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Kapitel:: Lnhaltsiibersicht

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VIII lnhaltsiibersicht

2. Kapitel:

Die Zustandigkeiten des Bürgers


A. Das System der Zustandigkeiten .. .. .. . . .. . .. . . . .. .. . . .. . . . .. .. 158

I. Sondergut der Unterlassungsdelikte? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 Inhaltsverzeichnis


II. Zur Genealogie der Lehre von den Garantenstellungen . . . . . . . . . . 162
III. System der Zustandigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
Vorwort ...................................... •• •• •• •• •• •• •· · · · · • •· · · · · V
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten...................... 192
Inhaltsübersicht VII
I. Vom corpus delicti zum materiellen Tatbestandsbegriff ......... . 192
II. Das Verhaltnis von Tatbestand und Rechtswidrigkeit .......... . 195
III. System der Verletzten-Zustandigkeiten ........................ . 215 Einleitung .................................... •• •• ••• • ••• • •· · · •• •· · · · · ·

3. Kapitel: l. Kapitel:

Die Verletzung der strafrechtlichen Der Begriff des Verbrechens


Mitwirkungspflicht
A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie . . . . . . . . . . 26
A. Kriminalunrecht als zurechenbar-
I. Das Argernis des Strafzwanges ........................... • . • • • • • 26
zustandigkeitswidriges Verhalten .............................. 257
II. Praktische Philosophie und die Positivitat des Rechts . . . . . . . . . . . . 29
I. Der Begriff des Kriminalunrechts und die Funktion der
1. ,,Philosophie und Dogmatik stehen im Verhaltnis
Zurechnungslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
des Andersseins" ......................................... • •. . 29
II. Unrecht und Schuld als tragende Systemkategorien? . . . . . . . . . . . . 259
2. Der Gerechtigkeitsanspruch des positiven Rechts . . . . . . . . . . . . . 39
III. Das Verbrechen als ein Unrecht des Bürgers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
3. Das Eigenrecht des Positiven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
IV. Voraussetzungen der Unrechtszurechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
III. Rechtspolitik statt praktischer Philosophie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
B. Die Grenzen der Zurechenbarkeit ............................. 299 IV. Straftheorie als Ausgangspunkt ............................. • • • • 52
I. Die Grenzfrage als Zustandigkeitsproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 1. Primat des Verbrechensbegriffs? .......................... • • • • 52
II. ZurechnungsausschlieBender Verbotsirrtum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 2. Grundmodelle der Strafbegründung ...................... • • • • 58
III. Erhebliche Erschwerung der Motivierung zu verhaltensnorm-
gemaBem Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 B. Strafe als Praventionsinstrument? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

C. Das Ausma:Gder Pflichtwidrigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 I. Die Attraktivitat des Praventionsdenkens........................ 61

I. Einheit und Vielfalt der Zurechnungsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 II. Die negative Generalpravention ............................. • • • • 66
II. Grundstruktur subjektiv-pflichtwidrigen Verhaltens . . . . . . . . . . . . 364 III. Die Spezialpravention ................................... • .. • • • • • 72
III. Die Konturen rechtsfeindlichen Kriminalunrechts . . . . . . . . . . . . . . 374 IV. Die positive Generalpravention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417
Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 501
Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505
MichaelPawlik

Das Unrecht des Bürgers


Grundliniender
AllgemeinenVerbrechenslehre

Mohr Siebeck
Michael Pawlik, geboren 1965; Studium der Rechtswissenschaft in Bonn und Cambridge;
1992 Promotion; 1998 Habilitation; 2000 bis 2003 Professor an der Universitat Rostock; scit
2003 Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, StrafprozeGrecht und Rechtsphilosophic an der
Universitat Regensburg.

Vorwort

Die Arbeit an diesem Buch habe ich im Jahre 2004 begonnen und im April
2012 beendet. Ohne die Hilfe meiner Mitarbeiter hatte ich es nicht schreiben
ki:innen. Mein Dank gilt zunachst meinen Sekretarinnen, Frau Silvia Hutzler
und Frau Gisela Schirmbeck. Sie haben das Literaturverzeichnis stets auf dem
aktuellen Stand gehalten und zahllose organisatorische Einzelfragen mit Ge-
schick und Tatkraft bewaltigt. Ebenso dankbar bin ich meinen wissenschaft-
lichen und studentischen Mitarbeitern, allen voran Herrn Privatdozenten Dr.
Michael Kubiciel. Von der Literaturbeschaffung über die Manuskript- und Fah-
nenkorrektur bis zur Erstellung der Register haben sie sich in vielfaltiger Weise
um dieses Buch verdient gemacht.
Ein ganz besonders herzlicher Dank gebührt meinem verehrten Lehrer,
Herrn Professor Dr. Dr. h. c. mult. Günther J akobs. Er stand mir stets mit Rat
und Ermutigung zur Seite. Darüber hinaus hat er das gesamte Manuskript ge-
lesen und mich an einer Reihe von Stellen vor Unbedachtsamkeiten bewahrt.
Dem Verlag Mohr Siebeck, namentlich seinem Geschaftsführer, Herrn Dr.
Franz-Peter Gillig, danke ich für die hervorragende Zusammenarbeit.
Ich widme dieses Buch meiner Frau, meinen Kindern und dem Andenken
meiner Mutter.

Peiting, im Juli 2012 Michael Pawlik

ISBN 978-3-16-152189-8

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-


bibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über [Link] ab-
rufbar.

© 2012 Mohr Siebeck Tübingen. [Link]


Das Werk einschliefüich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
auGerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgcsetzcs ist ohne Zustimmung des Verlags
unzulassig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfaltigungen, Übersetzungen, Mi-
kroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Das Buch wurde von Computersatz Staiger in Rottenburg/N. aus der Stempel-Garamond
gesetzt, von Gulde-Druck in Tübingen auf alterungsbestandiges Wcrkdruckpapier gedruckt
und von der Buchbinderei Spinner in Ottersweier gebunden.
Inhaltsübersicht

Vorwort............................................................... V

Inhaltsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IX

Einleitung ............................................................ .

1. Kapitel:

Der Begriff des Verbrechens


A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie . . . . . . . . . 26

I. Das Argernis des Strafzwanges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26


II. Praktische Philosophie und die Positivitat des Rechts . . . . . . . . . . . 29
III. Rechtspolitik statt praktischer Philosophie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
IV. Straftheorie als Ausgangspunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

B. Strafe als Praventionsinstrument? ............................. 61

I. Die Attraktivitat des Praventionsdenkens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61


II. Die negative Generalpravention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
III. Die Spezialpravention. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
IV. Die positive Generalpravention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer


Mitwirkungspflicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82

I. Gefahren des Praventionsdenkens und Renaissance der


Vergeltungstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
II. Legitimationsgrund der Mitwirkungspflicht:
Aufrechterhaltung cines Zustandes der Freiheitlichkeit . . . . . . . . . . 90
III. Vergeltungstheorie und Strafverhangung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
IV. Bürger und Externe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
V. Das Verbrechen als Rechtsgutverletzung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
VI. Vom Verbrechensbegriff zur Allgemeinen Verbrechenslehre . . . . . 151
VIII Inhaltsiibersicht

2. Kapitel:

Die Zustandigkeiten des Bürgers


A. Das System der Zustandigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158

I. Sondergut der Unterlassungsdelikte? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 Inhaltsverzeichnis


II. Zur Genealogie der Lehre von den Garantenstellungen.......... 162
III. System der Zustandigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
Vorwort .................................... •• •• •• •• •• •• • ••· · · · · · · · · · · · V
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten ...................... 192

I. Vom corpus delicti zum materiellen Tatbestandsbegriff . . . . . . . . . . 192


Inhaltsübersicht ............................ • • • • • ... • • • • • • • • • • • • · · · · · · · VII
II. Das Verhaltnis von Tatbestand und Rechtswidrigkeit . . . . . . . . . . . 195
III. System der Verletzten-Zustandigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Einleitung ................................... ••• •• •• • ••• • ••• • •• •• •• •• •·

3. Kapitel: l. Kapitel:

Die Verletzung der strafrechtlichen Der Begriff des Verbrechens


Mitwirkungspflicht
A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie . . . . . . . . . . 26
A. Kriminalunrecht als zurechenbar-
I. Das Argernis des Strafzwanges ............................. • •• • • 26
zustandigkeitswidriges Verhalten.............................. 251
II. Praktische Philosophie und die Positivitat des Rechts . . . . . . . . . . . . 29
I. Der Begriff des Kriminalunrechts und die Funktion der 1. ,,Philosophie und Dogmatik stehen im Verhaltnis
Zurechnungslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
des Andersseins" ...................................... • •• •• • • 29
II. Unrecht und Schuld als tragende Systemkategorien? . . . . . . . . . . . . 259
2. Der Gerechtigkeitsanspruch des positiven Rechts . . . . . . . . . . . . . 39
III. Das Verbrechen als ein Unrecht des Bürgers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
3. Das Eigenrecht des Positiven ............................ • •• • • 45
IV. Voraussetzungen der Unrechtszurechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
III. Rechtspolitik statt praktischer Philosophie? ................ •• • • • 47
B. Die Grenzen der Zurechenbarkeit ............................. 299 IV. Straftheorie als Ausgangspunkt ....................... •• • •• •• •• • 52
I. Die Grenzfrage als Zustandigkeitsproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 1. Primat des Verbrechensbegriffs? .......................... •• • • 52
II. ZurechnungsausschlieBender Verbotsirrtum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 2. Grundmodelle der Strafbegründung ......................... • 58
III. Erhebliche Erschwerung der Motivierung zu verhaltensnorm-
gemaGem Verhalten............................................ 345 B. Strafe als Praventionsinstrument? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

C. Das Ausma:Bder Pflichtwidrigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 I. Die Attraktivitat des Praventionsdenkens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

I. Einheit und Vielfalt der Zurechnungsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362


II. Die negative Generalpravention ............................... •• 66

II. Grundstruktur subjektiv-pflichtwidrigen Verhaltens . . . . . . . . . . . . 364 III. Die Spezialpravention ............................ • ...... • •• •• •• • 72
III. Die Konturen rechtsfeindlichen Kriminalunrechts . . . . . . . . . . . . . . 374 IV. Die positive Generalpravention ................................. • 77

Literaturverzeichnis ................................................... 417

Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 501

Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505
X Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis XI
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer 1. Die Aufgabe des Rechts und die Figuren der
Mitwirkungspflicht ............................................ . 82 Zustandigkeitsbegründung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
I. Gefahren des Praventionsdenkens und Renaissance der 2. Respektierung anderer Personen............................. 178
Vergeltungstheorie ........................................... . 3. Gewahrleistung grundlegender Realbedingungen personaler
82
Existenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
II. Legitimationsgrund der Mitwirkungspflicht:
Aufrechterhaltung eines Zustandes der Freiheitlichkeit ......... . 90
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten...................... 192
1. Strafrecht im Dienst der politischen Gemeinschaft? ......... . 92
2. Freiheitsidee und Bürgerstatus ............................. . 99 I. Vom corpus delicti zum materiellen Tatbestandsbegriff . . . . . . . . . . 192
3. Der Verbrechensbegriff Hugo Halschners .................. . 110 II. Das Verhaltnis von Tatbestand und Rechtswidrigkeit . . . . . . . . . . . 195
III. Vergeltungstheorie und Strafverhangung ...................... . 116 1. Tatbestande als ,,Verbotstafeln"? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
IV. Bürger und Externe ........................................... . 120 2. Der Tatbestand: ,,rein deskriptive Gri:ii;e"
oder ,,Unrechtstyp"? ........................................ 199
V. Das Verbrechen als Rechtsgutverletzung? ...................... . 127
3. Rechtliche Strukturunterschiede zwischen Tatbestands-
1. Der Rechtsgutbegriff als ,,reifste Frucht der Aufklarung"? ... . 127 losigkeit und Rechtfertigung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
2. Kritische Potenz des Rechtsgutbegriffs? .................... . 131 4. Unterschiedlicher sozialer Sinngehalt von Tatbestands-
a) ,,Das Recht ist um der Menschen willen da" 131 losigkeit und Rechtfertigung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
6) Ausgrenzung 6loiler Moralwidrigkeiten? .. : : : : : : : : : : : : : : : : : : : : 133
e) Unterscheidung zwischen Rechtsgut und Norm? ............... . 136 III. System der Verletzten-Zustandigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
3. Vom Rechtsgut zur Rechtsperson ........................... . 137 1. Zustandigkeitsverteilung als einheitliches Wertungsproblem . . 215
a) Die Eindimensionalitat der Rechtsgutlehre .................... . 137 2. Eigenverantwortliche Selbstverletzung und Einwilligung . . . . . 219
6) Person6egriff und Zurechnungslehre ......................... . 141 a) Inhalt und Reichweite des Autonomiegrundsatzes.. . . . . . . . . . . . . . 219
e) Person als Einhcit von Rechtsform und Materie ................ . 145 6) Ins6esondere: Zur Legitimation des§ 216 StGB . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
e) Relevanz von Willensmangeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
VI. Vom Verbrechensbegriff zur Allgemeinen Verbrechenslehre .... . 151
3. Notwehr und Defensivnotstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
a) Respektierungspflicht und A6wehrrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
6) Umfang des A6wehrrechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
2. Kapitel:
4. Aggressivnotstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
Die Zustandigkeiten des Bürgers

A. Das System der Zustandigkeiten . .. . . . . .. .. .. .. .. . .. .. . . .. .. . . . 159 3. Kapitel:


I. Sondergut der Unterlassungsdelikte? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Die Verletzung der strafrechtlichen
II. Zur Genealogie der Lehre von den Garantenstellungen . . . . . . . . . . 162 Mitwirkungspflicht
1. Zustandigkeitslehre als Pflichtenlehre........................ 162
a) Die Auffassung Kants . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 A. Kriminalunrecht als zurechenbar-
6) Modifikationen der kantischen Position 6ei Schopenhauer
und Hegel... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
zustandigkeitswidriges Verhalten.............................. 257

2. Die Anfange der strafrechtlichen Garantendiskussion . . . . . . . . 168 I. Der Begriff des Kriminalunrechts und die Funktion der
a) Die ,,6esonderen Rechtsgründe" 6ei Feuer6ach . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Zurechnungslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
6) Kommissivdelikte durch Unterlassen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 II. Unrecht und Schuld als tragende Systemkategorien? . . . . . . . . . . . . 259
III. System der Zustandigkeiten ........................... ' ....... . 174 1. Sollen und K01111en. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
2. Die Rechtsstellung des Unrechtleidenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Inhaltsverzeichnis XIII
XII I nhaltsverzeichnis

3. Der Gegenstand des Verbotsirrtums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 C. Das AusmaE der Pflichtwidrigkeit ........................... • 362
4. Die Axiologik der Beteiligungslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 I. Einheit und Vielfalt der Zurechnungsformen .................. • 362
III. Das Verbrechen als ein Unrecht des Bürgers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 II. Grundstruktur subjcktiv-pflichtwidrigen Verhaltens . . . . . . . . . . . . 364
IV. Voraussetzungen der Unrechtszurechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 1. Vorsatz und Fahrlassigkeit als juristisch-technische Begriffe . . 364
1. Gründe und Ursachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 2. Vcrmeidbarkeit als Oberbegriff ............................. • 367
2. Die klassische Zurechnungslehre und ihr Schicksal . . . . . . . . . . . 288 III. Die Konturen rechtsfeindlichen Kriminalunrechts ............. . 374
3. Die Aktualitat der klassischen Zurechnungslehre............. 297 1. Der Begriff der Rechtsfeindlichkeit ......................... . 374
2. Entbehrlichkeit einer Willenskomponente .................. . 376
B. Die Grenzen der Zurechenbarkeit .. .. .. .. .. .. . .. .. .. .. .. . . . .. . 299 3. Die MaBfigur des Zurechnungsurteils: der vernünftige Bürger 382

I. Die Grenzfrage als Zustandigkeitsproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 a) Vom dolus indirectus zum dolus eventualis .................... . 382
6) Individualisierende oder objektivierende Beurteilung
II. ZurechnungsausschlieBender Verbotsirrtum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 der Tatsituation? ................ • • • • • • • • · · • · · · · · · · • · · · · · · · · 387
1. Die Obliegenheit zur Irrtumsvermeidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 4. Der Gegenstand der Zurechnung: die verbotswidrige
a) Keine Isolierung des Wissens gegenüber dem Wollen . . . . . . . . . . . . 303 Handlung .................................. • • • • • • • • • • • • • • • • 397
b) ,,Prüfende Besonnenheit - die notwendige [Link] 397
a) Das traditionelle Verstandnis des dolus malus .............. • ... .
loyalen Handelns" . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 400
b) Die Schuldtheorie als KompromiGposition ................ •••. •
2. Gleichwertigkeit aller Erscheinungsformen des e) Eine normativierende Konzeption von Rechtsfeindlichkeit .. • ... . 404
Verbotsirrtums ............................................. 311 d) Die Behandlung nicht-rechtsfeindlicher Ver6otsfahrlassigkeit .... . 408
a) Error juris criminalis nocet?.................................. 312
b) Strengere Entlastungskriterien beim Verbotsirrtum
im engeren Sinne? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 Literaturverzeichnis 417
3. Verbotsirrtümer im engeren Sinne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 Personenregister ............................... • • .. • • • • • • • • • • • • • • • · · • · · 501
·a) Bezugsgegenstand des Verbotsirrtums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
b) Die Grenzen der Rechtserkundungsobliegenheit . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Sachregister ........................ • • • . • • .. • • • • • • • • • • • · · · 505

4. Tatumstandsirrtümer (Verbotsirrtümer im weiteren Sinne) . . . 333


a) Fahrlassigkeit als SorgfaltsverstoG? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333
b) Das erlaubte Risiko.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
e) Die Grenzen der Bemühensobliegenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
III. Erhebliche Erschwerung der Motivierung zu verhaltensnorm-
gemaBem Verhalten............................................ 345
1. Die Obliegenheit zur Selbstmotivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345
2. Entlastung als Konzession anden ,,Selbsterhaltungstrieb"
des Taters? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346
3. Mitzustandigkeit des Eingriffsadressaten für die
Bewaltigung der Konfliktlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353
a) Bestimmung der Obliegenheitsgrenze als Zustandigkeitsproblem . . 353
6) Vorrangige Zustandigkeit des Taters für die erschwerenden
Umstande . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355
e) Der NotwehrexzeG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358
d) Der zurechnungsausschlieGende Notstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360
Einleitung

Berühmt ist das Wort Moses Mendelssohns von dem ,,alles zermalmenden
Kant", der der klassischen Metaphysik endgültig den Garaus gemacht habe 1.
Weniger bekannt, wenngleich für die weitere Entwicklung der Rechtswissen-
schaft im allgemeinen und der Strafrechtswissenschaft im besonderen hochst
bedeutsam, ist ein anderer Zug des kantischen Denkens: die Aufwertung des
Systembegriffs 2 • Die diesem Vorgang zugrunde liegende ideengeschichtliche
Konstellation ist durch zwei Merkmale gekennzeichnet 3 . Zum einen spiegelt
der Systemgedanke den Übergang von einer in sich ruhenden Ordnung des
Seins - einem ardo - zu einer Ordnung in der Bewegung wider. So versteht
die Astronomie, welcher der Systembegriff entstammt, unter einem System
die Ordnung von bewegten Himmelskorpern, wobei das Ordnungsprinzip
in der Gesetzmafügkeit ihrer Bewegung und der Bewegungsrelation besteht.
Zum anderen steht der Systembegriff für die Abkehr von der Vorstellung ei-
ner unmittelbar einsichtigen Harmonie der Welt, wie sie dem ordo-Denken
entspricht. Die Ordnung der Welt als System aufzufassen bedeutet demgegen-
über, die Gesetzmafügkeit, die hinter der Vielfalt der ungeordnet erscheinen-
den Bewegungen steht, allererst zu entdecken. Abgelost von der bloBen Abbil-
dung der Dinge verdankt sich das System der ordnenden Kraft menschlicher
Vernunft.
Mit der Formel, daB sich nicht unsere Erkenntnis nach den Gegenstanden,
sondern ,,die Gegenstande [... ] sich nach unserer Erkenntnis richten" müssen4,
hat Kant diese Neubestimmung des Verhaltnisses von Erkenntnissubjekt und
Erkenntnisobjekt auf den Begriff gebracht - mit weitreichenden Folgen für die
Rechtslehre. Bis in die zweite Halfte des [Link] hatte diese sich in
aristotelischer Tradition als eine Kunstlehre (ars oder prudentia) verstanden;
,,System" bedeutete deshalb in der Jurisprudenz nichts anderes als ein Lehr-

1 Mendelssohn, Morgenstunden, S. 5.
2 Allgemein zum kantischen Systembegriff Baum, Systemform, S. 25 ff.; Fulda!Stolzen-
berg, Einleitung, S. 11 H.;Haase, Grundnorm, S. 141ff.; Hoffe, Architektonik, S. 617 H.,627 ff.;
Kambartel, System, S. 105 ff.; P. Konig, Selbsterkenntnis, S. 41 ff.; Riedel, Art. ,,System",
S. 306 ff.; Somek, Rechtssystem, S. 32 ff.; Strub, Art. ,,System", Sp. 836 ff.; Zoller, Seele, S. 53 ff.
3 Die folgende Darstellung orientiert sich an Denzer, Moralphilosophie, S. 56 sowie Ger-

hardt, Selbstüberschreitung, S. 246 ff.


4 Kant, KrV, B XV, Wcrke Bd. 3, S. 25.
2 Einleitung Einleitung 3
12
buch, und der Ehrgeiz juristischer ,,Systematiker" richtete sich hauptsachlich System • Damit ist das System einer Wissenschaft ,,jetzt nicht mehr nur ihre
auf die Hervorbringung neuer Ordnungs- und Darstellungsformen 5• Demge- zufallige lehrbuchmafüge Form, sondern auch ihre innere Struktur" 13.
genüber trat mit der kopernikanischen Wende Kants ein neuartiges, auf der Hegel, der Kant das Verdienst zuspricht, überhaupt erst die ,,Idee einer Wis-
Idee der schopferischen Kraft genuin wissenschaftlichen Denkens beruhendes senschaft" aufgestellt zu haben 14, übernahm dessen Gleichsetzung von Wissen-
Systemverstandnis in den Gesichtskreis der Juristen 6 • Kant zufolge ist namlich schaft und Systembildung 15. ,,Eine Philosophie ohne System kann nichts Wis-
die menschliche Vernunft ,,ihrer Natur nach architektonisch, d.i. sie betrachtet senschaftliches sein" 16;deshalb führe ein bloBes Aggregat von Kenntnissen den
alle Erkenntnisse als gehorig zu einem moglichen System" 7 . Das System hat Namen Wissenschaft nicht mit Recht 17. Auch bei Hegel sind zudem die Begriffe
mithin die Aufgabe, den der Vernunft innewohnenden Anspruch auf geordne- des Ganzen und der Einheit nicht nur vom Systembegriff unabtrennbar, sondern
ten Zusammenhang einzulosen. Dementsprechend wird es von Kant in der Kri- :'ielmehr seine p~sitiven Definitions- und Explikationsmomente 18 . Allerdings
tik der reinen Vernunft definiert als ,,die Einheit der mannigfaltigen Erkennt- 1st ~as _Systembe1 Hegel anders als bei Kant nicht Produkt einer (wenngleich auf
nisse unter einer Idee" 8. In einem System seien alle Teile, da ,,von einem einigen apnonsch gegebenen Voraussetzungen beruhenden) Eigenleistung des erken-
obersten und inneren Zwecke abgeleitet" 9, miteinander verwandt; durch den nenden Subjekts, sondern ,,objektive Totalitat" 19: ,,der Bau des Ganzen in seiner
leitenden Zweck werde ,,der Umfang des Mannigfaltigen so wohl, als die Stelle reinen Wesenheit aufgestellt" 2º.Deshalb stattet Hegel den Systemged:nken mit
der Teile untereinander, a priori bestimmt" 1º. Das Ganze sei demnach ,,geglie- einem unüberbietbaren Inklusionsanspruch aus. Alle Inhalte wissenschaftlichen
dert [... ] und nicht gehauft"; sein Zweck und seine Form kongruierten 11 . Dasje- Erkennens -von der Natur über den subjektiven Geist bis hin zu den Gestalten
nige, ,,was gemeine Erkenntnis allererst zur Wissenschaft [... ] macht", ist in den des objektiven und des absoluten Geistes (Recht, Religion, Kunst und Philoso-
Worten des Konigsberger Denkers ihre Einfügung in ein derart verstandenes phie) - seien nur Momente der Idee, deren allgemeine Struktur Hegel in der Lo-
gik begriffen zu haben beansprucht: ,,Das Absolute ist die allgemeine und eine
Idee, welche als urteilend sich zum System der bestimmten Ideen besondert, die
5 Schroder, Recht, S. 246; ders., Rechtswissenschaft, S. 17 f., 22 ff.; ders., Wissenschafts-
aber nur dies sind, in die eine Idee, in ihre Wahrheit zurückzugehen." 2 1
theorie, S. 99 f., 113, 129. -Entsprechendes galt für die Philosophie und die Theologie: Kam-
bartel, System, S. 104. Schon bei Kants Schülern Fichte, Schleiermacher und Wilhelm von Humboldt
6 Grundlegend Schroder, Wissenschaftstheorie, S. 92 ff.; zusammenfassend Vesting, verband sich die Neubestimmung des Wissenschaftscharakters der traditionellen
Rechtstheorie, Rn. 83. - Jakl (Recht, S. 146) sieht Kant demgegenüber dem Sprachgebrauch Fakultaten 22 mit der Frage nach dem Sinn der Universitaten 23 • Wenig verwun-
des [Link] -System als Inhalt von Lehrinhalten-verhaftet.
7
Kant, KrV, B 502, Werke Bd. 4, S.449.
de~·lichist es da~er, daB die von Kant und Hegel übernommene Überzeugung,
8
Kant, KrV, B 860, Werke Bd. 4, S. 696. W1ssenschaft se1 nur als System denkbar, verbunden mit dem Ziel, selbst eine
9
Kant, KrV, B 861, Werke Bd. 4, S. 696. Wissenschaft in diesem Sinne zu werden, für das Selbstverstandnis der deutschen
10
Kant, KrV, B 860, Werke Bd. 4, S. 696. Strafrechtslehre des [Link] pragend wurde. Feuerbach unternahm es
11 Kant, KrV, B 860 f., Werke Bd. 4, S. 696. - In der Terminologie Peines (Recht, S. 40 ff.)

vertritt Kant einen zweibezüglichen Systembegriff. Kant sieht, daB Einheit nicht schon dann
die Vorgaben Kants auf den Bereich der Strafrechtslehre anzuwenden. Ein bloBe¡
entsteht, wenn Elemente gleicher Art aus den verschiedenen Arten von Elementen ausgeson- ,,Aggregat von Kenntnissen", so betonte er, verdiene noch nicht den Namen ei-
dert werden (einbezüglicher Systembegriff), sondern daB darüber hinaus auch das Verhalt- ner Wissenschaft 24 • ,,Eine Wissenschaft muB [... ] systematisch verfahren" 2 5;ihre
nis der einzelncn Teile untereinander der naheren Bestimmung bedarf. Wie wenig selbstver-
12
standlich diese Einsicht ist, lafü sich anhand eines Vergleichs zwischen Coings Rektoratsrede Kant, KrV, B 860, Werke Bd. 4, S. 695.
13
über die Geschichte des Systemgedankens und Canaris' wenige Jahre spater erschienenem Schroder, Recht, S. 246.
14
Werk ,,Systemdenken und Systembegriff in der Jurisprudenz" studieren. Coing steht mit sei- Hegel, Wesen, Werke Bd. 4, S. 176.
15
ner Systemdefinition - bei einem System handelc es sich um ,,die Ordnung von Erkenntnissen Vesting, Rechtstheorie, Rn. 83.
16
nach einem einheitlichen Gesichtspunkt" (Coing, Geschichte, S. 9) noch ganz in der Tradition Hegel, Enzyklopadie I, § 14 A, Werke Bd. 8, S. 59 f.
17
Kants. Canaris hingegen entwickelt, obwohl er eingangs ,,die klassische Definition Kants" Hegel, Phanomenologie, Werke Bd. 3, S. 11.
18
für maBgeblich erklart (Canaris, Systemdenken, S. 11), im weiteren Verlauf seines Buches ein Edel, Systcmform, S. 45.
19
Systemverstandnis, das weit hinter den kantischen Ansprüchen zurückbleibt. Ein System be- Hegel, Diffcrenz, Werke Bd. 2, S. 46.
20
stimmt er als ,,axiologische oder teleologischc Ordnung allgemeiner Rechtsprinzipien" (aaO, Hegel, Phanomenologie, Wcrke Bd. 3, S. 47.
21
S. 47); diese Prinzipien galten allerdings nicht ohne Ausnahme und konnten zueinander auch Hegel, Enz. I, § 213 A, Werke Bd. 8, S. 368.
22
in Gegensatz oder Widerspruch treten (aaO, S. 52). Ein solches System kann, wie Peine (aaO, Zusammenfassend Schroder, Wissenschaftstheorie, S. 146.
23
S.49 f). zu Recht hervorhebt, nur ein einbezügliches sein, da Ordnungsgesichtspunkte feh- Wieacker, Wandlungen, S. 7 ff.
24
len, die nahere Aussagen über das Verhaltnis der Prinzipien zueinander ermiiglichen (ahnlich Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 183.
25
Pawlowski, Methodenlehre, Rn. 162). Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 246.
4 Einleitung Einleitung 5

Aufgabe sei es, durch die ,,Richtigkeit, genaue Bestimmtheit, scharfe Prazision, ten" mitzureden, verdiene ,,eine so kurze Abfertigung [... ] wie im Drama der
lichtvolle Klarheit der rechtlichen Begriffe" den ,,innere[n] Zusammenhang der Poet, der sich zwischen die Feldherrn drangt" 34. Mit der Skepsis gegen eine
Rechtssdtze" sowie den ,,systematischen Zusammenhang der Rechtslehren" 26zu Spekulation, die den Fortschritt in ihre freischwebend deduzierten Systemka-
erhellen und so die ,,rohe Masse" des vorhandenen Rechtsstoffs ,,zu einem orga- tegorien zwangen zu konnen glaube, gingen zunehmende politische Bedenken
nisierten, mit sich selbst in allen seinen Teilen zusammenstimmenden Ganzen" gegen eine Rechtswissenschaft einher, die infolge ihrer Fokussierung auf lo-
zu bilden [Link] Verworrenheit und Disharmonie sei ,,Beleidigung der Vernunft, gisch-systematische Ableitungen die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen
deren hochste Aufgabe für alles, für das Erkennen wie für das Handeln, Über- der von ihr behandelten Konflikte ausblende 35. Namentlich der als bedrohlich
einstimmung und Einheit ist" 28. Bei aller sonstigen Kritik an Feuerbach schlos- empfundene Anstieg der Kriminalitatsrate im Gefolge der rasch fortschreiten-
sen sich die Hegelianer in diesem Punkt dessen Sicht der Dinge an. So war für den Industrialisierung 36wurde als Indiz dafür gewertet, daB das herkommliche
Heinrich Luden die ,,Wissenschaft des teutschen Strafrechts [... ] nicht ein Inbe- Verstandnis strafrechtswissenschaftlicher Tatigkeit unzureichend sei und
griff bloB zufallig zusammengeworfener Begriffe und Grundsatze, sondern ein durch eine zeitgemaBe - und das hieB: dem Wissenschaftsverstandnis der Na-
System, in welchem das Eine durch das Andere bedingt ist und organisch mit turwissenschaften genügende - Auffassung ersetzt werden müsse. Eine zweck-
ihm zusammenhangt" 29. Auf die Organismus-Metapher griff auch Albert Ber- mafüge, effektive Verbrechensbekampfung setze namlich die genaue Kenntnis
ner zurück. Die ,,systematische Behandlung des Criminalrechts" sei ,,die Dar- der Verbrechensursachen sowie der Wirkungen der Strafe voraus; diese aber sei
legung des organischen Lebens, welches sich in einem bestimmten, geordneten nur durch die Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden zu erlangen 37.
Gliedbau kundgiebt". Als solche sei sie nichts Geringeres als ,,die Darlegung des Dementsprechend beschrankte Liszt in seiner 1899 gehaltenen Berliner An-
Ganges, den die Sache kraft ihrer eigenen Nothwendigkeit und Wahrheit nimmt, trittsvorlesung ,,mit der ganzen Wucht einer siegreich heraufkommenden Welt-
also keine gemachte Wahrheit, sondern die ewige, objective Wahrheit" 3º. anschauung"38 und unter souveraner Beiseiteschiebung der Tradition die ei-
Auf der allgemeinphilosophischen Ebene hatte zu diesem Zeitpunkt aller- gentlich ,,wissenschaftliche Aufgabe der Strafrechtswissenschaft" auf ,,die kau-
dings schon jener ProzeB einer Abkehr von umfassenden Systementwürfen ein- sale Erklarung von Verbrechen und Strafe" 39; denn nur eine kausale Erklarung
gesetzt, für den sich der dramatisierende Titel ,,Zusammenbruch des Idealis- konne auf den Titel wissenschaftlicher Erkenntnis Anspruch erheben 40 •
mus" eingebürgert hat 31. Wichtiger als die Erzielung einzelner Ergebnisse, die In der Folgezeit wurde Liszt zwar zugute gehalten, daB er ,,unsere Wissen-
ohnehin bald überholt sein würden, war es aus der Sicht der aufstrebenden und schaft von dem dunklen Überbau einer meist miBverstandenen Dialektik be-
zunehmend auch die philosophische Dislrnssion beeinflussenden Naturwissen- freit"41, ,,das Strafrecht [... ] dem Le ben der Gemeinschaft [... ] wieder verant-
schaften, den FluB der Neuerungen in Gang zu halten: ,,wertvoll ist das, was wortlich gemacht" und die ,,Vollstrecker des Rechts" gezwungen habe, ,,für den
uns voranbringt, nicht das, was uns verweilen lafü" 32. Die ,,Komodie der Erfolg in der Wirklichkeit zu sorgen" 42. Liszts enges, am Vorbild der Naturwis-
speculativen Philosophie" sei ausgespielt, verkündete Ludwig Knapp im Jahre senschaften orientiertes Verstandnis der Rechtswissenschaft 43 hingegen hat
185733. Ihr Verlangen, in den ,,reellen, d.h. wahrheitsstrebenden Wissenschaf-
34 Knapp, System, S. 5.
26 Feuerbach, Philosophie, S. 91. 35 Zu diesem politischen Subtext der Kontroverse um den Wissenschaftsbegriff vgl. etwa
27 Feuerbach, Philosophie, S. 104. Zustimmend jüngst Augsberg, Methodendiskussion,
Haverkate, Jurisprudenz, S. 293; Simon, RJ 11 (1992), 356; Wieacker, FS Gadamer, Bd. II,
S.184. S. 315. - Das gleiche, wenngleich unter anderen politischen Vorzeichen artikulierte Unbeha-
28 Feuerbach, Philosophie, S. 103 f. - Ahnliche Bekundungen findcn sich im Bereich des
gen stand hinter der in den spaten 60er und den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts erho-
Zivilrechts. In den Worten des jungen Savigny (Methodenlehre, S. 15) ware eine Behandlung benen Forderung, die Rechtswissenschaft zu einer Sozialwissenschaft umzugestalten (exem-
des Rechtsstoffes, die ,,ein bloBes Fachwerk, ein bequemes Aggregat der Materien lieferte, plarisch Rottleuthner, Rechtswissenschaft, S. 7 ff., 245 ff.; umfangreiche weitere N achweise
[... ] bloBe Erleichterung des Gedachtnisses", im übrigen aber ,,von sehr geringem Werte". bei R. Dreier, Rechtstheorie 2 [1971], 37 f. Fn. 3).
Solle sie wahres Verdienst haben, so müsse ihr innerer Zusammenhang eine Einheit produ- 36 Zur zeitgeni:issischen \X!ahrnehmung und Diskussion dieses Befundes: Koch, Binding,

zieren. Sei aber eine solche systematische Bearbeitung der Jurisprudenz mi:iglich, ,,so grenzt S. 129 m.w.N.
Jurisprudenz unmittelbar an Philosophie, [... ] die Jurisprudenz ist also eine philosophische 37 Dazu v. Mayenburg, Rolle, S. 115 ff.

Wissenschaft". 38 Georgalús, Studien, S. 10.


29
Luden, Handbuch, S.141. 39 Liszt, Abhandlungen, Bd. II, S. 289 (Hervorhebung im Original).
30
Berner, Grundlinien, S. 177. 40 Liszt, Abhandlungen, Bd. II, S. 289.
31
Schnadelbach, Philosophie, S. 21 ff. 41
Georgakis, Studien, S. 6.
32
Schnadelbach, Philosophie, S. 114. 42
So etwa v. Wedel, SchwZStr 47 (1933),337.
33 Knapp, System, S. 2. 43 Der prominenteste Vorlaufer Liszts in dieser Hinsicht war v. Kirchmann; dazu Her-
6 Einleitung Einleitung 7

sich, obwohl es bis heute Nachfolger gefunden hat 44, hierzulande nicht durch- methodengerechten Begründung fungiert in dieser Perspektive als unter dem
gesetzt45. Beginnend mit dem Neukantianismus und seiner Betonung der Gesichtspunkt der Nachprüfbarkeit hinreichendes Aquivalent zum empiristi-
Gleichwertigkeit aller geistigen Manifestationen wird zutreffend hervorgeho- schen Sinnkriterium 50.
ben, daf; es sich bei der Frage, ob neben der empirischen Rechtsforschung auch Auch Liszt war freilich weit davon entfernt, das strafrechtsdogmatische
die dogmatische Rechtslehre Wissenschaft sei, um ein rein definitorisches Pro- Systemdenken in Bausch und Bogen zu verwerfen. Nur waren es keine ge-
blem handelt 46. Man kann der empiristischen Fokussierung der positivistischen nuin wissenschaftstheoretischen Gründe, die nach Liszts Überzeugung für die
Wissenschaftstheorie folgen, aber man mufles nicht 47. Vielmehr kann man mit systematische Behandlung des Rechtsstoffs sprachen, sondern didaktische und
der neueren Wissenschaftstheorie 48auch den Umstand genügen lassen, daf; die rechtspolitische Erwagungen 51: Im System liege zum einen ,,die Bürgschaft für
Jurisprudenz ,,eine bestimmte, in dieser Welt sinnvolle Erkenntnisaufgabe, die sichere Beherrschung des von Tag zu Tag in seinen Einzelheiten umfang-
namlich die Suche nach den benotigten konkreten Rechtsregeln, mit rationalen reicher anschwellenden Stoffes" 52; zum anderen lasse sich nur so dem im Inter-
Mitteln verfolgt" 49. Der in der Rechtsdogmatik institutionalisierte Zwang zur esse der personlichen Freiheit unverzichtbaren nullum crimen-Satz zur Gel-
tung verhelfen 53. Vergleichbare Erwagungen finden sich bereits bei Feuerbach.
Die Umformung der didaktisch orientierten Strafrechtslehre traditionellen Zu-
berger, BerWissGesch 6 (1983), 84 ff.; Tripp, EinfluE, S. 210 f.; Simon, RJ 7 (1988), 143 ff.; aus schnitts zu einer systematisch verfahrenden Disziplin war nach dessen Überzeu-
der alteren Literatur: Binder, Kant-Studien 25 (1920), 322 ff. gung keineswegs nur um ihrer wissenschaftlichen Dignitat willen erforderlich.
44 Mit vergleichbaren Erwagungen spricht jüngst noch Schurz (Einführung, S. 36 f.) den
Im Mittelpunkt von Feuerbachs Revision stand vielmehr ein praktisch-rechts-
Wert- und Normsatzen der Jurisprudenz den Wissenschaftscharakter ab.
45 Im anglo-amerikanischen Bereich wird das Selbstverstandnis der Rechtsdogmatik als
staatliches Anliegen: Nur im Wege eines systematisch-rationalen Vorgehens
Wissenschaft dagegen nicht selten für abwegig gehalten. Nach einer Bemerkung Dubbers konne es der Strafrechtswissenschaft gelingen, die unertragliche Unberechen-
wurde es den amerikanischen Juristen ,,so gründlich van den Legal Realists der 1920er und barkeit der bisherigen Strafrechtsanwendung zu überwinden und der Gerichts-
1930er ausgetrieben, dass sich heute nur noch wenige amerikanische Rechtslehrer überhaupt praxis jenen ,,festen Gang" anzuweisen, der ,,um der Menschheit und um ihrer
daran erinnern konnen" (Dubber, Strafrechtsdogmatik, S. 248; naher Dedek,JZ 2009, 543 ff.).
Dogmatik im deutschen Sinne wird dort für eine rhetorische Operation gehalten, die die ei-
Rechte willen nothwendig" sei54. ,,Von der Theorie hangt die Praxis ab; um so
gentlich maEgebenden Faktoren van Entscheidungen nur verbrame; die Bezeichnung als legal sicherer und vollkommener ist diese, je bestimmter und vollendeter jene ist." 55
scholarship wird im wesentlichen nur solchen Forschungen zugebilligt, die sich van der Warte Darüber hinaus stand zum Zeitpunkt von Liszts Intervention auch bei den Ver-
einer anderen, nicht-juristischen Disziplin mit dem Recht beschaftigen (Dedek, aaO, 546 so- tretern des herkommlichen disziplinaren Selbstverstandnisses der Strafrechts-
wie v. Bogdandy, JZ 2011, 3). Über die wenig erfreulichen rechtspraktischen Folgen dieser
Theorieabstinenz unterrichtet Dubber, ZStW 121 (2009), 977 ff.
wissenschaft langst auf;er Streit, daf; als Gegenstand der Systematisierung nur
46 Aarnio, Denkweisen, S. 37; Bydlinski, Methodenlehre, S. 77; Ernst, Recht, S. 22; Hil- das positive Recht in Betracht komme 56. Angesichts dieser Rahmenbedingun-
gendorf, FS Lampe, S. 289;Arthur Kaufmann, ARSP 72 (1986),426; Neumann, Wissenschafts- gen sprachen Merkel und Binding für die grof;e Mehrzahl der Zunftgenossen,
theorie, S. 386. wenn sie an der Gleichsetzung einer wissenschaftlichen mit einer (anspruchsvoll
47 Ebenso Meyer-Cording, Jurist, S. 43; Weimar, FS Troller, S. 353. - Die Zirkelschlüssig-

keit der genannten Wissenschaftsdefinition manieren auch Arthur Kaufmann, FS Bockel-


verstandenen) systematischen Behandlungsweise des Rechts festhielten. Merkel
mann, S. 67 und Schünemann, GA 2011, 447. Schon Binder (Philosophie, S. 841) halt es für zufolge ware es eine Tauschung, wenn man glaubte, das positive Recht einer ge-
eine ,,gar nicht begründet[e]" Voraussetzung, wenn für die Rechtswissenschaft eine ,,natur- gebenen Zeit und Gesellschaft dadurch erfassen zu konnen, daf; man das Ein-
wissenschaftliche Methode" gefordert werde. (Dem Geist der Zeit - 1925! - entsprechend
sieht Binder [aaO, S. 846] darin ein perfides Attentat des ,,franzosische[n] Positivismus", der
seinen ,,verheerenden Zug durch das deutsche Denken" angetreten habe, ,,überall das nieder- gegen die VerlaElichkeit der eigenen Methoden und Leistungen) Bockelmann, Rechtswissen-
reiEend, was der deutsche Idealismus erbaut hatte und dessen tiefsinnige Spekulation erset- schaft, S. 29.
50 In diesem Sinne Larenz, Methodenlehre, S. 240 f.; Arthur Kaufmann, ARSP 72 (1986),
zend durch dem gemeinen Verstande zugangliche Schlagworte".)
48 Vgl. Kambartel, Art. ,,Wissenschaft", S. 719; Korner, Art. ,,Wissenschaft", S. 726 f.; 432 f.; Neumann, Wissenschaftstheorie, S. 389 ff.
51
Tetens, Art. ,,Wissenschaft", S. 1763. Deshalb kann die Dogmatik für Liszt nur den Status einer Kunstlehrc bzw. einer tech-
49 So Bydlinski, Methodenlehre, S. 77. - Ebenso Emge, Einführung, S. 383 f.; ders., Phi- nischen Fertigkeit beanspruchen; dazu Georgakis, Studien, S. 13 m.w.N.; kritisch Mittasch,
losophie, S. 60; Ernst, Recht, S. 22; Horn, Einführung, Rn. 50; Larenz, Unentbehrlichkeit, Auswirkungen, S. 113.
52
S. 11; Mayer-Maly, Rechtswissenschaft, S. 8; Meyer-Cording, Jurist, S. 44 f.; Schünemann, Liszt, Abhandlungen, Bd. II, S. 286.
53
GA 2011, 447; Tammelo, Aufsatze, S. 20 f.; Damas, ARSP 89 (2003), 186 (der allerdings nur Liszt, Abhandlungen, Bd. II, S. 60 ff., 79 ff., 434 f.
54
das Falsifikationsverfahren des Kritischen Rationalismus als eine wissenschaftlichen Stan- Feuerbach, Revision, Bd. I, S. XV.
55
dards genügende Methode anerkennt: aaO, 199); Poscher, ARSP 89 (2003), 213. - Naheste- Feuerbach, Revision, Bd. I, S. XV.
56
hend (entscheidend für den Wissenschaftscharakter der Jurisprudenz sei das stete Mifürauen Dazu naher unten S. 32 ff.
8 Einleitung Einleitung 9

zelne der bestehenden Gesetzgebung isoliert ins Auge fafüe und von den Prin- lichcr Zitierung der kantischen Definition des Systembegriffs 62 . Die Frage, was
zipien und dem in ihnen begründeten Zusammcnhang zwischcn den Einzelhei- es genau bedeute, systematische Strafrechtsdogmatik zu betreiben, wird aller-
ten abstrahicrte. ,,Wer etwa in einem Lehrbuch des Strafrechts nicht von einer dings nur vereinzelt zum Gegenstand vertiefter Überlegungen gemacht 63 • Zu-
bestimmten und im Wcsentlichen richtigen Auffassung von den Principien des meist verbleiben die betreffenden Ausführungen - wie jüngst im Hinblick auf
Strafrechts ausginge, der konnte die Bcstimmung des allgemeinen Theils dcr Roxin nachgewiesen wurdc - auf der Ebene ciner ,,impliziten Systemvorstel-
Strafgesetzgebung nur entweder in einer blos augcrlichen und unwissenschaftli- lung"64:Der Systembegriff wird dort über einige Allgcmeinplatze hinaus ,,nicht
chen Nebeneinanderreihung oder in einer confusen und irreleitenden Verknüp- naher erlautert, Verweise auf dcnkbare Ansatze erfolgen sporadisch und wer-
fung darstellen. Weder im einen noch im anderen Falle würde er dem Inhalte des den nicht vertief t" 65 • Aus der Sicht eincr philosophischen Systemvorstellung
geltenden Rechts wirklich gerecht werden." Denn die rechtlichen Bcstimmungen - und gar einer solch anspruchsvollen wie der kantischen - handelt es sich ,,bei
standen in einem inneren Zusammenhang und wollten in diesem aufgefafü und alldem eher um eine Zusammenstellung wichtiger Aspekte und Kennzeichen
aus ihm heraus erlautert sein 57 • Diesen Zusammenhang- das System - offenzu- als um einen ordnungsstiftcnden Entwurf"6 6 • Was ein neuerer Autor 67 über die
legen stellte für Merkel, insowcit nicht anders als für Feuerbach, die originare heutige Rechtsdogmatik insgesamt feststellt, gilt jedenfalls für die Dogmatik
Leistung der Strafrechtswissenschaft dar. des Strafrechts: Der Systembegriff wird dort mit leichter Hand vergeben, haufig
Ganz ahnlich klang es bei Binding. Bereits in seiner ersten grogen Veroffent- stillschweigend vorausgesetzt und regelmafüg nicht weiter hinterfragt.
lichung, einer Stellungnahme zum Entwurf eines Straf gesetzbuches für den Diese unscharfe Begriffsbildung kommt freilich nicht von ungefahr. Sie spie-
Norddeutschen Bund, hattc dieser die Unabhangigkeit der Gesetzesauslegung gelt vielmehr die prekare Rolle der Rechtsdogmatik widcr, die zwar einerseits
vom Willen des historischen Gesetzgebers betont: Mit dem Moment der Ge- den Anspruch erhebt, zum Kreis der Textwissenschaften zu gchoren, aber an-
setzespublikation ruhe das ganze Gesetz auf sich selbst, gehalten durch die ei- dererseits auch groilen Wert darauf legt, Zutragerin und Gesprachspartnerin
gene Kraft und Schwere, oft armer, oft aber auch reicher als die Gedanken des dcr Rechtspraxis 68 und - last but not least - Tragcrin des universitarcn Ausbil-
Gesetzgebers 58 . In seinem Eroffnungssaufsatz für die neugcgründete Zeit-
schrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft sah Binding demzufolge die Wis- dens., Wesenszüge, S. 160 ff.; Gropp, AT, § 2 Rn. 61; Haft, AT, S. 12 f.; Herzberg, Unterlas-
senschaft vom Strafrecht dadurch charakterisiert, dafl sie nicht am einzelnen sung, S. 8 f.; Hirsch, ZStW 93 (1981), 833; dens., FS Koln, S. 402 f.; dens., FS Spendel, S. 46;
Satz einer Gesctzesbestimmung klebe. Ihre Leistung bestehe vielmehr darin, dens., FS Trondle, S. 38; Hrnschka, GA 1981, 241 ff.; dens., JZ 1985, 1 ff.; Jakobs, AT, 4/38;
Jescheck!Weigend, AT, §6 I 1 (S.42); Kiipper, FS Puppe, S.144ff.; Langer, GA 1990, 436ff.;
die groile Ordnung des gesamten Rechtsgebiets offenzulegen: ,,sie interpretirt
Lippold, Rechtslehre, S. 34, 431; Neumann, Strafrechtsdogmatik, S. 119; Nitze, Bedeutung,
den Zusammenhang der Teile untereinander; sie füllt die Lücken aus, indem sie S. 45 ff.; Puppe, Schule, S. 177, 181; Roxin, AT 1, § 7 Rn. 38 ff.; dens., FS Brito, S. 777 f.; Schild,
latenten Rechtswillen sichtbar neben die greifbaren Gesetze stellt; sie geht pie- Merkmale, S. 78 ff., 99 ff.; Schmidhduser, AT, 6/1; Schroeder, Beitrage, S. 106; Schiinemann,
tatvoll ein auch auf das Kleine, den Satz, das Wort, - aber freilich sie betrachtet Grund, S. 26, 81; dens., Funktion, S. 1 ff.; dens., JA 1975, 511; dens., FS Schmitt, S. 117 ff.;
dens., GA 2001, 216 ff.; dens., Abgrenzung, S. 154 f.; dens., 1. FS Roxin, S. 7 f., 12 f.; dens., GA
die Ecke nicht aus der Ecke, wenn sie ihr Mafl bestimmen will; sie sieht auch das
2006, 378 f.; Zabel, Schuldtypisierung, S. 136; Zaczyk, FS Dahs, S. 41. - Auch auslandische
Kleine vom Zentrum aus als Teil des Ganzen und bestimmt danach seine Ge- Wissenschaftler, die die (vergangene) Weltgeltung der deutschen Strafrechtswissenschaft be-
stalt und sein Verhaltnis, die der Betrachter aus nachster Nahe vielleicht anders schworen, berufen sich zur Begründung primar auf deren Systematisierungsleistungen (so
sehen würde." 59 zuletzt Gimbernat-Ordeig, Grunderfordernisse, S. 165; Silva-Sánchez, GA 2004, 682; ders.,
FS Jakobs, S. 658, 661). - Wo Skepsis gegenüber dem herkommlichen Systemdenken artiku-
In der Nachfolge Merkels und Bindings versteht sich die deutsche Strafrechts-
liert wird, bezieht sie sich zumeist nur auf die axiomatisch-logische Methode der sogenannten
dogmatik bis heute als eine im Kcrn wissenschaftliche Disziplin und verweist Begriffsjurisprudenz (vgl. etwa Otto, ARSP 55 [1969], 497 ff., 508 ff.; dens., lnt. Jb. f. int. F. 2
zur Begründung auf den von ihr erhobenen Systemanspruch 60 • Bekenntnisse [1975], 120 ff., 126; dens., ZStW 87 [1975], 549 f.; Tiedemann, Tatbestandsfunktionen, S. 16 ff.
zum Systemdenken finden sich allerorten 61 , nicht selten sogar unter ausdrück- sowie Maurach!Zipf, AT 1, § 3 Rn. 26).
62
So bei Mittasch, Auswirkungen, S. 1; Erik Wolj~Schuldlehre, S. 9; Gropp, AT, § 2 Rn. 61;
Küpper, FS Puppe, S. 144; Roxin, AT 1, § 7 Rn. 3.
57 63 Zu nennen ist insbesondere Hruschka, GA 1981, 237 ff.; ders., JZ 1985, 1 ff.
Merkel, Grünhut's Zeitschrift 1 (1874),416.
58 64 Bumke, Rechtswidrigkeit, S. 31 Fn. 39.
Binding, Entwurf, S. 1 f.
59
Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S. 46. 65 Bumke, Rechtswidrigkeit, S. 31 f.
60 Das englische und das franzosische Strafrechtsdenken kennen eine solche Hochschat- 66 Bumke, Rechtswidrigkeit, S. 32.
67 Schroeder, Gemeinschaftsrechtssystem, S. 46.
zung des Systembegriffs nicht (dazu jüngst Helmert, Straftatbegriff, S. 203, 208).
61 Vgl. etwa Bleckmann, Strafrechtsdogmatik, S. 50 ff.; Burchard, Irren, S. 2 f.; Burkhardt, 68 Ob die von der universitaren Rechtsdogmatik angebotenen Gesprachsthemen für die

Strafrechtsdogmatik, S.112 f.; Frisch, Verhalten, S. 6; dens., Strafrechtsdogmatik, S. 161 f.; (revisions-)gerichtliche Rechtsprechung von ernsthaftem lnteresse sind, wird allerdings ver-
10 Einleitung Einleitung 11

dungsbetriebs zu sein 69 • Diese Ansprüche sind nicht ohne Reibungen miteinan- - und mit ihnen auch Rezeptionsgewohnheiten und Karrierewege - voneinan-
der kompatibel: Wer praktisch verwertbare Rechtsanwendungstechniken liefern der entfernen 71 . So klagen auf der einen Seite die Praktiker [Link] eine standig
will, muB zu Abstrichen an Abstraktionshi:ihe, Reflexionsniveau und Theorie- wachsende Flut von Akten, die es ihnen unmi:iglich mache, die Entwicklung der
anspruch bereit sein, die einem ,,reinen" Textwissenschaftler nicht abverlangt Wissenschaft auch nur in den groBen Linien zu verfolgen. Auf der anderen Seite
werden 70 . Die Spannungen nehmen zu, je weiter sich die professionellen Milieus hat die starke Erweiterung der Zahl der Diskussionsteilnehmer und Publika-
tionsorgane, einhergehend mit der Aufli:isung der [Link] bestimmenden Schu-
breitet bezweifelt. Zu den Standardvorwürfen gcgen die Strafrechtsdogmatik gehiirt es, daG len und Lehrhierarchien, zu einer ,,Atomisierung" 72 der Strafrechtsdogmatik ge-
sic ganze Rechtsbereiche von hoher praktischer Relcvanz nahezu unbearbeitet lasse (vgl. etwa
[Link]: Es existiert eine Vielzahl fein ausziselierter wissenschaf tlicher Theorien,
Arzt, GS Armin Kaufmann, S. 846 f.; Erb, ZStW 113 [2001], 10 ff.; Naucke, ZStW 85 [1973],
404 ff.; dens., GA 1998, 266 ff.) und sich statt dessen auf Gcgenstande konzentricre, ,,für die nach einer Bemerkung Nauckes nicht einmal der wissenschaftlich gutwil-
welche es schwer fallt, eine praktische Bedeutung zu postulieren" und welche der Praxis da- ligste Revisionssenat zur Kenntnis nehmen kann 73 und die im Ergebnis nahezu
her ,,weithin als überflüssiges spectaculum gelten" (Fischer,FS Hamm, S. 74, 81; ebenso Arzt, jede Ansicht und jede Entscheidung zulassen 74 .
GS Armin Kaufmann, S. 874 f.; Rotsch, ZIS 2008, 2 ff.).
69
Wahrend allerdings Radbruch noch streng zwischen Erkenntniswert und
Die Doppelrolle der Rechtsdogmatik zwischen Theorie und Praxis betonen auch Byd-
linski, Methodenlehre, S. 11; Harenburg, Rechtsdogmatik, S. 367; Hassemer, Strafrechtsdog- bloBer Darstellungsform sowie der ihnen jeweils zugeordneten wissenschaft-
matik, S. 147 f.;Jestaedt, Wissenschaft, S. 20; ders., FS Mayer, S. 169 H.;Lippold, Rechtslehre, lichen bzw. didaktischen Systematik unterschied 75 , ist der Sinn [Link] die Unter-
S. 188 f.; v. Arnauld, Wissenschaft, S. 68 ff.;Engel, Rechtswissenschaft, S. 22 ff.; Eser, SchluG-
betrachtungen, S. 444; Mastronardi, Denken, S. 33; Schmidhduser, AT, 1/3; Schmidt-Aflmann, lichen Thatigkeit in sich [schlieGt]" (Merkel, Grünhut's Zeitschrift 1 [1874], 405 f.). Daran
JZ 1995, 2; Schulze-Fielitz, Staatslehre, S. 16; Weinberger, Wisscnschaftsbegriff, S. 114. - Die hat sich seithcr nichts geandcrt (vgl. nur Naucke, ZStW 85 [1973], 404 ff.; Erb, ZStW 113
Bedeutung der dogmatischen Durchdringung des positiven Rechts als ,,Wissenschaftsideal" [2001], 1 ff. sowie allgemeinJestaedt, FS Mayer, S. 178 f.; Simon, RJ 7 [1988], 146 f.). Die Ein-
einerseits, ,,padagogisches Leitbild" andererseits hebt Dedek (JZ 2009, 543) hervor. bindung einer Liisung in ein groGes systematisches Konzept dürfte cntgegen der Hoffnung
70
Harenburg, Rechtsdogmatik, S. 162, 367;Jestaedt, Wissenschaft, S. 20 f.; Schild, Merk- Schmidhdusers (AT, 5/30) von der Praxis weniger als Hilfe empfunden werden als vielmehr
male, S. 81; Schuhr, Rechtsdogmatik, S. 148 f.; v. Arnauld, Wissenschaft, S. 85 ff.; Burkhardt, den sichersten Weg darstellen, sich deren Desinteresse zu sichern (in diesem Sinne Arzt, GS
Strafrechtsdogmatik, S. 120; Trute, Staatsrcchtslehre, S. 121 f.; Vosgerau, Rechtswissenschaft, Armin Kaufmann, S. 862; Fischer, FS Hamm, S. 66; Laos, Grenzen, S. 265). In den Worten
S. 210 f.; aus der ideologiekritischen Perspektive der frühen 70er Jahre Rottleuthner, Rechts- Nauckes (ZStW 85 [1973], 415) wird ,,der Strafrechtswissenschaftler [... ] in der revisionsrich-
wissenschaft, S. 8 ff. Nicht von ungefahr war in der sich seit dem Hochmittelalter heraus- terlichen Praxis das griiGte Ansehen genieGen, der die Schwierigkeiten, die die Praxis bedran-
bildenden Praxis der universitaren Fakultatsfarben die Robenfarbe der Juristen stets dun- gen oder bald bedrangen werden, [... ] auf praktisch akzepticrbare Begriffe bringt".
kelrot: ,,damit sollte jedenfalls ein vitales, d.h. auch letztlich ,theoriefeindliches' Element 71 Bockenforde (Ethos, S. 34) erblickt das Verbindende der Tatigkeit der Juristen in einer

symbolisiert werden; ein Jurist sollte ,im Blut stehcn"' (Vosgerau aaü, S. 201). Ein GroGteil spczifischen Art der Ausrichtung ihrer Arbeit an und mit dem geltenden Recht. ,,Diese Aus-
der Rcchtswissenschaft des 19.J ahrhunderts stellte das Spannungsvcrhaltnis zwischen ihrem richtung zielt zunachst auf das ius suum cuique tribuere und den Parteilichkeit abwehrenden
Wissenschaftsanspruch und ihrer Praxisorientierung unter Aufbictung eines betrachtlichen Gedanken audiatur et altera pars; ferner auf das klare Erfassen [... ] der sozialen Wirklichkeit
Malles an normativer Emphase in Abrede. Kein Geringerer als Savigny proklamierte die ,,na- [... ]; schliefüich auf [... ] die Gegenseitigkeit des Rechts sowie den Sinn für die befriedende
türliche Einheit" zwischen Theoric und Praxis (Savigny, System, Bd. I, S. XXV). Der be- Kraft geordneter Verfahren." Es sei dahingestellt, ob diese aus der Selbstbeobachtung (oder
deutende iisterreichische Strafrechtler Glaser betonte, zwar sei die Strafrechtsdogmatik cine Sclbststilisierung?) des Angehiirigen einer kleinenJuristenelite gewonnene These der Alltags-
praktische Wissenschaft: ,,sie muG Anspruch darauf machen kiinncn, dass ihrc Resultate fürs praxis cines um sein berufliches Überleben kampfenden Anwalts oder eines überlasteten In-
Le ben, fürs Handeln, nicht blos fürs Wissen Bedeutung erhalten, dass sie aus der Welt der Bü- stanzrichters standhalt.
cher in die der Acten, aus dem Lehrsaal in den Gcrichtssaal übergehen". Dies dürfe aber nicht 72 So für die Rechtsdogmatik insgesamt Würtenberger, Grundlagenforschung, S. 11.
73
dazu führen, den Begriff der Wissenschaft ,,minder streng zu nehmen: ihren stolzen Namen Naucke, GA 1998, 264.
bloGen Fertigkeiten beizulegen" (Glaser, Schriften, Bd. 1, S. 3 f.). Die ,,geistige Atmosphare, 74 Arzt, GS Armin Kaufmann, S. 878; Burkhardt, Strafrechtsdogmatik, S. 136, 152;
in welcher Theoretiker und Praktiker sich bewegen", sei vielmehr eine und dieselbe, und nur Rotsch, ZIS 2007, 265; ders., GS Eckert, S. 723; Schroeder, Beitrage, S. 122 f.; Schünemann, l.
die Art, wie dies geschehe, unterscheide die einen von den anderen (aaü, S. 66). Noch Binding FS Roxin, S. 6. - Entsprechendes konstatiert für den Bereich des Verfassungsrechts Schitlze-
auGerte die Erwartung, daG die Dogmatik ihre institutionelle Schwache gegenüber Gesetz- Fielitz, Staatslehre, S. 21.
gebung und Rechtsprechung mit ihrer Wissenschaftlichkeit kompensieren kiinne. Deshalb 75 Radbruch, FG Frank, Bd. I, S. 159; ahnlich Sauer, Grundlagen, S. 203. -Auch das Ver-

stelle jede schlechte wissenschaftliche Leistung ,,eine Art literarischen Landesverrats gegen fahren des zur ProzeGführung berufenen Richters folgt, wic vor allem Hall (Lehre, S. 145 ff.)
die Wissenschaft" dar, weil sic deren ,,GroGmachtstellung gegenüber der Praxis wie der Ge- herausgearbeitet hat, haufig nicht den Vorgaben einer wissenschaftlich-systematisch verfah-
setzgebung" gefahrde (Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S. 59; ahnlich jüngst noch Kindhduser renden Allgemeinen Verbrechenslehre: Für den Richter ,,bedarf [es] nicht strafrechtstheore-
(ZStW 121 [2009], 954). GriiGeren Realitatssinn bewies Merkel. Er war sich darüber im lda- tischer Spekulation. Es bedarf des prozessualen Entschlusses, irgendwo anzufangen." (aaO,
ren, daG ,,die Kunst des praktischenJuristen, gegebene Gesetze mannigfaltigen Verhaltnissen S. 149) Der Erfolg des Aufbauschemas ,,TatbestandsmaGigkeit/Rechtswidrigkeit/Schuld" er-
gegenüber zur Anwendung zu bringen, oder auch bestimmten Ueberzeugungen oder Bedürf- klart sich für Hall denn auch nicht daraus, daG es der Teleologie cines Systems des materiellen
nissen oder Forderungen der Beviilkerung in gesetzlichen Bestimmungen zum Ausdruck und Strafrechts entsprechc, sondern daraus, da:Ges der Teleologie des Prozesses gemaG sei (aaO,
zur Befriedigung zu verhelfen, [... ] von Haus aus nur wenige Elemente einer wissenschaft- S. 159).
Einleitung 13
12 Einleitung

schiede zwischen einem wissenschaftlichen und einem didaktischen System und ein im Glauben an die alleinige Heilswirksamkeit eines demokratischen Ega-
81
damit zusammenhangend zwischen einer genuin strafrechtswissenschaf tlichen litarismus sozialisiertes Urteilsvermogen irritierend wirken . Vor allem aber
Tatigkeit und bloJ3er Gesetzeskunde heute weithin verloren gegangen 76. Ent- scheint angesichts der enormen Vermehrung des Wissens sowie der Plurali-
weder es werden samtliche von Strafrechtsprofessoren verfaf3ten Schriften pau- sierung von Lebensfonnen und Weltentwürfen die der Systemidee zugrunde-
schal der Wissenschaft zugerechnet - auch wenn sie, wie die meisten sogenann- liegende Annahme der ,,Affinitat des Mannigfaltigen" 82- sei es auch nur auf
ten Lehrbücher, eher den ,,Charakter von Kochbüchern" aufweisen, ,,bei denen einem kulturellen Teilgebiet - atavistisch und, mit Nietzsche gesprochen, ge-
sich die Qualitat des Rezepts an der prasumtiven Kochkunst des Lesers orien- radezu ,,eine Form der Unmoralitat" 83geworden zu sein. Derartige Bedenken
tiert"77. Oder aber es wird umgekehrt als das einzige erstrebenswerte Ziel der erhebt keineswegs nur die sich in steilen Alteritatsthesen ergehende postmo-
Dogmatik ausgegeben, ,,die Handhabbarkeit des Strafrechts für einen durch- derne Philosophie 84. Auch von unverdachtiger juristischer Seite wird geltend
schnittlich intelligenten, durchschnittlich problembewussten, durchschnittlich gemacht, daJ3das Ideal logischer Systematik und Vollstandigkeit dem Zeitalter
pflichtbewussten, durchschnittlich routiniertenJuristen" zu gewahrleisten. Die- der groJ3en Kodifikationen verhaftet sei 85. Diese Epoche aber sei unwieder-
ser Gruppe gegenüber habe die Dogmatik ihre Aufgabe erfüllt, wenn die rou- bringlich vorbei. Unter den Bedingungen moderner Gesetzgebung - auf die
tinemafüge Anwendung dogmatischer Formeln und systematischer Kategorien Bewaltigung punktueller Probleme zugeschnitten, unter dem Druck vielfal-
mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem akzeptablen Ergebnis führe 78. Dogmatik tiger politischer Kompromisse zustande gekommen und stets der Revision
ist demnach Didaktik und nichts weiter 79. aufgrund veranderter Mehrheitsverhaltnisse gewartig 86- sei ein Systemden-
Es kommt hinzu, daJ3ein strenges Systemdenken nach kantischem Vorbild ken, welches ,,das Ganze der Gerechtigkeit im Hinblick auf eine bestimmte
sich nur mühsam in die Selbstverstandigungsdiskurse heutiger westlicher Ge- Form des gesellschaftlichen Lebens in einer Summe rationaler Prinzipien zu
sellschaften einfügt 80. Die ihm eigentümliche hierarchische Struktur muJ3 auf erfassen" suche 87, ,,stets ein inhaltlich zu weit gehendes Unterfangen der ,Ver-
nunft"'88 und jedenfalls nicht mehr gegenstandsadaquat 89. So entziehe sich das
Óff entliche Recht schon wegen der Vielzahl der rechtserzeugenden Akteure,
76
An diesen Unterschied erinnern hingegen Frisch, Straftat, S. 187 f.; Jakobs, Strafrecht,
denen, zumal in einer foderalen Verfassungsordnung, eigenstandige Gestal-
S. 104 f., 134 f.; Lesch, Verbrechensbegriff, S. 224 f.; Lippold, Rechtslehre, S. 189 f.; Otto,
ZStW 87 (1975), 571 f.; Puppe, FS Otto, S. 402; Schild, Merkmale, S. 80 f.; ders., GA 1999, 118; tungsspielraume bleiben müfüen, einer inhaltlich gehaltvollen Systematisie-
Stttckenberg, Vorstudien, S. 207; Stürner,JZ 2012, 11 f.; Würtenberger, Grundlagenforschung, rung90.
S. 7; Zabel, Schuldtypisierung, S. 236 f., 241. Vgl. ferner Engisch, FS Welzel, S. 376.
77 Treffend Kindhduser, ZStW 121 (2009), 959. - Die ,,Simplifizierung und Vulgarisie-

rung des Strafrechts in einem Teil der von den Studierenden bevorzugten Ausbildungslitera- 8! Ahnlich Brandt, D'Artagnon, S. 243 f. - Vesting (Rechtstheorie, Rn. 96) sieht im
tur'' bekl_agtauch Weigend, Strafrecht, S. 63; ebenso Rotsch, ZIS 2008, 7; Zaczyk, FS Puppe, Systemdenken denn auch prompt die Nachwirkung einer ,,alteuropaischen Semantik". Im
S. 316. W1e Burkhardt (Strafrechtsdogmatik, S. 151) treffend bemerkt, sind Publikations- und amerikanischen Recht wird der Systembegriff gemieden, weil er - wie Lepsius (Staatsrechts-
Vertriebsinteressen hier eine unheilige Allianz eingegangen. - Aus der Warte des óffent- lehre, S. 326 f.) ausführt - dort ,,untcr dem !atenten Verdacht [steht], anti-individualistischem,
lichrechtlers ebenso Würtenberger, Grundlagenforschung, S. 12; aus der Perspektive des Zi- unfreiheitlichem Denken Vorschub zu leisten".
vilrechts Stiirner, JZ 2012, 15. 82 So P. Konig, Selbsterkenntnis, S. 45.
78 Schulz, Strafrcchtsdogmatik, S. 146 f. - So erblickt kein Geringerer alsjescheck (ZStW 83 Nietzsche, Fragmente 1887-1889, KSA Bd. 13, S. 189.
84 Überzeugendc Kritik an diesen Positionen übt Gloy, Philosophie, S. 28 ff.
98 [1986], 5) den Sinn des Verbrcchensbegriffs darin, ,,die strafbare Handlung [... ] mittels for-
85 Baufeld, Rechtstheorie 37 (2006), 173 f.
maler Kategorien so aufzugliedern, daG der Richter den Einzelfall in die allgemeinen Merk-
86 Lepsius, Themen, S. 43; ders., Relationen, S. 29 f.; Baufeld, Rechtstheorie 37 (2006),
malc der Strafbarkeit einordnen und dadurch juristisch zuverlassig erfassen kann".
79
Für die Preisgabe des Wissenschaftsanspruchs der Dogmatik und die Rückkehr zu 173 f.; Fiolka, Rechtsgut, S. 99; Grimm, Rechtswissenschaft, S. 10; Lippold, Rechtslehre, S. 34;
ihrem alten Selbstverstandnis als Kunstlehre Henke, JZ 1987, 686 ff.; Kiesow, JZ 2010, 591; Schmidt-Afimann, JZ 1995, 2.
87 Coing, Geschichte, S. 28.
Mastronardi, Theorie, S. 39; Simon, Es ist, S. 93 f.; tcndenziell auchHassemer, Selbstvcrstand-
88 So die vielzitierte Forme! von Emge, Einführung, S. 378 .
nis, S. 7; Wieacker, FS Gadamer, Bd. II, S. 333.
89 In dicsem Sinne etwa J. Braun, Rechtswissenschaft, S. 360 H. (bedauernd); Vesting,
. 80 Gloy (Philosophie, S. 27)_konstatiert, noch niemals in der Geschichte der Philosophie
se1 der Affront gegen Systemat1k so vehement gewesen wie in der Gegenwart. Wer heute ei- Rechtstheorie, Rn. 296; Kiesow, JZ 2010, 590 (affirmativ); Baufeld, Rechtstheorie 37 (2006),
ner philosophischen Systembildung das Wort redet, gibt sich nach der Einschatzung Edels 173 f.; Grimm, Rechtswissenschaft, S.10; Weber-Grellet, Rcchtstheorie 34 (2003), 185 f. (de-
(Systemform, S. 43) ,,in den Augen vieler, ja vielleicht sogar einer Mehrzahl der Fachvertreter skriptiv).
90 Lepsius, Thcmen, S. 36 ff.; ders., Relationen, S. 26 f.; Poscher, Kathedrale, S. 110 ff.; in
der Lacherlichkeit preis". Nach dem heute vorherrschenden Selbstverstandnis ihrer profes-
sionellen Vertreter sei Philosophie ,,keine Sache mehr der zur Einheit zwingenden Vernunft, diesem Sinne bereits Lerche, VVDStRL 21 (1964), 92. - Dies gilt crst recht für das Volker-
sondern der Details und der zwischen ihnen abwagenden Urteilskraft" (so das kritische Re- recht: Hillgrnber, Volkerrecht, S. 125. -Die Rechtsprechung des Bundcsverfassungsgerichts,
sümee Brandts, D'Artagnon, S. 249). die sich nach der Analyse Schlinks (JZ 2007, 160 ff.) zusehends der Selbstbindung durch eine
14 Einleitung Einleitrmg 15

,,Das Kompromisshafte, der Pragmatismus, die inhaltliche Kontingenz und als die ,,Seligkeit der Kriminalisten" 1º1. Radbruchs Bemerkung über das ange-
die Beladenheit mit politischen Konflikten übertragen sich zwangslaufig auch messene Verhaltnis von Rechtsetzung und Rechtswissenschaft - ,,daB zum
auf das Strafrecht" 91, was dort ebenfalls zu einer ,,Praxis punktueller Normie- mindesten ebensosehr wie das Gesetz die Rechtswissenschaft umgekehrt die
rung"92 mit zahlreichen, interpretativ kaum mehr auflosbaren Ungereimtheiten Rechtswissenschaft das Gesetz bestimmt" 1º2 - gilt daher für die Allgemeine
führt. Es ware jedoch voreilig, aus diesem Befund zu schlieBen, daB damit im Verbrechenslehre in besonderem MaBe103.
Bereich des Strafrechts ein ambitionierter Systembegriff insgesamt obsolet ge- Nicht ob das Strafrecht, sondern ob die Allgemeine Verbrechenslehre einem
worden ware. Es gehort zwar zu den Merkmalen eines philosophisch infor- anspruchsvollen Systemanspruch unterstellt werden soll, ist deshalb vorliegend
mierten Systemdenkens, die Grenzen seiner eigenen Begründungskraft mitzu- die Frage. Der Preis, der für die Verabschiedung eines solchen Anspruches ge-
reflektieren93 und das Eigenrecht des Nur-Positiven anzuerkennen 94. Nament- zahlt werden müfüe, ist nicht gering. In den Worten des Münchener Philoso-
lich die Allgemeine Verbrechenslehre aber hat sich von jeher ,,nicht auf das in phen Dieter Henrich begünstigt die Diskreditierung groBer Theorieentwürfe
einem bestimmten Land gerade jetzt Anwendbare [beschrankt]" begriffen 95: und synthetisierender Ausgriffe Tendenzen, die ,,zu einer Aufspaltung führen,
Mit Fragen von ,,weltumspannende[r] Bedeutung" befaBt96, will sie nicht bloBe und zwar zwischen hochprofessioneller Feinmechanik bei der Bearbeitung von
,,Gesetzeskunde" 97sein, die ,,sich anden positiven Einzelheiten sattigt" 98. Ihr abgespaltenen Problemzügen auf der einen Seite und zu gleichfalls regionali-
Anspruch geht nach einem Wort Berners vielmehr dahin, den Begriff der Sache sierten essayistischen Versuchen zu Themen von offenkundiger Alltagsbedeu-
namhaft zu machen 99• Die (ohnehin auBerst sparlichen) Regelungen des Geset- tung auf der anderen" 1º4. Wie der Berliner Philosoph Volker Gerhardt dargelegt
zes werden in diesem Bereich im wesentlichen als Festschreibung des von der hat, sucht das System demgegenüber ,,nach einer disziplinierten Selbststeige-
Wissenschaft Erarbeiteten und kaum einmal als eigenstandiger Ausgangspunkt rung der besten menschlichen Krafte" 105. Einerseits entfache und entfalte das
hermeneutischer Bemühungen angesehen 100 ; gerade deshalb gilt sie traditionell systematische Denken die Antriebsenergien des menschlichen Wissens. ,,In der
damit jeweils gesuchten Ordnung liegt die methodologische Herausforderung,
systematisch verfahrende Dogmatik entzieht und cinen kasuistischen Stil annimmt, tut das weiterzugehen, tiefer anzusetzen und Lücken zu füllen - Lücken, die überhaupt
Ihrige zur Beschleunigung dieses Prozesses. Zahlrciche Vertreter des offentlichen Rechts ver- erst im systematischen Vorgriff erkennbar werden." 1º6 Andererseits gebe die
suchen deshalb seit einiger Zeit, ihre Wissenschaftlichkeit anders als durch die Berufung auf Dynamik systematischen Denkens diesem nicht nur die Ziele, sondern auch
einen anspruchsvollen Systembegriff zu begründen; zum aktuellen Diskussionsstand v. Ar- den Rhythmus vor: ,,Der bereits ihre Fragen antreibende Impuls hat in der
nauld, Wissenschaft, S. 65 ff.; Augsberg, Methodendiskussion, S. 145 ff.; Funke, Óffentliches
Recht, S. 1 ff.;Jestaedt, ,,Óffentliches Recht", S. 241 ff.; dens., Wissenschaft, S. 17 ff.; Lepsius, Ordnung des Denkens seinen Takt und sein MaB. Das System motiviert und
Themen, S. 1 ff.; Mollers, Vorüberlegungen, S. 151 ff. reguliert." 107Ein Modus des Denkens, der derartige Vorzüge aufweist, sollte
91
Garditz, Staat 49 (2010), 356. nicht voreilig preisgegeben werden. Daher macht die vorliegende Neuvermes-
92
Baufeld, Rechtstheorie 37 (2006), 174.
93 sung der Allgemeinen Verbrechenslehre sich die in solcher Scharfe letztmalig
Fulda!Stolzenberg, Einleitung, S. 1, 4.; v. Wolff-Metternich, System, S. 372.
94
Naher dazu unten S. 45 ff. von den Neukantianern formulierte Überzeugung zu eigen, daB in diesem
95
Paradigmatisch Abegg, Lehrbuch, S. 3 f. Rechtsbereich erst ein einheitlicher Systemgedanke das juristische Denken zum
96
Binding, Lehrbuch, S. l. - Der supranationale Charakter der Allgemeinen Verbre-
chenslehre wird auch im heutigen Schrifttum betont, und zwar von Anhangern des Fina-
lismus ebenso wie von Vertretern zweckrationaler Strafrechtskonzeptionen (vgl. einerseits
Hirsch, ZStW 116 [2004], 840 ff.; dens., FS Koln, S. 417;Armin Kaufmann, GS Tjong, S. l00f.;
andererseits Roxin, Strafrechtswissenschaft, S. 380; mit Einschrankungen auch Helmert, mann, GS Tjong, S. 103; Robles, ZIS 2010, 359 f.; ahnlich Schmidhauser, AT 1/3; Kühl, ZStW
Straftatbegriff, 5..279 f.; Silva-Sánchez, Expansion, S. 48 ff. sowie Kiihl, ZStW 109 [1997], 787, 109 (1997), 805.
805). Vor einer Uberschatzung der international vorhandenen Gemeinsamkeiten warnt dem- 101
Sauer, Grundlagen, S. 204.
gegenüber Perron, ZStW 109 (1997), 300f. - Tiedemann (FS Lenckner, S.426) meint sogar, 102
Radbruch, Rechtsphilosophie II, S. 194.- Naher zur Bedeutung der Dogmatik für eine
die Fragen des Allgemeinen Teils seien ,,weithin Gegenstand politischer Wertcntscheidungen verantwortungsbewullte Gesetzgebung Hassemer, Strafrechtsdogmatik, S. 36 f.; Maiwald,
[... ], die ein souveranes Parlament weitgehend unabhangig (auch: von der ,Natur der Sache') Dogmatik, S. 125 ff.; Meyer-Goflner, ZRP 2000, 345; Starck, Bedeutung, S. 376 H.; Vogel, l.
gestalten kann". FS Roxin, S. 115ff.
97
Diesen Ausdruck gebrauchen sowohl Berner, Lehrbuch 5 , S. 5 als auch Binding, Ab- 103 Ebenso -wenngleich mit kritischem Unterton -Naucke, Grundlinien, S. 13.

handlungen, Bd. 1, S. 52. - Neuerdings verwendet ihn Stiibinger, Idealisiertes Strafrecht, S. 58. 104 Henrich, Philosophie, S. 130 f. - Ebenso H.-D. Klein, Studien, S. 4.
98
Berner, LehrbuchS, S. V. 105
Gerhardt, Selbstüberschreitung, S. 261. -Ahnlich Fulda!Stolzenberg, Einleitung, S. l.
99
Berner, Lehrbuch5, S. V. 106
Gerhardt, Selbstüberschreitung, S. 261.
100
Frisch, Wesenszüge, S. 162; ders., Bedeutung, S. 182; ders., FS Jung, S. 212; Armin Kauf- 107 Gerhardt, Selbstüberschreitung, S. 261.
16 Einleitung Einleitung 17

wissenschaftlichen, d.h. allgemeingültig begründeten mache 1º8 und insofern Erstens vermag sie zahlreiche bedeutsame Entwicklungen innerhalb der
,,unerlafüiche Bedingung wissenschaftlicher Arbeit" sci1º9 • ncueren Dogmatik nicht angemessen zu erfassen. Einige der ihr daraus erwach-
Interesse für ein solches Untcrnehmen darf freilich nur erwarten, wer nach- senden inneren Widersprüche werden in den folgenden Kapiteln dargelegt. Zwei-
zuweisen vermag, dail es ihm nicht nur darum geht, ,,schnell berühmt und als tens ist die heutc für mailgebend gehaltene Anordnung der verbrechcnstheoreti-
ein ausgezeichneter Meister angestaunt [zu] werden" 11º, sondern dail die All- schen Grundkategorien nicht mehr alpari mit dem mittlerweile erreichten Stand
gemeine Verbrechcnslehre in ihrem gegenwartigen Zustand Mangel aufweist, der Strafthcorie. Zu den zentralen Errungenschaften der jüngeren Strafrechts-
die so gewichtig sind, dail sie sich nicht anders als durch einen Neubau des ver- wissenschaft gehort die Einsicht, dail der Verbrechensbegriff strafzweckorien-
brechenstheoretischen Gebaudes - wenn auch zu groilen Teilen unter Verwen- tiert zu konzipieren ist 116. Auf das überkommene Verbrechensverstandnis hat
dung des bereits vorhandenen Bauzeugs - behcbcn lassen [Link] ist in der Tat diese Erkenntnis jedoch bislang nur marginale Auswirkungen gehabt 117. Un-
der Fa]!. Die Aufgabe der Allgemeinen Verbrechcnslehre besteht zum einen cla- beirrt halt die herrschende Strafrechtsdogmatik an Positionen fest, die im spa-
rín, als ,,Rezeptionsreflexionsdisziplin" 112 über eine Art ,,Schnittstellcnmana- ten 19. und frühen [Link] unter Pramissen entwickelt worden sind,
gement"113die Beziehungen der Strafrcchtsdogmatik zu den Wissensbestanden, die - ,,ausgediente Reliquien erloschener Theorien" 118- langst als obsolet gel-
Argumentationsstandards und Legitimationsanforderungen der benachbarten [Link] materiellcn Gehalt nach ist das Verbrcchen danach eine Rechts-
Wissenschaften - insbesondere der Philosophic und den Gesellschaftswisscn- gutverletzung, und in formeller Hinsicht gliedert es sich in die Kategorien der
schaften - zu regulieren 114. Zum anderen obliegt es der Allgemeinen Verbre- Tatbestandsmafügkeit, der Rechtswidrigkeit und der Schuld. Zudem gehen die
chenslehre, die kategorialen Rahmenbedingungen zu reflektieren, von denen die meisten Vertreter strafzweckorientierter Verbrechenslehren von einer priiven-
dogmatische Alltagsarbeit, haufig unbewufü, Gebrauch macht, ohne sie begriff- tionstheoretischen Strafbegründung aus. Die Renaissance der Vergeltungstheo-
lich einholen zu konnen oder auch nur zu wollen 115 • Beide Aufgaben erfüllt die rie ist in der Allgemeinen Vcrbrechenslehre noch nicht angemessen verarbeitet
heute herrschende Version der Allgemeinen Verbrechenslehre nur unzureichend. worden. Diese Befunde münden in ein einheitliches Fazit: Die Allgemeine Ver-
brechenslehre verfügt derzeit nicht über einen adaquaten Begriff ihres Gegen-
108
JJinder,Philosophie, S. 839 ff.; Mittasch, Auswirkungen, S. 1 f.; Stammler, Wesen, S. 34; standes. Eine Allgemeine Verbrechenslehre aber, die weder dem Orientierungs-
Tesar, Uberwindung, S. 2, 4, 66; Erik Wolf, Schuldlehre, S. 1 f. bedürfnis der Rechtsdogmatik noch den Begründungsstandards ihrer Nachbar-
109
Erik Wolf, Schuldlehre, S. 1 f. - Ebenso jüngst Bock, Rechtstheorie 36 (2005), 461, 477. wissenschaften gerecht wird, ist nach dem harten, aber treffenden Urteil Kohl-
- Für Binder (Philosophie, S. 836) ist es sogar die einzige Aufgabe der Rechtsphilosophic,
rauschs ,,nicht nur ein wertloses Dckorationsstück geworden, sondern sie ist
,,Wissenschaftslehre des Rechts zu sein, zu zeigen, wie die Objektivitat des Rechts, wie cine
Wissenschaft von ihm méiglich sei". falsch " 120.
110
So der Vorwurf]ordans (NACrim 11 [1830], 213) gegen die Systembaumeister sciner
Zeit.
111 116 Grundlegend Noll, ZStW 77 (1965), 2 f.; Schmidhauser, AT, 6/2; ders., GS Radbruch,
Zutrcffend Greco, GA 2009, 647.
112
Der Begriff stammt von]estaedt, Wissenschaft, S. 26. S. 270, 276 ff.; ders., JuS 1987, 374;Jakobs, Schuld, S. 8 ff.; Roxin, FS Henkcl, S. 181 ff.; ders.,
113
Vesting, Rechtstheorie, Rn. 16 (dort bezogen auf die Aufgabe der Rechtstheorie). FS Bockelmann, S. 279 ff. - Ebenso MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 27; Bloy, Beteiligungsform,
114
In der Terminologie Jestaedts (Wissenschaft, S. 26) stcllt die Allgemeine Verbrechens- S. 23 f., 27, 40, 42; Derksen, Handeln, S. 172 ff.; Frisch, Strafrechtsdogmatik, S. 162; Greco,
lehre insofern eine endogene Rechtswissenschafts-Thcorie dar. ZStW 117 (2005), 535; Hornle, JZ 2006, 957; Hoerster, Strafe, S. 106; Lesch, Verbrechensbe-
115
Im wesentlichen wie hier HK-GS-Rossner, Vorbem. zu § 1 Rn.44; Kindhauser, ZStW griff, S. 15 f., 184 f.; Nitze, Bedcutung, S. 65 f.; Otto, ZStW 87 (1975), 539; Robles, ZIS 2010,
121 (2009), 961; Zabel, Schuldtypisierung, S. 21, 25. - Da/) jeder Rechtsanwender bei seiner 362 f.; Stuckenberg, Vorstudien, S. 485; Wolter, Zurechnung, S. 21.-Aus der alteren Literatur:
Tatigkeit einer Theorie folgt, mag diese auch rudimentar sein und oft unbewuGt bleiben, Radbruch, FG Frank, Bd. I, S. 160; Exner, FS Kohlrausch, S. 24; Mittasch, Auswirkungen,
ist innerhalb der heutigen Methodenlehre weitgehend anerkannt (vgl. nur Canaris, JZ 1993, S. 32 f. - A. A. LK-T Walter, Vor § 13 Rn. 7; Haas, Kausalitat, S. 45 f.
390 f.; Drath, Rechtsdogmatik, S. 200 f.; Duttge, Einflüsse, S. 167;Greco, Lebendiges, S. 204 f.; 117 Treffend bemerkt Hornle, JZ 2006, 956 f.: ,,Überlegungen zur Straftheorie werden in

Hornle, FS HU Berlín, S. 1269; ]estaedt, Perspektiven, S. 187; Marcic, Rechtsphilosophie, Lehrbüchern meist als eine Art Besinnungsaufsatz an den Anfang gestellt. In den folgenden
S.41; Mayer-Maly, Rechtswissenschaft, S.209; Osterkamp, Gerechtigkeit, S.12; Stübinger, strafrechtsdogmatischen Kapiteln werden Verbindungen zur Strafthcorie übcrhaupt nicht
Idealisiertes Strafrccht, S. 45, 50; aus der alteren Literatur Schwinge/Zimmerl, Wesensschau, oder nur selten hergestellt." - Ebenso Burkhardt, Strafrechtsdogmatik, S. 132 ff., 153; Lü-
S. 5; Stammler, Theorie, S. 16). Aber auch in dogmatische Einzelanalysen gehen alle méig- derssen, l. FS Roxin, S. 480; Stübinger, Idealisiertes Strafrecht, S. 289.
lichen weiter ausgreifenden Theoriesegmente ein. Ihnen gegenüber kommt der Allgemeinen 118 Stuckenberg, Vorstudien, S. 48.

Verbrechenslehre im Rahmen der intradisziplinaren Arbeitsteilung einerseits die Rolle des 119 Ebenso Naucke, Grundlinien, S. 29ff.

kritischen Aufklarers (dazu eindringlich Stammler, aaO) und andererseits die Aufgabe des 12º Kohlrausch, Sollen, S. 7. - Erschwerend kommt hinzu, daG ,,gerade im strafrechtlichen

Verséihners zu, der Einheit herstellt, wo die Spezialisten nur Besonderheiten wahrzunehmen Grundlagenbereich eine auffallende Interesselosigkeit an einer vertieften Erforschung gegne-
vermogen. rischer Konzepte" herrscht (Avrigeanu, Ambivalenz, S. 20).
18 Einleitttng Einleitung 19

Angesichts dieser Sachlage ist es der Strafrechtsdogmatik zwar nicht zu verar- drang 130 als Mittel zur Forcierung seiner wirtschaftspolitischen Lenkungsziele
gen, wenn sie ,,die Theorien satt bekommt" 121 und sich statt dessen, vorwiegend einzusetzen 131•
in Anlehnung anden jeweiligen Stand der Rechtsprechung 122, auf ,,eine zufrie- Wie soll es weitergehen? Der englische Rechtswissenschaftler Brian Cheffins
dene Bebauung lediglich spezieller Gebietsteile" 123 verlegt. Wie jede vermeint- hat vor einigen Jahren fünf mogliche Deutungsmuster rechtswissenschaftlicher
lich entlastende Magnahme hat jedoch auch diese ihre belastende Kehrseite: Forschung in Augenschein genommen 132 . Deren Spannbreite reicht von dem
Eine solche hochsubtile ,,Nachzeichnungsdogmatik" 124 ist in ihrer ,,geradezu Modell einer fortwahrenden Wiederkehr immergleicher Fragestellungen über
andachtige[n] Haltung gegenüber dem positiven Gesetz" 125 schlechter für den die Vorstellung eines kontinuierlichen Fortschrittsprozesses bis hin zu der
internationalen Wettbewerb der Strafrechtssysteme gerüstet, als viele der hiesi- These der in unregelmafügen Abstanden erfolgenden Verwerfung eines Erkla-
gen Strafrechtswissenschaftler, erwarmt von der Abendsonne früherer Ruhmes- rungsmodells durch ein anderes, die man in den Naturwissenschaften als Para-
tage, einzugestehen bereit sind 126• Zweifelhaft ist auch, ob sie die konzeptionellen digmenwechsel zu bezeichnen pflegt. Die deutsche Strafrechtsdogmatik kennt
Ressourcen zu mobilisieren vermag, derer es bedarf, um sich eines Gesetzgebers Beispiele für jedes dieser Deutungsmuster. So variiert die Strafzweckdiskussion
zu erwehren, der sich an eine ,,fast demütigende Behandlung" der Strafrechts- stets aufs neue die bekannten Legitimationsmodelle; Beispiele einer kontinuier-
dogmatik gewohnt hat 127 und in seinem ,,Übermut" 128 darangeht, das Strafrecht lichen Fortentwicklung und Verbesserung der Rechtsanwendung finden sich
zu einem lnstrument der Gefahrenabwehr umzubauen 129 bzw. es - wie es auf insbesondere auf der Ebene der vergleichsweise unspektakularen Alltagsfragen
europaischer Ebene zunehmend der Brauch ist - in theoriefreiem Expansions- in groger Zahl; schliefüich lafü sich ein solch grundstürzender Kategorien-
wechsel, wie ihn der Übergang vom Hegelianismus zum Naturalismus nach
121 Hardwig, ZStW 78 (1966), 29. - Zur Illustration sei auf die AuGerung eines japani- sich zog, mit Fug und Recht als Paradigmenwechsel bezeichnen. Steht heute ein
schen Beobachters der deutschen Strafrechtsdogmatik verwiesen (Ida, Ergebnisse, S. 149): erneuter Paradigmenwechsel an? Nein. Dieser ist bereits vollzogen worden mit
,,Die Systemdiskussion, welche die intellektuellen Ressourcen reichlich verbraucht und trotz- dem Übergang von einer ontologisierenden zu einer strafzweckorientierten
dem ohne Folgen bleibt, ahnelt den Luxusartikeln, die unsere Konsumgesellschaft in umwe!t-
Verbrechenslehre 133 • Es geht lediglich darum, dieses Paradigma vollstandig zu
bedrohcnder Weise unaufhorlich produziert. Die Verlagerung des Forschungsschwerpunktes
durch Selbstdisziplin der Wissenschaftler ist dringend notig." entfalten. Ob dieses Unternehmen der Mühe wert ist, mug die nachfolgende
122 Autoritat fungiert hier als ,,funktionales Aquivalent für Methode" (so Schlink, Rechts- Untersuchung zeigen. Jedenfalls ist ihr Ziel ein durchaus beschranktes: An-
theorie 7 [1976],94 in bezug auf den Bundesverfassungsgerichtspositivismus der Verfassungs- lrnüpfend andas Wissenschafts- und Systemverstandnis Kants und Feuerbachs
rechtslehre) - verstandlich für eine pragmatisch verfahrende ,,Entscheidungsvorbereitungs-
sucht sie die verlorengegangene Paritat zwischen Straftheorie und Allgemeiner
wissenschaft" (v. Arnauld, Wissenschaft, S. 87), aber kein Ruhmesblatt für eine (wenn der
Ausdruck gestattet ist) wissenschaftliche Wissenschaft. Verbrechenslehre wiederherzustellen und damit entsprechend einem von Frisch
123 Liepmann, Einleitung, S. 1. bereits vor mehreren Jahrzehnten formulierten Desiderat ,,ein Bild von der
124 Naucke, GA 1998, 271.
125 Stiibinger, Idealisiertes Strafrecht, S. 57.
126 Reprasentativ für diese Haltung der Selbstzufriedenheit: Schünemann, 1. FS Roxin, 130 Dazu eindringlich Frisch, GA 2009, 403 ff.; pragnant auch Avrigeanu, Ambivalenz,
S. 12. - Der hiesigen Skepsis nahestehend Fischer, FS Hamm, S. 80; Perron, FS Lenckner, s.186 f.
S. 228 f.; Rotsch, ZIS 2008, 2; ders., GS Eckert, S. 717 ff.; Silva-Sánchez, Expansion, S. 40; Tie- 131 Kritisch dazu etwa Achenbach, ZStW 119 (2007), 798; P.-A. Albrecht/Braum, KritV
demann, FS Lenckner, S. 433; Vogel,JZ 2012, 26 ff.; ahnlich mit Blick auf die deutsche Rechts- 2001, 347; Bramn, wistra, 2006, 125; Hefendehl, ZStW 119 (2007), 831 f.-Einen neuen Schub
dogmatik insgesamt jüngst v. Bogdandy, JZ 2011, 4 ff. - DaG für den Bedeutungsverlust der hat diese Tcndenz durch die Rechtsprechung des EuGH erhalten, die es der Europaischen
deutschen Dogmatik daneben auch harte machtpolitische Fakten verantwortlich sind (cia- Gemeinschaft gestattct, mittels einer Richtlinie die Mitgliedsstaaten zur Schaffung von Straf-
ran erinnernArzt, ZStW 111 [1999], 768ff.; v. Bogdandy,JZ 2011, 3; Stübinger, Idealisiertes tatbestanden anzuweisen, wenn dies als Mittel zur Erreichung wichtiger Gemeinschaftsziele
Strafrecht, S. 151; Vogel, GA 2002, 521 f.), ist selbstvcrstandlich richtig, anden aber nichts dazu soll zum Beispiel auch die ,,Verbesserung der Sicherheit des Seeverkehrs" gehoren
daran, daG ein Teil der Ursachen hausgemacht ist. (vgl. EuGH JZ 2008, 248) - notwendig sein sollte (grundlegend EuGH JZ 2006, 307 ff.). An
127 Fischer, FS Hamm, S. 76. - Dies wird allenthalben beklagt (etwa von Arzt, ZStW 111 dieser Rechtsprechung wird zu Recht kritisiert, ihr lage ein rein instrumentelles Verstand-
[1999], 758; Hassemer, Selbstverstandnis, S. 36; Naucke, GA 1998, 267; Stiibinger, Idealisiertes nis des Strafrechts zugrunde, das einer starken Expansion Vorschub leiste (Kubiciel, NStZ
Strafrecht, S. 52; dems., Strafrecht, S. 141, 152, 161; Vogel, 1. FS Roxin, S. 106 f.; Wrage, Gren- 2007, 137 ff.; kritisch auch Schiinemann, ZIS 2007, 535 f. und Weigend, FS Sootak, S. 249 f.).
zen, S. 217f.), abcr nur selten zum AnlaG einer grundsatzlichen Selbstkritik genommen (vgl. Heger, JZ 2006, 313 wirft dem EuGH vor, er negiere die Eigenheiten des Kriminalstrafrechts
abcr Arzt aaO, 764 ff.; Fiolka, Rechtsgut, S. 88 ff.; Frisch, Bedeutung, S. 187; Naucke, aaO, als Ausdruck nationaler Rechtsüberzeugungen und -traditionen; vor daraus erwachsenden
266 ff.; Stiibinger, aaO, S. 159 ff.). Akzeptanzproblemen warnt Frisch, GA 2007, 264 ff.
128 Emge, Philosophie, S. 59. 132 Cheffins, Cambridge L. J. 63 (2004), 458 ff.
129 Analysen dieses Prozesses finden sich etwa bei Hassemer, Selbstverstandnis, S. 244 ff. 133 Vgl. nur Jakobs' programmatische Bemerkungen im Vorwort zur crsten Auflage scines

und Morguet, Feindstrafrecht, S. 93 ff. -Für ein aktuelles Beispiel: Pawlik, Terrorist, S. 25 ff. Lehrbuchs (Jakobs, AT 2 , S. VII).
20 Einleit1mg Einleittmg 21

Straftat zu entwerfen, in dem Stoff und Form nicht dauernd gegeneinanderlau- benotigt jede Zeit auch ihre eigenen juristischen Theorien 144;es ist gerade Auf-
fcn, sondern die Form das artikuliert, was Strafkonzept und Legitimation des gabe und Kennzeichen der Wissenschaft, das Recht mit dem Geist ihrer Zeit zu
Strafeinsatzes fordern" 134. verbinden und es aus diesem Geist zu legitimieren oder zu kritisieren [Link]
Zwar ist der ,,sicherste Prüfstein für die Tauglichkeit einer Methode [... ] von ungefahr bietet das strafrechtliche Denken zahlreiche Beispiele dafür, wie
der Umstand, ob durch sie die Einzelforschung gefordert wird" 135. Ob eine ganze Traditionsstrange, ohne im strengen Sinne widerlegt worden zu sein, ab-
strafrechtswissenschaftliche Innovation sich durchsetzt oder auch nur ernsthaft brachen und in die von Kersting beschworene ,,Vorholle der ErwahnungsfuB-
geprüft wird, hangt freilich nicht allein von ihrer Erklarungskraft und Richtig- noten"146 verbannt wurden, weil sie dem veranderten geistigen Klima nicht
keit ab. ,,Widerstand erwachst ihr auch aus purer Veranderungsunlust, und sie standhielten 147. Dessen ungeachtet ist der zu bearbeitende Stoff aber nament-
hat es regelmafüg um so schwerer, je mehr sie zum Umdenken auffordert." 136In lich in seinen der Allgemeinen Verbrechenslehre unterfallenden Tiefenstruktu-
der Tat wird ein neuartiger verbrechenstheoretischer Ansatz - man denke nur ren in erheblichem Umfang von zurückliegenden Theoriebemühungen ge-
anden Finalismus oder den Funktionalismus- ,,nicht selten auch den Inhalt [des pragt148. ,,Unser Überlegen geht nicht auf eigenes Überlegen, unser Wünschen
Allgemeinen Teils, M. P.] theils in neuem Lichte erscheinen lassen, theils zu Kon- nicht auf eigenes Wünschen, unser Wollen nicht auf eigenes Wollen zurück; es
sequenzen entwickeln, die hergebrachten Annahmen widersprechen mogen" 137. beginnt und endet mit einer Aneignung und Abwandlung dessen, worum es
Ein ,,durch systematisches Denken gerechtfertigtes Resultar" ist nun einmal ,,ein anderen zu einer anderen Zeit ging." 149Weil ,,alles Gewordene [... ] vollig nur
wesentlich anderes [... ], als ein empirisch aufgenommenes oder aus hin- und her- aus der Geschichte seines Werdens erkannt werden" kann 150,gehort die Prasenz
fahrenden Reflexionen abstrahirtes" [Link] sei versichert, daB die hiesige der Residuen früherer Dogmatik in dem Rechtsstoff, um dessen Reformulie-
Konzeption, mag sie auf den ersten Blick auch in manchen Punkten ungewohnt rung es geht, ,,zu dessen heutiger Realitat" 151. Zudem spricht gerade in einem
und schon deshalb schwierig erscheinen 139,im Ergebnis einfacher ist als die her-
144 Ernst, Recht, S. 42; Esser, Vorverstandnis, S. 90; Würtenberger, Grundlagenforschung,
kommliche Sichtweise, weil sie die axiologischen Verknüpfungen zwischen den
S. 15 f. - Klassisch Max Weber (Aufsatze, S. 214): ,,Aber irgendwann wcchse!t die Farbe: die
Teilinstituten der Allgemeinen Verbrechenslehre konsequenter herausarbeitet.
Bedeutung der unreflektiert verwerteten Gesichtspunkte wird unsicher, dcr Weg verliert sich
Dabei bemüht sie sich nach Kraften, nicht der ,,Unsitte der wissenschaftlichen in der Dammerung. Das Licht der groGen Kulturprobleme ist weitergezogen. Dann rüstet sich
Parteiführer" zu erliegen, ,,sich eine Privatarmee von Wortungeheuern zu hal- auch die Wissenschaft, ihren Standort und ihren Begriffsapparat zu wechseln. [... ] Sic zieht
ten"140,sondern so weit wie moglich der vertrauten Terminologie ihr Recht zu jenen Gestirnen nach, welche allein ihrer Arbeit Sinn und Richtung zu weisen vermiigen."
145 Jakobs, Strafrecht, S. 106, ders., FS Amelung, S. 47. - Dies bedeutet freilich nicht, daG
lassen.
die (Straf-)Rechtswissenschaft jede intellektuelle Mode mitmachen müGte (ebenso Engel,
Zudem sind haufig, und so auch im Falle der hiesigen Konzeption, die ver- Rechtswissenschaft, S.25; Mollers, Leviathan, S.111; Würtenberger, Grundlagenforschung,
meintlich neuen Gedanken nichts anderes als die zwischenzeitlich in Verges- S. 21). Wahrend es den Politik- und Sozialwissenschaften obliegt, gesellschaftliche Entwick-
senheit geratenen alten. Wer mit v. Kirchmanns berühmter Rede die Vergan- lungen engmaschig zu beobachten und sie gegebenenfalls thesenartig vorwegzunehmen, ist
das Recht ein reaktives gesellschaftliches Medium, und darauf hat die Rechtswissenschaft
genheit für tot und allein die Gegenwart für berechtigt erklart 141, beweist damit
[Link] zu nehmen. ,,Das kann es gegebenenfalls angemessen erscheinen lassen, einen be-
weniger seine verbrechenstheoretische Modernitat als vielmehr eine einiger- stimmten sozialwissenschaft!ichen Beobachtungstrend schlicht zu ignorieren oder gar in der
maBen naive Selbstüberschatzung 142. Zwar muB sich das Strafrecht selbstver- verziigernden Funktion des Rechts selbst cine positive Funktion zu erkennen." (Mollers, aaO)
standlich ,,den Bedürfnissen des Lebens, die sich mit dem Wechsel der Zeiten Zudem weiG man nach dem Hegelschen Bild der Minerva, die erst in der Abenddammerung
verandern, anpassen" [Link] jede Zeit ihren eigenen Verstandnishorizont hat, ihren Flug beginnt, nur mit erheblicher Zeitverziigerung, welche politischen, gcsellschaft-
lichcn und iikonomischen Veranderungen nachhaltige Wirklichkeitsmachtigkeit entfaltet ha-
ben (Würtenberger, Grundlagenforschung, S. 21; ahnlich Troje, Wissenschaftlichkeit, S. 63).
134
Frisch, Vorsatz, S. 505 f. - Allerdings sieht Frisch dieses Programm inzwischen als im Das bekannte Spottwort Kelsens, daG die Rechtswisscnschaft cine ,,dem Zentrum des Geistes
wesentlichen verwirklicht an (Frisch, Strafrechtsdogmatik, S. 185). entlegene Provinz [sei], die dem Fortschritt nur langsam nachzuhumpeln pflegt" (Kelsen,
135
Schwinge/Zimmerl, Wesensschau, S. 15. Reine Rechtslehre 1, S. 4), bringt deshalb zwar den !atenten Minderwertigkeitskomplex ihrer
136
Herzberg, JZ 1988, 642 f. theoretisch interessierten Vertreter auf das Beste zum Ausdruck, ist aber sachlich allenfalls
137
Kostlin, Revision, S. 10. halbrichtig.
138 Kostlin, Revision, S. 10. 146 Kersting, Macht, S. 190.
139
Vgl. Welzel, Handlungslehre, S.29. 147 Zu einem Beispiel (Finalismus): Hassemer, Strafrechtswissenschaft, S. 274.
14º Kantorowicz, Tat, S. 3. 148 Naucke, Grundlinicn, S. 34.
141 149 So Seel, Theorien, S. 117 mit Blick auf das philosophische Dcnken.
v. Kirchmann, Wertlosigkeit, S. 17 f.
142 150 Loening, ZStW 3 (1883), 227.
Hardwig, Zurechnung, S. 240; Sánchez-Ostiz, 2. FS Roxin, S. 375.
143 Allfeld, Bedeutung, S. 5. 151 Ernst, Recht, S. 42.
22 Einleitung Einleitung 23

Gebiet wie der Allgemeinen Verbrechenslehre mit seinem weitgehend zeitlo- tige Theorieentwürfe mit einer Unbefangenheit und Rücksichtslosigkeit durch-
sen Problembestand eine Ausgangsvermutung dafür, daB die ,,Denkkraft ver- spielte, die spater kaum mehr erreicht wurde.
gangener Geschlechter" und die ,,Erfahrung verflossener Jahrhundertc und Ungeachtct aller philosophischen und dogmengeschichtlichen Rückversi-
Jahrtausende" dem ,,schwachen Verstande" und der ,,unbedeutende[n] Erfah- cherungen ist es nicht nur moglich, sondern sogar wahrscheinlich, daB der hier
rung"152 der gegenwartig Lebenden überlegen ist und deshalb, wenn auch nicht vorgestellte Systementwurf das Niveau der groBen Systeme der Vergangenheit
unbedingt Zustimmung, so doch jedenfalls Gehor beanspruchen darf 153. nicht einmal annahernd erreichen kann. Jedes Unternehmen dieser GroBenord-
Respekt vor der innerfachlichen Überlieferung und Achtsamkeit gegenüber nung hat etwas AnmaBendes. Es im Vorgefühl seiner Aussichtslosigkeit gleich
den Forderungen des Tages - dies sind mithin die Pole, zwischen denen sich sein zu lassen, ware hingegen defatistisch. Nicht als ein rudimentares Lehrbuch
eine Allgemeine Vcrbrechenslehre zu bewegen hat, die mchr als ,,sozusagen nur versteht sich deshalb die vorliegende Studie, sondern als ein ,,Beitrag zur Be-
das Leben von Eintagsfliegen" 154haben will 155. Eine allgemeine Formel dafür, gründung eines wissenschaftlichen Systems des Criminal-Rechts" 159.
wie die Allgemeine Verbrechcnslehre die tendenziell gegenlaufigen Anforderun- Auch wer mit Berner davon überzeugt ist, daB eine systematische Behand-
gen beider Seiten zum Ausgleich bringen soll, gibt es nicht und kann es nicht lung der Allgemeinen Verbrechenslehre mit bloBer ,,Kapitelmacherei" nichts zu
geben. Hier endet das Gebiet der strengen Dcnkdisziplin und es beginnt dcr tun hat 160,kommt freilich, sobald er dieser Überzeugung eine diskursiv nach-
Herrschaftsbereich der Urteilskraft und des Taktes. Ohne gehorige Kenntnis vollziehbare Gestalt zu verleihen sucht, nicht um die Notwendigkeit herum,
des Überlieferungshintergrundes konnen diese ihr Werk freilich nicht ordnungs- Kapitel zu machen. So ist die vorliegende Arbeit denn in drei Kapitel gegliedert.
gemaB tun. Es ist deshalb bedauerlich, daB die moderne deutsche Strafrechts- Im 1. Kapitel wird der Zusammenhang von Straftheorie und Verbrechenslehre
wissenschaft ,,nicht viel Sinn und Gefühl für (ihre) Geschichte [hat]"156. Um so erlautert, eine freiheitstheoretisch reflektierte Strafbegründung skizziert und
wichtiger ist es, entgegen der heute verbreiteten Tendenz, die Dogmengeschichte der ihr entsprechende Verbrechensbegriff vorgestellt. Ein Verbrechen zu bege-
des modernen Strafrechts erst mit Liszt beginnen zu lassen, auch die altere Li- hen bedeutet danach, die Bürgerpflicht zu verletzen, an der Aufrechterhaltung
teratur in den Blick zu nehmen. Einerseits ist namlich nach einer Bemerkung des bestehenden Zustandes rechtlich verfaflter Freiheitlichleeit mitzuwirken,
Lofflers nichts besser geeignet, uns von der ,,unheimlichen Macht des geschicht- und die Strafe vergilt einen Bruch dieser Verpflichtung. Eine Allgemeine Ver-
lich Gewordenen", das selbst dann noch fortwirkt, wenn seine Entstehungsvor- brechenslehre, die sich der Entfaltung dieses Verbrechensbegriffs widmet, hat
aussetzungen langst obsolet geworden sind 157, ,,zu befreien, als das Studium der zwei groBe Themenkomplexe zu bewaltigen. Zum einen muB sie die Kriterien
Geschichte selbst" 158. Andererseits hatte die strafrechtliche Diskussion in der herausarbeiten, anhand deren sich der Inhalt der Mitwirkungspflicht in eincr
ersten Halfte des [Link] den Vorteil, vor einem weitgehend offenen le- konkreten Tatsituation ermitteln lafü. Zum anderen hat sie zu klaren, unter
gislatorischen Horizont operieren zu konnen. Sie nutzte dies, indem sie vielfal- welchen Voraussetzungen das Verhalten des Taters diesem als Ausdruck seiner
Pflichtverletzung zuzurechnen ist. Mit diesen Fragen befassen sich das 2. Kapi-
152 tel und das 3. Kapitel.
Alle Zitate ausjhering, Geist, Teil 2, Abt. 2, S. 319.
153Ebenso Hold v. Ferneck, Idee, S. 59 f. sowie jüngst allgemein Würtenberger, Grund-
lagenforschung, S. 7. -Treffend auch Greco (Lebendiges, S. 201): ,,Letztlich ist die Vernunft,
die sich in der wissenschaftlichen Tatigkeit auBert, eine kollektive, die sich im Zusammenspiel
der Argumente über Generationen hin langsam entfaltet."
154 So Giinther (Archivf. Krim.-Anthr. 28 [1907], 289) über ,,allzu kühne Reformen,

durch die der Zusammenhang mit den geschichtlichen Wurzeln des heimischen Rechts ganz
zerrissen wird ".
155 Ebenso Hassemer, Strafrechtswissenschaft, S. 309.
156 Volk, FS Arthur Kaufmann, S. 611. - Vom ,,Verlust der Klassiker" spricht Arzt, GS

Armin Kaufmann, S. 863. Eser (SchluBbetrachtungen, S. 447) beklagt, daB man ,,heute oft
schon nicht rnehr weiB, was erst vor 30 odcr 40 Jahren geschrieben worden ist". - Die Klage
über die Geschichtsvergessenheit der Strafrechtsdogrnatik hat eine lange Tradition; vgl. etwa
Loening, ZStW 3 (1883), 234.
157 Dazu treffend Kohlrausch (Irrtum, S. 85): ,,Die Regel bleibt, der Gedanke aber, der sie

veranlasst hatte, gerat desto mehr in Vergessenheit, je weniger jenc Forrnulierung einen ad-
aquaten Ausdruck für ihn bildete." 159 Abegg, Systcm, S. XLIII.
158 Loffler, Schuldforrnen, Vorrede. 160 Berner, Grundlinien, S. 177.
l. Kapitel:

Der Begriff des Verbrechens

Feuerbach eréiffnet seine Revision mit der Klage, ,,daE man sich über die letzten
Gründe so vieler Lehren, entweder nur oberflachlich, oder, welches man mit
mehr Wahrheit sagen kann, gar nicht erklart hat" 1 . Wer sich mit der Absicht
tragt, ein System der Verbrechenslehre zu entwerfen, muE sich deshalb als erstes
die Frage vorlegen: Wo beginnen? Welches ist der Ausgangspunkt, auf den der
Rest des Systems bezogen werden muE? Wie finde ich - um an die kantische
Systemdefinition anzuknüpfen - die leitende Idee, der die übrigen ,,mannigfal-
tigen Erkenntnisse" ihre Einheit verdanken?
Diese Frage laEt sich nicht aus der Binnenperspektive der Strafrechtsdogma-
tik selbst beantworten 2, denn um die Erméiglichungsbedingungen von deren
systematischer Einheit geht es ja gerade: ,,Wer ordnen will, muE [... ]den leiten-
den Gesichtspunkt, auf den hin er ordnet, schon mitbringen." 3 Das Kapitel
setzt deshalb ein mit Überlegungen zum Ausgangspunkt strafrechtlicher Theo-
riebildung. Im ersten Abschnitt wird nachgewiesen, daE das Argernis des Straf-
zwanges dazu néitigt, zum einen die Strafrechtswissenschaft mit der prakti-
schen Philosophie zu verknüpfen und zum anderen das System der Verbre-
chenslehre von der Straftheorie her zu entwickeln (A.).
Damit ist freilich noch nicht ausgemacht, welche Straftheorie und welches
Verbrechensverstandnis in concreto den Vorzug verdienen. Diesem Problem
widmen sich die beiden folgenden Abschnitte. Wie dort gezeigt wird, ist die
Strafe nicht ein Mittel des praventiven Güterschutzes (B.), sondern sie dient der
Vergeltung eines Angriffs auf den bestehenden Zustand rechtlich verfaEter
Freiheitlichkeit. Ein Delikt zu begehen heiEt demnach: die Bürgerpflicht zu
verletzen, an der Aufrechterhaltung dieses Zustandes mitzuwirken (C.).

