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Upanishaden

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Upanishaden.

Wie aus einem Holzfeuer Dunst und Funken aufsteigen, so die Upanishaden
aus dem Urgrund der Welt.

Des Menschen Innerstes ist das Atman; der Welt Innerstes ist das Brahman;
aber beide bezeichnen nur zwei Seiten dessen, wofür es außer om keinen
dritten Namen gibt. Deshalb, Brahman ist alles, und Atman ist alles, Brah-
man und Atman sind dasselbe, Mensch und Welt, das Holzfeuer und der
Urgrund. Om, – om, – om. – Ebenso Handlung und Besinnung; die
Handlung führt mich in die Welt, die Besinnung führt mich in den Urgrund;
beide Male bin ich es, der sich dorthin oder hierhin wendet; ich bin jenes
Ich, und ich bin dieses Ich; ich und ich sind derselbe. Om, – om, – om, –
Dort in der Welt oder hier im Menschen ist es Brahman selbst, der sich selbst
begegnet. In der Welt begegnet Brahman sich selbst, im Menschen begeg-
net Atman sich selbst; in Welt und Mensch begegnet Om sich selbst. Des-
halb gilt für mich, alles bin ich selbst, direkt oder indirekt, ganz egal, „tat
twam asi“. Om, – om, – om. –

Wie eine Pflanze ihre Gestalt wechselt, je nach Alter und Standort, aber in
allem bewahrt sie sich ihre Gattung, ebenso gestaltet sich Brahman im kos-
mischen Raum, hier oder dort, früher und später, bewahrt sich in allem seine
Gattung, die unsichtbare, ungestaltete. – Es gibt nur ein Brahman und nur
eine Gestalt Brahmans; aber in dieser Gestalt erscheint er überall im Univer-
sum und immer wieder während der Ewigkeit. Auch die Pflanzengattung ist
nur eine, und es gibt nur eine Gestalt für jede Pflanzengattung; aber in dieser
Gestalt erscheint sie überall auf der Erde und immer wieder während des
Zeitenlaufes. – Mit allem, was existiert, ist etwas Gattungsmäßiges ver-
bunden. Jede Pflanzengattung hat ihre innere Gestalt und ihre äußere Ge-
meinschaft. Also auch die Daseinsgattung „Pflanze“; sie gliedert sich in
viele Arten wie Rosen, Tulpen, Nelken, – und es gibt eine Gemeinschaft
aller solcher Floras des Universums von Stern zu Stern. Die letzte und größ-
te Gattung aber heißt Brahman; seine Gestalt ist die Welt, und seine Ge-
meinschaft das Universum aller Welten. Desgleichen das Atman; seine
Gestalt ist der Mensch, seine Gemeinschaft die Menschheit. Und ebenso der
einzelne Mensch; seine Gestalt sind die Taten und Werke, seine Gemein-
schaft die Gedanken und Ideen, in welchen die Werke miteinander leben.
Darum, alles ist und alles bleibt Brahman; Brahman ist alles in allem, Brah-
man ist groß und ewig. Om, – om, – om. –

Brahman ist das Herz der Welt, aus dem alle Gestalten und alle Gemein-
schaften solcher Gestalten hervorgegangen sind, die sogenannten Exemplare
und ihre Gattungen. Diese sind die Taten und Formen, Brahman jedoch ist
das Wesen und die Wirklichkeit. Frei – ist die erkennende Seele, sich dem
von ihr bestimmten Primat gegenüberzustellen oder zu vermählen; glücklich
– aber ist allein die Seele, welche Brahman in ihr Herz aufnimmt, denn ihr
Atman wird in das Herz Brahmans eingehen. – Denn das mit Brahman
vereinigte Atman regiert über die ganze Welt; nichts und niemand besitzt
eine Verfügungsgewalt über es. Das freie Atman schafft alle Werke der
Welt aus seiner gegenwärtigen Vereinigung mit Brahman heraus; aber das
unfreie Atman schafft seine Werke aus einer Abhängigkeit gegen seine spä-
tere Vereinigung mit den Werken heraus. Glücklich leben kann nur, – wer
wunschlos unabhängig oder genial schöpferisch tätig wird; unglücklich lebt
die aufgrund ihrer innerpersönlichen Einstellung – in Wünschen und Ab-
hängigkeiten schmachtende opponierende, verkehrt orientierte Seele. Die
freie Seele erkennt das Primat Brahmans gegen Atman, des Leibes gegen den
Kopf, der Natur gegen die Sterne, – und sie vereinigt ihr Atman ganz mit
dem also erkannten Brahman. – Frei und glücklich lebt diejenige Seele,
welche sich nicht abhängig macht von dem, was sie selber tut, tun wird oder
tun soll. Man ist niemals das, was man aus sich macht, sondern stets ist
einer das, aus dem heraus „er“ nach „seiner“ Wahl mehr oder weniger lebt.
Durch noch so vieles Tun kann niemand sein „Grundwesen“, dh. aber sich
selbst beeinflussen, denn ich und ich – sind derselbe, sondern das Tun bleibt
stets gegen den Täter untergeordnet und vom Täter abhängig. Niemand
kann sich selbst an seinen Haaren oder an seinem Geiste in die Höhe ziehen
oder entwickeln, niemand kann etwas aus sich machen das er nicht längst in
seiner all solchem Tun überlegenen Weise bereits ist. Nicht die Anlage ist
das Unwirkliche, sondern ihre Werke und Leistungen. Eitel ist alles Streben
und Verlangen nach Glück, Erlösung, Vollendung oder Freiheit; gesund und
richtig ist allein die schöpferische Tat aus dem Brahman heraus. Om, –
om, – om. –

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Jene Macht, welche allen Bewegungen in der Natur oder im Menschen
zugrunde liegt, ist Brahman; außer ihr gibt es nichts, auch nicht „mich
selbst“ oder „meine eigenen Absichten“; mein Atman und dein Brahman, o
große, herrliche Welt, sie sind eins und identisch. – Ich, in meiner Wahr-
heit, verlange so aus tiefstem Herzen, nach keiner anderen Unsterblichkeit,
als welche mir längst angeboren und mitgegeben ist (Novalis); aber das
existenzielle Denken – breitet einen Schleier über diese Wahrheit, unter
welchem sich die Suche nach ihr wie ein unruhiges Träumen gebärdet, oder
der Verlust wie ein tiefer Schlaf. – Die Welt ist wie der Rosengarten eines
großen Königs, dessen Stacheln das Gift der Betäubung auf seinen Besucher
übertragen, und dessen Rosen ihn mit dem Duft eines vermeintlichen Lebens
umgeben, in welchem Schlafen und Träumen zuhause sind. Om, – om, –
om. –

Wer ist es, der in meinem Kopfe denkt, der in meinem Herzen lebt, wer
spricht mit meiner Zunge, und wer schläft in meinem Leibe, wer lenkt meine
Schritte, und wer greift mit meiner Hand, wer hat von meinem Tellerchen
gegessen und wer in meinem Bettchen gelegen? Wer erkennt, wer horcht,
wer schaut, wer schmeckt und wer empfindet Lust oder Leid? Wer sagt,
dies ist mein Körper, und wer bewegt diesen Körper? – Es ist Brahman,
der auch die Wolken des Himmels antreibt, der die Wellen des Meeres auf-
wirft, der die Gräser aus dem Erdreich herauszieht und die Blätter der Bäume
bewegt, der im Blitz auf die Erde saust und im Vulkan gegen den Himmel
stürmt. – Im engen Sinne ist „mein“ nur das eigene Atman und sonst
nichts; das „Mein“ Brahmans ist sein „Atman“, und es gibt nur ein Atman,
wie es nur ein Brahman gibt; Atman und Brahman sind ein und dasselbe.
Im weiteren Sinne ist „mein“ die ganze Welt; nicht nur dieser Leib oder
jenes Besitztum und Anhängsel des Leibes wie zB. Brieftasche, Taschenuhr,
Bankkonto oder Heimat. Ich – bin nichts oder alles, bzw. wiederum ich,
jedoch weder dieses noch jenes ganz speziell bzw. ausschließlich. Ich –
bin dieses Bewußtsein und dieser Leib genauso wie jenes Bewußtsein und
jener Leib oder dieser Baum und jener Fluß, dieser Berg und jener See, tat
twam asi. Ich bin nichts von allem oder alles in allem; ich bin ich. Der
Urgrund ist auch nicht außer mir, und ich bin auch nicht außer dem Urgrund.
Es gibt nur ein Ich; dieses Ich ist es selbst, nichts ist außer dem Ich, alles ist
alles, und ich bin dieses Ich. Om, – om, – om. –

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Nicht der Mensch begreift diese Philosophie, sondern Brahman begreift diese
Philosophie. Nicht der Mensch sieht den Sonnenaufgang, sondern Brahman
sieht den Sonnenaufgang. Nicht der Mensch hört den Jubel der Lerche,
sondern Brahman hört den Jubel der Lerche. Nicht der Mensch bratet sich
den Fisch, sondern Brahman bratet mit Hilfe dieses Leibes diesen Fisch;
nicht der Mensch liest morgens Zeitung, sondern Brahman liest mit Hilfe
dieses Leibes Zeitung. Nicht der Mensch spielt draußen Tennis, sondern
Brahman spielt draußen mit Hilfe dieses Leibes oder mehrerer Tennis.
Nicht der Mensch geht durch einen Wald, sondern Brahman geht als Mensch
durch sich selbst als Wald, genießt sich selbst vermittels Mensch und Wald,
denn es gibt keine Menschen ohne Wälder im kosmischen Raum, und Genie-
ßender, Genuß oder Genossenes sind für das höhere Leben völlig identisch;
diese Verhältnisse brauchen nur noch hinreichend mit Gedanken durcharbei-
tet zu werden, um vom Erwachen zur Auferstehung zu führen. Brahman ist
außer mir, ist ich selbst – und in mir. – Brahman ist nicht das Objekt
philosophischer Mußestunden, sondern der Jauchzer eines lustvoll dahinja-
genden Lebens, die Triebfeder einer jeden höhermenschlichen Äußerungs-
weise. Ich kann meines Brahmans innewerden, aber ich kann nicht darüber
„belehrt“ werden; ich kann dieses Kleinod in meinem Herzen lieben, aber es
kann nicht von mir wie ein großer Held in Ritterrüstung „verehrt“ werden.
Brahman „lieben“ bedeutet Brahman sein. Brahman ist so unscheinbar und
einzig; gerade darum ist er so unendlich liebenswert; Glücklichkeit über
Glücklichkeit, wer Brahman in seiner Winzigkeit zu finden imstande war;
Liebe ohne Absehen und Ende allen denen, die sich so klein wie Brahman zu
machen verstehen lernen, um Brahman lieben zu können in der unscheinba-
ren Winzigkeit eines freudig um sein Feuer springenden Wichtelmännleins:
om mani padme hum. – Brahman ist die Fliege an der Gardine und das
Lesezeichen in meinem Buch, die Fahne auf dem Dache und die Vögel in der
Luft, das Feuer im Kamin und die Bank, auf der ich sitze; Brahman ist der
Frieden in allen Menschen, die in Brahman eingegangen, denen Brahman
aufgegangen ist. – Gäbe es Brahman nicht, wären diese Gedanken unmög-
lich, würden solche Worte nicht gesprochen werden, ließe es sich nicht da-
nach leben. Was einer im Sinne Brahmans spricht ist wahr, auch wenn er
sich schief oder gar falsch ausdrückt; wer sich jedoch korrekt ausdrückt,
ohne selbst dieser Meinung zu sein, der lügt. – Gedanke ist alles; Worte

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sind wie der Rauch, unter welchem das Feuer schwelt. Feuer kann wärmen,
Rauch aber wärmt nicht, ja er erstickt womöglich die Flamme. – Meditati-
on ist wie ein friedvolles Gespräch über die erregenden Abenteuer der lichten
Welt, nachts am wohligen Lagerfeuer, mitten im dunklen Wald.

