine bis heute
häufig zitierte Studie.
Eine erste Anstellung fand Bruno Kuske in Köln, wo er von November 1903 bis zum
Frühjahr 1908 als Hilfsarbeiter im Archiv der Stadt Köln tätig wurde. Hier wurde er
vertraut mit der Überlieferung der Stadt zur Handelsgeschichte im Mittelalter, die zu
einem Schwerpunkt seiner historischen Forschungen werden sollte. An der Handels-
hochschule Köln wurde er am 30. November 1908 mit einer Arbeit zu diesem Thema
habilitiert und bot dort seit Herbst 1908 zugleich Lehrveranstaltungen im Fach Wirt-
schaftsgeschichte an. ²⁷⁹ Dies war das erste Mal, dass an einer deutschen Hochschule
das Fach Wirtschaftsgeschichte, das bis dahin immer als ein integraler Bestandteil der
Nationalökonomie verstanden worden war, als ein eigenständiges Fach gelehrt wurde.
Kuske gilt daher in Deutschland als Begründer dieser Disziplin. 1912 stellte ihn die
Handelshochschule als Hauptamtlichen Dozenten für das Fach Wirtschaftsgeschichte
ein. Der Erste Weltkrieg bildete für seine akademische Karriere einen Einschnitt, denn
von August 1914 bis Dezember 1918 leistete Kuske Militärdienst. Zunächst als Land-
wehrmann und später im Heeresverwaltungsdienst blieb er jedoch von einem Front-
einsatz verschont und konnte als Intendanturrat in Koblenz seine wissenschaftlichen
Arbeiten zum Teil fortsetzen. Während dieser Zeit wurde er zum 1. April 1917 in Köln zum
Professor ernannt. Nach Ende seines Wehrdienstes wurde er in Köln zum Ordinarius für
Wirtschaftsgeschichte bestellt (1. Juli 1919). Dort vertrat er von 1923 bis 1950 zugleich
auch das Fach Wirtschaftsgeografie bzw. Wirtschaftsraumlehre oder Raumwirtschafts-
lehre. Im selben Jahr trat er der SPD bei und aus der evangelischen Kirche aus.
In den 1920er Jahren begann Bruno Kuske seine erfolgreiche Karriere, die ihn nicht
nur zu akademischen Ehren und vielfältigen wissenschaftlich-organisatorischen Erfol-
Zu den Handelshochschulen in Deutschland an der Wende zum 20. Jahrhundert vgl. Zander 2004,
S. 76 – 92.
Zu den akademischen Meriten Kuskes insbesondere Däbritz 1951, S. 17– 33.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 219
gen, sondern auch zu einer Reihe politisch bedingter Schwierigkeiten führte. Bereits
1920 wurde er im Nebenamt Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs
(RWWA) in Köln, ein Amt, das er bis 1933 ausübte. ²⁸⁰ Beim Westdeutschen Rundfunk
entfaltete er seit dessen Gründung (1926) eine ausgedehnte Vortragstätigkeit, ebenso
wie zwischen 1920 und 1933 bei den Freigewerkschaftlichen Seminaren. 1923/24 wurde
er zum Dekan seiner Fakultät gewählt und 1931/32 fungierte er gar als Rektor der Uni-
versität. Vieles änderte sich jedoch mit der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933. Im
selben Jahr trat Kuske aus der SPD aus, was ihn allerdings nicht davor bewahrte, auf-
grund der Bestimmungen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums
aus dem Dienst an der Universität zu Köln und aus dem Amt als Direktor des Wirt-
schaftsarchivs entlassen zu werden. In dieser schwierigen Situation erhielt er 1933/34 ein
Angebot zu einer Gastprofessur der Universität Amsterdam, das er aber ablehnte.
Auf die Frage nach seiner Parteizugehörigkeit äußerte Kuske 1933: „Bis zum Kriege
[I. WK] d. nationalsozialen Partei (Richtung des Pfarrers F. Naumann). 1919 bis 18. 3.
1933 SPD“ und nach weiteren Verbandszugehörigkeiten „War nicht aktives Mitglied des
Reichsbanners; habe diesen bis 1931 gelegentlich durch kleine Geldzahlungen unter-
stützt; ansonsten nein.“ ²⁸¹ Dennoch wurde er am 25. September 1933 aus dem Dienst
entlassen. Die „Zahlung der Dienstbezüge ist mit Ende Dezember 1933 einzustellen“, ²⁸²
lautete die schlichte Anweisung an das Kuratorium der Städtischen Universität und
sein Jahresgehalt wurde von 14.040 RM auf 7.055,10 RM halbiert. ²⁸³ Gegen diese Ent-
scheidung verwahrte sich Kuske jedoch erfolgreich. Der preußische Minister verfügte
daraufhin bereits im Januar 1934 die Aufhebung der Entlassung Kuskes aus dem
Staatsdienst und richtete an ihn die Bitte, das „bisherige Amt wieder zu übernehmen“. ²⁸⁴
Nachdem er seinen Diensteid auf den „Führer“ am 12. November 1934 geleistet hatte,
konnte er dem Kuratorium der Universität seinen Dienstantritt, erstmals brav unter-
zeichnet mit „Heil Hitler“, mit Schreiben vom 20. September 1935 mitteilen. Im akade-
mischen Jahr 1939/40 bekleidete er erneut das Amt des Dekans der Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Das Amt des Direktors im RWWA konnte er hingegen
nicht wieder antreten, weil an der Handelskammer seit 1933 regimefreundliche Personen
die Führung übernommen hatten und dem als wenig zuverlässig erachteten Kuske die
Tür verschlossen blieb: ²⁸⁵ „Kuskes Verteidigungsstrategie war vollständig aufgegan-
gen.“ ²⁸⁶
Soénius (2006) stellt seiner Tätigkeit ein m. E. zu negatives Zeugnis aus. Vgl. insbesondere S. 131–
135.
UAK Zug. 17 I, Nr. 3261 a: Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (Reichsgesetzblatt I, S. 175).
UAK Zug. 17 I, Nr. 3261 a: Schreiben des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und
Volksbildung an das Universitätskuratorium, 25. 8.1933.
UAK Zug. 17 I, Nr. 3261 a: Nachweisung zur Anweisung der Versorgungsbezüge vom 20.10.1933.
UAK Zug. 17 I, Nr. 3261 b: Schreiben des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und
Volksbildung, 23.1.1934.
Ausführlich dazu: Engels 2007, S. 116 – 118.
Zitat ebda., S. 126.
220 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
In einem Schreiben an den Dekan in anderer Sache kam Kuske aus gegebenem
Anlass im Jahr 1941 noch einmal ausführlich auf seine bereits 21 Jahre zurücklie-
genden Probleme am Ende des Ersten Weltkriegs zu sprechen.²⁸⁷ Demnach habe schon
vor dem Ersten Weltkrieg in der Studentenschaft der früheren Handelsschule eine
Organisation existiert, nämlich die Kölner Akademischen Arbeiter-Unterrichtskurse,
die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche
Kenntnisse in die Arbeiterschaft der Stadt zu tragen.²⁸⁸ In ähnlicher Weise gab es in
Köln auch Kurse, die von der Handelskammer, insbesondere auch von deren Syndikus
Prof. Wirminghaus, den Kuske bereits aus seiner Leipziger Studienzeit kannte, un-
terstützt wurden. Als Anhänger der nationalsozialen Bewegung Friedrich Naumanns
war er bereits in Leipzig in der Arbeiterbildung tätig geworden und setzte diese Tä-
tigkeit auch in Köln weiter fort. Inhaltlich wurde dort vor allem „gegen den marxis-
tischen Internationalismus debattiert“ sowie nach dem Kriege „gegenüber den spar-
takistischen marxistischen Ideen, dazu aber auch gegenüber der französischen
Losreißungspolitik am linken Rheinufer“. Auch in der Bildungsarbeit der Freien Ge-
werkschaften war Kuske engagiert, legte aber Wert darauf festzuhalten, dass diese
strikt von der Parteiarbeit der SPD getrennt war und er, obwohl selbst Mitglied, nie-
mals als Dozent unmittelbar in der Partei tätig geworden sei. Die „Freigewerkschaft-
lichen Seminare“ in Köln hätten in diesem Sinne seit 1920 versucht, wirtschafts- und
betriebswissenschaftliche Kenntnisse „in die zum Teil marxistisch verwirrten Mei-
nungen der Arbeiter zu tragen“, nicht aber im eigentlichen Sinne politisch zu agitie-
ren.
Der zuständige Minister hatte im April 1934 allerdings auch eine Anfrage nach
der politischen Einstellung des offenbar als unzuverlässig eingestuften Kantonisten
Kuske erbeten. Die Auskünfte schienen wenig beunruhigend, denn das Universitäts-
kuratorium konnte vermelden: „Seine Einstellung zum Nationalsozialismus ist be-
stimmt eine durchaus positive“ und die NS-Dozentenschaft der Universität stieß ins
gleiche Horn, wenn sie konstatierte, dass er „ohne Zweifel völlig positiv zum Dritten
Reich eingestellt“ sei. Auch in einem Schreiben an das Reichserziehungsministerium
vom 18. Juli 1938, in dem es um die Nachfolge des durch das Ministerium zum Rücktritt
aufgeforderten Rektors der Universität Köln, Hans von Haberer, ging, wurde Kuske als
dessen möglicher Nachfolger vorgeschlagen und als geeignet angesehen, um die
„während der jetzigen Rektoratszeit verfahrene Situation der Univ. Köln wieder in
Ordnung zu bringen“.²⁸⁹ Und weiterhin: „Die gegen Kuske früher erhobenen Bedenken
sind weggefallen. Für Kuske setzten sich insbesondere die nationalsozialistischen
Studenten ein.“ Er wurde als ein „deutscher Sozialist“ im Unterschied zu einem An-
hänger des „internationalen Sozialismus“ charakterisiert. Nach der Machtübernahme
UAK Zug. 17 I, Nr. 3261 a: Schreiben Kuskes an den Dekan, 17.7.1941.
