Titel
Titel
Handel und Politik zwischen dem byzantinischen Reich und den italienischen Kom-
munen Venedig, Pisa und Genua in der Epoche der Komnenen und der Angeloi (1081
– 1204)
Die hier in pdf-Form publizierte Arbeit wurde im Wintersemester 1982/83 als Habili-
tationsschrift von dem Fachbereich Altertumswissenschaft der Freien Universität
Berlin akzeptiert und 1984 im Verlag A. M. Hakkert publiziert. Zu den Änderungen
in der hier vorliegenden pdf-Fassung s. im folgenden die ausführliche Vorbemerkung.
Die Schlacht von Myriokephalon (1176). Auswirkungen auf das byzantinische Reich
im ausgehenden 12. Jahrhundert, in: REB 35 (1977) 257–275
Des Kaisers Macht und Ohnmacht. Zum Zerfall der Zentralgewalt in Byzanz vor dem
vierten Kreuzzug, in: VARIA I. Beiträge von Ralph-Johannes Lilie und Paul
Speck, Bonn 1984 (POIKIΛA BYZANTINA 4), 9–120
Noch einmal zu dem Thema "Byzanz und die Kreuzfahrerstaaten", in: VARIA I. Bei-
träge von Ralph-Johannes Lilie und Paul Speck, Bonn 1984 (POIKIΛA BY-
ZANTINA 4), 121–174
Der Erste Kreuzzug in der Darstellung Anna Komnenes, in: VARIA II. Beiträge von
Albrecht Berger, Lucy-Anna Hunt, Ralph-Johannes Lilie, Claudia Ludwig und
Paul Speck, Bonn 1987 (POIKIΛA BYZANTINA 6), 49–148
Twelfth-Century Byzantine and Turkish States, in: Byzantinische Forschungen 16
(1990) 35–51
Manuel I. Komnenos und Friedrich I. Barbarossa. Die deutsche und die byzantinische
Italienpolitik in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in der neueren Literatur,
in: Jahrbuch der österreichischen Byzantinistik 42 (1992) 157–170
Anna Komnene und die Lateiner, in: Byzslav 54 (1993) 169–182
Byzantium and the Crusader States 1096–1204. Transl. by J. C. Morris and J. E.
Ridings, Oxford 1993
Die Handelsbeziehungen zwischen Byzanz, den italienischen Seestädten und der Le-
vante vom 10. Jahrhundert bis zum Ausgang der Kreuzzüge, in: Kommunikation
zwischen Orient und Okzident. Alltag und Sachkultur, Internationaler Kongreß
Krems an der Donau (6.-9. Oktober 1992), Wien 1994 (Österr. Akad. d. Wiss.,
Kl. Phil.-Hist., Sitzungsberichte, 619 = Veröffentlichungen des Instituts für
Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, 16), 25–47
Der Fernhandel der Italiener und das byzantinische Reich am Vorabend des Vierten
Kreuzzugs, in: W. v. Stromer (Hrsg.); Venedig und die Weltwirtschaft um 1200,
Stuttgart 1999, 159–175
Byzanz. Das zweite Rom, Berlin 2003
Byzanz und die Kreuzzüge, Stuttgart 2004 (Urban Tb. 595)
Einführung in die byzantinische Geschichte, Stuttgart 2007 (Urban Tb 617)
Niketas Choniates und Ioannes Kinnamos, in: Realia Byzantina (Festschrift für A.
Karpozilos), ed. S. Kotzabassi and G. Mavromatis, Berlin–New York, 2009
(Byzantinisches Archiv 22), 89–101.
Byzanz – Staat, Wirtschaft und Gesellschaft im 12. Jahrhundert, in: Die Staufer und
Byzanz, Göppingen 2013 (Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst. Bd.
33), S. 10–42
Handel und Politik zwischen dem byzantinischen Reich und den
italienischen Kommunen Venedig, Pisa und Genua in der Epoche der
Komnenen und der Angeloi (1081 – 1204)
von
Ralph-Johannes Lilie
(Erschienen Amsterdam 1984 –vom Verfasser überarbeitete pdf-Fassung 2020)
Das hier als pdf-Fassung für eine Internetausgabe überarbeitete Buch ist ursprünglich 1984 in
einer "normalen" Druckfassung erschienen. Zusammen mit den beiden Publikationen "Byzanz
und die Kreuzfahrerstaaten" (ersch. 1981, überarbeitete englische Übersetzung "Byzantium and
the Crusader States", ersch. 1993) und "Des Kaisers Macht und Ohnmacht" (ersch. 1984) bildet
es den Kern meiner Forschungen zur byzantinischen Geschichte in der Zeit der Komnenen und
Angeloi. Die drei Publikationen sind daher, auch wenn sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten
erschienen sind, eine Einheit, in der immer wieder aufeinander Bezug genommen wird. Von
den dreien sind zwar die "Kreuzfahrerstaaten" als erster Band erschienen, sie wurden aber später
für die englische Übersetzung sowohl inhaltlich als auch strukturell überarbeitet, so daß die
englische Fassung seitdem die maßgebliche ist, nicht mehr die originale deutsche. Daher sind in
dieser pdf-Fassung von "Handel und Politik" auch die alten Hinweise entsprechend aktualisiert
worden. Die beiden anderen Publikationen werden gleichfalls online zugänglich sein, ebenso
wie meine anderen Arbeiten zu diesem Themenkreis. Ausnahmen bilden hier nur die drei
Bücher "Byzanz. Das zweite Rom" (ersch. 2003), "Byzanz und die Kreuzzüge" (ersch. 2004)
sowie die "Einführung in die byzantinische Geschichte" (ersch. 2007), die alle noch im Handel
erhältlich sind und daher von mir auch nicht online gestellt werden können.
Für die pdf-Version von "Handel und Politik" habe ich das Original eingescannt, einer
OCR-Behandlung unterzogen und das Ergebnis mit einem Textbearbeitungsprogramm neu
formatiert und strukturiert. Die dabei unvermeidlichen Umwandlungs- und Lesefehler sind
soweit möglich korrigiert worden. Grund für diese sehr aufwendige Arbeit war, daß nach
meinem Gefühl die Lesbarkeit des "alten" Buches unter zu langen und zu wenig strukturierten
Textabschnitten litt, was möglicherweise auch die Aufnahmefähigkeiten mancher Nutzer
überfordert haben mag. Daher sind die einzelnen Kapitel weiter unterteilt und mit zahlreichen
Zwischentiteln versehen worden. Um keine Irritationen bei allfälligen Zitierungen aufkommen
zu lassen, sind die Seitenumbrüche der Druckausgabe in der pdf-Fassung durch [XXX]
kenntlich gemacht worden. Daher war es auch nicht nötig, die internen Querverweise zu
2 Noch einmal zur Datierung des Alexiosprivilegs für Venedig: 1082 oder 1092?
aktualisieren, da sie weiterhin ohne Schwierigkeiten benutzt werden können. Gleiches gilt für
den Index.
Darüber hinaus sind keine Aktualisierungen vorgenommen worden. Zur byzantinischen
Geschichte in dem behandelten Zeitraum ist seit den achtziger Jahren so viel publiziert worden
– sowohl an neuen Quelleneditionen als auch an Sekundärliteratur –, daß eine vollständige
Einarbeitung in meinem Alter nicht mehr zumutbar ist. Eine teilweise Einarbeitung aber
scheint mir gegenüber den nicht aufgenommenen Arbeiten unfair zu sein und dürfte vielleicht
auch zu einseitig sein. Ich habe allerdings meine späteren Arbeiten zu diesem Themenkreis in
das Literaturverzeichnis aufgenommen (in roter Farbe gekennzeichnet), so daß Leser oder
Leserin bei Bedarf in ihnen auch eine Auseinandersetzung mit den jeweiligen Forschungen
nachvollziehen kann.
Noch einmal zur Datierung des Alexiosprivilegs für Venedig (1082 oder 1092?)
Der Inhalt des dieser pdf-Publikation zugrundliegenden Originals ist, wie schon angemerkt,
nicht aktualisiert worden. Eine Ausnahme möchte ich nur für die Frage nach der Datierung des
Privilegs für die Venezianer durch Alexios I. Komnenos machen, auch wenn ich hier nach wie
vor der schon in der Printfassung vertretenen Meinung bin, daß 1082 das wahrscheinlichste
Datum ist. Hierfür sei grundsätzlich auch auf die Argumentation unten in den Kapiteln I und
XIV verwiesen.
Das Problem ist grundsätzlicher Natur: Die beiden Urkunden, in denen die lateinische
Fassung des Chrysobulls überliefert ist, bieten als Datierung das Weltjahr 6200 bzw. 6600, das
den Jahren 692 bzw. 1092 entspricht, wobei 6200 offensichtlich falsch und möglicherweise in
der zweiten Urkunde korrigiert worden ist. Allerdings ist diese Datierung auch dann nicht so
klar, wie man annehmen könnte, denn zugleich wird als Datum auch die fünfte Indiktion
angegeben, die für 1082 gilt. Nimmt man hinzu, daß es sich bei dem Text um die lateinische
Übersetzung – bzw. eine spätere Kopie derselben –des nicht erhaltenen griechischen Originals
handelt, könnte es sich sogar in beiden Fällen auch um eine versehentliche Fehlübersetzung
oder -lesung des Weltjahres handeln. Dasselbe Argument gilt natürlich auch umgekehrt für die
Indiktion, wo gleichfalls eine Fehllesung vorliegen könnte (5. anstelle 15. Indiktion)1.
Andererseits stellen sowohl die Chronistin Anna Komnene als auch der Text des Chry-
sobulls selbst das Privileg in einen sehr engen Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Nor-
mannen, der nach dem Tod Robert Guiskards 1085 mehr oder weniger schnell geendet hat.
Auch wenn Anna Komnenes Zuverlässigkeit grundsätzlich in Frage gestellt werden kann2, so
ist ihre Schilderung der Vergabe des Chrysobulls doch so klar und überzeugend, daß an ihr nur
1
Wobei aber für die Indiktion spricht, daß sie in beiden Fällen gleich ist, also auch von dem "korrigierenden"
Kopisten oder Übersetzer für richtig gehalten worden ist.
2
Zu der chronologischen Genauigkeit und allgemein zur Vertrauenswürdigkeit Anna Komnenes cf. LILIE,
Byzantium and the Crusader States (1993), bes. S. 259–276; DERS., Anna Komnene (1987) passim; DERS.,
Anna Komnene und die Lateiner passim.
Noch einmal zur Datierung des Alexiosprivilegs für Venedig: 1082 oder 1092? 3
mit starken Argumenten gezweifelt werden sollte. Nimmt man ihre genauen Angaben des
Inhalts, so wird man überdies kaum daran zweifeln können, daß sie den Text selbst vor Augen
hatte, den sie dann auszugsweise wiedergab 3 . Insofern ist eine völlig falsche Datierung des
Chrysobulls durch sie eher unwahrscheinlich. Zumindest ist der Zusammenhang mit dem
Krieg gegen die Normannen nicht zu bestreiten4.
Die Schilderung der Chronistin wird darüber hinaus durch das Chrysobull selbst bestätigt,
wo in der Einleitung erklärt wird, daß die Venezianer auf ihren Schiffen Byzanz nicht nur zu
Hilfe gekommen seien, sondern daß sie dies auch jetzt noch täten und im Kampf weiter
ausharrten: ea que fidelium Veneticorum sunt nullus omnium ignorauit, et quomodo uenerunt,
constructis multiferis nauibus, ad Epidamnum ... et quod nunc quoque nobis auxiliantes perseue-
rant5. Diese Aussage setzt voraus, daß der Krieg zum Zeitpunkt der Vergabe des Chrysobulls
noch im Gange war, was ein Datum vor 1085 erfordert. Dies entspräche dann auch der Indik-
tionszahl in der Datierung des Privilegs. Bei einer Datierung auf 1092 wäre dieser Passus zu-
mindest ungewöhnlich.
Beide Datierungen – 1082 und 1092 – sind miteinander nicht zu vereinbaren und ihre
jeweilige Richtigkeit hängt, nimmt man nur die vorgetragenen Argumente, von der jeweiligen
Auffassung ab. Schauen wir also nach weiteren Indizien: Allgemein betrachtet ist die Motiva-
tion für eine Vergabe 1082 problemlos: Byzanz war in Not und brauchte dringend die venezi-
anische Hilfe, die mit dem Chrysobull bezahlt wurde. Dagegen fehlt für 1092 ein solcher Zu-
sammenhang: Die Normannengefahr war überstanden. Auch andere politisch/militärischen
Notlagen, in denen eine Flottenhilfe erforderlich gewesen wäre, sind für 1092 nicht zu finden6.
Man könnte natürlich vermuten, daß Alexios mit einer Vergabe 1092 sozusagen seine Schulden
für die Hilfe im Normannenkrieg bezahlt hätte. Aber warum erst rund sieben Jahre nach dem
Ende? Und wie wahrscheinlich ist es überhaupt, daß die Venezianer ohne eine vertraglich
gesicherte Zusage in den Krieg gezogen wären und ihre Unterstützung nach den ersten
Mißerfolgen sogar noch verstärkt fortgesetzt hätten?
Eine Vergabe erst 1092 wäre mit dem Normannenkrieg nur schwer zu erklären. Insofern
haben die Vertreter dieser Datierung auch nach anderen Gründen für eine Vergabe gesucht und
3
ANNA KOMNENE VI. 5. Daß Anna Komnene Zugang zu offiziellen Archiven gehabt haben muß, geht
auch aus dem Privileg für Bohemund 1108 hervor, das bzw. die Gegenerklärung Bohemunds von ihr wörtlich
ausgeschrieben worden ist.
4
Ihrer Schilderung zufolge wandte Alexios sich zunächst an die Venezianer um Hilfe. und sicherte ihnen eine
entsprechende Belohung zu. Nach einem ersten Mißerfolg kehrten die Venezianer zunächst nach Venedig
zurück, führten dann aber gegen die Zusicherung einer reichen Belohnung ihre Flotte wiederum gegen die
Normannen und schlugen sie, woraufhin der Kaiser ihnen das versprochene Chrysobull ausstellte.
5
BORSARI, Crisobullo 124; s. dazu unten Kap. I S. 6 [9] Anm. 19.
6
Man könnte hier allenfalls die Bedrohung durch Tzachas von Smyrna anführen, der aber ohne venezianische
Unterstützung angewehrt werden konnte, die in den Quellen daher auch keine Erwähnung findet.
4 Noch einmal zur Datierung des Alexiosprivilegs für Venedig: 1082 oder 1092?
7
S. dazu unten Kap I S. 6 [8]; Kap. XIV S. xxx [332–335].
8
P. FRANKOPAN, Byzantine trade privileges to Venice in the eleventh century: the chrysobull of 1092, in:
Journal of Medieval History 30 (2004) S. 135–160, hier 152ff. Der Aufsatz leidet im übrigen darunter, daß
er die frühere Sekundärliteratur zu dem Thema nur sehr gezielt berücksichtigt. So ist die deutschsprachige
Literatur entweder gar nicht oder aber so unzureichend zitiert worden, daß man annehmen muß, daß die
Sprachkenntnisse des Autors offenbar nicht ausreichten, sie zur Kenntnis zu nehmen. Davon abgesehen wird
die Beweisführung Frankopans durch eine Überfülle von Material, das mit dem eigentlichen Privileg
allenfalls indirekt etwas zu tun hat, eher verdunkelt. Weniger wäre hier mehr gewesen!
Noch einmal zur Datierung des Alexiosprivilegs für Venedig: 1082 oder 1092? 5
Umgekehrt aber ergibt die Liste dann Sinn, wenn man annimmt, daß die Venezianer an
den in der Liste angeführten Orten entweder besondere Handelsinteressen hatten oder solche
doch für die Zukunft erhofften und sich auf diese Weise Stützpunkte sichern wollten, während
Byzanz im Gegenteil eher bestrebt war, die Zahl zu beschränken. Ob diese Plätze zum
Zeitpunkt der Erteilung des Privileg nun konkret byzantinisch waren oder nicht, spielte daher
für ihre Aufnahme in die Liste keine ausschlaggebende Rolle.
Ähnliches gilt für die Zugeständnisse in Dyrrhachion, wo Frankopan die byzantinischen
Vorbehalte und die Zugeständnisse an Venedig nur für sinnvoll hält, wenn die Stadt in byzan-
tinischem Besitz gewesen sei, was sie 1082 zugegebenermaßen nicht war. Aber nimmt man an,
daß Venedig sich von dem Privileg nicht nur augenblickliche Vorteile erhoffte, sondern auch
für die weitere Zukunft vorzusorgen bestrebt war, verliert ein solches Argument seine Stich-
haltigkeit.
Wichtiger ist noch eine weitere Beobachtung: Wie in diesem Buch gezeigt wird, ist es für
sämtliche Privilegien für die italienischen Seestädte während des 12. Jahrhunderts möglich,
konkrete militärisch-politische Beweggründe zu finden, während ökonomische Motive auf der
byzantinischen Seite nur in negativer Hinsicht eine Rolle spielten. Kurz gesagt: Byzanz kaufte
die militärisch-politische Unterstützung der italienischen Seestädte ein und bezahlte sie mit
Handelserleichterungen, wobei man – besonders bei den Privilegien für Genua und Pisa, aber
indirekt auch bei Venedig – sehen kann, daß die Kaiser versuchten, diese Handelserleich-
terungen nicht zu groß werden zu lassen, den Preis also so weit möglich zu drücken. Dieser
Punkt ist von Frankopan, der sich ja ausschließlich auf das Privileg von 1082 (bzw. in seinem
Sinne 1092) konzentriert, überhaupt nicht berücksichtigt geschweige denn diskutiert worden.
Es ist schwer nachzuvollziehen, daß Byzanz 1082 ein Privileg nach völlig anderen Gesichts-
punkten vergeben haben soll, als das bei sämtlichen anderen Privilegsverleihungen im nachfol-
genden Jahrhundert der Fall gewesen ist. Man könnte sogar noch weiter gehen und fragen,
warum Byzanz überhaupt solche Privilegien widerrufen bzw. nicht bestätigt hat, wenn damit
Nachteile für die byzantinische Ökonomie verbunden gewesen wären, wie es, folgt man Fran-
kopan, ja der Fall gewesen wäre. Aber für ein solches Verhalten gibt es keinerlei Hinweise in
den Quellen.
Aber auch in dem Privileg selbst gibt es Hinweise, daß es vor 1092 erlassen worden sein
muß: In dem Privileg wird der Doge zum Protosebastos mit entsprechendem Gehalt ernannt.
Dieser Titel erscheint zuerst in einer Urkunde aus dem Jahre 10839. Die Verleihung muß also
vorher stattgefunden haben. Der venezianische Chronist Andrea Dandolo gibt allerdings für
1084 noch einmal eine Verleihung des Protosebastostitels für den Dogen und außerdem eine
Anerkennung der venezianischen Herrschaftsrechte für Dalmatien und Kroatien an, was
Frankopan wiederum mit 1092 verbindet. Erst danach habe der Doge Kroatien in seinem Titel
mit angeführt. Aber Dandolo ist gerade im Bereich der venezianischen Ansprüche auf
9
ZUSTO Nr. 1 (Mai 1083).
6 Noch einmal zur Datierung des Alexiosprivilegs für Venedig: 1082 oder 1092?
Dalmatien und Kroatien nicht einmal ansatzweise objektiv, er wiederholt sie auch bei anderen
Gelegenheiten. Der Doge mag zeitweise Dalmatien und Kroatien in seinem Titel geführt
haben, aber von Byzanz sind diese venezianischen Ansprüche und etwaige mit ihnen verbun-
denen Titel mit Sicherheit weder verliehen noch anerkannt worden, da Byzanz diese Gebiete
selbst beanspruchte. So erklärte Alexios beispielsweise in dem Privileg für Pisa 1111 Kroatien
und Dalmatien ausdrücklich für byzantinisch10. Nichtsdestoweniger behauptet Dandolo, daß
Alexios 1112 der venezianischen Bitte um Anerkennung der venezianischen Herrschafts-
ansprüche in Dalmatien zugestimmt und sie, ebenso wie übrigens die Deutschen, 1116 sogar
durch die Entsendung byzantinischer Truppen unterstützt habe. Er ist in diesem Bereich
eindeutig nicht vertrauenswürdig, was allerdings von Frankopan nicht einmal ansatzweise
diskutiert wird11.
Hingegen ist eine zweite Verleihung bzw. Bestätigung des Protosebastostitels nach 1082
nicht unwahrscheinlich. Wie schon Borsari gezeigt hat, wurde der 1082 amtierende Doge von
den Venezianern 1084 abgesetzt und durch einen neuen ersetzt. Nun konnten die Venezianer
aber zweifellos einen Dogen absetzen, ihm aber nicht eigenmächtig den vom Kaiser verliehenen
byzantinischen Titel und die mit diesem Titel verbundenen Einkünfte entziehen. Andererseits
konnte es ohne Einwilligung des Kaisers auch nicht gleichzeitig zwei Protosebastoi in Venedig
geben. Daher dürfte der Kaiser 1084 auf eine venezianische Bitte hin den Titel noch einmal
verliehen haben, wobei wir nicht wissen, ob er zugleich dem Exdogen den Titel entzogen hat12.
Ein weiterer Punkt betrifft die in dem Chrysobull an die Venezianer vergebenen Lande-
treppen in Konstantinopel. Auch diese Landetreppen können nicht erst 1092 vergeben worden
sein, denn schon 1090 gibt der Doge Vitalis Faletro, der bei dieser Gelegenheit im übrigen auch
als imperialis Protosevastos zeichnet, eine solche Landetreppe und weitere Gebäude in
Konstantinopel an das Kloster S. Giorgio13.
Frankopan kann diese Quellenaussage natürlich nicht bestreiten und schlägt daher als
Erklärung vor, daß es während der achtziger Jahre des 11. Jahrhunderts zusätzlich mehrere
kleinere Privilegien gegeben hat, die dann in das von ihm auf 1092 datierte Privileg sozusagen
inkorporiert worden seien. Allerdings gibt es auf solche "Zwischenprivilegierungen" keinerlei
Hinweise in den Quellen. Weder die Venezianer noch Anna Komnene haben je auf sie Bezug
genommen, und auch im Text des Chrysobulls selbst gibt es keinerlei Stellen, aufgrund derer
man solche kleineren kaiserlichen Gunsterweise schließen könnte.
Ein letzter Punkt sei angeführt: Frankopan verweist mehrfach darauf, daß in dem Chry-
sobull keine venezianischen Gegenleistungen genannt seien. Lese man nur das Chrysobull, so
10
MÜLLER, Documenti Nr. 34 (Okt. 1111); s. ausführlich unten Kap. III S. 69ff.; Kap. XIV S. 263 [357].
11
DANDOLO S. 229f.; s. unten Kap. XIV S. 266– 269 [362–365].
12
BORSARI, Crisobullo S. 114f.; s. auch unten Kap. I S. 6 [8] Anm. 19; mit diesen Überlegungen setzt
Frankopan sich nicht auseinander, der im übrigen auch dieses Buch, das er nur an einer "ungefährlichen"
Stelle zitiert, in keiner Weise diskutiert oder berücksichtigt hat.
13
TAFEL–THOMAS XXI. S. 55–63.
Noch einmal zur Datierung des Alexiosprivilegs für Venedig: 1082 oder 1092? 7
ergäben sich eigentlich außer ein paar sehr allgemeinen Aussagen keinerlei Hinweise auf den
Charakter des Chrysobulls als Bezahlung für das fortdauernde venezianische Engagement
gegen die Normannen (s. in diesem Sinn z. B. S. 145). Das ist allerdings auch überhaupt nicht
zu erwarten, denn wir haben nur den byzantinischen Vertragsteil vor uns, der die byzantini-
schen Leistungen beschreibt. Es fehlt die venezianische Gegenerklärung, in der die Pflichten
der Venezianer aufgezählt werden. Solche Gegenerklärungen hat es erwiesenermaßen gegeben.
Im Fall der byzantinischen Privilegien für Venedig – und auch für die anderen italienischen
Seestädte – gibt es mehrere Hinweise auf sie, unter anderem schon in dem Privileg Johannes’
II. Komnenos von 1126. Erhalten ist eine solche Gegenerklärung leider nur in dem Privileg
Isaaks II. Angelos von 118714. Ein Gegenstück hierzu ist übrigens der Vertrag des Kaisers mit
Bohemund 1108, den wir nur in der Darstellung Anna Komnenes kennen, die ihn offenkundig
direkt vor Augen hatte. Dieses Vertragsexemplar lag anscheinend in der kaiserlichen Kanzlei,
wodurch die Autorin Zugang zu ihm hatte. Es handelt sich aber nicht um das Privileg selbst,
sondern um die Gegenerklärung Bohemunds, während das Privileg selbst bei dem Normannen
blieb und nicht erhalten ist.
De facto hat das zur Folge, daß wir praktisch jeweils nur fünfzig Prozent dieser Vertrags-
werke kennen und daher auch nur sehr eingeschränkt in der Lage sind, alle Probleme, die mit
der Vergabe solcher Privilegien verbunden waren, zu erkennen und gebührend zu berücksich-
tigen. Leider wird auch dieses Problem von Frankopan nicht einmal ansatzweise thematisiert,
so daß man annehmen kann, daß es ihm offenbar überhaupt nicht bewußt gewesen ist, was seine
Beweisführung meines Erachtens nicht gerade überzeugender macht15.
Faßt man Frankopans Aufsatz kurz zusammen, so ergibt sich, daß er zunächst mit großem,
nicht immer nachzuvollziehendem Aufwand ein Chrysobull 1082 ablehnt und es auf 1092
datiert, um dann im letzten Viertel der Arbeit zu erklären, daß es einige kleinere Chrysobulle
in den achtziger Jahren gegeben habe, die Teile dieses Chrysobulls von 1092 vorweggenommen
hätten, in einem Fall übrigens sogar vor 1083. Er kann allerdings nicht sagen, was konkret in
diesen "kleinen" Privilegien gestanden hat und was nicht. Wäre es dann nicht sinnvoller, gleich
ein Privileg für 1082 anzunehmen?
Nimmt man alle hier angeführten Argumente zusammen, so kann meines Erachtens kein
ernsthafter Zweifel daran bestehen, daß das Privileg des Alexios für Venedig 1082 erlassen
worden ist und nicht, wie von Frankopan unterstellt, erst 1092.
14
Zu beiden Privilegien s. unten Kap. I S. 12–16 [17–22] und 17– 25 [24–35]; spezifisch zu der Erwähnung
der venezianischen Gegenerklärung für das Privileg von 1126 s. TAFEL–THOMAS S. 97; dazu unten S.
15 [20].
15
Es gibt übrigens auch das Gegenteil. Von dem Vertrag mit Bohemund 1108, dessen Text nur in der
Wiedergabe durch Alexias Anna Komnenes erhalten ist, kennen wir nur die Gegenerklärung Bohemunds,
HANDEL UND POLITIK
zwischen dem byzantinischen Reich und den italienischen Kommunen Venedig, Pisa
und Genua in der Epoche der Komnenen und derAngeloi (1081 – 1204)
von
RALPH – JOHANNES LILIE
I.S.B.N.90-256-0856-6
III
Einleitung VII
TEIL I Die Verträge zwischen Byzanz und Venedig, Genua und Pisa
Kap. V Die Verträge zwischen Byzanz und den italienischen Kommunen Venedig,
Genua und Pisa: Zusammenfassung ................................................................ 76 [103]
TEIL III Die politischen Beziehungen zwischen Byzanz und Venedig, Pisa
und Genua
Kap. XIV Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118)................................................ 239 [325]
Das Privileg für Venedig 992 240 [326] – Das Privileg für Venedig 1082 243 [332]
– Der Erste Kreuzzug und die Entstehung der Kreuzfahrerstaaten 248 [337] – Die
Pisaner und der Bericht der Translatio Nicolai 250 [340] – Die Kämpfe mit Bohe-
IV Einleitung
mund und den Normannen von Antiocheia 254 [346] – Die Kreuzfahrerstaaten und
die Position von Byzanz zwischen Ost und West 257 [350] – Das Privileg für Pisa
1111 262 [356]
Kap. XVII Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) ........................ 387 [526]
Innere Schwierigkeiten in Konstantinopel 1180 – 1182 387 [526] – Der Friedens-
vertrag zwischen Venedig und Pisa 1180 388 [528] – Wiederannäherung von Vene-
dig und Byzanz 1180 – 1182 391 [531] – Pisaner und Genuesen in Konstantinopel
Einleitung V
1180 – 1182 394 [535] – Die Usurpation des Andronikos I. Komnenos 1182 396
[538] – Das "Massaker" an Pisanern und Genuesen in Konstantinopel 1182 397
[539] – Das Legitimitätsproblem des Andronikos I. Komnenos 401 [544] – Die
Eroberung Thessalonikes durch die Normannen 1185 403 [546] – Das Privileg für
Venedig 1185 404 [548] – Der Vertrag mit Saladin ca. 1185 507 [551] – Der Sturz
Andronikos’ I. Komnenos 1185 408 [552]
Kap. XVIII Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) .......................................... 412 [557]
Isaak II. Angelos (1185 – 1195) 412 [557] – Strukturelle Probleme der Herrschaft
des Kaisers und ihre Folgen 414 [560] – Wiederaufnahme des Handels der Italiener
in der Romania 415 [561] – Die Privilegien für Venedig 1187 und 1189 417 [564]
– Verhandlungen mit Genua und das Privileg von 1192 421 [569] – Das Privileg für
Pisa 1192 422 [571] – Genuesische und pisanische Piraten in der Romania 423
[572] – Alexios III. Angelos (1195 – 2003) 427 [578] – Spannungen mit Venedig
1195 – 1198 428 [578] – Das Privileg für Venedig 1198 430 [581] – Das Verhält-
nis zu Pisa 1195 – 1203 430 [582] – Der genuesische Pirat Gafforio und Spannungen
mit Genua 1195 – 1202 433 [586] – Venedig und der Vierte Kreuzzug (1203 –
1204) 439 [593]
Kap. XIX Handel und Politik zwischen Byzanz und den italienischen Kommunen
Venedig, Pisa und Genua: einige Schlußfolgerungen ............................... 441 [596]
Appendix Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert .................................. 453 [613]
Die Kämpfe mit den Normannen und Tzachas von Smyrna 454 [614] – Der Erste
Kreuzzug und das Vordringen der Italiener in das östliche Mittelmeer 455 [615] –
Der venezianisch-byzantinische Krieg von 1122–1126 461 [624] – Die angebliche
Verringerung der byzantinischen Flotte unter Johannes II. 462 [625] – Die byzanti-
nische Kriegsflotte unter Manuel I. Komnenos 464 [628] – Der Niedergang der by-
zantinischen Kriegsflotte nach 1180 467 [632] – Italienische Marinesöldner in der
byzantinischen Flotte 469 [634] – Die politischen Folgen der Abhängigkeit von ita-
lienischen Marinesöldnern 474 [640]
Als die Ritter des Vierten Kreuzzugs und die Venezianer 1204 Konstantinopel eroberten und
ein lateinisches Kaiserreich errichteten, brachten sie nicht nur den byzantinischen Staat in
seiner bisherigen Form zu einem Ende, sondern sie sprachen damit gleichzeitig auch das
Todesurteil über die Politik der griechischen Kaiser des 12. Jahrhunderts aus: So jedenfalls das
übereinstimmende Urteil der Forschung. Das Schwergewicht der Vorwürfe richtet sich
hierbei zwar gegen die Kaiser der Angeloidynastie, denen generell persönliche Unfähigkeit
angelastet wird, aber auch die Herrscher aus dem Hause der Komnenen bleiben nicht unge-
schoren. So wird Alexios I. vorgeworfen, daß er durch das Privileg von 1082 für Venedig die
Voraussetzungen für den Ruin der byzantinischen Staatskasse und für den Niedergang der
Wirtschaftskraft des Reiches geschaffen habe, während sein Enkel Manuel I. durch seine zu
ambitionierte Außenpolitik die Kräfte des Reiches überbeansprucht und so den Boden für
den Zusammenbruch vorbereitet haben soll. Einzig Johannes II. bleibt im allgemeinen von
Kritik verschont, er wird lediglich für den Niedergang der byzantinischen Kriegsflotte
verantwortlich gemacht.
Als entscheidender wirtschaftlicher Faktor für die negative Entwicklung des byzantini-
schen Reiches erscheinen hierbei die italienischen Seestädte Venedig, Genua und Pisa, die,
begünstigt durch die ihnen von den Kaisern verliehenen Privilegien, den Handel und die
Wirtschaft des Reiches an sich gerissen hätten. Byzanz bietet, wenn man der communis
opinio der Forschung glaubt, im 12. Jahrhundert mehr oder weniger das Bild eines Staates, der
von den italienischen Kaufleuten ausgesogen und schließlich von dem Handel mit ihnen
abhängig wird.
Zu diesem Eindruck mag beigetragen haben, daß das byzantinische Reich des 12. Jahr-
hunderts auf den größten Teil Kleinasiens verzichten mußte, das in der mittelbyzantinischen
Zeit die Basis des Wohlstands der Byzantiner gewesen war.
So einleuchtend diese These auf den ersten Blick auch sein mag, eines ist merkwürdig:
Abgesehen von allgemeinen Invektiven der bei [XII] den byzantinischen Chronisten Kinna-
mos und Niketas Choniates, deren antilateinische Einstellung allgemein bekannt ist, findet
sich in den Quellen des 12. Jahrhunderts kein Hinweis auf eine Ausbeutung des byzantini-
schen Reiches durch die Italiener oder auf eine Abhängigkeit der byzantinischen Wirtschaft
von den Italienern. Es ist auch schwer vorstellbar, inwiefern etwa die byzantinische Industrie
durch die Privilegien, die an Venedig, Genua und Pisa vergeben wurden, in Mitleidenschaft
gezogen worden sein soll. Hier scheint doch wohl eine Überschätzung der Möglichkeiten
mittelalterlichen Fernhandels vorzuliegen. Daß die byzantinische Handelsschiffahrt unter der
verstärkten Konkurrenz der Italiener gelitten haben wird, ist anzunehmen, aber bisher
ebenfalls nicht bewiesen worden. Ebensowenig ist bisher der Nachweis geführt worden, daß
Byzanz während des 12. Jahrhunderts von Lebensmitteln aus Westeuropa abhängig gewesen
ist: Auch dies eine Theorie, der man in der Forschung bisweilen begegnet und die offenbar auf
dem Glauben beruht, daß auch die byzantinische Landwirtschaft durch den Import westeuro-
päischer Agrarprodukte unter Druck gesetzt worden ist.
VIII Einleitung
Überhaupt ist merkwürdig, daß alle diese Theorien kaum in Auseinandersetzung mit
den Quellen oder unter Hinzuziehung der speziellen Sekundärliteratur entstanden sind. Man
begnügt sich mit kurzen Hinweisen auf die zwar guten, aber mittlerweile doch veralteten
Arbeiten von Heyd und Schaube1. Die zahlreichen Aufsätze von Borsari, vorwiegend über die
Beziehungen zwischen Venedig und Byzanz, sind so gut wie unbekannt geblieben. Die jüngst
erschienene Monographie von Balard über die "Romanie génoise" ist für das 12. Jahrhundert
nur kurz und allgemein, stellenweise sogar falsch, während die Arbeiten von Bach über Genua
und von Abulafia über die kommerziellen Beziehungen zwischen Nord- und Süditalien in
derselben Zeit in den Abschnitten, die Byzanz betreffen, ebenfalls zu kurz und ungenau sind.
Eine positive Ausnahme ist [XIII] allein Hendy, dessen Thesen zum Teil zwar spekulativ –
verständlich wegen der Kürze dieses ansonsten hervorragenden Aufsatzes, aber im großen und
ganzen völlig überzeugend sind. Seine Ergebnisse werden im Lauf der vorliegenden Arbeit
immer wieder ihre Bestätigung finden.
Allgemeine neuere Darstellungen des Handels zwischen Byzanz und den italienischen
Seestädten im 12. Jahrhundert fehlen fast völlig. Balard behandelt, wie schon erwähnt, das 12.
Jahrhundert nur flüchtig, ebenso setzen die Arbeiten von Thiriet über die "Romanie véni-
tienne" erst im 13. Jahrhundert ein. Pisas Handel mit Byzanz hat bisher noch überhaupt keine
Behandlung gefunden, während der Handel Venedigs durch verschiedene Aufsätze Borsaris
erhellt worden ist, aber leider fast ohne eine durchgehende Berücksichtigung der politischen
Ereignisse, besonders aus byzantinischer Sicht. Eine zusammenfassende und vergleichende
Darstellung des Handels aller drei Städte mit der Romania während des 12. Jahrhunderts
existiert, abgesehen von Heyd und Schaube, nicht, sieht man einmal von einer kurzen
Einführung Schreiners ab, die sich allerdings vorwiegend auf Konstantinopel konzentriert.
Der Grund für dieses Fehlen liegt wohl darin, daß es fast unmöglich sein dürfte, für das
12. Jahrhundert eine richtige "Wirtschaftsgeschichte" zu schreiben. Wir haben zu wenig Quel-
len. Die mittelalterlichen Chronisten geben, wie üblich, kaum etwas her und wenn doch,
dann ist es häufig falsch, geprägt von Unkenntnis und verzerrt von Voreingenommenheit, sei
es gegenüber den schismatischen Griechen oder den aus byzantinischer Sicht nicht weniger
irrgläubigen Lateinern. Bessere Anhaltspunkte bieten die Verträge zwischen Byzanz und den
italienischen Seestädten, aber auch sie sind unzureichend, da sie für den Handel der Italiener
in Byzanz zwar die rechtliche Grundlage darstellten und den Rahmen abgaben, innerhalb
dessen dieser Handel sich vollzogen hat, aber kaum etwas darüber aussagen, wie dieser Rah-
men nun korrekt ausgefüllt worden ist. Zudem sind sie nicht vollständig erhalten und geben
keine Auskunft darüber, was sich unterhalb des Niveaus von Staatsverträgen abgespielt hat.
Der ständige Kleinkrieg etwa zwischen der byzantinischen Bürokratie vornehmlich in den
Provinzen [XIV] und den italienischen Händlern ist aus ihnen nicht zu rekonstruieren.
Abhilfe schaffen könnte hier eine dritte Gruppe von Quellen: die privaten Handels-
urkunden, die den Handel in seinem Normalzustand zeigen. Aber auch hier sind sogleich
1 Sofern in der Einleitung einzelne Forscher oder Quellen erwähnt werden, sei auf das Quellen- und Litera-
turverzeichnis am Schluß der Arbeit verwiesen. Für die Auseinandersetzung zu einzelnen Punkten cf. die
entsprechenden Kapitel und Anmerkungen im weiteren Verlauf des Buches.
Einleitung IX
Einschränkungen zu machen: Handelsurkunden aus Pisa sind mit ein oder zwei Ausnahmen
für das 12. Jahrhundert nicht zu finden, und auch bei den beiden anderen Städten ist ihre
Zahl gering: Aus Venedig sind ca. 280 erhalten. Das scheint auf den ersten Blick sehr viel zu
sein, aber die Zahl reduziert sich rasch, wenn wir sie auf wichtige Informationen hin abklop-
fen. Zunächst einmal betreffen die meisten der erhaltenen Stücke nur Kreditgeschäfte, d. h.
wir werden zwar über die Beträge informiert, um die es geht, aber wir erfahren nur selten, was
mit diesen Geldern geschehen ist, welches die wichtigsten Handelswaren gewesen sind, wohin
man etwa mit welchen Waren gefahren ist usw. Hier fließen die Auskünfte nur spärlich.
Hinzu kommt vor allem das Problem, inwieweit die vorhandenen Urkunden als repräsenta-
tive Auswahl angesehen werden können.
Man kann davon ausgehen, daß von Venedig aus pro Jahr in der Regel mindestens zwei
Flotten in die Levante aufgebrochen sind. Selbst wenn wir die Jahre ausklammern, in denen –
aus welchen Gründen auch immer – der Handelsverkehr mit Byzanz unterbrochen war, kom-
men wir damit für die Zeit zwischen 1081 und 1204 auf mindestens zweihundert Flottenbe-
wegungen. Rechnen wir dazu, daß pro Jahr naturgemäß auch zweimal Flotten aus dem ös-
lichen Mittelmeerraum in Venedig eingetroffen sind, kommen wir auf vierhundert Flotten-
bewegungen für den fraglichen Zeitraum, ungeachtet der Einzelfahrer und des Verkehrs
innerhalb der Levante. Wenn wir weiter berücksichtigen, daß die einzelnen Urkunden kaum
je ein ganzes Schiff und eine ganze Reise betreffen, sondern meist nur einen Teil des Lade-
raums oder sogar nur eine einfache Schiffspassage und dies oft nur für einzelne Abschnitte der
Reise, und wenn wir außerdem in Rechnung stellen, daß eine ganze Anzahl von Urkunden
Handelsvorgänge, Mietgeschäfte u. ä. in den Quartieren betreffen, dann stellt sich schnell
heraus, daß kaum ein Bruchteil eines Promille des Urkundenbestandes erhalten ist. Eine
statistische Auswertung ist daher nicht möglich. Hinzu kommt erschwerend das Erhaltungs-
problem:[XV]Wir haben fast nur die in venezianischen Klosterarchiven aufbewahrten
Stücke. Etwaige private Archive, auch in der Romania, sind nicht erhalten. Das könnte
bedeuten, daß der Anteil der beurkundeten Handelsgeschäfte, die von Kaufleuten, die ihren
Hauptsitz in Venedig hatten, überproportional ist. Die Zufälligkeit der Erhaltung ist zu groß.
Dies sei kurz an einem Beispiel erläutert. Allein auf die Handelsgeschäfte des Romanus Mai-
rano entfallen etwa 80 Urkunden, und Mairano scheint ein eher kleines, allenfalls mittleres
Unternehmen geführt zu haben. Sein teilweise erhaltenes Archiv ist nur deshalb in dem
Kloster San Zaccaria gelandet, weil die letzte Angehörige der Familie in dieses Kloster einge-
treten ist. Wäre dies nicht der Fall gewesen, wüßten wir über seine Unternehmungen so gut
wie gar nichts. Wir wüßten dann auch nichts über venezianischen Handel in Adramyttion
oder Smyrna, denn beide Städte tauchen nur in den Mairanourkunden auf. Der Umkehr-
schluß liegt nahe, daß der – leider sehr unwahrscheinliche – Fund eines weiteren Familien-
archivs das statistische Bild völlig umwerfen könnte. Hieraus folgt, daß ein argumentum ex
silentio nicht möglich ist. Die Nichterwähnung einer Stadt in den Urkunden ist kein Nach-
weis für fehlende venezianische Handelstätigkeit. Praktisch ist nur ein positiver Beweis
möglich und auch er nur mit Einschränkungen.
X Einleitung
denen wir aber keinen italienischen Handel nachweisen können. Insofern sie für das Gesamt-
bild der ökonomischen Struktur des Reiches im 12. Jahrhundert wichtig erscheinen, sind sie
angeführt worden, aber gerade in diesem Bereich ist (wie auch sonst) vieles von der persönli-
chen Auffassung und wenig von objektiv nachprüfbaren Tatbeständen abhängig, so daß der
Kritik Tür und Tor geöffnet sind.
Daß es so, abgesehen von den frühen Arbeiten Heyds und Schaubes, noch keine umfas-
sende oder gar befriedigende Gesamtdarstellung des Handels der Italiener in der Romania vor
1204 gibt, ist kein Wunder. Sie dürfte unmöglich sein.
Besser scheint es mit der politischen Geschichte zu stehen, für die wir erheblich mehr
Quellen besitzen. Dennoch wird, gerade in übergreifenden Darstellungen, die Bedeutung der
italienischen Seestädte für Byzanz immer wieder auf den ökonomischen Bereich, konkret: auf
die angebliche Ausbeutung des Reiches durch die Italiener, reduziert. Zwei Beispiele mögen
genügen: WESSEL, Kultur S. 381, charakterisiert das Verhältnis zwischen Venedig und By-
zanz, wie folgt: "Es war (nach 1171) so weit gekommen, daß das Reich ohne die Venezianer
nicht mehr leben konnte – und mit ihnen lebte es schlecht genug". Derselbe Autor sieht in
dem Privileg für Pisa von 1111 ausschließlich den Versuch, ein Gegengewicht zu den durch
das Privileg von 1082 bevorzugten Venezianern zu schaffen (WESSEL, Kultur S. 380). Poli-
tische Erwägungen spielen, nicht nur bei Wessel, kaum eine Rolle, gerade daß man die ersten
Privilegien für Venedig noch mit der Normannengefahr begründet .
Wenn man die Beziehungen zwischen Byzanz und den Seestädten allein auf den ökono-
mischen Faktor reduziert, besteht natürlich keine Notwendigkeit mehr, die Privilegien mit
der jeweiligen politischen Lage zu konfrontieren, und man begibt sich so freiwillig der Gele-
genheit, diese Verträge als zusätzliche Informationsmöglichkeit für die politischen Beziehun-
gen, Erwartungen und Interessen zu nutzen. Gerade dies soll in der folgenden Arbeit ver-
[XVIII]sucht werden. Dabei sind die unterschiedlichen Interessen der Kontrahenten
durchaus zu berücksichtigen: Für die Seestädte sind die Verträge mit dem griechischen Reich
vor allem ein Mittel, sich Vorteile für ihren Handel zu verschaffen. Sie bezahlen diese Vorteile
mit Zugeständnissen im politisch-militärischen Bereich. Aber ihre Interessen sind nicht auf
Byzanz beschränkt. Die Kreuzfahrerstaaten, Ägypten, der westliche Mittelmeerraum und
Italien sind für sie ebenfalls wichtig, zum Teil wichtiger, so daß sich ihnen immer wieder die
Frage stellte, ob und inwieweit Vorteile auf dem byzantinischen Markt eventuelle Nachteile,
die durch das Eingehen auf die byzantinischen politischen Forderungen entstehen konnten,
aufwiegen konnten. Die Antwort ist hier nur von der allgemeinen politischen und handels-
politischen Situation her möglich. Als Beispiel sei das Privileg für Pisa von 1111 genannt, das
als pisanische Gegenleistung eine zumindest indirekte Unterstützung der politisch-militäri-
schen Offensivpläne des Reiches durch die Kommune beinhaltet. Um dies erkennen zu
können, ist es notwendig, sowohl die byzantinischen Interessen in diesem Raum als auch die
Situation und die Erwartungen der Pisaner in den Kreuzfahrerstaaten zu behandeln. Eine
zumindest rudimentäre Aufarbeitung der politischen Verhältnisse zwischen Byzanz, den
Kreuzfahrerstaaten, den italienischen Seestädten und auch Ägypten ist daher eine notwendige
XII Einleitung
Voraussetzung, um die Beziehungen zwischen Byzanz und den Seestädten richtig beurteilen
zu können.
Vor allem aber sind die Seestädte auch politische und militärische Faktoren auf der itali-
enischen Halbinsel. Ihre auswärtigen Handelsinteressen mögen für sie wichtig gewesen sein,
die Entwicklung in Italien aber konnte für ihre ganze Existenz maßgebend sein. Diese Situa-
tion wird von entscheidender Bedeutung vor allem während der Regierungszeit Manuels, als
Byzanz eine außerordentlich aktive Italienpolitik betrieb. Wenn wir die angeblichen ökono-
mischen Interessen des Reiches einmal aus dem Spiel lassen, kann man ohne weiteres anneh-
men, daß die Vergabe oder der (manchmal auch nur teilweise) Entzug der Privilegien in
Zusammenhang stehen mit der Position, die die Seestädte gegenüber der italienischen Politik
des Reiches eingenommen haben. Konkret: Inwieweit sind [XIX]Venedig, Genua und Pisa
bereit gewesen, die Politik des Kaisers in Italien zu unterstützen, um Privilegien zu gewinnen
oder wenigstens nicht zu verlieren? Umgekehrt stellt sich die Frage, wieviel Byzanz seinerseits
für eine Unterstützung seiner Politik durch die Seestädte zu zahlen bereit gewesen ist. Zu
berücksichtigen ist hierbei, daß die Seestädte letzten Endes nur Mittelmächte gewesen sind.
Militärisch und politisch gesehen am wichtigsten im Italien des 12. Jahrhunderts sind die
Deutschen und die Normannen gewesen, und eine Klärung der Position der Seestädte
gegenüber diesen beiden Mächten ist daher unverzichtbar, ebenso wie logischerweise auch das
jeweilige Verhältnis des byzantinischen Reiches zu Deutschland und den Normannen nicht
zu unterschätzende Rückwirkungen auf die Beziehungen zwischen Byzanz und den See-
städten gehabt haben muß. Wir können daher davon ausgehen, daß auch aus der allgemeinen
politischen Interessenlage des Reiches vornehmlich in Italien Rückschlüsse auf die politische
Entwicklung zwischen Byzanz und den Seestädten möglich ist. Umgekehrt bietet eine Klä-
rung des Verhältnisses zwischen Byzanz und Venedig, Pisa und Genua die Chance, auch die
allgemeine byzantinische Politik in Italien von einer weiteren Seite her zu beleuchten und
gegebenenfalls zu modifizieren. Dieser Gesichtspunkt scheint mir in der bisherigen Forschung
zu wenig Beachtung gefunden zu haben. Als Beispiel seien etwa die Verträge zwischen Byzanz
und Genua von 1169 und 1170 genannt, die eine relativ genaue Festlegung des politischen
Lavierens des Reiches zwischen Deutschen und Normannen in diesen Jahren erlauben und
erheblich zur Klärung dieses bisher nur unzureichend erkannten Problems beitragen. Wenn
man, wie beispielsweise Day in seiner Dissertation und in seinem Aufsatz Byzantine-Genoese
Diplomacy, diese Verträge ohne jede Berücksichtigung der Politik Manuels gegenüber Deut-
schen und Normannen behandelt, wird man notwendig zu falschen Schlüssen kommen, und
dasselbe gilt, obgleich in schwächerem Ausmaß, wenn man – wie etwa Ohnsorge in verschie-
denen Arbeiten und besonders in dem Aufsatz über die Byzanzpolitik Barbarossas – die poli-
tische Entwicklung dieser Jahre interpretiert, ohne auf die genuesisch-byzantinischen Ver-
träge und auf die Gefangensetzung der Venezianer durch Manuel 1171 einzugehen.
[XX]Gerade in diesem Bereich der Verbindungen zwischen der allgemeinen Politik des
Reiches in Italien und überhaupt dem östlichen Mittelmeerraum und den konkreten Bezie-
hungen zwischen Byzanz und den Seestädten scheint mir in der bisherigen Forschung ein
Defizit vorzuliegen. Lamma versucht es zwar teilweise für die Italienpolitik, hat aber in der
Einleitung XIII
die auch in dieser Untersuchung nicht immer geleistet werden konnte. Da es untunlich
schien, den Zusammenhang der chronologischen Darstellung der politischen Geschichte
immer wieder über Seiten hinweg mit der Erörterung von speziellen Fragen, die nicht immer
mit der jeweiligen "politischen" Fragestellung in Zusammenhang stehen, zu unterbrechen,
und da andererseits eine Einarbeitung der Privilegien in den "ökonomischen" Teil aus metho-
dischen Gründen nicht möglich schien, habe ich mich entschlossen, die Privilegien in einem
geschlossenen Block vorweg zu behandeln. Dies ermöglicht eine intensivere Einzeldiskussion,
deren Ergebnisse dann jeweils in die beiden anderen Teile aufgenommen worden sind. Ziel
dieser Interpre-[XXII]tation ist dabei weniger eine "diplomatische" Untersuchung gewesen,
die schon von anderen vorgenommen worden ist (vor allem Neumann, Heinemeyer, Pertusi,
Borsari), als vielmehr eine Klärung der Frage, was an konkreten Inhalten in diesen Verträgen
vorhanden gewesen ist, d. h.: Was für Handels- und sonstige Vorteile haben die Italiener
erhalten und was sind ihre Zugeständnisse gewesen bzw. was hat Byzanz durch die Vergabe
dieser Privilegien zu gewinnen gehofft?
Letztendlich wird man immer über Einteilungsprinzipien streiten können. Auch hier
gilt, daß die Untersuchung selbst ihre Gültigkeit unter Beweis stellen muß.
Die Schreibweise der Orts- und Eigennamen richtet sich nach den gängigen Umschrift-
richtlinien, jedoch wurde bei den bekannteren Namen im allgemeinen die "eingedeutschte"
Form vorgezogen (z.B. Euböa statt Euboia, Konstantinopel statt Konstantinupolis usw.). Eine
völlige Einheitlichkeit war nicht zu erreichen und auch nicht beabsichtigt. Wichtiger ist das
Vermeiden von Mißverständnissen.
Bis 1981 erschienene Sekundärliteratur konnte, soweit erreichbar, eingearbeitet wer-
den, spätere nur noch in Ausnahmefällen. Daß gerade bei einem solchen Thema eine Flut von
Arbeiten zu berücksichtigen ist, die auf ihrem eigenen Feld zwar durchaus relevant sein mö-
gen, in dem hier untersuchten Gebiet aber kaum Neues bringen, wird niemanden verwun-
dern, der sich mit dem 12. Jahrhundert befaßt. Insofern sind auch nicht alle Monographien
oder Aufsätze, die Ereignisse aus dem 12. Jahrhundert behandeln, zitiert worden, wobei ich
nur hoffen kann, nichts Wichtiges übersehen zu haben.
Die Arbeit an der vorliegenden Untersuchung ist durch ein zweijähriges Forschungs-
stipendium des Deutschen Studienzentrums in Venedig entscheidend gefördert worden,
wofür ich dem Studienzentrum und vor allem seinem damaligen Präsidenten, Prof. Dr. H.-G.
Beck, zu Dank verpflichtet bin. Zu danken ist ferner all denen, die in der einen oder anderen
Weise mit Kritik und Rat an dem Zustandekommen der Arbeit beteiligt gewesen sind, unter
ihnen vor allem G. Fatouros, E. Fenster, O. Kresten, H. E. Mayer und O. Tůma, aber auch den
Freunden und Kollegen aus dem Deutschen Studienzentrum [XXIII]in Venedig und dem
Byzantinisch-Neugriechischen Seminar an der Freien Universität Berlin. Die vorliegende
Untersuchung ist im Wintersemester 1982/83 von dem Fachbereich Altertumswissenschaf-
ten der Freien Universität Berlin als Habilitationsschrift angenommen worden.
1
DÖLGER, Regesten Nr. 781 (März 992), dort auch die älteren Editionen und die Sekundärliteratur; hier
zitiert nach der Edition in PERTUSI, Venezia e Bisanzio, Appendice S. 155-160; zur Interpretation cf.
ibidem S. 123-128; ANTONIADIS-BIBICOU, Douanes S. 171f.; EICKHOFF, Seekrieg S. 371f.;
DANSTRUP, Indirect taxation S. 143; HEINEMEYER, Verträge S. 81–86; das Chrysobull ist nur in
lateinischer Übersetzung erhalten. – Die in den ersten vier Kapiteln vorgestellten Privilegien werden in
diesem Zusammenhang nur im Hinblick auf die in ihnen enthaltenen Punkte untersucht. Für die poli-
tische Entwicklung, insofern sie auf die Privilegien Einfluß gehabt hat, sei auf Teil III verwiesen. Es
werden an dieser Stelle im übrigen auch nur die vollständig oder zum größten Teil bekannten Privilegien
behandelt, während solche, die nur bruchstückhaft erhalten sind oder deren Inhalt erschlossen werden
muß, ebenfalls in Teil III untersucht werden sollen.
2
Daß die Abgabe ausgerechnet bei Abydos bezahlt werden sollte, geht aus dem Text nicht mit letzter
Sicherheit hervor, dennoch ist schon aufgrund der Erwähnung der Stadt wahrscheinlich, daß die Abgabe
hier geleistet werden mußte, zumal das Privileg ausgerechnet dem Kommerkiarios von Abydos bekannt
gemacht werden sollte. Zu Abydos cf. auch ANTONIADIS-BIBICOU, Douanes sub indice.
3
PERTUSI, Venezia e Bisanzio S. 157: Aeque enim et dux Veneticorum et qui sub illo est cum omnis plebis
intercessione cumprecationem ad nostrum fecerunt imperium, ut unusquisque per suum navilium, quod de
sua provincia, sed enim et ab alia provincia et civitate cum negocio veniendo, nihil aliud donare, sed solidos
duos dicebant ... etenim ab hactenus tantam donare quantitatem.
4
PERTUSI, Venezia e Bisanzio S. 157: alio quibus ob ... negocium habent (i. e. Venetici) de Constantino-
polin in suis navigiis levare non licere Amalfitanos, Iudeos, Longobardos de civitate Bari et aliorum, sed
2 Kapitel I
Ferner erreichte Venedig, daß seine Schiffe nicht länger als drei Tage in byzantinischen
Häfen festgehalten werden sollten, wenn sie ausreisen wollten.
Schließlich wurde bestimmt, daß die Venezianer ausschließlich der Jurisdiktion des
Logotheten des Dromos unterstehen sollten, der allein ihre Schiffe durchsuchen und Urteile
in Streitsachen, in die sie verwickelt worden waren, sprechen durfte. Dies galt auch für Privat-
prozesse.
Als Gegenleistung hatten die Venezianer Byzanz bei einem möglichen Kriegszug in Un-
teritalien mit ihrer Flotte zu unterstützen: observando et illos omnia, que suprascripta sunt, et
cum aliis servitiis operando cum suis navigiis pro varicatione de nostro hoste, quem forsitan vult
nostrum imperium in Longobardiam dirigere.5
Aus diesem Chrysobull ergeben sich einige Folgerungen, die Licht auf das Verhältnis
Venedig – Byzanz am Ende des 10. Jahrhunderts werfen. Beginnen wir mit der Einleitung:
Die Formulierung, daß der Kaiser die Wünsche nicht nur seiner Untertanen, sondern auch
diejenigen von Ausländern berücksichtigen [3]muß, läßt, obgleich an sich allgemein, in die-
sem Zusammenhang nur den Schluß zu, daß man 922 in Byzanz die Venezianer als Ausländer
(extranei) angesehen haben muß6, zumindest als nicht direkt dem Reich zugehörig. Diese Auf-
fassung verwundert, da man im byzantinischen Reich auf derartige Rechtspositionen im
allgemeinen nicht leicht verzichtet hat und da die Venezianer im Chrysobull von 1082 auch
wieder als Untertanen des Kaisers (δοῦλοι) angesprochen werden (cf. unten). Auch in Venedig
selbst fühlte man sich zu dieser Zeit durchaus als Untertan des byzantinischen Kaisers, wie aus
zwei Urkunden im Archiv des Klosters San Giorgio Maggiore hervorgeht, die den Kaiser als
Herrn der Venezianer in der Datumszeile anführen: Anno ab incarnacione ... DCCCCLXXXII,
imperantibus domnis nostris Vasilio et Constantino (filiis) Romano magnis et pacificis impera-
solum illorum negocium adducerint; et si hoc faciunt, non solum illos defendere non potuerint, sed suum
iustum perdiderint. Zu den grammatikalischen Problemen, die dieser Satz bietet, cf. PERTUSI, ibidem
S.148 Anm. 31; es scheint, daß die venezianischen Güter bei einem Verstoß nicht eingezogen werden
sollten. Es war in einem solchen Fall nur mit einer erheblich höheren Abgabe zu rechnen.
5
PERTUSI, ibidem S. 158.
6
Dies geht aus dem Aufbau des Privilegs hervor: Unmittelbar nach der allgemeinen Begründung zugun-
sten ausländischer Bitten werden die Venezianer eingeführt, noch dazu in kausalem Anschluß: Non
solum rogationibus, que sub manu nostra sunt, obaudire misericordissimum et laudabile est, sed enim et
extraneos et pertinentes publico obaudire rogatur cum providentia et pietate, indeque enim ut pietas suf-
ficienter ad miseriam propitia demonstretur, longinque etenim cum pietate imperialis detur significatio.
Aeque enim et dux Veneticorum et qui sub illo est cum omnis plebis cumprecationem ad nostrum fecerunt
imperium ... (PERTUSI, ibidem S. 157). Leider ist das griechische Original des Privilegs nicht erhalten, so
daß wir nicht sagen können, ob den lateinischen extranei ein griechischer Terminus entspricht. Es ist
nicht völlig auszuschließen, daß die griechische Fassung nicht so scharf zwischen Ausländern und byzan-
tinischen Untertanen differenzierte, wie es die lateinische Formulierung nahelegt. Denkbar wäre im-
merhin, daß sie hier nur zwischen Einwohnern innerhalb des geschlossenen byzantinischen Staatsgebietes
und solchen außerhalb desselben unterscheidet, so daß extranei etwa im Sinne von οἰ ἔξω zu verstehen
wäre, so daß Venedig zwar eine Sonderstellung innerhalb des byzantinischen Reiches einnehmen würde –
das ist unbestreitbar –, aber eben doch nicht als "Ausland" im eigentlichen Wortsinn angesehen werden
würde. Da uns die griechische Fassung fehlt, ist keine verbindliche Entscheidung möglich; cf. zu dem
Problem auch CESSI, Venetiarum provincia S. 96.
Die Verträge mit Venedig 3
toribus ..."7. Auf diese Urkunde, die immerhin nur zehn Jahre vor dem Erlaß des Chrysobulls
von 922 ausgefertigt worden ist, folgt 1035 eine weitere: Anno ab incarnacione ... milesimo et
trigesimo sexto, imperante domno nostro Michael a Deo coronato et paciffico imperatore, anno
autem imperii eius secundo.8 [4]Eine sichere Entscheidung läßt sich nicht mehr fällen. Mög-
licherweise galt Venedig zu dieser Zeit als eine Art von halbsouveräner Macht, zwar de jure
byzantinisch, aber de facto doch seinen eigenen Gesetzen folgend, so daß man es einerseits
zwar noch als byzantinisch, andererseits aber doch schon als ausländisch ansehen konnte. Eine
Ungenauigkeit der Kanzlei dürfte unwahrscheinlich sein. Da zudem nur eine lateinische und
ziemlich verderbte Fassung des Privilegs auf uns gekommen ist, während das griechische Ori-
ginal fehlt, sind nur noch Hypothesen möglich, die nicht befriedigen.9
Die Abgabe von siebzehn Solidi, die jedes venezianische Schiff bei Abydos zu zahlen
hatte, Ein- und Ausreise zusammengenommen, war anscheinend eine fixe Abgabe, unabhän-
gig von Art und Ausmaß der mitgeführten Ladung. Ob daneben noch weitere Abgaben,
eventuell in Konstantinopel selbst, anfielen, wird in dem Privileg nicht gesagt. Doch dürfte es
wahrscheinlich sein, da die Venezianer 1082 die Befreiung von eben diesen Abgaben, die sich,
zumindest unter anderem, nach dem Wert der Ladung richteten (vor allem das Kommerkion
in Höhe von wahrscheinlich zehn Prozent der An- oder Verkaufssumme, sowie verschiedene
Hafengebühren), erwirken konnten. Es dürfte unwahrscheinlich sein, daß alle diese Abgaben
erst im 11. Jahrhundert eingeführt beziehungsweise auf die Venezianer angewandt worden
sind, zumal wir vor 1082 von keinem venezianischen Bemühen, sie abzuschaffen, wissen. An-
dererseits dürfte die fixe Abgabe von siebzehn Solidi pro Schiff im Laufe des 11. Jahrhunderts
in Wegfall gekommen sein. Sie findet 1082 keine Erwähnung mehr und taucht auch während
des ganzen 12. Jahrhunderts in keinem einzigen Vertrag zwischen Byzanz und einer der ita-
lienischen Seestädte mehr auf. Wir wissen auch von keinen Bemühungen, einer solchen
Zahlung zu entgehen, und zumindest die genuesischen Gesandtschaftsinstruktionen sind in
diesen Dingen im allgemeinen doch sehr genau, so daß man ex silentio schließen kann, daß
diese Abgabe schon vor 1082 wieder verschwunden ist. Ihre unterschiedliche Höhe – bei
Einfuhr zwei, bei Ausreise fünfzehn Solidi – findet keine rechte Erklärung, [5]da die Abgabe
ja unabhängig von der Ladung pro Schiff erhoben wurde, so daß es sich kaum um eine Maß-
nahme zugunsten des Imports und zuungunsten des Exports gehandelt haben kann. Vielleicht
nahm man an, daß die einzelnen Händler nach der erfolgten Transaktion in Konstantinopel
leichter die verlangte Summe aufbringen konnten, als schon auf dem Wege dorthin. Die Taxe
scheint nur bei Abydos erhoben worden zu sein, betraf also nicht die anderen Reichsteile: ein
weiterer Hinweis auf die überragende Rolle der Hauptstadt des byzantinischen Reiches. Der
Handel in Konstantinopel selbst war offensichtlich so ertragreich, daß man ihn zusätzlich mit
7
SAN GIORGIO MAGGIORE Nr. 1 (20. Dezember 982/Ind. 11) Venedig.
8
SAN GIORGIO MAGGIORE Nr. 14 (Juni 1035 oder 1036/Ind. 3 oder 4) Venedig.
9
Vgl. hierzu zuletzt PERTUSI, Venezia e Bisanzio S. 124.
4 Kapitel I
Abgaben belasten konnte, ohne daß die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt in Gefahr geriet.
Diese bei Abydos eingezogene Abgabe galt nicht nur für Ausländer, wie das Privileg vielleicht
nahelegen könnte, sondern auch für die Byzantiner selbst, denn die Amalfitaner, Juden und
Langobarden aus Bari und anderen Orten waren keine Fremden, sondern Einwohner des
byzantinischen Süditalien10. Daß der Kaiser mit diesem Beförderungsverbot den Handel
seiner süditalienischen Untertanen hat schützen wollen, wird man ausschließen können. So
bedeutend war Venedigs Handelsflotte zu dieser Zeit noch nicht. Eher ist anzunehmen, daß
er die Einnahmeausfälle für den Fiskus möglichst gering halten wollte. Und die Süditaliener
waren nun einmal neben Venedig die Hauptvermittler des Fernhandels zwischen Westeuropa
und Byzanz11. Das aber heißt, daß auch Byzantiner die Abgabe bei Abydos bezahlen mußten,
und zwar wahrscheinlich eine noch höhere als die Venezianer nach 992. Diese Zollgrenze
scheint in gewissem Sinn auch noch im 12. Jahrhundert Bestand gehabt zu haben, wenn auch
nicht für Venedig, Genua oder Pisa, so doch für die Griechen selbst. Dies legt zumindest ein
Chryso-[6]bull für das Johannes-Prodromos-Kloster auf Patmos aus dem Jahre 1197 nahe, in
dem den Mönchen u. a. gestattet wird, mit einem Schiff abgabenfrei Handelsfahrten zu unter-
nehmen, darunter einmal pro Jahr nach Konstantinopel, was darauf schließen läßt, daß Fahr-
ten zu dieser Stadt unter besonderer Kontrolle standen12.
Man kann daher annehmen, daß die Venezianer 992 durchaus keine allgemeine Steuer-
befreiung erhielten, sondern nur eine Reduktion für eine besondere Abgabe, die auf dem
Handel mit Konstantinopel lag.
Daß die venezianischen Kaufleute schließlich allein dem Logotheten des Dromos unter-
stellt waren, mag einerseits darauf zurückzuführen sein, daß sie in dem Privileg als Ausländer
angesehen wurden, welche in die Zuständigkeit dieses Beamten fielen,13 andererseits war es
sicher eine Erleichterung, sich nur noch mit einer einzigen Behörde auseinandersetzen zu
müssen, statt mit mehreren, die sich in ihren Kompetenzen überschnitten.
Insgesamt gesehen bringt das Privileg keine neuen Vorteile für die Venezianer, sondern
nur eine Wiederherstellung ihrer alten Rechte14. Dies gilt auch für die Bestimmung, daß kein
10
Bari war sogar der Hauptort dieser Provinzen; zu Amalfi, das eher eine halbunabhängige Stellung ein-
nahm, cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 30–43; CONIGLIO, Amalfi S. 100ff.; BALARD, Amalfi et
Bycance passim; zuletzt SCHWARZ, Amalfi; zu Bari cf. u. a. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 26–30.
11
Cf. z. B. LIUTPRAND VON CREMONA, Legatio Kap. 53, S. 574, der venezianische und amalfita-
nische Händler in Konstantinopel erwähnt, die byzantinische Produkte (hier Seidentuche bzw. Seiden-
gewänder) nach Italien exportieren.
12
DÖLGER, Regesten Nr. 1621 (Nov. 1197); zu den verschiedenen Zollgewohnheiten im byzantinischen
Reich cf. DANSTRUP, Indirect taxation passim (hierzu cf. allerdings auch die Besprechung von F.
DÖLGER, in: BZ 47 (1954) S. 240).
13
Cf. PERTUSI, Venezia e Bisanzio S. 125.
14
Möglicherweise sogar eine gewisse Verschlechterung, denn die Venezianer hatten laut eigener Aussage ur-
sprünglich nur zwei Nomismata Abgabe auf der Fahrt nach Byzanz bezahlt, während sie jetzt siebzehn zu
bezahlen hatten. Allerdings sagt die lateinische Übersetzung des Privilegs nicht expressis verbis, daß diese
zwei Nomismata die ganze Abgabe dargestellt hätten. Es mag daher sein, daß die Venezianer ursprünglich
Die Verträge mit Venedig 5
venezianisches Schiff bei der Ausreise länger als drei Tage festgehalten werden darf, denn
hierbei dürfte es sich wohl nur um den Versuch zumeist nachgeordneter Beamter gehandelt
haben, möglichst viele Bestechungsgelder herauszupressen: ein Mißbrauch, dem jetzt ein
Riegel vorgeschoben wurde.
.[7] Dieser Wiederherstellung alter Vorrechte entsprachen die Pflichten der Venezianer,
die ebenfalls im Rahmen des Gewohnten blieben: Venedig verpflichtete sich zur Unterstüt-
zung eines byzantinischen Expeditionsheeres, sobald dieses nach Unteritalien geschickt wer-
den sollte15. Ob hierbei bereits eine konkrete Expedition ins Auge gefaßt worden ist, wie
Pertusi annimmt16, oder ob es sich nicht doch eher um eine vorbereitende Maßnahme allge-
meinen Charakters ohne schon jetzt konkrete Absichten gehandelt hat, ist nicht mehr sicher
festzustellen17. Aber es bleibt hervorzuheben, daß Venedig in dem Vertrag von 992 keine
allgemeine Beistandsverpflichtung zugunsten des byzantinischen Reiches unterschrieben hat.
Im Gegensatz zu den späteren Privilegien brachte das Chrysobull von 992 den Venezia-
nern zwar handelspolitischen Gewinn, aber seine Auswirkungen waren doch erheblich gerin-
ger als etwa diejenigen des Privilegs von 1082: Die Venezianer erhielten leichte finanzielle
Vorteile durch die Reduzierung der Abydosabgaben,18 ebenso scheint sich ihre juristische
Stellung in etwaigen Streitfällen ein wenig gebessert zu haben, aber diese [8] Vorrechte hatten
in keiner Weise einen solchen Durchbruch zur Folge, wie es 1082 der Fall gewesen ist. Den
Vergünstigungen entsprach denn auch die geographisch begrenzte Verpflichtung zur Flotten-
unterstützung eines byzantinischen Expeditionsheeres in Unteritalien.
tatsächlich genau siebzehn Nomismata zahlen mußten. Das Latein der Urkunde ist leider so schlecht, daß
nahezu jede Interpretation problematisch wird.
15
Longobardia meint hier offensichtlich die Region Unteritalien, nicht, wie z. B. SCHAUBE,
Handelsgeschichte S. 18, annimmt, die Langobarden Unteritaliens. Als Ziel wäre ebenso etwa das
arabische Sizilien denkbar.
16
Cf. PERTUSI, Venezia e Bisanzio S. 127.
17
Für die zweite Möglichkeit spricht der Text des Privilegs, der ausdrücklich nur die Möglichkeit einer
solchen Expedition hervorhebt: de nostro hoste, quem forsitan vult ... nostrum imperium in Longobardiam
dirigere. Doch ist die erhaltene, lateinische Fassung des Privilegs sprachlich so verdorben, daß Rück-
schlüsse auf den griechischen Text nur sehr begrenzt möglich sind. Eine große Expedition gegen Unter-
italien/Sizilien ist unter Basileios II. erst 1025, kurz vor dem Ende seiner Regierungszeit, angesetzt
worden, cf. EICKHOFF, Seekrieg S. 382f.
18
Wie gering diese Vorteile gewesen sind, erhellt sich aus einem Vergleich mit dem mutmaßlichen Wert
eines Handelsschiffes und seiner Ladung, wie wir sie aus dem 12. Jahrhundert kennen. Bei aller Gefahr
eines solchen Vergleichs über nahezu 150 Jahre hinweg bleibt doch festzuhalten, daß z. B. genuesische
Handelsschiffe mitsamt Ladung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mehr als 5.000 Nomismata Wert
gehabt haben. Auch wenn man berücksichtigt, daß die Schiffe des ausgehenden 10. Jahrhunderts viel-
leicht kleiner gewesen sind und weniger wertvolle Ladung befördert haben, so dürfte der Unterschied
zwischen einer Abgabe von ca. dreißig Nomismata und einer von siebzehn – ohne Rücksicht auf den
Wert eines Schiffes und seiner Ladung erhoben – den venezianischen Schiffsherrn kaum ernsthaft in
seinen Gewinnen beeinträchtigt haben, auch wenn er natürlich trotzdem ärgerlich gewesen ist.
6 Kapitel I
19
Ältere Editionen und Sekundärliteratur s. DÖLGER, Regesten Nr. 1081 (Mai 1082); hier zitiert nach
BORSARI, Crisobullo S. 124–131, hiervon S. 124–128 (in das Privileg Manuels inserierte Fassung) und
S. 128–131 (in das Privileg Isaaks inserierte Fassung). Das Datum des Privilegs ist umstritten. Während
die ältere Forschung früher übereinstimmend die Verleihung auf den Mai 1082 ansetzte (cf. DÖLGER,
Regesten Nr. 1081), vertritt FRANCES, Alexis Comnène et les privilèges octroyeè à Venise S. 17–23, die
Ansicht, das Privileg sei erst im Mai 1084 ausgestellt worden, während TUILIER, La date exacte S. 27–
34, es sogar auf 1092 verschieben möchte. Demgegenüber datiert BORSARI, Crisobullo S. 114ff., m. E.
mit überzeugenden Gründen, die sich auf die venezianischen Urkunden stützen, das Chrysobull wieder
auf 1082. In keinem Fall kann es später als 1083 sein, weil der Doge in diesem Jahr zuerst den Titel eines
Protosebastos, der ihm in dem Privileg verliehen worden war, führte (ZUSTO Nr. 1 (Mai 1083) Vene-
dig, S. 6); der Mai 1082 bleibt also doch das wahrscheinlichste Datum. Die Existenz eines weiteren Chry-
sobulls 1084, mit dem wiederum die Protosebastoswürde verliehen wurde, erklärt Borsari durch die Abs-
etzung des regierenden Dogen (und Protosebastos) in diesem Jahr, was eine weitere Gesandtschaft nach
Konstantinopel (für den neuen Dogen) notwendig machte, da die Venezianer wohl einen Dogen abset-
zen, ihm aber kaum den von Byzanz verliehenen Titel eines Protosebastos aberkennen konnten, ganz zu
schweigen von der Transferierung des dem Protosebastos zustehenden Gehalts auf den neuen Dogen.
Borsaris Hypothese löst die Quellenschwierigkeiten bei weitem am einleuchtendsten. MARTIN, Chry-
sobull of Alexius S. 21f., der eine Datierung im Sommer 1084 vorschlägt, kennt, obwohl sein Aufsatz
1978 erschienen ist, weder die Arbeit Borsaris (erschienen 1970) noch die von Borsari verwerteten Quel-
len und ist daher sinnlos. Auch TŮMA, Dating of Alexius's Chrysobull, der ebenfalls 1084 vertritt, hat
Borsaris Aufsatz nicht benutzt, da er ihm unzugänglich war. Zu der Interpretation des Privilegs cf. zuletzt
GADOLIN, Alexis Comnenus and the Venetian Trade Privileges; cf. auch HEINEMEYER, Verträge S.
82–86. – Die Diskussion um die Datierung des Privilegs hat sich seither fortgesetzt, ohne daß m. E.
bisher für 1082 überzeugende Alternativen vorgeschlagen worden wären. Zu der, wie ich glaube: falschen
Datierung auf 1092 durch P. FRANKOPAN (2003) s. ausführlich oben in dem der Einleitung angefüg-
ten "Nachtrag zu der pdf-Fassung" dieses Buches.
Die Verträge mit Venedig 7
sunt sub potestate eius qui dicitur patriciatus accipere per unumquemque annum numismata
tria. Dazu erhalten die Venezianer Werkstätten und Handelsplatz im Gebiet zwischen dem
Tor der Hebräer und der Vigla, außerdem drei Landetreppen in derselben Gegend am Ufer
des Goldenen Horns.20 Die Kirche des Hl. Akindynos erhält die Bäckerei bei der Kirche, die
zwanzig Nomismata pro Jahr abwirft. Hinzu kommt auch noch die Kirche des Hl. Andreas
in Dyrrhachion mit allem Besitz und allen Einkünften, ausgenommen die Ausrüstung der
Schiffe dieser Kirche.[10]
Soweit die direkten "materiellen" Donationen. Es folgt der wichtigste Teil: Den Venezi-
anern wird freier Handel mit allen beliebigen Waren im Reich zugestanden: Concessit autem
eis et negotiari in omnes partes Romanie species universas, videlicet circa magnam Laodician,
Antiochian ... et per ipsam Megalopolin, et simpliciter in omnes partes sub potestate nostre pie
mansuetudinis. 21 Sie werden (in den angeführten Orten) von sämtlichen Abgaben befreit: In
omnibus enim negotiationis locis data est licentia eis ab Imperio meo superiores esse debent et ipsa
requisitione. Kein Beamter hat das Recht, an sie irgendwelche derartigen Forderungen zu
stellen: Hec ita cum dispensaverit Imperii michi pietas, sancit atque diffinit nullum resistere eis
sicut rectis et veris dulis eius et contra inimicos adiutoribus et usque ad finem seculi tales se esse
promittentibus. Auch die früheren Eigentümer der jetzt den Venezianern überlassenen Besit-
zungen haben kein Recht, gegen diese Schenkungen zu protestieren, denn: qualiscumque enim
juris hec existunt, sive ecclesiastici, sive privati, sive publici, sive sancte domus sint, hec nullatenus
continget que nunc sunt fidelium duli Imperii michi Veneticorum et in posterum futurorum,
quam multam benivolentiam et rectum animum erga Romaniam, et erga Imperium meum
ostenderunt, et toto animo hec servare promittunt in perpetuum, et pugnare pro Romeorum statu
et Christianis prompte volunt et protestantur. Schließlich werden gegen das Privileg Zuwider-
handelnde mit einer Strafe von zehn Goldpfund an das "secreton ton oichiacon" (σέκρετον τοῦ
ἐπὶ τῶν οἰκειακῶν) und Ersatz in vierfacher Höhe des verursachten Schadens bedroht.
Zwei Jahre später, 1084, ging eine weitere venezianische Gesandtschaft nach Konstanti-
nopel und kehrte mit dem Protosebastostitel und der Zuerkennung der Herrschaft über Dal-
matien wieder heim.22 Hiervon hat Borsari die erneute Verleihung der Protosebastoswürde
20
Zu dem venezianischen Quartier cf. BROWN, The Venetians and the Venetian Quarter in Constan-
tinople; JANIN, Constantinople byzantine S. 247–249; MALTEZU, Il quartiere veneziano S. 30–61;
SCHREINER, Untersuchungen S. 179ff.; Aussehen und Umfang des Quartiers sind in dem Chrysobull
nur allgemein beschrieben, da für diese Schenkung ein eigenes, uns nicht erhaltenes Übergabeprotokoll
(πρακτικόν) angefertigt wurde, das die genauen Abmessungen enthielt. Von daher erübrigen sich auch
Spekulationen über Größe und Geschlossenheit des Quartiers, wie sie etwa von MARTIN, Chrysobull of
Alexius S. 221, angestellt werden. Ohne den Text des πρακτικόν sind keine genauen Aussagen möglich.
21
Zu den geographischen Bestimmungen des Privilegs cf. im folgenden Kapitel.
22
TAFEL–THOMAS Nr. 24 (1084); DÖLGER, Regesten Nr. 1109 (1084).
8 Kapitel I
wahrscheinlich gemacht,23 während die Bestimmung über Dalmatien und Kroatien doch mit
Mißtrauen anzusehen ist.24
[11] Wenn wir das Privileg auf seinen Inhalt hin untersuchen, so schälen sich auf
byzantinischer Seite drei25 und auf venezianischer zwei Hauptpunkte heraus:
1. Byzanz zahlte jedes Jahr eine hohe Summe Geldes an die Venezianer: je zwanzig
Goldpfund an die verschiedenen Kirchen und an den Patriarchen sowie das Gehalt
für den Dogen, das sicherlich nicht geringer als das des Patriarchen gewesen ist, ins-
gesamt also sechzig oder mehr Goldpfund pro Jahr. Hinzu kamen einzelne Ein-
künfte (Bäckerei des Hl. Akyndinos sowie die Amalfitaner im Reich), die nicht zu
Lasten des Fiskus gingen.
2. Venedig erhielt Eigentumsrechte in Konstantinopel und Dyrrhachion.
3. Venedig erhielt in einer Reihe von namentlich nicht genannten Städten für seinen
Handel Abgabenfreiheit zugesichert.
Auf der Gegenseite standen die beiden folgenden Punkte:
1. Venedig verpflichtete sich, Byzanz (weiter) im Krieg gegen Robert Guiskard zu un-
terstützen.
2. Die Venezianer und ihre Besitzungen in Byzanz standen nicht mehr außerhalb der
byzantinischen Rechtsprechung und folglich auch nicht mehr allein unter der
Jurisdiktion des λογοθέτης τοῦ δρόμου, wie es im Privileg von 992 festgelegt worden
war.26
Besonders dieser zweite Punkt ist wichtig. Im Gegensatz zu 992 sind die Venezianer nicht
mehr extranei, sondern unter die Hoheit des byzantinischen Reiches zurückgekehrt. Sie sind
recti duli imperii mei, wie es im Chrysobull heißt. Dies dürfte an und für sich vorteilhaft
sein, doch waren die unter Absatz drei zusammengefaßten Rechte aus sich selbst heraus so
weitgehend, daß die Venezianer sich ohnehin fast besser standen als die Byzantiner selbst.
Diese "Wiedereinbürgerung" brachte also kaum weitere Vorteile – abgesehen vielleicht von
einer etwas größeren Rechtssicherheit, die aber auch durch das Privileg von 1082 [12] nicht
ohne weiteres gesichert war. Sie brachte aber die Gefahr mit sich, daß der Kaiser unter Um-
ständen eine rechtliche Handhabe besaß, von den Venezianern als seinen Untertanen, die sie
de jure ja nun wieder waren, Dienste oder Leistungen zu fordern, die den Interessen der Lagu-
nenstadt zuwiderliefen. Zwar blieb Venedig de facto natürlich selbständig, verfolgte seine
eigene Politik und gab sich seine eigenen Gesetze, dennoch bekam der Kaiser ein Druckmittel
in die Hand, das er gegebenenfalls gegen die Venezianer im Reich ausspielen konnte.
23
Cf. BORSARI, Crisobullo S. 115.
24
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1109 und unten S. 335f.
25
Cf. BORSARI, Crisobullo S. 116f.
26
Ibidem S. 115: cf. auch BORSARI, Commercio Veneziano S. 984f.
Die Verträge mit Venedig 9
Die venezianische Hilfeleistung gegen Robert Guiskard geht aus verschiedenen Passagen
des Chrysobulls hervor, von denen die interessanteste zweifellos die ist, in der die Venezianer
versprechen, auch in Zukunft Byzanz verteidigen zu helfen: et usque ad finem seculi tales se esse
promittentibus, ... que nunc sunt fidelium duli Imperii michi Veneticorum et in posterum futur-
orum, ... et toto animo hec servare promittunt in perpetuum et pugnare pro Romeorum statu et
Christianis prompte volunt et protestantur. Diese Zeitbestimmungen sind schwammig gefaßt.
Es geht aber dennoch eindeutig aus ihnen hervor, daß die venezianischen Hilfeversprechun-
gen sich keineswegs nur auf den Kampf gegen Robert Guiskard beschränkten, sondern dar-
über hinaus eine Zusage für die Zukunft waren, auf die Byzanz bauen konnte, zumindest bis
zum Tod des Alexios; denn der Vertrag ist nicht für die zukünftigen Kaiser abgeschlossen.
Nach mittelalterlicher Rechtsauffassung lief er mit dem Ableben des einen oder anderen
Vertragspartners aus, in diesem Fall dem des Kaisers; denn bei den Venezianern sind die
Nachfolger des regierenden Dogen ausdrücklich miteinbezogen, wenn auch nur im Zusam-
menhang mit der Verleihung des Protosebastostitels, was aber natürlich Auswirkungen auf die
anderen Vertragsteile hat.27 [13]
Wichtiger noch aber dürfte etwas anderes sein. Der eben zitierte Satz läßt die Annahme
glaubhaft scheinen, daß der Vertrag von 1082 uns nicht vollständig erhalten ist, sondern daß
uns eine Hälfte fehlt: die venezianische Gegenerklärung, die die Rechte und Pflichten der
Venezianer regelt. Die Venezianer "wollen bereitwillig für den Staat der Romäer und für die
Christen kämpfen und erklären (dies) öffentlich (oder: bekräftigen es)". Das kann kaum eine
nur mündlich abgegebene Bereitschaftserklärung sein, sondern man muß eine spezifizierte
Aufzählung der venezianischen Pflichten erwarten, ähnlich derjenigen auf der Seite der Grie-
chen. Daß es in den Verträgen zwischen Byzanz und Venedig solche Gegenerklärungen gege-
ben haben muß, beweist das Chrysobull von 1126 (cf. im Folgenden). Die Bedeutung dieser
Tatsache, die nur von wenigen Forschern erkannt und von noch weniger berücksichtigt wor-
den ist, obwohl sie entscheidend für die Politik beider Seiten ist, liegt auf der Hand28: Uns
fehlt die Hälfte des Materials, und wir können aus diesem Grund auch kaum mehr sagen, was
nun konkret die Verpflichtungen Venedigs gewesen sind, da das Chrysobull diese freilich nur
noch summarisch und ungenau beschreibt. Mehr war eben auch nicht nötig, da ja ein weiteres
Dokument vorlag, das gerade diese Punkte genau regelte. Das Fehlen dieses Dokuments –
und entsprechender Dokumente bei den Verträgen von 1126 und 1147/48 – hat zur Folge,
27
Dies in Gegensatz zu dem Privileg von 1111 für Pisa, in das der spätere Nachfolger Johannes ausdrücklich
miteinbezogen worden ist. Beides wird für die Erklärung der Politik dieses Kaisers gegenüber Venedig
und Pisa von Bedeutung sein, cf. unten S. 380. Allerdings ist der Grund für die Nichterwähnung des
Johannes in dem Privileg von 1082 recht einfach: Johannes II. war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht
geboren (Geburt laut SCHREINER, Kleinchroniken Bd. I. Nr. 5.3, S. 55 (Kommentar Bd. II. S.161f.)
am 13. September 1087) konnte somit auch nicht in dem Chrysobull als Mitkaiser bzw. präsumptiver
Nachfolger Erwähnung finden.
28
Cf. NEUMANN, Urkundliche Quellen bes. S. 370ff. mit ausführlicher Diskussion; cf. auch
KRETSCKMAYR, Venedig I. S. 163; HEINEMEYER, Verträge S. 81f.
10 Kapitel I
daß wir nur sehen, was Byzanz gab, und daß es aus diesem Grund relativ naheliegt, die Pflich-
ten der Gegenseite zu unterschätzen und so ein einseitig zuungunsten der Byzantiner verzerr-
tes Bild der Beziehungen zwischen Byzanz und Venedig zu sehen, von der reinen Material-
lücke, die ja auch schmerzlich ist, einmal abgesehen.
Was waren nun die Vorteile für die Venezianer? Die Verleihung der beiden Titel Proto-
sebastos und Hypertimos brachte für ihre Träger keinerlei Verpflichtung mit sich – es sei
denn ideeller Natur –, da es sich um keine Ämter, sondern nur um reine Hoftitel handelte.
Für Dogen und Patriarchen waren sie natürlich trotz-[14]dem interessant, zum einen wegen
des aus ihnen resultierenden Prestiges und zum anderen wegen des hohen Gehalts, das mit
ihnen verbunden war, ebenso wie überhaupt die Geldzahlungen, zu denen Byzanz sich ver-
pflichtete, einen hohen Betrag ausmachten.
Die drei Nomismata, die jeder Amalfitaner, der im Reich eine Werkstatt unterhielt, an
die Kirche des Hl. Marcus zu zahlen hatte, bedeuteten überdies eine zusätzliche Belastung
dieser lästigen Konkurrenten. Es ist allerdings festzuhalten, daß diese Belastung ausschließlich
diejenigen Amalfitaner traf, die auch in der Romania Bürger ihrer Heimatstadt blieben: ...
Amalphynorum omnium qui sunt sub potestate eius qui dicitur patriciatus; sie traf nicht auf
solche zu, die zu Untertanen des Reiches geworden waren – vielleicht ein stiller Wunsch des
Kaisers, der so indirekt darauf hinwirkte, diese Ausländer stärker in sein Reich zu integrieren.
Im übrigen brauchte er auf Amalfi ohnehin keine größere Rücksicht zu nehmen, da die Stadt
längst unter dem Einfluß der Normannen stand.29 Immerhin schränkte der Kaiser nicht den
Handel der Einwohner Amalfis ein, die Belastung betraf nur diejenigen, die in Byzanz ansässig
waren und ein Geschäft betrieben: tenentium ergasteria Amalphynorum, die aber eben trotz-
dem nicht Byzantiner werden wollten.
Die Bestimmung, die den Venezianern Besitz, Kirchen und eigene Landemöglichkeiten
in Konstantinopel und Dyrrhachion zusicherte, war hauptsächlich in finanzieller Hinsicht
von Vorteil. Es entfielen jetzt die kosten für Wohnung, Lagerung von Waren, Hafengebühren
etc., beziehungsweise: sie flossen jetzt an die Venezianer selber. Warum gerade in Konstanti-
nopel und Dyrrhachion und an keinen anderen Plätzen?30 Für Konstantinopel [15] ist die
Antwort einfach: Die Stadt besaß den größten Hafen im Reich, ihr Wohlstand war berühmt,
sie war der Sitz der staatlichen und kirchlichen Verwaltung und als solcher seit jeher Ziel und
29
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 41; BALARD, Amalfi et Byzance S. 93f.; laut BORSARI, Criso-
bullo S. 117 Anm. 1, sei dieser Satz in der Urkunde nicht klar, er dürfte jedoch auf den alten patriciatus
Amalfis zu beziehen sei, denn die Stadt stand im Ausgang des 10. Jahrhunderts unter einem von Byzanz
mit der Würde eines Patrikios (seltener auch mit anderen Titeln) ausgezeichneten Führer, so daß hier
eine Reminiszenz an frühere Gewohnheiten angenommen werden kann; cf. auch FALKENHAUSEN,
Untersuchungen S. 35; DEER, Zur Praxis der Verleihung S. 426; zuletzt SCHWARZ, Amalfi S. 240f.,
245f., 248f. und öfter.
30
Wenn später auch an diesen anderen Plätzen venezianische Handelsquartiere anzutreffen sind (z. B. in
Halmyros, Thessalonike, Rhaidestos, Abydos), so sind diese anscheinend nicht vom Kaiser verliehen
worden – es existieren keine Quellen für etwaige Schenkungen dieser Art –, sondern die Venezianer
haben sie auf eigene Kosten erworben.
Die Verträge mit Venedig 11
Anlaufpunkt venezianischer Händler. Auch die Begründung für Dyrrhachion liegt auf der
Hand: Einmal war diese Stadt der nächste größere byzantinische Hafen für die Venezianer,
zum anderen war sie der westliche Endpunkt der Via Egnatia und als solcher auch handelspo-
litisch von außerordentlicher Bedeutung, drittens ging ja der ganze Krieg – zumindest soweit
er Venedig betraf – um eben diese Stadt, in der außerdem sehr viele Venezianer wohnten. Was
lag also näher, als daß Venedig gerade auch hier eine Belohnung für seine Mühen erwartete?
Die Zusicherung freien Handels an bestimmten, namentlich ausgewiesenen Plätzen des
Reiches war zwar für die Venezianer von ungeheurem Vorteil,31 aber sie bedeutete gleicher-
maßen auch eine Einschränkung – obwohl das Chrysobull grundsätzlich freien Handel im
gesamten byzantinischen Machtbereich zusichert. Anders läßt die angeführte Liste sich nicht
erklären.32 Venedig erhält eben nicht im gesamten Reich die vollständige Freiheit von Ab-
gaben. Ganz offensichtlich wünschte der Kaiser auch jetzt noch, eine gewisse Kontrolle über
die Fremden zu behalten, die zwar nunmehr de jure Byzantiner waren, tatsächlich aber eben
doch Ausländer blieben, denen das Reich mit einer gewissen Reserve gegenüberstand. Die
Liste schließt zwar nicht den Handel außerhalb der angegebenen Städte und Inseln aus, wohl
aber die Abgabenfreiheit. Zum Schwarzen Meer scheint Venedig sogar überhaupt keinen Zu-
gang gehabt zu haben.33
[16] Vergleicht man den Inhalt der Privilegien von 992 und 1082, so fallen fünf
Unterschiede ins Auge:
1. Der Wegfall der fixen Abgabe von siebzehn Nomismata pro Schiff, der bei Aby-
dos erhoben worden war. Allerdings scheint diese Abgabe nicht erst 1082, son-
dern schon im Laufe des 11. Jahrhunderts in Wegfall geraten zu sein.
2. Der Wegfall der Bestimmung, daß die Venezianer nur ihre eigenen Waren nach
Byzanz einführen dürfen, nicht aber solche aus Unteritalien, Bari und Amalfi.
Dieser Wegfall erklärt sich aus der geänderten politischen Lage: Unteritalien war
nicht mehr byzantinisch oder unter byzantinischem Einfluß, sondern gehörte
den Normannen bzw. stand unter deren Einfluß, war also mithin jetzt eher als
feindliches Territorium einzustufen, zu dem kaum noch nennenswerte Handels-
beziehungen bestanden haben werden. Venedig war jetzt der einzige ernsthafte
31
C£. die Erörterung im folgenden Kapitel S. 50ff.
32
Daß die Liste exclusiven Charakter gehabt haben muß, geht auch aus den Privileg des Johannes für
Venedig von 1126 hervor, in dem die venezianische Abgabenfreiheit in den namentlich bezeichneten
Städten und Regionen des Alexiosprivilegs bestätigt wird: Similiter et habeant ipsi sine prohibitione et
negociari sine commercio et datione qualicumque altera in omnibus dinumeratis in prefacto chrysobullio
civitatibus et regionibus, que sub potestate Imperij nostri sunt (TAFEL–THOMAS Nr. 43, S. 97); cf.
BORSARI, Crisobullo S. 118 Anm. 7.
33
Kreta und Zypern sind gleichermaßen nicht aufgeführt. Doch wissen wir nicht, ob der Zugang zu beiden
Inseln generell verboten war, oder ob sie nur nicht unter die Abgabenfreiheit fielen. Letzteres scheint
wahrscheinlicher zu sein.
12 Kapitel I
34
DÖLGER, Regesten Nr. 1304 (Aug. 1126); hier zitiert nach TAFEL–THOMAS Nr. 43, S. 95–98. Das
Chrysobull ist als Insert in den Privilegien Manuels von 1174 und, etwas amplifiziert, aber ohne sachliche
Unterschiede, Isaaks von 1187 erhalten (hier zitiert nach dem Text Manuels), wobei die Unterschiede
wohl nur aus den verschiedenen Übersetzungen desselben griechischen Textes herrühren; cf. auch
HEINEMEYER, Verträge S. 111f.
Die Verträge mit Venedig 13
eos, vel quando emit ab aliquo eorum, dare pro commercio quidlibet, vel pro altera quavis
exactione; sed ut excusentur et ipsi, sicut et hii, qui cum commerciis negociantur.35
Diesen Passus haben Antoniadis-Bibicou und Danstrup als Beweis dafür aufgefaßt, daß
das Kommerkion 1082 nur den Venezianern erlassen worden sei, nicht aber ihren byzan-
tinischen Geschäftspartnern.36 Erst 1126 sei zum ersten Male überhaupt auch Byzantinern,
die mit Ausländern Geschäfte trieben, die Zahlung [18] des Kommerkions erlassen worden37.
Diese Auffassung ist offenkundig falsch, und zwar aus mehreren Gründen. Einmal geht
aus dem ganzen Privileg das Bemühen hervor, die Vorrechte der Venezianer gegenüber 1082
nicht zu erweitern. Sie erhalten ihre alten Privilegien zurück, aber keine neuen hinzu.38 Schon
diese allgemeine Beobachtung, die auch aus den Umständen der Entstehung des Privilegs er-
härtet wird, spricht gegen eine Erweiterung. Aber auch der Text selbst läßt die Hypothesen
Danstrups und Antoniadis-Bibicous nicht zu. Es ist ganz offensichtlich, daß die Venezianer
hier keine Änderung des Alexiosprivilegs anstreben, sondern die Abhilfe einer später eingetre-
tenen Verschlechterung: Die Erhebung des Kommerkions von den Byzantinern ist eine Ge-
wohnheit, die sich seit vielen Jahren gehalten hat. Aber diese Formulierung heißt auch, daß es
eine Zeit gegeben haben muß, in der solches nicht der Fall gewesen war. Die Erklärung dürfte
einfach die sein, daß 1082 den Venezianern die Zahlung des Kommerkions erlassen worden
war, daß aber der Fiskus, der auf diese Einnahmen nicht verzichten wollte, die Zahlung der
Abgabe jetzt einfach den Geschäftspartnern der Venezianer auferlegte.39 Ein solches Vorge-
hen wurde durch[19]den Wortlaut des Chrysobulls von 1082 nicht verboten, machte aller-
dings den Sinn dieses Privilegs, der ja darin bestanden hatte, die Venezianer von allen Abga-
ben zu befreien, zunichte, denn die Byzantiner schlugen diese Abgabe natürlich auf die Preise
35
TAFEL–THOMAS Nr. 43, S. 97f.
36
DANSTRUP, Indirekt taxation S. 145–147; ANTONIADIS-BIBICOU, Douanes S. 111f.
37
ANTONIADIS-BIBICOU, Douanes S. 112 Anm. 6.
38
Die Erweiterung der Freihandelsorte um Kreta und Zypern ist nicht in dem Chrysobull von 1126
vollzogen worden, sondern erst später, wahrscheinlich in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, cf. unten
S. 56 ; zu der Erweiterung selbst s. DÖLGER, Regesten Nr. 1305 (nach Aug. 1126).
39
Wann dies geschehen ist, läßt sich nicht mehr sagen. Da die Venezianer ausdrücklich betonen, daß dieser
Zustand schon sehr lange angedauert habe (ante annos non paucos), dürfte er schon in der Alexioszeit
eingesetzt haben, allerdings wohl nicht vor 1108, als die Venezianer Byzanz gegen die Normannen zu
Hilfe gekommen waren. Sie hätten eine solche Gelegenheit, Mißstände in ihrem Handel zu beheben,
kaum ungenutzt verstreichen lassen. Aber von neuen Privilegien anläßlich ihrer Hilfe ist nirgendwo die
Rede, – auch nicht als Insert oder zumindest Hinweis in späteren Privilegien –, so daß wir annehmen
können, daß es keine gegeben hat. Unter diesen Umständen liegt die Vermutung nahe, daß der ange-
prangerte Mißstand erst nach 1108 eingesetzt hat, vielleicht auch erst nach 1113, als sich der Konflikt um
Dalmatien abzuzeichnen begann. Andererseits ist durchaus möglich, daß die "offizielle" Politik überhaupt
nichts mit der Verlagerung des Kommerkions auf die griechischen Geschäftspartner der Venezianer zu
tun gehabt hat, sondern daß es, vielleicht nach und nach, von der Verwaltung ohne Wissen des Kaisers
und der politischen Spitze des Reiches eingeführt worden ist, da der Fiskus auf seine Einnahmen nicht
verzichten wollte. Man sollte hierbei nicht vergessen, daß, zumal in den Provinzen, die Beamten nicht
immer von Konstantinopel aus besoldet wurden, sondern ihre Einkünfte aus den lokalen Zoll- und
Steuereinnahmen bezogen.
14 Kapitel I
ihrer Waren auf. Das aber bedeutet, daß das Privileg von 1126 hier keine substantielle Erwei-
terung gegenüber dem von 1082 enthält, sondern einen Mißstand beseitigte, der nur infolge
unzureichender Formulierung des Alexiosprivilegs einreißen konnte.
Man könnte hiergegen einwenden, daß 1082 nur den Venezianern die Zahlung des Kom-
merkions erlassen worden sei und nicht den Griechen, das heißt: daß vor 1082 sowohl die
Venezianer als auch die Byzantiner je zehn Prozent Abgaben bezahlt hätten, seit 1082 nur
noch die Byzantiner, und daß nun seit 1126 jeglicher venezianisch-byzantinische Handel
völlig abgabenfrei abgewickelt werden konnte. Dagegen spricht einmal, daß ein solches Pri-
vileg eine erhebliche Ausweitung des Alexioschrysobulls darstellen würde, was, wie gesagt,
1126 nicht zu erwarten und auch nicht wahrscheinlich ist, zum anderen und vor allem, daß
wir das ganze 12. Jahrhundert hindurch nicht die geringsten Spuren einer solchen Doppel-
besteuerung finden. Weder Pisaner noch Genuesen haben je den Versuch unternommen, ihre
griechischen Geschäftspartner von der Zahlung des Kommerkions befreien zu lassen, und
auch in den genuesischen Gesandtschaftsinstruktionen, die das Bestreben Genuas zeigen, eine
den Pisanern und (nach 1171) auch den Venezianern gleichrangige Rechtsstellung zu gewin-
nen, findet sich kein Hinweis auf eine ähnliche Aufgabenverteilung. Das Kommerkion ist,
wenn wir den verschiedenen Hinweisen trauen dürfen, offenbar eine Abgabe (in Höhe von
zehn Prozent), die – bis zur Abstellung des Mißstands 1126 – nicht von beiden Handelspart-
nern gesondert eingetrieben wurde, sondern auf dem Handelsvorgang als solchem ruhte40.
[20] Sieht man einmal ab von der eben untersuchten Spezifizierung des Alexiosprivilegs
durch das Chrysobull von 1126, so sind zwischen beiden Dokumenten keine relevanten
Unterschiede in den Bestimmungen zu beobachten. Dennoch bieten die Formulierungen des
Johannesprivilegs einige wesentliche neue Erkenntnisse. So geht aus dem Privileg klar hervor,
daß die Liste der Orte, in denen Venedig völlige Abgabenfreiheit genoß, keineswegs mehr
oder weniger unverbindlich gewesen ist41, sondern – zumindest in der Situation von 1126 –
40
Zumindest legt dies der Text des Chrysobulls nahe: Imperium meum ... definit per presens chrysobullion,
nullum eorum, qui sub potestate Imperij nostri, Grecis negociantibus cum Veneticis in omnibus regionibus
Romanie, vel quando vendit ad eos, vel quando emit ab aliquo eorum, dare pro commercio quidlibet, vel pro
altera quavis exactione; sed ut excusentur et ipsi, sicut et hij, qui cum commerciis negociantur (TAFEL–
Thomas S. 97f.). Genauere Angaben, wie die Einziehung nun konkret gehandhabt wurde, sind für das 12.
Jahrhundert nicht zu finden. Erst 1261 begegnet eine Bestimmung, daß genuesische Händler ihre Ein-
fuhren nach Byzanz schriftlich und unter Eid den kaiserlichen Beamten angeben mußten und ihre ande-
ren Waren, die nicht unter die Vergünstigungen fielen, zu bezahlen hatten (DÖLGER, REGESTEN Nr.
1890 (13. März 1261): Vertrag zwischen Byzanz und und Genua; 1275 wurde dies noch genauer ausge-
führt: Die eingeführten Waren sollen unter Eid angegeben werden, Ankauf und Verkauf haben sich
ebenfalls unter offizieller Aufsicht zu vollziehen. Fehlt diese, so ist wieder unter Eid das Verkaufsgeschäft
bei den Zollbeamten anzuzeigen, wobei die Namen von Käufer und Verkäufer angegeben werden müs-
sen. Bei Unterlassung droht Strafen (DÖLGER, REGESTEN Nr. 2019 (vor 25. Okt. 1275)). Hier liegt
die Einziehung der Abgaben offensichtlich sowohl bei der Einfuhr als auch beim eigentlichen Kauf- und
Verkaufsgeschäft. Doch dürfte es zu problematisch sein, Übungen aus der zweiten Hälfte des 13. Jahr-
hunderts auf das 12. Jahrhundert zu übertragen, so daß die genannten Angaben leider unverwendet
bleiben müssen.
41
Wie es beispielsweise unterstellt wird von SCHREINER, Untersuchungen S. 178.
Die Verträge mit Venedig 15
genau beachtet wurde: Similiter et habeant ipsi (i. e. Venetici) sine prohibitione et negociari sine
commercio et datione qualicumque altera in omnibus dinumeratis in prefacto chrysobullio civita-
tibus et regionibus, que sub potestate Imperij nostri sunt.42 Bedeutsam ist auch der Passus: que
sub potestate Imperij nostri sunt, der einen für byzantinische Verhältnisse erstaunlichen Rea-
lismus zeigt. Nur die byzantinisch gebliebenen Orte sollen von der Freistellung erfaßt werden.
Das heißt, daß man in Byzanz z. B. Antiocheia, Laodikeia, sowie Tarsos, Adana und Mopsu-
estia als (zur Zeit) nicht unter byzantinischer Oberhoheit stehend ansah. Das mag uns zwar
normal erscheinen, aber vergleicht man etwa das Chrysobull von 1198, das unterschiedslos
byzantinische und 1198 nicht mehr byzantinische Orte umfaßt, so zeigt es doch einen über-
raschenden Realitätssinn.[21]
Bei weitem am bedeutsamsten ist jedoch der Absatz, in dem die venezianischen Gegen-
verpflichtungen erwähnt werden. Die Venezianer versprechen, aus ganzem Herzen für die
Romania zu kämpfen: simul autem et propria quedam servitia per scriptum et jusjurandum
convenientes servire Imperio meo et Romanie, velut facta ab apocrisiarijs eorum symphonia latius
de his tractat.43 Und ähnlich noch einmal: Verum tamen debent et Venetici eam, que per factam
scripto conventionem a legatis eorum promissa sunt, jurejurando Imperio meo firma servare
incorrupta.44 Aus diesen beiden Sätzen folgt zweifelsfrei, daß die Venezianer nicht nur eine
allgemeine Hilfezusage zugunsten des byzantinischen Reiches abgegeben haben, sondern daß
diese allgemeine Zusage genau spezifiziert worden ist. Die Bedeutung dieser Tatsache ist kaum
zu überschätzen, dennoch ist sie in der Sekundärliteratur häufig nicht bemerkt, geschweige
denn gewürdigt worden.45 Das Fehlen dieser venezianischen Gegenerklärungen, die uns nicht
erhalten sind, macht eine vollständige Darstellung der venezianisch-byzantinischen Beziehun-
gen praktisch unmöglich, da nahezu fünfzig Prozent des Urkundenmaterials fehlen46. Immer-
hin läßt sich für den Vertrag von 1126 wenigstens folgendes feststellen: Die Existenz des Ver-
trages allein beweist, daß Johannes II. vor den venezianischen Forderungen zurückgewichen
ist; denn er hatte, indem er das Privileg seines Vaters nicht bestätigte und dafür sogar einen
Krieg mit Venedig in Kauf nahm, deutlich gezeigt, daß er keine besondere Privilegierung der
Lagunenstadt wünschte. Dennoch wäre es völlig falsch, von einer Kapitulation des Kaisers zu
sprechen. Es scheint vielmehr, daß auch Venedig Zugeständnisse machen mußte, die über
seine früheren Verpflichtungen hinausgingen. Sofern allerdings nicht der Text dieser Ver-
pflichtungen doch noch auftaucht – was kaum zu erwarten ist -, sind wir nicht in der Lage,
42
TAFEL–THOMAS S. 97.
43
Ibidem.
44
Ibidem.
45
Cf. NEUMANN, Urkundliche Quellen bes. S. 370, der aber leider nur wenig Beachtung gefunden hat;
ferner HEINEMEYER, Verträge S. 81f., 131ff.
46
Erst in dem Privileg von 1187 erlangen wir genauere Kenntnis der venezianischen Gegenverpflichtungen,
die in diesem Fall glücklicherweise nicht separat niedergelegt, sondern direkt in das Privileg eingebaut
worden sind.
16 Kapitel I
letztlich befriedigende Aussagen über den Vertrag von 1126 zwi-[22]sehen Byzanz und Ve-
nedig zu machen. Ähnliches gilt für die Verträge von 1082 und 1147/48.
Die Verträge von 1147 und 1148
Im Oktober 1147 bestätigte Manuel I. Komnenos die von seinen Vorgängern Alexios I. und
Johannes II. an Venedig vergebenen Privilegien.47 Auch wenn der konkrete Anlaß in dem
Chrysobull nicht genannt wird, kann man annehmen, daß der Krieg gegen die Normannen
die Bestätigung verursacht hat; denn im Sommer desselben Jahres hatte Manuel einen Hilfe-
ruf an die Lagunenstadt gesandt.48 Die Venezianer werden als Vorleistung für ihre Hilfe die
Bestätigung ihrer Privilegien gefordert haben. Da das Chrysobull Manuels von 1147 den frü-
heren Privilegien nichts hinzufügt, dürfte auch die venezianische Gegenverpflichtung in der-
selben Form wie unter Johannes II. wieder in Geltung gesetzt worden sein.49
Im März 1148, diesmal unter ausdrücklicher Berufung auf die venezianische Hilfe gegen
die Normannen, verfügte der Kaiser eine beträchtliche Erweiterung des venezianischen Quar-
tiers in Konstantinopel.50 Den drei vorhandenen Landetreppen der Venezianer wurde eine
vierte Landetreppe hinzugefügt. Ihr Quartier in der byzantinischen Hauptstadt wurde erheb-
lich erweitert und mit dem Uferstreifen um die nunmehr vier Landetreppen zu einem zusam-
menhängenden Ganzen arrondiert, das nur durch die Befestigungen Konstantinopels unter-
brochen wurde. Ein genaues Protokoll dieser Erweiterungen wurde ausgearbeitet und [23]
den Venezianern übergeben.51 Für Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen dieses
Chrysobulls wurde eine Strafe von zehn Goldpfund, zahlbar an das σέκρετον τοῦ ἐπὶ τῶν
οἰκειακῶν, verfügt.
Da diese Erweiterung des venezianischen Quartiers eine byzantinische Zusatzleistung
darstellt, die über die 1147 vollzogene Bestätigung der früheren Privilegien hinausgeht, ist zu
fragen, ob es sich hier um einen freiwilligen Gunstbeweis des Kaisers handelt, oder ob ihr eine
entsprechende venezianische Leistungserweiterung gegenübersteht. Für letzteres spricht ein
47
DÖLGER, Regesten Nr. 1365 (Okt. 1147); cf. HEINEMEYER, Verträge S. 131ff.
48
DÖLGER, Regesten Nr. 1356 (ca. Sommer/vor Sept. 1147).
49
Hierbei ist zu berücksichtigen, daß mittelalterliche Verträge im allgemeinen, wenn es nicht ausdrücklich
anders festgelegt ist, an die Personen der Vertragspartner gebunden sind. Da Manuel schon seit April
1143 regierte, die Privilegien seiner Vorgänger aber erst im Oktober 1147 bestätigte, d. h. ihre Verbind-
lichkeit für sich selbst anerkannte, sind die Venezianer de jure zwischen April 1143 und Oktober 1147
ohne Privilegien gewesen, waren mithin auch nicht verpflichtet, sich an der Verteidigung des byzantini-
schen Reiches gegen etwaige Angriffe zu beteiligen. Dies ist erst seit der Bestätigung wieder der Fall
gewesen.
50
DÖLGER, Regesten Nr. 1373 (März 1148), hier zitiert nach TAFEL–THOMAS Nr. 50, S. 109–113;
cf. auch HEINEMEYER, Verträge S. 131ff.
51
Es ist hierbei augenscheinlich nicht das ganze Quartier vermessen worden, sondern nur die von Manuel
vollzogene Erweiterung, cf. NEUMANN, Urkundliche Quellen S. 378. Aus diesem Grund und wegen
des Fehlens des Übergabeprotokolls von 1082 (s. oben Anm. 20) läßt sich über das Aussehen des Quar-
tiers vor 1148 keine verbindliche Aussage treffen, wie es von MARTIN, Chrysobull of Alexius S. 22f.,
versucht wird.
Die Verträge mit Venedig 17
Satz in dem Chrysobull, demzufolge die Venezianer sich verpflichten, bis zum September
1148 an der Seite der Griechen zu kämpfen: Porro et in reliquas regiones Imperij nostri trans-
miserunt (erg. Venetici), quatenus, qui invenirentur cumpatriote eorum venirent, et servirent et
ipsi in eiusmodi Romanie et Imperij nostri servitio usque ad complementum tocius mensis Septem-
bris futuri cum deo indictionis duodecime.52
Man kann hieraus schließen, daß entweder die relativ lange Dauer des Kriegsdienstes –
von März bis einschließlich September immerhin sechs Monate – oder aber die Einberufung
der in Byzanz befindlichen Venezianer nicht Bestandteil der ursprünglichen venezianischen
Verpflichtungen gewesen sind.53 In jedem Fall können wir mit einigem Recht vermuten, daß
Venedig 1147/48 mehr leistete, als aufgrund der früheren Verträge von ihm hätte geleistet
werden müssen, und daß es als Kompensation hierfür eine Erweiterung seines Quartiers
forderte und erhielt. Dies bedeutet aber auch, daß Venedig seit März 1148 grundsätzlich
verpflichtet war, seine in Byzanz befindlichen Mitbürger im Falle [24]eines Angriffs zu den
Waffen zu rufen und auch mit einer grösseren Flotte über einen längeren Zeitraum hinweg
Waffenhilfe zu leisten.54
Der Vertrag von 1187
Im Februar 1187 beendeten Kaiser Isaak II. Angelos und Venedig die Periode der Auseinan-
dersetzungen, die 1171 mit der Gefangensetzung der Venezianer und der Konfiskation ihrer
Güter durch Manuel I. Komnenos ihren Anfang genommen hatte, mit einem Vertrag, der
genauestens die Rechte und Pflichten beider Vertragspartner regelte.55. Inhaltlich gliedert er
sich nach den üblichen Eingangsfloskeln in einen Abschnitt über die Verpflichtungen Vene-
digs und einen kürzeren über diejenigen des byzantinischen Reiches. Venedig verpflichtete
sich zu folgendem:
Venedig wird keinerlei Verbindung zum Schaden des Reiches insgesamt oder einzelner
seiner Teile eingehen, weder mit "gekrönten oder ungekrönten (Herrschern), mit (christli-
52
TAFEL–THOMAS S. 110; cf. auch NEUMANN, Urkundliche Quellen S. 378.
53
Die Dauer des Kriegsdienstes dürfte wahrscheinlicher sein, da die Einberufung von im Reich lebenden
oder sich dort zeitweilig aufhaltenden Ausländern schon Bestandteil des Privilegs von 1111 für Pisa
gewesen war und man daher annehmen kann, daß auch das Privileg von 1126 schon diese Bestimmung
enthalten hat. Definitives läßt sich aufgrund des Fehlens der venezianischen Gegenverpflichtungen nicht
mehr sagen.
54
Dies neben anderen, uns nicht erhaltenen Verpflichtungen. Die grundsätzliche Weitergeltung dieser Be-
stimmung ergibt sich daraus, daß auch die Vergrößerung des venezianischen Quartiers auf Dauer erfolgt
ist.
55
DÖLGER, Regesten Nr. 1578 (Februar 1187), hier zitiert nach TAFEL–THOMAS Nr. 72 (Februar
1187) S. 195–203; neuere Sekundärliteratur: DANSTRUP, Manuels I. Coup S. 212f.; HEINEMEYER,
Verträge S. 89–94; BORSARI, Commercio S. 1008ff.; BRAND, Byzantium S. 197f. Zusätzlich zu dem
Chrysobull Isaaks, das ja im wesentlichen die früheren Privilegien nur bestätigte, wurden auch die
Chrysobulle des Alexios I., Johannes II. und Manuels I. mit entsprechenden Einleitungen noch einmal
wiederholt (DÖLGER, Regesten Nr. 1576 und 1577, beide ebenfalls im Februar 1187 ausgestellt).
18 Kapitel I
chen) Völkern oder (heidnischen) Nationen".56 Es wird auch nicht selbst etwas zum Schaden
der Romania unternehmen, weder zu Zeiten Isaaks noch später seiner Nachfolger in männ-
licher oder weiblicher Linie oder derjenigen, die auf deren Geheiß herrschen.[25]
Wenn ein Feind das Reich mit einer Flotte in Stärke zwischen vierzig und hundert Ga-
leeren angreift, hat Venedig auf Verlangen des Reiches binnen sechs Monaten57 eine Hilfs-
flotte in der entsprechenden Stärke (zwischen 40 und 100 Galeeren) zu schicken. Diese
Galeeren haben die Venezianer selbst zu bauen und auszurüsten, wobei die notwendigen
Gelder von Byzanz zur Verfügung gestellt werden. Die Schiffe müssen für eine Besatzung von
140 Bewaffneten gebaut werden. Für den Bau von je fünf Schiffen soll ein befähigter Vene-
zianer zuständig sein, der schwört, die Schiffe so zu bauen, wie wenn sie mit venezianischem
Geld als venezianische Galeeren fertigzustellen wären. Jeder dieser Beauftragten erhält als
Bezahlung sechzig Nomismata. Die Kapitäne der einzelnen Galeeren garantieren für eine
Besatzungsstärke von 140 Mann pro Schiff, für die Sold gezahlt wird. Für Flüchtlinge oder
Deserteure ist Ersatz zu stellen oder der zuviel empfangene Sold zurückzuerstatten. Die
Kapitäne schwören, daß sie die ganze Ausrüstung, die ihnen übergeben worden ist, zur Ehre
des Reiches und zum Heil seiner Flotte verwenden. Der Sold entspricht der Entlohnung, die
die Venezianer vor Korfu 1148/49 empfangen haben.
Das Reich kann die in der Romania befindlichen Venezianer zu drei Vierteln ihrer
Kopfzahl gegen Zahlung des vereinbarten Soldes zum Dienst in dieser Flottte heranziehen,
wovon allerdings Knaben bis zwanzig und Männer von über sechzig Jahren nicht betroffen
sind.58
[26] Die venezianische Hilfsflotte insgesamt und jede ihrer Galeeren steht unter vene-
ianischem Kommando, wobei die Befehlshaber den üblichen Eid schwören. Treffen die
56
TAFEL–THOMAS S. 196: Non est coniuncta Venetia, nec unquam coniungetur alicui coronatorum uel
non coronatorum, siue gentium uel nationum alicui contra Imperium ... Da Völker oder Nationen kaum
gekrönt bzw. ungekrönt sein können, dürfte vor coronatorum ein Substantivum, wahrscheinlich prin-
cipum, ausgefallen sein, was auch der folgende Passus wahrscheinlich macht: Quocienscumque principum
aliquis coronatorum uel non coronatorum, uel gentium aut nationum aliqua. Ob das Paar gentes uel nati-
ones tatsächlich mit "christlichen oder heidnischen Völkern" zu übersetzen ist, ist nicht beweisbar, scheint
mir jedoch an dieser Stelle am passendsten zu sein, da das Privileg zweifellos von dem Gedanken be-
stimmt ist, alle nur denkbaren Feinde zu erfassen. Das Gegensatzpaar Cristiani sive pagani begegnet in
dem Vertrag ebenfalls (S. 198).
57
TAFEL–THOMAS S. 196: Debent illud habere infra menses sex post datam noticiam Duci ab Imperio.
Nach DÖLGER, Regesten S. 92, soll Venedig die Schiffe "auf die Dauer von 6 Monaten" stellen, doch
ergibt sich aus dem Text, daß sie innerhalb von sechs Monaten nach Aufforderung gestellt werden sollen,
eine kurze Zeit, wenn man bedenkt, daß die Flotte unter Umständen erst gebaut, ausgerüstet und be-
mannt werden mußte. Über die Länge der Dienstverpflichtung ist im Privileg nichts ausgesagt.
58
Der Sinn dieser Passage ist nicht völlig klar. Wenn die Schiffe in Venedig gebaut wurden und erst bei
einem Angriff in die Romania überführt werden, so können kaum die sich in Byzanz aufhaltenden
Venezianer zu ihrer Bemannung herangezogen werden. Es dürfte – auch aus dem Zusammenhang heraus
– am wahrscheinlichsten sein, daß der Kaiser, sofern die Bemannung der aus Venedig gekommenen Flot-
te unvollständig war, die Fehlbestände aus den im Reich befindlichen Venezianern rekrutieren konnte,
allerdings nur bis zu drei Vierteln ihrer Kopfzahl und ohne diejenigen unter zwanzig und über sechzig
Jahren.
Die Verträge mit Venedig 19
Venezianer vor der Vereinigung mit der byzantinischen Flotte auf den Feind, so können sie
ihn nach eigenem Gutdünken bekämpfen.
Nach der Vereinigung mit der kaiserlichen Flotte erfolgt eine Musterung der Mann-
schaften. Fehlbestände müssen ergänzt werden.
Die Offiziere und Unteroffiziere der Venezianer müssen schwören, dem Kaiser und dem
byzantinischen Flottenbefehlshaber Gehorsam zu leisten und alles zur Ehre des Reiches und
zum Heil der Flotten zu unternehmen. Sie haben in gleicher Weise wie die kaiserlichen
Schiffe die Feinde, seien es nun Christen oder Heiden zu bekämpfen.
Wenn gegnerisches Gebiet erobert wird, so erhalten die Venezianer dort Kirche, Quartier
und Landeplatz und sind von allen Abgaben befreit.
Die Flotte des Reiches muß ebenso groß sein oder größer als die der Venezianer.
Nach Ableistung ihres Dienstes können so viele Galeeren wie notwendig nach Venedig
zurückkehren, müssen allerdings auf Wunsch des Kaisers wieder in die Romania aufbrechen,
wobei entsprechender Sold gezahlt wird. Wenn der Kaiser einen Wechsel in der Besatzung
wünscht, so ist dieser vorzunehmen. Wenn er will, daß die Galeeren in Venedig instandgehal-
ten werden,so sollen sie dies, wie wenn sie venezianisches Eigentum wären, aber auf Kosten
des Reiches.59 [27]
Sollte die Flotte wegen irgendeines Hindernisses nicht innerhalb der gesetzten Frist aus
Venedig kommen können, so ist der Kaiser berechtigt, die Venezianer in der Romania zum
Dienst auf der byzantinischen Flotte heranzuziehen, und zwar in Dreiviertel ihrer Kopfzahl,
zu den oben genannten Bedingungen.
Wenn Byzanz bei dem Angriff einer Flotte von vierzig bis einhundert Schiffen nicht
mehr rechtzeitig an Venedig um Hilfe schicken kann, können die Venezianer, die sich in
Konstantinopel und dem Gebiet zwischen Adrianopel, Abydos und Philadelpheia aufhalten,
in Dreiviertel ihrer Kopfzahl zu den üblichen Bedingungen zur Bemannung von Galeeren
herangezogen werden.
In dieser Weise hat Venedig die Romania gegen jeden Angreifer, gekrönt oder ungekrönt,
und gegen jedes Volk zu verteidigen, so wie es oben gezeigt worden ist. Hiervon ausgenommen
ist nur der deutsche König, solange die concordia, die Venedig mit ihm geschlossen hat, nicht
aufgelöst ist. Nach der Auflösung ist Venedig auch gegen ihn zur Hilfeleistung verpflichtet.
Die zweite Ausnahme bildet der König von Sizilien, mit dem Venedig ein Vertrag bindet,
der noch, vom ersten Januar der sechsten Indiktion (1. Januar 1187) gerechnet, sieben Jahre
59
TAFEL–THOMAS S. 198: Et si voluerit eas Venetie custodiri, custodientur ad honorem Imperii eorum,
acsi essent proprie Venetie, sed tamen cum Imperiali expensa. Dies geht über das "zur Verfügung des Kaisers
gehalten werden", das DÖLGER, Regesten S. 93, annimmt, hinaus. Da Byzanz anscheinend nicht jedes-
mal den Bau einer neuen Flotte bezahlen wollte, sicherte es sich hiermit die Möglichkeit, die einmal be-
zahlte nach Gebrauch sozusagen einmotten zu lassen, wenn auch auf Kosten des Reiches. Bemerkenswert
ist auch die Rückkehr der von Venedig benötigten Galeeren, die demnach jetzt auch in venezianischem
Interesse eingesetzt werden können, obwohl sie von byzantinischen Geldern für byzantinische Zwecke
gebaut worden waren. So konnte auf diese Weise praktisch ein Zustand eintreten, der Venedig auf byzan-
tinische Kosten eine neue Flotte bescherte.
20 Kapitel I
und neun Monate gültig ist. Aber auch gegen den sizilianischen König ist Venedig zur Hilfe-
leistung verpflichtet, wenn bewiesen werden kann, daß er der Angreifer ist, allerdings müssen
die Venezianer hier nur fünfzehn Galeeren schicken und zwar binnen vier Monaten60. Der
Sold entspricht den oben genannten Sätzen.
Wenn kaiserliche Beamte nach Venedig kommen, um von dort aus Söldner aus der Lom-
bardei oder einem anderen Land anzuwerben oder etwas anderes zum Nutzen des Reiches zu
unternehmen, ist dies zu gestatten, sofern es sich nicht gegen Venedig richtet. Die Venezianer
haben diese Beauftragten und ihre Gelder aufzunehmen und vor allen Feinden zu schützen.
Aber [28] andererseits darf Byzanz von Venedig aus weder Heer noch Flotte gegen jemand
aussenden, mit dem die Venezianer in Bündnis und Freundschaft leben. 61
Wenn Byzanz Soldaten über Venedig in die Romania überführt, so ist dies zuzulassen, es
sei denn, es handelt sich erwiesenermaßen um Feinde Venedigs oder Venedig wird (durch
einen Krieg) gehindert. Ist der Krieg vorüber, können diese Soldaten – offensichtlich frisch
angeworbene Söldner – allein oder mit Familie Venedig passieren.
Die beiden letzten Punkte braucht Venedig nicht zu erfüllen, wenn es erwiesenermaßen
mit einem König oder einer großen Macht in Krieg verwickelt ist, so daß es seinen Verpflich-
tungen nicht nachkommen kann. 62
Auch die zukünftigen Dogen haben den nämlichen Treueid an Byzanz zu leisten, den der
gegenwärtige Doge Aureus Magister Petrus (Oreo Mastropetro) geschworen hat.
Venezianische Schuldner haben dem byzantinischen Fiskus bzw. einzelnen griechischen
Schuldnern ihre Schulden zurückzuerstatten. Wenn dies mangels Masse nicht möglich ist,
erhält der Gläubiger Rechtsgewalt über seinen Schuldner, im Falle des Todes über dessen
Erben. 63
60
TAFEL–THOMAS S. 199: infra quatuor menses post datam de hoc noticiam. Nach DÖLGER, Regesten
S. 93, waren die Schiffe auf die Dauer von vier Monaten zu stellen, doch cf. oben Anm. 57. Der kürzere
Termin erklärt sich leicht aus der geringeren Zahl an Schiffen, die ausgerüstet werden mußten.
61
TAFEL–THOMAS S. 200: Veruntamen Imperium eorum non debet Venetia educere stolum vel exercitum
contra aliquem, cum quo Venetici habeant unionem et amorem. Damit war von vornherein jeglicher
Angriffsversuch gegen Deutschland von Venedig aus unmöglich geworden, sofern Venedig nicht selbst an
einem solchen Angriff interessiert war.
62
Nach DÖLGER, Regesten S. 93, bezieht diese Einschränkung sich nur auf dert letzten der vorher
genannten Punkte, doch dürfte es aus inhaltlichen Gründen wahrscheinlicher sein, daß damit auch die
vorherige Bestimmung erfaßt wird, die sich ja auf denselben Komplex bezieht wie die nachfolgende.
63
TAFEL–THOMAS S. 200f.: debitores fisci et Romeorum reddent omnia, que ex debito debent. Et si debitor
non habet, unde debitum reddat, debet creditor habere iusticiam de debitore; si autem his obierit, de
heredibus eius. DÖLGER, Regesten S. 93 interpretiert iusticia hier als Rechtshilfe, die die Republik gegen
den Schuldner bzw. seinen Erben gewährt. Doch scheint mir iusticia in dem hier gegebenen
Textzusammenhang nicht Rechtshilfe (der Republik) sondern die Rechtsgewalt des Gläubigers über
seinen Schuldner zu meinen. Dies gilt auch für die entsprechende byzantinische Gegenverpflichtung (s.
u.). Dölger hat allerdings natürlich insoweit recht, als eine solche iusticia ohne von Staats wegen gewährte
Rechtshilfe kaum hätte durchgesetzt werden können. Zu dem Problem cf. auch unten S. 16f., 45f., 105f.
Die Verträge mit Venedig 21
[29] Wenn ein Teil des Reiches von Feinden angegriffen wird, so sind die dort lebenden
Venezianer nach Kräften zur Abwehr verpflichtet.64
Die eben angeführten Punkte werden die Venezianer gemäß ihrem Eide beobachten.
Dieser Eid darf auch nicht mit der Entschuldigung des einstigen Vorgehens Manuels gegen
die Venezianer gebrochen werden, noch wegen anderer vergangener Vorkommnisse, auch
nicht auf Befehl irgendeiner gekrönten oder ungekrönten Person oder aus Furcht vor ihr.
Nicht einmal kirchliche Absolution (des Eides) oder Exkommunikation durch irgendeinen
Bischof oder den Papst selbst gestatten einen Bruch dieses Vertrags, den die Venezianer
treulich zu bewahren versprechen, solange der Kaiser und seine Nachfolger ihren Teil halten.
So weit die Verpflichtungen Venedigs. Als Gegenleistung erneuerte Isaak die Privilegien,
die seine Vorgänger Alexios I., Johannes II. und Manuel I. Komnenos an Venedig vergeben
hatten, und versprach Sicherheit für alle Venezianer und ihre Habe in der Romania sowie Ab-
gabenfreiheit: Alle Schäden, die die Venezianer durch das Vorgehen Manuels 1171 erlitten
hatten, sollen ersetzt und aller Besitz zurückgegeben werden, wo er auch sei: In Palästen, Klö-
stern, im kaiserlichen Vestiarion und an anderen Orten, sei er nun schriftlich fixiert oder
nicht 65. Für die Güter, die auf den ersten Blick nicht mehr zu finden sind, wird eine Kommis-
sion eingesetzt, die sorgfältig und überall suchen soll, auch im kaiserlichen Vestiarion. Es fol-
gen noch weitere Präzisierungen über diesen Punkt.
[30] Wenn Venedig wegen seiner Verpflichtungen von einer gekrönten Person oder
einem mächtigen Land angegriffen werden sollte, ist Byzanz zur Hilfeleistung verpflichtet, wie
im Falle eines Angriffs auf eine seiner eigenen großen Städte. Eine Ausnahme gilt allein für
Sizilien, solange Venedig nur fünfzehn Galeeren schickt. In diesem Fall steht dem Kaiser die
Entscheidung frei.
In Bündnisse oder Friedensschlüsse mit Gegnern, gegen die Venedig Hilfe geschickt hat,
werden die Venezianer einbezogen.
Bei jeder Eroberung, an der die venezianische Flotte beteiligt ist, erhält Venedig Kirche,
Quartier und Landetreppe sowie Abgabenfreiheit.
Byzantinische Schuldner der Venezianer werden in der gleichen Weise behandelt wie im
umgekehrten Fall venezianische (s. oben).
Das Reich verpflichtet sich, diese Bestimmungen getreulich zu bewahren, solange die
Venezianer ihrerseits ihre Verpflichtungen dem Reich gegenüber erfüllen.
64
TAFEL–THOMAS S. 201: Item, si inimicus Imperatorie celsitudinis supervenerit ad impugnandum
terram imperij eorum, in qua Venetici sunt, debent ipsi defendere eam, et inimicum expellere ab huiusmodi
terra, velluti possunt, bona fide et sine fraude. Nach DÖLGER, Regesten S. 93, ist dies so zu verstehen, daß
die entsprechenden Venezianer "selbständig gegen diesen Feind vorgehen" können, doch scheint mir dies
über den Text hinauszugehen. Es handelt sich hier um die übliche und in ähnlicher Form auch bei
Genuesen und Pisanern vorkommende Abwehrverpflichtung, von selbständig ist nicht die Rede.
65
Dies bezieht sich offensichtlich darauf, daß, wie ja auch NIKETAS CHONIATES S. 172 mitteilt, ein
großer Teil der 1171 eingezogenen Güter nicht dem Fiskus zugeflossen, sondern von anderen – Beamten
wie Privatleuten – in die eigene Tasche gesteckt worden war.
22 Kapitel I
Untersucht man die byzantinischen Verpflichtungen, so ergibt sich wenig Neues. Byzanz
bestätigte im wesentlichen die alten, von Alexios I. Komnenos und dessen Nachfolgern Johan-
nes II. und Manuel I. gewährten Privilegien. Dazu kommt die Schadensregulierung für die
Verluste von 1171, die ersetzt werden müssen66. Neu gegenüber früher ist die byzantinische
Bereitschaft, seinerseits Venedig zu helfen, wenn es wegen seiner Unterstützung für das byzan-
tinische Reich angegriffen werden sollte67. Vergegenwärtigt man sich allerdings die gerade
zwei Jahre zurückliegende Eroberung Thessalonikes durch die Normannen, so verliert die
Zusicherung, das Reich werde Venedig wie eine seiner eigenen großen Städte unterstützen,
doch einiges an Gewicht. Daß die Venezianer bei Friedensschlüssen mit Gegnern, gegen die
sie an der Seite des Reiches gekämpft hatten, berücksichtigt wurden und daß sie bei mit ihrer
[31]Hilfe gemachten Eroberungen in jedem eroberten Ort jeweils Kirche, Quartier und
Landetreppe sowie Zollfreiheit68 erhielten, scheint zwar selbstverständlich zu sein, taucht aber
nichtsdestoweniger an dieser Stelle zum ersten Mal in den Privilegien für Venedig auf. Wir
wissen allerdings nicht, ob gerade dieser Punkt nicht etwa in den uns unbekannten veneziani-
schen Gegenerklärungen zu früheren Privilegien niedergelegt worden ist69.
Die Zusicherung von iusticia venezianischer Gläubiger über ihre byzantinischen Schuld-
ner schließlich ist zwar ebenfalls neu, ihr entspricht aber umgekehrt ein Punkt der veneziani-
schen Verpflichtungen zugunsten der Griechen, so daß man hier nicht unbedingt von einem
Vorteil der Venezianer ausgehen kann. Ja, die Bestimmung konnte sich unter Umständen
sogar negativ auswirken, wie wir anläßlich des Privilegs von 1198 sehen werden70.
Insgesamt gesehen geht das Privileg Isaaks kaum über den Rechtsstand der Privilegien
seiner Vorgänger hinaus, sieht man einmal ab von der durch die Umstände erforderten
Schadensersatzregelung für 1171. Der Kaiser stellte im wesentlichen den durch 1171 unter-
brochenen Zustand wieder her.
Im Unterschied hierzu ist es nur sehr begrenzt möglich zu beurteilen, ob und wenn ja,
inwieweit die venezianischen Verpflichtungen von 1187 über die in den früheren Verträgen
eingegangenen Vereinbarungen hinausgegangen sind, da wir von jenen nur noch Spuren
kennen. Dennoch ist es vielleicht möglich, aus dem Vergleich mit den Privilegien für Genua
66
Zu diesen finanziellen Verpflichtungen cf. die Diskussion anläßlich des Privilegs von 1189 im folgenden
S. 35ff.
67
TAFEL–THOMAS S. 202: Item ... debet Imperium nostrum vel Imperaturi per tempora eos iuuare,
secundum quod iuuare deberet unam de magnis Romanie civitatibus.
68
Die Zollfreiheitsvergabe mußte gesondert erwähnt werden, da die Venezianer bis zu dem Privileg von
1198 ja nicht im gesamten Reich, sondern – allerdings zur Zeit Isaaks wohl rein theoretisch, wie wir noch
sehen werden – nur in einer Reihe von namentlich angeführten Städten Zollfreiheit genossen.
69
Es handelt sich zwar um einen Punkt zugunsten Venedigs, den man demnach in den Privilegien erwarten
würde, er steht andererseits aber in so enger Verbindung mit den venezianischen Verpflichtungen, daß er
auch in diesem Zusammenhang fixiert worden ist. In den Privilegien für Genua und Pisa finden sich
solche Verschiebungen ebenfalls ab und an.
70
Cf. unten S. 45.
Die Verträge mit Venedig 23
und Pisa einerseits und den schon genannten Resten andererseits zumindest einige Punkte
herauszufinden, die schon in den früheren Verträgen zwischen Venedig und Byzanz enthalten
gewesen sind71. Dies gilt sicherlich für die Be-[32] stimmung, daß die Venezianer im Reich
sich bei einem feindlichen Angriff auf Orte, wo sie sich aufhalten, an der Abwehr beteiligen
müssen.72 Für die genaueren Bestimmungen, den Dienst auf der kaiserlichen Flotte bzw. im
Rahmen der von Venedig geschickten Hilfsflotte betreffend, läßt sich solches nicht mehr
sagen.
Ebenso dürfte die Absendung einer Hilfsflotte alte Pflicht gewesen sein, und auch der
den Venezianern zu zahlende Sold entsprach dem, den sie 1148 vor Korfu erhalten hatten.73
Daß dagegen schon die Kaiser vor Isaak zugestimmt haben sollen, den Bau der Hilfsflotte
zu bezahlen, mutet unwahrscheinlich an. Auch die Bestimmungen, die den Einsatz byzanti-
nischer Diplomaten und byzantinischer Geldmittel in Oberitalien von Venedig aus regeln,
dürfte neu sein, wenngleich sie sich in ähnlicher Form schon 1169 in einem Vertrag mit
Genua finden. Allein aus geographischen Gründen konnten solche Maßnahmen sich nur
gegen Deutschland richten, mit dem die Griechen bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts normale
bis gute Beziehungen unterhielten.
Damit kommen wir zu den realen Zugeständnissen Venedigs. Soweit sie die aktive Hilfe-
leistung der Kommune betreffen, sind sie minimal: Venedig schickt nur Hilfe bei dem Angriff
einer feindlichen Flotte in Stärke zwischen vierzig und einhundert Schiffen. Das schließt
beispielsweise eine Hilfeleistung gegen Korsaren und kleinere Angriffe aus. Aber auch die
Höchstgrenze ist bedeutungsvoll. 1185 hatten die Normannen eine Flotte von ungefähr
zweihundert Schiffen gegen Thessalonike geführt, Venedig wäre zur Hilfeleistung also nicht
verpflichtet gewesen, wenn der Vertrag von 1187 damals schon gegolten hätte. Aber auch der
Passus, daß die byzantinische Reichsflotte mindesten gleichster] oder sogar stärker als die
venezianische sein mußte, ist zugunsten Venedigs zu werten: Nach der Vernichtung der gegen
Zypern [33] 1186 ausgesandten Schiffe durch die Normannen verfügte der Kaiser über keine
Flotte mehr.74
Überhaupt schloß der Beistandspakt eine venezianische Hilfe bei einem Angriff der
Deutschen ganz und bei einem normannischen fast aus. Damit blieb Byzanz gerade gegen
seine beiden gefährlichsten Gegner ohne die Hilfe der Venezianer, die nach Lage der Dinge
71
Daß es sich andererseits aber auch nicht um eine mehr oder weniger automatische Wiederaufnahme
früherer Erklärungen gehandelt haben kann, geht aus verschiedenen Hinweisen auf Verträge Venedigs
mit Sizilien und Deutschland hervor, die erst in die siebziger Jahre des 12. Jahrhunderts zu datieren sind.
Möglich wäre allerdings eine Übernahme von Bestimmungen aus dem – uns nicht erhaltenen –
Andronikosprivileg von 1185 (zu diesem cf. unten S. 549f.).
72
Cf. unten S. 107.
73
TAFEL–THOMAS S. 197: Homines autem galearum talem debent rogas accipere qualem Venetici apud
Coryphum accipiebant.
74
Zu der Datierung dieser Niederlage cf. VAN DIETEN, Niketas Choniates S. 84f.; MÖHRING, Saladin
S. 151; zu den Umständen cf. zuletzt LILIE (1993) 229f.
24 Kapitel I
praktisch nur bei einem Angriff Genuas oder Pisas zur Entsendung einer Flotte verpflichtet
waren, was ohnehin in ihrem eigenen Interesse liegen mußte, da es gegen unbequeme Han-
delskonkurrenten ging. Aber selbst dann bot der Vertrag den Venezianern immer noch ge-
nügend Schlupflöcher, um im Notfall ihren Verpflichtungen aus dem Wege gehen zu können.
Bedenkt man dann noch, daß Byzanz den Bau der venezianischen Hilfsflotte bezahlen mußte
und kaum verhindern konnte, daß diese von griechischem Geld bezahlten Schiffe anschlies-
send de jure zwar byzantinisch blieben, de facto aber ausschließlich von den Venezianern ge-
nutzt wurden, so zeigt sich deutlich, wem der Vertrag von 1187 mehr Vorteile bot.75
Das geht auch aus den weiteren Abschnitten hervor: Venedig verpflichtet sich, kaiserliche
Beamte auf seinem Gebiet zu schützen, aber militärische Aktionen von venezianischem Ho-
heitsgebiet aus sind nur gegen Staaten möglich, die mit Venedig nicht vertraglich gebunden
sind. Diese Einschränkung schloß von vornherein jede kriegerische Aktion gegen das deutsche
Reich aus, und gegen wen sonst hätte Byzanz von Venedig aus Krieg führen sollen?76
Ein Zugeständnis war immerhin, daß byzantinischen Gläubigern von venezianischen
Schuldnern jetzt Strafverfolgung eingeräumt wurde, doch galt dieser Passus auch umgekehrt.
[34] Zusammenfassend kann man sagen, daß die venezianischen Verpflichtungen, soweit
sie die aktive Hilfe der Lagunenstadt betrafen, 1187 auf ein Minimum reduziert wurden.
Wertvoll, wenn auch mit Einschränkungen, blieben nur diejenigen Vertragspunkte, die die
Venezianer im Reich betrafen. Sie waren genau abgestuft: Bei einem Angriff auf eine Provinz
oder Stadt sind alle dort befindlichen Venezianer zur Verteidigung aufgefordert. Bei einem
allgemeinen Angriff auf das Reich kann der Kaiser, noch vor Eintreffen der venezianischen
Hilfsflotte, die Venezianer in der weiteren Umgebung der Hauptstadt, also zwischen Adria-
nopel, Abydos und Philadelpheia, in einer Höhe von fünfundsiebzig Prozent ihrer Kopfzahl
zum Dienst auf der byzantinischen Flotte verpflichten. Verspätet sich die Hilfsflotte, können
drei Viertel aller Venezianer im ganzen Reich zum Kriegsdienst eingezogen werden. Nach
Ankunft der Flotte schließlich können wiederum drei Viertel der Venezianer in der Romania
zum Kriegsdienst auf dieser Flotte herangezogen werden, offensichtlich um Fehlbestände oder
Verluste in den Mannschaften auszugleichen. Unklar ist allerdings, ob diese Maßnahmen
auch für den Fall eines Krieges gegen Sizilien oder Deutschland galten oder etwa, wenn ein
mit Genua und Pisa verbündetes Deutschland, gestützt auf die Flotten beider Städte, das
Reich angriff. Auf solche möglichen Komplikationen geht der Vertrag nicht ein, was im Zwei-
felsfall wohl eher den Venezianern zugute gekommen wäre.
75
Geradezu absurd mutet vor diesem Hintergrund die Bestimmung an, daß die byzantinische Reichsflotte
in ihrer Schiffszahl der venezianischen Hilfsflotte entsprechen mußte. Mit anderen Worten: Byzanz
hatte selbst noch einmal ebensoviele Schiffe auszurüsten, wie es auf eigene Kosten in Venedig bauen ließ..
76
Ein möglicher Gegner wäre allenfalls noch Ungarn gewesen, mit dem Byzanz seit der Heirat Isaaks mit
einer ungarischen Prinzessin relativ friedliche Beziehungen unterhielt. Da außerdem zwischen Venedig
und Ungarn wegen der ungelösten Dalmatienfrage fast ständig Spannungen herrschten, war ein etwaiges
venezianisch-byzantinisches Vorgehen gegen Ungarn ohnehin eher im Sinne Venedigs.
Die Verträge mit Venedig 25
Vergleicht man alle diese Punkte und setzt sie in Relation zu der völligen Wiederein-
setzung der Venezianer in ihre alten Rechte, so zeigt sich, daß Venedig der große Gewinner
dieses Vertrags gewesen ist. Es erhielt seine alten Rechte ungeschmälert wieder, während seine
Pflichten sich praktisch auf Null reduzierten77. Da wog die Anerkennung der byzantinischen
Oberhoheit nur wenig, zumal sie eine langgewohnte und kaum gefühlte Last darstellte. Der
einzige Gewinn, den Byzanz bei diesem Geschäft machte, war die Gewißheit, daß Venedig,
wenngleich es [35]zwar kaum zugunsten des Reiches eingreifen, so doch wenigstens neutral
bleiben würde: in der Lage des Reiches 1187 gewiß ein Trost, aber er war auch teuer erkauft.
Der Vertrag von 1189
Dieser Vertrag ist in gewissem Sinn als Ergänzungschrysobull zu dem Vertrag von 1187 zu
sehen, das die nicht praktikable Regelung der Entschädigungsfrage für die Verluste von 1171
auf Wunsch der Venezianer zu deren Gunsten modifizierte.78 Das Privileg zeigt, insgesamt
gesehen, die Tendenz eines reinen und freiwilligen Gunstbeweises des Kaisers. Isaak II. Ange-
los stellt fest, daß zwischen Venedig und dem Reich ein sicherer und von Venedig beschwo-
rener Vertrag vorliegt, in dem die Venezianer fides et servitium schwören und der sozusagen
unverletzlich sei: nihil deest eorum inviolabilissime securitati. Es sei aber nützlich, Venedig in
den Dingen, die ihm von Byzanz versprochen worden seien, zufriedenzustellen, nämlich in
der Rückgabe der den Venezianern zur Zeit Manuels nach 1171 abgenommenen Habe sowie
in der Rückzahlung der ihnen per Chrysobull zugesprochenen vierzehn Kentenare Gold, von
denen eines schon vorweg bezahlt worden sei: Quoniam vero oportunum erat, Venetie satisfieri
in his, que a nostra serenitate ei promissa sunt, videlicet in redditione rerum, que Veneticis ablate
fuerunt tunc, cum ... capti fuerunt, et exhibitione centenariorum quatuordecim yperperorum, que
ultra eam ipsis promissa sunt ob causam, que in crisobulo pro hiisdem edito notificantur, ob quas
et unum centenarium yperperorum eis preimpensum est. 79
Da der vollständige Untergang und Verlust ihrer Habe eine direkte Entschädigung nicht
möglich macht, hat Venedig durch seine Gesandten als Kompensation um eine Erweiterung
seines Quar-[36]tiers in Konstantinopel gebeten. Dieser Bitte hat der Kaiser nach langen
Verhandlungen zugestimmt. Die Venezianer erhalten die Quartiere der Deutschen und der
77
DANSTRUP, Manuels Coup S. 212ff.t nimmt ein Nachgeben Venedigs an, das 1187 zum ersten Mal
einer genauen Definition seiner Pflichten hätte zustimmen müssen. Doch vernachlässigt diese Theorie
einmal die erwiesene Existenz früherer venezianischer Gegenverpflichtungen und übersieht zum anderen,
daß es sich bei den genau definierten Punkten des Vertrags von 1187 größtenteils um Einschränkungen
der Pflichten Venedigs gehandelt hat.
78
DÖLGER, Regesten Nr. 1590 (Juni 1189); hier zitiert nach TAFEL–THOMAS Nr. 74, S. 206–211; zu
dem Privileg cf. auch HEINEMEYER, Verträge S. 89f.; BRAND, Byzantium S. 199 und S. 367 Anm.
11/12. Unrichtig ist Dölgers Annahme, daß Petrus Cornarius, einer der venezianischen Gesandten, ein
Verwandter des Kaisers gewesen sei. Der Text weist ihn eindeutig als Verwandten des Dogen aus: soro-
ri(us) nobilissimi et Imperio nostro fidelissimi Ducis Venetie Petrus Cornarius (TAFEL–THOMAS S.
207).
79
TAFEL–THOMAS S. 206f.
26 Kapitel I
80
TAFEL–THOMAS S. 210f.
81
Falsch ist die Meinung BRANDS, Byzantium S. 199, daß diese Einkünfte in Höhe von fünfzig Gold-
pfund pro Jahr unter Umständen als Kompensation dienen sollten, wenn der Kaiser seinen jährlichen
Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen sollte. Die Einnahmen der beiden Quartiere sind ein
zusätzliches Einkommen, das aus diesem Grund auch keinesfalls auf die anderen byzantinischen Zahlun-
Die Verträge mit Venedig 27
Diese Regelung bildete den Hauptbestandteil des Privilegs, der die längsten Verhandlun-
gen erforderte und den bei weitem größten Teil des Chrysobulls ausmacht. 82 Hiervon völlig
unabhängig ist die Regelung der Rückzahlung der vierzehn Kentenare Gold, die mit dem
Privileg von 1187 nichts zu tun hat. 83 Auch sie war durch ein Chrysobull geregelt worden, das
nicht erhalten ist. In dem Privileg von 1187 taucht eine solche Bestimmung nicht auf. Zu
fragen ist demnach, wann dieses Privileg erlassen [38] worden sein soll. Laut Dölger liegt es
vor 1189, aber wohl nach 1187 und stammt in jedem Fall von Isaak II. Angelos, während
Brand es dem Andronikos zuschreibt.84 Tatsächlich hat Brands Argumentation einiges für
sich. Ihr zufolge soll Isaak in dem Bemühen, sich von seinem verhaßten Vorgänger abzugren-
zen, die Zahlung der von Andronikos mit Venedig vereinbarten Summe von fünfzehn Gold-
kentenaren 1187 in eine direkte Restitution umgewandelt haben. Als diese fehlschlug, mußte
er 1189 wieder der Gesamtzahlung zustimmen, vermied aber die Nennung des Andronikos
und sah sogar dessen schon geleistete Teilzahlung als nicht existent an. Gegen Brands Theorie
spricht allerdings der Wortlaut des Privilegs, der die Zahlung der Kentenare nicht mit 1187 in
Verbindung bringt.85 Unverkennbar ist aber das Bemühen, Andronikos nicht zu nennen, was
zu einem Durcheinander in den Zahlen führt. Isaak bezieht sich auf ein früheres Chrysobull,
in dem er den Venezianern vierzehn Goldkentenare zugesagt habe. Eines sei schon bezahlt
(preimpensum) worden. Das macht dreizehn Kentenare, zu denen der Kaiser ein weiteres
schenkt, womit wir wieder auf vierzehn kommen. Zweieinhalb Kentenare seien schon jetzt
von Isaak bezahlt worden,86 die restlichen zwölfeinhalb (!) sollten in den nächsten sechs Jah-
ren ratenweise bezahlt werden. Damit kommt man in jedem Fall auf fünfzehn Kentenare. Bei
diesem Ratespiel hilft Brands These nur wenig, denn auch das Bemühen, den Namen des An-
dronikos zu verschweigen, erklärt nicht die Diskrepanz in den Zahlen. Isaak hätte genausogut
eine Schuld von fünfzehn Kentenaren akzeptieren und die Teilzahlung des Andronikos ganz
unter den Tisch fallen lassen können.87
[39] In jedem Fall steht fest, daß Isaak sich in dem Privileg von 1189 – sei es zu Recht
oder zu Unrecht – auf frühere, von ihm selbst erlassene Chrysobulle bezieht: ... que a nostra
serenitate ei promissa sunt, videlicet in redditione rerum ... et exhibitione centenariorum quatuor-
decim yperperorum.
Daß Isaak das Privileg des Andronikos – zumindest in den die Zahlung der Hyperper
betreffenden Teilen – bestätigt hatte, wird auch durch andere Überlegungen nahegelegt.
Grundsätzlich war der Kaiser durch Privilegien seines Vorgängers nicht gebunden, sofern er
sie nicht ausdrücklich bestätigte. Das war 1187 mit den Privilegien Manuels, Johannes’ und
Alexios’ I. geschehen, nicht mit dem des Andronikos. Gleichzeitig regelte Isaak in seinem
eigenen Privileg den Rechtsstand neu. Das bedeutete, daß die Venezianer sich 1189 in keinem
Fall mehr auf ein, noch dazu unbestätigtes, Andronikosprivileg stützen konnten. Es hätte
keine Rechtskraft mehr gehabt. Wenn sie die Forderung dennoch erheben und Isaak sie, unter
Bezugnahme auf ein von ihm selbst erlassenes Privileg, anerkennt, kann das eigentlich nur
heißen, daß die Forderung rechtmäßig war, Isaak das Andronikosprivileg also zu einem
früheren Zeitpunkt als 1187 bestätigt haben muß.
Man könnte natürlich einwenden, daß Venedig 1189 ohnehin alles, was es nur wollte,
verlangen konnte, Rechtskraft hin, Rechtskraft her. Der Kaiser war nicht in der Lage, am
Vorabend des dritten Kreuzzugs stehend, dem hartnäckigen Widerstand entgegenzusetzen.
Aber auch 1187 war die Lage nicht viel besser gewesen, und Venedig hatte gezeigt, daß es seine
Interessen durchzusetzen verstand. Die Venezianer waren Kaufleute, die auf ihren Vorteil
bedacht waren und die Situation realistisch einschätzen konnten, und sie kannten darüber
hinaus die byzantinische Bürokratie. Seit 1171 waren sechzehn Jahre vergangen, in denen es
drei Kaiserwechsel und zeitweilig chaotische Verhältnisse in Byzanz gegeben hatte. Unter
solchen Umständen war kaum zu erwarten, daß eine vollständige Restituierung aller verlo-
renen Güter, wie sie 1187 vereinbart wurde, überhaupt möglich sein würde.88 Vor diesem
Hintergrund und gleichzeitig den Auf-[40]bau und den Wortlaut des Chrysobulls von 1189
vor Augen ist die Wahrscheinlichkeit relativ gering, daß Venedig 1187 einer Restituierung
unter Ausschluß jeglicher fester Summen zugestimmt hat, sondern daß zumindest die Zah-
lung der fünfzehn bzw. vierzehn Goldkentenare von Isaak schon verbindlich zugesagt worden
war. Der Zeitpunkt dieser Zusage wird vor 1187 gelegen haben, ja war vielleicht sogar eine
venezianische Vorbedingung für die Aufnahme neuer Verhandlungen gewesen. In dem Privi-
leg von 1187 taucht sie aus diesem Grund nicht mehr auf, zumal Isaak jede Erwähnung seines
Vorgängers vermeiden wollte. Erst als sich die Unmöglichkeit einer direkten Schadensregulie-
rung herausstellte und ebenfalls allmählich die Zahlung der versprochenen Geldsumme akut
88
Mit der Sicherheit der fünfzehn zugesagten Goldkentenare im Rücken konnte Venedig dem byzantini-
schen Wunsch einer direkten Schadensregulierung zustimmen, auch wenn sie nicht erfolgversprechend
schien. Möglicherweise hat Venedig hier zeitweilig nachgegeben, um dafür in anderen Punkten mehr
verlangen zu können. Die 1189 erfolgte, indirekte Entschädigung durch die Übergabe der beiden Quar-
tiere war auf lange Sicht in jedem Fall ein größerer Gewinn, konnte aber wohl erst durchgesetzt werden,
als der Kaiser einsehen mußte, daß eine direkte Restitution nicht mehr möglich war.
Die Verträge mit Venedig 29
89
Offen bleibt, warum Isaak angeblich über den Vertrag hinaus ein Kentenar an Venedig gegeben hat. Daß
dieses zusätzliche Geschenk freiwillig gewesen ist, dürfte unwahrscheinlich sein. So gut war die finanzielle
Lage des Reiches nicht mehr, und daß der Kaiser, nur um alle Taten seines Vorgängers in jedem Punkt
sozusagen ungeschehen zu machen, freiwillig einen solchen Betrag verschwendet hat, ist unglaubhaft.
Denselben Effekt hätte man auch anders erreichen können, zumal das Privileg Andronikos ja ohnehin
verschweigt. Es dürfte sich eher um eine zusätzliche Forderung der Venezianer gehandelt haben, erhoben
vielleicht, weil Byzanz die gesamte Schuldsumme nicht sofort, sondern nur in Raten begleichen wollte.
Das Privileg, das ja den Charakter eines Gnadenerweises vorspiegelt, verleiht dieser Zusatzzahlung dann
natürlich das Aussehen eines freiwilligen Geschenkes des Kaisers. Glauben müssen wir diese Darstellung
nicht.
90
Sowohl das Privileg des Andronikos als auch die Bestätigung durch Isaak sind nicht erhalten, was wohl
daraus zu erklären ist, daß die Privilegien von 1187 und 1189 seinen Inhalt überflüssig gemacht hatten
und sich auch nicht darauf bezogen, wie es bei den früheren Privilegien der Fall war, die von Isaak ja
ausdrücklich bestätigt und aus diesem Grund auch inseriert wurden; cf. auch HECHT, Außenpolitik S.
54.
91
Cf. BRAND, Byzantium S. 198f.; Brands Theorie ist auch aus einem anderen Grund abzulehnen. Wenn
das Privileg von 1187 die von Andronikos ausgehandelten Bedingungen vollständig ersetzen sollte, so ist
nicht einzusehen, warum nach dem Fehlschlag dieser Regelung die Byzantiner 1189 plötzlich nicht mehr
nur die fünfzehn Kentenare zahlen, sondern darüber hinaus der Erweiterung des venezianischen Quar-
tiers zustimmen mußten. Brand umgeht diese Schwierigkeit, indem er die Erweiterung des Quartiers als
zusätzliche Forderung Venedigs hinstellt, aber das geht an dem Text des Privilegs vorbei, der genau das
Gegenteil aussagt.
92
DÖLGER, Regesten Nr. 1647 (Nov. 1198); hier zitiert nach TAFEL–THOMAS Nr. 85 S. 246–278; cf.
HEINEMEYER, Verträge S. 90; BRAND, BYZANTIUM S. 202f.
30 Kapitel I
Wegfall geraten. Weder unter Berufung auf das einseitige Vorgehen Manuels (1171) noch
irgendein anderes Vorkommnis dürfen die Venezianer diesen Eid brechen, auch nicht auf
Befehl oder aus Furcht vor irgendeiner gekrönten oder ungekrönten Person oder gar des
deutschen Königs93 oder aufgrund [42] kirchlicher Exkommunikation oder Lösung durch
den Papst. Dafür erteilt der Kaiser den Venezianern folgende Privilegien: Sicherheit in Besitz
und Person der Venezianer in der Romania wird garantiert. Im Falle eines Krieges, den ein
gekröntes Haupt oder ein großes Volk gegen Venedig wegen dessen Hilfeleistung für Byzanz
anstrengt, verspricht das Reich Hilfe. Venedig soll in einem solchen Fall wie eine der großen
byzantinischen Städte unterstützt werden. In gleicher Weise wird Venedig in Bündnisse oder
Friedensschlüsse des Reiches, gegen die Venedig Hilfe geleistet hat, miteinbezogen.
Venedig erhält im ganzen Reich: an der Küste, auf den Inseln und im Inneren: in allen
Teilen des Reiches freien Handel, sowohl im See- als auch im Landhandel, und es braucht
keinerlei Abgaben zu zahlen. Da es in einigen Regionen Belästigungen für die Venezianer
gegeben hat, werden im nachfolgenden noch einmal alle Städte, Plätze, Regionen und Inseln
aufgezählt, in denen Venedig freien Handel erhält.94 In allen diesen Gebieten erhalten die
Venezianer ausdrücklich für ihren Handel die völlige Abgabenfreiheit. Auch Byzantiner, die
mit ihnen handeln, brauchen kein Kommerkion zu zahlen.
Es folgen einige Punkte, die juristische Fragen in Streitfällen zwischen Venezianern und
Byzantinern betreffen. Auch hier wurden die Rechte der Venezianer zuungunsten der betei-
ligten Byzantiner erheblich verbessert. Schließlich verfügte der Kaiser, daß die Hinterlassen-
schaft eines in der Romania verstorbenen Venezianers nicht an den Fiskus fallen, sondern den
entsprechenden venezianischen Bevollmächtigten oder überhaupt den dort anwesenden
Venezianern übergeben werden sollte.
Jedem, der gegen die Bestimmungen dieses Chrysobulls verstoßen sollte, wird als Strafe
das Vierfache des verursachten Schadens angedroht.
Verglichen mit den Privilegien Isaaks weist das Chrysobull von 1198 insgesamt vier
bedeutendere Unterschiede auf, von denen drei die byzantinische und einer die venezianische
Seite [43] betreffen:
1. Der Geltungsbereich der völligen Abgabenbefreiung für die Venezianer wurde
jetzt ausdrücklich auf das ganze Reich ausgedehnt, wobei man sich bemühte, alle
in Frage kommenden Städte, Inseln und Provinzen namentlich aufzuzählen,
darunter auch solche, die dem Reich schon seit Jahrzehnten verlorengegangen
waren, wie etwa Antiocheia und Laodikeia in Nordsyrien. Allein die Küsten-
93
TAFEL–THOMAS S. 255: Hanc itaque conuentionem firmam custodient Venetici et hoc sacramentum
firmum, et nec ob iram ipsis illatam semper memorandi Imperatoris domini Manuelis ... nec pro aliquo
precepto uel timore alicuius coronate persone uel non coronate, uel ipsius regis Alemannie, ... uiolabunt con-
uentionem uel juramentum.
94
Die Namen sind aufgeführt bei TAFEL–THOMAS S. 258–272; cf. hierzu die ausführlichen
Erläuterungen im folgenden Kapitel.
Die Verträge mit Venedig 31
gebiete des Schwarzen Meeres scheinen den Venezianern auch 1198 noch ver-
schlossen geblieben zu sein.
2. Die Rechtsstellung der einzelnen Venezianer in der Romania wurde erheblich
verbessert.
3. Die im Privileg von 1189 genannte Zahlung von vierzehn bzw. fünfzehn Gold-
kentenaren an Venedig wird nicht mehr erwähnt, obwohl hier vor Beginn der
Verhandlungen noch vierhundert Goldpfund offenstanden, von denen Alexios
III. möglicherweise zweihundert bezahlt hat.95
Demgegenüber ist auf der venezianischen Seite die Vorbehaltsklausel zugunsten Deutschlands
und Siziliens fortgefallen, was zwar infolge des Auslaufens der entsprechenden Verträge zwi-
schen diesen Staaten und Venedig, auf die die Klauseln in dem Vertrag von 1187 Bezug ge-
nommen hatten, nur folgerichtig war, den Venezianern aber gleichwohl sehr schwer fiel, wie
ihre Gesandtschaftsinstruktionen von 1197 zeigen96. Insbesondere der [44]deutsche König
ist expressis verbis als potentieller Angreifer genannt, gegen den Venedig die Byzantiner zu
unterstützen hat,97 während die Klausel, die die Hilfe gegen Sizilien einschränkte, nur einfach
fallengelassen wurde, wohl weil Sizilien jetzt ohnehin nur noch mit Einschränkungen als selb-
stständige Macht angesehen werden konnte.98 Hier ist zweifellos ein Zugeständnis der Lagu-
nenstadt zu sehen, die sich wohl nur deshalb hierzu bereitfand, weil der Tod Kaiser Heinrichs
VI. 1197 ohne regierungsfähigen Erben und die daraufhin in Deutschland ausgebrochenen
Thronwirren einen deutsch-normannischen Angriff auf die Romania in näherer Zukunft
nicht erwarten ließen.
Die byzantinischen Zugeständnisse gehen nur im rechtlichen Bereich wesentlich über die
früheren Privilegien hinaus. Die Ausweitung der venezianischen Abgabenbefreiung auf das ge-
samte Gebiet des byzantinischen Reiches (ohne die Schwarzmeerprovinzen) legalisierte einen
de facto ohnehin seit langem bestehenden Zustand, war allerdings insofern wichtig, als sie die
Rechtssicherheit der Venezianer in der Romania ebenfalls verbesserte. Zum Teil ist sie ohne-
hin nur theoretischer Natur gewesen, denn über Städte wie etwa Antiocheia und Laodikeia in
95
Die Summe von 400 Goldpfund wird genannt in den Instruktionen für eine der venezianischen
Gesandtschaften, die den Vertrag von 1198 vorbereiteten (publiziert von KRETSCHMAYR, Venedig I.
S. 473; cf. auch HEINEMEYER, Verträge S. 109–113). Kurz vor dem Vierten Kreuzzug war der Kaiser
immer noch 200 Goldpfund schuldig (NIKETAS CHONIATES S. 538), was heißt, daß unter
Umständen 200 Goldpfund inzwischen von Alexios III. bezahlt worden waren; cf. im folgenden.
96
Cf. KRETSCHMAYR, Venedig I. S. 473: Die Gesandten waren gehalten, auf keinen Fall einer Strei-
chung dieser Klauseln zuzustimmen, sondern eher die Verhandlungen zusammenbrechen zu lassen.
97
TAFEL–THOMAS S. 254: Tali itaque modo talique ordine iuuabunt et deffendent Romaniam Venetici
contra omnem hominem coronatum et non coronatum, et contra omnem gentem, Romaniam nocere uolen-
tem, prout superius declaratum est; et contra ipsum regem Alemannie.
98
Was KRETSCHMAYR, Venedig I. S. 280, zu der Annahme geführt hat, daß diese Klausel auch 1198
noch in Kraft gewesen sei. Kretschmayr übersieht aber, daß 1187 das venezianische Hilfeversprechen ein-
geschränkt worden war. Der Wegfall dieser Einschränkungsklausel 1198 bedeutet damit automatisch,
daß Venedig auch gegen die Normannen jetzt uneingeschränkt zur Hilfe verpflichtet wurde.
32 Kapitel I
Nordsyrien übte Byzanz seit dem Beginn des zwölften Jahrhunderts und länger keine Ho-
heitsrechte mehr aus.
Warum Venedig auf eine Erwähnung der noch fehlenden vierhundert Goldpfund in dem
Chrysobull verzichtet hat, ist nicht klar. In den Instruktionen von 1197 für die veneziani-
schen Gesandten wird die Möglichkeit der Reduzierung dieser Schuld auf zweihundert Gold-
pfund genannt. Auch diese sollten unter Umständen wegfallen können, wenn Byzanz andere
Kompensation anbot.
Ob die Ausweitung der Abgabenfreiheit und die Verbesserung der Rechtsstellung eine
solche Kompensation gewesen sind, läßt sich [45] nicht mehr sagen. Niketas Choniates er-
wähnt, daß einige Jahre später noch zwei Kentenare geschuldet wurden. Ob diese Nachricht
auf mangelnder Information beruht oder ob der Kaiser die Rückzahlung dieser Restsumme
verweigert hat, wissen wir nicht. Immerhin muß Venedig, vielleicht weil es das Privileg von
1193 als ausreichende Kompensation ansah, entweder auf zweihundert Pfund verzichtet
haben, so daß nur noch zweihundert übrigblieben, oder Alexios III. hat seinerseits zwei
Kentenare von den vier 1197 noch geschuldeten bezahlt. Eine Entscheidung wird sich kaum
mehr fällen lassen.
Wichtiger sind die rechtlichen Zugeständnisse. Venedig hatte sich darüber beklagt, daß
Venezianer, die vor dem ständigen Beauftragten Venedigs in Konstantinopel angeklagt und
freigesprochen worden waren, danach vor andere Gerichte gezogen und verurteilt worden
seien. Das kann sich eigentlich nur auf das Privileg von 1187 beziehen, als Venedig den
Griechen die Möglichkeit einräumte, venezianische Schuldner anklagen und verurteilen zu
lassen, denn vor 1187 sind uns keinerlei juristischen Abmachungen dieser oder ähnlicher Art
bekannt, was heißt, daß vor dieser Zeit venezianische Amtspersonen in Konstantinopel keine
Befugnisse gehabt haben, in Streitfällen zwischen Venezianern und Byzantinern Urteile zu
fällen. Byzanz sah die Venezianer als Untertanen des Kaisers an, die demzufolge auch der
byzantinischen Rechtssprechung unterworfen waren, jedenfalls im direkten Machtbereich
von Byzanz. Theoretisch dürfte dies sogar für Streitfälle unter Venezianern selbst gegolten
haben, doch ist der Anspruch des Kaisers in diesem Ausmaß wohl nie durchgesetzt worden.
Der Kaiser bestimmte jetzt, daß Anklagen gegen Venezianer in finanziellen Streitfällen
vor dem venezianischen Gesandten verhandelt werden sollten, während Klagen von Venezia-
nern gegen Griechen vor dem λογοθέτης τοῦ δρόμου oder, wenn dieser verhindert sein sollte,
vor dem μέγας λογαριαστής zu entscheiden waren.
Bei Totschlag oder Mord sollte, wenn nur zwei Personen beteiligt waren, der veneziani-
sche Beauftragte entscheiden, sofern nicht Senatoren oder Personen aus der Umgebung des
Kaisers beteiligt waren. In diesem Fall lag das Urteil wieder beim [46] λογοθέτης τοῦ δρόμου,
ebenso bei Massenschlägereien.
Die venezianischen Beauftragten hatten sich nach ihrer Ankunft beim λογοθέτης τοῦ
δρόμου bzw. bei dem μέγας λογαριαστής zu melden und sich in der im venezianischen Quartier
gelegenen Kirche der Venezianer vereidigen zu lassen.
Die Verträge mit Venedig 33
99
Zumindest seit 1082; in dem Privileg von 992 waren sie, wie erwähnt, nur dem Logotheten des Dromos
unterstellt, doch fiel diese Bestimmung 1082.
100
Zumindest wohl kaum in den Provinzen. Es ist bemerkenswert, daß alle diese Bestimmungen praktisch
nur auf Venezianer in der Hauptstadt anwendbar waren, wo der venezianische Delegierte und die ent-
sprechenden byzantinischen Würdenträger residierten. Was in den Provinzen geschehen sollte, blieb
ungesagt. Theoretisch hatten auch dortige Streitfälle natürlich in Konstantinopel entschieden zu werden,
doch ob dies tatsächlich hätte realisiert werden können, muß bezweifelt werden.
101
TAFEL–THOMAS S. 54.
102
ANTONIADIS-BIBICOU, Note sur les relations S. 176f. ; ihr folgend PERTUSI, Venezia e Bisanzio S.
124.
34 Kapitel I
fidelissimus protosevastus et Dux Venetie,103 1187 werden die Venzianer als servientes utiles
Romanie bezeichnet, die nunmehr ein noch besseres servicium versprechen,104 und 1189
werden ausdrücklich fides et servitium Veneticorum hervorgehoben105. Im westlichen Mittel-
alter sind fides und servitium fest umrissene Begriffe, die im Lehnsrecht unzweideutig eine
Abhängigkeit bezeichnen. Auch Byzanz hat sie, vor allem im Verkehr mit seinen westeuro-
päischen Nachbarn seit [48] dem ersten Kreuzzug (und auch schon vorher), angewandt und
kannte ihre Bedeutung106, ebenso wie die Venezianer dies taten.
Ebenso ist die Annahme, daß Alexios III. die Venezianer als cives extranei angesprochen
habe, so nicht richtig, sondern der Kaiser bezieht sich an dieser Stelle, die die Verkürzung der
Gerichtsfristen von dreißig auf fünfzehn Tage beinhaltet, ausdrücklich auf eine entsprechende
Verordnung Manuels, die die Prozesse zwischen Ausländern und Byzantinern geregelt hat-
te107. Das aber heißt, daß die Gerichtsfristen für die Venezianer verkürzt wurden, so daß sie
denen entsprachen, die Manuel für Prozesse zwischen Ausländern und Einheimischen festge-
legt hatte. Die Venezianer wurden in diesem Punkt den anderen Ausländern gleichgestellt,
was nicht heißt, daß sie damit nicht mehr als Untertanen des Kaisers angesehen wurden. Der
Wunsch zu dieser Gleichstellung dürfte von ihnen ausgegangen sein, aber nicht, um sich als
extranei zu zeigen, sondern weil eine Verkürzung der Gerichtsfristen vorteilhaft war.
Venedig galt mithin auch 1198 in byzantinischen Augen noch als Vasall des Reiches und
nicht als unabhängiger Verbündeter, auch [49] wenn eine solche Unterscheidung graue The-
orie war und allenfalls die Eitelkeit der Griechen befriedigte. De facto ist Venedig das ganze
103
TAFEL–THOMAS S. 274; ähnlich 1189 (TAFEL–THOMAS S. 206).
104
TAFEL–THOMAS S. 195f.: Nam et alijis temporibus celsitudinis nostre antecessoribus Venetici servientes
utiles Romanie apparuerunt, deuocionem ei maximam in necessarijs temporibus exibentes, et ei nunc melius
servicium pollicentes ...
105
Confirmata equis est iam conuentionibus scriptis, per sacramentis corroboratis a nobilissimo Duce Venetie,
Aurio Magistro Petro, qui dignitate protoseuasti a nostra sublimitate decoratus est, et ab universa Venetie
plenitudine Imperio nostro et Romanie fides et servitium Veneticorum, nichilque deest eorum inviolabilissime
securitati (TAFEL–THOMAS S. 206).
106
Cf. hierzu GANSHOF, Recherches passim; FERLUGA, Ligesse passim; zuletzt LILIE (1993) bes. 23ff.,
206ff.
107
TAFEL–THOMAS S. 276: sed secundum nouam constitutionem ... Manuelis Comnani, factam de iudicijs,
que inter extraneos et indigenas cives conservantur. Dölger verweist hierzu auf eine Verordnung Manuels u.
a. über die Gerichtsfristen (DÖLGER, Regesten Nr. 1465, 3 (März 1166)). Es ist jedoch nicht sicher, ob
Alexios III. sich genau auf diese Bestimmung bezogen hat denn er spricht ausdrücklich von einer neuen
Bestimmung Manuels über Prozesse zwischen In- und Ausländern. Hiervon ist aber bei Dölger Nr. 1465
nicht die Rede, sondern es geht nur allgemein um Gerichtsfristen. Ausländer werden nicht erwähnt. Es
scheint daher möglich, daß Manuel noch eine weitere, uns nicht erhaltene Verordnung erlassen hat, die
sich besonders auf Prozesse zwischen In- und Ausländern konzentrierte. Zuguterletzt sei noch die Ver-
mutung gestattet, daß auch der vorliegende Passus des Privilegs gar nicht unbedingt Ausländer meint.
Ebenso ist es möglich, daß hier wieder, wie u. U. schon 992 (cf. oben S. 3 Anm. 6), nur zwischen Bürgern,
die innerhalb der Grenzen des Reiches leben, und Bürgern, die außerhalb dieser Grenzen leben, unter-
schieden wird, was nicht ausschließt daß die cives extranei ebenso wie die cives indigenae als Untertanen
des Kaisers angesehen worden sind, die eben nur aufgrund der geographischen Gegebenheiten eine ge-
wisse Sonderstellung genossen.
Die Verträge mit Venedig 35
zwölfte Jahrhundert hindurch unabhängig gewesen, und auch in Byzanz hat niemand ernst-
haft an dieser Realität gezweifelt. Aber es war nun einmal eine alte und vielgeliebte Tradition
der Byzantiner, alles, was einmal römisch-byzantinisch gewesen war, auch weiterhin als Unter-
tan des Kaisers anzusehen, so unrealistisch diese Haltung uns heute auch scheinen mag. Auf
die tatsächliche Politik hatte sie ohnehin keinen Einfluß.
KAPITEL II. DIE FREIHANDELSORTE IN DEN PRIVILEGIEN FÜR
VENEDIG
Zu der überragenden Stellung Venedigs im Handel zwischen Italien und dem byzantinischen
Reich während des zwölften Jahrhunderts haben nicht zuletzt die Privilegien beigetragen, die
die griechischen Kaiser von 1082 bis 1198 der Lagunenstadt verliehen haben und die im End-
effekt die venezianischen Kaufleute weitaus mehr begünstigten als die Genuesen und die Pisa-
ner, ja als die Griechen selbst. An dieser Stelle sollen die geographischen Bestimmungen inner-
halb der einzlnen Privilegien untersucht werden.
Zunächst zu dem Chrysobull von 10821: neben anderen Punkten erhielt Venedig ständige
Quartiere in Konstantinopel und in Dyrrhachion zugestanden, außerdem bekamen die
Venezianer die Erlaubnis, in folgenden Orten Handel zu treiben, ohne dafür Abgaben leisten
zu müssen2: Die Liste folgt dabei eindeutig den geographischen Gegebenheiten: magna Laodi-
keia, Antiocheia, Mopsuestia (Mamistra), Adana, Tarsos, Attaleia, Strobelos, Chios, Ephesos
(Theologos), Phokaia. Damit schließt einstweilen die Reihe der kleinasiatischen Plätze. Die
Reihenfolge ist klar:
Man beginnt mit Laodikeia, dem vorgeschobenen Punkt des Reiches in Nordsyrien, es
folgt die große Metropole Antiocheia, die Region scheint zu dieser Zeit noch Byzanz gehört zu
haben, zumindest de jure, denn der tatsächliche Machthaber, der Armenier und frühere
byzantinische Feldherr Philaretos, hatte den byzantinischen Kaiser anerkannt, auch wenn die
weite Entfernung und die Schwäche der Zentralregierung seit Mantzikert eine direkte Ein-
flußnahme der Byzantiner praktisch ausschloß3. Es folgen Mopsuestia, Adana und Tarsos, alle
drei in Kilikien gelegen.[51]
Warum diese relativ kleine Region gleich mit drei Städten angeführt wird, ist nicht ganz
klar; so bedeutend wie später im 13. Jahrhundert ist die Provinz im 11. und 12. Jahrhundert
noch nicht gewesen. Immerhin konnte Adana als Platz, der die wichtige kilikische Pforte kon-
trollierte und so für den Karawanenhandel vielleicht eine gewisse Bedeutung besaß, für die
Venezianer von Interesse sein, ebenso wie möglicherweise Mopsuestia und Tarsos als Hafen-
städte und lokale Metropolen. In jedem Fall scheint die Provinz etwas überrepräsentiert. Auf
Tarsos folgt Attaleia. Warum die Venezianer an der relativ weiten und nicht ganz ungefähr-
lichen Küstenlinie4 keinen Hafen beanspruchten – 1198 taten sie dies –, ist nicht ganz ein-
leuchtend. Möglicherweise erklärt es sich aus dem schwierigen Gelände ohne wirtschaftlich
interessantes Hinterland, das auch keine bedeutenden Städte hervorbringen konnte. Dagegen
1
DÖLGER, Regesten Nr. 1081; cf. ansonsten oben Kap. I. S. 8ff.; unten Teil III. S. 331ff.
2
Das Chrysobull zählt folgende Abgaben auf, von denen die Venezianer befreit wurden: xylokalamon, lime-
natikon, poriatikon, kaniskion, hexafollis, archoitikion (möglicherweise alles unter dem Oberbegriff des
Kommerkion zusammenzufassen?); cf. auch ANTONIADIS-BIBICOU, Douanes S. 97ff.
3
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 5ff.
4
Zumal das Gebiet ein berüchtigter Piratenschlupfwinkel war, s. SAEWULF S. 51.
Die Freihandelsorte in den Privilegien für Venedig 37
ist die Einbeziehung Attaleias in die Liste nur logisch. Die Stadt war die größte an der Südküste
Kleinasiens, lag in einer, wenn auch kleinen, so doch fruchtbaren Ebene und verfügte über eine
Landverbindung nach Konstantinopel durch die inneren Gebiete Kleinasiens.
Die Gründe für den nächsten Platz, Strobelos, sind wieder unklar. Man würde eigentlich
eher Rhodos erwarten, das ja auch später für die Italiener als Überwinterungsplatz und als
Landfall auf der Route nach Syrien ein wichtiges Anlaufziel wurde und genau in dem Treff-
punkt der beiden Flottenwege von Konstantinopel und Italien nach Syrien lag.
Die Erwähnung von Chios erklärt sich aus mehreren Faktoren: Die Insel war groß und
fruchtbar – der Mastix, der dort wuchs, wird von vielen Autoren gerühmt –, und sie lag zudem
auf der Fahrroute von Konstantinopel nach Syrien.
Mit Ephesos kehrt das Privileg wieder zu dem Festland Kleinasiens zurück. Die Stadt war
seit grauer Vorzeit berühmt, früher auch wirtschaftlich bedeutend und mochte als Hafen für
die Maianderregion angesehen werde5. Im 12. Jahrhundert trat sie [52]allerdings nicht mehr
in Erscheinung.
Warum Phokaia aufgeführt wird, ist unklar. Im 12. Jahrhundert scheint es bedeutungslos
gewesen zu sein. Erst in der späteren Zeit erlangte der Alaunexport von Phokaia eine große
Wichtigkeit, besonders für Genua.
Damit reißt die geographische Linie ab und wendet sich jetzt Europa zu. Warum im 12.
Jahrhundert so bedeutende Städte wie Adramyttion und Smyrna ausgelassen worden sind, läßt
sich nicht mehr sagen. In jedem Fall waren sie für den Handel wohl wichtiger als etwa Phokaia
und Ephesos. Auffallend ist schließlich, daß in Kleinasien ausschließlich Küstenstädte als
Freihandelsplätze angeführt werden, im Binnenland scheinen die Venezianer keine Interessen
gehabt zu haben.
Damit ist Kleinasien zunächst abgeschlossen, und es beginnt die Reihe der europäischen
Plätze, auch hier wieder der Küstenlinie folgend: Dyrrhachion, Aulona, Korfu (Choriphus),
Bonditza, Methone, Korone, Nauplion, Korinth, Theben, Athen, Negroponte (Euripos), De-
metrias, Thessalonike, Chrysopolis, Peritheorion.
Auch hier ist die geographische Reihenfolge eindeutig. Wieder beginnt man mit einer
Großstadt am Rande des Reiches und arbeitet sich dann langsam in Richtung Konstantinopel
vor. Dyrrhachion war als Stadt am Ausgang der Adria und als westlicher Endpunkt der Via
Egnatia für die Italiener von so großem Interesse, daß schon vor 1082 Venezianer und Amalfi-
taner dort in größeren Zahlen anzutreffen sind. So ist die Aufnahme dieser Stadt in das Alexi-
osprivileg kein Wunder.
Aulona, die nächste Stadt, lag gegenüber Otranto an der engsten Stelle der Adria, wichtig
als Übersetzpunkt von Italien aus.6
5
In früheren Zeiten ist es auch ein bedeutender Marktort gewesen, s. THEOPHANES S. 469f.; cf. ANTO-
NIADIS-BIBICOU, Douanes S. 107f.
6
Sie war unter anderem das erste Expeditionsziel der Normannen Robert Guiskards und Bohemunds, s.
ANNA KOMNENE III. 12, S. 139f.; V. 7, S. 32; VI. 1, S. 43.
38 Kapitel II
Korfu dürfte sowohl wegen seiner Lage als Zwischenstation auf dem Flottenweg von
Dyrrhachion zur Peloponnes als auch aufgrund seiner Größe und Fruchtbarkeit in das Chry-
sobull aufgenommen worden sein.[53]Bonditza in Epiros wird von Edrisi als bedeutsame
Handelsstadt beschrieben, viel mehr ist über die Stadt im 12. Jahrhundert nicht bekannt.
Es folgt eine längere Strecke ohne Handelsstützpunkte, bis am südwestlichen Vorgebirge
der Peloponnes mit Methone und Korone gleich zwei Städte anführt werden, die in enger
Nachbarschaft liegen. Die Gründe mögen zum einen in dem sehr olivenreichen Hinterland
gelegen haben, zum anderen vielleicht in der strategischen Position beider Städte, von denen
aus der Weg rund um die Peloponnes leicht überwacht werden konnte. Weitere Städte im
südlichen Teil der Peloponnes fehlen, weder Sparta (Lakedaimonia), später ein Zentrum ve-
nezianischen Handels, noch Monembasia werden erwähnt, letzteres vielleicht nicht, weil es
zumindest zeitweise den Byzantinern als Flottenbasis diente7.
Die nächste Stadt ist Nauplion, wohl wegen seiner Bedeutung als Hafen für die oliven-
reiche Argolis von den Venezianern gewünscht .
Die Aufnahme Korinths in die Liste braucht nicht weiter begründet zu werden. Die Lage
der Stadt am Isthmos machte sie für Venedig zu einem der wichtigsten Zentren für seine Han-
delstätigkeit im byzantinischen Reich.
Mit Theben wird zum ersten Mal eine Stadt angeführt, die nicht direkt an der Küste lag,
doch war Theben als Zentrum der byzantinischen Seidenindustrie und als Vorort Boiotiens für
die Venezianer zu interessant, um übergangen zu werden. Sie scheinen hier sogar eine mo-
nopolartige Stellung errungen zu haben, auch wenn dies in keinem Chrysobull Erwähnung
findet.8
Mit Athen als nächstem Freihandelspunkt wird die Küstenlinie wieder aufgenommen.
Grund hierfür war wohl, einen Hafen für Attika in der Hand zu haben, das aufgrund seines
Reichtums an Oliven unter Umständen interessant sein mochte.
Das Erscheinen von Euripos erklärt sich wohl aus denselben Gründen wie bei Korfu:
Euboia war groß und fruchtbar, es lag auf dem Schiffahrtsweg von der Peloponnes nach Kon-
stantinopel, und Euripos war die bedeutendste Stadt der Insel. [54]Demetrias wiederum war
der Hafen für das fruchtbare Thessalien. Im 12. Jahrhundert wurde die Stadt allerdings bei
weitem von Halmyros überflügelt, obwohl dieses erst 1198 zum Freihandelsplatz erklärt wer-
den sollte.
Thessalonike als eine der größten Städte des Reiches mitsamt einer großen und fruchtba-
ren Umgebung konnte nicht übergangen werden, zumal es auch durch seine Lage an der Via
Egnatia ebenfalls für Reisen zu Land interessant war.
7
KINNAMOS S. 119f.
8
Dies geht aus den Bemühungen der Genuesen hervor, ebenfalls Zugang zu diesem Handel zu gewinnen, cf.
unten Kap. IX. S. 211f.
Die Freihandelsorte in den Privilegien für Venedig 39
Dies galt in gewissem Maße auch für Chrysopolis. Dieser Ort war zwar bei weitem nicht
so groß und bedeutend wie Thessalonike, lag jedoch ebenfalls an der Via Egnatia und außerdem
im Mündungsgebiet des Strymon, bot also auch Zugang zum Norden.
Peritheorion trat im 12. Jahrhundert überhaupt nicht mehr in Erscheinung, doch mag die
Stadt als Anlaufpunkt auf dem Weg nach Konstantinopel und als Hafen an der Ägäis für das
südliche Thrakien eine gewisse Rolle gespielt haben, zumal auch sie an der Via Egnatia lag.
Damit sind nach Kleinasien jetzt auch die Küstenlinie des europäischen Reichsteils und
die wichtigsten Inseln erledigt, und das Chrysobull wendet sich nun dem Einzugsbereich der
Hauptstadt zu, also dem Zentrum: Abydos, Rhaidestos, Adrianupolis, Apros, Herakleia,
Selymbria, Konstantinopel.
Abydos verdankt seine Erwähnung wahrscheinlich der Tatsache, daß es infolge seiner Lage
an den Dardanellen von allen Schiffen, die nach Konstantinopel wollten, passiert werden
mußte. Außerdem konnte es als Anlaufhafen für Bithynien und die Troas benutzt werden.
Rhaidestos, Herakleia, Apros und Selymbria – überraschend viele Städte für einen so
engen Raum – dürften als Häfen für Thrakien, das demzufolge anscheinend für besonders
wichtig angesehen wurde, ins Auge gefaßt worden sein.
Einen Sonderfall bildet Adrianupolis, die einzige Stadt weit im Landesinneren, wenn auch
an der Maritza gelegen, die in das Privileg Aufnahme gefunden hat. Vielleicht mag die Größe
der Stadt hierfür ausschlaggebend gewesen sein. Als End- und Höhepunkt erscheint dann die
große "Megalopolis", Konstantinopel, die Hauptstadt des byzantinischen Reiches. [55]In allen
diesen Städten genossen die Venezianer die Freiheit von Zollabgaben, obgleich sie vielleicht
nicht völlig frei von Steuern gewesen sind, wenn wir Kinnamos trauen dürfen.9
Wenn wir nach den Ursachen der Aufführung gerade dieser Städte in dem Chrysobull
fragen, so schälen sich mehrere, einander oft auch überlagernde Faktoren heraus:
1. Städte in einer wirtschaftlich interessanten Provinz oder mit wirt-
schaftlich interessantem Hinterland: für Kilikien: Tarsos, Mopsuestia;
für das Maiandertal: Ephesos; für Nordwestkleinasien: Phokaia und
Abydos; für Epiros: Bonditza; für die Peloponnes: Methone, Korone,
Nauplion und Korinth; für Boiotien: wieder Korinth und Theben; für
Attika: Athen; für Thessalien: Demetrias; für Makedonien: Thessalo-
nike und Chrysopolis; für Thrakien: Peritheorion, Rhaidestos, Apros,
Herakleia und Selymbria.
2. Plätze, die aufgrund ihrer Bedeutung als Verwaltungs-, Wirtschafts oder
Bevölkerungszentren aus sich selbst heraus für die Venezianer interessant
waren: Antiocheia, Dyrrhachion, Korinth, Thessalonike, Theben,
9
KINNAMOS S. 280 gibt dies als einen der Gründe für das Vorgehen Manuels 1171gegen die Venezianer
an. Es kann sich nicht um das Kommerkion handeln, da die Venezianer in Dyrrhachion – von diesen spricht
Kinnamos – hiervon ja ausgenommen waren. Doch inwieweit ist hierbei der Objektivität des Kinnamos zu
trauen?
40 Kapitel II
10
Cf. unten Kap. VII. S. 136ff.
11
Cf. unten S. 126ff.
12
Cf. unten S. 245ff.
Die Freihandelsorte in den Privilegien für Venedig 41
Die Venezianer scheinen die Auslassung dieser Provinzen gespürt zu haben. Nach 1126,
wahrscheinlich ungefähr 1135/36, setzten sie unter anderem die Erlaubnis zu freiem Handel
auf [57] beiden Inseln durch,13 dagegen blieb ihnen das Schwarze Meer bis zur Eroberung
Konstantinopels verschlossen.
Aus der Formulierung des Chrysobulls scheint hervorzugehen, daß die eingefügte Na-
mensliste exklusive Funktion hatte14: Concessit autem eis et negotiari in omnes partes Romanie
species universas, videlicet circa magnam Laodician, Antiochian etc.15 Es wird zunächst eine
allgemeine Erlaubnis zum zollfreien Handel gegeben, die in der Folge auf bestimmte Plätze
konkretisiert – und damit natürlich auch eingeschränkt – wird. Andernfalls wäre die Auffüh-
rung dieser Namen sinnlos, da die Erlaubnis ja doch für das ganze Reich Geltung hätte. Die
Frage ist, ob und inwieweit diese Liste mit den tatsächlichen Gegebenheiten während des 12.
Jahrhunderts in Einklang steht, und hier stoßen wir auf einige Diskrepanzen: In den meisten
Fällen kann man eine Übereinstimmung feststellen: Eindeutig Lateiner (wenn auch nicht
immer Venezianer) können wir in folgenden Orten nachweisen16: Attaleia, Chios, Dyrrha-
chion, Korfu, Methone, Nauplion, Korinth, Theben, Euripos, Thessalonike, Chrysopolis,
Abydos, Rhaidestos, Adrianupolis und Konstantinopel. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit
sind sie auch anzutreffen in: Aulona, Bonditza, Korone, Athen und Herakleia, vielleicht auch
in Selymbria. Von den Quellen überhaupt nicht als Handelszentren ausgewiesen sind: Stro-
belos, Ephesos, Phokaia, Demetrias, Peritheorion und Apros. Sie scheinen trotz der Erwäh-
nung im Chrysobull keine Rolle gespielt zu haben. Dagegen kennen wir einige Plätze, in denen
Venezianer mit Sicherheit Handel getrieben bzw. gewohnt haben, die nicht in dem Chrysobull
aufgeführt worden sind: auf der Peloponnes Lakedaimonia (Sparta); in Thessalien Halmyros
und Kitros; von den Inseln Lesbos, Lemnos, Kreta (vor 1135) und wahrscheinlich auch
Zypern; in Kleinasien Adramyttion und Smyrna.[58]
Daraus folgt:
1. Es hat sich von Seiten Venedigs nicht nur um den Zugang zu erkennbar
bedeutenden Handelsorten gehandelt, sondern auch um die Sicherung
potentieller Plätze für die Zukunft, von denen man annahm, daß sie – aus
welchen Gründen auch immer – irgendwann einmal für den Handel der
Lagunenstadt wichtig werden könnten.
2. Obwohl die Liste der zugestandenen Freihandelsorte exklusiven Charak-
ter hatte, wurden diese Einschränkungen – wahrscheinlich je nach der
politischen Lage – kulant gehandhabt. Solange keine wesentlichen byzan-
13
DÖLGER, Regesten Nr. 1305; cf. unten S. 374f. 382.
14
Auch BECK, Byzanz und der Westen S. 231 in diesem Sinn.
15
BORSARI, Crisobullo S. 126; die exklusive Funktion dieser Liste wird 1126 noch einmal ausdrücklich her-
vorgehoben, cf. oben S. 20.
16
Antiocheia, Laodikeia und die Städte Kilikiens werden hierbei nicht berücksichtigt, da diese Gebiete im 12.
Jahrhundert nicht mehr über längere Zeit hinweg reguläre byzantinische Provinzen gewesen sind.
42 Kapitel II
tinischen Belange verletzt wurden (wie es bei dem Schwarzen Meer gewe-
sen wäre, das deshalb streng geschlossen blieb), war es für die Venezianer
auch möglich, an anderen Orten ohne Einschränkungen Handel zu trei-
ben, auch wenn er nicht ausdrücklich ermäßigt worden war17.
Offensichtlich haben die Venezianer 1082 die Entwicklung einiger Orte falsch eingeschätzt.
Die veränderte politische Entwicklung (Seldschuken, Normannen, Kreuzfahrer) machte dann
auch eine Änderung der ökonomischen Bedingungen unvermeidlich, besonders in Kleinasien
und auf den Inseln. In einigen Fällen wurden die Änderungen offiziell registriert (Kreta und
Zypern nach 1126), in anderen Fällen scheint es inoffiziell ohne großes Aufsehen geschehen zu
sein.
In jedem Fall lagen die Freihandelsplätze an oder in unmittelbarer Nähe der Küste (einzige
Ausnahmen Adrianupolis und Antiocheia), d. h. sie bildeten Umschlagplätze, zu denen die
Griechen der benachbarten Gegenden ihre Waren bringen und sie dort verkaufen konnten,
während die Venezianer sie in Empfang nahmen. Das Umherziehen einzelner venezianischer
Händler im Landesinneren, wie wir es im 12. Jahrhundert mehrfach beobachten können, wird
in dem Chrysobull nicht in Betracht gezogen, im Gegenteil, das Bestreben, wenn auch
unausgesprochen, scheint immer noch zu sein, die beargwöhnten Ausländer in wenigen festen
Punkten zu [59] konzentrieren und sie dort unter Kontrolle zu halten, so wie es in der
mittelbyzantinischen Zeit die Regel gewesen war18.
Die Auswahl der im Privileg genannten Plätze folgt so eindeutig den venezianischen Be-
dürfnissen, daß wir davon ausgehen können, daß sie im wesentlichen auf den Wunsch der
Lagunenstadt hin erfolgt ist, die hier ihre Vorstellungen durchgesetzt hat, während Byzanz die
Zahl der in Frage kommenden Städte wohl eher klein zu halten bemüht war. Am Ende des 12.
Jahrhunderts, als die byzantinische Position noch wesentlich schwächer war als 1082, konnte
Venedig den einschränkenden Charakter des Privilegs denn auch weitgehend entschärfen, in-
dem es fast alle byzantinischen Regionen und Städte in diese, an sich ja auch "exklusive" Liste
miteinbezog.
Die vollständige Ausnahme von den Zoll- und Handelsabgaben hatte für den veneziani-
schen Handel weitestgehende Folgen, die auch Byzanz nicht gleichgültig sein konnten, ganz
abgesehen von dem Ausfall an Einnahmen für den Fiskus, der allerdings durch die vermehrte
Handelsintensität wohl wieder ausgeglichen worden sein wird. Der normale Prozentsatz des
Zolls scheint sich auf zehn Prozent belaufen zu haben19. Faktisch gesehen bedeutete der Weg-
17
Das ist zwar nirgendwo ausdrücklich gesagt, doch wäre es außerordentlich unwahrscheinlich, daß die Vene-
zianer z. B. in Halmyros eine große Kolonie aufgebaut hätten und nicht in Demetrias, wenn sie im ersten
Ort zehn Prozent Abgaben hätten zahlen müssen, im zweiten aber nichts. Ähnliches gilt auch für die anderen
in Frage kommenden Orte, an denen, obwohl nur in geringer Entfernung zu einem der 1082 erwähnten Orte
gelegen, doch eifrig Handel getrieben wurde.
18
Cf. OSTROGORSKY, Geschichte S. 210f.; LOPEZ, Role of Trade S. 74.
19
Cf. ROUILLARD, Taxes maritimes S. 277–289; DANSTRUP, Indirect taxation S. 166; zu den Zollabga-
ben der Ausländer in Byzanz cf. auch die Aufstellung bei ANTONIADIS-BIBICOU, Douanes S. 124ff.
Die Freihandelsorte in den Privilegien für Venedig 43
fall dieser zehn Prozent ein indirektes Handelsmonopol für die Venezianer, d. h. sie konnten in
Byzanz Waren billiger einkaufen als die Konkurrenz, sie in Italien oder in Syrien bzw. Ägypten
billiger absetzen und immer noch genügend Gewinn machen. Die logische Folge hiervon ist,
daß sie im byzantinischen Reich die besten Waren bekommen konnten und wahrscheinlich
auch mit Vorrang bedient wurden. Den anderen Italienern blieb nur der Rest übrig. Auf längere
Zeit konnte das ein Hinausdrängen der Konkurrenz – am Ende des 11. Jahrhunderts vor allem
Amalfi – aus dem byzantinischen Handel zur Folge haben, was auch für Byzanz nicht ohne
Folgen bleiben würde, da es den Westhandel des Reiches in die direkte Abhängigkeit einer
einzigen Macht, nämlich Venedigs, zu bringen drohte. Allerdings bestand die Gefahr einer
ähnlichen Abhängigkeit auch umgekehrt,[60] wenn Venedig sich zu sehr auf den byzanti-
nischen Markt konzentrierte. Wir werden dies noch genauer sehen.
(Aus: Ralph-Johannes Lilie, Byzanz. Das zweite Rom, Berlin: Siedler 2003)
44 Kapitel II
Ob man in Byzanz die Gefahr einer solchen Abhängigkeit gesehen hat, darf bezweifelt
werden. Zwar wurde in den Privilegien für Pisa und Genua keine vollständige Abgabenbefrei-
ung mehr vorgenommen, aber dies wird man eher auf die Bedürfnisse des griechischen Fiskus
zurückführen können, dem naturgemäß wenig an einer Verminderung seiner Einnahmen ge-
legen haben wird, weshalb Pisa und Genua nur mehr Ermäßigungen der von ihnen zu zahlen-
den Abgaben erhielten, aber keine völlige Befreiung mehr.
Pisa erhielt 1111 freien Handel im ganzen Reich – ohne die Einschränkung auf einzelne
Orte, wie es bei Venedig der Fall gewesen war –, bekam aber keine völlige Abgabenfreiheit
zugesichert, sondern mußte ein auf vier Prozent verringertes Kommerkion auf seine Einfuhren
nach Byzanz bezahlen20. Die Ausfuhr blieb unermäßigt, die Einfuhr von Gold und Silber,
woran Byzanz anscheinend besonders interessiert war, war dagegen völlig abgabenfrei.
Die Unterschiede in den Privilegien von 1082 und 1111 sind klar: Venedig blieb – zu-
mindest theoretisch – eingeschränkt auf eine Anzahl fester Plätze, während die Pisaner zwar
mehr zahlen mußten, dafür aber eine Steuerreduktion im ganzen Reich genossen; Genuas
Handel blieb demgegenüber nur für Konstantinopel durch eine Abgabenverminderung be-
günstigt, im restlichen Reich standen die Genuesen sich schlechter. Im übrigen suchte der
Fiskus die Venedig zugesagte Abgabenbefreiung zu umgehen, indem zwar nicht den Venezi-
anern der Zoll abgenommen wurde, dafür aber ihren byzantinischen Handelspartnern21, was
Venedig sich auf die Dauer nicht bieten lassen konnte, da ein solches Vorgehen praktisch alle
oben geschilderten Vorteile wieder aufhob, denn die [61] byzantinischen Händler haben mit
Sicherheit diesen Zoll dann auf ihre Verkaufspreise aufgeschlagen. Da wir erst in den letzten
Jahren des Alexios und in der Regierungszeit des Johannes II. Komnenos auf Mißhelligkeiten
zwischen Byzanz und Venedig stoßen, dürfte dieser Usus wohl erst kurz vor oder nach 1118
aufgekommen sein. Folgerichtig kam es schließlich zu Kampfmaßnahmen, bis Johannes nach-
gab und 1126 den Venezianern ein neues Privileg ausstellte: Die alten Bestimmungen wurden
bestätigt, außerdem verzichtete Byzanz darauf, das den Venezianern erlassene Kommerkion
von deren Geschäftspartnern wieder einzufordern22. Später erhielt Venedig freien Handel auch
auf Kreta und Zypern zugesagt23, der alte Zustand war also wieder hergestellt und teilweise
sogar verbessert worden, allerdings wohl auf Kosten der Sympathien, die die Lagunenstadt im
Reich genoß. In ähnlicher Weise wie Pisa erhielt in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts
auch Genua verschiedene Privilegien24.
20
DÖLGER, Regesten Nr. 1255 (Oktober 1111).
21
Eine offene Frage ist es, ob die Handelspartner der Pisaner und später ebenso der Genuesen ihrerseits die
Differenz zwischen dem ermäßigten Einfuhrzoll von vier Prozent und dem normalen Tarif von zehn Prozent
zahlen mußten. Da weder Pisaner noch Genuesen jemals in dieser Hinsicht Klage geführt zu haben scheinen,
wird es wohl nicht der Fall gewesen sein. Beim Export waren die Pisaner ohnehin den Byzantinern gleich-
gestellt, zahlten also wohl zehn Prozent.
22
DÖLGER, Regesten Nr. 1304.
23
DÖLGER, Regesten Nr. 1305.
24
Die wesentlichenVerträge mit Genua wurden 1155 und 1169/70 ausgehandelt (DÖLGER, Regesten Nr.
Die Freihandelsorte in den Privilegien für Venedig 45
Kaum zu klären ist die Frage der "verbotenen Zonen" im byzantinischen Reich. So war
Venedig das Schwarze Meer verschlossen, das dafür vielleicht Genua – möglicherweise auch
Pisa – in gewissem Maße offenstand. Genua wiederum – mit Wahrscheinlichkeit aber auch Pisa
– war der Zugang nach Theben, dem Zentrum der byzaninischen Seidenindustrie, untersagt25.
Warum, ist nicht zu klären. Vielleicht war bei den relativ geringen Quantitäten an Seide, die in
Byzanz hergestellt wurden und in den freien Verkauf gelangten26, eine größere Nachfrage für
die Byzantiner gar nicht wünschenswert, und da das Zusammenleben der italienischen Händler
in einer Gemeinde fast immer zu Streitigkeiten und Mißhelligkeiten führte, suchten sie diesen
dadurch aus dem Weg zu gehen, daß sie nur den Venezianern den freien Zugang gestatte-
ten.[62]
Diese Verbote sind fast nie ausgesprochen oder schriftlich fixiert worden, die einzigen
Ausnahmen sind Matracha und Russia für die Genuesen 1169, so daß wir nicht wissen, ob noch
weitere Städte oder gar Regionen den italienischen Kaufleuten oder wenigstens einigen unter
ihnen verschlossen geblieben sind. Die Privilegien des Andronikos und Isaaks werden hier nicht
behandelt, da sie für die Geographie des Handels im byzantinischen Reich kaum Aufschlüsse
bieten27.
Damit kommen wir zu dem Privileg des Alexios III. Angelos von 1198 für Venedig28. Im
Gegensatz zu dem Vertrag von 1082, der nur eine gewisse Zahl von Städten aufgeführt hatte,
fällt bei diesem Privileg die außerordentlich hohe Zahl von Namen auf. Das Bestreben, mög-
lichst jede auch nur einigermaßen interessierte Stadt oder Region anzuführen, ist offensichtlich.
Dennoch sind nicht alle vertreten, nicht einmal alle, die 1082 erwähnt worden sind.
Untersuchen wir also diese Liste auf ihre Eigenheiten.
Das Privileg beginnt mit Europa und folgt wieder geographischen Richtlinien: Zunächst
erscheint Dyrrhachion. Darauf folgt man aber nicht der Küste, sondern geht – mehr oder we-
niger der Via Egnatia folgend – sofort in das Hinterland bis nach Thessalonike. Die bekann-
testen unter den angeführten Städten (in der Reihenfolge ihres Auftretens) sind: Dyrrhachion,
Joannina29, Deabolis, Ochrid, Kastoria, Niš, Branicevo, Skopje, Zagoria, Strumitza, Pelagonia,
Berrhoia (Makedonien), Kitros, die Themen Boleros, Strymon und Thessalonike. Es ist
1402, 1488, 1498), für Pisa 1170 (DÖLGER, Regesten Nr. 1499), kurz vor dem Bruch mit Venedig, als
dieser sich schon abzuzeichnen begann, cf. unten Kap. III. und IV.
25
Cf. unten Kap. IX. S. 211f.
26
Zu der Seide in Byzanz cf. LOPEZ, Silk industry passim.
27
Zu den geographischen Aspekten des Privilegs von 1187 cf. oben Kap. I, S. 27, 34 und unten Kap. VIII, S.
163f.
28
DÖLGER, Regesten Nr. 1647; cf. ZAKYTHINOS, Meletai passim; OIKONOMIDES, Décomposition
passim bes. S. 13f., 19ff.
29
Joannina fällt hierbei aus dem Rahmen, da es erheblich weiter südlich liegt. Warum es an dieser Stelle er-
wähnt wird, ist nicht klar. Daß man in Venedig bzw. in der kaiserlichen Kanzlei, die das Privileg ausfertigte,
nicht gewußt hat, wo Joannina und die Via Egnatia lagen, dürfte auszuschließen sein.
46 Kapitel II
offensichtlich, daß diese Liste ungefähr der Reiseroute von Dyrrhachion ostwärts auf der Via
Egnatia (mit Ausnahme von Joannina, das mehr im Süden liegt) nach Thessalonike folgt.[63]
Nachdem sie sozusagen abgehakt ist, geht es wieder die Küste entlang, aber erst bei Niko-
polis. Das dazwischenliegende Gebiet ist ausgelassen. Die 1082 angeführten Städte Aulona und
Bonditza finden keine Erwähnung mehr. Nach Nikopolis werden zunächst die Jonischen
Inseln abgehandelt: Korfu (schon 1082 erwähnt), Kephallenia, Zakynthos, Leukas und Ithaka.
Es folgt die Peloponnes: Patras, Methone, Korinth, Argos und Nauplion. Das 1082 erwähnte
Korone ist ausgelassen, ebenso Monembasia und Lakedaimonia (Sparta). Nach einem kurzen
Abstecher nach Theben folgen die Inseln der Ägäis bis nach Zypern: Euripos (Euboia), Andros,
Karystos, Keos, Melos, der Dodekanes, Lesbos (Mytilene), Chios, Samos, Rhodos, Kos,
Strobelos30, Kreta und Zypern. Lemnos, wo das venezianische Kloster San Giorgio Besitzungen
hatte, ist ausgelassen. Nach den Inseln geht es die Ostküste Griechenlands wieder hinauf:
Athen, Vlachia, Demetrias, Halmyros, Trikkala, Larissa, Blatamon.
Da Thessalonike schon vorher erwähnt worden war, wird es jetzt ausgespart, und man
fährt mit Thrakien fort: Thema Thrakien und Makedonien, Selymbria, Tzurulon, Arkadiu-
polis, Bulgarophygon, Chersones, Adrianupolis, Didymoteichos, Branchialon (Propontis),
Philippupolis, Berrhoia und Achrida (Thrakien). Von den 1082 erwähnten Städten nicht
erwähnt werden: Chrysopolis, Peritheorion, Rhaidestos, Apros und Herakleia.
Hierauf wendet das Privileg sich Kleinasien zu und verläßt Europa: Mesothynia (eine
Region Bithyniens), Damastris, Nikomedeia, Pylai und Pythia (Region Bithyniens), die
Themen Opsikion und Aigaion Pelagos, Lopadion, Apollonias, Achyraos, Adramyttion,
Mylasa und Melanudion, darauf ein Abstecher in das Innere: Maiandros, die Region Neokastra
und Philadelpheia. Es folgen, jetzt wieder die Küste entlang: die Provinzen von Attaleia,
Seleukeia, Antiocheia und Laodikeia sowie die Stadt Antiocheia selbst (et usque ipsam Antio-
chiam). Von den 1082 genannten Städten sind also ausgelassen: Abydos, Phokaia, Ephesos und
die kilikischen Orte: Mopsuestia, Adana und Tarsos. Auch hier ist die geographische Rei-
henfolge klar: Von Konstantinopel aus folgt man [64] der Küstenlinie bis zum äußersten
Reichsende und macht in Bithynien und am Maiander kurze Abstecher ins Landesinnere. Die
Feststellung dieser geographischen Ordnung ist nicht so überflüssig, wie man meinen könnte,
da sie einige Unklarheiten in der Identifizierung einzelner Städte klären kann. Nach Tafel–
Thomas ist mit Antiocheia die Stadt am Maiander gemeint31, mit Laodikeia der Ort in Phry-
gien32. Die letzte Klausel (et usque ipsam Antiochiam) können die Herausgeber sich nicht
erklären. Nach Zakythinos33 und zuletzt Oikonomides34 meint das erste Antiocheia die Stadt
30
Zu Strobelos, das hier in der Reihe der Inseln auftaucht, aber tatsächlich eine Küstenstadt Kleinasiens ge-
wesen ist, cf. unten S.168.
31
TAFEL–THOMAS S. 272, Anm. 3.
32
TAFEL–THOMAS S. 272, Anm. 4.
33
ZAKYTHINOS, Meletai 19 (1949) S. 14ff.
34
OIKONOMIDES, Decomposition S. 20f.
Die Freihandelsorte in den Privilegien für Venedig 47
an der Südküste Kleinasiens35, Laodikeia ist die schon von Tafel–Thomas so identifizierte
Stadt in Phrygien, und die Schlußklausel meint Antiocheia am Orontes. Diese Identifizierun-
gen stimmen, wie ich glaube, nicht mit der Ordnung des Privilegs überein. Diese Ordnung folgt
relativ genau der Küstenlinie, orientiert sich dabei vielleicht in gewissen Grenzen an dem
Privileg von 1082 und unternimmt, wenn es am Platz ist, einen Exkurs ins Landesinnere.
Insofern ist es unlogisch, daß nach der Abhandlung Innerkleinasiens (Maiandros, Neokastra,
Philadelpheia) und dem Wiederaufnehmen der Küstenlinie (Attaleia, Seleukeia) nun auf
einmal wieder ein Rückgriff in die Maianderregion folgen soll (Antiocheia, Laodikeia). Ebenso
ist es unlogisch, daß das genannte Antiocheia mit Antiochia parva identisch sein soll, denn es
wird erst nach Seleukeia erwähnt, obwohl besagtes Antiochetta weit vor diesem liegt, wenn man
von Attaleia her kommt. Zudem ist die umgekehrte Parallelität zu 1082 recht klar. 1082:
Laodikeia – Antiocheia – kilikische Städte – Attaleia; 1198: Attaleia – Seleukeia – Antiocheia
– Laodikeia – Antiocheia. Auch die zweimalige Erwähnung Antiocheias spricht nicht dagegen,
da es sich beim ersten Mal um die Provinz und erst beim zweiten Mal um die Stadt selbst
handelt. Im Privileg Isaaks von 1187 stoßen wir zudem auf ähnliche Formulierungen, als es um
die mögliche Einziehung von Venezianern zum Flot-[65]tendienst geht, die sich zwischen
Konstantinopel, Adrianupolis, Abydos und Philadelpheia aufhalten: Veneticos, in magna urbe
videlicet et circa eam existentes, versus ortum et versus occasum, et ab ea usque Avidum et in eadem
civitate similiter inventos, nec non in terris, que infra sunt usque Phyladelphyam et ipsa civitate et
usque Adrianopolim et in ea similiter existentes36. Die Trennung von Provinz und Metropole
war in den Privilegien also nichts Außergewöhnliches.
Man könnte einwenden, daß das Fürstentum von Antiocheia schon seit langem nicht
mehr zum byzantinischen Reich gehörte, doch sticht dieser Einwand nicht, denn es wird auch
Zypern erwähnt, das 1198 ebenfalls nicht mehr byzantinisch gewesen ist. Ähnliches gilt für die
Jonischen Inseln. Zudem ging es bei diesem Privileg nicht um die Fixierung tatsächlicher
Gegebenheiten, sondern um eine mehr oder weniger theoretische Absicherung des venezia-
nischen Handels. Die Einbeziehung Antiocheias bedeutete für Venedig nicht mehr als die
Berücksichtigung der ohnehin sehr geringen Möglichkeit, daß Byzanz in dieser Region noch
einmal Fuß zu fassen vermochte. Für Byzanz war es immerhin eine de jure-Anerkennung seiner
Ansprüche auf die Provinz und mochte daher etwas die byzantinische Eitelkeit befriedigen37.
Wie wenig Bedeutung Venedig diesen Ansprüchen beimaß, zeigt sich auch darin, daß es sich
während des ganzen 12. Jahrhunderts gleichermaßen von den Fürsten Antiocheias Privilegien
ausstellen ließ. Rückschlüsse auf den tatsächlichen Bestand des Reiches 1198 sind daher
35
Cf. unten Kap. VIII, S. 149 (Antiochia parva).
36
TAFEL–THOMAS S. 199.
37
Daß die Byzantiner in diesen Dingen noch zu ganz anderem fähig waren, zeigt das Privileg von 1111, in dem
die Pisaner sich verpflichten mußten, nicht gegen das Reich in seinem jetzigen oder zukünftigen Umfang:
von Kroatien bis Alexandria (!) feindlich vorzugehen, wobei allerdings im Gegensatz zu 1198 die politischen
Implikationen einer solchen Anerkennung berücksichtigt werden müssen, cf. unten S. 72.
48 Kapitel II
unmöglich. Auch die angebliche Parallelität zu der Partitio Romaniae ist nicht überzeugend38,
dazu sind die Voraussetzungen beider Dokumente zu unterschiedlich. Bei dem Privileg handelt
es sich um die theoretische Absicherung von Ansprüchen, die direkt nicht [66]viel nach sich
zog, bei der Partitio Romaniae hingegen um die Aufteilung des Reichsgebietes unter andere
Herren. Wenn auch der Text der Partitio sich teilweise an dem des Privilegs von 1198 orientiert
haben mag, so ist dies mehr auf die geographischen Gegebenheiten zurückzuführen, die ja
dieselben blieben, und weniger auf eine Ausschreibung des Privilegs von 1198, das andere
Interessen vertrat. Die Parallelität der Privilegien von 1082 und seiner Nachfolger mit dem
Privileg von 1198 scheint mir wesentlich schwerwiegender, zumal – zumindest für Kleinasien
– die Übereinstimmungen in der Reihenfolge zwischen 1198 und 1204 nicht genau sind39.
Daraus, daß beide Male ein Laodikeia erwähnt wird, läßt sich keine Identifikation herleiten,
zumal es sich in beiden Fällen aus den Gegebenheiten ergibt. Daß im übrigen das Fürstentum
von Antiocheia mitsamt seinen Städten kein Objekt der Partitio Romaniae gewesen sein dürfte,
braucht wohl nicht weiter begründet zu werden.
Wenn wir die beiden Privilegien von 1082 und 1198 vergleichen, ergibt sich eine große
Erweiterung des venezianischen Handels in das Landesinnere hinein. 1082 bekommt Venedig
mit der einen Ausnahme von Adrianopel nur Küsten- bzw. küstennahe Städte, 1198 er-[67]
hält es auch den fast uneingeschränkten Zugang zum Landesinneren40. Insgesamt gesehen ist
38
Cf. ZAKYTHINOS, Meletai 25 (1955) S. 150–155.
39
Privileg von 1198: Partitio Romaniae:
Achyraous Achyraous
Adramyttion Adramyttion
Mylasa Chliara
Melanudion Pergamon
Maiandros Neokastra
Neokastra Mylasa
Philadelpheia Melanudion
Attaleia Laodikeia
Seleukeia Maiandros
Antiocheia Sampson
Laodikeia/Antiocheia ... Chios
Die Übereinstimmungen, die sich ergeben, haben ihre Herkunft einzig darin, daß beide Male dieselbe Region
behandelt wird und daß die Beschreibung von Nord nach Süd die Küste entlang geht. Aber schon die
Umstellungen innerhalb der Partitio und die Hinzufügung neuer Namen zeigen, daß das Privileg von 1198
allenfalls ein vages Vorbild gewesen sein kann. Für Antiocheia und Laodikeia hat diese angenommene Pa-
rallelität keine Beweiskraft, zumal Antiocheia in der Partitio überhaupt keine Entsprechung findet.
40
Warum nicht alle Städte von 1082 aufgezählt worden sind, ist nicht zu sagen. An der mangelnden Bedeutung
kann es nicht gelegen haben, denn auch wichtigere Städte werden übergangen: Herakleia, Rhaidestos,
Chrysupolis, Smyrna, Aulona u. a., während weniger bedeutende noch angeführt werden: z. B. Demetrias.
In Kleinasien scheint man sich mit einer einfachen Aufzählung begnügt zu haben, die nur im Maiandertal
etwas genauer wurde. In Europa sind manche Regionen (z.B. die Küsten von Thrakien und Epiros) einfach
übergangen, vielleicht vergessen (?) worden. Was für Gründe dabei mitgespielt haben, läßt sich nicht mehr
Die Freihandelsorte in den Privilegien für Venedig 49
für Venedig im Laufe des 12. Jahrhunderts eine Steigerung zu sehen: 1082 erhält es Handels-
freiheit in einer begrenzten Reihe von Städten. Nach 1126 wird diese Liste um Kreta und
Zypern erweitert, außerdem durch die Zusicherung der Zollfreiheit für die byzantinischen
Handelspartner Venedigs abgesichert. 1147/48 werden die alten Privilegien bestätigt und
erweitert41. 1169/70 wird den Venzianern möglicherweise – die Quelle ist zu tendenziös, um
voll vertrauenswürdig zu sein – das Handelsmonopol in Byzanz in Aussicht gestellt42. Nach
dem Zusammenbruch von 1171 wird die vorherige Lage durch die Chrysobulle von 118543 und
1187/89 wiederhergestellt und dann 1198 noch einmal wesentlich verbessert. Demgegenüber
bleiben die Privilegien, die Genua und Pisa erhielten, im großen und ganzen konstant, es sind
nur geringe Steigerungen festzustellen. Allerdings ist auch das Privileg von 1198 nicht viel mehr
als die rechtliche Anerkennung eines ohnehin schon bestehenden Zustands: Seit langem hatten
die Venzianer im Inneren des Reiches Handel getrieben, auch in Städten und [68] Regionen,
wo ihnen keine Abgabenbefreiung zugesichert worden war. Einzig das Schwarze Meer war
ihnen verschlossen, und gerade das änderte sich auch 1198 nicht. Zudem bot dieses neue
Privileg keine zusätzliche Sicherheit. Jeder neue Kaiser konnte es widerrufen; die Beispiele
Manuels und Johannes’ II. hatten das deutlich genug gezeigt, ebenso das Verhalten des
Andronikos gegenüber Genua und Pisa. Unter diesen Umständen kann es auch nicht
wundernehmen, daß die Venezianer 1203/1204 die Möglichkeit ergriffen, die ihnen der Vierte
Kreuzzug bot, und durch die Eroberung und Aufteilung des byzantinischen Reiches mit einem
Schlag alle denkbaren Schwierigkeiten für die Zukunft ausschalteten.
klären. In jedem Fall sicherten sich die Venezianer in der Schlußklausel noch einmal ausdrücklich ab: et
simpliciter in omni tenumento, quod sub meo est Imperio, sive secus litus, aut infra terram (TAFEL–THOMAS
S. 272), sodaß eine allzu große Genauigkeit vielleicht nicht mehr notwendig erschien. Bedeutsam ist auch
noch, daß 1082 nur Städte und allenfalls Inseln angeführt werden, während 1198 darüber hinaus ganze
Provinzen den Venezianern abgabenfrei geöffnet wurden, ein Anzeichen für die im Vergleich zu den
Verhältnissen am Ende des 11. Jahrhunderts wesentlich tiefgreifendere Durchdringung des gesamten
byzantinischen Reiches, nicht nur der Küstenregionen, sondern auch des Landesinneren, von Seiten der
venezianischen Kaufleute.
41
DÖLGER, Regesten Nr. 1365, 1373.
42
DÖLGER, Regesten Nr. 1494.
43
Zu dem vermutlich im Sommer 1185 zwischen Andronikos I. Komnenos und Venedig abgeschlossenen
Friedensvertrag cf. unten S. 549f.
KAPITEL III. DIE VERTRÄGE MIT PISA
1
DÖLGER, Regesten Nr. 1255; hier zitiert nach MÜLLER, Documenti Nr. 34, S. 40–58 (Privileg Isaaks
von 1192 für Pisa; das Privileg des Alexios ist inseriert S. 43–45 (griech. Fassung) und S. 53–54 (lat.
Fassung); zu dem zeitlichen Ansatz des Eides der Pisaner auf 1110 cf. die überzeugenden Argumente von
SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 193, und CHALANDON, Comnène I S. 258; zu den Formalien cf.
HEINEMEYER, Verträge S. 88–94; zu dem politischen Umfeld und den Motivationen, die zu dem
Vertrag geführt haben, cf. zuletzt LILIE (1993) S. 87–91.
2
MÜLLER, Documenti S. 52: ... promittimus ..., quod nos totus Pisanus populus ab ista hora et in antea non
erimus in consilio aut facto per quod perdatis vos imperium vestrum vel Romanian vel insulas maris vel terras
quas modo tenetis sub vestra potestate et quas ab hac hora in antea acquiretis a Chroatia, Dalmatia et
Durachio usque in Alexandriam et ipsam; neque nos civitatis et terrae Pisanae habitatores paciscemus cum
aliqua persona vel populo inimicante imperio vestro ad auferendum a vobis vestrum imperium vel
Romaniam vel aliquas imperii vestri terras vel insulas quas nunc sub potestate imperii vestri tenetis aut quas
acquire debetis ab hac hora in antea a Chroatia, Dalmatia et Durachio et usque in Alexandriam ipsam (hier
zitiert nach der lateinischen Fassung, die für den Eid der Pisaner die ursprünglichere sein dürfte, ebenso
wie umgekehrt die griechische für das Chrysobull des Kaisers).