Etwas verständnisvoll tun, essen, hören oder sehen setzt bereits das Ich vor-
aus; dieses aber ist wesentlicher als Tun, Essen, Hören oder Sehen. –
Ebenso setzen Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen das Brahman voraus;
und Brahman ist wesentlicher als Steine, Pflanzen, Tiere oder Menschen. –
Ich und Brahman sind identisch; nicht kenne ich „das Brahman“ und spreche
von mir selber, sondern ich bin „das Brahman“ und spreche von mir selbst.
Sein ist mehr als Kennen, Sein ist „transzendentale Erkenntnis“, lebendige
Gewißheit und intuitive Erfahrung. – Oder auch, Sein ist Ausdruck Brah-
mans und Brahmans Spiegelung; Erlebnis ist Brahmans Ausdruck und
Brahmans Spiegelung; Erlebnis ist transzendentales Sein. Das Erlebnis der
Vollkommenheit ist das Sein der Vollkommenheit in Erlebnisform; das
eigentliche Sein des Erwachten einer wirklich „lebendigen“ Seele. – Die
Selbstbesinnung Brahmans ist transzendentale Menschlichkeit; diese erfüllt
den liebenden Drang einer Seele nach Unsterblichkeit – und satte Allge-
genwart in den Dingen; alles übrige Gerede darüber – sind müde Worte
unvermögender Schlaftrunkener. Wachsein und Lebendigsein heißt die
Devise einer „lebendigen Seele“. Diese Selbstbesinnung führt zu Autarkie
und Mündigkeit der Person; keine Allgemeinbildung und auch kein
Wohlstand verhelfen dazu. – Es hat umsonst gelebt, wer nicht diese Mün-
digkeit Brahmans zum Erlebnis gebracht hat, wie das Unkraut, welches vor-
zeitig ausgerissen wird. Eben daher die Schwere des Abschiedes im Tode
Unvollendeter, die keines natürlichen Ursprungs ist, ohne allen dyonysischen
Schwung, ohne apollinische Einsicht.

Einst kam ein Streit auf, welches die stärkste Macht in der Welt sei, und man
entschied für das Feuer, denn das Feuer kann alles vernichten. – Da ent-
stand aber ein Sturm, und es gelang nicht, das Feuer zu entzünden, sondern
der Wind blies es sogleich aus; – also wurde der Wind für stärker als das
Feuer gehalten, und der Wind fegte alles hinweg, nur die Berge ließ er ste-
hen. Darum galten die Berge für stärker als der Wind und das Feuer. – So
regierten die Berge über unsere Welt, die selbst den Wolken Befehle erteilen

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konnten. Aber es fiel ein Regen und löste die Berge auf. Da merkte man,
daß sie allesamt aus dem Nichts herstammten, und daß das Nichts stärker
war als alle Elemente der Welt, daß im Unscheinbaren die ganze Macht und
alles Leben beschlossen seien. – Dies ist die Wirklichkeit Brahmans, –
eine Wolke, die über den Himmel fährt, auf welcher Brahman thront, – ein
Tautropfen im Grase, in dem sich Brahman spiegelt, – ein Blatt vom Baum,
mit dem Brahman zur Erde segelt, – ein Mensch im Gehölz, durch den
Brahman seiner selbst gedenkt. Einzig das Böse ist Brahman nicht, welches
sich selbst zu Brahman machen möchte, welches eine Vielheit von Wirklich-
keiten oder Persönlichkeiten stiften möchte und an die Leere des Raumes
oder das Nichts des Urgrundes glauben lehrt, der Abgrund des Tautologi-
schen und der Sinnlosigkeit, der Frivolität und der Zauberei. Brahman ist
allein liebenswert; wer sich Brahman hingibt, der genießt alle Liebe der
Welt, denn Brahman wird allenthalben geliebt. Om, – om, – om. –

•|•

Die Schönheit Brahmans erweist sich durch die Welt; die Unsterblichkeit
der Welt erweist sich durch Brahman; es gibt nur ein Brahman und nur ein
All. – Das Geheimnis wahrer Unsterblichkeit öffnet sich allein denen, die
reinen Herzens sind; denn wer zur Lüge und Fälschung neigt, befindet sich
dadurch in Opposition gegen das allem Überlegene und in Abhängigkeit von
dem ihm Unterlegenen. Die Opposition hat nicht nötig, wer die Vollmacht
des Ganzen in sich pflegt. Darum kann nur die wirkliche Herzensreinheit
des Brahman innewerden, denn das Reine ist das allem Gemischten und
Unreinen Überlegene.

Ein Bauer namens Vajasrabasa hatte einmal drei Söhne und folgte dem all-
gemein üblichen Brauch, sich die Gunst Brahmans durch Opfer zu erkaufen,
indem er einige seiner hinfälligsten Rinder abgab; ursprünglich war aller-
dings gefordert, die ganze Habe aufzugeben, – und auch das nicht in äußer-
licher Beziehung, sondern persönlich davon Abstand zu nehmen. – Mit
dem Sinn dieser Handlung ging erklärlicherweise aber auch ihr Vollzug
verloren, und so „opferte“ man das im menschlichen Sinn Entbehrliche, ohne
dabei das im übermenschlichen Sinn Unentbehrliche zu gewinnen. Hinzu
kam noch eine Verwechslung des Persönlichen mit dem Sachlichen, indem
man zu der Annahme neigt, durch Kauf und Verkauf sich „Gunst erhandeln“

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zu können, die als solche ja vollständig außer allem Handel, ja sogar außer
allem Verhalten steht und sich ganz auf das Ursprüngliche beschränkt in
seiner Unscheinbarkeit oder seinem Nichthervortreten.

So dachte einer der Söhne dieses Bauern, Natschiketa, oder die „erste Stim-
me“ seines unbewußten Gewissens, daß doch die Abgabe dessen, was man
ohnehin loswerden möchte, nicht als „Opfer“ gelten und also auch nicht die
Wirkung eines Opfers zeitigen könne. Zumal auch noch genügend Besitz
verbleibe, an den man sich hängen, durch welchen man Gott verraten kann,
also daß er zu seinem Vater ging und ihn fragte, wem er nun geopfert werden
sollte. Mit der Zeit kamen auch den übrigen Söhnen solche Bedenken, und
sie sprachen alle im gleichen Sinne bei ihrem Vater vor.

Vajasrabasa hatte darum vom Opfern seiner Stiere schließlich ganz Abstand
genommen und sich der Meditation verschrieben. Während dieser Meditati-
on stieg aber sein erster Sohn Natschiketa immer tiefer in das Reich der Un-
terwelt und sah das Licht drei Tage nicht mehr, wodurch er sich drei Ver-
dienste für die Seinen erwarb, die ihm wieder zum Aufstieg verhelfen konn-
ten. Inzwischen unterrichteten finstere Diener den Fürsten des Todes von
der Ankunft Natschiketas, der Seele eines Brahmanen so groß und stark wie
Feuerflammen, im Gesinnungskampf. – Nach der ersten Schlacht erbat
sich Natschiketa Glück und Frieden, wie er sie kannte, bevor sein Vater den
Entschluß zu meditieren gefaßt hatte. Als zweites erbat er sich Auskunft
über das Geheimnis des Weges vom Frieden ohne und vor der Meditation
zum Frieden durch und nach der Meditation, der Feuerrituale, der Opferritua-
le, denn Tod und Feuer bilden den Übergang zu Licht und Leben des ewigen
Himmels. Der Übergang ist allerdings noch nicht das ewige Leben selbst,
und deshalb stellte Natschiketa als drittes die Frage an den Tod, was jenseits
des Todes zu erwarten sei, insofern doch ebensogut gesagt werden könne,
der Mensch sei nicht, als auch, der Mensch sei. –

Jetzt erst, nachdem der Gott des Vergänglichen und Ewigen die größten
Bedenken und Versprechungen zugleich gegen diese Frage ins Feld geführt
hatte, nachdem Natschiketa große Zweifel über die Möglichkeit einer Lösung
und Antwort gekommen waren, mit der sich oft genug selbst Götter und
Priester nicht zurechtfinden konnten, denn hier durfte des Bauern Sohn noch
zurück, hatte er die Schwelle noch nicht überschritten, stand er noch immer

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in Vorbereitung, – erst, nachdem der Brahmane sich auf seine schon be-
standenen Prüfungen berief, öffnete ihm der Allmächtige das Tor ins Brah-
man, und das Atman Vajasrabasas erfuhr folgende Belehrung.

Om – ist der Name Brahmans; Brahman ist der Anfang und das Ende von
allem. Om gilt als Abkürzung für Aoum, das vierfache Brahman, nämlich
Brahman, Brahma, Wischnu und Schiwa – oder Sein, Werden, Bleiben und
Vergehen – oder Ewigkeit, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit – oder
Feuer, Luft, Wasser, Erde – oder Gott, Himmel, Erde und Unterwelt. –
Wer Om kennt und erklärt wird stets als Brahmane die tiefste Zuneigung
genießen.

Selbst völlig gestaltlos, enthält Om alle Gestaltungen und wirft sie nach au-
ßen. Om steckt in allen Gestalten, und alle Gestalten stecken in Om. Die
inneren Gestalten in die äußeren wirkend, bleibt Om frei von aller Gestalt in
seiner vierten Wesenheit. Om ist derjenige, welcher alles tut, aber „selbst“
untätig bleibt, eben der „Täter“ als solcher; Om ist das Tun, die Bewegung,
welche aus dem Beweger hervorgeht; om ist die Tat, welche das Werk ges-
taltet; und om ist das Werk, welches gestaltet wird, das aus der Tat hervor-
geht. Om ist das ewigbleibende Om; es ist aber dasjenige Om, welches sich
vorübergehend scheinbar aufgibt und das dann wieder seine Selbstaufgabe
aufhebt, zurücknimmt, zu sich zurückgeht. Om ist Ewiger, Schöpfer, Erhal-
ter und Verzehrer; als Schöpfer ist es Materie, als Verzehrer Seele, denn
Seele frißt die Materie, und Urschöpfung ist noch bewußtlos. Desgleichen
aber auch ist Om Beratender, Rat und Beratener, denn nur das Om kann sich
selbst über das Om belehren resp. vom Om aufgeklärt werden. Die wahre
Erkenntnis ist genauso eine Selbstbefruchtung wie die wahre Schöpfung.
Diese Haltung muß solange geduldvoll zur Gärung gebracht werden, bis ihr
Erfolg aufbricht. Die Weltanschauung wie das Sein des Om ist eine allseits
abgeschlossene, persönliche, in sich zirkulierende, im Gegensatz zur aufge-
lösten, sachlichen, uferlosen des Menschen. Nur das Om selbst kann zum
Om finden und es erlösen. Das erste Om ist König der drei nachfolgenden
Prinzen. Dieses Om lebt jenseits von Vergangenheit und Zukunft, jenseits
von Rechten und Pflichten, von Kausalität und Logik. Om ist größer als das
Größte und kleiner als das Kleinste, schneller als der Blitz am Himmel und
ruhiger als der Spiegel eines Sees bei Windstille. Das wesentliche ist das

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Ewige, und das Zeitliche steht in seinen Diensten. Alles Übel resultiert nur
aus der Verwechslung des Ewigen mit einer seiner drei Zeiten, aus einem
Mangel seiner Erkenntnis selbst als dem Vermögen (Realanlage) der eigent-
lichen menschlichen Persönlichkeit. Kausalität kriecht wie eine Schlange
über die Erde; Freiheit setzt ihre irdischen Werke wie Donnerkeile aus den
ewig zuckenden Blitzen der Sonne des Himmels heraus. Niemand findet
zum Brahman, und niemanden erlöst das Brahman. Viele vernahmen das
heilige Wort, manche erkennen es einigermaßen, nur wenige bekennen sich
dazu, und vielleicht verwendet es auch dieser oder jener. Das Atman ist die
einzige Anlage, um zum Brahman gelangen zu können; mit flüchtigen Op-
fern kann nur flüchtiges Gut erjagt werden; das Ewige ist allein dem Ewigen
zugänglich. Niemand kommt zum Vater, nur der Sohn. Das Eine ist alles
in allem; nichts gibt es außer ihm.