1Feuerbach, Revision, Bd. I, S. XVII.


2Schuhr, Rechtsdogmatik, S. 78.
3 F. v. Hippel, Gesetzmafügkeit, S. 2. - Dies gilt für jede Einzelwissenschaft; dazu Butter-

mann, Fiktion, S. 11; Oberer, Praxisgeltung, S. 87.


26 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 27

A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie Stahl ist die Strafe wegen ihres Zwangscharakters überhaupt nur durch gott-
liche Einsetzung legitimierbar. Als menschliche Verbindung für menschliche
l. Das Argernis des Strafzwanges Zwecke dürfte der Staat ,,nimmermehr Strafe üben, Güter nehmen, die er selbst
nicht ertheilt hat" 11. ,,Nirgend manifestirt sich die Majestat des Staates so sehr
Zu den berühmtesten Lehrstücken aus Kants praktischer Philosophie gehort als in der Strafe, aber nirgend manifestirt sich auch so sehr, daB seine Macht von
seine Unterscheidung zwischen Rechtspflichten und Tugendpflichten. Wahrend oben ertheilt ist, und nicht von Menschen." 12
Tugendpflichten ,,auf dem freien Selbstzwange allein" beruhen, ist im Bereich Die Antwort Stahls ist einer sakularen Strafrechtswissenschaft verschlos-
der Rechtspflichten ,,ein auBerer Zwang moralisch-moglich " 4. In der Eroffnung [Link] Scharfe seines Problembewufüseins ist dagegen bis heute beispielhaft.
der Befugnis zur Anwendung physischen Zwanges liegt jene ,,Koalition mit Was berechtigt den Staat dazu, einzelnen seiner Bürger, gestützt auf den Vor-
der Macht"5, welche die spezifische Harte der sozialen Institution Recht 6 und wurf eines massiven Fehlverhaltens, zwangsweise fundamentale Güter zu ent-
zugleich auch die Provokation kennzeichnet, die das Recht für jedes an der Idee ziehen; kurz: weshalb darf der Staat strafen? Diese Frage bildet nach wie vor ei-
der Freiheit orientierte Denken darstellt: Wie sind Zwang und Freiheit auf einen nen schmerzlichen Stachel im Fleisch einer jeden freiheitlichen Rechtsordnung 14.
Nenner zu bringen? Kann es freiheitstheoretisch jemals erlaubt, ja geboten sein, Von ihr muB ein jeder Strafrechtswissenschaftler ausgehen, der seinen Gegen-
einem anderen Menschen Gewalt anzutun? 7 Es ist diese Frage, die nach Kants stand nicht einfach als gegeben hinnimmt (IV.). Eine angemessene Beantwortung
Auffassung zuvorderst einer überzeugenden Antwort bedarf. Deshalb steht die kann das Problem der Strafbegründung- nochmals mit den Worten Feuerbachs
Erorterung der Voraussetzungen legitimer Zwangsausübung am Beginn der gesprochen - nur in ,,philosophischen Principien" 15, einer Reflexion über ,,[die]
kantischen Rechtsphilosophie 8 • Natur und die Rechte des Staats" 16finden 17. Streng genommen, konnte es ,,gar
Cum grano salis gilt das Gleiche für die Strafrechtswissenschaft. Ihren Ge-
genstand bilden nach einer Bemerkung des Grafen v. Soden ,,die Leiden der lamentarischen Reprasentanten die finanziellen Mittel zu seiner Untcrhaltung bereitstellt
(Hornle, Straftheorien, S. 3 f., 55; dies., 2. FS Roxin, S. 7; dies., Strafbegründungstheorien,
Menschheit" 9• Die Irritation, derer sie mittels der Systembildung Herr zu wer-
S. 29 f.). Hornle meint, diese Legitimation lasse sich nur in Erwagungen des kollektiven Nut-
den versucht, besteht allerdings nicht in erster Linie darin, daB bose Taten ge- zens in Gestalt der Pravention zukünftiger Straftaten finden (so insbesondere Hornle, 2. FS
schehen; denn daB der Mensch verderbt ist von Jugend an, kann niemand be- Roxin, S. 7). Dies ist einc in einer mallgeblichen Hinsicht unvollstandige Auskunft. In einer
zweifeln, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Die zentrale Herausfor- sakularen, auf die Leitidee dcr Freiheit zugeschnittenen Rechtsordnung ergibt sich die ge-
suchte Legitimation vielmehr daraus, daG die Institution der Strafrechtspflege unvcrzichtbar
derung für die Strafrechtswissenschaft besteht in den Worten Feuerbachs
für den Bestand einer freiheitlichcn Lebensform ist. Da die Strafrechtspflege selbst Bestand-
vielmehr in dem Umstand, daB die Strafe ,,eine Art des Zwangsmittels über- teil dieser Lebensform ist, muG sic ihrerseits freiheitskonform ausgestaltet sein. Der axiolo-
haupt" ist, ,,ein Zwang aber als eine Beschrankung [... ] gegen ein berechtigtes gisch zweifelhafte Schritt Hornles, die Legitimation des einzelnen Bestrafungsaktes aus Ge-
Subjekt nur dann angewendet werden [kann], wenn ein Rechtsgrund zu dem- rechtigkeitsrücksichten einem anderen Begründungsmodell zu unterstellen als diejenige der
Institution Strafe (so etwa Hornle, Strafthcorien, S. 6; dies., 2. FS Roxin, S. 10 f., 20), erweist
selben vorhanden ist; denn sonst ist dieser Zwang widerrechtlich, mithin Belei-
sich demnach als unnotig: Die Begründung gegenüber der Rechtsgemeinschaft konvergicrt
digung"10. Für den konservativen preufüschen Staatsdenker Friedrich Julius letztlich mit derjenigen gegenüber dem einer Bestrafung unterworfenen einzelnen Bürger
(dazu unten S. 90 ff.).
4 11 Stahl, Philosophie, Bd. II/2, S. 682.
Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 512.
5 12 Stahl, Philosophie, Bd. II/2, S. 682.
Kaulbach, Studien, S. 200.
6 13 Dies andert nichts daran, daG die Strafe bis heute religiose Assoziationcn aufweist; dazu
Pragnant Binding (Normen, Bd. II/1, S. 224): ,,Kcine andere Gebundenheit, die sonst
noch den stolzen Namen der Pflicht führt, hat solchcn Urheber und solche Macht." Montenbruck (FS Weber, S. 198 ff.), der die Strafe geradezu als ,,sakrale Opferung" begrcift
7
Vgl. Byrd, FG Lampert, S. 142;Fleischacker, Theory, S. 191 f.; Greco, Lcbendiges, S. 191, (aaO, S. 208); ferner Liiderssen, FS Hassemer, S. 479 f.
14 In dicsem Sinne auchDuttge, Brücke, S. 58; Gierhake, Rechtsphilosophie, Rn. 1; Greco,
203;jakobs, Strafrecht, S. 118;Kohler, Begründung, S. 93; Lindner, RW 2011, 8; Mohr, Pcrson,
S. 30; Müller, Willc, S. 61. Lebendiges, S. 203, 287 ff.; Gimbernat-Ordeig, ZStW 82 (1970), 408; Hoerster, Strafe, S. 21 f.;
8 Kindhauser, ZStW 121 (2009), 961; Kühl, Bedeutung, S. 9; Kunz, Strafe, S. 79 f.; Robles, ZIS
Grundlegend zu dieser Kant-Deutung: Kersting, Freiheit, S. 127 ff.; zuletzt ders., Kant,
s.37 ff. 2010, 357,363; Schmidhauser, AT, 3/8; Zaczyk, FS Eser, S. 217.
9 v. Soden, Geist, §4 (5.14). 15 Feuerbach, Revision, Bd. I, S. XVIII.
1
° Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 31; sachlich übereinstimmend Luden, Handbuch, S. 7. - 16 Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 24.
17 Nach der Überzeugung
Treffend Bumke (Ausgcstaltung, S. 38): ,,Gewalt ist nur in Form von Macht lcgitimierbar. Hruschkas wird demgegenüber der Systemanspruch der
Legitime Macht gibt es im Rechtsstaat nur nach Mallgabe des Rechts." - Hornle weist zu Strafrechtsdogmatik vorwiegend durch strukturtheoretische Untersuchungen eingelost, die
Recht darauf hin, daG die Existenz des Systems der Strafrechtspflege darübcr hinaus auch das ,,System der Kategorien" analysieren, welches den Regelungen des positiven Rechts zu-
der Legitimation gegenüber der Gcmeinschaft der Staatsbürger bedarf, die durch ihre par- grunde liege (Hruschka, GA 1981, 237 f., 241). Die Bedeutsamkeit derartiger Untcrsuchungen
28 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 29

kein positives Strafrecht geben, wenn nicht die Rechtsphilosophie das Recht zu II. Praktische Philosophie und die Positivitat des Rechts
strafen zu begründen vermochte" 18. Die ,,letzten Wurzeln" der Strafrechtswis-
senschaft reichen deshalb ,,bis zu den Grundbegriffen der praktischen Philoso- l. ,,Philosophie und Dogmatik stehen im Verhdltnis des Andersseins"
phie"19. Diese Sichtweise gewinnt in der neueren Literatur zwar zusehends an Eine ,,fast unglaubliche Verkommenheit" habe die deutsche Strafrechtspflege im
Zustimmung 20, von allgemeiner Anerkennung ist sie aber trotzdem noch weit [Link] aufgewicsen, so stellt Binding mit der ihm eigenen Drastik fest .
23
entfernt 21. Herrschend ist vielmehr, wie Lepsius kürzlich feststellte, eine Ar- ,,Das Strafensystem des geschriebenen gemeinen Rechts war in seincr Harte un-
beitsteilung zwischen einem dominanten dogmatischen Diskurs und davon haltbar geworden. Trotzdem verharrte die Gesetzgebung tatlos oder ging mit
ziemlich rigide getrennten rechtsphilosophischen Debatten. ,,Das geltende Recht sinnloser Strenge vor." 24Angesichts der ,,vollige[n]Zersetzung der alten Grund-
wird [... ] weitgehend gereinigt von allen theoretischen Bezügen behandelt: un- lage"25griff die ,,vom objektiven Rechte verlassen[e]" Strafrechtspraxis 26zu dem
historisch, unpolitisch und eben auch unphilosophisch." 22Die Forderung, phi- Ausweg, entweder aus dem Gesctzesrecht das herauszulesen, was dem aufklare-
losophische Erwagungen als integralen Bestandteil strafrechtswissenschaftlicher rischen Naturrecht entsprach, oder aber das Naturrecht unmittelbar zur Rechts-
Begründungsmodelle anzuerkennen, bedarf deshalb der naheren Erlauterung. quelle zu erheben. ,,Die Philosophie ist also nicht die Magd, die der Rechtsan-
Dabei geht es zum einen um das Verhaltnis einer so verstandenen Strafrechts- wendung den Weg beleuchtet, vielmchr ist sie die Herrin, die jener ihre Weisun-
wissenschaft zum positiven Recht (II.) und zum anderen um die Abgrenzung
gen gibt." 27
gegenüber Konzeptionen, die die Kriminalpolitik an die Stelle der praktischen Nicht erst der Positivist Binding erblickte in einer solchen ,,Inbesitznahme
Philosophie zu setzen gedenken (III.). der Strafrcchtswisscnschaft durch die Philosophie" 28einen Akt ,,frivoler Will-
kür"29. AuBerhalb des Strafrechts traf die Auffassung, daB das Naturrecht als
GültigkeitsmaBstab des positiven Rechts fungiere, bereits im [Link]
steht auíler Zweifel. Losgeliist von straftheoretischen Erwagungen verbleiben sie aber auf der auf massiven Widerstand, und zwar selbst in der naturrechtsfreundlichen
Ebene der allgemeinen Rechtstheorie, laGtsich ihre normative Relevanz also nicht hinlanglich Wolff-Schule 3º.Auch Kant stand ganz in dieser Tradition. Obwohl er in seiner
begründen (ebenso Robles, ZIS 2010, 360). Metaphysik der Sitten scharf zwischen ciner ,,bloB empirische[n] Rechtslehre"
18 Luden, Handbuch, S. 153.
19 Welzel, Strafrecht, S. l. -Ebenso H. Mayer, AT, S.27.
- einem ,,Kopf, der schon sein mag, nur schade! daB er kein Gehirn hat" - und
°
2 Kohler, AT, S. 8; Avrigeanu, Ambivalenz, S. 36 f.; Greco, Lebendiges, S. 203 f.; Kahlo, einer philosophisch begründeten Rechtswissenschaft unterschieden hatte 31,
Handlungsform, S. 59; Mushoff, Strafe, S. 100; Stübinger, Idealisiertes Strafrecht, S. 293; stellte er einige Jahre spater im Streit der Fakultdten klar, der Rechtslehrer habe
Zabel, Schuldtypisierung, S. 316; Duttge, Strafen, S. 11; Frisch, Bedeutung, S. 176 f.; Robles, um der Autoritat der Regierung willen seine Lehre nicht aus dem Naturrecht,
ZIS 2010, 357, 360 f., 363 f.; Schünemann, GA 2011, 459 f.; Zaczyk, FS Eser, S. 211; ders., FS sondern aus dem Landrecht zu schopfen und dürfe sich nicht auf die ,,freien
Küper, S. 729; ders., FS Maiwald, S. 896; ders., FS Dahs, S. 40; ders., FS Puppe, S. 310; ders.,
Staat 50 (2011), 298 ff. - Die konstitutive Bedeutung der (Rechts-)Philosophie für die Grund- Vernünfteleien" der philosophischen Fakultat einlassen 32. Um die Wende vom
lagenfragen des Strafrechts betoncn auch Frisch GA 2007, 251 ff. und Seebafl, FS Mittelstraíl, 18. zum [Link], also zu einer Zeit, als in der Philosophie die System-
S. 359. -Somek (Unbestimmtheit, S. 62) bezeichnet die juristische Begriffsbildung generell als entwürfe ,,wie Pilze aus dem feuchten Boden schossen" 33 und ,,fast jedes Jahr
,,eine[n] der gesellschaftlich bedeutsamsten Orte, an denen die Philosophie praktisch wird".
21 Stübinger, Idealisiertes Strafrecht, S. 46 ff. - Konstatiert wird im Gegenteil ein unüber-

sehbarer Einfluílverlust der Philosophie auf das Strafrecht (so etwa Bung, Formen, S. 127 f.).
Dies ist insofern wenig verwunderlich, als die heutige Philosophie an strafrechtlichen Fragen 23 Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S. 29. - Einen (ebcnfalls hiichst kritischen) knappen

zumeist wenig interessiert ist; in den tonangebenden Groíltheorien spielen sie zumeist nur Überblick aus heutiger Sicht gibt Koch, ZStW 122 (2010), 744 f.
eine ganz untergeordnete Rolle (Stiibinger, aaü, S. 49). Wahrend die Fachphilosophen über 24 Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S. 30.

lange Zeit maílgeblich an der geistigen Durchdringung und Entwicklung des Strafrechts be- 25 Baumgarten, GS 81 (1913), 106.

teiligt waren (darauf weist Frisch, Bedeutung, S. 177 f. hin), haben sie sich nach Hegels Tod 26 Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S. 30.

weitgehend von der Rechtsphilosophie zurückgezogen und sie den Juristen überlassen (R. 27 Eb. Schmidt, Einführung, S. 224. - Sachlich übereinstimmend Baumgarten, GS 81
Dreier, FS Starck, S. 30; Lübbe, Verantwortung, S. 20, 34; Mayer-Maly, Rechtswissenschaft, (1913), 107.
S. 209). Unter deren Handen verkümmcrte die Rechtsphilosophie in nicht wenigen Fallen ,,zu 28 Schwinge/Zimmerl, Wesensschau, S. 2.
einer Art intellektuellem Hobby zwischen hemmungslos ausgelebtem Dilettantismus und 29 Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S. 30.
Sonntagsrede" (Bung, aaO, S. 128). Es ist nicht zuletzt diese ,,Tcndenz zum immunisierten 30 Schroder, Rechtswissenschaft, S. 289 ff.
~aientum" (Bung, aaO), die für die Marginalisierung der Rechtsphilosophie verantwortlich 31 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 336.
1st. 32 Kant, SF, Werke Bd. 9, S. 285.
22 Lepsius, Relationen, S.21. 33 Fulda!Stolzenberg, Einleitung, S. 24.
30 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 31

ein neues oberstes Princip des Strafrechts" brachte 34, erstreckte Feuerbach diese Feuerbachs Überzeugung schlechthin (Teil der) Philosophie 42. Auf der Ebene
Position ausdrücklich auch auf den Bereich des Strafrechts. In seiner Revision des ,,positiven peinlichen Rechts" faBte Feuerbach die ,,allgemeinen Grund-
polemisierte er heftig gegen die ,,AnmaBungen der Philosophie" und forderte satze über Bestrafung rechtswidriger Handlungen überhaupt" in einem ,,philo-
dazu auf, ,,der Herrschaft jener launischen Tyrannin in dem positiven Rechte sophische[n] (allgemeine[n]) Theil" zusammen 43. Für einen Teilbereich des po-
entgegen zu arbeiten" 35. Der ,,Rechtsgelehrte im Staat" sei ,,Diener des Posi- sitiven Strafrechts, namlich das ,,gemeine deutsche Criminalrecht", nannte er
tivgesetzes, und er schandet seinen Beruf, wenn er gegen die Heiligkeit dieses als die primare Rechtsquelle die ,,Philosophie des Strafrechts" 44.
Gesetzes auch nur im mindesten sich vergiBt" 36. Seit den 1820er Jahren wurden diese Begründungsstrategien allerdings zu-
Mit dem Bekenntnis zur MaBgeblichkeit der positiven Gesetze für die nehmend kritischer gesehen 45. Die unter tatkraftiger Mithilfe philosophie-
Strafrechtspflege ging freilich allgemein, und so auch bei Feuerbach, ein wach- render Rechtswissenschaftler, etwa Feuerbachs, ins Werk gesetzte und bis
sender Druck auf die Regierungen einher, sie mochten neuere, bessere Gesetz- zur Jahrhundertmitte im wesentlichen abgeschlossene Verabschiedung neuer
bücher schaffen. Ebenso wie in der Franzosischen Revolution wenigeJahre zu- Strafrechtskodifikationen 46sowie ein Zeitgeist, der der Aufklarung und dem spe-
vor das Unerhorte geschehen war, ,,daB der Mensch sich auf den Kopf, d.i. auf kulativen Rationalismus der Jahrhundertwende nur noch wenig Sympathie ent-
den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut" 37, sollte auch das gegenbrachte, lieBen jene Auffassungen überholt und gefahrlich erscheinen. So
neu zu errichtendc Strafrechtsgebaudc auf den Gedanken, namlich das philoso- erblickte der Erlanger Rechtsprofessor Jordan 1830 in Feuerbachs Allgemeinem
phisch ermittelte Vernunftrecht gestellt werden 38. Für seine Bauplane sollte des- Teil nur mehr ,,ein seltsames Gemisch von philosophischen Grundsatzen und
halb die Rechtsphilosophie sorgen, die aus diesem Grund um die Jahrhundert- positiven allgemeinen Lehren" 47. Die wachsende Emanzipation der strafrecht-
wende für kurze Zeit zur strafrechtlichen Leitwissenschaft aufstieg 39. Auch aus lichen Fachwissenschaft von der Philosophie mit ihrer - wie es nun hieB48-
den Darstellungen des positiv geltenden Strafrechts verschwand die Rechtsphi- ,,Systemsucht", ihrem ,,Speculationskram" und ihrer ,,Eigenliebe" kam nicht zu-
losophie keineswegs zur Ganze. So forderte der sachsische Oberkonsistorialrat letzt darin zum Ausdruck, daB das positive Recht jetzt als wissenschaftsfahig an-
Carl August Tittmann, das ,,geltende" positive Strafrecht an dem ,,allgemein erkannt wurde. Tittmann hatte noch streng unterschieden zwischen Strafrechts-
gültigen" philosophischen Strafrecht zu messen, ,,weil das, was den Namen wissenschaft, die bloB das Vernunftgesetz zur Quelle habe und der alles Positive
Recht führet, unabanderlich recht seyn muB, und dieB bei dem positiv-gesetz- durchaus fremd sei, und bloBer Strafgesetzkunde, die als Summe der Grund-
lichen nicht allemal der Fall ist"40. So weit ging Feuerbach eingedenk seines satze, welche in den positiven Strafgesetzen enthalten seien, ,,nur das Aggregat
Bekenntnisses zur MaBgeblichkeit des positiven Rechts zwar nicht. Aber auch einer Wissenschaft" bilde 49. Demgegenüber wurde Mitte der 1820er Jahre in der
in seinem Lehrbuch trat die Philosophie in Erscheinung, und zwar sogar drei- Auslegung der positiven Normen die ,,der achten Jurisprudenz allein würdige
fach41: Die oberste, überpositive Ebene, das ,,allgemeine" Strafrecht ist nach Methode" erblickt 50. Philosophisch sollte nur mehr die systematische Art und
34 Weise der Verarbeitung des positiv-rechtlichen Materials sein. So forderte Jor-
Glaser, Schriften, Bd. 1, S. 14.
35
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. X. dan, das ,,allgemeine oder philosophische Strafrecht" durch die ,,philosophische
36
Feuerbach, Philosophie, S. 84. oder wissenschaftlicheBehandlung des allgemeinen oder positiven Strafrechts"
37
Hegel, Philosophie der Geschichte, Werke Bd. 12, S. 529.
38
Reprasentativ v. Almendingen, Darstellung, S. 25; Feuerbach, Philosophie, S. 82;
Henke, Zustand, S. 5. - Eine materialreiche, allerdings sehr kritische Darstellung dieser Be-
wegung gibt Loening, ZStW 3 (1883), 248 ff., 273 ff. treffend kritisch Bliihdorn, Kant-Studien 64 [1973], 378; aus der alteren Literatur ahnlich
39
Naher dazu Kesper-Biermann, Einheit, S.102ff., 411 ff.; Eb. Schmidt, Einführung, Loening, ZStW 3 [1883], 293 ff.).
S. 313 ff; Stübinger, Schuld, S. 155 ff.; ders., Idealisiertes Strafrecht, S. 204; ders., Strafrecht, 42
Feuerbach, Lehrbuch, § 2 (S. 2).
S. 160 f.; Vormbaum, Einführung, S. 72 H. 43 Feuerbach, Lehrbuch, § 4 (S. 4).
40
_ Tittmann, Handbuch, § 5 (S. 9). - Allerdings blieb bei Tittmann, ebenso wie bei den 44 Feuerbach, Lehrbuch, § 5 (S. 5).

me1sten anderen ahnlich argumentierenden Autoren seiner Zeit (dazu Schroder, Rechtswis- 45 Naher Loening, ZStW 3 (1883), 330 ff. sowie Stübinger, Schuld, S. 161ff.

senschaft, S. 295 f.), unklar, ob aus der Naturrechtswidrigkeit positiven Rechts wirklich des- 46 Dazu Kesper-Biermann, Einheit, S. 119ff.

sen Nichtigkeit odcr lediglich dessen Rcformbedürftigkeit folgen sollte. 47 fardan, NACrim 11 (1830), 218.
41
Zu einseitig ist daher die Behauptung Maier-Weigts (Verbrechensbegriff, S. 93), daíl 48 Roflhirt, NACrim 9 (1827), 491.

Feuerbach einer strikten Trennung der Philosophie des Kriminalrechts und des positiven 49 Tittmann, Handbuch, § 2 (S. 5).

Rechts das Wort geredet habe. Zutreffend ist allerdings, daíl es Feuerbach entgegcn seinem 50 Gerstdker, NACrim 7 (1825), 364. - Dies sollte freilich nur für das Strafrecht ,,eines

programmati~c!1en Anspruch nicht gelang, das Spannungsverhaltnis zwischen philosophi- policirten Staats" gelten; ,,denn der türkisch beherrschten Staaten positives Criminalrecht ist
scher und pos1t1ver Rechtslehre un Sinne einer ,,harmonischen Vereinigung" aufzulosen (zu- einzig und allein die Tigerwuth der gro/len und kleinen Gewalthaber" (aaO, 382).
32 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 33

zu ersetzen; diese bestebe in der ,,wissenscbaftlicben (logiscben) Verbindung der Wirklicbkeitsverstandnis" zurückgelassen batten 61. In den ironiscben Worten
einzelnen Theile zu einem geordneten Ganzen, d.i. im Systeme" 51. des jungen Jellinek sind die strafrecbtlichen Grundbegriffe ,,nicbt von so glan-
Die vielbescbworene, in ibren Auswirkungen aber vermutlicb überscbatzte 52 zender Helle umstrablt, daB sie des Scbleiers einer dunkeln und verdunkelnden
,,Gewaltberrscbaft der Hegelianer" im Strafrecbt 53zwiscben den 1840er und den Pbilosopbie bedürfen" 62. Die Erschopfung des strafrecbtlicben Hegelianismus
1860er Jabren drangte diese gemafügt-positivistiscbe Ricbtung zwar zunacbst ermoglicbte eine offene Anlmüpfung an die positivistiscbe Traditionslinie. Mo-
zurück. Für die Hegelianer war eine jede Spezialwissenscbaft vom ,,bocbsten niert wurde nunmebr, daB die ,,Recbtspbilosopbie alten Styls" nicbt ,,aus einer
Wissen (der Pbilosopbie)" abbangig 54. ,,Denn in der Pbilosopbie liegen die Ge- voraussetzungslosen Bearbeitung der in System gebracbten Begriffe selbst" ber-
dankenwurzeln, die Fundamente der Specialwissenscbaften. Davon abseben, vorgewacbsen sei, sondern daB sie lediglicb die individuellen pbilosopbiscben
beifü in die Luft bauen und die darzustellende Wissenscbaft obne Grundlage Überzeugungen des jeweiligen Autors spiegle63. ,,Aber das System, das so zu
anfangen, - beifü den Cbarakter der Wissenscbaft!icbkeit verleugnen." 55Jedocb Stande gekommen ist, wird sicb stets als ein künstlicbes, wenn auch nocb so ge-
verwabrten sicb die Hegelianer, insoweit kaum anders als ibre gemafügt-posi- nial erdacbtes ausweisen, das nur den Wertb eines vorlaufigen Bebelfs in An-
tivistiscben Kontrabenten, nacbdrücklicb gegen den ,,Uebermutb des Sollens", sprucb nehmen kann. Das natürlicbe und definitive System wird nur auf jenem
den sie in der kritiscben Pbilosopbie, aber aucb bei Feuerbacb am Werk saben 56 anderen Wege, der die zu ordnenden Begriffe selbst und bezw. deren gescbicbtli-
und der nicbts als ,,Hirngespinste" bervorbracbte 57. Wirklicbe Pbilosopbie, Ge- ches Substrat zum Ausgang nimmt, gewonnen werden." 64Für Merkel, den Ver-
scbicbte und System des positiven Recbts befanden sicb ,,nicbt in einem gegen- fasser dieser Zeilen, war abnlicb wie für Jordan Pbilosopbie nur nocb ein Name,
seitigen feindlicben Verbaltnisse und Kampf, sondern in einer wesentlicben Ein- der ,,ein allgemeines Element der wissenscbaft!icben Tbatigkeit" überbaupt be-
beit"58. Angesicbts einer Praxis, die auf einer ,,gelauterten pbilosopbiscben Be- zeicbne65. Warum sollte dann eine sicb eines erstarkten disziplinaren Selbstbe-
bandlung" berube, sei es ein Kennzeicben wabrer Pbilosopbie, daB sie ,,das po- wuBtseins erfreuende Recbtswissenscbaft nicbt ganzlicb auf ibn verzicbten? Da-
sitive Recbt als solcbes anerkennt und selbst in ibm existirt" 59. Dies fübrte zu für pladierte Merkel. Mit begelianiscb anmutenden Wendungen beforderte er das
Formulierungen, die in ibren Ergebnissen von positivistiscben Positionen kaum Ende des Hegelianismus im Strafrecbt 66: Die Aufgabe der Philosopbie im allge-
zu unterscbeiden waren. So konstatierte Berner imJabre 1871,mit dem ErlaB des meinen und der Recbtspbilosopbie im besonderen sei ,,nicbt dabin zu bestim-
Reicbsstrafgesetzbucbes befinde sicb die Wissenscbaft ,,so ziemlicb im Niveau men, dass sie der wirklicben Welt eine andere, von ibr construirte, gegenüber zu
mit dem Positiven", wesbalb sie ,,jetzt hauptsacblich die Aufgabe der affirmativen stellen babe. Vielmebr liegt ibr Ziel wie das der Wissenscbaft überbaupt nur da-
Verarbeitung des Gegebenen" babe6º. rin, die Welt wie sie ist zu begreifen." 67Desbalb sei es an der Zeit, daB an die Stelle
In den 1870er Jabren setzte sicb aucb im Strafrecht die Überzeugung durcb, der berkommlicb so genannten Recbtspbilosopbie die ,,von der gescbicbtlicben
daB ,,die Anregungen, welcbe die klassiscbe Zeit der deutscben Pbilosophie und dogmatiscben Bearbeitung des gegebenen Recbtsstoffs ausgebende bisber
batte bieten konnen, verbraucbt" seien und einen ,,nebelbafte[n] Idealismus obne

51]ardan, NACrim 11 (1830), 225. 61 So Nagler, FS Binding, S. 277.


52 In diesem Sinne insbesondere Frommel, Praventionsmodelle, S. 163 ff. 62 Jellinek, Schriften, Bd. I, S. 124.
53 Das Schlagwort stammt von Stintzing/Landsberg, Gcschichte, Bd. III/2, S. 383. 63 Merkel, Grünhut's Zeitschrift 1 (1874),406.
54 So Berner, Lehrbuch 5 , S. 2. 64 Merkel, Grünhut's Zeitschrift 1 (1874),407.
55 Berner, Lehrbuch 5, S. 3. 65 Merkel, Grünhut's Zeitschrift 1 (1874), 6. - Allgemcin zu Merkels Schrittmacherrolle
56 Vgl. Kostlin, Revision, S. 13. Ehret, Liszt, S. 98 f. sowic Tripp, EinfluG, S. 246 ff.
57 Berner, Grundlinien, S. 233. - Nahcr Stübinger, Idealisiertes Strafrccht, S. 167 f. 66 DaG Merkel die von ihm verwendcten ,,idealistischc[n] Vokabeln [... ] offensicht!ich
58
Abegg, Krit. Zeitschr. f. Rechtswiss. 2 (1827), 500. nicht in idealistischer Bcdeutung [mcint]", konstatiert auch Tripp, EinfluG, S. 249.
59
Abegg, System, S. XV; im gleichen Sinne ders., Strafrechtstheorien, S. 5 ff:, ders., Lehr- 67 Merkel, Grünhut's Zeitschrift 1 (1874), 418. - Ganz iihnlichjellinek (Schriften, Bd. I,
buch, S. 56 f.; Berner, ACrim (N.F.) 16 (1849), 447; Kostlin, Rcvision, S. 14 f.; Luden, Hand- S. 162 f.): ,,Wohl ist es das héichste Ziel des Menschengeistes, die reale Welt durch den Gedan-
buch, S. 16 f., 141f. - Dieser Zug der hegelianischen Konzeptionen wird von seiten positivisti- ken zu beherrschen. Aber diese Herrschaft kann nur crrungen werden, wenn der Gedankc
scher bzw. historistischer Kritiker verbreitet unterschatzt (paradigmatisch insowcit Loening, selbst dem Boden der Realitat entsprossen ist. Dem aus den Lüften kommenden Fremdling
ZStW 3 [1883], 330 ff.). weigert die rauhe Wirklichkeit den Gchorsam, aber dem eigenen Sohne beugt sie sich willig.
60 Berner, Lehrbuch 5 S. VIII. - Freilich hatte Berner leicht reden, war er doch der Über- Auch die Philosophic des Rechts wird zur Herrscherin im Kreise dcr juristischen Wissen-
zeugung, daG das Reichsstrafgesetzbuch ,,zum groGen Tcil die in den crsten vicr Auflagen schaften werden, wcnn sie nicht, wie bisher, aus dcm anscheinend Vcrnünftigen das Wirk-
dieses Lehrbuches vcrtretenen Anschauungen wiedergegcben" habe (so noch Berner, Lehr- liche wird ableiten wollen, sondern in der Wirklichkcit das Vernünftigc erfassen und festhal-
buch18, § 31 [S. 58]). ten wird."
34 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft ttnd praktische Philosophie 35

so genannte positive Rechtswissenschaft in ihren allgemeinen Lehren" trete 68 . ten drohe ein Einbruch subjektiver Eigenmachtigkeiten - cine Befürchtung,
Es lasse sich für die Rechtsphilosophie ,,kein vernünftiger Inhalt und es lassen die, wie gesehen, bereits Kants Mahnung an rollenvergessene Rechtslehrer mo-
sich keine Probleme für sie erweisen, welche nicht diesem Kreise angehi:iren"69 • tiviert hat und der im Strafrecht wegen des nulla poena-Satzes besonderes Ge-
Vollzog sich die Hinausdrangung der Rechtsphilosophie aus dem Gebiet der wicht zukommt 80 • Der Rückgriff auf die Philosophie steht also unter dem Ver-
Strafrechtswissenschaft bei Merkel noch in den üblichen Formen akademischer dacht der Beliebigkeit: Er gerate ,,zum willkürlichen Zitat aus einer unüber-
Etikette, nahm sie bei Binding geradezu exorzistische Züge an. Zwar wehrte sichtlichen Fülle spekulativer Texte" 81 . Dem Juristen aber stehe es nicht zu,
auch dieser sich gegen einen Positivismus, der, das Gesetz mit dem Recht ver- Recht kraft eigenen Raisonnements zu setzen 82 • Die Jurisprudenz überschreite
wechselnd, statt Jurisprudenz bloBe Gesetzeskunde biete 70 ; Binding war eben ihren Kompetenzbereich, ,,sobald sie den Anspruch erhebt, einen Sachverhalt
Rechtspositivist, nicht Gesetzespositivist 71 . J edoch gebe es keine Jurisprudenz, nicht nur anhand einschlagiger juristischer Tatbestande zu analysieren, wenn
die nicht Wissenschaft des positiven Rechts ware 72 . Nur als ,,sublimirte Juri- sie vielmehr juristische und auBerjuristische Tatbestande vermengt" 83 • Argu-
sprudenz" - was in Bindings Fall im wesentlichen heifü: als Normentheorie - mente, die einer philosophischen Richtung verpflichtet seien, seien entweder
dürfe man Rechtsphilosophie noch betreiben 73 • Philosophische und andere bloBe Verschi:inerungen allgemeiner Sachargumente oder letztlich schlechte
fremdwissenschaftliche Anschauungen stellten hingegen Kuckuckseier im Argumente ab auctoritate 84 .
Nest der Rechtswissenschaft dar, und nichts anderes ki:inne aus ihnen folgen als Auf den ersten Blick scheinen diese Bedenken schlagend zu sein. Naher be-
zunachst Falschung und Konfusion, schliefüich jedoch stets dieselbe groBe trachtet, gewinnen sie ihre vermeintliche Überzeugungskraft jedoch aus der
Enttauschung 74 • Im Ergebnis waren sich Merkel und Binding also einig: Wo Verknüpfung zweier von niemandem bezweifelter Selbstverstandlichkeiten mit
Rechtsphilosophie war, soll Allgemeine Rechtslehre werden 75 • einer Tautologie. Selbstverstandlich ist es, daB die Berufung auf groBe Philoso-
Zur Abschaffung der Rechtsphilosophie ist es zwar bislang nicht gekom- phennamen nicht per se als juristisches Argument taugt 85 . Selbstverstandlich ist
men. Allerdings formuliert selbst ein naturrechtlichen Gedankengangen durch- es auch, daB die Übernahme cines Begriffs oder einer Leitidee aus einer anderen
aus gewogener Autor wie Arthur Kaufmann apodiktisch, daB Philosophie und (Sub-)Disziplin sich nach den MaBstaben der rezipierenden Disziplin und nicht
Dogmatik im ,,Verhaltnis des Andersseins" standen 76 • Dieses Diktum kann in- nach denen der Herkunftsdisziplin vollzieht 86 . Rechtswissenschaftliche Dis-
nerhalb der heutigen Rechtswissenschaft auf breite Zustimmung rechnen. Da- kussionen folgen ihren eigenen Gesetzmafügkeiten und haben keinen AnlaB,
nach kann die Dogmatik ihre Aufgabe, die (vor allem gerichtliche) Entschei-
dungspraxis anzuleiten, nur dann sachgemaB erfüllen, wenn sie sich strikt auf 80 Vgl. ctwa Laos, Rechtsphilosophie, S. 156.
den Standpunkt des positiven Rechts stellt 77 . ,,Der Gott des modernenJuristen 81 Engel!Schon, Vorwort, S. X. - Weitere Gefahren, die mit der ,,Auslieferung an eine
ist der Gesetzgeber." 78 Für philosophische Erwagungen scheint angesichts die- bestimmtc philosophische Richtung unweigerlich verbunden sind", benennen Schwinge
und Zimmerl (Wesensschau, S. 8): ,,Verkettung der strafrechtlichcn Arbeitsergebnisse mit
ser Aufgabenzuweisung jedenfalls innerhalb des durch die Dogmatik besetzten
dem Schicksal dieser philosophischen Stromung, Belastung der juristischen Arbeit mit al-
Kernbereichs rechtswissenschaftlicher Tatigkeit kein Raum zu sein 79 • Ansons- len Einwendungen gcgen diese, Vcrnachlassigung der Einzelforschung, Entfremdung zwi-
schen Theorie und Praxis." H. Mayer (Strafrecht, S. 14) zufolge haben deshalb die ,,Versuche,
68Merkel, Grünhut's Zeitschrift 1 (1874),408. eine bestimmte philosophische Meinung in einer Einzelwissenschaft durchzuführen, [... ] alle
69Merkel, Grünhut's Zeitschrift 1 (1874),402 f. mehr oder minder mit einem Fiasko geendet".
70 Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S. 51 f. 82 Bydlinski, Methodenlehre, S. 10, 34, 40; Ernst, Recht, S. 19; Haas, Kausalitat, S. 81.

71 83 Ernst, Recht, S. 17.


Jakobs, FS de Figueiredo Dias, S. 395.
72 84 Greco, ZIS 2009, 815.
Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S.46.
73 85 Duttge, Einflüsse, S. 168; Hirsch, ZStW 116 (2004), 850;jakl, Recht, S. 89; Zaczyk, FS
Binding, Abhandlungen, Bd. 1, S. 72.
74
Binding, Normen, Bd. II, [Link]. E. A. Wolff, S. 520 f.; ausführlich jüngst Hornle, FS HU Berlin, S. 1270 ff. - Ebenso unbe-
75
Vormbaum, Einführung, S. 120. friedigend ist es freilich, bestimmte philosophische Konzeptionen - in concreto diejenigen
76
Arthur Kaufmann, Rechtsphilosophie, S. 3. - Im gleichen Sinne Engisch, Einführung, Kants und Hegels - nur deshalb für strafrechtstheoretisch unergiebig zu erklaren, weil sie
S. 262 f.; Naucke/Harzer, Grundbegriffe, Rn. 4; Radbruch, Rechtsphilosophie, S. 106; Mai- vor dem Inkrafttreten des Grundgesetzes verfaflt worden sind (in diesem Sinne aber Hornle
wald, Dogmatik, S. 137; Starck, Bedeutung, S. 381. [2. FS Roxin, S. 4), die leider auch nicht auf die Behauptung verzichten zu konnen meint,
77
Vgl. nur Bydlinski, Methodenlehre, S. 10; Henkel, Einführung, S. l; Horn, Einfüh- diese Theorien liefen darauf hinaus, ,,die Willkür eines Monarchen anzuerkennen oder den
rung, Rn. 40; Radbruch, Rechtsphilosophie, S. 106; Rüthers/Fischer, Rechtstheorie, Rn. 311; Staat zu verherrlichen" [aaO). Über derart polemische Vorwürfe ist die ernsthafte Kant- und
R. Dreier, Standpunktproblemc, S. 331. Hcgcl-Exegese seit geraumer Zcit hinaus.)
78 Nettmann, Recht, S. 319. 86 Funke, Recht, S. 9;]akobs, RW 2010, 287;Jestaedt, Wissenschaft, S. 46; ders., Disziplin,

79 Somek, Wissen, S. 55. S. 279; Lüdemann, Rechtsetzung, S. 136; Schulze-Fielitz, Staatsrechtslehre, S. 129.
36 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 37

sich von seiten der Philosophie kolonialisieren zu lassen. Ihr Ausgangspunkt dert. Weil sie der Mehrzahl der Strafrechtsdogmatiker inhaltlich überzeugend
,,ist nicht der allgemeine und freie Diskurs, sondern das institutionalisierte erschienen, sind sie als relevante Bestandteile des strafrechtswissenschaftlichen
Recht" 87 . Deshalb dürfen rechtsdogmatische Fragen nicht durch einen vor- Diskurses anerkannt worden 94 • Die Kommunikationsroutine, die sich ihrer da-
schnellen Rückgriff auf philosophische Erwagungen beantwortet werden 88 . raufhin bemachtigt hat, bewirkte, daG ihr ursprünglicher ideengeschichtlicher
Tautologisch ist hingegen die Wendung gegen die Berücksichtigung ,,auGerju- Bezugsrahmen im Laufe der Zeit in Vergessenheit geriet und sie zunehmend als
ristischer Tatbestande". Ihr positiver Aussagegehalt erschopft sich in der For- gleichsam selbsttragende dogmatische Figuren behandelt wurden, die einer phi-
me!: Juristisch ist, was juristisch ist. Unbeantwortet bleibt hingegen die eigent- losophischen Abstützung nicht mehr bedurften 95 •
lich entscheidende Frage: Wie weit reicht der Einzugsbereich genuin juristi- So unvermeidlich es ist, daG die erfolgreiche Implementierung neuer Be-
scher - im hiesigen Kontext: strafrechtswissenschaftlicher - Erwagungen? griffe und Figuren in die bestehende Dogmatik mit der Verkürzung von Be-
Darauf gibt es keine zugleich allgemeingültige und inhaltlich gehaltvolle Ant- gründungszusammenhangen einhergeht, so gefahrlich ist es, wenn dies unreflek-
wort; was Problemli:isung am MaGstab des Rechts bedeutet, ist vielmehr durch- tiert geschieht. Es droht dann cinerseits die bereits in der Einleitung angespro-
aus wandelbar 89 . ,,Jede Etappe neuartiger Verklammerung von typisierten Inter- chene unbemerkte ,,Mumifizicrung" des wissenschaftlichcn Begriffsgebaudes 96
essenwertungen mit entsprechenden Fachbegriffen, jede neue Gruppierung die- und andererseits die pauschale Abweisung neuartiger Vorschlage als undogma-
ser Fachbegriffe im Rahmen eines bestimmten Ordnungsgebiets [... ] ist in ihrer tisch. Zu einer wissenschaftlichen Dogmatik gchéirt es deshalb, daG sie sich ih-
ursprünglich inventorischen Bedeutung gleichsam ein Vorschlag, dessen prakti- rer Einbettung in umfassende philosophisch-weltanschauliche Bezugssysteme
sche Anerkennung erst durch den Konsens über die darin liegende Wertung er- bewufü bleibt 97 . Zwar besteht die Funktion dogmatischer Formeln wesentlich
folgt."9º Zwar existiert ein Korpus von Methoden der Gesetzesinterpretation, die in ihrer Entlastungsfunktion 98 : Sie verwandeln nach einer eingangigen Forme!
von allen Angehéirigen der Profession als genuin strafrechtlich anerkannt wer- Essers Wertungsprobleme zu Denkproblemen 99 , indem sie der Praxis ein Mus-
den. Damit haben sich innovative Autoren aber niemals begnügt 91 • Ein Blick auf ter zur Verfügung stellen, ,,das die einheitliche erkenntnismafüge Beantwortung
einige der bedeutsamsten strafrechtsdogmatischen N euerungen des vergangenen der Normfrage ohne jeweilige Neudiskussion der grundlegenden Bewertungs-
Jahrhunderts lehrt, daG sie nicht etwa auf die üblichen Auslegungsmethoden, fragen, die in die Forme! cingegangen sind, erlaubt" 100• Man muG aber- so betont
sondern auf (rechts-)philosophische Erwagungen gestützt wurden. So verdankt ebenfalls Esser- ,,die Unvereinbarkeit sehen in dem Anspruch auf vol! abgedich-
Welzel seinen finalen Handlungsbegriff einer intensiven Rezeption klassischer tete Autoritat der Dogmatik und auf Bewaltigung je neuer Sozialkonflikte ohne
und zeitgeni:issischer Handlungslehren, von Aristoteles über Pufendorf bis zu je ncuen Konsens, nur aus dem Vorrat an Normen und dogmatischer Kunst" 1º 1 .
Nicolai Hartmann 92. Auch die Erwagungen über eine angemessene Freiheits- Um die Dogmatik vor der Gefahr des Dogmatismus - der Erstarrung in selbst-
und Verantwortungsaufteilung innerhalb der Rechtsgemeinschaft, die der Lehre genügsamcr Routine 102 - zu schützcn, muG unter ihrem Dach auch Raum für
von der objektiven Zurechnung- etwa den Instituten des erlaubten Risikos oder
des RegreGverbots - zugrunde liegen, sind der Sache nach rechtsphilosophischer
aber nicht zuletzt das Desinteresse der Philosophen an strafrechtstheoretischen Fragen (oben
Natur 93 • Ihre Herkunft hat allerdings ihren dogmatischen Erfolg nicht gehin- S. 28 Fn. 21). Das harschc Urteil Rottlcuthners, Juristcnphilosophie habe mit echter Philo-
sophie ,,so viel gemeinsam [... ] wie einc Fischgrate mit dem Forellenquintett" (Rottleuthner,
87Osterkamp, Gerechtigkeit, S.112. Rechtswissenschaft, S. 210), miflachtet zudcm den gro/len Vorzug der Juristenphilosophie
88Aichele, Rechtstheorie, S. 31; Bottke, Methodik, S. 10 f.; Duttge, Bestimmtheit, S. 228 f.; gegenüber rein philosophischen Erorterungen: ihren Sinn für die Vielfaltigkeit moglicher
W Bock, Rechtstheorie 36 (2005), 472, 482. Fallkonstcllationen und ihre Lebensnahe.
89 v. Arnauld, Wissenschaft, S. 101 f. 94 In diesem Sinne auch Burchard, Irrcn, S. 429 f.
90 Esser, FS Raiser, S. 534. - In der Strafrechtswissenschaft gilt insoweit nichts anderes 95 Allgcmein zu derartigen Prozessen Pocker, Rechtstheorie 37 (2006), 162 ff.
96 Tesar, Überwindung, S. VIII; vgl. auch Drath, Rechtsdogmatik, S. 207.
als in den übrigen Teilbereichen der Jurisprudenz: ,,Dcr faktische Konsens dcr Profcssion
wird zum Kriterium dogmatischer Legitimitat." (Rottleuthner, Rechtswissenschaft, S. 178 97 Ebenso W Bock, Rechtstheorie 36 (2005), 458,472; R. Dreier, Rechtstheorie 2 (1971),

[in ideologiekritischer Absicht]) Letztlich ist es also ihr Erfolg bei den Fachkollegen, der cine 52; Lindner, RW 2011, 20; Pocker, Rechtstheoric 37 (2006), 158 ff.; Stürner, JZ 2012, 12, 17.
Theorie bestatigt oder falsifiziert (Benedict, Rechtstheorie 40 [2009], 373). 98 Esser, Vorverstandnis, S. 88; Grimm, Rechtswissenschaft, S.14;Jestaedt, FS Mayer,
91 Eindringlich jüngst Stübinger, Idealisiertes Strafrecht, S. 51 sowie Frisch, Bedeutung, S. 173; Stürner, JZ 2012, 11; Vesting, Rechtstheorie, Rn. 21; Würtenberger, Grundlagenfor-
S. 172 ff.; ferner Haney, FS E. A. Wolff, S. 64. -Das Gleiche gilt nach Esser (FS Raiser, S. 532 f.) schung, S. 7.
für den Bereich des Zivilrechts. 99 Esser, AcP 172 (1972), 103, 113.
92 Naher dazu Sticht, Sachlogik, S. 261 ff. 100 Esser, FS Raiser, S. 522.
93 Ebenso Frisch, Bedeutung, S. 174.-Die Art und Weise dieses Rückgriffs mag haufig den 1º1 Esser, AcP 172 (1972), 101.

Standards der professionellen Philosophie nicht voll entsprechen. Verantwortlich dafür ist 102 Jestaedt, FS Mayer, S. 182. - Ebenso jüngstjakl, Recht, S. 5 f.
38 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 39

eine (Sub-)Disziplin sein, die ihre Aufgabe darin erblickt, die Implikationen des ,,dem Raisonnement nur die erste Richtung gegeben wird " 108 , und respektiert im
bestehenden dogmatischen Systems zu überprüfen und gegebenenfalls Alterna- übrigen das Eigenrecht des Nur-Positiven-nicht als ein notwendiges Übel, son-
tiven vorzuschlagen. Diese Funktion übernimmt im Bereich des Strafrechts die dern als ein gleichberechtigtes Teilmoment einer komplexen Gesamtstruktur, die
Allgemeine Verbrechenslehre. ebenso wie das Leben, das sie regeln soll, nicht ohne Kontingenz zu haben ist (3.).
Die Aufgabe, der Strafrechtsdogmatik normativ wohlfundierte Rahmenbe-
dingungen für ihre Tatigkeit zur Verfügung zu stellen, kann die Allgemeine 2. Der Gerechtigkeitsanspruch des positiven Rechts
Verbrechenslehre nur dann erfüllen, wenn sie das Gesprach mit der Philoso-
Nach einem Bonmot Bergbohms sind wir alle geborene Naturrechtler 109 • So
phie sucht. ,,Philosophieren heifh übersetzen - altere Gedanken über die Ge-
hangt die Bereitschaft der Bürger zur freiwilligen Normbefolgung zu einem er-
wasser der Zeit in eine neuere Sprache zu tragen." 1º3 Wer, wenn nicht die Phi-
heblichen Teil davon ab, dag sie eine Regelung ,,als gerechtes, vernünftiges, zu-
losophie, vermochte deshalb der Allgemeinen Verbrechenslehre die Ressourcen
mindest aber nicht ungerechtes Recht" anerkennen 110. Zwar konnen und sollen
zuzuführen, die diese benotigt, um einerseits ihren Sinn für das Denkmogli-
die Rechtsnormen ,,nicht positiv ethisch sein, aber sie sollen gegen die ethische
che wachzuhalten und zu schulen und andererseits ihre Legitimationsdiskurse
Ordnung auch keinen Krieg führen" 111 . Eine von den meisten Rechtsunterwor-
gleichsam al pari mit der intellektuellen Kultur ihrer Gesellschaft und Zeit füh-
fenen als krag ungerecht wahrgenommene Rechtsordnung wird es - jedenfalls
ren zu konnen? 104 Selbst wenn man Henrichs stolzes Wort, die Philosophie sei
solange sie nicht offen terroristische Züge annimmt - auf die Dauer schwer ha-
,,wie kein anderes Fach der Universitat sensibel [... ] für die Lebensverhaltnisse
ºh Zert . "1os, mrt. emem
. . hen versehen mag, liegt es deshalb im eigenen ben, das zu ihrem Überleben notwendige Magan Befolgung sicherzustellen. In-
1 rer Fragezerc
sofern steht der Staat ,,fort und fort unter der Kontrolle der [... ] praktischen Ver-
Interesse der Allgemeinen Verbrechenslehre, sich- wie es Berner im Jahre 1871
nunft seiner Bürger" 112 und ,,hat noch keine wirkliche politische Ordnung sich
formulierte - ,,bestandig im Flusse des gemeinsamen Werdens mit der Philoso-
selbst als bloges Machtverhaltnis offeriert und noch nie eine politische Theorie
phie zu erhalten" 1º6.
sich selbst als ideologisch definiert" 113 • Aber ist ihre Übereinstimmung mit den
Eine Allgemeine Verbrechenslehre, die diesen Austausch vernachlassigt,
Gerechtigkeitsüberzeugungen der Bürger wirklich nur für die Stabilitat einer
nimmt statt eines geordneten Grenzverkehrs mit ihrer kulturellen Umwelt de-
positiven Rechtsordnung von Bedeutung? Alexy bestreitet dies: Die Teilnehmer
ren unkontrolliertes Einsickern in Kauf. Eine Allgemeine Verbrechenslehre, die
an einem Rechtssystem konnten gar nicht anders, als für ihre rechtlichen Auge-
ihn pflegt, befordert dagegen nicht nur die gesellschaftliche Vermittelbarkeit des
rungen einen Anspruch auf Richtigkeit zu erheben 114;dieser Anspruch schliege
bestehenden Strafrechtssystems und die interdisziplinare Anerkennung der ihm
einen Anspruch auf moralische Richtigkeit ein 115 . Selbst der Richter, der das na-
gewidmeten Wissenschaft. Indem sie sich vorbehalt, durch philosophisch fun-
tionalsozialistische Rassen- und Führerprinzip anwende, gebe seine Entschei-
dierte Vorschlage zur Veranderung der bestehenden Modelle ,,ein jeweils über-
dung als (nicht nur positiv-rechtlich, sondern auch) moralisch begründbar aus116 .
zeugenderes Verhaltnis zwischen positivem Recht und Gerechtigkeitsanforde-
Wer - wie beispielsweise ein Verfassungsgeber, der in die Verfassung den Satz
rungen herzustellen" 1º7, tragt sie vor allem einer Eigenheit des positiven Rechts
Rechnung, dessen Relevanz sich nur um den Preis eines phanomenologisch und
identitatstheoretisch unbekümmerten Dogmatismus in Abrede stellen lafü: sei- 108 Thibaut, Beytrage, S. 104.
nem Gerechtigkeitsanspruch (2.).Diesem Anspruch Rechnung zu tragen, bedeu- 1º9 Zitiert nach Braun, Rechtsphilosophie, S. 11.
11º Bockenforde, Staat, S. 216. - Ebenso Baumann/Weber! Mitsch, AT, § 3 Rn. 30; Frister,
tet freilich nicht, sich vom Deduktionsehrgeiz eines Christian Wolff anstecken
AT, § 2 Rn. 11; Gropp, AT, § 1 Rn. 75; Hassemer, Strafe, S. 20 ff.; Osterkamp, Gerechtigkeit,
zu lassen und aus einigen rechtsphilosophischen Grundannahmen ein komplet- S. 137 f.; Pichler!Giese, Rechtsakzeptanz, S. 262; Raiser, Grundlagen, S. 258 f.; Rehbinder,
tes Strafgesetzbuch herauszuspinnen. Eine systematisch reflektierte Verbre- Rechtssoziologie, Rn. 116; v. Arnauld, Verantwortung, S. 194; Burmeister, Dilemma, S. 355,
chenslehre erkennt vielmehr an, dag durch das ,,Hauptprincip" in vielen Fallen 360 f.; Engel, Rcchtswissenschaft, S. 15; Frisch, GA 2007, 263; lsensee, NJW 1977, 548 ff.;
Kindhduser, FS Schroeder, S. 85; Wiirtenberger, Akzeptanz, S. 381 ff. - Aus der alteren Lite-
ratur: Merkel, Encyklopadie, § 35 (S. 30); Hdlschner, GS 21 (1869), 88.
103Seel, Theorien, S.198. 111Beling, Rechtswissenschaft, S. 31.
104
Zu Recht bezeichnet Stübinger (Idealisiertes Strafrecht, S. 44) die Philosophie als ,,eine 112 R. Schmidt, Strafrechtsreform, S. 42. - Dazu jüngst Schroder, JZ 2010, 874 f.

'.'rt ,Fe~ster' [.. _.],du'.·ch das der Dogmatik ein Blick zur übrigen Welt ermi:iglicht werden soll, 113 Welzel, Naturrecht, S. 248.

m der s1emanmgfalt1ge Begründungsmomente für ihr eigenes Geschaft entdecken kann". 114 Alexy, Begriff, S. 69; ders., FS Aarnio, S. 4 ff. - Ebenso Osterkamp, Gerechtigkeit,
1º5 Henrich, Philosophie, S. 126. S. 68 f. sowie aus dem strafrechtlichen Schrifttum jüngst Greco, Lebendiges, S. 128.
106 Berner, Lehrbuch5, S. 3. 115 Alexy, Begriff, S. 132; ders., FS Aarnio, S. 13 ff.
107Esser, FS Raiser, S. 522. 116 Alexy, Begriff, S. 132.
40 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 41

aufnimmt, der Staat X sei eine ,,ungerechte Republik" -, diesen Richtigkeitsan- lm Unterschied zu der Argumentation Alexys erhebt diese Überlegung nicht
spruch off en aufkündige, verwickle sich in einen performativen Widerspruch: den Anspruch, sprachanalytisch oder rechtsbegrifflich zwingend in dem Sinne
Der Inhalt seines verfassungsgebenden Aktes negiere den Richtigkeitsanspruch, zu sein, daB derjenige, der sich ihr verschliefü, nach allgemein anerkannten Ver-
welchen er mit dem Vollzug dieses Aktes erhebe 117. nunftstandards einen Fehler beginge. Niemand kann moralisch dazu genotigt
Diese These ist allerdings zirkular: Das Argument vom performativen werden, den moralischen Standpunkt einzunehmen. Der moralische Standpunkt
Selbstwiderspruch funktioniert nur unter der Voraussetzung, daB ein Richtig- - die Bereitschaft, sich von moralischen Argumenten beeindrucken zu lassen -
keitsanspruch erhoben wird, und vermag diesen Anspruch deshalb nicht zu lafü sich namlich nicht aus auBermoralischen Gesichtspunkten deduzieren, son-
begründen 118• Dennoch behalt Alexys Kritik einer sich einseitig positivistisch dern muB als fundamentale Ermoglichungsbedingung moralischer Diskussio-
verstehenden Rechtspraxis ihre Berechtigung. Worum es tatsachlich geht, ist nen vorausgesetzt werden [Link] sich in einer zynischen Selbststilisierung als
allerdings weniger ein Sprechaktproblem 119 als vielmehr ein Problem der prak- Handlanger der Gewalt eingerichtet hat, kann ebensowenig widerlegt werden
tischen Identitat der Sprechenden. Um ihrer moralischen lntegritat und ihrer wie jemand, der sich weigert, die MaBgeblichkeit der Menschenrechte anzuer-
Selbstachtung willen konnen Richter und Verfassungsgeber es sich buchstab- [Link] Betreffende stellt jenen Grundbestand an Gemeinsamkeit in Ab-
lich nicht leisten, sich zur Begründung ihres Handelns allein auf die faktische rede, auf dessen Basis eine Widerlegung überhaupt erst denkbar ware. Die psy-
Wirkungsmachtigkeit ,,ihrer" Rechtsordnung zu stützen 12º; sie konnen viel- chischen und sozialen Kosten eines solchen Schrittes sind indessen hoch. Daran
mehr nicht umhin, diese als eine prinzipiell legitime Ordnung aufzufassen 121. zu erinnern war das Ziel des vorstehenden Gedankenganges.
Andernfalls würden sie namlich den Unterschied zwischen Recht und Gewalt Zur Wahrung ihrer praktischen Identitat haben die Rechtsanwender somit
einebnen und sich selbst den Status von Funktionaren eines bloBen Machtkar- allen Grund, an der Unterscheidung von Recht und Gewalt festzuhalten. Die
tells zuschreiben. Damit würden sie sich der Moglichkeit berauben, ihren eige- Frage nach dem Begriff des Rechts aber ist der nach dem Gehalt einer Rechts-
nen moralischen Status von demjenigen der Helfershelfer konkurrierender (von ordnung logisch vorgelagert [Link] Recht kann zwar beanspruchen, seinen Re-
ihnen als ,,kriminell" gebrandmarkter) Machtkartelle abzuheben. Sofern sie gelungsbereich durch den Rechtsakt der Gesetzgebung selbst festzulegen; nicht
sich dessen ungeachtet weiterhin als moralische Subjekte begreifen wollten, ver- entscheiden kann es hingegen darüber, ob dieser Anspruch - etwa die von ihm
mochten sie dies nur, indem sie ihrer beruflichen Tatigkeit jegliche Relevanz für reklamierte Befugnis, Bürger mit Strafe zu belegen -Anerkennung verdient oder
ihre praktische Identitat absprachen, die Einheit ihrer Biographie also buch- nicht. Der Gesetzespositivist kann diese Frage, die immerhin über die Dignitat
stablich aufsprengten. Eine solche Totalabspaltung ginge weit über die Selbst- seines beruflichen Tuns entscheidet, nicht einmal formulieren, denn dazu müBte
distanzierung von einzelnen Aspekten der eigenen Berufsrolle hinaus, die zum er aus der Gesetzesimmanenz heraustreten 125. Gestellt und beantwortet wer-
alltaglichen Verhaltensrepertoire in modernen Gesellschaften gehort. Sie lieBe den kann sie vielmehr nur auf der Ebene der Reflexion über das Recht, die das
sich allerdings schon deshalb nicht durchhalten, weil die Übernahme und die angestammte Territorium der Rechtsphilosophie bildet [Link], die
weitere Ausübung der betreffenden Rolle auf einem freien EntschluB ihres In-
habers beruhen. Von seinem eigenen freiverantwortlichen Handeln kann sich 122 Dies ist in der neueren Moralphilosophie weitgehend unstreitig; vgl. nur Bayertz, Mo-

das praktische Subjekt nicht vollstandig lossagen. ralisch sein, S. 249 ff.; Hoffe, Lebenskunst, S. 307,357; Kersting, Macht, S. 156; Kliemt, Institu-
tionen, S. 226, 252 f.; Pilot, Identitat, S. 291; Tugendhat, Vorlesungen, S. 89.
123 Treffend bemerken Menke/Pollmann (Philosophie, S. 63 f.): ,,In der Begründung der

Menschenrechte ist die Einstellung der Anerkennung jedes anderen jener ,harte Felsen', an
dcm sich- in Ludwig Wittgensteins Bild- der Spaten zurückbiegt; tiefer kann man nicht gra-
117
Alexy, Begriff, S. 67 f.; ders., Kritik, S. 19 f.; ders., FS Aarnio, S. 7 H. ben, denn dies ist der letzte Grund." Man muG deshalb bercits cine Haltung der Anerkennung
118
Englander, Diskurs, S. 43 ff.; Gril, ARSP 83 (1997), 206 ff.; Neumann, Protosoziologie cingenommen haben, um die spezifisch menschenrechtliche Form der Anerkennung anderer
6 (1994), 243; Wesche, Rechtstheorie 30 (1999), 83 ff.-Die Triftigkeit dieses Einwandes raumt gutheiGen zu konnen. Eine Bestreitung der Menschenwürde impliziert insofern eine Aufhe-
Alexy (FS Aarnio, S. 10 f.) ausdrücklich ein. Performative Widersprüche versteht er deshalb bung des moral point of view, auGerhalb dessen moralische Ansprüche weder formuliert noch
jetzt nur mehr als ein Mittel, mit dem gezeigt werden konne, daG bestimmte Regeln notwen- in Abrede gcstcllt wcrden konnen (H onnefelder, Begriff, S. 60).
dig gelten. ,,Das Zeigcn besteht in dem Hinweis auf eine unvermeidbare Absurditat, die nicht 124 Marcic, Rechtsphilosophie, S. 41 ff., 55 f., 65; Stiibinger, Idealisiertes Strafrecht, S. 50;

anders erklart werden kann als durch die notwendige Geltung einer Regel." (aaO, S. 11) Kohler, Recht, S. 61; Neumann, Theorie, S. 233. - Aus der alteren Literatur: Beling, Rechts-
119
Berechtigte Kritik an dieser Lozierung des Problems bei Bulygin, FS Krawietz S. 22 ff. wissenschaft, S. 12 f.; Binder, Grundlegung, S. 4; v. Gemmingen, Rechtswidrigkeit, S. 6 f.;
und Neumann, Protosoziologie 6 (1994), 244. Stammler, Theorie, S. 12, 15.
12
º Ebenso Braun, Rechtsphilosophie, S. 12. 125 Bloy, Strafrechtsdogmatik, S. 37 Fn. 34.
121 126 Neumann, Theorie, S. 233. - Ebenso jakl, Recht, S. 86; Krawietz, Entscheidung, S. IX;
Hoffe, Rechtsprinzipien, S. 72 ff.; Duttge, RW 2011, 449.
42 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft 1mdpraktische Philosophie 43

für ihr berufliches Tunden Anspruch erheben, ,,nach dem Vorbilde der Justitia der Maxime der nach metapositiven MaGstaben bestméiglichen Rechtf ertigung
[... ] bei der Abwertung [sic!] entgegenliegender Interessen unparteiisch gewo- der positiv-rechtlichen Vorgaben auszurichten 133 •
gen und schliefüich eine Ordnungswahl getroffen zu haben, die sich als ,Recht' Für den Strafrechtswissenschaftler gilt diese Erwagungprima facie allerdings
darstellt und nicht als ,Willkür"'1 27 , haben sich damit von einem positivistischen nicht in gleichem MaGe. Ihm fehlt jene Kompetenz zu autoritativen Entschei-
Rechtsbegriff losgesagt. Sie haben die positivistische Charakterisierung des dungen, welche die Stellung der soeben betrachteten Amtstrager kennzeichnet.
Rechts als zwangsbewehrte Ordnung sozialer Normen, deren Anwendung und Weshalb sollte der Wissenschaftler sich nicht, so wie Jakobs dies für seinen An-
Erzeugung einer entsprechenden Ermachtigung bedarf, stillschweigend um das satz in Anspruch nimmt, auf eine ,,teilnahmslose Beschreibung" dessen, was
Moment der metapositiven Legitimierbarkeit der von ihnen gesetzten Zwangs- ist, beschranken konnen, unter expliziter Absehung von der ,,Behauptung, dies
akte erganzt 128• solle so sein" 134 ? Weshalb sollte er mithin nicht - um einen von dem englischen
Dies besagt freilich nicht, daG die Rechtsanwender um ihrer Integritat willen Rechtstheoretiker H. L. A. Hart gepragten Terminus aufzugreifen - detached
nur solche rechtlichen Regelungen anwenden dürften, die ihren hochstperséin- normative statements abgeben konnen 135 , in denen er aussagt, wie einer gege-
lichen Gerechtigkeitsvorstellungen in bestméiglicher Weise entsprechen. Der benen Rechtsordnung zufolge (gegebenenfalls unter Berücksichtigung der ihr
Jurist ist sich bewuGt, ,,dass das Recht, wie eres mit schafft, handhabt und voll- zugrundeliegenden Moralüberzeugungen) bestimmte Fallgruppen entschieden
zieht, unter den Bedingungen der conditio humana keine Vollendungsordnung werden sollten, ohne dadurch seine eigene moralische Billigung dieser Rechts-
für das gute Leben aufrichtet, sondern sich - bescheidener - mit einer Erhal- ordnung zum Ausdruck zu bringen?
tungsordnung für das friedliche und geordnete Zusammenleben der Menschen, DaG die Existenz dieses AuGerungstyps nicht in Abrede gestellt werden kann,
wie sie tatsachlich sind, begnügt" 129 • Es kommt hinzu, daG die politische Kultur zeigt sich beispielhaft an der Tatigkeit des Rechtshistorikers und des Rechtsver-
einer demokratischen Gesellschaft durch eine ,,Vielfalt vernünftiger umfassen- gleichers, aber auch an den Erwagungen desjenigen, der im nachhinein zu re-
der religiéiser, philosophischer und moralischer Lehren" gekennzeichnet ist 13º. konstruieren versucht, wie bestimmte Sachverhalte (etwa Fluchtversuche) nach
,,Sie resultieren nicht einfach aus Eigen- und Klasseninteressen oder aus der dem Strafrecht der DDR zu beurteilen gewesen waren 136 • In diesen Fallen ist es
verstandlichen Neigung des Menschen, die politische Welt von einem begrenz- freilich auch besonders einfach, den betreffenden Wissenschaftler von den mo-
ten Standpunkt aus zu betrachten. Sie sind vielmehr das Ergebnis des freien ralischen Implikationen der von ihm ermittelten Rechtsinhalte zu distanzieren.
praktischen Vernunftgebrauchs innerhalb eines Systems freier Institutionen." 131 Die praktischen Auswirkungen seines Tuns sind hier namlich erheblich gerin-
Deshalb darf in einer demokratischen Ordnung der Wille der Mehrheit inner- ger, als dies im Bereich der ,,normalen" Strafrechtsdogmatik der Fall ist. 1st die
halb der insbesondere durch die Grundrechte abgesteckten Grenzen auch der in Bezug genommene Rechtsordnung bereits untergegangen, kann der Rechts-
Minderheit gegenüber moralische Legitimitat beanspruchen. wissenschaftler lediglich ermitteln, wie zur Zeit ihrer Geltung, einer von seiner
Ein jeder Wille bedarf zu seiner AuGerung eines Mediums. Im Fall des Auslegung nicht mehr beeinfluGbaren Vergangenheit, zu entscheiden gewesen
Strafrechts ist dies das Gesetz. Um auf konkrete Einzelfalle angewendet wer- ware; und wo das Moment des Vergleichs im Vordergrund steht, gilt das Inter-
den zu konnen, muG das Gesetz ausgelegt werden. Weil aber aus den soeben esse des Wissenschaftlers vorwiegend den Zügen, die eine bestimmte Rechtsord-
genannten Gründen dem Gesetz grundsatzlich ,,nichts Unvernünftiges und nung im Vergleich zu ihren Konkurrentinnen kennzeichnen, und vielleicht noch
Ungerechtes angesonnen wird" 132, sind seine autoritativen Anwender dazu an- ihrer Problemléisungskapazitat, nicht aber - jedenfalls nicht in erster Linie - der
gehalten, ihre Auslegungstatigkeit - von den Grundbegriffen und Leitprinzi- Fortentwicklung ihrer jeweiligen normativen Binnenlogik.
pien der Rechtsordnung bis hin zu den rechtlichen Detailfragen des Alltags - an Anders verhalt es sich hingegen mit der gewéihnlichen rechtsdogmatischen
Tatigkeit. Der selbstreferentielle Charakter des Rechts macht, anders als etwa in

W. Bock Rechtstheorie 36 (2005), 472. - Aus dem alteren Schrifttum: Beling, Rechtswissen- 133 Bockenforde, Ethos, S. 24. -Ahnlich Dworkin, Law's Empire, S. 95 f.; Osterkamp, Ge-
schaft, S. 12; Binder, Grundlegung, S. 4. rechtigkeit, S. 34 ff., 145 ff.-Aus der alteren Literatur etwa v. Gemmingen, Rechtswidrigkeit,
127
128
F. v. Hippel, Gesetzmafügkeit, S. 2 f. s.45.
Ebenso Koller, Theorie, S. 43; ders., Begriff, S. 170 f., 177 f.; Kunzl Mona, Rechtsphilo- 134 Jakobs, ZStW 107 (1995), 867. Jestaedt versteht die Rolle der Rechtswissenschaft in
sophie, 5/9; Kirste, FS Fischer, S. 165, 170. der Tat in dicsem rein beschreibenden Sinn (Jestaedt, Perspektiven, S. 201; ders., Disziplin,
129
Bockenforde, Ethos, S. 35. S.264).
130
Rawls, Liberalismus, S.106. 135 Vgl. Hart, Essays, S. 154 f.; dazu Pawlik, Rechtslehre, S. 178 ff.
131
Rawls, Liberalismus, S. 107. 136 Dazu grundlegendjakobs, GA 1994, 1 ff.; vgl. ferner Pawlik, Rechtstheorie 25 (1994),
132
Esser, FS Raiser, S. 522. 109 ff.
44 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 45

der Geschichtswissenschaft, eine exakte Trennung zwischen der in den Quel- 3. Das Eigenrecht des Positiven
len beobachteten Realitat und den aus deren wissenschaftlicher Bearbeitung re-
Einer Bemerkung Radbruchs zufolge hat die Rechtswissenschaft ihre Stelle
sultierenden Fachtexten unmi:iglich137 . Vielmehr wird jeder neue Text über das
,,zwischen den beiden Reichen, nach denen unsere Sehnsucht steht, zwischen
geltende Recht mit seiner Publikation zum Teil des Stoffes, von dem er han-
dem Pathos des Unbedingten und dem Reichtum des Wirklichen" 147. Gerade
delt, und deshalb modifiziert er schon durch seine bloge Existenz das Mate-
eine ihrer Verwurzelung in der praktischen Philosophie bewufüe Strafrechts-
rial, im Hinblick auf welches zukünftige Interpreten ihre Deutungen rechtferti-
wissenschaft sucht nicht nur der grogen Denktradition, in der sie steht, gerecht
gen müssen [Link] ,,beschreibt Rechtswissenschaft ihren Gegenstand nicht
zu werden. Sie erkennt auch die Begrenztheit der ihr zur Verfügung stehenden
nur, vielmehr verandert sie diesen auch, indem sie ihn beschreibt" 139 • Das gilt in
Begründungsressourcen an und weig deshalb, dag man die Ansprüche an eine
besonderem Mage für ein der Systemidee verpflichtetes Rechtsdenken. Indem
im strengen Sinne wissenschaftlich-systematische Strafrechtsdogmatik nicht
das System die einzelnen Rechtsinstitute von ihrem jeweiligen geschichtlichen
überziehen darf 148. Zu Recht hat Hegel sich gegen die Vorstellung gewandt,
Entstehungshintergrund abli:istund zu einem einheitlichen Ganzen zusammen-
dag durch die systematische Entwicklung des philosophischen Rechtsbegriffs
fügt, formt es das Recht unweigerlich um 140. Weil die Rechtswissenschaft die
,,ein positives Gesetzbuch, d.i. ein solches, wie der wirkliche Staat eines bedarf,
Gestalt des geltenden Rechts mitpragt und weil, zumal in der deutschen Rechts-
herauskommen" ki:[Link] den Worten Halschners, des letzten aus der Reihe
kultur mit ihrer im internationalen Vergleich trotz aller Einschrankungen auger-
der strafrechtlichen Hegelianer, ist für die Gesetzgebung ,,niemals nur das be-
gewi:ihnlich engen Wechselbezüglichkeit von Theorie und Praxis 141,die (Ober-)
griffliche Wesen der Dinge maBgebend, und ihre Gestaltung wird sich in allen
Gerichte gehalten sind, sich mit den Stellungnahmen der Wissenschaft auseinan-
Einzelheiten zwar erklaren, aber niemals in eine rationelle, doctrinare Forme!
derzusetzen142, übt auch sie Herrschaft [Link] Dogmatiker betrachtet
einzwingen lassen, dag nicht irgend ein irrationaler Rest übrig bliebe" [Link]-
es nicht als Erfolg, wenn die Praxis seine Entscheidungsvorschlage aufgreift? 144
halb hat, wie wiederum Hegel bemerkte, die Erkenntnis der ,,verstandigen Kon-
Angesichts dieser mitbestimmenden Leistung der Strafrechtsdogmatik hat sie es
sequenzen" von Bestimmungen des positiven Rechts, ,,die aus der Vergleichung
mitzuverantworten, ,,dag es im Einzelfall zu einer Bejahung (oder auch Vernei-
derselben mit bereits vorhandenen Rechtsverhaltnissen hervorgeht, [... ] in ihrer
nung) von Strafe kommt" [Link] ein seiner Rolle voll bewufüer Strafrechts-
eigenen Sphare ihr Verdienst und ihre Würdigung". Sie steht lediglich ,,auBer
wissenschaftler kann deshalb nicht ausschliefüich Diener des positiven Rechts
dem Verhaltnis mit der philosophischen Betrachtung" 151.
sein wollen 146.
Diese Einsicht kommt insbesondere bei der Auslegung der Einzeltatbe-
stande des Besonderen Teils zum Tragen 152. Zwar kann nicht die Rede davon
137
Tendenziell wie hier Mollers, Leviathan, S. 120. sein, dag sich der Besondere Teil einer wissenschaftlich-systematischen Be-
138
Schon, Quellenforscher, S. 314.
139
Ernst, Recht, S. 10. - Ebenso Adomeit!Hahnchen, Rechtstheorie, Rn. 15; Braun,
handlung vollstandig entzoge. ,,Verstehen wie Kritik der Buntheit des Besonde-
Rechtswissenschaft, S. 373; Larenz Mcthodenlehrc, S. 195; Schuhr, Rechtsdogmatik, S. 30 f.; ren Teils setzt eines voraus, die Entwicklung einer Farbenlehre im Allgemeinen
R. Dreier, Rechtstheorie 2 (1971), 46; Esser, FS Raiser, S. 530 f.; Greco, GA 2006, 108; Arthur Teil." 153Schon Erik Wolf hat es deshalb als das Ziel einer Dogmatik des Beson-
Kaufmann, ARSP 72 (1986), 432; Neumann, Theorie, S. 342; T. Walter, FS Schroeder, S.143.
14
° Coing, Geschichte, S. 20 f.;Jestaedt, FS Maycr, S. 175 ff.
141 147 Radbruch, Rechtsphilosophie II, S. 200.
Dedek, JZ 2009, 541; Erb, ZStW 113 (2001), 5; Hirsch, FS Triindle, S.19;]estaedt, FS
Mayer, S. 170 f.; ders., JZ 2012, 2 f.; Laos, Grenzen, S. 263 f.; Neumann, Wahrheit, S. 48 f.; 148 Zuletzt betont von Duttge, Bestimmtheit, S. 228 f.;Jestaedt, Theorie, S. 82 ff.; eindring-
Roxin, Strafrechtswissenschaft, S. 383; Schünemann, 1. FS Roxin, S. 5. lich ferner Obere1; Praxisgeltung, S. 108 f. sowie Zaczyk, FS E. A. Wolff, S. 516, 523.
142 149 Hegel, Grundlinien, § 3 A, Werke Bd. 7, S. 35. - Plastisch auch Hold v. Ferneck (Idee,
Dazu jüngst zusammenfassend Radtke, Wechselbezüge, S. 121 ff.
143 S. 32): ,,Wir kiinnen nimmcrmehr erwarten, daE aus dem Kopf des Theoretikers fix und fer-
Ebenso Engel, Rechtswissenschaft, S. 31, 40; ders., Herrschaftsausübung, S. 233; Esser,
FS Raiser, S. 531; Greco, GA 2006, 108; Harenburg, Rechtsdogmatik, S. 196 f.; Schmidhduser, tig ein Gesetzeskodex hervorgeht, wie Pallas Athene dem Haupte des Zeus entsprungen ist."
AT, 1/3. - Verkannt wird dicser Zusammcnhang von Schünemann, FS Herzberg, S. 45. 150 Hdlschner, Deutsches Strafrecht, S. 24 f. - In den Worten Fingers (Allg. iisterr. Ge-
144 richts-Z. N.F. 25 [1888], 147) ist jedes einzelne Strafgesetzbuch ,,ein CompromiE zahlrei-
Beispielc einer solchen Rczeption geben Radtke, Wechselbezüge, S. 125 und Roxin,
Strafrechtswissenschaft, S. 383 f. cher Principien"; Lask (Rechtsphilosophie, S. 284) spricht in dicsem Zusammenhang von dcm
145 ,,dunklcn, vom \'Xlerteniemals durchleuchtbaren InhaltsüberschuE der unberechenbaren Fak-
Zaczyk, FS Küper, S. 731. - Sachlich übcreinstimmend Ernst, Recht, S. 16 f.; ]escheck,
ZStW 73 (1961),208; Mastronardi, Theoric, S. 59f.; Neumann, Recht, S. 331; in idcologiekri- tizitat".
tischer Wendung ferner Rottleuthner, Rechtswissenschaft, S. 209. 151 Hegel, Grundlinien, § 3 A, Werke Bd. 7, S. 35.
146 152 Ebcnso Frisch, Wesenszüge, S.157 f.; Hirsch, ZStW 116 (2004), 846 f.; Armin Kauf-
Treffend Mayer-Maly (Rechtswisscnschaft, S. 209): Sich die philosophische Tiefen-
struktur eines juristischen Problems bewufü zu machen, sei ,,nicht bloE ein Gebot juristischer mann, GS Tjong, S. 110; Kühl, ZStW 109 (1997), 787.
Kultur, sondern eine Frage der Bereitschaft zur Verantwortung". 153 jakobs, 1. FS Roxin, S. 810.
46 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft imd praktische Philosophie 47

deren Teils bezeichnet, die Abhangigkeit der Tatbestande des Besonderen Teils Unter dem Dach der Strafrechtsdogmatik hat - in unterschiedlichen Mi-
von den allgemeinen Kategorien des Verbrechens nachzuweisen 154, und eine schungsverhaltnissen - demnach sowohl eine systematisch-grundlegende als
Reihe neuerer Arbeiten sind ihm darin gefolgt 155 . Dennoch lassen sich zahl- auch eine theoretisch weniger ambitionierte, ihren Stolz in eine kunstgerechte
reiche Streitfragen aus diesem Bereich nicht durch einen konkretisierenden Interpretation des positiven Gesetzes setzende Herangehensweise ihren Platz.
Rückgriff auf die strafrechtlichen Basiskategorien beantworten, sondern nur Der alteren Literatur galt dies als geradezu selbstverstandlich, freilich verbunden
durch eine verstandige Auslegung der vom positiven Gesetzgeber nun einmal mit der Tendenz, Bemühungen der letzteren Art als nicht voll satisfaktionsfahig
so und nicht anders getroffenen Entscheidung. Dieser Tatigkeit kommt keines- anzusehen: Als bloBe ,,Strafgesetzkunde" seien sie keine echte Wissenschaft 160•
wegs eine geringere Dignitat zu als der Erorterung der verbrechenstheoreti- Zu einem solchen Überlegenheitsgestus besteht jedoch kein AnlaK Eine Straf-
schen Grundfragen. In ihr hat seit jeher und weitgehend unberührt von den auf rechtsdogmatik, die nicht nur Textwissenschaft, sondern auch Mitgarantin einer
der Beletage der Grofüheorien verkündeten Systemansprüchen eine metho- rechtsstaatlich überzeugenden Entscheidungspraxis sein will, bedarf der kompe-
disch nur in MaBen disziplinierte Topik ihren legitimen Anwendungsbereich 156 : tenten Versenkung in das kontingente Detail nicht weniger dringlich als der von
Die maBgeblichen Beurteilungskriterien müssen identifiziert, gegeneinander seiten der Allgemeinen Verbrechenslehre offerierten Hohenflüge. Diese Einsicht
abgewogen und in das Geflecht der Prajudizien eingefügt werden. erlaubt eine von den früheren Animositaten entlastete Anerkennung der sach-
Auch im Bereich des Allgemeinen Teils ist ein sich als hyperwissenschaft- lichen und methodischen Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Tatig-
lich gerierender Ableitungsfuror fehl am Platz 157 . Insbesondere der Unterschei- keitsfeldern der Strafrechtsdogmatik bestehen. Sie im Namen eines diffusen Ein-
dung zwischen systematisch zulassigen und systematisch gebotenen Folgerun- heitspostulats in Abrede zu stellen ware die in jeder Hinsicht schlechtere Alter-
gen kommt hier ein erhebliches Gewicht zu. So steht es dem Gesetzgeber frei, native: Das Schicksal aller um die Realitat unbekümmerten Einheitsformeln be-
den Rechtfertigungsgrund des Aggressivnotstands vorzusehen; zum zwingen- steht darin, keiner Seite gerecht werden zu konnen und unbeachtet beiseite gelegt
den Kernbestand eines jeden Strafrechtssystems gehort dieses Rechtsinstitut, an- zu werden. Erst in Gestalt eines reflektierten Miteinanders von Verschiedenarti-
ders als das der Notwehr, hingegen nicht 158 . Umgekehrt mag in einer die So- gem ist die Strafrechtslehre ganz bei sich.
lidaritat stark akzentuierenden Gesellschaft das Notstandsrecht weiter ausge-
dehnt werden als in einer weniger solidarischen 159• Eine ihrer Verwurzelung in
der praktischen Philosophie bewufüe Strafrechtswissenschaft vermag Aussagen III. Rechtspolitik statt praktischer Philosophie?
zu treffen über den Begriff des Verbrechens und dessen grundlegende System-
kategorien, sie ist darüber hinaus dazu imstande, einen konzeptionellen Rah- In einem Aufsatz aus dem Jahre 1961 vermerkte Maurach den ,,Eindruck ei-
men für die Interpretation der einzelnen Rechtsinstitute aufzuspannen - aber ner sehr groBen Selbstandigkeit, um nicht zu sagen Zusammenhanglosigkeit
sie kann und will die Dogmatik im herkommlichen Sinne keineswegs vollstan- der Diskussionen um Verbrechensstruktur und Kriminalpolitik" 161 . In Wahr-
dig ersetzen. heit bestehe zwischen beiden eine klare Arbeitsteilung: ,,Was das Verbrechen
ist und welche Merkmale es enthalt, sagt uns die Dogmatik als Strukturlehre
des Verbrechens." 162 Die Kriminalpolitik habe ,,den vorgeformten Verbrechens-
begriff hinzunehmen und auf Mittel und Wege zu sinnen, diesem Verbrechen
154
Erik Wolf, Typen, S. 3 f. mit optimalem Erfolg entgegenzutreten" 163 . Die ,,Führungsrolle" liege also bei
155
Allgemein Kohlei; AT, S. 65; Robles, ZIS 2010, 360. - Neuere Versuche einer Anwen- der Dogmatik, die Kriminalpolitik sei ,,akzessorisch" 164 • Als einen besonde-
dmtg der_Erkenntnisse der Allgemeinen Verbrechenslehre auf die Dogmatik des Besonderen
ren Vorzug der so verstandenen Dogmatik hob Welzel in der Festschrift für
Te1ls: Frzsch,_FS Herzberg, S. 729 ff.; ders., FS Jakobs, S. 97 ff.; Griinewald, Tiitungsdelikt;
]akobs, Begnff, S. 63 ff.; ders., Tiitung; ders., Urkundenfalschung; ders., FS Eser, S. 323 ff.; Maurach deren unpolitischen Charakter hervor. ,,DaB sie den politischen Sturm
ders., FS Dahs, S. 49 ff.; ders., FS Schroeder, S. 507 ff.; Laufen, Wucher; Müssig, Mord; Pawlik, überstanden hat, daB die Wissenschaft nach dem Zusammenbruch des Drit-
Ver~alten. -::A_.A. Tiedemann, FS Baumann, S. 20 (allerdings ausgehend von der hier nicht ten Reiches an sie praktisch unversehrt wieder anlrnüpfen und sie weiterführen
gete1lten Pram1sse, dail der Allgemeine Teil des Strafrechts im wesentlichen auf Zurechnungs-
regeln beschrankt sei).
156
Zur Bede~tung der Topik für das juristischc Denken vgl. jüngst Schroder, Recht, 160 ObcnS.31.
S. 23 ff.; die klass1sche Darstellung ist: Viehweg, Topik. 161 Maurach, FS Eb. Schmidt, S. 301.
157
Zutreffend Laos, Rechtsphilosophie, S. 161. 162 Maurach, FS Eb. Schmidt, S. 302.
158
Pawlik, Notstand, S. 122 f.; ebenso Griinewald, Tiitungsdelikt, S. 282 f. 163 Maurach, FS Eb. Schmidt, S. 316.
159
Frisch, FS Jung, S. 212. 164 Maurach, FS Eb. Schmidt, S. 302.
48 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 49

konnte, hat seinen Grund darin, daG sie einen ideologisch neutralen Raum ge- zugleich auch die beste und wirksamste Kriminalpolitik darstellt", ist bereits
schaffen hatte." 165Diese Entpolitisierung der Strafrechtsdogmatik. 166entsprach von Liszt erkannt worden [Link] Anliegen war allerdings ehrgeiziger. Ihm
der Neigung zur Konfliktverdrangung, die von zeitgenossischen Beobachtern ging es darum, Liszts Trennung zwischen Kriminalpolitik und Strafrechtsdog-
als einer der charakteristischen Züge der deutschen (Nachkriegs-)Gesellschaft matik aufzubrechen 175und der Rechtspolitik EinlaG in die Auslegung des gel-
ausgemacht wurde 167. tenden Rechts zu verschaffen; kriminalpolitische Probleme machten namlich
Der Text Welzels erschien im Jahre 1972. Wenige Jahre zuvor war bekannt- ,,den eigentlichen Inhalt auch der allgemeinen Verbrechenslehre" aus 176.
lich ,,die Wiederentdeckung der Politik als Gegenstand [nicht nur, M. P.] wis- Wie aber steht es um den Verbindlichkeitsanspruch rechtspolitischer Argu-
senschaftlichen Interesses" erfolgt 168. Strafrechtsdogmatik und Kriminalpoli- mente? Zwar sind auch im Bereich des Politischen Gründe unverzichtbar; denn
tik wurden zu ,,Feldzeichen, hinter denen sich die Gesinnungsgenossen sam- anders als durch Gründe lassen sich selbstbewufüe Individuen nicht auf allge-
meln"169- dort die traditionell orientierten Strafrechtswissenschaftler denen meine Zwecke verpflichten 177• Auch die Politik bewegt sich also ,,in einem Klima
an einer behutsamen Fortentwicklung des überkommenen Systems ~elegen wechselseitiger Rechtfertigung, die aus eigener Logik nach einer für alle ver-
war, hier die Progressiven, die eine grundlegende Veranderung erstrebten. Die bindlichen Legitimation verlangt" [Link] kann und wird zwar auch die
besonnenen unter den jüngeren Strafrechtlern waren sich freilich darüber im Kriminalpolitik Gründe für den Einsatz des Strafrechts nennen. Aus der Logik
klaren, daG eine Ersetzung der Dogmatik durch Kriminalpolitik schon deshalb des Politischen folgt indessen, daG diese Gründe mit der politischen Stimmung
nicht in Betracht kam, weil dies die Funktionsunterschiede zwischen Gesetzge- wechseln: ,,Kriminalpolitik ist kontingent" 179,wahrend es der Dogmatik, deren
bung und Rechtsprechung einebnen und das strafrechtliche Analogieverbot Aufgabe in der Standardisierung von EntscheidungsmaGstaben besteht, gerade
aushebeln würde [Link] die Kriminalpolitik gegen die Dogmatik auszuspie- umgekehrt auf Kontinuitat ankommt 180:Recht ist langsam [Link] gutem Grund
len, müsse sie in diese einbezogen werden. So ist nach einer programmatischen unterstehen deshalb Gesetzgebungsakte anders als gerichtliche Entscheidungen
Formel Tiedemanns von 1969 ,,fruchtbare Dogmatik [... ] nur moglich, wenn sie dem Rückwirkungsverbot 182. Die Gerichte werden durch ihre Pflicht, Urteile
standig mit den Anforderungen der Kriminalpolitik [... ] konfrontiert wird " 171. in einer Weise zu begründen, die sie in die bisherige Judikatur einfügt und den
Der einfluGreichste Versuch zur Umsetzung dieses Programms stammt ausge- Argumentationsstandards der Rechtswissenschaft ihrer Zeit Genüge tut, hin-
rechnet von Maurachs Nachfolger in München. ,,Das Strafrecht", so erklarte reichend diszipliniert. Demgegenüber ist die Rechtspolitik nicht zur systema-
Roxin in einem vielzitierten Vortrag von 1970, sei ,,die Form, in der krimi- tisch-axiologischen Geschlossenheit verpflichtet und kann es auch nicht sein 183;
nalpolitische Zielsetzungen in den Modus des rechtlichen Geltens überführt das alles vermittelnde Element der Politik ist vielmehr der Kompromil3 184.,,Der
172
werden" . Die Kriminalpolitik ihrerseits sei ,,nur ein Teilbereich der allgemei- Rückgriff von der Strafrechtsdogmatik auf die Kriminalpolitik bedeutet, so ge-
nen Sozialpolitik" und müsse ,,im Kontext des gesamten Instrumentariums so- sehen, entweder mit einer Fiktion zu arbeiten oder sich jeder kontingenten Ge-
zialpolitischer Regelungsmechanismen interpretiert werden" [Link] der Straf- setzesreform zu beugen und somit jede Rationalisierung preiszugeben." 185Wenn
gesetzgeber sich wesentlich von kriminalpolitischen Zielsetzungen leiten lafü, Roxin sich in seinem Lehrbuch einerseits auf den kantischen Systembegriff be-
ist freilich kaum mehr als eine Selbstverstandlichkeit; und daG eine auf die Ver- ruft186, andererseits aber - ganz im Geiste seines soeben erwahnten Vortrags -
besserung der Lebensverhaltnisse ,,ruhig, aber sicher abzielende Sozialpolitik
174 Liszt, Abhandlungen, Bd. II, S. 246.
165
175 Vgl. Roxin, Kriminalpolitik, S. 1 ff.
Welzel, FS Maurach, S. 5. 176 Roxin, Kriminalpolitik, S. 8.
166
Dazu Hassemer, Strafrechtswisscnschaft, S. 266 ff.; Amelung, JZ 1982, 617. - Muñoz 177 Gerhardt, Partizipation, S. 303 f.