3
Ibidem: Et si ex terrae habitatoribus nostrae et hominibus nostris aliqui damnum imperio vestro fecerint et
in Romania fuerint et quesiti ab imperio vestro fuerint, de eis emendabunt damnum iuste et concorditer. Et si
Die Verträge mit Pisa 51
Pisaner, die sich in irgendeinem Bereich des byzantinischen Reiches aufhalten, sind zur
Mithilfe bei der Verteidigung verpflichtet, wenn die Gegenden, in denen sie sich gerade befin-
den, von Feinden angegriffen werden.
Diese Verpflichtungen einzuhalten schwört das ganze pisanische Volk und zwar nicht
nur dem gegenwärtigen Kaiser Alexios I. Komnenos, sondern auch dessen Sohn und Thron-
folger Johannes, für dessen Regierungszeit der Vertrag demnach ebenfalls Geltung haben
sollte.
Diesen Verpflichtungen muß noch eine weitere hinzugefügt werden, die nicht in dem
Eid der Pisaner erscheint, sondern den Charakter einer byzantinischen Zusage hat und im
Chrysobull des Kaisers auftaucht: Byzanz wird Pilger, die auf pisanischen Schiffen nach
Jerusalem segeln, um gegen die Ungläubigen zu kämpfen, nicht an ihrer Fahrt hindern, wenn
sie den Pisanern den Eid leisten, weder einen Gegner des Reiches zu unterstützen noch selbst
in [71] Palästina etwas gegen Byzanz zu unternehmen4.
Das bedeutet umgekehrt: Die Pisaner dürfen nur solche Personen nach Syrien/Palästina
befördern, die einen Sicherheitseid zugunsten des byzantinischen Kaisers geleistet haben.
Andere Pilger reisen auf eigene Gefahr, und da die normale Segelroute nach Syrien durch die
byzantinischen Gewässer führte, lief dieser Passus praktisch auf ein partielles Beförderungs-
verbot hinaus5.
Wenn wir die Verpflichtungen der Pisaner zusammenfassend analysieren, so ergibt sich
auf den ersten Blick eine reine Defensivallianz zugunsten des byzantinischen Reiches. Die
Pisaner schwören, Byzanz nicht anzugreifen oder ein Bündnis mit einer Byzanz feindlich
gesonnenen Macht gegen die Griechen einzugehen, womit nach Lage der Dinge nur die Nor-
mannen Unteritaliens und Siziliens sowie die Kreuzfahrerstaaten Syriens und Palästinas
gemeint sein können. Bei einem Angriff auf Byzanz ist Pisa zur Hilfeleistung nicht verpflich-
in Romania non fuerint et Pisas reversi fuerint et notum factum fuerit, si heredes Pisis habuerint, secundum
vires substantiae emendationem faciemus iuste vel concordia excepto tanto, quantum remanebit ex consensu et
verbo nuncii vel nuntiorum imperii vestri. Aufgrund des Wortlauts könnte man eine Rückkehr der
Gesuchten nach Pisa annehmen, doch ergäbe dann der Passus über die Erben, die naturgemäß nur dann
zur Wiedergutmachung herangezogen werden können, wenn der Hauptschuldner nicht greifbar ist,
keinen Sinn (die griechische Fassung ist für die Klärung der Frage nicht hilfreich, sondern entspricht der
lateinischen). Laut DÖLGER, Regesten Nr. 1255 S. 53, sollen (durch die eben zitierte Bestimmung)
Verfehlungen von Angehörigen beider Staaten gerechte Sühne finden; es ist jedoch ohne jeden Zweifel
hier ausschließlich von Pisanern die Rede.
4
MÜLLER, Documenti S. 44: Oἱ διὰ τὴν δουλείαν τοῦ θεοῦ εἰς τὰ ῾Ιεροσόλυμα ἀπερχόμενοι μετὰ τῶν ὑμετέ-
ρων ἀνθρώπων πρὸς τὸ στρατεύσεσθαι κατὰ τῶν παγάνων, έν τῇ ἀπελεύσει καὶ τῇ ὑποστροφῇ οὐκ ἐμποδισμόν
τινα ὑποστήσονται, οὐδὲ ταραχθήσονται αὐτοὶ ἢ τὰ πλοῖα ἢ αἱ δαπάναι ἢ τὰ στρατιωτικὰ μηχανήματα, ἃ φέ-
ρουσιν, ἀσφαλιζόμενοι περὶ τῶν ὑποδεχομένων αὐτοὺς ἐν τοῖς πλοίοις ὑμῶν ὑμετέρων ἀνθρώπων διὰ πληροφο-
ρίας ἐνόρκου, ὃτι μήτε ἐχθρῷ τῆς βασιλείας ἡμῶν καὶ τῆς ‘Ρωμανίας βοηθήσωσι, μήτε ἐκεῖσε κατὰ τῆς βασιλείας
ἡμῶν γένωνται.
5
Dies ergibt sich daraus, daß ausdrücklich nur die Schiffe, auf denen diejenigen Pilger, die den Eid geleistet
haben, fahren, nicht behindert werden sollen, womit eben umgekehrt den Pisanern, die eidlose Pilger
beförderten, mit byzantinischen Gegenmaßnahmen gedroht wurde.
52 Kapitel III
6
Die Bestimmung über die Wiedergutmachung etwaiger von Pisanern angerichteten Schäden kann nicht
als eine substantielle Leistung angesehen werden. Sie ergibt sich logisch aus der Zulassung pisanischer
Händler zu dem byzantinischen Markt, womit die Rechtsverhältnisse geklärt werden mußten. In dem
Chrysobull des Kaisers finden sich entsprechende byzantinische Zugeständnisse.
7
Cf. LILIE, Byzanz S. 79ff.
8
Gerade die reibungslose Pilgerfahrt nach Jerusalem war von geradezu überragendem Stellenwert für die
Abendländer. Sie ist, um nur ein Beispiel zu nennen, der einzige Punkt in dem umfangreichen Friedens-
vertrag von Devol zwischen Bohemund und Alexios I., den westliche Chronisten überhaupt für erwäh-
nenswert halten, obwohl er in dem Vertrag von I108 nur eine sehr untergeordnete Stellung einnimmt, cf.
LILIE (1993) 59ff.
Die Verträge mit Pisa 53
In Antwort auf die Verpflichtungen Pisas erteilte das Imperium den Pisanern folgende
Privilegien: die Kirche (ecclesia) erhielt pro Jahr 400 Nomismata und zwei Seidentuche
(pallia), in gleicher Weise erhielt der Erzbischof 60 Nomismata und ein Pallium pro Jahr. Die
drei Richter Lambertus, Carlettus und Antonius erhielten ein Jahresgeld von zusammen 100
Nomismata, die nach ihrem Tod an die pisanische Kirche fallen sollten. Kirche und Erzbi-
schof erhielten somit ein Jahrgeld von insgesamt 560 Nomismata und drei Pallia. Für die
Einfuhr von Gold und Silber nach Byzanz wurde den Pisanern völlige Abgabenfreiheit
zugesichert, für die Einfuhr anderer Waren aus Pisa und reichsfremden Gebieten hatten die
Pisaner ein Kommerkion von vier Prozent zu zahlen, während sie für die Ausfuhr von Waren
aus den Provinzen des Reiches den Byzantinern gleichgestellt wurden, also wohl mit einem
Kommerkion von zehn Prozent belastet wurden. In Konstantinopel erhielten sie einen
Landeplatz sowie geeignete Unterkünfte und Lagerplätze9. Außerdem wurde Rechtsschutz
gegenüber byzantinischen und venezianischen Übergriffen zugesichert und verfügt, daß
pisanische Schiffe an der Heimkehr nach Pisa nicht gehindert werden dürften.
Bei Schiffbruch sollten die Pisaner alles, was gerettet werden könnte, zurückerhalten, den
byzantinischen Helfern war nur der normale Lohn zu zahlen.
Die Pisaner durften überall im Reich handeln, kaufen und verkaufen, nur nicht mit
Reichsfeinden, überdies erhielten sie – wirtschaftlich uninteressant, aber mit einem gewissen
Prestige verbunden – Plätze in der Hagia Sophia und im Hippodrom zugewiesen. [74]
Schließlich gestattete der Kaiser den Transport von Pilgern, die auf pisanischen Schiffen
nach Jerusalem segelten, unter der Voraussetzung, daß sie einen Eid schworen, von Syrien aus
nichts Nachteiliges gegen das byzantinische Reich zu unternehmen.
Das Chrysobull schloß ausdrücklich nicht nur die Regierungszeit des Alexios in seine
Geltungsdauer ein, sondern auch die des Nachfolgers des Kaisers, seines Sohnes Johannes.
Die entscheidenden Punkte in diesem Privileg sind einmal die Jahrgelder in Höhe von
560 Nomismata und drei Pallia für die ecclesia von Pisa und für den pisanischen Erzbischof,
des weiteren die Schenkung eines Quartiers mit Landeplatz (σκάλα) in Konstantinopel und
vor allem die Ermäßigung des Einfuhrzolls auf vier Prozent. Die rechtlichen Zusicherungen
waren für die Pisaner zwar ebenfalls von Bedeutung, ergaben sich aber ohnehin logisch aus der
Zulassung pisanischer Händler zum byzantinischen Markt10.
Man hat die Ermäßigung des Einfuhrzolls auf vier Prozent – die Einfuhr von Gold und
Silber blieb sogar ganz abgabenfrei – in der Forschung zum Teil als einen Versuch des Kaisers
9
Über Quartier, Landeplatz und Kirche (ἔμβολον καὶ σκάλαν καὶ ἐκκλησίαν) wurde ein eigenes Über-
gabeprotokoll angefertigt, in dem Umfang und Ausmaß des Quartiers etc. genau definiert wurden (Er-
wähnung in dem Privileg Manuels von 1170: MÜLLER, Documenti S. 45 und 54).
10
Sie sind allerdings insofern bemerkenswert, als sie den Pisanern mehr Schutz gewährten, als etwa den
Venezianern zugestanden wurde. In den Privilegien für Venedig fehlen entsprechende Bestimmungen.
54 Kapitel III
angesehen, den Import nach Byzanz zu begünstigen11. Jedoch dürfte diese Hypothese nur sehr
begrenzt, wenn überhaupt, zutreffen.
Der Ausfuhrzoll blieb in jedem Fall bei den üblichen zehn Prozent. Da es sehr unwahr-
scheinlich sein dürfte, daß pisanische Kaufleute Waren nach Byzanz einführten und dort
verkauften, den Erlös aber nicht in neuen Waren anlegten, sondern nur mit dem erlösten
Preis weiter (oder nach Pisa zurück) segelten, ergibt sich im Normalfall ein Zoll von insgesamt
vierzehn Prozent für Ein- und Ausfuhr zusammen12. Dann aber war es gleichgültig, ob der
Kaiser etwa, wie geschehen, den Importzoll ermäßigte oder den Ausfuhrzoll. Für die Pisaner
blieb das Ergebnis dasselbe, [75] war vielleicht sogar etwas ungünstiger. Dagegen war für
Byzanz eine Verminderung des Zolls – wenn sie aufgrund anderer Gesichtspunkte denn
schon zugestanden werden mußte – auf Einfuhren günstiger als auf Ausfuhren. Normaler-
weise war der erfolgreiche Verkauf von Schiffsfracht im Mittelalter mit einem erheblichen
Gewinn verbunden – dies schon deshalb, weil auch das Risiko eines Mißerfolgs (infolge
Strandung, Unwetter oder Piraterie) eminent hoch war –. Ein Pisaner, der seine Waren in
Byzanz verkaufte, konnte mit gutem Gewinn rechnen. Wenn er diesen nun in byzantinischen
Erzeugnissen anlegte und das Reich verließ, war der Wert dieser Exporte entsprechend höher
als derjenige seiner nach Byzanz gebrachten Waren, und auf ihn erhob der Fiskus zehn Pro-
zent, zog also ebenfalls einigen Gewinn aus der Regelung. Bedenkt man des weiteren noch,
daß die Einfuhr von Gold und Silber völlig zollfrei war, aber auch hier der Erlös notwendiger-
weise in anderen Waren angelegt und exportiert werden mußte, so zeigt sich der Vorteil des
byzantinischen Fiskus nur noch mehr13. Dennoch war die Regelung auch für die Pisaner nicht
uninteressant, da sie es ihnen erlaubte, ihre Waren in Konstantinopel und Halmyros – ihren
beiden wohl bedeutendsten Handelsplätzen in der Romania – billiger anzubieten und so mit
der unmittelbar fühlbaren Konkurrenz der Venezianer, die ja völlig abgabenfrei waren, etwas
besser in Wettstreit treten zu können14. Umgekehrt wäre das – bei einer Ermäßigung des
11
Cf. zuletzt in diesem Sinn GADOLIN, Alexius Comnenus and the Venetian Trade Privileges S. 444.
12
Für die Pisaner, deren Haupthandelsgebiete im östlichen Mittelmeer in Syrien/Palästina und in Ägypten
lagen, nicht aber in der Romania, war und blieb das byzantinische Reich im wesentlichen eigentlich nur
Durchgangsstation auf der Fahrt zu ihren eigentlichen Zielen, cf. unten Kap. XI.
13
Es war bezeichnenderweise nur der Import von Edelmetallen zollfrei, der Export keineswegs, ln dieser
Regelung ist allerdings ein deutlicher Anreiz für die Einfuhrvermehrung zu sehen, aber auch nur hier.
Offen bleiben muß die Frage, ob auch für gemünztes Gold Exportzoll bezahlt werden mußte. In moder-
ner Zeit mag dies merkwürdig klingen. Aber im 12. Jahrhundert wie im Mittelalter allgemein hing der
Wert einer Münze in erster Linie nicht von ihrer aufgeprägten Zahl ab – auch wenn dies manchmal
versucht wurde, fast immer ohne Erfolg –, sondern von dem Gewicht und der Reinheit des verwendeten
Metalls. Es wäre also durchaus möglich, daß auch gemünztes Gold und Silber nicht nur als Geld, sondern
ebenso als Ware angesehen und demzufolge mit Zoll belegt werden konnte. Die Quellen sind leider nicht
klar genug, um das Problem zufriedenstellend beantworten zu können.
14
Abgesehen davon, daß es sicherlich eine gewisse Erleichterung bedeutete, bei der Ankunft in Byzanz
nicht gleich zehn Prozent des Warenwertes an den Fiskus abführen zu müssen. Nach erfolgter Trans-
aktion mag solches leichter gewesen sein.
Die Verträge mit Pisa 55
Exportzolls – nicht so wichtig gewesen, da [76] die Konkurrenz in den anderen Handelsge-
bieten nicht so sehr auf ein oder zwei Orte konzentriert war. Es mag durchaus sein, daß der
Kaiser durch die Ermäßigung des Einfuhrzolls für die Pisaner diese Konkurrenz in Byzanz
beleben und so auch auf die Preise für venezianische Waren mäßigend einwirken wollte15:
auch dies keine Förderung des Imports, sondern eher eine Unterstützung der byzantinischen
Handelsklasse.
Doch sind dies alles eher sekundäre Überlegungen gewesen. In erster Linie war das
Chrysobull der Preis für die politische und militärische Unterstützung des byzantinischen
Reiches von Seiten der Pisaner. Wichtiger für Byzanz blieben in jedem Fall die Venezianer,
erkennbar auch schon an der unterschiedlichen Privilegierung. Weder erhielten die Pisaner
byzantinische Hoftitel noch völlige Abgabenfreiheit noch auch eine nur annähernd so hohe
Summe an Jahrgeldern. Freilich waren auch ihre Verpflichtungen erheblich geringer als
diejenigen Venedigs.
Der Vertrag von 1170
In den fünfziger und sechziger Jahren des 12. Jahrhunderts war es zwischen Byzanz und Pisa
zu Spannungen gekommen, die den Entzug der pisanischen Jahrgelder und die Verlegung des
pisanischen Quartiers aus Konstantinopel hinaus nach Pera zur Folge hatten. 1170 kamen
beide Parteien wieder zu einer Einigung16. Die pisa-[77]nischen Gesandten schworen im
Namen des Erzbischofs, der Konsuln, der Senatoren und der restlichen Bevölkerung Pisas
dem byzantinischen Kaiser und seinen Erben Treue (πίστις bzw. fides) und die Einhaltung der
einst Alexios I. Komnenos gegenüber eingegangenen Verpflichtungen und Eide. Sollte Pisa
gegenüber einer gekrönten oder ungekrönten Person Dinge getan haben, die diesen
Vereinbarungen widersprochen hätten, so sollten sie als nicht geschehen betrachtet werden.
15
Daß die Venezianer die pisanische Konkurrenz gefürchtet haben, zeigt die TRANSLATIO NICOLAI S.
258, die berichtet, daß die Venezianer im Jahre 1100 nach einem Seesieg bei Rhodos ihre pisanischen Ge-
fangenen freiließen gegen das Versprechen, niemals wieder die Romania zu Handelszwecken zu betreten:
se nunquam scilicet deinceps Romaniam causa mercimonii intraturos; auch wenn diese Darstellung wohl
mehr oder weniger erfunden ist, so zeigt schon allein die Tatsache, daß sie erfunden werden konnte, das
Unbehagen Venedigs über die pisanische Konkurrenz an (cf. unten 340ff.). Wie das Chrysobull zeigt,
fürchteten die Pisaner ihrerseits Übergriffe der Venezianer, gegen die sie sich Rechtsschutz zusichern
ließen. Beides zeigt, auch wenn bei der Translatio Nicolai eine tendenziöse Verzerrung wahrscheinlich ist,
daß die Venezianer die pisanische Konkurrenz nur sehr ungern gesehen haben, was umgekehrt heißt, daß
die Zulassung Pisas zum byzantinischen Markt 1111 auch den venezianischen Handel unter einen
gewissen Druck setzte, sicher nicht zum Nachteil des byzantinischen Reiches.
16
DÖLGER, Regesten Nr. 1499 (Juli 1170); cf. auch HEINEMEYER, Verträge S. 126f.; hier zitiert nach
MÜLLER, Documenti Nr. 34 (Februar 1192) S. 45 (griech.) und S. 54 (lat. Fassung); das Chrysobull
Manuels ist als Insert in dem Privileg Isaaks von 1192 erhalten. Dasselbe Privileg ist von DÖLGER,
Regesten Nr. 1400 (Juli 1155) irrtümlich gleichfalls einen Indiktionszeitraum früher – 1155 – angeführt
worden. Es besteht jedoch keinerlei Zweifel, daß 1155 kein Privileg für die Pisaner erlassen worden ist.
56 Kapitel III
Der Kaiser bestätigte seinerseits das von Alexios erlassene Privileg17 und verfügte die
Rückverlegung des pisanischen Quartiers von Pera nach Konstantinopel. Außerdem wurden
Pisa die Jahrgelder für die letzten fünfzehn Jahre in Höhe von 8.400 Nomismata und 45 Pallia
Seide nachgezahlt18.
Auffällig ist die Stellung der einzelnen Vertragspunkte. Der erneute Treueid der Pisaner
ist zwar in das Chrysobull des Kaisers inseriert, dennoch würde man die Rückverlegung des
Quartiers nach Konstantinopel und die Verzeihung für die Taten der Pisaner, die dem Eid
von 1110/11 widersprachen, nicht gerade in dem inserierten Eid der Pisaner erwarten, son-
dern eher in dem Teil des Chrysobulls, der die Bestätigung des Privilegs von 1111 enthielt.
Eine Erklärung hierfür kann nicht gegeben werden, es sei denn, wir nehmen an, daß die Pisa-
ner schon von vornherein bei der Formulierung des Eides sichergehen wollten und aus diesem
Grund auch die byzantinischen Verpflichtungen hier haben einfügen lassen.
Die Nachzahlung der Jahrgelder wird nicht in dem Privileg selbst erwähnt, was darauf
schließen läßt, daß sie schon vor der Erteilung des Chrysobulls ausgezahlt worden sind, an-
dernfalls man eine derartige Bestimmung in dem Privileg erwarten würde.
Die Handlungen gegenüber einer gekrönten oder ungekrönten Person, die dem Vertrag
von 1111 zuwiderliefen, sind zwar nicht [78] konkretisiert worden, es kann aber eigentlich
nur das Zusammengehen Pisas mit dem deutschen Kaiser in den sechziger Jahren gemeint
sein, das sich gegen das mit Byzanz verbündete Sizilien richtete und von Seiten des byzanti-
nischen Kaisers auch die Verlegung des pisanischen Quartiers zur Folge gehabt hatte. 1170
begannen Deutsche und Byzantiner sich wieder einander zu nähern, und gleichzeitig zeich-
nete sich langsam der Konflikt des Reiches mit Venedig ab, so daß die Situation für eine
Erneuerung des alten Bündnisses zwischen Byzanz und Pisa günstig war.
Wir haben gesehen, daß sich der Vertrag von 1111 offensiv gegen die Kreuzfahrerstaaten
gerichtet hatte. Dies dürfte 1170 nicht mehr der Fall gewesen sein, auch wenn Byzanz seinen
Anspruch auf Oberhoheit über die Staaten der Kreuzritter noch nicht aufgegeben hatte. Aber
eine kriegerische Eroberung stand zur Zeit nicht mehr zur Debatte, eher eine auf indirekte
Weise durchzusetzende – und zum Teil auch schon durchgesetzte – indirekte Oberhoheit19.
In dem Vertrag von 1170 dürfte daher der defensive Aspekt die Hauptrolle gespielt haben,
wahrscheinlich sogar schon im Hinblick auf den von Manuel geplanten Bruch mit Venedig.
Wie schon 1111 erkannte Pisa auch 1170 die Oberhoheit des byzantinischen Kaisers an
und schwor ihm Treue. Diese Anerkennung ging allerdings nicht so weit wie etwa diejenige
der Venezianer. Die Pisaner sind zwar πιστότατοι τῇ βασιλεί μου, aber sie sind keine δοῦλοι wie
17
Es ist immer nur von den Bestimmungen des Alexiosprivilegs die Rede, obwohl Pisa auch von Johannes
II. ein Chrysobull erhalten hatte, das aber wohl keine neuen Bestimmungen enthielt, sondern nur das
Privileg von 1111 bestätigte und auf das nur einmal kurz Bezug genommen wird (cf. DÖLGER, Regesten
Nr. 1312 (nach Aug. (?) 1136); zu den Umständen cf. zuletzt LILIE (1993) S. 115f.).
18
Nicht in dem Chrysobull erwähnt, sondern nur in den ANNALES PISANI S. 54.
19
Cf. LILIE (1993) S. 152f.
Die Verträge mit Pisa 57
die Venezianer. Es handelt sich mehr oder weniger um eine Anerkennung des Kaisers als
Lehnsherren Pisas: wie auch im Falle Venedigs nur eine theoretische Anerkennung, die in der
Praxis keinerlei Folgen nach sich zog20 [79]
Der Vertrag von 1192
Nach dem Massaker an Pisanern und Genuesen 1182 in Konstantinopel kam es zwar nicht
zum offenen Krieg zwischen Pisanern und Griechen, jedoch nahm die pisanische (und genu-
esische) Piraterie in den byzantinischen Gewässern so sehr zu, daß der Zustand von offenem
Krieg kaum mehr zu unterscheiden war. Erst nach der Thronbesteigung Isaaks II. Angelos
kam es zu Wiederannäherungsversuchen, die schließlich in dem Vertrag vom Februar 1192
ihren Abschluß fanden21.
Der Gang der Verhandlungen, die zu dem Vertragsabschluß führten, ist dabei in dem
Chrysobull genau beschrieben: Durch seine Gesandten forderte Pisa die Erstattung der Schä-
den, die es infolge des Andronikosmassakers erlitten hatte. Von dieser Forderung gingen die
Gesandten aber wieder ab, da der byzantinische Unterhändler die Schäden, die Byzanz durch
pisanische Piraterie und Plünderungen erlitten hatte, dagegen aufrechnete. So kam es zu fol-
genden "offiziellen" pisanischen Forderungen: Rückzahlung der Gelder, die von pisanischer
Seite dem Andronikos geliehen worden waren, als er sich (in den sechziger Jahren) im König-
20
MÜLLER, Documenti S. 44: ... τυπώσατε πάντες oἱ ἔποικοι τοῦ κάστρου καὶ τῆς χώρας Πίσσης φυλάττειν
πίστιν πρὸς τὴν βασιλείαν ἡμῶν καὶ τὴν Ῥωμανίαν ... (für 1111); ibidem S. 45: Ἔφθασαν μὲν οἱ πιστότατοι τῇ
βασιλείᾳ μου Πισσαῖοι ... (für 1170); in der lateinischen Fassung wird πίστις/πιστότατοι mit fides bzw. fide-
lissimi wiedergegeben. Der pisanische Konsul und Gesandte Albertus bezeichnete Manuel expressis verbis
als seinen Herrn und Kaiser: ἐγὼ ... Ἀλπέρτος ἀποσταλεὶς ἀπὸ τῆς χώρας τῆς Πίσσης ἀποκρισιάριος πρὸς τὸν
κύριον ἡμῶν, τὸν βασιλέα ... Μανουὴλ τὸν Κομνηνόν. (MÜLLER S. 45); Albertus, missus a terra Pisanorum
legatus ad dominum nostrum imperatorem Romanorum et semper augustum, dominum Manuelem ...
(MÜL LER S. 54). Die griechische und die lateinische Fassung des Privilegs ist, gerade in den Ter-
mini, unterschiedlich, so etwa in der Kaisertitulatur: πρὸς τὸν κύριον ἡμῶν, τὸν βασιλέα Κωνσταντινου-
πόλεως καὶ πάσης ‘Ρωμανίας, τὸν πορφυρογέννητον Μανουὴλ τὸν Κομνηνόν, was in der lateinischen Fassung
wiedergegeben wird mit: ad dominum nostrum imperatorem Romanorum et semper augustum, dominum
Manuelem porphyrogenitum Comnanum. Die lateinische Fassung nimmt hier offensichtlich unter be-
wußter Abweichung von der griechischen auf die gebräuchliche lateinische Kaisertitulatur Rücksicht und
beansprucht damit auch die Anerkennung Manuels als des einzigen Kaisers, während eine wortgetreue
Übersetzung geradezu einer Aufgabe dieses Anspruchs gleichgekommen wäre und praktisch die Über-
nahme der deutschen Kaiserideologie, die dem βασιλεύς allenfalls den Titel eines Imperator Graecorum
bzw. eines Imperator Constantinopolitanus zuerkannte, bedeutet hätte. Auch an anderer Stelle ist die
lateinische Übersetzung differenzierender, so etwa wenn sie den Ausdruck: ... βασιλέα Kῦpιv Μανουὴλ τὸν
Κομνηνὸν καὶ τοὺς κληρονόμους αὐτοῦ mit imperatori ... domino Manueli Comnano, heredibus et successori-
bus eius übersetzt (MÜLLER S. 45/54). Die lateinische Übersetzung ist hier terminologisch genauer und
auch mehr dem offiziellen Sprachgebrauch in den Gesandtschaften nach Westeuropa verhaftet als die
griechische Fassung.
21
DÖLGER, Regesten Nr. 1607 (Februar 1192); hier zitiert nach MÜLLER, Documenti Nr. 34, S. 40–49
(griech.) und S. 49–58 (lat.); cf. HEINEMEYER, Verträge S. 98f., 118 ff. und 128f.; BRAND, Byzan-
tium S. 210f.
58 Kapitel III
[80]reich Jerusalem aufgehalten hatte22, sowie ebenfalls Rückzahlung der von verschiedenen
Pisanern gegebenen Gelder, die von Isaak zum Freikauf seines Bruders Alexios aufgenommen
worden waren, als dieser vom Grafen von Tripolis festgehalten worden war23. Außerdem soll-
ten die Nachteile, die die Pisaner seit dem Regierungsantritt des Andronikos bis jetzt (also
1192) durch den μέγας λογοθέτης Chumnos und andere tote oder lebende Beamte erlitten
hätten, wiedergutgemacht werden24. Die den Pisanern seit acht Jahren vorenthaltenen Jahr-
gelder sollten nachgezahlt werden25, des weiteren die Einkünfte des Quartiers und der
anderen pisanischen Besitzungen (die ja eingezogen worden waren) und schließlich die von
Pisanern erhobenen Zollabgaben, was wohl heißen soll: der Differenzbetrag zwischen dem
den Pisanern zustehenden, ermäßigten und dem dann tatsächlich erhobenen Kommerkion.
Als Gegenleistung waren die Gesandten Pisas bereit, die alten, mit den Kaisern Alexios I.,
Johannes II. und Manuel l. abgeschlossenen Verträge erneut zu beschwören.
[81] Gegen diese Forderungen stellte Byzanz die Schäden, die ihm die Pisaner zu Wasser
und zu Lande zugefügt hatten. So ermäßigte Pisa schließlich seine Forderungen dahingehend,
daß Isaak die für die Freilassung seines Bruders Alexios aufgenommenen Gelder zurückzahlen
sollte. Weiter sollte das pisanische Embolum zurückgegeben werden mitsamt den dazugehöri-
gen Einrichtungen. Die ecclesia Pisas sollte statt bisher 500 nun 600 Hyperper und zwei Pallia
erhalten, der Erzbischof statt 60 nunmehr 100 Nomismata und ein Pallium. Im Gegensatz zu
dem Chrysobull des Alexios, demzufolge die Pisaner für die Einfuhr von Waren in das Reich
vier Prozent und für die Ausfuhr dasselbe wie die Romäer, also zehn Prozent, zu zahlen hat-
ten, verlangten sie nunmehr für beides in Konstantinopel und der gesamten Romania ein
Kommerkion von vier Prozent. Des weiteren forderten sie, gerichtlich gegen Personen vorge-
hen zu können, die Pisaner geschädigt hatten und, sofern diese gestorben seien, Ersatz aus der
22
Zu den "frühen Jahren" des Andronikos, in die auch dieser Palästinaaufenthalt fällt, cf. vor allem JURE-
WICZ, Andronikos I. Komnenos; cf. zuletzt LILIE (1993) S. 193f. ; die Forderung der Pisaner ist recht-
lich gesehen unsinnig, da der Aufenthalt des Andronikos in Palästina 1168 zu Ende ging, also vor dem
Vertrag von 1170 lag. Wenn überhaupt, dann wäre dort der Platz für ein solches Ansinnen gewesen, von
dem wir bezeichnenderweise nichts wissen. Aber der Vorgang zeigt, daß Pisa versuchte, ohne Rücksicht
auf Rechtsansprüche alles zu bekommen, was es nur erhalten konnte. Zumindest konnte man solche
Forderungen als Verhandlungsmasse ansehen.
23
Cf. LILIE, Byzanz S. 221; MÖRING, Saladin S. 173f.
24
DANSTRUP, Recherches S. 90, und auch Dölger beziehen dies und auch die Rückzahlung des zu hohen
Kommerkions auf die Regierungszeit des Andronikos, doch kann es aus dem Text der Urkunde heraus
ebenso auf die Jahre nach 1185 bezogen werden. Der Regierungsantritt des Andronikos ist hier nur der
terminus post quem, der wohl deshalb angeführt wird, weil der alte, durch Verträge gesicherte Zustand
mit dem Massaker abgebrochen war. Im übrigen beweisen die Eingangsformulierungen der beiden Chry-
sobulle für Genua und Pisa ausreichend den Abbruch und die Nichtwiederaufnahme der Beziehungen
während der Herrschaft des letzten Komnenen.
25
Dies könnte auf den ersten Blick für die von DANSTRUP, Recherches S. 90ff., vertretene These spre-
chen, aber die Quellen sind nicht ausreichend. Daß Pisa ausgerechnet die Nachzahlung ab1185 forderte,
könnte mit einer entsprechenden Vorausleistung Manuels erklärt werden, aber auch damit, daß Isaak für
die Jahre vor seinem Regierungsantritt jegliche Verantwortung zurückwies.
Die Verträge mit Pisa 59
26
Wie aus der späteren Beschreibung hervorgeht, hatte das pisanische Quartier nicht eine, sondern zwei
Landetreppen, zu denen jetzt eine weitere hinzukam (MÜLLER, Documenti S. 48 (griech.) und S. 57
(lat. Fassung).
27
MÜLLER, Documenti S. 46–49 (griech.) und S. 56–58 (lat.).
28
MÜLLER, Documenti S. 42 (griech.) und S. 55 (lat.).
29
MÜLLER, Documenti S. 46 (griech.) und S. 55 (lat.).
60 Kapitel III
Reiches immer noch erstaunlich günstig gewesen. Praktisch handelte es sich nur um eine
geringfügige Erhöhung der Jahrgelder um insgesamt 140 Nomismata, eine Erweiterung des
Quartiers um einen dritten Landeplatz, verbunden mit den Einkünften des Antonioskloster:
in Höhe von 246 Nomismata pro Jahr und die Reduzierung des Export-[83]zolls um sechs
Prozent. Bedenkt man die außenpolitische Isolation des Reiches und die sich immer mehr
verstärkende Drohung der Deutschen und der Normannen sowie die inneren Schwächen, die
in diesen Jahren immer weiter zu Tage traten, und berücksichtigt man außerdem die fast
vollständige Machtlosigkeit des Kaisers gegenüber der immer mehr um sich greifenden
Piraterie, dann ist das Ergebnis, das Byzanz mit diesem Vertrag erzielt hat, immer noch positiv
zu bewerten. Pisa war zwar kein Freund des Reiches, auch nach dem Vertrag nicht, aber es war
jetzt wenigstens kein Feind mehr.
Auch 1192 erkannte die Kommune die Oberhoheit des byzantinischen Kaisers an, was
jetzt allerdings eine noch mehr rein theoretische Geste darstellte, als es 1111 und 1170 der
Fall gewesen war30.
30
MÜLLER, Documenti S. 46: ὑπὸ τὴν δουλείαν τῆς Ῥωμανίας. S. 55: sub servicio Romaniae.
KAPITEL IV.: DIE VERTRÄGE MIT GENUA
1
Cf. unten S. 390.
2
DÖLGER, Regesten Nr. 1402 (vor 12. Okt. 1155); hier zitiert nach IMPERIALE, Codice I. Nr. 271, S.
327–330; cf. auch LAMMA, Comneni I. S. 232f. ; HEINEMEYER, Verträge S. 95, 130f.; CLASSEN,
Politica di Manuele S. 276 Anm. 46 (vor allem zu den sogenannten emendationes; zu diesen cf. unten S.
91 und Anm. 19).
3
IMPERIALE, Codice I. S. 328: preter de istis proximis annis quatuordecim pro quibus dedi vobis ad presens
septem milia perperorum et pallia duo et in ipsis quatuordecim singulis annis pallia duo dabit vobis. Die
7.000 Nomismata stellen also nicht, wie von Dölger angenommen, die Jahrgelder für die "letzten 14
Jahre" dar, sondern für die nächsten, was auch aus den emendationes für die genuesische Gesandtschaft
von 1174 hervorgeht, cf. unten S. 502.
4
Diese Bestimmung verwundert auf den ersten Blick, da man eigentlich annehmen könnte, daß Demetrios
Makrembolites solches in Genua hätte in Erfahrung bringen können. In jedem Fall geht aus dem Gesag-
ten hervor, daß die Gesandtschaft von Demetrios Makrembolites aus Konstantinopel abgegangen ist,
bevor man sichere Nachricht über den Verhandlungserfolg des Michael Palaiologos erhalten hatte. In der
Überlieferung des Privilegs wird diese erste Gesandtschaft als Palaeologus vel subitus angeführt, was von
Bertolotto als Sebastos interpretiert und allgemein übernommen worden ist (cf. z. B. IMPERIALE,
Codice I. S. 328; LAMMA, Comneni I. S. 232 Anm. 1). Jedoch dürfte diese Konjektur falsch sein.
Zumindest müßte man den Ausfall eines weiteren Namens annehmen, da Sebastos kein Name, sondern
ein Hofrang ist. Bedenkt man aber, daß Michael Palaiologos nicht nur eine Gesandtschaft nach Genua
62 Kapitel IV
[86] Das Privileg galt nicht allein für die Regierungszeit Manuels, sondern schloß auch
seine Nachfolger mit ein: quod ipse (i. e. Manuel) et heredes eius, qui post eum imperatores
erunt, in perpetuum sic observent.
Dagegen verpflichteten sich Konsuln und Volk von Genua, dem byzantinischen Reich
weder in Rat noch Tat zu schaden noch andere dabei zu unterstützen, mit der einzigen, aller-
dings schwerwiegenden Ausnahme, daß Byzanz Syrien angreife und die dortigen genuesischen
Besitzungen und Rechte bedrohe: et promittimus in spiritu veritatis quod nos non erimus in
concilio vel opere per nos vel per aliquos aut cum aliquibus insimul quod dominus Emanuel
sanctissimus imperator vel heredes qui post eum imperatores erunt, perdant terram vel honorem
de his que nunc habet vel de cetero habuerit, excepto si ceperit de terris Surie quas habemus vel
tenemus aut in quibus iusticiam habemus, sive per capcionem belli sive per redditam aut per
donum aut per comperam vel cambium quod fecerimus de terris per terram. Sollte ein Feind
byzantinisches Gebiet, in dem sich Genuesen aufhalten, angreifen, so sind diese zur Teil-
nahme an der Abwehr verpflichtet. Für Rechtsverletzungen seitens der Genuesen in Byzanz
sollten dieselben Bestimmungen gelten wie für die Pisaner5.
unternommen, sondern 1155/56 den Oberbefehl über die byzantinischen Unternehmungen in ganz
Italien innehatte und in dieser Eigenschaft (mit allgemeinen Vollmachten ausgestattet) mit Genua
unterhandelt haben wird, so liegt die Erklärung nahe, daß subitus keine Verschreibung für Sebastos dar-
stellt, sondern ganz wörtlich (als Part. Perf. zu subire) aufzufassen ist: Es handelt sich hier um den Beauf-
tragten oder Untergebenen des Palaiologos, der für diesen die Unterhandlungen geführt hat. Damit wird
aber auch der Sinn der ganzen Passage klar: Als man in Konstantinopel die Gesandtschaft des Demetrios
Makrembolites vorbereitete, wußte man noch nicht, ob Michael Palaiologos, der Oberbefehlshaber in
Italien, auch in Genua schon verhandelt hatte. Für den Fall, daß dies geschehen war, wurde eine entspre-
chende Klausel in die Vollmacht des Makrembolites eingefügt – man hätte Michael Palaiologos sonst
desavouieren können –, die von dem Gesandten in das Protokoll mit aufgenommen worden ist, mög-
licherweise nicht ohne Grund, denn es ist nicht auszuschließen, daß in derselben Zeit genuesische
Gesandte auch mit dem Palaiologen, der sich in Unteritalien aufhielt, unterhandelt haben. Das Regest
DÖLGERS Nr. 1401 (Herbst, vor 12. Oktober 1155) wäre demnach zu streichen. Gegen diese Inter-
pretation könnte sprechen, daß das Verbum promiserit als Singular auch eine Einzelperson als Subjekt
voraussetzt und daß Michael Palaiologos den Titel eines Sebastos geführt hat (KINNAMOS S. 135).
Aber auch wenn man subitus als Sebastos auffaßte und zu Palaeologus zöge, käme man aus den Schwie-
rigkeiten nicht heraus, denn dann wäre einmal das vel unerklärlich, und zum anderen wäre auch die Stel-
lung ungewöhnlich. In jedem Fall ist der Text in der von Bertolotto herausgegebenen Fassung gramma-
tikalisch unrichtig, da bei einem doppelten Subjekt (Palaeologus vel subitus/sebastos) nicht promiserit
stehen dürfte . Doch erscheint eine Änderung in promiserint leichter zu rechtfertigen als eine Änderung
von subitus in Sebastos (Imperiale verbessert "stillschweigend" in promiserint). Schließlich ist auch die
Annahme CHALANDONS, Comnène II S. 576, daß mit Sebastos der Mitbefehlshaber Johannes Dukas
gemeint sei, problematisch, da wiederum subitus geändert werden müßte und außerdem zu fragen wäre,
wieso hier nur der Rang, nicht aber der Name genannt worden ist, während bei Michael Palaiologos
genau umgekehrt der Rang verschwiegen wird. Alle diese Probleme ergeben sich nicht, wenn man subitus
als Untergebener auffaßt und unterstellt, daß der Schreiber bzw. Übersetzer der Promissio nicht gerade
ein Meister der lateinischen Sprache gewesen ist, was im übrigen für die meisten lateinischen Fassungen
der Verträge zwischen Byzanz und den Seestädten zutrifft.
5
S. IMPERIALE, Codice I. S. 329f.
Die Verträge mit Genua 63
Der Vertrag ist von Manuel nicht ratifiziert worden, zweifellos deshalb, weil der 1157
abgeschlossene Vertrag Genuas mit den Normannen ihm widersprach6.
Dennoch ist der Vorgang interessant: Genua erhielt praktisch die gleichen Vergünstigun-
gen wie Pisa 1111 und das, obwohl es [87] ausgerechnet in dem Punkt, der der Anlaß für die
Vergabe des Privilegs von 1111 gewesen war, keine Konzessionen machte. Eine Unterstützung
etwaiger byzantinischer Ambitionen in Syrien und Palästina ist nicht vorgesehen, wird aller-
dings auch nicht ausgeschlossen. Die Formulierung zeigt sogar deutlich, daß es zu einer Eini-
gung bezüglich der Kreuzfahrerstaaten 1155 nicht gekommen ist. Das Thema wurde ausge-
klammert. Byzanz war offensichtlich nicht bereit, die genuesischen Besitzungen und Privile-
gien in Syrien von vornherein zu akzeptieren. Dies zeigt aber auch, daß das Motiv des Vertrags
von 1155 nicht in den Kreuzfahrerstaaten zu suchen ist. Sie waren zu dieser Zeit nicht inter-
essant. Die Nichtratifizierung durch Manuel läßt vermuten, daß der Vertrag entweder ein
Bündnis gegen das normannische Königreich beinhaltet hat oder aber wenigstens die wohl-
wollende Neutralität Genuas in dem Krieg Manuels gegen die Normannen. Als Genua
1156/57 mit den Normannen abschloß, verletzte es damit die Geschäftsgrundlage des Ver-
trags von 1155, und es bestand für Manuel kein Grund mehr, die von seinem Gesandten
getroffenen Vereinbarungen anzuerkennen.
6
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1402; für eine Ratifizierung: LAMMA, Comneni I. S. 213–236 (ohne
Kenntnis Dölgers und ohne genauere Diskussion, das Problem scheint Lamma nicht bewußt geworden
zu sein; wie Lamma: DAY, Byzantine – Genoese Diplomacy S. 394f., 398; ohne genaue Entscheidung,
aber mehr der Nichtratifizierung zuneigend: BALARD, Romanie Génoise I. S. 22f.). Gegen eine Ratifi-
zierung des Vertrags spricht vor allem, daß die endgültige Fassung nicht vorhanden ist und daß – wich-
tiger noch – die Genuesen sich nie auf eine solche bezogen haben. Dem widerspricht nicht die Tatsache,
daß Manuel die einzelnen Vertragspunkte in den folgenden Jahren alle erfüllt hat, da dies mit der allge-
meinen politischen Entwicklung zusammenhängt. Einen Einschnitt, der den Genuesen auch bewußt
gewesen ist, haben die Verhandlungen des Demetrios in jedem Fall dargestellt; cf. auch die Diskussion im
folgenden.
7
DÖLGER, Regesten Nr. 1488 (Oktober 1169); hier zitiert nach IMPERIALE, Codice II. Nr. 50 S. 104–
116; cf. auch LAMMA, Coraneni II. S. 184–189; HEINEMEYER, Verträge S. 99ff., 125f. ; DAY, By-
zantine – Genoese Diplomacy passim; BALARD, Romanie Genoise I. S. 26ff.; zu den emendationes cf. im
folgenden Anm. 19.
64 Kapitel IV
Geld, Rat, Flotte oder einer Expedition über [88] See noch auf irgendeine andere Weise. Sie
werden sich auch mit keinem gekrönten oder ungekrönten Feind des Reiches verbinden, sei er
Mann oder Frau, Christ oder Heide, ja überhaupt mit keinem sterblichen Menschen. Der
Begriff coronatus wurde im Verlauf der Verhandlungen noch genauer gefaßt8. Außerdem
werden die Genuesen weder Reich noch Besitz (honor) des Kaisers schmälern. Wenn im
Gebiet Genuas solches geschieht, sind sie verpflichtet, dagegen einzuschreiten. Bei einem
Angriff auf das Reich werden die dort befindlichen Genuesen bei der Abwehr mithelfen.
Wenn aber eine feindliche Flotte, sei sie christlich oder heidnisch, in Stärke bis zu 100
Schiffen oder mehr einen Angriff unternimmt9, werden alle Genuesen in Byzanz zusammen
mit den griechischen Galeeren gegen den Feind ausrücken und erst dann heimfahren, wenn
die Griechen nach Konstantinopel oder in einen anderen Hafen des Reiches zurückkehren.
Ihr Sold soll dem entsprechen, der gewöhnlich lateinischen Söldnern gezahlt wird. Je zwanzig
Genuesen dürfen zur Bewachung ihrer eigenen Schiffe zurückbleiben. Grundsätzlich sollen sie
auf ihren eigenen Schiffen kämpfen, nur wenn ihre Zahl dazu nicht ausreicht, müssen sie auch
mit anderen zusammen eine Galeere bemannen. Wenn der Kaiser, gegen welchen Feind auch
immer10, Geld, Material, Menschen, Galeeren oder andere Schiffe nach Genua schickt, haben
die Genuesen sie ehrenvoll aufzunehmen und gegen jeden Gegner, gekrönt oder ungekrönt11,
zu verteidigen.
[89] Gleichfalls werden sie den Kaiser und seine Nachfolger nicht an der Eroberung
irgendwelcher Länder hindern mit der einzigen Ausnahme ihrer eigenen Rechte in Syrien12.
In Streitfällen zwischen Genuesen und anderen in Byzanz werden die Genuesen wie die
Venezianer und die restlichen Lateiner behandelt13. Ansonsten verpflichtet sich die Kom-
8
IMPERIALE, Codice II. S. 106: neque aliqua coniungentur iusta vel iniusta occasione alicui homini coro-
nato vel non coronato qui sit vel qui erit Christiano vel pagano viro vel mulieri qui mori vel vivere possit.
Sicut de capitulo coronati tractatum est in curia domini imperatoris et intellectum et interpretatum est michi
(erg. Amico da Murta) et a me confirmatum ad honorem et proficuum eius imperii et Romanie sicut et ego
debeo hoc interpretari Ianuensibus. Es kann wohl kein Zweifel daran bestehen, daß mit dieser Formulie-
rung Barbarossa gemeint ist; cf. auch unten S. 481ff.
9
IMPERIALE, Codice II. S. 107: Si vero aliquis alicuius inimici parte aliqua aliquando pervenerit, cristiani
vel sarraceni sive pagani versus aliquas partes imperatoris qusque ad numerum centum galearum, vel plus ...
10
IMPERIALE, Codice II. S. 108: contra quemcumque ..., Christianum sive paganum, coronatum vel non
coronatum ...
11
IBIDEM S. I08f.: ... debeant Ianuenses ... deffendere in terra sua et custodire ... ab omni homine coronato et
non coronato, debentes (erg. Ianuenses) et hic intelligere capitulum de coronato sicut superius interpretatum
est ad honorem et servicium domini imperatoris et Romanie. Die Zielsetzung dieses Vertragspunktes gegen
die Deutschen kommt hier noch schärfer heraus als oben Anm. 8.
12
IMPERIALE, Codice II. S. 109: et non impedient unquam Ianuenses dominum imperatorem et heredes vel
successores eius ad conquirendas terras aliquas preter ius quod habent in terra Surie sive ex bello sive ex empti-
one seu aliquo modo. Es ist zu beachten, daß die Genuesen sich nicht gegen eine Eroberung Syriens aus-
sprechen. Diese Einschränkung gilt ausschließlich für ihre eigenen Rechte und Besitzungen in Syrien,
deren Verteidigung sie sich vorbehalten.
13
IBIDEM: de offensionibus vero quas Ianuenses fecerint in terris domini imperatoris, Grecis vel aliis gentibus,
Die Verträge mit Genua 65
mune, Übeltäter, die nicht mehr in Byzanz greifbar sind, auf Aufforderung des Kaisers hin
aufzufinden und abzuurteilen. Sollten sie nicht gefunden werden können, wird ihre Habe
entsprechend zur Sühne herangezogen. Dies alles gilt für alle Zeit. Zukünftige Konsuln dürfen
ihre Ämter erst antreten, wenn sie diese Vereinbarungen beschworen haben werden.
Im Gegenzug weist Byzanz den Genuesen ein Embolum, verbunden mit Landetreppe
und Kirche an, allerdings nicht in Konstantinopel selbst, sondern in Orcu, gegenüber der
Stadt14. Als Jahrgelder erhält die Kommune 500 Hyperper und zwei Pallia, sowie der Erz-
bischof Genuas 60 Hyperper und ein Pallium. Wegen der Genua bevorstehenden Ausgaben
werden diese Jahrgelder für sechsundzwanzig Jahre im voraus bezahlt. Das Kommerkion
der Genuesen wird in Konstantinopel auf vier Prozent ermäßigt. Im übrigen Reich sind sie
den anderen Lateinern gleichgestellt, was heißt, daß sie dort erheblich höhere Abgaben be-
zahlen müssen15. Ansonsten sichert der Kaiser den Genuesen Schutz und gerechtes Gericht
zu. Den genuesischen Schiffen wird freier Handel im ganzen Reich garantiert mit der einen
Ausnahme von Rusia et Matraca, [90] wohin sie nur mit einer besonderen kaiserlichen Er-
laubnis dürfen16. Sofern sie Waren nach Konstantinopel einführen, ohne sie dort verkaufen
zu können, haben sie dieselben Abgaben zu zahlen wie die anderen Lateiner17.
Wenn ein genuesisches Schiff Schiffbruch erleidet und seine Ladung gestohlen wird,
sichert der Kaiser Entschädigung und Wiederbeschaffung des Verlorenen zu.
Anklagen gegen Genuesen dürfen nur am Hof des Kaisers entschieden werden, wobei
entweder Mitglieder des Kaiserhauses oder die höchsten Beamten des Reiches den Vorsitz
führen. Stellt der beklagte Genuese einen Bürgen, so soll er bis zum Urteilsspruch nicht gefan-
gengesetzt werden, der Prozess hat aber möglichst schnell stattzufinden. Außerdem hat auf
genuesische Beschwerde hin das Urteil nach fünf Jahren durch den βεστιαρίτης überprüft zu
werden.
que non sint Ianuenses debent iudicari in curia domini imperatoris sicut Venetici et cetere Latine gentes. Hier
besteht also keine Sonderstellung der Venezianer.
14
IMPERIALE, Codice II. S. 111: ultra Constantinopolim in loco qui dicitur Orcu in loco bono et placabili
(Galata–Pera).
15
IMPERIALE, Codice II. S. 111: et ut debeant commercium dare sic: videlicet in Constantinopoli, de cen-
tum, quatuor, in aliis vero terris Romanie sicut ceteri Latini dant commercium.
16
Cf. unten Kap. VII S. 138ff.
17
Laut DÖLGER, Regesten Nr. 1488 ist den Genuesen Kleinhandel in Konstantinopel verboten, doch
entspricht dies nicht dem Text, der nur aussagt, daß die genuesischen Waren, die nicht verkauft werden
können, so behandelt werden wie diejenigen von anderen Lateinern, die dem Kommerkion unterliegen:
si autem Ianuenses res suas in Constantinopolim introduxerint easque vendere non poterint, fiet de rebus
eorum sicut consuetudo est fieri in aliis Latinis qui dant commercium (IMPERIALE, Codice II. S. 112).
Wir wissen zwar nicht, wie in solchen Fällen entschieden worden ist, doch wird man annehmen können,
daß auch in einem solchen Fall eine Abgabe zu zahlen war, über deren Höhe allerdings nichts bekannt ist.
Immerhin dürfte sie niedriger als das normale Kommerkion gewesen sein, da auch die Händler ja keinen
Gewinn machten. Ob sie allerdings höher oder niedriger als die vier Prozent der Genuesen anzusetzen ist,
kann nicht mehr entschieden werden.
66 Kapitel IV
Schließlich beschwören Gesandter und Kaiser den Vertrag, vorbehaltlich der Zustim-
mung der Kommune18. Amico da Murta blieb [91] in Konstantinopel, wohl weil ihm die
gleichzeitige Anwesenheit pisanischer Gesandter in Konstantinopel bekannt war und er
deshalb an Ort und Stelle bleiben wollte. Da der Vertrag mit Genua im Oktober 1169
abgeschlossen worden war, die nächste Vereinbarung aber erst auf April-Mai 1170 datiert, ist
es möglich, daß er noch in Konstantinopel neue Anweisungen aus der Heimat erhalten hat,
mit denen er vor Manuel treten konnte19. Jedenfalls er- [92] reichte er eine Verbesserung der
18
IMPERIALE, Codice II. S. 113: Quandoquidem presentem simphoniam idest conventionem prenominatus
nuncius fecit et sacramento hanc confirmavit, ecce et imperium meum per presens crisobulum, eius quum si
universitas lanuensium, videlicet et archiepiscopus, consules et multitudo tocius Comunis hanc convencionem
recipientes secundum consuetudinem eam complebunt et per scriptum fecerint et iuraverint, quod secundum
prescriptas eius distinctiones et capitula observabunt eam incorruptam et immobilem ... Dieser Vorbehalt
steht in gewissem Gegensatz zu dem Eid Amico da Murtas, der eine solche Einschränkung nicht macht,
sondern deutlich erklärt, daß der Gesandte von der Kommune alle Vollmachten bekommen hatte, daß
also die Kommune an die von Amico da Murta ausgehandelten und beschworenen Vereinbarungen ge-
bunden war. Der Eid ist in das Chrysobull inseriert (IMPERIALE, Codice II. S. I05f.); zu den Vollmach-
ten da Murtas cf. auch HEINEMEYER, Verträge S. 101ff.
19
Es ist allerdings unwahrscheinlich, daß da Murta in dieser Zeit Instruktionen aus Genua bekommen hat,
denn seine folgenden Verhandlungen, die zu dem ersten Privileg von 1170 führten (DÖLGER, Regesten
Nr. 1498), bezogen sich allein auf eine Verlagerung des Quartiers nach Konstantinopel hinein, betrafen
aber keine Änderung der politischen Verpflichtungen Genuas, die in der Folge den strittigen Punkt bilde-
ten, was LANGER, Genua und Pisa S. 165 Anm. 1, und HEINEMEYER, Verträge S. 109 und Anm. 45,
nicht gesehen haben. Die Frage der Datierung der Gesandtschaftsinstruktionen (emendationes), die an
den Vertrag von 1155 angehängt sind, ist an und für sich schon durch NEUMANN, Urkundliche Quel-
len S. 376 Anm. 2, zufriedenstellend gelöst worden (ähnlich auch HEINEMEYER, Verträge S. 109ff.,
116). Wenn die Frage hier dennoch noch einmal in aller Kürze diskutiert wird, so deshalb, weil Neu-
manns Argumente auch in neuesten Werken nicht zur Kenntnis genommen worden sind, so bei DÖL-
GER, Regesten Nr. 1402 (vor 12. Okt. 1155); LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 234f. (Datierung auf
1155); CLASSEN, Politica di Manuele S. 276 Anm. 46 (Datierung auf 1168/69: vor dem Vertrag vom
Oktober 1169); BALARD, Romanie génoise I. S. 23f. (Datierung auf 1155). Korrekt ist die Datierung
bei DAY, Byzantine – Genoese Diplomacy S. 398, der aber (ohne Kenntnis der Arbeiten Neumanns,
Dölgers, Heinemeyers, Lammas und Classens!) fälschlich annimmt, daß. das Privileg von 1155 von
Manuel ratifiziert worden und deshalb 1169/70 noch in Kraft gewesen sei. Argumente Lammas oder
Balards für ihre Datierung sind nicht vorhanden. Beide (Balard wohl Lamma folgend) haben das Pro-
blem nicht erkannt und offensichtlich die Tatsache, daß die emendationes an den Vertrag von 1155
angehängt worden waren, als Beweis für die Zusammengehörigkeit genommen. Classen argumentiert,
daß die emendationes in Teilen mit dem Privileg von 1169 übereinstimmten und deshalb vor diesem
liegen müßten. Da da Murta in den Instruktionen auf ein Chrysobull angesprochen wird, das er mit dem
Kaiser abgeschlossen habe (IMPERIALE, Codice I. S. 329 Anm.: sicut convenisti illud in Grisoboli loco
continetur, expresse illud complere possis et firmare), da Murta aber schon einmal 1157 eine Gesandtschaft
nach Konstantinopel geleitet hatte, plädiert Classen folgerichtig für ein weiteres Chrysobull zugunsten
Genuas, das 1157 erlassen worden sei, ohne aber zu erklären, warum es weder erhalten noch von den Ge-
nuesen irgendwann als (zumindest weitere) Verhandlungsgrundlage gebraucht worden ist. Wenn es tat-
sächlich 1157 ein Chrysobull zugunsten Genuas gegeben haben sollte, so wäre unerklärlich, warum die
Genuesen nicht dieses 1170 vorgelegt haben, sondern nur das Formular von 1155, das nur die Vorstufe
zu diesem Vertrag dargestellt hätte. Daß sie solches nicht getan haben, beweist zur Genüge, daß es 1157
eben kein Chrysobull gegeben hat, und damit fällt Classens These. Die Datierungen Lammas und Balards
Die Verträge mit Genua 67
byzantinischen Zusagen20. Das genuesische Quartier wurde in die Stadt hinein verlegt, dafür
freilich die Zahl der im voraus zu zahlenden Jahrgelder von 26 auf 10 gekürzt. Außerdem
stellte der Kaiser ausdrücklich fest, daß die Genuesen in der Romania nicht mit Waffen Ver-
geltung üben dürften, auch nicht bei einem Angriff von anderer Seite, sondern ausschließlich
über den Kaiser ihr Recht zu suchen hatten21. Im übrigen blieben die Bestimmungen des
Chrysobulls von 1169 in Kraft.
Auch nach Abschluß dieses zweiten Vertrags hat Amico da Murta sich anscheinend noch
kurze Zeit in Konstantinopel aufgehalten, währen der Kaiser sofort Gesandte nach Genua
schickte, um eine Ratifizierung durchzusetzen. Mit sich führten die Gesandten [93] 5.600
Nomismata, also die Jahrgelder für zehn Jahre22. Die Kommune nahm das Geld nicht an, da
scheitern an dem Umstand, daß in den emendationes auf die Plünderung des Coparionquartiers der
Genuesen in Konstantinopel 1162 Bezug genommen wird (cf. zu dieser Plünderung unten S. 456ff.). So
dürfte immer noch am wahrscheinlichsten die Hypothese Neumanns sein, derzufolge die Genuesen,
nachdem sie die ersten beiden Verträge von 1169/70 (DÖLGER, Regesten Nr. 1188 und 1498) nicht
akzeptieren wollten, einfach den Vertragsentwurf von 1155 wieder hervorzogen, ihn mit weiteren, der
Lage angepaßten, Instruktionen versahen und so die Verhandlungen – unter Negierung der bereits er-
zielten Ergebnisse – neu aufnahmen. Hierfür spricht vor allem, wie schon von Neumann festgestellt, "die
inhaltliche Übereinstimmung der Instruktion, der genuesischen promissio und des neuen Vertrags". In
diesem Zusammenhang sei noch kurz darauf hingewiesen, daß die bei IMPERIALE, Codice II. S. 114–
116 Anm. 1., abgedruckten Instruktionen (bei BERTOLOTTO, Documenti S. 347f.) in jedem Fall auf
die Zeit nach 1171 datiert werden müssen, wie schon HEINEMEYER, Verträge S. 109 Anm. 46, festge-
stellt hat, da in ihnen auf die Vertreibung der Venezianer (12. 3. 1171) Bezug genommen wird. LAMMA,
Comneni II. S. 185, und BALARD, Romanie génoise S. 29 und Anm. 46, datieren sie unverständlicher-
weise auf 1170 im Zusammenhang mit den Verhandlungen da Murtas (wie schon anläßlich 1155 wieder
ohne Kenntnisnahme der Sekundärliteratur und ohne kritische Prüfung des Inhalts).
20
DÖLGER, Regesten Nr. 1497/98 (Mai 1170); hier zitiert nach IMPERIALE, Codice II. S. 52 (10. April
und Mai 1170) S. 117–121.
21
Veruntamen non licebit, qui in magna civitate seu in aliis regionibus imperii habitant, Genuensibus cum
meditacione et consilio malo accipere arma adversus aliquos homines Romanie. quod si forte acciderit quam-
libet pugnam ab aliquibus contra eos exsurgere ut ipsi compellantur accipere arma contra illos cessabunt ab
huiusmodi impetu diffinitione imperii mei aut hominum ipsius, et non poterunt his aut illis associari et
vindicare quoscumque voluerint, sed cohiberi sola iussione imperii et hominum ipsius et non poterunt his aut
illis associari et vindicare quoscumque voluerint, sed cohiberi sola iussione imperii et hominum ipsius et facere
per omnia que mandabuntur ab ipsis (IMPERIALE, Codice II. S. 119). Dies gibt einen Hinweis darauf,
wie die Italiener oft ihre Zwistigkeiten mit den Byzantinern austrugen, was ihre Unbeliebtheit mit erklä-
ren mag. Im übrigen wollte Manuel vielleicht auch den gerade neu entbrannten Krieg zwischen Genua
und Pisa (s. ANNALES PISANI S. 49ff.) aus Byzanz heraushalten. Schon 1162 war es ja zu einem Über-
fall der Pisaner auf das genuesische Quartier gekommen, und der Kaiser konnte kaum kriegsähnliche
Zustände in seinem Reich und seiner Hauptstadt dulden.
22
Cf. die überzeugenden Ausführungen von DÖLGER, Regesten Nr. 1497 (Mai 1170); allerdings geben
etwas später die ANNALES IANUENSES S. 247 als überbrachte Summe die Zahl von 28.000 Hyper-
pern an (in Verhandlungen mit dem deutschen Kanzler Christian von Mainz 1172). Wie dieser Betrag
erklärt werden kann, weiß ich nicht zu sagen. Vielleicht handelt es sich – neben den 5.600 Nomismata
für die nächsten zehn Jahre – um eine weitere, hiervon unabhängige Summe. Die Zahl liegt sehr nahe an
den verschiedentlich genannten 27.000 bis 30.000 Hyperpern, auf die der Schaden der Plünderung von
1162 geschätzt worden war, so daß es sich um eine entsprechende Kompensationszahlung Manuels
68 Kapitel IV
ihr eigener Gesandter noch nicht zurückgekehrt war und sie anscheinend fürchtete, sich
vorher zu verpflichten. Auch nach seiner Rückkehr wurde der Vertrag nicht ratifiziert,
offensichtlich weil die Forderungen Manuels immer noch als zu weitgehend empfunden
wurden23. Man beschloß daher, Amico da Murta ein zweites Mal nach Konstantinopel zu
schicken, um die Differenzen in der Auslegung des Vertrags endgültig zu beseitigen. Daß er
sich nur ungern dazu bereit fand, wird man leicht verstehen, aber es blieb ihm keine Wahl24.
Wenig später war er wieder in Konstantinopel. [94]
Tatsächlich ging Manuel auf die genuesischen Bedenken ein und schloß einen neuen
Vertrag25, der die genuesischen Verpflichtungen neu festsetzte. Genua verpflichtete sich
durch den Mund seines Gesandten gegenüber dem Kaiser und seinen Erben und Nachfol-
gern, weder in Wort noch Tat durch sich selbst oder durch andere, seien sie gekrönt oder
ungekrönt, das Reich und den Besitz Manuels bzw. seiner Erben und Nachfolger zu schä-
digen, und zwar sowohl in seinem jetzigen Umfang als auch in seinem zukünftigen, mit der
einzigen Ausnahme Syriens, wo die Genuesen sich die Verteidigung ihrer Vorrechte und
Besitzungen vorbehielten. Bei einem Angriff auf Gebiete des Reiches sollen die dort befind-
lichen Genuesen zur Verteidigung aufgeboten werden können. Im Falle, daß ein Genuese
gegenüber Byzantinern straffällig werden sollte, würden die Genuesen auf Anzeige des Kaisers
das tun, was die Gerechtigkeit erfordere. Genua garantiert die Sicherheit der byzantinischen
Gesandten in allen seinen Besitzungen und in seinem Gebiet26. Wenn eine Flotte von 100
oder mehr Schiffen Byzanz angreift, müssen auf Verlangen des Kaisers alle Genuesen in der
Romania Dienst in der byzantinischen Flotte nehmen, gegen das für gewöhnlich lateinischen
gehandelt haben könnte. In jedem Fall sind die unterschiedlichen Angaben der Annalen merkwürdig.
Auf ihrem Weg besuchten die Gesandten auch Alexander III., mit dessen Gefolgsmann Leo Frangipani
sie eine Verwandte des Kaisers vermählten (DÖLGER, Regesten Nr. 1496 (Mai 1170)).
23
Quos (erg. perparos) civitas nostra recipere noluit, quoniam legatus noster Amicus da Murta nondum venerat
et dubitabatur quid promissum vel actum fuerat inter ipsum et imperatorem, nam tamdiu prudentia consu-
lum illos verbis detinuit quod legatus Amicus dives et felix rediit; et tanta discrepantia facti et verborum dif-
ferentia claruit inter ea que legati imperatoris consulibus dixerant et que scriptis illorum continere videban-
tur, quia honeste non potuit locum concordia invenire, cum minime legatos deceat mandati fines excedere nec
iniunctum sua pericia preterire (OBERTI CANCELLARII ANNALES S. 233–236).
24
IBIDEM: igitur maluit Comune nostrum milia perparum predicta respuere quam ad aliquod inconveniens
incaute voluissent devenire, sed ne in curia imperatoris vel alias putaretur, quod civitas nostra aliquid iniuri-
osum vel etiam vitiosum sancto Imperio scienter contulisset, constat eundem legatum Amicum de Murta ad
sancti imperii providentiam fore remissum invitum, ut ipse, tamquam prudens, coram imperatoria maiestate
patenter confirmet que suis videbatur legatis mirabiliter displicere, et fiat sermonum legatorum varietas ita
dilucida quod possint promissa hinc in de merito remanere intacta. Man hatte in Genua also durchaus Be-
fürchtungen, daß Manuel sein Privileg wieder rückgängig machen würde, war aber gleichwohl nicht
bereit, den von da Murta abgeschlossenen Vereinbarungen zuzustimmen; cf. hierzu unten S. 482ff.
25
IMPERIALE, Codice II. S. 53 (Juli, August 1170?) S. 121–123 (Diese Fassung wird von Dölger nicht
erwähnt, da Byzanz seine Privilegien nicht modifizierte, sondern die beiden früheren bestätigte. Es änder-
ten sich nur die genuesischen Verpflichtungen).
26
IMPERIALE, Codice II. S. 122: promitto etiam quod salvabimus nuncios in toto posse et terra nostra.
Die Verträge mit Genua 69
Söldnern zustehende Entgelt, mit Ausnahme von zwanzig Genuesen pro Schiff, die als
Ankerwache benötigt werden. Dies alles werden Konsuln und Volk von Genua beschwören.
Im Gegenzug bekräftigt der byzantische Kaiser die 1169 bzw. 1170 verliehenen Privilegien27.
Als Zeugen dieses Vertrags unterzeichnen insgesamt 27 weitere Genuesen, die sich in dieser
Zeit in Konstantinopel aufhielten. Die neue Vereinbarung wurde [95] von Senat und Volk
von Genua gebilligt28.
Bei einer Interpretation der drei Verträge zwischen Genua und Byzanz 1169 und 1170
ist die Einbeziehung der politischen Situation dieser Jahre absolut notwendig29. Vor 1169
hatte Genua eine im wesentlichen neutrale Position zwischen Byzanz und Deutschland ein-
genommen, was zu der Einziehung des genuesischen Quartiers in Konstantinopel geführt
hatte. Als die Kommune die Verhandlungen 1168 wieder aufnahm, schien sie zunächst völlig
auf die byzantinische Linie einzuschwenken. Es ist offensichtlich, daß die Verpflichtungen
der Genuesen 1169 auch eine Parteinahme gegen den deutschen Kaiser Friedrich I. Barba-
rossa beinhalteten, wobei diese Klauseln so einschneidend gewesen sein müssen, daß man
nicht wagte, sie schriftlich niederzulegen30. Allein die Bestimmung, daß Genua Schiffe,
Güter, Geld und Menschen, die das Reich von Genua aus gegen wen auch immer einsetzen
wollte, zu schützen hatte, mußte die Stadt in schärfsten Ge-[96] gensatz zu den Deutschen
bringen31. Es ist verwunderlich, daß der genuesische Gesandte diesen Forderungen zuge-
27
IBIDEM: preterea hoc totum quod hic subiungo priusquam manum in evangelio posuissem dixi: "Ego (erg.
Amicus da Murta) dico quod imperator non faciet mihi novam conventionem et intelligo quod conventio
quam dominus imperator fecit mihi primum usque hodie remanserit firma et incorrupta et deinceps firmiter
remaneat. et sicut ego intelligo, veruntamen dico quam diu imperator observabit convencionem imperatori".
Similiter cancellarius dixit: "Quamdiu Ianuenses observabunt hec que superius scripta sunt, similiter impe-
rator convencionem suam Ianuensibus observabit".
28
Titel des Vertrags: Hoc est exemplum conventionis quam Amicus de Murta per A.B.C. divisum detulit
quando rediit de legatione constantinopolitana et que fuit firmata in publico parlamento (IMPERIALE, Co-
dice II. S. 121). Der Ausdruck per A.B.C. divisum bezieht sich augenscheinlich auf die drei ausgehandel-
ten Vereinbarungen, als deren dritter und nunmehr für die genuesischen Verpflichtungen definitiver Teil
dieser letzte Vertrag anzusehen ist, während die byzantinischen Verpflichtungen in den ersten beiden
Teilen aufgezählt worden sind, also in den beiden früheren Privilegien von 1169 und April/Mai 1170.
29
Cf. hierzu ausführlich unten S. 479ff.; zu der "politischen" Interpretation der Privilegien cf, auch DAY,
Byzantine – Genoese Diplomacy passim; DERS., Manuel and the Genoese passim; beide Aufsätze leiden
entscheidend darunter, daß der Verfasser im wesentlichen allein die politischen Beziehungen zwischen
Genua, Pisa und Venedig untersucht, ohne die "allgemeine" Politik Manuels gegenüber Deutschland, den
Normannen und dem Papsttum zu berücksichtigen, was ihn zu völlig falschen Ergebnissen führt. BA-
LARD, Romanie génoise I. S. 25–33, berücksichtigt zwar die politischen Verflechtungen, behandelt das
ganze Problem aber nur kurz und oberflächlich.
30
IMPERIALE, Codice II. S. 106: Sicut de capitulo coronati tractatum est in curia domini imperatoris et
intellectum et interpretatum est michi et a me confirmatum ad honorem et proficuum eius imperii et Roma-
nie sicut et ego debeo hoc interpretari Ianuensibus. ut et in antea sicut istud capitulum intelligatur et obser-
vetur. Es ist eindeutig, daß es sich hier um konkrete Zusagen da Murtas gehandelt hat, die man vorsichts-
halber nicht schriftlich niederlegte. Der Gesandte nutzte dies später, um seine Beteiligung abzuleugnen
(cf. im folgenden).
31
IMPERIALE, Codice II. S. 108f.: quandocumque vero dominus imperator Januam mittere pecuniam vel res
70 Kapitel IV
stimmt hat. Offenbar hat er entweder die Reichweite dieser Vereinbarungen unterschätzt
oder aber, was ebenso möglich ist, er gehörte einer Gruppierung in Genua an, die den Deut-
schen feindlich gesonnen war und einen engeren Anschluß an die Gegner des deutschen
Kaisers, zu denen ja auch Byzanz zählte, wünschte. Als dritte und vielleicht wahrscheinlichste
Möglichkeit ergibt sich, daß die Kommune 1168/69 – nach der Katastrophe des deutschen
Heeres vor Rom 1167, die die Position des Kaisers in Nord- und Mittelitalien praktisch
zertrümmerte – zeitweilig einen deutschfeindlichen Kurs eingeschlagen hat. Wie dem auch
sei, die Genuesen verwarfen den Vertrag und bestanden auf neuen Verhandlungen32 , in [97]
vel homines eius galeas sive naves contra quemcumque miserit ea, Christianum sive paganum, coronatum vel
non coronatum, ut ex debito, debeant lanuenses honorifice eam recipere et deffendere in terra sua et custodire
secundum voluntatem hominum domini imperatoris qui cum eis erunt, omnem pecuniam et res missas, ho-
mines, galeas et naves, quanta et qualia erunt, ab omni homine coronato et non coronato, debentes et hic in-
telligere capitulum de coronato sicut superius interpretatum est ad honorem et servicium domini imperatoris
et Romanie.
32
Laut Aussage der genuesischen Annalen wurde das Vertragsformular zusammen mit 56.000 Nomismata
von byzantinischen Gesandten überbracht. Die Kommune schob die Ratifizierung bis zur Rückkehr ihres
eigenen Gesandten auf, der dann erklärte, daß die Byzantiner unzulässige Erweiterungen in den Vertrags-
text eingefügt hätten, worauf die Kommune die Anerkennung des Vertrags verweigerte und Amico da
Murta zu weiteren Verhandlungen nach Konstantinopel zurückschickte, was dieser widerwillig unter-
nahm (OBERTI CANCELLARII ANNALES S. 235f.). Den Annalen folgend hat auch DAY, Byzantine
– Genoese Diplomacy bes. S. 397f., angenommen, daß Manuel bewußt Amico da Murta ausspielen wollte
und aus diesem Grund seine eigenen Gesandten mit einem gefälschten Exemplar des Vertrages von 1169
nach Genua geschickt habe, um so den für Byzanz günstigeren Vertrag von 1169 (anstelle desjenigen von
1170) ratifizieren zu lassen, bevor die Kommune von dem günstigeren Verhandlungsabschluß da Murtas
erfahren würde. Leider kennt Day nicht die Ausführungen DÖLGERS, Regesten Nr. 1497, der nach-
weist, daß die byzantinischen Gesandten keineswegs den Vertrag von 1169 überbrachten, sondern im
Gegenteil denjenigen vom Mai 1170 (DÖLGER, Regesten Nr. 1497/98). Auch die weiteren Überlegun-
gen Days, mit denen er nachzuweisen sucht, daß Manuel durch die gefälschten Passagen des Vertrags
Genua völlig zu einem byzantinischen Vasallen und zu einem potentiellen Aufmarschgebiet byzantini-
scher Truppen und Machtmittel gegen Barbarossa machen wollte, entbehren der Logik. Staatsverträge
wurden auch im Mittelalter nicht wegen ihrer juristischen Verbindlichkeit gehalten, sondern nur und
solange, wie die Interessen der Vertragspartner übereinstimmten. Genua hätte in dem Augenblick, als es
hinter den wahren Sachverhalt gekommen wäre, jegliche Erfüllung des Vertrags abgelehnt, gleichgültig ob
dazu juristisch legitimiert oder nicht. Daß Manuel so unrealistisch gewesen sein sollte, dies nicht zu wis-
sen, ist unglaubhaft, zumal er selbst Verträge auch nur solange hielt, wie es ihm nützlich schien. Ein Beis-
piel hierfür ist der Bruch mit Venedig 1171. Days Hypothese ist daher abzulehnen. Warum aber dann die
Nachricht der Annales über die Fälschung? NEUMANN, Urkundliche Quellen S. 376 (den Day nicht
kennt) nimmt an, daß Genua zwischen der Absendung da Murtas 1168 und der Ankunft der byzantini-
schen Gesandten 1170 einen Schwenk seiner Politik vollzogen und deshalb die Ratifizierung abgelehnt
habe. Um dies zu bemänteln, habe der Annalist eine versuchte byzantinische Fälschung vorgeschoben.
Aber auch diese Theorie ist abzulehnen. Gegen sie spricht nicht nur, daß da Murta wieder nach Byzanz
geschickt wurde, was das fortlebende Interesse der Genuesen an einem Vertrag mit Byzanz beweist und
ohne jede Erfolgsaussicht gewesen wäre, wenn die Kommune tatsächlich den Kaiser so offen der Ver-
tragsüberschreitung bezichtigt hätte, wie der Annalist es nahelegt, sondern vor allem die Existenz eines
Vertragsformulars bzw. einer Kopie desselben, das, wie DAY, Byzantine – Genoese Diplomacy S. 398,
bemerkt, die (angeblichen) byzantinischen Verfälschungen enthält und von da Murta selbst entspre-
chend korrigiert worden ist. Eine solche Korrektur aber wäre völlig sinnlos, wenn die Genuesen eine
Die Verträge mit Genua 71
denen schließlich nur noch festgelegt wurde, daß Gesandte des Kaisers in Genua zu schützen
waren33.
Dagegen blieben die "defensiven" Verpflichtungen Genuas erhalten. Genuesen, die sich
in angegriffenen Provinzen der Romania aufhielten, hatten sich an der Verteidigung zu be-
teiligen. Bei dem Angriff einer größeren Flotte hatten alle Genuesen im Reich Dienst auf
der kaiserlichen Flotte zu leisten, wobei der normale Sold bezahlt wurde34.
Es ist offensichtlich, daß Byzanz 1170 gegenüber den beiden früheren Verträgen ent-
scheidend nachgegeben hat, zumal die Privilegien für die Genuesen im wesentlichen unver-
ändert geblieben sind, also keine Kompensation für die Verringerung der genuesischen
Leistung erfolgt ist. Man wird dieses Nachgeben mit einem grundsätzlichen, auch aus
byzantinische Verfälschung nur erfunden hätten. Wem sollte sie nutzen? In Byzanz hätte man sie nicht
vorzeigen können, und in Genua selbst wäre sie bei einem allgemeinen Umschwenken der genuesischen
Politik zwischen 1168 und 1170 ebenfalls ohne Nutz und Sinn gewesen. Es bleibt aber die Frage, wie die
Anklage des Annalisten und die Existenz des korrigierten Vertragsformulars erklärt werden können. Die
Antwort dürfte sowohl in der Person da Murtas als auch in den innergenuesischen Verhältnissen zu
suchen sein. Wie auch in anderen italienischen Städten gab es in Genua eine Partei, die ein Zusammen-
gehen mit den Deutschen befürwortete, und eine andere, die antideutsch gesonnen war (zu den inneren
Verhältnissen Genuas cf. auch BACH, Cité de Gênes). Keine von beiden konnte sich endgültig durchset-
zen, wie die Politik Genuas in den sechziger Jahren des 12. Jahrhunderts zeigt, als die Kommune zwar
einen prodeutschen Kurs steuerte, im wesentlichen aber dennoch neutral zu bleiben suchte. Daß aber
auch die antideutsche (und probyzantinische) Gruppierung über gewissen Einfluß verfügte, zeigen die
verschiedenen Gesandtschaften nach Konstantinopel in dieser Zeit. 1168 setzte sie eine erneute Gesandt-
schaft durch. Es ist zwar nur eine Hypothese, entbehrt aber nicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit, daß
da Murta, der mit Sicherheit eine Verbindung mit Byzanz befürwortete, in einer Überschreitung seiner
ihm gegebenen Kompetenzen einen Vertrag abschloß, der Genua auf die byzantinische Seite ziehen
mußte. Dies war insofern gefährlich für ihn, als auf Fehlgesandtschaft, d. h. Überschreitung der dem Ge-
sandten mitgegebenen Kompetenzen, schwere Strafen standen (cf. HEINEMEYER, Verträge S. 101ff.).
So ließ er, quasi als Vorsichtsmaßnahme, die byzantinischen Gesandten mit dem Vertrag vorweg nach
Genua reisen und blieb selbst mit dem Vertrag noch in Konstantinopel, wofür die gleichzeitige Anwe-
senheit einer pisanischen Gesandtschaft ausreichende Entschuldigung bot. Wenn Genua den Vertrag
akzeptierte, war ohnehin alles gut. Wenn aber die Gruppe um da Murta ihren Einfluß überschätzte und
der Vertrag abgelehnt wurde, so konnte da Murta als letzten Ausweg immer noch die Schuld auf die By-
zantiner schieben und sich so selbst salvieren. Man wird in Genua den wahren Sachverhalt gewußt haben,
aber die Gruppe um da Murta war trotz ihrer Niederlage offenbar immer noch stark genug, um ihren
Gesandten vor Repressalien zu schützen. Man schob Byzanz als Schuldigen vor, indem man erklärte, der
Kaiser habe das Vertragsformular eigenmächtig geändert, dann als Beweis einen von da Murta selbst
korrigierten Text vorwies, und auf diese Weise das Gesicht des Gesandten wahrte und eine offene Aus-
einandersetzung innerhalb der genuesischen Bürgerschaft vermied. Immerhin hatte auch da Murta seinen
Preis zu zahlen, da man ihn (gegen seinen erklärten Willen) zwang, noch einmal nach Konstantinopel zu
gehen und einen Vertrag auszuhandeln, der Genua weniger an den byzantinischen Kaiser band als in den
ersten beiden Verträgen geschehen. Da Murta blieb keine andere Wahl, alsdiesen Auftrag zu überneh-
men.
33
IMPERIALE, Codice II. Nr. 53, S. 122: promitto etiam quod salvabimus nuncios in toto posse et terra
nostra.
34
Es fehlt allerdings die Klausel, daß die Genuesen möglichst geschlossen auf ihren eigenen Galeeren
kämpfen dürfen. Jetzt müssen sie ohne irgendwelche Sonderrechte auf die Schiffe des Kaisers.
72 Kapitel IV
35
Zunächst außerhalb Konstantinopels, in Orcu (Pera?). Jedoch vermochte es da Murta, eine Verlegung in
die Hauptstadt durchzusetzen, wofür die Jahrgeldervorauszahlung nicht mehr für die nächsten sechsund-
zwanzig Jahre, sondern nur noch für zehn geleistet wurde.
36
Dies wird in dem abschließenden Privileg zwar nicht expressis verbis gesagt, es geht aber aus der (unver-
minderten) Bestätigung der beiden früheren Privilegien (1169 und 1170) hervor.
37
Zu diesem cf. unten Kap. VII. S. 138ff.
38
Die Abschaffung dieser Klausel war den Genuesen so wichtig, daß sie in ihren Instruktionen für da
Murta ihre Abschaffung forderten: Item (erg. studeas), illud quoque procures quod Ianuenses vel homines de
districtu Ianue non solvant aliquod drictum in toto imperio de pecunia quam non vendiderint. Ob Manuel
ihnen dies zugestanden hat, ist zweifelhaft. In späteren Privilegien findet sich kein Hinweis, weder für
eine Abschaffung noch für eine Beibehaltung dieser Bestimmung.
Die Verträge mit Genua 73
Privilegien zunächst recht gering. Die doch weitgehende Einschränkung ihrer politischen
Bewegungsfreiheit brachte den Genuesen, [100] insgesamt gesehen, erheblich weniger ein als
etwa den Venezianern und stellte sie insgesamt gesehen, immer noch etwas ungünstiger als
Pisa. Es ist kein Wunder, daß die Kommune einen solchen Vertrag nicht ratifiziert hat. Erst
mit dem Nachgeben des Kaisers entsprechen die Rechte und Pflichten Genuas in etwa denen
Pisas, sind aber immer noch geringfügig schlechter. Genua hat in den folgenden Jahren denn
auch mehrfach versucht, den Status seiner Kaufleute in der Romania zu verbessern, im
wesentlichen aber ohne Erfolg39.
39
Cf. die Instruktionen für die Gesandtschaft von 1171/72 (IMPERIALE, Codice II. S. 114–118 Anm. 1.)
und für den Gesandten Grimaldi 1174 (IMPERIALE, Codice II. Nr. 96, S. 206–222). Über die Erfolge
dieser Gesandtschaften sind wir nicht unterrichtet. Es mag sein, daß sie kleinere Zugeständnisse erreicht
haben, doch blieben sie in jedem Fall unter der Ebene eines Chrysobulls, da Genua sich in den folgenden
Jahren niemals auf ein solches bezogen hat. Auch in dem Privileg Isaaks von 1192 findet sich keine
Erwähnung, so daß wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen können, daß keines
erlassen worden ist.
40
DÖLGER, Regesten Nr. 1583 (Dez. 1188/April1192).
41
DÖLGER, Regesten Nr. 1610 (April 1192); cf. auch HEINEMEYER, Verträge S. 98f., 118ff., 128f.;
BALARD, Romanie Génoise S. 34f.
74 Kapitel IV
wurden gleichgerechnet. Das genuesische Quartier wurde um eine zweite Landetreppe und
weitere Gebäude und Geldeinkünfte vermehrt. Für die letzten drei Jahre erhielten Kommune
und Erzbischof die Jahrgelder nachgezahlt und zwar in Höhe von 500 Hyperpern und zwei
Pallia bzw. 60 Hyperpern und einem Pallium pro Jahr. Für die folgenden eineinhalb Jahre,
gerechnet vom April 1192 an, sollte die Kommune ein Jahrgeld von 600 Hyperpern und zwei
Pallien und der Erzbischof von 100 Hyperpern und einem Pallium erhalten. Das Kommer-
kion für die Genuesen wurde auf vier Prozent festgelegt, und zwar nicht nur in Konstantino-
pel, sondern im ganzen Reich. Schließlich sollte das überhöhte Kommerkion für das Schiff,
auf dem die Gesandten nach Konstantinopel gekommen waren, zurückerstattet werden42. Als
Gegenleistung beschworen die Gesandten die alten Verpflichtungen, die Genua 1170 mit
Manuel abgeschlossen hatte. Im August wurde dieser Vertrag auch von der Bürgerschaft
Genuas bestätigt, wobei dieser Eid nicht nur für die 1192 amtierenden Konsuln gelten,
sondern ebenfalls von allen späteren Konsuln bei Amtsantritt beschworen werden sollte43.
Insgesamt gesehen hat Genua mit dem Privileg von 1192 eine wesentliche Verbesserung
der 1169/70 ausgehandelten Bedingungen durch-[102] gesetzt und eine den Pisanern ähn-
liche Stellung in der Romania erreicht. Die Beschränkung der Zollerleichterung auf Konstan-
tinopel fiel jetzt weg, und ebenso hatten die Genuesen nicht mehr zusätzliche Abgaben zu
befürchten, wenn sie ihre Waren in Konstantinopel nicht verkaufen konnten. Ähnlich den
Pisanern zahlten sie jetzt in ganz Byzanz nur vier Prozent Kommerkion. An Jahrgeldern
erhielten sie allerdings weiterhin nur 560 Nomismata, mit Ausnahme der nächsten einein-
halb Jahre, für die im voraus insgesamt 700 Nomismata und drei Pallia entrichtet wurden.
Hinzu kamen, ebenso wie bei den Pisanern, weitere Einkünfte in Konstantinopel. Auch
wurde ihr Quartier in der Hauptstadt vergrößert. Es umfaßte jetzt zwei Landetreppen, was
zwar immer noch weniger war, als Pisaner (drei) und Venezianer (vier) besaßen, aber eben
doch eine Verdoppelung bedeutete. Allerdings hatte Genua immer noch geringfügig mehr zu
leisten als Pisa. Die Genuesen im Reich mußten sich nicht nur an der Verteidigung derjenigen
Provinzen, in denen sie sich gerade aufhielten, beteiligen, sondern alle Genuesen hatten im
Fall eines Angriffs einer Flotte von 100 oder mehr Schiffen Dienst auf der kaiserlichen Flotte
zu nehmen. Letzteres blieb den Pisanern erspart44. Insgesamt gesehen hatte Genua in der
42
Soweit es den von nun an geltenden Satz von vier Prozent überstiegen hatte.
43
IMPERIALE, Codice III. Nr. 24 (2. August 1192) S. 75–78. 76f.
44
Das Chrysobull von 1192 erfuhr 1193 noch eine geringfügige Erweiterung, als Isaak sich bereit erklärte,
in Zukunft genuesische Bürger erst nach Benachrichtigung der Kommune gefangensetzen zu lassen, wäh-
rend die Genuesen im Gegenzug noch einmal ausdrücklich betonten, daß ihr Treueid für jeden amtieren-
den Konsul, Konsularen und Podestà gelten solle (DÖLGER, Regesten Nr. 1616 (Okt. 1193)).Letzteres
war an sich unnötig, da es bereits 1192 (und sogar schon 1170) so festgelegt worden war. Auch die Erklä-
rung Isaaks ist nicht so weitgehend, wie es scheinen mag, denn auf ein eventuelles Vorgehen gegen Genu-
esen und auf ihre Gefangssetzung verzichtet der Kaiser nicht, nur muß Genua vorher benachrichtigt und
um Wiedergutmachung ersucht werden. Auch dies ist praktisch nur eine Wiederholung und Präzisierung
früherer Vereinbarungen, was in dem Privileg auch expressis verbis zugegeben wird. Aber die Übergriffe
Die Verträge mit Genua 75
Privilegierung 1192 im wesentlichen eine Stellung erreicht, die nur wenig schlechter als
diejenige Pisas gewesen ist. Venedig allerdings blieb für beide unerreichbar.
genuesischer Piraten hatten ein so großes Ausmaß erreicht, daß es wohl opportun schien, sowohl Genua
an seinen Eid (der bei Rechtsverletzungen ja ein Vorgehen der Kommune gegen die Rechtsbrecher auf
Antrag des Kaisers vorsah) zu erinnern wie den Kaiser daran, daß er sich wegen der von genuesischen Pi-
raten angerichteten Schäden nicht an anderen Genuesen schadlos halten konnte, sondern sich zumindest
zunächst an das in den Verträgen vereinbarte Vorgehen zu halten hatte. Juristisch gesehen ergab sich
durch den Vertrag von 1193 keine Veränderung gegenüber den früher abgeschlossenen Verträgen.
KAPITEL V : DIE VERTRÄGE ZWISCHEN BYZANZ UND DEN ITALIENISCHEN
KOMMUNEN VENEDIG, PISA UND GENUA:
ZUSAMMENFASSUNG
Bei einem Vergleich der Abmachungen bis zum Vierten Kreuzzug zwischen dem byzantini-
schen Reich und den italienischen Seestädten Venedig, Genua und Pisa fällt auf den ersten
Blick auf, daß Venedig nicht nur die ältesten Verbindungen mit Byzanz unterhalten hat, son-
dern auch die bei weitem günstigste Behandlung genoß, freilich auch mehr leisten mußte als
seine Rivalen Genua und Pisa.
Diese Bevorzugung zeigt sich schon im formalen Bereich. Der Patriarch von Grado führte
den Titel eines Hypertimos, der Doge erhielt sogar den hohen Hofrang eines Protosebastos1,
während Pisaner und Genuesen in diesem Punkt leer ausgingen.
Auch bei den Jahrgeldern war Venedig erheblich besser gestellt. Die Kommune erhielt
insgesamt mindestens sechzig Goldpfund pro Jahr, also 4.320 Nomismata. Demgegenüber
wurden an Genua und Pisa jeweils 560 Nomismata pro Jahr bezahlt, ab 1192 an Pisa 700.
Hinzu keimen bei allen drei Städten Einkünfte aus den Quartieren und diesen zugeteilten
Werkstätten, Unterkünften und dergleichen: So fielen z.B. an Venedig eine Bäckerei in Kon-
stantinopel mit einem Jahreseinkommen von zwanzig Nomismata (1082) und später die
Quartiere der Deutschen und Franzosen in Konstantinopel mit garantierten Einnahmen von
3.600 Nomismata pro Jahr (1189). Pisa wurden die Quartiergelder des Antoniosklosters in
Höhe von 246 Nomismata zugeteilt (1192),und Genua schließlich verfügte ab 1192 über
Mieteinnahmen aus den beiden Klöstern des Patrikios Theodosios und ἀπὸ λογοθετῶν sowie
anderen Gebäuden. Jedoch gingen diese Zahlungen allenfalls indirekt zu Lasten des byzanti-
nischen Fiskus2.
Die venezianische Vorrangstellung in diesem Bereich zeigt sich ebenfalls in den Schadens-
ersatzleistungen für die Konfiskation venezianischen Eigentums 1171. Während Byzanz die
Geld-[104] forderungen der Genuesen und Pisaner auf Wiedergutmachung der Schäden von
1182 mit Erfolg unter Hinweis auf die von Genuesen und Pisanern ihrerseits angerichteten
Schäden zurückweisen konnte und allenfalls indirekt als Kompensation gewisse kleinere Pri-
vilegienerweiterungen gewährte, konnte es diese Taktik gegenüber Venedig nicht durchhal-
ten, sondern mußte sich im Gegenteil 1187 und 1189 zu der Zahlung von 1.500 Goldpfund
und weiteren Zugeständnissen bereitfinden, die allein – auch ohne die 1.500 Goldpfund –
alles in den Schatten stellten, was Genua und Pisa 1192 als Kompensation erreichen konnten.
1
Zu der Höhe dieses Hofrangs in der byzantinischen Hierarchie cf. BORSARI, Crisobullo S. 116.
2
Wobei allerdings die Frage offen bleibt, ob der Fiskus z. B. den betroffenen Klöstern ihre Einnahmeaus-
fälle ersetzen muß. Hierüber wissen wir nichts doch ist kaum anzunehmen, daß die Klöster ohne Ersatz
auf ihre Einkünfte verzichtet haben werden.
Die Verträge: Zusammenfassung 77
Von den Quartieren der Italiener in Konstantinopel ist das venezianische bei weitem das
größte gewesen, was sich schon darin zeigt, daß es vier Landeplätze umfaßte, während die
Pisaner drei und die Genuesen nur zwei erhielten. Zudem hatte Venedig seinen vierten Lan-
deplatz schon 1148 erhalten, Pisa und Genua hingegen mußten bis 1192 mit zwei bzw. einer
Landemöglichkeit auskommen. Auch ist Venedig die einzige Stadt gewesen, die nicht nur in
Konstantinopel, sondern auch außerhalb mit einem eigenen Quartier beschenkt wurde (Dyr-
rhachion). Es ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, daß die anderen Quartiere
der Venezianer in einer Reihe von Städten sowie die beiden pisanischen Quartiere in Halmy-
ros und Thessalonike offensichtlich nicht vom Kaiser vergeben worden sind – es fehlt jeder
Hinweis auf eine solche Schenkung –, sondern käuflich erworben werden mußten, wobei wir
über die näheren Umstände nichts mehr wissen. Möglicherweise hat es sich, zumindest in den
Anfängen, um private Erwerbungen einzelner Venezianer und Pisaner gehandelt, die aber
offenbar später zu zusammenhängenden Quartieren arrondiert worden sind3. [105]
Die Vorrangstellung der Venezianer erstreckte sich auch und vor allem auf die Abgaben-
befreiung. Schon 1082 waren das Kommerkion und auch alle anderen Abgaben wie Hafen-
gebühren etc. in Wegfall geraten. Zunächst blieb diese Befreiung auf eine Reihe von nament-
lich genannten Plätzen und Inseln begrenzt, jedoch scheint deren Zahl sich im Laufe des 12.
Jahrhunderts, ob offiziell oder inoffiziell, wissen wir nicht, allmählich erweitert zu haben, bis
sie 1198 praktisch das gesamte Reich (außer den Schwarzmeerregionen) umfaßte. Demgegen-
über zahlten die Pisaner auf alle Importe, ausgenommen Edelmetalle, vier und auf alle Exporte
zehn Prozent, die Genuesen zahlten sowohl auf Importe wie auch auf Exporte vier Prozent,
aber nur in Konstantinopel, während sie im ganzen restlichen Reich die normalerweise für
Fremde geltenden Abgaben bezahlen mußten. Zudem hatten sie, im Gegensatz zu Venezia-
nern und Pisanern, bei Verkäufen in Konstantinopel das Risiko zu tragen, eine höhere Abgabe
zahlen zu müssen, wenn sie ihre Waren nicht verkaufen konnten. Erst 1192 erreichten sowohl
Pisaner als auch Genuesen eine allgemeine Reduktion ihrer Abgaben auf vier Prozent im gan-
zen Reich, die für Importe und Exporte gleichermaßen galt. Aber ihre Abgabenermäßigung
erstreckte sich laut Ausweis der Urkunden nur auf das Kommerkion. Ob sie auch für alle
anderen Abgaben galt, von denen die Venezianer ja ebenfalls befreit worden waren, wissen wir
nicht. Es scheint zweifelhaft zu sein, da man sonst, parallel zu den Privilegien für Venedig, eine
Erwähnung auch dieser Abgaben in den Urkunden erwarten würde, was nicht der Fall ist.
3
Sofern es hier nicht Verleihungen von Seiten des Kaisers gegeben hat, von denen wir aber nichts wissen
und die infolgedessen unwahrscheinlich anmuten, da man kaum annehmen kann, daß die Venezianer
später, etwa 1187, auf die Präsentation solcher Zusagen verzichtet haben sollen. Ein Beispiel für ein sol-
ches, sehr umfangreiches Quartier, stellt Halmyros dar, in dem eine der größten venezianischen Nieder-
lassungen außerhalb Konstantinopels lag, obwohl die Stadt vor 1198 in überhaupt keinem Privileg für
Venedig auftaucht. Die Erwerbung solcher Besitzungen muß kostspielig gewesen sein, auch wenn wir
nicht wissen, wie sie vor sich gegangen ist.
78 Kapitel V
Während Venedig in den genannten Punkten eine starke Vorrangstellung genoß, scheint
dies im rechtlichen Bereich nicht der Fall gewesen zu sein. 992 waren die Venezianer der aus-
schließlichen Rechtssprechung des λογοθέτης τοῦ δρόμου unterstellt worden. 1082 findet sich
hiervon nichts mehr. Da die Venezianer 1082 wieder de jure Untertanen des Kaisers gewor-
den waren, kann man annehmen, daß sie in rechtlicher Beziehung – zumindest theoretisch –
seit 1082 den Byzantinern gleichgestellt wurden. Faktisch dürften sie wohl eine schlechtere
Behandlung erlitten haben. Erst 1187 wurde venezianischen Gläubigern – wohl in Zusam-
menhang mit den Ereignissen von 1171 – die Möglichkeit weitergehender juristischer Schrit-
te4 [106] gegen byzantinische Schuldner eingeräumt, und erst 1198 erlangte Venedig eine
juristische Stellung, die voll befriedigend genannt werden konnte und im Gegensatz zu früher
die Venezianer sogar gegenüber den Griechen selbst bevorteilte.
Solche Vorrechte haben Pisaner und Genuesen nicht erreicht. Aber schon 1111 wurde
den Pisanern Rechtsschutz gegen venezianische (!) Übergriffe zugesichert, während für Aus-
einandersetzungen mit Byzantinern nur allgemein gerechte Behandlung versprochen wurde.
Bei Schiffbruch sollten die Pisaner alles, was gerettet werden könnte, zurückerhalten, ein
Punkt, der sich in den Verträgen zwischen Byzanz und Venedig nicht findet.
Auch Genua erhielt 1169 eine ähnliche Zusicherung bei Schiffbruch und darüber hinaus
für Prozesse gewisse Erleichterungen, die weder Pisaner noch Venezianer genossen. 1192
erreichte es zudem die Zusicherung, daß der Kaiser genuesische Bürger erst nach erfolgter
Benachrichtigung Genuas gefangenzusetzen versprach.
Es hat daher den Anschein, daß Pisaner und Genuesen es verstanden haben, im Gegensatz
zu den Venezianern im juristischen Bereich eine Reihe von Zugeständnissen zu erlangen, die
Venedig versagt blieben. Nach dem Privileg von 1198 freilich hatte Venedig auch hier mehr
erreicht, als Pisa und Genua je erhoffen konnten. Nach 1204 hatten die Venezianer in der
Romania ohnehin eine derartige Machtstellung inne, daß sie Genua und Pisa fast völlig als
Konkurrenten in dem ehemaligen byzantinischen Reich ausschalten konnten.
Jedoch ist diese Machtstellung nicht ohne Zugeständnisse von Seiten der Lagunenstadt
erreicht worden. Ebenso wie die Privilegien Venedigs in der Romania diejenigen Genuas und
Pisas überstiegen, so waren auch seine Verpflichtungen erheblich umfassender und tiefgrei-
fender. Die Verpflichtungen Pisas beschränkten sich, wie wir gesehen haben, auf die Unter-
stützung der Byzantiner durch diejenigen Pisaner, die sich – mehr oder weniger zufällig – in
den gerade angegriffenen Gebieten, Inseln oder Orten aufhielten5. Das Gleiche galt für die
Genuesen, die darüber [107] hinaus bei dem Angriff einer Flotte von 100 oder mehr Schiffen
4
Sie waren sogar schlechter gestellt als die Byzantiner selbst, was heißt, daß die Genuesen außerhalb Kon-
stantinopels Abgaben zu zahlen hatten, die sogar höher als zehn Prozent gewesen sein dürften.
5
1111 und 1135 waren die Verpflichtungen Pisas natürlich erheblich umfangreicher, da sie ein Offensiv-
bündnis gegen die Kreuzfahrerstaaten beinhalteten, jedoch ist dieser Aspekt der Vereinbarungen nur
punktuell. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts hat er keine Rolle mehr gespielt, ohne daß die
pisanischen Verpflichtungen zum Ausgleich in anderen Bereichen erhöht worden wären.
Die Verträge: Zusammenfassung 79
noch Solddienst auf der byzantinischen Flotte zu nehmen hatten, bis der Angriff vorüber war.
Ansonsten gingen Pisa und Genua nur die, an und für sich selbstverständliche, Verpflichtung
ein, keine Bündnisse mit Feinden des Reiches einzugehen, die sich gegen Byzanz richteten6.
Demgegenüber hatte Venedig nicht nur durch seine in der Romania befindlichen Mitbür-
ger Waffenhilfe zu leisten, sondern im Kriegsfall eine eigene Flotte auszurüsten und nach
Byzanz zu schicken, so geschehen bei den Angriffen Robert Guiskards, Bohemunds und
Rogers II. Wesentlich mehr läßt sich über die venezianischen Verpflichtungen nicht sagen, da
die entsprechenden Vertragsteile fehlen. Erst 1187 haben wir eine wohl vollständige Auf-
listung der venezianischen Zugeständnisse. Da dieser Vertrag aber schon in eine Zeit fällt, in
der das schwächer gewordene Byzanz seine Forderungen zwar noch vorbringen, aber nur noch
in Einzelfällen durchsetzen konnte, ist ein Rückschluß auf früher unzulässig. Immerhin bleibt
festzuhalten, daß Venedig auch 1187 noch eine vertragliche Einschränkung seiner politischen
Bewegungsfreiheit hinnehmen mußte, die Genua 1170 mit Erfolg zurückgewiesen hatte.
Zwar ließ die politische Lage 1187 und mehr noch 1198, als Venedig Einschränkungsklauseln
seiner 1187 eingegangenen Verpflichtungen aufgeben mußte, eine Einforderung der
venezianischen Hilfezusagen unwahrscheinlich erscheinen, aber die Tatsache bleibt bestehen:
Venedig blieb nicht nur im Bereich seiner Privilegien in der Romania, sondern auch in dem
seiner Verpflichtungen gegenüber Byzanz in einem wesentlich höheren Maße in die Belange
des Reiches eingebunden als seine Konkurrenten Genua und Pisa, und dies sowohl im positi-
ven wie auch im negativen Bereich.
Ähnliches galt, wenn auch in kleinerem Maßstab, für das Verhältnis zwischen Genua und
Pisa in der Romania. Hier hatte Pisa die Oberhand. Genua trat nicht nur als letzte der drei
Mächte mit Byzanz in Berührung, es genoß auch die geringsten Privilegien, [108] hatte
gleichwohl aber mehr zu leisten als Pisa. Wie schon gesagt wurde, hatten sowohl Pisaner als
auch Genuesen sich verpflichtet, an der Verteidigung derjenigen Provinzen, in denen Pisaner
und Genuesen sich aufhielten und auf die ein Angriff verübt wurde, teilzunehmen7. Die
Genuesen mußten darüber hinaus gegen Sold Dienst auf der kaiserlichen Flotte leisten, wenn
eine feindliche Flotte von 100 oder mehr Schiffen die Romania angriff. Das war mehr, als die
Pisaner zu leisten hatten. Dennoch waren die genuesischen Privilegien geringer als diejenigen
Pisas. Die pisanischen Kaufleute zahlten im ganzen Reich auf Einfuhren vier Prozent und auf
Edelmetalle sogar überhaupt keinen Zoll, auf Exporte zahlten sie zehn Prozent. Dagegen zahl-
ten die Genuesen für Ein- und Ausfuhren gleichermaßen vier Prozent, aber allein in Konstan-
tinopel, im ganzen restlichen Reich hatten sie keinerlei Abgabenermäßigung, ja waren nicht
einmal den Rhomäern gleichgestellt, sondern mußten Zoll "wie die übrigen Lateiner" zahlen.
Über die genaue Höhe dieser Abgaben sind wir nicht informiert, aber sie sind sicherlich höher
6
1169 hatte Byzanz von Genua noch erheblich mehr verlangt, jedoch diese Mehrforderungen im Laufe der
Verhandlungen fallen gelassen und sich mit den genannten Punkten begnügt.
7
Für Pisa sind die oben Anm. 5 gemachten Einschränkungen zu berücksichtigen.
80 Kapitel V
gewesen als die, denen die Romäer unterlagen, betrugen also wohl erheblich mehr als zehn
Prozent.
Auch in Konstantinopel trugen die Genuesen ein nicht unerhebliches Risiko. Konnten
sie ihre Waren, die sie dort verkaufen wollten, nicht absetzen, so hatten sie ebenfalls zusätzli-
che Abgaben zu entrichten, denen Venezianer und Pisaner nicht unterworfen waren.
Erst 1192 gelang es Genua, mit Pisa in der Privilegierung gleichzuziehen, auch wenn seine
Verpflichtungen immer noch höher blieben. Im rechtlichen Bereich scheinen die Genuesen
die Pisaner sogar ein wenig überflügelt zu haben.
Dennoch blieb Genua nur der "dritte Platz" in der Romania, was auch in der Zahl der
Handelsquartiere im byzantinischen Reich seinen Ausdruck findet: Venedig unterhielt in
einer ganzen Reihe von Städten in der Romania Quartiere. Um nur die wichtigsten zu nen-
nen: Konstantinopel, Dyrrhachion, Korinth, Theben, Thessalonike, Halmyros, Abydos und
noch einige andere. Pisa besaß außer in [109] Konstantinopel je ein Quartier in Halmyros
und – zumindest im ausgehenden 12. Jahrhundert – in Thessalonike, während Genua allein
auf Konstantinopel beschränkt blieb und auch hier nur das räumlich kleinste der drei Quar-
tiere sein eigen nannte.
Der Ausdruck "Quartiere" ist nicht zufällig. Man hat in der Sekundärliteratur die Nieder-
lassungen der Italiener im byzantinischen Reich (und überhaupt in der Levante) häufig und
gedankenlos als "Kolonien" bezeichnet. Definiert man "Kolonie" jedoch als ein Gebilde staat-
licher Natur, das sich von dem Land, in dem es liegt, in rechtlicher, militärischer, politischer
und möglicherweise auch kultureller Hinsicht abhebt und in diesen Bereichen dem Mutter-
land folgt bzw. von ihm abhängig ist, oder mit anderen Worten: das der Souveränität des
Staates, auf dessen Gebiet es liegt, nicht unterworfen ist, sondern nur der seines Mutterlandes,
dann trifft die Definition "Kolonie" auf die Handelsquartiere der Italiener in der Romania
während des 12. Jahrhunderts in keiner Weise zu. Soweit der Status dieser Quartiere in den
Verträgen zwischen Italienern und Griechen umschrieben worden ist, handelt es sich um
nicht mehr als Plätze, in denen die Venezianer, Pisaner oder Genuesen Wohnung nehmen
und ihre Waren stapeln konnten, wo ihre Schiffe einen Landeplatz und Reparaturmöglich-
keiten fanden. In rechtlicher Hinsicht unterstanden diese Quartiere völlig der Jurisdiktion des
byzantinischen Kaisers und seiner Untergebenen (mit gewissen Einschränkungen allenfalls
für Venedig nach 1198), ebenso hatten sie keine eigenen Streitkräfte. Da sowohl Venedig als
auch Pisa und Genua die Oberhoheit des byzantinischen Kaisers anerkannten, konnten auch
die in den Quartieren Lebenden hier keine Sonderrechte beanspruchen. Der Nutzen für die
Italiener bestand nahezu ausschließlich darin, daß sie in Konstantinopel über eigene Viertel
verfügten, also keine Mieten oder ähnliche Abgaben an den byzantinischen Fiskus abführen
mußten und ebenfalls keine Hafenabgaben oder Ähnliches in Konstantinopel an den byzanti-
nischen Fiskus zu zahlen hatten8, abgesehen davon, daß das Zusammenleben unter [110]
8
Abgaben mußten auch weiterhin gezahlt werden, nur flossen sie jetzt in die eigenen Taschen, da die
Die Verträge: Zusammenfassung 81
Umständen den einzelnen einen gewissen Schutz bot und auch angenehmer war. Für Byzanz
war es gleichermaßen von Vorteil, da es die Kontrolle und Überwachung dieser Fremden, die
die Italiener trotz allem waren und blieben, erleichterte9.
Bei allen hier vorgetragenen Überlegungen muß allerdings grundsätzlich berücksichtigt
werden, daß das Urkundenmaterial bei weitem nicht vollständig erhalten ist. So fehlen uns
nicht nur ganze Chrysobulle, wie etwa dasjenige Andronikos’ I. für Venedig, sondern auch bei
den erhaltenen Verträgen sind wesentliche Teile verschollen, wie etwa die Gegenerklärungen
der Venezianer auf die Privilegien von 1082, 1126 und 1147/48. Von einigen Verträgen sind
überhaupt nur noch rudimentäre Anzeichen vorhanden, wie etwa von der durch Chrysobull
erfolgten Ausdehnung der venezianischen Zollfreiheit auf Zypern und Kreta, die in die Jahre
zwischen 1126 und 1143 anzusetzen ist, und von der wir nur durch das Privileg Manuels von
1147 wissen. Ob dieses Chrysobull noch weitere byzantinische Zusagen oder venezianische
Gegenleistungen beinhaltet hat, können wir nur noch vermuten.
Eine Frage ist auch, ob selbst bei scheinbar vollständig erhaltenen Privilegien wirklich alle
wesentlichen Fragen in dem Urkundentext erfaßt sind. So haben wir, um nur ein Beispiel zu
nennen, an anderer Stelle nachgewiesen, daß das 1111 erlassene Privileg für Pisa seinen Wert
für Byzanz darin gehabt hat, einen (weiteren) Bündnispartner für den geplanten Angriff auf
die Kreuzfahrerstaaten zu gewinnen. In dem Privileg ist dies jedoch nur sehr dunkel angedeu-
tet, zweifellos mit Rücksicht auf die Position Pisas in Italien und in Syrien/Palästina. Man
wird zu fragen haben, ob für ein solches Bündnis der schriftlich niedergelegte Urkundentext
ausgereicht hat, oder ob es nicht doch schriftliche oder mündliche Nebenabsprachen gegeben
hat, die vertraulich behandelt wurden und aus diesem Grund auch nicht erhalten sind. Die
Möglichkeit, daß Ähnliches auch für andere Verträge gegolten [111] hat, ist nicht von der
Hand zu weisen10.
Zu dieser unvollständigen Überlieferung tritt ein weiteres wichtiges Moment, das unsere
Kenntnis der diplomatischen Beziehungen zwischen Byzanz und den italienischen Seestädten
in Frage stellt: Wie wurden die Bestimmungen der Privilegien in die Praxis umgesetzt? Hier
gibt es eine ganze Reihe von Anzeichen, die darauf hindeuten, daß es unter dem Niveau der
großen Staatsverträge, die in Chrysobullform niedergelegt worden sind, noch weitere Verein-
barungen gegeben hat, die das Miteinander von Italienern und Griechen und den Handel der
Kommunen die Einkünfte der Quartiere, also Hafen-, Lager-, Maß- und Gewichtsabgaben und
dergleichen, jetzt selbst einzogen bzw. an die Kirche vergeben hatten, die sie ihrerseits teilweise oder ganz
weiterverpachtete (cf. unten S. 235f.).
9
Vielleicht hat der byzantinische Staat aus diesem Grund auch die Entstehung mehr oder weniger
geschlossener Quartiere in den Städten der Provinzen begünstigt, obwohl die Italiener in diesen Orten
juristisch gesehen kein Anrecht auf Separierung in einzelnen Stadtteilen in eigenen Gruppen hatten.
10
In dem ersten Vertrag zwischen Genua und Byzanz von 1169/1170, der von der Kommune nicht akzep-
tiert wurde, sind solche mündlichen Absprachen sogar ausdrücklich angeführt, in anderen Verträgen
fehlen sie, was ihre Existenz aber nicht ausschließt.
82 Kapitel V
Italiener in der Romania regelten, uns aber nur unzureichend greifbar werden und oft nur
erschlossen werden können. Drei Beispiele mögen genügen:
In dem Privileg von 1082 erhielt Venedig in einer Reihe von Städten vollständige Abga-
benfreiheit zugesichert. Dennoch hat es dies nicht in jedem Fall ausgenutzt, dafür aber auch in
Städten Handel getrieben und sogar Niederlassungen gegründet, die von der Abgabenfreiheit
nicht betroffen wurden. In einigen Fällen mag dies handelspolitisch sinnvoll gewesen sein, in
anderen nicht.
So zählt z.B. Demetrias in Thessalien zu den im Privileg von 1082 angeführten Städten.
Gleichwohl ist venezianischer Handel im 12. Jahrhundert in der Stadt nicht nachweisbar. Das
nur wenige Kilometer entfernte Halmyros dagegen ist einer der Hauptorte venezianischen
(und pisanischen) Handels im Byzanz des 12. Jahrhunderts, mit einem großen Quartier, meh-
reren Kirchen, Mühlen und anderen Einrichtungen. Es ist völlig unglaubhaft, daß alles dies
eingerichtet worden sein soll, während Venedig in Halmyros Abgaben zahlte, in Demetrias
aber nicht. Ebenso ist unwahrscheinlich, daß die Venezianer sich hier ohne jede vertragliche
Absicherung niedergelassen haben sollen. Man wird demzufolge hier mit einer byzantinischen
Garantie zu rechnen haben, die Halmyros den im Privileg von 1082 genannten Städten
gleichstellte. Wann und in welcher Weise solches geschehen ist, wissen wir nicht.
Ähnliches gilt für das Schwarze Meer. In dem Privileg von 1082 war den Venezianern
grundsätzlich freier Handel im ganzen Reich [112] zugestanden worden. Zwar wurde dies
durch die Städteliste wieder eingeschränkt, aber die Möglichkeit des Handels, ob abgabenfrei
oder nicht, war gegeben und zwar in ganz Byzanz. Dennoch zeigt die Quellenevidenz unzwei-
felhaft, daß den Italienern (mit einer gewissen Ausnahme allenfalls der Genuesen) der Handel
im Schwarzmeergebiet verboten war11. Von Protesten gegen diese Regelung wissen wir nichts,
obwohl sie dem Wortlaut der Privilegien zuwiderlief.
Das vielleicht eindeutigste Beispiel für die Existenz solcher Verordnungen liefern die ge-
nuesischen Gesandtschaftsinstruktionen aus der Zeit zwischen 1172 und 1174. Der genuesi-
sche Gesandte soll sich bemühen, den Genuesen den Zugang zum Seidenhandel in Theben zu
verschaffen, der bis zur Vertreibung der Venezianer 1171 ausschließlich Venedigs Händlern
vorbehalten gewesen war12. Das setzt eine entsprechende byzantinische Anordnung voraus,
die zudem in klarem Widerspruch etwa zu den Bestimmungen des Privilegs für Pisa von 1111,
das 1170 in vollem Umfang bestätigt worden war, stand, denn in diesem Privileg war den Pi–
sanern ausdrücklich der Handel im ganzen Reich mit allen beliebigen Waren zugestanden
worden.
Das heißt, daß es unter dem Niveau der großen Verträge Durchführungsbestimmungen
gegeben haben muß, um sie einmal so zu nennen, die zum Teil sogar in Widerspruch zu den
11
Cf. hierzu unten Kap. VII. S. 136ff.
12
Cf. IMPERIALE, Codice II. Nr. 50 S. 115 Anm.
Die Verträge: Zusammenfassung 83
Privilegien standen, gleichwohl aber von allen Beteiligten anerkannt wurden, wenn auch zum
Teil wohl nur mit Widerwillen. Die Beispiele ließen sich vermehren.
Das heißt aber auch, daß die Chrysobulle offensichtlich gar nicht die Absicht hatten,
jedes nur denkbare Einzelproblem zu erfassen und zu entscheiden, sondern daß sie im wesent-
lichen nicht mehr als den Handlungsrahmen absteckten, innerhalb dessen der Handel der
Italiener in der Romania sich abspielen sollte. Hinzu traten offensichtlich Durchführungs-
bestimmungen – nach welchen Grundsätzen, muß unklar bleiben –, die die Einzelheiten
regelten und bisweilen auch in Widerspruch zu den kaiserlichen Chrysobullen standen,
gleichwohl aber von den Italienern akzeptiert wurden. [113] Uns sind sie nicht erhalten, und
Hinweise auf sie finden sich eher zufällig. Wie zahlreich sie gewesen sind, ist ebenfalls
unbekannt. Aber man wird ihre Zahl nicht unterschätzen dürfen. Die Folgen für unsere
Kenntnis der "diplomatischen" Beziehungen zwischen Byzanz, Venedig, Pisa und Genua
liegen auf der Hand.
Auch von diesen fehlenden Informationen einmal abgesehen wäre es falsch, aus den
Bestimmungen der Privilegien kritiklos auf die Realität zu schließen. Die Umsetzung der
Versprechungen der Privilegien in die Wirklichkeit war häufig eher mangelhaft. So erhielt
Venedig 1082 eine völlige Abgabenbefreiung, aber die Vorteile dieser Regelung gingen in dem
Augenblick verloren, als Byzanz diese Abgaben den byzantinischen Handelspartnern auf-
erlegte (wenigstens galt dies für das Kommerkion). Erst 1126, nach einem erfolgreichen See-
krieg, konnten die Venezianer die Abschaffung dieses Mißbrauchs durchsetzen. Ebenso hing
die erfolgreiche Realisierung der Verträge von der Fähigkeit der Vertragspartner ab, ihre Ein-
haltung auch im Inneren durchzusetzen. Die genuesischen Gesandtschaftsinstruktionen
sprechen hier eine deutliche Sprache, wenn sie immer wieder Übergriffe byzantinischer Pro-
vinzgouverneure und -beamter beklagen, gegen die oft nicht einmal die Intervention des Kai-
sers selbst etwas ausrichten konnte. Und solches geschah in den Tagen Manuels! Unter den
Angeloi verschlechterte sich die Lage rapide. Ihr parallel ging allerdings die Unfähigkeit Pisas
und Genuas, ihre Bürger von der Piraterie in byzantinischen Gewässern abzuhalten. Es war
eine Frage, ein Privileg des byzantinischen Kaisers mit weitgehenden Versprechungen zu
erhalten, aber eine ganz andere, diese Versprechungen in den Provinzen auch mit Erfolg
durchzusetzen. Der Zusammenbruch der kaiserlichen Autorität am Ende des 12. Jahrhun-
derts ließ solches mehr und mehr unmöglich werden. In diesem Sinn hat auch das große
Privileg für Venedig von 1198, das an und für sich einen großen Erfolg der venezianischen
Diplomatie darstellt, in der Realität des Handels der Venezianer in Byzanz kaum eine Än-
derung bewirkt, was bei der Erklärung der Motive für die Ablenkung des Vierten Kreuzzugs
gegen Byzanz mit heranzuziehen sein wird.
Trotz der eben gemachten Einschränkungen zeigen die Privilegien deutlich die auch von
anderen Quellen bestätigte Vorrangstellung Venedigs in der Romania auf. Die Adriastadt
hatte zwar auch größere[114] Verpflichtungen als ihre Rivalen Genua und Pisa, aber ihre
Vorrechte waren kaum einzuholen. Den zweiten Rang nahm Pisa ein, während das zuletzt
84 Kapitel V
gekommene Genua sogar große Mühe hatte, auch nur die Stellung Pisas zu erreichen, von
derjenigen Venedigs ganz zu schweigen. Die Privilegien zeigen aber auch noch anderes auf:
Man hat bisher allgemein angenommen, daß der byzantinische Staat während des 12. Jahr-
hunderts im ökonomischen Bereich zunehmend von dem Handel mit den italienischen
Seestädten abhängig geworden sei. Die Privilegien geben hierauf keinen Hinweis, ökono-
mische Gründe scheinen bei ihrer Vergabe keine Rolle gespielt zu haben. Es hat vielmehr den
Anschein, den ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch erhärten werde, daß für Byzanz
allein politische und militärische Belange maßgeblich gewesen sind, die das Bündnis oder auch
den Bruch mit einer oder mehreren der Seestädte wünschenswert erscheinen ließen. Die Kai-
ser zahlten für politischen Beistand und militärische Hilfe mit Zollprivilegien und Handels-
quartieren. Die ökonomischen Bedürfnisse des Reiches spielten allenfalls insofern eine Rolle,
als man die Privilegierung jeweils möglichst gering zu halten suchte, ob zum Schutz der eige-
nen Wirtschaft oder zugunsten der Einnahmen des Fiskus, steht dahin. Letzteres dürfte wahr-
scheinlicher sein. Doch auch hierzu mehr im folgenden.
Insgesamt gesehen ist das Niveau der Privilegierung das ganze 12. Jahrhundert hindurch
erstaunlich konstant geblieben. Dies gilt mit einer Einschränkung auch für die Kaiser der An-
geloidynastie. Venedig blieb im großen und ganzen bis 1198 auf dem Stand von 1082, mit nur
kleineren Verbesserungen. Nach 1126 wurde seine Zollbefreiung auf Kreta und Zypern aus-
gedehnt, 1148 und 1187/89 das venezianische Quartier in Konstantinopel vergrößert. Die
finanziellen Regelungen von 1187 und 1189 sind zwar auch grundlegende Erweiterungen,
erklären sich jedoch aus dem Zwang, für 1171 Kompensation zu leisten. Erst 1198 hat Vene-
dig einen weitgreifenden Durchbruch erzielt. Genua und Pisa hatten hier noch weniger Er-
folg. Die pisanische Privilegierung von 1111 wurde über rund achtzig Jahre hinweg nicht
erweitert. Erst 1192 erreichten die Pisaner kleinere Verbesserungen. Ihre Pflichten wurden
nicht ermäßigt, was man von denen Venedigs nicht sagen kann. Genaueres über die veneziani-
schen Verpflichtungen vor 1187 wissen wir zwar nicht, da die entsprechenden [115] Urkun-
den fehlen, doch hat es den Anschein, daß Venedig es 1187 verstanden hat, seinen Teil der
Vereinbarungen möglichst gering zu halten, im Gegensatz wohl zu früher. Genua konnte
einen solchen Erfolg nicht verbuchen. Es erreichte erst 1192 eine Verbesserung der Privile-
gien von 1169/70, die es Pisa gleichstellte. Seine Verpflichtungen blieben aber dieselben wie
1170. Es zeigt sich, daß die byzantinischen Kaiser es im wesentlichen verstanden haben, die
Privilegien der Italiener in Grenzen zu halten. Dies gelang auch noch den Angeloi gegenüber
Genua und Pisa, während Venedig stark genug war, um sich jetzt doch erhebliche Vorteile zu
verschaffen. Von einer Kapitulation des byzantinischen Staates vor den italienischen See-
städten kann jedenfalls keine Rede sein.
TEIL II DER HANDEL DER ITALIENER IN DER ROMANIA
Einzelne Inseln
Ägina
Anscheinend wenig bedeutend im 12. Jahrhundert. Gegen Ende der achtziger Jahre des 12.
Jahrhunderts erhielten die Einwohner einen Steuernachlaß wegen der dauernden Verwüstun-
gen durch Piraten, die auf Ägina selbst, auf Salamis und anderen Inseln ihre Schlupfwinkel
hatten (MICHAEL CHONIATES II. Briefe Nr. 9 S. 14). 1204 wurde die Insel den Vene-
zianern zugeteilt1.
Alimetaria
Zwischen Patara und Myra gelegen. Aus Furcht vor Piraten war die Insel gegen Ende des 12.
Jahrhunderts unbewohnt, wenn auch noch große Ruinen von früherer Bedeutung zeugten
(ROGER VON HOVEDEN S. 158)2.
Amorgos
Nach EDRISI (J. S. 128) eine bedeutende und dicht bevölkerte Insel, wo man viele "Gewinne
machen" konnte.
Andros
Die Insel wird in dem Chrysobull von 1198 erwähnt, 1204 fiel sie an die Venezianer.
Auf seiner Pilgerfahrt ins Hl. Land zu Beginn des 12. Jahrhunderts erwähnt Saewulf
preciosa scindalia et samite et alia pallia serico contexto, die die Pilger dort sahen (SAEWULF S.
32). EDRISI (J. S. 128) nennt die Insel blühend und volkreich. Nach den venezianischen
Quellen wurde sie im Verlauf des Krieges gegen Johannes II. [118] Komnenos kurzzeitig von
einer venezianischen Flotte besetzt (DANDOLO S. 234f.; HISTORIA DUCUM S. 74)3.
Chios
Erwähnt in den Chrysobullen von 1082 und 1198. 1204 fiel die Insel an den lateinischen
Kaiser.
In den Instruktionen für den genuesischen Botschafter Grimaldi (IMPERIALE, Codice
II. S. 215)4 wird ein genuesisches Schiff erwähnt, das der byzantinische Gouverneur der Insel
mit Hilfe von Venezianern und Pisanern aufbrachte und nach Konstantinopel überführen
1
Cf. BON, Peloponnese S. 169; KODER-HILD, Hellas S. 119; CARILE, Partitio S. 257.
2
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 47.
3
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 243.
4
Die Edition von Imperiale ist hier unvollständig, s. auch BERTOLOTTO, Documenti S. 371, 386.
86 Kapitel VI
ließ. Manuel ordnete die Rückgabe an, die aber nicht vollzogen wurde. Der Wert des Schiffes
betrug 2.390 Hyperper5.
Nach EDRISI (J. S. 127) war Chios groß, sehr bevölkert, bewaldet und reich an Vieh6. Es
gab auch eine kleine Stadt. Berühmt war die Insel wegen der Erzeugung von Mastix, eine
Eigenschaft, die auch Benjamin von Tudela und der russische Pilger Daniel erwähnen, der
außerdem die auzgezeichneten Weine und den Reichtum an Gemüse rühmt (DANIEL S. 5;
BENJAMIN VON TUDELA S. 14, der auch 400 Juden erwähnt, die auf Chios wohnten).
Auch ROGER VON HOVEDEN (S. 159) berichtet über den Reichtum der Insel an Mastix.
Zu Ende des 11 . Jahrhunderts geriet Chios für längere Zeit in die Gewalt Tzachas’ von
Smyrna (ANNA KOMNENE VII. 8, S. 111f., 116; ZONARAS S. 736f.), während des ersten
Kreuzugs stand sie unter seldschukischer Herrschaft (ANNA KOMNENE V. 5, S. 23)7. Von
den Venezianern wurde Chios zweimal geplündert, im Krieg gegen Johannes II. 1125
(DANDOLO S. 234; TRANSLATIO ISIDORI S. 323, 327ff. [119] HISTORIA DUCUM
S. 74; KINNAMOS S. 230; FULCHER III. 41, S. 758ff.) und 1171/72 (DANDOLO S. 252;
KINNAMOS S. 283f.; NIKETAS CHONIATES S. 172f.)8. WILHELM VON TYRUS
(XXII. 4, S. 1066) passierte die Insel auf seiner Rückreise von Konstantinopel nach Syrien
1180, sagt jedoch nichts über ihren Zustand aus.
Delos
Nach Edrisi (J. S. 128) war Delos mit einem Hafen versehen, aber unbevölkert. WILHELM
VON TYRUS (XXII. 4, S. 1066) besuchte die Insel auf seiner Fahrt von Konstantinopel nach
Jerusalem 1180.
5
Neben diesem Schiff wird noch ein weiteres Fahrzeug mit Venezianern und Lombarden erwähnt, das bei
Chios Schiffbruch erlitt. Der Gouverneur der Insel verweigerte trotz Beschwerde vor dem Kaiser die Rück-
gabe von Geld und Ladung (IMPERIALE, Codice II. S. 127 Anra. 1). Der Gouverneur führte den Titel
eines Dux. Ein pisanisches Piratenschiff, die "Imperialis", ist für 1198/99 vor Chios bezeugt (MÜLLER,
Documenti Nr. 47 (Juni 1199) Kpl., S. 77).
6
Hier scheint Edrisi eine Verwechslung mit Samos unterlaufen zu sein: Für Chios führt er nur an: groß, sehr
bevölkert und mit einer kleinen Stadt. Da er aber auf Samos die Mastixerzeugung ansiedelt, sollten auch die
anderen, oben im Text erwähnten, Eigenschaften nicht für Samos, sondern für Chios zutreffen; allgemein
zu Chios cf. auch ARGENTI-KYRIAKIDES, Chios; CARILE, Partitio S. 247.
7
Kaufleute aus Chios unterstützten in dieser Zeit die Seldschuken Nikaias, cf. auch TOMASCHEK,
Kleinasien S. 20.
8
Nach Kinnamos konnte der zweite Angriff mit Erfolg abgewehrt werden, aber weder Dandolo noch
Niketas Choniates wissen hiervon etwas, so daß ihre Angaben vertrauenerweckender zu sein scheinen.
Aufgrund der TRANSLATIO ISIDORI S. 327 und 329 nimmt SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 239,
einen regelmässigen und lebhaften Handel der Venezianer auf Chios an, was aber aus der Quelle nicht
hervorgeht. Schaube übersieht, daß es sich 1125 um einen großen Kriegs- und Plünderungszug gehandelt
hat, nicht aber um eine kleine Handelsunternehmung.
Die Inseln der Ägäis und Zypern 87
9
Cf. KODER–HILD, Hellas S. 156f.; CHATZEKOSTAS, Chalkis; zu Euböa unter venezianischer Herr-
schaft cf. KODER, Negroponte; zu der Partitio Romaniae cf. zuletzt OIKONOMIDES, Partitio.
10
Wobei unklar ist, ob das Schiff nun Euböa als Ziel hatte oder nur an der Insel vorbeifuhr. Andererseits un-
terhielten die Einwohner der Insel durchaus auch Kontakte zum Westen. So wissen wir von NIKETAS
CHONIATES S. 86, daß die Venezianer 1148/49 bei Korfu ein byzantinisches Schiff aus Euböa plünder-
ten.
11
Cf. TOMASCHEK. Kleinasien S. 22.
12
Die Identifizierung ist nicht völlig sicher, da Edrisi nur den Namen Zermi nennt (cf. auch TOMASCHEK,
Kleinasien S. 39).
13
Cf. auch CARILE, Partitio S. 239.
88 Kapitel VI
Kreta
Erst durch das zusätzliche Privileg des Kaisers Johannes II., das nach 1126 erlassen worden ist,
den Venezianern für freien Handel geöffnet, ebenso wie Zypern (DÖLGER, Regesten Nr.
1305); 1147 wurde das Privileg von Manuel bestätigt (DÖLGER, Regesten Nr. 1365 (Okt.
1147)), ebenso 1198.
Es existieren einige venezianische Handelsurkunden (MdRD Nr. 33 (April 1111) Kpl.,
für eine Fahrt von Kreta nach Konstantinopel in landwirtschaftlichen Produkten (agrarium);
Nr. 56 (Juni 1130) Venedig (Nr. 57 ist Kopie von 56) für eine Fahrt von Ve-[121] nedig über
Kreta nach Syrien und weiter; Nr. 149 (April 1161) Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel
über Kreta nach Alexandria, in der Urkunde wird ein Sack Pferdehaar erwähnt; Nr. 167 (Juni
1165) Kreta, für eine Fahrt von Akkon nach Kreta und weiter alternativ nach Antiocheia,
Akkon oder Alexandreia.
In den genuesischen Botschafterinstruktionen von 1201 (IMPERIALE, Codice III. S.
198) wird ein genuesisches Schiff erwähnt, das, von Syrien nach Candida ad sanctum Geor-
gium Gregi zurückkehrend, dortselbst gekapert wurde. Der Wert betrug 2.000 Hyperper.
1174 sollte der genuesische Botschafter 95 Hyperper zurückfordern, die kaiserliche Galeeren
dem Genuesen Martinus Paiarinus bei Kreta (in Civitate de Candida) abgefordert hatten
(IMPERIALE, Codice II. S. 217 Anm. 1), ebenso wie in den Ersatzforderungen für ein bei
Rhodos gestrandetes Schiff auch ein Posten Wolle (lana) aus Kreta erwähnt wird, der in
Konstantinopel verkauft wurde (IMPERIALE, Codice II. S. 217 Anm. 2). Ein weiterer
Genuese, Nicolai Boiamundi, verlor durch den duca di Creti 300 Hyperper, für die Wieder-
gutmachung gefordert werden sollte (IMPERIALE, Codice II. S. 218 Anm.). Ähnliches
geschah dem Solgarisius, der 250 Hyperper verlor: pro Solgarisio perp. CCL petite quos ei
abstulit commerzarius de Creti in agrinis et sartia navis et alio honere navis pro nulla offensione
vel occasione cum etiam inde iam soluisset commercium (IMPERIALE, Codice II. S. 218 Anm.),
und ein weiterer Genuese verlor hier Waffen, Tuche, Käse, Honig etc.: tantum grani quod
(comparaverat) Constantinopoli perp. LX et arma et guarnimenta filii mei Carfe valentia perp.
C et milliaria sex casei et milliaria IIII mellis et copertas III equorum et sperones valentes perp.
CXX et in frenis et osbergis, panceris et elmis perp. CCXL. Dies alles wurde konfisziert quia
portabat cartam legati babillonensis, qui erat apud Constantinopoli (IMPERIALE, Codice II. S.
213 Anm. 1).
Nach EDRISI (J. S. 126) war die Insel groß, bevölkert und fruchtbar mit vielen blü-
henden Städten. Weiter erwähnt der Geograph eine Goldmine und rühmt die Obstgärten
und den exzellenten Käse Kretas, der in andere Länder exportiert wurde. Ebenso erwähnt
ROGER VON HOVEDEN (S. 159) die Größe und Fruchtbarkeit der Insel.
Kommentar: Obwohl Kreta in dem Privileg von 1082 nicht Erwähnung findet, was allerdings
nicht heißt, daß den Venezianern der Handel auf der Insel nicht gestattet war, ist bereits 1111
der erste venezianische Handelskontrakt belegt. Die Bedeutung Kretas [122] scheint – trotz
des von Edrisi erwähnten Käses – wohl weniger in seiner eigenen Produktion gelegen zu ha-
Die Inseln der Ägäis und Zypern 89
ben, als vielmehr in seiner geographischen Lage, die es zu einer Zwischenstation auf den Fahr-
ten von Venedig in die Levante und nach Ägypten und ebenso von Konstantinopel nach
Ägypten machte. Die Aufnahme der Insel in das Privileg des Kaisers Johannes II., die wohl
mit Sicherheit auf den Wunsch Venedigs hin erfolgt ist, dürfte hierin ihre Ursache gehabt
haben, möglicherweise aber auch die Weiterentwicklung des venezianischen Handels im 12.
Jahrhundert aufzeigen, die eine solche Zwischenstation erforderlich machte14.
Lemnos (Staliminum)
In den Privilegien nicht namentlich erwähnt, 1204 wurde die Insel Teil des Kaiserbereichs15.
In den venezianischen Urkunden findet der Bau eines venezianischen Klosters auf
Lemnos Erwähnung, der von dem Erzbischof der Insel gestattet wurde, was unter Umständen
auch auf venezianische Handelsinteressen dort hinweisen könnte (SAN GIORGIO MAG-
GIORE Nr. 181 (Juli 1136), Lemnos). Dieses Kloster wird auch 1169 in einer venezianischen
Handelsurkunde erwähnt (MdRND Nr. 24 (Mai 1169) Kpl.). Nach 1171 wurde Lemnos
ebenfalls Ziel der venezianischen Racheexpedition (DANDOLO S. 252), jedoch war ein
Anlaufen der Insel aufgrund ungünstiger Winde nicht möglich, so daß die Venezianer sich
stattdessen gegen Skiros wandten und es plünderten (HISTORIA DUCUM S. 80).
Lesbos (Mytilene u.ä.)
Erwähnt in dem Privileg von 1198, 1204 wurde Lesbos dem Kaiser zugeteilt.
BENJAMIN VON TUDELA (S. 14) erwähnt zehn Lokalitäten mit Juden auf der Insel,
ohne Genaueres anzugeben, WILHELM VON TYRUS (XXII. 4, S. 1066) besuchte Mytilene
auf seiner Rückreise von [123] Konstantinopel nach Syrien 1180. Etwaige Handelskontakte
finden sich nicht in den Quellen.
Zu Ende des 11. Jahrhunderts wurde die Insel von Tzachas von Smyrna erobert (ANNA
KOMNENE VII. 8, S. 111, 116; ZONARAS S. 736f.) und längere Zeit behauptet, ehe die
Byzantiner sie zurückgewinnen konnten (ANNA KOMNENE IX. 1, S. 158ff.). 1125 besetz-
ten die Venezianer für kurze Zeit das Eiland (KINNAMOS S. 280; DANDOLO S. 234f.;
HISTORIA DUCUM S. 74), und auch nach 1171 wurde Lesbos Opfer der venezianischen
Flottenexpedition (DANDOLO S. 252; HISTORIA DUCUM S. 80). Das Fehlen von
Hinweisen für Handel im Zusammenhang mit den anderen Nachrichten scheint darauf hin-
zudeuten, daß Lesbos sich von den Kriegen gegen Tzachas und später von den venezianischen
Plünderungen nicht wieder erholt hat16.
14
Literatur: HEYD, Commerce I. S. 200; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 243f.; zur Datierung des Johan-
nesprivilegs cf. unten S. 374f.; in den Anfängen Alexios’ I. war Kreta zeitweilig in Aufruhr gegen den Kai-
ser, cf. GAUTIER, Défection et soumission de la Créte sous Alexis Ier Comnène.
15
Cf. auch Carile, Partitio S. 238.
16
Cf. CARILE, Partitio S. 238.
90 Kapitel VI
Makronesos
Nach SAEWULF (S. 33) könnte die Insel unter Umständen zu Beginn des 12. Jahrhunderts
völlig zerstört gewesen sein. In den letzten Jahren des Jahrhunderts diente sie Piraten als
Stützpunkt17.
Mykonos
Nach EDRISI (J. S. 128) war die Insel bevölkert und es existierte eine kleine Stadt. 1186 wird
der Angriff einer normannischen Flotte erwähnt18.
Patmos
Das Johanneskloster auf Patmos besaß Ländereien im Maiandertal, auf verschiedenen Inseln
und auf Kreta, mit denen es auf eigenen Schiffen Handel trieb, für die es von den Kaisern
Privilegien erhielt (DÖLGER, Regesten Nr. 1150 (April 1088). 1186 griffen die Normannen
die Insel an19.
Rhodos
Im Privileg von 1082 nicht erwähnt, zuerst 1198; auch in der Partitio Romaniae findet
Rhodos keinerlei Erwähnung.
In den venezianischen Urkunden wird ein Schiff erwähnt, das auf dem Weg von Venedig
nach Antiocheia vor der Insel Schiffbruch erlitt (MdRD Nr. 83 (April 1144) Venedig)20.
1192 beschwerte Isaak II. Angelos sich bei der Kommune Genua über den Überfall genu-
esischer und pisanischer Piraten auf ein venezianisches Schiff bei Rhodos, das u. a. eine
Gesandtschaft Saladins an den Kaiser nach Konstantinopel transportierte (DÖLGER, Rege-
sten Nr. 1612). 1174 hatte der genuesische Gesandte Grimaldi für ein bei Rhodos verun-
glücktes Fahrzeug die Summe von 5.200 Hyperpern zu fordern. Das Schiff war von dem
Herrn der Insel, einem Kyrios Andronikos (Churrus Andronicus), unter dem Vorwand, es sei
sizilianisch, beschlagnahmt worden. Eine Beschwerde vor dem Kaiser führte zwar zu dem Be-
fehl, die geraubten Güter herauszugeben (... de quibus omnibus coram imperatore lamentatio
facta fuit et precepit litteris suis ut omnia restituerentur), jedoch scheint das den "Herrn Andro-
nikos", offenbar den Gouverneur, nicht im geringsten berührt zu haben, die Beschwerde
mußte wiederholt werden (sarracenales DCCC petere mementote quos idem Robertus in eadem
navi de suis amisit que omnia duca Rodi habuit et cum cartam inde recepisset a domino
17
MICHAEL CHONIATES II. Briefe Nr. 9 S. 14, 237ff. ; cf. BON, Peloponnese S. 169; KODER–HILD,
Hellas S. 210; allerdings ist die Angabe Saewulfs bei der Niederschrift entweder völlig verwirrt, oder aber
der Autor meint mit Mogronissi nicht das bei Attika gelegene Eiland, sondern eine Insel vor der Küste
Kleinasiens, wahrscheinlich Kakava.
18
Cf. LAVAGNINI, I Normanni di Sicilia a Cipro e a Patmo S. 326.
19
Cf. LAVAGNINI, I Normanni di Sicilia a Cipro e a Patmo; zu den Privilegien für das Kloster cf. DÖL-
GER, Die Kaiserurkunden des Johannes-Theologos-Klosters auf Patmos; DERS., Der Kodikellos des
Christodulos in Palermo.
20
Dieses Schiff war ein Vorläufer der üblichen Handelsflotte, die nur wenig später von Venedig ins Hl. Land
aufbrach.
Die Inseln der Ägäis und Zypern 91
imperatore ut omnia restitueret, nichil inde restituit.) (IMPERIALE, Codice II. S. 217 Anm. 2;
die Regesten Dölgers müßten hier um mindestens ein Stück erweitert werden). Trotz zahl-
reicher Erwähnungen, die auf lebhaften Handel schließen lassen, scheint die Hauptbedeutung
der Insel doch eher in ihrer Position als Zwischenstation auf dem Weg von und nach Syrien
gelegen zu haben: WILHELM VON TYRUS (XXII. 4, S. 1066) passierte sie auf seiner Rück-
fahrt von Konstantinopel nach Syrien 1180, ebenso berührte sie der Pilger SAEWULF(S. 51).
1099/1100 überwinterte die venezianische Flotte während ihrer Fahrt ins Hl. Land auf der
Insel und besiegte dort ein pisanisches Geschwader, das sie von Syrien her angriff (TRANS-
LATIO NICOLAI S. [125] 256–259)21. Nach BENJAMIN VON TUDELA (S. 14) lebten
400 Juden auf Rhodos, DANIEL (S. 6) nennt die Insel groß und fruchtbar.
Zu Ende des 11. Jahrhunderts wurde Rhodos von Tzachas von Smyrna unterworfen
(ZONARAS S. 736f.), zur Zeit des Ersten Kreuzzugs war die Insel in der Hand der Seldschu-
ken (ANNA KOMNENE V. 5, S. 23). Wenig später konnten die Byzantiner hier angeblich
eine pisanische Flotte – es sollen 900 Schiffe gewesen sein, eine völlig unglaubwürdige Über-
treibung – in die Flucht schlagen (ANNA KOMNENE XI. 10, S. 43)22. Im Krieg Venedigs
gegen Johannes II. wurde Rhodos zeitweilig von der venezianischen Flotte besetzt (KINNA-
MOS S. 280, DANDOLO S. 234f.; FULCHER III. 15, S. 657, III. 41, S. 758ff.; TRANSLA-
TIO ISIDORI S. 323, 326).
Kommentar: Trotz seiner Größe und Fruchtbarkeit scheint die Bedeutung von Rhodos
allein in seiner Position als Anlaufpunkt auf der Reise von und nach Syrien gelegen zu ha-
ben23. Jedenfalls alle Quellen, die die Insel erwähnen, tun dies ausnahmslos bei Gelegenheit
einer Reise von dem oder in das Hl. Land. Zwar war Rhodos wohl zu groß und zu sehr ge-
schützt, um sehr unter Piratenangriffen zu leiden, aber über eine etwaige wirtschaftliche Be-
deutung der Insel wird in den Quellen nichts gesagt. Die vergeblichen Versuche der Genues-
en, eine Rückgabe ihres bei Rhodos durch den Herrn der Insel beschlagnahmten Schiffes zu
erreichen – trotz der Intervention des Kaisers zu ihren Gunsten -, könnten vielleicht als An-
zeichen für eine gewisse Auflösung der Autorität der Zentralgewalt schon zur Zeit Manuels
gewertet werden.
Samos
Erwähnt 1198 in dem Privileg des Alexios III., 1204 fiel die Insel an den Kaiser.
Keine Nachweise für Handel. DANIEL (S. 6) bezeichnet die Insel als sehr fruchtbar und
die umliegenden Gewässer als fischreich. [126] Nach BENJAMIN VON TUDELA (S. 14)
21
Cf. unten S. 340ff.
22
Es dürfte sich wohl kaum um mehr als ein kleines Scharmützel gehandelt haben. Die pisanische Flotte
plünderte auf ihrem weiteren Weg die Inseln zwischen Rhodos und Zypern, später kam es dann zwischen
einer Abteilung der Pisaner und der venezianischen Flotte wieder bei Rhodos zu einer weiteren See-
schlacht, bei der die Venezianer siegten; cf. auch unten S. 619f.
23
So schon KINNAMOS S. 199.
92 Kapitel VI
24
EDRISI (J. S. 127) bezeichnet Samos als groß, bewaldet, dicht bevölkert und reich an Vieh. Da er dort aber
auch die Mastixproduktion ansiedelt, die sonst allein für Chios bezeugt ist, dürfte eine Verwechslung mit
dieser Insel vorliegen, die laut Edrisi ebenfalls groß, dicht bevölkert und mit einer kleinen Stadt versehen
gewesen sein soll, was im Fall von Samos mit den anderen Quellen (Daniel und Benjamin von Tudela)
übereinstimmen würde (s. auch oben s. v. Chios); cf. auch CARILE, Partitio S. 240.
Die Inseln der Ägäis und Zypern 93
antritt Isaaks II. Angelos machte Zypern sich selbständig25, bis es im Lauf des Dritten Kreuz-
zugs an die Kreuzfahrer fiel und schließlieh ein fränkisches Königreich wurde26.
Kommentar: Die Entwicklung Zyperns im Laufe des 12. Jahrhunderts ist mit der der anderen
Inseln des byzantinischen Reiches nicht vergleichbar, da die Insel im 12. Jahrhundert von den
byzantinischen Machtzentren zu weit entfernt und andererseits zu nahe bei den Kreuzfahrer-
staaten lag, für die es bald zu einem unersetzlichen "Hinterland" werden sollte, um eine den
restlichen Reichsprovinzen vergleichbare Entwicklung nehmen zu können. Erst mit der Exi-
stenz der Kreuzfahrerreiche wuchs die Bedeutung Zyperns entscheidend, so daß es durchaus
möglich sein könnte, daß die Auslassung der Insel im Chrysobull von 1082 mit mangelndem
Interesse Venedigs zu begründen wäre. Mit Beginn der Kreuzzüge freilich erschienen sofort
auch italienische Flotten vor der Insel, so 1099 eine pisanische (ANNA KOMNENE XI. 10,
S. 44) und 1122/23 eine große venezianische unter Führung des Dogen Domenicus Michael
(WILHELM VON TYRUS XII. 22, S. 545). Die Öffnung der Insel für die Venezianer nach
1126 durch Johannes II. – wenn auch nach längeren Auseinandersetzungen – stellt somit we-
nig mehr als die nachträgliche Legalisierung eines sowieso für den Kaiser [128] kaum noch
kontrollierbaren Zustands dar27. Der schließliche Verlust der Insel, zunächst in Form einer
Verselbständigung und dann durch die fränkische Eroberung ist der logische Endpunkt dieser
Entwicklung, die die tatsächlichen Machtverhältnisse nur bestätigte, zumal nachdem Byzanz
nach 1180 infolge seines inneren Niedergangs kaum noch Einfluß auf die Gestaltung der Ver-
hältnisse in Nordsyrien nehmen konnte28.
Die Inseln der Ägäis und Zypern – Überblick
Verglichen mit der wirtschaftlichen, militärischen oder finanziellen Potenz Kleinasiens oder
gar des Balkanraums in der Komnenenzeit ist der Bereich der Ägäis kaum von großer Bedeu-
tung für den byzantinischen Staat gewesen. Auch wenn beispielsweise Kreta Käse, Andros
Tuche, Chios Mastix und Zypern Honig produzierten und exportierten, so dürfte das Volu-
men von Industrie und Handel im Archipel eher gering gewesen sein, was die Anwesenheit
westlicher Händler allerdings nicht ausschließt, obwohl sie die Inseln der Ägäis wohl eher
beiläufig auf der Fahrt zu anderen, lohnenderen Zielen angesteuert haben. So scheint die
25
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 32–77, 86–89; LAVAGNINI, I Normanni di Sicilia a Cipro e a Patmo.
26
Von der zahlreichen Literatur sei nur angeführt: RUNCIMAN, Crusades II. S. 430, III. S. 43–47; HILL,
Cyprus I. S. 312ff.; BRUNDAGE, Richard the Lion-Heart and Byzantium; MÖHRING, Saladin S. 171ff.
27
Laut DAY, Impact of the Third Crusade S. 160, 162, war Zypern der "Brennpunkt" des Handelsverkehrs
zwischen Konstantinopel und Alexandreia vor dem dritten Kreuzzug und sein Wegfall 1185 bzw. 1191
von Schaden für die Bedeutung Konstantinopels als Handelszentrum. Jedoch findet diese Auffassung keine
Stütze in den Quellen und überschätzt auf eklatante Weise die Bedeutung der Insel, die zwar in dem Han-
delsverkehr zwischen Konstantinopel und Ägypten eine gewisse Rolle gespielt haben dürfte, aber für die
Position des Handelszentrums Konstantinopel keinerlei Bedeutung gehabt hat; zu den wichtigste Handels-
routen cf. auch unten Kap. XI.
28
Cf. LILIE (1993) S. 222ff.; zu den ökonomischen Verhältnissen auf der In sei während der fränkischen
Herrschaft cf. RICHARD, Chypre passim.
94 Kapitel VI
Hauptbedeutung der Inseln, soweit sie auf den großen Reiserouten lagen, denn auch in erster
Linie in ihrer Rolle als Versorgungsstationen gelegen zu haben29. Dies gilt besonders für die
Routen: Italien – Peloponnes – Inseln (besonders Kykladen/Dodekanes/Kreta) – Rhodos –
evtl. Attaleia – Antiocheia/Syrien und [129] zurück. Weiter: Italien – Peloponnes – Kreta –
Ägypten/Syrien und zurück, sowie: Konstantinopel – Kleinasien und vorgelagerte Inseln –
Syrien30, und schließlich: Konstantinopel – Ägäis – Kreta – Ägypten und umgekehrt. Der
östliche Teil des Archipels scheint unter der seldschukischen Besetzung im ausgehenden 11.
Jahrhundert gelitten zu haben, zumindest sind einige Inseln hier unbewohnt bzw. in Ruinen.
Doch sind die Quellen hier widersprüchlich, denn die Reiseberichte Saewulfs und vor allem
Daniels rühmen die dichte Bevölkerung und den Viehreichtum zum Teil gerade dieser Inseln
(Chios, Samos, Kos)31 . Inwieweit die Angaben Edrisis vertrauenswürdig sind, besonders für
die kleineren und unbekannteren Inseln, ist schwer zu sagen. Bisweilen wirken seine Schilde-
rungen derart stereotyp, daß man vermuten könnte, der Autor habe hier zu den ungenügen-
den Nachrichten, die ihm vorlagen, Eigenes hinzugetan. Die Attribute: bevölkert, viehreich,
mit einer kleinen Stadt versehen u. s. w. muten häufig so eintönig an, daß Zweifel daran auf-
kommen, inwieweit Edrisi sich genau an seine Vorlage hält oder ob er sie ausgeschmückt
hat32. Von diesen Quellen – zu denen mit Einschränkungen noch Benjamin von Tudela zu
zählen ist – abgesehen gibt es nur wenige Nachrichten, die sich mit der wirtschaftlichen Lage
der Inseln befassen, so daß die Angaben notgedrungen lückenhaft bleiben müssen.
Grundsätzlich dürfte sich für die Bevölkerung der Inseln das Problem gestellt haben, den
doch relativ begrenzten und dazu häufig kargen Raum ausreichend zu nutzen. Für die eigene
Bevölkerung mochte er ausreichen, ob er aber genügend Überschüsse produzierte, um auch in
größerem Maße exportieren zu können, scheint zweifelhaft. Dies dürfte wohl nur den größe-
ren Inseln – etwa Euböa, Kreta, Chios, Samos, Lesbos, Rhodos und Zypern – möglich gewe-
sen sein, kaum aber der Masse der kleineren Eilande. Immerhin scheinen – zumindest zeit-
weise – Lebensmittel in die Kreuzfahrer-[130] staaten exportiert worden zu sein33, wir wissen
29
S. z. B. die Berichte DANIELS (S. 6), SAEWULFS(S. 51) und des Erzbischofs WILHELM VON TYRUS
(XXII. 4, S. 1066)
30
Zu den wichtigsten Handelsrouten cf. unten Kap. XI.
31
DANIEL S. 6; allerdings wäre hier zu fragen, welche Maßstäbe der aus dem noch relativ unterentwickelten
Rußland kommende Daniel hier anlegt und wie seine Aussagen im Hinblick hierauf zu bewerten sind.
32
Allerdings scheint zumindest der Viehreichtum auf den einzelnen Inseln wirklich außergewöhnlich gewe-
sen zu sein, wie der Bericht DANIELS (S. 6) bestätigt.
33
RADULF VON CAEN S. 647, der betont, daß von den griechischen Inseln Lebensmittel zu den Kreuz-
fahrern des Ersten Kreuzzugs gekommen seien. Da er nicht genauer spezifiziert, wäre allerdings auch mög-
lich, daß der Großteil dieser Nahrungsmittel von Zypern aufgebracht worden ist. Auch am Ende des 12.
Jahrhunderts waren die Kreuzfahrerstaaten von byzantinischer Lebensmittelzufuhr abhängig, wie ein Ver-
trag zwischen Isaak II. Angelos und Saladin wahrscheinlich macht, in dem Isaak sich verpflichtet, keine
Lebensmittellieferungen an die Kreuzritter zuzulassen. Woher diese Lieferungen kommen sollten, wissen
wir nicht, so daß wir auch nicht sagen können, ob die Inseln an ihnen beteiligt waren; zu den Vorgängen cf.
auch LILIE, Byzanz S. 28f. und S. 475 Anm. 70.
Die Inseln der Ägäis und Zypern 95
allerdings nicht, in welchen Mengen und ob es sich um eine kontinuierliche Ausfuhr gehan-
delt hat. Wichtig waren die Inseln allerdings in strategischer Hinsicht, da man von ihnen aus
die Fahrtrouten im östlichen Mittelmeer überwachen und gegebenenfalls bedrohen konnte.
Umgekehrt boten sie Piraten gute Schlupfwinkel und angreifenden Flotten die Möglickeit
eines gefahrlosen Aufenthalts in byzantinischen Gewässern, da die Kriegsmarine des Reiches
nicht stark genug war, um eine feindliche Kriegsflotte abwehren zu können.
Während die Inseln der Ägäis seit der byzantinischen Rückeroberung Kretas 961 durch
Nikephoros II. Phokas sich über ein Jahrhundert lang ungestört von feindlichen Einfällen in
Ruhe entwickeln konnten, änderte sich dieser Zustand im ausgehenden 11. Jahrhundert
vollkommen: Die Kämpfe mit den Seldschuken, besonders Tzachas von Smyrna, zogen wohl
hauptsächlich den Osten des Archipels in Mitleidenschaft. Aber auch der Rest sollte bald
unter feindlichen Einfällen, Raubzügen und Piraterie zu leiden haben. Die verschiedenen
Kreuzfahrerflotten, besonders Genuas und Pisas, der venezianische Angriff von 1122 bis
1125, der Normanneneinfall zur Zeit des Zweiten Kreuzzugs und noch einmal 1157, der
venezianische Rachefeldzug von 1171/72 und die nachfolgende Korsarentätigkeit, die genue-
sischen und pisanischen Plünderungen nach 1182, der Normannenkrieg von 1185/86 und
schließlich die Aktivitäten der italienischen Seeräuber in den letzten Jahren des 12. Jahrhun-
derts zerstörten nachhaltig die Struktur des ganzen Archipels, so daß einige Inseln schließlich
völlig entvölkert wurden34. Und dies waren nur die größeren Störungen. Daneben gab es,
wohl ver-|131] stärkt nach den Einsparungsmaßnahmen Johannes’ II. im Flottenbau35 , bei-
nahe jedes Jahr kleinere Piratenübergriffe. 1143 wurde ein Frauenkloster bei Nauplion (!) ins
sicherere Landesinnere verlegt36. Begründung waren die sich Jahr für Jahr erneuernden Pira-
tenangriffe. Wenn solches schon für die Umgebung Nauplions auf der Peloponnes galt, um
wieviel mehr dann für die kleineren und nur schwach geschützten Inseln? Andererseits führte
die Vernachlässigung des Archipels – mit gewissen Ausnahmen zur Zeit Manuels – umge-
kehrt auch zu einer langsamen Loslösung der Inseln von der Zentralregierung in Konstanti-
nopel, auch wenn sich dies nicht unbedingt politisch geäußert hat. Man scheint sich einfach
nicht mehr viel um die Befehle der Kaiser gekümmert zu haben, wie die vergeblichen Versu-
che der Genuesen bezeugen, mit Hilfe des Kaisers Ersatz für die Übergriffe einiger Inselgou-
verneure zu erhalten37. Eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung, wie sie in einigen Reichs-
teilen während der Komnenenzeit zu beobachten ist, findet im Archipel jedenfalls nicht
statt38. Eher scheint das Gegenteil der Fall gewesen zu sein39. Das heißt nicht, daß die Inseln
34
ROGER VON HOVEDEN S. 159: sed multae istarum (erg. insularum) sunt desertae propter metum pirata-
rum. Et in multis habitant piratae. Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 247f.; BRAND, Byzantium S.
220.
35
NIKETAS CHONIATES S. 55; cf. auch unten App. S- 625ff.
36
MIKLOSICH–MÜLLER, Acta V. S. 178; cf. BON, Péloponnèse S. 170.
37
S. z. B. oben s. v. Rhodos und Chios.
38
Die Ausnahme Zypern ist hier nicht berücksichtigt, da die Entwicklung dieser Insel mit der des Archipels
96 Kapitel VI
nicht häufig von Italienern besucht worden sind. Aber diese Besuche haben ihre Anlässe in
dem Umstand, daß die Inseln eben an wichtigen Handelsrouten lagen und daher als Stütz-
punkte und Unterbrechungsplätze für die Kauffahrer nützlich waren. So mögen auch die
relativ häufigen Erwähnungen von Lebensmitteln, Vieh und Wasser zu erklären sein. Insge-
samt wird hier vieles offen bleiben müssen, aber die politischen und militärischen Beeinträch-
tigungen der Inseln der Ägäis während 1081 und 1204 scheinen doch so groß gewesen zu sein,
daß – vielleicht mit Ausnahme einiger weniger [132] größerer Inseln – der Gesamtzustand
des Archipels eher als schlecht bezeichnet werden kann, was besonders auf das ausgehende 11.
und das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts zutreffen dürfte40.
Eine genaue statistische Erfassung der Städte innerhalb des weiteren Umkreises des Schwar-
zen Meeres ist im Rahmen dieser Arbeit nicht besonders sinnvoll, da einmal mit Ausnahme
Edrisis, auf dessen Angaben ebenfalls nicht allzuviel Verlaß ist1, kaum für den Handel wich-
tige Quellen existieren und zum anderen die italienischen Handelsherren während des 12.
Jahrhunderts das Schwarze Meer überhaupt nicht betreten zu haben scheinen. Andererseits
ist eine – wenngleich zweifellos nur rudimentäre – Behandlung auch des Schwarzmeerraumes
notwendig, und sei es nur zur Abrundung und Vervollständigung der Handelsorte in den
anderen Teilen des Reiches.
Die für den Handel wichtigsten Städte am Schwarzen Meer dürften wohl an der kleinasi-
atischen Küste Herakleia und Trapezunt gewesen sein, auf der Krim vor allem Matracha.
Darüber hinaus liefen durch das Schwarze Meer die Haupthandelsrouten nach Norden:
von Konstantinopel nach Südrußland und den Don hinauf, sowie nach Osten: zu den immer
noch wichtigen Handelsstädten in Khazarien und von dort weiter in den Osten2. Matracha
galt, wenn wir Edrisi glauben dürfen, als altes Zentrum eines Gebietes mit reicher Agrikultur
und Weinanbau und scheint auch in politischer Hinsicht bedeutend gewesen zu sein3. Ob es
byzantinischer Souveränität unterstanden hat, ist nicht mehr eindeutig zu klären, wahrschein-
lich genoß es eher den Status einer halbunabhängigen Macht4 Ähnlich bedeutend scheint
auch Russia [134] gewesen zu sein, das ebenfalls in einem reichen und dicht bevölkerten
Ackerbaugebiet gelegen zu haben scheint5.
Auf der kleinasiatischen Seite ist vor allem Trapezunt zu nennen, das – ebenfalls laut
Edrisi – noch im 12. Jahrhundert einer der großen Handelsmittelpunkte zwischen Griechen
und Mohammedanern gewesen ist und darüber hinaus Zugang zum Kaukasus bot6.
Bedeutsam war auch das pontische Herakleia, das einen regen Handelsaustausch mit dem
in acht Tagesreisen Entfernung gelegenen Konstantinopel unterhielt7. Andere Plätze mit leb-
1
Mit wenigen Ausnahmen (z. B. Oinoie, Trapezunt, Herakleia, Matracha) scheint Edrisi wenig von den
Schwarzmeerhäfen zu wissen, und es häufen sich wieder die üblichen Topoi: schöne Stadt am Meer, bevöl-
kert, fruchtbar, lebhafter Handel u. ä., was bisweilen an eine Ausschmückung durch den Autor denken
läßt, der seine dürftigen Vorlagen so etwas interessanter zu machen hoffte.
2
Zu dem Schwarzen Meer allgemein cf. BRATIANU, La Mer Noire; DERS., Recherches sur le Commerce
Genois; NYSTAZOPOULOU-PÉLÉKIDIS, Venise et la Mer Noire; LAMPSIDIS, La Mer Noire Byzan-
tine; VERLINDEN, Le Commerce en Mer Noire; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 238f.; zu den Khaza-
ren cf. DUNLOP, Khazars; EDRISI J. S. 402; zur Chersones cf. auch JACOBSON, Srednevelovji
Chersones.
3
EDRISI J. S. 394f., 400.
4
Cf. LITAVRIN, A propos de Tmutorokan (dort auch Diskussion des ganzen Problems und weiterführen-
de Literatur)
5
EDRISI J. S. 400; zur Krim und ihren Beziehungen mit Rußland etc. cf. auch OBOLENSKY, The Crimea
and the North
6
EDRISI J. S. 393; cf. allgemein auch JANSSENS, Trebizonde en Colchide.
98 Kapitel VII
hafter Handelstätigkeit sind Kerasus8, Oinoie9, Bona10 und Sinope gewesen. In Amastris
scheint es Viehzucht gegeben zu haben11. Doch trotz dieser, zuweilen stereotyp anmutenden
Eigenschaften, über die wir fast ausnahmslos nur durch Edrisi unterrichtet werden, ist das
kleinasiatische Küstengebiet während des 12. Jahrhunderts in nicht uneingeschränkt gutem
Zustand gewesen. Zu Ende des 11. Jahrhunderts hatten die Seldschuken auch diese Provinzen
des byzantinischen Reiches größtenteils überrannt, während die nachfolgende byzantinische
Rückeroberung nicht weit in das Landesinnere vorgedrungen zu sein scheint. Städte wie Al-
bara12, Ankara13 oder Castamuni14 blieben umkämpft und wechselten häufig [135] ihre Be-
sitzer, andere wie Amaseia15, Sebasteia und Neokaisareia16 hatten aufgrund ihrer Lage im
Grenzgebiet zwischen Griechen und Seldschuken ebenfalls einen Rückgang früheren Ein-
flusses hinzunehmen .
Aber auch die Küstenstädte blieben von türkischen Überfällen nicht verschont. So
wurde Oinoie um die Mitte des Jahrhunderts zeitweise von Seldschuken gehalten17, ebenso
wie Sinope18 und Damalis am Ende des 11. Jahrhunderts19.
Zwar blieb die Grenze im großen und ganzen während des 12. Jahrhunderts unverän-
dert, aber sie war nicht fest, auch wenn Byzanz bisweilen versuchte, einzelne Städte zu befe-
stigen20. Das Reich gebot hier nur über einen eher schmalen Küstenstreifen, und die Land-
verbindung mit Konstantinopel war häufig unterbrochen, was sicher mit ein Grund dafür
gewesen ist, daß beispielsweise Trapezunt im Laufe des 12. Jahrhunderts eine wachsende
Unabhängigkeit von Konstantinopel gewinnen und erhalten konnte: in gewisser Hinsicht
7
NIKEPHOROS BRYENNIOS S. 93f.; auch TOMASCHEK, Kleinasien S. 128; VRYONIS, Decline S.
14.
8
EDRISI J. S. 393: groß, bedeutend mit lebhafter Handelstätigkeit, wohl auch als Flottenstützpunkt wich-
tig; cf. auch TOMASCHEK, Kleinasien S. 80.
9
EDRISI J. S. 393: blühende Seestadt inmitten eines fruchtbaren Territoriums, wichtig auch als Ausrü-
stungsplatz der byzantinischen Kriegsflotte; cf. auch TOMASCHEK, Kleinasien S. 80; CARILE, Partitio
S. 237.
10
EDRISI J. S. 393: kleine blühende Stadt inmitten eines großen und fruchtbaren Territoriums; cf. auch
TOMASCHEK, Kleinasien S. 80.
11
Darauf deutet zumindest EDRISI J. S. 392 hin, wenn er sagt, daß der größte Teil der Einwohner von
Amastris ein nomadisierendes Leben führte. Dieser Hinweis könnte für die Existenz einer intensiven
Viehzucht sprechen, die den arabischen Geographen vielleicht an Nomaden denken ließ.
12
MICHAEL DER SYRER III. S. 233.
13
Zu Ankara allgemein in dieser Zeit cf. WITTEK, Angora.
14
THEODOROS PRODROMOS Nr. III-X, S. 191–251; MICHAEL DER SYRER III. S. 233f.;
ABULFARADJ S. 257; cf. auch AHRWEILER, Forteresses S. 185.
15
Cf. TIVCEV, Cités S. 180.
16
Zu Sebasteia und Neokaisareia (Niksar) cf. VRYONIS, Decline S. 158f.
17
Cf. VRYONIS, Decline S. 16If.
18
ANNA KOMNENE VI. 9, S. 64; allgemein cf. auch CARILE, Partitio S. 237.
19
ANNA KOMNENE VI. 12, S. 75.
20
So wurde Gangra von Johannes II. befestigt, cf. AHRWEILER, Forteresses S. 185.
Die Küstengebiete des Schwarzen Meeres 99
eine Vorwegnahme seiner späteren Existenz als Zentrum eines eigenen, souveränen Kaiser-
reiches21.
Auch die Schwarzmeerprovinzen südlich der Donau blieben von feindlichen Einfällen
nicht verschont, die allerdings 1122 zum größten Teil endeten. Die Zerschlagung der Pet-
schenegen durch Alexios 1091 und Johannes 1122 bescherte diesen Landstrichen eine rela-
tive Ruhe, die erst in den letzten Jahren des 12. Jahrhunderts, als der bulgarische Aufstand
und die Errichtung eines selbständigen bulgarischen Reiches dauernde Kriege mit sich
brachte, ein Ende fand22.
[136] Insgesamt gesehen dürfte das Schwarzmeergebiet für die Italiener nicht uninter-
essant gewesen sein: einmal aufgrund der Möglichkeiten, die es selbst für den Handel bot,
und zum anderen und hauptsächlich als Durchgangsgebiet, über das die Fernhandelsrouten
in den Fernen Osten und nach Rußland führten. Zu fragen ist, ob die Venezianer, Pisaner
und Genuesen die am Schwarzen Meer gelegenen Provinzen für ihren Handel schon wäh-
rend des 12. Jahrhunderts genutzt haben oder nicht.
In den Chrysobullen für Venedig wird das Schwarze Meer nicht erwähnt. In der Partitio
Romaniae werden zwar auch die dortigen Städte und Gebiete angeführt, die an den lateini-
schen Kaiser fallen sollen, doch ist dies allenfalls insofern von Belang, als Venedig offenbar
kein Interesse an eigenen Stützpunkten im Schwarzen Meer gehabt hat. Dies aber war nach
1204 auch nicht mehr notwendig, da die Venezianer aufgrund ihrer Stellung in Konstantino-
pel den gesamten Handelsverkehr von und nach dem einstigen byzantinischen Binnenmeer
kontrollieren konnten. Eigene Stützpunkte in diesem Gebiet waren da nicht mehr erfor-
derlich.
Die Tatsache, daß das Schwarze Meer, sei es als Gesamtgebiet oder auch nur in Teilen, in
den Privilegien für Venedig nicht erwähnt wird, läßt aus sich selbst heraus zwei Möglichkeiten
offen:
1. Die Lagunenstadt war an diesem ganzen Gebiet nicht interessiert und hat sich
aus diesem Grund dort nicht um Stützpunkte bemüht.
2. Die kaiserliche Regierung in Konstantinopel wünschte keine Präsenz veneziani-
scher Kaufleute im Bereich des Schwarzen Meeres, aus was für Gründen auch
immer.
Untersuchen wir zunächst den ersten Punkt: Das völlige Schweigen bzw. Nichtvorhan-
densein venezianischer Handelsurkunden für das Schwarze Meer während des 12. Jahrhun-
21
Zu Trapezunt im 12. Jahrhundert cf. HOFFMANN, Rudimente S. 21–27, 82–85 (dort auch weiterfüh-
rende Literatur); VRYONIS, Decline S. 161.
22
Zu dem Gebiet, vor allem im Zusammenhang mit dem bulgarischen Raum: ANGELOV, Die bulgarischen
Länder; DUJCEV, La Bulgarie Medievale; VOJNOV, Byzance (dies nur eine kleine Auswahl aus der dies-
bezüglichen Literatur); zu dem Quellenwert Edrisis für Bulgarien cf. NEDKOV, Bulgarija; zu einzelnen
Städten in dem Gebiet: VELKOV, Bizye; GJUZELEV, Die mittelalterliche Stadt Mesembria; KON-
STANTINIDIS, Mesembria.
100 Kapitel VII
derts ist an sich bei der geringen Zahl überkommener Dokumente und aufgrund der Zufäl-
ligkeit ihrer Überlieferung kein Indiz für die Nichtexistenz venezianischen Handels im
Schwarzen Meer. Dennoch ist es in diesem Fall für uns nicht ganz unwichtig, denn das
Schweigen der Quellen ist nicht absolut. Schon 1206 schließt Petrus de Ferragudo [137] in
Konstantinopel mit Zacharias Stagnarius einen Vertrag über 100 Hyperper ab, um mit diesem
eine Handelsfahrt nach Soldaia auf der Krim zu unternehmen23. Die Familie der Stagnarii
scheint eines der bedeutenderen, zumindest bekannteren, Handelsunternehmen, die sich auf
die Romania konzentrierten, geführt zu haben, es existieren zahlreiche Dokumente für Han-
delsfahrten von verschiedenen Mitgliedern der Sippe, nicht zuletzt auch des genannten Za-
charias. Dies bezeugt eigentlich ein gewisses Interesse venezianischer Handelsherren am
Schwarzen Meer, zumal es sich nicht um Neulinge gehandelt hat, die eventuell in eine Markt-
lücke hineinstießen, sondern um eine alte, gut eingeführte Familie, die allein schon aus diesem
Grund die Verhältnisse in der Romania genau gekannt haben dürfte. Wenn ein solches Un-
ternehmen unmittelbar nach der Eroberung Konstantinopels und einer einigermaßenen Be-
ruhigung der Verhältnisse Geld in den Schwarzmeerhandel investiert hat, d. h. unmittelbar
nachdem der Zugang zu diesem Meer frei geworden war, ist dies ein sicheres Indiz für ein
grundsätzliches Interesse der venezianischen Kaufleute an den Möglichkeiten des Schwarzen
Meeres, und das wohl auch schon im 12. Jahrhundert.
Es bleibt die zweite Möglichkeit: das Verbot des Kaisers. An sich muß die Nichterwäh-
nung einer Stadt oder Region nicht unbedingt bedeuten, daß der Zugang verboten gewesen
ist. Auch Halmyros in Thessalien oder Adramyttion in Kleinasien werden nicht in den Pri-
vilegien von 1198 aufgeführt, und doch sind Handelsfahrten zu diesen beiden Städten über-
liefert, Halmyros war darüber hinaus einer der Hauptstützpunkte der Venezianer im ganzen
byzantinischen Reich. Andererseits kann eine Nichterwähnung durchaus auch ein Zugangs-
verbot bedeuten, wie das Beispiel Theben, allerdings mit Einschränkungen, beweist: Wir
haben in den Privilegien für Genua kein Verbot genuesischen Handels in Theben, aber in
den Gesandtschaftsinstruktionen von 1172/73 wird dennoch freier Handel für die Genue-
sen in Theben gefordert: habeant facultatem ... etiam [138] exercendi negociationem panno-
rum sete apud Stivam sicut veneti soliti erant24, was bedeutet, daß – auch ohne ein geschrie-
benes Verbot innerhalb der Verträge – der Zugang bzw. der freie Handel in bestimmten
Orten und Gegenden und mit bestimmten Waren untersagt worden ist, und zwar auch
nicht immer allen westlichen Kaufleuten gleichzeitig, sondern zum Teil nach Herkunftsor-
ten unterschiedlich. So läßt die Nichterwähnung des Schwarzen Meeres in den Privilegien,
verbunden mit dem Schweigen der Quellen, den Schluß auf ein generelles Handelsverbot für
23
MdRD Nr. 478 (Mai 1206) Kpl.: in taxegio in Mari Maiore usque ad Soldadea und zurück nach Konstan-
tinopel; zu Soldaia cf. jetzt NYSTAZOPOULOU, Sougdaia; zum Interesse der Venezianer am Schwarzen
Meer nach 1204 cf. auch SCIUGAEVSKY, Monete veneziane ... scoperte nell’ Ucraina.
24
IMPERIALE, Codice II. S. 115 Anm.
Die Küstengebiete des Schwarzen Meeres 101
Venedig innerhalb des Schwarzen Meees zu25. Für Pisa ist aufgrund der schlechten Quellen-
lage keine sichere Aussage zu machen, jedoch könnte die Form des genuesischen Antrags auf
Zulassung zu dem Hafen von Matracha darauf hinweisen, daß auch die Pisaner nicht im
Schwarzen Meer Handel treiben durften, denn im allgemeinen weisen die genuesischen In-
struktionen auf solche Dinge hin: Der Botschafter soll versuchen, mindestens die gleichen
Rechte wie die Pisaner oder sogar Venezianer zu erreichen, auch in Einzelfällen, die zum Teil
genau spezifiziert werden, so daß auch hier die Nichterwähnung der Pisaner unter Umstän-
den darauf schließen läßt, daß sie gleichfalls nicht im Schwarzen Meer gewesen sind, zumin-
dest nicht im 12. Jahrhundert. Freilich ist dies nur ein argumentum e silentio, etwas Endgül-
tiges läßt sich aufgrund der bekannten Quellen nicht sagen.
Schwieriger liegen die Dinge im Fall von Genua. Der genuesische Gesandte erbat im
Namen seiner Stadt wiederum den Zugang zu Matracha, einer Stadt auf der Halbinsel
Kertsch am Eingang des [139] Asow’schen Meerbusens, denn Manuel hatte 1169 den
Genuesen ausdrücklich den Handel mit Matracha und Russia verboten26. Diese Stelle ist
häufig in der Literatur diskutiert worden, wobei die Hauptprobleme sind, ob die Namen
Matracha und Russia nun auf die beiden Orte selbst zu beziehen sind27, oder ob es sich um
ein pars pro toto für das Schwarze Meer bzw. die See von Asow handelt28. Jedoch scheinen
die Quellen eher gegen die zweite Interpretation zu sprechen: Genua fordert nur den Zu-
gang zu Matracha. Das bedeutet, methodisch gesehen, daß die Stadt an Russia nicht inter-
essiert war oder aber es zumindest für weniger wichtig als Matracha hielt. Hier kann man
dann aber nicht mehr Russia mit dem Schwarzen Meer und Matracha mit dem Meer von
Asow gleichsetzen, denn die Fahrt nach Matracha ist nur über das Schwarze Meer hin mög-
lich. Daß die Genuesen aber allein an Matracha (bzw. dem Asow’sehen Meerbusen) – ohne
Berücksichtigung anderer Orte: wie etwa Trapezunt oder Herakleia – interessiert waren,
scheint doch unwahrscheinlich zu sein. Und warum – eine etwas theoretische Frage – hat
25
Im Gegensatz hierzu nimmt MARTIN, First Venetians passim an, daß das Schwarze Meer den Venezian-
ern offen gestanden habe, Venedig aber ohne Interesse gewesen sei. Jedoch scheint die von Martin für die
Anwesenheit von venezianischen Kaufleuten in Kiev herangezogene Quelle mir nicht verläßlich genug zu
sein, um eine solche Hypothese zu tragen, ganz abgesehen von den Schwierigkeiten der chronologischen
Fixierung, die Martin zu wenig berücksichtigt. Aber selbst wenn es Venezianer in Kiev gegeben haben
sollte, so beweist dies noch nicht die grundsätzliche Anwesenheit venezianischer Kaufleute im Schwarzen
Meer. Auch ist das parallele Problem der genuesischen Präsenz in diesem Raum nicht ausreichend behan-
delt worden. Dennoch muß natürlich zugegeben werden, daß die Quellenlage zu dem Problem insgesamt
gesehen so schlecht ist, daß eine etwaige Anwesenheit von Venezianern im Schwarzmeerraum auch nicht
mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden kann.
26
IMPERIALE, Codice II. S. 112: habeant autem et licentiam genuensium naves negociari in omnibus usque-
quoque regionibus absque rossia et matracha nisi forte sequenter contingat quod et hoc permittitur eis ab impe-
rio eius; cf. auch DÖLGER, Regesten Nr. 1488.
27
Cf. z. B. DÖLGER, Regesten Nr. 1488: "in allen Häfen außer Rußland und Matracha"; zur Identifizierung
von Matracha cf. HEYD, Commerce I. S. 206f.
28
Der Hauptvertreter dieser Ansicht dürfte BRATIANU sein, cf. La Mer Noire S. 175f.; Diskussion auch bei
LITAVRIN, A propos de Tmutorokan.
102 Kapitel VII
Byzanz dann nicht konkret das Schwarze Meer in seiner Gesamtheit genannt, statt sich auf
eine – immerhin in einer offiziellen und damit "einklagbaren" Urkunde – so komplizierte
und zweideutige Aussage einzulassen? Aus diesen Überlegungen heraus dürfte die pars-pro-
toto-Theorie eher unwahrscheinlich sein. Keine Rolle spielt es, ob Matracha und auch Rus-
sia byzantinisch oder aber halbunabhängige Klientelstädte waren29, denn solange Byzanz
den Bosporos kontrollierte, war es jederzeit in der Lage, Genua gegenüber alle seine Wün-
sche durchzusetzen, gleichgültig ob sie nun byzantinisches oder außerbyzantinisches Terri-
torium betrafen. Eine endgültige Entscheidung über die Gleichsetzungen beider Orte mit
den beiden Meeren ist allerdings nur möglich, wenn es gelingt, auch nur eine einzige genu-
esische Schiffsexpedition im [140] Schwarzen Meer nachzuweisen. Ein solcher Nachweis ist
bisher nicht erbracht worden. Zwar erwähnen die genuesischen Gesandtschaftsinstruktio-
nen das Schiff eines Villanus Gauxonus, das bei Citrillus Schiffbruch erlitt und von den
Küstenbewohnern aufgebracht und ausgeplündert wurde, wofür der genuesische Gesandte
Grimaldi 1174 Schadensersatz fordern sollte30. Dieser Ort ist von Schaube mit dem Dorf
Kidrillis an der Donaumündung gleichgesetzt worden31. Jedoch ist diese Lokalisierung, von
Schaube ohne weitere Belege angegeben, äußerst zweifelhaft, zumal weitere Quellen fehlen
und der Ort Citrillus im 12. Jahrhundert weiter nicht bekannt ist. Desimoni hat denn auch
Citrillus mit der Insel Cerigo in Verbindung gebracht, ein Zeichen für die Unsicherheit, mit
der solche Identifizierungen, die sich nicht auf weitere Quellen stützen können, behaftet
sind32. Solange die Identifizierung von Citrillus mit Kidrillis nicht durch weitere Quellen
abgesichert werden kann, sondern sich nur auf eine – vielleicht zufällige – Ähnlichkeit des
Namens stützt, ist sie als Beweis für die Anwesenheit von Genuesen im Schwarzen Meer
während des 12. Jahrhunderts unbrauchbar.
Ein anderes genuesisches Schiff ist allerdings mit einiger Wahrscheinlichkeit im
Schwarzen Meer nachweisbar. Auch hier sind die genuesischen Gesandtschaftsinstruktio-
nen unsere einzige Quelle. Der Gesandte soll Schadensersatz für ein von Kumanen gekaper-
tes Fahrzeug fordern33. Daß das Schiff von Kumanen aufgebracht wurde, spricht sehr dafür,
daß es im Schwarzen Meer operierte, doch [141] ist dieser Fall für unser Problem unerheb-
29
Hierzu cf. die Zusammenfassung der Diskussion bei LITAVRIN, A propos de Tmutorokan.
30
IMPERIALE, Codice II. S. 211: navis Villani Gauxoni, que infra sinum imperii per homines suos apud Ci-
trillum, dum scopulis adhesisset, exhonerata fuit et pecunia tota contra ius et pium dispersa. BERTOLOTTO,
Documenti S. 370: ... a nave Villani Gauxoni que apud citrillum naufragium passa est, sed greci homines
habuerunt qui impie naufragos contra ius et pium bonis que secum habebant expoliare minime dubitarunt.
Der Wert des Schiffes samt Ladung betrug insgesamt 23.216 Hyperper.
31
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 238f.
32
DESIMONI, Memoria sui quartieri S. 157 Anm. 2; in einer späteren Arbeit hat Desimoni auch ein Cetrici
in Bulgarien in der Nähe der Donaumündung angegeben (ohne Verbindung mit Citrillus), was Schaubes
Lokalisierung gefördert haben mag. (DESIMONI, Nuovi Studi S. 245).
33
IMPERIALE, Codice II. S. 217f. Anm. 1, Instruktionen für Grimaldi: Marchio Landola perdidit in servi-
cium imperatoris Willelmum Cocoadum fratrem suum cum galea que capta fuit a Comanis apud Paradoni-
cum et ibi combusta cum hominibus.
Die Küstengebiete des Schwarzen Meeres 103
lich, da es sich eigens um eine Fahrt in servicium imperatoris gehandelt hat. Es ist mithin
nicht ein gewöhnliches Kauffahrteischiff gewesen, sondern allem Anschein nach ein genu-
esisches Soldschiff der kaiserlichen Kriegsmarine, auf das die für normale genuesische Händ-
ler geltenden Bestimmungen ohnehin nicht anwendbar waren.
Man kann mithin sagen, daß das Schwarze Meer, ebenso wie die See von Asow, nicht nur
den Venezianern, sondern höchstwahrscheinlich auch den Genuesen und Pisanern verschlos-
sen gewesen ist, freilich ohne daß ein solches Zugangsverbot in den Verträgen zwischen By-
zanz und Genua, Venedig und Pisa schriftlich fixiert worden ist. Warum dieses Schweigen
gerade im Fall der Genuesen für Matracha (und Russia) durchbrochen worden ist, läßt sich
nur noch hypothetisch klären. Denkbar ist, daß die Genuesen – trotz der oben vorgetragenen
Bedenken – nicht den Zugang zum gesamten Schwarzen Meer gefordert haben, sondern nur
die Erlaubnis, die Route nach Matracha benutzen zu dürfen, die wahrscheinlich besonders
interessant zu sein schien, da sie über Matracha hinaus den Handelsweg nach Osten nördlich
des Kaspischen Meeres auf dem Nordstrang der früheren Seidenstraße eröffnete. In späteren
Jahrhunderten lag hier ja auch das Schwergewicht des genuesischen Handels im Schwarzmeer-
raum mit den Kolonien Kaffa und Tana34. In dem Augenblick aber, als Genua den Zugang zu
Matracha offiziell forderte, konnte Byzanz nicht einfach mehr stillschweigend den genuesi-
schen Handel untersagen, sondern war gleichfalls zu einer "offiziellen" Erklärung gezwungen.
Daß es auch noch Russia in das Verbot miteinbezogen hat, mag aus dem Bedürfnis zu erklären
sein, klare Verhältnisse zu schaffen. Bemerkenswert ist, daß das Verbot nicht für alle Zeiten
galt, sondern daß der Kaiser immerhin die Möglichkeit einer späteren Erlaubnis – oder auch
nur punktuellen Zugangsfreiheit – offenließ. Die Verhandlungen blieben also nicht für alle
Zeiten defensiv abgeschlossen. Vielleicht hat Manuel hier einen Verhandlungsgegenstand
gesehen, der sich später nutzbringend einsetzen ließ, auch wenn es [142] im 12. Jahrhundert
nicht mehr dazu gekommen zu sein scheint35.
Ebenso geht aus dem Gesagten aber hervor, daß das ausdrückliche Verbot der Fahrt nach
Matracha und Russia nicht bedeutet, daß die anderen Teile des Schwarzen Meeres den Genu-
esen nun offengestanden hätten. Sie scheinen Genua, wie auch Pisa und Venedig, weiterhin
verschlossen geblieben zu sein.
Warum aber durften die Italiener nicht in das Schwarze Meer? Auch hier sind leider nur
Hypothesen möglich:
1. Byzanz verbot den Zugang, weil es für seine eigene Schifffahrt ein gewisses
Reservat behalten wollte, in dem die griechischen Kaufleute mit keiner über-
mächtigen auswärtigen Konkurrenz zu kämpfen hatten.
34
Zu den Genuesen im Schwarzen Meer cf. jetzt BALARD, Romanie génoise bes. S. 130–162; DERS., Les
Génois en Crimée ; freilich haben sich infolge des Entstehens des Reiches der Goldenen Horde auch die
Verhältnisse in diesem Raum weitgehend geändert, so daß eine Gleichsetzung mit den ökonomischen
Bedingungen des 12. Jahrhunderts nicht ohne weiteres möglich ist.
35
Cf. das Zitat oben Anm. 26.
104 Kapitel VII
2. Die Verhältnisse nördlich des Schwarzen Meeres im 11. und 12. Jahrhundert
waren außerordentlich diffizil: Russen, Petschenegen, Kumanen, dazu die
halbunabhängigen Kleinstaaten auf der Krim und der benachbarten Halbinsel
Kertsch konnten unter Umständen zu einer ernsthaften Bedrohung für das
griechische Kaiserreich werden36. Es mag sein, daß Byzanz keine weitere Kom-
plizierung der Verhältnisse durch die Anwesenheit italienischer Kaufleute
wollte, die unter Umständen Partei ergreifen oder auch gegen die byzantini-
schen Interessen agieren konnten, und deshalb den Zugang verbot.
2. Die Stellung Konstantinopels. Solange die Italiener nicht direkt in das
Schwarze Meer gelangen konnten, waren sie gezwungen, Konstantinopel
anzulaufen und dort ihre Geschäfte zu tätigen. Bei einer freien Durchfahrt
wäre diese für die byzantinische Hauptstadt außerordentlich günstige Stellung
beeinträchtigt worden, ganz abgesehen davon, daß auch eine etwaige Überwa-
chung und Reglementierung der Italiener und ihres Handels erschwert wor-
den wäre. [142]
Der angeführte Punkt eins dürfte unwahrscheinlich sein, da die Venezianer 1082 bei weitem
noch nicht so stark in der Romania vertreten waren, daß sie eine Bedrohung für die griechi-
sche Handelsschiffahrt hätten darstellen können. Abgesehen davon war das Schwarze Meer
für den byzantinischen Handel im 11. Jahrhundert noch nicht so wichtig, wie etwa später im
13. und 14. Jahrhundert, vor allem nach dem Aufstieg Trapezunts und der Entstehung des
mongolischen Reiches der Goldenen Horde, die zeitweilig den Weg nach Persien und vor
allem China öffnete.
Der Punkt zwei scheint schon eher wahrscheinlich zu sein, denn zur Zeit der Erteilung
des Chrysobulls von 1082 hatte Byzanz schwer mit den Petschenegen zu kämpfen. Erst nach
der Schlacht von Levunion 1091 und der endgültigen Vernichtung des Stammes 1122 war
diese Gefahr beseitigt, allerdings nur, um von den Kumanen abgelöst zu werden. Es mag tat-
sächlich so sein, daß Byzanz aus politischen Gründen heraus hier keine fremden Eindringlinge
wollte, die seine Politik gefährden oder beeinträchtigen konnten.
Am wichtigsten dürfte jedoch der dritte Punkt sein: die Stellung Konstantinopels. Auch
wenn die Venezianer kein Kommerkion zahlten, so sind doch ihre Anwesenheit, ihre Kauf-
kraft und ihre Bedürfnisse bei einem längeren Aufenthalt in Konstantinopel von großem
Wert für die Stadt gewesen, ganz zu schweigen davon, daß eine möglichst zentrale und starke
Stellung Konstantinopels für die Kaiser äußerst wünschenswert sein mußte, stellte sie doch
36
Man vergleiche nur die schon im 10. Jahrhundert im De Administrando Imperio von Konstantin VII. Por-
phyrogennetos empfohlenen Maßregeln und Vorsichtsmaßnahmen gegenüber diesen Völkern, um einen
Eindruck von der Bedrohung zu bekommen, die die Byzantiner ihnen gegenüber empfanden. Zu den Ver-
hältnissen im 12. Jahrhundert cf. auch SOLOVIEV, Domination byzantine ou russe S. 569ff.; FRANCES,
Relations russo-byzantines; JUREWICZ, Beziehungen zwischen Byzanz und Rußland (dies nur eine Aus-
wahl).
Die Küstengebiete des Schwarzen Meeres 105
ein Element der Stabilität in dem verzweigten Reich der Komnenen mit seinen Separations-
tendenzen dar37. Außerdem dürfte die Erleichterung der Überwachung der Ausländer und
ihres Handels – ein Relikt der mittelbyzantinischen Epoche – für die Kaiser ein sehr er-
wünschtes Nebenprodukt dieser erzwungenen Anwesenheit gewesen sein. Deshalb also wohl
dieses Verbot, auch wenn es nicht expressis verbis ausgesprochen oder schriftlich fixiert wor-
den zu sein scheint. Es war zudem leicht zu überwachen, da Byzanz mit den Meerengen den
einzigen Zugang fest in der Hand hielt. So blieb das Schwarze Meer in der Zeit der Komnenen
und Angeloi im wesentlichen ein byzantinisches Binnenmeer, in dem der Handel auswärti-
[144] ger Kaufleute nur sehr spärlich anzutreffen war38, mit den genannten Folgen für die
Bedeutung Konstantinopels und die byzantinischen Einflußmöglichkeiten in Südrußland
und nördlich des Kaukasus. Erst nach 1204 gelang es den Venezianern, ihren Handel auch auf
das Schwarze Meer auszudehnen und – zusammen mit den Genuesen – im Laufe der näch-
sten Jahrhunderte auch diese See dem italienischen Fernhandel zu erschließen.
37
Cf. hierzu unten S. 241f.
38
Abgesehen von den Genuesen gab es allerdings auch andere ausländische Händler im Schwarzen Meer. So
berichtet NIKETAS CHONIATES S. 528f. von türkischen Kaufleuten, die Alexios III. ihrer Habe berau-
ben ließ. Allerdings dürften sie in keinem Falle eine Bedrohung der byzantinischen Vorherrschaft darge-
stellt haben, ebensowenig wie die sicher vertretenen russischen Händler, die von Kiev herabkamen und von
denen wir so gut wie überhaupt nichts wissen, zumindest nicht in der Zeit des 12. Jahrhunderts; zu dem
russisch-byzantinischen Handel im 12. Jahrhundert cf. auch MONGAJT, Staraja Rjazan S. 154ff.
KAPITEL VIII DER WESTEN UND SÜDWESTEN KLEINASIENS
Einzelne Orte
Abydos
In allen Privilegien für Venedig erwähnt; 1204 fiel das Gebiet zwischen Konstantinopel und
Abydos an den Kaiser; in dem Privileg Isaaks von 1187 (DÖLGER, Regesten Nr. 1578) wer-
den Venezianer erwähnt, die in dem Gebiet zwischen Konstantinopel und Adrianopel im
Norden, Philadelpheia im Süden und Abydos im Westen vom Kaiser bei einem feindlichen
Angriff zu Hilfeleistungen herangezogen werden können.
In Abydos existierte eine größere venezianische Kolonie1, die auch eine eigene Kirche, die
des Beatus Nicolaus de Abido, besaß (MdRD Nr. 382 (Juli 1190) Venedig, wird Marcus Alba-
ni, ein Presbyter dieser Kirche, erwähnt). Erhalten sind mehrere Urkunden über eine Fahrt
des Romanus Mairano zwischen April und Juni 1190 von Tyrus über Abydos nach Konstan-
tinopel (MdRD Nr. 381 (April 1190) Tyrus, der Vertrag bezieht sich auf eine Fahrt von Ty-
rus nach Abydos oder Konstantinopel), sowie von dort entweder direkt zurück nach Syrien
oder aber erst nach Halmyros bzw. Kitros und dann zurück nach Syrien oder alternativ nach
Konstantinopel (Gegenurkunden: MdRD Nr. 383, 385, 386, 387 (alle Juli 1190) Konstan-
tinopel)2.
Die besondere Bedeutung von Abydos lag in seiner geographischen Position an den Dar-
danellen (EDRISI J. S. 302; erwähnt auch bei BENJAMIN VON TUDELA S. 11), wo es als
Zollstation diente und gleichzeitig als eine Art Sperrfort. 1110 drang eine Flotte von [146]
Pisanern, Genuesen und Lombarden in die Dardanellen ein und kam bis Abydos, wo die By-
zantiner angeblich fünf Schiffe kapern konnten (ANNA KOMNENE IX. 3, S. 165f.). Später
konnten die Seldschuken noch einmal bis Abydos vordringen (ANNA KOMNENE XIV. 5,
S. 166). Allerdings war die Sperre der Dardanellen nicht immer wirkungsvoll, wie die wieder-
holten normannischen Vorstöße bis ins Marmarameer hinein beweisen (1149 und 1157).
Sogar einzelne Schiffe konnten sie durchbrechen, wie das Beispiel des Romanus Mairano
zeigt, der 1171 nach der Gefangennahme der Venezianer in Byzanz mit seinem Schiff Totus
Mundus aus Konstantinopel entkommen konnte, bei Abydos den Angriff einer byzantini-
schen Wachflotte abwehrte und nach Syrien floh (KINNAMOS S. 283; NIKETAS CHONI-
ATES S. 172). 1194 beklagte sich Isaak II. Angelos bei Pisa über pisanische Piratenangriffe vor
1
Cf. HEYD, Commerce I S. 243; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 239; cf. auch CARILE, Partitio S. 239.
2
Möglicherweise mit Abydos zu identifizieren ist eine Nachricht in den genuesischen Gesandtschaftsin-
struktionen für Ottobono della Croce, wo es heißt (IMPERIALE, Codice III. Nr. 77 S. 197 vom Jahre
1202), daß der Ducca de civitate Avei ein genuesisches Schiff, das auf der Flucht vor einem pisanischen
Korsaren dort Schutz gesucht hatte, widerrechtlich beschlagnahmt habe. Der Gesandte soll die Restituie-
rung des Schiffes mitsamt seiner Ladung fordern; zu der Gleichsetzung Aveum – Abydos cf. DESIMONI,
Nuovi Studi S. 227; sowie DERS., Memoria sui quartieri S. 157 Anm. 2. Zu beweisen ist diese Identifizie-
rung allerdings nicht.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 107
Abydos (MÜLLER, Documenti Nr. 41 (Sept. 1195) Kpl.); s. auch DÖLGER, Regesten Nr.
1618 (Sept. 1194).
Kommentar: Obwohl Abydos in allen venezianischen Privilegien aufgezählt wird, lag seine
Bedeutung mehr in seiner Position an den Dardanellen auf dem Weg von und nach Konstan-
tinopel als in eigener Handelstätigkeit. Es dürfte aber sicher auch häufig angefahren worden
sein, wie die Existenz einer eigenen Niederlassung mit Kirche beweist. Die Stadt erscheint
allerdings nur ein einziges Mal in den Dokumenten, zweifellos weil sie zumeist eben nur als
Zwischenstation auf dem Weg nach Konstantinopel in Erscheinung trat und daher nicht
eigens erwähnt wurde, deshalb die geringe Zahl von Erwähnungen in den Handelsurkunden,
die – abgesehen von den grundsätzlichen Schwierigkeiten einer solchen statistischen Erhe-
bung – in diesem Fall besonders wenig für die Rolle von Abydos auszusagen hat.
Adramyttion
Zuerst im Privileg von 1198 erwähnt, 1204 fiel die Stadt an den lateinischen Kaiser.
In den venezianischen Dokumenten zweimal erwähnt. 1153 schließt Romanus Mairano
einen Vertrag für eine Fahrt von Konstantinopel nach Adramyttion ab, und 1169 wird eine
Fahrt von Konstantinopel nach Adramyttion und zurück erwähnt (MdRD Nr. 132 (Mai
1158) Kpl. und Nr. 213 (Aug. 1169) Kpl.). Auch Genuesen und Pisaner sind in dem Ort
nachweisbar: 1174 hat der genuesische Gesandte Grimaldi [147] für den Genuesen Nicola
Boiamundi 150 Hyperper zu fordern, die diesem der byzantinische Gouverneur Adramytti-
ons abgenommen hatte: mementote petere ... CI quos ipse perdidit in navi sua ad Andelmitam
quam cepit duca eiusdem loci (IMPERIALE, Codice II. Nr. 95, S. 218 Anm.)3. Ebenfalls in
Adramyttion scheint sich ein Zweig der pisanischen Familie der Aldobrandini niedergelassen
zu haben, die später zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Attaleia eine eigene Herrschaft errich-
teten4.
EDRISI (J. S. 303) bezeichnet die Stadt als sehr stark befestigte und sichere Zufluchts-
stätte. Sie war eine der Stationen des französischen Kreuzheeres während des Zweiten Kreuz-
zuges (ODO VON DEUIL S. 102). Zur Zeit des Alexios wurde Adramyttion völlig von den
Seldschuken zerstört, aber der Kaiser ließ die Stadt wieder aufbauen und neu besiedeln, so daß
die vor der Zerstörung volkreiche Stadt ihr früheres Niveau bald wieder erreicht haben soll
(ANNA KOMNENE XIV. 1, S. 143). Auch in den folgenden Jahren war Adramyttion Ziel
seldschukischer Angriffe (ANNA KOMNENE XIV. 5, S. 165f.). Unter Manuel hatte die
ganze Region (vor 1165) eine schwere Plünderung durch die Seldschuken zu erleiden, bis sie –
und auch Adramyttion – durch den Kaiser mit starken Befestigungen versehen wurde, was die
Lage der Bevölkerung und den Bodenertrag entscheidend verbesserte, nach NIKETAS
3
SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 239; allerdings irrt Schaube, wenn er auch das Schiff des Ugo Botinus
nach Adramyttion fahren läßt, diese Fahrt ging nach Halmyros (GIOVANNI SCRIBA Nr. 224 (30. Juli
1157)): sana eunte ad Almiro navi; allgemein cf. auch CARILE, Partitio S. 243.
4
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 69.
108 Kapitel VIII
CHONIATES S. 149f. "die beste aller Maßnahmen Manuels"5. Dennoch konnten auch diese
Befestigungsanlagen nicht verhindern, daß Adramyttion 1196 oder 1197 schwer von genuesi-
schen Piraten geplündert wurde, so daß das Land sich schließlich entvölkerte6.
Kommentar: Adramyttion scheint – im Rahmen Kleinasiens gesehen – eine der wichtigsten
Handelsstädte gewesen zu sein, wie die Anwesenheit sowohl von Venezianern als auch Genue-
sen und Pisanern nahelegt. Was gehandelt wurde, ist allerdings nicht mehr feststellbar. Es
scheint, als ob es sich hauptsächlich um Küstenschiffahrt von und nach Konstantinopel ge-
handelt hat, wie die beiden erhaltenen venezianischen Urkunden vermuten lassen, und [148]
nicht um Fernhandel (aus den genuesischen Instruktionen geht leider nichts hervor). Aller-
dings lag die Stadt auf dem großen Flottenweg von Konstantinopel die kleinasiatische Küste
entlang nach Syrien und ist wahrscheinlich ein Halteplatz dieser Flotten gewesen, aber eben –
zumindest im Vergleich mit den großen Balkanhäfen wie Korinth, Halmyros oder gar Kon-
stantinopel – kein eigenes Handelszentrum7. Dafür fehlte das Hinterland oder besser gesagt:
Das Hinterland Adramyttions dürfte, mehr noch als die befestigte Hafenstadt selbst, unter
seldschukischen Einfällen gelitten haben. Von den Plünderungen der Seldschuken zur Zeit
des Alexios I. scheint Adramyttion sich relativ schnell wieder erholt zu haben, wie die Quellen
bezeugen. Erst zu Ende des 12. Jahrhunderts brach die wirtschaftliche Struktur zusammen,
und die Bevölkerung wanderte in sicherere Gegenden ab.
Amorion
Nach EDRISI (J. S. 301, 306 eine seit alters her bedeutende und berühmte Stadt, umgeben
von einer Mauer mit vierzig Türmen. Bedeutendes Verkehrszentrum8.
Anemorion (Stalimyro)
Kleine Stadt an der Südküste Kleinasiens. Beim Dritten Kreuzzug war Anemorion 1191 eine
Station des französischen Königs Philipp- August auf seiner Rückreise aus Syrien: deinde venit
ad villam bonam quae dicitur Stamere in qua nobilis abbatia Griffonum est (ROGER VON
HOVEDEN S. 157)9. [149]
5
Cf. AHRWEILER, Forteresses S. 188.
6
Cf. BRAND, Byzantium S. 214; VRYONIS, Decline S. 146f.
7
MdRD Nr. 213 (August 1169) Kpl.: Das Schiff soll nach Adramyttion gehen und für die Rückfahrt auf die
von Syrien kommende Flotte warten, um mit ihr nach Konstantinopel zurückzufahren, ein Zeichen so-
wohl für die Unsicherheit selbst dieser Gewässer, aber eben auch ein Beweis, daß Adramyttion von der
Flotte angefahren worden ist.
8
Ob dies noch für das 12. Jahrhundert zutrifft, scheint zweifelhaft zu sein. Möglicherweise bezieht sich
Edrisi auf frühere Quellen, die Erwähnung der vierzig Türme scheint darauf hinzudeuten. Amorion war
eine bedeutende und berühmte Stadt gewesen, doch hatte sie nach der arabischen Eroberung von 838 nie
mehr an ihre frühere Blüte anknüpfen können, cf. OSTROGORSKY, Geschichte S. 175
9
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 59; unter der nobilis abbatia Griffonum ist ein griechisches Kloster zu
verstehen.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 109
Apollonias
Erwähnt in dem Privileg von 1198.
Zu Zeiten Alexios’ I. wurde die Stadt von den Seldschuken angegriffen und geplündert
(ANNA KOMNENE VI. 13, S. 79f.; XIV. 5, S. 165). Apollonias war zeitweise Sitz eines
seldschukischen Machthabers12.
Attaleia
In sämtlichen Privilegien für Venedig angeführt, in der Partitio Romaniae wird es nicht mehr
erwähnt.
Die Stadt wird einmal in venezianischen Dokumenten genannt: MdRD Nr. 90 (Mai
1147) Akkon, als Marinus Michael an Petrus Aurio ein vademonium von 100 bisancii staurati
für eine Fahrt nach Ägypten und weiter nach Syrien gab, die in Akkon zurückgegeben werden
[150] sollten13. Des weiteren führt der genuesische Notar Giovanni Scriba 1156 eine Urkun-
de an für eine Fahrt nach Satalia et inde ubi maior pars hominum ligni in quo vadit concorda-
bitur ire (GIOVANNI SCRIBA Nr. 342 (24. 8. 1156)). Ein anderes genuesisches Schiff wur-
de widerrechtlich von dem byzantinischen Gouverneur der Stadt ausgeplündert, wie die In-
struktionen für Grimaldi ausführen: item mementote petere ppos CCCC quos dux de Satalie
filius megatriarche iniuste et violenter abstulit Idoni Hallono et sociis (IMPERIALE, Codice II.
Nr. 96 S. 215, Anm. 2). Ähnliche Forderungen wurden für Facio Decibilis (Facio Decibilis
abstulit Loganastinus de Satalia libram unam perperorum quam et petatis, IMPERIALE,
10
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 55f.
11
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 58.
12
Cf. VRYONIS, Decline S. 44.
13
Ob man mit absoluter Sicherheit das Sitalia der Urkunde mit Attaleia identifizieren kann, scheint mir
zweifelhaft zu sein. Allerdings ist die Ähnlichkeit des häufiger bezeugten Satalia zu Sitalia doch so groß, daß
die Identifizierung eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hat.
110 Kapitel VIII
Codice II. S. 216 Anm.) und Rodoanus de Mauro und Genossen gestellt (Pro Rodoano de
Mauro ... ac ceteris sociis quos Churrus Andronicus (der in denselben Instruktionen auch als
Herr von Rhodos bezeichnet wird) de Satalia abstulit in navi eorum quam cepit apud Sataliam
et petiam vermeioni et paria XI ciminilium propria Rodoani , IMPERIALE, Codice II. S. 213,
Anm.)14.
Auch Pisaner scheinen sich in der Stadt aufgehalten zu haben, denn zu Beginn des 13.
Jahrhunderts gelang es einem gewissen Aldobrandinos, laut NIKETAS CHONIATES S. 639
ein Abkömmling Pisas, wenn auch fast völlig gräzisiert, für kürzere Zeit eine eigene Herrschaft
in Attaleia aufzubauen, was unter Umständen auf die Existenz einer kleinen pisanischen Ko-
lonie schließen lassen könnte, die ihn unterstützt hat, eine allerdings sehr vage Annahme15.
Nach EDRISI (J. S. 134) war Attaleia eine der Hauptstationen auf dem Weg von Syrien
nach Konstantinopel, die Stadt besaß einen vorzüglichen Hafen und lag innerhalb weiter
fruchtbarer Felder16. NIKETAS CHONIATES (S. 37, 262) zufolge war sie eine der brillan-
testen Städte des Reiches17. Allerdings scheinen nicht alle Schiffe die Stadt angelaufen zu
haben, wie der Bericht SAEWULFS (S. 51) nahelegt, der auf seinem Weg von Antiochetta
nach Rhodos den Golf von Attaleia zur Rechten ließ: tractus civitatis [151] Satali nos fere
devorasset. Der Golf galt für die Schiffahrt als gefährlich, so daß man ihn bisweilen gerade
nicht aufsuchte, sondern einfach vorbeifuhr (FULCHER III. 57, S. 807; III. 59, S. 811).
Schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts ging hier ein genuesisches Schiff unter, das angeblich
zwölf Säulen aus dem Palast des Judas Maccabaeus von dem gerade eroberten Jerusalem nach
Genua brachte (LIBERATIO ORIENTIS S. 121). Andere Reisende scheinen allerdings von
Syrien zu Schiff nach Attaleia gekommen zu sein, um die Reise weiter nach Konstantinopel
dann über Land fortzusetzen, wie etwa die byzantinischen Gesandten von 1112 nach Syrien
und Palästina, die auf diesem Weg nach Konstantinopel zurückkehrten (ANNA KOMNE-
NE XIV. 2, S. 154). WILHELM VON TYRUS (XV. 19, S. 688) bezeichnet Attaleia als urbs
maxima in littore maris sita, provinciae Pamphyliae metropolis. Schwierigkeiten gibt dagegen
der politische Status der Stadt auf, die – zumindest zeitweise – nicht eindeutig unter
byzantinischer Kontrolle gewesen zu sein scheint: Est autem Attalia civitas in littore maris sita,
imperatoris Constantinopolitani (subiecta) imperio, agrum habens opimum, et tamen civibus suis
inutilem, nam angustiantibus eos undique hostibus, nec permittentibus agrorum cultui vacare,
iacet ager infructiosus, dum non est qui exercendo fecunditatem possit procurare; alias tamen
multas habens commoditates, gratum se solet praebere hospitibus, nam aquas emanans perspicuas
et salutares, pomeriis est obsita fructiferis, situ placens amoenissimo; traiectarum tamen frugum et
per mare devectarum solet habere copias, et transeuntibus sufficientem ciborum eorum non volens
14
Zu den Genuesen in Attaleia cf. auch SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 220f.
15
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 69.
16
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 53; VRYONIS, Decline S. 13.
17
Cf. TIVCEV, Cités S. 156.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 111
indesinenter sustinere molestias, facta est eis tributaria, per hoc necessariorum cum hostibus ha-
bens commercium. Hanc nostri, idiomatis Graeci non habentes peritium, corrupto vocabulo Sata-
liam appellant (WILHELM VON TYRUS XVI. 26, S. 750f., bei Gelegenheit des Zweiten
Kreuzzugs). In den vierziger Jahren erstreckte sich das byzantinische Territorium de jure zwar
bis nach Antiocheia, de facto aber scheint es schon im Bereich von Attaleia arg durchlöchert
gewesen zu sein, wenn die Bewohner der Stadt sich nicht auf das Vorland hinauswagten und
den Türken Tribut zahlen mußten. Auch der Zweite Kreuzzug zeigt, wie unsicher die byzanti-
nische Herrschaft in diesem Gebiet war (zu den Franzosen in Attaleia s. ODO VON DEUIL
S. 123ff.). Zwar hatte schon Alexios I. die Stadt für Byzanz zurückgewonnen18, aber die
Kämpfe setzten sich sowohl [152] während seiner Regierungszeit (ANNA KOMNENE XI.
9, S. 40; XIV. 1, S. 142) als auch unter seinem Sohn Johannes II. fort (KINNAMOS S. 7).
Nach dem Tod Manuels mußte Attaleia 1182 eine schwere seldschukische Belagerung hin-
nehmen (NIKETAS CHONIATES S. 262)19, um dann 1207 endgültig an die Seldschuken
zu fallen20.
Kommentar: Attaleia scheint für die exponierten Plätze des byzantinischen Reiches ein fast
typischer Fall zu sein. Zwar an sich durchaus byzantinisch, ist die Stadt aufgrund ihrer isolier-
ten Lage gezwungen, sich mit den Seldschuken zu arrangieren, um ihre Weiterexistenz zu si-
chern. Allerdings verhalf dieselbe geographische Lage – in diesem Fall als Zwischenstation auf
der Fahrt von Syrien nach Konstantinopel und umgekehrt – der Stadt doch zu einer relativen
Blüte, die ihr eine solche Existenz erträglich machen konnte. Ob das wirtschaftliche Potential
der Stadt tatsächlich so groß war, daß sie auch ohne diese Position einen Anreiz für die italie-
nischen Kaufleute hätte bieten können, sei dahingestellt. Aus den italienischen Urkunden
geht es jedenfalls nicht hervor, denn bei jeder einzelnen ist es ohne weiteres möglich, Attaleia
nur als eine Station auf der Fahrt von und nach Syrien anzusehen. Sehr deutlich ist dies im
Fall der genuesischen Fahrt von 1156, wo die Reise bis nach Attaleia festgelegt wird. Dort soll
die Mannschaft offensichtlich entscheiden, welches Ziel lohnender ist: Syrien oder Byzanz,
und sich dementsprechend dorthin begeben. Auch die Übergriffe des byzantinischen Gouver-
neurs können sich durchaus gegen Fahrzeuge gerichtet haben, die nur Station in dem Hafen
machten, und Ähnliches gilt im Falle der venezianischen Urkunde. Der Bericht Wilhelms von
Tyrus spricht ebenfalls nur für ein begrenztes Handelsvolumen, eben um die Existenz der
Stadt zu sichern. Ob die Lage sich in den späteren Jah-[153]ren Manuels zum Besseren ge-
18
Cf. AHRWEILER, Forteresses S. 185.
19
Cf. VRYONIS, Decline S. 152; 1192 war die Stadt noch in sicherem byzantinischem Besitz, wie der Be-
richt des ROGER VON HOVEDEN S. 157 anläßlich der Rückreise des französischen Königs Philipp-
August von Syrien nach Frankreich zeigt: Satalia castellum est optimum ... Satalia nova, quod Manuel
imperator Constantinopolis firmavit. Es lag allerdings isoliert, die byzantinisch· seldschukische Grenze
verlief in dieser Zeit weiter im Westen hinter Patara: Deinde transivit juxta montem excelsum valde qui
dicitur Turkie, qui dividit terram imperatoris Constantinopolis a terra Soldani de Yconio. Et exinde incipit
Romania, quae etiam Graecia dicitur (ROGER VON HOVEDEN S. 159).
20
Zu der Herrschaft Aldobrandinos’ cf. HOFFMANN, Rudimente S. 69ff.
112 Kapitel VIII
wendet hat, ist aufgrund der Quellenlage nicht mehr zu ermitteln, die schwere Belagerung von
1182 spricht eher dagegen, da die Seldschuken anscheinend ohne größeren Widerstand bis
zur Stadt hin vorstoßen konnten, obwohl die desolaten Verhältnisse des Reiches gerade 1182
einen solchen Angriff natürlich besonders begünstigten. In der Angeloizeit lockerten die Kon-
takte sich dann noch mehr, die Verselbständigung der Stadt unter Aldobrandino(s) war die
logische Folge, ebenso wie bald darauf die endgültige Eroberung durch die Seldschuken, denn
für eine völlig von Byzanz losgelöste und selbständige Existenz war die wirtschaftliche Potenz
der Stadt doch zu schwach.
Chonai
Im Grenzgebiet zwischen Byzantinern und Seldschuken gelegen, allerdings weiter innerhalb
des byzantinischen Gebiets als etwa Choma und etwas sicherer (NIKETAS CHONIATES S.
191). Chonai galt als lokales Handelszentrum, besucht von Christen und Türken; ca. 1189/
1190 fiel die Stadt an die Seldschuken21. Zur Zeit des Dritten Kreuzzugs war sie seldschukisch,
bei der ersten Erhebung des Mankaphas 1189 anscheinend noch byzantinisch (ANSBERT S.
75; NIKETAS CHONIATES S. 194)22.
Dorylaion
Die Ritter des Ersten Kreuzzugs hatten bei Dorylaion eine große Schlacht mit den Seldschu-
ken zu bestehen (ANNA KOMNENE XI. 3, S. 18f.)23. In den letzten Jahren des Alexios
konnten auch die Byzantiner hier einen Sieg an ihre Fahnen heften (ANNA KOMNENE
XV. 3, S. 198). Die Stadt selbst lag in Trümmern und war offensichtlich unbewohnt, bis es
Manuel gelang, die Nomaden aus der Gegend hinauszudrängen und die Festung neu aufzu-
bauen (NIKETAS CHONIATES S. 176)24. Nach der Niederlage von Myriokephalon 1176
war die [154] Schleifung Dorylaions einer der Vertragspunkte zwischen Manuel und Kilidsch
Arslan. Der Kaiser erfüllte diese Forderung trotz anfänglicher Zusage jedoch nicht, die Fe-
stung blieb byzantinisch25, fiel aber nach Manuels Tod bald an die Seldschuken zurück26. In
wirtschaftlicher Hinsicht dürfte Dorylaion unbedeutend gewesen sein, zumal das Gebiet den
überwiegenden Teil des 12. Jahrhunderts von Nomaden bevölkert worden ist, die die byzan-
tinische Oberhoheit nur sehr bedingt, wenn überhaupt, anerkannt haben dürften.
21 Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 99; TIVCEV, Cités S. 170; VRYONIS, Decline S. 222; DERS., Noma-
dization S. 56f.; WITTEK, Toponymie S. 26ff.
22
Cf. EICKHOFF, Barbarossa S. 106.
23
Cf. RUNCIMAN, Crusades I. S. 184ff.
24
Cf. AHRWEILER, Forteresses S. 186; VRYONIS, Nomadization S. 46; WIRTH, Kaiser Manuel und die
Ostgrenze S. 21 ff.
25
Cf. LILIE, Myriokephalon S. 26Sf.
26
Cf. WITTEK, Toponymie S. 37f.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 113
Ephesos
Erwähnt in den ersten Privilegien für Venedig (unter dem Namen Theologos), jedoch nicht
mehr in dem Chrysobull von 1198 und auch nicht in der Partitio Romaniae27.
Obschon erwähnt in dem Privileg von 1082 und demzufolge wohl für wichtig gehalten,
wird Ephesos weder in den venezianischen noch in den genuesischen oder pisanischen
Quellen erwähnt. DANIEL (S. 6) meinte, daß die Stadt Überfluß an allen Dingen hätte, doch
könnte sich diese Meinung auch auf die sehr fruchtbare Umgebung beziehen (ODO VON
DEUIL S. 108). EDRISI (J. S. 299f., 303) kennt die Stadt, aber zu seiner Zeit liegt sie in
Ruinen, eine Aussage, die von ODO VON DEUIL (S. 102) bestätigt wird28. Immerhin
existierte in der Komnenenzeit ein Hafen, denn Konrad fuhr von Ephesos zu Schiff nach
Konstantinopel, als er 1147 die Truppen des französischen Kreuzheeres verließ (WILHELM
VON TYRUS XVI. 23, S. 745). Daß Ephesos von Wilhelm von Tyrus bei dieser Gelegenheit
als Ephesus eiusdem Asiae (i. e. die Provinz Asia) metropolis bezeichnet wird, hat nicht viel zu
besagen, da es sich entweder auf den Rang als Bischofsstadt bezieht oder auf die berühmte
Vergangenheit von Ephesos. Zu Ende des 11. Jahrhunderts war die Stadt türkisch, und ein
seldschukischer Machthaber residierte dort (ANNA KOMNENE XI. [155] 5, S. 23)29.
Alexios konnte Ephesos zurückerobern (ANNA KOMNENE XI. 5, S. 26), aber zumindest
bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts scheinen Seldschuken in der Nähe geblieben zu sein, wenn
auch vielleicht nur kleinere Gruppen, von denen ODO VON DEUIL (S. 108) berichtet.
Kommentar: Ephesos scheint im 12. Jahrhundert in wirtschaftlicher Hinsicht keine Rolle
mehr gespielt zu haben, was möglicherweise mit der Versandung des Hafens zu tun gehabt
haben mag30. Die Stadt wird weder in den italienischen Quellen, die sich mit Handel befassen,
erwähnt, noch erscheint sonst irgendwo eine diesbezügliche Notiz. Ob die Türken, die zur
Zeit des Alexios und Manuels dort erwähnt werden, später vertrieben werden konnten, geht
aus den Quellen nicht hervor. Das einzige, was Ephesos im 12. Jahrhundert aus der Reihe der
anderen Küstenstädte Kleinasiens heraushebt, ist seine große Vergangenheit und seine frühere
religiöse Bedeutung. Von seiner – auch in der früheren byzantinischen Zeit noch bedeuten-
den – Rolle als Handelsstadt31 scheint in der Komnenenzeit nichts übrig geblieben zu sein.
27
In der Partitio Romaniae wird allerdings die gesamte Gegend von Magnesia, Sardeis, Smyrna, Philadelpheia
und Ephesos ausgelassen, cf. OIKONOMIDES, Décomposition S. 19.
28
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 32–36.
29
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 44.
30
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 34.
31
Cf. LILIE, Reaktion S. 223, 348; zu Ephesos allgemein cf. FOSS, Ephesus after antiquity (zun 12. Jahrhun-
dert cf. bes. S. 121–131).
114 Kapitel VIII
Klaudiopolis
Nach der Niederlage von Myriokephalon wurde die Stadt, die eigentlich tief innerhalb des
byzantinischen Territoriums lag, 1180 von den Seldschuken angegriffen und konnte nur
durch den persönlichen Einsatz des Kaisers entsetzt werden (NIKETAS CHONIATES S.
197)34. Nach 1185 wurde die Gegend noch einmal von den türkischen Nomaden angegriffen
(MICHAEL DER SYRER III. S. 402: Claudia).
Kurikos
Unter Alexios I. wurde der in Trümmern liegende Ort neu aufgebaut und befestigt, vor allem
gegen die Normannen von Antiocheia (ANNA KOMNENE XI. 10, S. 46f.). In den dreißiger
Jahren des 12. Jahrhunderts gehörte Kurikos zeitweise zu Antiocheia, später wieder zu By-
zanz35 und dann schließlich zum Königreich Kleinarmenien36. Die Stadt wird auch von BEN-
JAMIN VON TUDELA (S. 14) erwähnt, jedoch ohne nähere Angaben37. Gegen Ende des
12. Jahrhunderts lag sie in Trümmern, wie ROGER VON HOVEDEN (S. 156) bezeugt: et
ibi est civitas magna deserta quae similiter dicitur Curck (i. e. Corycus-Kurikos).
Laodikeia
In den Privilegien nicht erwähnt; das 1193 erwähnte Laodikeia bezieht sich auf die bekannte
Stadt in Nordsyrien38. In der Partitio Romaniae werden Laodikeia und das Maiandertal dem
Kaiser zugesprochen.
32
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 82; AHRWEILER, Forteresses S. 184.
33
PETRUS VENERABILIS, Briefe Bd. I. Nr. 75, S. 208f.: Der Abt von Cluny bittet Kaiser Johannes, den
Lateinern ein Kloster im Gebiet von Civitot zu restituieren, das ihnen von Kaiser Alexios geschenkt und
der Jurisdiktion von Cluny unterstellt worden sei, jetzt aber von fremden Mönchen besetzt gehalten werde:
Cluniacenso monasterio ... monasterium iuxta ipsam regiam civitatem quod Civitoth vocatur, dedit, et in
perpetuum abbatis Cluniacensis et prioris de Karitate obaedientiae subiecit. Quod nostris aut mortuis aut
recedentibus aut expulsis alieni monachi invaserunt ... Ob Johannes der Bitte willfahren hat, ist nicht be-
kannt. Möglicherweise ist das Kloster anläßlich oder als Folge des Ersten Kreuzzugs den Lateinern über-
eignet worden (ähnlichen Inhalts Nr. 76, S. 209f. an den Patriarchen von Konstantinopel; cf. auch den
Kommentar Bd. II. S. 148f. und App. I. S. 293).
34
Cf. WIRTH, Klaudiopolis S. 68ff.
35
Cf. LILIE (1993) S. 105ff.
36
Cf. HELLENKEMPER, Burgen S. 243.
37
Cf. AHRWEILER, Forteresses S. 185; VRYONIS, Decline S. I62f.
38
Diesem Irrtum sind schon TAFEL–THOMAS S. 272 Anm. 4 erlegen, denen fast alle anderen gefolgt sind;
cf. oben Kap. II; cf. auch CARILE, Partitio S. 245.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 115
Nachdem es in den Jahren nach Mantzikert an die Seldschuken gefallen war, wurde Lao-
dikeia zur Zeit des Ersten Kreuzzugs von den Byzantinern zurückerobert (ANNA KOMNE-
NE XI. 5, S. 27). Allerdings [157] blieb die Stadt nie sicherer byzantinischer Besitz, sondern
hatte sich fast unausgesetzt gegen türkische Nomaden zu wehren. 1119 mußte Johannes II.