Viele sagen, hier sei die Welt, dort sei das Jenseits; das Jenseits sei das
„Bessere“, wohl dem, der die Welt verläßt, wohl dem Eremiten. Dreimal
wohl jedoch allen denen, die da wissen, daß das Brahman allgegenwärtig sei,
die nicht mehr noch auf ihrer Flucht begriffen sind, die ihre Flucht bereits
hinter sich haben; viermal wohl dem Wiedergekehrten, dem Wiedergebore-
nen, dem Unanfechtbaren, dem freien Liebhaber der Welt, – der Hochzeit
von Himmel und Erde. – Wie der Mensch seinen Finger von sich streckt,
um sein Auge daraufzuwerfen, also streckt die Sonne ihre Erde von sich, um
ihre Strahlen daraufzuwerfen. Wie der Mensch als Beine läuft, um als Kopf
zu beobachten, – so dreht sich Brahman als Erde herum, um als Sonne zu
leuchten. Im Kopf beobachten die Beine selbst, und in den Beinen läuft der
Kopf; in der Sonne leuchtet die Erde selbst, und in der Erde dreht sich die
Sonne. Wie der Mensch als Hand über sich selbst als Kopf hinwegfährt und
die Haare streicht, also auch ist es die Erde, welche als Vogel über sich selbst
hinwegfliegt und die Windrichtung mißt. Der einzelne Leib ist der Tempel
und die vielen Leiber die Stadt Brahmans. Aber diese Stadt ist eine fahren-
de Stadt, und im Wagen fahrend rollt Atman als Wagen über sich selbst als
Weg dahin, wissend, daß er über sich selbst hinwegrollt, – fährt Atman als
Wagen an sich selbst als Wälder vorüber, wissend, daß er an sich selbst als
Wälder vorüberfährt, daß die Wälder als Wagen an sich selber vorbeifahren,
wie die Hand am Körper entlangfährt, – und wie die Hand in eine Hosenta-
sche fährt, so fährt der Wagen in diesen oder jenen Winkel des Waldes. Das

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Atman singt als Vogel aus der Luft sich selbst als Mensch auf der Erde ein
Lied, es trinkt als Pferd in sich selbst als Quelle oder Fluß, und es ist der Fluß
selbst, welcher als Pferd aus sich selber trinkt, sich über sich selber neigt,
und es ist der Vogel selbst, welcher als Mensch seiner eigenen Stimme dort
unten lauscht und hinundher unter den Wolken läuft, wissend, daß dem so
ist. Atman ist es, der sich als Mensch auf sich selber als Wiese, in sich
selbst als Tal niederlegt, und es ist das Tal, welches, wissenderweise, klüger
bei weitem als ein Mensch, sich in menschlicher Gestalt auf sich selber als
Wiese ausstreckt, in sein eigenes Inneres als Himmel hereinschaut, in sein
eigenes Auge, in die Sonne. – Nur zwei grundlegende Weltanschauungen
sind möglich, denkt sich Atman in diesem Moment als Mensch –, absolute
Vielheit oder konsequente Einheit: nicht anders. Alle spirituelle Geister-
schau hat keinerlei Ahnung von der konkreten Möglichkeit eines massiven
Monismusses; und macht sich allein um dieses Mangels wegen – schon
unendlich verdächtig. Nur in einer intensiv verinnerlichten Welt ist ein
konkret verinnerlichter Mensch mit Erfolg praktisch – überhaupt „denkbar“.
Das Atman, ungeboren, ist selbst in seiner Unmündigkeit und Unschuld der
Fahrer als Seele, der Wagen als Leib, die Räder als Glieder, der Verstand als
Zügel, Sinn als Kutscher und Kräfte als Pferde, Bedürfnisse als Wege, und
der Genuß als das Land. Das ist konkrete Poesie; und konkrete Poesie hat
mehr Wahrheit als abstrakte Zweckmäßigkeit, welche in Not, Mangel, Leere
und Begehren ihre Wurzeln schlägt, aus denen ja niemals die Welt entstan-
den sein kann.

Wie im Schlaf die Möglichkeit zu wachen, in den Dingen die Möglichkeit zu


brennen, so steckt in allem das Brahman, im Menschen unter der Bezeich-
nung Atman. – Wie Wasser und Luft Formen alles dessen annehmen,
worein sie gegossen sind, so auch steckt in allem dasselbe Atman unter spe-
zifischen Bedingungen; nicht handelt es sich um selbständige Dinge, Wel-
ten, Personen, oder was es auch sei. Das Hinüberragen des einen Atmans in
die Vielheit der Formen erzeugt Begierde und Größenwahn, weil die Einzel-
form solchen Ansprüchen nicht gewachsen ist, jedoch dafür gehalten wird.
Es entstehen übermäßige Zuwendungen und Abgaben; im Verlust wird
sogleich alles verloren, im Gewinn sogleich alles gewonnen, zB. das eigene
Leben, oder die ewig dauern sollende Liebe, welche aber kürzlich erst be-
gonnen hatte, – eine verrückte Absurdität, der das wahre Atman und Per-

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sönlichkeitsgefühl gänzlich geopfert worden sind. – Um ein Mensch sein
zu können muß Gott sterben; um Gott sein zu können muß der Mensch ster-
ben. Stets Sorge, Bedrohung und Unerfülltheit dort, stets Freude, Sicherheit
und Frieden hier. Gott ist das Licht, welches alle anderen Lichter ansteckt
und ihnen ihren Glanz verleiht. Wer diesen Gott nicht bemerkt, wandert
immer nur von Enttäuschung zu Enttäuschung, von Hinhaltung zu Hinhal-
tung und fällt immer wieder dem Leid zum Opfer. Das Selbstbewußtsein ist
kein Individuum, sondern nur das Erkenntnisorgan für Individualität; ich
erlebe auch nicht meinen Körper, sondern durch einen solchen die gesamte
Welt, also im Blutkreislauf zB. das ewige Leben in den Dingen dieser Welt.
Man muß ab sofort universal beziehen lernen und menschlichen Eigenarten
den Abschied geben; wer so das Scheinselbst vom wahren Selbst trennt –
erlangt darum alsbald die volle Erlösung; wer sich aus dem Zeitenstrom
kühn herausgezogen hat wie einen Halm aus seinem Schaft im Schilf, eine
Taube auf dem Schlangenstab, der ist ein wahrer Erleuchteter, ein echter
Yogi: der große Vollendete.

In dieser Weise erfuhr Natschiketa dreifache Belehrung über die drei Zeiten
vom Herrn des Todes, über die Gefahr, das Ewige mit einer seiner drei Taten
zu verwechseln – und drang hinaus in den wahrhaftigen Himmel der Un-
sterblichkeit. Natschiketa aber war das Atman Vajasrabasas, das durch
dreierlei Zweifel hindurch mußte und jedesmal einen endgültigen Sieg er-
rang. Dadurch verschwand der Bauer gleichsam vor den Augen seiner Söh-
ne und lebte fortan erst restlos glücklich und in Frieden als Brahmane,
gleichsam unsichtbar, ohne Illusion, ganz in der Klarheit des Wahren.

|•|

Wie die Nebel morgens über dem Wasser gegen die eben erwachende Sonne
aufsteigen, so steigen die Upanishaden auf aus der Seele eines Brahmanen
gegen das erwachte Atman in seinem Herzen. Om, – om, – om. –

Einst kamen sechs Suchende zum Weisen Pippalada; aber dieser verlangte
für ein ganzes Jahr völlige Entwöhnung von der Welt, strengste Selbstzucht
und härtestes Studium als Übung. Für ein ganzes Jahr.

Als erster kam Kabnadhi wieder zurück und fragte nach der Entstehung der
Geschöpfe. Wie der Raum seine drei Dimensionen, so hat auch das Reale

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oder das Dasein seine drei Prinzipien in Subjekt, Objekt und Verbindung der
beiden, die Sätze der Weltsprache Brahmans. Diese kehren überall wieder,
durchdringen die ganze Welt und bilden durch ihre Kombination alle Ge-
schöpfe (Worte). – In der oberen Reihe stehen zB. Sonne, Norden, Prana,
Kraft, Bewegung, Brahman, Nahrung, und in der unteren Reihe Mond, Sü-
den, Rayi, Stoff, Form, Welt, Same. Beide zusammen schaffen die Zeit; der
Sonnenpfad zum einen Brahman, der Mondpfad führt in die dreifache Welt.
Wer die Sonne erlangt, ist frei von Geburt und Tod, denn die Sonne zaubert
auf Mond und Erde wohl Stunden, Tage und Jahre, aber selbst untersteht sie
keinerlei Stunde, Tag oder Jahr. – Wie die Sonne ewig und furchtlos steht
am Himmel und allen Dingen leuchtet in der Natur, offen kraftvoll, freudig
und freundlich ohne jede Trübung oder Beeinträchtigung, unbestechlich und
souverän überlegen, aufrichtig und vorbehaltlos sich selbst gemäß, ohne
Rücksicht auf Wetter und Launen oder besondere Umstände bei Tag und
Nacht in der Welt,

also auch das Brahman steht in den Herzen aller Dinge in ewiger Treue
und unverbrüchlicher Kraft, leuchtet ihnen bei Tag und Nacht ohne jede
Trübung oder Beeinträchtigung, ohne sich doch in ihnen zu verlieren, zu
verraten, zu vergessen, aufzugeben, – aufgeschlossen allem Treiben der
Weltendinge, von keinem einzigen bedroht, beneidet oder beargwöhnt, in
ewigem Glück, auch noch diese Dinge beglückend und die ganze Welt mit
Glück begabend.

Was ist das, wovon die Upanishaden ihre Loblieder singen? Es ist das
Brahman; nichts anderes. Nur, wer das Brahman kennt und preist, kann ein
Brahmane, ein Vollendeter, ein Liebender, ein Glücklicher sein. Die Welt
und die Inkarnation der Welt kennen natürlich das Brahman nicht, welches
über ihnen schwebt wie der Geist Gottes über den Wassern in der Tiefe, und
wie Leben für sich, wie die Tiere leben, welche den Menschen nicht kennen.