Conde (FS Hassemer, S. 552) bezeichnet dieses Selbstverstandnis treffend als refugium pecca- 178 Gerhardt, Partizipation, S. 304.
torum für diejenigen, die im Dritten Reich kriminalpolitische Sünden begangen hatten. - Ih- 179 Martins, Versuch, S. 85.
ren markantesten Ausdruck findet die genannte Tendcnz in den ,,sachlogischen Strukturen" 180 Hassemer, Strafrechtsdogmatik, S. 178 f.
Welzels; dazu Sticht, Sachlogik, S. 272 ff., 297 ff. 1s1 Treffend Lege, Juristen, S. 232.
167
Exemplariscb Dahrendorf, Gesellschaft, S. 159 ff. 182 Für eine Erstreckung des Rückwirkungsverbots auf die Verscharfung einer bestehen-
168
Amelung,JZ 1982, 617. den Rechtsprechung pladiert demgegenüber Puppe, AT, § 19 Rn. 32 m.w.N.
169
Hassemer, Strafrechtsdogmatik, S. 12. 183 Ahnlich]akobs, AT, 4/81 m.w.N.
170
Dazu im einzelnen Hassemer, Strafrechtsdogmatik, S. 166 ff. 184 Gerhardt, Partizipation, S. 426.
171
Tiedemann, Tatbestandsfunktionen, S. 22. 185 Martins, Versuch, S. 85; ahnlich Haas, Kausalitat, S. 44; Stiibinger, Idealisicrtes
172
Roxin, Kriminalpolitik, S. 40. Strafrecht, S. 56; Moreno Hernández, 1. FS Roxin, S. 82 f.
173
Roxin, Kriminalpolitik, S. 47. 186 Roxin, AT 1, § 7 Rn. 3.
50 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 51

hervorhebt, daG die ,,leitenden Zwecksetzungen, die das Strafrechtssystem kon- Deliktskategorien unterschiedliche ,,kriminalpolitische Funktionen" zuzuord-
stituieren, [... ] nur kriminalpolitischer Art sein" konnen 187, so sucht er Unver- nen sind 196:der Tatbestandsmafügkeit der Aspekt der Gesetzesbestimmtheit 197,
einbares zusammenzuzwingen 188. der Rechtswidrigkeit derjenige der ,,sozial richtigen Regulierung von Interesse
Dank seines auGerordentlich weiten Verstandnisses von Kriminalpolitik 189 und Gegeninteresse" 198und der Schuld derjenige der ,,Strafzwecklehre" 199im
bewegt sich Roxins Denken allerdings zumeist in weitaus traditionelleren Bah- engeren Sinne. Ein solcher, gleichsam freischwebender Intuitionismus muG sich
nen, als es der Modernismus seiner terminologischen Fassade vermuten lafü 190. nachgerade zwangslaufig in Probleme verstricken. Beispielhaft sei verwiesen auf
Auch Roxin geht es der Sache nach um die Durchführung gewisser rechtsphilo- die Lehre von den Strafzwecken. Wenn Roxin in seinem Lehrbuch die Darstel-
sophischerGrundgedanken 191. Das gesellschaf tsvertragliche Denkmodell, aus lung seiner Straftheorie mit einem Bekenntnis zum ,,ausschliefüich praventive[n]
dem er die Aufgabe des Strafrechts - subsidiarer, menschenrechtswahrender Zweck der Strafe" 2ºº eroffnet, um nur wenige Seiten spater zu konstatieren, rein
Rechtsgüterschutz - herleitet, ist, wie er ausdrücklich einraumt, ,,selbst eine praventive Zwecke konnten die Strafe nicht legitimieren 201,so erscheinen zwar
philosophisch-staatstheoretische Konzeption" 192. Und sein Vorwurf an ein beide AuGerungen, in ihrem unmittelbaren Kontext betrachtet, jeweils plausibel
streng systemgebundenes Denken, es konne ,,zwar eindeutige und gleich- begründet: Im ersten Fall beruft Roxin sich auf die Freiheitsschutzaufgabe des
mafüge, nicht aber sachgerechte Ergebnisse verbürgen" 193 , vielmehr konne ,,die Strafrechts, im zweiten auf die strafbarkeitslimitierende Funktion des Schuld-
Gerechtigkeit im je besonderen Einzelfall Schaden leiden" 194,beruht wie selbst- prinzips. Dennoch laGt sich der Widerspruch zwischen ihnen nicht hinwegdis-
verstandlich auf der Voraussetzung, daG die Aufgabe der Strafrechtsdogmatik kutieren2º2. Es kommt hier ein genereller Zug von Roxins Argumentations- und
in nichts Geringerem bestehe als darin, der klassischen Leitidee der Rechtsphi- Darstellungsweise zum Vorschein: Seine Ausführungen sind auf die Erzeugung
losophie, der Gerechtigkeit, zum Siege zu verhelfen. punktueller Evidenzerlebnisse zugeschnitten. Was ihnen indessen nicht selten
So begrüGenswert das Bekenntnis Roxins zur Rechtsphilosophie auch ist, so fehlt, ist eine systematisch überzeugende Verzahnung ihrer einzelnen Teilkom-
problematisch ist die Knappheit, mit der er nach wie vor die rechtsphilosophi- ponenten.
schen Grundlagen seiner Konzeption abhandelt. Welchen Anforderungen muG Mit einer gewissen Überspitzung formuliert, scheint das Roxin eigentümli-
beispielsweise ein Losungsvorschlag genügen, um das Pradikat ,,(sach-)gerecht" che Changieren zwischen den Bezugssystemen der Rechtsphilosophie und der
zu verdienen? Roxin begnügt sich im wesentlichen damit, entweder ausdrück- Rechtspolitik vor allem die Funktion zu haben, ihm ein hoheres MaG an begrün-
lich an das gleichsam vortheoretische Gerechtigkeitsempfinden seiner Leser zu dungstheoretischer Flexibilitat zu ermoglichen, als dies bei einer konsequenten
appellieren 195oder sich stillschweigend auf die intuitive Plausibilitat seiner Wer- Bezugnahme auf eine ausgearbeitete Konzeption der praktischen Philosophie
tungen zu verlassen. So verliert er kein Wort der Begründung zur Rechtfertigung der Fall ware. Der Preis dafür ist allerdings nicht gering: Er besteht in einem
seiner zentralen verbrechenstheoretischen These, wonach den überkommenen betrachtlichen Schwund an systematischer Geschlossenheit 203. Diesen Preis zu
zahlen ist die hiesige Konzeption nicht bereit. Zwar wirken nach einem treffen-
187 den Befund Luhmanns Theoriezwange selektiv204, und es kann nicht von vorn-
Roxin, AT 1, § 7 Rn. 59.
188 Ahnlich wie hier Haas, Kausalitat, S.44f.; Pattoello Mantovani, ZStW 109 (1997),
17 ff.; Zabel, Schuldtypisierung, S. 195; Zaczyk, FS Puppe, S. 312. 196 Grundlegend Roxin, Kriminalpolitik, S. 15 ff.; aus neuerer Zeit etwa ders., Strafrechts-
189
Kriminalpolitik sei ,,die Gesamtheit der für die Festlegung und Ausgestaltung der dogrnatik, S. 31 ff. - Grundsatzlich zustirnrnend, wenngleich für eine flexiblere Zuordnung
Strafbarkeitsvoraussetzungen wie der Sanktionen nach unserer Verfassung und Strafgesetz- der kriminalpolitischen Funktionsbestirnrnungen zu den einzelnen Deliktskategorien pladie-
gebung maGgebenden Wertungsaspekte" (Roxin, Strafrechtsdogmatik, S. 22). rend Moccia, Funktion, S. 60 ff.-Kritisch zur Überzeugungskraft der von Roxin vorgeschla-
19
º Ebenso Naucke, ZStW 85 (1973),426 Fn. 54. genen Zweckbestimmungen dagegen Amelung, JZ 1982, 617ff. und Stratenwerth, MSchr-
191
Bereits in der alteren Literatur wird die Auffassung vertreten, daG wir die ,,Rechtsphi- Krirn 55 (1972), 197.
losophie als [die] Lehre vom Rechtswert [... ], in die Sphare des praktischen Handelns erhoben, 197 Roxin, Krirninalpolitik, S. 15.
Rechtspolitik zu nennen berechtigt sind" (so Schwarzschild, v. Liszt, S. 6). 198 Roxin, Krirninalpolitik, S. 15.
192
Roxin, FS Küper, S. 494. - Unklar ist freilich, wie dieses Bekenntnis zu dem ungefahr 199 Roxin, Kriminalpolitik, S. 33.
zeitgleich verfaGten Verdikt Roxins paGt, bei der Anlehnung des Strafrechts an Wissenschaf- 200 Roxin, AT 1, § 3 Rn. 37.

ten wie die Theologie, die Philosophie oder die Soziologie handele es sich um ,,Irrwege"; 201 Roxin, AT 1, § 3 Rn. 61 (Hervorhebung hinzugefügt).

die Rechtsphilosophie sei ein Teilbereich der Philosophie, nicht der Jurisprudenz (Roxin, FS 202 Ebenso Lesch, Verbrechensbegriff, S. 167ff. - Naher zur Kritik an Roxins Straftheo-

Mangakis, S. 237 f.). rie Pawlik, GA 2006, 345 ff.; zur Rolle des Schuldprinzips in der Roxin-Schule unten S. 85
193
Roxin, Kriminalpolitik, S. 4. Fn.448.
194
Roxin, AT 1, § 7 Rn. 44. 20 3 Vgl. Bumke, Rechtswidrigkeit, S. 31 f.
195
Vgl. Roxin, AT 1, § 7 Rn. 46. 204 Luhmann, Gesellschaftsstruktur, Bd. 3, S. 153.
52 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 53

herein ausgeschlossen werden, daB dabei Bewahrenswertes verlorengeht. Hoher keit des Verbrechens. Es sei nichts weiter als eine Unterart des Unrechts 21º.
als diese Gefahr ist jedoch der Gewinn zu veranschlagen, den der Rückgriff auf Deshalb konne seine nahere Bestimmung nur mit Hilfe der Strafzwecklehre
einen philosophisch angeleiteten Systembegriff verspricht [Link] solcher Ansatz erfolgen [Link] den Worten Eberhard Schmidts besteht die ,,Einheitlichkeit und
sorgt nicht zuletzt dafür, daB die Interaktion zwischen Strafrechtsdogmatik und Geschlossenheit des Strafrechtssystems" darin, ,,dass die rechtsdogmatischen
Gerechtigkeits- bzw. Freiheitsidee sich in methodisch kontrollierter und inhalt- Begriffe, die als Strafvoraussetzungen aufgestellt werden, auf die wesentlichen
lich anspruchsvoller Weise abspielt. Er tragt damit dem Anliegen Roxins letztlich Gesichtspunkte hinweisen, die für den Sinn und den Zweck und demgemass für
besser Rechnung als das als Erbteil vergangener Zeiten mitgeschleppte Schlag- die Ausgestaltung der Strafe in Betracht kommen" 212. Sauer zufolge entspricht
wort von der ,,Kriminalpolitik". diese Betrachtungsweise ,,durchaus der Natur der Sache und geht schnurstracks
auf das Ziel los: das Strafrechtssystem wird aus seiner eigenen Idee heraus ent-
worfen"213. Nicht weniger gewichtige Autoren standen auf der Gegenseite. Sie
IV. Straftheorie als Ausgangspunkt pladierten für einen Vorrang des Verbrechensbegriffs vor dem Strafbegriff 214.
Programmatisch formulierte Liepmann: ,,Die Strafe ist eine Gegenwirkung ge-
l. Primat des Verbrechensbegriffs? gen das Verbrechen: sie wird daher nach Begriff und Inhalt an die Eigentüm-
Jede sachliche Definition der Strafe verweist ihrerseits auf den Begriff des Ver- lichkeiten des Verbrechens anzulrnüpfen haben." 215 Mittermaier erganzte:
brechens. ,,Mag man sie als Vergeltung des Verbrechens oder als MaBnahme zu ,,Das, was wir Verbrechen nennen, bleibt, unsere Stellung ihm gegenüber an-
dessen Verhütung bestimmen: ohne Beziehung zum Verbrechensbegriff lafü die den sich, unsere Erkenntnis wird besser." 216Aus dem durch eine veranderte
Strafe sich jedenfalls nicht definieren." 2º6 Mehr noch: Verbrechensbegriff und Verbrechensauffassung umgewandelten Schuldbegriff fli:issen sodann die kri-
Strafbegründung müssen zueinander passen wie Aktion und Reaktion, Rede minalpolitischen Forderungen nach einem neuen Strafbegriff; ,,aber nicht um-
und Gegenrede 207. ,,Was Verbrechen ist, hangt davon ab, was Strafe bedeutet, gekehrt"217.
und umgekehrt wird die Strafe durch das Wesen des Verbrechens bestimmt." 2º8 Worin jedoch besteht das Proprium des Verbrechensbegriffs? Zu dieser Frage
Eine axiologisch unpassende Reaktion ist sinnlos, und sinnlose Übelzufügun- findet sich bei den Vertretern der letztgenannten Auffassung erstaunlicher-
gen sind unzulassig. Es bedarf kaum der Hervorhebung, daB dieses Adaqui- weise kaum etwas. Um eine gehaltvolle Begründung zu finden, muB man bis ins
tatsprinzip nicht Produkt der strafrechtsdogmatischen Auslegung des positiven frühe 19. J ahrhundert zurückgehen - genauer gesagt, bis zur Unrechtslehre He-
Rechtsstoffes ist, sondern zum Kreis jener metadogmatischen Vorgaben gehort, gels, die nach Gallas' Urteil den bedeutendsten und konsequentesten Versuch
welche die Auslegung zugrunde zu legen hat, wenn sie ihrem Systemanspruch darstellt, das Strafrecht von der Kategorie des Verbrechens her zu begreifen 218.
gerecht werden will. Die Erhellung des Zusammenhanges zwischen Strafbe- In seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts eri:irtert Hegel zunachst den
gründung und Verbrechensbegriff obliegt der Allgemeinen Verbrechenslehre. Begriff des Verbrechens 219, auf das er sodann die Strafe als dessen begriffsnot-
Der Klarung harrt freilich noch die Frage, von welchem Ausgangspunkt her sie wendige Aufhebung bezieht 22º. Diesem Aufbau liegen Voraussetzungen zu-
diese Aufgabe in Angriff nehmen sol!. Gallas zufolge droht hier ein hoffnungs- grunde, die in das Zentrum von Hegels philosophischer Methode führen.
loser Zirkel: ,,Verbrechen ware, was Strafe fordert, und Strafe, was durch das
Verbrechen gefordert wird." 2º9
21 ° Kohlrausch, Art. ,,Strafrecht",
S. 756.
211 Ba11mgarten, Aufbau, S. 2 ff.; ders., SchwZStr 34 (1921), 59; F. Kaufmann, Grundpro-
Wo also beginnen? In den ersten dreiJahrzehnten des vorigenJahrhunderts bleme, S. 59 ff.; Kohlrausch, Schuld, S. 183 f.; ders., Art. ,,Strafrecht", S. 756 f.; Kantorowicz,
entspann sich um dieses Problem eine lebhafte, heute aber weitgehend verges- Tat, S. 9; Radbruch, Rcchtsphilosophie II, S. 190; Eb. Schmidt, SchwZStr 45 (1931), 204 ff.;
sene Kontroverse. Namhafte Autoren leugneten eine selbstandige Bestimmbar- Tesar, Übcrwindung, S. 100.
212 Eb. Schmidt, SchwZStr 45 (1931),225.
205Dazu oben S.15f. 213 Sauer, Grundlagen, S. 203.
206Gallas, Gründe, S. 2. 214 Liepmann, Einleitung, S. 3, 189; W. Mittermaier, ZStW 44 (1924), 3 f.; R. Schmidt,
207 MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 2; SK-H.-L. Giinther, Vor § 32 Rn. 2; Schmidhduser, AT, Rückkehr, S. 12; Erik Wolf, Schuldlehre, S. 32; Zimmerl, Aufbau, S. 5.
2/6; Gdrditz, Staat 49 (2010), 348; Hassemer, Selbstverstandnis, S. 6, 45;jakobs, System, S. 13; 215 Liepmann, Einleitung, S. 189.

ders., Bedingungen, S. 59; ders., ZStW 101 (1989), 519; Müssig, GA 1999, 122; Lesch, ZStW 105 216 W. Mittermaier, ZStW 44 (1924), 4.
(1993), 272 f.; Naucke, Wechselwirkung, S.175, 196; Perron, Rechtfertigung, S. 23, 26; Vofl- 21 7 Erik Wolf, Schuldlehre, S. 32.
gdtter, Handlungslehren, S. 168. 218 Gallas, Gründe, S. 2.
208 Dahm, Recht, S. 418. 219 Hegel, Grundlinien, §§ 95 ff., Werke Bd. 7, S. 181 ff.
209 Gallas, Gründe, S. 2. -Ebcnso H.-L. Günther, Rechtfertigung, S. 373. 220 Hegel, Grundlinien, §§ 99 ff., Werke Bd. 7, S. 187 ff.
54 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 55

Die Methode, so schreibt Hegel in der Einleitung zur Wissenschaft der Logik, Handlung" 232 . Im bürgerlichen Rechtsstreit werde etwas nur als das Eigentum
sei ,,von ihrem Gegenstande und Inhalte nichts Unterschiedenes [... ]; - denn es der anderen Partei negiert, so daB eingeraumt werde, es sollte das Ihrige sein,
ist der Inhalt in sich, die Dialektik, die er an ihm selbst hat, welche ihn fortbe- wenn sie das Recht dazu harte; die allgemeine Sphare, das Recht, werde also
wegt. Es ist klar, daB keine Darstellungen für wissenschaftlich gelten konnen, anerkannt und erhalten. Das Verbrechen aber sei ,,das unendliche Urteil, wel-
welche nicht den Gang dieser Methode gehen und ihrem einfachen Rhythmus ches nicht nur das besondere Recht, sondern die allgemeine Sphare zugleich
gemaB sind, denn es ist der Gang der Sache selbst." 221 Deshalb ist es für Hegel negiert, das Recht als Recht negiert" 233 . Indem der Verbrecher ,,das Dasein mei-
eine Selbstverstandlichkeit, daB die Methode der Logik auch in den Grundlinien ner Freiheit in einer auBerlichen Sache"234 attackiere, negiere er zugleich ,,das
vorausgesetzt sei222 • Die sich aus der Anwendung der dialektischen Methode er- Allgemeine, Unendliche im Pradikate des Meinigen, die Rechtsfahigkeit" 235 als
gebenden Bestimmungen in der Entwicklung des Begriffs seien einerseits selbst die das abstrakte Recht konstituierende Grundkategorie von Rechtlichkeit
Begriffe. Weil aber der Begriff wesentlich als Idee sei - unter einer Idee versteht schlechthin 236 •
Hegel den ,,realisierte[n] Begriff" 223 - nahmen jene Bestimmungen andererseits Dialektik im Hegelschen Verstandnis bedeutet nichts anderes, als ,,das ei-
die ,,Form des Daseins" an, ,,und die Reihe der sich ergebenden Begriffe ist damit gene Sichaufheben solcher endlichen Bestimmungen" nachzuweisen 237 • Dies
zugleich eine Reihe von Gestaltungen" 224 • Kurzum: In der Rechtsphilosophie gilt auch für das Recht. ,,Das was wir Wesen nannten ist das Recht an sich, dem
kehren die Kategorien der Logik in institutioneller Umkleidung zurück und er- gegenüber der besondre Wille als unwahr sich aufhebt." 238 ,,[Als] aus seiner
weisen dadurch ihre Wirklichkeitsmachtigkeit. Negation durch Negation dieser zurückkehrend, ist das Recht als wirkliches,
Dementsprechend ist auch die zentrale Begründungsfigur in Hegels Un- geltendes, wahrend es als an sich früher nur unmittelbares Sein hatte." 239 Durch
rechtslehre logischer Herkunft: die Kategorie des Scheins. In der Logik defi- die Negation des Negativen wird dessen Macht gleichsam gebannt und dadurch
niert Hegel den Schein als ,,wesenloses Sein"225 , das deshalb ,,das in sich Nich- eine groBere Stabilitat erreicht 240 . Ebenso wie eine jede Negation bestimmte
tige" sei226 • Scheinhaft in diesem Sinne sei das Unrecht insofern, als es in der N egation ist, also ,,die N egation der bestimmten Sache, die sich auflost" 241 , muB
,,Entgegensetzung des Rechts an sich und des besonderen Willens" bestehe 227 • freilich auch die N egation der N egation bestimmt sein, d.h. sie muB di eser ihren
Seine Wahrheit liege deshalb darin, daB es nichtig sei228 • Auch die verschiedenen kontradiktorischen Gegenbegriff gegenüberstellen. Wird im Verbrechen das
Unrechtsformen bestimmt Hegel anhand logischer Kategorien. Das Verbre- Recht als Recht verletzt, so muB Hegel zufolge seine Nichtigkeit dergestalt ma-
chen als die gravierendste Form des Unrechts entspricht danach einem negativ- nifestiert werden, daB das Recht durch einen gegen den Willen des Verbrechers
unendlichen Urteil2 29 . In einem solchen ist sogar die ,,Form des Urteils aufge- gerichteten Zwang ,,seine Gültigkeit zeigt und sich als ein notwendiges vermit-
hoben", es ist daher ein ,,widersinniges Urteil "23 º.Beispiele von negativ-unend- teltes Dasein bewahrt" 242 . Diesen Zwang nennt Hegel Strafe. Deshalb kann er
lichen Urteilen sind Hegel zufolge ,,leicht zu haben, indem Bestimmungen zu sagen, daB ,,nichts anderes bei der Strafe hervor[kommt], als was im Verbrechen
Subjekt und Pradikat negativ verbunden werden, deren eine nicht nur die Be- schon liegt" 243 • Übersetzt in das dem Juristen besser vertraute Kategorien-
stimmtheit der andern nicht, sondern auch ihre allgemeine Sphare nicht enthalt; system der Straftheorie besagt dies: Weil das Verbrechen der Aufhebung bedarf,
also z.B. der Geist [ist] nicht rot, gelb usf., nicht sauer, nicht kalisch usf., die ist Strafe erforderlich; oder, noch lmapper gefafü: Strafe darf verhangt werden,
Rose ist kein Elephant, der Verstand ist kein Tisch und dergleichen" 231 . Ein weil verbrochen worden ist. Sie ist ihrer logischen Struktur nach Vergeltung.
,,reelleres Beispiel" des negativ-unendlichen Urteils sei allerdings die ,,base

221
Hegel, Logik I, Werke Bd. 5, S. 50. 232 Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 324 f.
222
Hegel, Grundlinien, § 31, Werke Bd. 7, S. 84. 233 Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 325.
223
Hegel, Enzyklopadie I, § 242, Werke Bd. 8, S. 392; naher dazu Pawlik, Staat 41 (2002), 234 Hegel, Grundlinien, § 94, Werke Bd. 7, S. 180.
186 ff. 235 Hegel, Grundlinien, § 95, Werke Bd. 7, S. 182.
224
Hegel, Grundlinien, § 32, Werke Bd. 7, S. 85. 236 Treffend Ramb, Strafbegründung, S. 30.
225
Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 17. 237 Hegel, Enzyklopadie I, Werke Bd. 8, S.172.
226
Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 21. 238 Hegel, Vorlesungen, Bd. 3 (Nachschrift Hotho), S. 283.
227
Hegel, Grundlinien, § 82, Werke Bd. 7, S. 172. 239 Hegel, Vorlesungen, Bd. 3 (Nachschrift Hotho), S. 283.
228
Hegel, Grundlinien, § 82, Werke Bd. 7, S. 172. 240 Naher Hosle, System, Bd. I, S. 208 f.
229
Hegel, Grundlinien, § 95, Werke Bd. 7, S. 181. 241 Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 49.
23
º Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 324. 242 Hegel, Grundlinien, § 97 Z, Werke Bd. 7, S. 186.
231
Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 324. 243 Hegel, Vorlesungen, Bd. 3 (Nachschrift Hotho), S. 282.
56 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 57

Wahrend die Frage nach dem Rechtsgrund der staatlichen Strafbefugnis Entwicklung bedauern, aber man kann sie nicht ignoricren. Stilformen des
herkommlich der praktischen, genauer: der politischen Philosophie zugewic- Denkcns konnen auch kraftlos werden 252 . An Hegels Vcrbrechens- und Straf-
sen wird, findet sie bci Hegel somit ihre Beantwortung bcreits auf einer gleich- theorie anzuknüpfen, als ware nichts geschehen, ist somit schon wegen der
sam vorpolitischen Systemebcne, namlich in der Logik. Unter Zugrundele- betrachtlichen metaphysischcn Investitionen problematisch, zu dencn dieser
gung von Hegels dialektischcr Methode ist diese Art des Vorgchens durch- Schritt notigt.
aus überzeugend. Wie aber, wenn die Überzeugungskraft dieser Denkweise Womoglich noch gewichtiger ist ein zweiter Gesichtspunkt. Wie soeben ge-
schwindet? In der allgemeinen Philosophie tritt dieser Fall bekanntlich schon zeigt wurde, ist Hegels Voranstellung des Verbrechens- vor dem Strafbegriff
bald nach Hegels Tod (1831) ein 244 . Mit bitterem Unterton konstatiert 1857 straftheoretisch keineswegs neutral. Dieselbe Logik, die Hegel zu diesem Auf-
der - wenngleich kritische - Hegelianer Rudolf Haym, das groge Hegelsche bau notigt, legt ihn zugleich darauf fest, die Strafe als Aufhebung des Verbre-
Haus sei failliert, weil der ganze Gcschaf tszweig darniederliege. Es sei ein chcns, mithin als Vergeltung der verbrecherischen Tat zu interpretieren. Noch
,,groge[r] und fast allgemeine[r] Schiffbruch des Geistes und des Glaubcns prekarer ist freilich die Lage desjenigen, der, obschon er Hegels metaphysische
an den Geist eingetreten" 245 . Auch unter den Rechtswissenschaftlern stogt Pramissen nicht teilt und deshalb darauf verzichtet, das Verbrechen als Objek-
Hegels Logik spatestens im letzten Drittel des [Link] auf nahezu tivation einer allgemeinen logischen Kategorie zu deuten, am Hegelschen Pri-
einhellige Ablehnung. In seiner Festrede zu Hegels hundertstem Geburtstag mat des Vcrbrechensbegriffs festhaltcn mochte. Wie will er begründen, dag ein
spart Gustav Rümelin, der Kanzler der Universitat Tübingen, nicht an deut- bestimmtes Verhalten verbrecherisch, also strafwürdig sei, und wie will er das
lichen Worten. Die dialektische Methode sei die ,,unerqicklichste und pein- verbrecherische Unrecht von anderen Unrechtsformen, etwa dem Zivilunrecht
lichste Seite des Studiums der Hegel'schen Schriften und Lehren" 246 , eine abgrenzen, ohne dabei auf cin zumindest intuitives Vorverstandnis der Bedeu-
,,Vcrirrung", die ,,auger einem kleinen Hauflein von dem alten Stamm der tung und des Zwecks von Strafe zurückzugreifen? Dag beispielsweise die (her-
Schule" niemand mehr crnstnehme 247 ; sie gleiche ,,einem schadlichen Stoff kommlich so bezeichnete) strafrechtliche Schuld anspruchsvollere Vorausset-
oder Aussaz, der den ganzen Korper bis in die innersten Poren durchzieht zungen beinhaltet als das zivilrcchtliche Verschulden, lagt sich nur begreiflich
und durchdringt, und allen Theilen ein krankes Element beimischt" 248 . In der machen, indem man auf die unterschiedlichen Ziele von Strafe einerseits und
Strafrechtswissenschaft will man von der dialektischen Methode ebenfalls Schadensersatz andererseits abstellt. Ist dem aber so, dann verliert die Annahme
nichts mehr wissen. Selbst dem letzten aus der Reihe der Hegelianer, Hugo Liepmanns und seiner Gesinnungsgenossen, dag es moglich sei, einen von der
Halschner, erscheint in seinem Deutschen Strafrecht von 1881 der logische Diskussion um die Straflegitimation unbeeinflugten Verbrechensbegriff zu kon-
Gehalt der Hegelschen Straftheorie nur noch als ein zweifelhaftes ,,dialek- zipieren, ihre Grundlage, und die Folgerung, dem begründungstheoretischen
tische[s] Kunststück:" 249 ; Richard Schmidt will von der von ihm geforderten Primat der Rechtfertigungsproblematik off en Rechnung zu tragen, drangt sich
,,Rückkehr zu Hegel" dessen Metaphysik ,,in ihrem ganzen derben Dogma- geradezu auf. Die Frage, welche Zwecke mit der Strafe verfolgt werden dür-
tismus" ausdrücklich ausnehmen 250 ; und Liszt, der maggebliche Propagandist fen, gehort demnach anden Beginn der Allgemeinen Verbrechenslehre, und der
der neuen Zeit, hat ohnehin nur noch Spott für sie übrig 251 . Man mag diese Verbrechensbegriff ist sodann an dieser Zweckbestimmung auszurichten. Die
Strafrechtswissenschaft, die sich seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts
244
zunehmend zu dieser Auffassung bekennt 253 , hat somit die erste und wichtigste
O ben S. 4 f.
245
Haym, Hegel, S. 5. Weiche auf dem Wcg zu einer normativ überzeugenden Allgemeinen Verbre-
246
Riimelin, Reden, S. 47. chenslehre richtig gestellt.
247
Riimelin, Reden, S. 50.
248
Riimelin, Reden, S. 54.
249
Halschner, Deutsches Strafrecht, S. 7. - Unter den heutigen hegelianisch gepragten
Strafrechtlern herrscht die gleiche Einschatzung vor; so tut Seelmann (FS Jakobs, S. 637) He-
gels SchluG von der Logik auf die Ethik knapp als ,,intellektualistischen Fehlschluss" ab.
250
R. Schmidt, Rückkehr, S. 10.
251
Vgl. Liszt, Aufsatze, Bd. II, S. 297. - Repriisentativ für den Zeitgeist auch Janka worauf dann die Strafe ohne jede innere Verbindung (hier hort die Dialektik des Begriffes
(Grundlagen, S. 46): Hegel unternehme es ,,in der ihm eigenen, im Fundamente unwahren auf), rein auGerlich und ohne alle Begründung aufgesetzt wird, lediglich weil ein undefinirtes
und willkürlichen, um einen durch Hegel berühmt gewordenen Ausdruck zu gebrauchen, Verlangen Hegel's dieselbe begehrt".
nichtigen Weise [... ],die Strafe dialektisch aus dem Rechtsbegriffe zu entwickeln". Er komme 252 Dazu jüngst Henrich, Philosophic, S. 130.

dabei aber ,,bloG bis zur Negation, der theoretischen Ungültigerklarung des Verbrechens [... ], 253 Nachweise oben S. 17 Fn. 116.
58 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens A. Strafrechtswissenschaft und praktische Philosophie 59

2. Grundmodelle der Strafbegriindung sen2c,5 _ Im Fall der Strafe ist dies ihr Charakter als (sowohl sinnliches wie auch
kommunikatives) Übel266 . Im Ergebnis kommt Greco freilich weitgehend mit
Bereits Feuerbach begreift das Árgernis des Strafzwanges als den Ausgangs- Feuerbach überein. Wir würden leicht gewahr, so resümiert dieser - ganz im
punkt strafrechtswissenschaftlicher Theoriebildung 254. Am Beginn seiner Einklang mit der klassischen Definition des Grotius 267- seine Analyse des ge-
Revision steht deshalb die Frage, wie es dem Staat moglich sei, ,,zu strafen, wohnlichen Sprachgebrauchs, ,,daB Strafe überhaupt ein Uebel bedeute, wel-
um einer begangenen rechtswidrigen Handlung willen Übel zuzufügen" 255. ches um begangener gesetzwidriger Handlungen [... ] einem Subjecte zugefügt
Der ,,Begriff von biirgerlicher Strafe" sei ,,der Grundbegriff, von welchem das wird" 268. DaB das soziale Phanomen, welches wir Kriminalstrafe nennen, an
ganze Criminalrecht ausgeht und auf welchen alles zurücklauft" 256; aus ihm eine vorangegangene, rechtlich miBbilligte Tat des Bestraften anknüpft, der
müsse die gesamte strafrechtliche Imputationslehre entwickelt werden [Link] ,,Realgrund" der Strafe 269also in der Vergangenheit liegt, wird auch heute all-
der Klarung des Begriffs der Strafe ist Feuerbach zufolge freilich die ,,ganz gemein anerkannt 27º. Worin aber liegt der ,,Rechtsgrund" der Strafe 271? .
andere Frage" zu unterscheiden, ,,ob dieser Begriff eine rechtliche Realitat Kersting weist zu Recht darauf hin, daB die Strafethik keine Sondereth1k
habe? ob es ein Recht, ein solches Uebel zuzufügen, gebe?" 258Der Begriff der mit einem eigenstandigen, nur regional gültigen Prinzipienhimmel darstellt 272.
Strafe ist das eine, ihre Legitimationsvoraussetzungen sind ein anderes 259. So Strafethische Argumente sind vielmehr ,,bereichsspezifische Anwendungen
wie es legitime Strafen gibt, gibt es auch illegitime Strafen. Illegitime Strafen und Variationen von Argumentationsmustern und Rechtfertigungsformaten,
sind aber nur denkbar, wenn das Fehlen einer Legitimationsbedingung nicht die in umfassenderen, allgemeineren und darum systematisch übergeordneten
sogleich dazu führt, daB man der betreffenden sozialen Praxis die Bezeich- normativen Diskursen entwickelt worden sind " 273. Daher ist es nicht verwun-
nung als Strafe verweigert 260. derlich daB sich in der strafethischen Spezialdiskussion dieselben Konflikt-
Wie ist der Begriff der Strafe zu bestimmen? Wer dieser Frage nachgeht, linien ~eigen, die auch den grundsatzlichen moralphilosophischen Th~orien-
operiert nicht im luftleeren Raum. Die Strafe ist keine Erfindung der Theo- wettbewerb strukturieren. ,,Derselbe metaethische Dualismus, der die mo-
rie261.,,Das Wort und die Sache waren" in den Worten Feuerbachs ,,lange vor ralphilosophischen Bemühungen in deonto~ogisch ~undierte ~nd teleologisch
der Wissenschaft, in welcher der darauf bezeichnete Begriff dargestellt werden ausgerichtete teilt, pragt auch die rechtsphilosoph1sche Ausemandersetzung
soll, vorhanden." 262Um den Begriff der Strafe dingfest zu machen, ist deshalb, um Legitimitat und Sinn der Strafe." 274 .
so Feuerbach weiter, ,,der Sprachgebrauch [... ) unser erster und einziger Füh- Teleologische Theorien fassen die Straftat als _Gefahr auf- ~l~ e1~Ver~alten:
rer, und die Analysis desselben das Fundamentalgeschaft in dieser Untersu- das als solches gewissermaBen den Keim der W1ederholbarke1t m s1chtragt, se1
chung"263. Dies heifü freilich dem Alltagssprachgebrauch ein MaB an analy- " durch denselben Tater, sei es aufgrund der Nachahmung durc h an d ere«21s •
es
tischer Differenziertheit beizulegen, das diesen überfordern dürfte 264. Greco Die Tat erscheint danach ,,bloB als auBerer AnlaB der Strafe, die aus einem jen-
schlagt deshalb vor, stattdessen das ,,Prinzip des methodischen Pessimismus"
zur Anwendung zu bringen. Danach ist unter mehreren moglichen Beschrei-
bungen der Wirklichkeit diejenige zu wahlen, welche jene Züge des betreffen- 26 5 Greco, Lebendiges, S. 287 ff.
26 6 Greco, Lebendiges, S. 297.
den Wirklichkeitssegments hervorhebt, die es als fragwürdig erscheinen las-
26 7 Grotius, Recht, 20. Kap./I (S. 325). . .
268 Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 5. - Sachlich übereinstimmend, aber genauer_1st d1~Be-
254
Den innovativen Charakter dieses Vorgehens unterstreichen Greco, Lebendiges, S. 59 griffsbestimmung Pufendorfs (Pflicht II/13 § 4 [S. 190~):Die Strafe sei ,,ein erhebhches Ube!,
und Maiwald, FS Sellert, S. 428,431. das jemandem als Ausdruck der Staatsgewalt wegen emes vorher begangenen Vergehens m1t
255 Zwang auferlegt wird ". .
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 24.
256
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. XIX. 269 Dieser Bcgriff wird hier verwendet in Anlehnung an Spendel, FS Rittler, S. 40.
257
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. XX. 270 Zuletzt Hoerster, Strafe, S. 11, 14; Mushoff, Strafe, S. 102; Androulakzs, FS Hassemer,
258
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 4. s.278; Duttge, Strafen, S. 10 f.; ders., Brücke, S. 56; Hornle, Straftheonen, S. 6; dzes., 2. FS
259
Hoerster, Strafe, S. 13; Neumann, Alternativen, S. 99; ders., FS Jakobs, S. 437 f.; ders., Roxin, s. 18; Kühl, FS Maiwald, S. 437 f.; ders., FS Stockel, S. 124 f.; Neum~nn, FS Jakobs,
Anfragen, S. 160 f.; Papageorgiou, Schaden, S. 19. S. 438 f.; ders., Alternativen, s.98; T Walter, ZIS 2011, 637.-Aus der aheren L1teratur: Allfeld,
260
Greco, Lebendiges, S. 276 ff. Lehrbuch, S. 4; Kantorowicz, Tat, S. 10; H. Mayer, AT, S. 15; Schmzdhauser, AT, 2/7.
261 271 Schmitz, Legitimitat, S. 13.
Darauf hat zuletzt Mushoff (Strafe, S.101) hingewiesen.
262 272 Kersting, Macht, S. 212.
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 3.
263
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 3. Ebenso cin Jahrhundert spater Baumgarten, Auf- 2 73 Kersting, Macht, S. 212.

bau, S.12. 2 74 Kersting, Macht, S. 212.


264
Greco, Lebendiges, S. 279. 2 75 S. Walther, ZStW 111 (1999), 130.
B. Strafe als Prdventionsinstrument? 61
60 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

seits dieser Tat lozierten Grund verhangt wird "276; die Strafe ist ,,lediglich ein Cum grano salís gilt das Gleiche im Hinblick auf die einzelnen Straftheo-
Mittel, ein Instrument" [Link] Theorien interpretieren die Straftat rien. Deren Vorzüge und Schwachen sind im groBen und ganzen bekannt. Wie
hingegen als Verbrechen - als eine ,,das Recht verletzende WillensauBerung sie jeweils gewichtet werden, wird ebenfalls wesentlich mitbestimmt von gesell-
[...] , [dieJvon der Gemeinschaf t nicht hingenommen werden kann" und folglich schaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, auf die die einzelnen Dis-
nach MiBbilligung verlangt" 278; Strafe ist danach ,,eine rechtlich notwendige, kursteilnehmer nur einen minimalen EinfluB haben. So war der Erfolg des Re-
intern normativ verfafüe Handlung" 279. Das Programm, nach dem sich die sozialisierungsideals untrennbar mit dem Siegeszug des Wohlfahrtsstaates ver-
Wahl des Sanktionsinstrumentariums richtet, heifü im ersten Fall Pravention, bunden283: Im Wirtschaftsboom der 1950er und 1960er Jahre - einer Zeit des
im zweiten Fall Retribution 280. Die Prdventionstheorien der Strafe halten den bestandigen okonomischen Wachstums, der sich verringernden Ungleichhei-
Rückgriff auf die Vergangenheit unter Legitimationsgesichtspunkten für uner- ten und der Ausweitung des sozialen Sicherungsnetzes - konnte es plausibel er-
giebig und verweisen statt dessen auf die Zukunft. Diesen Auffassungen gemaB scheinen, Kriminalitat nicht als Bedrohung der Gesellschaft zu betrachten, son-
ist also zu strafen ne peccetur. Das Geschehene lafü sich nicht ungeschehen ma- dern als Überbleibsel früherer Deprivationen, die durch eine auf die spezifische
chen, aber mit Hilfe der Strafe lafü sich wenigstens das künftige gesellschaft- Hilfsbedürftigkeit des unglücklichen Betroffenen zugeschnittene Behandlung
liche Sicherheitsniveau günstig beeinflussen. Die vergeltungstheoretisch (retri- beseitigt werden konnten. Mit dem Brüchigwerden dieser Rahmenbedingungen
butiv) orientierten Konzeptionen erblicken dagegen nicht nur den Real-, son- und dem Aufstieg des sogenannten Sicherheitsstrafrechts verlor das Resoziali-
dern auch den Rechtsgrund der Strafe in der Vergangenheit. Zu strafen sei quia sierungsideal seine diskursive Dominanz 284- die seit langem bekannten straf-
peccatum est. theoretischen Argumente, die gegen die Spezialpravention sprechen, wurden mit
Welches dieser beiden Modelle vermag die Legitimitat der sozialen Institu- einem Mal wieder ernster genommen.
tion Strafe überzeugender zu begründen? Dieser Frage gehen die Überlegungen Das Schicksal des Resozialisierungsdiskurses beweist eines: Ein Straftheore-
der folgenden Abschnitte nach. Sie setzen sich zunachst mit den Praven- tiker, der es, um eine Wendung Schillers aufzugreifen, unterlafü, ,,seine Tatig-
tionslehren (B.) und sodann mit der Vergeltungstheorie auseinander und mün- keit andas groBe Ganze der Welt anzuschlieBen" 285,verzehrt sich in fruchtlos-
den in ein Pladoyer für letztere (C.). Freilich geben sie sich nicht der Illusion selbstbezüglicher Gedankenakrobatik. Eine Straftheorie und die ihr korres-
hin, im Bereich der Strafbegründung seien endgültige, apriorisch zwingende pondierende Verbrechenslehre müssen nicht nur argumentativ schlüssig, sie
Befunde moglich. Bereits die Bedeutung, die dem Problem der Legitimation müssen auch an der Zeit sein [Link] ist die eine Seite. Nicht minder bedeutsam
von Strafe als solchem jeweils zugesprochen wird, hangt maBgeblich von dem ist jedoch die andere: Wie viel von ihrer Tradition ist die Allgemeine Verbre-
287
Wahrnehmungshorizont der betreffenden Interaktionsgemeinschaft ab: einem chenslehre aufzugeben bereit, um den Kontakt mit ihrer Zeit zu halten? In
Konglomerat aus metaphysischen und normativen Hintergrundüberzeugun- der Beantwortung dieser Frage liegt, wie sich im folgenden zeigen wird, der
gen, spezifischen Empfindlichkeiten und Angsten. Eine Gesellschaft, die ihrer Schlüssel zur Beurteilung der Straftheorien.
selbst unsicher ist oder die sich von einer standig wachsenden Kriminalitats-
welle in die Defensive gedrangt fühlt, wird der Legitimationsfrage mutmafüich
ein geringeres Gewicht beimessen als eine Gesellschaf t, die, wie es heute in der B. Strafe als Praventionsinstrument?
Bundesrepublik der Fall ist 281, sensibler für das Leid geworden ist, das dem Ta-
ter mit der Verhangung der Strafe zugefügt wird, und in der die Strafe die Aura I. Die Attraktivitat des Praventionsdenkens
der selbstverstandlichen Folge einer Straftat bereits zu einem guten Teil einge-
büfü hat 282. In seiner berühmten Gettysburg address benennt Abraham Lincoln drei Prinzi-
pien demokratischer Legitimitat: government by the people, far the people and
of the people. Wahrend der erste Legitimationsmodus das Beteiligungsrecht der
276 Lesch, Verbrechensbegriff, S. 20.
277
Kersting, Macht, S. 212. 283 Garland, Kultur, S. 108 ff.; Kunz, FS Kaiser, S. 861.
278
S. Walthet; ZStW 111 (1999), 129. 284 Dazu M. Bock, ZStW 102 (1990), 505 ff.; Kindhduser, Universitas 3 (1992), 232; Kunz,
279
Kersting, Macht, S. 212. FS Kaiser, S. 862 f.
285 Schiller, Universalgeschichte, Werke Bd. IV, S. 752.
28
º S. Walther, ZStW 111 (1999), 129 f.
281
Dazu Frisch, FS Jung, S. 200. 286 Kunz, FS Kaiser, S. 867.
282
Instruktives Zahlenmaterial bei Heinz, FS Jung, S. 273 ff., 281 ff. 287 Ebenso Hassemer, Strafrechtswissenschaft, S. 309.
62 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens B. Strafe als Prdventionsinstrument? 63

Bürger an der politischen Willensbildung zum Gegenstand hat, bezieht sich Der extensiv verstandene Schutzgedanke sichert den umfassenden Interven-
der zweite Legitimationsmodus auf die Leistungen, deren Erbringung die Bür- tions- und Steuerungsanspruch des modernen Staates legitimationstheoretisch
ger vom politischen System erwarten dürfen 288. Staat bedeutet demnach ,,die- ab298. Auch das Strafrecht wird dem Bedürfnis nach Pravention dienstbar ge-
nende Aufgabenerfüllung für seine Bürger" 289. Als die fundamentale staatliche macht299. Über die Grenzen der Verwendung des Strafrechts als Praven-
Leistung gilt spatestens seit Hobbes 290die Gewahrung von Sicherheit 291. Dies tionsinstrument wird zwar heftig gestritten. Im Grundsatz erfahrt der Satz,
ist zwar ein ,,bis zur Trivialitat gelaufige[r] Befund " 292. Der Umfang des staat- daB das Strafrecht der Pravention in Gestalt des Rechtsgüterschutzes zu dienen
lichen Sicherungsauftrags hat sich seither freilich in einem für Hobbes noch habe, in der heutigen Strafrechtslehre aber fast einhellige Anerkennung [Link]
ganz unvorstellbarem MaBe ausgeweitet 293. ,,Der Staat hat sich vom Polizeistaat man in den gangigen Lehrdarstellungen des Allgemeinen Teils den Abschnitt
über den (demokratisch indifferenten) Rechtsstaat (Rechtssicherheit) zum de- über die Straftheorien, so gewinnt man haufig den Eindruck, die dort verhan-
mokratischen Sozialstaat (Versorgung) und zum heutigen Steuerungsstaat delten Probleme seien allenfalls locker mit den Ausführungen über die Rechts-
(Risikosicherung) entwickelt." 294 güterschutzaufgabe des Strafrechts verbunden 301. Dem ist indessen nicht so;
Die Gründe für diese Ausweitung sind vielfaltig 295. Der Bereich menschen- eine Festlegung an einer Stelle hat vielmehr gewichtige Konsequenzen auch in
gemachter Risiken sowie die Komplexitat der Gesellschaft haben sich stark er- dem anderen Bereich 3º2. ,,Die Dinge haben ihre eigene Schwere", wie Welzel
weitert, mit der Folge, daB die Unversehrtheit der Rechtspositionen des einzel- sagt [Link] Aufgabenbestimmung des Strafrechts darf vor des sen spezifischem
nen in einem immer gri:iBerenUmfang von der Fahigkeit und Bereitschaft Drit- Sanktionsinstrumentarium nicht Halt machen.
ter zur Risikobeherrschung abhangt. Daraus erwachst ein allgemeines Gefühl DaB die Normen des Strafrechts zur Vermeidung von Rechtsgutverletzun-
der Unsicherheit, das durch die zunehmende Anonymisierung von Sozialbezie- gen beitragen sollen, ist eine zwar weitverbreitete, aber wenig interessante Aus-
hungen und die Erosion gemeinsamer kultureller Wertmuster und alltagsweltli- sage. Seine eigentliche Harte, die clarín besteht, zur Verhangung einer hi:ichst
cher Selbstverstandlichkeiten noch verstarkt wird. Der Umstand, daB das soziale einschneidenden Sanktion zu ermachtigen, auBert das Strafrecht namlich erst,
Klima in heutigen Wohlfahrtsstaaten eher von passiven Gesellschaftssegmen- nachdem eine Straftat geschehen, d.h. nachdem ein Rechtsgut verletzt oder ge-
ten als von aktiv gestaltenden Bevi:ilkerungsgruppen gepragt wird, begünstigt fahrdet worden ist. In bezug auf das konkret betroffene Rechtsgut hat die Er-
ebenfalls die Neigung, die Befriedigung von Sicherheitsbedürfnissen hi:iher zu wartung, Rechtsgüterschutz schon durch die Aufstellung von Verhaltensnor-
gewichten als die Offenhaltung von Handlungsspielraumen. In ihrem Zusam- men und deren Bewehrung mit Sanktionen erreichen zu ki:innen, sich mithin als
menwirken führen diese Faktoren dazu, daB dem Schutz- und dem Vorbeuge-
gedanken ein hohes MaB an Überzeugungskraft zugebilligt wird 296und die
Auffassung, daB praventive Strategien korrektiven und kurativen MaBnahmen 293 Zabel, Konflikt, S. 235.
grundsatzlich überlegen seien, sich in nahezu alle Lebensbereiche ausbreitet 297. 299 Pragnant Freund (AT, § 1 Rn. 2): ,,Strafrechtliche Reglernentierung ist von vornherein
nur in dem Rahmen zulassig, der durch die staatlichen Aufgabcn abgesteckt wird. Zu diesen
288 Aufgaben gehort zwar der Schutz der Daseins- und Entfaltungsbedingungen des Einzelnen,
. Zur Leistungsdirnension legitirner Herrschaftsausübung zusarnrnenfassend Fach, der Opfer einer Straftat werden kann. Schuldausgleich um seiner selbst willen nach bere1ts be-
Le1stung, S. 11 ff.; Horeth, Union, S. 85.
289 gangener Tat ist dagegen nicht die Aufgabe der staatlichen Strafe. Der Einsatz von Strafe muss
Weber-Grellet, Rechtstheorie 34 (2003), 182.
290 vielmehr zweckrational legitimiert sein durch die prdventive Aufgabe des Staates, Rechtsgü-
Hobbes, Leviathan, 21. Kap. (S. 171).
291 ter zu schützen." - Auch das Bundesverfassungsgericht begreift das Strafrecht vor allem als
Anter, Macht, S.118; Hesse, Schutzstaat, S.17ff.; Boehme-Nefller, Rechtstheorie 39 Sclrntzrecht (vgl. etwa BVerfGE 21, 391, 403 f.; 27, 18, 29; 39, 1, 45, 187, 253; 51, 60, 74 f.; 80,
(2008), 541, 549 f.; Link, VVD?tRL 48 (1990), S. 27; Weber-Grellet, Rechtstheorie 34 (2003), 244,255 f.; 88,203, 257; 90, 145, 175, 184).
183; Wzllke, S.t~uerungsfunktion, S. 688; Zabel, ZStW 120 (2008), 81 ff.; ders., Konflikt, 30o MK-Joecks, Einl. Rn. 30 ff.; MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 35 ff., 135; ders., AT, § 1 Rn. 2;
S. 225. ff -
Fre1hch war schon fü:· d~e vorhe~gehenden Stadien herrschaftlicher Organisation NK-Hassemer/Neumann, Vor § 1 Rn. 110ff.; SK-Rttdolphi, Vor § 1 Rn. 2; S!S-Stree/Kinzig,
un Rorn1schen Reich und 1m chnstl1chen M1ttelalter eine Ausrichtung arn Schutzzweck cha- Vorbem. §§ 38 ff. Rn. 1; Baumann/Weber!Mitsch, AT, § 3 Rn. 10 ff.; Bringewat, Grundbe-
rakteristisch (naher Bmgger, VVDStRL 63 [2003), S. 103 ff.).
292 griffe, Rn. 12; Ebert, AT, S. 1 f.; Frister, AT, § 3 Rn. 20; Gropp, AT, § 1 Rn. 122, § Rn. 26 ff.;
Merkel, JZ 2007, 375.
293 Heinrich, AT 1, Rn. 3;]dger, AT, Rn. 4;Jescheck/Weigend, AT, § 1 III 1 (S. 7 f.); Kindhduser,
Hesse, Schutzstaat, S. 21 ff.; Grimm, Wandel, S. 624 ff.; F.-X. Kaufmann, Diskurse, AT, § 2 Rn. 6; Maurach!Zipf, AT 1, § 7 Rn. 4; Otto, AT, § 1 Rn. 22 ff.; Rengier, AT, § 3 Rn. 2;
S. 16 ff.; Zabel, Konflikt, S. 233 ff.
294 Roxin, AT 1, §2 Rn.1 ff.; Wessels/Beulke, AT, Rn. 6.
Weber-Grellet, Rechtstheorie 34 (2003), 184. 301 Ebenso Fiolka, Rechtsgut, S. 370.
295
Die nachfolgende Darstellung folgt weitgehend Silva-Sánchez, Expansion, S. 7 ff. 302 Dies betonen zu Recht NK-Hassemer/Neumann, Vor § 1 Rn. 108; Roxin, AT I, § 3
296
Brockling, Behernoth 1 (2008), 40; Zabel, Konflikt, S. 225. Rn. 1; Kudlich, Unterstützung, S. 190.
297
Brockling, Behernoth 1 (2008), 40.
303 Welzel, Abhandlungen, S. 237.
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unbegründet erwiesen 304. Die Frage, die sich nunmehr in den Vordergrund aber ,,den nützlichen Zwecken [wird] eine Berücksichtigung nur insoweit zu-
drangt, ist diejenige nach der Legitimation des Zwangsakts Strafe: Weshalb darf gestanden [... ], als es das gerechte [... ] MaG der Strafe gestattet" 311.
gestraft werden? Eine verbreitete Auffassung sieht die Legitimitat der Strafe denn auch darin
Wer die Aufgabe des Strafrechts im Schutz von Rechtsgütern, also einer gründen, daG sie zum praventiven Rechtsgüterschutz, der Verhinderung künf-
praventiven Zwecksetzung erblickt, muG dieses Grundverstandnis konse- tiger Straftaten, beitragt. Unter Konsistenzgesichtspunkten empfiehlt sich diese
quenterweise auch seinen Überlegungen zur Sanktionsverhangung zugrunde- Position dadurch, daG es ihr gelingt, staatstheoretische Grundlegung, Aufga-
legen305:Was geschehen ist, das ist geschehen - aber das Strafrecht kann und benbestimmung des Strafrechts und Begründung der Strafsanktion nahtlos
soll als Medium einer ,,Pravention durch Repression" 3º6 immerhin dazu bei- aufeinander abzustimmen. Es kommt hinzu, daG die Frage nach der genauen
tragen, künftige Straftaten, also weitere Rechtsgüterverletzungen zu ver- Ausgestaltung des Strafensystems sich der Logik des Praventionsdenkens zu-
hindern; ahnlich dem Polizeirecht dient es ausschliefüich der Gefahrenab- folge als ein quasi technisches Optimierungsproblem darstellt; das AusmaG sei-
wehr307. Mit einer retributiven Straftheorie lafü eine praventionsorientierte ner Losung ist - jedenfalls im Prinzip - empirisch nachprüfbar 312. Eine szien-
Aufgabenbestimmung des Strafrechts sich hingegen nicht ohne Friktionen tistisch, von einem !Gima der nüchternen Zweckmafügkeit gepragte Kultur er-
verbinden 308. Zwar würde kein Vertreter der Vergeltungstheorie bestreiten, kennt auch aus diesem Grund in den Praventionstheorien Geist von ihrem
daG die vergeltende Strafe gewisse praventive Wirkungen auGert 309. Von ei- Geist und raumt ihnen deshalb typischerweise einen erheblichen Plausibilitats-
ner praventionsorientierten Zielvorgabe aus gesehen ist das AusmaG ihrer vorschuG ein 313.
Aufgabenerfüllung indessen zufallig und entsprechend unzuverlassig. Die Die klassischen Auspragungen des Praventionsgedankens stellen die nega-
Pravention stellt für den Vergeltungstheoretiker eben bloG den - wenngleich tive Generalpravention und die Spezialpravention dar. ,,Sie führen zu den bei-
durchaus erwünschten - Begleiteffekt eines nach einem anderen Programm den Gefahrenherden, welche die Verbrechenspravention, will sie erfolgreich
funktionierenden Sanktionsmechanismus dar 310. Die optimale Erfüllung der sein, mit jeweils demselben Nachdruck überwachen und beherrschen muss":
straftheoretischen Legitimationsanforderungen droht in diesem Fall zu einer der Gemeinschaft der potentiell deliktsgeneigten Bürger, die im Zaume der
suboptimalen Aufgabenerfüllung zu führen und umgekehrt. Entweder muG Legalitat gehalten werden sollen, und dem einzelnen Tater, der seine Bereit-
,,die von der Gerechtigkeit geforderte Strafe sich die Beschrankung gefallen
lassen [... ], welche die Verfolgung der nützlichen Zwecke ihr auferlegt", oder
311 Hdlschner, Deutsches Strafrecht, S. 564 f.; in dcr Sache ebenso schon Feuerbach, Re-
vision, Bd. I, S. 104.
312 Dazu zuletzt Rossner, FS Maiwald, S. 701 ff. -Allerdings sind die (insbesondere gene-
304
H. Mayer, Strafrecht, S. 97; ders., AT, S. 51; Welzel, Strafrccht, S. 3; ders., Abhandlun- ral-)praventivcn Wirkungen der Strafpraxis erfahrungswissenschaftlich nur schwer abzusi-
gen, S. 263. -Aus der neueren Literatur: MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 63; ders., AT, § 1 Rn. 6; chern (Mushoff, Strafe, S. 120 ff., 135 ff.; Prittwitz, Strafrecht, S. 218 f.; ders., StV 1991, 436 f.;
ders., Erfolgsdelikt, S. 80; Frister, AT, § 2 Rn. 1;]escheck/Weigend, AT, § 1 II (S. 4); Appel, Ver- Schneider, Einübung, S. 335; Stuckenberg, Vorstudien, S. 431; M. Bock, ZStW 103 [1991],
fassung, S. 440; Frisch, Verhalten, S. 599; Gonzáles-Rivero, Zurechnung, S. 64; Kremer-Bax, 654 ff.; ders., JuS 1994, 96 ff.; Donini, Methode, S. 39 ff.; Dubber, ZStW 117 [2005], 491 ff.;
Verhaltensunrecht, S. 23 f.; Lesch, Problem, S. 222,233; ders., Verbrcchensbegriff, S. 170, 181, van Hirsch, Strafsanktion, S. 48; Kindhduser, ZStW 121 [2009], 956 f.; Vormbaum, ZStW 107
235; Tiedemann, Tatbestandsfunktionen, S. 116; Wohlers, Deliktstypcn, S. 215. [1995], 759; M. Walter, FS Hirsch, S. 899 f.; ders., ZIS 2011, 630; Weigend, Kommentar, S. 33 f.).
305
Treffend Maurach/Zipf, AT 1, § 7 Rn. 6; Deiters, Legalitatsprinzip, S. 62 f.; Lagodny, In der Judikatur des Bundesverfassungsgerichts hat dies zu der paradoxen Konsequenz ge-
Strafrecht, S. 291; Lesch, Verbrechensbegriff, S.182; Müssig, Schutz, 5.11; Sancinetti, FS Ja- führt, da:B entgegen der Rede des Gerichts von der gesteigerten Bedeutung des Verhaltnis-
kobs, S. 599; nahestehend Gdrditz, Staat 49 (2010), 334. - Aus dem alteren Schrifttum: Hdl- ma:Bigkeitsgrundsatzes für die Prüfung einer Strafvorschrift (etwa BVerfGE 25, 269, 286; 88,
schner, Deutsches Strafrecht, S.140; Schaffstein, ZStW 57 (1937), 297. 203, 258; 90, 145, 172) die Anforderungen, die insofern tatsachlich an Strafgesetze gestellt
306
Bringewat, Grundbegriffe, Rn. 27;Jescheck/Weigend, AT, § 1 II (S. 4). werden, deutlich geringer sind als jene Anforderungen, die an andere eingreifende Regelun-
307
SK-Rudolphi, Vor § 1 Rn. 1; ders., FS Honig, S. 159;H.-L. Giinther, Strafrechtswidrig- gen des Staates herangetragen werden (im einzelnen Roxin, AT 1, § 2 Rn. 87; Appel, Vcrfas-
keit, S. 154 (affirmativ); Deiters, Legalitatsprinzip, S. 63 f.; Gonzáles-Rivero, Zurechnung, sung, S. 181 ff.).
S. 72, 123; Lesch, Problem, S. 200 f.; ders., Verbrechensbegriff, S. 176; Miissig, Schutz, S. 152; 3lJ Excmplarisch Müller-Dietz (FS R. Schmitt, S. 102 f.): ,,Die Entwicklung theoretischer
Neumann, Feindstrafrecht, S. 308; Naucke, KritV 1993, 138, 147 (kritisch). - Die Befürch- Legitimationen des Strafrechts bedeutet- in ihrer Grobstruktur- einen Proze:B der Sakulari-
tung Schünemanns, da:Bdie Strafrechtsdogmatik sich als eigenstandige Wissenschaft verab- sierung und Verwissenschaftlichung. Der Weg geht von einer transzendent verstandenen Ver-
schieden würde, wenn sie das Rechtsgüterschutzprinzip preisgabe (Schünemann, l. FS Roxin, geltung über eine immanent interpretierte und damit relativierte Vergeltung zur Folgcnorien-
S. 29), entbehrt aus diesem Grund nicht einer gewissen unfreiwilligen Ironie. tierung und damit Folgenvermeidung, sprich Pravention." - Naher Bastelberger, Legitimitat,
308
Prittwitz, Strafrecht, S. 234. S. 52 ff.; Beck, Unrcchtsbegründung, S. 39; Frehsee, Schadenswiedergutmachung, S. 58; Has-
309
Vgl. nur Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 453. seme1; Strafziele, S. 51 f.; ders., JuS 1987, 263; Hoffmann, Verhaltnis, S. 114 ff.; Naucke, ZStW
310
Gallas, Kriminalpolitik, S. 11. 94 (1982), 533 f.; Neumann/Schroth, Theorien, S. 10; Prittwitz, Strafrecht, S. 234.
66 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens B. Strafe als Prdventionsinstrument? 67

schaft zum Ausbruch aus der Legalitat bereits unter Beweis gestellt hat 314. existirte in keinem einzigen auch nur das Bewufüseyn übersinnlicher Pflichten,
Die negative Generalprdvention eines Feuerbach vertraut im Einklang mit leitete das Begehren der Sinnlichkeit und blos dieses Begehren jedes Mitglied der
der Psychologie seiner Zeit auf das Gesetz der Ideenassoziation 315: Sobald ein Gesellschaft, ohne daB auch nur eine einzige seiner Handlungen durch den auf
sinnliches Übel als die Bedingung der moglichen Begehung einer rechtswid- die Achtung des Rechts gerichteten Willen bestimmt werden konnte - so wür-
rigen Tat festgesetzt worden sei, werde sich kraft dieses Gesetzes ,,mit der den dennoch alle Mitglieder dieser Gesellschaft zu coexistiren vermogen." 321
Vorstellung von dem Gegenstande der rechtswidrigen Handlung, zugleich Wie soll diese Verlrnüpfung von Ordnungsdenken und anthropologischem Mi-
die Vorstellung von dem Übel, das sie begleitet vereinigen" 316und den de- nimalismus funktionieren? Die Antwort der negativen Generalpravention ist
liktsgeneigten Bürger von dem Vollzug der betreffenden Handlung abhalten. denkbar simpel. Strafen müssen danach ,,so eingerichtet werden, daB sie in ihrer
Die Spezialprdvention, die den Zweck der Strafe darin erblickt, den Tater von Harte schwerer wiegen als Gewinn und GenuB, den man aus der vom Gesetz
künftigen Taten abzuhalten, bedient sich demgegenüber eines Konglomerats verbotenen Tat ziehen konnte" 322.
aus einer quasi medizinischen Terminologie 317und einer martialischen Kriegs- Dieses Strafverstandnis lafü sich auf ein prima facie durchaus beachtliches
rhetorik; sie fordert die ,,Behandlung", auBerstenfalls aber auch die ,,Unschad- Zweck-Mittel-Argument stützen. Danach liegt eine Absenkung des Kriminali-
lichmachung" der Straftater. Im Mittelpunkt der jüngeren straftheoretischen tatsniveaus innerhalb einer Gesellschaft 323im lnteresse (praktisch) aller Gesell-
Diskussion steht indes ein dritter SproB aus der Familie der Praventionslehren: schaftsmitglieder324. Selbst derjenige, der seinen Lebensunterhalt durch Strafta-
die Lehre von der positiven Generalprdvention, auch Integrationsprdvention
genannt. Statt auf Abschreckung und Umerziehung setzt diese Auffassung auf cher, S. 126 ff.; dies., MschrKrim 76 [1993], 333 ff.). Die neuere Verhaltenséikonomik bemüht
die ,,pflichtbekraftigende, belehrende, warnende Funktion" der Strafe 318: Sie sich um eine realitatsnahere Modellierung menschlichen Entscheidungsverhaltens: Im Unter-
soll die Wertüberzeugungen der normtreuen Bürger bestatigen und starken. schied zu den Annahmen der neoklassischen Standardtheorie sei es gepragt durch begrenz-
Diese Konzeptionen werden nachfolgend naher betrachtet (II.-IV). tes Eigeninteresse, begrenzte Rationalitat und begrenztc Sclbstkontrolle; naher Englerth,
Verbrecher, S. 149 ff., 207 ff., 303 ff. - Weitere Anhanger einer negativ-generalpraventiven
Strafkonzeption: Altenhain, AnschluJ3delikt, S. 326 ff.; Greco, Lebendiges, S. 356 ff.; Gauf,
FS OLG Zweibrücken, S. 338 ff.; Hoerster, Strafe, S. 89 ff.; ders., GA 1970, 273 ff.; ders., Ver-
II. Die negative Generalpravention teidigung, S.101 ff.; Kliemt!Kliemt, Analyse & Kritik 1981, 176ff., 181 ff.; Koriath, Streit,
S. 65 ff.; Schmidhduser, AT, 3/4, 15 ff.; ders., FS E. A. Wolff, S. 455.
Die Lehre von der negativen Generalpravention mutet den Adressaten der Straf- 321 v. Almendingen (Darstellung, S. 48) im AnschluJ3 an die bekannte Sentenz Kants, daJ3

normen keinen überflüssigen Idealismus zu. Sie betrachtet die ,,Rücksicht auf das Problem der Staatserrichtung ,,selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand ha-
den Nutzen" als ,,den Nerv und die Seele aller menschlichen Handlungen" 319. ben) auflosbar" sei (Kant, EF, Werke Bd. 9, S. 224; dazu Pawlik, JRE 14 [2006], 268 ff.).
322 Pufendorf, Pflicht, II/11 § 7 (S. 184).
Die Gesellschaftsmitglieder erscheinen dementsprechend als Individuen, die 323 Da es realistischerweise nur um eine Absenkung, nicht aber um eine Ausrottung der

zuallererst an ihrem eigenen Nutzen interessiert sind und diesen in rationaler Kriminalitat gehen kann, stellt der Umstand, daJ3trotz der Existenz einer Strafrechtsordnung
Weise zu verfolgen wissen 320. ,,Ware jeder Staatsbürger ein verkorperter Teufel, verbreitet delinquiert wird, keine Widerlegung der Lehre von der negativen Generalpravention
dar. (Der betreffende Vorwurf ist so alt wie die Abschreckungstheorie selbst. Eine Stimme aus
dem [Link]: Heinze, GS 13 [1861], 422; aus neuerer Zeit Maultzsch, Bemerkungen,
314 Hassemer, Strafe, S. 60. S. 96.) Deren Vertreter konnen namlich darauf verweisen, ,,daJ3überhaupt der psychologische
315 Dazu im einzelnen Greco, Lebendiges, S. 95 ff. Strafzwang seiner Natur nach ein endlicher ist, und daJ3 er seinen Zweck nur approximativ
316 erreichen kann" (v. Almendingen, Darstellung, S. 161). ,,Aber vermindert wenigstens wird
Feuerbach, Anti-Hobbes, S. 216.
317 die Zahl der Rechtsverletzungcn durch jenes Mittel; der schwankende, unentschlossene Wille
Hassemer, Selbstverstandnis, S. 66; Kersting, Macht, S. 219; Stübinger, Strafrecht,
S.163. wenigstens wird durch das Motiv der Furcht auf die Seite der Innehaltung der Grenzen des
318 Rechtes gezogen" (so der jedcr inhaltlichen Sympathie für die Abschreckungsgeneralpraven-
Oetker, ZStW 17 (1897), 532.
319 tion unverdachtige Spathegelianer Lasson, System, S. 512; ebenso Oetker, ZStW 17 [1897], 504.
Spinoza, Theologisch-politischer Traktat, S. 268.
320
Vgl. Herzog, Pravention, S. 41; Maultzsch, Bemerkungen, S. 92 (kritisch); Schüne- - Aus dem heutigen Schrifttum: Frister, AT, § 2 Rn. 10; Schmidhduser, AT, 3/16; ders., Sinn,
mann, Stellenwert, S. 122 (affirmativ). - Der Ausgangspunkt beim horno calrnlans macht S. 58, 76; ders., FS E. A. Wolff, S. 446; Altenhain, AnschluJ3delikt, S. 329 f.; Frisch, FS Mai-
die Abschreckungslehre vor allem für die Vertreter der okonomischen Theorie des Rechts wald, S. 244; Greco, Lebendiges, S. 373; Gauf, FS OLG Zweibrücken, S. 339; Hornle, Straf-
attraktiv (grundlegend Becker, Ansatz, S. 40 ff.; aus der deutschsprachigen Literatur fer- theorien, S. 24; dies., 2. FS Roxin, S. 8; dies., Strafbegründungstheorien, S. 19;Hoerster, Strafe,
ner Adams/Shavell, GA 1990, 340ff.; Entorf, Theorie, S.1 H.; McKenzie/Tullock, Horno, S. 52; ders., GA 1970, 274; ders., Verteidigung, S. 105 f.; Kliemt/Kliemt, Analyse & Kritik
S. 168 ff., 182 ff., 196 ff.; Schmidtchen, Strafrecht, S. 49 ff.; ders., FS Lampe, S. 245 ff., 266 ff.; 1981, 172; Schünemann, Pladoyer, S. 222; Vanberg, Verbrechen, S. 26 f).
324 Um eine interessentheoretische Fundierung der Praventionslehren bemühen sich Baur-
ders., Wozu, S. 128 ff., 140 ff.; Vanberg, Verbrechen, S. 7 ff.). Die sozialwissenschaftliche Kri-
tik an diesem spezifisch iikonomischen Denkmodell fafü Wittig zusammen (Wittig, Verbre- mann, Strafe, S.115ff.; Hoerster, FG Weinberger, S.226, 233; Vanberg, Verbrechen, S.11.-
68 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens B. Strafe als Prdventionsinstrnment? 69

ten bestreitet, will typischerweise deren Früchte in Ruhe und Frieden genieBen. attraktiven, da voraussetzungsarmcn Berufung auf den Topos des klugen Ei-
Das Mittel der Abschreckung tragt nach der allgemeinen Lebenserfahrung nicht gcnintcresses festhalten, so müssen sie sich auf die Interessenlage samtlicher
unerheblich zur Erreichung des Zieles der Kriminalitatsreduzierung bei. ,,Es deliktsgeneigten Gesellschaftsmitglieder mit Ausnahme des Verurteilten selbst
wirkt dem letzten Grunde rechtswidriger Begehrungen unmittelbar entgegen beschranken. Diesen anderen Gesellschaftsmitgliedern wird mittels der Bestra-
und hebt durch Hervorbringung der Furcht das innere Princip selbst auf, aus fung des Taters vor Augen geführt, daB Kriminalitat sich nicht lohnt. Es wird
welchem sie entspringen." 325Das Wissen darum, daB Straftaten mit hinreichend also nicht mehr (auch) mit dem Verurteilten gesprochen, sondern nur noch ver-
groBer Wahrscheinlichkeit bestraft werden, wirkt deshalb grosso modo auf tat- mittels seiner. Er wird - um eine Wendung Welckers aufzugreifen - verwendet
geneigte Individuen demotivierend; Straftaten, die ansonsten (d.h. im Falle der ,,wie unbrauchbare Stoffe zur Vogelscheuche" 329. Dies aber bedeutet, daB der
Abwesenheit eines funktionsfahigen Strafrechtssystems) begangen worden wa- Tater zu einem ,,Souffre-douleur der Gewalt" 330, einem ,,sozialhygienischen
ren, werden auf diese Weise verhindert. MuB nun, wer den Zweck-die Krimina- Praventionsmittel" 331 degradiert und deshalb nur mehr ,,in der rechtlichen
litatsreduzierung - will, nicht auch das zu seiner Erreichung taugliche Mittel der Form, nicht aber nach dem Inhalt der Regelung" als gleichberechtigtes Mitglied
(als Abschreckungsinstrument konzipierten) Strafe akzeptieren? der Rechtsgemeinschaft behandelt wird 332. Auf diesem Wege lafü sich ledig-
Diese SchluBfolgerung ist jedoch vorschnell. In bezug auf ein Gesellschafts- lich ein Akt der Exklusion begründen, aber keine Rechtsstrafe - denn zu dieser
mitglied, das eine strafrechtlich sanktionierte Norm gebrochen hat, gilt sie nam- gehort in den Worten des Bundesverfassungsgerichts, daB der Tater ,,nicht
lich nur mit einer bedeutsamen Einschrankung. Zwar entspricht es nach dem zum bloBen Objekt der Verbrechensbekampfung gemacht werden" darf 333
soeben Ausgeführten dem rationalen Interesse auch eines solchen Individuums, und ,,nicht für vermutete kriminelle Neigungen Dritter büBen muB, sondern
daB Strafen angedroht und mit hinreichender Regelmafligkeit verhangt wer- nach seiner Tat und seiner Schuld bestraft wird" 334.
den326;ansonsten würden die Androhungen ihren BiB und damit ihre Glaub-
würdigkeit einbüBen 327. Am günstigsten ware es für den Betreffenden freilich,
weil das betreffende Individuum in einer Weise sozialisiert ist, die ihm ein legales Verhalten
wenn lediglich die Normbrüche der übrigen Gesellschaftsmitglieder bestraft
als selbstverstandlich erscheinen laGt. Aus diesem Grund schneidet sich ein zum ,,Trittbrett-
würden, wahrend er selbst ungeschoren davonkame. Die Verhangung der Strafe fahren" entschlossener Tater nicht notwendig in das eigene Fleisch. Angesichts dieser Sach-
im Einzelfall, also jener Akt, der tatsachlich weh tut und daher in hervorragen- lage aber hat er unter Klugheitsgesichtspunkten keinen hinreichenden AnlaG, seiner eigenen
dem MaBe legitimationsbedürftig ist, lafü sich dem Betroffenen gegenüber des- Bestrafung zuzustimmen. Kennzeichnerweise zieht der Abschreckungstheoretiker Koriath
(Streit, S. 68) in seiner Begründung der Pflicht der Delinquenten zur Duldung der Strafe eine
halb nicht mehr auf den Gesichtspunkt des klugen Eigeninteresses stützen 328. Erwagung heran, die mit klugem Eigeninteresse nichts zu tun hat, sondern auf dem FairneG-
Dieser Befund konfrontiert die Vertreter der Lehre von der negativen Ge- gedanken beruht: Die Sanktionsnorm di ene der Aufrechterhaltung einer Ordnung, an der der
neralpravention mit einem Dilemma. Wollen sie an der begründungstheoretisch Verbrecher parasitar partizipiere. Die Sanktion enthalte die Kosten, die ein Delinquent in dem
MaGe zu zahlen habe, in dem er die Rechtsgüter seiner Mitbürgcr minimiert habe.
329 Welcker, Gründe, S. 214. - Diese Konsequenz ergibt sich im übrigen auch daraus, daG

Pathologische Randexistenzen wie der überzeugte Anarchist oder der Berufsrevolutionar die Strafe zur Setzung eines effcktiven Gegenmotivs für den Tdter selbst zu spat kommt: Er
bleiben insofern ausgeklammert. hat sich nicht abschrecken lassen. Unter Praventionsgesichtspunkten kann die Strafe deshalb
325 Feuerbach, Anti-Hobbes, S. 213. allenfalls noch zur Abschreckung anderer nutzbar gemacht werden.
326 Hoerster, Strafe, S. 111.
°
33 Kohler, Lchrbuch, S. 266.
327 Feuerbach, Anti-Hobbes, S. 226. 331 Kersting, Macht, S. 232.
328 3 32 E. A. Wolff, ZStW 97 (1985), S. 798. - Grundlegend für die neuere Diskussion Ba-
Ebenso Hornle, Straftheorien, S. 49; dies., Strafbegründungstheorien, S. 14; Kersting,
Macht, S. 236 f.; Kindhduser, FS Schroeder, S. 85 f.; ders., FS Hassemer, S. 766 f. - Auf den dura,JZ 1964, 343 f. - Zulctzt in diesem Sinne Mushoff, Strafe, S. 117ff. - Hoerster verteidigt
ersten Blick scheint man diesem Befund dadurch entgehen zu ki:innen, daG man den Gesell- sich gegen den Instrumcntalisierungsvorwurf mit cinem verblüffenden Argument. Der ei-
schaftsangehi:irigen die Fahigkeit zur Verfolgung komplexer Zweckreihen zubilligt. Die Ge- ncr Strafe unterworfenc Delinquent werde nicht instrumentalisiert; er sei ,,eher mit jeman-
sellschaftsmitglieder seien sich der destruktiven Konsequenzen einer allgemeinen Praxis des dem [zu] vergleichen, der als Teilnchmer einer Wohngemeinschaft im vergangenen Monat
,,Trittbrettfahrens" bewuGt. Deshalb entspreche es ihrem reflektierten Eigeninteresse, einer seinen Anteil an der gemeinsamen Miete schuldig geblieben ist und deshalb, wie zuvor verein-
Bestrafungskonzeption zuzustimmen, die sicherstelle, daG das ,,Trittbrettfahren" zu einer bart, eine Zcitlang die Toilettenreinigung übernehmen muss" (Hoerster, Strafe, S. 139). Sank-
regelmafüg unattraktiven Verhaltensoption werde (in diesem Sinne zuletzt Schmidtchen [FS tioniert wird demnach also - eine Mitwirkungspflichtverletzung! Dagegen ist vom hiesigcn
Lampe, S. 247) im AnschluG an Buchanan). Dieses Erklarungsmodell versagt aber jedenfalls Standpunkt aus nichts zu erinnern - abgesehen davon, daG diese Begründung mit dem praven-
dort, wo einem Gesellschaftsmitglied eine schwere Strafe droht, die seinen durch die Ent- tionstheoretischen, auf die künftigen Effekte der Bestrafung gestützten Ansatz Hoersters
mutigung einzelner ,,Trittbrettfahrer" bewirkten Sicherheitsgewinn übersteigt. Ferner ist unvereinbar ist.
die Annahme einer allgemeinen Praxis des ,,Trittbrettfahrens" von vornherein unrealistisch. 333 BVerfGE 50,205,215.

Die meisten Straftaten werden nicht aus klugem Eigeninteresse unterlassen, sondern deshalb, 334 BVerfGE 28, 386, 391.
70 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens B. Strafe als Prdventionsinstrument? 71

Feuerbach hat dieses Problem weitaus scharfer erkannt als viele der spateren La une sich an der Person des Regenten zu vergreifen N eigung hatte, und durch
Abschreckungstheoretiker. Deshalb unterscheidet er strikt zwischen der Andro- die Drohung, da6 er ein Paar Stockschlage haben solle, sicher abgehalten wer-
hung und der Anwendung des [Link] 335. Den Geltungsanspruch der Praven- den ki:innte, wozu denn das Androhen einer fürchterlichen Lebensstrafe? Man
tionslogik beschrankt Feuerbach auf den Bereich der Strafandrohung 336. Den [Link] doch gegen Fliegen nicht gern mit Elephanten Krieg! Umgekehrt, wenn
Rechtsgrund [Link] die Strafvollstreckung erblickt er dagegen in einer konkluden- eine gewaltsame Neigung Jemand zur Begehung eines kleinen Verbrechens
ten Einwilligung des Delinquenten: Jeder, der das Recht habe, die Unterlassung fortreifü, wozu dann die [Link] auf das geringe Ma6 des Schadens, da doch
bestimmter Handlungen zu fordern, habe auch das Recht, die Begehung dieser das rechtswidrige Begehren nur durch ein empfindliches Uebel gedampft wer-
Handlungen unter eine ihm genehme Bedingung zu stellen 337; dies gelte auch [Link] den kann? Wenn z.B. Jemand heftige Neigung hatte, einen andern am Rock zu
den Staat 338. Der [Link] [Link] sich entweder der Bedingung unterwerfen oder zupfen, so [Link] es ja gar keinen Sinn haben, wenn man sagte: wir [Link] zwar
die Handlung unterlassen. Begehe er gleichwohl die derart bedingte Tat, so be- auf deinen subjectiven Zustand [Link] nehmen, aber weil der Schaden klein
rechtige er den Staat, die angedrohte Strafe zu vollziehen 339. ist, so wollen wir dir ein Uebel drohen, welches deine Neigung nicht [Link]-
Die Unhaltbarkeit dieser Konstruktion hat bereits Feuerbachs Freund und gen kann." 345Ebenso konsequent ist Feuerbachs Annahme, da6 ,,schlechte Er-
Kontrahent Grolman aufgezeigt. In dem ,,[Link] Faktum des Andro- ziehung"346 sowie ,,[Link] Schwache und Stumpfheit der hohern Geistes-
hens" sei keineswegs ein Rechtsgrund für den [Link] Zwang enthalten 340.
Allein der Umstand, da6 der andere vorab um meine Entschlossenheit wei6, un- 345 So Thibattt (Beytrage, S. 76 f.), der daraus die Unhaltbarkeit von Feuerbachs Konzep-

ter bestimmten Bedingungen Zwang anzuwenden, macht meine Reaktion, so tion folgert. - Aus der alteren Literatur ebenso Allfeld, Lehrbuch, S. 8. - Aus dem heutigen
Schrifttum: MK-]oecks, Einl. Rn. 67; Frister, AT, § 2 Rn. 13;Jakobs, AT, 1/29 f.; ders., Straf-
sie denn erfolgt, noch nicht zu einer legitimen; entscheidend ist vielmehr die
theorie, S. 31; Bleckmann, Strafrechtsdogmatik, S. 66; Hauschild, Generalpravention, S. 39;
Legitimitat der von mir aufgestellten Bedingungen 341. Diese Bedingungen leitet Mushoff, Strafe, S. 118f.; Lesch, JA 1994, S. 517; Maiwald, Vorstellung, S. 149; Maultzsch, Be-
Feuerbach wiederum aus den Vorgaben der Abschreckungslehre ab 342. Dies ist merkungen, S. 95; Momsen/Rackow, JA 2004, 337. - Kritisch Greco (Lebendiges, S. 392):
zwar konsequent; denn um ihrer Aufgabe, der Androhung zur Wirksamkeit zu Generalpravention solle auf der Makroebene wirken und sich überhaupt nicht auf einzelne
verhelfen 343, in mi:iglichst effektiver Weise zu entsprechen, [Link] die Regeln,
Tater konzentrieren, sondern vielmehr die Folgen von Strafandrohungen für den gesamtge-
sellschaftlichen Rechtsgüterschutz berücksichtigcn. Dies ist jedoch ein Schein-Gegensatz:
die [Link] das 06 und das Wieviel der Strafe bestimmen, sich an die Wertungen des Die von Greco erhofftcn Wirkungen auf der Makroebene lassen sich nur durch die Beeinflus-
Abschreckungsdenkens anpassen. Androhung und Exekution von Strafe lassen sung vieler Einzeltater erreichen. Freilich ware niemand ernsthaft dazu bereit, die im obigen
sich nicht entkoppeln 344. Der Preis dafür ist allerdings hoch. Text entwickelten Konsequenzen auch tatsachlich zu ziehen, weil sie dem Unrechtsgehalt bei-
der Taten in keiner Weise gerecht würdcn. (Dies gilt auch für die Abschreckungstheoretiker
So darf in einem Bestrafungssystem, das ausschliefüich auf die Neutralisie-
selbst. So steht der Vorschlag, die Strafe allein von der zu erwartenden Praventionswirkung
rung der verbrecherischen Neigungen der [Link] zugeschnitten ist, das Aus- abhangig zu machen, Hoerster zufolge ,,in diametralem Gegensatz zu jenen Gerechtigkeits-
ma6 des jeweils drohenden Schadens keine Rolle spielen. ,,Eine Handlung sey vorstcllungen [... ],die jeder Bürger als selbstverstandlich mit der staat!ichen Strafe verbindet"
daher noch so gemeinschadlich und verderblich, als sie wolle, wenn geringe [Hoerster, Strafe, S. 101]. Indessen: Seit wann gehéirt die Berufung auf die Gerechtigkcitsüber-
zeugungen der Bevéilkerung zum Argumentationsrepertoire der negativen Generalpraven-
Antriebe zu derselben reitzen, so ist sie nicht harter zu strafen, als ni:ithig ist um
tion?) Hat man aber erst einmal anerkannt, daG die Lehre von der negativen Generalpraven-
diesen Reitz zu heben. Wenn ein fader Mensch, in einer lappischen, tandelnden tion sich nicht als MaGstab der Verbrechenszurechnung und der Strafzumessung eignet, so
kann man sie konscquenterweise auch nicht als taugliche Strafandrohungstheorie anerken-
335
ncn. - Die geschilderte Schwierigkeit lafü sich auch nicht dadurch ausraumen, daG man mit
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 52 f. H. L. A. Hart zwar die Institution der Strafe unter Rückgriff auf den Abschreckungsgedan-
336
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 49 ff. ken, konkrete Strafakte aber anhand eines retributiven MaGstabs rechtfertigt (Hart, Recht,
337
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 53. S. 66; ebenso Burkhardt, GA 1976, 341; Hornle, 2. FS Roxin, S. 20; Hoerster, aaO, S. 99 ff.;
338
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 53. Koller, ZStW 91 [1979], 46 f.; Kuhlen, Anmerkungen, S. 59; Vanberg, Verbrechen, S. 8 f.; i.E.
339
Feuerbach, Anti-Hobbes, S. 222 f.; ders., Revision, Bd. I, S. 54. auch Patzig, Ethik, S. 29 f. sowie [ungeachtet seiner Betonung des in die ser Konzeption liegen-
340
Grolman, Begründung, S. 10. den systematischen Bruchs] Weigend, Sanktionen, S. 200 f.). Ein konkreter Bestrafungsvor-
341
Grolman, Begründung, S. 12 ff. gang muG geduldet werden, weil und insofern die Strafe als solche eine legitime Institution ist.
342
Vgl. Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 39 f., 67. Die Legitimation einzelner Anwendungsakte einer Institution ist insofern cine gleichsam ge-
343
Vgl. Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 52. borgte; sie ist abgeleitet von der Rechtfertigung, welche die Institution als ganze tragt. Wenn
344
Ebenso Freund, AT, § 1 Rn. 6 Fn. 9; Kohler, AT, S. 38; ders., Zusammenhang, S. 28; Abschreckungsstrafen sich im Einzelfall- also dort, wo die Institution ihre realen Wirkungen
ders., Begriff, S. 6, 13, 53, 72 ff.; Bielefeldt, GA 1990, 116; Gossel, Bedeutung, S. 247; ders., FS zeitigt - nicht rechtfertigen lassen, dann beweist dieser Umstand, daG auch die Institution als
Pfeiffer, S. 21; Hill, ]RE 5 (1997), 308 f.; Hoerster, GA 1970, 276; Morselli, ARSP 87 (2001), ganze andcrs verstanden werden muG.
227 f.; Spendel, FS Rittler, S. 50; Streng, Kommentar, S. 129. 346 Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 417.
72 1. Kapitel: Der Begrzff des Verbrechens B. Strafe als Praventionsinstrument? 73

krafte" 347die Strafbarkeit erhohen - denn derartige Defekte unterstützen ,,noth- und frühen 70er-Jahre gewann dagegen eine Haltung die Oberhand, die mit
wendig die Wirksamkeit und die Herrschaft der sinnlichen Begierden" 348, stei- Foucault als ,,Scham vor dem Bestrafen" umschrieben werden kann [Link]
gern also die Gefahrlichkeit des mit ihnen behafteten Menschen 349und bedürfen wurde der Gedanke der Spezialpravention haufig auf den Gesichtspunkt der
daher zu ihrer Neutralisierung einer besonders nachdrücklichen Zwangs- Resozialisierung verkürzt 360. Die Spezialpravention gewann ihr oben erwahn-
maGnahme350. Eine solche Auffassung, die darauf hinauslauft, daG wir ,,die tes quasi-medizinisches Aussehen 361;es schien allein oder doch vordringlich
Zuchtruthe um so groGer [binden], je kleiner das Kind ist, welches gezüchtigt darum zu gehen, dem einzelnen Delinquenten zu helfen, ihn von seinen so-
werden soll" 351, bedeutet jedoch nichts Geringeres als eine Abkehr von dem zialen Defekten zu heilen. Indessen ist ,,Behandlung" im Strafvollzug etwas
ehrwürdigen Grundsatz, daG die Strafe ,,in einem gerechten Verhaltnis zur durchaus anderes als im Krankenhaus 362. 06 der einzelne eine Krankheit be-
Schwere der Tat und zum Verschulden des Taters stehen [muG]"352. handeln lafü, unterliegt grundsatzlich seiner freien Entscheidung. Eine Zwangs-
Es ist die Axiologik seines eigenen Systems, die sich hier gegen Feuerbach behandlung laGt sich nur unter Berufung auf ein offentliches Interesse anordnen.
wendet 353. Hat er eingangs der Revision noch mit Nachdruck den Unterschied Dieses offentliche Interesse liegt bei der Spezialpravention ebenso wie zuvor
zwischen Strafen und SicherungsmaGnahmen betont 354, gelangt er an ihrem bei der negativen Generalpravention in der Verbesserung des gesellschaftlichen
Ende zu einer Position, in der die Strafe zu einem bloGen ,,Sicherungsmittel " 355 Sicherheitsniveaus; negativ gewendet: in der Verringerung der künftig zu er-
gegen gefahrliche Individuen degeneriert ist - einer Position, die man nach ei- wartenden Kriminalitatsbelastung [Link] identisch gebliebene Ziel sol! aber
nem harten aber treffenden Wort Kleins ,,füglich das System der thierischen diesmal nicht durch die Beeinflussung Dritter, sondern durch die Einwirkung
Züchtigung oder das terroristische [...] nennen kann" [Link] straftheo- auf den Delinquenten selbst erreicht werden.
retische Konzeption spricht sich insofern selbst das Urteil: Zwar ist die ab- In Liszts Marburger Programm stehen deshalb neben der Resozialisierung
schreckende Funktion der Strafe eine ,,unablosbare Begleiterscheinung" jeder (,,Besserung der besserungsfahigen und besserungsbedürftigen Verbrecher")
Strafverhangung 357und als solche auch durchaus erwünscht; als Legitima- gleichrangig zwei weitere Strategien der Kriminalitatsbekampfung: die ,,Ab-
tionsgrund der Strafe eignet sich der Abschreckungsgedanke dagegen nicht. schreckung der nicht besserungsbedürftigen Verbrecher" und vor allem die
,,Unschadlichmachung der nicht besserungsfahigen Verbrecher" [Link] ist nicht
,,schwachliche Humanitatsduselei", die bei Liszt dem Besserungsfahigen die
III. Die Spezialpravention
Chance zur gesellschaftlichen Reintegration gewahrt, sondern der Wunsch,
durch ,,eine kühle Anpassung der Verbrechensbekampfungsmittel an die kri-
Nach einer Bemerkung Bockelmanns konnte das ,,Recht des Staates, denjeni-
minelle Eigenart des Taters" einen moglichst effektiven Interessenschutz zu ge-
gen, der aus der Reihe tanzt, zu künftigem Wohlverhalten zu notigen", einer
,,Epoche, in der die bürgerliche Gesellschaft noch nicht ihr gutes Gewissen
verloren hatte [... ], nicht zweifelhaft sein" 358. In der Reformeuphorie der 60er- 359 Vgl. Foucault, Überwachen, S. 17.- Naher Hassemer, Strafrecht, S. 91 ff.
360 Dazu P.-A. Albrecht, ZStW 97 (1985), 845; Stübinger, Strafrecht, S. 162.
361 Hassemer, Strafrecht, S. 94; ders., Selbstverstandnis, S. 66 f. - Über Vorlaufer dieses
347
Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 421. Vorstellungskomplexes im kriminalpolitischen Denken des 18. und [Link] unter-
348
Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 421. richtet Stratenwerth, FS Bockelmann, S. 908 f.
349
Vgl. Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 335. 362 Hassemer, Strafrechtswissenschaft, S. 290; von Hirsch, ZStW 94 (1982), 1077; Hornle,
35
°
351
Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 333 H. Strafbegründungstheorien, S.15; Kliemt!Kliemt, Analyse & Kritik 1981, 172.
Klein, ACrim 4 (1802), 46. 363 Bei Feuerbach ist das Sicherheitsanliegen allerdings in eine kantisch gepragte Straf-
352
BVerfGE 50, 202, 214. - Von ,,grotesken Folgen" spricht zu Recht Mushoff, Strafe, zwecklehre integriert, der zufolge der Zweck des Staates die ,,wechselseitige Freiheit aller
S. 117;ablehnend auch Greco, Lebendiges, S. 391; Hardwig, Zurechnung, S. 49; Maiwald, Vor- Bürger" ist- ,,der Zustand, in welchem jeder seine Rechte vollig ausüben kann, und vor Belei-
stellung, S. 147 ff.; Lesch, Verbrechensbegriff, S. 57 f. digungen sicher ist" (Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 39). Bei Liszt und seinen N achfolgern fehlt
353
Lesch, Verbrechensbegriff, S. 64. es dem Wandcl der Zeitlaufte entsprechend an einer vergleichbaren staatstheoretischen Ein-
354
Feuerbach, Revision, Bd. I, 5.19 ff.; ebenso bereits zuvor ders., Anti-Hobbes, S. 208. kleidung (Ehret, Liszt, S. 98 ff.; Naucke, ZStW 94 [1982], 536 ff.; ders., FS Hassemer, S. 564 ff.).
355
Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 332. Der Abschreckungsgedanke kann aufgrund seines instrumentellen Charakters jedoch ohne
356
Klein, ACrim 2 (1800), 60. -Ahnlich Bleckmann, Strafrechtsdogmatik, S. 67 (,,Mecha- Probleme auch ganz anderen Staatswesen dienstbar gemacht werden als dem liberal en Modell
nismen des Terrors"); Maurach, FS Eb. Schmidt, S. 307 (,,Diktat der Menschenvcrachtung"); Feuerbachs; im nationalsozialistischen Strafrecht spielte (neben dem Gedanken der Ausmer-
Maiwald, Vorstcllung, S. 153 f. zung von ,,Volksschadlingen") das Moment der Abschreckung ebenfalls eine tragende Rolle
357
R. Schmidt, Strafrechtsreform, S. 52. (naher Kasseckert, Straftheorie, S. 109, 164 f., 197f.).
358
Bockelmann, ZStW 81 (1969), 611. 364 Liszt, ZStW 3 (1883), 36.
B. Strafe als Praventionsinstrument? 75
74 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

wiihrleisten 365 • Dementsprechend ist der Verbrecher für Liszt weniger ein Mit- nicht der Fall sein, so besiiGe die Lehre von der Spezialpriivention keinen An-
bürger als ein Storfaktor 366 • Im Vordergrund seines Denkens steht deshalb we- spruch auf den Titel einer Straftheorie 373 • Sie würde dann niimlich nicht die
niger die Kritik an zweckloser Leidzufügung als vielmehr die Kritik an einer Legitimitiit der tatsachlich praktizierten Institution ,,Strafe" begründen, son-
nicht zweckgerechten und daher ineffizienten Verbrechensbekampfung 367 . dern unter dem Anschein tenninologischer Kontinuitiit einer Ersetzung der
374
Dort, wo Liszt einen FriedensschluB zwischen der Gesellschaft und dem Ver- Strafe durch ein andersartiges Rechtsinstitut (,,soziales Interventionsrecht" )
das Wort reden. Ein solcher ,,Wortschmuggel" 375 aber würde nach einer ebenso
brecher für unerreichbar hiilt, also im Falle der sogenannten ,,Unverbesserli-
chen", ist er ,,bestimmt nicht sentimental " 368 , sondern legt vielmehr eine groBe ruppigen wic treffenden Bemerkung von Leibniz entweder von Albernheit oder
Harte an den Tag: ,,Gegen die Unverbesserlichen muB die Gesellschaft sich von Tücke und Frechheit zeugen 376 .
schützen; und da wir kopfen und hiingen nicht wollen und deportieren nicht Wie eingangs ausgeführt, gehort zu den begriffsbildenden Merkmalen der
konnen, so bleibt nur die Einsperrung auf Lebenszeit (bezw. auf unbestimmte Strafe deren reaktiv-miGbilligender Charakter: Die Strafe reagiert auf cine un-
Zeit)." 369 rechtliche Handlung, deren Begehung sie dem Bestraften tadelnd vorhiilt 377 • Sie
Diese ,,hafüiche Seite der Spezialpriivention" 370 erinnert daran, daB die Reso- ist also, um diesen Sachverhalt in strafrechtsdogmatisch vertraute und im heu-
zialisierung innerhalb der Lehre von der Spezialpriivention keinen Selbstzweck tigen deutschen Rechtssystem darüber hinaus verfassungsrechtlich abgesi-
darstellt 371 , sondern lediglich den Reflex einer gesellschaftspolitisch nützlichen cherte Termini zu kleiden, an das Tat- sowie das Schuldprinzip gebunden 378 •
Strategie bildet 372 • Über die Tauglichkeit des Spezialpriiventionsgedankens als Ein Rechtsinstitut zum Umgang mit abweichendem Verhalten, dessen Zuliissig-
Grundlage einer Straftheorie ist mit diesem Befund freilich noch nicht ent- keit nicht von der Beachtung dieser beiden Grundsiitze abhinge, lieBe sich nicht
schieden. Conditio sine qua non ist insofern, daB die Art und Weise des Um- mehr als Strafe in dem uns geliiufigen Sinn bezeichnen. Es ist bereits haufig dar-
gangs mit abweichendem Verhalten, die sich dem spezialpriiventiven Denken auf hingewiesen worden, daB eine Spezialpriivention a la Liszt, konsequent
empfiehlt, noch die charakteristischen Züge der Strafe aufweist. Sollte dies durchgeführt, zur Preisgabe sowohl des Schuld- als auch des Tatprinzips ten-
diert. Die künftige Gefahrlichkeit des Delinquenten ist unabhiingig von dem
365
Gewicht der sozialen Storung, die sich in der vergangenen Tat manifestiert
Eb. Schmidt, ZStW 67 (1955), 181.- Nicht von ungefahr wurde dieser Zug von Liszts
Denken in zwei Beitragen aus dem Jahre 1933 besonders hervorgehoben: v. Wedel, SchwZ- hat 379 , insbesondere auch davon, ob diese Tat schuldhaft begangen worden ist
Str 47 (1933), 339 sowie Schwarzschild (v. Liszt, S. 30), die ausdrücklich hinzufügt: ,,Dieser oder nicht 380 . Im Hinblick auf einen Tiiter, der ein schweres Delikt begangen
soziale Gedankc verbindet ihn mit dem Strafrechtsdenken von heute." Vcrwiesen sei ferner hat, von dem aber keine Wiederholungsgefahr droht, bestünde kein spezialprii-
auf Georgakis, Studien, S. 40 f., 56 (eine Arbeit aus dem Jahre 1940). Zwar hat Liszt im Un-
ventives Behandlungsinteresse, ein ,,unverbesserlicher" Kleinkrimineller müBte
terschied zur nationalsozialistischen Tatertypologie kein biologisch fundiertes, bleibendes
So-Sein des einzelnen Straftaters angenommen; verantwortlich für die Kriminalitatsentste-
373 Eben dies ist die Auffassung Merkels, dcr der Spezialpraventionslehre eine ,,miíl-
hung waren aus seiner Sicht vielmehr in erster Linie die Umweltbedingungen (vgl. Liszt,
Abhandlungen, Bd. 2, S. 1 ff., 230 ff.). Mit seincr soeben erwahnten extremen Zweckorien- brauchliche Anwendung" des Wortes Strafe vorwirft (Merkel, Lehre, S. 214). - Aus der
tierung und der harten Ausgrenzung und Rechtlosstellung der ,,Unverbesserlichen" weist neueren Literatur: Duttge, Brücke, S. 57; Neumann, Anfragen, S. 166.
das kriminalpolitische Programm Liszts jedoch unübersehbare Verbindungslinien zum na- 3 74 Vgl. etwa Lüderssen, Abschaffen, S. 172.

tionalsozialistischen Strafrecht auf (naher Lesch, Verbrechensbegriff, S. 158 ff.; Muñoz Conde, 375 Nagler, Strafe, S. 6.

FS Hassemer, S. 556 ff.; Streng, MSchrKrim 76 [1993), 161). 3 76 Leibniz, Schriften, S. 225.
366 377 O ben S. 58 f.
Jakobs, Strafrecht, S. 123.
367 378 Zum Verfassungsrang des Schuldprinzips vgl. BVerfGE 6,389,439; 9,167,169; 20,323,
Vormbaum, ZStW 107 (1995), 736. - Klarstellend auch Ehret, Liszt, S. 207 ff.; Kubink,
Strafen, S. 101; Frisch, ZStW 94 (1982), 576. 331; 25,269,286; 28,386,391; 50,205,214 f.; 86,288,313; 91, 1, 17; 95, 96, 140; 109, 133, 173 ff.;
368
Georgakis, Studien, S. 41. 123, 267, 413. - Zur verfassungsrechtlichen Verankerung dieses Grundsatzes im einzelnen H.
369
Liszt, ZStW 3 (1883), 38. - Eine eindrucksvolle Auflistung der Bezeichnungen, mit de- A. Wolff, AéiR 124 (1999), 55 ff.
379 Aus der zeitgenéissischen Literatur: Beling, Unschuld, S. 2; Dahm, Recht, S. 425;
nen Liszt die Straftater, insbesondere die Mehrfachtater, belegt, findet sich bei Ehret, Liszt,
S.208. Georgakis, Studien, S. 53. - Aus dem heutigen Schrifttum: Jakobs, AT, 1/43 ff.; Frister, AT,
370
So M. Walter, FS Oehler, S. 695. § 2 Rn. 15; Maurach!Zipf, AT 1, § 5 Rdn. 5; Frehsee, Schadenswiedergutmachung, S. 72; Koch,
371
Wer Liszts ,,Mut zur sozialen Kalte" nicht aufbringt, muíl angcsichts der Frage nach Binding, S.137; Lesch, Verbrechensbcgriff, S.157; ders., JA 1994, 593; Neubacher, Jura 2000,
dem Umgang mit ,,unheilbaren" Verbrechcrn ,,die mangelnde Reichweite der Resozialisie- 517.
380 Auch dics ist bereits von den Zeitgenossen Liszts erkannt und hervorgehoben worden;
rungstheorie eingestehen" (treffend Stiibinger, Strafrecht, S. 163).
372
Naucke (ZStW 94 [1982), 536 und Ehret (Liszt, S. 130 ff.) sehen in der Politisierung des vgl. nur Merkel, Abhandlungen, S. 706 f.; Liepmann, Einleitung, S. 205. - Aus der neucren
Strafrechts, seiner Verfügbarmachung als Mittel in der Hand des die Gesellschaft organisie- Literatur: Armin Kaufmann, Strafrechtsdogmatik, S. 271; Lesch, JA 1994, 594; Neubacher,
renden Staates geradezu das Ziel von Liszts Thcorie. Jura 2000, 517.
76 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens B. Strafe als Préiventionsinstrument? 77

hingegen mit dauerhafter Unschadlichmachung rechnen 381. Um Kriminalitat ben dem Bedürfnis nach Sicherung durch das Recht auch das Bedürfnis nach
besonders nachhaltig zu verhüten, empfiehlt es sich zudem, erst gar nicht auf die Sicherheit vor dem Recht haben, ist deshalb ein spezialpraventiv ausgerichtetes
Begehung einer Straftat zu warten, sondern gefahrliche Individuen bereits im Strafrecht von vornherein allenfalls dann akzeptabel, wenn dieses Strafrecht als
Vorfeld den geeigneten MaJ3nahmen zu unterziehen 382. ausléisendes Moment der staatlichen Reaktion eine schuldhafte Tat verlangt.
Liszt sieht diese Gefahren durchaus, tut sich mit der Zurückweisung der be- Dies lauft freilich auf einen unterschiedlichen Aufbau des Strafvoraussetzungs-
treffenden Einwande aber sicht!ich schwer 383. Ausdrücklich konzediert er, und des Strafbemessungsrechts hinaus: dort Tatprinzip, hier Taterorientie-
,,daJ3 es vielleicht in der Konsequenz unserer Anschauung ware, nur auf die [Link] Axiologik des einen Komplexes diskreditiert die des anderen. Eine
Gesinnung Rücksicht zu nehmen, und nicht erst die Tat abzuwarten; wie ja überzeugende Straftheorie lafü sich aus zwei solchermaÍ5en widerstreitenden
auch der Hausarzt nicht wartet, bis ein Leiden zum Ausbruche kommt, son- Halften nicht zusammenfügen.
dern demselben vorzubeugen trachtet" 384. DaJ3 diese Folgerung, obschon sie
keineswegs absurd sei385,dennoch nicht gezogen werden solle, begründet Liszt
IV. Die positive Generalpravention
mit dem Interesse des einzelnen Bürgers an der Wahrung seiner Freiheit; dieses
Interesse verlange nach einer eindeutigen Begrenzung der staatlichen Strafge- Die negative Generalpravention setzt darauf, die Gesellschaftsmitglieder in de-
[Link] selbst konkretisiert diesen Hinweis nicht naher. Im Ergebnis trifft ren Eigenschaft als rationale Vertreter ihrer je individuellen Interessen von der
es aber zu, daJ3 ein strikt spezialpraventiv konzipiertes Strafrecht die Hand- Vorzugswürdigkeit einer Selbstdisziplinierung überzeugen zu kéinnen. Dieses
lungsfreiheit des einzelnen Bürgers in einer kaum mehr kalkulierbaren Weise Begründungsmodell erfordert es nicht, daJ3 die Gesellschaftsmitglieder in ih-
bedrohen würde 387. So müfüe beispielsweise die Entscheidung darüber, ob je- rer Rolle als Normunterworfene das Recht in dessen intrinsischem Sollenscha-
mand so gefahrlich sei, daJ3er einer vorbeugenden Behandlung bedürfe, entwe- rakter anerkennen 390. Es genügt, daJ3sie dem Blick auf die Normen und deren
der auf einer stark lückenhaften Tatsachengrundlage ergehen (und ware ent- Anwendung die Information entnehmen, ein Rechtsbruch werde sich voraus-
sprechend schlecht prognostizierbar und fehleranfallig 388), oder aber sie würde sichtlich nicht lohnen. Eine solche, rein instrumentelle Beziehung der Bürger zu
eine auÍ5erst intensive Überwachung und Durchleuchtung der Bürger erfordern ihrer Rechtsordnung ist indessen héichst instabil, denn die Erfüllung einer jeden
(und deren Freiheit aus diesem Grunde unterminieren). Für Individuen, die ne- Rechtspflicht steht hier unter dem Vorbehalt ihrer individuellen Nützlichkeit