Laodikeia wieder für Byzanz zurückgewinnen und ließ es mit einem Mauerring umgeben39.
Die Stadt war eine Insel, umgeben von Seldschuken (WILHELM VON TYRUS XVI. 24, S.
747; ODO VON DEUIL S. 112 (anläßlich des Zweiten Kreuzzugs)). Erwähnt wird die Stadt
auch von EDRISI (J. S. 310)40. 1190 war sie die letzte byzantinische Station des deutschen
Kreuzheeres (ANSBERT S. 75; HISTORIA PEREGRINORUM S. 155; NIKETAS CHO-
NIATES S. 412)41.
Lopadion
Im Privileg von 1198 aufgeführt. In der Partitio Romaniae nicht erwähnt, da in dem Gebiet
südlich des Harmarameeres und der Dardanellen gelegen, das von der Aufteilung nicht erfaßt
wurde42.
Nach EDRISI (J. S. 306, 311f.) eine bedeutende Stadt mit einigen Märkten und Gebäu-
den. Lopadion lag an einem Fluß, der auch von großen Schiffen befahren werden konnte. Die
Stadt unterhielt Handelsverkehr mit Konstantinopel und lag inmitten von kultiviertem Ge-
biet (Gärten, Weinberge etc.).
Besonders wichtig war die militärische Bedeutung Lopadions, das die Straße von Nikaia
nach Adramyttion beherrschte und einer der Schlüsselpunkte Bithyniens gewesen zu sein
scheint43. In den letzten Jahren des Alexios war die Stadt zweimal Ziel seldschukischer An-
griffe (ANNA KOMNENE XIV. 5, S. 165f.; XV. 1, S. 188ff.), bis Johannes II. die Seldschu-
ken weiter zurücktrieb44. Kaiser Manuel ließ Lopadions Befestigungen im Zuge der Sicherung
der kleinasiatischen Provinzen stark ausbauen45. [158]
Maiandertal
Aufgeführt im Privileg von 1198.
Das Tal des Maiander im Westen Kleinasiens gehörte zweifellos zu den fruchtbarsten
Regionen der Halbinsel mit vielen Städten, deren wichtigste Philadelpheia war, und mit einer
zahlreichen Bevölkerung. Von Handel mit dem Westen ist jedoch nichts bekannt, nur das
39
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 45; AHRWEILER, Forteresses S. 185; WITTEK, Toponymie S. 26ff.
40
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 98.
41
Cf. EICKHOFF, Barbarossa S. 101.
42
Cf. OIKONOMIDES, Décomposition S. 18ff
43
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. I2f.
44
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 45.
45
Cf. AHRWEILER, Forteresses S. 185, 188.
116 Kapitel VIII
Kloster des Hl. Johannes auf Patmos hat anscheinend Handelsaustausch mit seinen Besitzun-
gen im Maiandertal betrieben46.
Die Region war häufig Ziel seldschukischer Angriffe, so kämpfte hier beispielsweise 1147
das französische Kreuzheer mit Seldschuken, die nach ODO VON DEULI (S. 108) von grie-
chischen Führern angeleitet wurden. Nach Myriokephalon erfolgte ein großer türkischer Ein-
fall mit angeblich 24.000 Mann unter Führung eines Atabeks, der nur mit Mühe zurückge-
schlagen werden konnte (NIKETAS CHONIATES S. 192f.)47. Während der Regierungszeit
Isaaks II. Angelos wurde Philadelpheia und mit ihm die Maianderregion Zentrum eines eige-
nen kleinen Staatswesens unter Theodoros Mankaphas (mit Unterbrechungen ab 1189), das
sich bis in das Jahr 1205 halten konnte, ehe es Theodoros Laskaris unterlag und Teil des Rei-
ches von Nikaia wurde48.
Makri
Nach DANIEL (S. 6f.), der Makri auf seiner Pilgerfahrt nach Palästina besuchte, produzierte
das Gebiet um die Stadt schwarzen Weihrauch, der, von Bäumen gewonnen und in Lederfla-
schen verpackt, an die Händler verkauft wurde. Von Kontakten mit italienischen Handelsher-
ren ist allerdings nichts bekannt. Laut SAEWULF (S. 33) lag die Stadt in Trümmern49.[159]
Melangeia (Melagina)
In der Partitio Romaniae dem Teil des Kaisers zugeschlagen.
Die Stadt war besonders wichtig wegen der großen Stallunqen und Pferdeweiden der
byzantinischen Armee, die um sie herum lagen (EDRISI J. S. 306)50. In der Regierungszeit
Manuels wurde sie neu befestigt51.
Milet
Obwohl in der Antike eine berühmte und bedeutende Hafenstadt, scheint Milet in der Kom-
nenenzeit keine Rolle mehr gespielt zu haben. Die Stadt findet kaum Erwähnung in den Quel-
len52.
Myra
Zu Beginn des 12. Jahrhunderts war die Stadt türkisch, wie der Bericht der TRANSLATIO
NICOLAI (S. 259) zeigt. Es sollen sich zu diesem Zeitpunkt mehr als 500 Türken dort auf-
46
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 36; CARILE, Partitio S. 245f.
47
Cf. AHRWEILER, Smyrna S. 6.
48
Genaueres bei HOFFMANN, Rudimente S. 66–67; BRAND, Byzantium S. 85ff., 187f., 244.
49
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 43f.; möglicherweise ist der Bericht Saevulfs aber trotz der Namens-
ähnlichkeit nicht auf Makri, sondern auf die Insel Makronesos zu beziehen, wobei diese Insel wohl an der
kleinasiatischen Küste bei Patara zu lokalisieren sein dürfte, nicht aber mit dem vor Attika liegenden
Makronesos identisch ist.
50 Cf. RAMSAY, Geography S. 16, 202.
51
Cf. AHRWEILER, Forteresses S. 186; VRYONIS, Nomadization S. 45.
52
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 36f.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 117
gehalten haben. Erwähnt wird Myra auch von EDRISI (J. S. 134), jedoch ohne nähere Anga-
ben53.
Kommentar: Als Handelsort war Myra anscheinend ohne Belang, jedenfalls wird es nicht
weiter erwähnt. Wenn SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 220, eine häufige Anwesenheit von
Venezianern und auch Barensern in der Stadt annimmt, so ist dies ein Mißverständnis der
Intention der Translatio Nicolai. Der hl. Nicolaus war schon – zumindest behaupteten dies
die Barenser – 1087 nach Bari überführt worden. Wenn Venedig nun dreizehn Jahre später
ebenfalls Anspruch auf seinen Körper erhob, so mußte dies automatisch mit einer Verneinung
der Ansprüche Baris einhergehen, und das ließ sich am besten bewerkstelligen, wenn sogar
Barenser bei dieser zweiten Translation anwesend waren. Da diese allein zu auffällig gewesen
wären, wurde die Reihe der teilnehmenden Nationen dann weiter aufgefüllt: So sollen Graeci,
Ungari, Theutonici, Daci, Anglici, Galli, Italici, Barenses et Pisani dabei gewesen sein. Von
allen diesen Völkern sind nur die Griechen – als Einwohner – und die [160] Pisaner – als
Gefangene des kürzlich stattgefundenen Rencontres bei Rhodos – wahrscheinlich, der Rest
aber wohl freie Erfindung des Autors54.
Nikaia
Nicht in den Privilegien für Venedig erwähnt, es existieren auch keine Belege für Handel mit
dem Westen.
Nach EDRISI (J. S. 302) war die Stadt, die an einem See lag, sehr stark befestigt und gut
bevölkert. Nikaia lieferte Gemüse nach Konstantinopel.
Nach Mantzikert an die Seldschuken gefallen, wurde Nikaia für kurze Zeit Sitz des Sul-
tans, ehe es durch den Ersten Kreuzzug wieder an die Byzantiner fiel55. Die Stadt hatte einen
weiteren Angriff der Seldschuken in den ersten Jahren des 12. Jahrhunderts zu überstehen
(ANNA ΚOMΝΕΝΕ XIV. 5, S. 168f.)56. Weiter ist nichts Besonderes zu vermelden, abgese-
hen davon, daß die Herrschaft des Andronikos von Nikaia, wie übrigens auch von Lopadion
und Prusa, nicht anerkannt wurde, so daß die Stadt mit Waffengewalt unterworfen werden
mußte (NIKETAS CHONIATES S. 244f.; EUSTATHIOS S. 56).
53
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 48.
54
Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, daß die Translatio unmittelbar vor dem Bericht der Auffin-
dung des Heiligen erwähnt, daß auch die Barenser Reliquien aus Myra mitgenommen hätten. Aber eben
nur einige und nicht die richtigen. Wenn sie nun bei der venezianischen Auffindung des "richtigen" Nico-
laus dabei sind, so beweisen sie dadurch schlagend die Echtheit des venezianischen Reliquienfundes.
55
Cf. RUNCIMAN, Crusades I. S. 173–183.
56
Die von WILHELM VON TYRUS VI. 12, S. 253f. kolportierte Nachricht, daß Alexios, nachdem er die
(falsche) Nachricht von der Vernichtung der Kreuzfahrer in Antiocheia erhalten habe, alle Gebiete
Kleinasiens, die er dank der Hilfe des Ersten Kreuzzugs zurückgewonnen hätte, verwüstet und geräumt
haben soll, ist als gegen Byzanz gerichtete Propaganda zu verwerfen, cf. LILIE (1993) S. 53ff..
118 Kapitel VIII
Nikomedeia
Im Privileg von 1198 erwähnt, 1204 fiel Nikomedeia an den Kaiser.
Die Quellen über die Bedeutung der Stadt sind widersprüchlich. Während WILHELM
VON TYRUS (II. 21, S. 105) die Stadt als die größte [161] Metropolis der Provinz Bithynien
bezeichnet, kennen ODO VON DEUIL (S. 38) und EDRISI (J. S. 299) sie nur als in Ruinen.
Vor dem Ersten Kreuzzug war Nikomedeia zeitweilig seldschukisch (ANNA KOMNE-
NE VI. 10, S. 79), und auch in den letzten Jahren des Alexios hatte der Kaiser hier einen tür-
kischen Angriff abzuwehren (ANNA KOMNENE XV. 1, S. 188). Zeitweise scheint die Stadt
ihre Hauptbedeutung allein als Militärlager gehabt zu haben (ANNA KOMNENE VIII. 3, S.
135)57, obwohl die Erwähnung im Privileg von 1198 zumindest eine wirtschaftliche Bedeu-
tung suggeriert, wenn auch vielleicht nur als brauchbarer Platz für das Übersetzen von Kon-
stantinopel nach Kleinasien. Während der Usurpation des Andronikos verweigerte auch
Nikomedeia, wie überhaupt die ganze Region, dem Prätendenten die Gefolgschaft (NIKE-
TAS CHONIATES S. 245) . Von einer späteren Strafaktion ist allerdings nichts bekannt.
Palormo
Aus dem Jahre 1132 ist das Testament des Venezianers Heinricus Iustus erhalten (ZUSTO
Nr. 10 (Juli 1132)) Palormo, das auch eine Aufzeichnung seiner Güter enthält, u. a. Baum-
wolle, Indigo, Rohr, Leinen etc. Allerdings ist die Lokalisierung des in der Urkunde genann-
ten Palormo äußerst problematisch, da außer dem am Marmarameer gelegenen Ort noch
weitere gleichen Namens in Achaia, Kleinasien und auf Skopelos, Tenos und Mykonos
existieren. Welcher von diesen Orten in Frage kommt, ist mangels weiterer Angaben nicht
mehr zu entscheiden. Ebensowenig können wir sagen, ob es in der Stadt, gleichgültig wo sie
nun gelegen haben mag, regelmäßigen Handel mit Italienern gegeben hat. Heinricus Iustus
mag auch auf der Vorbeifahrt gestorben sein, wonach seine Begleiter Palormo als nächstgele-
genen Ort aufsuchten, um dort in Ruhe und Sicherheit die notwendigen Formalitäten abzu-
wickeln58. Das am Marmarameer gelegene Palormo mag vielleicht wahrscheinlicher sein, da es
in der Nähe Konstantinopels lag und so unter Umständen auf der Fahrt dorthin leicht ange-
laufen werden konnte. Aber [162] auch das ist nur Hypothese.
Paschia (Pasequia)
In den Instruktionen für den genuesischen Gesandten Grimaldi wird das Schiff eines gewissen
Lanfrancius Grancius genannt, das im Hafen von Paschia (an der Südküste des Marmaramee-
res gelegen59) ausgeraubt und weggenommen wurde. Täter waren Pisaner im Dienst des Kai-
57
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. II; TIVCEV, Cités S. 156.
58
Der Herausgeber von ZUSTO Nr. 10, Lanfranchi, lokalisiert, allerdings mit Vorbehalt, Palormo in Achaia,
also im Balkanraum.
59
Cf. KRETSCHMER, Portolane S. 652; laut DESIMONI, Memoria sui quartieri S. 157 Anm. 2, ist Paschia
mit Abydos zu identifizieren. In den Nuovi Studi S. 227 lokalisiert Desimoni Paschia ebenfalls bei den Dar-
danellen, aber nur in der Nähe von Abydos; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 238, denkt an einen Hafen
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 119
sers: Mementote de navi in qua erant Lanfrancius Grancius et Baldicio de Borgogno qui dum ...
securiter manerent in portu, fraudulenter et dolose, cum descendissent de navi, marinarii Pisani,
qui erant burgenses Constantinopoli et alii Pisani ... fecerunt insultum et violenter navim occu-
paverunt et ceperunt cum honere et etiam quemdam qui cartam imperialem exhibuit, vulnera-
runt ad mortem et cartam ei abstulerunt et cum navi et honere fecerunt profugium. Der Gesamt-
wert des Schiffes und der Ladung betrug 5.365 Hyperper (IMPERIALE, Codice II. S. 216
und Anm.). Das Schiff machte offenbar auf seiner Reise von oder nach Konstantinopel in
Paschia Station, wo es dann überfallen wurde.
Patara
Schauplatz einer angeblichen Seeschlacht zwischen Byzantinern und Pisanern 1099 (ANNA
KOMNENE XI. 10, S. 43)60. DANIEL (S. 7) erwähnt die Stadt, ebenso SAEWULF (S. 33).
ROGER VON HOVEDEN (S. 158) bezeugt für die Zeit des Dritten Kreuzzugs Piraten, die
in der Gegend operierten.
Pegai (Spiga)
Zur Zeit des Dritten Kreuzzugs existierte eine lateinische Kolonie in Pegai, möglicherweise
von den Komnenen dort angesiedelt61, [163] die nach 1204 Balduin nach Bithynien rief
(NIKETAS CHONIATES S. 601); als die Lateiner die Stadt dann eroberten, scheint sie
allerdings zu Theodoros Laskaris gehalten zu haben (NIKETAS CHONIATES S. 641)62.
Pergamon
In den Privilegien nicht erwähnt, 1204 fiel Pergamon an Balduin von Flandern.
Im Zuge der Rückeroberungen nach dem Ersten Kreuzzug wieder an die Byzantiner
gekommen, wurde Pergamon wenige Jahre später Ziel eines seldschukischen Raubzugs
(ANNA KOMNENE XIV. 1, S. 145). Nach einem weiteren seldschukischen Angriff ließ
Kaiser Manuel 1167 die Stadtbefestigungen von Chliara, Pergamon und Adramyttion wie-
derherstellen, was die Verhältnisse stark verbesserte (NIKETAS CHONIATES S. 150)63.
Von etwaigen Handelsbeziehungen Pergamons ist nichts bekannt64.
an der Mündung der Maritza (C. Paxi). Auch in diesem Fall ist, wie schon bei Palormo (s. die vorherige
Anm.) eine eindeutige Lokalisierung nicht mehr möglich.
60
Daß die pisanische Flotte auch Patara angegriffen hätte, wie HEYD, Commerce I. S. 190f., annimmt, geht
aus Anna Komnene nicht hervor.
61
ANSBERT S. 72; HISTORIA PEREGRINORUM S. 152f. ; cf. EICKHOFF, Barbarossa S. 83; TOMA-
SCHEK, Kleinasien S. 94; VRYONIS, Decline S. 218; HEYD, Colonie Bd. I. S. 87f.
62
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 14; ob diese Lateiner nun allerdings Kaufleute waren, wie vermutet wird
(HEYD, Commerce I. S. 243; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 239; TIVCEV, Cités S. 158), geht aus
den Quellen nicht hervor, es könnte sich auch um dort angesiedelte Söldner oder sonstige Lateiner gehan-
delt haben.
63
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 25; AHRWEILER, Forteresses S. 138.
64
Nach TIVCEV, Cités S. 163, wurde dort allerdings Keramik hergestellt. Aber für welche Stadt, egal wann
und wo sie existiert haben mag, gälte das nicht? Zu Pergamon cf. auch GELZER, Pergamon bes. S. 82ff;
120 Kapitel VIII
Philadelpheia
Erwähnt in dem Privileg von 1198.
In den Handelsurkunden des 12. Jahrhunderts findet Philadelpheia keine Erwähnung.
Dennoch scheint die Stadt ein relativ wichtiges, zumindest lokales, Handelszentrum gewesen
zu sein65, in dem sich ab und an auch Italiener, besonders wohl Venezianer aufhielten (NIKE-
TAS CHONIATES S. 420; Chrysobull Isaaks von 1187 für Venedig: TAFEL–THOMAS
Nr. 72, S. 195–203, 199)66. Nach [164] Mantzikert türkisch geworden, wurde Philadelpheia
von den Byzantinern zur Zeit des Ersten Kreuzzugs zurückgewonnen (ANNA KOMNENE
XI. 5, S. 27). Später hatte die Stadt einen Angriff der Seldschuken auszuhalten (ANNA
KOMNENE XIV. 1, S. 145). Die Franzosen des Zweiten Kreuzzugs zogen auf der Straße von
Adramyttion über Philadelpheia nach Ephesos, nach ODO VON DEUIL (S. 102) auf einer
breiten Straße von acht Tagen, auf der es aber nur wenig Lebensmittel gab. In der Komnenen-
und Palaiologenzeit war die Stadt der Amtssitz eines Stratopedarchen und Dux des Themas
Thrakesion67. In den Jahren nach Myriokephalon wurden Stadt und umliegendes Gebiet des
öfteren Ziel seldschukischer Angriffe68; während der Regierungszeit des Andronikos Komne-
nos rebellierte Andronikos Batatzes in Philadelpheia, starb jedoch, bevor er Weiteres erreicht
hatte, woraufhin der Aufstand bald zusammenbrach (NIKETAS CHONIATES S. 263f.).
1189 bemächtigte sich Theodoros Mankaphas der Stadt und errichtete hier ein kleines Impe-
rium, das sich mit Unterbrechungen bis 1204 halten konnte (NIKETAS CHONIATES S.
412; HISTORIA PEREGRINORUM S. 154; ANSBERT S. 73)69.
Philomelion
Kleine Stadt (EDRISI J. S. 310) im Grenzgebiet zwischen Byzantinern und Seldschuken70.
Zur Zeit des Ersten Kreuzzugs besetzte Alexios kurzfristig die Stadt, gab sie aber fast sofort
wieder auf und siedelte die Bevölkerung in sicherere Gebiete um (ANNA [165] KOMNENE
XX. 6, S. 27; XV. 6, S. 213). In den letzten Jahren des Kaisers war das Gebiet um Philomelion
von neuem Schauplatz von Kämpfen zwischen Griechen und Seldschuken (ANNA KOM-
NENE XV. 6, S. 211)71. Der seldschukische Druck scheint sich mehr und mehr verschärft zu
haben, denn 1146 siedelte Manuel die Einwohner nach Pylai um72. Später fiel die Stadt an die
Seldschuken, die sie mit byzantinischen Gefangenen unter Aussetzung der Steuern für fünf
Jahre besiedelten, ein Verfahren, das viele andere Griechen der Region dazu veranlaßte, frei-
willig zu den Türken überzutreten (NIKETAS CHONIATES S. 495)73. Für Industrie oder
Fernhandel haben weder Philomelion noch die anderen Städte der Region während des 12.
Jahrhunderts irgendeine Rolle gespielt.
Phineka-Fluß
Nach 1182 wurde der Fluß einer der Hauptsammelpunkte pisanischer Piraten, die dort ihre
Schlupfwinkel hatten, weshalb er auch Pisanerhafen genannt wurde (ROGER VON HOVE-
DEN S. 158: fluvius ille Winke (i. e. Phineka) similiter dicitur portus Pisanorum, eo quod pira-
tae Pisani portum illum saepius frequentant). Die Gegend war wegen der dauernden Piratenge-
fahr zum Teil verlassen: Et nemo in eis (erg. Chakoiis) habitat propter metum piratarum74.
Phokaia
In den ersten Privilegien aufgeführt, aber nicht mehr 1198 und auch nicht in der Partitio
Romaniae.
Die Stadt wurde im ausgehenden 11. Jahrhundert von Tzachas von Smyrna erobert
(ANNA KOMNENE VII. 8, S. 110) und fiel dann im Rahmen der allgemeinen Rückerobe-
rung der Küste wieder an Byzanz. Von westlichen Händlern scheint Phokaia trotz seiner
Erwähnung in der Chrysobull von 1082 nicht angefahren worden zu sein, es existieren jeden-
falls keinerlei sonstige Quellenhinweise. Ob die Tatsache der Erwähnung im Privileg des
Alexios tatsächlich einen gewissen Handel mit Venedig voraussetzt bzw. begründet, wie
Tomaschek [166] meint75, sei dahingestellt. Vor seinem Aufstieg infolge der Alaunproduk-
tion scheint Phokaia – jedenfalls im 12. Jahrhundert – keine Rolle gespielt zu haben76.
Prusa
Auch Prusa hatte im 11. Jahrhundert das übliche Schicksal zu überstehen: Eroberung durch
die Seldschuken, Rückgewinnung durch Byzanz in der Zeit des ersten Kreuzzugs sowie einen
71
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 44.
72
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 11.
73
Cf. BRAND, Byzantium S. 137.
74
Cf. auch BRAND, Byzantium S. 212f.
75
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 26.
76
Vor dem 13. Jahrhundert scheint Alaun nur von Ägypten exportiert worden zu sein, nicht aber aus Klein-
asien, cf. CAHEN, L'Alun avant Phocée S. 434ff., 438, 443
122 Kapitel VIII
weiteren seldschukischen Raubzug in den ersten Jahren des 12. Jahrhunderts (ANNA KOM-
NENE XIV. 5, S. 165). Von Handelsaktivitäten ist nichts bekannt. Bei der Usurpation des
Andronikos hat Prusa sich gegen den Usurpator gestellt, auch noch nach dessen Einzug in
Konstantinopel, die Stadt mußte mit Waffengewalt unterworfen werden (NIKETAS CHO-
NIATES S. 287ff. ; EUSTATHIOS S. 56).
Pylai
Im Privileg von 1198 aufgeführt.
Stadt am Marmarameer, bekannter Landeplatz für die Überfahrt nach Kleinasien. 1146
siedelte Manuel hierher die Einwohner von Philomelion um77.
Seleukeia (Kilikien)
Erwähnt in dem Chrysobull von 1198.
Unter Alexios I. wurde Seleukeia neu befestigt gegen die Normannen von Antiocheia
(ANNA KOMNENE XI. 10, S. 46). Zur Zeit Johannes’ II. scheint die Stadt – in ihrem
Rahmen – eine relative Blüte erlebt zu haben, wie der Brief eines hebräischen Arztes in
Seleukeia an seine Verwandten in Ägypten vermuten läßt, die er einlädt, ebenfalls in die
Romania zu kommen78. Von Handel und ähnlichem erscheint allerdings nichts in den
Quellen. Immerhin [167] dürfte die Stadt als Grenzort zu den Kreuzfahrerstaaten eine
gewisse Bedeutung besessen haben79.
Smyrna
Weder in den Privilegien noch in der Partitio Romaniae erwähnt, wohl aber in den venezia-
nischen Handelsdokumenten. 1156 führte Romanus Mairano die erste Fahrt von Konstan-
tinopel nach Smyrna durch, zwei weitere Fahrten sind für 1157 belegt. 1158 schlossen Ro-
manus und sein Bruder Samuel in Smyrna einen Vertrag über die Aufteilung des Familien-
besitzes – mit Ausnahme der Immobilien, die ihrer Mutter verblieben –, und ebenfalls für
1158 ist eine weitere Fahrt des Romanus Mairano von Konstantinopel nach Smyrna oder
nach Adramyttion bezeugt (MdRD Nr. 122 (Juni 1156) Kpl.; Nr. 127 (April 1157) Kpl. und
Nr. 128 (April 1157) Kpl.; Nr. 130 (Dez. 1157) Kpl.; Nr. 131 (April 1158) Smyrna; Nr. 132
(Mai 1158) Kpl.).
SAEWULF (S. 51) bezeichnet Smyrna als magna civitas80. Im ausgehenden 11. Jahrhun-
dert war die Stadt Zentrum der Herrschaft des Seldschuken Tzachas (ANNA KOMNENE
VII. 8, S. 116; IX. 1, S. 158, 160ff.), zur Zeit des Ersten Kreuzzugs konnte Alexios Smyrna
zurückgewinnen (ANNA KOMNENE XI. 5, S. 23–26). Nach Anna Komnene kostete die
77
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 11; AHRWEILER, Forteresses S. 186; CARILE, Partitio S. 241.
78
S. GOITEIN, A letter from Seleucia S. 303.
79
Zu Seleukeia cf. AHRWEILER, Forteresses S. 185; VRYONIS, Decline S. 162f. ; HELLENKEMPER,
Burgen S. 249f. ; LILIE (1993) S. 105ff.
80
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 27f.; zu Smyrna grundsätzlich jetzt AHRWEILER, Smyrna passim.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 123
seldschukische Besetzung an die 10.000 Einwohner das Leben, eine wohl übertriebene Zahl.
Weitere türkische Plünderungen fanden zu Beginn des 12. Jahrhunderts statt (ANNA KOM-
NENE XIV. 1, S. 142ff.). Die französische Armee des Zweiten Kreuzzugs berührte Smyrna
auf ihrem Marsch nach Ephesos (WILHELM VON TYRUS XVI. 23, S. 745; ODO VON
DEUIL S. 106).
Kommentar: Die relativ hohe Zahl von Dokumenten – allerdings ausnahmslos aus den Jah-
ren zwischen 1156 und 1158 – scheint eine gewisse Bedeutung Smyrnas als Handelszentrum
nahezulegen. Einschränkend ist immerhin zu bemerken, daß diese Fahrten ausnahmslos von
oder nach Konstantinopel gehen. Es hat sich also um nicht viel mehr als eine Art größeren
Küstenhandel gehandelt, der aber immerhin so viel Gewinn abwerfen konnte, daß sich
Venezianer an [168] ihm interessiert zeigten, wenn auch vielleicht nur kleinere Händler81.
Von Fernhandel ist nichts bekannt.
Strobelos
In allen Chrysobullen erwähnt; 1204 fiel Strobelos an den Kaiser.
Abgesehen von den Privilegien gibt es keine Hinweise für Handel mit den italienischen
Seestädten.
SAEWULF (S. 51: Stromlo) sagt aus, daß Strobelos eine schöne Stadt besäße, aber nun
völlig von den Türken zerstört worden sei. Jedoch scheint der Platz sich hiervon wieder erholt
zu haben, denn nach EDRISI (J. S. 127) war Strobelos bevölkert, der Boden kultiviert, reich
an Vieh, und es war eine zwar kleine, aber feste Stadt (Istrôbilo)82.
Kommentar: Die Nennung von Strobelos in den verschiedenen Privilegien verblüfft etwas, da
Strobelos im Handel des 12. Jahrhunderts keine Rolle gespielt zu haben scheint. Es wird nicht
nur nicht in den italienischen Handelsurkunden erwähnt – was für sich genommen keinen
Beweis darstellen würde -, sondern begegnet überhaupt in keiner Quelle als Handelsstütz-
punkt. Möglicherweise wurde Strobelos 1082 als potentieller Handelsstützpunkt ins Auge
gefaßt, dann aber von anderen Plätzen in der Nähe (Rhodos) überflügelt. Ebenso wäre denk-
bar, daß die Verwüstungen, die die Seldschuken im ausgehenden 11. Jahrhundert angerichtet
haben, die Stadt so sehr in Mitleidenschaft gezogen haben, daß Strobelos sich nicht mehr
erholt hat. Die Erwähnung in den späteren Chrysobullen erklärt sich einfach aus der Weiter-
führung des Alexiosprivilegs, wie es ja auch beispielsweise bei Demetrias in Thessalien der Fall
gewesen ist, das de facto von Halmyros überflügelt wurde, aber dennoch immer wieder in den
Chrysobullen Erwähnung gefunden hat[169].
81
Cf. HEYNEN, Kapitalismus S. 92f., 96; in den fünfziger Jahren des 12. Jahrhunderts scheint der später be-
deutende Romanus Mairano noch in den Anfängen seiner Karriere gewesen zu sein.
82
Cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 39; CARILE, Partitio S. 240; cf. auch AMANTOS Στρόβιλος S. 292.
124 Kapitel VIII
83
Cf. OSTROGORSKY, Geschichte S. 353ff. ; zu Kleinasien nach 1204 cf. jetzt ANGOLD, A Byzantine
Government in Exile.
84
Laodikeia wurde zwar nach dem Ersten Kreuzzug für kurze Zeit von den Byzantinern besetzt gehalten,
aber dies war eine so kurze Episode, daß sie für den Handel des byzantinischen Reiches keinerlei Bedeutung
gehabt haben dürfte, cf. LILIE (1993) S. 70f., 83f., 259ff.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 125
byzantinischen Kleinasien wider, wie er vor Mantzikert gewesen war und aufgrund dieser Lage
auch für das 12. Jahrhundert von beiden Seiten prognostiziert wurde. Tatsächlich nachweis-
bare venezianische Zielorte in Kleinasien sind nur Smyma und Adramyttion, in letzterem
waren auch Genuesen und vielleicht Pisaner; beide Städte werden nicht in dem Alexiosprivi-
leg erwähnt, Smyrna darüber hinaus nicht einmal 1198. Aber auch diese beiden Orte scheinen
nicht interessant genug für den Fernhandel gewesen zu sein, es sind – soweit das festzustellen
möglich ist – nur Fahrten von und nach Konstantinopel bekannt. Was transportiert worden
ist, bleibt unklar. Da wir über keinerlei Hinweise auf Industrie in den beiden Städten und
ihrem Umland verfügen, könnte man vermuten, daß die Ladung unter Umständen aus Ag-
rarprodukten bestand, zumal Niketas Choniates die Fruchtbarkeit der Gebiete um Adramyt-
tion rühmt (für die Zeit nach 1165)85. Mit Ausnahme einer Fahrt des Mairano 1158 – Ziel
Adramyttion oder Smyrna, tatsächlich dürfte er dann nach Smyrna gefahren sein, vielleicht
war Adramyttion Zwischenstation (s. oben unter Smyrna) – fallen die Belege für Reisen nach
Adramyttion in die Zeit nach 1165. Daß aus Bithynien Lebensmittelprodukte nach Konstan-
tinopel gingen, zeigt auch Edrisis Bericht über Nikaia (s. d.). Auch die Nennung Lopa-[171]
dions mit seinem Flußhafen weist in diese Richtung: Kleinasien unterhielt zwar einen – zu-
mindest im Nordwesten – regen Verkehr mit Konstantinopel, aber es fehlen völlig – mit Aus-
nahme einer Nachricht des Pilgers Daniel über Makri – Hinweise auf Industrie oder beson-
ders begehrte Eigenprodukte. Diese Sicht wird von den westlichen Handelsurkunden bestä-
tigt, denn sämtliche, in den italienischen Urkunden genannten Städte Kleinasiens – in diesem
Fall Paschia, vielleicht Palormo, Abydos, Adramyttion, Smyrna und Attaleia – scheinen keine
Zielorte für Fernhandel gewesen zu sein, sondern immer nur Reisestationen – bei Attaleia
einmal erstes Anlaufziel – auf dem Weg zu lohnenderen Zielen, seien es nun die Kreuzfahrer-
staaten Syriens und Palästinas oder Konstantinopel. Es sind auch keine Reisen zu Land durch
dieses Gebiet urkundlich belegt, wie es bei den europäischen Provinzen des Reiches der Fall
gewesen ist, auch wenn sich italienische Händler sicher dort aufgehalten haben, aber im Ver-
gleich zu den Balkangebieten wohl nur in verschwindend geringen Zahlen86. Es kam gerade zu
einigen kleinen Fahrten zwischen Konstantinopel und Westküste, d. h. zu einem gewissen
lokalen Handelsaustausch zwischen Hauptstadt und Provinz, wobei die Provinz hier einen
ziemlich heruntergekommenen Eindruck macht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich,
wenn man die politische Geschichte des Raumes seit Mantzikert in Betracht zieht87. In den
85
NIKETAS CHONIATES S. 150.
86
Daß sich überhaupt Venezianer auch im Inneren Kleinasiens aufgehalten haben, geht aus dem Chrysobull
Isaaks für Venedig von 1187 hervor, in dem der Kaiser sich das Recht vorbehält, unter gewissen Umstän-
den die Venezianer, die sich zwischen Konstantinopel, Abydos, Adrianopel und Philadelpheia aufhalten, zu
den Waffen zu rufen, s. DÖLGER, Regesten Nr. 1578 (Februar 1187) S. 93; cf. auch oben S. 27.
87
An dieser Stelle soll keine große Arbeit über die byzantinische Position in Kleinasien während des 12.
Jahrhunderts folgen, sondern nur eine kurze Zusammenfassung der für das Thema wichtig scheinenden
Aspekte. Für Einzelheiten cf. CHALANDON, Comnène; VRYONIS, Decline; DERS., Nomadization;
CAHEN, Preottoman Turkey; dies nur als Auswahl.
126 Kapitel VIII
Jahren nach der großen Niederlage drangen die Seldschuken immer weiter in den Westen vor,
es entstanden Seldschukenherrschaften in Nikaia, Bithynien, Smyrna, Ephesos und an ande-
ren Küstenplätzen88.
Der Krieg gegen Robert Guiskard tat ein übriges, die Byzanz verbliebenen Orte und
Gebiete von griechischen Truppen [172] zu entblößen, die gegen die Normannen dringender
gebraucht wurden89. Zwar konnte Alexlos schließlich die Angriffe zur See gegen die Haupt-
stadt – besonders von Tzachas von Smyrna vorgetragen – mit Erfolg zurückweisen, aber bis
zur Mitte der neunziger Jahre hielten die Seldschuken de facto alle wichtigen Plätze Klein-
asiens in ihrer Gewalt. Erst die Ankunft der Kreuzritter setzte den byzantinischen Kaiser in
die Lage, entschlossener vorzugehen. Mit Hilfe der Abendländer gelang die Rückeroberung
Nikaias, und im Schatten des Vormarsches der westlichen Streitkräfte durch Kleinasien
konnte Byzanz in der folgenden Zeit die westlichen Küstengebiete der Halbinsel bis hinunter
nach Attaleia zurückgewinnen90. Das war ein großer Erfolg, aber diese Besetzung war
keineswegs vollständig, überall blieben Gruppen von Nomaden zurück91, und seldschukische
Angriffszüge bis an die Küsten der Ägäis waren keine Seltenheit. Wenn die Militärgrenze
beim Tode des Alexios auch ungefähr auf der Linie Sangarios – Dorylaion – Kotyaion –
Choma – Philomelion – Sozopolis – Laodikeia bis nach Attaleia verlief92, so ist hier unter
Grenze beileibe nicht eine feste, undurchlässige Linie zu verstehen, sondern wenig mehr als
die vorgeschobenen Punkte, die häufig von byzantinischen Truppen besetzt gehalten wurden.
Kleinere und größere seldschukische Angriffe bis weit in das Hinterland hinein bleiben häu-
fig93. Unter Johannes II. konnte das Reich zwar weitere Erfolge erzielen, vor allem in Nord-
kleinasien und Kilikien, aber grundsätzlich blieb die Lage dieselbe. Wie schwach die byzanti-
nische Position in Klein asien wirklich war, beleuchtet schlaglichtartig der Zweite Kreuzzug:
Die französische Armee zog auf der Straße von Adramyttion vorbei an Pergamon, Smyrna
und Ephesos – wo sie mit den Seldschuken in Kämpfe verstrickt wurde94 – über Laodikeia
unter schweren Ver-[173] lusten nach Attaleia95. Nach Odo von Deuil bildete dieser Weg die
Grenze zwischen Byzantinern und Türken: in nostra via habebant Turci cum Graecis terrarum
terminos96. Die Gegend war verarmt, man konnte kaum genügend Lebensmittel für das Heer
88
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 44.
89
ANNA KOMNENE III. 9, S. 131; später wurde dasselbe noch einmal im Kampf gegen die Petschenegen
notwendig (ANNA KOMNENE VI. 13, S. 79ff.).
90
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 44; DERS. , Decline S. 116f.
91
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 44; allgemeiner cf. auch EICKHOFF, Barbarossa S. 102–104.
92
Cf. VRYONIS, Decline S. 117f.; DERS., Nomadization S. 44f. ; cf. auch AHRWEILER, Forteresses.
93
Cf. VRYONIS, Decline S. 119f.; DERS. Nomadization S. 45.
94
ODO VON DEUIL S. 110112.
95
Cf. RUNCIMAN, Crusades II. S. 271f.
96
ODO VON DEUIL S. 112; aus der Stellung des Satzes geht hervor, daß es sich um den Weg von Adramyt-
tion über Pergamon, Smyrna, Ephesos bis Laodikeia handeln muß, d. h. um die nur in geringem Abstand
zur Küste verlaufende Straße.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 127
auftreiben: plenaria victualia non habebat97, und die Städte waren zumeist verfallen: Ibi mul-
tas urbes destructas invenimus et alias quas ab antiqua latitudine supra mare Graeci restruxe-
rant, munientes eas muris et turris, oder aber schwer befestigt: sed illi turres habebant et muros
duplices ad tutelam et in mari naves ad fugam. Dies galt sogar für eine Küstenstadt wie Ephe-
sos: Sic tandem praeteritis Smyrna et Pergamo venimus Ephesum quae inter ruinas antiquae
gloriae venerandas sui status habet reliquias beati Johannis sepulcrum in quodam terrae tumulo
contra paganos muro circumdatum98. Da sich dies nicht auf die Militärgrenze beziehen kann –
sie verlief, wie berichtet, weiter östlich –, kann es nur die Bevölkerungsgrenze zwischen Chri-
sten und Muslimen bzw. Griechen und Türken meinen, die sich demzufolge weit westlich der
"offiziellen" Grenzlinie befunden hat. Auch die isolierte Position Attaleias, das sogar Tribut an
die umwohnenden Seldschuken zahlte, zeigt deutlich die desolate Lage des byzantinischen
Kleinasien auf. Zwar konnte Manuel in der Folge die byzantinische Einflußsphäre weiter
vorschieben, aber auch dies brachte keine Erleichterung für das griechische Territorium, wie
der große türkische Angriff auf die Region um Pergamon, Chliara und Adramyttion beweist,
ein Gebiet, das innerhalb des byzantinischen Kleinasien, rein geographisch gesehen, kaum
weiter entfernt von den Seldschuken liegen konnte. Erst die nachfolgende starke Befestigung
dieser Region besserte die Verhältnisse etwas99. Wenn Eustathios über die ersten Komnenen
schreibt, daß Alexios die Türken von der Küste vertrieben habe, Johannes sie weiter ins Innere
gedrückt und Manuel den byzantinischen Einfluß noch weiter ausgedehnt habe, so daß Tür-
ken an der Küste selten geworden seien 100, [174] so rückt dies zwar – besonders im Kontrast
zu den späteren Kaisern – ihre Leistung durchaus ins rechte Licht, sagt aber gleichzeitig impli-
zit aus, daß eben doch noch Türken an der Küste zu sehen waren, wenn auch weniger als vor-
her und auch nachher. Zwar konnte Byzanz sein Gebiet besetzen, befestigen und festhalten,
die Seldschuken aber völlig zu vertreiben und fernzuhalten, war ihm nicht mehr möglich.
Manuel mochte seine Kriege in Kleinasien mehr oder weniger erfolgreich führen, er mochte
auch neue Festungen bauen und alte wieder neu instandsetzen, eine wesentliche Änderung der
Lage konnte er nicht bewirken. Diese Städte oder Festungen im Grenzgebiet, wie z. B. Dory-
laion, Subleon, Chonai, Laodikeia, Antiocheia, Philomelion, Sozopolis, ja sogar Attaleia
blieben wenig mehr als isolierte Inseln inmitten türkischer Bevölkerung, und sie konnten
größtenteils ihre Existenz nur fristen, indem sie mit diesen Seldschuken in Verbindung traten,
sei es, daß sie mit ihnen Handel trieben, die Souveränität der jeweiligen türkischen Macht-
haber anerkannten oder ihnen Tribut zahlten101. Dies bedeutete natürlich eine gewisse Auf-
weichung der byzantinischen Position in Kleinasien, und vor allem mußte es eine allmähliche
97
ODO VON DEUIL S. 102.
98
ODO VON DEUIL S. 106.
99
NIKETAS CHONIATES S. 150; cf. VRYONIS, Decline S. 123; DERS., Nomadization S. 46, 54.
100 EUSTATHIOS (bei Regel, Fontes) S. 28f. (Rede an Manuel).
101
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 56f.
128 Kapitel VIII
Lockerung der Verbindungen zwischen Zentrale und Grenzprovinzen bewirken, ein Vorgang,
dem wir in der Zeit der Angeloi noch stärker begegnen werden102. Zum Teil mag zu dieser
Verschlechterung noch die Politik der Kaiser beigetragen haben, die es nicht verschmähten,
ganze Bevölkerungsteile aus dem Grenzgebiet in zentralere Provinzen des byzantinischen
Kleinasien umzusiedeln103. Auch wenn solche Umsiedlungen das wirtschaftliche und
vielleicht militärische Niveau dieser Zentralprovinzen verbessert haben mögen, so hatten sie
andererseits doch einen Rückgang des byzantinischen Elements in den Grenzregionen zur
Folge und erleichterten sodas langsame Vordringen der Seldschuken in den Westen und
Nordwesten Kleinasiens. [175] Der Angriff auf Adramyttion, Chliara und Pergamon fiel in
die frühen sechziger Jahre, mithin in den Zenit der Regierungszeit Manuels, und dennoch
konnte er nicht verhindert werden. Byzanz war zwar in der Lage, Kilikien für einige Zeit
wieder byzantinisch zu machen, es war auch in der Lage, einem Kleinstaat wie Antiocheia eine
gewisse byzantinische Oberhoheit aufzuzwingen104, aber seine militärische Potenz reichte
schon in dieser Zeit nicht mehr aus, mit Erfolg seine kleinasiatischen Besitzungen zu schützen.
Schlimmer wurde es nach der Niederlage von Myriokephalon: Das Maiandertal wurde ausgie-
big geplündert – auch wenn der Angriff schließlich zurückgeschlagen werden konnte105.
Die zahlreichen Befestigungen und Neubauten von Befestigungsanlagen in Kleinasien
zur Zeit Manuels weisen deutlich auf die schwierige Lage der Byzantiner gegenüber den Seld-
schuken hin106. Nach dem Tod Manuels 1180 wurde Byzanz noch mehr in die Defensive
gedrängt: Die Seldschuken eroberten u. a. Sozopolis und Kotyaion, während Attaleia eine
schwere Belagerung hinnehmen mußte107. Die Opposition kleinasiatischer Städte gegen An-
dronikos dürfte die Lage der Byzantiner in Kleinasien ebensowenig verbessert haben108 wie
wenig später die immer zahlreicher werdenden Usurpationen und Rebellionen, zum Teil mit
dem Ziel eigener lokaler Herrschaften, gegen die neue Herrscherdynastie der Angeloi109. Der
militärischen Lage zu Land entsprach die zur See: Zwar konnte die byzantinische Flotte in
ihrer besten Zeit unter Manuel weite Expeditionen bis nach Ägypten durchführen110, aber sie
war nicht imstande, vor allem nach dem Tode Manuels, die byzantinischen Inseln und Kü-
stengebiete auch nur einigermaßen von Piraten und Seeräubern freizuhalten. In den letzten
Jahren des 12. Jahr-[176] hunderts brach die byzantinische Seegeltung so vollständig zusam-
men, daß die Kaiser gegen die Korsaren zum Teil gar nicht mehr vorgingen, sondern ihnen
102
Z. B. in der Maianderregion, s. die dortigen Revolten des Andronikos Batatzes, des Pseudoalexios oder des
Theodoros Mankaphas, cf. HOFFMANN, Rudimente S. 66-68.
103
Cf. die Umsiedlungen der Bevölkerung Philomelions durch Alexios I. und Manuel I. (s. oben S. 164f.).
104
Cf. RUNCIMAN, Crusades II. S. 206ff., 345ff.
105
Zu diesen Vorgängen cf. zuletzt LILIE, Myriokephalon S. 268ff.
106
Cf. VRYONIS, Nomadization S. 54f.; AHRWEILER, Forteresses S. 186ff.
107
Cf. VRYONIS, Decline S. 126f.
108
EUSTATHIOS S. 56.
109
VRYONIS, Decline S. 127–130; zu den Verselbständigungen cf. HOFFMANN, Rudimente passim.
110
Cf. LILIE (1993) S. 309ff.
Der Westen und Südwesten Kleinasiens 129
ihre Stützpunkte ließen. Ein deutlicheres Zeichen für die byzantinische Schwäche zur See in
den letzten Jahren des 12. Jahrhunderts als das Verhalten Isaaks gegenüber den genuesischen,
pisanischen und sonstigen Piraten in den Dardanellen und im Marmarameer läßt sich kaum
finden111.
Diese Schwäche zur See war auch und gerade für Kleinasien verhängnisvoll, da sie dem
ohnehin von den Türken immer wieder heimgesuchten Gebiet sozusagen in den Rücken fiel
und zusätzlich sein Hinterland und seine Hauptverbindungslinien bedrohte, man sehe bei-
spielsweise die Eroberung Adramyttions durch den genuesischen Piraten Gafforio und die
ständige Niederlassung pisanischer Piraten am Phinekafluß sowie die Korsarenzüge in den
Dardanellen vor Abydos112.
Dem totalen territorialen Zusammenbruch in Kleinasien um die Jahrhundertwende
folgte 1204 die Eroberung der byzantinischen Hauptstadt und die Errichtung eines neuen
griechischen Kaiserreiches in Nikaia. Erst diese Wiedererrichtung des byzantinischen Kai-
sertums in Nikaia und die folgende Konzentration griechischer Kräfte in diesem Raum ließ
eine Besserung der Lage im byzantinischen Kleinasien eintreten.
Man wird sich leicht vorstellen können, welche Auswirkungen diese politische Entwick-
lung auf die wirtschaftliche Situation im byzantinischen Kleinasien haben mußte. Sicherheit,
wie sie – zumindest in rudimentärer Form – notwendig für die Existenz einer halbwegs ent-
wickelten Industrie ist, fehlte vollkommen, selbst in den besten Jahren des 12. Jahrhunderts.
Landwirtschaft und ähnliches dürfte es nur im äußersten Nordwesten, an den Küsten des
Bosporos, der Propontis, der Dardanellen und in den [177] Flußtälern des nordwestlichen
Kleinasien gegeben haben – in einem nennenswerten Umfang – und auch hier nicht unge-
stört von feindlichen Einfällen. Im Gegensatz zu den Balkanprovinzen des Reiches wurde der
byzantinische Teil Kleinasiens fast ununterbrochen von Feinden heimgesucht.
Wenn wir zusammenfassen, zeigt sich, daß das byzantinische Westkleinasien klein und
sehr schwach war und daß es keine zusammenhängende Landfläche gab, sondern im Gegenteil
zerrissene Gebiete mit langen Grenzen und zu wenig Soldaten, sie abzusichern. Es besaß bei
weitem nicht mehr die Machtmittel, die es in der mittelbyzantinischen Epoche zur militäri-
schen, wirtschaftlichen und politischen Basis des Reiches gemacht hatten. Für die ökonomi-
sche Potenz des Reiches, wie sie sich auch in den italienischen Handelsurkunden spiegelt, war
es belanglos geworden, quasi ein Außenposten, nicht mehr, was allerdings noch nichts über
den politischen und militärischen Stellenwert dieser Region für das Reich insgesamt aussagt.
111
Cf. unten S. 572ff. und 586f.; Byzanz bekämpfte Piraten in diesen Jahren vorzugsweise durch andere Pira-
ten, die als Söldner angeworben wurden. Einer der bekanntesten dürfte Stirione gewesen sein, selber früher
ein berüchtigter Pirat. Wenngleich dieses Vorgehen in gewissem Sinn gute byzantinische Tradition ist, so
zeigt es andererseits doch auch die Schwäche und Hilflosigkeit des byzantinischen Reiches zur See; allge-
mein cf. hierzu auch unten Appendix S. 640.
112
S. MÜLLER, Documenti Nr. 41, S. 66f.; DÖLGER, Regesten Nr. 1617/1618 (Sept. 1194) und unten S.
105ff.
130 Kapitel VIII
Andere Reichsteile erfüllten im 12. Jahrhundert diese früheren Aufgaben Kleinasiens. Welche
Folgen dies für die Machtkonzentration innerhalb des Reiches und konsequenterweise dann
auch für seine Politik hatte, wird später erörtert werden.
KAPITEL IX DIE BALKANPROVINZEN
Einzelne Orte
Adrianupolis
In sämtlichen Chrysobullen für Venedig erwähnt; 1204 beanspruchte Venedig Stadt und
Umgebung.
1157 gab das Kloster S. Maria in Adrianupolis die Kirche S. Maria in Rhaidestos1 an das
Kloster S. Giorgio Maggiore in Venedig. Als Gegenleistung mußte S. Giorgio sich verpflich-
ten, den Mönchen aus Adrianupolis dort freie Unterkunft zu gewähren (S. GIORGIO
MAGGIORE Nr. 276 (Okt. 1157) Kpl.). Auch venezianische Kaufleute hielten sich in der
Stadt auf, wie das Privileg Isaaks II. von 1187 bezeugt, demzufolge die Venezianer, die sich in
dem Gebiet zwischen Konstantinopel und Adrianupolis aufhielten, unter gewissen Umstän-
den zum Flottendienst herangezogen werden konnten (DÖLGER, Regesten Nr. 1576, S. 93).
Dies muß allerdings nicht bedeuten, daß es in Adrianupolis besondere Niederlassungen der
Abendländer gegeben hätte, wie Heyd und Schaube glauben2, das Privileg bezieht sich nur auf
die räumlichen Grenzen, innerhalb derer Venezianer zum Flottendienst herangezogen wer-
den [179] konnten, nicht mehr.
Adrianupolis ist auch von Genuesen besucht worden. In den Instruktionen für Grimaldi
von 1174 (IMPERIALE, Codice II. S. 218 Anm. ) wird der Genuese Michael frater Ugonis
Sartoris erwähnt, dem der Kommerkiarios von Adrianupolis widerrechtlich die Summe von
72 Hyperpern abgenommen hatte, obwohl das Kommerkion schon in Konstantinopel be-
zahlt worden war. Ob Pisaner in der Stadt gewesen sind, läßt sich aufgrund der Quellenlage
nicht mehr ermitteln.
1
Die Kirche lag außerhalb der Stadtmauern von Rhaidestos (foras muros civitatis).
2
SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 238; ob das von Schaube angenommene lateinische Quartier in Adri-
anopel außerhalb der Stadtmauern lag, ist aufgrund der Quellenaussagen nicht mehr festzustellen. Mög-
licherweise hat es in Adrianopel während des 12. Jahrhunderts überhaupt kein lateinisches Handelsquar-
tier gegeben, aus dem Isaakprivileg geht es jedenfalls nicht hervor, ebensowenig aus den anderen Privilegien
zwischen 1082 und 1198. Ob das Kloster der Hl. Maria in Adrianupolis eine venezianische Gründung
gewesen ist, wie HEYD, Commerce I. S. 243f., annimmt, ist nicht zu entscheiden, obwohl der Name des
Abtes, Ugo, ein zumindest lateinisches Kloster vermuten läßt. Dieser Abt diente Manuel anscheinend auch
als Gesandter, wie aus den Grimaldiinstruktionen hervorgeht (IMPERIALE, Codice II. S. 219 Anm.:
Mementote petere pro Conrado Sagenmar perp. CCXL quos de pecunia quam mutuavit Ugoni Beate Marie
Adrianupoli abbati et Petro camerario legatis imperatoris apud sanctum Egidium sicut in carta plumbeo eius
sigillo bullata continetur). Manuel verwendete häufiger Nichtbyzantiner als Gesandte, vor allem nach
Italien. Die lateinischen Quartiere lagen im allgemeinen in Küstenstädten, ein Quartier mitten im Bin-
nenland wäre eine Ausnahme, wenngleich es natürlich nicht auszuschließen ist. Für ein solches Quartier
spräche die Tatsache, daß Venedig 1204 auch Adrianopel beanspruchte, allerdings sollte die ganze Region
an Venedig fallen, so daß auch dieses Faktum nicht ausschlaggebend ist. Die Frage wird wohl für das 12.
Jahrhundert nicht mehr befriedigend zu klären sein; cf. auch CARILE, Partitio S. 250.
132 Kapitel IX
Die Stadt galt als bedeutendes Landwirtschaftszentrum, mit Getreide und Weinbau3.
Nach ANNA KOMNENE (X. 2, S. 194) wurde sie in den Tagen des Alexios von den Kuma-
nen angegriffen. Sie war eine der Durchgangsstationen für die Kreuzfahrer (s. z.B. WIL-
HELM VON TYRUS XVI. 19, S. 737 für den Zweiten Kreuzzug). Während des Dritten
Kreuzzugs eroberte Barbarossa die Stadt.
Apros
Apros wird aufgeführt im Privileg von 1082, 1198 wurde die Stadt nicht erwähnt, 1204 ge-
hörte sie zu dem Teil, der den Pilgern zufiel.
Irgendwelche Quellen, die etwas für Handel aussagen können, sind nicht zu finden.
Argos
Erwähnt im Privileg von 1198.
EDRISI (J. S. 125) nennt die Stadt berühmt und die Gegend fruchtbar, weiß aber sonst
nichts über sie zu sagen. In den letzten Jahren der Angeloi geriet Argos unter die Herrschaft
des Leon Sguros4. [180]
Arkadia
Nach EDRISI (J. S. 124) eine große und berühmte Stadt auf der Peloponnes mit lebhaftem
Schiffsverkehr5.
Arkadiupolis
Erwähnt in dem Privileg von 1198; 1204 beanspruchten die Venezianer die Stadt, die sich
durch großen Wohlstand ausgezeichnet haben soll6.
Arta
1204 von Venedig beansprucht.
Es existieren zwei Urkunden für Handel zwischen Venedig und Arta (MdRD Nr. 61 (Au-
gust 1131) Venedig; MdRND Nr. 47 (Sept. 1198) Venedig). Nach BENJAMIN VON TU-
DELA (S. 10) lebten 100 Juden in der Stadt; in späteren Jahren war sie eines der Hauptziele
ragusanischer Schiffe7.
3
Cf. OSTROGORSKY, Geschichte S. 336; daß Adrianopel, wie MICHAEL DER SYRER III. S. 282
schreibt, von Roger II. von Sizilien 1147 erobert worden sei, zusammen mit Theben und Philippopel, um
den Untergang der Heere des Zweiten Kreuzzugs zu rächen, ist unmöglich, wahrscheinlich hat der Chro-
nist hier Adrianopel mit Athen verwechselt.
4
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 57.
5
Edrisi bringt hier, wie auch an anderen Stellen, Stadt und Region durcheinander.
6
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 324.
7
Cf. KREKlĆ, Raguse S. 98ff. ; cf. auch SOUSTAL, Nikopolis S. 113ff. ; CARILE, Partitio S. 262.
Die Balkanprovinzen 133
Athen
In allen Chrysobullen erwähnt; 1204 erhielten die Pilger das horium Athenarum cum perti-
nentiis Megarorum.
In der Mitte des 12. Jahrhunderts war Athen eine sehr bevölkerte Stadt, wo Getreide,
Wein und ähnliches angebaut wurde (EDRISI J. S. 295)8, jedoch scheint in der zweiten
Hälfte des 12. Jahrhunderts allmählich der Niedergang eingesetzt zu haben, bis die Provinz
dem Urteil ihres Erzbischofs Michael Choniates zufolge sehr verarmt war9.
1147 eroberte Roger II. von Sizilien auch Athen (OTTO VON FREISING S. 370, die
byzantinischen Quellen nennen Athen allerdings nicht unter den Eroberungen Rogers)10.
Athyra (Natura)
Nach EDRISI (J. S. 298) bemerkenswert wegen seiner Wein- und Obstgärten und wegen
seiner entwickelten Landwirtschaft11..
1195/96 brachte eine venezianische Flotte hier zwei pisanische Schiffe auf12.
Aulona
Erwähnt in dem Chrysobull von 1082.
EDRISI (J. S. 120) erwähnt Aulona nur als Hafenstadt ohne nähere Angaben13. Bei dem
normannischen Angriff auf das byzantinische Reich unter Robert Guiskard diente die Stadt
den Normannen als erster Stützpunkt auf dem Balkan, noch vor Dyrrhachion, und sie wurde
von ihnen als letzter geräumt (ANNA KOMNENE III. 12, S. 139f. ; V. 7, S. 32; VI. 1, S. 43).
In den Instruktionen für den genuesischen Botschafter Grimaldi (IMPERIALE, Codice II. S.
218f.) wird der Genuese Ottobonus erwähnt, der 1155 400 Hyperper durch den Dux von
Aulona verlor, wie er behauptete.
Berrhoia (Thrakien)
Erwähnt in dem Privileg Alexios’ III.; bei der Aufteilung des Reiches fiel die Stadt an die Pil-
ger.
Im 12. Jahrhundert scheint Berrhoia zumindest im lokalen Handel eine gewisse Rolle
gespielt zu haben14. [182]
8
Cf. TIVCEV, Cités S. 155, 160.
9
Zu der Geschichte und Lage der Provinz im ausgehenden 12. Jahrhundert cf. STADTMÜLLER, Michael
Choniates; SETTON, Athens in the later XIIth century; DERS., A Note on Michael Choniates; CALL-
MER, Ein Bischof in Athen; HERRIN, Collapse S. 188ff.; DIES., Realities S. 253ff. (beides vor allem auf
Michael Choniates gestützt); KODER–HILD, Hellas S. 126ff.; CARILE, Partitio S. 288.
10
Cf. SETTON, Archaeology S. 251; CASPAR, Roger II. S. 381f.
11
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 330.
12
SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 256.
13
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 344; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 244.
14
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 325.
134 Kapitel IX
Berrhoia (Makedonien)
Erwähnt in dem Privileg von 1198.
1082 wurde die Stadt von den Normannen eingenommen und kurze Zeit gehalten
(ANNA KOMNENE V. 5, S. 22)15.
Bonditza
Erwähnt in dem Privileg von 1082.
Bonditza soll laut EDRISI (J. S. 121) zwar eine handeltreibende Stadt gewesen sein16, es
wird jedoch nicht in den venezianischen Handelsurkunden erwähnt, noch hielten die Vene-
zianer seine Aufnahme in das Chrysobull von 1198 für notwendig.
Branitzoba
Erwähnt in dem Chrysobull von 1198.
Branitzoba hatte Handelsverbindungen in das Landesinnere hinein mit Niš und den
Städten in Makedonien17.
Bulgarophygon
Erwähnt in dem Privileg von 1198; 1204 fiel die Stadt an die Venezianer.
Alexios I. wehrte hier einen Einfall der Petschenegen ab (ANNA KOMNENE VII. 7, S.
108; VII. 11, S. 126). Von Handel ist nichts bekannt.
Catodica
S. unten s. v. Katodika.
Christupolis
Nach EDRISI (J. S. 297) trieb Christupolis – in geringer Entfernung von Chrysupolis gelegen
– Seehandel18. BENJAMIN VON TUDELA (S. 11) nennt eine Anzahl von zwanzig jüdi-
schen Familien in der Stadt. [183]
Chrysupolis
Aufgeführt in dem Privileg von 1082; 1198 nicht erwähnt.
In der Stadt hielten sich Pisaner, Genuesen und Venezianer auf, wie wir aus den Instruk-
tionen für den genuesischen Gesandten Grimaldi wissen (IMPERIALE, Codice II. S. 218
Anm.): Pisaner und Venezianer beraubten den Genuesen Ansaldus Baraterius. Ein anderer
Genuese wurde von Griechen auf seiner Rückreise von Konstantinopel bei Chrysupolis
ausgeplündert (IMPERIALE, Codice II. S. 218 Anm.). Die Stadt scheint jedenfalls lebhaften
Handel getrieben zu haben19, auch wenn sich in den venezianischen Privaturkunden keine
15
Zu der Geschichte Berroias cf. CHIONIDES, Beroia bes. S. 14ff.
16
Cf. auch SOUSTAL, Nikopolis S. 128f.
17
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 370.
18
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 357
19
Diese Genuesen reisten nicht unbedingt zu Schiff, sondern möglicherweise zu Land über die Via Egnatia,
Die Balkanprovinzen 135
Erwähnung findet. Ob die zehn Galeeren (genuesische oder pisanische), die nach WILHELM
VON TYRUS (XXII. 13, S. 1086) 1182 bei Chrysupolis zu den aus Konstantinopel geflohe-
nen Schiffen stießen, nach Chrysupolis bestimmt waren oder sich dort nur auf der Weiter-
fahrt von oder nach Konstantinopel befanden, Chrysupolis also nur zufällig genannt wird,
geht aus dem Wortlaut der Quelle nicht hervor: et galeas alias a prioribus circa Chrysopolim,
urbem Macedoniae dicuntur reperisse decem. Letzteres ist wohl wahrscheinlicher.
Kommentar: Möglicherweise haben die Venezianer und vielleicht auch die Pisaner
Quartiere in Chrysupolis besessen, da sie den genannten Ansaldus Baraterius bei sich aufneh-
men konnten: apud quos hospitatus erat qui eum in fide susceperant. Ebenso ist allerdings mög-
lich, daß hier nur einzelne Venezianer oder Pisaner Häuser oder Wohnungen besaßen oder
gemietet hatten, ohne daß es zu einem regelrechten Quartier gekommen ist. Die Tatsache,
daß Chrysupolis nicht im Privileg von 1198 auftaucht, läßt eher auf letzteres schließen, sonst
hätte man vielleicht doch mehr Wert auf die Nennung der Stadt gelegt. [184]
Colanixi
In den genuesischen Instruktionen für den Gesandten Ottobono della Croce (IMPERIALE,
Codice III. S. 199) wird u. a. auch ein Genuese Simon filius Marini de Sosilia erwähnt, dem
man bei Colanixi Seide und Waffen im Wert von 2.000 Hyperpern geraubt hatte. Er war auf
dem Wege von Syrien nach Sizilien20.
Demetrias
In allen Chrysobullen für Venedig erwähnt; 1204 fiel die Stadt, zusammen mit Halmyros, an
die Pilger.
Demetrias soll gut bevölkert und einer der Hauptexporthäfen für Getreide aus Thessa-
lien gewesen sein21.
Kommentar: In den Handelsurkunden wird Demetrias mit keinem Wort erwähnt, wohl
aber sehr oft das benachbarte Halmyros. Zwar war Demetrias tatsächlich in früheren Zeiten
einer der Exporthäfen für thessalisches Getreide gewesen22, aber ob dies im 12. Jahrhundert
die auch sonst benutzt wurde – von Genuesen wie auch von Venezianern und wahrscheinlich auch von
Pisanern (cf. im folgenden) –, wie eine weitere Beschwerde Grimaldis über die Beraubung eines genuesi-
schen Reisenden auf der Via Egnatia in strata imperatoris durch Venezianer beweist (IMPERIALE, Codice
II. S. 217 Anm.). Zum Handel cf. auch Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 357; auch griechische
Schiffe, die dort Handel trieben, sind belegt, so ein Fahrzeug, das von Chrysupolis über Tenedos, Lesbos
und Chios nach Rhodos segelte (TRANSLATIO ISIDORI S. 325f.).
20
Colanixi im Südwesten der Peloponnes, cf. KRETSCHMER, Portolane S. 635; DESIMONI, Nuovi studi
S. 223f.
21
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 357; ABRAMEA, Thessalia S. 136ff.; KODER–HILD, Hellas S.
144; CARILE, Partitio S. 284.
22
Cf. TEALL, Grain Supply S. 122 (für das 6. und 7. Jahrhundert); daß Demetrias im 11. Jahrhundert
allerdings noch für wichtiger als Halmyros gehalten wurde, geht aus der Nennung im Privileg von 1082
hervor, es sei denn, wir nehmen für die Nichtnennung von Halmyros irgendwelche anderen, uns nicht
bekannten Gründe an.
136 Kapitel IX
noch ebenso gewesen ist, scheint zweifelhaft. Die häufigen Erwähnungen von Halmyros lassen
vermuten, daß diese Stadt an die Stelle von Demetrias getreten ist, das auch in der Partitio
Romaniae nur als Anhängsel der anderen Stadt erscheint: duo Almyri cum Demetriade23.
Dyrrhachion
In allen Privilegien für Venedig aufgeführt, 1204 wurde die Stadt von den Venezianern bean-
sprucht.
In den venezianischen Handelsurkunden wird Dyrrhachion häufig erwähnt, wenn auch
zumeist als Durchgangsstation auf der Fahrt von Venedig in die Romania: MdRD Nr. 26
(Februar 1098) Venedig, für eine Fahrt von Venedig nach Dyrrhachion und zurück; Nr. 150
(Juni 1161) Venedig, für eine Reise von Venedig nach Dyrrhachion und von dort zu Wasser
weiter nach Konstantinopel; Nr. 349 (Aug.) Venedig, für eine Reise von Venedig nach
Dyrrhachion und von dort weiter zu Land nach Konstantinopel; Nr. 353 (Februar 1185)
Theben, für eine Fahrt von Theben zu Land nach Dyrrhachion, von dort nach Venedig, von
Venedig zurück über Korinth nach Theben; Nr. 400 (Juli 1191) Venedig, für eine Fahrt von
Venedig über Dyrrhachion sive per totum districtum Curfum (i. e. Korfu) nach Thessalonike;
MdRND Nr. 60 (Januar 1204) Venedig, für eine Reise von Venedig nach Dyrrhachion.
Von einer Anwesenheit genuesischer oder pisanischer Kaufleute in Dyrrhachion sagen
die Quellen nichts. Möglicherweise lag Dyrrhachion schon zu weit innerhalb der Adria und
damit im Machtbereich Venedigs, um für Genua oder Pisa interessant zu sein. In der Stadt
existierte neben den Venezianern auch eine starke amalfitanische Kolonie24 (ANNA KOM-
NENE V. 1, S. 7). Ob allerdings die Franken die Mehrheit der Bevölkerung ausgemacht oder
sogar dort geherrscht haben, sei dahingestellt25. Allerdings wurde die Zitadelle der Stadt gegen
Robert Guiskard von ausgewanderten Venezianern verteidigt (ANNA KOMNENE IV. 8, S.
168). Im Privileg von 1082 erhielt Venedig in Dyrrhachion nicht nur das Recht auf freien
Handel, sondern auch die Kirche des Hl. Andreas mit allem, was dazugehörte, abgesehen von
der Ausrüstung der Schiffe der Kirche (TAFEL–THOMAS I., S. 51–54)26.
EDRISI schildert die Stadt als blühend (J. S. 120), mit einem Überfluß an Ressourcen
jeglicher Art gesegnet, mit vielen Märkten und von zahlreichen Kaufleuten besucht27. [186]
23
Cf. auch im folgenden s. v. Halmyros.
24
Zu Amalfi cf. CONIGLIO, Amalfi S. 104ff.; BALARD, Amalfi et Byzance S. 85ff.; allgemein cf.
SCHWARZ, Amalfi (bes. für die inneren Verhältnisse); DEL TREPPO–LEONE, Amalfi medioevale;
CITARELLA, Declino; CAHEN, Amalfi en Orient.
25
Immerhin trieben auch die Griechen von Dyrrhachion aus Handel, wie eine Nachricht des Kinnamos aus-
weist, derzufolge die Venezianer in den Kämpfen nach 1171 unter anderem vergeblich versuchten, ein
Schiff aus Dyrrhachion zu kapern (KINNAMOS S. 285: Epidamnos)
26
Cf. auch KINNAMOS S. 280f.
27
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 344; TIVCEV, Cités S. I55f.; SCHAUBE, Handelsgeschichte S.
20f., 244f.; CARILE, Partitio S. 263f.
Die Balkanprovinzen 137
Dieser Reichtum hat natürlich auch die Feinde angelockt. So war Dyrrhachion ein
Angriffsziel der Normannen Robert Guiskards (ZONARAS III. S. 734f.; ANNA KOMNE-
NE III. 11, S. 137ff.; IV. 1–8, S. 143–168; V. 1, S. 7; VI 6, S. S6f.) . Als Bohemund die Stadt
zu Anfang des 12. Jahrhunderts noch einmal angriff, konnte sie sich allerdings halten (ANNA
KOMNENE XIII. 2–3, S. 91-99). Die Stadt diente auch Kreuzfahrern als Zwischenstation,
so gingen 1147 einige Abteilungen des französischen Kreuzheeres über Dyrrhachion nach
Konstantinopel, wobei sie von Brindisi aus übersetzten. 1185 eroberten die Normannen
Dyrrhachion ein zweites Mal, was nach EUSTATHIOS (S. 64) darauf zurückzuführen war,
daß Andronikos die Stadt fürchterlich ausgepreßt hatte. Nach 1204 wurde Dyrrhachion von
den Venezianern erobert (DANDOLO S. 281).
Kommentar: Dyrrhachion gehörte zu den Städten, die schon vor dem Chrysobull von
1082 eine starke venezianische Kolonie in ihren Mauern sahen, wie aus dem Bericht Anna
Komnenes über Belagerung und Einnahme der Stadt durch Robert Guiskard hervorgeht. Dies
ist mit Sicherheit auf die herausragende Position der Stadt zurückzuführen. Auch wenn Dyr-
rhachion und Umgebung reich an Industrie und Agrarprodukten gewesen sind – anscheinend
exportierte die Region Getreide, Lebensmittel, Gemüse und Käse nach Venedig28 –, so war
dies doch nur nebensächlich neben ihrer Bedeutung als dem westlichen Endpunkt der Via
Egnatia. Zahlreiche venezianische Händler haben denn auch diese Straße benutzt, über die
man schnell in das Innere des byzantinischen Reiches gelangen konnte und leichten Zugang
zu wichtigen Reichsstädten fand (z. B. Ochrid, Thessalonike, Chrysupolis bis hin nach Kon-
stantinopel).
Wenngleich Dyrrhachion allerdings seinen Reichtum hauptsächlich diesen Umständen
verdankt hat, so bildeten gerade sie doch auch eine große Gefahr für die Stadt, denn wie auf
freundlich gesonnene Kaufleute, so mußte sie auch auf Feinde des Reiches eine große Anzie-
hungskraft ausüben. Der Angriff Robert Guiskards mit anschließendem Vormarsch bis hin
nach Thessalien und kurz vor Thessalonike ist ein Beweis hierfür, ebenso wie der vergebliche
[187] Versuch Bohemunds fünfundzwanzig Jahre später. Die Stadt besaß eine Schlüsselstel-
lung für den Zugang zu den nordwestlichen Provinzen des Reiches bis hin nach Thessalonike
mit allen Vor- und Nachteilen, die eine solche Position mit sich brachte29.
Gardikia (in Thessalien)
Laut BENJAMIN VON TUDELA (S. 11) lag die Stadt in Ruinen, und es lebten dort
nur wenige Griechen und Juden30.
28
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 20f.
29
Weswegen sie auch sehr stark befestigt worden war, cf. TIVCEV, Cités S. 155.
30
Nach TIVCEV, Cités S. 163f. war Gardikia berühmt für die Herstellung von landwirtschaftlichen Produk-
ten: Bauernwerkzeug, Geräte, Karren usw.; cf. auch KODER–H1LD, Hellas S. 161; ABRAMEA, Thessa-
lia S. I62f.
138 Kapitel IX
Halmyros
Erwähnt 1198; 1204 wurde Halmyros mitsamt Demetrias dem Teil der Pilger zugeschlagen.
Es existiert eine große Zahl venezianischer Handelsurkunden, die mit Halmyros zu tun
haben: MdRD Nr. 35 (März 1112) Halmyros, für eine Reise von Venedig über Korinth und
Halmyros nach Konstantinopel in einem amalfitanischen Schiff, das dann bei Halmyros
scheiterte; MdRND Nr. 10 (Dez. 1150) Kpl., für ein Kreditgeschäft in Konstantinopel.
Pfänder sind Besitzungen in Halmyros (cf. S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 231 (Okt. 1150)
Kpl.); die Pfänder gelangten zur Auszahlung (S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 233 (Januar
1151) Kpl.), wogegen der Bruder des Besitzers Einspruch erhob (S. GIORGIO MAGGIORE
Nr. 240 (Okt. 1151) Halmyros), das Erbe wurde geteilt, der Bruder erhielt ein Viertel der
Besitzungen in Halmyros; MdRD Nr. 107 (Januar 1154) Halmyros und Nr. 108 (Mai 1154)
Halmyros, beide über Geldgeschäfte; Nr. 115 (Okt. 1155) Halmyros, Kreditgeschäfte des
dortigen venezianischen Klosters; S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 271 (März 1156) Halmy-
ros: Das Kloster des Hl. Georg in Halmyros erhält einige Immobilien in der Stadt als Ge-
schenk; MdRD Nr. 133 (Sept. 1158) Halmyros: Freilassung eines sarazenischen Sklaven; Nr.
151 (Juni 1161) Halmyros, für eine Fahrt zu Lande von Konstantinopel nach Halmyros; Nr.
172 (April 1166) Halmyros, für eine Reise von Halmyros nach Konstantinopel und zurück;
Nr. 191 (Nov. [188] 1167) Alexandria, für eine Fahrt von Alexandria über Halmyros nach
Konstantinopel; Nr. 202 (März 1168) Korinth, für eine Fahrt von Halmyros nach Sizilien;
MdRND Nr. 21 (Aug. 1168) Kpl., für eine Fahrt von Halmyros nach Konstantinopel;
MdRD Nr. 212 (Febr. Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach Halmyros; Nr. 214/215
(Okt. 1169); Nr. 216 und 21731 (Dez. 1169); Nr. 219 (Jan. 1169); Nr. 221/222/223 (März
1170) alle ausgestellt in Halmyros für verschiedene Fahrten von Halmyros nach Konstanti-
nopel und zurück; Nr. 238 (Januar 1171) Halmyros, Gegenurkunde für Nr. 236; MdRND
Nr. 29 (Dez. 1177) Venedig: Abrechnung über die Rückzahlung eines früher (vor März 1171)
in Halmyros aufgenommenen Handelsdarlehens; MdRD Nr. 313 (Nov. 1179) Venedig:
Zeugenaussage für eine Fahrt 1171 von Halmyros nach Konstantinopel, wo die Insassen des
Schiffes gefangengenommen wurden; Nr. 381 (April 1190) Tyrus, für eine Fahrt von Tyrus
nach Abydos oder Konstantinopel, von dort alternativ entweder zurück nach nach Syrien
oder nach Halmyros bzw. Kitros und von dort alternativ entweder wieder nach Konstantino-
pel oder direkt zurück nach Syrien; Nr. 383 (Juli 1190) Kpl.: Gegenurkunde für Nr. 381; Nr.
392 (Nov. 1190) Kpl., für eine Fahrt von Halmyros nach Konstantinopel.
Auch die Genuesen trieben in Halmyros Handel: 1157 bestätigte der genuesische Notar
GIOVANNI SCRIBA (Nr. 224 (30. 8. 1157)) einen Kontrakt für eine Reise von Genua nach
Halmyros und zurück, der Kontrakt sollte für ein Jahr gelten. 1174 sollte der Botschafter Gri-
maldi Schadensersatz für ein genuesisches Schiff fordern, das von den Venezianern verbrannt
31
Diese Fahrt wurde auf einem lombardischen Schiff mit einem Kapitän (nauclerus) aus Messina durchge-
führt.
Die Balkanprovinzen 139
worden war, weil die Besatzung sich an der Verteidigung der Stadt beteiligte, obwohl die Ve-
nezianer freien Abzug angeboten hatten (IMPERIALE, Codice II. S. 215 und Anm. 2).
Die Kommune Pisa besaß ein eigenes Quartier mit Kirchen und Hospital in Halmyros:
1153 nahm der Papst Anastasius die Kirche des Hl. Iacobus de Almiro in seinen Schutz und
bestätigte ihr alle Privilegien und Besitzungen für immer, darunter auch die Kirche S. Nico-
laus mit den dazugehörigen Gütern(MÜLLER, Documenti [189] Nr. 3 (Dez. 1153) Rom).
In dem Friedensvertrag zwischen Venedig und Pisa von 1180 einigten beide Parteien sich
auch über Halmyros, so sollten beispielsweise die Häuser und die Kirchtürme genau gleich
hoch errichtet werden und keine Partei hierbei die andere zu übertreffen suchen. Felder,
Weinberge und Gärten, die sich im Besitz von ansässigen Venezianern oder Pisanern befun-
den, dann aber widerrechtlich den Besitzer gewechselt hatten – vielleicht eine Folge der Ge-
fangensetzung der Venezianer in Byzanz 1171 – sollten den ursprünglichen Besitzern resti-
tuiert werden (MÜLLER, Documenti Nr. 18, S. 20)32; später, wohl nach 1182, scheint das
pisanische Quartier durch den Kaiser eingezogen worden zu sein, denn 1197 beauftragte Pisa
seinen Botschafter, u. a. auch die Wiederherstellung der Kirchen, Häuser, des Embolums und
des Hospitals zu fordern sowie Wiedergutmachung für die angerichteten Schäden (MÜL-
LER, Documenti Nr. 64 (6. Sept. 1197) Pisa, S. 71).
Dieser durch die Urkunden bestätigten Bedeutung der Stadt entsprechen auch die ande-
ren Quellen. EDRISI (J. S. 296) nennt Halmyros bedeutend, volkreich und handeltreibend.
Die Griechen brachten – nach EDRISI – ihre Güter aus dem Binnenland in die dortigen
Warenlager33, eine Aussage, die die Funktion der lateinischen Emporia im byzantinischen
Reich als Umschlagplätze sehr gut charakterisiert. Wie stark Halmyros von den Westlern
beeinflußt worden war, geht auch aus dem Bericht BENJAMINS VON TUDELA (S. 11)
hervor, der es als eine große Stadt am Meer bezeichnet, die bewohnt wird von Venezianern,
Genuesen, Pisanern und überhaupt allen Kauf leuten, die dorthin kommen: ein großer ausge-
dehnter Platz, in dem auch 400 Juden beheimatet sind.
In der politischen Geschichte tritt Halmyros das erste Mal 1157 in Erscheinung, als die
Flotte Wilhelms I. von Sizilien die Stadt eroberte und plünderte, ebenso wie das Viertel der
Pisaner (ANNALES PISANI S. 17); als Manuel I. Komnenos 1171 alle Venezianer im Reich
festsetzen ließ, konnten aus Halmyros zwanzig (!) [190] Schiffe entkommen (DANDOLO S.
251). In der Folge belagerten die Venezianer die Stadt, wie aus den Instruktionen für Grimal-
di hervorgeht. Die Besatzung eines genuesischen Schiffes beteiligte sich an der Verteidigung: se
ad defensionem civitatis viriliter contulerunt (IMPERIALE, Codice II. S. 115). Nach 1204
begab sich der gestürzte byzantinische Kaiser Alexios III. Angelos nach Halmyros ins Exil.
32
Zu dem Vertrag cf. auch unten S. 528ff.
33
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 348; TIVCEV, Cités S. 166f. ; ABRAMEA, Thessalia S. 166ff.;
KODER–HILD, Hellas S. 170f.; CARILE, Partitio S. 284.
140 Kapitel IX
Kommentar: Halmyros war, obwohl nicht in dem Chrysobull von 1082 aufgeführt,
einer der bedeutendsten Handelshäfen der Italiener im byzantinischen Reich, an Wichtigkeit
wohl nur hinter Konstantinopel und Dyrrhachion, vielleicht Korinth, zurückstehend. Wa-
rum die Stadt das benachbarte und 1082 erwähnte Demetrias so weit überflügelte, läßt sich
nicht mehr ermitteln. Sie scheint der Hauptausfuhrhafen für ganz Thessalien gewesen zu sein.
Ihre Bedeutung wird auch aus den zahlreichen lateinischen Kirchen deutlich: Pisa besaß zwei,
Venedig mehrere, darunter auch ein Kloster (cf. den Friedensvertrag zwischen Venedig und
Pisa von 1180, wo unspezifiziert venezianische ecclesiae genannt werden: si (erg. Pisani) eccle-
siam et campanilem in altitudinem sicuti nostrae sunt et non plus ... facere voluerint34. Ebenso
spricht hierfür die Tatsache, daß 1171 mindestens zwanzig venezianische Schiffe im Hafen
von Halmyros lagen, wobei wir allerdings nicht wissen, von welcher Größe. In jedem Fall war
Halmyros während des 12. Jahrhunderts eines der bedeutendsten Handelszentren des byzan-
tinischen Reiches.
Herakleia (in Thrakien)
Erwähnt im Privileg von 108235; 1204 beanspruchte Venedig auch Herakleia.
Laut SAEWULF (S. 32) eine feine Stadt36, DANIEL (S. 4) rühmt ihren guten Hafen
und nennt sie groß, EDRISI (J. S. 298) bezeichnet [191] Herakleia als sehr bevölkert und als
bedeutendes Industriezentrum sowie als Stationierungspunkt für die byzantinische Flotte und
Armee.
Kommentar; Obwohl Herakleia im Chrysobull von 1082 aufgeführt wird, scheint es im
Fernhandel des 12. Jahrhunderts keine große Rolle gespielt zu haben. Mit Ausnahme der oben
angeführten Nachrichten taucht es in den Quellen nicht auf. Vielleicht wurde es von dem
nahegelegenen Rhaidestos, wo die Venezianer ein eigenes Quartier mit Kirche besaßen, in den
Hintergrund gedrängt. In diese Richtung weist auch die Nichterwähnung in dem Privileg von
1198. Offensichtlich hatte die Stadt für Venedig an Interesse verloren. Daß Herakleia 1204
von den Venezianern beansprucht worden ist, ist kein Gegenbeweis, da die ganze Region
Thrakien an die Lagunenstadt fiel.
Ithaka
Erwähnt in dem Privileg von 1198.
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts scheint Ithaka, ebenso wie auch Kephalonia, sich zu einem
Piratennest entwickelt zu haben, worüber auch BENEDICT VON PETERBOROUGH
34
MÜLLER, Documenti Nr. 18, S. 20; man kann allerdings nicht völlig ausschliessen, daß der Plural sich nur
auf Kirche und Turm bezieht, die Venezianer also doch nur eine Kirche besessen haben. Aber es wäre doch
unwahrscheinlich, daß Venedig in Halmyros weniger Kirchen als Pisa besessen haben soll.
35
DÖLGER, Regesten Nr. 1081 vermutet anstatt des thrakischen das Herakleia am Pontos, doch ist Hera-
kleia in Thrakien wahrscheinlicher.
36
Laut Anmerkung des Editors ist Rhaidestos gemeint, doch weist die Namens form Raclea, die Saewulf be-
nutzt, eher auf das von der Reiseroute her ebenso mögliche Herakleia hin.
Die Balkanprovinzen 141
(Gesta II. S. 197f.) klagt37. Ab 1185 fiel die Insel, zusammen mit Zakynthos und Kephalonia,
an die Normannen und ging Byzanz endgültig verloren38.
Joannina
Erwähnt in dem Privileg von 1198; 1204 beanspruchte Venedig Stadt und Provinz.
1082 wurde Joannina von den Normannen erobert und für kurze Zeit gehalten (ANNA
KOMNENE V. 4, S. 17)39.
Kastoria
Erwähnt in dem Privileg von 1198; 1204 fiel Kastoria an die Pilger. [192]
Die Stadt war 1082/83 heftig zwischen Byzantinern und Normannen umkämpft
(ANNA KOMNENE V. 5, S. 23; VI. 1, S. 41 ff.).
Katotika (τὰ κατωτικὰ μέρη, Catodica)
Der "untere" Teil Griechenlands. Er wurde im 12. Jahrhundert häufig von venezianischen
Händlern durchreist, meist im Zusammenhang mit Handelsunternehmungen auf der Pelo-
ponnes. Die Hauptware scheint Olivenöl gewesen zu sein. Der Inhalt der Urkunden legt
nahe, daß diese Händler zu Land reisten und nicht nur in den wichtigsten Küstenorten blie-
ben. Die κατωτικὰ μέρη scheinen zusammen mit der Peloponnes, Thrakien und Thessalien die
ökonomisch wichtigsten Provinzen des Reiches im 12. Jahrhundert gewesen zu sein40.
Kephalonia
Erwähnt in dem Privileg von 1198; 1204 beanspruchte Venedig die Insel.
EDRISI (J. S. 121) nennt Kephalonia reich bevölkert. Die Lage der Insel am Eingang des
Golfes von Korinth ließ sie auch zu einem beliebten Angriffsziel werden; Zunächst griff Ro-
bert Guiskard sie an (ANNA KOMNENE VI. 6, S. 55f.), später plünderte eine pisanische
Flotte, die ins Hl. Land ging, die Insel (ANNA KOMNENE XI. 10, S. 42), obwohl sie stark
befestigt gewesen zu sein scheint – die ANNALES PISANI (S. 7) nennen Kephalonia und
Leukas urbes fortissimas –. 1147 verwüstete Roger II. die Insel41, 1185 wurde sie von den Nor-
mannen erobert und kehrte nicht wieder unter byzantinische Herrschaft zurück42. Zu Ende
des 12. Jahrhunderts diente Kephalonia Piraten als Unterschlupf, die von hier aus die großen
37
Cf. BORSARI, Commercio S. 1009; s. auch ROGER VON HOVEDEN S. 165.
38
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 45f. ; cf. allgemein auch SOUSTAL, Nikopolis S. 168f.
39
Cf. auch BRANUSES, Historika kai topographika; SOUSTAL, Nikopolis S. 165ff. CARILE, Partitio S.
265.
40
Cf. BON, Péloponnèse S. 159 Anm. 4.
41
ANNALES CAVENSES S. 192; die Angabe findet sich nur hier, nicht aber in den anderen Quellen, so daß
sie etwas zweifelhaft scheinen muß. Andererseits lagen die Jonischen Inseln auf dem Weg der normanni-
schen Flotte von Korfu nach Korinth, was für einen normannischen Angriff spricht.
42
ROGER VON HOVEDEN S. 161: sunt (i. e. die Jonischen Inseln) insulae Margariti (also des siziliani-
schen Admirals Margaritone); cf. HOFFMANN, Rudimente S. 45f. ; KRETSCHMAYR, Geschichte
Venedigs I. S. 270; allgemein cf. auch SOUSTAL, Nikopolis S. 175ff. ; CARILE, Partitio S. 258.
142 Kapitel IX
Schiffahrtswege in den Golf von Korinth und die Küste der Peloponnes entlang beunruhigten
(BENEDICT VON PETERBOROUGH, Gesta II. S. 197f.)43 [193]
Kitros (Pydna)
Erwähnt in dem Privileg von 1198.
Es findet sich eine Reihe von Handelsurkunden über eine Fahrt des Romanus Mairano
von Konstantinopel über Kitros nach Alexandria und zurück nach Konstantinopel mit den
entsprechenden Bestätigungsurkunden: MdRD Nr. 183 (Juli 1167) Kpl.; Nr. 187–190 (Nov.
1167) Alexandria; Nr. 193–198 (Februar 1168) Kpl.; Nr. 201 und 203 (März 1168) Kpl.; für
1189 ist das Testament eines in Kitros verstorbenen Venezianers überliefert: MdRD Nr. 372
(Februar 1189) Kpl.; weiter wird Kitros als Alternativziel genannt für eine Reise von Tyrus
nach Abydos oder Konstantinopel, von dort entweder zurück nach Syrien oder Halmyros
oder Kitros und zurück nach Syrien oder Konstantinopel: MdRD Nr. 381 (April 1190) Ty-
rus; Nr. 383 (Juli 1190) Kpl.: Gegenurkunde zu Nr. 381; Nr. 417 (Mai 1193) Plathenea: Zeu-
genaussage für die Verspätung eines Schiffes, das von Kitros nach Venedig bestimmt war, we-
gen der Drohung feindlicher pisanischer Schiffe.
Nach EDRISI (J. S. 296) war Kitros eine blühende Stadt mit hohen und prächtigen Häu-
sern, einer zahlreichen Bevölkerung und lebhaftem Handel44.
Kommentar: Es ist schwierig, die Bedeutung von Kitros für den Handel festzustellen, da
der überwiegende Teil der Urkunden sich auf eine einzige Fahrt des Romanus Mairano be-
zieht, bei der Kitros auch nur eine Zwischenstation war. Immerhin haben Venezianer sich
dort aufgehalten, wenngleich aus den Quellen nicht deutlich wird, ob nur vorübergehend
oder auf Dauer. Die Stadt scheint zumindest ein bedeutendes lokales Handelszentrum
gewesen zu sein, obwohl die Konkurrenz der nahegelegenen Städte Halmyros und Thessalo-
nike wohl ziemlich spürbar gewesen ist.
Koila (an den Dardanellen)
Möglicherweise ein byzantinischer Flottenstützpunkt: 1110 zog Alexios gegen eine vereinigte
Flotte von genuesischen, pisanischen [194] und lombardischen Schiffen, die die byzantini-
schen Küsten plünderten, bei Koila und Madyta auf der Chersones eine Armada zusammen,
die die Dardanellen sichern sollte. Eine weitere Abteilung wurde zum Schutz der Inseln und
der Peloponnes ausgesandt. Angeblich gelang es den Byzantinern, vier von fünf italienischen
Schiffen, die in die Dardanellen eingedrungen waren, wegzunehmen. Zu weiteren Kampf-
handlungen scheint es nicht mehr gekommen zu sein (ANNA KOMNENE XIV. 3, S. 155).
Ob Koila das ganze 12. Jahrhundert hindurch ein Flottenstützpunkt gewesen ist, dürfte zwei-
felhaft sein. Eher ist an eine punktuelle und kurzfristige Maßnahme des Kaisers zu denken.
43
Cf. BORSARI, Commercio S. 1009; s. auch ROGER VON HOVEDEN S. 165: et ibi (i. e. auf dem Wege
an den Jonischen Inseln vorbei) fere omni tempore piratae insidiantur praetereuntibus.
44
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 351; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 241
Die Balkanprovinzen 143
Korfu
Erwähnt in dem Privileg von 1082 und in den anderen Privilegien bis 1198; 1204 wurde
Korfu von den Venezianern beansprucht.
Es existieren zwei Handelsurkunden aus dem Jahre 1191: MdRD Nr. 400 (Juli 1191)
Venedig, für eine Fahrt von Venedig über Dyrrhachion sive per totum districtum Curfum nach
Saloniki, und Nr. 401 (Okt. 1191) Venedig, für eine Reise von Venedig über Korfu (Curcum)
bis nach Konstantinopel.
Die politische Geschichte Korfus während des 12. Jahrhunderts war wechselvoll: Zu-
nächst eroberte Robert Guiskard die Insel (ANNA KOMNENE VI. 5, S. 51ff.); um die
Jahrhundertwende plünderten sowohl eine pisanische (ANNA KOMNENE XI. 10, S. 41f.)
als auch eine genuesische Flotte die Insel (LIBERATIO ORIENTIS S. 117f.). Der nächste
Angriff fand 1122 statt, als eine venezianische Armada Korfu zu erobern suchte (DANDO-
LO S. 233) , aber dieses Unternehmen abbrach, um schnellstmöglich in das Hl. Land zu ge-
hen, das dringend westlicher Unterstützung bedurfte (HISTORIA DUCUM S. 73) 1147/48
besetzten die Normannen Rogers II. die Insel (DANDOLO S. 72, 87, 94ff.), wurden jedoch
durch die vereinigten Anstrengungen der Byzantiner und Venezianer wieder vertrieben
(DANDOLO S. 242f KINNAMOS S. 97ff.; NIKETAS CHONIATES S. 76f., 130, 171),
wobei es zwischen den Verbündeten zu schweren Zerwürfnissen gekommen zu sein scheint45.
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts (nach 1204) besetzte [195] der genuesische Pirat Leone
Vetrano einen Teil der Insel und beunruhigte von ihr aus die Schiffahrt zwischen Venedig
und der Romania46.
Trotzdem scheint Korfu relativ reich gewesen zu sein, wie ROGER VON HOVEDEN
(S. 165) angibt: Insula quidem de Cuverfu magna est et fertilis et reddit singulis annis imperatori
Constantinopolitano XV quintallos auri. Quintallus est pondus C librarum; die Insel konnte
also Steuern und Abgaben in Höhe von 1.500 Pfund Gold pro Jahr aufbringen.
45
ABULAFIA, The two Italies S. 81 Anm. 58, äußert gewisse Zweifel, ob Korfu nach 1147 wirklich wieder
byzantinisch geworden sei, wobei er sich auf BENJAMIN VON TUDELA S. 10 beruft, demzufolge die
Insel den Normannen gehört haben soll. Jedoch sind die Aussagen der byzantinischen Historiker so deut-
lich, daß ein Irrtum oder eine wissentliche Falschaussage nicht möglich sind. Bis in das letzte Viertel des 12.
Jahrhunderts ist Korfu in jedem Fall byzantinisch gewesen, da es nach Konstantinopel Steuern zahlte, wie
Roger von Hoveden erzählt. 1203 erkannten die Einwohner Korfus den byzantinischen Prätendenten
Alexios, der mit dem Heer des Vierten Kreuzzugs gegen Konstantinopel segelte, als Kaiser an, auch dies ein
Hinweis darauf, daß die Insel zu diesem Zeitpunkt noch byzantinisch gewesen ist. Abulafias Bedenken sind
daher gegenstandslos.
46
THIRIET, Romanie vénitienne S. 86 Anm. 2; AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 310 Anm. 1; FOTHE-
RINGHAM, Genoa and the Fourth Crusade S. 31; cf, auch TSICHLES–ARONES, To emporio sten Ker-
kyra (vor allem zur Zeit nach 1204); SOUSTAL, Nikopolis S. 178ff.
144 Kapitel IX
Korinth
In allen Privilegien des 12. Jahrhunderts für Venedig erwähnt.
Korinth wird in mehr als dreißig venezianischen Handelsurkunden erwähnt: S. GIO-
VANNI EVANGELISTA DI TORCELLO Nr. 8 (Februar 1039) Korinth, über eine
Schenkung; MdRD Nr. 18 (September 1088) Venedig; Nr. 20 (Mai 1092 Venedig; Nr. 25
(Nov. 1095) Venedig, Nr. 54 (Juni 1129) Kpl., über eine Fahrt von Konstantinopel nach
Korinth; Nr. 65 (April 1135) Korinth, für eine Fahrt mit Ölladung (ein miliare de oleo) von
Lakedemonia nach Alexandria; Nr. 67 (Nov. 1135) Korinth, über zwei Milliaria Öl; Nr. 63
(April 1136) Korinth, für Leinen; Nr. 69 (Sept. 1136) für eine Fahrt von Korinth nach Kon-
stantinopel; Nr. 72 (April 1139) Korinth; ZUSTO Nr. 14 (Aug. 1140) Venedig, für eine
Reise von zwei Jahren von Venedig über Konstantinopel und Korinth nach Lakedemonia und
weiter nach Alexandria und Konstantinopel; MdRD Nr. 80 (Juni 1142) Venedig, für eine
Fahrt von Venedig nach Korinth; ZUSTO Nr. 16 (Juni 1144) Venedig, für eine Reise von
Alexandria über Korinth nach Konstan-[196] tinopel auf einem Schiff aus Amalfi; MdRD
Nr. 89 (März 1147) Venedig, einer der beteiligten ist Leonardus, prior Scti. Nicolai de Corin-
tho; Nr. 94 (März 1149) Venedig: ähnlich wie Nr. 89; Nr 97 (Mai 1150) Venedig, für eine
Reise von Venedig nach Korinth und weiter mit beliebigem Ziel; Nr. 110 (Febr. 1155) Kpl.,
für eine Fahrt zu Lande von Konstantinopel über Theben nach Korinth und wieder zurück
nach Konstantinopel; Nr. 146 (Jan. 1161) Torcello, für eine Reise von Torcello nach Ko-
rinth; Nr. 147 (Jan. 1161) Torcello, Gegenurkunde für Nr. 146; Nr. 185 (Aug. 1167) Ko-
rinth (Nr. 186 ist Kopie von 185), für eine Fahrt von Konstantinopel über Korinth nach
Venedig; Nr. 192 (Jan. 1168) Korinth, für ein Schiff, das von Halmyros über Korinth nach
Sizilien geht; Nr. 232 (Okt. 1170) Korinth: Testament; Nr. 235 (Okt. 1170) Theben, für eine
Unternehmung quer durch die Peloponnes über Korinth und Thessalonike nach Konstanti-
nopel; Nr. 314 (Nov. 1179) Venedig: Bestätigung für eine Unternehmung (vor 1171) in
Korinth; Nr. 33 (Juli 1182) Venedig: Bestätigung für eine Unternehmung in Korinth 1170;
Nr. 336 (Juli 1183) Venedig, für eine Reise von Korinth nach Konstantinopel 1171. Auf der
Höhe von Rhaidestos wurde das Schiff von einer kaiserlichen Galeere aufgebracht und nach
Rhaidestos geschleppt, wo die Ladung konfisziert wurde; Nr. 353 (Febr. 1185) Theben, für
eine Reise von Theben zu Land nach Dyrrhachion und weiter nach Venedig, von dort aus
über Korinth (also zur See) zurück nach Theben; Nr. 369 (Aug. 1188) Venedig: Bestätigung
über byzantinische Wiedergutmachungszahlungen – mit den von Andronikos geschickten
Geldern – für Schäden auf einer Reise von Korinth nach Konstantinopel; Nr. 426 (Juli 1195)
Venedig, über eine Fahrt von Venedig durch den Golf von Korinth nach Theben und weiter
in die Peloponnes; Nr. 451 (Aug. 1200) Venedig, für eine Reise von Venedig über Korinth in
die Peloponnes und wieder zurück nach Venedig,
In den genuesischen und pisanischen Quellen wird Korinth als Handelsstation nicht
erwähnt.
Die Balkanprovinzen 145
Nach BENJAMIN VON TUDELA (S. 10) lebten in Korinth 300 Juden: die Stadt galt
als stark befestigt (VILLEHARDOUIN II. S. 108)47. [197] Ihre Hauptbedeutung lag in ihrer
Funktion als Anlaufplatz am Isthmos von Korinth, wo sowohl von Westen wie auch von
Osten her Schiffe ihre Waren landeten und über die Landenge brachten, wo sie wieder in
andere Schiffe verladen wurden (NIKETAS CHONIATES S. 74).
1147 wurde Korinth von den Normannen Rogers II. eingenommen und schwer geplün-
dert (DANDOLO S. 242f.; HISTORIA DUCUM S. 75; ROMUALD VON SALERNO S.
424; KINNAMOS S. 92; NIKETAS CHONIATES S. 75f.). In der Zeit der letzten Angeloi
bemächtigte sich Leon Sguros der Stadt und verleibte sie seinem Herrschaftsgebiet ein (NI-
KETAS CHONIATES S. 605, 638)48.
Kommentar: Zweifellos gehörte Korinth zu den wichtigsten Handels- und Industrie-
zentren des byzantinischen Reiches im 12. Jahrhundert, was allein schon die große Zahl der
erhaltenen Handelsurkunden, in denen Korinth erwähnt wird, beweist. Die Bedeutung der
Stadt lag nicht allein in der dort zu findenden Industrie, sondern auch in ihrer Position auf
dem gleichnamigen Isthmos, die sie zu einem Anlaufpunkt sowohl für die von Venedig und
Konstantinopel heranfahrenden Schiffe (NIKETAS CHONIATES S. 74) als auch für die zu
Lande durch die Peloponnes nach Norden bzw. von Thessalonike und Theben nach Süden
eilenden Händler machte. Venedig scheint in Korinth ein eigenes Quartier besessen zu haben,
wofür die Existenz der Kirche des Hl. Nicolaus spricht. Merkwürdigerweise wird Korinth
weder von genuesischen noch pisanischen Quellen erwähnt. Warum, wissen wir nicht. Es wä-
re sehr merkwürdig, wenn es dort keine Angehörigen dieser Städte gegeben hätte, ob mit eige-
nem Quartier oder ohne. Die Plünderung von 1147 hat die Stadt anscheinend gut überstan-
den, erst in den achtziger Jahren scheint es mit ihr bergab gegangen zu sei49 , bis sie schließlich
unter die lokale Herrschaft des Leon Sguros geriet. Ihre weitere Geschichte ist in unserem Zu-
sammenhang ohne Belang.
Koron
Erwähnt in dem Privileg von 1082; weder 1198 noch 1204 angeführt, was sich möglicher-
weise dadurch erklärt, daß Koron später unter [198] den Bereich des beide Male erwähnten
Methone (Modon) gezählt wurde.
Nach EDRISI (J. S. 124) wurde Koron von einer Festung beschützt, die die umliegenden
Gewässer beherrschte. Nach ROGER VON HOVEDEN (S. 160) war Koron Zentrum eines
ausgedehnten Olivenanbaugebietes, dessen Größe der Chronist bewunderte. Der Golf von
Koron diente angeblich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Piratenstützpunkt, bis
47
Cf. TIVCEV, Cités S. 155; zur Erzeugung von Seide und Keramik cf. TIVCEV, Cités S. 152f.; SCHAU-
BE, Handelsgeschichte S. 243; BON, Péloponnèse S. 169, der auch die Existenz von Glasindustrie in Ko-
rinth erwähnt (S. 131).
48
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 56–59; BRAND, Byzantium S. 152f.
49
Cf. BON, Péloponnèse S. 169.
146 Kapitel IX
Roger II. von Sizilien ihn säuberte: Deinde est gulfus de Witun, et supra gulfum illum est castel-
lum bonum et forte, quod dicitur Magne (auf der Halbinsel Mani); et supra gulfum illum est
civitas episcopalis bona et magna, quae dicitur Curun; et ibi crescit copia olivarum, adeo quod
dicitur, quod in toto mundo non est locus, in quo sit tante copia olei olivae; et in exitu eiusdem
gulfi de Witun est Muszun civitas deserta, quam Rogerius Rex Siciliae destruxit, et ante intro-
itum illius civitatis sunt duae insulae. Ob der Golf von Koron tatsächlich ein Piratenstütz-
punkt war, dessen Zentrum Methone (Muszun) Roger II. deshalb zerstört haben soll, ist zu
bezweifeln, da dieser Angriff wohl in Zusammenhang mit dem Krieg von 1147/49 zu sehen
ist, den Roger nicht wegen einer etwaigen Piratengefahr vom Zaun gebrochen hat.
Lakedemonia
1204 beanspruchte Venedig die Provinz Lakedemonia (der Name – auch in der Form Kede-
monia u. ä. – scheint sowohl die Stadt Sparta wie auch das ganze Eurotastal zu bezeichnen).
Venezianische Handelsunternehmungen gingen häufig in diese Gegenden: MdRD Nr.
65 (April 1135) Korinth, für eine Fahrt mit insgesamt zwei Milliaria Öl von Lakedemonia
nach Alexandria; ZUSTO Nr. 14 (Aug. 1140) Venedig, für eine Reise von zwei Jahren von
Venedig nach Konstantinopel, weiter über Korinth und Lakedemonia nach Alexandria und
zurück nach Konstantinopel; MdRND Nr. 9 (Sept. 1150) Venedig: Zeugenaussage über ei-
nen Aufenthalt in Lakedemonia; Nr. 11 (Okt. 1151) Venedig: Zeugenaussage über eine Öl-
lieferung von Lakedemonia nach Konstantinopel, ein Teil wurde von den sizilianischen Nor-
mannen weggenommen (wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Krieg von 1147–1149);
MdRD Nr. 112 (Juni 1155) Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach Lakede-[198]
monia; Nr. 117 (Nov. 1155) Kpl., desgleichen; Nr. 135 (Mai 1159) Lakedemonia: Auflösung
einer in Lakedemonia gegründeten Handelsgesellschaft; Nr. 205/206 (Mai 1168) Lakedemo-
nia: Testament; Nr. 233 (Okt. 1170) Theben; für ein in Lakedemonia ausgestelltes Testa-
ment; Nr. 311 (Nov. 1179) Venedig, desgleichen; Nr. 314 (Nov. 1179) Venedig: Bestätigung
für eine Handelsunternehmung (vor 1171) in Lakedemonia; Nr. 315 (März 1180) Venedig:
desgleichen; Nr. 316 (Juni 1180) Venedig: Zeugenaussage über die Gefangennahme von
Venezianern 1171 in Lakedemonia, wo sie im Ölhandel tätig gewesen waren; Nr. 320 (Juli
1180) Venedig: Zeugenaussage über den Verkauf von zwölf Milliaria Öl. Obwohl keine
Ortsbezeichnung gegeben wird, könnte die Urkunde gut nach Lakedemonia passen, da der in
der Urkunde genannte Vivianus Faletrus mehrfach dort bezeugt ist (z.B. MdRD Nr. 314-
315); Nr. 338 (Mai 1183) Venedig: Zeugenaussage über zwei Milliaria Öl, die in Lakedemo-
nia an Vivianus Faletrus vermacht wurden, zu der Zeit, als er dort festgehalten wurde; Nr. 361
(Dez. 1185) Venedig, bezieht sich wieder auf Ölgeschäfte, die in Lakedemonia getätigt wur-
den, während die Venezianer in der Romania festgehalten wurden; Nr. 365 (Jan. 1185) Vene-
dig: Wiedergutmachungszahlung mit Hilfe des von Andronikos zur Verfügung gestellten Gel-
des an Thomas Faletrus für Öl, das er (ca. 1171) gekauft hatte; obwohl auch hier kein Ort ge-
nannt wird, scheint Lakedemonia als Ort besagten Ölgeschäfts am wahrscheinlichsten zu sein,
Die Balkanprovinzen 147
da die Familie der Faletri dort relativ häufig bezeugt ist. Die Peloponnes scheint ihr bevorzug-
tes Areal für Handelsunternehmungen gewesen zu sein.
Nach Edrisi (J. S. 125) war Lakedemonia (el-Kedemona) eine bedeutende und blühende
Stadt.
Kommentar: Obwohl Stadt und Provinz in den Privilegien nicht erwähnt werden, schei-
nen sie im venezianisch-byzantinischen Handel eine gewichtige Rolle gespielt zu haben. Be-
sonders bedeutend war die Produktion von Öl, das den Quellen zufolge nach Konstantinopel,
Venedig und sogar Alexandria verschifft wurde.
Larissa
Stadt bzw. Provinz von Larissa werden 1198 erwähnt, 1204 fiel Larissa den Pilgern zu. [200]
Laut EDRISI (J. S. 292) eine bemerkenswerte Stadt inmitten von Feigenpflanzungen,
Weingärten und Ackerfeldern.
1082/83 war Larissa zwischen Normannen und Byzantinern umkämpft (ANNA KOM-
NENE V. 5, S. 23, 25, 27)50.
Leukas
Erwähnt in dem Privileg von 1198; 1204 beanspruchte Venedig die Insel.
EDRISI (J. S. 123) schildert Leukas als sehr groß, mit süßem Wasser51. Weiter tritt die
Insel nicht in Erscheinung.
Als 1099 eine pisanische Flotte nach Syrien segelte, plünderte sie auf ihrem Weg auch
Leukas (ANNA KOMNENE XI. 10, S. 42; ANNALES PISANI S. 7).
Madyta
S. oben s. v. Koila.
Mesembria
Bedeutendes Verkehrszentrum für den Handel mit Bulgarien52.
Methone (Modon, Muszun u. ä.)
In allen Privilegien erwähnt; 1204 erhob Venedig Anspruch auf die Stadt.
Zweimal in venezianischen Urkunden erwähnt: MdRD Nr. 11 (April 1072) Venedig:
Zeugenaussage über den Transport einer Ladung Alaun von Alexandria, der Weg des Schiffes
führte über Methone; Nr. 456 (April 1201) Kpl., Verkauf einer Ladung von 34 Milliaria Öl
für 1.000 Hyperper (perperos auri veteres) in Methone, Verkäufer ist ein Pisaner. Es trieben
also auch Pisaner Handel in Methone.
50
Cf. auch KODER–HILD, Hellas S. 198f.; ABRAMEA, Thessalia S. 132ff.
51
Möglicherweise ein Hinweis darauf, daß man während der Reise Leukas anlief, um dort seine Wasservor-
räte zu ergänzen; allgemein cf. auch SOUSTAL, Nikopolis S. 195f.
52
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 309; GJUZELEV, Die mittelalterliche Stadt Mesembria; KON-
STANTINIDIS, Mesembria.
148 Kapitel IX
Nach EDRISI (J. S. 124) war Modon, ebenso wie Koron, eine kleine Stadt, die von einer
meerbeherrschenden Festung geschützt wurde. [201]
Die Stadt galt als eine der wichtigsten auf der ganzen Peloponnes53, was auch darin seinen
Ausdruck findet, daß z. B. Robert von Clari die Halbinsel "Insel von Methone" nennt . Diese
Bedeutung ist wohl zurückzuführen auf die Position Methones an dem großen Schiffahrtsweg
die Küste der Peloponnes entlang. So war die Stadt natürlich auch Ziel feindlicher Angriffe:
Im Krieg gegen Johannes II. besetzte und plünderte eine venezianische Flotte auf der Rück-
reise von Syrien die Stadt (DANDOLO S. 234f.; HISTORIA DUCUM S. 74; FULCHER
III. 15, S. 657 und III. 41, S. 758ff.), ebenso 1147 die Normannen (ROGER VON HOVE-
DEN S. 160; OTTO VON FREISING, Gesta I. 35, S. 198).
Auch als Piratenstützpunkt hatte Methone angeblich seine Bedeutung. 1204 kaperten
hier sechs genuesische Fahrzeuge ein venezianisches Schiff, das mit Beute von der Eroberung
Konstantinopels heimkehrte (ANNALES IANUENSES III. S. 93); zu Ende des 12. Jahr-
hunderts wurde die Stadt ebenso wie Koron von dem genuesischen Piraten Leone Vetrano
attackiert, der auf Korfu sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte54. ROGER VON HOVE-
DEN (S. 160, 165), der auf dem Rückweg von dem Dritten Kreuzzug hier vorbeikam, nennt
Methone verlassen: est Muszun civitas deserta, quam Rogerius Rex Siciliae destruxit; ad Munzen
civitatem desertam. Diese Angabe steht allerdings im Widerspruch zu den anderen angeführ-
ten Quellen, die den Eindruck erwecken, daß die Stadt auch am Ende des 12. Jahrhunderts
noch durchaus intakt gewesen ist. [202]
Monembasia
Möglicherweise eine Flottenbasis für die byzantinische Kriegsflotte. 1147 konnte Monem-
basia einen sizilianischen Flottenangriff auf die Stadt zurückweisen (KINNAMOS S. 119–
121)55. Handel in der Stadt ist für das 12. Jahrhundert nicht belegt.
Nauplion
Erwähnt in allen Privilegien; 1204 blieb die Stadt unberücksichtigt56.
53
ROBERT DE CLARI Kap. CXI. S. 105: "l’isle de Mosson"; cf. BON Péloponnèse S. 88; allgemein auch
CARILE, Partitio S. 260f.
54
BON, Péloponnèse S. 170 mit Anm. 2; cf. FOTHERINGHAM, Genoa and the Fourth Crusade S. 31; die
Einschätzung Methones als eines Piratennestes beruht allerdings fast ausschließlich auf ROGER VON
HOVEDEN (S. 160), der erzählt, daß Roger II. die Stadt wegen der Piraten zerstört habe. Wir wissen aus
anderen Quellen, daß Methone auf demselben Feldzug von Robert erobert worden ist, auf dem auch The-
ben und Korinth geplündert wurden. Dieses Unternehmen aber ist keineswegs wegen irgendwelcher Pira-
ten durchgeführt worden. Man hat den Eindruck, daß die Normannen versuchten, ihren Angriff damit zu
entschuldigen, daß sie nur gegen Piraten hätten vorgehen wollen, und ihre Darstellung ist offensichtlich
allgemein geglaubt worden. Gegen sie spricht, daß Methone ein bekannter Schlüsselpunkt auf dem Seeweg
um die Peloponnes gewesen und häufig von italienischen Handelsschiffen angelaufen worden ist, was bei
einem bekannten Piratennest wohl kaum der Fall gewesen wäre.
55
Cf. HERRIN, Collapse S. 200f.; allgemein cf. auch WITTEK, The Castle of Violets.
56
Sie gehörte zu der ganzen Region zwischen Argos, Korinth, Nauplion und Theben, die in der Partitio Ro-
Die Balkanprovinzen 149
60
Cf. BON, Péloponnèse byzantin S. 170.
61 Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 56–59.
62
Cf. TOMASCHEK, Häraushalbinsel S. 353.
63
Cf. auch oben s. v. Katotika.
Die Balkanprovinzen 151
[205] ben, für eine Reise durch Catodica und Peloponnes nach Saloniki und weiter über Ko-
rinth nach Konstantinopel; Nr. 239 (Jan. 1171) Theben, für eine Reise per totam Catodica et
Peliponiso nach Theben; Nr. 426 (Juli 1195) Venedig, für eine Fahrt von Venedig durch den
Golf von Korinth nach Theben et per illis partibus per tote Catodica i Poliponiso; Nr. 451 (Aug.
1200) Venedig, für eine Reise von Venedig nach Korinth und weiter per totam Catodicam et
per Ypoflisum zurück nach Venedig.
EDRISI (J. S. 124) kennt sechzehn bekannte Städte sowie viele Festungen und Dörfer
auf der Halbinsel. Viele Städte der Peloponnes sind dem arabischen Geographen zufolge
berühmt und haben feste Märkte ("marches permanents"). Die Einwohner haben Schiffe,
treiben aber nur Küstenschiffahrt. Mit dem Kontinent verkehren sie allein über den Isthmos
von Korinth (EDRISI J. S. 126). Das Hauptausfuhrprodukt dürften Öl und Oliven gewesen
sein (s. z. B. unter Koron, Methone und Lakedemonia). Bei Patras und Korinth gab es Her-
stellung von Seide64, in Korinth auch Glasindustrie65.
Vor allem gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden die Küsten der Peloponnes zuneh-
mend von Piraten heimgesucht66, die aber schon das ganze Jahrhundert hindurch ein Übel
dargestellt hatten (s. unter Koron und Nauplion). Im ausgehenden 12. Jahrhundert besetzte
Leon Sguros den nordöstlichen Teil der Peloponnes67. [206]
Pera
Zwischen 1162 und 1169 scheint Pera Standort des pisanischen Quartiers gewesen zu sein,
das vom Kaiser vermutlich 1162 aus Konstantinopel in die Vorstadt verlegt worden war. Pera
ist am wahrscheinlichsten, denn 1170 sollte der genuesische Botschafter Amico da Murta ein
Quartier für die Genuesen in Konstantinopel fordern, sich zur Not aber auch mit einem in
Pera begnügen: et si ibi (i. e. in Konstantinopel) non potes, in Perforo (IMPERIALE, Codice I.
S. 329 Anm.: Emendationes zu dem Vertrag von 1155)68. Da die Genuesen, wie aus den
Instruktionen für da Murta ersichtlich, in dieser Zeit vor allem die Gleichstellung mit den
Pisanern anstrebten, könnte dies auf ein pisanisches Embolum in Pera hindeuten, das
wahrscheinlich dann zwischen 1169 und 1170 nach Konstantinopel zurückverlegt wurde. Da
64
BON, Péloponnèse byzantin S. 131, wie überhaupt die Herstellung von Geweben und Kleidung bedeutend
war: IBIDEM S. 128f.
65
IBIDEM S. 131; aus der Peloponnes scheint zumindest zeitweilig auch Getreide nach Italien exportiert
worden zu sein, wie eine bisher unpublizierte Monodie des Eustathios auf Nikolaos Hagiotheodorides
nahelegt, in der berichtet wird, daß Nikolaos aus seiner Diözese in der Peloponnes Getreide nach Italien
und in das Illyricum geschickt habe (KAZHDAN, Two Notes S. 120f.). Ob hieraus allerdings auf einen
grundsätzlichen Getreideexport geschlossen werden kann, scheint mir zweifelhaft zu sein.
66
IBIDEM S. 166ff; s. auch unter den einzelnen Orten; allgemein cf. auch LEMERLE, Le Péloponnèse;
SPHEKOPULOS, Ta mesaionika kastra tu Morea; für die Zeit der Lateinerherrschaft nach 1204 cf. BON,
La Morée Franque; JACOBY, Les Etats latins; CARILE, La Rendita Feudale (dies nur eine kleine Aus-
wahl).
67
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 56-59.
68
Zu den Verträgen von 1169/70 cf. oben Kap. IV. S. 87ff.
152 Kapitel IX
der Kaiser den Genuesen ebenfalls ein Quartier in Konstantinopel zugestand, wurde ihre
Ersatzforderung gegenstandslos (IMPERIALE, Codice I. S. 328 Anm.). Dennoch hat Genua
auch mit Pera Handel getrieben, wie die Nachricht eines genuesischen Schiffes mit einer
Ladung Getreide bezeugt, das 1180, aus Pera kommend, in Genua den Tod Manuels meldete
(ANNALES IANUENSES II. S. 14f.)69
Peritheorion
Die Stadt wird in dem Chrysobull von 1082 angeführt. Da sie später kaum noch in den Quel-
len auftaucht, auch nicht in dem Privileg von 1198 und in der Partitio Romaniae, hat sie
offensichtlicl im Gegensatz zu früher während des 12. Jahrhunderts für den Handel keinerlei
Bedeutung mehr gehabt.
Philippi
Ein bedeutendes Handels- und Industriezentrum, sowohl für den Import als auch für die Aus-
fuhr (EDRISI J. S. 297)70. Da in anderen Quellen nichts dergleichen erwähnt wird, ist Edrisis
Nachricht mit [207] Vorsicht aufzunehmen71.
Philippupolis
Erwähnt in dem Privileg von 1198.
Nach VILLEHARDOUIN (II. S. 212) zählte Philippupolis zu den drei schönsten
Städten des Reiches72.. ALBERT VON AACHEN (II. 7, S. 304) nennt die Stadt civitatem
praeclaram. Zu Villehardouin steht freilich im Gegensatz ARNOLD VON LÜBECK (Chro-
nica Slaworum S. 132), demzufolge die Stadt zur Zeit des Dritten Kreuzzugs verlassen war:
Inde castra moventes venerunt Vinopolim (i. e. Philippopel) civitatem magnam sed desertam, in
qua cum omnis exercitus hospitatus fuisset, vix alterne domus inhabite sunt ... Allerdings ist Ar-
nold kein Augenzeuge und übertreibt vielleicht, um die Größe des Kreuzheeres hervorzuhe-
ben. 1189 zeigt Philippopel sich durchaus noch als bewohnt (DÖLGER, Regesten Nr. 1588
(Anf. 1189): Maßnahmen für die Verbesserung der Stadtbefestigungen). Immerhin hatte der
Ort gegenüber früher zweifellos durch die Kämpfe mit den Ungarn und Serben zu Anfang der
achtziger Jahre des 12. Jahrhunderts stark gelitten, auch scheint die Bevölkerung, ebenso wie
die anderen Städte, auf die Nachricht vom Anmarsch der Deutschen hin zumindest teilweise
die Stadt geräumt haben (NIKETAS CHONIATES S. 403).
69
Zu der späteren genuesischen Kolonie in Pera cf. BRATIANU, Recherches S. 89ff.; BALARD, Romanie
Génoise S. 105ff.
70
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 357.
71
Die Region, in der Philippi liegt, ist allerdings auch ohne diese Stadt im Handel mit den Italienern vertre-
ten, s. oben s. v. Christupolis, Chrysupolis; allgemein cf. auch LEMERLE, Philippes et la Macedoine
Orientale.
72
Cf. TIVCEV, Cités S. 153f.; allgemein auch APOSTOLIDIS, He tes Philippupoleos Historia; BLA-
CHOS, He historia tes Philippupoleos; BROWNING, Michael Italicus (vor allem zu den Verhältnissen
zur Zeit des Zweiten Kreuzzugs).
Die Balkanprovinzen 153
Philippopel lag auf der großen Heerstraße von Belgrad über Naissus (Niš) nach Konstan-
tinopel und wurde demzufolge häufig von den Kreuzfahrern berührt. ODO VON DEUIL (S.
42) berichtet von einer lateinischen Niederlassung bei der Stadt: Philippopolis extra muros no-
bilem burgum Latinorum habebat73. Daß Roger II. 1147 außer Theben und [208] Korinth
auch Philippopel erobert hat, wie MICHAEL DER SYRER (III. S. 282) schreibt, ist ein Irr-
tum des Chronisten und allein schon aufgrund der geographischen Gegebenheiten unmög-
lich. Vielleicht verwechselt der syrische Historiker Roger II. mit den gleichzeitig in Byzanz
eintreffenden Rittern des Zweiten Kreuzzugs, der Philippupolis berührte. Im ausgehenden 11.
Jahrhundert wurde die Region um die Stadt von Petschenegen verwüstet (ANNA KOMNE-
NE VI. 14 – VII. 2, S. 84–88). Ab 1196/97 machte sich hier der ehemalige Bulgare Ivanko
selbständig und schuf ein eigenes kleines Reich mit dem Zentrum Philippupolis, das bis 1200
Bestand hatte, ehe die Byzantiner es zerschlagen und die Region zurückgewinnen konnten74.
Plathenea
In den Privilegien nicht erwähnt.
1193 ist in Plathenea die Zeugenaussage eines jetzt in Thessalonike wohnhaften Vene-
zianers über die Verspätung eines von Thessalonike bzw. Kitros nach Venedig bestimmten
Schiffes protokolliert worden (MdRD Nr. 417 (Mai 1193)75. [209]
Platamon
Aufgeführt in dem Privileg von 1198, 1204 fiel die Stadt an diePilger.
EDRISI (J. S. 296) nennt Platamon einen blühenden Ort mit einem guten Hafen und
Schiffbauindustrie, inmitten eines fruchtbaren Gebietes gelegen76.
73
Cf. Tivcev, Cités S. 167; wenn SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 238 aus dieser Nachricht Odos den
Schluß zieht, daß es bei Philippopel ein Quartier von Abendländern gegeben hat, die Handel getrieben
haben sollen, so geht er damit viel zu weit. Der Ausdruck burgus besagt im Mittelalter nicht vielmehr als
eine Ansiedlung. Es wird sich um eine Niederlassung lateinischer burgenses gehandelt haben, wobei aus den
Quellen nicht mehr entschieden werden kann, ob es sich nun um westliche Händler, Söldner mit ihren
Angehörigen oder irgendwelche andere Lateiner gehandelt hat. Der Zusatz nobilis deutet eher auf Söldner
hin, zumal eine Niederlassung ausländischer Kaufleute, will sagen: Venezianer, Genuesen oder Pisaner, so
weit im Inneren eher unwahrscheinlich und ziemlich einmalig wäre (cf. auch oben s. v. Adrianupolis). Im
allgemeinen lagen solche Quartiere ausnahmslos an der Küste oder in küstennahen Plätzen, was für seefah-
rende Händler wohl auch wahrscheinlicher ist. Zudem existieren keinerlei Quellennachrichten für Han-
delsverbindungen mit dem Westen. Der burgus bei Philippopel wurde von den deutschen Kreuzfahrern
Konrads III. zerstört (ODO VON DEUIL S. 42). Ob er sich hiervon wieder erholt hat, ist nicht mehr zu
ermitteln. Neben diesen Lateinern besaßen auch die Armenier eine größere Niederlassung in Philippopel, s.
NIKETAS CHONIATES, Orationes et Epistulae S. 192; cf. VAN DIETEN, Niketas Choniates. Erläute-
rungen S. 166ff.; HECHT, Byzanz und die Armenier S. 60ff.
74
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 51-55.
75
SCHREINER, Untersuchungen S. 178 schließt aufgrund der vorliegenden Urkunde auf eine venezianische
Kolonie oder zumindest venezianischen Handel in Plathenea, was aber unwahrscheinlich sein dürfte, da
der Ort sonst nicht erwähnt wird und das Protokoll auch mehr oder weniger zufällig dort aufgenommen
worden sein kann, wie wir auch von anderen ähnlichen Urkunden wissen.
154 Kapitel IX
Rhaidestos
Erwähnt in dem Chrysobull von 1082; 1204 beanspruchten die Venezianer die Stadt. 1198
wird sie nicht aufgeführt.
Es existieren einige venezianische Urkunden, die sich mit Rhaidestos befassen; MdRND
Nr. 8 (Sept. 1147) Kpl., über innervenezianische Streitigkeiten in Rhaidestos; Nr. 12 (Dez.
1151) Rhaidestos: desgleichen; S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 276 (Okt. 1157) Kpl.: Das
Kloster der Hl. Maria in Adrianopel gab an das Kloster S. Giorgio in Venedig die Kirche S.
Maria in Rhaidestos: unam ecclesiam ad honorem Sante Marie conditam, que est juris nostri
monasterii, posita in Rodisto, iuxta locum qui dicitur Fontega, in ruga Francigenorum, foras
muros civitatis, gegen freien Aufenthalt seiner Mönche in Rhaidestos; MdRD Nr. 336 (Jan.
1183) Venedig: Zeugenaussage über ein von Korinth nach Konstantinopel bestimmtes Schiff,
das von einer kaiserlichen Galeere gekapert und nach Rhaidestos gebracht worden war, wo die
Ladung beschlagnahmt wurde (1171).
EDRISI (J. S. 298) bezeichnet die Stadt als klein, aber gut ausgestattet, mit Weingärten,
Getreide usw., nach BENJAMIN VON TUDELA (S. 14) lebten dort 400 Juden77.
Kommentar: Rhaidestos war für die Lateiner, möglicherweise ausschließlich für die Ve-
nezianer, ein sehr wichtiges Handelsemporium, was allein schon daraus hervorgeht, daß Vene-
dig hier ein eigenes Handelsquartier – wenn auch außerhalb der Stadtmauern – mit eigenen
Kirchen besaß und daß die Venezianer auch ihre eigenen Maße und Gewichte verwenden
konnten (MdRND Nr. 8 und 12, in [210] denen es um Auseinandersetzungen zwischen
Venezianern über diese Dinge ging). Die Wichtigkeit des Platzes resultiert wohl aus dem
Zugang zu dem getreidereichen Thrakien.
Selymbria
In den Privilegien von 1082 bis 1198 erwähnt.
Nach EDRISI (J. S. 298) war die Stadt bekannt, wohlbefestigt und Handel treibend78.
Skopie
Angeführt in dem Privileg von 1198.
Die Stadt galt als bemerkenswert, umgeben von Weingärten und Ackerland (EDRISI J.
S. 289)79; 1082 wurde sie zeitweilig von den Normannen besetzt (ANNA KOMNENE V. 5,
S. 22).
76
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 351; TIVCEV, Cités S. 164; cf. auch BAKALOPULOS, Plata-
mon.
77
Zu Rhaidestos cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 330; HEYD, Commerce I. S. 243; SCHAUBE,
Handelsgeschichte S. 238; TIVCEV, Cités S. 160; CARILE, Partitio S. 249.
78
Cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 330.
79
Cf. TOMASCHEK, Hämusbalbinsel S. 360.
Die Balkanprovinzen 155
80
Cf. THIRIET, Délibérations Nr. 2 (Sept. 1168) S. 26.
81
Diese Urkunde ist insofern merkwürdig, als sie in eine Zeit fällt, in der die Venezianer aus der Romania ver-
trieben worden waren (cf. unten S. 489ff.).Der Text setzt aber die ständige Präsenz zumindest eines der bei-
den Beteiligten in Theben voraus. Aus welchem Grund eine solche Transaktion 1175/76 dennoch möglich
gewesen sein kann, läßt sich, sofern nicht neue Quellen auftauchen, kaum noch sagen.
156 Kapitel IX
Genuesen und Pisaner waren - zumindest bis ca. 1172/7382 nicht in Theben vertreten,
wie aus den Instruktionen für die genuesische Gesandtschaft von ca. 1172/73 hervorgeht
(IMPERIALE, [212] Codice II. S. 115 Anm.) : et liberam et omnimodam habeant facultatem
mercandi et utendi libere per omnem terram et omnes partes imperii et etiam exercendi negociati-
onem pannorum sete apud Stivam sicut Veneti soliti erant. Da die Instruktionen grundsätzlich
auch die Privilegien Venedigs und Pisas erwähnen (sicut Veneti soliti erant; aut dare solitus erat
patriarce Venetorum; quot Veneti habebant; quot Pisani habent), in deren Genuß auch Genua
kommen will, können wir aus der Nichterwähnung pisanischer Rechte am Seidenhandel in
Theben schließen, daß auch Pisaner hier nicht zugelassen waren, sondern ausschließlich die
Venezianer. Da diese Forderung später nicht mehr erhoben worden ist, hat Genua möglicher-
weise hier seinen Wunsch durchgesetzt, zumal die Venezianer ja seit 1171 nicht mehr offiziell
in Theben Handel trieben, die byzantinischen Seidenwebereien also möglicherweise unter
Absatzschwierigkeiten litten (cf. Anm. 81). Es ist demnach denkbar, daß Genua kurz nach
1171/72 und, wenn ja, dann wohl noch vor 1174/75, dem Zeitpunkt der Grimaldigesandt-
schaft, den Zugang zum thebanischen Seidenhandel erhalten hat. Ob und wann auch Pisa in
den Genuß eines solchen Erlaubnis gekommen ist, läßt sich nicht mehr sagen.
Nach EDRISI (J. S. 123) war Theben eine große und reich bevölkerte Stadt, ein Teil der
Bevölkerung trieb Ackerbau83, ihre bekanntere Bedeutung aber erlangte sie durch die Herstel-
lung von Seide. Nach BENJAMIN VON TUDELA (S. 10) lebten 2.000 Juden in Theben:
"Sie sind äußerst geschickte Handwerker in Seiden- und Purpurgewändern überall in Grie-
chenland"84.
Die große wirtschaftliche Bedeutung der Stadt mußte auch Feinde anlocken: 1147 er-
oberten die Normannen Rogers II. Korinth und Theben und führten die Bevölkerung mit
sich nach Sizilien. Ein Teil wurde zwar später restituiert, die Seidenweber aber blieben [213]
in Sizilien (DANDOLO S. 242f.; HISTORIA DUCUM S. 75; OTTO VON FREISING,
Gesta I. 35, S. 198; ROMUALD VON SALERNO S. 424; KINNAMOS S. 92; NIKETAS
CHONIATES S. 74ff.; MICHAEL DER SYRER III. S. 282). Wie jedoch aus den Urkunden
hervorgeht, waren Industrie und Bedeutung Thebens hierdurch allenfalls zeitweilig gemin-
dert. Die Stadt scheint sich relativ schnell wieder erholt zu haben85.
82
Dies geht aus der Formulierung hervor: Sämtliche venezianischen Privilegien und Vorrechte werden in der
Vergangenheitsforra erwähnt (s. die Beispiele im folgenden), die der Pisaner aber in der Gegenwart. Da die
Venezianer 1171 aus der Romania vertrieben worden waren, mithin ihrer Rechte verlustig gingen, können
die emendationes nicht vor Sommer 1171 verfaßt worden sein; cf. auch HEINEMEYER, Verträge S. 109.
83
Cf. TIVCEV, Cités S. 161.
84
Diese Äußerung Benjamins von Tudela aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, also nach der Plünde-
rung Thebens durch Roger, wird unterstützt durch die ANNALES CAVENSES S. 192, denen zufolge
Roger II. 1147 außer den principes die Juden nach Sizilien verschleppt haben soll. Es scheint so, daß die
Seidenindustrie Thebens sich im wesentlichen auf jüdische Seidenarbeiter gestützt hat, nicht nur als Ersatz
der von den Normannen geraubten, sondern grundsätzlich.
85
Allgemein zu Theben cf. auch SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 21, 24f.; KODER–HILD, Hellas S.
Die Balkanprovinzen 157
Kommentar: In der Zahl der erhaltenen Urkunden steht Theben allein hinter Konstan-
tinopel und Korinth zurück. Obwohl dies bei den Zufälligkeiten der Erhaltung kein stich-
haltiger Beweis ist, so ist es doch zumindest ein Hinweis auf die große Bedeutung der Stadt
und der umliegenden Region für die Wirtschaft des byzantinischen Reiches. Der Wunsch
Genuas nach Zulassung seiner Kaufleute zum Seidenhandel in Theben illustriert gleicher-
weise die Bedeutung und die Verdienstmöglichkeiten, die die Stadt für die Lateiner attraktiv
machten, auch noch nach der normannischen Plünderung von 1147. Ob die Genuesen und
Pisaner nur vom Seidenhandel ausgeschlossen gewesen sind oder überhaupt Theben nicht be-
treten bzw. dort Handel treiben durften, läßt sich nicht mehr entscheiden. Der Handel in
Theben zumindest der Seidenhandel, scheint reglementiert gewesen zu sein, wie ja auch schon
in früheren Zeiten. Die Bedeutung Thebens im 12. Jahrhundert ist gleichwohl unüberseh-
bar86.
Thessalonike
In allen Privilegien für Venedig erwähnt.
Die Zahl an venezianischen Handelsurkunden mit Bezug auf Thessalonike ist eher ge-
ring: MdRD Nr. 137 (August 1159) Theben, für eine Reise durch die Katotika und Pelopon-
nes über Theben nach Saloniki; Nr. 235 (Okt. 1170) Theben; für eine Reise durch die Kato-
tika und Peloponnes, weiter über Saloniki und Korinth nach Konstantinopel; Nr. 399 (Mai
1191) Kpl.: Aufteilung eines Erbes, einer der Beteiligten war früher ein Bürger Venedigs, ist
jetzt aber [214] Einwohner von Thessalonike; Nr. 400 (Juli 1191) Venedig, für eine Reise von
Venedig über Dyrrhachion bzw. Korfu nach Thessalonike; Nr. 417 (Mai 1193) Plathenea:
Zeugenaussage eines jetzt in Saloniki wohnhaften Venezianers über die Verspätung eines von
Saloniki bzw. Kitros nach Venedig bestimmten Schiffes.
Vor 1204 sind keine handelsmäßigen Verbindungen Genuas mit Thessalonike bezeugt,
die erste findet sich 1206: GIOVANNI DI GUIBERTO Nr. 1683 (März 1206) Genua, für
eine Reise von Genua nach Thessalonike. Dagegen scheint Pisa größere Interessen in der Stadt
gehabt zu haben, wie die Instruktionen für die Gesandtschaft von 1197 bezeugen: et petant
domos cum fundaco in quibus Pisani se cum rebus suis recipere consueverunt in Salonici, et ut ibi
habeant vicecomitem sine aliquo honere vel datione (MÜLLER, Documenti Nr. 44 (6. Septem-
ber 1197), Ind. 15) Pisa S. 71–73, 72). Die Existenz eines größeren lateinischen Händlerquar-
tiers, wahrscheinlich innerhalb der Stadtmauern, wird auch von EUSTATHIOS (S. 92) an-
läßlich der normannischen Eroberung der Stadt bestätigt. Nach BENJAMIN VON TUDE-
LA (S. 11) lebten in der großen Stadt über 500 Juden87. In der Timarionsatire aus dem 12.
Jahrhundert besitzen wir auch eine ausführliche griechische Quelle über die Bedeutung Salo-
269ff.
86
Zu dem ganzen Komplex der Seidenherstellung, des Verkaufs und der rechtlichen Bestimmungen über die
Seide in Byzanz cf. LOPEZ, Silk Industry; zu Theben cf. auch noch SOTERIU, Christianikai Thebai.
87
Cf. TIVCEV, Cités S, I52f., 161; zu Saloniki cf. auch SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 240.
158 Kapitel IX
nikis als Handelsstadt. Es kommen dorthin Händler aus allen Gegenden und Ländern: ... συρ-
ρεῖ γὰρ ἐπ' αὐτὴν οὐ μόνον αὐτόχθων ὄχλος ..., ἀλλὰ πάντοθεν καὶ παντοῖος Ἑλλήνων τῶν ἁπαντα-
χοῦ, Μυσῶν τῶν παροικούντων γένη παντοδαπὰ Ἴστρου μέχρι καὶ Σκυθικῆς, Καμπανῶν, Ἰταλῶν,
Ἰβήρων, Λυσιτανῶν καὶ Κελτῶν τῶν ἐπέκεινα Ἄλπεων ... καὶ ὅσα ἐκ Βοιωτίας καὶ Πελοποννήσου
καὶ ὅσα ἐξ Ἰταλίας εἰς Ἕλληνας ἐμπορικαὶ νῆες κομίζουσιν. ἀλλὰ καὶ Φοινίκη πολλὰ συνεισφέρει καὶ
Αἴγυπτος, ῾Ισπανία καί ῾Ηράκλειοι στῆλαι ἱστουργοῦσαι τῶν ἐπίπλων τὰ κάλλιστα ... Εὔξεινος δὲ
πρὸς τὸ Βυζάντιον τὰ ἑαυτοῦ διαπέμπων ἐκεῖθεν καὶ οὕτος κοσμεῖ τὴν πανήγυριν, πολλῶν ἵππων
πολλῶν ἡμιόνων ἀγόντων τὰ ἐκεῖθεν ἀγώγιμα. Tiere jeder Art werden zu dem großen Marktfest
des Hl. Demetrios gebracht: Ἵπποι χρεμετίζοντες, βόες μυκώμενοι, πρόβατα βληχώμενα, χοῖροι
γρυλλίζοντες καὶ κύνες βαΰζοντες88. Der Wert dieser Quelle ist allerdings zweifelhaft89.
[215] Die Aufzählung aller dieser Völker scheint weniger auf tatsächlichen Gegebenhei-
ten zu beruhen, als vielmehr ein Versuch zu sein, die große Bedeutung des Festes durch die
Nennung möglichst vieler Fremder aus allen Nationen und Himmelsrichtungen, die bei dem
Fest anwesend sein sollen, hervorzuheben: so für den Osten Skythien und das Schwarze Meer,
für den Süden Ägypten und Phönizien, für den fernen Westen Spanien und Portugal bis zu
den Säulen des Herakles (also bis zum Ende der Welt), für den Norden die Kelten und für die
Mitte Italien und einzelne byzantinische Provinzen. Dies bedeutet kaum, daß Händler aus
allen diesen Regionen tatsächlich Saloniki besucht haben, ebensowenig wie die Aufzählung
der Handelsobjekte: Pferde, Maultiere, Rinder, Schafe, Schweine und Hunde, kaum erschöp-
fend sein kann und hier eher eine Auswahl – die eben besonders malerisch ist – darstellt.
Mehr wird sich aus der angegebenen Stelle nicht gewinnen lassen, wobei die wirtschaftliche
Bedeutung des Marktes durch diese Überlegungen in keiner Weise bestritten werden soll.
Im Jahre 1185 griffen die Normannen mit einer Flotte von angeblich 200 Schiffen
(EUSTATHIOS S. 62) Thessalonike an, eroberten die Stadt nach kurzer Gegenwehr und
zogen erst nach einer fürchterlichen Plünderung wieder ab (NIKETAS CHONIATES S.
297ff. ; bes. EUSTATHIOS in seinem großen Augenzeugenbericht über den Fall der Stadt
und die damit zusammenhängenden Ereignisse). Nach dem Vierten Kreuzzug wurde Thessa-
lonike Zentrum des von Bonifaz von Montferrat gegründeten Königreiches.
Kommentar: Die Rolle Thessalonikes als zweitgrößte Stadt des Reiches kann kaum über-
schätzt werden, obwohl sie sich merkwürdigerweise kaum in den Handelsurkunden wider-
spiegelt. Hier haben Korinth, Theben und Halmyros mehr Zeugnisse, von Konstantinopel
ganz zu schweigen. Auf welche Gründe dies zurückzuführen ist, kann nicht mehr gesagt werd-
en. Auch ist die Zufälligkeit der Erhaltung solcher Urkunden zu groß, um ein sicheres Bild zu
erlauben. Die Existenz je eines venezianischen und pisanischen Quartiers in Thessalonike, die
durch die venezianischen Handelsurkunden und durch die Bitte der Pisaner, ihnen ein solc-
88
TIMARION S. 53f.
89
HEYD, Commerce I. S. 244f. zitiert den Timarion allerdings ohne solche Einschränkungen als vollgültige
Quelle.
Die Balkanprovinzen 159
hes zu bewilligen, bestätigt wird, wie auch durch die Nachricht des Eustathios – die allerdings
für 1185 gilt und deshalb vielleicht nur bedingt [216] zutrifft, da in diesem Jahr außer Venezi-
anern kaum italienische Händler in der Stadt gewesen sein dürften, ganz abgesehen davon,
daß Eustathios unspezifiziert von der “Gegend der fremden Kaufleute" spricht –, verdeutlicht
die Bedeutung der Stadt, zumal Thessalonike bis 1185 nicht von Feinden heimgesucht word-
en ist, also eine gesicherte Existenz in einer reichen und großen Stadt bot. Für den Reichtum
Salonikis und seines Umlandes spricht auch der Umstand, daß das Erzbistum Thessalonike
noch 1185, also schon in einer Zeit des Niedergangs, jährlich 100 Kentenare Gold einbrachte
(EUSTATHIOS S. 108).
Trikkala
Erwähnt in dem Privileg von 1198.
1082 wurde die Stadt von den Normannen erobert (ANNA KOMNENE V. 5, S. 23f.;
V. 7, S. 31)90.
Tzurulon
Erwähnt in dem Privileg von 1198; 1204 fiel die Stadt dem Kaiser zu.
ANNA KOMNENE (VII. 11, S. 123) berichtet von einem Petschenegeneinfall, der bis
Tzurulon führte.
Zakvnthos (Zanthe)
Erwähnt in dem Privileg von 1198; 1204 beanspruchten die Venezianer die Insel.
EDRISI (J. S. 121) bezeichnet Zakynthos als reich bevölkert. 1099 plünderte hier eine
pisanische Flotte auf dem Weg ins Hl. Land (ANNA KOMNENE XI. 1, S. 42), 1185 be-
setzte der normannische Flottenführer Margaritone die Insel91. [216]
Die Balkanprovinzen – Überblick
Nach der Zahl der erhaltenen venezianischen Handelsurkunden ist der europäische Teil des
byzantinischen Reiches – auch ohne Konstantinopel – für den Handelsverkehr zwischen
Italien und Byzanz bei weitem am bedeutendsten gewesen. Im Vergleich zu dem griechischen
Kleinasien steht die Zahl dieser Urkunden in einem Verhältnis von mehr als zehn zu eins, zu
den Inseln der Ägäis ist es kaum noch zu zählen. Obwohl wir hier immer die Zufälligkeiten
der Erhaltung berücksichtigen müssen – es dürfte kaum der Bruchteil eines Prozents die Zeit
überdauert haben–, ist es doch ein gewisses Indiz für die große Bedeutung dieses Reichsteiles
während des 12. Jahrhunderts. Ebenso steht es mit der Zahl der Handelsquartiere. Während
es in Kleinasien nur ein einziges, sicher nachweisbares Quartier gibt, sind es auf dem Balkan –
wieder ohne Berücksichtigung Konstantinopels – mindestens fünf: Dyrrhachion, Halmyros,
90
Cf. auch KODER–HILD, Hellas S. 277f. ; ABRAMEA, Thessalia S. 132ff.
91
Zu Margaritone cf. auch MÖHRING, Saladin S. 149ff. und HOFFMANN, Rudimente S. 45f.; allgemein
cf. auch SOUSTAL, Nikopolis S. 278ff.
160 Kapitel IX
Theben, Korinth, Thessalonike, mit sehr großer Wahrscheillichkeit noch Rhaidestos, mögli-
cherweise Adrianupolis und Chrysupolis, vielleicht, allerdings eher unwahrscheinlich, Philip-
pupolis92. Hinzu kommt noch ein großer Teil anscheinend kleinerer Handelsherren, die im
Landesinneren herumreisten und ihre Waren einkauften – hauptsächlich in Griechenland
und auf der Peloponnes –, während für Kleinasien kein einziger derartiger Fall bekannt ist, es
sei denn, man nimmt das Privileg Isaaks II. Angelos von 1187 als Anzeichen, was aber frag-
würdig ist (s. oben Kap. VIII, s. v. Philadelpheia).
Es gab zwei Haupthandelsrichtungen: Die erste ging zu Lande von Dyrrhachion auf der
Via Egnatia über Ochrid nach Thessalonike und weiter über Chrysupolis ungefähr der Kü-
stenlinie folgend nach Konstantinopel, die zweite führte zu Wasser entweder nach Korinth
oder zu einem der Haupthäfen der Peloponnes im Süden: Methone, Koron oder Lakedemo-
nia und von dort quer durch die Halb-[217]insel nach Korinth, weiter über Theben nach
Halmyros und Thessalonike oder nach Dyrrhachion, abgesehen von dem Schiffahrtsweg die
Küsten entlang. An diesen Reiserouten liegen – mit Ausnahme Philippopels und Adrianopels,
die an einer anderen Straße lagen und wohl auch im 12. Jahrhundert keine lateinischen Quar-
tiere besaßen –, denn auch die Handelsquartiere der italienischen Händler, vornehmlich der
Venezianer. Auffällig ist der oft zitierte Reichtum des Landes: Die Heere der Kreuzfahrer, die
auf der großen Heerstraße von Belgrad über Naissus, Philippupolis und Adrianupolis nach
Konstantinopel zogen, zeigten sich häufig beeindruckt von der Fruchtbarkeit der Landschaft,
der Schönheit und Blüte ihrer Städte und auch dem Übermaß an jagdbarem Wild. All dies
finden wir nicht mehr in ihren Schilderungen des byzantinischen Kleinasien. Hier sind die
Städte kleiner, schwer befestigt, dennoch häufig verfallen, und die Armeen litten unter der
Knappheit an Wasser und Lebensmitteln, abgesehen von der fortdauernden Bedrohung
durch türkische Streifscharen. Edrisi zählt in seiner Beschreibung des europäischen Reichs-
teiles ebenfalls sehr viele Städte auf, die reich, schön, bemerkenswert und Zentren des Han-
dels, der Landwirtschaft oder der Industrie sind. Sie finden sich fast an jeder Küste, aber
durchaus auch im Landesinneren, auch hier wieder im Gegensatz zu Kleinasien, wo solche
Epitheta selten sind, ebenfalls – trotz der bei Edrisi manchmal zu vermutenden Ausschmük-
kungen – ein Indiz für die Unterschiede zwischen beiden Reichsteilen. Über die Handels-
waren sei an dieser Stelle nur kurz gesprochen: Thrakien scheint ein Zentrum des Getreide-
anbaus gewesen zu sein, der Hauptausfuhrhafen – neben Konstantinopel und vielleicht zeit-
weilig Pera – dürfte Rhaidestos gewesen sein, in geringerem Maße vielleicht auch Herakleia.
Thessalien war wohl ebenfalls als Getreideanbaugebiet bedeutsam, der Hauptausfuhrhafen
scheint Halmyros gewesen zu sein, vielleicht auch Thessalonike und, in geringerem Maße,
Kitros. Die Peloponnes war berühmt für ihren Reichtum an Öl, das vor allem über Methone,
92
Wobei wir nicht immer sagen können, ob die Niederlassungen in den einzelnen Städten nun "offizielle"
Quartiere gewesen sind oder vielleicht Privatbesitz einzelner venezianischer Händler o. ä. Die Quellen sind
hier leidet nicht genau genug. Eine endgültige Entscheidung kann daher nicht in allen Fällen getroffen wer-
den (cf. z. B. oben s. v. Chrysupolis).
Die Balkanprovinzen 161
Koron, Lakedemonia und Korinth, in geringerem Maße wohl auch Nauplion ausgeführt
wurde. Boiotien hatte ebenfalls Öl und Getreide, aber seine Wichtigkeit lag auch in der Ver-
arbeitung von Seide, Purpurgeweben und ähnlichem. Epiros scheint über Dyrrhachion und
Arta be-[218] sonders Lebensmittel, Gemüse etc. nach Venedig ausgeführt zu haben93. Alle
diese Gegenden werden als fruchtbar, volkreich, kultiviert und in gutem Zustand geschildert.
Auf die inneren Gebiete, soweit sie nicht von den erwähnten Routen und Straßen berührt
wurden, soll hier nicht weiter eingegangen werden94.
Dieses hohe Niveau des Landes während des 12. Jahrhunderts ist auch kein Wunder,
denn im Vergleich zu den anderen Teilen des Reiches hatte der Balkan wesentlich weniger
unter feindlichen Einfällen, Plünderungen und Verwüstungen zu leiden: Die Empörung des
Konstantin Bodin in Serbien war eher lokaler Natur. Der erste schwere Angriff auf den euro-
päischen Reichsteil wurde zwischen 1081 und 1085 von den Normannen Robert Guiskards
und Bohemunds durchgeführt. Bis 1091 hatte der Ostteil schwer unter den Einfällen der
Petschenegen zu leiden. Es folgten die Lateiner des Ersten Kreuzzugs, die aber nicht allzuviel
Schaden anrichteten. Um die Jahrhundertwende plünderten genuesische und pisanische Flot-
ten auf dem Weg ins Hl. Land und zurück die Jonischen Inseln und die Küstengebiete der
Peloponnes, und 1106–1108 wurde ein zweiter Angriff Bohemunds schon vor Dyrrhachion
zurückgewiesen. 1122 konnte Johannes II. Komnenos die Petschenegendrohung endgültig
beseitigen, und zwischen 1122 und 1125 hatten die Inseln und Küstengebiete unter den Plün-
derungen der Venezianer zu leiden. 1147–1149 brachte den Angriff Rogers II von Sizilien auf
Korfu, Theben und Korinth sowie den Durchmarsch der Heere des Zweiten Kreuzzugs. 1157
führte ein weiterer Flotteneinfall die Normannen bis vor die Mauern Konstantinopels. Nach
1171 plünderten die Venezianer wieder die Küsten und Inseln des Archipels, 1182 taten die
Genuesen und Pisaner es ihnen nach. 1185 konnten die Normannen Thessalonike erobern
und plündern, kurz darauf stürzte die Erhebung der Aseniden den östlichen Balkan in Un-
ruhe, während die Seeräuber in diesen Jahren zu einer dauernden Bedrohung [219] der Inseln
und Küstenregionen wurden. Es folgten noch der Dritte Kreuzzug, der mit einigen Ausnah-
men aber relativ friedlich das Kaiserreich passierte, und schließlich 1204 die Eroberung der
byzantinischen Hauptstadt durch den Vierten Kreuzzug. Dies alles scheint auf den ersten
Blick sehr viel an feindlichen Einfällen und Plünderungen zu sein, aber wenn wir die einzel-
nen Provinzen betrachten, so ändert sich das Bild doch sehr stark: Epiros und Dyrrhachion
wurden Opfer feindlicher Einfälle zwischen 1081 und 1085 (Robert Guiskard), 1106/08
(Bohemund), 1147/49 (Roger II., besonders Korfu) und 1185 (wieder die Normannen);
Böotien litt ebenfalls unter zwei normannischen Angriffen: Robert Guiskard (allerdings wohl
93
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 20f.; für die Produktion von Getreide in dieser Region spricht vor
allem auch der (spätere) Export nach Ragusa, cf. KREKIC, Dubrovnik (Raguse) et le Levant S. 89ff.
94
Dies meint vor allem das zur Zeit Manuels unterworfene Serbien und Dalmatien, Bulgarien – das freilich
eher zum Schwarzen Meer hin Handel trieb, wie Edrisi schreibt – und die Rhodoperegion. Zu dieser, aller-
dings in späterer Zeit, cf. jetzt ASDRACHA, La Region des Rhodopes aux XIIIe et XIVe siecles.
162 Kapitel IX
nur im Norden) und Roger II. zur Zeit des Zweiten Kreuzzugs. Die Peloponnes wurde von
Seeräubern heimgesucht, die allerdings nur die Küsten in Mitleidenschaft zogen, während der
nordöstliche Teil (Korinth) einmal unter dem Einfall Rogers II. zu leiden hatte. Im ausgehen-
den 12. Jahrhundert wurde Leon Sguros hier Herrscher eines eigenen kleinen Reiches, das erst
nach 1204 zerfiel. Thessalonike und Thessalien sahen viermal feindliche Angriffe: Zunächst
1081–1085 durch Robert Guiskard, 1157 einen normannischen Flottenangriff u. a. auf Hal-
myros, dann 1171/72 die Racheexpedition der Venezianer, die allerdings nur die Küsten
betraf, und 1185 die normannische Eroberung Thessalonikes95; Thrakien hatte unter den
Zügen der Petschenegen und der Kumanen zu leiden, die 1091 und 1122 von den Byzanti-
nern zurückgewiesen wurden, wonach bis zur Erhebung der Bulgaren Ruhe herrschte. Die
lateinische Plünderung 1182 betraf nur die Küstenregionen der Propontis und Griechenlands
und war wohl – entgegen der Aussage des Niketas Choniates – allein schon wegen der Kürze
der Zeit kaum allzu weitgreifend96, ebenso wie der normannische Flottenzug von 1149 und
noch einmal 1157 bis vor Konstantinopel. Das heißt, daß die einzelnen Regionen, je nach der
Zahl der Angriffe, zwischen zwei und vier Malen größeren Verwüstungen ausgesetzt waren,
nicht allzuviel für einen Zeitraum von rund 120 Jahren, möchte man meinen. Die Seeräuber
waren [220] zwar eine dauernde Plage, aber das betraf vor allem die Schifffahrt und die klei-
neren Inseln, die etwas küstenferneren Gebiete wurden hiervon nicht berührt. Dieses relative
Fehlen von feindlichen Angriffen und Einfällen ist geeignet, das hohe Niveau des europäi-
schen Teils des byzantinischen Reiches zu erklären. Zwischen den schweren Zeiten der sieb-
ziger und achtziger Jahre des 11. Jahrhunderts und der Epoche des Zerfalls unter den letzten
Komnenen und Angeloi liegt ein Zeitraum von ungefähr 100 Jahren, in denen dieBalkange-
biete des Reiches sich einer relativen Ruhe erfreuen konnten. Erst mit derMachtübernahme
der Angeloi wird es erheblich schlechter, wobei dieser Abfall nicht unbedingt der neuen Dy-
nastie anzulasten ist. Die Erhebung der Aseniden mit der folgenden Entstehung des zweiten
bulgarischen Reiches, der nur mit Mühe abgewehrte Angriff der Normannen 1185, der Dritte
Kreuzzug und schließlich die zunehmenden Zerfallserscheinungen in allen Reichsteilen: auf
dem Balkan vor allem Leon Sguros in der Region Nauplion – Korinth – Athen, Dobromir
Chrysos in der Gegend nördlich von Thessalonike, Manuel Kamytzes in Thessalien und
schließlich der Bulgare Ivanko in den bulgarisch-byzantinischen Grenzgebieten mit dem
Zentrum Philippupolis97. All dies wurde verursacht durch den byzantinischen Niedergang
und beschleunigte, verstärkte und ermöglichte ihn seinerseits. Aber zwischen dieser Epoche
und den frühen Tagen Alexios’ I. Komnenos lag für die meisten Provinzen eben doch eine
Zeit relativer Ruhe. Die Mindestvoraussetzung für Gedeihen und Wohlstand einer Region
und ihrer Städte war damit gegeben. So ist es kein Wunder, daß die Balkanprovinzen während
95
Zu Thessalien cf. auch ABRAMEA, Thessalia.
96
NIKETAS CHONIATES S. 250f.
97
Cf. hierzu HOFFMANN, Rudimente passim.
Die Balkanprovinzen 163
des größten Teils des 12. Jahrhunderts einen geordneten Eindruck machen, ja sogar Wohl-
stand vermuten lassen. Auch der starke Handelsverkehr mit den italienischen Seestädten wird
hierzu seinen Teil beigetragen haben, da er den Byzantinern einen Exportmarkt für ihre Pro-
dukte brachte, Nachfrage erzeugte und so die Produktion hob. Auch wenn die kaiserliche Re-
gierung einen Großteil der so errungenen Gewinne wegsteuerte, so zeigt der von den Quellen
gerühmte gute Zustand des Landes und seiner Städte doch, daß genügend übrig blieb, um
auch für die Pro-[221]vinz von Nutzen zu sein und nicht allein für Konstantinopel98. Mag
das Los der Kleinen – wie immer in Byzanz – auch hart gewesen sein, die Wirtschaft jedenfalls
hatte eine gute Zeit, sie konnte im 12. Jahrhundert – zumindest in den küstennahen Provin-
zen des Balkan – einen Aufschwung verzeichnen, und es ist schwer vorstellbar, worauf, wenn
nicht auf den Handel mit den italienischen Seestädten, dieser Aufschwung zurückzuführen
sein sollte99. Erst in der Zeit der Angeloi fand er sein Ende, und es folgte eine Periode des
Niedergangs, die ihren Höhepunkt in dem Verlust Konstantinopels und der Zerschlagung des
Reiches nach 1204 fand, von der auch die byzantinischen Balkanprovinzen sich nicht mehr
erholen konnten.
98
HERRIN, Collapse S. 198, 200 sieht in dem byzantinischen Handel keinen Nutzen für die Provinz, vor
allem aufgrund der hohen Besteuerung. Doch geht dies zu weit.
99
Cf. auch HEYD, Byzantium passim, bes. S. 39–41, 45f. , 52; CHARANIS, Economic Factors, bes. S. 424;
BON, Péloponnèse byzantin S. 132f., 166f.; LEWIS, Economic and Social Developement passim.
KAPITEL X. KONSTANTINOPEL
Die Hauptstadt des byzantinischen Reiches findet selbstverständlich in allen Privilegien des
behandelten Zeitraums für Venedig, Pisa und Genua Erwähnung, bei den Venezianern zuerst
1082, den Pisanern 1111 und den Genuesen 1155. 1204 wurde die Stadt anteilmäßig zwi-
schen den Venezianern und dem lateinischen Kaiser aufgeteilt .
Die Erwähnungen in den Handelsdokumenten des 12. Jahrhunderts sind ausgesprochen
häufig, besonders im Fall von Venedig und bei den genuesischen Notaren. Dennoch kann hier
auf eine Aufzählung zumindest der Daten nicht verzichtet werden, da sie, fast mehr noch als
bei den anderen Reichsteilen, geeignet sind, Aufschlüsse über Ausmaß, Entwicklung und auch
Unterbrechungen des Handels der italienischen Seestädte im byzantinischen Reich zu geben.
Venedig1
Erwähnungen in den Privaturkunden: MdRD Nr. 2 (März 1022) Kpl.: Quittung über Liefe-
rung von drei Milliaria Käse; Nr. 7 (Juli 1031) Kpl.: Quittung über die Lieferung von Tuchen;
Nr. 17 (März 1088) Kpl.; Nr. 19 (Dez. 1089) Venedig: Reise von Venedig über Süditalien
(Lombardia) nach Konstantinopel und zurück; S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 69 (Juli
1090) Venedig: Schenkung von Grundbesitz in Konstantinopel an das Kloster S. Giorgio
Maggiore seitens des Dogen Vitalis Faletrus; MdRD Nr. 24 (Juli 1095) Venedig: Quittung für
einen Anker, der in Konstantinopel für eine Reise nach Antiocheia gegeben wurde; Nr. 33
(April 1111) Kpl., für eine Fahrt von Kreta nach Konstantinopel in Agrarprodukten;
ZUSTO Nr. 6 (Sept. 1111) Kpl., über die Lieferung von Tuchen im Wert von 125 Hyper-
pern von Konstantinopel nach Damiette; MdRD Nr. 35 (März 1112) Halmyros, für eine
geplante Reise von Korinth über Halmyros, wo das Fahrzeug dann Schiffbruch erlitt, nach
Konstantinopel; Nr. 40 (August 1118) Venedig, für eine Fahrt von Venedig [223] über Sizi-
lien nach Konstantinopel; Nr. 41 (Februar 1119) Bari, für eine Fahrt von Bari über Damiette
nach Konstantinopel; Nr. 42 (Januar 1120) Kpl., für eine Fahrt von Venedig nach Akkon und
weiter (in diesem Fall nach Konstantinopel, wie aus dem Ausstellungsort hervorgeht); Nr. 46
(Januar 1121) Kpl., für eine Lieferung Käse im Wert von 50 Hyperpern; Nr. 53 (April 1129)
Akkon, für eine Reise von Konstantinopel nach Akkon; Nr. 54 (Juli 1129) Kpl., für Handel
in der Romania und Syrien; Nr. 62 (Juli 1132) Venedig, Handelsgut ist u. a. ein cantarius de
cinamo (Zimt); Nr. 69 (Sept. 1136) Korinth, für eine Fahrt von Korinth nach Konstantinopel;
Nr. 75 (Nov. 1139) Akkon, für eine Fahrt von Akkon über Alexandria oder alternativ über
Konstantinopel nach Venedig; ZUSTO Nr. 14 (Aug. 1140) Venedig, für eine Handelsunter-
nehmung von Venedig nach Konstantinopel, weiter über Korinth und Lakedemonia nach
Alexandria und wieder zurück nach Konstantinopel, als Dauer wurden zwei Jahre veran-
1
Zu dem venezianischen Quartier in Konstantinopel cf. BROWN, Venetian Quarter S. 68ff. ; ROBERTI,
Ricerche S. 215ff.; HALPHEN, Le role des Latins S.141ff.; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 235ff. ;
HEYD, Commerce I S. 248ff.; JANIN, Constantinople byzantine S. 235–244; MALTEZU, Il Quartiere
veneziano S. 30ff.; SCHREINER, Untersuchungen S. 175ff.; MARTIN, Chrysobull of Alexius S. 22f.
Konstantinopel 165
schlagt; MdRD Nr. 77 (Aug. 1141) Venedig, für eine Fahrt von Damiette nach Konstantin-
opel; Nr. 78 (Aug.1141) Kpl.; Nr. 79 (Juni 1142) Kpl., für eine Fahrt von Venedig nach
Konstantinopel; Nr. 82 (Januar 1143) Kpl., für eine Fahrt von Akkon über Zypern nach
Konstantinopel; ZUSTO Nr. 16 (Juni 1144) Venedig: Erwähnt wird der Tod eines Vene-
zianers in Konstantinopel, der auf einem Schiff aus Amalfi von Alexandria nach Konstan-
tinopel gefahren war2; MdRD Nr. 85 (April 1145) Kpl.; Nr. 87 (Januar 1146) Kpl.; MdRND
Nr. 7 (März 1150) Kpl.; Nr. 98 (Sept. 1150) Venedig: Zeugenaussage über eine Summe von
100 Hyperpern, die wegen der Gefahren zur See (in periculo maris) zum Landhandel von Kon-
stantinopel aus verwendet werden sollten; Nr. 99 (Nov. 1150) Kpl.; MdRND Nr. 10 (Dez.
1150) Kpl. (ist inhaltlich gleich S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 232): Geldverleihung gegen
ein Pfand in Halmyros; S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 233 (Jan. 1151) Kpl.: Der Schuldner
der vorherigen Urkunde bezahlt das Darlehen mit seinen Besitzungen in Halmyros, behält
sich jedoch Wohnrecht in ihnen vor; MdRND Nr. 11 (Okt. 1151) Venedig: Zeugenaussage
über eine Öllieferung von Lakedemonia nach Konstantinopel, wobei das [224] Schiff von
Sizilianern gekapert worden war; MdRD Nr. 109 (Nov. Kpl.); MdRND Nr. 14 (Dez. 1154)
Kpl.; MdRD Nr. 110 (Febr. Kpl.,) für eine Fahrt zu Land von Konstantinopel über Theben
nach Korinth und zurück nach Konstantinopel; ZUSTO Nr. 22 (März 1155) Kpl.: Testa-
mentsverfügungen, u. a. werden 200 pelles de moltone erwähnt; MdRD Nr. 111 (Aug. 1155)
Kpl.; Nr. 112 (Juni 1155) Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach Lakedemonia; Nr.
116 (Okt. 1155) Kpl., für eine Fahrt von Venedig nach Konstantinopel; Nr. 117 (Nov. 1155)
Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach Lakedemonia; Nr. 118 (Dez. 1155) Kpl., über
die Lieferung von Holz im Wert von 157 1/2 veronesischen Pfund von Venedig nach Kon-
stantinopel; Nr. 119 (Dez. 1155) Kpl.; Nr. 120 (Febr. 1156) Kpl., über die Vermietung einer
Wohnung in Konstantinopel; Nr. 121 (Juni 1156), Nr. 124 (Nov. 1156), Nr. 127 (April
1157), Nr. 128 (April 1157), alle Kpl., für einige Fahrten des Romanus Mairano von Kon-
stantinopel nach Smyrna; Nr. 129 (Aug. 1157) Venedig, für eine Fahrt von Venedig nach
Konstantinopel; S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 276 (Okt. 1157) Kpl. : Schenkung der
Kirche S. Maria in Rhaidestos mitsamt Einkünften an S. Giorgio Maggiore in Venedig;
MdRD Nr. 130 (Dez. 1157) Kpl., für eine Reise nach Smyrna; MdRND Nr. 15 (Februar
1158) Venedig: Bezeugung von Geschäften in Konstantinopel; MdRD Nr. 132 (Mai 1158)
Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach Smyrna oder Adramyttion; Nr. 134 (Dez.
1158) Kpl.: Rückzahlung eines Darlehens, das in Venedig für eine Fahrt nach Alexandria oder
Konstantinopel gegeben wurde (das Schiff ging folglich nach Konstantinopel); Nr. 140 (Okt.
1159) Kpl.; Nr. 142 (April 1160) Kpl.: Quittung für eine collegancia. Aus dem Rahmen fal-
lend ist das Zugeständnis freien Handels für den Vertragspartner ohne irgendwelche geogra-
phischen Vorschriften oder Einengungen; Nr. 148 (März 1161) Kpl., für die Lieferung von
Waren aus Konstantinopel nach Alexandria; Nr. 149 (April 1161) Kpl., über die Lieferung
2
In der Urkunde wird auch Korinth erwähnt.
166 Kapitel X
eines Sackes Pferdehaar von Konstantinopel über Kreta nach Alexandria; Nr. 150 (Juni 1161)
Venedig, für eine Fahrt von Konstantinopel zu Land nach Dyrrhachion und weiter zur See
nach Venedig; Nr. 151 (Juni 1161) Halmyros, für eine Fahrt von Konstantinopel zu Land
nach Halmyros; Nr. 154 (Nov. 1161) Akkon, [225] für eine Fahrt von Akkon nach Konstan-
tinopel; Nr. 156 (März 1163) Kpl.; Nr. 157 (April 1162) Akkon, für eine Fahrt von Konstan-
tinopel nach Akkon; Nr. 159 (Juli 1163) Venedig: Gegenurkunde für Nr. 149; Nr. 164 (Dez.
1164) Damiette, Zeugenaussage über ein Testament: Der Tote soll nach Konstantinopel
gebracht werden; Nr. 165 (März 1165) Kpl.; Nr. 166 (Mai 1165) Kpl.: Bezahlung für einen
Dienstvertrag in Theben auf zwei Jahre; Nr. 168 (Sept. 1165) Kpl.; Nr. 172 (April 1166)
Halmyros, für eine Fahrt von Halmyros nach Konstantinopel und zurück; Nr. 173 (Okt.
1166) Kpl.; BARACCHI Nr. 44 (Jan. 1167) Kpl.; MdRD Nr. 179 (Februar 1167) Kpl.: Be-
stätigungsurkunde für Nr. 164; Nr. 182 (April 1167) Akkon, für eine Reise von Konstanti-
nopel nach Akkon; Nr. 183 (Juli 1167) Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel über Kitros
nach Alexandria und zurück; Nr. 184 (Aug. 1167) Kpl.; Nr. 185 (Aug. 1167) Kpl. (Nr. 186
ist Kopie), für eine Fahrt von Konstantinopel über Korinth nach Venedig; Nr. 187 (Nov.
1167) Alexandria: Gegenurkunde für Nr. 183; Nr. 188, 189 und 190 (Nov. 1167) Alexandria:
Quittungen für eine Fahrt von Konstantinopel über Kitros nach Alexandria und zurück nach
Konstantinopel, durchgeführt von Romanus Mairano (cf. Nr. 183 und 187); Nr. 191 (Nov.
1167) Alexandria, für eine Fahrt von Alexandria über Halmyros nach Konstantinopel; Nr.
192 (Jan. 1168) Kpl., für eine Fahrt mit vier Milliaria Baumwolle von Konstantinopel nach
Korinth; Nr. 193, 194, 195, 196, 197, 198 (Februar 1168) Kpl.: Quittungen für eine Fahrt
des Romanus Mairano von Konstantinopel über Kitros und zurück (cf. Nr. 183, 187, 188,
189, 190); Nr. 199 (Februar 1168) Kpl.; Nr. 200 (Februar 1168) Kpl.; Nr. 201, 203 (März
1168) Kpl.: Quittungen für die in Nr. 193–198 behandelte Fahrt; Nr. 207 (Mai 1168) Kpl.,
für eine Fahrt von Konstantinopel nach Alexandria; Nr. 208 (Juli 1168) Venedig, für eine
Fahrt von Venedig nach Konstantinopel; MdRND Nr. 21 (Aug. 1168) Kpl., für eine Fahrt
von Halmyros nach Konstantinopel; Nr. 22 (Aug. 1168) Kpl.; MdRD Nr. 209 (Aug. 1168)
Kpl.; Nr. 212 (Februar 1169) Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach Halmyros;
MdRND Nr. 24 (Mai 1169) Kpl.; MdRD Nr. 213 (Aug. 1169) Kpl., für eine Fahrt von Kon-
stantinopel nach Adramyttion und zurück; Nr. 214/215 (Okt. 1169) Halmyros, für eine
Fahrt von Halmyros nach Konstantinopel; Nr. 216 und 217 (Dez. 1169) Halmyros, [226] für
eine Fahrt von Halmyros nach Konstantinopel in einem süditalienischen oder sizilianischen
Schiff mit einem nauclerus aus Messina; Nr. 218 (Dez. 1169) Venedig, für eine Fahrt von
Venedig nach Konstantinopel; Nr. 219 (Jan. 1170) Halmyros, für eine Fahrt von Halmyros
nach Konstantinopel; Nr. 221, 222 und 223 (März 1170) Halmyros, für eine Reise von Hal-
myros nach Konstantinopel (der Geldgeber für diese Fahrten von Halmyros nach Konstanti-
nopel ist Johannes Serci, ein Venezianer, der anscheinend in Halmyros wohnhaft ist); Nr. 224
(März 1170) Venedig, für eine Fahrt von Venedig nach Konstantinopel; Nr. 227 und 228
(Aug. 1170) Venedig, für eine Fahrt von Venedig nach Konstantinopel; Nr. 231 (Okt. 1170)
Konstantinopel 167
Kpl., für eine Fahrt von Venedig nach Konstantinopel (der Kapitän für diese Fahrten (cf. Nr.
224, 227, 228) ist Romanus Mairano); Nr. 234 (Okt. 1170) Theben, für eine Fahrt von The-
ben nach Konstantinopel; Nr. 235 (Okt. 1170) Theben, für eine Fahrt durch die Katotika
und Peloponnes nach Korinth, Thessalonike und Konstantinopel; Nr. 236 (Nov. 1170) Kpl.,
für eine Fahrt von Konstantinopel nach Halmyros und zurück; Nr. 237 (Nov. 1170) Kpl.; Nr.
238 (Jan. 1171) Halmyros: Gegenurkunden zu Nr. 236; Nr. 241 (März 1171) Kpl.; Nr. 245
(Januar 1172) Venedig: Im Oktober 1169 hatte Romanus Mairano die Einkünfte aus den
Maß- und Gewichtsrechten des venezianischen Patriarchen von Grado in Konstantinopel auf
sechs Jahre gepachtet für eine Summe von 500 veronesischen Pfund pro Jahr, der Patriarch
bestätigt ihm nun die Zahlung einer Rate von 125 Pfund3; Nr. 249 (Juni 1173) Venedig:
Quittung über die endgültige Begleichung der in Nr. 245 genannten Verpflichtungen; Nr.
252 (April 1174) Venedig: Quittung über ein 1170 in Konstantinopel gegebenes Darlehen;
Nr. 257 (Sept. 1174) Alexandria: Quittung über eine Fahrt 1170 von Venedig nach Konstan-
tinopel; Nr. 267 (Juli 1175) Venedig: Quittung für eine Fahrt 1170 nach Konstantinopel. Es
wurde die Einschränkung gemacht: et si Venecia esset ita districta quod tu non posses exire cum
suprascripta nave, dann sollte innerhalb eines Jahres in Venedig be-[227]zahlt werden4; Nr.
268 (Juli 1175) Venedig: Quittung über eine Fahrt 1170 von Venedig nach Konstantinopel,·
S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 374 und 375 (Jan. 1176) Kpl.: Vitalis da Mugla in Konstan-
tinopel gibt dem Sklaven des verstorbenen Dominicus da Mugla die Freiheit durch Anweisun-
gen an seinen Bruder Petrus und an seine Mutter, beide zu dieser Zeit anscheinend in Venedig
wohnhaft. Beide bestätigen die Freilassung im Februar 1182 in Venedig (S. GIORGIO MAG-
GIORE Nr. 415)5; MdRD Nr. 280 (Sept. 1176) Venedig: Quittung über die Bezahlung einer
Schuld in Konstantinopel aus dem Jahre 1170; Nr. 281 (März 1177) Venedig: Erlaß von
Schulden, u. a. für eine Reise nach Konstantinopel im Jahre 1154; S. GIOVANNI EVANGE-
LISTA DI TORCELLO Nr. 64 (Nov. 1177) Kpl.6: Schenkung an S. Giovanni Evangelista di
Torcello aufgrund eines Testaments des Nicolaus Albinus de Torcello, habitator modo in Cpoli;
MdRD Nr. 288 (Februar 1178) Venedig: u. a. Quittung über eine 1170 in Konstantinopel
durchgeführte Unternehmung; MdRND Nr. 30 (März 1178) Venedig: Zeugenaussage über
eine 1170 in Konstantinopel getätigte Transaktion; MdRD Nr. 303 (März 1179) Venedig:
Quittung über 450 Hyperper, die 1168 für eine Reise von Konstantinopel nach Carnelaxare
3
Hierzu und zu den Schwierigkeiten, in die Mairano infolge dieser Transaktion, die offensichtlich seine
finanziellen Möglichkeiten überstieg, geriet, cf. HEYNEN, Kapitalismus S. 102ff., bes. 106f.
4
Diese Einschränkung bezieht sich offenbar auf den offiziellen Rückruf aller Venezianer aus Byzanz durch
den Dogen (DANDOLO S. 249). Die gespannten Beziehungen zwischen beiden Staaten ließen anschei-
nend eine Wiederholung dieses Aktes befürchten, auch wenn man noch nicht die Entwicklung der Dinge
bis zur Gefangennahme der Venezianer 1171 voraussehen konnte.
5
Dies ist kein Argument gegen eine Fortsetzung der Gefangenschaft der Venezianer in Konstantinopel auch
noch nach 1174, da Vitalis da Mugla auch als Gefangener in Konstantinopel solche Verfügungen treffen
konnte. Es beweist allerdings ein gewisses – vielleicht auch nur indirektes – Weiterbestehen der Verkehrs-
verbindungen zwischen Byzanz und Venedig nach1171.
6
S. auch die Nr. XXV dieser Edition.
168 Kapitel X
(in der oberen Adria) gegeben worden waren; Nr. 305 (April 1179) Venedig: Quittung über
eine frühere compagnia in der Romania mit Standorten in Konstantinopel und Theben; Nr.
313 (Nov. 1179) Venedig: Zeugenaussage über eine Fahrt von Halmyros nach Konstanti-
nopel. Während der Fahrt wurde das Schiff von einer kaiserlichen Galeere gekapert und nach
Rhaidestos gebracht, wo die Ladung konfisziert wurde; Nr. 341 (Juli 1183) Venedig: Quit-
tung über eine Unternehmung des Jahres 1169 [228] in Konstantinopel; Nr. 344 (Februar
1184) Kpl., für einen Mietvertrag in Konstantinopel auf ein Jahr. Nach Ablauf ist das gemie-
tete ergasterium wieder heil zurückzugeben excepto incendio et violentia imperatoris; S.
GIORGIO MAGGIORE Nr. 437 (März 1184) Kpl.; Nr. 462 (März 1184) Kpl.7; MdRND
Nr. 33 (Mai 1184) Kpl.; Nr. 347 (Juni 1184) Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach
Alexandria; ZUSTO Nr. 27 (Aug. 1184) Alexandria, für eine Fahrt von Alexandria nach
Venedig oder Konstantinopel; MdRD Nr. 348 (4. Aug. 1184) Kpl.: Guido Valeresso hat
Anspruch auf 50 veronesische Pfund, die auf der Grundlage einer Vereinbarung aus dem
Februar 1182 (Ind. 15) bezahlt werden sollten postquam pax esset inter imperatorem Constan-
tinopolitanum et Veneciam infra unum annum; Nr. 349 (Aug. 1184) Venedig, über eine Reise
von Venedig nach Dyrrhachion und weiter zu Land nach Konstantinopel; MdRND Nr. 34
(Januar 1185) Kpl.: Zeugenaussage für Besitzungen des Klosters S. Giorgio in Konstantino-
pel; MdRD Nr. 352 (Januar 1185) Kpl.; Nr. 353 (Februar 1185) Theben, für eine Reise zu
Land von Theben nach Dyrrhachion und weiter nach Venedig, von dort wieder nach Korinth
und Theben (wo Rechenschaft abgelegt werden sollte) und weiter nach Konstantinopel, so-
fern ein sicherer Friede zwischen Venedig und Byzanz bestehe; MdRND Nr. 35 (Mai 1185)
Kpl.: Zeugenaussagen für Besitzungen des Klosters des hl. Nicolaus in Konstantinopel;
MdRD Nr. 362 (Februar 1186) Kpl.; Nr. 363 (März 1186) Kpl.; S. GIORGIO MAGGIORE
Nr. 482 (April 1187) Kpl. Überlassung einer casa des Klosters S. Giorgio Maggiore in Chi-
oggia; Nr. 483 (April 1187) Kpl.: Mietgeschäfte in Konstantinopel; Nr. 487 (Dez. 1187)
Venedig: Mietgeschäfte in Konstantinopel; MdRD Nr. 368 (Aug. 1188) Kpl.; Nr. 369 (Aug.
1188) Venedig: Bestätigung von Wiedergutmachungszahlungen für eine Handelsunterneh-
mung, die 1170 für eine Reise von Korinth nach Konstantinopel beschlossen worden war, mit
Hilfe der von Andronikos zur Verfügung gestellten Gelder; MdRND Nr. 40 (Sept. 1188)
Kpl., über Mietgeschäfte in Konstantinopel; MdRD Nr. 371 (Nov. 1188) Kpl. Quittung an
den Prior von St. Marcus in Konstantinopel, der verschiedene Besitztümer eines in Konstan-
tinopel verstorbenen Venezia-[229] ners aufbewahrt hatte, u. a. verschiedene Waffen; Nr.
372 (Febr. Kpl.: Zeugenaussage über das Testament eines in Kitros verstorbenen Venezianers;
S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 514 (April 1189) Kpl.; MdRD Nr. 380 (April 1190) Vene-
dig: Bestätigung für Wiedergutmachungszahlungen mit Hilfe des von Isaak II. Angelos zur
Verfügung gestellten Geldes für eine collegancia, die 1170 in Theben für eine Fahrt von The-
ben nach Konstantinopel ausgestellt worden war: de ripa de Sicres (meint Theben) in Con-
7
Vielleicht ist diese Urkunde auch auf 1186 zu datieren, da die Indiktion IV angegeben wird. Das gegebene
Inkarnationsjahr scheint in diesem Fall aber gewichtiger zu sein.
Konstantinopel 169
stantinopoli; Nr. 381 (April Tyrus), für eine Fahrt von Tyrus nach Abydos oder Konstanti-
nopel, von dort alternativ entweder gleich zurück nach Syrien oder aber erst nach Halmyros
bzw. Kitros und von dort aus entweder wieder nach Syrien oder nach Konstantinopel; Nr.
383, 384, 385, 386, 387 (Juli 1190) Kpl.: Quittungen für die in Nr. 381 erwähnte Fahrt (die
Reise ging also nach Konstantinopel, der Schiffsherr war Romanus Mairano); Nr. 388 und
389 (Aug. 1190) Venedig: Verträge für eine Fahrt von Venedig nach Konstantinopel; Nr. 392
(Nov. 1190) Kpl., für eine Fahrt von Halmyros nach Konstantinopel; Nr. 393 (Dez. 1190)
Venedig, für eine Fahrt von Venedig nach Konstantinopel und zurück; Nr. 396 (Februar
1191) Kpl.: Quittung über eine Unternehmung, als die Venezianer Gefangene in der Roma-
nia gewesen waren; Nr. 399 (Mai 1191) Kpl.: Aufteilung eines Erbes, einer der Beteiligten,
früher Einwohner Venedigs, firmiert jetzt als in Thessalonike wohnhaft; Nr. 401 (Okt. Vene-
dig, für eine Fahrt von Venedig über Korfu (Curcus) nach Konstantinopel; Nr. 403 (Dez.
1191) Venedig: Wiedergutmachungszahlungen mit Hilfe des von Isaak II. Angelos zur
Verfügung gestellten Geldes für eine Fahrt von Theben nach Konstantinopel in der Zeit
Manuels (d. h. 1170/71); Nr. 413 (Dez. 1192) Kpl.; S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 569
(Aug. 1193) Venedig: Mietgeschäfte des Klosters in Konstantinopel; MdRD Nr. 423 (Januar
1195) Venedig: Rückgabe von Vollmachten in Konstantinopel; Nr. 424 (Februar 1195) Ve-
nedig: Quittung für eine collegancia in Konstantinopel aus dem Jahr 1153 (!); S. GIORGIO
MAGGIORE Nr. 581 (Okt. 1195) Kpl.: Mietgeschäfte in Konstantinopel. Der Mieter ist von
der Zahlungsverpflichtung nur entbunden bei Brand, violencia imperialis oder violencia com-
munis Venecie. Laut dieser Urkunde hat der Abt von S. Giorgio Maggiore die Verfügungs-
gewalt über sämtliche Besitzungen des [230] Klosters in der Romania; MdRND Nr. 43 (Nov.
1195) Kpl., über Mietgeschäfte in Konstantinopel; S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 601
(Nov. 1197) Kpl., über Mietgeschäfte im Venezianerviertel von Konstantinopel; MdRD Nr.
444 (Aug. 1199) Venedig, über eine Fahrt von Venedig nach Konstantinopel; S. GIORGIO
MAGGIORE Nr. 614 (Dez. 1199) Kpl., über einen Streit um gewisse Kirchenrechte in
Konstantinopel; MdRD Nr. 452 (Okt. 1200) Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach
Venedig; Nr. 456 (April 1201) Kpl.: Quittung über den Kauf von 34 Milliaria Öl im Werte
von 1.000 Hyperpern in Methone. Verkäufer sind Pisaner; Nr. 460 (Juni 1202) Venedig:
Quittung über die Transferierung einer Geldsumme von Konstantinopel nach Venedig; Nr.
456 (Juli 1204) Kpl-, über die Aufteilung von Familiengütern.
GENUA und PISA8
Sowohl im Falle von Pisa als auch von Genua ist sehr viel weniger über die wirtschaftlichen
Aktivitäten von Angehörigen beider Städte in Konstantinopel bekannt als im Falle Venedigs9.
8
Literatur: LANGER, Genua und Pisa S. 10f., 18, 60ff.; MANFRONI, Relazioni; BACH, Cité de Gênes au
XIIe siecle; DESIMONI, Memoria sui quartieri; BRATIANU, Recherches sur le commerce Genois S. 61ff.;
BALARD, Romanie Génoise S. 22ff.; DAY, Involvement passim, bes. S. 15ff.; über die Beziehungen zwi-
schen Pisa und Byzanz im 12. Jahrhundert existiert bisher keine eingehende Untersuchung.
9
Allerdings wissen wir über die Lage und das Aussehen der genuesischen und pisanischen Quartiere in Kon-
170 Kapitel X
Dennoch waren beide in der byzantinischen Hauptstadt stark vertreten mit eigenen Vierteln,
Anlegeplätzen, Kirchen etc., trieben also eifrig Handel.
PISA: Im Jahre 1111 erhielt die Stadt neben anderen Privilegien ein Quartier mit Landungs-
platz (DÖLGER, Regesten Nr. 1255), 1136 wurde dieses Privileg von Johannes II. Komnenos
bestätigt (DÖLGER, Regesten Nr. 1310/12), eine weitere Bestätigung folgte möglicherweise
1143 durch Manuel (DÖLGER, Regesten Nr. 1332). 1162 scheint die pisanische Kolonie in
Konstantinopel mehr als 1.000 Mitglieder gezählt zu haben (ANNALES IANUENSES S.
67f.: 1.000 Pisaner sollen, zusammen mit Griechen und Venezianern, einen Angriff auf das
genuesische Quartier unternommen haben). Dieser Angriff führte anscheinend zu kaiserli-
chen Maßnahmen gegen Pisa, die in einer [231] zeitweiligen Einziehung des pisanischen
Quartiers in Konstantinopel und seiner Verlegung nach Pera gipfelten, denn im Jahre 1170
wurde ein neuer Vertrag abgeschlossen, nach dem die Pisaner u. a. ihre alten Quartiere in
Konstantinopel wiedererhielten (DÖLGER, Regesten Nr. 1499). 1182 folgte das große
Lateinermassaker des Andronikos (NIKETAS CHONIATES S. 250f.), auf das die Pisaner
mit zahlreichen Piratenangriffen auf Schiffahrt, Inseln und Küsten des byzantinischen Rei-
ches antworteten, die trotz verschiedener Abmachungen bis 1204 nicht mehr aufhören soll-
ten. Erst 1192 wurden die offiziellen Beziehungen wieder aufgenommen (DÖLGER, Rege-
sten Nr. 1607), wenngleich einzelne Pisaner auch in der Zwischenzeit im byzantinischen
Reich und folglich möglicherweise auch in Konstantinopel Handel getrieben hatten10. Bei
dieser Gelegenheit wurde auch der Umfang des pisanischen Quartiers beschrieben (MÜL-
LER, Documenti Nr. 34). Die Beziehungen blieben aber wegen der dauernden pisanischen
Piratenüberfälle im allgemeinen gespannt, wie die Beschwerde Isaaks II. Angelos vom Septem-
ber 1194 (DÖLGER, Regesten Nr. 1618) zeigt. 1199 schlossen beide Parteien noch einmal
einen Vertrag (DÖLGER, Regesten Nr. 1651), dessen Text nicht erhalten ist, jedoch Rege-
lungen über pisanischen Besitz in Halmyros und Thessalonike enthielt (Erwähnung bei
MÜLLER, Documenti Nr. 47, S. 78), ehe die Eroberung des byzantinischen Reiches durch
die Kreuzfahrer und Venedig 1204 weiteren Aktivitäten der Pisaner zunächst einen Riegel
vorschob. Von privaten pisanischen Händlern oder auch anderen Personen, die sich nicht in
offiziellem Auftrag in Konstantinopel aufhielten, wissen wir nur sehr wenig, so z. B. von
einem pisanischen Handelsschiff, das ca. 1163 auf der Rückfahrt von Konstantinopel nach
Pisa von sizilianischen Schiffen gekapert wurde (ANNALES PISANI S. 28) oder von pisa-
nischen burgenses in Konstantinopel, die ein genuesisches Schiff bei Paschia plünderten (IM-
PERIALE, Codice II. S. 216 Anm.). Auch der Rechenschaftsbericht des pisanischen Statt-
halters in Konstantinopel (MÜLLER, Documenti Nr. 46 vom 8. 4. [232] 1199, Kpl., ebenso
stantinopel aufgrund der offiziellen Beschreibungen wesentlich mehr als über das Venezianerviertel, auch
wenn letzteres ebenfalls, wenn auch wohl nur teilweise, 1148 einmal offiziell aufgenommen worden ist.
10
Dies geht aus einer Passage des Vertrags hervor, in der die Pisaner die Rückzahlung des ihnen abgenomme-
nen Kommerkions verlangten, das ja nur Pisanern, die sich in der Romania aufhielten, abverlangt werden
konnte, s. DÖLGER, Regesten Nr. 1607.
Konstantinopel 171
Nr. 47 (30. Juni 1199) Kpl.) gibt Nachweise für Besitzungen und Aktivitäten von Pisanern in
der byzantinischen Hauptstadt, dagegen sind Quellen für den regelmäßigen Handel – über
eine Reihe von Jahren hinweg – nicht zu finden.
Genua: Die Genuesen traten erst spät in den Bereich der Hauptstadt ein: 1155 eingeleitete
Verhandlungen der Kommune mit dem byzantinischen Kaiser führten zwar zu keinem Ab-
schluß, dennoch erhielt Genua wenig später ein wohl kleineres Embolum in Konstantinopel,
das 1162 von den Pisanern geplündert wurde und in der Folge vom Kaiser eingezogen worden
zu sein scheint (ANNALES IANUENSES S. 67f.). Bei den Verhandlungen des Jahres 1169
wurde den Genuesen zunächst ein Quartier außerhalb Konstantinopels zugewiesen (DÖL-
GER, Regesten Nr. 1488), jedoch konnte der genuesische Gesandte Amico da Murta noch in
demselben Jahr eine Verlegung in die Hauptstadt hinein erreichen (DÖLGER, Regesten Nr.
1495/97/98). Anscheinend 1172/73 ging noch einmal eine genuesische Gesandtschaft nach
Konstantinopel, und 1174 führte der Botschafter Grimaldi weitere Verhandlungen (IMPE-
RIALE, Codice II. S. 204–222). Erst mit dem Massaker von 1182 kamen die Verbindungen
zu einem vorübergehenden Ende. 1188 ging eine kaiserliche Gesandtschaft nach Genua
(DÖLGER, Regesten Nr. 1582/83), und 1192 wurde ein neuer Vertrag abgeschlossen (DÖL-
GER, Regesten Nr. 1606/ 09/10). Jedoch blieben die Beziehungen infolge fortdauernder
genuesischer Piratenangriffe gegen die Schifffahrt, die Inseln und gegen die Küstengebiete des
Reiches belastet (DÖLGER, Regesten Nr. 1616 (Okt. 1193), Nr. 1649 (März 1199)). Ein
letzter Vertrag wurde im Oktober 1202 abgeschlossen (DÖLGER, Regesten Nr. 1663). Da
wir aus dreien dieser Verhandlungen genaue Beschreibungen des genuesischen Embolums in
Konstantinopel besitzen (IMPERIALE, Codice II. S. 117–121 (1170), III. S. 62–74 (1192),
III. S. 194f. (1201)), sind wir über dessen Aussehen recht gut unterrichtet11, ebenso wie die
emendationes zu den verschiedenen Verträgen ein gutes, wenn auch sehr lückenhaftes Bild der
genuesischen Handelstätigkeit vermitteln. Bei den genuesischen Notaren finden sich eben-
[233] falls Handelsdokumente, die den genuesischen Handel mit Byzanz, besonders
Konstantinopel, betreffen: GIOVANNI SCRIBA: Nr. 219 (19. 7.); 248 (21. 8.) (für 1157);
für 1158: Nr. 438 (16. 8.); 468 (30. 8.); für 1159: Nr. 545 (28. 7.); für 1160: Nr. 615 (9. 3.);
666 (26. 5.); 676 (8. 6.); 752 (27. 8.); für 1161: Nr. 895 (29. 8.); 899 (8. 9.); für 1162: Nr.
1015/1016 (27. 12.), beide Urkunden gehören inhaltlich zusammen und betreffen die Rück-
zahlung von in Konstantinopel gegebenen Geldern; für 1164: Nr. 1257 (30. 8.).
Aus dem Jahre 1179 sind vier Handelskontrakte mit Konstantinopel durch den Notar
OBERTO SCRIBA DE MERCATO überliefert12, 1182 und ebenfalls 1184 erwähnt der-
11
Cf. auch DESIMONI, Memoria sui quartieri.
12
Cf. ABULAFIA, The two Italies S. 154. Gleichfalls ist in diesem Jahr die Fahrt einer Gruppe von Kaufleu-
ten aus Savona nach Konstantinopel bezeugt, wobei es sich jedoch eher um einen Einzelfall gehandelt zu
haben scheint und nicht um ein Anzeichen für regelmäßige Handelsfahrten zwischen Savona und Byzanz,
cf. BALLETTO, Marchands Italiens passim.
172 Kapitel X
selbe Notar keine Handelsfahrten nach Byzanz13, während er für 1186 wieder eifrigen
Handelsverkehr zu melden hat: Nr. 9, 11, 15, 21 (23. 9.); Nr. 26, 27, 29, 31, 34, 35, 36, 37, 38,
40 (24. 9.); Nr. 42 (25. 9.); Nr. 96 (8. 10.); in den Dokumenten Nr. 207 und 208 vom 26. 10.
wird Konstantinopel ausdrücklich von der Reiseroute ausgeschlossen .
In dem Cartular von 1190 (ebenfalls OBERTO SCRIBA DE MERCATO) wird Kon-
stantinopel in den Dokumenten nicht erwähnt, die Romania nur ein einziges Mal. Dagegen
finden wir für 1191 bei dem Notar GUGLIELMO CASSINESE wieder zahlreiche Erwäh-
nungen: Nr. 747 (18. 6.); 924 (11. 9.); 967 (10. 9.); 1005 (15. 9.); 1016 (16. 9.); 1030, 1031,
1036, 1038, 1039, 1040, 1041 (18. 9.); 1066, 1067 (21. 9.); 1061, 1076, 1078 (23. 9.); 1079,
1080, 1081,1088, 1089, 1090, 1092, 1093, 1097, 1099, 1102, 1104, 1108, 1109 (24. 9.);
1111, 1113,1116, 1119, 1123, 1126,1129, 1130, 1131, 1132, 1134 (25. 9.); 1203 (9. 10.):
nach Konstantinopel oder nach Syrien; für 1192: Nr. 1856 (15. 4.).
GIOVANNI DI GUIBERTO erwähnt für die Zeit zwischen 1200 und 1203 keine
Fahrten nach Konstantinopel, ebensowenig LANFRANCO (für 1203). Auffällig bei diesen
Notariatsurkunden ist die große [234] Häufung im August und vor allem September, wäh-
rend in den anderen Monaten kaum Handelskontrakte auftreten. Ebenso auffällig ist die
Abwesenheit dieser Kontrakte für die Jahre 1182 und 1184, also ungefähr für die Regierungs-
zeit des Andronikos, und ebenso für 1190 und 1200 bis 1203. Warum 1190 keine Handels-
kontrakte nach Byzanz unterzeichnet worden sind – es sei denn, bei anderen, uns nicht erhal-
tenen Notaren – wird kaum mehr zu sagen sein, die politische Lage war jedenfalls kaum von
der des folgenden Jahres unterschiedlich, wo wir wieder auf Kontrakte treffen. Der Nieder-
gang bzw. die Nichterwähnung 1200 bis 1203 mag mit dem Zerfall des Reiches zusammen-
hängen, das für Kaufleute nicht mehr großen Anreiz bot, zumal die Piratengefahr in diesen
Jahren sehr groß gewesen zu sein scheint14. Auch bei den Venezianern ist ein Nachlassen der
Handelsfrequenz in diesen Jahren zu beobachten15.
In jedem Fall ist Konstantinopel während des 12. Jahrhunderts der große kommerzielle
Mittelpunkt des Reiches, was sich auch in der Schilderung BENJAMINS VON TUDELA (S.
12f.) ausdrückt, der die Stadt in der Mitte des 12. Jahrhunderts besuchte und über sie schrieb:
"Alle Arten von Händlern kommen hierher, aus dem Land von Babylon, aus dem Land von
Shina, aus Persien, Medien, aus dem Herrschaftsgebiet Ägyptens, aus dem Land von Canaan
und aus dem Reich von Russia, aus Ungarn, Patzinakia, Khazaria und aus dem Land der Lom-
bardei und Sepharad. Es ist eine geschäftige Stadt, und Händler aus jedem Land kommen zu
ihr über Land und über das Meer, und es ist keine auf der Welt ihr gleich, ausgenommen
Bagdad ... Man schätzt die Steuern der Stadt auf täglich 20.000 Goldstücke, sowohl von den
13
IBIDEM S. 158.
14
Es gab anscheinend zuweilen auch Schwierigkeiten mit den byzantinischen Behörden, s. die Instruktionen
der Genuesen für die Gesandtschaft von 1201 nach Konstantinopel (IMPERIALE, Codice III. S. 196ff.).
15
Zu den genuesischen Notariatsakten cf. auch BACH, Cité de Gênes, Appendix (Oberto Scriba de Mercato
und Guglielmo Cassinese).
Konstantinopel 173
Mieten aus Läden und Märkten her als auch von den Abgaben der Händler, die zu der Stadt
über Land oder über das Wasser hin kommen ... In der Tat ist das Land sehr reich an Tuchen
und Stoffen, an Getreide, Fleisch und Wein..." (in ähnlicher Weise auch FULCHER I. 9, S.
176ff. und andere Historiker). Es lebten auch 2.500 Juden dort, allerdings nicht in [235] der
Stadt selbst, sondern in einem Extraquartier16. An weiteren Quartieren ausländischer Händ-
ler sind noch Wohnsitze von Deutschen und Franzosen zu erwähnen (DÖLGER, Regesten
Nr. 1590 (Juni 1189)), sowie ein Mitaton der Sarazenen in Konstantinopel, das 1204 von den
Kreuzfahrern in Brand gesteckt wurde, was zur Ursache der großen Feuersbrunst in Konstan-
tinopel werden sollte (NIKETAS CHONIATES S. 553), ebenso ein Hospital oder Fremden-
haus, wahrscheinlich der Johanniter, das 1182 aber wohl zerstört worden ist. In den nächsten
zwanzig Jahren bis zum Vierten Kreuzzug ist es jedenfalls nicht mehr nachweisbar (WIL-
HELM VON TYRUS XXII. 12, S. 1084: xenodochium, quod dicebatur sancti Johannis)17.
Auf die Quartiere der Italiener in Konstantinopel und die damit zusammenhängenden
Probleme soll an dieser Stelle nur kurz eingegangen werden, da hierzu von P. Schreiner eine
eigene Untersuchung angekündigt worden ist . Wesentlich ist allerdings die Frage, was die
Quartiere der Italiener eingebracht haben, vor allem in finanzieller Hinsicht, auch wenn die
Antwort hierauf nur fragmentarisch gegeben werden kann.
Grundsätzlich haben die Kommunen ihre Einrichtungen in Konstantinopel nicht selbst
verwaltet, sondern im allgemeinen an ihre Kirchen gegeben18. Anlaß hierzu mag die noch
nicht genügend ausgebildete kommunale Verwaltung gegeben haben. Venedig überließ schon
[236] vor 1090 einige Teile des Quartiers dem Kloster des Hl. Nicolaus19. 1090 wurde der
größte Teil des verbliebenen Restes dem Kloster S. Giorgio Maggiore geschenkt, allerdings
ohne die große Landetreppe (scala maior), deren Gebrauch der Doge sich – und das heißt wohl:
der Kommune – vorbehielt (S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 69 (Juli 1090) Venedig = TA-
FEL–THOMAS Nr. 25). 1107 erhielt der Patriarch von Grado die Kirche des Hl. Akindynos
im venezianischen Quartier mit allen Rechten und Besitzungen. Besonders bedeutend war
16
Zu Handel, Industrie u. ä. cf. auch SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 21; HEYD, Commerce I. S. 147ff.;
TIVCEV, Cités S. 150–152, 161, 164.
17
Außerdem scheint es zu Beginn des 12. Jahrhunderts in oder bei Konstantinopel eine lateinische Kirche
(vielleicht für die lateinischen Söldner im Heer des Kaisers oder für die Pilger aus dem Westen?) gegeben zu
haben, cf. GAY, L’abbaye de Cluny passim; ebenso ist ein Quartier der Anconitaner in Konstantinopel
nicht auszuschließen, das wahrscheinlich ca. 1172 eingerichtet worden ist, cf. PERTUSI, Anconitan Colo-
ny S. 199f.; Belege für Handel Anconas in Byzanz während des 12. Jahrhunderts sind allerdings nicht zu
finden, und wir wissen auch nicht, wie lange und wie stark dieses Quartier, wenn es tatsächlich existiert hat,
von anconitanischen Händlern frequentiert worden ist. Um 1200 scheint es jedenfalls existiert zu haben,
denn wir finden in einem pisanischen Dokument dieses Jahres, das in Konstantinopel ausgestellt worden
ist, einen gewissen Dominicus prior Anconitanorum als Zeugen, der anders kaum erklärt werden könnte
(MÜLLER, Documenti Nr. 51 (9. Juli 1200) Kpl., S. 81f.).
18
Im Falle Genuas ist mangels Quellen eine Aussage unmöglich, doch kann man wohl eine gewisse Paralle-
lität zu Venedig und Pisa annehmen.
19
Erwähnung in der Schenkung für S. Giorgio Maggiore (S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 69 (Juli 1090)
Venedig; ebenso abgedruckt bei TAFEL–THOMAS Nr. 25).
174 Kapitel X
hierbei, daß zu diesen Rechten neben einigen Mietshäusern auch die Maß- und Gewichts-
rechte gehörten, die erheblichen Gewinn abwarfen. Ob das Patriarchat diese Rechte selbst
verwaltet oder aber seinerseits weiter verpachtet hat, wissen wir nicht. Im Jahre 1169 ver-
pachtete es sie jedenfalls an Romanus Mairano auf sechs Jahre für die Summe von 500 vero-
nesischen Pfund pro Jahr (MdRD Nr. 245 (Jan. 1172) Venedig). Das Geld war auf dem
größten Schiff der Frühlingsflotte von Konstantinopel nach Venedig zu senden. Da man
kaum annehmen kann, daß Mairano freiwillig Verlust machen wollte, müssen die Einkünfte
über 500 veronesischen Pfund im Jahr gelegen haben20. Wenn man noch die Einkünfte der
beiden Klöster S. Nicolaus und S. Giorgio dazurechnet, die wohl vor allem aus Mieteinnah-
men bestanden haben werden – im Fall von S. Giorgio dazu aus den Einnahmen der dem
Kloster überlassenen kleineren Landetreppen21 –, sowie die Nutzungsgebühren für die scala
maior des Dogen, so dürfte hier doch ein erheblicher Betrag zusammenkommen.
Wie hoch die Maß- und Landegebühren im einzelnen gewesen sind, wissen wir nicht. Im
Falle Pisas, das 1160 sein Quartier samt Häusern, Kirchen, Hospital, Rechten und allen Ein-
künften dem pisanischen Dom übereignete (MÜLLER, Documenti Nr. 7 (8. März 1160, Ind.
[237] 8) Pisa, S. 8f.)22, hatten die Pisaner an Maßgebühren ein halbes Prozent des Gesamt-
wertes zu zahlen, Nichtpisaner ein Prozent. Größere pisanische Schiffe durften bis zu zwei
Monaten abgabenfrei an der scala der Pisaner liegen, ehe sie die übliche Liegegebühr, deren
Höhe wir nicht kennen, zu bezahlen hatten. Kleinere Schiffe durften an den Strand gezogen
werden und dort fünfzehn Tage liegen, ehe sie ebenfalls Abgaben entrichten mußten (MÜL-
LER, Documenti Nr. 8 (April 1162, Ind. 10) Kpl., S. 10). Diese Einkünfte durften, ebenso
wie die Einnahmen aus Vermietung und Beherbergung und wie die Kirchenschätze der pisani-
schen Kirche des hl. Nicolaus und des hl. Petrus ohne Einwilligung des von dem pisanischen
Dom entsandten Beauftragten weder verkauft noch verpfändet werden.
Über die Höhe der Mieteinkünfte des pisanischen Quartiers besitzen wir eine Rech-
nungslegung aus dem Jahre 1199. Hiernach betrug die Summe der Einkünfte 444 Hyperper
(MÜLLER, Documenti Nr. 46 (8. April 1199. Ind. 2) Kpl., S. 74f.; Nr. 47 (30. Juni 1199,
Ind. 2) Kpl., S. 75–78)23.
20
Zu dem veronesischen Pfund, das sich in Venedig einer gewissen Beliebtheit erfreute, cf. Bertele, Moneta
Veneziana e Moneta Bizantina S. 10.
21
Einige Beispiele für Mieteinkünfte: S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 581 (Okt. 1195) Kpl.; Nr. 601 (Nov.
1197) Kpl.).
22
Warum die Übergabe erst 1160 erfolge ist, kann nur noch vermutet werden. 1162 wurde die Übereignung
offiziell durch eine Gesandtschaft dem Kaiser mitgeteilt (MÜLLER, Documenti Nr. 8 (April 1162) Kpl.).
Da die Beziehungen zwischen Byzanz und Pisa sich in dieser Zeit erheblich verschlechterten, mag es sein,
daß man in Pisa in der Übereignung an den Dom ein Mittel gesehen hat, das Quartier – da nunmehr
Eigentum der Kirche – vor etwaigen nachteiligen Folgen zu bewahren, die die Politik der Kommune
heraufbeschwören mochte. Geholfen hat es in jedem Fall wenig, wie die bald darauf erfolgte Verlegung des
Quartiers durch den Kaiser nach Pera beweist. Oder wäre es sonst vielleicht ganz eingezogen worden?
23
Die tatsächlichen Einkünfte sind, wie aus den Einzelzahlen hervorgeht, weit höher gewesen. Doch wissen
wir zu wenig über die Buchführung und die Zahlungsmodalitäten, um hieraus irgendwelche Schlüsse
Konstantinopel 175
Alle diese Angaben sind nur fragmentarisch. Dennoch ergibt sich aus ihnen, daß die Ein-
künfte der Quartiere von erheblicher Höhe gewesen sein müssen. Bedenken wir weiter, daß
Isaak II. Angelos, als er 1189 den Venezianern die beiden Quartiere der Deutschen und der
Franzosen übereignete (TAFEL–THOMAS Nr. 74 (Juni 1189) Kpl., S. 206–211, 208f.), ihre
jährlichen Einkünfte auf zusammen fünfzig Goldpfund pro Jahr schätzte, so muß für die doch
erheblich größeren und häufiger aufgesuchten Quartiere der italienischen Seestädte ein noch
erheblich höheres Einkommen geschätzt [238] werden. Die Vergabe dieser Quartiere durch
den Kaiser ist mithin auch von einem großen wirtschaftlichen Interesse für Venezianer, Pisa-
ner und Genuesen gewesen, zumal die Einkünfte, die sie boten, kontinuierlich flossen und
relativ unbehelligt von den politischen Ereignissen waren, es sei denn, daß es zu Zerwürfnissen
zwischen den Kommunen und Byzanz selbst kam. Aber dieses Risiko galt für den ganzen
Handel mit dem griechischen Kaiserreich.
Von den politischen Ereignissen des 12. Jahrhunderts wurde Konstantinopel naturgemäß
weniger betroffen als die mehr den Feinden ausgesetzten Städte, Inseln und Provinzen. Rele-
vant für den Handel zwischen Konstantinopel und dem Westen waren die im folgenden auf-
gezählten Ereignisse: Der Krieg gegen Robert Guiskard, der zur Verleihung des großen Privi-
legs von 1082 führte. Der Krieg gegen Roger II. von Sizilien 1147-1149, bei dem eine siziliani-
sche Flotte 1149 auch in die Nähe Konstantinopels gekommen zu sein scheint (HISTORIA
DUCUM S. 75) und eine weitere Attacke der Normannen 1157, auch diesmal bis vor die
Mauern der byzantinischen Hauptstadt (NIKETAS CHONIATES S. 99). 1171 wurden die
Venezianer im Reich gefangengenommen und ihre Güter konfisziert, was zu einer Unterbre-
chung des Handels bis ca. 1183/84 führte24. 1182 wurden die pisanischen und genuesischen
Quartiere in Konstantinopel geplündert, eine kürzere Handelsunterbrechung – zumindest
während der Regierung des Andronikos I. Komnenos – war die Folge. Auch später hatten die
Genuesen und Pisaner in Konstantinopel unter einigen Repressalien zu leiden, hervorgerufen
durch die ständigen Piratenüberfälle einiger ihrer Mitbürger in der Romania. 1204 schließlich
scheint die Besetzung der Stadt durch Kreuzfahrer und Venezianer sowohl Genua als auch
Pisa in ihren Handelsbeziehungen mit Byzanz erheblich eingeschränkt zu haben, auch wenn
beispielsweise das pisanische Quartier weiterexistiert zu haben scheint. Aber die Venezianer
haben ihre Stellung in Konstantinopel gegenüber den Jahren vor 1204 fraglos entscheidend
ausbauen können25.[239]
Kommentar: Wenn wir die politische Entwicklung im Lauf des 12. Jahrhunderts mit der
chronologischen Häufigkeit der Handelskontrakte, die irgendwie mit Konstantinopel zu tun
haben, vergleichen, so fällt eine relative Übereinstimmung auf. Zwar sind für die Zeit bis ca.
ziehen zu können.
24
Zu der Gefangennahme der Venezianer und den folgenden Ereignissen cf. BESTA, Cattura dei Veneziani
passim; DANSTRUP, Manuels Coup passim; COGNASSO, Partiti politici S. 249ff.; cf. auch unten S.
489ff.
25
Zu der ganzen politischen Entwicklung cf. weiter unten in Teil III.
176 Kapitel X
1140 nur relativ wenig Urkunden erhalten, so daß hier ab und an größere Lücken auftreten,
dennoch bestätigen sie im großen und ganzen den Lauf der politischen Ereignisse: Nach dem
großen Privileg des Alexios von 1082 treffen wir auf die ersten Erwähnungen 1088 und 1089.
Weitere folgen 1090 und 1095, dann ist eine Lücke bis 1111/12 und wieder eine Lücke bis
1118. Weitere Urkunden finden wir für die Jahre 1119/20 und 1121, dann ist wieder eine
Pause bis 1129. Die nächsten Kontrakte treffen wir 1132 und 1136. Von 1139 bis 1148 ist
jedes Jahr mindestens eine Urkunde zu finden. Die Zahl der erhaltenen Stücke steigt jetzt
ständig: Für die Jahre 1150/51, 1154–1171, dann 1176 und wieder ab 1184 bis 1193, 1195,
1197, 1199 und schließlich von 1200 bis 1204 sind Handelsurkunden bekannt.
Für die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts sind zu wenige Dokumente erhalten, um Ge-
naueres aussagen zu können. Die Auseinandersetzungen zwischen Johannes II. Komnenos
und Venedig, besonders in ihrer schärfsten Phase 1122 und 1124–1126, erklären nur das
Ausbleiben für diese Jahre und den dazwischen liegenden Zeitraum, die anderen "leeren"
Perioden mögen auf die schlechte Erhaltung zurückzuführen sein26. In den vierziger und
fünfziger Jahren des 12. Jahrhunderts lief der Handel trotz der verschiedenen byzantinisch-
normannischen Kriege normal weiter. Auch der Rückruf aller Venezianer aus der Romania
1168 – nicht das einzige Mal – aufgrund der steigenden Spannungen zwischen Byzanz und
der Lagunenstadt führte zu keiner völligen Unterbrechung, wenngleich er seine Spuren in den
Dokumenten hinterließ27. Ab 1172 [220] aber stoßen wir mit einer einzigen Ausnahme bis
1183 einschließlich auf keine Handelsunternehmung in der Romania mehr, die im byzantini-
schen Reich ihren Erfüllungsort hat. Der Schlag Manuels scheint den Handel völlig zum Erlie-
gen gebracht zu haben. Danach lief der Verkehr, soweit wir beurteilen können, wieder einiger-
maßen regelmäßig, wenngleich mit abnehmender Frequenz. Die überragende Bedeutung der
byzantinischen Hauptstadt für den Handel mit den italienischen Seestädten wird schon
durch das reine Zahlenverhältnis deutlich: Konstantinopel allein hat mehr Erwähnungen in
den venezianischen Urkunden als sämtliche anderen Städte, Regionen und Inseln des Reiches
zusammen.
26
Das Fehlen von Urkunden für 1122 erklärt sich allerdings auch durch den Rückruf aller venezianischen
Schiffe aus der Romania Ende 1120, um indem folgenden Jahr eine Flotte nach Antiocheia schicken zu
können, das gerade eine schwere Niederlage durch die Mohammedaner hatte hinnehmen müssen (ZUSTO
Nr. 8 (Nov. 1121) Venedig).
27
MdRD Nr. 267 (Juli 1175) Venedig: Quittung für eine Unternehmung des Jahres 1170 (s. o.). Allerdings
wurden diese Rückrufe nicht immer von allen Venezianern befolgt. Oft zogen sie es vor, in der Romania zu
bleiben, wo sie infolge des Fehlens der "heimatbewußteren" Konkurrenz natürlich umso mehr Gewinn-
chancen besaßen; cf. z. B. MdRD Nr. 143 (Mai 1160) Venedig: Da der Venezianer Marcus Berabo einem
solchen offiziellen Rückruf vom November 1158 (die Venezianer in der Romania sollten bis zum nächsten
Osterfest, die in Syrien bis zum 1. September nach Venedig zurückkehren. Die verschiedenen Termine
erklären sich wohl aus der längeren Fahrt von Syrien her, die ja über die Romania ging) nicht gefolgt war,
hatte er eine Buße von 25 veronesischen Pfund zu zahlen, die sein Bruder auslegte. Marcus Bembo hatte
diese Schuld mit Zins innerhalb eines Jahres an seinen Bruder zurückzuerstatten, andernfalls dieser das
Recht zu einer entsprechenden Eigentumspfändung erhielt.
Konstantinopel 177
Bei Genua ist das Mißverhältnis noch stärker28: Bei allen genuesischen Notaren finden
wir für die Zeit vor 1204 allein zwei Dokumente, die Schiffe nach anderen byzantinischen
Städten betreffen (Attaleia und Halmyros), alle anderen sind entweder allgemein für die Ro-
mania ausgestellt oder aber sie betreffen – und das zumeist – Konstantinopel. Zwar wissen wir
aus anderen Quellen, besonders aus den genuesischen Gesandtschaftsinstruktionen, daß die
Genuesen auch in anderen Gebieten des Reiches anzutreffen waren, aber es scheint so, daß
von Genua aus als Primärziel – im byzantinischen Bereich – fast nur Konstantinopel ange-
steuert worden ist. Die Gründe hierfür dürften zum Teil in den Privilegien für Genua zu su-
chen sein, die besonders den Handel in Konstantinopel begünstigten (s. oben Kap. IV). In je-
dem Fall aber dokumentiert diese Konzentration der Quellen auf Konstantinopel die beson-
dere Stellung der byzantinischen Hauptstadt.
[241] Woher kam nun diese Konzentrierung des Fernhandels auf Konstantinopel? Meh-
rere Ursachen bieten sich an:
1. Die Rolle Konstantinopels als Sitz der staatlichen und kirchlichen Spitzen des Reiches.
2. Die Größe der Stadt, die ja auch reich an Industrie gewesen ist.
3. Die geographische Lage Konstantinopels in unmittelbarer Nähe Thrakiens und Bithy-
niens, beides Gebiete mit bedeutender Agrarproduktion, wobei Bithynien allerdings eine
geringere Rolle spielte.
4. Die grundsätzliche Zentralisierung des Reiches mit der Ausrichtung seiner Provinzen auf
die Bedürfnisse der Hauptstadt29.
5. Die Mittlerfunktion Konstantinopels für den Handel mit dem Norden und Osten über
das Schwarze Meer, das den Italienern ja verboten gewesen zu sein scheint30.
6. Die größere Sicherheit in der Hauptstadt: Zwar wissen wir auch von Übergriffen in
Konstantinopel, aber im Vergleich zu der Lage in den Provinzen, wo – auch innerhalb
der Häfen – dauernd Piratenangriffe und Übergriffe der lokalen Administrationen
drohten, mag Konstantinopel für viele Händler sicherer erschienen sein.
7. Im Fall von Genua noch die besondere Privilegierung, die den Genuesen vor 1192 allein
in Konstantinopel Zollreduktionen brachte, ebenso wie es nur dort ein genuesisches
Quartier gab.
Dies alles, verbunden vielleicht auch mit besseren Möglichkeiten, sich über neue Entwick-
lungen und die Lage in den einzelnen Reichsteilen zu informieren, mag der Grund für die
Bevorzugung der by-[242]zantinischen Hauptstadt gewesen sein31.
28
Für Pisa läßt sich hier nichts aussagen, da die Quellen zu wenig Material bieten. Aber es dürfte zu vermuten
sein, daß die Dinge sich hier ähnlich verhielten wie im Falle von Genua.
29
Cf. z. B. die Aussage des MICHAEL CHONIATES II. Briefe Nr. 50 S. 82f. , daß der ganze Reichtum
Thessaliens und aller übrigen Provinzen nach Konstantinopel ging. Derselbe Michael fühlte sich in einer
Stadt wie Athen geradezu in der Verbannung. Allerdings scheint die Ausrichtung des gesamten Reiches auf
seine Hauptstadt im 12. Jahrhundert schwächer geworden zu sein, cf. unten Kap. XIX S. 604f.
30
Dies wird auch von Benjamin von Tudela bestätigt, der neben den Italienern ja auch Händler aus Ägypten,
Persien, Chazarien, Nord- und Südrußland erwähnt, die alle nach Konstantinopel kämen (Text s. oben).
178 Kapitel X
Umgekehrt hatte diese Bevorzugung natürlich auch den Effekt, die Ausrichtung des
innerbyzantinischen "Zubringerhandels" für die Italiener – sei er nun von ihnen selbst oder
von den Griechen betrieben – auf Konstantinopel zu fördern, wodurch der Reichtum der
Stadt im Laufe des 12. Jahrhunderts zumindest während der Regierungszeit der ersten drei
Komnenen sich noch gesteigert haben mag, so daß die Einschätzung Konstantinopels durch
den französischen Chronisten des Zweiten Kreuzzugs Odo von Deuil für diese Zeit durchaus
zutreffend ist: Constantinopolis, Graecorum gloria, fama dives et rebus divitior32.
31
Die große Zahl an venezianischen Urkunden aus Konstantinopel im Vergleich zu anderen byzantinischen
Städten mag zum Teil allerdings auch damit zusammenhängen, daß in Konstantinopel die größte und
wichtigste Kolonieder Venezianer war, so daß viele Beurkundungen und Rechtsfälle hier vorgenommen
und entschieden wurden, auch wenn sie Vorfälle (z. B. Testamente und Schenkungen, s. oben bei der
Aufzählung der Dokumente) in anderen Orten betrafen und mit Konstantinopel eigentlich direkt nichts
zu tun hatten, so daß Konstantinopel in der Zahl der erhaltenen Urkunden hier vielleicht etwas überreprä-
sentiert ist. Auch waren die Verkehrsverbindungen zwischen der byzantinischen Hauptstadt und Venedig
sicher enger als in anderen Fällen, so daß leichter und eher Dokumente von hier nach Venedig und in die
venezianischen Klosterarchive gekommen sein mögen. Wenn wir die Urkunden allerdings noch weiter
aufteilen in solche, die nur Konstantinopel betreffen, und solche, in denen andere byzantinische Städte
ohne Erwähnung Konstantinopels genannt werden, wird das Verhältnis noch krasser: Reisen – auch von
Venedig aus – nach Byzanz ohne eine zumindest kurzfristige Berührung Konstantinopels scheinen relativ
selten gewesen zu sein.
32
Odo von Deuil S. 62.
KAPITEL XI. DIE WICHTIGSTEN HANDELSROUTEN
Für die italienischen Seestädte war das byzantinische Reich nicht nur als Handelszone von
großer Wichtigkeit, sondern auch als Zwischenstation – und manchmal Hindernis – auf dem
Weg nach Ägypten und zu den Kreuzfahrerstaaten. Diese geographische Lage zog die Byzan-
tiner unabdingbar auch in die politische Entwicklung dieses Raums hinein, auch und gerade,
weil auf Kräfteveränderungen in Syrien – zumeist zum Nachteil der Kreuzfahrerstaaten – fast
automatisch neue Flotten und Armeen aus dem Abendland zu Hilfe kamen, die auf ihrem
Weg auch Provinzen des byzantinischen Kaisers zu durchqueren hatten. Dies hatte zur Folge,
daß bestimmte Teile des Reiches weit häufiger als andere mit den Lateinern in Berührung
kamen, sei es nun zu ihrem Vorteil oder – häufiger – zu ihrem Schaden. Solche Kriegszüge
hatten auch für die Wirtschaft und den Handel ihre Folgen, man denke nur an den Ersten
Kreuzzug, der in seinem Gefolge auch genuesische und pisanische Flotten sah, die vor einer
Plünderung der byzantinischen Küsten nicht zurückschreckten, oder an den Zweiten, der die
byzantinischen Kräfte so sehr beanspruchte, daß die Normannen ungehindert Theben und
Korinth überfallen und Teile der Bevölkerung – vor allem die Seidenarbeiter – nach Sizilien
verschleppen konnten. Diese Armeen und Flotten folgten meist den schon aus dem Handel
mehr oder weniger bekannten Routen.
Untersuchen wir nun die wichtigsten Handelswege innerhalb des byzantinischen Reiches
und seines Umkreises: zunächst aus dem Blickpunkt der venezianischen Quellen, getrennt
hiervon – sowohl wegen des unterschiedlichen Quellenmaterials als auch aufgrund der an-
dersartigen politischen und ökonomischen Interessenlage – Genua und, soweit mangels Quel-
len möglich, Pisa. Zunächst die Hauptrouten ins Hl. Land und nach Ägypten, soweit sie
durch byzantinische Gewässer führten: Grundsätzlich allen Schiffen gemeinsam war zunächst
der Seeweg durch die Adria, sei er nun entlang der östlichen Küste: [244] Venedig – Zara –
Spalato – Ragusa1 – Dyrrhachion, oder entlang der westlichen Küste: Venedig – Ancona –
Bari2 – Otranto3, um nur einige der wichtigsten Häfen zu nennen. Es konnten alle oder einige
1
Zu Ragusa cf. KREKIC, Raguse; ABULAFIA, Dalmatian Raguse S. 412ff.; CANCOVA-PETKOVA–
PRIMOV, Dubrovnik, Byzantium and Bulgaria S. 79ff.; MdRD Nr. 334 (August 1182) Venedig, für eine
Fahrt von Venedig nach Ragusa und weiter.
2
Kontrakte nach Ancona: MdRD Nr. 409 (Juli 1192) Venedig: nach Apulien oder Ancona; Nr. 450 (Au-
gust 1200) Venedig: nach Ancona – Otranto – Dalmatien; zur politischen Rolle Anconas und seinen Be-
ziehungen mit Byzanz und Venedig cf. SCHREINER, Dux von Dalmatien S. 285ff.; CARILE, Assedio di
Ancona passim; Handelsbeziehungen mit Bari: MdRD Nr. 41 (Februar 1119) Bari, für eine Fahrt von Bari
über Damiette nach Konstantinopel; Nr. 63 (Februar 1134) Venedig: Venedig – Bari und zurück.
3
Kontrakte nach Apulien: MdRD Nr. 136 (Juli 1159) Venedig: von Venedig nach Apulien; Nr. 391 (Nov.