Danach kehrte Bhargava zurück und fragte nach den Kräften, die im Leib
wohnen, und was die größte unter ihnen sei. – Die kleineren Kräfte heißen
Sinne, Glieder, Bedürfnisse, Triebe, Erkennen, Bestimmen, sowie weiblich
und männlich. Weiblich ist die Sonnenkraft Prana und männlich die Erden-

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kraft Raya; Prana und Raya liegt aber die Hauptkraft Atman zugrunde, die in
ihnen Form annimmt und draußen die Welt gestaltet, Sonne, Mond, Sommer,
Winter, Blitze und Wolken. Atman ist das Unsichtbare in allem Sichtbaren
der Welt, Atman ist Brahman; wer Atman kennt ist Brahmane, Brahman
erlöst von allem Streben und Suchen in Zeit und Raum; wer Brahman kennt
wird wunschlos produktiv, frei tätig und tatenlos vollkommen; er braucht
nur Brahman zu kennen und sonst nichts weiter, denn es gibt nur ein Brah-
man und nur eine Vollkommenheit. Geben macht selig, nehmen macht
unselig. Om, – om, – om. –

Danach kehrte Konsalaya zurück und fragte nach der Entstehung Pranas. –
Prana entsteht aus Atman und enthält Raya. Im allgemeinen werden fünf
Sorten Prana unterschieden; in Sonne und Kopf herrscht Prana pur, in Erde
und Zeugung herrscht Apuna, in Äther und Verdauung zwischen den beiden
herrscht Sumana, in Luft und Herz herrscht Vyuna, in Feuer und Wirbelsäule
herrscht Udana; nach der alten Vorstellung und dem herkömmlichen Glau-
ben betritt Prana im Moment der Geburt, von Atman geleitet, durch die Fon-
tanelle den menschlichen Leib, um Wünsche aus früheren Leben nach irdi-
schen oder geistigen Gütern – weiter zu befriedigen. –

Gargya kam ebenfalls wieder und fragte nach dem Selbstbewußtsein. –


Selbstbewußtsein ist das in sich zurückgebogene Selbstsein oder Leben, und
Leben das in sich zurückkreisende Dasein. Es ist wie der völlig indifferente
Schlafzustand, wo es weder Träumen noch Wachen von irgendeiner Vielheit
gibt. Selbstbewußtsein ist als solches völlige Geistesabwesenheit, reiner
Somnambulismus, ausgesprochen gespenstisch, ungreifbar, durchsichtig, wie
nicht vorhanden. Im Selbstbewußtsein als solchem geht nicht nur die Au-
ßenwelt unter, sondern auch die Innenwelt; es ist das erwachte Unterbe-
wußtsein, das Schlafen mit geöffneten Augen, wie gesagt: beherrschter
Somnambulismus. Der Eingeweihte wirkt weit weniger als Träumer, wie
man allgemein sagt, denn als Schlafwandler; jedenfalls wäre dies die vertief-
tere und reinere Form des Atman. Gegen eine menschliche Persönlichkeit
stößt man an – gegenständlich; durch eine übermenschliche Persönlichkeit
stößt man hindurch wie in unendliche Tiefen ohne allen Widerstand – ge-
spenstisch. – Bei ein Drittel Öffnung des Bogens dringen die Träume her-
ein in das Selbst; bei zwei Drittel Öffnung stellt sich eine Verbindung her

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zwischen Selbst und Welt; bei völliger Öffnung dringt das Selbst ganz in die
Welt und wird selbst zu einem Teil der Welt, wird der Bogen zur Strecke.
Wie morgens die Sonne ihr Licht über den Himmel ergießt und abends in
diese Glut alles wieder zusammenrollt, – wie die Vögel abends in ihr Nest
zurückfliegen, die Tiere ihren Bau aufsuchen, die Pflanzen ihre Blüten
schließen, so geht der Brahmane in sein Atman zurück, kehren alle Dinge in
ihr Atman zurück, denn es ist das Atman, welches sich in allem auseinander-
rollt, und das sich in alles zusammenrollt; und das Atman von allem ist das
Brahman in allem. Wissend allgegenwärtig und damit allwissend in höhe-
rem Sinne wird, wer das Brahman kennt.

Als fünfter erschien Satyakama wieder und fragte nach dem Sinn des Om. –
Om ist gleichsam Gegenstück zu Au, dem ersten und letzten; om bildet ein
Kreuz zu Au, es verbindet senkrecht das Ewige mit dem Endlichen. Om ist
das Ewige im Endlichen, Ausdruck der göttlichen Macht, souveränen Frei-
heit und echten Lebenskunst. – Drei Erkenntnisgrade werden dem Om
zugeschrieben. Wer es garnicht erkennt wird bald nach dem Tode auf Erden
wiedergeboren; wer etwas erkennt wird auf dem Mond wiedergeboren; wer
viel erkennt auf der Sonne, und wer Om als das Brahman erkennt wird in die
Sphäre der Sterne erhoben, des Ewigen.

Sukasa trat als Letzter hervor und fragte nach den 16 Speichen des Wagens
Atmans. – Der Weise Pippalada war ihm zu Gefallen und zählte die 16
Speichen der Welträder im kosmischen Raum auf. Alle Sterne am Himmel
sind ja Räder mit 16 Speichen, nämlich Atom, Molekül, Kristall, Pflanze
sowie Reptil, Tier, Mensch, Übermensch einerseits und Elektrizität, Licht,
Wärme, Schwere sowie Feuer, Luft, Wasser, Erde andererseits. In solchen
Rädern oder Himmelswagen fahren die Geschöpfe über den Himmel: Tiere,
Vögel, Bäume, Sträucher, Berge, Täler, Flüsse und Seen, alle zusammen und
miteinander wie in einer gewaltigen Arche. Wie sich die Ströme im Meer
verlieren und auflösen, so verlieren alle diese Dinge und Elemente im Atman
wiederum Form, Name und Eigenheit; und sie kehren wieder aus dem Meer
und verlieren sich wieder darein; wieder und immer wieder in immer wieder
in immer genau derselben Anordnung und Erscheinungsweise. In Raum und
Zeit allenthalben – stets die ewige Wiederkehr des Gleichen. Wem es zu
langweilig wird der stirbt; und wo zu viel Tod ist wird neues Leben auf dem

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alten Mist wiedergeboren, – also daß kein Grund zur Klage, sondern überall
immer wieder nur eitel Freude und Sonnenschein bestehen. Was wollt ihr
machen? Dies ist das Leben Brahmans.

Dies ist die tiefste Weisheit in ihren 16 Speichen. Wer diese Weisheit er-
kennt, der ist unsterblich. Mehr und Besseres läßt sich nicht sagen über das
Atman; es gibt nichts Tieferes als das. – Damit erschöpften sich die Reden
Pippaladas an seine sechs Schüler. Wir öffnen unser Herz der Anmut und
Selbstlosigkeit, und dem Opfer und der Bereitwilligkeit solcher Seher und
Lehrer wie Pippalada. Alles Geniale muß einfach und alles Bedeutende
schlicht geartet sein. Unsere Liebe diesen glücklichen Sehern. – Om, –
om, – om. –

•|•

Brahman ist Materie, und Brahman ist Energie; Brahman ist


Denken und Tun, Brahman ist Sinnen und Gefühl; Brahman ist alles, Brah-
man bin ich; nichts ist außer Brahman, nichts ist nicht Brahman. – Wie es
einen Körper gibt, der doch viele Punkte und Längen hat, wie es ein Wesen
gibt, das doch viele Organe und Glieder hat, – so gibt es auch ein Meer, in
das viele Flüsse münden, das viele Fische hat, – und so gibt es ein Brah-
man, in dem viele Sterne, in dem viele Menschen sind, – Brahman schafft
alle Dinge der Welt, Brahman lebt in allen Dingen der Welt, Brahman enthält
alle Dinge der Welt. Aus der Einheit kommt Brahman, geht durch die Viel-
heit und kehrt wieder zur Einheit zurück. Brahman ist Zeit, Werk und
Raum, alles in allem, das A und O, das Ich im Ich. Durch die Sonne tritt
Brahman hinein in die Welt, und durch den Menschen tritt Brahman wieder
aus ihr heraus; aber erst durch einen solchen Menschen, der sein Atman
gefunden, der Brahmane geworden. – Das niedere Tier hat eine innerliche
symbolistische, traumartige Wahrnehmung der Welt; das Wahrnehmungs-
vermögen des höheren Tieres öffnet sich bereits der Welt; das Wahrneh-
mungsvermögen des niederen Menschen enthält sich selbst als das sogenann-
te Selbstbewußtsein; das feminine Selbstbewußtsein des höheren Menschen
(„Jungfrauen“; Apokalypse) weiß seine Wirklichkeit oder Leiblichkeit, sein
Leben außer und um sich herum, im bewußtlosen, schlafenden Selbstbezug
der Welt, im Brahman, von dem gleichsam nur ein Strahl ins Selbstbewußt-
sein hereindringt („Gottvater; Evangelium). Aber dieses Brahman ist das

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Brahman des Selbstbewußtseins; nicht hat das Selbstbewußtsein ein „eige-
nes“ Brahman, welches jenes andere oder größere Brahman außer sich ließe,
vergleichsweise wie die Erde die Sonne (Vater und Sohn sind eins); sondern
das Brahman des Selbstbewußtseins ist diesem immanent, vergleichsweise
wie der Leib dem Kopfe oder der Herzschlag dem Gehirn. – Nicht wird
sich das Gehirn in sich selbst seines Herzens bewußt, sondern das Herz wird
sich seiner selbst im Gehirn bewußt; nicht wird sich der Mensch in sich
selbst seiner Umgebung bewußt, sondern die Welt; das Brahman wird sich
seiner selbst im Menschen, im Atman bewußt. Wie die Rose nicht nur in
einzelne Teile sich aufteilt, sondern auch in viele Exemplare sich vervielfäl-
tigt, – also auch die Person Mensch hat viele Gedanken in sich und viele
Menschenpersonenexemplare außer sich.

Würde man auf andere Sterne reisen, müßten diese sich als Natur erweisen;
würde man in die Natur steigen, müßte sich diese als Sterne erweisen („Ato-
me“). Aber durch solche Untersuchungen verändert ein Mensch seinen
Standort und Gesichtspunkt; und Vergleiche von Tatsachen oder Erkenntnis
von Zusammenhängen sind nur auf der gleichen Grundlage möglich. Ich
kann unmöglich einen anderen Stern als „Natur“ bezeichnen, ohne dabei den
Charakter meiner gegenwärtigen Natur künstlich zum Stern zu machen; ich
kann nicht zugleich hier drinnen und dort draußen sein. Wer so denkt, der
denkt völlig abstrakt und ganz und gar unwahr. Unsere Natur ist nur inso-
fern „Natur“, als die anderen Naturen bloße Sterne sind, dh. unter dieser
Voraussetzung, denn die „Gedankenwelt“ ist ein Ganzes, etwas Einziges.
Moleküle gibt es nur fürs Mikroskop oder ein gedachtes Mikroskop; dieses
ist jedoch allein unter der Voraussetzung ein solches, daß es selber nicht von
Molekülen ausgeht – sondern ein Mikroskop ist, dh. ein Körper, aus wel-
chem die Atome abgeleitet, und dem sie analog gedacht werden; Körper
sind die Urbilder der Atome, auch wenn sie nachher aus ihren eigenen Ablei-
tungen wieder direkt und unmittelbar „abzuleiten“ versucht werden; denn
sonst hätte ich zwei gleichartige Objekte, die eine ernstzunehmende, diffe-
renzierte Anwendung aufeinander von sich ausschließen, so als würden Kin-
der „Räuber und Gendarm“ spielen, oder als ob eine Tausendmarknote
„mehr“ Wert hätte als eine Zehnmarknote, bei gleichem Druck und Papier.
– Es ist eine total verrückte – Annahme zu glauben, daß es in der Welt nur
Moleküle gäbe; denn entweder ist alles Molekül - dh. ich laufe ständig mit

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einem Mikroskop vor Augen durch den Raum, - oder es ist alles Welt, dh.
ich laufe ständig mit unbewaffneten Augen herum. Wer den Standpunkt
„Welt“ im allgemeinen beibehält, während er ihn im Einzelfalle „Molekül“
verläßt, der handelt ganz genauso, als wenn jemand die Ebene verläßt und
einen Berg besteigt, nun aber glaubt, der „Berg“ stände in der „Ebene“, so
könnte er einen Sprung machen und bricht sich den Hals; oder jemand läuft
eine Strecke, kommt zum See, glaubt der See liege in der Landschaft, - im-
merhin als See, jedoch andererseits in der Landschaft, - er könne einfach
weiterlaufen und ertrinkt; vielmehr am Berg ist alles hoch und im See ist
alles tief; entweder ich bin zu Berge, zu Wasser oder zu Land; aber ich kann
praktisch nicht gleichzeitig da wie dort oder hier sein. Doch die Menschen
urteilen theoretisch unversehens in ihrer Wissenschaft nur – auf diese abs-
trakte Art; sie kennen garkeine andere Möglichkeit; für sie steckt das antike,
gesündere Denken voller „Aberglauben“; sie wissen überhaupt nicht, wie
schnell sie sich selbst an den Galgen knüpfen; man ahnt es nur in einigen
Fällen. So erbärmlich die Gedanken der Menschen, so erbärmlich sind auch
ihre Gefühle; so ungeheuer das Wissen eines Brahmanen, so ungeheuer ist
auch die Seele eines Brahmanen. – Mögen meine Ohren hörend und meine
Augen sehend werden, mögen meine Glieder gelenkig und meine Gedanken
beweglich werden, mögen Brahman und ich uns ewig die Treue halten, daß
nichts uns scheide, denn es gibt nur ein Atman, wie es nur ein Brahman gibt;
möge einst mir, der ich mich Brahman opferte, sich die gesegnete Wahrheit
der Upanishaden erschließen. Om, – om, – om. –