381 Aus der zeitgeni:issischen Literatur: Birkmeyer, GS 67 (1906), 414. Aus dem heutigen
Schrifttum: Baumann/Weber/Mitsch, AT, §3 Rn.45f.; Frister, AT, §2 Rn. l5;Jakobs, AT, 389 Bekanntlich verfuhr Liszt in eben dieser Weise. Die Voraussetzungen der Strafbar-
1/45; Jescheck/Weigend, AT, § 8 IV 5 (S. 75); Kohler, AT, S. 41; Murmann, Grundkurs, § 8 keit wollte er nach liberal-rechtsstaatlichen Grundsatzen bestimmen, ganz so, wie es die
Rn. 33; Rengier, AT, § 3 Rn. 20; Roxin, AT 1, § 3 Rn. 16, 19; Schmidhauser, AT, 3/17; Straten- klassische Schule vertrat. Die Sanktion sollte hernach aber allein nach den sozialen Bedürf-
werth!Kuhlen, AT, § 1 Rn.19; Mushoff, Strafe, S.147, 155; Duttge, Brücke, S. 55; Hassemer, nissen bemesscn wcrden (exemplarisch Liszt, Aufsatze, Bd. II, S. 71). Nach der Binnenlogik
Selbstverstandnis, S. 65; Lenckner, Strafe, S. 16; Lesch,JA 1994, 593 f.; Maiwald, Entwicklun- von Liszts System bleiben die rechtsstaatlichen Einhegungen des Strafrechts jedoch stets
gcn, S. 295; Momsen/Rackow,JA 2004, 338; de S011sa,FS Hassemer, S. 316. in der Defensive. Sie sind, wie Neumann (Strafrechtsverstandnis, S. 64) hervorhebt, ,,dem
382Aus dem alteren Schrifttum: Beling, Unschuld, S. 2; Birkmeyer, ZStW 16 (1896), 117; therapeutischen Strafrecht auGerlich und aus seiner Sicht bedauerliche tlindernisse auf dem
ders., GS 67 (1906), 415; Liepmann, Einleitung, S. 205; Merkel, Abhandlungen, S. 706 f.; R. Weg zur gri:iÍ\tmi:iglichen Effizienz". Dcshalb stehen s1eunter dem bestand1gen ,,D'.·uck dcr
Schmidt, Aufgaben, S. 139. - Neuere Stimmen: Baumann/Weber! Mitsch, AT, § 3 Rdn. 46;]e- nach rechtlichen Freiraumen verlangenden Kriminalpolitik" (aaO). - In diesem Smne be-
scheck/Weigend, AT, § 8 IV 5 (S. 75); Maurach!Zipf, AT 1, § 5 Rdn. 5; Roxin, AT 1, § 3 Rn. 16; reits Radbrnch, Rechtsphilosophie, S.156; Birkmeyer, GS 67 (1906), 415. - Aus dem heuti-
Hoerster, Strafe, S. 55 f.;]akobs, Strafrecht, S. l20;Kühl, Bedeutung, S. 29; Lesch,JA 1994, 594. gen Schrifttum: Kaenel, Konzeption, S. 73 f.; Ehret, Liszt, S. 184 f.; Kubinle, Strafe1_1,S. 295;
383 So auch die Einschatzung von Frisch, ZStW 94 (1982), 584 und Koch, Binding, S. 138 f. Muñoz Conde, FS Hassemer, S. 544; Naucke, ZStW 94 (1982), 541,544 ff.; ders., KntV 1993,
- Das Gleiche gilt für die (vom Verfasser auf Kant und Hegel zurückgeführte) Spezialpraven- 159; Roxin, ZStW 81 (1969), 640 f.; Vormbaum, ZStW 107 (1995), 736. - Im Bereich des Straf-
tionslehre Merles (Merle, Strafen, S. 12 f., 48 ff., 59 ff.; dazu naher Pawlik, ZStW 120 [2008], vollzugs spielen diese Limitierungen denn auch praktisch keine Rolle mehr. Georgakzs (Stu-
131 ff.). dien, S. 57) weist darauf hin, daG Liszt es im Gegensatz zu vicien anderen Vertretern der
384 Liszt, Aufsatze, Bd. II, S. 16. spezialpraventiven Richtung im Strafrecht ,,~urchaus abgelehnt hat, die _rechtlich~ Stellun_g
385Vgl. Liszt, Aufsatze, Bd. II, S. 59. des Straflings im Strafvollzug in dem Sinne irgendwel~her Garant1en semer P~rsonh~hke1t
386 Liszt, Aufsatze, Bd. II, S. 60, 80 f. - Sehr deutlich auch der Liszt-Schüler Heinemann, nach konstitutionell liberalistischen Grundsatzen zu s1chern". ,,Jeder Rechtss1cherhe1tsan-
ZStW 13 (1883), 416 f. spruch des erwiesenen Feindes der Rechtsordnung in der Strafzumessung und im Stra_fvoll-
387 Dies betonen bereits Birkmeyer, ZStW 16 (1896), 116 ff. und R. Schmidt, Aufgaben, zug weicht bei Liszt ohne das geringstc Bedenken vor dem Anspruch der sozialen S,cher-
S. 139 ff. - Ebenso Frisch, ZStW 94 (1982), 585 f. heit." (aaO)
388 Darauf stellt M. Walter (FS Oehler, S. 699) hauptsachlich ab. 390 Müller-Tnckfeld, Integrationspravention, S. 92.
78 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens B. Strafe als Prdventionsinstrument? 79
391
für den Pflichtigen : ,,Von einem Gemeinwesen, dessen Untertanen nicht zu chard Schmidt gesprochen - als ,,Zucht zum Guten" 402 ,,das Rechts- und Staats-
den Waffen greifen, weil sie durch Furcht eingeschüchtert sind ", trnt sich in den gefühl derer starken, die bei dem Konflikt zwischen Verbrechen und Staat auf
Worten Spinozas ,,eher sagen, daB es ohne Krieg ist, als daB es sich in einem Zu- seiten des Staats stehen, die das begangene und strafwürdige Unrecht miBbilli-
stand des Friedens befindet" 392 • Die Gesetze, die die ,,Seele des Staates" seien, gen"[Link] ist diesem Verstandnis zufolge ,,nur ein Verstarkungsmittel. Im
ki:innten nicht intakt bleiben, ,,wenn sie nicht [zugleich] in der Vernunft und Vordergrund steht die Überzeugungskraft der Norm sel?st." 404 Dies setzt frei-
in der den Menschen gemeinsamen Affektivitat ihre Stütze haben" 393 • Deshalb lich voraus, daB die ,,MachtauBerung" des Staates ,,in Ubereinstimmung mit
habe der die gri:ifüe Herrschaft, der über die Herzen der Untertanen gebiete 394 . den Anschauungen der Bürger über die Handlung und deren zu erwartende
Erstrebenswert ist es demnach, wenn die Bürger statt aufgrund von punktu- Folgen" steht 4º5 • Eine Strafe muB sozial als gerecht anerkannt sein, um eine der
ellen, klugheitsbasierten Entscheidungen aufgrund von habituellen, in ihrem gesellschaftlichen Integration forderliche Wirkung entfalten zu ki:innen406 • An-
sonstigen Wertesystem affektiv verankerten Dispositionen handeln 395. Auch in sonsten trate - ebenso wie bei der negativen Generalpravention, jetzt aber nicht
der Sozialphilosophie 396 , Rechtssoziologie 397 und Kriminalpolitik 398 der Ge- mehr beschrankt auf deliktsgeneigte Bürger, sondern als allgemeine Haltung -
genwart wird die Bedeutung nicht-instrumenteller Faktoren für das Recht be- Furcht an die Stelle des einsichtsvollen Lernens. Die Herausbildungvon Rechts-
tont. ,,Mit Pflichtbegründungen, Strafdrohungen, Lohnversprechen allein kann vertrauen würde sich auf eine rein auBerlich bleibende Anpassungsleistung re-
d~r Staat sein~ Existenz nicht fristen." 399 Die soziale Geltung des Rechts hangt
v1elmehr zu ernem guten Teil ab ,,von der Anerkennung seiner (ethisch-sittli- S. 20 ff.; Rethmann, Rechtstheorie 31 (2000), 133 ff.; Sternberg-Lieben, Schranken, S. 557 ff.;
chen) Verbindlichkeit, die ihrerseits nicht erzwingbar ist" 4ºº. Streng, ZStW 92 (1980), 648 ff.; ders., ZStW 101 (1989), 287 ff.; Vogler, ZStW 90 (1978), 142 ff.
402 R. Schmidt, Aufgaben, S. 25.
Die Lehre von der positiven Generalpravention hat diesen Gedanken für den 403 R. Schmidt, Aufgaben, S. 52.
Bereich des Strafrechts fruchtbar gemacht 401 . Danach soll die Strafe - mit Ri- 404 Kriimpelmann, GA 1983, 343.
405 R. Schmidt, Aufgaben, S. 62; vgl. auch Merkel, Abhandlungen, S. 721; dens., Lehre,
391 S. 231 f.; Oetker, ZStW 17 (1897), 537 H.-Aus dem aktuellen Schrifttum: T. Walter, ZIS 2011,
Winkler, Freiheit, S. 231; Baurmann, GA 1994, 371; ders., Normativitat, S. 165;Kohler,
_
636, 646. - Aus der Literatur des spatcn [Link]: Klein, ACrim 2 (1800), 64 f., 91;
FS Hll"sch. S. 6?. - _Treffend Bumke, Ausgestaltung, S. 25: ,,Der Nutzen bildet einen guten pragnant ferner Thibaut (Beytragc, S. 101): ,,Die Geschichte hat uns wohl gezeigt, dalles dem
Grund, abcr kern h111re1chendstabiles Fundament für die Kooperation."
392 Regenten gelingen kann, ausnahmsweise in einzelnen Fallen weiter_ zu gehcn, als das _Volk
Spinoza, Politischer Traktat, S. 65.
393 wünschte: aber sic hat uns noch kein Beyspiel geliefert, dall die Cnmrnalverfassung uber-
Spinoza, Politischer Traktat, S. 217.
394 haupt dem Volkscharakter widerstreiten kann, und dalles moglich ist, auch nur einJahrzehnd
Spinoza, Theologisch-politischer Traktat, S. 250.
395 auf diese Art die Zuchtruthc zu führen."
Baurmann, GA 1994, 374. 406 Streng (Zweckstrafrecht, S. 231) spricht in diesem Zusammenhang deshalb von ~inem
396
Birnbacher'._ Tun, S_.307; Hildebrand, Rationalisierung, S. 105 H., 134 ff.; Kersting, demokratischen Strafrechtsmodell". Allerdings war das genannte Theorem bere1ts 111der
Macht, S. 213; Krdft, Apnontat, S. 102; Mieth, Sozialethik, S. 74; Pawlowski, Bedeutung, :ordemokratischcn Strafrechtswissenschaft des [Link] wohlbekannt (naher Greco,
S. 6 f.; Postema, Conformity, S. 56 ff.
397 Lebendiges, S. 235 ff. und Stiibinger, Strafrecht, S. 306 f.). Selbst in der Endphase des Dritten
Baurmann, Thesen, S. 411 f.; ders., FS Lüderssen, S. 17, 29.
398 Rcichs (1944) wurde es von namhafter Seite vertreten (Dahm, FS Kohlrausch, S. 15). - Bc~eut-
Zipf, Kriminalpolitik, S. 40.
399 sam für die Nachkriegsdiskussion: Eb. Schmidt, ZStW 67 (1955), 187;Nowakowskz, FS Rmler,
Oetker, ZStW 17 (1897), 507.
400 S. 65 f., 85 ff.; Gallas, Gründe, S. 4; Noll, Begründung, S. 22; ders., FS H. Mayer, S. 223; Lack-
Bockenforde, Staat, S. 251 f. - Weitere Nachweise aben S. 39.
401 ner,JZ 1967,515 f.;Jescheck, ZStW 80 (1968), 59;Horstkotte,JZ 1970, 125. -Gegenwartige Ver-
Aus der alteren Literatur: Allfeld, Lehrbuch, S. 10 ff.; H. Mayer, Strafrecht, S. 26 ff., treter: HK-GS-Rossner, Vorbem. zu § 1 Rn. 9 f., 22; MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 69, 87; ders.,
19_5f._;de~s., AT, S. 23 ff.; ders., DStR 1938, 106; Dahm, Recht, S. 418; v. Gemmingen, Rechts- Erfolgsdelikt, S. 107 f.; S/S-Stree/Kinzig, Vorbcm. §§ 38 H. Rn. 3; Baumann/Weber!Mitsch,
w1dngke1t, S. 39 ff.; Nowakowski, FS Rittler, S. 85 ff.; Noll, FS H. Mayer, S. 223 ff.; Griinwald, AT, § 3 Rn. 65; ]escheck/Weigend, AT, § 8 II 4 (S. 69), IV 5 (S. 75), V 1 (S. 76); Schmidhauser,
ZStW 80 (1968), 92 ff. - Vertretcr dieser Position innerhalb der neueren Diskussion: HK-GS- AT, 3/l9;Achenbach, Zurechnung, S. 143 ff.; Baurmann, GA 1994, 379 ff.; Bockelmann, FS R.
Rossner, Vorbem. zu § 1 Rn. 7 ff., 22; MK-Frezmd, Vor §§ 13 ff. Rn. 68 f., 91; ders., AT, § 1 Lange, S. 5 f.; Dolling, ZStW 102 (1990), 15 f.; Hart-Honig, Strafzumessung, S. 98 ff.; Henkel,
Rn. 10; ders., Erfolgsdehkt, S. 105 ff.; ders., Lcgitimationsfunktion, S. 48 f.; Baumann/Weberl Strafe, S. 40; Kalous, Generalpravention, S. 249 H.; Kargl, ARSP 82 (1996), 507; Kzndhauser,
Mztsch, AT, § 3 Rn. 30 H., 65; Frister, AT, § 2 Rn. 26 f.; Hassemer, Einführung, S. 324 H.; ders., GA 1989, 503 ff.; Kiipper, Straftheorie, S. 211; Kunz, ZStW 98 (1986), 831 f.; Lenckner, Strafe,
Strafe, S. 96 ff.; ders., Strafz1ele, S. 64 f.; ders.,JuS 1987,264 f.; ders., Variationen, S. 34 ff.; ders., S. 23 f.; Maiwald, GA 1983, 54 f.; ders., Entwicklungen, S. 303; Miehe, Ende, S. 252; Moas,
Strafrecht, S. 109 ff.; ders., Selbstverstandnis, S. 12, 78 H.;Jakobs, AT, 1/14 ff.; ders., Schuld, FS Pallin, S. 305; Morselli, ARSP 87 (2001), 230; Miiller-Dietz, FS Jescheck, S. 824 ff.; Neu-
S. 31 ff.; Achenbach, Zurcchnung, S. 142 H.; Bleckmann, Strafrechtsdogmatik, S. 82, 124 ff.; mann, Zurechnung, S. 21 f., 270 ff.; ders., ZStW 99 (1987), 589 ff.; ders., Strafrechts~erstiind-
Derksen, Handdn, S. 175 ff.; Ebert, Vergeltungsprinzip, S. 46 f., 52 f.; Garditz, Staat 49 (2010), nis, S. 67 f.; ders., Kritik, S. 148 H.;ders., Deutung, S. 400 ff.; H.-]. Otto, Generalpravent10n,
357 f.; Haffk_e, T1efenpsycholog1e, S. 62 ff., 79 ff., 162 ff.; Kriimpelmann, GA 1983, 343 f.; Mai- S. 270 f., 276, 284 f.; Roxin, FS Müllcr-Dietz, S. 709; Sternberg-Lieben, Schranken, S. 558 f.;
wald,_ EntwJCklungen, S. 303; Mir Puig, ZStW 102 (1990), 922 f.; Moas, FS Pallin, S. 300 H.; Streng, ZStW 92 (1980), 663; ders., ZStW 101 (1989), 292 ff., 332; ders., Sanktionen, S. 12; ders.,
Musszg, Schutz, S. 140 ff.; H.-]. Otto, Generalpravention, S. 264 H., 276 ff.; Reemtsma, Rccht, JRE 13 (2005), 710 ff.; Tomforde, Zulassigkeit, S. 88.
B. Strafe als Prdventionsinstrument? 81
80 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

duzieren, und das allgemeine Rechtsbewufüsein würde nicht beruhigt, sondern retributive Strafbegründung bestehe 411 . In diesem Fall kann nur ein im wesent-
einer dauernden Irritation ausgesetzt werden. lichen nach Vergeltungsgrundsatzen operierendes Strafrecht die optimale Inte-
Solange die Lehre von der positiven Generalpravention sich mit dem An- grationswirkung entfalten. Von dem eigenen praventionstheoretischen Aus-
spruch begnügt, ein allgemeines rechtssoziologisches Theorem für das Verstand- gangspunkt der betreffenden Autoren her betrachtet ist ein solches Begrün-
nis des Strafrechts nutzbar zu machen, solange sie sich also lediglich als eine dungsmodell indessen irrational. Da sie es aber dennoch nicht ignorieren
Strafrechtstheorie versteht, welche von einem systemexternen Standpunkt aus ki:innen, lauft ihre Position einer ,,relativierte[n] Vergeltung" 412 auf das Ansin-
die Funktion des Strafrechts und seiner Sanktionen in der Gesellschaf t erklart 4º7 nen anden Verurteilten hinaus, sich um des gesellschaftlichen Friedens willen
- solange ist gegen diese Konzeption nichts Grundsatzliches einzuwenden 4 º8 . einem unvernünftig motivierten Zwang zu unterwerfen 413• Eine Pflicht, die
Weitaus problematischer wird die Sachlage, sobald die Lehre von der positiven Unaufgeklartheit der eigenen gesellschaftlichen Umwelt duldend hinzuneh-
414
Generalpravention als eine genuine Straftheorie ausgegeben wird, sobald ihr also men, lieise sich freilich eher als Aufopferung denn als Strafe charakterisieren •

der Anspruch zugeschrieben wird, eine Antwort auf die Frage zu bieten, weshalb Die Begründung dementiert hier das Begründungsziel.
es überhaupt Strafe geben dürfe. Angesichts dieser prekaren Situation scheint den Befürwortern der positiven
Die soeben angesprochene rechtssoziologisch-externe Perspektive ist not- Generalpravention nichts anderes übrig zu bleiben, als ihre legitimationstheo-
wendig mit einer distanzierten Haltung des betreffenden Beobachters gegen- retischen Überlegungen zu verheimlichen bzw. den Mitgliedern des Rechtssta-
über den von ihm festgestellten sozialen Wertüberzeugungen verbunden: Wer bes zu empfehlen, im Rahmen ihrer beruflichen Tatigkeit gleichsam mit gespal-
beobachtet, der affirmiert nicht. Aber auch die als Straftheorie im eigentlichen tener Zunge zu sprechen 415 • Um dem eigentlichen Interesse der Bevi:ilkerung,
Sinne verstandene, also auf den internen Standpunkt des Rechtsanwenders be- der Befestigung des sozialen Friedens, zu dienen, sollten sieso tun, als teilten sie
zogene Variante der positiven Generalpravention sinnt - jedenfalls auf den deren -wie ihnen bewuist ist: in Wahrheit unvernünftiges - Interesse an Vergel-
ersten Blick - dem Rechtsanwender nicht an, sich mit den Vorstellungen der tung. ,,Der Praventionstheoretiker schlüpft in die Rolle des platonischen Philo-
Bevi:ilkerung über den Sinn der Strafe zu identifizieren. Der Rechtsanwender sophenherrschers, dem in bestimmten Situationen der Griff zur medizinischen
scheint sich vielmehr darauf beschranken zu ki:innen, die Existenz (und den Lüge erlaubt ist. Er gleicht der Figur des betrügenden Priesters, die wir aus dem
etwaigen Wandel) dieser Vorstellungen als soziale Tatsachen zu konstatieren 4 º9 • ideologiekritischen Fundus der Aufklarung kennen: dem Volk erzahlt er Ge-
Beachtung verdienen sie nicht wegen ihrer inhaltlichen Richtigkeit, sondern schichten, deren Wahrheit er selbst nicht glaubt." 416 Der Preis, der für diese
nur deshalb, weil angenommen wird, dais die Bestatigung des Rechtsbewufü-
seins der Gesellschaftsmitglieder zu einer inneren Festigung der betreffenden 411Vgl. etwa Dolling, ZStW 102 (1990), 15 f.; Kalous, Generalpravention, S. 249 ff.; Miehe,
Gesellschaf t führt. Ende, S. 252; Morselli, ARSP 87 (2001), 230; Miiller-Dietz, FS Jescheck, S. 824; Streng, ZStW
92 (1980), 663; T Walter, ZIS 2011, 636 ff.- In jüngerer Zeit wird dagegen nicht selten eine zu-
Lafü diese Distanz sich unter dem Blickwinkel der spezifisch straftheoreti- nehmende Distanzierung der Beviilkerung von einem einseitig retributiven Verstandnis der
schen Legitimationsfrage aber wirklich durchhalten? 41 º Die Probleme werden Strafe angenommen (vgl. Frehsee, Schadenswiedergutmachung, S. 104; Liiderssen, Abschaf-
sichtbar, sobald die Bevi:ilkerung die Strafe aus Gründen befürwortet, die der fen, S. 93,414; Stratenwerth, Zukunft, S. 47).
betreffende Straftheoretiker von seiner Warte aus als ,,falsch" bewerten muis. 412 Maiwald, Bedeutung, S. 71.
413 So ausdrücklich Ebert, Vcrgeltungsprinzip, S. 52 f. und Haffke, Tiefcnpsychologie,
So nimmt die Mehrzahl der Vertreter der These von der ,,Pravention durch ge-
rechte Vergeltung" an, dais in der Bevi:ilkerung eine starke Praferenz für eine
s.85.
4H An dieser kategorialen Unangemessenheit würde auch die von Ellscheid/Hassemer
(Strafe, S. 287) zur Bandigung des ,,irrationalen Vergeltungsbedürfnis[ses] der Gesellschaft"
vorgeschlagene Heranziehung des Verhaltnismafügkeitsprinzips oder die von S_traten_werth
(FS Bockelmann, S. 918) eingeforderte Verknüpfung der strafrechthchen Sanktion m1t dem
. [Link] für dieses Verstandnis der positiven Generalpravention ist J akobs' Funk-
tionahsmus \zusammenfassendJakobs, ZStW 107 [1995], 843 ff.; zur deskriptiven Anlage die- Angebot von Hilfc nichts andern. . .
415 Die [Link] Problematik ist erstmals von M. Bock themat1S1ert worden; vgl.
ser Konzept10n aaO, 867). - Naher Pawlik, Verhalten, S. 62 ff.; Kalous, Generalpravention,
M. Bock, ZStW 103 (1991), 649 ff.; dens., JuS 1994, 97 f. - Ebenso Frister, Struktur, S. 81 f., 97;
S. 108 f.; Neumann/Schroth, Theorien, S. 34; Neumann, Kritik, S. 149; ders., Alternativen,
Griffel, GA 1996, 465; Haas, Strafbegriff, S. 273; Hornle, Strafzumessung, S. 118; _Hornlel
s.104 f. van Hirsch, Generalpravention, S. 89 f.; Kersting, Macht, S. 242; Koch, Entknm111ahs1erung,
408 Ebenso Greco, Lebendiges, S. 418; Haas, Strafbegriff, S. 274. - A. A. Schneider, Ein-
übung, S. 328 ff. (,,rechtssoziologisch unterkomplex")· Kahlo Handlungsform S. 100. S. 147; Mushoff, Strafe, S. 134; Pielsticker, Revisionsfalle, S. 63; Prittwitz, Strafrecht, S. 235;
409 I n d'1esem Smne
· · Nowakowski, FS Rittler,
' S. 85 'ff. ' Puppe, FS [Link], S. 480; Schneider, [Link], S. 324, 337; Wezgend, Kommentar, S. 33;
bereits
410
Kritisch Frister, Struktur, S. 79 ff; Neumann, Deutung, S. 404; Sacher, ZStW 118 E. A. Wolff, ZStW 97 (1985), 803.
(2006), 598 ff. 416Kersting, Macht, S. 242.
82 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens
C. Strafe als Antwort auf die Verletztmg einer Mitwirkungspflicht 83

Strategie gezahlt werden müfüe, ist jedoch inakzeptabel hoch: Es würdc nicht die Politik ausgeliefert werden 424und damit auf den Status zurückfallen konnte,
nur (wie bei der negativen Generalpravention) dem Verurteilten, sondern der den es im spatabsolutistischen Wohlfahrtsstaat innehatte 425.
gesamten ,,unaufgeklarten" Bevolkerung die kommunikative Gleichheit abge- Auch wer diese Befürchtung für übertrieben halt, kann nicht in Abrede stel-
sprochen417. Statt die legitimationstheoretischen Defizite der negativen Gene- len, daB tragende Elemente des bisherigcn Verbrechensverstandnisses sich nur
ralpravention abzubauen und - wie Hassemer meint - die Menschen ernst zu mühsam in einen praventionstheoretischen Rahmen einfügen. Dies gilt etwa für
418
nehmen , würde die Lehre von der positiven Generalpravention diese Defizite das vom Bundesverfassungsgericht hervorgehobene Schuldprinzip [Link] ist
sogar noch vergroBern.
Vorwerfbarkeit, so lautet die heute gelaufige Kurzformel 427; Gegenstand des so
verstandenen Schuldvorwurfs ist nach herkommlicher Diktion das vom Tatcr
verübte Unrecht 428. Die so verstandene Schuld hat ihren Bezugspunkt mithin
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung in der Vergangcnheit: Dem Beschuldigten wird bescheinigt, für die von ihm be-
einer Mitwirkungspflicht gangenen Taten im strafrechtlichen Sinne verantwortlich zu sein. Die ,,allein zu-
kunftsgewandte Pravention" leidet indes an einer ,,strukturbedingten Blindheit
I. Gefahren des Praventionsdenkens und Renaissance [... ] für die vergangene Tat" [Link] konsequenten Pravcntionsdcnken ist, wie
der Vergeltungstheorie gesehen, der Blick zurück fremd; ihm geht es allein darum, künftige Gefahren
zu bannen. An die Stelle der im herkommlichcn Sinne verstandenen Schuld tritt
,,Das zentrale normative Problem des Praventionsparadigmas [... ] ist seine MaB- deshalb die Kategorie der Gefdhrlichkeit. Wozu dies führt, lieB sich exempla-
losigkeit." 419Alle Praventionsbemühungen nehmen ihren Ausgang bei dem Be- risch an der Lehre Feuerbachs studieren. Defektc, selbst wenn sie unverschuldet
dürfnis nach Sicherheit. Sicherheit aber ist ein unerreichbares Ziel, denn jedes sind, ziehen danach haufig eine Erhohung der Strafbarkeit nach sich: Bei Indivi-
Sicherheitsniveau laBt sich immer noch weiter verbessern. Umgekehrt gibt es duen, die von schlechter Erziehung odcr natürlicher Stumpfheit belastet sind, ist
nichts, was nicht als Bedrohung wahrgenommen und entsprechend deklariert die Gefahr besonders groB, daE sie sich in Konfliktfallen nicht rechtskonform
werden konnte. Dies verleiht der Pravention den ,,Charakter des UnabschlieB- motivieren werden; deshalb bedarf es in diesen Fallen einer besonders massiven
baren: Vorbeugen kann man nie genug und nie früh genug." 420In den Han- Strafandrohung 430. Auch im übrigen schrumpft Schuldfahigkeit unter den Pra-
den eines aktivistischen nationalen und europaischen Gesetzgcbers dient der missen der negativcn Generalpravention zur bloBen Dressicrbarkeit zusammen.
Praventionsgedanke denn auch als eine Art Generalschlüssel zur Strafbarkeits- Um sich von einer Strafdrohung wirksam abschrecken zu lassen, muE jemand
ausdehnung421: ,,Wo man auch hingeht, stets hort man das Strafrecht- mal lau- Hoerster zufolgc nur über drei Arten von Fahigkeiten verfügen: ,,Er muss intel-
ter, mal leiser - rufen: Sei beruhigt, ich bin schon da." 422Mit guten Gründen ligent genug sein, um von der drohenden Strafe zu wissen; er muss urteilsfahig
wird befürchtet, daB das Praventionsparadigma kraf t der ihm innewohnenden genug sein, um die drohende Strafe gegen die Vorteile der Tat abwagen zu kon-
Expansionslogik das Strafrecht (und nicht zuletzt auch das Strafverfahrens- nen; und er muss psychisch gesund genug sein, um die Losung, die er für rational
recht) seiner disziplinaren Identitat zu berauben und es in ein umfassendes Re- halt, auch wirklich in die Tat umsetzen zu konnen." 431Von diesen Fahigkeiten
gime der Gefahrenbekampfung und Verhaltenslenkung einzugliedern droht 423. keinen angemessenen Gebrauch zu machen bedeutet aber nur, unklug, also dem
Es wachst die Besorgnis, daB das Strafrecht gleichsam mit Haut und Haaren an eigenen Interesse zuwider zu handeln. Ein Schuldvorwurf setzt dagegen voraus,
4 7
_ '. Haas, Strafbegriff, S. 273; Kersting, Macht, S. 242; M. Bock, JuS 1994, 97; Neumann,
Knt1k, S. 147. 424
418 Streng, Zweckstrafrecht, S. 237.
Vgl. Hassemer, Variationen, S. 37. 425
419 Dazu Reulecke, Gleichheit, S. 143 ff.; Zabel, ZStW 120 (2008), 83 ff.
Hassemer, Selbstverstandnis, S. 50. 426 Nachweise oben S. 75 Fn. 378.
420
Brockling, Behemoth 1 (2008), 42. - Naher Frankenberg, KJ 2005, 375 f.; Grimm, KritV 427 ]escheck!Weigend, AT, Vor § 37 (S. 404); Lackner!Kühl, Vor § 13 Rn. 23; SK-Rudolphi,
19~6, 38 ff.; Kahlo, Handlungsform, S. 92 f.; Lepsius, Leviathan 32 (2004), 87 f.; Neumann,
Vor § 19 Rn. 1; Maurach!Zipf, AT 1, § 35 Rn. l; Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 10 Rn. 4; Bau-
Femdstrafrecht, S. 307 f.; M. Walter, FS Hirsch, S. 901, 914 f.; Zabel, Konflikt, S. 238 ff.
421
Oben S. 18 f. mann/Weber/Mitsch, AT, § 18 Rn.1; Wessels/Beulke, AT, Rn. 394.
428 Gropp, AT, § 7 Rn. 26; Heinrich, AT 1, Rn. 528; Wessels/Beulke, AT, Rn. 402. -Zur hie-
422
Kindhauser, Universitas 3 (1992), 229. - Von ,,Ubiquitatspravention" spricht treffend sigen Kritik an der Kategorie eines schuldunabhangigen Unrechts unten S. 259 ff.
M. Walter, FS Hirsch, S. 901. 429 Mosbacher, ]RE 14 (2006), 487.
23
~ Ffscher, Einl. Rn. 12a; Gropp, AT, § 1 Rn. 85; Hassemer, WestEnd 2006, 75; Kindhduser, 430 Oben S. 71 f.
Umvers1tas 3 (1992), 228 ff.; Miiller-Dietz, FS R. Schmitt, S. 101 f. 431 Hoerster, Strafe, S. 110.
84 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens
C. Strafe als Antwort attf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 85
daB der Tater in seinem Handeln der normativen Gleichheit seines Gegenüber
Rechnung zu tragen vermag. das deliktische Verhalten gestorten Ordnungsvertrauens" 441. Da die konse-
quent angewendete positive Generalpravention - auch i~soweit nicht anders ~Is
Ahnlich sehen die Dinge bei Liszt und seinen Schülern aus. Einem konse-
die negative Generalpravention und die Spezialpravent10n - den _Schuldbegr_1H
quent durchgeführten System der Spezialpravention zufolge werden Art und
(,,Derivat der Generalpravention" 442) vom Strafzweck her bestimmt, b~m1fü
AusmaB der Strafe durch die in der Personlichkeit des Taters begründete Ge-
sich ihr zufolge das Schuldurteil nach dem zur Erhaltung des gesellschafthchen
fahr künftiger Deliktsbegehung bestimmt. Je nach der Motivationsbedürftigkeit
Vertrauens in die Orientierungsleistung der Norm Notwendigen 443. Auch für
und Motivationsfahigkeit des Betreffenden auBert sich die Strafbedürftigkeit
die Lehre von der positiven Generalpravention ist der herkommliche S~huldbe-
als Abschreckungs-, Besserungs- oder Isolierungsbedürftigkeit 432. Für die Ka-
griff deshalb allenfalls eine Hilfskategorie, die nicht u:11ihre~ selbst wille~ An-
tegorie d~r ~chu!d, verstanden als Verantwortlichkeit für das begangene Ver-
erkennung verdient, sondern lediglich als Ausdruck emes bei der Mehrhe1t der
brechen, ist 111 diesem System kein Raum 433. Dies lafü sich am besten anhand
Bevolkerung ver mu teten Zurechnungsmusters Berücksichtigung bean~pruchen
derje~igen_ Anhanger einer spezialpraventiven Strafbegründung demonstrie-
kann 444. Eine derartige Begründung des Schuldprinzips ware ,,anfalhg gegen-
ren, die, wie etwa Eberhard Schmidt, an der überkommenen Rede vom ,,Schuld-
über jedem ihr widersprechenden Zweckmafügkeitsk~lk~l " 445; zude_m ~au~t
vorwurf" festhalten. Entsprechend seiner Überzeugung, daG die Verbrechens-
Rücksichtnahme auf fremde Unvernunft von vornherem mcht als Basis fur ei-
lehre von der Straftheorie abhangig sei434, betont Eberhard Schmidt, der Ge-
nen Vorwurf 446.
g_enst~nddes Schuldvorwurfs sei ,,nicht a priori eindeutig gegeben"; er bestimme
Im Rahmen eines den Güterschutzgedanken konsequent umsetzenden Pra-
sich vielmehr nach den Aufgaben, die der Bestrafung gestellt würden [Link] die
ventionsmodells hat der Gedanke eines Schuldvorwurfs somit keinen Platz 447;
S:rafe im Urteil und Vollzug generalpraventiv gedacht werde, komme nur die
Schuld kann hier ,,allenfalls formale Voraussetzung der Verhangung staatlicher
Emzeltatschuld als Voraussetzung der Bestrafungsmoglichkeit in Frage. Von
Strafe sein, liefert aber theorieimmanent weder Begründung noch Begren-
einem spezialpraventiven Ausgangspunkt wahle man hingegen ,,als Objekt des
zung"448. Die am Beispiel des Schuldprinzips durchgeführte Analyse der ver-
Schuldvorwurfs den Charakter des Taters, man gelangt zur ,Charakterschuld'
und nimmt die ,Gefahrlichkeit' unter die ,Schuldmomente' auf" 436. Ob die
Charakterdefizite ihrerseits verschuldet sind oder nicht, spielt nach dieser Be- 441 Jakobs, Schuld, S. 31.
442 Jakobs, Schuld, S. 32.
gründungslogik indes ebensowenig eine Rolle, wie dies bei Feuerbach der Fall 443 jakobs, Schuld, S. 33. . . .
war. Der einzelne haftet für sein faktisches So-sein; eine ,,Trennung von schuld- 444 Ebenso Roxin, AT 1, § 19 Rn. 34; van Hirsch, Ex1stenz, S. 64 f.; ders., Strafsankt1on,

hafter Taterperson und pathisch belastetem Individuum" - nach Welzel ,,eine S. 48 f.; Mushoff, Strafe, S. 128 f.; Papageorgiou, Schaden, S. 41 ff.; de Sottsa, FS Hassemer,
~er Grundvoraussetzungen für die richtige Erfassung des Taterstrafrechts"4 37- S. 316 f.; E. A. Wolff, ZStW 97 (1985), 802.
445 Puppe, FS Grünwald, S. 481.
ist de_rLehre von der Spezialpravention aus kategorialen Gründen unmoglich. 446 Oben S. 81.
_Wiesteht es schliefüich um die Lehre von der positiven Generalpravention? 447 Zutreffend bereits Schaffstein, Verbrechen, S. 135 f. - Aus dem neueren Schrifttum:
Wie alle Abkommlinge des Praventionsmodells ist auch sie nicht auf den Aus- Duttge, Strafen, S. 12; Gonzáles-Rivero, Zurechnung, S. 72; Haas, Strafbegnff, ~- 260; Has:
g_~eic~vergangenen U~rechts, sondern auf die Erzielung positiver Wirkungen semer Selbstverstandnis, S. 262; ders., WestEnd 2006, 79; Lesch, Problem, S. 234, deis., Ver
brech~nsbegriff, S. 170; Naucke, Wechselwirkung, S. 28 f. . .
fur die Zukunft ausgenchtet. Sie erblickt den Zweck des Strafrechts nur nicht in 448 Kindhausei; FS Schroeder, S. 82. - Greco erblickt den Ausweg aus d1esem_Dilemma
~er unmittelbaren Bekampfung gefahrlicher Tater 438oder der Überredung ra- in einer materiellen Zweiteilung der Straftheorie (zustimmend Hornle: 2. ~S R~xm: S. 10 f.;
t10naler Nutzenkalkulierer 439,sondern- in den WortenJakobs' - in der ,,Erhal- dies., Strafbegründungstheorien, S. 20 f.; Milton Peralta, ZIS 2008, 516; 1.E._ubere111st1m1:1e:1d
tung der bestehenden Ordnung" 440 , genauer: in der ,,Stabilisierung des durch Hoerster, Strafe, S. 78 f., 90 ff., 99 ff.). Der Zweck der Strafandrohung se1_konsequent1ahs-
tisch, namlich unter Rückgriff auf den Abschreckungsgedanken zu bcstJm_m~n. Der Ab-
432
Vgl. Liszt, Abhandlungen, Bd. I, S. 166. schreckungszweck bedürfe allerdings der Begrenzung durch 111cht-~wecki1:afügk_e1tsbezo-
433
Treffend Gallas, Kriminalpolitik, S. 18 f. gene Erwagungen. Schlechterdings verboten ~e_1es dem Staat zum emen, seme Bmger z.B.
434
Dazu o ben S. 52 f. durch Todesstrafe oder Folter zu instrumentahs1eren (Greco, Lebend1ges, S. 177 ff.), und zum
435
Eb. Schmidt, SchwZStr 45 (1931), 209. anderen sich durch einc Vernachlassigung des von Greco auGerordenthch stnkt verstandenen
436
Eb. Schmidt, SchwZStr 45 (1931), 209 f. Gesetzlichkeitsprinzips für die Wahrnehmung seiner Aufgabe un:'ürdig ~u machen (aaO,
437
Welzel, Abhandlungen, S. 215. S. 265 ff.). Diese beiden Gruppen deontologischer Erwagungen h111g1erenbe1 Greco aber eben
438
]akobs, Schuld, S. 6. nur als Schranken, als side constraints. Sic setzten dem Staat 111 semer Zweckverfolgung Gren-
439
Dazu o ben S. 66 ff. zen seien aber nicht selbst Zweck des Unternehmens Strafverfolgung und deshalb auGer-
440
Jakobs, Schuld, S. 7. sta~de, ihm einen ,,Sinn" zu verleihen (aaO, S. 249). Zur Begrün~u1:g der Berecht_1gung staat-
licher Machtausübung sei deshalb die Heranziehung konsequent1ahst1scher Erwagungen un-
86 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort attf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 87

brechenstheoretischen Implikationen des Praventionsparadigmas weist somit Vor diesem Hintergrund ist es weniger überraschend, als es zunachst er-
in die gleiche Richtung wie der kriminalpolitische Befund: Das Strafrecht ist scheinen mag, daG die jüngere straftheoretische Diskussion die von Hassemer
um seiner disziplinaren Identitat willen gut beraten, wenn es auf Distanz zu beschworene ,,Weisheit" der Lehren von der Tatvergeltung wiederentdeckt
diesem Denkmuster geht. Es darf nicht um jeden Preis modern sein wollen. hat 449. Zu verzeichnen ist nichts Geringeres als eine Renaissance des Vergel-
tungsdenkens450. Die massiven Vorbehalte, die Armin Kaufmann 1979 zu der
verzichtbar (aaO, S. 474). Eine vollwertige Legitimation zur Androhung und Verhangung von Feststellung veranlaGten, mit dem Wort Vergeltung werde eine Position weni-
Strafen erwachst dem Staat demnach erst aus dem Zusammenwirken konsequentialistischer ger markiert als vielmehr gebrandmarkt 451, sind zwar noch nicht verschwun-
und deontologischer Begründungselemente. ,,Strafzwecke sind also Zustande, deren Fi:irde-
[Link] Autoren gelangen aber mittlerweile von unterschiedlichen
rung einen guten Grund zum Strafen liefert. Deontologische Schranken der Strafe sind un-
bedingte ausnahmslose Regeln, an deren Respektierung jedes legitime Strafen gebunden ist." konzeptionellen Ausgangspunkten her zu dem Ergebnis, daG retributiven
(aaO, S.252) Diese Konzeption, die ihr Vorbild in Roxins Überlegungen zum Verhaltnis von Überlegungen eine zentrale Rolle innerhalb der Strafbegründung zukomme 453.
Schuld und Pravention findet (aaO, S. 247 f.), ist auf den ersten Blick nicht ohne Eleganz. Der Auch das Bundesverfassungsgericht rückt in seiner neueren Rechtsprechung
Preis, den sie von ihren Anhangern fordert, ist allerdings ebenfalls nicht gering. Er besteht in
den Vergeltungsaspekt wieder starker in den Vordergrund 454. Zwar hat das
der Preisgabe des Anspruchs auf axiologische Geschlossenheit. Greco sucht dieses Bedenken
als Ausdruck eines deplazierten Schi:inheitsideals abzutun: Asthetische Erwagungen eines
pyramidalen Aufbaus eigneten sich nicht als MaGstabe der Richtigkeit einer Theorie, ,,denn 449 Hassemer, Einführung, S. 323 f.
entsprechend aufgebaute Theorien zahlen für ihre Schi:inheit den allzu teueren Preis, alle re- 450 So auch (jeweils mit kritischem Unterton) Laos, Rechtsphilosophie, S. 155; Schiine-
levanten Erwagungen auf einen gemeinsamen Nenner reduzieren zu müssen" (aaO, S. 252, mann, FS Lüderssen, S. 327; mit positiver Konnotation Dttttge, Brücke, S. 56; Mttshoff, Strafe,
in diesem Sinne auch Hornle, 2. FS Roxin, S. 12; dies., Strafbegründungstheorien, S. 29). So S. 181; zwiespaltig Hornle, Strafbegründungstheorien, S. 16; Weigend, Kommentar, S. 39. -
einfach ist es aber nicht. Die Forderung nach begründungstheoretischer Konsistenz einer Dies gilt keineswegs nur für den deutschsprachigcn, sondern vor allem auch für den anglo-
Straftheorie entspringt nicht den asthetischen Luxusbedürfnissen weltflüchtiger Theoreti- amerikanischen Raum. Der Retributivismus wird dort als die führende Straftheorie be-
ker, sondern dem Respekt gegenüber den von der Verhangung einer Strafe betroffenen De- zeichnet (vgl. Kalotts, Generalpravention, S. 173). Darstellungen des Meinungsspektrums bei
linquenten. Begründungen stellen eine spezifische Form kommunikativer Selbstbindung dar: Kaiser, Widerspruch, S. 134 ff. und Kalous, Generalpravention, S. 173 ff.
Indem jemand die Gründe nennt, die, wie er geltend macht, eine bestimmte von ihm einge- 451 Armin Kattfmann, Strafrechtsdogmatik, S. 265.

nommene Position tragen, erklart er, sofern seine Rede mehr sein soll als folgenloses Ge- 452 Ein jüngeres Beispiel [Link] diese Vorbehalte bildet das lrnappe Urteil Liiderssens (StV

schwatz, zugleich seine Bereitschaft, die betreffende Position entweder aufzugeben oder sie 2004, 100), nach den Prinzipien des Grundgesetzes sei Pravention das oberste Ziel des
doch jedenfalls auf eine neue Basis zu stellen, sofern es seinen Kontrahenten gelingen sollte, Strafrechts. ,,Absolute, also nur retrospektiv angelegte Straftheorien sind von ihrer religii:is-
jene Gründe zu erschüttern. Das Gleiche muG für den Fall gelten, daG der Argumentierende metaphysischen Grundlage [... ] nicht zu trennen, haben also in modernen, den Menschen hier
selber in einem anderen Segment seiner Theorie der von ihm vorgetragenen Begründung das und jetzt dienenden Verfassungsstaaten nichts zu suchen."
Wasser abgrabt. Wer dies tut und trotzdem, gleichsam als ware nichts geschehen, an seiner 453 Das Spektrum der Begründungen reicht über zeichen- bzw. kommunika-
ursprünglichen Position festhalt, dispensiert sich einseitig von seinen kommunikativen Ver- tionstheoretische Eri:irterungen (Schmitz, Legitimitat, S. 127 f., 173 ff.;Jakobs, Norm, S. 98 ff.;
bindlichkeiten und reklamiert dadurch für sich eine Freiheit, die mit der kommunikativen ders., Straftheorie, S. 31 ff.; ders., Selbstverstandnis, S. 49 ff.; ders., Zurechnung, S. 59 f.; ders.,
Gleichheit seines Gegenübers unvereinbar ist. Eine solche Vorgehensweise ist um so weniger System, S. 13 ff. [dort unter der Bezeichnung ,,geltungserhaltende Generalpravention"];
akzeptabel, je griiGer die Zumutungen sind, denen der so Verfahrende andere Personen aus- Gómez-]ara Díez, Rechtstheorie 36 [2005], 330; ders., ZStW 119 [2007], 332; Gonzáles-
setzt. Wer einen der empfindlichsten Eingriffe dulden soll, die unsere Rechtsordnung kennt Rivero, Zurechnung, S. 111 ff.; Lesch, Verbrechensbegriff, S. 206; ders., ZStW 105 [1993],
- die Strafe -, darf deshalb verlangen, daG ihm dafür eine Begründung gegeben wird, deren 273 f.; ders.,JA 1994, 598 f.; Miissig, Mord, S. 143;nahestehend Weigend, Kommentar, S. 36 ff.)
einer Teil nicht die Pramisse des anderen Teils dementiert. E ben darauf lauft Grecos Vorschlag bis hin zum [Link] auf die Straftheorien Kants (Hoffe, Rechtsprinzipien, S. 215 ff.; ders.,
jedoch hinaus. Wie der Autor selbst in seiner Konsequentialismus-Kritik herausarbeitet, be- Proto-Strafrecht, S. 312 ff.; Kühl, Bedeutung, S. 30 H.;Mushoff, Strafe, S. 181 ff.; Noltenitts,
ruhen konsequentialistische und deontologische Konzeptionen auf einander ausschlieGen- HRRS 2009, 504f.; Oberer, [Link], S.413, 418; E. A. Wolff, ZStW 97 [1985],
den Pramissen. Die Axiologik der deontologischen Bestrafungsschranken widerstreitet der- 806 ff.; ders., Abgrenzung, S. 166 ff.; Kohler, Begriff, S. 44 ff.; ders., Zusammenhang, S. 33 ff.;
jenigen der konsequentialistischen Bestrafungszwecke und umgekehrt. Wie abcr sollen pra- Kahlo, Problem, S. 272 ff.; ders., Handlungsform, S. 176 f.; ders., FS Hassemer, S. 417 ff.;
ventiv-konsequentialistische Erwagungen als ,,gute Gründe" zum Strafen fungieren ki:innen, Zaczyk, Staat, S. 73 ff.; ders. FS Eser, S. 217 f.; ders., Begründung, S. 216 ff.; ders., Staat 50
wenn ihre zentrale Aussage - daG namlich Straftater nach ZweckmaGigkeitsgesichtspunkten [2011], 300 f.) und Hegels (Herzog, Pravention, S. 63 ff.; Kersting, Macht, S. 247 ff.; Kles-
zu behandeln seien - andernorts (aaO, S. 168) als potentiell zersti:irerisch für die Legitimitat czewski, Rolle, S. 369 ff.; Sinn, Straffreistellung, S. 280 ff.; ders., Funktion, S. 127 ff.; Stiibin-
staatlichen Strafens bewertet wird? Und wie sollen umgekehrt retributive Erwagungen ver- ger, Idealisiertes Strafrecht, S. 288 ff.; Schi:ld,SchwZStrR 99 [1982], 364 ff.; ders., Notwendig-
mittels ihrer strafbegrenzenden Wirkung legitimitatsbegründend wirken ki:innen, obwohl keit, S. 102 ff.; ders., FS Lenckner, S. 297 ff.) sowie auf allgemeine gerechtigkeitstheoretische
sie gerade wegen ihres Verzichts auf zweckrationale Erwagungen als ,,hi:ichst problematisch" Überlegungen (Lampe, Strafphilosophie, S. 47, 55, 62, 167;Rhonheime1; Perspektive, S. 308 f.;
(aaO, S.233) bezeichnet werden? lnnerhalb eines einheitlichen Legitimationsunternehmens Duttge, Strafen, S.11 f.; Kiihl, FS Maiwald, S.437ff., 444;].-C. Wolf,JRE 11 [2003], S.199ff.;
kann ein Begründungsmodell nur entweder insgesamt ,,gut" oder insgesamt ,,problematisch" für schwere Straftaten auch Nattcke, Wechselwirkung, S. 16, 36 f.) und rechtsstaatliche Erwa-
sein, nicht aber mitunter das eine und mitunter das andere. - Im Ergebnis wie hier Lesch, gungen (Frisch, GA 2009, 391).
Verbrechensbegriff, S. 168; Pttppe, FS Grünwald, S. 480 f.; Zabel, Schuldtypisierung, S. 269. 45 4 Insgesamt spielt die Strafzweckfrage innerhalb der Judikatur des Bundesverfas-
88 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 89

Gericht dem Strafzweck der Vergeltung niemals die Bcrechtigung abgespro- Wenn Hegel und Stahl sich trotzdem zum Retributionsgedanken bekennen,
chen455. In seinem Urteil von 1977 über die Verfassungsmafügkeit der lebens- setzen sie offenbar voraus, daB es eine Version der Vergeltungstheorie gibt, die
langen Freiheitsstrafe bei Mord hat es aber eindeutig die praventiven Straf- sich nicht in der Aneinanderreihung zwcier Übel erschopf t465. Die Gerechtig-
zwecke in den Mittelpunkt seiner Erorterungen gestellt 456. Deutlich anders ist keit, so faBt Stahl diese Überlegung zusammen, bestehe ,,nicht darin, daB U ebel
die Akzentsetzung dagegen in den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts zur in die Welt komme, sondern darin, daB die Herrschaft der sittlichen Macht im
Strafbarkeit der Mauerschützen 457und zur Sicherungsverwahrung: ,,Strafe" sittlichen Rciche unverbrüchlich erhalten werde" 466. Handele der Mensch gegen
- so heifü es in der letztgenannten, 2004 ergangenen Entscheidung - ,,gilt als das Gesetz, so nehme er sich eine Herrschaftsmacht (,,Herrlichkeit") heraus,
Ausdruck vergeltender Gerechtigkeit und ist damit Reaktion auf ein norm- die der sittlichen Macht, der er gehorchen solle, widerspreche. Indem die vom
widriges Verhalten." 458Die Strafe sei ,,eine repressive Übelzufügung als Reak- Delinquenten usurpierte Handlungsmacht sich an der ,,hohere[n] Herrlichkeit
tion auf schuldhaftes Verhalten, die dem Schuldausgleich dient" 459. Kurz- der sittlichen Macht" 467breche, wcrde auf reale Weise bekundet, daB die sitt-
um: Vergeltung wird wieder als ernstzunehmender, ja womoglich tragender liche Ordnung der Herr sei. ,,So muB das Bose selbst, indem es zu Boden ge-
Strafzweck anerkannt. drückt wird, zur Verherrlichung der sittlichen Macht dienen." 468 Entkleidet
Dennoch überrascht es nicht, daB Vergeltungslehren über geraume Zeit auf man diese Konzeption ihres Pathos, so wird auf ihrem Grund der Gedanke
dem Markt der Meinungen einen schweren Stand gchabt haben. Sie sind von sichtbar, daB jemand, der den von ihm geschuldeten Beitrag zu einem gemein-
ernstem und rauhem Aussehen; ihnen geht die funktionale Glatte ab, mit der samen Unternehmen nicht freiwillig erbringt, dazu zwangsweise angehalten
die Praventionslehren für sich einzunehmen wissen 460. ,,Die Strafe kann kei- werden kann. Indem die Rechtsgemeinschaft den Straftater für die Verletzung
nen bloB zukünftigen Zweck haben (daB künftig keine Verbrechen geschehen), seiner Verpflichtung, sich an der Aufrechterhaltung eines Zustandes der Recht-
und kein bloB faktisches mechanisches Mittel seyn; sondern die vollbrachte lichkeit zu beteiligen, bestraft, bekraftigt sie ihren Willen, dem Grundsatz von
That selbst und schlechthin fordert aus ethischem Grunde die Strafe." 461Die der Gleichheit aller Rechtsunterworfenen auch weiterhin zu realer Wirksam-
Bedeutung der Strafe kann deshalb ,,keine andere seyn [... ], als die, daB sie die keit zu verhelfen. Weit davon entfernt, sich in dem ,,Atavismus" 469einer negati-
nothwendige Folge des Verbrechens ist nach der Gerechtigkeit." 462Stahl, der ven Sequenz zwcier Übel zu erschopfen, erweist sich die vergeltende Strafe in
sich so nachdrücklich zur Vergeltungstheorie bekennt, weiB freilich sehr wohl dieser Lesart als ein positiv-normbestatigender Akt 470.
um die zentrale Schwierigkeit dieses Modells der Strafbegründung; ,,wie kann
eine Wiederherstellung der verletzten Ordnung darin liegen, daB dem Ver- doch einem natürlichen menschlichen Empfinden infolge einer personalen Verletzung ent-
sprechcn" (Sarhan, Wicdergutmachung, S. 213). Selbst wenn dem so sein sollte, lieGe sich auf
letzer ein Uebel zugefügt wird, was die Strafe unlaugbar ist? Dadurch, daB ein diesem Weg allenfalls ein Sanktionensystem legitimieren, das paGgenau auf die Befriedigung
zweites Uebel in die Welt kommt, ist nicht der Widerspruch, den das erste jener Vergeltungs- (oder weniger verfanglich: der Genugtuungs-)Bedürfnisse zugeschnitten
enthalt, aufgehoben." 463Stahl greift hier auf cine Erwagung zurück, der einige ist. Sarhan geht tatsachlich einige Schritte in diese Richtung. So pladiert er dafür, von Strafe
Jahrzehnte zuvor Hegel beredten Ausdruck verliehen hat: Es sei unver- abzusehen, wenn und soweit sie mit den Interessen des Opfers im Widerstreit stehen würde
(aaO, S. 225). Darüber hinaus fordert er, daG die Geldstrafe dem Opfer zu einem gewis-
nünftig, ein Übel bloB deshalb zu wollen, weil schon ein anderes Übel vorhan- sen Anteil als Genugtuungsentschadigung unmittelbar zugute kommen solle (aaü, S.263).
den sei464. Damit würde freilich die Grenze zwischen Straf- und Zivilrecht erheblich ins Schwimmen
geraten, was konsequenterweise auch auf die Ausgestaltung des Strafverfahrens durchschla-
sungsgerichts allerdings nur eine sehr beschrankte Rolle; dazu Appel, Verfassung, S. 73 ff.; gen müfüe: hin zu einem adversatorischen Verfahren mit voller Parteirolle des Opfers. Den
Lagodny, Strafrecht, S. 310 ff.; Roxin, Ai:iR 59 (2011), 10 ff. Freiheitsrechten des Beschuldigten tate man damit aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Ge-
455
Vgl. BVerfGE 21, 391, 403 f.; 22, 125, 132; 27, 36, 42; 28, 264, 278; 45, 187, 253 ff.; 64, fallen (naher unten S. 91 Fn. 479).
261,271;95,96, 140; 109,133,168. 465 Eine cindringliche Darstellung von Hegels Straftheorie gibt Ramb, Strafbcgründung,
456 Vgl. BVerfGE 45, 187,253 ff.
457 BVerfGE 99, 96, 140 f. S. 16 ff.
466 Stahl, Philosophie, Bd. II/1, S. 166.
458 BVerfGE 109, 133, 168.
467 Stahl, Philosophie, Bd. II/1, S. 166.
459BVerfGE 109, 133, 173 ff.
468 Stahl, Philosophie, Bd. II/1, S. 167.
460Naucke, Wechselwirkung, S. 36.
469 So dcr Vorwurf von Seebafi (JRE 2 [1994], 402) gegenüber den Vergeltungslehren.
461
Stahl, Philosophie, Bd. II/1, S. 167. 470 Diese Auffassung steht der im [Link] zeitweise recht popularcn (naher Sar-
462 Stahl, Philosophie, Bd. II/2, S. 683.
463Stahl, Philosophie, Bd. II/1, S. 165 f. han, Wiedcrgutmachung, S. 162 ff.; Miiller-Dietz, GA 1983, 481 ff.), in den erstenJahrzehnten
464 des 20. Jahrhunderts nur vereinzelt vertretenen (Frank, FG Heck/Rümelin, S. 47 ff.; v. Gem-
Hegel, Grundlinien, § 99 A, Werke Bd. 7, S. 187. Sarhan bestreitet die Abwertung mingen, Rechtswidrigkeit, S. 37 ff.), aber seit ciniger Zeit wiederentdedcten Ansicht n~he,
der Vergeltungsbedürfnisse des Opfers als ,,irrational" mit dem Hinweis darauf, daG ,,sie die in der Strafe eine Art von Schadenersatz sieht, welcher den vom Delmquenten herbe1ge-
90 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspf/icht 91

Die folgenden Ausführungen beginnen mit einer naheren Erlauterung dieser die spezifische Rationalitat des neuzeitlichen Straf- und Strafverfahrensrechts 478
Konzeption (II.). Danach gehen sie auf die Konsequenzen der hiesigen Auffas- und scharfte den Blick für die Schutzbedürfnisse des Beschuldigten 479 •
sung für die Strafverhangung ein (III.). Sodann behandeln sie die Unterschei- Die Deutung des Verbrechens als Verletzung einer Mitwirkungspflicht gegen-
dung zwischen Bürgern und Externen nebst ihren Konsequenzen für den Gel- über der Rechtsgemeinschaft beinhaltet allerdings keineswegs die Behauptung,
tungsumfang einer Strafrechtsordnung (IV.). Daraufhin erortert der Text das daG die Belange, um derentwillen dem Tater jene Pflicht auferlegt wird, ibrer-
Verhaltnis der hiesigen Konzeption zum herkommlichen Verstandnis des Ver- seits ebenfalls durchgangig solche der Allgemeinheit seien. Die Frage nach dem
brechens als einer Rechtsgutverletzung (V.). Die Forme! vom Verbrechen als Legitimationsgrund der Mitwirkungspflicht ist von derjenigen nach der pflich-
einer Mitwirkungspflichtverletzung ist freilich noch bei weitem zu allgemein, tentheoretischen Struktur des Verbrechensbegriffs unabhangig; die Konstruk-
um daraus konkrete dogmatische SchluGfolgerungen herzuleiten. Wie jeder tion des Verbrechensbegriffs prajudiziert nicht die legitimationstheoretische
komplexe Begriff, so muG auch die hiesige Begriffsbestimmung verbrecheri- Problematik 480 .
schen Unrechts gleichsam kleingearbeitet, also auf die Ebene ihrer einzelnen
Teilmomente heruntergebrochen werden. Damit dabei der bislang erzielte Ge- 478
Weigend, Deliktsopfer, S. 215 ff.
79
winn an systematischer Geschlossenheit nicht sogleich wieder aufs Spiel gesetzt 4 Kleinert, Betroffenheit, S. 184 f.; Welke, Repersonalisierung, S. 259 f., 284. - Im Ge-
folgc eincs gcsellschaftlichen Groíhrends, der die Identifizierun? als ,,Opfer" zum ':ich-
wird, bedarf di~~er Vorgang der methodologischen Reflexion. Ihr gelten die tigsten Ansatzpunkt für das Erreichen von Aufmerksamkeit,_ sozialer und auch mateneller
abschlieGenden Uberlegungen (VI.). Zuwendung hat werden lassen (zu den Hintergründen Safferling: ZStW 122 [2010], 88; W~i-
gend, RW 2010, 40), droht die rechtskulturelle Errungenschaft, die _111 dieser ,,Entdramatisie-
rungstendenz" (Seelmann, JZ 1989, 671) liegt, zunehmend aufgeweicht zu werden. Zwar ver-
II. Legitimationsgrund der Mitwirkungspflicht: dient die vielbeschworcne ,,Repersonalisierung des strafrechtlichen Denkens" (von ihr spricht
Aufrechterhaltung eines Zustandes der Freiheitlichkeit etwajung, ZRP 2000, 159) insoweit Zustimmung, wie sic das BewuGts_ein dafor gesch:irft
hat daG cine Straftat statt schlicht als Rechtsgutverlctzung als Interakt10n zwischen (m111-
Das hiesige Verstandnis von Verbrechen und Strafe ,,entprivatisiert" den Kon- des~ens) zwei Personen begriffen werden muG (naher dazu unten S. 137 ff.)- i:nit_w~itrei':hen-
flikt zwischen dem Tater und dem Verletzten 471 . Stel!t ein Verbrechen die Ver- den Folgen für die strafrechtliche Zurechnungslehre. D_erZustand der Freihe:thchken, zu
dessen Wahrung das Strafrecht berufen ist, ist namlich rncht ohne e111d1fferen~iertes Syste'.n
letzung einer Mitwirkungspflicht des Taters gegenüber der Rechtsgemein- der Verantwortungsvcrteilung denkbar (unten S. 138 ff., 144 f.). Problematisch 1st dagegen die
schaft dar, so kann die auf dieses Verbrechen antwortende Strafe nicht ein Op- mittlerweile erreichte und noch immer wachsendc Starke der Position des Opfers im Strafver-
fer sein, das der Tater ,,dem Verletzten bringt" 472 • Straftat und Strafe dürfen fahrensrecht und im Sanktionenrecht (kritisch auch Blirchard, Irren, S. 224 f.; Kleinert, aaO,
sich nicht innerhalb unterschiedlicher Rechtsverhaltnisse vollziehen 473 . Diese S. 268 f., 350 ff.; Bung, StV 2009, 430 ff.; Liiderssen, FS Hirsch, S. 887 f.; Naucke, KritV '.993,
141 f.; Neumann, Stellung S. 241 ff.; Noltenius, GA 2007, 522 ff.; Safferlzng, aaO, 100; pnnzi-
Hintanstellung der spezifischen Opferinteressen ist das Ergebnis einer meh- picll befürwortend dagegcn Sarhan, Wiedergutmachung, S. 224 ff.; Baumann, FS ?tree/Wes-
rere Jahrhunderte wahrenden Entwicklung 474 . Als ,,Entmachtung der emo- sels, S. 42 ff.; Hornle, ZStW 112 [2000], 362; dies.,JZ 2006, 952 ff.; dies., Straftheonen, S. 39 f.;
tionalen Gewalt des verletzten Gemüts" 475 ermoglichte die ,,Neutralisierung dies., Strafbegründungstheorien, S. 28 H.;dies., 2. FS Roxin, S. 16; Kilching, NStZ 2002, 58 ff.;
476 Reemtsma, Recht, S. 26; Walther, GA 2007, 615 ff.; vermittelnd Weigend, aaO, 50 ff.). Zwar
des Opfers" zugunsten der ,,wagende[n] Vernunft des Ganzen" 477 allererst
stcht auGer Frage, daG es die staatliche Fürsorgcpflicht für das Opfer gcbietct, dessen gesdl-
schaftlicher Marginalisierung entgegcnzuwirken und ihm bci Bedarf Schutz und sonsti~e
führten (zumeist allerdings unangemessen psychologisierend verstandenen) ,,intellektuellen (materielle wie immaterielle) Hilfe zuteil werdcn zu lasscn (treffend Safferlzng, aaO, 89). Die
Verbrcchensschaden" (Welcker, Gründe, S. 249 ff.) bzw. ,,Normgeltungsschaden" auszuglei- Zuweisung eincr (Quasi-)Parteistellung für das Opfer geht jcdoch w~it darüber hinaus. __ Die
chen habe (D1tttge, Brücke, S. 56;Jakobs, System, S. 15; ders., Nonn, S. 114; ders., Strafe, S 32; darin liegendc ,,Teilprivatisierung des Strafrechts" (]ung, aaO, _162,) leistet dem MiG".erstand-
ders., Rechtszwang, S. 34; Kindhduser, Gefahrdung, S. 156 f.; ders., Logik, S. 85 f.; ders., Strafe, nis Vorschub daG es im Strafrecht und Strafverfahrensrecht pnmar um die Aufarbe1tung des
S.,32ff.; ders., FS Schroeder, S. 84; Lesch, Problem, S. 248 f.; Mañalich, Notigung, S. 28; Feijoo Tater-Opfer:Konflikts und nicht wie es tatsachlich der Fall ist - um eine Auseinanderset-
Sanchez, FS Jakobs, S. 85 ff., 92 ff.; Otto, ZStW 87 [1975], 562, 587; Pawlik Strafanspruch, zung zwischen der Rechtsgemeinschaft und dem Tatverdachtigen gehe. . .
S. 81 f.; Weigend, Kommentar, S. 36).
471 48D Im wesentlichen wie hier Kleinert, Betroffenheit, S. 207 ff.; Renzzkoswskz, GA 2007,
Appel, Verfassung, S. 448, 461.
472 568. - Diese Unterscheidung wird nicht selten verkannt. So blendet nach Hornle die von ihr
So aber Lampe, Recht, S. 311.
473 sogenannte ,,normorienticrte cxpressive Straftheori~", zu der sie die hier vertreten_e Konzep-
Ebenso Haas, Kausalitat, S. 80; Kleinert, Betroffenheit, S. 215 f.; Renzikowski, GA tion rechnet, den Umstand aus, ,,dass Straftatcn mcht nur abstrakt als Rechtsm1ssachtung
2007, 564.
474 zu qualifizieren sind, sondern dahinter eine Kollision_mit Opferrechtcn oder Interessen der
Naher dazu Weigend, Deliktsopfer, S. 79 ff.· Welke Repersonalisierung S. 256 ff Allgemeinhcit steht" (Hornle, Strafbegründungstheonen, S. 24; zust1m~1end Wezgend, ~(om-
475 ' ' ' .
Welke, Repersonalisierung, S. 259.
476 mentar, S. 35 f.; nahestehend Eser, FS Mestmacker, S. 1023; Laos, FS Ma1wald, S. 479; Luders-
Albrecht, Kriminologie, § 45 A (S. 361), B (S. 362).
477
Binding, Entstehung, S. 29. sen, Nutzen, S. 51). In die gleiche Richtung weist die Kritik Sarhans. ,,Warum", so fragt dieser
(Sarhan, Wiedergutmachung, S. 194), ,,fordert cin als vernünftig und souveran gedachtes Ali-
C. Strafe als Antwort auf die Vcrletzung einer Mitwirkungspflicht 93
92 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Legitimationsfragen bilden, wie gesehen, die Domane der praktischen, und nommcn oder ihm die zu scinen Ausgaben bestimmten Güter entzogen wür-
zwar, weil es um die Legitimation von Zwangsakten geht, der politischen Philo- den; und solchcn, die den Staat mittelbar durch Storung der Wohlfahrt und Si-
[Link] hat deren neuzcit!iche Leitidee in die lakonische Forme! ge- cherhcit seiner Bürger beleidigten [Link] etwa einem Staatsbürger das Leben
kleidet, der Zweck des Staates sei ,,in Wahrheit die Freiheit" [Link], Kant gcnommen oder er an seinem Leib verletzt werde, so belcidige dies auf zweierlei
und dessen Nachfolger haben diesen Gedanken sodann naher entfaltet 483. Das Weise den Staat: ,,einmal weil dem Staat ein Mitglied entzogen, oder unbrauch-
Diktum Berners über die Rechtsphilosophic, es sei die ,,grandiose Architekto- bar gemacht wird; und zum andern, weil kein Bürger mehr seines Lcibs und Le-
487
nik dcr Freiheit, nach welcher diese [...] Wissenschaft erbaut wird" 484, ist auch bens sichcr ist, folglich die Sicherheit des Staats sehr verletzt wird." Es war das
heute noch unverandert gültig: Nach wie vor ist die Freiheitsidee der unhinter- staatsfixiert-instrumentalistische Denken der deutschen Spataufklarung, wel-
gehbare Fixpunkt aller philosophisch satisfaktionsfahigen Auseinandersctzun- ches sich hier auf;ertc. Deren philosophischcr Kronzeuge war Christian Wolff:
gen mit praktischen Fragen. Deshalb wird der im alteren deutschen Rechtsden- Weil jede Gesellschaft, auch das politische Gemeinwesen, der ,,Beforderung des
ken wurzelnden Tradition, der zufolge das Strafrecht ausschliefüich im Dienst gemeinen Besten" dienc 488, seien die einzelncn Gesellschaftsmitglieder ,,nicht
der politischen Gemeinschaft steht (1.),vorliegend cinc freiheitstheoretisch abge- anders anzusehcn als cine Person und haben demnach cin gemeinschaftliches
stützte Auffassung entgegengesetzt. Tragender Grund der strafrechtlichen Mit- Interesse" [Link] bcgriffen Wolff und Gmelin die Bürger nicht,
wirkungspflicht ist danach der Umstand, da{; nur auf diese Weise ein Zustand wie es die im gleichen Jahr wie Gmelins Buch crschienene Grundlegung zur
der Freiheit!ichkeit aufrechterhalten werden kann. Die Verknüpfung des Mit- Metaphysik der Sitten Kants fordert, als ,,Zwccke an sich selbst, d.i. als etwas,
wirkungspflichtgedankens mit dem Gedanken der Wahrung bürgerlicher Frei- das nicht blof; als Mittel gcbraucht werden darf" 490, sondern sic schützten diese
491
heit485rechtfertigt den Geltungsanspruch des Strafrechts und begrenzt ihn zu- lediglich in ihrer Rolle als Glieder des Staatsganzen .
gleich (2.). Ihr dogmengeschichtliches Vorbild findct die hiesige Auffassung in Feuerbachs Straftheorie setzte demgegenüber kantianisch-liberal an. Auf die
der Verbrechenslehre Halschners. Am Leitfaden von dessen Ausführungen wer- Frage nach dem ,,allgemeine[n] Rechtsgrund, aus welchcm der Staat seine Glie-
den anhand einigcr markanter Beispiele die tiefgreifenden dogmatischen Unter- der zwingcn kann", antwortete Feuerbach, der Staat sei ,,cine Gesellschaft zum
schiede zwischen einem kollektivistischen und einem freiheitstheoretisch reflek- Schutz der Rechte, und allc Rechte, die er besitzt, hat er nur um dieses Zwccks
tierten Begründungsmodell verdeut!icht (3.). willen" [Link] habe deshalb ,,zu keiner einzigen Handlung ein Recht, als welche
sich auf diesen Zwcck bezieht, durch welche die Sicherheit der Rcchte moglich
1. Strafrecht im Dienst der politischen Gemeinschaft? oder befordert wird" [Link] eser Ausgangspunkt lieB cine der Konzcption Gme-
lins entgegcngesetzte, strikt individualistische Verbrechenslehre erwarten: Ver-
In seinen Grundsatzen der Gesetzgebung über Verbrechen und Strafen von 1785 brechen als Verletzung cines subjektiven Rechts des Betroffenen bzw. (nach der
unterschied der Tübinger Rechtslehrer Christian Gottlieb Gmelin zwischen berühmten Formulierung aus Feuerbachs Lehrbuch) als ,,cine durch ein Straf-
zwei Gruppen von Verbrechen: solchen, die den Staat unmittelbar beleidigten, 494
gesetz bedrohte, dem Rechte cines Anderen widersprechende Handlung" .
indem seine Grundverfassung angegriffen, etwas zu seinem Verderben unter- Bemerkenswerterweise hiclt Feuerbach diesen Ansatz jedoch nicht durch. Er
wuf;te namlich schr gut um den kategorialen U nterschied zwischen Schadener-
gemeines [... ] die Zufügung von Leid allein deshalb, weil es angegriffen wird, wenn es un-
zweifelhaft andere ernsthafte Formen der Anerkennung des Allgemeinen gibt?" Hange, so
Sarhan weitcr ([Link], S. 202), ,,die aus dem Allgemeinen abgeleitete Gerechtigkeitsvorstellung, 486 Gmelin, Grundsatze, § 12 (S. 22).
dem Tater ein Ubel zufügen zu müssen, nicht vielmehr gerade auch davon ab, dass im Dies- 487 Gmelin, Grundsatze, § 66 (S. 135).
seits einer Person tatsachlich ein Leid zugefügt wird, und daraus ein Bedürfnis nach Gcnug- 488 Ch. Wolff, Gedanken, §§ 3 (S. 68), 213 (S. 172).
tuung cntspringt?" Diese Einwande verfehlen jedoch ihr Ziel. Zwar ist es selbstverstandlich 489 Ch. Wolff, Gedanken, §§ 6 (S. 69), 220 (S.174).
richtig, daG die Strafrechtsordnung kein Gefüerhut ist, den zu grüGen den Bürger allein um °
49 Kant, GMS, BA 66, Werke Bd. 6, S. 60. . .
der Autoritat der hohen Obrigkeit willen abverlangt wird. Damit ist jedoch nur bewiesen, daG 491 Ein weiteres von zahlreichen zeitgeniissischen Beispielen für diese Haltung bildet die
Verbrechen und Strafe einer freiheitstheoretisch akzeptablen Legitimation bedürfen, nicht als fonschrittlich gerühmte Schrift des Grafen Soden von 1792 über den ,,Geist der peinlichen
iedoch, daG sie begrifflich als primar interpersonale Geschehnisse gefafü werden müfüen. Gesetzgebung": Der Zwcck der Gesetze bestehe in der ~rbltung des Wohls der GcseHschaft
481 O ben S. 26 ff. (Soden, Geist, S. 16); der allgemeinc MaGstab zur Klass1fiz1crung aller Verbrechen se1 daher
482 Spinoza, Theologisch-politischer Traktat, S. 301. der ,,Nachtheil der einzelnen Handlung für das Wohl des Staats" (aaO, S. 10).
483Vgl. nur Hegel, Geschichte der Philosophie III, Werke Bd. 20, S. 308,331,365,413. 492 Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 31.
484 Berner, Grundlinien, S. 4. 493Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 31.
485 Sie wird zu Recht eingefordert von Poscher, Kathedrale, S. 110. 494 Feuerbach, Lehrbuch, § 21 (S. 45).
94 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens
C. Strafe als Antwort auf die Verletwng einer Mitwirle11ngspflicht 95
satz, durch den ,,der Beleidigte ein Aequivalent für das, was ihm durch die Be-
bedrohte, gefahrdete Existenz des Staats, die Gemeingefahrlichkeit" 504. Die in-
leidigung entzogen worden ist, erhalten solle" 495, und Strafe, durch die bewirkt
dividualistische Gegenauffassung sei nicht nur ,,so verfehlt, daB sie unmoglich
werden solle, ,,daB keine Beleidigung existiere" 496. Deshalb suchte er den All-
zu irgendeiner lehrreichen oder gar richtigen Definition führen" konne, sondern
gemeinheitsbezug von Strafe und Verbrechen zu retten, und zwar so rigoros,
sie sei auch rechtspolitisch gefahrlich, weil sie ungeeignet sei, ,,die schwachen Le-
daB er im zweiten Band seiner Revision buchstablich das Kind mit dem Bade
ausschüttete. benspulse der Staats [... ] wieder anzuregen und den erstorbenen Gemeingeis~ [... ]
neu zu beleben" 5º 5. Einer biologistischen Metaphorik bediente sich auch Hemze:
Wenn der Staat straft, so tut er dies den dortigen Ausführungen Feuerbachs
,,Der Staat straft, um seinen eigenen Interessen, Lebens- und Entwicklungsbe-
z~folge nicht um der beeintrachtigten Rechtsposition des betroff enen Bürgers
dingungen, den Gesetzen seines eigenen Organismus Genüge zu tun." 506Bin-
w11len, sondern zur Erhaltung seiner eigenen Existenzbedingungen 497. Dies
dings Leistung bestand darin, diese obrigkeitsstaatliche Position in die bis heu:e
führte Feuerbach zu einer staatsutilitaristischen Deutung der privaten Rechte
vertraute Rechtsgutterminologie zu übersetzen. Das Recht, so betonte er, sehe m
der Bürger, die sich besser in das Denken des deutschen Absolutismus als in das
seiner Eigenschaft als Ordnung des Gemeinlebens Personen, Sachen und Gegen-
einer kantisch inspirierten Aufklarung einfügt 498. Weshalb ist etwa die Verlet-
stande nur als Teile des Rechtsgemeinschaftslebens, und alles, dem der Gesetz-
zung von fremdem Eigentum strafbar? Feuerbachs Antwort lautet daG durch
geber Rechtswert zuschreibe, habe solchen nur für das Ganze 507. Nichts sei fal-
die Verletzung dieser Rechte [... ]den Bürgern die Hülfsmittel zu dem G:brau-
scher als hier eine individualistische Betrachtungsart anwenden und etwa Güter
che ihrer Krafte für de~ Zweck des Staats entzogen" würden, was zur Folge
des einzelnen von denen der Gesellschaft und des Staates scharf trennen zu wol-
habe, daG ,,dem Staate die Moglichkeit der Erzielung seiner Zwecke gefahrdet"
499 len5º8. ,,Das Rechtsgut ist stets Rechtsgut der Gesamtheit, mag es scheinbar auch
':.erde . Nichts anderes gilt für das Recht auf korperliche Integritat 500,ja selbst noch so individuell sein. Im Gesamt-,lnteresse' wird das Gefühl der Einzelnen,
fur das Recht _auf Leben: ,,Denn eine Verletzung dieses Rechts als allgemeine deren Leben, deren Ehre geschützt." 509
Handlungswe1se der Bürger gedacht, würde geradezu den Staat aufheben.
Die Auffassung Bindings traf auf breite Zustimmung. Auch zahlreiche an-
Denn ein Staat kann ohne Glieder des Staats nicht gedacht werden." 5º1 Selbst
dere Autoren betonten, daG jeder einzelne mit seinem Tun der Allgemeinheit ge-
der Su_izidist in dies~r Perspektive eine rechtlich miBbilligenswerte Handlung: hore510und daB Subjekt des durch eine strafbare Handlung verletzten Interesses
,,Wer m den Staat emtritt, verpflichtet dem Staat seine Krafte und handelt letztlich stets der Staat bzw. die Gemeinschaft sei [Link] wurde die These, daB
rechtswidrig, wenn er ihm diese durch Selbstmord eigenmachtig raubt."502 Der
ursprün~lich als_Mittel zur Sicherung der Rechte seiner Bürger legitimierte 504 Trummer, Criminalistische Beytriige Bd. III/2, 145. - In der Sache ebenso Gerstdker,

Staat genet so be1 Feuerbach nicht anders als bei Gmelin zum Selbstzweck, und NACrim 7 (1825), 379.
505 Trnmmer, Criminalistische Beytrage, Bd. III/2, 135 f.
der S~hut~ der Bürger schlug um in deren Indienststellung zugunsten der All- 506 Heinze, GS 13 (1861), 437.
gememhe1t. 507
Binding, Normen, Bd. I, S. 358.
Mit der Zurückdrangung des frühliberal-individualistischen Denkens büBte 508 Binding, Normen, Bd. I, S. 341.
509
Feuerbachs kantischer Ansatz an Zustimmung ein; die vorliberale Tradition ei- Binding, Normen, Bd. I, S. 358.
510 Finger, Lehrbuch, S. 411 Fn. 535.
ner Ausrichtung des Strafrechts an kollektiven Belange behauptete das Feld. So
511 Dohna, Rechtswidrigkeit, S. 146 ff.; Finger, GS 40 (1888), 148; F_rank,Strafgesetzbuch,
befand etwa Stahl, die Verbrechen, welche gegen andere Menschen verübt wür- S. 6; ders., Vollendung, S. 171; Hegler, Prinzipien, S. 38; Honzg: E111w11hgung,S. 93; Oetker,
den, seien nicht deswegen und dadurch Verbrechen, daB sie das Recht dieser Men- ZStW 17 (1897), 508,565; Wachenfeld, Lehrbuch, S. 70. -Auch un neueren Sch:1fttum fin_den
schen, sondern dadurch, daB sie in ihm die Rechtsordnung verletzten 503. Objekt sich bisweilen noch ahnliche Wendungen. So sind Arthur Kaufmann zufolge d.1eRe~htsguter
nur solche der Gemeinschaft; es sind soziale Güter, und deren Summe erg1bt die soz1ale Ord-
des Verbrechens - so erganzte Trummer - sei ausschliefüich ,,die verletzte, oder
~ung" (Arthur Kaufmann, UnrechtsbewuÍ\tsein, S. 124). Nach ~ch1:1idhausers Auffassung
495 zeigt die Gesellschaft durch die Anerkennung von Rechtsgütern 1hr [Link] an ~em
Fe11erbach,Revision, Bd. I, S. 68.
496 Bestand der als Rechtsgut bezeichneten wertvollen Sachverhalte; ,,und s.o g1bt es Rechtsguter
Feuerbach, Revision, Bd. I, S. 68.
497 nur als solche der Gesamtheit" (Schmidhduser, AT, 2/33). Auch Langer s1eht durch eme Straf-
Vgl. Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 216.
498 tat ,,stets die Rechtsgemeinschaft in den von ihr für besonders wertvoll erachteten Gütern"
Treffend Kubiciel, JA 2011, 88.
499 verletzt (Langer, Sonderstraftat, S. 39, sachlich übereinst1mmend. aaO, S. 54). Das Rechtsgut
Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 238.
50
501
°Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 237. versteht Langer dementsprechend als ,,eine[n] für die Rechtsgememschaft besonders wert~ol-
le[n] Zustand" (aaO, S. 40). Weigend (ZStW 98 [1986], 57) betont ebenfalls,_,,daB Rechtsguter
Frnerbach, Revision, Bd. II, S. 236.
502 als notwendige soziale Funktionseinheiten grundsatzlich 111chtdem .Indw1duum, sondern
Feuerbach, Lehrbuch, § 241 (S. 404).
503 der Gemeinschaft [... ] zustehen". Allerdings nimmt er diesem kollekt1v1st1schen Ausgangs-
Stahl, Philosophie, Bd. II/2, S. 693.
punkt dadurch die Spitze, daB er zu den strafrechtlich schutzwürd1gen ,,unabdmgbare[n]
96 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 97

Totungen und Korperverletzungen primar deshalb strafbar seien, weil sie eine worden sei. Nicht als Inhaber subjektiver Rechte, sondern als ,,Glied des Gan-
,,Verminderung des brauchbaren Bürgerthums" nach sich ziehen konnten, nur zen" müsse der einzelne betrachtet werden, proklamierte Freisler im Jahre 1934.
. 1t vertreten s12 . D.1eD.1s1rnss10n
noc h veremze . um den rechtfertigenden Notstand
,,Seine Belange sind nur soweit berechtigt, als sie, mindestens mittelbar, Belange
illustrierte jedoch auf das Anschaulichste, mit welcher Selbstverstandlichkeit der des Volksganzen sind." 519 Deshalb gebe es im Grunde nur ein strafrechtliches
einzelne als Funktionar der Gesamtheit behande!t wurde 513 : Es entspreche den Schutzgut: ,,Das Leben des Volkes." 520 Der Schutz aller anderen ,,sogenannte[n]
staatlichen Interessen, wenn jemand ein wertvolleres Gut auf Kosten eines we- Rechtsgüter" erfolge nur deshalb, ,,weil diese Rechtsgüter Erscheinungsformen
niger wertvollen rette - so wurde die Rechtmafügkeit eines solchen Verhaltens des einzigen schutzwürdigen Gutes, des Volkslebens, sind" 521 •
514
begründet • Von einem Sinn für das Eigenrecht personaler Freiheit ist bei die- Die kollektivistische Auffassung Freislers fand im Schrifttum breiten Wider-
ser kollektivistisch-konsequentialistischen Verwendung des Rechtsgutbegriffs hall, und zwar keineswegs nur bei Vertretern der bis heute als genuin na-
nichts zu spüren.
tionalsozialistisch geltenden Pflichtdeliktslehre 522, die das Rechtsgutdenken
Der Übergang vom monarchischen Obrigkeitsstaat zur Demokratie anderte
519
an dieser Betrachtungsweise kaum etwas. Finger suchte aus dem Wandel der Freisler, DStR 1934, 3.
politischen Verhaltnisse sogar ein zusatzliches Argument für sie zu schmieden: 520 Freisler, DStR 1934, 6.
521
Freisler, DStR 1934, 6. - Naher zu Freislers Strafrechtsdenken Kasseckert, Straftheo-
,,Die Klasse, die abseits stand, bildet heute den einflufaeichsten Faktor bei der rie, S. 18 ff.
Staatswillensbildung, und es ist Zeit, den HaG gegen den Staat und seine Auto- 522 Vgl. etwa Berges, DStR 1934, 242; Gallas, FS Gleispach, S.62f., 67; ders., ZStW 60

ritat aufzugeben, ja es ist ein Gebot politischer Klugheit, die Autoritat dieses (1940), 379; Schaffstein, Verbrechen, S. 118, 123, 132. - Die Verknüpfung von Pflichtdehkts-
neuen Staates anzuerkennen und zu starken. Eingliederung in den staatlichen denken und Nationalsozialismus (in letzter Zeit wurde sie etwa hergestellt von Bung, Wis-
sen, S. 113; Gkountis, Autonomie, S. 195; Hefendehl, Rechtsgüter, S. 49 ff.; dems., JA 2011,
Organismus, Staatserhaltung und Staatsbejahung müfüe heute oberstes Ziel al- 403; K. Giinther, Schuld, S. 225 ff.; Kriiger, Entmaterialisierungstendenz, S. 16; Wrage, Gren-
ler Politiker sein. Notwendig ist es aber auch, sich von individualistischer Ein- zen, S. 195 f.) entspricht zwar der Selbstdarstellung der meisten Propagandisten eines na-
stellung loszulosen, zu erkennen, daG der einzelne nur Wert hat als Glied eines tionalsozialistischen Strafrechts (vgl. etwa Berges, DStR 1934, 242; Braun, Bedeutung, S. 31 f.;
Ganzen, dem er sich vollig einordnet." 515 Gallas, FS Gleispach, S. 53, 68; Gleispach, Willensstrafrecht, S. 1069; Schaffstein, Verbrechen,
S. 110; naher dazu Cheng, Ausnahme, S. 69 ff.; Feldmiiller-Bauerle, Schule, S. 128 ff.; Hartl,
Im Nationalsozialismus erreichte diese Enteignung des einzelnen zugunsten Willensstrafrecht, S. 106 ff.). An sich ist das Verstandnis des Delikts als Pflichtverletzung je-
des Kollektivs ihren Hohepunkt 516 -nur daG dieses Kollektiv jetzt nicht mehr, wie doch keineswegs ein spezifisch nationalsozialistisches (treffend Fiolka, Rechtsgut, S. 511 ff.;
es dem herkommlichen konservativen Denken entsprach, mit dem Staat gleich- Kahlo, Handlungsform, S. 172 Fn. 655). Auf ein Verstandnis des Verbrechens als Pflichtver-
517 letzung ]ief etwa die Position jener Autoren hinaus, die im AnschluG an Adolf Merkel die
gesetzt wurde , sondern mit der weitaus diffuseren Volksgemeinschaft, die seit
Mi:iglichkeit eines schuldlosen Unrechts mit der Begründung in Abrede stellten, daG nur zu-
der Machtergreifung ,,unmittelbares Erlebnis und konkrete Wirklichkeit" 518 ge- rechnungsfahige Personen zur Verneinung des im Recht verkorperten Gemeinwillens im-
stande seien (treffend Heinitz, Problem, S. 6; naher zu dieser Auffassung unten S. 266 ff.).
Kein Geringerer als Hold v. Ferneck sah in einer solchen Auffassung noch _1922~icht etwa
Voraussetzung[en]_ de_sZus_ammenlebens in Freiheit" die individuelle Dispositionsfreiheit einen Kollektivismus, sondern - gerade umgekehrt - den ,,allgememen Sub¡ekt1v1smus und
zah!t (aaO, 59). D1es 1st keme sonderl1ch klare Konzeption. Beruht sie womoglich auf der Individualismus" am Werk (Hold v. Ferneck, Versuch, S. 25), welcher, der Aufklarung ent-
Verm~ngung der Frage nach der Struktur des Verbrechensbegriffs mit derjenigen nach dem stammend, den Philosophen seit jeher als Sprengmittel gedient habe, wenn es gegolt~n habe,
Leg1t1mat1onsgrund der strafbewehrten Verhaltenspflichten?
512 die bestehende Ordnung zu stürzen (aaü, S. 25 f.). Erst die radikalen Wortführer emer na-
So etwa von Breithaupt, Volenti, S. 42 (dort das Zitat), 55.
513 tionalsozialistischen U mgestaltung des Strafrechts benutzten das - wie Klee (DStR 1936, 5)
Naher Kiihnbach, Solidaritatspflichten, S. 38 ff.; Pawlik, Notstand, S. 34 ff. monierte - an sich ,,farblos[ e]" - Verstandnis des Verbrechens als Pflichtverletzung gezielt als
514
Exemplarisch Stammler, Darstellung, S. 75 f.; Binding, Handbuch, S. 760; v. Tuhr, Vehikel, um jene Schranken staatlicher Strafgewalt abzubauen, die die Strafrechtslehre seit
Nothstand, S. 79; Rudolf Merkel, Kollision, S. 41 f.
515 dem Ende des [Link] für selbstverstandlich gehalten hatte. So machten sie sich die
Finger, GS 95 (1927), 114.
516 Vorstellung einer diffusen staatsbürgerlichen Loyalitat und die aus dieser abgele_itetetotale
Einzelheiten bei Cheng, Ausnahme, S. 61 ff.; Fiolka, Rechtsgut, S. 520 ff.; Hartl, Wil- Inpflichtnahme des einzelnen zugunsten der Volksgememschaft zunutze, um die Bmdung
lensstrafrecht, S. 47 ff.; Marx en, Kampf, S. 60 H., 183 f.; Vogel, Einflüsse, S. 73 f.; Winge, Gren- der Strafgewalt an konkrete, gesetzlich umschriebene Straftatbestande in Frage zu stellen:
zen, S. 190 ff.
517 ,,Ob ein gemeinschaftswidriges Verhalten vorliegt, ist mit der formalen Erfüllung oder_Nicht-
In diesem Sinne beispielsweise noch Erik Wolf in seiner 1933 veroffentlichten Schrift erfüllung von Tatbestanden nicht feststellbar." (Hohn, DR 1935, 267) Zudem redeten s1eeiner
über ,)Crisis und N eubau der Strafrechtsreform": Der Staat als ,,realer Willensverband der weitreichenden Vorverlagerung der ,,Verteidigung" ge gen den ,,verbrecherischen Volksfeind"
Nation" und ,,organisches Ganzes geistigen Lebens" salle zur ,,sinngebenden Grundidee des (Freisler, DStR 1934, 6) das Wort (eindringlich dazu Spendel, FS Weber, S.4ff.). Wahrend
gesamten Rechtsgütersystems" werden, weshalb jeder Angriff auf die Rechtsordnung als An- Binding die Vorstellung, daG die gesetzlichen Verbote und Gebote nur zu dem Zweck er-
gnff auf das Ganze gelten müsse (Erik Wolf, Krisis, S. 33).
518 lassen waren, ,,den Gesetzesuntertanen Exercitien zur Betatigung ihrer loyalen oder illoya-
Dahm, FS Gleispach, S. 21.
len Gesinnung zu gewahren", noch als ,,grotesk" abgetan hatte (Binding, Normen, Bd. II/1,
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirk1mgspflicht 99
98 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

pauschal als ,,rationalistisch und lctztlich matcrialistisch" schmahtcn 523, son- Jener Zug des kollektivistischen Rechtsgutdenkens, der es vor Schaffsteins
dcrn auch bci den Anhangcrn des herkommlichen Rechtsgutdogmas 524. So be- Augen Gnade finden lieG, stellt in Wahrheit jedoch seine zentrale Schwache dar:
tonten die Vertreter der Marburger Schule, Schwinge und Zimmerl, die den Für den Gedanken personlicher Integritat und Freiheit gibt es in ihm keinen
Rechtsgutbegriff ,,auch heute noch [fü1Jgrundlegend und unentbehrlich" hicl- Platz. Unter den Bedingungen der Moderne aber lafü sich, wie im folgenden
ten525,das ,,Rechtsgutdenken der Zeit vor dem Umbruch" sei ,,nicht auch das gezeigt wird, ohne die Freiheitsidee cine philosophisch sowie gesellschaftstheo-
Rechtsgutdenken unserer Zeit" 526. Habe das bisherige Rechtsgutdenken gele- retisch befriedigende Strafrechtstheorie nicht formulieren.
gentlich die Neigung erkennen lassen, die Einzelinteressen zu stark in den Vor-
dergrund zu rücken 527, müsse nunmehr ,,letzte Zuflucht und oberster Richt- 2. Freiheitsidee und Bürgerstatus
punkt [...] immer der Gedanke der Gemeinschaftsschddlichkeit [sein], dessen ,,Der Mensch ist das handelnde Wesen. Er ist [... ] nicht ,festgestellt', d.h. er
Inhalt aus der nationalsozialistischen Weltanschauung bestimmt werden ist sich selbst noch Aufgabe [... ], und gerade insofern er sich selbst noch Auf-
muW' 528. ,,Die Blutsgemeinschaft des Deutschen Volkes ist die Grundlage und 533
gabe ist, nimmt er auch zu sich selbst Stellung und ,macht sich zu etwas'."
zugleich der hochste und letzte Wert, von dem alles deutsche Rechtsdenken Der Mensch hat also sein Leben nicht einfach, sondern er führt es im Lichte
ausgehen muss." 529,,Und diese groGe Errungenschaft des Nationalsozialismus", seiner eigenen Vorstellungen von einem guten und gelingenden Dasein. ,,Wer
dessen war Klee als weiterer prominenter Anhanger des Rechtsgutbegriff s sich wir sind, ist unabhangig von unseren Interessen, Wünschen und Wertungen,
sicher, ,,wird im Denken der Volker nicht wieder verloren gehen" [Link] gutem ist unabhangig von dem, was wir sein mochten, was für uns wichtig ist, was für
Grund bescheinigte Engisch daher Schwinge und Zimmerl, sie dürften das ein Leben wir führen und in welcher Gesellschaft wir leben mochten, nicht zu
,,gute Gewissen" haben, ,,nicht minder für die Erneuerung unseres Rechtes im ermitteln." 534Diese Vorstellungen bringt der einzelne freilich nicht selbsttatig
Geiste des N ationalsozialismus zu kampf en" als ihre Kieler Gegner 531. Selbst aus seinem Inneren hervor, sondern er entwickelt sie ,,aus einem immer schon
Schaffstein hatte gegen einen derart verstandenen Rechtsgutbegriff nichts ein- bereitgestellten Vorrat an Auslegungsmustern, Wertorientierungen, Beurtei-
zuwenden: Beziehe man ihn statt auf den einzelnen auf die Volksgemeinschaft, lungsperspektiven"535. Dies gilt auch für die Hochschatzung von Selbstbestim-
so sei er unschadlich 532. mung und Selbstverwirklichung, wie sie die heutigen westlichen Gesellschaften
kennzeichnet.
S. 2_32),setzte Schaffstein in seiner programmatischen Abhandlung über das Verbrechen als Über jemanden zu bestimmen bedeutet, ihm die Inhalte seines Handelns vor-
Pfüchtverletzung ausdrücklich Pflichtenstrafrecht und Gesinnungsstrafrecht gleich (Schaff-
ste_zn,Verbrechen, S. 110), und Dahm erklarte mit Blick auf den Typus des ,,Verrats", der im zuschreiben und dadurch Herrschaft über ihn auszuüben 536. Die Besonderheit
Jl!-ittelpunl? des ~atim1ahozialistischen Strafrechts stehen müsse, kurz und bündig: ,,Die Ge- der Selbstbestimmung besteht darin, daG Herrschender und Beherrschter iden-
smnung, 111chtdie obJektive Tat, begründet das Unrecht." (Dahm, ZStW 95 [1935], 291; ab- tisch sind 537:W er selbstbestimmt lebt, lafü sich seine Handlungsinhalte nicht von
schwachend spater ders., Recht, S. 426 f.) Vor der Gefahr einer derartigen rechtskulturellen
anderen vorgeben, sondern setzt sie nach MaGgabe seiner Wertüberzeugungen
Konterrevolution aber bietet auch die Rechtsgutverletzungslehre keinen Schutz: ,,Rechts-
gutsverletzung, Pflichtverletzung und Tatprinzip sind dreierlei." (Jakobs, AT, 2/18 Fn. 32)
523 So etwa Dahm, Verbrechen, S. 79.
524 Naher dazu M. Bock, ZNR 6 (1984), 144 f. tivismus". ,,Das Buch tritt daher, wo ein miGverstandener Gemeinschaftsgedanke zu irrigen
525 Schwinge!Zimmerl, Wesensschau, S. 72 (Hervorhebungen im Original). Vorstellungen und Forderungen gelangt, für das Recht der Personlichkeit ein und versteckt
526 Schwinge!Zimmerl, Wesensschau, S. 72. dies Anliegen nicht hinter andersartigen Argumenten." (H. Mayer, Strafrecht, S. 11) Gerade
527 Schwinge!Zimmerl, Wesensschau, S. 72. da wo ein Individualinteresse geschützt sei, sei der Begriff des Rechtsguts von besonderem
528 Schwinge!Zimmerl, Wesensschau, S. 74. W~rt (aaO, S. 96). Ob Mayer tatsachlich-wie eres sich nach dem Krieg (1953) selbst beschei-
529 Schwinge!Zimmerl, Wesensschau, S. 58. nigte ,,auf ganzer Linie den Kampf für die Freiheit der Person auf[genommen]" hat (so H.
M ayer, AT, S. XII), mag dahinstehen; immerhin hat er sich einer Totalfunktionalisierung der
°
53 Klee, DStR 1936, 13.- Nichtweniger deutlich auGerte sich Klees Schüler Schmidt-Leich-

ner, spater ei~e: der Starveneidiger der jungen Bundesrepublik: ,,Von einer Trennung von Person entgegengestemmt.
533 Gehlen, Mensch, S. 32.
Staat und Ind1v1duum darf die neue Rechtsordnung nichts aufrechterhalten. Das Individuum
534 Kersting, Politik, S. 133.
verdient nicht Schu~z um seiner selbst willen, sondern nur zum Zwecke der Erha!tung der
535 Kersting, Politik, S. 133.
Volksgememschaft. (Schmzdt-Lezchner, Unrechtsbewusstsein, S. 5)
531 Engisch, MSchrKrim 29 (1938), 134. 536 Fisch, Selbstbestimmungsrecht, S. 26. - Nicht von ungefahr ist der ursprüngliche
532 Schaffstein, DStR 1937, 338. - Vereinzelt gab es allerdings auch gemafügtere Stimmen. Ort des Autonomiebegriffs die Staatslehre (naher Pohlmann, Art. ,,Autonom1e", Sp. 701 f.;
So erklarte H. Mayer in seinem ,,Strafrecht des deutschen Volkes" (1936) es zwar für selbst- v. Ungern-Sternberg, Autonomie, S. 9 ff.).
537 Fisch, Selbstbestimmungsrecht, S. 26; Gerhardt, Selbstbestimmung, S. 6; Hollerbach,
verstandlich, daG er ,,für die Rechte der Gemeinschaft gegen die Zuchtlosigkeit des Indivi-
duums" eintrete. Jedoch warnte er nicht minder nachdrücklich vor dem ,,Fehlweg des Kollek- Selbstbestimmung, S. 16; Stratenwerth, Autonomie, S. 39.
100 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort atif die Verletzting einer Mitwirktingspflicht 101

und Ziele eigenstiindig fest 538. Freilich hat die ,,lebensweltlich geglattete Nor- Ein solches Subjekt - ,,die Welt, gesehen von einem Punkte aus, in sich reali-
malautonomie" mit einer den Schopfergott imitierenden, absolut anfangenden siert und dadurch anderen zuganglich gemacht" - kann sich, wie Luhmann her-
Selbstbestimmung nichts gemein [Link] ist von vielfaltigen inneren und auf;eren vorhebt, ,,nur im Reiche der Freiheit realisieren; sonst ware es weder selbstandig
Bedingungen abhangig, die nicht Teil des je individuellen Verfügungsrahmens dargestellt noch einzigartig" 549. Die Grund- und Menschenrechte garantieren
sind, sondern ihn [Link] erst definieren [Link] bezeugt das moderne In- deshalb, daf; kein soziales System den Menschen als Ganzes vereinnahmt. Indem
dividuum in seinem Bemühen um Selbstbestimmung und Authentizitat in glei- sie den Menschen in Differenz zu allen Funktionssystemen setzen, ermoglichen
cher Weise die Macht und Wirklichkeit des Allgemeinen wie die Menschen frü- sie es ihm, eine individuelle Personlichkeit zu entwickeln und seine einzelnen
herer Zeiten. Gerade ,,in seinem Streben nach authentischem Selbstsein, in sei- Selbstdarstellungen bewufü zu wahlen und zu koordinieren 550. Die Menschen-
ner Haltung der reflexiven Distanzierung des Herkommlichen und Üblichen" [Link] [Link] diese Einzelgewahrleistungen zu der allgemeinen Aussage, daf;
ist ein solches Individuum ,,nicht minder ein aufgehobenes Element des allge- jeder Mensch es verdient (oder eben: [Link] ist), als ein zur freiverantwortlichen
meinen Selbst, nicht minder Selbstbewufüsein vorgefundener und unabhangi- Lebensführung berufenes Subjekt geachtet zu werden 551.
ger Sittlichkeit als die Mitglieder früherer wertintegrierter und hochkoharenter Das Recht, zumal das Strafrecht, hat seine Hauptaufgabe demnach darin, das
Kulturen" 541. Anliegen, jedermann solle sein Leben nach eigener Einsicht führen konnen,
Das Selbstbestimmungsideal ist untrennbar mit der Struktur moderner Ge- abzusichern. Zwar konnen der Staat und sein Strafrecht dem einzelnen kein
sellschaften [Link], die sich zwischen dem 17. und dem [Link] her- erfülltes Leben garantieren 552. ,,Ob die Verwirklichung von Autonomie ge-
ausbildet: dem Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Differenzie- lingt, dies ist etwas, das nur jeden Menschen für sich betrifft." 553Was das
[Link] stratifizierten Gesellschaften -Adelsgesellschaften - wird ,,die Ge- Strafrecht aber vermag, ist dies: dem einzelnen, selbstverstandlich unter der Be-
sellschaft als Rangordnung reprasentiert" 543. Die Schichtzugehorigkeit wirkt dingung strikter Reziprozitat, eine von lahmender Furcht und erdrückender
hier multifunktional: Sie bündelt Vorteile bzw. Benachteiligungen in so gut wie Fremdbestimmung freie Gestaltung des eigenen Daseins zu ermoglichen 554.
allen Funktionsbereichen der Gesellschaft [Link] funktional differenzierten Ge-
sellschaften verzichtet das Gesamtsystem [Link] auf jede Vorgabe einer losungsformel für die Umstellung des Inklusionsmodus auf moderne, funktionssystem-
Ordnung der Beziehung zwischen den Funktionssystemen 545. Die Rolle, die spezifische Bedingungen".
ein Individuum in einem Funktionssystem spielt, ist deshalb grundsatzlich ent- 549 Luhmann, Gesellschaftsstruktur, Bd. 3, S. 214.
550 Lindemann, Grenzregime, S. 151.
koppelt von den Rollen, die es in anderen Funktionssystemen einnimmt. Dem 551 Menke/Pollmann, Philosophie, S. 160.
teilbar gewordenen Individuum verbleibt in dieser Situation das Problem seiner 552 Hildebrand, Rationalisierung, S. 270.
546
Identitat und damit eine hochst anspruchsvolle Koordinations- und Integra- 553 Konig, Begründung, S. 282.

tionsaufgabe. Vom einzelnen wird erwartet, ,,daf; er imstande sei, sein Handeln 554 Eine klassische Fonnulierung hat diescr Gedanke bei Spinoza gefunden. Der letzte
auf mehrere soziale Systeme zu beziehen und deren unausgeglichene Anforde- Zweck des Staates besteht demnach nicht clarín, ,,zu hcrrschen oder die Menschen in Furcht
zu halten oder sie fremder Gewalt zu unterwerfen, sondern viclmehr den einzelnen von der
rungen in einer personlichen Verhaltenssynthese zu vereinen" 547. Er muf; sich Furcht zu befreien, damit er so sicher als moglich leben und sein natürliches Recht zu sein und
also in einer vorneuzeitlich ganzlich undenkbaren Weise als Subjekt seines Le- zu wirken ohne Schaden für sich und andere vollkommen behaupten kann" (Spinoza, Theo-
bens verstehen 548. logisch-politischer Traktat, S. 31). - Mit der hiesigen Aufgabenbestimmung des Strafrechts
übereinstimmend Kohler, AT, S. 28 f.; ders., Begriff, S. 67 ff.; ders., ZStW 104 (1992), 15 ff.; E.
538
A. Wolff, ZStW 97 (1985), 818 ff. - Im Unterschied zu dem hier in Übereinstimmung mit dem
Exemplarisch Hoffe, Art. ,,Freiheit", S. 70 ff. liberalen Standardmodell gewahlten Ausgang vom Begriff des subjektiven Rechts (dazu K.
539
Kersting, Einleitung, S. 79. Günther, Pflichtverletzung, S. 445 H.;Renzikowski, GA 2007, 565) ging die altere naturrecht-
540
Vossenktihl, Moglichkeit, S. 169. liche Tradition, wie sie exemplarisch von Pufendorf verkorpert wird, vom Primat der Pflicht
541
Kersting, Macht, S. 182. aus (naher Denzer, Moralphilosophie, S. 86 ff.; Ikadatsu, Paradigmenwechsel, S. 1 ff.; Auer,
542
Ltihmann, Gesellschaftsstruktur, Bd. 1, S. 72 ff. AcP 208 [2008], 592 f., 601 ff.): Nicht dem Recht, sondern der ,,Pflicht des Menschen und
543
Ltihmann, Gesellschaft, S. 679. des Bürgers nach dem Gesetz der Natur" - so der Tite! von Pufendorfs berühmtem Einfüh-
544
L1thmann, Gesellschaft, S. 679. rungswerk- galt das vorrangige Interesse der naturrechtlichen Autoren. Diese Konstruktion
545
Ltihmann, Gesellschaft, S. 746. ermoglichte es ihnen, die jedem Recht innewohnende Gemeinwohlbindung besonders her-
546
Luhmann, Gesellschaftsstruktur, Bd. 3, S. 223. vorzuheben. So muG nach Pufendorf der Reiche demjenigen, der sich ohne eigene Schuld in
547
L1thmann, Grundrechte, S. 53; vgl. auch dens., Gesellschaftsstruktur, Bd. 3, S. 235; Not und Elend befindet, aufgrund der allgemeinen Verpflichtung zu menschlichem Verhalten
[Link],Selbst, S. 183. zur Hilfe kommen-eine Verpflichtung, die auGerstenfalls sogar einen Mundraub rechtfertige
548
Luhmann (Gesellschaft, S. 1027) bezeichnet das Subjekt deshalb geradezu ,,als Er- (Pufendorf, Pflicht, I/5, § 23 [S. 70]). Gegenüber dem Staat habe der [Link] die Pflicht, ,,nichts
102 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletztmg einer Mitwirkungspflicht 103

Der Selbstbestimmung einfordernde Bürger tritt freilich nicht nur in der Kreis legitimer Strafrechtsgüter auf jene ,,Gegebenheiten oder Zwecksetzun-
Rolle einer vor dem Recht verantwortlichen Privatperson auf, die an einem ef- gen" zu beschranken, ,,die für die freie Entfaltung des Einzelnen, die Entfal-
fektiven Schutz ihrer Integritat vor Schadigungen interessiert ist, sondern auch tung seiner Grundrechte und das Funktionieren eines auf dieser Zielvorstel-
in der Rolle eines für das Recht verantwortlichen Staatsbürgers 555 ; der Begriff lung aufbauenden staatlichen Systems notwendig sind" 559 . Kein Raum ist in
560
rechtlicher Freiheit besitzt nicht lediglich eine liberale, sondern auch eine demo- derartigen Begriffsbestimmungen für die politische Freiheit der Bürger , die
kratische Bedeutungskomponente 556 • Zur Identitat des Staatsbürgers gehort es, sich clarín auGert, daG sie (in Gestalt ihrer parlamentarischen Reprasentanten)
vermittelt durch die von ihm gewahlten Reprasentanten im Rahmen der grund- nicht auf jene Liste von (moglichst personlichkeitsnahen) ,,Gütern" festgelegt
rechtlichen Ordnung auch solche politischen Anliegen umzusetzen, die sich sind, die die strafrechtstheoretischen Philosophenkonige für sie erdacht haben.
nicht auf das Interesse an einer Optimierung individueller Lebensgestaltungs- Der Gesetzgeber wird vielmehr in geradezu vorkonstitutioneller Manier fast
optionen zurückführen lassen. Der institutionelle Bezug eines freiheitlichen ausschliefüich als jene Instanz wahrgenommen, die es zu bandigen gilt. ,,DaG
Strafrechts zum demokratischen System wird von der Strafrechtswissenschaft der Gesetzgeber als einzige staatliche Instanz unmittelbar demokratisch legiti-
notorisch unterschatzt 557 • So neigt die Rechtsgutlehre auch dort, wo sie nomi- miert ist, daG der Gesetzgeber ein verfassungsrechtlich gebundener ist und im
nell den AnschluG an die geltende Verfassungsordnung sucht 558 , dazu, den demokratischen Rechtsstaat überhaupt nicht ohne seine verfassungsrechtlichen

hoher zu veranschlagen als dessen Sicherheit und Wohl, Leben, Hab und Gut und alle Mittel
zu seiner Entfaltung bereitwillig zur Verfügung zu stellen, sowie alle Krafte des Geistes und eincs schutzwürdigen Rechtsguts bildet danach lediglich die Eingangsvoraussetzung der ver-
des Korpers auf die Vermehrung seines Glanzes und die Forderung seiner Wohlfahrt auszu- fassungsrechtlichen Prüfung. Deren Schwerpunkt liege bei dcr nachfolgenden Verha!tnisma-
ri_chten'.'(P_ufend~rf,Pflicht, II/18, § 4 [S. 211]). Kant band den Rechtsbegriff demgegenüber an Gigkeitsprüfung. . . _ _. .
die Fre1he1t des emzelnen und ersetzte folgerichtig den Pflichtbegriff durch die neue Funda- 559 So Roxin, AT 1, § 2 Rn. 7. - Noch deutlicher w1rd diese emse1t1ge Fokuss1erung auf

mentalkategorie des subjektiven Rechts (dazu Auer, aaO, 618 ff.; Hruschka, JZ 2004, 1085 ff.; den ,,in einem ursprünglichen Sinn: herrliche[n] Einzelne[n]" (Jakobs, FS Amelung, S. 41) be1
Ikadatsu, aaü, S. 76 ff.; Konig, Begründung, S. 101, 139; Wieacker, Formalismus, S. 143 f.). Frister (AT, § 3 Rn. 32), dcr den Rechtsgutbegriff unter ausdrückbcher Bctonu;1g d~s U_m-
Auch wenn es rein analytisch auch in einer freiheitlichen Rechtsordnung moglich ist, den Be- standes daG es sich um eine Definition vom Verfassungsrecht her handele, als ,,eme emprag-
griff der Pflicht für den grundlegenderen zu erklaren (so etwa Horn, Untersuchungen, S. 55 f. same K~rzformel für die vom Recht zu gewahrenden Bedingungen gleichberechtigter Per-
und jüngstjakobs, Norm, S. 36 f. sowie v. d. Pfordten, Differenzierung, S. 44) und subjektive sonlichkeitsentfa!tung" verstanden wissen will.- Bcsonders ausgepragt ist die Neigung, sich
Rechte mit v. d. Pfordten (aaO) als ein ,,Instrument der Zuordnung von Pflichtquellen" zu be- um den Preis zunehmender Wirklichkeitsverweigerung (dazu HK-GS-Rossner, Vorbem. zu
greifen, würde eine solche Darstellung doch den legitimationstheoretischen Zusammenhang § 1 Rn. 18; Fiolka, Rechtsgut, S. 88; Frisch, Rechtsgut, S. 221; Schii~emann, GA 1995, 207 f.;
verzerren (ebenso aus verfassungstheoretischer Perspektive Gotz, VVDStRL 41 [1983],S. 13 f. eindringlich bereits Tiedemann, Tatbestandsfunktionen, S. 119) mnerhalb emer selbstge-
und f!ofmann, VVDStRL 41 [1983], S. 54 f.). Insofern gehort die von Kant vorgenommene bauten kriminalpolitischen Kuschelecke einzurichten,_ bei d~n Vertrete'.·n der sogenan_nten
Begnffsumstellung nach dem treffenden Urteil Auers (aaO, 634) ,,zum nicht mehr zurück- personalen Rechtsgutlehre. Diese behauptet einen leg1t11nauonstheoret1schen Pnm~t md1-
nehmbaren Grundbestand des philosophischen Diskurses der Moderne". vidueller Interessen gegenüber kollektiven Belangen sow1c eme k_ategonsche Beschrankung
555
Vgl. Forst, Kontexte, S. 395 ff.; Pocock, Bürgergesellschaft, S. 141ff.; Richter, Politik, des Schutzes von Institutionen auf die ,,Bedingung[en] der Moghchke1t des Personenschut-
S. 19 ff., 156 ff.; Walzer, Gesellschaft, S. 171 ff. zes" (NK-Hassemer/Neumann, Vor § 1 Rn. 133ff.; Hassemer, Gr~ndlii:1i~1;-,_S. 91 f. [grund-
556
Exemplarisch Pocock, Bürgergesellschaft, S. 143ff.; Sandel, Liberalismus, S. 55 ff. legend]; ferner Marx, Definition, S. 62 ff., 79 ff.; Chatzzkostas, D1spo111b1!1tat,S. 134; Her-
557
Von einem ,,MiGtrauen" der herrschenden Strafrechtslehre gegenüber dcm Gesetz- zog, Unsicherheit, S. 73; ders., Pravention, S. 57 ff.; Hohmann, Rechtsgut, S. 66 ff., 117f.; ders.,
geber sprechen zu Recht Appel, KritV 1999, 286; Amelung, Begriff, S. 163; Stuckenberg, GA GA 1992, 77 ff.; Sarhan, Wiedergutmachung, S. 242; Stachelin, Strafgesetzgebung, S. 77 ff;
201~, _659._Ein ,,Unbehagen" der Strafrechtswissenschaft gegenüber einer rein prozeduralen Sternberg-Lieben, Schranken, S. 377 ff.; ders., Rechtsgut, S._67ff.; Kar?l, JA 2003, 609; Mzr
Leg1t1mat10n der Gesetzgebung konstatiert ferner Fiolka, Rechtsgut, S. 75 f. - Zur Illustra- Puig, Grenzen, S. 90 f.; Prittwitz, Rechtsgutslehre, S. 100 ff.; 11nErgebms auch Kahlo, Hand-
tion sei nur auf eine neuere AuGerung eines der berühmtesten deutschen Strafrechtslehrer lungsform, S. 171; Roxin, Rechtsgüterschutz, S. 139 f.; Wrage, Grenzen, S. 279, 376 f.). - He-
verwiesen. In Roxins Worten ,,spricht [vieles] dafür, dass ein moderner Gesetzgeber, auch fendehl (Rechtsgüter, S. 113 ff.) betont demgegenüber zu ~echt, d~Gd!e Bede~tun~ kollekt1ver
wenn er demokratisch legitimiert ist, etwas nicht schon deshalb mit Strafe bedrohen darf weil Rechtsgüter sich nicht darin crschopft, Freiraume für die Verwirkbchung 1_nd1v1duellerLe-
es ihm nicht gefallt". Nach dem ,,heute erreichten Standard unserer westlichen Zivilisa;ion" bensplane zu schaffen, sondern daG der Staat mittel: d~s Strafrechts auch seme e1gene Funk-
bedürfe die Ponalisierung eines Verha!tens namlich ,,einer anderen Legitimation, als sie das tionsfahigkeit muG gewahrleisten konnen. Nach h1es1ger Auffassung muG man_aus ~emo-
bloGe Beheben des Gesetzgebers liefert" (Roxin, Rechtsgüterschutz, S. 135). Gibt es irgend kratietheoretischcn Gründen jedoch noch einen Schritt weitergehen und - auch ¡ense1ts der
jemanden, der dies bestreitet? von Hefendehl anerkannten engen Grenzen - im Rahmen des verfassungsrechtlich Zulassigen
558 selbst solche Strafnormen als grundsatzlich berechtigt anerkennen, ,,für die es keine andere
DaG das Straftaterfordernis der Rechtsgutverletzung ohne Einbindung in eine Theo-
rie verfassungsrechtlicher Anforderungen ,,wenig mehr als Tradition für sich habe" (so Begründung gibt, als dass wir in einer Gesellschaft leben wollen, die diese Regeln [Link]-
Bottke, FS Lampe, S. 488), wird immerhin zunehmend anerkannt (so etwa jüngst von Kiihl, ticrt" (Stratenwerth, FS Amelung, S. 363; ebenso berelts ders., FS Lenckner, S. 390 f.; ahnbch
F: Puppe, _S.~66)._Wie eine solche verfassungsrechtlich reflektierte Rechtsgutlehre aussehen
konnte, sk1zz1ert m emdrucksvoller Weise Hefendehl (JA 2011, 403 ff.). Die Identifizierung
Volk, 2. FS Roxin, S. 224).
560 Der Begriff wird hier verstanden im Sinne von Aron, Freiheiten, S. 97.
104 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 105

Bindungen gedacht werden kann, gerat demgegenüber in den Hintergrund."561 jeden einzelnen Bürger aufspannt, von anderen nicht nennenswert Lidiert wird,
Der ,,nachgerade verstorende[n] Demokratieferne" 562 der herkommlichen ist insofern die ,,Vorbedingung der Personalitat" 571und damit auch der Legiti-
Rechtsgutlehre, die, in ,,eine[r] Art normative[r] Parallelwelt" befangen 563, ,,den mitat eines jeden der Idee personaler Freiheit verpflichteten Staates [Link] eine
Anschluss an die verfassungsrechtlichen Diskurse vielerorts verloren hat" 564 kurze Formel gebracht: Die rechtliche Ordnung hat die ,,Herrschaft der Nor-
tritt eine freiheitstheoretisch reflektierte Verbrechenslehre entgegen. Der ver~ malitat" durchzusetzen 573.,,Normalitat ist der Biotop des Normativen." 574Nor-
fassungsrechtlich vorgegebene Gestaltungsspielraum des Strafgesetzgebers ist malitat aber herrscht dann, wenn ,,die Voraussetzungen für menschliches Glück
ihr nicht etwa ein unvermeidliches Übel, sondern vielmehr genuiner und schat- und Handlungserfolg, für personale Selbstentwicklung und ethische Selbstver-
zenswerter Ausdruck bürgerlicher Freiheit 565. wirklichung zur unauffalligen Selbstverstandlichkeit geworden sind, wenn Ge-
Der Aufgabe der Freiheitssicherung vermag die Rechtsordnung nur gerecht walt aus dem zwischenmenschlichen Raum verbannt ist, Zukunftsvertrauen be-
zu werden, wenn sie -wie Welzel es formuliert- ,,wirklichkeitsgestaltende Kraft steht, Erwartungen handlungsleitende Stabilitat gewinnen und wechselseitige
566
besitzt" . Ebenso wie Hobbes erblickt auch Welzel die erste und wichtigste Verlafüichkeit herrscht." 575
A~fgabe des Rechts darin, ,,den off en oder immerfort latent drohenden Bürger- Ein Zustand rechtlicher Normalitat erfordert somit mehr als das Vorhanden-
kneg aller gegen alle zu überwinden oder niederzuhalten und durch eine das Le- sein einer abstrakten Normenordnung: Der einzelne Bürger mug in ihm ,,seines
ben aller sichernde Ordnung zu ersetzen" [Link] wenn der einzelne Bürger von Rechts teilhaftig werden" 576,sich also der Achtung seiner Rechtsstellung durch
dem Zwang entlastet ist, bestandig die existentiellen Risiken seines Verhaltens zu seine Mitbürger weitgehend sicher sein konnen; die Rechtsnormen bedürfen der
kalkulieren, vermag er sich anderen, ,,hoheren" Aufgaben zuzuwenden56S_,,Es ist kognitiven Untermauerung 577. ,,Denn wenn sich die Rechtsgesetze des Staates,
die wesentliche Bestimmung personaler Existenz, dag Personen fahig sind, ihre d.h. die offentliche Freiheit, nur auf Vorschriften ohne Kraft stützen, dann wird
Gegenwart in die Vergangenheit und Zukunft zu erweitern und im Verstand- den Bürgern nicht nur die Sicherheit fehlen, dag diese Gesetze eingehalten wer-
nis dieser Erweiterungen ihr Leben praktisch auszugestalten. Auf diese Weise den, [... ] sondern es wird auch der Untergang der Freiheit sein." 578Von einer
überführen sie die Kontingenz der Existenz in Kontinuitat ihres personalen Le- Summe einzelner Rechtserfahrungen unterscheidet sich ein Zustand konkret-
bens."~69Im ~irn~nftigen Lebenspla~ findet die~e Kontinuitat ihre sinnfallige realer Freiheitlichkeit deshalb vor allem durch seine Stabilitat, seine Dauerhaf-
5
Auspragung . Die Erwartung, dag die ,,symbobsche Hülle", die das Recht um tigkeit579.
Gleichsam den canttts firmus der neuzeitlichen politischen Philosophie bildet
561
Appel, Verfassung, S. 330; ders., KritV 1999, 287. die Überzeugung, dag es zur Herstellung und Aufrechterhaltung eines Zustan-
562
Stuckenberg, GA 2011, 658. des gesicherter Freiheitlichkeit der Institutionen, vor allem des Staates, be-
563
Stuckenberg, GA 2011, 655.
564 darf580. Unentbehrlichkeit ist freilich nicht mit Exklusivitat zu verwechseln.
Gdrditz, Staat 49 (2010), 332; vgl. auch Fiolka, Rechtsgut, S. 295, 343 f., 422; Gaede,
Kraft, S. 183. Der Glaube, die Aufrechterhaltung der augeren Ordnung konne ausschliefllich
5~ I E b . . 1. f durch ein effizientes Netz staatlicher Behorden bewerkstelligt werden - eine
m rge UJsw1e uer BVer GE 120,224,240 ff.; LK-Weigend, Einl. Rn. 3, 6 f.; LK-Wal-
ter, Vor § 13 Rn. ~; NK-~aeffgen, Vor §§ 32 H. Rn. 11 f.; Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 2 Rn. 8; Ansicht, die sich bereits bei Kant findet 581 und zeitweise geradezu zum Credo
Stratenwerth, Knmrnahs1erung, S. 256 ff.; ders., FS Amelung, S. 362 f.; Appel, Vcrfassung, der ,,Hochmoderne" avancierte 582-, ist indessen irrig. Keine Rechtsgemein-
S. 362 f.; ders., KntV 1999, 286 f., 299 f., 306, 309 f.; Fiolka, Rechtsgut, S. 76, 87, 144, 340 f.,
390 f.; Lagodny, Strafrecht, S. 144, 147, 153, 162 f.; Amelung, Begriff, S. 162 f.; Androulakis, 571 Kargl, Rcchtsgüterschutz, S. 60.
FS Hassemer,_S. 278; Baczgalupo, FS Jakobs, 5.14; Frisch, Rechtsgut, 221 f.; Gdrditz, Staat 49 572 Frankenberg, KJ 2005, 376.
(2010), 342; Hzlgendorf, NK 2010, 128;F. Meyer, ZStW 123 (2011), 10 f.; Stuckenberg, GA 2011, 573 Kersting, Politik, S. 128; ders., Macht, S. 76. -Treffend bemerkt Bleckmann (Strafrechts-
658 ff.; Vogel, GA 2002, 529 f.
566 dogmatik, S. 61): ,,Das Gewaltverbot verhindert nicht primar Gewalt, es ist die Bedingung
Welzel, Abhandlungen, S. 282.
567 der Moglichkeit von Handlungen, die so tun konncn, als ob die Welt nicht gewalttatig ware."
Welzel, Abhandlungen, S. 282. 574 Kersting, Politik, S. 128 .
568
. ]akobs, FS Amelung, S. 48; Boehme-Nefller, Rechtstheorie 39 (2008), 549; Winkler, Fei- 575 Kersting, Politik, S. 128; ders., Macht, S. 76.
hen, ~- 30. - Aus gutem Gr~nd b~zei~lmet deshalb Windscheid das Rccht als die ,,Grundlage 576 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 423.
d~, smhchen Weltordnung : ,,W1e die Erde auf granttenem Gefüge ruht, und ohne dasselbe 577 Zuletztjakobs, Rechtszwang, S. 33.
rnchts sern würde, was auf ihr grünt und blüht: so ruht die sittliche Weltordnung auf dem 578 Spinoza, Politischer Traktat, S. 97.
Gefuge des Rechts, und Jede Blüthe derselben verdankt erst ihm ihr Dasein." (Windscheid, 579
Pawlik, Person, S. 81.
Recht, S. 4) 580 Exemplarisch Kersting, FAZ v. 7.6.2008, 15.
569
Sturma, Philosophie, S. 352. 581 Dazu Pawlik, ]RE 14 (2006), 269 ff.
570
Sturma, Philosophie, S. 352. 582
Vgl. Garland, Kultur, S. 92.
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 107
106 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

schaft kann ausschliefüich auf die Macht der Institutionen setzen, schon des- delt, seine Rolle als Reprasentant der Rechtsgemeinschaft - kurz: als Bürger -
halb nicht, weil deren Handlungskapazitaten sehr begrenzt sind 583. Eine Mit- bricht. Er verletzt seine Pflicht, an der Aufrechterhaltung des bestehenden
verantwortung für die Aufrechterhaltung eines Zustandes der Freiheitlichkeit Rechtszustandes mitzuwirken 591. Insofern stellt ein Verbrechen begrifflich ein
trifft deshalb auch jeden einzelnen Bürger 584. Diese Mitverantwortung anzuer- Unrecht gegenüber der Rechtsgemeinschaft als ganzer dar 592; in den Worten
593
kennen ist letztlich ein Gebot der FairneK ,,Wer die Freiheiten einer rechts- Kants gefahrdet es ,,das gemeine Wesen und nicht bloG eine einzelne Person" .
staatlichen Ordnung in Anspruch nehmen will, ist aufgefordert, auch das Seine Ihren Legitimationsgrund aber findet die strafbewehrte Mitwirkungspflicht in
zur Bewahrung und Verteidigung dieser Freiheiten beizutragen." 585 der Freiheit der Bürger, die nur im Rahmen einer durchsetzungsfahigen Rechts-
594
Zwar geht die Bürgerverantwortung im demokratischen Verfassungsstaat ordnung zu realer Werthaltigkeit erstarkt .
nie auf das Ganze des Gemeinwesens: Den Bürger trifft keine unmittelbare
591 Ahnlich Kohler, AT, S. 48 f.; Appel, Verfassung, S. 467 H.; Kersting, Macht, S. 252 ff.;
Verantwortlichkeit für das staatliche Gemeinwohl 586; da eine solche Verant-
Kleinert, Betroffenheit, S. 127 ff., 218; Müssig, Mord, S. 142; Otto, ZStW 87 (1975), 563; Zabel,
wortlichkeit angesichts der Komplexitat moderner Gesellschaften buchstablich Schuldtypisicrung, S. 119; Frisch, FS Müller-Dietz, S. 254; Kindhduser, ZStW 107 (1995), 722;
unermefüich ware, konnte der einzelne Bürger ihr schlechterdings nicht genü- Renzikowski, GA 2007, 564, 566; Roxin, JuS 1966, 385; Schild, FS Lenckner, S. 305 f.; Zaczyk,
[Link] aber tragt der Bürger für die konkreten Aufgaben seiner gesell- Staat, S. 80 ff.
592 Die Vcrpflichtung, sich an der Erhaltung der bestehenden Freiheitsordnung zu be-
schaftlichen Rollen Verantwortung [Link] Gerhardt zu Recht hervorhebt, be-
teiligen, pragt nicht nur die materiell-strafrecht'.ichc, sondern auch die v_erfahrensrechtliche
sitzen deshalb nicht nur Gesetzgebung und Rechtsprechung reprasentativen Stellung des cinzelnen Bürgers. Aus ihr ergibt s1ch, daB die Rechtsgememschaft grundsatz-
Charakter, sondern auch die alltagliche Rechtsbefolgung: ,,Das Gesetz repra- lich von jedem ihrer [Link] verlangen darf, sich an der Aufklarung von Straftaten zu
sentiert die Verhaltenserwartung einer institutionellen Gemeinschaft, der beteiligen (ebenso Kohler, ZStW 107 [1995], 20; Lesch, GA 2000_, 364). ,,Der Staat, dem der
Richter reprasentiert das Gesetz und der legal handelnde Bürger stellt exempla- Einzelne die gedeihliche Existenz als Bürger, als freier, berecht1gter Mensch verdankt, hat
einen begründeten Anspruch darauf, Jeden, auch den Beschuldigten selbst, zur Auffindung
risch die Geltung der Gesetze vor." 589,,Denn" - so erlautert Robert Spaemann und Tilgung von Angriffen auf die Rechtsordnung verpflichtet zu erklaren." (Sundelin, G:' 6
- ,,alle Handlungen, die in einem vorgegebenen normativen Rahmen vollzogen [1858], 628) Zwar hat der strafverfolgende Staat bei der Ausgestaltung der betreffenden Pfücht
werden, reproduzieren die Geltung dieses Rahmens." 590 die Grundrechtc der seiner Gewalt unterworfenen Personen zu achten; ansonsten würde er
Ein Angriff auf den Zustand der Freiheitlichkeit auGert sich folglich darin, seinen Anspruch konterkarieren, als Wahrer der Freiheit aufzutreten. Das Verha~tnis zwi-
schcn Bürgerpflicht und Individualgrundrecht wird jedoch verzeichnet, wenn man Jede Inan-
daG der Tater, indem er der strafrechtlichen Verhaltensordnung zuwiderhan- spruchnahme des Bürgers im Rahmcn cines Straf_verfa_hrens _unter den Generalverdac~t emer
Instrumentalisicrung des Betroffenen zu emem 1hm auBerhchen Zweck stcllt. D1es hefe auf
583 die ir rige Vorstellung hinaus, ,,den Beschuldigten im Strafverfahren [... ] als auBerhalb der G_e-
Naher Pawlik, JRE 14 (2006), 279 ff.
meinschaft, ihr feindsclig als berechtigten Gegner gegenübergestellt" zu denken (Sundelz~,
. 584 Dies bestrcitcn Bustos Ramírez (FS Tiedcmann, S. 348) und Saliger (JZ 2006, 762)
aaO). Der Status des einzelnen als Grundrechtssubjekt ist vielmehr gleichursprün_glich m1t
m1t d~r_Behauptung, cine s_olc_he Position sei autoritar bzw. totalitar. Der Vorwurf geht fehl:
seiner Rechtsrolle als gemeinschaftsgebundener Bürger. Deshalb darf _derB~schuld1_gtenvar
Totahtar ware 1m Gegente1l em Staat, der Ernst damit machte, Normkonformitat allein mit
nicht unter Androhung von Sanktionen dazu [Link] werden, an semer e1genen Uberfuh-
Hilfc seines Zwangsapparates zu sichern (Pawlik, JRE 14 [2006], 280 f.; ebenso Baurmann,
rung mitzuwirken; dem strafverfolgenden Staat ist es untersagt, ihn in eine Lage_zu bnngen,
Normativitat, S. 173; jakobs, Norm, S. 78; ders., Rechtszwang, S. 39; ders, Theorie, S. 180;
die einem Aussagezwang nahekommt. Die nema tenetur-Regel hindert den Staat ¡edoch mcht
Krdft, Aprioritat, S. 102). - Im wesentlichen wie hier Link, VVDStRL 48 (1990), S. 31; Noll,
daran, sich für die verweigerte Kooperation Ersatz zu beschaffen (Volk, FG BGH,_S. 740).
Bcgründung, S. 14 f. Saladin, Verantwortung, S. 70; Ziekow, FS v. Arnim, S. 203; im Ansatz
Einen Schutz vor jedweder staatlich veranlaBten Sclbstbclastung kann der Beschuld1gte da-
auch Mttrmann, GA 2004, 70.
585 Huber, FAZ v. 22.1.2011, 8. bei nicht beanspruchen. (Naher Pawlik, GA 1998, 380ff.; zusammenfassend Erb, FS Otto,
586 Depenheuer, VVDStRL 55 (1996), S. 96 f.; Weber-Grellet, Rcchtstheoric 34 (2003), 182. S. 874 ff.; Verrel, FS Puppe, S. 1638 ff.)
587 Depenheuer, VVDStRL 55 (1996), S. 107. 593 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 452. - Dazu jüngst Hruschka, FS [Link], S. 88 ff.