1190) Venedig: nach Apulien; Nr. 397 (April 1191) Venedig: desgleichen; Nr. 409 (Juli 1192) Venedig:
nach Ancona oder Apulien; Nr. 410 (Sept. 1192) Venedig: nach Apulien. Nr. 437 (Dez. 1197) Venedig:
von Venedig über Apulien nach Syrien; MdRND Nr. 48 (Sept. 1198) Venedig: nach Apulien; Nr. 49 (Mai
1199) Venedig: nach Apulien und Dalmatien; Reisen durch die Adria ohne Spezifizierungen: MdRD Nr.
21 (April 1095) Venedig; MdRND Nr. 56 (Juni 1203) Venedig und Nr. 57 (Juli 1203) Venedig.
180 Kapitel XI
dieser Häfen angefahren werden, Quellenzeugnisse hierfür existieren, man konnte aber auch
direkt fahren. Einen Landweg östlich der Adria scheint es hingegen nicht gegeben zu haben,
von den Urkunden wird er jedenfalls nicht erwähnt, seine Benutzung wäre wegen der poli-
tischen Instabilität in diesem Raum und wegen der geländemäßigen Probleme, die er bot,
wohl auch auf Schwierigkeiten gestoßen. Wenn wir zunächst der westlichen Route folgen, so
kommt, zumindest in den meisten Fällen, als nächster Aufenthalt Sizilien4, von dort aus der
Sprung nach Afrika und die afrikanische Küste entlang nach Ägypten mit sei-[245] nen
Haupthäfen Alexandria5 und Damiette6. Hier teilten sich die Wege: Einige fuhren weiter
nach Syrien, zumeist Akkon7 oder auch Tyrus8. Andere Städte scheinen von den Venezianern
kaum angelaufen worden zu sein. In Nordsyrien kommen noch Tripolis9 und Antiocheia10 in
Frage, allerdings in geringerem Maße als Akkon. Die Häfen Syriens wurden allerdings auch
direkt angefahren, ohne Berührung Alexandrias11. Ein anderer Teil wandte sich von Alexan-
dria aus nordwärts und überquerte das Mittelmeer auf der Höhe von Kreta, um von dort aus
in das Innere des byzantinischen Reiches vorzustoßen12. Selbstverständlich wurde diese
Route, wie alle anderen natürlich auch, ebenfalls in der Gegenrichtung befahren, also von
4
MdRD Nr. 278 (Juli 1176) Venedig: von Venedig über Messina nach Akkon; Nr. 299 (März 1199) Vene-
dig: von Venedig über Messina nach Alexandria. Man fuhr allerdings manchmal auch über Sizilien nach
Byzanz: MdRD Nr. 40 (August 1118) Venedig: von Venedig über Sizilien nach Konstantinopel; Nr. 202
(März 1168) Korinth, für eine Fahrt von Halmyros nach Sizilien. Fahrten nach Sizilien von Venedig aus:
MdRD Nr. 141 (März 1160) Venedig; Nr. 377 (März 1190) Venedig; allgemein cf. hierzu auch ABULA-
FIA, Two Italies.
5
Für Fahrten nach Alexandria insgesamt gibt es im Fall von Venedig etwa 60 Urkunden, davon nur zwei
über die westliche Route, ca. 16 über die östliche Route bzw. von Byzanz, der Rest erwähnt keine Zwi-
schenhäfen.
6
Für Fahrten von und nach Damiette finden sich neun venezianische Urkunden, Ägypten allein ohne
Nennung eines Hafens wird zweimal erwähnt.
7
Akkon findet in den venezianischen Urkunden etwa vierzigmal Erwähnung.
8
Erwähnungen von Tyrus in den venezianischen Handelsurkunden des 12. Jahrhunderts: sechzehn.
9
Tripolis wird nur ein einziges Mal erwähnt: 1083, noch vor der Errichtung der Kreuzfahrerstaaten.
10
Erwähnung von Antiocheia: vier, davon die erste 1095 (von Venedig über Konstantinopel).
11
Z. B. MdRD Nr. 31 (Februar 1204) Venedig, für eine Fahrt mit Lebensmitteln über Otranto nach Antio-
cheia. Da Alexandria hier nicht als Station erwähnt wird, könnte dies – wie auch in anderen Fällen – da-
hingehend interpretiert werden, daß die Stadt in diesem Fall nicht angefahren worden ist. Als einzige Stadt
in Syrien wird neben den genannten noch Jaffa in den venezianischen Handelsdokumenten erwähnt:
MdRD Nr. 309 (Okt. 1179) Akkon, für eine Fahrt von Venedig nach Akkon oder Jaffa. Da die Urkunde
in Akkon ausgestellt worden ist, ging die Reise also nach Akkon.
12
MdRD Nr. 56 (Juni 1130) Venedig (Kopie Nr. 57): Venedig über Kreta nach Syrien und weiter; Nr. 149
(April 1161) Kpl.: Konstantinopel – Kreta – Alexandria. Von Kreta nach Konstantinopel: MdRD Nr. 167
(Juli 1165) Kreta: von Akkon nach Kreta und von dort aus zurück wahlweise nach Akkon, Antiocheia oder
Alexandria; für den Handel von Alexandria aus cf. auch GOITEIN, A Mediterranean Society Bd. I. S.
209ff., 301ff., 313ff. Goitein behandelt zwar hauptsächlich die jüdischen Händler aus Tunis und Ägypten,
es werden aber in den von ihm ausgewerteten Dokumenten der Kairoer Geniza auch lateinische und grie-
chische Kaufleute erwähnt.
Die wichtigsten Handelsrouten 181
Syrien bzw. Kreta nach Alexandria und von dort aus über Afrika und Sizilien/Unteritalien
nach Venedig. Sie war [246] das ganze 12. Jahrhundert hindurch in Benutzung, erlangte für
Venedig ihre größte Bedeutung jedoch erst nach 1171, als der Angriff Manuels auf die Vene-
zianer in Byzanz und die nachfolgenden Auseinandersetzungen die venezianischen Händler
für mehr als ein Jahrzehnt von dem byzantinischen Machtbereich fernhielten. Der Nachteil
dieser Route für Venedig bestand einmal in ihrer größeren Länge und in der starken Konkur-
renz Genuas und Pisas, nicht zuletzt auch in dem Königreich Sizilien, mit dem Venedig auf-
grund seiner Beziehungen zu Byzanz häufig in Fehde lag. Auch mögen die Verdienstmöglich-
keiten in den Häfen entlang der nordafrikanischen Küste für die venezianischen Händler
geringer gewesen sein, als es bei der östlichen Route der Fall gewesen ist13.
Diese östliche Route führte von Venedig bis Dyrrhachion, von dort die byzantinische
Küste entlang, vorbei am Golf von Korinth, um die Peloponnes herum über die Inseln nach
Kleinasien, wo Rhodos einen beliebten Anlauf- und auch Überwinterungsplatz bot114. Von
Rhodos aus fuhren die Venezianer die Südküste Kleinasiens entlang – Attaleia konnte hierbei
angelaufen werden, was aber nicht immer geschah15 – vorbei an Kilikien16 und auch Zypern17
nach Syrien; Antiocheia, Tripolis, Akkon oder Tyrus18. Von hier [247] aus ging die Fahrt
entweder auf derselben Strecke zurück oder aber über die anderen Wege und Plätze wieder
nach Venedig oder Byzanz. Als mögliche Alternative für die beiden genannten Routen bot
sich noch die Fahrt über Kreta an, also: Venedig – Dyrrhachion – Peloponnes – Kreta – Alex-
andria – Syrien. Jedoch scheint diese Route weniger häufig als die beiden anderen befahren
worden zu sein, die Hinweise auf sie sind relativ selten19. Soweit die Fahrtrouten nach Ägyp-
ten und in den fränkischen Osten von Venedig aus.
13
Bei den "östlichen" Routen werden in den venezianischen Urkunden relativ häufig Zvischenstationen ange-
geben (z.B. Peloponnes, Kreta, Halmyros, Rhodos u. a.), bei den "westlichen" zwischen Sizilien/Unter-
italien und Alexandria überhaupt keine.
14
S. KINNAMOS S. 199.
15
MdRD Nr. 90 (Mai 1147) Akkon, für eine Unternehmung von Attaleia (Sitalia) nach Ägypten und
Syrien; der Pilger Saewulf berührte die Stadt auf seiner Rückfahrt von Syrien nicht (cf. auch oben Kap. VIII
s. v. Attaleia).
16
Möglicherweise fuhren die Venezianer im 11. Jahrhundert die kilikischen Hafenorte an, denn im Privileg
von 1082 werden Tarsos, Adana und Mopsuestia angeführt. Im 12. Jahrhundert finden alle drei Städte in
den venezianische Handelsdokumenten keinerlei Erwähnung.
17
MdRD Nr. 82 (Januar 1143) Kpl., für eine Fahrt von Akkon über Zypern (Paphos) nach Konstantinopel.
WILHELM VON TYRUS XXII. 4, S. 1066 berührte Zypern ebenfalls auf seiner Fahrt von Konstantino-
pel nach Syrien. Die Beispiele ließen sich vermehren.
18
Merkwürdigerweise werden diese Städte in den Handelsurkunden immer nur einzeln erwähnt, nicht meh-
rere in einem Kontrakt, wie es bei den byzantinisch Städten häufig der Fall war. Auch Alexandria und
Akkon wuren häufig gleichzeitig angefahren, aber eben nicht die syrischen Hafenstädte. Ob dies nurZufall
oder auf irgendwelche unbekannten Faktoren zurückzuführen ist, kann nicht mehr entschieden werden.
19
Nur eine Urkunde: MdRD Nr. 56 (Juni 1130) Venedig (Kopie Nr. 57): Venedig – Kreta – Syrien. Für die
Fahrten über Rhodos/Kleinasien existieren wesentlich mehr Hinweise.
182 Kapitel XI
Naturgemäß wurden die Fahrten nach Byzanz in ähnlicher Weise durchgeführt. Die
Hauptroute verlief gleich: Venedig – Dyrrhachion – am Golf von Korinth vorbei – die
Peloponnes entlang. Hier trennten sich die Wege: Die Schiffe nach Konstantinopel umrun-
deten die Peloponnes und wandten sich – zum Teil vielleicht auf zwei Wegen – in Richtung
Konstantinopel20: entweder über die Inseln und vielleicht entlang der Westküste Kleinasiens
nach Konstantinopel oder aber, häufiger, längs der griechischen Küste: Korinth21 – um Attika
herum22 – Euböa/Euripos23 – Halmyros24 – [248]evtl. Kitros25 – Thessalonike26 – Chrysu-
polis27 – Dardanellen – Herakleia bzw. Rhaidestos28 nach Konstantinopel29. Dies sind die
wichtigsten Seeverbindungen mit Byzanz. Sie konnten allerdings auch mit der Weiterreise zu
Land kombiniert werden. In diesem Fall fuhr man zu Schiff von Venedig nach Dyrrhachion
und blieb dort oder benutzte zur Weiterreise die Via Egnatia30, oder man fuhr weiter, zuwei-
len unter Berührung Korfus31, um dann in den Golf von Korinth einzubiegen und von Ko-
rinth aus die Unternehmung zu Land fortzusetzen, etwa in Richtung Süden durch die Pelo-
20
Bei der großen Zahl an Urkunden, die nur Konstantinopel als Fahrtziel angeben, läßt sich diese Frage nicht
mehr klären, zumal wir zwar auch Hinweise auf Venezianer im östlichen Ägäisbereich haben, aber nicht
eindeutig klären können, ob sie nicht vielleicht auf der Fahrt von oder nach Syrien waren oder aber dem
lokalen Handel in der Ägäis oblagen.
21
Die Hinweise s. oben Kap. IX s. v.
22
Athen wird in den Handelsdokumenten nicht erwähnt, allerdings in dem Chrysobull von 1082, so daß wir
nicht mehr klären können, ob die Venezianer die Stadt bzw. ihren Hafen angefahren haben.
23
Euböa/Euripos wird in dem Chrysobull von 1082 angeführt, aber nicht in den Handelsdokumenten
Venedigs erwähnt.
24
Halmyros wird zwar nicht in den ersten Privilegien erwähnt, aber es existieren einige Handelsurkunden,
die die Stadt als Zwischenstation auf dem Weg von und nach Konstantinopel anführen, cf. oben Kap. IX
s. v.
25
Für Kitros gilt, wenn auch in kleinerem Maßstab, dasselbe wie für Halmyros, cf. oben Kap. IX s. v.
26
Thessalonike scheint häufiger bei Landreisen als Zwischenaufenthalt gedient zu haben, bei Fahrten über
See wird es seltener erwähnt, cf. oben Kap. IX s. v.
27
Chrysupolis wird ebenfalls 1032 als Freihandelsplatz aufgeführt, findet aber keine Erwähnung in den
venezianischen Handelsurkunden.
28
Ob Herakleia und Rhaidestos Stationen der Flotte auf dem Weg nach Konstantinopel gewesen sind, läßt
sich nicht mehr sagen. Nach dem Passieren der Dardanellen konnte den Schiffen kaum noch etwas gesche-
hen, so daß es gut möglich ist, daß sich die Flotte jetzt auflöste und die Schiffe einzeln nach Konstantinopel
fuhren: ob auf dem schnellsten Weg oder aber mit Zwischenaufenthalten in Herakleia, Rhaidestos oder
Selymbria, wird von den Intentionen der einzelnen Kapitäne abhängig gewesen sein.
29
Nach der Zahl der Urkunden zu urteilen, war diese Handelsflotte nach Konstantinopel die zahlenmäßig
stärkste von allen, die Venedig jedes Jahr verließen, die Flotte nach Syrien und Ägypten miteingerechnet.
30
Weiterreise zu Land: MdRD Nr. 150 (Juni 1161) Venedig; Nr. 349 (August 1184) Venedig; Nr. 353
(Februar 1085) Theben; Nr. 400 (Juli 1191) Venedig; Aufenthalt in Dyrrhachion bzw. sofortige Rück-
fahrt: MdRD Nr. 26 (Februar 1098) Venedig; MdRND Nr. 60 (Januar 1204) Venedig.
31
Zu Korfu cf. oben Kap. IX s. v.
Die wichtigsten Handelsrouten 183
ponnes oder nach Norden über Theben und Halmyros. Oft scheinen die venezianischen
Händler auch in Korinth selbst geblieben zu sein32.
Die wichtigsten Landrouten des Reiches waren einmal die Nord-Südverbindung von
Korinth über Theben33, das allerdings auch ei-[249] nen eigenen Hafen besessen zu haben
scheint34, Halmyros35 und vielleicht Kitros36 nach Thessalonike37, wo man den Anschluß an
die Via Egnatia gewinnen konnte. Auf der Peloponnes werden Reisen – meist zum Ankauf
von Öl – von Lakedemonia38 (i. e. Sparta und Umgebung) und Methone39 nach Korinth
erwähnt.
Als bedeutendste erwies sich allerdings die Via Egnatia, die von Dyrrhachion über Och-
rid nach Thessalonike und weiter nach Konstantinopel führte. Sie wurde häufig von Venezi-
anern benutzt, entweder in ihrer ganzen Länge oder auch auf Teilabschnitten40. Überhaupt
scheinen die venezianischen Kaufleute beide Reise- und Transportmöglichkeiten gerne mit-
einander kombiniert zu haben. Wir finden häufig Anweisungen, welche Wegstrecken zu
Land und welche zu Wasser benutzt werden mußten: etwa zu Land von Konstantinopel nach
Halmyros oder zu Land von Konstantinopel oder einer anderen Stadt aus nach Dyrrhachion
oder Korinth und weiter zur See nach Venedig. Ob diese Verfügungen im Einzelfall nun
erlassen wurden, um die Reisedauer zu verkürzen, der Gefahr [250] durch Seeräuber und
andere zu entgehen, um Kosten zu sparen oder die Fahrt gleichzeitig zum Kaufen und Ver-
kaufen zu nutzen, wird sich nicht allgemein entscheiden lassen, in jedem Fall war die Benut-
zung der Landrouten durch venezianische Händler relativ häufig.
32
Dies zeigen die Urkunden an, die nur Korinth als Zielhafen nennen. Es überwiegen allerdings bei weitem
die Dokumente, in denen Korinth nur als Zwischenstation genannt wird, cf. oben Kap. IX s. v.
33
Cf. die zahlreichen Urkunden, die Theben als Station auf der Fahrt erwähnen.
34
MdRD Nr. 380 (April 1190) Venedig: de ripa de Sicres (i. e. Theben) in Constantinopoli.
35
Die meisten Erwähnungen zeigen Halmyros zwar als eine Station auf der Seereise nach Konstantinopel,
aber es existieren auch einige Hinweise für die Benutzung des Landweges, s. z. B. MdRD Nr. 51 (Juni 1161)
Halmyros, für eine Reise von Konstantinopel zu Land nach Halmyros..
36
Aus den Handelsdokumenten geht Landhandel von Kitros aus nicht hervor, aber aufgrund der Lage der
Stadt läßt er sich auch nicht völlig ausschliessen.
37
Landfahrten von Süden bis Thessalonike und gegebenenfalls weiter nach Dyrrhachion oder Konstantino-
pel (und umgekehrt): MdRD Nr. 137 (August 1159) Theben; Nr. 235 (Oktober 1170) Theben; Nr. 400
(Juli 1191) Venedig (über Dyrrhachion); auch EDRISI J. S. 291f. kennt eine Landroute von Aulona über
Joannina, Kastoria (also diesmal nicht auf der Via Egnatia), Trikkala und Larissa nach Halmyros.
38
Cf. oben Kap. IX s. v.
39
Methone wird in den Dokumenten zwar nicht für den Landhandel erwähnt, doch bei der offensichtlichen
Bedeutung der Stadt im 12. Jahrhundert scheint eine Landverbindung nach Norden zumindest nicht aus-
zuschließen zu sein.
40
Cf. oben die Anmerkungen 30 und 37. Auch die Genuesen haben die Via Egnatia benutzt, s. oben Kap. IX
S. 183; zur Via Egnatia allgemein cf. TAFEL, De via militari Romanorum Egnatia; O’SULLIVAN, The
Egnatian Way; HAMMOND, The Western Part of the Via Egnatia; EDRISI J. S. 289f beschreibt die
Landroute von Dyrrhachion nach Thessalonike wie folgt: Dyrrhachion – Ochrid – Ostroboi – Vodena
(Edessa) – Thessalonike.
184 Kapitel XI
Eine dritte große Landverbindung war die Heerstraße durch den inneren Balkan, die von
Belgrad über Niš (Naissus), Philippopel und Adrianopel nach Konstantinopel führte. Auf ihr
zogen die Heere der Kreuzfahrer der ersten drei Kreuzzüge entlang41. Von italienischen
Händlern läßt sich eine Benutzung nur zwischen Konstantinopel und Adrianopel nach-
weisen42, vielleicht sogar bis Philippopel43. Es erhebt sich hier das Problem, inwieweit der
Landhandel für die italienischen Kaufleute noch Gewinn abwerfen konnte. Bei den relativ
kleinen und aufwendigen Transportmöglichkeiten der Zeit war Landhandel über eine längere
Distanz – ohne die Möglichkeit, Flüsse zu benutzen44 – nur bei dem Transport von Luxus-
gütern gewinnbringend. Die Beförderung von Massengut – etwa Öl und Getreide – dürfte
sich als zu teuer für längere Transporte erwiesen haben45.
[251] In Kleinasien existierten, wenn wir Odo von Deuil glauben dürfen, drei größere
Landrouten46: Die östliche führte zwar auf dem schnellsten Weg nach Antiocheia, erreichte
aber nach zwölf Tagen Ikonion47. Sie war teilweise von den Rittern des Ersten Kreuzzugs
benutzt worden. Für den Handel dürfte sie keinerlei Bedeutung gehabt haben, da sie in zu
großer Entfernung vom Meer lag, und vor allem, weil die Unversehrtheit der Reisenden nicht
gesichert werden konnte. Man denke hierbei nur an die um Dorylaion herum lagernden No-
maden, die auch von den Seldschukensultanen kaum unter Kontrolle zu halten waren48.
41
Einzelne Teile der Armeen zogen allerdings auch durch Italien, setzten bei Dyrrhachion oder Aulona über
die Adria und gelangten auf der Via Egnatia nach Konstantinopel, so z. B. Bohemund während des Ersten
Kreuzzugs.Für diese ganzen Unternehmungen cf. die entsprechenden Darstellungen bei RUNCIMAN
und SETTON, für den Dritten Kreuzzug besonders bei EICKHOFF, Barbarossa; zuletzt LILIE (1993); zu
der großen Heerstraße cf. auch JIRECEK, Heerstraße
42
Adrianopel wird in dem Privileg von 1082 erwähnt, ansonsten s. oben Kap IX s. v.
43
Sofern der oben erwähnte burgus der Lateiner bei Philippopel tatsächlich eine Handelsniederlassung der
Venezianer gewesen ist (Genua und Pisa dürften noch unwahrscheinlicher sein, da sie nur wenige ständige
Niederlassungen im byzantinischen Reich besaßen, Genua ohnehin nur in Konstantinopel). Im Privileg
von 1082 wird Philippopel nicht erwähnt, was eine solche Niederlassung ebenfalls unwahrscheinlich sein
läßt (cf. oben Kap. IX s. v.).
44
Bei Byzanz wird diese Benutzung von Flüssen im 12. Jahrhundert nur für den Maiander (cf. oben Kap. VIII
s. v. Maiandertal), den Halys (EDRISI J. S. 393) und den Sangarios (EDRISI J. S. 392) bestätigt.
45
Zum Landhandel im Mittelalter allgemein cf. LOPEZ, Evolution of Landtransport S. 209ff.
46
ODO VON DEUIL S. 88.
47
IBIDEM; ob die Marschentfernung von zwölf Tagen, die Odo angibt, stimmt, wird kaum mehr nachzu-
prüfen sein, da die Bedingungen, die die einzelnen Armeen bei ihrem Durchzug antrafen, zu unterschied-
lich gewesen sind, um sie miteinander vergleichen zu können; ebenfalls über Marschleistungen mittelalter-
licher Ritterheere, diesmal anhand des Dritten Kreuzzugs, handelt EICKHOFF, Barbarossa passim; zu der
Route, von der Odo berichtet, cf. auch RAMSAY, Geography S. 197ff.
48
Zu diesen cf. VRYONIS, Nomadization S. 46, 52f.; allerdings gab es auch in der zweiten Hälfte des 12.
Jahrhunderts noch Pilgergruppen, die die Straße ohne Kämpfe passieren konnten, man denke nur an den
Zug Heinrichs des Löwen (cf. TOMASCHEK, Kleinasien S. 93) von Syrien über Ikonien nach Konstanti-
nopel.
Die wichtigsten Handelsrouten 185
Die '’mittlere" Straße war nach Odo von Deuil weit und offen, bot jedoch nicht genü-
gend Lebensmittel49. Allerdings hat dieser Nachteil nichts zu sagen, dazu ist der Unterschied
zwischen einem großen Kreuzfahrerheer und kleinen Händlertrupps zu groß. Für jene mag
die Verpflegungsfrage keine Rolle gespielt haben. Der Weg war zudem relativ kurz, von Ni-
kaia nach Philadelpheia dauerte er acht Tage. So kann eine Benutzung nicht ausgeschlossen
werden. Dagegen ist zu bedenken, daß auch diese Straße keine große Sicherheit für ihre Be-
nutzer bot, denn türkische Nomadengruppen hielten sich ebenfalls im Westen der Halbinsel
auf und griffen mitunter sogar starke Verbände von Bewaffneten an50.
Die westliche Straße schließlich zog sich am Meer entlang hin Nikaia – Lopadion – Ad-
ramyttion (von hier aus mehr oder weniger [252] die Küste entlang) – Smyrna – Pergamon –
Ephesos – Attaleia51, aber ihre Benutzung wurde erschwert durch Gebirgszüge und Flüsse (in
Westkleinasien immer in Ostwestrichtung verlaufend, während die Straße von Norden nach
Süden lief), die überwunden werden mußten52. Auch dauerte dieser Weg länger als die ’’mitt-
lere’' Straße. Die beiden westlichen Straßen führten bis nach Attaleia. Von dort konnte man
zwar auch zu Land bis nach Antiocheia gelangen, doch dauerte der Weg angeblich vierzig
Tage und führte großteils durch unwirtliches Gelände53. Wir wissen nicht von Händlern, die
ihn benutzt haben, nur die byzantinische Armee scheint in den Tagen Johannes’ II. und Ma-
nuels über diese Route nach Kilikien marschiert zu sein54, und Reste der Truppe des Zweiten
Kreuzzugs gelangten 1148 auf diese Weise nach Antiocheia55. Es scheint nicht so, als ob die
drei geschilderten Landrouten in Kleinasien von großer Bedeutung für den Handel der Ita-
liener gewesen sind. Es existieren auch keine diesbezüglichen Quellenhinweise. Zwar erwähnt
das Chrysobull Isaaks II. von 1187 Venezianer, die sich im Bereich zwischen Konstantinopel,
Abydos und Philadelpheia aufhalten und die unter gewissen Umständen zum Flottendienst
49
ODO VON DEUIL S. 88, 102. Wieder ist zu fragen, ob Odos Marschentfernung von acht Tagen zutref-
fend ist.
50
IBIDEM.
51
Dies war der Weg, auf dem die französischen Truppen Ludwigs VII. während des Zweiten Kreuzzugs mar-
schierten.
52
ODO VON DEUIL S. 88.
53
IBIDEM S. 130.
54
Cf. CHALANDON, Comnène II. S. 93ff.; RUNCIMAN, Crusades II. S. 211f.; auch diese Straße war vor
den Türken nicht sicher, wie ein Überfall auf eine byzantinische Armee anläßlich ihrer Rückkehr aus Kili-
kien zeigt (NIKETAS CHONIATES S. 110). Das schließt natürlich nicht aus, daß nicht zuweilen Pilger
diese Route benutzen konnten, sofern sie nur in genügend großer Zahl unterwegs waren und mit den Seld-
schuken Ikonions auf gutem Fuß standen. Man denke nur an den schon erwähnten Heinrich den Löwen,
der auf der Rückkehr aus dem Heiligen Land zur See bis Tarsos und von dort über Land nach Ikonion und
weiter nach Konstantinopel reiste, ohne irgendwelche Schwierigkeiten zu haben, was allerdings wohl auch
mit gewissen außenpolitischen Aufträgen zu tun gehabt haben wird, die er auszuführen hatte (ARNOLD
VON LÜBECK, Chronica Slavorum S. 30-32; cf. auch OHNSORGE, Byzanzpolitik passim).
55
Cf. RUNCIMAN, Crusades II. S. 273f.
186 Kapitel XI
herangezogen werden können56, aber das beweist in keiner Weise das [253] Vorhandensein
von Venezianern in Kleinasien, zumal das Chrysobull nicht weiter spezifiziert. Auch das
Privileg Alexios’ III. von 1198 erwähnt in der Regel nur die Küstenorte, nicht aber das Innere
Kleinasiens (s. oben Kap. II). Es mag sich also um Venezianer handeln, die von der See her die
Flußtäler, vor allem des Maiander, hinaufzogen und in kleinerem Umfang ein- und verkauf-
ten, auch in Philadelpheia. Für den Verkehr zwischen Konstantinopel und den Städten West-
kleinasiens wurden gleichfalls Schiffe eingesetzt57. Von großer Bedeutung werden die Land-
strassen also nicht gewesen sein, wofür auch die Nachricht spricht, daß die meisten Städte in
Westkleinasien – auch an der Küste – sich entweder in ihre Befestigungen hinein verkleinert
hatten oder mit neuen starken Verteidigungsanlagen umgeben worden waren, wie etwa Adra-
myttion, oder aber total in Trümmern lagen58. Handel in einem Maßstab, der etwa demjeni-
gen des Balkanraumes entspricht, hat es in Kleinasien nicht gegeben, und demzufolge auch
keine, beispielsweise der Via Egnatia, vergleichbaren Landverbindungen.
Ähnlich den genuesischen Schiffen und Gepflogenheiten, über die weiter unten zu spre-
chen sein wird, begnügten die Venezianer sich häufig nicht mit einem einzigen Anlaufziel, wie
etwa Byzanz oder Syrien oder Ägypten, sondern fuhren mehrere oder auch alle diese Zielge-
biete an. Außerdem war nicht allein Venedig Ausgangspunkt der Handelsfahrten, auch Kon-
stantinopel und überhaupt jeder beliebige Platz, an dem Venezianer waren, konnte als solcher
dienen59. Unter diesen Umständen wurden auch die Handelsrouten von Byzanz nach Syrien
und Ägypten für die im by-[254] zantinischen Reich tätigen Venezianer wichtig. Es gab zwei
Hauptrouten: Die "westliche" führte von Konstantinopel vermutlich durch die Inseln oder
die europäische Küste der Ägäis entlang bis zur Peloponnes und von dort aus über Kreta nach
Alexandria. Allerdings scheint diese Verbindung nicht so häufig benutzt worden zu sein, es
existieren nur relativ wenig Quellenhinweise auf sie60. Bedeutender scheint die "östliche"
Route gewesen zu sein, die anscheinend zum Teil der Küste Kleinasiens folgte und unter
56
S. DÖLGER, Regesten Nr. 1577.
57
S. oben Kap. VIII unter Adramyttion und Smyrna. Dagegen gibt es für Landhandel zwischen den Städten
Westkleinasiens und Konstantinopel keine Belege, wenn man einmal von der unmittelbaren Nachbar-
schaft Konstantinopels – etwa bis Nikaia – absieht, wo er möglich gewesen sein mag.
58
ODO VON DEUIL S. 106.
59
So kennen wir Handelsfahrten von Halmyros und Korinth nach Ägypten und Syrien. Das prägnanteste
Beispiel dieser Art mag eine Handelsunternehmung sein, die 1185 von Theben als Ausgangsort nach
Dyrrhachion ging und von dort weiter über Venedig und Korinth zurück nach Theben (MdRD Nr. 353
(Februar 1185) Theben), wo also sogar Venedig nur eine Zwischenstation bildete, während Theben
Ausgangs- und Endpunkt der Fahrt war.
60
Cf. oben Anm. 12 und 19. Nach Kreta scheinen die Byzantiner auch über die östliche Route: Konstanti-
nopel – Kleinasien – Rhodos – Kreta gefahren zu sein, wie der Bericht der TRANSLATIO ISIDORI S.
324 nahelegt, demzufolge der Erzähler bei Ikaria, einer Sporadeninsel, von dem kretischen Gouverneur, der
nach Kreta segelte, gefangengenommen und nach Chios zurückgebracht wurde: a duce Cretae, qui quibus-
dam galeis ad eandem redibat, apud Icariam insulam interceptus, velut quondam ei notus et dimissorias non
habens quas ostenderet, Chio reductus est.
Die wichtigsten Handelsrouten 187
anderem Adramyttion61 und Smyrna62 berührte, vielleicht auch Ephesos63, zum Teil aber
auch über die Inseln lief: Der Weg, den Wilhelm von Tyrus auf der Rückkehr von seiner
zweiten Gesandtschaft nach Konstantinopel nahm und beschrieb, mag hierfür bezeichnend
gewesen sein: Konstantinopel – Tenedos – Mytilene/Lesbos – Chios – Samos – Delos64 –
Klaros – Rhodos – Zypern – Sy-[255] ien65. Die Route stieß also bei Rhodos auf die qroße
Verbindung Venedig – Syrien, der sie von nun an folgte. Inwieweit sich die festen Flotten
aufgeteilt haben, sobald sie einmal in der Ägäis waren, läßt sich nicht mehr sagen. Aus den
doch sehr häufigen Erwähnungen venezianischer Schiffe im Archipel könnte man schließen,
daß ein Teil von nun an allein fuhr, doch sind die Quellen nicht eindeutig genug, um hier
genauere Aussagen zuzulassen. Allgemein läßt sich sagen, daß der Prozentsatz alleinfahrender
Schiffe, zumindest nach Byzanz, im Fall von Venedig größer gewesen zu sein scheint als bei
den Genuesen66.
61
Daß Adramyttion eine Anlaufstation der Handelsflotten gewesen ist, geht aus MdRD Nr. 213 (August
1169) Kpl. hervor, ausgestellt für eine Fahrt von Konstantinopel nach Adramyttion und zurück. In Adra-
myttion sollte das Schiff die Ankunft der Flotte abwarten und sich ihr auf der Fahrt nach Konstantinopel
anschließen.
62
Cf. Anm. 61. Für Smyrna existiert keine ähnliche Anordnung, doch macht die geographische Lage der
Stadt ein solches Anlaufen wahrscheinlich, zumal Smyrna sicher nicht wesentlich unwichtiger als Adra-
myttion gewesen ist und bisweilen auch von Venezianern angefahren wurde (s. oben Kap. VIII s. v.).
63
Ephesos wird in den Dokumenten nicht erwähnt, doch existierte der Hafen und wurde auch benutzt
(WILHELM VON TYRUS XVI. 23, S. 745), wenn auch vielleicht nur punktuell.
64
Inwieweit Klaros und Delos zu dieser Route gehörten, läßt sich nicht mehr bestimmen. Von Klaros ist
außer dem Bericht des Erzbischofs nichts weiter bekannt, Delos hatte nach EDRISI J. S. 128 zwar einen
Hafen, war aber nicht bevölkert. Beide Inseln liegen auch etwas außerhalb der kürzesten Strecke, während
Tenedos (vor den Dardanellen), Lesbos, Chios und Samos, als vor der Küste Kleinasiens gelegen, durchaus
in das von anderen Quellen gegebene Bild hineinpassen und auch von diesen Quellen erwähnt werden
(z. B. Saewulf und Daniel, s. auch oben Kap. VI unter den angegebenen Orten). Vielleicht liegt im Falle von
Delos auch eine Verwechslung mit der nördlich von Rhodos gelegenen Insel Telos vor, doch würde auch
das nicht die Erwähnung von Klaros erklären, so daß keine Entscheidung möglich ist.
65
WILHELM VON TYRUS XXII. 4, S. 1066.
66 Dies ergibt sich aus den von den genuesischen Notaren aufgezeichneten Kontrakten. Für die Geleitzüge
in Richtung Osten häufen sich die Daten im August und September, während in den restlichen
Monaten kaum Kontrakte dorthin aufgezeichnet werden. Bei GIOVANNI SCRIBA sieht es
folgendermaßen aus:
1156 bis zum 24. 8.
1157 bis zum 25. 8.
1158 bis zum 26. 9.
1159 bis zum 28. 7.
1160 bis zum 27. 8.
1161 bis zum 8. 9.
1164 bis zum 30. 8.
Da nur relativ wenig Urkunden nach Byzanz für die einzelnen Jahre vorhanden sind, ist der Abfahrtster-
min nicht so eindeutig, er dürfte zwischen Anfang und Ende September gelegen haben. Deutlicher wird es
bei den späteren Notaren: OBERTO SCRIBA DE MERCATO: 15 Kontrakte nach Byzanz zwischen dem
23. und 25. September, einer am 8. Oktober 1186 (cf. BACH, Cité de Gênes Appendix); DERSELBE für
188 Kapitel XI
Damit sind wir bei Genua67. Die geographische Lage der Stadt machte es unumgänglich,
auf dem Weg nach Osten zunächst Sizilien anzusteuern, was auch Folgen für die politischen
Verbindungen zwischen dem Königreich und Genua hatte68. Überhaupt liegen – ganz allge-
mein gesehen – die Interessen Genuas mehr im westlichen Mittelmeer: Fahrten nach Sardi-
nien, Ceuta, Spanien und in die Provence sind häufiger als solche in Richtung Osten69, und
hier wieder ist Ägypten im allgemeinen bedeutender für die Genuesen als Byzanz70 .
1190: nur eine Fahrt nach Byzanz (25. 2. 1190) und zwei Fahrten nach Ägypten, neunzehn nach Syrien
zwischen dem 20. 7. und dem 22. 8. 1190, eine Fahrt am 31. 1. 1190 (cf. BACH, Cité de Gênes Appendix).
GUGLIELMO CASSINESE: 40 Kontrakte nach Byzanz, bes. Konstantinopel ab Juni 1191, vor allem aber
ab dem 11. 9. 1191 bis zum 25. 9. 1191. Die weitaus größte Zahl von Kontrakten datiert hier auf den 24.
und 25. 9. Außerhalb dieser Zeit gibt es nur zwei Kontrakte: vom 9. 10. 1191 und vom 15. 4. 1192 (cf.
BACH, Cité de Gênes Appendix). Bei LANFRANCO finden wir für das Jahr 1203 nur zwei Fahrten nach
Syrien und Alexandria, was damit zusammenhängen wird, daß das Verzeichnis hier am 30. 8. abbricht.
1210 gehen zahlreiche Schiffe nach Syrien, der letzte Kontrakt datiert vom 25. 9. 1210. Aus all dem läßt
sich zweierlei schließen:
1. Die Flotte fuhr im allgemeinen Mitte bis Ende September aus Genua ab, und der Großteil der
genuesischen Schiffe in den Osten scheint im September, nicht im Frühjahr, Genua verlassen
zu haben.
2. Die Zahl der Einzelfahrer in Richtung Osten war relativ gering, der größte Teil der Schiffe
fuhr innerhalb eines Flottenverbandes, nicht allein.
67
Da Handelsquellen für Pisa nicht in ausreichender Zahl erhalten sind, kann diese Stadt hier nicht berück-
sichtigt werden. Doch dürften bei der geringen geographischen Entfernung zu Genua für Pisa wohl ein
ähnliches Verhalten und ähnliche Fahrtrouten gefolgert werden; zu Genua allgemein cf. bes. BACH, Cité
de Gênes, für die genuesischen Notare ebda. seinen Appendix.
68
Hierzu cf. ABULAFIA, Two Italies; unten Teil III.
69
Bei den Notaren finden wir folgende Relationen:
Giov. Scriba O. Scriba de M. Ders. Cassinese Landfranco Zielland
Mitte 12. Jh. 1186 1190 1191 1203
93 19 2 10 1 Ägypten
34 – 20 42 1 Syrien
29 16 1 40 – Byzanz
18 24 2 53 – Ceuta
44 – – 30 – Bucea
24 2 1 23 – Provence
17 6 33 58 – Sardinien
72 26 42 63 – Sizilien
16 1 – 3 – Spanien
19 8 – 21 – Tunesien
LANFRANCO verzeichnet für das westliche Mittelmehr insgesamt 53 Kontrakte, ist hier jedoch nicht be-
rücksichtigt, da sein Verzeichnis am 30. 8.1203 abbricht und die Zahlen insofern verzerrt sind. Ebenso ist
GIOVANNI DI GUIBERTO überhaupt nicht berücksichtigt, da er nur dann die Romania erwähnt, wenn
ihr Besuch in den Kontrakten untersagt wird. Ansonsten sind nur die größeren Zahlen genannt, um die
ungefähre Relation zu zeigen. Man wird zwar immer wieder die politischen Verhältnisse prüfen müssen,
ebenso wie die Relevanz der einzelnen Notare für den gesamten Fernhandel, dennoch scheint das Überge-
wicht des Handels nach Westen und nach Sizilien bzw. Nordafrika eindeutig zu sein, cf. auch BACH, Cité
Die wichtigsten Handelsrouten 189
[257] Es gab zwei große Routen, auf denen man in das Hl. Land gelangen konnte: Die
westliche ging von Genua nach Sizilien, überquerte dort das Mittelmeer und folgte der nord-
afrikanischen Küste bis nach Alexandria71. Die östliche verlief ebenfalls von Genua bis nach
Sizilien, wandte sich dort aber ostwärts und überquerte die Adria. Von dort ging es über die
Jonischen Inseln, die Peloponnes und die Inselbrücke nach Rhodos, von wo aus die Flotten
der Küste Kleinasiens bis nach Syrien hin folgten72. Ob die Genuesen bisweilen auch den Weg
über Kreta genommen haben, d. h.: Sizilien – Peloponnes – Kreta – Alexandria – Syrien, läßt
sich auf der Grundlage der bekannten Quellen nicht mehr entscheiden. Es existieren zwar
Hinweise auf genuesische Schiffe bei Kreta73, aber ob diese nun direkt nach Alexandria oder
über Kleinasien nach Syrien oder auch nach Konstantinopel fuhren bzw, von dort her gekom-
men waren, geht aus den Quellen nicht hervor, so daß die Frage unentschieden bleiben muß.
Auf der Route nach Konstantinopel folgten die Genuesen zunächst der üblichen Strecke:
Genua – Sizilien – Jonische Inseln – Peloponnes und wandten sich dann nach Norden, wobei
nicht klar ist, welche Route sie nun genau einschlugen. Hinweise auf genuesische Schiffe z. B.
bei Euböa, Halmyros, Chios und Adramyttion74 existieren, doch scheinen dies meist Einzel-
fahrer gewesen zu sein. Von Konstantinopel aus sind einzelne Genuesen vielleicht auch in das
Schwarze Meer hinein vorgestoßen, doch kann man hier wohl kaum von einer Handelsroute
sprechen75. [258] Konstantinopel war anscheinend auch Ausgangspunkt für genuesische Flot-
ten in Richtung Syrien und Ägypten, wobei sie sich wohl an die gleichen Routen wie die Ve-
nezianer gehalten haben, d. h. entweder über Kreta nach Alexandria76 oder um Kleinasien
de Gênes S. 50 und Appendix, dessen Zahlen allerdings nicht immer ganz genau zu sein scheinen.
70
Cf. die obige Anmerkung. Dies gilt vor allem für die Zeit des Giovanni Scriba (Verhältnis Ägypten – By-
zanz – Syrien: 93 – 29 – 34). 1186 und 1191 ist ein relatives Gleichgewicht festzustellen, und 1190 über-
wiegt Syrien. Auch hier wäre allerdings für die Jahre zwischen 1186 und 1191 zu fragen, inwieweit die
politischen Verhältnisse (Hattin/Dritter Kreuzzug) sich bemerkbar gemacht haben. Bei Giovanni Scriba
könnte die im Vergleich zu Alexandria niedrigere Zahl auf die noch nicht völlig vertragsmäßig abgesicher-
ten Verhältnisse in Byzanz zurückzuführen sein, die Genuesen waren hier eben noch in den Anfängen, zu
den politischen Verhältnissen der Jahre 1156 bis 1164 cf. unten S. 420–464. In jedem Fall wird allerdings
die gegenüber Ägypten und Byzanz inferiore Position Syriens deutlich (Ausnahme 1191), dessen ökonomi-
sche Potenz für die italienischen Seestädte wohl doch nicht so interessant war. Auch bei Venedig ist das
Verhältnis zwischen Ägypten und Syrien ähnlich wenngleich nicht so krass (cf. oben S. 245).
71
Diese dürfte regelmäßig benutzt worden sein, wenn auf einer Fahrt nach Ägypten oder Syrien das Betreten
der Romania verboten wurde, cf. z. B. GIOVANNI DI GUIBERTO Nr. 649 und 661 (20. 9. 1203); Nr.
694, 693 (21. 9. 1203); Nr. 779, 835 (23. 9. 1203). Auch bei den anderen Notaren finden sich solche Ein-
schränkungen.
72
Auch die genuesischen Kriegsflotten folgten diesen Routen, cf. unten S. 339f.
73
Cf. oben S. 121; GIOVANNI SCRIBA führt einen Kontrakt an, der eine Fahrt über Kreta verlangte: Nr.
752 (27. 8. 1160): Constantinopoli et inde in Creti pro eundo Alexandriam.
74
Cf. oben unter den angegebenen Namen.
75
Cf. oben Kap. VII.
76
Cf. oben Anm. 73.
190 Kapitel XI
herum auf dem normalen Flottenweg77. In den meisten Fällen ist der Fahrtweg mangels An-
gaben nicht mehr zu verifizieren, wie dies überhaupt ein Problem bei der Auswertung der
Handelsurkunden ist78. Die Schiffe anderer Nationen oder Städte: z. B. Amalfi, Bari, Ancona,
Ragusa, Sizilien oder der Lombarden dürften im wesentlichen den gleichen Routen gefolgt
sein, ebenso wie die pisanischen, die wohl Genua vergleichbar sind, die Quellenhinweise auf
sie sind aber zu verstreut und vereinzelt, so daß sich aus ihnen nichts Eigenständiges gewinnen
läßt. Ähnliches gilt für die griechische Schiffahrt, sofern sie überhaupt im 12. Jahrhundert
noch in größerem Ausmaß bis nach Italien, Syrien und Ägypten gekommen ist.
Zwischen den genuesischen und venezianischen Fahrten nach Byzanz läßt sich – abgese-
hen von den unterschiedlichen Größenordnungen – im wesentlichen ein einziger großer Un-
terschied feststellen: Die genuesischen Schiffe gingen anscheinend grundsätzlich nach Kon-
stantinopel, ohne andere Zwischenhäfen im byzantinischen Reich anzulaufen. Es existieren
nur sehr wenige Ausnahmen von dieser Regel im 12. Jahrhundert79. Die Hauptflotte fuhr
anscheinend Ende September von Genua aus in den Osten, wie man den Notariatsakten ent-
nehmen kann80. Da die Fernschiffahrt im [259] Winter meist ruhte, muß dies bedeuten, daß
die Genuesen den Winter im byzantinischen Reich oder Syrien bzw. Ägypten verbrachten.
Wahrscheinlich nutzten sie die Wintermonate, um von Konstantinopel aus in die einzelnen
Reichsprovinzen zu gehen und dort zu handeln81. Mit dem Beginn der Segelsaison fuhren die
Schiffe dann entweder weiter nach Syrien/Ägypten oder kehrten in die Heimat zurück82.
Konstantinopel diente also als eine Art Anlauf- und Verteilerzentrum.
Anders die Venezianer: Hier treffen wir auf eine Fülle von Anlaufhäfen, besonders in den
europäischen Reichsteilen83. Zum Teil fuhren die venezianischen Schiffe von diesen Häfen in
den Provinzen direkt zurück oder weiter nach Konstantinopel, oder aber direkt nach Syrien
77
Hier könnte auch Attaleia angelaufen worden sein, wie eine Urkunde des GIOVANNI SCRIBA nahelegt:
Nr. 127 (24. 8. 1156) nach Attaleia: et inde ubi maior pars hominum ligni in quo vadit concordabitur ire. Für
die Zeit nach 1204 erwähnt der Notar Lanfranco zwei solcher Kontrakte nach Attaleia, ebenfalls mit ähnli-
chen Klauseln: Nr. 717 (14. 9. 1210): in Sataliam et inde quo iero causa negotiandi. Ähnlich auch Nr. 754 (21.
9. 1210).
78
Wenn nur das Fahrtziel – z. B. Konstantinopel – angegeben ist, lassen sich praktisch nur noch Hypothesen
bilden, und das ist bei einem Großteil der Dokumente der Fall.
79
Nach Halmyros, Kreta und Attaleia (cf. oben unter den angegebenen Namen). Da keine anderen Häfen in
den Kontrakten genannt werden, liegt der Schluß nahe, daß die Genuesen zunächst direkt nach
Konstantinopel gingen und erst später unter Umständen von Konstantinopel aus auch die anderen Häfen
anfuhren.
80
Cf. oben Anm. 66.
81
So werden Genuesen erwähnt bei Adrianupolis, Chrysupolis, Halmyros, Kreta, Pasqhia, Chios, Adramyt-
tion und anderen Plätzen
82
Wie auch umgekehrt von Syrien und Ägypten nach Konstantinopel oder sogar weiter in das westliche Mit-
telmeer. Auch hierfür existieren Beispiele.
83
Vor allem Halmyros, Korinth, Dyrrhachion, Theben (bzw. sein Hafen) und Thessalonike (cf. oben unter
den angegebenen Namen).
Die wichtigsten Handelsrouten 191
oder Ägypten84. Diese Aufteilung der venezianischen Fahrzeuge über das byzantinische Reich
hat eine weitere Konsequenz: Da die allgemeine Flotte mit großer Wahrscheinlichkeit nicht
alle byzantinischen Häfen berührt hat, muß es eine ganze Reihe von einzelfahrenden Schiffen
gegeben haben, die auf den Schutz der Gemeinschaft verzichteten und ihre Ziele auf eigene
Faust ansteuerten85. Es scheint so, als ob – einmal [260] in byzantinischen Gewässern ange-
langt – die einzelnen Kapitäne sich häufiger selbständig gemacht hätten. Allerdings gibt es
auch Gegenbeispiele, sogar für sehr kurze Strecken, wo man lieber die Ankunft der großen
Flotte abwartete, um in ihrem Schutz weiterzusegeln86, bei der Piratengefahr, zumal am Ende
des 12. Jahrhunderts, eine nur zu verständliche Vorsichtsmaßnahme. Selbstverständlich hat es
auch bei den Genuesen Einzelfahrer gegeben. Vielleicht handelt es sich hier um Schiffe, die
von Konstantinopel aus allein operierten, ehe sie mit den jährlichen Flotten wieder heim-
kehrten oder nach Syrien und Ägypten weiterfuhren87. Aber es scheint so, als ob die Genuesen
im Gegensatz zu den Venezianern die Fahrten von und nach Genua in oder aus dem Osten
nur im Verband durchgeführt haben und selten allein, was angesichts der gefährlichen Nach-
barschaft Pisas und des oft nicht minder gefährlichen Weges um Sizilien wohl notwendig
gewesen ist. In das westliche Mittelmeer wagten sich dagegen auch einzelne Fahrzeuge88. Daß
die Genuesen im Osten vor allem zunächst Konstantinopel ansteuerten, mag auch mit der
sehr geringen Zahl ihrer Kolonien in den byzantinischen Provinzstädten zusammenhängen89,
vielleicht auch mit ihrem relativ späten Auftreten in dieser Region und mit der Eigenart ihrer
84
Einige Beispiele: von Halmyros nach Sizilien: MdRD Nr. 202 (März 1168) Korinth; von Theben nach
Venedig: MdRD Nr. 353 (Februar 1185) Theben; von Lakedemonia nach Ägypten: MdRD Nr. 65 (April
1135) Korinth. Auch diese Beispiele ließen sich vermehren.
85
Dies geht aus den Datierungen einiger Unternehmungen hervor, so muß z. B. Romanus Mairano zwischen
dem November 1167 und dem Februar 1168 von Alexandria nach Konstantinopel gefahren sein, wie aus
den Ausstellungsdaten und -orten hervorgeht (Nov. 1167 in Alexandria und Februar 1168 in Konstanti-
nopel). Da in dieser Zeit – im Winter! – mit Sicherheit keine große Flotte gefahren ist, kann es sich nur um
eine Alleinfahrt gehandelt haben. Eine weitere Urkunde (MdRD Nr. 83 (April 1144) Venedig) erwähnt
z. B. ein Schiff, das vor der großen Flotte nach Osten fuhr und bei Rhodos Schiffbruch erlitt. Die Einzel-
fahrer sind also nicht ganz selten gewesen, auch wenn die anderen wohl bei weitem in der Überzahl waren.
Das Risiko war zwar höher, sicher aber ebenso der mögliche Gewinn.
86
Z. B. MdRD Nr. 213 (August 1169) Kpl., für eine Fahrt von Konstantinopel nach Adramyttion, wo das
Schiff auf die Flotte warten und mit ihr nach Konstantinopel zurücksegeln sollte.
87
Man denke z. B. an die genuesischen Schiffe bei Halmyros, Paschia, Euböa und Chios. Mögliche Einzelfah-
rer können auch diejenigen Genuesen gewesen sein, die ihre Kontrakte nach Osten außerhalb der gängigen
Termine abschlossen, s. z. B. den Notar CASSINESE Nr. 1203 (9. 10. 1191), also nach der Abfahrt der
großen Flotte, die anscheinend am 26. September abgesegelt war, cf. oben Anm. 66.
88
Auch dies geht aus den Datierungen der genuesischen Notare hervor, denn die Fahrten in das westliche
Mittelmeer verteilen sich mehr über das ganze Jahr, ohne dermaßen extreme Schwankungen aufzuweisen,
wie es bei den Fahrten nach Byzanz, Syrien oder Ägypten der Fall ist.
89
Ganz eindeutig erwiesen ist außer Konstantinopel keine einzige, wenngleich Niederlassungen in Halmyros
und vielleicht auch Thessalonike nicht gänzlich ausgeschlossen sind. Bei Pisa sind Niederlassungen bzw.
Quartiere in diesen beiden Städten nachweisbar.
192 Kapitel XI
Privilegien, die ihnen zunächst nur in Konstantinopel ein auf vier Prozent ermäßigtes Kom-
merkion garantierten. Die Venezianer besaßen hier wesentlich bessere Voraussetzungen.
[261]Bezeichnenderweise ist es in den Kreuzfahrerstaaten genau umgekehrt. Laut
Aussage der Urkunden sind Venezianer fast nur nach Akkon90 oder Tyrus91 gefahren, einige
wenige Urkunden existieren auch noch für Antiocheia92 und Tripolis93, während die
genuesischen Kontrakte hier seltener den Namen einer bestimmten Stadt angeben, sondern
meist unspezifiziert auf Utramare ausgestellt sind94. Dies könnte unter Umständen darauf
schließen lassen, daß die Genuesen in den Kreuzfahrerstaaten zumindest zeitweise so einfluß-
reich waren, daß sie ihren Kapitänen sozusagen die freie Auswahl vor Ort gestatten konnten,
während Venedig sich nur auf die vier größten Häfen beschränkte – soweit es aus den Han-
delskontrakten hervorgeht95. Bei Ägypten läßt sich kein Unterschied feststellen. Grund-
sätzlich werden hier nur Alexandria96 und, in geringerem Maße, Damiette97 angelaufen.
Alexandria scheint für Genua von sehr großer Bedeutung gewesen zu sein, die Stadt wird
häufiger als alle anderen im östlichen Mittelmeer erwähnt, Konstantinopel eingeschlossen.
Auch für Venedig war sie sehr wichtig, sie wird in der Zahl der Erwähnungen nur von Kon-
stantinopel übertroffen98.
Für Winterschiffahrt gibt es in den Urkunden nur wenig Beispiele. Die Genuesen haben
außerhalb der Segelsaison im östlichen Mittelmeer anscheinend keine getrieben, was damit
zusammenhängen mag, daß sie fast nur in großen Flotten in den Osten segelten, für die es
feste Fahrtermine gab99. Die Venezianer sind [262] auch im Winter gefahren, aber nicht sehr
häufig100, nach Syrien anscheinend noch seltener als nach Byzanz101. In jedem Fall war die
90
Insgesamt ca. vierzig Erwähnungen
91
Insgesamt 16 Erwähnungen.
92
Insgesamt vier Erwähnungen.
93
Einmal erwähnt. Auch Jaffa wird einmal als Alternative zu Akkon erwähnt.
94
Bei Cassinese wird zweimal Tyrus erwähnt, am häufigsten wird der Ausdruck Suria (u. ä.) oder Ultramare
benutzt.
95
Zu den Fahrten nach Ägypten und in die Kreuzfahrerstaaten sowie den dortigen Handelsniederlassungen
der Italiener cf. FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land (1989).
96
Insgesamt ca. sechzig Erwähnungen.
97
Insgesamt neun Erwähnungen. Zweimal wird unspezifiziert nur Ägypten als Ziel genannt.
98
Hier allerdings bei weitem. Das Verhältnis liegt etwa bei drei zu eins (ca. 200 zu sechzig Erwähnungen).
99
Im westlichen Mittelmeer trieben sie anscheinend auch im Winter Handel, wie aus den Datierungen der
einzelnen Kontrakte hervorgeht.
100
Cf. oben Anm. 85 für die Fahrt des Romanus Mairano zwischen November und Februar 1167/68 von
Alexandria nach Konstantinopel.
101
S. z. B. MdRD Nr. 143 (Mai 1160) Venedig: der Venezianer Marcus Bembo wurde verurteilt, weil er einem
offiziellen Rückruf aller Venezianer aus Byzanz und Syrien nicht Folge geleistet hatte. Der Rückruf wurde
im November 1158 (Indiktion 7) erlassen und besagte, daß alle Venezianer, die sich in der Romania auf-
hielten, bis zum Osterfest des nächsten Jahres (Ostersonntag 1159: 12. April) und diejenigen in Syrien bis
zum September 1159 nach Venedig zurückkehren sollten. Das heißt, daß diese Botschaft schon im Winter
Die wichtigsten Handelsrouten 193
Hochseeschiffahrt im Winter selten und eher die Ausnahme. Fahrten innerhalb der byzanti-
nischen Gewässer über kürzere Distanzen dürfte es häufiger gegeben haben, in der inselrei-
chen Ägäis schienen sie villeicht auch weniger gefährlich102.
Die Benutzung der einzelnen Routen war natürlich sehr stark abhängig von den politi-
schen Ereignissen, auch wenn dies mangels Quellenmaterials nicht immer eindeutig nachweis-
bar ist, besonders für die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts103. Sehr klar wird diese Abhängig-
keit in den Jahren nach 1171. Die Zahl der venezianischen Kontrakte für Alexandria nimmt
plötzlich zu, und wir finden hier jetzt Händler, die vorher im Handel von, nach und in By-
zanz engagiert gewesen waren104. Bei den genuesischen [263] Notaren mehren sich qeqen
Ende des 12. Jahrhunderts auf einmal die Klauseln, die ein Anlaufen byzantinischer Häfen
verbieten105. 1184 finden wir hier überhaupt keine Kontrakte, noch eine Folge des Massakers
von 1182, wie überhaupt in diesen Jahren zwischen 1182 und 1204 die Piratenqefahr in die-
sem Teil des Mittelmeerraumes dazu beigetragen haben mag, auf dem Weg nach Syrien und
Ägypten weniger oft in der Romania Station zu machen106. Dies bedingt automatisch eine
stärkere Benutzung der Fahrtroute über Sizilien und Nordafrika, besonders für die einzel-
fahrenden Schiffe107. Mit der Eroberung Konstantinopels und der Inbesitznahme weiter Teile
des byzantinischen Reiches durch die Lateiner änderten sich die politischen Verhältnisse dann
weitgehend – so waren Pisa und Genua für längere Zeit aus dem Ägäisbereich weitgehend aus-
nach Byzanz abgegangen sein muß, wenn auch vielleicht teilweise über den Landweg, so daß die dortigen
Venezianer mit der Frühjahrsflotte nach Venedig zurückkehren konnten. Wäre sie erst im Februar/März
abgegangen, hätten die Empfänger kaum schon am 12. April in Venedig sein können, zumal die Schiffe ja
auch erst einmal für die Fahrt fertiggemacht werden mußten. Nach Syrien hingegen dürfte sie erst im
Februar/März abgegangen sein – wahrscheinlich jetzt sogar von einem byzantinischen Hafen aus –, da der
September als Rückkehrtermin sonst doch als zu lang selbst für die Strecke Syrien – Venedig erschiene. Es
ließen sich noch weitere ähnliche Beispiele anführen. Anscheinend war die weite Reise nach Syrien/Ägyp-
ten – entweder über das offene Meer oder die gefährliche Südküste Kleinasiens entlang – auch zu gefähr-
lich, um sie, abgesehen von dringendsten Ausnahmefällen, auch im Winter zu befahren. Nach Byzanz
mochte es eher angehen, zumal hier die buchtenreichen Küsten und die vielen Inseln mehr Sicherheit
bieten konnten.
102
Andererseits überwinterte die venezianische Vergeltungsarmada 1171/72 auf Chios, anstatt weiter den
Archipel zu plündern. Es gibt also auch entgegengesetzte Beispiele (cf. oben Kap. VI s. v. Chios).
103
Die Lücken in den Reihen der Handelsdokumente sind bis ca. 1140 zu groß, um eine geschlossene Linie
herstellen zu können, wie es von da an möglich ist.
104
Z. B. Romanus Mairano, cf. HEYNEN, Kapitalismus S. 108.
105
Cf. GIOVANNI DI GUIBERTO (für 1190). Allerdings muß dies nicht immer unbedingt auf die politi-
schen Ereignisse zurückzuführen sein. Auch merkantile Gründe sind denkbar. Dennoch sind diese Klau-
seln am Ende des 12. Jahrhunderts prozentual häufiger als etwa in den Jahren Giovanni Scribas. Auch in
den venezianischen Urkunden finden sich jetzt häufiger ähnliche Hinweise, etwa auf eine mögliche vio-
lentia imperatoris u. ä.
106
Zu der Piratengefahr in dieser Zeit allgemein cf. FAVREAU, Piraterie.
107
Die allerdings auch der Piratengefahr ausgesetzt waren, [Link] VON HOVEDEN S. 160.
194 Kapitel XI
geschlossen108 und die Position Venedigs entscheidend gestärkt –, so daß die Benutzerfre-
quenzen der verschiedenen Wegstrecken von Italien nach Osten, auch nach Ägypten und
Syrien, mit denen während des 12. Jahrhunderts kaum mehr zu vergleichen sein dürften und
deshalb hier auch nicht mehr behandelt werden.
108
Allerdings auch nicht ganz vollständig. So finden wir z. B. für 1206 die Fahrt eines genuesischen Händlers
qui debeat ire in Romaniam causa mercandi nach Thessalonike (GIOVANNI DI GUIBERTO Nr. 1683
(18. 3. 1206), und bei Lanfranco werden mehrere Kontrakte nach Attaleia – das allerdings nicht mehr zum
byzantinischen Bereich gehörte, aber zu dem man doch wohl auf dem Weg über die Romania gelangte –
und Kreta erwähnt (LANFRANCO Nr. 717 (14. 9. 1210); Nr. 754 (21. 9. 1210) nach Attaleia; Nr. 652
(23. 7. 1210) nach Kreta). Kreta war allerdings in diesen Jahren zwischen Venedig und Genua umstritten,
cf. ABULAFIA, Henry Count of Malta; FAVREAU, Graf Heinrich von Malta; allgemein zu den Verbin-
dungen zwischen Genua und der Romania nach dem Vierten Kreuzzug cf. FOTHERINGHAM, Genoa
and the Fourth Crusade bes. S. 52ff.; BALARD, Romanie Génoise S. 38ff.; DERS., Les Génois en Roma-
nie; zu Pisa und der Romania nach 1204 cf. BORSARI, I rapporti tra Pisa e gli stati die Romania; zu Vene-
dig cf. außer den bekannten Arbeiten Thiriets noch BORSARI, Studi sulle colonie veneziane.
KAPITEL XII DIE HANDELSOBJEKTE
Der Versuch, sich ein Bild über die im 12. Jahrhundert gehandelten Waren zu verschaffen,
das auch nur einigermaßen genau ist, stößt wegen des Mangels an relevanten Quellennach-
richten auf große Schwierigkeiten. Die Historiker, seien es nun die byzantinischen, diejenigen
der Kreuzfahrer oder die Chroniken der Italiener, geben, wie leider üblich, kaum etwas her,
von seltenen Ausnahmen einmal abgesehen. Die verschiedenen Reisenden – so Benjamin von
Tudela, die Pilger Saewulf und Daniel – geben zwar bisweilen Auskunft über den wirtschaftli-
chen Zustand einer Stadt oder Region, aber sehr oft so allgemein und ungenau, daß viele Fra-
gen offenbleiben müssen. Der arabische Geograph Edrisi führt seinerseits zwar die meisten
Städte des byzantinischen Reiches auf, aber was ist von einer Aussage zu halten wie: "Zentrum
des Handels, eifrige Handelsstadt mit vielen Märkten, Anlaufplatz von Schiffen" etc., vor
allem, wenn diese Attribute so oft und so undifferenziert wiederkehren, daß man geneigt ist,
sie in einem hohen Maße für Topik zu halten? Auch die – häufig wiederkehrenden – Mittei-
lungen von der Fruchtbarkeit einer Gegend, von Wildreichtum oder von Weingärten sind
nicht sehr hilfreich, da es fast unmöglich ist, zu entscheiden, ob diese Fruchtbarkeit der Land-
schaft nun für den Export genutzt worden ist oder ob sie "nur" der Befriedigung lokaler Be-
dürfnisse diente. Archäologische Quellen existieren ebenfalls kaum, jedenfalls nicht in aus-
reichendem Maße, und die Feststellung, daß gewisse Reichsteile im 12. Jahrhundert einen
großen Aufschwung erlebt haben1, ist zwar interessant, hilft aber nicht viel weiter, wenn wir
danach fragen, auf welche Faktoren und Handelsobjekte dieser Aufschwung sich nun tatsäch-
lich gestützt hat.
Bleiben die Handelsdokumente: Auch hier sind die Erwartungen größer als die Ergebnis-
se. Die Dokumente erwähnen zwar immer den [265] Aussteller, den Empfänger und den
Ausstellungsort, fast immer den Geldwert, um den es geht, seltener schon den oder die Be-
stimmungsorte, aber fast nie die Handelsobjekte, die gekauft oder verkauft bzw. befördert
werden sollen. Dies gilt in gleichem Maße für die genuesischen Notare und für die veneziani-
schen Urkunden und ist anscheinend in den Modalitäten dieser Verträge begründet. Im allge-
meinen verläuft der Vorgang folgendermaßen2: Der eine Handelspartner bleibt in Venedig
oder an dem Ort, wo der Vertrag abgeschlossen wird, und stellt dem zweiten eine gewisse
Geldsumme gegen Zinsen oder Beteiligung am Gewinn zur Verfügung. Bei einer collegancia
zahlt der Geldgeber meistens zwei Drittel des Betriebskapitals, der ausfahrende ein Drittel,
1 Zu den Werken Edrisis und Benjamins von Tudela, die trotz ihrer Mängel unverzichtbar sind, cf. u. a.
TUCCI, Beniamino di Tudela; RIBER, Itinerario de Benjamin de Tudela; LISEV, Geografijata na Idrisi
(besonders für Bulgarien); zu der unterschiedlichen Struktur des Reiches im 12. Jahrhundert cf. HENDY,
Byzantium passim.
2
Allgemein cf. WEBER, Zur Geschichte der Handelsgesellschaften; HEYNEN, Kapitalismus S. 68f.; PA-
DOVAN, Capitale e lavoro; CRACCO, Societa e stato bes. S. 43ff. ; BORSARI, Commercio S. 990f.;
DERS., Per la Storica S. 108ff.; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 110ff.; KRUEGER, Genoese merchants,
their associations and investments 1155 to 1230 S. 422ff.
196 Kapitel XII
der Gewinn wird geteilt. Bei einer rogadia (ähnlich das Seedarlehen imprestitum) wird dem
ausfahrenden Partner ein bestimmter Betrag zur Verfügung gestellt, den er dann mit den
vereinbarten Zinsen oder einer festgelegten Gewinnbeteiligung zurückzuzahlen hat, sei es in
Venedig selbst, oder an einem anderen Ort, je nach Vereinbarung. Im zweiten Fall gibt der
Ausfahrende meist irgendwelche Sicherheiten: Häuser, Besitzungen und dergleichen. An-
scheinend ist es in den meisten Fällen dem reisenden Händler überlassen worden, welche
Waren er einkaufte, wahrscheinlich weil er mit den Gegebenheiten des Landes bzw. der Län-
der, wohin die Reise ging, besser vertraut war. Die Beträge, um die es bei diesen Vereinba-
rungen ging, waren nicht sonderlich hoch, es scheint relativ selten vorgekommen zu sein, daß
ein ganzes Schiff von einem Handelsherrn allein gechartert wurde, häufiger teilten sich eine
ganze Reihe von Händlern ein Fahrzeug3. In vielen Fällen trat auch der Kapitän des Schiffes,
[266] der nauclerus, gleichzeitig als Handelsherr in Erscheinunq4. Aus diesen Gründen wissen
wir zwar fast immer über die verschiedenen Geldsummen Bescheid, jedoch nur sehr selten
über die beförderten Waren, obwohl manchmal auch solche erwähnt werden5, so daß eine
Dokumentation leider nur sehr lückenhaft ausfallen kann, was bei den folqenden Erörte-
rungen bedacht werden sollte.
Aus Italien in den Osten wurden vor allern folgende Waren verschifft6: Holz, Metalle,
Tuche und Waffen, seltener Lebensmittel. So haben wir von Venedig nach Alexandria eine
Lieferung von Holz aus dem Voralpengebiet7, eine zweite solche Lieferung wird ohne Angabe
des Ziels erwähnt, vielleicht ging sie nach Syrien oder wieder nach Alexandria8, eine dritte
nach Konstantinopel, was einigermaßen verwundert, da das byzantinische Reich auf dem
Balkan und im nördlichen Kleinasien eigentlich über genügend eigene Holzquantitäten ver-
fügt haben dürfte9. Im Jahre 1162 schlossen die Templer im Hl. Land einen Vertrag über die
3
Z. B. MdRD Nr. 331 (Juni 1182) Alexandria, zeigt eine solche Schar von Kaufleuten auf einem Schiff,
ebenso wie GIOVANNI SCRIBA Nr. 127 (24. 8. 1156): Sataliam et inde ubi maior pars hominum ligni in
quo vadit concordabitur. Bei dieser maior pars handelt es sich sicher nicht um die Mannschaft, sondern um
die Kaufleute, die auf dem Schiff fuhren. Auch aus den genuesischen Botschafterinstruktionen gehen sol-
che Kaufleute hervor, ebenfalls aus vielen venezianischen Dokumenten.
4
Einer der bekanntesten und der am besten dokumentierte nauclerus-Kaufmann des 12. Jahrhunderts ist der
schon mehrfach erwähnte Romanus Mairano; zu diesem cf. HEYNEN, Kapitalismus S. 86ff.; BORSARI,
Commercio S. 991ff.
5
Die zuweilen aber ohne genauere Spezifizierung genannt werden, also auch nicht sehr hilfreich sind, s. z. B.
CASSINESE Nr. 1129 (25. 9. 1191).
6
RUNCIMAN, Intervento S. 17f.; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 246f.; GOITEIN, A Mediterranean
Society I. S. 301; LOPEZ, Problema S. 437.
7
MdRD Nr. 248 (Juni 1173) Venedig (ausgeführt von Romanus Mairano).
8
MdRD Nr. 398 (April 1191) Venedig.
9
MdRD Nr. 118 (Dezember 1155) Kpl.; Konstantinopel dürfte hier nur Zwischenstation gewesen sein. Da
der Export von Schiffsbauholz nach Ägypten von kirchlicher Seite aus verboten war, mag es sein, daß man
als Bestimmungsort Konstantinopel nannte und dorthin segelte, um auf diese Weise das eigentliche Ziel
Ägypten zu verschleiern. Bei anderen Gelegenheiten hat man nicht einmal mehr zu solchen Taktiken ge-
Die Handelsobjekte 197
Lieferung von fünfzig cantaria Eisen ab10, die Lieferung von Kupfer nach Konstantinopel
wird mehrfach bezeugt11. Für das Jahr 1205 berichtet der genuesische Chronist Ogerius Pana
von der Kaperung zweier venezianischer Schiffe bei Konstantinopel. Ob-[267] wohl offen
bleibt, ob die Schiffe von Konstantinopel kamen oder aber dorthin bestimmt waren (es wird
nur gesagt: apud Cpol im. proficiscentibus) , scheint aus der Ladung hervorzugehen, daß sie von
Italien her kamen. Die Ladung bestand aus plus CC ballis bonorum pannorum, scarlatum
videlicet et aliorum pannorum et fustaneorum et innumerabilem pecunie quantitatem, et loricas
HCC et alia arma multa in ea12..., d. h.: vor allem aus verschiedenen Tuchsorten und aus
Waffen. Tuche scheinen allerdings in besonderem Maße aus Genua in den Osten verschifft
worden zu sein, so erwähnt der Notar Cassinese eine solche Lieferung: petias octo viridis de
Pruins que sunt canne CV, et petias XI de brunetis de Ipra violetis et petias V de scarlatis ver-
micliis, et ballam unam de baldinellis de Leges cannarum CCCXXIII et involias piatarum VI
lini et drapi Cpolim. causa vendendi13, also Tuche aus Provins, Ypern und Lüttich. Eine ähn-
liche Sendung von Tuchen aus Amiens, Châlons und Cambrai, die ebenfalls nach Konstan-
tinopel bestimmt war, verzeichnet der Notar Oberto Scriba de Mercato 118614. Waffen
scheinen – trotz der oben erwähnten Ausnahme – häufig als wertvolle, aber nur wenig Platz
beanspruchende Zusatzfracht mitgenommen worden zu sein, s. Cassinese: libras im implicatas
in panceris III causa vendendi nach Konstantinopel15. Die Beispiele ließen sich vermehren16.
Es scheint dabei so, daß die Waren durchaus nicht immer in einem Hafen gelöscht wurden,
sondern zuweilen auch über längere Fahrtstrecken an Bord blieben. [268] bis sich eine gün-
stige Verkaufschance bot17. Diesen Nachrichten zufolge bestand der italienische Export vor
allem aus Tuchen, die häufig nur im Zwischenhandel von den nordfranzösischen Tuch-
zentren nach Osten weitergehandelt wurden, aus Holz und aus verarbeitetem und un-
verarbeitetem Metall, seltener aus Lebensmitteln18, die im Gegenteil eher eingeführt worden
zu sein scheinen. Anders der Import aus dem Osten. Hierbei ist zwischen dem Vorderen
Orient und Ägypten einerseits und dem byzantinischen Reich andererseits zu unterscheiden:
Ägypten exportierte in erster Linie Alaun und Gewürze19, die Kreuzfahrerstaaten ebenfalls
Gewürze, wohl hauptsächlich im Zwischenhandel von Innerarabien her20. Die meisten Ge-
würzkontrakte gingen von Alexandria nach Italien, in diesem Fall Venedig, auf dessen Urkun-
den wir hierbei angewiesen sind21, aber auch nach Konstantinopel22, der Alaun hingegen
wurde zumeist nach Italien verschifft23.
Trotz ihrer Funktion als Zwischenhändler für arabische Gewürze u. ä. scheint die Bedeu-
tung der Kreuzfahrerstaaten Syriens für die italienischen Seestädte vor allem in der Beför-
derung von Pilgern gelegen zu haben, was sich auch darin zeigt, daß die [269] meisten Schiffe,
die nach Syrien gingen, auch noch andere Zielhäfen ansteuerten, wie aus den Handelskon-
trakten hervorgeht. Dies gilt für Venedig wie Genua gleichermaßen. Pisa scheint im Hl. Land
zwar stärker engagiert gewesen zu sein, doch fließen die Quellen für diese Stadt zu spärlich,
um genauere Aussagen treffen zu können.
Allerdings ist es im 12. Jahrhundert anscheinend allgemein üblich gewesen, nicht nur
eine Stadt oder ein Land anzusteuem, sondern mehrere, ja unter Umständen sogar eine regel-
rechte Rundreise zu machen. Fahrten über Alexandria/Damiette nach Syrien und Byzanz
zusammen sind nicht selten. So haben wir beispielsweise einen Kontrakt über die Lieferung
von Öl aus Lakedemonia nach Alexandria24, d. h. der entsprechende Händler muß zuerst von
Venedig nach Byzanz gegangen sein, von dort nach Alexandria, von wo aus er dann vielleicht
mit Gewürzen wieder nach Venedig oder nach Konstantinopel gefahren ist. Es konnte auch
umgekehrt laufen, wie die Lieferungen von Gewürzen von Alexandria nach Konstantinopel
zeigen. Da hier auch Leinen erwähnt wird, haben wir es vielleicht sogar mit einer Lieferung
aus Venedig zu tun, die via Alexandria nach Byzanz verschifft worden ist25.
18
MdRD Nr. 31 (Februar 1104) Venedig.
19
Baumwolle, später eines der wichtigsten Exportgüter Ägyptens, ist in unseren Urkunden nur in geringem
Maße feststellbar, wenngleich auch hiermit gehandelt wurde, cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 164;
dagegen existieren Urkunden, die Handel mit Baumwolle (Bambaci u. ä.) in Konstantinopel bezeugen:
MdRD Nr. 192 (Januar 1168) Kpl.: 64 Hyperper für vier milliaria de bono bambaci.
20
MdRD Nr. 62 (Juli 1132) Venedig.
21
MdRD Nr. 261 (Okt. 1174) Alexandria; Nr. 262 (Okt. 1175) Alexandria; Nr. 263 (Januar 1175) Venedig;
Nr. 332 (Juli 1182) Venedig; Nr. 359 (Dez. 1185) Venedig; Nr. 374 (Aug. 1189) Venedig.
22
MdRD Nr. 368 (Aug. 1183) Kpl.
23
MdRD Nr. II (April 1072) Venedig; Nr. 345 (Februar 1184) Venedig; Nr.454 (Februar 1182) Venedig.
24
MdRD Nr. 331 (Juni 1182) Alexandria.
25
MdRD Nr. 368 (Aug. 1188) Kpl.: caricaturas duas de pipere de caricatura de Alexandria et cantaria de lino
XXVIII. Allerdings ist Leinen auch in Ägypten selbst hergestellt worden, cf. GOITEIN, A Mediterranean
Die Handelsobjekte 199
Obwohl die Handelsrouten oft bis ins einzelne vorgeschrieben wurden, waren die Han-
delsgüter, die in dem einen oder anderen Land erworben worden waren, doch so allgemein
begehrt, daß im Notfall auch kurzfristige Änderungen des Ziels vorgenommen werden konn-
ten, wie das Beispiel eines venezianischen Schiffes zeigt, das 1182 bei Nauplion von der Kunde
des Lateinermassakers in Konstantinopel überrascht wurde und nach kurzer Überlegung jetzt
Alexandria ansteuerte. Die Ladung bestand aus insgesamt 78 Milliaria Öl, aus Kupfer26, Lei-
nentuch, verschiedenen Waffen, Seife, Mandeln, Korinthen, Getreide und Oliven27. Hier-
[270] von sind das Öl, die Mandeln, Korinthen, das Getreide und die Oliven sicherlich in
Nauplion oder auch zusätzlich in anderen Häfen der Peloponnes, die von dem Schiff viel-
leicht angelaufen worden sind, eingekauft worden, während das Leinen, die Waffen und das
Kupfer wahrscheinlich noch von Venedig her an Bord waren. Dies gibt uns einen guten Über-
blick über die Art der Ladung, die uns vielleicht allgemeine Rückschlüsse auf den Warentrans-
port im 12. Jahrhundert erlaubt. In diesem Fall bestand die Hauptladung aus Öl und viel-
leicht Kupfer, ergänzt wurde sie durch kleinere Mengen anderer Waren, die zum Teil von
relativ hohem Wert waren (Leinen, Waffen). Bei anderen Schiffen finden wir als Hauptla-
dung Getreide, Wein, Öl, von Italien her Holz und Metall, auch hier wahrscheinlich ergänzt
durch andere Warenarten. Diese Warenvielfalt ergibt sich oft schon aus der Tatsache, daß
viele Händler Teile des Schiffes, d. h. seines Laderaumes, mieteten und dort ihre Waren ver-
stauten, die sich, je nach Intention des einzelnen, sehr von denen der anderen Händler unter-
scheiden konnten. So führte beispielsweise der genuesische Händler Damis in dem Schiff, das
bei Aveum widerrechtlich von dem byzantinischen Gouverneur der Stadt beschlagnahmt
worden war28, u. a. 67 Pfund Seide mit sich, zwei Seidentuche, Getreide, eine balista und zwei
Brustpanzer sowie verschiedene andere Stücke im Gesamtwert von 605 Hyperpern, er dürfte
also etwa bis zu einem Zehntel des Laderaums seines Schiffes gepachtet haben, wahrscheinlich
allerdings weniger, da seine Waren: Seide, Brustpanzer, die balista (worunter wohl eine Wurf-
maschine oder Armbrust zu verstehen ist), im Verhältnis zur Masse sehr wertvoll waren. Der
Einzelwert der Schiffe mit ihrer Ladung variierte natürlich stark, je nach Ladung: So verlor
der Genuese Simon de Sosilia bei Colanixi eine Ladung im Wert von 2.000 syrischen byzantii,
die aus pannis sericis, guarnimentis et armis bestand, als er auf dem Weg von Syrien nach Sizi-
lien widerrechtlich gefangengenommen wurde29. Ein anderer Genuese verlor in Konstantino-
[271] pel eine Ladung Pfeffer im Wert von 2.000 Hyperpern30. Die Werte der Schiffe, die bei
Society I. S. 343.
26
Das Kupfer deutet auf Konstantinopel als ursprüngliches Ziel hin, da wir mehrere Kontrakte kennen, die
Kupfer als Handelsgut erwähnen und alle Konstantinopel als Ziel angeben.
27
MdRD Nr. 331 (Juni 1182) Alexandria.
28
IMPERIALE, Codice III. S. 197.
29
IMPERIALE, Codice III. S. 199.
30
IMPERIALE, Codice III. S. 198: cantaria 22 de piperis ad cantarium catene Accon que est cantaria 5 ad
cantarium Cpolim, de quibus debebat ei de unoquoque cantario perperos 20 sicut tunc valebat Cpoli. Die
200 Kapitel XII
Euböa, Paschia und Rhodos zerstört oder beschlagnahmt worden waren, bezifferten die
Genuesen auf 5.323 Hyperper (plus weitere 3.980 Hyperper, die verschiedene Händler auf
dem Schiff verloren hatten)31, 1.856 Hyperper32, 5.36533 und 5.200 Hyperper34. Der Wert
eines Schiffes bzw. seiner Ladung schwankte also zwischen ca. 2.000 und ca. 10.000 Hyper-
pern. Bei den Venezianern dürfte dies im wesentlichen nicht anders gewesen sein35, auch hier
übersteigt der Wert eines einzelnen Kontraktes nur höchst selten den Betrag von 1.000
Hyperpern36.
Wir dürfen also, ohne allzu unvorsichtig zu sein, feststellen, daß das durchschnittliche
Handelsschiff des 12. Jahrhunderts vor allem Stückgut der verschiedensten Provenienz beför-
derte, wobei es sehr oft von Hafen zu Hafen bzw. von Land zu Land Teile seiner Ladung
wechselte. Natürlich gibt es auch Nachrichten von Schiffen, die nur eine Art Ladung beför-
derten, so das bei Paschia gekaperte Genuesenschiff Getreide und Wein37, [272] ein anderes
kam mit einer Ladung Getreide von Konstantinopel bzw. Pera nach Genua38, der Venezianer
Mairano beförderte einmal eine Ladung Holz nach Alexandria. Allgemeine Regeln lassen sich
aufgrund des Mangels an relevanten Quellen nicht aufstellen, die Handelsherren und Schiffs-
eigner scheinen sich den jeweiligen Gegebenheiten variabel angepaßt zu haben.
Kommen wir nun zu Byzanz: Welches waren die Handelsobjekte, die aus der Romania
exportiert bzw. in ihrem Inneren gehandelt wurden? Da das Bild je nach Provinz unterschied-
lich ist, werden die einzelnen Reichsteile nacheinander jeder für sich behandelt. Hauptquellen
sind auch hier wieder die Handelskontrakte, vor allem der Venezianer39.
Endsumme von 2.200 Nomismata ist nicht völlig sicher, da man aus dem Text auch schliessen könnte, daß
die 22 cantaria der catena von Akkon insgesamt fünf cantaria nach dem Maß von Konstantinopel entspre-
chen, was dann eine Endsumme von 100 Nomismata ergeben würde. Doch erscheint diese Summe als zu
gering.
31
IMPERIALE, Codice II. S. 213 Anm. 1.
32
Das bei Halmyros von den Venezianern zerstörte Schiff hatte 42 loci (= Laderaumanteile), die jeder 44
Hyperper wert waren. Auf dem Schiff befanden sich zwanzig Händler (IMPERIALE, Codice II. S. 215
Anm.). Nach diesen Zahlen beliefe sich die Gesamtsumme auf 1.848 Hyperper, doch wird die Zahl 1.856
in der Quelle ausdrücklich genannt.
33
IMPERIALE, Codice II. S. 216 Anm. 1.
34
IMPERIALE, Codice II. S. 220 Anm. 1.
35
Eine Ausnahme ist hier der riesige Dreimaster, den sich Romanus Mairano bauen ließ, den er dann an den
byzantinischen Kaiser verkaufte und in dem er 1171 mit anderen Venezianern zusammen aus Konstanti-
nopel nach Akkon floh, cf. HEYNEN, Kapitalismus S. 101f. Aber Schiffe solcher Größenordnungen
stellten im 12. Jahrhundert eine Minderheit dar, die meisten dürften erheblich kleiner gewesen sein.
36
MdRD Nr. 456 (April 1201) Kpl.: Verkauf von 34 milliaria de oleo für 1.000 Hyperper.
37
IMPERIALE, Codice II. S. 216 Anm. 1; BERTOLOTTO S. 313: cum bonere frumenti et vini.
38
OTOBONI SCRIBAE ANNALES S. 14f.
39
Die genuesischen Notare sind leider nicht brauchbar, da sie nur die aus Genua hinausgehenden Schiffe und
gegebenenfalls Waren verzeichnen.
Die Handelsobjekte 201
Mit Ausnahme des Balkan sind die Quellen eher spärlich: Die wenigen Kontrakte, die
Kleinasien berühren, geben keine Waren an. Der Nordwesten der Halbinsel scheint relativ
fruchtbar gewesen zu sein, Edrisi berichtet von Gemüse, das von Nikaia nach Konstantinopel
geliefert wurde40. Im Westen war das Maiandertal Ziel von griechischen und lateinischen
Kaufleuten41, ohne daß gesagt wird, womit sie gehandelt haben. Im Süden der Halbinsel, bei
Makri, soll es Daniel zufolge Weihrauch gegeben haben, der gesammelt und verkauft wurde42.
Jedoch wird dies von den anderen Quellen der Zeit nicht bestätigt, und auch für Handel in
dieser Region Kleinasiens haben wir mit Ausnahme Attaleias keine Anzeichen, was darauf
schließen läßt, daß dieser Weihrauch kaum mehr als punktuelle Bedeutung gehabt haben
kann.
Auch über den Handel im Schwarzen Meer wissen wir fast nichts. Während des 12. Jahr-
hunderts scheint dieses Gewässer den italienischen Kaufleuten verboten gewesen zu sein. Was
gehandelt wurde, muß für das 12. Jahrhundert unklar bleiben. In früheren Zeiten bestanden
über das Reich der Khazaren Handelsverbindungen [273] zu den Wolgabulgaren und in den
fernen Osten43. Inwieweit diese auch für das 12. Jahrhundert noch Geltung gehabt haben,
läßt sich nicht mehr eruieren. Nach Nystazopoulou-Pelekidis waren die Gebiete nördlich des
Schwarzen Meeres Zentren des Sklavenhandels und auch für Getreide und Gewürze bedeut-
sam44. All dies wird von den Quellen des des 12. Jahrhunderts nicht bestätigt. Der Getreide-
handel ist zudem schwer vorstellbar, da Byzanz selbst so viel Getreide produzierte, daß es nach
Italien exportiert werden konnte. Nach Heyd war der Grund für die Nichtzulassung Venedigs
im Schwarzen Meer darin zu suchen, daß Byzanz den Handel mit Fisch in seinen eigenen
Händen behalten wollte45. Auch diese Hypothese wird nicht von den Quellen des 12. Jahr-
hunderts bestätigt.
40
EDRISI J. S. 126.
41
Cf. oben Kap. VIII s. v. Maiander und Philadelpheia.
42
DANIEL S. 6f.
43
Cf. DUNLOP, Khazars S. 225ff.
44
Cf. NYSTAZOPOULOU-PELEKIDIS, Venise et la Mer Noire S. 17. Sklavenhandel in nennenswertem
Umfang ist für den Handel zwischen Byzanz und Westeuropa während des 12. Jahrhunderts nicht nach-
weisbar, was natürlich den An- oder Verkauf von Sklaven nicht ausschließt. Handelsmäßig relevant ist der
Sklavenhandel für das Byzanz des 12. Jahrhunderts offenbar nicht. Zum Sklavenhandel allgemein während
des Mittelalters cf. VERLINDEN, Esclavage (für Byzanz cf. bes. Tom. II); DERS., Venezia e il commercio
degli schiavi. Im 11. Jahrhundert scheint der Bedarf Venedigs an Sklaven vor allem von Dalmatien befrie-
digt worden zu sein, cf. HOFFMANN, Adriaküste. Während des 12. Jahrhunderts sind zwar auch noch
vereinzelt über Dalmatien importierte Sklaven in Venedig nachweisbar (z.B. Dobramir Stagnarius aus Kro-
atien, der Begründer des gleichnamigen Handelshauses, cf. BORSARI, Commercio S. 992f.), aber eine
genauere Aussage über die Herkunft der venezianischen Sklaven in dieser Zeit ist nicht mehr möglich.
Dieser Mangel an relevanten Quellennachrichten läßt für das 12. Jahrhundert nicht einmal Spekulationen
über Ausmaß und wirtschaftliche Bedeutung des Handels mit Sklaven zwischen Byzanz und den Italienern
zu, so daß zu diesem Bereich hier nichts weiter gesagt werden soll.
45
Cf. HEYD, Commerce I S. 205ff.
202 Kapitel XII
Handelsgüter mögen vor allem Naturprodukte gewesen sein, also: Felle, Honig, Wachs46,
aus dem Osten vielleicht auch noch Seide, Gewürze und dergleichen47, so wie es früher der
Fall war48, vielleicht auch Sklaven, aber das alles ist letztlich nur Hypothese. [274]
Die Bedeutung der Inseln der Ägäis scheint vor allem in ihrem Reichtum an Nahrungs-
mitteln gelegen zu haben, der von vielen Autoren erwähnt wird49. Zur Zeit des Ersten Kreuz-
zugs ist der Export von Lebensmitteln nach Syrien bezeugt50, Kreta exportierte unter anderem
Käse und Honig51, Chios Mastix und Wein52. Auf Andros wurden Tuchwaren hergestellt, die
allgemein begehrt waren. Wir wissen allerdings nicht, wie umfangreich diese Industrie gewe-
sen ist, da es nur wenige Quellennachrichten gibt53. Von Kreta scheint außerdem noch Wolle
exportiert worden zu sein54. und es existiert ein venezianischer Kontrakt über die Lieferung
einer Ladung agrarium nach Konstantinopel55. Insgesamt gesehen ist der Archipel aber wohl
nicht besonders wichtig für den Fernhandel gewesen. Hierfür dürfte die ökonomische Basis
der meisten Inseln, vor allem der kleineren, doch zu schmal gewesen sein. Als Stützpunkte für
die Italiener auf ihren Fahrten zu lohnenderen Zielen haben die Inseln sich dagegen sicher
einer gewissen Beliebtheit erfreut, ebenso wie sie gute Schlupfwinkel für Piraten boten.
Damit kommen wir zu den europäischen Provinzen des byzantinischen Reiches, die die
bei weitem beste Dokumentation aufzuweisen haben. Die Region um Dyrrhachion bis zum
Golf von Arta [275] zeichnete sich in späterer Zeit durch ihren Reichtum an Getreide aus,
ebenso gab es an Handelsobjekten dort noch Salz und Leinen. Man wird annehmen dürfen,
daß es im 12. Jahrhundert nicht viel anders gewesen ist. Ob es auch zu Fernhandel gereicht
hat, sei dahingestellt. In den späteren Jahrhunderten stand die Gegend vor allem mit Ragusa
46
Cf. DUNLOP, Khazars S. 225f.; Waren von Bulgarien her: CANKOVA-PETKOVA–PRIMOV, Du-
brovnik, Byzantium and Bulgaria S. 90.
47
Cf. DUNLOP, Khazars S. 229ff.
48
Cf. LILIE, Reaktion S. 276ff.
49
Cf. oben Kap. VI.
50
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 124; dies wird gleichfalls bestätigt durch den Vertrag zwischen Sa-
ladin und Isaak 1189, in dem Byzanz sich verpflichtete, weder Getreide noch sonstige Lebensmittel in die
Kreuzfahrerstaaaten zu exportieren, cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1591 (ca. Juni 1189).
51
EDRISI J. S. 126; cf. oben Kap. VI s. v. Kreta; cf. GOITEIN, A Mediterranean Society I. S. 46 (Export von
Käse aus Kreta nach Alexandria); auch Getreide wurde von Kreta ausgeführt. So hatte der Gouverneur der
Insel Getreide an das Kloster des Johannes Prodromos aus Patmos zu liefern (am Ende des 12. Jahrhun-
derts 700 Scheffel jährlich), cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1170 (nach März 1093); Nr. 1296 (Juli? 1119);
Nr. 1439 (Mai 1161 oder 1176).
52
DANIEL S. 5; EDRISI J. S. 127; cf. oben Kap. VI s. v.
53
SAEWULF S. 32: preciosa scindalia et samite, et alia pallia serico contexta; cf. SCHAUBE, Handelsge-
schichte S. 243.
54
IMPERIALE, Codice II. S. 217 Anm. 2.
55
MdRD Nr. 33 (April 1111) Kpl.
Die Handelsobjekte 203
in engen Beziehungen, es handelte sich in diesem Fall also um einen etwas weitergehenden
Lokalhandel innerhalb der Adria56.
Die für den Fernhandel bedeutendste Provinz im 12. Jahrhundert war zweifellos die Pe-
loponnes. Das meistgehandelte Produkt der Halbinsel scheint Olivenöl gewesen zu sein, das
dort in sehr großen Quantitäten hergestellt wurde57. Zentren dieses Handels scheinen laut
Nachweis der Dokumente im Süden Koron, Methone und Lakedemonia, im Osten vielleicht
Nauplion gewesen zu sein58. Das Öl scheint hauptsächlich nach Italien exportiert worden zu
sein59, ein Teil ging allerdings auch nach Konstantinopel60 und nach Alexandria61. Außerdem
wurden Oliven, Getreide, Rosinen, Mandeln u. ä. ausgeführt62, in der Hauptsache also Agrar-
produkte, weniger weiterverarbeitete, obwohl es im Norden der Halbinsel auch die Herstel-
lung von Tuchwaren und Seide gegeben hat, allerdings nicht in dem Maße wie im benachbar-
ten Böotien63, das hierfür das große Zentrum gewesen ist, auch noch nach der Expedition
Rogers II. von Sizilien, der einen Großteil der Seidenarbeiter deportierte und in Sizilien neu
ansiedelte64. Benjamin von Tudela berichtet von 2.000 Juden in Böotien, alle sehr erfahren in
der Bearbeitung und Herstellung von wertvollen Stof-[276] fen65. Der Export dieser Tuche
scheint den Venezianern vorbehalten gewesen zu sein66. Ob und wenn ja, inwieweit er limi-
tiert war, geht aus den Quellen des 12. Jahrhunderts nicht hervor. Um allzu große Quanti-
täten wird es sich kaum gehandelt haben, dazu war auch der Eigenbedarf der Byzantiner zu
groß. Ausserdem scheint Böotien reich an Agrarprodukten gewesen zu sein67.
Thessalien scheint ebenfalls reich an Getreide gewesen zu sein, das hauptsächlich über
Halmyros ausgeführt worden ist68. Was es an anderen Handelsprodukten gegeben hat, ist
nicht mehr zu ermitteln69.
56
Cf. KREKIC, Raguse S. 89ff.
57
Cf. oben Kap. IX s. v.
58
Cf. oben Kap. IX unter den angegebenen Namen.
59
MdRD Nr. 320 (Juli 1180) Venedig; Nr. 338 (Mai 1183) Venedig; Nr. 358 (Nov. 1185) Venedig; Nr. 360
und 361 (Dez. 1185) Venedig; cf. auch RÖSCH, Venedig und das Reich S. I51f.
60
MdRD Nr. 356 (April 1201) Kpl.; MdRND Nr. II (Okt. 1151) Venedig.
61
MdRD Nr. 65 (April 1135) Korinth.
62
MdRD Nr. 331 (Juni 1182) Alexandria.
63
Cf. BON, Péloponnèse byzantin S. 131.
64
Cf. oben Kap. IX s. v. Theben.
65
BENJAMIN VON TUDELA S. 10.
66
IMPERIALE, Codice II. S. 115 Anm.
67
EDRISI J.S. 123; cf. TIVCEV, Cités S. 160.
68
Nicht über Demetrias, wie TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 351 annimmt; cf. oben Kap. IX s. v.
Demetrias und Halmyros.
69
Es wird mit Sicherheit noch andere Waren gegeben haben, wie die Texte EDRISIS (J. S 296) und
BENJAMINS VON TUDELA (S. 11) vermuten lassen; cf. TOMASCHEK, Hämushalbinsel S. 348;
TIVCEV, Cités S. 166f. und oben Kap. IX s. v.
204 Kapitel XII
Thessalonikes Bedeutung lag in seinem großen Markte, der Kaufleute aus aller Herren
Länder anzog70. Laut Aussage des "Timarion" scheint er besonders als Umschlagplatz für Vieh
Geltung gehabt zu haben71. Im übrigen wird Thessalonike sicher auch als Exporthafen für die
nördlichen Provinzen des Reiches gedient haben, soweit sie über die verschiedenen Straßen,
von denen die Via Egnatia die wichtigste und bekannteste war, gut erreichbar waren.
Aus Thrakien wurde im wesentlichen wohl Getreide ausgeführt72, vielleicht auch Wein
und ähnliche landwirtschaftliche Produkte73. [277]
Der Hauptumschlagplatz des Reiches war Konstantinopel, wohin die Waren aus dem
Schwarzen Meer gingen, das die Italiener allem Anschein nach nicht befahren durften. Benja-
min von Tudela erwähnt auch die Herstellung von Stoffen74. Außerdem hatte die große
Stadt, in der ja auch Kaiser und Patriarch residierten, eine starke Anziehungskraft für die itali-
enischen Händler, die dort einen guten Markt für ihre eigenen Produkte erwarten durften.
Viel mehr ist über die Handelsobjekte des italienisch-byzantinischen Handels im 12.
Jahrhundert nicht in Erfahrung zu bringen. Zwar haben wir noch die Testamente einiger in
der Romania verstorbener Venezianer mit einer Aufzählung ihrer Besitztümer, aber auch das
gibt nicht viel her75, ebensowenig wie beispielsweise die Kontrakte, die die Lieferung besonde-
rer Waren erwähnen, wie etwa den Transport eines Sackes Pferdehaar von Konstantinopel
über Kreta nach Alexandria76. Es dürfte kaum eine regelmäßige Handelsware gewesen sein
und gibt insoweit nichts her für eine Analyse des Gesamthandels. Immerhin scheint aus den
vorhandenen Quellen hervorzugehen, daß Byzanz im wesentlichen Agrarprodukte expor-
tierte: Öl, Wein, Getreide, weniger Fertigwaren. Hier sind fast nur Luxusartikel zu erwähnen,
wie Seidenstoffe u. ä. Aus dem Ausland wiederum wurden, den angeführten Quellen zufolge,
im wesentlichen Metalle, Tuche, Gewürze, Alaun und Waffen eingeführt, keine Lebensmittel.
70
Hauptquelle des 12. Jahrhunderts für diesen Markt ist der "Timarion", cf. oben Kap. IX s. v. Thessalonike.
71
TIMARION S. 53–55.
72
Cf. z. B. OTOBONI SCRIBAE ANNALES S. 14f. (Getreide aus Konstantinopel, das wohl aus Thrakien
kommt). Ebenso spricht die relativ große Zahl an Freihandelsplätzen für Venedig in dieser Region für
starken Export, der nach Lage der Dinge eigentlich nur aus Agrarerzeugnissen bestanden haben kann. Zur
Getreideerzeugung (bes. Weizen) auf dem Balkan im Mittelalter allgemein cf. KONDOV, Weizenertrag.
73
IMPERIALE, Codice II. S. 216 Anm. I und BERTOLOTTO, Documenti S. 313; Edrisi erwähnt bei vie-
len Städten in Thrakien die Existenz von Weinbergen, Gemüseanbaugebieten und dergleichen, cf. oben
Kap. IX.
74
BENJAMIN VON TUDELA S. 13.
75
Z. B. MdRD Nr. 131 (April 1158) Smyrna; Nr. 399 (Mai 1191) Kpl.; in beiden Fällen ging es um eine Erb-
aufteilung. In der Erbmasse werden u. a. aufgeführt: aurum, argentum, aes, ferrum, stagnum, plumbum etc.
Ob dies Handelswaren oder persönlicher Besitz gewesen ist, wird nicht gesagt, auch nicht, aus welchen
Quellen er stammt.
76
MdRD Nr. 149 (April 1161) Kpl.; Gegenurkunde: Nr. 159 (Juli 1163) Venedig; ähnliches gilt z. B. für die
Erwähnung eines Postens Quecksilber im Werte von 83 Hyperpern (aus Spanien?), das in dem Schiff des
Genuesen Villanus Gauxonus transportiert worden war (IMPERIALE, Codice II. S. 222). Infolge der Ver-
einzeltheit der Nachrichten lassen solche Güter sich kaum in den allgemeinen Handelsrahmen einordnen.
Die Handelsobjekte 205
Hier scheint Italien eher von Byzanz abhängig gewesen zu sein als umgekehrt77. Es hat sich
[278] im byzantinischen Import und Export auch mehr um Massenwaren gehandelt, die
relativ viel Platz beanspruchten, als um Luxusartikel, die mit geringem Gewicht hohen Wert
verbanden. Zumindest für Byzanz und für das 12 Jahrhundert gilt also die These nur in gerin-
gem Maße, daß der mittelalterliche Fernhandel im wesentlichen auf wenig Platz beanspru-
chende Luxusartikel beschränkt war78. Ebenso ergibt sich aus den angeführten Quellen der
Eindruck, daß das Byzanz des 12. Jahrhunderts im großen und ganzen gesehen ein Agrarstaat
gewesen ist79, der nur bedingt industriell ausgerichtet oder in diesem Bereich dem Westen
überlegen gewesen ist.
Neben den genannten Waren, die im Handel mit Byzanz Verwendung gefunden haben,
hat es allerdings noch zwei weitere Arten von "Waren" gegeben, die eine große Bedeutung
gehabt haben dürften, auch wenn sie in den Handelsurkunden nur bedingt oder überhaupt
nicht auftauchen: den Transport von Pilgern in das Hl. Land und den Export von Edelmetall:
Gold und Silber, nach Byzanz.
Daß die italienischen Seestädte ihren Reichtum nicht zuletzt dem Pilgertransport ver-
dankt haben, ist allgemein bekannt. Daß die Zahl der Pilger so hoch war, daß sie eventuell
sogar zu einem militärischen Faktor werden konnte, zeigt der Vertrag mit Pisa von 1111, in
dem Pisa sich verpflichtete, nur solche Pilger ins Hl. Land zu transportieren, die eidlich ver-
sicherten, keine Feindseligkeiten gegen Byzanz zu unternehmen80. Mit anderen Worten: Der
Transport von Pilgern war finanziell so lukrativ, daß Pisa auf ihn nicht verzichten konnte und
wollte, denn daß eine solche Eidesleistung von Byzanz aus kaum zu überprüfen war, braucht
nicht weiter betont zu werden. Immerhin hatten sowohl der Kaiser wie auch die Kommune
mit dieser Bestimmung ihr Gesicht gewahrt. [279]
Diese Pilger gingen natürlich vorwiegend ins Hl. Land. Aber der Weg dorthin führte
durch byzantinisches Gewässer, und viele Pilger dürften einen Abstecher nach Konstanti-
nopel gemacht haben, das ja ebenfalls für seine Reliquienschätze berühmt war. Für Pilger, die
den Landweg nahmen oder aus Rußland kamen, galt dies sowieso.
Leider erscheinen Pilger, auch wenn sie genuesische, pisanische oder venezianische
Schiffe benutzen, so gut wie nie in den Handelsurkunden81. Das hängt mit dem Charakter
77
Daß die wachsende Bevölkerung Oberitaliens nicht mehr aus dem Land selbst ernährt werden konnte,
konstatiert auch RÖSCH, Venedig und das Reich S. 148ff. Die byzantinische Abhängigkeit von italieni-
schen Lebensmitteln vermutet BECK, Byzanz und der Westen ira 12. Jahrhundert S. 232 (anläßlich des
venezianischen "Handelsembargos" gegen Byzanz 1168/69); cf. auch SCHAUBE, Handelsgeschichte S.
245 (Lebensmittelexporte von Byzanz nach Venedig); speziell zur Getreideausfuhr, wenn auch vornehm-
lich seit dem 13. Jahrhundert, cf. HRABAK, Izvoz zitarica.
78
So RUNCIMAN, Intervento S. 17; LOPEZ, Dollar S. 226.
79
Cf. auch ZAKYTHINOS, Partage S. 143.
80
Cf. oben Kap. III S. 70f.
81
Anläßlich des Vierten Kreuzzugs sind natürlich Zahlen erhalten, ebenso von dem Dritten Kreuzzug, aber
das sind Ausnahmen, die mit dem "normalen Pilgeraufkommen" nichts zu tun haben. Ebenso kennen wir
206 Kapitel XII
beispielsweise die Modalitäten der Überfahrt einer Gruppe von dreizehn Rittern mit Gefolge und Pferden,
die 1184 von Genua aus in das Hl. Land fuhren (cf. QUELLER, Fourth Crusade S. 11), oder die Pilger-
fahrt des Grafen Rudolf von Pfullendorf (cf. Favreau, Rudolf von Pfullendorf). Aber diese Angaben sind zu
vereinzelt, um generelle Aussagen zu ermöglichen. Wichtig wäre etwa zu erfahren, wieviele Pilger im
Durchschnitt pro Jahr ihren Weg über die Seestädte genommen haben, wie hoch die Forderungen für eine
Überfahrt gewesen sind, ob es für größere Gruppen Sonderkonditionen gegeben hat, wie groß die Gewinn-
spanne gewesen ist und dergleichen. Und genau hierüber gibt es überhaupt keine Angaben in den Quellen.
82
Cf. oben Kap. III S. 73.
Die Handelsobjekte 207
in ausreichendem Maße besaß und auch selbst exportiert haben dürfte und daß es darüber
hinaus in großem Maße Agrarerzeugnisse nach Italien und in die Kreuzfahrerstaaten expor-
tierte, so erweckt dies alles, kombiniert mit den Mitteilungen der Handelsurkunden, so lük-
kenhaft sie auch sein mögen, den starken Eindruck, daß Byzanz an Waren und Warenwert
erheblich mehr exportiert als importiert hat, vor allem in der zweiten Hälfte des des 12. Jahr-
hunderts, als der Fernhandel zwischen Italien und dem östlichen Mittelmeerraum sich sehr
intensivierte. Es ist da-[261] her wahrscheinlich, auch wenn der direkte Beweis nicht erbracht
werden kann, daß die Differenz zwischen den aus Byzanz importierten und den in die Roma-
nia exportierten Waren in Edelmetall beglichen worden ist. Für den Handel der Italiener mit
Ägypten ist dies längst bekannt und bewiesen, aber es dürfte auch für Byzanz gelten, wenn-
gleich wohl in geringerem Maße, da die von Byzanz hauptsächlich exportierten Agrarerzeug-
nisse geringere Preise erzielten als die über Ägypten importierten Gewürze, Alaun und Baum-
wolle83.
Man wird annehmen können, daß ein Großteil derjenigen Kontrakte, die keine Hinweise
auf bestimmte Waren enthalten, einfach die geliehene Geldsumme betrifft, die in den Osten
und also auch nach Byzanz gebracht wurde, wo der Händler Waren einkaufte, die er entweder
nach Ägypten, in die Kreuzfahrerstaaten oder auch nach Italien brachte, eben dorthin, wo er
den größten Gewinn zu erzielen hoffte. Ebenso galt dies natürlich für Händler, die zuerst
nach Ägypten oder in die Kreuzfahrerstaaten reisten. Daß es sich bei solchen Unternehmun-
gen nicht um einfaches Hin- und Herfahren gehandelt hat, sondern daß die venezianischen,
genuesischen und pisanischen Handelsschiffe häu-[282]fig genug jahrelang im östlichen Mit-
telmeer geblieben sind und oft geradezu den "Trampschiffen" des 20. Jahrhunderts vergleich-
bar sind, ist schon in dem vorangegangenen Kapitel gezeigt worden.
83
Zu dem Problem des Goldabflusses aus Westeuropa in den Osten im Mittelalter cf. Lombard, Les bases
monetaires; BLOCH, Problem d’Or; WATSON, Back to Gold; LOPEZ, Problema S. 438ff. konstatiert
im Gegensatz zu der hier geäußerten Auffassung ein Überwiegen Westeuropas, doch scheinen seine Argu-
mente mir zu allgemein und ohne ausreichende Absicherung in den Quellen zu sein, um akzeptiert werden
zu können. Das gilt auch für die Behauptung (S. 442), Byzanz sei von den Italienern als "colonia commer-
ciale" betrachtet worden, in der man kein Geld anlegte. Daß ein solches "Anlegen" im Mittelalter allgemein
und im Byzanz des 12. Jahrhunderts im besonderen auch gar nicht sinnvoll war – in was hätte man es über-
haupt anlegen können? – ist von Lopez nicht erkannt worden. Abgesehen davon gab es keinen Grund für
einen Genuesen, Pisaner oder Venezianer, sein Kapital im Ausland anzulegen, sei es nun in Byzanz, Ägyp-
ten oder anderswo, im Gegenteil, die mangelnde Rechtssicherheit ließe eine solche Handlungsweise auch
höchst unklug erscheinen. Niemand würde behaupten, daß die Italiener Ägypten oder Arabien im 12.
Jahrhundert als Handelskolonien angesehen hätten, nur weil sie dort keine Gelder anlegten. Warum dies
im Fall von Byzanz anders gewesen sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis, wie überhaupt die schemati-
sche und oft unreflektierte Übertragung des neuzeitlichen Kolonialbegriffs auf mittelalterliche Verhältnisse
eine gedankliche und methodische Nachlässigkeit ist, die – nicht nur bei Lopez – zu falschen Etgebnissen
führt. Zu dem venezianischen Geldmarkt cf. BUENGER-ROBERTS, The Venetian Money Market; BER-
TELE, Moneta veneziana e Moneta bizantina; zu Genua cf. MISBACH, Genoese trade and the flow of
gold; zu Byzanz cf. außerdem HENDY, Coinage and Money; zu den byzantinischen Fundstätten von
Gold, Silber, Kupfer, Eisen etc. cf. VRYONIS, Mines.
208 Kapitel XII
Ähnliches gilt auch für die einzelnen Händler, die von Venedig, Genua oder Pisa in den
Osten aufbrachen, bisweilen mit den üblichen Handelswaren, oft genug aber wohl auch mit
der besonders begehrten Handelsware Gold und Silber.
Woher sind diese Edelmetalle gekommen? Zum Teil sicherlich aus westeuropäischen
Quellen und aus dem Handel mit Nordafrika, zu einem nicht geringen Teil aber auch aus
Byzanz selbst. Die Kaiser zahlten hohe Jahrgelder an die italienischen Seestädte, im Fall
Venedigs über 60 Goldpfund pro Jahr, während Genua und Pisa zusammen etwa fünfzehn
Goldpfund pro Jahr erhielten. Hinzu kamen die westlichen Söldner, die in großer Zahl gegen
reiche Bezahlung in Armee und Flotte der Kaiser ihren Dienst leisteten. Hinzu kamen, vor
allem während der Regierungszeit Manuels I. Komnenos, die erheblichen Summen, die im
Zug der byzantinischen Politik nach Italien flossen.
Bedenkt man weiter, daß an dem Handel mit Byzanz gerade die führenden Familien
Venedigs und Genuas beteiligt gewesen sind84, wie etwa die Ziani, Michael und Dandolo in
Venedig, um nur diese Stadt zu nennen85, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß ein
erheblicher Teil der aus Byzanz in den Westen gelangten Gelder auf dem Handelsweg wieder
in die Romania zurückgeflossen ist. Hierbei ist sicherlich nicht an einen geschlossenen Kreis-
lauf zu denken, und auch die Menge des nach Byzanz "reexportierten” Edelmetalls läßt sich
kaum abschätzen, aber es ist doch festzuhalten, daß die Menge an Gold und Silber, die auf
diese Weise nach Byzanz gelangt ist, nicht unterschätzt werden sollte: Sie war beträchtlich,
und sie dürfte sich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit der allgemeinen Intensivie-
rung des Handels noch erheblich gesteigert haben, wenn auch natürlich beeinflußt von den
politischen Schwankungen der Zeit.
Das aber hat gewisse Auswirkungen auch auf die Beurteilung der Politik der einzelnen
Kaiser. So hat man Manuel bisher allgemein vorgeworfen, daß seine Politik den Staat überfor-
dert und so ruiniert habe. Dieser Vorwurf hat sein Motiv ausschließlich in den hohen Ausga-
ben dieses Kaisers. Aber abgesehen davon, daß eine kostspielige Außenpolitik und dauernde
Kriege aus sich selbst heraus noch nicht den Staatsbankrott zur Folge haben müssen86, ist es
methodisch unsinnig, allein aus den Staatsausgaben einen solchen Zusammenbruch abzulei-
ten, ohne Rücksicht auf die mutmaßlichen Einnahmen zu nehmen. Gerade diese aber sind
während der Regierungszeit Manuels stark angestiegen. Mit anderen Worten: Manuel hat
erhebliche Summen ausgegeben87, aber er hatte auch erhebliche Einnahmen, die ihm das
84
Für Genua cf. z. B. KRUEGER, Genoese merchants, their partnerships and investments; jetzt vor allem
DAY, Involvement Kap. V., VI., VII., S. 120–214. Im Fall von Pisa können wir nichts sagen, da die Quellen
fehlen, doch dürfte es ähnlich wie bei Genua und Venedig gewesen sein.
85
Zu dem Verhältnis zwischen Kapitalgebern und -nehmern in Venedig während des 12. Jahrhunderts cf.
BORSARI, Per la Storia S. 108ff.; cf. auch CRACCO, Societá e Stato nel Medioevo Veneziano bes. S. 43ff.
86
Man vergleiche etwa die Regierungszeit Basileios’ II., der ebenfalls fast ununterbrochen Kriege geführt hat
und dennoch einen wohlgefüllten Staatsschatz hinterließ, cf. OSTROGORSKY, Geschichte S. 265.
87
Wenn die Beobachtung von LOPEZ, Problema S. 439f. zutreffend sein sollte, daß der Goldpreis im 12.
Die Handelsobjekte 209
ermöglichten88. Der Vorwurf, daß seine Politik den byzantinischen Staat weitgehend ausge-
höhlt und ruiniert habe89, ist daher nicht haltbar. Zumindest muß er vor dem Hintergrund
der hier vorgetragenen Argumente neu überdacht und geprüft werden. Der Zusammenbruch
des byzantini-[284] sehen Staates am Ende des 12. Jahrhunderts hatte andere Gründe als eine
Überforderung in der Zeit Manuels. Welche, werden wir im dritten Teil der vorliegenden
Arbeit zu untersuchen haben90.
Jahrhundert um bis zu 300 Prozent gefallen ist, so läge auch hier ein weiteres Moment zugunsten Manuels.
Doch scheint es problematisch, den Wert bzw. die Kaufkraft des Goldes im 12. Jahrhundert mit der frü-
herer Jahrhunderte zu vergleichen, da die Quellen einfach zu fragmentarisch sind, um mehr als letztlich
unbeweisbare Hypothesen zu erlauben.
88
Zu dem wirtschaftlichen Aufschwung des Reiches um die Mitte des 12. Jahrhunderts, der ja nicht zuletzt
durch den Handel mit den Italienern ermöglicht wurde, cf. HENDY, Byzantium; LEWIS, Economic and
Social Development; HROCHOVA, Les villes byzantines; allgemein cf. auch DIES., Byzantská mesta (vor
allem für die Entwicklung im Balkanraum ab dem 13. Jahrhundert).
89
Cf. etwa OSTROGORSKY, Geschichte S. 323: "Ökonomisch und militärisch war das Kaiserreich völlig
verbraucht" (gemeint ist: am Ende der Regierungszeit Manuels I.).
90
Cf. unten bes. Kap. XVII und XVIII.
KAPITEL XIII. DER HANDEL DER ITALINER IN DER ROMANIA
ZUSAMMENFASSUNG
Neben der großen Menge an Quellenmaterial für den Fernhandel der italienischen Seestädte
in die Levante – Ägypten, Byzanz und die Kreuzfahrerstaaten – tritt der byzantinische Fern-
handel weit in den Hintergrund, ebenso wie der Binnenhandel des Reiches, soweit er auf grie-
chischen Schiffen abgewickelt wurde. Dies liegt im wesentlichen an der bekannten Abneigung
der byzantinischen Historiographen, sich mit so trivialen Dingen, wie Industrie, Ackerbau
und auch der Handel nun einmal sind, zu befassen1. Auch die lateinischen Historiker erwäh-
nen kaum griechische Kaufleute, und die Handelsurkunden beschäftigen sich logischerweise
mit den Unternehmungen ihrer Landsleute und nicht mit denen der Griechen. Dieser Quel-
lenüberhang zugunsten der Lateiner erweckt natürlich den Eindruck, daß es griechischen
Fernhandel auf griechischen Schiffen im 12. Jahrhundert überhaupt nicht mehr gegeben habe.
Doch wäre dies ein Fehlschluß. Zudem ist zu bedenken, daß der byzantinische Fernhandel des
12. Jahrhunderts durchaus nicht viel schlechter dokumentiert ist als derjenige früherer Jahr-
hunderte, als die byzantinischen Kaufleute einen wesentlichen Faktor zumindest des Handels
im östlichen Mittelmeer gebildet hatten. Auch im 12. Jahrhundert hat der griechische Kauf-
mann und Seefahrer durchaus noch existiert, nur daß wir mangels Quellen seinen Unterneh-
mungen kaum folgen können, und die wenigen Quellenhinweise allenfalls Schlaglichter auf
ihn und seine Tätigkeit werfen.
Der Handel im Schwarzen Meer war, wie gezeigt worden ist, den Venezianern und wahr-
scheinlich auch den Genuesen und Pisanern bis 1204 verboten worden2. Dennoch erwähnt
Edrisi eine ganze Reihe von Städten, die als Handelsstädte Bedeutung erlangt hatten. Es muß
also eine gewisse Handelstätigkeit im [286] Schwarzen Meer bestanden haben, die demzu-
folge in der Hauptsache auf griechischen Schiffen abgewickelt wurde. Auch für die Ägäis gibt
es Hinweise auf byzantinischen Fernhandel. So fuhr der Venezianer Cerbanus auf einem
griechischen Schiff von Chrysupolis über Tenedos, Lesbos und Chios nach Rhodos, wo er auf
die venezianische Flotte stieß3. Der Kurs dieses Schiffes legt nahe, daß es entweder im Lokal-
verkehr die kleinasiatische Küste bediente oder aber, daß es weiter nach Syrien oder Ägypten
bestimmt war. Letzteres ist nicht ausgeschlossen, da auch im Alexandria des 12. Jahrhunderts
griechische Kaufleute bezeugt sind4. 1148/49 griffen die Venezianer bei der gemeinsamen
1
Daß sie häufiger italienische als griechische Kaufleute erwähnen, liegt daran, daß diese im Lauf der politi-
schen Ereignisse relativ oft in Erscheinung treten (z. B. 1171), was bei den Griechen in diesem Maße nicht
der Fall gewesen ist.
2
S. oben Kap. VII.
3
TRANSLATIO ISIDORI S. 325f.: quamdam Graecorum navem ingressus.
4
Auf dem venezianischen Schiff, das mit der Gesandtschaft an Saladin und mit den Gesandten des Sultans
auf der Rückfahrt von Alexandria von genuesischen und pisanischen Piraten aufgebracht wurde, befanden
sich neben syrischen auch griechische Kaufleute, cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1612 (Nov. 1192) und Nr.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 211
venezianisch-byzantinischen Belagerung Korfus u. a. ein griechisches Schiff aus Euböa an5, die
Byzantiner segelten also durchaus auch in der Adria. 1172 widerstand ein Kauffahrteifahrer
aus Dyrrhachion den Venezianern, auch in dieser Stadt lagen demnach byzantinische Han-
delssschiffe6. Im Jahre 1088 erhielt das Johanneskloster auf Patmos die Erlaubnis, zur Heran-
schaffung der notwendigen Güter ein Schiff von 500 Modioi Rauminhalt zu erwerben, [287]
ohne daß für dieses Schiff Abgaben bezahlt werden mußten7 . In gleicher Weise erhielt der
Sebastokrator Isaak Komnenos Steuerfreiheit für zwölf Schiffe mit einem Rauminhalt von
zusammen 4.000 Modioi8. Es hat also im 12. Jahrhundert griechische Handelsherren gegeben,
die sowohl im Fern- wie auch im Nahhandel engagiert waren. Gleichzeitig geben die beiden
eben erwähnten Steuerexemtionen aber auch die Nachteile wieder, mit denen die byzantini-
sche Handelsschiffahrt zu kämpfen hatte. Venedig zahlte überhaupt keine Zölle, Pisa ab 1111
und Genua ab der Mitte des Jahrhunderts verminderte Abgaben, während die Byzantiner mit
großer Wahrscheinlichkeit den vollen Satz zu zahlen hatten9. Dies galt auch für den Binnen-
handel, wie die Privilegien für das Johanneskloster beweisen10. Dennoch hat es im 12. Jahr-
hundert byzantinische Händler gegeben, die bis nach Alexandria und sogar nach Spanien vor-
1618 (Sept. 1194); auch in anderen Quellen werden griechische Kaufleute in Alexandria erwähnt, s. BEN-
JAMIN VON TUDELA S. 2; 1154 erwähnt der Kalif in einem Privileg für Pisa ausdrücklich, daß die Pisa-
ner niedrigere Abgaben als Sarazenen und Griechen zahlten, was ebenfalls auf die regelmäßige Anwesenheit
von griechischen Kaufleuten in Ägypten hindeutet, s. AMARI, Diplomi arabi Nr. 3, S. 247: et bene scitis
(erg. Pisani) quia magis diricturas capimus a Saracenis et a Grecis, quam a vobis. Allgemein cf. auch GOI-
TEIN, A Mediterranean Society I. S. 44f.; auch im Königreich Jerusalem scheint es, zumindest zu Beginn
des 12. Jahrhunderts, griechische Kaufleute gegeben zu haben, s. ALBERT VON AACHEN XI. 28, S. 676:
Fortnahme eines griechischen Handelsschiffes, das u. a. Lebensmittel geladen hatte, vor der Küste Palästi-
nas durch die ägyptische Flotte. Die Unterstützung der Provenzalen vor und nach 1109 in Tripolis mit
byzantinischen Lebensmitteln ist hierbei nicht berücksichtigt, da wir nicht sagen können, ob griechische
Handelsschiffe hierbei eingesetzt worden sind.
5
NIKETAS CHONIATES S. 86.
6
KINNAMOS S. 285.
7
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1150 (April 1088); 1197 wurde das Privileg erweitert, und das Kloster erhielt
das Recht, ein weiteres Schiff, diesmal von 1.500 Modioi Rauminhalt, zu erwerben und es frei von Abgaben
überallhin fahren zu lassen, einmal im Jahr sogar nach Konstantinopel, s. DÖLGER, Regesten Nr. 1642
(Nov. 1197).
8
DÖLGER, Regesten Nr. 1248 (o. J. zur Zeit Alexios’ I.): Typikon des Sebastokrators Isaak Komnenos für
das Kosmosoteirakloster.
9
Pisa vier Prozent für Einfuhren in die Romania und Genua allgmein vier Prozent in Konstantinopel, wäh-
rend es im restlichen Reichsgebiet den anderen Lateinern gleichgestellt war. Die griechischen Kaufleute
werden in den Verträgen überhaupt nicht genannt. Nach 1126 erhielt Venedig das zusätzliche Privileg, daß
auch seine griechischen Handelspartner keine Abgaben bezahlen mußten (DÖLGER, Regesten Nr. 1304
(Aug. 1126), womit ein nach 1082 eingerissener Mißstand beseitigt wurde (cf. oben Kap. I. S. 17f.).
10
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1150; Nr. 1296 (Juli? 1119); Nr. 1439 (Mai 1161 oder 1176); Nr. 1641 (Nov.
1197); 1197 wurden sämtliche früheren Schiffsprivilegien aufgehoben (DÖLGER, Regesten Nr. 1640 (vor
Nov. 1197), woraus folgt, daß zumindest ein großer Teil der griechischen Kauffahrteifahrer besteuert wor-
den ist; allgemein cf. auch DANSTRUP, Indirect taxations. 161.
212 Kapitel XIII
gedrungen sind11. In Pisa, Genua und Venedig sind dagegen im 12. Jahrhundert keine
griechischen Kaufleute belegt. Sie hätten sich gegen die Einheimischen wohl auch kaum
durchsetzen können12. Im Gegensatz hierzu war die italie-[288] nische Konkurrenz ebenfalls
im innerbyzantinischen Handel zu spüren, wie die verschiedenen Dokumente über Handels-
fahrten von Korinth, Halmyros, Adramyttion oder Smyrna nach Konstantinopel und umge-
kehrt belegen13. Aber die Italiener in Byzanz waren nicht so zahlreich, daß sie den gesamten
Seehandel hätten an sich reissen können. Dennoch war die Konkurrenz groß und die Unter-
stützung durch die eigene Regierung eher gering. Zudem beeinträchtigte die Verachtung der
vornehmen und reichen Byzantiner für den Handel, der als inferior und eines Adligen unwür-
dig angesehen wurde14, die Neigung, sich im Handelsgeschäft zu engagieren. Die Italiener
standen hierzu in krassem Gegensatz. Gerade die großen Handelsherren zählten zu den
angesehensten und einflußreichsten Mitbürgern, in Venedig waren sogar die großen Dogen-
geschlechter, beispielsweise der Dandolo, Ziani oder Michael, in den Handel mit Byzanz
verwickelt15, was natürlich eine ganz andere Unterstützung des Handels seitens der Politik
zur Folge hatte, die in den Verträgen zwischen den verschiedenen italienischen Handels-
städten und dem byzantinischen Reich auch oft genug ihren Ausdruck findet. Man wird wohl
vermuten können, daß der byzantinische Fernhandel auf byzantinischen Schiffen nach Syrien,
Ägypten und in den Westen sich im 12. Jahrhundert gegenüber früher vermindert hat. Inwie-
weit dies auch für den Binnenhandel des Reiches zutrifft, ist unmöglich zu sagen, aber er hat
mit Sicherheit nicht völlig aufgehört, wenngleich zumindest in den letzten Jahren des 12.
Jahrhunderts das vollständige Fehlen einer byzan-[289] tinischen Kriegsflotte und das Über-
handnehmen der Piraterie ihm schweren Schaden zugefügt haben wird16. Auch die punk-
11
Zu Alexandria cf. oben Anm. 4; zu Spanien (Barcelona): BENJAMIN VON TUDELA S. 76; cf. auch
HENDY, Byzantium S. 40.
12
Erst 1265 erscheint ein entsprechender Punkt in dem Vertrag zwischen Venedig und dem nach Konstanti-
nopel zurückgekehrten griechischen Kaiser. Ob zu dieser Zeit tatsächlich griechische Schiffe nach Venedig
gekommen sind, dürfte zweifelhaft sein. Immerhin wurden jetzt die rechtlichen Voraussetzungen hierfür
geschaffen (DÖLGER, Regesten Nr. 1934 (18. Juni 1265). Ob die früheren Verträge mit Venedig (DÖL-
GER, Regesten Nr. 1703 (Aug. 1219)) und Genua (DÖLGER, Regesten Nr. 1890 (13. März 1261)), in
denen den Byzantinern Handelsfreiheit auf venezianischem bzw. genuesischem Gebiet gewährt wird, auch
Venedig und Genua selbst eingeschlossen haben oder aber nur die Territorien beider Mächte in der Roma-
nia betrafen, ist nicht mehr sicher zu entscheiden; zu den späteren Privilegien des 13./14. Jahrhunderts für
Venedig cf. neben den entsprechenden Partien bei THIRIET, Romanie Vénitienne auch CHRYSOSTO-
MIDES, Venetian commercial privileges.
13
Cf. oben Kap. VIII und IX unter den angegebenen Namen.
14
Cf. z. B. DÖLGER, Regesten Nr. 1091 (Juni 1083 oder 1098 oder 1113) anläßlich eines Zivilprozesses, bei
dem die beiden Kläger, jeder von beiden Anthypatos, also senatorischen Ranges, gewisser Privilegien verlu-
stig gehen, weil sie dem Handelsstand angehören und daher die Würde ihres Ranges nicht gewahrt haben.
15
Diese Geschlechter, wie auch andere, tauchen sehr häufig in den venezianischen Handelsdokumenten auf;
allgemein hierzu cf. auch BORSARI, Per la Storia passim; zu Genua cf. DAY, Involvement S. 120ff.
16
Daß die byzantinische Handelsflotte auch in der Angeloizeit noch relativ stark gewesen sein muß, geht aus
dem deutsch-byzantinischen Vertrag von 1190 hervor. Isaak verpflichtete sich, für den Übergang des deut-
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 213
tuellen Maßnahmen der Kaiser gegen die Italiener, wie etwa die Gefangennahme der Venezi-
aner 1171 oder das Massaker an Genuesen und Pisanern 1182, haben hier wohl kaum dau-
ernde Änderungen bewirkt, zumal sie nie gegen die Lateiner an sich gerichtet waren, sondern
eher gegen einzelne Städte, deren Politik mit derjenigen des Reiches nicht in Übereinstim-
mung zu bringen war.
Allgemein kann man sagen, daß der Außenhandel des byzantinischen Reiches im 12.
Jahrhundert mehr und mehr von den italienischen Seestädten übernommen worden ist. Dies
wird, wenn auch in sehr verringertem Maße, ebenso im Binnenhandel der Fall gewesen sein.
Wie weit genau, läßt sich allerdings nicht mehr sagen.
Es wäre allerdings falsch, hieraus auf einen Verdrängungswettbewerb zuungunsten der
Griechen schließen zu wollen. Die Quellen [290] erwecken vielmehr den Eindruck, daß sich
das Handelsvolumen im 12. Jahrhundert gegenüber früher erheblich vergrößert hat. Diese
Zunahme des Handels hat ihre Ursache zum einen in dem Bevölkerungswachstum vor allem
Oberitaliens, das den Import von Nahrungsmitteln zu einem lohnenden Geschäft werden
ließ, zum zweiten in der Errichtung der Kreuzfahrerstaaten in Syrien und Palästina am Ende
des 11. Jahrhunderts, deren Verbindungen mit dem Westen größtenteils über See liefen, und
schließlich, hierdurch gefördert, in der zunehmenden Einfuhr orientalischer Waren, beson-
ders Gewürze nach Westeuropa. Dieser gegenüber früher intensivierte Handelsaustausch
zwischen Westeuropa und dem östlichen Mittelmeerraum wurde vorwiegend auf italieni-
schen Schiffen abgewickelt, aber das heißt nicht, daß die byzantinischen Fernhändler völlig
vom Mittelmeer verschwunden wären, auch wenn die Italiener im 12. Jahrhundert in diesem
Handel zweifellos die dominierende Rolle spielten.
schen Heeres über die Dardanellen bei Gallipoli 70 Transportschiffe, 150 Pferdetransporter und 15 Galee-
ren mit Besatzung zu stellen. Aus freien Stücken erhöhte er anscheinend die Zahl der Transportschiffe auf
100 (DÖLGER, Regesten Nr. 1603 (Februar 1190)). Nach einigen Quellen betrugen die Zahlen sogar 700
und 300, also insgesamt 1.000 Transporter. Doch scheint dies weit übertrieben. Das Kreuzheer, dessen
Stärke rund 90.000 Mann betragen haben soll, setzte in sechs Tagen über. Von den logistischen Problemen
einmal ganz abgesehen, die der Einsatz von 1.000 Schiffen in den Dardanellen mit sich gebracht hätte, wäre
eine Übersetzdauer von sechs Tagen auf 1.000 Schiffen (also allenfalls 90 Mann pro Schiff; aber das Kreuz-
heer ist mit einiger Wahrscheinlichkeit erheblich kleiner gewesen) kaum wahrscheinlich, vor allem in der
Enge der Dardanellen. Schon bei 100 Schiffen ist sie relativ lang, aber noch erklärlich (gegenteiliger Ansicht
ist ZIMMERT, Friede zu Adrianopel S. 306f., der sagt, daß 200 Schiffe in sechs Tagen nicht das ganze
Heer hätten übersetzen können; BRAND, Byzantium S. 361 Anm. 41 bezieht keine Stellung, EICK-
HOFF, Barbarossa S. 75 folgt der Hauptquelle ANSBERT (S. 64f.), ohne das Problem zu diskutieren).
Diese Schiffe, deren Cröße wir leider nicht kennen, können eigentlich nur aus der byzantinischen Handels-
flotte rekrutiert worden sein. Weitere 100 Transportschiffe bot Isaak an, um Teile der deutschen Armee
nach Sizilien überzusetzen, wo nach dem Tod Wilhelms II. der deutsche Heinrich VI. Anspruch auf die
Königskrone erhob. Zu dem ganzen Vorgang cf. ZIMMERT, Der deutsch-byzantinische Konflikt; eine
weitere Nachricht über die Existenz byzantinischer Handelsschiffe bietet die DEVASTATIO CON-
STANTINOPOLITANA S. 90, die berichtet, daß bei der lateinischen Eroberung Konstantinopels auch
viele griechische Handelsschiffe im Hafen geplündert worden seien: Veneti ... multas naves Grecorum in
portu accipiunt multis mercibus oneratas et victualibus.
214 Kapitel XIII
Mit diesem Engagement in enger Beziehung steht die Zahl der Venezianer, Genuesen
und Pisaner im Reich17. Leider sind auch hier die Quellen zu fragmentarisch, so daß sich keine
absolute Sicherheit finden läßt, zumal der Handel und mit ihm die Niederlassung der itali-
enischen Händler in Byzanz im Verlauf des 12. Jahrhunderts großen Schwankungen ausge-
setzt gewesen ist. Der Aufenthalt anderer Lateiner in der Romania, z. B. von Söldnern, wird
hierbei nicht berücksichtigt, da er von anderen Faktoren abhängig ist18.
Die ersten sicheren Angaben über Venedig finden wir 1169 und 1171: Der venezianische
Doge hatte 1168 einen allgemeinen Rückruf für alle Venezianer aus der Romania erlassen, der
anschei-[291] nend auch weitgehend befolgt worden ist19. 1169 erreichte Manuel eine Aufhe-
bung dieser Maßnahme, indem er unter anderem angeblich den Venezianern das Handelsmo-
nopol im byzantinischen Reich in Aussicht stellte20, worauf die Venezianer in besonders
großer Zahl wieder in die Romania zurückkehrten, die Historia Ducum spricht von 20.000
Mann21. Diese Zahl erscheint auf den ersten Blick abnorm hoch und übertrieben, zumal die
Bevölkerung der Lagunenstadt selbst im 12. Jahrhundert keine 100.000 Personen zählte22,
dennoch ist sie wohl nicht völlig überzogen, wenn wir andere Quellenaussagen hinzuziehen.
So berichtet die Historia Ducum, daß trotz des Vorgehens Manuels zwanzig venezianisehe
Schiffe aus Halmyros flüchten konnten23. Leider wissen wir kaum etwas über die Größe der
damaligen venezianischen Handelsschiffe, aber es scheint kaum übertrieben, zusammen mit
den Besatzungen dieser Schiffe eine Zahl von mindestens 1.000 Venezianern in Halmyros
anzunehmen. Die Stadt zählte ja neben Konstantinopel, Dyrrhachion, Korinth, Theben und
vielleicht Thessalonike zu den wichtigsten venezianischen Handelsstützpunkten im Reich der
Griechen24. Ob die relativ hohe Zahl der Schiffe in Halmyros [292] darauf zurückzu führen
17
Die Kaufleute der kleineren Mächte, wie etwa Ragusa, Ancona und Amalfi, werden bei dieser Untersu-
chung nicht berücksichtigt, ebensowenig die Angehörigen des Königreichs Sizilien. Die Quellen reichen
hier nicht einmal für einfachste Aussagen aus. Die Amalfitaner z. B. besaßen zwar ein Quartier in Konstan-
tinopel (DÖLGER, Regesten Nr. 1081 (1082): das Quartier wurde den Venezianern unterstellt), und es
haben anscheinend einige Amalfitaner in Dyrrhachion gelebt (s. oben Kap. IX s. v.), ebenso wie ab und zu
ein amalfitanisches Schiff in den Dokumenten Erwähnung findet, aber für genauere Bestimmungen reicht
das nicht aus. Bei den anderen ist die Quellenlage noch schlechter.
18
Zu den Marinesöldnern aus den italienischen Seestädten in Byzanz cf. unten Appendix S. 631ff.
19
DANDOLO S. 248; HISTORIA DUCUM S. 78; auch die scharfen Strafen gegen solche, die diesen Be-
fehlen nicht Folge leisteten, sprechen für eine weitgehende Rückkehr der Venezianer aus der Romania, s.
z. B. MdRD Nr. 143 (Mai 1160); ZUSTO Nr. 8 (Nov. 1121); CODICE DIPLOMATICO VENEZIA-
NO Nr. 2529 (Aug. 1164), alle Venedig: Verurteilungen verschiedener Venezianer.
20
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1494 (ca. 1170).
21
HISTORIA DUCUM S. 78; 10.000 Venezianer sollen allein in Konstantinopel gefangengenommen
worden sein.
22
Cf. BELOCH, Bevölkerungsgeschichte S. 3f., 341.
23
HISTORIA DUCUM S. 79; DANDOLO S. 251.
24
Cf. oben Kap. IX s.v.; über die Besatzungsstärken venezianischer Handelsschiffe im 12. Jahrhundert läßt
sich kaum etwas sagen. Im 13. Jahrhundert wurden in Venedig gesetzliche Regelungen geschaffen für die
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 215
sein wird, daß die Frühjahrsflotte, die im allgemeinen um Ostern herum in Venedig erwartet
wurde, noch nicht abgefahren war, ob es sich um die gerade von Venedig eingetroffene Flotte
oder um den "normalen" Schiffsbestand gehandelt hat, ist nicht mehr zu ermitteln. Ostern fiel
1171 zwar auf den 28. März und der Schlag Manuels auf den 12. März, aber Unwetter oder
ähnliches könnten den Aufbruch verzögert haben25. Wenn wir aber für Halmyros 1.000 Ve-
nezianer rechnen, eine eher vorsichtige Schätzung, so dürfen wir ohne Zweifel für Dyrrha-
chion eine etwa gleichhohe Zahl annehmen26, und kaum allzuviel weniger in den anderen
großen Handelszentren Korinth, Theben und vielleicht Thessalonike. In Chrysupolis, Rhai-
destos und Abydos existierten ebenfalls venezianische Niederlassungen, die aber wohl kleiner
gewesen sind, und dazugerechnet werden müssen die reisenden Händler, z. B. auf der Pelo-
ponnes, in Thrakien, auf der Via Egnatia, in Kleinasien und auf den Inseln. Dazugerechnet
werden muß natürlich vor allem das große Venezianerquartier in Konstantinopel, das alle
anderen bei weitem überragt haben wird27. Zählen wir weiter diejenigen Venezianer, die sich
nur temporär in Byzanz aufhielten, also die Matrosen der Schiffe, die unter Umständen noch
weiter nach Syrien und Ägypten bestimmt waren, und berücksichtigen wir, daß 1169 beson-
ders viele Venezianer nach Byzanz gingen, um den Verlust der letzten Handelssaison, [293] in
der das griechische Reich ja nicht betreten werden durfte, auszugleichen, so kommen wir doch
auf eine ziemlich hohe Zahl von Venezianern, auch wenn die Historia Ducum mit 20.000
immer noch übertreiben dürfte. Die relativ geringe Bevölkerung Venedigs selbst ist hierbei
nicht unbedingt ein Hindernis, da viele Venezianer schon über längere Zeiträume im byzan-
tinischen Reich lebten und vor allem ja längst nicht alle venezianischen Kaufleute und
Matrosen aus Venedig selbst stammten. Wir besitzen auch Handelsdokumente von Kauf-
Mannschaftsstärken, die sich nach der Größe der Schiffe richteten und für ein Schiff der kleinsten genann-
ten Größe von 200 Milliaria zwanzig Matrosen vorsahen. Wurde diese Größe überschritten, so war für je
zehn Milliaria ein weiterer Matrose einzustellen. Da Schiffe bis zu einer Größe von annähernd 1.000 Milli-
aria benutzt worden sind, konnten die Besatzungsstärken demgemäß von zwanzig bis zu 100 Mann betra-
gen, von den Passagieren einmal abgesehen (s. PREDELLI, Statuti Veneziani II. Nr. 100 S. 285–288: Doge
Iacobo Tiepolo über Schiffsgrößen und Ladung; III. Nr. 20 S. 176: Doge Rainerio Zeno über das Verhält-
nis zwischen Schiffsgröße und Mannschaftsstärke). Diese Zahlen sind natürlich nicht ohne weiteres auf das
12. Jahrhundert zu übertragen. Dennoch mögen sie einen gewissen Anhaltspunkt bieten. Nicht herangezo-
gen werden dürfen dagegen Zahlen aus dem Bereich der Kriegsflotte, da Kriegsgaleeren sowohl anderen
Zwecken dienten als auch völlig andere Raumverhältnisse boten, so daß etwa die in dem Vertrag von 1187
zwischen Byzanz und Venedig genannte Besatzungsstärke von 140 Mann pro Galeere keine Berücksichti-
gung finden kann.
25
Es scheint eigentlich unlogisch, daß Manuel erst nach Abfahrt der Flotte nach Venedig oder vor der An-
kunft der Flotte aus Venedig bzw. Syrien zugeschlagen haben sollte. Der Effekt wäre in diesem Fall doch
wohl erheblich geringer gewesen.
26
Dyrrhachion zählte geradezu als Stadt, in der nur die Lateiner das Sagen hatten, cf. oben Kap. IX s. v.
27
Das ergibt sich allein schon aus der großen Zahl kaiserlicher Privilegien für das Quartier in Konstantinopel,
wie auch aus der überwiegenden Menge an Urkunden, die wir gerade für die byzantinische Hauptstadt
haben, cf. oben Kap. X; 1171 hielten sich laut Aussage der HISTORIA DUCUM S. 78 allein in Konstan-
tinopel angeblich 10.000 Venezianer auf, die von Manuel gefangengesetzt wurden.
216 Kapitel XIII
leuten beispielsweise aus Chioggia, Caorle oder aus Torcello28. Außerdem stellt sich die Frage,
inwieweit Venedig tatsächlich alle Positionen auf seinen Schiffen mit Angehörigen der
Lagunenstadt besetzt hat. Es dürfte nicht unwahrscheinlich sein, daß auch aus der weiteren
Umgebung der Stadt in größerem Maße beispielsweise Matrosen angeheuert worden sind. So
hat eine Anzahl von einigen tausend Venezianern, wenn auch wohl nicht gleich 20.000, im
byzantinisehen Machtbereich 1169/71 durchaus einiges für sich.29
Entsprechend sind die Zahlen der Genuesen und Pisaner in Byzanz zu werten. 1162 wur-
de das genuesische Quartier in Konstantinopel von den Pisanern überfallen. Die Zahl der Ge-
nuesen hierbei wird mit 300 angegeben, die der Pisaner mit 1.00030. Die Genuesen bezifferten
ihren Schaden auf 29.443 Hyperper31.
Die im Vergleich zu Venedig geringe Zahl der Genuesen erklärt sich wohl daraus, daß
Genua erst relativ spät im byzantinischen Reich Fuß gefaßt hat32 und kaum an Venedig und
Pisa herankam. [294]
Nach 1171, d. h. nach der Vertreibung der Venezianer, die den Status Genuas natürlich
begünstigte, vergrößerte sich der genuesische Anteil am Handel mit Byzanz, und als 1182 das
genuesische Quartier wiederum einer großen Plünderung unterzogen wurde, diesmal seitens
der Byzantiner, konnten die Genuesen ihren Schaden mit 228.000 Hyperpern angeben, ihr
Handelsvolumen hätte sich also ungefähr verachtfacht33.
Die Genuesen haben auch an anderen Plätzen des Reiches Handel getrieben, jedoch
scheinen sie außer in Konstantinopel keine festen Handelsquartiere besessen zu haben –
zumindest sind wir über etwaige Quartiere nicht informiert –, so daß wir ihre Zahl wohl
erheblich geringer ansetzen dürfen als die der Venezianer. Was die Pisaner betrifft, so verfügen
wir über zu wenig Quellen, um genaueres sagen zu können. 1162 überfielen sie in Stärke von
angeblich 1.000 Mann das genuesische Quartier in Konstantinopel, was wohl heißen muß,
daß die Gesamtzahl der Pisaner in Konstantinopel anscheinend mehr als 1.000 Personen
28
MdRD und MdRND sub indicibus.
29
Cf. hierzu auch SCHREINER, Untersuchungen S. 183, der aber das Umland Venedigs nicht berücksich-
tigt. Daß die Zahlen allerdings ziemlich niedrig gewesen sein müssen, zeigt THIRIET, Recherches sur le
nombre des "Latins" passim, der für das 13. und 14. Jahrhundert ca. 20.000 Venezianer in der Romania
annimmt, davon 10.000 auf Kreta. Dies gilt immerhin für eine Zeit, als Venedig reguläre Besitzungen und
Kolonien in dieser Region besaß. Um wieviel geringer mögen die Zahlen dann im 12. Jahrhundert gewesen
sein?
30
ANNALES IANUENSES S. 67f.
31
S. die Angaben in den Instruktionen, IMPERIALE, Codice II. S. 211 Anm.; die ANNALES IANUENSES
S. 68 nennen 30.000 Hyperper.
32
Der erste große Vertrag datiert erst 1155 (DÖLGER, Regesten Nr. 1401/02 (vor 12. Okt. 1155), von
Manuel nicht ratifiziert), und 1157 oder 1160 erhielten die Genuesen ihr Quartier in Konstantinopel, das
1162 wieder eingezogen worden ist. Endgültig legitimiert wurden sie erst 1169 (DÖLGER, Regesten Nr.
1488 (Okt. 1169); cf. auch oben S. 84ff.
33
IMPERIALE, Codice III. S. 53.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 217
betragen hat. In der Folgezeit wurden sie aus der Stadt gewiesen, jedoch 1170 wieder zugelas-
sen34. In dieser Zeit besaß die Stadt ein Quartier mit zwei Kirchen in Halmyros, wie aus dem
pisanisch-venezianischen Friedensvertrag von 1180 hervorgeht35, es scheint sich also um eine
größere Niederlassung gehandelt zu haben. Ebenso ist aus dem Ende des 12. Jahrhunderts ein
Quartier in Thessalonike bezeugt36, das wahrscheinlich schon früher Bestand gehabt hat,
denn 1185 erwähnt Eustathios die Gegend der lateinischen Kaufleute in Thessalonike37.
Auch wenn die Pisaner in diesem Jahr nicht in Byzanz gewesen sind, so deutet es doch grund-
sätzlich auf den Besitz eines solchen Quartiers hin, das allerdings wohl 1182 eingezogen wor-
den ist. Genaueres läßt sich nicht sagen. [295]
In Chrysupolis scheinen sich ebenfalls Pisaner niedergelassen zu haben38. Insgesamt wird
man die Zahl der Pisaner in Byzanz für stärker als die der Genuesen halten dürfen, gleichzeitig
aber erheblich schwächer als die der Venezianer. Genaue Zahlen zu nennen, ist nicht möglich.
Allgemein gesehen wird es im Laufe des 12. Jahrhunderts wahrscheinlich einen erhebli-
chen Anstieg der italienischen Kaufleute im byzantinischen Reich gegeben haben, wenn auch
immer wieder unterbrochen von Perioden kriegerischer Auseinandersetzungen, so bei Vene-
dig zwischen 1122 und 1126 und wieder zwischen 1171 und 1183, bei Genua und Pisa nach
1182 bis 1192, wenngleich genuesische und pisanische Kauf leute schon ab 1186 wieder im
Reich feststellbar sind. Weit übertrieben ist die Zahl von 60.000 Lateinern, die Eustathios
anläßlich des Lateinerprogroms von 1182 allein für Konstantinopel angibt39, zumal die Ve-
nezianer 1182 noch nicht wieder in Konstantinopel zugelassen waren. Auf der Höhe ihres
Einflusses betrug die Zahl ihrer Landsleute im byzantinischen Reich vielleicht 10.000, davon
die meisten wohl in Konstantinopel, Dyrrhachion und Halmyros. Pisa und Genua dürften
auch 1182 diese Zahl kaum übertroffen haben40, selbst wenn man [296] beide zusammen-
34
DÖLGER, Regesten Nr. 1499 (Juli 1170); zu der Vertreibung der Pisaner nach 1162 cf. unten S. 458ff.
35
MÜLLER, Documenti Nr. 13 (1180) S. 20–23, S. 20, 22.
36
MÜLLER, Documenti Nr. 44 (6. Sept. 1197) S. 71–73, 72.
37
Eustathios erwähnt anläßlich der normannischen Eroberung von 1185 eine "Gegend der fremden Kauf-
leute" innerhalb der Stadtmauern, ohne allerdings näher zu spezifizieren, so daß es sich theoretisch auch um
Venezianer hätte handeln können, cf. oben Kap. IX s. v. Thessalonike.
38
IMPERIALE, Codice II. S. 218 Anm.
39
EUSTATHIOS S. 34.
40
WILHELM VON TYRUS XXII. 12, S. 1083 gibt an, daß den Italienern – also Pisanern und Genuesen –
1182 u. a. auf 44 Galeeren die Flucht aus Konstantinopel gelungen sei, wobei es sich um den von ihnen
bemannten Teil der griechischen Kriegsflotte gehandelt haben dürfte (cf. auch unten App. S. 632, 641f.).
Veranschlagt man die durchschnittliche Besatzungsstärke einer Galeere auf 140 Mann, wie 1187 in dem
Vertrag zwischen Venedig und Byzanz festgelegt (s. oben Kap. I S. 25), so wären dies insgesamt über 6.000
Mann. Weiter gibt WILHELM VON TYRUS XXII. 12, S. 1084 eine Zahl von 4.000 Gefangenen an, zu
denen noch alle die zu zählen wären, die dem von den Truppen des Andronikos veranstalteten Massaker
entkommen konnten, sowie die Erschlagenen, so daß sich eine Zahl von insgesamt mehr als 10.000 Perso-
nen ergibt. Andererseits scheint es kaum denkbar, daß es mehr als 6.000 seeerfahrene Dauersiedler in
Konstantinopel gegeben haben kann, die sofort und ohne weitere Schulung Kriegsgaleeren übernehmen
218 Kapitel XIII
nimmt, und die restlichen Lateiner waren ebenfalls nicht in solchen Zahlen in der byzantini-
schen Hauptstadt, es sei denn, wir zählen auch die lateinischen Söldner und die Garde dazu,
die aber wohl kaum von dem Massaker betroffen war. Ihr Verhalten in diesen Wochen läßt
jedenfalls nicht darauf schließen. Wie hoch die Zahl aller Lateiner in Konstantinopel 1182
tatsächlich gewesen ist, läßt sich nicht mehr feststellen, sie dürfte 15.000 bis 20.000 Personen
kaum überschritten, in jedem Fall aber ganz erheblich unter den 60.000 des Eustathios gele-
gen haben. Selbst 15.000 bis 20.000 erscheinen noch als sehr hoch.
Aber auch diese Zahlenangaben sind irreführend, da wir bei den genannten Quellenanga-
ben nicht zwischen festen Ansiedlern und Angehörigen der Schiffe unterscheiden können, die
sich nur kurzfristig in Byzanz aufhielten. So dürfte selbst die Zahl von 300 Genuesen 1162 für
Dauersiedler zu hoch gegriffen sein, und auch die Pisaner dürften nur unter Einschluß der
Schiffsbesatzungen auf 1.000 Mann gekommen sein. Es scheint tatsächlich so, daß der Anteil
an Dauersiedlern noch erheblich geringer gewesen ist41: Alles in allem scheinen kaum einige
tausend, wahrscheinlich sogar noch weniger, den Entschluß gefaßt zu haben, sich auf Dauer in
der Romania niederzulassen. Den Großteil an Venezianern, Pisanern und Genuesen im by-
zantinischen Reich bildeten allem Anschein nach Matrosen und Händler, die sich nur kurz-
fristig in der Romania aufhielten, dort überwinterten und wenn die Lage günstig schien, wohl
auch ein paar Jahre an einem Ort oder in einer Region zubrachten, dann aber wieder weiter-
zogen.
Ob der Großteil der Dauersiedler sich wirklich für den Rest seines Lebens im byzantini-
schen Reich niedergelassen und dort Familien gegründet hat, ist schwer zu sagen. In Dyrrha-
chion scheint eine derartige Kolonie existiert zu haben, auch für Halmyros, wo Venezianer
und Pisaner ja sogar Mühlen, Krankenhäuser, Kirchen, sonstige Gebäude und kultiviertes
Land besaßen, besitzt [297] eine Dauersiedlung eine gewisse Wahrscheinlichkeit42. Für Kon-
stantinopel fehlen die Quellen43.
und in den Kampf führen konnten Hier ist wohl eher an die Besatzungen der genuesischen und pisani-
schen Handelsschiffe zu denken, die für eine solche Aufgabe erheblich geeigneter waren, woraus folgt, daß
die Zahl der in Konstantinopel ansässigen Dauersiedler durch die Angaben des Chronisten nicht geklärt
werden kann, ebensowenig wie wir wissen, ob die 4.000 Gefangenen nicht eine Übertreibung darstellen,
wofür die glatte Zahl spricht; cf. zu dem Vorgang auch SCHREINER, Untersuchungen S. 183, der
allerdings fälschlicherweise die 44 Galeeren für Handelsschiffe hält, die nicht so viele Menschen wie Kriegs-
galeeren hätten transportieren können, was gleichfalls kaum zutrifft; cf. auch oben Anm. 24..
41
Cf. auch SCHREINER, Untersuchungen S. 184ff.
42
Cf. oben Kap. IX s. v.
43
Wenn HERLIHY, Pisa S. 29 Anm. 35 eine Zahl von 32 pisanischen Dauersiedlem in Konstantinopel am
Ende des 12. Jahrhunderts annimmt (aufgrund einer Rechnungslegung über die Einnahmen des Quartiers,
s. MÜLLER, Documenti Nr. 46 und 47 (8. April und 30. Juni 1199) Kpl., S. 74–78), so übersieht er, daß
es sich hierbei nur um die Hauptmieter der im Quartier gelegenen Gebäude gehandelt hat. Inwieweit diese
Häuser an andere Dauersiedler etc. untervermietet worden sind, können wir nicht mehr feststellen, so daß
man trotz dieses Dokuments immer noch von einigen 100 Dauersiedlern ausgehen kann. In ähnlicher Wei-
se werden in dem 1277 zwischen Byzanz und Venedig abgeschlossenen Vertrag insgesamt 28 Gebäude in
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 219
Von solchen, in den Quartieren wohnhaften Dauersiedlern sind die burgenses zu trennen,
die ihre frühere Staatsangehörigkeit aufgegeben und die byzantinische angenommen haben44,
wie das Beispiel des 1166 in Konstantinopel gestorbenen Pisaners Signorectus zeigt, der von
seinen eigenen Landsleuten als clarissimus quondam Pisanus civis, nunc vero burgensis invicti
principis Manuel factus45 bezeichnet wurde. Er war also, rechtlich gesehen, Byzantiner gewor-
[298] den und kein Bürger Pisas mehr. Das schließt natürlich nicht aus, daß auch solche bur-
genses oder βουργέσιοι., wie Kinnamos sie nennt, im Handel mit ihren Landsleuten engagiert
waren, wahrscheinlicher dürfte jedoch sein, daß sie zumeist in den Dienst des Kaisers getreten
waren46. Entscheidend für den Status als burgensis dürfte also die Aufgabe der früheren Staats-
bürgerschaft und die Ablegung eines persönlichen Treueides auf den byzantinischen Kaiser
gewesen sein, wie es auch Kinnamos angibt47. Nicht unter diese Kategorie fielen etwa die Kle-
riker an den Kirchen in den Quartieren und alle diejenigen, die – im weitesten Sinne – mit
der Verwaltung innerhalb der Quartiere betraut waren oder auch Dienstleistungen für ihre
"mobilen" Landsleute übernahmen oder vermittelten, was wohl auch Zwischenhandel zwi-
schen jenen und den Griechen einschloß. Ein gutes Beispiel für diesen Personenkreis stellt
Romanus Mairano dar, der 1169 die Maß- und Gewichtsrechte im Quartier von dem Patri-
dem Raum des ehemaligen Quartiers erwähnt, die den Venezianern überlassen werden. Wir wissen aber
nicht, ob diese Zahl schon im 12. Jahrhundert Gültigkeit gehabt hat, oder ob das Quartier im 12. Jahrhun-
dert nicht größer gewesen ist. Bei Bedarf konnten die Venezianer 1277 weitere Häuser erwerben, hatten sie
aber zurückzugeben, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden. Auch hier ist ein Vergleich mit der Zeit vor
1204 nicht sinnvoll (cf. DÖLGER, Regesten Nr. 2026 (19. März 1277)).
44
Solche burgenses hat es nicht nur in Byzanz, sondern auch in den Kreuzfahrerstaaten gegeben, ihre rechtli-
che Stellung ist allerdings nicht ohne weiteres vergleichbar, da die Kreuzfahrerfürsten gegenüber den italie-
nischen Seestädten eine schwächere Position hatten als der byzantinische Kaiser (zu den burgenses und den
damit verbundenen Problemen in den Kreuzfahrerstaaten cf. die verschiedenen Arbeiten bei PRAWER,
Crusader Institutions, Index s. v. burgage tenure, burgesses etc.). Im Fall Venedigs erscheint anstelle des
Terminus burgensis der Begriff habitator in mehreren Urkunden vor allem aus den letzten Jahren des 12.
Jahrhunderts (cf. z. B. MdRD Nr. 399 (Mai 1191) Kpl.; Nr. 417 (Mai 1193) Plathenea: ln beiden Fällen
handelt es sich um frühere Venezianer, die jetzt in Thessalonike wohnhaft sind). Ob diese habitatores aller-
dings in den Dienst des Kaisers getreten sind, wie es bei einigen burgenses nachweisbar ist (cf. im folgen-
den), muß mangels Quellen offen bleiben. Wesentlich im Fall des burgensis dürfte jedenfalls das individu-
elle Treuebekenntnis zum Kaiser gewesen sein, das ihn von anderen Venezianern, Pisanern oder Genuesen
unterschied, die de jure ja ebenfalls byzantinische Untertanen gewesen sind, de facto aber eben doch Aus-
länder blieben; zu den Ausländern und ihrer Stellung in Byzanz allgemein cf. LOPEZ, Foreigners in Byzan-
tium.
45
MÜLLER, Documenti Nr. 10 (1166) Kpl., S. 11–13, 12.
46
Cf. etwa die marinarii pisani qui erant burgenses Constantinopoll et alii pisani (IMPERIALE, Codice II. S.
216 Anm.). Hier dürfte es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um pisanische Seeleute im Dienst des Kai-
sers gehandelt haben, die von den anderen Pisanern deutlich unterschieden werden.
47
KINNAMOS S. 282; ihm folgend SCHREINER, Untersuchungen S. 188f. Es ist sicherlich problematisch,
von "Staatsbürgerschaft" oder einer "Aufgabe der früheren Staatsbürgerschaft" unter mittelalterlichen
Rechtsverhältnissen zu sprechen, aber die Quellen lassen m. E. keine andere Interpretationsmöglichkeit zu,
so daß eine Übernahme dieses eigentlich eher auf die Neuzeit zu beziehenden Ausdrucks in diesem Fall
gerechtfertigt zu sein scheint
220 Kapitel XIII
archen von Grado auf sechs Jahre pachtete und gleichzeitig sein Schiff an den Kaiser ver-
kaufte, was vermuten läßt, daß er die nächsten Jahre in Konstantinopel zu verbringen
gedachte48. Er ist sicherlich nicht burgensis geworden, denn die damit verbundene Aufgabe
der venezianischen Staatsangehörigkeit hätte die reibungslose Abwicklung der von dem Patri-
archat gepachteten Rechte und der damit verbundenen Geschäfte, die oft genug zu recht-
lichen Auseinandersetzungen zwischen den Beteiligten führ-[299] ten49, äußerst erschwert,
wenn nicht sogar unmöglich gemacht50.
Da die burgenses als nunmehrige Untertanen des Kaisers in juristischem Sinne Byzantiner
geworden waren, konnten sie ihren Aufenthaltsort frei wählen und brauchten nicht in den
Quartieren zu wohnen. Auch hierfür bietet der genannte Signorectus ein gutes Beispiel, der
sein Haus in Konstantinopel bewohnte, während das pisanische Quartier nach Pera verlegt
worden war51. Andererseits unterstand er als burgensis der vollen Rechtsgewalt des Kaisers
und hatte auch Steuern zu zahlen, es sei denn, er wäre als Person extra davon befreit worden.
Aus dieser Rechtsstellung erklärt sich auch die Auseinandersetzung um das Erbe Signorectus’,
der wir die vorliegende Urkunde verdanken: Er war offenbar ohne direkte Erben gestorben
und hatte ein umfangreiches Legat zugunsten der Kirchen des pisanischen Quartiers in Kon-
stantinopel hinterlassen, das der byzantinische Fiskus für sich forderte. Juristisch gesehen war
diese Forderung sicherlich berechtigt, da ein Byzantiner, der Signorectus de jure ja gewesen
war, kaum ohne Einwilligung der zuständigen Stellen sein Vermögen ausländischen Einrich-
tungen zugute kommen lassen konnte52. Anders wäre es wohl gewesen, wenn er Erben mit
byzantinischer Staatsangehörigkeit hinterlassen oder sein Vermögen byzantinischen Kirchen
oder Institutionen hinterlassen hätte. Allerdings sollte man auch nicht übersehen, daß der
Kaiser ohnehin Anspruch auf die Hinterlassenschaft in der Romania verstorbener Venezianer,
burgenses oder auch nicht, erhob. Erst 1198 wurde dieser Zustand zugunsten der Venezianer
abgeändert53. Insofern hat Schreiner Recht, wenn er annimmt, daß für italienische Händler
ein "Anlegen" ihres Vermögens in Byzanz nicht sonderlich. [300] reizvoll gewesen ist. Im
Todesfälle drohte es dem byzantinischen Fiskus anheimzufallen. Auf der anderen Seite wie-
derum konnte ein solches "Anlegen" im Byzanz des 12. Jahrhunderts praktisch nur den Er-
48
MdRD Nr. 245 (März 1171); KINNAMOS S. 283 (Verkauf des Schiffes); zu dem Vorgang cf. HEYNEN,
Kapitalismus S. 86ff.; BORSARI, Commercio S. 991ff.
49
Cf. z. B. MdRD Nr. 8 (Sept. 1147) Kpl. zu Auseinandersetzungen in diesem Bereich in Rhaidestos.
50
Vor allem, weil Mairano als burgensis nicht mehr der venezianischen Gerichtsbarkeit unterstanden hätte.
Praktisch hätte jeder Streitfall vor byzantinischen Gerichten ausgetragen werden müssen, und es ist kaum
glaubhaft, daß Venedig unter solchen Umständen einer Verpachtung zugestimmt hätte.
51
Zu der zeitweiligen Verlegung des pisanischen Quartiers nach Pera cf. oben S. 294 und unten S. 458ff.
52
Insofern ist SCHREINER, Untersuchungen S. 189 im Unrecht, wenn er hier einen Übergriff von Seiten
des byzantinischen Staates sieht.
53
Cf. oben Kap. I. S. 42.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 221
werb von Grundbesitz bedeuten, und ob sich das für einen Händler, der ohnehin nur einen
begrenzten Zeitraum in der Romania zu bleiben gedachte, gelohnt hätte, sei dahingestellt.
Während die burgenses ihre Wohnsitze (mehr oder weniger) frei wählen konnten, wer-
den die anderen Venezianer, Pisaner und Genuesen auf ihre Quartiere beschränkt worden
sein. Zum einen lag dies im Bestreben des Kaisers, der diese "Fremden" wohl unter Kontrolle
zu halten bemüht war, zum anderen aber gleichfalls im Interesse der Kommunen, die ebenso
die Aufsicht über ihre Bürger aufrechterhalten wollten54. Im übrigen lag in dieser Beschrän-
kung auch ein finanzieller Vorteil, da die Einwohner in den Quartieren ihre Mieten und son-
stigen Abgaben an die Kommunen oder an diejenigen, zumeist Kirchen oder Klöster, die diese
Einkünfte verliehen bekommen hatten, bezahlen mußten. Etwaige Konkurrenz wurde so
ausgeschaltet. Ob diese Beschränkung allerdings das ganze 12. Jahrhundert hindurch scharf
durchgehalten worden ist, kann wohl bezweifelt werden. Aber das ändert nichts an den ur-
sprünglichen Intentionen der Byzantiner55.
Wie kurz oder lang der Aufenthalt der Handelsschiffe in den einzelnen Häfen gewesen
ist, läßt sich nicht mehr sagen. Er hing von den Intentionen des jeweiligen nauclerus ab, wie
auch von der Zeitdauer, die es brauchte, die eigenen Waren zu verkaufen und neue einzu-
handeln56. Abgesehen einmal von den Überwinterungen, wenn aufgrund der Jahreszeit die
Schiffahrt fast vollständig ruhte, kann kaum etwas über die Aufenthaltsdauer gesagt werden.
Immerhin besitzen wir wenigstens ein Dokument, das u. a. die Dauer von Schiffsliegezeiten
behandelt. So galt im pisanischen Quartier 1162 die Regelung, daß größere Schiffe zwei Mo-
nate an der scala der Pisaner abgabenfrei liegen durften, ehe sie ein scalaticum (in uns unbe-
kannter Höhe) zu zahlen hatten. Kleinere Schiffe konnten an Land gezogen werden und dort
fünfzehn Tage liegen, ehe auch sie Abgaben zu zahlen hatten57. Worauf der Unterschied in
der kostenlosen Liegezeit zurückzuführen ist, läßt sich nicht mehr sagen, ebensowenig wissen
54
Insofern ist es sogar wahrscheinlich, daß auch die Italiener selbst eine Niederlassung von burgenses in den
Quartieren ablehnten, da sie nicht mehr der eigenen Rechtsprechung unterworfen waren. Auch von dieser
Seite her gewinnt die Vermutung, daß die burgenses in der Regel nicht in den Quartieren wohnten, an
Wahrscheinlichkeit.
55
Cf. SCHREINER, Untersuchungen S. 181, der allerdings zu scharf urteilt, wenn er in der Tatsache, daß
die den Genuesen außerhalb des Quartiers gehörenden Häuser 1202 an Griechen vermietet worden waren,
einen Nachweis für die Beschränkung der Italiener auf die Quartiere sieht. Schon daß die Genuesen über-
haupt außerhalb des Quartiers gelegene Gebäude besaßen, deutet auf das Gegenteil hin. Warum diese 1202
allerdings von Griechen genutzt wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Möglicherweise ist angesichts der
chaotischen Verhältnisse dieser Zeit die Zahl der Genuesen in Konstantinopel so zurückgegangen, daß das
Quartier für alle ausreichte, zumal es doch mehr Schutz bot, als wenn man vereinzelt außerhalb des Quar-
tiers gewohnt hätte.
56
Hierbei ist zu bedenken, daß die Ladung häufig aus Stückgut bestand und daß der Schiffsraum im allgemei-
nen von verschiedenen Händlern gemietet wurde. Unter solchen Umständen konnte es seine Zeit dauern,
bis das Schiff voll belegt war.
57
S. MÜLLER, Documenti Nr. 8 (April 1162, Ind. 10) Kpl. S. 10.
222 Kapitel XIII
wir, ob und wenn ja, inwieweit die Abgaben an den beiden Liegeplätzen differierten58. Man
wird jedoch aus allem den Schluß ziehen können, daß die normale Liegedauer eines großen
Kauffahrers zwei Monate nicht überstiegen hat. Ob das Liegen auf Reede verboten gewesen
ist, welche Größe die pisanische scala gehabt hat und wie viele Schiffe gleichzeitig an ihr liegen
konnten, ist nicht mehr zu ermitteln, so daß auch Hypothesen in dieser Richtung sinnlos
sind.
Auch wenn die Zahl der eigentlichen Dauersiedler, die burgenses einmal ausgenommen,
nur gering gewesen ist, so heißt das doch nicht, daß sich in den Quartieren nur wenige Vene-
zianer, Pisaner oder Genuesen aufgehalten hätten. Es dürfte eher einen ständigen Strom von
durchreisenden Händlern und anderen gegeben haben, für die Dienstleistungen zu erbringen
waren, die wiederum Personal erforderten, so daß die Quartiere, zumal in Konstantinopel,
wahrscheinlich ständig überfüllt gewesen sind, besonders im Winter, wenn die italienischen
Kauffahrer im Hafen lagen, und noch viel mehr zu den Zeiten, wenn die großen Flotten
[302] eintrafen. Gerade dann wird man mit sehr großen Zahlen von Italienern in Byzanz zu
rechnen haben, die aber eben nur für kurze Zeit am Platz blieben und bald zu ihren weiteren
Fahrtzielen absegelten: seien sie nun in Ägypten, den Staaten der Kreuzritter oder auch im
heimatlichen Italien59.
Neben den Italienern, die friedlich in die Romania kamen, um Handel zu treiben oder in
den Dienst des Kaisers zu treten, gab es auch viele, die das byzantinische Reich als gute Gele-
genheit ansahen, Reichtum auf leichtere Weise anzuhäufen: durch Seeraub. Oftmals werden
sich beide Gruppen vermischt haben: Kaufleute konnten zu Piraten werden wie auch umge-
kehrt Piraten zu friedlichen Händlern. Der Unterschied war oft nur sehr gering60. Es hat
natürlich auch byzantinische und muslimische Piraten gegeben, doch finden wir ihre Spuren
58
Hier sind so viele Möglichkeiten denkbar, die alle unbeweisbar sind, daß selbst Hypothesen sinnlos werden.
59
Der überwiegende Anteil dieses Personenkreises dürfte, wie SCHREINER, Untersuchungen S. 184 zu
Recht festgestellt hat, auch im Hafen auf den Schiffen gewohnt haben, so daß die geringe Größe der Quar-
tiere nicht so nachteilig ins Gewicht fiel (zu dieser SCHREINER, Untersuchungen S. 180).
60
Um nur einige Beispiele anzuführen: 1145 suchte der Genuese Bonifacio de Ramfredo der Zahlung des
normalen Zolls, der auf einer Handelsfahrt lag, mit der Begründung zu entgehen, er sei auf einem Piraten-
zug in der Romania gewesen (REGISTRUM CURIAE ARCHIEPISCOPALIS S. 118; cf. FAVREAU,
Piraterie S. 476). Also auch im Westen war es nicht immer zu entscheiden, ob ein Seefahrer nun Handel
oder Seeraub treiben wollte oder gar schon getrieben hatte. Bei dem Massaker von 1182 konnten einige
Lateiner auf ihren Schiffen entkommen. Über das folgende berichtet WILHELM VON TYRUS XXII. 13,
S. I085f.: quae omnia deferentes (d. h. die an den Küsten und auf den Inseln des Marmarameeres geraubten
Güter) ..., littora Thessaliae et mari adiacentes provinciarum urbes et oppida perlustrantes diligentius, et
cuncta incendio et rapinae tradentes, stragem innumeram operati sunt. Sed et galeas alias a prioribus circa
Chrysopolim, urbem Macedoniae, dicuntur reperisse decem, aliasgue in locis aliis quamplures, unde sibi classem
maximam et Graecis omnino formidabilem in eorum perniciem dicuntur ordinasse. Aus Handelsschiffen, die
in diesem konkreten Fall allerdings von über vierzig, ursprünglich griechischen, Kriegsgaleeren unterstützt
wurden, konnte sich also ohne weiteres eine große Kampfflotte bilden, die die griechischen Küsten plün-
derte, ohne daß die griechische Kriegsflotte in der Lage war, irgend etwas gegen sie zu unternehmen.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 223
seltener in den Quellen61. Auf byzantinischer Seite scheint es mehr zu Übergriffen der kai-
serlichen oder der lokalen Administration gekommen zu sein als zu offenem Seeraub, soweit
die Quellen berichten. In [303] Attaleia, auf Rhodos, Chios, Kreta und auf der Peloponnes
stoßen wir auf solche widerrechtlichen Beschlagnahmeaktionen, die genug trotz der Interven-
tion des Kaisers ungesühnt blieben62. Mit Sicherheit werden sie auch an anderen Küsten-
plätzen des Reiches vorgekommen sein. Daneben war die Beraubung gestrandeter Schiffe weit
verbreitet63. Alle Maßnahmen des Kaisers dagegen blieben wirkungslos, erst der Befehl des
Andronikos, die Räuber an den Masten der ausgeplünderten Schiffe aufzuhängen, schaffte
rasche Abhilfe, wie Niketas Choniates lobend bemerkt64. Jedoch wird mit dem Tod des An-
dronikos auch dieser Befehl wieder in Wegfall gekommen sein.
Man wird der byzantinischen Regierung nicht unbedingt vorwerfen können, nichts ge-
gen die Piraterie in den griechischen Gewässern unternommen zu haben. Anscheinend unter-
hielt sie eine Art Seepolizei, die die ankommenden Schiffe untersuchte, nach Herkunft und
Reiseziel befragte und gegebenenfalls beschlagnahmte. Hierbei kam es natürlich häufig zu
Übergriffen, doch auch diese beweisen, wenn auch in negativer Form, die Existenz einer sol-
chen Kontrolle. So wurde der Besitz des Genuesen Gervasius in dem bei Rhodos gestrandeten
Schiff unter dem Vorwand, er sei Sizilianer, beschlagnahmt65. Ein anderer Genuese verlor sein
Schiff bei Kreta, weil er Briefe eines Gesandten, den Saladin an den Kaiser geschickt hatte,
beförderte, vermutlich ohne Wissen und Billigung der Byzantiner66. Der Venezianer Cerba-
nus, der 1122 [304] aus der Haft in Konstantinopel entwichen war, wurde Opfer einer sol-
chen Kontrolle, die der Dux von Kreta mit seinen Galeeren bei Ikaria durchführte67. Wieder
ein anderer Genuese wurde, ebenfalls auf der Höhe von Kreta, wo anscheinend ein byzantini-
sches Wachgeschwader stationiert war, von kaiserlichen Galeeren aufgebracht68. Ob diese
61
Allgemein zur Piraterie im östlichen Mittelmeerraum während des 12. und 13. Jahrhunderts cf. FAV-
REAU, Piraterie passim.
62
Die Hauptquelle für solche Beschlagnahmungen sind die verschiedenen genuesischen Gesandtschaftsin-
struktionen (zu den einzelnen Nachweisen cf. oben Kap. VI bis X).
63
Z. B. wurden Schiff und Ladung des Villanus Gauxonus ein Opfer solchen Strandraubes (cf. oben Kap. VII
S. 140), ebenso ein bei Chios gestrandetes Schiff (cf. oben Kap. VI S. 118 s. v. Chios).
64
NIKETAS CHONIATES S. 326.
65
IMPERIALE, Codice II. S. 217 Anm. 2.
66
IMPERIALE, Codice II. S. 218 Anm. 1. Nach Lage der Dinge dürfte es sich um die auch von NIKETAS
CHONIATES S. 168 und KINNAMOS S. 280 erwähnte Gesandtschaft des Jahres 1170 gehandelt haben
(von DÖLGER, Regesten Nr. 1493 (Ende 1169) wohl zu früh datiert, da der gemeinsame fränkisch-byzan-
tinische Kriegszug gegen Damiette erst am Ende dieses Jahres abgeschlossen wurde. Erst danach kann Sala-
din eine Gesandtschaft nach Konstantinopel geschickt haben, die von der byzantinischen Hauptstadt aus
dann offenbar heimlich einen Bericht nach Ägypten gesandt hat, der von den Byzantinern bei Kreta abge-
fangen wurde). Das diesem Regest vorangehende Regest Nr. 1492 dürfte ebenfalls nicht auf 1169, sondern
wahrscheinlicher auf 1172/73 zu datieren sein, cf. unten S. 487.
67
TRANSLATIO ISIDORI S. 324.
68
IMPERIALE, Codice II. S. 217 Anm. 1.
224 Kapitel XIII
Seepolizei sehr erfolgreich war, sei dahingestellt. Die Fülle der Zeugnisse für Piraterie während
des 12. Jahrhunderts in byzantinischen Gewässern spricht eher dagegen, zumal in der Epoche
der Angeloi, als die byzantinische Kriegsflotte praktisch nicht mehr existierte. Zur Zeit Manu-
els, der eine schlagkräftige Flottenstreitmacht auf die Beine gestellt hatte, mag es besser gewe-
sen sein, ganz verhindern ließ sich Seeraub nie69.
Die Hauptmasse der Piraten, zumal am Ende des Jahrhunderts, dürften die Lateiner
gestellt haben, insbesondere Pisaner und Genuesen, Venezianer wohl weniger – mit Ausnah-
me der Jahre, in denen Venedig in offener Feindschaft zu Byzanz stand70 –. Aber auch schon
zu Beginn des 12. Jahrhunderts waren Piraten aktiv. So berichtet Saewulf von der großen
Angst der Reisenden vor solchen Freibeutern auf der Fahrt die Südküste Kleinasiens ent-
lang71. Im Westen der Halbinsel dürften die desolaten Verhältnisse im ausgehenden 11. Jahr-
hundert die Freibeuterei gefördert haben, zumal als der Seldschuke Tzachas von Smyrna seine
eigene Flotte aufbaute, den Ostteil der Ägäis verwüstete und schließlich [305] sogar Konstan-
tinopel selbst angriff72. Wie sehr sogar in der relativ ruhigen Zeit bis zur Jahrhundertmitte die
Piratengefahr drohte, zeigt der Erlaß Manuels, der es den Insassen eines Nonnenklosters bei
Nauplion gestattete, ihr Kloster ins Landesinnere zu verlegen. Ausdrücklich wird als Begrün-
dung die jährlich wiederkehrende Plünderungsgefahr durch Piraten angegeben73. Auch in
dieser Zeit sind schon italienische Freibeuter in der Romania bezeugt74: keine große Überra-
schung, denn auch die "offiziellen" Flotten der italienischen Seestädte, in diesem Fall Genuas
und Pisas, verschmähten auf ihrer Fahrt ins Hl. Land keineswegs die Plünderung der byzanti-
nischen Küsten, auch wenn ihre Staaten sich im Frieden mit dem griechischen Kaiserreich
befanden75.
In der zweiten Jahrhunderthälfte nahm die Plage eher noch zu. Nach dem Bruch Manu-
els mit Venedig war eine Waffe der Lagunenstadt der Korsarenkrieg, mit Sicherheit allerdings
nicht nur gegen Byzanz, sondern gleichermaßen auch gegen Genua und Pisa gerichtet. In dem
Frieden von 1180 zwischen Pisa und Venedig werden des längeren Maßnahmen gegen die
Korsaren beschlossen, die demnach zu einer Gefahr für alle Beteiligten geworden waren, die
jetzt auch auf italienischer Seite "offizielle" Maßnahmen erforderlich machte76. So sollte eine
69
Zur byzantinischen Kriegsflotte im 12. Jahrhundert cf. unten Appendix S. 613ff.
70
Wir haben keine Beschwerden über venezianische Seeräuber in byzantinischen Gewässern, während
Byzanz sich gezwungen sah, in Genua und auch in Pisa gegen Angehörige beider Städte, die in der Ägäis
Piraterie betrieben, diplomatische Schritte zu unternehmen. Nur für die Zeit nach 1172 berichtet KIN-
NAMOS S. 286 von venezianischen Seeräubern in der Romania, die aber nach 1179 bzw. 1183 wohl
wieder verschwunden sein dürften.
71
SAEWULF S. 28f.
72
ANNA KOMNENE XI. 5, S. 23f.
73
MIKLOSICH–MÜLLER V. Nr. 10 (6652 = Okt. 1143, Ind. 7) S. 178–183, 178f.
74
Cf. oben Anm. 60.
75
Cf. z. B. LIBERATIO ORIENTIS S. 117f.; ANNALES PISANI S. 7.
76
MÜLLER, Documenti Nr. 43, S. 20–23. Der Friede gibt sich als Erneuerung eines wahrscheinlich 1175
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 225
Seite die andere nicht hindern, vom Hof des Kaisers Galeeren zur Hilfe gegen die Piraten
anzufordern. Im Fall eines Unternehmens gegen die Korsaren sollten Pisaner und Venezianer
gleichermaßen die Besatzungen der Galeeren stellen. Pisaner und Venezianer, die Seeraub
treiben wollten, [306] sollten daran gehindert werden, ebenso wenn sie dies von Syrien oder
ihren Heimathäfen aus zu tun beabsichtigten77. Das byzantinische Reich erscheint hier
geradezu als ein Tummelplatz der italienischen Seeräuber. Ob allerdings die Maßnahmen, die
zwischen Venedig und Pisa beschlossen worden waren, auch jemals zur Durchführung gelangt
sind, scheint sehr zweifelhaft. Pisa besonders zeigte in den Jahren nach 1182 kaum noch Nei-
gung, seinen piratisierenden Mitbürgern Fesseln anzulegen78. Oberhaupt scheint 1182 der
große Wendepunkt zum noch schlechteren zu sein. Obwohl sowohl Genua als auch Pisa
schon nach relativ kurzer Zeit wieder in Unterhandlungen mit Byzanz traten und keine zehn
Jahre später die alten Beziehungen wiederhergestellt worden waren, dauerte das Piratenun-
wesen fort und verschlimmerte sich immer mehr, ohne daß Byzanz viel dagegen unternehmen
konnte. 1185 beteiligten sich Piraten in großer Zahl an der normannischen Eroberung Thes-
salonikes79. Die pisanischen Freibeuter hatten sich einen eigenen Schlupfwinkel eingerichtet,
den portus Pisanorum am Phinekafluß in Kleinasien. Der französische König Philipp August
kaperte hier auf seiner Rückkehr vom Dritten Kreuzzug vier pisanische Piratengaleeren80. Die
Lage des Hafens war ideal. Er überwachte die [307] große Flottenroute nach Syrien und
Ägypten und lag andererseits nahe der Inselwelt der Ägäis, wo ebenfalls gute Beute zu machen
war. Außerdem scheint er im Niemandsland zwischen Seldschuken und Byzantinern gelegen
zu haben, so daß von der Landseite her kein Angriff zu befürchten war81. Die Schäden, die
geschlossenen Vertrags, der selbst nicht im Wortlaut erhalten ist. Insofern könnten einige Partien, wenn
auch nicht alles, schon 1175 ausgehandelt worden sein. Da dies alles sehr eng mit der Frage zusammen-
hängt, wann Venedig und Byzanz nach dem Bruch von 1171 wieder diplomatische Beziehungen aufge-
noramen haben, sei hier auf eine Erörterung verzichtet und auf Kap. XVII S. 528ff. verwiesen.
77
MÜLLER, Documenti S. 20f.: et statutum etiam inter nos est, quod si cursarii in Romania fuerint et nos ga-
leas a curia domini imperatoris querere voluerimus, nullam nobis inde contrarietatem facere Pisani debeant;
set Pisani insimul nobiscum et (nos) cum Pisanis petere debeamus sine fraude. Et si contigerit, quod eos habere
possimus, communiter ad expellendos cursarios ibimus, utraque pars cum propriis stipendiis, Pisani vero cum
triginta armatis, et si plures venire potuerint absque gravitate, venire debent sine fraude. Quod si percipere po-
tuerimus, quod aliquis de nostris vel de qualicumque parte in cursariam vel in rapinam ire voluerit, nos studi-
ose sine fraude impedire debeamus. Et si scierimus, quod galeae nostrorum Veneticorum exiturae sint vel iam
exierint de Suria vel aliunde in cursariam vel in rapinam ad Pisanorum contrarietatem, nos eos disturbare
debemus sine fraude litteris mandatis et interdictionibus.
78
So ratifizierten die Pisaner 1194 nicht die mit Byzanz ausgehandelten Vereinbarungen, die auch ein Vorge-
hen gegen die Piraten beinhalteten, MÜLLER, Documenti Nr. 44 (Sept. 1197) S. 71–73, 72 (bezieht sich
auf Nr. 41 (Sept. 1195) S. 66); cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1618 (Sept. 1194): Im September 1195 war
Isaak bereits nicht mehr auf dem Thron.
79
EUSTATHIOS S. 100.
80
ROGER VON HOVEDEN S. 158.
81
ROGER VON HOVEDEN S. 157 und 159. Auf seiner Fahrt die Küste von Kleinasien entlang erwähnt
Roger als erste Grenze (zwischen Armeniern und Byzantinern) den Fluß Scalendros (Kelenderi) bei Anti-
226 Kapitel XIII
diese Piraten verursachten, waren so enorm, daß viele der Inseln des Archipels sich entvölker-
ten oder aber selbst zu Piratennestern wurden. Dies galt auch für die größeren unter ihnen82.
Ähnlich war es auf den Inseln rund um die Peloponnes83. Wie stark diese Piraten sich fühlten,
geht auch aus der längeren Blockade der Dardanellen hervor, die mehrere pisanische Galeeren
auf der Höhe von Abydos und sogar im Marmarameer selbst durchführten, unbeschadet der
Drohungen Isaaks. Viel mehr zu unternehmen als das Ausstoßen von Drohungen war dem
byzantinischen Kaiser nicht möglich84. Womöglich die letzte Steigerung dieser Piratengefahr
war die Einnahme und Plünderung der stark befestigten Stadt Adramyttion an der Westküste
Kleinasiens durch den genuesischen Korsaren Gafforio85. Das einzige Mittel, das den Byzanti-
nern dage-[308]gen einfiel, war die Schadloshaltung an den genuesischen Kaufleuten in Kon-
stantinopel86. Militärische Mittel besaßen sie nicht in ausreichendem Maße, erst mit Hilfe
Stiriones, eines anderen italienischen Piraten, gelang es ihnen schließlich, Gafforio zu über-
wältigen87, ein sicheres Zeichen für die Schwäche der byzantinischen Marine in der Epoche
der Angeloi. Eine solche Verfahrensweise mußte Freibeuter geradezu magisch anziehen und
gleichzeitig das Risiko des normalen Kauffahrers erheblich vergrößern. So ist es kein Wunder,
daß wir am Ende des 12. Jahrhunderts in den Handelsdokumenten häufiger denn je auf das
Verbot treffen, die byzantinischen Gewässer anzusteuern88. Es kam so weit, daß es um 1190
herum für sicherer galt, auf dem direkten Weg (von Marseille) ohne Landberührung nach
Syrien zu fahren. Allerdings mußten die meisten Schiffe, insbesondere die Galeeren, diese
ochetta: fluvius est Scalendros dividit terram Erminiorum a terra imperatoris Constantinopolitani. Es folgt
Attaleia, dann der Phinekasfluß, schließlich Myra und Patara. Darauf wird die Grenze zwischen Seldschu-
ken und Byzantinern angeführt: Deinde transivit iuxta montem excelsum valde qui dicitur Turkie, qui divi-
dit terram imperatoris Constantinopolis a terra Soldani de Yconio. Et exinde incipit Romania, quae etiam
Graecia dicitur. Daraus läßt sich nur der Schluß ziehen, daß der Küstenstreifen zwischen Antiochetta und
Attaleia ein vom restlichen Reich isoliertes byzantinisches Territorium gewesen ist, das aber – auch 1190 –
noch stark genug war, sich gegen die Seldschuken zu behaupten. Der portus Pisanorum lag zwischen diesem
Streifen und dem allgemeinen Reichsgebiet auf seldschukischem Boden. Allerdings geht aus dem oben
Gesagten hervor, daß die Seldschuken dort nicht sehr stark gewesen sein können. Es wird sich wohl um
eine Art Niemandsland gehandelt haben.
82
ROGER VON HOVEDEN S. 158, 159 erwähnt u. a. die Inseln Chios, Rhodos, Zypern, Samos, Naxos,
Melos, Korfu, Andros und Tenos und fährt fort: sed multae istarum sunt desertae propter metum piratarum.
Et in multis illarum habitant piratae.
83
Cf. oben Kap. VI s. v. Makronesos, Ägina.
84
DÖLGER, Regesten Nr. 1618 (Sept. 1194).
85
Cf. BRAND, Byzantium S. 214.
86
DÖLGER, Regesten Nr. 1612 (Nov. 1192); 1616 (Okt. 1193).
87
Cf. BRAND, Byzantium S. 154, 214.
88
Die meisten Nachrichten hierüber finden wir bei den genuesischen Notaren, s. z. B. CASSINESE Nr. 19
und 21 (1190 und 1191); GIOVANNI DI GUIBERTO Nr. 649, 661, 694, 695, 779, 835 (alle Kontrakte
vom 20. und 21. 9. 1203). Hier sind die Verbote also möglicherweise mit dem laufenden Vierten Kreuzzug
zu begründen, wie auch bei anderen Verboten z. T. andere Ursachen mitgespielt haben mögen. Aber die
Piraten haben sicher auch eine Rolle gespielt.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 227
Route meiden, da sie nicht sturmfest genug waren. Auch drohte man zu leicht nahe an die
afrikanische Küste und die dortigen Freibeuter zu geraten, so daß man im wesentlichen doch
auf die Wegstrecke über Byzanz angewiesen war89, auch wenn die zunehmende Zahl an Kor-
saren, die sogar ganze Inseln kontrollierten, wie etwa Leone Vetrano auf Korfu90, diese Fahr-
ten immer gefährlicher machten und den Profit, der aus dem Handel auf den Inseln und in
den Küstengebieten erwuchs, durch die ständigen Überfälle und Plünderungen immer gerin-
ger werden ließen.[309]
Dieser Handel hat auch Byzanz im 12. Jahrhundert einiges an Gewinn gebracht, anders
wäre kaum der Aufschwung zu erklären, den z. B. die Peloponnes, aber auch Thessalien, Thra-
kien und Makedonien genommen haben91 . Von einer Ausbeutung des byzantinischen Rei-
ches durch die italienischen Händler sagen die Quellen jedenfalls nichts, die Steuerexemtio-
nen und -erleichterungen für Venedig, Genua und Pisa trafen allenfalls die Staatskasse, nicht
aber die Wirtschaft des Reiches. Im Gegenteil, die starke Nachfrage dürfte auch auf die Pro-
duktion belebend gewirkt haben92.
Dieser Punkt ist von großer Wichtigkeit, da man allgemein in den Privilegien einen ent-
scheidenden Grund für den ökonomischen Niedergang des Reiches im 12. Jahrhundert
sieht93. Aber diese Sichtweise überträgt viel zu sehr Verhältnisse und Anschauungen des 19.
und 20. Jahrhunderts auf solche des Mittelalters. Wir haben gesehen, daß Byzanz im
wesentlichen ein Agrarstaat gewesen ist, der agrarische (Über)Produktion nach Italien und in
die Kreuzfahrerstaaten exportieren konnte und außerdem selbst über eine ausreichende
"industrielle" Kapazität verfügte, um auch in diesem Bereich seine Bedürfnisse selbst befrie-
digen zu können. Von einer Konkurrenz durch italienische Produkte ist in den Quellen kaum
etwas zu finden, von einem etwaigen Ruin byzantinischer Hersteller durch eine solche Kon-
kurrenz überhaupt nichts. Auf der anderen Seite dürfte die ständige Nachfrage der Italiener
nach griechischen Agrarerzeugnissen – vor allem Öl und Getreide – auf die agrarische Pro-
duktion anregend gewirkt haben. Das aber kam wiederum indirekt auch dem byzantinischen
Fiskus zugute, der sich aus den betreffenden Provinzen erheblich mehr Steuern und Abgaben
erhoffen konnte als vor der Intensivierung des Handels mit den Italienern. Der Einnahmever-
lust infolge des Wegfalls bzw. der Verminderung des Kommerkions dürfte auf diese Weise
89
ROGER VON HOVEDEN S. 160 (unmittelbar nach dem Bericht über die Fahrt durch Byzanz und über
die Piraten): Et est sciendum, quod si ventus prosper fuit illis, qui a Marsilia ad Accon ire voluerint, dimittent
insulam de Sardena, et insulam de Sicilia et insulam de Creta longe in sinistra parte navigii, et si rectum cur-
sum tenuerint, non videbunt terram donec videant terram Suliae, et via illa brevior est et securior, sed caven-
dum est illis ne nimium declinent in dextris navigii propter Barbarie et alias insulas multas, in quibus habitant
pageni sub imperatore Africae. Sed galeae non possunt neque audent illam viam ire, quia si tempus supervenis-
sent, ex facili submergerentur; et ideo oportet eas semper ire prope terram.
90
Cf. BRAND, Byzantium S. 172.
91
Cf. oben Kap. IX.
92
Cf. HENDY, Byzantium S. 41.
93
Cf. unten S. 598ff.
228 Kapitel XIII
mehr als ausgeglichen worden sein. Berücksichtigen wir weiter, daß die Handelsintensität
gegenüber der Zeit vor dem 12. Jahrhundert sich wesentlich erhöht haben dürfte, so ist nicht
[310] einmal ein relativer Einkommensverlust der Staatskasse zu konstatieren94, während der
Gewinn aus den steuerlichen Abgaben sich doch erheblich gesteigert haben wird. Diese Be-
steuerung war sicher enorm, dennoch erwecken die Städte und Provinzen des Balkans vor
1180 kaum den Eindruck von Not und Armut, hervorgerufen durch die hohen Steuern, die
alle Vorteile des Handels mit den Lateinern wieder aufgehoben hätten, wie manchmal be-
hauptet wird95. Wieviel Geld nun tatsächlich nach Konstantinopel geflossen sein wird, ist
schwer zu ermitteln, die Nachrichten sind zu spärlich, um ein allgemeines Bild entwerfen zu
können. Immerhin wissen wir durch Benjamin von Tudela, daß der Kaiser allein aus Konstan-
tinopel pro Tag die Summe von 20.000 Nomismata aus Handelsabgaben, Hafen- und Markt-
gebüren erhielt96. Dieser Betrag erschein geradezu exorbitant hoch, er entspräche pro Jahr der
Zahl von 7.300.000 Nomismata oder etwas über 100.000 Goldpfund. An weiteren Zahlen
haben wir eine Mitteilung Arnolds von Lübeck, daß Zypern dem byzantinischen Reich jähr-
lich Abgaben in Höhe von 700 Pfund Gold zahlte97, und eine Rogers von Hoveden, wonach
die jährlichen Abgaben Korfus sich auf 1.500 Goldpfund beliefen, also 50.400 bzw. 108.000
Nomismata98. Allerdings können diese Angaben sich nicht auf die [311] konkrete Situation
um 1190 herum beziehen, da Zypern zur Zeit des Dritten Kreuzzuqs nicht mehr der byzanti-
nischen Regierung unterstand und Korfu gerade eine länger dauernde Besetzung durch den
normannischen Admiral Margaritone hinter sich hatte, die sicher nicht spurlos an der Insel
vorübergegangen ist99. Die angegebenen Summen verdienen Vertrauen, zumal beide Chroni-
sten sich sehr genau und präzise ausdrücken. Von daher gewinnen aber auch die 20.000 No-
mismata pro Tag Benjamins von Tudela etwas an Glaubwürdigkeit, wenn man die Bedeutung
94
Man muß hierbei bedenken, daß Genua und Pisa vor dem 12. Jahrhundert so gut wie überhaupt keinen
Handel in Byzanz getrieben haben und daß auch die Handelsintensität der Venezianer sich nach 1082 mit
aller Wahrscheinlichkeit erheblich verstärkt hat. Die Einnahmen aus dem Kommerkion dürften sich daher
trotz des vollständigen Fortfalls dieser Abgabe für die Venezianer und trotz der Reduktion für Genuesen
und Pisaner insgesamt gesehen nicht so einschneidend verringert haben, wie man auf den ersten Blick an-
nehmen möchte. Genaueres läßt sich aufgrund des Quellenmaterials allerdings nicht mehr feststellen.
95
So HERRIN, Collapse S. 198, 200.
96
BENJAMIN VON TUDELA S. 13.
97
ARNOLD VON LÜBECK, Chronica Slavorum S. 144; diese byzantinischen Goldpfunde entsprachen
nicht unseren heutigen Gewichtseinheiten, sondern das byzantinische Pfund (die litra) wog etwa 320
Gramm, cf. SCHILBACH, Byzantinische Metrologie S. 174.
98
ROGER VON HOVEDEN S. 165; warum Korfu mehr als das Doppelte der Abgaben Zyperns aufzubrin-
gen hatte, ist unmöglich zu sagen. Beide Inseln hatten im 12. Jahrhundert Besetzungen und Plünderungen
über sich ergehen lassen müssen, beide lagen an der Peripherie des Reiches, und beide wurden von den
wichtigsten Handelsrouten berührt. Beide werden auch gleichermaßen als groß und fruchtbar geschildert.
Vielleicht spielte für den anscheinend größeren Reichtum Korfus die Nähe zu den italienischen Seestädten,
besonders Venedig, eine gewisse Rolle.
99
Cf. oben Kap. VI s. v. Zypern; Kap. IX s. vv. Dyrrhachion, Korfu.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 229
und die wirtschaftliche Potenz der Hauptstadt in Relation zu den beiden Inseln setzt. Beide
zählten nicht zu den wichtigsten Provinzen des Reiches, beide waren weit entfernt von den
Machtzentren und beide waren im 12. Jahrhundert Opfer ruinöser Plünderungen und Be-
setzungen geworden. Konstantinopel dagegen war der große Mittelpunkt und auch das große
Warenverteilungszentrum des byzantinischen Reiches, das von fast allen italienischen Händ-
lern angesteuert wurde. Diese Bedeutung drückt sich auch in der unterschiedlichen Höhe der
kaiserlichen Einkünfte aus, wobei bei Korfu und Zypern unter Umständen auch noch die
Aufwendungen für die lokale Administration hinzuzuzählen sind. So scheint die Summe, die
Benjamin von Tudela angibt, durchaus nicht mehr so übertrieben zu sein, wenngleich sie
immer noch zu hoch anmutet. Wie hoch die Einkünfte aus den anderen und wichtigeren
Reichsprovinzen gewesen sind, läßt sich mangels Quellen nicht mehr feststellen. Mit Sicher-
heit dürften sie erheblich höher gelegen haben als im Falle von Zypern und Korfu. Man denke
nur an solche Provinzen wie die Peloponnes, Thessalien, Thrakien, Böotien und an solche
Städte wie Dyrrhachion – das laut Kinnamos allerdings schon längst keine Steuern mehr
zahlte100 –, Korinth, [312] Theben, Sparta/Lakedemonia, Methone, Halmyros, Chrysupolis,
Thessalonike101 und Rhaidestos, um nur einige der wichtigeren zu nennen. Die Einkünfte des
Kaisers dürften demnach im 12. Jahrhundert – zumindest bis 1180 – relativ hoch gewesen
sein, wie hoch genau und ob sie für die Bewältigung der zahlreichen Auf- und Ausgaben
ausreichten, läßt sich auf der Grundlage der vorhandenen Quellen nicht mehr ermitteln.
Ebenso wie sich in den Steuern und Abgaben zwischen der Hauptstadt und den Grenz-
provinzen Zypern und Korfu tiefgreifende Unterschiede zeigen, wie wir eben gesehen haben,
sind in dem ökonomischen Niveau der einzelnen Provinzen und Reichsteile sehr große
Unterschiede zu finden, auch wenn sie sich nicht so direkt in den Nachrichten der Quellen
widerspiegeln. Aber die Anzeichen sind deutlich genug, sowohl im wirtschaftlichen wie auch
im politischen Bereich. An der wirtschaftlichen Entwicklung des Reiches in der Zeit zwischen
1081 und 1204 haben bei weitem nicht alle Provinzen des Reiches in gleicher Weise teilge-
nommen, was sich auch im Anteil dieser Provinzen am Westhandel der Romania – d. h. dem
durch die Händler aus den italienischen Seestädten durchgeführten Handel – ausdrückt102.
Zu dem Schwarzen Meer läßt sich nicht allzuviel sagen, da die Quellen nicht ausreichend
sind. Immerhin war der Handelsweg nach Rußland über den Don auch im Westen gesucht,
100
KINNAMOS S. 280, der aber wohl aufgrund seiner antivenezianischen Tendenz hier übertreibt. Immer-
hin lebten außer den Venezianern auch Griechen in der Stadt, und es lag dort eine Garnison, die die Wün-
sche des Kaisers hätte durchsetzen können.
101
Einen Hinweis auf den Reichtum Thessalonikes mag wenigstens EUSTATHIOS S. 108 bieten, demzu-
folge die Einkünfte des Erzbistums Thessalonike pro Jahr 100 Kentenare Gold betrugen, also 10.000 Gold-
pfund oder 720.000 Nomismata nur für die Kirche. So behaupteten es jedenfalls die normannischen Plün-
derer. Auch wenn man die staatlichen und die kirchlichen Einkünfte nicht unbedingt in Relation zueinan-
der setzen kann, so zeigt sich doch, daß Stadt und Region erhebliche Summen aufbringen konnten.
102
Zu den folgenden Überlegungen werden nur noch vereinzelt Belege angeführt; cf. im einzelnen oben Kap.
VI bis X.
230 Kapitel XIII
wie die vergebliche Bitte der Genuesen um Zulassung zu ihm beweist. Der Rest des Schwarzen
Meeres scheint nicht so begehrt gewesen zu sein, Nachweise für westlichen Handel dort feh-
len bzw. sind sehr unsicher. Trapezunt nahm wohl eine wichtige Rolle ein, doch waren Stadt
und Region schon im 12. Jahrhundert relativ unabhängig von der Zentralregierung in Kon-
stantinopel103. Zum Ende des 12. Jahrhunderts [313] schoben sich zudem seldschukische
Abteilungen immer näher an die Küste heran, bis sie die Landverbindung zwischen Trapezunt
und dem Reich, die für den Handel allerdings nicht entscheidend war, ganz unterbrachen104.
Die Loslösung der Stadt kurz vor 1204 war eine der logischen Folgen105. In gleicher Weise
dürfte im europäischen Hinterland des Schwarzen Meeres die Revolte der Aseniden die by-
zantinische Position auch hier sehr geschwächt haben, wenngleich die byzantinische See-
geltung wohl uneingeschränkt bewahrt blieb. Die hervorragende Rolle Konstantinopels
während des 12. Jahrhunderts, auch und gerade im wirtschafliehen Bereich, läßt natürlich
auch für das Schwarze Meer eine gewisse Wichtigkeit vermuten, die Abschließung dieses
Gewässers gegen die italienischen Kaufleute dürfte ja nicht zuletzt eine ihrer Ursachen in dem
Bestreben gehabt haben, der byzantinischen Hauptstadt ihre Position als Austauschmarkt für
die Produkte, die über das Schwarze Meer aus dem Osten kamen, zu wahren. Dennoch läßt
sich im wirtschaftlichen Bereich über das Schwarze Meer in den Quellen nicht genügend
finden, um konkretere Aussagen machen zu können.
Über das zweite byzantinische "Binnenmeer", die Ägäis, ist mehr bekannt. Es finden sich
auch einige Handelsurkunden, die venezianischen bzw. genuesischen Handel in diesem Ge-
wässer vermuten lassen, jedoch wissen wir nicht genau, inwieweit diese Belege nicht vielleicht
auch nur den Transithandel durch den Archipel betreffen und die dortigen Inseln nur eher
zufällig anführen. Die bedeutendsten dieser Inseln im 12. Jahrhundert dürften Kreta, Chios
und Rhodos gewesen sein, in gewissem Maße vielleicht auch noch Samos und Andros. Zypern
fällt aus diesem Zusammenhang heraus, da es zu weit entfernt war und seine Geschicke eher
mit denen der Kreuzfahrerstaaten als denen des byzantinischen Kaiserreiches zusammenhin-
gen. Hauptausfuhrobjekte des Archipels waren Lebensmittel, in gewissem Maße vielleicht
auch Tuche (Andros), Mastix (Chios) und Wein (Samos). Insgesamt [314] gesehen scheint
das ökonomische Niveau der Inseln eher gering gewesen zu sein. Die seldschukischen Offen-
siven im ausgehenden 11. Jahrhundert, die fortwährenden Angriffe der sizilianischen Nor-
mannen, zuweilen auch Venedigs, Genuas und Pisas, sowie die ausgedehnte Piraterie am Ende
des 12. Jahrhunderts und der völlige Zusammenbruch der byzantinischen Flottenmacht
dürften eine erfolgreiche Verbesserung der Verhältnisse auf Dauer verhindert haben. Der
103
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 21–27, 82–85.
104
S. z. B. DÖLGER, Regesten Nr. 1658 (1201) über einen Vertrag mit einem in Amisos am Schwarzen Meer
residierenden türkischen Emir; allgemein cf. VRYONIS, Decline S. 160–162.
105
Cf. HOFFMANN, Rudimente S. 72f., 125.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 231
Archipel zählte jedenfalls im 12. Jahrhundert eher zu den vernachläßigten Teilen des byzan-
tinischen Reiches.
Ähnlich wie auf den Inseln sah es in den kleinasiatischen Besitzungen von Byzanz aus.
Auch hier finden wir nur relativ wenig venezianische oder genuesische Handelsdokumente,
die auf Städte oder Gegenden in Kleinasien Bezug nehmen. Erwähnung finden praktisch nur
Abydos (wohl mehr in seiner Eigenschaft als Durchgangsstation auf dem Weg von und nach
Konstantinopel), Adramyttion, Smyrna und Attaleia. Die in dem Privileg von 1082 genann-
ten Phokaia, Ephesos und Strobelos werden nicht erwähnt, auch eine so bedeutende Stadt wie
Nikaia findet sich nicht in den Dokumenten. Die Kreuzzughistoriker schildern das byzantini-
sche Kleinasien als verfallen und von dauernden Türkeneinfällen bedroht, und auch Edrisi,
Saewulf und Daniel sehen in Westkleinasien mehr Negatives als Positives – zumindest im
Vergleich zu ihren Schilderungen des eurpäischen Reichsteiles. Die politischen Geschehnisse
bestätigen diesen Eindruck: Auf Mantzikert folgt die seldschukische Eroberung, allenfalls
einige isolierte Punkte blieben im Besitz der Byzantiner. In Nikaia, Smyrna, Ephesos und an
anderen Plätzen bildeten sich seldschukische Herrschaften, die zwar keinen allzulangen
Bestand hatten, aber dennoch die alten Strukturen der Provinzen beeinträchtigen mußten.
Erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts wurde, u. a. dank des Ersten Kreuzzugs, Westkleinasien
wieder byzantinisch. Die türkischen Angriffe dauerten jedoch das ganze 12. Jahrhundert
hindurch fort und brachen oft genug bis an die Küste durch, und einzelne türkische Noma-
dengruppen hielten sich während des ganzen 12. Jahrhunderts weit im Westen der Halbinsel.
Die Landverbindungen waren unsicher. Zu Ende des 12. Jahrhunderts kamen noch die itali-
enischen Piraten hinzu (Plünderung Adramyttions, portus Pisanorum [315] am Phineka),
Attaleia scheint im wesentlichen trotz mancher Interventionen des Kaisers, die bis vor Anti-
ocheia am Orontes führten, isoliert geblieben zu sein, und die byzantinischen Versuche, sich
gegen die Seldschuken durchzusetzen, endeten bei Myriokephalon. Von Waren, die aus Klein-
asien in den Westen gingen, wissen wir kaum etwas, einzig der russische Pilger Daniel erwähnt
die Erzeugung von Weihrauch in der Gegend von Makri. Auch Reisen aus Italien mit einem
ersten Anlaufziel in Kleinasien finden sich erheblich seltener, als es auf dem Balkan der Fall
gewesen ist. Die Bevölkerung litt unter den immer wiederkehrenden und tiefgreifenden seld-
schukischen Einfällen, erst unter Manuel – und nur bis zum Ende seiner Regierungszeit – trat
hier ein vorübergehender Wandel ein. Insgesamt gesehen macht das byzantinische Kleinasien
in der Komnenenzeit eher einen ärmlichen und verfallenen Eindruck, hinter den Balkangebie-
ten steht es eindeutig und weit zurück.
Diese Provinzen auf dem Balkan werden von nahezu allen Quellen des 12. Jahrhunderts
als blühend geschildert. Bei Edrisi häufen sich geradezu die Epitheta: schön, blühend, Zen-
trum des Handels, mit vielen Märkten, bevölkert usw. Ebenso heben die anderen Quellen, wie
etwa Benjamin von Tudela und die Kreuzzughistoriker, den guten Zustand dieser Gebiete
hervor. Auch der größte Teil der Handelsurkunden, die nicht allein Konstantinopel erwäh-
nen, befaßt sich mit den Städten in diesem Teil des Reiches. Hier lagen auch die meisten Han-
232 Kapitel XIII
106
Cf. Hoffmann, Rudimente S. 56ff. (Sguros); S. 47ff. (Chrysos); S. 51ff. (Ivanko),
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 233
Wenn wir die vorliegenden Ergebnisse zusammenfassen, so ist festzustellen, daß während
des 12. Jahrhunderts die Balkangebiete des byzantinischen Reiches, besonders die Peloponnes,
Böotien, Thrakien, Thessalien, Makedonien, Epiros und natürlich vor allem Konstantinopel
mit seinem Hinterland das ökonomische Schwergewicht des byzantinischen Reiches gebildet
haben, gegen das die restlichen Reichsgebiete stark abgefallen sind. Dies drückt sich auch in
der Zahl der lateinischen Handelsunternehmungen aus, die mit geringen Ausnahmen alle in
diese Gebiete gingen. Die Venezianer, Genuesen und Pisaner besuchten hauptsächlich die Bal-
kanmetropolen des Reiches. An Kleinasien, dem Archipel und – gezwungenermaßen – dem
Schwarzen Meer waren sie weniger interessiert. Diese ökonomische Gewichtsverteilung muß-
te natürlich in gewisser Hinsicht auch Folgen auf die Politik der Kaiser haben, die zu untersu-
chen, besonders im Hinblick auf die größte Bedrohung des Reiches im 12. Jahrhundert: die
Normannen Unteritaliens und Siziliens, die Deutschen sowie die Kreuzfahrer, Aufgabe der
folgenden Kapitel sein wird.
Wenngleich aber die wirtschaftliche Blüte der Balkanprovinzen nicht zuletzt auf den
Handel der Italiener zurückzuführen sein dürfte, zumindest zu einem großen Teil, so heißt
dies nicht, daß Byzanz in einer, seine politische Bewegungsfreiheit einengenden Abhängigkeit
von den italienischen Kaufleuten gestande hätte. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß das by-
zantinische Reich des 12. Jahrhunderts im wesentlichen ein Agrarstaat gewesen ist, der von
Einfuhren unabhängig war. Diese Autarkie zeigt sich auch in den Importen. Mit Ausnahme
allenfalls von Alaun und Gewürzen aus Ägypten sind keine Waren nach Byzanz gebracht wor-
den, die im Reich nicht auch hätten selbst produziert werden können und die dort auch pro-
duziert worden sind, wobei der Unterschied zu den Waren aus Italien häufig nur ein preisli-
cher [318] (z. B. bei Tuchen), bisweilen auch qualitativer (z. B. bei Waffen) gewesen sein mag.
Jedenfalls konnte die Romania auch ohne Importe von außerhalb auskommen. Umgekehrt
exportierte das Reich vor allem Lebensmittel, während die Ausfuhr von verarbeiteten Produk-
ten – wenigstens soweit die Quellen eine gesicherte Meinung zulassen – gering gewesen zu
sein scheint. Der Export von Seide wird in der Literatur über mittelalterlichen Fernhandel oft
erwähnt, aber tatsächlich dürften die Quantitäten außerordentlich gering gewesen sein, reich-
ten sie doch nicht einmal aus, den Eigenbedarf der Byzantiner zu befriedigen.
Diese geringe Ausfuhr verarbeiteter Produkte läßt vermuten, daß es relativ wenig "Indu-
strie" im Byzanz des 12. Jahrhunderts gegeben hat, die für den Export produzierte und von
ihm abhängig war. Ein Ausfall des Handels mit den Italienern hatte mithin nur wenig direkte
Folgen. Man wird zwar mit Sicherheit annehmen dürfen, daß die sich im Laufe des 12. Jahr-
hunderts verstärkende Nachfrage der italienischen Händler nach landwirtschaftlichen Er-
zeugnissen auch die landwirtschaftliche Produktion stimuliert und vergrößert haben wird.
Weiter ist zuzugeben, daß ein möglicher Ausfall des Handels zu Überproduktion führen
mußte und das Problem der Lagerhaltung akut werden ließ, aber dies dürfte für die betrof-
fenen Bauern, Zwischenhändler etc. zwar ärgerlich, aber nicht ruinös gewesen sein, zumal
234 Kapitel XIII
107
Die längste Handelspause im 12. Jahrhundert hat es zwischen 1171 und 1182/83 gegeben, als Venedig
und Byzanz im Krieg lagen. Aber dieser Handelsausfall dürfte zumindest teilweise durch das verstärkte
Engagement Genuas und Pisas wettgemacht worden sein.
108
Möglicherweise mag bei dem Verbot, das Schwarze Meer zu befahren, ein wirtschaftliches Interesse mitge-
spielt haben, das den Kaiser bewog, die Italiener nicht weiter als bis nach Konstantinopel kommen zu las-
sen. Doch sind auch andere Erklärungen möglich, cf. oben Kap. VII.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 235
sind. Daß auch die Verhältnisse, Erwartungen und Befürchtungen in dieser und anderen Re-
gionen für die Venezianer, Genuesen und Pisaner von großer, die byzantinischen Interessen
häufig übersteigender Bedeutung gewesen sind, wird ebenfalls in den nächsten Kapiteln zu
zeigen sein.
Obschon wir mit einiger Sicherheit behaupten können, daß der Handel mit Byzanz für
Venedig, in geringerem Maße auch Genua und Pisa, wichtig gewesen ist, sind wir nicht in der
Lage, den Umfang dieses Handels auch nur annähernd abzuschätzen. Die Quellen sind nicht
ausreichend. Als 1162 das embolum de sancta Cruce der Genuesen in Konstantinopel von Pisa-
nern, Griechen und Venezianern geplündert wurde, reklamierte Genua einen Schaden von
rund 30.000 Nomismata109. Zwanzig Jahre später sollen die durch das von Andronikos veran-
laßte Massaker entstandenen Schäden 228.000 Nomismata betragen haben. Aber beide Zah-
len sind nicht allgemeingültig. 1162 waren die Genuesen erst sehr kurze Zeit in Byzanz, ihr
rechtlicher Status war zudem noch nicht letztgültig geklärt, da der Vertrag von 1155 von
Byzanz nicht ratifiziert worden war, und die politischen Beziehungen zwischen Genua und
Konstantinopel in dieser Zeit waren nicht ohne Probleme, so daß man vermuten darf, daß die
Zahl der 1162 in Byzanz handelnden Genuesen – und damit das genuesische Handelsvolu-
men in Byzanz – exzeptionell niedrig gewesen sein dürfte. Umgekehrt 1182: Die Gefangen-
setzung der Venezianer 1171 hatte eine Lücke hinterlassen, die von Genuesen und Pisanern
gefüllt wurde. In den Jahren zwischen 1180 und 1182 scheinen die Angehörigen beider Städte
noch zusätzlich sehr stark von der byzantinischen Regierung begünstigt worden zu sein, so
daß sich 1182 ungewohnt viele Genuesen und Pisanern in Konstantinopel aufgehalten haben
dürften. Außerdem dürf-[321] ten – zumindest 1182 – die auf den Schiffen befindlichen
Güter im großen und ganzen gerettet worden sein. Der Verlust betraf also nur die im Quartier
gelagerten Waren110. Insgesamt gesehen haben beide Zahlen keinen Aussagewert und können
daher nicht zu einer Bestimmung des Handelsvolumens herangezogen werden.
1171 wurden die Venezianer in der Romania gefangengesetzt und ihre Güter konfisziert.
Einige Jahre später kam es zu Friedensverhandlungen, bei denen Byzanz sich bereiterklärte,
einen Schadensersatz in Höhe von 1.500 Goldpfund zu leisten111. Andronikos zahlte eine
erste Rate in Höhe von 100 Goldpfund, dasselbe tat Isaak einige Jahre später. Von diesen Ra-
ten wiederum entschädigte Venedig anteilig seine Mitbürger. Einige Zahlungen sind urkun-
109
ANNALES IANUENSES S. 68; IMPERIALE, Codice II. S. 211 Anm.; SLESSAREV, Pound Value
passim versucht auf der Basis dieses Schadens und der Reklamation Genuas einige Jahre später eine
Berechnung des gesamten Handelsvolumens Genuas 1161/62 zu geben, was uns bei Erfolg automatisch
auch den Anteil des Byzanzhandels am Gesamthandel Genuas geben und von großem Wert sein würde.
Aber seine Berechnungen sind von so vielen und großen Imponderabilien belastet, daß sie nicht mehr
verbindlich sein könnnen und daher nutzlos sind.
110
Daß Genuesen nur in Konstantinopel betroffen gewesen sind und nicht im restlichen Reich, fällt nicht so
sehr ins Gewicht, da Konstantinopel für die Genuesen der bei weitem wichtigste Anlaufpunkt gewesen ist.
111
Cf. oben Kap. I. S. 35ff.
236 Kapitel XIII
denmäßig überliefert und Objekt der Forschung geworden. So hat Heynen auf der Grundlage
der Zahlung des Andronikos einen Gesamtschaden von rund 330.000 Nomismata errechnet.
Borsari errechnet zwischen 329.892 und 445.361 Nomismata112. Die Differenz zwischen
beiden Zahlen ergibt sich aus einem unterschiedlichen Anrechnungsfaktor.
Im Vergleich zu dem Schaden der Genuesen von 1182 erscheint die Summe gering, zu-
mal 1182 nur die Genuesen in Konstantinopel betroffen waren, 1171 dagegen die Venezianer
in der gesamten Romania. Aber diese Überlegung ist überflüssig, da auch die Zahlen Borsaris
und Heynens unnütz sind. Sie sind nicht notwendig falsch, vielmehr ist ihre Richtigkeit nicht
zu beweisen. Zunächst wissen wir nicht, welche Verluste von der Kommune Venedig über-
haupt anerkannt worden sind. Wie lag die Beweislast? Genügten unter Umständen Zeugen-
aussagen und eidliche Versicherungen oder mußten schriftliche Beweise vorgelegt werden? Es
ist schon aufgrund dieser Überlegung nicht mehr möglich, den tatsächlichen Schaden der
Venezianer zu bestimmen. Aber auch die Hochrechnungen selbst sind problematisch. So wis-
sen wir nicht, ob alle Geschädigten [322] nach einem festen Schlüssel ausgezahlt wurden113.
Wie steht es mit dem Staat und der Kirche? Venedig hatte pro Jahr wenigstens 60 Goldpfund
an Jahrgeldern erhalten, die nach 1171 ausfielen. Bis zur Bezahlung der ersten Rate durch
Andronikos sind keine Jahrgelder gezahlt worden. Das ergibt einen Einnahmeausfall von
zwischen 800 und 900 Goldpfund, je nach dem, wann genau Andronikos wieder begonnen
hat, Jahrgelder zu zahlen. Ist diese Summe in den Schadensberechnungen berücksichtigt
worden? Wenn Ja, zu welchem Prozentsatz erfolgte hier die Anrechnung? Ist bei den Ab-
schlagszahlungen immer nur von der gerade von Byzanz gezahlten Rate ausgegangen worden
oder von der Gesamtsumme? 1187 führte Isaak zusätzlich zu der Zahlung von 1.500 Gold-
pfund eine individuelle Schadensregulierung ein. Als diese sich als unmöglich erwies, erhielt
Venedig die Quartiere der Deutschen und der Franzosen mit einem Jahreseinkommen von
fünfzig Goldpfund als Ersatz. Haben diese Vereinbarungen einen Einfluß auf die Auszahlung
der Geschädigten durch die Republik gehabt114? Die Liste solcher Fragen, die praktisch nicht
mehr beantwortet werden können, ließe sich nahezu beliebig verlängern. Sie macht deutlich,
daß die Problematik solcher Untersuchungen zu groß ist, um aus ihren Hochrechnungen
noch verbindliche Feststellungen ableiten zu können. Diese Vorbehalte gelten mutatis mutan-
112
HEYNEN, Kapitalismus S. 61ff. ; BORSARI, Commercio S. 1004f. Anm. 85.
113
Diese Möglichkeit erörtert auch BORSARI, Commercio S. 1005 Anm. 85, mißt ihr allerdings offenbar
keine Bedeutung bei. Sie wird nicht weiter ausgeführt.
114
Hierauf könnte eine Urkunde des Jahres 1193 hindeuten (MdRD Nr. 418 (Juli 1193) Venedig), in der
ebenfalls eine Abschlagszahlung geleistet wird: de illis perperis quos dominus Isaac in Veneciam ... mandavit
de pensionibus domorum in Constantinopoli. Es ist möglich, daß sich dies auf die Zahlung der 250 Gold-
pfund bezieht, was eine Hochrechnung von 375.652 Nomismata ergibt (cf. BORSARI ibidem), man könn-
te aber auch, woran die pensiones domorum denken lassen, eine Zahlung aus den Einnahmen der beiden
Quartiere der Deutschen und Franzosen annehmen, die fünfzig Goldpfund pro Jahr einbrachten und von
Isaak ja ebenfalls zur Abgeltung der venezianischen Schadensersatzforderungen Venedig überlassen worden
waren, in welchem Fall dann nur ein Fünftel der eben genannten Summe in Anschlag zu bringen wäre.
Der Handel der Italiener in der Romania: Zusammenfassung 237
dis in gewisser Weise auch für den folgenden Versuch, das Volumen des byzantinischen Han-
dels in Konstantinopel zu schätzen, und sollten daher im Auge behalten werden, zumal auch
in diesem Fall die Unwägbarkeiten sehr groß sind. Dennoch mag es nützlich sein, zumindest
die untere Grenze dieses Handels zu bestimmen: Im Jahre 1169 pachtete der [323] Venezia-
ner Romanus Mairano die dem Patriarchen von Grado gehörenden Maß- und Gewichtsrechte
innerhalb des venezianischen Quartiers in Konstantinopel auf die Dauer von sechs Jahren für
eine Summe von 500 veronesischen Pfund pro Jahr115. Die Umrechnung zwischen veronesi-
schen Pfund und byzantinischen Nomismata ist nicht ganz eindeutig, aber die Relation
scheint doch etwa 1,67 Nomisma pro veronesischem Pfund zu betragen116. Das heißt, daß die
Pachtsumme insgesamt pro Jahr etwa 835 Nomismata oder rund 11,5 Goldpfund entspro-
chen hat. Der Handel der Venezianer in Konstantinopel muß also umfangreich genug gewe-
sen sein, um – allein aus Maß- und Gewichtsrechten – diese Summe erwirtschaften zu kön-
nen, von dem Gewinn, den Romanus Mairano sich erwartet hat, einmal ganz abgesehen.
Leider wissen wir nicht, wie hoch die Gebühren sind, die Mairano einziehen konnte. Hier
bleiben nur Hypothesen. Im Falle Pisas verfügen wir allerdings über eine fast gleichzeitige
Quelle, die als Maß- und Gewichtsgebühren im pisanischen Quartier in Konstantinopel für
Nichtpisaner ein Prozent und für Pisaner ein halbes Prozent des Warenwertes festsetzt117.
Sehr viel anders dürfte dies auch bei den Venezianern nicht gewesen sein. Auf Mairano über-
tragen würde dies folgendes bedeuten: Wenn er ein halbes Prozent als Gebühr einziehen
konnte, so muß das Gesamtvolumen des venezianischen Handels in Konstantinopel min-
destens 167.000 Nomismata oder annähernd 2.320 Goldpfund pro Jahr betragen haben. Da
man annehmen kann, daß auch Mairano noch seinen Gewinn dabei hat machen wollen,
dürfte der gesamte Umsatz, der über das Quartier lief, noch um einiges höher gewesen sein.
Weiter wären noch die außerhalb Konstantinopels umgeschlagenen Waren hinzuzurechnen,
aber in welchem Ausmaß, kann nicht mehr gesagt werden. Immerhin scheint es sich um die
durchschnittliche Handelshöhe gehandelt zu haben, wofür die Festlegung auf den doch be-
trächtlichen Zeitraum von sechs [324] Jahren spricht. Weitere Aussagen sind nicht möglich,
und auch bei diesen muß immer bedacht werden, daß die Gleichsetzung der Abgabenhöhe im
pisanischen und im venezianischen Quartier rein hypothetisch ist. Schon eine Abweichung
um nur ein Zehntel Prozent würde die Endzahlen beträchtlich verändern. Ebenso fraglich ist,
ob die genannte Zahl irgendetwas aussagt über die Bedeutung des venezianischen Handels in
Byzanz in Relation zudem gesamten Handel Venedigs in Italien und im (außerbyzantini-
schen) östlichen Mittelmeerraum, da wir sie mangels weiterer Angaben nicht zu irgendwel-
115
MdRD Nr. 245 (Januar 1172) Kpl.