•|•

Drei Wege gibt es, auf denen das Brahman erlangt werden kann;
angeborener Instinkt und Verbleiben in diesem Milieu; ein guter Lehrer,
bereitwillige Fügsamkeit sowie blindes Vertrauen; härteste Askese im wirk-
lich nichts – umgehenden Alleingang, der vorübergehend alles Persönliche
und Unpersönliche, Freunde, Besitz, Hobby, Beruf usw. dem allein gewaltig
herrschenden Ziel auf Gedeih und Verderb aufrichtig und besonnen in jeder
Minute und Sekunde unterordnet. Ja auch nach der Vollendung bleibt diese
Einstellung durchaus erhalten, – sie ist nur frei und es fehlt ihr die Dring-
lichkeit, unter welcher ein „Suchender“ steht; die bloße Pflege dieses ständi-
gen Volleinsatzes für irgendetwas ist daher umgekehrt auch schon ein erstes

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Lebenszeichen für die bereits erwachende eigene Vollkommenheit. So
schließt sich eins im andern bereits während der Schulung für den Schüler.
– Nur, wer völlig fest in der Erkenntnis Brahmans gegründet steht und kei-
nen anderen Grund noch besseren Weg kennt, erlangt wirklich befriedigende
Unsterblichkeit. Der Glaube an sogenannte Reinkarnationen Einzelner ist
vorerst nichts als äußere Vorstellung, die darum auch nicht mehr als
Schwärmerei der Seele zu bieten vermag.

•|•

Jene Kraft, – welche die Sonne ausströmt, ist dieselbe, welche


auch vom Herzen ausgeht; wie die Sonne Planeten und Natur, so versorgt
das Herz Gliedmaßen und Organe. – Einst lehrte der Seher Sandya für den
Moment des Todes und jeder Gefahr folgende Meditation. Ich bin die Quel-
le alles Lebens, ich bin die Wirklichkeit, ich bin unvergänglich; ich bin ich;
die Quelle, das Reale und das Ewige. Wer von dieser Quelle getrunken hat,
den dürstet nicht mehr; aber wer zu den Menschen geht, der will immer
mehr wissen, denn das Alte versinkt, und Neues kommt auf, nichts ist ein
Ganzes. Darum, die Upanishaden bewahren uns das ewige Erbe unserer
ewigen Ahnen; Identität mit dem, wovon Abhängigkeit besteht, heißt den
Spieß umdrehen und Freiheit für eine höhere Persönlichkeit gewinnen.

•|•

Ein Knabe bemerkte die Verödung des menschlichen Daseins


und suchte den Weisen Gautama auf. Der schickte ihn mit 400 Rindern in
den einsamen Wald, wo nun Satyakama mehrere Jahre zubrachte, um bis auf
1600 Rinder zu kommen. Als er dann so weit war, strich des Morgens in der
Frühe ein Wind durch die Bäume und sprach zu ihm: “Ich will dich einen
Fuß Brahmans lehren; die Liebe ist ein Zeh, die Freude ist ein Zeh, die Hei-
terkeit ist ein Zeh und das Glück ist ein Zeh. Bald wirst du einen Vogel
singen hören, der kann dich einen anderen Fuß lehren.“ Am nächsten Mittag
kam der Vogel durch die Baumwipfel, gerade als Satyakama auf seinem
Heimweg zu rasten suchte. Und der Vogel lehrte: „Das I ist ein Zeh Brah-
mans, das A ist ein Zeh, das O ist ein Zeh, und das U ist ein Zeh; diese Ze-
hen bilden den zweiten Fuß Brahmans.“ Am Abend des folgenden Tages
brach die Sonne durch das Geäst und lehrte den Jungen: „das Rot ist ein

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Zeh Brahmans, das Gelb ist ein Zeh, das Grün ist ein Zeh, und das Blau ist
ein Zeh. Diese Zehen machen den dritten Fuß Brahmans; morgen will ich
dir einen Apfel hinunterwerfen, der dich noch einen Fuß lehren soll.“ Zur
Zeit des Schlafengehens am nächsten Tag fand Satyakama noch einen wohl-
schmeckenden Apfel im Walde, der ihn den letzten Fuß lehrte: „das Ge-
schlecht ist ein Zeh Brahmans, die Musik ist ein Zeh, das Bild ist ein Zeh,
und die Nahrung ist ein Zeh Brahmans.“ Als Satyakama nach vier Jahren bei
Gautama wieder eintraf, gratulierte dieser nur noch herzlich für die gelunge-
ne Übung und ermahnte ihn, sich ja keinen Fuß oder Zeh zu brechen. Der
fünfte Zeh oder Fuß ist nur eine Zusammenfassung der drei mittleren zwi-
schen den vieren, - insgesamt sieben, - welche in diesen mit zum Ausdruck
kommen. – Ebenso wie Satyakama erging es einem Schüler Satyakamas
selbst, und später einem Schüler dieses Schülers auch wieder; bis zur vierten
Generation.

•|•

Ein Vater schickte seinen Sohn auf die Schule, um die Veden zu
lernen. Svetaketu war tüchtig und lernte sie alle auswendig, auch wußte er
auf jede Frage zu antworten und war unübertrefflich in der Anwendung aller
Veden auf alle erdenklichen Situationen. Als er dann heimkehrte, mißfiel
Uddalaka seine elegante und flüssige Handhabung der Veden, so als ob ein
Virtuose die Technik des Zweikämpfers oder des Guitarrespielens beherrsch-
te. „Hast du dich auch nach dem Wissen des Unwißbaren erkundigt, aus
dem alles Wissen erfolgt?“ forschte er seinen Sohn aus. Dieser verneinte
und glaubte Sinn und Gehalt der Welt prompt in Wissen und Dasein er-
schöpft, in der gegenseitigen Begegnung von Einzelheiten derselben Sphäre,
oder von einzelnen Sphären desselben Umfassenden. „Eitel ist alles das“,
meinte hierauf Uddalaka, „was sich auf das Sichtbare, Greifbare, zu Hören-
de, zu Schmeckende stützt. Wer zB. den Lehm kennt, weiß, zu welchen
Formen er sich verarbeiten läßt; kennt jemand das Gold, so weiß er, zu wel-
chen Gestalten das Gold verarbeitet werden kann. Wer aber nicht weiß, was
der Mittelpunkt aller Planeten ist, wird eine Unzahl Gesetze herausfinden,
um sich ihr Verhalten zu erklären. Ebenso enthalten die Veden eine Unzahl
von Lebensbestimmungen, auf die jederzeit verzichten kann, wer den Punkt
innehat, welcher die führende Rolle in ihnen spielt. Die Veden lassen sich

19
weiter ausbauen, wie sich die Gestalten der Erde weiter ausbauen lassen;
aber nicht am Ende sondern am Anfang solcher Unternehmungen liegt das
Ganze, liegt die Perfektion.“

Erstaunt darüber, daß es außer den Dingen der Welt noch ein solches Unding
geben sollte, wollte Svetaketu näheres darüber von seinem Vater hören.
Denn wer das Unding kennt, der muß im Grunde alles kennen und alles be-
herrschen; der ist allwissend und allmächtig, der hat den Stein der Weisen
und das Elixier des Lebens, der ist durch seine Kenntnis die Ehe mit dem
Erkannten eingegangen, nichts trennt ihn mehr von einem Äußeren, weil
„Unbekannten“.

Darauf Uddalaka: „Im Anfang liegt das Reale. Die Menschen meinen, das
Nichts stände im Anfang. Aber das Nichts ist nur der Anfang vom Stand-
punkt der Welt aus; vom Standpunkt des Anfangs selber ist die Welt das
Nichts und der Anfang das Wirkliche. Die Menschen können nicht laufen;
sie fuchteln drauflos, wie oder wo sie der Zufall gerade hinstellt, vermeinend,
es sei noch derselbe Flecken wie zu jener Zeit. Nur der Anfang ist konkret
und individuell, alles Weitere bloße Erscheinung und vielfältig oder allge-
mein. – Nichts ist einmalig in der Welt; es gibt niemals „diesen“ Tisch,
„dieses“ Sofa, „diesen“ Storch, „diese“ Eiche; Tatsache ist, daß es nur im-
mer alle Tische und alle Sofas gibt, alle Störche, alle Eichen, alle Tiger, alle
Bienen, bzw. viele Tannen, viele Rosen, viele Astern, viele Veilchen, viele
Berge, viele Flüsse usw. . Das einzige – Individuelle soz. könnte in der
Welt noch durch den Menschen hervorgetreten sein; aber auch dieser ver-
dankt seine Individualität lediglich dem Urgrund, – das unbewußte
Selbstbewußtsein dem unbewußten Urgrund, das selbstbewußte Selbstbe-
wußtsein dem bewußten Urgrund. – Etwas anderes ist es sich in die Welt
schicken, um sie spontan kennenzulernen, – dann wird man ein negativer
Intellektualist, das eine der Kenntnisse wegen, das andere weil man sich
selbst nur als einen Ausschnitt dieses Bereiches vorkommt; und etwas ande-
res ist, wenn man sich in die Welt begibt, um sich nach alter Weise weiter
dort auszuleben, – dann wird man ein positiver Vitalist, das eine um des
Lebens wegen, das andere weil man die Ursache desselben ist. Dies ist die
größtmögliche Weisheit überhaupt. – Wie alle Dinge aus Gold nichts vom
Gold verschiedenes, Eigenes, „Selbständiges“ machen, sondern es geht dabei

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um den bloßen Formalismus, – ein Goldbuddha ist kein lebendiger Buddha,
ein Goldzahn ist kein richtiger Zahn, ein Berg Gold ist kein wirklicher Berg,
ein Goldfisch ist kein lebendiger Fisch, – so auch sind alle Buddhas, Fische,
Zähne und Berge keine wirklichen, sondern Brahman in der oder der Gestalt,
ein verwandelter Rübezahl, vom Standpunkt der vitalen, der Lebensweisheit.
Die Menschen haben viele unwirkliche Persönlichkeiten; die Brahmanen
haben nur eine wirkliche Person; – jene leben in einer Welt, diese in vielen
Welten, weil sie laufende, lebendige, Standpunktbegabte sind, – wahre
Seher von Format: „lebendig, beweglich, sehend; ganz anders als Men-
schen.“