Zum Hintergrund dieser Initiative und ihrer Verankerung in der Gewerkschaftsarbeit vgl. Döring
2004, S. 304 f.
BDC (Berlin Document Center): VBS 307 DS/Wissenschaftler 8200001705: Schreiben des Stell-
vertreters des Führers (Birkenkamp) an Staatsminister Dr. Wacker, 18.7.1938.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 221
tentat am 20. Juli 1944 und die Einlieferung in ein Arbeitslager in Deutz darauf hin, dass
die Vorbehalte gegenüber der Zuverlässigkeit des Hochschullehrers bei den Sicher-
heitsbehörden noch längst nicht ausgeräumt waren. Er selbst berichtete vom Einsatz im
Straßenbau während dieser Zeit; für einen damals 68-Jährigen gewiss kein Zucker-
schlecken, auch wenn seine Haftzeit auf wenige Wochen beschränkt blieb. Diese Episode
spielte bei der Einschätzung seiner Haltung gegenüber dem vergangenen NS-System
durch eine Fakultätskommission offenbar nur eine geringe Rolle, denn diese stellte fest,
dass die Aktivitäten Kuskes während der NS-Zeit weit über das Maß einer politischen
Opportunität hinausgegangen seien und damit dem Staat und der Partei ein Einfallstor
in die Universität eröffnet und so dort den Anpassungsdruck erhöht hätten. ²⁹⁴
In Verteidigung seiner Person und seines Wirkens im Dritten Reich konstruierte
Kuske im Sommer 1945 in mehreren Eingaben an den Rektor der Universität ²⁹⁵ nach
neueren Erkenntnissen „einen neuen Lebenslauf, indem er Weglassungen und Erfin-
dungen, Über- und Untertreibungen, Halb- und Unwahrheiten kombinierte“ ²⁹⁶ und dabei
befand er sich offenbar in bester Gesellschaft zahlreicher Kollegen. ²⁹⁷ In seinem Ent-
nazifizierungsverfahren gelang es ihm erst im März 1947, als „unbelastet“ eingestuft zu
werden. ²⁹⁸ Der Oberstadtdirektor der Stadt Neuss konnte ihm deshalb mitteilen, dass die
britische Militärverwaltung ihn „für die Anstellung als Lehrer geeignet befunden“ ha-
be. ²⁹⁹
Das alles hinderte ihn allerdings kaum, seine wissenschaftliche Karriere erfolgreich
fortzusetzen. Bereits 1946 nahm er seine Lehrtätigkeit in Köln wieder auf und man fand
ihn in zahlreichen vertrauten und neuen Positionen. Im selben Jahr erhielt er die Eh-
rendoktorwürde der Juristischen Fakultät seiner Heimatuniversität. Er wurde wiederum
zum Obmann der Landesarbeitsgemeinschaft für Raumforschung NRW, die sich am
16. Oktober 1946 auf seine Initiative hin konstituierte, berufen. ³⁰⁰ Offiziell wurde diese
allerdings erst durch den Ministerpräsidenten Amelunxen zum 1. Januar 1947 gegründet.
Die Mitgliedschaft in der Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der
Universität Köln blieb ihm hingegen verwehrt. Dagegen hatte sich der neue Rektor Kroll
gewandt. Wegen seiner Nähe zur früheren Westforschung hatte Kuske offenbar in Köln
an Rückhalt verloren. Hingegen wurde er bereits im Januar 1946 mit der Leitung der
Wirtschaftsabteilung der Provinzialregierung Rheinland-Nord in Düsseldorf betraut und
zugleich wurde ihm bestätigt, dass seine Professur in Köln in aller Form bestehen blei-
be. ³⁰¹ Auch zu den Gewerkschaften knüpfte Kuske bald wieder Beziehungen und wurde
1946 (neben Victor Agartz und Hans Böckler) Präsidiumsmitglied des Wirtschaftswis-
senschaftlichen Instituts des Deutschen Gewerkschaftsbundes bzw. dessen regionalem,
in Köln gegründeten Vorläufer. Im folgenden Jahr 1947 wurde Kuske darüber hinaus
Abteilungsleiter der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund, zu
deren ersten Mitarbeitern er zugleich zählte. ³⁰² Im selben Jahr wurde er zum Präsidenten
des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen gewählt. Erst
1950, fast 75 Jahre alt, wurde Kuske emeritiert und beendete seine Lehrtätigkeit im Jahr
1951. Im selben Jahr ehrte ihn die Bonner Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät
mit einem Doktor honoris causa. Er starb, hochgeehrt und erneut bestens vernetzt, am
18. Juli 1964 im Alter von 88 Jahren. ³⁰³
UAK Zug. 17 II, Nr. 3261 b: Schreiben des Oberpräsidenten der Nord-Rheinprovinz Abteilung
Wirtschaft an Oberbürgermeister Pünder in Köln als Vorsitzenden des Kuratoriums der Universität vom
19.1.1946.
Adamski 2009, S. 48, Anm. 76 und S. 247.
Nachrufe z. B. Handelsblatt vom 21.7.1964 und Industriekurier vom 21.7.1964.
Zum Südweststaat vgl. auch: Der amerikanische Hochkommissar für Deutschland (Hg.), Bericht
über Deutschland, Nr. 7 (April/Juni 1951), S. 80 – 87: Der Südweststaat. Eine Frage der territorialen
Neuordnung und Nr. 10 (Jan./März 1952), S. 46 – 51: Die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung
im Südweststaat.
Im Überblick Steininger 1998 und Kleßmann 1986, S. 193 – 202.
224 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
westdeutschen Länder mit den „Londoner Empfehlungen“ vom 1. Juni 1947 der Auf-
trag übermittelt, eine verfassunggebende Versammlung zur Vorbereitung einer
Staatsgründung einzuberufen. Die Wünsche der Alliierten hinsichtlich der Ausge-
staltung der Verfassung wurden in den „Frankfurter Dokumenten“ am 1. Juli 1947
präzisiert. Zugleich wurde ein „Besatzungsstatut“ angekündigt, in dem die Sieger-
mächte ihr Verhältnis zum neuen deutschen Staat festlegen wollten.
Die Ministerpräsidenten tagten in Koblenz und kamen nach äußerst kontroversen
Diskussionen über die politische Ausgestaltung des neuen Staates mit den Koblenzer
Beschlüssen zu einem Vorschlag, der die Alliierten in keinster Weise zufriedenstellte
und von ihnen z.T. als Provokation empfunden wurde. In mehreren weiteren Ge-
sprächen kam es dann aber zu einer Annäherung der Positionen, sodass die Alliierten
die Einberufung eines Parlamentarischen Rates zur Vorbereitung einer Verfassung
genehmigten. Dazu fand im August 1948 ein Verfassungskonvent von Experten auf der
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 225
Besatzungsstatut
Vor der Gründung des Weststaats hatten schon am 10. April 1949 die drei Militär-
gouverneure der Westzonen ein Besatzungsstatut erlassen, in dem die Vorbehalts-
rechte der Alliierten gegenüber der neuen Bundesrepublik festgelegt wurden.³⁰⁷ Die
Zuständigkeiten, die sich die Alliierten im dritten Frankfurter Dokument ausbedungen
hatten, wurden noch einmal nachdrücklich bestätigt. Es ging vor allem um die Kon-
trolle der Ruhrindustrie, um Dekartellisierung und Entflechtung dort, um Reparatio-
nen und Demontagen und um die Außenbeziehungen des neuen Staates.³⁰⁸ Die
Souveränität der Bundesrepublik blieb unter Gültigkeit dieser Vorbehaltsrechte
demnach außerordentlich eingeschränkt. Dem suchte allerdings der Bundeskanzler
entgegenzuwirken und schloss bereits in den ersten Monaten seiner Amtszeit am
22. November 1949 namens der Bundesregierung mit den alliierten Hochkommissaren
das sogenannte Petersberger Abkommen, durch das er den Handlungsrahmen des
jungen Staates über den Rahmen des Besatzungsstatuts weiter auszudehnen ver-
suchte. Er erhielt dabei die Zusicherung, dass u. a. die Demontagen alsbald beendet
würden und dass die Bundesrepublik internationalen Organisationen, wie z. B. dem
Europarat, beitreten dürfe. Dafür musste Adenauer aber die Kröte eines Beitritts der
Währungsreform³¹⁰
Einen ersten notwendigen Schritt für einen nachhaltig erfolgreichen Wiederaufbau
der deutschen Wirtschaft stellte die Sanierung der Währungsverhältnisse im Nach-
kriegsdeutschland dar und dieser Schritt erfolgte mit der Währungsreform im Juni
1948.³¹¹ Die Zwangsläufigkeit der Schaffung einer neuen, werthaltigen Währung
wurde darin deutlich, dass das deutsche Sozialprodukt sich von 1936 mit 65,8 Mrd. RM
auf etwa 50 Mrd. RM³¹² am Ende des Krieges (1946) vermindert hatte, demgegenüber
aber eine Geldmenge in der Wirtschaft zirkulierte, die etwa den dreifachen Umfang
hatte. Die deutsche Währung war damit weitgehend ihrer Grundfunktionen be-
raubt.³¹³ Eine Reform des zerrütteten Geldsystems wurde allerdings erst drei Jahre
nach Kriegsende in Angriff genommen, weil bis dahin die Voraussetzungen für eine
Eigentumsfragen standen noch im Raum und gaben Anlass zu Erörterungen, vgl. RWI, Akte Ar-
beiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II: Nr. 40 (Sign. 121/40): Dr. Paul Wiel, Das Eigentum und die
Wirtschaft (Sonderabzug aus: Kirche und Welt, H. 2, 15 S.) und Nr. 41 (Sign. 121/41): Dr. Paul Wiel,
50 Jahre deutsches Bevölkerungsproblem (1950, 8 S.) sowie Nr. 34 (Sign. 121/34): Die individuelle
Steuerkraft der Zensiten. Ein Vergleich von NRW mit anderen Ländern des Vereinigten Wirtschafts-
gebietes (Dr. Paul Wiel, 1949, 24 S.).