116
Cf. BUENGER-ROBBERT, Venetian Money Market S. 61ff., bes. S. 92; es muß ausdrücklich betont wer-
den, daß diese Relation nicht grundsätzlich ist, sondern nur auf wenigen Beispielen fußt. Der Kurs kann
auch erheblich anders ausgesehen haben, was bei der folgenden Berechnung ebenfalls berücksichtigt wer-
den sollte.
117
S. MÜLLER, Documenti Nr. 7 (8. März 1160, Ind. 8) Pisa, S. 8f.
238 Kapitel XIII
chen anderen Zahlen in Beziehung setzen können. Das einzige, was uns bleibt, ist die Feststel-
lung, daß wir über das Volumen des Handels zwischen Byzanz und Venedig, Pisa und Genua
nur sehr begrenzt konkrete Aussagen machen können, daß wir aber andererseits in der Lage
sind festzustellen, daß dieser Handel einen erheblichen Faktor innerhalb der wirtschaftlichen
Einkünfte der Seestädte, besonders Venedigs, dargestellt haben muß.
Die Quellen erlauben uns den Schluß, daß es sich bei dem Handel zwischen Byzanz und
den italienischen Seestädten nicht um den Transport von Luxuswaren, sondern um die Beför-
derung von Massengut gehandelt hat. Wenn dieser Handel dennoch einen erheblichen wirt-
schaftlichen Faktor für die Kommunen dargestellt hat, so muß er einen beträchtlichen Um-
fang gehabt haben. Anscheinend sind mehr Schiffe zwischen Italien, Byzanz, den Kreuzfahrer-
staaten und Ägypten unterwegs gewesen, als man angesichts mittelalterlicher Verkehrsverhält-
nisse bisher anzunehmen bereit gewesen ist. Die Verbindungen zwischen dem westlichen und
dem östlichen Mittelmeerraum sind im 12. Jahrhundert zweifellos um vieles vielfältiger und
enger geworden. Von dieser Seite her erklärt sich auch die gegenüber früher wesentliche
Intensivierung der byzantinischen Italienpolitik im 12. Jahrhundert: Das Mittelmeer war
kleiner geworden und die einzelnen Mächte nicht mehr so isoliert wie zuvor. Wir werden in
den nächsten Kapiteln sehen, wie die Byzantiner sich – mit wechselndem Erfolg – dieser
Entwicklung anzupassen und sie ihren Interessen dienstbar zu machen suchten.
TEIL III. DIE POLITISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN
BYZANZ UND VENEDIG, PISA UND GENUA
Im ausgehenden Reiche der Römer hatten sowohl das Veneto als auch Ligurien zu dem west-
lichen Reichsteil gehört und waren in der Folge an die Ostgoten gefallen. Im 6. Jahrhundert
wurden sie von Ostrom besetzt. Während aber Ligurien dem Reich bald wieder verloren ging,
blieb das Gebiet des späteren Venedig ein integraler Bestandteil des Reiches, zunächst noch
unter der Jurisdiktion des Exarchen von Ravenna, dann ab der Mitte des 8. Jahrhunderts
allein1. Trotz dieser verhältnismäßigen Isolierung lockerten die Verbindungen mit Konstan-
tinopel sich kaum, zumal beide Parteien in ihrem Verteidigungskampf gegen die Sarazenen in
Unteritalien und Sizilien aufeinander angewiesen blieben. Venedig wuchs in dieser Zeit (8.–
10. Jahrhundert) zur wichtigsten Flottenmacht in der Adria heran, als solche auch für Byzanz
eine unentbehrliche Stütze2, während gleichermaßen Byzanz für die venezianischen Kaufleute
ein unentbehrlicher Import- und Exportmarkt war3. Dennoch brachte die relativ selbständige
Stellung, die Venedig dank der geographischen Entfernung, dank seiner wachsenden eigenen
Stärke und ebenso aufgrund seiner Position zwischen den beiden großen Mächten des damali-
gen Abendlandes: dem fränkischen und später deutschen Reich und zwischen dem Staat der
Byzantiner, genoß, im Laufe der Zeit eine zunehmende Lockerung des Abhängigkeitsverhält-
nisses mit sich, so daß die Lagunenstadt im 10. Jahrhundert de jure zwar noch der byzantini-
schen Autorität unterstand, de facto aber schon längst eine eigenständige Macht darstellte.
[326] wenn auch mit besonders engen Verbindungen zu Byzanz4. Dies drückte sich auch in
den erhöhten Abgaben aus, die die venezianischen Händler beim Betreten des byzantinischen
Reiches zu zahlen hatten und die statt des früher üblichen Zolls von zwei Nomismata pro
Schiff nunmehr bis zu einer Höhe von dreißig Nomismata anstiegen5. Gegen diese überhöh-
ten Abgaben wehrte sich die Lagunenstadt, sicher auch unter dem Hinweis auf die veneziani-
sche Hilfe im Kampf mit den Sarazenen um Unteritalien und Sizilien.
1
Zu der Frühzeit von Venedig cf. CESSI, Venezia Ducale I: Le origini II, 1’eta eroica; ORIGINI DI VENE-
ZIA (Sammelband); CARILE–FEDALTO, Origini di Venezia; ANTONIADIS-BIBICOU, Note sur les
relations de Byzance avec Venise; bes. PERTUSI, L’Impero Bizantino ... nell’ alto Adriatico; KRETSCH-
MAYR, Geschichte Venedigs I.
2
Allgemein hierzu cf. EICKHOFF, Seekrieg passim.
3
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 3ff.
4
Hierzu cf. LENTZ, Das Verhältnis Venedigs zu Byzanz; DERS., Übergang; PERTUSI, Venezia e Bisanzio.
5
Die Abgabe wurde beim Passieren der Dardanellen bei Abydos eingezogen, cf. DÖLGER, Regesten Nr.
781 (März 992).
240 Kapitel XIV
6
Cf. oben Kap. I. S. 1ff. – Für die Darstellung, Diskussion und Interpretation der einzelnen Verträge zwi-
schen Byzanz einerseits und Venedig, Genua und Pisa andererseits sei grundsätzlich auf Teil I der vorlie-
genden Arbeit verwiesen. In den folgenden Kapiteln wird nur noch eine kurze Inhaltsangabe der wichtig-
sten Vertragspunkte geboten, während der Hauptakzent auf die politische Entwicklung, in die sich die
Verträge einfügen, von der sie bestimmt werden und die sie wiederum vorantreiben, gelegt werden wird.
Die Kenntnis der verschiedenen Einzelpunkte wird vorausgesetzt.
7
Ob es sich allerdings nach einem so langen Zeitraum überhaupt noch an den alten Vertrag gebunden
gefühlt hätte, sei dahingestellt.
8
DANDOLO S. 197; cf. allgemein auch CESSI, Dalmazia e Bisanzio.
9
KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 136; in ähnlicher Weise hält auch MARGETIC, Vjerodos-
tojnost vijesti Andrije Dandola passim, die wiederholten Angaben Dandolos, daß Dalmatien auf eigenen
Wunsch und mit Zustimmung des Kaisers an Venedig gekommen sei, für eine Fälschung des Chronisten;
zu der Tendenz Dandolos in Bezug auf Byzanz allgemein cf. THIRIET, Byzance et les Byzantins vus par ...
Andrea Dandolo.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 241
Gegenleistung. 1084 sollen Dandolo zufolge Dalmatien und Kroatien noch einmal an
Venedig gefallen sein10, auch dies unwahrscheinlich. Wir finden in den Privilegien des 11. und
12. Jahrhunderts zudem kein einziges Mal den offiziellen Titel Dei gratia Venetiae et Dalma-
tiae Dux ... , den der Doge sich nach 998/999 zugelegt hat, auch dies ein An-[328] zeichen
dafür, daß Byzanz solche Ansprüche nicht anerkannt hat11. Wahrscheinlich versucht der
Chronist hier, den venezianischen Besitz Dalmatiens und später Kroatiens durch einen mög-
lichst früh von Byzanz vergebenen Rechtstitel abzusichern. Aber bei den Ansprüchen, die
Byzanz selbst bis zum Ende des 12. Jahrhunderts auf diese Region erhob, ist eine solche Kon-
zedierung kaum anzunehmen. Im 12. Jahrhundert sollten gerade die Interessenkollisionen in
Dalmatien zu einem wiederholten Streitpunkt zwischen beiden Mächten werden.
1002 sah Venedig sich das erste Mal gezwungen, die 992 eingegangenen Verpflichtungen
einzulösen und seine Flotte Byzanz zur Verfügung zu stellen, als es galt, die von den Sarazenen
belagerte Stadt Bari zu entsetzen. Es wurde ein glanzvoller Sieg, und zum Dank wurde der
Sohn des Dogen nach Byzanz gerufen, dort mit einer byzantinischen Prinzessin verheiratet,
reich beschenkt und mit der Würde eines Patrikios geehrt12. Weitere Privilegien für Venedig
als Gesamtheit folgten nicht.
Für die nächsten siebzig Jahre war dies der letzte offizielle Kontakt zwischen Venedig
und Byzanz, den die Chronisten für aufzeichnungswürdig gehalten haben. Daraus folgt nicht,
daß es in dieser Zeit keine Verbindungen zwischen Venedig und Byzanz gegeben hätte, die
uns erhaltenen Handelsdokumente sind Hinweise auf einen regen kommerziellen Verkehr,
auch wenn sie zu vereinzelt auftreten, um uns ein genaueres Bild über Umfang und Ausmaß
der beiderseitigen Handelsbeziehungen geben zu können, aber es gab eben anscheinend keine
größeren "Haupt- und Staatsaktionen"13. [329]
Genua und Pisa beschränkten sich während des 11. Jahrhunderts bis zum Beginn der
Kreuzzüge vorwiegend auf das westliche Mittelmeer, im Osten waren ihre Schiffe kaum anzu-
treffen. Es existieren keinerlei Belege für einen etwaigen Verkehr zwischen beiden Städten und
Byzanz in dieser frühen Zeit.
Wenngleich die Handelsbeziehungen zwischen Venedig und Byzanz im 11. Jahrhundert
fortdauern sollten, so lockerten sich in dieser Zeit doch die politischen Verbindungen. Der
10
DANDOLO S. 217; cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1109 (1084); cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Vene-
digs I. S. 165, der diesmal den Bericht Dandolos für richtig hält; cf. auch im folgenden.
11
Was den Dogen allerdings nicht gehindert hat, sich diesen Titel zuzulegen, s. z. B. TAFEL–THOMAS Nr.
25 (Juli 1090) S. 55. Es wäre interessant zu sehen, ob er ihn seinerseits im diplomatischen Verkehr mit dem
Kaiser geführt hat. Leider sind die venezianischen Gegenurkunden zu den Privilegien zwischen 1082 und
1147/48 nicht erhalten, so daß nichts weiter gesagt werden kann.
12
TAFEL–THOMAS Nr. 20 (1004) S. 40f.; cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 142; zu den
Kämpfen zwischen Byzantinern und Sarazenen in Unteritalien in dieser Zeit, an denen Venedig auf der
Seite des Reiches mitbeteiligt gewesen ist, cf. jetzt FELIX, Islamische Welt S. 192ff.
13
Wenn man davon absieht, daß einige Dogen im Fall der Not an den Hof der Kaiser geflüchtet sind, cf.
KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I S. 146, 148, 156.
242 Kapitel XIV
Grund hierfür ist in den Krisen zu suchen, die beide Staaten durchmachen mußten. Venedig
hatte schwer zu kämpfen, um seine Vorherrschaft in der Adria und besonders seine Interessen
in Dalmatien zu behaupten, vor allem in den siebziger Jahren des 11. Jahrhunderts14, während
Byzanz sowohl im Inneren wie auch im Äußeren eine der schwersten Krisen seiner Geschichte
durchzumachen hatte. Flotte und Armee zerfielen – beide sollten nie wieder zu ihrer früheren
Stärke zurückfinden –, während im Osten die Seldschuken und im Westen die Normannen
als neue Feinde auftauchen, dazu kamen im Balkanraum die Petschenegen.
1071 fiel mit Bari der letzte byzantinische Stützpunkt in Italien an die Normannen, ohne
daß wir von venezianischer Hilfe in diesen Kämpfen etwas wissen15, und gleichzeitig erlitt die
byzantinische Armee unter der Führung des Kaisers Romanos IV Diogenes eine der schwer-
sten Niederlagen ihrer Geschichte. Nach der Katastrophe von Manzikert überfluteten die
Seldschuken ganz Kleinasien mit Ausnahme einiger weniger Küstenstriche. Auch Antiocheia
am Orontes, die zweite Stadt des Reiches, ging Byzanz verloren, obwohl sie bis 1084 noch de
jure byzantinisch blieb, dies aber nur, weil der neue Herr der Stadt, ein armenischer Truppen-
führer namens Philaretos, den endgültigen Bruch mit dem Reich scheute und den Kaiser in
Konstantinopel dem Namen nach anerkannte. De facto verfolgte er seine eigenen Interes-
sen16. Hinzu kam ein fortschreitender Verfall der kaiserlichen Autorität im Inneren, [330]
gefolgt von einer sich immer schneller ablösenden Reihe von Kaisern, so daß, wie z. B. Run-
ciman meint, nur noch ein Tollkühner oder ein Verrückter nach der Kaiserkrone greifen
konnte17.
In dieser Lage bestieg mit Alexios I. Komnenos ein Vertreter des kleinasiatischen Magna-
tengeschlechts der Komnenen den Thron, trotz seiner Jugend schon ein erfahrener General
und geschickter Diplomat, der sich bei der Niederschlagung verschiedener Usurpationsver-
suche und bei der Überwindung des aufständischen normannischen Söldnerführers Roussel
von Bailleul ausgezeichnet hatte [Link] neue Kaiser sah sich sofort den größten Problemen
gegenüber. Zwar gelang es ihm, seine innerbyzantinischen Widersacher auszuschalten oder
sich mit ihnen zu vergleichen, aber als ungleich gefährlicher erwiesen sich die äußeren Feinde
und unter diesen besonders die Normannen. Diese hatten sich in Unteritalien weitgehend
durchgesetzt. Während der eine Teil unter Roger I. Sizilien den Sarazenen entriß, bereiteten
die anderen nach einer ersten Konsolidierung ihrer Herrschaft in Unteritalien den Angriff auf
Byzanz vor. Anführer war Robert Guiskard und unter ihm an zweiter Stelle sein Sohn Bohe-
mund, der spätere Kreuzfahrer. 1081 begann der Sturm: Korfu wurde erobert, die normanni-
14
Cf. MANDIC, Gregorio VII e l’occupazione veneta della Dalmazia; CESSI, La crisi veneziana; DERS.,
Venezia e la campagna Normanna; SESTAN, La conquista veneziana della Dalmazia.
15
Erst als die Normannen auch in Dalmatien festen Fuß zu fassen suchten, begann die Lagunenstadt sich zu
wehren, cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 159.
16
Cf. Hoffmann, Rudimente S. 5–12.
17
RUNCIMAN, Crusades I. S. 71.
18
Zu Roussel von Bailleul cf. HOFFMANN, Rudimente S. 13–20.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 243
sche Armee landete bei Aulona in Epiros und marschierte geradewegs auf Dyrrhachion, den
westlichen Endpunkt der Via Egnatia und als solcher einer der Schlüsselpunkte des byzantini-
schen Reiches, während die normannische Flotte den Hafen der Stadt abriegelte. Alexios ver-
suchte mit diplomatischen Mitteln zu kontern: Gesandtschaften gingen an einzelne norman-
nische Fürsten, um sie gegen Robert Guiskard aufzuhetzen, an den Papst und sogar an den
deutschen Kaiser Heinrich IV., um sie zum Vorgehen gegen die Normannen zu bewegen19.
Gleichzeitig wurde eine Gesandtschaft mit Geschenken nach Venedig abgeschickt, um Flot-
tenhilfe zu erbitten20. Mit den Seldschuken wurde Frieden geschlossen und der Fluß Drakon
in Bithynien als [331] beiderseitige Grenze festgesetzt21. Wenig später ging man den Seld-
schukensultan sogar um Hilfstruppen an22, und noch etwas später wurden die restlichen by-
zantinischen Truppen aus Kleinasien abgezogen und nach Europa zum Kampf gegen die
Normannen überführt, der Verlust der letzten Besitzungen des Reiches auf der Halbinsel war
die Folge23.
Das Privileg für Venedig 1082
Der erste Erfolg dieser ganzen diplomatischen Aktivität war die rasche Hilfe Venedigs. Ge-
nauso wie sich die Lagunenstadt in den fünfziger Jahren des 12. Jahrhunderts den byzantini-
schen Landungsversuchen in Italien widersetzte, suchte sie jetzt ein Fußfassen der Norman-
nen am östlichen Ufer der Adria zu verhindern, das auch Venedig auf längere Sicht in schwere
Bedrängnis zu bringen drohte. Unter persönlicher Führung des Dogen wurde eine Flotte von
sechzig Schiffen ausgerüstet, die sich Eingang in den Hafen von Dyrrhachion erzwang und die
Stadt mit Nachschub und Lebensmitteln versorgte24. Trotz dieses Erfolgs konnte die Belage-
rung nicht unterbunden werden, und eine schwere Niederlage der byzantinischen Armee
zwang den Kaiser, sich nach Mittelgriechenland zurückzuziehen. Er ließ Dyrrhachion unter
der Obhut venezianischer und amalfitanischer Offiziere zurück. Im Februar fiel die Stadt,
angeblich durch den Verrat ebendieser Besatzung25. Die folgenden Jahre sahen hin und her
wogende Kämpfe, an denen auch die venezianische Flotte mit wechselndem Erfolg beteiligt
war, bis es schließlich 1085 gelang, das durch die Pest und den Tod seines Führers Robert
Guiskard entmutigte normannische Heer zurückzuwerfen.
19
An Kaiser Heinrich IV.: DÖLGER, Regesten Nr. 1068 (ca. Juni 1081); Nr. 1077 (ca. Anf. 1082); Nr. 1080
(vor Mai 1082); Nr. 1114 (Anf. 1084); an den Papst und die Normannenfürsten in Unteritalien: Nr. 1067
(ca. Juni 1081).
20
DÖLGER, Regesten Nr. 1070 (ca. Juni 1081).
21
DÖLGER, Regesten Nr. 1065 (vor 17. Juni 1081).
22
DÖLGER, Regesten Nr. 1069 (ca. Juni 1081).
23
ANNA KOMNENE III. 9, S. 131; zu dem Problem des Kaisers, Seldschuken und Normannen gleichzeitig
zu bekämpfen, cf. auch M. BECK, Alexios Komnenos zwischen Normannen und Türken.
24
Zu dem byzantinisch-normannischen Krieg cf. neben den allgemeinen Darstellungen auch CESSI, Venezia
e la campagna Normanna.
25
ANNA KOMNENE V. 1, S. 7f.
244 Kapitel XIV
Der Anteil Venedigs an diesem Abwehrerfolg war bedeutsam. Aber die Hilfe war nicht
umsonst. Die Venezianer verlangten und erhielten bedeutende Ehrungen, Geldzahlungen und
vor allem wirtschaftliche Vorrechte, die ihrem Handel in Byzanz so bedeutende Vorteile
brachten, daß die Kaufleute der Lagunenstadt schließlich bes-[332] ser gestellt waren als die
byzantinischen Händler selbst26.
Wenn wir die Privilegien des Jahres 1082 zusammenfassen, so ergeben sich drei Haupt-
komplexe:
1. Der Doge Venedigs und der Patriarch von Grado erhielten hohe byzantini-
sche Titel und, mit ihnen verbunden, Jahresgelder von beträchtlicher Höhe:
Insgesamt erhielt Venedig mindestens sechzig Pfund Gold pro Jahr.
2. Venedig erhielt eigene Quartiere in Konstantinopel und Dyrrhachion.
3. Die Kaufleute der Lagunenstadt erfreuten sich in einer Reihe von namentlich
genannten Städten und Plätzen des Reiches vollständiger Abgabenfreiheit.
Als Gegenleistung verpflichtete sich Venedig, abgesehen von dem laufenden Krieg gegen die
Normannen, zu der Unterstützung des Reiches bei Angriffen durch feindliche Seemächte.
Einzelne Forscher haben seit kurzem versucht, diesem Privileg eine "ökonomische" Moti-
vation seitens des byzantinischen Kaisers zu unterstellen. So sieht E. Frances den Grund für
die Ausstellung in dem Bestreben byzantinischer Großgrundbesitzer, den Export ihrer Pro-
dukte nach Westeuropa zu erleichtern, ebenso wie er die Ausschließung der Venezianer aus
dem Schwarzen Meer damit erklärt, daß die byzantinischen Großgrundbesitzer ihren eigenen
Westexport vor der unliebsamen Schwarzmeerkonkurrenz schützen wollten27. Dieser Erklä-
rungsversuch ist abzulehnen: Die Abschließung des Schwarzen Meeres kann, wenn man der
Logik Frances’ folgt, sich nur gegen etwaige nichtbyzantinische Konkurrenz richten, und das
heißt: gegen Großgrundbesitzer o. ä. nördlich der Donaugrenze, auf der Krim und in Südruß-
land. Mit Ausnahme der Krim aber ist dieses Gebiet von den Nomadenstämmen der Petsche-
negen und Kumanen beherrscht worden. Ob es dort in dieser Zeit Bodenkultivierung in
größerem Ausmaß oder gar Großgrundbesitz gegeben hat, sei dem Urteil des Lesers überlas-
sen. Grundsätzlich ist zu fragen, ob der Handel der Venezianer im letzten Viertel des 11.
Jahrhunderts ein Volumen erreicht hatte, das den Export byzantinischer Agrarerzeugnisse in
den Westen in den notwendigen Mengen hätte ermöglichen [333] können28, zumal gefragt
werden muß, ob die ökonomischen Verhältnisse innerhalb des Reiches um 1082 überhaupt
noch Agrarproduktion in dem notwendigen Umfang gestatteten, ganz zu schweigen von
einem Export in den Westen. Immerhin war Kleinasien von den Seldschuken besetzt, und in
den europäischen Reichsteilen herrschten fortwährende Kämpfe zwischen Byzantinern,
26
Zu den Bestimmungen des Privilegs cf. oben S. 8ff.
27
FRANCES, Alexis Comnène et les privilèges octroyès à Venise S. 23.
28
In diesem Sinn schon BORSARI, Crisobullo S. 123 (gegen eine entsprechende Hypothese von TIULIER,
La date exacte S. 40ff.). Ähnlich wie Tuilier. zuletzt und gleichfalls abzulehnende These von FRANKO-
PAN (2004): Zu Frankopan s. oben in der Vorbemerkung zu der pdf-Version dieses Buches S. XIVf.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 245
Normannen und Petschenegen. Die Ansicht Frances' scheint denn doch zu sehr von dem
Wunsch bestimmt, politische Ereignisse um jeden Preis durch ökonomische Gründe zu
motivieren. So wichtig – und leider meist unterschätzt – diese Gründe allgemein auch sein
mögen, im Fall des Privilegs von 1082 sind sie unnötig und, schlimmer noch, den Ereignissen
künstlich aufgezwungen.
Im Gegensatz zu Frances sieht A. Gadolin zwar keine byzantinischen Großgrundbesitzer
als Veranlasser des Privilegs, aber ihr Erklärungsversuch ist noch sinnloser: Sie argumentiert,
daß Alexios als hervorragender Diplomat – der er ohne Zweifel gewesen ist – den Venezianern
kaum freiwillig so große Zugeständnisse gemacht hätte, zumal ja auch Venedig durch den nor-
mannischen Angriff bedroht gewesen sei und daher gar nicht so viel hätte fordern, geschweige
denn durchsetzen können. Die Erklärung müsse daher woanders gesucht werden: Wie schon
A. Lewis nachgewiesen habe29, hätten sich die Handelsströme im ausgehenden 11. Jahrhun-
dert von Konstantinopel nach Nordsyrien: Aleppo und Antiocheia, verlagert. Alexios habe
diesen Handel nun, so Gadolin, nach Konstantinopel zurücklenken wollen und daher das
Privileg erlassen30.
Abgesehen davon, daß Gadolin kaum Quellen nennt, sondern sich fast ausschließlich auf
Lewis stützt – auch den hochwichtigen Aufsatz von Borsari kennt sie nicht –, läßt ihr Aufsatz
auf eine nachgerade bemerkenswerte Unkenntnis der Situation schließen: Sicher ist richtig,
daß auch Venedig von dem normannischen Angriff bedroht worden ist. Aber diese Bedro-
hung war nicht akut, sondern sie galt auf längere Sicht, indem sie Venedig in der Adria ein-
zuschließen drohte. Ein Angriff auf die Lagunenstadt selbst stand [334] 1082 nicht zur De-
batte, während das byzantinische Reich um sein Leben kämpfte. Daran konnte auch ein noch
so gewiegter Diplomat nichts ändern, und Venedig hat diese Situation ausgenutzt. Daß
Alexios aber 1082 überhaupt nicht daran gedacht hat, den Fernhandel von Nordsyrien nach
Konstantinopel zurückzulenken, ergibt sich aus dem Privileg selbst, in dem unter anderen
Städten Antiocheia und Laodikeia in Nordsyrien sowie Tarsos, Adana und Mopsuestia in
Kilikien als Freihandelsorte genannt sind. Wenn Alexios den Fernhandel aus dieser Region
wirklich hätte abziehen wollen, dann hätte er wohl kaum der Nennung von gleich fünf
Städten in diesem Gebiet zugestimmt31.
Demgegenüber bleibt festzuhalten, daß die Situation des byzantinischen Reiches im Jahre
1082 verzweifelt gewesen ist: Kleinasien war verloren, auf dem Balkan standen die Norman-
nen, das byzantinische Heer war schwach, eine griechische Flotte nicht vorhanden. In dieser
Lage war das Bündnis mit Venedig lebenswichtig, das zumindest den Nachschub der Nor-
mannen aus Italien vermindern und zeitweilig sogar unterbinden konnte: ein wesentliches
Erfordernis für den schließlichen Sieg über die Eindringlinge. Daß die Venezianer dieses
29
LEWIS, Naval Power S. 213, 245.
30
GADOLIN, Alexis Comnenus and the Venetian Trade Privileges passim.
31
Zu den Städtenennungen in dem Privileg von 1082 cf. oben Kap. II. S. 50ff.
246 Kapitel XIV
ebenfalls erkannt haben, braucht nicht bezweifelt zu werden. Daß sie ihren Vorteil nach
Kräften ausnutzten, ist erklärlich, ein Vorwurf deswegen wäre unangebracht. Allerdings
konnten so weitgehende Zugeständnisse, wie Venedig sie forderte und erhielt, auf lange Sicht
auch Probleme bringen. Doch ist zu fragen, ob man das in Venedig hätte vorhersehen können,
und selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, ob man darauf hätte verzichten wollen. Der mut-
maßliche Gewinn überstieg etwaige Risiken bei weitem. Betrachten wir das Privileg insgesamt,
so ergeben sich zwar einerseits sehr große Vorteile für Venedig, andererseits aber auch eine viel
stärkere Einflechtung der Lagunenstadt in die Belange des byzantinischen Reiches. Venedig
war stärker geworden, stark genug, um seine eigenen Wünsche durchsetzen zu können –
zumindest teilweise, während die byzantinische Position gleichermaßen schwächer geworden
war, aber gleichzeitig bedeuteten die weitgehenden Privilegien, verbunden mit den entspre-
chenden Gegenleistungen, auch eine [335] Verminderung der venezianischen Bewegungs-
freiheit. Der Umfang dieser Privilegien erklärt sich aus der Not des Reiches, die eine venezi-
anische Hilfe – egal, um welchen Preis – unumgänglich machte. Insofern ist das Chrysobull
auch als Vertrag und nicht als reines Privileg anzusehen: Venedig erhielt Handels- und andere
Vorteile und verpflichtete sich als Gegenleistung gegen die Normannen und allgemein, auch
wenn die Spezifizierung dieser Hilfeleistung für uns nicht mehr erkennbar ist, da die entspre-
chenden Dokumente sich nicht erhalten haben. Aber in diesem Vertrag lag doch eine Gefahr:
Die Privilegien waren so umfangreich, daß es eine Frage sein würde, ob das Reich später, wenn
es wieder stärker und die Erinnerung an die Normannen einmal blasser geworden sein würde,
sich immer noch bereitwillig an seinen Teil der Abmachungen halten würde. Dies ist zwar nur
ex eventu geschlossen, aber die enge Verbindung, hervorgerufen durch das Privileg von 1082,
setzte auch einen Konsens beider Mächte für die Zukunft voraus. Sollte sich dieser Konsens
infolge gegensätzlicher Interessen einmal lockern – etwa wegen der Dalmatienfrage –, moch-
ten die Dinge schwieriger werden. Insofern lag in dem Chrysobull von 1082 nicht nur eine
große Chance für die Stadt am Ende der Adria, sondern auch eine gewisse Gefahr.
1084 verlieh Alexios noch einmal die Würde eines Protosebastos an den Dogen und be-
schenkte ihn darüber hinaus mit Kroatien und Dalmatien32. Dölger bezweifelt diese Verlei-
hung, da "hier die Verleihung der Protosebastoswürde, welche schon 1082 erfolgte, mit der
sonst nirgends bezeugten gewaltigen Erweiterung der Machtsphäre von Venedig fälschlich
verknüpft" worden sei33, jedoch hat Borsari diese doppelte Verleihung mit guten Argumenten
wahrscheinlich gemacht34, so daß an dem Chrysobull von 1084 wohl nicht mehr gezweifelt
werden kann. Fraglich bleibt allerdings weiterhin, ob Alexios auch auf Dalmatien und Kroa-
tien zugunsten Venedigs verzichtet hat. Venedig hätte dies fordern können, gewiß. [336]
Andererseits hätte es sich mit einer solchen Forderung außerhalb des Privilegs von 1082 ge-
32
DANDOLO S. 217.
33
DÖLGER, Regesten Nr. 1109 (1084); von Dölger mit * (= verdächtig) gekennzeichnet.
34
BORSARI, Crisobullo S. 114ff.; zu seiner Argumentation cf. oben Kap. I. S. 8 Anm. 19.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 247
stellt, mit dem seine Hilfe schon bezahlt worden war, und auch die Venezianer mußten sehen,
daß sie den Bogen nicht überspannen durften. Nach dem Ende des Normannenkrieges mußte
sich zeigen, ob der Kaiser seine 1082 in der Not gemachten Zugeständnisse einhalten würde,
und zu weitgehende Erpressungsversuche hätten auch das 1082 Erreichte gefährden können.
Berücksichtigt man weiterhin, daß Dandolo zumindest dreimal von einer Übereignung Dal-
matiens an Venedig spricht, so verlieren seine Aussagen doch sehr an Glaubwürdigkeit35.
Auch wenn man eine 1084 erfolgte Übergabe aufgrund des Mangels an weiteren Quellen
nicht mit letzter Sicherheit ausschließen kann, so ist sie daher doch sehr in Zweifel zu ziehen.
Im Jahre 1090 schenkte der Doge Vitalis Faletrus dem Kloster San Giorgio Maggiore
einen Teil der durch das Privileg erhaltenen Besitzungen in Konstantinopel, darunter auch
eine Landetreppe, diese allerdings vorbehaltlich eigener Nutzung36. In gleicher Weise erhielt
der Patriarch von Grado 1107 die Kirche des Hl. Akyndinos in Konstantinopel mit allem
Zubehör und insbesondere das Recht auf die Maß- und Gewichtsabgaben37. Welche wirt-
schaftliche Bedeutung dieses Privileg für den Patriarchen hatte, geht daraus hervor, daß 1169
Romanus Mairano dieses Recht dem Patriarchen für eine Miete von jährlich 500 veronesi-
schen Pfund auf sechs Jahre abkaufte38.
Man wird diese Schenkungen nicht nur mit religiösen Motiven begründen dürfen, ob-
wohl solche natürlich auch nicht ohne jeden Einfluß gewesen sind. Wichtiger dürfte aber sein,
daß der kommunale Verwaltungsapparat in Venedig am Ende des 11. Jahrhunderts noch
nicht so ausgebildet war, daß er eine Aufgabe wie die Verwaltung eines großen Quartiers in
Übersee ohne Probleme hätte übernehmen können. Die Kirche dagegen verfügte über einen
Apparat, der solches zu tun imstande war. Ähnliche Übereignungen von [337] Quartieren an
die jeweiligen Kirchen finden wir im Heiligen Land und zwar nicht nur bei Venedig, sondern
auch ebenso bei den Genuesen und Pisanern39.
Mit dem Tod Robert Guiskards 1085 auf Kephallenia endete die Normannengefahr,
indes noch nicht die schwierige Lage des Reiches. Die folgenden Jahre sahen Alexios haupt-
sächlich mit der Abwehr von Petschenegen und Seldschuken beschäftigt. Die Petschenegen
brachen mehrmals über die Reichsgrenzen und stießen unter großen Verwüstungen weit in
das Innere vor. Erst 1091 gelang es Alexios in der Schlacht von Levunion, diesen Vorstößen
ein Ende zu setzen, wobei er sich der Hilfe der Kumanen bediente. Im Osten hatten die Seld-
schuken die Gebundenheit der byzantinischen Truppen im Westen genutzt und sich bis an
die Küsten vorgeschoben. Im Westen der Halbinsel entstanden türkische Herrschaften, die
35
998/999 (DÖLGER, Regesten Nr. 789); 1084 und dann noch einmal 1112/1116 (DANDOLO S. 229).
36
TAFEL–THOMAS Nr. 25 (Juli 1090) Venedig S. 55–63; SAN GIORGIO MAGGIORE Nr. 69 (Juli
1090, Ind. 13) Venedig.
37
TAFEL–THOMAS Nr. 32 (Sept. 1107) Venedig.
38
MdRD Nr. 245 (Januar 1172) Venedig.
39
Cf. hierzu FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land (1989).
248 Kapitel XIV
auch auf das Meer hinausgriffen. Im Norden wurde Nikaia sogar Hauptstadt eines seldschu-
kischen Sultanats. Die Stoßrichtung auf Konstantinopel ist eindeutig. Sie wird auch bestätigt
durch die Aktivitäten des seldschukischen Emirs von Smyrna, Tzachas, der eine Flotte zu-
sammenbrachte, die Inseln der Ägäis brandschatzte und zum Teil unter seine Herrschaft
zwang. Im Jahre 1090 stieß Tzachas mit seinen Schiffen im Bündnis mit einem Heer der
Petschenegen sogar bis an den Bosporos vor und blockierte Konstantinopel. Erst der byzan-
tinisch-kumanische Sieg über die Petschenegen zwang auch ihn zur Umkehr, und in den
nächsten Jahren gelang es der fintenreichen Diplomatie des Kaisers, ihn allmählich zu iso-
lieren und auszuschalten. An diesen Kämpfen war auch die byzantinische Flotte beteiligt,
nicht aber die venezianische. Dies könnte darauf hinweisen, daß die maritime Bedrohung, die
Tzachas darstellte, doch nicht so groß gewesen ist. Laut Vertrag wäre Venedig im Falle einer
byzantinischen Bitte ja zur Hilfeleistung verpflichtet gewesen40.
Der Erste Kreuzzug und die Entstehung der Kreuzfahrerstaaten
In der Mitte der neunziger Jahre schien Byzanz das Schlimmste hinter sich zu haben: Die
Petschenegen waren zurückgeworfen worden, ein Einfall der Kumanen konnte mit Erfolg ab-
gewehrt werden, [338] über Rascien hatte das Reich wieder eine, wenn auch nur nominelle,
Oberhoheit zurückgewonnen, und in Kleinasien befand sich das Sultanat Rum im Nieder-
gang, so daß Byzanz sogar daran denken konnte, auf der Halbinsel wieder festen Fuß zu fas-
sen. In diesem Augenblick erschien mit den Truppen des Ersten Kreuzzugs ein neuer und
unvorhersehbarer Faktor auf der Bildfläche, der die byzantinische Politik der nächsten Jahre
stärkstens beeinflussen sollte. Die Begleitumstände des Ersten Kreuzzugs, das Verhältnis
seiner Anführer zu Byzanz und ihre schließliche Festsetzung in Syrien/ Palästina sind be-
kannt, so daß hier nicht näher darauf eingegangen werden muß. Die Fürsten erschienen
nacheinander vor Konstantinopel, und es gelang dem Kaiser, zum Teil erst nach längeren
Auseinandersetzungen, sie zur Ablegung eines Eides zu bewegen, demzufolge sie sich ver-
pflichteten, dem Kaiser nicht zu schaden (Raimund von St. Gilles), ihm keine Teile seines
Reiches wegzunehmen oder ihre Wegnahme zuzulassen und ihm ihre Eroberungen, soweit sie
frühere Teile des Reiches betreffen würden, zurückzugeben (alle Kreuzfahrerfürsten außer
Raimund von St. Gilles)41. Dagegen versprach der Kaiser, die Kreuzfahrer auf ihrem weiteren
Marsch militärisch zu unterstützen. Die Truppen setzten demzufolge nach Kleinasien über
und belagerten Nikaia. Die Stadt ergab sich schließlich dem Kaiser, was zu ersten Verstim-
mungen mit den Kreuzfahrern führte, die sich um die von ihnen ersehnte Plünderung betro-
gen sahen. Trotz zahlreicher Geschenke des Kaisers begann der Riss zwischen beiden Parteien
sich zu vertiefen. Während die Kreuzritterarmee sich in Richtung Palästina aufmachte und
unterwegs – mit Unterstützung eines byzantinischen Hilfskorps – die Seldschuken bei Dory-
40
Cf. unten App. S. 614f.
41
Cf. hierzu und zu den folgenden Ereignissen in Zusammenhang mit dem Ersten Kreuzzug und der Etablie-
rung der Kreuzfahrerstaaten in Syrien und Palästina LILIE (1993) Chap. I und II sowie Appendix I.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 249
laion schlug, wandte der Kaiser sich nach Westkleinasien und eroberte die dortigen Gebiete
für Byzanz zurück. Vor Antiocheia kam es dann aufgrund der Politik Bohemunds zum Bruch.
Tatikios, der General der byzantinischen Hilfstruppe, verließ das Heer, während die Kreuz-
ritter Antiocheia eroberten, es aber nicht an den Kaiser zurückgaben, ebensowenig wie ihre
anderen Eroberungen. Byzanz mußte dies zunächst hinnehmen, ohne sie [339] jedoch damit
abfinden zu können. Weitere Konflikte waren vorgezeichnet .
Im Gefolge dieses Kreuzzugs gerieten nun auch die beiden anderen großen italienischen
Seestädte, Genua und Pisa, in den Bannkreis des byzantinischen Reiches. Bisher hatten ihre
Handelsunternehmungen sich hauptsächlich auf das westliche Mittelmeer konzentriert, nun
bot der Kreuzzug ihnen eine Chance auch für den Osten. Ob diese pisanischen, genuesischen
oder venezianischen Flotten sich dabei von religiösen und nicht kommerziellen Interessen
leiten ließen, ist zu bezweifeln. Das Verhalten zumindest der Pisaner und Venezianer, aber
auch der Genuesen, läßt eher auf letzteres schließen. Wie dem auch sei, ihre Beteiligung war
für die Kreuzritter, die über keine eigenen Seestreitkräfte verfügten, unentbehrlich42.
Die ersten waren die Genuesen, die mit einer kleinen, durch private Initiative ausgerüste-
ten Flotille das Heer des Ersten Kreuzzugs untersützten und dafür u. a. ein Privileg in Antio-
cheia erhielten43. Es folgte eine Flotte der Pisaner. Der pisanische Chronist Maragone gibt die
Zahl ihrer Schiffe mit 120 an44, Anna Komnene sogar, in völliger Übertreibung, mit 90045.
Dem pisanischen Annalisten zufolge plünderten die Pisaner auf ihrem Weg Leukas und Ke-
phallenia, urbes fortissimas. Eine angebliche Seeschlacht zwischen Pisanern und Griechen
konnte, wenn sie überhaupt stattgefunden hat, die Kampfkraft des Geschwaders nicht be-
einträchtigen, das, in Syrien angekommen, zunächst Bohemund von Antiocheia bei der
Belagerung des byzantinischen Laodikeia unterstützte, wobei unklar ist, ob die Pisaner von
Bohemund mit falschen Informationen über Byzanz geködert wurden, wie man später be-
hauptete, oder aber einfach aus Beutegier an der Belagerung teilnahmen. Letzteres ist wahr-
scheinlicher46. Die Einnahme [340] Laodikeias wurde nur durch einige aus Jerusalem über
Nordsyrien in die Heimat zurückkehrende Kreuzfahrerfürsten vereitelt, unter ihnen Robert
von der Normandie, Robert von Flandern und Raimund von St. Gilles, der mit seinen Trup-
pen in der Stadt blieb. Die pisanische Flotte segelte weiter nach Jaffa, und es gelang den Pisa-
nern, ihren Anführer, den pisanischen Erzbischof Daimbert, zum (lateinischen) Patriarchen
von Jerusalem erheben zu lassen. Ihre Vorrangstellung im Königreich Jerusalem wurde jedoch
42
Zu dem Engagement der italienischen Seestädte in den Kreuzfahrerstaaten cf. ausführlich FAVREAU-
LILIE, Italiener im Hl. Land (1989).
43
IMPERIALE, Codice I. Nr. 7 (14. Juli 1098); cf. auch RUNCIMAN, Crusades I. S. 238; SCHAUBE,
Handelsgeschichte S. 123f.
44
ANNALES PISANI S. 7; GESTA TRIUMPHALIA PISANORUM S. 89.
45
ANNA KOMNENE XI. 10, S. 41ff.; zu der angeblichen Seeschlacht zwischen Pisanern und Byzantinern
bei Patara cf. unten App. S. 619f·
46
Cf. LILIE (1993) S. 62.
250 Kapitel XIV
schon wenig später durch die Niederlage gegenüber einer venezianischen Flotte erschüttert,
die im Spätsommer 1099, angeblich in Stärke von 200 Schiffen, Venedig verlassen hatte und
nach einigen Zwischenaufenthalten in Dalmatien auf Rhodos für den Winter Station machte,
wo sie von den Pisanern, die die venezianische Konkurrenz fürchteten, angegriffen wurde.
Die Pisaner und der Bericht der Translatio Nicolai
Die einzige Quelle, die diese Geschehnisse auf und bei Rhodos erwähnt und deren Dar-
stellung bisher allgemein Glauben gefunden hat, ist der venezianische Bericht über die Über-
führung der Gebeine des Hl. Nikolaos von Myra nach Venedig: die sogenannte Translatio
Nicolai47. Ihr zufolge rüsteten die Venezianer aus Begeisterung über den Kreuzzug eine Flotte
von 200 Schiffen aus, die im Herbst 1099 die Lagunenstadt verließ, nicht ohne der Kirche des
hl. Nikolaos auf dem Lido ihre Reverenz zu erweisen. Anschließend fuhr die Flotte die östli-
che Adriaküste hinunter und segelte den bekannten Schiffahrtsweg von der Peloponnes nach
Rhodos, wo man überwinterte. Sobald der byzantinische Kaiser von der Ankunft der Venezia-
ner erfuhr, schickte er Boten, die die Venezianer "durch Drohungen und Geschenke" von
einer Weiterfahrt nach Syrien abbringen sollten. Aber die Mehrzahl lehnte das byzantinische
Ansinnen ab, und auch diejenigen, die doch überzeugt worden waren, wurden durch eine
Rede des Bischofs von Castello, des geistlichen Führers der Flotte, wieder umgestimmt. [341]
Wenig später erschien eine pisanische Armada von fünfzig Schiffen vor Rhodos, die fal-
sche byzantinische Standarten führten, also ein byzantinisches Geschwader vortäuschen woll-
ten48. Die Venezianer schickten ihnen Gesandte entgegen und forderten sie satis humiliter
auf, von ihren Angriffen und Beleidigungen gegenüber Griechen und Venezianern abzulassen.
Die Pisaner antworteten voller Überheblichkeit mit weiteren Schmähungen, bis die Venezia-
ner schließlich mit dreißig Schiffen ausliefen, die fünfzig der Pisaner angriffen und 28 weg-
nahmen bei nur vier eigenen Verlusten. 4.000 Pisaner wurden gefangengenommen. Sobald
der Kaiser hiervon hörte, forderte er die Gefangenen für sich, um sie martern und töten zu
lassen, was die Venezianer ablehnten. Im Gegenteil ließen sie alle Pisaner, bis auf 36, die frei-
willig blieben, frei und nahmen ihnen nur das Versprechen ab, nie mehr die Romania des
Handels wegen zu betreten und keinen Krieg gegen Christen zu führen. Im nächsten Frühjahr
segelte die Flotte von Rhodos über Smyrna (!) nach Myra weiter, wo sie nach eifrigem Suchen
usw. – die Einzelheiten sind hier nicht wichtig – die Gebeine dreier Heiliger, darunter des hl.
47
Kritik findet sich in Ansätzen bei MANFRONI, Storia della Marina Italiana I. S. 141ff.; zu der Seeschlacht
zwischen Venezianern und Pisanern vor Rhodos cf. FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land (1989); zu
der Bedeutung der Translation des Heiligen für Venedig cf. auch PERTUSI, La contesa per le reliquie di
San Nicola passim; DERS., Venezia e Bisanzio: 1000–1204, S. 6ff. (kurze Zusammenfassung).
48
TRANSLATIO NICOLAI S. 258: quod navim imperialem et signa imperialia sibi fecerant. Ob das er-
wähnte kaiserliche Schiff nun tatsächlich von den Pisanern gebaut worden ist oder ob es sich um ein
Beuteschiff gehandelt hat, läßt sich nicht mehr feststellen und ist auch unwichtig. Entscheidend ist, daß die
Pisaner sich als Byzantiner tarnten (so auch weiter unten auf derselben Seite: et imperii fasces mentientes),
zweifellos in der Absicht, die venezianische Flotte unverhofft anzugreifen und zu vernichten.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 251
Nikolaos, fanden und an sich nahmen. Von den Bitten der Einwohner gerührt, ließen sie ei-
nen Teil der Reliquien und eine Geldsumme zurück und fuhren weiter in das Hl. Land, ver-
richteten dort große Taten und kehrten schließlich am 6. Dezember im Triumph nach Ve-
nedig zurück.
Soweit der Bericht des venezianischen Mönches aus dem Nikolaoskloster am Lido. Die
Einzelheiten sind fast sämtlich glaubhaft: Daß der Kaiser eine Verstärkung der Kreuzfahrer in
Syrien nicht wünschte, mit denen er zum Teil in offenem Krieg stand, und deshalb die Vene-
zianer von ihrem Vorhaben abzubringen suchte, ist nicht unwahrscheinlich, ebensowenig, daß
die Venezianer den gefangenen Pisanern das Versprechen abnahmen, niemals des Handels
[342] wegen nach Byzanz zu kommen. Venedig besaß dort quasi ein Handelsmonopol und
konnte an pisanischer Konkurrenz begreiflicherweise nicht interessiert sein.
Dennoch gibt es einige Inkonsequenzen in der Erzählung, die Verdacht erwecken. So legt
der Verfasser Wert auf die Maskierung der pisanischen Flotte als byzantinisch, ein so auffälli-
ger Vorgang, daß er möglicherweise sogar historisch korrekt sein könnte. Aber er stimmt mit
den folgenden Ereignissen nicht überein. Der einzige Zweck einer solchen Maskerade kann
nur darin gelegen haben, die an Land gezogenen venezianischen Schiffe überraschend anzu-
greifen und zu verbrennen, wozu auch die Zahl von fünfzig Schiffen und der Zeitpunkt der
Ankunft der Pisaner: im Winter 1099/1100, also außerhalb der normalen Segelsaison, passen.
Die Größe der venezianischen Flotte war im Hl. Land bekannt, und fünfzig Schiffe konnten
nicht hoffen, in einer offenen Seeschlacht über zweihundert des Feindes zu siegen. Für einen
überraschenden Überfall aber mochten sie ausreichen. Jedoch ist es hierzu nicht gekommen.
Im Gegenteil scheinen die pisanischen Schiffe, folgen wir der Darstellung des Mönches vom
Lido, geradezu vor der Küste auf und ab paradiert zu haben, wobei sie die Venezianer zum
Kampf herausforderten. Und diese sandten schließlich, obwohl ihre Flotte 200 Schiffe zählte,
nur dreißig gegen die Pisaner aus, und diese dreißig kaperten, dazu noch ohne Blutvergießen:
sine sanguine, achtundzwanzig Schiffe der Pisaner. Alles das ist sehr unwahrscheinlich49, und
es weckt Zweifel auch gegen den Rest der Schilderung.
Berücksichtigen wir allerdings, daß es sich bei der Translatio Nicolai nicht um den Be-
richt eines (mehr oder weniger) um Objektivität bemühten Historikers handelt, sondern um
die Verherrlichung der venezianischen "Pilgerfahrt" von 1099/1100 mit dem Höhepunkt der
Auffindung der Reliquien des hl. Nikolaos, so finden alle Widersprüche ihre Erklärung, frei-
lich bricht auch der Wert der Translatio als historisch korrekte Quelle zusammen. Zu einer,
literarisch herausgehobenen, Pilgerfahrt sind bestimmte Bedingungen notwendig, um die Tu-
gendhaftigkeit, den Mut und die Standhaftigkeit der frommen Pilger hervortreten zu lassen.
Kurz gesagt: [343] Eine erfolgreiche Pilgerfahrt bedingt notwendigerweise Versuchungen, die
glücklich überstanden werden: am besten mehrere und in steigender Gefährlichkeit, ebenso
49
Diese Kritik schon bei MANFRONI, ibidem (wie Anm. 47).
252 Kapitel XIV
wie auch auch die Belohnung groß (und möglichst unverhofft) sein sollte. Diese Anforderun-
gen erfüllt – und gar nicht einmal ungeschickt – der Verfasser der Translatio Nicolai.
Das beginnt schon mit dem Aufbruch, der nicht aus kommerziellen, sondern allein
religiösen Beweggründen erfolgt. Die ausdrückliche Erwähnung des Aufenthalts bei der
Kirche des hl. Nikolaos auf dem Lido weist bereits auf den späteren Höhepunkt der Reise hin.
Auf Rhodos beginnen dann die Versuchungen. Der Kaiser sucht die Pilger von der Weiter-
fahrt abzuhalten, natürlich vergebens. Gefährlicher ist der Angriff der Pisaner, der dem
Verfasser Gelegenheit gibt, die positiven charakterlichen Eigenschaften seiner Landsleute
gebührend hervorzuheben. Sie lassen sich nicht zum Kampf reizen, sondern bitten die
Angreifer demütig, von ihren Beleidigungen gegen Griechen (man bittet also nicht nur für
sich selbst, sondern sogar für die Griechen, die doch auch versucht hatten, die Pilgerfahrt zu
behindern) und Venezianer Abstand zu nehmen (Beweis für Demut). Erst als die Pisaner
weiter provozieren, greifen dreißig (von 200) Schiffen die fünfzig pisanischen an (Mut) und
nehmen bei vier eigenen Verlusten 28 Fahrzeuge des Gegners (Tapferkeit und überlegenes
Können) und zwar ohne Blutvergießen – auf einer Pilgerfahrt vergießt man eben nicht das
Blut von Mitchristen, auch wenn man noch so sehr gereizt wird (Frömmigkeit und Näch-
stenliebe). Die 4.000 Gefangenen werden nicht dem Kaiser, der sie töten lassen will, ausge-
liefert, obwohl er sicher viel Geld geboten hatte, sondern sogar freigelassen (Mitleid, Verz-
eihungsbereitschaft und Freigebigkeit). Als Belohnung findet man die Gebeine dreier Heili-
ger. Da die Einwohner über diesen Verlust betrübt sind, läßt man ihnen sogar einen Teil der
Reliquien zurück und gibt ihnen Geschenke (wieder Mitgefühl und Freigebigkeit). Im Hl.
Land angekommen, vollbringt man große Taten und erhält – neben der ewigen Seligkeit
natürlich – als Belohnung reichhaltige Privilegien. Schlußeffekt ist schließlich die Wieder-
ankunft in Venedig am 6. Dezember, dem Festtag des hl. Nikolaos. [344]
Das alles ist eine geschickte dramatische Steigerung in der Darstellung der Pilgerfahrt,
und es zeichnet sich besonders dadurch aus, daß der Verfasser nicht zu plumpen Fälschungen
und Übertreibungen greift, sondern immer relativ nahe an der Wahrheit bleibt: Es hätte so
sein können. Einzig bei der Schilderung des Verhaltens der Pisaner – dramaturgisch notwen-
dig, um in deren Spiegelung das vorbildliche Verhalten der Venezianer um so besser heraus-
zuarbeiten – läßt der Autor sich hinreißen. Ansonsten – und darin liegt seine Stärke – be-
schränkt er sich auf Andeutungen. Aber so sehr diese Darstellung in ihrer bewußten literari-
schen Ausformung besticht und so sehr sie dadurch über vergleichbaren Schilderungen (etwa
der Translatio Isidori zwanzig Jahre später) steht, so wenig ist sie, aus demselben Grund, als
Geschichtsquelle brauchbar. Man kann zwar nicht mit letzter Sicherheit die Unrichtigkeit der
verschiedenen Einzelheiten beweisen, da andere Quellen fehlen, aber die Verdachtsmomente
sind doch so groß, daß man gut daran tun wird, die Translatio Nicolai als Geschichtsquelle für
die Fahrt der venezianischen Flotte von 1099/1100 nicht heranzuziehen. Das einzige, was
wohl in seinem Kern richtig sein wird, ist die Tatsache einer Seeschlacht zwischen Pisanern
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 253
und Venezianern sowie die Auffindung der Reliquien eines Heiligen, ob gerade derjenigen des
hl. Nikolaos, sei dahingestellt.
Es bleibt noch, auf die Aussage zurückzukommen, die 4.000 Pisaner seien gegen das Ver-
sprechen, nie mehr die Romania des Handels wegen zu betreten, freigelassen worden. In
gewisser Hinsicht verwundert dieser Punkt, da 1099/1100 pisanischer Handel in Byzanz
noch gar nicht zur Debatte stand. Er findet aber seine Erklärung, wenn wir berücksichtigen,
daß die Translatio Nicolai erst fünfzehn bis zwanzig Jahre nach den Ereignissen niederge-
schrieben worden ist: zu einer Zeit, als die Pisaner sich (aufgrund des Vertrags von 1110/11)
tatsächlich in der Romania etabliert hatten. Auch hier erweist sich das Geschick des Verfas-
sers, der durch seine Darstellung eben diese Etablierung als Rechtsbruch brandmarkt. Er
spricht solches nicht direkt aus, sondern begnügt sich damit, den Eid zu erwähnen, was für
seine Zeitgenossen völlig ausreichend und – gerade wegen seiner Zurückhaltung – umso
wirkungsvoller gewesen sein dürfte. Auch dieses vermeintli-[345] che Faktum erweist sich so
für den Historiker als unbrauchbar.
Ebenfalls 1100 erschien auch wieder eine genuesische Flotte in der Levante50, die sich an
der Eroberung Caesareas beteiligte. Auf der Rückreise traf sie bei Ithaka auf ein byzantinisches
Geschwader von sechzig Schiffen, griff es an und kaperte, obwohl selbst nur dreißig Einheiten
umfassend, sieben Schiffe der Griechen, die daraufhin um Frieden baten. Man segelte gemein-
sam bis Korfu, wo man auf eine weitere genuesische Flotte von siebzehn Schiffen stieß. Unter-
handlungen mit den Griechen folgten. Sogar eine Gesandtschaft wurde nach Konstantinopel
geschickt, die aber ohne greifbares Ergebnis blieb51. Auch diese Darstellung dürfte, zumindest
in der Form, wie wir sie in der Liberatio Orientis, einer bekannt unzuverlässigen Quelle52,
finden, unrichtig sein. Schon daß die Genuesen eine doppelt so starke byzantinische Flotte
angreifen und besiegen konnten, erweckt Mißtrauen gegen die Zahlenangaben. Daß beide
Flotten anschließend gemeinsam nach Korfu segelten und erst dort ernsthafte Unterhandlun-
gen aufnahmen, klingt noch unglaubwürdiger. Andererseits kennt die Liberatio Orientis sogar
den Namen des byzantinischen Befehlshabers (Landulph) , was das Faktum der Seeschlacht
wahrscheinlich sein läßt. Man wird die Lösung so zu suchen haben, daß die Liberatio zwei
Ereignisse: Seeschlacht und Verhandlungen, zusammenzieht, obwohl es zwischen beiden
wahrscheinlich keine direkte Verbindung gegeben hat. Die Verhandlungen auf Korfu selbst
sind wieder wahrscheinlich. Korfu war eine Anlaufstation für italienische Flotten, und es ist
möglich, daß die dortigen Befehlshaber Anweisung des Kaisers hatten, Verhandlungen mit
Geschwadern, die die Insel anliefen, aufzunehmen, um so eine möglichst störungsfreie Durch-
50
ANNALES IANUENSES S. 5ff. ; LIBERATIO ORIENTIS S. 111ff.; zu der Frage, ob die von Anna
Komnene berichteten Gegenmaßnahmen des Kaisers auf diese Flotte oder auf diejenige des Jahres 1103/04
zu beziehen sind, cf. unten App. S. 620f.
51
LIBERATIO ORIENTIS S. 118.
52
Cf. MAYER–FAVREAU, Goldene Inschrift S. 58ff.; zu Person und Werk Caffaros allgemein cf. FACE,
Caffaro of Genoa, passim; PETTI-BALBI, Storiografia Genovese bes. S. 768ff.
254 Kapitel XIV
querung der byzantinischen Gewässer zu gewährleisten, was für die Küstenregionen und In-
seln der Griechen angesichts der Plünderungen, die die Italiener sich leisteten, nur von Vorteil
sein konnte. Da die Liberatio keine Ergebnisse der Verhandlungen nennt, kann man anneh-
men, daß beide Parteien zu keiner Einigung gelangt sind. [346]
Die kleine genuesische Flotte von siebzehn Schiffen, die im Sommer 1101 bei Korfu
Station gemacht hatte und mit dem aus Syrien zurückkehrenden Geschwader zusammenge-
troffen war, scheint von den Byzantinern nicht behelligt worden zu sein, wie wir aus dem
Schweigen der Quellen schließen können53.
Eine weitere von Genua ausgerüstete Flotte segelte 1103 ins Heilige Land, überwinterte
in Laodikeia54, das kurz zuvor von Tankred für Antiocheia zurückerobert worden war55, und
beteiligte sich 1104 an der Eroberung Akkons56. Auch diese Flotte scheint von den Byzanti-
nern nicht angegriffen oder verfolgt worden zu sein57.
Die Kämpfe mit Bohemund und den Normannen von Antiocheia
Die Rückeroberung Laodikeias und – wenig vorher – Kilikiens durch die antiochenischen
Normannen konnte Alexios nicht unbeantwortet lassen. Im Sommer 1104 erschien ein
byzantinisches Geschwader unter Kantakuzenos vor der Küste Syriens und stürmte Laodikeia.
Nur die Zitadelle blieb normannisch58. Gleichzeitig besetzten griechische Truppen unter
Butumites und Monastras Kilikien und Germanikeia/Marasch59. Zwar ging Germanikeia
bald wieder verloren60, Kilikien und Laodikeia blieben jedoch byzantinisch, letzteres konnte
sogar einen normannischen Angriff er-[347] folgreich zurückweisen61. Nahezu gleichzeitig
53
LIBERATIO ORIENTIS S. 118.
54
ALBERT VON AACHEN IX. 26, S. 605, der auch pisanische Schiffe in Laodikeia erwähnt.
55
Cf. LILIE (1993)S. 71.
56
ANNALES IANUENSES S. 13f.; LIBERATIO ORIENTIS S. 121f.
57
Die Darstellung bei ANNA KOMNENE XI. II, S. 46f., die von einer Verfolgung der genuesischen Flotte
durch die Byzantiner weiß, ist offenkundig falsch, denn Anna läßt die byzantinischen Verfolger, die die
Genuesen nicht erreichen konnten, anschließend – quasi als Kompensation – Laodikeia zurückerobern.
Das aber ist nicht möglich, da die Genuesen in Laodikeia überwinterten, das erst im folgenden Jahr von den
Griechen teilweise zurückgewonnen wurde. Damit aber fällt die Verbindung zwischen der Verfolgung der
Genuesen und der Einnahme Laodikeias, die Anna herstellt. Da sie in diesem Bericht ohnehin in chronolo-
gische Irrtümer verfällt, ist es durchaus möglich, daß die Verfolgung auch die Flotte von 1100/1101 be-
trifft, immer vorausgesetzt, daß die Prinzessin überhaupt korrekt die Geschehnisse schildert. Auch ihr
Bericht über das Zusammentreffen der Pisaner mit den Griechen ist ja maßlos übertrieben, so daß hier
ebenfalls Abstriche gemacht werden müssen, ohne daß wir mangels paralleler Quellenzeugnisse genauere
Aussagen machen können.
58
ANNA KOMNENE XI. 11, S. 47f.
59
ANNA KOMNENE XI. 9/11, S. 40, 49.
60
MATTHAEUS VON EDESSA S. 75.
61
ANNA KOMNENE XI. 11, S. 48f.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 255
erlitten die Heere Antiocheias und Edessas eine schwere Niederlage gegen die Mohammeda-
ner bei Harran in Nordmesopotamien62.
Diese Mißerfolge zeigten nachdrücklich die Schwäche der Position Bohemunds auf:
Seine Streitkräfte mochten in der Lage sein, ihre byzantinischen Gegner im offenen Feld zu
schlagen. Die Eroberung der von den Griechen gehaltenen Städte und Festungen erwies sich
schon als schwieriger, wie die lange Dauer der Belagerung Laodikeias zeigt63, aber das Fürsten-
tum besaß nicht genügend Truppen, um die einmal eroberten Städte auch mit ausreichenden
Besatzungen zu versehen und daneben noch eine genügend starke Feldarmee unterhalten zu
können. Die Niederlage bei Harran zeigte die Schwäche der (zu) kleinen Armee Antiocheias
ebenso, wie die mühelose byzantinische Rückeroberung Laodikeias und Kilikiens. Auch wenn
die byzantinische Flotte nur klein und wenig schlagkräftig war, für eine Bekämpfung Antio-
cheias, das überhaupt keine Kriegsflotte besaß, reichte sie allemal aus.
Die byzantinischen Stützpunkte bedrohten das Gebiet Antiocheias von Norden und
Süden. Nachdem die Armee des Fürstentums durch die Niederlage bei Harran in Mitleiden-
schaft gezogen worden war und dennoch jetzt auch noch zusätzlich die Verteidigung Edessas,
dessen Truppen fast völlig vernichtet worden waren, gegen die Mohammedaner übernehmen
mußte, stiegen die Chancen für eine byzantinische Eroberung des ganzen Fürstentums be-
trächtlich. Auch Bohemund sah in dieser Situation keinen Ausweg mehr, und er beschloß,
nach Italien zurückzukehren, um von dort aus den Kampf mit frischen Kräften neu aufzuneh-
men und das byzantinische Reich von Westen her anzugreifen. Im Herbst des Jahres 1104
verließ er Syrien64.
Die Ereignisse um den folgenden Feldzug Bohemunds gegen Byzanz sind zu bekannt, als
daß sie an dieser Stelle noch einmal in aller Ausführlichkeit dargestellt werden müßten. Eine
kurze [348] Zusammenfassung mag genügen65: Bohemund entfaltete im Abendland eine
lebhafte, gegen Byzanz gerichtete Propaganda. Es gelang ihm schließlich, ein bedeutendes
Heer und eine starke Flotte zusammenzubringen, die Adria zu überqueren und Dyrrhachion
zu belagern. Aber die Vorbereitungen für diese Expedition nahmen erhebliche Zeit in An-
spruch: Zeit, die auch der Kaiser nutzte. Gesandtschaften gingen nach Italien, um dort Stim-
mung gegen den Normannen zu machen und diplomatische Schritte gegen ihn in die Wege zu
leiten. Gleichzeitig wurden Pisa und Genua vor einer Beteiligung an dem Unternehmen ge-
warnt66, offenbar mit Erfolg, denn die Quellen berichten nichts über eine "offizielle" Beteili-
62
Cf. RUNCIMAN, Crusades II. S. 40ff.
63
Cf. LILIE (1993)S. 275f.
64
Cf. LILIE (1993)S. 72ff.
65
Für Quellen und Sekundärliteratur zu dem Feldzug und zu dem Vertrag von Devol zwischen Bohemund
und Alexios cf. die Übersicht bei LILIE (1993)S. 75–82ff.
66
ANNA KOMNENE XII. 1, S. 54.
256 Kapitel XIV
67
Was die Beteiligung einzelner Genuesen und Pisaner natürlich nicht ausschließt. Aber die Kommunen un-
terstützten Bohemund nicht, was schwerer wog.
68
ANNALES VENETICI BREVES S. 70; DANDOLO S. 226.
69
Cf. LILIE (1993)S. 83f.
70
Wenn auch vielleicht im Glauben, daß der Zug sich gegen Syrien und nicht gegen Byzanz richtete, cf.
ROWE, Paschal II., Bohemund of Antioch and the Byzantine Empire passim.
71
Cf. KINDLIMANN, Eroberung Konstantinopels S. 119ff., 129ff.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 257
Die Leichtigkeit, mit der Byzanz den Angriff Bohemunds abzuwehren vermochte, könn-
te dazu verleiten, diesen Krieg für eine nebensächliche und folgenlose Episode zu halten, was
völlig falsch wäre. Er ist im Gegenteil eines der Schlüsselereignisse für die Erklärung der by-
zantinischen Politik im 12. Jahrhundert, auch wenn seine direkten Folgen nur gering waren,
da Tankred in Antiocheia eine Erfüllung der Verpflichtungen Bohemunds ablehnte, der selbst
nicht mehr nach Syrien zurückkehrte, sondern seine letzten Jahre in Italien verbrachte. [350]
Die Kreuzfahrerstaaten und die Position von Byzanz zwischen Ost und West
Entscheidend ist aber weder der Verlauf dieses Krieges noch sein für Byzanz glücklicher Aus-
gang, sondern allein die Tatsache, daß er überhaupt ausbrechen konnte. Zwar hat Byzanz im
gesamten Verlauf seiner Geschichte immer wieder Zweifrontenkriege geführt – Perser und
Avaren, Bulgaren und Araber sind hier nur zwei Beispiele unter vielen –, aber der Krieg gegen
Bohemund ist der erste gewesen, bei dem die Politik des Reiches im Orient einen Angriff aus
dem Okzident verursacht hat. Bohemund hat seinen Angriff auf Dyrrhachion nicht aus rei-
nem Vergnügen durchgeführt, sondern weil er sich in Antiocheia gegen die, freilich durch
seine eigene, aggressive Politik verursachten Angriffe seiner Feinde nicht mehr halten zu
können glaubte. Paradoxerweise hat erst der byzantinische Erfolg gegen Antiocheia, wenn
auch im Verein mit dem muslimischen Sieg bei Harran, den Angriff aus dem Westen provo-
ziert. Dies brachte ein neues Element in die byzantinische Ostpolitik, das Byzanz in Zukunft
zu berücksichtigen hatte. Die Kreuzfahrerstaaten waren eben keine beliebigen Staaten im
Osten, sondern sie waren von Westeuropa aus gegründet worden, sie wurden durch ständigen
Nachschub aus Westeuropa am Leben erhalten, und Westeuropa fühlte sich für sie verant-
wortlich. Solange Byzanz sich mit ihrer selbständigen Existenz nicht abfinden konnte, son-
dern nach ihrer – zumindest teilweisen – Unterwerfung trachtete, mußte es mit feindseligen
Aktionen aus dem Westen rechnen. Das zeigte der Feldzug Bohemunds unwiderleglich, auch
wenn er ohne Erfolg blieb. Wenn aber feindselige Unternehmungen des Reiches gegen die
Kreuzfahrerstaaten ihre Rückwirkungen auf die Westpolitik des Reiches haben konnten, die
es zu neutralisieren galt, dann lag der Umkehrschluß nicht fern, daß die Haltung des Reiches
gegenüber den Kreuzfahrerstaaten sich unter Umständen auch positiv in der Westpolitik des
Reiches einsetzen ließ, wie es unter Manuel I. Komnenos dann auch mit wechselndem Erfolg
versucht worden ist.
Der Kriegszug Bohemunds zeigte aber nicht nur unnachsichtig die Verbindungen zwi-
schen der byzantinischen Ost- und Westpolitik auf, er bestätigte darüber hinaus, daß Byzanz
von jetzt an mit einer neuen Front zu rechnen hatte, von der Angriffe kommen konnten:
Italien. Von Italien her hatte das Reich seit den Zeiten der Ostgoten keine Invasion mehr
erlebt. Die verschiedenen [351] Kriege auf der Halbinsel hatten, auch wenn sie die dortigen
Besitzungen der Byzantiner in Mitleidenschaft zogen, eher lokalen Charakter und stellten für
den Bestand des Reiches keine Gefahr dar. Erst der Angriff Robert Guiskards zeigte, daß
Byzanz jetzt auch von dieser Seite her mit Bedrohungen zu rechnen hatte, und die Expedition
258 Kapitel XIV
Bohemunds bestätigte diese neue Situation. Sie war umso gefährlicher, als die ökonomische
Basis nicht mehr wie in mittelbyzantinischer Zeit in Kleinasien lag, sondern nur noch – und
zwar ausschließlich – in seinen Balkanprovinzen. Vom wirtschaftlichen Standpunkt her
gesehen ist das byzantinische Kleinasien im 12. Jahrhundert ohne Bedeutung gewesen72. Das
aber mußte Auswirkungen auf die Politik des Reiches in dieser Zeit haben. Die Balkanprovin-
zen konnten einmal von Norden her angegriffen werden, dann aber auch von Westen aus
Italien. Die im 12. Jahrhundert gegenüber früher wesentlich intensivierte Ungarnpolitik der
byzantinischen Kaiser, die sich ja schon unter Alexios I. in der Heirat des Thronfolgers mit
einer ungarischen Prinzessin zeigt, findet hier ihre eigentliche Begründung. Weitere poten-
tielle Feinde im Norden waren Petschenegen, Kumanen, Serben, aber auch Kreuzfahrer, die
den Landweg durch den Balkan nahmen. Mindestens ebenso gefährlich war jedoch die Mög-
lichkeit eines Angriffs von Italien her – die verschiedenen Normannenkriege des 12. Jahr-
hunderts wie auch die schließliche Eroberung Konstantinopels 1204 durch den Vierten
Kreuzzug bestätigen diesen Eindruck, der umso bedrohlicher sein konnte, als das Reich im 12.
Jahrhundert nicht mehr über eine ausreichende Kriegsmarine verfügte, die den Übergang
eines feindlichen Heeres über die an der engsten Stelle nur wenige Kilometer breite Adria
unterbinden konnte. Hatte ein solcher Feind sich aber einmal am östlichen Ufer der Adria
festgesetzt und hatte er etwa sogar Dyrrhachion eingenommen, so stand ihm der Weg in die
Kernlande des byzantinischen Reiches offen. Dies zeigen sowohl der Angriff Robert Guis-
kards als auch der 100 Jahre später stattfindende Kriegszug der Normannen gegen Thessalo-
nike. Mit anderen Worten: Italien war – im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten – zum
Glacis geworden, über das Angriffe und zwar lebensbedrohende, gegen das byzantinische
Reich geführt werden konnten – und auch geführt worden sind. Die Kaiser haben die-[352]
ser Situation Rechnung getragen: Alexios I. und Johannes II. mit mehr defensiven, Manuel I.
eher mit offensiven Mitteln.
Das Schlagwort von der "imperialistischen" Politik Manuels, das man diesem Kaiser im-
mer wieder vorgeworfen hat, ist weit übertrieben. Seine Politik entsprach den Realititäten,
mit denen sich das Reich im 12. Jahrhundert abzufinden hatte, wobei der Erfolg oder Miß-
erfolg an dieser Stelle noch nicht beurteilt werden soll.
Wenn aber Italien ein Vorland war, von dem aus Angriffe gegen Byzanz vorgetragen
werden konnten, dann war die Rolle, die die italienischen Seestädte in diesem Raum spielten,
von nicht zu unterschätzender Bedeutung für ein Reich, dessen eigene Flotte nicht stark
genug war, um einen Angriff zu verhindern. Ein solcher Angriff konnte nur über die Adria
vorgetragen werden, brauchte also Schiffe. Und die einzigen Mächte, die über genügend
Seegeltung verfügten für ein solches Unternehmen, waren einmal die Normannen Unter-
italiens und Siziliens und zum anderen Venedig, Genua und Pisa. Wollte Byzanz vor einem
Angriff von Italien her sicher sein, so mußte es sich in erster Linie bemühen, diese Staaten,
72
Cf. oben S. 114ff., 169ff.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 259
wenn schon nicht durch Verträge auf seine Seite zu ziehen, so doch zumindest so gegeneinan-
der auszuspielen, daß sie einander neutralisierten. Von diesem Gesichtspunkt aus muß die
Politik der Kaiser gegenüber den Seestädten interpretiert werden, nicht aber von irgendwel-
chen verwaschenen "kommerziellen" Überlegungen. Selbst wenn es solche gegeben haben
sollte, so traten sie bei weitem hinter den militärisch/politischen Erfordernissen zurück.
Sicher sind diese Überlegungen, so einleuchtend sie vielleicht auch erscheinen mögen,
den Byzantinern nicht sofort und in aller Klarheit bewußt geworden. Sie sind, wie immer in
solchen Fällen, unvermeidlich ex eventu geschlossen. Aber schon der Angriff Robert Guis-
kards hatte die Gefahr gezeigt, die dem Reich von Italien her drohen konnte. Der Kriegszug
Bohemunds bestätigte und verstärkte diesen Eindruck und er zeigte darüber hinaus, daß die
Politik des Reiches in Syrien und Palästina nicht mehr von der Westpolitik des Reiches
getrennt werden konnte, ohne unübersehbare Gefahren heraufzubeschwören. Die Kaiser
hatten diese neuen Faktoren, spätestens seit dem Krieg gegen Bohemund, in [353] ihrer
Politik zu berücksichtigen, sie mochten wollen oder nicht73.
Doch zurück zu den Ereignissen: Da Tankred in Antiocheia den zwischen Bohemund
und Alexios abgeschlossenen Vertrag nicht anerkannte, gaben die Bedingungen dieses Ver-
trags Byzanz zwar eine Bestätigung und Verstärkung seines Rechtsanspruchs auf Nordsyrien,
73
Daß Alexios die Gefahr, die dem Reich von Westen her drohte, genau erkannt hat, zeigen auch die entspre-
chenden Äußerungen, die anscheinend der Kaiser selbst kurz vor seinem Tod niedergeschrieben hat, cf.
MAAS, Die Musen des Alexios S. 356, Zeile 265ff. und S. 357f., Zeile 328ff.
260 Kapitel XIV
ansonsten aber waren sie nur leeres Papier. Ja Byzanz verlor in Nordsyrien sogar 1108 Laodi-
keia, da der größte Teil der dortigen Truppen abgezogen worden war, als Alexios sein Heer
sammelte, um dem Einfall Bohemunds zu begegnen74. Unterstützt bei der Eroberung Laodi-
keias wurde Tankred durch eine pisanische Flotte75. Dies könnte auf eine grundsätzliche
Parteinahme Pisas gegen Byzanz hindeuten, aber andererseits war die kommunale Lenkung
weder in Pisa noch in Genua – anders als in Venedig – stark genug, um alle Bürger auf den
politischen Kurs der Kommune festlegen zu können. Es ist daher auch möglich, daß die
pisanische Flotte, die die Eroberung Laodikeias durch die Normannen ermöglichte, nicht
unbedingt in Übereinstimmung mit der politischen Grundhaltung ihrer Heimatstadt ge-
handelt hat, auch wenn diese die Ergebnisse, die die Flotte vorweisen konnte: die Privilegie-
rung durch Tankred, natürlich gerne übernommen und genutzt hat. Eine Entscheidung
zwischen beiden Möglichkeiten kann nicht mehr getroffen werden.
Wenig später erschien auch wieder eine genuesische Flotte in Syrien. 1105 war vor Tripo-
lis Raimond von St. Gilles gestorben, sein Nachfolger wurde zunächst sein Neffe Wilhelm
Jordan, Graf von Cerdagne, der Byzanz anscheinend ebenfalls den Lehnseid geleistet hat76.
1108 jedoch brach Raimunds Sohn, Bertrand von St. Gilles, mit angeblich 4.000 Mann auf
sechzig genuesischen Schiffen in den Osten auf, um dort als Erbe seines Vaters die Graf-[354]
schaft Tripolis zu übernehmen77. Die Flotte machte auf ihrem Weg in Halmyros in Thessa-
lien Station78, wo herzhaft geplündert wurde79. Sobald Alexios von der Ankunft des Sohnes
seines verstorbenen Vasallen hörte, ließ er ihn durch Gesandte nach Konstantinopel bitten,
74
ANNA KOMNENE XII. 2, S. 56ff. ; zum Zeitpunkt der Einnahme Laodikeias cf. LILIE (1993) S. 83f.
75
Wie aus dem von Tankred für Pisa ausgestellten Privileg hervorgeht, s. MÜLLER, Documenti Nr. 1 (1108,
Ind. 1) S. 3.
76
ANNA KOMNENE XI. 9, S. 39.
77
ALBERT VON AACHEN XI. 3, S. 664; LIBERATIO ORIENTIS S. 122f.; zu den näheren Umständen,
bes. zu der Frage, ob auch Pisaner an dem Unternehmen beteiligt gewesen sind, was abgelehnt werden muß,
cf. FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land (1089).
78
Laut HAGENMEYER, in: FULCHER S. 526 Anm. 1, soll nicht Halmyros in Thessalien, sondern Armi-
roth auf Kreta geplündert worden sein. Die von Albert von Aachen gegebene Namensform Amiroth läßt
beides zu, und Hagenmeyers Vermutung ist insofern nicht ohne jeden Grund, als Kreta auf der direkten
Fahrtroute nach Syrien lag, Halmyros in Thessalien aber nicht. Andererseits wäre bei einem kurzen Plün-
derungsversuch auf Kreta kaum genug Zeit für eine Benachrichtigung des Kaisers, der sich im Spätsommer
1108 in der Gegend von Dyrrhachion aufhielt (September 1108 Friedensvertrag mit Bohemund in Devol),
und die Absendung byzantinischer Boten an Bertrand gewesen, die den Grafen ja noch vor der Weiterfahrt
nach Osten hätte erreichen müssen, so daß – abgesehen von den im folgenden vorgetragenen Überlegun-
gen – das thessalische Halmyros der wahrscheinlichere Ort ist.
79
ALBERT VON AACHEN XI. 3/4 S. 664; man wird aus diesen Plünderungen nicht unbedingt auf anti-
byzantinische Gefühle in Heer und Flotte schließen dürfen. Eher ist anzunehmen, daß Bertrand seine
Leute nicht genügend im Zaum halten konnte, um Ausschreitungen zu verhindern, die es ja auch auf
anderen Zügen ins Hl. Land immer wieder gegeben hat.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 261
wo Bertrand dem Kaiser ebenfalls Treue schwor80. Man kann vermuten, daß Bertrand von
vornherein beabsichtigte, den Kaiser aufzusuchen, denn das thessalische Halmyros lag nicht
auf der gewöhnlichen Fahrtroute von Italien nach Syrien, wohl aber auf dem Weg nach Kon-
stantinopel81. Ob nur Bertrand allein bzw. mit wenigen Begleitern nach Konstantinopel
gegangen ist oder unter Mitnahme seiner Truppen und der Genuesen, ist nicht mehr zu
entscheiden. Das Verhalten der Genuesen in den folgenden Jahren erweckt allerdings den
Eindruck, daß sie, selbst wenn sie Bertrand nach Konstantinopel begleitet haben, mit dem
[355] Kaiser nicht in Verhandlungen getreten sind und wenn doch, dann ohne jeden Erfolg.
Die Motive für die Haltung des Basileus wie auch des Grafen sind leicht verständlich. Alexios
hatte zwar Bohemund besiegt, aber die Bestimmungen des Vertrags waren noch nicht erfüllt
worden. Für den Fall, daß dies auch weiterhin nicht geschehen würde, mochte es gut sein,
einen Verbündeten in der Nachbarschaft Antiocheias zu haben, und Bertrand war immerhin
der Sohn Raimunds, der nicht nur seit dem Ersten Kreuzzug ein erbitterter Feind Bohemunds
gewesen war, sondern auch Lehnsmann des Kaisers. Auf der anderen Seite brauchte Bertrand
für seine Ambitionen in Syrien jede Unterstützung, die er finden konnte, zumal er die Nor-
mannen Antiocheias ohnehin als Feinde ansah, die seinen Vater um den – zumindest teilwei-
sen – Besitz Antiocheias gebracht hatten. Die Spannungen brachen denn auch sofort aus,
nachdem Bertrand Syrien erreicht hatte82.
Die Genuesen hatten zunächst den Grafen von St. Gilles bei der Eroberung von Tripolis
unterstützt, waren aber schon wenig später von Bertrand aus der Stadt vertrieben worden und
schlossen sich nun Antiocheia an. Dies war für Byzanz insofern von Nachteil, als Tankred mit
Hilfe einer 1109 nach Syrien gekommenen genuesischen Flotte von zweiundzwanzig Schiffen
Mopsuestia einnahm und anschließend die Byzantiner ganz aus Kilikien vertrieb83.
80
RUNCIMAN, Crusades II. S. 65f. begründet die freundliche Aufnahme Bertrands in Konstantinopel mit
dem hervorragenden Verhalten der Leute des Grafen, die im Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten
gerade nicht geplündert hätten. Doch schlägt diese Darstellung Runcimans den Nachrichten Alberts von
Aachen, unserer einzigen Quelle über diesen Vorgang, geradezu ins Gesicht. An den Plünderungen ist nicht
zu zweifeln.
81
Zu den Reiserouten von Italien nach Syrien und Konstantinopel im 12. Jahrhundert cf. oben Kap. XI.
82
Cf. CAHEN, Syrie du Nord S. 245f. ; RUNCIMAN, Crusades II. S. 66ff.
83
Die ANNALES IANUENSES S. 15 und die HISTORIA BREVIS REGNI IHEROSOLYMITANI S.
128f. berichten, daß die Genuesen Mopsuestia allein eingenommen hätten. Jedoch wissen wir aus IBN AL-
QALANISI S. 93, daß Tankred a. h. 503 (31. Juli 1109 bis 20. Juli 1110) einen Kriegszug nach Kilikien
unternahm und u. a. Tarsos eroberte. Da Mopsuestia auf dem Weg von Antiocheia nach Tarsos liegt, ist
anzunehmen, daß auch diese Stadt von Tankred eingenommen worden ist, was, wenn wir die genuesischen
Quellen hinzuziehen, darauf schließen läßt, daß Genuesen und Normannen gemeinsam den Ort erobert
haben. Wann dies geschehen ist, läßt sich nicht mehr genau entscheiden, da a. h. 503 zwischen Juli 1109
und Juli 1110 läuft. Denkbar wäre neben dem Spätsommer 1109 also auch das erste Halbjahr 1110, das
vielleicht sogar wahrscheinlicher ist, da Ibn al-Qalanisi den Marsch Tankreds unter anderen, von ihm auf
1110 plazierten Ereignissen erzählt. Aber auch das ist nur Hypothese.
262 Kapitel XIV
Betrachtet man die Beziehungen zwischen Byzanz und den italienischen Seestädten in
dieser Zeit, so läßt sich zwischen Venedig und Byzanz ein freundschaftliches Verhältnis kon-
statieren, das durch die jüngst von Venedig gegen Bohemund geleistete Hilfe noch verbessert
worden sein dürfte, während gegenüber Genua und Pisa erhebliche Vorbehalte bestanden
haben werden. Beider Städte Flotten hatten wiederholt die griechischen Inseln und Kü-[356]
sten geplündert und waren in Gefechte mit der byzantinischen Marine verwickelt worden.
Beide hatten sich noch 1108/09 offener Feindseligkeit gegen das Reich befleißigt – auch wenn
wir nicht sagen können, ob dies der "offiziellen" Politik beider Kommunen entsprochen hat
oder auf die Privatinitiative der jeweiligen Flottenführer zurückzuführen ist –, als Pisaner bei
der Eroberung Laodikeias und Genuesen bei der Einnahme Mopsuestias tätig geworden sind.
Von friedlichen Beziehungen wird man also kaum sprechen können.
Das Privileg für Pisa 1111
Dennoch treffen wir bereits 1109 auf intensivere byzantinische Bemühungen um Pisa. Ob
auch nach Genua Gesandte gegangen sind, wissen wir nicht. Wenn ja, haben sie keinen Erfolg
gehabt. Erst in den vierziger Jahren begannen die Genuesen, Interesse an dem Reich der Grie-
chen zu zeigen. Mit Pisa hatte der Kaiser mehr Erfolg. 1109 verhandelte Basileios Mesemeres
im Auftrag des Kaisers in Pisa84, und es gelang ihm, Übereinstimmung zwischen den Wün-
schen des Kaisers und den Forderungen der Kommune zu erzielen. Im Frühjahr des Jahres
1110 leisteten die Pisaner dem [357]byzantinischen Kaiser einen Sicherungseid85, und im
Herbst des folgenden Jahres erließ Alexios I. ein Chrysobull zugunsten des pisanischen Han-
dels in der Romania86.
84
In der Einleitung des Privilegs werden diese Vorgespräche deutlich erwähnt. Zunächst ist von den verschie-
denen Schreiben an die Kommune Pisa die Rede, die aber keinen Erfolg gehabt hätten. Ob diese Nachricht
vertrauenswürdig ist, sei dahingestellt. ANNA KOMNENE XII. 1, S. 54 erwähnt für 1104 oder 1105
Briefe an Pisa, Genua und Venedig (DÖLGER, Regesten Nr. 1219), um diese Kommunen von einer Betei-
ligung an dem Unternehmen Bohemunds abzuhalten. Weitere Gesandtschaften zwischen Byzanz und Pisa
sind nicht bekannt, und es ist nicht einmal sicher, ob Anna Komnene geglaubt werden kann. Womöglich
will sie durch ihre Darstellung nur die weitreichenden diplomatischen Abwehrmaßnahmen ihres Vaters
illustrieren. Zumindest ein Brief des geschilderten Inhalts an das verbündete Venedig wäre ungewöhnlich.
Ob die Erwähnung in dem Privileg (MÜLLER, Documenti Nr. 34 (Februar 1192, Ind. 10) S. 43 und S.
52) konkrete Verhandlungen voraussetzt, scheint ebenfalls zweifelhaft. Vielleicht gehört es nur zur Topik
eines solchen Vorworts, daß zahlreiche Verhandlungen stattgefunden haben müssen, bevor man zu einem
Ergebnis kommen konnte. Der Zeitpunkt 1109 für die Gesandtschaft des Mesemeres ergibt sich aus dem
Eid der Pisaner am 18. April 1110. Da im Winter die Schiffahrt ruhte, die Verhandlungen aber sicher län-
gere Zeit in Anspruch genommen haben werden – zumal die Pisaner keinesfalls ihre Verpflichtungen be-
schworen haben werden, bevor sie genau und verbindlich wußten, was sie dafür erhalten würden –, ergibt
sich für die Abreise Mesemeres’ aus Byzanz als wahrscheinlichster Zeitraum der Sommer oder Frühherbst
des Jahres 1109.
85
Zum chronologischen Ansatz cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 226 Anm. 1; cf. auch LILIE (1993) S.
87 mit Anm. 108.
86
DÖLGER, Regesten Nr. 1255 (Okt. 1111); cf. oben Kap. III S. 69ff.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 263
Worin lag diese Annäherung zwischen Byzanz und Pisa begründet? Eine erste Antwort
gibt uns der Vertrag selbst. Die Pisaner verpflichteten sich im Frühjahr 1110 zur Anerken-
nung des byzantinischen Reiches in seinem jetzigen und künftigen Umfang: von Kroatien,
Dalmatien und Dyrrhachion bis nach Alexandria87. Sollten Teile des Reiches angegriffen
werden, in denen Pisaner sich aufhielten, so waren jene zur Teilnahme an der Verteidigung
verpflichtet. Während die ersten drei Namen normal sind und 1110 entweder direkt zum
byzantinischen Reich oder doch zu seinem Einflußgebiet gehört haben, fällt Alexandria so
völlig aus dem Rahmen, daß seine Nennung nicht zufällig sein kann. Die Stadt war vor über
450 Jahren dem Reich endgültig verloren gegangen und seither niemals wieder in den Bann-
kreis byzantinischer Rückeroberungspläne getreten. Ihre Erwähnung ist aber dann völlig
logisch, wenn wir uns erinnern, daß nicht nur die Stadt Alexandria selbst genannt ist, sondern
ebenso der Raum zwischen Kroatien, Dalmatien, Dyrrhachion und Alexandria: Und das ist
eben nicht nur das byzantinische Reich, sondern es umfaßt ebenso die Staaten der Kreuzritter
in Syrien und Palästina88. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch eine weitere Passage des
Vertrags, in der der Kaiser sich verpflichtet, pisanische Pilgerschiffe ins Heilige Land nicht zu
behelligen, sofern die von den Pisanern beförderten Pilger vor Fahrtantritt geschworen hatten,
sich nicht an gegen Byzanz gerichteten Aktionen zu beteiligen89. Dies läßt praktisch den Um-
kehrschluß zu, daß Pisa auf die Beförderung von Pilgern, die diesen Eid ver-[358] weigerten,
verzichten mußte. Zwar ist ein solcher Verzicht in dem Vertrag nicht expressis verbis ausge-
sprochen, aber es hätte in Byzanz wohl stärkste Irritationen ausgelöst, wenn die Pisaner poten-
tielle Feinde des Kaisers nach Syrien transportiert hätten.
Weshalb ist nun ein solcher gegen die Kreuzfahrerstaaten gerichteter Vertrag abgeschlos-
sen worden und weshalb gerade zwischen Byzanz und Pisa? Die Antwort liegt auch hier in
dem Verhältnis Byzanz – Antiocheia. In dem Vertrag von Devol hatte Bohemund die Ober-
hoheit des Kaisers anerkannt, einer sofortigen Rückgabe einiger Gebiete in Nordsyrien und
nach seinem Tod der Rückgabe des gesamten Fürstentums (ohne Edessa) an die Griechen
zugestimmt. Dieser Vertrag war in Antiocheia nicht anerkannt worden. Im Gegenteil hatten
die dortigen Normannen gleichzeitig mit dem Krieg in Europa das byzantinische Laodikeia
erobert, ein Zeichen, daß sie nicht daran dachten, sich den Friedensbedingungen zu unterwer-
fen. Damit war dieser Vertrag, was seine unmittelbaren Auswirkungen anbelangt, schon bei
Abschluß Makulatur. Daß der Kaiser sich mit einer solchen Entwicklung nicht abfinden
konnte, liegt auf der Hand. Zunächst scheint er noch den friedlichen Weg verfolgt zu haben:
Eine Gesandtschaft ging an Tankred, wahrscheinlich im Frühsommer 1109, die eine Erfül-
87
S. MÜLLER, Documenti Nr. 34 (Februar 1192) S. 43 griech. Fassung), S. 52 (lateinische Fassung); zu den
folgenden Überlegungen cf. auch die ausführliche Erörterung bei LILIE (1993) S. 88ff.
88
Zu diesen Ansprüchen, die sich nicht auf Antiocheia beschränkten, sondern auch Jerusalem umfaßt zu ha-
ben scheinen, cf. LILIE (1993) S. 21ff.
89
MÜLLER, Documenti, S. 44 (griech.); S. 53 (lat.).
264 Kapitel XIV
lung der Bedingungen des Devolvertrags fordern sollte90. Sie wurde [359] von Tankred
hohnvoll abgewiesen91. Damit war eine Fortsetzung des Krieges unvermeidlich geworden.
Aber gerade die vorangegangenen Auseinandersetzungen mit Bohemund hatten dem Kaiser
deutlich die Gefahren eines Angriffs auf Antiocheia gezeigt. Die Möglichkeit einer byzanz-
feindlichen Reaktion im Abendland war zu groß, um ignoriert werden zu können. So berei-
tete Alexios die Expedition gegen das normannische Fürstentum über eine ganze Reihe von
Jahren sorgfältig vor92. Diese Vorbereitung war auch insofern notwendig, als die Normannen
Antiocheias zwar nicht daran dachten, die von ihrem Fürsten eingegangenen Verpflichtungen
zu erfüllen, den Vertrag also eindeutig brachen, andererseits aber Bohemund noch am Leben
war und sich in Italien aufhielt. Griff der Kaiser ohne Absicherung nach Westen hin Antio-
cheia an, so stand zu befürchten, daß Bohemund die Gelegenheit nutzen, den Kaiser seiner-
seits des Vertragsbruchs beschuldigen und die Gebundenheit der byzantinischen Kräfte vor
Antiocheia zu einem erneuten Angriff von Italien aus nutzen würde. Erst der Tod Bohe-
munds 1111 befreite Alexios von dieser Bedrohung93. Eine wesentliche Intensivierung der
byzantinischen Vorbereitungen ist die Folge gewesen. Dennoch blieb die Möglichkeit eines
Vergeltungsschlags oder auch Ablenkungsangriffs von Italien her bestehen, und der Kaiser
hatte hier vorzusorgen. So erklären sich die Gesandtschaften an das einflußreiche Kloster von
Monte Cassino in Süditalien und an den Papst in Rom, den man u. a. mit der Kirchenunion
zu locken suchte94. Da die Kreuzfahrerstaaten eine besondere Herzenssache des Papstums
waren und dieses von seiner Stellung her in der Lage, unter Umständen einen neuen Kreuzzug
90
Die Gesandtschaft wird von ANNA KOMNENE XIV. 2, S. 147 nach dem Tod Bohemunds erzählt und
demzufolge von DÖLGER, Regesten Nr. 1256 auf 1111/12 datiert, doch cf. LILIE (1993) S. 84 mit Anm.
98. Die dort gegebene Datierung auf 1109 oder 1110 kann noch weiter konkretisiert werden: Sieht man,
wie wir noch zeigen werden, in dem Vertrag Byzanz – Pisa ein gegen Antiocheia gerichtetes Bündnis, so ist
wahrscheinlich, daß der Kaiser dieses Bündnis, für das die Pisaner ja u. a. mit Jahrgeldern, Zollerleichterun-
gen und einem Quartier in Konstantinopel teuer bezahlt wurden, erst abgeschlossen hat, nachdem ihm klar
geworden war, daß eine friedliche Erfüllung des Devolvertrags nicht mehr im Bereich des Möglichen stand.
Das aber war erst dann endgültig, als Tankred die byzantinische Gesandtschaft zurückwies und seinerseits
eine Fortführung des Krieges ankündigte. Da Basileios Mesemeres wahrscheinlich im Spätsommer oder
Frühherbst 1109 nach Pisa abgereist ist (cf. oben Anm. 84), ergibt sich der Frühling desselben Jahres als
wahrscheinlichster Termin für die Gesandschaft an Tankred. Auch von der Situation her ist dieser Termin
naheliegender als 1111/12. Im September 1108 war der Friede mit Bohemund abgeschlossen worden. Was
lag näher, als im nächsten Frühjahr (während des Winters ruhte die Schiffahrt, und die Gesandtschaft
dürfte zu Schiff nach Antiocheia gefahren sein, da der Landweg zu gefährlich war) Gesandte nach Antio-
heia zu schicken und eine Erfüllung der Bedingungen des Friedensvertrags anzumahnen?
91
ANNA KOMNENE XIV. 2, S. 147.
92
Cf. die Darstellung bei LILIE (1993) S. 83ff.; dort auch die Quellen und die Sekundärliteratur.
93
Er starb anscheinend im Frühjahr dieses Jahres.
94
DÖLGER, Regesten Nr. 1261 bis 1264 (alle 1112); zu dem Zusammenhang zwischen diesen Gesandt-
schaften und dem geplanten Angriff auf Antiocheia cf. LILIE (1993) S.92f.; die Gesandtschaft an Paschalis
wird von den meisten Forschern in Zusammenhang mit dem sog. "Zweikaiserproblem" gebracht; cf. aber
hierzu LILIE, Zweikaiserproblem (1985).
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 265
zu ihrer Rettung gegen Byzanz auszuschreiben, war eine Verständigung mit ihm zwingend
notwendig. Erleichtert wurde sie durch die Notlage des Papstes, der zu dieser Zeit sehr von
den Deutschen bedrängt wurde und zeitweilig sogar in Gefangenschaft [360] geriet95. In den
Rahmen dieser Vorbereitungen fällt auch der Vertrag mit Pisa. Byzanz verfügte zwar in Ve-
nedig über einen verläßlichen Bündnispartner – auch wenn die Venezianer ihrerseits, wie wir
noch sehen werden, Forderungen für eine Unterstützung der byzantinische Pläne gegen
Antiocheia stellten –, aber es war in jedem Fall besser, nicht nur von dem Wohlwollen der
Lagunenstadt alleinabzuhängen. Da bei einem Krieg gegen Antiocheia Unterstützung für das
Fürstentum sowohl in einem direkten Angriff auf Byzanz als auch in der Entsendung von
Truppen über See nach Syrien erfolgen konnte, machte Alexios durch den Vertrag mit Pisa
praktisch eine Truppenverschiffung über diesen Hafen unmöglich. Gleichzeitig fiel die pisa-
nische Flotte als möglicher (Mit)angreifer gegen Byzanz aus, im Gegenteil wurde die byzanti-
nische Verteidigung weiter gestärkt. Es ist sogar möglich, wenn auch nicht sehr wahrschein-
lich, daß Pisa durch den Vertrag nicht nur quasi neutralisiert wurde, sondern sogar aktiv an
dem Unternehmen teilnehmen sollte96. In jedem Fall zeigt sich deutlich, daß für den Kaiser
das militärisch/politische Potential Pisas im Vordergrund stand, ökonomische Motive sind
dagegen nicht zu entdecken97.
Weshalb schloß Pisa einen solchen Vertrag ab, der seine Stellung sowohl in Italien als
auch in den Kreuzfahrerstaaten belasten mußte? Die Antwort dürfte einmal in den Verlok-
kungen liegen, die der weite byzantinische Markt den pisanischen Kaufleuten bieten mochte,
zum anderen aber auch in den Verhältnissen Syriens und Palästinas. Die Pisaner hatten sich
im Gefolge ihres großen Flottenunternehmens von 1099/1100 im Königreich Jerusalem eine
herausragende Position geschaffen, ja sogar ihren Erzbischof zum lateinischen Patriarchen von
Jerusalem erheben lassen können. Indes waren die Erfolge nur kurzzeitig. Nach Gottfried von
Bouillon, dem ersten Herrscher in Jerusalem, kam dessen jüngerer Bruder Balduin I. auf den
Thron. Zwischen dem neuen König und dem Patriarchen kam es bald zu erheblichen Span-
nungen, die schließ-[361] lich in der Absetzung des Patriarchen gipfelten. In diesem Streit
scheinen aber auch die Pisaner die Leidtragenden gewesen zu sein. 1109/10 waren sie prak-
tisch aus dem Königreich hinausgedrängt worden, spielten zumindest keine Rolle mehr98. Da
Tripolis auf Seiten der Byzantiner stand, riskierten die Pisaner durch den Vertragsschluß
praktisch nur Nachteile für ihren Handel in Antiocheia. Das war zwar ein Risiko, aber ande-
rerseits wog der zu erwartende Gewinn dieses Risiko völlig auf. Pisa faßte ja nicht nur in Byz-
anz Fuß. Hatte der byzantinische Angriff auf die Kreuzfahrerstaaten Erfolg, so galten die Pisa
verliehenen Privilegien ja auch in Syrien und Palästina.
95
Cf. SERVATIUS, Paschalis II. S. 241.
96
Cf. LILIE (1993) S. 90.
97
Wie sie etwa angenommen werden von GADOLIN, Alexis Comnenus and the Venetian Trade Privileges
S. 444, ohne daß die Autorin das Privileg überhaupt einer eingehenden Untersuchung unterzieht.
98
Cf. zu diesen Vorgängen FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land (1989).
266 Kapitel XIV
Man wird vielleicht fragen, warum die gegen die Kreuzfahrerstaaten gerichteten Bes-
timmungen des Vertrags nur so verschwommen und indirekt formuliert worden sind, wie
geschehen. Die Antwort dürfte in den Implikationen liegen, die das Bündnis mit sich brachte.
Ein Angriff auf die Kreuzfahrerstaaten konnte in Italien nicht populär sein. Es ist daher ver-
ständlich, daß man die Tatsache eines solchen Bündnisses, das sich gegen die Kreuzfahrer-
staaten richtete, nicht laut hinausposaunen wollte, sondern zu verschleiern trachtete, bis der
Bündnisfall tatsächlich eintreten würde.
In ähnlicher Weise ist auch der byzantinische Kaiser nicht geneigt gewesen, seinen Teil
des Vertrages vorzeitig zu erfüllen. Zwar hatten die Pisaner schon 1110 ihre Verpflichtungen
beschworen, aber der Beginn des Angriffs war noch nicht aktuell, so daß der Kaiser eine
Ratifizierung des Abkommens noch hinausschob. Erst im Herbst 1111, als der Angriffsplan
allmählich feste Formen annahm, erließ er das Privileg zugunsten der Pisaner.
Anna Komnene berichtet, daß 1111 eine Flotte, die sich aus pisanischen, genuesischen
und lombardischen Schiffen zusammengesetzt haben soll, einen Angriff auf die Dardanellen
vorgetragen habe, der freilich abgewehrt worden sei99. Soweit pisanische Schiffe an diesem
Unternehmen beteiligt gewesen sind, könnte dies als Versuch gewertet werden, auf Alexios
Druck auszuüben, [362] um den Erlaß des Privilegs zu beschleunigen100. Es ist allerdings auch
möglich, daß beides miteinander überhaupt nichts zu tun hat. Wir haben schon darauf hin-
gewiesen, daß in Pisa wie auch in Genua die kommunalen Regierungen nicht sehr stark
gewesen sind 101, so daß auch hier nicht ausgeschlossen werden kann, daß es sich bei der
Flotte von 1111 nicht um ein "offizielles" Unternehmen gehandelt hat, sondern auf Privat-
initiative zurückzuführen ist. Hierfür spricht, daß sich pisanische, genuesische und lombar-
dische Schiffe zu dieser Expedition zusammengefunden haben sollen. "Offizielle" Flotten
segelten meist für sich, um in den zu erwartenden Verhandlungen den Preis möglichst hoch-
treiben und für ihre Hilfe mehr verlangen zu können. Es ist daher möglich, daß die Schiffe
von 1111 nicht in Übereinstimmung mit der jeweiligen Politik ihrer Heimatstädte gehandelt
haben, sondern daß es ihnen allein um Raub und Beute ging. In diesem Falle wäre der zeitliche
Zusammenhang zwischen dem Angriff auf die Dardanellen und der Erteilung des Privilegs
rein zufällig.
Auch Venedig scheint für eine Unterstützung seinen Preis gefordert zu haben. Dandolo
berichtet, daß 1112 der venezianische Patriarch mit insgesamt vierzehn Schiffen als Ge-
sandter nach Konstantinopel gefahren sei und dort vom byzantinischen Kaiser die Zustim-
mung und sogar Unterstützung einer venezianischen Inbesitznahme Dalmatiens erbeten
habe. Der Kaiser habe grundsätzlich zugestimmt, eine konkrete Entscheidung aber auf später
99
ANNA KOMNENE XIV. 3, S. 154ff.
100
Cf. LILIE (1993) S. 92.
101
Cf. oben S. 353.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 267
verschoben102. Diese Gesandtschaft wirft ein interessantes Licht auf die venezianischen
Interessen. Eine Eroberung des Hl. Landes konnte Venedig nicht unbedingt gelegen kommen,
hatte es doch erst 1110 eine Flotte nach Palästina geschickt, die dort u. a. bei der Eroberung
Sidons mitgewirkt hatte103. Auch dürfte die Privilegierung der Pisaner in Venedig kaum
Freude hervorgerufen haben. Bisher hatten die Venezianer in der Romania praktisch [363]
ohne Konkurrenten, abgesehen von einigen wenigen Amalfitanern, ihrem Handel nachgehen
können. Auch wenn das Privileg für Pisa erheblich weniger umfangreich war als dasjenige
Venedigs von 1082, so bedeutete es doch das Auftreten einer neuen Konkurrenz und somit
eine gewisse Beeinträchtigung des venezianischen Handels, zumal die Pisaner im Gegensatz zu
den Venezianern unterschiedslos im ganzen Reich eine Reduktion der Einfuhrzölle genos-
sen104. Die venezianischen Privilegien von 1082/84 garantierten den Händlern der Lagunen-
stadt freien Handel nur in einer Reihe von namentlich genannten Städten. Orte aus den
Kreuzfahrerstaaten waren – mit Ausnahme des Gebiets von Antiocheia, wo diese Stadt selbst,
Laodikeia sowie die kilikischen Städte Tarsos, Adana und Mopsuestia aufgeführt waren –
nicht darunter, so daß Venedig hier neu hätte verhandeln müssen, wenn es seinen Handel mit
dem Königreich Jerusalem und besonders den profitablen Pilgerverkehr nicht gefährden
wollte. Die Abmachungen von 1082 sahen eine Beteiligung an Offensivkriegen des Reiches
allem Anschein nach nicht vor105, so daß Venedig seine Forderungen stellen konnte. Und es
forderte freie Hand in Dalmatien. Daß dies dem Kaiser äußerst unangenehm sein mußte, liegt
auf der Hand. Erst kurz zuvor hatte er sich von den Pisanern offiziell seinen Herrschaftsan-
spruch auf Dalmatien und Kroatien anerkennen lassen106. Nun forderte Venedig Dalmatien
für sich. Andererseits konnte er eine Verärgerung der Venezianer nicht riskieren. Sie hätte alle
byzantinischen Pläne in Syrien über den Haufen werfen können. So rettete er sich in eine
nichtssagende allgemeine Formulierung, die die Sache offen ließ, von den Venezianern freilich
als Zustimmung ausgelegt wurde, und verschob eine endgültige Entscheidung auf später.
[364] Auch wenn die byzantinische Planung letzten Endes nicht nur auf Antiocheia,
sondern auch auf Jerusalem zielte – wofür das Bündnis mit Pisa der beste Beweis ist –, war das
Fürstentum schon aus geographischen Gründen der vordringliche Gegner. Alexios suchte ihn
auch im Osten zu isolieren. Eine Gesandtschaft ging an den Sultan Mohammed Schah mit der
102
DANDOLO S. 229: Augustus requisicioni consenciens, ad intentum perficiendum dilacionem consuluit; et sic
legatus, optento proposito, ad ducem rediit; cf. auch LILIE (1993) S.92
103
DANDOLO S. 228.
104
Daß die Pisaner Auseinandersetzungen mit den Venezianern in der Romania befürchteten, zeigt auch das
Privileg selbst, das den Pisanern u. a. Rechtsschutz bei venezianischen Übergriffen zusicherte (MÜLLER,
Documenti Nr. 34 (Februar 1192) S. 44 und S. 53; cf. auch oben Kap. III S. 73.
105
Andernfalls die Gesandtschaft von 1112 sinnlos wäre. Zur Abwehr eines Angriffs waren die Venezianer
allerdings gezwungen, wie ihr Verhalten im Krieg gegen Bohemund zeigt, für das sie keine weiteren Privi-
legien oder sonstigen Belohungen erhielten, die die venezianischen Chronisten sicher nicht verschwiegen
hätten.
106
Cf. oben Anm. 87.
268 Kapitel XIV
Aufforderung, die Franken anzugreifen107, eine weitere im Herbst 1111 nach Tripolis und
Jerusalem, um ein Bündnis gegen Antiocheia anzuregen, allerdings ohne Erfolg108.
Das Unternehmen scheint für 1113 geplant worden zu sein. Aber es ist nie in die Tat
umgesetzt worden, trotz der großen Vorbereitungen. Grund hierfür dürfte ein Wiederauf-
flammen des Seldschukenkriegs in Kleinasien 1113 gewesen sein109. Die folgenden Jahre
sahen Alexios im Norden im Kampf mit den Kumanen, dann wieder gegen die Seldschuken,
so daß weder Zeit noch Kraft für eine größere Unternehmung gegen die fernen Kreuzfahrer-
staaten blieben110. Auch mögen das vorgerückte Alter und der schlechte Gesundheitszustand
des Kaisers in diesen Jahren ebenfalls dazu beigetragen haben, daß er den beschwerlichen
Feldzug gegen die Kreuzritter vor sich her schob111.
Insgesamt gesehen hat Byzanz aus den weitgespannten Vorbereitungen keinerlei Nutzen
gezogen. Im Gegenteil hatte es die Pisaner mit Privilegien für eine Unterstützung bezahlt, die
dann nicht in Anspruch genommen wurde. Schlimmer noch sollte es mit Venedig kommen,
denn 1116 marschierten die Venezianer in Dalmatien ein. Dandolo berichtet, daß deutsche
und byzantinische Truppen diese Invasion unterstützt hätten112. Doch ist solches unglaub-
haft. Der deutsche Kaiser hatte in dieser Region noch keine Interessen, und der byzantinische
beanspruchte Dalmatien ohne-[365] hin für sich. Man wird hier wieder mit der schon mehr-
fach erwähnten Tendenz des Chronisten rechnen müssen, der die venezianische Inbesitznah-
me Dalmatiens immer wieder durch förmliche Verleihungen und in diesem Fall sogar durch
die Entsendung von Hilfstruppen von Seiten des oströmischen Kaisers – und auch des west-
lichen, darauf kam es dem Chronisten nicht an – juristisch zu rechtfertigen bestrebt ist. Im-
merhin konnten die Venezianer sich auf die frühere, allerdings unverbindliche, Zusage des
Kaisers von 1112 stützen. Aber der Zug gegen Antiocheia war nicht zustande gekommen,
und das macht es noch unwahrscheinlicher, daß Alexios der venezianischen Invasion Dalma-
tiens zugestimmt haben soll. Es zeigt sich hier das zweite Mal ein Auseinanderklaffen der
Interessen des Reiches und derjenigen Venedigs. Aber dieses Mal war es gefährlicher als 1100,
als Venedig die Kreuzritter in Syrien und Palästina durch die Entsendung einer Flotte unter-
stützt hatte, was den byzantinischen Intentionen sicher nicht entsprochen hat. Dalmatien war
sowohl für die Adriastadt als auch für das Reich – vor allem, seitdem es praktisch auf seine
Balkanprovinzen beschränkt war – ein wichtiges Interessengebiet. Die venezianische Invasion
in Dalmatien dürfte der entscheidende Grund dafür gewesen sein, daß Kaiser Johannes II.
107
DÖLGER, Regesten Nr. 1251 (20. Juli 1110 – 10. Juli 1111 = 504 a. h.); zu den Kämpfen zwischen den
Franken Antiocheias und den Mohammedanern seit 1110 cf. CAHEN, Syrie du Nord S. 251ff.
108
DÖLGER, Regesten Nr. 1257 und 1260 (1111/12); cf. LILIE (1993) S. 85.
109
ALBERT VON AACHEN XII. 15, S. 698.
110
Cf. allgemein die Darstellung bei ANNA KOMNENE ab Buch XIV. 3, S. 154ff.
111
Daß Alexios 1111/12 unter körperlichen Beschwerden zu leiden hatte, sagt ANNA KOMNENE XIV. 2,
S. 152; allgemein zu dem Gesundheitszustand des Kaisers cf. ALEXANDRIDES, Krankheiten des Alexios.
112
DANDOLO S. 230.
Bis zum Tode Alexios’ I. Komnenos (1118) 269
Komnenos nach seinem Regierungsantritt die Handelsprivilegien für die Kommune nicht
erneuert hat.
Wenn wir die Lage des byzantinischen Reiches kurz vor dem Tod des Alexios ansehen, so
finden wir bereits sämtliche Mächte versammelt, die in den folgenden Jahren Ziele und Poli-
tik des byzantinischen Reiches beeinflussen sollten. Auch die politischen Konstellationen sind
ab jetzt schon grundsätzlich vorgegeben. Im Osten ist dies der byzantinische Anspruch auf das
Fürstentum Antiocheia mit seinen Weiterungen für die restlichen Kreuzfahrerstaaten. Im
Westen beherrscht der Gegensatz zu den Normannen Unteritaliens und Siziliens das Feld,
zunächst noch Byzanz in der Defensive sehend. Auch die byzantinischen Gegenmaßnahmen
sind in ihren Grundzügen bereits ausgeprägt. Hierzu zählen in erster Linie das Bündnis mit
Venedig und der Versuch, die Deutschen zu Verbündeten zu gewinnen. Aber auch das ambi-
valente Verhältnis zu dem westlichen Kaiserreich ist schon sichtbar und wird in den Kontak-
ten mit dem Papsttum und den Plänen zur Kirchenunion deut-[366] lich, Kontakten, die
sich in erster Linie allerdings gegen die Normannen Unteritaliens und Siziliens sowie die
Kreuzfahrerstaaten richteten. In dieselbe Richtung zielt der Vertrag mit Pisa, während Genua
– wie üblich im Gegensatz zu seiner Nachbarstadt – noch im Abseits steht, gleichwohl aber
schon erste Verbindungen geknüpft hat. Diese Konstellationen bestimmen in vielerlei kleinen
und großen Variationen während des ganzen 12. Jahrhunderts die byzantinische Politik, noch
weiter kompliziert durch die wechselnden, bald feindlichen, bald freundschaftlichen, Bezie-
hungen des Reiches zu Seldschuken und Ungarn, die ihrerseits die jeweiligen Zwänge, denen
das griechische Kaiserreich ausgesetzt ist, zu ihrem Vorteil auszunutzen bemüht sind. Wir
werden sehen, wie die beiden nächsten Kaiser aus dem Hause der Komnenen diesen vorgege-
benen Rahmen durch ihre eigenen individuellen Zielsetzungen ausfüllen und ihn zu ihrem
Vorteil umzugestalten versuchen werden.
KAPITEL XV JOHANNES II. KOMNENOS (1118 – 1143)
Die Lage des Reiches, das Johannes II. Komnenos am 16. August des Jahres 1118 übernahm,
war durchaus zufriedenstellend. Zwar hatte der neue Kaiser zunächst mit Intrigen seines eige-
nen Hauses, vornehmlich seiner Schwester Anna Komnene, zu kämpfen, aber das scheint ihm
keine besonderen Schwierigkeiten bereitet zu haben. Auch die Kämpfe mit den Seldschuken
in Kleinasien gingen zunächst weiter1, und auf dem Balkan mußte Johannes sich mit den wie-
dererstarkten Petschenegen und danach mit den Serben auseinandersetzen, doch im Vergleich
zu der Anfangszeit des Alexios waren dies nur Kleinigkeiten, die der Kaiser mit Erfolg be-
stand2. Anders war es mit Venedig. Schon in den letzten Jahren des Alexios war es wegen der
ungelösten dalmatinischen Frage zu Schwierigkeiten gekommen, und auch die jeweiligen
Interessen in Syrien stimmten nicht völlig überein3. Gleichwohl hatte Alexios einen völligen
Bruch mit der Lagunenstadt gescheut. Nun aber waren seit der letzten Hilfe Venedigs (gegen
Bohemund) mehr als zehn und seit dem Bündnis gegen Robert Guiskard gar über dreißig
Jahre ins Land gegangen. Die früheren Verdienste der Lagunenstadt verblaßten allmählich,
und dafür gewannen die Dissonanzen zwischen beiden Staaten, vor allem in der Dalmatien-
frage, an Boden. So überrascht es nicht, daß der Kaiser eine venezianische Gesandtschaft, die
die Bestätigung des Alexiosprivilegs erreichen sollte, abschlägig beschied4. Es ist darauf hinzu-
weisen, daß diese Ablehnung keinen Bruch des Vertrags von [368] 1082/84 darstellte. Nach
mittelalterlicher Rechtsauffassung waren Verträge oder Privilegien an die beteiligten Herr-
scher gebunden, nicht aber an die durch diese Personen repräsentierten Institutionen. So galt
das von Alexios ausgestellte Privileg primär nur für die Regierungszeit dieses Kaisers, nicht
aber für die seines Nachfolgers. Anders war es beispielsweise bei dem Privileg von 1111, wo
auch Johannes aufgeführt wurde und so zu einer Erfüllung der Vertragspflichten gezwungen
war. Für die Venezianer galt freilich diese Beschränkung auf die Person des gerade amtieren-
den Dogen nicht, da das Privileg von 1082 ausdrücklich auch seine und des residierenden
Patriarchen Nachfolger miteinbezieht5.
1
Cf. CHALANDON, Comnène II S. 44–48.
2
Cf. CHALANDON, Comnène II S. 48–51, 65ff.
3
Cf. das vorherige Kapitel; zu dem Verhältnis Venedig – Ungarn und der venezianischen Politik in Dalma-
tien in dieser Zeit cf. KRETSCHMAYR, GeschichteVenedigs I. S. 219ff.
4
DANDOLO S. 232: Interea Caloiohani dux legatos mictit, sibique crisobolium a patre concessum approbari
peciit; ille, ommissis paternis vestigiis, id facere renuit. Cf. TAFEL–THOMAS Nr. 39 (1119) S. 78;
KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 224; FRANCES, Alexis Comnène et les privileges octroyes à
Venise S. 53 begründet die Nichtbestätigung damit, daß Johannes weniger als sein Vater den byzantini-
schen Großgrundbesitzern, die den Vertrag von 1082 durchgesetzt hätten, um einen neuen Exportmarkt
für ihre Produkte zu finden, verpflichtet gewesen sei und deshalb das Privileg aufgehoben hätte. Jedoch
existiert für diese Hypothese nicht eine einzige Quelle, ganz abgesehen davon, daß Frances die veneziani-
schen Transportkapazitäten im ausgehenden 11. Jahrhundert erheblich überschätzt.
5
Ob hieraus umgekehrt venezianische Ansprüche auf ein Fortgelten des Vertrags unter den Nachfolgern des
Alexios abgeleitet werden könnten, wage ich nicht zu entscheiden. Aber schon daß die Venezianer eine
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 271
Auch die Venezianer haben grundsätzlich dieses Recht anerkannt, wie die Tatsache ihrer
Gesandtschaft – und später anderer Gesandtschaften bei ähnlichen Gelegenheiten – beweist,
aber darin wohl mehr eine Formalität gesehen. Wie dem auch sei, der Kaiser lehnte eine
Erneuerung des Privilegs ab. Das war alles. Es ist zurückzuweisen, daß er, wie Kinnamos
schreibt6, dem einige moderne Historiker hier gefolgt sind7, die Venezianer aus seinem Reich
trieb. Noch bis 1121 sind venezianische Kaufleute in Konstantinopel anzutreffen8, und ihre
Abwesenheit in den folgenden Jahren erklärt sich aus einem venezianischen Rückkehrbefehl,
aber nicht aufgrund einer Vertreibung durch den Kaiser. Ebenso ist keine Rede davon, daß die
Reaktion Venedigs prompt und mit äußerster Härte erfolgt sei9. Im Gegenteil, es scheint so,
als ob man in Venedig zunächst ratlos gewesen ist. Wir hören jedenfalls von keiner Reaktion
Venedigs bis zum Herbst des Jahres 112010. Das Vorgehen des Kaisers war rechtmäßig, daran
[369] gab es keinen Zweifel. Ein venezianischer Angriff auf das Reich aber, der ja mit einem
Rückruf aller Venezianer aus der Romania – um dort nicht Repressalien und Gegenerpressun-
gen ausgesetzt zu sein und um die notwendigen Besatzungen für die Kriegsflotte zusammen-
zubekommen – eingeleitet werden mußte, war nur nach einer gewissen Vorbereitung möglich,
die Byzanz gewarnt hätte, so daß man mit einem entschlossenen Widerstand, möglicherweise
sogar mit einem Eingreifen Pisas rechnen mußte, das gemäß dem Vertrag von 1111 zur Teil-
nahme an der Verteidigung des Reiches verpflichtet war11.
Der Krieg mit Venedig (1122–1126)
In dieser Situation kamen Venedig drei verschiedene und von Byzanz unbeeinflußbare Fak-
toren zu Hilfe, die die Venezianer in den Stand setzten, ihre Forderungen noch einmal und
diesmal mit kriegerischem Nachdruck an den Kaiser heranzutragen. Es waren dies im Westen
der Wiederausbruch der Feindseligkeiten zwischen Pisa und Genua12, der ein Eingreifen der
pisanischen Flotte zugunsten der Griechen unwahrscheinlich machte, im Norden die erneu-
ten Einfälle der Petschenegen, die das byzantinische Heer für die nächste Zeit binden muß-
ten13, und vor allem im Osten die vernichtende Niederlage, die das Heer des Fürstentums
Antiocheia am 27. Juni 1119 auf dem sogenannten ager sanguinis gegen die Mohammedaner
erlitt. Fast die gesamten christlichen Kräfte in Stärke von 4.000 Fußsoldaten und 700 Rittern
wurden vernichtet, der Bestand des Fürstentums war in größter Gefahr14. In dieser Not sand-
te man, wie üblich nach solchen Niederlagen, ein Hilfeersuchen ins Abendland. Gerade dieser
Hilferuf aber bot den Venezianern einen unverdächtigen Anlaß, ihre Flotte zu sammeln und
zu diesem Zweck alle Mitbürger aus dem Ausland, also auch aus Byzanz, zurückzurufen.
1120, wahrscheinlich im Herbst, erging der Befehl an alle Venezianer, sich bis zum Oster-
fest des Jahres 1121 in Ve-[370] nedig einzufinden, um an der Flottenfahrt ins Hl. Land teil-
zunehmen15. Indes dauerte es noch eine geraume Zeit, bis die Flotte ausgerüstet und zur Ab-
fahrt bereit war. Erst im August des Jahres 1122 ist sie schließlich in Stärke von angeblich 200
Schiffen – Galeeren, Kriegs- und Lastschiffen – ausgelaufen16. Welche Gründe diese große
Verzögerung gehabt hat, wissen wir nicht, vielleicht bereitet die Ausrüstung einer so großen
Armada gewisse Schwierigkeiten, vielleicht wollte man auch abwarten, wie sich die Dinge im
byzantinischen Reich entwickelten, um so den besten Zeitpunkt zum Losschlagen zu erwi-
schen. Auch in der Folge zeigten die Venezianer keine Eile, ins Hl. Land zu gelangen. Im Au-
gust war die Flotte unter der persönlichen Führung des Dogen Dominicus Michael abgefah-
ren. In der Folge scheint sie in Dalmatien geplündert zu haben, bis sie schließlich, im Herbst
wohl, vor dem byzantinischen Korfu erschien17. Daß man in Venedig auch in erheblich kür-
zerer Zeit eine Großflotte ausrüsten konnte, zeigt das Jahr 1171, als man eine Flotte von 120
Schiffen in weniger als einem Vierteljahr bauen und aussenden konnte18. Man muß also
vermuten, daß diesmal in der Verzögerung eine bestimmte Absicht verborgen lag.
Ein Hinweis auf diese Absicht liegt wohl in dem venezianischen Verhalten vor Korfu,
denn die Venezianer setzten ihre Fahrt nach Syrien nicht fort, sondern [371] griffen die Insel
sondern Kumanen. Doch ist dies in unserem Zusammenhang nicht weiter von Belang.
14
Cf. RUNCIMAN, Crusades II. S. 149.
15
ZUSTO Nr. 8 (November 1121, Ind. 15) Venedig: per nuncios patriarchae Ierosolymitani et B(alduinis)
regis satis miserabile delatum est nunc(ium notifi)cans nobis tantorum baronum aput Antiochiam excidium,
eapropter eximia devocione ad honorem Dei et Santi Sepulchri transmari(nis) fratribus decrevimus impendere
solatium et navali et militari exercitu ipsis pleniter subvenire confirmavimus. Quare V(e)neticos nostros qui in
Romanie partibus vel alicubi erant, in Veneciam redire ad istud nunc preteritum Pasca, quando consuetudo
navibus (est) redire, per publicam promissionis cartulam vocavimus. Der Herbsttermin ergibt sich aus dem
Rückkehrtermin zu Ostern. Im Winter war, wie schon mehrfach erwähnt, keine Schiffahrt möglich. Man
muß also annehmen, daß der Befehl 1120 erging und zwar so spät, daß er zwar noch nach Byzanz gelangen
konnte, die dortigen Venezianer aber nicht mehr genügend Zeit hatten, noch in der laufenden Segelsaison
zurückzukehren. Das legt nahe, daß die Rückkehrorder keinesfalls vor, sondern eher kurz nach dem Juni/
Juli 1120 in Venedig erlassen worden ist.
16
DANDOLO S. 232f.
17
DANDOLO S. 233; HISTORIA DUCUM S. 73.
18
Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß das venezianische Arsenal 1171 über eine größere Kapazität
verfügt hat als zu Beginn der zwanziger Jahre des 12. Jahrhunderts. Dennoch bleibt der lange Zeitraum
auffällig.
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 273
an und suchten sie zu erobern. Diesem Unternehmen war zwar kein voller Erfolg beschieden,
jedoch wird die Insel sicher schwer unter den venezianischen Plünderungen gelitten haben.
Die Venezianer verbrachten dann den Winter auf Korfu. Im Laufe dieses Winters wurden die
Hilferufe aus dem Hl. Land und das Drängen des Papstes zur Fortsetzung des Kreuzzugs –
denn als solcher wurde das Unternehmen angesehen19 – immer stärker, so daß der Doge sich
gezwungen sah, die Belagerung der Hauptstadt Korfus aufzugeben und im Frühjahr nach
Syrien aufzubrechen. Zudem war 1122 der byzantinische Kaiser in einer großen Schlacht über
die Petschenegen bzw. Kumanen Sieger geblieben, so daß jetzt vielleicht doch ein Eingreifen
der byzantinischen Armee zu befürchten stand. Die venezianische Flotte fuhr auf dem
schnellsten Weg nach Syrien, ohne sich weiter mit den Byzantinern aufzuhalten. In Syrien
hatten die Venezianer große Erfolge20. Eine ägyptische Flotte konnte geschlagen werden, und
auch bei der Belagerung und schließlichen Eroberung von Tyrus zeichnete man sich aus21. Im
Sommer des Jahres 1124 machte die Flotte sich wieder auf den Rückmarsch. In Byzanz war
man in der Zwischenzeit zwar nicht untätig geblieben, so konnte Johannes beispielsweise die
Serben wieder unter die byzantinische Oberhoheit zwingen, aber von Verteidigungsmaßnah-
men gegen die Venezianer, die irgendwann doch wieder aus dem Hl. Land zurückkehren
mußten, lesen wir in den Quellen nichts22.. [372]
Es scheint geradezu unmöglich zu sein, daß man in Byzanz gar nichts unternommen
haben soll, aber selbst wenn, dann hatte es, wie sich bald heraussteilen sollte, keinen Erfolg.
Die Venezianer machten auf Rhodos Station, um dort zu überwintern. Nach Dandolo verwei-
gerten die Einwohner der Insel ihnen die notwendigen Lebensmittellieferungen. Hierdurch
provoziert plünderten die Venezianer die Insel aus, schifften sich wieder ein und segelten die
Westküste Kleinasiens hinauf23. Daß man auf Rhodos die Venezianer nicht erfreut begrüßt
19
DANDOLO S. 232: Pari ergo conlaudacione crucem assumunt; zu dem "Kreuzzug" der Venezianer cf. aus-
führlich FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land (1989).
20
Cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 225–228; SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 131f.;
RUNCIMAN, Crusades II. S. 166ff.
21
Cf. das Privileg für die Venezianer: TAFEL–THOMAS Nr. 40 (1123) S. 79–89; Nr. 41 (Mai 1125) S. 90–
94; auch in den venezianischen Privaturkunden findet die Belagerung Erwähnung: MdRD Nr. 48 (Sept.
1125) Venedig, über ein bei der Belagerung von Tyrus ausgestelltes vademonium in Höhe eines bonus bisa-
cius sarracinatus.
22
Dies Schweigen ist vielleicht auch darauf zurückzuführen, daß mit Ausnahme von Kinnamos, der anläßlich
1171 ein sehr kurzes Résumé der venezianisch-byzantinischen Beziehungen im 12. Jahrhundert gibt, keine
griechische Quelle, auch nicht Niketas Choniates, diese Auseinandersetzung erwähnt, geschweige denn sie
genauer beschreibt. Die italienischen Chronisten aber sehen naturgemäß mehr die italienische Seite. Die
Gefangennahme der Venezianer in Byzanz, von der KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 228
schreibt, findet sich nicht in den Quellen, es sei denn, man nimmt die Arrestierung des venezianischen Kle-
rikers Cerbanus, des Verfassers der Translatio Isidori, hierfür als Zeugnis. Gleichwohl ist eine solche Fest-
setzung angesichts der sich nähernden Flotte nicht unwahrscheinlich, immer vorausgesetzt, daß sich zu
dieser Zeit überhaupt noch Venezianer in größerer Zahl in der Romania aufhielten, was dem Rückkehr-
gebot des Dogen von 1120 widersprochen hätte.
23
DANDOLO S. 234: Ex hiis, igitur, prelatorum et baronum reasumptis viribus, cercioratus dux imperatorem
274 Kapitel XV
haben wird, ist kaum zu bezweifeln, aber ebensowenig dürfte zu bezweifeln sein, daß die Vene-
zianer einer solchen Provokation nicht erst bedurften, um die Feindseligkeiten gegen die By-
zantiner von neuem zu eröffnen. Der Text Dandolos legt ihre Absichten zudem recht nahe.
Während der Hauptteil der Flotte auf Chios überwinterte und dabei die Reliquien des
hl. Isidor an sich brachte24, plünderte eine Unterabteilung die umliegenden Inseln aus: Kos,
Samos, Lesbos, Andros und andere Inseln wurden Opfer der Venezianer. Auf der Heimkehr
im folgenden Jahr wurde auch noch Methone auf der Peloponnes erobert und geplündert25.
Nachdem man auch noch einige dalmatinische Städte, u. a. Spalato, wieder unter veneziani-
sche Oberhoheit gebracht hatte, kehrte die Flotte ruhmbedeckt wieder heim. Das ganze Un-
ternehmen hatte zwei Jahre und zehn Monate gedauert26.
Mit der Plünderung von Korfu 1122 und vor allem von Rhodos, Chios und den anderen
Städten 1125 hatte Venedig auf das deutlichste die byzantinische Schwäche zur See aufge-
deckt. Byzanz [373] war immer noch nicht in der Lage, auf sich allein gestellt einer großen
italienischen Flotte die Stirn zu bieten. 1125 hatten die Venezianer von Rhodos aus sogar den
Weg nach Konstantinopel eingeschlagen, freilich dann auf Chios – mitten im byzantinischen
Machtbereich der Ägäis – haltgemacht und in Ruhe und ohne Störungen von Seiten der By-
zantiner überwintert. Ein besseres Zeugnis für ihr Selbstbewußtsein – und für die byzantini-
sche Schwäche zur See gleichermaßen – kann es kaum geben. Die Venezianer werden kaum
beabsichtigt haben, die Hauptstadt des Reiches selbst anzugreifen, dazu war das Reich – im
Gegensatz zu 1204 – doch zu stark. Aber in Byzanz konnte man es so ansehen. Freilich blieb
auch Venedig nur die Plünderung der Küsten und Inseln, aber für diese konnten sich derartige
Plünderungen verhängnisvoll auswirken, besonders wenn sie sich nicht nur auf ein einziges
Mal beschränkten. 1126 rüstete Venedig eine neue, diesmal kleinere, Flotte aus und griff die
Jonischen Inseln an27, wo diesmal der Leichnam des hl. Donatus geraubt und nach Venedig
überführt wurde, abgesehen von den "üblichen" Plünderungen. Spätestens jetzt mußte Johan-
nes einsehen, daß die Venezianer den Krieg so lange fortsetzen würden, bis sie ihre alten Han-
delsvorrechte wieder erlangt haben würden. Er scheint vielleicht die Vermittlung des Papstes
gesucht zu haben, der seinerseits eine Fortsetzung der Kämpfe im Interesse des Hl. Landes
nicht gutheißen konnte28.
constantinopolitanum ad dampna intendere Venetorum, cum illorum consensu recedens, Rodum aplicuit, et
incolis alimanta peciit, quibus renuentibus, urbem invadit, opes abstulit, et acceptas dividit; TRANSLATIO
ISIDORI S. 323, 326ff.; HISTORIA DUCUM S. 74; FULCHER III. 41, S. 758f.
24
Hierzu s. besonders DANDOLO S. 234 und die TRANSLATIO ISIDORI bes. S. 326ff.
25
DANDOLO S. 235; HISTORIA DUCUM S. 74; FULCHER III. 15, S. 657; III. 41, S. 758ff.
26
DANDOLO S. 235: conplectisque a suo egressu annis duobus, mensibus decem, in iunio Veneciam feliciter
rediit. Zu der Beurteilung dieser Kämpfe, besonders in Bezug auf die Rolle der byzantinischen Kriegsflotte,
cf. unten App. S. 624ff.
27
DANDOLO S. 236: Anno ducis XI, stolus XIIII galearum contra imperatorem constantinopolitanum et Venetorum
tuicione egressus, opidum Kefalonie, secus Epyrum capit.
28
Im Hl. Land mißbilligte man den venezianischen Angriff aufs Schärfste, möglicherweise aus Angst vor
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 275
byzantinischen Repressalien: Den Kreuzfahrern konnte nichts an einer eventuellen Störung ihrer Verbin-
dungslinien zum Westen gelegen sein; cf. LILIE (1993) S. 98; die Intervention des Papstes ist reine Hypo-
these, wenngleich nicht völlig unwahrscheinlich. Man hat in der älteren Literatur (cf. z. B. KRETSCH-
MAYR, Geschichte Venedigs I. S. 229) als Beleg für das Bemühen des Papstes den Brief des Kaisers an den
Papst herangezogen, den man auf 1126 datierte (DÖLGER, Regesten Nr. 1303 (April 1126)). Jedoch wird
dieser Brief von der neueren Forschung übereinstimmend auf 1141 datiert, womit das einzige Indiz für ein
Eingreifen des Papstes 1126 fällt.
29
DÖLGER, Regesten Nr. 1304 (August 1126); das Chrysobull ist als Insert in den Privilegien Manuels
(1147) und – etwas amplifiziert – Isaaks (1187) erhalten; zu den inhaltlichen Bestimmungen cf. oben Kap.
I, S. 17ff.
30
KINNAMOS S. 280f.
31
DÖLGER, Regesten Nr. 1305 (nach August 1126).
276 Kapitel XV
wohl nach der Privilegienerneuerung von 1126. Da diese Erneuerung im wesentlichen nur
eine Wiedereinsetzung in die 1082 gewährten Rechte darstellt – auch die Ausdehnung der
Kommerkionfreiheit auf die byzantinischen Handelspartner der Venezianer war ja eigentlich
nicht mehr als die Abschaffung eines vor 1126 eingerissenen Mißbrauchs –, die Ausdehnung
freien Handels auf Kreta und Zypern aber eine Erweiterung darstellt, zu der Byzanz auch
1126 nicht verpflichtet war32, dürfte dieses neue Privileg erst später ausgestellt worden sein,
als die Beziehungen sich wieder herzlicher gestaltet hatten. Als ungefähres Datum bietet sich
1136 an, als Byzanz im Zuge seiner wiederauflebenden syrischen Pläne wieder der venezia-
nischen Unterstützung oder zumindest wohlwollenden Neutralität bedurfte. Aber auch das
bleibt letztlich nur Hypothese33.
Nach 1126 hören wir für einige Zeit nichts mehr von etwaigen politischen Aktivitäten
zwischen Byzanz und den italienischen Seestädten. Man kann annehmen, daß der byzanti-
nisch – venezianische Handel nach seiner Unterbrechung von 1121 bis 1126 nun in verstärk-
tem Maße wiederauflebte. Die ersten Zeugnisse hierfür finden wir zwar erst 112934, aber bei
der lückenhaften Dokumentation, mit der wir uns für die Zeit vor 1140 abzufinden haben,
hat dies nichts zu sagen. In gleicher Weise können wir eine ruhige Fortdauer des byzantinisch
– pisanischen Handels annehmen, sofern ein solcher während der dauernden Kämpfe zwi-
schen Genua und Pisa möglich war. Das Reich selbst verstrickte sich bald darauf in einen
Krieg mit Ungarn, der erst Ende der [376] zwanziger Jahre in einem für Byzanz günstigen
Sinn beendet werden konnte35. Die Jahre zwischen 1130 und 1135 sahen Johannes in einen
Krieg mit den Danischmandidenemiren von Melitene verwickelt, der sich hauptsächlich im
Norden und Osten Kleinasiens abspielte36. Erst ab 1135 begann Byzanz sich wieder ernsthaft
mit den Angelegenheiten Italiens zu beschäftigen und hier eine lebhafte, vor allem diplomati-
sche Aktivität zu entfalten.
Den Anlaß zu dieser neuen Hinwendung der byzantinischen Politik nach Italien boten
die Normannen. Weihnachten 1130 hatte der normannische Herzog Roger II. sich in Sizilien
zum König krönen lassen. Hinzu kam als für Byzanz besonders gefährliche Bedrohung das
Bestreben des Normannen, sich in dem Fürstentum von Antiocheia festzusetzen (seit dem
Tod Bohemunds II. 1131)37.
32
Venedig verlangte hier ja ausdrücklich nur eine Wiedereinsetzung in den alten Besitzstand.
33
Cf. LILIE (1993) S. 116 und im folgenden.
34
MdRD Nr. 53 (April 1129) Akkon. Nach Aussage des Dokuments hatte der Schuldner in Konstantinopel
eine Summe von fünfzig bicancii für eine Reise nach Akkon bekommen. Nach Ankunft in Akkon hatte er
innerhalb von dreißig Tagen 65 bicancii saracenati zu zahlen. Die Reise muß also spätestens im Februar in
Konstantinopel angetreten worden sein.
35
DÖLGER, Regesten Nr. 1306 (Winter 1128/29); cf. CHALANDON, Comnène II S. 53ff.
36
Cf. CHALANDON, Comnène II S. 77–91.
37
Cf. CASPAR, Roger II. S. 165ff.; CHALANDON, Domination Normande II S. 12ff.; nach dem Tod
Bohemunds II., der nur eine minderjährige Tochter hinterließ, war Roger II. der nächste männliche
Anverwandte des Hauses Hauteville. Als Bedrohung mußte es auf Byzanz auch wirken, daß Roger 1127
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 277
Apulien annektierte und so – getrennt nur durch die Adria – zum direkten Nachbarn des Reiches wurde,
cf. CASPAR, Roger II. S. 69ff.
38
Cf. CASPAR, Roger II. S. 90ff. ; CHALANDON, Domination Normande II S. 2ff.; ROWE, The Papacy
and the Greeks S. 3f. (vornehmlich zur Rolle Innozenz’ II.).
39
Cf. LANGER, Genua und Pisa S. 5f.
40
Zu diesen ganzen Vorgängen cf. CASPAR, Roger II S. 135ff.; LANGER, Genua und Pisa S. 7ff.; ABULA-
FIA, Two Italies S. 59f.
41
Cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 231.
42
Cf. LANGER, Genua und Pisa S. 12.
43
Cf. LANGER, Genua und Pisa S. 14; KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 232
278 Kapitel XV
den Byzantinern Gebiete entrissen, sich das königliche Diadem angemaßt und die venezi-
anischen Handelsschiffe mit ungeheuren Geldforderungen bedrückt habe, abgesehen davon,
daß er dem römischen Reich den Süden Italiens abgewendet habe44. Eine weitere Gesandt-
schaft begab sich [378] im Sommer des Jahres 1136 nach Pisa45, wobei der Vertrag von 1111
feierlich und unter großen Geschenken für die Pisaner erneuert wurde46. Im Frühjahr 1137
überbrachte eine byzantinische Gesandtschaft dem deutschen Kaiser Glückwünsche und
Geschenke für seine Siege über die Normannen, verbunden freilich mit heftigen Angriffen auf
den eigentlich doch verbündeten Papst Innozenz II.47
Die Beteiligung des Reiches an dem Krieg gegen Roger II. scheint sich auf diese Gesandt-
schaften beschränkt zu haben, byzantinische Truppen oder Flotteneinheiten werden nicht
erwähnt. Auch das relativ späte Datum der ersten Gesandtschaft verwundert, denn schon
1134 waren die Deutschen gegen Roger II. bzw. gegen den von ihm gestützten Gegenpapst
vorgegangen. Auch die Pisaner hatten 1136 schon erste Siege und Rückschläge hinter sich, so
daß die Vermutung Langers, Johannes II. habe sich der Hilfe Pisas gegen Sizilien versichern
wollen, recht unwahrscheinlich anmutet48. Zudem war für Pisa wie auch für Genua die viel
realere Macht der Deutschen wesentlich ausschlaggebender als die Versprechungen und
Geschenke der Griechen. Warum also die byzantinischen Gesandtschaften und warum der
Zeitpunkt? Die Antwort liegt einmal mehr in der byzantinischen Politik selber, denn 1135
plante man in Konstantinopel ein neues Unternehmen gegen Syrien49.
Das Unternehmen gegen Antiocheia (1137–1139)
Wieder war Antiocheia das erste Ziel, und wieder waren auch die byzantinischen Vorberei-
tungen genau derselben [379] Natur wie 1111. Da die Türken Kleinasien immer noch besetzt
und die Hauptstraße nach Syrien gesperrt hielten, war Byzanz auf den langen und umständ-
44
DÖLGER, REGESTEN Nr. 1309 (Sommer 1135); cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 231;
ANNALISTA SAXO S. 769; ausführlich: ANNALES ERPHESFURDENSES S. 540: venerunt quoque ad
imperatorem eodem tempore dux unus et episcopus a rege missi Gretiae, cum legatis Ducis Venetiae, conqueren-
tes atque iudicium postulantes adversus Ruoggerum quemdam comitem Siciliae, qui et regi Gretiae Affricam
quae tercia pars mundi esse dinoscitur, armis exputando cum paganis abstulit suoque dominio subdidit, ibique
diadema regni sibi imponens, regium nomen usurpavit, Veneticos vero despolians, diversarum mercium qua-
draginta milium talentorum abstulit precium, set et de Imperio Romano totam Apuliam atque Calabriam
subtraxit aliaque perplura contra ius perpetravit ... Weiter versprechen die Gesandten Flottenhilfe, Truppen-
unterstützung, reiche Geldmittel etc. Der ANNALISTA SAXO S. 769 gibt praktisch nur eine kurze In-
haltsangabe der byzantinisch–venezianischen Vorschläge: pacem et amiciciam et auxilium contra Rokkerum
tirannum, qui partem Romani imperii et terram Grecorum nimis vexaverat. Zu den Implikationen, die beide
Texte aufweisen, cf. LILIE (1993) S. 113f.
45
DÖLGER, REGESTEN Nr. 1310 (vor August 1136).
46
DÖLGER, REGESTEN Nr. 1312 (nach August 1136).
47
DÖLGER, REGESTEN Nr. 1313 (Frühjahr 1137), zu den antipäpstlichen Ausfällen der Byzantiner cf.
ROWE, Papacy and the Greeks S. 8..
48
Cf. LANGER, Genua und Pisa S. 10.
49
Zu den Ereignissen dieses und der folgenden Jahre cf. LILIE (1993) S. 112ff.
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 279
lichen Umweg über Kilikien angewiesen. Das byzantinische Heer würde also weit entfernt
von der Hauptstraße operieren, die europäischen Reichsteile infolgedessen ohne ausreichen-
den militärischen Schutz sein. Gleichermaßen war zu überlegen, daß die byzantinische Flotte
sich mit keiner der abendländischen Mächte messen konnte. In dieser Lage konnte es für
Byzanz überhaupt nichts Besseres geben als einen langen und ausgedehnten Krieg in Italien,
der Deutsche und vor allem Normannen in seinem Bann hielt. Es ist unwahrscheinlich, daß
Johannes es in dieser Zeit auf eine Vernichtung des normannischen Reiches abgesehen hat,
deren Nutznießer nach Lage der Dinge nur die Deutschen hätten sein können. Eine deutsche
Festsetzung in Süditalien mußte für Byzanz mindestens im gleichen Maße unerfreulich und
bedrohlich sein wie ein starkes normannisches Reich. Dies dürfte auch mit ein Grund dafür
gewesen sein, daß Byzanz trotz seiner Zusagen keine eigenen Truppen nach Italien geschickt
hat. Einmal brauchte es sie selbst, und zum anderen hätten sowohl die Deutschen wie auch die
Venezianer und die anderen italienischen Mächte die Anwesenheit eines weiteren Konkur-
renten in Unteritalien kaum begrüßt. Eine möglichst lange Dauer des Krieges aber bescherte
Byzanz freie Hand gegenüber den Kreuzfahrerstaaten, und deswegen wird man es in Byzanz
darauf angelegt haben, diese Auseinandersetzungen möglichst lange in Gang zu halten.
Das mutmaßliche Privileg für Pisa (ca. 1136)
Blieb noch die Frage der Flotte, und auch hier sehen wir Johannes den Spuren seines Vaters
folgen, indem er sich an Pisa wandte, wohin 1136 eine byzantinische Gesandtschaft mit
reichen Geschenken – die pisanischen Annalen sprechen u. a. von 200 Pallia Seide – ging50.
Diese Zahl hat in der Forschung erbitterte Diskussionen ausgelöst. Langer möchte sie in 51
ändern51, wogegen Heyd einwendet, daß ebensogut eine Änderung in zwei möglich wäre52.
Auch Schaube kann [380] sich einer eigenen Interpretation nicht enthalten und schlägt 21
vor53. Alle diese Vorschläge leiden daran, daß sie den vorgegebenen Quellentext ändern und
diese Änderung begründen müssen. Langer gibt als Grund für seine Zahl an, Johannes habe
1119 neben den Venezianern auch mit den Pisanern gebrochen, so daß bei der Wiederaufnah-
me der Beziehungen die Jahresgaben für siebzehn Jahre zusammen erstattet worden seien, wie
es in Manuels Zeit ja ebenfalls einmal der Fall gewesen sei. Wenn Johannes schon die ungleich
mächtigeren Venezianer in ihre Schranken verweisen konnte, wieso dann nicht die unwichti-
geren Pisaner? Dieser Vorschlag entbehrt der Logik. Einmal war mit den Venezianern, wie
gezeigt worden ist, tatsächlich ein Interessenkonflikt (Dalmatien) gegeben, und zum zweiten
war Johannes, juristisch gesehen, zwar berechtigt, die Privilegienerneuerung der Venezianer
abzulehnen, nicht aber im Falle Pisas. Der Vertrag von 1111 galt ja ausdrücklich auch für seine
50
ANNALES PISANI S. 10: CC. de palatio paliis et unum auro textum mirabile, qui altari dedicavit duo auri
et argenti turibula pretiosissima.
51
Cf. LANGER, Genua und Pisa S. 11, 203ff.
52
HEYD, Commerce I S. 197.
53
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 227 Anm. 1.
280 Kapitel XV
eigene Regierungszeit. Zudem war kein reeller Streitgrund vorhanden, und überdies schwei-
gen auch die Quellen, so daß es – methodisch gesehen – nicht statthaft ist, einen Bruch der
Beziehungen anzunehmen. Gegen Heyd spricht, daß eine Änderung in zwei zwar paläogra-
phisch durchaus möglich ist, die jährliche Abgabe betrug drei Pallia, die Gesandtschaft hätte
also zwei Pallia von normaler Beschaffenheit und als drittes das besonders wertvolle nach Pisa
gebracht, doch warum? Wenn 200 Pallia eine exorbitant große Zahl sind – sie sind es tatsäch-
lich –, so sind drei demgegenüber das Gegenteil: eine ziemlich ärmliche Gabe, und dafür eine
eigene Gesandtschaft? Schaubes Hypothese hingegen leidet unter einer anderen Unwahr-
scheinlichkeit: Warum wurden ausgerechnet die Geschenke für sieben Jahre überbracht?
Weder vorher noch nachher gibt die Zahl von sieben Jahren irgendeinen Sinn. Man fragt sich,
warum die Zahl von 200 Pallia überhaupt geändert werden muß. Sicher ist sie gewaltig, und
gleichfalls sind die Annales Pisani immer dann, wenn es um Ruhm und Ehre ihrer Vaterstadt
geht, mit Vorsicht zu benutzen, aber in diesem Fall haben wir doch einige Anhaltspunkte für
die Richtigkeit.
Der erste ist, daß eine byzantinische Gesandtschaft nach Pisa ging und nicht umgekehrt,
daß also [381] Byzanz von Pisa etwas wollte. Das byzantinische Vorgehen der nächsten Jahre
in Syrien und die Parallelität zu 1111 weisen darauf hin, daß auch diesmal der pisanische Bei-
stand für dieses Unternehmen gebraucht wurde. Man könnte einwenden, daß dies unnötig
gewesen sei, da der Vertrag von 1111 ja noch in Kraft und wie Johannes so auch Pisa zu seiner
Einhaltung verpflichtet gewesen sei. Der Einwand ist richtig, übersieht jedoch einen entschei-
denden Punkt: Der Vertrag von 1111 entsprang der aktuellen Situation jener Jahre und war,
zumindest soweit es die pisanische Seite betrifft, auf eben diese Situation gezielt, nämlich auf
die pisanische Unterstützung oder zumindest doch positive Neutralität bei der Eroberung
Syriens. Seit damals aber waren fünfundzwanzig Jahre vergangen, die kommerziellen Verbin-
dungen zwischen den italienischen Seestädten – und also auch Pisa – und den Kreuzfahrer-
staaten hatten sich entschieden verfestigt, auch die Spannungen, die in der Anfangszeit zwi-
schen Pisa und Jerusalem bestanden hatten, werden sich in der Zwischenzeit langsam vermin-
dert haben. Die politische Situation hatte sich verändert, und es stand daher zu befürchten,
daß eine Einwilligung der Pisaner in die Wiederaufnahme der byzantinischen Pläne trotz des
Vertrags nicht so leicht zu erlangen sein würde. Die Gesandtschaft mußte also mit neuen Ar-
gumenten aufwarten, deren eines – und sicher nicht das schlechteste – eben die ungeheure
Zahl von 200 Pallia Seide gewesen sein dürfte, ein, vor allem angesichts der sonstigen Spar-
samkeit, die Byzanz gerade in der Vergabe dieses Produkts an den Tag legte – das hat Langer
richtig beobachtet –, wahrhaft kaiserliches Geschenk, das denn auch in einer Kaufmannsstadt,
wie Pisa es war, seine Wirkung nicht verfehlt hat. Die juristische Berechtigung des byzantini-
schen Verlangens wird ein übriges dazu getan haben, daß die Pisaner zur Einwilligung bereit
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 281
waren, ganz abgesehen davon, daß Pisa für den Fall der Ablehnung erhebliche Störungen sei-
nes Handels mit der Romania riskiert hätte54. [382]
Von zusätzlichen byzantinischen Bemühungen um Venedig wissen wir nichts. Allerdings
ist vielleicht die oben erwähnte Ausdehnung der venezianischen Handelsvorrechte auch auf
Kreta und Zypern in diese Situation anzusetzen. Es wäre dann der Preis für die Einwilligung
der Lagunenstadt gewesen. Doch das ist nur Hypothese.
Die einzige Macht, die der Kaiser zu beeinflussen nicht versucht hat, ist das Papsttum
gewesen. Im Gegenteil hatte die byzantinische Gesandtschaft von 1137 an Kaiser Lothar III.
den Papst scharf angegriffen55. Worauf dies zurückzuführen ist, können wir nicht sagen. Es
mag sich um die persönliche Meinung eines Gesandtschaftsmitgliedes gehandelt haben, was
aber eher unwahrscheinlich ist. Auch ist Petrus Diaconus nicht unbedingt eine zuverlässige
Quelle56. Aber er läßt sich nicht so einfach hinwegdiskutieren. Grund für das Verhalten der
Gesandten mag gewesen sein, daß Innozenz II. sich in dieser Zeit in sehr bedrängter Lage be-
funden hat, so daß man auf ihn nicht Rücksicht nehmen zu müssen glaubte. Außerdem war
die Haltung des Papstes gegenüber den Normannen nicht eindeutig. Einerseits war er zwar
Mitglied der antinormannischen Koalition, andererseits betonte er aber auch die päpstlichen
Ansprüche auf Lehnsoberhoheit in Unteritalien und Sizilien. Sein Verhältnis zu seinen deut-
schen Verbündeten – und verständlicherweise ebenso zu den schismatischen Griechen – war
nicht ungebrochen, und es mag sein, daß der byzantinische Gesandte mit seiner Herabwürdi-
gung des Papsttums in erster Linie sich den Deutschen angenehm zu machen suchte57.
Der erste Feldzug gegen Antiocheia (1137/38)
So war, ähnlich wie zur Zeit des Alexios, die Unternehmung diplomatisch abgesichert, und
der Kaiser konnte daran gehen, [383] sein Vorhaben in die Tat umzusetzen58. Im Frühjahr
1137 wandte sich die kaiserliche Armee, in der Flanke von der byzantinischen Flotte gedeckt,
54
Die Annales sprechen zwar nicht über den Erfolg der Gesandtschaft. Da aber in dem Chrysobull Manuels
gesagt wird, auch Johannes habe den Pisanern ein Privileg erteilt, wird man annehmen dürfen, daß die By-
zantiner ihr Ziel erreicht haben, andernfalls besagtes Privileg kaum ausgestellt worden wäre. Im übrigen
sind aus diesen angeführten Absichten heraus die Zahlen Heyds und Schaubes abzulehnen: Zwei oder auch
21 Pallia – die noch dazu nur den ohnehin vereinbarten Jahresbetrag bzw. die Summe für sieben Jahre
dargestellt hätten – dürften für den vermuteten Zweck der Gesandtschaft, die Aktion gegen Syrien vorzu-
bereiten, viel zu wenig gewesen sein, abgesehen davon, daß sie eben eine Konjektur der Quellenvorlage
bedingen.
55
S. die Darstellung bei PETRUS DIACONUS S. 785.
56
Im vorliegenden Fall ist er umso verdächtiger, als er offenbar selbst als Gegenredner des griechischen "philo-
sophus" auftritt (natürlich erfolgreich). Ob diese Unterredung tatsächlich so abgelaufen ist, wie Petrus Dia-
conus behauptet, wird man bezweifeln dürfen.
57
Zu der Lage und den Intentionen des Papstes gegenüber Deutschen, Griechen und Normannen in dieser
Zeit cf. ROWE, Papacy and the Greeks S. 3-10.
58
Zu den Ereignissen dieses Feldzugs und der zweiten Expedition von I142/43 cf. ausführlich LILIE (1993)
S. 117–138 und S. 298–308 (dort auch die Quellen und die entsprechende Sekundärliteratur).
282 Kapitel XV
zunächst gegen Kilikien, wo ein kleinarmenisches Fürstentum entstanden war, und eroberte
mit leichter Mühe die kilikische Ebene. Damit war der Weg nach Antiocheia frei. Im Sommer
stand Johannes vor der Stadt, deren Fürst sich nach kurzer Zeit dem Kaiser beugte und die
byzantinische Oberhoheit anerkannte. Nachdem Johannes in Kilikien überwintert hatte,
erschien er im folgenden Jahr wieder in Syrien. Die Vereinbarungen, die er mit Raimund von
Antiocheia getroffen hatte, sahen vor, daß Raimund das Fürstentum von Antiocheia im Aus-
tausch gegen eine noch zu erobernde Herrschaft, die Aleppo, Schaizar und einige andere
Städte umfassen sollte, an Byzanz abtreten sollte. Diese Herrschaft sollte seiner Familie als
erbliches Lehen verbleiben. Der Kaiser setzte also, wenn auch modifiziert, den 1108 mit Bohe-
mund geschlossenen Vertrag wieder in Kraft.
Die byzantinischen Absichten hierbei sind leicht zu erkennen. Auf Antiocheia konnte
und wollte das Reich nicht verzichten. Ebenso mußte den Kreuzfahrern ein Ersatz geboten
werden, andernfalls stand eine nicht zu unterschätzende neue antibyzantinische Welle im
Abendland ins Haus, ganz zu schweigen von dem zu erwartenden verzweifelten Widerstand
der Franken in Syrien. Außerdem mochte der neue Staat als Puffer zwischen Byzanz und den
Mohammedanern in Syrien gute Dienste leisten. Man ging also beiderseits an die Ausführung
des Plans und belagerte zunächst Schaizar, das zu einem kleinen, unabhängigen Emirat ge-
hörte. Jedoch widerstand die Zitadelle allen Eroberungsversuchen, nur die Unterstadt konnte
genommen werden. Trotz der fehlenden Unterstützung der fränkischen Barone, die begreif-
licherweise nicht an einem Festsetzen der Byzantiner in Nordsyrien interessiert waren, und
trotz der günstigen natürlichen Lage der Festung wirft der erfolgreiche Widerstand Schaizars,
das allenfalls regionale Bedeutung besaß, doch ein merkwürdiges Licht auf das mit so großem
Aufwand gestartete Unternehmen des Kaisers und auf die Wirksamkeit seiner Armee.[384]
Infolge des Heranrückens einer islamischen Entsatzarmee hob Johannes schließlich die
Belagerung auf und schloß Frieden mit dem Emir Schaizars, der wertvolle Geschenke sandte
und auch die Oberhoheit des Kaisers anerkannte. Die byzantinische Armee zog nach Kon-
stantinopel zurück, nicht ohne daß der Kaiser seine baldige Wiederkehr ankündigte.
Die Verhandlungen mit den Deutschen (1140–1142)
1139 und 1140 war Johannes in Kleinasien beschäftigt. Erst im Herbst 1141 konnte er wieder
an Syrien denken. 1142 stand seine Armee von neuem vor Antiocheia. Unterdessen war in
Italien der Krieg zwischen Deutschen und Normannen beendet worden. Es galt also wieder,
wie schon 1111/12 und 1135–1137, das Unternehmen abzusichern. Zu diesem Zweck gingen
byzantinische Gesandte Anfang 1142 nach Deutschland, um eine Fortsetzung des Bündnisses
gegen Roger II. zu erreichen. Da man in Byzanz möglicherweise befürchtete, daß der neue
König Konrad III. einer solchen Erneuerung des Bündnisses von 1135 ablehnend gegen-
überstehen würde, koppelte man es mit dem Vorschlag einer Heiratsverbindung zwischen bei-
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 283
den Reichen59. 1141 und 1142 kam es zu weiteren Verhandlungen, die anscheinend auch
Süditalien betrafen60. Die Heirat kam schließlich zustande: Bertha von Sulzbach, eine Schwä-
gerin Konrads, wurde mit Manuel verheiratet, allerdings erst nach dem Tod des Johannes. So
war Byzanz nach dieser Seite hin abgesichert. Auch mit Venedig und Pisa scheint Einverständ-
nis geherrscht zu haben, worauf die Anwesenheit eines pisanischen Gesandten in Konstan-
tinopel hinweist61, ebenso wie die erfolgreiche Vermittlertätigkeit des venezianischen Dogen
Petrus Polanus in den Verhandlungen zwischen Deutschland und Byzanz62.
Bevor wir den Gang der Ereignisse weiter verfolgen, müssen wir noch einmal zu der Frage
zurückkehren, ob das Bündnis mit Deutschland sich nicht doch, entgegen den oben angeführ-
ten Überlegungen, auch offensiv gegen Unteritalien gerichtet haben könnte, was impliziert,
daß Byzanz zumindest einen Teil der dortigen Gebiete [385] für sich beansprucht hat, denn
eines steht fest: Der Normannenstaat, kriegerisch und seemächtig, wie er war, war für Byzanz
und Deutschland gleichermaßen lästig, ein Festsetzen der Deutschen in Unteritalien aber war,
auf lange Sicht gesehen, für das Reich der Griechen erheblich gefährlicher, da sie über wesent-
lich größere Ressourcen verfügten als der doch in seinen Mitteln beschränkte Staat der Nor-
mannen. Somit konnte Byzanz an einer Vernichtung der Normannen nur dann interessiert
sein, wenn es entweder selbst Unteritalien übernehmen oder wenigstens sicherstellen konnte,
daß die Deutschen sich dort nicht festsetzten. Umgekehrt hat Kaiser Lothar III. sicher nicht
im Sinn gehabt, ein von ihm erobertes Unteritalien einfach den Griechen zu überlassen.
Zunächst ist festzuhalten, daß Byzanz an der Entstehung der antinormannischen Koali-
tion nicht beteiligt gewesen ist. Es hat sich erst später angeschlossen, als die Kämpfe schon in
vollem Gang gewesen sind. Des weiteren erwähnen die Quellen an keiner einzigen Stelle das
Erscheinen byzantinischer Soldaten oder Schiffe in Italien bzw. in den italienischen Gewäs-
sern. Außerdem steht fest, daß Johannes bereits ab 1135 ein Unternehmen gegen die Kreuz-
fahrerstaaten vorzubereiten begann. Für ein kriegerisches Engagement in Nordsyrien und
Italien gleichzeitig aber war das Reich nicht stark genug, und Johannes konnte nicht hoffen,
auch nur einen Fußbreit italienischen Bodens zu erhalten, wenn er sich an dem Krieg gegen
die Normannen nicht selbst militärisch beteiligte.
Dies alles läßt den Schluß zu, daß es Johannes in den dreißiger Jahren tatsächlich nicht
um eine Niederkämpfung der Normannen ging, die ihm keinen Nutzen gebracht und auf
lange Sicht sogar geschadet hätte, sondern daß er die westliche Seite seines Reiches, feindli-
59
DÖLGER, Regesten Nr. 1320 (Anfang 1140).
60
DÖLGER, Regesten Nr. 1321 (Ende 1141/Anf. 1142); 1322 (ca. April 1142); zu den byzantinischen
Ansprüchen auf Unteritalien cf. im folgenden.
61
MÜLLER, Documenti Nr. 2 (30. April 1141, Ind. 4) S. 4, Konstantinopel: In presentia ... Ugo Dudonis qui
tunc erat legatus Pise; cf. auch SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 227 und Anm. 2.
62
DÖLGER, Regesten Nr. 1322 (ca. April 1142).
284 Kapitel XV
chen Angriffen von Italien her ausgesetzt, wie sie war, absichern wollte, während er selbst mit
dem byzantinischen Hauptheer fern in Syrien weilte63.
Wie stand es nun einige Jahre später? 1140–1142 ist wieder eifriger Gesandtschaftsver-
kehr zwischen Byzanz, Deutschland und dem Papsttum feststellbar, und wir haben hier auch
die einzige Quellen-[386] nachricht, die man unter Umständen für byzantinische Ansprüche
auf Unteritalien in Anspruch nehmen könnte, für die dreißiger Jahre fehlen sie völlig.
1140 ging eine Gesandtschaft nach Deutschland, um das Bündnis gegen die Normannen
zu erneuern und eine Heiratsverbindung zwischen beiden Herrscherhäusern vorzuschlagen64.
1142 war so weit Einigung erzielt worden65, daß die Braut nach Konstantinopel aufbrechen
konnte, wo sie freilich mit der Tatsache konfrontiert wurde, daß ihr ausersehener Bräutigam
nicht mehr ein einfacher Prinz war, sondern der regierende Kaiser, was neue Verhandlungen
notwendig machte.
Die Frage ist, ob diese Gesandtschaften tatsächlich auch schon über eine Aufteilung Un-
teritaliens verhandelt haben. Der einzige Hinweis hierauf ist in einem Brief des Johannes an
Konrad III. von 1142 enthalten, in dem der Kaiser mitteilt, seine Gesandten wüßten, wie er
über die "Angelegenheit Apuliens und Longobardiens" denke, auch wenn sie in erster Linie
mit der Fortführung der Heiratsverhandlungen betraut seien: De causa Apulie et Longobardie
prudentissimis apocrisiariis nostris, que a nobis visa sunt, iussimus. Nam etsi quidam horum ad
susceptionem magis nobilissime cum Deo future nurus imperii mei missi sunt, tamen etiam com-
muniter eis notum est mei velle66. Dieser Satz ist offenkundig die Antwort auf einen vorherigen
Brief Konrads, in dem der Deutsche mitteilt, daß alle Schwierigkeiten nun überwunden seien
und er demnächst nach Italien ziehen werde, wo der Papst und andere ihn schon sehnsüchtig
erwarteten: Nolumus etiam latere discretionis tue prudentiam, quod domnus papa totaque Apu-
lia, Italia et Longobardia de die in diem adventum nostrum desiderant et, ut nostra eis imperiali
subveniamus potentia, cum omni devotione expostulant67.
Ob man hieraus auf unterschiedliche Auffassungen beider Herrscher in der Unteritalien-
frage schließen kann, wie es zuletzt von [387] Hanna Vollrath getan worden ist68, muß be-
zweifelt werden. Der fragliche Satz des Johannes ist so allgemein, daß man in ihn alles mögli-
63
Den Zusammenhang mit Antiocheia hat praktisch nur CHALANDON, Comnène II S. 167ff. gesehen,
der allerdings dennoch eine aktive Unterstützung der Byzantiner in Italien annimmt, ohne dafür freilich
Quellen beibringen zu können.
64
DÖLGER, Regesten Nr. 1320 (Anfang 1140).
65
DÖLGER, Regesten Nr. 1322 (ca. April 1142).
66
OTTO VON FREISING, Gesta I. 26, S. 176; DÖLGER, Regesten Nr. 1322 interpretiert dies als "Voll-
machten betreffs Apulien und Langobardien", die die Gesandten haben. Doch wird dies von der Quelle
nicht gedeckt. Von Vollmachten ist hier nicht die Rede, die Gesandten sollen vielmehr offenbar nur den
deutschen König von der Ansicht des Kaisers informieren. Ob sie auch Verhandlungsvollmacht in dieser
Frage gehabt haben, wissen wir nicht. Aus der angeführten Stelle geht es jedenfalls nicht hervor.
67
OTTO VON FREISING, Gesta I. 26, S. 172.
68
VOLLRATH, Konrad III. S. 340ff.
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 285
che hineininterpretieren kann, angefangen von Vorstellungen, wie, wann und wo der Feldzug
gegen Roger II. geführt werden sollte, bis zur Frage, ob Byzanz sich militärisch beteiligen wür-
de und wem die Eroberungen schließlich zufallen sollten. Eine Einschränkung auf eine be-
stimmte Interpretation ist aus diesem Grund nicht möglich, und wir sind daher gezwungen,
die Absichten des Kaisers aus dem allgemeinen politischen Umfeld dieser Jahre zu erschließen.
Der Anstoß zu der Bündniserneuerung und das Heiratsangebot sind von Byzanz ausge-
gangen69, was heißt, daß in erster Linie Johannes Interesse an einer Verbindung mit dem deut-
schen Reich gehabt hat. Weiter ist festzuhalten, daß der Kaiser 1141/42 wieder ein Unterneh-
men gegen Antiocheia vorbereitete, daß Byzanz also in diesen Jahren nicht beabsichtigte, sich
auch in Italien militärisch zu engagieren. Entscheidend aber ist die Person des ausgewählten
Bräutigams. Manuel war nur der vierte Sohn des Kaisers und als solcher ohne realistische
Aussichten auf den Thron. Ja, er war sogar ausdrücklich für eine Karriere in Nordsyrien be-
stimmt70. Bertha von Sulzbach hingegen, die von [388] Konrad ausgewählte Braut, war nicht
einmal eine Blutsverwandte des Königs, sondern nur die Schwester der Königin, Konrad war
also genaugenommen nicht einmal für ihre Mitgift zuständig71.
Es scheint ausgeschlossen, daß die Ehe zwischen einem jüngeren Prinzen und einer ange-
heirateten Verwandten genug Gewicht gehabt haben soll, um mit ihr eine Rückgabe, und sei
sie auch nur teilweise, Unteritaliens an Byzanz in Verbindung zu bringen. Verstärkt wird die-
ser Eindruck noch durch die Tatsache, daß der Papst das Bündnis unterstützte72. Innozenz II.
hätte, wie bedroht die Lage auch sein mochte, einer Festsetzung der Byzantiner kaum zuge-
stimmt. Der Papst erhob selbst Ansprüche auf diese Gebiete, und die Frage, wem sie schließ-
lich zufallen sollten, war zwischen Papst und deutschem Kaiser noch lange nicht ausgestan-
69
OTTO VON FREISING, Gesta I. 25, S. 168.
70
KINNAMOS S. 19; cf. LILIE (1993) S. 138ff. Mitkaiser und präsumptiver Nachfolger des Johannes war
Alexios Komnenos, hinter dem Andronikos, Isaak und dann Manuel folgten. Erst der Tod seiner beiden
ältesten Brüder und die Gunst der Umstände ebneten Manuel den Weg zum Thron. An sich wäre Isaak
der gegebene Nachfolger gewesen, doch befand er sich beim Tode des Johannes fern in Konstantinopel,
während Manuel bei seinem Vater und bei der Armee war. Die Quellen überliefern, daß Johannes auf dem
Sterbebett Manuel zum Kaiser proklamiert habe, da er ihn von der Veranlagung her für geeigneter angese-
hen habe (KINNAMOS S. 26ff.; NIKETAS CHONIATES S. 43f.). Doch ist dies zu bezweifeln. Isaak war
weit fort und Manuel, der bei dem Heer außerordentlich beliebt gewesen zu sein scheint, anwesend. Hätte
Johannes Isaak zum Nachfolger erklärt, wäre er Gefahr gelaufen, daß Manuel diese Entscheidung nicht
akzeptieren und es zum Bürgerkrieg kommen würde. Die Vorgänge beim Tod des Alexios boten hierfür ein
gutes Beispiel. Es scheint möglich, daß Johannes diese Gefahr gesehen und daher gleich den bei den Solda-
ten beliebten Manuel zum Nachfolger vorschlug. Möglich ist aber auch, daß die angebliche Rede des Johan-
nes überhaupt nicht gehalten worden ist – jedenfalls nicht in der uns überlieferten Form –, sondern als Er-
gebnis eigener Propagandaanstrengungen Manuels, der naturgemäß stärkstens an der Legitimierung seines
Kaisertum interessiert sein mußte, auf uns gekommen ist; in letzterem Sinne cf. jetzt LILIE (2009).
71
Bertha ist vielleicht, wie VOLLRATH, Konrad III. S. 344 dargelegt hat, erst 1145/46 von Konrad adop-
tiert worden, um die Unebenbürtigkeit zu dem inzwischen zum Kaiser avancierten Manuel abzumildern;
cf. aber auch im nächsten Kapitel S. 395f·; zur Adoption selbst cf. RASSOW, Honor Imperii S. 30f.
72
So Konrad in seinem Brief an Johannes, s. OTTO VON FREISING, Gesta I. 26, S. 172.
286 Kapitel XV
den73. Auch daß der venezianische Doge Petrus Polanus am Zustandekommen des Bündnisses
erheblich beteiligt gewesen ist, spricht gegen ein Rückgabeversprechen an Byzanz, denn Vene-
dig war ebensowenig wie der Papst an einer Festsetzung der Byzantiner in Unteritalien
interessiert.
Wenn wir dagegen annehmen, daß der byzantinische Anstoß zu dem Bündnis gegen die
Normannen vor allem der Vorbereitung eines Angriffs auf die Kreuzfahrerstaaten gedient hat,
wird alles klar. Gewiß, auch hier hatte der Papst Einwände, hatte sie 1138 auch deutlich genug
gezeigt74. Jedoch hatte Johannes 1139 und 1141 die Kirchenunion und die Anerkennung des
Papstes als des Oberhauptes auch der griechischen Kirche in Aussicht gestellt75. Zudem beab-
sichtigte der Kaiser, wie es scheint, jetzt nicht mehr eine Auslöschung der Kreuzfahrerstaaten,
sondern ihre Erweiterung [389] um Teile Kleinasiens und um Zypern zu einer neuen Herr-
schaft, die zwar von einem byzantinischen Prinzen geführt werden sollte, der aber durch die
Heirat mit der Deutschen Bertha von Sulzbach auch an das westliche Europa gebunden wer-
den würde. Der Papst scheint mit einer solchen Konstruktion einverstanden gewesen zu sein,
die Quellen berichten jedenfalls nichts von antibyzantinischen Äußerungen vor oder während
des zweiten Syrienfeldzuges. Ob Innozenz II. allerdings die Absichten, die der Kaiser mit sei-
nem Vorgehen in Syrien verbunden hat, in ihrer ganzen Tragweite begriffen hat, sei dahinge-
stellt.
Die hier vorgetragenen Überlegungen sollen nun nicht besagen, daß Johannes Komne-
nos überhaupt jeden Gedanken an eine Restauration der byzantinischen Herrschaft in Unter-
italien aufgegeben hat. Hierüber wissen wir nichts. Zumindest in der Theorie wird der Kaiser
an diesen ehemaligen Reichsprovinzen festgehalten haben, was den Konflikt mit Deutschland
und dem Papsttum beinhaltete. Aber er wurde erst akut, wenn eine Vernichtung des norman-
nischen Staates tatsächlich in den Bereich des Möglichen treten würde, und dies scheint Jo-
hannes zeit seines Lebens bezweifelt zu haben. Er plante nicht so weit, sondern begnügte sich
damit, die Gefahr, die von den Normannen ausging, durch Bündnisse mit Deutschen, Pisa-
nern, Venezianern und zuletzt auch dem Papst zu neutralisieren. Dies ist dem Kaiser gelun-
gen. Die Frage, was mit Unteritalien geschehen sollte, wenn es einmal gelingen sollte, die Nor-
mannen entscheidend zu schlagen, mochte gelöst werden, wenn es so weit war, vorerst war
eine solche Entwicklung unwahrscheinlich, und dies scheint bestimmend für das Verhalten
des Kaisers gewesen zu sein.
73
Cf. ROWE, Papacy and the Greeks S. 4f.; leider hat Vollrath in ihrem ansonsten hervorragenden Aufsatz
die Arbeit von Rowe nicht verwertet. Ihre Auffassung der Politik Konrads zwischen Rom und Byzanz
würde im Licht der Thesen Rowes doch einige Nuancierungen erfahren.
74
S. JAFFÉ–LOEWENFELD Nr. 7883 (28. März 1138); cf. LILIE (1993) S. 131f.
75
Cf. LILIE, "Zweikaiserproblem".
Johannes II. Komnenos (1118 – 1143) 287
76
Cf. LILIE (1993) S. 135–138.
77
ANNALES IANUENSES S. 31; man rechnete in Genua so sicher mit einem erfolgreichen Abschluß, daß
die Genuesen sich schon vorher verpflichteten, die Vertragsbedingungen anzuerkennen, s. IMPERIALE,
Codice I. Nr. 128 (Breve dei consoli dei comune di Genova) S. 166: Conventiones illas inter imperatorem
Constantinopolitanum et lanuenses, quas legati fecerunt aut fecerint, quas consules de Communi, qui modo
sunt, scriptas et determinatas nobis dederint adimplemus, ita determinatim ut eas per scriptum nobis dederint.
Das heißt, daß man in Genua fest mit einem Erfolg der Byzantiner gerechnet haben muß. Leider wissen wir
nichts über die den Gesandten mitgegebenen Vollmachten, aber die schon vorher gegebene Zustimmung
der Kommune zeigt, für wie wichtig man in Genua eine Verbindung mit Byzanz gehalten hat.
78
IMPERIALE, Codice I. Nr. 140 (1144) S. 177–179; die Chronologie ist nicht ganz sicher, das Privileg
könnte auch schon 1143 erlassen worden sein, cf. LANGER, Genua und Pisa S. 18 Anm. 8. Die Venezianer
ließen sich ebenfalls 1143 ein Privileg ausstellen und zwar schon im April, also kurz vor dem Tod des Jo-
hannes und dem Abbruch des Unternehmens, was zeigt, daß auch sie für absehbare Zeit nicht mehr an
einen Erfolg der byzantinischen Rückeroberungspläne glaubten (TAFEL–THOMAS Nr. 46 (April
1143)), von Tafel–Thomas fälschlich auf 1140 datiert, jedoch fällt das siebte Jahr der Herrschaft Rai-
munds auf 1142/43, da er 1136 nach Antiocheia gekommen war.
288 Kapitel XV
Verhältnis zum deutschen Reich gestaltete sich ähnlich, ein Verhältnis, das jetzt allerdings
enger wurde, wie sich an dem Eheprojekt zeigt.
Mit den Ungarn war es zu ersten ernsthaften Zerwürfnissen gekommen, gegenüber den
Seldschuken vertrat Johannes eine offensivere Politik als sein Vater, ebenso gegenüber den
Serben. Aber auch dies war auf die gewachsene byzantinische Stärke zurückzuführen. In den
Beziehungen zu Pisa und zum Papsttum folgte Johannes eng den Spuren seines Vorgängers,
auch der Bruch mit Venedig hatte sich schon in den letzten Jahren des Alexios angedeutet.
Insgesamt ist also eine konsequente Fortsetzung der Politik des Alexios festzustellen, nur mit
einer etwas stärkeren offensiven Komponente. Wir werden im nächsten Kapitel sehen wie
auch Manuel auf seine eigene Weise die Politik in diesen, von seinen Vorgängern vorgezeich-
neten, Bahnen weitergeführt hat, ohne sie in auch nur einem einzigen Bereich völlig zu
verlassen.
KAPITEL XVI MANUEL I. KOMNENOS (1143 – 1180)
Der Tod Kaiser Johannes’ II. Komnenos beendete zunächst einmal die byzantinischen Aktio-
nen in Syrien. Der Grund hierfür lag weniger im Wollen der Byzantiner als vielmehr in den
Schwierigkeiten der Thronfolgeregelung: Manuel war nicht der älteste Sohn des Johannes,
sondern erst der vierte und jüngste. Zwar waren die beiden ältesten seiner Brüder kurz zuvor
gestorben, aber mit Isaak gab es immer noch einen älteren, der zudem in Konstantinopel saß.
Auch wenn Manuel der Unterstützung des Heeres sicher sein konnte, der Besitz der Haupt-
stadt wog schwerer. So schickte er denn sofort zwei Vertraute nach Konstantinopel, die dort
Isaak festsetzen und die Hauptstadt auf seine Seite ziehen sollten, was ihnen – anscheinend
ohne größere Schwierigkeiten – auch gelang. Dennoch mußte die Lage so lange instabil blei-
ben, wie Manuel nicht selber in Konstantinopel erscheinen konnte. Er brach demzufolge
sofort mit dem Großteil seiner Armee in Richtung Hauptstadt auf. Daß seine Situation auch
von Raimund von Antiocheia richtig eingeschätzt wurde, zeigt dessen Botschaft an den Kai-
ser, in der er ihn aufforderte, alle von den byzantinischen Truppen besetzten Gebiete zu
räumen1. Jedoch entsprach das beiderseitige Kräfteverhältnis auch in dieser Situation nicht
den Intentionen des Fürsten: Manuel ordnete einen Teil seiner Truppen zum Schutz der
byzantinischen Interessen in Kilikien ab, die Raimund nach längeren Auseinandersetzungen
wieder zur Anerkennung der byzantinischen Oberhoheit zwangen. Immerhin zeigte das Ver-
halten des Fürsten dem Kaiser, wieviel oder besser: wie wenig er auf die fränkischen Verspre-
chungen und Eide geben konnte, auch dies vielleicht eine Erklärung für die spätere Politik des
Reiches gegenüber den Kreuzfahrerstaaten in Syrien und Palästina2.
[393] Auf dem Rückmarsch erlitt das Heer einige Verluste durch seldschukische Angrif-
3
fe . Dies zeigt schlaglichtartig die Schwäche der byzantinischen Position. Trotz der glänzen-
den Erfolge, die Johannes II. in Kilikien und Nordsyrien errungen hatte, blieben alle diese
Gewinne ephemer, solange es Byzanz nicht gelang, den Weg durch Kleinasien in ausreichen-
dem Maße abzusichern. Auch dies sollte seine Auswirkungen auf die spätere Politik Manuels
haben, wie wir noch sehen werden.
Verhandlungen mit den Normannen 1143
In Konstantinopel vollzog sich die Thronbesteigung Manuels ohne Schwierigkeiten. Doch
schon die nächsten Monate zeigen einen neuen Zug in der byzantinischen Politik. Es ist dies
1
KINNAMOS S. 33f.; diese Botschaft ist nur bei Kinnamos überliefert, was Zweifel an ihrer Echtheit aus-
lösen könnte, doch bestätigt auch NIKETAS CHONIATES S. 52 den fränkischen Angriff, was feilich
auch auf die Benutzung einer gemeinsamen Vorlage zurückzuführen sein könnte.
2
Cf. auch LILIE (1993) S. 142f.
3
NIKETAS CHONIATES S. 50 (allerdings sehr beschönigend); laut KINNAMOS S. 31 gab es keine
Schwierigkeiten.
290 Kapitel XVI
die Gesandtschaft des Basileios Xeros an Roger II. von Sizilien4. Nach Romuald von Salerno
gab Byzanz den Anstoß, es ging um die Verheiratung einer kaiserlichen Prinzessin mit einem
Sohne Rogers. Obwohl die Frage sich auf der Grundlage der vorhandenen Quellen nicht mehr
einwandfrei klären lassen wird5, scheint aus der ganzen Situation heraus doch die Darstellung
des Kinnamos den Vorzug zu verdienen, obwohl auch seine Schilderung nicht korrekt ist.
Den Weg zur (allerdings hypothetischen) Lösung dürfte die Frage weisen, wer von einem
Bündnis den größeren Nutzen gehabt hätte. Für Byzanz ist kein größerer Gewinn erkennbar.
Eine Bindung an den Normannenstaat hätte alle byzantinischen Träume von einer
Rückgewinnung Italiens unmöglich werden lassen. Ob Manuel allerdings schon zu diesem
Zeitpunkt solche Pläne geschmiedet hat, wissen wir nicht. Ebenso aber wäre das Ehebündnis
mit Deutschland zu einem Ende gekommen, und auch der Papst hätte sich kaum [394] mit
einer solchen Entwicklung abgefunden, von Venedig ganz zu schweigen. Die Feindschaft des
Papsttums aber hätte auch alle byzantinischen Bestrebungen in Syrien und Palästina bedroht.
Auch ein Bündnis mit Roger II. hätte sie kaum gefördert, zumal der Normanne selbst Ansprü-
che auf das Fürstentum Antiocheia erhob. Umgekehrt war Deutschland noch lange nicht die
Bedrohung, die es in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts werden sollte.
Dagegen hatte Roger II. gute Gründe, eine Verbindung mit Byzanz zu suchen. Er hatte
zwar die Koalition aus Deutschland, Papsttum, Pisa, Venedig und Byzanz glücklich abwehren
können – der unverhoffte Tod Lothars III. hatte ihm dies erleichtert –, aber ob sein Reich
einen entschlossenen Angriff der Deutschen und Byzantiner zugleich überleben würde, war
doch fraglich. Und ein solches gemeinsames Vorgehen drohte jetzt umso mehr, als der neue
byzantinische Herrscher mit einer Deutschen verlobt war6. Wenn es Roger aber gelang, ein
Bündnis zwischen Sizilien und Byzanz zustandezubringen, hatte er sein Spiel praktisch schon
gewonnen. Es ist daher wahrscheinlich, daß der Anstoß zu den Verhandlungen von ihm aus-
gegangen ist.
Dennoch ist auch der Bericht des Kinnamos unkorrekt, zumindest unvollständig. Laut
Kinnamos soll Roger II. den byzantinischen Gesandten bestochen haben, ihn als Kaiser anzu-
erkennen. Dies ist ausgesprochen unwahrscheinlich. Jeder byzantinische Gesandte mußte
wissen, daß Konstantinopel eine solche Anerkennung niemals billigen würde und daß er
4
DÖLGER, Regesten Nr. 1331 (ca. 1143 bald nach April 8.); cf. CHALANDON, Comnène II S. 258f.;
DERS., Dom. Norm. II S. 129; CASPAR, Roger II. S. 362–364.
5
ROMUALD VON SALERNO S. 424: Hic (i. e. Manuel) autem ad regem Rogerium legatos de parentela
inter eos componenda mandavit. Rex autem pro hac causa perficienda honorabiles legatos ad imperatorem
misit, qui eos verbis suis more solito diucius detinuit, et postmodum in carcere retrudi fecit. Demzufolge wäre
also eine normannische Gegengesandtschaft zusammen mit Basileios Xeros nach Byzanz gegangen, was
Kinnamos nicht erwähnt, aber dennoch grundsätzlich wahrscheinlich ist. Die Ereignisse der folgenden
Jahre werden von Romuald dann allerdings in einer stark gekürzten Version erzählt (cf. im folgenden).
6
Laut KINNAMOS S. 91 soll Roger II. schon vorher versucht haben, Kontakte mit Johannes II. Komnenos
zu knüpfen. Doch erscheint dies unglaubhaft, da Johannes 1141/42 erfolgreich mit den Deutschen um
Bündnis und Eheverbindung unterhandelte.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 291
entsprechende Konsequenzen zu gewärtigen hatte. Es scheint eher, daß Manuel in der Zwi-
schenzeit das Interesse an den Verhandlungen verloren hatte, wobei er als Motiv seinem Ge-
sandten Überschreitung der Befugnisse, also Fehlgesandtschaft, vorwarf. Dies dürfte ihm
umso leichter gefallen sein, als Basileios Xeros ohnehin schon tot war und daher nichts mehr
zu seiner Verteidigung vorbringen konnte7.
[395] Warum ist Manuel überhaupt auf die Avancen der Normannen eingegangen? Die
Antwort dürfte in den Beziehungen zu den Deutschen zu suchen sein. Wir haben gesehen,
daß die Verhandlungen über eine Eheschließung Manuels mit Bertha von Sulzbach 1142 so
gut wie abgeschlossen waren und die Braut sich bereits in Konstantinopel aufhielt. Jedoch
hatten der Tod des Johannes und die Thronbesteigung Manuels eine völlig neue Lage ge-
schaffen. Die Braut, die nicht einmal blutsverwandt mit dem deutschen König war, konnte
jetzt selbst mit gutem Willen nicht mehr als standesgemäß angesehen werden. Wäre es nicht
denkbar, daß Manuel durch das Eingehen auf die Verhandlungsvorschläge Rogers II. versucht
hat, Druck auf die Deutschen auszuüben, um zusätzliche Vorteile für sich herauszuholen,
wenn er doch in eine Heirat mit Bertha von Sulzbach einwilligte? Der deutsche König scheint
sich diesem Druck gebeugt zu haben, denn Manuel brach unter dem Vorwand der Fehlge-
sandtschaft die Verhandlungen mit den Normannen ab. Ob er schon zu diesem Zeitpunkt
ernsthaft an eine Kompensation durch Landgewinn in Italien gedacht hat, dürfte zu bezwei-
feln sein. Die Verhandlungen von 1144/45, von denen noch zu sprechen sein wird, lassen es
eher unwahrscheinlich sein. Denkbar wäre aber, hier die Adoption Berthas durch Konrad III.
einzuordnen, die die Braut wenigstens einigermaßen standesgemäß machte8. Immerhin
7
KINNAMOS S. 92: κεφάλαιον ἦν τὸ ἐν ἴσῳ μεγαλείου βασιλέα τε τοῦ λοιποῦ καὶ ‘Ρογέριον ἔσεσθαι. Diese
Gleichstellung kann praktisch nur eine Anerkennung als Kaiser bedeuten. Laut CHALANDON, Com-
nène II. S. 259 hat Xeros Roger II. als König anerkannt, doch ist Kinnamos hier eindeutig.
8
Manuel scheint schon 1143/44, jedenfalls vor der Gesandtschaft des Nikephoros (DÖLGER, Regesten Nr.
1338), Gesandte nach Deutschland geschickt zu haben. Hierauf scheint jedenfalls OTTO VON FREI-
SING, Chronik VII. 28, S. 548 hinzuveisen. Der Chronist erzählt in diesem Kapitel kurz, daß Johannes
einen Freundschaftsbund (amiciciae fedus) mit Konrad III. geschlossen habe und daß hierbei Manuel mit
der Schwägerin des deutschen Königs verlobt worden sei. Es folgt ein kurzer Bericht über den zweiten
Syrienzug und den Tod des Johannes. Dann schildert Otto, daß Manuel, nachdem er Kaiser geworden sei,
Gesandte an Konrad geschickt und das Bündnis erneuert habe: At Manuel ad regnum sublimatus nuncios
ad regem Conradum cum preciosis muneribus, sicut et prius pater eius fecerat, dirigens fedus renovavit. Dies
deutet eigentlich auf eine Gesandtschaft hin, die relativ kurz nach Herrschaftsantritt abgeschickt worden
ist und nicht erst Ende 1144. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, daß die Heirat zwischen Manuel
und Bertha nicht erwähnt wird. Möglicherweise wollte Otto von Freising sie erst an ihrem chronologischen
Platz erzählen, hat es dann aber vergessen. Die Gesta erwähnen keine Gesandtschaft 1143, aber das könnte
damit zusammenhängen, daß Otto von Freising hier nur die Gesandtschaften erwähnt, deren Botschaften
er im folgenden aufführt. Der Brief Konrads an Manuel gibt ebenfalls einen indirekten Hinweis auf vorhe-
rige Kontakte. Wenn es die erste Botschaft an den neuen Kaiser gewesen wäre, würde man einen entspre-
chenden Hinweis, Glückwünsche o. ä. erwarten, wovon sich nichts findet. Auch die Situation erfordert
eigentlich eine Gesandtschaft vor derjenigen des Nikephoros 1144/45. Zwischen Konrad und Johannes
war ein Bündnis abgeschlossen worden, das sich nach mittelalterlicher Auffassung mit dem Tod des Johan-
nes erledigt hatte. Zudem befand sich Manuels Verlobte bereits in Konstantinopel, die Heirat hatte aber
292 Kapitel XVI
scheint Manuel 1143 grundsätzlich in die Ehe [396] mit Bertha von Sulzbach eingewilligt zu
haben. Damit hatten die Verhandlungen mit Roger II. ihren Zweck erfüllt und konnten abge-
brochen werden.
Das Privileg für Pisa 1143
Noch 1143 war in Byzanz eine pisanische Gesandtschaft unter Ugo Dudonis empfangen wor-
den, die mit Erfolg um eine Bestätigung der von Alexios verliehenen und von Johannes
bestätigten Privilegien nachsuchte9. Die Tatsache einer solchen Gesandtschaft ist von Heyd
bezweifelt worden – möglicherweise, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, ist sie mit der des
Jahres 1141 identisch, die von demselben Gesandten angeführt worden war (die Quellen sind
zu ungenau) –, da sie in einer sehr späten Quelle auftauche und eben deshalb vielleicht vom
Chronisten verwechselt worden sei10. Jedoch spricht das Faktum einer späten Erwähnung
nicht unbedingt gegen ihre Existenz, die von der Situation her geradezu gefordert wird: Im
Vertrag von 1111, der 1136 erneuert worden war, hatte Pisa [397] gewisse Privilegien in der
Romania erhalten als Preis für eine pisanische Unterstützung der griechischen Bestrebungen
in Syrien. Der Vertrag galt für Alexios und dessen Nachfolger Johannes, lief also mit dem
Ende der Regierungszeit des letzteren ab. Schon dies erklärt zur Genüge das Erscheinen einer
pisanischen Gesandtschaft, wie ja auch schon 1119 die Venezianer um eine ähnliche Bestäti-
gung ihrer von Alexios verliehenen und mit dem Tod dieses Kaisers ungültig gewordenen
Privilegien nachgesucht hatten. Ein weiteres kommt hinzu: Beide Abschlüsse, sowohl 1111 als
auch 1136, hatten sich gegen Syrien gerichtet. Man wird in Pisa Informationen darüber ge-
wünscht haben, ob und wenn ja, in welcher Weise Byzanz nach dem Tod des Johannes hier
weiter zu handeln gedachte. Eine venezianische Gesandtschaft ist dagegen nicht erschienen,
noch nicht stattgefunden. Konrad, der ja auch eine gewisse Verantwortung für seine Schwägerin hatte,
mußte daran gelegen sein, möglichst bald Klarheit über die byzantinischen Pläne zu erhalten. Ist es wirklich
wahrscheinlich, daß Konrad III. bis Ende 1144 untätig gezögert hätte, bevor er Näheres in Erfahrung brin-
gen konnte? Umgekehrt hätte es eine starke Desavouierung der Deutschen bedeutet, wenn Manuel erst
nach rund eineinhalb Jahren erklärt hätte, ob er zu dem Heiratsprojekt stand oder nicht. Auch die empörte
Reaktion Konrads auf das Verhalten des byzantinischen Gesandten Nikephoros ist eigentlich nur zu erklä-
ren, wenn man annimnt, daß der deutsche König völlig überrascht wurde. Hätte Manuel zwischen dem
Frühjahr 1143 und dem Winter 1144/45 überhaupt nichts von sich hören lassen, so hätte allein dieses
schon eine solche Brüskierung Konrads bedeutet, daß jener eine negative Entscheidung des Byzantiners
hätte erwarten müssen. Aus allen diesen Gründen heraus möchte ich vermuten, daß Manuel relativ bald
nach seinem Regierungsantritt Gesandte an Konrad geschickt hat, durch die er das Bündnis gegen die Nor-
mannen erneuerte und grundsätzlich der Heirat mit Bertha von Sulzbach zustimmte, freilich wohl eine
gewisse Kompensation für den Standesunterschied verlangt hat, der Konrad möglicherweise durch die
Adoption Berthas nachgekommen ist, was ihn allerdings für ihre Mitgift verantwortlich werden ließ.
Italien scheint zu dieser Zeit noch keine Rolle gespielt zu haben. Auch DÖLGER, Regesten Nr. 1338
scheint eine eigene Gesandtschaft 1143 anzunehmen, wenngleich seine Argumentation mir einigermaßen
unklar ist. Auch fehlt für 1143 ein eigenes Regest.
9
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1332 (ca. 1143 nach April 8.).
10
Cf. HEYD, Commerce I. S. 197; CHALANDON, Comnène II S. 161.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 293
wie einwandfrei aus dem Text des Privilegs von 1147 hervorgeht11. Dies erscheint auf den
ersten Blick merkwürdig, scheinen doch die Beziehungen zwischen beiden Staaten in dieser
Zeit gut gewesen zu sein, so daß die verspätete Ausstellung auf den ersten Blick verwundert,
zumal der Handelsverkehr zwischen Venedig und Byzanz laut Nachweis der Dokumente
keine Unterbrechung erfahren hat12. Doch verschieben wir die Untersuchung dieser Frage
vorläufig auf später.
Auch von einer genuesischen Gesandtschaft wissen wir nichts. Nach dem Fehlschlag der
letzten byzantinischen Expedition nach Syrien scheint man dort erst einmal abgewartet zu
haben, wie die Dinge sich weiter entwickeln würden, bei den zu dieser Zeit doch relativ gerin-
gen Interessen Genuas an dem griechischen Reich eine verständliche Haltung.
Im Osten sah Manuel sich 1144/45 und 1146/47 in einen Krieg gegen das Sultanat von
Ikonion verwickelt, der aber wegen des sich ankündigenden Zweiten Kreuzzugs ohne Ent-
scheidung abgebrochen werden mußte13. [308]
Die Heirat mit Bertha von Sulzbach und der byzantinische Anspruch auf Teile
Italiens (1145–46)
Das wichtigste Ereignis dieser Jahre, das die byzantinische Politik in neue Bahnen lenken
sollte, ist zweifellos die 1146 vollzogene Heirat zwischen Manuel und Bertha von Sulzbach
gewesen14: nicht so sehr, weil sich hier die beiden Kaiserreiche verbanden, sondern weil diese
Heirat konkrete Auswirkungen auf die byzantinische Italienpolitik gehabt hat, ja überhaupt
erst ernsthafte Gedanken an eine Rückgewinnung der Halbinsel für Byzanz erwecken konnte.
Ohnsorge wie zuletzt auch Vollrath nehmen an, daß bereits 1142 die byzantinischen An-
sprüche auf Teile Italiens Gegenstand der Verhandlungen gewesen sind, doch glaube ich ge-
zeigt zu haben, daß dies nicht zutrifft15. Aber unterdessen hatte die Geschäftsgrundlage sich
entscheidend verändert: Manuel war Kaiser geworden und Bertha damit endgültig unstandes-
gemäß. Manuel hätte sie, die sich schon seit 1142 in Konstantinopel aufhielt, an Konrad zu-
rückschicken können. Wenn er trotzdem der Heirat zustimmte, so jedenfalls nur um den
Preis entsprechender Kompensation, die umso größer sein konnte, als Bertha bereits in Kon-
11
Andernfalls wäre eine solche Bestätigung in dem Privileg von 1147 angeführt worden. Es werden aber nur
die von Alexios und Johannes verliehenen Privilegien erwähnt.
12
Cf. die entsprechenden Dokumente bei MdRD: Nr. 83, 85, 87, 89, 90, 91 (zwischen April 1144 und Au-
gust 1147 ausgestellt, ebenso MdRND Nr. 7 und 8 aus dem Jahr I147).
13
NIKETAS CHONIATES S. 52f. ; KINNAMOS S. 38ff., 66f.; cf. VRYONIS, Decline S. 120f.; DERS.,
Nomadization S. 45; zu dem Zusammenhang zwischen Abbruch und Zweitem Kreuzzug cf. zuletzt LILIE
(1993) S. 146.
14
Zu der Heirat cf. CHALANDON, Comnène II S. 209ff.; HEILIG, Ostrom und das deutsche Reich S.
163ff.; zuletzt VOLLRATH, Konrad III. S. 344f.
15
OHNSORGE, Byzanzpolitik S. 460; DERS., Zweikaiserproblem S. 90; VOLLRATH, Konrad III. S. 340f.;
s. oben S. 387ff.
294 Kapitel XVI
stantinopel war. Hätte Manuel sie nach fast drei Jahren Aufenthalt wieder zurückgeschickt, so
hätte dies eine fürchterliche Blamage für Konrad bedeutet.
Aus dem Brief Konrads von 1145 erfahren wir, daß der byzantinische Gesandte Nike-
phoros den deutschen König durch sein anfängliches Auftreten so erzürnt hatte, wie es
schlimmer nicht hätte sein können, wenn er eigenhändig den Sohn Konrads vor dessen Augen
erschlagen hätte16. Erst nach drei Tagen sei der Gesandte wieder vorgelassen worden, nach-
dem er seine ursprünglichen Aussagen zurückgezogen und nunmehr die wahren Absichten
seines Auftraggebers enthüllt habe. Wir werden kaum fehlgehen, wenn wir diese drei Tage als
angefüllt mit geheimen Verhandlungen annehmen, bis man sich geeinigt hatte17. Ohnsorge
hat, anderen Forschern folgend, [399]den Ärger Konrads mit der Verweigerung des Kaiser-
titels begründet18, doch ist dies unwahrscheinlich, denn das Spiel mit der Verweigerung des
Titels des Imperator Romanorum ist schon zwischen Johannes und Konrad gespielt worden,
ohne daß wir von derartigen Überreaktionen hören19. Chalandon gibt als Grund an, Manuel
habe mit der Auflösung der Verlobung gedroht, was zutreffend erscheint20. Der Gesandte
drohte zunächst mit einer Auflösung, und in den folgenden drei Tagen verhandelte man
"unter Ausschluß der Öffentlichkeit" über die Bedingungen, unter denen Manuel die Heirat
doch akzeptieren würde. Dann demonstrierte man vor aller Augen wieder Einigkeit, was das
Gesicht des deutschen Königs wahrte.
Was war der Preis? Vollrath hat in einem gelungenen Aufsatz vor kurzem nachgewiesen,
daß die Überlassung Unteritaliens an Byzanz nicht, wie bisher allgemein angenommen wor-
den ist, in Thessalonike 1148 vereinbart worden ist21, sondern daß es sich bei diesem Vertrag
um die Erneuerung bzw. Bekräftigung früherer Abkommen gehandelt hat, und sie bringt
völlig zu Recht die Abtretung Unteritaliens mit den Heiratsverhandlungen von 1145 in Zu-
sammenhang22. Unverständlich ist allerdings der weitere Gedankengang Vollraths, in dem sie
ihre vorherigen Thesen praktisch wieder zurücknimmt und die Abtretung Italiens ein Ergeb-
nis der Verhandlungen während des Zweiten Kreuzzugs sein läßt23. Ihre Argumentation, kurz
16
OTTO VON FREISING, Gesta I. 26, S. 176.
17
Wir kennen hier nur die Darstellung Konrads, die die eigene Position natürlich möglichst vorteilhaft her-
ausstellt.
18
OHNSORGE, "Kaiser" Konrad III. S. 375; cf. die Literaturübersicht bei VOLLRATH, Konrad III. S. 343
Anm. 87.
19
Vor allem diese Beobachtung spricht gegen VOLLRATH, Konrad III. S. 343 Anm. 87, die zwar einerseits
die Reaktion Konrads mit einer "Erpressung" durch Manuel begründet, andereseits aber, etwas unlogisch,
die These Ohnsorges gegen Lamma in Schutz nimmt.
20
CHALANDON, Comnène II S. 259ff.; ähnlich LAMMA, Comneni e Staufer S. 92; zuletzt VOLL-
RATH, Konrad III. S. 343.
21
VOLLRATH, KONRAD III. S. 324ff.
22
IBIDEM S. 345ff.
23
IBIDEM S. 348: "Es spricht also manches dafür, daß Konrad III. körperlich und seelisch durch den un-
glückseligen Kreuzzug geschwächt, dankbar für die Fürsorge des byzantinischen Kaiserpaares, sich auf
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 295
zusammengefaßt, ist folgende: 1142 hätten Johan-[400]nes und Konrad ein Bündnis gegen
Roger II. geschlossen, bei dem die Frage, wer die zu erobernden Gebiete erhalten sollte, aus-
geklammert worden sei. Der Papst und die deutschen Fürsten hätten diesem Vertrag zuge-
stimmt. 1145 sei dieser Vertrag erneuert worden. Der byzantinische Gesandte habe zwar ver-
sucht, mehr zu erreichen, doch habe Konrad sich nicht darauf eingelassen. Zusätzliches sei
nicht vereinbart worden, da weder der Papst noch die deutschen Fürsten um ihre Zustim-
mung gefragt worden seien. Erst 1148 habe Konrad sich unter dem Druck der Umstände zu
einer Abtretung Unteritaliens bereit gefunden. Dies sei aber eine persönliche Zusage über den
existierenden Vertrag hinaus gewesen, die nichtsdestoweniger rechtsverbindlich gewesen sei.
Diese Auffassung Vollraths übersieht, daß 1142 zwar ein Bündnis gegen Roger II. verein-
bart worden war, jedoch nicht über die Aufteilung der zu erobernden Gebiete verhandelt
worden war. Johannes ging es in erster Linie um eine Absicherung des byzantinischen Vor-
marsches gegen die Kreuzfahrerstaaten24. Die Zustimmung des Papstes war zwar nicht er-
forderlich, aber nützlich, vor allem im Hinblick auf die Kreuzfahrerstaaten, und der Papst
konnte zustimmen, weil er in diesem Bereich von Byzanz durch entsprechende Zusagen
beruhigt worden war und weil eben die Zukunft Unteritaliens kein Thema war. Das eigene
Interesse des Papsttums an Unteritalien ist von Vollrath nicht genügend berücksichtigt
worden. Die deutschen Fürsten wiederum mußten zustimmen, da ein Feldzug nach Unter-
italien vom König nicht einfach befohlen werden konnte, sondern einen förmlichen Reichs-
tagsbeschluß voraussetzte. 1145 hat man den Papst tatsächlich nicht gefragt und dies aus
gutem Grund, denn er hätte einer Abtretung Unteritaliens an die Griechen niemals zuge-
stimmt, Union oder nicht. Die Zustimmung der deutschen Fürsten aber war diesmal,
juristisch gesehen, nicht erforderlich, denn der Feldzug war ja schon 1142 ordnungsgemäß
beschlossen worden. Wem die Eroberungen aber zugesprochen werden würden, das zu
beschließen lag nicht in der Kompetenz der Fürsten oder eines Reichstags, sondern allein in
der Hand des Herrschers. Auch wäre es unklug gewesen, die Fürsten zu Rate zu ziehen. Zu ei-
[401]nem Feldzug dürften sie bereit gewesen sein. Ob sie aber, juristisch verpflichtet oder
nicht, an einem solchen Unternehmen mit der erforderlichen Bereitschaft teilgenommen
hätten, wenn sie gewußt hätten, daß die Eroberungen an Byzanz fallen sollten, darf bezweifelt
werden25. Es ist daher auch fraglich, ob diese Überlassung Italiens an Byzanz offener Bestand-
Abmachungen eingelassen hat, die er in heimischer Umgebung in nüchterner Rücksprache mit seinen
Beratern nicht akzeptiert hätte".
24
Cf. oben S. 388f.; cf. auch LILIE, Zweikaiserproblem (1985).
25
Die deutschen Vasallen waren zu der Heerfahrt nach Italien – mit Ausnahme der Romfahrt zur Erlangung
der Kaiserwürde – aufgrund des Lehnsrechts nicht verpflichtet, sondern ein solches Unternehmen mußte
zwischen Herrscher und Vasallen ausgehandelt werden, cf. MITTEIS, Lehnsrecht S. 597–599. Eine genaue
Untersuchung des Problems der Heerfahrten nach Italien, des Modus ihrer Beschlußfassung, der Art des
Aufgebots und der Bezahlung fehlt allerdings. Da die 1142 gemeinsam beschlossene Unternehmung 1145
noch nicht durchgeführt worden war, könnte Konrad sich auf den Standpunkt gestellt haben, daß die
Zustimmung der Fürsten auch 1145 noch galt. Selbst wenn dem nicht so gewesen sein sollte, ändert sich
296 Kapitel XVI
teil des Vertrages gewesen ist oder nicht eher in den mündlichen Mitteilungen der deutschen
Gesandten, von denen Konrad in seinem Brief spricht, enthalten gewesen ist26. Letzteres
würde erklären, warum Manuel in Thessalonike dem deutschen König das Versprechen, Ita-
lien als Mitgift der Bertha-Irene an Byzanz zu geben, "ins Gedächtnis zurückrufen" konnte27.
Erst jetzt wurde dieser Vertragspunkt allgemein bekannt, und man kann verstehen, daß Wi-
bald Konrad anläßlich dieses Vertrages tadeln konnte, er sei von den Griechen "ein bißchen
verdorben" worden28
[402] Wir können als Ergebnis der hier vorgetragenen Überlegungen also festhalten, daß
Manuel als Preis für die Heirat mit der nicht standesgemäßen Bertha von Sulzbach gefordert
und durchgesetzt hat, daß Byzanz Unteritalien – unklar bleibt, in welchem Umfang – nach
einer Niederwerfung der Normannen erhalten sollte. Dies war ein neuer Zug in der byzantini-
schen Italienpolitik. Zwar war auch früher Italien nie aufgegeben worden, aber sowohl Alexios
als auch Johannes hatten auf eine konkrete Realisierung dieser Ansprüche zugunsten anderer
Vorhaben verzichtet. Erst Manuel erhielt durch die Gunst der Umstände die Möglichkeit,
zumindest Teile der Halbinsel für Byzanz zurückzugewinnen, und dieses Ziel ist in den fol-
genden Jahren – wenn auch mit wechselnder Intensität – einer der Hauptfaktoren der byzan-
tinischen Politik geblieben.
nichts, denn 1142 ging es eben noch nicht um die Überlassung Unteritaliens an Byzanz, sondern nur um
eine antinormannische Heerfahrt. 1145 aber ging es neben dem Projekt einer Heerfahrt um die Über-
lassung Süditaliens, und diese lag in Konrads Hand, die Zustimmung der Fürsten war nicht erforderlich
und wäre mit Sicherheit auch kaum gegeben worden, weswegen die Abtretung auch wahrscheinlich zu-
nächst vertraulich behandelt worden ist.
26
Solches nimmt auch Vollrath mutatis mutandis für den Vertrag von Thessalonike an.
27
KINNAMOS S. 87: ὁ δὲ βασιλεὺς τῶν πάλαι προομολογηθέντων ἀνεμίμνησκεν αὐτῷ. ἦσαν δὲ ταῦτα, ὅπως Ἰτα-
λίαν είς ἔδνον τῇ βασιλίδι ἀνασώσαιτο Εἰρήνῃ, ἣν καὶ αὐτὸς ζυγγενῆ οὖσαν τῷ βασιλεῖ κατηγγύησεν.
28
WIBALD, Epistulae Νr. 198: homini (i. e. Conrado) non federe contracto set fastu et inobedientia Grecorum
aliquantulum corrupto, ... humilitatis et obedientiae bonum instillavimus. Der Ausdruck non federe contracto
könnte zeigen, daß die Rückgabe Italiens – denn um diese geht es – als Bestandteil des Vertrages zunächst
geheimgehalten worden ist. Allerdings sind die Beziehungen nicht ganz klar. Ist Konrad, obwohl nicht
durch den Vertrag gebunden, corruptus oder ist er es, nicht durch den Abschluß eines Vertrags – der dem-
nach abgeschlossen und korrekt gewesen wäre – sondern (nur) durch den Hochmut und den Ungehorsam
der Griechen? Die erste Fassung bestreitet überhaupt die Existenz eines Vertrages, die zweite, der RAS-
SOW, Honor Imperii S. 42f. folgt, setzt voraus, daß nicht die Tatsache des Vertrags Konrad verdorben
habe, sondern erst das schlechte Vorbild der Griechen. VOLLRATH, Konrad III. S. 330 entscheidet sich
für die erste Möglichkeit (cf. auch die Diskussion und Literaturübersicht ebenda Anm. 33). Aber die
Existenz eines Vertrags ist nicht zu bestreiten. Logik gewinnt die Stelle dagegen, wenn Wibald den Italien-
passus als über den (bekannten) Vertrag hinausgehend ansieht. Mit anderen Worten: Der Vertrag, wie
Wibald ihn kannte, war korrekt und in Ordnung, die Abtretung Italiens aber war in ihm nicht enthalten,
sondern die Griechen hatten Konrad dahingehen "korrumpiert", dieses zusätzliche Zugeständnis zu ma-
chen. Auch dieses spricht dafür, daß die Abtretung Unteritaliens 1145 zwar Bestandteil des Vertrags gewe-
sen ist, aber aus Zweckraäßigkeitsgründen zunächst geheimgehalten wurde, bis Manuel, der vielleicht an
dem guten Willen Konrads zweifelte, 1148 den deutschen Kaiser in Thessalonike zu dem offenen Einge-
ständnis der Abtretung Unteritaliens brachte. Gewonnen hat er dadurch nichts, im Endeffekt seiner Sache
sogar geschadet, da jetzt in starkem Maße Opposition in Deutschland und Italien einsetzte.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 297
29
Cf. ausführlich LILIE (1993) S. 145ff. (dort auch die Quellen und die Sekundärliteratur) .
30
ODO VON DEUIL S. 66ff.
31
ODO VON DEUIL S. 58: Tunc fuere qui regi consulerent retrocedere et terram opulentissimam cura castellis
et urbibus capere et interim regi Rogerio,qui tunc imperatorem maxime impugnabat, scriberet et eius adiutus
navigio, ipsam Constantinopolim expugnaret. Ähnlich noch einmal S. 70; cf. auch LILIE (1993) S. 155f.
298 Kapitel XVI
der Armeen nach Kleinasien, mehr oder weniger auf sanften Druck der Byzantiner erfolgt,
und ihre fast völlige Vernichtung durch die Seldschuken gereichte Byzanz nicht zum Vorteil,
denn es kam in der Tat so, daß man den Mißerfolg den "perfiden Griechen" in die Schuhe
schob. Eine neue Welle von Byzanzfeindlichkeit im westlichen Abendland ist die Folge gewe-
sen32.
Der normannische Angriff auf Korfu und Griechenland (1149)
Die Anwesenheit der beiden Kreuzheere nötigte Manuel, seine Streitkräfte von den Grenzen
ab- und um Konstantinopel zusammenzuziehen. Dies nutzte Roger II. aus, um seinerseits das
byzantinische Reich anzugreifen. Der Anlaß des Angriffs soll laut Romuald von Salerno das
Scheitern der oben erwähnten Verhandlungen gewesen sein, verbunden mit der Empörung
über die schlechte Behandlung der normannischen Gesandten in Konstantinopel33. Doch
werden wir kaum fehlgehen, wenn wir unterstellen, daß der Normanne in erster Linie durch
die Anwesenheit der beiden Kreuzheere, besonders des französischen, zu seinem Vorhaben
ermuntert wurde. Er hat wahrscheinlich gehofft, seinerseits die Franzosen zu aktiver Mithilfe
gegen die Griechen zu veranlassen34. Die normannische Armee setzte auf zahlreichen Schiffen
von Otranto nach Korfu über35 und bemächtigte sich der Insel. Es folgte ein Plünderungszug,
der über Negroponte/Euböa und Korinth bis nach Theben führte. Ein großer Teil der dorti-
gen Seidenweber wurde entführt und nach Sizilien verschleppt36. Von einem erfolgreichen
byzanti-[405] nischen Widerstand ist nichts bekannt37, allein das ebenfalls angegriffene Mo-
nembasia konnte sich mit Erfolg verteidigen38. Dieser Vormarsch der normannischen Flotte
in die Ägäis hinein kann wohl als letzter Versuch gewertet werden, die französischen Kreuz-
fahrer zur Beteiligung an einem allgemeinen Krieg gegen Byzanz zu veranlassen, ebenso wie
32
S. z. B. ODO VON DEUIL S. 98, 128f.; cf. KINDLIMANN, Eroberung Konstantinopels S. 176ff.
33
ROMUALD VON SALERNO S. 424: Unde (s. oben die Anm. 5) rex indignatus apud Idrontum galeas et
naves plurimas preparari fecit et eas cum comitibus et multa milicia in Romaniam misit.
34
Schon zu Beginn des Kreuzzuges hatte er Gesandte an Ludvig VII. geschickt, die diesen gegen Byzanz auf-
hetzen sollten, s. ODO VON DEUIL S. 12ff.
35
Cf. CASPAR, Roger II. S. 376f; zum Zeitpunkt der Besetzung Korfus cf. RASSOW, Byz. – Norm. Krieg S.
213 Anm. 4.
36
Nach MISBACH, Genoese Trade and Sicilian Coinage S. 308f. erlebte Sizilien ab 1140 einen starken
Niedergang seiner eigenen Seidenindustrie, so daß man vermuten könnte, die Verschleppung der byzan-
tinischen Seidenweber sei in erster Linie aus kommerziellen Gründen erfolgt, um dieser Industrie wieder
auf die Beine zu helfen.
37
S. ROMUALD VON SALERNO S. 424; KINNAMOS S. 92; NIKETAS CHONIATES S. 73ff.; OTTO
VON FREISING, Gesta I. 35, S. 198, 200; cf. CASPAR, Roger II. S. 376ff.; CHALANDON, Comnène II
S. 317ff.; DERS., Dom. Norm. II S. 136f.; LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 85ff.
38
Monembasia: NIKETAS CHONIATES S. 71f.; außer den genannten Plätzen scheinen noch Methone,
Athen und Kephallonia von den Normannen erobert worden zu sein (Methone: ROGER VON HOVE-
DEN S. 160; Kephallonia: ANNALES CAVENSES S. 192; die Eroberung Athens wird wahrscheinlich
gemacht durch Ausgrabungen auf der Agora, cf. SETTON, Archaeology S. 251; außerdem bei OTTO
VON FREISING, Gesta I. 35, S. 198
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 299
ihr Rückzug dann mit der Weigerung Ludwigs VII. zu erklären wäre, den Kreuzzug zugunsten
der normannischen Eroberungspläne zu vergessen39.
Der Kampf um Korfu und die Privilegien für Venedig (1148/49)
Während das normannische Unternehmen in der Ägäis und gegen Korinth, Euböa, Athen
und Theben zwar ärgerlich war, im wesentlichen aber doch nur ein singuläres Ereignis ohne
schwerwiegende Folgen darstellte, lag in der Eroberung Korfus ein kaum zu überschätzendes
Gefahrenmoment für den byzantinischen Staat. Mit Korfu besaßen die Normannen einen
Stützpunkt an der östlichen Adriaseite, von dem aus sie ohne weiteres die gesamte byzanti-
nische Westküste beunruhigen und die griechische und ebenso die venezianische Schiffahrt in
diesen Gewässern kontrollieren konnten. Darüber hinaus waren sie jederzeit in der Lage,
einen plötzlichen Angriff auf Dyrrhachion zu unternehmen und damit nicht nur diese wich-
tige Hafenstadt, sondern durch sie auch den westlichen Endpunkt der Via Egnatia in ihre
Hand zu bekommen. Das aber hieß, daß die Provinzen des byzantinischen Reiches bis hin
nach Thessalonike normannischen Eroberungsgelüsten ausgesetzt waren, ein für Byzanz uner-
träglicher Zustand. Kein Wunder, daß Manuel sofort energisch reagierte. Die Flotte und das
Landheer wurden zusammengezogen und gegen Korfu in Marsch gesetzt40. Der Kaiser selbst
[406] folgte, nachdem er in einem kurzen und erfolgreichen Feldzug noch einen Einfall der
Kumanen abgewehrt hatte41. Gleichzeitig erging eine Aufforderung an Venedig, seiner Bünd-
nispflicht nachzukommen und Flottenhilfe zu senden42. Dies geschah. Venedig rüstete eine
größere Flotte aus, zu der auch die in der Romania weilenden Venezianer aufgeboten wur-
den43. Im Frühjahr 1148 setzte sich diese Flotte in Marsch44. Das Privileg Manuels vom März
114845 lobt ausdrücklich diese Bereitschaft der Venezianer, für die byzanztinischen Belange
39
So CASPAR, Roger II. S. 376.
40
NIKETAS CHONIATES S. 77.
41
NIKETAS CHONIATES S. 78.
42
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1356 (ca. Sommer/vor Sept. 1147). Genau genommen war Venedig zu einer
Hilfeleistung nicht verpflichtet, da die Privilegien von Manuel noch nicht erneuert worden waren.
43
DANDOLO S. 242f. Die Venezianer in der Romania erhielten einen Einberufungsbescheid zum Dienst
auf der Flotte bis zum September 1143: TAFEL–THOMAS Nr. 50 S. 110: Porro in reliquas regiones
Imperij nostri transmiserunt, quatenus, qui invenirentur cumpatriote eorum, venirent, et servirent et ipsi in
eiusmodi et Imperij nostri servitio usque ad complementum tocius mensis Septembris futuri cum deo indic-
tionis duodecime; s. auch oben Kap. I S. 22ff.
44
Da venezianische Gesandte noch im September 1147 in Konstantinopel bezeugt sind (TAFEL–THO-
MAS Nr. 49 (Sept. 1147) Kpl.) und die Flotte sicher erst nach ihrer Rückkehr, die wohl nach der Privile-
gienbestätigung Manuels im Oktober 1147 erfolgt ist, aufgeboten worden ist, zudem der Winter das
Auslaufen einer großen Flotte verhinderte, ist eine venezianische Mobilmachung wohl frühestens in den
Januar/Februar 1148 anzusetzen. Auf die Kunde des Auslaufens dieser Flotte wird dann die Erweiterung
des Privilegs durch Manuel im März 1148 anzusetzen sein.
45
DÖLGER, Regesten Nr. 1373 (März 1148).
300 Kapitel XVI
einzutreten, als wären es ihre eigenen46. Sie waren es in der Tat, denn ein Festsetzen der
Normannen am Ostufer der Adria bedrohte Venedig auf lange Sicht nicht weniger als Byzanz,
drohte es doch, den gesamten venezianischen Handel mit der Levante von dem guten Willen
der Normannen abhängig zu machen, ja ihn gegebenenfalls sogar ganz abzuschnüren. So war
es kein Wunder, daß der Doge selbst sich an die Spitze der venezianischen Armada stellte, die
den Byzantinern zu Hilfe kam47. Den vereinigten Flotten [407] beider Mächte gelang nach
einer harten und langandauernden Belagerung die Zurückgewinnung der Feste im Sommer
114948. Im Verlauf der Kämpfe ist es auch zu größeren Zerwürfnissen zwischen Byzantinern
und Venezianern gekommen, in deren Verlauf die Venezianer einige griechische Handels-
schiffe (aus Euböa) kaperten und sogar, wenn wir Niketas Choniates trauen dürfen, das kai-
serliche Flaggschiff besetzten und die Person des Kaisers verunglimpften49. Wenn auch die
Auseinandersetzungen schließlich beigelegt werden konnten, so blieben doch Schatten, die in
der Folge das Verhältnis zwischen beiden Staaten belasten sollten50
Im Frühjahr 1149 hatten die Normannen einen letzten Versuch unternommen, die Be-
lagerer von Korfu abzuziehen. Eine Flottenabteilung war in die Ägäis eingedrungen und an-
scheinend sogar bis Konstantinopel vorgestoßen, ohne allerdings größeren Schaden anrichten
zu können51. Auf der Rückfahrt traf sie bei Kap Malea auf eine griechisch-venezianische
Flotte. Die Berichte der Chronisten über den Ausgang der Schlacht widersprechen sich. Nach
Romuald von Salerno siegten die Normannen und nahmen überdies den byzantinischen Be-
fehlshaber, ein Mitglied der Familie der Angeloi, gefangen52. Nach Kinnamos siegten die Grie-
46
TAFEL–THOMAS Nr. 50 S. I10: cumque, quod factum est, ad predictorum Veneticorum aures pervenisset,
hij hoc tanquam proprium dampnum reputaverunt, et confestim ad apparatum cooperandi prompte celsitudini
nostre spoponderunt. Wie noch zu zeigen sein wird, ist diese Formulierung eine arge Beschönigung der tat-
sächlichen Verhältnisse.
47
Er erkrankte allerdings schon in Caorle, so daß er das Kommando an seinen Sohn Naymerius und seinen
Bruder Johannes abgeben mußte; wenig später ist er gestorben; cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Ve-
nedigs I. S. 233f.
48
NIKETAS CHONIATES S. 76ff.; KINNAMOS S. 92; DANDOLO S. 242; HISTORIA DUCUM S.
75.
49
NIKETAS CHONIATES S. 85ff.; KINNAMOS S. 98.
50
Daß man schon von vornherein mit Schwierigkeiten dieser Art gerechnet hat, zeigt sich auch darin, daß
beiden Flotten von Anfang an verschiedene Ankerplätze zugewiesen worden waren.
51
Hierzu cf. auch RASSOW, Byz.–Norm. Krieg passim bes. S. 215f.
52
ROMUALD VON SALERNO S. 424: Alio quoque tempore predictus rex Rogerius misit Salernum ammira-
tum suum cum stolio suo in Romaniam, qui invenit maximum stolum imperatoris apud Capud Malee, et ibi
viriliter pugnavit, Grecos devicit, et Angelum despoti, magistrum stolii et consanguineum imperatoris cum
multis aliis captivos in Siciliam duxit. Romuald scheint hier allerdings die Dinge etwas zu verwirren, denn
die Gefangennahme des Admirals Angelos dürfte auf 1154 zu beziehen sein, als ein Konstantinos Angelos
die byzantinische Flotte führte und in der Schlacht von den Normannen geschlagen und gefangengenom-
men wurde, s. KINNAMOS S. 120ff., während 1149 Churupes die Schiffe der Griechen befehligte; s. auch
unten Anm. 82. Unklar ist die Bedeutung von Angelum despoti. Es läge nahe, an ein Mitglied der
Angelosfamilie im Range eines Despotes zu denken, jedoch ist dieser Titel erst später geschaffen worden, cf.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 301
chen53, während die Vene-[408] zianer wiederum sich selbst den Sieg zuschrieben54. Eine
sichere Entscheidung läßt sich nicht mehr fällen, doch dürfte ein venezianisch-griechischer
Sieg wahrscheinlicher sein als ein normannischer, da sonst wohl Auswirkungen auf die Bela-
gerung Korfus nicht ausgeblieben wären, von denen wir nichts wissen55.