„Mein Sohn“, fuhr Uddalaka fort, „die Weisheit ist schwierig und unge-
wöhnlich, aber nicht um ihre Jünger zu vergrämen, sondern um diese von
ihren Feinden sanft zu befreien und auf eine natürliche Art zu distanzieren.
Unser Einsatz ist nun um kein Hundertstel – größer als das Resultat, nach
welchem wir streben; und würde ein anderer diesen Einsatz uns abnehmen
können, müßte auch das Resultat nach dem Gesetz der universalen Harmonie
das seinige werden; nur derjenige könnte in Wahrheit von anderen solchen
Einsatz für sich „wünschenswert“ halten, zB. von der Wissenschaft, vom
Staat, von Freunden, von Gott, welcher dann auch nicht „ernsthaft“ das Re-
sultat für sich in Anspruch zu nehmen gedächte; wer für sich schafft, der
schafft auch immer aus sich heraus; so greifbar realistisch das Bedürfnis
nach Erlösung und Vollendung, so greifbar nahe ist auch die Befriedigung
durch Erlösung und Vollendung. – Jede andere Ansicht irrt oder lügt, man
muß es nur richtig anpacken. In das höhere Leben zu kommen ist nicht
schwieriger sondern genauso umständlich, wie in das niedere Leben zu ge-
langen; in dieses gehen wir ein durch die vollwirkliche Geburt, in jenes
durch den vollwirklichen Tod; lernen muß man in beiden Fällen; Geburt
und Tod sind gleich groß und gleich schwer; wer sein niederes Leben ver-
liert wird sein höheres finden; das Niedere schließt das Höhere von sich aus,
dieses umfaßt jenes mit in sich, indem der Mensch vergeht, steht das Brah-
man in ihm auf; aber nicht ist es der Mensch, welcher Brahman Platz macht,
sondern Brahman ist es, welches sich beim Menschen Platz verschafft; denn
der Mensch ist nichts, und Brahman erwirkt alles.“

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„Die Gefühle der Seele richten sich stets nach den Einsichten der Seele.
Was einer für bedeutend hält, - ob es bedeutend ist oder nicht, - dafür wird
er in jedem Falle sterben wollen, und sei es für sich selbst; da gibt keiner
nach. Die Seele hat keine andere Möglichkeit und keinerlei Ausweg, als
exakt ihren Einsichten gemäß zu leben; daß jemand meint, er glaube an das
und das, lebt aber in Wahrheit für etwas ganz anderes, ist nur die triviale
Frage des Grades einer Selbsttäuschung und keinerlei ernst zu nehmenden
Berücksichtigung wert. – Weisheit und Lebenskunst, Weltanschauung und
Charakter spielen niemals – beliebig auseinander, sondern sind fest und
unabkömmlich aneinander geschmiedet, wie Griff und Klinge eines Schwer-
tes, oder wie Stiel und Blüte einer Pflanze ineinander gefügt; jede andere
Ansicht irrt zugunsten der menschlichen Eitelkeit des Einzelnen. – Un-
zählbare – Mengen an Menschen und Generationen aus aller Vergangen-
heit, womit unzählbar viele Sterne hätten bevölkert werden können, haben
Tragödien unvorstellbaren Ausmaßes durchlebt, haben gekämpft und gelitten
in ihrem unendlichen Wahn, wie sie sagten, aufgrund des Prestiges, das sie
ihrer Herkunft schuldig glaubten und für die Ideale der Zukunft, für „ihre“
Zukunft, und damit ihre Zeit versäumt. Alle diese leben nun längst nicht
mehr, all ihr Streben und Sorgen ist nun längst vorbei, und wofür? für die
„Zukunft“, für ein Nichts, denn Vergangenheit und Zukunft sind nicht, dh.
sie sind nichts. Alles ist umsonst gewesen, alles wurde einer Täuschung
geopfert, geblieben ist lediglich Brahman; um ihr bestes Glück sind sie
betrogen worden, Hungerleider und Asketen, Halbmonde und angebrochene
Existenzen; Enden ohne ihre Anfänge in sich, Anfänge ohne ihre Enden in
sich; bescheidene Hoffnungen ohne satte Erfüllungen, oder arrogante Per-
fektionen ohne karges Schmachten, nichts konnten sie halten, nichts ist ihnen
geworden, alles blieb ihnen ferne, und auch der Rest wurde dann noch ge-
nommen: trübe Tassen und leere Krüge waren sie alle. – Mein Sohn
Svetaketu, sei nicht so töricht wie diese da, sei weise, bedenke, worauf es
ankommt, was die Wahrheit in allem Denken ist; bedenke die Wahrheit,
meide die Täuschung. Das, was heute Gegenwart ist, war auch schon ges-
tern und vorgestern Gegenwart; und es wird noch immer Gegenwart sein,
morgen und übermorgen. Die heutige Gegenwart ist noch immer die wie
vor hunderttausend Jahren, wir leben noch immer in der damaligen Epoche,
nichts hat sich seither verändert oder gewandelt; und diese heutige oder

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damalige Gegenwart ist auch schon dieselbe, wie die nach hunderttausend
Jahren folgende, wir leben schon in jener fernen Zukunft, und nichts wird
sich wesentlich ändern von dem, was allein wirklich oder bedeutend ist.
„Mensch“ und „Leben“ sind ein Selbstmißverständnis Brahmans, – jener
Zustand, wo die Phantasie zum Traume und die Wirklichkeit zum Alp zu
werden beginnt. Wir sind die eine Gegenwart selbst. – Bedenke, daß du
allwissend und allmächtig bist; aber zeige es nie, sondern setze es durch.
Auch soll diese Haltung niemanden aufgezwungen oder angepriesen werden,
da sie selber viel zu unbedeutend hierfür ist. Die Eigenmächtigkeit soll nur
von dem Eigenmächtigen in aller zu Gebote stehenden Eigenmächtigkeit
ergriffen werden, – und alles wird gut, was diesen Umständen förderlich ist.
Übe die zentrale Haltung, den zentralen Blick, den zentralen Griff, - sei
unbeirrbar, unbestechlich und furchtlos, - dann hast du die Erleuchtung und
die Erlösung, die Erweckung und die Auferstehung, die Ruhe und den Frie-
den. Meide jeden inneren Umgang mit nicht Erleuchteten, auch den negati-
ven; suche die Einsamkeit zu überwinden in der allein korrekten Suche nach
effektiv Suchenden. Was in der Welt auch jeweils geschieht, Brahman pur
steht immer daneben, ist immer dabei, sieht alles mit an – und wird doch nie
betroffen. Vielheit im Vordergrund bedeutet Kampf und Unruhe; Einheit
im Vordergrund bedeutet Frieden und Ruhe. Wir, Svetaketu, leben nicht nur
alle im selben Raum, sondern es lebt auch in uns allen dasselbe Brahman;
und wir sind alle dasselbe Brahman. – Sollte dies ein Widerspruch sein,
nun so wäre die Welt eben nach dem Widerspruch und nicht nach dem
Gleichklang erbaut. Überhaupt, wenn der Gleichklang dem Werk, sollte
dem Werkmeister die Diskrepanz typisch, und eben darum für jene so un-
wahrscheinlich schwer erkennbar sein; Sünde wäre nach diesem Bestand
nur, wenn der Gleichklang dem Schöpfer, oder die Diskrepanz der Schöp-
fung eigentümlich zu werden versuchten, denn das wäre unter anderem ein
Widerspruch, der aufs Werk übergriffe.“

„Svetaketu, wenn du jemals einen Menschen gewinnst, dich an einen Men-


schen gewöhnst, einen Menschen liebst, dich an diese Liebe gewöhnst,“ fuhr
Uddalaka in seinen Überlegungen fort, „bedenke, mein Sohn, daß du auch
dich selbst gewannst, dich an dich gewöhntest, dich selbst lieben lerntest,
dich an deine Selbstliebe gewöhntest. Und was , mein Sohn, ist es, das dich
gefunden, das dich lieben gelernt, sich an dich gewöhnt, an seine Liebe zu dir

23
gewöhnt hat? Svetaketu, bevor alles das eintreten konnte, bevor alles das
eingetreten war, da standest du noch in deiner Wahrheit, in deiner Reinheit,
in der völlig interesselosen und gleichgültigen, welche in alle Dinge der Welt
übergreift und einander gleichstellt; dann aber sagte die Wahrheit, dieses
Bewußtsein steht mir am nächsten, dieser Leib steht mir am nächsten, mit
ihnen will ich mich vereinigen, ihr Los soll das meinige werden, und verlor
auf dem Wege ihre Reinlichkeit. Wäre deine Wahrheit in einem anderen
erwacht, hätte sie sich an einen anderen gewöhnt, hätte sie einen anderen
lieben gelernt, hätte sie sich an die Liebe zu einem anderen gewöhnt, dann
wärst du, Svetaketu, jener andere Mensch gewesen, wärst du als jener andere
Mensch glücklich oder ein Suchender geworden, dann hättest du als jener
wiederum nicht werden mögen, wer du als dieser bist, wie du als „dieser“
nicht „jener andere“ sein möchtest. Aus deinem Eingehen auf die Nähe –
und Aufdringlichkeit einer zufälligen und einseitigen Situation außer dir
selbst, hat sich eine Verbindung hergestellt, mit welcher du dich fortwährend
identifizierst und verwechselst, der du dich aus freien Stücken und unge-
zwungen gemein machst. Und, mein Sohn, wie du dein Pseudonym ken-
nengelernt hast, so lernst du auch andere Pseudonyme kennen; und wie jede
solche Bekanntschaft einen Anfang hat, so muß sie auch ein Ende haben;
wie du also die anderen Pseudonyme verlierst, so wirst du auch das eine
Pseudonym wieder verlieren; und der einzige Unterschied zwischen diesem
oder jenem Pseudonym für dich ist der Zufall, die Willkür; aber was in dir
den Antrieb ausmacht, solche rein zufälligen Bekanntschaften ihrer Vergäng-
lichkeit entreißen und verewigen zu wollen, das, mein Sohn, ist die Wahrheit
in dir, welche sich dem Irrtum gemein gemacht hat, eine vergebliche Befrie-
digung durch den Irrtum sucht und in Widerspruch gegen ihn gerät, dh. ge-
gen die Sterblichkeit pseudonymer Bekanntschaften. Das wahre Atman in
dir ist dasselbe wie das Atman in irgend einem anderen; du bist nicht nur du,
sondern auch der andere; und der andere ist nicht nur er, sondern er ist eben-
so auch du; du bist ich, und ich bin du; wir sind alle derselbe. Ewiges
Leben nur durch die Liebe zu und Einheit mit allen anderen.“

„Mein Sohn, was dich zu einem Pseudonym macht ist vor allem deine Nähe
zum Gedächtnis aller, die durch Erlebnis nahegerückten Dinge. Durch an-
dere Erlebnisse, zB. durch die Erlebnisse eines anderen, hätte sich dir auch
ein anderes Gedächtnis verbunden, hättest du – ein anderes Pseudonym

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erworben, wärst du aus deiner Unschuld heraus sogar ein ganz „anderer“
geworden als der du jetzt „bist“, hättest du anderes lieben gelernt. Von
solcherlei Zufälligkeiten hängen die Pseudonyme Brahmans in den Seelen
der Menschen ab; vor jeder Bekanntschaft ist es einerlei, welche Bekannt-
schaft es sein wird, oder auch welches Erlebnis; danach gewinnt diese Zufäl-
ligkeit ihre völlige Personifizierung und scheinbare Verewigung oder Verab-
solutierung durch Brahman vermöge des Gedächtnisses der Toten; es ist, als
wollten die Blätter eines Baumes sich selbst zu Bäumen machen und den
Baum zu einer Art „Blatt“, dh. untergeordnete Sache, beiläufige „Nahrungs-
quelle“, sekundärer „Lebensraum“, leeres „Mietshaus“, summarische „An-
siedlung“ usw.; diese Umkehrung erscheint eben folgerichtig noch vor der
Wahrheit oder dem, was das letzte im Dasein der Erschaffungen oder Veräu-
ßerungen ausmacht. – In niemandem möchte das Brahman seine erworbe-
nen – Bekanntschaften aufgeben; aber in jedem ist Brahman seinen bevor-
stehenden – gleichgültig gegenüber. Der Mensch hängt persönlich oftmals
weit mehr an liebgewordenen Armseligkeiten als an neugewonnenen Reich-
tümern. Mein Sohn, was an dir der „Svetaketu“ und an mir der „Uddalaka“
ist, das sind nichts anderes als bloß zufällige Gewöhnungen dessen, was vor
aller Gewohnheit und von aller Gewohnheit frei in uns lebt und in seiner
Wahrheit auch frei bleibt, des einen und einzigen Brahman’ allenthalben,
unserer Wahrheit. Wärest du andererseits in einem anderen Menschen gebo-
ren, wären dir andere Dinge lieb und teuer geworden; lerne laufen, mein
Junge, lauf’ durch die Welt, aus vollstem Herzen, lauf’ was du kannst, aber
bleibe nicht stehen und schlage nie Wurzeln, dreh’ dich nicht um, dort in der
Welt, laufe weiter. Hier ist Brahman, dort ist die Welt; hier herrscht Brah-
man über die Welt, dort herrscht die Welt über Brahman. Lerne laufen,
mein Junge, dann bleibt dir das Übel erspart, und die Weiten eines sonnigen
Horizontes voller Lächeln können sich dir tatsächlich eröffnen; stehe nur in
dir selber still, aber halte nirgendwo an in der Welt, dann bist du verloren
und findest so leicht nicht mehr zurück (sog. „Ätherisierung des Blutes“). –
Du wärst, vor 500 Jahren geboren, genauso glücklich geworden, wie du es
unter den heutigen Umständen bist, oder 500 Jahre später geboren sein wür-
dest, ohne Bedenken daß „deine“ Zeit nur „gerade heute“ sein könnte; werde
ein Sieger über das Pseudonym und seine Gefräßigkeit, spiele mit Raum und
Zeit. Das „Erstgeborene“ gehört immer Gott und wird seit den ältesten