588 Depenheuer, VVDStRL 55 (1996), S. 111, 123; Gdrditz, Staat 49 (2010), 356. 594 Mituntcr wird das Recht zur Teilhabe an der demokratischen Willensbildung zur

589 Grundlage strafrechtlicher Verpflichtungen erklart (K. Günther, Schuld, S. 245 ff.; ders.:_Per-
. Gerhardt, Partizipation, S. 343. - Die Feststellung, daB die Rechtsgemeinschaft von
sonenbegriff, s.93 ff. [grundlegend]; Gómez-]ara Díez, ZStW 119 [2007], 327 f.; Kmdhauser,
1h:·[Link] legales Handeln verlangen darf, hat eine nicht weniger bedeutsame Kehr-
FS Schroeder, S. 89 ff.; ders., FS Hassemer, S. 770 ff.; Mañalich, [Link], S. 34; Milton Pe-
seite: Mehr ~Is ~uBerlic~e Re~lmkonformitat_sch1:1ldendie Bürger nicht; die Beweggründe,
ralta, ZIS 2008, 509 ff.; Müssig, Mord, S. 234 H.; ders., FS Jakobs, S. 427 ff.; Rath, Rechtfer-
von denen s1e s1ch dabe1 mot1V1erenlassen, smd 1hre Sache (klarstellend Gdrditz Staat 49
[2010], 356; miBverstandlich Weber-Grellet, Rechtstheorie 34 [2003], 190). '
tigungsclement, S. 124 f., 131 f.): Die Verpflichtung, trotz Ablehnung der Nmm Un_recht ~u
590 vermeiden, sei nur legitim, ,,wenn die Rechtsperson das Rech: und die_Moghchke'.: hat, 111
Spaemann, Kritik, S. 180. - Inhaltlich übereinstimmend Haas (Kausalitat, S. 78 f.):
die Rolle des Staatsbürgers zu wechseln und als solcher von 1hren dehberanven Fah1gke1-
,,Wer die Vcrhaltensnormen beachtet, führt, sich dem Willen der Allgemeinheit unterwer-
ten in der Weise Gebrauch zu machen, daB sie [Link] gegen die Norm Stellung nimmt"
fend, stellvertretend ihr Geschaft. Der einzelne handelt als Glied der Gemeinschaft und nicht
als Individuum." (K. Günther, Personenbegriff, S. 95). ,,Ohne solche Verfahren keine Normbefolgungspflicht
C. Strafe als Antwort attf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 109
108 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Wie jede Straftheorie, so hat auch die hier vorgestellte Konzeption spezifische keine prinzipiellen Bedenken dagegen bestehen, auf eine Tat, die sich na~~1den
Begründungsgrenzen. Über die Legitimitat der Tatbestande, deren Verletzung einschlagigen Regeln des materiellen Strafrechts als ein Unrecht des Burgers
als ein dem Tater in seiner Bürgerrolle zurechenbares Unrecht gilt, sagt sie nur deuten laBt, mit Strafe zu reagieren. Dies besagt aber keineswegs, daB ¡edes Un-
(aber immerhin) so viel, daB das in ihnen fixierte Unrecht von erheblichem Ge- recht des Bürgers mit einer Strafe geahndet werden muB598 ; ,,nicht die Straf-
599
wicht sein muB. ,,Solange man die Strafe als eine besonders gewichtige negative pflicht, sondern nur das Strafrecht [ist] notwendige Folge des Deliktes" . Eine
Folge begreift, kann mit der Strafe auch nur auf qualifiziertes Unrecht reagiert gefestigte Gesellschaft wird nicht nur zu einer erheblichen Milderung der Stra-
werden." 595 Damit geht die hiesige Auffassung zwar über die Praventionslehren fen tendieren. Sie kann es sich auch leisten, die Reaktionsform der Strafe schwer-
hinaus, die ihrer instrumentalistischen Ausrichtung entsprechend keinerlei Kri- wiegenden Beeintrachtigungen der Daseinsb~dingungen von Freihei~ vorzube-
terien dafür bereitstellen, ob eine Strafrechtsordnung es verdient, daB sie mit halten, weniger gewichtige Unrechtstaten hmgegen auf andere We1se - etwa
Hilfe von Abschreckung, der Einübung in Normtreue oder der Umerziehung durch die Verpflichtung des Taters zur Wiedergutmachung - zu beantworten.
von Delinquenten stabilisiert wird 596 . Dennoch will die hiesige Konzeption nicht In einem Wort: Die hiesige Konzeption erhebt lediglich den Anspruch einer
als Beitrag zur Diskussion um den sogenannten materiellen Verbrechensbegriff Strafermoglichungs-, aber weder denjenigen einer Kriminalisierungs- noch den-
0
verstanden werden. Die Grenzen zulassiger Kriminalisierung naher zu bestim- jenigen einer Straferzwingungstheorie6° • • . • .

men ist eine bedeutsame verfassungsrechtliche Aufgabe, aber sie wirft überwie- Damit sind die Grundzüge einer Vergeltungstheone der Strafe skizz1ert, die
gend andere Fragen auf als die unter dem Tite! der Straftheorie zu erorternde den herkommlichen Einwanden gegen dieses Begründungsmodell nicht ausge-
Problematik 597 • setzt ist. Die hiesige Konzeption ist weit davon entfernt, ,,in zweckgeli:ister Ma-
601
Noch in einer weiteren Hinsicht übt die vorliegende Theorie sich in der Tu- jestat in den Grundrechten der Menschen herum[zufu?rwerken]" • Darübe~,

gend der Selbstbescheidung. Ihr ist es lediglich um den Nachweis zu tun, daB daB eine in diesem Sinne absolute, ,,also von menschhchen und gesellschafth-
chen Zielsetzungen losgeli:iste,Straftheorie verfassungsrechtlich und alltagsmo-
ralisch unertraglich" ware6º 2, sollte kein Streit bestehen. Nicht anders als den
und auch keine Schuld im Falle einer Normverletzung." (K. Günther, Schuld, S. 256) Diese Praventionslehren geht es vielmehr auch der hiesigen Konzeption um die Erhal-
Auffassung taugt allerdings weitaus besser zur Delegitimierung als zur Legitimiemng real
bestehcnder Rechtsordnungen: Vom ri:imischen Recht bis zum preufüschen StGB von 1851
tung der gesellschaftlichen Ordnung 603 . Unterschie_dlich sin~ jedoch die Be-
- alles illegitim (ebenso Kersting, Macht, S. 253 Fn. 72; kritisch zu Günthers Position bereits gründungsmodelle, mit denen beide Auffassu~gen d1ese_sAn~1egenauf den Be-
Pawlik, FAZ v. 14.3.2005, 40). Derlei gerechtigkeitstheoretische Exaltationen haben die un- riff zu bringen suchen. Aus Sicht der Praventionstheonen d1ent das Strafrecht
g «604 • · I
selige Neigung, die grundlegcnden ordnungspolitischen Voraussetzungen menschlicher Exis- - mit Hassemer gesprochen - der ,,Verbesserung d er Wet1 ; es 1st em nstru-
tenz allzu gering zu schatzen. ,,Die Ermi:iglichung geht der Optimierung, die Sicherung des
esse_de_rBefi:irderung des bene esse voran." (Kersting, Politik, S. 129) Von ungleich gri:iGerer
ment des gesellschaftlichen Interessenschutzes un~ soll_dazu b~itrag~n, ~us der
Fre1he1tsrelevanz als das Recht auf demokratische Mitwirkung ist für den einzelnen die Aus- durch die Straftat herbeigeführten suboptimalen S1tuat1ondas 1m Hmbhck auf
sicht, im Alltag zwischen den Wahlterminen sicher und in Frieden leben zu ki:innen. Die
freiheitstheoretisch primare Alternative lautet deshalb nicht: Demokratie oder Nicht-Demo-
598 Dem Einwand gegen cine als ,,absolute" Theorie im traditionelle_n Sinne verstandrne
kratie, sie lautet vielmehr: bürgerlicher Zustand oder Naturzustand. Auch ein demokrati-
scher _StaatmuG zunachst einmal Staat sein. Er muG mithin die Leistungen erbringen, welche Vergeltungslehre, ihr zufolge müsse die Strafe dem Normbruch kategonsch folgen (be1sp_1el-
haft Henkel, Einführung, S. 411 f.; ders., Strafe, S. 8; Hoerster, Strafe, S. 49; Papageorgw~,
von emem Staat erwartet werden in erster Linie die Garantie des Friedens. An dieser Auf-
Schaden, S. 47 ff.; Hassemer, Selbstverstandnis, S. 52; jakobs, Norm, S. 107),_1st dam1t die
gabe wird er scheitern, solange die Gehorsamspflicht seiner Bürger im Zweifel steht. Die Ge-
horsamspflicht der Bürger muG deshalb an die Staatlichkeit des Staates anknüpfen, nicht erst Grundlage cntzogen. Bereits Nagler (Strafe, S. 723! geiGcltc die Behaupt~ng emer absoluten
an dessen demokratische VerfaGtheit. - Wie hier Keller, FS Lüderssen, S. 427 f.; nahestchend Strafpflichtigkeit von Verbrechen (zuletzt wurde s1evon Greco, Lebend1ges, S. 42_3f. erneu-
ert) als einen starren ,,Doktrinarismus", der das Vorrecl:t ,,des Unfehlbarke1tsdunkels der
]a~obs, ~StW 118 (2006), 845. - Grundlegend zum staatsphilosophischen Primat des Sichcr-
he1tsanhegens Isensee, Grundrecht, S. 3 ff. (historisch), 17 ff. (systematisch). Studierstube" bleibe und in der Praxis nie eine Rolle gesp1elt habe.
595
Frisch, Straftat, S. 145. 599 Binding, Grundriss, S. 230.
596
Treffend Neumann, Feindstrafrecht, S. 307 f.; Stübinger, Idealisiertes Strafrecht, 600 Im wesentlichcn wie hier bereits Nagler, Strafe, S. 585 ff., 721 ff.
601 So der Vorwurf Hassemers, WestEnd 2006, 77 gegen die Vergeltungslehren. (Hassemer
S. 308 f.
597
Ebenso Jakobs, AT, 1/18; ders., FS Amelung, S. 47; jescheck/Weigend, AT, § 8 II 3 spielt darin an auf Maurach, AT4, S. 77.) .. .
602Hassemer, Selbstverstandnis, S. 47. -Ebenso BVerfGE 72, 105, 114;Hornle, St1aftheo-
(S. 68); Appel, Vedassung, S. 44~; Beck, Unrechtsbegründung, S. 39 ff.; Greco, Lebendiges,
rien, S. 16; dies., Strafbegründungstheorien, S. 30; Gdrditz, Staat 49 (2010), 351,359 f.; Roxzn,
S. 304; Haffke'. T1efenpsycholog1e, S. 82; Kalous, Generalpravention, S. 117; Müssig, Schutz,
S.142f.; Garditz, Staat 49 (2010), 353; Kindhduser, GA 1989, 493; Perron, Rechtfertigung, Schlussbericht, S. 178; ders., Ai:iR 59 (2011), 13; Weigend, Kommentar, S. 31 f.
S. 24, 30; Vogler, ZStW 90 (1978), 141. - Aus dem alteren Schrifttum: Liepmann, Einleitung, 603 Insoweit zustimmend Stuckenberg, Vorstudien, S. 487.
S.199; Saloman, ZStW 33 (1912), 16. 604 Hassemer, WestEnd 2006, 75.
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 111
110 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Denken, sich mit einer abstrakten Entgegensetzung der Kategorien des Allge-
das weitere soziale Leben Beste zu machen. Nach hiesigem Verstandnis hinge-
gen ist der Rechtsgrund der Strafe ,,allein das Verbrechen selbst" 6º5, allerdings meinen und des Besonderen zufriedenzugeben.
Das Allgemeine, das Recht an sich, sei, so betont Halschner, für das Verbre-
unter dem Blickwinkel seiner Bedeutung nicht nur für das konkrete Opfer,
chen unerreichbar [Link], so fügt er hinzu, es sei eine ,,wesenlose Abstraktion,
sondern für die betroffene Rechtsgemeinschaft als ganze. Das hier vorgeschla-
wenn ich mich dessen getrosten soll, dafl mein Recht niemals durch Unrecht,
gene Begründungsmodell mythologisiert die Strafe nicht, aber es verfallt auch
Verbrechen verletzt, aufgehoben werden kann"6 12. Dies gelte um so mehr, als
nicht dem gegenteiligen Irrglauben, die Aufgabe der Straflegitimation lasse sich
,,das Recht [... ] nicht selbst Zweck [ist], sondern Mittel für das sittliche Le ben
auf den Status eines technischen Optimierungsproblems herunterrechnen. Sein
des Menschen" und ,,darum einen Werth für dasselbe nur [gewinnt], indem es
Grundgedanke ist von grofüer Einfachheit: Den Tater trifft eine rechtliche Mit-
den Menschen den Genufl der Güter, welche nothwendige Bedingung ihrer sitt-
verantwortung für den Fortbestand des freiheitlichen Zustandes, in dem er lebt.
An dieser Mitverantwortung wird er in der Strafe festgehalten, indem auf seine lichen Existenz sind, wirklich gewahrt und sichert" 613. ,,Nur in seinem endli-
chen, concreten Dasein, in den von ihm geordneten Zustanden des socialen Le-
Kosten die Wechselbezüglichkeit von Mitwirkungspflichterfüllung und Frei-
bens" ist Halschner zufolge ,,das Recht dem Verbrechen überhaupt zuganglich,
heitsgenufl bestatigt wird 606. Legitimes Strafrecht ist definitionsgemafl Bürger-
und es ist Rechtsverletzung, indem es sich gegen eine concrete Berechtigung,
strafrecht; es gibt kein anderes 6º7 .
ein concretes rechtliches Gut als sein Object wendet" [Link] setze das Ver-
brechen ,,in allen Fallen die Beschadigung eines solchen rechtlichen Gutes vor-
3. Der Verbrechensbegriff Hugo Halschners
aus"[Link] gelingt dem Hegelianer Halschner jene Vermittlungsleistung, an
Die hier entwickelte Konzeption ist keineswegs so neuartig, wie sie auf den der der kantisch gepragte Dualist Feuerbach gescheitert ist. Verbrechen und
ersten Blick erscheinen mag. Der Spathegelianer Halschner hat sie vielmehr in Strafe ereignen sich zwar in der Sphare des Allgemeinen; dieses Allgemeine ge-
wesentlichen Zügen vorweggenommen. ,,Nicht die Verletzung dieses oder jenen winnt seine Wirklichkeit und, was entscheidend ist, seine strafrechtliche Erhal-
rechtlichen Gutes, sondern die in ihm sich kund gebende gewaltthatige Auf- tungswürdigkeit aber erst vermittelt durch das Besondere - die von Halschner
lehnung wider die Macht des Rechts" bildet in den Worten Halschners ,,das .
genannten kon 1ueten Berec h tigungen o d er e··
uter 616.
Moment im Wesen des Verbrechens, das die Strafe als seine rechtliche Folge Der Niedergang des Hegelianismus verhinderte, dafl Halschners komplexes
fordert"6° 8 • Der Staat, und nur er, sei ,,das Rechtssubjekt, an welchem in Wahr- Verbrechensverstandnis sich durchsetzte6 17. Unter den Verlusten, die die deut-
heit das Verbrechen begangen wird" 6º9• Damit scheint Halschner den einzel-
nen Bürger und sein Recht einseitig den Stabilitatsinteressen der Allgemeinheit
6l l Hdlschner, Deutsches Strafrecht, S. 561.
unterzuordnen 610. Dem ist aber nicht so, denn es widerspricht hegelianischem 612 Hdlschner, Deutsches Strafrecht, S. 561.
613 Hdlschner, Deutsches Strafrecht, S. 561.
614 Hdlschner, Deutsches Strafrecht, S. 561. - Ganz ahnlich formuliert der Neuhegelianer
605
Hdlschner, Deutsches Strafrecht, S. 31.
606 H. Mayer im Jabre 1936: Zwar sei jedes Verbrechen ,,ein Angriff gegen den Rechtsfrieden
Insofern ka~n ~an mit Hegel (Grundlinien, § 100 A, Werke Bd. 7, S. 191) sagen, der
der Nation überhaupt, gegen die volkische Sittenordnung als solche". Je?och lebe das Ganze
Ve:·urte1lte -:rer~c 111 semer Bestrafung als Vernünftiges geehrt. Wenn Merkel (Willensfrei-
,,nicht als cinc leere Abstraktion in der Nacht, in der allc Kühe schwarz smd, sondern ebcn als
heit, S. 133) 111 d,escr Wendung lediglich das ,,ranzige Pathos verjahrtcr Kitschformeln" zu
die Einheit in der Vielheit in der Fülle der Einzelcrscheinungen" (H. Mayer, Strafrecht, S. 96).
schmecken vcrmeint, so vcrkcnnt er den mit ihr verbundenen Anspruch: auch den Straftater
615 Hdlschner, Preufüsches Strafrecht, S. 214.
als Bürger anzuerkcnnen. I? ~iner Zeit blühenden Praventionsdenkens ist dieses Anliegen
616 Wer in der Verbrechenskonzeption Halschners trotzdem einen politisch gefahdichen
von unvermmderter Aktuahtat. - Eme Ehrenrettung der Hegelschen Forme! unternimmt
Kollektivismus am Wcrk sieht, der sei auf einen ganzlich unvcrdachtigcn Vorlauferverw:esen:
Sinn, Funktion, S. 127 f.
607 John Locl,e, den Stammvater des Liberalisnms. Locl,e zufolge erklart der Sri:aftater 1:1'tse'.-
Zur hiesigen Kritik an der Kategorie eines Feindstrafrechts: Pawlik, Tcrrorist, S. 38 ff.
608
ner Missetat, nach einer anderen Vorschrift als der der Vernunft und allgememen Gle1chhe1t
Hdlschner, Deutsches Strafrecht, S. 562.
609
zu leben. Deshalb begehe der Verbrecher, der einem einzelnen seiner Mitmenschen em Un-
Hdlschner, Preufüsches Strafrecht, S. 216. - Inhaltlich übereinstimmend Abegg, Lehr-
recht zufüge, dadurch zuglcich ein ,,Verbrechen gegen_das ganze Menschengeschlecht"; _denn
buch, S. 158 f.; Kostlin, Revision, S. 40; ders., System, S. 3.
610 er lockere und zerreiBe jenes Band, das die Menschhe1t vor Unrecht und Gewalttat schutzcn
In diesem Sinne wurden Hegel und scine Schüler bereits im spaten 19.J ahrhundcrt vcr-
salle (Locke, Abhandlungen, S. 204). Ist die Position Halschners totalitarismusverdacht,g,
standen; so l~btR._ Schmidt (Rückkehr, S. 17), daB in Hegels Vcrbrechenslehre ,,die Unrechts-
so ist es die Auffassung Lockcs nicht minder. (Sie wird denn auch von Eser [FS Mestmacker,
handlung 111,tBez,ehu_ng auf das Interesse der Gattung und von deren lnteressenstandpunkt
S. 1007 f.] als Schritt zur Marginalisierung des Opfers zugunsten der ,,hoheren Gemeinschaft"
aus v01~ Staat_unterdruckt, dem Strafzwang unterworfen wird ". Die politischen Praferenzcn
haben sich seither diametral gewandelt; an der (nunmehr zum AnlaB dcr Kritik genomme- kritisiert.) . .
617 Gewisse Nachwirkungen zcitigte es in der frühen Diskussion über d,e Untersch_e,-
nen) kollekt1v1st1schcn Hegel-Interprctation durch viele Strafrechtlcr hat sich jedoch nichts
dung zwischen dem Objekt des Vcrbrechens und dem Objekt der Handlung. Heute w1rd
gcandert; reprasentativ N eubacher, Jura 2000, 515 f.
112 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 113

sche Strafrechtswissenschaft um die Wendc vom 19. zum [Link] billi- So zu argumentieren heifü jedoch, ein - gemessen anden Mafütaben Halsch-
620
gend in Kauf nahm, ist dies eincr der bedauerlichsten. Fern davon, ,,lediglich ners - unterkomplexes Verbrechensverstandnis zugrunde zu legen . Es wird
vom Standpunkt einer metaphysischen Idee aus das Recht meistern zu wol- dabei der Umstand auger Acht gelassen, dag die Mitwirkungspflicht gegenüber
len"618,nimmt ein an Halschner orientiertes Verbrechensmodell dank sciner der Allgemeinheit Legitimation und klare Konturen erst durch ihren Bezug auf
Verknüpfung des Mitwirkungspflicht- und des Freiheitsschutzgedankens den die Freiheitssphare der einzelnen Bürger erhalt. Mit dieser begründungstheore-
Allgemeinheitsbezug von Straftaten ernst, ohne dadurch jedoch das Gewicht tischen Abhangigkeit des Allgemeinen vom Besonderen ware es unvereinbar,
des Eigenrechts der Bürger nur im geringsten zu schmalern. das verbrecherische Unrecht auf eine Absage an die Forderungen der Rechtsge-
Der Blick auf einigc heikle dogmatische Fragen bestatigt die Überlegenheit meinschaft zu reduzieren und den Umstand, dag der Tater immerhin den realen
dieser Konzeption gegenüber einem einseitig kollektivistischen Strafrechtsver- Freiheitsraum des Opfers in zurechenbarer Weise eingeschrankt hat, auf den
standnis. So hat die von den kollektivistischen Auffassungen betriebene Be- Status einer augerhalb des eigentlichen Unrechtsvorwurfs angesiedelten objek-
schrankung des Strafrechtsverhaltnisses auf die Beziehung zwischen Bürger tiven Bedingung der Strafbarkeit zu reduzieren 621 • Vielmehr macht es für die
und Allgemeinheit zur Folge, dag sie der Unrechtsrelevanz des Erfolgseintritts Bewertung des Unrechtsgehalts einer Handlung, die gerade um der Rechte und
nicht Rechnung zu tragen vermag. Seinen Abfall von den Forderungen der Güter des einzelnen willen nicht stattfinden sol!, einen erheblichen Unter-
Rechtsgemeinschaft hat der Tater mit dem Absch)ug der pflichtwidrigen Hand- schied, 0 6 die von ihr betroffene Person tatsachlich Einbugen erleidet oder ob
lung vollstandig manifestiert. Erschopft sich das materielle Verbrechensunrecht die Absage des Taters an seine Mitwirkungspflicht folgenlos bleibt. In Halsch-
in diesem Abfall, mug konsequenterweise für die Gleichbehandlung von (been- ners Worten ist das besondere Recht, gegen welches das Verbrechen sich richtet,
detem) Versuch und Vollendung pladiert werden, weil Tatsache und Grad der nicht nur das nothwendige Mittel, um die verbrecherische That in die Erschei-
Pflichtverletzung nicht durch den Eintritt eines durch sie verursachten Erfolges ~ung treten zu lassen, sondern auch das Mag der Rechtsverletzung" 622 • Deren
berührt werde 619 • Umfang bestimmt sich aus diesem Grund maggeblich nach ,,[der] Qualitat des
verletzten Rechtes und de[m] quantitative[n] Umfang, in welchem es verletzt
~icse lJntersc_heidung _zumeist als eine solche zwisc~en ,,Rechtsgut" und ,,Tatobjekt" disku- wurde" 623.
~1ert (Ub~rbhck be1 Fzolka, _Rec~tsgut, S. 187 ff.). Die ihr zugrunde liegende Idee ist jedoch Welch ein reserviertes Verhaltnis die Vertreter des kollektivistischen Verbre-
alter als 11e Rechtsguttheonen B111dingsund Liszts; als ihr Urheber gilt Schütze (Amelung, chensverstandnisses zum Gedanken der Selbstbestimmung des einzelnen und
Rechtsguterschutz, S. 102). Dessen Ausführungen decken sich über weite Strecken mit der damit zur Idee personaler Freiheit haben, wird exemplarisch deutlich an ihrem
Position Halschners. ,,Der von jeglichem Verbrechen mittelbar aber wesentlich betroffene
Gegenstand" i~t auchnach S_chütze ,,stets ein und derselbe: die Rechtsordnung, gegen welche
Mifürauen gegenüber einem Rechtsinstitut, das wie kaum ein zweites auf-
der ver~rechen_sche _E111zelw11le ha1:delnd sich auflehnt; das juristische Objekt". Dieses werde schlufüeich für die Grenzziehung zwischen individueller Selbstbestimmung
aber ,,111emals111semem Wesen, 111emalsals Ganzes getroffen, sondern immer nur als aus- . 1nen 1st:
und Sozialpflichtigkeit d es emze . dem I nst1tut. der E.111w1 ·11· 624
1gung .
sere Ersche111ung, immer nur in einem seiner Bestandtheile". So stelle ,,als unmittelbares Eine unter Strafe verbotene Handlung wird wegen einer von dem Beschadig-
so zu sagen praktisches Object eines Delicts sich dar: ein individuelles Rechtsverhaltnis al~
con~reter_Bestandtheil der Rechtsordnung, oder genaucr: die Rechtsordnung, individualisirt
;en dazu ertheilten stillschweigenden oder ausdrücklichen Erlaubnig weder
111em_em:hrer strafr~chtlich geschützten Rechtsverhaltnisse" (Schiitze, Theilnahme, S. 64). straflos noch in minderem Grade strafbar", so lautet Art. 123 Abs. 1 des von
Dabe1 ble1bt Schutze mdessen 111ch:stehen. Von dem normativ, als Rechtsverhaltnis gefafüen '
Ob¡ekt des V~rbrechens untersche1det er das naturalistisch verstandene Objekt der Hand- Gefahrdungsdelikte, S. 79 ff.; Sancinetti, Unrechtsbegründung, _S.131; Zielinski, Erfolgsun-
lung: ,,d~n Le1_bdes erschlagenen: verletzten, gemisshandelten Menschen, die gestohlene Uhr wert, S. 214 ff.; ders., FS Schreiber, S. 548; Dornseifer, GS Armm Kaufmann, S. 434 ff.; Ar-
des X, die gef_alschteUrkunde, die durch Betrug dem X entzogene Geldsumme" (aaO, S. 64). min Kaufmann, Strafrechtsdogmatik, S. 160 f.; Lüderssen, ZStW 85 [1973), 292; ferner Hoyer,
So sucht Schutze 111 emer Theone zusammenzubringen, was seiner konzeptionellen Grund- Strafrechtsdogmatik, S. 181 f., 189 f., 230). . .
struktur n_ach111chtzusammenpaík den bereits im Abschwung begriffenen Hegelianismus, 620 Treffend Burchard (Irren, S. 160): ,,Die für polizeistaatliches Strafrecht charaktenst1-
d_er- mo111st1sch das Ganze de_rVernunft in den Einzelheiten der Wirklichkeit verkorpert sche Sanktionierung des sich gegen die Gemeinschaft auflehnenden Taters ist unrechtstheo-
s1eht, und das aufstrebende duahst1sche Denken, das norm- und naturwissenschaftliche Be- retisch verabsoluticrt." -Ahnlich Lippold, Rechtslehre, S. 313 f., 392.
trachtung zu unhintergehbaren Gegensatzen erklart. 621 Ebenso jüngst Burchard, Irren, S. 172, 187 ff.; im Grundsatz wie hier Stratrnwerth,
618 SchwZStr 75 (1963), 254 f.; Maiwald, Bedeutung, S. 71; nahestehend Rath, Rechtfert1gnngs-
. So der durchaus reprasentative Vorwurf von Honig (Einwilligung, S. 116) gegen die
Hegehaner. element, S. 115.
619 622Hdlschner, Preufüsches Strafrecht, S. 222.
So in der Tat Gleispach, Willensstrafrecht, S. 1069, 1072; Kadecka, ZStW 59 (1940),
20 H.; Schaffstezn, Verbrechen, S. 137; naher Cheng, Ausnahme, S. 94 f. - In neuerer Zeit ist 623 Hdlschner Preufüsches Strafrecht, S. 223.
die These von der Irrelevanz des sogenannten Erfolgsunwerts für Unrecht und Schuld vor 624 Die Bede~tung der Einwilligung als Gradmesser für das Verhaltnis zwischen Staat und
allem von Vertretern eines subjektivistisch zugespitzten Finalismus vertreten worden (Horn, Staatsbürger wird herausgestellt von Maurach!Zipf, AT 1, § 17 Rn. 36 f.
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwir!eungspflicht 115
114 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Feuerbach verfafüen Bayerischen Strafgesetzbuches von 1813625 • Dies entspricht sich sozialschadlich «6 33 oder gar rechtswidrig 634 und die Einwilligungsbefugnis
einer bis weit in das [Link] hinein verbreiteten Auffassung. Weil das sei auf Strafgesetze beschrankt, die durch ein mangelndes Interesses des Staates
Verbrechen - so heifü es in einer Arbeit aus dem Jabre 1857 - ,,nur die Verlet- gekennzeichnet seien 635 . Selbst ein dezidiert liberaler Autor wie Noll spricht
zung des Rechts, nicht die Verletzung eines Rechts" sei, ,,kann die ErlaubniG des dem Selbstbestimmungsrecht des Einwilligenden lediglich die Bcdeutung ei-
zufallig (in und mit der Rechtsordnung) verletzten Individuums eine Straflosig- nes Abwagungsgesichtspunktes zu 636 • Im Rahmen dieser Abwagung seien dem
keit für die ,vom Individuum erlaubte Rechtsverletzung' nicht herbeiführen"6 26 • Wert der Freiheit Erfolgs-, Handlungs- und Gesinnungsunwert der verletzen-
Auch Binding betont, daG die Einwilligung ihre Kraft, dem Angriff die Rechts- den Handlung gegenüberzustellen 637 . Wenn das geschützte Rechtsgut danach
widrigkeit zu nehmen, nicht ,,aus dem Vorrate eigener Machtvollkommenheit" als wertvoller anzusehen sei als die pcrsonliche Freiheit, sei die Einwilligung
schopfe - ,,Niemand kann erlauben oder für rechtlich bedeutungslos erklaren, unwirksam 638 •
was der Staat verboten hat!" -, sondern allein aus dem Umstand, daG der Wille Der methodologische Hauptmangel derartiger Auffassungen besteht in ih-
des Privaren mit dieser Wirkung gesetzlich ausgestattet sei627 • Die Materialisie- rer Abstraktheit: Sie isolieren das Allgemeine gegenüber dem Besonderen. Die
rung des Unrechtsurteils führt in der Folgezeit darüber hinaus zu der Forde- tragende Saule von Halschners Verbrechenskonzeption ist demgegenüber die
rung nach einer umfassenden Inhaltskontrolle erteilter Einwilligungen. Die Einsicht, daG das Recht in den Rechten allererst Wirklichkeit gewinnt, die
Frage Dohnas, ob sich in der Einwilligung ein ,,objektiv begründctes Wollen" Rechte aber den Zweck haben, ihrem Inhaber ein selbstbestimmtes - Halsch-
kundgegeben habe628 ; der Rückgriff Sauers auf das Gemeinwohl als MaGstab ner zufolge ein sittliches - Leben zu ermoglichen. Deshalb hort in Halschners
für die Anerkennungswürdigkeit der vom Einwilligenden vorgenommenen Verstandnis eine Handlung, die sich ihrem Erfolg nach als Beschadigung einer
Einschatzung seiner Interessen und Werte629 ; und die Forderung Maurachs, Person darstellt, auf, eine Rechtsverletzung zu sein, sofern der Beschadigte in
dem ,,asozial ausgeübte[n] Rechtsverzicht" die strafrechtliche Beachtlichkeit die betreffende Handlung eingewilligt hat 639 • Durch die Einwilligung wandelt
abzusprechen 630 - sie alle variieren ein und dasselbe Motiv: die Wirkungskraft sich der Sinn des Geschehens vom Übergriff auf einen fremden Rechtsbereich
640
der Einwilligung soll auf solche Falle beschrankt bleiben, in denen der Einwil- zur Mithilfe bei der Nutzung rechtlich zugestandener Selbstbestimmung .

ligende nach den jeweiligen sozialen MaGstaben ,,vernünftig" entschieden hat. Diesen Bedeutungswandel hat eine auf ein Konkret-Allgemeines bezogene
Solche Auffassungen sind, wie haufig betont wird, unvereinbar mit einem
Rechtsverstandnis, das auf dem Grundsatz originarer, nicht von der politischen
63 3 Geppert, ZStW 83 (1971), 963.
Gemcinschaft abgeleitcter Freiheit des einzelnen beruht 631 • Dessen ungeachtet 634 Schmidhi:iuser, FS Welzel, S. 813 ff.
wirkt der EinfluG dieses Denkens bis in die Gegcnwart fort. Noch bis weit in 63 5 Geerds, GA 1954, 263; ders., ZStW 72 (1960), 43.

die Nachkriegszeit wird aus der ,,Bedeutung auch des Individualrechtsguts als 636 Noll, Rechtfertigungsgründe, S. 74 f.; ders., ZStW 77 (1965), 15, 19. - Ebenso ]escheckl
Weigend, AT, § 34 II 3 (S. 377); Geilen, Einwilligung, S. 89 f.; Bichlmeier, JZ 1980, 54 Fn. 15;
objektivem Wert der Gemeinschaft"6 32 geschlossen, die Selbstverletzung sei ,,an
Dolling, GA 1984, 84, 90 f.; Geppert, ZStW 83 (1971), 952 ff.; Otto, FS Geerds, S. 609; _1rn
Grundsatz auch Chatzikostas, Disponibilitat, S. 148 (allerdmgs soll der Anwendungsbere1ch
625
Zitiert nach: Bttschmann, Textbuch, S. 474. paternalistischer Erwagungen danach auf jene Falle beschrankt bleibcn,_ in dene~ die Ei~-
626 Bohlau, GA 5 (1857), 492. - Vertretcr dieser Auffassung in der ersten Halfte des sichtsfahigkeit des Rechtsgutinhabers als nicht ausreichend bewertct w1rd). - Fur das Z1-
[Link]: Thibaut, Beytrage, S. 33; Dabelow, Lchrbuch, S. 54 f.; Geib, Lehrbuch, vilrecht Miinzberg, Verhalten, S. 310 ff.
Bd. II, S. 212; für Verbrechcn, die nicht bereits tatbestandlich ein Handeln gegen den Willen 637 Noll, Rechtfcrtigungsgründe, S. 75.
638 Noll, ZStW 77 (1965), 15. - Berechtigte Kritik an diesem Ansatz üben LK-Ronnau,
des Verletzten voraussetzen, auch Hepp, Theorie, S. 60. - Erik Wolf erneuerte diese Position
in einer prograrnrnatischen Schrift aus dern Jahre 1933: ,,Die Einwilligung als Rechtferti- Vor § 32 Rn. 153; Kohler, AT, S. 246; Roxin, AT 1, § 13 Rn. 23; Arzt, Willensmangel, S. 43;
gungsgrund verschwindet. Sie ist ein ausgepragt individualistischer Gedanke, der ursprüng- Derksen, Handeln, S. 89 f.; Fateh-Moghadam, Einwilligung, S. 101; Ingelfinger, Grundlagen,
lich aus dern Privatrccht starnrnt." (Erik Wolf, Krisis, S. 38) S. 200; Kioupis, Notwehr, S. 102; Ohly, Volenti, S. 66, 209; Roxin, FS Arnelun_g, S. 277; 1!,u-
627 Binding, Handbuch, S. 708. dolphi, ZStW 86 (1974), 87; Sarhan, Wiedcrgutmachung, S. 231 f. - Sternberg~L1eben schhdh
628
Dohna, Rechtswidrigkeit, S. 147.- Zustirnrnend Hartmann, Grünhut's Zcitschrift 27 sich diescr Kritik zunachst an (Sternberg-Lieben, Schranken, S. 58), urn wemge Seiten spater
(1900), 728 ff. - Gegcn die ,,abgottische Vorstellung vorn Staate als ,Selbstzweck"' hingegen (aaO, S. 70 f.) doch wieder auf das Abwagungsmodell zurückzufallen: . _ . .
Kefller, Einwilligung, S. 50. 639 Hi:ilschner, Preuflisches Strafrecht, S. 231 f. - Dies sol! allerdmgs mcht 1m Hmbhck
629
Sauer, Grundlagen, S. 336; ders., Strafrechtslehrc, S. 135 f. auf sogcnannte unverauGerliche Rechte geltcn, zu denen insbcsondere __ Leben, Ge~un~heit,
630 Maurach, DStR 1936, 122. Freiheit und Ehre gehorten (Hi:ilschner,aaO, S. 232, 235 ff. unter Anknupfung an eme altere
631
Dolling, GA 1984, 85; Gallas, Beitrage, S. 168, 179; Rinck, Deliktsaufbau, S. 34; Ron- Tradition [vgl. etwa Feuerbach, Lehrbuch, § 35]); da ge gen überzeugend Luden, Thatbestand,
nau, Willensrnangel, S. 34 f.; Roxin, FS Dreher, S. 337 f.; Weiglin, Honig, S. 105. S.415ff.
632 640 Naher dazu unten S. 220 ff.
]escheck/Weigend, AT, § 34 I 2 b (S. 375); Weigend, ZStW 98 (1986), 62 f., 65 f.
C. Strafe als Antwort auf die Verletwng einer Mitwirkungspflicht 117
116 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Verbrechenslehre nachzuvollziehen 641 . Die der Rechtsgemeinschaft geschul- werden soll" 647 : ,,Actions speak." 648 Indem der bestrafte Bürger nach MaBgabe
dete Mitwirkungspf1icht soll der Selbstbestimmung der Bürger dienen und des AusmaBes seiner Pflichtverletzung zur Starkung jenes Glaubens herangezo-
darf deshalb nicht gegen diese ausgespielt werden. Die Freiheit des einzelnen gen wird, wird demonstriert, daB jemand, der den bestehenden Zustand realer
ist der Grund des Rechts und nicht lediglich ein disponibler Reflex von All- Freiheitlichkeit angreift, sich dadurch selbst um einen Teil seiner Freiheit bringt.
gemeininteressen. Deshalb reprasentieren die Strafmittel jeweils spiegelbildlich jenen Vorteil, der
nach neuzeitlicher Grundüberzeugung die Begründung einer Rechtsordnung
legitimiert: den Zugewinn an Handlungsoptionen 649 , symbolisiert in den bei-
650
III. Vergeltungstheorie und Strafverhangung den Grundwerten der bürgerlichen Gesellschaft: Freiheit und Eigentum • So-
651
wohl die ,,Entziehung der auBern Welt mit der Befriedigung, die sie gewahrt" ,
Der Tater eines Verbrechens verletzt nach dem vorstehend Ausgeführten seine durch die Freiheitsstrafe als auch die zwangsweise Entziehung von Vermogens-
Bürgerpflicht, an der Aufrechterhaltung des bestehenden Zustandes der Frei- werten durch die Geldstrafe sind darauf angelegt, den Handlungsspielraum des
heit!ichkeit mitzuwirken. Seine Unrechtstat andert freilich nichts daran daB Delinquenten zu reduzieren. Freilich mag das Moment der realen Zwangsaus-
der Straftater Bürger ist und bleibt 642 ; deshalb wird er aus seiner Verantwo:tung übung in weitem Umfang hinter die zeichenhafte Stigmatisierung des Taters zu-
für das Gelingen des Projekts einer wirklichkeitshaltigen Freiheitsordnung rücktreten. Je sicherer eine Gesellschaft ihrer selbst ist, desto eher nimmt sie das
nicht entlassen. Lediglich der Inhalt seiner Verpflichtung verandert sich. Der Verbrechen als ein ,,Unfestes und Isoliertes" wahr und desto milder konnen dann
legal handelnde Bürger tragt zur Stabilisierung eines Zustandes realer Freiheit- auch die Strafen ausfallen 652 • Der sozialen und kulturellen Evolution ist dabei ein
lichkeit dadurch bei, daB er den anderen das Ihrige an Freiheit belafü. Im Falle weites Feld eroffnet 653 • Eine gewisse Drastik der strafenden Sanktion ist aber un-
des Straftaters wandelt sich die primare Erfüllungspf1icht zu einer sekundaren verzichtbar; denn anders lafü sich die Konnexitat von Mitwirkungspflichterfül-
Duldungspflicht 643 : Weil der Delinquent dem Grundaxiom aller Recht!ichkeit lung und FreiheitsgenuB nicht überzeugend vermitteln.
- dem Satz, daB es gesicherte Freiheit nur um den Preis der Pflichterfüllung Wird die Verhdngung der Strafe demnach dadurch legitimiert, dafl der Ta-
gibt - zuwidergehandelt hat, muB eres sich gefallen lassen, daB auf seine Kosten ter sich eine Verletzung seiner Bürgerpflicht vorwerfen lassen muB, so muB sich
654
die Unaufloslichkeit des Zusammenhanges von FreiheitsgenuB und Mitwir- die Strafhohe konsequenterweise nach dem Ausmafl dieses Unrechts richten •
kungspflichterfüllung bestatigt wird. Der Name des bestatigenden Akts lautet:
Strafe 644 • 647 Puppe, FS [Link], S. 479. - Ahnlich jakobs, System, S. 14 f.; ders., Strafe, S. 32;
ders., Rechtszwang, S. 33; ders., FS Samson, S. 51; Baurmann, GA 1994, 371 ff.; Diez Rippo-
Das Moment der ,,Rechtsminderung" 645 ist einer derart verstandenen Strafe
lés, ZStW 113 (2001), 524; ders., Rechtstheorie 36 (2005), 336; Dolling, ZStW 102 (1990), 15 ff.;
immanent. ,,Der Normverletzer hat sich nicht nur an einem Begriff vergangen, Hamel, Strafen, S. 157 ff.; Hornle, [Link], S. 28; Koller, ZStW 91 (1973),
sondern an einer rechtmafügen sozialen Wirklichkeit, und hat die für die allge- 71; Stiibinger, Idealisiertcs Strafrecht, S. 305.
meinen Bedingungen der Freiheit im taglichen Leben bestehenden Vorausset- 648 Bottom, zitiert nach: Bleckmann, Strafrechtsdogmatik, S. 129.
649 Kindhauser, Gefahrdung, S. 157.
zungen geschwacht oder zu deren Erosion beigetragen." 646 Umgekehrt muB auch
65 º Bleckmann, Strafrechtsdogmatik, S. 129.
die Strafe ein merkliches Übel sein, ,,wenn sie als Zeichen für die fortdauernde 651 Stahl, Philosophie, Bd. II/2, S. 698.
Gültigkeit der Norm nicht nur registriert, sondern ihre Botschaft auch geglaubt 652 So bereits Hegel, Grundlinien, § 218 Z, Werke Bd. 7, S. 373; ausführlich dazu Miil-
ler-Tuckfeld, Integrationspravention, S. 280 ff. - Ebenso Nagler, Strafe, S. 615 f. - Mit Schild
(ARSP 70 [1984], 104) mag man deshalb davon sprechen, daB es gerade der absolute Straf-
641 Treffend Renzikowski, FS Hruschka, S. 660. begriff ist, der die (auf die konkrete Bestimmung der Art und des Grades des Strafübels be-
642 Aus der alteren Literatur: Binding, Entstehung, S. 5. - Aus dem neueren Schrifttum: schrankte) Wahrheit der relativen Straftheorien begründet.
653 Eindringlich Jung, Sanktionensysteme, S. 31 ff. (unter Rückgriff auf die Zivilisa-
Cancio, ZStW 117 (2005), 288; Gossel, FS Schroeder, S. 43; Schiinemann GA 2001, 211; ders.,
FS Nehm, S. 226. -Abwegig ist es daher, wenn Steinert (Gerechtigkeit, S. 344) die ,,reine Form tionstheorie von Norbert Elias); ferner Androulakis, ZStW 108 (1996), 314 ff., insbesondere
320; Frisch, MaBstabe, S. 179 ff. - Keller weist darauf hin, da/\ selbst Kants spiegelnde Wie-
der Strafe" in dem Verhalten des Herrn erblickt, ,,der in einem plotzlichen Wutanfall ein Tier
oder emen Sklaven prügelt". dervergeltung ein soziales Deutungsmuster impliziere, namlich ,,die Annahme, der Unwert
643
B_inding,Normen, Bd. I, S. 425,550; ders., GrundriB, S. 227. der Tat sei im gegenstandlichen Schaden verkorpert". Dies sei zu Ka'.1ts~[Link] Ter! der
644
Ahnlich Henkel, Einführung, S. 4l2;jakobs, Strafe, S. 32; ders., Rechtszwang, S. 33 f.; Lebenswelt gewesen (Keller, Wahrnehmung, S. 292). Annahernd ze1tgle1chm1t der auf die-
ser Annahme beruhenden Lehre vom corpus delicti seien die Korperstrafen zurückgetreten
Arthur Ka~fma~n, FS Henkel, S. 106. - Nahestehend ferner Roxin (JuS 1966, 385), der diesen
Gedanken 111 semen spateren Arbeiten jedoch nicht weitervcrfolgt hat. (Keller, ZStW 107 [1995], 464).
645 654 Wie hier vor allem Frisch, FG BGH, S. 279; ders., FS [Link]-Dietz, S. 247 f. - [Link]
Erik Wolf, Wesen, S. 33.
646
Feijoo Sánchez, FS Jakobs, S. 94. eine Anbindung des Strafzumessungsrechts an die Katcgorien der Strafbcgründung bereits
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 119
118 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Entsprechend der komplexen Beschaffenheit dieses Unrechts als einer Pflicht- zu einem punktuellen Ereignis herab 658. Strafverscharfend wirkt es sich demge-
verletzung gegenüber der Rechtsgemeinschaft, die sich in der zumindest ver- genüber aus, wenn die einzelne Unrechtstat innerhalb ~er Biographie d_es_Ta-
suchten Beeintrachtigung konkreter Freiheitsbelange materialisieren muB, be- ters nicht ein isoliertes Einzelereignis darstellt, sondern srch als Bestandte1l erner
mifü sich die Intensitat des dem Tater als Bürger zurechenbaren Unrechts zum ganzen kriminellen Karriere erweist. Zu Recht werd~n daher Vorstr~~en ~es!ª-
einen nach dem Umfang der Freiheitsbeeintrdchtigung, die er seinem Opfer tat- ters, vor allem wegen ,,einschlagiger" Delikte, zu semen Lasten berucks1cht1gt.
sachlich zugefügt oder die er doch jedenfalls in seinen Vorsatz aufgenommen hat; Deutlicher und nachhaltiger als in dieser Form der Nichtanerkennung selbst
zum anderen ist maBgeblich der Grad der Jlloyalitat des Taters gegenüber dem des ihm gegenüber ausdrücklich bestatigten Rechts kann man sich die Absage
659
Projekt einer wirklichkeitshaltigen Freiheitsordnung, der sich insbesondere da- des Taters gegenüber der Rechtsordnung kaum vorstellen."
nach bemifü, in welchem AusmaB er seine Obliegenheit zur Rechtstreue6 55ver- Auch der an mehreren Stellen des deutschen Strafgesetzbuches auftauchende
letzt hat 656. Topos von der ,,Verteidigung der Rechtsordnung" (§§ 47 Abs. 1, 59 Abs. 1 S. 1
Unter diesem Gesichtspunkt schlagt es zum Vorteil des Taters zu Buche, Nr. 3 StGB) findet im Rahmen des hiesigen Kategoriensystems eine zwanglose
wenn ihm - beispielsweise durch ein provozierendes Vorverhalten des Op- Deutung. Er markiert danach nicht etwa einen dem vorliegenden Ansatz frem-
fers657- die Erfüllung seiner Mitwirkungspflicht in auBergewohnlicher Weise den Einbruch generalpraventiven Denkens 660, sondern er bezieht sich auf jene
erschwert worden ist. Auch das Nachtatverhalten des Taters kann das Gewicht Falle, in denen das Unrecht des Taters, bemessen nach dem konkret herbeige-
seiner vorangegangenen Pflichtverletzung abschwachen. Der Delinquent, der führten Schaden, relativ gering, aus der - letztlich entscheidenden - gesamtge-
sich nach der Tat freiwillig um Wiedergutmachung bemüht, dokumentiert da- sellschaftlichen Perspektive gesehen hingegen erheblich ist. Wie bereits er-
mit seine Rückkehr in den Verband rechtstreuer Bürger und setzt seine Straftat wahnt, wird der soziale Bedeutungsgehalt einer Tat mitbestimmt durch den
Zustand, in dem sich die Rechtsordnung zu diesem Zeitpunkt befindet. Dieser
Zustand ist bedeutsam nicht nur für das allgemeine Niveau der von einer
ders., ZStW 99 (1987), 386f.; ders., GA 1989, 355f.; ders., Straftatsystem, S.12ff. (wenn- Rechtsgemeinschaft verhangten Strafen; er beeinflufü auch die Bewertung des
gleich noch auf der Basis einer zum Teil abweichenden straftheoretischen Ausgangsposition); konkret in Rede stehenden Normbruchs. Ein Tater, der eine in ihrer Geltung
ebenso Hornle, Strafzumessung, S.127ff.; dies., JZ 1999, 1087f.; dies., Kriterien, S.105ff.;
Silva-Sánchez, FS Hassemer, S. 628 ff.; Schiinemann, Funktion, S. 189; ders., Pladoyer, S. 225; bereits geschwachte Norm noch ein weiteres Mal bricht, verletzt seine Mitwir-
ders., GA 1986, 350 f. (ihm zustimmend H.-]. Albrecht, Strafzumessung, S. 52 f.). - Wider- kungspflicht starker als ein Tater, der von einer weitestge~e~d befolgten ~or~
sprochen wird damit der herki:immlichen Strafzumessungsdoktrin, welche die Wertungen abweicht; dies rechtfertigt eine (maBvolle) Scharfung deqemgen Strafe, die be1
der ':7erbrechenslehre lediglich als Teilmomente innerhalb einer umfassender angelegten Be- · .. 661
unangefoc htener Normge 1tung angeze1gt ware . . .
urteilungsgrundlage berücksichtigen will (exemplarisch Bruns, Ncues Strafzumessungsrecht,
S.15 ff.). Zurückgewiesen wird insbesondere auch die sogenannte ,,Spielraumtheorie" der
Der Gesichtspunkt der sogenannten Spezialprdvention (insbesondere 1111hrer
R_echtsprechung (zu dieser Haas, Strafbegriff, S. 274 ff.; Streng, FS Müller-Dietz, S. 875 ff.), Rcsozialisierungskomponente) hat ,,innerhalb des staatlichen Strafens" seinen
die ebenfalls auf der Annahme beruht, daB die Strafzumessung sich nicht im Ausgleich des Platz662. GemaB der Bestimmung des§ 2 S. 1 StVollzG hat die Spezialpravention
verschuldeten Unrechts erschi:ipfen ki:inne. Naher zur Kritik an der Spielraumtheorie: Frisch,
FG BGH, S. 274 ff.; Hornle, aaO, S.17 ff.; Kohler, Zusammenhang S. 22 ff.; Schiinemann, GA
1986, 308 ff. 658Im wesentlichen wie hier Frisch, FG BGH, S. 281, 294.
655 Zu dieser Kategorie unten S. 307 ff. 659Frisch, FS Müller-Dietz, S. 256; tendenziell anders (die Rückfallvorschriften trügen
656 Die Befürworter einer ,,tatproportionalen Strafe" neigen überwiegend dazu, den erst- besonderen Praventionsbedürfnissen Rechnung) ders., GA 2009, 389. - Zu den Gegenstim-
genannten Aspekt einseitig in den Vordergrund zu rücken (exemplarisch Ashworth, Kri- men oben S. 118 Fn. 656.
660 So aber die vorherrschende Deutung dieses Merkmals (grundlegend BGHSt 24, 40, 46;
terien, S. 85 ff.; van Hirsch, Begründung, S. 66 ff.; Hornle, Kriterien, S. 103 f.). Dies hat zur
Folge, daB sie eine Reihe anerkannter Strafzumessungsfaktoren insbesondere den Rück- ebenso S/S-Stree/Kinzig, Vorbem §§ 38 ff. Rn.20 m.w.N.; MK-Franke, § 47 Rn. lb;Jes~heckl
fall - nicht oder nur mit Mühe zu erfassen vermi:igen. So wendet sich Hornle (Strafzumes- Weigend, AT, § 79 I 5 [S. 838 f.]; Lackner!Kiihl, § 47 Rn. 5; Maiwald, GA 1983, 49 ff.; Zzpf, FS
sung, S. 159 ff., 165 ff.) gegen jede Berücksichtigung von Vortaten bei der Strafzumessung; Bruns, S. 211 ff.).
661 Frisch, FG BGH, S. 280 f., 285, 305; Kohler, Zusammenhang, S. 53 ff., 59 f. - Zu Lasten
Ashworth (aaO, S. 91 f.) und van Hirsch (aaO) pladieren dafür, dem Ersttater einen Straf-
nachlaB zu gewahren und erst bei weiteren Taten zur vollen ,,verdienten" Strafe zu greifen; des Taters wird hier also die fehlende Rechtstreue anderer Bürger in Anschlag gebracht. Ent-
Schiinemann (Akzeptanz, S. 195) greift zur Verteidigung der Strafverscharfung bei Rückfall gegen einem mitunter erhobenen Vorwurf (Altenhain, AnschluBde!ikt, S. 323, 325; ~eck,
auf den Gedanken der Sicherungs-Spezialpravention zurück, den er als ein ,,gegenüber der Unrechtsbegründung, S. 68) entbehrt dieser Zurechnungs~kt ~ber mcht der erforderhc_hen
Tatproprotionalitat selbstandige[s] Prinzip" einführt. - Kritisch zu der darin liegenden Eng- Grundlage. Der Tater delinquiert, wenn man so sagen darf,_111 eme konkrete_ gesel'.schafthche
führung des Gedankens der Tatproporitonalitat Frisch, Einleitung, S. 10. Sicherheitslage hinein; in seiner Rolle als Bürger kann er s1ch von diesem die soZJale Bedeu-
657
Zur Strafzumessungsrelevanz der ,,:'.'fotwehrnahc" einer Tat vgl. insbesondere Hillen- tung seiner Tat mitpragenden Kontext nicht distanzieren.
662 Schmidhauser, AT, 3/17.
kamp, Vorsatztat, S. 269 ff.
120 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 121

vorrangig die Strafvollstreckung zu pragen 663 . Dort ist sie in der Tat unverzicht- der Pflicht zur Mitwirkung an dem gemeinsamen Freiheitsprojekt einer Rechts-
bar: Eine Rechtsgemeinschaft, die den Tater imAkt der Bestrafung in seiner Bür- gemeinschaft ist, dieser Pflicht zuwiderzuhandeln 669 • Nur Mitwirkungspflich-
gerrolle anspricht, muB auch den Vollzug dieser Strafe in Respekt vor dem Bür- tige konnen also kriminelles Unrecht verwirklichen, nur ihnen gegenüber kann
gerstatus des Taters ausgestalten; alles andere ware Barbarei 664 • Nach einer tref- von einem legitimen Einsatz der staatlichen Strafgewalt gesprochen werden.
fenden Bemerkung Nolls kann die Rechtsgemeinschaft nicht erwarten, daB der Wer aber besitzt den Status als Mitwirkungspflichtiger? Hobbes hat diese Frage
Delinquent seine Verantwortung ihr gegenüber erkennt und übernimmt, wenn in einer für sakulare Rechtsordnungen bis heute maBgebenden Weise beant-
~ie ihre Ve1:antwortun~ ihm gegenüber ablehnt 665 • Gerade weil der Tater Bürger wortet. ,,Der Zweck des Gehorsams ist Schutz", so lautet die berühmte For-
1st und ble1bt, hat er emen Anspruch darauf, daB der entsozialisierenden Wir- me! aus dem Leviathan (1651)670 • Nur derjenige, der mir Sicherheit garantie-
kung de~ Frei~eitsst~afe so"'.eit wie moglich entgegengewirkt und ihm dabei ge- ren kann, kann mich zu Recht zwingen, bestatigt Leibniz wenige Jahre spater
holfen w1rd, seme Pnmarpfhcht zu aktiver Loyalitat in Zukunft ordnungsgemaB (1669-1671) 671 . Der Staat sei zuvorderst eine ,,Sicherheits-Gesellschaft [... ], d.h.
666
zu erfüllen • Deshalb muB der Strafvollzug auch eine ,,chanceneroffnend-,so- eine Vielheit von Menschen, die in der Erwartung leben, wechselseitig für ihre
ziale' Seite" aufweisen 667 , dem Tater also nach Moglichkeit mehr Handlungs- Sicherheit zu sorgen"672 . Weil und sofern die Rechtsgemeinschaft ihren Bürgern
kompetenz und soziale Teilhabe vermitteln 668 . Daseinssicherheit vermittelt, darf sie diesen demnach die Verpflichtung zur
Wahrung fremder Daseinssicherheit auferlegen 673 • Bei der betreffenden Rechts-
IV. Bürger und Externe gemeinschaft braucht es sich nicht notwendig um einen Staat im herkommlichen
Sinne zu handeln. Eine supranationale Gemeinschaf t kann bei hinreichendem
Eine Pflichtverletzung kann nur begehen, wer Subjekt der in Rede stehenden Entwicklungsstand ihrer Institutionen in die Rolle eines subsidiaren oder gar
P~[Link]. Ebe?sowenig wie eine Person, die nicht Partei eines Kaufvertrags ist, komplementaren Rechtlichkeitsgaranten hineinwachsen. Entscheidend ist, ob
die Pfüchten emes Kaufers verletzen kann, vermag jemand, der nicht Adressat es ihr gelingt, ihre normativen Anforderungen zu einer habituell beachteten
und in diesem Sinne tatsachlich wirksamen Lebensordnung zu verdichten; ihre
663 Mitglieder müssen ,,nach der Ordnung leben und nicht lediglich bestraf t wer-
Die Vorschrift des § 46 Abs. 1 S. 2 StGB gebietet nichts Abweichendes· dazu Frisch den"674 .
FG BGH, S. 308. ' '
664
Hassemer, Selbstverstandnis, S. 68.
665
Noll: Begründung, S. 26. -:-Eingedenk seiner fortbestehenden Bürgerrolle ist freilich
auch d_erTater selbst dazu verpfhchtet, an seiner Resozialisierung mitzuwirken. (Dies wird 669 Im Ergebnis wie hier jakobs, Straftheorie, S. 37; ders., Norm, S. 116; ders., ZStW 118
verbre1tet bestntten: [Link] Baumann u. a., Alternativ- Entwurf cines Strafvollzugsge- (2006), 846 f.
setzes, S. 59; zuletzt Muller-Steznhauer, Autonomie, S.234 ff.) DaG § 4 Abs. 1 StVollzG davon 670Hobbes, Leviathan, 21. Kapitel (S. 171).
a_bs1eht,die Erfül(ung dieser _Pflicht disziplinarrechtlich zu erzwingen, lafü sich auf pragma- 671 Leibniz, Schriften, S. 155.
tische Grunde stu:z~n;_ ,,geh?grnde Lernprozesse zu installieren, geht nicht ohne die Zu- 672 Leibniz, Schriften, S. 161.
stimmung und fre1w1lhge M1tw1rkung des Gefangenen" (Calliess FS Müller-Dietz S. 116· 673 Die Regeln über den persiinlichen und raumlichen Geltungsbereich des deutschen
sachlich übereinstimmend Dolling, FS Lampe, S. 607 f.;Jakobs, AT, 1/47; Schoch, Ve;stehen: Strafrechts (§§ 3 H. StGB und § 1 VStGB) erweisen sich in dieser Perspektive als Bestimmun-
S...318; Sc_hultz, ZStW 92 [1980],_621).Vollzugsloc_k~rungen sowie die vorzeitige Entlassung gen über den Kreis der miiglichen Subjekte jener strafrechtlich relevanten Mitwir~un?s-
d~rfen emem Gefangenen, der s1ch allen Resoz1ahs1erungsangeboten hartnackig verweigert, pflicht. Es ist deshalb irrig, die Bestimmungen des lnternationale~ Strnfrechts_ als ob¡ektive
hmgegen durchaus verwe1gert werden (Bohm, Strafvollzug, Rn. 15 m.w.N.; a.A. zuletzt Mül- Strafbarkeitsvoraussetzungen zu behandeln, welche die Strafbarke1t emes an s1ch umversel-
ler-Steznhauer, aaO, S. 268).
666 len Unrechts zu Gunsten des Taters einschranken (so aber die herrschende Meinung: Fischer,
Ahnl_ich Greco, Lebendiges, S. 446 f.; Hornle, Strafzumessungslehre, S. 125; Kleinert, Vor §§ 3-7 Rn. 30; Lackner!Kühl, § 3 Rn.1O; LK-Gribbohm, Vor § 3 Rn. 415; MK-Ambos,
Betroffenhe1t, S. 208; Roxzn, Schlussbencht, S. 179; Schild, SchwZStr, 99 (1982), 380 ff.; ders., Vor §§ 3-7 Rn. 3; SIS-Eser, Vorbem. §§ 3-7 Rn. 6l;jescheck!Weigend, AT, § 18 V [S. 180]; Al-
FS L_enckner, S. 308; v. Schlotheim, MschrKrim 50 (1967), 4, 12. - Nichts anderes besagt die tenhain, FS Puppe, S. 353; die Einordnung geht zurück auf Beling, Verbrechen, S. 102 ff.). Die
,,soz1a_leVerantwortung", von der § 2 S. 1 StrVollzG spricht. Entgegen den Bedenken des Al- Normen des Internationalen Strafrechts kiinnen vielmehr keine andere verbrechenssystema-
ten:ative_ntwurfs (B_aumannu.a., Alternativ-Entwurf eines Strafvollzugsgesetzes, S. 55) liegt tische Einordnung erfahren als die übrigen in den Tatbestanden des Besonderen Teils enthal-
dann keme~wegs eme unzulassige Moralisierung des Strafvollzugs, sondern geradezu eine tenen Anforderungen an die Subjektstellung auch. Sie sind mithin als ausgelagerte, vor die
straftheoret1sche Selbstverstandlichkeit.
667Kohler, AT, S. 50. Klammer gezogene Tatbestandsmerkmale zu verstehen (ebenso NK-Bose, Vor § 3 Rn. 9, 51;
668 ders., FS Maiwald, S. 69;Jakobs, AT, 5/12;jefiberger, Geltungsbereich, S. 128; Neumann, FG
DaG die V~llstr~ckung der strafrechtlichen Sanktionen primar die Aufgabe der ,,Her- BGH, S. 99 f.; ders., StV 2000, 426; ders., FS Müller-Dietz, S. 603 f.; Zieher, Strafrecht, S. 46;
stellung von Part1z1pat10nschancen" hat, ist insbesondere von Calliess herausgearbeitet wor- im Grundsatz auch Liebelt, Strafrecht, S. 147 und wohl auch Oehler, Strafrecht, Rn. 123).
den (Callzess, Theone, S. 64, 155 ff.; ahnlich jüngst Hassemer, Selbstverstandnis, S. 77). 674Jakobs, Norm, S. 117.
C. Strafe als Antwort auf die Verletwng einer Mitwirkungspjlicht 123
122 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Rechtsgut - die Ausnahmen ergeben sich aus der Auslegung der einzelnen De-
Der Bereich genuinen Kriminalunrechts wird dadurch in doppelter Hinsicht
begrenzt. Erstens muB der Beschuldigte mitzustandig für die Bestandssiche- liktstatbestande des Besonderen Teils - kann sowohl von internen als auch von
externen Angreifern beeintrachtigt werden; die Behauptung einer prinzipiellen
rung einer bestimmten Rechtsordnung sein. Dies setzt nach dem vorstehend
Ausgeführten voraus, daB diese Rechtsordnung auch ihm reale Freiheit vermit- Differenz zwischen beiden Tatergruppen erscheint aus dieser Warte grund-
los678_Die altere, noch nicht im Banne des Rechtsgüterschutzdogmas stehende
telt. Zweitens muB der Beschuldigte sich gerade gegen diese Rechtsordnung
Lehre des Internationalen Strafrechts war sich dieses Unterschiedes hingegen
vergangen haben. Das hat er zum einen, wenn er das institutionelle Fundament
angreift, dem die betreffende Rechtsordnung ihre reale Geltungskraft ver- durchaus bewufü. Gleichgültig ob sie die Abwehr externer Angreifer als eine
dankt. Zum anderen ist diese Voraussetzung erfüllt, wenn der Beschuldigte die Art Notwehr begriffen 679, ob sie sich auf ein ,,natürliches Strafrecht" berie-
681
Integritatsinteressen von Personen beeintrachtigt, die mit der Rechtsgemein- fe11680oder ob sie gar das ius belli zur Anwendung brachten -jedenfalls waren
schaft des Taters in der gleichen, spezifisch engen Weise verbunden sind wie sich die alteren Autoren weitgehend darüber einig, daB in diesem Fall die ge-
dieser selbst. Diesen Anforderungen wird das Territorialitdtsprinzip (§ 3 StGB) wohnlichen Begründungskategorien des Strafrechts versagten.
Worum es statt dessen geht, hat niemand klarer auf den Punkt gebracht als
in hervorragender Weise gerecht. Das Territorialitatsprinzip stellt ein regional
Ernst Immanuel Bekker. Wie er in seiner 1859 erschienenen Theorie des heuti-
begrenztes Universalitatsprinzip dar 675. Mit seiner Statuierung tragt der ein-
z_elneStaat_der mens~henrecht!ichen Gleichheit aller Personen Rechnung, die gen Deutschen Strafrechts ausführt, darf der Staat Externe zwar n_ichtbestrafen.
s1ch auf semem Geb1et aufhalten: Ihnen allen sucht er die Realbedingungen ,,Aber das punire ne peccetur scheint ihm unter andern Schutzmmeln gestattet
werden zu müssen. Feuerbachs Theorie der Generalpravention dürf te gerade
personaler Existenz zu gewahrleisten, indem er es übernimmt, strafrechtlich
relevante Beeintrachtigungen der Daseinssicherheit eines jeden von ihnen zu auf die Vergehn der Auslander im Ausland Anwendung finden k~nnen. ?er
ahnden 676. Weil sie von ihm Schutz erwarten dürfen, schulden die Bewohner Staat schützt sich durch das Verbot. Das genügt für die nicht entsch1eden femd-
lich gesinnten. Diese schreckt er ab durch die für die Uebertretung des Verbots
seines Territoriums ihm ihrerseits Gehorsam 677.
Einen ganzlich anderen Rechtsstatus als ein Angreifer aus dem Inneren der gedrohte Strafe. Der Vollzug der Strafe dient nur z~r ~ekraftigun? der Dro-
hung."682 Gegenüber AuBenstehenden kommt m1thm das gew1sserm~~en
Rechtsgemeinschaft besitzt, wer selbst auflerhalb dieser Gemeinschaft steht:
nackte Anliegen des Rechtsgüterschutzes zum Tragen. Es geht darum, Gefahr-
Weil er nicht zum [Link] derer gehort, denen die betreffende Rechtsordnung
dungen des inlandischen Rechtsgüterbestandes nach Moglichkeit zu verhin-
~eale Freiheit eroffne~, trifft ihn umgekehrt auch keine Mitzustandigkeit für
dern. Wenn dies in einzelnen Fallen nicht gelungen ist, soll die Verhangung von
1hren Fortbestand. Die Erstreckung der Geltung einer nationalen Strafrechts-
ZwangsmaBnahmen gegen die Urheber der eingetretenen Beeintrachti?u~g zu
ordnung auf auBenstehende Angreifer, wie das Schutzprinzip und das passive
einer Erhéihung der künftigen Gütersicherheit beitragen. Es geht, m1t emem
Pers~nalitdtsp:inzip s~e~ornehmen, laBt sich deshalb nicht als Ausdehnung des
Bere1chs genumen Knmmalunrechts verstehen. Die heute herrschende, auf den Wort, in diesen Fallen der Sache nach nicht um Strafe, sondern um pure Gefah-
Gedanken des Rechtsgüterschutzes fixierte Strafrechtsdogmatik ist allerdings renabwehr683.
konstitutionsbedingt blind für die Sonderstellung jener Prinzipien: Fast jedes
678 Zu den Konsequenzen eines konsequent rechtsgüterschutzorientierten lnterna-
675 S. Walther, FS Eser, S. 938. tionalen Strafrechts im einzelnen Pawlik, FS Schroeder, S. 360 ff.
676 679 So insbesondere Abegg, Bestrafung, S. 42 f., 51 f.; v. Bar, Lehrbuch, S. 224; ders., Ge-
Ahnlich S. Walther, FS Eser, S. 940.
677 setz, Bd. I, S. 114; ders., GA 15 (1867), 664; ders., GS 28 (1876), 454; nahestehend Arnold, GS
. Deit~rs (Legalitatsprinzip, S. 99) halt diese Erwagung nicht für zwingend. Es ware,
w1e er ausfuhrt, auch denkbar, dem Auslander nur so lange den Schutz der eigenen Rechts- 9 (1857), 340. 5
680Berner, Wirkungskreis, S. 149 ff.; ders., Lehrbuch , S. 251.
ordnung zute1l werden zu lassen, wie er sich selbst an deren Normen halt, und ihn anderen-
Abegg, Lehrbuch, S. 89 f.; Heffter, Lehrbuch, S. 41; Henke: Handbuch, S. 607 f.; wohl
681
falls als Externen zu behandeln. Die Moglichkeit einer solchen Konstruktion besteht frei-
auch Bauer, Lehrbuch, S. 75 (,,feindliche Handlung") und Heznze, GA 17 (1869), 746 ff.
lich_nicht nur gegenüber de~ Auslander, sondern, wie Fichte (Grundlage, S. 253 f.) es vor-
gefuhrt ha:, gleJChermaGen, ¡a sogar primar gegenüber dem inlandischen (und deshalb in (,,Kriegszustand" ).
682 Bekker, Theorie, S. 192 f. .
¡e~e_mFall_m d,en ,,Bürgervertrag" einbezogenen) R~chtsbrecher. Konsequent durchgeführt, 683 In der Weimarer Zeit war diese Einsicht nur noch bei wenigen Autoren lebend1g. (Tref-
wmde De1ters Vorschlag daher zur 111chtnur parnellen, sondern vollstandigen Ersetzung
fend insbesondere Wegner, Unrecht, S. 20 f.; ders., FG Frank, Bd. I, S. 152 f.: Bei ~em Schutz-
des St~afrechts durch ~in _vermutlich wesentlich robusteres Feindbekampfungsrecht führen.
prinzip handele es sich ,,nicht um ein eigentliches Gelten der deutschen Gebo_tefur den A:us-
-. Da~ 11_1~ 9 St_G~kod1fiz1erte Ubiquitatsprinzip erstreckt den Anwendungsbereich des Ter-
lander [... ], sondern mehr um Koerzition", so daG in diesen Fallen ,,reme Sicherung, 111cht
nt~naht~tsprmz1ps all~rdmgs we1t über die im Text genannten Voraussetzungen hinaus; das
aber Strafrecht zur Anwendung kommt". Ferner Smend, Verfassung, S. 83: Es ha_ndeles1ch
gleiche gilt fur das akt1ve Personalitatsprinzip (§ 5 Nr. 8 b, 11 a, 15 sowie § 7 Abs. 2 Nr. 1
um eine ,,Sonderart gewisser justizformiger Funktionen, die sachlich aber 111cht,w1e sonsnge
StGB). Kritisch dazu Pawlik, FS Schroeder, S. 375 ff.
125
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht
124 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens
• · d. R d · 688 S leben die sogenannten
Bislang wurde der Blick auf jene Akteure gelenkt, welche eine bestehende Sachlage kann gegenwart1g m~h\b ie . e e ~mT . b~waffneter Konflikte689,
Rechtsordnung von auBen her attackicren. Daneben gibt es aber auch Tater, ,,neuen Kriege", der heute welt u er"".1~gen e yp .. 690 Vor allem
. d von der systematischen Terrons1erung der Bevolkerung .: . .
die ihre Taten auflerhalb funktionierender Friedensordnungen oder unter dem
gera \n t die Bereitschaft zur effektiven Ahndung von Rechts?ruchen m e1-
Schutz von insgesamt pervertierten Rechtssystemen begehen. Die Delikte des
aber h 1ichen mit der innerstaatlichen Sanktionierung von Kap1talverVbrec~~n
Vi:ilkerstrafrcchts, für die nach § 1 VStGB das Weltrechtsprinzip gilt 684, fal- nem verg. r · h o portunitatserwagungen ab. or ie-
len typischerweise unter diese Kategorie der sogenannten ,,Makrokrimina- unertr~ghchen AduslmaB votndpr~S1at1nsl~ti:sv~rhangung
hier nicht die Bedeutung
litat"685. Vi:ilkerstraftaten sind maBgeblich dadurch gekennzeichnet, daB sie H ntergrun rnmm e ~ 6 k ··f .
::n die1Beachtlichkeit eines bestehenden Rechtl~chkeitszu;a~~~s zu edra bt~~
die dementaren Mindestbedingungen von Rechtlichkeit negieren, die einzelne
' . .stet vielmehr einen Beitrag zur künftigen (Re-) u t1v1erun~ e~
Person also durch einen Angriff auf die institutionellen Grundbedingungen
ihrer Existenz treffen 686. Diese Taten werden entweder im Rahmen eines be- ~::ff:~:~e~esellschaft: Durch die Befriedigung des G~n~gtuu;~.stbe~~~::~::
f die Ausschaltung besonders stark komprom1tt1e~te_r ª.er .
waffneten Konflikts verübt - der Fall der Kriegsverbrechen (§§ 8-12 VStGB) der Op er, . d . MaBgeblichkeit und Durchsetzungsfah1gke1t emes men-
- oder aber sie werden durch eine Ordnung gedeckt, die bestimmten Opfer- Demonstra~1on er . d d 692 11der Boden für eine dauerhafte Verbes-
gruppen systematisch die Anerkennung ihrer fundamentalen Freiheitsrechte schenrechthchcn Bas1sstan ar s so_ 693
versagt- die Falle des Genozids sowie der Verbrechen gegen die Menschlich- serung des bisherigen Zustandes bere1tet werden .
keit (§§ 6 f. VStGB).
688 Naher du Bois-Pedain, Wollu st , S. 223 · 1 . r·¡ t bewaffneten Konflikte sind
06 in diesen Fallen der Sanktionierung der betreffenden Taten die Bedeu- 689 Nur noch etwa zehn Prozent aller we twelt ge u 1r en
tung zukommt, die Beachtlichkeit eines bestehenden Zustandes der Rechtlich- Staatenkriege im k_lass(schen__
Sinn (Mü~kler, PVSf:21[:i~? 584).
keit zu bekraftigen, ist zweifelhaft. Zwar wird die Existenz eines solchen Zu- 690 Dazu eindnnghch Munkler, Knege, S. 28 .,
standes nicht schon dadurch ausgeschlossen, daB die Weltgemeinschaft nicht 691 H. ]ager, Makroverbreche1,1, S. 345 ~-- l ¡- her Sanktionen stellt die deutschsprachige
692 Diesen erhofften Effekt volkerstra ie~ 1t icb ..h ( gl Eser FS Trechsel, S. 234;
staatlich oder quasi-staatlich verfafü ist [Link] aber müfüen die Bewoh- . . 1 1 .h r Leg1t1mat10ns emu ungen v .
Literatur m den M1tte pun ,t l re ..
,
f. 1 S 507 ff. Neitbacher Grun agen,
dl
ner gerade der labilen Weltregionen in der GewiBheit leben ki:innen, daB die .. " S 349f• M"ller Volkerstra 1ec1t, · ., ' W
Merkel, ,,Troster , . h., 1 ºs 1500 f. Werle Viilkerstrafrecht, Rn. 86; dens., ZSt 109
Ausübung von Herrschaftsgewalt und die Austragung bewaffneter Konflikte S. 424 f.; Triffterer, FS Jesc ec ,, · ·, '
in der Regel vi:ilkerstrafrechtskonform erfolgen und daB Übergriffe, so sie den- [1997], 821). b . d iifteren aufmerksam gemacht: Jakobs, GA
693 Auf diese Differenz hat Jakobs ereits ..e~ . S f. ders FS Spinellis, S. 465; ders.,
noch geschehen, einigermaBen zuverlassig geahndet werden. Von einer solchen 54
1994, 18; ders., Strafe, S. 47 f.; ders., Selbs_tver;i~: d:1;,oi;-Pedain, Wollust, S. 211, 222 ff.; Dei-
L;
HRRS 2004_'.94 ders., No~m'._S.117f. Ah:tzen S. 64. -Keller (FS Lüderssen, S. 429) betont,
Justiz, dem Rechtswert dienen, sondern der Machtdurchsetzung des Staates".)- Das Gleiche ters Legahtatspnnz1p, S. 96, Lude. rssen, N hh' . fl·chtet der Sache nach eme andere
' . 11 M. r d . d r Mensc e1t verp l ' "
gilt für die heutige Strafrechtsdogmatik. Hier sind an erster Stelle Stratenwerth!Kuhlen, AT, daG eine Norm, die a e itg ie e1 . e 1· h l nsol1'dierten Staates geltenden Nor-
. . • h lb · m wesent lC en rn . k
§ 4 Rn. 18 zu nennen: Beim Schutzprinzip gehe es ausschlieGlich um MaGnahmen der Selbst- Norm" se1 als die mner a . emes 1 laGt ausdrücklich offen, ob es sich be1 den San .-
verteidigung. ,,Sie in das Gewand der Strafe zu kleiden, ist ein traditioneller MiGbrauch, der men. H. ]ager (Makroverb1echen, S. 346) . S f h delt oder aber eine MaGnahme m1t
.. f h 1 t tlich um eme tra e an h
die auf eincn sozialethischen Vorwurf bezogene Strafe denaturiert." Den Sonderstatus der tionen des Volkerstra rec ts" e z . dV •¡ ·m i·echtsformigen Verfa ren zur
d . z h b ·k t un erurte1 ung 1
auf das Schutzprinzip gestützten MaGnahmen betonen ferner Jakobs, Vergangenheitsbewal- Piinalen Elementen," ieV urec en ar__e1 1· h S f ·echtsdogmatik die sich bislang ohne-
der herkomm ic en tra 1 ' k . .
tigung, S. 62; ders., ZStW 118 (2006), 847; Deiters, Legalitatsprinzip, S. 91 (das Schutzprinzip Voraussetzung h at · - 011 hd z l --lkerstrafrechtlicher San t10111erung
d . h . d F age nac en wec ,en v 0 d h . d
ersetze die an sich sachentsprechende Behandlung des Taters als Feind) und Kaspar, MDR hin nur spora isc. mlt . er r . ZStW 123 [2011], 40 f.), wird die Besan er e:t es
1994, 546. Van einer ,,notwehrahnliche[n] Situation" spricht MK-Ambos, Vor §§ 3-7 Rn. 40. befaGt hat (insowert knt1sch auch F. Meye1, h. d. d herkiimmlichen innerstaatlichen
d sen Untersc 1e zu em . h f
684 In§ 6 Nr. 2-9 StGB werden weitere Anwendungsfalle des Weltrechtsprinzips statuiert. Viilkerstrafrechts zwar geseh en, es A b d Steiner die Viilkergememsc a t
. .
11 S0 betonen zwar m os un , f d .
Die Heterogenitat der dort erfaGten Tatbestande und das kraG untcrschiedliche Gewicht der Strafrecht aber b agate isiert. . . l • ·h . Entstehungsphase be an en.
· ¡ d Nationa staaten 1111 1er l "
darin beschriebenen Handlungen sind schon haufig kritisiert worden (grundlegend Merkel, befinde sich ,,heute d ort, wo SIC 1 ¡-~~ . (viilkerstrafrechtlichen) Gewaltmonopo s
Jurisdiktion, S. 240; zuletzt MK-Ambos, § 6 Rn. 3; Wang, Strafanspruch, S. 127 ff.; Weigend, bei der Herausbildung und Konso 1 i;rm:g e~ts 1 t' nierenden viilkerstrafrechtlichen Ord-
FS Eser, S. 958). (Ambos!Steiner, JuS 2001, 10). Manl_gel s eS111e1f un ,or10allemclarín einen Beitrag zu der Er-
685 Grundlegend zu dieser Terminologie: H. Jager, Makroverbrechen, S. 326 ff. . d z k ··11 • echt 1c1er tra cn v ' " . "( O
nung hege er wec vo ,e1r . ··11 . f). htl1·chen Wertordnung zu le1sten aa '
.d. . emer vo ,e1(stra rec . . 1 . h
686 Der hier vorgeschlagenen Begriffsbestimmung steht diejenige Kiihlers nahe, der das richtung un d Konso l z ze1u_ng . A b nd Steiner hingegen emen ax10 og1sc en
13) Nur wemge . Z e1·1en wei t er. suggeneren m os. uh .
S f echt· Dient das mnerstaat 1·1ch e
universale Verbrechen definiert als ,,Negation der Verfassungs- und zugleich Viilkerrechts- · ¡- h d ..berstaat 11C em tra r ·" l
fahigkeit, also einer Fundamentalbedingung der intern rechtsverfaGten Selbstandigkeit eines Gleichklang zwischen staat ic em un ~ b d M nschen innerhalb eines Staates, verfo gt
Strafrecht dem friedlichen Zusammen e en el: h eG. n h1·11aus"(aaO 13). Ebenso un-
Verbandes (Volkes) bzw. Staates" (Kohler, JRE 11 [2003], 457). Die herrschende Meinung fafü . z k ..b . staat re e 1enze
das Viilkerstrafrecht d iesen wec u e1 . ' h . ·kennen daG die Leistung des Vo 1-
' ..
den Bereich der Viilkerstraftaten weiter; dazu naher Weigend, FS Eser, S. 966 ff. . E W 1 d Roxm nuc s1e e1 ,
687 Darauf stellt Deiters (Legalitatsprinzip, S. 95) maGgeblich ab. genau argumentieren ser, er e un .
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer [Link]
127
126 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

gesichtspunkten unbedenklich ist, ergibt sich aus einem Vergleich mit dem zu-
Die vom Vi:ilkerstrafrecht erfafhen Taten verdienen aus diesem Grund nicht
vor behandelten Schutzprinzip 696 . Dürfen Auslander, die im Ausland handelnd
die Bezeichnung als Kriminalunrecht 694 • Der moralische Unrechtsgehalt derar-
inlandische deutsche Rechtspositionen schadigen, massiven Sanktionen unter-
tiger Taten ist freilich haufig so exorbitant, daB sich der Rückgriff auf den Ge-
worfen werden, so kann eine Lockerung der Anforderungen an das regulare
danken des malum in se geradezu aufdrangt. Das zentrale Problem eines solchen
Bürgerstrafrecht auch für den internationalen Schutz des Kernbereichs der
Ans_a~zes~esteht indessen darin, daB sich auf seiner Basis keine überzeugende
Menschenrechte akzeptiert werden. ,,Wenn dieser Schutz dem Vi:ilkerrecht ent-
Leg1timat10n (gerade) der Strafe mehr entwickeln laBt. Einem Delinquenten das
spricht, ist seine Legitimitat nicht geringer als die des Selbstschutzes eines sou-
malum der Strafe nur deswegen aufzuerlegen, weil er seinerseits ein malum ver-
veranen Staates." 697 Aber man sollte ihn bei seinem richtigen Namen nennen.
s~huldet hat, liefe auf eine bloBe Sequenz zweier Übel und damit auf jene Ver-
s10n der Vergeltungstheorie hinaus, die bereits seit Hegel als diskreditiert gelten
kann 695 • Der spezifischen Zielsetzung vi:ilkerstrafrechtlicher Sanktionen lafü V. Das Verbrechen als Rechtsgutverletzung?
sich deshalb nur dadurch angemessen Rechnung tragen, daB man die einschla-
gigen Delikte auBerhalb des regularen Strafrechts ansiedelt und sie einer starker Die bisherigen Überlegungen weisen eine auf den ersten Bliclc überraschende
praventionsorientierten Sonderdogmatik unterstellt. DaB dies unter Wertungs- Lücke auf. In ihnen spielt jener Begriff keine Rolle, der nach herki:immlicher
698
Auffassung den ,,harte[n] Fels unseres heutigen modernen Strafrechts" u~d
kerstrafrechts allenfalls darin bestehen kann, der ,,Durchsetzung" wünschenswerter Rechts- die conditio sine qua non materiellen Kriminalunrechts darstellt: der Begnff
standards (Eser, FS Trechsel, S. 233; Hcrvorhebung hinzugefügt) bzw. dem ,,Attfbau einer
der Rechtsgutverletzung. Die AuBerachtlassung dieses Begriffs erfolgte jedoch
nat'.onalen Mens~he~rechtskultur" (Wlerle, ZStW 109 [1997], 821) zu dienen und auf diese
We1se ,,zur Verw1rkhchung des uralten Menschheitstraums vom ewigen Frieden" beizutra- aus gutem Grund; denn die Hochschatzung der Kategorie des Rechtsgutes_ ist
gen (Roxzn, Zukunft, S._390). A~f den Unterschied, der zwischen der Bestatigung einer be- ungerechtfertigt. Die herkunftsgeschichtliche Dignitat des Rechtsgutbegnffs
st_ehen~enund ~er Etabherung emer künftigen Friedensordnung besteht, gehen aber auch sie wird haufig überschatzt (1.), ebenso seine kritische Potenz (2.). Vor allem aber
mcht em. Im L1chte des herrschenden Rechtsgüterschutzdenkens betrachtet ist diese Un- leidet das Rechtsgutdenken an einem grundsatzlichen Konstruktionsfehler. Auf
befange~hcit wenig v~rwunderlich. Wie an früherer Stelle (S. 64 f.) gezeigt w~rden ist, kor-
respon~1ert der Au_snchtung des Strafrechts auf die Aufgabe des Rechtsgüterschutzes eine die Frage zugeschnitten, ob einem Straftatbestand ein sch~tzwür~iges Substrat
pravent10nstheoret1~che Deutung. der Strafe und damit eine Auffassung, die - wie Kohler (,,Rechtsgut") zugrunde liege, vernachlassigt es das praktisc_h we1tau_s.?e~eut-
(Strafrecht, S. 93) pragnant formuherte - ,,das Strafrecht vollstandig in Polizeigewalt und die samere Problem, in welchem Umfang andere Personen für die Integntat dieses
Strafrechtszwecl~e vollstandig in polizeilichen Schutz aufgehen" laík Haben die Sanktionen Rechtsgutes verantwortlich gemacht werden ki:innen; Zustandigkeitserwagun-
de_s~trafrechts sich dem~ach insgesa7:1t~nter _Verweis auf ihre künftigen Effekte zu legiti-
m1e1en, so kann es auf die Untersch1edhchke1t der Ausgangspositionen nicht entscheidend gen bleiben dem Rechtsgutdenken deshalb stets auBerli_ch.Das Bild verandert
ankommen. sich sobald man die Kategorie des Rechtsgutes durch die der Rechtsperson er-
_694 . Anderer Ansicht jüngst Gierhake (Begründung, S. 157): Zwar sei die Strafe für ihre setz~. Die Kategorie der Rechtsperson stellt gleichsam das konzeptionelle Bin-
fre1he1tskonforme A_usübung auf die Verfassung der Allgemeinheit in handlungsfahigcn deglied zwischen den allgemeinen rechtsbegrifflich-legitimationstheoretischen
Instüut10nen angew1esen. Dcr Rechtsgrund der Strafe aber sei schon im vorstaatlichcn all-
gememen Rechtsgesetz zu finden. Dcm Satz, daG auf Unrecht Strafe zu folgen habe, komme Überlegungen und der strafrechtlichen Zustandigkeitslehre dar. D~r Per~onbe-
der Rang emer ,,:Ver;1-unftnotwendigkeit" zu, ,,und zwar im gedanklich ersten Schritt auch griff verknüpft damit die Eri:irterungen des vorliegenden Abschmtts mit dem
unabhang1g von Jeghcher staatlichen Verfestigung der Rechtsverhaltnisse". 06 sich mit Hilfe Gegenstand des folgenden Kapitels (3.).
der Unterschei_dun~ zwischen ~em Re~htsgrund und den Ausübungsbedingungcn lcgitimer
Strafe tatsachhch die rechtsph1losoph1sche Dignitat auch solcher Strafen beweisen laGt die
auGerha_lbvon etablierte_n Daseinsordnungen von Freiheit verhangt werden, erscheint indes- 1. Der Rechtsgutbegriff als ,,reifste Frucht der Aufklarung"?
sen zwe1felhaft. Wenn die Strafe -wie Gierhake ausdrücklich konzediert - zu ihrcr freiheits-
k?nf_ormen Verwirklichung auf verfaGte Gemeinschaftlichkeit angewicsen ist, dann bedeutet
Der Rechtsgutbegriff hat seine Wurzeln im [Link]. Er ?etrat die wis-
d1e_s11:1GegenschluG, daG eine Strafe auGerhalb derartiger institutioncller Strukturen nicht in senschaftliche Bühne mit Birnbaums 1834publiziertem Aufsatz Uber das Erfor-
fre1he1t~konformer We_ise_exekutiert werden kann. Mit anderen Wortcn: Gierhake begründet dernifl einer Rechtsverletzung zum Begriffe des Verbrechens. Anders als dieser
:'war die Sta_atsunabhang1gke1t der Strafe als cines reinen Gedankendings, nicht aber auch
JCne~er tatsachhch vollstreckten Strafe. Dies aber - der Vollzug des Strafzwanges - muG aus 696 Die nachfolgende Argumentation lehnt sich eng an die Ausführungen Kellers an (Kel-
de1:S1~htemer dem _Fre1he1tsgedankenverpflichteten Straftheorie als das eigentliche Argernis
de1 Sti afe und dam1t auch als den :"ahrcn Gegenstand aller Legitimationsbemühungen gelten ler, FS Lüderssen, S. 434). .. . .
697 Keller, FS Lüderssen, S. 434. - Zu den Konsequenzen fur die dogmat1sche Ausgestal-
(o ben S. 26 ff.). Der Log1k von G1erhakes Gedankengang würde es von daher weitaus eher
tung dieses Rechtsgebiets Pawlik, FS Schroeder, S. 385 f.
entsprechen, den genuinen Strafcharakter viilkerstrafrechtlichcr Sanktionen zu verneinen.
695 Oben S. 88 f. -Treffcnd du Bois-Pedain, Wollust, S. 231. 698 Chen, Garantensonderdelikt, S. 274.
C. Strafe als Antwort attf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 129
128 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Angesichts der Unbestimmtheit von Birnbaums Verbrechensbegriff wies seine


Titel vermuten lafü, ging es Birnbaum nicht etwa um eine Verteidigung, sondern 5
Rechtsgutlehre allcrdings nur ein sehr geringes l~ritisches Potential auf7° • ~nso-
im Gegenteil um eine Kritik der Rechtsverletzungslehre Feuerbachs. Dieser
fern bietet sie ,,ein Beispiel für einen f!ieBenden Ubergang vom naturrechthchen
hatte seinen vermeintlich schlanken Verbrechensbegriff dadurch kompromit-
tiert, daB er ihm die inhaltlich hochst diffuse Kategorie der Polizeiübertre- zum positivistischen Denken" 7º6• • •
Es verwundert deshalb nicht, daB nach dem hegelianischen Zwischensp1el 111
tungen an die Seite gestellt hatte 699 • Birnbaum rügte als einer der ersten die
der deutschen Strafrechtslehre der Positivist Binding in den siebziger Jabren des
Inkonsistenz dieses Verfahrens 700 • Um diesen Mangel zu beseitigen, müsse
19.J ahrhunderts auf Birnbaum zurückgriff7º 7 . Binding, der nach einem be-
man den Verbrechensbegriff von vornherein weiter fassen 7º 1• Als Verbrechen
kannten Wort Armin Kaufmanns dem Rechtsgutdogma allererst ,,Bürgerrecht
sei ,,nach der Natur der Sache oder als vernunftgemaB im Staate strafbar jede
in der Strafrechtsdogmatik verschafft" hat 708 , wies dem Rechtsgutbegriff frei-
dem menschlichen Willen zuzurechnende Verletzung oder Gefahrdung eines
lich eine rein dogmatische Funktion zu. Das Rechtsgut hatte in Bindings Lehre
durch die Staatsgewalt Ali en gleichmafüg zu garantirenden Guts anzusehen" 7º 2 .
die Funktion, eine Verbindung zwischen den Normen der Rechtsordnung und
Wie diese Definition zeigt, war Birnbaum ebenso wie Feuerbach bestrebt einen
den tatsachlichen Gegebenheiten der AuBenwelt herzustellen; es diente ,,zur
metapositiven MaBstab zu formulieren, der den Ponalisierungsaktivitat~n der
Verdeutlichung der Normen" 7º9 . So erlaubte Bindings Normentheorie es !hm
S_trafgesetzgeber Grenzen setzen sollte 703 • In seiner Absage an staatsutilitaris-
Iediglich, das Verbrechen als den mit Strafe_bedro~te~ schu~dhaften B_ruchemer
t1sche Vorstellungen war Birnbaum sogar noch entschiedener als Feuerbach 7º 4 .
Norm zu definieren 71º; sie enthielt aber keme Kntenen, m1t deren H11feer dem
unterschiedlichen Gewicht von Straftaten wie Mord, Diebstahl oder Schlitten-
699
Feuerbach, Lehrbuch, § 22 (S. 46). fahren ohne Gelaute hatte Rechnung tragen konnen 711. Diese Lücke in seiner
700
Birnbaum, ACrim (N. F.) 15 (1834), 162, 166 ff. -Aus der neueren Literatur: NK-Has- 712
Theorie suchte Binding mit der Rechtsgutlehre zu schlieBen : Die unter dem
semer/Neumann, Vor _§1 Rn. 124; Amelung, Rechtsgüterschutz, S. 35 ff.; Anastasopoulozt,
Dehktstypen, S. 5 f.; Fzolka, Rechtsgut, S. 15; Gkountis, Autonomie, S. 183; Sina, Dogmen- Gesichtspunkt des Ungehorsams gegen den Normbcfehl vollig gleichwertige_n
gesch1chte, S. 18; Schiinemann, Rechtsgütersclrntzprinzip, S. 139· Swoboda ZStW 122 (2010) Delikte konnten nach dem Wert der Rechtsgüter abgestuft wcrden, gegen die
26f. ' ' ' sie sich richteten 713 ; in der ,,Schale des Ungehorsams" sei die ,,Gutsverletzung
701
Dal3 Birnbaum mit Hilfe des Begriffs der Rechtsgutverletzung das als zu eng emp- als Kern" enthalten 714 . Rechtspolitische Ambitionen lagen Binding dabei
fundene Korsett von_Feuerbachs Rechtsverletzungslehre sprengen wollte, wird im heutigen
Schnfttum nahez~ emhelhg anerkannt (Amelung, Rechtsgütersclrntz, S. 45 ff.; ders., Lehre,
fern715;ausdrücklich betonte er, die Entscheidung darüber, was als Bedingung
S. 354 ff.; Ehret'. L1szt, S. 151 ff.; Fzolka, Rechtsgut, S. 157 f.; Gkountis, Autonomie, S. 186;
Grew, Lebend1ges, S. 335; Hassemer, Thcorie, S. 37; Low, Erkundigungspflicht, S. 265;
Mazer-Wezgt, Vcrbrechensbegriff, S. 123 ff.; Silva Sánchez, Expansion, S. 62; Wrage, Gren- 705 Ebenso NK-Hassemer!Neumann, Vor § 1 Rn. 123;Fiolka, Rechtsgut, S. 19 ff., 259; He-
zen, S. 57; Dubber, ZStW 117 [2005], 505; K. Giinther, Pflichtvcrletzung, S. 451 f.; Roxin, FS fendehl, Rechtsgüter, S. 17; Stdchelin, Strafgesetzgeb1rng, S. 37; Amelung: Lehre, S. 356; Eh-
Has~emer, S. 576, 5_90;Swoboda, ZStW 122 [2010], 27 f.; Vormbaum, ZStW 107 [1995], 751 f.; ret, Liszt, s.153; Steinberg, FS Rüpmg, S. 92 ff.- So h1elt Bzmba1'.m (ACnm [N. F.] 15 [1834],
zuruckhaltende; Szna, Dogmengeschichte, S. 25. - Die Behauptung Kargls [JZ 1997, 283], das 178 f.) auch den strafrechtlichen Schutz von Gemeingütern w1e S1tthchke1tund Gott~sfurcht
h'.stonsche Mot1v für den Rechtsgutgedanken habe sich aus seinen strafbarkeitslimitierenden für zulassig, sofern ihre ,,Erhaltung mit der Erhaltung der Verfassun~ selbst m [... ] mmgem
Eigenschaften gespeist, wi~erspri~ht dem Textbefund.)- Zwingend war die von Birnbaum ge- Verbande steht". Welcher Strafgesetzgeber des 19. Jahrhunderts hatte mcht unschwer begrun-
zogene Konseq_ue~zallerdm?s kemeswegs. Wic sich am Beispiel Droste-Hülshoffs zeigt, war
den ki:innen, dal3 dics der Fall sei (treffend NK-Hassemer/Neumann, aaO)?_ . . .
es_uns_chwermoghc~, mlt H1lfe der Rechtsverletzungslchre weitreichcnde Pi:inalisierungsbe- 706 Amelung, Lehre, S. 356. - Vgl. auch Naucke (KritV 1993, B7 f): .'.'Die Ph1lo:oph1e 1st
durfn'.sse zu be_fned1gen;man mufae nach dem Vorbild Christian Wolffs (dazu unten S. 134) beiseite gesetzt. An ihre Stelle ist der Appell an zeitgeistnahe Plaus161htat getreten.
led1glich auf die mmelbar staatsgefahrdenden Wirkungen von Lastern wie Unsittlichkeit
707 Binding, Normen, Bd. I, S. 499.
und Irreligiositat abstellen (so Droste-Hiilshoff, NACrim 9 [1827], 617 ff.). Eindringlich dazu
708 Armin Kaufmann, Lebendiges, S. 69.
Greco, Lebendiges, S. 344 ff. ·
702 Birnbaum, ACrim (N. F.) 15 (1834), 179. 709 Fiolka, Rechtsgut, S. 30.