Nach der Rückeroberung Korfus faßte Manuel, wie Niketas Choniates berichtet, den
Entschluß, nach Italien überzusetzen und den Krieg in das Land des Feindes zu tragen. Nur
ein Unwetter soll die Ausführung des Plans verhindert haben56. Diese Aussage des Chroni-
sten ist sicher falsch. Es scheint vielmehr so, daß das 1148 zwischen Manuel und dem deut-
schen König in Thessalonike bestätigte Bündnis gegen die Normannen von 1145/46 jetzt
wiederaufgenommen worden ist und daß beide Parteien für 1149 einen gemeinsamen Feldzug
in Italien gegen Roger II. verabredet hatten57. Manuel, der sich laut Niketas Choniates mit
seinem Heer nach Aulona begeben hatte, dem üblichen Hafenplatz für die Überführung eines
Heeres über die Adria, wartete dort offensichtlich auf den Anmarsch Konrads. Erst als sich
herausstellte, daß der deutsche König nicht nach Italien kommen würde, verließ er Aulona,
warf sich auf die aufständischen Serben und brachte sie bald wieder zur Botmäßigkeit58. Wie
Niketas auf den Sturm kommt, ist nicht zu sagen. [409] Wahrscheinlich wußte er überhaupt
nichts von den deutsch-byzantinischen Abmachungen, konnte daher den Abzug des Kaisers
auch nicht mit der Verzögerung der Deutschen in Verbindung bringen und erfand vielleicht
in seiner Not schließlich ein Unwetter, das den Abbruch des Unternehmens erzwungen hätte.
Da Niketas den italienischen Ambitionen Manuels ohnehin eher kritisch gegenüberstand, war
OSTROGORSKY, Urum–Despotes S. 153ff. ; zu der Person des Konstantinos Angelos cf . auch DENS.,
Angeloi S. 168ff. Möglicherweise handelt es sich bei dem ganzen nur um ein Wortspiel, zu dem Romuald
durch den Familiennamen Angelos angeregt worden ist. Genaueres läßt sich nicht mehr sagen.
53
KINNAMOS S. 101.
54
HISTORIA DUCUM S. 75; der venezianischen Chronistik zufolge begannen die Griechen schon zu
fliehen, und erst der entschlossene Einsatz der Venezianer führte den Sieg herbei. Nach DANDOLO S.
243 hatten die Normannen die Vorstädte Konstantinopels in Brand gesteckt. Bei der Schlacht auf der
Rückkehr verloren sie angeblich neunzehn Galeeren an die Venezianer.
55
Laut RASSOW, Byz.–Norm. Krieg S. 217 soll der normannische Admiral, um die Belagerer von Korfu ab-
zuziehen, den Seeweg nach Antiocheia eingeschlagen haben, da eine Verbindung mit Raimund von Anti-
ocheia "dem Basileus bei weitem bedrohlicher erscheinen mußte, als Pfeilschüsse in die kaiserlichen Parks
am Goldenen Horn". Doch ist dies unwahrscheinlich. Roger II. und Raimund waren wegen der Ansprüche
der Normannen auf Antiocheia verfeindet, und es ist schwer einzusehen, wieso eine Verbindung zwischen
beiden für Manuel "bedrohlicher" erscheinen mußte. Dagegen konnte ein Plünderungszug gegen Konstan-
tinopel durchaus eine solche Unruhe erzeugen, daß der Kaiser die Belagerung abbrechen würde, und die
venezianisch-byzantinische Flotte hat Korfu ja tatsächlich – zumindest teilweise – verlassen, um den Nor-
mannen zu folgen
56
NIKETAS CHONIATES S. 89f.
57
DÖLGER, Regesten Nr. 1374 (ca. 25. Dezember 1148); cf. auch RASSOW, Honor Imperii S. 31f.; zuletzt
VOLLRATH, Konrad III. S. 324ff.
58
NIKETAS CHONIATES S. 89f.
302 Kapitel XVI
ein solcher Sturm noch wirkungsvoller, konnte er doch gleichsam als Wink Gottes angesehen
werden, der den Kaiser zur Zurückhaltung aufforderte59.
Auch Kinnamos kennt ein Unternehmen gegen Italien, das ebenfalls am Sturm scheitert,
im Gegensatz zu der Darstellung des Choniates aber nicht von Manuel selbst, sondern von
dem Megas Domestikos Johannes Axuchos durchgeführt werden sollte60. Auch sollen die
Venezianer versucht haben, die Expedition zu hintertreiben. Zusätzlich zu Niketas erfahren
wir, daß Ancona der Bestimmungshafen der Flotte in Italien gewesen sein soll, was durchaus
wahrscheinlich ist. Der Hafen ist auch später häufig von den Byzantinern genutzt worden,
und als Ausgangspunkt für einen gemeinsamen deutsch-byzantinischen Vormarsch gegen die
Normannen war er gut gewählt, zudem weit genug entfernt, um nicht durch einen normanni-
schen Überraschungscoup gefährdet zu sein. Ob die Venezianer die ihnen von Kinnamos
zugeschriebene Rolle tatsächlich gespielt haben oder ob sie nur Opfer der antivenezianischen
Tendenz dieses Chronisten geworden sind, ist nicht mehr zu ermitteln. Die Verspätung der
Überfahrt ist sicher nicht ihre oder die Schuld des byzantinischen Feldherrn, sondern auf das
Nichterscheinen der Deutschen zurückzuführen, so daß man vermuten mag, Kinnamos habe
hier Schuldige gesucht61. Die einen sind [410] die Venezianer gewesen, der andere Johannes
Axuchos, der bei Kinnamos auch sonst schlecht wegkommt62.
Die venezianische Hilfe anläßlich des normannischen Angriffs auf Byzanz war für das
Reich nicht umsonst. Auf den Hilferuf des Kaisers hin kamen zunächst die beiden venezia-
nischen Gesandten Dominicus Maurocenus und Andreas Genus nach Konstantinopel, um
über die Bedingungen zu verhandeln63. Zunächst bestätigte Manuel im Oktober 1147 die
Privilegien seines Vaters und Großvaters, darüber hinaus ordnete er an, die Bestimmung des
Johannes, freien Handel auf Zypern und Kreta betreffend, aber trotzdem noch nicht in
Geltung, nunmehr in Kraft zu setzen64. Erst hierauf machte die venezianische Flotte sich zum
Auslaufen fertig. Im März 1148 folgte ein weiteres Privileg65. Begründet wird es ausdrücklich
59
S. etwa die den Italienfeldzug abschließende Bemerkung bei NIKETAS CHONIATES S. 100; auch die
Rede, die KINNAMOS S. 173ff. dem sizilianischen König in den Mund legt und die eher der Stimmung in
Kreisen Konstantinopels entsprochen haben dürfte, als daß sie einem Normannen zuzutrauen wäre, weist
in diese Richtung; cf. auch RASSOW, Byz.–Norm. Krieg S. 216f.
60
KINNAMOS S. 102.
61
Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn Kinnamos kurz vorher erzählt (S. 101), daß Deutsche, Serben
und Ungarn auf die Nachricht von der Vorbereitung eines byzantinischen Angriffs auf Sizilien ein gemein-
sames Vorgehen gegen das Reich der Griechen geplant hätten, während wir zweifelsfrei wissen, daß die
Deutschen 1149 zusammen mit Byzanz gegen Sizilien marschieren wollten. Dagegen dürfte richtig sein,
daß der Aufstand der Serben von Roger II. angestachelt worden ist, cf. neben Kinnamos auch THEODO-
ROS PRODROMOS, Gedichte Nr. 30, Verse 196ff. S. 354.
62
Cf. HOHLWEG, Beiträge S. 99f.
63
Wie aus einem im Herbst 1147 in Konstantinopel ausgestellten Dokument hervorgeht (TAFEL–THO-
MAS Nr. 49 (Sept. 1147) Kpl.).
64
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1365 (Okt. 1147).
65
DÖLGER, Regesten Nr. 1373 (März 1148).
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 303
mit der venezianischen Hilfe gegen die Normannen: Die Venezianer erhielten eine größere
Erweiterung ihres Quartiers und ihrer Landeplätze in Konstantinopel. Diese Privilegien,
obwohl beide ja ausserordentlich positiv für Venedig, werfen ein interessantes Licht auf den
Zustand der beiderseitigen Beziehungen. Manuel hat zwar zu Beginn seiner Regierung nicht
mit den Venezianern gebrochen, aber er scheint ihnen auch nicht sonderlich wohlwollend
gesonnen gewesen zu sein. Die Nichtbestätigung ihrer Handelsprivilegien mußte zwar nicht
deren Annullierung bedeuten, aber sie schuf doch ein Klima der Unsicherheit, da eine solche
Aufhebung jederzeit zu befürchten stand. In gleiche Richtung weist die Nichtanerkennung
der venezianischen Privilegien für Kreta und Zypern. Dies zusätzliche Privileg war den Vene-
zianern von Johannes verliehen worden, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vor 1135/36.
Offensichtlich hatte Johannes es aber nicht mehr in Kraft gesetzt – auch dies weist auf seine
relativ späte Verleihung hin –, und von Manuel [411] war es überhaupt noch nicht anerkannt
worden, im Gegensatz zu der anscheinend stillschweigenden Duldung der alten Vorrechte.
Dies alles weist auf gewisse, wenn auch nicht eindeutig feststellbare, Spannungen zwischen
beiden Staaten hin.
Ein möglicher Anlaß zu diesen Unstimmigkeiten mag in dem venezianischen Verhalten
gegenüber Antiocheia zu suchen sein, denn im April 1143, wahrscheinlich kurz nach dem
Tod des Johannes, ließen die Venezianer sich von Raimund von Antiocheia ein Privileg mit
Handels- und Rechtsvorteilen ausstellen66. Offenbar rechneten sie nicht mehr mit einem
byzantinischen Erfolg in Syrien und versuchten daher ohne Rücksicht auf Byzanz, für sich
selbst herauszuholen, was noch möglich war. Umgekehrt mußte Raimund an einem guten
Verhältnis zu den Venezianern auch nach dem Ende der byzantinischen Expedition inter-
essiert sein, da er beabsichtigte, die Griechen aus Kilikien wieder hinauszuwerfen. In einem
Krieg mit Byzanz aber war es für das Fürstentum, das selbst keine Kriegsschiffe besaß, wichtig,
die italienischen Seemächte auf seine Seite zu ziehen oder aber zumindest neutral zu halten.
Venedig scheint in die folgenden Auseinandersetzungen denn auch nicht eingegriffen zu ha-
ben. Aber das byzantinische Reich erwies sich auch allein als stark genug, das Fürstentum in
seine Schranken zu verweisen67. Dennoch mußte schon allein die Tatsache eines Vertrags
zwischen Antiocheia und Venedig in Byzanz als unfreundlicher Akt interpretiert werden, und
es scheint möglich, daß eine der Reaktionen des Kaisers die Nichtbestätigung der veneziani-
schen Privilegien gewesen ist. Formal gesehen war Manuel hierbei durchaus im Recht, da er
durch die Privilegien seiner Vorgänger, die seine eigene Regierungszeit nicht ausdrücklich
einschlossen, in keiner Weise gebunden war. Dennoch mußte sein Verhalten in Venedig mit
Argwohn beobachtet werden. Auch die Venezianer waren ihrerseits nach dem Auslaufen ihrer
66
TAFEL–THOMAS Nr. 46, S. 102f.; von den Herausgebern fälschlich auf Mai 1140 datiert. Die Urkunde
ist jedoch im Monat April des siebten Jahres der Herrschaft Raimunds ausgestellt, die 1136 begonnen hat.
Sie ist infolgedessen auf den April des Jahres 1143 zu datieren; zu dem Vertrag cf. ausführlich FAVREAU-
LILIE, Italiener im Hl. Land (1989).
67
Cf. LILIE (1993) S. 142–145.
304 Kapitel XVI
Verträge formal gesehen, zu einer Hilfeleistung nicht verpflichtet, und die Bestätigung ihrer
[412] Privilegien war demzufolge eine logische Vorbedingung, aber sie zeigte doch ein gewis-
ses Mißtrauen zwischen beiden Staaten, das sich dann ja auch im Verlauf der Kämpfe um
Korfu in größeren Auseinandersetzungen äußerte, obwohl man beide Flottenabteilungen
vorsorglich schon voneinader getrennt hatte. Daß auch der schließliche Erfolg nicht zu einer
völligen Aussöhnung zwischen Byzanz und Venedig geführt hat, ergibt sich aus der weiteren
byzantinischen Politik des Jahres 1149. Unmittelbar nach dem Sieg plante Manuel einen
Gegenangriff auf Unteritalien, wie Niketas Choniates und Kinnamos schreiben. Auch wenn
dieser Plan nicht zur Ausführung kam, mußte er auf Venedig bedrohlich wirken, ebenso wie
das Bündnis zwischen Deutschland und Byzanz, das jetzt, anders als früher, eine Ausdehnung
des byzantinischen Reiches nach Italien beinhaltete, von den Venezianern sicher nicht mit
Begeisterung aufgenommen worden ist.
Dennoch konnte die Lagunenstadt sich einem solchen Bündnis nicht entziehen. Einer
Feindschaft beider Reiche, des deutschen wie des byzantinischen, wäre sie nicht gewachsen
gewesen. Aber die mögliche Einschränkung der venezianischen Bewegungsfreiheit drohte
durch ein byzantinisches Unteritalien ebenso, wie sie durch ein normannisches Korfu gedroht
hatte. Der Besitz Anconas brachte zudem byzantinische Streitkräfte in nahe Entfernung von
der Lagunenstadt und konnte unter Umständen sogar geeignet sein, den bisherigen Levante-
handel von Venedig ab und auf Ancona umzuleiten, zumal bei einer freundschaftlichen Ver-
bindung des byzantinischen und des deutschen Reiches, die einen Seekrieg, wie er 1122–1126
mit Erfolg von Venedig geführt worden war, unmöglich machen würde. So waren die Venezi-
aner gezwungen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und den Krieg gegen die Norman-
nen zu unterstützen.
Die Unzuverlässigkeit des venezianischen Verbündeten dürfte auch Konrad und Manuel
bewußt gewesen sein. Jedenfalls verließen sie sich nicht allein auf Venedig, sondern zogen auch
Pisa auf ihre Seite, wohin im Frühjahr 1149 eine byzantinische Gesandtschaft ging68. Ihre
Botschaft ist uns zwar nicht bekannt, doch ist ohne [413] weiteres anzunehmen, daß man
byzantinischerseits eine Unterstützung der Stadt in den zu erwartenden Kämpfen in Italien
anstrebte – und vielleicht auch ein Gegengewicht zu der venezianischen Flotte schaffen
wollte. Pisa war von Byzanz nicht aufgefordert worden, an der Abwehr Rogers II. mitzuwir-
ken, obwohl es durch Vertrag hierzu verpflichtet gewesen wäre. Den Grund wissen wir nicht.
Entweder hielt Manuel die venezianisch-byzantinische Flotte für ausreichend und wollte
nicht auch noch Spannungen zwischen den konkurrierenden italienischen Hilfskontingenten
riskieren, oder aber der pisanisch-byzantinische Vertrag ist doch – wie oben gezeigt – in erster
Linie als ein offensiv gegen die Kreuzfahrerstaaten Syriens gerichtetes Abkommen zu werten,
68
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1376 (Frühjahr 1149).
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 305
auch wenn er aus Verschleierungsgründen allgemeiner gefaßt war69. Wie dem auch sei, die
Beteiligung Pisas an dem griechisch-deutschen Offensivunternehmen gegen Roger II. bot sich
schon aus der engen Verbindung zwischen dieser Kommune und dem deutschen Reich an, die
sich ja auch in den Kämpfen der dreißiger Jahre gegen den Normannen bewährt hatte. Auch
wenn der gemeinsame Feldzug letztlich nicht zustande gekommen ist – in erster Linie wegen
der Krankheit und des nicht viel späteren Todes Konrads III. –, so zeigen die Aktionen Ma-
nuels doch, daß der Kaiser trotz seiner Privilegienbestätigung für Venedig, die die Not gefor-
dert hatte, im wesentlichen eine Politik betrieb, die zwar nicht ausdrücklich gegen die Adria-
stadt gerichtet war, aber doch deren Interessen vernachlässigte und in ihrer Konsequenz zum
Bruch mit Venedig führen mußte, das allerdings auch seinerseits nicht gerade Rücksicht-
nahme gegenüber byzantinischen Belangen zeigte, wie man bei der Privilegierung der Venezia-
ner durch Raimund von Antiocheia sehen kann. Zunächst freilich erzwangen die Verhältnisse
noch ein Zusammenwirken der Kontrahenten, auch wenn der spätere Bruch sich schon in
diesen Jahren ankündigte. [414]
Die Ambitionen Manuels in Italien
Schon der erste, wenn auch vor Beginn gescheiterte, byzantinische Vorstoß nach Ancona zeigt
das Bestreben Manuels, den Krieg gegen die Normannen nicht nur defensiv zu führen, son-
dern den Gegner in seinem eigenen Land anzugreifen, wozu den Kaiser sicher entscheidend
beeinflußt haben dürfte, daß er mit der Inbesitznahme der künftigen Eroberungen durch
Byzanz rechnete. Die Aktionen der folgenden Jahre sind demgemäß von Versuchen getragen,
für ein solches Unternehmen den Boden vorzubereiten und die notwendigen Verbündeten zu
gewinnen.
Diese Phase der Politik des Kaisers erstreckte sich bis etwa 1158 und dann wieder von
etwa 1170 bis ungefähr 1173/74 und ist gekennzeichnet von einer Vielzahl wechselnder Koa-
litionen, Koalitionsversuche und kriegerischer Aktionen. Diese alle in ihrer ganzen Vollstän-
digkeit zu untersuchen, würde zu weit führen70. Andererseits sind gerade die Beziehungen des
griechischen Reiches zu den italienischen Seestädten in dieser Epoche allein vor dem Hinter-
grund der allgemeinen Politik zu verstehen, so daß im Rahmen dieser Beziehungen eine zu-
mindest überblickartige Behandlung des gesamten Komplexes notwendig erscheint.
Nachdem im Gefolge des Kampfes um Korfu Roger II. zusammen mit den Franzosen die
Idee eines neuen, diesmal ausdrücklich gegen Byzanz gerichteten, Kreuzzuges in Gang zu brin-
gen versucht hatte – was nur am Widerstand Konrads III. scheiterte, der sah, daß der Schaden
69
Denkbar ist allerdings, daß die Pisaner in der Romania vertragsgemäß zu der Verteidigung gegen die Nor-
mannen herangezogen worden sind, ohne daß die Quellen hierüber berichten. Die Entsendung einer
eigenen Flotte hat jedenfalls nicht stattgefunden, war allerdings auch nicht Bestandteil des Abkommens.
70
Allgemein hierzu cf. CHALANDON, Comnène II S. 317–381; LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 85ff.;
DERS., Byzanz kehrt nach Italien zurück passim; sowie die verschiedenen Aufsätze von OHNSORGE zum
Thema und die in diesem Kapitel in den Anmerkungen genannte weitere Literatur.
306 Kapitel XVI
ihm, der Nutzen aber allein den Normannen zufließen würde –, war der entsprechende by-
zantinische Gegenzug der Versuch, eine große allgemeine Koalition gegen die Normannen zu-
sammenzubringen, deren Hauptträger Byzanz und Deutschland sein sollten, unterstützt von
den Flotten der drei großen italienischen Seestädte. So ging denn eine byzantinische Gesandt-
schaft – offensichtlich mit der Einwilligung des deutschen Königs – nach Pisa, wohl um die
Stadt zur Unterstützung aufzufordern71. Der nächste [415] Zug mußte der Versuch sein, Ge-
nua und Pisa miteinander auszusöhnen. Eine solche Aussöhnung fand im April 1149 statt72:
Beide Städte schlossen einen Devensiv- und (verschleierten) Offensivpakt auf 29 Jahre ab, der
für das gesamte Mittelmeergebiet mit der einzigen Ausnahme Sardinien gelten sollte73: a ca-
pite Anse usque caput Saline de Regio et per totam Siciliam et a capite Salino usque Venetiam et a
Venetia usque Constantinopolim et a Constantinopoli usque Suriam et per totam Suriam et per
totum Egiptum et per totam Barbariam ... usque ad portum Monaci74. Im Falle eines Angriffs
oder einer Beleidigung (offensio) verpflichteten sich beide Partner, in Übereinstimmung zu
handeln und gegebenenfalls den Bürgern beider Städte zeitweilig den Zugang zu der betreffen-
den Region zu untersagen. Sollte es zum Krieg kommen, hatte man jeweils ein Geschwader
von bis zu vierzig Schiffen zur Unterstützung des Vertragspartners auszurüsten. Dies alles, wie
gesagt, mit der Ausnahme eines Konflikts in Sardinien, wo beide Städte nicht zu einem Aus-
gleich kommen konnten.
Dieser Vertrag ist zwar allgemein abgefaßt, nach Lage der Dinge hat er sich aber wohl vor
allem gegen Sizilien gerichtet, wenngleich eine gewisse antivenezianische Tendenz gleichfalls
nicht zu verkennen ist. Venedig wird sich kaum mit Begeisterung an der Koalition beteiligt
haben, aber was blieb ihm übrig? Sich offen gegen Byzanz und Deutschland zu stellen, verbot
die Klugheit, zumal auch Genua und Pisa, die Konkurrenten in der Levante, mitmachten. So
unterstützte es, wohl mehr oder weniger widerwillig, die vereinten Anstrengungen: Noch
1150 standen venezianische Galeeren in den Diensten des byzantinischen Kaisers75
Der Angriff der Verbündeten verschob sich aufgrund der Krankheit und innerer Schwie-
rigkeiten des deutschen Königs76. Außerdem [416] sah Byzanz sich in Kämpfe mit den Ser-
ben und danach den Ungarn verstrickt, die erst 1155/56 abgeschlossen werden konnten77.
71
Die Einwilligung Deutschlands geht daraus hervor, daß die Gesandten zunächst Konrad III. auf seiner
Heimreise nach Deutschland begleiteten, cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1376 (Frühjahr 1149).
72
IMPERIALE, Codice I. Nr. 195 (17. April 1149) S. 243–347.
73
Zu dem Vertrag cf. auch LANGER, Genua und Pisa S. 38ff.; RASSOW, Honor Imperii S. 32.
74
IMPERIALE, Codice I. S. 244/246.
75
S. GIORGIO MAGGIORE Nr. 240 (Okt. 1151) Halmyros: in Venetia venerant tredecim galeas que fue-
runt in servicio domini imperatoris (gilt für Ende des Jahres 1150).
76
Möglicherweise hat auch Konrad in dieser Zeit einer Übergabe unteritalienischen Gebietes an Byzanz ab-
lehnender gegenübergestanden. Er scheint versucht zu haben, durch eine weitere Heirat, diesmal einer by-
zantinischen Prinzessin nach Deutschland, das Gebiet, das er durch eine Heirat verloren hatte, sozusagen
wieder zurückzuerheiraten. Gleichwohl hat er sich anscheinend durch den Vertrag gebunden gefühlt; cf.
hierzu jetzt VOLLRATH, Konrad III. S. 360ff.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 307
77
Cf. CHALANDON, Comnène II S. 383-415.
78
Zu den ersten Jahren der Regierungszeit Barbarossas cf. OHNSORGE, Anfänge passim, DERS., Byzanz-
politik S. 416f.; RASSOW, Honor Imperii S. 45ff.; LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 115ff.
79
Der endgültige Friedensschluß erfolgte im Spätsommer 1156, cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1410 (ca. Sept.
1156).
80
S. z. B. DöLGER, Regesten Nr. 1382 (März 1151); Nr. 1388 (ca. Mai/Juli 1153); Nr. 1389 (ca. Mai/Juli
1153); Nr. 1391 (22. Nov. 1153); Nr. 1392 (22. Nov. 1153); Nr. 1396 (Ende 1154/Frühjahrsbeginn
1155).
81
Cf. CHALANDON, Dom. Norm. II S. 167ff.
82
Auf diese Seeschlacht und nicht auf 1149 dürfte ROMUALD VON SALERNO S. 424 zu beziehen sein,
der offenbar beide Begegnungen durcheinanderbringt und auch die Namen der Befehlshaber (1149 auf
byzantinischer Seite Churupes, nicht Angelus despoti, ein Mitglied der Angelosfamilie, hier eben Konstan-
tinos Angelos, und auf normannischer Georgius, nicht Salernus) verwirrt (cf. oben Anm. 51-53).
83
KINNAMOS S. 120; cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1394 (nach Februar 1154).
84
NIKETAS CHONIATES S. 77.
308 Kapitel XVI
seinen 1154 abgeschlossenen Vertrag mit den Normannen deutlich bekundet, daß es in einem
eventuellen Krieg gegen Sizilien neutral zu bleiben gedachte.
Der Vertrag Venedigs mit den Normannen 1155
Der genaue Wortlaut des Vertrags ist nicht erhalten, doch gehen die Bestimmungen zur
Genüge aus dem Bericht des Andreas Dandolo und aus einer Erwähnung in dem venezia-
nisch-normannischen Vertrag von 1175 hervor85. Andreas Dandolo schreibt folgendermaßen:
Dux postea, pacis fervidus, cum Vilielmo rege ad pacem devenit; terrasque Venetorum a Ragusio
infra et eos similiter, exceptis illis, quos in favorem imperatoris Constantinopolitani inveniret,
securos reddit, et inmunitates plurimas in suo regno negociatoribus Venetis indulsit 86. Das heißt,
der Normanne verpflichtete sich, die venezianischen Gebiete nördlich Ragusas nicht zu behel-
ligen, und [418] garantierte auch die Sicherheit der venezianischen Kaufleute, die sein Gebiet
auf dem Weg nach Osten passierten. Von den venezianischen Gegenverpflichtungen ist nur
bekannt, daß die Venezianer im Königreich die schon früher mit Roger II. ausgehandelten
Abgaben zu zahlen hatten87. Am interessantesten ist der Passus über diejenigen Venezianer,
die im Dienst des byzantinischen Kaisers (also doch wohl als Söldner gegen Sizilien) standen
und die ausdrücklich von jedem Schutz ausgenommen wurden.
Mit anderen Worten: Das Problem der venezianischen Bündnisverpflichtungen gegen-
über Byzanz wurde einfach ausgeklammert. Venedig scheint sich nicht verpflichtet zu haben,
von einer solchen Unterstützung des byzantinischen Staaates abzurücken. Dies hätte auch
einen Bruch seines Vertrages mit Byzanz bedeutet, den es sich nach Lage der Dinge nicht
leisten wollte. Es erklärte einfach, daß es seine Mitbürger nicht davon abhalten könne, in by-
zantinische Dienste zu treten. Andererseits gab die Kommune als solche zu erkennen, daß sie
in dem byzantinisch-normannischen Konflikt neutral zu bleiben gedachte. Auch das war ein
großer Erfolg für Wilhelm I., der nun nicht mehr ein Eingreifen der venezianischen Flotte zu
fürchten brauchte. Venedig seinerseits hatte sich geschickt aus der Affäre gezogen und gleich-
zeitig ein deutliches Signal gesetzt, daß auf seine Mithilfe bei einem Krieg gegen Sizilien nicht
gerechnet werden konnte, ohne aber offiziell seine Bündnisverpflichtungen mit dem byzanti-
nischen Reich, die ja nur für den Verteidigungsfall galten, aufzukündigen. Wir werden nicht
fehlgehen, wenn wir dieses Verhalten der Venezianer mit dem veränderten Standpunkt der
Deutschen in Verbindung bringen. Friedrich Barbarossa, der neue deutsche Herrscher, hatte
sich 1153 in dem Vertrag von Konstanz verpflichtet, den Griechen keinen Fußbreit ita-
85
Erwähnung in dem Vertrag von 1175, TAFEL–THOMAS Nr. 66 (Sept. 1175) S. 174f.: concedimus ut
Venetici venientes in regnum nostrum, de navibus et mercibus eorum, quas in regnum attulerint, vel a regno
reportaverunt, de justitiis, quas temporibus domini gloriosissimi regis Rogerii, avi nostri (i. e. nach 1139), et
domini magnificentissimi, regis Willelmi, patris nostri beate memorie, dare soliti sint, amodo nonnisi
medietatem tantum dent de hoc, quod hactenus dare soliti sunt.
86
DANDOLO S. 245f.
87
Cf. oben Arm. 85.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 309
lienischen Bodens zu überlassen88. Damit war der deutsche Druck von Venedig genommen,
und die Kommune hatte keinen Grund mehr, die Offensivpläne des byzantinischen Reiches
zu unterstützen.
Manuel hat auf den venezianisch-normannischen Vertrag nicht [419] reagiert, obwohl er
ihn als unfreundlichen Akt ansehen mußte. Aber auch er konnte sich einen offenen Bruch mit
der Lagunenstadt nicht leisten, der ihm möglicherweise auch noch die venezianische Flotte
auf den Hals hetzen würde. Daß das Klima zwischen beiden Staaten sich hierdurch noch wei-
ter abgekühlt haben wird, dürfte kaum zu bezweifeln sein. Es erwies sich hier einmal mehr,
daß die Interessen des Reiches und Venedigs nicht mehr übereinstimmten. Dies war nicht nur
für die politischen Pläne des Kaisers nachteilig, sondern bedeutete auch eine große Gefähr-
dung der wirtschaftlichen Stellung der Kommune, die ihre Basis in dem Handel mit der Ro-
mania hatte. Daß die Venezianer trotzdem in dieser Zeit eine Politik betrieben, die den Inten-
tionen des Kaisers klar zuwiderlief, zeigt, wie sehr sie sich durch die byzantinischen Absichten
auf Italien gefährdet fühlten. Es zeigt aber auch, daß Venedig sich seiner eigenen Stärke – zu
Recht – bewußt war: Die fortdauernde byzantinische Schwäche zur See schränkte die politi-
sche und militärische Bewegungsfreiheit des Kaisers so sehr ein, daß selbst eine Mittelmacht
wie Venedig es wagen konnte, wenn die politischen Konstellationen nur einigermaßen günstig
waren, ihre eigene Politik über und sogar gegen die Interessen des griechischen Reiches zu
stellen, ohne Vergeltungsmaßnahmen fürchten zu müssen.
Nachdem Venedig eine neutrale Haltung eingenommen hatte, galt es für Byzanz, wenig-
stens in den beiden anderen Seestädten Unterstützung zu finden. Ob hierbei auch nach Pisa
Gesandte gegangen sind, steht dahin. Aus den Quellen jedenfalls geht es nicht hervor. Da die
pisanischen Annalen im allgemeinen recht genau das Eintreffen byzantinischer Gesandtschaf-
ten konstatieren, für diese Jahre aber davon schweigen, scheint es mir unglaubhaft zu sein.
Manuel hat sich wohl auf die Gültigkeit der schon 1143 und noch einmal 1149 abgeschlos-
senen Vereinbarungen verlassen, die allerdings, zumindest soweit sie die Erneuerung der von
Alexios und Johannes verliehenen Privilegien betrafen, wie wir gesehen haben, eher auf Syrien
zu beziehen sind. Daß Pisa allerdings in den fünfziger Jahren des Jahrhunderts ohnehin eher
die byzantinischen Belange vertreten hat, geht zur Genüge aus dem normannischen Seezug
von 1157 hervor, auf dem die Normannen unter anderem das pisani-[420] sche Handelsquar-
tier in Halmyros plünderten (s. u.)89. Allerdings entsprach diese Haltung wohl auch den Ver-
trägen, da es sich 1157 um einen Angriff der Normannen gehandelt hatte, gegen den Pisa zur
Verteidigung verpflichtet war. An den Angriffsaktionen gegen Sizilien scheint es sich dagegen
88
Cf. RASSOW, Honor Imperii S. 57; LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 137ff.
89
Wenn DÖLGER, Regesten Nr. 1400 (Juli 1155) für 1155 ein byzantinisches Chrysobull zugunsten Pisas
annimmt, so ist dies ein Versehen. Die von ihm angegebenen Quellenstellen beziehen sich eindeutig auf das
Privileg von 1170 – wie auch aus den Namen der Gesandten hervorgeht –, das er einmal unter jenem Jahr
(Nr. 1499) und einmal unter 1155 aufführt, offensichtlich aufgrund der Indiktionsangabe, die für 1170
und 1155 gleich ist.
310 Kapitel XVI
nicht beteiligt zu haben, was seine Erklärung auch in der relativ engen Bindung der Stadt an
die Deutschen findet, die seit 1153 eine Festsetzung der Byzantiner in Italien entschieden ab-
lehnten.
Die Verhandlungen mit Genua und der Vertrag von 1155
Wichtiger war die erfolgreiche Anknüpfung von Beziehungen mit der dritten großen Seestadt
Italiens, mit Genua. Im Herbst 1155 erschien der byzantinische Gesandte Michael Palaiolo-
gos in der Hafenstadt, um Vorverhandlungen über ein Bündnis zu knüpfen90. Wenig später
kam eine zweite, bevollmächtigte Gesandtschaft aus Konstantinopel, die das Bündnis perfekt
machte91.
[421] Wenn wir diesen Vertrag näher untersuchen, ergeben sich eindeutige byzantini-
sche Vorleistungen, denen von genuesischer Seite in wesentlichen nur Versprechungen gegen-
überstehen. Als wesentlichste Vorleistung ist die Zahlung der 7.000 Nomismata zu sehen,
ebenso die Zusicherung der Wiedergutmachung vergangener Schäden, denn die Versicherung
gerechter Justiz wird wohl damit zu begründen sein.
Wichtiger für das Verständnis des Vertrags sind die genuesischen Gegenerklärungen, die
eben nicht, wie Langer dies tut, als Neutralitätszusicherung zu werten sind, sondern als hand-
feste Bündnisverpflichtung gegen Wilhelm I. von Sizilien. Die Genuesen versprechen in spi-
ritu veritatis, weder in Wort noch in Tat eine feindliche Handlung zu unternehmen bzw.
dazu ihre Hand zu reichen gegen byzantinisches Gebiet, sei es jetziges oder zukünftiges. Diese
Formel: ... terram vel honorem de his que nunc habet vel de cetero habuerit ist hier nicht als die
sonst übliche Floskel anzusehen, denn die Genuesen nehmen einen Distrikt ausdrücklich aus,
nämlich ein byzantinisches Vorrücken in Syrien. Die beiden einzigen Gebiete aber, in denen
90
DÖLGER, Regesten Nr. 1401 (Herbst, vor 12. Okt. 1155); zu den einzelnen Vertragspunkten s. oben S.
84ff.
91
Nach LANGER, Genua und Pisa S. 59 Anm. 2 wußten infolge des geringen Zeitunterschieds beide Ge-
sandten nichts voneinander, doch ist das unwahrscheinlich, zumal durchaus möglich ist, daß Michael
Palaiologos nur allgemeine Instruktionen hatte, ihm aber das Nachkommen einer weiteren Gesandtschaft
avisiert worden war. Da Michael Palaiologos spätestens seit Sommer 1155 in Italien nachweisbar ist, wo er
die byzantinischen Aktionen leitete (Ende Juli Zusammentreffen mit dem deutschen Kaiser bei Ancona, cf.
DÖLGER, Regesten Nr. 1396 (Ende 1154/Frühling 1155), der Termin Ende Juli ergibt sich aus dem
Itinerar Barbarossas, cf. OPLL, Itinerar S. 17), ist es möglich, daß er nur den Auftrag hatte, die Verhand-
lungen einzuleiten, daß aber die – mehr technischen – Einzelheiten der Gesandtschaft des Demetrios
Makrembolites Vorbehalten blieben. In jedem Falle hat Demetrios Konstantinopel zu einem Zeitpunkt
verlassen, als man noch nicht wußte, wie weit Michael Palaiologos in seinen Vorverhandlungen gediehen
war. Daß man ihn, den Oberbefehlshaber der Byzantiner in Italien, nicht nachträglich desavouieren
konnte, liegt auf der Hand. Ebenso offensichtlich ist aber auch, daß die Instruktionen des Demetrios fast
völlig in den Vertragstext übernommen worden sind, da kaum anzunehmen ist, daß die Genuesen dem
Gesandten die früheren Vereinbarungen mit Michael Palaiologos verschwiegen haben. Eine weitere
Möglichkeit ist, daß parallel zu den Verhandlungen mit Demetrios ihrerseits auch genuesische Gesandte
mit dem Palaiologen, der sich zu dieser Zeit in Süditalien aufhielt, verhandelt haben. Eine endgültige Ent-
scheidung ist nicht mehr möglich.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 311
in diesen Jahren ein byzantinischer Angriff zu erwarten war, waren der innere Balkan: Serbien
und Ungarn, sowie Unteritalien, wo die byzantinische Offensive in vollem Gang war. Es
scheint zwar, daß Genua sich nicht zur Teilnahme an der Offensive selbst verpflichtet hat,
aber das Verteidigungsversprechen der Republik wog fast genauso schwer: Sollte Wilhelm I.
im Gegenzug byzantinisches Gebiet angreifen, so konnte Byzanz nach dem Wortlaut des
Vertrags die Genuesen in der Romania zur Heeresfolge aufrufen, selbst wenn der normanni-
sche Gegenangriff nur auf die jüngst von den Byzantinern in Italien eroberten Regionen und
Städte gerichtet war. Eine solche Parteinahme Genuas für Byzanz aber hätte die Kommune
unausweichlich bald in den Krieg mit hineingezogen. Ein weiterer Vorteil für Byzanz geht
nicht aus dem Vertrag selbst hervor, dürfte aber auch eine seiner Folgen gewesen sein. Gerade
1156 beobachten wir eine starke Zahl von genuesischen Söldnern in Byzanz. Es ist ganz ohne
Zweifel, daß Byzanz diese Söldner in der Absicht geworben hat, sie gegen Wilhelm I. einzu-
setzen92, und ebenso ist es unzweifelhaft, wie [422] wir noch sehen werden, daß diese Söldner
für die Normannen ein Grund zur Beunruhigung gewesen sind.
Ein weiteres Indiz für die Annahme einer gegen Sizilien gerichteten Tendenz des Ver-
trages liegt in der Parallelität zu den pisanisch–byzantinischen Verträgen: Wir haben gesehen,
daß diese Verträge von der byzantinischen Seite im wesentlichen als Mittel für ein byzantini-
sches Vorgehen in Syrien angesehen wurden. Der gesamte diplomatische Verkehr zwischen
Byzanz und Pisa in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts – und zum Teil auch noch später –
dürfte unter diesem Gesichtspunkt zu sehen sein. In dem Vertrag mit Genua aber gab Byzanz
genau diese Positionen, zumindest mittelbar, auf. Es dürfte unwahrscheinlich sein, daß Byzanz
ein solches Zugeständnis allein für eine Neutralitätserklärung Genuas gemacht hat, zumal bei
den doch auch schon in dieser Zeit vorhandenen Interessen Genuas in der Romania ein Ein-
greifen Genuas ohnehin kaum zu erwarten gewesen wäre. Auch die Überreichung der 7.000
Hyperper könnte möglicherweise als Versuch zu werten sein, die zu erwartenden genuesischen
Anstrengungen in einem kleinen Teil zu kompensieren.
Genuas Seitenwechsel zu den Normannen (1156/57)
So weit die byzantinischen Absichten. Wie ernst Genua diesen Vertrag genommen hat, steht
auf einem anderen Blatt. Für sehr bindend können die Konsuln die Vereinbarungen, die am
12. Oktober 1155 abgeschlossen worden waren, nicht gehalten haben, denn schon zu Beginn
92
Zu den Söldnern s. unten App. S. 635ff.; bes. IMPERIALE, Codice II. S. 218 Anm.: mementote petere pro
Oberto Visiolio monacho venerabilis domus Tegedii ... restitucionem et elemosinam de libris CXX, quos in ser-
vicio suo amisit quando captus fuit per regem Sicilie et trusus in carcere per annos II. in galea quam armaverat
pro eius servicio et cum qua in Romaniam festinabat ire. Nach 1158 gab es keinen Krieg mehr zwischen
Sizilien und Byzanz. In dem Vertrag von 1158 wurde ein Austausch der Kriegsgefangenen vereinbart, so
daß als Datum des Aufbruchs Frühjahr/Sommer 1156 am wahrscheinlichsten ist (da Oberto offen gegen
Sizilien gekämpft hatte, dürfen wir wohl davon ausgehen, daß er nicht nach dem Pakt zwischen Genua und
Sizilien 1157, sondern erst nach dem endgültigen Friedensschluß 1158 zwischen Griechen und Norman-
nen freigelassen worden ist).
312 Kapitel XVI
des Jahres 1156 schickten sie Gesandte nach Sizilien, die dort über einen Friedens- und
Handelsvertrag verhandeln sollten93. Die genuesischen Annalen weisen ausdrücklich auf die
lange [423] Dauer dieser Verhandlungen hin, die erst im November des Jahres ihren Ab-
schluß fanden, der für Genua außerordentlich günstig gewesen zu sein scheint94: Die genuesi-
schen Kaufleute erhielten ihre alten, schon von Roger II. erteilten, Privilegien zurück, und die
Abgabensätze wurden für ihre Schiffe und Waren genau festgelegt. Dabei scheint Wilhelm I.
grundsätzlich auch solchen Händlern seinen Schutz zugesichert zu haben, die aus der Roma-
nia nach Sizilien kommen würden: et a quacumque parte venerint sive ab Alexandria, sive a
Suria, vel a terra Christianorum, vel Saracenorum, si vendiderint de centum, dabunt tres. Dieser
Satz dürfte, zumal er nirgendwo eingeschränkt wird, so zu deuten sein, daß genuesische Schif-
fe, egal aus welchem Hafen des Mittelmeeres, also auch solchen der Romania, sie kämen, in
Sizilien die gleichen Abgaben (drei Prozent) zu zahlen hatten, was umgekehrt dann auch be-
deutet, daß der König ihnen gegenüber zur Einhaltung seiner Versprechungen verpflichtet
war. Als wichtigstes Privileg erlangte Genua, daß alle Häfen des Königreichs den provenza-
lischen Händlern verschlossen werden sollten, so daß Genua sie als Konkurrenten nicht mehr
zu fürchten brauchte. Als Gegenleistung verpflichtete Genua sich, über etwaige normannische
Flottenausrüstungen keine Angaben zu machen, die für die Normannen nachteilig sein könn-
ten: naves mercatorum Ianuensium non detinebuntur nisi cum stolium nostrum aptabitur ad
movendum. et tunc vel detinebuntur donec moveat, vel sacramento distringentur ut nulla nova de
stolio vel partibus regni nostri dicant ad nostrum vel nostrorum heredum incommodum. Schon
mit diesem Zugeständnis hatte Genua sich weit von dem Vertrag mit Konstantinopel ent-
fernt, wenn auch vielleicht nicht von dem Buchstaben, dann doch in jedem Fall von den
Intentionen dieser Vereinbarungen her95. Jedoch sollte es [424] noch schlimmer für Byzanz
kommen. In den genuesischen Gegenerklärungen, die von den Konsuln und 300 vornehmen
Mitbürgern eidlich beschworen wurden, versicherten die Genuesen feierlich, weder in Wort
noch Tat irgendetwas Nachteiliges gegen Sizilien zu unternehmen, ganz besonders aber, es zu
verhindern, daß Genuesen als Söldner nach Byzanz gingen: et nos supradicti consules, bona
93
ANNALES IANUENSES S. 46f.; es wird ausdrücklich gesagt, daß die Gesandten von Genua aus eigenem
Willen nach Sizilien geschickt worden waren, der Anstoß zu den Verhandlungen ging also von Genua aus:
preterea legatos ... ad W(illielmum) Siculum regem pro honore civitatis miserunt, qui honorifice a rege fuerunt
recepti.
94
ANNALES IANUENSES ibidem: cum multa diu et diu de honore regni et civitatis insimul tractavissent,
tandem pacem et concordiam ex utroque latere taliter firmaverunt ... unde quidem multa maiora et pulchriora
lanuenses accepisse quam fecisse, longe lateque a sapientibus per orbem dicitur et tenetur.
95
Text der Vereinbarungen: IMPERIALE, Codice I. Nr. 279 (Nov. 1156) S. 338–341; Nr. 280 (Nov. 1156)
S. 341f.; laut LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 234f. steht der Vertrag mit Sizilien nicht im Widerspruch
zu den Vereinbarungen mit Byzanz, wofür besonders die an den Vertrag angehängten emendationes sprä-
chen, die Lamma im folgenden diskutiert. Jedoch sind diese emendationes, wie schon NEUMANN, Ur-
kundliche Quellen S. 376 und Anm. 2 nachgewiesen hatte, auf 1170 zu beziehen; s. ausführlich oben Kap.
IV S. 91f. und Anm. 19.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 313
fide, sine fraude publice prohibemus ut nullus hominum Ianue, vel de districtu Ianue, eat ad ser-
viendum contra eundem dominum regem W(illelmum) et heredes suos, imperatori Constantino-
politano96. Sollte trotz dieser Regelung ein Genuese in Byzanz gegen die Normannen Dienst
nehmen und diese deshalb in Genua Klage führen, so werde die Stadt über den Betreffenden
gerechtes Gericht halten. Für Wilhelm I. scheint dies der entscheidende Punkt gewesen zu
sein, denn zum Schluß läßt er ihn noch einmal feierlich wiederholen: et sub debito sacramenti
laudavimus ut nullus hominum Ianue vel de districtu Ianue eat ad serviendum contra eundem
dominum regem W(illelmum) et heredes suos imperatori Constantinopolitano97.
Rein formal gesehen ist auch diese Verpflichtung kein Bruch der Vereinbarungen mit
Byzanz, denn dort wird ja nur schriftlich fixiert, daß diejenigen Genuesen, die sich in Byzanz
aufhalten, zum Krieg aufgerufen werden können, und das verbietet auch nicht der genuesisch-
sizilianische Vertrag, denn die in Byzanz befindlichen Genuesen könnten ja auch aus Handels-
gründen – die erlaubt waren – in die Romania gelangt sein, während auf der anderen Seite die
Vereinbarungen mit Byzanz nicht ausdrücklich die Erlaubnis Genuas, seine Mitbürger Sold-
dienste in Byzanz nehmen zu lassen, einschlossen. Vom Geist des Vertrags aber widersprachen
beide Verträge einander auf das Schärfste, und es muß unter diesen Umständen doch verwun-
dern, mit welcher Naivität die genuesischen Annalen für 1157 die Absendung eines Gesand-
ten nach Konstantinopel melden, um dort Embolum und Landetreppen in Empfang zu neh-
men: Consules ... legatos plures in diversas partes pro honore civitatis miserunt, ... et Amicum de
Mirto Constantinopolim legatum miserunt pro exigendis scalis et embolo promissis . In der byzan-
tinischen Hauptstadt scheinen sie [425]allerdings keinen Erfolg gehabt zu haben, denn Ma-
nuel ratifizierte den Vertrag verständlicherweise nicht98. Erst 1160 scheint Genua sein Quar-
tier erhalten zu haben, allerdings wohl nicht bestätigt durch ein Chrysobull, sondern eher
stillschweigend99. Die politischen Konstellationen hatten sich verändert, und die genuesische
Freundschaft mit Sizilien sprach jetzt, 1160, für die Kommune. Ein förmliches Chrysobull
sollten die Genuesen allerdings erst 1169 erhalten100.
Mit welchen Gründen ist nun der plötzliche Parteienwechsel Genuas 1156/57 von Byz-
anz zu den Normannen zu erklären? Zunächst sollte darauf hingewiesen werden, daß im Falle
des Privilegs von 1155 Byzanz der ausschlaggebende Teil ist, während 1156 die Genuesen
96
IMPERIALE, Codice I. Nr. 282 (Januar 1157) S. 344–349.
97
ANNALES IANUENSES S. 48.
98
CLASSEN, Politica di Manuele S. 276 Anm. 46 nimmt ein von Manuel 1157 für Genua erlassenes Chryso-
bull an, doch s. oben S. 91f. und Anm. 19.
99
1160 wird eine genuesische Gesandtschaft nach Konstantinopel erwähnt, s. ANNALES IANUENSES S.
60; da 1162 ein Quartier der Genuesen in Konstantinopel nachweisbar ist, kann man seine Verleihung im
Zuge der Verhandlungen von 1160 annehmen. Die Genuesen haben sich später nie mehr auf ein Chryso-
bull von 1160 bezogen, und es ist auch keines erhalten, was nahelegt, daß diese Verleihung sozusagen "inof-
fiziell" gewesen ist.
100
S. oben S. 87ff.
314 Kapitel XVI
gegenüber Sizilien den Anstoß zu den Verhandlungen gegeben haben. Byzanz brauchte also
Genua, während dieses wiederum Sizilien brauchte. Die Gründe hierfür sind schon von der
geographischen Lage der beteiligten Mächte her offensichtlich. Bei einem Landungsversuch in
Italien mußte Manuel daran interessiert sein, im Rücken seines Hauptfeindes Verbündete zu
gewinnen, in diesem Falle Genua und Pisa. Für Genua verhielt sich die Sachlage anders. Die
Hauptinteressen des genuesischen Handels lagen in Sizilien selbst, in Ägypten sowie Syrien
und erst danach im byzantinischen Reich101. Hierbei spielte Sizilien eine besondere Rolle, so
daß es nicht wundernimmt, daß Genua grundsätzlich an guten Beziehungen schon aus diesem
Grunde interessiert sein mußte. Darüber hinaus gingen die genuesischen – und natürlich auch
pisanischen – Handelsrouten in die Levante entweder durch die Straße von Messina oder aber
südlich um Sizilien herum. Im Konfliktfall lief die [426] Stadt deshalb Gefahr, daß die Nor-
mannen ihre Kontakte nach Osten entweder unterbrechen oder zumindest sehr ernsthaft
stören konnten. Demgegenüber wogen die Handelsprivilegien Manuels einfach weniger. Bei
Venedig war dies noch etwas anderes, da die Venezianer zwischen Byzanz und den Norman-
nen wählen und ihre Handelsrouten demzufolge entweder entlang der östlichen oder der
westlichen Küste der Adria legen konnten. Zudem scheint die venezianische Seemacht –
schon allein von den in den Quellen auftauchenden Zahlen her – im 12. Jahrhundert doch
stärker gewesen zu sein als diejenige der Genuesen und Pisaner, ganz abgesehen von den er-
heblich größeren Interessen Venedigs in der Romania. Von diesem Standpunkt her ist die
genuesische Wendung also nicht unlogisch. Es hat fast den Anschein, daß Genua ganz bewußt
das byzantinische Privileg als Druckmittel bei seinen Verhandlungen mit Sizilien benutzt
hat102. In diese Richtung deutet auch die lange Dauer der Verhandlungen, die das ganze Jahr
1156 in Anspruch nahmen und erst im November 1156 bzw. Januar 1157 ihre schriftliche
Bestätigung fanden. Anscheinend hat Genua sie so lange hingezogen, bis feststand, wer in den
unteritalischen Kämpfen zwischen Byzantinern und Normannen der Sieger sein würde. Eben-
so stand erst im Sommer 1156 endgültig fest, daß die Deutschen eine Festsetzung der Grie-
chen in Italien nicht hinnehmen würden103. Auch dies dürfte den Genuesen den Entschluß
erleichtert haben, den Vertrag mit Byzanz hinfällig werden zu lassen.
Ob das genuesische Verhalten "moralisch einwandfrei" genannt werden kann, haben wir
nicht zu beurteilen. In jedem Fall aber ist zuzugeben, daß die Kommune es verstanden hat, aus
der Situation das Beste für sich herauszuholen. In den Augen der Bürgerschaft mochte dies
den Vertrauensbruch gegenüber Byzanz leicht aufwiegen.
101
Cf. die Aufstellung des genuesischen Handelsvolumens von 1161 bei SLESSAREV, Pound Value S. 102.
102
Umgekehrt mußte natürlich auch Wilhelm I. sehr an einem Abkommen mit Genua interessiert sein, da
eine Verbindung Byzanz–Genua/Pisa ihn auch nach 1156 noch in ernsthafte Schwierigkeiten bringen
konnte.
103
S. im folgenden.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 315
104
MÜLLER, Documenti Nr. 5 (2. Nov. 1155, Ind. 5) Akkon; cf. auch LILIE, Byzanz S. 166f.
105
Zur Geschichte der Pisaner in den Kreuzfahrerstaaten cf. FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land (1989).
106
Die einzige Ausnahme bildeten die pisanischen Kaufleute, die Holz und Eisen nach Ägypten verkaufen
würden, da beides für die ägyptische Armee und Flotte von großer Bedeutung und demzufolge für die
Kreuzritter schädlich war.
107
MÜLLER, Documenti Nr. 4 (19. Mai 1154, Ind. 2) Antiocheia. Es ist allerdings denkbar, daß es eine pisa-
nische Gegenurkunde gegeben hat, die nicht erhalten ist.
316 Kapitel XVI
gelder für fünfzehn Jahre, zurückzuzahlen sich bereiterklärt hatte108. Unter Einbeziehung des
laufenden Jahres 1170 würde dies eine Einstellung der Zahlungen ab 1156 bedeuten. Wenn
wir davon ausgehen – freilich eine Hypothese –, daß die Jahrgelder nachträglich gezahlt wur-
den, also für 1156 dann meinetwegen mit der Frühjahrsflotte 1157, erklärt sich das Ausblei-
ben der Gelder gut mit dem Abschluß des pisanisch–jerusalemitanischen Abkommens vom
Winter 1156.109
In dem Privileg für Pisa von 1170 ist auch von einer Rückverlegung des pisanischen
Quartiers nach Konstantinopel die Rede110, so daß man vermuten muß, daß dieses Quartier
vorher aus der Stadt hinausgelegt worden war, wahrscheinlich nach Pera/Galata. Doch läßt
diese Verlegung sich nicht auf 1156/57 datieren, da das Quartier noch 1162 in Konstantino-
pel belegt ist, die Verlegung also erst später stattgefunden haben kann.
[429] Von anderen Vergeltungsmaßnahmen Manuels hören wir nichts, es hätte sonst
auch die Gefahr bestanden, daß Pisa sich offen gegen die Griechen gestellt hätte, und das
konnte Manuel nicht riskieren. Andererseits konnte Pisa leicht die Verweigerung der Jahr-
gelder verschmerzen, wenn man sie mit dem Gewinn verglich, den die Kommune dank des
Friedens mit Balduin III. im Königreich Jerusalem erwarten durfte.
Die Auflösung des Bündnisses mit den Deutschen
Somit mußte Manuel 1157 konstatieren, daß fast alle seine diplomatischen Manöver, die die
italienische Kampagne vorbereitet und begleitet hatten, gescheitert waren. Diplomatisch gese-
hen stand das Reich im Westen 1157 weitgehend isoliert da. Der deutsche Kaiser stand den
Byzantinern feindselig gegenüber, da er ihre Ansprüche auf Italien nicht anerkennen wollte,
Genua hatte das Bündnis mit Byzanz nur dazu benutzt, sich selbst eine günstige Ausgangs-
position in den Verhandlungen mit den Normannen zu verschaffen und war dann mehr oder
weniger offen auf deren Seite übergewechselt, zumindest verhielt es sich neutral. Venedig
nahm eine kühle Neutralität ein, während Pisa die italienischen Verwicklungen des Reiches
dazu genutzt hatte, ihm in Syrien in den Rücken zu fallen. Also ein Mißerfolg auf der ganzen
Linie für Manuel. Wie konnte es dazu kommen, nachdem Byzanz noch zu Beginn der fünf-
ziger Jahre, verbündet mit Deutschland, Venedig, Genua und Pisa, wie es gewesen war, durch-
aus berechtigte Hoffnungen auf eine Rückkehr nach Italien hegen konnte?
108
ANNALES PISANI S. 54 (für 1172).
109
Es mag auch sein, daß die Verhandlungen sich länger hingezogen haben und Byzanz von ihnen Kenntnis
erhalten hat. Ebenfalls 1156 hat Pisa, wie DANDOLO S. 246 mitteilt, einen Friedensvertrag mit Venedig
geschlossen, doch ist schwer vorstellbar, wieso dies den Kaiser zu einer Rückhaltung der Jahrgelder veran-
laßt haben könnte. Offiziell war Venedig immer noch ein Verbündeter des Reiches, und ein Vertrag mit
den Venezianern verstieß nicht gegen die Bestimmungen der früheren Verträge zwischen Pisa und Byzanz.
110
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1499 (Juli 1170); cf. auch LANGER, Genua und Pisa S. 179 Anm. 4. Langer
datiert diese Verhandlungen auf 1171, doch scheint die Datierung in der Urkunde stärker zu sein (Juli der
3. Indiktion) als die der Annales Pisani.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 317
Die Antwort liegt in der Haltung des deutschen Reiches. Konrad III. hatte, wenn auch
zum Schluß wohl mit innerem Widerstreben, die byzantinischen Ansprüche anerkannt und
unterstützt. Sein Nachfolger Friedrich I. Barbarossa aber war, mittelalterlicher Rechtsauffas-
sung gemäß, an die Versprechungen seines Vorgängers nicht mehr gebunden. Er lehnte eine
Festsetzung der Byzantiner in Italien entschieden ab, wohl nicht so sehr, weil er ihre Anwes-
enheit nicht wünschte, sondern weil er die Regionen Unteritaliens seinem eigenen Reich zu-
zählte, die nur widerrechtlich von den Normannen okkupiert worden seien111. Wenn die
Lage es erlauben würde, würde er sie selbst besetzen. So verpflichtete er in dem Vertrag von
Kon-[430] stanz 1153 sich selbst und den Papst, keine Festsetzung der Byzantiner in Unter-
italien zu dulden112.
Dennoch: So klar und folgerichtig, wie diese Politik uns heutzutage erscheint, vor allem
im Licht der Bemühungen des Kaisers in den sechziger und siebziger Jahren des 12. Jahrhun-
derts, ist sie nicht gewesen113. Hierfür gibt es eine Reihe von Indizien. So ist Gesandtschafts-
verkehr zwischen Deutschland und Byzanz noch die ganzen fünfziger Jahre hindurch nach-
weisbar114. Wenn Friedrich I. tatsächlich unmißverständlich ein byzantinisches Festsetzen in
Italien abgelehnt hätte, so wäre das Fortlaufen dieses Gesandtschaftsverkehrs nur schwer er-
klärlich. Aber es gibt auch noch stärkere Anzeichen für die offenkundige Unentschlossenheit
des Staufers.
Die Verhandlungen bei Ancona 1155
Im Sommer des Jahres 1155 sind byzantinische Gesandte und der deutsche Kaiser bei Ancona
zusammengetroffen. Die Umstände dieser Zusammenkunft lassen sogar vermuten, daß Fried-
rich I. zumindest bei dieser Gelegenheit bereit gewesen ist, zusammen mit den Byzantinern
gegen Apulien zu ziehen. Doch zunächst der Reihe nach: Im Herbst des Jahres 1154 war
Friedrich mit einem relativ kleinen Heer nach Italien aufgebrochen. Im Januar 1155 wurde
zwischen Papst Hadrian IV. und dem deutschen König der Konstanzer Vertrag erneuert, im
Juni schließlich Friedrich in Rom zum Kaiser gekrönt. Anschließend eroberten und plünder-
ten die Deutschen noch Spoleto und marschierten dann nach Norditalien zurück. Bei Ancona
111
OTTO VON FREISING, Gesta II. 52, S. 384.
112
Zu dem Vertrag von Konstanz cf. RASSOW, Honor Imperii S. 55ff.; LAMMA, Comneni e Staufer I. S.
137ff.; auch der Papst akzeptierte ausdrücklich diese Vereinbarung, was gegen die Mitteilung WILHELMS
VON TYRUS XVIII. 2, S. 819 spricht, daß der Papst die Byzantiner nach Italien gerufen haben soll. Ande-
rerseits war 1155/56 die Eintracht zwischen Papsttum und Deutschland schon wieder erschüttert, und
wann hat jemals ein Vertrag allein unwillige Vertragspartner bei der Stange gehalten, wenn man anders
mehr erlangen zu können glaubte?
113
Cf. auch OHNSORGE, Anfänge passim.
114
Alle Winkelzüge der deutsch-byzantinischen Politik können hier nicht nachgezeichnet werden. Für die
Einzelheiten sei verwiesen auf KAP-HERR, Politik Manuels S. 9ff.; OHNSORGE, Anfänge passim;
DERS., Byzanzpolitik bes. S. 460ff.; LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 149ff.; CLASSEN, Politica di
Manuele passim und die dort angeführte Literatur.
318 Kapitel XVI
trafen sie auf die Byzantiner, als deren Anführer Michael Palaiologos und Johannes Mauro-
dukas erwähnt werden. Friedrich selbst berichtet in einem 1157 geschriebenen Brief an Otto
von Freising über diese Begegnung folgendes: Auf dem Marsch [431] von Spoleto seien sie bei
Ancona dem griechischen Fürst Paliologus und seinem Gefährten Maroducas mit weiteren
Gesandten begegnet. Diese hätten ihnen eine unermeßliche Summe Geldes geboten, wenn sie
nach Apulien gegen Wilhelm I. ziehen würden. Jedoch die deutschen Fürsten, erschöpft von
den Strapazen des bisherigen Feldzugs, hätten dies abgelehnt. So seien die Griechen allein
nach Apulien gezogen und dort von den Normannen vernichtend geschlagen worden115. Be-
deutsam ist, daß Friedrich selbst offenbar bereit gewesen ist, den Wünschen der Griechen zu
entsprechen. Der gemeinsame Zug scheiterte allein an der Weigerung der deutschen Für-
sten116. Diese Darstellung Friedrichs wird in verkürzter Form auch von Otto von Freising
bestätigt, der erzählt, daß die byzantinischen Gesandten Palaiologos und Maurodukas bei An-
cona Friedrich getroffen und ihm Geschenke des Konstantinopolitaner Herrschers über-
bracht hätten. Nachdem Friedrich sie angehört hätte, habe er sie einige Tage bei sich behalten
und schließlich auf den Rat seiner Fürsten hin Wibald von Stablo als Gegengesandten nach
Konstantinopel geschickt117.
Auffällig ist, daß Otto von Freising den Auftrag der griechischen Gesandten nicht mit-
teilt, obwohl er ihm aus dem Brief des Kaisers bekannt gewesen ist. Unteritalien wird mit
keinem Wort erwähnt. Dafür hebt der Chronist im folgenden Kapitel den Anspruch des
deutschen Kaisers auf Apulien hervor: Unterdessen seien die früher aus Apulien vertriebenen
Fürsten mit einer Gesandtschaft des deutschen Kaisers [432] wieder in ihre alten Städte,
Festungen und Besitztümer zurückgekehrt und hätten sie wieder in Besitz genommen, da die
Einwohner des Landes geglaubt hätten, daß der Kaiser ihnen auf dem Fuße folgen würde.
Dieser habe das auch gewollt, aber die Fürsten des Heeres hätten sich wegen der Strapazen
geweigert, so daß Friedrich nach Deutschland habe zurückkehren müssen118. Obwohl keine
genaue Zeitbestimmung dieses Vorgangs gegeben wird, geht aus der Einordnung der Episode
115
OTTO VON FREISING, Gesta, Ep. Frederici S. 88; man muß bei dem Brief berücksichtigen, daß er erst
1157 geschrieben worden (nach dem 24. 3. 1157, cf. OTTO VON FREISING, Gesta, Einleitung S. 2)
und, zumindest mittelbar, zur Publikation vorgesehen gewesen ist. Daß er in seiner Tendenz folglich die
deutsche Version unterstützt und nicht die byzantinische, dürfte eindeutig sein.
116
IBIDEM: Inde (i. e. von Spoleto) euntes versus Anconam Paliologum nobilissimum principem Grecorum et
Maroducam socium eius cum ceteris nuntiis Constantinopolitani obvios habuimus. Qui ut in Apuliam iremus
et hostem utriusgue imperii Guillelmum potentia virtutis nostre conterere vellemus, infinitam pecuniam nobis
dare spoponderunt. Quia vero militia nostra propter multos labores et bella nimis attrita fuit, placuit magis
principibus redire quam in Apuliam descendere. Sicque nobis redeuntibus et Grecis cum superbia multiduninis
sue et copiosa pecunia in Apuliam euntibus, Paliologus post adeptum Barum et munitionem destructam obiit,
et Willelmus congregato exercitu repente in Grecos irruit et paucis captis et ceteris occisis omnem pecuniam
absportavit.
117
OTTO VON FREISING, Gesta II. 38, S. 360, 362.
118
OTTO VON FREISING, Gesta II. 39, S. 362.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 319
doch sehr klar hervor, daß sie sich bei Ancona abgespielt haben muß119. Mit anderen Worten:
Auch Otto von Freising gibt zu, daß die Fürsten des Heeres bei Ancona die Rückkehr nach
Deutschland durchgesetzt haben, während der Kaiser nach Apulien ziehen wollte und nur
widerwillig – non sine cordis amaritudine – nachgab. Man muß zugeben, daß auch im Brief des
Kaisers von einem Bündnis nicht explicit die Rede ist, aber die Verbindung zwischen dem
Angebot der Griechen und der Weigerung des Heeres, nicht des Kaisers, ist so eindeutig, daß
an einer grundsätzlichen Zustimmung Friedrichs zu einer gemeinsamen Eroberung Apuliens
kaum gezweifelt werden kann. Dies ergibt sich schon aus den beteiligten Byzantinern, denn es
handelt sich nicht um irgendwelche gewöhnliche Gesandte, sondern um Michael Palaiologos
und Johannes Dukas, die Oberbefehlshaber der byzantinischen Expedition nach Italien120.
Auch byzantinische Quellen erwähnen die reichen Geldmittel, die der Palaiologe mit sich
führte, vorwiegend, um damit Söldner anzuwerben121. Es ist schon aus diesem Grund eindeu-
tig, daß die Byzantiner den Deutschen nicht vorgeschlagen haben werden, sie für einen Feld-
zug nach Apulien zu bezahlen, damit die Eroberungen dann an Friedrich fielen, sondern sie
dürften zweifellos angestrebt und vereinbart haben, daß die apulischen Provinzen entweder an
Byzanz fallen oder aber zwischen Deutschen und Griechen aufgeteilt werden sollten. Fried-
rich scheint [433] damit einverstanden gewesen zu sein. Die Durchführung des Plans schei-
terte nur an den deutschen Fürsten, die ihre Mithilfe verweigerten, sei es weil sie einen Feld-
zug nicht wollten, dessen Früchte nur oder doch vor allem den Byzantinern zufallen würden,
oder weil sie nach der langen Dauer der bisherigen Expedition tatsächlich keine Neigung ver-
spürten, noch länger in Italien zu bleiben122. Damit aber erklären sich auch der relativ vor-
sichtige Tonfall in dem Brief des Kaisers und der noch viel zurückhaltendere Bericht bei Otto
von Freising, denn eine solche Bereitschaft Friedrichs bedeutete einen klaren und offenen
Bruch des Konstanzer Vertrags, in dem Friedrich sich ja ausdrücklich verpflichtet hatte, den
Griechen keinen Fußbreit italienischer Erde zu überlassen, und den er zu Anfang des Jahres
1155 noch einmal förmlich bekräftigt hatte. Beide – der Kaiser wie sein Chronist – konnten
kein Interesse daran haben, das Verhalten Friedrichs allgemein bekannt werden zu lassen, und
119
Vorher werden die griechischen Gesandten erwähnt, nachher die Entlassung des Heeres, wobei einige An-
führer per Schiff über die Adria nach Venedig fuhren. Damit aber bleibt als Ort der Entlassung des Heeres
praktisch nur Ancona übrig.
120
Michael Palaiologos hat, wie wir gesehen haben, in dieser Zeit auch die ersten Verhandlungen mit Genua
geführt.
121
KINNAMOS S. 135ff. ; NIKETAS CHONIATES S. 91.
122
Das Einverständnis Friedrichs ergibt sich auch daraus, daß der deutsche Kaiser sich, als er Ancona erreichte,
eindeutig auf dem Rückmarsch nach Norden befand, also gar nicht mehr gegen die Normannen ziehen
wollte. Erst das Treffen mit den Byzantinern scheint ihn dazu gebracht zu haben, doch noch nach Apulien
marschieren zu wollen. Auch das Angebot einer großen Summe Geldes findet so seine natürliche Erklä-
rung: Friedrich war am Ende seines ursprünglich geplanten Italienzuges. Seine Mittel waren wahrscheinlich
erschöpft. Die Gesandten dürften ihm angeboten haben, seine Aufwendungen und vor allem die Bezahlung
seiner Truppen zu finanzieren, was für eine Fortsetzung des Feldzuges unabdingbare Voraussetzung war.
320 Kapitel XVI
zwar umso mehr, als der deutsche Kaiser den 1156 zwischen Papst Hadrian IV. und Wilhelm
I. von Sizilien abgeschlossenen Vertrag als Bruch der Konstanzer Vereinbarungen heftig ta-
delte. Er konnte schlecht zugeben, daß er 1155 ebenfalls zu einem solchen Bruch bereit gewe-
sen war. Es hätte seine ganze Propaganda gegen ihn selbst gekehrt123. Aber auch wenn schon
aus den beiden angeführten Quellenstellen das (zeitweilige) Einverständnis zwischen griechi-
schem und deutschem Kaiser 1155 hervorgeht, so wären die hier vorgetragenen [434] Über-
legungen doch nicht mehr als wenig beweiskräftige Hypothesen, gäbe es nicht noch eine wei-
tere Stelle in den Gesta Frederici, die ein solches Bündnis noch viel wahrscheinlicher werden
lassen, obwohl die Absicht Ottos von Freising, seinen Kaiser von einem solchen Verdacht
reinzuwaschen, gerade hier noch viel offensichtlicher ist als an der eben vorgeführten Stelle.
Aber eben deshalb ist sie verräterisch.
Der Reichstag in Nürnberg (1156)
Anläßlich des Reichstags zu Nürnberg im Jahre 1156 berichtet Otto von Freising von der
Rückkehr des 1155 von Ancona aus nach Griechenland geschickten Gesandten Wibald von
Stablo, der von einer griechischen Gegengesandtschaft begleitet worden sei. Diese Gesandten
habe der Kaiser aus folgendem Grund nicht vorgelassen124: Als sie sich bei Ancona von ihm
getrennt hätten, hätten besagte Gesandte einige, mit Siegeln verschlossene Briefe des Kaisers
"erschlichen"125 und mit Hilfe dieser Briefe und hoher Bestechungssummen die Provinzen
Apulien und Kampanien an sich gebracht und schließlich Bari erobert126. Hierbei seien sie
123
Es sei in diesem Zusammenhang noch einmal daran erinnert, daß der Brief erst nach dem Frühjahr 1157
geschrieben worden ist und zwar noch vor den Gesta Frederici des Otto von Freising. Beide Werke, Brief
wie Gesta Frederici, entstanden in einer Zeit, als die Spannungen zwischen Papst und Kaiser immer schär-
fer wurden.
124
OTTO VON FREISING, Gesta II. 51, S. 382, 384; für wesentliche Hinweise zu der Interpretation der im
folgenden behandelten Quellenstellen bin ich Otto Kresten zu großem Dank verpflichtet.
125
OTTO VON FREISING, Gesta II. 51, S. 382: Cum ab eo circa Anconam recessissent, litteras quasdam si-
gillo suo clausas per surreptionem acceperant. Igitur redeunte ad Transalpina principe, Greci Campaniam
simul et Apuliam ingrediuntur ostensisque imperialibus litteris maritima sibi a principe concessa fuisse men-
tiuntur, sicque indigenas quosque non solum auctoritate imperatoris terrendo, sed et auro corrumpendo, totam
provinciam ad suam ditionem inclinant. Hierbei hat man in der bisherigen Literatur die Worte litteras ... per
surreptionem acceperant durchgängig so aufgefaßt, daß die Gesandten diese Briefe "durch Diebstahl an sich
gebracht" (so die Übersetzung, IBIDEM S. 383) hätten. Doch ist dies nicht nur von der Situation her ab-
zulehnen – wie kann ein Gesandter zufällig herumliegende und sogar schon gesiegelte Briefe stehlen? –, es
scheint auch aus sprachlichen Gründen kaum möglich, accipere mit "an sich bringen" zu übersetzen. Der
Fehler dürfte darin liegen, daß surreptio hier nicht von surripio abzuleiten ist, sondern von subrepo, das
soviel wie "erschleichen" bedeutet. Subreptio in dieser Bedeutung findet sich auch im CODEX IUSTINIA-
NUS I. 14. 2, S. 67. Die Gesandten haben die Briefe also nicht gestohlen, sondern laut Otto von Freising
sich vom Kaiser gewisse, gesiegelte Briefe erschlichen, was für den mutmaßlichen Inhalt dieser Briefe, wie
im folgenden gezeigt werden soll, von entscheidender Bedeutung sein wird.
126
IBIDEM: Campaniam simul et Apuliam;· ein wenig später (Gesta II. 52, S. 384) schreibt Otto, daß die
Griechen aus Apulien und Kalabrien wieder vertrieben worden seien: cognovit (i. e. Friedrich) Willelmum
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 321
von den vordem [435] vertriebenen und erst vor kurzem mit Hilfe der Deutschen zurück-
gekehrten Fürsten der Region und der Bevölkerung unterstützt worden, die die tyrannische
Bedrückung durch Roger II. und Wilhelm I. abgelehnt hätte. Als Friedrich dies erfahren habe,
habe er lange beraten, ob er die Gesandten Manuels empfangen oder als Verräter bestrafen
lassen sollte. Schließlich habe er sie doch zu einer Audienz nach Nürnberg beordert. Da er
eine griechische Festsetzung in Unteritalien abgelehnt habe, habe er eine Heerfahrt nach
Apulien gegen die Griechen beschwören lassen. Erst als er erfahren habe, daß die Byzantiner
von den Normannen geschlagen und aus Apulien wieder vertrieben worden seien, habe er
diese Heerfahrt abgesagt und sich stattdessen gegen Mailand gewandt.
Soweit die Darstellung Ottos von Freising, die mit Sicherheit falsch ist. Hierauf deutet
zunächst die Diskrepanz zu dem Brief Barbarossas und der ersten Schilderung Ottos hin:
Weder in dem Brief noch in dieser ersten Fassung in den "Gesta" wird ein derartiges Betrugs-
manöver der Griechen erwähnt. Könnte man dies in den "Gesta" noch damit begründen, daß
der Autor nur die Begegnung bei Ancona schildert, während er die nachfolgende byzantini-
sche Eroberung Unteritaliens mit Schweigen übergeht und erst jetzt (1156) behandelt, so fällt
selbst diese Entschuldigung bei dem Brief des Kaisers fort. Friedrich erwähnt durchaus die
Aktionen der Griechen in Unteritalien. Wenn diese tatsächlich mit einer Täuschung des
Kaisers bei Ancona verbunden gewesen wären, warum hat Friedrich sie nicht erwähnt, und
warum beschreibt Otto von Freising sie erst 1156, nicht aber ein Jahr zuvor: an dem Platz, an
den sie gehört hätten? Im Gegenteil sind die Byzantiner an beiden Stellen außerordentlich
positiv gezeichnet127.
Bezeichnend sind hierbei die Veränderungen in der Darstellung: Friedrich spricht noch
von einem Bündnisangebot der Griechen zur Eroberung Apuliens, Otto von Freising unter-
schlägt 1155 dieses Angebot und behauptet 1156, daß die Griechen 1155 bei Ancona kai-
[436] serliche litterae erschlichen hätten, gibt also jetzt indirekt doch den Abschluß eines
Bündnisses zwischen Griechen und Deutschen zu, was er 1155 noch verschwiegen hatte128.
fusis Grecis Apuliam et Calabriam recepisse. Nach Lage der Dinge dürfte Calabria einfach eine Verschrei-
bung für Campania sein.
127
OTTO VON FREISING, Gesta, Ep. Frederici S. 88: ... versus Anconam Paliologum nobilissimum princi-
pem Grecorum ... obvios habuimus; Gesta II. 38, S. 360: imperator ... Paliologum ... nobilissimum Grecorum
regalisque sanguinis procerem, et Marodocum, egregium virum obvios habuit. Beide Male fällt kein böses
Wort über die Byzantiner.
128
Anfängliche Unkenntnis kann keine Rolle gespielt haben, da sowohl der Brief als auch die Gesta erst 1157
und später entstanden sind, Friedrich aber laut Otto von Freising schon im Sommer 1156 von der Falsch-
heit der Griechen gewußt hatte. Ebensowenig ist an eine Vertuschung zu denken, da der Kaiser seinen Brief
an Otto ja in der Absicht geschrieben hatte, ihm eine Unterlage für die beabsichtigte Veröffentlichung zu
schaffen (Gesta, Ep. Frederici S. 88). Wenn er und der Chronist die Täuschung von Seiten der Griechen
wirklich hätten verschweigen wollen, ist nicht verständlich, daß Otto von Freising sie 1156 doch noch aus-
führlich erzählt.
322 Kapitel XVI
129
Cf. beispielsweise OPLL, Mandat S. 291 ff. und bes. Anm. 12 und 13.
130
Cf. etwa den ähnlichen Fall von Tivoli, als Barbarossa den Bürgern von Tivoli durch ein Mandat verkün-
det, daß er ihre Stadt Papst Hadrian IV übergeben habe, und sie aus ihrem, ihm zuvor geleisteten, Treueid
entläßt: ... ob reverentiam beati Petri principis apostolorum dilectissimo atque in Christo reverendo patri nostro
Adriano pape civitatem dimisimus Tiburtinam salvo tamen per omnia iure imperiale. Huius rei gratia omnes
et singulos cives Tiburtinos a fidelitate, quam nuper nobis iurastis, absolvimus attentius vobis precipiendo man-
dantes, quatinus eidem venerabili pape fideliter assistatis, devote serviatis eique sicut domino obedire studeatis,
quod nuper fecistis, vos absolutos salvo in omnibus iure imperiali (MGH DD FREDERICI I. Nr. 113, erlas-
sen wohl am 29. Juni 1155).
131
Aber unwahrscheinlich ist, da es in dem Brief des Kaisers nicht erwähnt wird, so daß wir das Motiv für die
Darstellung Ottos in ihm selber suchen müssen.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 323
mit reichen Geldmitteln nach Italien geschickt, um dort Söldner anzuwerben und zu versu-
chen, die verschiedenen lokalen Mächte, zu denen übrigens auch Genua zu zählen ist, wie wir
gesehen haben, auf die byzantinische Seite zu ziehen und gleichfalls die Deutschen, deren
Heer sich zu dieser Zeit ja ebenfalls in Italien befand, endlich zu einem gemeinsamen Unter-
nehmen zu bewegen. Unterdessen war Friedrich nach Rom marschiert und hatte sich dort
zum Kaiser krönen lassen, war dann aber – wohl weil er nur ein relativ kleines Heer bei sich
hatte und auch seine finanziellen Mittel erschöpft waren – nicht weiter gegen die Normannen
marschiert, sondern hatte sich wieder nach Norden gewandt, wobei zunächst Spoleto erobert
[438] und geplündert wurde. Bei Ancona traf er auf Michael Palaiologos und Johannes Du-
kas, die ihm reiche Bezahlung anboten, wenn er mit ihnen zusammen gegen Apulien mar-
schiere. Der Kaiser ließ sich von den Byzantinern überreden. Es ist möglich, ja wahrscheinlich,
daß man in diesen Verhandlungen, die sich über mehrere Tage hinzogen, nicht nur über Un-
teritalien, sondern auch um eine Heirat Friedrichs mit einer byzantinischen Prinzessin ver-
handelt hat, wie das Carmen de gestis Frederici behauptet132. Wie dem auch sei, beide Seiten
kamen zu einer Einigung, aber es gelang Friedrich nicht, den Widerstand seines eigenen Hee-
res zu überwinden, das endlich nach Deutschland zurückkehren wollte133. So entschloß er
sich zuletzt, seinerseits einen Gesandten nach Byzanz zu schicken, um die Verhandlungen wei-
terzuführen und gleichzeitig als Zeichen seiner grundsätzlichen Zustimmung Mandate an die
apulischen Städte zu erlassen, in denen er sie entweder ganz den Byzantinern überantwortet
oder aber zumindest eine Unterstützung der Griechen befohlen hat134. Er selbst marschierte
dann nach Deutschland zurück, während es den Byzantinern mit den besagten Mandaten und
auch anderen Mitteln gelang, zumindest Teile Apuliens kampflos an sich zu bringen.
In Deutschland angekommen änderte der deutsche Kaiser seine Meinung vollkommen,
wobei wir nicht wissen, aus welchem Grund. Denkbar wäre, daß er sich gegenüber den Für-
sten nicht durchsetzen konnte, die eine Überlassung von Teilen Italiens an Byzanz ablehn-
ten135. Denkbar wäre aber auch, daß er eine direkte Nachbarschaft der Griechen in Unterita-
lien unterdessen als zu gefährlich für seine eigene Position auf der Halbinsel empfand oder
aber sich jetzt doch selbst stark genug fühlte die deutschen Ambi-[439] tionen in Unteritalien
alleine, ohne die Griechen oder auch gegen sie, durchzusetzen. In jedem Fall bedeutete die
Heirat mit Beatrix von Burgund die endgültige Ablehnung eines Bündnisses mit den Grie-
chen, das durch die Ehe mit einer Byzantinerin hätte bekräftigt werden sollen. Umso peinli-
cher mußte es Friedrich sein, als 1156 zusammen mit Wibald von Stablo plötzlich byzantini-
132
CARMEN DE GESTIS FREDERICI vv. 1030–1044, 1038ff.
133
Wobei wir nicht mehr entscheiden können, ob das Heer einfach keine Fortsetzung des ohnehin allzu
langen Feldzugs mehr wünschte, oder ob man ein Bündnis mit den Griechen grundsätzlich abgelehnt hat.
134
Diese Mandate dürften an diejenigen Städte und Festungen gerichtet gewesen sein, deren Fürsten erst vor
kurzem mit Hilfe der Deutschen wieder in ihre Herrschaften eingesetzt worden waren und demzufolge in
gewissem Sinn als Vasallen des deutschen Kaisers angesehen werden konnten.
135
Was vielleicht schon in Ancona wirksam gewesen war, doch s. auch Anm. 133.
324 Kapitel XVI
sche Gesandte in Deutschland erschienen, die offensichtlich die Verhandlungen von Ancona
zu einem Abschluß bringen sollten. Zudem dürfte allmählich bekannt geworden sein, daß die
byzantinischen Erfolge in Unteritalien mit dem schriftlichen Einverständnis, wenn nicht
sogar der Unterstützung des deutschen Kaisers errungen worden waren. Das aber war ein di-
rekter Bruch des Vertrags von Konstanz und mußte den Kaiser schwer desavouieren. Fried-
rich sah – so läßt jedenfalls der Bericht Ottos von Freising vermuten – keinen anderen Aus-
weg, als jedes Einverständnis mit den Griechen zu leugnen und zu behaupten, er sei bei
Ancona von den Byzantinern hintergangen worden. So ließ er die Gesandten zunächst
festsetzen und einen Kriegszug gegen Apulien beschließen136. Erst als dann die byzantinische
Niederlage in Unteritalien bekannt geworden war und eine sofortige Aktion nicht mehr not-
wendig schien, empfing der Kaiser die Gesandten doch noch, sagte den beschlossenen Kriegs-
zug wieder ab und ließ stattdessen ein Unternehmen gegen Mailand ansagen137.
Es ist offensichtlich, daß weder Friedrich noch Otto von Freising ein Interesse daran ge-
habt haben können, das zeitweilige Einvernehmen mit den Griechen allgemein bekannt wer-
den zu lassen. So erklärt sich, daß Otto von Freising anläßlich der Geschehnisse bei Ancona
die Beschlüsse bezüglich Unteritaliens verschweigt. Er erkannte wohl noch klarer als der
Kaiser, der sich in seinem Brief an den Chronisten zwar ebenfalls vorsichtig ausdrückt, aber
doch offener ist, daß es gefährlich war, die Unterredung bei Ancona und die anschließenden
griechischen Erfolge in Apulien in irgendeine Verbindung miteinander zu bringen, und sei sie
auch [440] nur zeitlicher Art. Aber 1156 ließ sich auch mit Verschweigen nichts mehr vertu-
schen. Der Bruch mit Byzanz war so eindeutig, daß er begründet werden mußte, ebenso wie
auch die Ansage eines Kriegszugs nach Apulien gegen die Byzantiner, nicht die Normannen,
erklärt werden mußte. Ob schon Friedrich selbst auf die Idee gekommen ist zu behaupten,
daß er bei Ancona von den Griechen getäuscht worden sei, oder ob es sich hierbei um eine
Erfindung Ottos von Freising handelt, ist nicht mehr zweifelsfrei zu entscheiden138. Bei der ja
allgemein bekannten perfidia Graecorum hatte eine solche Behauptung in jedem Fall gewisse
Erfolgsaussichten, und selbst wenn sie mit Zweifeln aufgenommen werden sollte, so erlaubte
sie es dem deutschen Kaiser immer noch, wenigstens sein Gesicht zu wahren139. Dennoch
bleibt die Tatsache bestehen, daß der deutsche Kaiser 1155 bei Ancona zu einem gemeinsa-
men Vorgehen mit den Byzantinern in Unteritalien gegen die Normannen bereit gewesen ist,
auch wenn er davon später nichts mehr hat wissen wollen.
136
OTTO VON FREISING, Gesta II. 52, S. 384.
137
IBIDEM S. 384, 386.
138
Letzteres dürfte wahrscheinlicher sein, da in dem Brief des Kaisers, der ja auch erst 1157 geschrieben wor-
den ist, kein Hinweis auf ein dementsprechendes Verhalten der Griechen bei Ancona zu finden ist.
139
Allgemein cf. auch LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 175f.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 325
140
KINNAMOS S. 135ff.; NIKETAS CHONIATES S. 91 spricht ebenfalls von reichlichen Geldern, läßt
ihn aber auch noch ein mittleres Heer befehligen. Doch scheint Kinnamos’ Version glaubhafter, zumal sie
mehr und richtigere Einzelheiten bietet als die des Niketas. Es scheint, daß Kinnamos mehr und detail-
liertere Informationen zur Verfügung gehabt hat als Niketas, der auch noch den Fehler begeht, Michael
zuerst nach Venedig fahren und dort Söldner werben zu lassen, während er von den Vorgängen bei Ancona
nichts weiß. Wenig später, während der Kämpfe um Brindisi, verfügten die Griechen über vierzehn Schiffe,
auch dies ein Zeichen für ihre geringe Stärke (KINNAMOS S. 162; s. auch S. 159). Laut Aussage der AN-
NALES PISANI S. 15 soll der Kaiser insgesamt dreißig Galeeren und große Schiffe eingesetzt haben. Doch
ziehen die Annales das Geschehen so eng zusammen, daß man nicht mehr sagen kann, ob es sich hierbei um
die Anfangsflotte des Michael Palaiologos gehandelt hat oder ob alle 1155–1157 eingesetzten byzantini-
schen Schiffe gemeint sind.
141
NIKETAS CHONIATES S. 91.
142
NIKETAS CHONIATES S. 94ff. berichtet über größere Flottenrüstungen, die allerdings wahrscheinlich
sind, denn Manuel mußte daran liegen, die Verbindungslinien zu seinen italienischen Eroberungen offen-
zuhalten. Aber davon abgesehen sind anscheinend keine größeren griechischen Streitkräfte in Italien ein-
gesetzt worden. Auch bei den von KINNAMOS S. 148 erwähnten Alanen und Griechen dürfte es sich nur
um kleinere Truppenkörper, wenn auch vielleicht von Elitesoldaten, gehandelt haben. Die ebenfalls er-
wähnten abendländischen Ritter, also Söldner, könnten, wie schon LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 206
festgestellt hat, normannische Vertriebene, die in Byzanz Zuflucht gesucht hatten, sein. Auch Alexios
Axuch sollte 1157 nur weitere Söldner anwerben, und die Hauptklagen Manuels galten 1157 den ver-
schleuderten Geldern, aber nicht den, wie wir gesehen haben, eher geringen Verlusten an Menschenleben
(NIKETAS CHONIATES S. 96f.).
143
KINNAMOS S. 170; das Datum des Vertrags ist unsicher. Allgemein wird der Zeitraum vom Sommer
1157 bis Winter 1158 angenommen (cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1413): LAMMA, Comneni e Staufer I.
326 Kapitel XVI
die Deutschen zu kämpfen. Das heißt, daß Ancona zwar als Basis für einen Krieg gegen Sizi-
lien oder auch Venedig144 dienen konnte, nicht aber für eine Auseinandersetzung mit den
Deutschen. Auch der Vertrag mit Ravenna dürfte in ähnlicher Form abgefaßt worden sein145.
Ein Krieg gegen Deutschland konnte daher von Ancona aus kaum geführt werden, als Aus-
gangsbasis für einen gemeinsamen Feldzug gegen die Normannen aber war die Stadt hervor-
ragend geeignet: weit genug entfernt, um vor normannischen Überraschungsangriffen sicher
zu sein, aber doch nicht so weit, daß man sie nicht als Versorgungszentrum nutzen konnte.
Ein letztes Indiz ist der Zeitpunkt der byzantinischen Aktion. Sie begann, als der deut-
sche Kaiser noch in Italien weilte. Diese Tatsache war in Konstantinopel bekannt146. Ist es
wirklich wahrscheinlich, daß Manuel eine äußerst kleine Expeditionsstreitmacht nach Italien
entsandt hätte, wenn er damit hätte rechnen müssen, daß diese Truppe alsbald in einen Krieg
mit der deutschen Armee verwickelt werden könnte? Sie hätte keinerlei Erfolgsaussicht ge-
habt. Umgekehrt war es sinnvoll, das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt ins Werk zu setzen,
wenn man auf einen gemeinsamen Kriegszug hoffte. Es wäre daher falsch zu sagen, daß Man-
uel die Offensive in Italien "mit dem deutschen Kaiser oder ohne ihn, wenn nötig auch gegen
ihn" gewagt hätte147. Tatsächlich scheint Manuel 1155 – und sogar noch später – fest mit
dem Bündnis gerechnet zu [443] haben. Für eine Eroberung Italiens ohne oder gegen das
deutsche Reich waren seine Truppen zu schwach. Daß das Unternehmen ausgerechnet 1155
ins Werk gesetzt wurde, dürfte seinen Grund einmal darin haben, daß die Lage günstig war:
Roger II. war tot, sein Nachfolger Wilhelm I. schwer krank, das Normannenreich in Unruhe,
und außerdem hat vielleicht sogar die Anwesenheit des deutschen Heeres in Italien den Aus-
schlag gegeben. Es mag gut sein, daß Manuel der ewigen, immer fruchtlosen Gesandtschaften
müde war und jetzt versuchte, durch eine direkte Aktion Friedrich zum Mitmachen zu bewe-
S. 257; aber bei genauer Interpretation des Kinnamos ergibt sich, daß der Eid schon vor der Ankunft des
Alexios Axuch im Frühjahr 1157 abgelegt worden sein kann: οἱ γὰρ τῇδε ἄνθρωποι ὅρκους βασιλεῖ φθάσαντες
ἔδοσαν ... Zumindest kann eine solche, frühere Eidesleistung nicht ausgeschlossen werden. Am wahrschein-
lichsten dürfte der Herbst 1155 sein: relativ kurz nach der Ankunft des Michael Palaiologos in Ancona, der
Basis seiner weiteren Aktionen. Gegen diese Datierung spricht auch nicht der Vertrag mit Ravenna, der zu
ähnlichen Bedingungen, möglicherweise im Frühjahr 1158, abgeschlossen worden ist. Zum einen ist auch
diese Datierung nicht völlig eindeutig, und zum anderen kann der Vertrag mit Ravenna durchaus später
abgeschlossen worden sein als der mit den Anconitanern. Ravenna war für Byzanz weitaus weniger wichtig
als die Hafenstadt Ancona.
144
Zu dem Nutzen als gegen Venedig gerichteter Stützpunkt s. KINNAMOS S. 170.
145
S. DÖLGER, Regesten Nr. 1421 (ca. Frühling 1158); der Vorbehalt zugunsten der Deutschen wird in dem
Bericht Rainalds von Dassel nicht erwähnt, doch sollte man berücksichtigen, daß die Tendenz dieses
Schreibens antigriechisch ist und Rainald demzufolge kein Interesse gehabt hat, für Byzanz sprechende
Punkte zu berücksichtigen. Ein argumentum e silentio ist daher nicht möglich.
146
S. KINNAMOS S. 135f.; man rechnete mit der Anwesenheit Friedrichs in Italien, traf allerdings auch
Maßnahmen für den Fall, daß er doch schon wieder nach Deutschland zurückgekehrt war.
147
OSTROGORSKY, Geschichte S. 317; ähnlich auch OHNSORGE, Zweikaiserproblem S. 103 und
HECHT, Byzanz S. 279. Im wesentlichen geben diese Autoren die communis opinio der Forschung wieder.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 327
gen. Fast hätte er Erfolg gehabt. Bei Ancona war Friedrich dazu bereit. Erst in Deutschland
änderte er wieder seine Meinung, möglicherweise sogar aufgrund der unerwartet großen Er-
folge der Byzantiner in Unteritalien148, die den Deutschen plötzlich klar werden ließen, daß
ihre eigenen Interessen auf der Halbinsel durch die Griechen bedroht wurden. Die Ankündi-
gung eines Kriegszuges nach Apulien ist die Reaktion gewesen149. Als die Kunde von der by-
zantinischen Niederlage nach Deutschland drang, wurde wieder abgesagt. Friedrich wußte
jetzt, daß Byzanz seinen eigenen Ambitionen nicht mehr zuvorkommen konnte. Italien würde
nun an die Deutschen fallen, wenn diese ihrerseits stark genug waren, die Normannen und die
anderen Mächte der Halbinsel niederzuwerfen. Aber ein sofortiger Zug in den Süden Italiens
war nicht mehr notwendig. Der Kaiser beschloß, zunächst in Oberitalien Ordnung zu schaf-
fen150.
Auch der deutsche Kaiser hat demnach, trotz des Konstanzer Vertrags, nicht sofort abso-
lut eine Überlassung italienischer Plätze an Byzanz abgelehnt. Erst im Verlauf der Jahre wurde
diese Haltung vorherrschend, aber sie ist, selbst nach 1156, nicht so eindeutig gewesen, daß
man in Konstantinopel jeden Gedanken an ein Bündnis mit Deutschland aufgegeben hätte.
Offensichtlich ist Manuel der Meinung gewesen, daß Friedrichs im Vergleich zu Konrad käl-
tere Haltung keine endgültige Absage bedeutete, sondern daß der Deutsche nur versuchte, auf
diese Weise mehr für [444] sich herauszuschlagen. Barbarossa tat begreiflicherweise nichts,
um Manuel von dieser Meinung abzubringen. Sie war für ihn nur nützlich.
Der Hergang der italienischen Expedition Manuels ist schnell erzählt151: Nachdem die
Byzantiner bei Ancona ohne Erfolg Friedrich Barbarossa zur aktiven Teilnahme zu bewegen
gesucht hatten, setzten sie das Unternehmen zunächst allein in Bewegung. Die Anfangserfolge
waren groß. Die Normannenfürsten Unteritaliens fielen zum Teil von Wilhelm I. ab, ihm
treu gebliebene Orte konnten mit ihrer Hilfe erobert werden. Aber alle diese Erfolge beruhten
weniger auf der militärischen Stärke der eingesetzten Truppen als vielmehr auf dem desolaten
Zustand des Normannenreiches, dessen neuer Herrscher unbeliebt und außerdem erkrankt
war. Als Wilhelm I. wieder gesundete, ordnete er zunächst die Verhältnisse in Sizilien und
warf sich anschließend auf die Griechen. Schon im Mai des Jahres 1156 waren die byzantini-
schen Eroberungen in Unteritalien wieder dahin. Damit stand der militärische Mißerfolg
bereits fest. Er wurde begleitet von dem diplomatischen. Im Sommer desselben Jahres erteilte
der deutsche Kaiser den Bemühungen Manuels um ein Bündnis endgültig eine Absage. Die
Heirat Friedrichs mit Beatrix von Burgund und die demütigende Behandlung der byzantini-
schen Gesandten zeigten, daß der deutsche Kaiser, im Gegensatz zu den Tagen von Ancona,
148
S. OTTO VON FREISING, Gesta II. 51, S. 384.
149
IBIDEM II. 52, S. 384
150
IBIDEM S. 384, 386.
151
An diesem Platz eine vollständige Darstellung zu geben, wäre überflüssig, cf. hierzu die ausführliche Diskus-
sion bei LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 172–231, 254–261.
328 Kapitel XVI
nicht mehr bereit war, ein byzantinisches Unteritalien zu akzeptieren. Im Gegenteil ließ er
sogar einen Kriegszug nach Unteritalien beschließen, der erst abgesagt wurde, als man erfuhr,
daß die Truppen Manuels ohnehin bereits von den Normannen geschlagen worden waren.
Auch Manuel sah den Fehlschlag. 1157 entsandte er Alexios Axuch nach Ancona mit
dem Auftrag, einen Friedensschluß mit Wilhelm I. herbeizuführen152. Daß er dennoch nicht
ganz die Hoffnung auf die Deutschen aufgegeben hatte, zeigen die Aktionen Axuchs, der sich
[445] jetzt im wesentlichen bemühte, im weiteren Gebiet um Ancona eine Basis zu schaffen,
von der aus der Krieg sich später wiederaufnehmen ließ. Auch nach Deutschland ging wieder
eine Gesandtschaft, die den Auftrag hatte, darauf hinzuwirken, daß Friedrich, der Sohn Kon-
rads, zum Ritter geschlagen werden sollte153. Wir werden sicher nicht irren, wenn wir in
diesem Auftrag nur einen Vorwand sehen. Tatsächlich sollten die Gesandten wohl sondieren,
ob es nicht doch noch eine Möglichkeit gäbe, Deutschland wieder an die Seite von Byzanz zu
bringen. Sie erreichten zwar den Ritterschlag Friedrichs, in ihrem eigentlichen Vorhaben
hatten sie keinen Erfolg. Damit war die Expedition nach Italien, auch wenn die Kämpfe noch
andauerten, an ihrem Ende. Manuel nützte die Vermittlung des Papstes154, der ebenfalls an
einer Aussöhnung der beiden Kontrahenten interessiert war, und schloß mit Wilhelm I.
Frieden155. Er brauchte ihn umso dringender, als die Normannen 1157 ihrerseits begannen,
offensiv zu werden. Die normannische Flotte unternahm eine Fahrt in die Ägäis, auf der unter
anderem Halmyros geplündert wurde156, und veranstaltete eine Demonstration ihrer Stärke
vor Konstantinopel selbst157.
Der Friedensvertrag mit den Normannen 1157
Wilhelm I. verpflichtete sich in dem Vertrag, die von den Normannen gemachten Kriegs-
gefangenen herauszugeben, mit Ausnahme allerdings der 1147 aus Theben und Korinth nach
Sizilien verschleppten Seidenweber, und Manuel mit seinem Heer bei etwaigen Unterneh-
mungen im Westen zu unterstützen. Umgekehrt erkannte Manuel den [446] Normannen als
König an. Die Bestimmung über eine etwaige Heeresfolge des Normannen in Italien nimmt
152
NIKETAS CHONIATES S. 97.
153
DÖLGER, Regesten Nr. 1414 (ca. Juli 1157).
154
NIKETAS CHONIATES S. 97.
155
DÖLGER, Regesten Nr. 1420 (Frühjahr 1158); cf. auch LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 275ff.
156
Die ANNALES PISANI S. 17 erwähnen eine Plünderung des pisanischen Quartiers in Halmyros. Der
Vorgang beweist immerhin, daß Pisa zu dieser Zeit noch auf Seiten Konstantinopels gestanden hat.
157
Nach NIKETAS CHONIATES S. 99 erfolgte der normannische Zug nach Abschluß des Friedens, was
aber wenig wahrscheinlich ist. Eher ist vielleicht an eine bewußte Demonstration zu denken, um die mög-
licherweise noch immer schleppend verlaufenden Verhandlungen zu einem schnellen Ende zu bringen.
Auch die ANNALES PISANI S. 17 bestätigen diese Vermutung, denn sie führen den Flottenzug ebenfalls
unter 1158 an, hierbei aber der pisanischen Jahreszählung folgend, die bereits im März des Vorjahres um-
springt, so daß wir auch hier auf 1157 kommen. Als Datum des Überfalls wird der Monat Juni angegeben,
die Flottenexpedition insgesamt soll von April bis Oktober gedauert haben.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 329
wunder. Da sie nur bei dem oft tendenziösen Kinnamos steht, wird man sie wohl in dieser
direkten Form in Zweifel ziehen müssen, denn es ist kaum wahrscheinlich, daß der Sieger –
und das war Wilhelm I. – ein derartiges Zugeständnis machen würde. Aber sie deutet auf
etwas anderes hin: Die Ablehnung der byzantinischen Angebote in Deutschland hatte eine
neue Situation geschaffen, denn sie war sicher nicht im Interesse der Normannen geschehen,
sondern sie zeigte an, daß der deutsche Kaiser entschlossen war, Italien für sich zu gewinnen.
Diese Gefahr aber galt es abzuwehren. Die Normannen und auch das Papsttum mußten um
ihre Unabhängigkeit fürchten, aber Byzanz hatte ebenso Grund, von einem deutschen Vor-
gehen in Italien nichts Gutes zu erwarten. Die Normannen waren aufgrund ihrer Agressivität
kein angenehmer Nachbar, aber in der Mitte des 12. Jahrhunderts waren sie nicht mehr be-
drohlich für den Bestand des Reiches. Ein Unteritalien hingegen, das von den Deutschen
beherrscht wurde und hinter dem die ganze Macht des deutschen Reiches stand, konnte zum
Aufmarschgebiet für einen Angriff auf Byzanz werden, demgegenüber die Attacken eines
Bohemund oder Robert Guiskard wie ein Spaziergang anmuteten. Es scheint, daß diese Ge-
fahr 1156/57 allen beteiligten Kräften immer klarer wurde. Der Papst hatte schon 1156 einen
gewissen Schwenk vollzogen, als er mit Sizilien zu einem Ausgleich gelangte und Wilhelm I.
zum König krönte158. Nun vermittelte er sogar den Frieden zwischen Normannen und Byzan-
tinern. Das Eingehen Manuels auf diese Vermittlungsbemühungen wird sicherlich nicht allein
mit dem militärischen Scheitern seiner Generäle zu begründen sein, sondern ebenso mit der
Erkenntnis, daß sein Bemühen um einen Ausgleich mit Friedrich gescheitert war. Dieser Ent-
schluß ist nicht zu unterschätzen. Er bedeutete den, zumindest zeitweiligen Verzicht auf Er-
werbungen des Reiches in Italien. Die Normannen hätten dem niemals zugestimmt. Wie
schwer dem Kaiser dieser Verzicht gefallen ist, mag man daraus ersehen, daß er sogar 1159
noch einmal durch eine Gesandtschaft vorfühlen ließ, ob Barbarossa [447] nicht doch nach-
geben und den Byzantinern wenigstens ein paar Stützpunkte auf der Halbinsel überlassen
würde159. Aber Friedrich hatte seine Entscheidung getroffen.
158
Cf. CHALANDON, Dom. Norm. II S. 231ff.; LAMMA, Comneni e Staufer I. S. 221f.
159
RAHEWIN, Gesta IV. 84, S. 706; LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 56ff.; angeblich soll Manuel einige
Küstenstädte der Pentapolis und Apuliens gefordert und vertrauliche Vorschläge gegen Wilhelm I. von
Sizilien unterbreitet haben. Gerüchte, die Rahewin hier selbst zugibt, sind immer mißlich, dennoch wäre
eine solche Bitte nicht unlogisch. Praktisch stellte Manuel Friedrich vor die Wahl, ihm entweder doch
wenigtens ein paar Stützpunkte einzuräumen oder aber zu riskieren, daß Byzanz an die Seite der Norman-
nen trat. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 56f. nimmt als Forderung Manuels die Pentapolis sowie See-
städte in Apulien an, während OHNSORGE, Byzanzpolitik S. 462 eine Pentapolis in Apulien annimmt.
Doch dürfte es sich mit einiger Sicherheit wohl um das weitere Gebiet Anconas, das zu dem Gebiet der
bekannten Pentapolis gehörte, gehandelt haben, wo die Byzantiner ja schon 1155 bis 1157 Fuß gefaßt
hatten. Man ist versucht, hierbei wieder an die Spannungen zwischen Venedig und Byzanz zu denken.
Ancona hätte ein gutes Druckmittel gegen die Lagunenstadt abgegeben, und zusammen mit Deutschland
hätte Byzanz auch eine offene Feindschaft Venedigs nicht zu fürchten brauchen. Doch sind dies nur Speku-
lationen.
330 Kapitel XVI
Man wird die Italienpolitik Manuels vordringlich unter diesen beiden Grundaspekten zu
interpretieren haben. Am liebsten hätte Manuel in Italien wieder Fuß gefaßt. Aber das ließ
sich nur im Verein mit Deutschland bewerkstelligen. Ohne deutsche Hilfe war es nicht zu
schaffen. Aber wenn eine Reconquista in Italien mit den Deutschen zusammen nicht möglich
war, dann mußte zumindest verhindert werden, daß das deutsche Reich seinerseits die Halb-
insel unterwarf, auch wenn dies ein Bündnis mit den Normannen und den Verzicht auf eigene
Eroberungen bedeutete. Es ist nicht zu leugnen, daß Manuel die erste Möglichkeit bevorzugt
hat. Aber er war Realist genug, sich im Notfall auch auf die zweite zu beschränken. Das Bünd-
nis mit dem Normannenstaat ist sicher keine Liebesheirat gewesen , aber es war auch nicht
"historisch widersinnig", wie etwa Ohnsorge unterstellt160, sondern es war ein Zweckbündnis
mit dem Ziel, die Deutschen in Italien nicht zu mächtig werden zu lassen. Es ist daher auch
kein Nachweis für imperiale Bestrebungen Manuels, dazu ist sein Charakter zu defensiv. "Im-
perialistische" Politik im Sinne einer Gebietserweiterung in Italien hat Manuel – mit einer
gewissen Ausnahme zwischen 1167und 1170 – nur zu-[448] sammen mit Deutschland be-
trieben. Das Bündnis mit den Normannen trug zur Sicherheit des Reiches bei, da es in Italien
den status quo erhielt, aber es machte gleichermaßen eine byzantinische Expansion auf der
Apenninhalbinsel unmöglich.
Die Entwicklung der Italienpolitik Manuels in den fünfziger Jahren hat auch das Verhält-
nis zwischen Byzanz und den italienischen Seestädten stark beeinflußt. Venedig, Genua und
Pisa konnten von den byzantinischen Ambitionen nicht unberührt bleiben. Wir haben gese-
hen, daß das Verhältnis zwischen Venedig und Byzanz sich schon in den vierziger Jahren
getrübt hatte. Der Ehrgeiz Manuels, in Italien wieder Fuß zu fassen, ließ es sich weiter ver-
schlechtern. Dennoch konnte die Lagunenstadt bei einem deutsch–byzantinischen Bündnis
nicht abseits stehen. Gegen beide Reiche auf einmal war nicht anzukommen. So machte
Venedig nach 1148 zunächst gute Miene zum bösen Spiel. Erst der Tod Konrads und vor
allem die im Vertrag von Konstanz offenkundig gewordene Abkehr Deutschlands von Byzanz
ließen die Venezianer wieder freier atmen. Der Vertrag mit den Normannen von 1154 ist die
logische Folge der neugewonnenen Bewegungsfreiheit gewesen. Anscheinend hat man in
Venedig auch mit einer deutschen Offensive gegen das Normannenreich nicht so bald ge-
rechnet, andernfalls man kaum mit Wilhelm I. abgeschlossen hätte. Tatsächlich erfahren wir
von keiner antivenezianischen Reaktion Manuels, sieht man einmal von dem byzantinischen
Fußfassen in Ancona ab, das für Venedig, zumindest aber für seinen Handel, bedrohlich
war161. Daß indessen das Klima zwischen Byzanz und Venedig infolge dieser Entwicklung
immer frostiger wurde, braucht nicht bezweifelt zu werden. Die Interessen beider Mächte
lagen so weit auseinander, ja gegeneinander, daß man die Privilegierung der Venezianer in der
160
OHNSORGE, Byzanzpolitik S. 465.
161
KINNAMOS S. 170 betont ausdrücklich auch den antivenezianischen Aspekt der Landung in Ancona.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 331
Romania sicherlich nur noch mit Grimm hingenommen hat. 1171 kündigte sich hier schon
an.
Auch zu Genua trat Byzanz jetzt in nähere Beziehungen. Nach der kalten Neutralität der
Venezianer wurde es für den Kaiser unausweichlich, sich die anderen Seemächte Italiens nicht
zu Feinden zu machen. Genua scheint zunächst geneigt gewesen zu sein, mit [449] den Byzan-
tinern gegen Sizilien abzuschließen. Hierauf deutet auch das starke Soldnehmen genuesischer
Schiffsherren in der Flotte des Reiches hin. Als aber das byzantinische Unternehmen militä-
risch gescheitert war und zudem die Deutschen sich definitiv gegen ein Bündnis mit den Grie-
chen aussprachen, wechselte die Kommune die Seiten und schloß unter Mißachtung der,
allerdings noch nicht ratifizierten, Abmachungen mit Byzanz nun mit den Normannen ab. Es
hat den Anschein, auch wenn es sich nicht beweisen läßt, daß die Genuesen 1155 noch an ein
Zusammengehen Deutschlands mit Konstantinopel geglaubt haben. Andernfalls wäre der
Vertrag, den Genua mit Demetrios Makrembolites abschloß, ein großes Wagnis gewesen, und
es scheint fraglich, ob die doch relativ geringen Privilegien dieses Abkommens ein solches
Risiko aufgewogen hätten. Auch hier hat Manuel auf eine antigenuesische Reaktion verzich-
tet, wie es scheint. Er ratifizierte zwar nicht den von seinem Gesandten ausgehandelten Ver-
trag, aber von weitergehenden Maßnahmen des Kaisers wissen wir nichts. Manuel mußte froh
sein, wenn Genua wenigstens neutral blieb.
Die Haltung Pisas ist undurchsichtig, zumal die Quellen kaum etwas hergeben. Ihre
defensiven Verpflichtungen scheint die Kommune erfüllt zu haben, andernfalls es kaum zu
der Plünderung des pisanischen Quartiersdurch die Normannen in Halmyros gekommen
wäre. Von einem Offensivbündnis gegen Sizilien hören wir nichts, es wäre auch unwahr-
scheinlich, da Pisa in diesen Jahren im allgemeinen ein treuer Parteigänger der Deutschen
gewesen ist. Man hat den Eindruck, daß Pisa in den fünfziger Jahren eine leichte Absetz-
bewegung von Byzanz vollzogen hat. Der Friede mit Venedig 1156 hat sicherlich andere
Ursachen gehabt, die wir leider nicht kennen, aber bei der Haltung, die Venedig gegenüber
Byzanz einnahm, konnte dieser Friedensschluß kaum als Unterstützung der byzantinischen
Politik gelten. Auch mit den Kreuzfahrerstaaten Antiocheia und Jerusalem schloß die Kom-
mune 1154 und 1156 Verträge ab, von denen zumindest der zweite dem alten Abkommen
mit Byzanz, das noch immer in Kraft war, zuwiderlief. Auch ein Vertrag mit Ägypten ist in
diesen Jahren geschlossen worden162. Das könnte darauf hindeuten, daß die [450] Pisaner
versucht haben, ihren Handel aus der Romania in andere Regionen zu verlagern, möglicher-
weise weil sie Nachteile im Reiche Manuels befürchteten. Leider wissen wir viel zu wenig über
den pisanischen Handel in dieser Epoche, so daß derartige Gedanken reine Spekulation blei-
ben müssen. Immerhin ist festzuhalten, daß Pisa weiterhin seine defensiven Verpflichtungen
erfüllte. Ein direkter Bruch der Verträge mit Byzanz ist beweisbar nur das Abkommen mit
162
S. AMARI, Diplomi Nr. 3, S. 246–249; cf. auch LANGER, Genua und Pisa S. 50f.
332 Kapitel XVI
Jerusalem gewesen. Auch hierauf hat der Kaiser zurückhaltend mit dem Entzug der Jahrgelder
reagiert.
In dem Verhalten Manuels gegenüber den Seestädten spürt man deutlich die Vorsicht des
Kaisers, der es sich nicht leisten kann, einen Krieg mit diesen flottenstarken Mächten vom
Zaum zu brechen. Die Feindschaft der ebenfalls zur See den Griechen überlegenen Norman-
nen wog zu schwer, als daß man es auch noch mit Venezianern, Genuesen und Pisanern auf-
nehmen wollte. Umgekehrt war das Reich durch den Krieg gegen Sizilien und durch den
immer deutlicher werdenden Bruch mit den Deutschen so unter Druck gesetzt worden, daß
die Seestädte ihrerseits weniger Rücksicht auf die Griechen nehmen mußten. So erklären sich
sowohl die Verträge Venedigs und Genuas mit Sizilien wie auch die pisanischen Abkommen
mit den Kreuzfahrerstaaten und mit Ägypten. Erst der Friedensschluß Manuels mit dem Nor-
mannenkönig sollte hier wieder klarere Verhältnisse schaffen.
Die Offensive gegen Antiocheia (1158/59)
Aber auch andere Umstände ließen eine Beendigung des Wiedereroberungsversuchs in
Italien wünschenswert erscheinen. Die Interessen des Reiches beschränkten sich nicht auf Ita-
lien. Andere Reichsteile erforderten ebenfalls die Aufmerksamkeit des Kaisers: 1156 hatten
die Kleinarmenier im Verein mit dem Fürsten von Antiocheia die Gebundenheit der byzanti-
nischen Kräfte im Westen zu einer groß angelegten Plünderung Zyperns ausgenutzt163. Auch
die Besitzungen des Reiches in Kilikien waren großteils wieder verloren gegangen. Zwar war
diese Entwicklung für Byzanz kaum bedrohlich, dennoch mußte ihr entgegengetreten werden,
wollte das Reich seinen Einfluß in diesem Raum nicht verlieren. Kaum hatte der Kaiser durch
[451] den Friedensschluß mit den Normannen freie Hand gewonnen, beschloß er, den Un-
ruheherd im Rücken seines Reiches zu beseitigen. Er konnte dies umso mehr tun, als in Italien
auf längere Sicht zwar ein Vorrücken der Deutschen zu befürchten war, jene aber zunächst
den Widerstand der norditalienischen Städte zu brechen hatten, was Unteritalien und Byzanz
eine Atempause gewährte. Im Herbst des Jahres 1158 stand Manuel mit seinem Heer vor
Antiocheia164.
Die Kreuzritter hatten der Machtentfaltung des byzantinischen Kaisers nichts entgegen-
zusetzen. Nacheinander erschienen sie im Heerlager des Kaisers bei Mopsuestia und boten
ihre Unterwerfung an. Auf der anderen Seite erkannte aber auch der byzantinische Kaiser, daß
er zwar in der Lage war, zumindest Antiocheia und die Kleinarmenier zu unterwerfen, daß
jedoch ein Halten dieser Provinzen nach einer Eroberung zu viel Kraft kosten würde. Zudem
lagen Manuels Interessen mehr in Italien und dem Balkanraum als in Nordsyrien und Palä-
stina. Schon 1157 hatte der Komnene, freilich ohne offiziell den byzantinischen Anspruch
aufzugeben, den Weg der Versöhnung eingeschlagen, als er die Werbung Balduins III. von
163
KINNAMOS S. 178f.; WILHELM VON TYRUS XVIII. 10, S. 784f.
164
Die Ereignisse in Nordsyrien werden hier nicht mehr ira einzelnen angemerkt. Es sei stattdessen auf die
ausführliche Behandlung bei LILIE (1993) S. 175ff. verwiesen
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 333
Jerusalem um eine byzantinische Prinzessin akzeptierte. Manuel gab den Gedanken an eine
Eingliederung Antiocheias in das byzantinische Reich auf und begnügte sich mit der Aner-
kennung der byzantinischen Oberhoheit. Aber er erkannte auch klar, daß die Herrscher der
Kreuzfahrerstaaten nur solange loyal bleiben würden, wie sie durch äußeren Druck dazu ge-
zwungen werden würden. Daher verzichtete der Kaiser auch auf die ihm von den Kreuzrittern
vorgeschlagene Unterwerfung der muslimischen Staaten Nordsyriens und demonstrierte nur
in einem kurzen Feldzug die Schlagkraft seines Heeres. Dieses Verfahren hatte außerordent-
lichen Erfolg. Byzanz hatte gezeigt, daß es in der Lage war, in Syrien jeden Gegner zu schlagen,
und es hatte gleichzeitig darauf verzichtet. Es zeigte den Mohammedanern, daß es einen ernst-
haften Krieg gegen die Kreuzfahrerstaaten nicht hinnehmen würde, [452] aber dadurch daß
es eine Vernichtung des Reiches Nur ad-Dins unterließ, zwang es die Franken zur Anlehnung
an Byzanz. Die Mohammedaner blieben als Drohung bestehen. Dieses Arrangement hatte
den Vorteil, daß die Byzantiner nur relativ wenig Truppen in Kilikien stationieren mußten.
Nur von Fall zu Fall war das Reich gezwungen, kleinere Verstärkungen in die Provinz zu
schicken. Gleichzeitig gewann der Kaiser die Unterstützung nicht nur der Franken Antio-
cheias und der Kleinarmenier, sondern auch die Hilfe Nur ad-Dins gegen die Seldschuken in
Kleinasien. Der wichtigste und weit über den lokalen Bereich hinausgehende Erfolg aber lag in
der Prestigevermehrung des byzantinischen Reiches, das nun nicht mehr als Feind der Kreuz-
fahrerstaaten angesehen werden konnte, sondern im Gegenteil zu ihrem für zwanzig Jahre
wichtigsten Verbündeten wurde. Bei der Anteilnahme, mit der man im Abendland das
Schicksal der Staaten der Kreuzritter verfolgte, mußte dies für die Einstellung gegenüber den
Griechen positive Folgen haben. Es ist zu vermuten, daß Manuel genau dies beabsichtigt hat,
wenngleich es sicher nicht der alleinige oder auch nur ausschlaggebende Faktor gewesen ist.
Sowohl zu den Zeiten des Alexios wie auch zu denen des Johannes war die Westpolitik des
Reiches in starkem Ausmaß von der Feindschaft zu den Kreuzfahrern geprägt worden. Bohe-
mund hatte sie zu einem Angriff von Westen auf Byzanz genutzt, in der Italienpolitik des
Johannes war sie das ausschlaggebende Motiv gewesen, und noch während des Zweiten Kreuz-
zugs war sie Ausgangspunkt für Angriffspläne gegen Konstantinopel gewesen. Diesem wurde
nunmehr der Boden entzogen.
Aber man kann sogar noch weitergehen. 1161 vertiefte Manuel die freundschaftlichen
Kontakte durch die Heirat mit der antiochischen Prinzessin Maria. Wenig später drückte er
in einer Gesandtschaft an Ludwig VII. von Frankreich seine Freude darüber aus, durch diese
Heirat nunmehr mit dem König verwandt zu sein165. Die Freundschaft mit den Kreuzfahrern
ließ sich also auch in der Westpolitik des Reiches positiv einsetzen. Ob Manuel die hier liegen-
den Mölichkeiten überschätzt hat, ist dabei gleichgültig. Wichtig ist, daß [453] es sie über-
haupt gab.
165
DÖLGER, Regesten Nr. 1445 (zwischen 25. Dez. 1161 und 15. Juli 1163).
334 Kapitel XVI
Auch in den folgenden Jahren blieb der Kaiser dieser neuen Linie treu. Er unterstützte
die Franken in gewissem Maße gegen Nur ad-Din, stimmte einer Heirat seiner Nichte Maria
mit Amalrich I. von Jerusalem zu und unterstützte sogar die ägyptischen Ambitionen Jerusa-
lems. Er hatte seinerseits den Erfolg, zeitweilig einen griechischen Patriarchen in Antiocheia
amtieren zu sehen (1165–1170), und konnte auch den Lehnseid Amalrichs I. 1171 in Kon-
stantinopel entgegennehmen. Als das Reich in den siebziger Jahren im Westen weitgehend
isoliert dastand, veranlaßte Byzanz sogar – wenngleich ohne Erfolg – die Ausrufung eines
Kreuzzugs zur Unterstützung des Hl. Landes, ein Vorgehen, das in der ersten Hälfte des 12.
Jahrhunderts undenkbar gewesen wäre. Der Schluß liegt nahe, daß Manuel auf diese Weise
seine Isolierung zu durchbrechen trachtete. Viel Erfolg hat er damit allerdings nicht gehabt,
aber das unter seinen Vorgängern noch getrübte Verhältnis zu Frankreich und dem Papsttum
besserte sich, wobei es freilich falsch wäre, dies ausschließlich auf die byzantinische Politik
gegenüber den Kreuzfahrern zurückzuführen. Wichtiger für die Beziehungen zu dem Papst-
tum ist zweifellos die gemeinsame Frontstellung gegen Barbarossa gewesen. Aber die Freund-
schaft zu den Franken Syriens und Palästinas erleichterte dem Papst sicherlich die Verbindung
mit den schismatischen Griechen. Bedenkt man, daß ein wesentliches Element der mittelalter-
lichen Kaiseridee die Beschützerfunktion des Kaisers für die Christenheit gewesen ist, so zei-
gen sich – besonders im Gegensatz zu dem deutschen Kaiser, der ja sogar den Papst, den Stell-
vertreter Christi auf Erden, bekämpfte – hier durchaus Möglichkeiten der byzantinischen
Politik auf. Der Kampf gegen die Deutschen wurde von Manuel ja nicht nur mit politischen
Mitteln bestritten, sondern auch mit ideologischen, wie die Versuche des Komnenen, selbst an
die Stelle des Staufers als Imperator Romanorum zu treten, deutlich zeigen166.
Ob alle diese Möglichkeiten Manuel schon 1158 bewußt gewesen sind, kann bezweifelt
werden, nicht aber, daß sie überhaupt kei-[454] ne Rolle gespielt haben. Dafür ist das Um-
schwenken der byzantinischen Politik 1158 zu auffällig. Wir müssen berücksichtigen, daß
Byzanz damit eine nunmehr sechzig Jahre alte Politik aufgegeben hat. Noch Johannes II. hatte
auf einer Rückgabe Antiocheias an Byzanz bestanden und dafür auch einen Krieg in Kauf
genommen. Manuel verzichtete endgültig auf die Stadt und begnügte sich mit einer formalen
Anerkennung der byzantinischen Rechte. Gerade in Byzanz ist das nicht wenig, und es macht
doch eine gewisse Modifizierung des Bildes dieses Herrschers als eines grenzenlos eroberungs-
süchtigen, ja "imperialistischen" Machthabers, der überall Luftschlössern nachjagt, notwendig.
Wie dem auch sei: 1158/59 hatte Manuel die Verhältnisse in Nordsyrien geklärt. Auch
wenn sich hier in der Folgezeit immer wieder kleinere Probleme, vor allem mit den Arme-
niern, ergeben sollten, im wesentlichen hatte der Kaiser eine byzantinische Präponderanz
durchgesetzt, die fast bis zu seinem Tod andauern sollte. Er konnte sich wieder Italien und
anderen Problemen zuwenden, ohne von den Franken Syriens und Palästinas Störungen
166
Cf. dazu auch LILIE,"Zweikaiserproblem" (1985).
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 335
befürchten zu müssen. Die Politik Manuels gegenüber den christlichen Staaten im Vorderen
Orient kann zweifellos zu den großen Erfolgen dieses Kaisers gezählt werden.
Auch auf dem Balkan konnte Manuel Erfolge erzielen und die Macht des Reiches festi-
167
gen . Allerdings blieb hier doch das Problem Ungarn zunächst ungelöst, erst 1167 gelang es
dem Kaiser, auch hier die Verhältnisse gemäß den byzantinischen Vorstellungen zu ordnen168.
Ebenso sah man Byzanz in Kleinasien siegreich. Der Sultan von Ikonion erkannte die
Vorrangstellung des Kaisers an und wurde sein Vasall169.
Insgesamt gesehen stand das Reich zu Beginn der sechziger Jahre glänzend da. Zwar war
der Rekuperationsversuch in Italien fehl-[454] geschlagen, aber in Kleinasien und Syrien
hatte Byzanz das Übergewicht errungen, auf dem Balkan hatte es Serbien unterworfen und
stand in Ungarn kurz vor einem großen Erfolg. Allerdings begann sich in Italien jetzt mehr
und mehr der große Konflikt mit den Deutschen abzuzeichnen.
Der byzantinisch-deutsche Gegensatz in Italien und die Folgen für die
Beziehungen zu den Seestädten Venedig, Pisa und Genua
1159 brach das sogenannte alexandrinische Schisma aus, in dem Friedrich die Partei des von
einer Minderheit gewählten, deutschfreundlichen Papstes Victor IV. nahm und demzufolge in
schärfsten Gegensatz zu dem anderen Papst, Alexander III., geriet, der seinerseits von den
lombardischen Städten, die um ihre Unabhängigkeit fürchteten, von Sizilien, Venedig, Un-
garn, später auch Frankreich und Byzanz, gestützt wurde. 1162 konnte der deutsche Kaiser
Mailand, seinen Hauptgegner in Norditalien, nach einjähriger Belagerung zur Kapitulation
zwingen, worauf er die Stadt völlig zerstörte. Der Weg nach Süden schien damit frei. Die
Bedrohung des normannischen Königreiches und damit – auf längere Sicht gerechnet – auch
des byzantinischen Staates nahm schärfere Züge an, was auf das Verhältnis zwischen Byzanz
und den italienischen Seestädten nicht ohne Folgen bleiben konnte.
Obwohl die politischen Beziehungen schlechter geworden waren, scheint der italienische
Handel in der Romania zunächst ohne jede Störung weiter abgewickelt worden zu sein, wie
die Handelsurkunden nahelegen. Zwar rief Venedig im November 1158 alle Mitbürger aus
Syrien und der Romania in die Heimat zurück170, jedoch nicht aufgrund von Spannungen mit
den Griechen, sondern wegen eines Krieges gegen Zara171, vielleicht auch – obwohl nicht
direkt ausgesprochen –, um für den Fall der Fälle alle zur Verfügung stehenden Kräfte am Ort
167
Friedensschluß mit Stephan Nemanja von Serbien, der die byzantinische Oberhoheit anerkannte: DÖL-
GER, Regesten Nr. 1449 (1162 oder 1163).
168
Mit dem großen Sieg über die Ungarn 1167, der die langjährigen Kriege zwischen beiden Reichen beende-
te, s. DÖLGER, Regesten Nr. 1475 (nach dem 8. Juli 1167); cf. auch OSTROGORSKY, Geschichte S.
320; zuletzt KERBL, Prinzessinnen S. 114ff.
169
S. DÖLGER, Regesten Nr. 1444 (gegen Ende 1161) und Nr. 1446 (1162).
170
MdRD Nr. 143 (Mai 1160) Venedig.
171
Cf. HEYNEN, Kapitalismus S. 95.
336 Kapitel XVI
zu haben, falls es zu offenen Feindseligkeiten mit den Deutschen kommen sollte, denen gegen-
über die Lagunenstadt mehr und mehr eine feindliche Haltung einnahm172. Außerdem wurde
der Rückruf von vielen Venezianern in der Romania nicht befolgt, ein sicheres Zeichen für die
friedlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten. Auch Genuesen und Pisaner hielten sich in
[456] größeren Zahlen in Konstantinopel auf173. Im Jahre 1162 wurde die genuesische Kolo-
nie in Konstantinopel in Stärke von 300 Köpfen von 1.000 Pisanern angegriffen. Den ersten
Angriff konnten die Genuesen noch abschlagen, doch tags darauf kamen die Pisaner wieder,
unterstützt von einer Menge Griechen und Venezianern. Das genuesische Quartier wurde von
den Verteidigern aufgegeben, woraufhin die Pisaner es plünderten und einen Genuesen töte-
ten. Die materiellen Verluste wurden von den Genuesen an die 30.000 Hyperper geschätzt,
nach Caffaro war dieser Sturm der Anlaß für ein Wiederaufflammen des Kriegs zwischen
beiden Städten174. Dieser genuesische Bericht beweist die Existenz eines genuesischen Embo-
lums 1162 in Konstantinopel, in dem sich zeitweise mindestens dreihundert Kaufleute aufge-
halten haben (Ianuenses fere CCC negotiatores). “Offiziell" ist dieses Quartier wohl nicht
gewesen, da Manuel den Vertrag von 1155 nicht ratifiziert hatte. Andereseits wissen wir von
einer genuesischen Gesandtschaft des Jahres 1160 nach Byzanz, und man kann annehmen,
daß der Kaiser, wenn auch wohl nicht in der Form eines regelrechten Chrysobulls, den Genu-
esen in Folge dieser Gesandtschaft ein Quartier zugewiesen hat175. Ob auch die anderen Be-
dingungen des Vertrages von 1155 erfüllt worden sind, ist nicht mehr zu ermitteln. Für Kon-
stantinopel, in dem allein die Genuesen eine Abgabenreduktion genossen, wird es wohl der
Fall gewesen sein. Die vereinbarten Jahrgelder waren ohnehin schon 1155 im voraus bezahlt
worden. Der Kurswechsel des Kaisers gegenüber Genua dürfte sich aus der geänderten politi-
schen Lage erklären. Byzanz lebte jetzt mit Sizilien in Frieden, ja sogar im Bündnis gegen die
Deutschen. Damit verstieß [457] der genuesisch–sizilianische Vertrag nicht mehr gegen die
Interessen des Reiches, und Manuel mochte im Gegenteil jetzt versuchen, Genua enger an
Byzanz (und Sizilien) zu binden und so einen weiteren Bundesgenossen gegen den deutschen
Kaiser zu gewinnen.
Der pisanische Angriff von 1162 scheint die kurze Existenz des genuesischen Quartiers in
Konstantinopel schon wieder beendet zu haben. 1164 verhandelte Manuel mit einer von ihm
erbetenen genuesischen Gesandtschaft über eine Wiederinkraftsetzung der Bestimmungen
172
KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 249.
173
Genauere Zahlen sind nicht bekannt, doch geht die Anwesenheit von Genuesen in Byzanz aus Giovanni
Scriba hervor, der für diese Jahre genuesischen Handel in der Romania dokumentiert, s. oben S. 233. Für
die Pisaner vergleiche die folgende Anmerkung
174
S. ANNALES IANUENSES S. 67f. ; IMPERIALE, Codice I. S. 329 Anm.: 27.000 Hyperper, die die Ge-
nuesen in ihren Instruktionen an ihren Botschafter Amico da Murta als ihren Schaden angaben. In den
Instruktionen für den Botschafter Grimaldi 1174 wird der Schaden noch genauer angegeben: 29.443 Hy-
perper (IMPERIALE, Codice II. S. 211 Anm.).
175
ANNALES IANUENSES S. 60.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 337
des Privilegs von 1155176. Mit anderen Worten: 1164 bestand das Embolum nicht mehr. Aus
der Instruktion für Amico da Murta geht hervor, daß die Genuesen Ende der sechziger Jahre
kein Handelsguartier in der byzantinischen Hauptstadt besaßen: Der Gesandte sollte sich um
ein Quartier entweder in Konstantinopel selbst oder, falls das nicht zu erreichen sei, wenig-
stens in Pera bemühen177. Es scheint also, daß das Quartier nach dem Angriff der Pisaner von
1162 nicht wieder besetzt worden ist. Wahrscheinlich ist es von Manuel kassiert worden, was
auch gut in die politische Situation des Jahres 1162 passen würde, da Genua in dieser Zeit
einen Vertrag mit Barbarossa abschloß, der sich gegen Sizilien und dadurch mittelbar auch
gegen Byzanz richtete. Offensichtlich hat Manuel dies als feindselige Haltung interpretiert
und aus diesem Grund das ohnehin verlassene Embolum eingezogen, was auch dem Rahmen
der byzantinischen Politik der folgenden Jahre entsprechen würde.
Ebenso weist die Stelle die Anwesenheit von ca. 1.000 pisanischen Kaufleuten, Matrosen
etc. in Konstantinopel nach. Das pisanische Quartier lag, wie wir wissen, 1169 in Pera und
nicht in Konstantinopel selbst. Wann genau es aus der Hauptstadt dorthin verlegt worden ist,
wissen wir nicht, doch muß es in jedem Fall nach 1162 der Fall gewesen sein, da es in diesem
Jahr noch in Konstantinopel bezeugt ist178. Daß in diesen Jahren sich mindestens 1.000 Pisa-
ner in Konstantinopel aufgehalten haben – ganz abgesehen von denen in anderen Provinzen
des Reiches –, [458] zeigt, wie stark die wechselseitigen Beziehungen gewesen sein müssen,
auch wenn man im politischen Bereich durchaus gegensätzlicher Meinung war. Ungefähr
1162 waren pisanische Gesandte in Konstantinopel, wohl um die 1157 getroffenen Maßnah-
men rückgängig zu machen. In diesen Verhandlungen scheint Manuel eine Wiederaufnahme
der byzantinischen Jahrgeldzahlungen angeboten zu haben, wenn Pisa von einer Unterstüt-
zung des deutschen Kaisers Abstand nehme. Dies lehnten die Pisaner ab, so daß die Verhand-
lungen scheiterten179. Eine Unterstützung Barbarossas mußte sich automatisch gegen Byzanz
und vor allem gegen Sizilien richten, so daß es nicht verwundern kann, daß Wilhelm I. im
Herbst 1162 trotz eines vertraglich abgesicherten Friedens (fedus pacis) alle Pisaner in Sizilien
gefangensetzte. Auch ein aus Konstantinopel nach Sizilien gelangtes Handelsschiff beschlag-
176
ANNALES IANUENSES S. 167f.
177
IMPERIALE, Codice I. S. 329 Anm.
178
MÜLLER, Documenti Nr. 8 (April 1162) Konstantinopel.
179
ANNALES PISANI S. 24: Cocco (i. e. der pisanische Gesandte) cum imperatore remanente in Constanti-
nopolim per unum annum, concordiam et conventionem, quam Pisani cum eo facere volebant, pertractante;
quam imperator Constantinopolitanus facere promisit, si Coccus legatus et civitas iuraret, quod non esset cum
imperatore Frederico contra eum et eius terram, et quod non daret ei consilium neque adiutorium contra eum
nec hostem vel exercitum super eum faceret, promittens eidem legato et civitati magnam pecuniam. Que omnia
legatus et civitas pro amore imperatoris Frederici facere recusavit. Et sic postea Pisas X Kal. Iulii reversus est.
Die Anwesenheit des Gesandten in Konstantinopel 1162 wird bestätigt durch MÜLLER, Documenti Nr.
8 (April 1162) Kpl.; daß die Weigerung des Gesandten einen signifikanten Bruch der alten Vereinbarun-
gen von 1111 bis 1143 darstellt, sei nur am Rande vermerkt.
338 Kapitel XVI
nahmten die Normannen180. Wie in Sizilien so scheinen die Pisaner gleichfalls in Byzanz
gewissen Repressalien ausgesetzt worden zu sein. 1162 ist das pisanische Embolum in Kon-
stantinopel noch bezeugt, 1166 nicht mehr181. Es muß also in der Zwischenzeit verlegt wor-
[459] den sein, denn 1170 erhalten die Pisaner die Rückverlegung des Quartiers nach Kon-
stantinopel bewilligt. Die Vermutung liegt nahe, daß die Verlegung des pisanischen Quartiers
aus Konstantinopel hinaus in eine Vorstadt die byzantinische Reaktion auf den Vertrag Pisas
mit Barbarossa gegen Sizilien – und damit mittelbar gegen Byzanz – gewesen ist. Die Maß-
nahme scheint relativ milde, wenn wir sie mit der völligen Einziehung des genuesischen Quar-
tiers vergleichen. Anscheinend wollte Manuel nicht ganz mit Pisa brechen, sondern hoffte
vielleicht, die Stadt in den zu erwartenden Auseinandersetzungen mit Deutschland wenig-
stens neutral halten zu können.
Auch genuesische Gesandte waren wenig später in der byzantinischen Hauptstadt. 1164
verhandelten sie auf Wunsch Manuels, der um eine Gesandtschaft gebeten hatte, über die
Wiederherstellung des Privilegs von 1155. Wie die Pisaner blieben auch die Genuesen erfolg-
los182. Wir dürfen wohl annehmen, daß Manuel auch [460] hier den Versuch unternommen
180
ANNALES PISANI S. 24.
181
MÜLLER, Documenti Nr. 10 (1166) Kpl., S. 11–13; laut LANGER, Genua und Pisa S. 152 Anm. 1 ist
dieses Dokument ein Beweis für die Existenz des Quartiers in Konstantinopel 1166. Es sei demnach erst
1167 verlegt worden. Doch ist diese Interpretation unrichtig. Der Pisaner Hugo Etherianus (zu der Person
cf. DONDAINE, Hughes Ethérien et Leon Toscan; zu der Chronologie der Urkunde cf. auch LAMMA,
Comneni e Staufer II. S. 191 Anm. 3) berichtet in einem an die Konsuln von Pisa gerichteten Schreiben
von dem Tod des Pisaners Signorectus in Konstantinopel, von dessen Testamentsverfügungen zugunsten
der pisanischen Kirchen in Konstantinopel und von den Schwierigkeiten der Testamentsvollstrecker. Den-
noch beweist das Dokument nicht Langers Theorie, sondern das Gegenteil. Der tote Signorectus hatte
zwar ein Haus in Konstantinopel besessen, jedoch lag dies wahrscheinlich nicht im Pisanerquartier, da
Signorectus als burgensis des Kaisers (clarissimus quondam Pisanus civis, nunc vero burgensis invicti principis
Manuel factus: MÜLLER S. 12) auch anderswo wohnen konnte (zu den burgenses s. auch KINNAMOS S.
282 und oben S. 297ff.). Das Legat für die pisanischen Kirchen lautete folgendermaßen: Ecclesiis vero vestris
(i. e. Pisanis) quae sunt in Constantinopoli, si de excidio (des Signorectus) ad integritatem redierint intra
biennium, yperpera centum; alioquin pauperibus destributura ea censuimus (es sprechen die Testaments-
vollstrecker), voraus eindeutig hervorgeht, daß die Kirchen 1166 eben nicht den Pisanern gehörten, son-
dern anderen. Nur wenn sie innerhalb der nächsten zwei Jahre wieder pisanisch werden, sollen sie das
ausgesetzte Geld erhalten, andernfalls es den Armen zufließen soll. Man hatte in den pisanischen Kreisen
Konstantinopels allerdings die Hoffnung auf eine Restituierung der Kirchen (und demzufolge auch des
Embolums) nicht aufgegeben, denn im Anschluß an die zitierte Stelle heißt es: Set et ea spe freti campanam
quae reintegrationem prestolatur, emptum ivimus aureis XX (MÜLLER S. 12). Aber es bleibt festzuhalten,
daß das pisanische Quartier mit seinen Kirchen 1166 nicht im Besitz der Pisaner war, also noch außerhalb
der byzantinischen Hauptstadt, wahrscheinlich in Pera, wo das Embolum bis 1170 existiert hat.
182
ANNALES IANUENSES S. 167f.: Nam Corsus Sigismundi, consul ipso consulato ad imperatorem Constan-
tinopolitanum legatus missus fuit in galea bene et honeste armata, et cum ipso duo legati, videlicet Ansaldus
Mallonus et Nichola de Rodulfo; que legatio facta fuit mandato imperatoris, qui mandaverat se civitati nostre
facturum sicut prima conventio fuerat inter ipsum et civitatem Ianue. nam prefatus consul et legati, licet impe-
rator eos honeste reciperet, parum tamen profuit pretaxata legatio. Man muß aus dem Ausdruck prima con-
ventio schließen, daß es sich um das Privileg von 1155 gehandelt hat, das nun doch offiziell in Kraft gesetzt
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 339
hat, Genua von der Seite Barbarossas auf seine eigene herüberzuziehen, was die Kommune aus
guten Gründen nicht akzeptieren wollte. Die Feindschaft der nahen Deutschen, die soeben
mit der Zerstörung Mailands einen Beweis ihrer Stärke geliefert hatten, wog mehr als Geld
oder Handelsvorteile im fernen Byzanz oder als selbst die Freundschaft Siziliens183. Davon
abgesehen hatten sowohl Pisa als auch Genua von den Deutschen einiges zu erwarten: 1162
schloß Barbarossa mit beiden Städten Verträge für den Krieg gegen Sizilien ab, die ihnen
immense Privilegien in dem zu erobernden Südreich sicherten184. Der Grund hierfür lag in
dem Fehlen einer eigenen Flotte, ohne die der beabsichtigte Kriegszug kaum mit Aussicht auf
Erfolg durchzuführen war. Etwas anderes kam hinzu: Schon für die Eroberung Mailands hatte
der Kaiser ein Jahr kämpfen müssen, und bei der Stärke der genuesischen Landbefestigungen
konnte er sich leicht ausrechnen, wie lange eine Belagerung Genuas dauern würde, sollte sie
überhaupt Erfolg haben185.
Voraussetzung für den geplanten Feldzug war also die Teilnahme Genuas und Pisas, die
sich aber – trotz aller Privilegien – nur erreichen ließ, wenn es gelang, die beiden Erzfeinde
miteinander auszusöhnen. Dies scheint zunächst geschehen zu sein. Beide Städte verpflich-
teten sich, Flottenkontingente für den Kaiser bereitzustellen, als der Überfall der Pisaner auf
die genuesische Kolonie in Konstantinopel alles über den Haufen warf. Auf die Kunde dieses
Überfalls hin erklärte Genua den Krieg gegen die Nachbarstadt, der mit geringen Unterbre-
chungen bis 1169 dauern sollte. Allerdings gab der Vorfall in Konstantinopel wohl den Anlaß
ab, die Gründe aber lagen tiefer, vor allem in der immer noch ungelösten sardinischen Frage,
die ja auch in dem Vertrag von 1149 ausdrücklich ausgeklammert worden war186. Immerhin
liegt der Anlaß [461] des Krieges, d. h. der Sturm des genuesischen Quartiers in Konstantino-
pel, so günstig, daß man meinen möchte, Byzanz habe dabei seine Hand im Spiel gehabt. Auch
Manuel wußte ja von den Plänen Barbarossas, und er wird auch mit Sicherheit gewußt haben,
daß der Deutsche zur Verwirklichung seiner Pläne einer Flotte bedurfte, die ihm nach Lage
der Dinge nur Genua und Pisa bieten konnten. Was also lag näher, als diese beiden Städte,
wenn sie schon nicht auf die eigene Seite zu bringen waren – was der byzantinische Kaiser in
demselben Zeitraum ja auch versucht hat –, so doch den Deutschen dadurch zu entziehen,
daß man sie gegeneinander hetzte, was ihre Flotten automatisch neutralisieren mußte. Die
werden sollte. Die Stelle beweist aber auch, daß die vermutlich 1160 erfolgte Überlassung des Embolums
nicht auf der Ebene eines Chrysobulls erfolgt ist.
183
Welche Angst man in Genua vor Barbarossa hatte, geht auch aus den großen Befestigungsbauten hervor,
die man in der Mitte der fünfziger Jahre errichtet bzw. verstärkt hatte, s. IMPERIALE, Codice II. Nr. 308
(9. Juni 1162) S. 395–404; ähnliches geschah in Pisa, s. ANNALES PISANI S. 17f.; cf. auch LANGER,
Genua und Pisa S. 56f.
184
ANNALES IANUENSES S. 66; ANNALES PISANI S. 23, 25; cf. LANGER, Genua und Pisa S. 87–90;
ABULAFIA, Two Italies S. 123f.
185
Cf. hierzu auch LANGER, Genua und Pisa S. 88f.
186
Cf. LANGER, Genua und Pisa S. 91f.
340 Kapitel XVI
Verbitterung zwischen beiden war groß, ihre Eintracht nur künstlich von den Deutschen
herbeigeführt, so daß schon ein kleiner Anstoß genügen mochte, sie zum Krieg zu bringen.
Diesen Anlaß bot der Überfall auf die genuesische Kolonie.
Sicher ist dies nur Hypothese, doch kann man auf einige Fakten verweisen, die sie stüt-
zen. Einmal ist dies die zeitliche Koinzidenz, auf die schon hingewiesen wurde, zum zweiten –
und wichtigeren – die Tatsache des Überfalls selbst. Wie Caffaro schreibt, griffen die 1.000
Pisaner die 300 Genuesen an, wurden aber nach einem Tag Kampf trotz ihrer Überzahl wie-
der zurückgeschlagen. Am nächsten Tag kehrten sie wieder, verstärkt von einem Haufen Ve-
nezianer und Griechen, und diesmal waren sie erfolgreich. Es dürfte außerordentlich unwahr-
scheinlich sein, daß ein großer Haufe – auch wenn die Zahl 1.000 vielleicht übertrieben ist –
mitten in Konstantinopel einen Tag lang eine offene Straßenschlacht hat durchführen kön-
nen und dann, in größerer Menge, einen Tag später auch noch wiederholen konnte ohne das
Einverständnis der Byzantiner. In Konstantinopel standen genügend Truppen. Ein Wink
Manuels hätte genügt, und sie hätten dem ganzen Spuk ein schnelles Ende bereitet. Wenn es
in der byzantinischen Hauptstadt während des 12. Jahrhunderts Angriffe gegen Lateinervier-
tel gegeben hat, dann nie – zumindest nicht mit Erfolg – gegen den Willen des Kaisers. Die
einzige Ausnahme bildet hier Isaak Angelos 1187, und auch hier hatte der Angriff keinen
Erfolg. Die beiden späteren Attacken in der ersten Hälfte der neunziger Jahre hatten ebenfalls
keinen Erfolg, waren auch viel-[462] leicht mit Einverständnis Isaaks zustandegekommen.
Die Überfälle von 1170 und 1182 waren entweder vom Kaiser selbst verursacht oder doch
zumindest geduldet worden. Auch die Teilnahme von Venezianern und Griechen, obwohl der
hauptstädtische Pöbel grundsätzlich zu jeder Schandtat bereit gewesen ist, weist in diese Rich-
tung. Daß gerade die Genuesen die Leidtragenden waren, ist nicht weiter verwunderlich: Ein-
mal waren sie an Zahl die geringsten und so auch am leichtesten zu überwältigen, dann waren
sie die kürzeste Zeit in Byzanz. Schließlich waren die Konsuln Genuas relativ schwach, schwä-
cher noch als die Pisas, so daß man hoffen konnte, daß – selbst wenn die Konsuln besonnen
blieben – die Bürgerschaft Genuas in jedem Fall zu den Waffen greifen würde, und letztend-
lich nahm Genua gegenüber Barbarossa eine wesentlich differenziertere Haltung ein als Pisa,
das den Deutschen sehr viel mehr ergeben war. Genua mochte sich leichter von diesen Bin-
dungen lösen als seine Nachbarstadt, und schon allein aufgrund der beiderseitigen Zahlenver-
hältnisse in Konstantinopel wird es einfacher gewesen sein, einen Angriff der Pisaner auf das
genuesische Quartier anzuzetteln als umgekehrt, wo eine byzantinische Beteiligung kaum zu
verschleiern gewesen wäre. Bei den bekannten Spannungen zwischen Genuesen und Pisanern
wird es ein leichtes gewesen sein, die letzteren zum Angriff zu reizen. Hier genügten schon ein
paar gezielt ausgestreute Gerüchte. Daß man in Genua und Pisa selbst einen Krieg zu dieser
Zeit nicht gewollt hat – oder doch? Wir wissen es nicht –, steht nicht dagegen. Beide Städte
hatten ihre Bürger wesentlich weniger in der Hand, als es beispielsweise in Venedig der Fall
gewesen ist. Dies beweisen schon zur Genüge die genuesischen und pisanischen Piraten, die
am Ende des 12. Jahrhunderts in der Romania ihr Unwesen trieben, ohne daß ihre Heimat-
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 341
städte etwas dagegen unternehmen konnten oder wollten. Genua selbst wurde das ganze 12.
Jahrhundert hindurch immer wieder vom Bürgerkrieg heimgesucht, auch dies ein Zeichen der
Schwäche seiner Regierung187.
[463] Der Ausbruch des Krieges zwischen Genua und Pisa beraubte Friedrich seiner
Flotte, und trotz mehrfacher Versuche gelang es ihm bis 1169 nicht, die Kämpfe zum Still-
stand zu bringen. Die Verbündeten hatten hier also Erfolg gehabt. Aber auch an anderen
Stellen setzten sie ihm hartnäckigen Widerstand entgegen. So gingen bedeutende Geldsum-
men von Byzanz aus nach Venedig, um den Veroneser Städtebund zu unterstützen, der dem
deutschen Kaiser schwer zu schaffen machte188.
Auch mit dem Papst verhandelte Manuel in diesen Jahren intensiv über die Kirchen-
union und um eine päpstliche Anerkennung des byzantinischen Kaisers als des alleinigen und
einzigen Imperator Romanorum, welchen Titel ja auch der deutsche Kaiser führte189. Ob
Manuel hier tatsächlich ernsthafte Ambitionen gehabt hat, steht dahin. Die großen Unter-
schiede zwischen der byzantinischen und der westlichen Auffassung von der Stellung des
Kaisertums sprechen eigentlich dagegen, zumal eine solche Weihe in gewisser Weise die
Anerkennung des päpstlichen Primats impliziert hätte, was Byzanz kaum akzeptieren konnte.
Aber es war eine wirkungsvolle Waffe gegen Barbarossa, denn sie traf in das Zentrum der
staufischen Kaiser- und Reichsauffassung und drohte, den deutschen Ansprüchen auf Italien,
die ja in gewisser Weise mit dem Kaisertitel verbunden waren190, den Boden unter den Füßen
hinwegzuziehen. Auch wenn der Plan letztlich nicht zur Durchführung gekommen ist, mußte
allein die Absicht auf Friedrich alarmierend wirken. Andere Länder, die sich von den Staufern
ebenfalls bedroht fühlten, schlossen sich den Verbündeten an, in der Hauptsache Frankreich.
Es sollen hier nicht die gesamten Geschehnisse er-[464] zählt werden. Das ist an anderer
Stelle schon zur Genüge besorgt worden191, und auf die Verbindungen zwischen Byzanz, Pisa
und Genua oder auch Venedig ist es ohne weiteren Einfluß. Nur soviel: Trotz der gegen ihn
187
Cf. ABULAFIA, Two Italics S. 136f., 177, 206, 232; DAY, Manuel and the Genoese S. 292f. bestreitet
einen Zusammenhang zwischen dem Abkommen Genuas mit Barbarossa und der Plünderung des Quar-
tiers, da beides zeitlich zu nahe beieinander gelegen habe. Er übersieht aber, daß Verhandlungen wie jene
zwischen Genua und Barbarossa nicht innerhalb weniger Tage abgeschlossen worden sind, sondern sich
über Wochen und Monate, wenn nicht Jahre, hinziehen konnten. Auch wenn in Konstantinopel der Ab-
schluß des Vertrages selbst noch nicht bekannt gewesen sein sollte, so sind das Faktum von Verhandlungen
und der deutschfreundlicher werdende Kurs der Stadt sicher nicht unbekannt geblieben, und schon das
konnte ausreichen, den Kaiser zu seinem Vorgehen zu veranlassen.
188
DÖLGER, Regesten Nr. 1464 (ca. Frühjahr 1165); zu der Politik Manuels gegenüber dem lombardischen
Städtebund bzw. den norditalienischen Städten überhaupt cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 112ff.;
CLASSEN, Politica di Manuele passim; DERS., Mailands Treueid für Manuel Komnenos passim.
189
Cf. hierzu Lilie, "Zweikaiserproblem" (1985).
190
Zumindest nach byzantinischer Auffassung, s. z. B. KINNAMOS S. 218f.
191
Cf. vor allem LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 143ff.
342 Kapitel XVI
gerichteten Koalition blieb Friedrich siegreich. Auch der lombardische Städtebund konnte
ihn nicht entscheidend aufhalten. Nach mehrjährigen Kämpfen stand die deutsche Armee im
Sommer des Jahres 1167 vor Rom. Der Papst mußte fliehen und sein Konkurrent wurde als
Paschalis III. feierlich inthronisiert. Die Weiterführung des Feldzugs gegen Sizilien schien nur
noch eine Frage der Zeit. In dieser Situation trat ein Ereignis ein, das alle Pläne des Staufers
zunichte machen sollte: Im deutschen Heer brach die Malaria aus (August 1167), der ein
Großteil der Truppen und eine ganze Reihe seiner Führer erlag. Auf die Kunde dieser Kata-
strophe erhoben sich sofort wieder die Städte in Oberitalien, Friedrich mußte von Rom abzie-
hen und entkam mit knapper Not nach Deutschland. Seine Erfolge in Oberitalien waren
dahin, er konnte wieder von vorn anfangen, seine Gegner hatten – wenn auch letztlich ohne
eigenes Verdienst – auf der ganzen Linie gewonnen. Die Hauptträger des antideutschen
Kampfes waren neben den oberitalienischen Städten Venedig, Sizilien und der Papst gewesen,
mit Byzanz im Hintergrund. Allerdings hatte der Hauptgrund für diese Koalition weniger in
gegenseitiger Freundschaft gelegen als vielmehr in erster Linie in der gemeinsamen Furcht vor
den Deutschen. Als diese Bedrohung dahin war, zerfiel auch das gegen sie gerichtete Bündnis
rasch, und die früheren Partner gingen wieder ihre eigenen Wege. Doch greift dies den Ereig-
nissen vor.
Ergebnislose Heiratsverhandlungen zwischen Byzanz und den Normannen 1167
1166 war Wilhelm I. von Sizilien gestorben. Er hinterließ sein Königreich seinem Sohn Wil-
helm II., einem zwölfjährigen Knaben, für den eine vormundschaftliche Regierung die Ge-
schäfte führte. Die Lage des neuen Königs war nicht rosig. Im Norden drohten die Deutschen,
und im Normannenreich selbst gab es heterogene Strömungen, die den Zusammenhalt des
Staates bedrohten192. Auch Byzanz versuchte, aus der Situation Kapital zu schlagen, und
Manuel bot dem jungen König die Hand seiner einzigen Tochter Maria [465] an, was von
den Normannen aber abgelehnt wurde193. Beides ist leicht zu erklären. Für Byzanz wäre eine
solche Verbindung mit dem kampfstarken Normannenstaat sehr günstig gewesen. Sie hätte
endgültig die Bedrohung von dieser Seite her aufheben und dem Reich dafür einen starken
Bündnispartner geben können, was die Position der Byzantiner sowohl gegenüber den Deut-
schen als auch – dank der normannischen Flotte – gegenüber den italienischen Seestädten
stark verbessert hätte, ganz zu schweigen von dem Druck, den ein übereinstimmendes Byzanz
und Sizilien auf die Kreuzfahrerstaaten hätten ausüben können. Außerdem wären die nor-
mannischen Söldner dem kaiserlichen Heer sicher willkommen gewesen. Umgekehrt konnten
192
Cf. CHALANDON, Dom. Norm. II S. 305ff.
193
Zu dem Heiratsprojekt cf. PARKER, Alliance passim. Allerdings vermag ich nicht der Ansicht Parkers zu-
zustimmen, daß Manuel das Heiratsprojekt in Gang gebracht habe, um einen besseren Rechtsgrund für die
von ihm dem Papst vorgeschlagene Kaiserkrönung zu finden. Den hätte auch ein normannischer Schwie-
gersohn ihm nicht geben können, wenngleich natürlich zuzugeben ist, daß eine Heirat Manuels Position in
Italien verbessert hätte. Aber das Motiv des ganzen Projekts auf diese Idee zu reduzieren, scheint mir zu
einseitig.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 343
auch die Normannen von einer solchen Verbindung profitieren, die ihnen den byzantinischen
Beistand und das byzantinische Gold in noch stärkerem Maße als bisher gegen die Deutschen
gebracht hätte, ganz abgesehen von dem immensen Prestigegewinn, den die Ehe mit der ein-
zigen Tochter des Kaisers und der mutmaßlichen Erbin des Reiches gebracht hätte194.
Dennoch nahm die Vormundschaftsregierung – der junge König wird kaum viel gefragt
worden sein – das byzantinische Anerbieten nicht an. Wahrscheinlich fürchtete man den
byzantinischen Einfluß, denn Maria wäre wohl kaum allein gekommen, und die Gefahr, daß
die normannischen Großen in den Hintergrund gedrängt werden könnten, wird man für zu
groß gehalten haben. Außerdem bestand die drohende Möglichkeit, daß Manuel das norman-
nische Reich in verstärktem Maße in seine eigenen Pläne eingespannt hätte195. [466] Die
Normannen waren zwar bereit, sich mit Byzanz gegen die Deutschen zu verbünden, aber das
hieß noch lange nicht, daß man bereit war, sich dem Einfluß der Griechen zu öffnen. Beides
erschien den Normannen unannehmbar. Wir werden allerdings wohl kaum in der Annahme
fehlgehen, daß die endgültige Ablehnung des byzantinischen Angebots erst erfolgt ist, nach-
dem das deutsche Heer durch die Malaria entscheidend dezimiert worden war. Die Deut-
schen brauchten nun auf absehbare Zeit nicht mehr gefürchtet zu werden, und so war auch
eine Heiratsverbindung mit Byzanz nicht länger notwendig oder gar wünschenswert. Die
Heirat kam nicht zustande. Allerdings scheinen die freundschaftlichen Verbindungen zwi-
schen beiden Reichen zunächst erhalten geblieben zu sein.
Dalmatien und verschärfte Spannungen mit Venedig (1167 – 1170)
Schlimmer stand es mit dem dritten Verbündeten, Venedig. Auch dieses Bündnis war mehr
oder weniger unter dem Zwang der Umstände erfolgt, denn die Venezianer hatten die Deut-
schen noch mehr zu fürchten als die Byzantiner196. Obwohl es zu keinem Bruch gekommen
war, hatte es doch schon seit dem Regierungsantritt Manuels gekriselt, und die byzantinische
Offensive in Italien ließ die beiderseitigen Beziehungen noch kühler werden. Nicht ohne
194
Abgesehen davon hätte der junge Normanne sogar Aussichten auf die Nachfolge des ansonsten kinderlosen
Manuel gehabt, wie ja ebenso vorher Bela-Alexios zum Thronfolger ausersehen war. Aber es ist schwer vor-
zustellen, daß eine solche Nachfolge – auch bei geglückter Eheschließung – in Byzanz akzeptiert worden
wäre. Auch die Normannen werden nicht so einfältig gewesen sein, sich derartigen Träumen hinzugeben.
195
Parkers Ansicht, daß das Projekt auch deshalb gescheitert sein könnte, weil man in Sizilien erfuhr, daß
Maria schon mit dem ungarischen Prinzen Bela verlobt gewesen war, scheint mir zu sehr von moralischen
Kategorien geprägt zu sein. Einmal ist es unwahrscheinlich, daß man in Sizilien nichts von einer solchen
Verlobung gewußt hat – Maria war immerhin die einzige Tochter des byzantinischen Kaisers und schon
länger verlobt gewesen –, zum anderen hätte das Hindernis einer solchen früheren, jetzt aber gelösten
Verlobung kaum beide Regierungen von ihrem Projekt abhalten können, wenn sie es nur ernsthaft gewollt
hätten, auch nicht im Mittelalter. Ein weiteres Argument gegen Parker ergibt sich daraus, daß der Norman-
nenkönig ja 1171/72 der Heirat zugestimmt hat.
196
S. HISTORIA DUCUM S. 77; 1165 scheint das Bündnis noch einmal intensiviert worden zu sein, wobei
laut KINNAMOS S. 228ff. außer Venedig auch noch Cremona, Padua und andere Städte einbezogen wor-
den sind, s. DÖLGER, Regesten Nr. 1464 (ca. Frühjahr 1165); zu der Identifizierung von Παταβία als
Padua und nicht, wie allgemein angenommen, Pavia cf. CLASSEN, Politica di Manuele S. 271 Anm. 22.
344 Kapitel XVI
Grund nennen Kinnamos und Niketas Choniates als einen der Gründe für den Bruch von
1171 die Arroganz und die Habgier der Venezianer in der Romania197. Venedig war sich
seiner Stärke und Unentbehrlichkeit wohl bewußt, was seine Beliebtheit bei den Byzan-[467]
tinern sicher nicht größer werden ließ. Dennoch lag die Ursache der Spannungen, die nach
1168 ausbrachen, in einem anderen Bereich. Für Manuel war zwar Italien ein wichtiger
Kriegsschauplatz, aber bei weitem nicht der einzige und in den sechziger Jahren auch nicht
unbedingt der wichtigste. Auch in Kleinasien kämpften z. B. byzantinische Truppen198. Der
Schwerpunkt der Aktionen Manuels aber lag auf dem Balkan: in Ungarn, Serbien und Dal-
matien199. Schon in den Jahren vor dem Italienfeldzug hatte Byzanz in Ungarn gekämpft. Die
byzantinischen Absichten in diesem Raum lagen nicht in einer Eroberung Ungarns, sondern
vielmehr in dem Versuch, auf den ungarischen Thron einen Prätendenten zu setzen, der die
byzantinischen Belange vertrat. In den späten sechziger Jahren war dies der von Manuel mit
seiner Tochter verlobte und sogar zum Nachfolger des Kaisers bestimmte Bela-Alexios. Im
Verlauf dieser Kämpfe wurde auch Dalmatien zum Kriegsschauplatz, auf dem die Gegner sich
befehdeten. Nach der Niederwerfung Serbiens 1162/63 endete auch der dalmatinische Krieg
1164 mit einem byzantinischen Erfolg200, flackerte aber wenig später wieder auf. 1165 ging
der Streit weiter, und nach einem Feldzug von angeblich einem Monat Dauer war Dalmatien
von neuem byzantinisch. An diesem Feldzug war auch eine Flotte von 100 venezianischen
Schiffen beteiligt201, was einigermaßen verwundern muß, da die Adriastadt zumindest Nord-
dalmatien als ihrer eigenen Interessensphäre zugehörig ansah, wie es ja auch schon im 11. und
frühen 12. Jahrundert der Fall gewesen war. Jedoch ging der byzantinische Krieg gegen Un-
garn, das von den Deutschen unterstützt wurde und seinerseits in den fünfziger Jahren [468]
die deutsche Sache in Italien gestützt hatte202, so daß Venedig hier nicht nur die byzantini-
schen Belange vertrat, sondern auch aus Eigeninteresse handeln mußte203, zumal es selbst
1158/59 noch im Krieg mit Ungarn um Zara gelegen hatte. Es war also auch dieses Unter-
nehmen in gewisser Weise eine Facette des Kampfes gegen Barbarossa, bei dem Venedig nicht
abseits stehen konnte. Ausserdem mochte die venezianische Beteiligung unter Umständen
etwaige byzantinische Ambitionen auf Norddalmatien zügeln, und auch eine Zurückdrän-
197
KINNAMOS S. 280f.; NIKETAS CHONIATES S. 171f.
198
Zu diesen Kämpfen cf. VRYONIS, Decline S. 121ff.; ebenfalls in diese Jahre fiel die große Befestigung der
Region um Adramyttion, Chliara und Pergamon, die die schwer mitgenommene Provinz vor weiteren
Angriffen schützen sollte, s. NIKETAS CHONIATES S. I49f.
199
Cf. CHALANDON, Comnène II S. 391ff.; MORAVCSIK, Pour une alliance; BROWNING, Byzantine-
Hungarian relations; FERLUGA, Dalmazia; DERS., Vizantijske vojne operacije (besonders für den Feld-
zug von 1166, der mit angeblichen Umsiedlungsplänen Manuels begründet wird).
200
Cf. FERLUGA, Dalmazia S. 65.
201
KINNAMOS S. 237.
202
Cf. FERLUGA, Dalmazia S. 68f.; 1165 und 1167 kämpften dafür deutsche Truppen in Dalmatien gegen
Byzanz, cf. KAP-HERR, Politik Manuels S. 78ff.; OHNSORGE, Byzanzbeziehungen S. 447.
203
Cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 123; FERLUGA, Dalmazia S. 68f.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 345
gung der ungarischen Ansprüche war nicht zu verachten. Das Jahr 1167 sah indessen eine
völlig veränderte Interessenlage. Der große byzantinische Sieg an der Save im Juli 1167 über
die Ungarn204 warf diese endgültig auf ihr eigenes Gebiet zurück. Der folgende Friede brachte
Byzanz Sirmium, Kroatien, Dalmatien und Bosnien205. Die Nordgrenze des Reiches stieß bei
Sebenico an die Adria, im folgenden wurde das Gebiet als Provinz organisiert206. Byzanz war
Nachbar von Venedig geworden. Gleichzeitig nahm die Vernichtung des deutschen Heeres
infolge der Malaria im August 1167 vor Rom und der damit erzwungene Rückzug der Deut-
schen aus Italien von beiden Bündnispartnern den Zwang zur gegenseitigen Rücksichtnahme.
Wie in den letzten Jahren des Alexios wurden die einander ausschließenden Interessen beider
Staaten im Adriaraum zum Auslöser von Spannungen, die schließlich in dem Bruch von 1171
gipfeln sollten207.
Die Gründe für die byzantinische Eroberung Dalmatiens – übrigens die einzige große,
reale Gebietserwerbung Manuels – waren vielfach. Einmal war der Besitz der Provinz aus sich
selbst heraus interessant. Zum zweiten konnte es für Byzanz nur nützlich [469] sein, das
ungarische Reich auch von Westen zu umfassen, trotz des Friedensvertrags zwischen beiden
Staaten, da solches die strategische Positon der Byzantiner nur verbessern konnte, ebenso wie
gegenüber Serbien. Dieses hatte zwar 1162/63 die byzantinische Oberhoheit anerkannt, aber
es konnte dennoch nicht schaden, daß die Serben jetzt auch im Norden von byzantinischem
Gebiet umgeben waren. Zuletzt bot der Besitz Dalmatiens ein starkes Druckmittel gegen
Venedig. Im 12. Jahrhundert war die Lagunenstadt in Italien noch auf ihr eigenes kleines
Gebiet verwiesen, die einzigen größeren Festlandbesitzungen lagen in Dalmatien, und ihr
Besitz war für die Venezianer von höchster Wichtigkeit. Nicht nur aus strategischen Gründen
– etwa der Überwachung der dalmatinischen Inseln, von denen aus Piraten leicht die venezia-
nische Schiffahrt beunruhigen konnten –, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen:
Die Holzbestände Dalmatiens waren wesentlich für den venezianischen Schiffbau. Kein
Wunder also, daß man in Venedig von dem byzantinischen Vorrücken nicht wenig beunru-
higt war. Ein weiterer Gesichtspunkt kam hinzu: Für Venedig war das byzantinische Reich in
erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen interessant: so interessant, daß die Lagunenstadt im
Notfall sogar mit Waffengewalt ihre Privilegien zu verteidigen bereit war, wie 1122–1126
geschehen. Dies galt nicht für Byzanz. Ostrom sah in den Venezianern fast ausschließlich den
militärischen Beistand, den man sich mit Hilfe von Handelsprivilegien erkaufte208. Die Han-
delszusicherungen waren nur der Preis für die militärische Hilfeleistung. Gegen Barbarossa
hatte Manuel sie gebraucht, aber nach der Katastrophe des deutschen Heeres gab es diesen
204
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1473 (kurz vor 8. Juli 1167); Nr. 1474 (bald nach 8. Juli 1167)
205
DÖLGER, Regesten Nr. 1475 (nach 8. Juli 1167).
206
Cf. FERLUGA, Dalmazia S. 75ff.; SCHREINER, Dux von Dalmatien S. 296ff.
207
So auch TADIC, Venezia e la costa orientale S. 694f.; KAP-HERR, Politik Manuels S. 94ff.
208
Cf. hierzu unten S. 607ff.
346 Kapitel XVI
Grund nicht mehr. Der zweite potentielle Gegner, gegen den man Venedigs bedurfte, war das
normannische Königreich. Aber dieses war jetzt – trotz der gescheiterten Heiratsverbindung
– durch Frieden und Bündnis an Byzanz geschlossen. Auch dieser Grund entfiel also. Tat-
sächlich stand das byzantinische Reich in diesen Jahren auf der Höhe seiner Macht. In den
Kreuzfahrerstaaten überwog der byzantinische Einfluß den aller anderen209, in [469] Italien
hatte der Rückzug der Deutschen das alte Gleichgewicht wiederhergestellt. Mit den Norman-
nen bestand Friede, und der lombardische Städtebund suchte die Freundschaft des byzantini-
schen Kaisers – wenngleich Manuel seinen Einfluß hier wohl etwas überschätzt haben mag210.
Auf dem Balkan hatte das Reich seine Vorstellungen durchgesetzt. Dalmatien, Bosnien, das
Sirmiumgebiet und Kroatien waren byzantinisch geworden, Serbien hatte die Oberhoheit des
Kaisers anerkannt, und in Ungarn herrschte der byzantinische Einfluß vor. In Kleinasien war
der entscheidende Waffengang zwischen Griechen und Seldschuken zwar noch nicht ausge-
tragen, aber auch hier besaß Byzanz das Übergewicht. Mit einem Wort: Byzanz stand auf der
Höhe seiner Macht im 12. Jahrhundert. In diese Situation fielen die erneuten Spannungen
mit Venedig.
Sie wurden ausgelöst durch eine byzantinische Gesandtschaft, die im Laufe des Jahres
1167 in Venedig eintraf, um die "übliche Flottenhilfe" (solitum subsidium) zu fordern, was von
dem Dogen abgelehnt wurde211. Da diese Stelle entscheidend für die Interpretation der by-
zantinischen Motive ist, sei sie ausführlicher untersucht: Der venezianische Chronist Andrea
Dandolo berichtet, Manuel habe mit dem sizilianischen König Wilhelm II. Frieden geschlos-
sen und ihm seine Tochter Maria versprochen, dieses Heiratsangebot aber wieder rückgängig
gemacht, woraufhin der Streit zwischen beiden Reichen von neuem ausgebrochen sei. Darauf
habe Manuel drei Gesandte auf drei Galeeren nach Venedig geschickt und zum Schutz des
Reiches um die gewohnte Flottenhilfe gebeten, was der Doge, der den Frieden mit Sizilien
bewahren wollte, abgelehnt habe212. Ebenso erwähnen die Annales Venetici breves für den 10.
Dezember 1167 die Ankunft dreier byzantinischer Gesandter auf drei Galeeren in Venedig213.
[471] Schon Chalandon hat festgestellt, daß der Bericht Dandolos nicht korrekt ist214:
1167 haben die Normannen das Heiratsangebot abgelehnt, erst 1172 zog Manuel es nach an
und für sich erfolgreichen Verhandlungen wieder zurück, so daß Dandolos Bericht eher auf
1172 zu beziehen sein sollte. Zu diesem Zeitpunkt ist allerdings eine byzantinische Hilfsge-
sandtschaft nach Venedig ausgeschlossen. Aufgrund der Ähnlichkeit mit den Annales Vene-
tici breves (jeweils drei Gesandte auf drei Galeeren) legt Chalandon den Bericht Dandolos
209
Cf. LILIE (1993) S. 190–193.
210
Cf. CLASSEN, Politica di Manuele passim bes. S. 271; DERS., Mailands Treueid bes. S. 81 und 84
211
DÖLGER, Regesten Nr. 1479 (vor 10. Dez. 1167).
212
DANDOLO S. 249.
213
ANNALES VENETICI BREVES S. 71.
214
CHALANDON, Comnène II S. 586.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 347
trotz der Diskrepanzen auf 1167 und akzeptiert als Kern gegen Sizilien gerichtete Verhand-
lungen.
Es ist festzustellen, daß Dandolo nur eine Verhandlung über eine Heiratsverbindung
zwischen Byzanz und Sizilien kennt, während es tatsächlich zwei gegeben hat. Ebenso wichtig
ist in diesem Zusammenhang, daß er nichts von dem gemeinsamen byzantinisch–veneziani-
schen Kriegszug von 1165 in Dalmatien weiß. Auffällig ist ferner, daß er Manuel die "gewohn-
te Hilfe" fordern läßt. Diese Angabe ist insofern aus dem Rahmen fallend, als man eine Hilfe
gegen Sizilien kaum als solitum subsidium ansehen kann. Insgesamt dreimal sind die Venezia-
ner gegen die Normannen ausgefahren, um normannische Angriffe gegen Byzanz abzuwehren,
das letzte Mal 1147/49. In den sechziger Jahren hatte es hierfür keinen Grund gegeben, und
man kann kaum annehmen, daß der Chronist die großen Kriege gegen die Normannen als
quasi normal hinstellt. Dazu kommt, daß die Ausgangslage falsch ist: Nicht Manuel sondern
die Normannen hatten die Heirat abgelehnt, weshalb Manuel auch keinen Angriff durch das
Königreich zu befürchten hatte. Umgekehrt einen Angriff auf Sizilien zu wagen, wäre zwar
denkbar, aber spätestens seit der Mitte der fünfziger Jahre war allen Beteiligten bekannt, daß
Venedig eine solche Offensivaktion des Kaisers nicht unterstützen würde. Zudem war das
Normannenreich im Winter 1167, nachdem die deutsche Bedrohung vorbei war, ohne
größere Schwierigkeiten. Daß Manuel im Winter 1167/68 an einen großangelegten Kriegszug
in Italien nicht gedacht hat, ergibt sich auch aus den Verhandlungen 1167 und 1168 mit
Jerusalem gegen Ägypten, wobei die Griechen die Flotte stellen sollten215. Für eine Invasion
[472] Italiens wäre die Anwesenheit der byzantinischen Flotte übereinen langen Zeitraum
hinweg zwingend erforderlich gewesen und dies umso mehr, als auf eine Mithilfe Venedigs
nicht gerechnet werden konnte.
Auch die Belagerung Anconas im Sommer 1167 durch den deutsehen Kaiser216 spricht
nicht, wie zum Teil in der Forschung angenommen217, für byzantinische Offensivpläne in Ita-
lien. Ancona hatte sich in den sechziger Jahren offensichtlich der antideutschen Allianz anges-
chlossen. Als Hauptort der Marken nahm es eine wichtige Position im östlichen Oberitalien
ein, was als Motiv für eine Belagerung durch die Deutschen völlig ausreicht. Nach dem Fehl-
schlag der Verhandlungen mit Venedig scheint Manuel versucht zu haben, über die Anconita-
ner Druck auf die Venezianer auszuüben. Doch ist auch dies kein Beweis dafür, daß der Kaiser
1167/68 das Abenteuer aus den fünfziger Jahren noch einmal zu versuchen geplant hat.
Warum aber hat Byzanz 1167 die "gewohnte Hilfe" von Venedig gefordert, wenn nicht
gegen Sizilien? Die Antwort dürfte in Dalmatien zu suchen sein. Es wäre verkehrt, die Politik
Manuels gegenüber Venedig allein aus den italienischen Verhältnissen zu erklären. Die byzan-
215
Cf. LILIE (1993) S. 198ff., 309ff.
216
Cf. OPLL, Itinerar S. 40.
217
Cf. etwa SCHREINER, Dux von Dalmatien S. 289.
348 Kapitel XVI
tinische Politik dieser Jahre war nicht nur auf der Apenninhalbinsel aktiv, sondern gleicher-
maßen, wenn nicht noch mehr, auf dem Balkan, in Syrien und in Kleinasien.
Auf dem Balkanraum ist vorwiegend Ungarn der Gegner des Reiches gewesen. Zwar
konnte Byzanz sich 1167 im wesentlichen durchsetzen, aber das heißt nicht, daß die Kämpfe
jetzt sofort aufgehört hätten. Besonders in Dalmatien scheint es auch weiterhin noch zu,
wahrscheinlich kleineren, Kämpfen gekommen zu sein218. Der Südteil Dalmatiens war
1164/65 von Byzanz endgültig erobert und als Provinz organisiert worden. Kinnamos
berichtet, daß Venedig 1165 mit einer Flotte von 100 Schiffen die Byzantiner unter-[473]
stützt habe219. Aber das schließt den Einsatz venezianischer Streitkräfte an der Seite der
Griechen auch in anderen Jahren nicht aus. Zwar war das Vorrücken der Byzantiner für
Venedig nicht gerade erfreulich, aber einmal war Ungarn zunächst ein noch bedrohlicherer
Gegner für die Interessen der Lagunenstadt in Dalmatien, und zum zweiten war die Bedro-
hung Venedigs in Italien durch die Deutschen so stark, daß der Doge sich eine Brüskierung
seines byzantinischen Verbündeten kaum leisten konnte.
Beides änderte sich im Laufe des Sommers 1167: Der byzantinische Sieg über Ungarn
sicherte Byzanz das Übergewicht auf dem Balkan und demzufolge auch in Dalmatien, gleich-
zeitig nahm die Katastrophe des deutschen Heeres vor Rom in Italien den Druck von Vene-
dig. Es war nun nicht mehr unbedingt auf die Freundschaft der Griechen angewiesen.
Manuel hatte erfolgreich diese venezianische Gebundenheit ausgenutzt, die Hilfe der
Venezianer gegen den gemeinsamen Feind Ungarn zu fordern. Venedig hatte sie gewähren
müssen. Aber jetzt war Byzanz in Dalmatien der gefährlichere, weil überlegene, Gegner.
Es scheint, daß Manuel 1167 die byzantinischen Besitzungen in Dalmatien weiter nach
Norden ausdehnen wollte und hierzu die – in den letzten Jahren willig oder unwillig gewährte
– Hilfe Venedigs anforderte. Nur so findet das solitum subsidium Dandolos seine Erklärung.
Der Chronist hatte offensichtlich für das Jahr 1167 die Nachricht einer byzantinischen Ge-
sandtschaft, die die besagte Unterstützung fordern sollte, vorliegen. Gegen wen sie gefordert
wurde, wußte er nicht. Ebenso war ihm der gemeinsame venezianisch-byzantinische Krieg
gegen Ungarn in Dalmatien unbekannt. Damit kam er in Schwierigkeiten, die Gesandtschaft
zu motivieren. Offenbar wußte er ebenfalls von der Existenz erfolgloser byzantinisch-norman-
nischer Heiratsverhandlungen in diesen Jahren, allerdings wiederum nichts davon, daß zwei-
mal – 1166/67 und 1170–1172 hierüber verhandelt worden war. Es mag auch sein, daß er
guten Glaubens die Erwähnung zweimaliger Verhandlungen in seinen Vorlagen für fehlerhaft
gehalten und zu einer einzigen zusammengezogen hat, wobei er die Elemente aus der zweiten
Verhandlung – Angebot [474] und Rücknahme durch Manuel – auf 1166/67 übertragen hat.
218
Hierfür spricht das venezianisch-ungarische Bündnis vom Winter 1167, das sich eigentlich nur gegen By-
zanz gerichtet haben kann und dem eine Eroberung zumindest Norddalmatiens durch Ungarn gefolgt ist,
cf. KRETSCHMAYR, Ceschichte Venedigs I. S. 253.
219
KINNAMOS S. 237.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 349
Was lag dann näher, als die byzantinische Bitte um Unterstützung mit den gescheiterten Hei-
ratsverhandlungen in Verbindung zu bringen, vor allem wenn man von der Entwicklung in
Dalmatien nichts wußte?
Daß die byzantinische Gesandtschaft mit Dalmatien in Zusammenhang zu bringen ist,
geht auch aus den unmittelbar folgenden Maßnahmen des Dogen hervor. Am 10. Dezember
war die byzantinische Gesandtschaft in Venedig eingetroffen. Nur wenige Tage später schloß
Venedig ein Bündnis mit Ungarn ab, das durch die Heirat zweier Söhne des Dogen mit un-
garischen Prinzessinnen besiegelt wurde220. Daß sich dieses Bündnis in erster Linie gegen die
Bestrebungen der Byzantiner in Dalmatien gerichtet hat, liegt auf der Hand221. Angeblich
wurde Dalmatien zurückgewonnen222. Jedoch zerstritten sich die Verbündeten sehr bald
wieder über den Besitz Zaras, das von beiden Seiten beansprucht wurde223.
Der Rückruf aller Venezianer aus der Romania 1169 und die Reaktion Manuels
Aber wie der Mißerfolg der Deutschen den venezianischen Handlungsspielraum erweitert
hatte, so gab er auch Manuel freiere Hand. Der Komnene war nicht mehr unbedingt auf das
Bündnis mit Venedig angewiesen oder glaubte solches zumindest. Er sah – hier liegt Dandolo
wohl richtig – in der venezianischen Ablehnung und vor allem in dem folgenden Bündnis
Venedigs mit Ungarn einen Affront und war nicht gesonnen, ihn hinzunehmen. Leider sagen
die Quellen nichts über die Maßnahmen des Kaisers aus. Einen möglichen Hinweis gibt
Dandolo, der von Kämpfen zwischen Venezianern und Anconitanern, die sich dem Befehl
Manuels unterworfen hätten, berichtet224. Es ist denkbar, daß der Kaiser als Reaktion auf die
[475] unfreundliche Haltung der Lagunenstadt nun begann, die Anconitaner zu favorisieren
und Ancona als Konkurrenten für Venedig aufzubauen. Ob solches seine ernsthafte Absicht
gewesen ist oder ob er nur Venedig hat unter Druck setzen wollen, wissen wir nicht. Denkbar
sind auch Repressalien gegenüber Venezianern in der Romania. Wie dem auch sei, die Lage
schien so ernst, daß der Doge sich zu einem Rückruf aller Venezianer aus der Romania ent-
schloß225. Man sollte die Bedeutung eines solchen Rückkehrbefehls nicht unterschätzen. Für
220
Cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 253; KAP-HERR, Politik Manuels S. 96f.
221
IBIDEM.
222
DANDOLO S. 249f.
223
Cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 254f.
224
DANDOLO S. 250: Hoc tempore Anconitani, Hemanuelis obedientes imperi,. Venetos, ut sibi emulos, cepe-
runt habere. Dux, ob hoc, sex missis galeis, illorum V cepit galeas, ex quibus lacobus da Mulino et Guicardinus
fuerunt suspensi in ligno. Es ist allerdings denkbar, daß diese Auseinandersetzungen nicht auf 1168, sondern
auf 1173 zu beziehen sind, als Byzanz einen neuen Versuch unternahm, in Italien Fuß zu fassen. Da Dan-
dolo die ganze Heiratsangelegenheit unter dem Jahr 1167 behandelt, wobei er anscheinend auch Elemente
der Verhandlungen von 1172 verwendet, wäre denkbar, daß auch die freiwillige Unterwerfung der Anconi-
taner nicht auf 1168 zu beziehen, sondern nur versehentlich von dem Chronisten von 1173 auf 1168 vor-
gezogen worden ist. Eine sichere Entscheidung läßt sich nicht mehr fällen.
225
HISTORIA DUCUM S. 78; DANDOLO S. 249; cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1479 (vor 10. Dezember
1167).
350 Kapitel XVI
eine Stadt, deren ganze Existenz von dem Fernhandel abhing, muß ein Rückruf aller Venezi-
aner gerade aus ihrem Haupthandelsgebiet ein sehr schwerer Entschluß gewesen sein, den
man nur faßte, wenn man die Lage wirklich für katastrophal hielt. Aber dieser Rückruf war
nicht nur eine rein defensive Maßnahme die die Venezianer in der Romania vor etwaigen
Repressalien schützen sollte, sondern gleichfalls eine offene Drohung an Byzanz226.
Wie die anderen venezianischen Rückrufe des 12. Jahrhunderts beweisen227, war ein
solcher Rückruf die notwendige Vorstufe zu einer allgemeinen Mobilmachung. Die Gründe
hierfür liegen auf der Hand. Die relativ geringe Bevölkerungszahl der Lagunenstadt machte
ein Zurückgreifen auf die meerfahrenden Landsleute in Übersee unabdingbar, zumal die
militärische Stärke Venedigs ausschließlich in seiner Flotte lag. Außerdem erforderte die
Rücksicht auf die Venezianer, die in der Flotte eingesetzt wurden, den Rückruf aller Vene-
zianer, schon um böses Blut zu vermeiden. Es ist offen-[476] sichtlich, daß ein venezianischer
Händler, der nicht nach Venedig zurückkehrte, gerade in einem solchen Fall wesentlich bes-
sere Geschäfte machen konnte, schon allein aufgrund des Fehlens seiner Landsleute, die ja
auch seine Konkurrenten waren und die dem Rückruf gefolgt waren. Hieraus sind auch die
sehr strengen Strafen zu verstehen, die gegen die Fernbleibenden ausgesprochen wurden228.
Abgesehen davon hätte eben auch die Gefahr bestanden, daß der potentielle Feind sich an den
in seinem Machtbereich verbliebenen Venezianern schadlos halten würde. Aus all dem geht
eindeutig hervor, daß Venedig bereit war, seine Zuflucht zum Kampf zu nehmen, es sei denn,
daß man in Byzanz nachgeben würde. Die Position Venedigs in solch einem, gut vorbereiteten
Krieg wäre nicht die schlechteste gewesen. Zwar stand das byzantinische Reich in der Blüte
seiner Machtentfaltung im 12. Jahrhundert, doch galt dies nicht für die See. Die byzantinische
Flotte war zwar von Manuel beträchtlich verstärkt worden, sie konnte jetzt ohne Schwierig-
226
Nach BECK, Byzanz und der Westen S. 232 wäre das nur schwer zu erklärende Embargo möglicherweise
darauf zurückzuführen, daß Byzanz so von italienischen Lebensmittellieferungen abhängig gewesen sei, daß
Venedig auf eine Schockwirkung rechnen konnte. Um die Handelslücke zu füllen, habe Byzanz dann die
Verträge mit Genua und Pisa geschlossen. Diese Auffassung geht aber an der Tatsache vorbei, daß im 12.
Jahrhundert eher die italienischen Seestädte von byzantinischen Lebensmittellieferungen abhängig gewesen
sind als umgekehrt. Nahrungsmittel bildeten den Hauptteil der byzantinischen Exporte im 12. Jahrhun-
dert, wie oben Kap. XII. S. 264ff. gezeigt worden ist.
227
Am deutlichsten 1120, cf. oben S. 368ff.
228
S. ZUSTO Nr. 8 (Nov. 1121, Ind. 15) Venedig; MdRD Nr. 143 (Mai 1160) Venedig, wo der venezianische
Doge zweimal schwere Strafen gegen venezianische Händler aussprach, die einem solchen Rückruf nicht
gefolgt waren. Daß allerdings auch 1168/69 bei weitem nicht alle Venezianer dem Rückruf gefolgt sind,
ergibt sich aus den Handelsdokumenten, die in diesen Jahren keine längere Handelsunterbrechung zeigen,
s. MdRD Nr. 192 (Jan. 1168) bis Nr. 239 (Jan. 1171). Allerdings ist zwischen Nr. 210 (Aug. 1168) Vene-
dig, und Nr. 213 (Aug. 1169) Kpl., eine gewisse Lücke, die nur von Nr. 212 (Februar 1169) Kpl., ausgefüllt
wird. Im Gegensatz zu der allgemein reichen Zahl an Urkunden für diese Jahre ist das Vorhandensein einer
einzigen Urkunde für das Jahr zwischen dem August 1168 und dem August 1169 auffällig und aus dem
Rahmen fallend und bestätigt so indirekt – trotz aller Unsicherheiten, mit denen wir bei der Überlieferung
dieser Urkunden rechnen müssen – den Rückrufbefehl des venezianischen Dogen, der augenscheinlich
wohl im Frühling oder Frühsommer des Jahres 1168 erlassen worden ist.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 351
keiten mehr als l00 Schiffe in den Kampf schicken229, von denen viele mit italienischen Söld-
ner bemannt gewesen zu sein scheinen230, und sie war auch zu größeren Unternehmungen in
der Lage, wie die Expeditionen gegen Ägypten beweisen231, aber es war doch fraglich, ob sie
sich auch gegen die gut gerüstete und vorbereitete Seemacht Venedigs hätte halten können.
Andere seemächtige Bundesgenossen aber hatte Byzanz nicht. Genua und Pisa standen noch
abseits. Ob die Normannen ihre Schiffe den Byzantinern [477] zur Verfügung gestellt hätten,
scheint fraglich. Auch das Gegenteil hätte der Fall sein können.
Manuel scheint von der Härte der venezianischen Reaktion überrascht worden zu sein.
Einem Krieg mit Venedig fühlte er sich 1168/69 nicht gewachsen, hat ihn wohl auch nicht
gewünscht232, zumal seine eigene Flotte nicht zur Verfügung stand. 1168 hatte der Kaiser mit
dem König von Jerusalem ein Bündnis gegen Ägypten abgeschlossen, demzufolge die byzanti-
nische Flotte im Sommer 1169 an einer gemeinsamen Eroberung des Nillandes teilnehmen
sollte. Tatsächlich belagerten Franken und Griechen im Spätsommer und Herbst dieses Jahres
gemeinsam die ägyptische Hafenstadt Damiette. Erst im Winter 1169/70 kehrten die Reste
der Flotte nach Byzanz zurück233. Auch dies spricht dagegen, daß der Kaiser 1167/68 einen
Bruch mit Venedig geplant hat. So schickte er denn Gesandte an den Dogen, um die Venezia-
ner zu beruhigen und wieder zur Rückkehr in die Romania zu veranlassen (wohl im Sommer
1169)234. Angeblich hat Byzanz sogar ein Handelsmonopol angeboten235. Doch [478] dürfte
diese Angabe übertrieben sein. Byzanz hat sich selbst in der höchsten Not der Normannen-
229
Cf. unten App. S.630ff.
230
Cf. unten App. S.635ff.
231
Cf. LILIE (1993) S. 198ff., 215f.
232
Erst seit der Mitte des Jahre· 1170 scheint Manuel diesbezügliche Pläne gefaßt zu haben; s. im folgenden.
233
Cf. LILIE (1993) 198ff., 309ff.
234
HISTORIA DUCUM S. 78; DANDOLO S. 250; cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1494 (ca. 1170); die chro-
nologische Einordnung dieser Gesandtschaft ist nicht ganz sicher. CHALANDON, Comnène II S. 587ff.,
KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 255 und Dölger nehmen 1170 an. Jedoch muß die byzanti-
nische Gesandtschaft noch in der Zeit nach Venedig abgegangen sein, als die Venezianer die Romania ver-
lassen hatten. Die venezianischen Handelsurkunden lassen hierfür den Zeitraum zwischen August 1168
und August 1169 vermuten, wie oben Anm. 228 gezeigt worden ist. Die venezianischen Chronisten geben
eine verkürzte Darstellung (DANDOLO S. 250; HISTORIA DUCUM S. 78). Der Grund dürfte darin
liegen, daß die Abfolge: Gesandtschaft Manuels – Ablehnung des Dogen – antivenezianische Pläne des
Kaisers – Rückruf der Venezianer – Gesandtschaft Manuels – Rückkehr der Venezianer in die Romania –
Schlag Manuels, so prägnant erscheinen mußte, daß man sie seitens der Chronisten einfach zusammengezo-
gen hat, ohne zu berücksichtigen, daß zwischen der ersten Gesandtschaft und dem 12. März 1171 rund
dreieinviertel Jahre gelegen haben. Auch das ist nicht verwunderlich, da die Chronisten, wie es ihre Art ist,
sich meist auf die spektakulären Ereignisse konzentrieren und die dazwischenliegenden, "normalen" Epi-
soden zu übergehen geneigt sind.
235
HISTORIA DUCUM S. 78: temporibus illis duos honoratos ad ducem et Venetos misit legatos, invitans
Venetos, ut omnes ad eum et ad terras eius imperii sicut ad propria properarent quantocius et pecunias ad
plenum secum deferrent, quia eis solis Romaniam totam dare proposuerat et volebat, quod ipsi soli uterentur ea
in mercationibus suis.
352 Kapitel XVI
kriege zu keinem solchen Schritt bereitgefunden, und auch wenn der Kaiser 1169 einen Krieg
mit der Lagunenstadt vermeiden wollte, so war die Lage doch nicht so ernst, daß er zu einem
solchen Schritt hätte greifen müssen. Eher ist denkbar, daß die Historia Ducum das Zuge-
ständnis des Kaisers vergrößert, um den anschließenden Wortbruch in umso schwärzeren
Farben erscheinen zu lassen. Ein Handelsmonopol für Venedig hätte nur dann Sinn gehabt,
wenn auch die Pflichten der Venezianer entsprechend angehoben worden wären, wovon
nichts bekannt ist. Ein Täuschungsmanöver ist möglich, aber das Angebot eines "Monopols"
wäre so groß gewesen, daß es in Venedig hätte Mißtrauen wecken müssen. Denkbar ist aller-
dings, daß Manuel den Venezianern 1169 noch einmal ihre Privilegien garantiert und in die-
sem Zusammenhang seine möglichen Pläne, Ancona als Konkurrentin Venedigs aufzubauen,
aufgegeben hat, was dann von der Historia Ducum fälschlich als Angebot eines Handelsmo-
nopols interpretiert worden ist.
Venedig nahm das byzantinische Versöhnungsangebot an, und noch im Spätsommer des-
selben Jahres kehrten die Venezianer in die Romania zurück. Für wie sicher man in Venedig
die Aussöhnung gehalten hat, geht aus den Handelsdokumenten hervor. So schloß der Kauf-
mann Romanus Mairano 1169 mit dem Patriarchen von Grado einen Pachtvertrag ab, der
ihm gegen eine Zahlung von jährlich 500 veronesischen Pfund die Maß- und Gewichtsrechte
innerhalb des Quartiers in Konstantinopel, so weit sie dem Patriarchen gehörten, sicherte.
Der Vertrag galt für sechs Jahre236. Mairano hatte lange Zeit in der Romania gelebt und noch
länger mit den Griechen Handel getrieben, so daß man ihm durchaus Vertrautheit mit den
dortigen Verhältnissen unterstellen kann. Daß er 1169 einen solchen Vertrag über einen
derartigen Zeitraum mit einer so großen [479] Schuldensumme abschließen konnte, ist ein
guter Beweis für das Gefühl der Sicherheit, das man 1169 in den venezianischen Handelskrei-
sen gehegt hat.
Es ist nicht auszuschließen, daß der Zusammenbruch des Bündnisses mit Ungarn Vene-
dig die Aussöhnung mit Byzanz erleichtert hat. Auch erschien in dieser Zeit wieder der deut-
sche Kanzler Christian von Mainz in Italien, was zeigte, daß Barbarossa seine italienischen
Pläne trotz der Katastrophe von 1167 nicht völlig aufgegeben hatte237. Es mag gut sein, daß
auch das Wiederaufleben der deutschen Gefahr beide Mächte, Byzanz wie Venedig, dazu
gebracht hat, sich wieder miteinander zu versöhnen, um gemeinsam den deutschen Bestre-
bungen Widerstand zu leisten. Hierfür spricht auch die Wiederaufnahme von Verhandlungen
zwischen Byzanz und den beiden anderen großen Seestädten Italiens, Genua und Pisa, und
236
MdRD Nr. 245 (Januar 1172) Venedig: et mense ac inditione de tota nostra ripa de Constantinopoli et domi-
bus et tabernis et stateris, ac rubis, ponderibus quoque atque mensuris ad vinum et oleum et mei mensurandis et
de toto quantum patriarchatus noster in Constantinopoli habere visus esset ... Die Katastrophe von 1171, die
die Nutzung dieser Konzession unmöglich machte, hätte auch Mairano fast in den Bankrott getrieben, cf.
HEYNEN, Kapitalismus S. 102ff.
237
Cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 161ff.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 353
der Abschluß eines Vertrages mit Genua, der sich eindeutig gegen den deutschen Kaiser
gerichtet hat.
Verhandlungen mit Pisa und Genua 1169 – 1170
Wir haben gesehen, daß beide Städte in den frühen sechziger Jahren mit dem deutschen Kai-
ser ein Bündnis gegen Sizilien abgeschlossen hatten, das nur wegen erneuter pisanisch-genuesi-
scher Auseinandersetzungen nicht zum Tragen gekommen war. Noch im Sommer 1167 hat-
ten die Pisaner dem Kaiser versprochen, eine größere Flotte gegen Sizilien zu mobilisieren238.
Aber die Katastrophe der Deutschen vor Rom bereitete allen diesen Plänen ein Ende. Schon
wenig später weigerten sich die Genuesen sogar, "aus Liebe zu den lombardischen Städten",
wie der pisanische Chronist anzüglich schreibt239, dem Erzbischof von Köln, Philipp von
Heinsberg, Schiffe für die Überfahrt in die Provence zur Verfügung zu stellen, wozu die Pisa-
ner sich immerhin noch bereitfanden240. Dafür unterhandelte Pisa bereits im Dezember 1167
mit Sizilien über einen Frieden, allerdings ohne Erfolg241. Im Juli 1169 kam es [480] dann
doch zu einem Abschluß242. Auch Genua verhandelte in dieser Zeit mit den Normannen243.
Es ist eindeutig, daß sowohl Genua als auch Pisa sich in dieser Zeit von dem Bündnis mit
Deutschland gelöst haben, ohne allerdings völlig die Seiten zu wechseln. Eine weitere Unter-
stützung Deutschlands hätte die Positionen beider Städte in Oberitalien gefährdet. Zudem
litt ihr Handel mit Sizilien und Byzanz. Da ein Sieg Barbarossas nicht mehr zu erwarten war,
ist dies Verhalten gut erklärlich. Andererseits scheint man auch nach 1167 immer noch die
Macht der Deutschen gefürchtet zu haben. Offen gegen sie Partei nehmen wollte man daher
auch nicht.244
In dieser Situation schickten beide Städte Gesandte nach Konstantinopel: Pisa den Kon-
sul Albertus sowie Marcus Conti und den Richter Burgundio245, Genua den Amico da Mur-
ta246, und baten um Wiederzulassung ihrer Kaufleute in die Romania (Genua) bzw. um
Rückverlegung ihres Quartiers nach Konstantinopel hinein und um Nachzahlung der seit
fünfzehn Jahren von Byzanz nicht mehr gezahlten Jahrgelder (Pisa). Diese Verhandlungen
müssen sehr schwierig gewesen sein, da sie sich über Jahre hinzogen. Pisa erhielt erst im Juli
1170 ein Chrysobull, Genua deren gleich drei: Im Oktober 1169, im Mai 1170 und schließ-
238
ANNALES PISANI S. 41.
239
ANNALES PISANI S. 46: propter amorem civitatum Lombardie.
240
ANNALES PISANI S. 46f.
241
ANNALES PISANI S. 44.
242
ANNALES PISANI S. 49.
243
Cf. LANGER, Genua und Pisa S. 145f.
244
Cf. LANGER, Genua und Pisa S. 140, 146.
245
ANNALES PISANI S. 54; zu der Person des Burgundio cf. jetzt ausführlich CLASSEN, Burgundio von
Pisa passim.
246
ANNALES IANUENSES S. 213; zu der Chronologie beider Gesandtschaften cf. auch LANGER, Genua
und Pisa S. 160ff.
354 Kapitel XVI
lich endgültig und abschließend im Juli/August desselben Jahres247. Es wird hierbei kaum um
das Ausmaß der Vergünstigungen gegangen sein, auf die Genuesen und Pisaner hofften, als
vielmehr um die Verpflichtungen, denen sie nicht zustimmen wollten. Offenbar waren sie
zwar bereit, das offensive Bündnis mit Barbarossa gegen Sizilien (und damit ja auch gegen
Byzanz) aufzugeben, andererseits wollten sie sich aber auch nicht in eine Allianz gegen die
Deutschen hineinziehen lassen, was bis zum Sommer 1170 noch Manuels Ziel gewesen ist, so
daß die Verhand-[481]lungen praktisch blockiert waren.
Die Privilegien für Genua 1169 – 1170
Im Oktober 1169 kam der Kaiser schließlich mit dem genuesischen Gesandten zu einem
Abschluß248: Genua erhielt ein Quartier außerhalb Konstantinopels zugewiesen, das Kom-
merkion wurde auf vier Prozent gesenkt, allerdings nur für den Handel Genuas in Konstan-
tinopel. Außerdem erhielten Kommune und Erzbischof Jahrgelder in Höhe von 560 Nomis-
mata und drei Pallia Seide zugesprochen, die für die nächsten sechsundzwanzig Jahre im vor-
aus bezahlt werden sollten. Dafür hatten Genuesen, die sich in der Romania aufhielten, bei
einem Angriff auf die Provinzen, wo sie gerade waren, bzw. auf das Reich insgesamt an der
Verteidigung teilzunehmen. Wichtiger sind jedoch andere Punkte: Genua gab eine Sicher-
heitsgarantie ab für alle byzantinischen Truppen, Gelder, Materialien, Schiffe etc., die von
Genua aus gegen wen auch immer eingesetzt werden würden. Dieser Punkt, zusammen mit
einigen anderen, die ausdrücklich nicht schriftlich festgehalten wurden, konnte nichts anderes
bedeuten als eine Einbindung Genuas in die Allianz gegen Barbarossa. Offenbar suchte Ma-
nuel, abgesehen von der Tatsache, daß Genua sich überhaupt gegen die Deutschen erklärte,
eine zweite Verbindung zu den lombardischen Städten, um so in Oberitalien seinen Einfluß
noch weiter vergrößern und vor allem von Venedig unabhängiger werden zu können.
Man hat dies allgemein als Beweis für die Fortdauer der imperialen Pläne Manuels ge-
nommen, der eben immer noch Italien sich habe unterwerfen wollen249, doch ist diese Inter-
pretation abzulehnen. Solange der byzantinische Kaiser an dem Bündnis mit Sizilien festhielt,
war an eine erneute Festsetzung der Griechen in Italien nicht zu denken. In Unteritalien wäre
sie auf den erbitterten Widerstand der Normannen gestoßen, im Adriaraum auf denjenigen
Venedigs, und es braucht wohl nicht eigens ausgeführt zu werden, daß die lombardischen
Städte kaum gegen Deutschland kämpften, um sich Byzanz unterwerfen zu können. Sie leiste-
ten dem Byzantiner zwar unter Umständen einen Lehnseid, wie etwa Mailand250, [482] aber
das war nicht mehr als eine gegen den deutschen Kaiser gerichtete Geste: ein weiteres Detail in
247
Zu den Bestimmungen der einzelnen Chrysobulle für Pisa und Genua cf. oben Kap. III S. 76ff. (Pisa) und
Kap. IV S. 87ff. (Genua).
248
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1488 (Oktober 1169) und oben S. 76ff.
249
Cf. u. a. KAP-HERR, Politik Manuels S. 77; LANGER, Genua und Pisa S. 162f. ; zuletzt DAY, Byzantine-
Genoese Diplomacy S. 404f.
250
Cf. CLASSEN, Mailands Treueid passim.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 355
der weitgespannten Auseinandersetzung mit den Deutschen, die auf allen Ebenen ausgetragen
wurde. Auch Manuel dürfte dies so gesehen haben.
Der genuesische Gesandte blieb zunächst in Konstantinopel und bemühte sich um eine
Verbesserung der Bedingungen. Er erreichte schließlich eine Verlegung des den Genuesen zu-
gesagten Quartiers nach Konstantinopel hinein, mußte dafür allerdings eine Herabsetzung
der Jahrgeldervorauszahlung von sechsundzwanzig auf zehn Jahre akzeptieren. Die Verpflich-
tungen Genuas blieben unverändert251.
Mit diesem abgeänderten Chrysobull wurden drei byzantinische Gesandte nach Genua
geschickt, um dort die Ratifizierung vornehmen zu lassen, während Amico da Murta zunächst
noch in Konstantinopel blieb und erst später nachfolgte252. Auf ihrem Weg besuchten die Ge-
sandten auch Papst Alexander XII. und führten Leo Frangipani, einem wichtigen Parteigänger
des Papstes, eine byzantinische Prinzessin als Braut zu253. Es ist offensichtlich, daß Manuel zu
dieser Zeit noch eifrig an seinen gegen Deutschland gerichteten Bemühungen gearbeitet hat.
Die Bürgerschaft Genuas nahm die von den byzantinischen Gesandten vorgelegten Ab-
machungen nicht an. Als Begründung geben die genuesischen Annalen an, daß die Kommune
erst die Ankunft ihres eigenen Gesandten habe abwarten wollen. Als er endlich dives et felix
angekommen sei, hätten sich große Diskrepanzen zwischen den Ausführungen der byzantini-
schen Gesandten und dem Inhalt des (auch von da Murta überbrachten) Vertrags herausge-
stellt, so daß man eine Ratifizierung abgelehnt und da Murta nach Konstantinopel zurückge-
schickt habe, um einen neuen Vertrag auszuhandeln254. Diese Darstellung ist mit großer
Wahrscheinlichkeit unrichtig. Wenn die griechischen Gesandten tatsächlich eine gefälschte
Urkunde vorgelegt hätten, so hätte Genua immer noch auf den [483] Text da Murtas zurück-
greifen und diesen ratifizieren können. Zudem sagen die genuesischen Annalen ziemlich ein-
deutig aus, daß es nicht um den schriftlichen Text ging, sondern um die Aussagen der Ge-
sandten255, d. h. wohl um die mündlichen Zusatzvereinbarungen, die nicht schriftlich nieder-
gelegt worden waren256. Ein Vergleich zwischen dem nicht ratifizierten Exemplar und dem
schließlich abgeschlossenen Vertrag zeigt, daß es bei den von den Genuesen abgelehnten Klau-
seln fast ausschließlich um die gegen Deutschland gerichteten Punkte ging, die Genua nicht
akzeptieren wollte. Hier wäre ein Fälschungsversuch Manuels grotesk. Nicht daß er dem Kais-
er nicht zuzutrauen wäre. Aber er wäre sinnlos gewesen. Spätestens in dem Moment, wo der
251
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1497 (Mai 1170) und oben S. 90ff.
252
ANNALES IANUENSES S. 234f.
253
DÖLGER, Regesten Nr. 1496 (Mai 1170).
254
ANNALES IANUENSES S. 234ff.
255
ANNALES IANUENSES S. 235: et tanta discrepantia facti et verborum differentia claruit inter ea que legati
imperatoris consulibus dixerant et que scriptis illorum continere videbantur, quia honeste non potuit locum con-
cordia invenire, cum minime legatos deceat mandati fines excedere nec iniunctum sua pericia preterire.
256
S. oben S. 88 und 96 Anm. 31; cf. auch DAY, Byzancine-Genoese Diplomacy S. 396ff.
356 Kapitel XVI
genuesische Gesandte heimgekehrt wäre, wäre der Schwindel aufgeflogen, und Genua hätte
sich mit Sicherheit nicht mehr an die Vereinbarungen gebunden gefühlt.
Das ganze Problem klärt sich einigermaßen, wenn wir berücksichtigen, daß Genua in die-
sen Jahren beileibe nicht die geschlossene Macht dargestellt hat, die man vermuten könnte. In
der Stadt tobten heftige Parteikämpfe257. Wir werden kaum fehlgehen, wenn wir annehmen,
daß diese internen Auseinandersetzungen nicht zuletzt durch unterschiedliche Einstellungen
gegenüber den Deutschen versursacht worden sind. Ebenso wie es sicherlich eine Gruppierung
in der Kommune gegeben hat, die den lombardischen Städten zuneigte und die Deutschen be-
kämpfte258, hat es eine gegeben, die einen Anschluß an den deutschen Kaiser beführwortet
hat259. Eine [484] dritte wird wohl versucht haben, sich aus dem ganzen Trubel herauszuhal-
ten. Amico da Murta dürfte zu der ersten Gruppe gehört haben, und es mag gut sein, daß er in
bewußter Überschreitung seiner Kompetenzen den deutschfeindlichen Klauseln in dem Ver-
trag zugestimmt hat, um auf diese Weise seine Vaterstadt in den Kampf gegen Barbarossa
hineinzuziehen. Das ging der Mehrzahl der Genuesen zu weit, aber die Gruppe um da Murta
dürfte dennoch stark genug gewesen sein, um eine Bestrafung ihres Gesandten zu verhindern.
Man rettete sich, indem man den Byzantinern den schwarzen Peter zuschob und so da Murta
salvierte260.
Im Juli/August 1170 ist der neue Vertrag von Manuel gebilligt worden. Die deutsch-
feindlichen Klauseln wurden gestrichen, es blieben nur die "defensiven" Allianzverpflich-
tungen Genuas bestehen. Die Privilegien für die Stadt blieben unverändert.
Das Privileg für Pisa 1170
Ebenfalls im Juli 1170 wurde ein Vertrag mit Pisa geschlossen, der auf beiden Seiten praktisch
eine unveränderte Erneuerung des alten Privilegs von 1111 und seiner Nachfolger beinhaltet
hat261. Auch dies verwundert zunächst. Pisanische Gesandte waren ebenfalls seit 1168 in Kon-
stantinopel. Die Verhandlungen haben sich demnach rund zwei Jahre hingezogen. Hierzu
kann beigetragen haben, daß Pisa 1168 und 1169 in den Kreuzfahrerstaaten eine eher un-
freundliche Rolle gespielt hat. Die Pisaner traten hier in den ägyptischen Eroberungsplänen
des Königs von Jerusalem praktisch als Alternative zu den Griechen auf262. Dennoch dürfte –
aus der Parallelität zu Genua heraus – der wichtigste Faktor für die lange Dauer der Verhand-
257
ANNALES IANUENSES S. 214ff. (für 1169); cf. auch LANGER, Genua und Pisa S. 140ff.; zuletzt DAY,
Involvement S. 197ff.
258
Wie man aus der Weigerung der Genuesen ersehen kann, dem Erzbischof von Köln Schiffe für die Fahrt in
die Provence zur Verfügung zu stellen. Dies geschah "wegen der Zuneigung zu den Städten der Lombardei",
s. ANNALES PISANI S. 46.
259
Diese Gruppierung dürfte für das Bündnis mit Deutschland 1162 gegen Sizilien verantwortlich sein.
260
Cf. oben S. 96 und bes. Anm. 32.
261
DÖLGER, Regesten Nr. 1499 (Juli 1170) und oben S. 76ff.
262
Cf. LILIE (1993) S. 311 und 315f. und die Ausführungen bei FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land
(1989).
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 357
lungen das (vergebliche) Bemühen Manuels gewesen sein, die Pisaner in ein offenes Bündnis
gegen Deutschland zu ziehen. Das hat die Kommune abgelehnt. Auch sie zog es offenbar vor,
einen neutralen Kurs zwischen dem deutschen Kaiser und seinen Feinden zu steuern und zu
versuchen, mit allen Mächten einigermaßen gute Beziehungen zu unterhalten. [485]
Erneute Verhandlungen mit den Deutschen und Normannen 1170 – 1174
Warum hat Byzanz nachgegeben? Um eine reine Laune des Kaisers wird es sich kaum gehan-
delt haben, und ebensowenig ist anzunehmen, daß die Weigerung Genuas, auf einen deutsch-
feindlichen Vertrag einzugehen, Manuel zur Aufgabe seiner bisherigen Italienpolitik gebracht
hat, wie es beispielsweise von G. Day unterstellt wird263.
Die Jahre zwischen 1170 und 1173 sehen einen völligen Umschwung der byzantinischen
Italienpolitik. Im Frühjahr 1170 verfolgt Manuel noch seine deutschfeindlichen Pläne und
schließt einen dementsprechenden Vertrag mit Genua. Im Sommer 1170 verzichtet er und
begnügt sich mit einer Defensivallianz, die auch mit Pisa abgeschlossen wird. Im Frühjahr
1171 bricht er mit Venedig, ein Jahr später mit den Normannen, und 1173 stehen die Byzan-
tiner, wie schon in den fünfziger Jahren, wieder in Ancona. Das heißt, daß die alte, deutsch-
feindliche Allianz, soweit sie Byzanz betraf, in diesen Jahren zusammengebrochen ist.
Es liegt nahe, diesen Vorgang mit der Anwesenheit des deutschen Gesandten im Sommer
des Jahres 1170 in Konstantinopel in Verbindung zu bringen. Und es ist nicht irgendein Ge-
sandter, sondern der deutsche Kanzler, Christian von Mainz, der zu dieser Zeit als Legat des
deutschen Kaisers in Italien tätig war264. Was konkret verhandelt worden ist, wissen wir nicht.
Doch ging ein Jahr später eine byzantinische Gesandtschaft nach Deutschland, die u. a. über
eine Heirat zwischen Maria, der Tochter Manuels, und einem Sohn Barbarossas verhandeln
sollte265. 1172 ist Bischof Konrad von Worms als deutscher Gesandter in Konstantinopel, wo
wir auch den Herzog von Sachsen und Bayern, Heinrich den Löwen, antreffen266. 1174
schließlich ist noch einmal eine byzantinische Gesandtschaft in Deutschland nachweisbar267.
[486] Wie wir gesehen haben, war es bis ungefähr 1156/57 Manuels Ziel gewesen, Teile
Italiens für Byzanz zurückzugewinnen. Er hatte dies im Bündnis mit Deutschland versucht.
Erst als er erkennen mußte, daß der deutsche Kaiser nicht daran dachte, ihn hierbei zu unter-
stützen, sondern Italien für sich selbst wollte, hatte er das Ruder herumgeworfen und sich mit
den Normannen verbündet, um wenigstens eine Eroberung Italiens durch die Deutschen, die
für Byzanz bedrohlich sein würde, zu verhindern. Aber das Bündnis mit Sizilien machte eine
gleichzeitige Realisierung der byzantinischen Ansprüche auf Italien unmöglich. Nach 1167
schien immerhin das Minimalziel einer Abwehr der Deutschen erreicht. Friedrich Barbarossa
263
DAY, Byzantine-Genoese Diplomacy passim und bes. S. 405.
264
Cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 227f.
265
DÖLGER, Regesten Nr. 1503 (ca. August 1171); cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 228.
266
Cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 231 ff.; bes. OHNSORGE, Byzanzpolitik passim und bes. S. 468ff.
267
DÖLGER, Regesten Nr. 1517 (Anfang 1174); cf. OHNSORGE, Byzanzpolitik S. 468.
358 Kapitel XVI
sah sich von der Verwirklichung seiner Absichten in Italien weiter entfernt denn je. In den
folgenden Jahren bröckelte die deutsche Machtstellung in Oberitalien weiter ab. 1170 ging
sogar das bis dahin kaisertreue Pavia zu den Lombarden über268. Es war bekannt, daß der lom-
bardische Städtebund von Byzanz mit Geld unterstützt wurde, und auch, daß die Griechen
sogar danach strebten, die Kaiserkrone des Westens den Deutschen abzunehmen und sich
selbst anzueignen. Auch Friedrich hegte derartige Befürchtungen269. Aber Byzanz war ande-
rerseits der einzige Gegner, der unter Umständen auf die deutsche Seite gezogen werden
konnte. Die lombardischen Städte, Venedig, Sizilien oder das Papsttum zu gewinnen, war
unmöglich, wenn Friedrich nicht wesentliche Teile seiner Ansprüche opferte. Bei Byzanz war
solches nur in geringerem Maße der Fall. Der Preis Manuels war bekannt: Überlassung von
Teilen Italiens. Wenn nun der byzantinische Kaiser 1170–1172 alle deutschfeindlichen Pläne
aufgegeben und sogar mit Venedig und Sizilien gebrochen hat, so gibt es im Licht der eben
vorgetragenen Überlegungen nur eine Erklärung für diesen Kurswechsel: Der deutsche Kaiser
muß Manuel die Erfüllung seines alten Wunschtraums angeboten haben: Die Überlassung
von Teilen der italienischen Halbinsel. Und zwar muß dieses Angebot, auch wenn es noch
nicht zu einem regelrechten [487] Vertrag führte, schon 1170 so konkret gewesen sein, daß
Manuel im Vertrauen auf seine Richtigkeit die weitere Verfolgung seiner deutschfeindlichen
Politik eingestellt hat. Dann allerdings erklärt sich die Ratifizierung der Verträge mit Genua
und Pisa ohne Schwierigkeiten. Der Kaiser war an den deutschfeindlichen Klauseln nicht
mehr interessiert. Sie waren durch die politische Entwicklung überholt worden. Umgekehrt
mußte er jetzt aber die Feindschaft der Normannen und der Venezianer fürchten, die durch
den Bündniswechsel des byzantinischen Reiches automatisch zu Feinden wurden. Damit
wurde der defensive Aspekt der Verträge mit Genua und Pisa für Byzanz interessant. Der
Abschluß beider Verträge mit ihren geänderten Bedingungen ist somit durchaus folgerichtig
und ergibt sich aus der geänderten Politik Manuels.
Der Umschwung der Haltung des byzantinischen Kaisers, der die bisherigen Verhältnisse
völlig auf den Kopf stellte, mußte in Sizilien äußerste Besorgnis auslösen. Ein Bündnis zwi-
schen Byzanz und Deutschland war für die Normannen lebensbedrohend270. So ist es kein
268
Cf. CLASSEN, Politica di Manuele S. 271 Anm. 22.
269
Daß die Übertragung der Kaiserkrone zutiefst mit den italienischen Auseinandersetzungen verknüpft
gewesen ist, zeigt sich auch darin, daß diese Translation ursprünglich von der italienischen Seite ins Spiel
gebracht worden ist, cf. OHNSORGE, Byzanzpolitik S. 468.
270
Aus zwei, von DÖLGER, Regesten Nr. 1492 auf Ende 1169 datierten Briefen Manuels an Saladin, in de-
nen der Kaiser den Sultan vor bevorstehenden Angriffen Siziliens warnt, könnte geschlossen werden, daß
der Kaiser schon im Winter 1169/70 zum Bruch mit den Normannen entschlossen gewesen ist. Aber die
von Dölger vorgeschlagene Datierung ist willkürlich. In dem von ABU SHAMA, Livre des deux jardins S.
117 wiedergegebenen Brief Saladins heißt es nur, daß der Sultan vor seiner Abreise aus Ägypten zwei Briefe
des Kaisers erhalten habe. Diese Abreise ist 1174 erfolgt. Wann die Briefe geschrieben worden sind, ist
nicht mehr zweifelsfrei zu ermitteln. Da im Anschluß von langjährigen Flottenrüstungen Wilhelms II. und
dem Angriff der Normannen die Rede ist, der 1174 stattgefunden hat, wäre ein Datum ca. 1173 wohl am
wahrscheinlichsten. Zu dieser Zeit stand Sizilien in Feindschaft zu Byzanz. Das Reich war weitgehend
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 359
Wunder, daß es wenig später zu erneuten Heiratsverhandlungen zwischen Wilhelm II. und
Manuel gekommen ist. Der Anstoß hierzu scheint von Byzanz ausgegangen zu sein, obwohl
auch das Gegenteil nicht auszuschließen ist271. Das muß nicht eine Abkehr von den gerade
angelaufenen Verhandlungen mit Deutschland bedeuten. Ebenso ist denkbar, daß Manuel
den deutschen Kaiser unter Druck setzen wollte, um seinen Forderungen den nötigen Nach-
druck zu verleihen. Wie dem auch sei, im Frühjahr 1172 schien eine Einigung mit Sizilien
unmittelbar bevorzustehen. W. Ohnsorge hat überzeugend herausgestellt, wie Manuel im
Frühjahr 1172 durch die Drohung mit einer Verheiratung seiner Tochter Maria mit dem
Normannenherrscher die deutschen Gesandten dazu gebracht hat, die byzantinischen For-
derungen nach Landbesitz in Italien zu akzeptieren272. Damit schien der Kaiser sein Ziel
erreicht zu haben. Er brach die Verhandlungen mit Sizilien, die praktisch schon erfolgreich
abgeschlossen waren, in brüsker Weise ab. Ein Jahr später standen die Byzantiner wieder in
Ancona, um den Preis für die Zusage ihres Kaisers einzufordern.
Daß Friedrich seine Versprechungen ernst gemeint hat, ist zu bezweifeln. Die Äußerun-
gen des Staufers in diesen Jahren sind eher von byzanzfeindlichen Gefühlen geprägt273. Aber
das ist gleichgültig. Entscheidend ist, daß der deutsche Kaiser gegenüber Byzanz den Eindruck
vermittelt hat, daß er zum Nachgeben [489] bereit sei, und dies schon 1170, was Manuel dazu
veranlaßt hat, seine gegen Deutschland gerichtete Politik aufzugeben.
isoliert, und der Flottenzug der Normannen gegen Ägypten mußte für Manuel unerfreulich sein, da er die
Position des byzantinischen Reiches als des wichtigsten Verbündeten der Kreuzfahrerstaaten bedrohte, so
daß die Botschaften Manuels hier ihre Erklärung finden. DÖLGER, Regesten Nr. 1493 setzt auch den
Friedensschluß zwischen Saladin und Byzanz auf Ende 1169 an und bringt ihn offensichtlich in Zusam-
menhang mit den Briefen. Jedoch sind weder Kinnamos noch Niketas Choniates, die er als Quellen angibt,
in diesem Sinne auszuwerten. Beide stellen naturgemäß den Friedensschluß an das Ende der Expedition
gegen Damiette, doch spricht nichts dafür, daß Manuel sofort Friede geschlossen hat. Er hatte ihn nicht
nötig. Im Gegenteil deutet die Anwesenheit Amalrichs I. in Konstantinopel 1171 darauf hin, daß die Fran-
ken zu dieser Zeit noch als Bündnispartner gegen Saladin mit Byzanz rechneten, was kaum der Fall gewesen
wäre, wenn es zwischen Manuel und Saladin schon zu einem förmlichen Friedensschluß gekommen wäre.
1173/74, als Byzanz in großer Isolation dastand, ist er wahrscheinlicher, allerdings auch dann nicht zwei-
felsfrei beweisbar; cf. auch LILIE (1993) S. 206ff.
271
Sowohl NIKETAS CHONIATES S. 170 als auch ROMUALD VON SALERNO S. 439 lassen das
Heiratsangebot von Manuel ausgehen. Trotzdem sind Zweifel erlaubt. Daß der normannische Chronist
Byzanz als Urheber hinstellt, ist verständlich. Es erhöhte das Prestige seines Königs, wenn Manuel nun
schon zum zweiten Mal mit einer solchen Bitte an ihn herantrat, und die schlußendliche Brüskierung
Wilhelms zeigte so die Niedertracht des Byzantiners um so besser. Niketas aber kennt überhaupt keine
außenpolitischen Motive, sondern stellt die Heiratsverhandlungen in den ausschließlichen Zusammenhang
mit der Ceburt Alexios’ II., die Manuel dazu gebracht haben soll, die Verlobung zwischen dem Ungarn
Bela-Alexios und Maria zu lösen und jetzt eine andere Heirat für seine Tochter ins Auge zu fassen. So habe
er mit Wilhelm verhandelt, diesen Gedanken aber wieder fallen lassen und Maria schließlich mit Rainer
von Montferrat verheiratet (NIKETAS CHONIATES S. 170f.).
272
Cf. OHNSORGE, Byzanzpolitik S. 465ff., bes. S. 475–477.
273
Cf. OHNSORGE, Byzanzpolitik S. 479f.
360 Kapitel XVI
Neben dem Wunsch des Kaisers, in Italien wieder Fuß zu fassen, dürfte das Verhältnis
des Reiches zu Venedig ein weiteres Motiv für das Umschwenken Manuels abgegeben haben.
Die Beziehungen zwischen beiden Mächten waren, wie wir gesehen haben, die ganze Regie-
rungszeit des Kaisers hindurch gespannt gewesen, ihre Eintracht nur künstlich erzwungen
durch den gemeinsamen Feind Deutschland, der beide bedrohte. Wenn jetzt Manuel mit den
Deutschen wieder zusammenging, so war der Zwang zum Bündnis mit der Lagunenstadt von
ihm genommen, ja die Gelegenheit zur endgültigen Abrechnung schien so günstig wie selten
zuvor: Den gemeinsamen Feinden Byzanz und Deutschland zugleich konnte die Kommune
kaum widerstehen. Die Vertreibung aus ihrem Haupthandelsgebiet mußte die Venezianer
wirtschaftlich schwächen, in Dalmatien, wo die Interessen beider Staaten am schärfsten ge-
geneinander standen, war Venedigs Hinterland bedroht, in Italien die Existenz als unabhän-
gige Macht selbst gefährdet. So entschloß Manuel sich zum Bruch mit seinen alten, einst be-
nötigten, jetzt aber verhaßten und gleichzeitig doch gefürchteten Verbündeten.