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Zeiten Gott geopfert. Bedenke, wovon du gefallen bist, Svetaketu, und
kehre zu deiner ersten Liebe zurück. Der Drang sich lebhaft auszugestalten
und die Einsicht in das, was Brahman in seiner Dunkelheit ist, machen zwei
Seiten derselben Situation für einen Suchenden, die überall zusammengehal-
ten werden müssen. Wie alle Adler und alle Stiere nur Ausdruck des einen
Grundwesens Stier oder Adler sind, so auch sind alle – Menschen nur Aus-
drücke des einen Grundwesens Brahmans, uzw. in seiner Totalität, oder eben
die vollkommensten Ausdrücke, dh. sofern in ihnen das Atman erwacht ist;
da kommt es im absoluten Sinne garnicht auf diesen oder jenen Stier oder
Menschen an.

Ein Mensch ist ebenso sehr der Selbstsucht wie andererseits der Selbstopfe-
rung fähig; beide Vermögen heben sich zu dem Ergebnis auf, daß das Abso-
lute Brahman gehört und die Milde der Welt. Den Sanften wird die Erde
gehören, aber der Himmel läßt sich nur durch Gewalt öffnen. Du bist nicht
der Mensch, Svetaketu, aber du hast ihn in der Hand; du kannst ihn abgeben
oder behaupten im kleinen oder im großen, wie du willst; das könntest du
nie, Svetaketu, wenn du der Mensch selbst wärest, sondern dann wärest du
Egoist und müßtest für ihn leben oder sterben auf Gedeih und Verderb ohne
jede Möglichkeit zu etwas anderem; du wärest Tier, nicht Persönlichkeit.
Die Welt ist gewiß nicht so angelegt, daß man bei näherem Zusehen in un-
endliche Traurigkeit verfallen oder zu bizarren Phantasmagorien wie solchen
der Geisterseher Zuflucht nehmen müßte; ihre Wahrheit bietet vielmehr
allen Anlaß zu aufrichtiger und echter Freudigkeit. Glaube mir, Svetaketu,
glaube mir, manchen wird diese Wahrheit bitter ankommen; aber erhalten
wird sie sich über Jahrtausende hinweg, und immerwieder wird man in Liebe
von den Upanishaden sprechen und sich in den Bereich der Glückseligkeit
stellen, welche von ihnen ausgeht, umsomehr, da wir keine Beweise haben,
die für ihre Richtigkeit sprechen, sondern uns allein auf unsere Neigung oder
Mutwillen und eigene Veranlagung oder Geschmack zurückgewiesen fin-
den.“

„Svetaketu, du erfreust dich deiner nur dadurch, daß du von dir weißt; ohne
Wissen keine Freude, ohne Selbstbewußtsein kein Selbstgefühl; der Gedan-
ke ist der Vater des Gefühls; beachte die entscheidende Bedeutung der Ge-
danken für das Gefühlsleben, mein Junge; was nicht in deinem Bewußtsein

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steckt, das lebt auch niemals in deinem Gemüt. Je reiner die Gedanken sind,
desto lebhafter können die Gefühle werden; die Reinheit der Gedanken wird
von Laien oft auch ihre Abstraktion genannt; der Ausdruck ist an sich rich-
tig, nur versteht man im allgemeinen unter der „Abstraktion“ eines Gedan-
kens nicht seine Reinheit gegenüber den Sinnen oder dem Gefühl, sondern
seinen Abstand gegen die wahre, lebendige Wirklichkeit, dh. seine Unver-
nünftigkeit, seine Unzweckmäßigkeit, seine Unbrauchbarkeit und auch inne-
re Unwahrhaftigkeit sogar. Aber tot muß die Seele werden in der Gedan-
kenwelt, um lebendig sein zu können in der Gefühlswelt; nur oder nur le-
bendig sein wollen, hieße eine trügerische und unheilvolle Einseitigkeit be-
gehen. – Mein Sohn, bedenke, daß es ohne Mathematik keine Technik,
keine Brücken, keine Pyramiden und keine Feldzüge, überhaupt keine Wirt-
schaft geben würde; ohne die Sinne fürs Äußere, könnte kein Wesen sich
draußen bewegen; Wissen ist Macht auch auf okkultem und religiösem Ge-
biet; immer gehören Theorie und Praxis in irgendwelcher Form zusammen
wie außen und innen oder wie früher und später, oder wie durch den Tod das
Weiterleben ermöglicht wird. Vieldeutigkeit im Denken wirkt sich aus als
Unentschlossenheit im Tun, Unklarheit als Unsicherheit, Nichtwissen als
Ohnmacht, Zweifeln als Zögern, und Gewißheit verleiht Festigkeit, Über-
zeugung – Durchschlagskraft. Auch schon der Körper besteht aus solchen
Extremen wie Nerven und Blut oder Knochen und Muskeln. Es gibt daher
kein sattes Gefühlsleben ohne die wirklich dürre Gedankenbildung; die
Menschen lieben nur keine sinnvollen Extreme, sondern eher die tautologi-
sche Verdoppelung des Einseitigen; erst die Reinheit der Gedanken ermög-
licht die Intensität eines x-beliebigen Gefühls; nur gediegene Standhaftigkeit
verbürgt dynamische Beweglichkeit; vom mechanischen Standpunkt aus
handelt es sich hierbei um kontradiktorische Widersprüche, und diese sind
für ein logisches Empfinden natürlich ganz unerträglich. Du bedarfst also,
um ein höheres Leben zu ermöglichen, vor allem einer anderen, einer vertief-
ten Denkweise, denn nur die Wahrheit macht frei.“

„Also deine Freude an dir verdankst du unmittelbar nur deinem


Wissen von dir; je weniger Wissen, desto weniger Freude; je richtiger die-
ses Wissen, desto gesünder diese Freude; ohne solches Wissen (Besinnung)
– gar keine Freude (Leben), sondern die typische Freudlosigkeit aller Men-
schen, die keine Brahmanen sind. – Mithin, das Bewußtsein vermittelt

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dem Gemüt die Dinge der Welt; sie alle senden Gedanken in das Bewußt-
sein, ua. auch der sog. Leib; des weiteren dann die unmittelbare Umgebung,
und schließlich verliert sich das in der Ferne immer mehr. – Entsprechend
wird, weil Bewußtsein Bewegung und Tod Leben vermittelt, auch der nächs-
te Körper oder Leib am besten beherrscht, sehr gut noch schließlich die Din-
ge der sog. Umgebung dieses Leibes, und die fernere Welt läßt sich schon
schwieriger erreichen, dh. nur erst durch Hinlaufen mittels der Beine. Ganz
jenseits liegt das Brahman in seiner allgegenwärtigen Gleichartigkeit. –
Aus alledem geht hervor, daß der Mensch ein Äußeres und ein Inneres hat,
und daß von einer sog. „Welt“ (draußen) in Wahrheit garnicht zu reden ist;
also daß es auch „den“ Menschen nach üblicher Auffassung gar nicht gibt,
man hat einfach die Tatsachen aus ihrem Gleichgewicht geschoben. Son-
dern der Mensch lebt durch seine Beine auf das Firmament hin orientiert,
erlebt in seinen Beinen das Firmament; er lebt mit seinen Armen auf die
Umgebung hin orientiert, erlebt in seinen Armen die Umgebung; er lebt in
seiner Sprache auf den Leib hin orientiert, erlebt in den Lauten seiner Spra-
che den „eigenen Leib“, das erste oder nächste Stück aus der Welt; und er
lebt durch seine Gedanken ganz in sich selbst und auf sich selbst gestellt.
Die Gedanken sind von alledem am sichtbarsten und werden am besten be-
herrscht; sie sind dem Nächsten das Nächste. – In erweiterter Form ist
diese Abstufung von den Alten auch auf den ganzen Kosmos übertragen
worden. Deshalb wird gesagt, daß man auf der Erde, auf dem Mond, auf der
Sonne und bei den Sternen „wiedergeboren“ werden könne. Eine solche
Erweiterung schließt aber auch eine Verinnerlichung mit ein; und deshalb
gilt als Ursache der viererlei Wiedergeburten die Wahrheit von den viererlei
Erlösungsstufen im Kernwesen des Menschen selbst: Verständnis, Erkennt-
nis, Bekenntnis, Verwendtnis. Auf der vierten Stufe ist der Mensch Brah-
mane, Vollendeter, alles in allem geworden.“ Das ist Weisheit aus dem
Brahman.

„Die Freude deiner Seele, Svetaketu“, fuhr Uddalaka im Gespräche fort, „ist
wie ein kleiner Same, den eine Eiche in die Erde geworfen hat. Die Eiche
ruft nun den Samen, daß er zu ihr heraufkommen möge. – Die Erde ist die
Unwissenheit, welche den Keim der Freude zunächst in sich selbst zurück-
hält, bis die Frühjahrssonne zur großen Erweckung leuchtet. Das Wissen ist
gleichsam das Wachsen, durch welches sich der Freudesohn seinem Freude-

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vater nähert; und die Vollendung der Wissensgestalt bedeutet die Vermäh-
lung der aufstrebenden Jungfrau mit dem sich herabsenkenden Bräutigam. –
Auf das Dasein des Keimes folgt das Wachsen der Gestalt; und auf die
Vermählung der Gegensätze folgt die Identität in der Frucht, die Vollendung
im Selbstbezug. – Durch die Freude verbindet sich die Freude dem Ge-
wußten; je mehr die Freude weiß, desto mehr ist auch die Freude; wenn die
Freude alles weiß, ist sie auch alles. Es gibt keine Endlosigkeit kontinuierli-
chen „Wissens“, sondern in Wahrheit nur eine Totalität graduierten Wissens
auf diesem Gebiet, mit dem Ziel des verinnerlichten oder in sich geschlosse-
nen Selbstbezuges. – Wissen bedeutet für das Gefühl der Seele bewußtes
Sein; Nichtwissen bedeutet unbewußtes Sein. Anfangs hält sich die Seele
noch für das immanente Wissen selbst; aber später geht sie über, oder greift
sie durch ins transzendentale Gewußte. In das Bewußtsein einer Seele sen-
den alle Dinge ihre Gedanken; auch die Seele und das Bewußtsein und ihre
Gedanken und der Leib senden ein Wissen von sich darein. Aber was
glaubst du wohl, Svetaketu, welchem der durch Gedanken im Bewußtsein
aufleuchtenden Dinge sich das Gemüt der Seele wohl am ehesten vermählen
mag, den niedrigsten und kleinsten unter ihnen wie zB. dem nächsten Kör-
per, dem sog. „eigenen“ Leib, oder den gewaltigsten und größten unter ihnen
wie dem ganzen sog. Universum? Welcher Gedanke wird wohl über alle
anderen „den Sieg davontragen“, vor der Seele, für die Seele? Es wird der
durch seine größte Unscheinbarkeit zum Gewaltigsten veranlagte sein; aber
er wird einen harten Stand natürlich haben gegen den mangels innerer Macht
am aufdringlichsten nach außen erscheinenden wie zB. „dem“ sog. Leib, der
doch nur den geringsten Bruchteil einer erst wirklich „totalen“ Existenz be-
streitet.“