Zur ökonomischen Bedeutung der Reformen von 1948 vgl. auch Giersch/Paqué/Schmieding 1992,
S. 36 – 44.
Dazu knapp Pohl 2001. Vgl. auch: Möller 1976; Buchheim 1988 und ders. 1989.
In realen Größen war der Rückgang des Sozialprodukts noch größer; es sank nämlich gemessen in
stabilen Preisen (Index 1913) im bezeichneten Zeitraum auf weniger als die Hälfte.
Nämlich als Rechnungseinheit, Wertaufbewahrungsmittel und Tauschmittel zu dienen.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 227
RWI 51/21 a: Paul Wiel, Das deutsche Finanzproblem, Essen 1946. Ein Gutachten gleichen Titels
war wohl schon 1945 erstellt worden, vgl. RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II:
Nr. 10 (Sign. 121/10): Das deutsche Finanzproblem (17 S.). Zu Nr. 7 (Sign. 121/7): Reichsschulden: Zur
Frage der bilanzmäßigen Bewertung der Forderungen an das Reich, Bericht der Schmalenbach-
Commission, fehlt leider der Text. Es findet sich lediglich ein Vermerk vom 7.4.47: „Einziges Exemplar
im Besitz von Prof. Dr. Däbritz“.
228 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
die Entwicklung von Wirtschaft und Währung in Westdeutschland folgte einer ganz
anderen Richtung.
Zwar hatten die alliierten Behörden durch Steuererhöhungen die umlaufende
Geldmenge deutlich vermindern und zugleich damit die Finanzierung öffentlicher
Ausgaben verbessern können, doch lag der Geldumlauf im deutschen Währungsgebiet
Anfang 1948 immer noch bei ca. 65 Mrd. RM, während 1947 das Sozialprodukt nominal
nur ca. 47 Mrd. RM betragen hatte. Eine Reform der Währung blieb unabweisbar und
zahlreiche Vorschläge zur Begründung einer neuen Währung wurden gemacht.³¹⁵
Insgesamt wurden vor allem drei Möglichkeiten der Beseitigung des Geldüberhangs
diskutiert, nämlich eine Anpassung durch planmäßige Preissteigerungen, eine Ab-
schöpfung durch eine radikale Steuererhöhung oder durch die Erklärung eines
Staatsbankrotts mit anschließender Deflation.³¹⁶ Doch vor allem die Amerikaner
nahmen sich dieser wichtigen Sache an. Sie entsandten eine Expertenkommission³¹⁷
nach Deutschland, die einen entsprechenden Plan ausarbeitete, der zur Grundlage der
folgenden Währungsreform wurde. Die deutschen Experten spielten dabei nur eine
Nebenrolle und diese beschränkte sich darauf, die notwendigen Begleitgesetze zur
Einführung der neuen Währung auszuarbeiten. Dies geschah auf einer Geheimkon-
ferenz in Rothwesten bei Kassel im Frühjahr 1948.³¹⁸ Zentrale Elemente einer Neure-
gelung der Geldverfassung waren die Streichung/Abwertung der Altguthaben (auf
10 Prozent, später noch auf 6,5 Prozent reduziert), die Annullierung der Reichsschuld
und die Sanierung der Banken durch sogenannte Ausgleichsforderungen. Das Pro-
blem des Lastenausgleichs wurde noch nicht angegangen und die Regelung statt-
dessen einer zukünftigen deutschen Regierung überlassen. Durch Militärgesetz vom
1. April 1948 wurde die Reichsbank liquidiert³¹⁹ und die Bank Deutscher Länder trat
als neue Zentralbank an ihre Stelle.³²⁰ Im Vorfeld hatte es eine kontroverse Diskussion
um die Stellung der neuen Zentralbank gegeben und die deutschen Behörden hatten
sich für eine enge Bindung der Bank an die Regierung ausgesprochen, während vor
allem die Amerikaner auf die Unabhängigkeit der Zentralbank drängten, und auch in
der frühen Bundesrepublik gab es dann seitens der Regierung noch mehrfache Ver-
suche einer Einbindung der Zentralbankpolitik in die Wirtschaftspolitik der Bundes-
regierung.³²¹ Die neue Währung war noch eine reine Binnenwährung, international
wurde sie wenig geschätzt und war nicht frei konvertibel. Bis zu einer Konvertibilität
waren noch wichtige weitere Schritte nötig, so die Regulierung der internationalen
Schulden der Vorkriegszeit und eine Liberalisierung des Außenhandels, doch das
Wirtschaftswunder konnte beginnen.³²²
Außenwirtschaftsordnung³²³
Der vorausgegangene Krieg hatte bis auf die USA alle daran beteiligten Staaten öko-
nomisch schwer in Mitleidenschaft gezogen. Deshalb fiel den Amerikanern auch bei
der Reorganisation der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zwangsläufig die
Führungsrolle zu.³²⁴ Die USA allein waren in der Lage, die Nachfrage nach notwen-
digen Wirtschaftsgütern ihrer Verbündeten wie auch die der unterlegenen Staaten zu
befriedigen, nur fehlte es denen an internationaler Liquidität, eine gewaltige Dollar-
lücke tat sich auf. Deutschland war diesbezüglich in einer besonders prekären Si-
tuation, denn seit Frühjahr 1945 war das Land mit einem Außenhandelsverbot belegt
und in den Jahren 1945 und 1946 konnte von einem Außenhandel nicht die Rede
sein.³²⁵ Subsistenzmittel wurden von den Alliierten bereitgestellt und der gesamte
grenzüberschreitende Güterverkehr wurde durch die Militärbehörden abgewickelt.
Dabei mussten alle deutschen Ausfuhren in US-Dollar bezahlt werden (Dollar-Klau-
sel), um eine Ausbeutung der besetzten Gebiete zu verhindern und zudem galt das
„First Charge Principle“, nach dem alle Exporterlöse zunächst dem Import lebens-
notwendiger Güter nach Deutschland dienen mussten und nicht den Reparations-
forderungen verschiedener Siegerstaaten. Diese Regelungen bildeten einen gewissen
Schutz der deutschen Volkswirtschaft gegenüber den Bedürfnissen westeuropäischer
Staaten und wurden von diesen auch heftig kritisiert, zugleich behinderten sie aber
auch alle deutschen Exportbemühungen. In Europa dominierte unter den geschil-
derten Verhältnissen insgesamt ein bilaterales Handelssystem mit einer Devisen-
zwangswirtschaft. Mit der Gründung der Bizone begann sich auch das Außenwirt-
schaftsregime in Westdeutschland zu verändern. Im April des Jahres 1947 wurde die
Joint Export Import Agency geschaffen, die nunmehr unter alliierter Kontrolle eine
schrittweise Liberalisierung des deutschen Außenhandels betrieb. Die Erfolge waren
zunächst noch gering, denn die Exporte blieben insgesamt noch schwach, auch wenn
sie 1947 relativ gegenüber dem Vorjahr um stattliche 37 Prozent gewachsen [Link]
allem die Dollarklausel diskriminierte die deutschen Waren im Ausland.
Eine gänzlich neue Situation entstand nach der Währungsreform, als im Zuge
einer deutlichen Expansion der industriellen Produktion auch die deutschen Expor-
Darauf richtete auch das RWI alsbald seine Aufmerksamkeit, z. B. RWI, Akte Arbeiten des Instituts
und der Mitglieder, Bd. II, Nr. 33 (Sign. 121/33): Karl-Heinz Flecken, Der Güteraustausch des Ruhrbezirks
mit dem Ausland (11 S.), wobei schon bald die geringe Einbindung der Region in den deutschen Au-
ßenhandel zum Thema wurde: RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. III, Nr. 46 (Sign.
121/46): Die sinkende Export-„quote“ Nordrhein-Westfalens im Vergleich zur gesamten westdeutschen
Ausfuhr – ihre Ursachen und Möglichkeiten zur Überwindung (1954), (29 S. und 16 S. Zahlenanhang).
Zum deutschen Außenhandel zwischen 1945 und 1949: Wirtschaftswissenschaftliches Institut der
Gewerkschaften 1950, S. 249 – 288.
Lindlar 1997, S. 163 – 171.
Es handelte sich neben dem RWI erneut um die Forschungsstelle für allgemeine und textile
Marktwirtschaft an der Universität Münster in Vreden, das Institut für Weltwirtschaft an der Universität
Kiel und die Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund.
RWI 51/37: Hermann Bohrer, Außenhandel und Beschäftigungspolitik, Essen 1948.
Ebda.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 231
Dazu sei ein multilaterales Handelssystem vonnöten, denn die Erfahrungen der
1930er Jahre mit Bilateralität und Autarkie ebenso wie die Großraumpolitik der NS-Zeit
hatten nicht zu den erwünschten Ergebnissen geführt. „Die bisher weitgehende Re-
glementierung der Produktion und des Verbrauchs [in Deutschland] muss vermie-
den werden.“ Doch der „Weg zu ungehinderter Ein- und Ausfuhr ist für ein kapital-
schwaches Land ohne Reserven,³³² dessen Außenpositionen durch die Konkurrenz
besetzt wurden [wie Westdeutschland nach dem Krieg], schwierig“. Dazu schien eine
handelspolitische Unterstützung durch die Gläubigerländer nötig, mit dem Ziel ein
multilaterales System mit freier Konvertibilität der Währungen zu schaffen. Eine
stabile Währung sei hierfür eine unabdingbare Voraussetzung, die überdies auch die
Dollarklausel für die deutschen Exporte überflüssig mache. Die Entwicklung der
weltwirtschaftlichen Nachfrage nach Produktionsgütern begünstige Deutschland als
Exporteur. Vor dem Krieg war Deutschland ein bedeutender Exporteur von Fertig-
produkten gewesen, doch die nun relativ hohe Ausfuhr von Rohstoffen und Halb-
waren widersprach dieser Tradition.