Der Bruch mit Venedig 1171
Wenn man die allgemeine Situation im Frühjahr 1171 ansieht, ergibt sich, daß Manuel mit
Genua und Pisa im Bündnisverhältnis stand. Zu den Kreuzfahrerstaaten und mit dem Papst-
tum unterhielt er gute Beziehungen. Mit Sizilien und dem deutschen Reich bestanden Friede
oder zumindest kein Kriegszustand. Die Heiratsverhandlungen mit beiden Staaten schienen
Byzanz zudem freie Wahl zu lassen, sich je nach den Gegebenheiten zu entscheiden – freilich
auch mit der Gefahr verbunden, am Ende zwischen allen Stühlen zu landen. Der Weg war also
frei, auch im Reich selbst waren alle Vorkehrungen getroffen. Die byzantinische Flotte lag
bereit, den zu erwartenden venezianischen Gegenstoß abzuwehren und außerdem etwaige ve-
nezianische Handelsschiffe auch auf hoher See abzufangen274. [490] Ebenso waren die Kü-
stenwachen verstärkt worden275. Alles war bereit. Am 12. März 1171 wurden auf Befehl des
Kaisers sämtliche in der Romania weilenden Venezianer gefangengenommen und ihre Habe
konfisziert276. Wie gut der Schlag vorbereitet war, zeigt der Erfolg: Nur aus Halmyros konn-
ten zwanzig venezianische Schiffe entkommen, die anderen fielen in die Hände des Kaisers277.
274
Die Handelsdokumente berichten von einem venezianischen Kauffahrteischiff, das von einer byzantini-
schen Galeere auf der Fahrt von Korinth nach Konstantinopel aufgebracht und nach Rhaidestos gebracht
wurde, wo man die Ladung konfiszierte, s. MdRD Nr. 336 (Januar 1183) Venedig.
275
KINNAMOS S. 283f. berichtet, daß die venezianische Vergeltungsflotte infolge der byzantinischen Kü-
stenschutzmaßnahmen nur wenig ausrichten konnte. Mag dies auch im allgemeinen Tenor des Chronisten
liegen und vielleicht übertrieben sein, so weist es doch auf entsprechende Vorbereitungen hin.
276
DÖLGER, Regesten Nr. 1500 (ca. 12. März 1171); dort auch die ältere Literatur; cf. außerdem BESTA,
Cattura dei Veneziani passim; DANSTRUP, Manuels Coup passim.
277
HISTORIA DUCUM S. 78; DANDOLO S. 250f. (Halmyros); außerdem konnten nach dem Überfall
einige schlecht bewachte Venezianer entkommen, obwohl die byzantinische Flotte sie daran zu hindern
suchte (NIKETAS CHONIATES S. 172). In Konstantinopel allein sollen laut Aussage der HISTORIA
DUCUM S. 78 an die 10.000 Venezianer gefangengenommen worden sein, eine wohl stark übertriebene
Zahl.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 361
Grundsätzlich war dieses Vorgehen ein schwerer Bruch der alten, von Manuel selbst be-
stätigten und erweiterten Privilegien. Johannes II. konnte bei seinem Amtsantritt die venezi-
anischen Privilegien widerrufen, denn er war nicht durch die Verträge seines Vaters gebunden.
Manuel aber hatte die von seinen Vorgängern gegebenen Privilegien selbst erneuert und erwei-
tert. Er mußte also einen Vorwand finden, um seine Aktion mit dem Mantel der Rechtschaf-
fenheit umgeben zu können. Diesen Vorwand lieferten die Venezianer ihm selbst. Sie über-
fielen, wahrscheinlich im Laufe des Jahres 1170, das genuesische Quartier Coparion in Kon-
stantinopel und plünderten es aus. Warum sie solches getan haben, bleibt dunkel. Möglicher-
weise hegten sie große Erbitterung gegen die Genuesen, die gerade weitreichende Privilegien
bekommen hatten, obwohl sie sich geweigert hatten, der antideutschen Allianz beizutreten.
Grundsätzlich könnte man fragen, ob ein solches Vorgehen in Konstantinopel selbst ohne
Wissen und Billigung des Kaisers möglich war. Bei dem Sturm der Pisaner auf das genuesische
Handelsquartier im Jahre 1162 haben wir diese Frage ja verneint278, [491] aber es gibt doch
Unterschiede. Die Zahl der Venezianer war erheblich größer als die der Pisaner 1162, so daß
eine kurze Plünderung aus eigenen Kräften nicht unmöglich erscheint. Zudem dürfte es ein
erheblich kleinerer Angriff gewesen sein: 1162 bezifferten die Genuesen ihren Schaden auf ca.
30.000 Hyperper, 1170 betrug er keine 6.000279. Trotzdem könnte es durchaus sein, daß
Manuel auch hier seine Hände im Spiel gehabt hat und sei es nur, um einen Rechtsgrund für
sein Vorgehen gegen Venedig in die Hand zu bekommen280. Daß er allerdings damit gleichzei-
278
S. oben S. 460ff.
279
Für 1162 s. oben S. 293; für 1170: IMPERIALE, Codice II. S. 215 Anm.: 5.674 1/2 Hyperper.
280
Die ältere Literatur (und auch noch Danstrup) nimmt die Schuld Manuels einhellig an, was aber auf einem
Editionsfehler beruht: Statt cum inde culpabiles (erg. Veneti) essent wurde cum non culpabiles essent gelesen
(cf. die Diskussion bei SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 233). Der Text lautet: Item perditam quoque
emboli de Coparia de novo Ianue dati instanter postuletis de qua similem promissionem habuit a curia iam-
dictus legatus, occasione cuius rapine curia omnem pecuniam Venetorum cepit, cum inde culpabiles essent et
sceleris eiusdem rei, et si absque sententia inde consequi poteritis quod vobis conveniens videatur quocumque
modo, sive pro concordia, sive pro misericordia, vel mercede faciatis. Aus dem letzten Satz geht hervor, daß
man auch in Genua Zweifel hegte, ob Manuel den Schaden ersetzen würde. Andererseits war die Stadt für
Manuel so wichtig, daß sie hoffen durfte, dennoch entschädigt zu werden, zumal, wie in der Quelle steht,
der Imperator Geld und Beute der Venezianer konfisziert hatte. Daß der venezianische Überfall der Anlaß
für die Aktion Manuels war, sagt auch KINNAMOS S. 282, so daß es ein Versehen des genuesischen
Schreibers gewesen zu sein scheint, wenn in den emendationes statt der Venezianer die Pisaner des An-
schlags beschuldigt werden: Ratio perditarum Emboli de Coparia dati de novo Ianuensibus de quibus resti-
tuendis publice imperator et eius curia sententiam dedit et ob hec bona Pisanorum qui rapinam fecerunt cepit
et prediam etiam quam penes habebant sicut fertur (IMPERIALE, Codice II. S. 214 Anm.). Eine Beteiligung
der Pisaner kann zwar bei der Feindseligkeit, die sie gegenüber Genua hegten, nicht völlig ausgeschlossen
werden, wird aber in keiner anderen Quelle erwähnt. Vielleicht handelt es sich um eine unbewußte Ver-
wechslung mit der Plünderung von 1162. Daß die Ursache für die Festnahme der Venezianer nicht in dem
Überfall zu suchen ist, wie es von DAY, ByzantineGenoese Diplomacy S. 402 angenommen wird, sondern
daß dieser nur als Anlaß und Vorwand gedient hat, geht schon allein aus den oben erwähnten Spannungen
zwischen Venedig und Byzanz hervor.
362 Kapitel XVI
tig einen Schlag gegen Genua unternommen haben soll, wie es Danstrup annimmt281, [492]
scheint zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber doch sehr unwahrscheinlich zu sein. Bei einem
Bruch mit Venedig war die genuesische Verteidigungszusage zu wichtig, um leichtfertig aufs
Spiel gesetzt werden zu können.
Laut Aussage der Historia Ducum ist die Aktion Manuels mit der Angst zu begründen,
die der Kaiser vor den Venezianern gehabt habe, die schon so oft gezeigt hätten, was sie zu
leisten imstande wären282. Doch scheint mir dies unwahrscheinlich zu sein. Wenn es so ge-
wesen wäre, hätte Manuel im Gegenteil gerade die Freundschaft Venedigs suchen müssen,
anstatt es sich auf Dauer [493] zum Feind zu machen. Näher schon scheint Niketas Choni-
ates zu liegen, der die Unverschämtheiten und die Arroganz der venezianischen Händler für
den Angriff verantwortlich macht283, ähnlich wie Kinnamos, der allerdings noch zusätzlich
281
DANSTRUP, Manuels Coup S. 205, 209; da Danstrup eine wesentlich andere Darstellung der Ereignisse
um 1171 gibt, als sie hier vorgeschlagen wird, ist es notwendig, kurz auf ihn einzugehen. Nach Danstrup
war Venedig 1169 hinter Genua und Pisa zurückgedrängt (S. 205), da es Manuels wie schon Johannes’
Politik gewesen sei, Venedig, die größte Handelsstadt Italiens, zu neutralisieren (S. 213). In dieser Zeit bot
Manuel Venedig das Handelsmonopol in Byzanz an, wenn es ein Bündnis gegen Deutschland einginge (S.
211). Dies verweigerte Venedig, wofür die Venezianer verhaftet wurden (S. 210). In gleicher Weise soll
Manuel Genua zu einem Bündnis gegen Friedrich I. Barbarossa zu bewegen gesucht haben, was die Kom-
mune abgelehnt habe, weshalb das Genuesenquartier zerstört worden sei (1170: DANSTRUP S. 205,
210f.). Auch Pisa habe später sein Quartier verloren (S. 210). Der Grund war demnach die Ablehnung der
Bündnisangebote, abgesehen davon, daß die Komnenen im ganzen 12. Jahrhundert versucht haben sollen,
die drei Städte gegeneinander auszuspielen (S. 210). Grundsätzlich ist Danstrup vorzuwerfen, daß er nicht
alle Quellen gelesen hat, sondern sich im wesentlichen auf die Regesten Dölgers stützt. Auch die genuesi-
schen Gesandtschaftsinstruktionen kennt er nur aus Heyd, Commerce du Levante. Er kennt weder den
Aufsatz Bestas noch die Arbeit von Schaube, in der bereits die Fehllesung korrigiert wird (s. oben Anm.
280; dies schon bei Bertolotto, den Danstrup ebenfalls nicht heranzieht), so daß schon allein aus diesem
Grund seine Arbeit auf einer falschen Basis beruht. Im übrigen scheint er auch nicht das Lateinermassaker
von 1182 zu kennen, zumindest in der vorliegenden Arbeit nicht zu berücksichtigen, worunter die Dar-
stellung der auf 1171 folgenden Zeit leidet. Ein Bündnisangebot gegen Sizilien wird zwar bei Dandolo er-
wähnt, scheint mir aber zweifelhaft zu sein, und die Plünderung des genuesischen Quartiers als bewußte
Züchtigung wegen Nichtratifizierung des gegen Barbarossa gerichteten Vertrags erscheint aus den oben
dargelegten Gründen nicht sinnvoll, zumal Danstrup dann nicht erklären kann, warum Manuel schließlich
doch einen Vertrag mit Genua abgeschlossen hat. Daß Pisa laut Danstrup (S. 205) 1170 auch zusätzliche
Privilegien bekommen habe, ist abzulehnen, es wurde nur in den alten Stand wiedereingesetzt. Auf die An-
nales Pisani kann man hier nicht bauen, da das Dokument selbst erhalten ist und keine Verbesserungen er-
wähnt. Daß der Doge 1168 alle Venezianer aus Angst vor byzantinischen Repressalien aus der Romania
zurückgerufen habe (S. 205), ist zumindest unvollständig. Ein byzantinisches Bündnisangebot gegen Sizi-
lien kann zwar nicht völlig ausgeschlossen werden, doch dürfte es im Vergleich zu der Dalmatienfrage allen-
falls sekundäre Bedeutung gehabt haben. Danstrups Arbeit beruht auf einer Mischung von guten Ideen
und Unkenntnis wichtiger Quellen und Sekundärliteratur, was ihn vielfach zu falschen Schlüssen verführt
hat.
282
HISTORIA DUCUM S. 78: Timebat (i. e. Manuel) enim illos multum sciens eos multa fecisse.
283
NIKETAS CHONIATES S. 171; zu der Einschätzung der Venezianer von Seiten der Byzantiner allge-
mein cf. LAMMA, Venezia nel giudizio delle fonti byzantine passim, bes. S. 471ff.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 363
die Plünderung des Genuesenquartiers erwähnt284. Doch auch hier ist es nicht wahrschein-
lich, daß Manuel sich in seiner Politik in einem solchen Maße Emotionen des byzantinischen
Volkes zu eigen gemacht hat, wenngleich er sich möglicherweise davon beeinflussen ließ. Der
Hauptgrund dürfte in den divergierenden Interessen beider Staaten in der Dalmatienfrage
liegen, sowie in dem Faktum, daß das Bündnis mit Venedig seinen Hauptgegner – die Deut-
schen – nach 1167 und vor allem nach 1170 verloren hatte. Der Kaiser brauchte Venedig
nicht mehr, und er sah nicht ein, ohne dringende Notlage Jahrgelder und Privilegien an eine
Stadt zu geben, die seine Politik nur dann zu unterstützen bereit war, wenn es ihren eigenen
Zwecken diente, sich in anderen Fällen aber neutral oder sogar feindselig verhielt.
Die Reaktion Venedigs 1171 – 1175
Die Venezianer scheinen völlig überrascht worden zu sein. Das verwundert, denn eigentlich
hätten die byzantinischen Verhandlungen mit Deutschland auch in der Lagunenstadt be-
kannt sein müssen. Aber wahrscheinlich ist man sich nach dem Erfolg der venezianischen
Drohmaßnahmen von 1168/69 zu sicher gewesen und glaubte nicht, daß Byzanz es wagen
würde, Venedigs Seemacht offen herauszufordern.
Als die Nachricht von der Gefangennahme ihrer Mitbürger und der Konfiszierung ihrer
Güter die Venezianer erreichte, war die Reaktion unmittelbar. Binnen eines Vierteljahres
wurde eine Flotte von 100 Galeeren in Dienst gestellt und brach in die Romania auf285. Auf
dem Marsch wurde auch das griechisch beeinflußte Ragusa angegriffen286. Später plünderte
die Flotte Euböa, Ski-[494] ros287, Panagia und einige andere Inseln, um schließlich auf Chios
zu überwintern.
Von byzantinischem Widerstand zur See ist nichts bekannt. Die byzantinische Flotte
scheint sich damit begnügt zu haben, die Dardanellen abzusichern. Erst als die Venezianer
sich, geschwächt durch eine auf Chios ausgebrochene Seuche, anschickten, in ihre Heimat
zurückzukehren, wagte sie sich in die Ägäis hinaus288. Die byzantinische Flotte zählte zu
dieser Zeit zwar rund 150 Einheiten289, aber den Venezianern gleichwertig war sie wohl nicht.
284
KINNAMOS S. 282.
285
HISTORIA DUCUM S. 79; nach DANDOLO S. 251 waren es 120 Schiffe.
286
HISTORIA DUCUM S. 79; DANDOLO S. 251; cf. auch ABULAFIA, Dalmatian Ragusa passim; daß
allerdings Ragusa sich 1171 der Oberhoheit Siziliens unterstellt haben soll, um der venezianischen Attacke
zu entgehen (so Abulafia), scheint mir äußerst zweifelhaft, da Byzanz 1171 mit Sizilien noch gute Kontakte
gepflegt hat, die erst 1172 abbrachen und durch Feindschaft ersetzt wurden. Ab 1172 (auch von Abulafia
diskutiert), scheint es dann allerdings möglich zu sein. 1171 hätte es von Byzanz als unfreundlicher Akt
Siziliens, das zu dieser Zeit ja noch an einer Heiratsverbindung mit Byzanz interessiert war, interpretiert
werden können, was Abulafia übersieht.
287
DANDOLO S. 252; nach Dandolo wurde auch Lemnos geplündert, doch ergibt sich aus der HISTORIA
DUCUM S. 80, daß Lemnos zwar Ziel der Flotte war, aber wegen ungünstiger Winde nicht erreicht wer-
den konnte, so daß man stattdessen Skiros ansteuerte.
288
Zu dem Flottenzug s. auch unten App. S. 631f.
289
NIKETAS CHONIATES S. 172.
364 Kapitel XVI
Zudem konnte eine offene Seeschlacht zwar die Entscheidung bringen, aber eben möglicher-
weise eine Entscheidung, die negativ für Byzanz war, was Manuel anscheinend nicht riskieren
wollte. Es scheint so gewesen zu sein, daß Byzanz sich auf die Verteidigung seiner Küsten be-
schränkte und seine Flotte für den Notfall oder für eine günstige Gelegenheit in Reserve hielt.
Es konnte dies umso mehr tun, als es hoffen durfte, aufgrund seiner Verbindung mit Deutsch-
land Venedig über länger doch in die Kniee zu zwingen.
Über die Erfolge der Küstenverteidigung lassen sich kaum Aussagen machen. Die Inseln
scheinen den Venezianern fast hilflos ausgeliefert gewesen zu sein, während auf dem Festland
Widerstand geleistet worden ist, an dem sich auch die Genuesen beteiligt haben290.
Abgesehen von dem Flottenzug scheinen die Venezianer noch Dalmatien angegriffen zu
haben, allerdings ohne merkbare Erfolge291.
[495] Während der ganzen Zeit der Expedition gingen Gesandtschaften hin und her.
Auf Chios erschien ein byzantinischer Gesandter, der eine venezianische Gesandtschaft, die
nach Konstantinopel gegangen war, zurückbegleitete292. Eine zweite venezianische Gesandt-
schaft, die hierauf in die griechische Hauptstadt ging, wurde von einer weiteren Gegenge-
sandtschaft nach Panagia begleitet293. Im Sommer 1172 trat eine Gesandtschaft die Reise
nach Venedig an294, der in den nächsten Jahren noch zwei weitere gefolgt sind (bis 1175)295.
Doch hatten alle diese Verhandlungen keinen Erfolg, die beiderseitigen Standpunkte waren
nicht zu vereinen. Manuel spielte offensichtlich auf Zeitgewinn296, einmal vielleicht, um eine
weitere Expedition zu verhindern, zum anderen wohl, um seine eigenen Unternehmungen
reifen zu lassen. Die Venezianer dagegen haben vielleicht auf eine friedliche Lösung gehofft,
zumindest waren sie zu erschöpft, um auf sich allein gestellt weitere Unternehmungen zu
wagen. Erst 1175 rafften sie sich zu erneuter Aktivität auf.
Trotz der sofortigen Absendung der Flotte erweckt die Reaktion Venedigs auf den Schlag
Manuels einen merkwürdig unentschlossenen Eindruck. Man plünderte zwar die ägäischen
Inseln, unterhandelte aber gleichzeitig mit Byzanz, was etwa 1122 undenkbar gewesen wäre.
Es hat den Anschein, daß die Venezianer die Auseinandersetzungen nicht haben forcieren
wollen. Dies spricht dafür, daß der Doge mehr gefürchtet haben muß als nur Manuel allein.
Wahrscheinlich hatte er unterdessen die ganze Tragweite der Verhandlungen des Kaisers mit
290
IMPERIALE, Codice II. S. 215 Anm. 2.: Instruktionen für Grimaldi: Er sollte Ersatz für ein vor Halmyros
verlorenes, genuesisches Schiff fordern, dessen Besatzung bei der Verteidigung von Halmyros gegen die
Venezianer mitgewirkt hatte.
291
Cf. FERLUGA, Dalmazia S. 83.
292
DÖLGER, Regesten Nr. 1509 (ca. Anfang 1172).
293
DÖLGER, Regesten Nr. 1510 (ca. April 1172).
294
DÖLGER, Regesten Nr. 1511 (nach Mai 1172).
295
DÖLGER, Regesten Nr. 1512 (nach Mai 1172/vor Sept. 1175).
296
DANDOLO S. 260ff.; HISTORIA DUCUM S. 79ff.; cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S.
261.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 365
Deutschland erkannt und sich deshalb bemüht, den Konflikt friedlich beizulegen, woran
Manuel seinerseits begreiflicherweise nicht mehr interessiert war. In Venedig ist diese Haltung
des höchsten Repräsentanten der Stadt nicht begriffen worden. Als die Flotte ergebnislos
heimkehrte, wurde Vitalis Michael von einer aufgebrachten Volksmenge ermordet297. [496]
Der endgültige Zusammenbruch der byzantinischen Italienpolitik 1173 – 1175
Damit schien der Weg frei für die Rückkehr der Griechen nach Italien. Die Venezianer waren
gedemütigt, Sizilien fürchtete der Kaiser nicht, da er sich auf das Bündnis mit Deutschland
stützen zu können glaubte. Im folgenden Jahr standen die Byzantiner wieder in Ancona. Diese
Besetzung ergibt, wie schon in den fünfziger Jahren, nur dann einen Sinn, wenn Manuel sich
mit Deutschland verbündet glaubte. Sizilien war feindlich, Venedig desgleichen. Wenn nun
auch noch der deutsche Kaiser von vornherein als Feind kenntlich gewesen wäre, wäre eine
byzantinische Landung in Ancona unsinnig gewesen. Die Griechen hätten sich keinesfalls
halten können. Wenn Byzanz aber mit Deutschland verbündet war, war sie sinnvoll. Von
Ancona aus hätten die Verbündeten die freie Wahl gehabt, gegen wen sie sich wenden
wollten. Die Lombardei, Venedig, Mittelitalien, ja selbst das normannische Unteritalien lagen
in ihrer Reichweite.
Aber wie schon in den fünfziger Jahren, so hat Manuel sich auch 1173 Illusionen hinge-
geben. Er berücksichtigte (oder wußte) nicht, daß es Friedrich mit seinem Angebot nur darum
gegangen war, die Allianz seiner Feinde aufzubrechen. Dies war ihm nun gelungen, und Ma-
nuel hatte es sogar noch erleichtert, als er, ohne von Friedrich ausreichende Sicherungen
erhalten zu haben, sowohl mit Venedig als auch mit den Normannen brach. Damit war ihm
sein einziges Druckmittel gegen Deutschland genommen, und anders als sein Vorgänger
Konrad III. fühlte Friedrich I. Barbarossa sich nicht an seine früheren Versprechungen ge-
bunden. Kaum waren die Byzantiner in Ancona gelandet, als auch schon ein deutsches Heer
vor den Mauern der Stadt erschien und sie, unterstützt von einer Flotte Venedigs, zu belagern
begann. Damit war der Zusammenbruch der byzantinischen Pläne offenkundig geworden.
Auch wenn Ancona sich gegen die Angriffe hielt, so war an eine Realisierung der Pläne Ma-
nuels nicht mehr zu denken. Wenig später verließen die Griechen die Stadt. Sie sollten nicht
mehr zurückkehren298.
[497] Aber der Mißerfolg in Ancona bedeutete nicht nur das endgültige Ende des
Traums von der Rückführung Italiens unter die Herrschaft von Byzanz, sondern er hatte
schwerwiegendere Folgen. Im Westen war das Reich jetzt völlig isoliert. Sizilien war von
Manuel selbst vor den Kopf gestoßen worden, Deutschland wollte von seinen Verspre-
chungen an Byzanz nichts mehr wissen, und Venedig stand dem Kaiser ebenfalls feindselig
gegenüber, ja war durch die Besetzung Anconas durch die Byzantiner, die es als direkte Be-
297
Cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 257.
298
Zu den Vorgängen um Ancona 1173 cf. CARILE, Federico Barbarossa, i Veneziani e l’assedio di Ancona;
DERS., Assedio di Ancona; SCHREINER, Dux von Dalmatien.
366 Kapitel XVI
drohung empfinden mußte, sogar an die Seite der Deutschen gedrängt worden, die es bei der
Belagerung der Stadt durch die Entsendung einer Flotte unterstützte299.
Praktisch stand nur noch der Papst auf der Seite Manuels. Der lombardische Städtebund
hatte zwar Ancona gegen die Belagerung durch Deutsche und Venezianer geholfen, aber seine
Verbindungen zu Manuel bröckelten nach 1171 doch mehr und mehr ab. Dennoch war
Byzanz 1173/74 nicht unmittelbar gefährdet. Die fortdauernde Allianz mit Genua und Pisa
gab ihm eine gewisse Sicherheit vor kleineren maritimen Angriffen, große Offensiven aber
waren ebenfalls nicht zu erwarten, solange die Lage in Italien sich nicht geklärt hatte. Dort
standen sich immer noch Deutsche, Lombarden, Normannen, der Papst und die Seestädte
gegenüber300. Die Griechen allerdings waren aus dem Spiel zunächst ausgeschieden. Manuel
hatte keine – oder jedenfalls fast keine – Möglichkeiten mehr, die Entwicklung auf der Halb-
insel in seinem Sinn zu beeinflussen. Ganz hat er sich damit nicht abgefunden. Noch 1174
schickte er eine weitere Gesandtschaft nach Deutschland, wohl um vorzufühlen, ob nicht
doch irgendwie ein Ausgleich zwischen beiden Mächten möglich sein würde301. Aber sie
hatte, wie von vornherein zu erwarten war, keinen Erfolg. Byzanz blieb isoliert. [498]
Neue Verhandlungen mit Genua 1172 – 1174
Es scheint so, daß Genua, obwohl es weiterhin auf der Seite von Byzanz stand, diese fatale
außenpolitische Isolierung des Reiches zum Anlaß genommen hat, um eine weitere Verbes-
serung der ihm 1169/70 gegebenen Privilegien zu erlangen.
Jedenfalls finden wir in den genuesischen diplomatischen Quellen eine weitere Gesandt-
schaftsinstruktion für einen ansonsten nicht bekannten Gesandten, der wohl 1172 nach Kon-
stantinopel gegangen ist302. Der Gesandte soll laut Aussage dieser emendationes vorsichtig
299
Daß die Kommune trotzdem weiterhin mit Sizilien ein gutes Verhältnis hatte, spricht ihrer geschickten
Diplomatie ein gutes Zeugnis aus. Zu dem Einsatz der lombardischen Städte zugunsten Anconas cf.
LAMMA, Aldruda, contessa di Bertinoro S. 385ff.
300
Wobei Genua anscheinend eine vorsichtige Wiederannäherung an Deutschland betrieben hat. Schon 1172
verhandelte Christian von Mainz mit der Kommune, wobei die Genuesen ausdrücklich darauf hinwiesen,
daß sie dem von Byzanz vorgeschlagenen, deutschfeindlichen Vertrag nicht zugestimmt hätten, ebenso wie
einem ähnlichen Angebot der Normannen, s. ANNALES IANUENSES S. 247.
301
S. DÖLGER, Regesten Nr. 1517 (Anfang 1174). Vordergründig ging es natürlich auch diesmal um das vor-
geschlagene Heiratsprojekt zwischen Maria und einem Sohn Friedrichs.
302
Die Instruktionen sind abgedruckt bei IMPERIALE, Codice II. S. 114–116 Anm. 1. Sie sind zwar unter
den Vertrag von 1169 gesetzt, doch müssen sie in jedem Fall später als 1171 liegen, da die Venezianer
grundsätzlich nur in der Vergangenheitsform erwähnt werden (z. B. sicut Veneti soliti erant), die Instrukti-
onen also bereits ihre Vertreibung voraussetzen. Die Pisaner werden in der Gegenwartsform angeführt, die
Instruktionen müssen also auch vor 1182 gelegen haben, da sonst sicher hierauf Bezug genommen worden
wäre, ebenso wie auf den Tod des Kaisers 1180. Am wahrscheinlichsten dürfte die Zeit zwischen 1172 und
1174 (so auch HEINEMEYER, Verträge S. 109) sein, da die Grimaldiinstruktionen zum Teil dieselben
Dinge behandeln, die hier vorliegenden Instruktionen ihrem Charakter nach aber kaum in die Zeit zwi-
schen 1175 und 1177 (Friede Genua – Venedig, nach dem Genua kaum noch solche Forderungen gestellt
haben dürfte) hineinpassen. In den Jahren zwischen 1171 und 1174 dürften sie am wahrscheinlichsten auf
1172 anzusetzen sein: nach dem Scheitern der Eheverhandlungen Manuels. Da in den Instruktionen auf
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 367
auszuforschen suchen, was er für Genua erreichen könne. Von der Maximalforderung soll er
langsam heruntergehen303. An Forderungen Manuels erwartete Genua, daß er wahrscheinlich
eine ständige Abstellung von dreißig Galeeren verlangen werde, die an seinen Kriegen teil-
nehmen sollen304, im übrigen aber die Einhaltung der mit Amico da Murta ausgehandelten
Vereinbarungen.
[499] Als Gegenleistung soll der Gesandte verlangen, daß Byzanz an Genua für die Aus-
lagen, die die Stadt hat, 30.000 veronesische Pfund zahlt, wobei Genua bereit ist, bis auf
20.000 Pfund herunterzugehen. Für die Fertigstellung der Kirche des hl. Laurentius soll
Manuel so viele Nomismata spenden, wie aus ihm herauszuholen sind, außerdem 600 Hyper-
per pro Jahr, die nach Ende des Baus den Kanonikern der Kirche zufließen sollen. Der genue-
sische Erzbischof soll dasselbe Jahrgeld erhalten wie der Patriarch von Venedig (also statt 60
Nomismata zwanzig Goldpfund bzw. 1.440 Nomismata pro Jahr), auf daß Genua um so
treuer zu Byzanz stehe: pro anime sue mercede et ut civitas lanue fidelior semper existat305.
Wenn das nicht zu erlangen ist, soll wenigstens um Gleichstellung mit dem pisanischen Erz-
bischof ersucht werden306. Außerdem soll der Gesandte die völlige Freistellung aller Genuesen
im Reich von allen Abgaben verlangen, auch für die Zeit nach Manuel. Sie sollen im ganzen
Reich freien Handel treiben dürfen, namentlich auch den bis dato den Venezianern vorbehal-
tenen Seidenhandel in Theben und außerdem freie Zufahrt nach Matracha haben, die in dem
Privileg von 1169/70 ja ausdrücklich verboten worden war307. Sie sollen sich im ganzen Reich
derselben Privilegien wie früher die Venezianer erfreuen und dazu in Konstantinopel ein dem
Quartier der Venezianer vergleichbares Embolum erhalten308. Außerdem verlangen die Genu-
Expeditionen Manuels angespielt wird, an denen sich eine ständige genuesische Flotte von dreißig Galeeren
beteiligen sollte (s. Anm. 304), zudem die neue Besetzung Anconas durch Byzanz unmittelbar bevorstand,
könnte man sie vielleicht am besten auf diesen Zeitraum, also die zweite Jahreshälfte 1172 oder Anfang
1173 datieren, was jedoch mangels genauerer Quellen in jedem Fall Hypothese bleibt.
303
IMPERIALE, Codice II. S. 114 Anm.: De maxima conventione de qua sepe mentio est, si fueris appellatus,
declines a principio et caute ac provide studeas percipere et cognoscere illud quicquid utilitatis inde comuni
Ianue consequi posses. IBIDEM S. 115 Anm.: item mementote diligenter pro hac ultima et maxima conven-
tione postulare ...
304 IBIDEM S. 115 Anm.: credimus vero quod in ipsa conventione postulabit quod galeas XXX comune Ianue sibi
armet in expeditionibus suis ad soldos imperiales. Als Entgelt hierfür 30.000 genuesische Pfund zu fordern,
erschien aber wohl selbst den Genuesen irreal, so daß sie bereit waren, langsam feilschend auf 20.000 Pfund
herunterzugehen: ad viginti milia condescendas gradatim et paulatim (IBIDEM S. 115 Anm.).
305
IMPERIALE, Codice II. S. 115 Anm.
306
IBIDEM: de domino archiepiscopo similiter mementote ut quantum dat vel concedit aut dare solitus erat
patriarce Venetorum pro anime sue mercede ... tantumdem ei tribuat vel si melius non possetis, quantum dat
Pisano archiepiscopo imperialis clementia. Diese Forderung war unsinnig, denn laut Privileg von 1111, das
1170 ja ohne Zusätze erneuert worden war, erhielt der pisanische Erzbischof 60 Nomismata und ein
Pallium, also das gleiche wie der Genuas. Augenscheinlich ist man in Genua über diese Dinge nicht genau
informiert gewesen, andernfalls diese Forderung nicht zu erklären wäre.
307
IBIDEM; zu Matracha cf. Kap. VII S. 138ff.
308
Wenn dies nicht zu erreichen ist, soll Gleichstellung mit Pisa angestrebt werden.
368 Kapitel XVI
esen mehr Schutz für ihre Kaufleute in der Romania309: [500] Schaden, den sie erleiden, wäh-
rend sie gemäß den Verträgen von 1169/70 für die Byzantiner kämpfen, soll ihnen ersetzt
werden.
Im übrigen soll in die abschließende Vereinbarung eingefügt werden, daß Genua sich so
lange treu an seine Vereinbarungen halten werde, wie dies auch auf Seiten des Kaisers und sei-
ner Nachfolger der Fall sein werde.
Man sieht, daß Genua im wesentlichen keine politischen Forderungen gestellt hat, dafür
aber eine erhebliche Verbesserung seiner Privilegien und eine Anhebung seiner Jahrgelder
verlangte. Diese sind allerdings zum Teil schlicht unverschämt zu nennen, so die Forderung,
das Gehalt des Erzbischofs von 60 auf über 1.000 Nomismata aufzustocken und für den Bau
der Kirche des hl. Laurentius ein Jahrgeld von 600 Nomismata auszuwerfen. Insgesamt
scheint Genua mit dieser Gesandtschaft den Versuch unternommen zu haben, an die Stelle
Venedigs in der Romania zu treten, die ja seit 1171 verwaist war. Da die Genuesen wohl selbst
gefühlt haben, daß diese Forderung unrealistisch war und zu weit ging, verlangten sie wenig-
stens eine Angleichung an den pisanischen Standard310. Inwieweit diese Forderungen in Kon-
stantinopel durchgegangen sind, ist nicht bekannt, auch nicht, ob die Gesandtschaft über-
haupt nach Konstantinopel abgegangen ist. Letzteres dürfte allerdings der Fall gewesen sein,
da es sich bei solchen Instruktionen kaum um reine Stilübungen gehandelt haben wird. Wie-
viel von den Forderungen akzeptiert worden ist, läßt sich ebenfalls nicht sagen, in keinem Fall
alle. 1174 sollte auch Grimaldi, der nächste genuesische Gesandte an Manuel, um einen jähr-
lichen Beitrag für den Bau der Kirche bitten, allerdings nur um zehn, nicht mehr um sechzig
(und anschließend 600) Nomismata, wie hier geschehen. Auch sollte er sich für eine Erweite-
rung des Embolums ein-[501] setzen311. Insgesamt gesehen machen die Grimaldiinstruktio-
nen einen wesentlich vernünftigeren Eindruck, so daß man daraus unter Umständen schlies-
sen könnte, daß die Gesandtschaft von 1172/73 bei Manuel auf kalte Ablehnung gestoßen ist.
In jedem Fall zeigen die Instruktionen, auf was für Bundesgenossen Byzanz in diesen Jahren,
als ihm der Wind ins Gesicht blies, bauen mußte, für die Zukunft kein allzugutes Zeichen.
Mit dem Rückzug aus Ancona war die Italienpolitik des Kaisers vollständig
zusammengebrochen. Es blieb nur noch die Verbindung zu den Kreuzfahrerstaaten. Wir wer-
309
IMPERIALE, Codice II. S. 115 Anm.: et de lamentationibus quas apud imperialem celsitudinem vel quem-
cumque baiulum seu rectorem locorum deposuerint (erg. Ianuenses), plenam et expeditam iusticiam omnino
consequantur. Das ist eine Verbesserung des Rechtsstands von 1169, da Beschwerden in dem damaligen
Privileg nur secundum quod decens est (IMPERIALE, Codice II. S. 112) erledigt werden sollten, jetzt aber
dem Beschwerdeführer ausdrücklich auch der Weg zu seinen zuständigen baiuli bzw. rectores locorum of-
fengehalten werden soll, eine bei der damaligen Rechtsunsicherheit – wie sie ja auch aus den im folgenden
zu behandelnden Grimaldiinstruktionen ersichtlich wird – sicherlich gerechtfertigte Forderung.
310
Obwohl diese Gleichstellung durch den Vertrag von 1169 in einigen wesentlichen Vertragspunkten eigent-
lich schon erreicht worden war. Anscheinend hat man in Genua wirklich nicht den Inhalt der byzanti-
nisch-pisanischen Verträge gekannt und machte sich von ihnen übertriebene Vorstellungen.
311
Zu den Grimaldiinstruktionen cf. im folgenden.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 369
den sehen, wie Manuel diese benutzen wird. In Italien ging es unterdessen weiter bergab.
Nachdem die Verhandlungen mit Byzanz zu keinem Ergebnis geführt hatten, begann Venedig
sich mehr und mehr Sizilien anzunähern: Vorbedingung für die Wiederaufnahme des offenen
Krieges gegen Byzanz. Daß die Lagunenstadt dies trotz ihrer neuen Verbindungen mit
Deutschland tun konnte, spricht für das Geschick ihrer Diplomaten. Es stand zu erwarten,
daß einem solchen Bündnis bald der Abfall Genuas und Pisas von der byzantinischen Sache
folgen würde, was Ostrom in Italien dann endgültig isoliert hätte. Noch war es nicht soweit,
aber man sah in Genua, wie es um Byzanz stand. Ende 1174 schickte die Kommune eine neue
Gesandtschaft unter dem bevollmächtigten Botschafter Grimaldi nach Konstantinopel, die
eine Erweiterung der genuesischen Privilegien fordern sollte312. Bezeichnenderweise werden
auch in den Instruktionen für Grimaldi keine politischen Forderungen erhoben. Man fühlte
wohl, daß Manuel hierauf keinesfalls eingehen würde. Die Forderungen erstreckten sich
vielmehr auf eine Erweiterung des Quartiers und auf die Regelung [502] von Schadensersatz-
fällen: Grimaldi sollte versuchen, eine Erweiterung des Embolums und der Landetreppe zu
erreichen. Außerdem sollte er um eine dort gelegene Kirche, verschiedene Häuser am Ufer
und eine weitere Landetreppe bitten, so daß das genuesische Quartier eine Einheit bilden
würde, und allgemein möglichst mehr und besseres zu erreichen suchen. Weiter verlangte die
Kommune, daß ihr für die vergangenen neunzehn Jahre die entsprechenden Jahrgelder nach-
gezahlt würden, und zwar 60 Nomismata pro Jahr für den Erzbischof sowie je ein Pallium für
den Erzbischof und zwei für die Stadt313. Wobei man den Gegenwert der drei Pallia auf zu-
sammen 100 Nomismata schätzte, so daß man auf eine Gesamtsumme von 3.040 Nomismata
kam, von denen auf den Erzbischof 1.763 und auf die Kommune 1.277 Nomismata entfielen.
Für den Bau der Kirche des hl. Laurentius sollte der Kaiser zu seiner immerwährenden Ehre
weitere zehn Nomismata pro Jahr spenden, die nach der Fertigstellung den dortigen Kanoni-
kern zufließen sollten. Im übrigen sollte der Gesandte den Versuch unternehmen, die 500
Nomismata Jahrgelder, auf die die Kommune Anspruch hatte, für die nächsten zwanzig Jahre
312
Text der Gesandtschaftsinstruktionen bei IMPERIALE, Codice II. Nr. 96 (26.- 31. Dezember 1174) S.
206–222. Wie wenig man übrigens in Genua seinen eigenen Mitbürgern traute, geht aus dem Eid hervor,
den Grimaldi leisten mußte und in dem er sich verpflichtete, seinen ihn begleitenden Söhnen nicht zu
gestatten, Dienst bei den Byzantinern zu nehmen. Außerdem schwor er, Geschenke, die einen Wert von
mehr als zehn (genuesischen) Pfund hatten, bei seiner Rückkehr der Kommune zu übereignen (vielleicht
eine Reaktion auf die da-Murta-Gesandtschaft, die "reich und glücklich" (ANNALES IANUNSES S.
233f.), aber mit für Genua ungünstigen Vertragsbedingungen aus Konstantinopel zurückgekehrt war).
Andere Punkte des Eides sind hier nicht weiter wichtig (IMPERIALE, Codice II. Nr. 95 (23. Dezember
1174) S. 204f.).
313
Auf ihre eigenen Jahrgelder konnte die Kommune billigerweise keinen Anspruch erheben, da diese ja schon
von Demetrios Makrembolites für vierzehn Jahre im voraus bezahlt worden waren. Die restlichen sechs
Jahre (ab 1169) werden von Byzanz wohl regelmäßig jedes Jahr bezahlt worden sein, da man auf sie keinen
Anspruch erhob (im Rahmen der Vorauszahlung für die nächsten zehn Jahre, cf. die folgende Anmerkung).
370 Kapitel XVI
auf einmal zu erhalten, wenn möglich für noch länger314. Damit enden die "offiziellen" In-
struktionen. Im An-[503] schluß werden die Forderungen einzelner genuesischer Mitbürger
aufgezählt. Schwerpunkt ist die Schadensersatzforderung für das Embolum de Sancta Cruce,
das 1162 von den Pisanern gestürmt und geplündert worden war (29.443 Hyperper). Des
weiteren werden verschiedene genuesische Schiffe angeführt, die in der Romania Schiffbruch
erlitten hatten oder ausgeplündert worden waren und ähnliches. Abgesehen davon forderte
Grimaldi Schadensersatz für die Plünderung des Embolums de Coparia, das 1170 von den
Venezianern überfallen worden war (5.673 Hyperper)315. Diese Forderung scheint berechtigt,
da Manuel in dem Privileg von 1169 und nochmals 1170 den Genuesen Schutz zugesichert
und außerdem ja Geld und Beute der Venezianer durch die Konfiskation von 1171 sicherge-
stellt hatte. Außer diesen mehr oder weniger gerechtfertigten Forderungen bat Genua sogar
um Erstattung von Schäden, die in der Zeit vor 1155 eingetreten waren (insgesamt 6.800 Hy-
perper). Der Schluß der Instruktionen wird von kleineren Anweisungen, zumeist Zahlungen
an Bedienstete, Auszahlung Geschädigter und ähnlichem gebildet.
Die Gesamtsumme dieser "Privatforderungen" betrug 84.360 Nomismata. Ob die Forde-
rungen Grimaldis erfüllt worden sind, läßt sich nicht sagen. Ein neues Privileg hat es anschei-
nend nicht gegeben. Es ist kein Hinweis in den Quellen oder in den späteren Chrysobullen
dafür vorhanden. Da es sich aber andererseits größtenteils um Geldforderungen gehandelt hat,
die zum Teil berechtigt waren, ist es durchaus möglich, daß Manuel sie – zumindest teilweise
– befriedigt hat, ohne dafür gleich ein neues Chrysobull auszustellen. Immerhin beweisen die
Gesandtschaft und ihre Forderungen, daß Genua sich stark genug gefühlt bzw. die Stellung
des Reiches schwach genug eingeschätzt hat, um solche Forderungen zu erheben. Manuel wird
in seiner Lage nicht allzuviele Möglichkeiten gehabt haben, einer zumindest teilweisen Zah-
314
Manuel hatte 1169 der Kommune die Vorauszahlung der Jahrgelder für 26 Jahre bewilligt. 1170 war diese
Vorauszahlung auf zehn Jahre vermindert worden. Da diese Jahrgelder 1170 anscheinend bezahlt worden
sind, hatte Genua eigentlich erst ab 1180 wieder Anspruch auf neue Zahlungen. Aber wie schon 1172/73
fühlte sich die Kommune anscheinend auch jetzt in einer derart starken Position, daß sie noch einmal eine
solche Vorauszahlung fordern zu können glaubte. Wenn LANGER, Genua und Pisa S. 171 meint, daß in
dem letzten Vertrag von 1170 zwischen Manuel und Genua überhaupt nicht mehr von einer Vorauszah-
lung die Rede ist, daß eine solche also nicht geleistet wurde, so hat er im ersten Fall zwar Recht, übersieht
aber, daß die byzantinischen Verpflichtungen in diesem Privileg überhaupt nicht mehr aufgeführt werden,
sondern daß einfach gesagt wird, daß die beiden ersten Privilegien von 1169 und 1170, so weit es die byzan-
tinische Seite betrifft, weiterhin gültig sind. Byzanz hat also anscheinend bezahlt, was auch daraus hervor-
geht, daß Genua 1174 nur die Gelder für den Erzbischof und die drei Pallia pro Jahr nachgefordert hat,
nicht aber die der Kommune zustehenden Zahlungen, die also geleistet worden sein müssen.
315
Aus dem Vergleich mit den anderen Forderungen ergibt sich noch einmal, vie gering der 1170 angerichtete
Schaden gewesen sein muß. Der Schaden im Embolum betrug 5.673 Hyperper. Das bei Halmyros von den
Venezianern verbrannte Schiff war 1.856 Hyperper wert gewesen, das vor Chios verlorengegangene 2.390,
das vor Euböa zerstörte 4.980 Hyperper. Der Wert des Schiffes des Villanus Gauxonus betrug 23.216 Hy-
perper, der eines vor Rhodos verlorenen 5.200 und der des Schiffes des Lanfrancus Guercius 5.350 Hyper-
per. Der Wert der im Embolum zerstörten Waren ist also etwa dem eines beladenen Schiffes mittlerer
Größenordnung gleichzusetzen.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 371
lung auszuwei-[504] chen, wollte er nicht Gefahr laufen, die dringend benötigte Unterstüt-
zung der Kommune zu verlieren. Immerhin blieb Genua noch bis 1177 auf seiner Seite, was
vielleicht darauf hindeuten mag, daß die Forderungen Grimaldis wenigstens zum Teil erfüllt
worden sind.
Der venezianisch–normannische Vertrag von 1175
In den Jahren nach 1171 waren immer wieder Gesandtschaften zwischen Venedig und Kon-
stantinopel hin und her gegangen, um über einen eventuellen Friedensschluß zu verhandeln.
Man war aber zu keinem Ergebnis gekommen, da anscheinend die byzantinischen Gesandten
immer wieder die Verhandlungen in die Länge zu ziehen versuchten316. Nachdem Venedig
eingesehen hatte, daß es so nicht zum Ziel kommen werde, schloß es einen Vertrag mit dem
Königreich Sizilien auf zwanzig Jahre oder mehr, wie Dandolo schreibt317. In diesem Vertrag
sicherte Wilhelm II. den Venezianern Sicherheit für Besitz und Person zu, ausgenommen See-
räuber und Venezianer, die Byzanz unterstützten: ...exceptis cursalibus et illis, qui contra reg-
num nostrum egerint, et exceptis illis, qui fuerint in auxilio Imperatoris Constantinopolitani ad
deffendendum ejus imperium in galeis illis, qui continentur in pacto a duce et commune Venetis
nobis facto. Et si aliquis nostrorum hominum ab illis, qui in ipsis galeis fuerint, capi contigerit,
non minus hoc presens pactum inter nos statutum observabimus318.
Die Normannen erkannten außerdem das Gebiet zwischen Venedig und Ragusa als vene-
zianische Interessensphäre an. Es folgen Vereinbarungen über Rechtsfälle.
In einem zweiten Privileg werden unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die alten Verein-
barungen zwischen Venedig und den Normannen zu Zeiten Rogers II. und Wilhelms I. die
alten Handelsprivilegien der Venezianer bestätigt319.
Diese Abmachungen sind, den Quellen folgend (in erster Linie Dandolo und Niketas
Choniates), als gegen Byzanz gerichtet be-[505] trachtet worden320. Aber es ist eigentlich kein
Punkt zu finden, der gegen Byzanz zu interpretieren wäre. Daß die Schutzzusage für die Ven-
ezianer sich nicht auf Anhänger des Kaisers bezieht, hat nichts zu sagen, denn 1175 dürfte es
kaum noch Venezianer in byzantinischen Diensten gegeben haben, zumal Venedig wohl
ohnehin nach 1171 gegen solche Renegaten vorgegangen wäre321. Auch die Bestimmung über
316
DANDOLO S. 260ff.
317
Vertrag bei TAFEL–THOMAS Nr. 65 (Sept. 1175) S. 172–174; DANDOLO S. 262: Rex ... fedus cum eis
usque ad XX annos et plus, si de parcium consensu proceserit, composuit.
318
TAFEL–THOMAS S. 173
319
TAFEL–THOMAS Nr. 66 (Sept. 1175) S. 174f.
320
Cf. CHALANDON, Comnène II S. 592; DERS., Dom. Norm. II S. 373; ABULAF1A, Two Italies S.
142f.; LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 257f.
321
In den venezianischen Handelsurkunden findet sich allerdings ein Dokument, das sich auf ein Handels-
unternehmen 1175/76 bezieht: MdRD Nr. 273 (März 1176) Theben (Nr. 274 und 275 sind Kopien von
Nr. 273). Das Dokument ist aber so singulär, daß selbst Hypothesen sinnlos sind. Um reine Renegaten
kann es sich bei den beiden Vertragspartnern auch nicht gehandelt haben, da zumindest der eine von
372 Kapitel XVI
Ragusa als Grenze zwischen den Interessensphären beider Staaten kann nicht so interpretiert
werden, zumal beide Bestimmungen nicht neu sind. Sie finden sich in sehr ähnlicher Form
schon in dem Vertrag von 1154322. Weiterhin erklärt Dandolo, daß der Vertrag auf zwanzig
Jahre oder mehr abgeschlossen worden sei. Dies erweckt den Eindruck, daß es sich überhaupt
nicht um einen neuen Vertrag gehandelt hat, sondern daß 1175 nur der alte Vertrag, der
einundzwanzig Jahre vorher abgeschlossen worden war, erneuert worden ist, wobei man ein-
fach die alten Bestimmungen unverändert auf das neue Privileg übertragen hat. Ein solches
Vorgehen ist durchaus üblich gewesen, wie der 1180 zwischen Venedig und Pisa abgeschlos-
sene Vertrag zeigt, der in fast genau demselben Wortlaut 1214 erneuert wurde, obwohl der
Text des Vertrags im Zusammenhang mit der politischen Situation von 1214 schlicht unsin-
nig ist323. [506]
Neue Verhandlungen mit Venedig 1175 – 1179
Dennoch ist auch dieser Vertrag von 1175 in gewisser Hinsicht eine Geste gegenüber Byzanz,
indem er den Griechen zeigte, daß die Lagunenstadt auf ihre Freundschaft nicht angewiesen
war. In demselben Zusammenhang steht die stolze Entlassung der byzantinischen Gesandten
nach Bekanntwerden der venezianisch-sizilianischen Vereinbarungen324. Aber es ist trotzdem
noch einmal darauf hinzuweisen, daß der Vertrag keine direkt gegen das griechische Reich
gerichtete Klausel enthielt, sondern im wesentlichen eine Erneuerung des Paktes von 1154
darstellt. Möglicherweise ist – trotz Niketas Choniates – der Anlaß für diese Vertragserneu-
erung überhaupt nicht oder wenigstens nicht primär in Byzanz zu suchen. Wenn wir der
Historia Ducum folgen, ist der Anstoß zu diesem Vertrag von Sizilien ausgegangen: invitatus
beiden (Vitalis Voltani) auch in Venedig öfter – und ebenso in späterer Zeit – Erwähnung findet (z. B.
MdRD Nr. 305 (April 1179) Venedig).
322
S. oben S. 417f.
323
MÜLLER, Documenti Nr. 18 (13. Oktober/25. November 1180) Venedig/Pisa, S. 20–22; die fragliche
Stelle lautet: Item in Romaniam de Venetia Pisani, donec guerra inter nos (erg. Venetos) et imperatorem Con-
stantinopolitanum fuerit, non ibunt ... Auf den Vertrag von 1214, in dem dies fast wörtlich wiederholt
wird, bezogen, ist es vollkommen sinnlos, denn 1214 kann man von einem Krieg zwischen den Venezia-
nern und dem Kaiser von Konstantinopel nicht sprechen (MÜLLER, Documenti Nr. 57 (Juni 1214)
Venedig: Item statuimus, ut Pisani in Romaniam de Venecia, donec guerra inter nos et imperatorem Constan-
tinopolitanum duraverit, non vadant... Hec omnia suprascripta bona fide sine dolo et fraude a die instanti pro-
ximo Kalendarum Julii usque ad annos decem continuos, observabimus et sic iureiurando firmamus. (MÜL-
LER S. 89). Es handelt sich also nicht nur um eine Rekapitulierung früherer Verträge, sondern alle Punkte –
auch der zitierte – sind integrale Bestandteile des neuen Vertrags. Daß auch der Vertrag von 1154 auf
zwanzig Jahre abgeschlossen worden ist, könnte man der Tatsache entnehmen, daß Dandolo 1175 von
zwanzig Jahren Geltung für den neuen Vertrag spricht. Es begegnet häufig in solchen Verträgen, daß ein
Vertrag auf eine bestimmte Dauer von Jahren abgeschlossen und dann bei jeder Erneuerung um die genau
gleiche Zahl von Jahren verlängert wird, so daß man aus der Parallelität heraus dasselbe vielleicht auch für
die venezianisch-normannischen Verträge von 1154 und 1175 annehraen kann.
324
DANDOLO S. 262: et tunc, omnium conlaudacione, nuncii Emanuelis, iuxta solitum dilaciones exquiren-
tes, 1icenciati sunt.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 373
dux a Guglielmo rege Sicilie legatos ad eum miserat325. Der Normanne wollte also den Vertrag.
Der Grund hierfür könnte auch in dem neuerlichen Vorrücken der Deutschen in Italien lie-
gen. 1173 hatte Venedig ihnen seine Flotte zur Belagerung Anconas zur Verfügung gestellt. Es
war für Sizilien nicht auszuschließen, daß die Lagunenstadt die Deutschen auch in einem
möglichen Krieg gegen Sizilien unterstützen würde, was die Normannen in große Gefahr
hätte bringen können. Durch die Erneuerung des alten Vertrags aber wurde Venedig für
diesen potentiellen Konflikt sozusagen neutralisiert. Es mag auch eine Spitze gegen Byzanz in
dem Abkommen gelegen haben, zumal wenn man bedenkt, daß die sizilische Flotte 1174
gegen Ägypten vorgestoßen war, was man bei der Enge der gegen Ägypten gerichteten Kon-
takte zwischen Konstantinopel und Jerusalem durchaus als Versuch ansehen könnte, die
Kreuzfahrerstaaten von Byzanz abzuziehen, aber [507] der – zumindest von der sizilianischen
Seite her – antideutsche Aspekt des Vertrages scheint doch der überwiegendere zu sein. Frei-
lich wird man dies in Byzanz nicht gewußt haben, und es ist begreiflich – vor allem im Zusam-
menhang mit der stolzen Abweisung der byzantinischen Gesandten –, daß man in Byzanz auf
die Nachricht hin in Sorge geriet. Niketas Choniates erzählt, daß Manuel in der Folge mit den
Venezianern Frieden geschlossen habe und zwar aus Furcht vor den Folgen, die sich aus dem
Vertrag für Byzanz ergeben könnten: Οἱ δὲ Βενέτικοι τὸ διὰ πολέμων αὐτοῖς ἐπαμύνειν οὔκουν
προβαῖνον ὁρώντες μετὰ τοῦ ῥηγὸς ἐσπείσαντο Σικελίας, ἵv' ἐντεῦθεν εὐθυωροῖτο τούτοις τὰ τῆς
ἀμύνης καὶ ἔχοιεν τὸν ἐπικουρήσοντα, ἢν Ῥωμαῖοι κατ' αὐτῶν ἐπίοιεν. ὁ δὲ βασιλεὺς οὐκ ἀφροντι-
στήσας τούτων τῶν ἀκουσμάτων (ᾔδει γὰρ ὡς καὶ φαύλη τις αἰτία πολλάκις παρεμπεσοῦσα πολλῶν
πραγμάτων ὠδινήκει μεταβολὰς καὶ συμφορὰς ἀπέτεκεν ὑπερόγκους) πρὸς τὰς προτέρας μετὰ τῶν
Βενετίκων ξυνθήκας ἀπέβλεψεν, ὡς ἐμῆν μὲν ἠγωνισμένος ἀκυρώσαι τὰς μετὰ τοῦ ῥηγὸς Σικελίας
τούτων σπονδὰς· τούτων δὲ μὴ ἀθετουμένων καὶ οὕτως αὐτοὺς ἐπεσπάσατο, καὶ ἀνεξικακίαν αἰτου-
μένοις καὶ φιλίαν προσένειμεν326. Nach Niketas restituierte daraufhin Manuel, indem er das alte
Bündnis erneuerte, den Venezianern ihre Verluste, wodurch er zwar nicht das venezianisch-
sizilianische Bündnis abwenden konnte, wohl aber mit Venedig wieder in geregelte Beziehun-
gen trat. Die Venezianer ließen sich den Schaden aber nicht einzeln ersetzen, sondern konn-
ten – immer laut Niketas – eine Gesamtsumme von fünfzehn Goldkentenaren durchsetzen,
die ihnen in Raten bezahlt wurden.
So weit Niketas Choniates, der allerdings den Ablauf der Ereignisse zu sehr zusammen-
zieht: Konfiskation der venezianischen Güter und Gefangennahme der Venezianer in der Ro-
mania – Mißerfolg der venezianischen Racheflotte – Bündnis Venedigs mit Sizilien – Wieder-
aufnahme der Beziehungen mit Byzanz. Zwischen der venezianischen Expedition (1171/72)
und dem Vertrag mit Sizilien (1175) lagen immerhin gut drei Jahre, so daß wir nicht gezwun-
gen sind, auch den Abschluß Venedigs mit Byzanz gleich auf 1175 zu [508] datieren327. Im
325
HISTORIA DUCUM S. 81.
326
NIKETAS CHONIATES S. 173.
327
Wie es häufig geschieht, so z. B. bei WESSEL, Kultur S. 381 (ohne Literatur und Quellenhinweise).
374 Kapitel XVI
Gegenteil dürften die ganzen Verhandlungen sich wohl länger hingezogen haben, vor allem
das mutmaßliche Feilschen um die Höhe der Ablösesumme, so daß man durchaus auch einen
späteren Termin für die endgültige Fixierung der Abmachungen annehmen kann, der dann
wohl, wie allgemein angenommen, um 1179 liegen dürfte328. Daß Niketas im Anschluß die
Kämpfe mit den Seldschuken erzählt, tut nichts zur Sache, da er hier nicht rein chronologisch
vorgeht (die Seldschukenkämpfe liegen 1175/76), sondern in einer gewissen thematischen
Ordnung. Im übrigen scheinen seine Darlegungen zu beweisen, daß man in Byzanz tatsächlich
nicht den genauen Inhalt der venezianisch-normannischen Vereinbarungen gekannt hat,
denn von einer militärischen Hilfsgarantie Wilhelms II. für Venedig ist in dem Vertrag nichts
zu finden. Freilich können wir natürlich nicht ausschließen, daß es irgendwelche geheimen
Zusatzklauseln gegeben hat, die wir aber nicht kennen.
Byzantinische Aktivitäten in Kleinasien und den Kreuzfahrerstaaten 1175 – 1177
Zurück zu 1175: Ungefähr in diesem oder dem vorangehenden Jahr scheint auch Pisa mit
Venedig einen Vertrag abgeschlossen zu haben, dessen Inhalt wir allerdings nur vermuten
könen, der aber wohl zu einem Friedensschluß zwischen beiden Städten geführt haben
wird329. Manuel hatte also den ersten seiner beiden [509] Verbündeten verloren. Es blieben
im wesentlichen jetzt nur noch seine Kontakte zu Papst Alexander III. und zu den Kreuz-
fahrerstaaten, über die er im Westen noch einmal Einfluß zu nehmen hoffte. Diese Kontakte
gingen, wie erwähnt, zurück bis 1157/58, als Byzanz seine bisherige, kreuzfahrerfeindliche
Politik aufgab und mehr auf Annäherung setzte. Der Feldzug Manuels 1158/59 ist hierfür ein
Zeugnis, ebenso wie die Heirat Amalrichs mit einer Verwandten des Kaisers einige Jahre spä-
ter. 1168 schloß Manuel mit einer jerusalemitanischen Gesandtschaft, an deren Spitze Wil-
helm von Tyrus stand, ein Abkommen zur Eroberung Ägyptens. 1169 lief die Flotte – angeb-
lich in Stärke von 200 Einheiten – aus, die Unternehmung hatte jedoch keinen Erfolg. Der
byzantinische Einfluß in diesen Jahren war so stark, daß Manuel sogar einen griechischen
Patriarchen nach Antiocheia entsenden konnte, der dort von 1165 bis 1170 residierte. In
328
DÖLGER, Regesten Nr. 1532 (vor November 1179).
329
In dem Vertrag Venedig–Pisa von 1180 wird ein früheres Abkommen zwischen Pisa und Venedig während
des Dogats von Sebastiano Ziani erwähnt (MÜLLER, Documenti Nr. 18 (13. Okt. 1180 in Venedig/23.
Nov. 1180 in Pisa) S. 20–23, 21: Statutum quoque fuit inter nos in veteri pacto quod fecit Sebastianus Ziani,
antecessor noster propter discordiam quae est inter nos et Anconetanos et erat inter Pisanos et Ianuenses. Da der
Vertrag von 1180 auf fünf Jahre abgeschlossen wurde, kann man annehmen, wie oben Anm. 323 ausge-
führt, daß dieser erste Vertrag 1175 abgeschlossen worden ist. Bestätigt wird diese Annahme durch eine
Privaturkunde des Jahres 1176 (CODICE DIPLOMATICO VENEZIANO Nr. 3139 (1177, 13/14. Juli,
Ind. 9) Pisa; die Urkunde ist zwar auf 1177 datiert, doch da sie in Pisa ausgestellt ist, folgt diese Datierung
dem Calculus Pisanus, so daß wir auf Juli 1176 kommen, was auch durch die Indiktionszahl bestätigt wird),
in der ein Bevollmächtigter des Dogen nach Pisa kommt, um dort Hab und Gut des in Pisa verstorbenen
Venezianers Gratianus Gradonicus von der Stadt in Empfang zu nehmen und zu versteigern. Ein solcher
Vorgang wäre in Kriegszeiten wohl kaum möglich und setzt daher die Existenz eines Friedensvertrags 1176
voraus, so daß wir sehr nahe an das mutmaßliche Datum von 1175 kommen.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 375
einem Brief an den König von Frankreich bat Amalrich I. von Jerusalem dringend um Hilfe
aus dem Westen, da sonst Syrien unvermeidlich entweder an die Mohammedaner oder noch
wahrscheinlicher an die Griechen fallen werde, auch dies ein Zeichen für den großen Einfluß,
den Byzanz in den Kreuzfahrerstaaten besaß. 1171 begab sich Amalrich I. in Person nach
Konstantinopel, um dort das Bündnis gegen Ägypten zu erneuern, wofür er anscheinend in
gewisser Form die Oberhoheit des byzantinischen Kaisers anerkennen mußte330.
In diesen Jahren tritt Manuel auch als Geldgeber in den Kreuzfahrerstaaten in Erschein-
ung. So scheint er Ausbesserungsarbeiten an der Geburtskirche in Bethlehem und an der
Grabeskirche in Jerusalem finanziert zu haben, ebenso wie wir dort jetzt auch griechische
Kleriker finden können331. Zu einem militärischen Engagement ist es in den Jahren nach
1171 zunächst jedoch nicht gekommen. Eine solche Unterstützung, die auf eine Eroberung
Ägyptens abzielte, konnte nur [510] über die Flotte erfolgen, diese aber wurde durch den
Konflikt mit Venedig in der Ägäis festgehalten.
Der Feldzug gegen das Sultanat von Ikonion 1175 – 1176
Erst ab 1175 begann Byzanz seine Anstrengungen zu intensivieren und zwar über einen An-
griff auf die Seldschuken von Ikonion. Dieser Angriff ist natürlich in erster Linie mit den
inneranatolischen Zwistigkeiten zu erklären, doch fehlt ihm auch nicht eine aus der West-
politik Manuels stammende Motivation. Manuel war im Westen 1175 weitgehend isoliert, die
diplomatischen Möglichkeiten des Reiches waren stark eingeschränkt, auf der Seite des Kai-
sers standen nur noch Genua, der Papst und Pisa, letzteres aber durch seinen Frieden mit
Venedig schon weitgehend neutralisiert. Nun können wir in der Mitte der siebziger Jahre ein
Wiederaufleben des Kreuzzugsgedankens feststellen, vor allem aus dem Königreich Jerusalem,
aber sicher auch durch den Papst unterstützt332. Ein solcher Kreuzzug konnte für Byzanz zwar
Probleme bringen, aber er bot den Byzantinern gleichzeitig die Möglichkeit, sich als Vor-
kämpfer der Christenheit zu profilieren, und nach den letzten diplomatischen Niederlagen
konnte das Reich ein wenig Prestige dringend brauchen. Zudem ließen sich vielleicht über die
Kreuzfahrerstaaten unter Umständen eine Annäherung an Frankreich erzielen, das mit den
Kreuzrittern traditionell die engsten Verbindungen unterhielt. 1174 war eine sizilianische
Flottenexpedition gegen Ägypten gescheitert333. Um so mehr Ehre würde ein Erfolg der By-
330
DÖLGER, Regesten Nr. 1502 (14. März/15. Juli 1171). Nach dem Tod Amalrichs wurde der Vertrag von
seinem Nachfolger Balduin IV. erneuert – das genaue Datum ist unbekannt – und 1177 noch einmal auf-
genommen (DÖLGER, Regesten Nr. 1526 (1177)). Ebenfalls 1177 heiratete anscheinend Bohemund III.
von Antiocheia Theodora, eine Verwandte des Kaisers. Also auch hier können wir die byzantinische Politik
der freundschaftlichen Verbindung zu den Kreuzfahrerstaaten feststellen; allgemein hierzu cf. LILIE
(1993) S. 200ff.
331
MAYER, Pontifikale S. 175; LILIE (1993) S. 209.
332
Cf. hierzu ausführlich LILIE (1993) S. 210ff. (dort auch Quellen und Sekundärliteratur).
333
Cf. CHALANDON, Dom. Norm. II S. 395ff.; RUNCIMAN, Crusades II. S. 403; es waren angeblich 284
Schiffe an dem Unternehmen beteiligt.
376 Kapitel XVI
zantiner mit sich bringen, von den politischen Weiterungen einmal ganz abgesehen. Auch war
1175/76 ein venezianisch-normannischer Angriff kaum zu erwarten, denn in diesen Jahren
waren die Deutschen wieder in Italien, und alles trieb auf eine Entscheidung zwischen Sizilien,
Alexander III. und den lombardischen Städten einerseits und dem deutschen Kaiser auf der
anderen Seite zu, wobei Venedig in gewisser Hinsicht zwisehen den Parteien stand334.
Daß die Auseinandersetzungen in Anatolien nicht völlig von der allgemeinen politischen
Lage des Reiches getrennt werden kön-[511] nen, zeigt sich auch in der Politik des deutschen
Kaisers, der den Sultan von Ikonion gegen Byzanz aufzureizen suchte335. Kleinasien bildete
einen Unruheherd im Rücken des Reiches, und Manuel wird die Verbindungen Barbarossas
mit Ikonion als bedrohlich genug empfunden haben, um diese potentielle Gefahr beseitigen
zu wollen. Daß der Kaiser die normannische Flottenexpedition gegen Ägypten als für die by-
zantinischen Interessen schädlich angesehen hat, beweisen seine Briefe an Saladin, in denen er
diesen vor dem bevorstehenden Angriff warnt336.
So marschierte die byzantinische Armee im Sommer 1175 gegen die Seldschuken von
Ikonion. Es gelang dem Kaiser auf diesem Feldzug, die alte Festung Dorylaion neu zu errich-
ten und die türkischen Nomaden aus der Gegend zu vertreiben337. Stolz schrieb er an den
Papst, nun sei der Weg zum hl. Grab wieder frei. Byzanz werde nicht aufhören, gegen die
Ungläubigen zu kämpfen338. Wirklich lag Dorylaion an der alten Heerstraße, die von Kon-
stantinopel aus über Dorylaion und Ikonion nach Südosten führte. Auch die Heere des Ersten
Kreuzzugs waren auf diesem Weg gezogen, der in der Tat der kürzeste war339. Dennoch war
die Straße in ihrer ganzen Länge natürlich noch nicht frei. Erst mußte Ikonion bezwungen
werden. Aber die Botschaft an den Papst zeigt doch die Bedeutung, die Manuel dem Unter-
nehmen zumaß, auch für den Westen und dann eben folglich auch für seine eigene Westpoli-
tik. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Kreuzzugsideen dieser Jahre von Byzanz aus initiiert
worden sind340. Als Folge dieser byzantinischen Bemühungen und vor allem ihrer Unterstüt-
zung durch den Papst schlos-[512] sen Ludwig VII. von Frankreich und Heinrich II. von
England 1177 Friede und schworen, das Kreuz zu nehmen. Ebenso verpflichteten sich Graf
Philipp von Flandern und Graf Heinrich von der Champagne zum Kreuzzug, der allerdings
334
Cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 253ff.
335
Cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 254.
336
Cf. oben Anm. 270.
337
NIKETAS CHONIATES S. 176; cf. WIRTH, Kaiser Manuel und die Ostgrenze passim.
338
Cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1520 (Herbst 1175/vor 29. Jan. 1176); in dem Brief an Heinrich II. von Eng-
land unmittelbar nach der Schlacht von Myriokephalon 1176 wird dieser Gedanke noch einmal aufgegrif-
fen, cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1524 (Nov. 1176); LILIE, Myriokephalon S. 259, 264.
339
Nach ODO VON DEUIL S. 88 betrug die Wegstrecke auf der Hauptstraße über Ikonion insgesamt ein-
undzwanzig Tage, während allein der Weg von Attaleia über Kilikien nach Antiocheia vierzig Tage in An-
spruch nahm und zudem auch vom Gelände her große Schwierigkeiten bot.
340
Cf. LILIE (1993) S. 211ff.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 377
nie ins Werk gesetzt worden ist. Dennoch ist die "westliche" Motivation Manuels in den
Feldzügen von 1175 und 1176 augenscheinlich, und der Kaiser erstrebte allen Ernstes die
Rückgewinnung der alten Heerstraße nach Antiocheia.
Im Sommer des Jahres 1176 rückte die byzantinische Armee wieder gegen die Seldschu-
ken aus. Das Ziel des Angriffs war diesmal Ikonion selbt, das erobert werden sollte, eine wei-
teres Hindernis auf der Straße nach Syrien. Friedensangebote des Sultans lehnte der Kaiser ab,
er wollte das Problem Ikonion jetzt ein für alle Mal lösen341. Die Pläne Manuels dürften hier-
bei weit über die Eroberung Ikonions oder die Erringung einigen Kreuzritterlorbeers hinaus-
gegangen sein. Wie weit, läßt sich nur vermuten. Aber eine Eroberung Ikonions bot für die
byzantinische Syrienpolitik ganz neue Möglichkeiten. Eine der größten Schwierigkeiten für
ein byzantinisches Engagement in den Kreuzfahrerstaaten lag in den weiten Entfernungen, die
die griechische Armee zu überwinden hatte, um bis vor Antiocheia zu gelangen. Der Weg über
Attaleia und Kilikien war zu lang und zu unsicher, um über ihn ständig Truppen nach Syrien
schicken zu können und auch deren Nachschub sicherzustellen342. Eine ständige Präsenz grös-
serer Teile der byzantinischen Armee in Syrien ließ sich nur dann bewerkstelligen, wenn es
gelang, die Hauptstraße wieder zu öffnen. Das aber versuchte Manuel nun. Diese kürzere und
leichter zu benutzende Straße hätte es den Byzantinern ermöglichen können, einen wesentlich
stärkeren Druck auf die Kreuzfahrerstaaten auszuüben, einen Druck, der sich beispielsweise
auch gegen Venedig hätte einsetzen lassen. Wenn man die Sache noch weiterdenkt, hätte
sogar Ägypten für Byzanz erreichbar werden können, gegen das es ja gleichzeitig einen Angriff
zusammen mit Jerusalem plante. Mit Syrien und Ägypten [513] unter byzantinischem Ein-
fluß hätte Manuel den italienischen Seestädten alle Bedingungen diktieren können, die er
gewollt hätte. Der Handel und damit die Existenz dieser Seestädte hing von dem gesicherten
Verkehr mit Syrien, Ägypten und der Romania ab. Auch der Papst hätte einem Byzanz, das
über Syrien und Ägypten maßgeblichen Einfluß ausübte, kaum etwas abschlagen können. Die
Stellung Manuels hätte sich also entscheidend verbessern können. Auch würde ein solcher
Plan in all seiner Kühnheit durchaus zu Manuel passen. Als Nebeneffekt wäre auch eine wirt-
schaftliche Folge zum Tragen gekommen: Nach dem Ersten Kreuzzug war es für Pilgergrup-
pen – mit einer gewissen Ausnahme in den sechziger Jahren – zunehmend schwieriger gewor-
den, den Landweg nach Jerusalem zu nehmen. Dies kam den italienischen Seestädten zugute,
die dem Pilgergeschäft einen großen Teil ihres Reichtums verdankten. Eine Öffnung des
Landwegs hätte diese Ströme zumindest teilweise wieder über Byzanz gelenkt. Das hätte zwar
sicher Probleme mit sich gebracht, aber andererseits auch die Möglichkeit, auf diese Pilger
Einfluß zu nehmen, eventuell Söldner aus ihnen zu rekrutieren und dergleichen mehr, von
den finanziellen Vorteilen einmal ganz zu schweigen.
341 Zu dem Feldzug des Jahres 1176, der in der Schlacht von Myriokephalon endete, cf. LILIE, Myriokephalon
passim; DERS (1993) S. 210ff.
342
S. ODO VON DEUIL S. 88.
378 Kapitel XVI
343
Cf. KAP-HERR, Politik Manuels S. 107, 156f. (Brief Friedrichs an Manuel nach der Schlacht von Myrio-
kephalon).
344
Cf. die Gesandtschaft Manuels an Friedrich Barbarossa (DÖLGER, Regesten Nr. 1528 (ca. 1178); KAP-
HERR, Politik Manuels S. 105ff.
345
Zusammenfassend bei LILIE, Myriokephalon S. 268ff.
346
Cf. LAMMA, Comneni e Staufer II. S. 260ff., 283ff.; CLASSEN, Politica di Manuele S. 279.
347
IMPERIALE, Codice II. Nr. III (20. Okt. 1177) S. 242–245.
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 379
In Syrien verlor Byzanz ebenfalls an Einflußmöglichkeiten. 1177 hatte Manuel noch ein-
mal ein gemeinsames Unternehmen gegen Ägypten vorgeschlagen348. Eine griechische Flotte
von 70 Segeln folgte. Aber die Uneinigkeit der Franken vereitelte das Vorhaben349. Zu einem
weiteren Engagement der Byzantiner in Syrien ist es nicht mehr gekommen, auch wenn Ma-
nuel es an Gesten nicht fehlen ließ. [515] Aber größere Unternehmungen fanden nicht mehr
statt. Tatsächlich ist der einzige außenpolitische Erfolg, den der Kaiser nach 1177 noch erzie-
len konnte, die Verheiratung seines Sohnes Alexios mit der französischen Prinzessin Agnes,
die 1178 stattfand350.
Der Friedensschluß mit Venedig, wahrscheinlich 1179
Aus dieser Situation heraus dürfte es wahrscheinlich sein, daß Manuel, um die Front seiner
Gegner aufzubrechen, wieder die von Niketas erwähnten Friedensverhandlungen mit Venedig
aufgenommen oder doch entscheidend intensiviert hat. Tatsächlich war Byzanz nach 1177 in
Italien völlig isoliert. Venedig war feindlich, Sizilien und Deutschland ebenso, Genua und Pisa
waren in eine mehr neutrale Haltung zurückgefallen, und auch Papst Alexander III. war nach
seiner Anerkennung durch Barbarossa nicht mehr auf Byzanz angewiesen. Von den
Kreuzfahrerstaaten war nach Myriokephalon wenig zu erhoffen, und Kleinasien sah die
Seldschuken im Angriff. Allein auf dem Balkan war die Lage noch einigermaßen stabil. Man
wird Manuel genügend Realitätssinn zusprechen dürfen, die Dinge so zu sehen, wie sie waren.
Dennoch war Byzanz nicht direkt gefährdet. Die seldschukischen Angriffe nach Myriokepha-
lon waren zwar lästig, aber nicht lebensgefährlich, und ein deutscher Angriff über Ungarn war
wohl auch kaum zu erwarten. Gefährlich aber konnte es werden, wenn Sizilien und Venedig,
womöglich mit deutscher Unterstützung, einen Angriff auf das Reich unternahmen, zumal da
in einem solchen Fall von Genua und Pisa keine Hilfe zu erwarten sein würde. Die byzantini-
sche Flotte war kaum derjenigen Siziliens oder Venedigs allein gewachsen, ganz zu schweigen
von einer vereinigten venezianisch-sizilianischen Streitmacht. Andererseits hätte Manuel mit
Venedig an seiner Seite weder Sizilien noch Deutschland ernstlich gefährlich werden können.
So suchte der Kaiser wieder mit der Lagunenstadt ins Gespräch zu kommen, die als Bundesge-
nosse wahrscheinlich immer noch leichter zu beeinflussen war als ein Sizilien, das von den
Deutschen nichts mehr zu befürchten hatte [516] und dessen König vor kurzer Zeit erst von
den Byzantinern schwer desavouiert worden war. Wie oben dargestellt bot Manuel den Vene-
zianern die Wiedereinsetzung in ihre alten Rechte und Wiedergutmachung der erlittenen
348
DÖLGER, Regesten Nr. 1526 (1177).
349
Cf. LILIE (1993) S. 215f.
350
DÖLGER, Regesten Nr. 1531 (Ende 1178); die Heirat blieb nicht die einzige. So wurde Maria, die Toch-
ter des Kaisers, mit Rainer von Montferrat verheiratet. Eine Nicht Manuels ging nach Montpellier in Süd-
frankreich, und eine weitere wurde die Gattin Bohemunds III. von Antiocheia. Während die erste Heirat
gegen die Staufer gerichtet war, sollte die zweite Byzanz die Unterstützung Aragons sichern und die dritte
einmal mehr die Verbindungen zu den Kreuzfahrerstaaten festigen. Zu dieser Heiratspolitik cf. BRAND,
Byzantium S. 18ff.; zu der "südfranzösischen" Heirat cf. HECHT, "Kaiserin" von Montpellier" passim.
380 Kapitel XVI
Schäden an, die von Venedig auf fünfzehn Kentenare Gold geschätzt wurden. Da Byzanz diese
Summe nicht auf einmal aufbringen konnte, wurde Ratenzahlung vereinbart, wie Niketas
Choniates berichtet351. Die venezianischen Quellen geben eine andere Darstellung. Nach
ihnen ist der Friede zwischen Venedig und Byzanz erst wieder unter Andronikos hergestellt
worden352. Die venezianischen Handelsdokumente unterstützen dieses Bild und lassen sogar
noch eine genauere Datierung dieses Friedensschlusses zu353. Andererseits haben wir eine
Reihe von Urkunden, die auf eine Freilassung von Venezianern im Jahre 1179 hinweisen354.
Die Fronten in der Forschung sind geteilt, doch neigt der größere Teil vor allem der jüngeren
Sekundärliteratur der venezianischen Darstellung zu355. Dennoch kann man die relativ ge-
naue Schilderung des Choniates – trotz ihrer chronologischen Unsauberkeiten – nicht völlig
verwerfen, zumal die Freilassung von Venezianern im Jahre 1179 seine Version zumindest
teilweise bestätigt. In den späteren Dokumenten, die sich mit Wiedergutmachungszahlungen
befassen, wird allerdings immer nur von Geldern geredet, die Andronikos356 bzw. Isaak357
nach Venedig geschickt hätten, niemals wird eine entsprechende Sendung Manuels erwähnt,
weshalb wir, unterstützt von den venezianischen Chronisten, annehmen müssen, daß es 1179
keinen regelrechten Friedensschluß, d. h. keinen offiziellen [517] Vertrag, bestätigt durch ein
Chrysobull, gegeben hat. Auch ist in späteren Verträgen für Venedig niemals von einem sol-
chen Vertrag die Rede, was wohl heißen muß, daß es eben keinen solchen Vertrag gegeben hat.
Eine eindeutige Entscheidung wird sich nicht mehr fällen lassen, sofern nicht neue Quel-
len gefunden werden, die Aufschluß geben könnten. Dennoch möchte ich meinen, daß beide
Auffassungen richtig sind, sowohl diejenige des Niketas als auch die der Venezianer. Daß 1179
Verhandlungen zwischen Manuel und Venedig stattgefunden haben, dürfte unzweifelhaft
sein, das Zeugnis der freigelassenen Venezianer dieses Jahres ist zu stark. Anscheinend hat
Manuel zwischen 1177 und 1180 mit Venedig Verhandlungen geführt und, vielleicht als Vor-
leistung, einige Venezianer – nicht alle – aus der Haft entlassen. In diesen Verhandlungen
scheint Manuel sich auch mit der Zahlung einer Ablösesumme für die erlittenen Schäden
einverstanden erklärt zu haben, die sich auf fünfzehn Kentenare Gold belief358: also 108.000
351
NIKETAS CHONIATES S. 174.
352
HISTORIA DUCUM SUPPLEMENTUM S. 90; DANDOLO S. 266: Hic, pro firmacione imperii, ut
Venetos sibi favorabiles exhiberet, mercatores per Emanuelem captos, requirente duce, liberavit, et de resarci-
endis dampnis annuatim promissionem fecit.
353
S. unten S. 548f.
354
MdRD Nr. 303 (März 1179); 305 (April 1179); 308 (August 1179); 311 (Nov. 1179); 313 (Nov. 1179);
314 (Nov. 1179); 315 (März 1180) alle in Venedig ausgestellt. Die Reihe ließe sich verlängern.
355
Cf. die Diskussion bei OSTROGORSKY, Geschichte S. 322 Anm. 1.
356
MdRD Nr. 358 (Nov. 1185); 360 (Dez. 1185); 365 (Januar 1188); 369 (August 1188); 379 (März 1190)
alle in Venedig ausgestellt.
357
MdRD Nr. 378 (März 1190); 380 (April 1190) beide in Venedig ausgestellt.
358
Daß Manuel die Geldforderung akzeptiert hat, geht auch aus der Historia Ducum hervor, die anläßlich des
Abkommens zwischen Andronikos und Venedig aussagt, daß Andronikos die Zahlung der von Manuel ak-
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 381
Nomismata, eine vergleichsweise geringe Summe, die die Dimensionen des venezianischen
Handels in der Romania stark herunterschraubt359. Sie beläuft sich auf noch nicht einmal das
Vierfache des Schadens, den die Genuesen 1162 bei der Plünderung ihres Quartiers in Kon-
stantinopel zu beklagen hatten. Man könnte die Vereinbarungen demnach für einen Erfolg
des Kaisers halten. Indes sind sie nie ratifiziert worden und werden später auch nie mehr in
der Reihe der Privilegien erwähnt. Anscheinend sind es also nur Verhandlungen gewesen, die
mit einem Abschluß geendet haben – soweit können wir Niketas folgen –, aber sie sind nicht
ordnungs-[518] gemäß schriftlich fixiert worden. Warum ist nicht zu sagen. Es könnte sogar
möglich sein, daß die Krankheit und der Tod des Kaisers den endgültigen Abschluß des Ver-
trags verhindert haben. Vielleicht sind die Verhandlungen auch nur zeitweilig unterbrochen
worden, um neue Anweisungen – sei es aus Venedig oder aus Konstantinopel – einzuholen,
die der Tod des Kaisers dann gegenstandslos machte. In jedem Fall bleibt festzuhalten, daß
Manuel anscheinend 1179 versucht hat, das Verhältnis mit Venedig wieder zu bereinigen, und
daß er mit diesem Versuch anscheinend auch Erfolg gehabt hat, obgleich die endgültige Ratifi-
zierung des Vertrags nicht vollzogen worden ist, vielleicht aufgrund des Todes des Kaisers.
Manuel starb am 24. September des Jahres 1180, Nachfolger wurde sein zwölfjähriger Sohn
Alexios II.
Die Politik Manuels 1143 – 1180: einige Schlußfolgerungen
Wenn wir die Politik Manuels gegenüber des italienischen Seestädten insgesamt ansehen, so
ergibt sich eine geradezu erstaunliche Abhängigkeit von der allgemeinen Politik des Reiches.
Das beginnt mit Venedig, dem Manuel nicht schon bei seinem Regierungsantritt die Bestäti-
gung seiner Privilegien bewilligte, sondern erst 1147/48, im Zusammenhang mit dem Angriff
der Normannen. Davor hat es zwar keine feindseligen Handlungen gegeben, aber die Venezi-
aner agierten in der Romania praktisch in einem rechtlosen Raum. Erst als Manuel dringend
ihrer Hilfe gegen die Normannen bedurfte, bestätigte und erweiterte er die alten Zusagen
seines Vaters. Der byzantinische Vorstoß nach Italien 1155 bis 1157/58 erfolgte gegen den
Willen der Venezianer. Es kam zwar nicht zum offenen Bruch – Byzanz konnte zu dem Krieg
gegen die Normannen nicht auch noch die Feindschaft der Lagunenstadt riskieren –, aber
Venedig nahm doch eine neutrale Haltung ein, die allerdings den Verträgen mit Byzanz nicht
direkt widersprach. Nach dem Rückzug der Byzantiner aus Italien kam es zu einer Wiederan-
näherung, die in erster Linie in der gemeinsamen Gegnerschaft zu Friedrich I. Barbarossa ihre
Grundlagen hatte. Wie brüchig dieses Bündnis aber war, erhellt sich aus den Geschehnissen
zeptierten Summe versprach: Venetos autem de carceribus relaxavit, promittens ipsis pecuniam, quam Manuel
acceperat annuatim, et sic pax stabilita fuit. Dies kann sich eigentlich nur auf die Verhandlungen von 1179
beziehen, nicht auf die normalen Jahrgelder (HISTORIA DUCUM SUPPLEMENTUM S. 92).
359
Allerdings ist zu fragen, ob Venedig nicht von seinen eigentlichen Schäden bei der Ersatzforderung her-
untergegangen ist. Zudem steht in dem Privileg Isaaks von 1187 ja neben der Summe von fünfzehn Kente-
naren noch die Möglichkeit privater Klagen von geschädigten Venezianern. Dies wurde 1189 teilweise
gegen eine Erhöhung der Jahrgelder um fünfzig Goldpfund fallengelassen; cf. hierzu auch oben S. 35ff.
382 Kapitel XVI
nach der Katastrophe des deutschen Heeres vor Rom 1167. Die Haltung von Byzanz wurde
spürbar kühler, dies auch wegen des wachsenden Interessengegensatzes beider Staaten in
Dalmatien, weniger wohl wegen der vom Chronisten vermuteten Kriegsgefahr zwischen
Sizilien und Byzanz, wenngleich [519] eine solche sich natürlich nicht völlig ausschließen
läßt. Zum endgültigen Bruch kam es 1171, dessen Gründe an ihrer Stelle ausführlich ge-
schildert worden sind. Erst nach 1177 nahm Manuel wieder ernsthaft gemeinte Friedens-
verhandlungen auf und akzeptierte anscheinend auch die venezianischen Forderungen, ohne
daß es allerdings zu einem rechtsgültigen Vertrag gekommen ist. Auch diese Verhandlungen
lassen sich aus der allgemeinen politischen Situation des Reiches erklären, das nach 1177 weit-
gehend isoliert dastand und sich angesichts der eigenen Mißerfolge und der Gefahr eines er-
neuten Normannenangriffs wieder auf Venedig hin zu orientieren gezwungen sah.
Ähnliches gilt für das Verhältnis zu Pisa. Die Privilegien für diese Stadt sind mit dem
Plan eines byzantinischen Vorgehen gegen die Kreuzfahrerstaaten erklärt worden. Schon
1143 scheinen diese Privilegien von Manuel bestätigt worden zu sein, möglicherweise im
Hinblick auf ein erneutes byzantinisches Vorgehen in diesem Raum zu einem späteren Zeit-
punkt. In den nächsten Jahren trat dieser Gesichtspunkt zurück. Am Ende der vierziger Jahre
war eine byzantinische Gesandtschaft in Pisa, wahrscheinlich um die Stadt als Bundesgenos-
sen gegen Sizilien zu gewinnen, wie sie es schon in den dreißiger Jahren gewesen war. 1157
strich Manuel Pisa die der Kommune zustehenden Jahrgelder. Der juristische Grund hierfür
dürfte in dem Vertrag zwischen der Stadt und Balduin III. von Jerusalem gelegen haben, der
den alten byzantinisch–pisanischen Abmachungen, die ja gegen die Staaten der Kreuzritter
gerichtet waren, zuwiderlief. Mehr konnte Byzanz angesichts der Normannengefahr nicht
wagen. 1162 waren, augenscheinlich auf Wunsch des Kaisers, pisanische Gesandte in Kon-
stantinopel, mit denen Manuel wohl über eine Rückerstattung der gestrichenen Jahrgelder
verhandelte, wenn Pisa von einer Unterstützung der Deutschen gegen Sizilien – und damit
auch gegen Byzanz – absehen würde. Als die Gesandten dies ablehnten, verlegte Manuel das
Quartier der Pisaner aus Konstantinopel hinaus in eine der Vorstädte, eine relativ milde
Maßnahme, die vielleicht zeigt, daß er die Hoffnung auf eine Gewinnung der reichen
Handelsstadt noch nicht aufgegeben hatte. Erst 1170 kam es zu einem erneuten Privileg für
Pisa, da die Annäherung des Reiches an Deutschland es den Pisanern ermöglichte, ein Bünd-
nis mit Byzanz [520] einzugehen. Dem Kaiser war seinerseits daran gelegen, einen weiteren
Verbündeten für den angestrebten Krieg gegen Sizilien und vielleicht ein Gegengewicht zu
den Venezianern zu gewinnen. Von da an blieben die Beziehungen zwischen Pisa und Manuel
bis zum Tod des letzteren intakt, und auch der Friedensschluß mit Venedig änderte nichts an
der Haltung des Reiches gegenüber Pisa. Augenscheinlich konnte Manuel es sich, solange der
Krieg gegen Venedig währte, nicht leisten, Pisa oder auch Genua vor den Kopf zu stoßen.
Noch 1180 ist eine pisanische Gesandtschaft nach Konstantinopel belegt, vielleicht im
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 383
Zusammenhang mit der Erneuerung des pisanisch-venezianischen Friedens oder den venezia-
nisch–byzantinischen Friedensverhandlungen360.
Die erste Vergabe von Privilegien an Genua dürfte ebenfalls mit dem byzantinischen Ver-
such zu erklären sein, sich nach dem Ausscheiden der Venezianer Rückendeckung gegen Sizi-
lien zu verschaffen. Als Genua dies durch seinen Vertrag mit den Normannen unmöglich
machte, verweigerte der Kaiser die Ratifizierung. Erst der Friedensschluß Manuels mit Sizilien
brachte eine Annäherung zwischen Reich und Kommune, die 1160 zu der Vergabe eines
Quartiers in Konstantinopel geführt zu haben scheint. Der Grund war wohl, daß man Genua
als Bundesgenossen gegen Deutschland gewinnen wollte. Als dies fehlschlug, ist das genuesi-
sche Quartier 1162 wieder eingezogen worden. Im Zuge der Ausbildung des Bündnissystems
gegen Friedrich I. Barbarossa scheint Byzanz 1164 noch einmal versucht zu haben, die Genu-
esen von neuem auf seine Seite zu ziehen, wobei man ihnen die Restituierung ihres eingezo-
genen Embolums anbot. Da eine Einigung nicht zustande kam, erhielt Genua sein Quartier
erst 1169/70 wieder. In den drei Verträgen dieser Jahre forderte Byzanz zunächst weitgehende
Zusagen Genuas für eine potentielle Auseinandersetzung mit Deutschland. Erst als Byzanz
und Deutschland 1170 wieder zueinander fanden, begnügte sich Manuel schließlich mit einer
genuesischen Beistandsverpflichtung [521] für den Fall eines Flottenangriffs auf die Romania,
was seinen Grund wohl in dem zu erwartenden Krieg gegen Sizilien und vielleicht in dem sich
immer mehr andeutenden Bruch mit Venedig hatte. Tatsächlich kämpften Genuesen gegen
Venedig auf Seiten der Byzantiner, forderten allerdings für ihre Hilfe 1172 oder 1173 und
noch einmal 1174 weitestgehende byzantinische Privilegien, wobei sie die byzantinische
Zwangslage ausnutzten, im wesentlichen aber keinen Erfolg gehabt zu haben scheinen. Trotz
des Friedensschlusses Genuas mit Venedig von 1177 blieben die Verbindungen mit Byzanz
ungestört, zweifellos eine Parallele zu Pisa, was sich auch darin dokumentiert, daß Agnes, die
Tochter Ludwigs VII. von Frankreich, zu ihrer Vermählung mit dem byzantinischen Thron-
folger Alexios auf genuesischen Schiffen nach Konstantinopel gebracht wurde361.
Das Hauptproblem für das byzantinische Reich des 12. Jahrhunderts bildete der angriffs-
lustige Normannenstaat Siziliens. Hier ist Manuel durchaus neue Wege gegangen, wie etwa
die verschiedenen Heiratsverhandlungen zeigen. Primär war hierbei der Wunsch des Kaisers,
in Italien wieder Fuß zu fassen, was er – in Erkenntnis der Unzulänglichkeit seiner eigenen
Mittel – im Bündnis mit Deutschland versuchte. Dies gilt auch noch für die Expedition von
1155. Erst als der Kaiser einsehen mußte, daß die Deutschen seine Pläne ablehnten und ihrer-
seits Süditalien für sich gewinnen wollten, gab er eine Realisierung seiner Träume zunächst
auf und kam mit den Normannen zu einem Ausgleich.
360
ANNALES PISANI S. 69; ein weiterer Nachweis für diesen Zwang ist die Heirat Eudokias, einer Nichte
des Kaisers, die 1170 einen Frangipani, Anhänger Papst Alexander III. geheiratet hatte (s. oben), nun aber
Witwe war, mit Guelfo di Paganello, einem Adligen aus der Toskana mit guten Verbindungen zu Pisa Ende
der siebziger Jahre, cf. BRAND, Byzantium S. 21.
361
ANNALES IANUENSES II. S. 13f. (Otoboni Scribae Annales).
384 Kapitel XVI
Die nächsten zehn Jahre sahen Byzanz und Sizilien, jedes auf seine Weise, vereint gegen
die Deutschen kämpfen. Höhepunkt dieser Verbindung waren die Heiratsverhandlungen von
1166/67, die aber schließlich von den Normannen abgebrochen wurden. Man kann nicht
völlig ablehnen, daß Manuel in dieser Situation – nach der im Feldlager vor Rom erlittenen
Seuche waren die Deutschen erst einmal ausgeschaltet – an eine Erneuerung des Krieges gegen
die Normannen gedacht und zu diesem Zweck venezianische Flottenhilfe angefordert hat,
doch scheint es mir eher unwahrscheinlich zu sein. Auf venezianische Hilfe konnte der Kaiser
kaum rechnen, wie schon [522] das erste Unternehmen von 1155 gezeigt hatte, und insge-
samt gesehen war die Lage nicht viel anders als in den fünfziger Jahren, wo der byzantinische
Angriff schon einmal fehlgeschlagen war. Wie dem auch sei, die Beziehungen zwischen By-
zanz und Sizilien blieben bis 1172 mehr oder weniger ungetrübt. In diesem Jahr kam es zu
dem oben schon ausführlich behandelten Abbruch der Heiratsverhandlungen durch Manuel
zugunsten eines erneuerten Bündnisses mit Deutschland. Fortan mußte Byzanz eines erneu-
ten Angriffs der Normannen gewärtig sein.
Von dem Wunschtraum einer, zumindest teilweisen, Rückgewinnung Italiens sind auch
die Beziehungen gegenüber Deutschland geprägt. Seine Heirat mit Bertha von Sulzbach eröff-
nete Manuel diese Möglichkeiten, und er hat sie praktisch seine ganze Regierungszeit hin-
durch verfolgt. Erst als er einsehen mußte, daß Friedrich I. Barbarossa sich nicht an die Ver-
sprechungen seines Vorgängers Konrad III. gebunden fühlte, sondern Italien für sich gewin-
nen wollte, hat der byzantinische Kaiser die Seiten gewechselt und sich mit den Normannen
verbunden, obwohl das für ihn die – wenigstens vorläufige – Aufgabe seiner Eroberungspläne
bedeutete. Aber die Gefahr eines deutschen Süditaliens schien zu groß, um sie widerstandslos
hinnehmen zu können.
Die folgenden Jahre sind von dem Bemühen Manuels geprägt, dem deutschen Vorgehen
in Italien Einhalt zu gebieten, wobei der Byzantiner in erster Linie die norditalienischen
Städte in ihrem Kampf gegen den Staufer unterstützte. Erst nach 1167 ergaben sich hier
Änderungen. 1170 bis 1172, in letzten Ausläufern sogar bis 1174, unterhandelten beide
Mächte wieder einmal über Heiratsverbindungen, seitens der Deutschen aber wohl weniger in
der Absicht, selbst wieder das alte Bündnis in Gang zu setzen, als vielmehr um ein weiteres Zu-
sammengehen Manuels mit Sizilien zu verhindern. Nachdem dies gelungen war, zogen auch
die Deutschen ihr Angebot wieder zurück. In der Folgezeit, vor allem nach der deutschen
Niederlage von Legnano 1176 und dem Frieden von Venedig 1177, wurden die Einflußmög-
lichkeiten des byzantinischen Reiches in Italien schwächer, bis die Heirat des Thronfolgers
und späteren deutschen Kaisers Heinrichs VI. mit der sizilianischen Kronerbin Konstanze
Deutschland für Byzanz endgültig zu einer schweren Bedrohung wer-[523] den ließ.
Die Beziehungen zu den Kreuzfahrerstaaten gestalteten sich eigentlich erst unter Manuel.
Bis zu seinem Regierungsantritt waren sie eher feindlicher Natur. Auch Manuel hatte zu-
nächst gegen Antiocheia zu kämpfen. Erst im Verlauf der fünfziger Jahre, in gewisser Hinsicht
begonnen mit dem Kauf der Reste der Grafschaft Edessa gegen eine Leibrente für deren Her-
Manuel I. Komnenos (1143 – 1180) 385
rin Beatrix, ersetzte der byzantinische Kaiser die Politik der Konfrontation durch eine der
friedlichen Annäherung. Heiratsverbindungen zwischen beiden Staaten waren jetzt häufig,
und Manuel hat, freilich ohne seine Ansprüche aufzugeben, eher aus der Rolle eines Schutz-
herrn heraus seine Politik betrieben. Im übrigen wußte auch er, daß Byzanz gegenüber den
Kreuzrittern zur Not seine Ansprüche zwar auch gewaltsam durchsetzen konnte, daß aber
einer endgültigen Klärung die Bereinigung der Probleme in Italien – und vor allem in Klein-
asien – vorangehen mußte. Während er 1158/59 ein kompliziertes Gleichgewichtssystem in
Nordsyrien zwischen Aleppo, Antiocheia und Ikonion unter der Präponderanz des byzantini-
schen Reiches herstellte, war sein Hauptprojekt in den späten sechziger und in den siebziger
Jahren die gemeinsame Angriffspolitik zusammen mit Jerusalem gegen Ägypten. Nach dem
Nichtzustandekommen eines Kreuzzugs 1176/77 und der Niederlage des byzantinischen
Heeres bei Myriokephalon lösten sich die Verbindungen zu den Kreuzfahrerstaaten langsam
auf.
Gegenüber den Seldschuken ist keine klare Linie der Politik des Kaisers zu erkennen. Es
gab immer wieder Kämpfe, von kurzlebigen Friedensschlüssen unterbrochen, aber zu einer
endgültigen Entscheidung ist es nicht gekommen; in den sechziger Jahren scheint Manuel das
Sultanat von Ikonion fast auf das Niveau eines Vasallenstaates hinuntergedrückt zu haben,
doch war dies nicht von Dauer. Der Feldzug von 1176 brachte zwar eine byzantinische Nie-
derlage, doch war sie nicht so vernichtend, wie oft angenommen wird. Auch die türkischen
Einfälle konnten in den letzten Jahren Manuels noch mit Erfolg abgewehrt werden.
Im Gegensatz zu Kleinasien war die byzantinische Politik auf dem Balkan erfolgreicher.
Nach schweren und langanhaltenden Kämpfen wurde zu Beginn der sechziger Jahre Serbien
wieder unterworfen, 524] einige Jahre später siegte der Kaiser auch über Ungarn. Das Land
wurde zwar nicht erobert, doch herrschte nach 1167 der byzantinische Einfluß vor, besonders
nach der Thronbesteigung Belas. Ebenso konnte Byzanz bis 1167 auch Dalmatien wieder
erobern, die einzige große Neuerwerbung in der Zeit Manuels, wenn man Serbien ausnimmt,
das aber seine innere Selbständigkeit behalten zu haben scheint. Auf dem Balkan hatte Byzanz
nach 1167 bis zum Tod des Kaisers nichts mehr zu befürchten.
Die Politik Manuels ist in der Forschung häufig als zu sprunghaft und ambitioniert kriti-
siert worden. Doch ist eine solche Kritik nicht gerecht. In den Grundlinien seiner Politik ist
Manuel durchaus konsequent gewesen und auch nicht viel aggressiver, als es etwa sein Vorgän-
ger Johannes II. gewesen war. Freilich beschränkte Manuel sich nicht nur auf den eigentlichen
Reichsraum, sondern suchte die Angriffe seiner Gegner schon in deren Gebiet aufzufangen.
Doch entsprach dies den Erfordernissen der Zeit. Den Hauptansatz für Kritik an Manuel
dürfte seine Italienpolitik abgegeben haben. Hier hat der Wunsch, für Byzanz Teile der Halb-
insel zurückzugewinnen, den Kaiser zu schwerwiegenden Fehlreaktionen verleitet. Dennoch
ist Manuel auch hier die Einsicht in die Möglichkeiten seines Reiches nicht abzusprechen.
Entgegen vielfach geäußerter Ansicht hat er Italien nicht gegen, sondern zusammen mit dem
deutschen Reich für sich gewinnen wollen. Sein Fehler, den er eigentlich immer wieder began-
386 Kapitel XVI
gen hat, liegt in der falschen Einschätzung Barbarossas, der eben nicht, wie Manuel glaubte
und nur zu gern auch glauben wollte, einem erneuten byzantinischen Fußfassen in Italien
positiv gegenüberstand. Diese Fehleinschätzung hat zu dem Desaster von 1171/72 geführt,
nach dem das Reich der Griechen in Italien völlig isoliert dastand. Zwar hat Manuel es ver-
mocht, in dem einflußreichen Geschlecht der Montferrat neue Freunde in Italien zu gewin-
nen, die sich gegen Friedrich einsetzen ließen. Aber das war kein Ersatz für die Feindschaft
sowohl Deutschlands als auch Siziliens. In seiner Italienpolitik ist Manuel – trotz vieler guter
und auch neuer Gedanken – letztendlich gescheitert.
Anders als in Italien, versuchte Manuel auf dem Balkan, in Kleinasien und in Syrien im
allgemeinen nicht, größere Landstriche [525] zu erobern, sondern begnügte sich damit, in
erster Linie eine indirekte byzantinische Herrschaft durchzusetzen. Im wesentlichen ist ihm
das gelungen. Am Ende der sechziger Jahre war das byzantinische Reich mehr oder weniger
von einem Kranz meist kleinerer Staaten umgeben, die entweder die byzantinische Herrschaft
(Antiocheia, Serbien) oder doch wenigstens das byzantinische Übergewicht (Ungarn, Ikoni-
on) anerkannten. Die Zäsur der Regierungszeit Manuels liegt in den fatalen diplomatischen
Mißerfolgen der Jahre 1171 und 1172, die Byzanz im Westen weitgehend isolierten und den
Kaiser zu immer verzweifelter anmutenden Aktionen zwangen, um diese Isolation zu durch-
brechen. Der Versuch, das byzantinische Übergewicht in Kleinasien in eine direkte Herr-
schaft, verbunden mit der Beseitigung des Sultanats von Ikonion, zu verwandeln, dürfte, wie
oben dargelegt worden ist, mehr oder weniger eine der Folgen von 1171/72 gewesen sein. Mit
der Niederlage von Myriokephalon wurde Byzanz auch hier in die Defensive gedrängt, ebenso
wie der Friede von Venedig 1177 die dortigen Feinde des Reiches von dem Druck der Deut-
schen entlastete, so daß auch sie – in erster Linie die Normannen und Venedig – jetzt wieder
mehr Freiheit zu einem Angriff auf das Reich hatten: eine Bedrohung, der Manuel durch die
Wiederaufnahme, der Verhandlungen mit Venedig zu begegnen suchte.
Dennoch stand das byzantinische Reich 1180, im großen und ganzen gesehen, gut da,
ohne in einen offenen Krieg verwickelt zu sein, ohne Schwierigkeiten im Inneren, im wesentli-
chen in seinem alten Umfang. Man kann sagen, daß die Politik Manuels trotz einiger schwerer
Rückschläge an und für sich erfolgreich gewesen ist, unbeschadet des Zusammenbruchs, der
auf seinen Tod folgte und in den nächsten Kapiteln zu behandeln sein wird.
KAPITEL XVII ALEXIOS II. UND ANDRONIKOS I. KOMNENOS
(1180 – (1185)
1
Cf. WIRTH, Wann wurde Kaiser Alexios II. geboren? S. 65–67; nach Wirth ist das Geburtsdatum auf den
14. 9. 1169 anzusetzen, so daß der Kaiser bei seinem Regierungsnatritt elf Jahre zählte. Aufgrund einer von
SCHREINER, Kleinchroniken Nr. 14 S. 146 herausgegebenen Notiz soll Alexios am 10. 9. 1169 geboren
worden sein.
2
Michael der Syrer III. S. 381; cf. auch COGNASSO, Partiti politici S. 221f.; BRAND, Byzantium S. 28f.;
zu der Zwölfzahl cf. auch LILIE (1993) S. 223 Anm.4.
3
Literatur zu dieser Epoche: BRAND, Byzantium S. 14–77; HECHT, Außenpolitik passim; DANSTRUP,
Recherches passim; TIVCEV, Andronic Ier passim. Vor allem bei Brand und Hecht findet sich auch eine
ausführliche Auseinandersetzung mit der älteren Literatur, auf die hier verwiesen sei.
4
NIKETAS CHONIATES S. 230ff.; BRAND, Byzantium S. 34 f.; HECHT, Außenpolitik S. 11.
5
Cf. BRAND, Byzantium S. 48; HECHT, Außenpolitik S. 14ff.
6
Cf. BRAND, Byzantium S. 31; HECHT, Außenpolitik S. 12ff.
388 Kapitel XVII
brachte7, was dann konsequenterweise dazu führte, daß ihre Gegner, unterstützt von der Be-
völkerung der Hauptstadt, einen stark nationalistischen Kurs einschlugen8. Die Auseinander-
setzungen wurden schließlich im Frühjahr durch die bekannte Einnahme der Hauptstadt
durch Andronikos Komnenos und die nachfolgende Blendung des Protosebastos Alexios
beendet9.
Für die Lateiner war diese Konstellation, wie schon erwähnt, sehr günstig. Das schwache
Regime sah in ihnen eine wesentliche Stütze und hofierte sie dementsprechend. Dies galt auch
in starkem Maße für die Bürger der italienischen Seestädte, soweit sie sich in Konstantinopel
aufhielten, in erster Linie wohl für die Pisaner10. Die Venezianer hingegen waren noch nicht
wieder in der Romania präsent, da die Verhandlungen zwischen ihnen und Manuel zwar zu
einem Ergebnis, aber noch zu keinem festen Abschluß geführt hatten. Venedig betrachtete
sich noch als im Krieg mit dem byzantinischen Reich befindlich, wie wir sehen werden, und
demzufolge hielten sich 1180 auch keine venezianischen Kaufleute in der Romania auf. Zu-
mindest fehlt in den Quellen jeglicher Hinweis auf sie11. Daß man in Venedig dennoch zu-
versichtlich war, [528] zu einem baldigen Frieden mit Byzanz zu kommen, zeigt der Friedens-
vertrag, den die Stadt im Herbst 1180 mit Pisa schloß12.
7
Hierzu s. vor allem WILHELM VON TYRUS XXII. II, S. 1080f.; NIKETAS CHONIATES S. 247.
8
Cf. BRAND, Byzantium S. 34f.; ob diese Betonung des nationalen Moments echt war, darf bezweifelt
werden. Immerhin war Rainer von Montferrat, der Gatte Marias, selbst Lateiner, und beide stützten sich
im wesentlichen auch auf lateinische Söldner (NIKETAS CHONIATES S. 230, 233). Aber als Propagan-
damittel ließ es sich gegen die Lateinerin Maria–"Xene" natürlich gut verwenden.
9
Cf. BRAND, Byzantium Kap. III. S. 31-75; HECHT, Außenpolitik S. 10. 29.
10
S. ANNALES PISANI S. 71, 73.
11
HECHT, Außenpolitik S. 24 führt MdRD Nr. 319 (Juli 1180) und Nr. 329 (Dez. 1181) beide Venedig,
als Zeugen dafür an, daß es Handel gegeben habe. Doch ist dies falsch, da beide Dokumente Quittungen
für Kredite des Jahres 1170 sind, die infolge des Bruchs von 1171 erst jetzt bezahlt werden konnten. In bei-
den Fällen war der Geldgeber der unterdessen verstorbene Johannes Bembo gewesen, für den nun Bruder
und Witwe die Zahlungen entgegennahmen. Hieraus auf eine Wiederaufnahme des Handels zu schließen,
wäre unrichtig. Wir finden für den ganzen Zeitraum nach 1171 immer wieder solche Zahlungen, die ersten
schon ab 1173, wo man von einer Wiederaufnahme des venezianisch–byzantinischen Handels beim besten
Willen nicht sprechen kann.
12
MÜLLER, Documenti Nr. 18 (13. Okt. 1180) Venedig – (25. Nov. 1180) Pisa, S. 20f (Verpflichtungen
der Venezianer), S. 21–23 (Verpflichtungen der Pisaner). Beide Teile haben mit ganz geringen Ausnahmen
den gleichen Wortlaut, nur daß die Subjekte ausgetauscht worden sind.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 389
anlagen (bellicum propugnaculum) errichten dürften. Häuser, Kirchen und Türme – aber
ohne irgendwelche Festungswerke – durften einander in der Höhe nicht übertreffen. Wenn
sich ein Venezianer Felder, Weingärten, Gärten oder die Mühle des pisanischen Quartiers
oder der Kirche des hl. Iacobus aneignet und nicht zurückgeben will, so ist Venedig auf An-
zeige hin zur Strafverfolgung verpflichtet, ebenso im umgekehrten Fall Pisa. Dies weist darauf
hin, daß es in der Vergangenheit zu derartigen Vorfällen gekommen sein muß, auch wenn wir
aus den Quellen hierüber sonst nichts erfahren. Im übrigen ergibt sich das interessante Fak-
tum, daß diese Handelsquartiere – zumindest in Halmyros – anscheinend weitgehend autark
gewesen sind und sich keineswegs allein auf den jeweiligen Stadtbezirk beschränkt haben,
sondern auch außerhalb der Stadt, in jedem Fall außerhalb des jeweiligen Quartiers – anders
wäre die Bestimmung nicht zu erklären – Grundeigentum besessen haben müssen. Ob dieses
Eigentum nun im wesentlichen zur Selbstversorgung der Bevölkerung des Quartiers gedient
hat oder auch im Handelsaustausch mit den Griechen oder anderen seinen Zweck fand, läßt
sich mangels Quellen nicht mehr klären.
Weiterhin wurde gemeinsames Vorgehen gegen die Seeräuber beschlossen: Wenn sich
Korsaren in der Romania aufhielten und eine Partei aus diesem Grund vom Hof des Kaisers
Galeeren erbitten wollte, sollten die anderen nichts dagegen unternehmen, sondern sich [529]
der Bitte anschließen. Wenn sie die Galeeren bekämen, sollten Venezianer und Pisaner ge-
meinsam gegen die zu vertreibenden Korsaren aufbrechen, jeder Teil auf seine eigenen Kosten
und mit einer Mindestabteilung von dreißig Bewaffneten (pro Schiff?). Sollte ein Venezianer
(oder Pisaner, die Verpflichtungen entsprechen sich wörtlich) oder ein Angehöriger irgend-
eines anderen Volkes von Konstantinopel oder einem anderen Teil der Romania zu einem
Raubzug aufbrechen wollen, so soll dies verhindert werden, ebenso wenn irgendwelche vene-
zianischen oder pisanischen Galeeren von Syrien aus gegen den Widerspruch der anderen
Partei zu einem Korsarenzug aufbrechen sollten.
Dieser Abschnitt des Vertrags wirft einige Fragen auf, die leider nur noch hypothetisch
beantwortet werden können. Das Vorgehen gegen Piraten lag natürlich im Interesse eines
ungestörten Handels und ist insofern verständlich. Interessant ist aber, daß weder Venezianer
noch Pisaner in Konstantinopel eigene Galeeren ausrüsten wollen, sondern sich zu diesem
Zweck an den Kaiser wenden müssen. Offenbar besaßen beide Kommunen keine eigenen
Kampfschiffe im Goldenen Horn. Der Kaiser seinerseits war nicht dazu verpflichtet, Galeeren
zu stellen, sondern es war, wie aus dem Vertrag hervorgeht, ein freiwilliger Akt, der freilich
auch in seinem Interesse lag. Ob er nun die ausgerüsteten Galeeren nur zur Verfügung stellte
oder auch die Besatzungen, geht aus dem Text nicht hervor, in jedem Fall wohl die Ruder-
mannschaften. Die Zahl von je dreißig Bewaffneten scheint gering, doch handelt es sich hier-
390 Kapitel XVII
bei nur um eine Minimalforderung, die im Falle einer größeren Aktion wohl auch über-
schritten werden konnte. Immerhin geht aus den Bestimmungen hervor, daß der Kaiser die
geforderten Galeeren wohl mit der seemännischen Besatzung stellen sollte, wobei die See-
städte dann die Kampfmannschaften stellten. Für beides zusammen dürfte eine Besatzung von
sechzig Mann sonst kaum ausgereicht haben, zumal die Kampfmannschaften nicht von By-
zanz, sondern von den Vertragspartnern selbst bezahlt werden sollten. Ob dieser Vertrags-
punkt tatsächlich Vorbilder in der Vergangenheit gehabt hat, steht dahin. Später dürfte er
kaum mehr zur Anwendung gekommen sein, dagegen sprechen die Vertreibung der Pisaner
1182 aus Byzanz und die Spannungen zwischen beiden Städten in den neunziger Jahren.
[530] Es folgt als nächster Vertragspunkt die Modifizierung einer früheren Verein-
barung, die – wahrscheinlich 117513 – von dem Dogen Sebastiano Ziani und dem pisanischen
Botschafter Bulgarinus Anfossi abgeschlossen worden war und bestimmte, daß kein Vene-
zianer nach Genua und kein Pisaner nach Ancona gehen sollte, solange der Krieg zwischen
diesen beiden Städten und Pisa bzw. Venedig währen würde. Da nun Pisa einen festen Frieden
mit Genua hatte, sollten die Venezianer jetzt ungehindert nach Genua reisen dürfen. Die
Pisaner dagegen sollten nur auf eigene Gefahr nach Ancona fahren dürfen, solange der Krieg
zwischen Ancona und Venedig noch andauere (donec guerra duraverit) .
Weiterhin wurden die Abgaben festgesetzt, die Pisaner in Venedig und Venezianer in
Pisa zu zahlen hatten. Solange aber der Krieg zwischen Byzanz und Venedig noch währe, sollte
gegen den Willen der Venezianer kein Pisaner von Venedig aus in die Romania oder von der
Romania aus nach Venedig reisen dürfen: item in Romania de Venetia Pisani, donec guerra
inter nos et imperatorem Constantinopolitanum fuerit, non ibunt et de Romania in Venetiam
non venient, nisi nostra voluntate. Dieser Satz beweist, daß Venedig sich im Herbst 1180 noch
als mit Byzanz im Krieg befindlich angesehen hat. Zwar könnte man grundsätzlich fragen, ob
auch dieser Vertragspunkt nicht eine unveränderte Wiederaufnahme des erwähnten früheren
Vertrags dargestellt hat, doch ist dies belanglos. Die Pisaner hätten sonst mit Sicherheit diesen
Punkt modifiziert, ebenso wie die Venezianer den vorherigen. Diese beiden letzten Vereinba-
rungen sind auch die einzigen, in denen den venezianischen Forderungen keine entsprechen-
den pisanischen gegenüberstehen, aber man hat wohl in Pisa damit gerechnet, daß es bald zu
einem Frieden zwischen Venedig und Byzanz kommen würde, dem dann wahrscheinlich auch
ein Abkommen Venedig – Ancona folgen würde, so daß diese einseitige Belastung bald in
Wegfall geraten würde.
13
S. oben S. 508.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 391
In erster Linie wird der Vertrag von beiden Seiten zur Sicherstellung ihres Handels abge-
schlossen worden sein, wobei wir allerdings nicht wissen, ob außer der Bestimmung über
Ancona auch andere [531] Vertragspunkte schon ca. 1175 ausgehandelt worden sind. Für
Venedig war ein solcher Vertrag schon deshalb wichtig, weil seinen Kaufleuten nach der Ver-
treibung aus Byzanz nur noch Syrien und Ägypten als Märkte offenstanden. Dort aber war die
pisanische Konkurrenz groß, und eine Ausdehnung des Krieges auf diese Gebiete hätte für die
Lagunenstadt außerordentlich gefährlich werden können. Andererseits mußte ein Abkom-
men mit Venedig auch für die Pisaner interessant sein, da die starke venezianische Kriegsflotte
und die Verbindung Venedigs mit Sizilien im Konfliktfall auch dem pisanischen Handel ge-
fährlich werden konnte und in den Jahren nach 1171 ja vielleicht auch gefährlich geworden
war.
14
KINNAMOS S. 285f.; nach BRAND, Deeds of John and Manuel Comnenus S. 257 Anm. 31 könnte der
"zweite Schlag", den Kinnamos erwähnt, und bis zu dem die Venezianer Piraterie getrieben hätten, die er-
folglose Belagerung Anconas 1173 sein, was heißen würde, daß die Piratenzüge nach 1173 wieder aufgehört
hätten. Doch ist die Bemerkung des Chronisten zu vage, um mit ihr genauere Daten verbinden zu können.
392 Kapitel XVII
maler Beziehungen wünschte. Im übrigen zeigen auch die detaillierten Erörterungen, bei-
spielsweise über die Quartiere in Halmyros15, daß man tatsächlich mit einer nahe bevorste-
henden Aussöhnung gerechnet hat, andernfalls diese Genauigkeit nicht leicht erklärt werden
könnte. Auch die Erneuerung des Paktes mit den jetzt in Konstantinopel einflußreichen Pisa-
nern dürfte als ein wichtiger Schritt in diese Richtung angesehen werden.
Ob es nun in der folgenden Zeit tatsächlich zu Verhandlungen zwischen Venedig und
Byzanz gekommen ist, läßt sich nicht mehr klären. Die Quellen erwähnen keine Gesandt-
schaften. Trotzdem wären solche Verhandlungen in den Jahren von 1180 bis 1182 nicht
unwahrscheinlich, doch auch wenn sie stattgefunden haben, so haben sie zu keinem Ergebnis
geführt. Von dem großen Massaker von 1182 waren jedenfalls keine Venezianer betroffen.
Die Quellen sagen nichts darüber aus. Das wäre zwar kein Beweis, denn auch die genuesischen
Quellen erwähnen den Vorgang nicht, so daß man hier Parallelität annehmen könnte, aber
während die genuesischen Gesandtschaftsinstruktionen von 1192 auch den Schaden von
1182 erfassen, finden wir weder in den Chrysobullen für Venedig noch in irgendeiner anderen
Quelle einen Hinweis auf eine Beteiligung der Venezianer. Mehr noch: Ab 1184 lebten Ange-
hörige dieser Stadt wieder in Konstantinopel und erhielten von Andronikos, der auch die
letzten venezianischen Gefangenen von 1171 freiließ, die alten Privilegien zurück und eine
Ersetzung ihrer 1171 erlittenen Schäden zugesichert16.
Dies alles spricht dagegen, daß sich 1182 Venezianer in der byzantinischen Hauptstadt
aufgehalten haben. Die einzige Quelle, die für einen solchen Aufenthalt sprechen könnte, ist
ein Handelsdokument vom Juni des Jahres 118217. In [533] ihm wird bezeugt, daß das Schiff
eines gewissen Simeon Istrigo bei Nauplion Waren aufgenommen hatte und anschließend zu
dem Vorgebirge der hl. Maria gefahren war und dort ankerte18, als ihm mehrere Schiffe be-
gegneten, von denen die Besatzung Mitteilung über den Angriff auf die Lateiner in Konstan-
tinopel erhielt: et stantes ibi cum suprascripta nave, venerunt ibi quam plures naves Veneticis et
dixerunt nobis: "Quid statis hic, si non fugitis omnes mortui estis, quia nos et omnes Latini de
Constantinopoli sunt discomissi". Anschließend vereinbarten Besatzung und Passagiere des
Schiffes, nach Alexandria zu segeln, während sie vorher anscheinend auf einer Fahrt durch
mehrere byzantinische Häfen waren. Die in der Urkunde erwähnten quam plures naves sind
15
Auch die Vereinbarung über Halmyros geht eher zu Lasten der Pisaner, die nach 1171 wahrscheinlich eini-
ge venezianische Besitzungen an sich gezogen hatten, was umgekehrt den Venezianern nach 1171 begreifli-
cherweise nicht mehr möglich war.
16
Cf. unten S. 548f.
17
MdRD Nr. 331 (Juni 1182) Alexandria.
18
Zu der Lokalisierung cf. oben S. 202f.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 393
in der Forschung allgemein als venezianisch bezeichnet worden, und man hat demzufolge
geschlossen, daß sich auch eine größere Anzahl von Venezianern 1182 in Konstantinopel
aufgehalten hat19, doch scheint mir dieser Schluß auf der Vorlage des zitierten Dokuments
nicht beweiskräftig zu sein. Das Latein der Urkunde ist allenfalls Durchschnitt, gramma-
tikalische Fehler kommen vor, und der Stil ist schlecht. Insofern ist es möglich, daß Veneticis
auf naves zu beziehen ist, ebenso könnte man es aber auch auf nobis beziehen, so daß die
Mitglieder der anderen Schiffe dann Pisaner, Genuesen oder andere gewesen sein können.
Sinngemäß wäre auch denkbar, daß Veneticis nur einige Venezianer an Bord der ansonsten
nicht venezianischen Schiffe meint, die sich in Konstantinopel retten konnten. Kurz gesagt:
eine Entscheidung, wie der genannte Passus nun genau zu übersetzen ist, läßt sich angesichts
der nicht korrekten Sprachbeherrschung, die in diesem Dokument anzutreffen ist, nicht mehr
fällen. Die Frage, ob Venezianer 1182 in Konstantinopel waren oder nicht, muß offenbleiben.
Die Urkunde selbst spricht weder dafür noch dagegen. Man könnte einwenden, daß die An-
wesenheit des Schiffes bei Nauplion schon für sich allein ein ausreichendes Indiz für die An-
wesenheit venezianischer Kaufleute in Byzanz sei. Das ist richtig, übersieht aber den Unter-
schied zwischen Provinz und Hauptstadt. Die [534] Venezianer befanden sich 1180 noch im
Krieg mit Byzanz, auch wenn dieser Krieg nicht mehr militärisch geführt wurde. Von einem
endgültigen Friedensschluß vor 1182 ist nichts bekannt, so daß man die Fortdauer dieses
Krieges – oder besser Noch-nicht-Friedens – annehmen darf. In einem solchen Zustand der
Rechtsunsicherheit ist es kaum wahrscheinlich, daß venezianische Handelsherren sich in
größerem Ausmaß in Byzanz eingefunden haben. Das schloß zwar nicht einzelne Handels-
unternehmungen besonders wagemutiger Händler aus, wohl aber eine generelle Wiederauf-
nahme des Handels20. Diese wenigen Venezianer scheinen zwar geduldet worden zu sein, aber
ob sie sich unter diesen Umständen sogar in die Höhle des Löwen, will sagen: in die byzantini-
sche Hauptstadt, gewagt haben, scheint doch zweifelhaft. Etwas anderes war es, vorsichtig in
der Provinz kleinere Handelsgeschäfte zu tätigen, wobei die örtlichen Machthaber wohl ihre
Augen schlossen. Man muß bedenken, daß immer noch ein Teil der 1171 Inhaftierten in
byzantinischen Gefängnissen saß und erst unter Andronikos freigelassen wurde. Generell
ausschließen läßt sich die Anwesenheit auch venezianischer Kaufleute selbst in Konstantino-
pel natürlich nicht, doch scheint sie mir aufgrund der gegebenen Umstände eher unwahr-
scheinlich zu sein.
19
Cf. zuletzt BRAND, Byzantium S. 195; HECHT, Außenpolitik S. 45 Anm. 98; ABULAFIA, Two Italies
S. 161.
20
Ähnlich auch HECHT, Außenpolitik S. 24.
394 Kapitel XVII
Zu einem endgültigen Friedensschluß ist es während des Regimes des Protosebastos nicht
mehr gekommen. Der Grund dafür dürfte nicht bei Venedig gelegen haben, das seinen Frie-
denswillen ja deutlich genug gezeigt hatte21, sondern man wird ihn eher in der [535] Schwä-
che der byzantinischen Regenten zu suchen haben, die mit ihren inneren Auseinandersetzun-
gen zu viel zu tun hatten, um sich auf die Bereinigung des Verhältnisses mit der Adriastadt
konzentrieren zu können. Vielleicht erschien es ihnen auch gerade wegen der inneren Opposi-
tion, die sich ja antilateinisch gebärdete, nicht tunlich, die verhaßten Venezianer wieder offi-
ziell in ihre alten Privilegien einzusetzen und ihnen dazu noch hohe Entschädigungssummen
zuzugestehen. So blieben die Venezianer bis zum Regierungsantritt des Andronikos in Unfrie-
den mit dem byzantinischen Kaiserreich, was immerhin zu dem für sie glücklichen Umstand
beitrug, daß sie von den Ereignissen, die den Umsturz von 1182 begleiteten, verschont blie-
ben.
21
Durch den Vertrag mit Pisa 1180. Insofern hat HECHT, Außenpolitik S. 24 natürlich Recht, wenn er
sagt, daß man im Frühjahr 1182 mit einer baldigen Friedensregelung rechnete, doch geht es nicht an, dies
aufgrund MdRD Nr. 348 (Aug. 1184) Kpl. zu tun, wo eine cartula vom Februar des Jahres 1182 angeführt
wird mit der Klausel, die Bezahlung solle erfolgen, nachdem zwischen Byzanz und Venedig ein Jahr Friede
sei: postquam pax esset inter imperatorem Constantinopolitanum et Veneciam infra unum annum, ipsi debe-
bant dare et persolvere ... libras Veronensium quinquaginta. Die Zeitbestimmung sagt hier einzig und allein
aus, daß nach Friedensschluß bezahlt werden sollte und zwar dann innerhalb eines Jahres. Dafür, daß man
im Frühjahr 1182 damit rechnete, bis zum Frühling 1183 Friede zu haben, läßt sich aus der zitierten Stelle
kein Hinweis gewinnen. Dagegen spricht auch, daß der Empfänger die cartula im August 1184 zur Bezeu-
gung, mit der Absicht, die Schuldsumme einzukassieren, vorlegen konnte, was andernfalls rechtlich nicht
möglich gewesen wäre, da der Friede eben nicht innerhalb eines Jahres nach Ausstellung der cartula ge-
schlossen wurde; cf. auch im folgenden.
22
NIKETAS CHONIATES S. 247; WILHELM VON TYRUS XXII. 11, S. 1089f.; cf. zuletzt BRAND,
Byzantium S. 40; HECHT, Außenpolitik S. 23.
23
ANNALES PISANI S. 71.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 395
zu zahlen hatten. Die Bevorzugung der Lateiner unter Manuel dürfte ebenfalls zur Abneigung
beigetragen haben24, ebenso wie die Tatsache, daß sie einem anderen Glauben anhingen. Auch
waren sie sich ihrer maritimen Stärke und damit ihrer Notwendigkeit für Byzanz voll bewußt,
was sich in der Arroganz ausdrückt, [536] mit der sie häufig den Byzantinern begegneten und
die auch bei Niketas Choniates heftig getadelt wird. Die Quartiere wurden in erster Linie von
Händlern und deren Angehörigen bewohnt, die oftmals einen erheblichen Reichtum ange-
häuft hatten, eben dank der byzantinischen Zollbefreiungen bzw. -ermäßigungen, die sie
gegenüber den byzantinischen Kaufleuten bevorteilten, was sicher einigen Neid hervorgerufen
haben wird. Wenn allerdings behauptet wird, daß weite Kreise nicht nur der byzantinischen
Kaufmannschaft, sondern auch die Handwerker durch die italienische Konkurrenz in den
Ruin getrieben wurden25, so ist doch zu fragen, auf welchen Quellen diese Hypothese beruht.
Wir wissen aus den Handelsdokumenten zwar von einigen Werkstätten in den einzelnen
Quartieren, auch besaßen die Lateiner in Halmyros, über das wir genauere Angaben besitzen,
Ländereien, Weingärten und Mühlen, doch sind die Quellen viel zu dürftig für derart weit-
reichende Hypothesen. Ein größerer Teil dieser Einrichtungen, wenn nicht sogar alle, dürfte
zudem nur für den Eigenbedarf der Italiener gearbeitet haben. Die Existenz von festen Lande-
plätzen, die häufig von Schiffen angefahren wurden, bedingt nun einmal auch das Vorhanden-
sein von Reparaturwerkstätten, Versorgungs- und Dienstleistungsunternehmen, ohne daß
man deshalb gleich von einer Konkurrenz für die byzantinischen Betriebe sprechen könnte,
zumal die entsprechenden Quellenhinweise fehlen. Auch wenn wir die Exporte aus Italien in
die Romania prüfen, so finden wir nur wenig, was man als direkte Konkurrenz werten könnte,
zumal der lange Seetransport die Waren sicher nicht verbilligt hat.
Die Hauptausfuhrwaren nach Byzanz waren Stoffe, Erze und bearbeitetes Metall, in er-
ster Linie Waffen. Letzteres war sicherlich eine Konkurrenz für die byzantinischen Waffen-
schmiede, sofern man in diesem Bereich überhaupt von einem freien Markt sprechen kann.
Die Einfuhren aus Syrien und Ägypten setzten sich in erster Linie aus Gewürzen, Alaun, wohl
auch Sklaven, Baumwolle und dergleichen zusammen, auch dies kaum eine Konkurrenz für
das byzantinische Handwerk, nur daß dieser Handel vorwiegend, wenn [537] auch nicht
ausschließlich, in den Händen der Italiener und nicht der Byzantiner lag. Tatsächlich sind die
einzigen byzantinischen Branchen, die ernsthaft unter der italienischen Konkurrenz litten, die
byzantinischen Kaufleute und vielleicht die byzantinischen Tuchweber, Seidenweber aller-
24
Man vergleiche z. B. die Schilderung des NIKETAS CHONIATES S. 204f. über die Bevorzugung der La-
teiner durch Manuel.
25
Besonders FRANCES, Conquête de Constantinople S. 22.
396 Kapitel XVII
dings ausgenommen, die keine Konkurrenz zu fürchten hatten, gewesen26. Von einem Ruin
des byzantinischen Handwerks zu sprechen, geht also weit über quellenmäßig belegbare Ver-
mutungen hinaus. Im Gegenteil kann man sagen, daß durch die Handelstätigkeit der Italiener,
die die Nachfrage nach byzantinischen Produkten steigerte, sowohl das Handwerk als auch
die agrarische Produktion in Byzanz einen Aufschwung erlebt haben. Auch die byzantinische
Handelsflotte ist durch die Lateiner nicht völlig von den Meeren vertrieben worden, wenn-
gleich sie wahrscheinlich am meisten unter ihnen zu leiden hatte27. Von einer Abhängigkeit
der Byzantiner im kommerziellen Bereich von den italienischen Seestädten, wie sie ebenfalls
vielfach angenommen wird28, kann man keineswegs sprechen. Die Bedeutung der Italiener für
Byzanz erschöpfte sich, und zwar ausnahmslos, wie wir gesehen haben und auch noch weiter
sehen werden, in der militärischen Notwendigkeit, in die Ostrom durch das Fehlen einer
eigenen, ausreichenden Kriegsflotte hineingeraten war und die es zwang, sich mit den Sees-
tädten zu arrangieren. Dies gilt auch für das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts, als Venedig
neutral und Sizilien zunehmend feindlich gesonnen war. Insofern ist auch die Wiederan-
knüpfung der Verhandlungen mit Venedig als Versuch zu sehen, diese einseitige byzantinische
Abhängigkeit von Genua und Pisa zu lösen.
26
Zu den Handelswaren s. oben Kap. XII.
27
Zu der griechischen Handelsflotte s. oben S. 285ff.
28
Cf. BRAND, Byzantium S. 67, 220; HECHT, Außenpolitik S. 22.
29
NIKETAS CHONIATES S. 245ff.
30
NIKETAS CHONIATES S. 246f.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 397
worden waren31. Wie stark die gesamte Flotte gewesen ist, läßt sich nicht mehr ermitteln.
Laut Niketas Choniates lagen 1185 in Konstantinopel noch 100 Kriegsschiffe32, so daß man
für 1182 eine Gesamtzahl von mindestens 140 annehmen könnte, sofern die Angabe des
Chronisten genau ist. Doch wissen wir nicht, ob 1182 alle diese Schiffe in Konstantinopel
lagen und ob genügend Mannschaften für alle vorhanden waren. Möglicherweise sind also
erheblich weniger als 140 Schiffe ausgelaufen. Den Oberbefehl hatte Alexios einem seiner
Anhänger geben wollen, doch stieß dies auf den energischen Widerspruch des Andronikos
Kontostephanos, der in seiner Eigenschaft als Megas Dux das Kommando beanspruchte33.
Alexios konnte es ihm nicht abschlagen. Wie recht er mit seinem Mißtrauen hatte, zeigte der
baldige Seitenwechsel des Megas Dux mit dem griechischen Teil der Flotte zu Andronikos
Komne-[539]nos34.
31
Die ANNALES PISANI S. 73 erwähnen 29 Galeeren, die ihnen von dem Kaiser gegeben worden seien und
auf denen sie dann vor dem Massaker geflohen seien. Mit großer Wahrscheinlichkeit dürfte es sich also um
den von ihnen bemannten Teil der Wachflotte gehandelt haben. Nach WILHELM VON TYRUS XXII.
12, S. 1083 hatten die Flüchtlinge u. a. 44 Galeeren. Dies könnte darauf schließen lassen, daß die Genuesen
fünfzehn und die Pisaner 29 Galeeren bemannt hatten, doch können wir die Anwesenheit eigener genuesi-
scher und pisanischer Kriegsgaleeren in Konstantinopel 1182 nicht ausschließen, wenngleich sie außeror-
dentlich unwahrscheinlich wäre; cf. auch unten App. S. 632, 641f.; allgemein auch FOTHERINGHAM,
Genoa and the Fourth Crusade S. 27.
32
NIKETAS CHONIATES S. 320.
33
IBIDEM S. 247.
34
IBIDEM S. 248.
35
IBIDEM S. 250.
36
IBIDEM S. 248f.
37
Die griechischen Hauptquellen hierzu sind NIKETAS CHONIATES S. 250f. und EUSTATHIOS S.
32ff.; zu den anderen Quellen cf. HECHT, Außenpolitik S. 35ff. BRAND, Byzantium S. 41ff., 208.
398 Kapitel XVII
Lateiner waren anscheinend vor einem solchen Angriff gewarnt worden, ein Teil von ihnen
konnte sich auf die Schiffe retten – die zum Teil ja pikanterweise von den Byzantinern selbst
zur Verfügung gestellt worden waren – und auf den benachbarten Inseln im Marmarameer
den Ausgang der Ereignisse abwarten38, die anderen, vor allem die Alten und Kranken, Frauen
und Kinder, wurden ein Opfer der Angreifer. Nach Eustathios lebten in Konstantinopel an
die 60.000 Lateiner, nach Wilhelm von Tyrus wurden immerhin noch 4.000 in die Sklaverei
verkauft39. Die Zahl des Eustathios, obwohl von einigen Forschern akzeptiert40, ist weit über-
trieben.
Wie wir gesehen haben, ist das bei weitem größte Handelsquartier mit den meisten Insas-
sen das der Venezianer gewesen. Diese waren [540] 1182 überhaupt nicht oder aber in einer
verschwindend geringen Zahl in Konstantinopel. 1169 waren laut Aussage der Historia Du-
cum 20.000 von ihnen in die Romania gefahren, 10.000 wurden angeblich in Konstantinopel
gefangengesetzt. Schon diese Zahlen sind sehr hoch, aber sie sind wenigstens noch halbwegs zu
begründen41. Die Genuesen und Pisaner in Konstantinopel – 1182 die Hauptopfer – waren
an Zahl wesentlich weniger. 1162 reklamierten 300 Genuesen einen Gesamtschaden von
knapp 30.000 Hyperpern, 1182 bezifferten sie ihre Verluste auf 228.000 Hyperper. Wenn
man die Personenzahl zu diesem Zuwachs in Relation setzt, ergäbe sich eine Zahl von knapp
2.500 Genuesen 1182 in Konstantinopel. 1171 hatten angeblich 10.000 Venezianer etwa
330.000 Hyperper zu beklagen, wahrscheinlich aber wesentlich mehr. Von dieser Rechnung
ausgehend hätten wir etwa 6.000 bis 7.000 Genuesen in Konstantinopel. Freilich macht der
Unsicherheitsfaktor solche Berechnungen äußerst problematisch, aber selbst eine Schätzung
von 5.000 Genuesen würde wohl noch erheblich zu hoch gegriffen sein. Das pisanische Quar-
tier war älter und deshalb wohl auch bedeutender und größer, so daß seine Bevölkerungszahl
vielleicht über der des genuesischen gelegen hat, während die anderen Lateiner in Konstanti-
nopel diese Zahlen wohl nicht einmal annähernd erreicht haben werden42. Eine Schätzung
von insgesamt 10.000 bis 15.000 Lateinern dürfte immer noch eher zu hoch als zu niedrig
liegen. Wahrscheinlich sind es weit unter 10.000 gewesen. Die dem Gemetzel entronnenen
38
ANNALES PISANI S. 73; NIKETAS CHONIATES S. 251.
39
WILHELM VON TYRUS XXII. 12, S. 1084.
40
Z. B. HECHT, Außenpolitik S. 35.
41
S. oben S. 295f.
42
So befand sich ein Hospital der Johanniter in Konstantinopel, was wohl auch auf zahlreiche Pilger hindeu-
tet (WILHELM VON TYRUS XXII. 12, S. 1084). Ob die lateinischen Söldner in Mitleidenschaft gezo-
gen worden sind, läßt sich nicht sagen. Auch eine Gesandtschaft des Papstes war unter den Opfern, s.
EUSTATHIOS S. 34; WILHELM VON TYRUS XXII. 12, S. 1084f.; cf. HECHT, Außenpolitik S. 56.
Der Größenunterschied zwischen Pisanern und Genuesen spiegelt sich auch darin, daß die Pisaner an-
scheinend neunundzwanzig Galeeren bemannen konnten, die Genuesen aber nur fünfzehn.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 399
plünderten als Vergeltung die Klöster und Orte der Inseln und an den Küsten des Marmara-
meeres aus43 und fuhren dann die Küsten Thrakiens und Thessaliens entlang, wo sie ebenfalls
plünder-[541] ten. Bei Chrysupolis stießen sie auf zehn weitere Schiffe, ungewiß ob pisani-
sche oder genuesische, die sich ihnen anschlossen44. Schließlich teilten sie sich: Die einen
kehrten in ihre Heimat zurück, die anderen wandten sich nach Syrien, wo sie mit offenen
Armen aufgenommen wurden45. Die Schäden, die sie als Vergeltung angerichtet hatten, waren
so groß, daß Byzanz sie bei späteren Verhandlungen denen der Plünderung in Konstantinopel
gleichsetzen konnte, ohne daß Genuesen oder Pisaner dagegen ernsthaft Einspruch erhoben46.
Dieser Überfall ist, der Mehrzahl der Quellen folgend, allgemein dem Andronikos zur
Last gelegt worden. Erst Danstrup und besonders Hecht haben dagegen Einspruch erhoben47.
Nach Hecht kann Andronikos "lediglich den Angriff auf die lateinischen Streitkräfte des
Protosebastos" befohlen haben. Die Übergriffe auf die Bevölkerung sollen sich nach dem
Bericht des Niketas sogar erst im Verlauf der Kampfhandlungen eingestellt haben. "Völlig
unkontrollierbar für Andronikos war schließlich die Reaktion des hauptstädtischen Mobs,
der, wie manche Darstellungen zeigen, in besonderem Grade und aus rational nur unvollstän-
dig faßbaren Motiven an den begangenen Verbrechen beteiligt war"48. Die Begründung, die
Hecht gibt, liegt einmal darin, daß Andronikos selbst jenseits des Bosporos geblieben sei, daß
die italienischen Quellen, die Andronikos der Urheberschaft beschuldigen, von der zeitlichen
Koinzidenz beeinflußt seien und daß Andronikos selbst bei seinen hochgesteckten Zielen
kaum die Macht und den Einfluß der italienischen Handelsstädte, den er am eigenen Leib
erlebt habe, herauszufordern gewagt hätte. All das ist richtig, aber nicht ausreichend. Daß
Andronikos in Kleinasien geblieben ist, hat nichts zu sagen, den Angriff auf die Lateiner
konnte er, wie auch schon G. Prinzing hervorgehoben hat49, ohne weiteres von dort aus
befehlen. Auch das Argument der Koinzidenz ist [542] richtig, entkräftet aber nicht die in
den Quellen gemachten Aussagen. Der dritte Punkt ist für sich allein ebenfalls nicht zu be-
streiten, berücksichtigt aber nicht die Lage, in der Andronikos sich befand. Er war ein Usur-
pator, der sich nur auf relativ geringe eigene und zuverlässige Kräfte stützen konnte, und er
zählte, das geht aus den Quellen eindeutig hervor, auf die Hilfe des Adels und der Bevölke-
43
NIKETAS CHONIATES S. 251; WILHELM VON TYRUS XXII, 13, S. 1085f.
44
WILHELM VON TYRUS XXII. 13, S. 1086.
45
IBIDEM.
46
S. oben S. 79 (Pisa) und S. 101 (Genua).
47
DANSTRUP, Recherches S. 19ff.; HECHT, Außenpolitik S. 36ff.
48
HECHT, Außenpolitik S. 37.
49
Cf. PRINZING, Besprechung zu Hecht und Brand, in: BZ 63 (1970) S. 99–106, 100.
400 Kapitel XVII
rung bei seinem Umsturzversuch50. Das Regime des Protosebastos aber hatte sich im wesent-
lichen auf die verhaßten Lateiner gestützt, und es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß
Andronikos – geschickter Demagoge, der er unzweifelhaft auch war – dies in seiner Propa-
ganda nicht gebührend hervorgehoben haben wird51. Zudem waren die Lateiner tatsächlich
die einzigen, die ernsthaft den Protosebastos gegen ihn unterstützt hatten. Daß die Reaktion
des Mobs unkontrollierbar war, ist mit gewissen Einschränkungen sicher zutreffend, unvor-
hersehbar aber dürfte sie keineswegs gewesen sein, zumal der Haß der Griechen auf die La-
teiner allgemein bekannt war52. Man kann wohl mit Recht vermuten, daß Andronikos genau
gewußt hat, daß der von ihm befohlene Angriff auf die lateinischen Streitkräfte diese band
und den Konstantinopolitanern damit die Möglichkeit gab, sich ihrerseits auf die anderen
Westler zu stürzen. Damit aber bot Andronikos dem unruhigen Pöbel der Hauptstadt ein
Ventil, um sich abzureagieren. Durch seine antilateinischen Maßnahmen zog er das Volk noch
mehr auf seine Seite und zeigte gleichermaßen, was diejenigen zu erwarten hatten, die sich
gegen ihn stellten, beides eine Notwendigkeit für den nicht legitimierten Usurpator. Die
außenpolitischen Folgen wogen in dieser Situation weniger, zumal [543] Andronikos gehofft
haben mag, in dem anzustrebenden Bündnis mit Venedig ein ausreichendes Gegenmittel in
der Hinterhand zu haben. So ist anzunehmen, daß Andronikos die Plünderung der lateini-
schen Quartiere und die Abschlachtung ihrer Bevölkerung zumindest billigend in Kauf ge-
nommen hat, wenn er sie nicht sogar selbst veranlaßt hat, wobei durchaus möglich ist, daß er
sich über Ausmaß und Folgen dieses Massakers nicht völlig im klaren gewesen sein mag.
Der Überfall auf die Genuesen und Pisaner mit seinen über das Maß des üblichen hinaus-
gehenden Grausamkeiten hat tatsächlich, wie Hecht festgestellt hat, die außenpolitische Situ-
ation des Reiches erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Das Fehlen einer ausreichenden, eige-
nen Flottenkapazität bedingte unabwendbar die Unterstützung durch auswärtige Kontin-
gente. Zudem hatten in den letzten dreißig Jahren Genuesen, Pisaner und auch Venezianer
nicht nur im Rahmen ihrer vertraglichen Verpflichtungen, sondern auch als Marinesöldner
50
NIKETAS CHONIATES S. 243f., 248 gibt eine beredte Schilderung von der Eloquenz, mit der Androni-
kos alle auf seine Seite zu ziehen suchte.
51
EUSTATHIOS S. 34 dürfte ein Ausfluß solcher Propaganda sein. Es wäre unsinnig anzunehmen, die La-
teiner hätten nur deshalb für Maria-Xene und den Protosebastos gekämpft, weil er versprochen hätte,
ihnen Konstantinopel zur Plünderung freizugeben und die Romäer als Sklaven auszuliefern. So etwas hört
sich ganz nach Propaganda und Volksgeschwätz an, und es nimmt Wunder, daß der gelehrte Erzbischof es
anscheinend so ohne weiteres geglaubt hat.
52
Dies geht übrigens auch aus dem von Hecht bemerkten Faktum hervor, daß einige Lateiner vorher gewarnt
worden waren und sich auf ihre Schiffe retten konnten, s. ANNALES PISANI S. 73. Wenn sogar ihnen die
drohende Gefahr bekannt war, wie dann nicht dem Andronikos?
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 401
die kaiserliche Flotte verstärkt53. Nach 1171 waren die Venezianer hierfür ausgefallen, jetzt
mußte man auch auf Genuesen und Pisaner verzichten. Byzanz war auf seine eigenen, unzu-
reichenden Ressourcen zurückgeworfen und das bei der zunehmenden Feindseligkeit der see-
starken Normannen Siziliens. Daß Ersatz geschaffen werden mußte, liegt auf der Hand. Im
gegebenen Fall konnte es nur Venedig sein, mit dem Andronikos nicht viel später die Ver-
handlungen wiederaufgenommen hat.
Aber auch in Venedig dürfte man erkannt haben, daß Byzanz mehr oder weniger auf die
Lagunenstadt angewiesen war. Mit anderen Worten: Venedig konnte praktisch den Umfang
seiner Hilfeleistungen sowie den Preis für sie selbst bestimmen. Wir werden sehen, wie es dies
ausgenutzt hat.
53
S. unten App. 6S. 35f.
54
Zu den Vorgängen cf. BRAND, Byzantium S. 29; HECHT, Außenpolitik S. 10f.; cf. auch COGNASSO,
Partiti politici S. 213ff.
55
S. NIKETAS CHONIATES S. 223f.; grundsätzlich zu dem Legitimitätsproblem in der Epoche der Kom-
nenen und Angeloi cf. Lilie, Macht und Ohnmacht (1984).
402 Kapitel XVII
konnte Andronikos nicht einmal das. Seine einzige Legitimation bestand in der Unfähigkeit
des herrschenden Regimes, und so, wie er an die Macht gekommen war, konnte jedes andere
Mitglied des Kaiserhauses den gleichen Versuch wagen. Die ersten Handlungen des Usurpa-
tors sind denn auch von diesen Überlegungen her geleitet. Binnen kurzer Zeit wurden der
Protosebastos, die Kaiserinmutter, die purpurgeborene Maria und ihr Ehemann Rainer von
Montferrat getötet. So furchtbar oder moralisch verwerflich diese Maßnahmen an sich auch
gewesen sein mögen, für die Stabilisierung der Herrschaft des Andronikos waren sie notwen-
dig, da alle diese Personen einen besseren Anspruch auf die Regierung hatten als der Usurpa-
tor. Auch der Tod des Knaben Alexios geht in diese Richtung, da seine Legitimität nun wirk-
lich [545] unanfechtbar war und sich spätestens in wenigen Jahren, wenn er volljährig wurde,
gegen Andronikos auswirken konnte. Erst mit dem Tod des rechtmäßigen Kaisers konnte der
Usurpator sich einigermaßen sicher fühlen. Wie sehr die mangelnde Legitimität des Androni-
kos auch den anderen Mitgliedern der Aristokratie bewußt gewesen ist, zeigen die Aufstände
gegen ihn. So hatte Bithynien mit den beiden Hauptorten Nikaia und Prusa den Usurpator
schon auf seinem Marsch nicht unterstützt und erkannte seine Herrschaft nicht an. In West-
kleinasien lag der Großdomestikos Johannes Batatzes Komnenos mit seinen Truppen und
kümmerte sich nicht um die Befehle, die aus Konstantinopel kamen. Gegen beide Aufstände
mußte Andronikos mit militärischen Mitteln vorgehen und hatte einige Mühe, bis er diese
Gegner seiner Herrschaft unterworfen hatte56. Dem Zweck der Legitimität diente auch die
kirchenrechtlich bedenkliche Verheiratung seiner Tochter Eirene mit Alexios Komnenos,
einem unehelichen Sohn Manuels, ebenso wie seine eigene Heirat mit Agnes, der Braut des
toten Alexios’ II.57.
Wie gefährdet seine Stellung war, dürfte dem Andronikos spätestens die Verschwörung
des Andronikos Kontostephanos, der Andronikos ja praktisch durch seinen Übergang den
Weg zum Thron geebnet hatte, gezeigt haben. Insgesamt sechzehn Personen waren beteiligt58.
Auch wenn dieseVerschwörung vereitelt werden konnte, mußte Andronikos mit weiteren
Versuchen dieser und ähnlicher Art rechnen, denen er im Laufe seiner Regierungszeit mit
einer immer schärfer werdenden Grausamkeit vorzubeugen suchte. Er befand sich dabei in
einem unausweichlichen Dilemma: Während des 12. Jahrhunderts hatte Byzanz einen starken
Feudalisierungsprozess durchgemacht, der dazu geführt hatte, daß nahezu sämtliche Füh-
rungspositionen von Adligen besetzt wurden, im wesentlichen sogar von Mitgliedern oder
56
NIKETAS CHONIATES S. 280ff., 262ff.
57
NIKETAS CHONIATES S. 260f., 275f.
58
NIKETAS CHONIATES S. 266f.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 403
entfernten Verwandten des Kaiserhauses59. Dies galt ebenso für die Armee, sofern der Kaiser
nicht selbst den Oberbefehl führte. Andronikos [546] war also auf diese Schicht als die einzig
kompetente angewiesen, der er andererseits aus der Unsicherheit seiner Stellung heraus nicht
vertrauen konnte60. So konnte es dahin kommen, daß Provinzgouverneure des Andronikos
entweder loyal, dafür aber unfähig waren – ein Beispiel für diesen Typ stellt der Statthalter
Thessalonikes, David Komnenos, dar61 – oder aber sie waren fähig, dann aber eben deshalb
verdächtig als potentielle Rivalen. Die dritte Möglichkeit, der Andronikos auch bisweilen ge-
folgt ist, war die Abstellung von Emporkömmlingen, deren der Kaiser zwar sicher sein konnte,
die dafür aber wieder auf den Widerstand der alten Führungsschicht stießen und wohl auch
nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung standen62. Für die Armee kam sowieso nur die
Aristokratie in Frage63. Die fehlende Legitimität seiner Stellung und die immer feindseliger
werdende Haltung der Aristokratie, die in einer Wechselbeziehung die Grausamkeiten des
Kaisers zur Folge hatte und von dieser wiederum verstärkt wurde, verminderte auch die Ver-
teidigungsbereitschaft des Reiches. Dies zeigt sich am deutlichsten bei dem großen Norman-
nenangriff auf Thessalonike 1185.
59
Cf. OSTROGORSKY, Geschichte S. 324f.; DERS., Staatsrecht der Komnenenzeit passim; Lilie, Macht
und Ohnmacht (1984).
60
EUSTATHIOS S. 54.
61
EUSTATHIOS S. 58ff.
62
Beispiele für solche Personen sind etwa die Gouverneure Prosuch und Drimys in Athen, cf. BRAND,
Byzantium S. 62ff., die durchaus fähig gewesen zu sein scheinen, aber auch Kreaturen wie Stephanos
Hagiochristophorites (NIKETAS CHONIATES S. 293f.; EUSTATHIOS S. 44).
63
BRAND, Byzantium S. 58; gerade hier aber war das Risiko besonders groß. da ein fähiger und beliebter
General im Vertrauen auf seine Armee ohne weiteres putschen konnte. Die Revolte des Andronikos
Lapardas wird Andronikos I. gerade in diesem Bereich sehr beunruhigt haben, auch wenn sie ohne Erfolg
blieb (NIKETAS CHONIATES S. 277ff.).
64
Diese Eheverbindung hatte eine ausdrücklich antibyzantinische Tendenz, s. ANNALES COLONIENSES
MAXIMI S. 791: Deinde imperator regno Grecorum infestus, filiam Ruotgeri regis Siciliae filio suo copulare
procurat; cf. HECHT, Außenpolitik S. 72; OSTROGORSKY, Geschichte S. 340.
404 Kapitel XVII
alexios", der behauptete, der – in Wahrheit von Andronikos getötete – Alexios II. zu sein65.
Genuesische Kaufleute sollen wider besseres Wissen seine Identität bestätigt haben, zweifellos
ein Vergeltungsakt für 1182 und vielleicht auch aus merkantilen Erwägungen zu begründen
(Ersatz des Andronikos durch einen den Lateinern freundlicher gesonnenen Kaiser)66.
Die Rüstungen wurden in Heimlichkeit betrieben, auch sprengte man ein anderes Expe-
ditionsziel aus67. Der Angriff stieß auf wenig Gegenwehr: Korfu und die Jonischen Inseln
fielen sofort an die Eroberer, die auch Dyrrhachion mit Leichtigkeit einnahmen68. Während
die Flotte um die Peloponnes fuhr, von Korsaren verstärkt69, marschierte das Landheer auf
der Via Egnatia gegen Thessalonike. Nach kurzer Zeit fiel die Stadt, die zweite des Reiches70.
Die Gegenmaßnahmen des Andronikos griffen nicht, zumal der Kaiser es nicht wagte, den
Bereich Konstantinopels zu verlassen. Nach der Eroberung Thessalonikes wandte das Heer
der Normannen sich gegen die byzantinische Hauptstadt. Die sizilische Flotte beunruhigte
die Ägäis und landete dabei u. a. auch auf Patmos71.
65
EUSTATHIOS S. 58ff.
66
S. IBN GUBAYR S. 336.
67
IBN GUBAYR S. 337; auch der Pilgerverkehr nach Syrien wurde zurückgehalten.
68
S. EUSTATHIOS S. 64; cf. auch CHALANDON, Dom. Norm. II S. 40lff.
69
EUSTATHIOS S. 100; möglicherweise ist bei dieser Gelegenheit auch Kreta von den Normannen einge-
nommen worden, cf. BRANUSE, Πατμιακά ζ᾿ S. 5ff.
70
S. die ausführliche Schilderung bei EUSTATHIOS passim; zu den Vorgängen cf. zuletzt BARZOS, Henas
dux Thessalonikes passim.
71
Zu der Landung auf Patmos cf. LAVAGNINI, I Normanni die Sicilia a Cipro e a Patmo passim; VRA-
NOUSSI, Opérations des Normands passim.
72
DANDOLO S. 226; HISTORIA DUCUM S. 92
73
Cf. hierzu die Erörterungen von HECHT, Außenpolitik S. 50f.
74
MdRD Nr. 336 (Januar 1183) Venedig; Nr. 338 (Mai 1183) Venedig.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 405
75
DANDOLO S. 226: Hic, pro firmacione imperii, ut Venetos sibi favorabiles exhiberet, mercatores per Ema-
nuelem captos, requirente duce, liberavit, et de resarciendis dampnis annuatim promissionem fecit. Ob die Ver-
handlungen von Venedig ausgingen, wie HECHT, Außenpolitik S. 48 annimmt, sei dahingestellt. Der
Ausdruck requirente duce könnte von der Stellung her eher auf die Forderung nach der Freilassung der
Gefangenen zu beziehen sein. Die HISTORIA DUCUM und ihr SUPPLEMENTUM S. 89f. können das
Problem nicht klären.
76
MdRD Nr. 344 (Februar 1184) Kpl.; TAFEL–THOMAS Nr. 69 (Februar 1183) Kpl. (von Hecht, der der
Datierung von Tafel–Thomas folgt, auf 1183 datiert, was jedoch übersieht, daß der venezianische Kalender
erst im März des folgenden Jahres umspringt).
77
Daß sie sich allerdings der Gefährlichkeit ihrer Stellung bewußt waren, zeigt MdRD Nr. 344 (Februar
1184) Kpl., wo ausdrücklich incendium et violentia domini imperatoris als Entschuldigungsklauseln in den
Mietvertrag eingefügt werden. Von jetzt an begegnen diese Klauseln allgemein häufiger, während wir sie
vor 1171 nicht finden.
78
MdRD Nr. 348; zu dem Text s. oben Anm. 21.
79
MdRD Nr. 353 (13. Februar 1185) Theben: Si autem pax firmata non fuerit inter Veneciam et Constantino-
politanum imperium ...
80
MdRND Nr. 33 (Mai 1184) und Nr. 35 (Mai 1185) beide Kpl.
406 Kapitel XVII
des Kaisers für Venedig, im Laufe des Frühjahrs 1185 annehmen kann81. Über den Inhalt
können wir nur Mutmaßungen – mit wenigen Ausnahmen – anstellen: Anscheinend er-
kannte Venedig wieder die Oberhoheit des Kaisers an, sein Doge erhielt den Titel eines
Protosebastos zurück82, außerdem erhielt Venedig wieder offiziell seine Handelsquartiere in
Konstantinopel und demzufolge wohl auch im restlichen Reich zurück83, des weiteren die
Zahlung der von Ma-[550] nuel akzeptierten 1.500 Goldpfund zugesichert84, von denen
Andronikos sofort 100 Goldpfund zahlte85. Aus der Parallelität zu den anderen Verträgen
zwischen Byzanz und den italienischen Seestädten wird man wohl annehmen dürfen, daß es
seinerseits eine Hilfezusage für den Fall eines Angriffs auf die Romania geben mußte, wobei
allerdings, wenn wir von dem Isaakprivileg von 1187 zurückschließen, die Deutschen und
Normannen, an deren Abwehr Venedig sich auch nicht beteiligt hat, ausgeschlossen waren86.
Mehr zu sagen erlaubt die Quellenlage nicht. Immerhin konnte Andronikos zufrieden sein,
daß es ihm gelungen war, Venedig von einer durchaus möglichen Teilnahme an den norman-
nischen Eroberungsplänen fernzuhalten. Eine solche Teilnahme hätte tatsächlich die schwer-
sten Folgen für Byzanz haben können, vielleicht wäre Konstantinopel dann schon zwanzig
Jahre früher lateinisch geworden. Ein zusätzlicher Grund für den Abschluß eines Vertrags
könnte auch Dalmatien gewesen sein. Nach der Vertreibung der Byzantiner durch Ungarn
und Serben war der alte Interessengegensatz hier wieder geschwunden, und der Druck der
81
Cf. HECHT, Außenpolitik S. 53f.; falsch ist es allerdings, wenn HECHT, a. a. O. S. 51 annimmt, daß die
Venezianer durch das Privileg wieder "burgenses wie vor 1171" geworden seien; burgenses waren gerade
nicht die in einem Quartier lebenden Genuesen, Venezianer oder Pisaner (von letzteren nimmt auch
BRAND, Byzantium S. 208 an, daß sie in ihrer Gesamtheit burgenses waren), sondern die außerhalb eines
solchen Verbandes Lebenden, die durch diese Bezeichnung von den anderen geschieden wurden und völlig
der Rechtshoheit des Kaisers unterstanden, s. KINNAMOS S. 282, dem zufolge die dauernd im Reich le-
benden Venezianer im Gegensatz zu denen, die nur des Handels wegen – meist nur für kurze Zeit – nach
Byzanz kamen, als burgenses angesehen wurden, cf. BORSARI, Commercio S. 997f. und Anm. 57; s. auch
oben S. 297ff.
82
HISTORIA DUCUM SUPPLEMENTUM S. 89f.
83
Cf. HECHT, Außenpolitik S. 53.
84
DANDOLO S. 266; HISTORIA DUCUM SUPPLEMENTUM S. 90.
85
Nach HECHT, Außenpolitik S. 53 Anm. 144 betrug 1185 die Höhe der venezianischen Geldforderungen
etwa 45 Kentenare, 1187 über 54 Kentenare. Die Steigerung gegenüber den fünfzehn Kentenaren Manuels
wäre damit zu begründen, daß jetzt auch die inzwischen freigelassenen Venezianer ihre Forderungen ange-
meldet hätten. Das ist zwar richtig, übersieht jedoch, daß Andronikos sich nur verpflichtet hat, die von Ma-
nuel akzeptierte Summe zu zahlen, also fünfzehn Kentenare. Ähnliches gilt für Isaak, wie aus dem Privileg
von 1189 hervorgeht (DÖLGER, Regesten Nr. 1590 (Juni 1189)). Byzanz hat die ganze Zeit ausschließlich
die Schuld von fünfzehn Kentenaren anerkannt – mit Ausnahme von privaten Forderungen –, von denen
zur Zeit des Vierten Kreuzzugs noch zwei Kentenare zu zahlen waren (NIKETAS CHONIATES S. 538; s.
hierzu auch ausführlich oben S. 35ff.
86
S. oben S. 27.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 407
Ungarn sowohl gegen die Byzantiner als auch gegen das venezianische Norddalmatien führte
die Interessen der Lagunenstadt und des Reiches in diesem Raum plötzlieh wieder zusam-
men87. Aus dieser politischen Notsituation infolge der Angriffsvorbereitungen der Norman-
nen und der eigenen maritimen Schwäche heraus erklärt sich der neue Vertrag mit Venedig,
und es ist nicht notwendig, wie Hecht noch eine zusätzliche, kommerzielle Komponente
einzufügen88.
[551] Zweifellos profitierten die Venezianer mehr von der neuen Vereinbarung, da sie
ihre alten Privilegien zurückerhielten und zudem für ihre Verluste infolge 1171 entschädigt
wurden, im Gegenzug aber weniger Verpflichtungen eingingen als in früheren Verträgen.
Aber auch für Andronikos war der Erfolg nicht gering, da er Venedig zumindest zu einer
neutralen Haltung veranlassen konnte und durch die Vereinbarungen gegen mögliche genu-
esische oder pisanische Attacken vorgebeugt hatte.
87
Cf. HECHT, Außenpolitik S. 14, 54.
88
HECHT, Außenpolitik S. 54.
89
DÖLGER, Regesten Nr. 1563 (kurz vor 12. Sept. 1185); cf. HECHT, Außenpolitik S. 77–79; zuletzt
LILIE (1993) S. 230ff.
90
ANNALES REICHERSPERGENSES S. 511.
91
WILHELM VON TYRUS XXII. 5, S. 1069.
408 Kapitel XVII
sein, was auch in der Aufnahme byzantinischer Flüchtlinge seinen Ausdruck findet92. Manuel
hatte, gestützt auf das eingestandene Übergewicht seines Reiches, [552] in einer Politik der
Annäherung Ostrom einen wesentlichen Einfluß auf die Kreuzfahrerstaaten gesichert, doch
beruhte dieser Einfluß ausschließlich auf der byzantinischen Stärke. Als diese dahin bzw. in
Syrien nicht mehr einsetzbar war, war auch der byzantinische Einfluß wieder am Ende, so daß
Andronikos jetzt in einer Politik der Konfrontation gegen die Kreuzfahrerstaaten sein Ziel zu
erreichen suchte. Ob er ernsthaft an eine Anerkennung der byzantinischen Forderungen
durch Saladin nach der Eroberung gedacht oder hier nur der byzantinischen Eitelkeit seinen
Tribut gezollt hat, ist nicht mehr zu entscheiden. Wichtiger für Byzanz war ohnehin das ver-
einbarte Bündnis gegen die Seldschuken, das die byzantinische Ostgrenze entlasten konnte.
Im übrigen bleibt festzuhalten, daß Andronikos nicht gänzlich der christlichen Sache in den
Rücken gefallen ist, denn Jerusalem und die Küste sollten ja christlich, wenn auch wohl ortho-
dox, bleiben. Allerdings erhebt sich die Frage, inwieweit der Bericht der Annalen hier genau
und nicht tendenziös verzerrt ist, so daß man sich davor hüten sollte, den Vertrag in seiner
ausschließlich in den Annalen überlieferten Form zu eingehend zu interpretieren.
Neben dem Vertrag mit Saladin scheint Andronikos auch mit der Kurie wieder in Ver-
handlungen eingetreten zu sein, wobei wir aber nicht wissen, ob und wenn ja, was für Ab-
schlüsse erreicht wurden93. Auch mit Bela III. von Ungarn kam es, anscheinend von Ungarn
aus in Gang gesetzt, zu neuen Verhandlungen, die aber nach dem Sturz des Andronikos wie-
der in ein Neuaufflammen der Kämpfe umschlugen.
92
Cf. HECHT, Außenpolitik S. 69; LILIE (1993) S. 228.
93
Cf. HECHT, Außenpolitik S. 56ff.
94
NIKETAS CHONIATES S. 324ff.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 409
tentionen des Autors, wie Brand vermutet95, so bleibt doch als Tatsache festzuhalten, daß der
Kaiser tatsächlich einige Mißstände zum Besseren zu ändern vermochte, Mißstände, die schon
unter den früheren Kaisern, nicht erst während des Regimes des Protosebastos und der Kai-
serinmutter eingerissen waren96. Wenn seine Popularität dennoch 1185 einen Tiefstand er-
reicht hatte, so dürfte dieser auf die Atmosphäre des Schreckens zurückzuführen sein, die
Andronikos durch sein Vorgehen gegen den Adel schuf und die besonders die militärische
Leistungsfähigkeit des Reiches lähmte, was sich gegen die Normannen dann zum Nachteil des
Reiches ausgewirkt hat.
Dennoch wäre es falsch, für das Byzanz des Jahres 1185 ein totales Chaos anzunehmen.
Tatsächlich war die Lage, in der das Reich sich befand, zwar prekär, aber keineswegs aussichts-
los, im Gegenteil. Die Finanzen waren geordnet. Als die Volksmenge beim Sturz des Kaisers in
den Großen Palast eindrang, fand sie dort über zwölf Kentenare gemünztes Gold vor, unge-
rechnet Silber, Kupfer und Barrengold97. Ein weiteres Kentenar hatte Andronikos an die
Venezianer bezahlt. Wenig später konnte Isaak noch einmal vierzig Kente-[554] nare Gold
gegen die Normannen aufbringen98 und dies alles trotz der Mißwirtschaft, die der Protose-
bastos Alexios Komnenos getrieben haben soll99, trotz der schweren Kriege gegen Ungarn,
Serben, Seldschuken und Normannen und trotz der Gegnerschaft Genuas und Pisas nach
1182 und trotz der Einbußen, die der byzantinische Außenhandel hierdurch und durch die
genuesischen und pisanischen Freibeuter hinnehmen mußte.
Auch die Flotte war 1185 noch durchaus intakt. Nach Niketas Choniates lagen rund 100
Galeeren auslaufbereit in den Häfen der Hauptstadt100. Zu fragen wäre hier allerdings, ob
95
BRAND, Byzantium S. 65.
96
Das berühmteste Beispiel hierfür ist wohl das rigorose Vorgehen gegen die Strandräuber (NIKETAS
CHONIATES S. 326ff.). Während frühere Kaiser trotz häufiger Schreiben und Befehle keinerlei Bes-
serung erreicht hatten, schuf der Befehl des Andronikos, die Missetäter an den Mastbäumen aufzuhängen
und auch die Grundbesitzer und Gouverneure zu bestrafen, sofort Abhilfe. Hinweise auf einige dieser von
Niketas erwähnten nutzlosen Briefe früherer Kaiser finden sich in den genuesischen Instruktionen für den
Botschafter Grimaldi 1174, also in der Regierungszeit Manuels I. (IMPERIALE, Codice II. Nr. 96, S. 206–
222). Ob das Vorgehen des Andronikos, wie BRAND, Byzantium S. 65 und noch pointierter HECHT,
Außenpolitik S. 50 unter besonderem Hinblick auf die italienischen Kauffahrer (Venedig) annehmen, zu
sehen ist, läßt sich aus den Quellen nicht mehr beweisen, und es gibt während des ganzen 12. Jahrhunderts
für derartiges auch keine anderen Hinweise.
97
NIKETAS CHONIATES S. 347.
98
NIKETAS CHONIATES S. 357.
99
NIKETAS CHONIATES S. 230; dies ist übrigens ein weiterer Beweis dafür, daß das Reich 1180 durchaus
nicht, wie häufig angenommen, infolge der zu ambitionierten Politik Manuels völlig am Ende war, mit zer-
trümmerter Armee, verrotteten Finanzen und einer ins Elend getriebenen Bevölkerung.
100
NIKETAS CHONIATES S. 320.
410 Kapitel XVII
nach dem Ausscheiden der Italiener noch genügend Besatzungen für diese Schiffe bereitstan-
den.
Im Bereich der Armee lagen die Dinge schlechter, wie der Erfolg der Normannen beweist.
Doch auch hier war Byzanz noch durchaus nicht am Ende. Als nach dem Sturz des Androni-
kos wieder eine "normale" Kriegsführung möglich geworden war101, konnten auch die Nor-
mannen zurückgeschlagen werden. Die Mißerfolge der Andronikosära könnten somit auch
auf Person und Politik dieses Kaisers zurückgeführt werden, abgesehen davon, daß die byzan-
tinischen Heere mit Ausnahme des Kriegs gegen die Normannen durchaus nicht völlig erfolg-
los waren.
Im diplomatischen Bereich hatte die Lage sich gegenüber früher allerdings wesentlich ver-
schlechtert. Der byzantinische Einfluß in Italien war dahin, die Verbindung zwischen Nor-
mannen und Deutschen drohte zu einer unübersehbaren Gefahr für die Existenz des [555]
griechischen Staates zu werden, die auch durch die Wiederaufnahme des venezianischen
Bündnisses nicht ausgeglichen werden konnte. Die Serben hatten die byzantinische Oberho-
heit abgeschüttelt und dem Reich weite Gebiete im Nordwesten entrissen102. Mit den Ungarn
war man allerdings zu einem vorläufigen Ausgleich gelangt, das Bündnis mit Venedig kom-
pensierte den Bruch mit Genua und Pisa, und die Vereinbarungen mit Saladin, die allerdings
geeignet waren, das alte Bild des kreuzfahrerfeindlichen Byzanz zu bestätigen103, konnten bei
geschickter Politik zur Stabilisierung der Verhältnisse in Kleinasien genutzt werden.
Mit Ausnahme der Armee hatte der "Lateinerhasser" Andronikos also doch einige Erfolge
aufweisen können. Auch dieses Bild ist verzerrt, wie Danstrup und Hecht nachgewiesen ha-
ben104. Die "Lateinerfeindlichkeit" des Andronikos richtete sich, wenn überhaupt, dann gegen
Genua und Pisa und die Kreuzfahrerstaaten. Mit Venedig gelangte Andronikos zum Aus-
gleich, ebenso pflog er Unterhandlungen mit der Kurie. Wenn man auch einen "nationalisti-
schen" Grundzug seiner Politik nicht verkennen darf, so hat der Kaiser sich in den wesentli-
101
BRAND, Byzantium S. 164f. vermutet, daß das Mißtrauen, das Andronikos gegen seine Generalität hegte,
ihn davon abhielt, seine Streitkräfte einem einzigen Oberbefehlshaber zu unterstellen, was natürlich Aus-
wirkungen auf die Strategie haben mußte. Nach HECHT, Außenpolitik S. 84 wäre im Gegenteil gerade
diese Aufteilung Ergebnis eines besonderen strategischen Manövers. Gegen Hecht ist einzuwenden, daß
erst nach dem Sturz des Kaisers, als Alexios Branas als einziger Oberbefehlshaber fungierte, Erfolge gegen
die, freilich nunmehr schon dezimierte und demoralisierte Armee der Normannen zu verzeichnen waren.
102
Cf. HECHT, Außenpolitik S. 64f., 76f.
103
Cf. LILIE, (1993) 232–240.
104
DANSTRUP, Recherches S. 19ff.; HECHT, Außenpolitik S. 36ff., 46f., 89f.; eine vorwiegend "ökonomi-
sche" Erklärung der angeblichen Lateinerfeindlichkeit des Kaisers gibt SJUZJUMOV, Vnutrennjaja poli-
tika Andronika Komnina S. 58ff.·, der Andronikos als Exponenten der byzantinischen Großhändler an-
sieht, die die lateinische Konkurrenz hätten eliminieren wollen. Es dürfte schwierig sein, für diese Auffas-
sung überzeugende (oder überhaupt) Quellennachrichten beizubringen.
Alexios II. und Andronikos I. Komnenos (1180 – 1185) 411
chen Zügen seiner Politik hiervon nicht beeinflussen lassen oder zumindest einem solchen
Einfluß nur in sehr geringem Maße nachgegeben, sieht man einmal von den Vorgängen in
Konstantinopel 1182 ab, die aber aus den Umständen seiner Usurpation auch in gewissem
Maße rational erklärt werden können.
Insgesamt war die Lage des Reiches 1185 zwar schwieriger geworden, aber beileibe nicht
aussichtslos. Die Reserven des Staates waren durchaus noch nicht so erschöpft, wie man ge-
meinhin annimmt105. [556] Es kam nun alles darauf an, ob es dem Nachfolger des letzten
Komnenen gelingen würde, die heterogenen Tendenzen, die sich in Ansätzen schon unter den
ersten drei Komnenen gezeigt und in den Jahren zwischen 1180 und 1185 erheblich verstärkt
hatten, zu unterdrücken und alle Kräfte des Staates so zusammenzufassen, daß sie, wie es bis
1180 der Fall gewesen war, unzersplittert in jeweils eine, vom Kaiser bestimmte, Richtung
unter einheitlicher Führung eingesetzt werden konnten. Gelang dies, war die Basis für eine
geordnete Weiterexistenz des byzantinischen Reiches gegeben. Gelang es nicht, mußte es zum
Desaster kommen. Die Frage war, ob Isaak Angelos der Mann sein würde, dies zu erkennen,
und ob er die Kraft und die Fähigkeiten haben würde, dieser Erkenntnis gemäß zu handeln.
105
Cf. beispielsweise OSTROGORSKY, Geschichte S. 323: "Ökonomisch und militärisch war das Kaiser-
reich völlig verbraucht" (gemeint ist: am Ende der Regierungszeit Manuels).
KAPITEL XVIII DIE KAISER DER ANGELOIDYNASTIE (1185 – 1204)
1
NIKETAS CHONIATES S. 423; cf. BRAND, Byzantium S. 84.
2
Zu der Regierungszeit Isaaks cf. COCNASSO, Isacco II. Angelo; BACHMANN, Johannes Syropulos;
VLACHOS, Aufstände; BRAND, Byzantium S. 76ff. (mit weiteren Literaturangaben).
3
NIKETAS CHONIATES S. 362
4
IBIDEM.
5
IBIDEM S. 358–361.
6
Cf. BRAND, Byzantium S. 172.
7
NIKETAS CHONIATES S. 357.
8
NIKETAS CHONIATES S. 367f.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 413
und -flotte völlig aufzureiben. Zypern ging dem Reich endgültig verloren9. Zu diesem Mißer-
folg gesellte sich als weiterer ein Aufstand der Vlachobulgaren unter Anführung der beiden
Brüder Peter und Asen10. Zunächst vermochte eine byzantinische Armee, sie zu vertreiben,
aber wenig später kehrten sie zurück. Isaak bestellte nun den Sebastokrator Johannes als
Feldherrn, der aber bald wieder abgesetzt wurde, da man argwöhnte, daß er nach dem Purpur
strebe. Sein Nachfolger bewährte sich nicht, so daß der Kaiser auf Alexios Branas zurückgriff,
den Sieger über die Normannen. Kaum war dieser im Feld, nahm er seinerseits nun tatsächlich
den Purpur und belagerte Konstantinopel, konnte aber in offener Feldschlacht geschlagen
werden, wobei der Kaiser sich auf frisch angeworbene lateinische Söldner stützte11, die nach
dem Sieg die Umgebung der Hauptstadt plünderten [559] und auch Konstantinopel selbst
nicht verschonten12.
Die Reaktion der hauptstädtischen Bevölkerung war ein neuer Angriff auf die Lateiner-
quartiere, der aber im Gegensatz zu 1182 nicht die Unterstützung des Kaisers fand und abge-
wehrt werden konnte13. Im folgenden mischen sich Kriege gegen auswärtige Mächte, soweit
man die Vlachobulgaren schon als solche bezeichnen kann, und Niederschlagungen von Auf-
ständen in bunter Reihenfolge. Zunächst zog Isaak im Sommer 1187 gegen die Bulgaren,
1188/89 bekämpfte er den aufständischen Theodoros Mankaphas in Philadelpheia, mußte
mit ihm jedoch einen Vergleich schließen, da sich unterdessen die Armee der Deutschen auf
dem Weg ins Hl. Land den byzantinisehen Grenzen näherte14. Die nächsten Monate vergin-
gen mit wechselseitigen Verhandlungen und Kämpfen, bis die Kreuzfahrerarmee über Phil-
adelpheia und das phrygische Laodikeia die Romania in Richtung Ikonion verlassen hatte15.
Unterdessen hatte Mankaphas mit Hilfe türkischer Soldtruppen den Kampf wieder aufge-
9
IBIDEM S. 369f. ; cf. BRAND, Byzantium S. 172; LAVAGNINI, I Normanni di Sicilia a Cipro e a Patmo;
VRANOUSSI, Operations des Normands; zu der Person des Usurpators Isaak Komnenos cf. VLACHOS,
Isaakios Komnenos; zu den Auswirkungen, die die byzantinische Expedition auf das (negative) Bild Isaaks
in den Kreuzfahrerstaaten und im Abendland gehabt hat, cf. BRAND, Byzantines and Saladin S. 170;
LILIE (1993)S. 229ff.
10
Für das folgende s. NIKETAS CHONIATES S. 368f., 371ff.; zu der Chronologie cf. BRAND, Byzantium
Appendix I. S. 273f.: Chronology of Isaac Angelus’ early years.
11
NIKETAS CHONIATES S. 393f. weist nachdrücklich auf die großen Geldschwierigkeiten des Kaisers
hin, der sogar seine Silberschätze an die reichen Klöster Konstantinopels verpfänden mußte, um genügend
Geld zur Söldneranwerbung zu bekommen. Freilich steht dies in einem gewissen Widerspruch zu der Be-
hauptung, daß der Kaiser 1185 vierzig Kentenare Gold gegen die Normannen aufbringen konnte (NIKE-
TAS CHONIATES S. 357). Doch mag es sein, daß diese Anstrengungen die finanziellen Kräfte Isaaks
erschöpft hatten.
12
NIKETAS CHONIATES S. 391f.
13
IBIDEM S. 392f.
14
IBIDEM S. 399f.; cf. HOFFMANN, Rudimente S. 67; BRAND, Byzantium S. 85; VLACHOS, Auf-
stände S. 162f.
15
NIKETAS CHONIATES S. 401 ff.; BRAND, Byzantium S. 85, 176ff.; zuletzt EICKHOFF, Barbarossa S.
38ff., 78–102.
414 Kapitel XVIII
nommen, aber Isaak konnte durch eine größere Geldzahlung die Seldschuken bewegen, ihn an
die Romäer auszuliefern16. 1190 sah einen erneuten Feldzug gegen die Vlachobulgaren und
die Expedition gegen die Serben, die in der erfolgreichen Schlacht an der Morava endete. 1191
marschierte der Kaiser wiederum gegen die Vlachobulgaren, 1192 waren zwei Aufstände in
Westkleinasien und Paphlagonien niederzuschlagen17 und außerdem ein türkischer Angriff
abzuwehren. 1193 erfolgte der Usurpationsversuch des Konstantin Dukas Angelos, der aller-
dings ohne Schwierigkeiten unterdrückt werden konnte. Auch ein weiterer kleiner Aufstand
bei Nikomedeia teilte dieses Schicksal. Nach einer schweren Niederlage 1194 brachte Isaak
schließlich 1195 noch einmal fünfzehn Kentenare Gold und über [560] 60 Kentenare Silber
für einen Feldzug gegen die Vlachobulgaren auf, in dessen Verlauf er aber von seinem Bruder
Alexios abgesetzt und geblendet wurde.
Strukturelle Probleme der Herrschaft des Kaisers und ihre Folgen
Alle diese Aktionen zeigen die Anspannung, in der das byzantinische Reich sich in den Jahren
zwischen 1185 und 1195 befand. Es zeigt aber vor allem die verhängnisvolle Wechselwirkung,
die sich zwischen inneren Aufständen und äußeren Feinden entwickelte. Das Zentralproblem
für die neue Regierung war nach der Besiegung der Normannen der vlachobulgarische
Aufstand, der, je länger desto mehr, die Kräfte des Reiches forderte. Andererseits verhinderten
die Usurpationsversuche der gegen die Rebellen ausgeschickten Generäle (Alexios Branas,
Konstantin Dukas) ebenso wie die Revolten in Kleinasien eine kontinuierliche Kriegsfüh-
rung. Der Grund für diese Revolten liegt laut Niketas Choniates einmal in der schwachen
Regierung Isaaks18. Nicht weniger dürften die hohen Steuerbelastungen19, die Gegensätze
zwischen dem Kaiser und den hohen Provinzmagnaten und die teilweise Unterstützung die-
ser Magnaten und anderer Usurpatoren durch die Seldschuken beigetragen haben20. Weniger
denn je ließen sich die großen Grundherren von der Politik des Kaisers beeindrucken. Last
not least dürfte als weiterer Punkt die fehlende Legitimität des neuen Kaisers hinzugekom-
men sein, der weniger durch eigenes oder seiner Vorfahren Verdienst als vielmehr durch die
Gunst der Umstände auf den Thron gekommen war. Hier rächte sich die Politik der ersten
drei Komnenen, dank derer Byzanz im 12. Jahrhundert einen starken Feudalisierungsprozess
durchgemacht hatte, gestützt in erster Linie auf die Familie der Komnenen selbst und einige
wenige andere, große Adelsgeschlechter. Schon vor 1180 hatte diese Feudalisierung die Macht
des Kaisers in gewisser Weise eingeschränkt, man denke nur an die zeitweise halbunabhängige
16
Für diese und die im folgenden behandelten Geschehnisse s. allgemein NIKETAS CHONIATES S. 400f.,
419ff.; cf. VLACHOS, Aufstände S. 162–166; BRAND, Byzantium S. 86–89.
17
NIKETAS CHONIATES S. 419ff.
18
NIKETAS CHONIATES S. 423.
19
Cf. VLACHOS, Aufstände S. 166.
20
Cf. BRAND, Byzantium S. I I3ff.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 415
Machtstellung die die Gabraden in und um Trapezunt eingenommen hatten21. Als nun eine
neue Dynastie den Thron bestieg, deren Vor-[561] rang nicht allgemein anerkannt wurde
und deren Kaiser, trotz aller Bemühungen, die etwa Isaak nicht abzusprechen sind22, nicht das
Durchsetzungsvermögen der ersten Komnenen besaßen, wurden die heterogenen Tendenzen
noch stärker und verminderten die Macht der Zentralregierung. Hier ergab sich ein verhäng-
nisvoller Kreislauf: Die zahlreichen Aufstände verminderten die Mittel, die dem Kaiser, zur
Abwehr der Angriffe von außen zur Verfügung standen. Diese wiederum verhinderten eine
erfolgreiche Bekämpfung der inneren Feinde, so daß schließlich weder die einen noch die
anderen energisch genug bekämpft werden konnten, ein Phänomen, das in den Jahren nach
1195 noch viel verhängnisvoller in Erscheinung treten sollte, vor allem, als Byzanz mit der
Streitmacht des Vierten Kreuzzugs konfrontiert wurde.
Wiederaufnahme des Handels der Italiener in der Romania
Diese hier nur kurz skizzierte Entwicklung hatte ihre Bedeutung für die Beziehungen des Rei-
ches zu den italienischen Seestädten, denen wir uns nun wieder zuwenden wollen. Hier hatte
der Regierungswechsel in Konstantinopel zunächst positive Folgen. Genua und Pisa hatten
nach den Ereignissen von 1182 eine streng ablehnende Haltung eingenommen: Die Quellen
berichten zwar nicht von "offiziellen" kriegerischen Unternehmungen, wofür beiden Städten
wohl die Kraft fehlte, aber die ständigen Piratenzüge, die einzelne Genuesen oder Pisaner
unternahmen, verursachten, vor allem auf den Inseln und in den Küstengebieten der Roma-
nia, nicht viel weniger Schaden23. Auch nach 1185 hörte die Piraterie zwar [562] nicht auf –
sie setzte sich bis 1204 und sogar darüber hinaus fort –, aber wir finden ab 1186 doch wieder
auch genuesische Kaufleute in Byzanz, ein Zeichen, daß man in Genua und Pisa grundsätzlich
21
Zu der Gabrasfamilie cf. BRYER, Gabrades; HOFFMANN, Rudimente S. 21 ff.; allgemein OSTROGOR-
SKY, Geschichte S. 332f.; BRAND, Byzantium S. 1ff.
22
Eine positivere Beurteilung der Person und der Leistungen Isaaks gibt vor allem BRAND, Byzantium S.
113ff.; dagegen cf. z. B. GUILLAND, Byzance et les Balkans S. 125ff., der in der persönlichen Unfähigkeit
Isaaks ein entscheidendes Moment sieht.
23
1184 bereiste Ibn Gubayr den ägäischen Archipel und konstatierte eine gewisse Feindseligkeit zwischen
den Inselbewohnern und den "Rum", die der zu den Mohammedanern vergleichbar sei ("I Rum si guardano
dalla popolazione di quelle isole come si guardano dai Musulmani, perocche non esiste concordato da loro"
IBN GUBAYR S. 311). BRAND, Byzantium S. 369 Anm. 3 sieht in diesen "Rum" die byzantinische Regie-
rung in Konstantinopel ("The Aegaean Islanders were hostile to Constantinople"), der gegenüber die Be-
völkerung der Inseln sich feindlich verhielte, vielleicht weil sie großteils zu den dort umherstreifenden
Piraten gehörte. Doch bedeuten "Rum" bei den Mohammedanern nicht speziell Byzantiner, sondern ganz
allgemein Europäer (so kennzeichnet IBN GUBAYR S. 337 zum Beispiel genuesische Kaufleute als "alcuni
Rum genovesi"), so daß es wohl wahrscheinlicher die Feindseligkeit der Inselbewohner gegenüber den Ita-
lienern ist, die Ibn Gubayr beschreibt und die tatsächlich auf die schweren Korsarenattacken zurückzufüh-
ren sein dürfte, die gerade die Ägäis schwer in Mitleidenschaft gezogen haben, was in verschiedenen Quel-
len dieser Zeit Erwähnung findet (s. oben S. 130ff.).
416 Kapitel XVIII
bereit war, nach dem Tod des verhaßten Andronikos wieder in normale Beziehungen zu dem
griechischen Reich zu treten24.
Auch Venedig scheint, obwohl es doch mit Andronikos einen Vertrag geschlossen hatte,
keine Schwierigkeiten gehabt zu haben, mit dem neuen Herrscher ein gutes Verhältnis anzu-
knü[Link] haben wir für die Monate Juni bis Dezember 1185 keinen Nachweis für Han-
del von Venezianern mit Byzanz, doch dürfte dies wohl vor allem mit dem Angriff der Nor-
mannen zusammenhängen25. Im Februar und März 1186 sind Venezianer in Konstantinopel
nachweisbar26, dann erst wieder im August 118827. Jedoch dürfte diese Lücke wenig zu besa-
gen haben. Möglicherweise erklärt sie sich zum Teil aus den Ereignissen in den Kreuzfahrer-
staaten.
Ein direkter Nachweis für pisanische Händler ist nicht zu erbringen. Daß man in Pisa,
zumindest in den offiziellen Kreisen, immer noch an eine Vergeltung für 1182 gedacht hat,
geht aus dem Angebot der Pisaner im Jahre 1190 hervor, dem deutschen Kreuzheer Schiffe
für einen Angriff auf Konstantinopel zur Verfügung zu stellen28. Dennoch scheint es auch
pisanische Kaufleute in Konstantinopel gegeben zu haben, denn 1192 forderten die Pisaner
unter anderem eine Zurückzahlung des überhöhten Kommerkions, das ihren Schiffen wider-
rechtlich abgenommen worden sei29. Es muß also ein gewisser [563] Handelsverkehr bestan-
den haben. Gleichzeitig beweist der Passus aber, daß man in Byzanz nach 1182 – und auch
noch nach 1185 – die alten Verträge mit Pisa und demnach wohl auch mit Genua für erlo-
schen ansah. Da Venedig keine solche Forderung gestellt hat bzw.: Da in dem Privileg von
1187 kein derartiger Passus zu finden ist, scheint diese Auffassung für die Venezianer nicht
gegolten zu haben. Es wäre auch nicht ratsam gewesen, denn Venedig war von seinen Macht-
mitteln her gesehen immer noch die stärkste der drei Städte und auch am ehesten bereit, seine
Privilegien mit den Waffen zu verteidigen, wie die Vergangenheit zweimal bewiesen hatte. So
ist es auch kein Wunder, daß die Stadt schon 1187 ein großes Privileg von Isaak erhielt, das
die beiderseitigen Verpflichtungen genau festlegte. Ein weiterer Grund mag hinzukommen:
1187 besaß Byzanz keine eigene Kriegsflotte mehr. Während wir unter Manuel noch Flotten
bis zu 150 und mehr Einheiten feststellen können und 1182 noch über 140 Kriegsschiffe zäh-
24
DANSTRUP, Recherches S. 90 läßt Genuesen und Pisaner auch schon unter Andronikos Handel in By-
zanz treiben, ohne allerdings diese Annahme quellenmäßig belegen zu können. Die genuesischen Handels-
urkunden lassen erst ab 1186 wieder genuesischen Handel in Byzanz erkennen (OBERTO SCRIBA DE
MERCATO (1186) Nr. 9, 11, 15 (23. 9. 1186) und weitere acht Verträge, die am 24. 9. geschlossen wur-
den, sowie zwei spätere. In den bisher ungedruckten Teilen dieses Notars (für die Jahre 1182–1184) findet
sich kein Hinweis auf Handel mit Byzanz, cf. BACH, Cité de Gênes Appendix).
25
Das letzte Zeugnis ist MdRND Nr. 35 (Mai 1185) Kpl.
26
MdRD Nr. 362 (Februar 1186) Kpl. und Nr. 363 (März 1186) Kpl.
27
MdRD Nr. 368 (August 1188) Kpl.
28
Cf. BRAND, Byzantium S. 210.
29
S. oben S. 80.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 417
len, setzt mit diesem Jahr der Niedergang ein. Über vierzig Galeeren verlor man an die Latei-
ner, so daß 1185 noch 100 Galeeren in Konstantinopel lagen. Von diesen hat Isaak noch ein-
mal siebzig gegen Zypern geschickt, wo sie von den Normannen anscheinend völlig aufgerie-
ben worden sind30. Später hören wir nie wieder etwas von größeren byzantinischen Seeunter-
nehmungen, dafür viel von den Schwierigkeiten, die Byzanz aus den Seeräubern erwuchsen,
gegen die man nur noch mit Hilfe anderer italienischer Korsaren etwas unternehmen konnte.
Es ergibt sich, daß nach 1186 mit Ausnahme der wenigen Galeeren, die nicht nach Zypern
geschickt worden waren, keine eigene, byzantinische Kriegsflotte mehr existiert hat, womit für
das Reich einmal mehr die Notwendigkeit manifest wurde, mit den anderen verfügbaren Flot-
tenmächten der Zeit, in diesem Falle also einer der drei Seestädte Venedig, Genua oder Pisa
oder mit zweien oder gar allen dreien zum Ausgleich zu kommen, zumal das Reich ernsthaft
von den Normannen Siziliens, deren Verbindung mit Deutschland in den folgenden Jahren
immer enger werden sollte, bedroht wurde. Zumindest galt es, die Seestädte von einer aktiven
Unterstützung dieser Feinde abzuhalten, und das war in der gege-[564] benen Situation im
Gegensatz zu den Jahren Manuels nur noch durch die Vergabe von Privilegien möglich.
Die Privilegien für Venedig 1187 und 1189
1187 erhielt Venedig durch ein von Isaak erlassenes Chrysobull31 seine alten Rechte zurück.
Gleichzeitig wurden die Pflichten der Lagunenstadt neu definiert und in das Privileg aufge-
nommen. Es ist das erste Mal, daß diese Verpflichtungen direkt in den Text des Chrysobulls
inseriert worden sind, was zur Folge hat, daß sie – im Gegensatz zu den früheren Verträgen
mit Venedig – erhalten sind und genaue Rückschlüsse über das Verhältnis zwischen Rechten
und Pflichten der Vertragspartner erlauben.
Wenn wir zunächst die byzantinischen Verpflichtungen betrachten, so ergibt sich wenig
Neues. Byzanz erneuerte die alten Privilegien. Es verpflichtete sich seinerseits zu einer Berück-
sichtigung der venezianischen Belange im Fall eines Friedensschlusses mit einem Feind, gegen
den Venedig Waffenhilfe gewährt hatte, und sicherte den Venezianern für eventuelle Erobe-
rungen ihren Anteil zu. Neu ist das Versprechen, Venedig im Falle eines Angriffs wie eine sei-
ner eigenen großen Städte zu unterstützen. Wenn man allerdings an die jüngste Eroberung
Thessalonikes denkt, verliert diese Zusicherung doch einiges an Glaubwürdigkeit. Neu ist
auch und vor allem der Versuch, die Schäden von 1171 nicht in summa abzugelten, sondern
sie tatsächlich genau zu ermitteln und zu restituieren. Brand interpretiert diesen Punkt als
Versuch, von dem Vorgehen des verhaßten Vorgängers Andronikos abzuweichen32, doch
wissen wir nicht, ob nicht schon Andronikos neben der allgemeinen Entschädigung für die
Kommune auch einer individuellen Schadensregelung zugestimmt hat, ebenso wie Isaak ja
30
Cf. LILIE (1993) S. 229f., 238.
31
DÖLGER, Regesten Nr. 1578 (Februar 1187); zu den Bestimmungen des Privilegs s. oben S. 24ff.
32
BRAND, Byzantium S. 198f.
418 Kapitel XVIII
auch in die Zahlung von fünfzehn bzw. vierzehn Kentenare Gold einwilligen mußte. Brands
Argumente sind daher nicht stichhaltig.
Mit Ausnahme dieser einen Regelung, die zudem durch den Sonderfall von 1171 verur-
sacht worden ist, unterscheidet sich das Privileg Isaaks kaum von seinen Vorgängern, mit eini-
gen geringen zusätzlichen Punkten zugunsten der Venezianer, die aber kaum ins Gewicht
[565] fallen.
Wie sah es nun auf der venezianischen Seite aus? Auf den ersten Blick spricht die Fülle
der venezianischen Verpflichtungen und die Genauigkeit, mit der sie festgestellt wurden,
dafür, daß Venedig hier erheblich mehr als früher zugestehen mußte33. Doch war dies wirklich
so? In der Vergangenheit hatte der Hauptwert der venezianischen Verpflichtungen in einer
Beistandszusage für den Fall eines Angriffs auf das Reich gelegen. Diese Zusage war allerdings
nicht, wie Danstrup meint, nur allgemein gewesen, sondern ebenfalls sehr genau geregelt,
wenn auch nicht in dem Privileg selbst, sondern in einer separaten Gegenerklärung der Vene-
zianer, die vor 1187 in keinem einzigen Fall erhalten ist. Erst 1187 wurde diese Erklärung in
das Privileg des Kaisers inseriert und ist daher auch erst seit diesem Zeitpunkt bekannt. Wenn
wir dagegen die Regelungen von 1187 genau nehmen, dann waren sie keine Erweiterung der
früheren Zusagen, sondern eher Einschränkungen. So galt die venezianische Hilfeverpflich-
tung ausdrücklich nicht für den Fall eines Konflikts mit Deutschland und nur sehr einge-
schränkt für den eines sizilianischen Angriffs, der noch dazu bewiesen werden mußte. Gerade
in der Hilfe gegen Sizilien aber hatte in der Vergangenheit das byzantinisch–venezianische
Zusammengehen seinen Hauptinhalt gehabt. Indem dies jetzt fortfiel – die fünfzehn Galeeren
zählen nicht, was ja auch die entsprechende byzantinische Gegenerklärung beweist –, war eine
der wichigsten venezianischen Belastungen weggefallen, ja wenn man Deutschland noch dazu-
nimmt, der einzige positive Wert, den dieses Bündnis überhaupt haben konnte. Denn außer
Deutschland und Sizilien besaß Byzanz im Westen in diesen Jahren keine Feinde, die ihm
gefährlich werden konnten. Gerade erst hatten diese beiden Mächte sich durch die Verlobung
Heinrichs mit Konstanze verbunden – die Spitze gegen Byzanz war unverkennbar –, und ein
gemeinsamer Angriff lag durchaus im Bereich des Möglichen. Und ausgerechnet dieser Punkt
wurde in dem Vertrag nicht erfaßt!
Aber es geht noch weiter: Venedig war nur dann zur Hilfe verpflichtet, wenn mehr als
vierzig und weniger als 100 Galeeren Byzanz angriffen. 1185 hatte [566] Tankred von Lecce
mehr als 200 Schiffe gegen das Reich geführt. Nach dem Wortlaut des Vertrags von 1187 wäre
Venedig – unabhängig von dem Passus über Deutschland und Sizilien – nicht zur Hilfelei-
stung verpflichtet gewesen. Auf der anderen Seite schloß die Mindestzahl von vierzig eine
Hilfe Venedigs gegen kleinere Attacken aus, in erster Linie wohl von Seeräubern, da diese
kaum in so großen Schiffszahlen auftraten. Als einzige potentielle Gegner, gegen die eine
venezianische Hilfsflotte einzugreifen hatte, blieben de facto nur Genua und Pisa, die beiden
33
So DANSTRUP, Manuel’s Coup S. 212ff.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 419
anderen Seestädte, übrig. Hier lag eine Hilfeleistung im eigenen Interesse Venedigs, da beide
Städte als Konkurrenten des venezianischen Handels in der Romania nicht zu mächtig wer-
den durften. Als letzte Einschränkung schließlich ist die Bedingung zu werten, daß die kai-
serliche Flotte zumindest gleichstark der venezianischen sein mußte. Bei dem desolaten Zu-
stand der byzantinischen Kriegsmarine war das zwar grundsätzlich möglich, aber in der Praxis
kaum zu erwarten. Die folgenden Jahre haben ja auch zur Genüge die völlige Inkompetenz der
byzantinischen Kriegsflotte erwiesen, die sich nicht einmal mehr gegen die Angriffe der Pira-
ten behaupten konnte.
Darüber hinaus verpflichtete sich Byzanz, den Bau und die Ausrüstung der veneziani-
schen Hilfsflotte zu bezahlen und später unter Umständen deren Unterhaltskosten zu decken
– eine unter Manuel unvorstellbare Maßnahme. Auch wenn diese Schiffe formal Eigentum
des Kaisers bleiben, so bestand doch jederzeit die Möglichkeit, daß die Venezianer sie, die in
Venedig lagen, in eigene Regie übernahmen. Für den Fall eines Konflikts zwischen Venedig
und Byzanz konnten sie wichtige Faustpfänder werden. Oder mit anderen Worten: Es konnte
der Fall eintreten, daß Byzanz den Bau der venezianischen Flotte bezahlen mußte, wovon in
früheren Jahren niemals die Rede gewesen war. Der Vorteil Venedigs ist unverkennbar.
Auch die Schutzverpflichtungen, die Venedig für byzantinische Beamte etc. übernahm,
sind sehr eingeschränkt, da die byzantinischen Unternehmungen sich nicht gegen verbündete
oder befreundete Mächte richten durften. Nach Lage der Dinge konnten byzantinische Akti-
onen in der Lombardei nur gegen Deutschland gerichtet sein. Da diese aber, wie ja der Vertrag
selbst anerkennt, mit Venedig verbündet war, verloren die entsprechenden Bestimmungen
jeg-[567] lichen praktischen Wert. Denkbar wäre von Venedig aus auch eine Aktion gegen
Ungarn gewesen, die aber in diesen Jahren ohnehin im eigenen Interesse der Venezianer gele-
gen hätte. Auch hier also eher eine Erleichterung für Venedig.
Die Bestimmungen über die im Reich wohnenden Venezianer finden sich auch in den
Verträgen mit Genua und Pisa. Es wäre zu fragen, ob diese Venezianer auch bei einem deut-
schen oder normannischen Angriff zur Abwehr verpflichtet gewesen sind. Da sich zu diesem
Punkt keine entsprechende Klausel findet, ist die Frage wohl zu bejahen, da Venedig sonst
sicher einen entsprechenden Hinweis in den Vertrag eingebaut hätte.
Es bleibt also festzuhalten: Zumindest für die nächsten acht Jahre war Venedig durch sei-
nen Vertrag mit Byzanz nicht verpflichtet, das Reich bei einem Angriff seiner beiden gefähr-
lichsten Gegner zu unterstützen. Im übrigen waren die Beistandsverpflichtungen an eine
ganze Reihe von Vorbedingungen geknüpft, die den Venezianern im Ernstfall – der freilich
nie eintrat – immer wieder Entschuldigungsgründe geboten hätten. Demgegenüber stand die
vollständige Bestätigung der alten Privilegien und die Zusage der Entschädigung für die Ver-
luste von 1171.
Mit anderen Worten: Venedig erhielt 1187 die gleichen Rechte, nur wenig vergrößert,
wieder wie in den früheren Privilegien, seine Pflichten dagegen hatten sich erheblich vermin-
dert. Die Lagunenstadt hatte auf der ganzen Linie gewonnen.
420 Kapitel XVIII
Wenn wir die Gründe bestimmen, die Isaak dazu gebracht haben, dieses Privileg in die-
sem Umfang zu erteilen, so steht wohl an erster Stelle das Fehlen einer eigenen Flotte, das By-
zanz zwang, wieder auf die italienischen Seestädte zurückzugreifen. Zudem stand zu befürch-
ten, daß Venedig bei einer Nichterteilung zur Gewalt gegriffen hätte, und 1187 wäre Byzanz
einem solchen Angriff noch hilfloser als jemals zuvor ausgesetzt gewesen. Isaak mochte sich
immerhin sagen, daß er von Venedig zwar kaum etwas erhalten hatte, daß er aber durch sein
Chrysobull die Adriastadt zumindest neutral hielt und so ihr eventuelles Zusammengehen
mit Deutschen oder Normannen verhinderte, was wenigstens ein Erfolg war, wenn auch ein
im wahrsten Sinne des Wortes teuer erkaufter.[568]
Wenig später schloß Byzanz Frieden mit Wilhelm II. von Sizilien34 und erneuerte das
Bündnis mit Saladin35. Auch in den folgenden Jahren gingen Gesandtschaften zwischen Sul-
tan und Kaiser hin und her, die sich in erster Linie gegen die Drohung eines neuen Kreuzzugs
richteten und hier nicht weiter behandelt zu werden brauchen36. Die bevorstehende Ankunft
des deutschen Kaisers mit seinen Truppen versetzte die unsichere Regierung in Konstantino-
pel begreiflicherweise in äußerste Unruhe. Diese Situation, verbunden mit dem Umstand, daß
die geplante individuelle Schadensregulierung von 1187 für die Venezianer sich als unmöglich
erwies, dürfte dazu geführt haben, daß der Kaiser 1189 in ein weiteres Chrysobull einwilligte,
in dem er nicht nur die Schuld von vierzehn bzw. fünfzehn Goldkentenaren nochmals aner-
kannte, sondern darüber hinaus die individuelle Schadensregulierung durch die Überlassung
der beiden Quartiere der Deutschen und Franzosen an Venedig, die pro Jahr fünfzig Gold-
pfund abwarfen, ersetzen mußte, abgesehen von kleineren Zugeständnissen. Die Verpflich-
tungen Venedigs blieben unverändert37.
Ungefähr in demselben Zeitraum wurde auch wieder ein Vertrag mit Saladin abgeschlos-
sen, in dem Isaak sich verpflichtete, den Mohammedanern die öffentliche Religionsausübung
in Konstantinopel zu gestatten, die Lateiner aus dem Reich zu treiben und die Christen Sy-
riens nicht mehr mit Lebensmitteln zu versorgen. Als Gegenleistung sollte die orthodoxe Reli-
gionsausübung im Hl. Land gestattet werden, außerdem sollten die byzantinischen politi-
schen Ansprüche in gewisser Weise befriedigt werden38. Ob Isaak, ebenso wie der Sultan,
diese Punkte ernsthaft erfüllen wollte, läßt sich nicht mehr beurteilen. In der gegebenen Situ-
ation erscheint es eher unglaubhaft, aber immerhin hatte er einen Bundesgenossen gegen
Friedrich Barbarossa gewonnen, auch wenn dieser Bundesge-[569] nosse schon aufgrund der
Entfernung kaum eine ernsthafte Hilfe gewähren konnte.
34
DÖLGER, Regesten Nr. 1578a (1187).
35
DÖLGER, Regesten Nr. 1584 (ca. Ende 1188); Nr. 1591 (ca. Juni 1189); zu den Beziehungen zwischen
Saladin und Byzanz wie auch zu den diesbezüglichen Thesen H. Möhrings cf. LILIE, Noch einmal (1984).
36
Cf. die Darstellung bei MÖHRING, Saladin S. 177ff. ; LILIE (1993) S. 239–241.
37
DÖLGER, Regesten Nr. 1590 (Juni 1189); cf. oben S. 35ff.
38
DÖLGER, Regesten Nr. 1591 (ca. Juni 1189); cf. LILIE (1993) S. 241.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 421
39
ANNALES IANUENSES II. S. 21.
40
MIKLOSICH–MÜLLER Nr. 1, S. 1f. (DÖLGER, Regesten Nr. 1582 (Dez. 1188).
41
MIKLOSICH–MÜLLER Nr. 5, S.27. (DÖLGER, Regesten Nr. 1583 (Dez. 1188/Apr. 1192); cf. Brand,
Byzantium S. 209.).
42
MIKLOSICH–MÜLLER Nr. 2, S. 2f. (DÖLGER, Regesten Nr. 1606 (Okt. 1191).
43
DÖLGER, Regesten Nr. 1610 (April 1192); Text (griech.) bei MIKLOSICH–MÜLLER III. Nr. 5. S. 25–
37; BERTOLOTTO, Documenti S. 75–85 (lat.); s. auch IMPERIALE. Codice III. Nr. 20 (April 1192) S.
50f.; Nr. 21 (April 1192) S. 51–62; cf. BRAND. Byzantium S. 209f.; cf. auch oben S. 100ff.
44
S. oben S. 240.
422 Kapitel XVIII
Ein direkter Anlaß für die Vertragserneuerung ist nicht auszumachen, es sei denn, wir
suchen ihn in den Ereignissen in Sizilien. Dort war Ende 1189 König Wilhelm II. kinderlos
gestorben, so daß seine Tante Konstanze den Thron erbte, deren Mann der deutsche Thron-
folger Heinrich VI. war. "Die Vereinigung beider Mächte bedeutete für Byzanz eine tödliche
Gefahr"45, und so verwundert es nicht, daß Byzanz sehr stark den normannischen Gegenkönig
Tankred von Lecce stützte. Die unter Manuel zweimal so erfolglos projektierte Idee einer
Heiratsverbindung wurde jetzt Wirklichkeit, bezeichnenderweise als es zu spät war. Byzanz
und auch die Normannen unter Tankred von Lecce waren nicht mehr stark genug, die Expan-
sion des deutschen Reiches nach Unteritalien und Sizilien aufzuhalten46. Aber für den Fall,
daß Heinrich VI. gewann, wurde nun vorgesorgt. Im Falle eines deutsch-normannischen An-
griffs war Venedig nicht oder nur zu einer sehr geringen Hilfeleistung verpflichtet, wie wir
gesehen haben. Genua konnte ein solches Privileg nicht erreichen. Gemäß den Bestimmungen
von 1170 mußten die [571] Genuesen in Byzanz bei der Abwehr mithelfen und Dienst auf
der kaiserlichen Flotte nehmen. Ähnliches galt, wie wir noch sehen werden, für die Pisaner.
Byzanz hatte durch diese Verträge also, so gut es konnte, die Lücke auszufüllen gesucht, die
die venezianischen Klauseln offengelassen hatten. Außerdem mochte es hoffen, daß der erfolg-
reiche Abschluß der Verhandlungen auch die, ja hauptsächlich von Pisanern und Genuesen
vorgetragenen, Piratenunternehmungen einschränken, wenn nicht beenden würde.
Das Privileg für Pisa 1192
Anders als Genua scheint Pisa nach dem Sturz des Andronikos sich nicht intensiv um eine
Wiederherstellung der Beziehungen gekümmert zu haben. Pisanische Piraten tummelten sich
zahlreich in den Gewässern der Romania, der Phinekasfluß in Kleinasien wurde sogar zum
portus Pisanorum, von dem aus die pisanischen Korsaren ihr Unwesen trieben. 1191 vernich-
tete dort Philipp August von Frankreich auf der Rückkehr aus dem Hl. Land vier pisanische
Piratengaleeren47. 1190 scheint Pisa sogar zu einem Angriff auf Konstantinopel im Gefolge
Barbarossas bereit gewesen zu sein48. Dennoch hat es auch pisanische Handelsschiffe in
Byzanz in dieser Zeit gegeben49, so daß wir vielleicht doch auch einen gewissen Wunsch kon-
statieren können, wieder zu normalen Beziehungen zu kommen, zumal die Eroberungen
Saladins in den Kreuzfahrerstaaten die dortigen Handelsmöglichkeiten erheblich einge-
schränkt haben werden.
45
OSTROGORSKY, Geschichte S. 340.
46
NIKETAS CHONIATES S. 419; cf. BRAND, Byzantium S. 190; allgemein zu der Situation in Sizilien in
diesen Jahren cf. CHALANDON, Dom. Norm. II S. 419ff.
47
ROGER VON HOVEDEN S. 158.
48
Cf. BRAND, Byzantium S. 210.
49
Dies geht aus der Forderung hervor, das zuviel gezahlte Kommerkion zurückzuerstatten, was sich eigentlich
nur auf die Jahre zwischen 1185 und 1192 beziehen konnte, da nach 1182 bis zum Regierungsantritt Isaaks
keine Pisaner in Byzanz gewesen sein dürften.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 423
Im Februar 1192 kam es, parallel zu Genua, zu dem Abschluß eines Abkommens zwi-
schen Pisa und Byzanz. Der Kaiser gewährte den Pisanern u. a. eine Erweiterung ihres Quar-
tiers in Konstantinopel, eine Erhöhung der Jahrgelder auf 700 Nomismata und eine Ermäßi-
gung der Zollabgaben auf vier Prozent, die nicht wie bisher nur für den Import, sondern auch
für den Export galt. Umgekehrt beschworen die Pisaner ihre alten Verpflichtungen neu, die in
den von den Vorgängern Isaaks ausgestellten Privilegien niedergelegt [572] waren50.
Damit hatte auch Pisa wieder Friede mit Byzanz geschlossen. Es hatte eine geringfügige
Erhöhung der Jahrgelder, die im Gegensatz zu derjenigen für Genua auf Dauer galt, und eine
Erweiterung seines Quartiers erhalten. Außerdem war das Kommerkion auch für Exporte
nun auf vier Prozent ermäßigt worden. Pisa seinerseits hatte die alten Verpflichtungen, die es
– zuletzt 1170 – erneuert hatte, akzeptiert. Auch seine Stellung entsprach jetzt wieder, gleich
der Genuas, derjenigen, die es nach 1170 unter Manuel inngehabt hatte. Der Beweggrund
Isaaks für den Vertrag dürfte ebenfalls derselbe sein wie bei Genua: Isaak brauchte die Hilfe
der Pisaner für den Fall eines Angriffs auf das Reich – zumal er sich in dieser Hinsicht auf
Genua nicht völlig verlassen konnte, da die Stadt immer wieder von Unruhen und sogar
offenem Bürgerkrieg heimgesucht wurde51 – und er hoffte, mit Hilfe dieses Vertrags das
Piratenunwesen eindämmen zu können, ganz abgesehen davon, daß es sicher nicht schaden
würde, wenn Byzanz nicht allein auf die Treue der Venezianer angewiesen sein mußte.
Genuesische und pisanische Piraten in der Romania
Während nach 1189 die Beziehungen zwischen Byzanz und Venedig bis zum Sturz Isaaks
korrekt blieben52, verschlechterten sich diejenigen mit den beiden anderen Seestädten bald
darauf wieder. Der Grund hierfür ist in den fast unaufhörlichen Piratenüberfällen zu suchen,
die einzelne Genuesen und Pisaner immer wieder in den griechischen Gewässern durchführ-
ten53 und die den byzantinischen und [573] auch venezianischen Handel sehr in Mitleiden-
schaft zogen54. Man kann nicht sagen, daß die führenden Männer beider Städte nicht ver-
sucht hätten, diese Piraterien zu einem Ende zu bringen, aber sie drangen damit nicht durch.
50
DÖLGER, Regesten Nr. 1607 (Februar 1192); s. oben S. 79ff.
51
ANNALES IANUENSES II. S. 44f.
52
Cf. BRAND, Byzantium S. 199f. und S. 367 Anm. 14; Brands Ansicht, daß NIKETAS CHONIATES S.
537f., der beiden Angeloi eine venedigfeindliche Politik attestiert, nur auf Alexios III. zu beziehen sei, ist
allerdings nicht völlig zuzustimmen. Isaak hat einmal nicht alle Schulden an Venedig bezahlt (s. im folgen-
den), was allerdings auch mit objektiven Geldschwierigkeiten erklärt werden könnte, und er hat vor allem
ein Abkommen mit Ragusa geschlossen (DÖLGER, Regesten Nr. 1611 (Juni 1192)), das dieser Stadt u. a.
ein Bündnis (gegen Byzanz) mit Sizilien und Venedig verbot und außerdem von der Möglichkeit einer
byzantinischen Flottenexpedition gegen Venedig spricht, die Ragusa mit zwei Schiffen unterstützen sollte,
wofür es als Ausgleich Handelsprivilegien erhielt. Isaak mag gegenüber Venedig korrekt geblieben sein, ein
Freund der Lagunenstadt aber war er gewiß nicht.
53
Allgemein cf. BRAND, Byzantium S. 211ff.; FOTHERINGHAM, Genoa and the Fourth Crusade S.
27ff.; FAVREAU, Piraterie S. 477ff.
54
S. z. B. MdRD Nr. 417 (Mai 1193) Plathenea.
424 Kapitel XVIII
In Genua war man, wie die internen Streitigkeiten in der Bürgerschaft zeigen, ohnehin zu
schwach, in Pisa lehnte das Volk alle Entschädigungen, die Byzanz forderte, ab. Die Piraterie
war ein einträgliches Geschäft, hinter dem starke kommerzielle Interessen standen. Auch wird
man, gerade für Genua und Pisa, nicht vergessen dürfen, welche Schäden beide Städte insge-
samt wie auch viele ihrer Bürger 1182 erlitten hatten. Bei vielen dürfte der Haß auf Byzanz
auch in den neunziger Jahren noch sehr lebendig gewesen sein, ganz abgesehen davon, daß
gerade die Romania, im Schnittpunkt der Handelsrouten des östlichen Mittelmeeres gelegen
und ohne eigene kriegsmächtige Flotte, die Freibeuter stark angezogen haben dürfte.
Im November des Jahres 1192 sah Isaak sich gezwungen, eine Gesandtschaft nach Genua
zu schicken, die über solche Korsaren Klage führte55: Der Genuese Guilelmus Grassus und
andere namentlich genannte Genuesen waren auf einem genuesischen Schiff in Begleitung
eines zweiten, pisanischen Piratenschiffes in den Hafen von Rhodos eingeiaufen und hatten
auf der Insel gebrandschatzt. Einige venezianische Schiffe, die aus Palästina und Ägypten
gekommen waren und u. a. eine byzantinische Gesandtschaft an Saladin und eine entspre-
chende Gegengesandtschaft beförderten, wurden von ihnen geplündert und die Insassen
getötet. Nur einige genuesische und pisanische Kaufleute waren geschont worden, sogar
einschließlich ihrer Waren56. Des weiteren hatten sie ein "longobardisches" Schiff, das mit
dem Bischof von Paphos, Gesandten und Beamten an Bord auf dem Weg nach Zypern war,
angegriffen, den Bischof gefangengenommen, für den sie 600 Nomismata Lösegeld forderten,
und nur die Pisaner an Bord mit ihren Waren unversehrt gelassen. Den [574] Wert der Ge-
schenke Saladins bezifferte Isaak auf 6.675 Hyperper, die Auslösung des Bischofs auf 600 , der
Gesamtschaden belief sich auf 96.000 Hyperper. Im Gegenzug hatte Isaak die Waren der in
Konstantinopel lebenden Genuesen beschlagnahmt. Diese durften zwar mit diesen Waren
Handel treiben, der dafür gezahlte Preis verblieb aber beim Kaiser, der die Kommune auffor-
derte, die Schäden abzustellen57. Da dies offensichtlich nicht geschah, wandte sich Isaak an
die Genuesen in Konstantinopel und forderte sie auf, die Verluste zu ersetzen. Als diese be-
greiflicherweise damit zögerten – es handelte sich immerhin um eine enorme Summe – erhob
sich ein Tumult der Volksmenge in Konstantinopel, die anscheinend wieder einmal eine Ge-
legenheit sah, das Quartier der Lateiner zu stürmen. Dies wurde zwar verhindert, aber nur
dadurch, daß der Kaiser vorläufig 20.000 Nomismata einzog, die als Kompensation bei den
Byzantinern liegen sollten, bis die Genuesen sich zur Verfolgung des Verbrechens bereit
zeigen würden. Daraufhin schickte Genua Gesandte an den Kaiser, die die Bereitschaft der
55
DÖLGER, Regesten Nr. 1612 (Nov. 1192); Text bei MIKLOSICH–MÜLLER III. Nr. 6. S. 37–40 (cf.
auch IMPERIALE, Codice III. Nr. 25 (Nov. 1192) S. 78–81).
56
Zu den Gesandtschaften cf. BRAND, Byzantines and Saladin S. 178f.; cf. auch MÖHRING, Saladin S.
184ff.
57
Da die Genuesen sich ja verpflichtet hatten, dem Reich keinen Schaden zuzufügen, war Isaak grundsätzlich
zu einer solchen Handlungsweise berechtigt. Auch mußte er irgendetwas unternehmen, um die geschädig-
ten Byzantiner nicht noch mehr aufzubringen.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 425
Kommune ausdrücken sollten. Zugleich verpflichtete Genua sich, daß der Treueid, den die
Stadt jedes Jahr zu leisten hatte, für jedes Mitglied der Regierung, die gerade an der Macht
war, gelten sollte, woraufhin der Kaiser seine Maßnahmen aufhob und zusätzlich erklärte, in
Zukunft erst nach einer Benachrichtigung der Kommune gegen einzelne Genuesen vorzuge-
hen58. Für die letzten Jahre der Regierung Isaaks scheint es dann mit Genua zu keinen neuen
Verwicklungen mehr gekommen zu sein, auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich anmutet,
daß die Genuesen zwischen 1193 und 1195 völlig aufhörten, Freibeuterei zu treiben. Immer-
hin hatten sie, besonders an der pamphylischen Küste, nicht nur in Galeeren, sondern auch in
Kauffahrteischiffen und sogar in leichten Booten ihr Unwesen getrieben, wie Isaak in seinem
Brief beklagte59, aber es scheint bis 1195 wenig- [575] stens nicht mehr zu einer offiziellen
Beschwerde gekommen zu sein.
Noch unerträglicher erwiesen sich die pisanischen Piraten, die unter dem Vorwand des
Krieges gegen Venedig die Romania heimsuchten. Wie berichtet, hatten beide Städte ca. 1175
miteinander Frieden geschlossen, der 1180 mit Erweiterungen erneuert worden war. Obwohl
er 1185 noch einmal bestätigt worden zu sein scheint60, brach in den neunziger Jahren erneut
Krieg aus, der zunächst vorwiegend mittels Piratenunternehmungen geführt worden zu sein
scheint61. Der byzantinische Handel wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen, wie wir einem
Brief Isaaks vom September 1194 an Pisa entnehmen können62. Der Kaiser kommt zunächst
auf den Überfall zu sprechen, der 1192 zu der Wegnahme des Schiffes mit den Gesandten
Saladins usw. geführt hatte. An diesem Überfall waren neben Genuesen auch Pisaner beteiligt
gewesen. Wahrscheinlich hatte Isaak auch hier zunächst dieselben Maßnahmen ergriffen, wie
gegen Genua, denn er berichtet von einer pisanischen Gesandtschaft, die den Streitfall
schlichten sollte63. Noch während diese unterwegs war, erschienen fünf andere pisanische
58
DÖLGER, Regesten Nr. 1616 (Okt. 1193); Text bei MIKLOSICH–MÜLLER III. Nr. 7. S, 40–46 (cf.
IMPERIALE, Codice III. Nr. 35 (Okt. 1193) S. 101–107).
59
MIKLOSICH–MÜLLER III. Nr. 7. S. 40.
60
Cf. KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 269. Er wurde um zehn Jahre verlängert, die Ancona-
klausel wurde aufgegeben.
61
Nach KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 277 (ebenso BRAND, Byzantium S. 200) ist der Krieg
zwischen Venedig und Pisa erst nach dem Regierungsantritt Alexios’ III. ausgebrochen. Doch ist dies nur
bedingt richtig, denn schon vor 1194, wahrscheinlich 1193, plünderten pisanische Piraten vor Abydos un-
ter dem Vorwand des Krieges gegen Venedig griechische Schiffe (MÜLLER, Documenti Nr. 41 S. 66f.).
Der Vorwurf der Lüge, den Isaak hier erhebt, ist nicht auf die Tatsache des Krieges zurückzuführen, son-
dern darauf, daß Pisaner bei einem Krieg gegen Venedig griechische Kauffahrer plündern. Im Sommer
1193 sollte eine pisanische Gesandtschaft nach Konstantinopel gehen, wobei ausdrücklich die Möglichkeit
eingeräumt wurde, daß sie nach Konstantinopel auch Ancona, die Rivalin Venedigs, aufsuchen würde
(MÜLLER, Documenti Nr. 38 (1./3./5. Juli 1193) Pisa, S. 61–64). Zumindest wurde der (offizielle) Krieg
1193 schon vorbereitet, inoffiziell aber war er in jedem Fall bereits in vollem Gang.