„Jeder Gedanke löst ein Gefühl, ein Bedürfnis, die Liebe aus nach dem, was
ihm zugrunde liegt; alle bewußten Dinge lösen Bedürfnisse nach sich aus,
Svetaketu: „dein“ – nächster – Besitz oder Leib rangiert nur unter –
ferner – liefen in der Liste der Größe aller Zuordnungen. Das Bewußtsein
ist neutral und unbestechlich; das Gemüt aber ist auf dieses Bewußtsein
inhaltlich angewiesen. Der Leib macht nur den mindesten aller Vertreter der
Dinge der Welt im Bewußtsein der Seele aus. Wie also, wird der Leib sie-
gen, und, wie die Menschen zu sagen pflegen, sich der Dinge der Welt „be-
dienen“, oder werden es nicht vielmehr diese Dinge in ihrer Überzahl, Größe

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und Geschlossenheit, sowie deren Urgrund sein, welche sich des Leibes
bedienen, und seines Bewußtseins, – was glaubst du, Svetaketu, wie mögen
diese Verhältnisse sachlich besehen liegen, und worin besteht in Wahrheit
der Irrtum? Der Mensch, durch den Gedanken, erzeugt ein Bedürfnis nach
sich; die Gemeinschaft, durch ihre Gedanken, erzeugt ein Bedürfnis nach
sich; der Urgrund, durch seinen Gedanken, im Bewußtsein, erzeugt ein Be-
dürfnis im Gemüt nach sich. Was ein Mensch sieht oder erkennt, eben das
will er haben oder sein; und wenn man dieser Konsequenz keinen Zwang
antut, was, Svetaketu, glaubst du wohl, wohin sie führen muß? Zum Brah-
man; ein dreifach gesicherter Übermensch würde aus dem Menschen wer-
den. – Die Macht des Glückes eines Brahmanen muß gegen die kümmerli-
chen Ärgernisse der Menschen an dem täglichen Kleinkram stets über-
menschlich im Vorteil stehen. Was die Menschen als Wahrheiten anbeten
ist Opium, Vanille, Schmalz, Zuckerwatte; diese vier Rauschgifte werden
auf dem Schwarzmarkt der konventionellen Religionen und sektiererischen
Gemeinschaften gehandelt; nirgends Opfer, nirgends Tod, niemand wagt zu
sterben, – und nirgends Errungenschaft, nirgends Wiedergeburt, keiner
wagt zu leben. Hüte dich, mein Sohn, vor diesen gefährlichen Giften, hüte
dich vor Opium, Vanille, Schmalz und Zuckerwatte; bevorzuge Stahl, Gold,
Granit und Diamant, – gewinne die Diamantseele mit dem goldenen
Schimmer, der sie umspielt, der Elastizität des Stahls und der Härte des Gra-
nits für dein Gemütsleben. Suche dir andere Brahmanen zur Gemeinschaft,
aber meide um jeden Preis die innere Nähe der Menschen und ihres Planeten.
Gewinne den Standpunkt des Brahmanen und lebe fortan als Brahmane.
Wie das Wasser des Meeres salzig schmeckt, so schmeckt dem Erleuchteten
das Leben göttlich, denn die Erleuchteten sind das Salz der Erde.“ –

All dieses Unterrichtes bedurfte Uddalaka seines Sohnes wegen erst noch,
um dessen durch das unentwegte Studium der Veden so außerordentlich
verflachter Seele die gehörige Tiefe und Grundlage zu vermitteln. – Denn
es gibt soz. zweierlei Gedächtnis; das eine führt zur Bewahrung der Einzel-
heiten und Ergebnisse, das andere versetzt in die Einheit und befähigt zu den
ursächlichen Produktionen. Svetaketu hatte an den Veden das erstere ge-
schult; Uddalaka führte ihn auf das letztere durch die Upanishaden zurück.
– Es kann jemand, der durch einen Wald geht, sich alle Einzelheiten seines
Weges merken, um ihn dann später wiederzufinden; er kann aber auch den

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Übergang solcher Einzelheiten ins nächste ins Auge fassen, so daß diese
ganz seinem ersten Gedächtnis entschwinden, und doch weiß er, wie er an
diese oder jene Stelle kommt, wohin er sich unmittelbar darauf und im
Anschluß daran jeweils zu wenden hat. Das letztere Gedächtnis wird von
den Menschen in keiner Weise gepflegt, das erstere ausschließlich. – Des-
gleichen gibt es zweierlei Arten von Gewißheit. Die eine Gewißheit resul-
tiert aus dem logischen Vergleich der Übereinstimmungen mehrerer Objekte;
die andere Gewißheit aus dem unmittelbar intuitiven Eindruck der wahrge-
nommenen Sache selbst. Vergleiche können wegen ihrer Äußerlichkeit
gegenüber dem konkreten Dasein des Einzelnen trotz Übereinstimmung zu
Täuschungen führen; Intuitionen können trotz krassester Widersprüche die-
selbe Aussage enthalten, einfach weil sie sich in ihrer Beobachtung nicht auf
denselben Standpunkt bezogen haben, ja vielleicht auch gar nicht beziehen
konnten. Gedächtnis und Fähigkeit sind zwei Wege, die zum selben Ergeb-
nis führen können; die letztere ist sicherer, universaler, freier. – Alle sol-
chen Fakten finden in der menschlichen Philosophie keinerlei Berücksichti-
gung und eben darin unterscheiden sich im wesentlichen nämlich die Upa-
nishaden von den Veden. Das Gesetz der Einseitigkeit ist das der Logik;
das Gesetz des Ausgleiches (Harmonie) ist das der Intuition.

Mangels dieser dynamischen Kraft der laufenden Intuition erklärt sich die
Bereitwilligkeit des Menschen, Vergleiche von Urteilen einer mechanistisch
interessierten Epoche mit wortgleichen einer solchen anzustellen, die von
Mechanik noch keinerlei Ahnung hatte, deren Resultate von R.D. Jossè in die
Worte zusammengefaßt werden: „die großartige und bezaubernde Lehre des
Kopernikus riß die Erde aus dem Mittelpunkt des Weltalls, Galilei erklärte
die Sonne zum Fixstern unter Myriaden anderer. Damit verlor die auf das
im All herumwirbelnde Stäublein der Erde verbannte Menschheit das Ver-
trauen und die Verbindung zu dem großen kosmischen Hintergrund, der Gott
genannt wird.“ – Wenn einstens die Erde als Mittelpunkt gegolten hatte,
dann ist diese Feststellung allerdings auch noch für die heutige Intuition in
genau derselben Weise und Formulierung rechtskräftig. Die anderen Sterne
sind keine Erden, solange dieser Stern als Erde gilt; und es ist überall –
dieselbe Menschheit, derselbe Mittelpunkt, dasselbe Brahman, welches sich
in der Welt manifestiert. – Weit, sehr weit – ist der gegenwärtige Mensch
davon entfernt, auch nur zu erahnen, worauf sich Pindar konkret mit den

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Worten bezog: „nichts hat mich in größeren Abscheu und Ekel versetzt, als
jene räudige Tierrasse, die man Mensch nennt, und nichts hat mich je mehr
erhoben und mit neuer Genugtuung erfüllt als jene Göttersöhne, die sich
selbst Menschen nennen.“

Narada kam einmal zu Sanatkumara und suchte Aufschlüsse in der Wahrheit


über die Welt. – Der Weise ließ ihn zuerst tief nachdenken und meditieren
über Brahman als tote Buchstaben, sodann über Brahman als theoretischen
Sinn, danach über Brahman als Lebensstil, und endlich über Brahman als
ewig sich gleiche Individualität. Dem Buchstaben liegt Theorie zugrunde,
fand Narada heraus; die Theorie sondert sich aus der Praxis ab, und die
Praxis sondert sich aus dem Praktizierenden ab. – Hierauf hieß er Narada
nachdenken und meditieren über Brahman als Brahman, und erläuterte ihm
auch den Zweck solchen Nachdenkens. Nur, wer dazu veranlagt ist, kann
seine Gedanken auf Brahman richten; nur, wessen Gedanken auf Brahman
gerichtet sind, kann Freude daran erleben; nur, wer solche Freude erlebt,
kann praktisch zum Brahmanen werden. Wer das nicht hat, Verständnis,
Erkenntnis, Bekenntnis, Verwendtnis, braucht sich noch nicht für einen
Brahmanen zu halten.

Danach fragt ihn Narada, was groß in der Welt wäre, und was klein. –
Sanat belehrte ihn, klein sei die Überwindung der Welt; aber groß sei die
Überwindung der Überwindung selbst noch wieder in deren anscheinender
Großartigkeit. Klein in der Welt, belehrte ihn Sanatkumara, seien Leid und
Schmerzen jeglicher Art; groß aber erst sei jenes Leid, wenn man sich zu
allen Schmerzen zusätzlich noch den Schmerz der heitersten Ausgelassenheit
bereite, an dessen Echtheit auch der gewiegteste Kenner keine Zweifel hegen
dürfte. – Der Schmerz der Einsichten traf Narada so tief, daß er auf der
Stelle in Tränen ausbrechen mußte; aber er lachte dabei in ausgelassener
Heiterkeit, daß es aussah, als ob ihm vor Glück die Tränen gekommen wä-
ren. Und dies machte Narada auch noch wirklich über sich glücklich. So
hatte er „sieben auf einen Streich“. Soviel Weisheit gab es nur selten bei
den Waldweisen zu finden.

In dieser Art belehrte der vollendete Sanatkumara seinen Freund Narada, als
der ihn eines Tages aufsuchte und sich solchen Erklärungen bereitwillig
öffnete. – Auch Narada wurde ein Vollendeter, wie Sanat es war.

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Als den Göttern diese Lehren zu Gehör kamen, suchten sie den Vollendeten
Prajapati auf und baten ihn um Darstellung des Atman. Der ließ sie in einen
Spiegel sehen und meinte, da sein Atman. Darauf eilte einer der Götter
vergnügt von dannen und lehrte im Himmel, wer dem Leib diene, der tue
alles, was möglich sei, der erwerbe sich Verdienste im Diesseits wie im Jen-
seits.

Die übrigen drei Götter blieben noch sechzehn Jahre bei Prajapati und wur-
den allgemach belehrt, das was als Traum umherschweife, frei vom Leibe
sei, sich seiner bediene, das sei Atman. Es fühlte sich jedoch gleich wieder
einer der Götter befriedigt und kehrte nachhause zurück.

Nach weiteren sechzehn Jahren lehrte Prajapati, dasjenige was da schlafe, es


erfahre weder Freud’ noch Leid, das eben sei das Atman in seiner allumfas-
senden Indifferenz. Wieder ging einer der Götter nachhause, und als letzter
blieb übrig der Gott Indra, von dem die Inder ihren Namen hatten.

Nach wiederum sechzehn Jahren klärte Prajapati ihn auf, auch der Schlaf
gehe mit dem Tod vorbei; was aber dann noch bliebe sei das unsterbliche
Atman. In der Quartessenz liege das Heil und alle Erlösung der Welt. –
All unsere Liebe gehört jenen Lehrern, die sich zu solchen Einsichten über-
winden konnten. Om, – om, – om. –

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