Insbesondere Zwangsausfuhren unter Weltmarktpreisen erwiesen sich in die-
sem Sinne als fatal. Es galt für die deutsche Industrie vielmehr, alsbald wieder An-
schluss an die ehemaligen Spitzenleistungen zu gewinnen und dementsprechend
Spezialitäten auf allen Gebieten anzubieten. Dazu war allerdings die Revision des
Industrieplans eine entscheidende Voraussetzung. Darüber hinaus hemmte die
Zwangsbewirtschaftung der Rohstoffe ebenfalls das Exportgeschäft. Dem skizzierten
liberalen Außenwirtschaftssystem standen jedoch noch zahlreiche weitere Hemm-
nisse entgegen, die es zu beseitigen galt. Eine „Belebung des Außenhandels von
seinen derzeitigen vielfachen Bindungen durch Belebung des privatwirtschaftlichen
Interesses und der unternehmerischen Initiative“ erschien dem Autor dringend ge-
boten, denn eine „erfolgreiche Beschäftigungspolitik ist für Deutschland ohne einen
gesunden Außenhandel nicht möglich“.³³³
Wirtschaftshilfe
Einen positiven Akzent für die Erholung der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten
Weltkrieg und für den Wiederaufbau setzte zweifellos der Marshall-Plan, so notwen-
dig und wichtig auch die erfolgreiche Überwindung der Kriegslasten gewesen sein
mag.³³⁴ Den Ausgangspunkt für dieses amerikanische Hilfsprogramm für Europa,
nicht allein und nicht in erster Linie für das besiegte Deutschland, bildete eine Rede,
die der damalige US-Außenminister Henry Marshall im Juni 1947 gehalten hatte.
Vordringliches Ziel der USA sei die Überwindung der ökonomischen Krise und die
Begründung eines stabilen und prosperierenden Europas. Dieses Ziel sei nur durch
Dazu vgl. auch RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der Mitglieder, Bd. II, Nr. 31 (Sign. 121/31): Dr.
Klag, Ausländische Kapitalbeteiligungen in Nordrhein-Westfalen (1948) (3 S.).
RWI 51/37: Hermann Bohrer, Außenhandel und Beschäftigungspolitik, Essen 1948.
Gimbel 1976.
232 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
RWI 51/40 b: Lebensfähigkeit und Vollbeschäftigung. Ein Beitrag zur Frage des Wiederaufbaus in
Westdeutschland, Bonn 1950, S. 52. Eine wesentlich skeptischere Einschätzung der Wirkungen des
Marshallplans für den Wiederaufbau bei Abelshauser 2016, S. 486 – 492.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 233
Internationales Zahlungssystem
Die durch die Amerikaner forcierte Liberalisierung des Außenhandels zwischen
den westeuropäischen Staaten setzte auch ein funktionierendes internationales
Zahlungssystem voraus. Zu diesem Zweck wurde 1950 von der Marshall-Plan-Behörde
die Europäische Zahlungsunion (EZU) gegründet.³³⁶ Der Zahlungsverkehr wurde da-
durch multilateral über Konten bei der Bank für internationalen Zahlungsverkehr
(BIZ) in Basel abgewickelt und sollte den Handel der beteiligten Staaten durch ein
Clearing untereinander, ohne Inanspruchnahme von US-Dollar-Beständen, erleich-
tern. Wegen des enormen unmittelbaren Importbedarfs in Deutschland geriet die
Bundesrepublik bereits 1950 in eine schwere Zahlungsbilanzkrise. Um die gerade
begonnene Liberalisierung des Außenhandels nicht zu gefährden, wurde dem Land
unter Auflagen ein Sonderkredit in Höhe von 120 Mio. US-Dollar gewährt. Die günstige
Entwicklung der deutschen Exporte der folgenden Jahre löste das Problem der Zah-
lungsbilanz und die Ablösung des Notkredits gelang ohne Schwierigkeiten.
Auslandsschulden
Im Unterschied zu den übrigen Staaten wurden Deutschland die Beträge des ERP-
Programms nicht geschenkt, sondern eine Rückzahlung war nach einer hinreichen-
den Verbesserung der wirtschaftlichen Lage vorgesehen. Tatsächlich wurde sie aber
nur zu einem Drittel geleistet, weil auch diese Forderungen in den Schuldenerlass
des Londoner Schuldenabkommens 1953 einbezogen wurden. Der Umfang der Aus-
landsschulden des Deutschen Reiches, die noch aus der Zwischenkriegszeit stammten
und auf vielfältigen Kreditgewährungen privater und öffentlicher Art beruhten, belief
sich 1945 auf etwa 32 Mrd. RM. Ihre reguläre Bedienung war 1933 von den neuen
Machthabern ausgesetzt, ein Transferverbot erlassen sowie Zinsen und Tilgung auf
Inlandskonten festgelegt worden. Auch in der Nachkriegszeit hatten sich weitere
deutsche Auslandsschulden von ca. 14,5 Mrd. DM im Rahmen der Militärhilfe (GA-
RIOA) und des Marshall-Plans (ERP) angehäuft. Die Londoner Schuldenkonferenz
regelte 1953 nun in einer für Deutschland außerordentlich günstigen Weise die
deutschen Auslandsschulden und stellte damit die internationale Kreditfähigkeit des
Landes wieder her.³³⁷ Die Schuldenlast wurde deutlich reduziert, von ca. 32,3 Mrd. DM
Hentschel 1989 und Emminger 1986, S. 46 – 61. 1958 wurde die EZU wieder aufgelöst, weil sie
wegen nun uneingeschränkter Konvertibilität des US-Dollars überflüssig geworden war.
Dazu umfassend Abs 1991.
234 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
auf 14,5 Mrd. DM, zugleich ein günstiger Tilgungsplan vereinbart und die sogenannte
Goldklausel außer Kraft gesetzt, nach der ein Teil der Kredite an den Goldpreis ge-
bunden war und höhere Tilgungsraten nötig gemacht hätte. Zu Beginn der 1950er
Jahre war eine solche günstige Regelung der Schuldenfrage wohl noch möglich; we-
nige Jahre später, angesichts steigender deutscher Exportüberschüsse und beein-
druckender Wachstumszahlen, wäre das wohl weitaus schwieriger durchzusetzen
gewesen.
Über die Wirkung der amerikanischen Aufbauhilfe für die westdeutsche Wirt-
schaft und ihre Bedeutung für den Wiederaufbau hat es widersprüchliche Interpre-
tationen gegeben. Werner Abelshauser hat früh eine Relativierung der Bedeutung der
ERP-Mittel für den Wiederaufbau in Westdeutschland vorgenommen.³³⁸ Er wies darauf
hin, dass ein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung der westdeutschen Wirtschaft be-
reits im Jahr 1947 eingesetzt habe, also vor der Begründung des Marshall-Plans, und
dass dieser später allenfalls fördernd das weitere Wachstum der deutschen Wirtschaft
begleitet habe. Ein autonomer Aufschwung in Westdeutschland sei vor allem deshalb
möglich gewesen, weil der Kapitalstock dort weit weniger zerstört gewesen war als
allgemein angenommen und weil eine qualifizierte Arbeiterschaft in ausreichendem
Maße zur Verfügung gestanden habe. Der dramatische Anstieg der Produktionszahlen
nach der Währungsreform und in etwa zeitgleich mit dem Beginn der Marshall-Plan-
Hilfen spiegele seiner Meinung nach nur ein statistisches Artefakt, weil die Produktion
des vorausgehenden Zeitraums wegen der Hortung in Erwartung einer Währungsre-
form systematisch unterschätzt worden sei.
Montanunion
Auf einer ganz anderen Ebene als in der Zusammenarbeit im ERP-Programm und im
politisch wenig bedeutenden Europarat³³⁹ deutete sich am Ende der unmittelbaren
Nachkriegszeit eine tragfähige Möglichkeit zur Überwindung der wirtschaftlichen
und politischen Isolation Westdeutschlands und der Rückgliederung in die westliche
Staatengemeinschaft an. Es handelte sich um eine Initiative zu einer internationalen
wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Bereich der Montanindustrie,³⁴⁰ die von Frank-
reich angestoßen wurde und mit dem Namen des französischen Außenministers Ro-
bert Schuman verbunden war: der Schuman-Plan.³⁴¹ Darin wurde der Vorschlag un-
terbreitet, die deutsche und französische Kohle- und Stahlindustrie einer
gemeinsamen obersten Aufsicht zu unterstellen und zugleich anderen Ländern die
Abelshauser 1975, S. 42– 50 und pointiert S. 60 – 62 sowie ders. 2004, S. 130 – 151.
Zum Europarat vgl. Elvert 2006, S. 46 – 52.
Erste Überlegungen dazu gab es im RWI bereits 1950, vgl. RWI, Akte Arbeiten des Instituts und der
Mitglieder, Bd. II, Nr. 39 (Sign. 121/39): Dr. Klag, Zur deutsch-französischen Stahlunion (Mai 1950). Der
Text des Gutachtens fehlt hier allerdings. Vorüberlegungen dazu offenbar Nr. 17 (Sign. 121/17): Kohlen-
und Eisenindustrie, ein Jahr europäischer Industriegebiete.