703 110 Binding, Handbuch, Bd. I, S. 499. . "


S~hr k!ar auch ~irnbaum, ACrim (N. F.) 25 (1837), 495 f. - Nachdrücklich hervorge- 111 Aus der zeitgenossischen Literatur: Heinemann, ZStW 13 (18_83),389; Lzepmann, Em-
hoben wird d1eser Ges1chtspunkt von Neubacher, Jura 2000, 514 f. und Schiinemann Rechts- · S 12 f - Aus dem neueren Schrifttum: Amelung, Rechtsguterschutz, S. 73 f.; ders.,
güterschutzprinzip, S. 140 f. ' 1e1tung, . .
.
704
Vgl. Birnbaum, ACrim (N. F.), 15 (1834), 180. - Fiolka (Rechtsgut, S. 52) bezeichnet Einflul3, S. 364.
712 Fiolka, Rechtsgut, S. 38.
Birnbaums Rechtsgutlehre deshalb zu Recht als ,,gemafügt liberal"; ahnlich Otto, AT, § 1
713 Binding, Normen, Bd. I, S. 366.
R_n.28. - Gko_untzs(Au:onom1e, S. 186 f.) nimmt Birnbaum dagegen allzu unkritisch als Fort-
714 Binding, Normen, Bd. I, S. 365. .
fuhrer der ,,hberal-ph1loso_phischen Richtung" in Anspruch. Am anderen Ende der mi:ig- 715 Dies wird ¡ heutigen Schrifttum einhellig betont: Anastasopoulou, Dehktstypen,
111
hchen Deutungen bewegt s1ch Wrage (Grenzen, S. 43), der Birnbaum einen paternalistischen S. 8 ff.; Ehret, Liszt, S. 158 ff.; Fiolka, Rechtsgut, S. 35 f., 206; Mazer-Wezgt, Verbrechensbe-
Ausgangspunkt zuschreibt.
130 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort attf die Verletwng einer Mitwirkungspflicht 131

gesunden Lebens der Rechtsgemeinschaft für diese von Wert sei, sei ausschlieG- besser als die Leichtigkeit, mit der sie sich den politischen Verhaltnissen nach
lich Sache des Gesetzgebers 716 .
1933 anpassen lieK In der These vom aufklarerisch-liberalen Gehalt des Rechts-
Vor diesem Hintergrund heifü es die Dinge geradezu auf den Kopf stellen, gutdenkens lebt - lediglich mit umgekehrten Vorzeichen - jene Interpretation
wenn der Rechtsgutgedanke als ,,reifste Frucht der Aufklarung" 717 gefeiert und fort, die die strafrechtlichen Reprasentanten der berühmt-berüchtigten Kie-
ihm eine intrinsische Liberalitat zugeschrieben wird 718 . Das Denken in Rechts- ler Schule, Schaffstein und Dahm, mit dem erklarten Ziel vorgelegt haben, die
gütern ist ohne zugrunde liegende Wertungen inhaltsleer 719 • Die betreffenden Staatsideologie des klassischen Liberalismus", deren strafrechtliche Auspra-
Wertungen konnen aber nicht aus der Theorie heraus entwickelt werden, son- ;ung die Rechtsgutverletzungslehre sei, endgültig aus dem deutschen Strafrecht
dern sind politischer Natur 720 • ,,Vor dem Hintergrund eines liberalen Verstand- zu verbannen 724.Für eine Umdeutung der von Schaffstein und Dahm konstru-
nisses _werden sich .nicht die gleichen Folgerungen aus der Rechtsgutslehre erge- ierten Verfalls- zu einer Heldengeschichte fehlt es an der dogmengeschichtlichen
ben w1evor dem Hmtergrund eines schutzbetonten praventiv konservativen Ver- Grundlage. Die eine Sichtweise ist so ideologisch wie die andere 725 •
s~andni~ses."721Aber gleichgültig, ob liberal oder konservativ - in jedem Fall ist
em best1mmtes Rechtsgutkonzept ,,auf ein intellektuelles und soziales Klima an- 2. Kritische Potenz des Rechtsgutbegriffs?
gewiesen, das es tragt und seine Durchsetzung ermoglicht"722. Anden sich dieses
Klima, so verandert sich auch der Zuschnitt der als schutzbedürftig ausgegebe- a) ,,Das Recht ist um der Menschen willen da"
723
nen Rechtsgüter . Nichts beweist die inhaltliche Flexibilitat der Rechtsgutlehre Einen noch energischeren Befürworter als Binding fand der Rechtsgutbegriff
in Liszt. Dem Rechtsgutbegriff kommt Liszt zufolge sowohl für die allgemeine
griff, S. 131; Marx, Definition, S. 22 f.; Sina, Dogmengeschichte S. 46 f.· Swoboda ZStW 122 Rechtslehre als auch für das Strafrecht eine grundlegende Bedeutung zu 726 ,
(2010), 30. ' ' '
716 B. d. N d . und seine Klarstellung sei insbesondere für letzteres eine ,,Lebensfrage" 727 .
. zn zng, ormen, B . I, S. 353. - E111eFolge dieser rechtspolitischen Enthaltsamkeit Das Strafrecht sei - so klagte Liszt im Jahre 1888 - ,,niemals mehr von dem
war_d1evo1;Lzszt (ZStW 8 [1888], 141) gerügte ,,tumultuarische Aufzahlung", die Binding dem
,,Guterkap1tal der Rechtsordnung" angedeihen lieK Verfall in Formalismus bedroht [gewesen] als in diesem Augenblick" 728 • Dem-
717
So unlangst noch Schünemann, FS Herzberg, S. 47. - Die Auffassung, daG der Rechts- gegenüber betone der Begriff des Rechtsgutes ,,den inneren Zusammenh~ng
gutgedanke auf dem_Staats- und Strafverstandnis der Aufklarung fuGe, ist freilich auch an- der Rechtswissenschaft mit der Politik" 729 . Wahrend Binding das Allgeme111-
sonsten stark verbreitet (grundlegend für die Nachkriegsdiskussion: H. ]dger, Strafgesetzge-
interesse in den Vordergrund schob 730 , hob Liszt - seinem Schüler Kohlrausch
bung, S. 6; ferner NK-Hassemer/Neumann, Vor § 1 Rn. 115; Hassemer, Theorie, S. 29 ff., 51,
214; Roxzn, AT 1, §~ Rn. 8; ders., FS Marinucci, S. 733 f.; ders., Rechtsgüterschutz, S. 138 f.; zufolge ,,der Liberale mit einem sozialen Ideal im Herzen" 731 - nicht weniger
Gkountzs, Autonom1e, S. 177 ff.; Marx, Definition, S. 5, 16; Sarhan, Wiedergutmachung, S. 35; nachdrücklich hervor, daG alles Recht ,,um der Menschen willen" da sei732 • Des-
Sternberg-Lzeben, Schranken, S. 386; Gracia, GA 2010, 330; Müller-Dietz, FS R. Schmitt, halb sei Rechtsgut ,,in letzter Linie stets das menschliche Dasein in seinen ver-
S. 104; Neubacher, Jura 2000, 514; Otto, Rechtsgutsbegriff, S. 3 f.; Steinberg, FS [Link],
S. 98 f., 108; Swoboda, ZStW 122 [~010], 25 f.). Kritisch zu der dieser Zuschreibung zugrunde
hegenden Argumentat1°.nsstrateg1e Greco, Le_bendiges,S. 322 H.- Haas (Kausalitat, S. 61 ff.); den, ein Rechtsgutsbegriff, der diese Abhangigkeiten bcherzigt, verliert weitgehend sein lui-
ders. (Leh1e, S. 204); Low (Erkund1gungspfücht, S. 266); Renzikowski (GA 2007, 568) und
tisches Potential."
Wrage_(Grenzen, S. 236) sehen die Rechtsgutlchre dagegen in einer aufklarungskritischen
Tradmon wurzeln. 724 Vgl. Schaffstein, Verbrechen, S. 111 ff. (Zitat auf S. 112);_Dahm, _ZStW 95 (1935), 295.
718 - Einzelheiten bei Hartl, Willensstrafrecht, S. 102 ff. - Be1sp1elhaft fur diese na1ve Lesart
. So in~b~sondere ]escheck/Weigend, AT, § 1 III 2 (S. 8); Marx, Definition, S. 15 f.; sind die [Link] von Gkountis (Autonomie, S. 196 f.): Die Vertreter der autor_itar:n
Schne'.der, _E111ubung,S. 84 f.; _Szna, Dogmeng_eschichte, S. 25 H., 70, 89 f.; Kühl, FS Puppe, Stréimung innerhalb der deutschen Strafrechtswissenschaft hattm 1m Rechtsgutbcgr1ff em
S. 664, Schunemann, Rechtsguterschutzpnnz1p, S. 134, 154; ders., Kritik, S. 228; de Sousa, von freiheitlichen Gedanken herrührendes Potential erkannt und 1hn eben deshalb bekampft.
FS Hassemer, S. 309 f.; Wzttzg, Rechtsgutstheorie, S. 239; im Grundsatz auch Papageorgiou
Schaden, S. 92. ' Diese Angriffe aber harten ,,den wahren, liberal gepragten Gehalt des Rechtsgutsbegrif'.s
719 letztlich nur allzu deutlich zu Tage treten lassen". Ob Schwmge und Z1mmerl (zu deren Pos1-
Exemplarisch Androulakis, FS Hassemer, S. 272 f.; Haas, Kausalitat, S. 65; Jakobs, FS tion oben S. 98) das ebenso gesehen hatten?
A1~;~ung, S. 47 Fn. 63; Stuckenberg, GA 2011, 656 f.; Vogler, ZStW 90 (1978), 138 H. 725 Ahnlich K. Günther, Pf!ichtverletzung, S. 453; Low, Erkundigungspflicht, S. 267.
Fzolka, Rechtsgut, S. 146; Jakobs, System, S. 22 Fn. 29; Low, Erkundigungspflicht, 726 Liszt, ZStW 8 (1888), 133.
S. 268; Vogler, ZStW 90 (1978), 140.
721 727 Liszt, ZStW 8 (1888), 133.
Fiolka, Rechtsgut, S. 146.
722 728 Liszt, ZStW 8 (1888), 138.
Neumann, Alternativen, S. 95. 729 Liszt, ZStW 8 (1888), 140 .
723
. Hefendehl (Rechts?üter, S. 21) bringt das der herkommlichen Rechtsgutlehre daraus 730 Oben S. 95.
ei wachsende Dilem1rn pr~gnant auf den Punh: ,,Ein Rechtsgutsbegriff, der die genannten 73l Kohlrausch, Krise, S. 16.
Abhang1gke1ten mcht 111se111eDefi111t10naufn1mmt, kann dieser Dynamik nicht gerecht wcr- 132 Liszt, Lehrbuch, S. 4; ders., ZStW 6 (1886), 672; ders., ZStW 8 (1888), 138, 141.
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 133
132 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

schiedenen Auspragungen" 733 . Schon früh wurde freilich die Unscharfe dieser keiten. Wie wenig stringent Liszt in dieser Frage argumentierte, zeigt sich exem-
Formel gerügt. ,,DaB insbesondere das Strafrecht um der Menschen willen da plarisch an seinen Ausführungen zum notorisch problematischen ~echtsgut
sei", wird nach einer Feststellung v. Buris ,,ja wohl überhaupt noch nicht be- der Sittlichkeitsdelikte. Einerseits erklarte Liszt, der Gesetzgeber w1dme dem
zweifelt worden sein. Nur ist es nicht wegen des Hinz oder Kunz, sondern zur auBerehelichen Geschlechtsleben seine Aufmerksamkeit nur, ,,soweit es in den
Ermoglichung des Zusammenlebens aller Menschen vorhanden." 734 Liszt selbst Rechtskreis einzelner verletzend eingreift" 739 • Andererseits hatte er keine Be-
beeilte sich klarzustellen, daB er keineswegs einem institutionsfeindlichen Ra- denken, auch das ,,sittliche Gefühl des einzelnen" zu den danach schützens-
dikalindividualismus das Wort reden wolle. Weil das menschliche Dasein ,,ent- werten Belangen zu rechnen 740 • Unter dem Strich steht Liszts Konzeption dem
weder als Dasein des als Einzelwesen betrachteten Menschen oder als Dasein Rechtsgutverstandnis Bindings weitaus naher, als die Heftigkeit der zwischen
741
des einzelnen in der Gesamtheit der Rechtsgenossen" erscheine, zerfielen die beiden Autoren ausgefochtenen Kontroverse es vermuten laBt • Auch die
durch das Strafrecht geschützten Interessen in Rechtsgüter des einzelnen und Lehre Liszts ist eine positivistische Theorie: ,,Letztlich selegiert der Gesetzge-
in Rechtsgüter der Gesamtheit 735 . Auf diese Weise sicherte Liszt sich die Mog- ber, welche Lebensinteressen des Menschen in den Genuss rechtlichen Schutzes
742
lichkeit, auch den Staat als Reprasentanten der Allgemeinheit zum Interessen- kommen und damit in den Stand von Rechtsgütern erhoben werden." Ein
und Rechtsguttrager zu erheben und damit dessen formale Stellung an die des nennenswertes kritisches Potential geht jedenfalls auch von Liszts Rechtsgut-
einzelnen Bürgers anzugleichen. Der dergestalt ausgeweitete Interessenbegriff verstandnis nicht aus 743 •
stellte freilich den individualistischen Ausgangspunkt der Theorie buchstab-
b) Ausgrenzung blofler Moralwidrigkeiten?
lich auf den Kopf; er konnte, wie Amelung resümiert, ,,zum Instrument eines
blanken Etatismus werden" 736 , dies zumal deshalb, weil die Interessenlehre das Die Begründungslücke in Liszts Konzeption scheint sich allerdings dadurch
Verhaltnis der staatlichen Interessen zu denen der Individuen niemals hinlang- schlieBen zu lassen, daB man dem Rechtsgutbegriff durch die Einführung ei-
lich klarte 737 • nes den Bereich des Nicht-Strafwürdigen bezeichnenden Gegenbegriffs schar-
Aber auch im übrigen lafü der wohlklingende Satz, das Recht sei um der fere Konturen zu verleihen sucht. Dieser Gegenbegriff wird verbreitet in den
Menschen willen da, die Frage offen, um welcher Belange der Menschen willen ,,reinen Moralwidrigkeiten" gesehen 744 . Nach deren Ausgrenzung blieben für
es da sei738 • Von der strikten Beschrankung auf den Schutz der Handlungsfrei- das Strafrecht nur jene Verhaltensweisen übrig, ,,die die Voraussetzungen für
heit der Menschen bis hin zur Stabilisierung ihrer sittlichen Überzeugungen ein auf Freiheit und Verantwortlichkeit des einzelnen aufbauendes gedeih-
745
und kulturellen Bedürfnisse besteht insofern ein breites Spektrum an Moglich- liches gesellschaftliches Leben beeintrachtigen oder gefahrden" . Der Satz,

73 9 Liszt, Lehrbuch, S. 347 (Hervorhebung im Original).


733 Liszt, Lehrbuch, S. 282; ders., ZStW 8 (1888), 142. 14o Liszt, Lehrbuch, S. 348.
734 v. Buri, GS 41 (1889), 436. - Es ist wenig verwunderlich, da/\ diese Kritik 1933 wie- 741 Ein zeitgenossisches Beispiel für einen vom Boden der Interessentheorie aus geführ~en
deraufgegriffen wurde. ,,Jene mit gro/\em Nachdruck an die Spitze der Rechtsgüterlehre ge- Angriff auf Bindings Rechtsgutlehrc bietet Keftler, GS 39 (1887), 104 ff. - Der h1es1genEm-
stellte Ansicht, da/\ der Mensch und seine Betatigung das Rechtsgut sei, das es zu schützen schatzung nahestehcnd Ehret, Liszt, S. 163 ff.; Fiolka, Rechtsgut, S. 338; Haas, Lehre, S. 205;
gelte", ist nach dem Urteil Schwarzschilds (Liszt, S. 12 f.) entweder eine Banalitat oder unzu- Maier-Weigt, Verbrechensbegriff, S. 131 f.; Naucke, FS Hassemer, S. 563; Swoboda: ZStW 122
reichend. ,,Banalitat, insoweit sie besagt, da/\ Recht als Ordnung von Menschen für Menschen (2010), 31 f. -Anders (groÍ\e Verschicdenheit beider Ansatze) Sina, Dogmengesch1chte, S. 47.
742 Fiolka, Rechtsgut, S. 45. . .
n~twendig auf den Menschen - nicht etwa auf Tiere, Pflanzen oder Gotter zugeschnitten
743 Ebenso Hassemer (Theorie, S. 39), nach dessen Urteil Liszts Rechtsgutlehre sich we1t-
sem müsse -, unzureichend, insofern sie einseitiger Ausdruck einer rein individualistischen
Staats- und Rechtsauffassung ist, die den Menschen von vornherein hoher zu stellen geneigt gehend in programmatischen Formeln erschi:ipft; Ehret, Liszt, S. 168; Fiolka, Rechtsgut,
ist als die Gemeinschaft." S. 161;Amelung, Lehre, S. 358; Naucke, ZStW 94 (1982), 546. _
735 Liszt, Lehrbuch, S. 282; ders., ZStW 8 (1888), 148. 114 HK-GS-Rossner, Vorbem. zu § 1 Rn. 18; MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 37; SK-R11dol-
736 Amelung, Rechtsgüterschutz, S. 109. - In der Tat war das Spektrum der von Liszt als phi, Vor § 1 Rn. 5, 10; ders., FS Honig, S. 161; S/S-Lenckn~r/Eisele, Vorbem. §§ 13 ff. Rn: 10;
Delikte gegen die Staatsverwaltung zusammengefa/\ten Straftaten auÍ\erordentlich breit· dazu SSW-Kudlich, Vor §§ 13 ff. Rn. 5; Bringewat, Grundbegnffe, Rn. 18; Ebert, AT, S. 4; ]ager,
Ehret, Liszt, S. 165. ' AT, Rn. 4; Roxin, AT 1, § 2 Rn. 17; ders., JuS 1966, 382; ders., FS Marinucci, S. 721 f.; ders.,
737
Amelung, Rechtsgüterschutz, S. 69, 109; ahnlich Fiolka, Rechtsgut, S. 264; H. ]ager, Rechtsgüterschutz, S. 141;ders., FS Hassemer, S. 579; ders., GA 2011, 681; ders., AoR 59 (2011),
Strafgesetzgebung, S. 11 f.; No!!, Rechtfertigungsgründe, S. 15; Swoboda, ZStW 122 (2010), 4 ff.; Lagodny, Strafrecht, S. 21; Marx, Definition, S. 84 f.; H.-L. Günther, JuS 1978, 9; Ha-
31 f.-. Diesen Umstand vernachlassigt Rudolphi (FS Honig, S. 155), wenn er ,,die liberale, ge- nack, 47. DJT, S. A 29 f.; M. Heinrich, 2. FS Roxin, S. 149; Kühl, Bedeutung, S. 15; ders., FS
gen die Allmacht des Staates gcrichtete Intention" von Liszts Rechtsgutlehrc rühmt; ahnlich Schreiber, S. 963; ders., FS Otto, S. 73; ders., FS Maiwald, S. 435,449; Neubacher, Jura 2000,
jüngst Gkountis, Autonomie, S.193. 518; Otto, Rechtsgutsbegriff, S. 5, 10.
738 745 Rudolphi, FS Honig, S. 161.
Fiolka, Rechtsgut, S. 47.
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 135
134 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

daB bloBe Unmoral nicht strafwürdig sei, ist jedoch kaum aussagekraftiger als Ahnlich liegen die Dinge im Bereich der Sexualdelikte, einer weiteren ,,Rand-
Liszts Beschworung ,,der Menschen" und ihrer Interessen. Da namlich jedes zone des kriminellen Verhaltens" 755, deren Ausdünnung verbreitet als die be-
756
Gut, ob Rechtsgut oder nicht, eine bestimmte Moralitat zum Ausdruck bringt, deutsamste Leistung des Rechtsgutdenkens angesehen wird . Exemplarisch
Güter und Moralitaten also austauschbare Kategorien sind, ist eine Entgegen- sei auf das Verbot des Ehebruchs eingegangen. Solange die Ehe auch eine Wirt-
setzung von Rechtsgütern auf der einen und Moralwidrigkeiten auf der an- schaftsgemeinschaft war und den Kindern maBgebliche Bedeutung für die Al-
deren Seite von vornherein zum Scheitern verurteilt. ,,Man muB vielmehr die terssicherung ihrer Eltern zukam, bestand ein gewichtiges offentliches Inter-
Moralitaten selbst, auf denen die betreffenden Güter beruhen, in Frage stel- esse an der lntegritat ehelicher Beziehungen und der Eindeutigkeit von Absta~-
len."746Diese Aufgabe ist schon schwierig genug; zusatzlich erschwert wird sie mungsverhaltnissen757. Erst mit der Entokonomisierung der Ehe, der Kolle)(t1-
dadurch, daB die Grenze zwischen dem, was ,,bloB unmoralisch" und dem vierung der Absicherung gegenüber den Gefahren von Not und Alter und mcht
was ,,schon strafrechtlich relevant" ist, sich nicht mit dem Anspruch auf - ga; zuletzt der Entwicklung zuverlassiger Verfahren zur Klarung der Abstammung
überzeitliche - Allgemeinverbindlichkeit beantworten laBt747, sondern eine von Kindern wandelte sich das Bild, und die Strafnorm gegen den Ehebruch
,,Komplementarerscheinung zur allgemeinen politischen, wirtschaftlichen und büBte ihre soziale Plausibilitat ein 758. Erneut war es somit eine Veranderung
moralischen Entwicklung" darstellt 748. der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, nicht eine vertief te Einsi~ht -~ndie
Für Christian Wolff stand bereits 1736 fest, daB man ,,im gemeinen Wesen Notwendigkeit einer Grenzziehung zwischen Strafrecht und Moral, die fur den
759
nichts bestrafen [darf], als wodurch die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit ge- Fortfall des Bestrafungsbedürfnisses verantwortlich war .
stort wird" 749. Dazu gehorte nach Wolffs Überzeugung allerdings auch die Der durch seine Entgegensetzung zur ,,Moralwidrigkeit" bestimmte Rechts-
Bestrafung von Verachtung und Versaumnis des Gottesdienstes 750. Weil sich gutbegriff greift somit in aller Regel erst dann ein, wenn die _entsprechenden
namlich Zucht und Gerechtigkeit im gemeinen Wesen ohne Religion nicht be- Moralvorstellungen - insbesondere infolge eines Wandels der s1etragenden ge-
festigen lieBen751,habe der Staat alles zu hindern, wodurch die Religion in Ver-
achtung kommen konnte 752. In der Tat ware in der Welt des [Link] von der realen Existenz und für Dritte schadlichen Wirksamkeit di eser Phanomene ausgehen-
jeder Staat, der es gewagt hatte, auf die integrative Kraft der Religion zu ver- den gesellschaftlichen Erkenntnisstand durchaus der Bekampfung einer sozialschadlichen
zichten, ein unabsehbares Risiko eingegangen; dies gilt zumal für das künst- Verhaltensweise dienten.
755H. Jdger, Strafgesetzgebung, S. III.
liche Gebilde PreuBen, dessen Herrscher in jenen Jahrzehnten vor der schwie- 756 Grundlegend H. Jdger, Strafgesetzgebung, S. 41 ff., 116 ff.; zusammenfassend Hasse-
rigen Aufgabe standen, ihren landsmannschaftlich zersplitterten Untertanen mer, Strafrechtswissenschaft, S. 283 f.; zuletzt Kiihl, Strafrccht, S. 16; ders., FS Puppe, S. 665;
ein gemeinsames StaatsbewuBtsein einzupflanzen. Mittlerweile hat sich zwar Neubacher, Jura 2000, 518; Roxin, Rechtsgüterschutz, S. 136. . .
erwiesen, daB auch weitgehend sakular gestimmte Gesellschaften zu einem er- 757 Deshalb wollten zahlreichc Autoren - darunter solch bedeutendc Theoretiker w1e
Montesquieu und Beccaria - die Frau harter bestraft sehen als den Mann (L. Giinther, Ar-
traglichen Zusammenleben imstande sind - nicht zuletzt dank des Fortlebens
chiv f. Krim.-Anthr. 28 [1907], 241).
ursprünglich religios motivierter Verhaltensdispositionen. Deshalb erscheint 15s AhnlichJakobs, FS Saito, S. 771. .
Wolffs Ponalisierungsforderung heute als anachronistisch 753. Der Grund da- 759 Ebenso Fiolka, Rechtsgut, S. 346 f., 387; Wrage, Grenzen, S. 60; Appel, KntV 1999, 285;
für liegt aber nicht in erster Linie in einem gelauterten Verstandnis der Bestra- Frisch, Rechtsgut, S. 218,224 f.; Hirsch, FS Spinellis, S. 432; Wohlers, Tagun~, S. 281. -Ande~s
NK-Hassemer/Neumann, Vor § 1 Rn. 146; Greco, Lebend1ges, S. 343 sow1e - auf der Bas1s
fungsbefugnis des Staates, sondern in einer Veranderung von deren Anwen- eincr vcrblüffend ahistorischen Argumentation - jüngst Gimbernat Ordeig, GA 2011, 288.
dungsbedingungen754. - Entsprechendes gilt für das strafrechtliche Inzcstverbot (§ P3 Abs. 2 S. 2 StGB). Das B1:1rr.-
desverfassungsgericht (BVerfGE 120, 224 ff.) hat erst ~urzhch d1e_Yerfass:mgskonform1tat
746Treffend Papageorgiou, Schaden, S. 98. dieser Norm bejaht und ist damit auf den Widerstand emes GroGte1ls der L1teratur gestoGen
747Jakobs, AT, 2/21; Appel, Verfassung, S. 356. (ablehnend NK-Hassemer!Neumann, Vor § 1 Rn. 115; S/S-Len_ckner/Eisele, Vorbem. §§ 13 ff.
748Naucke, Strafrecht, § 6 Rn. 74. Rn. 10a; Frister, AT, § 3 Rn. 31; Bottke, FS Volk, S. 104; Cornzls, ZJS 2009, 88; Duttge, 2. FS
749 Ch. Wolff, Gedanken, § 359 (S. 265). Roxin, S. 229 ff.; Gimbernat Ordeig, aaO, 286; Greco, ZIS 2008, 234 ff.; M. Heinrzch, 2. FS
Roxin, s.141 ff.; Hefendehl, JA 2011, 403 ff.; Hornle, NJW 2008, 2085 ff.; Hoerster, Strafe,
°
75 Ch. Wolff, Gedanken, § 421 (S. 345).
S. 116ff.; Kahlo, FS Hassemer, S. 412 f.; Kraufl, FS Hassemer, S. 424 ff.; Noltenzus, ZJS 2009,
751 Ch. Wolff, Gedanken, § 366 (S. 275).
752 Ch. Wolff, Gedanken, § 367 (S. 276). 15 ff.; Roxin, StV 2009, 544 ff.; ders., FS Hassemer, S. 581 ff.; ders., AoR 59 [201_1],5_f.; Thurn,
753 Eine Deutung der Bekenntnisbeschimpfung KJ 2009, 83; Zabel, JR 2008, 454 H.; ders., MSchrKrim 92 [20_09],407 f.; vors1cht1g zust1m-
als beleidigungsahnliches Delikt wird
mend dagegen Androulakis, FS Hassemer, S. 281 ff.). Dem Gencht :w1rd(wohl zu Recht) vor-
entwicke!t in: Pawlik, Schutz, S. 46 ff.
754 Das Gleiche gi!t für die Strafvorschriften gegen Hexerei und Zauberei. Sternberg-Lie- geworfen, bei seiner Bewertung den Fortschritt der wissenschafthchen Erkenntms und den
ben (Schranken, S. 362 f.) weist zu Recht darauf hin, daG diese Normen nach dem damaligen, Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmungsmuster vcrkannt zu haben.
136 1· Kapitel: Der Begriff des Verbrechens
C. Strafe als Antwort auf die Verletzttng einer Mitwirkungspflicht 137
sellschaftlichen Rahmenbedingungen - bereit b .. h. . .
berechti?te Kern .der Rechtsgutrhetorik redu:ie:~~i:~ ~:::i;ten s;i~~[Link] sie begründen vielmehr die Gefahr, dem Gesetzgeber ein Passepartout für die
nung, h111und w1eder zu überprüfen ob d a au ie Mah- Inkriminierung jeglichen unerwünschten Verhaltens in die Hand zu geben 769.
strafrechtlichen Schutz geniefü diese ' R
as, wa~ al~ wenhafter Zustand Das heute herrschende Verbrechensverstandnis verwischt diesen Befund. In-
Diese Mahnung konnte freilich,ohne j:de ::g:i~r~ wtktc~ (noch) besitzt"76I_ dem es den sdmtlichen Straftaten innewohnenden Bezug auf den offentlichen
griff auf den Rechtsgutbegr1'ff a h e ic e in u e auch ohne Rück- Frieden nicht mehr eigens thematisiert, begünstigt es die kategorienf ehlerhafte
usgesproc en werd A 1·
Gegenüberstellung in ihrer Abstral th . . h . en. " nsonsten e1stet die erneute Heranziehung dieses Topos zur Rechtfertigung einzelner, anders nicht
. . ( e1t111cts msbesond . h . k .
nu111hberalen Gehalt."762 ' eie at s1e emen ge- überzeugend legitimierbarer Strafnormen. Ein komplexer Verbrechensbegriff,
so wie er hier vorgeschlagen wird, vermeidet diesen Fehler, indem er die Mit-
e) Unterscheidung zwischen Rechtsgut und N orm.2 wirkungspflichtverletzung als solche sorgsam von der konkreten Rechts- bzw.
Eine gewisse Disziplinierungswirkun kommt d Rechtsgutbeeintrachtigung abhebt, in der jene Pflichtverletzung sich auBert.
dann zu, wenn man in der N hf 1 i
1 1 .em Rechtsgutdenken allenfalls
geschützt werden sol! sondaec o ge d e ze s ,,dn1chtschon das, was durch Strafe
Diese Diff erenzierung- und damit der Sinn der ganzen Konstruktion - würde
obsolet, wenn der Zweck der Mitwirkungspflicht mit jenem der konkret über-
' rn nur as was ur h d. N d
rechtliche Gebot oder Verbot h.. ' d e ie orm, .h. durch das tretenen Verhaltensvorschrift zusammenfiele. Was für das Rechtsgutdenken
net"[Link] Konzeption zuf' gles~ uRtztwher en soll, als Rechtsgut bezeich- allenfalls eine - wenig beachtete - Option ist, wird vor dem Hintergrund der
6otene oder verbotene Verh lt o ge¡ 1st . ec tsgut. "11ur d as, worau f sic
.l
1 das ge- hiesigen Konzeption zur konstruktiven Notwendigkeit.
. a en a s sem matenell d 'd 11
obJekt bezieht nicht aber d V h 1 lb es o er 1 ee es Handlungs-
' as er a ten se st"764 D . .
des Rechtsgüterschutzes leg·r· . . h' · as so verstandene Pnnzip 3. Vom Rechtsgut zur Rechtsperson
1 1m1ert m1t 111nur sol h S f .
schützen, was selbst keine N . l ~ e tra normen, die etwas
orm 1st; es ver angt t d wr a) Die Eindimensionalitdt der Rechtsgutlehre
Norm Erfolge verbietet die ..b d B. h m1 an eren worten, daB die
'h ' u er en 1 uc der N d d. S 1 .. Bislang ist lediglich gezeigt worden, daB der Rechtsgutbegriff von weniger ed-
1 rer Geltung hinausgehen76S. orm un 1e e 1wachung
. Diese Konsequenz zieht die bis heute herrsch d ler Herkunft ist, als dies verbreitet angenommen wird, und daB sein kritisches
mcht. Dies zeigt sich an der Selbst . .. dl. hl .en ~ Auff~ssung aber gerade Potential eher gering zu veranschlagen ist. Das Grundgebrechen, gewisser-
offentlichen Frieden und d R hve1 stan ic (e1t, m1t der s1enach wie vor den maBen der Geburtsfehler des Rechtsgutdenkens liegt jedoch in der Einseitig-
. as ec tsvertrauen der B "11 ¡ .
d 1geRechtsgüter anerkennt D' A l d. evo (erung as e1genstan- keit, mit der es die komplexe Problematik der Legitimation von Strafnormen
. " ie na yse 1eser R h ·· · · auf die Frage reduziert, ob einem Straftatbestand ein schutzwürdiges Substrat
render Kampf mit der Phrase "766Z . h ~e tsguter 1st e111fortwah-
. war ze1c net es e · kl' hl •
Rechtsordnung aus, daB sie den off h . r 111~ Wlf lC (eitsmachtige (,,Rechtsgut") zugrunde liege770 . Die so verstandene Rechtsguttheorie ist darauf
dadurch Ordnungsvertrauen und ent ic en !nede~ s1chert und den Bürgern beschrankt, Strafrechtsnormen zu delegitimieren, mit denen Interessen verfolgt
darin die Funktion der Recht dPlanunglss1cherheit vermittelt767_ Weil aber werden, die nach MaBgabe der normativen Hintergrundüberzeugungen einer
sor nung a s ganzer b h . Gesellschaft als schutzunwürdig gelten [Link] praktische Bedeutung derartiger
Aufgabenzuweisungen nicht als d. . k Z _este t, taugen derart1ge
zstzn te wecke e111zelnerTatbestande768. Erorterungen ist indessen recht gering: Tatbestande, bei denen das geschützte
760 A l '
ppe, Verfassung, S. 356· ders KritV 1999 . Gut selbst problematisch ist, bilden heute jedenfalls im deutschen Strafrecht
Frisch, FS Stree/Wessels' S 72·,. b d , 285; Frzsch, FS Stree/Wessels, S. 72 f.
nur ein Randproblem 772. ,,Denn in einem komplexen Gemeinwesen, das die Er-
761
. h .. .
sachl 1c ubercmstimmend]akob
' · ,
FS S .
e enso ers St fb ¡ ·
·, ra ar ,eitsvoraussetzungen S 208·
762 s, a1to, S. 770 ' · , haltung vielfaltiger Zustande, Funktionsablaufe und Vertrauenstatbestande als
]akobs, FS Saito S. 770
763 ' '
Welzel, Abhandlungen, S. 138 Fn. 30 _
764
Welzel, Abhandlungen s. 138 F 30 ders., FS Puppe, S. 1127 f.; Groteguth, Verbots(un)kenntnis, S. 69; Hefendehl, Rcchtsgüter,
765 A l , n. .
. me ttng, Rechtsgutsverlctzung S 2 75. d . . S. 124 f.; Hornle, Verhalten, S. 93; dies., Schutz, S. 270; Kahlo, Handlungsform, S. 150; Kargl,
Dehktstypen, S. 17 ff.-Die inhaltliche Au.s es~ e1s., Begnff, S. 169 ff., 1~2; Anastasopoulou, Vertrauen, S. 60 f.; Renzikowski, GA 2007, 571; Ronnau, Willensmangel, S. 165; Wohlers,
allerdmgs ziemlich blaíl· dazu M" . S h g altung des Rechtsgutbegnffs bleibt bei Welzcl Deliktstypen, S. 270f.; Zabel, ZStW 122 (2010), 844; grundsatzlich auch Bottke, FS Lampe,
766 .. ' usstg, e utz, S. 30.
767
H. Jager, Strafgcsetzgebung, S. 17. s.489.
768 In¿· s· , b . -uge, s. 142;. SRuthers,
Vgl. nur Comg Grundz"
1esem 1nne ereits H M
..
f
Rcchtsthcoric S 52
, · •
769 Ronnazt, Willensmangel, S. 165.
770
Naucke, Strafrecht, § 6 Rn. 78; Pawlik, Verhalten, S. 48 f.; Amelung, FS Eser, S. 6.
neueren Schrifttum: Roxin AT i ;y;1, tra recht, S. 200; ders., DStR 1938, 84. - Aus dem
griff, s. 171 ff.; Fiolka, Rechtsgut: l. 1081~:;z/rs., 1:,e_chtsgüterschutz, s. 143; Amelung, Be-
., e er, Fi iedc, S. 599 f.; ders., NStZ 1988, 163 f.;
771 Oben S. 134 f.
772 Frisch, Rechtsgut, S. 227; ders., FS Stree/Wessels, S. 75; ders., Strafrechtsdogmatik,

S.194; Wohlers, GA 2002, 17; Dttbber, ZStW 117 (2005), 508.


138 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 139

gut und richtig ansieht, bereitet es keine besonderen Schwierigkeiten, als Hin- Interesse am Unterbleiben bestimmter Handlungen den Einsatz von Verboten
tergrund der angestrebten Ponalisierung ein Gut zu formulieren, das durch die oder gar deren Stabilisierung durch die Bewehrung mit Strafe rechtfertigt" 781 .
entsprechenden Verhaltensweisen beeintrachtigt oder gefahrdet wird." 773 Mit Indem diese Lehren ein Gut, obwohl es nur ein Gut ist, zum MaBstab ihrer
dem Befund, daB gewisse Belange prinzipiell schutzwürdig sind, ist hingegen Schutzwürdigkeitsüberlegungen machen, blenden sie die Moglichkeit cines
noch keine Aussage darüber getroffen, auf welche Weise und mit welchen Mit- Konflikts mit anderen Gütern von vornherein aus. Sie treffen ,,cine nicht ge-
teln diese Belange geschützt werden dürfen 774 • Beim strafrechtlichen Rechts- rechtfertigte Grundentscheidung für diesen einen Inhalt, ohne die Inhalte in
güterschutz sind regelmafüg nicht nur die Interessen der potentiellen Opfer, Betracht zu ziehen, deren Verwirklichung er moglicherweise ausschlieBt" 782 •
sondern auch die Interessen derjenigen Personen betroffen, die durch cine Ver- Weil dem Rechtsgutdenken Zustandigkeitserwagungen stets auBerlich bleiben,
botsnorm in ihrer Handlungsfreiheit eingeschrankt werden 775: ,,Was man der ist die Frage nach dem ,,Wie" des strafrechtlichen Schutzes von den Vertretern
einen Seite gibt, nimmt man der anderen!" 776 Aus diesem Grund muB über die dieser Auffassung weitgehend vernachlassigt worden 783 . Das Rechtsgutdenken
Benennung cines bestimmten Rechtsgutes hinaus dargelegt werden, weshalb hat vielmehr cine gleichsam natürliche Affinitat zum Gefahrdungskriterium:
und in welchem Umfang andere Personen zur Wahrung von dessen Integri- Wenn die Erhaltung von Rechtsgütern das Ziel ist, dann sind Gütergefahrdun-
tat in Anspruch genommen werden dürfen, wie weit also in sachlicher aber gen das zu Vermeidende, und der Tater wird dadurch definiert, daB er dem
auch in zeitlicher Hinsicht (Vorverlagerungsproblematik!) deren Zustandigkeit Rechtsgut gefahrlich werden kann 784 • Damit ist jedoch cine Expansionslogik in
77
reicht7 • In der von ihr vorgenommenen Zustandigkeitsverteilung zeigt sich die Gang gesetzt, die sich mit den Begründungsressourcen des Rechtsgutdenkens
Freiheitlichkeit einer Strafrechtsordnung mindestens ebenso sehr wie in ihrer nicht mehr aufhalten laBt. Wird namlich mit dem Anliegen einer Optimierung
RechtsgüterauswahF 78 •
des Güterschutzes ernst gemacht, so genügt zur Begründung strafrechtlicher
Zwar betonen auch die herkommlichen Rechtsgutlehren, daB das Strafrecht Verantwortlichkeit die Erhohung des Gefahrdungsniveaus für fremde Rechts-
die von ihm unter seine Fittiche genommenen Güter nicht umfassend und güter. Dann aber ist, wie Wohlers zu Recht hervorhebt, ,,nicht ersichtlich, daB
779
lückenlos schütze und die ,,Existenz eines vorzeigbaren Rechtsguts [... ] le- sich ein vom Gesetzgeber als geeignete und erforderliche MaBnahme der Ge-
diglich cine notwendige, nicht aber cine hinreichende Bedingung für die Le- fahrenabwehr angesehenes strafbewehrtes Verhaltensgebot überhaupt noch als
gitimitat einer Strafdrohung" sei 780 • Diesen Lehren lassen sich jedoch ,,keine illegitim erweisen kann" 785 • Noch scharfer tritt die strafbarkeitsausdehnende
Kriterien dafür entnehmen, unter welchen spezifischen Voraussetzungen das

773
Frisch, Strafrechtsdogmatik, S. 194. 781Appel, Verfassung, S. 385; ders., KritV 1999, 298; ebenso Jakobs, AT, 2/22 f.; Wittig,
774
]akobs, AT, 2/22; Appel, Verfassung, S. 350,386; Frisch, Rechtsgut, S. 223 ff.; ders., FS Rechtsgutstheorie, S. 240.
Stree/Wessels, S. 75; Haas, Kausalitat, S. 69; Zabel, MSchrKrim 92 (2009) 399. 782 Ricken, Ethik, Rn. 152.
775 D. b b . '
1es etonen erelts Torp, ZStW 23 (1905), 88 und - unmittelbar vor seinem Um- 783 Wohlers, Deliktstypen, S. 278; Frisch, Rechtsgut, S. 223 f.
schlag in eine Totalkritik des Güterschutzdenkens - Schaffstein, Problematik, S. 18. Aus 784 Jakobs, ZStW 97 (1985), 753. -Treffend bemcrkt bereits Boldt (ZStW 55 [1935], 45):
dem neueren Schrifttum: MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 137; Appel, Verfassung, S. 382; Do-
,,das Gefahrdungsstrafrecht erhoht, generalisierend vom Sclrntzobjekt her, den Rechtsgü-
n~tsch, Sorgfaltsbemessung, S. 179; Frisch, Verhalten, S. 74 f.; ders., Rechtsgut, S. 224; Kind- terschutz."
hauser, FS Ma1wald, S. 406 f.; Lagodny, Strafrecht, S. 198; Voflgdtter, Handlungslehren, S. 21 f.; 785 Wohlers, Deliktstypen, S. 50. - Im Schrifttum wird seit langem moniert, dail ei~ kon-
Silva Sánchez, FS Jakobs, S. 653; de Sousa, FS Hassemer, S. 308.
776
Freund, AT, § 1 Rn. 17. sequent durchgeführter Rechtsgüterschutz ins Uferlose führen würde. ,,Wollte rr1an die vom
777 Gesetzgeber für schutzwürdig erachteten Güter nach allen Se1ten s1chern, so muÍlte_d1e_szu
Grundlegend Jakobs, ZStW 97 (1985), 752 f.; ferner Frisch, Verhalten, S. 74 ff.; ders., umfassenden Verboten führen, die die menschliche Handlungsfre1hc1t schwer beemtrach-
Rechtsgut, S. 226 ff.; Pawlik, Verha!ten, S. 48 f.; Wohlers, Deliktstypen, S. 24, 48 f., 109; ders.,
tigen [Link]." (Amelung, Rechtsgüterschutz, S. 241; ebenso ]akobs, ZStW 97 [1985], 753;
GA 2002, 20; ders., Tagung, S. 282 f.; Appel, KritV 1999, 298, 308; Bacigalupo, FS Jakobs,
Appel, Verfassung, S. 450; Donatsch, Sorgfaltsbemes~ung, S. 179; Greco, Lebend1ges, S. 339;
S. 14; Gaede, Kraft, S. 188 f.; Gracia, GA 2010, 340; Hirsch, FS Spinellis, S. 430 f.; von Hirsch,
Bottke, FS Lampe, S. 487 f.; H.-L. Giinther, Rechtfertigung, S. 372; Kargl, JZ 1997, 283; Kuhl,
L;
GA 2002, 9 ders., Rechtsgutsbegriff, S. 20; von Hirsch/Wohlers, Rechtsgutstheorie, S. 197; FS Maiwald, S. 448; Kiihnbach, Solidaritatspflichten, S. 109; Kuhlen, Strafrechtsbegrenzung,
~enzzkowskz, Normentheone, S.123; Vogler, ZStW 90 (1978), 138; Wittig, Rechtsgutstheo- S. 92; Lagodny, Strafrecht, S.198, 226; Lesch, Problem, S.172, 220f.; P;ittwitz, StV 1991,
ne, S.240.
778 438 f.; Rinck, Deliktsaufbau, S. 51 f. Schiinemann, Grund, S. 365; Szlva Sanchez, Expans1011,
Kindhdz;ser (Gefahrdung, S. 150) bezeichnet die strafrechtliche Verhaltensnorm des- S. 67 f.; Sternberg-Lieben, Schranken, S. 402; ders., Rechtsgut, S. 76; Stuckenberg, GA 2011,
halb als ,,die universalisierte Losung eines rechtsgutsbezogenen Freiheitskonflikts".
658; Vormbaum, ZStW 107 [1995], 752; Vogler, ZStW 90 [1978], 144; Wohlers, Deliktstyp~n,
;:: Exemplarisch Bringewat, Grundbegriffe, R~. 21, 24; Rengier, AT, § 3 Rn. 7. S. 24, 48; aus dem alteren Schrifttum: H. Mayer, Strafrecht, S. 96; Schaffstein, Problemat1k,
Neumann, [Link], S. 94; 111d1esem Smne auch Stdchelin, Strafgesetzgebung, S. 14) - Die von NK-Hassemer/Neumann (Vor § 1 Rn. 147) sowie Hassemer (Strafe, S. 157)
S. 60; Hefendehl, Rechtsguter, S. 7.
angestimmte Klage, daG die im modernen Strafrecht zu beobachtende Tendenz, das Rechts-
C. Strafe als Antwort auf die Verletwng einer Mitwirleungspflicht 141
140 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Tendenz des Rechtsgutdenkens im Bereich der Unterlassungsdelikte zutage. mehr als eine terminologische Nuance. Sie tragt vielmehr der Einsicht Rech-
Der optimale Güterschutz wird dadurch erreicht, daG jeder Rettungsfahige zu nung, ,,daG die Herstellung und Sicherung von Bedingungen des menschlichen
jeder ihm mi:iglichen Rettung verpflichtet wird [Link] Abwendung dieser emi- Zusammenlebens keine Frage des Schutzes einer abzahlbaren Menge wertvoller
nent freiheitsfeindlichen Konsequenz dient die Lehre von den Garantenpflich- Objekte" ist793, sondern daG sie auf das Problem der Abgrenzung personaler
[Link] ihr tragt auch die herki:immliche Strafrechtsdogmatik, wenngleich Freiheitsraume antwortet.
falschlicherweise nur für einen Teilbereich von Delikten 788, der Überlagerung
b) Personbegriff und Zurechnungslehre
der Rechtsgut- durch die Zustandigkeitsfrage Rechnung.
Der eingangs formulierte Befund, wonach das entscheidende Manko der ,,Sowohl in der Jurisprudenz wie in der Ethik ist man gewohnt, die Person
Rechtsgutlehre in ihrer Eindimensionalitat besteht, laGt sich nunmehr prazisie- streng vom Menschen zu unterscheiden. Nicht die biologisch-physiologische
ren: Indem die Rechtsgutlehre die Sozialschadlichkeit und Strafwürdigkeit ei- Einheit Mensch, nicht diese organisch verbundene Summe von Lebenspro-
nes Verhaltens nicht als Sti:irung der Beziehungen zwischen Rechtspersonen zessen ist es, die mit der spezifisch ethisch-juristischen Einheit ,Person', die-
beschreibt, sondern - mit Amelung gesprochen - ,,als Schadigung externer Ob- sem Subjekte der Zurechnung identisch ist. Person sein und Mensch sein heiGt
jekte, denen die Gesellschaft einen Wert beilegt" 789, verdunkelt sie den gesell- keineswegs das gleiche." 794Der Tenninus Mensch dient zur Bezeichnung des
biologischen Gattungswesens hamo sapzens · 19s. Wer me · h ts as1 em
· M ensc h 1st,
.
schaftlichen Horizont des Rechts, seine Bezogenheit auf soziale Interaktio- 796
nen790;sie verkennt, daG ,,ohne Blick auf das Rechtsverhaltnis, in dem das Gut ist in den Worten des Hegel-Schülers Gans rechtlich ,,noch gar nichts" . Der
,lebt', [... ] sich weder ein MaGstab für seinen Wert noch ein Kriterium für seine Begriff Person dagegen ist in den Worten John Lockes ,,ein juristischer Aus-
799
Beeintrachtigung gewinnen [lafü]" [Link] diesen Fehler zu vermeiden konzi- druck"797, weil er ,,auf Handlungen und ihren Lohn" 798bezogen ist : Person
piert das hiesige Legitimationsmodell den Verbrechensbegriff nicht vo:U uner-
wünschten Ergebnis, der Rechtsgutverletzung, sondern von dem Verpflich- Kohler (AT, S. 24) und sein [Link] Rehr-Zimmermann (Strd,tur, S. 81 f.) zwar zu Recht
tungsumfang des als Tater in Betracht kommenden Bürgers her. Deshalb wird das herkiimmliche Verstandnis des Rechtsguts als emer ob1ekt1v-teleolog1schen Vorgegeben-
der potentielle Tater hier nicht als Individuum in den Blick genommen, das heit, die sich nicht freiheitsgesetzlich bestimme. Kohler zieht aus di_esem Bdund aber ~icht
durch die Fahigkeit zur Herbeiführung von Rechtsgutverletzungen charakteri- die Konsequenz, auf den Rechtsgutbegriff ganzlich zu verz1chten; d1eser se1 v1elmehr :,smn-
voll als Mittelbegriff, der die allgemeinste Rcchtsnorm nach personalen und 111st1tutmnell-
siert ist, sondern als Rechtsperson, die für die Ausfüllung eines bestimmten gemeinschaftlichen Besondcrungen (Rechtsgutsartcn) differenziert" (aaO, S. 25)._Die_ zen-
Pflichtenkreises - aber auch nur dafür -verantwortlich ist. Umgekehrt tritt der trale Schwache des Rechtsgutbegriffs besteht aber gerade dann, da{) er wegen ~er 1hm mne-
Verletzte nicht mehr in gleichsam mediatisierter Form - reprasentiert durch das wohnenden Einseitigkeit diese Differenzierungsleistung nicht angemessen zu le1sten vermag.
von ihm innegehabte Rechtsgut - verbrechenstheoretisch in Erscheinung, son- 793 Amelung, [Link], S. 264. . . .. . .
794 Kelsen, Grenzen, S. 52. - Wenn Ambos, 111sowe1tfur vicie heut1ge Strafrechtler spre-
dern, komplementar zum Tater, ebenfalls als Rechtsperson. Die Ersetzung des chend es zum Kennzeichen eines ,,menschengerechten Strafrechts" erklart, da{) es ,,den
Rechtsgutbegriffs durch den Personbegriff als Leitkategorie 792ist somit weit realen,Menschen ,aus Fleisch und Blut' als Zurechnungssubjekt" sehe (Ambos, SchwZStr 124
[2006], 27), so zeugt dies weniger von [Link] rechtsethischer Einsicht als vielmehr von
einem gehiirigen Mal) an (Begriffs-)Geschichtsvergessenheit.
gutkonzept als Legitimationsmodell für die zunehmende Entgrenzung des Strafrechts ein- 795 Ausborn-Brinker, Pcrson, S. 20; K. Günther, Person, S. 19.
796 Gans, Naturrecht, S. 79. - Der Tcrminus ,,Menschenrechte" steht nur [Link]
zusetzen, einen strafre~htsk'.·itischen Topos zu einem affirmativen pervertiere, geht deshalb
im Widerspruch zu dieser Lcsart. ,,Offensichtlich macht e~ das Pr~prium des Mensc_h~n-
fehl: ,,Dieses Potential 1st Te1l des Rechtsgutsbegriffs." (Fiolka, Rechtsgut, 354) Wenn Roxin
rechtsgedankens aus, das sittliche Subjektsein (Pcrsonprinz1p) und die Gattungszugehong-
(~echtsgüterschutz, S. 145) selbst für erhebliche Vorverlagerungen der Strafbarkeit lediglich
keit (Naturprinzip) [... ] als einc unliislic~e Ei1'.heit zu ~etracht_e1'.." (H_onnefel~er, Begnff,
e1ne ,,beso_n~ere Begründung" glaubt fordern ZU kiinncn, so ist dies ebenso konsequent wie
S. 59) Der Bcgriff der Menschenrechte bnngt diese Unloshchke1t 111 pragnantc1 We1se zum
fur den knt1schen Anspruch der Rechtsgutlehre desastriis.
786 Treffend Timpe, Strafmilderungen, S. 191. Ausdruck.
787 Lesch, Problem, S. 172. 797 Locke, Versuch, Bd. I, S. 435.
. 788 Zur systematischen Bedeutung der Garantenpflichten innerhalb der hiesigen Konzep- 798 Loclec, Versuch, Bd. I, S. 435. . . . ..
799 Wahrend sich allerdings bei Locke die Zurechenbarke1t auf die Identitat des Selbst-
t1011unten S. 159 ff.
789 Amelung, Rechtsgüterschutz, bewuÍ)tseins [Link], folgt sie bei Kant aus der moralischen_ Selbstgesetzgebung (Sturm~,
S. 276; sachlich übereinstimmend ders. Begriff S. 180
190]a k obs, FS Amelung, S. 46; Derksen, Handeln, S. 95 f.; Lesch, Problem,' S. 239; ' Müssig, · Philosophie, S. 207). Kant koppelt seit 1787 de'.1 Personbegnff sowohl :~n
d~r Ontolog1e
als auch von der BewuÍ)tseins- und Erkenntmstheone ab und then1at1S1ert 1h11fast aus-
Schutz, S. 152.
791 Kindhauser, Rechtsgüterschutz, S. 265.
schliefüich im Zusammenhang moral- und rechtsphilosophischer Uberlegungen (Mohr,
792 Sie wird auch gefordert von]akobs, FS Amelung, S. 46. - Demgegenüber kritisiercn Begriff, S. 104). - Naher zu Kants Konzept der Person Mohr, aaO, S. 103 ff.; ders., Person,
C. Strafe als Antwort ali[ die Verletzung einer Mitwirkungspflicht
143
142 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens
lich kann man beide Seiten auch zusammenfassen. So kommt für Kelsen in der
ist, wer im sozialen Verkehr als Urheber von Handlungen gilt, wessen Ver-
Person ein Komplex von Rechtspflichten und subjektiven Rechten figürlich
halten also nach der bekannten Formel Kants einer Zurechnung fahig istsoo.
zum Ausdruck 8º9; auch Jakobs versteht unter ausdrücklicher Bezugnahme auf
Personalitat impliziert zuvi:irderst Verantwortlichkeit 801. In ihrer Eigenschaft
Kelsen 81º die Person als den ,,gedachte[n] Zusammenhang der Belegenheit und
als handlungsfahige Subjekte sind Personen zudem die einzigen Wesen, die 811
der Verwaltung von Rechten und Pflichten" . . .
Rechte wahrnehmen und einfordern sowie Pflichten anerkennen und befol-
Gleichgültig welche dieser Formulierungen man bevorzugt, 111_ eznem
gen k~nnen 802. Die berühmte Einleitungsbestimmung des Preuflischen All-
Punkt kommen sie alle überein: Personen gibt es ihnen zufolge ,,nur 1m Plu-
gemeznen Landrechts, wonach der Mensch, insofern er gewisse Rechte in der
ral"812. Ich bin niemals für mich allein Person, sondern stets nur in meinem
bürgerlichen Gesellschaft genieBt, cine Person genannt wird, akzentuiert das
praktischen Verhaltnis zu anderen Personen 813. ,,Persons~in ist das Einneh-
erste dieser Momente 803. Davon zu sprechen, daB Personen gegenüber Per-
men cines Platzes, den es gar nicht gibt ohne einen Raum, 111dem andere Per-
sonen Rechte besitzen, ist freilich zumeist nur eine andere Weise zu sagen,
sonen ihre Platze haben." 814Personen [Link] sich also von vornherein in
daB Personen gegenüber Personen Pflichten haben 804: ,,Unsere Pflichten - das
einer normativ konstituierten Gemeinschaft mit anderen Personen; ,,ihr Da-
sind die Rechte Anderer auf uns." 805Den Aspekt der Pflicht haben das früh- 816
sein ist das Anerkanntsein" 815 • Anders als Kelsen behauptet, sind Perso-
n~uze1t. 1·1~h e N aturr~c h t.so6und neuerd111gs
· Luhmann in den Vordergrund ge- nen allerdings nicht lediglich ,,künstliche Konstruktion[en] der Rechtswis-
ruckt. D1eser begre1ft die ,,Form der Person" als soziale Konstruktion zur 818 ..
senschaft" 817. Ihr ontologischer Status ist - nac h d er von Sear 1e gepragten
Li:isung des Problems der doppelten Kontingenz 8º7 und definiert sie als indi- 819
Terminologie - vielmehr derjenige institutioneller Tatsachen : Sie ki:innen
viduell attribuierte Einschrankung von Verhaltensmi:iglichkeiten" 8º8. SchlieB- . . l · · «820 b ·
zwar ,,nur innerhalb von Systemen konst1tut1ver Rege n existieren , es1t-
zen aber dessen ungeachtet gesellschaftliche Realitat und sind nicht etwa bloBe
S. 17 ff.; Siep, Philosophie, S. 90 ff. - Zur komplexen Geschichte des Personbegriffs insge- Gedankengebilde.
samt Kather, Person, S. 12 ff.; Kobusch, Entdeckung, S. 23 ff.; Konersmann, Tatsachen, Rechtspersonen beziehen ihren Status aus ihrer ~ugehi:irigkeit z~ einer
S. 158 ff.; Lutz-Bachmann, Mensch, S. 109 ff.; Mohr, Einleitung, S. 25 ff.; Spaemann, Per- Rechtsgemeinschaft. Da Rechtsgemeinschaften ihrerse1ts rec~tsgesetzhch ver-
sonen, S. 25 ff. fafü sind- so ist der Staat als der Prototyp einer Rechtsgeme111schaft nach der
°
80 Kant, MS, Werke_Bd. 7,_S. 329. - Au_fden so verstandenen Personbegriff greift Kant
Definition Kants ,,die Vereinigung einer Menge von Menschen unter Rechts-
zuruck, wenn er__ zu Begmn semer Exp~s1t10n des Rechtsbegriffs klarstellt, daG der Bcgriff
des Rechts ,,d~s auGere und zwar praknsche Verhaltnis einer Person gegen eine andere" be- gesetzen"821-, sind die Begriffe ,,Rechtsperson" und ,,Rechtsgesetz" untrenn-
treffe, ,,sofern 1hrc Handlungen als Facta aufeinander [... ] EinfluG ha ben kéinnen" (Kant MS bar miteinander verbunden: Einerseits steht die Existenz von Rechtspersonen
Werke Bd. 7, S. 337). ' '
. 801 _ Leder, Person, S. 42. - Person ist also ,,die Bezeichnung eines praktischen Begriffs, der
mcht ~n der Metaphys1k erkannt und dann in der Ethik angewendet wird, sondern der eine
809 Kelsen, Reine Rechtslehre 2 , S. 177.
ursprunghche prakt1~che Bedeutung hat" (Honnefelder, Begriff, S. 60). Die thcoretische Deu-
210 Jakobs, Begriff, S. 66 f.
t~ng des Pe_rs_onbe~1:1f'.s 111 Form der Zuschreibung von Vernunftbestimmtheit, Substantiali- 211 Jakobs, Begriff, S. 74; zuletzt ders., System, S. 27. - Ebenso Seelmann, Grundannah-
tat und Ind1v1duahtat 1st von der pra~tischen ab~cleitet, weil und insofern sie der praktischcn
Selbsterfahrung als handelndem Sub¡ekt entspnngt und ihren Grund in der Evidenz dieser men, S. 92. f ·
812 Spaemann, Personen, S. 144. - Eindringlich ferner K. Giinther, Person, S. 23 . sow1e
Erfahrung hat (Honnefelder, Würde, S. 36).
802 Leder, Person, S. 42. ]aeschke, Person, S. 64 f.
803 F~eilich ist diese Bestimmung noch gepragt durch die traditionelle status- Lehre. Der 813 jakobs, Norm, S. 37.
814 Spaemann, Personen, S.193.
Mensch 1st _danach Person nicht aufgrund seines Menschseins, sondern kraft der ihm per
815 Hegel, Phanomenologie, Werke Bd. 3, S. 465.
Gesetz verhehenen Inhaberschaft eines bestimmten rechtlichen Status (naher Hattenhauer 2
816 Kelsen Reine Rechtslehre , S.176.
Mensch, S. 40 H., 52 ff.). ' 817 Kritik' an Kelsens Entscheidung, den Personbegriff auf den Bereich rechtswissen-
804 Spaemann, Personen, S. 195; Renzikowski, GA 2007, 562. - Mit Groschner (Dialogik,
schaftlicher Erkenntnis zu beschranken statt ihn als Zeichen gesellschaftlicher Praxis zu be-
S. 93) kann man deshalb sagen, daG 111chtdas sub¡ektive Recht das Fundament der Rechtsord- greifen, übt auch Miissig, FS Jakobs, S. 408. - Zu den Sc~wankungen und Problemen von Kel-
nung und dcr Grundbcgriff der Rechtstheorie ist, sondern das Rechtsverhaltn 1's sens Konzeption der Person - wie ist das Verhaltnis ~vnschen dem Menschen und der Person
eN· zetzsche, Morgenréithe 112 (KSA Bd. 3, S. 100). - Es sind allerdings auch . Pflichten
im Rechtssinne gcnau zu denken? - Paulson, Ob¡ekt1v1erungsprogramme, S. 207 f.
dcnkbar, denen keme Rechte des Begünstigten entsprechen, sondern die lediglich zu einer
8 18 Searle, Konstruktion, S. 37 ff.
fak~~!chen Besserstellung Dntter führen (Auer, AcP 208 [2008], 548). 819 Als ,,normative Institutionen" bezeichnet siejakobs, Rechtszwang, S. 42.
Oben S. 101 f. Fn. 554.
807 L11hmann, Aufklarung, S. 152. 820 Searle, Konstruktion, S. 38.
808 Luhmann, Aufklarung, S. 148. 821 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 431.
144 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 145

unter der Voraussetzung der Geltung eines Rechtsgesetzes; andererseits kann von vornherein ,,nicht ohne Blick auf die Position der anderen Person" be-
das Rechtsgesetz seiner Grundaufgabe der Handlungskoordination nur durch stimmt werden 831 •
die Konstituierung von Rechtspersonen gerecht werden 822 . In der Grundnorm Eine freiheitstheoretisch reflektierte Konzeption muB demnach von vorn-
des abstrakten Rechts - ,,sei Person und respektiere die anderen als Personen" - herein die Freiheitsansprüche aller von einer strafrechtlichen Regelung Be-
hat Hegel diesen Zusammenhang in unübertrefflicher Pragnanz zum Ausdruck troffenen in gleicher Weise berücksichtigen - also nicht nur die Belange des
823
gebracht und zugleich den materiellen Kern des allgemeinen Rechtsgesetzes potentiell Geschadigten, sondern auch die Positionen derjenigen Personen,
umrissen: Behandle die anderen als deinesgleichen. deren Handlungsoptionen durch das in Rede stehende Verbot eingeschrankt
In Kants Rechtsgesetz - ,,handle auBerlich so, daB der freie Gebrauch deiner werden. Aus der rechtsgesetzlichen VerfaBtheit personaler Freiheit ergibt
Willkür mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zu- sich somit unmittelbar, daB deren Umfang maBgeblich durch Zustandig-
sammen bestehen konne" 824 - hat ein solches dem Ziel einer Gleichheit in der keitserwagungen bestimmt wird. Nur soweit jemand danach für die Wah-
Freiheit verpflichtetes Rechtsverstandnis seinen klassischen Ausdruck gefun- rung der Belange eines anderen zustdndig ist, verdient dessen Schutzinter-
den. Das Recht erscheint hier als die ,,Moglichkeitsbedingung der Existenz esse rechtliche Anerkennung 832 . Wie weit diese Zustandigkeit in einer gege-
freier Wesen", die, insofern sie als Personen aufeinander bezogen sind, in ihren benen Strafrechtsordnung zu einer bestimmten Zeit jeweils reicht, lafü sich
auBeren Handlungen die gleichen Einschrankungen ihres rechtlichen Bewe- zwar nicht mit apriorischer SelbstgewiBheit ermitteln 833 • Eine strafrechtliche
gungsspielraumes erfahren 825 .
Zustandigkeitskonzeption wird vielmehr unweigerlich kontingente Züge auf-
Kant hatte eine Reihe von Vorlaufern, etwa Locke oder - in unmittelbarer weisen. Dessen ungeachtet bildet sie das Rückgrat einer um den Personbegriff
zeitlicher Nachbarschaft - den Abbé Sieyes. Respektierung des anderen heifü kreisenden Allgemeinen Verbrechenslehre. Ihrer Darstellung ist deshalb das
auch bei diesen Autoren, daB ich nicht in seinen Rechtsbereich eindringen darf; folgende Kapitel gewidmet.
aber - und darin liegt der entscheidende Unterschied zu Kant - der Anspruch
des anderen fungiert nicht als immanente Schranke meiner Rechtssphare 826 • e) Person als Einheit von Rechtsform und Materie
Nach einer Bemerkung Sieyes' sind die anderen Individuen für mich vielmehr Zu den Voraussetzungen des Rechtsgesetzes gehort nicht nur die Existenz
:,notwendigerweise entweder Mittel oder Hindernisse" 827 ; ich tue gut daran, zurechnungsfahiger Handlungssubjekte, die als Trager von Verpflichtungen
1hre Belange zu berücksichtigen, weil sich eine erfolgreiche Kooperation nicht in Anspruch genommen werden konnen. Um beurteilen zu konnen, ob das
anders organisieren laBt, aber sie bleiben meinem eigenen, prinzipiell unbe- Verhalten des einen die rechtliche Freiheit eines anderen tangiert, muB zudem
grenzten Freiheitsinteresse gegenüber auBerlich. Bei Kant ist Freiheit hingegen bekannt sein, welche Rechtspositionen dem Handelnden 834 und welche dem
notwendig auf andere Freiheit bezogen und deswegen von vornherein nicht an- Eingriffsadressaten zuzuordnen sind 835 • Die damit verbundenen Fragen beant-
de_rsals beschrankt denkbar 828 • Im Gegensatz zum liberalen Freiheitsbegriff wortet Kant erst im weiteren Verlauf seiner Darlegungen, namlich in seinen
semer Vorganger hat Kant damit ,,das Faktum der Sozialitat des Menschen auf Lehrstücken über das innere und das auBere Mein 836 .
transze~dentaler Ebene eingeholt" 829 • Ist aber Freiheit ,,nicht nur je meine, son-
dern gle1chursprünglich die des anderen" 830 , so konnen die Rechte einer Person

irreduziblen Selbstbezug eingeschricben sieht. Auf Kant kann er sich bei dieser Deutung je-
denfalls nicht berufcn.
n 1esem s·
822 I d.
mne 1,ann man mit· Gans (Naturrecht, S. 78) sagen, die Rechtsperson sei 831 So (allerdings ohne Bezugnahmc auf Kant) jakobs, Begriff, S. 74; ebenso Buchheim,
:,das Recht selbs: als_Subjekt": In ihrwird das objektive Gesetzesrecht subjektiv und das Sub- Verlangen, S. 71.
¡ekt rechthch obJekt1v (Kirste, FS Hollcrbach, S. 320).
823 832 Pawlik, Verhalten, S. 47.
Hegel, Grundlinien, § 36, Werke Bd. 7, S. 95.
824 833 So schreibt der kantische Rechts begriff keineswegs eine bestimmte Gestalt der Rechts-
Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 338.
825 ordnung vor, sondern ist mit einer ganzen Bandbreite zulassiger Rechtsgestaltungcn verein-
Kobusch, Entdeckung, S. 144.
826 bar (Auer, AcP 208 [2008], 627).
Konig, Begründung, S. 148, 164 f.
827 834 F. v. Hippel, Gesetzmafügkeit, S. 12 f.
Sieyes, Schriften, S. 243. 835 Stratenwerth, ZStW 68 (1956), 44.
828
829
Kobusch, Entdcckung, S. 143; ebenso Konig, Begründung, S. 188, 240. 836 Nicht einmal die Notwendigkeit des Eigentums überhaupt lafü sich Kant zufolge ana-
Komg, Begründung, S. 240.
83 lytisch aus dem kategorischen Impcrativ oder dem allgemei~en Rechtspr~nzip folgern. Es ist
. ~ Zaczyk, FS E. A. Wolff, S. 519. - Zu cng Hofmann (Bilder, S. 86), der dem Freiheitsbe-
eine der zentralen Thesen der ,,Rechtslehre", daG es dazu emes synthet1schen Rechtssatzes
gnff 1m Untersch1ed zu dem auf andere Personen bezogenen Begriff dcr Gerechtigkeit einen bedürfe (Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 358).
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht
147
146 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

Trotzdem ist die Definition der Rechtsperson als Bezugspunkt von Rechten
In dem Verhaltnis von Kants Ausführungen über das Rechtsgesetz und das
und Pflichten unzureichend. Folgerichtig durchgeführt, erlaubt sie namlich
innere bzw. auBere Mein kann man, wenn man so hoch greifen mochte, die
keinerlei inhaltliche Differenzierungen. Wer eine Person abschlieBend als ein
transzendentale Methode am Werk sehen: Bedingung der Moglichkeit einer
operablen rechtlichen Verhaltensordnung ist das Vorhandensein rechtlicher Zuordnungssubjekt von Rechten und Pflichten versteht, kann Angriffe auf _sie
konsequenterweise ebenfalls nur anhand einer formalen Kategorie, namhch
Zuordnungsregeln 837. Die strafrechtliche Verhaltensordnung enthalt diese
Zuordnungsregeln ebensowenig in sich, wie Kants Rechtsgesetz die Lehren derjenigen der Rechtsverletzung, begreifen. Eine derart verstandene P~rson
würde folglich durch jede Beeintrachtigung ihrer Rechtsposition in gle1cher
seines Privatrechts vorwegnimmt; sie findet sie vielmehr vor. Nach den obi-
Weise betroffen. Ebenso wie die ,,stoische Ansicht, daB es nur eine Tugend und
gen Überlegungen besteht die Aufgabe des Strafrechts namlich allein darin
einen Zustand rechtlich verfaBter Freiheitlichkeit aufrechtzuerhalten. Es is~ ein Laster gibt, die drakonische Gesetzgebung, die jedes Verbrechen mit dem
Tode bestraft", und ein formeller Ehrbegriff, der ,,die unendliche Personlichkeit
mithin eine bereits normativ geordnete Welt, in deren Rahmen das Strafrecht
in jede Verletzung legt", würde eine solche Auf~assu~g freilich- mit H~?el_ge-
tatig wird. Seine Rolle ist die eines Stabilisators, nicht die eines Schopfers
sprochen - ,,bei dem abstrakten Denken des fre1en W1llens und_der Personhc_h-
von Fre1·he1t
· sJs. D.1esen semen
· Bezugsgegenstand, konstituiert durch die Zu-
keit stehenbleiben und sie nicht in ihrem konkreten und best1mmten Dasem,
ordnungsregeln, hat das Strafrecht in seiner Eigenschaft als ,,akzessorisches
das sie als Idee haben muB, nehmen" [Link] das Los formalistischer Uniformi-
Schutzrecht" 839deshalb zu respektieren; der Beschranktheit seiner Aufgabe
tat zu vermeiden, muB man entweder den Personbegriff um eine weitere, mate-
korrespondiert ein begrenzter Regelungsspielraum. Damit wird freilich nicht
rielle Unterscheidungen ermoglichende Kategorie erganzen, oder aber man
die Kompetenz des Strafrechts geleugnet, eigenstandig darüber zu entschei-
den, welche der von ihm vorgefundenen Rechtspositionen es unter seine Fit- muB den Personbegriff selbst verandern.
Die erstere Strategie ist jene der herkommlichen Rechtsgutlehre. Danach
tiche nehmen will und welche nicht 840. Eines steht dem Strafrecht aufgrund
fungiert die Person als Inhaber oder - noch miBverstandlic~er - al~ ,,Trager"
der Vorgangigkeit der Zuordnungsregeln aber nicht offen: solche Positionen
der ihr zugeordneten Güter [Link]üter ha ben danach ,,eme1~obJekth_aften
als schutzwürdig zu behandeln, die keine Anerkennung von seiten der Zutei-
Charakter, ein seinshaftes Substrat; sie existieren auBerhalb emes Subiekts,
lungsordnung genieBen 841.
in der Wirklichkeit der AuBenwelt" [Link] ist es ontologisch und normativ
angemessen, Gesundheit, korperliche Inte~ritat oder g~r das_Le_benals ,,Gü-
837 Ahnlich Müller, Wille, S. 3; Hruschka, JZ 2004, 1090. ter" zu qualifizieren, die eine Person ,,bes1tze" und die, weil s1e ,,als solche
838 Ebenso MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 43, 56; ders., AT, § 1 Rn. 12; SK-Rudolphi, Vor § 1
und nicht nur als Dispositionsmasse menschlicher Freiheit einen Wert ver-
Rn. 5; Ebert, AT, S. 5; Schmzdhduser, AT, 1/5; Appel, Verfassung, S. 431 f.; ders., KritV 1999, korpern"845, gegebenenfalls auch gegen den Willen ihres ,,Tragers" geschützt
306; Haas, Kausahtat, S. 54 ff.; Kleinert, Betroffenheit, S. 94 f.; Mikus, Verhaltensnorm, S. 90;
Frzsch,
839
Rechtsgut, S... 219 ff.; Renzikowski l Taterbegriff ' S. 55·l ders ., GA 2007' 571•
SK-H.-L. Gunther, Vor § 32 Rn. 60; Appel, Verfassung, S. 431; ders., KritV 1999, 306;
Auffassung in einem Kontext, in dem es um Personen als Rechtstrager geh:, mit Me~sche_n
Haas, Kausalitat, S. 54.
840MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 56. und deren faktischen lnteressen und Machtpositionen - ein erhellendes Be1sp1el_dafur, wie
841 Ebenso SK-Rz~dolfhi, Vor § 1 Rn. 5. - Dieser Zusammenhang wird von der heutigen undurchschaute Kategorienfehler sich in den vcrschiedensten Teilbereichen und Emzelfragen
Strafrechtsdogmat1k m vi~len Emzelfragen miGachtet (dazu zuletzt]akobs, Begriff, S. 67 ff.). cines Begründungssystems niederschlagen.
842 Hegel, Grundlinien, § 96 A, Werke Bd. 7, S. 183. . .. ..
We~n die he:rschende Memung im_Rahmen des§ 240 StGB statt der rechtlich garantierten die
843Die Verfehltheit der letztgenannten Bezeichnung kann_man mcht [Link] ~u-
faktische Willensbildungs- und Willensbetatigungsfreiheit des Opfers schützt (BVerfGE 73,
gen, als Kefüer dies gctan hat: Mit ihr werde angedeutet, daG die betreffenden Guter m~ht 1h-
206,237; BGHSt 37,350,353; MK-Gropp!Sinn, § 240 Rn. 2 ff.; SIS-Eser,§ 240 Rn. 1; Wesselsl
rem Trager, sondern dem erhabenen Gedankenwe_sen des objektiven Rechts_selbst_gehorten.
Hettznger: B~ 1, Rn. 380; treffende Kritik di eser Auffassung bei jakobs, FS Peters, S. 69 ff.; ,,Von einem Stück Vieh kann man wohl sagen, sem Fleisch und sem Fell se1en_Gutei semes
ebenso w1e hicr auch SK-Wolters/Horn, § 240 Rn. 3; Frisch, Verhalten, S. 136; Horn, NStZ
Eigenthümers und das Vieh nur der Trager die ser Gütcr; aber Le ben, Ehre, ~reiheit und_was
1_983,499; Lesch, FS Jakobs, S. 330ff.; Rehr-Zimmermann, Struktur, S. 89; Ronnau, Einwil-
sonst etwa das Recht dem Menschen schützt, das smd auch wirkhch sezne Guter, er hat sie zu
hgung, ~-444 ff.; Timpe, Néitigung, S. 27 ff.), wenn sie die Zusage einer strafbaren Handlung
eigen, und tragt sie nicht bloG als die eines Anderen, am allerwemgsten als die cmer hohlen
ohne we1teres als betrügerische Tauschung qualifiziert (KG NJW 2001, 86; Kreyl H ellmann,
BT 2, Rn. 426; ablehnend LPK-Kindhduser, § 263 Rn. 205; Kindhauser/Wallau NStZ 2003 Abstraktion." (Kefiler, GS 39 [1887], 109 f.) .
844 M. Marx Definition, S. 9. - Zu Unrecht ordnet Kargl (JZ 2002, _395)die Auffassung,
153; Pawlik, Verhalten, S. 146 ff.) oder wenn sie rechtswidrig innegehabten Po~itionen Ver~
Rechtsgüter hat~en unabhangig vom Willen der Person einen eigenstandige_n Wert, der rechts-
méigensqualitat zuspricht (RGSt 44'. 230; Krey/Hellmann, aaO, Rn. 433 ff.; dagegen Kind-
philosophischen Tradition Hegels zu. Heg~l 1st umgekeh:t gerade der Pl11losorh, ~er derar-
hauser ~S Luderssen, S. 635 ff.; Pawlzk, aaO, S. 259 ff.), so überdehnt sie damit die Regelungs-
tige abstrakte Unterscheidungen am entscl11edensten bekampft hat; dazu sogleich im Text.
b_efugn'.sde_sStrafrechts. Hier_ racht es sich, daG die heutige Strafrechtsdogmatik nicht über
emen hmreichend !dar kontunerten Personbegriff verfügt. Deshalb operiert die herrschende 845 So Hirsch, FS Amelung, S. 189.
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 149
148 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

werden konnen? 846Wird es der Rolle des menschlichen Leibes gerecht, wenn Diesen Schritt hat Kant in seinem Lehrstück vom inneren Mein vollzogen.
man einen ,,funktionierenden Korper" zu den ,,Dinge[n]" rechnet, die der Soweit der Bereich des inneren Mein reicht, ist die Person für Kant mehr als ein
Mensch benotige, um sein Dasein gestalten zu konnen 847, oder wenn man ihn bloBer Knotenpunkt von Zurechnungsprozessen, nach deren MaBgabe der be-
gar als ,,das Transportmittel" bezeichnet, ,,welches das ,geistige Ich' durchs treffenden Person gewisse auBere Güter als die ihrigen zugeordnet werden. In-
Le ben befordert" 848? Ist die Metapher vom Geist, der im menschlichen Korper soweit ist die Person vielmehr verkorperte Subjektivitdt, Einheit von Freiheit
,,wohnt und ihn beherrscht" 849,vor dem Hintergrund der modernen Philoso- und raumzeitlicher Erscheinung 855. ,,Der homo noumenon setzt sich als horno
phie des Geistes zur Umschreibung cines strafrechtlichen Schutzobjekts noch phaenomenon in Bewegung." 856Den Umfang dieses angeborenen Rechts zieht
statthaft? Derartige Formulierungen speisen sich aus einer wenig überzeugen- Kant allerdings sehr eng; es umfafü lediglich die leibliche Integritat und die
den Gemengelage aus cartesischer Metaphysik mit ihrer scharfen Unterschei- physische Bemachtigungsfahigkeit der einzelnen Person. Die Grenze des Lei-
857
dung zwischen res cogitans und res extensa 850 und einem besitzbürgerlichen bes ist nach Kant die Grenze der material verstandenen Person .
Denken, das alle Rechtsgüter nach MaBgabe des Eigentums konstruiert 851. Jenseits dieser Grenze - in der Sphare des auGeren Mein - zerbricht die Ein-
Tatsachlich hat die Person nicht einen Leib- sie ist kein immaterielles Etwas heit welche den Bereich des inneren Mein auszeichnet, und der Dualismus von
das diesen Leib in Besitz nehmen konnte wie ein beliebiges Kleidungsstücl~ For:U und Materie, der Kants Philosophie insgesamt durchzieht, behauptet das
und ihn ,,wie einen Mantel dereinst ablegen kann" 852-, sondern sie ist die- Feld. Die Dinge stehen dem Willen auBerlich, fremd und undurchdringlich ge-
ser Leib 853. Wenn der Leib verletzt wird, so wird deshalb die Person selbst genüber858;das Band, das beide miteinander verbindet, kann deshalb nur der
verletzt, wenn die Person hingegen wirksam in den Eingriff eingewilligt hat, dünne Faden der bloGen Rechtsinhaberschaft sein. Die Person wird hier von
so fehlt es bereits am tatbestandlichen Anlrnüpfungspunkt für eine Strafbar- Kant stillschweigend sublimiert zu einem Subjekt, dem aufgrund von gewissen
keitsprüfung854. Zumindest im Kernbereich der Delikte gegen die Person ver- Zurechnungsregeln der intelligible Besitz an auBeren Gegenstanden zugeord-
sagt somit der Dualismus von ,,Rechtsgut" und ,,Rechtsgutinhaber"; vielmehr net wird. Wer mir daher beispielsweise einen Apfel aus der Hand windet, der
muB die Spaltung als solche überwunden, d.h. der Personbegriff materialisiert verletzt mich nur insoweit in dem, was ich als Person bin (meinem ,,inneren
859
werden. Mein"), wie er meinen Korper seiner Zwangsgewalt unterwirft . Im Hinblick
auf den Apfel verletzt er mich hingegen allenfalls in einer Rechtsposition, die
ich als Person habe. Kant stellt zwar ldar, daG jemand, der einen fremden Ge-
846
Neumann (Alternativen, S. 93) spricht diesbezüglich von einer ,,Tyrannei des Rechts- genstand gegen den Willen seines Inhabers affiziert, sehr wohl die Person des
guts gegenüber dessen Inhaber".
847
Inhabers selbst ladiert 86º. Aber im Unterschied zu Eingriffen in das innere
Die Wendung stammt von Ingelfinger, Grundlagen, S. 38. - Ganz ahnlich M. Marx,
Definition, S. 68 (das Subjekt müsse ,,Kéirper und Leben zur Verfügung haben, um über sie Mein trifft die Lision die verletzte Person hier nicht in ihrer Qualitat als gestalt-
[und damit sich] bestimmen zu kéinnen"). gewordenes Subjekt, sondern lediglich in ihrer abstrakten Rechtsinhaberschaft,
848 Diese Umschreibung wahlt Wortmann, Inhalt, S. 91.
d.h. in ihrer Eigenschaft, Subjekt von Rechtsansprüchen gegen andere Personen
849 So Roxin, AT 1, § 13 Rn. 14.
zu sein. Wie gesehen, ist auf dieser Basis eine Gewichtung von Straftaten nach
85
° Koriath, Grundlagen, S. 365. - Zutreffende Kritik an dem - sei es offenen, sei es ver-
ihrer Schwere ausgeschlossen. Wo Kant eine solche Gewichtung dennoch vor-
d~ckten - Fortleben des Cartesianismus in der modernen Neurophilosophie üben Fuchs, Ge-
h1rn, S. 27 ff. und Kladen, Anima, S. 264 f. nimmt, wie vor allem in seinen Ausführungen zur Strafgerechtigkeit, über-
851 Letzteres manieren auch Amelung, Rechtsgüterschutz, S. 71; ders., Begriff, S. 164; schreitet er unvermerkt die Begründungsgrenzen seiner Lehre vom auGeren
ders., FS Eser, S. 3 und Fiolka, Rechtsgut, S. 39. - DaG der Rechtsgutbegriff nicht von dem Mein. Die Materialisierung des Personbegriffs muB deshalb weiter getrieben
Bild ,,Hab und Gut" her zu interpretieren sei, hebt auch Otto, Rechtsgutsbegriff, S. 5 hervor.
Dies hindert _ihnallerdings nicht daran, auf der folgenden Seite eben dies zu tun, indem er werden, als es bei Kant geschieht.
von der ,,Bez1ehung des Rechtssubjekts zu seinem Leben, seinem Kéirper und seinen Eigen-
tumsobjekten" spricht.
852 Plessner, Macht, S. 226.
853
Eindringlich Plessner, Macht, S. 226; an ihn anlrnüpfend jüngstFuchs, Gehirn, S. 95 ff.;
instruktiv auch Kather, Pcrson, S. 142ff. -Treffend auch W. Marx (Grundrechte, S. 81): ,,Der 8s5 Müller, Wille, S. 139.
menschliche Leib ist nicht etwa nur das umhüllende Kleid von Selbstbewusstsein, Seele und 856 Müller, Wille, S. 130.
Person, das man sich von letzterem gewissermaGen wegdenken kéinnte, sondern die elemen- 8 57 Miiller, Wille, S. 138.
tarste alter Existenzbedingungen." 8 58 M üller, Wille, S. 78.
854
Nachweise zu dem diesbezüglichen Meinungsstreit unten S. 197f. - Zum Sonderfall 859 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 358.
des§ 216 StGB unten S. 225 ff. 86° Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 56.
150 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirkungspflicht 151
. Hegel hat es u:1ternommen, den Begriff der Person insgesamt nach dem Vor-
bild von Kants .,,mnerem Mein" zu modellieren861• ,,Di'e p erson ", so formu 1· eine Person im Rechtsleben auftritt, sind die Eigentums- und Vennogensdelikte
1ert nicht weniger Straftaten gegen die Person, als es die Delikte gegen die korper-
er [Link]~m~at1sch, ,,s~ll :<lee sein" 862. Als Erscheinungsform der Idee _ des
Begnffs .m semer Verwll'khchung 863 liche Unversehrtheit oder die Fortbewegungsfreiheit sind 876. Bei Hegel ist die
864 . . . . - mu/3
. . die Person 1'h rer F re1'h e1t
· e1n
· D asem·
Person eben nicht lediglich ein von der juristischen Theorie erzeugtes Gedan-
geben , ,,denn nur 1n mll' fre1 se1end bm 1ch ganz subJ'ectiv u d ¿· S b'
· · ·· n • h . . . , n 1ese u Jec- kending, sondern erste Daseinsgestalt von Freiheit. Was ihrer Freiheit dient, ist
t1v1tat muD sic zur .
ObJect1v1tat aufheben"865. Fant1~
K ant ¿·1e p erson a 1s d as
Abstrakt-Allgememe, Teil ihrer selbst. Lai3t sich Groi3eres über sie sagen?
b · . dem. die
. aui3eren Dinge als A 11r1'pod en gegenu"b erste h en,
so eschre1bt Hegel s1e m1thm als ,,bestimmte Allgemeinh 't" d h 1 E' 1
h ·866 ¿· 11 'h .. e1, .. as mze-
.e~t , ie a e 1 r angehorenden Gegenstande idealisiert und dadurch synthe- VI. Vom Verbrechensbegriff zur Allgemeinen Verbrechenslehre
t1s1ert867
1:-.ufder Basis dieses antidualistischen Personverstiindnisses vermag Hegel Ohne ein gedankliches Auseinanderhalten sachlicher Momente ist in den Wor-
zunachst der Rolle des_Korpers in weitaus überzeugenderer Form Rechnung ten Welzels ,,eine Gegenstandserkenntnis für das diskursive menschliche Er-
zu ~ra?en al.s Kant. W1e Hegel klarstellt, bin ich für andere ,,wesentlich ein kennen überhaupt unmoglich " [Link] nicht um die Binnenstruktur komplexer
,~¡ 868
Fr.e1 6~n mei~em Korper" ; ,,frei für den anderen bin ich nur als frei im Da- Begriffe, ihre Teilmomente und das zwischen diesen bestehende Verhaltnis
sein " 87~,,Me~~em Korpe~.von anderen angetane Gewalt ist Mir angetane Ge- wei/3, der wei/3 bei Lichte besehen sehr wenig: Seine Aussagen beruhen eher
walt. _Zur aui3eren Sphare der Person gehort aber nicht nur ihr Korper son- auf Ahnungen als auf rational ausweisbarer Einsicht. Dies gilt auch für den Be-
dern gleich~rmai3en auch ihr Eigentum. Auch dieses begreift Hegel de~halb griff des Verbrechens als Mitwirkungspflichtverletzung. Was diese Wendung
als ~manat~on de_rPerson!ichkeit [Link] ,,Wahrhafte des Eigentums"872 liege genau besagt und was nicht - und damit zugleich auch: was sie leistet -, lai3t sich
dann,_ da~ ich mi_r ª~,sfre1~r Wille in ihm ,,gegenstandlich und hiermit auch
87
e~st wirkhcher W1lle ~ se1:Durch das Eigentum werde ,,einerseits Ich aufler-
lich.[....J;,und and~rerse1_ts,was dasselbe ist, [wird] eine aui3erliche Sache die die ,,Einheit der Perséinlichkeit" ist, welche ,,das Nebeneinander dcr Teilc eines Verméigens-
~etnzge , so da/3 s~.e:memen Willen zu ihrer Bestimmung und ihrem substan- besitzes in ein Miteinander und eine Einheit verwandelt" (Simmel, Philosophic, S. 365). Ganz
874 ahnlich wie Hegel betrachtet auch Simmel den ,,Besitz" als ,,eine Erweiterung des Ich, das
tiellen ~we_ck erhalt - Wer unter Mii3achtung meiner Willensbestimmung
nur sein Zentrum ist, von dem aus Fulgurationen in die Dinge hineingehen [.. .]. Diese enge
auf me~~ Eige?tu~ oder mein Vermogen zugreift, verletzt demnach mich als Beziehung zum Ich trnt den Besitz gleichsam als dessen Spharc und Ausdruck erscheinen"
5
Person · Weil Eigentum und Vermogen die Gestalt mitkonstituieren, in der (aaO, S. 432). Vor diesem Hintcrgrund erweist sich die scharfe Grenzziehung zwischen dem
,,Besitz" und dem ,,Ich" in Simmels Worten als ,,eine ganz oberflachliche" (aaO, S. 433): In-
dem das Ich die Dinge habe, seien sie vielmehr Kompetenzen seines Seins, das ohne jedes
861
Müller, Wille, S. 84, 149. einzelnc dieser ein anderes ware (aaO, S. 533). Folglich obliegt es jedenfalls dort, wo die per-
862 Hegel, Philosophie des Rechts (Vorlesung von 1821/22) S 60 séinliche Lebensgestaltung in Rede steht, allein dem Ich - der Person -, nach seinen Rele-
863
Vgl. Hegel, Grundlinien § 1 Werke Bd 7 s 29 ' · · vanzkriterien darüber zu entscheiden, was ihm die Dinge wert sind. Den SchadensmaEstab
864 ' ' ' ' · ·
Hegel, Philosophie des Rechts (Vorlesung von 1819/20) S 69 in diesem Bereich zu generalisieren, heiEt, die Person insoweit fremdzubestimmen (naher
865 H l V 1
ege, or esungen, Bd. 3 (Nachschrift Hotho) S 204
' . . Pawlik, aaO, S. 283 ff.).
Hegel, Logik II, Wcrke Bd. 6, s.296.
866 876 Die Ausführungen Hegels sind ersichtlich zugeschnitten auf physische (,,natürliche")
' . .
867
Müller, Wille, S. 84, 242. Personen. Sie lassen sich aber unschwer erweitern auf nicht-kéirperliche (,,juristische") Per-
::: Hegel, Grundlin!en, §48, Werke Bd. 7, S.111. sonen. Als Teilmoment der Idee des Rechts partizipiert die Personan dessen Begriffsbestim-
Hegel,l Grundlm1en, · · ¡ mung, ,,Dasein des freien Willens" (Hegel, Grundlinien, § 29, Werke Bd. 7, S. 80) zu sein. Da
870 H . . §48 A, Werke Bd · 7, S· 111·, Hervorh ebung 1m
· O ngma
871 Meglle' GWrulnl
dlm1en, § 48 A, Werke Bd. 7, S. 112; Hervorhebung im Originai' Hegel im Unterschied zu Kant die rechtliche Relcvanz der Leib-Grenze bestreitet, lassen sich
u er, 1 e, S. 5, 83. · seiner Konzeption zufolge samtliche rechtlich verselbstandigten Objektivationen des welt-
872
He gel, Grundlinien, § 45 Werke Bd 7 S 107 gestaltenden Willens, seien sie physisch verkéirpert oder nicht, als strukturell gleichrangige
873 ' ' ' . ·
Hegel, Gr~ndlini~n, § 45, Werke Bd. 7, S. 107. Personen begreifen. Die juristische Person ist demnach entgegen Savigny nicht etwa nur eine
874
1
H~gel, ~h !osoph'.~ des Rechts (Mitschrift Wannenmann), s.46 f. ,,Fiktion", aber ebensowenig bedarf es zu ihrer Erfassung eines Rückgriffs auf die in sozialen
875
. Wie wen die h~rkommhchc Strafrechtsdogmatik von dicser Position entfernt ist zei t Zusammenhangen stets heikle Organismus-Metapher, wie sie Gierkes Theorie der realcn Ver-
sich exemplansch an. 1hrer zéigerlichen Haltung gegenüber einer Individualisierun de~ Ve;- bandsperséinlichkeit zugrunde liegt. (Einen Überblick über die damalige Kontroversc geben
mog.~nsschadenbegnffs (dazu 1m cmzelnen Pawlik Verhalten S 267 ff) z hg s· ¡ HK-Bar, Bd. I, §§ 21-79 BGB Rn. 8 ff.; Coing, Privatrecht, Bd. II, S. 339 ff.) Die Welt des ob-
b e t · h ]b J ¡ ¡ d ' , · • . war at 1mme jektiven Geistes ist reicher, als es die nach-hegelianische Persondiskussion des [Link]-
se{:~ Ü~;rbtckes ba 11d· ~un Lerthvordfiendsog~na~ntenpersonalen Verméigenslehren (ein kriti-
derts wahrhaben wollte.
u er 1ese e ren n et s1ch m: Pawlik , aaO , S. 277 ff). geze1gt,
· d a1,D
es erst 877 Welzel, Abhandlungen, S. 120.
C. Strafe als Antwort auf die Verletwng einer Mitwirkungspflicht 153
152 1. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens

den886. Diese Merkmale - Tatbestandsmafügkeit, Rechtswidrigkeit und Schuld


erst beurteilen, nachdem sie ihrer majestatischen Allgemeinheit entkleidet und
- stehen Radbruch zufolge zum Handlungsbegriff in dem gleichen Verhaltnis
gleichsam kleingearbeitet worden ist. Auf welchem Weg aber lafh sich vom Be-
griff zu den einzelnen Lehren vom Verbrechen gelangen? Dies hangt davon ab, wie die Attribute zum Substantiv 887.
wie man das Verhaltnis der einzelnen Verbrechensmerkmale zum Verbrechens- Wie aber will eine Methode, die sich damit begnügt, die Einzelelemente zu
benennen, die in ihrer Gesamtheit - angeblich- das Verbrechen kennzeichnen,
begriff im ganzen konzipiert. Je nach der Auffassung, die man in dieser Frage
einnimmt, wird man hochst unterschiedliche Vorgehensweisen bevorzugen. die Einheit ihres Gegenstandes denken? Dazu ist das klassifikatorische Den-
Es liegt nahe, die genannte Beziehung anhand eines Modells zu erfassen, ken nicht imstande 888. ,,Eine klassifikatorische Systematik kann [... ] allenfalls
zu klassifikatorischen Einsichten führen." 889Unfreundlicher formuliert: Statt
welches das Ganze als die Summe seiner Einzelteile ansieht. Die intuitive Plau-
sibilitat dieser ,,Bauklotzchen-Denkweise" 878ist hoch: So wie ein Haus aus vie- eines ,,Begriffskristall[s]" vermag sie lediglich einen ,,Begriffshaufen" zu pro-
len einzelnen Bausteinen besteht, setzt sich der Verbrechensbegriff aus den ein- duzieren89º. Wer sagt, daG das Verbrechen aus den Elementen 1 und 2 und 3 be-
zelnen Verbrechensmerkmalen zusammen. Dennoch ist die Intuition in diesem stehe, trifft damit, streng genommen, eine Aussage nicht über den Begriff des
Fall ei~ schlechter Ratgeber. Die Unzulanglichkeit aller von der Vorgangigkeit Verbrechens, sondern nur über seine Elemente. Ein solches Denken mag zwar
der Teleologie des Strafprozesses gemaG sein 891, es genügt aber nicht den An-
der Te1le gegenüber dem Ganzen ausgehenden Deutungsmodelle hat bereits
Hegel dargelegt. In seinen Worten hat im Verhaltnis von Ganzem und Teil jede sprüchen einer systematisch ambitionierten Allgemeinen Verbrechenslehre. Auf
Seite ,,die andere in ihr scheinen" 879und ist deshalb von dieser als ihrem Gegen- klassifikatorischem Wege laGt sich nicht einmal angeben, weshalb die einzelnen
Elemente (und nur sie) überhaupt Elemente desselben Gegenstandes sind. ,,Frei-
begriff abhangig. Diesem auf den ersten Blick dunkel anmutenden Befund He-
lich ist der Gegenstand als Objekt der Analyse stets vorausgesetzt, aber eben nur
gels liegt eine einfache Überlegung zugrunde. Von Teilen kann man nur sinn-
als irgendeine komplexe Gegebenheit, die man noch gar nicht begriffen, sondern
voll sprechen, sofern man sie als Momente jener Einheit begreift, die den Tite! 892
des Ganzen führt [Link] besteht das Ganze aus den Teilen, ,,so daG es hochstens naiv, jedenfalls nicht-wissenschaftlich erfaGt hat."
Es liegt nahe, auf diese Schwierigkeit dergestalt zu reagieren, daG man - bild-
nicht etwas ist ohne sie" 881. Kurzum: Jedes der beiden, das Teil wie auch das
lich gesprochen - den SpieG herumdreht und statt von einem Primat des Teils
Ganze, ist ,,das Relative eines Anderen" 882und kann deshalb nicht vorgangig
vom Vorrang des Ganzen vor seinen Teilen ausgeht. Dafür pladierte in den 30er
zu diesem Anderen bestimmt werden.
und frühen 40er Jahren Dahm. Den ,,Trennungen und ZerreiGungen, die der ab-
Daran bricht sich eine jede Allgemeine Verbrechenslehre, die sich unreflek- 893
strakten Begriffsbildung eigen sind", setzte Dahm ein ,,ganzheitliches" und
tiert an dem Modell von Teil und Ganzem ausrichtet. Exemplarisch dafür ist
das Scheitern der sogenannten klassifikatorischen Methode 883. In den Worten
d~s Urhebers dieser Methode, des heterodoxen Hegelianers Heinrich Luden,
886 Vgl. Beling, Lehre, S. 5 ff.; Liszt, Lehrbuch, S. 110 ff.; Radbruch, Handlungsbegriff,
,,1st es den Gesetzen der Logik offenbar am GemaGesten, immer dasjenige S. 68 ff. - Noch Welzel hielt trotz seiner inhaltlichen Kritik am Naturalismus an dessen me-
Merkmal voranzustellen, welches die nothwendige Voraussetzung für das Da- thodischer Vorgehensweise fest; treffend Roeder, Einhaltung, S. 60; Schmidhauser, JZ 1986,
sein der anderen bildet" [Link], Radbruch und Beling, der Suche nach Letzt- 109; Zabel, Schuldtypisierung, S. 231.
887 Radbruch, Handlungsbegriff, S. 71.
begründungsansprüchen müde und dem methodischen Vorbild der Naturwis- 888 Erkannt hat dies bereits Dahm (FS Siber, Bd. I, S. 242), der seine Sachkritik allerdings
senschaften nachstrebend 885,griffen diesen Gedanken auf: Um den Begriff des durch einen hochst perfiden personlichen Angriff diskreditierte: ,,Es ist gewiG kein Zufall,
Verbrechens in logisch korrekter Weise zu bestimmen, müsse ein hochst allge- daG man jenen Mangel der Scheu vor einer rationalistischen Zergliederung der letzten Werte
meiner und entsprechend farbloser Ausgangsbegriff, namlich der naturalisti- in besonderem MaGe bei Wissenschaftlern begegnete, die nicht zu unserem Volke gehoren."
(Dahm, ZStW 95 [1935), 289) - Grundlegend für die neuere Diskussion Schild, Merkmale,
sche Begriff der Handlung, schrittweise um weitere Merkmale erganzt wer-
S. 6 ff.; zusammenfassend AK-Schild, Vor § 13 Rn. 23. -Nahestehend Schmidhauser, AT, 7/33;
ders., GS Radbruch, S. 270; Nitze, Bedeutung, S. 62 ff.; Voflgatter, Handlungslehren, S. 119; E.
878 A. Wolff, Handlungsbegriff, S. 21; Zabel, Schuldtypisierung, S. 232 ff., 243; Langer, GA 1990,
Mattil, ZStW 74 (1962), 232.
879 451 ff.; aus allgemeinphilosophischer Perspektive Haase Grundnorm, S. 6. - Der folgende
Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 166.
880 Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 167.- Ebenso Horn, Untersuchungen, S. 62 f. Text lehnt sich eng an die Ausführungen Schilds an.
881 889 Langer, GA 1990, 453.
Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 167.
882 Hegel, Logik II, Werke Bd. 6, S. 167. °
89 Kantorowicz, Tat, S. 293, 296.

883 89 1 Hall, Lehre, S. 159; ders., FS H. Mayer, S. 43.