62
DÖLGER, Regesten Nr. 1618 (Sept. 1194); Text bei MÜLLER, Documenti Nr. 41 (Sept. 1195) S. 66f.
63
Dies wird auch durch den Text nahegelegt, der ebenfalls eine enge Parallelität zu dem Vorgehen gegen die
Genuesen zeigt: et prius detentas Constantinopoli res mercatorum Pisanorum reddi eis praecepit et utique
426 Kapitel XVIII
Korsarenschiffe vor Abydos und plünderten dort unter dem Vorwand des Krieges gegen Ve-
nedig griechische Kauffahrer: Constantinopolim venientes naves depre-[576] dabant, simulan-
tes quidem guerram contra Veneticos, in veritate autem Graecis magnum damnum inferentes et
urbis copiam multum ledentes. Mahnungen des Kaisers fruchteten nichts, und auch die Ge-
sandten selbst konnten nichts erreichen, bis der Kaiser endlich einige Galeeren ausschickte
und die Pisaner aus der Meerenge vertrieb. Hiernach ratifizierte der Kaiser das Chrysobull für
die Pisaner64, offensichtlich ein ähnliches, wie es die Genuesen 1193 erhalten hatten, und gab
die beschlagnahmten Waren wieder frei.
Noch während dies geschah, erschienen zwei neue pisanische Korsaren und plünderten
griechische Schiffe, töteten die Insassen und verbrannten oder verkauften die genommenen
Schiffe, woraufhin in Konstantinopel ein erneuter Volksaufstand drohte, den die Regierung
beruhigen mußte. Dennoch blieb das neue Chrysobull in Kraft, aber der Kaiser schickte jetzt
einen eigenen Gesandten nach Pisa, der energisch auf eine Abstellung dieser Untaten dringen
sollte, andernfalls die Pisaner ihrer Privilegien verlustig gehen würden. Die Konsuln sagten
dies zwar zu, konnten diese Zusage aber nicht einlösen, da die Volksversammlung nicht zu-
stimmte65. Eine weitere Verschärfung des Konflikts verhinderte zunächst der Sturz Isaaks im
April 1195.
Man kann dem Kaiser zwar durchaus nicht absprechen, daß er sich bemüht hat, die Pro-
bleme, die auf ihn eindrangen, zu bewältigen, aber viel Erfolg hat er dabei nicht [Link]
Normannen waren zwar zurückgeschlagen worden, aber gegen den vlachobulgarischen Auf-
stand hatte Byzanz keine entscheidenden Erfolge aufzuweisen. Die Serben waren trotz der
Niederlage an der Morava 1190 völlig unabhängig, und vom Westen her drohte nach der
endgültigen Vereinigung Siziliens mit Deutschland ein Angriff, dem Byzanz nicht mehr all-
zuviel entgegenzusetzen gehabt hätte.
Eine byzantinische Flotte, die diesen Namen verdient hätte, existierte nicht mehr. Der
Kaiser hatte sogar große Mühe, Piratengeschwader von nicht mehr als fünf Galeeren aus den
Dardanellen zu vertreiben. Selbst in der Nähe der byzantinischen Hauptstadt ließ das Pira-
tenunwesen sich nicht [577] mehr zurückdrängen, ganz zu schweigen von den Inseln der
Ägäis, die überhaupt nicht mehr geschützt werden konnten. Sofern sie nicht Stützpunkte der
Piraten wurden, entvölkerten sie sich66. Ähnliches galt für die Küstenregionen des Reiches,
redditae sunt (MÜLLER, Documenti S. 67). Entsprechend hatte Isaak die Genuesen in Konstantinopel
behandelt.
64
Cf. BRAND, Byzantium S. 213, 370 Anm. 9, der gegen DÖLGER, Regesten Nr. 1618 ein weiteres Chry-
sobull, wohl aus dem Jahre 1193, annimmt. Brands Argumentation ist überzeugend.
65
MÜLLER, Documenti Nr. 44 (6. Sept. 1197) Pisa, S. 71–73, 72 (Instruktionen für eine pisanische Ge-
sandtschaft nach Konstantinopel).
66
ROGER VON HOVEDEN S. 159.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 427
nicht nur in Kleinasien, sondern auch auf dem Balkan, wo man eigentlich eine energische
Abwehr seitens der Byzantiner erwarten würde67.
Insgesamt gesehen zeigt das Reich 1195 sich erheblich schwächer als zur Zeit des Regie-
rungsantritts von Isaak II. Angelos. Sein Bruder, der ihn gestürzt hatte und als Alexios III.
Angelos den Thron bestieg, hatte keinen guten Aussichten für die Zukunft.
Alexios III. Angelos (1195 – 2003)
Der Grund für den Sturz Isaaks dürfte in seinem Mißerfolg gegenüber den Bulgaren zu su-
chen sein. Die Armee schloß sich sofort seinem Bruder an. Auch in Konstantinopel wird die
Beliebtheit des Kaisers stark nachgelassen haben. Dreimal hatte es Unruhen gegen die Latei-
ner gegeben, jedes Mal waren sie unterdrückt worden, und es ist kaum anzunehmen, daß die
Bevölkerung, haßerfüllt gegen die Lateiner, wie sie war, die Notwendigkeit der Handlungs-
weise Isaaks eingesehen haben wird. Der dritte Bereich, in dem Isaak keine Lösung vorlegen
konnte, war das Verhältnis zu Deutschland/Sizilien. Hier hatte Heinrich VI. 1194 endgültig
den letzten Widerstand überwunden und seine Herrschaft allgemein durchgesetzt. Unmittel-
bar darauf wandte er sich, in der Tradition eines Robert Guiskard, Bohemund, Roger II. und
Wilhelm II. stehend, gegen Byzanz und forderte, noch zu Isaaks Zeiten, die Herausgabe der
1185 von den Normannen eroberten Gebiete. Isaak scheint ihm in dieser Frage Zugeständ-
nisse gemacht zu haben, von deren genauem Inhalt wir freilich nichts wissen68. Nach Isaaks
Sturz erhöhte Heinrich VI. seine Forderungen noch, und Byzanz – welch ein Unterschied zu
den Tagen Manuels! – vermochte ihn nur durch die Zahlung einer großen Summe, Niketas
spricht von sechzehn Kentenaren Gold, zu besänftigen, für die man eine eigene Steuer – das
Ἀλεμανικόν – erheben mußte. Zum Glück für Byzanz starb der Deut-[578] sche im Septem-
ber 1197, sein Tod wurde in Konstantinopel begeistert begrüßt69.
Insgesamt betrachtet zeigte das byzantinische Reich sich unter Alexios III. noch schwä-
cher als unter Isaak II. Während Isaak mit Ausnahme der Bulgaren und Zyperns im wesent-
lichen alle Erhebungen niederschlagen konnte, begann der oströmische Staat unter der Regie-
rung seines Bruders zu zerfallen. In Thrakien machte sich ein Bulgare namens Ivanko selb-
ständig und konnte nur mit List beseitigt werden. In Makedonien errichtete Dobromir
Chrysos eine kurzlebige Herrschaft, und in Zentralgriechenland konnte Leon Sguros sich
praktisch unabhängig machen. Korinth bildete den Mittelpunkt seines kleinen Reiches, das
sich zeitweise bis nach Böotien und Attika ausdehnte und auch den vierten Kreuzzug um
kurze Zeit überlebte. In Kleinasien verließ Trapezunt ebenfalls schon vor 1204 den Reichs-
67
S. oben Kap. VI, VIII und IX unter den einzelnen Orten.
68
DÖLGER, Regesten Nr. 1619 (ca. Februar/März 1195); cf. OSTROGORSKY, Geschichte S. 340f.;
BRAND, Byzantium S. 190f.
69
NIKETAS CHONIATES S. 478; auch diese Forderung war schon ermäßigt, denn zuerst hatte der
deutsche Kaiser fünfzig Kentenare gefordert; cf. auch OSTROGORSKY, Geschichte S. 341; BRAND,
Byzantium S. 191 ff.
428 Kapitel XVIII
verband70, und dies waren nur die größeren und erfolgreicheren Erhebungen. Auch gegen die
Bulgaren hatte Alexios keine nennenswerten Erfolge. Die Schwäche des Reiches war unüber-
sehbar geworden. Eine konsequente Politik fand nicht mehr statt.
Spannungen mit Venedig 1195 – 1198
Diese Unentschlossenheit findet sich auch in der Behandlung der italienischen Seestädte. Ale-
xios versuchte zwar, sie gegeneinander auszuspielen, aber offen mit einer von ihnen zu bre-
chen, konnte er auch nicht wagen. Zunächst wandte er sich gegen Venedig, erhob Abgaben
von venezianischen Schiffen, die nicht gerechtfertigt waren, drangsalierte die Venezianer und
suchte anscheinend die Pisaner sogar zu einem Angriff auf das venezianische Quartier in Kon-
stantinopel aufzustacheln71. Die Feindschaft, die er gegen Venedig an den Tag legte, zeigt sich
auch darin, daß zwischen 1195 und 1199 keine Handelsdokumente existieren, die veneziani-
[579] schen Handel in Konstantinopel bezeugen72. Warum er Partei gegen Venedig ergriff,
ist relativ klar: Einmal ist der Anlaß in den vierhundert Goldpfund zu suchen, die Byzanz
noch an die Lagunenstadt zu bezahlen hatte und die der Kaiser so einzusparen hoffte, zum
anderen war Venedig nicht bereit, einer Streichung der beiden Klauseln aus dem Vertrag von
1187 zuzustimmen, die ein venezianisches Eingreifen zugunsten von Byzanz bei einem deut-
schen oder normannischen Angriff ausschlossen73. Daß Venedig einen solchen Affront taten-
los hinnehmen würde, war nicht zu erwarten. Wenig später stand eine venezianische Flotte
vor den Dardanellen, offiziell zwar gegen die Pisaner, aber die Geste war auch für den Kaiser
unmißverständlich74. Zwar hätte diese Flotte kaum Konstantinopel angreifen können, aber
so, wie die Dinge standen, war sie die stärkste Seemacht in den Gewässern der Romania und
hätte nicht nur die Schiffahrt von und nach Konstantinopel blockieren, sondern auch die ge-
samte Küstenregion plündern und verwüsten können.
Der Kaiser verstand die Warnung, bald darauf traten beide Seiten wieder in Verhandlun-
gen ein, die sich allerdings noch bis 1198 hinziehen sollten75. In diesem Zusammenhang sind
70
Allgemein cf. HOFFMANN, Rudimente S. 51ff. (Ivanko); S. 47ff. (Dobromir Chrysos); S. 56ff. (Leon
Sguros); S. 21ff. (Trapezunt).
71
NIKETAS CHONIATES S. 537.; allerdings ist die Tendenz des Chronisten zu berücksichtigen, der
Alexios schroff ablehnend gegenübersteht und aus diesem Grund die antivenezianischen Handlungen des
Alexios übertrieben haben dürfte, dem er dadurch eine Mitschuld an 1204 zuschieben konnte.
72
Zuletzt MdRND Nr. 43 (Nov. 1195); dann erst wieder im August 1199 (MdRD Nr. 444). Allerdings
wiegt das Zeugnis der Dokumente in diesem Fall nicht sehr viel, denn die Zahl der erhaltenen Dokumente
für diesen Zeitabschnitt ist allgemein nicht so hoch wie sonst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, so
daß für das Fehlen auch andere Gründe, die wir nicht kennen, verantwortlich sein könnten.
73
Cf. die venezianische Gesandtschaftsinstruktion von 1197 (abgedruckt bei KRETSCHMAYR, Geschichte
Venedigs I. S. 473).
74
TAFEL–THOMAS Nr. 78 (März 1196) S. 216–225.
75
Insgesamt gesehen waren drei venezianische, von denen wir für die zweite die Instruktionen kennen, und
zwei byzantinische Gesandtschaften unterwegs. Ein dritter byzantinischer Gesandter überbrachte dann das
fertige Chrysobull (TAFEL–THOMAS Nr. 85 (Nov. 1199) S. 246–278, 248ff.).
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 429
die Instruktionen interessant, die der Doge Enrico Dandolo an seine Gesandten Henricus
Navigaiosus und Andreas Donatus gab, wahrscheinlich 1197: die einzigen venezianischen
Gesandtschaftsinstruktionen aus dem 12. Jahrhundert, die wir kennen76 . In diesen Instruk-
tionen trägt [580] der Doge den Gesandten auf, die von Isaak gegebenen Privilegien bestäti-
gen zu lassen. Sollte der Kaiser aber die Streichung der Klausel über Sizilien verlangen, da die
(im Chrysobull von 1187) angegebene Zeit abgelaufen sei, so sollte der Gesandte antworten,
daß man das in Venedig nicht bedacht und ihn ohne diesbezügliche Vollmachten gelassen
habe. Wenn der Kaiser die Frage dieser Klausel hintanstellen wollte, so sollte der Vertrag ab-
geschlossen werden. Wenn nicht, sollte der Gesandte versuchen, eine byzantinische Gesandt-
schaft nach Venedig zu bringen. Ähnlich war es mit der Klausel über den deutschen König.
Auch hier sollte der Gesandte erklären, keine Vollmachten zu besitzen und im Falle, daß der
Kaiser auf eine Streichung der Klausel drängen würde, dies keinesfalls zulassen, sondern ver-
suchen, eine byzantinische Gesandtschaft nach Venedig zu veranlassen.
Da Byzanz Venedig noch vierhundert Goldpfund schuldete, sollte der Gesandte diese
verlangen. Wenn der Kaiser sich weigerte, alles zu bezahlen, so konnten auch zweihundert
Pfund akzeptiert werden. Sollte Alexios auch diese nicht zahlen wollen, aber dafür andere
Privilegien anbieten, so sollten die Verhandlungen an diesem Punkt nicht scheitern. Mit den
Pisanern in Konstantinopel sollte wenn möglich Friede geschlossen werden77.
Die Hauptschwierigkeit, die von Isaak ausgestellten Privilegien durch seinen Nachfolger
bestätigen zu lassen, lag demnach in den beiden einschränkenden Klauseln über die veneziani-
sche Hilfeleistung bei einem Angriff auf die Romania. Venedig war nach der deutsch-siziliani-
schen Union keinesfalls bereit, einen Fortfall dieser Klauseln zuzulassen, auch wenn zumin-
dest diejenige, die Sizilien betraf, wegfallen mußte, wie es in dem Privileg von 1187 festgelegt
worden war. Diese venezianische Weigerung dürfte das Haupthindernis für eine Einigung
gewesen sein und auch in gewisser Weise die feindselige Haltung des Alexios erklären. Die
Gesandtschaft, für die diese Instruktionen galten, hatte keinen [581] Erfolg. Immerhin folgte
ihr eine byzantinische Gegengesandtschaft nach Venedig, das mit einer weiteren Gesandt-
schaft antwortete, die schließlich 1198 den endgültigen Vertrag aushandelte78, der dann von
beiden Seiten akzeptiert worden ist. In diesem Vertrag erreichte Venedig eine erhebliche
Ausweitung aller Plätze und nun auch Provinzen, in denen es volle Abgabenfreiheit genießen
76
Ediert nach einer Abschrift von R. Predelli bei KRETSCHMAYR, Geschichte Venedigs I. S. 473; cf. auch
BRAND, Byzantium S. 201f.
77
Heinrich VI. hatte schon 1196 beide Städte zu einem Friedensschluß gezwungen, der aber in der Romania
keine Wirkung zeigte, cf. BRAND, Byzantium S. 200. Auch in den Instruktionen Pisas für seine Gesandt-
schaft aus dem Jahre 1197 wird der Wunsch nach Friede ausgesprochen, s. im folgenden.
78
Cf. TAFEL–THOMAS Nr. 85, S. 249.
430 Kapitel XVIII
sollte, des weiteren vor allem rechtliche Zugeständnisse, mußte aber auch einer schärferen
Fassung seiner Beistandsverpflichtungen zustimmen79.
Das Privileg für Venedig 1198
Wenn wir das Chrysobull von 1198 mit den Bestimmungen von 1187 vergleichen, hatte Ale-
xios III. einen großen Erfolg erzielt. Die einschränkende Klausel über einen Angriff der sizili-
schen Normannen war in Wegfall gekommen – natürlich auch die entsprechende byzantini-
sche Gegenklausel –, gegen den deutschen Kaiser waren die Venezianer sogar ausdrücklich zur
Hilfeleistung verpflichtet. Dagegen hatte Byzanz im wesentlichen nicht mehr als schon 1187
zugestanden, wenn man einmal von den juristischen Bestimmungen absieht. Daß Venedig
jetzt von beiden Klauseln, die es kurz zuvor noch nachdrücklich verteidigt hatte, absah, dürfte
mit dem Tod Heinrichs VI. zusammenhängen. Die Thronstreitigkeiten in Deutschland und
die Tatsache, daß in Sizilien ein kleines Kind regierte, ließen für die nächste Zeit einen Krieg
gegen Ostrom unwahrscheinlich werden, so daß Venedig seine bisherige Vorsicht ohne Ge-
fahr aufgeben konnte. Auf der anderen Seite konnte Alexios III. es sich nicht leisten, einen
neuen Krieg mit den Venezianern heraufzubeschwören, zumal zwischen Venedig und Pisa
schon Friedensverhandlungen in Gang waren, die 1199 ihren Abschluß finden sollten80. Wir
können vermuten, daß der Kaiser jetzt auch 200 der verbliebenen 400 Goldpfund an Venedig
bezahlt hat, denn während 1197 noch von 400 Goldpfund Restschuld die Rede ist, bestätigt
Niketas Choniates für 1203, daß [582] immer noch 200 Goldpfund an der vereinbarten
Summe von 1.500 Goldpfund fehlten81. Ob dieses Fehlen nun auf einen bösen Willen des
Kaisers hindeutet, auf objektive Geldschwierigkeiten oder aber auf beides zusammen, wird
sich kaum noch klären lassen. Immerhin scheint es, als ob das Verhältnis zwischen beiden
Staaten in den wenigen Jahren zwischen 1198 und 1203 im großen und ganzen normal ge-
blieben ist. Auch die venezianischen Privatdokumente belegen für die Jahre 1199 bis 1202
Handel zwischen Venedig und der Romania82.
Das Verhältnis zu Pisa 1195 – 1203
Der Hauptgegner Venedigs in diesen Jahren war Pisa gewesen. Wir haben gesehen, daß Alexi-
os III. beide Städte gegeneinander auszuspielen suchte und Pisa begünstigte. Der Grund hier-
79
Zu dem Vertrag: DÖLGER, Regesten Nr. 1647 (Nov. 1198); zu den Bestimmungen des Privilegs s. oben S.
41ff.
80
Cf. BRAND, Byzantium S. 200; DANDOLO S. 274 führt auch an, daß Alexios III. gefürchtet habe,
Venedig könne den aus seiner Haft entflohenen Alexios, Sohn des Isaak, unterstützen, doch ist dies eine
unzulässige chronologische Zusammenziehung. Alexios entfloh erst 1201 aus Konstantinopel; zu der
Chronologie dieser Ereignisse cf, auch FOLDA, Fourth Crusade passim.
81
NIKETAS CHONIATES S. 538.
82
MdRD Nr. 444 (Aug. 1199) Venedig; Nr. 451 (Aug. 1200) Venedig; Nr. 452 (Okt. 1200) Kpl.; Nr. 456
(April 1201) Kpl.; Nr. 460 (Juni 1202) Venedig; MdRND Nr. 52 (Anf. 13. Jhd.) Venedig: Amtseid des
venezianischen Podestà in Konstantinopel (zu diesem cf. auch WOLFF, Oath of the Venetian Podestà
passim; das Dokument ist allerdings allem Anschein nach erst nach 1204 entstanden).
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 431
für dürfte – neben anderen – gewesen sein, daß die pisanischen Korsaren dem Reich zwar
schweren Schaden zufügten und daß die Kommune sich sogar weigerte, energisch dagegen
einzuschreiten, aber andererseits dienten Pisaner auch in der kaiserlichen Flotte, ja machten
sie zum Teil erst operationsfähig83. Der berühmteste dieser Söldner, wenngleich selbst kein
Pisaner, war Johannes Stirione, Στειριόνης bei Niketas Choniates84,, früher selbst ein bekann-
ter Freibeuter, der sich aber unter Isaak als Söldner verdingte und fortan anscheinend die kai-
serliche Flotte befehligte. Als zu Beginn der Regierungszeit des Alexios der Genuese Gafforio
in der Ägäis sein Unwesen trieb, wurde Stirione mit dreißig Schiffen gegen ihn ausgesandt,
erlitt aber durch den an Zahl überlegenen Feind eine Niederlage. Daraufhin leitete Alexios
Verhandlungen mit Gafforio ein und bot ihm unter anderem sechs Kentenare Gold [583]
und ein Stück Land für ihn und seine Leute, ließ aber gleichzeitig Stirione neu rüsten und
Aushebungen vornehmen85, eine neue Flotte sammeln und sandte ihn von neuem gegen Gaf-
forio aus. Diesmal hatte der Söldner Erfolg, Gafforio wurde geschlagen und fand selbst den
Tod. Nur vier seiner Schiffe entkamen.
Dieser Nutzen, den die Pisaner dem schifflosen Kaiser boten, war natürlich auch der
Kommune bekannt, und was lag näher als zu versuchen, dem ohnmächtigen Byzanz so einige
neue Rechte abzupressen? Wohl 1198 ging eine weitere Gesandtschaft nach Konstantinopel,
deren Instruktionen uns erhalten sind86. Sie wurde zwar von Alexios erbeten, der wohl ver-
sucht hat, die letzten, von Pisa verweigerten, Forderungen Isaaks wieder aufzunehmen, aber
aus den Instruktionen geht eindeutig hervor, daß Pisa eine erhebliche Verbesserung seiner
Position in der Romania verlangt hat. Die Gesandten sollten, neben den üblichen Verhaltens-
maßregeln, den Kaiser der Treue und Ergebenheit Pisas versichern87 und den Wunsch der
Kommune ausdrücken, mit dem Reich weiter Freundschaft und ehrenvolle Verbindung zu
83
In den Instruktionen von 1197 wird dies ausdrücklich hervorgehoben: nec etiam cursales qui dicebantur
tunc in imperio esse offendentes imperium, modo ibi sunt, set servitiales imperii qui ad captivandum Caypho-
rum (i. e. Gafforio) et alios imperii inimicos surrexerunt (MÜLLER, Documenti S. 79).
84
Die ganze Geschichte wird ausführlich von NIKETAS CHONIATES S. 481ff. erzählt; daß ausgerechnet
Pisaner gegen Gafforio aufgeboten wurden, erklärt sich auch durch den gleichzeitigen Krieg zwischen Ge-
nua und Pisa um Korsika, Cf. BRAND, Byzantium S. 2l3f
85
Cf. BRAND, Byzantium S. 151f., 154; allerdings irrt Brand, wenn er annimmt (S. 214), daß Alexios die
600 Goldpfund tatsächlich gezahlt hat. Der Kaiser bot dies nur an, und die Verhandlungen waren noch in
vollem Gang (NIKETAS CHONIATES S. 482f.).
86
MÜLLER, Documenti Nr. 42 (22. Juli 1197) Pisa (Geldaufnahme für die Gesandtschaft) und Nr. 44 (6.
Sept. 1197) Pisa, S. 71–73 (Instruktionen). Die Gesandten kehrten erst im Sommer 1199 nach Pisa zu-
rück: MÜLLER, Documenti Nr. 48 (30. Juni 1199) Kpl.: Geleitbrief für die abreisenden pisanischen Ge-
sandten.
87
MÜLLER, Documenti S. 71: et ad promitendum servitium et fidem et reverentiam, que Pisana civitas habet
erga sanctitatem vestram, et ad honorandum et exaltandum et augmentandum honorem imperii vestri ita, ut
gratiam vestram et bonam voluntatem super nos ostendatis et honorem nobis crescere debeatis. Das war nicht
mehr und nicht weniger als eine offizielle Anerkennung der byzantinischen Oberhoheit, die zu tragen in
den neunziger Jahren des 12. Jahrhunderts für Pisa allerdings nicht mehr als eine Formsache war.
432 Kapitel XVIII
pflegen. An Forderungen wünschte Pisa folgendes: Das Kommerkion sollte gestrichen oder
doch zumindest vermindert werden. Die Besitzungen der Stadt in Konstantinopel, so wie sie
in dem Chrysobull Isaaks beschrieben worden waren, sollten bestätigt werden, ebenso sollte
der Kaiser die Kirchen und Häuser, das Embolum und das Hospital der Pisaner in Hal-[584]
myros wieder aufbauen lassen und auch die verlorenen Einkünfte ersetzen, schließlich die
Jahrgelder für die letzten und für die nächsten Jahre zusammen bezahlen, die diesbezüglichen
Privilegien Isaaks bestätigen und, wenn möglich, vermehren. Weiter sollten die Gesandten
eine Landetreppe mit Zubehör (in Konstantinopel) verlangen und dazu diejenige, die zwi-
schen den schon den Pisanern gehörenden Treppen lag. Außerdem forderten die Pisaner die
Rückgabe ihrer Besitzungen in Thessalonike88. Es folgen weitere Punkte, die die Rechtsstel-
lung der Pisaner in Byzanz, ihre Befreiung von nachgeordneten Beamten des Kaisers89 und
kleinere Handelserleichterungen betrafen.
Wenn der Kaiser auf den Eid zurückkommen sollte, den die Kommune 1194 Isaak ver-
weigert hatte, sollten die Gesandten auf die früheren Chrysobulle verweisen und darauf, daß
die pisanischen Freibeuter gegen den Genuesen Gafforio in den Dienst des Kaisers getreten
seien. Es folgen noch einige Punkte, die in diesem Zusammenhang nicht so wichtig sind, wie
etwa die Bestimmung, wenn möglich Friede mit Venedig zu schließen, möglichst eine Ver-
handlung vor dem Kaiser zu erreichen, auch mit einem oder mehreren Beauftragten zu ver-
handeln und so fort.
Die Gesandtschaft blieb bis 1199 in Konstantinopel und kehrte erst im Juni dieses Jahres
nach Pisa zurück. Was für einen Erfolg sie gehabt hat, können wir nur noch teilweise feststel-
len. Immerhin erließ der Kaiser ein Chrysobull zugunsten Pisas, in dem er zumindest für
Halmyros und Thessalonike den pisanischen Bitten gefolgt ist90. Ob er noch weitere Zuge-
ständnisse gemacht hat, ist nicht mehr zu ermitteln. Die Bewilligung der Forderungen für
Hal-[585] myros und Thessalonike kann eigentlich nicht als neues Zugeständnis Ostroms
bezeichnet werden. Hier handelt es sich mehr oder weniger wohl um eine Wiederherstellung
der Zustände, wie sie früher gewesen waren. Trotz des Chrysobulls von 1192 hatte Pisa in
beiden Städten anscheinend nicht mehr fest Fuß fassen können. Ob es jetzt nach 1199 dazu
gekommen ist, ist schwer zu sagen. Zwar ging ein pisanischer Botschafter mit dem Dokument
nach Thessalonike, aber ob in den wenigen Jahren bis zum Vierten Kreuzzug tatsächlich wie-
88
MÜLLER, Documenti S. 71f.: et petant domos cum fundaco in quibus Pisani se cum rebus suis recipere consu-
everunt in Salonici, et ut ibi habeant vicecomitem sine aliquo honere vel datione. Zwar ist von einem pisani-
schen Quartier in Thessalonike nichts bekannt, doch scheint aus dem zitierten Satz hervorzugehen, daß die
Pisaner dort eines gehabt haben müssen, wenn auch ohne eigenen Vicecomes.
89
MÜLLER, Documenti S. 72: Preterea studeant legati, quod omnia pro Pisana civitate sunt libera, nec aliquo
modo supponantur vel subiaceant eparco (i. e. Stadteparch Konstantinopels) et vestiarito neque para to lasito
(Parathalassites) vel eorum ministris, nec etiam alicui bailio imperii vel eius ministris.
90
MÜLLER, Documenti Nr. 47 (30. Juni 1199) Kpl., S. 75–78, 78; cf. DÖLGER, Regesten Nr. 1651 (ca.
Juni/vor 30. Juni 1199).
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 433
der Pisaner in Halmyros oder Thessalonike ansässig gewesen sind, ist mangels ausreichender
Quellen nicht mehr herauszufinden, ebensowenig wie wir feststellen können, ob Pisa für die-
ses Chrysobull eine Erweiterung seiner Pflichten in Kauf genommen hat. Es ist wohl eher
unwahrscheinlich91.
In den nächsten zwei Jahren scheinen die Beziehungen zwischen beiden Mächten relativ
freundlich verlaufen zu sein, wir hören jedenfalls nichts Gegenteiliges. Erst 1201 trat wieder
eine gewisse Trübung ein, als Alexios, der Sohn Isaaks, auf einem pisanischen Schiff aus der
Romania floh, was Alexios III. mit großem Unwillen aufgenommen zu haben scheint92. Indes
kann diese Trübung nicht ernsthafter Natur und langer Dauer gewesen sein, denn 1203 sehen
wir die Pisaner zusammen mit den Byzantinern Konstantinopel gegen die Ritter und Vene-
zianer des Vierten Kreuzzugs verteidigen93. Als aber Alexios III. geflohen und sein Bruder
Isaak von neuem Kaiser geworden war, zusammen mit seinem Sohn Alexios IV., wandte der
neue alte Kaiser sich wieder den Venezianern zu, wohl weil er hoffte, auf diesem Wege Kon-
stantinopel doch noch zu retten. Zuvor hatte das Volk der Hauptstadt auf die Kunde vom
Anmarsch der Kreuzritter sich ein weiteres Mal gegen die Lateiner erhoben und ihre Häuser
dem Erdboden gleichgemacht. Alexios III. konnte die Pisaner zwar noch einmal beruhigen,
aber nach seiner Vertreibung und der Kehrtwendung Isaaks sahen sie keinen Sinn mehr in
[586] einer Unterstützung der Byzantiner. Sie arrangierten sich mit Venedig und gingen in
das Lager der Kreuzritter über94. Wenngleich sie infolge dieser Handlungsweise ihren Besitz
retten und das Weiterbestehen ihres Quartiers ermöglichen konnten, so war ihre politische
Rolle in der Romania für die nächsten Jahre doch ausgespielt.
Der genuesische Pirat Gafforio und Spannungen mit Genua 1195 – 1202
Während die Pisaner sich so der Gunst Alexios’ III. erfreuten, war bei den Genuesen eher das
Gegenteil der Fall. Die Ursache lag nicht so sehr bei der Stadt selbst oder in den allgemeinen
politischen Verhältnissen, sondern fast ausschließlich in dem Treiben der genuesischen Pira-
ten, an der Spitze der schon erwähnte Gafforio. Dieser war einer der bedeutenderen Bürger
seiner Heimatstadt. Von Beruf Kaufmann, hatte er auch schon militärische Befähigung be-
wiesen, als er eine genuesische Flotte vor der Küste der Kreuzfahrerstaaten kommandierte95.
91
MÜLLER, Documenti S. 72: Den Gesandten wird ausdrücklich aufgetragen, die in den Instruktionen er-
hobenen Forderungen zu beschwören; wenn sie dies erreichen, sollen sie alles beschwören, was 1192 von
Pisa beschworen worden ist: sin autem firment omnia, prout in grisopolo reducto a Rainerio Gaetani et Sige-
rio iudice continetur.
92
NIKETAS CHONIATES S. 536f.; zu den ganzen Umständen und zur Reaktion des Kaisers cf. BRAND,
Byzantium S. 215f., 276.
93
NIKETAS CHONIATES S. 595.
94
NIKETAS CHONIATES S. 552.
95
IMPERIALE, Codice III. Nr. 40 (Sept. 1195) Akkon; zu der Person cf. zuletzt auch FAVREAU, Piraterie
S. 477ff.
434 Kapitel XVIII
Nach Byzanz als Kaufmann gekommen96, wurde er dort, wie Niketas berichtet, von dem
Megas Dux Michael Stryphnos mit einer Geldstrafe belegt97, woraufhin er eine Flotte von
mehr als dreißig Schiffen: Galeeren und Kauffahrern, sammelte98 und die Küsten und Inseln
der Ägäis plünderte. Sein größter Erfolg war die Einnahme von Adramyttion in Kleinasien.
Alexios, der selbst kaum über Schiffe verfügte99, warb gegen ihn pisanische Korsaren an und
ließ überdies Sondersteuern im Reich erheben100. Als seine Streitmacht dennoch von den
Genuesen beim [587] ersten Zusammentreffen geschlagen wurden, leitete er Scheinverhand-
lungen mit Gafforio ein, ließ ihn aber unterdessen plötzlich angreifen. Gafforios Flotte wurde
geschlagen, nur vier Schiffe konnten entkommen, er selbst wurde gefangengenommen und
hingerichtet. Die Untaten dieses Mannes belasteten das Verhältnis zwischen Byzanz und
Genua aufs schwerste. Da die Kommune Gafforio entweder nicht Einhalt gebieten wollte
oder aber nicht dazu in der Lage war, untersagte Alexios III. den weiteren genuesischen Han-
del in der Romania, zog Embolum und Besitzungen der Genuesen in Konstantinopel ein und
setzte auch einige Genuesen gefangen101.
Erst 1199 lenkte der Kaiser ein und schickte eine Gesandtschaft nach Genua, um die
genuesischen Kaufleute wieder in sein Reich einzuladen102, und erst 1201 entschloß sich die
Kommune, der Einladung Folge zu leisten, und schickte Ottobonus de Cruce als Bevollmäch-
tigten Gesandten nach Konstantinopel. Die Instruktionen für diese Gesandtschaft sind er-
halten103. Der Gesandte sollte die Bestätigung der 1192 von Isaak gewährten Privilegien for-
dern. Ausserdem sollte der Kalamanpalast, den der Kaiser Deutschen als Herberge zugeteilt
hatte, wieder an Genua zurückgegeben werden, ebenso das genuesische Embolum, die beiden
Landetreppen und die restlichen Besitzungen in Konstantinopel. Die Kanoniker der Kirche
des hl. Laurentius sollten vom Kaiser Sach- und Geldgeschenke erhalten. Außerdem sollte
96
NIKETAS CHONIATES S. 481f.
97
NIKETAS CHONIATES S. 482.
98
IBIDEM: Die Flotte Gafforios wird ausdrücklich für stärker als diejenige Stiriones geschildert, der über 30
Schiffe verfügt haben soll.
99
Diejenigen Stiriones scheinen in der Hauptsache pisanische Fahrzeuge gewesen zu sein, auch wenn sie viel-
leicht mit byzantinischen aufgefüllt worden sind, was die Nachricht der Steuererhebung durch Stirione in
Attika nahelegen könnte (s. MICHAEL CHONIATES II. S. 105ff.). Oder hat er sich nur auf diese Weise
seinen Sold geholt? 1203 verfügte Alexios III. laut NIKETAS CHONIATES S. 541 nur über 20 Schiffe,
die zudem noch in miserablem Zustand waren.
100
Wie die schon genannten in Attika, s. die vorherige Anmerkung.
101
IMPERIALE, Codice III. Nr. 77, S. 195, 197.
102
DÖLGER, Regesten Nr. 1649 (März 1199); Text bei MIKLOSICH–MÜLLER III. Nr. 8, S. 46 f. ; diese
Gesandtschaft war die Reaktion auf eine vorherige, uns ansonsten unbekannte Gesandtschaft der Genue-
sen nach Konstantinopel, in der sie um Verzeihung und Wiederzulassung ihrer Händler in der Romania
gebeten hatten. In seiner Botschaft weist der Kaiser dann noch auf genuesische Piraten hin, die sich unter
dem Vorwand des Kampfes gegen die Pisaner in der Romania aufhalten und deren Sicherheit der Kaiser
nicht garantiert.
103
IMPERIALE, Codice III. Nr. 77 (4. Mai 1201) Genua, S. 194–199.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 435
Alexios III. für die letzten sieben Jahre die Jahrgelder in Höhe von 600 Nomismata und zwei
Pallia pro Jahr nachzahlen, und der Gesandte sollte versuchen, die Jahrgelder für die nächsten
zehn Jahre, wenn möglich vermehrt, auf einmal zu bekommen104.
[588] Es folgen Forderungen für einzelne Genuesen, als bekanntesten unter ihnen Bal-
duinus Guercius, der schon unter den Kaisern Johannes und Manuel dem Reich gedient hatte
und von letzterem mit einem Lehen (in feudi beneficium) begabt worden war, das er unter
Alexios III. als Folge der Gafforiountaten wieder verloren hatte. Weiter sollten alle Genuesen
bzw. Angehörige des Distrikts von Genua, die wegen der Übergriffe des Gafforio oder bei
anderen Anlässen gefangen gesetzt worden waren, wieder freigelassen werden.
Das Kommerkion von vier Prozent sollte der Gesandte auf zwei, im Notfall auch auf drei
Prozent herabdrücken. Zum Bau der Kirche des hl. Laurentius sollte Byzanz durch Jahrgelder
beitragen. Es folgen weitere Forderungen für Privatpersonen, mit dem interessanten Zusatz,
daß ohne byzantinische Wiedergutmachung kein Friede geschlossen werden könne. Wenn
diese Forderung absolut undurchsetzbar sei, sollte der Gesandte dahin wirken, daß die geschä-
digten Genuesen von dem Frieden ausgeschlossen werden sollten, Genua für ihre Taten mit-
hin nicht verantwortlich sein wollte. Zum Schluß folgen wieder Forderungen für Privatleute.
Die ganzen Instruktionen wirken in ihrer Mischung von öffentlichen und privaten For-
derungen etwas wirr, aber dennoch nicht unüberlegt. Kurz zusammengefaßt forderte Genua
sein Embolum, die Landetreppen und weitere Besitzungen in Konstantinopel zurück, außer-
dem die Nachzahlung der Jahrgelder für die letzten sieben Jahre, eine Vermehrung dieser
Jahrgelder und eine Begleichung der Schäden, die Genuesen in der Romania durch Byzanz
erlitten hätten. Als Gegenleistung wird es wohl ebenfalls eine Bestätigung der von Genua
1192 und früher akzeptierten Verpflichtungen angeboten haben.
Inwieweit diese Gesandtschaft Erfolg gehabt hat, wissen wir leider nicht, da der Vertrags-
text sich nicht erhalten hat. Immer-[589] hin wurde Genua wieder in seine Besitzungen in
Konstantinopel eingesetzt und erhielt außerdem einen weiteren Landesteg und einige Gebäu-
de in Konstantinopel, weitere Einzelheiten sind nicht bekannt105.
Ebenso ist leider nicht bekannt, ob die Genuesen, die hiermit ja wieder unter Anerken-
nung ihrer Verpflichtungen in der Romania und in Konstantinopel Handel trieben, sich
1203/04 an der Verteidigung der byzantinischen Hauptstadt gegen den Vierten Kreuzzug
beteiligt haben. Die Quellen schweigen sich hierüber aus. Ganz auszuschließen ist es nicht,
104
Die Zahl verwundert etwas, da Genua eigentlich nur Anspruch auf 500 Nomismata für die Kommune und
60 für den Erzbischof hatte. Allerdings hatte es 1192 eine Erhöhung auf 600 und 100 für Kommune und
Erzbischof gefordert, so daß es 1201 praktisch eine rückwirkende Erhöhung gefordert hätte. Das Problem
ist insofern akademisch, als Isaak, wie aus den Instruktionen hervorgeht, nach der vereinbarten Abschlag-
zahlung auf eineinhalb Jahre überhaupt keine Jahrgelder mehr gezahlt hat. Unklar bleibt freilich, warum
der Gesandte nur die der Kommune zustehenden Jahrgelder fordern sollte und nicht die des Erzbischofs,
die ja sicher auch nicht bezahlt worden waren.
105
DÖLGER, Regesten Nr. 1663 (Okt. 1202); Text bei MIKLOSICH–MÜLLER III. Nr. 11 S. 48ff.
436 Kapitel XVIII
denn in den Jahren, die auf die Eroberung folgten, treffen wir immer wieder auf Genuesen, die
– zum Teil mit Unterstützung des Bonifatius von Montferrat – in der Romania gegen die
Venezianer Krieg führten, wenn auch letztlich ohne Erfolg106. Nicht weniger als die Pisaner
spürten auch die Genuesen nach 1204, daß sie ihre politische Rolle in der Romania zumindest
für die nächsten Jahre ausgespielt hatten.
Wir können also zusammenfassen, daß in der zweiten Regierungshälfte Alexios’ III. alle
drei Seestädte wieder mehr oder weniger normale Beziehungen mit dem byzantinischen Reich
unterhielten, Pisa von Anbeginn an, wenn auch seit 1201 leicht verschlechtert, Genua seit
1202 und Venedig seit 1198. Allerdings waren diese Beziehungen nicht völlig ungetrübt. Im-
mer noch fuhren genuesische und pisanische Seeräuber auf der Suche nach Beute durch die
Gewässer der Romania, und die Belästigung von venezianischen Kaufleuten hatte auch nach
1198 nicht völlig aufgehört, ganz zu schweigen von den 200 Goldpfund, die Byzanz immer
noch als Entschädigung für 1171 zu zahlen hatte. Auch kam ein Element der Unsicherheit
hinzu, das zwar für alle drei Seestädte galt, unter dem Venedig aufgrund der Struktur seiner
Besitzungen und Interessen in der Romania aber mehr zu leiden hatte als Genua oder Pisa. Es
war dies die Schwäche der byzantinischen Zentralregierung, eine Schwäche, die sich schon un-
ter Andronikos gezeigt hatte, die aber unter [590] Isaak und Alexios III. immer stärker gewor-
den war. Wir haben gesehen, wie sich unter diesen drei Kaisern der Reichsverband mehr und
mehr gelockert hatte. Andronikos hatte die Aufstände, die seine Herrschaft bedrohten, im
wesentlichen noch alle niederschlagen können, auch Isaak war dies gelungen, allerdings mit
der Einschränkung von Zypern und der verhängnisvollen Ausnahme des vlachobulgarischen
Aufstands. Alexios III. gelang es nur noch begrenzt. Es begann die Bildung und Verfestigung
kleinerer Grundherrschaften im byzantinischen Reich, die sich – wenngleich unter der nomi-
nellen Anerkennung der Oberhoheit des Kaisers – doch in Wahrheit nicht mehr um das
kümmerten, was aus Konstantinopel kam. Für den Handel war eine solche Entwicklung
verhängnisvoll. Was nützten immer mehr und immer weitergehende Privilegien des Kaisers,
wenn dieser nicht mehr ihre Einhaltung durch seine Untertanen garantieren konnte? Sicher,
auch ein Gebilde wie etwa die von Leon Sguros um Korinth errichtete Herrschaft, hätte nie-
mals mit Aussicht auf Erfolg einer Macht wie der venezianischen Widerstand leisten können
oder solches auch nur gewagt, aber die ständigen Kämpfe innerhalb des Reiches, die dauernde
Anwesenheit von Soldaten – meist Söldnern – in nahezu allen Provinzen, nicht zuletzt die
Piraten, die nun überhaupt nicht mehr bekämpft wurden, werden Produktion und Nahhan-
del mit Sicherheit schwer in Mitleidenschaft gezogen haben. Das aber hatte seine Auswirkun-
gen auf den Fernhandel, der ja von der byzantinischen Produktion und von den Zubringer-
diensten des Nahhandels abhängig war. Außerdem zwang die Aufsplitterung des bisherigen
106
Allgemein hierzu cf. FOTHERINGHAM, Genoa and the Fourth Crusade; zu den Kämpfen um Kreta
zwischen Genua und Venedig nach dem Vierten Kreuzzug cf. auch ABULAFIA, Henry Count of Malta;
FAVREAU, Graf Heinrich von Malta.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 437
107
Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch die beiden Volksaufläufe, von denen Isaak in seinen Briefen an Genua
und Pisa berichtet, dem Kaiser nicht unwillkommen gewesen sind, gaben sie ihm doch ein hervorragendes
Druckmittel gegen die pisanischen und genuesischen Kaufleute in die Hand. Vielleicht hat Isaak sie sogar
stillschweigend gefördert oder, in ihren Anfängen wenigstens, geduldet. Der einzige Angriff, der den Inten-
tionen des Kaisers mit Sicherheit zuwidergelaufen sein dürfte, dürfte derjenige von 1187 gewesen sein.
108
Diese Überlegung wird von QUELLER–DAY, Some Arguments nicht berücksichtigt, die ein Interesse
Venedigs an einer Eroberung Konstantinopels aus wirtschaftlichen Gründen in Frage stellen. Queller und
Day argumentieren, daß die Venezianer einmal mit dem Privileg von 1198 alles erreicht hätten und daß die
Evidenz der venezianischen Privaturkunden zeige, daß der Handel Venedigs sich in den letzten Jahren des
12. Jahrhunderts ohnehin von Byzanz nach Ägypten verlagert habe, das Interesse der Venezianer an der
Romania mithin nachgelassen habe (QUELLER–DAY, Some Arguments S. 736ff. und S. 732ff.). Beide
Beobachtungen sind richtig, die Schlußfolgerungen nicht. Wie schon gezeigt worden ist, war das Haupt-
problem Venedigs nicht mehr die Erlangung von Privilegien allein, sondern ebenso die Durchsetzbarkeit
ihrer Bestimmungen in der Praxis des Handels. Die Unsicherheit der Verhältnisse in der Romania beein-
trächtigte auch die Gewinnmöglichkeiten der Venezianer und erhöhte die Gefahren für die Händler und
Angehörigen der Lagunenstadt in Byzanz. Dies dürfte auch der Grund dafür gewesen sein – abgesehen von
den oben geschilderten Spannungen zwischen Venedig und Alexios III. –, daß der Handel Venedigs mit
Ägypten sich in dieser Zeit verstärkt hat. Der Grund hierfür lag. nicht in mangelndem Interesse an Byzanz,
sondern in den wachsenden Unzuträglichkeiten, die die Venezianer zwangen, auf andere Märkte auszuwei-
chen. In Ägypten trafen sie auf die Konkurrenz der Pisaner und Genuesen, die dort schon länger etabliert
waren. Es ist von daher wahrscheinlich, daß Venedig in einem hohen Grade an einer Wiederherstellung der
438 Kapitel XVIII
[592] Die Stellung der drei Seemächte war hierbei durchaus unterschiedlich: Genua und
Pisa hatten ihren Handel, wie erwähnt, im wesentlichen auf Konstantinopel konzentriert.
Ihre maritimen Hilfsmittel in der Romania waren relativ begrenzt109 und vor allem: Byzanz
war für sie ein Markt unter anderen und nicht einmal der wichtigste. Anders Venedig: Die
venezianischen Besitzungen und Rechte erstreckten sich mit Ausnahme des Schwarzen Mee-
res über die gesamte Romania, die venezianische Flotte war stark und schon in byzantinischen
Gewässern eingesetzt worden, zuletzt 1196, und was das wichtigste war: Für die Adriastadt
war die Romania der bei weitem bedeutendste Markt überhaupt, wichtiger als die Kreuz-
fahrerstaaten und wichtiger auch als Ägypten. Der Reichtum Venedigs war in starkem Maße
abhängig von seinem Handel mit der Romania, zumindest im 12. Jahrhundert. Somit ist
einleuchtend, daß eine Reaktion auf die Verhältnisse in der Romania zuerst und vor allem von
Venedig ausgehen würde, das am ehesten die Macht und den Willen dazu hatte und auch die
Notwendigkeit einer Interven-[593] tion am deutlichsten spürte. Dies soll nun nicht heißen,
daß man in Venedig grundsätzlich auf eine Eroberung des byzantinischen Reiches hingearbei-
tet hat, aber es soll heißen, daß, wenn überhaupt, ein Eroberungsversuch von Venedig aus in
Gang gesetzt werden würde, nicht aber von Genua und Pisa aus.
Der Handel der Lagunenstadt in der Romania hing von zwei Faktoren ab, nämlich der
Existenz einer relativ starken Macht in Konstantinopel, die die die Sicherheit der Venezianer
in der Romania garantieren konnte, und zum zweiten davon, daß diese Macht Venedig
freundschaftlich gesonnen war. Bis 1180 hatte es diese Macht gegeben, und das Problem der
Venezianer war, sie zu einer freundschaftlichen Einstellung zu veranlassen. Dies war erreicht
worden durch Bündnisverträge, zumeist gegen die Normannen, und auch durch Krieg. Wäh-
rend Venedig aber diese zweite Grundbedingung seines Wohlergehens in gewissem Maße
selbst zu beeinflussen vermochte, war dies mit der ersten nicht möglich. Auch ein Seekrieg
alten Verhältnisse in der Romania interessiert gewesen ist, die allein ein Gedeihen des venezianischen Han-
dels garantieren konnten. Wenn solches mit einer byzantinischen Regierung nicht mehr möglich war, dann
vielleicht durch eine ganz andere Lösung: die Übernahme der Regierungsmacht in eigene Hände. Zumin-
dest eine latente Bereitschaft, eine solche Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, wird man bei den Venezia-
nern annehmen können. Die Hypothese von Queller und Day scheint mir dagegen unzutreffend zu sein.
Dies gilt auch für die von DAY, Impact passim vertretene Theorie, daß schon während des 12. Jahrhun-
derts, vor allem aber seit den Privilegien Saladins, der Fernhandel mit Westeuropa sich von Konstantinopel
nach Ägypten verlagert und Byzanz seine frühere Bedeutung in diesem Bereich verloren habe. Dies über-
sieht, daß, wie oben (bes. Kap. XII) gezeigt worden ist, Byzanz ganz andere Waren exportiert hat als Ägyp-
ten, so daß von einer Konkurrenzsituation überhaupt nicht gesprochen werden kann. Auch die ebenfalls in
diesem Aufsatz geäußerte Meinung Days, daß die ägyptischen Waren vor dem 12. Jahrhundert im wesent-
lichen über Zypern nach Konstantinopel und erst von dort in den Westen gelangt seien, ist nicht nur von
der Sache her unlogisch, sondern widerspricht vor allem auch dem Zeugnis der Quellen, die im Gegenteil
schon im 9. und 10. Jahrhundert direkte Handelsbeziehungen beweisen. Die Argumente Days sind daher
nicht stichhaltig.
109
Genua und Pisa haben niemals eine Flotte gegen Byzanz geschickt, auch nicht nach 1182. Venedig dagegen
dreimal: 1122–1126, 1171/72 und ca. 1195/96, die letzte zwar offiziell gegen die Pisaner gerichtet, aber zu-
mindest latent auch als Drohung gegen Byzanz gerichtet.
Die Kaiser der Angeloidynastie (1185 – 1204) 439
gegen Byzanz hätte an der Schwäche des Kaisers nichts ändern können, und so dürfen wir
wohl vermuten, daß man in Venedig mit den Verhältnissen in der Romania zwar unzufrieden
gewesen ist, aber auch nicht recht wußte, wie man sie ändern könnte. Tatsächlich war es so
weit gekommen, daß der Kaiser zu schwach war, um seine im Privileg von 1198 gemachten
Zusagen einhalten zu können, und daß er außerdem auch noch politisch unzuverlässig war,
eine Kombination, wie sie sich schlechter kaum denken ließ. Dennoch konnte Venedig nicht
einmal davon träumen, aus eigenen Kräften einen Machtwechsel in Byzanz herbeizuführen.
Eine Flotte war zwar vorhanden, aber es fehlte das unbedingt notwendige Landheer. Dieses
Heer nun bot plötzlich und unverhofft der Vierte Kreuzzug.
Venedig und der Vierte Kreuzzug (1203 – 1204)
Es soll an dieser Stelle nicht noch einmal die Frage aufgeworfen werden, ob Venedig nun
bewußt von Anfang an den Kreuzzug gegen Byzanz hat lenken wollen oder ob es nur die
günstige Gelegenheit erkannt und ausgenutzt hat. Die Quellen sind bekannt und oftmals
interpretiert worden. Eine Einigung wird sich nicht mehr erzielen lassen. Aber es sollte fest-
gehalten werden, daß die allgemeine Stimmung in Venedig zu Beginn des 13. Jahrhunderts in
dem Kreuzzug mit Sicherheit ein probates Mittel sehen konnte, die verfahrene Situation in
der Romania zugunsten der Lagunenstadt zu [594] retten, auch wenn man dies vielleicht
nicht von Anfang an bewußt geplant haben wird.
Da die Geschehnisse des Vierten Kreuzzugs bekannt und häufig Gegenstand der Diskus-
sion gewesen sind, erscheint es nicht notwendig, sie an dieser Stelle noch einmal vollständig
darzulegen. Ein kurzer Abriß genügt110. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts hatte die Idee eines
neuen Kreuzzugs an Boden gewonnen. Da der Landweg durch Anatolien nicht mehr gangbar
schien, entschloß man sich, das Heer über See zu transportieren. Zu diesem Zweck schlossen
die Kreuzfahrer einen Vertrag mit Venedig ab, das sich verpflichtete, gegen Zahlung von
85.000 Silbermark genügend Schiffsraum bereitzustellen, um 4.500 Ritter, 9.000 Knappen
und 20.000 Fußsoldaten ins Hl. Land befördern zu können. Da das Kreuzheer diese Zahlen
bei weitem nicht erreichte – es umfaßte nur ca. 10.000 Mann –, die Venezianer aber einen
Zahlungsnachlaß ablehnten, gerieten die Ritter in größte Geldschwierigkeiten. Schließlich
mußten sie gezwungenermaßen der venezianischen Forderung zustimmen, das von Venedig
wieder einmal zu Ungarn übergegangene Zara zurückzuerobern. In Zara schließlich erschien
der aus Byzanz geflohene Thronprätendent Alexios, der Sohn des gestürzten Isaak, und ver-
sprach reiche Geschenke und die Hilfe beim Kreuzzug, wenn die Kreuzfahrer ihn ihrerseits
110
Literatur zum Vierten Kreuzzug: cf. FROLOW, Recherches; MAYER, Bibliographie Nr. 2119-2159;
DERS., Literaturbericht S. 689ff.; BRAND, Byzantium S. 232ff.; QUELLER–STRATTON, Contro-
versy; SETTON, Papacy I. S. 1ff.; QUELLER, Fourth Crusade; DERS., Medieval Diplomacy and the
Fourth Crusade (Aufsatzsammlung); LILIE (1993) S. 244 Anm. 82; LILIE, Byzanz und die Kreuzzüge
(2004) 157–180; zu der Haltung der venezianischen Chronistik in Bezug auf den Vierten Kreuzzug cf.
CARILE, Chronachistica Veneziana; allgemeiner: PERTUSI, Storiografia Veneziana.
440 Kapitel XVIII
111
Es ist bezeichnend für die Einstellung der Venezianer zu Byzanz, daß sie sich überhaupt nicht mehr um den
Vertrag von 1198 kümmerten, in dem sie Alexios III. ja ausdrücklich ihre Hilfe zugesichert hatten. Der
Vertrag war nicht offen gekündigt worden. Auch hier zeigt sich einmal mehr, daß Verträge nur solange
gehalten werden, wie es im Interesse des einen oder des anderen Vertragspartners liegt.
KAPITEL XIX HANDEL UND POLITIK ZWISCHEN BYZANZ UND
DEN ITALIENISCHEN KOMMUNEN VENEDIG, PISA UND GENUA
EINIGE SCHLUSSFOLGERUNGEN
1
Zu den Anfängen dieser Entwicklung cf. zuletzt LILIE, Reaktion bes. Kap. VII. (dort auch weiterführende
Literatur).
442 Kapitel XIX
ihre eigentliche Erklärung findet: In dem Augenblick, als die Balkanprovinzen zu den neuen
Kernlanden des Reiches wurden, gewann notwendigerweise auch die byzantinische Außen-
politik in diesem Raum, sei sie nun offensiv oder defensiv, an Stellenwert.
Alle diese Überlegungen sind zunächst bloße theoretische Annahmen. Aber sie werden
bestätigt durch die Evidenz des italienischen Handels in der Romania während des 12. Jahr-
hunderts. Dieser Handel hat sich eindeutig auf die Balkanprovinzen des byzantinischen Rei-
ches konzentriert. An der Spitze stand natürlich Konstantinopel. Aber auch wenn wir die
byzantinische Hauptstadt einmal außer Betracht lassen, ergibt sich ein eindeutiges Überge-
wicht des Balkanraumes gegenüber Kleinasien. Korinth, Theben, Halmyros, Thessalonike
und die Städte Thrakiens sind durch die Handelsquellen als Zentren des Handels der Italiener
gut ausgewiesen. Auch andere Plätze, z. B. auf der Peloponnes, sind häufig angefahren worden.
Demgegenüber ist italienischer Handelsverkehr in Kleinasien nur begrenzt nachweisbar. Zwar
tauchen Abydos, Adramyttion, Smyrna, Philadelpheia und Attaleia in den Quellen auf, aber
doch nur vereinzelt und in den meistern Fällen auch nicht als erstes und wichtigstes Anlauf-
ziel, sondern eher als Haltepunkte auf den großen Fahrtrouten von Konstantinopel und
Italien nach Syrien2.
[598] Es hat den Anschein, daß Kleinasien für den Handel der Italiener, sofern es nicht
um reinen Lokalverkehr ging, kaum von grösserem Interesse gewesen ist, während die Balkan-
provinzen oft und gerne angefahren wurden. Offensichtlich haben die italienischen Kaufleute
in diesem Raum mehr und leichtere Gewinnmöglichkeiten gesehen.
Dieser Eindruck wird auch von anderen Quellen bestätigt, die den guten ökonomischen
Zustand, ja die Blüte dieser Reichsteile hervorheben und gleichzeitig das Kleinasien der Kom-
nenen als verarmte, ständig bedrohte und nur beschränkt lebensfähige Region erscheinen
lassen.
Gerade Thessalien, Thrakien, Böotien und die Peloponnes werden als am blühendsten
beschrieben, und auf diese Regionen hat sich auch der Handel der Italiener am meisten kon-
zentriert. Es liegt nahe, hier eine Wechselbeziehung anzunehmen. Offenbar hat der gute
Zustand dieser Provinzen die Italiener angelockt, die wiederum durch ihre Handelstätigkeit
auf die wirtschaftliche Produktion anregend gewirkt haben. Aus dieser Überlegung folgt eine
weitere: Wenn ausgerechnet diejenigen Gebiete des Reiches, die von den italienischen Kauf-
leuten am stärksten frequentiert worden sind, den besten Eindruck machten, dann kann nicht
stimmen, was von der bisherigen Forschung nahezu einhellig behauptet worden ist: daß das
byzantinische Reich infolge des Handels mit Venedig, Pisa und Genua wirtschaftlich ausge-
sogen worden sei, ja daß der, auch wirtschaftliche, Zusammenbruch von Byzanz am Ende des
12. Jahrhunderts in erster Linie auf die italienischen Händler und ihre Privilegierung durch
2
Die einzigen belegten Ausnahmen scheinen Smyrna und Adramyttion zu sein, die aber ebenfalls nicht Ziele
von Fernfahrten gewesen sind, sondern eher, wie wahrscheinlich auch andere Städte, im Rahmen des
lokalen, allenfalls innerbyzantinischen Handels angefahren wurden (s. oben Kap. VIII, s. v. Smyrna und
Adramyttion).
Handel und Politik – Schlußfolgerungen 443
die Kaiser in Konstantinopel zurückzuführen sei3. Ganz im Gegenteil hat der Handel mit den
[599] italienischen Seestädten zu wirtschaftlichem Aufschwung beigetragen4.
Auch eine ökonomische Abhängigkeit des Reiches von Venedig, Pisa und Genua ist nicht
festzustellen. Das Byzanz des 12. Jahrhunderts ist im wesentlichen ein Agrarstaat gewesen5,
und es hat vornehmlich agrarische Produkte exportiert. Von Einfuhren von außen war es
unabhängig. Ein zeitweiliger Ausfall des Exports nach Italien und in die Kreuzfahrerstaaten
mochte zwar wirtschaftliche Probleme bringen, obwohl die Hauptausfuhrprodukte: Öl,
Oliven, Getreide, Wein etc. an und für sich lagerfähig waren, aber er ließ die wirtschaftliche
Struktur des Reiches nicht zusammenbrechen, sondern war im Gegenteil nachteilig für die
italienischen Seestädte, besonders Venedig, das seinen Handel auf die Romania konzentriert
hatte. Im 12. Jahrhundert hatte die Lagunenstadt noch keinen nennenswerten Landbesitz auf
der Terra Ferma, und auch Dalmatien war nur zu kleinen Teilen unterworfen. Die Stadt lebte
von [600] dem Zwischenhandel von und nach Oberitalien und dem östlichen Mittelmeer-
raum. Ein Ausfall dieses Handels gefährdete die Lebensgrundlagen der Stadt, die – abgesehen
von der Salzgewinnung in der Lagune6 – auf eben diesem Handel beruhten. Es ist daher auch
3
Cf. z. B. HAUSSIG, Kulturgeschichte S. 419; WESSEL, Kultur S. 379ff.; wenn diese Arbeiten im folgen-
den öfter als Beispiele für falsche (Klischee)vorstellungen angeführt werden, so nicht deshalb, weil sie
notwendigerweise falsch sind, sondern weil sie, gerade aufgrund ihres allgemeinen Anspruchs, der eigene
Quellenforschung fast automatisch ausschließt, einen guten Überblick über die communis opinio der
Wissenschaft bieten. Daß sie nicht die einzigen sind, die solche Vorstellungen weitertradieren, sei dabei
unbestritten. Für die negative Einschätzung der Rolle der italienischen Seestädte für das byzantinische
Wirtschaftsleben könnte man fast unbegrenzt Namen nennen. Es mag reichen, als einen der letzten und
prominentesten P. Lemerle zu nennen, der den Ruin der byzantinischen Wirtschaft im 12. Jahrhundert
ebenfalls auf die 1082 von Alexios an Venedig vergebenen Privilegien zurückführt: "c’est le chrysobulle par
lequel Alexis Ier accorda à Venise des avantages et privilèges économiques si exorbitante, qu’ils portaient en
eux-mêmes la ruine de l’économie byzantine" (LEMERLE, Byzance au tournant de son destin S. 305), dies
immerhin rund zehn Jahre nach dem, von Lemerle nicht benutzten Aufsatz von Hendy, Byzantium, der
das Gegenteil nachweist. Bezeichnend für den nachlässigen Umgang mit Quellen und Sekundärliteratur
scheint mir auch der Umstand zu sein, daß Lemerle (S. 306 Anm. 117) Gedanken über die Datierung
dieses Privilegs anstellt, ohne den Aufsatz von Borsari, Crisobullo di Alessio, zur Kenntnis zu nehmen, der
dieses Problem, dessen Lösung Lemerle fordert, schon 1970 eindeutig zugunsten von 1082 geklärt hat. In
ähnlicher Weise hat sich zuletzt auch C. MANGO, Byzantium S. 58 geäußert: "By this (i. e. das Privileg
von 1082) the economic future of the Empire was sabotaged once und for all". Auch Mango kennt bezeich-
nenderweise weder den Aufsatz Hendys noch denjenigen Borsaris und schwankt demzufolge zwischen
1082 und 1092 (!) als Datum des Chrysobulls, offensichtlich hierbei dem von ihm zitierten Lemerle fol-
gend, jedoch weniger ausführlich.
4
In diesem Sinn schon HENDY, Byzantium S. 40f. (der allerdings der einzige gewesen ist).
5
Dies gilt natürlich für fast alle mittelalterlichen Staaten, ist aber in diesem Zusammenhang dennoch nicht
unwichtig. So scheinen etwa die Kreuzfahrerstaaten in Syrien und Palästina und auch das dicht besiedelte
Oberitalien nicht oder nur mit Einschränkungen in der Lage gewesen zu sein, ihre Bevölkerung zu ernäh-
ren, was den italienischen (und vielleicht auch griechischen) Fernhändlern des 12. Jahrhunderts die loh-
nende Gelegenheit bot, byzantinische Agrarerzeugnisse in beide Regionen zu exportieren (cf. oben Kap.
XII).
6
Zu der Bedeutung des Salzhandels für Venedig cf. jetzt die vorzügliche Arbeit von HOCQUET, Le Sel et
la Fortune de Venise.
444 Kapitel XIX
kein Wunder, daß Venedig auf die Gefährdung oder gar Störung dieses Handels hin grund-
sätzlich sofort und massiv mit Waffengewalt reagiert hat. Der Seekrieg von 1122 bis 1126
gegen Byzanz ist hier nur ein Beispiel. Genua und Pisa waren demgegenüber von dem Handel
in der Romania weniger abhängig, da ihre Kaufleute sich mehr nach Ägypten, Syrien und in
das westliche Mittelmeer orientierten als nach Byzanz. Man kann sagen, daß das Reich von
dem Handel mit den Italienern nicht mehr abhängig gewesen ist als jeder Staat, der einen Teil
seiner Einkünfte dem Export verdankt, ja sogar weniger, da seine Wirtschaft auf Importe aus
Italien kaum oder gar nicht angewiesen gewesen ist.
Auch von einer Beeinträchtigung der byzantinischen Industrie kann nicht gesprochen
werden7. Soweit wir einen Export italienischer Güter nach Byzanz überhaupt greifen können
– die Quellen sind höchst spärlich –, so hat es sich anscheinend vorwiegend um Edelmetalle,
Waffen und Tuche verschiedener Provenienz gehandelt, aus Ägypten kamen Gewürze, Baum-
wolle und Alaun. An Edelmetallen gab es in Byzanz ohnehin immer Bedarf, Gewürze und
Alaun wurden in Byzanz nicht produziert8, von Baumwollanbau ist ebenfalls nichts bekannt.
Der Tuchexport – zum Teil im Wege des Zwischenhandels von Flandern her – dürfte allein
aufgrund der Transportkosten die Ware so sehr verteuert haben, daß von einer Konkurrenz
für griechische Betriebe kaum die Rede sein kann. Waffen waren ohnehin ein Sonderfall. Von
einer Beeinträchtigung der byzantinischen Industrie kann daher nicht gesprochen werden,
freilich – aus ähnlichen Gründen heraus – auch kaum von einem für verstärkte Produktion,
die nach Westeuropa oder in die Kreuzfahrerstaaten [601] bzw. nach Ägypten hätte expor-
tiert werden können9.
Daß Italiener sich in Person in Byzanz niedergelassen und Industriebetriebe gegründet
hätten, die den Griechen Konkurrenz hätten machen können, wie es ebenfalls unterstellt
wird10, ist aus den Quellen heraus ebenfalls nicht zu beweisen. Es wäre auch schwer denkbar.
Die Quartiere – zumindest in Konstantinopel11 – dürften für solche Unternehmungen kaum
genügend Raum geboten haben12. Eine Niederlassung außerhalb der Quartiere aber, wenn sie
überhaupt gestattet worden wäre, hätte über kurz oder lang fast automatisch dazu geführt,
daß der betreffende Italiener seinen Ausländerstatus verlor und burgensis , also Untertan des
Kaisers, wurde. Dauernde italienische Niederlassungen in Byzanz, die den Rahmen kleinerer
Versorgungsbetriebe für die Bedürfnisse der Quartiere überstiegen, sind daher sehr zweifel-
7
Wie sie etwa von HAUSSIG, Kulturgeschichte S. 419f. unterstellt wird.
8
Die späterhin berühmte Alaunförderung bei Phokaia in Kleinasien hat ihren Beginn erst nach dem Vierten
Kreuzzug gehabt.
9
Ein Ausnahmefall ist die Produktion von Seidenstoffen, die im westlichen Abendland sehr begehrt waren.
Aber Byzanz konnte kaum genug für den eigenen Bedarf produzieren, und die Ausfuhr war reglementiert,
so daß man hier nicht allgemeine Rückschlüsse ziehen darf.
10
Cf. z. B. HAUSSIG, Kulturgeschichte S. 419f.
11
Über die Ausdehnung der Quartiere in anderen Städten lassen sich mangels Quellen keine Aussagen tref-
fen.
12
Cf. SCHREINER, Untersuchungen S. 179ff.
Handel und Politik – Schlußfolgerungen 445
haft13. Ebensowenig kann davon gesprochen werden, daß die Kaiser den Italienern auf dem
Weg der Privilegierung größere Betriebe überlassen hätten14.
Selbst die byzantinische Handelsflotte ist nicht völlig vom Mittelmeer verschwunden,
wenngleich sie wohl am meisten von der Konkurrenz der Italiener betroffen worden ist.
Von einer Ausbeutung der Romania durch die Venezianer, Pisaner oder Genuesen ist
somit nichts zu merken. Aber auch die Staatskasse hat durch die Zollbefreiungen für die ita-
lienischen Händler we-[602] niger Nachteile gehabt als man bisher allgemein angenommen
hat15. Gewiss bedeutete die Abgabenbefreiung oder -ermäßigung zunächst einen Einnahme-
verlust, aber man darf hierbei nicht übersehen, daß die Einnahmen des Fiskus nicht nur auf
den Zöllen beruht haben. Die durch die italienischen Kaufleute erzeugte und gesteigerte
Nachfrage nach byzantinischen Gütern vermehrte, allgemein gesprochen, die Produktion,
erhöhte die Preise und wirkte sich so zum Vorteil der griechischen Erzeuger und Zwischen-
händler aus. Daß der Staat über seine Steuern seinerseits von dieser Entwicklung profitierte,
braucht wohl nicht weiter begründet zu werden. Ja die Zollermäßigungen konnten sogar
einen zusätzlichen Anreiz für die fremden Kaufleute bringen, die Romania aufzusuchen. Ge-
rade im Lauf des 12. Jahrhunderts ist ein erheblicher Anstieg des Fernhandels der Italiener zu
beobachten. Auch wenn er seine Gründe sicher nicht in den byzantinischen Privilegien für
Venedig, Genua und Pisa gehabt hat, so dürfte das Reich doch in starkem Maße von diesem
Anwachsen profitiert haben. Die Blüte gerade derjenigen Provinzen, die am meisten von den
Italienern frequentiert wurden, ist hierfür ein sicheres Anzeichen.
Einige Forscher haben behauptet, daß die wirtschaftliche Blüte gerade Konstantinopels
auf seiner Funktion als zentralem Umschlagplatz für alle Waren des östlichen Mittelmeer-
raumes beruht habe. Im 12. Jahrhundert sei diese Funktion durch die Kreuzzüge und die
Übernahme des Fernhandels durch die Italiener erschüttert worden, was letztlich zu der Ver-
armung des byzantinischen Staates geführt habe16. Aber abgesehen davon, daß es schwer,
wenn nicht unmöglich sein dürfte, solches für das frühe Mittelalter verbindlich zu beweisen –
es ist kaum vorstellbar, daß etwa ägyptische oder syrische Waren nur auf dem Umweg über
Konstantinopel nach Westeuropa gelangt sind, und darüber hinaus ist allein schon eine Schät-
zung des Handelsvolumens im frühen Mittelalter kaum möglich –, spricht gerade die wirt-
13
Ähnlich auch SCHREINER, Untersuchungen S. 190f., allerdings aufgrund anderer Überlegungen.
14
Wie es angenommen wird von HAUSSIG, Kulturgeschichte S. 419f.; wenn Haussig als Beispiel "die große
Bäckerei in der Nähe der Landungsstege, die Brote für die durchfahrenden Schiffe lieferte", erwähnt, so
liegt hier eine gewaltige Übertreibung vor. Eine Bäckerei, deren Jahresertrag (!) auf zwanzig Nomismata
geschätzt wird, dürfte kaum ein sehr bedeutender Betrieb gewesen sein. WIRTH, Grundzüge S. 112, faßt
ebenfalls sehr klar alle diesbezüglichen Klischees zusammen: "Der ... Staatsvertrag (von 1082) hat bereits im
12. Jh. zu einer völligen Aushöhlung der Wirtschaft des griechischen Reiches und damit zugleich der steu-
erlichen Leistungskraft des Staates geführt, von der sich Byzanz nie mehr erholte".
15
Cf. etwa HAUSSIG, Kulturgeschichte S. 420.
16
Cf. zuletzt etwa QUELLER–DAY, Some Arguments S. 732f.
446 Kapitel XIX
schaftliche Blüte des Reiches der [603] Komnenen gegen diese Auffassung17. Es unterliegt
keinem Zweifel, daß Ägypten seine Waren im 12. Jahrhundert ohne den Umweg über Byzanz
nach Italien exportiert hat. Ähnliches gilt für Syrien. Wenn Byzanz und auch Konstantinopel
dennoch in dieser Zeit keine Einbuße erlitten haben – es ist jedenfalls keine erkennbar –, so
ist dies ein sicheres Zeichen dafür, daß die vermutete Rolle Konstantinopels als Umschlag-
platz für Güter von außerhalb des byzantinischen Reiches nicht so wichtig für Byzanz gewesen
sein kann, wie man gemeinhin unterstellt.
D. Queller und G. Day haben kürzlich als wesentlichen Faktor für den ökonomischen
Zusammenbruch des byzantinischen Reiches am Ausgang des 12. Jahrhunderts den angebli-
chen Verlust dieser Vermittlerfunktion Konstantinopels herausgestellt18, aber sie übersehen
völlig, daß die byzantinische Hauptstadt, wenn sie überhaupt jemals eine solche Rolle gespielt
hat, diese schon seit dem Ersten Kreuzzug verloren hatte. Und trotzdem ist bis zum Ende der
Regierungszeit Manuels I. kein Abfall sichtbar. Ihre Hypothese ist daher abzulehnen.
Als weiteren Grund für den wirtschaftlichen Zusammenbruch hat man die Überforde-
rung der Staatsfinanzen durch Manuel gesehen19. Aber auch hier hat man allein die zugegeben
großen Ausgaben dieses Kaisers kritisiert, ohne in geringster Weise zu berücksichtigen, daß
das Anwachsen des Fernhandels gerade um die Mitte des 12. Jahrhunderts dem byzantini-
schen Reich auch einen enormen Einnahmezuwachs beschert haben dürfte. Solange wir nicht
in der Lage sind, für die Zeit Manuels eine Relation zwischen Einnahmen und Ausgaben her–
zustellen – es dürfte unmöglich sein –, ist jede diesbezügliche Hypothese sinnlos. Immerhin
können wir feststellen, daß es bis zum Tod dieses Kaisers kein Anzeichen für einen wirtschaft-
lichen Zusammenbruch gibt. Darüber dürfen auch die Klagen eines Niketas Choniates nicht
hinwegtäuschen. Wann je sind Steuerforderungen eines Staates von seinen Untertanen nicht
als [604] drückend und zu hoch empfunden worden?20
Ähnliches gilt für die, von der Forschung fast einhellig übernommenen, Anklagen der
byzantinischen Chronisten gegen die Italiener21 . Natürlich haben sowohl Kinnamos als auch
Niketas Choniates ln erster Linie die Abgabenbefreiungen und -ermäßigungen für die ver-
haßten und beneideten Ausländer und den Reichtum und die Arroganz vornehmlich der
Venezianer gesehen und kritisiert. Das war leicht zu fassen, und jede Kritik konnte auf breite
17
Zu berücksichtigen ist hierbei, daß die Rolle Konstantinopels als Umschlagplatz für Güter aus dem Osten
und Norden, die über das Schwarze Meer kamen, bis 1204 unverändert geblieben ist.
18
QUELLER–DAY, Some Arguments S. 732f.
19
Cf. z. B. OSTROGORSKY, Geschichte S. 323.
20
Aus diesen Gründen ist auch die Hypothese von HERRIN, Collapse S. 198, 200 abzulehnen, die zwar
grundsätzlich einen positiven Einfluß des Handels mit den Italienern akzeptiert, aber gleichzeitig für
unwirksam erklärt, da die Kaiser durch ihre übertriebenen Steuerforderungen jeden Gewinn wieder
abgezogen hätten. Wenn dem wirklich so gewesen wäre, wäre die wirtschaftliche Blüte dieser Regionen
unter den ersten drei Komnenen unerklärlich.
21
KINNAMOS S. 280ff.; NIKETAS CHONIATES S. 171f.; soweit ich sehe, ist man bis auf den immer
wieder positiv hervorzuhebenden Hendy allgemein den Aussagen der beiden Chronisten gefolgt.
Handel und Politik – Schlußfolgerungen 447
Zustimmung rechnen. Daß diese, zudem häretischen Händler aber auch zum Wohlstand des
Reiches beitrugen, haben sie nicht bemerkt, villeicht auch nicht merken wollen. Emotionen
sind einer nüchternen Analyse nicht förderlich, und es besteht kein Zweifel, daß die Italiener
in Byzanz höchst unbeliebt gewesen sind. Aber der Forscher sollte vorsichtig sein, solche
Äußerungen für bare Münze zu nehmen. Festzuhalten bleibt, daß die Handelstätigkeit der
Venezianer, Pisaner und Genuesen in Byzanz für das Wirtschaftsleben des Reiches nicht
negativ, sondern in großemMaße positiv gewesen ist. Die Gründe für den Zusammenbruch
des byzantinischen Staates vor dem Vierten Kreuzzug sind anderswo zu suchen.
Es würde den Rahmen der vorliegenden Darstellung sprengen, sich mit den eigentlichen
Ursachen für den Machtverfall des Reiches im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts auseinan-
derzusetzen, zumal die Gefahr zu groß wäre, in einer notgedrungen kurzen Zusammenfassung
die verschiedenen Entwicklungen und sich zum Teil auch wechselseitig bedingenden Abhän-
gigkeiten und Verflechtungen zu vereinfacht und oberflächlich abzuhandeln. Eine ausführli-
che Untersuchung zu diesem Komplex soll demnächst publiziert werden22. Insgesamt gesehen
läßt sich aber wohl sagen, daß die unter den Kom-[605] nenen einsetzende und im Laufe des
12. Jahrhunderts immer stärker werdende "Feudalisierung" des Staates den inneren Zusam-
menhalt des byzantinischen Reiches gelockert und nach dem Tod Manuels, als es – mit der
einzigen, aber umso schädlicheren Ausnahme des Andronikos – keinen starken Kaiser in
Konstantinopel mehr gab, zu einer fortschreitenden Auflösung geführt hat. Es begannen sich
auf dem Boden des Reiches kleinere Herrschaften zu bilden, und die Autorität des Kaisers in
der fernen Hauptstadt stand oft genug nur noch auf dem Papier23. Mit anderen Worten: Es
herrschte eine zunehmende Anarchie, die durch die Schwäche der Zentralregierung wie auch
durch Angriffe von außen – Ungarn, Serben, Bulgaren, sofern man sie zu dieser Zeit schon als
"Ausländer" begreifen will, Normannen, Seldschuken, Deutsche, schließlich genuesische und
pisanische Piraten in großer Zahl – immer mehr verstärkt wurde.
Es braucht nicht weiter begründet zu werden, daß ein solcher Zustand der politischen In-
stabilität, wie er sich nach 1180 in Byzanz gezeigt hat, auf das wirtschaftliche Leben katastro-
phale Auswirkungen gehabt haben muß. Die ständigen Kriege und Kleinkriege, Überfälle und
Usurpationen, meist verbunden mit Plünderungen und Ausschreitungen, die die Bevölkerung
trafen, ließen das ökonomische Niveau schnell zurückgehen. Daß der Handel von einer sol-
chen Entwicklung nicht unberührt bleiben konnte, liegt auf der Hand. Mit verarmenden Pro-
vinzen ließ sich schlechter Handel treiben als mit einem gesunden und starken Reich. Hinzu
kam die erhöhte Unsicherheit der Kaufleute selbst. Die Piratengefahr war schon das ganze 12.
Jahrhundert hindurch eine ernstzunehmende Bedrohung der Handelsschiffahrt in den byzan-
tinischen Gewässern gewesen. Jetzt aber, als Byzanz immer schwächer wurde und praktisch
22
R.–J. LILIE, Des Kaisers Macht und Ohnmacht. Zum Zerfall der Zentralgewalt in Byzanz vor dem Vier-
ten Kreuzzug (erschienen 1984).
23
Die Beispiele hierfür sind bei HOFFMANN, Rudimente gesammelt, leider ohne den Versuch, auch die
Ursachen für dieses im 12. Jahrhundert erstmals in großem Ausmaß auftretende Phänomen zu analysieren.
448 Kapitel XIX
über gar keine Seegeltung mehr verfügte, wurden die Zustände nahezu unhaltbar. Nicht um-
sonst treffen wir in den letzten Jahren des 12. Jahrhunderts zunehmend auf Verbote in den
Handelsurkunden, die Romania zu betreten.
Kurz gesagt: Der Handel mit Byzanz wurde weniger lohnend, der Aufenthalt dort ge-
fährli-[606] cher. Die Folge war, daß die italienischen Händler, insbesondere die Venezianer,
sich anderen Gebieten zuwandten, die weniger Risiko boten. Man kann sagen, daß die Italie-
ner infolge der Schwäche der Konstantinopolitaner Regierung jetzt zwar praktisch alles, was
sie wollten, durchsetzen konnten – die Privilegien von 1187, 1189 und 1198 für Venedig
bieten hierfür gute Beispiele –, daß es ihnen, vor allem in den Provinzen, aber nicht möglich
war, diese theoretischen Zusagen auch in die Praxis umzusetzen. Die Privilegien der Kaiser, so
weitreichend sie auch waren, waren zu dieser Zeit – außer vielleicht in Konstantinopel selbst
– nicht mehr wert als das Papier, auf das sie geschrieben waren. Dies traf besonders Venedig,
das seinen Handel seit alters her auf die Romania konzentriert hatte und nun gezwungen war,
sich nach anderen Märkten umzusehen, wo seine Kaufleute auf die verstärkte Konkurrenz der
Genuesen und Pisaner stießen. Es ist nicht auszuschließen, daß diese fatale Situation, verbun-
den mit der immer offenkundiger werdenden Schwäche des Reiches, in der Lagunenstadt den
Gedanken Raum gewinnen ließ eine grundsätzliche Lösung dieses Problems anzustreben.
Zwar war Venedig nicht stark genug, um die Regierung ln Konstantinopel selbst zu überneh-
men, aber eine der psychologischen Vorbedingungen für die Wendung des Vierten Kreuzzugs
gegen Byzanz war damit bereits gegeben.
Aber die Verminderung des Handels war nicht nur für Venedig fatal. Wenn, wie wir ge-
sehen haben, der Handel mit den italienischen Seestädten zur Blüte des Reiches unter den
ersten drei Komnenen beigetragen hatte, so mußte sein Nachlassen die ökonomische Krise
weiter verschärfen. Sicher ist hier keine Abhängigkeit des Reiches, wie sie oft vermutet worden
ist, anzunehmen, aber das Ausbleiben der italienischen Händler verstärkte die ohnehin nega-
tiven Tendenzen.
Dies dürfte mit erheblicher Verschärfung auch für den Fiskus gelten. Der Staat hatte über
einen langen Zeitraum von dem intensiven Handel der Italiener in der Romania profitiert:
direkt und indirekt. Es ist unausweichlich, daß man sich im Laufe der Zeit mehr und mehr an
diese Einkünfte gewöhnt und schließlich fest und auf Dauer mit ihnen gerechnet hat. Einbrü-
che wie nach 1171 waren zwar ärgerlich, konnten aber wahrscheinlich durch eine Intensivie-
[607] rung des genuesischen und pisanischen Handels ausgeglichen werden. Aber nach 1182
hat der italienische Handel in der Romania insgesamt stark abgenommen, und die hieraus
resultierenden Einnahmeverluste dürften die Staatskasse schwer getroffen haben, und zwar
umso mehr, als durch die vielen Aufstände, Usurpationen und Verselbständigungen in den
Provinzen auch von dieser Seite die Einkünfte sich stark vermindert haben werden. Und dies
alles zu einer Zeit, als die Kaiser infolge der intensivierten äußeren – und inneren – Angriffe
ohnehin in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sein dürften. Das Nachlassen der Handels-
Handel und Politik – Schlußfolgerungen 449
intensität der Italiener in dieser Zeit verstärkte die ohnehin schwierige finanzielle Situation
des Reiches in diesen Jahren um ein beträchtliches.
Wenn Byzanz aber tatsächlich von dem Handel mit Venedig, Pisa und Genua während
des 12. Jahrhunderts abhängig geworden sein sollte, so müßten hierfür Anzeichen in der Poli-
tik des Reiches gegenüber diesen Städten zu finden sein, besonders in der Vergabe oder Rück-
nahme von Privilegien. Solche Anzeichen sind nicht zu finden. Dagegen ist es möglich, für
jedes einzelne Privileg vor 1180 eindeutige politische Motive verantwortlich zu machen. Daß
solches bei den Privilegien der Angeloizeit nicht mehr in solchem Ausmaß möglich ist, ist
nicht unbedingt ein Zeichen für eine Änderung, sondern liegt in der politischen und militä-
rischen Schwäche des Reiches in dieser Zeit begründet: Byzanz war nicht mehr stark genug,
den Forderungen der Italiener eine konsequente eigene Politik entgegenzustellen.
Ein kurzer Überblick über die einzelnen Privilegien wird den Zusammenhang mit den
politisch-militärischen Plänen, Erfordernissen und Hoffnungen der Kaiser deutlich ma-
chen24: Die Privilegien von 1082 und 1147/48 für Venedig haben ihre Hauptmotive jeweils
in Angriffen der Normannen, während das Privileg von 1126 ausgestellt worden ist, um den
Seekrieg, den die Lagunenstadt gegen Byzanz führte, zu beenden. Das Privileg von 1111 für
Pisa und [608] seine Bestätigung durch Johannes II. 1136 sind mit einem Bündnis beider
Staaten gegen die Kreuzfahrerherrschaften in Syrien und Palästina zu erklären. Mit dem
Privileg von 1155 suchte Byzanz Genua für ein Bündnis gegen Sizilien zu gewinnen. Folge-
richtig wurde es nicht bestätigt, als Genua seinerseits ein Jahr später einen Vertrag mit den
Normannen abschloß. Die Wiederaufnahme von Verhandlungen mit Genua und Pisa
1168/69 und die beiden ersten Privilegien für Genua 1169/70 sind mit dem Bestreben
Manuels zu begründen, beide Städte gegen den deutschen Kaiser zu gewinnen, während die
Modifizierung des dritten Privilegs für Genua 1170, das nur noch defensive Verpflichtungen
der Stadt vorsah, wie auch das 1170 für Pisa vergebene Privileg aus dem Kurswechsel des
Reiches zu erklären sind, das 1170 unter Aufgabe seiner bisherigen Politik ein Bündnis mit
den Deutschen anstrebte. Das Massaker an Genuesen und Pisanern 1182 in Konstantinopel
hat sein Motiv in der Parteinahme von Bürgern beider Städte gegen den Usurpator Andro-
nikos Komnenos, während die Privilegien der Angeloizeit, ebenso wie das Chrysobull des
Andronikos für Venedig, Versuche gewesen sind, die existenzgefährdende Isolation des Rei-
ches zu überwinden und ein Gegenmittel für die immer weiter um sich greifende Piraterie,
vornehmlich von Pisanern und Genuesen, zu finden. Das Privileg von 1189 für Venedig hat
darüber hinaus noch eine zusätzliche Begründung in der Gefahr, die Byzanz durch den
Dritten Kreuzzug drohte.
24
Die folgenden Ausführungen sind notwendigerweise simplifizierend und müssen den Eindruck einer "Mo-
nokausalität" erwecken, die es nicht gegeben hat. Aber es kommt in diesem Zusammenhang auch nur auf
das jeweils wichtigste Motiv an. Für die, hoffentlich vollständige Behandlung sei auf die vorhergehenden
Kapitel verwiesen.
450 Kapitel XIX
Wenn das Reich tatsächlich von dem Handel mit den Italienern abhängig gewesen wäre,
so müßte dies auch bei dem Entzug von Privilegien in irgendeiner Weise feststellbar sein. Aber
dies ist nicht der Fall: Die Nichtbestätigung der Privilegien für Venedig durch Johannes II.
Komnenos kann durch die, gegen den Willen von Byzanz erfolgte, Expansion der Venezianer
in Dalmatien erklärt werden, die verzögerte Bestätigung von Seiten Manuels I. (1147) durch
einen Vertrag der Lagunenstadt mit dem Kreuzfahrerfürstentum von Antiocheia, der den
byzantinischen Interessen zuwiderlief. Die Spannungen zwischen beiden Mächten in den
sechziger Jahren haben ihren Ursprung wieder in der Dalmatienfrage, die Gefangensetzung
der Venezianer in Byzanz 1171 schließlich ist eine Folgeerscheinung der Wiederannäherung
Manuels an Deutschland, mit der [609] der Kaiser den Boden für eine teilweise Inbesitznah-
me Italiens durch Byzanz vorbereiten wollte, ein Plan, dem Venedig sich in jedem Fall wider-
setzt hätte. Das Scheitern dieser Verhandlungen und die nachfolgende Isolierung des Reiches
zwangen den Kaiser zu einer Wiederannäherung, die allerdings erst unter Andronikos durch
ein erneutes Privileg besiegelt wurde. 1162 scheint das gerade eröffnete Quartier der Genue-
sen geschlossen und das der Pisaner von Konstantinopel nach Pera verlegt worden zu sein.
Beides hat seinen Grund in dem Zusammengehen Genuas und Pisas mit Deutschland
gegen Sizilien und dadurch mittelbar auch gegen Byzanz. Daß die Ereignisse von 1182 ihren
Ursprung in der Parteinahme der Genuesen und Pisaner gegen Andronikos haben und nicht
in einer allgemeinen Lateinerfeindlichkeit des Usurpators, ist schon gesagt worden. Ebenso ist
in dem vorangegangenen Kapitel der Zusammenhang zwischen dem Vorgehen der Kaiser ge-
gen die genuesischen und pisanischen Kaufleute in Konstantinopel und der Piraterie, die von
Angehörigen beider Städte in den byzantinischen Gewässern ausgeübt wurde, gezeigt worden.
Es sei noch einmal wiederholt: Bei keinem dieser Vorgänge ist ein wirtschaftliches Inter-
esse auf der byzantinischen Seite sicher festzustellen, während wir überhaupt keine Schwierig-
keiten haben, ausreichend politische oder militärische Beweggründe herauszufinden, sofern
wir uns den Blick nicht durch eine angebliche wirtschaftliche "Abhängigkeit" des Reiches von
den Seestädten verstellen lassen. Dies ist allerdings eine notwendige Voraussetzung.
Umgekehrt ist ein wirtschaftliches Interesse der Seestädte nicht zu bestreiten. Hier steht
das Verlangen nach wirtschaftlichen Vorteilen auf dem byzantinischen Markt natürlich im
Mittelpunkt, wenngleich nicht allein. Auf einen Nenner gebracht: Byzanz zahlte mit wirt-
schaftlichen Zugeständnissen für die politisch/militärische Unterstützung seiner Politik
durch die Seestädte, und es zahlte bisweilen auch, um wenigstens eine neutrale Haltung der
Seestädte zu erreichen, während Venedig, Genua und Pisa für die Erlangung von Handels-
vorteilen in der Romania mit ihrer politisch/militärischen Unterstützung oder wenigstens
Neutralität bezahlten. Dabei ist von vornherein klar, daß auf Seiten der Seestädte auch andere
Faktoren eine Rolle spielten. Handelsvorteile in Byzanz [610] waren schön, gewiß. Aber man
mußte abwägen, ob die politischen Implikationen, die der Erhalt solcher Vorteile mit sich
brachte, nicht schwerer wogen. So waren beispielsweise für Genua und Pisa die Beziehungen
zu dem deutschen Reich wichtiger, was zu den genannten Nachteilen für ihren Handel in
Handel und Politik – Schlußfolgerungen 451
Byzanz während der sechziger Jahre führte. Ebenso ist für Genua zeitweise die Freundschaft
mit Sizilien bedeutender gewesen, während Venedig mehrmals seiner Dalmatien- und Italien-
politik die Handelsinteressen in Byzanz unterordnete. Insgesamt gesehen läßt sich sagen, daß
die politischen und folglich auch die merkantilen Beziehungen zwischen Byzanz und den See-
städten in einer erstaunlich engen Korrelation zu den jeweiligen allgemeinpolitischen Inter-
essen des Reiches, aber auch der Seestädte stehen. Wenn Venedig, Genua und Pisa dennoch
eine gewisse Sonderstellung in der byzantinischen Politik einnehmen, dann jedenfalls nicht
aus wirtschaftlichen oder handelspolitischen Gründen.
Die wahre Ursache dieser Sonderstellung ist leicht festzustellen. Byzanz besaß im 12.
Jahrhundert keine Kriegsflotte mehr, die diesen Namen verdiente. Dies war insofern ver-
hängnisvoll, als die Großmachtpolitik, die das Reich vor allem während der Komnenenzeit
betrieb, ja betreiben mußte, um seine Existenz zu sichern, die Unterstützung durch eine
Kriegsflotte zwingend voraussetzte. Dies zeigen nicht nur die wiederholten Angriffe der
Normannen. Auch die byzantinische Politik gegenüber den Kreuzfahrerstaaten ebenso wie
die Absichten der Kaiser in Italien wurden durch das Fehlen einer ausreichenden eigenen
Kriegsflotte stark behindert. Warum Byzanz keine solche Flotte aufgebaut hat, ist schwer zu
sagen. Wahrscheinlich sind finanzielle Gründe ausschlaggebend gewesen. Die Schaffung und
dauernde Unterhaltung einer Kriegsflotte mit den dazugehörigen Werften, Ausrüstungen
und Mannschaften kostete Geld, viel Geld und das kontinuierlich über einen langen Zeit-
raum. Es erfordert wohl auch eine gewisse Tradition, die es in Byzanz eigentlich nie gegeben
hat. Dies zeigt sich am deutlichsten unter Manuel, der tatsächlich versucht hat, eine Kriegs-
flotte aufzubauen. Er ist daran gescheitert, obwohl er beträchtliche Summen aufgewendet
haben muß. Aber hier rächte sich die jahrzehntelange Vernachlässigung der maritimen Be-
lange des Rei-[611] ches unter seinen Vorgängern. Manuel ist zwar in der Lage gewesen, eine
große Zahl von Kriegsschiffen vom Stapel laufen zu lassen, aber es war ihm nicht möglich, für
diese Schiffe auch ausreichende, griechische Besatzungen zu finden, was ihn zwang, zu einem
großen Teil auf fremdländische Söldner zurückzugreifen, die ihm nach Lage der Dinge nur die
Normannen und die italienischen Seesstädte liefern konnten: also gerade diejenigen Mächte,
zu denen seine Flotte in Konkurrenz treten sollte. Daß sie unter solchen Vorzeichen nicht in
der Lage gewesen ist, den Normannen oder auch den Venezianern, Genuesen oder Pisanern
über längere Zeit hinweg Paroli zu bieten, kann daher nicht überraschen. Um es etwas über-
spitzt zu formulieren: Die Schlagkraft der byzantinischen Kriegsmarine hing von den guten
Beziehungen des Reiches gerade zu den Mächten ab, von denen sie Byzanz unabhängig ma-
chen sollte.
Die stärksten Seemächte im Mittelalter während des 12. Jahrhunderts sind das Reich der
Normannen sowie Venedig, Genua und Pisa gewesen. Von diesen standen die Normannen
Byzanz mit Ausnahme einer kurzen Periode zwischen 1157 und 1172 feindlich gegenüber,
was die Kaiser zwang, auf die anderen Seemächte zurückzugreifen, um das Fehlen einer eige-
nen Flotte zu kompensieren. Hier ist Venedig der wichtigste Bündnispartner gewesen. Aber
452 Kapitel XIX
die Venezianer haben die Byzantiner nicht nur gegen die Normannen unterstützt, sie haben
auch gesehen, daß Byzanz von ihnen in diesem Bereich abhängig war, und sie haben – ver-
ständlich genug – versucht, diese Abhängigkeit auszunutzen, nicht nur durch das Erlangen
von Handelsvorteilen, sondern auch in ihrer allgemeinen Politik. Die venezianische Expan-
sion in Dalmatien ist hier ein Beispiel, die Politik der Lagunenstadt in Syrien und Palästina
ein anderes. Ähnliches gilt, wenn auch in abgeschwächtem Maße, für Genua und Pisa. Byzanz
hat mehrfach versucht, diese Abhängigkeit zu brechen, jedes Mal ohne Erfolg25. Allerdings ist
Abhängigkeit hier vielleicht ein gefährlicher Begriff. Das Reich [612] stand den Seestädten
seinerseits nicht hilflos gegenüber. Gerade Venedig ist, wie gezeigt worden ist, ja auch in gewis-
sem Maße von dem Florieren seines Handels in der Romania abhängig gewesen, und in den
Zeiten ihres Zusammengehens mit den Deutschen verfügten die Byzantiner über beträchtli-
che Druckmittel gegenüber Venedig, ebenso wie die Kaiser bisweilen versuchten, die Seestädte
gegeneinander auszuspielen, was ihnen manches Mal auch gelang, wie man, um nur ein Bei-
spiel zu nennen, an der Politik Manuels gegenüber Genua und Pisa 1162 sehen kann.
Dennoch hat das Fehlen einer eigenen Kriegsflotte letztendlich entscheidend zum Zu-
sammenbruch des Reiches beigetragen. Schon in der Angeloizeit ist Byzanz mehr oder weni-
ger zum Spielball der fremden Seemächte geworden, denen es nichts mehr entgegenstellen
konnte. Und auch der Erfolg des Vierten Kreuzzugs ist nicht vorstellbar, wenn Byzanz eine
eigene Kriegsflotte besessen hätte. Die Sparsamkeit der Kaiser, die den Aufbau und Erhalt
einer byzantinischen Kriegsflotte verhinderte, ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für
die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer gewesen. Byzanz hat sie teuer bezahlt.
25
Bezeichnenderweise nur dann, als die Normannen schwach waren (1122–1126) oder als Byzanz sich mit
den Deutschen verbunden hatte, die ihrerseits Venedig von Oberitalien her unter Druck setzen konnten
(1171). Beim zweiten Mal hatte Manuel zudem in den Verträgen mit Genua und Pisa einen gewissen Er-
satz gefunden.
APPENDIX: DIE BYZANTINISCHE KRIEGSFLOTTE IM 12. Jh.
Eines der wesentlichsten Ergebnisse der hier vorgelegten Arbeit ist die Erkenntnis, daß die Be-
ziehungen zwischen Byzanz und den italienischen Kommunen Venedig, Genua und Pisa von
der byzantinischen Seite her nicht oder nur minimal von ökonomischen Motiven beeinflußt
worden sind. Der Wert der italienischen Seestädte für das Reich lag fast ausschließlich in
ihrem militärischen Potential zur See und, vor allem zu Zeiten Kaiser Manuels I. Komnenos,
in ihren politischen Möglichkeiten auf der italienischen Halbinsel. Die ökonomischen Privi-
legien für die Seestädte in ihren Verträgen mit dem Reich der Griechen waren der Preis, den
Byzanz für die politisch-militärische Unterstützung oder zumindest Neutralität der Seestädte
zahlte und auch wieder entzog, wenn seine Bündnispartner die Seiten wechselten oder Byzanz
seine politischen Richtungen änderte. Daß hierbei die Rolle, die die byzantinische Flotte zu
spielen in der Lage war oder auch nicht, entscheidend für die jeweilige Position des Reiches
gewesen ist, muß wohl nicht weiter begründet werden.
Die Untersuchung auf den folgenden Seiten soll zeigen, ob und wenn ja, inwieweit die
byzantinische Kriegsflotte die Politik des Reiches im 12. Jahrhundert unterstützen konnte.
Konkret: Ist sie stark genug gewesen, um im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung die
über See vorgetragenen Angriffe der Normannen, Venezianer, Pisaner oder Genuesen abzu-
wehren, und ist sie ihrerseits in der Lage gewesen, gegen diese Mächte offensiv zu werden und
byzantinische Expeditionen gegen weiter entfernte Ziele wie etwa die Kreuzfahrerstaaten
Syriens und Palästinas oder auch Ägypten, zu ermöglichen und abzusichern? Das bedeutet
nicht, daß hier die Flottenorganisation untersucht oder eine vollständige Geschichte der
byzantinischen Flotte im 12. Jahrhundert geboten werden soll. Das ist schon von anderen
Autoren erledigt worden, zu denen hier nicht in Konkurrenz getreten werden soll, auch wenn
die Auseinandersetzung mit einigen ihrer Ergebnisse natürlich unvermeidbar sein wird1.
[614] Es soll vielmehr anhand einiger markanter Einzelgeschehnisse und -episoden ana-
lysiert werden, inwieweit die byzantinische Flotte im 12. Jahrhundert in der Lage gewesen ist,
die oben genannten Aufgaben zu erfüllen.
Die Schwerpunkte der Untersuchung liegen in vier Bereichen:
1. Das Vordringen der Italiener in das östliche Mittelmeer im Gefolge des
Ersten Kreuzzugs und der Angriff Bohemunds auf Dyrrhachion.
2. Der venezianisch-byzantinische Krieg von 1122–1126 und die angeb-
liche Verringerung der Reichsflotte unter Johannes II. Komnenos.
3. Der Flottenausbau unter Manuel I. Komnenos und sein Effekt auf die
byzantinische Stärke zur See.
4. Der Niedergang der Flotte von 1180 bis 1204.
1
Cf. zuletzt SESAN, La flotte byzantine passim; HOHLWEG, Beiträge S. 134–157; AHRWEILER, By-
zance et la Mer S. 175–297, 404ff.
454 Appendix
2
HOHLWEG, Beiträge S. 140ff.; AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 184ff., bes. S. 186.
3
ANNA KOMNENE VII. 8, S. 111.
4
ANNA KOMNENE IX. I, S. 161f.
5
ANNA KOMNENE VII. 8. S. 110.
6
IBIDEM
7
Man könnte evtl, als Parallele die Araber im 7. Jahrhundert heranziehen, die ebenfalls in kaum zwanzig
Jahren eine starke Flotte aufstellen konnten, doch wäre dies falsch, da die Araber in Syrien, Palästina und
Ägypten über ein unvergleichlich größeres Reservoir an seeerfahrener Bevölkerung und an den entspre-
chenden Einrichtungen (Werften, Arsenalen etc.) verfügten als Tzachas im 11. Jahrhundert.
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 455
dern. Die unbezweifelbaren Truppentransporte, die sie durchführte, setzen nicht unbedingt
eine Kriegsflotte voraus. Das ließ sich ohnehin besser mit Handelsschiffen durchführen. Die
Existenz einer Kriegsflotte kann allerdings nicht bezweifelt werden, ihre Wirksamkeit hinge-
gen dürfte zu dieser Zeit erheblich geringer gewesen sein, als von Hohlweg und Ahrweiler ver-
anschlagt.
Der Erste Kreuzzug und das Vordringen der Italiener in das östliche Mittelmeer
Wichtiger jedoch als diese Kämpfe, die letztlich doch nur lokalen Charakter hatten, sind zwei-
fellos die Auseinandersetzungen mit den Kreuzfahrern und den Flotten der italienischen See-
städte gewe-[616] sen, die im Gefolge des Ersten Kreuzzugs in die Levante aufbrachen. Auch
hier hat die byzantinische Marine laut Ahrweiler "bedeutende Siege" errungen8. So zwang an-
geblich das in Dyrrhachion stationierte Geschwader die Kreuzfahrer, die den Weg über die
Adria nahmen, sich den byzantinischen Forderungen zu beugen, ein Hinweis auf den exzel-
lenten Zustand der byzantinischen Flotte9. Aber nicht nur in der Adria hatte sie Erfolg. In der
Propontis bekämpfte sie die Kreuzfahrer des Grafen Raoul10, eroberte Küstenfestungen in Sy-
rien, unterstützte die Kreuzfahrer vor Antiocheia und begleitete die byzantinischen Truppen
bei der Eroberung Kilikiens11.
So grandios das Heldenlied der byzantinischen Flotte, das Ahrweiler hier anstimmt, auch
anmutet, so falsch ist es. Die Unterstützung der Kreuzfahrer, die Einnahme syrischer Küsten-
städte und die Mithilfe bei der Eroberung Kilikiens sind zuzugestehen, doch haben sie für eine
Beurteilung der Flotte keinen Wert, denn diese Aktivitäten erforderten keine Kriegsflotte, da
die Gegner der Griechen nicht über Schiffe verfügten. Hier war praktisch nur Transportkapa-
zität gefragt, wofür auch Handelsschiffe ausgereicht hätten. Es zeigt nicht mehr, als daß By-
zanz in der Lage gewesen ist, über See Truppentransporte durchzuführen, wenn der Gegner
keine Schiffe besaß, um es daran zu hindern. Für die "victoires importantes" in der Adria
dürften sich schwerlich Hinweise finden lassen. Weder griechische noch lateinische Quellen
erwähnen irgendeine Auseinandersetzung von kriegerischem Charakter. Tatsächlich ist das
dortige Geschwader quellenmäßig nur einmal in Erscheinung getreten: bei der Überfahrt des
Grafen Hugo von [617] Vermandois. Anna Komnene berichtet, daß er, der übrigens nur über
eine minimale Flotte verfügte, in einen Sturm geriet, alle Schiffe bis auf eines verlor und sich
mit Mühe an Land retten konnte, wo er von den Byzantinern aufgenommen und nach Kon-
8
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 191: "Elle compta à son actif des victoires importantes contre les
flottes franques et normands. Elle obligea les chefs des Croisés qui avaient choisi ce chemin à se plier au
plan byzantin. Rcueilles par elle, après la perte de leurs bateux, ils se présentèrent diminués devant Alexis,
qui n’eut pas de mal obtenir d’eux le serment de fidélité et de soumission".
9
"Le déroulement des opérations contre les premières flottes des Croisés dans la mer Ionienne, devant Du-
razzo, Aulôn, Chimara, et dans le "canal de Longobardie", montre l'excellent état de la flotte byzantine qui
menait les opérations, le bon entraînement de ses équipages et leur importance" (AHRWEILER S. 191 ).
10
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 191: "Elle combat les Croisés du compte Raoul ... dans la Propontide".
11
IBIDEM.
456 Appendix
stantinopel gebracht wurde. Kämpfe zur See hat es weder mit ihm noch mit den anderen Ab-
teilungen des Kreuzheeres, die über die Adria setzten, gegeben12.
Eklatant ist der Kampf gegen den Grafen Raoul "dans la Propontide”. Dieser ansonsten
unbekannte Anführer befehligte laut Anna Komnene 15.000 Mann, besaß aber nicht einmal
ein Ruderboot, gegen das die griechische Flotte hätte kämpfen können. Laut Anna Komnene,
unserer einzigen Quelle, versuchte der Kaiser, ihn zum Übersetzen nach Kleinasien zu zwin-
gen. Es kam zum Kampf zwischen den Franken und einer byzantinischen Abteilung. Als der
Befehlshaber der Schiffe, die der Kaiser geschickt hatte, um auf ihnen die Franken überzuset-
zen, den Kampf sah, landete er und griff die Franken im Rücken an, woraufhin diese nachga-
ben und sich den Forderungen des Kaisers beugten13. Es braucht wohl nicht weiter betont zu
werden, daß zum Übersetzen einer Armee von Europa nach Kleinasien, noch dazu in den
geschützten Gewässern der Propontis, keine Kriegsflotte benötigt wurde. Hier reichten ein
paar gecharterte oder requirierte Handelsschiffe, und um solche wird es sich gehandelt haben.
Die Existenz einer Kriegsflotte – noch dazu in "exzellentem Zustand" – ist mit solchen Bei-
spielen nicht glaubhaft zu machen.
Indessen bringt Ahrweiler noch weitere Beispiele, die ihre Hypothese untermauern sol-
len. So berichtet sie, wie immer fast ausschließlich Anna Komnene folgend, daß 1099 eine
pisanische Flotte in Stärke von 900 Segeln in den Orient aufgebrochen sei, die ihre Aktivi-
täten mit der Plünderung von Rhodos und einem Angriff auf die Venezianer, die Verbünde-
ten des Reiches, begonnen habe. Auf die Kunde ihres Anrückens hin habe der Kaiser eine
neue Flotte bauen lassen, die die Pisaner zwischen Rhodos und Patara geschlagen habe. Die
Reste der Pisaner seien nach Zypern geflohen, wo sie von den [618] dortigen Byzantinern
zurückgeschlagen worden seien, und hätten sich schließlich Bohemund von Tarent ange-
schlossen14.
Ein Jahr nach dem Mißerfolg der Pisaner ging – immer laut Ahrweiler – 1104 eine be-
deutende Flotte der Genuesen in den Osten15. Da die byzantinische Flotte durch einen Sturm
dezimiert war und nur 18 Schiffe zusammenbrachte, mußte sie die Genuesen ziehen lassen.
Immerhin gelang es den Geschwadern von Korykos und Seleukeia, "sicher den bedeutendsten
der byzantinischen Flotte", Laodikeia zu belagern, die syrische Küste zu kontrollieren und die
byzantinische Macht in Argyrokastron bei Tripolis zu installieren, was Bohemund zwang,
12
Zu Hugo s. AMNA KOMNENE X. 7, S. 214; Lilie, Anna Komnene (1987) 84–89; allgemein cf. LILIE
(1993) S. 7ff.
13
ANNA KOMNENE X. 10, S. 227.
14
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 193f.
15
So wörtlich AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 195, die hier wieder genau Anna Komnene folgt, die die
genuesische Flotte fälschlich ein Jahr nach der pisanischen plaziert. Schon LEIB hat in seiner Edition die-
sen Fehler angemerkt (ANNA KOMNENE XI. 10, S. 46 Anm. 3). Offensichtlich hat Ahrweiler diese An-
merkung zwar bemerkt und in ihren Text aufgenommen, aber nicht die Diskrepanz zwischen den Datie-
rungen erkannt (1100 und 1104), zumindest hält sie das Problem einer Diskussion nicht für wert. Zu der
Chronologie Annas cf. zuletzt LILIE, Anna Komnene (1987) S. 49ff.; DERS. (1993) S. 259ff.
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 457
Syrien zu verlassen und in den Westen zu gehen, da er nur von dort aus den Kampf gegen By-
zanz mit neuen Kräften wieder aufnehmen konnte: laut Ahrweiler ein Beweis für den Mißer-
folg auch der genuesischen Flotte, die ja von Bohemund gegen Byzanz nach Syrien gerufen
worden sei. Daß bei solchen Erfolgen die byzantinische Marine das östliche Mittelmeer wirk-
sam kontrolliert habe, ist eine logische Schlußfolgerung Ahrweilers16.
Auf die Nachricht der Vorbereitungen Bohemunds hin stellte Alexios eine neue Flotte
auf, die dritte in fünfzehn Jahren, die nicht nur die Adria bewachte, sondern auch Unterita-
lien selbst angriff. Daß Bohemund dennoch die Adria überqueren und Dyrrhachion attackie-
ren konnte, war nur der Unfähigkeit des byzantinischen Flottenkommandanten zuzuschrei-
ben. Nachdem dieser ersetzt worden war, wurden Bohemunds Verbindungen mit Italien
abgeschnitten. Auch zu Lande von den Griechen angegriffen, mußte er Frieden mit dem
Kaiser schließen17.
Damit hatten die Kreuzfahrer, die nach der Niederlage der Pisaner und Genuesen den
Kampf gegen Byzanz weitergeführt hatten, ebenfalls keinen Erfolg gehabt. Im Gegenteil, die
byzantinische Flotte[619] dehnte ihre Aktivitäten sogar bis nach Akkon in Palästina aus. Sie
kontrollierte die Meeresrouten und beherrschte zu Beginn des 12. Jahrhunderts das östliche
Mittelmeer18.
Soweit das eindrucksvolle Bild byzantinischer Seegeltung, wie es von Ahrweiler entwor-
fen worden ist. Sein einziger Schönheitsfehler besteht darin, daß es in jedem, aber auch jedem
Punkt völlig falsch ist, gegründet auf ein gläubiges Vertrauen in Anna Komnene, mit unzurei-
chender Kenntnis der Sekundärliteratur und einer vollkommenen Nichtberücksichtigung der
lateinischen Quellen.
Beginnen wir mit der pisanischen Flotte: Schon ihre Zahl von 900 Schiffen muß Miß-
trauen wecken. Selbst die größten bekannten Flotten des 12. Jahrhunderts weisen kaum je-
mals mehr als 250 Schiffe auf19, und es ist geradezu unmöglich, daß eine einzelne Stadt 900
Schiffe hätte ausrüsten können. Die Annales Pisani berichten denn auch nur von 120 Schif-
fen, und schon für die Bereitstellung dieser Zahl benötigte Pisa annähernd drei Jahre20. Auf
ihrer Fahrt plünderten die Pisaner die Jonischen Inseln. Daß sie, wie Ahrweiler annimmt, ihre
Aktivitäten auch mit einem Angriff auf die Venezianer begonnen haben sollen, ist unrichtig.
Die Attacke auf die venezianischen Schiffe erfolgte erst im Frühjahr 110021. Von einem Ge-
16
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 194f.
17
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 195f.
18
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. I96f.
19
Bohemunds Flotte zählte angeblich 230 Schiffe (MALATERRA IV. 24, S. 102), die normannische Flotte,
die 1185 Thessalonike einnahm, über 200 Schiffe (NIKETAS CHONIATES S. 362). Die byzantinische
Expeditionsflotte 1169 nach Ägypten umfaßte angeblich ca. 220 Schiffe (WILHELM VON TYRUS XX.
13, S. 961).
20
ANNALES PISANI S. 7.
21
Cf. FAVREAU-LILIE, Italiener im Hl. Land (1989).
458 Appendix
fecht mit den Byzantinern berichten die Annales Pisani nichts. Nun hätte das nichts zu
besagen, denn diese Quelle ist kaum weniger tendenziös als Anna Komnene. Aber auch die
folgenden Ereignisse lassen die Äußerungen Anna Komnenes wenig glaubwürdig erscheinen.
In Syrien angekommen, belagerten die Pisaner zunächst mit Bohemund das byzantinische
Laodikeia und segelten anschließend nach Süden, wo es ihnen gelang, ihren Erzbischof und
gleichzeitigen Flottenbefehlshaber Daimbert zum Patriarchen von Jerusalem erheben zu las-
sen. Im Frühjahr 1100 griff ein Detachement der Flotte in Stärke von 50 Schiffen die Venezi-
aner [620] bei Rhodos an, wurde allerdings geschlagen22. Alle diese Aktivitäten lassen einen
großen byzantinischen Seesieg eher unwahrscheinlich erscheinen. Aber die Darstellung Anna
Komnenes ist auch in sich selbst widersprüchlich. Der Kaiser soll auf die Kunde von der An-
näherung der Pisaner und ihrer Plünderung der Jonischen Inseln hin den Bau einer neuen
Flotte befohlen haben, den Anna Komnene detailliert schildert. Aber es dürfte unmöglich
sein, in einer einzigen Segelsaison eine neue Flotte zu bauen, zu bemannen, einzuüben, gegen
einen seeerfahrenen Feind auszusenden und dann auch noch zu gewinnen. Die Darstellung
der Prinzessin ist unglaubwürdig. Es mag zu einem kleineren Scharmützel gekommen sein.
Eine große Seeschlacht ist auszuschließen.
Auch in den folgenden Ereignissen ist Anna Komnene schlecht informiert. Der Bericht
über die genuesische Flotte ist falsch datiert. Die hier beschriebenen Ereignisse haben, zumin-
dest soweit sie die Rückeroberung Laodikeias betreffen, nicht 1100, sondern erst 1103/04
stattgefunden23. Anna Komnene vermischt hier die Nachrichten über zwei genuesische Flot-
ten, deren erste aus dem Jahre 1100 gemäß den genuesischen Annalen nur 30 Schiffe umfaßte
und von den Byzantinern nicht behindert wurde24. Auf ihrer Rückfahrt ist es angeblich zu
einem Kampf mit einer byzantinischen Flotte von 60 Schiffen gekommen. Die Genuesen,
obwohl an Zahl weit unterlegen, schlugen die Griechen und kaperten sieben Schiffe. An-
schließende Verhandlungen blieben ergebnislos25. Auf Korfu traf diese Flotte dann auf ein
weiteres genuesisches Geschwader von 17 Schiffen. Auch diese blieben unbehelligt von den
Byzantinern. 1103 erschienen 40 genuesische Schiffe in Syrien, [621] auch diese ohne Behin-
derung durch die Byzantiner26. Auch in dem Fall dieses Geschwaders ist Anna Komnene
22
TRANSLATIO NICOLAI S. 258; cf. oben S. 340ff.
23
Cf. LILIE (1993) Appendix I. S. 275f.
24
LIBERATIO ORIENTIS S. 117; aus dem Bericht Anna Komnenes läßt sich nicht mehr entnehmen, ob
die ganze Darstellung auf 1104 zu beziehen ist oder aber nur der Teil, der die Rückeroberung Laodikeias
beinhaltet. Beides ist möglich, letzteres wohl wahrscheinlicher.
25
LIBERATIO ORIENTIS S. 118f.; man wird hier ebenso wie bei Anna Komnene Tendenz unterstellen
müssen. Aber auch wenn die Zahl der byzantinischen Schiffe und der Erfolg der Genuesen übertrieben
worden sein mögen, so wird man als Kern der Nachricht zumindest annehmen können, daß die Genuesen
in einem Gefecht mit einer, vielleicht an Zahl überlegenen, griechischen Flotte siegreich geblieben sind.
26
ANNALES IANUENSES S. 13; LIBERATIO ORIENTIS S. 121; ANNA KOMNENE XI. 10, S. 46ff.,
die die Byzantiner anläßlich der Verfolgung dieser Flotte Laodikeia zurückerobern läßt, während AHR-
WEILER, Byzance et la Mer S. 195, diese Rückeroberung den in Korykos und Seleukeia stationierten Ge-
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 459
entweder sehr schlecht informiert oder aber bewußt tendenziös. Sie läßt die genuesische
Flotte von einer byzantinischen verfolgt werden, die, als sie die Genuesen nicht erreichen
konnte, abschwenkte und Laodikeia erobert haben soll. Dem widerspricht das Zeugnis Al-
berts von Aachen, der berichtet, daß die im Sommer 1103 aufgebrochene Flotte den Winter
1103/4 in Laodikeia verbracht habe und im Frühjahr 1104 nach Süden in das Königreich
Jerusalem weitergesegelt sei. Da aber die Byzantiner Laodikeia mit Sicherheit nicht ange-
griffen haben, solange die Genuesen sich in der Stadt aufhielten, muß Anna Komnene sich
irren. Das Unternehmen gegen Laodikeia hat mit der angeblichen Verfolgung der genuesi-
schen Flotte nichts zu tun. Es kann sich nur um eine unabhängige Expedition gehandelt
haben, die offensichtlich nicht das Ziel einer bewaffneten Konfrontation mit einer italieni-
schen Flotte gehabt hat, sondern einzig und allein einen Truppentransport über See durch-
führen sollte27.
Alle diese Expeditionen zeigen, daß von einer effektiven Kontrolle der Seerouten nach
Syrien durch die byzantinische Marine nicht gesprochen werden kann. Im Gegenteil scheinen
die Italiener die Gewässer der Romania ohne Behinderungen von Seiten der Griechen durch-
quert zu haben. Von Siegen der byzantinischen Flotte kann nicht gesprochen werden, ganz zu
schweigen von einer "Thalassokratie" der Byzantiner im östlichen Mittelmeer, wie Ahrweiler
sie unterstellt.
Auch der byzantinische Erfolg beim Angriff Bohemunds auf Dyrrhachion ist zweifelhaft.
Laut Ahrweiler (und ebenso Hohlweg) konnte die byzantinische Flotte Bohemund von sei-
nen Verbindungen [622] nach Italien abschneiden. Das wäre sicherlich ein überzeugender
Beweis für die Stärke der Byzantiner, da die Flotte Bohemunds immerhin 200 Frachtschiffe
und 30 Galeeren umfaßt haben soll28. Aber Ahrweiler und Hohlweg übersehen beide das
Zeugnis der venezianischen Quellen, die berichten, daß Alexios an Venedig um Hilfe appel-
liert habe und daß daraufhin eine venezianische Flotte ausgesandt worden sei29. Damit aber
fällt der Beweis für die Existenz einer starken byzantinischen Flotte. Es zeigt sich im Gegen-
teil, daß der Kaiser seine eigene Marine zu schwach eingeschätzt haben muß, um den Nor-
mannen alleine Widerstand leisten zu können. Wahrscheinlich haben auch hier, wie schon
1081–1085, die Venezianer die Hauptlast der Blockade der Schiffe Bohemunds getragen.
schwadern zuschreibt, ohne allerdings einen Quellenbeleg vorweisen zu können. Dem ist entgegenzuhal-
ten, daß Anna Komnene ausdrücklich davon spricht, daß die Flotte des Kantakuzenos, deren Kommando
er auf der Peloponnes (in Korone) übernommen hatte, die Stadt einnahm. Es hat sich demnach um eine
Expedition gehandelt, die von der Zentralflotte ins Werk gesetzt worden ist und nicht von den Provinz-
geschwadern Pamphyliens und Kilikiens.
27
ANNA KOMNENE XI. II, S. 46f.; ALBERT VON AACHEN IX. 26, S. 605; s. auch oben Anm. 24.
28
MALATERRA IV. 24, S. 102.
29
ANNALES VENETICI BREVES S. 70; DANDOLO S. 226 (cf. auch DÖLGER, Regesten Nr. 1238 (ca.
Winter 1107/08). Die Quellen lassen eine genaue Datierung nicht zu. Es mag durchaus sein, daß die Ge-
sandtschaft des Kaisers vor dem von Dölger angenommenen Datum nach Venedig gegangen ist.
460 Appendix
Daß schließlich die byzantinische Flotte ihre Aktivitäten sogar bis nach Akkon in
Palästina ausgedehnt habe, wie Ahrweiler behauptet, ist zwar richtig, aber ohne jede Beweis-
kraft, denn es hat sich um keine kriegerische Expedition gehandelt. Anna Komnene, der Ahr-
weiler wie üblich folgt, ohne die lateinischen Quellen zu berücksichtigen, berichtet nur, daß
der byzantinische Gesandte Manuel Butumites mit 13 Schiffen nach Tripolis und Akkon
gekommen sei, um den Grafen von Tripolis und den König von Jerusalem zum Krieg gegen
Antiocheia zu bewegen. Von Kämpfen ist keine Rede. Im Gegenteil hat Alexios sogar eine
Bitte Balduins I. von Jerusalem um Flottenhilfe abgelehnt. Als Beleg für weitgespannte Akti-
vitäten der byzantinischen Flotte ist die Stelle ungeeignet30.
Wenn wir die Nachrichten aller Quellen, griechischer wie lateinischer, heranziehen, er-
gibt sich ein anderes Bild als das von Ahrweiler gezeichnete. Von Erfolgen der Griechen kann
nicht gesprochen werden. Im Kampf gegen eine genuesische Flotte erlitten sie, obwohl in der
Überzahl, eine Niederlage, der angebliche Sieg [623] über die Pisaner dürfte eine Erfindung
Anna Komnenes sein, und gegen die Normannen benötigten sie venezianische Hilfe. Auch
andere Ereignisse lassen auf die Schwäche der Byzantiner zur See schließen: Als 1108 Graf
Bertrand von St. Gilles auf einer genuesischen Flotte von angeblich 60 Schiffen nach Syrien
segelte, plünderte man die Hafenstadt Halmyros in Thessalien samt Umgebung. Der Kaiser
entsandte keine Flotte gegen die Eindringlinge, sondern verlegte sich auf Verhandlungen: ein
Zeichen dafür, daß er zu der byzantinischen Meeresmacht kein Zutrauen hatte31.
Als 1111 eine weitere italienische Flotte, Anna Komnene spricht von Genuesen, Pisanern
und Lombarden32, im Osten erschien, ließ der Kaiser Madyta und Koila an den Dardanellen
besetzen und die Ägäis überwachen. Der Angriff wurde abgewehrt, vier der italienischen Ga-
leeren sollen vor Abydos von den Byzantinern genommen worden sein33. Unsere einzige
Quelle für diese Geschehnisse ist wieder Annna Komnene, was nach dem oben Gesagten
allein schon genügen würde, um Mißtrauen gegenüber ihrer Schilderung zu wecken. Aber
selbst wenn ihre Darstellung korrekt ist, so beweist sie nicht mehr, als daß die Byzantiner
unter günstigen geographischen Voraussetzungen (hier die Dardanellen) in der Lage gewesen
sind, die Einfahrt einer kleinen Flotte – die Annales Ianuenses sprechen,wie schon erwähnt,
von zweiundzwanzig Galeeren – in die Dardanellen zu verhindern. Auch die Erwähnung
Madytas und Koilas ist bezeichnend. Beide Orte liegen auf der thrakischen Chersones. Die
Tatsache, daß der Kaiser gerade hier seine Schiffe sammelte, zeigt, daß er keine offensiven
Absichten verfolgt hat, sondern allein einen Angriff oder Plünderungszug gegen die Darda-
30
ANNA KOMNENE XIV. 2, S. 150ff.; ALBERT VON AACHEN XII. 4, S. 690; cf. zuletzt LILIE (1993)
S. 85.
31
ALBERT VON AACHEN XI. 3, S. 664.
32
ANNA KOMNENE XIV. 2, S. 154; die ANNALES IANUENSES S. 15 sprechen nur von 22 genuesi-
schen Galeeren, doch ist die Nachricht Annas, daß außerdem pisanische und lombardische Schiffe an der
Expedition teilnahmen, nicht unbedingt unglaubwürdig.
33
ANNA KOMNENE XIV. 3, S. 155.
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 461
nellen und damit gegen das Marmarameer und das Umland Konstantinopels abzuwehren
suchte.
Alles in allem kann man von einer byzantinischen Seegeltung zur Zeit des Alexios nicht
sprechen, von einem "excellent état" der byzantinischen Flotte und einer "thalassokratie"
schon gar nicht. Hier dürfte Hohlweg erheblich realistischer sein, wenn er von einer "wenn
auch kleinen, so doch einsatzfähigen Flotte" spricht34. [624] Klein ist sie sicherlich gewesen,
die Angabe der Annales Ianuenses von 60 Schiffen im Jahre 1100 könnte durchaus wahr-
scheinlich sein, einsatzfähig war sie ebenfalls, wenn auch nur bedingt. Zu offensiven Unter-
nehmungen gegen seemächtige Gegner war sie zu schwach, aber sie war ausreichend, um auch
längere Truppentransporte über See abzusichern und Angriffe gegen Gegner, die über keine
eigene oder nur geringe Flottenstärke verfügten, vorzutragen. Den Italienern aber ist sie in
keiner Weise gewachsen gewesen, den unteritalienischen Normannen nur mit der Unterstüt-
zung Venedigs. Eine eigenständige "Seepolitik" des byzantinischen Reiches konnte sie nicht
ermöglichen, hier blieb Alexios auf ausländische Verbündete angewiesen.
Der venezianisch-byzantinische Krieg von 1122–1126
Auch unter Johannes II. Komnenos führte die byzantinische Kriegsflotte eher ein Schatten-
dasein. Das beste Beispiel hierfür ist der venezianisch-byzantinische Seekrieg von 1122 bis
1125, der Byzanz völlig hilflos sah. Man kann nicht einmal davon sprechen, daß die Venezi-
aner die Griechen überrascht hätten, denn ihr Angriff erfolgte erst 1122, während die Nicht-
bestätigung der venezianischen Privilegien, die den Krieg auslöste, kurz nach der Thronbestei-
gung des Johannes erfolgt sein dürfte. Außerdem hatte Venedig vorher alle Venezianer aus der
Romania zurückgerufen, was den Kaiser ebenfalls alarmieren mußte. Als die venezianische
Flotte auf ihrer Rückkehr aus Syrien 1124 wiederum die byzantinischen Inseln und Hafen-
orte der Ägäis plünderte, traf sie ebenfalls auf keinen Widerstand. 1126 konnten 14 venezi-
anische Galeeren mit Erfolg Kephallenia angreifen und plündern, ohne daß wir von Gegen-
wehr wissen35. Schließ-[625] lich mußte Johannes nachgeben und die venezianischen Privi-
34
HOHLWEG, Beiträge S. 143.
35
Cf. die ausführliche Darstellung oben Kap. XV. S. 369ff.; völlig falsch ist die Darstellung dieser Kämpfe bei
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 232, die sich ausschließlich auf Kinnamos stützt: TAFEL–THOMAS
Nr. 39 und 43 werden zwar erwähnt, aber offensichtlich – ebenso wie die Translatio Isidori – nicht oder
falsch ausgewertet. Nach Ahrweiler marschierte die venezianische Flotte, die in der Adria stationiert war, in
einer "réaction immédiate" auf die byzantinische Weigerung von 1119 gegen Korfu (tatsächlich erst 1122).
Ein wenig später (tatsächlich 1124/25) erhielten die Abteilungen der Flotte, die sich in Syrien befanden,
Order, Byzanz zu attackieren. In Übereinstimmung mit den syrischen Baronen, wie es (Ahrweiler) scheint,
griffen sie Rhodos an, während eine weitere Flotte von 14 Galeeren 1126 Kephallenia plünderte. Des wei-
teren griffen die in Byzanz, besonders in Konstantinopel wohnenden Venezianer, die Johannes ja vertrie-
ben hatte, auf ihrer Rückfahrt die ägäischen Inseln an, nahmen Lesbos ein und verwüsteten Chios. Ahrwei-
ler fährt fort: "Le récit de Kinnamos ..., le seul à mentionner cet aspect de la politique de Jean II contre
Venise, nous fait connaître cet exploit vénitien, le plus important avec l’attaque contre Rhodes, et que seule
1’absence de flotte byzantine peut expliquer. Il nous semble certain qu’en 1126 les mesures antimaritimes
de Jean Poutzès étaient donc en vigueur". Demgegenüber ist nur zu sagen: Die venezianischen Quellen –
462 Appendix
legien erneuern. Dies alles zeigt, daß eine schlagkräftige byzantinische Kriegsflotte zu dieser
Zeit nicht existiert hat.
Die angebliche Verringerung der byzantinischen Flotte unter Johannes II.
Ebenfalls in die Regierungszeit des Johannes fällt eine Maßnahme, die laut Niketas Choniates,
dem Ahrweiler und besonders Hohlweg folgen, praktisch den Untergang der byzantinischen
Kriegsflotte zur Folge gehabt hat36. Niketas Choniates berichtet – leider ohne genaue Zeit-
angabe – von einer Anordnung, die der Kaiser auf Anraten des einflußreichen Johannes aus
Putze getroffen hatte. Demzufolge hob Johannes II. die alte Verpflichtung der Inseln und
Küstenprovinzen auf, Schiffe und Besatzungen für die Küstenverteidigung zu stellen, und ließ
die früher hierfür aufgewendeten Mittel dem Fiskus zufließen. Als Begründung diente die zu
hohe Belastung, die aus der ständigen Haltung solcher Schiffe für den Staatssäckel erwuchs.
Außerdem sei eine ständige Flotte unnötig, im Bedarfsfalle könne man dafür aus den Rück-
lagen der kaiserlichen Kasse auch Söldner anwerben. Niketas Choniates führt auf diese Maß-
nahme die Plage der Seeräuber zurück, die dem Reich gerade wegen des Fehlens einer byzanti-
nischen Marine größten Schaden zugefügt habe. Ahrweiler datiert diese Maßnahme auf die
Jahre vor 1126 mit der Begründung, daß anders das Fehlen einer erfolgreichen byzantinischen
Verteidigung gegen den venezianischen Angriff nicht zu erklären sei. Jedoch scheint eine sol-
che chronologische Einordnung unlogisch. Einmal hatte der erste venezianische Angriff schon
1122 stattgefunden, und man muß in Byzanz mit der Rückkehr der nach Sy-[626] rien wei-
tergefahrenen Flotte gerechnet haben. Unter diesen Umständen scheint es kaum glaubhaft,
daß der Kaiser zwischen 1122 und 1125 einen solchen Befehl gegeben haben soll. Aber auch
vor 1122 ist es unwahrscheinlich. Schon in den letzten Jahren des Alexios hatte es Spannun-
gen mit Venedig gegeben, und Johannes hatte denn ja auch 1119 das Abkommen nicht er-
neuert. Es wäre kaum glaubhaft, daß man in Byzanz damit gerechnet hat, die Venezianer
würden sich dieser Desavouierung widerstandslos fügen. Zudem, mit was für Söldnern konnte
man vor 1126 rechnen? In Frage kamen grundsätzlich nur Angehörige der italienischen See-
städte oder aber Normannen. Mit den Normannen war man seit langem verfeindet, Venedig
ihnen folgend auch schon Kretschmayr! – sprechen expressis verbis nur von einer Flotte, die von Venedig
aus auf ihrer Fahrt nach Osten Korfu belagerte, dann in Syrien tätig war (Belagerung von Tyrus) und auf
ihrer Rückkehr Rhodos angriff und die Inseln der Ägäis plünderte. Die Vertreibung der Venezianer aus
Konstantinopel ist nicht erwiesen. Der venezianische Rückkehrbefehl von 1120 dürfte hier entscheidender
gewesen sein. Die angebliche Zustimmung der syrischen Barone kann sich nur auf die oben Kap. XV S. 372
Anm. 23 zitierte Dandolostelle (= TAFEL–THOMAS S. 93) beziehen, die lautet: cura illorum (i. e. prela-
torum et baronum) consensu recedens, Rodum applicuit. Grammatikalisch gesehen bezieht sich dieser consen-
sus auf die Tatsache der Rückkehr und nicht auf den Angriff gegen Rhodos. Zu den "mesures antimariti-
mes" des Johannes, die im übrigen auf später zu datieren sind, cf. im folgenden.
36
NIKETAS CHONIATES S. 55; cf. AHRWEILER, Byzanze et la Mer S. 230–232; HOHLWEG, Beiträge
S. 150.
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 463
fiel auch aus, und Pisa und Genua lagen in dieser Zeit gegeneinander im Krieg37. So dürfte
eine Vernachlässigung der Küstenverteidigung vor 1126 unwahrscheinlich sein.
Aber auch danach steht es nicht viel anders. Zunächst dürfte noch die Erinnerung an den
Krieg mit Venedig dagewesen sein. 1127 annektierte Roger II. Apulien und rückte damit be-
drohlich nahe an Byzanz heran. 1130 ließ er sich zum König krönen, auch dies nicht dazu
geeignet, auf die Byzantiner beruhigend zu wirken. Wenn wir die Regierungszeit Johannes’ II.
auf einen "günstigen" Termin hin abklopfen, ergeben sich als wahrscheinlichste Daten die
Jahre 1135 bis 1137. In diesen Jahren war das normannische Königreich durch den Krieg in
Italien blockiert, Venedig war seit langem schon wieder auf der Seite des Reiches, und mit Pisa
war 1136 das alte Abkommen von 1111 erneuert worden. Zudem standen die Feldzüge nach
Syrien ins Haus, die sicher große Ausgaben erfordern würden. So scheint von der allgemeinen
Situation her diese Zeit, in der Byzanz sicher vor Angriffen und seinerseits vor dem Beginn
großer Unternehmungen war, die wahrscheinlichste für einen derartigen Erlaß zu sein. Wenn
Ahrweiler schreibt, daß die Erfolge der Venezianer die Abwesenheit einer funktionierenden
byzantinischen Abwehr voraussetzten, so ist das zwar richtig, übersieht aber, daß Venedig
eben auch mit einer großen Flotte – über 200 Schiffe angeblich – angegriffen hatte. Gegen
eine solche Unternehmung indes half auch kein lokaler Küstenschutz mehr. Hier hätten nur
eigene große Flottenstärken genutzt, und diese [627] fehlten, wie ja auch schon zur Zeit des
Alexios.
Niketas Choniates sieht in der Maßnahme des Johannes die Ursache für die spätere
Wehrlosigkeit des Reiches im maritimen Bereich. Das ist insofern richtig, als kleinere Pira-
tenunternehmungen im Gegensatz zu früher jetzt auf weniger Gegenwehr stießen.
Aber schon zu Zeiten des Alexios hatte es Piraten gegeben, vor allem aber berücksichtigt
diese Beurteilung nicht die Tatsache, daß das Reich ja unter Manuel – also Jahre nach Johan-
nes – durchaus wieder bedeutende Flottenzahlen in seinem Dienst hatte. So vernichtend kann
sich der Erlaß also nicht ausgewirkt haben. Auch ist in der Zeit Manuels ja durchaus noch eine
gewisse Seepolizei vorhanden38. Wenn Hohlweg kritisiert, daß zu Johannes’ Zeit zwar viel-
leicht noch genügend Geld in der Kasse gewesen sei, um Söldner anzuwerben, aber nicht mehr
in den Jahren Manuels infolge der zu hohen sonstigen Ausgaben dieses Kaisers39, so übersieht
er hierbei, daß wir zwar für die Zeit des Johannes nur einen einzigen Beleg für solche Söldner
haben, für die Zeit Manuels aber eine im Vergleich hierzu überwältigende Zahl, und zwar ge-
rade für die Jahre von 1155 bis ungefähr 1174, also für die Zeit, in der die Unternehmungen
Manuels in Italien, Syrien, Ungarn, Serbien und in den Kreuzfahrerstaaten ihren Zenit er-
37
S. oben S. 369.
38
S. oben S. 303f.
39
HOHLWEG, Beiträge S. 150: "Johannes II. mochte wirklich für den Notfall Gelder zur Anwerbung von
Matrosen in der Kasse gehabt haben; bei dem Geldbedarf Manuels I. blieb für die Matrosen nichts mehr
übrig."
464 Appendix
reichten40. Auch dieses Argument ist also nicht stichhaltig. Niketas argumentiert aus der
Verfallszeit kurz vor bzw. nach 1204 heraus, in der die Dinge wahrhaftig so waren, wie er sie
schildert, aber für die Zeit vor 1180 hat er doch nur sehr bedingt Recht. Damit soll nicht
gesagt werden, daß die Maßnahme des Johannes nicht im Endeffekt negative Folgen gehabt
hat, aber insgesamt gesehen malt Niketas die Folgen doch zu schwarz.
Auch die Annahme Hohlwegs, daß diese Maßnahme des Johannes eine "funeste Wir-
kung" auf die byzantinische Flotte gehabt habe, ist abzulehnen41. Zum einen muß hervor-
gehoben werden, daß der Erlaß [628] des Kaisers mehr oder weniger den lokalen Küsten-
schutz betraf. Die Zentralflotte ist von ihm nicht berührt worden, und gerade sie erreichte
unter Manuel I. ihre größte Stärke. Wir haben außerdem gesehen, daß die byzantinische
Flotte sowohl zur Zeit des Johannes wie auch des Alexios nur sehr klein und im wesentlichen
erfolglos gewesen ist. Die Umstellung der Schiffsausrüstung durch die Provinzen auf eine
Geldsteuer kann demzufolge in ihren Auswirkungen nicht allzu tiefgreifend gewesen sein,
auch wenn Niketas Choniates – verständlich aus den Gegebenheiten seiner eigenen Zeit – in
ihr die Ursache einer verhängnisvollen Entwicklung gesehen hat. Wir brauchen ihm hierbei
nicht zu folgen.
Die byzantinische Kriegsflotte unter Manuel I. Komnenos
Das Bild der byzantinischen Kriegsflotte unter Alexios I. und Johannes II. ändert sich auch in
den Anfangsjahren Manuels I. nicht. Zwar ist die Flotte in der Lage, in dem Krieg gegen Anti-
ocheia 1143/44 die Küste des Fürstentums zu plündern42, aber das beweist wenig, da Antio-
cheia über keine eigene Flotte verfügte. Dem Angriff Rogers II. von Sizilien, der 1147 Korinth
und Theben plünderte sowie Korfu besetzte, stand das Reich wehrlos gegenüber43. Wenn
Ahrweiler behauptet, die byzantinische Flotte hätte bei Monembasia die Normannen zurück-
geschlagen, so steht davon nicht nur nichts bei Niketas Choniates, den sie als Beleg angibt,
ihre Ansicht wird überdies durch den Plünderungszug der Normannen gegen Korinth und
Theben ad absurdum geführt44. Es ist offensichtlich, daß der Kaiser, alarmiert durch den sich
gleichzeitig nähernden Zweiten Kreuzzug, seine Flotte um Konstantinopel konzentrierte, um
einer eventuellen gemeinsamen Aktion der Kreuzritter und der Normannen, die tatsächlich
40
Zu den italienischen Söldnern in der byzantinischen Flotte s. im weiteren Verlauf dieses Abschnitts.
41
HOHLWEG, Beiträge S. 150: "Selbstverständlich mußte das Vorgehen des Johannes aus Putze für die
mühsam aufgebaute byzantinische Flotte eine funeste Wirkung haben".
42
NIKETAS CHONIATES S. 52; wenn HOHLWEG, Beiträge S. 150, diesen Kriegszug gegen Mas-ud von
Ikonien gerichtet sein läßt, so kann es sich nur um ein Versehen handeln. Die Quellen berichten überein-
stimmend von einem Krieg gegen Antiocheia, während Ikonion zu dieser Zeit überhaupt keine Küsten-
gebiete besaß, gegen die man eine Flotte hätte schicken können; cf. auch LILIE (1993) S. 144.
43
NIKETAS CHONIATES S. 72ff.
44
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 242: "Après l’annexion de Corfu, la flotte normande ... atteint, sans
avoir remporté d'autres succès, Monemvasie, d’ou, repoussée par la flotte byzantine qui surveillait le
passage, elle rebroussa chemin” (und zog gegen Korinth und Theben).
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 465
erwogen wurde, zu begegnen45. [629] Daneben auch noch eine effektive Verteidigung der Kü-
sten und Inseln der Ägäis zu bewerkstelligen, war der byzantinischen Marine nicht möglich46.
Für die Rückeroberung Korfus ersuchte der Kaiser um die Hilfe Venedigs, die er mit der
Bestätigung und Erweiterung der venezianischen Privilegien bezahlte47. Kinnamos berichtet
überdies, daß er eine Flotte von 1.500 Schiffen, davon 500 Kriegsschiffe, aufstellen ließ, eine
Angabe, die von Ahrweiler nicht in Frage gestellt wird48. Es ist unzweifelhaft, daß Manuel
auch eine griechische Flotte gegen Korfu segeln ließ, doch die Zahl des Chronisten ist gewaltig
übertrieben. Wenn Byzanz wirklich eine solche Flotte hätte ausrüsten und bemannen kön-
nen, wäre die Hilfe Venedigs überflüssig gewesen, da Byzanz ohnehin die stärkste Seemacht
innerhalb des Mittelmeerraumes gewesen wäre. Aber gerade daß venezianische Flottenhilfe
angefordert worden ist, zeigt, daß die Griechen sich den Normannen allein nicht gewachsen
fühlten49. Über die Stärke der byzantinischen Marine in diesen Jahren läßt sich daher keine
Angabe machen. Besonders beeindruckend dürfte sie nicht gewesen sein.
Auch in den folgenden Jahren ist keine Änderung festzustellen. In dem italienischen
Krieg spielte sie, wie auch die Armee, keine Rolle50. Im Gegenteil gelang es den Normannen
1157, nicht nur das thessalische Halmyros einzunehmen, sondern sogar bis in das Marmara-
meer vorzudringen und vor Konstantinopel selbst eine Flottendemonstration abzuhalten,
ohne daß die Byzantiner es wagten, [630] sich zum Kampf zu stellen51: ein deutliches Zeichen
für die Unzulänglichkeit ihrer Seestreitkräfte; denn wo, wenn nicht im Marmarameer, in
unmittelbarer Nähe ihrer Versorgungseinrichtungen, im Angesicht ihrer Hauptstadt und
umgeben von eigenem Gebiet, hätten sie überhaupt noch eine Seeschlacht wagen sollen, wenn
nicht hier? Daß sie es dennoch nicht getan haben, beweist besser als alles andere die byzantini-
sche Schwäche und die Überlegenheit der Normannen52.
45
Cf. LILIE (1993) S. 149, 152.
46
Ähnlich ist die Situation knapp zehn Jahre später, als Manuel im Kampf gegen die Normannen Unterita-
liens stand und gegen sie offensichtlich alle verfügbaren Schiffe in den Kerngewässern des Reiches zusam-
mengezogen hatte, was u. a. dazu führte, daß die Fürsten von Antiocheis und Kleinarmenien das von jedem
Geschwader entblößte Zypern plündern konnten, obwohl sie selbst über keine eigenen Kriegsschiffe ver-
fügten; cf. zuletzt zu dem Überfall LILIE (1993) S. 169.
47
S. oben. S. 22ff.
48
KINNAMOS S. 92; cf. AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 244f., die gerade anläßlich der Rückeroberung
Korfus die größere Präzision des Kinnamos gegenüber Niketas Choniates hervorhebt.
49
Zu den Implikationen, die mit dieser Hilfeleistung und der damit zusammenhängenden Privilegienbestäti-
gung bzw. Neuprivilegierung verbunden waren, s. oben S. 22ff. und S. 406f.
50
Abgesehen von (kleineren) Truppentransporten, s. etwa KINNAMOS S. 164f.
51
Laut NIKETAS CHONIATES S. 99 drangen die Normannen sogar in das Goldene Horn ein, was ange-
sichts der Hafenbefestigungen aber wohl eher unwahrscheinlich gewesen sein dürfte.
52
Die Nachricht des NIKETAS CHONIATES S. 94f. von mehreren großen Seesiegen der Byzantiner in den
Gewässern um Italien wird von anderen Quellen nicht bestätigt und ist überdies so unpräzis und allgemein,
daß sie abzulehnen ist. Dagegen ist festzuhalten, daß eine byzantinische Kriegsflotte 1154 von einer aus
466 Appendix
Es scheint, daß Manuel in der Folgezeit ernsthaft versucht hat, diese Unterlegenheit zu
beseitigen und die byzantinische Kriegsflotte zu vergrößern. Zu einem großen Teil scheint
dies über die Anwerbung ausländischer Söldner geschehen zu sein, wie eine Reihe von Urkun-
den aus diesen Jahren belegt53. Es hatte immerhin den Erfolg, daß der Kaiser 1169 eine Flotte
von angeblich über 200 Schiffen gegen Ägypten schicken konnte54. Ahrweiler interpretiert
diese Expedition als einen Versuch, die Meerherrschaft im östlichen Mittelmeer zu erringen55,
doch ist diese Vermutung wohl falsch. Die ägyptische Flotte stand nicht in Konkurrenz zu
Byzanz und stellte überdies keinen großen Machtfaktor dar. Für die Erringung einer "Thalas-
sokratie" im östlichen Mittelmeerrraum waren nicht die Ägypter der Gegner, sondern nur
und ausschließlich die Flotten der italienischen Seestädte und der Normannen.
Wenig später kam es zum Krieg gegen Venedig, den Manuel bewußt provoziert hatte,
indem er alle Venezianer im Reich auf einen Schlag festnehmen und ihre Güter konfiszieren
ließ. Daß ein solches Vorgehen, das noch dazu den Bruch bestehender Verträge beinhaltete,
zum sofortigen Krieg führen mußte, ist offensichtlich56. [631] Die venezianische Reaktion auf
den Überfall ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Kaum hatte die Nachricht von den
Geschehnissen Venedig erreicht, entflammten die Einwohner in heller Wut. Binnen vier
Monaten wurde eine Flotte von 100 Schiffen ausgerüstet, der sich weitere zehn aus Zara
anschlossen57. An die Spitze der Expedition trat der Doge selbst, im Spätsommer des Jahres
1171 konnte die Flotte in See stechen. Zuerst wurde Ragusa unterworfen, anschließend
eroberte und plünderte man Chalkis auf Euböa und die ganze Insel. Daraufhin wandte sich
die Flotte nach Chios, wo man überwinterte, und plünderte diese Insel und die Inseln Pan-
agia, Lesbos (Mytilene) und Skiros. Zu einer Begegnung mit der byzantinischen Flotte ist es
nicht gekommen. Auf Chios wurden die Venezianer von der Pest betroffen, die die Mann-
schaften stark dezimierte, so daß die Flotte 1172 nach Venedig zurückkehren mußte, ohne
letztlich etwas erreicht zu haben. Wie groß die Enttäuschung über den Mißerfolg in Venedig
gewesen ist, läßt sich daran ermessen, daß die aufgebrachte Menge den Dogen und Oberbe-
fehlshaber der Expedition Vitalis Michael umbrachte. Die Pest griff auch in Venedig um sich
und hat möglicherweise dazu beigetragen, einen erneuten Rachefeldzug der enttäuschten Ve-
nezianer zu verhindern58. Nach Aussage des Niketas Choniates lag der Mißerfolg der Venezi-
aner in der byzantinischen Flotte unter ihrem Oberbefehlshaber Andronikos Kontostephanos
Ägypten zurückkehrenden normannischen Flotte vernichtet worden ist, s. KINNAMOS S. 121; NIKE-
TAS CHONIATES S. 96 (wahrscheinlich in falscher zeitlicher Anordnung: 1157 statt 1154).
53
S. im folgenden.
54
NIKETAS CHONIATES S. 160; WILHELM VON TYRUS XX. 13, S. 961; cf. LILIE (1993) S. 200–
202, 317f.
55
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 263ff.
56
Zu den Umständen s. oben S. 489ff.
57
HISTORIA DUCUM S. 79; laut DANDOLO S. 251 waren es 120 Schiffe.
58
HISTORIA DUCUM S. 80; DANDOLO S. 252.
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 467
begründet. Diese Flotte von 150 Schiffen sei so stark gewesen, daß die Venezianer es nicht ge-
wagt hätten, den Kampf mit ihr aufzunehmen, und feige geflohen seien. Trotz eifriger Verfol-
gung hätten die Byzantiner sie nicht einholen können, sie aber letztlich aus der Romania ver-
trieben59. Diese Darstellung ist abzulehnen: Die Venezianer haben mehrere Inseln in der
Ägäis geplündert, was sicher seine Zeit gekostet hat, sie haben Chalkis/Negroponte erstürmt
und geplündert, Halmyros angegriffen und schließlich auf Chios überwintert. Insgesamt hiel-
ten sie sich mindestens acht Monate ununterbrochen in der Romania auf. Es wäre kaum vor-
stellbar, daß die byzantinische Flotte sie nicht in diesem langen Zeitraum hät-[632] te stellen
können, wenn sie nur gewollt hätte, zumal Byzanz auf den venezianischen Angriff ja vorberei-
tet war. Allein auf Chios hätte sie genügend Zeit für die sorgfältige Vorbereitung eines An-
griffs gehabt. Daß die Byzantiner darauf verzichtet haben, zeigt einmal mehr, wie sehr sie sich
noch ihrer Unterlegenheit zur See bewußt waren. Und dies – es sei noch einmal hervorgeho-
ben –, obwohl sie selbst den venezianischen Angriff provoziert hatten, also genügend Zeit be-
saßen, Abwehrmaßnahmen zu treffen. Dennoch konnten die Venezianer in der Ägäis nach
Belieben überwintern, plündern und ungestört von den Griechen wieder nach Hause zurück-
kehren. Trotz aller Anstrengungen Manuels, eine große und schlagkräftige Flotte aufzubauen,
blieb Byzanz den Italienern auch weiterhin hoffnungslos unterlegen. Wir werden sehen,
warum.
Zu den Flottenexpeditionen gegen schwächere Gegner zeigte die kaiserliche Flotte sich
allerdings weiterhin imstande: 1177 segelte noch einmal ein Geschwader von mindestens 70
Galeeren gegen Ägypten. Es kam jedoch nicht zum Kampf60.
Der Niedergang der byzantinischen Kriegsflotte nach 1180
Nach dem Tod Manuels verfiel auch die byzantinische Flotte schnell und nachhaltig, wozu
unter anderem Bemannungsschwierigkeiten ihren Teil beigetragen haben werden. Als im
Bürgerkrieg von 1182 die Regierung in Konstantinopel den Bosporos gegen Andronikos zu
sperren suchte, wurde ungefähr ein Drittel der Flotte mit Italienern bemannt61. Auch wenn
hierbei die befürchtete Unzuverlässigkeit der griechischen Matrosen, die tatsächlich dann
auch prompt zu dem Usurpator überliefen, eine Rolle gespielt haben mag, so zeigt die Darstel-
lung des Niketas doch, daß offensichtlich nicht genügend Matrosen zur Verfügung gestanden
haben62.
59
NIKETAS CHONIATES S. 172f., dem Ahrweiler folgt.
60
KINNAMOS S. 300: 150 Schiffe ohne Unterscheidung zwischen Galeeren und Frachtschiffen; WIL-
HELM VON TYRUS XXI. 17, S. 1032f. (70 Galeeren plus Hilfsschiffe).
61
NIKETAS CHONIATES S. 246f.; laut WILHELM VON TYRUS XXII. 12, S. 1083 betrug die Zahl der
von den Italienern bemannten Galeeren 44; 29 davon scheinen den Pisanern zugewiesen worden zu sein
(ANNALES PISANI S. 73).
62
NIKETAS CHONIATES S. 247 hebt den besseren Zustand des italienischen Flottenteiles hervor.
468 Appendix
1185 lagen angeblich noch 100 Schiffe in Konstantinopel, als die Normannen Thessalo-
nike angriffen und eroberten, ohne daß der Kaiser es wagte, seine Flotte gegen sie einzuset-
zen63. Hierbei muß [633] nicht Feigheit mitgespielt haben. Eher fürchtete man wohl einen
Vorstoß der normannischen Flotte, die über 200 Einheiten gezählt haben soll, gegen die
byzantinische Hauptstadt. Tatsächlich drangen die Normannen in das Marmarameer ein,
ohne allerdings den Versuch zu unternehmen, Konstantinopel selbst anzugreifen64. Die by-
zantinische Flotte stellte sich, wie Niketas aussagt, ihnen nicht zum Kampf, da sie die Über-
legenheit der Normannen fürchtete65.
1186 sandte Isaak II. Angelos noch einmal eine Flotte von 70 Schiffen gegen das aufstän-
dische Zypern aus, doch wurde sie von einem normannischen Geschwader völlig vernichtet66.
Von diesem Fehlschlag hat sich die byzantinische Kriegsmarine nicht mehr erholt. Dem
Treiben der italienischen Piraten in der Ägäis stand man hilflos gegenüber und versuchte nur
– mit wechselndem Erfolg –, sie gegeneinander auszuspielen. Ansonsten begnügte man sich,
im wesentlichen erfolglos, mit diplomatischen Beschwerden in Genua, dessen Einwohner, be-
sonders der berüchtigte Gafforio, der sogar Adramyttion plünderte, die schlimmsten Schäden
verursachten.
Als sich der Vierte Kreuzzug Konstantinopel näherte, verrotteten gerade noch einige 20
Schiffe an ihren Ankerplätzen, die den Angreifern keinen Widerstand mehr entgegensetzen
konnten67. Die Einnahme der byzantinischen Hauptstadt ist die logische Folge dieser Ent-
wicklung gewesen.
Es zeigt sich, daß die byzantinische Flotte – entgegen der Darstellung Ahrweilers – das
ganze 12. Jahrhundert hindurch keine bedeutende Rolle gespielt hat. Sie war zwar in der Lage,
Truppentransporte über See durchzuführen – auch über längere Strecken –, Aufgaben einer
Seepolizei wahrzunehmen68 und Küsten von Staaten [634] anzugreifen und zu plündern, die
über keine eigene Flotte verfügten, aber den Normannen und Italienern ist sie in keiner Phase
des 12. Jahrhunderts auch nur annähernd gewachsen gewesen. Es hat den Anschein, daß Ale-
xios I. und Johannes II. eine solche Gleichwertigkeit auch gar nicht angestrebt haben. Zumin-
dest lassen die Quellen keinen derartigen Schluß zu und erwecken eher den Eindruck, daß
63
NIKETAS CHONIATES S. 320, 362f.
64
NIKETAS CHONIATES S. 357.
65
NIKETAS CHONIATES S. 362f.
66
NIKETAS CHONIATES S. 369; nach dem von den ANNALES REICHERSPERGENSES S. 511 über-
lieferten Brief waren es 80 Schiffe; cf. LILIE (1993) S. 238.
67
NIKETAS CHONIATES S. 540f.
68
Für die Existenz kleinerer byzantinischer Geschwader, z. B. auf Kreta und Zypern, aber auch in verschie-
denen Küstenstädten, sprechen eine ganze Reihe von Erwähnungen in verschiedenen Quellen, so etwa in
der Translatio Isidori oder in den genuesischen Gesandtschaftsinstruktionen; zu der Piraterie im östlichen
Mittelmeer allgemein und zu den – auch byzantinischen – Versuchen ihrer Eindämmung cf. FAVREAU,
Piraterie passim.
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 469
diese beiden Kaiser sich mit einer kleinen Flotte begnügt haben, die für die Abwehr von klei-
neren feindlichen Angriffen und für Angriffsexpeditionen gegen Landmächte, die keine eige-
nen Seestreitkräfte besaßen, also vornehmlich die Kreuzfahrerstaaten, ausreichte. Die großen
Seemächte suchte man mit diplomatischen Mitteln gegeneinander auszuspielen oder aber als
Bündnispartner – wie etwa Pisa und vor allem Venedig – an die Seite des Reiches zu bringen.
Hierbei mag mitgespielt haben, daß Byzanz zwar reich genug war, große und sogar sehr große
Flotten zu bauen, daß es aber Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, eine solche Flotte aus der
eigenen Bevölkerung heraus auch ausreichend zu bemannen. Da das Reich keine stehende
Flotte unterhielt – kleinere Geschwader ausgenommen –, deren Personal als Grundstock für
große Seerüstungen dienen konnte, stellte sich jedesmal von neuem die Frage, wie eine nicht
nur große, sondern auch entsprechend gut ausgebildete Flotte aufgestellt werden konnte.
Gerade bei der Marine mußte sich das Problem des ständigen Trainings der Besatzungen in
noch weitaus größerem Maße stellen, als bei einer Landarmee, zumal auch die Unterhaltung
und vor allem Erhaltung des Materials und die Besoldung der Matrosen enorme Gelder
verschlungen haben wird. Die Maßnahme Johannes’ II.69 zeigt, daß der Kaiser eine solche
fortwährende Belastung scheute und lieber unter Heranziehung von Söldnern ad hoc die
vorhandenen Seestreitkräfte vermehren wollte. Es hatte ausschließlich finanzielle Gründe,
verhinderte aber, daß Byzanz überhaupt eine, den seeerfahrenen Italienern und Normannen
gleichwertige Flottenmacht aufbauen konnte.
Italienische Marinesöldner in der byzantinischen Flotte
Erst unter Manuel begegnen wir Seerüstungen in großem Ausmaß über längere Zeit hinweg.
Aber auch Manuel stand vor dem Problem, wie er seine Schiffe adäquat bemannen sollte, und
auch er entschied sich nicht für einen kontinuierlichen Aufbau aus eigener [635] Kraft, son-
dern suchte sein Ziel durch Anwerbung von Söldnern zu erreichen. Söldner hatten auch
schon früher in der byzantinischen Flotte gedient, erinnert sei nur an den Normannen Lan-
dulph zu Beginn des 12. Jahrhunderts70. Aber die Zahlen scheinen nicht sehr groß gewesen zu
sein.
Erst zur Zeit Manuels begegnen wir venezianischen, pisanischen und genuesischen Mari-
nesöldnern in großer Zahl: 1150 ging der Venezianer Gonzo in den Dienst des Kaisers: Gonzo
veniebat ad stolum imperatoris71, während weitere 13 venezianische Galeeren in diesem Jahr in
byzantinischen Diensten standen, vielleicht noch eine Folge des Kriegs gegen Roger II. um
Korfu72. Sehr stark scheint es auch die Genuesen in die Flotte des Reiches gezogen zu haben:
69
S. oben S. 625ff.
70
ANNA KOMNENE XI. 10, S. 42ff.; der Name legt eine normannische bzw. lombardische Abkunft nahe.
71
MdRD Nr. 98 (Sept. 1150) Venedig.
72
SAN GIORGIO MAGGIORE Nr. 240 (Okt. 1151) Halmyros: Infra dies triginta quibus in Venetia vene-
rant tredecim galeas que fuerunt in servicio domini imperatoris. Infolge der Zeit (Rückkehr nach Venedig
Ende 1150) und der größeren Zahl scheint diese Flotte allerdings eher noch ein letzter Rest der venezia-
470 Appendix
1156 äußerte der Genuese Ido Mallonus in einem Kontrakt eine solche Absicht: ... Hanc om-
nem societatem laboratum portare debet ipse Ido in galeis Amigonis et fratrum apud Romaniam
vel ubi dabuntur soldate galeis et deinde potestatem habeat protandi ... et... ipse Ido pro sua perso-
na preter id quod haberet si efficeretur homo imperatoris de homine, per medium dividere debet73.
Ähnlich der folgende Kontrakt: Ribaldus fratres accepimus a te Ribaldo Boleto lb. centumquin-
decim, de quibus promittimus dare tibi ... per nos vel nostrum missum perparos CCCCLX iusti
ponderis ad mensem unum postquam pervenerimus ad curiam imperatoris constantinopolitani
vel ibi ubi tenebitur curia eius aut ubi dabuntur eius soldate galeis et pro persona tua si nobiscum
veneris ordine predictorum dabimus perparos XXXX, ita quod non tenearis esse nobiscum post-
quam ad curiam erimus. Si vero non iverimus ad curiam ipsius imperatoris vel si non habuerimus
soldatas dabimus tibi omnes D perparos74. 1160 schloß der Genuese Bisaccia Veträge ab, die
auch eine Fahrt mit drei Galeeren [636] an den Hof des Kaisers einschlossen75. Da derselbe
Bisaccia· im Frühjahr 1162 schon wieder in Genua anzutreffen ist, dürfte er gerade ein Jahr im
Dienst Manuels verbracht haben76. Auch die genuesischen Gesandtschaftsinstruktionen er-
wähnen solche Söldner: Mementote petere pro filiis quondam Willelmi Policini perp. CCI quos
Paliologus retinuit ex illis quos sibi dari sanctissimus imperator preceperat. item retinuit corpus
galee eiusdem Willelmi cum sartia de quibus nichil habuit et obiit in servicio Imperiale ... Mar-
chio Landola perdidit in servicium imperatoris Willelmum Cocoadum fratrem suum cum galea
que capta fuit a Comanis apud Paradonicum et ibi combusta cum hominibus, item postea misit
filium suum in servicium imperatoris et ibi mortuus est cum dampno suarum rerum omnium77,
pro Lanfranco de Rodulfo perp. D quos homines Imperii sibi abstulerunt dum ad servicium impe-
rium festinaret ... mementote petere pro Oberto Visiolio monacho venerabilis domus Tegedii ...
restitucionem et elemosinam de libris CXX, quos in servicio suo amisit quando captus per regem
Sicilie et trusus in carcere per annos II in galea quam armaverat pro eius servicio et cum qua in
Romaniam festinabat ire78. In ähnlicher Weise erbat der Genuese Calvus Belohnung für seine
Dienste: calvus civis Ianuensis notificat quod cum ab ultramarinis partibus veniret, accessit ad
sanctum imperium suum et placuit imperiali celsitudini eum ad servicium suum retinere. ego
autem letanter remansi cum equis palafredis et armis ceterisque necessariis per multum temporis,
nischen Flottenhilfe aus dem Krieg gegen Roger II. zu sein, und sie wäre demnach nicht in dem spezifischen
Sinn als Abteilung von Söldnern anzusehen; anders BESTA, La Cattura dei Veneziani in Oriente S. 37f.
73
GIOVANNI SCRIBA Nr. 97 (11. 7. 1156).
74
GIOVANNI SCRIBA Nr. 84 (8. 6. 1156).
75
GIOVANNI SCRIBA Nr. 615 (9. 3.1160); Nr. 666 (26. 5. 1160); Nr. 673 (3. 6. 1160); Nr. 674 (6. 6.
1160). Derselbe Bisaccia erwog allerdings gleichzeitig, in den Dienst Siziliens zu treten, ein gutes Zeichen
für die Unsicherheit, die in einer solchen Söldnermentalität steckte; cf. auch SCHAUBE, Handelsge-
schichte S. 230f.
76
Er unterzeichnete als Zeuge in einem Handelskontrakt: GIOVANNI SCRIBA Nr. 945 (4. 3. 1162);
IMPERIALE, Codice II. S. 217 Anm.: Instruktionen für Grimaldi.
77
IMPERIALE, Codice II. S. 217 Anm.: Instruktionen für Grimaldi.
78
IMPERIALE, Codice II. S. 218 Anm.
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 471
tandem placuit nuncio imperii urenne cite ad servicium imperiale irem cum fratre meo in stolum
Cipri. et ibi fratrem meum perdidi cum universis que habebam et graviter vulneratus ad mor-
tem79.
Wenn wir aus den vorliegenden Berichten auf die Methodik der Anwerbung solcher Ma-
rinesöldner schließen, so ergibt sich zweierlei: Es war durchaus möglich, sich nicht für längere
Zeit, sondern nur für eine einzige Segelsaison bzw. für ein Jahr als Söldner zu verdingen – was
längere Verpflichtungen natürlich nicht ausschließt –, und die an einem solchen Dienst Inter-
essierten [637] schlossen nicht etwa in ihren Heimatstädten mit dem Kaiser Verträge ab, auf-
grund derer sie sich dann in die Romania begaben, sondern sie fuhren mit ihren Schiffen oft
einfach los, um erst an Ort und Stelle dementsprechende Verhandlungen einzuleiten. Der Be-
darf des Kaisers an solchen Söldnern muß also relativ groß gewesen sein, sonst wäre ein derar-
tiges Unterfangen wohl kaum möglich. Auch scheint das In-den-Dienst-treten bzw. Anwer-
ben solcher Söldner relativ unabhängig von den politischen Tagesströmungen gewesen zu
sein, denn wir finden solche Fahrten von Genuesen von 1156 bis 1162, obwohl die Verbin-
dungen zwischen Genua und Byzanz in diesen Jahren zuweilen starken Spannungen ausge-
setzt waren80. Diese Söldner gingen auch durchaus nicht nur einzeln in die Romania, um auf
byzantinischen Schiffen anzuheuern, sondern sie brachten oft genug ihre eigenen Schiffe und
Mannschaften mit, die dann vom Kaiser geschlossen in Sold genommen wurden, zum Teil für
erhebliche Summen81.
Von pisanischen Söldnern wissen wir mangels Quellen nur wenig, doch hat es auch sol-
che gegeben, wie die genuesischen Gesandtschaftsinstruktionen von 1174 bezüglich des von
Pisanern bei Paschia über fallenen Schiffes zeigen. Die Täter waren marinarii Pisani qui erant
burgenses Constantinopoli et alii Pisani82.
Diese ganzen Söldnerbewegungen müssen recht umfangreich und wichtig für Byzanz ge-
wesen sein, da sie auch politische Rückwirkungen hatten. So mußte der genuesische Gesandte
Grimaldi vor seiner Abfahrt nach Byzanz schwören, daß keiner seiner Söhne die Gelegenheit
benutzen werde, um beim Kaiser Dienst zu nehmen, zweifellos um den Gesandten von per-
sönlichen Zwängen und Beeinflus-[638] sungen zuungunsten Genuas freizuhalten: nec ullo
79
IMPERIALE, Codice II Nr. 98 (1174?) S. 223.
80
S. oben S. 420ff.
81
DÖLGER, Regesten Nr. 1660 (April 1201): Der Genuese Guilelmo Cavallario erhält den Auftrag, genue-
sische Korsaren, die von Sizilien aus operierten (also wohl Wilhelm I. von Sizilien unterstützten), in byzan-
tinischen Sold zu nehmen. Ob der Versuch Erfolg gehabt hat, wissen wir nicht. DÖLGER, Die Kaiserur-
kunden des Johannes Theologos-Klosters auf Patmos S. 347ff. korrigiert seine eigene frühere Datierung
von 1201 auf 1156. Sie würde auch in die politische Entwicklung dieses Jahres recht gut passen, da nach
dem Privileg von 1155 ein solcher Übertritt nicht unwahrscheinlich war. Es zeigt auch gut die innenpoliti-
sche Schwäche Genuas, dessen Bürger allem Anschein nach sowohl auf sizilianischer wie auch auf byzan-
tinischer Seite kämpften.
82
IMPERIALE, Codice II. S. 216 Anm.
472 Appendix
modo permittam quod aliquis ex filiis meis vasallus imperatoris in toto hoc itinere deveniat, nec
pasciar quod aliquando debeat devenire83.
Wichtiger noch waren die außenpolitschen Verwicklungen, die sich ergeben konnten. So
wurden in dem Friedensvertrag zwischen Venedig und Sizilien ausdrücklich diejenigen Vene-
zianer ausgenommen, die im Dienst des Kaisers standen: Dux postea, pacis fervidus, cum Gu-
ilelmo rege ad pacem devenit, terrasque Venetorum a Ragusio infra et eos similiter, exceptis illis,
quos in favorem Constantinopolitani Imperatoris inveniret, securos reddit et immunitates plu-
rimas in suo regno negotiatoribus Venetis indulsit84. 1175 wurde diese Bestimmung wiederholt:
In regno nostro et in reliqua terra et mare potestatis nostre Dux Venetie et Venetici salvi et securi
erunt per terram et mare in personis suis et eorum pecuniis de hominibus nostris et stolio nostro et
galeis nostris, exceptis cursalibus et illis, qui contra regnum nostrum egerint, et exceptis illis, qui
fuerint in auxilio Imperatoris Constantinopolitani ad deffendendum eius Imperium in galeis illis
que continentur in pacto a Duce et commune Venetie nobis facto. Et si aliquis de illis galeis ab
hominibus nostris captus fuerit, vel aliquis nostrorum hominum ab illis, qui in ipsis galeis fuerint
capi contigerit, non minus hoc presens pactum inter nos statutum observabimus85. Hieraus zu
schließen, daß auch 1175 venezianische Galeeren im Dienst des Kaisers gestanden haben, wie
Schaube es tut86, ist nicht notwendig, da es sich bei der Formulierung um eine einfache Wie-
derholung der Formel von 1154 gehandelt haben wird, ohne Berücksichtigung der aktuellen
Situation des Jahres 117587. Immerhin geht aus dem Dokument hervor, daß Venedig dem
sizilianischen König offensichtlich eine Liste der Galeeren und Seeleute gegeben hat, die in
byzantinischen Diensten standen, es werden also wohl nicht allzu wenige gewesen sein88.
[639] Während die Venezianer sich nicht verpflichteten, den Dienst des Kaisers ganz zu
meiden, war Genua sogar hierzu gezwungen. In dem Vertrag von 1157 konnte Wilhelm I.
durchsetzen: et nos supradicti consules, bona fide, sine fraude publice prohibemus ut nullus homi-
num Ianue, vel de districtu Ianue, eat ad serviendum contra eundem dominum W(illelmum) et
heredes suos, imperatori Constantinopolitano. Sollte es dennoch jemand tun und von Seiten
83
IMPERIALE, Codice II. S. 205.
84
TAFEL–THOMAS Nr. 56 (1154) S. 135.
85
TAFEL–THOMAS Nr. 65 S. 173.
86
Cf. SCHAUBE, Handelsgeschichte S. 224.
87
Der Text des Vertrags von 1154 ist leider nicht erhalten, nur die Erwähnung bei Dandolo. Aber die rein
mechanische Wiederholung solcher Vertragspunkte in späteren Verträgen, obwohl sie dann nicht mehr
relevant waren, begegnet uns bei den Venezianern häufiger.
88
Möglicherweise hat Venedig über den (freiwilligen) Einsatz von Söldnern auch von Staats wegen über Jahre
hinweg kontinuierlich Flottenhilfe geleistet. Dies legt zumindest DANDOLO S. 249 nahe, der den Kaiser
1167 von Venedig die "gewohnte Flottenhilfe" anfordern läßt (Emanuel ... ducem requirit ut solitum subsi-
dium, pro imperii tutela, mittere vellit). Jedoch sind die Probleme, die Dandolos Bericht aufwirft, so viel-
schichtig, daß die Stelle allenfalls mit Einschränkungen hier herangezogen werden kann (s. auch oben S.
470ff.).
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 473
Siziliens aus Klage geführt werden, so sollte der Mann entsprechend bestraft werden89. Zwar
konnte Genua diese Vereinbarung nicht völlig einhalten, wie sich aus den oben angeführten
Zeugnissen ergibt, aber dennoch zeigt der Vertrag die politische Brisanz, die in solchen Söld-
neranwerbungen gesteckt hat und die sich unter Umständen ja auch einmal gegen Byzanz aus-
wirken konnte.
Die Zahl der genuesischen und pisanischen Söldner dürfte sich nach dem Ausbruch der
Feindseligkeiten zwischen Byzanz und Venedig 1171 eher noch erhöht haben, zumal in den
Kämpfen anscheinend auch einfache Handelsschiffe teilgenommen haben, wie es ja auch den
Verträgen entsprach, die Genuesen und Pisaner zur Teilnahme an der Reichsverteidigung
verpflichteten90. Mit 1182 war dieses Soldnehmen jedoch jäh und vollständig unterbrochen,
Genua und Pisa wandten sich gegen den Kaiser, während die Verhandlungen mit Venedig nur
langsam vorankamen91. Der vollständige Zusammenbruch der byzantinischen Flottenmacht
in diesen Jahren, der ja nicht zuletzt die normannische Eroberung Thessalonikes zur Folge
hatte, [640] könnte nicht zuletzt als eine seiner Ursachen das Verschwinden der italienischen
Marinesöldner und die Zurückgeworfenheit der Byzantiner auf ihre eigenen Reserven gehabt
haben. Die byzantinische Abhängigkeit von den Flotten der italienischen Seestädte dürfte
dann noch stärker gewesen sein, als bisher angenommen, auch schon zur Zeit Manuels. Im
Laufe der nächsten zehn Jahre nach 1182 wurden die Verbindungen zu den Italienern all-
mählich wieder aufgenommen, und so stoßen wir auch wieder auf Söldner in der byzantini-
schen Flotte, jetzt schon in eigenen Verbänden. Erinnert sei hier nur an den Kalabresen Sti-
rione, der, unterstützt von pisanischen Söldnern, die byzantinische Flotte gegen den genuesi-
schen Freibeuter Gafforio befehligte92. Aber auch Genuesen waren in diesen Jahren in byzan-
tinischen Diensten. So erwähnen die Instruktionen für den genuesischen Gesandten Otto-
bono della Croce 1201 einen gewissen Oberto da Volta im Dienste des Kaisers: memento
petere pro filiis quondam nobilis civis nostri Oberti da Volta libras D quas in armanda galea
ultramare ad defendendam personam ipsiusmet imperatoris Constantinopolim et aliis servitiis ei
exhibitis, que libre fuerunt ultramare bisancii sarracenales MD93. Auch verschmähten die
Byzantiner es nicht, zuweilen mit Zwang Schiffe für militärische Unternehmungen und
ähnliches einzusetzen: super hiis in reditu suo compulit eum curia deferre ultra mare Ungaros
pro quibus debebat ei vestiaretus pro curia perparos MCCC de quibus non habuit nisi petias bis.
89
IMPERIALE, Codice I. Nr. 282 (Januar 1157) S. 345.
90
Man denke an das genuesische Handelsschiff, das von den Venezianern vor Halmyros verbrannt wurde,
während die Besatzung bei der Verteidigung der Stadt gegen die Flotte Venedigs half, s. IMPERIALE,
Codice II. S. 215.
91
Noch 1182 unterstützten Genuesen und Pisaner, allerdings vornehmlich wohl Einwohner der lateinischen
Quartiere in Konstantinopel, den Protosebastos Alexios gegen Andronikos, was zu dem folgenden Massa-
ker mit beitrug: zu der Stelle s. auch im folgenden.
92
NIKETAS CHONIATES S. 482.
93
IMPERIALE, Codice III. S. 196.
474 Appendix
DC94. Noch 1203 verteidigten die Pisaner zusammen mit den Warägern Konstantinopel ge-
gen das Heer des Vierten Kreuzzugs, allerdings kann es sich hierbei auch um Angehörige des
Pisanerviertels gehandelt haben, die damit mittelbar ihr eigenes Hab und Gut gegen die Vene-
zianer verteidigten und im übrigen auch vertraglich hierzu verpflichtet waren95.
Die politischen Folgen der Abhängigkeit von italienischen Marinesöldnern
Es scheint wichtig, darauf hinzuweisen, daß die Abhängigkeit der Byzantiner von italienischen
Seesöldnern die außenpolitische Bewegungsfreiheit des Reiches stark einschränkte, besonders
in [641] Italien und gegenüber Sizilien und den Kreuzfahrerstaaten. Da das Reich nicht auf
italienische Flottenhilfe verzichten konnte, war es so zu einem ständigen Lavieren gezwungen,
je nachdem, welche Ziele es gerade verfolgte. Hinzu trat, wie die sizilianischen Verträge mit
Venedig und Genua zeigen, die Gefahr, daß der Zuzug solcher Söldner von ihrem Heimat-
städten aus plötzlich unterbrochen werden konnte, sei es, daß die politische Richtung der ein-
zelnen Stadt sich plötzlich änderte (Venedig 1154/55) oder daß der außenpolitsche Druck zu
stark wurde (Genua 1156/57), ebenso natürlich, wenn es zum Bruch zwischen dieser Stadt
und dem Reich kam (Venedig 1171, Genua und Pisa 1182). In einem solchen Fall drohte das
Reich plötzlich ohne eine ausreichende Flotte dazustehen.
Abgesehen davon zog die Anwerbung von ausländischen Söldnern natürlich auch byzan-
tinisches Gold aus dem Land und belastete so das Budget des Staates. Aber die politischen
Folgen einer solchen Politik waren noch schwerwiegender, und Byzanz hat den Verzicht auf
eine eigene Flotte in den Jahren nach 1182 denn auch teuer bezahlen müssen.
Unter diesen Umständen kann es auch nicht verwundern, daß es auch Manuel trotz sei-
ner großen Aufwendungen im wesentlichen nicht gelungen ist, die byzantinische Flotte zu
einer effektiven Macht zu formen. Sie blieb zu großen Teilen eine Söldnerflotte mit ständig
wechselnden Besatzungen. Als der Kaiser 1171 mit Venedig brach, bedeutete dies auch einen
Fortfall der venezianischen Söldner, der kompensiert werden mußte, vor allem wohl mit
neuen Söldnern aus Genua und Pisa. Eine solche Flotte aber zu einer schlagkräftigen Einheit
zu formen, dürfte fast unmöglich sein, ganz abgesehen davon, daß ihre Einsatzmöglichkeiten
beschränkt waren, denn es war auch kaum möglich, Pisaner etwa gegen Pisa oder Genuesen
gegen Genua einzusetzen, selbst wenn diese Söldner die Flotte nicht verließen.
Wenngleich also die byzantinische Flotte, wie wir gesehen haben, zu großen Teilen von
italienischen Seesöldnern aus Venedig, Genua und Pisa abhängig gewesen ist, so bedeutet das
doch nicht, daß, wie es Ahrweiler unterstellt, die Einwohner der italienischen Quartiere zu
ihrer Bemannung herangezogen worden sind96. Ahrweiler [642] bezieht sich hierbei auf
Niketas Choniates, der anläßlich der Usurpation des Andronikos 1182 beschreibt, wie die
Regierung in Konstantinopel gegen den Usurpator den Bosporos zu sperren suchte, hierfür
94
IMPERIALE, Codice III. S. 197.
95
NIKETAS CHONIATES S. 545.
96
AHRWEILER, Byzance et la Mer S. 281 und S. 405.
Die byzantinische Kriegsflotte im 12. Jahrhundert 475
die byzantinische Flotte mobilisierte und zum Teil mit Italienern aus den Quartieren
bemannte. Der italienische Teil sei stärker und schlagkräftiger gewesen als der griechische97.
Aber er war in der Realität erheblich kleiner als der griechische, wie wir den lateinischen
Quellen entnehmen können, die Ahrweiler übersieht98. Zudem hat es sich hier eindeutig um
eine Ausnahmesituation gehandelt, in der die Regierung in Konstantinopel ihre Zuflucht zu
den ihnen vertrauenswürdiger scheinenden Italienern suchte, die sich für ihre Hilfe sicher
teuer bezahlen ließen. Rückschlüsse auf die grundsätzliche Bemannung der Flotte sind daher
unzulässig, ebenso wie es falsch ist, aufgrund der Nachricht des Niketas eine grundsätzliche
Aufteilung der Flotte in einen griechischen und einen italienischen Teil anzunehmen, wie
Ahrweiler es tut. Daß die Einwohner der Quartiere gerade nicht grundsätzlich zum Dienst in
der Flotte herangezogen wurden, beweisen die Privilegien, die bessere Zeugen sind als Niketas
Choniates. Die Pisaner waren überhaupt nicht verpflichtet, die Genuesen nur bei einem
Angriff einer feindlichen Flotte von 100 oder mehr Schiffen, die Venezianer (mit gewissen
Einschränkungen) bei dem Angriff einer Flotte von 40 bis l00 Einheiten (ab 1187, vorher
fehlen entsprechende Informationen)99. All dies traf auf die Situation des Jahres 1182 nicht
zu, so daß wir annehmen können, daß der Einsatz der Pisaner und Genuesen ein Sonderfall
gewesen ist, freiwillig unternommen und sicher gut bezahlt, der für die grundsätzliche Frage
der Bemannung der byzantinischen Marine nicht aussagekräftig ist.
[643] Es bleibt festzustellen, daß die Byzantiner des 12. Jahrhunderts – mit einer gewis-
sen Ausnahme unter Manuel I. Komnenos, der aber auch keinen nachhaltigen Erfolg hatte –
auf den Ausbau und Unterhalt einer starken, eigenen Flotte verzichtet haben, wofür finanzi-
elle Erwägungen den Ausschlag gegeben haben dürften. Daß diese Sparsamkeit katastrophale
Folgen gehabt hat, braucht nicht weiter begründet zu werden. Der Erfolg des Vierten Kreuz-
zugs ist Beweis genug.
97
NIKETAS CHONIATES S. 247.
98
Laut WILHELM VON TYRUS XXII. 12, S. 1083 waren es insgesamt 44 Galeeren, die ANNALES PISA-
NI S. 73 geben 29 Schiffe an, die nur von den Pisanern bemannt worden seien, während die byzantinische
Flotte zu dieser Zeit etwa 10 Schiffe umfaßt haben dürfte: 1171 sind 150 überliefert, 1177 ca. 200, davon
angeblich 70 Galeeren, 1185 noch etwa 100 und 1186 70 oder 80, zu denen ja noch die 1182 von den Ita-
lienern bemannten und nicht wieder herausgegebenen 44 Galeeren zu zählen wären, so daß wir auf insge-
samt etwa 150 Einheiten 1182 kommen.
99
Cf. hierzu oben Teil I.
VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN
Byzslav Byzantinoslavica
BZ Byzantinische Zeitschrift
CFHB Corpus Fontium Historiae Byzantinae
DOP Dumbarton Oaks Papers
EEBS Epeteris Hetaireias Byzantinon Spudon
JHS Journal of Hellenic Studies Konstantinopel
Kpl. Konstantinopel
MGH DD Monumenta Germaniae Historica. Diplomata
MGH SS Monumenta Germaniae Historica. Scriptores
MGH SS rer. Germ Monumenta Germaniae Historica. Scriptores rerum
Germanicarum in usum scholarum separatim editi
MIÖG Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung
PPTS Palestine Pilgrims’ Text Society
REB Revue des Études Byzantines
RESEE Revue des Études sud-est-européennes
RHC Recueil des Historiens des Croisades
RHC Hoc Recueil des Historiens des Croisades. Historiens Occidentaux
RHC Hor Recueil des Historiens des Croisades. Historiens Orieritaux
RHC DA Recueil des Historiens des Croisades. Documents Armeniens
RRIS Rerum Italicarum Scriptores. Raccolta degli storici Italiani
dal Cinquecento al millecinquecento, ordinata da L. A. Muratori
RRIS NS Rerum Italicarum Scriptores ... Nuova edizione riveduta e corretta
con la direzione di G. Garducci – V. Fiorini – P. Fedele, Bologna
TM Travaux et Memoires
Viz. Vrem. Vizantijskij Vremennik
VSWG Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
QUELLENVERZEICHNIS
Abu Shama: Livre des deux jardins. Histoire des deux regnes, celui de Nour ed-Din et celui de
Salah ed-Din, in: RHC Hor IV S. 1–522; V S. 1–210
Abulfaradj: Gregory Abul Faradj ... The Chronography, ed & trad. E. Wallis Budge, Oxford
1932
Albert von Aachen: Liber Christianae Expeditionis pro Ereptione, Emundatione et Restitu-
tione Sanctae Hierosolymitanae Ecclesiae, in: RHC Hoc IV S. 265–713
Amari, Diplomi arabi: M. Amari (Hrsg.), I diplomi arabi dei Reale archivio fiorentino,
Firenze 1863
Anna Komnene: Anne Comnene, Alexiade, ed. & trad. B. Leib, 3 Bde. Paris 1937–1945
(Collection de l’Association G. Bude) Bd. 4.: Index par P. Gautier, Paris
1976
Annales Cavenses: in: MGH SS 3, S. 185–197
Annales Colonienses Maximi,: in: MGH SS 17, S. 790–792
Annales Erphesfurdenses: Annales Erphesfurdenses annorum 1125–1137. 1349, in: MGH
SS 6, S. 536–541
Annales Ianuenses: Annali Genovesi di Caffaro e de’ suoi continuatori dal MXCIX al
MCCXCII, nuova edizione a cura di L. T. Belgrano, Bd. I. Genova 1890
(anast. Neudr. Torino 1969)
Annales Ianuenses II.: Annali Genovesi di Caffaro e de’ suoi continuatori dal MCLXXIV al
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NAMENS- UND SACHINDEX Pisa 582–506; und Venedig 578–582 – Privileg
von 1198 41–49, 62–68, 581
(in Auswahl) Alexios IV. Angelos, byz. Kaiser 581, 585, 594f.
Alexios V. Murtzuphlos, byz. Kaiser 595
Abydos 1, 4f., 7, 14, 16, 27, 34. 54f., 57, 63, 65, 108,
Alexios Axuch, byz. General 441, 444f.
145f., 170f., 176, 575, 597, 623; ven. Kirche
Alexios Branas, byz. General 554, 557f., 560
Beatus Nicolaus 145 Alexios Komnenos, Mundschenk 547
Achrida (Thrakien) 63
Alexios Komnenos, Protosebastos 526f., 534f.,
Achyraous 63, 66
537ff., 544, 554, 639
Adana 20, 50f., 55, 63, 169, 363
Alexios Komnenos, Sohn Johannes’ II. 387
Adramyttion 52, 57, 63. 66, 146ff., 170ff., 175f.,
Alexios Komnenos, unehelicher Sohn Manuels I.
467, 586, 597f., 633
545
Adria 406, 616ff. Alimetaria 117
Adrianupolis 27, 34, 54f., 58, 63, 65f., 178f., 216f.;
Almyro 184
Kloster St. Maria 178
Amalfi/Amalfitaner 2, 5, 9, 11, 14, 16, 52, 59, 185,
Afrika 244
363, 376
Ägäis 56, 63, 128ff., 313f., 373, 405, 407, 494,
Amalrich I., König von Jerusalem 453, 487, 509
561f., 577, 623f., 629, 631ff.
Amaseia 135
"ager sanguinis" 369 Amastris 134
Ägina 117
Amico da Murta, gen. Gesandter 87f., 90–97, 99,
Agnes-Anna, Braut Alexios’ II. 515, 521, 545
480, 482, 484, 498, 501
Ägypten 56, 69, 74, 244f., 248, 257, 261, 371, 416,
Amiens 267
425, 427, 449f., 471, 477, 484, 487, 506, 509ff.,
Amiroth s. Armiroth
523, 531, 536, 573, 591f., 600f., 603, 613, 619
Amorgos 117
630, 632 Amorion 148
Aigaion Pelagos, Thema 63
Anaklet, Gegenpapst 376, 378
Akkon 245, 261, 346, 619, 622
Anastasius IV., Papst 188
Alanen 441
Ancona 244, 409, 412f., 441f., 445, 447f., 472,
Albara 134
474f., 478, 485, 488, 496ff., 501, 506, 508,
Albertus, pis. Konsul und Gesandter 78, 480
530f., 575; Vertrag von 1155 430–441
Aldobrandino(s) 147, 150, 153 Andelmita 147
"Alemanikon", Sondersteuer 577
Andrea Dandolo, ven. Chronist 327f., 336, 364f.,
"Alemanni" 36
470ff.
Aleppo 383, 523
Andreas Donatus, ven. Gesandter 579
Alexander III., Papst 93, 455, 464, 482, 509f., 515
Andreas Genus, ven. Gesandter 410
Alexandreia, Ägypten 65, 69f., 72, 245. 257f., 261,
Andronikos I. Komnenos, byz. Kaiser 32, 38ff.,
357, 533 67f., 79ff., 101, 110, 516, 537–555, 562, 564,
Alexios I. Komnenos, byz. Kaiser 8–12, 17f., 22,
571, 589, 605, 608f., 639, 642
29f., 47, 50–59, 61, 69f., 72ff., 77, 330–366,
Andronikos Komnenos, Sohn Johannes’ II. 387
544, 557, 614f., 622, 627f., 634; und Bohe-
Andronikos Kontostephanos, Megas Dux 538, 545,
mund 347–353; und erster Kreuzzug 338f.,
631
616f.; und Genua 339, 353ff., 620f.; und Nor-
Andronikos Lapardas, byz. General 546
mannen (Antiocheia) 338f., 358ff., 618, 621f.; Andros 63, 117f, 128, 372
und Normannen (Sizilien) 330ff., 337; und
Anemorion 148
Papsttum 359; und Pisa 339–344. 356ff., 617ff.
"Angelus despoti" 407, 417
– Privileg von 1111 60, 69–76, 356–362; und
Ankara 134
Venedig 362f. – Privileg von 1082 8–16, 50–
Anna Komnene, Tochter Alexios I. 367
59, 331ff.
Ansaldus Baraterius, Genuese 183
Alexios II. Komnenos, byz. Kaiser 488, 515, 518, Ansaldus Mallonus, gen. Gesandter 459
521, 526ff., 544, 547
Antaleia 149
Alexios III. Angelos, byz. Kaiser 41–49, 62, 80f.,
Antiocheia am Lykos 64ff., 174
144, 560, 577–589; und Genua 586–589; und
Namens- und Sachindex 511
Antiocheia am Orontes 10, 20, 43f., 50, 55f., 58, Berrhoia, Makedonien 62, 182
63ff., 169, 245. 261, 329, 339, 348ff.,358ff., Berrhoia, Thrakien 63, 181
363ff., 369, 376, 378, 383f., 387, 389f., 392ff., Bertha von Sulzbach, Gattin Manuels I. (byz.
411, 427, 449, 509, 511f., 523, 525, 551, 608, Eirene) 384, 387ff., 395f., 398, 402, 522
616, 622, 628 Bertrand von St. Gilles, Graf von Tripolis 353ff.,
Antiochet 149 623
Antiochetta s. Antiochia parva Bethlehem, Geburtskirche 509
Antiochia parva 64, 149, Bisaccia, gen. Söldner 635f.
Antonius, Pisaner 73 Bithynien 54, 63f., 171, 545
Apollonias 63, 149 Bizye 135
Apros 54f., 63, 179 Blatamon s. Platamon
Apulien 376f., 386, 403, 430ff., 626 Bohemund, Sohn Robert Guiskards, Fürst von An-
Araber 596, 615 tiocheia 52, 72, 107, 330, 338f., 347ff., 358f.,
Aragon 515 383, 614, 618f., 621f.
"archontikion", Steuer 50 Bohemund II., Fürst von Antiocheia 376
Argyrokastron 618 Bohemund III., Fürst von Antiocheia 509, 515, 551
Armiroth, Ort auf Kreta 354 Boiotien 53, 55, 217, 219, 578, 598
Argolis 53 Boleros 62
Argos 63, 179 Bona 134
Arkadia 180 Bonditza 52f., 55, 57, 63, 182
Arkadiupolis 63, 180 Bonifacio de Ramfredo, Genuese 302
Arta 180, 217 Bonifatius von Montferrat, Anführer des vierten
Aseniden 313, 558 Kreuzzugs 589
Askalon 551 Bosnien 468, 470
Asov’sches Meer 139, 141 Bosporos 139, 176, 538f., 541, 632, 642
Athen 52f., 55, 57, 63, 180f., 220, 405 βουργέσιοι s. auch "burgenses" 298
Athyra 181 Branchialon 63
Attaleia 50f., 55, 57, 63f., 66, 149ff., 170ff., 511f., Branicevo 62
526, 597 Branitzoba 182
Attika 53, 55, 578, 586 Bulgarien/Bulgaren 135, 558ff., 577f., 590, 596,
Aulona 52, 57, 63, 67, 181, 330, 408 605
Aureus Magister Petrus s. Oreo Mastropetro Bulgarinus Anfossi, pis. Gesandter 530
Bulgarophygon 63, 182
Baldicio de Borgogno, Genuese 162 "burgenses" 162, 297ff., 549, 601, 637
Balduin I., König von Jerusalem 360, 622 Burgundio, pis. Gesandter 480
Balduin II., König von Jerusalem 370 Butumites s. Manuel Butumites
Balduin III. König von Jerusalem 426f., 429, 451,
519 Caesarea, Syrien 345
Balduin IV., König von Jerusalem 509 Calvus, gen. Söldner 636
Balduinus Guercius, Genuese 588 Cambrai 267
Balkan 55f., 216–221, 315f., 596ff. Candida ad sanctum georgium Gregi, Ort auf Kreta
Bari 2, 5, 16, 244, 328, 377, 431, 434 121
Basileios II., byz. Kaiser 3, 7, 596 Caput Sancte Marie, Vorgebirge bei Nauplion
Basileios Mesemeres, byz. Gesandter 356, 358 202f.
Basileios Xeros, byz. Gesandter 356, 358 Carlettus, Pisaner 73
Beatrix von Burgund, Gattin Friedrichs I. Carnelaxare, Ort in der oberen Adria 227
Barbarossa 439, 444 Caroi, Insel 203
Beatrix, Gräfin von Edessa 523 Castamuni 134
Bela III. (Alexios), König von Ungarn, vorher Castello, Bischof von 340
Verlobter Maria Komnenes und byz. Thron- Catodica s. Katotika
folger 465, 467, 488, 524, 526, 552 Cerbanus Cerbanus, ven. Kleriker 286, 304f., 371
512 Namens- und Sachindex
Cerigo 140 Demetrias 52, 54f., 57f., 63, 111, 184. 187, 190
Cetrici 140 Demetrios Makrembolites, byz. Gesandter 84ff.,
Citrillus 140 420, 449
Civetot/Civitot 155 Demetrios Tornikes, Logothetes tu dromu 82, 101
Chalkis, Euböa 631 Deutschland/Deutsche 27f., 32ff., 41, 43f., 83, 87,
Châlons 267 95f., 98, 359f., 364f., 376 ff., 384, 393f., 408f.,
Charaui, Insel 203 412, 416, 418, 429–451, 550, 559, 563, 565ff.,
Chersones, Thrakien 63, 623 576f., 579ff., 605, 608ff.; und Johannes II.
China 143 376ff., 384ff.; und Manuel I. 395f., 398ff., 408,
Chios 50f., 55, 57, 63, 66, 118f., 126, 128f., 131, 412, 415f., 329ff., 485ff., 496, 521f., 524; und
170, 372f., 624, 631f. Papsttum 376ff., 455; und Sizilien 376ff., 546,
Choma 153, 172 570 – s. auch unter den einzelnen deutschen
Chonai 153, 174 Herrschern
Choriphus 52 Devol, Vertrag von 1108 72, 348f., 354, 358
Chliara 66, l63, 173, 175, 467 Didymoteichos 63
Christian, Erzbischof von Mainz 93, 479, 485, 497 Dobramir Stagnarius, Venezianer 273
Christupolis 182 Dobromir Chrysos, Usurpator 316, 578
Chrysupolis 52, 54f., 57 63, 67, 183, 216, 541 Dodekanes 63
Chumnos 80 Dominicus Maurocenus, ven. Gesandter 410
"Churrus Andronicus" 124,150 Dominicus Michael, Doge 370f.
Churupes, byz. Admiral 417 Dominicus da Mugla, Venezianer 227
Cluny, Kloster 155 Dominicus, prior Anconitanorum (in Kpl. ) 235
Coccus, pis. Gesandter 458 Dominicus Sanudus, ven. Gesandter 549
Clanixi 184 Don 133
"collegancia" 265 S. Donatus, Reliquien 373
Conradus Sagenmar, Genuese 178f. Donau 140
"coronatus" 88 Dorylaion 153f., 172, 174, 338, 511
Corsus Sigismundi, gen. Gesandter 459 Drakon 330
Corycus 156 Drimys, byz. Gouverneur von Athen 546
Cremona 466, 514 Dyrrhachion 8f., 14f., 50, 52, 55, 57, 62, 69f., 72,
Curck 156 104, 108, 184ff., 216f., 330ff., 348, 357, 405,
Curfum 194 547, 557, 614. 616, 618, 621; ven. Kirche S.
Curun 198 Andreas 9, 185
Cuverfu 195
Edessa 347, 358, 402, 523
Daimbert, pis. Erzbischof, latein. Patriarch von Egrippo 119
Jerusalem 340, 619 Eirene, Tochter Andronikos’ I. 545
Dalmatien 10, 33, 69f., 72, 327ff., 335f., 340, 357, el-Kedemona 199
362ff., 367, 370, 372, 467ff., 489, 492ff., 518, "embolum" 89
524, 526, 550, 599, 608, 610f. Enrico Dandolo, ven. Gesandter und Doge 549,
Damalis 135 579
Damastris 63 Ephesos 50ff., 55, 57, 63, 154f., 170ff.
Damiette 245, 261, 477, 487 Epidamnos 9, 185
Damis, Genuese 270 Epiros 53, 55, 67, 217, 219
Danischmandiden 376 Euboia/Euböa s. auch Negroponte, Euripos 55, 63,
Dardanellen 54, 145f., 176, 361f., 494, 576, 579, 119f., 129, 404, 407, 493, 631
623 Eudokia, byz. Gattin des Leo Frangipani 520
David Komnenos, Gouverneur von Thessalonike Euripos 52f., 55, 57, 63, 119f.
546 Eurotas 198
Deabolis 62 "extranei" 2f., 11, 48
Delos 119
Namens- und Sachindex 513
Kleinasien 55f., 63f., 169–177, 314f., 372, 379, Kreuzfahrerstaaten 56, 58, 78, 106, 129f., 608, 613,
384. 467, 596ff. 634; – und Alexios I. 338ff., 357ff.; und Andro-
Koila 193f., 623 nikos I. 551f., 555; und Johannes II. 378ff.,
"Kolonien" 109, 281 383ff., 388; und Manuel I. 392, 451–55, 509ff.,
"Kommerkion", Steuer, 4, 17ff., 42, 50, 55, 60f., 514f., 521 – s. auch unter den einzelnen Staaten
73ff., 80ff., 84. 89f., 101f., 105, 113, 143 und Herrschern
Konrad III., deutscher König 384. 386f f., 395f., Kreuzzüge – erster Kreuzzug 338f.; zweiter Kreuz-
398ff., 413ff., 429 zug 402–404; dritter Kreuzzug 559, 568; vier-
Konrad, Bischof von Worms 485 ter Kreuzzug 68, 593ff. – s. auch unter den ein-
Konstantinopel 1f., 4ff., 9f., 14ff., 22ff., 27, 36, 45, zelnen Anführern
50ff., 54ff., 63, 65, 73ff., 79ff., 84f., 88–99, Kriegsmarine, byzantinische 610–643
100f., 103ff., 108, 114, 133ff., 112ff., 171, 216f., Krim 133f., 137, 332
222–242, 326, 332, 336f., 373, 392, 407f., 445, Kroatien 10, 65, 69f., 72, 327f., 335, 357, 363, 468,
533f., 558f., 569ff., 577, 579, 583f., 587ff., 597, 470, 526
601ff, 623ff., 629f., 632, 637, 641; Bedeutung Kumanen 140, 142f., 332, 337, 351, 364, 369, 371,
310ff., 316f.; Goldenes Horn 9; Hippodrom 406, 636
73; Johanniterhospital 235, 540; Kalamanpalast Kurikos 156
587; – Kirchen; byz.: Hagia Sophia 73; lat.:
235; pis.: S. Nicolaus 237; S. Petrus 237 ; ven.: Lakedainonia/Lakedemonia 53, 57, 63, 198f., 216f.
S. Akyndinos 11, 236, 336; S. Marcus 228;– Lambertus, Pisaner 73
Klöster: byz.: Antonios 81f., 103; Apologothe- Landulph, byz. Admiral 345, 635
ton 103; Theodosios 103; ven.: S. Nicolaus Lanfrancus Grancius, Genuese 162
228;–"Mitaton" der Sarazenen 235; Quartiere: Lanfrancus Guercius, Genuese 503
Ancona 235; Deutsche 235, 237; Franzosen Langobarden s. auch "Longobardi" 5
235, 237; gen. 232–234, 241, "embolum de Laodikeia in Phrygien 63, 156f., 172ff., 559
Coparia" 91,490f., 503; "embolum de sancta Laodikeia in Syrien 10, 20, 43f., 50, 55, 57, 63f., 66,
Cruce" 320, 503; pis: 230–232, 236ff.; ven. 156, 169, 339f., 346–356, 358, 363, 518ff.
222–230, 236ff. Larissa 63, 199f.
Konstantin VII. Porphyrogennetos, byz. Kaiser 142 Legnano, Schlacht 1176 514, 522
Konstantin VIII., byz. Kaiser 3 Lemnos 57, 63, 122, 494
Konstantin Angelos, byz. Admiral 407. 417 Leo Frangipani, römischer Adliger 93, 482, 520
Konstantin Dukas Angelos, byz. Usurpator 559f. Leonardus, prior Scti. Nicolai de Corintho,
Konstantin Mesopotamites, byz. Gesandter 100, Venezianer 196
569 Leon Sguros, byz. Usurpator, Herr von Korinth
Konstanz, Vertrag von 1153 418, 429f., 433, 439, 316, 578, 590
448 Leone Vetrano, gen. Pirat, Herr von Korfu 195,
Konstanze, Tochter Rogers II., Gattin Heinrichs 308
VI. 522, 546, 565, 570 Lesbos 57, 63, 122f., 129, 372, 614, 624, 631
Korfu 25, 32, 52, 55, 57, 63, 194f., 330, 345f., 370f., Leukas 63, 192, 200, 339
404f., 407f., 412, 547, 557, 620, 624f., 628f., Levunion, Schlacht von 1091 143, 337
635 "Liberatio Orientis", lat. Quelle 345
Korinth 52f., 55, 57, 63, 108, 195ff., 216f., 219f., "limenatikon", Steuer 50
404f., 446, 578, 590, 597, 628; ven. Kirche S. Liutprand von Cremona, Geschichtsschreiber 5
Nicolaus 196f. Λογοθέτης τοῦ δρόμου, byz. Titel 2, 6, 11, 45f., 82,
Korone 52f., 55, 57, 63, 197f., 216f., 621 101, 105, 326
Korykos 618, 622 Lombardei/Lombardischer Städtebund 455, 464,
Kos 63, 120, 129, 372 470, 479, 481, 483, 486, 497, 510, 514, 566
Kotyaion 172, 175 "Longobardi"/"Longobardia" 2, 7, 386
Kreta 15, 18, 56ff., 61, 63, 67, 110, 114, 120ff., Lopadion 63, 157, 170f.
128ff., 374f., 382, 410, 547, 589, 633 Lothar III., deutscher Kaiser 376f., 382, 385, 394
Lüttich 267
516 Namens- und Sachindex
Ludwig VII., König von Frankreich 404f., 452, 512 Marinus Michael, Venezianer 149
Maritza 54, 204
Madyta 194, 200, 623 Marken 472
Maiander/Maiandertal 51, 55, 63f., 66f., 123, 158, Marmarameer 55, 176, 539f., 557, 623, 629f., 633 s.
164, 174f. auch Propontis
Mailand 267, 435, 439, 455, 460, 481, 514 Matracha 62, 89, 133, 138f., 141f., 499
Makedonien 55, 63, 578 Martinus Paiarinus, Genuese 121
Makri 158, 171 "Mayne” 198
Makronesos 123, 158 Megas Logariastes, byz. Titel 45f.,
Mamistra s. Mopsuestia Megas Logothetes, byz. Titel 80
Malea, Kap 407 Melangeia/Melagina 159
Mani, Halbinsel 198 Melanudion 63, 66
Mantzikert, Schlacht von 1071 50, 329, 596 Melitene 376
Manuel I. Komnenos, byz. Kaiser 22–24, 29f., 35f,, Melos 63
41, 46, 48, 68, 73, 77f., 80f., 84ff., 101, 110, Merseburg 377
113, 131, 139, 141, 283f., 387, 392–525, 535, Mesembria 135f., 200
549f., 553, 566, 570, 572, 603, 605, 610, 613f., Mesothynia 63
627ff., 639f., 643; – und Deutschland 395f., Methone 52f., 55, 57, 63, 198, 200ff., 216f., 372,
398f., 485ff., 521f. – Heirat mit Bertha von 405
Sulzbach 395f., 398ff.; und Friedrich I. Barba- Michael IV., byz. Kaiser 3
rossa 416, 429ff., 524; und Konrad III. 399ff., Michael, frater Ugonis Sartoris, Genuese 179
408, 412, 415f.; – und Genua 84–100, 138ff., Michael Palaiologos, byz. Oberbefehlshaber in
396, 414, 420ff., 448f., 458ff., 479ff., 498–504, Italien 85, 420, 430ff.
519f.; Privileg von 1155 84–87, 421f.; Privile- Michael Stryphnos, Megas Dux 586
gien von 1169/70 87–100, 481–484; und Ita- Milet 159
lien 399ff., 408f., 429–451, 496f., 521; und "Mogronissi" 123
Kreuzfahrerstaaten 392, 451–454, 509ff., 514f., Mohammed Schah, Sultan 364
521; zweiter Kreuzzug 402–404; und Norman- Modon s. auch Methone 198, 200
nen/Sizilien 393ff., 404ff., 416f., 429ff., 443f., Monastras, byz. General 346
447, 455, 487ff., 521f., 628ff. –Heiratsverhand- Monembasia 53, 63, 202, 405, 416, 628
lungen 1166/67 464ff.; Heiratsverhandlungen Monte Cassino, Kloster 359
1171/72 468;– und Papsttum 399f., 463; und Montferrat, ital. Adelsfamilie 524
Pisa 396f., 413ff., 419f., 426ff., 458ff., 479ff., Montpellier 515
518f. – Privileg von 1170 76–78, 484; – und Mopsuestia 20, 50f., 55, 63, 169, 355f., 363, 451
Seldschuken 393, 397, 454, 510–514, 521; – Morava, Schlacht von 1190 559, 576
und Venedig 406ff., 418f., 448, 466–479, 489– Mosson s. auch Methone 201
496, 507f., 515ff., 629ff.; –Privilegien von Mosynopolis 557
1147/48 22–24. 410f. Muszun s. auch Methone 198, 200f.
Manuel Butumites, byz. Gesandter 346, 622 Mykonos 123
Marchio Landola, gen. Söldner 140, 636 Mylasa 63, 66
Marcus Albani, Venezianer 145 Myra 117, 159f., 340
Marcus Bembo, Venezianer 240, 262 Myriokephalon, Schlacht 1176 175, 513ff., 523,
Marcus Conti, pis. Gesandter 180 525
Margaritone, norm. Admiral 311, 558 Mytilene s. auch Lesbos 63, 122f.
Maria von Antiocheia (Xene - ξένη), Gattin Manu-
els I., Mutter Alexios’ II. 452. 526ff., 535, 542, Naissus s. auch Niš 217
544 Natura 181
Maria, byz. Gattin Amalrichs I. 153 "nauclerus" 266
Maria Komnene, Tochter Manuels I., Gattin Nauplion 52f., 55, 57, 63, 131, 202f., 217, 220, 533
Rainers von Montferrat 465, 470, 485, 488, Navarino 203
497, 515, 526, 535, 537, 544
Namens- und Sachindex 517
Naymerius, Sohn des ven. Dogen Petrus Polanus Pamphylien 574, 621
406 Panagia 494f., 631
Neapel 377 Paphlagonien 559
Negroponte 52, 119f., 631 – s. auch Euböa Paphos 126, 573
Neokaisareia 135 Päpste/Papsttum 42, 349, 359, 365; – und Byzanz
Neokastra 63f., 66 359, 399f., 463 ; und Deutschland 376ff., 399f.,
Nichola de Rodulfo, gen. Gesandter 459 455, 552 – s. auch unter den einzelnen Päpsten
Nicola Boiamundi, Genuese 121, 147 "Paradonicum" 440, 636
Nicolaus Albino de Torcello 227 "Partitio Romaniae" 65f.
Nikaia 160, 169, 172, 176, 337, Paschalis II., Papst 359
Nikephoros II. Phokas, byz. Kaiser 130 Paschalis III., Papst 464
Nikephoros, byz. Gesandter 395f., 398 Paschia 162, 171, 204, 637
S. Nicolaus/Nikolaos, Reliquien 340ff. Pasequia 162
Nikomedeia 63, 160f., 559 Patara 117, 152, 162, 617
Nikopolis 63 Patmos 123, 547; – Johannes Prodromos-Kloster 6,
Niksar s. Neokaisareia 123
Niš 62, 182 – s. auch Naissus Patras 63, 204
Normannen 8, 14,16, 18, 22, 58, 71, 83, 86f., 130, Pavia 466, 486
172, 329ff., 376ff., 384, 403, 407, 550, 557, Paxi, Vorgebirge 204
563, 565ff., 593, 605, 607ff., 613ff., 623f., 626, Pegai 162f.
629, 632ff.; – und Alexios I. 330ff., 348ff.; und Pelagonia 62
Andronikos I. 547ff.; und Deutschland 376ff., Peliponiso s. Peloponnes
546, 570; und Genua 422ff., 639; und Isaak II. Peloponnes 52f., 55, 57, 63, 131, 192, 204f., 216f.,
557, 568; und Manuel I. 393ff, 404ff., 416f., 219, 597f., 621
429ff., 443f., 447, 455, 464ff., 488, 521f., Pentapolis 447
628ff.; und Papsttum 348; und Pisa 376f.; und Pera 76f., 89, 99, 206, 217, 428, 457
Venedig 8, 11f., 331ff., 377, 417f., 504ff. – s. "Perforum" 206
auch Sizilien, Unteritalien und unter den Pergamon 55, 163, 172f., 175, 467
einzelnen Herrschern Peritheorion 52, 54f., 57, 63, 206
Nur ad-Din, Atabek von Mossul 452f. Persien 143
Nürnberg, Reichstag 1156 434f. Petrus Aurio, Venezianer 149
Petrus Camerarius, byz. Gesandter 178
Obertus da Volta, gen. Söldner 640 Petrus Cornarius, ven. Gesandter 35
Obertus Visiolius, gen. Söldner 421f., 636 Petrus Diaconus, Geschichtsschreiber 382
Ochrid 62, 204, 216 Petrus de Ferragudo, Venezianer 136
Oinoie 134f. Petrus da Mugla, Venezianer 227
Opsikion, Thema 63 Petrus Polanus, Doge 384, 388
"Orcu", Vorort Konstantinopels 89, 99 Petrus Ziani, ven. Gesandter 549
Oreo Mastropetro, Doge 28, 47 Petschenegen 135, 142f., 332f., 337, 351, 367, 369,
Ostgoten 325, 350 371
Otranto 244, 404 Philadelpheia am Maiander 27, 34, 63ff., 158,
Ottobono della Croce/Ottobonus de Cruce, gen. 163f., 559, 597
Gesandter 587, 640 Philaretos, armenischer General, Herr von
Ottobonus, Genuese 181 Antiocheia 50, 329
Otto von Freising, Geschichtsschreiber 431ff. Philipp II. August, König von Frankreich 571
Philipp, Graf von Flandern 512
Padua 466 Philipp von Heinsberg, Erzbischof von Köln 479
Palästina 71f., 74, 80, 87, 110, 360, 362, 551, 573, Philippi 206f.
599, 608, 611, 613, 619, 622, 624 – s. auch Philippupolis 63, 207f., 216f., 220
Kreuzfahrerstaaten, Syrien Philomelion 164ff., 172, 174
Palormo 161f., 171 Phineka, Fluß 165, 176, 571
518 Namens- und Sachindex
Phokaia 50, 52, 55, 57, 63, 165f., 170, 600 Rhodos 51, 63, 76, 124f., 129, 131, 340f., 372f.,
Piraterie s. Italiener 573, 617, 620, 624f.
Pilger/Pilgertransport 268f., 278f., 513 Ribaldus, gen. Söldner 635
Pisa/Pisaner 5, 12, 19, 33f., 60f., 65, 67f., 84ff., 91f., Robert von Capua 376
98ff., 102, 103–115, 130, 132, 136, 138, 142, Robert, Graf von Flandern, Anführer des ersten
170, 329, 339ff., 348, 352, 357–364. 368f., Kreuzzugs 340
376ff., 412ff., 419f.; – und Alexios I. 69–76, Robert Guiskard 11f., 52, 107, 171, 330f., 337,
339ff., 617ff.; und Alexios II. 535ff.; und Ale- 351f.
xios III. 582–586; und Andronikos I. 539ff.; Robert, Herzog der Normandie, Anführer des
und Deutschland 458ff., 479f.; und Genua 415; ersten Kreuzzugs 340
und Isaak II. 79–83, 561f., 571, 575f.; und Jo- Rodoanus de Mauro, Genuese 150
hannes II. 379ff.; und Kreuzfahrerstaaten 69– "rogadia" 265
76, 78, 356f., 426ff., 448f.; und Manuel I. 76– Roger, Bruder Robert Guiskards 330
78, 396f., 413ff., 417, 419f., 426ff., 448f., 458ff., Roger II., König von Sizilien 107, 376ff., 387,
518f.; und Normannen (Sizilien) 376f.; – Privi- 392ff., 400, 403 f., 413f., 416ff., 435, 504, 626,
legien 103–115; Privileg von 1111 60, 69–76, 628, 635
356–362, 484; Privileg von 1135 379ff.; Privi- Rom 437, 464
leg von 1170 76–78, 484 ; Privileg von 1192 Romania 9f., 17, 21, 25f., 28ff., 34, 42ff., 46, 56f.,
79–83, 571f.; und Venedig 34ff., 508, 528–532, 69f., 74ff., 81, 83, 87f., 92, 94, 96, 99f., 102,
582, 619f. 106f., 111ff., 137, 344
Platamon 63, 209 Romanos II., byz. Kaiser 3
Plathenea 208 Romanos IV. Diogenes, byz. Kaiser 329
Poliponissus s. Peloponnes Romanus Mairano, ven. Kaufmann 145f., 167f.,
"poriatikon", Steuer 50 170, 193, 224ff., 229, 236, 259, 262, 266, 271f.,
Propontis, s. auch Marmarameer 63, 616f. 298f., 323, 336, 478f.
Prosuch, byz. Gouverneur von Athen 546 Roussel von Bailleul, norm. Söldner 330
Protosebastos, by z. Titel 8ff.,12f., 147, 103, 335 Rudolf, Graf von Pfullendorf 279
Provins 267 "Rum" 561
Prusa 166, 545 Rum, Sultanat von 338
"Pseudoalexios", Usurpator 547 "Rusia" 89
Pylai 63, 165f. Russia 62, 133, 139, 141f.
Pythia 63 Rußland/Russen 133, 136, 139, 142, 141.
"Quartiere" 109 – s. auch unter Genuesen, Pisaner, Saladin, Sultan 487, 511, 551f., 555, 568, 571,
Venezianer, Deutsch, Franzosen 573ff., 592
Salamis 117
Raclea 190 Salerno 377
Ragusa 180, 244, 417, 493f., 504f., 572, 631, 638 Salernus, norm. Admiral 407, 417
Raimund, Fürst von Antiocheia 383, 390, 392, 408, Samos 63, 118, 125f., 129, 372
411, 413 Sampson 66
Raimund von St. Gilles, Anführer des ersten Samuel Mairano, Venezianer 167
Kreuzzugs 338, 340, 353, 355 Sangarios 172
Rainald von Dassel, deutscher Reichskanzler 442 Sardinien 415, 460
Rainer von Montferrat, Gatte Maria Komnenes Satalia 150ff.
488, 515, 527, 544 Save 468
Rainerius Gaetani, pis. Gesandter 585 "scala" 301
Raoul, Graf, Anführer des ersten Kreuzzugs 616f. "scalaticum", Steuer, Abgabe 301
Rascien 339 Scalendros, Fluß 149, 307
Ravenna 325, 441f. Schaizar 383f.
Rhaidestos 44, 54f., 57, 63, 67, 190f., 209f., 216f.; – Schiffbau 209
ven. Kirche Scta. Maria 178, 209
Namens- und Sachindex 519
Schwarzes Meer 15, 43f., 46, 56ff., 61, 68, 99, 105, Strobelos 50f., 55, 57, 63, 168, 170
111, 133–144 312f., 603 Stromlo 168
Sebasteia 135 Strumitza 62
Sebastiano Ziani, Doge 508, 530 Strymon, Thema 54, 62
Sebastos, byz. Titel 85 Subleon 174
Sebenico 468 "Suria" 261
Seidenstraße 141 Syrien 51, 71f., 74, 86f., 89, 94, 110, 245, 261, 360,
Sekreton tu epi ton oikeiakon, byz. Behörde 10, 23 371, 378, 421f., 531, 536. 541, 547, 568, 597,
Seldschuken 58, 130, 134f., 169, 171ff., 329ff., 599f., 603, 608, 611, 613, 616, 618, 621, 623,
337f., 364, 367, 393, 397, 404, 452, 508, 510ff., 625f. – s. auch Palästina
526, 551f., 558ff., 596, 605, 615
Seleukeia, Kilikien 63f., 166f., 618, 622 Tana 141
Selymbria 54f., 57, 63, 210 Tankred, Regent von Antiocheia 346, 348f., 353,
Serbien/Serben 351. 367, 371, 408ff., 416, 454f., 355, 358f.
467, 469f., 523, 525f., 550, 555, 576, 605 Tankred von Lecce, norm. Gegenkönig 566, 570
Sicres 229 Tanto, gen. Gesandter 569
Side 149 Tarsos 20, 50f., 55, 63, 169, 363
Sidon 362 Tatikios, byz. General 338
Sigerius, pis. Gesandter 585 Theben 52f., 55, 57, 61, 63, 108, 112, 137f., 210ff.,
Signorectus, pis. "burgensis" 297, 299, 458f. 216f., 404f., 445, 499, 597, 628; – ven. Kirche
Simon Istrigo, Venezianer 202, 533 S. Casssianus 211
Simon filius Marini de Sosilia, Genuese 184, 270 Theodora, byz. Gattin Bohemunds III. von Antio-
Sinope 134f. cheia 509, 515, 551
Sirmium 468, 470 Theodoros Mankaphas, byz. Usurpator in Phila-
Sitalia 150 delpheia 559
Sizilien 7, 27, 30, 32ff., 41, 43f., 71, 78, 98, 244, Theologos s. Ephesos
326f., 352, 365, 376ff., 403f., 425, 444, 479f., Thessalien 54f., 57, 111, 190, 192, 217, 219f., 540,
487f., 493f., 504, 510, 531, 565, 570, 576f., 598, 623
579ff., 608ff., 636ff. – s. auch Normannen, Thessalonike 14, 30, 32, 52, 54f., 57, 62f., 104,
Unteritalien und unter den einzelnen 108f., 213ff., 216f., 219f., 312, 405, 546f., 557,
Herrschern 564, 584f., 590, 619, 632, 639; Vertrag von
Skiros 122, 126, 493f., 631 1148 399, 401f., 408
Skopje 62, 210 Thomas Faletrus, Venezianer 199
Smyrna 52, 57, 67, 167f., 170ff., 341, 597f., 614f. Thrakien 54f., 63, 67, 192, 217, 219, 540, 578,
Soldaia 137 597f.
Solgarisius, Genuese 121 Tivoli 436f..
Sougdaia 137 "Totus Mundus", Schiff des Romanus Mairano 146
Sozopolis 172, 174f. Trani 377
Spalato 244, 372 "Translatio Nicolai", Quellenwert 76, 340ff.
Sparta 53, 57, 63, 198 – s. auch Lakedaimonia Trapezunt 133ff., 139, 143, 312f., 560, 578
Spiga 162 Trikkala 63, 216
Spoleto 430f., 437 Tripolis 80, 245, 261, 353ff., 361, 364, 618, 622
Staliminum 122 Troas 54
Stalimyro 148 Tyrus 245, 261, 371, 427, 62
Stamere 148 Tzachas, Emir von Smyrna 130, 172, 337, 614f.
Στειριόνης s. Stirione Tzurulon 63, 216
Stephan Nemanja 454, 526
Stephanos Hagiochristophorites 546 Ugo, Abt des Klosters Beata Maria in Adrianupolis
Stirione, Johannes, ital. Pirat und Söldner 176, 308, 178
582f., 586f., 640 Ugo Botinus, Genuese 147
Stives 210 Ugo Dudonis, pis. Gesandter 384, 396
520 Namens- und Sachindex
"Ultramare" 261 Wilhelm I., König von Sizilien 416–450, 458, 464.
Ungarn 33, 351, 375f., 409, 416, 454f., 467–474, 504, 637ff.
479, 524f., 550, 552, 555, 567, 594, 605 – s. Wilhelm II., König von Sizilien 464, 470, 487f.,
auch unter den einzelnen Herrschern 504, 506ff. 546, 568, 570
Unteritalien 2, 5, 7f., 16 – s. auch unter Sizilien, Wilhelm Jordan, Graf von Cerdagne 353
Normannen Wilhelm von Tyrus, Geschichtsschreiber,
Gesandter nach Kpl. 509
Venedig/Venezianer 1–68, 75f., 78, 814f., 89, 98f., Willelmus Cocoadus, gen. Söldner 140, 636
103–115, 130, 132, 136ff., 169ff., 288, 325ff., Willelmus Policinus, gen. Söldner 636
336, 348, 352, 362f.; – und Alexios I. 8–16, Winke, Fluß 165
331ff., 355, 362f.; und Alexios II. 527–534; Witun 198
und Alexios III. 14–149, 62–68, 578–582; und
Andronikos I. 38f., 516, 543ff., 547ff.; und Dal- Xene s. Maria von Antiocheia
matien 327f., 335f., 362ff., 467ff.; Friede von "xylokalamon", Steuer 50
1177 514, 522, 525; und Genua 544, 561; und
Isaak II. 24–41, 561ff.; und Johannes II. 17–22, Ypern 267
367f., 388, 624ff.; – Kirchen: S. Marcus 9, 14; "Ypoflisus" 205
S. Nicolaus (Lido) 340; Kloster S. Georgius (S.
Giorgio Maggiore) 3, 63, 178, 336; – und Zakynthos 63, 191, 216
Kreuzfahrerstaaten 369ff., 411; und vierter Zanthe 216
Kreuzzug 589ff., 606; und Manuel I. 22–24, Zara 244, 455, 468, 474, 594, 631
406ff., 466–479, 489–496, 507f., 515ff.; und Zermi 120
Normannen (Sizilien) 8, 11f., 33 ff., 377, 417f., Zypern 15, 18, 33, 56ff., 61, 63, 65, 67, 110, 114,
504ff.; und Pisa 340ff., 508, 528–532, 582, 120, 126ff., 374f., 382, 389, 410, 450, 558,
619f.; – Privilegien 103–115; Privileg von 992 563, 573, 578, 592, 617, 633, 636
1–8, 326f.; Privileg von 1082 8–16, 50–59,
331ff.; Privileg von 1126 17–22, 373f., Privile-
gien von 1147/48 22–24, 410f.; Privilegien von
1187/89 24–41, 564–567; Privileg von 1198
41–49, 62–68, 581; "terra ferma" 599 – s. auch
unter den einzelnen Dogen
Veroneser Städtebund 463
Vestiarion/Vestiarites, byz. Behörde 29, 37, 90
Via Egnatia 15, 52, 54, 62, 183, 216, 249f., 253,
330, 405, 547
Victor XV., Papst 455
Vigla 9
Villanus Gauxonus, Genuese 140, 277, 505
Vinopolis 207
Vitalis Faletrus, Doge 336
Vitalis Michael, Doge 495, 631
Vitalis da Mugla, Venezianer 227
Vitalis Voltani, Venezianer 505
Vivianus Faletrus, Venezianer 199
Vlachia 63
Vlachobulgaren s. Bulgaren