Knipping 2004 und knapp Elvert 2006, S. 52– 57. Först 1990, S. 87– 90.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 235
Diese Initiativen fanden sehr bald auch in der Arbeit des RWI ihren Niederschlag
und Walther Däbritz selbst nahm sich nach einer längeren Phase publizistischer
Enthaltsamkeit in einem Vortrag vor der „Gemeinschaft Europa-Union“ am 21. Januar
1948 in Essen des Themas an.³⁴⁶ In gewohnter Weise mit einem ausführlichen histo-
rischen Rückblick auf die letzten 150 Jahre stellte er fest, dass Europa als außen-
handelsmäßig am höchsten entwickelte Region der Weltwirtschaft, nachdem es im
Zweiten Weltkrieg in Bruchstücke auseinandergefallen war, dringlich vom Wunsch
nach einem neuen Zusammenschluss geprägt sei. Er kam zu dem Schluss: „An diesen
Plänen mitzuwirken, hat kein anderes Land so sehr Anlass wie Deutschland.“ Im
Aug./Sept. 1950 kam das RWI erneut auf diese französische Initiative zu sprechen.³⁴⁷
Der Schuman-Plan wurde in den Mitteilungen weniger verbrämt als ein weiterer Schritt
zur von den Amerikanern vorangetriebenen Koordination der Wirtschaftspolitik in
Westeuropa betrachtet, wie diese z. B. in der bereits 1950 von der OEEC forcierten
„Harmonisierung der Finanz-, Wirtschafts-, Sozial- und Investitionspolitik“ zum
Ausdruck kam. Die französische Initiative wurde darin lediglich als ein „konstruktiver
Wandel in den Methoden zur Schaffung eines gemeinsamen Marktes“ bewertet.³⁴⁸
Was die strukturellen Bedingungen der Kohlewirtschaft in den verschiedenen
europäischen Staaten anbetraf, so ging man davon aus, dass hier das Ruhrrevier
eindeutig dominieren werde. Wegen der Kostendifferenzen zwischen den Revieren
könne „eine unbeschränkte Wettbewerbswirtschaft nicht die Lösung“ sein und
langfristig seien eher „erhebliche Wachstumshemmungen“ zu erwarten. Dazu trügen
sowohl die Konkurrenz neuer Energieträger (Erdöl, Wasserkraft) als auch Einspa-
rungen im Brennstoffverbrauch bei. Schwierigkeiten seien deshalb hinsichtlich not-
wendiger Stilllegungen von unrentablen Bergwerken zu erwarten, da die Ruhrzechen
wohl die günstigsten Kohlepreise bieten könnten. Der Versuch einer Harmonisierung
der europäischen Stahlproduktion durch die OEEC müsse als gescheitert angesehen
werden. Während die deutschen Werke unter der alliierten Produktionsbeschränkung
und den Demontagen zu leiden gehabt hätten, seien in verschiedenen anderen eu-
ropäischen Ländern „unorganische Kapazitätserweiterungen“ vorgenommen worden.
Im Schuman-Plan war nun für das erste Halbjahr 1950 eine deutsche Stahlproduktion
von 5,672 Mio. Tonnen vorgesehen, was einen deutschen Anteil an der europäischen
Stahlproduktion von gerade einmal 38,7 Prozent bedeutete, während dieser Anteil
vor dem Krieg (1938) bei 54,7 Prozent gelegen hatte. Die entsprechenden französischen
Zahlen betrugen für das 1. Halbjahr 1950 4,168 Mio. Tonnen (28,4 Prozent), wohin-
gegen dieser Anteil 1938 nur bei 19 Prozent gelegen hatte. Hinzu komme die Ein-
richtung einer Ausgleichskasse zur Subventionierung der höheren Kosten der fran-
zösischen Stahlgewinnung. Eine derartige Regelung habe der Economist in London
am 5. August 1950 (S. 2) als einen „Schutzwall für den französischen Raum“ be-
zeichnet und dies könne doch kaum im deutschen Interesse liegen.
Aus der Sicht der Ruhrindustrie wurde das Vorhaben der Errichtung eines ge-
meinsamen Marktes für europäische Montanprodukte also eher skeptisch beurteilt
und es fanden sich Stimmen, die darin den Versuch Frankreichs sahen, eine gänzliche
Vorherrschaft bei der Stahlerzeugung zu gewinnen, und andere Stimmen, die in der
Hohen Behörde lediglich eine „Traditionskompanie der Ruhrbehörde“ entdecken
konnten. Immerhin kam es im Rahmen der Montanunion zu einigen ersten Schritten
im Hinblick auf eine Bereinigung und Liberalisierung der Märkte für Montanprodukte,
so zu Stilllegungen unrentabler Zechen und zur Auflösung der zentralen Verkaufs-
organisation der Ruhrkohlen.³⁴⁹ Das RWI wandte sich erst in den folgenden Jahren
verstärkt auch den Problemen einer europäischen Integration zu.³⁵⁰
Nicht allein mit der Erörterung einer neuen Marktordnung für die europäische Mon-
tanunion richtete sich das Interesse der deutschen Öffentlichkeit vermehrt auf die
zukünftigen Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Die gravierendsten
Folgen des Krieges schienen zunächst einmal überwunden und wesentliche Voraus-
setzungen für den Wiederaufbau geschaffen. Diese „Normalisierung“ der Verhältnisse
spiegelte sich auch in der Arbeit des RWI und seiner Publikationstätigkeit. Im Mai
1950 erschien das erste Heft der Mitteilungen, ³⁵¹ die nunmehr regelmäßig in über-
schaubarer Form über die Forschungsergebnisse des Instituts berichten sollten und
die damit eine bisher eher spontan geführte Praxis³⁵² systematisch weiterführten.
Auch war bereits 1949/50 als „Neue Folge“ der erste Jahrgang der Konjunkturberichte ³⁵³
wieder erschienen und damit die zwischen 1929 und 1939 bereits praktizierte und 1939
eingestellte Übung einer regelmäßigen Konjunkturberichterstattung wieder aufge-
nommen worden. Zudem erschienen bald darauf auch separat die Berichte über die
Konjunkturentwicklung im Handwerk. ³⁵⁴ Besondere Einzelveröffentlichungen wurden
zudem auch weiterhin publiziert. Damit war ein umfangreiches Publikationspro-
gramm des RWI etabliert, in dem sich die Arbeit des Instituts, die verwandten wis-
senschaftlichen Ansätze und Methoden wie auch die Forschungsergebnisse darstell-
ten und das bis zur wissenschaftlichen Neuorientierung des Hauses zu Beginn des
21. Jahrhunderts im Wesentlichen so fortgeführt wurde.
Zu umfangreicher Gutachtertätigkeit gab es in den turbulenten Zeiten der frühen
Bundesrepublik auch reichlich Gelegenheit. Bereits 1950 wandten sich einige Institute
der Arbeitsgemeinschaft deutscher wissenschaftlicher Forschungsinstitute e.V.,³⁵⁵
zu deren Gründungsmitgliedern auch das RWI zählte, einer Kernfrage der zukünftigen
Wirtschaftsentwicklung zu, nämlich „die Grunderfordernisse für den wirtschaftlichen
Wiederaufbau in Westdeutschland zu umreißen“.³⁵⁶ Als augenfälligstes Problem er-
schien den Gutachtern die Überwindung der gegenwärtig beobachtbaren Massenar-
beitslosigkeit in einer verstümmelten und von enormer Zuwanderung bedrängten
Wirtschaft.³⁵⁷ Diese Probleme könnten nach Meinung der Gutachter nur durch „eine
gewaltige Steigerung des Sozialprodukts“, also durch eine Förderung des Wachstums
der Volkswirtschaft überwunden werden. Arbeitskräfte stünden dafür in ausrei-
chendem Maße zur Verfügung, es fehle aber an einer hinreichenden Kapitalausstat-
tung und an den positiven außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zudem hät-
ten „Drosselungsmaßnahmen“ (Industrieplan, Demontagen) die deutsche Wirtschaft
bislang behindert und den Wiederaufbau verzögert.
Als unmittelbare Notwendigkeit bestand weiterhin der Zwang zur Einfuhr von
Lebensmitteln, auch wenn die deutsche Landwirtschaft in den folgenden Jahren die
Produktion deutlich steigere.³⁵⁸ Zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit sei die
Schaffung neuer Arbeitsplätze im Umfang von ca. 4 bis 5 Mio. nötig. Die Zahl der
Arbeitslosen in der Bundesrepublik hatte mit 2,018 Mio. registrierten Arbeitslosen und
einer Arbeitslosenrate von über 12 Prozent Mitte Februar 1950 ihren winterlichen
Höhepunkt erreicht.³⁵⁹ Zum Abbau der Arbeitslosigkeit und zur Förderung des
Wachstums sei eine erhöhte Einfuhr von Rohstoffen nötig, sodass sich in den fol-
genden fünf Jahren für die Wirtschaft der Bundesrepublik ein Importbedarf in Höhe
von etwa 3,2 bis 3,6 Mrd. US-Dollar ergebe. Entsprechend müssten auch die Exporte
des Landes steigen, Investitionen im Umfang von bis zu 30 Mrd. DM finanziert und das
Sozialprodukt auf etwa 150 Prozent des Jahres 1936 gesteigert werden.³⁶⁰ Die Autoren
An diesem Gutachten waren nicht alle Institute des Vereins beteiligt, sondern lediglich das In-
stitut für Weltwirtschaft in Kiel, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, der Bremer
Ausschuss für Wirtschaftsforschung und eben das RWI.
RWI 51/40 b: Lebensfähigkeit und Vollbeschäftigung. Ein Beitrag zur Frage des Wiederaufbaus in
Westdeutschland, Bonn 1950.
Die Arbeitslosenrate lag 1950 noch bei über 10 Prozent und die Zahl der Zuwanderer bei ca. 8 Mio.