So nennt sie Radbruch, FG Frank, Bd. I, S. 160.
884 892 Schild, Merkmale, Vor § 13 Rn. 23.
Luden, Abhandlungen, Bd. II, S. 110.
885 89 3 Dahm, Verbrechen, S. 89.
Voflgatter, Handlungslehren, S. 115.
154 l. Kapitel: Der Begriff des Verbrechens
C. Strafe als Antwort auf die Verletzung einer Mitwirklingspflicht 155
894
,,wesenhaftes" Denken entgegen, das die von ihm vorgefundene ,,geschicht- des dezidiert nicht-esoterischen Strafrechtstheoretikers Roxin 901 • Auch diescr
liche und lebendige Ordnung [... ] zu verstehen und durch das Bewufümachen ih- betont, daB ,,die deliktische Handlung [... ] immer cine untrcnnbare Einheit"
res inneren Lebens [... ] weiter zu gestalten" suche 895 . Die irrationalistischen und sei9 º2 . Die Bedeutung der Verbrechcnskategorien liege deshalb ,,nicht im Aus-
rechtsstaatsfeindlichen Züge dieser Konzeption 896 lehren jedoch, daB man auch cinanderreiBen eines psycho-physisch-sozialen Sinnganzen, das erst spater aus
auf diesem Wege den Tücken des Modells von Teil und Ganzem nicht entkom- seincn Einzelteilcn zum ,Vcrbrechcnsgebaude' wieder zusammengefügt wcr-
men kann. Wenn namlich das Ganze sich überhaupt nur aus seinem Verhaltnis den müBte" 9 º3 . Durch die Verbrechenskategoricn werde lediglich ausgedrückt,
zu den Teilen begreifen lafü, wie will man dann zu einem gegenüber den Teilen ,,dass unter vcrschiedcncn Wertungsaspckten jeweils verschicdene ,Momente'
vorgangigen Begriff des Ganzen gelangen?
des Geschehens strafrechtlich bcdeutsam werden" 904 • Allerdings zieht Roxin
Eine methodologisch reflektierte Allgemeine Verbrechenslehre kann somit dieser Konzeption von vornherein den kritischen Stachel. Er gcstcht ihr ledig-
nicht umhin, nach einem alternativen Deutungsmodell Ausschau zu halten - lich die Mi:iglichkcit punktucller Korrekturen des überkommenen Bildes zu,
einem Modell, das die wechselseitige Verselbstandigung des Begriffs und seiner verwchrt ihr hingegen die Fragc nach prinzipiellcn Alternativen. So legt Roxin
einzelnen Momente vermeidet, welche dem Denken im Verhaltnis von Teil und das wichtigste Produkt jcncs klassifikatorischen Verfahrens, gegen das sein An-
Ganzem zum Verhangnis geworden ist. Bei Kant und Hegel findet sich in der satz sich wendet, die Zerlcgung des Verbrcchens in die Elemente Tatbestand,
Tat ein solches Alternativmodell. Es wechselt von der mechanistischen in die Rechtswidrigkeit und Schuld, wie selbstverstandlich auch seinen Ausführun-
organologische Vorstellungswelt über, indem es die Leitidee des Zusammenset- gen zugrunde 905 . Sein Anliegcn bestcht lediglich darin, den herki:immlichen
zens durch jene der konkretisierenden Entfaltung ersetzt. Kant sagt über den Verbrcchenskategorien eine neuartigc kriminalpolitische Untermauerung zu
Anfang einer Wissenschaft, daB ihre Idee ,,wie ein Keim" sei, ,,in welchem alle verschaffen 906 und, wie er im Hinblick auf die Schulddogmatik ausführt, bei
Teile, noch sehr eingewickelt und kaum der mikroskopischen Beobachtung deren ,,behutsame[r] Fortentwicklung [... ] in den vom geschriebenen Recht of-
kennbar, verborgen liegen" 897 • Hegel, der bekanntlich die Frage nach der anzu- fengelassenen Raumen [... ] die gesetzgeberischen Strafzweckabwagungen zur
wendenden Methode - von Kant noch in den Schlufüeil der Kritik der reinen Richtschnur dcr Rechtsfindung zu machen" 9º7 .
Vernunft verbannt - ins Zentrum seines Systems der Philosophie rückte, hat die DaB ctablierte Rechtstraditionen Respekt verdienen, kann nicht ernsthaft
kantische Metapher auf gegriffen und fortentwickelt: ,,Wie bei dem Lebendigen bestritten werden 908 ; deshalb trifft denjenigcn die Beweislast, der für ihre Auf-
überhaupt alles schon im Keime enthalten ist und von diesem selbst, nicht von gabe pladiert. Di eser Respekt darf aber nicht so weit gehcn,_ihnen d~eKon~ron-
einer fremden Macht hervorgebracht wird, so müssen auch alle besonderen For- tation mit Fundamentalkritik von vornherein zu ersparen; 1mmerh111bestlmmt
men des lebendigen Geistes aus seinem Begriffe als ihrem Keime sich hervor- sich nach einem vielzitierten Wort Heideggers das Niveau einer Wissenschaft
treiben. "898 Das Wahre existiere als ,,sich in sich entfaltend und in Einheit zu-
danach, ,,ob sie eincr Krisis ihrer Grundbcgriffe fahig ist" 909 • Die Allgemeine
sammennehmend und -haltend" 899 , und das philosophische Denken habe sich Verbrechenslehre darf sich aus dicsem Grund nicht damit begnügen, die ge-
darauf zu beschranken, ,,der eigenen Entwicklung des Gegenstandes gleichsam wohnten Leitkategorien zu übernehmen und Neuerungcn lediglich innerhalb
nur zu[zusehen]" 9ºº.
des dadurch vorgegebcnen Rahmens zuzulasscn. Wenn sie ihrem Geschaft
So esoterisch diese Überlegungen sich auf den ersten Blick ausnehmen
mogen, sie kommen im Ergebnis weitgehend überein mit den Überlegungen
901 Ihre [Link] zu gelaufigen juristischen Denkmustern betont auch Esser, Vorverstand-
nis, S. 92 f.
902
894
Dahm, Verbrechen, S. 83. Roxin, AT 1, § 7 Rn. 83.
903
895
Dahm, Verbrechen, S. 87. Roxin, AT 1, § 7 Rn. 83.
896 904 Roxin, AT 1, § 7 Rn. 83. - Ahnlich Haft, AT, S. 13; Schild, Merkmale, S. 26 ff., 99 ff_.;
So kann_Dah1:1 zu~olge der von den einzelnen Tatbestanden jeweils gemeinte Tater- Sinn, Straffreistellung, S. 274 ff.; H-L. Günther, Rechtfertigung, S. 378. -Aus der alteren L1-
ty~us, eben we1! er ,,m semem Wesen erfaBt werden" müsse, ,,durch rationale Zweckmafüg-
teratur: H. Mayer, AT, S.101; ders., DStR 1938, 107; Hardwig, Zurechnung, S. 175; Hall, FS
keitserwagungen allein nicht begriffen werden" (Dahm, Verbrechen, S. 102). - Niiher zu
H. Mayer, S. 42, 48.
Da~ 9~s Ganzheitsdenken Fiolka, Rechtsgut, S. 5.24ff.; Marxen, Kampf, S. 214 ff.
905 Vgl. Roxin, Kriminalpolitik, S. 15; dens., A~ 1, § 7 Rn. 82. . .. .
Kant KrV, Werke Bd. 4, S. 697. - Dazu Zoller, Seele, S. 63 f.
898 906 Vgl. Roxin, AT 1, § 7 Rn. 57 ff. - Die unzureJChende argumentat1ve Abstutzung dieses
Hegel, Enzyklopadie III, § 379 Z, Werke Bd. 10, S. 14.
899 Anspruchs wurde bereits o ben S. 50 f. gerügt.
Hegel, Enzyklopadie I, § 14, Werke Bd. 8, S. 59. 907
900 Roxin, Kriminalpolitik, S. 48.
Hegel, Enzyklopadie III, § 379 Z, Werke Bd. 10, S. 14.-Zurwissenschaftstheoretischen 908
O ben S. 21 f.
Rcchtfertigung dieses Verfahrens zuletzt Haase, Grundnorm, S. 6. 909
Heidegger, SuZ, S. 108.
156 1. Kapüel: Der Begriff des Verbrechens

[Link], ~u [Link], .was im Verbrechensbegriff zu einer komplexen Formel


verd1c~tet 1~~'darf s1emcht [Link]ückschrecken, auch jene Kategorien selbst
zur ~1spos1t10n zu stellen. Daf; eme solche Neubesinnung an der Zeit ist, wer-
den die folgenden Kapitel zeigen.
2. Kapitel:

Die Zustandigkeiten des Bürgers

,,Da es keine Handlungen im Allgemeinen, sondern nur einzelne bestimmte


Handlungen dieser oder jener Art und Richtung geben kann, so muJ; das objek-
tive Recht in einzelne Vorschriften zerfallen, welche für die einzelnen Verhalt-
nisse, in welchen der Mensch sich befinden kann, ihm die Handlungsweise ange-
ben, die der Gerechtigkeit gema¡; ist." 1 ,,Obgleich der Charakter des Verbrechens
einer und derselbe ist" 2 - er besteht in einer Mif;achtung der von der Rechtsge-
meinschaf t erhobenen Forderung, sich an der Aufrechterhaltung des bestehen-
den Zustandes der Freiheitlichkeit zu beteiligen -, gibt es deshalb ,,in der Wirk-
lichkeit [... ] kein Verbrechen im Allgemeinen, sondern nur besondere, bestimmte
Verbrechen" 3 • Der allgemeine Verbrechensbegriff gewinnt die notigen Konturen
mithin erst durch seinen Bezug auf jeweils konkrete Verkorperungen fremder
Freiheit, deren Wahrung dem Verpflichteten in gewissem Umfang obliegt.
Welche Art und Weise des Umgangs mit jenen Freiheitsbelangen aber wird
dem einzelnen Bürger in einer bestimmten Situation vom Strafrecht abverlangt?
Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, daf; zur Beantwortung dieser
Frage eine sorgfaltige Analyse der einzelnen Deliktstatbestande ausreicht, die
den Besonderen Teil des Strafgesetzbuchs ausmachen. In der Tat ist eine solche
Analyse unverzichtbar. Daf; beispielsweise als Mord nicht eine Totung mit Vor-
bedacht, sondern eine Totung gilt, die eines der in§ 211 StGB genannten Merk-
male erfüllt; daf; die rechtswidrige Zueignung beim Diebstahl gemaJ; § 242
StGB nicht vollendet, sondern lediglich beabsichtigt zu sein braucht; daf; der
Betrug nach § 263 StGB nicht lediglich eine tauschungsbedingte Vermogens-
verfügung des Opfers, sondern darüber hinaus auch einen Vermogensschaden
erfordert - dies lafü sich nicht unmittelbar aus der allgemeinen Erwartung de-
duzieren, ein jeder Bürger solle die Integritat seiner Mitbürger achten, es bedarf
vielmehr der positiv-rechtlichen Regelung und deren jeweils spezifischer Aus-
legung.
Jedoch beantwortet der Verweis auf die Dogmatik des Besonderen Teils die
oben aufgeworfene Frage nicht abschlieBend4 • ,,Verstehen wie Kritik der Bunt-

1 Luden, Handbuch, S. 9.
2 Luden, Abhandlungen, Bd. II, S. 137.
3 Luden, Handbuch, S. 229.
4
Ebenso Frisch (Verhalten, S. 236), der zu Recht vor einer ,,Überschatzung der interpre-
tatorischen Ergiebigkeit der Einzeltatbestande" warnt.
A. Das System der Zustandigkeiten
159
158 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

A. Das System der Zustandigkeiten


heit des Besonderen Teils setzt eines voraus, die Entwicklung einer Farbenlehre
im Allgemeinen Teil."5 Diese Farbenlehre ist zuvorderst eine Lehre von den all-
gemeinen Begründungsfiguren strafrechtlicher Inpflichtnahme6. ,,Der Schlüs- I. Sondergut der Unterlassungsdelikte?
selbegriff heifü Zustandigkeit." 7 Die Fragen, aus welchem Grund einem Bür- Die heute herrschende Auffassung spricht der Frage, unter welchen Vorausset-
ger überhaupt angesonnen werden darf, bei der Steuerung seines Verhaltens auf zungen jemand für die Belange eines anderen zustandig- garantenpflichtig- ist,
fremde In~egritatsinteressen Rücksicht zu nehmen, und in welchem Umfang er eine grundlegende Bedeutung zu. Nach einer Bemerkung Rudolphis obliegt es
zur Rücksichtnahme verpflichtet ist, stellen sich namlich für jeden Deliktstatbe- den Garantenstellungen, ,,die das soziale Leben in all seinen Bereichen durch-
stand kraft seiner Zugehorigkeit zum Strafrecht in gleicher Weise8; mehr noch: ziehende Grenze zwischen individueller Freiheit und sozialer Pflichtbindung
die ,,O~dnu~g der Det_ailsnach Risiken in bestimmter Zustandigkeit" verleiht 11
des Individuums zugunsten bestimmter Rechtswerte zu bestimmen" . Unge-
ª.~l~nE_111zel111terpreta~10nen
überh~upt ers: Stru_ktur und systematische Digni- achtet der Allgemeinheit dieser Aufgabenstellung erkennt die herkommliche
tat : Die Strafrechtswissenschaft widmet sich seit langem der Aufgabe, die ver- Strafrechtsdogmatik der Lehre von den Garantenstellungen jedoch nur einen
schiedenen ~ustandigkeitstatbestande zu spezifizieren und zu systematisieren. beschrankten Anwendungsbereich zu: Es handele sich bei ihr um ein Sondergut
1:-usdruck dieses B~mü_hensist die Lehre von den Garantenstellungen. In Aus- der sogenannten unechten Unterlassungsdelikte 12 . Die Zustandigkeit des Bege-
emandersetzung mit diesem ,,unverzichtbaren Pflichterhellungsinstrument der hungstaters wird demgegenüber als so selbstverstandlich empfunden, daE sie re-
Strafrechtsdogmatik" 1º werden im vorliegenden Kapitel Inhalt und Anwen- gelmafüg nicht mehr eigens thematisiert wird 13 : Dem Begehungstater werde der
dung_sbereichder s~:afrechtlichen Zustandigkeitstatbestande untersucht. Erfolg nicht deswegen zugerechnet, weil er Garant sei, sondern einfach deswe-
Die folgenden Uberlegungen widmen sich zunachst der Begründung des gen, weil er ihn bedingt habe 14;entscheidender Zurechnungsgrund sei hier die
Sys_tems der Zustandigkeiten. Die dort entwickelte Zweiteilung zwischen 15
aktuelle Beherrschung des zur Rechtsgutverletzung führenden Geschehens .
Pfüchten zur Respektierung anderer Personen und Pflichten zur Gewahrlei- Wie Herzberg nachgewiesen hat, ist diese Argumentation unvollstandig.
stung grundlegender Realbedingungen personaler Existenz ist nicht nur im Be- Auch im Fall aktiver Handlungen vermag die normative Ordnung ,,Recht" die
reich der Unterlassungsdelikte, sondern gleichermaEen auch im Gebiet der Be- Erfolgszurechnung nicht unmittelbar auf eine faktische Herrschaftsbeziehung
gehungs~elikt~ von Bedeutung (A.). Aber auch die Falle einer vorrangigen Ver- zu gründen 16, denn aus einem Sein folgt kein Sollen. Die Herrschaft über den
a~twortbchk~it des Verletzten für den eingetretenen Rechtsgutverlust, vor allem eigenen Korper bedarf vielmehr, um legitimer Zurechnungsgrund zu sein, einer
17
die ~-ech_tfer~igungsgr_~nde,~onnen gleichsam spiegelbildlich in das System der Mediatisierung durch den Gedanken der Sonderverantwortlichkeit" : Wer
Zustandigkeitstatbestande emgeschrieben werden. Die Identitat der normativen Herrschaft innehat, ist verantwortlich für deren Ausübung. So gesehen aber
Strukturen, die über Tater- und Verletztenzustandigkeit entscheiden lafü die erweist sich ,,der für die Gefahrenquelle allerverantwortlichste Aktivtater hin-
herkommliche Unterscheidung zwischen Tatbestand und Rechtfertigu~gsgrün- 18
sichtlich der Erfolgsvermeidung [als] ein Garant par excellence" ; er steht ,,ge-
den als unerheblich erscheinen (B.). wissermaEen im Zentrum eines Herrschaftskreises, der zugleich die Sphare sei-
_A~ Ende der _Zus~andigkeitsanalyse steht fest, welchen Inhalt die allgemeine
Mitwirkungspfücht 111dem konkret in Rede stehenden Fall aufweist. Zu dieser 11 Rudo/phi, Gleichstellungsproblematik, S. 85.
Ve~pflichtung 1:7-uEder Tater durch sein Handeln Stellung beziehen, sei es in 12 Exemplarisch SK-Rudolphi, § 13 Rn. 17,21; H offmann-H olland, AT, Rn. 728;] escheck/
be¡ahendem, sei es in verneinendem Sinne. Die Voraussetzungen, unter denen Weigend, AT, § 59 IV 1 (S. 620); Maurach!Gossel!Zipf, AT 2, § 46 Rn. 54; Rengzer, AT, § 50
Rn. 1; v. Coelln, Einstehenmüssen, S. 234; Kuhlen, FS Puppe, S. 671; Satzger, Jura 2011, 751.
dem Tater sein Verhalten als verneinende Stellungnahme, also als Pflichtverlet- 13 Treffend MK-Freund, § 13 Rn. 79; ders., AT, § 2 Rn. 18 f.; ders., Erfolgsdehkt, S. 68;
zung zugerechnet werden kann, werden im 3. Kapitel erortert.
Frisch, Verhalten, S. 378.
14 Gimbernat Ordeig, ZStW 111 (1999), 333 f.
15 Schünemann, Stand, S. 53.
16 Herzberg, Unterlassung, S. 195.
17 Herzberg, Unterlassung, S. 195.
5
Jakobs, l. FS Roxin, S. 810. 18 Herzberg, JZ 1988, 579; ferner ders., Unterlassung, S. 172 f.; ders., Verantwortung,
6
Müssig, Mord, S. 160. S. 213 f.; ders., JuS 1996, 382 ff.; ders., GA 1996, 10; ders., FS Jakobs, S.158. -Ebenso]akobs,
7
Jakobs, Zurechnung, S. 42. AT, 7/58; ders., System, S. 27, 35; ders., GS Armin Kaufmann, S. 284; Freund, AT, § 6 Rn. 64;
8
Perdomo-Torres, Garantenpflichten, S. 142. ders., Erfolgsdclikt, S. 72, 116; ders., FS Herzberg, S. 234 f.; Frisch, Verhalten, S. 378; f(re-
9
Jakobs, FS Miyazawa, S. 422. mer-Bax, Verhaltensunrecht, S. 25 f., 69; Schlehofer, Vorsatz, S. 60; ders., FS Herzberg, S. 359;
1º Perdomo-Torres, Garantenpflichten, S. 152.
160 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers
A. Das System der Zustandigkeiten 161
19
ner sozialen Verantwortung ist" . Indem die herkommliche Auffassung sich
herkommliche Strafrechtsdogmatik nicht in Abrede stellen, daB ein Fundus all-
einer solchen ,,normativcn Abstrahierung" 2º verweigert, zeigt sie sich einem
gemeiner Figuren der Zustandigkeitsbegründung die unverzichtbare Basis je-
typologi~chen Dcnken verh~ftet, das der Allgemeingültigkeit eines streng
der strafrechtlichcn Verantwortungszuschreibung darstellt. ,,Es giebt Verbre-
systematischen Vorgchens ,,die Anschaulichkcit nicht opfern [wil1]"21_
chen, die commitendo, und andere, die omittendo begangen werden. Man mag
Allerdings bricht die herkommliche Strafrechtsdogmatik selbst mit dieser
auf die eine oder die andere Art handeln, so ist es immer strafbar, wenn dadurch
Verfahrcnsweise, sobald die Zustandigkeitsverteilung zweifelhaft wird. Dies
obhabende Pflichten verletzt werden" - so hat der Hallenser Rechtslehrer Ernst
lehrt ein Blick auf eines der Paradepferde des heutigen Strafrechtsdcnkens die
Christian Westphal diesen Befund bereits im Jahre 1785 auf den Begriff ge-
Lehre _v?nder objektiven Zurechnung. In deren Zcntrum steht eine Verteilung bracht25.
von R1s1kozustandigkeiten und damit eine Abgrenzung von Verantwortungs-
Die Unterscheidung zwischen Tun und Unterlassen verlicrt in dieser Per-
b_ereiche~[Link]~ltig, ob es um die zurechnungsunterbrechende Wirkung
spektive erheblich an Gewicht; sie betrifft nur mehr ,,die Technik [... ], mit der
emer fre1v~rantwo~thchen Selbstschadigung bzw. -gefahrdung des Verletzten
ein Verpflichteter seinen Pflichten nachzukommen hat, also Fragen von durch-
oder um die Auswirkungen des eigenverantwortlichen Dazwischentretcns ci-
aus sekundarer Bedeutung" 26. Die normativen Kriterien der Tatbestandsver-
nes Dritten geht - stets besteht das Ziel darin, die tatbestandliche Reichweite
wirklichung sind für Tun und Unterlassen hingegen identisch. Für die Gruppe
von Begehungsdelikten unter Berufung auf die Begrenztheit dcr rechtlichen
der sogenannten Pflichtdelikte, in denen ,,jemand gcgen die Leistungsanforde-
Einstandspflicht des Taters zu verengen. Die Frage nach Grund und Grenzen . 1en Ro 11 ..D " 27 '. er l<..enntd'1es
rungen einer von ihm übernommenen soz1a e verstoDt
di~ser Einstan~spflicht aber bildet den Gegenstand der allgemeinen Zustandig-
mit Roxin auch ein einfluBreicher Vertreter der herrschenden Memung an: Wo
ke1tslehre. An 1hr finden alle Einzelüberlegungen zur objektiven Zurechnung
23 schon das positive Tun durch eine Pflichtverletzung gekennzeichnet und des-
1:Ialt ~nd _MaBstab . Bei der Lehre von der objektiven Zurechnung handelt es
halb strafbar sei, gebe es ,,zwischen Begehen und Unterlassen keine strukturel-
s1chnamhch nur dann um mehr als eine letztlich beliebige ,,Rumpelkammer für
len Unterschiede" 28. 1st aber crst einmal erkannt, daB das Moment dcr Pflicht-
ungeloste Tatbestands- und Rechtfertigungsprobleme" 24, wenn es ihr gelingt,
verletzung nicht eine Besonderheit einzelner Straftatbcstande darstellt, s?nder_n
Grund un~ Gren~en der Verantwortlichkcit des einzelnen für die Integritatsin-
sdmtlichen Delikten eigen ist 29, muB dieser Bcfund Roxins entgegen scmer e1-
teressen semer M1tbürger aus einer einheitlichen systematischen Wurzel abzu-
genen Unterscheidung zwischen Herrschafts- und Pflichtdeli(nen verallge~ei-
le_ite:1- j~_nenallgemeinen Figuren der Zustandigkeitsbegründung, denen die
nert werden. Besteht das Proprium strafbaren Unrechts dann, daB der Tater
h1es1genUberlegungen gelten. Konsequent durchgeführt, kann somit auch die
seiner Verpflichtung zuwiderhandelt, an der Aufrechterhaltung des bestehen-
den Zustandes der Freiheitlichkeit mitzuwirken, und bestimmt sich der Um-
grundsatzlich auch Donatsch, Sorgfaltsbemessung, S. 17, 117 f.; Sangenstedt, Garantenstel-
lunf,9 S. 296; Schtiltz, Amtswalterunterlasscn, S. 75; S. Walter, Pflichten, S. 108 f., 124.
fang dieser Verpflichtung nach dem MaB seiner Zustandigkeit für die Integritat
Herzberg, Unterlassung, S. 172.
20 25
Herzberg, Unterlassung, S. 196. Westphal, Criminalrecht, S. 13. . . .
21
26 Jakobs, Zurechnung, S. 35. - Besonders sinnenfallig wird d1e~er Befund 1m Be:e!Ch
Herzberg: JZ 1988, 578. - Exemplarisch für einc solche Haltung: Brammsen (JZ 1989,
technischer Prozesse, wo in vielen Fallen Funktionen, die herkiimmhch durch_ mensc_hhches
74), der der Pos1t10n Herzbergs eme ,,begnffshypertrophierende" MiGachtung des üblichen
Handeln ausgeführt wurden, an automatisierte Verfahren delegiert worden smd, be1 ?enen
Sprachg~brauchs vorwirft; Mosenheuer (Unterlassen, S. 53), der vor einer ,,unschonen Ver-
der Mensch im wesentlichen nur noch Kontroll- und Uberwachungsaufgaben wahrmmmt.
ko_mpl_1z1er~ngder _Prüfung" warnt; Schü~emann (Stand, S. 53), der einc Verzeichnung der
Eine rein technisch bedingte Modifikation der Verhaltensablaufe aber kann, wie _Birnbach_er
W1rkhchke1t und eme ,,ungeheure semant1sche Verarmung" moniert (zustimmend Kuhlen
FS Puppe, S. 676). ' (Tun, S. 22) zu Recht feststellt, ,,schwerlich als hinreichend~ Rechtfertigu_ng für eme so we1t-
22
gehende moralische Differenzierung der Verantwortung d1enen, wte s1e 1m Zusa_mmenhang
Vgl. etwa]akobs, A1~ 7/72ff.; Kindhatiser, AT, § 11 Rn.22ff.; Kühl, AT, §4 Rn. 83ff.;
mit Handeln und Unterlassen üblicherweise vorgenommen wird" (ebenso bere1ts Phzlipps,
Ot;~' J\T, §_6 Rn. 53 ff.; Rengzer, AT, § 13 Rn. 77 ff.; Roxin,
AT 1, § 11 Rn. 106 ff.
Handlungsspielraum, S. 140 ff.). Unberechtigt ist deshalb di~ in§ 13 Abs. 2 StGB für Un-
· Ahnlich MK-Schlehofer, ~or §§ 32 ff. Rn. 108 f.;]akobs, Zurechnung, S. 26 ff.; Müssig,
terlassungsdelikte vorgesehene fakultative Strafmilderung. _Be1den z_ugun5.ten emer solchen
Mord, S. _129;ders., FS Rudolph1, S. 172 ff.; ders., FS Jakobs, S. 408 f.; Perdomo-Torres, Ga-
Strafmilderung angeführten Gesichtspunkten handelt es s1ch, s_owe1ts1e uberhaupt Beach-
rantenpfüchten, S. 143 ff.; Voflgatter, Handlungslehren, S. 133 f.· Reyes ZStW 105 (1993) 108
120f., 131. , , ' ' tung verdienen, um nicht-unterlassungsspezifische F_akto:·en.. S1e s1~d deshalb 1m Rahmen
24
der allgemeincn Strafzumessungsüberlegungen zu berucks1cl1t1gen (emgehend dazu Lerman,
. f!ilgendorf, FS Weber, S. 44. - Ihr angeblicher Eklektizismus wird der Lehre von dcr
GA 2008, 78 ff.).
ob1elrnve~ Zurechnung immer wieder vorgehalten; reprasentativ NK-Paeffgen, Vor §§ 32 ff. 27 Roxin, AT 2, §25 Rn.268.
Rn. 35; Kupper, Grenzen, S. 83, 99 f., 111, 116; Lippold, Rechtslehre, S. 240; Hilgendorf, aaO, 2 8 Roxin, Taterschaft, S. 461. - Ebenso ]akobs, AT, 7/70.
S. 35, _44;Hirsch, FS Lenckner, S. 129, 141; Armin Kaufmann, FS Jescheck, S. 269 f.; Maiwald,
FS M1yazawa, S. 481; Struensee, GA 1987, 97. 29 Trcffend Maurach!Gossel!Zipf, AT 2, § 42 Rn. 10 f.; Putzke, 2. FS Roxin, S. 434; Schle-
hofer, FS Herzberg, S. 359 f.
162 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers A. Das System der Zustandigkeiten 163

einer fremden Rechtssphare, so ist die systematisch maBgebliche Unterschei- et abstine), die positiven Pflichten seien hingegen Begehungspflichten (viribus
dung nicht diejenige zwischen Tun und Unterlassen, sondern diejenige zwi- concessis utere) 36 .
schen den verschiedenen Zustandigkeitstatbestanden 3º. In der Tugendlehre bleibt die Unterscheidung zwischen negativen und posi-
Bezeichnenderweise hat die heutige Garantenlehre ihre Wurzeln in einer all- tiven Pflichten systematisch folgenlos: beide Gruppen von Pflichten gehoren
gemeinen pflichten- und staatstheoretischen Diskussion: der Unterscheidung nach Kant gleichermaBen zum Kreis der Pflichten gegen sich selbst 37 • Anders
zwischen negativen und positiven Pflichten und der Frage, inwieweit letztere sieht es im Bereich der Rechtslehre aus. Pufendorf 38 , Christian Wolff 39 und, an
zum Gegenstand rechtlicher, zumal strafrechtlicher Regelungen gemacht wer- diesen anknüpfend, das Preufüsche Allgemeine Landrecht 40 nehmen noch un-
den dürfen. Erst das ,,MiBgeschick der falschen Fragestellung" 31 hat zu ihrer bedenklich eine Rechtspflicht des einzelnen an, zu tun, was die Wohlfahrt des
heutigen Verengung auf den Kreis der unechten Unterlassungsdelikte geführt Gemeinwesens befordere. Demgegenüber bezieht sich der kantische Rechtsbe-
(II.). Das hiesige System der Zustandigkeiten (III.) knüpft demgegenüber an die griff, auch insoweit dem Vorbild Achenwalls 41 und nicht zuletzt demjenigen
ursprüngliche legitimationstheoretische Fragestellung an: Auf welche Weise Mendelssohns 42 folgend, nicht auf ,,das Verhaltnis der Willkür auf den Wunsch
lassen sich strafrechtlich relevante Verpflichtungstatbestande begründen? (folglich auch auf das bloBe Bedürfnis) des anderen [... ], sondern lediglich auf
die Willkür des anderen" 43 • Unter dem Dach eines solchen Rechtsverstandnis-
ses ist lediglich für negative Pflichten Raum; Kants Ablehnung eines Notrechts
II. Zur Genealogie der Lehre von den Garantenstellungen
legt ein beredtes Zeugnis dafür ab 44 •
l. Zustandigkeitslehre als Pflichtenlehre Da negative Pflichten der in der Tugendlehre hergestellten Verknüpfung von
Pflichtenarten und Begehungsformen zufolge durchweg in der Gestalt von Un-
a) Die Auffassung Kants terlassungspflichten auftreten, scheint dem Recht nach Kants Konzeption die
In seinem einfluBreichen Naturrechtskompendium - kein Geringerer als Kant
legte es seinen Vorlesungen zugrunde 32 - unterscheidet Gottfried Achenwall 36 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 551. - Diese Zuordnung findet sich noch in der neueren phi-

zwei Typen von Rechten und ihnen korrespondierenden Pflichten: ,,Ein Recht, losophischen Literatur (etwa bei Kersting, Kritik, S. 122 f.; dems., Liberalismus, S. 26; Knoll,
soweit es mit einer positiven oder affirmativen Verbindlichkeit eines anderen Minimalstaat, S. 13;Nunner-Winkler, Verantwortung, S. 170; differenzierend Liibbe, Verant-
wortung, S. 81 ff.) sowie im jüngeren strafrecht!ichen Schrifttum (Ronnau, Willensmangel,
verbunden ist, heifü affirmatives Recht, soweit mit einer negativen, negatives. "33
S. 436; Hoyer, Verhaltnismafügkeitsgrundsatz, S. 109; Kiihl, FS Herzberg, S. 179 ff.; ders., JuS
Den unterschiedlichen Pflichtinhalten korrespondieren Achenwall zufolge un- 2007, 498; Samson, FS Welzel, S. 591 ff.; Seelmann, SchwZStr 125 [2007], 278; im Ausgangs-
tersc~iedlic~e Begehungsformen: Positive Pflichten seien Handlungspflichten, punkt auch Schulte [Garantenstellungen, S. 17f.J, der seine ursprüngliche Position im weite-
negat1ve Pflrchten Unterlassungspflichten 34 • Kant übernimmt diese Paralleli- ren Verlauf seiner Ausführungen allerdings erheblich modifiziert [aaO, S. 183, 225]). - Kri-
sierung von Pflichtinhalt und Begehungsform. In seiner Lehre von den Pflich- tisch dazu Birnbacher, Tun, S. 173 H.
37 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 551.
ten gegen sich selbst, die er im zweiten Teil der Metaphysik der Sitten, der Tu- 38 Pufendorf, Pflicht, I/3, § 9 (S. 48); II/18, § 4 (S. 211).

gendlehre, entfaltet, unterscheidet Kant negative Pflichten, welche auf die bloBe 39 Ch. Wolff, Gedanken, § 462 (S. 381).
40 Einleitung § 73 PrALR.
Selbsterhaltung, und positive Pflichten, welche auf die Vervollkommnung seiner
41
35 Vgl. Achenwall!Piitter (Anfangsgründe, § 229 [S. 79]): ,,Der Zweck des ganzen Natur-
selbst gingen • Die negativen Pflichten seien Unterlassungspflichten (sustine
rechts liegt deshalb darin, daG jedermann wohlbehalten und unversehrt von Verletzungen
durch einen anderen bleibt. Über die Erhaltung hinaus strebt es nicht. Diese Erhaltung ist
30 aber meilenweit entfernt von der Glückseligkeit, die vom Recht überhaupt ganzlich ignoriert
Grundlegend ]akobs, Handlungsbegriff, S. 19 ff., 30 ff.; ders., Zurechnung, S. 36 ff. wird." Allerdings miGachtet Achenwall bei seiner Behandlung des Staatsrechts erstaunlich
- Ebenso MK-Freund, § 13 Rn. 60 ff.; ders., AT, § 2 Rn. 19, § 6 Rn. 49; ders., Erfolgsdelikt, unbefangen die eingangs gezogenen Grenzen. Nunmehr konzediert er dem Oberherrn in ty-
L;
S. 68 H., 79 ders., FS Herzberg, S. 228 ff.; Gauger, Dogmatik, S. 200 ff.; Perdomo-Torres, pisch spataufklarerischer Manier ,,das Recht, für alles das zu sorgen, was zur Vervollkomm-
Garantenpfüchten, S. 155 ff.; Sánchez-Vera, Pflichtdelikt, S. 51 ff.; Timpe, Strafmilderungen, nung der Untertanen an Seele und Kiirper und in ihren Verhaltnissen überhaupt gehort" (aaO,
S. 187; Reyes, ZStW 105 (1993), 118 f., 125; Volk, FS Trondle, S. 226 ff., 237. § 718 [S.233]). Selbst dem Strafrecht erlegt Achenwall nun die doppelte Aufgabe auf, Sorge
3
~ So - freilich mit ganzlich anderer Zielrichtung- Nagler, GS 111 (1938), l. dafür zu tragen, ,,l. daG die innere Sicherheit bestehen bleibt, 2. daG die Bürger gut werden"
3
Schroder, Achenwall, S. 325. (aaO, § 872 [S.291]).
33
Achenwall/Piitter, Anfangsgründe, § 261 (S. 89). 42
Mendelssohn, Jerusalem, S. 36.
34
Achenwall/Piitter, Anfangsgründe, § 261 (S. 89). - Ebenso bereits Pufendorf, Pflicht 43 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 337.
I/6, § 2 (S. 72). ' ' 44 Dazu im einzelnen Kiihnbach, Solidaritatspflichten,
35 S. 18 ff.; Kiiper, Kant, S. 6 ff.;
Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 551.
Pawlik, Notstand, S. 18 ff.
164 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers A. Das System der Zustdndigkeiten 165

Statuierung von Handlungspflichten prinzipiell verwehrt zu sein. Eine derart treter cines strikt negativen Rechtsbegriffs nehmen ihre Zuflucht zu der An-
formalistische Position halt jedoch nicht einmal Kant selbst durch 45 • Exempla- nahme, daB die Eltern durch den Akt der Beiwohnung einen Vertrag zugunsten
risch dafür ist die innerhalb der kantischen Konzeption zentrale Pflicht, den des Kindes abgeschlossen hatten 55 , bzw. zu der Erwagung, daB sie dieses durch
Naturzustand zu verlassen und in den bürgerlichen Zustand überzugehen 46 . Sie Zeugung und Geburt in einen hilflosen Zustand versetzt hatten, aus dem sic
verlangt ein aktives Tatigwerden, d.h. ein Begehen 47 • Aber auch an einer weni- ihm hernach heraushelfen müfüen 56 • Den letzteren Gedanken macht sich so-
ger prominenten Stelle, in der Vertragslehre, wird Kant seinem Ausgangspunkt gar Kant zu eigen: Die Eltern hatten durch den Akt der Zeugung ,,cine Person
untreu. Durch den Vertrag erwerbe ich nach Kant ,,das Versprechen eines ande- ohne ihre Einwilligung auf die Welt gesetzt, und eigenmachtig in sic herüber
ren", mir eine bestimmte Leistung zu erbringen 48 . Indem ich die Handlungs- gebracht"; für diese Tat treffe die Eltern nun die Verbindlichkeit, die betreffende
freiheit des anderen in Besitz nehme, erweitere ich meine eigene Handlungs- Person, ,,so viel in ihren Kraften ist, mit diesem ihrem Zustande zufrieden zu
machtigkeit, wahrend sich der Freiheitsbereich des Versprechenden entsprechend machen" 57 .
vermindert 49 ; ,,ich bin vermogender (locupletior) geworden" 5º, er hat Vermi:i- Auf den ersten Blick hat es zwar den Anschein, als operiere Kant hier der
gen eingebüfk Wenn der Versprechende den Vertrag bricht, indem er mir die Sache nach mit der Begründungsfigur der Ingerenz und verbleibe damit inner-
versprochene Leistung vorenthalt, fügt er mir somit einen Schaden zu, nicht halb eines am neminem laedere-Gedanken orientierten Rechtsverstandnisses 58 .
anders als derjenige, der mir mein Eigentum entwendet 51 • Die Verpflichtung, So verstanden, ware die Überlegung Kants jedoch nicht haltbar. Der Ingerenz-
geschlossene Vertrage zu halten, und die Pflicht, im Falle cines Vertragsbruchs gedanke hat zur selbstverstandlichen Voraussetzung, daB vor dem Eingriff des
Schadensersatz zu leisten, stehen somit auf derselben Stufe wie die Verpflich- Taters ein Subjekt existierte, das sich cines relativ gefahrlosen Daseins erfreute.
tung, fremdes Eigentum zu achten; in beiden Fallen handelt es sich um negative Das spatere Kind hingegen war vor seiner Zeugung schlechthin inexistent. So-
Pflichten. Erfüllt werden jene Verpflichtungen jedoch in der Regel durch posi- bald es überhaupt existierte, war es hilflos, abhangig und gefahrdet. Dadurch,
tive Handlungen 52 • Ebenso verha!t es sich mit der von Kant ausdrücklich aner- daB sie überhaupt auf die Welt gesetzt werden, verlieren die Kinder also nichts.
kannten rechtlichen Verantwortung der Eltern für das Wohl ihrer Kinder 53 : Mit Eine ausgleichungsfahige EinbuBe erleiden sie - einmal geboren - allenfalls da-
Unterlassungen lafü sich hier nicht viel ausrichten, die Eltern müssen vielmehr durch, daB staatliche Stellen es unterlassen, sie in ihre Obhut zu nehmen, weil
in mannigfacher Weise aktiv tatig werden. sie den normativen Vorrang der Eltern respektieren, wie er in Deutschland in
Die Versorgungspflicht der Eltern gegenüber ihren Kindern ist darüber Art. 6 Abs. 2 GG festgeschrieben ist. Aber gleichgültig ob die Eltern oder der
hinaus auch unvereinbar mit Kants These, als Rechtspflichten kamen lediglich Staat tatig werden - in beiden Fallen wird vorausgesetzt, daB das Kind ein vor-
negative Pflichten in Betracht. Einige Zeitgenossen Kants losen dieses Span- gangiges Recht auf Fürsorge besitzt. Kants Begründungsansatz erweist sich
nungsverhaltnis zu Lasten der Kinder auf und behaupten, diese hatten keinen mithin erst dann als sachgerecht, wenn man ein Recht des Kindes auf positive
ursprünglichen Rechtsanspruch auf Unterstützung und Pflege 54 • Andere Ver- Zuwendung dem Grunde nach bereits bejaht hat: Wer ware eher zur Sorge für
die hilflosen Kinder berufen als diejenigen, die ihre Entstehung und Geburt zu
verantworten haben? 59 Aus Kants ursprünglichem Rechtsbegriff aber lassen
45 Entsprechendes gilt vice versa für den Bereich der ,,Tugendlehre"; dazu Birnbacher, sich ein solches Recht und die ihm korrcspondicrende Pflicht nicht ableiten.
Tun, S. 188 f.
46 Kant, MS, Werkc Bd. 7, S. 424. b) Modifikationen der kantischen Position bei Schopenhauer und Hegel
47 Kersting, Macht, S. 13.
48 Kant, MS, Wcrke Bd. 7, S. 386. In der zeitgcni:issischen philosophischen Literatur sind die Mangel von Kants
49 Kersting, Freiheit, S. 297. Position rasch erkannt und korrigiert worden. In seltener Eintracht beharren
so Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 386. sowohl Schopenhauer als auch Hegel darauf, die Frage nach dem Rechtsgrund
51 So ausdrücklich Pufendorf, Pflicht, I/6, § 5 (S. 73).
52 Kants Freund Mases Mendelssohn hat dies für den Fall des Schadensersatzes ausdrück-

lich eingeraumt: Die Entschadigung ,,ist zwar eine positive Handlung; die Verbindlichkeit
aber zu derselben flieGet im Grunde aus der Unterlassungspflicht: beleidige nicht! denn der 55 Mendelssohn, Jerusalem, S. 40. -Ahnlich (der Akt der Zeugung kéinne verglichen wer-

Schaden, den ich meinem Nachsten zugefügt habe, ist, so lange er seiner Wirkung nach nicht den mit dem Akt des Versprechens) jüngst Ricleen, Warum, S. 93.
aufgehoben wird, als eine fortgesetzte Beleidigung anzusehen" (Mendelssohn, Jerusalem, 56 Hopfner, Naturrecht, § 160 (S. 152); Meister, Lehrbuch, § 421 (S. 363 ff.).

S.37). 57 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 394.


53
Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 393 f. 58 Zur Herkunft der Ingerenz aus dem neminem laedere-Grundsatz siehc unten S. 180 ff.
54
v. Gros, Lehrbuch, § 122 Anm. (S. 86 f.); Schmid, GrundriG, § 202 (S. 90). 59 NK-Wohlers, § 13 Rn. 59; Kühl, AT, § 18 Rn. 49; v. Coelln, Einstehenmüssen, S. 196.
166 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers A. Das System der Zustdndigkeiten 167

einer Pflicht müsse von der Typik der Verhaltensformen entkoppelt werden. erkennt, daB das Recht in seiner Eigenschaft als ,,Dasein des freien Willens" 7º
Nicht weniger energisch als Kant beschrankt auch Schopenhauer den Bereich die Existenz von Hintergrundinstitutionen voraussetzt, die praktisch-rechtli-
des juridischen Unrechts auf die Verletzung negativer Pflichten: Die Gerechtig- ches Selbstsein überhaupt erst ermoglichen 71 • Dazu gehoren insbesondere
keit fordere lediglich, keinem das Seinige zu nehmen 60 ; Unrecht sei der ,,Ein- Institutionen der Primarsozialisation - bei Hegel: die (bürgerliche) Familie -
bruch in die Granze fremder Willensbejahung" 61 • ,,Hieraus scheint zu folgen", und eine freiheitsfreundliche politische Ordnung - der Staat. Hegel verwendet
so fahrt Schopenhauer fort, ,,daG jedes Unrecht ein positiver Angriff, eine That deshalb viel Mühe auf den Nachweis, daB weder die Alimentations- und Erzie-
seyn müsse." Dem sei aber nicht so. Es gebe vielmehr Handlungen, ,,durch de- hungspflicht der Eltern noch die Pflichten der Staatsbeamten anhand der Kate-
ren bloBe Unterlassung man einen Andern verletzt, d.h. Unrecht begeht" 62 • So gorien des abstrakten Rechts erfafü werden konnen.
verhalte es sich, wenn der Unterlassende sich zuvor ,,zu einer solchen Handlung Die Familie sei ein ,,sittliches Ganzes" 72 , in dem das Privatinteresse gemein-
anheischig gemacht, d.h. eben verpflichtet hat" 63 . Schopenhauer spricht damit samen Zwecken untergeordnet sei73 • Die Rechte, die die Familie zu ihrer Grund-
aus, was bei Kant ungesagt bleibt: Man kann negative Pflichten gegen andere lage hatten, seien daher ,,sehr verschieden von den Rechten, die wir mit dem Ei-
nicht nur durch positives Tun, sondern auch durch Unterlassen verletzen. gentum [d.h. im Rahmen des abstrakten Rechts, M. P.] abhandelten" 74• Der ein-
Auch Hegels abstraktes Recht ist ein Recht der negativen Freiheit. Das Ge- zelne figuriere innerhalb ihrer ,,nicht als eine Person für sich, sondern als Mit-
bot, den anderen als Person zu respektieren 64 , bedeute nicht mehr als ein: ,,LaG glied "75, das zuvorderst den gemeinsamen Familienzwecken verpflichtet sei76 .
ihn für sich sein" 65 • ,,Ich bin im Recht als einzelne Person für mich, ich soll den Zu diesen Zwecken gehéire es, die Kinder, die ,,als Menschen [... ] zur Freiheit be-·
Anderen auch in seiner Einzelnheit lassen, nicht berühren, nicht storen und er stimmt" seien77 , dazu in den Stand zu setzen, aus der Familie herauszutreten und
mich ebenso. Die Grundbestimmung ist das gegenseitige AusschlieBen, das selbstandig zu werden 78 • Indem die Eltern das Recht ihrer Kinder erfüllen, er-
Lassen des Anderen wie er ist."66• Aus diesem Grund gibt es nach Hegel im ab- nahrt und ,,zur Selbstandigkeit und freien Personlichkeit" 79 erzogen zu werden,
strakten Recht ,,nur Rechtsverbote" 67 • Diese Verbote aber kann man, wie Hegel neutralisieren sie Hegel zufolge also nicht lediglich ein vorangegangenes Gefahr-
hervorhebt, nicht nur durch aktives Tun, sondern auch durch Unterlassen ver- dungsverhalten; vielmehr verwirklichen sie einen positiven Zweck der von ihnen
letzen. Als Beispiel zieht auch er die Verpflichtung zur Vertragstreue heran. Die aus freiem EntschluG begründeten Institution Familie. Entsprechendes gilt für
Verpflichtung, geschlossene Vertrage zu halten, enthalte zwar auch positive den ,,allgemeinen Stand" 8º, die Staatsbeamten. Weil die Behorde, in welche die
Handlungen 68; ,,allein die Grundlage bleibt doch negativ; daB ich das, worauf Beamten eintreten, ,,ein besonderer, durch die Konstitution berechtigter Zweig
der andere schon ein Recht hat, nicht für mich behalte" 69 . Eine Eins-zu-Eins- Be- des allgemeinen Geschafts" sei81 , sei das Amtsverhaltnis kein abstrakt-rechtli-
ziehung zwischen Pflichtentyp und Begehungsform gibt es somit auch bei He- ches Vertragsverhaltnis 82 . ,,Das Geschaft ist etwas, das an und für sich sein muB,
gel nicht. und der Inhalt des Verhaltnisses fallt deshalb nicht in die Willkür." 83 Das durch
Vor allem aber zeigt Hegel, daB das abstrakte Recht mit seiner Beschrankung dienstwidrige Handlungen - gleichgültig ob durch Nichtleistung oder positive
auf negative Pflichten lediglich ein Teilmoment der Rechtsidee ausmacht. Hegel Verletzung - angerichtete U nrecht sei daher ,,Verletzung des allgemeinen Inhalts

60 Schopenhauer, Grundprobleme, Werke Bd. III, S. 574.


61
Schopenhauer, Welt, Werke Bd. I, S.434. 70 Hegel, Grundlinien, § 29, Werke Bd. 7, S. 80.
62
Schopenhauer, Grundprobleme, Werke Bd. III, S. 577. 71 Naher dazu Pawlik, Verhalten, S. 130 ff.
63 72 Hegel, Philosophie des Rechts, S. 250 (Mitschrift Homeyer).
Schopenhauer, Grundprobleme, Werke Bd. III, S. 577.
64 Hegel, Grundlinien, § 36, Werke Bd. 7, S. 95. 73 Hegel, Vorlesungen, Bd. 3, S. 518 (Nachschrift Hotho).
65 Hegel, Vorlesungen, Bd. 3, S. 194 f. (Nachschrift Hotho). 74 Hegel, Philosophie des Rechts, S. 94 (Mitschrift Wannenmann).
66 Hegel, Vorlesungen, Bd. 4, S. 176 (Nachschrift v. Griesheim). 75 Hegel, Grundlinien, § 158, Werke Bd. 7, S. 307.
67 76 Vgl. Hegel, Vorlesungen, Bd. 3, S. 508 (Nachschrift Hotho).
Hegel, Grundlinien, § 38, Werke Bd. 7, S. 97.
68 77 Hegel, Vorlesungen, Bd. 3, S. 553 (Nachschrift Hotho).
Hegel, Philosophie des Rechts, S. 45 (Mitschrift Wanncnmann), 224 (Mitschrift Ho-
meyer). 78 Hegel, Grundlinien, § 175, Werke Bd. 7, S. 327 f.
69
Hegel, Philosophie des Rechts, S. 224 (Mitschrift Homeyer). Entgegen der Behaup- 79 Hegel, Grundlinien, § 175, Werke Bd. 7, S. 327.

tung Schünemanns (Grund, S. 122) von der ,,Gleichwertigkeit bzw. Glcichberechtigung von 80 Hegel, Grundlinien, § 303, Werke Bd. 7, S. 473.

Gebot und Verbot'' besteht somit im Bereich des abstrakten Rechts sehr wohl ein Stufenver- 81 Hegel, Philosophie des Rechts, S. 170 (Mitschrift Wannenmann).
82 Hegel, Grundlinien, § 294 A, Werke Bd. 7, S. 462.
haltnis zwischen beiden, und deshalb ist hier moglich, was Schiinemann (aaO) kategorisch für
83 Hegel, Philosophie des Rechts (Vorlesung von 1819/20), S. 257.
ausgeschlossen erklart: Gebote aus Sinn und Zweck der Verbotsnorm zu entwickeln.
A. Das System der Zustdndigkeiten 169
168 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

selbst" - ein negativ-unendliches Urteil - und ,,deswegen Vergehen oder auch pflichten. Wenn er in§ 24 apodiktisch formuliert, die ursprüngliche Verbindlich-
Verbrechen" 84 . keit des Bürgers gehe nur auf Unterlassungen 89 , so ist dies der begehungsform-
Mit Schopenhauers und Hegels Ausführungen ké:innen die beiden zentralen bezogene Reflex einer genuin pflichtentheoretischen Position. Für die Einsicht
Thesen Kants - die Annahme einer Parallelitat von Pflichtenart und Bege- Schopenhauers und Hegels, dag negative Pflichten sich auch in der Gestalt von
hungsform sowie die Beschrankung des Rechtsbereichs auf negative Pflichten Geboten augern ké:innen,ist deshalb bei Feuerbach kein Raum; die ,,Verbindlich-
- als widerlegt gelten. In einem, dem im hiesigen Zusammenhang entscheiden- keit zur Begehung" ist bei ihm vielmehr in tato augerhalb des ursprünglich-ne-
den Punkt aber sind alle drei Autoren einig: Eine spezifische Unterlassungs- gativen Verpflichtungstyps angesiedelt. Da Feuerbach als Dogmatiker des posi-
problematik existiert für sie nicht. Ihr systematisches Interesse gilt der Frage, tiven Rechts derartige Verbindlichkeiten aber auch nicht in Bausch und Bogen
welche Pflichten ein Staat zwangsweise, und gar mit den Instrumenten des verwerfen kann - so weit ist, wie gesehen, nicht einmal Kant gegangen -, be-
Strafrechts, durchsetzen darf; das Phanomen des Unterlassens nehmen sie al- gnügt er sich damit, ihre Zulassigkeit vom Vorliegen eines ,,besonderen Rechts-
lenfalls als Folgeproblem dieser pflichtentheoretischen Fragestellung in den grund[es]" abhangig zu machen 90 • ,,Ohne diesen wird man durch Unterlassung
Blick. kein Verbrecher." 91
Feuerbachs Darlegungen sind somit nur verstandlich vor dem Hintergrund
2. Die Anfange der strafrechtlichen Garantendiskussion einer kantisch-liberalen Rechtspflichtkonzeption 92 ; sie werden jedoch gekleidet
in das Gewand einer bereits zu Feuerbachs eigener Zeit überholten Begehungs-
a) Die ,,besonderen Rechtsgründe" bei Feuerbach formenlehre. Eine schwerwiegende Verzeichnung der legitimationstheoretischen
Folgenreicher als die Lehre Hegels sind für die strafrechtliche Diskussion al- Zusammenhange ist die Folge. So umfassen Feuerbachs ,,besondere Rechts-
lerdings die Ausführungen Feuerbachs. Der § 24 von Feuerbachs Lehrbuch gilt gründe" sowohl negative Pflichten - aus Vertrag - als auch positive Pflichten
als Ausgangspunkt der seitherigen Unterlassungsdogmatik 85 • Allerdings über- ganz unterschiedlicher Provenienz und Qualitat: einerseits die gesetzlich vorge-
lagern sich dort auf wenigen Zeilen mehrere Argumentationsstrange; sondert schriebenen Anzeige- und Beistandspflichten 93 , andererseits die Amtspflichten.
man in ihnen das Unproblematische vom Fragwürdigen, so fallt das Urteil über Auf die Berechtigung dieser positiven Pflichten geht Feuerbach in § 24 mit kei-
Feuerbachs Leistung erheblich kritischer aus, als es der üblichen Lesart ent- nem Wort ein, obgleich sie, wie gesehen, in einem prekaren Verhaltnis zu dem von
spricht. ihm vorausgesetzten Rechtsbegriff stehen. Feuerbach gelingt insofern nur eine
Der Stellung des § 24 in dem Abschnitt über Begriff und Eintheilung des Ver- formale, nicht hingegen eine inhaltliche Integration der Unterlassungsdelikte in
brechens entsprechend bemüht sich Feuerbach zunachst darum, die Existenz von seine Verbrechenskonzeption. Stillschweigend ersetzt er die seine philosophi-
Unterlassungsdelikten mit seinem Verbrechensbegriff zu harmonisieren. Da das schen Zeitgenossen umtreibende Rechtsgrundfrage - welche Pflichten lassen sich
Verbrechen eine Verletzung fremder Rechte darstelle 86 , setze das strafbare Un- im Lichte des Rechtsbegriffs rechtfertigen? -durch eine schlichte Rechtsquellen-
terlassen voraus, dag der Verletzte ,,ein Recht auf wirkliche Auesserung unse- frage: Er beschrankt sich darauf, die unterschiedlichen Entstehungsgründe der
rer Thatigkeit" habe 87 : ohne Recht keine Rechtsverletzung. Über den Inhalt des einzelnen Pflichten zu benennen, geht aber auf deren materielle Dignitat nicht
Begriffs der Rechtsverletzung sowie über den Zusammenhang von Rechtsbe- ein. Die von Feuerbach begründete Auffassung wird, erganzt um die Fallgrup-
griff und Begehungsform ist mit diesem Befund freilich noch nichts ausgesagt. pen der ,,besonderen Rechtsverhaltnisse" 94 und der Ingerenz 95 , die nachfolgende
In diesen Fragen erweist Feuerbach sich als orthodoxer Kantianer. Mit Kant teilt
er zum einen die Auffassung, dag das Recht, zumal das Strafrecht, grundsatz- 89 Feuerbach, Lehrbuch, § 24 (S. 50).
lich auf die Statuierung negativer Pflichten beschrankt sei: Eine verbrecherische 90 Feuerbach, Lehrbuch, § 24 (S. 50). - An spaterer Stelle erwahnt Feuerbach als ,,beson-
Rechtsverletzung begehe, wer die Grenzen seiner eigenen rechtlichen Freiheit deren Rechtsgrund" darüber hinaus noch die ,,übernommene Amtsverbindlichkeit" (aaO,
§ 49 [S. 93]).
überschreite und fremde Freiheit verletze 88 . Von Kant übernimmt Feuerbach 91 Feuerbach, Lehrbuch, § 24 (S. 50). - Ebenso Bauer, Lehrbuch, S. 100; Heffter, Lehr-
darüber hinaus auch die Gleichsetzung negativer Pflichten mit Unterlassungs- buch, § 81 (S. 97); Henke, Handbuch, 1. Theil, S. 396; Martín, Lehrbuch, § 69 (S. 153);Schroter,
Handbuch, Bd. 1, § 76 (S. 118);Spangenberg, NACrim 4 (1829), 528.
84 92 Ebenso Jakobs, Strafrecht, S. 112; Schünemann, FS Amelung, S. 305, 309.
Hegel, Grundlinien, §294 A, Werke Bd. 7, S. 462.
85 93 Einen Überblick übcr die zur Zeit Feuerbachs geltenden gesetzlichen Handlungspflich-
Vgl. nur Rudolphi, Gleichstellungsproblematik, S. 5.
86 Feuerbach, Lehrbuch, § 21 (S. 45). ten gibt Spangenberg, NACrim 4 (1829), 534 f.
87 94 Spangenberg, NACrim 4 (1829), 535 ff.
Feuerbach, Lehrbuch, § 24 (S. 50).
88 95 Grundlegend Oersted, Abhandlungen, Bd.1, S. 311 und Stübel, Theilnahme, S. 61.
Feuerbach, Lehrbuch, § 21 (S. 45).
A. Das System der Zustandigkeiten 171
170 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers

der Theorie Feuerbachs 103. An die Stelle der alten Pflichtenkategorien setzt
Unterlassungsdogmatik tiefgreifend pragen 96 • Ihren Geburtsfehler hat diese so-
Glaser die von ihm nicht naher umschriebenen Zwecke des Staates: Der Staat
genannte formelle Rechtspflichttheorie freilich niemals abgelegt: Bei ihr handelt
dürfe zum einen verlangen, ,,dag seinen Zwecken [... ] nicht geradezu entge-
es sich um eine nicht einmal in sich überzeugende 97Aneinanderreihung einzel-
gengewirkt werde" - dazu dienten ihm Verbotsgesetze; zum anderen nehme er
ner Pflichtbegründungstatbestande, nicht hingegen um eine systematisch fun-
,,die Mitwirkung des Unterthans für seine Zwecke in Anspruch", indem er Ge-
dierte Pflichtenlehre 98: ,,ein Sammelsurium, aber keine Ordnung" 99.
Feuerbachs Einflug auf die weitere strafrechtswissenschaftliche Ent- botsgesetze erlasse [Link] materiell-rechtsstaatlichen Skrupel der frühliberalen
wicklung erschopft sich jedoch nicht in seiner Rolle als Urheber der Rechts- Pflichtentheoretiker weichen bei Glaser einem formell-rechtsstaatlichen Beden-
ken. Man müsse zugeben, dag die bestehenden Strafgesetze ,,so beschaffen, die
pflichttheorie. Mit seiner Verschiebung der leitenden Fragestellung weg von
Begriffsbestimmungen der fraglichen Verbrechen so eingerichtet sind, dag in
der Pflichten- und hin zu einer Begehungsformenlehre gibt er der gesamten
der Regel nur positives Handeln ihnen genügt" 1º5 • 06 es trotzdem moglich sei,
nachfolgenden Diskussion die Richtung vor. Zwar lebt die Unterscheidung
Unterlassungstaten unter die so gefafüen Gesetzestatbestande zu subsumieren -
zwischen negativen und positiven Pflichten fort in einigen, von Merkel bis 106
dies ist für Glaser die ,,Hauptfrage" im Bereich der Unterlassungsdelikte . Er
Gofdschmidt reichenden Versuchen zur Abgrenzung ,,unechter" (begehungs-
verneint sie energisch: Zu einer solchen Gleichstellung zweier voneinander ganz
gle1cher) und ,,echter" Unterlassungsdelikte: Im ersten Fall harten wir es mit
verschiedener Verhaltnisse bedürfe es einer positiv-gesetzlichen Anordnung,
einer_Auspragung der negativen Rechtspflicht des non laede zu tun, im zwei-
,,und so lange eine solche fehlt, konnte wegen der blogen Nichtverhinderung
ten hmgegen mit einer reinen obligatio ad faciendum 100- deshalb stand en die 107
eines bestimmten Schadens Niemand als Urheber desselben gestraft werden" .
echten Unterlassungsdelikte auf einer Stufe mit blogen Polizeivergehen 1º1.
Seine strenge Auslegung des nulla poena-Satzes sucht Glaser allerdings da-
Hauptsachlich aber kreisen die Auseinandersetzungen um die Frage, unter
durch zu entscharfen, dag er den Bereich strafbarer Begehungen augerordent-
"'.elchen V_oraussetzungen ein (scheinbares) Unterlassen als Begehen qualifi-
lich weit schneidet. Es genüge, dag die menschliche Tatigkeit den Anstog zu
z1ert und mfolgedessen unter die auf Begehungstaten zugeschnittenen Tat-
jener Verkettung von Zwischenursachen gegeben habe, an deren Ende der ver-
bestande der neugeschaffenen Strafgesetzbücher subsumiert werden konne.
brecherische Erfolg stehe 108. Auf dieser Basis unterzieht Glaser Handlungen
Die Folge ist, dag die Diskussion sich an Fragen von allenfalls sekundarer
wie die Übernahme einer gefahrlichen Tatigkeit einer folgenreichen Umdeu-
Bedeutung aufreibt - exemplarisch dafür ist der Streit um die Kausalitat der
tung: Sie fungieren bei ihm nicht als besondere Rechtsgründe, welch~ die
Unterlassung, nach Lizsts Urteil ,,einer der unfruchtbarsten, welche die straf-
Pflichtwidrigkeit der nachfolgenden Unterlassung begründen, sondern s1e er-
rechtliche Wissenschaft je geführt hat" 1º2 -, wahrend sie die ursprünglichen
moglichen es, dem Taterverhalten insgesamt Begehungsqualitat zuzuschreiben.
Sachfragen zunehmend aus dem Blick verliert.
So sei beispielsweise jemand, der die vor seinen Wagen gespann~en Pferde ang~-
b) Kommissivdelikte durch Unterlassen? trieben habe, es sodann aber unterlasse, sie zum Stehen zu bnngen, wenn em
Mensch auf ihrem Weg liege, Tater einer Korperverletzung bzw. Totung durch
Grundlegend für die Unterlassungsdiskussion in der zweiten Halfte des [Link]-
Begehung1o9_Er sei Urheber des deliktischen Erfolges, ,,weil er für dessen ~or-
hunderts ist Glasers 1858 erschienene Abhandlung Ueber strafbare Unterlas-
derung auch positiv thatig gewesen ist" 11º. Um in diesen Fallen _wegen emes
sungen. Darin bezeichnet Glaser die ,,einseitige Auffassung der Rechtsidee,
vorsdtzlichen Begehungsdelikts strafen zu konnen, mug Glaser mdessen auf
dag man namlich [... ] von dem Vordersatze ausging, die Aufgabe des objectiven
eine kühne Annahme zurückgreifen: ,,Indem der Dolus in die getroffenen Vor-
Rechts erschopfe sich damit, die Menschen einander unschadlich zu machen
bereitungen hineintritt und den Handelnden antreibt, sie seinem neuge~agten
und folglich seien alle Rechtspflichten nur negativ", als einen ,,Grundfehler"
Zwecke dienstbar zu machen, gibt er ihnen rückwirkend den verbrechenschen
:: Bi_shwte ha_ltenan dieser Lehre fest Baumann/W~ber!Mitsch, AT, § 15 Rn. 51 ff.
Die d1esbezughche Knuk fafü Schaffstezn, FS Gle1spach, S. 74 ff. zusammen; aktuelle
Darstellungen finden sich bei Roxin, AT 2, § 32 Rn. 1Off. und v. Coelln Einstehenmüssen 103 Glaser, Abhandlungen, S. 372.
s.90ff. ' ' 104 Glaser, Abhandlungen, S. 289.
98
Ebenso Schiinemann, FS Amelung, S. 309 sowie von philosophischer Seite Liibbe, Ver- 1o5 Glaser, Abhandlungen, S. 373.
antwortung, S. 91. 106 Glaser, Abhandlungen, S. 370.
99
Jakobs, Zurechnung, S. 14. 1o7 Glaser, Abhandlungen, S. 310.
100
Vgl. Merkel, Lehre, S. 78 f.; Goldschmidt Verwaltungsstrafrecht S 344 Fn 28 545
108 Glaser, Abhandlungen, S. 298.
101 M k l 1 ' ' . . '
er e , Le 1re, S. 97 f.; Goldschmidt, Verwaltungsstrafrecht, S. 344 Fn. 28, 545.
. 109 Glaser, Abhandlungen, S. 299.
102
Liszt, Lehrbuch, S.128.
110 Glaser, Abhandlungen, S. 307.
A. Das System der Zlístandigkeiten 173
172 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers

Charakter, d.h. er stellt sie mit den in boser Absicht getroffenen Vorbereitungen felten [Link] der Praxis 124Rechnung zu tragen, seit der Jahrhundert-
gleich." 111 wende eine Position zu eigen, die Binding noch als ,,dogmatischen Pessimismus"
Die Unhaltbarkeit dieser Konstruktion wird rasch erkannt 112; ,,warum das bezeichnet hat 125:Die Forderung nach einer [Link]ührung des Unterlassens auf
dolose Nichts rückwirkend das nicht dolose Etwas in ein dolases soll verwan- ein Begehen wird durch eine weichere Deutung ersetzt, der zufolge bereits die
deln konnen, bleibt ratselhaft", so bringt Binding die Kritik auf den Punkt 113 • materielle Gleichwertigkeit einer Unterlassung mit einer Begehung [Link], um
Aber auch Bindings eigene Variante des Versuchs, den Unterlassendcn dem Ak- den Begehungstatbestand auf sie anzuwenden. Als maGgebliches Kriterium die-
126
tivtater anzugleichen, führt nicht zum Erfolg. Binding zufolge ist eine Unterlas- ser Gleichwertigkeit gilt das Vorliegen einer besonderen Rechtspflicht . Ihre
sung dann, aber auch nur dann kausal, wenn sie sich mit einer voraufgegangenen abschlieGende Formulierung erhalt diese Auffassung 1938 bei N agler. Den Inbe-
127
Handlung verbindet und eine den Erfolgseintritt hindernde Bedingung, die der griff der Bedingungen, unter denen Passivitat als ,,Handlungsaquivalent" er-
128
Unterlassende durch seine Vorhandlung gesetzt hat, wieder beseitigt. Als ,,wil- scheint, erblickt Nagler in der Garanteneigenschaft des Unterlassenden . Zur
lentliche Aufhebung der bisherigen willentlichen Hemmung dieser Kausalita- [Link] beruft er sich auf eine normentheoretische Erwagung: Im Verb_~t
ten "114se1. d.1e U nter 1assung ,,gar 1cerne
. ab so1ute Unterlassung, sondern interne der Herbeiführung schadigender Erfolge sei immer, wenn auch nur sekundar,
Handlung in ihrer Wirkung auf den ausseren Kausalitaten-Verlauf" 115. Diese das Gebot enthalten, die Unversehrtheit der dem besonderen Schutz des Taters
Konzeption ist auf solche Falle zugeschnitten, in denen der Unterlassende ,,sich anvertrauten Rechtswerte zu gewahrleisten. Dieses Inklusionsverhaltnis ermi:ig-
verbindlich gemacht hat, bestimmten schadlichen Erfolgen entgegen zu wir- liche, ja erzwinge die Erstreckung der tatbestandsmafügen ~andlung_ auch auf
1cen"116. H'mgegen pai~t n s1e . ht auf dº1e Ingerenzfal 1e; dort setzt der Unterlas-
. me die Unterlassung der dem Tater obliegenden Abwehr des w1derrechthchen Er-
sende zwar durch seine vorgegangene Handlung positive, den Erfolg fordernde folges129;darin liege ,,nicht sowohl eine Tatbestandserweiterung, als vielmehr
Bedingungen, stellt sich aber keineswegs durch ein ,,Gefahr-Bckampfungs-Ver- eine Tatbestandsberichtigung im Wege zweckorientierter, ausdehnender Text-
sprechen"117als Garant für den Nichteintritt des Erfolges auf [Link] sucht deutung"130.
sich dadurch zu helfen, daG er die Ingerenzfalle dem Begehungsunrecht zurech- DaG man Gebote nicht nur durch aktives Tun, sondern auch durch Unterlas-
net119und es für gleichgültig erklart, ob am Anfang einer Tatigkeit vorhersehbar sen verletzen kann, hat bereits Hegel erkannt. Hegels Nachweis, daG den Gebo-
war, daG sie einen gefahrlichen Charakter entwickeln würde 12º.Wenn er dann ten des abstrakten Rechts -und nur diesen! -letztlich Verbote zugrunde liegen,
daraus die Konsequenz zieht, es sei auch moglich, eine bis dahin nur unacht- richtete sich gegen Kants Parallelisierung von Pflichtentyp und Begehungsform
same Handlung in die Gleise des dolasen Delikts überzuleiten 121,ist er freilich und eroffnete Hegel den Weg zu einer differenzierten und umfassenden Lehre
bei eben jenem dolus subsequens angelangt, den er kurz zuvor seinen Vorgangern von den rechtlich erheblichen Pflichten. Schon Hegels [Link] Heinrich Luden
mit beredten Worten vorgehalten hat 122. ersetzte einhundert Jahre vor Nagler, dieses Lehrstück durch die allgemeine
Angesichts des Scheiterns auch aller Bemühungen, Unterlassungen zu Bege- normen~heoretische These, daG ,,in jedem Gebote immer ein Verbot, sowie um-
hungen umzudeuten 123, macht die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer sich in gekehrt in jedem Verbote ein Gebot enthalten sei" 131: ,,Denn we~n eine Ha~d-
ihrem Bestreben, den in ihrer prinzipiellen Berechtigung nur ganz selten bezwei- lung verboten ist, so ist damit geboten, sowie umgekehrt, wenn s1egeboten ~st,
damit verboten ist, dieselbe zu unterlassen." 132 Es ist diese (ihm vermuthch
111 Glaser, Abhandlungen, S. 301.
112Vgl. Aldosser, Unterlassungen, S. 24; v. Buri, GS 21 (1869), 189 ff.; Halschner, Deutschcs
Strafrecht, S. 239 f. Fn. 2. 124 Kritisch insbesondere O. Kraus, ZStW 23 (1903), 790 ff. - Demgegenüber sp_richt etwa
113 s· d.
zn zng, N ormen, Bd . II/1, S. 531. - Zusammenfassend Welp, Tun, S. 43 ff.; zuletzt M. E. Mayer (AT, S. 190) von der ,,evidenten Unrichtigkeit" der Auffassung, daG m Erm_an-
Schiinemann, FS Amelung, S. 310. gelung einer ausdrücklichen gesetzlichen Rege_lung Unterlassungen generell ~;raflos se1en;
114Binding, Normen, Bd. II/1, S. 557. Nagler (GS 111 [1938], 15) bezeichnet diese Ans1cht als ,,pralmsch unertraglich .
115Binding, Normen, Bd. II/1, S. 555 f. 125 Binding, Normen, Bd. II/1, S. 544. . .
116 Binding, Normen, Bd. II/1, S. 559. 126 Naher dazu Riídolphi, Gleichstellungsproblematik, S. 26ff. sow1e Welp, Tun, S. 61 H.
117Binding, Normen, Bd. II/1, S. 571. 127Nagler, GS 111 (1938), 69.
118Rudo/phi, Gleichstellungsproblematik, S.19. 128Nagler, GS 111 (1938), 59.
119Binding, Normen, Bd. II/1, S. 605. 129Nagler, GS 111 (1938), 61.
120 Binding, Normen, Bd. II/1, S. 605. 130Nagler, GS 111 (1938), 61.
121Binding, Normen, B. II/1, S. 605. 131 Luden, Abhandlungen, Bd. 2, S. 220. .
122 Welp, Tun, S. 55. 132 Luden, Abhandlungen, Bd. 2, S. 220 f. - Ebenso aus der Warte der heut1gen Rechts-
123 Umfassend dazu Armin Kaiífmann, Dogmatik, S. 241 ff. theorie Rohl, JA 1999, 895 f. und von philosophischer Seite Seebafl, FS M1ttelstrall, S. 363.
174 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers
A. Das System der Zustandigkeiten 175
133
durch Binding vermittelte) Tradition, nicht diejenige Hegels, an die Nagler
gern in einem gewissen Umfang auch weitergehende Leistungen abverl_ang:n:
anknüpft, und insoweit trifft ihn die normentheoretische Kritik Armin Kauf-
Sie müssen - teilweise kraft zurechenbar übernommener Sonderrollen, teilwe1se
manns und Schones, Gegenstand eines Verbots konne nur eine Handlung
134 kraft ihrer allgemeinen Bürgerrolle - zur Wahrung der Funktionsfahigkeit des
sein , zu Recht. Vor allem aber erschopft sich bei Nagler die Bedeutung des
Staates sowie zur Gewahrleistung anderer unverzichtbarer Realbedingungen
Inklusionsarguments darin, ein durch die Fassung der positivrechtlichen Straf-
personaler Existenz beitragen (3.).
tatbestande aufgeworfenes Subsumtionsproblem losen zu helfen. DaB es sich
Das hier praktizierte Begründungsverfahren ist funktionalistisch in dem
dabei bloB um einen Ausschnitt aus einem umfassenderen pflichtentheoreti-
Sinne, daB es die Figuren der Zustandigkeitsbegründung aus der Aufgabe des
schen Fragenkreis handeln konnte, vermag Nagler sich nicht einmal mehr vor-
Strafrechts ableitet. Diese Aufgabe ist ihrerseits freiheitstheoretisch legitimiert.
zustellen: Bereits ein Blick auf die Dogmengeschichte genüge, um zu erkennen,
Der einzelne Bürger wird in den ihm auferlegten Zustandigkeiten deshalb nicht
,,daB,_ganz e_infachund eigentlich selbstverstandlich, lediglich zu prüfen ist, ob
mit dem Selbsterhaltungsinteresse eines ohne Blick auf dessen normative Digni-
[... ] em pass1ves Verhalten der positiven Tatigkeit, worauf regelmafüg die Fas-
tat definierten sozialen Systems konfrontiert. Von ihm wird vielmehr verlangt,
sung der Verbrechenstatbestande hinweist, rechtlich gleichstehe"135_ Diese
seinen Anteil anden Erhaltungskosten eines Zustandes konkret-realer Freiheit-
Engtührung zu übe~winden und die Weite der ursprünglichen Fragestellung
lichkeit zu tragen 138 und so jener Mitverantwortlichkeit für das Allgemeine ge-
wenigstens ansatzwe1se zurückzugewinnen - darin liegt das Bestreben der hie-
recht zu werden, die den Kern seines Bürgerstatus ausmacht [Link] er so dem
sigen Konzeption. Statt einer Garantenstellungslehre im herkommlichen Ver-
Allgemeinen dient, dient er sich selbst, denn ohne allgemeine Freiheitlichkeit
standnis_~ir_d de~halb im folgenden ein System strafrechtlich relevanter Figuren
bleibt auch seine eigene personale Freiheit eine leere Hülse 140.
der Zustand1gke1tsbegründung skizziert, das Tun und Unterlassen umfaBt und
Der Sache nach ist die hier vorgeschlagene Zweiteilung 141deckungsgleich
sich in der Ordnung der Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe fort-
setzt. mit der soeben erorterten Unterscheidung zwischen negativen und positiven

138 Einen ahnlichen Ansatz entwickelt für den Bereich des Privatrechts Ackermann
III. System der Zustandigkeiten (Schutz, S. 105 f., 11Off.), der auf dieser Basis eine ,,Rekonstruktion des ': ertragsrechts als
freiheitsermoglichender gesellschaftlicher Institution" (aaO, S. 106) untermmmt.
1. Die Aufgabe des Rechts und die Figuren der Zustandigkeitsbegründung 119Zu dem hiesigen Bürgerbegriff oben S. 99 ff.
140Wie hier vor allem Müssig, FS Rudolphi, S. 179 ff.; ders., FS Jakobs, S. 411 ff.- Bramm-
J?ie Ur_nrissedes gesuchten Systems der Zustandigkeiten sind durch die bishe- scn sucht die Garantenpflichten demgegenüber auf die ,,Re~litat des soúalen Alltagslebens_"
ngen Uberlegungen bereits weitgehend vorgezeichnet. Wie gesehen, besteht die (Brammsen, Entstehungsvoraussetzung~n, S. 124) und dam1t auf ,,tatsachhche Gegebenhe1~
ten" (aaO, S. 125) zurückzuführen (zustunmend SSW-Kudli~h, § 13 Rn: 15). Maílgebend s_e1
H~u~taufga_be des Rechts, zumal des Strafrechts, darin, es den Bürgern zu er- ,,die reale Existenz einer in einer bestimmten sozialen Posmon verfestigten und allg~mem
moghchen, 1hr Leben nach eigener Einsicht führen zu konnen. Dazu müssen sie anerkannten tatsachlichen und gegenseitigen Erwartungsbez1ehung, an der s1ch die e111zel-
sich zuvorderst darauf verlassen konnen, daB die Integritat ihrer Rechtssphare nen Mitglieder der Sozietat in ihrem Verhalten gege~ü~er anderen onent1eren und dessen
von _ande_renPer~onen _res~ektiert wird. Die strafrechtliche Grunderwartung Beachtung und Befolgung sie als sicheren und determ1111ertenFaktor be1 der Ausgest~ltung
des sozialen Alltagslebens bcrücksichtigen" (aaO, S. 189). Strafrechthche Garantenpfüchten
an emen ¡eden Burger, Jadie ,,Grundnorm zwischenmenschlichen Verhaltens" rechtfertigen sich demnach also dadurch, daíl sie soziale Er"'.artu~1g_enbest1mmter Quahtat
136
überhaupt geht deshalb dahin, er moge - in der Formulierung Hegels 137- den aufgreifen und diese gleichsam nobilitieren. Wie aber lassen_s1chdie 111 Betracht kommendrn
anderen lassen, wie er ist, das van ihm vorgefundene Integritatsniveau von des- Erwartungen ermitteln? Brammsens Antwort lame~: Letzthc? nur dadu_rch, daíl man a~f die
sen Rechtskreis also nicht verschlechtern (2.).Jedoch darf das Strafrecht den Bür- bereits anerkannten Garantenstellungen zurückgre1ft. ,,Da die Herausb1ld1;1ng,Verfes_ugung
und allgemeine Anerkennung einer wechselseitigen Erwartungs~rwartu1:g m der Reahtat des
Alltagslebens einen langeren Entwicklungsprozeíl erfordert, konnen w1r uns be1 der Suche
133
Binding, Normen, Bd. I, S. 109 ff. nach eincr konkreten Garantenpflicht an den in Rechtsprechung und Schnfttum anerkann-
134
Armin Kaufmann, Dogmatik, S. 257; SchiJne, Erfolgsabwendungen, S. 248 ff.- Die Un- ten Garantenpflichten orientieren." (aaO, S._130) Ein s~lc~es Be?ründungsverfahren lauft ~uf
t~rsche1dung Kaufmanns zwi~chen Handlungsverboten und Unterlassungsgeboten erfreut einen Zirkelschluíl hinaus. Die Garantenpfüchten leg1t1m1erens1ch danach 1mErgebms dm ch
s1ch nach w1e vor ?roíler Zustunmung; vgl. etwa Bohm, Garantenpflichten, S. 96 f.; Griine- sich selbst: Weil es sie gibt, werden sie (jedenfalls in aller Regel) sozial beachtet, und we1l s1e
wald, Garamenpfüchten, S. 44; Güntge, Begehen, S. 27 f. sozial beachtet werden, sind sie berechtigt.
135 141 Sie wurde bereits skizziert in: Pawlik, Verhalten, S.130ff.; ders., ZStW 111 (1999),
Nagler, GS 111 (1938), 1 f.
136
Stratenwerth, ZStW 68 (1956), 44. 348 ff. - Der hiesigen Position nahestehende Auffassungen: AK-Seelmann, § 13 Rn. 49 f.;
137
Oben S. 166 Fn. 66. NK-Wohlers, § 13 Rn. 34; Jakobs, AT, 1/7; ders., Syste:11,S. 34 ff., 83 ff.;, ders., Zurechnung,
s.19ff., 30ff.; Kindhauser, AT, § 36 Rn. 53 H.;ders., Log1k, S. 92; Donner, Zumutbarkensgren-
A. Das System der Zustandigkeiten 177
176 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers
Das hiesige System von Respektierungs- und Ermoglichungszustandigkeiten
Pflichten. Schon dort hat sich gezeigt, daG eine strikte Beschrankung des
vermag darüber hinaus aber auch der heute herrschenden sogenannten Funk-
Rechtsbereichs auf die Kategorie negativer Pflichten nicht durchgehalten wer-
tionenlehre143 das ihr bislang fehlende pflichtentheoretische Fundament zu ver-
den kann, positive Pflichten vielmehr unentbehrlich sind, weil und insoweit das
Recht als ,,Dasein des freien Willens" die Existenz von Hintergrundinstitu- schaffen.
Die Funktionenlehre geht zurück auf Armin Kaufmanns Differenzierung
tionen voraussetzt, die praktisch-rechtliches Selbstsein allererst ermogliche 11142.
zwischen Garantenstellungen, die dem ,,Schutz eines ganz bestimmten Rechts-
zen, S.192 ff.; Griinewald, Garantenpflichten, S. 133 ff.; dies., Téitungsdelikt, S. 284 f.; Hard-
gutes gegen alle Angriffe" dienten, und Garantenstellungen, die in der ,,Über-
144
wzg, Zurechnung, S. 139; Lesch,_Problem, S. 264 ff.; ders., FS Dahs, S. 92; Miissig, Mord, wachung einer bestimmten Gefahrenquelle" bestanden . Der normentheore-
S. 129, 17~ ff.; ders., FS Rudolph1, S. 175 ff.; ders., FS Jakobs, S. 409 f.; Perdomo-Torres, Ga- tisch-formalen Ausrichtung seines dogmatischen Systems entsprechend war
rantenpfüchten, S. 154 ff.; Sánchez Lázaro, Taterschaft, S. 33 ff.; Sánchez- Vera, Pflichtdclikt Kaufmann an der Frage einer materialen Pflichtenbegründung nicht interes-
S. 58 ff., 116ff.; Voflgatter, Handlungslehren, S. 139 f.; Cornacchia, FS Jakobs, S. 56 f.; Seel~
mann, GA __ 1989, 253 H.; ~us philosophischer Perspektive Liibbe, Verantwortung, S. 92 ff.
siert. Ihm ging es lediglich darum, die moglichen Beziehungen zwischen dem
~ Das Ver_haltms _derh1~s1g~nKonzept10n zu Jakobs' Unterscheidung zwischen Organisa- Inhalt der hergebrachten Garantenpflichten und der Rechtsgüterschutzaufgabe
t10nszustand1gke1t und mst1tut10neller Zustandigkeit wird erlautert in: Pawlik Verhalten des Strafrechts herauszuarbeiten. Deshalb beschrankte er sich darauf, die aner-
S.137f. ' '
142In der heutigen Strafrechtslehre wird allerdings noch immer versucht, samtliche Ga-
kannten Garantenstellungen in das von ihm entworfene Einteilungsschema
einzuordnen 145. Eine Funktionenlehre ala Kaufmann ersetzt deshalb nicht die
rante11stell~ngen nach dem Muster negativ:r Pflichten zu modellieren. So wird behauptet, 146
als Tate1 e1:1esunechten Unterlassungsdelikts komme nur in Betracht, wer, indem er den Herleitung aus einem Rechtsgrund, sondern setzt diese voraus .
tatbestandhchen Erfolg vorbereitet oder auf eigene Rechte verzichtet habe, in zurechenba- Mit der Funktionenlehre gelangt man freilich allenfalls zur Befriedigung ei-
rer We1se auf das verletzte Rechtsgut eingewirkt habe (v. Coelln, Einstehenmüssen, S. 190 147
nes ,,asthetisch-didaktische[n] Ordnungsbedürfnis[ses]" , aber nicht einmal
195) bzw. wer [Link] einen praexistenten Gefahrenherd verantwortlich sei und es unterlasse di;
zur Einhegung der Gefahr erforderlichen VorbeugungsmaÍ\nahmen zu treffen (Gimbe;nat
zu einer phanomenologisch überzeugenden Umschreibung der jeweiligen Zu-
Ordezg,,ZStW 111 [1999], 3_25f., 331 [kritisch dazu Roxin, GA 2009, 79 ff.J;im Ergebnis ebenso
Silva Sanchez [1. FS Roxm, S. 644 f.], der die Lücke zwischen den echten und den seinen ken handelt es sich jedoch um eine petitio principii. Zu de:· SchluB_folgerung_,die _Elt_ern,~i~
[Link] entsprechenden unechten Unterlassungsdelikten durch die Annahme einer ihr Kind vernachlassigen, entzi:igen diesem die ihm ,,garant1erte Fre1he1tsdase111smoghchkc1t
dntten Dehkt~grup~; z:1 schlie/\en sucht: ,,verscharfte[n] nichtbegründungsgleiche[n] Un- (aaO, S. 252), vermag Kahlo namlich nur zu gelangen, indem er die Garanteneigenschaf: der
terlassungsd~hkt:[n] , d'.e auf dem Gedanken der ,,Verantwortung aus qualifizierter (institu- Eltern bereit stillschweigend vorattssetzt. Worin liegt dann aber der Entsteh'.mgsgrt:nd d1eser
t10neller) Sohdantat bas1eren" [aaO, S. 650]). E. A. Wolff (Tun, S. 38 H.; ihm folgend Kohler, Garantenstellung? Dazu findet sich auch bei Kahlo nicht mehr als der Verwe1s auf die§§ 1626,
i:-T, S. 210 f. und Ka~fo, Handlungsf~rm, S. 256 f.) will nur die von ihm sogenannten ,,nega-
tiven Sollensnormen , die von dem emzelnen fordern, ,,es dem anderen nicht zum Schlech- 1627, 1631 BGB (aaO, S. 253).
143SK-Rudolphi, § 13 Rn. 24; ders., Gleichstellungsproblematik, S. 101 ff.; Gropp, AT, § 11
ten zu w_endef.l",als Grundlage von _Garantenpflichten anerkennen. - Die Frage, wie dieser Rn. 21 ff.; Hoffmann-Holland, AT, Rn. 744ff.; Kiihl, AT § 18 Rn. 44 ff.; ders., FS Herz_berg,
A:1satz s1chm1t emer solch _unumstnttenen Verantwortlichkeit wie jener der Eltern vertragt, S. 185 f.; Maurach/Gossel!Zipf, AT 2, § 46 Rn. 65; Rengier, AT, § 50 Rn. 3 ff.; Schmzdhauser,
w1rd von G1111bernatOrde1g überhaupt nicht erst aufgeworfen. v. Coelln (aaO, S. 196) stel!t
AT 16/38 f.· Wessels/Beulke, AT, Rn. 716; Ransiek, JuS 2010, 587.
ª:1f den Akt ~er Zeugung ab; aber inwiefern soll in einer Handlung, die das [Link]ürf- '144Armin Kaufmann, Dogmatik, S. 283 (Hervorhcbungen im Original). - Eine weitge-
t1ge SubJekt uberhaupt erst zum Entstehen bringt, eine Einwirkung auf dieses liegen ki:innen hend übereinstimmende Konzeption hat der Philosoph Birnbacher entw1ckelt. Er untersche1-
(dazu o ben S.165)?__ E. A. Wolff (aaO, S. 38) begnügt sich damit, auf die bürgerlich-rechtliche det zwischen Schutz- und Fürsorgepflichten auf der einen und Aufsichtspflichten auf der ~n-
Regdung des Verhaltmsses der Elt~rn zu ihren Kindcrn zu verweisen. Mit diesem Rückgriff deren Seite. Schutz- und Fürsorgepflichten zugunsten einer Person O umfafüen gewi:ihnhch
auf die heu~e allg:111~111 al_sunzure1chend erkannte formelle Rechtspflichttheorie verwicke!t drei Komponenten: ,,1. O vor Schadigungen zu bewahren; 2. ge?ebenenfalls S~had1gungen
Wolff s1ch mdes 111em D_1lemma.Entweder er stützt den Vorwurf gegen die Eltern auf die von O zu beheben bzw. zu lindern; und 3. das Wohl bzw. die Integntat und Funkt10nsfah1gke1t
von 1hnen begangene Pfüchtverletzung als solche - dann kann er aber nicht erklaren wes- von O zu erhalten und zu fordern." Im Falle der Aufsichtspflichten ziele die Verantwortungs-
halb die Verletzung der Hilfspflicht aus § 323 e StGB nur den Vorwurf rechtfertigen soll, da/\ zuschreibung dagegen ,,primar auf Güter und Werte, die durch das VerantwortungsobJekt
der Unterlassende ,,es dem anderen mcht zum Guten gewendet hat, nicht aber, da/\ eres ihm
direkt oder indirekt gefahrdet werden ki:innten" (Birnbacher, Grenzen, S. 149).
zum S~hlechten wandte" (aaO, S. 44). Oder aber Wolff setzt stillschweigend voraus, da/\ die
145 Vgl. Armin Kaufmann, Dogmatik, S. 283 f. .
Verpfü~htung der Elt~rn als Garan_ten sich von derjenigen nach § 323 e StGB kategorial un- 146jakobs, AT, 29127; ebenso HK-GS-Tag, § 13 Rn. 15; LK-Weigend, § 13 Rn. 22; NK-
t~rsche1de - dann versaumt er es, die Gründe für diese Einschatzung zu benennen, und mu/\ Wohlers, § 13 Rn. 32; SSW-Kudlich, § 13 Rn. 16; Baumann/Weber!M_ztsch, AT, _§15 Rn. 50;
s!Ch~eshalb vorhalten_ las~e, der Umfang seiner Kategorie ,,negativer Sollensnormen" beruhe Roxin, AT 2, § 32 Rn. 22; Bohm, Garantenpflichten, S. 72; v. Coelln, Emstehenmussen, S. 111;
auf emer blo/\en defimtonschen Setzung. Kahlo sucht diese Begründungslücke durch die Er- Frank, Relevanz, S. 98, 121; Griinewald, Garantenpflichten, S. 21; Ingelfinger, NStZ 2004,
wagung zu schhe/\en, da~ die elterliche Rechtspflicht die Funktion habe, die ursprünglich-na- 410; Kiihl, HRRS 2008, 361; M. Schultz, JuS 1985, 271; Sowada, Jura 2003, 237; S. Walter,
turhahe Schw~che des Kmdes a~szugle1chen (a~O, S. 252). Deshalb liege in der Entscheidung,
dem_Kmd - se1 es auch nur vorubergehend - die Sorge zu entziehen, ,,eine verschlechternde Pflichten, S. 119, 126.
Veranderung von dessen Lage, folglich ein echtes Bewirken" (aaO, S. 253). Bei diesem Gedan- 147 Welp, Tun, S. 252.
A. Das System der Z11stdndigkeiten 179
178 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

standigkeitsinha!te. Eine und dieselbe Zustandigkeit lafü sich namlich haufig seiner Mitmenschen sicher sein kann und die er nach eigenem Gutdünken [... ]
sowohl in der Beschützer- als auch in der Überwacher-Terminologie formulie- ausstatten kann" 155. 156
ren; isoliert, d.h. ohne Rückgriff auf die ihnen zugrundeliegenden materialen Das System der Respektierungspflichten tragt gleichsam ein Janusgesicht :
Prinzipien betrachtet, sind beide Garantenstellungstypen deshalb weitgehend Die einzelne Person ist in ihm ,,vor AnmaGungen geschützt, nicht aber mit den
austauschbar [Link] besteht die Aufgabe des Überwachergaranten in Rudolphis anderen verbunden" [Link] Person schuldet der anderen deshalb lediglich ,,ne-
Worten darin, alle Rechtsgüter, denen Beeintrachtigungen aus der zu überwa- gative Mitmenschlichkeit" 158;sie muG deren Rechtssphare zwar ,,wie einen un-
chenden Gefahrenquelle drohen, vor diesen Gefahren zu schützen 149• Umge- übertretbaren Zauberkreis achten und sich [... ] insoweit jedes Eingriffs [... ] ent-
kehrt lafü sich die Aufgabe des Beschützergaranten ohne weiteres auch in der halten"159,braucht ihr aber nicht zu helfen 160. ,,Es liegt im Begriff der (auGeren)
Überwacher-Terminologie formulieren: Der Beschützergarant ist danach dafür Freiheit selbst, daG jeder die selbst zu verantwortende oder zufallige Erweite-
zustandig, all jene Gefahrenquellen zu überwachen, die dem Rechtsgut, dessen rung oder Einschrankung seiner Handlungsmoglichkeiten für sich tragen
Obhut ihm anvertraut ist, moglicherweise gefahrlich werden konnen 15º.Anders muG."161Es ware ein grobes MiGverstandnis, eine solche Formalisierung von
verhalt es sich, wenn man, frühere Andeutungen Rudolphis aufgreifend 151, die Rechtsbeziehungen als inhuman oder gar zynisch abzutun. Im Gegenteil: Nicht
Überwacherpflichten mit den Respektierungszustandigkeiten und die Beschüt- nur liegt der ,,gleichheitsorientierte[n] Moral des Wegsehens", die in jener For-
zerpflichten mit den Ermoglichungszustandigkeiten gleichsetzt [Link] wan- malisierung zum Ausdruck gelangt, ein ,,unüberbietbar ~evolutionarer Ansatz"
delt sich die Funktionenlehre von einem bloGen Ordnungsinstrument, dem sich zugrunde, weil sie alle Versuche delegitimiert, faktische Uberlegenheit in recht-
Aussagen weder über die Taterqualitat noch über die Reichweite der jeweiligen liche Privilegien umzumünzen [Link] Respekt manifestiert sich zudem die Ach-
Pflicht abgewinnen lassen 153, zu einem inhaltlich gehaltvollen Prinzip der tung vor der Person des anderen in unmittelbarer Weise -und zwar gerade weil
Pflichtenbegründung, das es erlaubt, die Frage nach dem Schutzumfang der dieser andere ,,aus der Entfernung gesehen" wird, ,,welche der weltliche Raum
einzelnen Figuren der Zustandigkeitsbegründung in systematisch fundierter zwischen uns legt" 163. Erst die Zurückdrangung von Solidaritatserwartungen
Form zu beantworten. eroffnet dem einzelnen die Chance, sein eigenes Leben zu führen, d.h. die von
164
ihm gewahlte Weise der Selbstdarstellung handelnd durchzuhalten . Diese
2. Respektierung anderer Personen Unabhangigkeit lieGe sich namlich sonst nicht aufrechterhalten: ,,Wie kame der
Eine denn dazu, immerwieder bei dem Nachbarn einspringen zu müssen, ohne
,,Der Mensch steht inmitten der auGeren Welt, und das wichtigste Element in das Recht zu haben, dessen unvernünftige Lebensgestaltung wirksam zu beein-
dieser seiner Umgebung ist ihm die Berührung mit denen, die ihm gleich sind flussen?"165
durch ihre Natur und Bestimmung. Sollen nun in solcher Beziehung freye We- Die Bedeutung des Systems der Respektierungserwartungen erschopft sich
sen ne ben einander bestehen, sich gegenseitig fordernd, nicht hemmend, in ihrer indessen nicht darin, jedem einzelnen ein Gebiet anzuweisen, ,,in welchem er
Entwicklung, so ist dieses nur moglich durch Anerkennung einer unsichtba- unabhangig von jedem fremden Willen zu herrschen hat" 166. Die rechtliche
ren Granze, innerhalb welcher das Daseyn, und die Wirksamkeit jedes Einzel- Institutionalisierung negativer Freiheit dient darüber hinaus vielmehr auch der
nen einen sichern, freyen Raum gewinne. Die Regel, wodurch jene Granze und ,,Selbstkoordination der Gesellschaft" 167. Das System der negativen Freiheit,
durch sie dieser freye Raum bestimmt wird, ist das Recht." 154Was Savigny in
klassischer Pragnanz umschreibt, ist ein System rechtlicher Respektierungs-
pflichten. Es ,,gleicht einer egalitaren Parzellierung des Interaktionsraumes: je- 155 Kersting, Liberalismus, S. 23 f.
156 Münch, Ztschr. f. RPhil 1 (1914),359.
der besitzt eine gleich groGe Freiheitsparzelle, in der er vor [... ] den Übergriffen 157 Jakobs, FS Arthur Kaufmann, S. 461.
158 Kersting, Markt, S. 107.
148 Darauf ist im Schrifttum bereits des ofteren hingewiesen worden:Jakobs, AT, 29/27; 159 F. v. Hippel, Gesctzmafügkeit, S. 11.
160 Jakobs, l. FS Roxin, S. 799. .
Hiiwels, Gcsetzesvollzug, S. 81; Rogall, Strafbarkeit, S. 225; Arzt, JA 1980, 652.
149 Rudolphi,JR 1987, 337 (Hervorhebung hinzugefügt). 161 Kohler, AT, S. 282. - Ebenso jüngst lwangoff, Duldungspfüchten, S. 30.
150 Vgl. R11dolphi, FS Dünnebier, S. 579 (Hervorhebung hinzugefügt). 162 Vgl. Kersting, Solidaritat, S. 416.
151 R11dolphi, Gleichstellungsproblematik, S. 107 ff. 163 H. Arendt, Vita Activa, S. 238.
152
So verfahren Kindhduser, AT, § 36 Rn. 56 und Lippold, Rechtslehre, S. 256 ff. 164 Dazu naher Pawlik, Verhalten, S. 41 f.
153 AK-Seelmann, § 13 Rn. 36; NK-Wohlers, § 13 Rn. 32; Grünewald, Garantenpflichten, 165 E. A. Wolff, Tun, S. 39.
166 Savigny, System, Bd. I, S. 333.
S. 21.
154 Savigny, System, Bd. I, S. 331 f. 167 Ladeur, Freiheitsrechte, S. 113.
180 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers A. Das System der Zustdndigkeiten 181

verbunden mit der Entlastung des Handelnden von der Verantwortung für ent- rer bezweckt nach einer plastischen Kennzeichnung Samsons eine ,,Vereinze-
fernter liegende Handlungsfolgen, ermoglicht den Aufbau einer dezentralen lung des Rechtsguts", das ,,von den Gefahren der Sozietat [befreit]" werden
Entscheidungsstruktur, innerhalb deren neuartige Handlungsoptionen auspro- soll 175 • Der andere soll nicht schlechter stehen, als er stehen würde, wenn er
biert werden konnen, und erlaubt damit eine VergroBerung des gesamtgesell- überhaupt nicht mit mir zusammengetroffen ware. Zur Abschirmung des ande-
schaftlichen Erfahrungsschatzes 168. ,,Weil die Freiheit einen Verzicht auf di- ren von Gefahren sind Neutralisierungsgebote jedoch nicht weniger bedeutsam
rekte Lenkung der individuellen Bemühungen bedeutet, kann eine Gesellschaft als das Verbot aktiver Schadigungen.
freier Menschen von so viel mehr Kenntnissen Gebrauch machen, als die Ver- Diesen Zusammenhang hat niemand pragnanter zum Ausdruck gebracht als
nunft des weisesten Herrschers erfassen konnte." 169 Über die Garantie indivi- Adolf Merkel. Als letzter der bedeutenden strafrechtlichen Autoren des [Link]-
dueller Willkür hinaus institutionalisiert das System negativer Freiheit somit hunderts stellt Merkel die pflichtentheoretische Problematik in den Mittel-
einen ,,ProzeB der Erzeugung des Neuen" 170 : ,,Es setzt den Suchprozess in punkt seiner Ausführungen zu den Unterlassungsdelikten. Mit Kant geht Mer-
Gang, der durch die praktische Kooperation und Koordination zwischen den kel davon aus, daB ,,im Verhaltnis der Einzelnen zu Einander im Allgemeinen
Individuen erhalten wird." 171 Die ,,Produktivitat des gesellschaftlichen Netz- [... ] nur die negative Rechtspflicht begründet" sei, ,,in die Sphare der Andern
werks", in dem Handlungsoptionen getestet und Wissensbestande generiert nicht verletzend einzugreifen" 176 . ,,Urheber verletzender Veranderungen inner-
und bewahrt werden, entlastet wiederum den einzelnen, der dadurch vor einer halb der Rechtssphare des Andern" sei indessen auch derjenige, welcher durch
Vielzahl eigener fruchtloser Bemühungen bewahrt wird, und verschafft ihm die gefahrliche Organisation seines eigenen Rechtsbereichs 177 oder die Über-
allererst die Chance auf eine konzentriert-erfolgversprechende Lebensfüh- nahme einer bestimmten Tatigkeit 178 die Integritat der Interessen des anderen
rung. ,,Der Nutzen der individuellen Freiheit ergibt sich aus der Freiheit der von seiner Wirksamkeit abhangig gemacht habe und hernach diese Wirksam-
anderen." 172 Erst der Institutionalisierung fremder Freiheitsausübung verdankt keit nicht entfalte 179 . Insofern und insoweit, ,,als wir die Integritat des Andern
die einzelne Person die Ressourcen ihrer eigenen Freiheit. in zurechenbarer Weise auf die Vornahme der entsprechenden Handlungen ge-
Die Respektierungserwartung auBert sich primar in Gestalt des Verbots, stellt haben", konnen uns Merkel zufolge deshalb auch Unterlassungen ,,für den
in fremde Rechtskreise einzugreifen. Organisationsfreiheit und Eingriffsver- Eintritt irgend welcher Verletzungen [...] verantwortlich machen" 180 . Die Ein-
bot stellen gleichsam die beiden Seiten einer Medaille dar: Eine Organisations- sicht Hegels, daB negative Pflichten positive Handlungsgebote hervorbringen
freiheit, die nicht durch ein generelles Eingriffsverbot für Dritte abgesichert ist, konnen, 6ndet bei Merkel ihre Bestatigung. Die Neutralisierungsverpflichtung
würde sich unter freiheitstheoretischen Gesichtspunkten selber entwerten. Da ist, obschon sie ihrem Adressaten positive Leistungen abverlangt, unter syste-
aber unter der Voraussetzung der Gleichheit aller Rechtspersonen Organisa- matischen Gesichtspunkten deshalb gerade ,,keine ursprüngliche Pflicht, son-
tionsfreiheit generell, d.h. im wechselseitigen Verhaltnis samtlicher Bürger zu- dern erhalt ihre normative Kraft erst durch die Abwehrrechte der Opfer" 181;
einander gewahrleistet werden muB, erweist sich, daB das generelle Eingriff s- ihre materiale Grundlage 6ndet sie im Respektierungsgebot 182 .
verbot keine auBerliche Beschrankung, sondern - ahnlich wie die Sprache, die
das Sprechen erst ermoglicht und nicht etwa eine vorsprachliche Gedankenfrei- 175 Samson, FS Welzel, S. 594.
heit durch die Auferlegung von Regeln knebelt 173 - eine Ermoglichungsbedin- 176 Merkel, Abhandlungen, S. 89.
177 Siehe die Beispiele in: Merkel, Abhandlungen, S. 85.
gung von Organisationsfreiheit darstellt: Freiheitsverwirklichendes Handeln im
178 Merkel, Abhandlungen, S. 81.
Rechtssinne ist ein die Freiheit des anderen achtendes Handeln 174 . 179 Merkel, Abhandlungen, S. 90.
Mit dem Verbot von Eingriffen ist der Inhalt der Respektierungserwartung 180 Merkel, Abhandlungen, S. 81 f. (Hervorhebung im Original).
indes noch nicht vollstandig umschrieben. Die Pflicht zur Respektierung ande- 181 Hoflfeld, Tun, S. 68.
182 AK-Seelmann, § 13 Rn. 49; NK-Wohlers, § 13 Rn. 34; Jakobs, AT, 29/29, 38; ders., FG

BGH, S. 29 f.; ders., FS Androulakis, S. 254;]escheck/Weigend, AT, § 59 IV 4 a (S. 625); Donner,


168 Grundlegend v. Hayek, Verfassung, S. 37 ff.; aus der neueren Literatur Ladeur, Frei- Zumutbarkeitsgrenzen, S. 197; Griinewald, Garantenpflichten, S. 133 f.; Gauger, Dogmatik,
heitsrechte, S. 67 ff.; ders., Eigenwert, S. 36 ff. S. 203; Hardwig, Zurechnung, S. 150, 155; Herzberg, Unterlassung, S. 286; ders., Verantwor-
169 v. Hayek, Verfassung, S.40. tung, S. 226; ders., JZ 1986, 988; Pawlik, Verhalten, S. 184; Perdomo-Torres, Garantenpflich-
170 Ladeur, Freiheitsrechte, S. 129. ten, S. 162; Philipps, Handlungsspielraum, S. 11, 64, 104 ff.; Sánchez-Vera, Pflichtdelikt, S. 55,
171 Ladeur, Eigenwert, S. 42. 60 ff., 68 ff.; Timpe, Strafmilderungen, S. 175, 187; Vogel, Norm, S. 364; S. Walter, Pflichten,
172 Ladeur, Freiheitsrechte, S. 128. S.127; Engldnder, 2. FS Roxin, S. 664; Otto, NJW 1974, 532; ders., FS Gi:issel, S.108; Schild,
173 Vgl. Ladeur, Freiheitsrechte, S. 67. FS Jakobs, S. 605; Stree, FS H. Mayer, S. 155 f.; aus philosophischer Perspektive Liibbe, Ver-
174 Pawlik, Notstand, S. 14. antwortung, S. 91 ff. -Angesichts der systematischen Gleichrangigkeit der Neutralisierungs-
A. Das System der Znstdndigkeiten 185
184 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers

Eine Respektierungszustandigkeit kann sich schliefüich auch aus dem An-


nichts anderes übrig als darauf zu vertrauen, daB dies der Fall sei. Ihre Ohn-
tritt einer Position ergeben, durch die jemand fremde Interessen ,,von -~iner
macht ist die Kehrseite der AusschlieBungsbefugnis des Rechtskreisinhabers.
Wenn eine Lage eingetreten ist, in der jenes Sicherheitsvertrauen enttauscht zu Thatigkeit seinerseits in Abhangigkcit gebracht hat" 196 (tatsachliche Uber-
nahme). Wenn dcr andere sich im Vertrauen auf die ausdrücklich oder konklu-
werden droht, so muB der Rechtskreisinhaber gleichsam den Preis für die Frei-
heit entrichten, die seine Befugnis zur AusschlieBung anderer ihm bislang ver- dcnt crklarte Bereitschaf t zu seiner Sicherung oder Rettung Bli:iGengegeben
hat, die den Bestand seincr Güter in Gefahr bringen, muG der Urheber der Er-
mittelt hat. Weil er seine Rechtssphare anders hatte organisieren ki:innen, wah-
klarung kraft des Respektierungsgebotes das von ihm zurechenbar bewirkte
rend den anderen von vornherein die Rechtsmacht dazu fehlte, steht er bei nor-
Schutzdefizit durch eigene Aktivitaten ausgleichen; das ursprüngliche Verlet-
mativer Betrachtung der Gefahr naher als sie. Dem entspricht auf seiner Seite
zungsverbot wandelt sich insofern auch für ihn in ein Verhinderungsgebot
die Zustandigkeit für MaBnahmen der Risikoneutralisierung 19º.
um197 • Wer beispielsweise durch sein Versprechen, Obacht zu geben, einen un-
Einer anderen Person der gebührenden Respekt zu bezeugen erfordert nicht
sicheren Schwimmer dazu bewogen hat, sich vom Nichtschwimmerbereich in
lediglich, dafür zu sorgen, daB der eigene Organisationskreis keine schadlichen
den tieferen Teil des Beckens vorzuwagen, der muG zupacken, wenn demande-
AuBenwirkungen hat 191; sofern man die bereits eingetretene Schadigung eines
ren die Krafte schwinden. Es ist das Verbot selbstwidersprüchlichen Verhaltens,
anderen zu verantworten hat, hat man darüber hinaus die erforderlichen Ret-
das hier zu Lasten des Taters eingreift. Dem liegt eine funktionale - allerdings
tungsmaBnahmen zu ergreifen 192. Die Verantwortlichkeit des Taters hat nam-
lich nicht bloB die Vermeidung schadenausli:isender Kollisionen zum Inhalt, eine freiheitsfunktionale - Erwagung zugrunde: Um des gemeinsamen Zwecks
eines freiheitsforderlichen Rechtszustandes willen wird dem Tater die Option
sondern den Schutz der fremden Rechtssphare vor zurechenbaren Beeintrach-
abgeschnitten, sich nach Belieben von seiner einmal erklarten Risikoübernah-
tigungen schlechthin 193. Die aus ihr erwachsende Neutralisierungsverpflich-
mebereitschaft loszusagen [Link] der Taterperson abverlangte Verhaltenskon-
tung bleibt deshalb so lange bestehen, wie es dem Tater noch mi:iglich ist, den
tinuitat und Verhaltenskonsistenz verringert das Unsicherheitsmoment, das so-
von ihm eingeleiteten Schadensverlauf zu unterbrechen. Lediglich ihre auBere
zialen Beziehungen innewohnt, und ermi:iglicht dadurch überhaupt erst soziale
Gestalt wandelt sich von der Forderung nach akzessorischen bzw. komplemen- 199
taren SicherungsmaBnahmen 194zu derjenigen nach der Vornahme von Ret- Kooperation oberhalb des Niveaus einer Tauschgesellschaft .
tungshandlungen. ,,Als Kompensation der mit der Vorhandlung generell ver-
bundenen Gefahren sind beide lediglich eine Funktion der progressiven Veran-
derung, der die tatsachliche Situation inzwischen unterworfen war." 195 196 Merkel, Abhandlungen, S. 81.
197 Grundlegend für die neuere Diskussion Stree, FS H. Mayer,_S. 151 ff. - Ebenso AK-
190 Ebenso LK-Weigend, § 13 Rn. 24, 48; NK-Wohlers, § 13 Rn. 46; SK-Rudolphi, § 13 Seelmann, § 13 Rn. lOOff.; NK-Wohlers, § 13 Rn. 38 ff.; SK-Rudolphz, § 13 Rn. 58; SSW-Kud-
lich, § 13 Rn. 28;]akobs, AT, 29/46; ders., System, S. 38; ders., FS Arthur Kaufmann, S. 4_61;
Rn. 27; ders.: Gle1Chstellungsproblemat1k, S. 111, 177; ders., JR 1987, 337 f.; Freund, AT, § 6
ders., Zurechnung, S. 23;]escheck/Weigend, AT, § 59 IV 3 e (S. 623); Kohler, l\T, S. 218; Kuhl,
Rn. 26 f.; Frzster, AT, § 22 Rn. 24; Kiihl, AT, § 18 Rn. 106; Otto, AT, § 9 Rn. 85; ders., FS
AT, § 18 Rn. 70, 75; Otto, AT, § 9 Rn. 64; Roxin, A"I:2, § 32 Rn. 55; Schmidh_auser,AT, 16/45;
Schroeder, S. 341; Wessels/Beul_ke, AT, Rn. 723; Brammsen, Entstehungsvoraussetzungen,
Wessels/Beulke, AT, Rn. 720; Donner, Zumutbarke1tsgrenzen, S. 201 f.; Grunewald, Gar~n-
S. 235 f.; Do~ner, Zumutbarke1tsgrenzen, S. 200; jakobs, System, S. 36; Perdomo-Torres,
tenpflichten, S. 138; Perdomo-Torres, Garantenpflichten, S. 167 ff.; Philipps, Ha_n~lungssp1el-
GarantenpflIChten, S. 159; Timpe, Strafmilderungen, S. 175; Welp, Tun, S. 217 ff.; Frisch, FS
raum S. 151· Sánchez-Vera, Pflichtdelikt, S. 62; Maiwald, JuS 1981, 481 f. - Eimge Autor~n
Puppe, S. 428 f.; Kuhlen, FS Puppe, S. 679 (der allerdings verkennt, dail Verkehrspflichten
lasse~ demg~genüber die Übernahme einer Schutzaufgabe als so~c)1egenügen, _unabhang1g
und Ingerenz auf em und derselben systematischen Wurzel beruhen); Ransiek,JuS 2010, 588;
davon, ob der Begünstigte dadurch veranlailt wurde, auf anderwe1t1ge Schutzmoghchke1ten
Schall, FS Rudolphi, S. 277.
191Jakobs, AT, 29/29 ff.;]escheck/Weigend, AT, § 59 IV 4 6 (S. 626 f.); Stratenwerth/Kuh- zu verzichten (so etwa LK-Weigend, § 13 Rn. 34; Brammsen, Entsteh:1ngsvoraussetzung~n,
S.182 ff.; Herzberg, Unterlassung, S. 353). Wer so verfahrt.' verstelhs1ch mdes:e_n den B~1ck
len, AT, § 13 Rn. 27.
192AK-Seefoiann, § 13 Rn. 125; Freund, AT, § 6 Rn. 68 f.; jakobs, AT, 29/38 ff.; Kohler, für die legitimationstheoretisch grundlegende Untersche1du!1g zw1schen pos1t_1venPfüch-
ten, in denen die Verbesserung einer bestehenden Rechtsposmon geschuldet wird, und 1:e-
AT, S. 220; Roxzn, AT 2, § 32 Rn. 150; Brammsen, Entstehungsvoraussetzungen, S. 243; Gal-
gativen Pflichten, die sich auf die Kompensation zurechenbar verursachter Schutzdefiz1te
las, Stud1en, S. _88f.; Herzberg, Unterlassung, S. 323 ff.; Perdomo, Garantenpflichten, S. 164 f.;
Tzmpe, Strafmilderungen, S. 176; Welp, Tun, S. 189 ff, 221 ff.; Maiwald, JuS 1981, 483; Stein, beschranken.
198Pawlik, Verhalten, S.129; Perdomo-Torres, Garantenpflichten, S.17~.
JR 1999, 270. -And_erer _Ansicht unter Berufung auf sein (unangemessen enges, dazu oben
199Luhmann, Aufklarung, s. 149 H. - Das ,,Vertrauen [... ] darauf, dail s1ch andere Perso_-
S. 182 Fn. 182) Verstandms der ,,Begehungsgleichheit" des Unterlassens Schiinemann Grund
S.29O. ' ' nen bei sozialen Kontakten nicht ohne plausiblen Grund widersprüchlich verhalten", 1stsomlt
193Herzberg, Unterlassung, S. 323. entgegen]akobs (AT, 29/67; ebenso Timpe, Strafmilderung~n, S. 189 Fn. Bl) keine Besonder-
194Zu diesen Begriffen Welp, Tun, S. 212 ff. heit institutioneller Garantenpflichten, sondern hegt samthchen Selbstbmdungstatbestanden
195 Welp, Tun, S. 221. zugrunde, auch den Auspragungen des Respektierungsgebots.
A. Das System der Zttstdndigkeiten 187
186 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers

nalen, gleichsam infrastrukturellen Rahmenbedingungen muB hinzukommen.