Personen, die knapp 20 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Zu den Zahlen: Wirtschaftswissen-
schaftliches Institut der Gewerkschaften 1950, S. 14 und S. 47.
Zum Umfang der landwirtschaftlichen Produktion: ebda., S. 181– 194.
RWI Mitteilungen, 1950/1, S. 7.
Daten zur industriellen Produktion in: Wirtschaftswissenschaftliches Institut der Gewerkschaften
1950, S. 205 – 226.
4.3 Im neuen Staat 1948 – 1952 239
der Studie sahen in der „Steigerung des Außenhandels eine der entscheidenden
Voraussetzungen für den Wiederaufbau Westdeutschlands“.³⁶¹
Zwei realistische Möglichkeiten für die Ausgestaltung des zukünftigen Außen-
handelsregimes des Landes schienen ihnen gegeben zu sein, einmal die „volle Ein-
gliederung Westdeutschlands in den Marshall-Plan-Raum und Liberalisierung des
Außenhandels“ und zum anderen, auf einer Initiative der drei Alliierten Hochkom-
missare beruhend, eine „stark betonte Autarkie“ auf niederem Entwicklungsniveau.
Letzteres bedeute eine Absage an jegliche weitere Liberalisierungspolitik, mit der der
deutschen Bevölkerung große Opfer auferlegt worden seien. Auch wenn diese Opfer
bereitwillig akzeptiert würden, sei mit dieser Strategie ein Rückfall in den Bilatera-
lismus verbunden, einschließlich Protektionismus und Währungsmanipulationen.
Die Drosselung des Warenaustauschs bewirke für Deutschland einen ständigen Ein-
fuhrüberschuss und zu dessen Finanzierung müsse man sich nach anderen Märkten
hin orientieren (Russland?).
Demgegenüber habe die ERP-Administration „einen sehr weitgehenden Plan ei-
ner europäischen Clearing-Union“ vorgelegt, dessen Konsequenzen eine sehr um-
fassende Liberalisierung des Außenhandels bewirken würden. Der Mangel an inter-
nationaler Liquidität werde in diesem Fall durch amerikanische Kredite behoben und
eine „radikale Beseitigung aller mit der Devisenbewirtschaftung zusammenhängen-
den Handelshemmnisse“ sei möglich. Mit diesem Plan hätte „Deutschland die weit
bessere Chance, in absehbarer Zeit zur Unabhängigkeit von weiteren Auslandshilfen
und zur Vollbeschäftigung zu gelangen“. Dem Ziel der amerikanischen Wirtschafts-
politik, nämlich die „Herstellung einer europäischen Wirtschaftseinheit“, sei nur auf
diesem Wege näher zu kommen.³⁶² Dieser Strategie wurde im Weiteren gefolgt und seit
Herbst 1949 eine energische Liberalisierung des deutschen Außenhandels vorange-
trieben, die sehr bald Deutschland von den „Fesseln des bilateralen Systems“ befreite
und reiche Früchte tragen sollte.³⁶³
Erste Erfolge auf dem Weg zu Wachstum und Vollbeschäftigung waren in West-
deutschland zu Beginn der 1950er Jahre unübersehbar. Der Arbeitskreis Konjunktur-
beobachtung, der sich im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschafts-
wissenschaftlicher Forschungsinstitute e.V. gegründet hatte,³⁶⁴ berichtete, dass sich
im Frühjahr 1950 ein deutlicher Wirtschaftsaufschwung beobachten ließ, der vor
Daten über den westdeutschen Außenhandel finden sich ebenfalls in: ebda., S. 259 – 277.
Es folgten im Gutachten RWI 51/40 b: Lebensfähigkeit und Vollbeschäftigung. Ein Beitrag zur
Frage des Wiederaufbaus in Westdeutschland, Bonn 1950, S. 37– 51, eine Erörterung der geplanten
Maßnahmen der OEEC zur Förderung der Wirtschaft Westdeutschlands und eine Kalkulation der dazu
notwendigen Finanzmittel.
RWI Mitteilungen 1950/2, S. 1– 8.
Zu diesem Arbeitskreis zählten neben dem RWI das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung
(Institut für Konjunkturforschung) in Berlin, das Institut für landwirtschaftliche Marktforschung in
Braunschweig-Völkenrode, das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel und das Institut für
Wirtschaftsforschung (ifo) in München.
240 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
allem durch eine verstärkte Ausfuhr und von beachtlichen Investitionsausgaben ge-
tragen wurde und der sich in steigender Produktion und Beschäftigung der west-
deutschen Wirtschaft niederschlug. Ein weitergehendes Konjunkturbelebungspro-
gramm sei unter diesen Umständen weniger dringlich.³⁶⁵ Im Herbst des Jahres hatte
sich dieser Aufschwung noch einmal erheblich verstärkt und wegen der gleichzeitigen
Preissteigerungen seien sogar Maßnahmen der Drosselung des Aufschwungs zu er-
wägen. Ein Exportboom in Folge der Liberalisierung des Außenhandels hatte die
Ausfuhr zum „Motor des Konjunkturaufschwunges“ gemacht.³⁶⁶ Erste Knappheiten im
Arbeitsangebot seien ebenfalls bereits erkennbar, obwohl die Arbeitslosenrate noch
bei etwa 8 Prozent liege, doch die Qualifikation der Bewerber entspreche nicht immer
den gewünschten Fähigkeiten. Strukturelle Arbeitslosigkeit und Dollarknappheit
bildeten weiterhin die Hauptprobleme der Wirtschaftspolitik. Und diese Entwicklung
hielt mit beschleunigtem Tempo auch bis in den Winter 1950/51 weiter an. Doch der
Aufschwung stieß mittlerweile an reale und finanzielle Grenzen, denn der Import-
bedarf war derartig angewachsen, dass er wegen der Knappheit an Rohstoffen und
Vorprodukten kaum noch zu befriedigen war und zudem seine Finanzierung nur noch
durch einen kurzfristigen Hilfskredit der EZU möglich wurde und auch Investitionen
kaum noch im notwendigen Umfang zu bewerkstelligen waren.³⁶⁷ Besonders drü-
ckend wurde der Kohlenengpass empfunden,³⁶⁸ wie überhaupt die unzureichende
Kohleförderung, als „Kohleproblem“ wahrgenommen, die zeitgenössische Diskussion
beherrschte.³⁶⁹ Trotz des sprunghaften Anstiegs der Förderung nach dem Einbruch
1945/46 und angesichts eines hohen Zechenselbstverbrauchs ebenso wie hoher
Zwangsexporte wurde die Förderung weiterhin als unzureichend angesehen.
Doch hinsichtlich der langfristigen Notwendigkeit einer Ausdehnung der Kohle-
förderung hatte das RWI schon relativ früh ein gewisses Maß an Skepsis erkennen
lassen. Bereits im ersten Heft der RWI Mitteilungen war im Mai 1950 ein prophetischer
Artikel unter dem Titel „Ein Wendepunkt im Steinkohlenbergbau vom ‚Käufermarktʻ
zum ‚Verkäufermarktʻ“ erschienen.³⁷⁰ Wegen der Unelastizität der Kohleförderung
wurde darin bereits zu Beginn der 1950er Jahre, trotz des aktuellen Kohlemangels, auf
die Möglichkeit eines Angebotsdrucks im Kohlemarkt hingewiesen. Als ebenso be-
deutsam wurde das Vordringen alternativer Energieträger, vor allem des Erdöls, an-
gesehen. Doch das schien 1950/51 noch in weiter Ferne zu liegen, denn aktuell wurde
weiter über eine Kohleknappheit geklagt. Trotz einer stetig wachsenden Förderung
und des Abbaus der vorfindbaren Kohlehalden mussten Bewirtschaftungsmaßnah-
men ergriffen werden, auch um einem unkontrollierten Anstieg der Preise für Stein-
kohlen entgegenwirken zu können. In der Konsequenz ließ sich feststellen: „Im
ganzen ist freilich noch mit einer Verschärfung der Kohleknappheit zu rechnen“³⁷¹ –
welch eine verhängnisvolle Fehlprognose!
weisen.³⁷⁸ Die auf die Kriegswirtschaft bezogenen Arbeiten des Instituts für Kon-
junkturforschung, bzw. des nach der inhaltlichen Umorientierung bezeichnender-
weise als Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung neu firmierenden Instituts,
bildeten auch für das RWI, das ja zunächst lediglich als Außenstelle des Berliner
Mutterhauses fungierte, in der Zeit bis 1945 den wissenschaftlichen Bezugsrahmen für
die eigene Tätigkeit.³⁷⁹
Daran in der wissenschaftlichen Arbeit des RWI nach 1945 anzuknüpfen, schien
in der Nachkriegszeit undenkbar. Ein neues wissenschaftliches Paradigma bot sich
den Forschern aber nicht unmittelbar an. Überhaupt ließ sich für die Volkswirt-
schaftslehre der frühen Bundesrepublik ein bedrückender Mangel an theoretischer
Orientierung konstatieren.³⁸⁰ Die Isolation und Fehlorientierung der deutschen Wirt-
schaftswissenschaften während der NS-Zeit hatten zu diesem Defizit nicht unwe-
sentlich beigetragen. Aus der Rückschau erscheint das wirtschaftswissenschaftliche
Arbeiten in der unmittelbaren Nachkriegszeit, d. h. bis zum Beginn der 1950er Jahre,
sofern angesichts der Zerstörungen und des Ressourcenmangels überhaupt von einem
solchen gesprochen werden kann, eher einem heterodoxen Paradigma verpflichtet,
als dass es einer klaren theoretischen Orientierung folgte.
Drei wissenschaftliche Denkrichtungen, „Paradigmen“³⁸¹, wenn man so will,
scheinen dabei um Einfluss gerungen und das wissenschaftliche Arbeiten in jeweils
eigener Art geprägt zu haben.³⁸² Dabei handelte es sich zunächst einmal um den noch
lange nachwirkenden Einfluss der Historischen Schule der deutschen Nationalöko-
nomie, die ihren Höhepunkt in Deutschland zwar an der Wende zum 20. Jahrhundert
erlebt hatte, darüber hinaus aber eine weitreichende Bedeutung behielt.³⁸³ Zum
Zweiten hatte sich in Deutschland und namentlich auch unter deutschen Wirt-
schaftswissenschaftlern im Exil eine Form von Ordnungspolitik herausgebildet, die
insbesondere der Frage nach einer angemessenen Wirtschaftsordnung in Deutschland
nach Überwindung der NS-Diktatur nachging. Und schließlich kam es zu einer ersten
Annäherung an die angelsächsisch geprägte Markt- und Preistheorie, zu deren Ver-
breitung Remigranten und frühe US-Forschungsreisende wesentlich beigetragen
hatten. In der frühen Bundesrepublik zeigte sich deshalb also die Volkswirtschafts-
lehre als eine heterodoxe Mischung unterschiedlicher Theoriefragmente.³⁸⁴
Am Ende der 1940er Jahre stand zunächst allerdings noch die Frage der Ausge-
staltung der Wirtschaftsordnung der jungen Bundesrepublik im Raum, denn mit der
Währungsreform und einer weitgehenden Aufhebung der Bewirtschaftung wurde
auch ein grundlegender Wandel in den Wirtschaftsprinzipien der Gesamtwirtschaft
nötig.³⁸⁵ Diese Frage konzentrierte sich vor allem auf die Ausrichtung der Wirt-
schaftspolitik im neuen Gemeinwesen, und dazu lagen weit konkretere Denkmodelle
vor, als das für die allgemeine Volkswirtschaftslehre zu konstatieren war. In der
wirtschaftspolitischen Debatte um die Wirtschaftspolitik in Westdeutschland ließen
sich um 1948 vor allem drei unterschiedliche Positionen ausmachen.³⁸⁶ Erstens han-
delte es sich um eine interventionistische, am Keynes‘schen Denken orientierte Po-
sition, wie sie vor allem durch Erich Preiser³⁸⁷ und die Wirtschaftsforschungsinstitute
vertreten wurde; zweitens um eine dogmatisch-liberale Position, wie sie Wilhelm
Röpke³⁸⁸ repräsentierte, und schließlich drittens um eine eher mittlere, pragmatische
Position, die insbesondere im Wissenschaftlichen Beirat³⁸⁹ des Bundeswirtschafts-
ministeriums ihre Verfechter fand.
In der Auseinandersetzung dieser unterschiedlichen Positionen wurde für die
junge Bundesrepublik eine neue Wirtschaftsordnung bestimmt. Schon vor 1945 hatten
etliche deutsche Juristen und Ökonomen Überlegungen angestellt, wie nach der NS-
Diktatur im Rahmen einer demokratischen Gesellschaft eine neue Wirtschaftsverfas-
sung zu begründen sei. Hier spielten die sogenannte Freiburger Schule, der man auch
den ersten Wirtschaftsminister des Landes, Ludwig Erhard,³⁹⁰ zurechnen kann, und
der Ordoliberalismus³⁹¹ als stilbildende Denkrichtungen eine bedeutende Rolle.³⁹²
Eine ganze Reihe liberaler Denker beteiligte sich dann auch in der Nachkriegszeit an
der entsprechenden Diskussion.³⁹³ In einem weitgehenden ökonomischen Liberalis-
mus wurde von den Autoren eine adäquate Ergänzung zur demokratischen Ordnung
der Gesellschaft gesehen und dem Staat dabei u. a. auch die wichtige Aufgabe der
Gewährleistung einer funktionsfähigen Wettbewerbsordnung zugewiesen.³⁹⁴ Das be-
sondere Interesse an der Ordnungspolitik blieb weitgehend auf die deutsche Wirt-
schaftswissenschaft beschränkt, weil hier die Begründung einer neuen Wirtschafts-
ordnung für den jungen Staat von allergrößter Bedeutung war, während die übrigen
Industriestaaten bereits über eine bewährte, historisch gewachsene Wirtschaftsver-
fassung verfügten. Der Ordoliberalismus erwies sich deshalb als eine deutsche Ei-
gentümlichkeit, die die Entwicklung der internationalen Wirtschaftswissenschaften
insgesamt nur am Rande berührte und allenfalls in der späteren Institutionenöko-
nomik eine gewisse Renaissance erlebte.³⁹⁵
Das zeigte auch praktische Konsequenzen, galt es doch in Deutschland zu-
nächst eine stabile Geld- und Währungsordnung zu begründen, das Funktionieren der
Marktwirtschaft durch eine Wettbewerbsordnung sicherzustellen, zu einer Konsoli-
dierung der zerrütteten gesellschaftlichen Verhältnisse mittels einer maßvollen So-
zialpolitik beizutragen und eine angemessene Sozialordnung zu begründen. Die
Währungsreform vom Juni 1948 hatte hier die Richtung gewiesen, das Gesetz gegen
Wettbewerbsbeschränkungen stellte 1957 einen weiteren Schritt hin zu einer charak-
teristischen Wirtschaftsverfassung in Westdeutschland dar, und die Einführung einer
dynamischen Rente im selben Jahr setzte die Sozialpolitik der vorausgehenden Jahre
in einem mutigen dritten Schritt weiter fort.³⁹⁶ Eine „korporative Marktwirtschaft“
nahm Konturen an.³⁹⁷ Denkbare Alternativen zur Gestaltung der bundesrepublikani-
schen Wirtschaftsordnung, etwa die Sozialisierung von Schlüsselindustrien und eine
planwirtschaftliche Lenkung, gemeinwirtschaftliche Konzepte oder ältere Vorstel-
lungen über eine Wirtschaftsdemokratie wie auch einer frühen keynesianischen
Globalsteuerung waren damit auf der Strecke geblieben.³⁹⁸ In den angelsächsischen
Ländern standen zu jener Zeit nämlich längst nicht mehr die Fragen einer angemes-
senen Wirtschaftsordnung auf der Agenda. Dieser Punkt war dort seit Langem im
Sinne eines liberalen marktwirtschaftlichen Systems entschieden. Es dominierte
vielmehr die Sorge vor einer drohenden säkularen Stagnation, vor Unterbeschäftigung
und Deflation und der Keynesianismus erlebte eine erste Hochzeit.³⁹⁹ In Deutschland
konnte davon keine Rede sein, hier ging es noch um die Gestaltung einer neuen
Wirtschaftsordnung.
Die vorgegebene Neue Wirtschaftslehre im Nationalsozialismus konnte für die
Bundesrepublik kein angemessenes Paradigma bieten und auch die nationalsozia-
listische Raumforschung und die Planungen einer Großraumwirtschaft im Rahmen
der Kriegswirtschaft stellten keine unmittelbaren Anknüpfungspunkte dar. Auf der
Suche nach neuen Paradigmen für die wissenschaftliche Arbeit hatte sich auch das
RWI bereits früh in die Diskussion über eine mögliche Gestaltung der wirtschaftlichen
Entwicklung und die Schaffung einer Wirtschaftsordnung für das neue Gemeinwesen
Hesse 2010, S. 17– 20. Zur Begründung der Institutionenökonomik: North 1988 und ders. 1992.
Auch die Einführung der Montanmitbestimmung 1952, das Betriebsverfassungsgesetz und die
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wären als frühe Elemente bei der Herausbildung des Rheinischen
Kapitalismus zu nennen.
Abelshauser 2004, S. 173.
Zu den verschiedenen Konzepten vgl. Abelshauser 2004, S. 89 – 106.
Hutchison 1979.
4.4 Wissenschaft und Wirtschaftspolitik im Nachkriegsdeutschland 245
eingebracht.⁴⁰⁰ Noch eher vorsichtig in der Diktion, aber recht eindeutig in der Sache,
wird in einer Publikation von 1948 für die Marktwirtschaft plädiert, wenn auch unter
Einschluss interventionistischer Elemente, offenbar, weil zu diesem Zeitpunkt die
britischen Militärbehörden noch eher planwirtschaftlichen Ordnungsvorstellungen
anhingen. Eine Produktionspolitik im britischen Sinne stehe nach Auffassung des
RWI-Autors aber einer Kommandowirtschaft weit näher als einer Marktwirtschaft. Die
Bewirtschaftung von Material und Arbeit sowie auch die zahlreichen Produktions-
gebote und -verbote seien unter den herrschenden Bedingungen unvermeidlich. Zwar
sei auch der „Wirtschaftsliberalismus alten Stils ad absurdum geführt“ worden und
zahlreiche seiner Mängel ließen sich anführen,⁴⁰¹ doch vor allem seien es „krankhafte
Störungen des Konjunkturverlaufs“, die zu „Inkongruenzen der Wirtschaft von mehr
oder weniger säkularer Bedeutung“ geführt hätten. Dagegen richte sich zwar auch die
Produktionspolitik und diese gewinne eine „gewisse“ [i.O.] Lenkung der Entwicklung
des Produktionspotentials und Einfluss auf den Konjunkturverlauf – bewirke aber
insgesamt eben keinesfalls eine gänzliche Überwindung der genannten „krankhaf-
te[n] Störungen“.
Auf der anderen Seite könne man die Wirtschaft in Deutschland unter den ge-
gebenen Bedingungen der Nachkriegszeit nicht sich völlig allein überlassen, weil
der Krieg soziale und ökonomische Strukturveränderungen bewirkt habe, die eine
ordnende Hand des Staates erforderlich machten. Dazu zähle auch die mangelnde
Kenntnis unter den Wirtschaftsführern über das Funktionieren einer Wettbewerbs-
wirtschaft. Die Verhinderung unerwünschter ökonomischer Machtstellungen, Dis-
proportionalitäten und Engpässe in den Produktionsstrukturen, störende Konjunk-
turbewegungen und Behinderungen im föderalistisch aufgebauten Staatswesen
machten deshalb weiterhin Staatseingriffe in die Wirtschaft unverzichtbar. „Alle diese
Tatsachen erfordern mehr als früher, dass zentrale staatliche Instanzen sich um den
Wirtschaftsablauf kümmern und ihm bei grundsätzlicher Anerkennung der freien
Marktwirtschaft Signale setzen und von Fall zu Fall unmittelbar eingreifen.“ Diesen
Satz kann man durchaus als eine verdeckte Absage an eine zentrale staatliche Pla-
nung und als ein Plädoyer für eine modifizierte Marktwirtschaft verstehen, ganz
in Übereinstimmung mit der Konzeption der „Sozialen Marktwirtschaft“, wie sie dann
zum Ordnungsmodell der frühen Bundesrepublik wurde. Der staatlichen Wirt-
schaftspolitik werden dabei wichtige Aufgaben zugewiesen. „Es wäre [jedoch] unlo-
gisch, wenn eine marktwirtschaftlich ausgerichtete Produktionspolitik [gemeint:
RWI 51/38: Paul Wiel, Produktionspolitik in der Marktwirtschaft, Essen 1948. Diese Arbeit war, wie
auch die Studie über Außenhandel und Beschäftigungspolitik (RWI 51/37), ursprünglich in einer Ge-
meinschaftsarbeit mit den wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitutionen der britischen Zone
entstanden, die dann aber durch die Währungsreform überholt wurde. Eine separate Publikation
schien dem RWI dennoch angezeigt.
Genannt werden hier Monopole und Oligopole, Zwänge der Fixkostendegression und der Ver-
bundproduktion, fehlerhafte Zukunftserwartungen, sozialrechtliche Einschränkungen, Mängel in der
Verkehrssituation, in der Marktorganisation und bei der Kreditgewährung.
246 4 In der Zusammenbruchsgesellschaft (1945 – 1952)
Zur Wiederbegründung der Frankfurter Fakultät vgl. z. B. Caspari 2004, S. 464– 471 und Pieren-
kemper 2004, S. 582 f.
Hagemann/Krohn 1992 und dies. 1999.
4.4 Wissenschaft und Wirtschaftspolitik im Nachkriegsdeutschland 247
wo er u. a. bei Karl Bücher, einem der Hauptvertreter dieser Richtung, studiert hatte.
Zahlreiche seiner Publikationen stellen wegen ihres reichen empirischen Gehalts bis
heute wertvolle historische Quellen dar. Als ein theoretisch arbeitender Wirtschafts-
wissenschaftler war Walther Däbritz jedenfalls nicht in Erscheinung getreten, auch
wenn seine frühen Ausführungen etwa zur Konjunkturanalyse einen beachtlichen
Sachverstand deutlich werden lassen.⁴¹⁰ Er war eben vor allem Praktiker und Orga-
nisator, und seine größten Verdienste hat er sich zweifellos mit der Begründung, der
Organisation und der Wiederbegründung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für
Wirtschaftsforschung in dem Vierteljahrhundert zwischen 1926 und 1952 erworben.
Der noch lange dem Historismus zuneigende wissenschaftliche Standort Walther
Däbritz‘ wird nochmals in seinem Vortrag zum Thema „Aus Theorie und Praxis der
Konjunkturforschung“ sichtbar, den er auf der Gründungsversammlung der Förder-
gesellschaft des RWI am 7. März 1949 hielt. Auch hier griff er zunächst einmal weit
in die Vergangenheit zurück, um an der Entwicklung des rheinisch-westfälischen
Industriebezirks seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen säkularen Entwicklungs-
trend nachzuzeichnen, der durch gelegentliche Wirtschaftskrisen geprägt war. Diese
Beobachtung wurde bereits von einigen Harvard-Ökonomen 1917 zum Anlass ge-
nommen, einen Index zur Beschreibung des Phänomens, das berühmte Harvard-Ba-
rometer, zu entwickeln. Dessen methodische Unzulänglichkeiten bewogen Prof. Wa-
gemann in Berlin zur Suche nach einer verbesserten Form der
Konjunkturbeschreibung, an der sich seit 1926 auch die „Abteilung Westen“ in Essen
beteiligte. In der Praxis hatten sich diese Bemühungen nach Ansicht Däbritz‘ bis 1952
aber noch nicht wirklich bewähren können, weil im 20. Jahrhundert der „secular
trend“ des 19. Jahrhunderts von zahlreichen Störungen schwerster Art, „residual
movements“ benannt, überlagert wurde. Dies alles wird mit Verweisen auf die his-
torische Entwicklung nachgezeichnet und die gegenwärtigen Strukturprobleme der
Wirtschaft werden als historische Phänomene deutlich benannt. Allerdings erschien
Däbritz durch die Maßnahmen in der allerjüngsten Zeit – gemeint ist die Wiederein-
führung liberaler, marktwirtschaftlicher Elemente in die westdeutsche Wirtschafts-
ordnung – eine fortschreitende Flexibilisierung der Wirtschaft unübersehbar und
somit die Voraussetzung für eine Wiederkehr der vertrauten Konjunkturzyklen gege-
ben. Deshalb gelte es in der zukünftigen Arbeit des Instituts auch die Konjunktur-
berichterstattung neben der weiterhin zu betreibenden Strukturberichterstattung
stärker zu berücksichtigen. Damit war das Arbeitsprogramm des RWI für die folgen-
den Dekaden, nämlich eine empirisch gestützte Konjunkturanalyse und Strukturbe-
richterstattung, hinreichend umschrieben.⁴¹¹
Eine rasche Ent-Historisierung der allgemeinen Volkswirtschaftslehre in der
Bundesrepublik war bis ca. 1955 weitestgehend vollzogen und wurde getragen von
einem neuen Hochschulpersonal, das erste Kontakte insbesondere zu den Universi-
täten und Forschungsinstitutionen der USA geknüpft hatte.⁴¹² Darauf konnte die
deutsche Volkswirtschaftslehre mit den Arbeiten der jüngeren Forscher in den 1960er
Jahren aufbauen.⁴¹³ Erst Mitte der 1950er Jahre waren damit die kurzfristig noch
wirkmächtige Historische Schule und der Ordoliberalismus durch den wachsenden
Einfluss der anglo-amerikanischen Wirtschaftstheorie auch in Westdeutschland zu-
rückgedrängt und der deutsche Sonderweg innerhalb der Wirtschaftswissenschaften
nahm damit ein Ende.
Dazu hatten nicht zuletzt Rückkehrer aus dem Ausland und die zahlreichen For-
schungsaufenthalte jüngerer Ökonomen in den USA entscheidend beigetragen.⁴¹⁴ Deren
Wirken schlug sich zunächst in verschiedenen modernen Lehrbüchern der Volkswirt-
schaftslehre nieder, von denen insbesondere die Einführungen in die Volkswirt-
schaftslehre von Erich Schneider⁴¹⁵ und Heinz Sauermann⁴¹⁶ hervorzuheben sind.
Alsbald folgten auch Übersetzungen englischsprachiger Lehrbücher ins Deutsche und
hier erzielte Paul A. Samuelson⁴¹⁷ einen überragenden internationalen Erfolg. Mit die-
sen Publikationen etablierte sich auch in der deutschen Volkswirtschaftslehre eine
kanonische Trennung der volkswirtschaftlichen Theorie in eine Mikroökonomik (Markt-
und Preistheorie) einerseits und eine Makroökonomik (Kreislaufanalyse) andererseits.
Damit war hier ebenfalls die Abkehr von der deutschsprachigen Tradition der Wirt-
schaftswissenschaften vollzogen. Jan-Otmar Hesse sieht den „eigentlichen Quanten-
sprung in der Entwicklung der bundesdeutschen Volkswirtschaftslehre“⁴¹⁸ hingegen
allein in der Übernahme der neoklassischen Mikroökonomie, weil ihm in diesem Be-
reich der Rückstand gegenüber der angelsächsischen Ökonomie am größten scheint.⁴¹⁹
Einen Meilenstein für die Übernahme dieses Theoriekomplexes stellt hier Alfred E. Otts
Lehrbuch von 1967 dar.⁴²⁰ Anknüpfen konnte diese Theorierichtung allenfalls an
deutschsprachige Arbeiten über unvollkommenen Wettbewerb der 1930er Jahre,⁴²¹ die
allerdings bei den Ordnungspolitikern der Freiburger Schule auf Ablehnung gestoßen
waren.⁴²² Diesen schien eine systematische Konstruktion von Marktformen auf der Basis
von Annahmen über das Angebots- und Nachfrageverhalten der Wirtschaftssubjekte zu
realitätsfern, zu formal. Sie plädierten vielmehr für eine Gewinnung von Typen des
Marktes aus den historischen Gegebenheiten.
Für die empirische Wirtschaftsforschung in der Bundesrepublik der frühen 1950er
Jahre blieben alle diese theoretischen Neuerungen zunächst noch von eher geringer
Bedeutung. Und auch die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute suchten
noch nach einer neuen wissenschaftlichen Orientierung, wobei die Fortschritte in
den statistischen Methoden sich von größerer Relevanz für ihre praktische Arbeit
erwiesen als die Entwicklungen der ökonomischen Theorie. Dies war und blieb auch
der Schwerpunkt der methodischen Basis für die Arbeit des Rheinisch-Westfälischen
Instituts für Wirtschaftsforschung in den ersten beiden Dezennien nach seiner Wie-
derbegründung im Jahre 1947.