Hegel bringt diese Zusammenhange pragnant auf den Begriff. Kant hat die
Die ihrer Sicherung dienenden Zustandigkeiten kann man, in Anlehnung an
Pflicht, abgegebene Versprechen zu halten, als Postular der reinen Vernunft
Seelmann 207, ,,Voraussetzungs-" oder, mit Jakobs 208, institutionell begründete
noch im kategorischen Imperativ 200und damit letztlich in der Moralitat der
Zustandigkeiten im engeren Sinne nennen. Gemeinsam ist ihnen, daB sie von
einzelnen Person verankert 201. Darauf mag Hegel nicht bauen. Die Pflicht, das
dem Zustandigen nicht nur die Wahrung der Integritat eines vorgegebenen
gegebene Wort zu halten, ergebe sich ,,nicht aus moralischen Gründen, daB ich
Rechtsbestandes, sondern dessen Erweiterung, nicht lediglich Respektierung,
mir innerlich gleich bleiben, meine Gesinnung, Überzeugung und so fort nicht 209
andern salle". Dies konne ich zwar andern; ,,aber mein Wille ist nur als aner- sondern Verbesserung verlangen .
Der Befund, daB eine freiheitliche Rechtsgemeinschaft auf derartige Zustan-
kannter da, ich widerspreche nicht nur mir, sondern dem, daB mein Wille aner-
digkeiten angewiesen ist, beantwortet freilich noch nicht die Frage, unter wel-
kannt ist." 202Die Begründung Hegels lenkt den Blick einmal mehr auf die Wur-
chen Voraussetzungen sie sie einzelnen ihrer Mitglieder auferlegen darf.
zel samtlicher Figuren der Zustandigkeitsbegründung: Sie setzen eine normativ
Legitimationstheoretisch am wenigsten problematisch ist der Fall, daB ein Bür-
gehaltvolle gesellschaftliche Wirklichkeit voraus (sind also sittliche Begriffe im 2
Hegelschen Sinne 203), innerhalb deren sie die einzelne Rechtsperson auf die Er-
ger die betreffende Sonderrolle aus freien Stücken auf sich genommen hat So '.º·
liegt es zum einen bei der Übernahme einer Tatigkeit innerhalb der ~taathchen
mogli~hungsbedingungen ihres eigenen rechtlichen Anerkanntseins festlegen.
Organisation. Sofern der Staat eine besondere Rechtsmacht über eme Person
Aus d1esem Grund kann diese Person die ihr auferlegten Zustandigkeiten nicht
begründet hat, muB er, reprasentiert durch seine Amtstrager, d~!ür _Sorgetra-
zurückweisen, ohne sich selbst als Inhaberin einer Sphare rechtlich garantierter
gen, daB dieser Person das dem betreffenden Sonderrechtsverhalt111s entspre-
Organisationsfreiheit aufzuheben. Pflichterfüllung ist der Preis der Freiheit 2º4 •
chende MaB an Schutz und Fürsorge zuteil wird 211. Soweit der Kernbereich
staatlicher Aufgaben in Rede steht, existierten strafrechtlich relevante Zustan-
3. Gewahrleistung grundlegender Realbedingungen personaler Existenz
digkeiten staatlicher Amtstrager darüber hinaus auch gegenüber solchen Bür-
22
Ein~ selbstbestimmt~ Lebensführung ist ein hochst voraussetzungsreiches gern, die in keinem speziellen Abhangigkeitsverhaltnis zum Staat stehen '. - So
P~oJ~kt. Neben stabilen auBeren Verhaltnissen, die eine Verfolgung lang- trifft den Polizeibeamten eine strafrechtlich sanktionierte Pflicht zur Verhmde-
fnst1g angelegter Planungen überhaupt erst zulassen, erfordert sie eine gewisse
Grundausstattung mit materiellen Gütern und nicht zuletzt einen betracht-
lichen Wissensstand sowie die Fahigkeit zur rationalen Bildung von Praferen- 2o7 Seelmann, GA 1989, 256.
2os Jakobs, AT, 29/28, 57 ff. .. . .
zen u~d deren geordneter Verwirklichung. Ohne physische, psychische und 209 Freilich ist in dem Gebot der Fürsorge das Verbot von Schad1gungen m1tenthalten
m~rahsche Handlungs- und Selbstmachtigkeit und nicht zuletzt ohne eine ge- (klarstellend bereits Binding, Normen Bd. I, [Link])._ ,,Wer positiv zun1 Aufbmi einer gemein-
w1sse okonomische Basissicherheit konnen die klassischen Bürgerrechte in den samen Welt verpflichtet ist und die negative Inst1tut1on verletzt, verstoEt dam1t zugle1ch auch
gegen die positive Institution." (Sánchez-Vera, Pflichtdelikt, S. 98 f.; ebenso ]akobs, System,
Wort~n Ker_stings,,_~ich!die Bedeutung gewinnen, die sie nach der Vorstellung
des L1berahsmus fur die Gestaltung autonomer Lebensführung und indivi- S. 85, 87; Lesch, ZStW 105 [1993], 289) . .
210 Die Relevanz des Gedankens der vertrauensbildenden Selbstverpfüchtung (auch) un
dueller Selbstw~rtbildung besitzen" 2º5 • Das System der Respektierungspflich- Bereich ,,institutioneller" Pflichten betont zu Recht LK-Weigend, § 13 Rn. 25. .
te~ deckt ~ur _eme~ver_haltnismafüg geringen Teil dieser Voraussetzungen ab. 211 Dies ist unstreitig; vgl. etwa SK-Rudolphi, § 13 Rn. 54c; Frister, AT, § 22 Rn. 38; Roxm,
W1e Kerstmg 11nHmbhck auf Kants Rechtsbegriff bemerkt, beschrankt es sich AT 2, § 32 Rn. 85. . . .. . .
212 Ob die Wahrnehmung einer bestimmten Aufgabc zustand1gke1tsbegrundend 111d1e-
da_rauf, eine ,,Selbstschutzgemeinschaft der Handlungsmachtigen" zu konsti- sem Sinne ist wird nicht selten umstritten sein (naher Jakobs, AT, 29/76 ff.; Hüwels, Geset-
tu~ere~206,.oh~e aber auf d_ieErmoglichungsbedingungen dieser Handlungs- zesvollzug, s'. 145 ff.). Diese Unsicherheit spiegelt jedoch in erster Linie die in n1odernen, nach
macht1gke1t emzugehen. Em solches System vermag, für sich genommen, die einem Ausdruck aus der Systemtheorie (Willke, Ironie, S. 216 ff.) ,,polyzenmsc~" verfaEte_n
Realitat personaler Freiheit nicht zu gewahrleisten; eine Reihe von überperso- Gesellschaften unvermeidlichen Kontroversen über die Freiheitsbedeutung bestnnmter i:oh-
tischer Anliegen und - eng damit verlrnüpft- über die Funktion des modernen Staates "'.1der.
Was als Staatsaufgabe gelten soll, laEt sich vor diesem ~-hntergru1:1d ,,mc~t 111ehraus emem
200 Kant, MS, Werkc Bd. 7, S. 385.
201 Liebsch, Wort, S. 105. staatstheoretischen Bezugsrahmen ableiten, sondern die Entscheidung h1eruber 1st grund-
202 Hegel, Jenaer Systementwürfe III, S. 211 (Hervorhebung im Original) satzlich eine Angelegenheit politischer Prozesse geworden" (F.-!C-K~ufmann, D1skurse, __ S. 19;
203 T ebenso Grimm, Staatsaufgaben, S. 771, 773; Hildebrand, Rat10nalis:er1;1ng, S. 127; A!ollers,
ref f end Ltebsch
· . Bezug auf Hegels Versprechenslehre.·
(Wort, S. 107) m1t
204Jakobs, ZStW 117 (2005), 261. Leviathan, S. 66). Das Vorhandensein einer ,,Grauzone" ergi?t ~ich m1th111_111 erster Lime aus
205 Kersting, Theorien, S. 394. der spezifischen Beschaffenheit des Referenzobjektes der l11es1gen_Theone - der modernen
206 Kersting, Freiheit, S. 98. demokratischen Gesellschaft - und stellt keinen Mangel der Theorie selbst dar.
A. Das System der Zustandigkeiten 189
188 2. Kapitel: Die Z11standigkeiten des Bürgers

ander im Fall schwerwiegender Gefahren beizustehen. Verhaltnisse dieser Art


rung von Straftaten 213 , stellt doch ungeachtet der historischcn und politischen
weisen eine versícherungsahnliche Struktur auf: Im Unterschied zu der
Wan_1elbarkeitvon Staatsaufgabcn die Erwartung an die Staatsorganc, strafba-
Konstcllation der tatsachlichen Übernahme, in der die Rollenverteilung zwi-
ren Ubergriffen auf Rechtspositionen der Bürger entgcgenzutreten, den unbe-
schcn dem Übernehmer und dem Schutzbedürf ti gen von vornherein feststeht,
strittenen innersten Kern dieser Aufgaben dar 214 • Im Unterschied zum Fall der
ist es hier ungewiB, welcher der Beteiligten gegebenenfalls von einer Hilfe-
tatsachlichen Übcrnahme steht diese Zustandigkeit der Amtstrager nicht unter
leístung profirieren wird; alle sind sowohl potentiell Begünstigte als auch po-
dem Leitgedanken der Kompcnsation eigenen Gefahrdungsverhaltens, sondern
tentiell Verpflichtete. Vor allem aber geht es in diesen Fallen nicht lediglich um
unter demjenigen d:r Mitwirkung anden staat!ichen Kernaufgaben Ordnungs-
eine Kompensation für einen zuvor innegehabten Sicherheitsstandard; Sinn und
wahrung und Dasemsvorsorge. Die bei der tatsachlichen Übernahme im Ein-
Zweck der Vcreinbarung ist vielmehr eine allen Partnern zugute kommende
zelfall zu ermittelnde Preisgabe anderweitigen Schutzes haben die Bürger in
Verbesserung des bisherigen Sicherheitsniveaus. Derartige Verhaltnisse trotz-
ihrem Verhaltnis zum Staat namlich schon durch ihr Sich-Unterstellen unter
dem anhand der Grundsatze über die Respekticrungspflichten zu beurteilen
die Rechtsordnung als solches vollzogen 215 • Deshalb bestimmen sich die Er-
(und sie damit auf eine Verantwortlíchkeít für abwehrbereitschaftsentzíehendes
wart~ngen an den Amtstrager ohne Blick auf die zufalligen Bedingungen, die
Vorverhalten zu beschranken) 218 , würde ihrer normativen Struktur eklatant
er be1m Antritt seiner Position vorfindet; insbesondere kommt es nicht darauf
zuwíderlaufen 219 . Eine wirklichkeitssensible Verbrechenslehre kommt viel-
an, ob durch den Antritt der Position ein anderweit bestehender Schutz ausge-
mehr nicht umhin, íhnen durch eine weiter geschnittenc, eigenstandige Garan-
schaltet oder verringert wird 216 .
_Zum_an~ere_nkann es Privatpersonen kraft ihres Vorverhaltens obliegen, der tenpflicht Rechnung zu tragen. . .. . .
Die soeben erorterten Beistandspflichten konnten an emen zustand1gke1ts-
H1lflos1gke1temes anderen zu wehren und diesen gegebenenfalls zur Selbstan-
bcgründenden Akt des Pflichtígen anknüpfcn. Dí: Freí"".íllígkeit der _Rol~en-
digkeit (zurück) zu führen. Die Verpflichtungen dieses Typs reflektieren den
wahl íst nach eíncr Bemerkung des Phílosophen D1eter Birnbacher ,,die w1ch-
Umstand, daB der Staat sich aus dem betreffenden Lebensbereich weitgehend
tígste ímplizíte gesellschaftlíche Strategíe zur Senkung d~r beím_moralíschen
heraushalt und dessen Autonomie respektiert. Der wichtigste dieser Falle ist
Subjekt anfallenden ,Kosten"' 22º.Rechtsethisch problematischer smd nac~ dem
das Eltern-Kind-Verha!tnis 217 • Das gleiche gilt, wenn mehrere Personen sich
Urteíl Birnbachers zwei anderc Strategien der Verantwortungszuschreibung:
(insbesondere durch den Akt der EheschlieBung) gcgenseitig versprechen, ein-
,,die Zuschreibung von Verantwortung aufgrund nicht frei gewahlter sozialer
213 BGHSt 38, 388,_389 H.; Fischer, § 13 Rn.17; Lackner/Kúhl, § 13 Rn. 14; LK-Weigend, Positionen und die Zuschreibung von Verantwortung aufgrund der besonderen
§ 13 Rn. 31; SSW-Kudltch, § 13 Rn. 20; Freund, AT, § 6 Rn. 93; Frister, AT, § 22 Rn. 39; H off- Leistungsfahigkeit" 221 . Die erstgenannte Konstellation ist insbesondere ~mBe-
mann-Holland, AT, Rn. 754; Kzndhauser, AT, § 36 Rn. 83; Kohler, AT, S. 226; Krey/Esser, reich staatsbürgerlicher Grundpflichten von Bedeutung. So knüpfte die Ver-
AT, Rn. 1133;]akobs, AT, 29/77d; ders., System, S. 85; Otto, AT, § 9 Rn. 68; Puppe, AT, § 29
Rn. 23; Roxzn, AT 2, §32 Rn. 93; ders., GA 2009, 81; Pawlik, ZStW 111 (1999), 350ff.-A. A. pflichtung zur Ableistung des Wehr- oder Zivildienstes bis zu ihrer Aussetzung
SK-Rttdolphi, § 13 Rn. 36, 54b f.; ders., JR 1987, 338 f.; Schünemann, Grund, S. 363; ders., FS
Amelung, S. 316; Zaczyk, FS Rudolphi, S. 368 f. 218 So aber im Ergebnis Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 13 Rn. 41 f.; SK-Rudolphi, § 13 Rn: 55
214 Grimm, Staatsaufgaben, S. 772 f.; Waldhoff Staat S. 53.
21s P (für die Gefahrengemeinschaft) sowic AK-Seelmann, § 13 Rn. 137; Dormer, Zumutbarkeits-.
_awlik , Z St:í7 lll..c199~), 346. -Ebenso]akobs,
;, , 29/77d Fn. 156a; Roxin, AT 2, § 32
AT, grenzen, S. 209; Gallas, Studien, S. 92; Ingelfinger, NStZ 2004, 411 (fur die Ehe). - Unklar
Rn~;¡; un \".esenthchen uberemstimmend LK-Weigend, § 13 Rn. 30; Gallas, Studien, S. 84.
Pawltk, ZStW 111 (1999), 348 Fn. 50. - Ebenso bereits Rudo/phi, Gleichstellungspro- Freund, AT, § 6 Rn. 88. ..
219 Treffend Uibbe, Verantwortung, S. 95. - Freilich muÍ\ das gegense1t1ge Vertr~ue~s-
blematik, S. 18.
21
und Abhangigkeitsverhaltnis tatsachlich bestehen. Deshalb endet die Garantenpflichug-
~ Die strafrechtliche Verantwortung der Eltern für ihre (minderjahrigen) Kinder ist un-
keit der Ehegatten füreinander mit der Trcnnung (BGHSt 48, 301; HK-GS-Tag, § 13 Rn. 18;
bestntten; vgL n~r LK-Wezgend, § 13 Rn. 26; Bohm, Garantenpflichten, S. 29 ff. - Die Pflicht
LK-Weigend, § 13 Rn. 29; SK-Rndolphi, § 13 Rn. 50; SSW-Kudlich, § 13 Rn.19.; Frennd, AT,
der Eltern, wie die herrschende Mcinung es tut, auf ihre ,,natürliche Verbundenheit" zu ihren § 6 Rn. 88; Frister, AT, § 22 Rn. 36; Hoffmann-Holland, AT, Rn. 747; Kzndhauser, ~T, § 36
Kmdern (vgL etw~Jes_check/Weigend, AT, § 59 IV 3 a [S. 622]; Wessels/Beulke, AT, Rn. 718) Rn. 76;Kiihl, AT, § 18 Rn. 58; ders., FS Herzberg, S. 187 f.; Rengzer, AT, § 50 Rn. 19 H.,Roxzn,
und deren Hilflosigkeit (so etwa SK-Rudolphi, § 13 Rn. 47; Roxin, AT 2, § 32 Rn. 33; Otto, FS
AT 2, § 32 Rn. 50; Albrecht, Begründungen, S. 81 f., 180, 215; Brammsen, Entst~h@gsv?r-
f.!erz~erg, S. 2~7) zu stützen, ist allerdings schon deshalb unzureichend, weil Sollenssatze
aussetzungen, S. 162; Jngelfinger, NStZ 2004, 411 H.; Ransiek, JuS 201_0,588). --F~; eme _em-
si_chmcht unmittelbar aus natürlichen Gegebenheiten ableiten lassen. - Im wesentlichen wie
schrankungslose Garantenpflicht - ,,Relikt der formellen Rechtspflichttheon~n [Schune-
luer begründet_Brammsen (~ntstehun~sv~raus_setzungen, S. 161 f., 175) die Zustandigkeit der mann, Grund, S. 357] - pladieren demgegenüber Baumann/Weber!Mztsch, A1, § 15 Rn. 55;
Eltern. Auch die Autoren, die die Zustand1gke1t der E!tern als ,,selbstverstandliche Kehrseite
MaMach/Gossel!Zipf, AT 2, § 46 Rn. 77; Herzberg, Unterlassung, S. 342).
der Elternrechte" bezeichnen (MK-Freund, § 13 Rn. 92; ders., AT, § 6 Rn. 28, 89; Kühl, AT,
220 Birnbacher, Tun, S. 318.
§ ~8 Rn. 49; Do~nei:, Z~mutbarkeitsgrenzen, S. 207), haben offenbar die den Eltern gewahr- 221 Birnbacher, Grenzcn, S. 173; sachlich übereinstimmend bercits ders., Tun, S. 281.
le1stete Eigenstandigkeit bei der Wahrnehmung ihres Erziehungsauftrags vor Augen.
A. Das System der Zustdndigkeiten
191
190 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

heit in existenzbedrohenden Notlagen, indem sie sich für derartige Falle gegen-
an die (deutsche) Staatsangehorigkeit des Pflichtigen an (§ 1 WPflG); diese hatte
der Betreffende in der Regel nicht aufgrund eines gesonderten Antrages, son- seitig Hilfe zusagen 226 • •
Die Begründungskraft dieser wiederum quasi-versicherungsrechthchen
dern kraft Gesetzes mit seiner Geburt erworben (§ 3 Abs. 1 Nr. 1 StAG). Die
Deutung ist jedoch eine begrenzte. Nicht von einzelnen seiner Mitversicherten,
Pflicht zur Entrichtung der Erbschaftsteuer setzt die Stellung als Erbe voraus
sondern von der Gesamtheit der Versicherungsnehmer in deren organisatori-
(§ 1 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 3 Abs. 1 ErbStG); diese verdankt der Betroffene einem
scher Verbundenheit - eben von ,,der Versicherung" - kann ein Geschadigter
e~tsprechen~en 'ví:illensakt_~es_Erblassers oder einer gesetzlichen Regelung,
beim Eintritt des Versicherungsfalls die vereinbarte Leistung verlangen; die an-
mcht aber se111ere1genen [Link] ist es ihm aber moglich, sich den
deren Versicherungsnehmer tundas Ihrige, indem sie ordnungsgemag ihre Pra-
genannten Verpflichtungen zu entziehen - sei es durch die Aufgabe seiner
mien zahlen. Ebenso verhalt es sich mit der Bekampfung von Unglücksfallen.
Staatsangehorigkeit und Auswanderung, sei es durch die Ausschlagung der
Bei Unglücken Hilfe zu leisten ist primar Sache staatlicher oder vom Staat be-
Erbschaft. Greift er nicht zu diesen Mitteln, so zeigt er dadurch, dag er die Vor-
auftragter Stellen. Die Bürger kommen ihrer Verantwortung für das Wohl ihrer
züge der betreffenden Rechtsstellung hoher gewichtet als deren Lasten. Er hat
Mitbürger grundsatzlich auf indirekte Weise nach, namlich dadurch, dag sie
des~alb keinen Grund, sich zu beklagen: Wer von den angenehmen Seiten eines
ihre Steuern und sonstigen Abgaben entrichten 227 • Es ist lediglich diese indi-
be~t1m~ten Rechtsstatus profitiert, darf sich vor dessen weniger angenehmen
rekte Verantwortlichkeit der Bürger füreinander, die sich mit Hilfe des Solida-
Se1ten mcht drücken.
ritatsgedankens legitimieren lafü. Wo hingegen ,,die ganze Last der Solidaritat
~ie ab~~ la_füsich die in § 323 e StGB kodifizierte allgemeine Beistands- · · getragen wer d en mm~
n« 228 b d
zunachst von e111em alle111 , e eutet d'1esf..ur d en B e-
pfücht leg1t1m1eren- eine ,,Zufallspflicht, für deren Entstehung der Unterlas-
troffenen im Vergleich zu den übrigen Mitgliedern der Rechtsgemeinschaft eine
sende selbst gar keinen Grund gelegt hat" 222 und die ihn nur aufgrund seiner
Zusatzbelastung 229 . Damit gerat diese Inanspruchnahme in ein prekares Ver-
besonderen Leistungsfahigkeit trifft? In die politische Philosophie des libera-
haltnis zu dem versicherungsrechtlichen Grundgedanken der Umlegung ein-
len Rechtsstaates klassischer Pragung fügt sich eine solche Verpflichtung nicht
zelner Schaden auf die Gesamtheit aller Versicherten sowie zu dem verfassungs-
• 223 . D as 1
e111 'h r zugru~ de1·1egende Pnnz1p
· · mug daher anderweitig begründet
w~rden. ~errschend 1st der Verweis auf die ,,Solidaritat", die der eine (zur
H11fefah1ge) Bürger dem anderen (hilfsbedürftigen) Bürger schulde 224 • Damit 226 Vgl. bereits Pawlik, GA 1995, 363 ff.; ebenso Kühnbach, [Link]~tspfüchten, S.146,
wird die Legitimationsfrage indessen nur terminologisch verbramt und nicht 226· Duttge, FS Schoch, S. 606 f.; Frisch, FS Puppe, S. 442. - Kohler (D1men_s10nen,S._13?)
beantwortet; denn das Fundament jener Beistandspflicht bleibt weiterhin im ha!; das dieser Begründung zugrunde liegende ,,utilitare Kalkül" für unzure1chend. ~runar
Dunkeln. Es liegt freilich nahe, in ihr den Reziprozitatsgedanken am Werk zu beruhe das strafrechtliche Hilfeleistungsgebot ,,auf der unbedmgten Selbstaffirmanon der
menschlichen Vernunftexistenz, die in einem ihrer Glieder dem zufalligen Existenzverlust
sehen - diesmal freilich nicht beschrankt auf einen konkreten Personenkreis zu überlassen ein Grundwiderspruch ware". Zu Ende gedacht, liefe dieser angebliche_Rechts-
sondern erweitert auf die Bürgergemeinschaft als ganze. Leibniz hat die be~ grundsatz indes auf eine prinzipiell unbegrenzte Eimtand_spflich: der anderen_für emen von
treffende Kalkulation auf den Begriff gebracht: ,,Einen Nachteil hinnehmen einem vermeidbaren Tod bedrohten Mitmenschen hmaus. Uberspitzt gesagt, muilten alle ver-
fügbaren finanziellen Mittel im Gesundheitssystem (und dort wiederun_i bei den lnte_nsivst~-
mit der Gewigheit oder dem Vertrauen, ihn wiedererstattet zu bekommen
tionen) konzentriert werden. Einen solchen pfhchtentheorenschen Mornsm~s l:ann eme poh-
ist b~llig, weil es auf einen unschadlichen Nutzen hinauslauft. Sogar auch ei~ tische Gemeinschaft, die sich mit einem breitgefacherten Katalog an kostsp1ehgen Aufgaben
bestimmtes ~ag an Unglück zu ertragen mit der Gewigheit, dag umgekehrt konfrontiert sieht, unmoglich akzeptieren. Das Leben mag in der bürgerli~hen Gesellschaft
der andere_me111Unglück verhindert, ist von Vorteil." 225 Die einzelnen Bürger der Güter hochstes sein; es um jeden Preis zu erhalten, ist aber auch in 1_hrkem Vernu_nftgebot.
227 Kühnbach (Solidaritatspflichten, S. 232 f.), die treffend von emer ,,Affirntat des So-
erkaufen s1ch demnach durch § 323c StGB einen Zuwachs an Daseinssicher-
zialstaats zum ókonomischen" spricht; ferner Duttge, FS Schoch, S. 607; Gotz, VVDStRL
41 (1983), S. 34; Jsensee, FS Ipsen, S. 415,423; ders., DOV 1982, 617; Perron, Rechtferngung,
S. 94; Preufl, Bedingungen, S. 43.
222 22s Kiihnbach, Solidaritatspflichten, S. 235. . . . .
Traeger, Problem, S. 75. 229 Diese Belastung ist um so hoher, je geringer der Inst1tut1onahs1erungsgrad v~n S_o-
223
Kühnbach, Solidaritatspflichten, S. 14; S. Walter Pflichten S 114f · J<..z,hlJuS 2007 lidargemeinschaften ist, je weniger man sich also ,,darauf bcschranken k~nn,_ zu~tan_d1~e
499. ' ' . ., ,., ' '
224
Institutionen zu benachrichtigen" (Lübbe, Verantwortung, S...89). Daran ze1gt sich 11nubn-
~;emplarisch jüngst ~ch~lte'. Garantens'.ellungen, S. 185 (,,Solidarpflicht reinsten gen, dal3-wic Lübbe (aaO) feststellt-für die B_eurteil~ng der ~bc'.·zeugm1gskraft strafrec~t-
Wassers _),224 (,,Musterbe1sp1el fur eme verrechtlichte Solidarpflicht"); ferner v. Coelln, Ein- licher Regclungen mehr erforderlich ist als ph1l?soph1sches Pnn_z1p1enw1ssen.,,Er~orderhch
stehenmussen, S. 185_;Kz~h_l,FS H~rzberg, S._181 f. - Eine begriffliche Prazisierung des noto- ist darüber hinaus die Vertrauthcit mit der kontmgenten 111st1tut1onellenVerfailthe1t der Ge-
nsch unscharfen Sohdantatsbegnffs unterrnmmt Kühnbach Solidaritatspflichten S 223 ff
225 Leibniz, Schriften, S. 153. ' ' · · sellschaft, in der die betreffenden Regelungen gelten."
192 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 193

rechtlichen Prinzip der Lastengleichheit 230 • Zur Legitimierung dieser Zusatz- taucht 237 , versteht darunter ,,diejenigen Thatsachen, welche zusammengenom-
belastung aber ist der Verweis auf den Gedanken der Solidaritat mit dem men den Begriff einer gewissen Gattung von Verbrechen bestimmen" 238 . Chri-
Verletzten nicht ausreichend. stoph Car! Stübel erganzt diesen spater sogenannten ,,besonderen Tatbestand"
Diese Begründungslücke lafü sich schlieBen, indem die Parallele zum Ver- um die Kategorie eines ,,allgemeinen Tatbestandes" 239 - den ,,Inbegriff aller
sicherungsrecht ernst genommen und dem Opfer Solidaritat nur gegenüber sei- derjenigen Thatsachen, auf welche die in einem Criminalgesetze bestimmte
nen Mitbürgern in ihrer Gesamtheit zugebilligt wird. Diese Deutung erfordert Strafe erfolgen soll" 240 . Das von Klein und Stübel begründete Tatbestandsver-
es, die konkret in Anspruch genommene Einzelperson als Reprdsentantin der standnis pragt das gesamte 19.J ahrhundert. Berner unterscheidet noch in der
Allgemeinheit anzusehen und zu behandeln 231 • Eine derart begründete Zustan- letzten, 1895 erschienenen Auflage seines Lehrbuchs zwischen einem allgemei-
digkei~ rechtfertigt freilich nur eine eng begrenzte Hilfspflicht: Der Pflichtige nen und einem besonderen Tatbestand. Die Merkmale des Verbrechens als ei-
darf mcht von Rechts wegen anner gemacht werden; ihm dürfen lediglich ,,der nes Gattungsbegriffs bilden Berner zufolge den allgemeinen Tatbestand, wah-
Tausch gegen ein Wertaquivalent und die Kreditierung des Gegenwerts" 232 , rend die Merkmale einer jeden Verbrechensart deren besonderen Tatbestand
also vorlaufig bleibende Verluste abverlangt werden: Seine EinbuBen müssen bildeten. ,,Von jenem handelt der Allgemeine, von diesen der Besondere Teil des
vo~ sol~her Art _sein, daB sie sich wieder ausgleichen lassen 233 , und die Allge- Strafrechtes." 241
me111he1tmuB s1cherstellen, daB dieser Ausgleich auch tatsachlich erfolgt 2 34_ Diese Gegenüberstellung von allgemeinem und besonderem Tatbestand ist
Aus der im Vergleich zu den vorangegangenen Fallgruppen gleichsam verdünn- freilich ,,recht nichtssagenden Charakters" 242 . Sie erschopft sich in der ,,Binsen-
ten Intensitat der Zustandigkeit des Hilfeleistungspflichtigen ergibt sich wahrheit", daB es eine Lehre vom Allgemeinen Teil und eine Exegese des Be-
schliefüich auch der geringere Unrechtsgehalt eines etwaigen Gesetzesversto- sonderen Teils gibt 243 , vermittelt jedoch ,,keinerlei Einsicht darein, daB gerade
Bes. Damit ist auch die letzte der Ermoglichungszustandigkeiten vorgestellt dem Bereiche des ,besonderen Teiles' eine allgemeine, für die gesamte Verbre-
und die Skizze einer freiheitstheoretisch reflektierten Zustandigkeitslehre zum chenslehre wesentliche Begriffskategorie zu entnehmen ist" 244 • Das andert sich
AbschluB gebracht worden. mit Belings Lehre vom Verbrechen (1906). Belings Ziel besteht clarín, den be-
sonderen Tatbestand der bisherigen Lehren, ,,diesen hochst indifferenten und in
seiner systematischen Stellung vollig disparaten Begriff", in die Dogmatik der
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten .
allgeme111en ·
Verbrechensvoraussetzungen e111zug ¡·1edern 245 : ,,aus e111em
• chara~-
¡
246
terlosen Verlegenheitsgebilde mufüe ein organischer Systembegriff werden" •
I. Vom corpus delicti zum materiellen Tatbestandsbegriff Deshalb verwirft Beling bereits auf der ersten Seite seines Buches die herkomm-
liche Auffassung und erklart den Tatbestand zu einer zwischen Handlung und
Die Preufiische Criminalordnung von 1805 bestimmt in § 133: ,,Der Thatbe- Rechtswidrigkeit rangierenden eigenstandigen Kategorie der Allgemeinen Ver-
stand (corpus delicti) besteht aus dem Inbegriffe derjenigen Umstande, die es brechenslehre. Das naturalistisch-klassifikatorische Strafrechtsverstandnis, das
gewiB oder doch hochst wahrscheinlich machen, daB ein Verbrechen begangen der Lehre Belings zugrunde liegt, wird freilich seit langem abgelehnt 247 • Lafü
· «235 D.
wor d en 1st.
¡ ..
1esemprozessua gepragten, aus der Lehre vom corpus delicti 236 sich dessen ungeachtet an Belings Auffassung von der Eigenstandigkeit der Tat-
entstandenen Tatbestandsverstandnis stellt die Wissenschaft seit der Wende bestandsmafügkeit festhalten? Der Beling-Schüler Class verneint dies vehement:
vom 18. zum [Link] eine materielle Begriffsbestimmung gegenüber. Der allgemeine Begriffswert des Tatbestandes konne allein in dem Lehrsystem
Ernst Ferdinand Klein, bei dem zum ersten Mal das Wort ,,Tatbestand" auf-
n 7 Hall, Lehre, S. 128.
:;~ Zu diescm Grundsatz Jlofmann, HdbStR, Bd. V, § 114 Rn. 37; Bethge, JA 1985, 254 f. 238 Klein, Grundsatze, § 68 (S. 54).
Ebenso Haas, Kausalrtat, S. 262;Jakobs, RW 2010, 312 f.; Kühnbach, Solidaritatspflich- 239 Zu diesem Begriffspaar vgl. etwa Luden, Thatbestand, S. 72.
ten, S. 147,226,232; E. A. Wolff, Tun, S. 44.
232
24 º Stiibel, Thatbestand, S. 3.
Kühnbach, Solidaritatspflichten, S. 234. 2 41 Berner, Lehrbuch, S. 68.
233
Kohler, AT, S. 290. 242
234 Class, Grenzen, S. 20.
Für letzteres hat der_Gesetzgeber in§ 2 Abs. 1 Nr. 13a SGB VII gesorgt. Dem erstge- 2 43 Class, Grenzen, S. 21.
nannten Erforderrns 1st be1 der Auslegung der Zumutbarkeitsklausel in § 323c StGB Rech- 244 Class, Grenzen, S. 21.
nung zu tragen. 245
235 Class, Grenzen, S. 27.
Zitiert nach Hall, Lehre, S. 125. 246
236 Class, Grenzen, S. 27.
Zu dieser ausführlich Hall, Lehre, S. 41 ff. 247 O ben S. 152 f.
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 195
194 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers

Belings zu einer ,,eigenbedeutsamen Sonderstellung im Rahmen der allgemeinen II. Das Verhaltnis von Tatbestand und Rechtswidrigkeit
Verbrechensvoraussetzungen gebracht" werden 248. Die bis heute herrschende
Meinung hat sich dieser Einschatzung nicht angeschlossen und betrachtet den J. Tatbestdnde als,, Verbotstafeln"?
Tatbestand nach wie vor als selbstandiges Verbrechensmerkmal. Die dafür ange- Beling eroffnet seine Lehre vom Verbrechen mit einem programmatischen B~-
botenen Begründungen halten einer Überprüfung aber nicht stand. Generalpra- kenntnis. Bereits im Vorwort erklart er: ,,Gewicht lege ich besonders auf die
ventive Erwagungen sowie die Deutung des Tatbestandes als ratio essendi des Erkenntnis dag die Tatbestandsmafügkeit der Handlung keineswegs nur den
Unrechts weisen vielmehr in die Gegenrichtung. Auch die These, dag Tatbe- Besonderei; Teil des Strafrechts angeht-dorthin gehoren nur die einzelnen Tat-
standslosigkeit und Rechtfertigung einen unterschiedlichen rechtlichen bzw. so- bestande (Plural)-, daB sie vielmehr ein allgemeines Merkmal des Verb~echens
zialen Bedeutungsgehalt aufweisen, vermag eine verbrechenssystematische Ver- ist, daB sich der Allgemeine Teil des Strafrechts anden Tatbestand als sm~u~a-
selbstandigung des Tatbestandes nicht zu tragen (II.). rischen Begriff ankristallisieren muB."251Die Kategorie der Tat~e~tand~ma~ig-
Richtig verstanden, stellen jene beiden Verbrechensmomente vielmehr zwei keit, die Beling im folgenden entwickelt, ist in methodischer Hmsicht em Kmd
Seiten ein und derselben Medaille dar. Dies gilt nicht nur in dem seit geraumer des klassifikatorischen Denkens 252. Beling reiht ,,das Verbrechen dem Oberbe-
Zeit gelaufigen forma/en Sinn, dag Rechtfertigungsgründe sich durch eine bloge griff ,Handlung' ein und charakterisiert es diesem gege_nüberdurch fünf Spe-
,,Anderung des Vorzeichens" in allgemeine Strafbarkeitsvoraussetzungen um- 254
zialmerkmale"253, deren erstes die Tatbestandsmafügkeit darstellt . Der Tat-
formulieren lassen, deren Struktur mit den im Rahmen der Tatbestandsmafüg- bestand sondert nach Belings Verstandnis aus dem Bereich der Handl~ngen
keit diskutierten Verbrechensmerkmalen übereinstimmt [Link] gilt vielmehr auch das strafrechtlich bedeutsame Verhalten heraus. Wahrend dem Erforderms, dag
in dem weitaus anspruchsvolleren materiellen Sinn, dag sich auf beiden Ebenen eine Handlung vorliege, schon mit der Feststellung gen~gt sei, dafl de~.Tater
dieselben Zustandigkeitsfiguren geltend machen. Dieser Befund ist rechtsphi- willentlich eine Korperbewegung vorgenommen oder die Muskeln zuruckge-
losophisch ebenso naheliegend, wie er dogmatisch ungewohnt ist. Das Recht, halten habe, verlange der Tatbestand einen bestimmten C~arakter der H~nd-
zumal das Strafrecht, hat die Aufgabe, die Beziehungen zwischen Personen der- . mun, n um tatbestandsmafüg zu sein und für weitere strafrechthche
1ung. ,,S1e .
art zu ordnen, dag deren Freiheit zur eigenverantwortlichen Gestaltung ihres Würdigung in Betracht zu kommen, eine so oder so geartete Handlung, eme
Lebens nach Maggabe ihrer rechtlichen Gleichheit Rechnung getragen wird 250. Handlung von bestimmter Bedeutung sein. Mittels ~es [Link]~ w_erden
Aus der rechtlichen Gleichheit aller Bürger aber ergibt sich nicht nur, dag eine et- die Handlungen erst mit Farbe bekleidet." 255. Die Zeit~n seien. vorbei, ,,111 de-
waige Verantwortung des Verletzten für den in Rede stehenden Konflikt prinzi- nen jede rechtswidrige schuldhaf te Handlung ohne weiteres. die Strafdrohung
piell berücksichtigt werden muK Ihr ist darüber hinaus auch zu entnehmen, dag entfesselte"256. Wegen des Gesetzlichkeitsprinzips fielen v1elmehr ,,nur fest
es zur Feststellung dieser Verantwortung eines Rückgriffs auf die allgemeinen 257
umrissene Verbrechenstypen" unter die Strafdrohungen . Desh~lb konne Ver-
Zustdndigkeitstatbestdnde bedarf, die Dogmatik der zustandigkeitsmodifizie- brechen ,,nur die Handlung genannt werden, die einem de: [. •;}im besondere_n
renden Rechtsinstitute sich also letztlich aus der gleichen systematischen Quelle Teil des Strafrechts aufmarschierenden Tatbestande entspncht -kurzum: ,,die
speisen mug wie die Erorterung der zustandigkeitsbegründenden Sachverhalte. ·:R·
typisc he, tat bestan dsma;,ige H an dlung "258. . .. .
Die eine Partei - den Tater - un ter Berufung auf solche Gesichtspunkte mit Ver- Es sind somit in erster Linie rechtsstaathche Erwagungen, von denen ~ich
antwortlichkeiten zu belasten, die man im Hinblick auf die andere Seite - den 259
Beling bei der Aufstellung seines Tatbestandsbegriffs leiten laBr : Es geht ihm
Verletzten - hernach für irrelevant erklart, würde namlich bedeuten, dem Inter-
esse des Taters an Handlungsfreiheit ein geringeres Gewicht beizumessen als den
Freiheitsbelangen des Verletzten. Für eine solche Ungleichbehandlung aber gibt 251 Beling, Verbrechen, S. V f.
es keinen rechtsbegrifflich überzeugenden Grund (III.). Zu diesem aben S. 152 f.
2 52
25 3
Beling, Verbrechen, S. 7. . • .· ¡ · ¡ Jd
254 Beling, Verbrechen, S. 21. -Die weiteren Merkmale smd: ,,Rechtsw1d1.1g,e1t - S2 m
- Passen einer bestimmten Strafdrohung - Vorliegen der Strafdrohungsbedmgungen (Be-
ling, aaO, S. 7).
255 Beling, Verbrechen, S. 144.
248 256 Beling, Verbrechen, S. 21.
Class, Grenzcn, S. 162.
249 257 Beling, Verbrechen, S. 21.
Vgl. nur LK-Réinnatt, Vor § 32 Rn. 12; Vogel, Norm, S. 37; T. Walter, Kern, S. 87 f.,
258 Beling Verbrechen, S. 24.
98; Réidig, FS Lange, S. 48, 50.
250 Oben S. 101 H. 259 Treffe~d Dahm, Verbrechen, S. 78; Hall, Lehre, S. 157; ders., FS H. Mayer, S. 38.
196 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 197

darum, den nullum crimen-Satz, dem bislang nur kriminalpolitische und ge- tische Kategorie: Indem die strafrechtlichen Tatbestande die allgemeine Forde-
setzestechnische Bedeutung zugeschrieben worden ist, in die Dogmatik des rung nach Rechtstreue in einer für die Bürger einsehbaren Weise zu konkreten
Strafrechts einzuarbeiten [Link] bleibt Belings Rückführung der Tatbe- Einzelverboten verdichteten, erbrachten sie einen unverzichtbaren Beitrag zur
standslehre auf den nullum crimen-Satz nicht unwidersprochen. Ist es richtig, Erfüllung der positiv-generalpraventiven Aufgabe des Strafrechts 269.
so fragt Goldschmidt, ,,dies auf staatsrechtlichem Boden erwachsene Erforder- Der rechtsstaatliche Wert !dar konturierter Deliktsbeschreibungen wird heute
nis der Tatbestandsbestimmtheit [... ] als selbstandiges allgemeines Verbre- von niemandem bestritten; hochst kontrovers wird seit Franks und Baumgartens
chensmerkmal hinzustellen und zwar sogar als wichtigstes, das ganze Strafrecht Deutung der Rechtfertigungsvoraussetzungen als ,,negative Tatbestandsmerk-
fundamentierendes?" 261Im weiteren Verlauf der Diskussion lernt man denn male"27º hingegen die Frage nach dem Umfang des verbrechenstheoretischen
auch, den (auf den Anwendungsbereich des Gesetzlichkeitsprinzips bezogenen) Tatbestandsbegriffs diskutiert. Zur Losung dieses Problems tragt das ,,Verbots-
,,Garantietatbestand" vom ,,Systemtatbestand" zu unterscheiden 262. Dennoch tafel" -Argument allerdings nichts bei, weil es dazu zu unspezifisch ist. Die Ver-
wird die spezifische Leistung der strafrechtlichen Tatbestande bis heute darin botstatbestande des Besonderen Teils vennogen die von Roxin geforderte Orien-
gesehen, dag sie die Bürger über den Umfang ihrer strafrechtlichen Pflichten tierung nicht aus sich heraus zu bieten, sondern nur im Zusammenspiel mit den
unterrichteten 263:Wolle der Staat das für die Gesellschaft unertragliche Verhal- allgemeinen Rechtsinstituten, die über ihre tatsachliche Reichweite entschei-
ten bestrafen, so bedürfe es - unabhangig von dem genauen U mfang der nullum [Link] herkommlichen Auffassung entspricht es, im Tatbestand im wesent-
crimen- Forderung - zuvor der Konkretisierung dessen, was unertraglich und lichen jene Kriterien abzuhandeln, die die Zustandigkeit des Taters begründen,
deshalb strafrechtlich relevant [Link] betont W elzel noch im Jahre 1944 gegen und eine etwaige Mitzustandigkeit des Verletzten im Rahmen der Rechtswi-
die Entgrenzungstendenz der nationalsozialistischen Gesetzgebung: Solle das drigkeit zu behandeln. Aber sind die Gesichtspunkte der ersten Gruppe für die
Strafrecht seine sittenbildende Funktion - die darin bestehe, dag es die unver- Orientierung der Bürger wirklich durchweg bedeutsamer als jene der zweiten
brüchliche Geltung der Aktwerte als der Richtschnuren rechtlichen Handelns Gruppe? Sind es nicht vielmehr haufig gerade die Gegenrechte, über deren Um-
sicherstelle - richtig erfüllen, so mügten seine Normen die verletzten Aktwerte fang und Durchsetzung beim Bürger Unklarheit besteht? 272
rechtlichen Handelns konkret umschreiben, d.h. sie müfüen tatbestandlich Zugunsten einer Fokussierung auf die zustandigkeitsbegründenden Fakto-
sein 265. ,,Erst vermoge dieser negativen Verhaltensmuster konnen Bürger und ren mag man anführen, es sei im Zweifel die angenehmere Einseitigkeit, dag die
Richter erkennen, welche Verhaltensweisen verboten sind." 266Auch für Roxin Bürger mehr als notig anstatt weniger als notig gewarnt würden 273. Indessen
haben die Tatbestande vor allem eine sozialpadagogische Aufgabe: ,,Sie zeich- wird der soeben genannte Ausgangspunkt von der herrschenden Meinung und
nen nach Art abstrakter, zur Kenntnis für jedermann aufgestellter Verbotsta- namentlich von Roxin selbst nicht konsequent durchgehalten. Manche der auf
feln die Bilder generell verponter Verhaltensweisen." 267Die so verstandene Tat- die Selbstverantwortlichkeit des Verletzten gestützten Zustandigkeitserwagun-
bestandslehre scheint sich nahtlos in das noch herrschende Praventionspara- gen - etwa über die einverstandliche Fremdgefahrdung- werden im Gefolge der
digma der Strafbegründung einzufügen. Sie übersetzt die diesem Paradigma Lehre von der objektiven Zurechnung bereits im Rahmen des Tatbestandes be-
eigentümliche Ausrichtung an dem Modell der Verhaltensnormen, die an die handelt274;auch die Einwilligung gilt - nicht zuletzt infolge der Ausführungen
Bürgergerichtetsind undihrer Orientierung dienen 268,in einever brechenstheore- Roxins 275- zunehmend als Anwendungsfall der objektiven Zurechnung 276und
269 In diesem Sinne wohl Safferling, Vorsatz, S. 170.
260
Hall, Lehre, S. 155. 27 0 Vgl. Frank, FS Gieilen, S. 533 ff.; Baumgarten, Aufbau, S. 219 H.
261 27 1 Pragnant T Walter (Kern, S. 91): ,,Weder kennen die Rechtsgenossen das Strafrecht im
Goldschmidt, GA 54 (1907), 30.
262
Vgl. nur Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 7 Rn. 5 f. - Der Begriff des Garantietatbestan- Wortlaut noch kümmert es sie im Einzelfall, ob ihnen ein mangelnder Tatbestand oder ein
des stammt von Lang-Hinrichsen, JR 1952, 307. Grundlegend zu den verschiedenen Tatbe- Rcchtfcrtigungsgrund die Strafbarkeit erspart." -Ebenso MK-Schlehofer, Vor §§ 32 H. Rn. 36.
standsarten Roxin, Tatbestande, S. 106 ff.; Gallas, FS Mezger, S. 130 H. - Im Grundsatz übereinstimmend Ronnau (Willensmangel, S.136) und Sternberg-Lzeben
263
Aus der alteren Literatur eindringlich Sauer, Grundlagen, S. 294 H. (Schranken, S. 69), die aber dessen ungeachtet eine eigenstandige ,,edukative Funktion" der
264
Schweikert, Wandlungen, S. 30; Tiedemann, Tatbestandsfunktionen, S. 37, 80. Tatbestande (LK-Ronnau, Vor § 32 Rn. 16) in ihrer Funktion als ,,Werttafel[n]" (Sternberg-
265
Welzel, Abhandlungen, S. 235. Lieben, Schranken, S. 60) annehmen.
266
Welzel, Strafrecht, S. 49. 272 So Rinck, Deliktsaufbau, S. 462.
267 27 3 Diese Begründung erwagt Rodig, FS Lange, S. 55.
Roxin, AT 1, § 10 Rn. 20. - Die Berufung auf die generalpraventive Funktion der Tat-
bestande ist weitverbreitet; vgl. nur Jescheck!Weigend, AT, § 25 III 2 b (S. 250), § 31 I 2 (S. 324); 274 Naher Roxin, AT 1, § 13 Rn. 121 H.

Krey!Esser, AT, Rn. 261; Sternberg-Lieben, Schranken, S. 60. 27 5 Roxin, AT 1, § 13 Rn. 12 H.; ders., FS Amelung, S. 271 ff.
268 27 6 Kindhauser, AT, § 12 Rn. 4; ders., FS Rudolphi, S. 139 f.; Puppe, AT, § 11 Rn. 1; Derk-
Dazu o ben S. 66, 77 H.
198 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 199

folglich bereits als TatbestandsausschlieBungsgrund [Link] weshalb sollte die über die ihnen zugeschriebenen externen Effekte retten. Allein die Berufung
Rechtsfigur der einverstandlichen Fremdgefahrdung für den Orientierung su- auf ihren angeblichen Wert als Orientierungshilfe vermag die Existenz einer
chenden Rechtsgenossen von groBerem Interesse sein als jene der Notwehr? eigenstandigen Verbrechenskategorie ,,Tatbestandsmafügkeit" mithin nicht zu
Und inwiefern sollte die orientierende Leistung des Instituts der Einwilligung legitimieren.
davon abhangen, ob es als TatbestandsausschlieBungsgrund oder als Rechtfer-
tigungsgrund278 eingeordnet wird? 279 2. Der Tatbestand:,, rein deskriptive Grofle" oder,, Unrechtstyp"?
Ganzlich obsolet wird das ,,Verbotstafel"-Argument schliefüich dort, wo Beling selbst erblickt die Besonderheit des Tatbestandes clarín, daB es sich bei
- in den Worten Schroders - ,,die Regel zur Ausnahme und die Ausnahme zur ihm im Gegensatz zur Rechtswidrigkeit um eine ,,rein deskriptiv[e]" GroBe284
Regel wird; die Regel namlich, daB die tatbestandsmafüge Handlung zugleich handele. Nach dem Urteil Welzels ist kein Satz Belings ,,miBverstandlicher und
widerrechtlich ist und nur ausnahmsweise die Rechtswidrigkeit durch Recht- in seiner Auswirkung verhangnisvoller gewesen" als diese Behauptung 285. Da-
fertigungsgründe ausgeschlossen wird " 28 º. So verhalt es sich beispielsweise bei ist der Gedanke, den Beling damit zum Ausdruck bringen will, ein sehr
mit der Freiheitsberaubung (§ 239 StGB): Im Vergleich zu der Zahl recht- einfacher. In seinem Spatwerk, der Lehre vom Tatbestand (1930), stellt er klar,
mafüger, durch ein Amtsrecht des Taters gestatteter Einsperrungen nehmen damit solle lediglich gesagt werden, ,,daB ein menschliches Verhalten durch den
die unerlaubten sich nach einer Bemerkung Dohnas aus ,,wie ein paar Tropfen Tatbestand nur seiner Eigenart nach charakterisiert, nicht schon als rechtswid-
in einem Meer" 281. In solchen Fallen sagt der Tatbestand nichts Entscheiden- rig normiert ist" 286. Weil auf der Stufe des Tatbestandes - in der Terminologie
des über die Grenze zwischen Erlaubt und Verboten aus282; entsprechend ge- von Kants Tafel der Urteilsformen 287gesprochen - keine apodiktischen, son-
ring ist die Orientierungswirkung, die von ihm ausgeht. dern lediglich problematische Werturteile moglich sind, belastet Beling zufolge
Schon an früherer Stelle283wurde darauf hingewiesen, daB die Leistungsfa- die Feststellung, daB man einen Tatbestand erfüllt habe, ,,für sich allein nie-
higkeit des Begründungsmodells der positiven Generalpravention eine durchaus manden. Im Tatbestand liegt kein Werturteil. Wohl gibt es Tatbestande, deren
begrenzte ist: Vermittels der positiven Generalpravention lafü sich die zuvor be- Verwirklichung in der Regel auch rechtswidrig ist, aber niemals springt aus
reits aus anderen Gründen bejahte Überzeugungskraft normativer Erwagungen der Typizitat sofort das fertige Urteil heraus, daB der Tater unrecht gehandelt
lediglich (pseudo-)empirisch überhohen, nicht aber vermag sie fehlende norma- habe. Die Rechtswidrigkeit bildet ein eigenes Problem." 288Erst sie beinhalte ein
tive Überzeugungskraft zu ersetzen. Ebensowenig lassen sich Kategorien, de- Werturteil über das Taterverhalten. ,,Rechtswidrig ist = normwidrig = rechts-
ren innerdogmatische Berechtigung zweifelhaft geworden ist, auf dem Umweg ordnungswidrig =Diskrepanz gegen das Recht." 289Belings These von der Neu-

sen, Handeln, S. 240 ff.; Fateh-Moghadam, Einwilligung, S. 88; C. jdger, Zurechnung,


S.22f. 284 Beling, Verbrechen, S. 112.
277 285 Welzel, ZStW 67 (1955), 211 Fn. 30.
MK-Schlehofer, Vor §§ 32 ff. Rn. 104; Kindhauser, AT, § 12 Rn. 5; ders., FS Rudolphi,
S. 136 (anders aber neuerdings ders., GA 2010, 499 ff.); Maurach!Zipf, AT 1, § 17 Rn. 32 f.; 286 Beling, Lehre, S. 10. -Auf M. E. Mayer (AT, S. 182 ff.) geht das MiBverstandnis zurück,

Zipf, Einwilligung, S. 29; Schmidhduser, AT, 8/123 ff.; ders., FS Engisch, S. 452; ders., Form, Belings Charakterisierung des Tatbestandes als ,,wertfrei" werde bereits durch die Existenz
S. 57; ders., FS Lackner, S. 90; Derksen, Handeln, S. 91; Fateh-Moghadam, Einwilligung, S. 88; der sogenannten normativen Tatbestandsmerkmale widerlegt (in diesem Sinne noch jüngst
lngelfinger, Grundlagen, S. 208 ff.; C. jdger, Zurechnung, S. 22 f.; Kientzy, Mangel, S. 66 ff.; LK-Ronnau, Vor § 32 Rn. 7; Roxin, AT 1, § 10 Rn. 10; C. jdger, Zurechnung, S. 3). Wie Roxin
Kioupis, Notwehr, S. 95 ff., 140; Kühne, JZ 1979, 242; Langer, Sonderstraftat, S. 77; Miissig, (Tatbestande, S. 36 ff.) gezeigt hat, kann mit dem Urteil, ein Tatbestand sei wertfrei, zum
Schutz, S. 182 f.; Ronnau, Willensmangel, S. 141 ff.; ders., Jura 2002, 598; Gropengiefier, JR einen gemeint sein, der Tatbestand enthalte keine Wertung des Gesetzgebers. Zum anderen
1998, 91 f.; Hoyer, Verhaltnismafügkeitsgrundsatz, S. 113; Rudolphi, ZStW 86 (1974), 87; kann diese Kennzeichnung eine Befreiung des Tatbestandes von richterlicher Wertung zum
Schroth, Rechtsgut, S. 127; Weigend, ZStW 98 (1986), 45, 61. Ausdruck bringen; die richterliche Wertung wird in diesem Fall ,,.zur eindeutigen Folge
278 So die (noch) herrschende Auffassung: S/S-Lenckner/Sternberg-Lieben, Vorbem. rein deskriptiver Wertungen" gemacht (so die kritische Erlauterung Radbruchs, FG Frank,
§§ 32 ff. Rn. 33 f.; Baumann/Weber/Mitsch, AT, § 17 Rn. 95; Frister, AT, § 13 Rn. 3; Gropp, Bd. I, S. 166). Die Existenz normativer Tatbestandsmerkmale schlieBt eine Wertfreiheit im
AT, § 6 Rn. 57; Heinrich, AT 1, Rn. 453;jescheck/Weigend, AT, § 34 I 1 e (S. 373); Kahler, AT, letzteren Sinne aus. Belings Wertfreiheitsbegriff bezieht sich hingegen auf die erstgenannte
S. 245 f.; Krey!Esser, AT, Rn. 655 ff.; Kiihl, AT, § 9 Rn. 22; Wessels/Beulke, AT, Rn. 363. Bedeutungsvariante (Plate, Beling, S. 126). Danach sind die normativen Tatbestandsmerk-
279
Treffend LK-Ronnau, Vor § 32 Rn. 13; ders., Willensmangel, S. 136. male ebenso wie die deskriptiven Gegenstand des Rechtswidrigkeitsurteils, gehi:iren aber
28
º Schroder, ZStW 65 (1953), 204. nicht selbst zu ihm. ,,Sie enthalten ein Urteil über ein werthaftes Sein, nicht über ein Sallen."
281 (Schweikert, Wandlungen, S. 44)
Dohna, Recht, S. 2. - Ebenso Otto, Jura 1995, 469; Schlehofer, Vorsatz, S. 65; Schmid-
hduser, FS Lackner, S. 83. - Weitere Beispiele bei MK-Schlehofer, Vor §§ 32 ff. Rn. 36. 287 Kant, KrV B 95, Werke Bd. 3, S. 111.
282 Schrader, ZStW 65 (1953), 205. 288 Beling, Verbrechen, S. 147.
283 O ben S. 80 ff. 289 Beling, Verbrechen, S. 128.
200 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 201

tralitat des Tatbestandes beruht mithin auf einer Abspaltung der Tatbestands- weithin für unzutreffend, ,,da doch", wie Hegler es ausdrückt, ,,die Funktion
mafügkeit von der Rechtswidrigkeit. Zwischen ihnen herrscht nach Belings des Tatbestandes teleologisch die ist, die regelmafüg vorliegende ,Rechtswidrig-
Vorstellung eine Art von Arbeitsteilung: Der Tatbestand typisiert, wertet aber keit', besser interessenverletzende Qualitat anzuzeigen" 3ºº.Die teleologische
nicht; die Norm hingegen ,,wertet nur, sie drückt der Tat keinen Typus auf" 290 • Betrachtungsweise ist untrennbar mit einer Materialisierung des Unrechtsbe-
Die verbrechenssystematische Relevanz dieser Trennung bestreitet Bin- griffs verknüpft; denn das ,,Interesse", welches als leitendes telas fungiert, wird
ding. ,,Sehr übel" und ,,kaum begreiflich", so geiBelt er Belings Position 291 . - gleichgültig wie man es im einzelnen bestimmt - als materialer Legitima-
Diese harten Worte beruhen auf normentheoretischen Erwagungen 292 . Den tionsgrund des gesetzgeberischen Normbefehls verstanden. Als nicht-teleolo-
Kern von Bindings Normentheorie bildet bekanntlich der Satz, daB den Straf- gischer Denker bekennt sich Beling zu einem rein formalen Unrechtsbegriff 3º1 .
gesetzen Normen zugrunde la.gen2 93 • Der Zweck der Normen bestehe darin, Ein strikt formales Unrechtsverstandnis leidet indessen an einem eklatanten
,,bestimmte Handlungen wegen ihrer rechtsschadlichen Natur oder Wirkung Mangel an Differenzierungsfahigkeit. ,,Der besondere Strafwürdigkeitsgehalt
zu verbieten, andre wegen ihrer Unentbehrlichkeit anzubefehlen" 294 • ,,Rechts- der Tat, durch den sich überhaupt erst das verbrecherische vom sonstigen Un-
unertraglichkeit" sei ,,das einzige Motiv des Normen-Erlasses" 295 . Deshalb recht unterscheidet, laBt sich mit der formalen Kategorie cines bloBen Verbo-
sei die Aufstellung von Tatbestanden, die zugleich solche rechtmafüger wie tenseins nicht erfassen." 3º2 06 Sachbeschadigung oder Mord - im Hinblick
rechtswidriger Handlungen sein konnten, wissenschaftlich wertlos 296 . Der auf ihren Charakter als Normwidrigkeiten stehen alle Delikte einander gleich.
objektive Tatbestand der Totung, der Brandstiftung usw. bestehe nicht darin, Binding hat, wie gesehen 303 , versucht, diesem Problem mit der Einführung der
daB ein Mensch den anderen umgebracht oder daB er ein Wohnhaus in Brand Kategorie des Rechtsgutes zu begegnen. Auch Beling deutet seine Tatbestands-
gesetzt habe; beides müsse vielmehr unter rechtlicher Miflbilligung gesche- lehre als Ausdruck des Bemühens, ,,das Materielle am Verbrechen, seine Kor-
297
hen sein . ,,In diesem Sinne enthalt der objektive Deliktstatbestand stets das perhaftigkeit sozusagen", neben dem formalen Element der Normwidrigkeit
Merkmal der ,Rechtswidrigkeit'. [... ] Alle vorhandenen Gründe wegfallen- zur Geltung zu brin gen 304 . Das M ove ns für die weitere Entwicklung der Tatbe-
der Rechtswidrigkeit machen das Urteil, es liege der objektive Deliktstatbe- standslehre bildet indessen die Überzeugung der nachfolgenden Autoren, daB
stand vor, unmoglich. " 298 Als weitaus wirkungsmachtiger erweist sich aller- ihm dies nur unzureichend gelungen sei.
dings eine zweite Gruppe von Einwanden gegen Belings Neutralitatsthese. Bereits Max Ernst Mayer, dessen Strafrechtssystem ,,das erste groB angelegte
Diese Bedenken haben ihre Wurzeln in der methodischen Umorientierung Unternehmen [darstellt], das in seinem Ideenaufbau auf den Belingschen Tatbe-
der deutschen Strafrechtswissenschaft vom klassifikatorischen zum teleolo- stand bewufü zurückgriff und ihn als strafrechtliche Grundkategorie [... ] zu
gischen Denken 299 • Tatbestandsmafügkeit und Rechtswidrigkeit wegen ih- verwerten trachtete" 3º5, betont, daB das Wesen der Rechtswidrigkeit nur ,,ex-
res logischen Verhaltnisses selbstandig nebeneinanderzustellen, halt man nun tern", mittels einer Betrachtung des den Strafrechtssatzen zugrunde liegenden
vorjuristischen Substrats, bestimmbar sei 306 . Deshalb verknüpft er Belings Tat-
bestandslehre mit seiner eigenen Kulturnormtheorie; er versteht die Tatbe-
290
Beling, Verbrechen, S. 120. stande als ,,Erkenntnisgründe dafür, welche Kulturnormen Anerkennung und
291
Binding, GS 76 (1910), 11 Fn. 1. wie weit sie Anerkennung gefunden haben" 3º7 . Ungeachtet dieser Materialisie-
292
Naher Heinitz, Problem, S. 20.
293
Binding, Normen, Bd. I, S.19 ff., 35 ff.
rungstendenz erkennt aber auch Mayer der Tatbestandserfüllung keinen eigen-
294
Binding, Normen, Bd. II/1, S. 231. standigen Unrechtsgehalt zu. Als bloBe ,,Indizien der Rechtswidrigkeit" 308 sind
295
Binding, Normen, Bd. II/1, S. 231.
296
Binding, Normen, Bd. II/1, S. 161.
297
Binding, GS 76 (1910), 11 (Hervorhebung im Original).
298
Binding, GS 76 (1910), 11; ebenso ders., Normen, Bd. II/1, S. 161 (Hervorhebun- 3 oo Hegler, ZStW 36 (1915), 35 Fn. 43.
gen im ?riginal). - Zum g_leichenErgebnis gelangt Dohna (Rechtswidrigkeit, S. 38): Der 301 Vgl. Beling, Tatbcstand, S.119, 136.
rechtswidnge Charakter e11:esVerhaltens gebe ,,die generelle, objektive Bedingung dafür 302 Gallas, Beitrage, S. 38.
ab, daG die Summe der spezifischen Tatumstande eincn strafbaren Tatbestand ausmache". 303 O ben S. 129 f.
Es sei ..deshalb ,,v~rweg zu prüfen, ob ein rechtswidriges Verhalten vorliegt; danach erst 304 Beling, Verbrechen, S. VI.
kann uberhaupt die Frage nach dem Vorliegen eines strafbaren Tatbestandes aufgeworfen 305 Class, Grenzen, S. 72 f.
werden". - Im heutigen Schrifttum vertritt eine ahnliche Position Brammsen, Entstehungs- 306 M. E. Mayer, AT, S.37ff.
voraussetzungen, S. 424. 30 7 M. E. Mayer, AT, S. 52.
299
Plate, Beling, S. 128; Tiedemann, Tatbestandsfunktionen, S. 81. 3os M. E. Mayer, AT, S. 52.
B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 203
202 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

die Tatbestande für den ,,geistvollen Formulierer" 3º9 Mayer ebensowenig mit Verletzung menschlicher Interessen" 317darstellt. So wandelt sich unter Mezgers
dem Unrecht identisch wie der Rauch mit dem Feuer 310. Der Mehrzahl der Handen der Tatbestand von einem deskriptiv-neutralen Typus im Sinne Belings
Diskussionsteilnehmer erscheint diese Sicht der Dinge, eine ,,typische Mit- zu einem ,,Unrechtstyp" 318. Der Umstand, daB der Tatbestand noch unter dem
tellosung"311, jedoch unzureichend. Bereits ein knappes Jahrzehnt vor dem Vorbehalt des Eingreifens eines Rechtfertigungsgrundes stehe, andere nichts da-
319
Erscheinen von Mayers Allgemeinem Teil formuliert Frank einen folgenrei- ran, daB er ,,der eigentliche Trager strafrechtlicher Unrechtsbewertung" und
chen Einwand gegen die N eutralitatsthese. Er weist darauf hin, daB auf der insofern ,,mitnichten bloBe ratio cognoscendi, sondern echte ratio essendi der
Stufe der Rechtswidrigkeit dem Urteil, der Tater habe einen Tatbestand er- (speziellen) Rechtswidrigkeit" 320sei.
füllt, kein weiteres positives Merkmal hinzugefügt werde. Geprüft werde le- Mit der Deutung des Tatbestandes als Unrechtstyp ist nach einer aus dem
diglich, ob Rechtfertigungsgründe eingriffen, die das Unrecht der Tat entfal- Jahre 1931 stammenden Einschatzung ,,die Entwicklung der Lehre vom Tatbe-
len lieBen. Entfallen aber konne nur etwas, das zuvor vorgelegen habe. Also stand abgeschlossen" [Link] halt die Strafrechtswissenschaft bis heute an
müsse das Unrecht bereits durch die Tatbestandserfüllung konstituiert wor- dieser Auffassung fest [Link] Position Mezgers begründet indessen mehr, als es
den sein 312. ,,Wenn der Unwert nicht schon z.B. durch das Toten eines Men- der Mehrzahl ihrer heutigen Vertreter genehm ist; zu Ende gedacht, entzieht sie
schen begründet wird, wie soll er dann aus dem bloBen Fehlen der Notwehr der verbrechenssystematischen Verselbstandigung des Tatbestandes die Ba-
erwachsen? Wenn gar kein Unwert da ware, warum fragte man dann über- [Link] Mezger selbst stellt !dar, daB auf der Basis seiner Konzeption das
haupt nach einer Rechtfertigung?" - so bringt Schmidhauser 313das Franksche Verhaltnis des Tatbestandes zu den UnrechtsausschlieBungsgründen zu einem
324
Argument auf den Punkt. Regel-Ausnahme-Verhaltnis ohne sachliche Bedeutung werde - zu einer, wie
Bei Hegler, Sauer und vor allem Mezger verbindet sich diese Überlegung mit Schwinge und Zimmerl erganzen, rein rechtstechnischen Frage, die nach den
der Lehre vom materiellen Unrecht. Für Hegler sind die ,,Deliktsbeschreibun- Gesichtspunkten der Zweckmafügkeit und praktischen Brauchbarkeit entschie-
den werden müsse 325und aus der sich ,,gar keine inhaltlichen Verschiedenheiten
gen" die Zusammenfassung der Merkmale gesellschaftsschadlicher - und des- 326
halb nach Heglers Verstandnis unrechter - Verhaltensweisen 314. Sauer bezeich- bei der Entscheidung praktischer Falle ergeben konnen" . In der Tat ist es, wie
net den Tatbestand ausdrücklich als ,,Vertypung der materiellen Rechtswidrig-
keit"[Link] schliefüich kann nur deshalb zu dem SchluB gelangen, daB ein
317 Mezger, GS 89 (1924), 248.
Tatbestand, welcher eine der strafrechtlich relevanten Verletzungshandlungen
318 Mezger, FS Traeger, S. 191.
kodifiziert, nicht lediglich Indiz, sondern ,,Geltungs- und Realgrund" 316des 319 Mezger, Strafrecht, S. 176.
Unrechtsurteils sei, weil sich für ihn das Unrecht nicht im Ungehorsam des Ta- 320 Mezger, FS Traeger, S. 195.
ters gegenüber dem gesetzgeberischen Normbefehl erschopft, sondern sich als 321 H. Bruns, Kritik, S. 16. 11
322 Lackner/Kühl, Vor § 13 Rn. 15; LK-Rónnau, Vor § 32 Rn. 7; LK-Hirsch , Vor § 32
Rn. 6; LK-T. Walter, Vor § 13 Rn. 41; NK-Paeffgen, Vor §§ 32 ff. Rn. 14 f.; S/S-Lenckner!Ei-
309 Wegner, Unrecht, S. 45. sele, Vorbem. §§ 13 ff. Rn. 18; SSW-Kudlich, Vor §§ 13 ff. Rn. 4;jescheck/Weigend, AT, § 25 I
310 M. E. Mayer, AT, S. 10. - Die Forme!, die Tatbestandsmafügkeit indiziere die Rechts- (S. 244 ff.), § 31 I 1 (S. 323); Kindhduser, AT, § 8 Rn. 2; Murmann, Grundkurs, §§ 12 Rn. 7; 14
Rn. 1; Rengier, AT, § 8 Rn. 2; Roxin, AT 1, § 10 Rn.12, 23; ders., Tatbestande, S. 170 f.; Stra-
widrigkeit, findet sich verbreitet auch noch in der heutigen (Ausbildungs-)Literatur (vgl. etwa
tenwerth!Kuhlen, AT, § 7 Rn. 9, 14; Wessels!Beulke, AT, Rn. 118ff.; Gallas, Beitrage, S. 32 ff.;
Baumann/Weber!Mitsch, AT, § 12 Rn.11; Haft, AT, S. 64; Krey/Esser, AT, Rn. 261; Mau-
Kientzy, Mangel, S. 83 f.; Perron, Rechtfertigung, S. 89; Platzgummer, Vorsatz, S. 41; Ronnau,
rach!Zipf, AT 1, § 24 Rn. 7). Ein Bekenntnis zu M. E. Mayers Auffassung von der bloGen
Erkenntnisfunktion des Tatbestandes wird damit aber zumeist nicht verbunden; vielmehr
t;
Willensmangcl, S. 117 f.; Schweikert, Wandlungen, S. 69, 145; Otto, Jurn 1_995,473 Spend_el,
FS Küper, S. 599; im Grundsatz auch Maiwald (FS Puppe, S. 699), ~er fre1hch auch die Schw1e-
wird die ,,Indiz"-Formel haufig ausdrücklich mit der ihr dogmengeschichtlich entgegenge-
rigkeiten aufzeigt, die dieses Verstandnis für die Auslegung zahlre1cher (zumal neuerer) Straf-
setzt~n Lehre vom Tatbestand als Unrechtstyp (dazu sogleich im Text) verknüpft (so etwa
be1 Ftscher, Vor § 13 Rn. 13; HK-GS-Duttge, Vorbem. zu §§ 32-35 Rn. 2; NK-Paeffgen, Vor nonnen mit sich bringt (aaO, S. 702 ff.).
323 Insofern ist es zutreffend, wenn Lesch (Verbrechensbegriff, S. 240) bemerkt, daG es
§§ 32-35 Rn. 14 [Unrechtstyp] bzw. 15 [Indizfunktion]; Lackner/Kühl, Vor § 13 Rn.15;]e-
sich bei der Geschichte der Herausli:isung des objektiv-abstrakten Tatbestandes aus der kon-
scheck/Weigend, AT, §§ 25 I [S. 244 ff.J; 31 I 1 [S. 323] bzw. § 31 I 3 [S. 324]; Wessels/Beulke,
kreten Rcchtswidrigkeit um nichts anderes handle als um die Geschichte ihrer schrittweiscn
AT, Rn. 119 bzw. 122; Henn, JA 2008, 699).
311 Class, Grenzen, S. 43. Revidierung.
312Frank, FS GieGen, S. 535 f. 324 Mezger, Strafrecht, S. 184. . . " .
313 Schmidhduser, FS Engisch, S. 438 f. 325Schwinge!Zimmerl, Wesensschau, S. 80. - Auf die ,,Klarhe1t des Aufbaue~ stell~ Hei-
314Hegler, ZStW 36 (1915), 35 Fn. 43. nitz (Problcm, S. 24) bei seinem Pladoyer für die Trennung von Tatbestandsmafügke1t und
315 Sauer, ZStW 36 (1915), 463; ausführlicher ders., Grundlagen, S. 309 ff. Rechtswidrigkeit ab. . .
316 Mezger, Strafrecht, S. 182. 326 Schwinge!Zimmerl, Wesensschau, S. 81. - In seiner abschheGenden Ausemanderset-
B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 205
204 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

Roxin in einer frühen Arbeit feststellt, schwer zu begreifen, wenn man im Fall teil, die bei der Tatbestandsfeststellung noch auf die einzelne Verbotsnorm
eines zwar deliktstatbestandsmafügen, aber gerechtfertigten Verhaltens ho- und den ihr korrespondierenden Sachverhalt beschrankt war, auf den gesam-
ren muB, daB zwar der Seinsgrund der Rechtswidrigkeit gegeben sei, daB aber ten Normenbestand der Rechtsordnung und alle für die Rechtswidrigkeit er-
trotzdem eine rechtmafüge Tat vorliege 327 • Wer mit Mezger den Tatbestand als heblichen Tatsachen zu erweitern 330 , wobei sich dann herausstelle, daB das
Trager des Unrechtsurteils ansieht, für den drangt es sich deshalb geradezu auf, Verbot, von dem die Prüfung ausgegangen war, nicht so allgemein gelte, wie
samtliche Merkmale, die für das Unrechtsurteil von Bedeutung sind - neben es formuliert sei. ,,Unrechtstatbestand und Rechtfertigungsgrund stehen so-
jenen, die den jeweiligen Unrechtstyp begründen, auch jene, die seinen Umfang mit in einem logischen und sachlichen Verhaltnis unterschiedlicher St~fen der
einschranken - als Bestandteile des Tatbestandes aufzufassen 328 . Normkonkretisierung aus dem Rechtsverhaltnis" 331 und verhalten s1ch folg-
Diese Konsequenz ziehen die Vertreter der sogenannten Lehre von den ne- lich ,,wie ein Teil zum Ganzen, nicht etwa wie ein Bewertungsgegenstand zur
gativen Tatbestandsmerkmalen, die, wie Puppe bemerkt, treffender als Lehre Bewertung" 332 • Ihre Unterscheidung erfüllt demnach nur cine pragmatisch-
333
vom Gesamtunrechtstatbestand zu bezeichnen ware 329 • Danach besteht die didaktische, nicht aber cine systematisch tragende Funktion • Class' Ein-

Funktion der Rechtswidrigkeitsprüfung darin, die Basis für das Unrechtsur- schatzung erweist sich insofern als zutreff end: Durch seine Einordnung in die
Sphare der Unrechtslehre geht der Tatbestandsbegriff in dieser vollstand_ig auf,
zung mit der Tatbestandsproblematik unterstreicht Beling selbst, daG die Verselbstandigung
mit der Folge, daB er ,,cine besondere, gesonderte Aufgabe zur theoretischen
334
des T~tbestan_des s1ch_vor alle_maus didaktischen Gründen empfehle: Für die Bearbeitung
·
Erklarung verbrechenschen Han de1ns me· ht me h r zu er f··11
u en hat " .
prakt1scher Falle bedurfe es emer ,,zweckmafüge[n] Dispositionsformel, und diese gewinnt
man, wenn man das strafgesetzliche Leitbild, den gesetzlichcn Tatbestand, als Leitseil be- 3. Rechtliche Strukturunterschiede zwischen Tatbestandslosigkeit
nutzt" (Beling, Tatbestand, S.20 [Hervorhebungen im Original]).
327
Roxin, Tatbestande, S. 175. und Rechtfertigung?
328
Treffend Gropp, AT, § 6 Rn. 2; Hirsch, Tatbestandsmerkmale, S.107 f.; Plate, Beling, Ob ein Verhalten keiner der Deliktsbeschreibungen des Besonderen Teils un-
S. 129;_Roxz~,Tatbest_ande, S. 175.- Gallas (Beitrage, S. 38 Fn. 53a) sucht diese Konsequenz zu
verme1den, mdem er m der Tatbestandserfüllung zwar die ratio essendi für die Zugehorigkeit terfallt oder 0 6 es durch einen Rechtfertigungsgrund gedeckt ist, spielt für seine
der Tat zum Unrechtstypus, dagegen nur die ratio cognoscendi für deren Rechtswidrigkeit rechtliche Würdigung insofern keine Rolle, als es in bei~en Falle1~als unver-
1m..konkreten Fall s1eht. Dafür zahlt er freilich einen hohen Preis: Was von ihm lediglich als boten und deshalb nicht strafwürdig gilt 335 . Aber, so wird verbre1tet geltend
Praz1S1erung d_erThese Mezgers gemeint war, lauft bei Lichte besehen auf deren weitgehende gemacht, die Bedeutung der Rechtfertigungsgründe ers_chopfesich nicht darin,
Rucknahme hmaus: ,,Der Tatbestand 1st dann eben nicht mehr Seinsgrund des strafbaren
Unrechts, sondern nur noch des Unrechtstyps." (Roxin, aaO) die Unverbotenheit cines Verhaltens zu begründen. Em tatbestandsloses Tun
329
Puppe, FS Stree/Wessels, S.188. - Aus dem alteren Schrifttum: Baumgarten, Auf-
bau, S.182ff., 219ff.; ders., SchwZStr 34 (1921), 86ff.; Engisch, Untersuchungen, S. l0ff.;
Miri'éka, Formen, S. 124 f.; Weinberg, Verbotsirrtum, S. 85; Hardwig, Zurechnung, S. 181 ff.,
330 NK-Pttppe, Vor § 13 Rn.11; dies., FS Otto, S. 393; Otto, Jura 1995, 470. - Die negati-
208 f., 232; ders., ZStW 68 (1956), 35; ders., ZStW 78 (1966), 171 Fn. 24; Arthur Kaufmann,
ven (= rechtfertigenden) Merkmale schrdnken entgegen cinem von Engzsch (Untersuchungen,
JZ 1954, 655 ff.; ders.,JZ 1956, 354 ff.; ders., ZStW 76 (1964), 568 f.; Lang-Hinrichsen, ZStW
63 (1951), 338; ders., JR 1952, 307; ders., JZ 1953, 363; Maihofer, FS Rittler, S. 156; Roxin,
s.11; dems., ZStW 70 [1958], 587; zustimmend Roxin, Tatbestande, S. 174;ArthurKaufrr:~nn,
JZ 1954 657) vorgeschlagenen, hochst miGverstandlichen Sprachgebrauch _die P?s1t1ven
Tatbestande, S.173 ff.; ders., ZStW 74 (1962), 548 f. (anders aber heute ders., AT 1, § 10
(= tatbc;tandsbegründenden) Merkmale also nicht etw~ ein, sie ergdnzen _diese v1chneh_r.
Rn. 19 ff.); Schaffstein, ZStW 72 (1960), 386 ff.; ders., FS OLG Celle, S. 185; Schroder, ZStW
,,Der für die Geltung seiner Rechtsfolgc durch die posmvcn Merkmale '.11chtvollstand1g
65 (1953), 193; Schwinge/Zimmerl, Wesensschau, S. 79ff.; v. Weber, FS Mezger, S.189. -
umschriebene Tatbestand wird vervollstandigt durch negat1ve Merkmale, die den Tatbestand
In der jüngeren Literatur pladieren für einen Gesamtunrechtstatbestand: MK-Freund, Vor
zu einem für seine Rechtsfolge hinreichenden machen." (Minas-v. Savigny, Tatbestands-
§§ 13 ff. Rn. 197; ders., AT, § 3 Rn. 24; § 7 Rn. 106 f.; MK-Schlehofer, Vor §§ 32 ff. Rn. 33 ff.;
ders., Vorsatz, S. 74; NK-Puppe, Vor § 13 Rn. 11 ff.; § 16 Rn. 13; dies., FS Otto, S. 392 f.; merkmale, S. 80)
SK-Rudolphi, Vor § 1 Rn. 37; Kohler, AT, S. 236, 240; Otto, AT, § 5 Rn. 23 ff.; ders., ZStW 111 Kohler, AT, S. 236.

87 (1975), 589; ders., GS Meyer, S. 604f.; ders., Jura 1995, 469 ff.; Koriath, Grundlagen, 332 NK-Puppe, Vor § 13 Rn. 12.

S. 3~6 ff.; Kuhlen, Unterscheidung, S. 317; Lesch, Verbrechensbegriff, S. 264 ff.; ders., Dona 333 Ebenso Otto, Jura 1995, 475.

Scnpta, S. 283 ff.; ders., FS Jakobs, S. 339 ff.; Lippold, Rechtslehre, S. 344 ff., 364,425; Minas- 334 Class, Grcnzen, S. 147. .. .
335 Reprasentativ Stratenwerth!Kuhlen (AT, § 7 Rn. 14): _,,Da_szv.:ar tat_bestandsmafüge'.
v. Sa~ig~y, Tatbestandslehre, S. 111 f., 118;Rincle, Deliktsaufbau, S. 89, 309 ff.; Ch. Schmid,
aber durch einen Rechtfertigungsgrund gedeckte Verhalten 1st mcht 1111 Mmdesten we111ge1
Verhaltrns, S. 95; T Walter, Kern, S. 92 ff.; Rodig, FS Lange, S. 48; Schroth, FS Arthur Kauf-
rechtmafüg als das gar nicht erst tatbestandsmafügc" sowie Frisch (Vorsatz, S. 41~):_,,Wcr die
mann, S. 598 ff.; Schünemann, GA 1985, 348 ff.; ders., Funktion, S. 174; ders./Greco, GA
Voraussetzungen eincs Rechtfertigungsgrundes erfüllt, verle'.zt genausowerng die 1m Tatbe-
2006, 788 ff. - Im Ergebnis mit dieser Lehre übereinstimmend auch Hrnschka, Strafrecht,
stand eingeschmolzene Verhaltensnor_m wic d_er,der sc~on hmte;; dem nach der Verhaltens-
S. 196 f.; ders., GA 1980, 19; ders., l. FS Roxin, S. 451 ff.; Renzikowski, Notstand, S. 156 f. -
Nahestehend Frisch, Vorsatz, S. 150 ff. norm normalerweise nicht mehr tolenerten R1s1kozuruckble1bt.
B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten
207
206 2. Kapitel: Die Z11stdndigkeiten des Biirgers
len344_DaB sich diese Fragenkreise nicht decken, zeigt sich schon daran, daB
s~i nicht notwendig erlau~t, s_ond~rnki:inne auch im ,,rechtsfreien Raum" ange- es zahlreiche Falle von Eingriffen in fremde Güter gibt, die gerechtfertigt sind
s1edelt oder sogar rechtsw1dng sem. Ein gerechtfertigtes Verhalten sei hingegen und deshalb Duldungspflichten begründen, aber keinem der strafrechtlichen
v~n der Rechtsordnung g~stattet und müsse von dem Betroffenen prinzipiell
Deliktstatbestande unterfallen [Link] allem sind die axiologischen Rahmenbe-
hmgenommen werden. D1esem Unterschied konne die Lehre vom Gesamtun-
dingungen in beiden Fallen unterschiedlich. So ist Mindestvoraussetzung dafür,
rec_htstatbes:a~d ni~ht an~emessen Rechnung tragen. Seien die Rechtfertigungs- daB man sagen kann, der Tater habe durch sein objektiv zustandigkeitsgemaBes
grunde ,,_led1glichemschrankende Merkmale von Verboten mit der Konsequenz,
Verhalten zum Mitwirkungsansinnen seiner Rechtsgemeinschaft zustimmend
daB das 1hnen unterfallende Verhalten rechtlich irrelevant ist dann ki:innen sie Stellung genommen, seine Kenntnis der das Zustandigkeitsurteil begründen-
nicht zur Duldung verpflichten. Die Duldungspflicht lafü si~h nur annehmen
den Tatumstande; deshalb kann wegen Versuchs bestraft werden, wer - wenn-
':en~ ma~ ei~ subjektives Recht des Rechtfertigungstaters bejaht. Dann ergib; gleich zu Unrecht - von zustandigkeitsbegründ~nde_n Tatumstan~en ausgeht.
s1e sich na~lich als Folge des dem Rechtfertigungstater gewahrten Rechts."336
Die Duldungspflicht des Angreifers (§ 32 StGB) 1st hmgegen von emer solchen
Deshalb se1es unumganglich, die ,,Selbstandigkeit der Erlaubnissatze" 337anzu-
subjektiven Komponente unabhangig: Die Sc~utzwürd_igkeit der att~ckiert_en
erken~en338. Das Verhaltnis von Tatbestandsmafügkeit und Rechtswidrigkeit
fremden Rechtssphare wird nicht deshalb gennger, weil der Angegnffene 346 1m
stellt s1ch demnach als Kollision eines Verbotes mit einem Gebot oder einer Er-
Zeitpunkt seiner Reaktion (noch) nicht bemerkt hat, was ihm droht . Die
laubnis dar 339; diese Kollision werde mittels einer logisch übergeordneten Me-
These von der Selbstandigkeit der Erlaubnisnormen ist anhand der Duldungs-
ta-Regel aufgeli:ist, die den Vorrang einer der beiden Normen - regelmafüg der pflichtproblematik entwickelt worden und deshalb in ihrer Beweiskr_aft dara~f
Erlaubnisnorm - festlege 340_
beschrankt. Für die hier interessierende Frage nach der Beschaffenhe1t der Kn-
Die_sesArgument verkennt jedoch die Abhangigkeit normtheoretischer Kon-
terien, die der allgemeinen Mitwirkungspflicht ihre jeweils konkreten K:ontu-
strukt1onen von der ihnen jeweils zugrundeliegenden Fragestellung 341. ,,Ob ein ren verleihen, besagt sie nichts. Aufgrund ihrer einheitlichen systemat1sc?en
Rechtssatz selbstandig oder unselbstandig ist, hangt davon ab, welche Rechts- Funktion stehen die betreffenden Kriterien einander vielmehr systemat1sch
folge man gerade im Sinn hat." 342Der Umstand, daB die Erlaubnissatze im Ver- gleich, und von Interesse ist allein der sich aus ihrem Zusammenwirken erge-
haltnis zu den Tatbestanden, deren Geltungsbereich sie einschranken unselb- 347
standig sind, schliefü die Mi:iglichkeitnicht aus, daB sie auBerhalb dieses'Verhalt- bende SchluBbefund .
Moglicherweise steht indessen die normative Binnenstruktur der Recht~_er_ti-
nisses eine eigene, selbstandige Funktion haben 343. So ist es eines einem Tater gungsgründe ihrer Zusammenfassung mit der Kategorie der Tatbestandsmafüg-
z~ be~cheini_gen,daB er, weil er innerhalb der Grenzen seines eig~nen Zustan- keit entgegen. DaB dem so sei, ergibt sich Armin Kaufmann _zufol_geaus dem
d1gke_1tsb~rei~hes verblieben sei, seine Mitwirkungspflicht gegenüber der All- samtlichen Notrechten gemeinsamen Merkmal der Erforderhchke1t. Im Rah-
gem~~nh~1tmc~t verletzt habe; ein anderes ist es hingegen, im interpersonalen men der Erforderlichkeitsprüfung werde untersucht, ob der Tater unter den ihm
Verhaltms zwe1er Kontrahenten das Bestehen einer Duldungspflicht festzustel- zur Verfügung stehenden Rettungshandlungen die mildeste gewahlt h~be. _Ge-
genstand dieser Untersuchung sei nicht der Gesamtunrechtstatbesta~d :m ~mne
der Lehre von den negativen Tatbestandsmerkmalen, sondern led1ghch ¡ener
336 Hirsch, Lehre, S. 276.
337
Ausschnitt dieses umfassend verstandenen Unrechtstatbestandes, den man her-
Hirsch, Lehre, S. 238.
338 LK-Ronnatt, Vor § 32 Rn. 16; SK-Giinther, Vor § 32 Rn.26; S!S-Lenckner/Eisele, Vor- ki:immlich als tatbestandsmafüges Verhalten bezeichnet. Indem die tatbestands-
bem. §§ 13 ff. Rn.18; Gropp, AT, §6 Rn. 7f.;Jescheck/Weigend, AT, §25 III 2 a (S.250);Kreyl mafüge Handlung, deren Rechtfertigung in Frage steht, als Be~u~sge~enstand
Esser, AT, Rn. 270; Roxzn, AT 1, § 10 Rn. 21· Wessels!Beulke AT Rn 126 der dem endgültigen Urteil über Rechtmafügkeit oder Rechtsw1dngke1t vorge-
339 ' ' ' . .
. So etwa NK-Paeffgen, Vor §§ 32 ff. Rn. 8; SSW-Kudlich, Vor §§ 13 ff. Rn. 4, 6, 67;Hein-
rzch, AT 1, Rn.3ll;Jescheck/Wezgend, AT, §25 III 2 a (S.250)· §31 I 2 (S 323)· M /:/
e-- l!Z- J AT , . , alíraC? 344 Frisch, Vorsatz, S. 424 f.
osse zp;, 2, § 44 Rn. 8; Welzel, Strafrecht, S. 50, 80; ders., ZStW 67 (1955), 211; Wesselsl 345 Naher Rinck, Deliktsaufbau, S. 457; ferner Schlehofer, Vorsatz, S. 66.
Beulke, AT, _Rn.271; Hirsch, Lehre, S. 238, 277; ders., Stellung, S. 32 f.; ders., FS Schroeder 346 Im Ergebnis wie hier S/S-Lenckner!Sternberg-Lieben, Vorb~m. §§ 32 ff. Rn. 10a;
S. 233; Armzn Kattfmann, Lebendiges, S. 248, 286; Mañalich, Notigung, S. 29 f.; Perron: Rinck, Deliktsaufbau, S. 189; Frisch, FS Lackner, S. 120 f. - Unentsch1eden Perron, Recht-
Rechtfe1 t1gung, S. 131;Schwezkert, Wandlungen, S. 36 f.; Kriimpelmann, GA 1968, 130; Noll,
ZStW 77 (1965), 8 f. - Nahestehend Grosse-Wilde, ZIS 2011, 86 f. fertigung, S. 127 f. .
347 Ebenso MK-Freund, Vor §§ 13 ff. Rn. 196 f.; Frzster, AT, § 14 Rn. 33; Lesch, Verbre-
::~ Kindhattser, Gefahrdung, S. 107 f.; ders., GA 2010, 494; ders., FS Maiwald, S. 405 f. chensbegriff, S. 265; Lippold, Rechtslehre, S. 350; Renzikowski, Notstand, S. 129; ders., FS
Frzsch, Vorsatz, S. 154; Perron Rechtfertigung S 86 f Hruschka, S. 664 f.; Hruschka, 1. FS Roxin, S. 453 f.; Otto, GS Meyer, S. 604; ders., Jura
342 · · ' ' . .
Mznas-v. Savzgny, Tatbestandsmerkmale S. 94.
IB . . , 1995, 474.
Mznas-v. Savzgny, Tatbestandsmerkmale, S. 95; T Walter, Kern, S. 61.
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 209
208 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers

verraten; erfahrt er das Geheimnis hingegen in seiner Stellung als Angehoriger


lagerten Erforderlichkeitsprüfung fungiert, bcsitzt sie Kaufmann zufolge eine
einer der in§ 203 StGB genannten Berufsgruppen 354, reduzieren sich seine zu-
eigene rechtliche Relevanz 348.
lassigen Handlungsoptionen tatbestandlich auf eine einzige Verhaltensweise:
Die Unterscheidung zwischen Bcwertungsgegenstand und BewertungsmaG-
Er muG schweigen. Zudem wird die von Armin Kaufmann herausgestellte Be-
stab ist in formaler Hinsicht zwingend. Zum Bewcis der systcmatischen Eigen-
schrankung von Eingriffen auf das Erforderliche nicht ausschliefüich durch die
standigkeit des Tatbcstandes genügt sie jedoch nicht. Erstens besteht das von 355
Straftatbestandsmafügkeit des in Rede stehenden Eingriffs ausgelost . Ganz
Kaufmann herausgearbeitete sachlogische Verhaltnis nicht nur zwischen der
deutlich wird dies bei den zahlreichen auch und gerade für das Zivilrecht gel-
tatbestandsmafügen Handlung und dem Erforderlichkeitskriterium, sondern es
tenden Erlaubnisnormen 356. Aber auch im Bereich des Strafrechts bemiGt sich
findet sich auch innerhalb des Tatbestandes 349;so fungiert der Begriff der Sache
die Rechtmafügkeit eines Eingriffs haufig weniger anhand des Gegensatzpaa-
als Bezugsgegenstand des Urteils über ihre Fremdheit. Zweitens wird nicht der
res ,,tatbestandsmafüg/tatbestandslos" als vielmehr aufgrund einer tatbestands-
Ta:bcst.~nd als Ganzes zum Gegenstand der Bewertung in der Rechtswidrig- 357
unabhangigen Interessengewichtung. Stehen etwa - nach einem von Jakobs
keitsprufung gemacht; es werden vielmehr einzelne Elemente der Tatbestands-
stammenden Beispiel - zur Abwehr einer Gefahr eine minimale (aber tatbe-
v:rwirklichung zu einzelnen Erfordernissen der Rechtfertigungsgründe in Be-
standliche) Sachbeschadigung und eine gravierende (aber tatbestandslose) Sach-
ziehung gesetzt: so die objektiven Elcmente der Tatbestandsverwirklichung
entziehung zur Auswahl, muG die Gewichtung anhand des Kriteriums der Ein-
(,,Erfolgsunwert") zu den ihnen entsprechenden objektiven Rechtfertigungsele-
griffsschwere und nicht nach jenem der TatbestandsmaGigkeit erfolgen. Armin
menten (,,Erfolgswert") und die Vorstellungsinhalte des Taters (,,Handlungsun-
Kauf manns formale Strukturanalyse erweist sich somit als zu unspezifisch, um
wert") zu den sogenannten subjektiven Rechtfertigungselementen (,,Handlungs-
das angestrebte Ziel - den Nachweis einer systematisch herausgehobenen Stel-
w_ert")350. Es hand:lt sich in diesen Fallen lediglich um eine Konkretisierung von
lung (ausgerechnet) der Unterscheidung zwischen Tatbestandsmafügkeit und
~111zelaussagen,die bei der Prüfung der Tatbestandsmafügkeit getatigt worden
s111d;der ursprüngliche Wertungsrahmen wird nicht überschritten, sondern le- Rechtswidrigkeit - zu errcichen.
diglich konkretisierend ausgefüllt 351.
4. Unterschiedlicher sozialer Sinngehalt von Tatbestandslosigkeit
Armin Kaufmann erganzt seinAusgangsargument denn auch durch eine wei-
tere Erwagung. AuGerhalb des Kreises der tatbestandlichen Verbote, so macht er und Rechtfertigung?
geltend, sei jede Verteidigung erlaubt, ohne Rücksicht auf ihre Erforderlichkeit. ,,Wertbetrachtung und Seinsbetrachtung liegen als selbstandige, je in sich g~-
358
~er_hingegen den Tatbestand einer Verbotsnorm verwirklicht habe, dürfe ledig- schlossene Kreise nebeneinander" - auf diese Forme! bringt Radbruch die
hch _111den Grenzen ~es Erforderlichen in fremde Güter eingreifen [Link] syste- neukantianische Überzeugung von der Unableitbarkeit des Sollens aus dem
matlsche Besonderheit der Tatbestandsmafügkeit besteht demnach darin, daG die Sein. Zu den Grundaxiomen von Welzels Verbrechenslehre gehort dagegen die
359
Tatbestandserfüllung eine weitreichende Schrumpfung der dem Ta ter zur Verfü- Überzeugung, daG Werturteile in Seinsurteilen fundiert seien und die Be-
gung stehenden Handlungsoptionen nach sich zieht. griffsbildungen des Gesetzes, des Richters und des Wissenschaftlers eine ge-
Indessen ist auch dies kein Proprium der Grenze zwischen Tatbestands- staltete sinnerfüllte Welt bereits vorfanden 360. ,,Das Sein hat vom Ursprung
mafügkeit und Rechtswidrigkeit [Link] sind die strafrechtlich zulassigen Hand- an Orclnung und Gestalt in sich und bekommt diese nicht erst von irreal~n
lungsoptionen desjenigen, der einen anderen im Sinne des § 263 StGB tauscht Formen geborgt; und ebenso steht das Gemeinschaftsdasein des Menschen 111
bereits tatbestandlich auf die Herbeiführung nicht-schadigender Folgen be~
schrankt. Der Nicht-Sonderpflichtige darf fremde Geheimnisse nach Belieben
354 Weitere strafbewehrte Schweigepflichten finden sich in den §§ 93 ff., 353 b und 355
348 Armin Kaufmann,JZ 1955, 40. -Ebenso noch jüngst LK-Ronnau, Vor § 32 Rn. 16. StGB sowie in§ 17 UWG. .
355 MK-Schlehofer, Vor §§ 32 ff. Rn. 36; Jakobs, AT, 6/58 Fn. 125. - Ebenso Ch. Schmzd,
349 Ch. Schmzd, Verhaltnis, S. 91.
350 NK-Puppe, Vor § 13 Rn. 13. Verhaltnis, S. 90 f.
356 Treffend MK-Schlehofer, Vor §§ 32 ff. Rn. 36. - Vgl. etwa die§§ 227, 228, 229, 859, 904
351 O ben S. 205 Fn. 330.

.. A ~mz~
. 352 · K au1m~~n,
.r, .
Lebend1ges, S. 255: - Ebenso Hirsch, Lehre, S. 277. - Im Ergeb- BGB.
m~ uberernstimmend JUngst Hoyer, ~er led1ghch das von Armin Kaufmann hervorgehobene 351 jakobs, AT, 6/58 Fn. 125.
Strnkturelement der Erforderhchkeit durch Jenes der Verhaltnismafügkeit ersetzt (Hoyer 3 58 Radbruch, Rechtsphilosophie, S. 13.
359 Welzel, Abhandlungen, S. 9.
Verhaltnismafügkeitsgrundsatz, S. 104 f.). '
353 Ebenso Rinck, Deliktsaufbau, S. 319 f. 3 60 Welzel, Abhandlungen, S. 104.
210 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 211

ursprünglichen Ordnungen und Bindungen, die nicht erst durch umformende miGbilligter, aber dennoch straftatbestandsloser Verha1tenswe1sen · 310 ; 1m · u··bn-·
theoretische Begriffsbildungsakte an ein umgestaltetes Dasein herangetragen gen hat spatestens die Anerkennung der Schutzzwecklehre im Strafrecht die
werden." 361Auch in der Unterscheidung zwischen Tatbestandsmafügkeit und Gleichsetzung des tatbestandslosen Verhaltens mit sozial unauffalligem Verbal-
Rechtswidrigkeit spiegelt sich Welzel zufolge die Struktur des ,,geschichtlich ten obsolet werden lassen [Link] fallt drittens nicht jede auf den ersten
gepragte[n] soziale[n] Leben[s]" wider, das ,,schon vor jeder gesetzgeberischen Blick tatbestandsmafüge Handlung aus der Ordnung des sozialen Lebens he-
Vertypung Re gel und Ordnung in sich" trage [Link] tatbestandslose Ver- raus372.
haltensweisen sich vollstandig in den Ordnungen des sozialen Lebens hielten, Welzel selbst hat mit seiner Lehre von der sozialen Adaquanz nachdrück-
umschrieben die strafrechtlichen Tatbestande diejenigen Handlungen, die aus lich auf den Umstand hingewiesen, daG ,,sozialadaquate Handlungen aus den
den Ordnungen des sozialen Lebens in unertraglicher Weise herausfielen und strafrechtlichen Tatbestanden auch überall dort aus[scheiden], wo sie - etwa un-
nur in extremen Situationen gerechtfertigt werden konnten 363. Zur Illustration ter kausalen Ges1c . h tspun l'-ten - noc h unter s1e
. su b sum1ert
. wer d en lrnnnen
·· " 373.
greift Welzel auf ein von Kohlrausch stammendes Beispiel zurück. ,,Die ein- Weshalb sollte dies dort anders sein, wo die positive sozialethische Wertung
zelne in Notwehr [... ] begangene Totung eines Menschen" ist Kohlrausch zu- durch Feststellung der Voraussetzungen eines Rechtfertigungsgrundes ermittelt
folge ,,schlechthin rechtmassig, nicht mehr und nicht weniger als die Totung wird? 374Wenn das Recht einen Rechtfertigungsgrund anerkennt, ,,so beweist
einer Mücke" [Link] phanomenologisch desinteressierten Normativismus die- das doch, daG die Handlung der sozialethischen Ordnung entspricht" [Link] gibt
ser Auffassung widerspricht Welzel vehement [Link] sei ,,strafrechtlich-dogma- eben keine dieser Ordnung schlechthin oder an sich widersprechende Rechtsgut-
tisch toto coelo etwas Verschiedenes, ob ein Bauer einen Hahn schlachtet oder verletzung; die Beurteilung kann vielmehr ,,nur im Hinblick auf den ganz indi-
ob er in Notwehr einen Menschen totet" 366. ' viduellen Gesamtkomplex des Geschehens vorgenommen werden" 376. Insofern
Die suggestive Kraft dieses ,,plakative[n], jeden moglichen Protest schon im gilt: ,,Jede gerechtfertigte tatbestandsmafüge Handlung ist sozialadaquat." 377
Keim erstickende[ n]" Beispiels367speist sich daraus, ,,daGdort jedes U nrecht fehlt, Wenn an Welzels zentraler Einsicht, der Einbeziehung der sozialen Sinnbezüge
auch das auGerstrafrechtliche, und daG demgegenüber das Toten eines Menschen in die Grundkategorien der Allgemeinen Verbrechenslehre, namentlich den Be-
im Regelfall gerade das hochste Unrecht verkorpert" 368. So verhalt es sich aber griff der tatbestandsmafügen Handlung, festgehalten werden soll, so spricht dies
keineswegs immer. Erstens unterscheiden sich tatbestandsmafüges und tatbe- deshalb gegen die von Welzel vertretene Trennung von Tatbestandsmafügkeit
standslos-rechtmafüges Verhalten haufig nur in gradueller Hinsicht 369; so ver- und Rechtswidrigkeit 378.
lauft zwischen erlaubter Geschaftstüchtigkeit und unerlaubtem Betrug in vielen
Fallen nur ein schmaler Grat. Zweitens wird keineswegs jede straftatbestands-
lose Handlung sozial als unauffallig und harmlos eingestuft. Wie das Beispiel 370 Ebenso LK-Riinnau, Vor § 32 Rn. 13; Hoyer, Verhaltnismafügkeitsgrundsatz, S. 102;
der vorsatzlichen Vertragsverletzung lehrt, gibt es eine Fülle sozial und rechtlich Renzikowski, FS Hruschka, S. 664; T Walter, Kern, S. 88. - Welzel scheint die Schwache sei-
nes Arguments selbst zu spüren. J edenfalls geht er von der - offenkundig unzutreffenden -
Aussage, eine Handlung sei, ,,weil sie tatbestandslos ist, rechtlich irrelevant" (Welze_l,ZS~W
67 [1955), 211), stillschweigend zu der Aussage über, das tatbestandslose Verhalten se1spez1ell
361 Welzel, Abhandlungen, S. 103. strafrechtlich unerheblich (aaO, Fn. 30). Damit aber reduziert er seine ursprünghche These auf
362 Welzel, Bild, S. 52 Anm. cine schlichte Tautologie ohne weitergehenden Erklarungsgehalt.
363 Welzel, Bild, S. 52 Anm. 371 C. jdger, Zurechnung, S. 17; ahnlich [Link], System, S. 46.
364Kohlrausch, Irrtum, S. 64. m LK-Riinnau, Vor § 32 Rn. 13; Hoyer, Verhaltnismafügkeitsgrundsatz, S. 102.
365 Welzel, ZStW 67 (1955), 210 f. 373Vgl. Welzel, Strafrecht, S. 57.
374 Treffend v. Weber, FS Mezger, S. 188; Lang-Hinrichsen,JR 1952, 304,306; Lesch, FSJa-
366
Welzel, Bild, S. 52 Anm. - Ebenso LK-Hirsch 11, Vor § 32 Rn. 8; ders., FS Schrocder, kobs, S. 341 f.-Auch Gallas (Beitrage, S. 37) und Roxin (FS Klug, Bd. II, S. 305) heben hervor,
S. 233; NK-Paeffgen, Vor §§ 32-35 Rn. 17; SSW-Rosenatt, Vor §§ 32 H. Rn. 4; Battmann/We- daíl die Lehre von der Sozialadaquanz in ihrer ursprünglichen tatbestandsausschheílende:1
ber! Mitsch, AT, § 16 Rn. 32; Hassemer, Einführung, S. 212; Krey/Esser, AT, Rn. 269; i.E. auch Fassung zu einer Verwischung der Grenze zwischen Mangel am Tatbestand und Rechtfert1-
Kindhduser, GA 2010, 495; ders., FS Maiwald, S. 406. - Nahestchend Jakobs' Unterschei- gungsgrund führe.
dung zwischen sozial unauffalligen (= tatbestandslosen) und sozial auffalligen (= tatbestands- 375 v. Weber, FS Mezger, S. 188.
mafügen) Geschehnissen (Jakobs, AT, 6/51 [vgl. aber jüngst dens., System, S. 46); ebenso Per- 376 Lang-Hinrichsen, JR 1952, 306. - Ebenso Lesch, FS Jakobs, S. _343.
ron, Stellung, S. 70; Safferling, Vorsatz, S. 96). 377 v. Weber, FS Mezger, S. 188. - Ebenso Lesch, Verbrechensbegnff, S. 267 f.; ders., Dona
367
Lesch, Dona Scripta, S. 302; ders., FS Jakobs, S. 343. Scripta, S. 300. .
368 T Walter, Kern, S. 88.
369 Zutreffend Rinck, Deliktsaufbau, S. 459. 378 Ebenso Lesch, Verbrechensbegriff, S. 266 ff.; ders., Dona Scnpta, S. 298 f.; ders., FS Ja-
kobs, S. 341 H.;Rinck, Deliktsaufbau, S. 459 Fn. 410; Schaffstein, ZStW 72 (1960), 386.
B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 213
212 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

Welzels Gedanke der sozialen Adaquanz ist sein ,,wesentliche[r] Beitrag [... ] grund erlaubt nicht lediglich, ausnahmsweise ein verbotenes - rechtlich miB-
zur Legitimation des Strafrechts in der Gegenwart" 379und eine der Keimzellen billigtes - Verhalten zu vollziehen, sondern er schliefü das Unrecht - die recht-
der heutigen Lehre von der objektiven Zurechnung [Link] für die soziale Ada- liche MiBbilligung - als solche aus383. Warum ist man nicht dazu bereit - so
quanz gilt, gilt in gleicher, ja verscharfter Weise für die Lehre von der objektiven fragt Lippold zu Recht-, die normative Wertstruktur so zu nehmen, wie sie ist,
Zurechnung: Sie stellt die herkommliche Unterscheidung zwischen Tatbe- sondern erklart lieber bestimmte Falle rechtlich zulassigen Verhaltens zu Fallen
standsmafügkeit und Rechtswidrigkeit in fundamentaler, bislang allerdings nur quasiverbotenen Verhaltens? 384Wer sich von solchen Scheinlosungen nicht in
vereinzelt wahrgenommener Weise in Frage. Nach der üblichen Formel ist ein die Irre führen laBt, kommt nicht umhin, die Rechtfertigungsgründe als Spe-
tatbestandlicher Erfolg dem Tater nur dann objektiv zurechenbar, wenn dieser zialfalle des Zurechnungsausschlusses zu begreifen und sie damit auf dieselbe
eine ,,rechtlich miffüilligte" bzw. ,,rechtlich verbotene" Gefahr für das tatbe- systematische Stufe wie die gelaufigen Kategorien der objektiven Zurechnung
standlich geschützte Rechtsgut geschaffen hat 381. Eine Notwehrhandlung, zu zu stellen 385.N ach Mezgers Materialisierung des Tatbestandsbegriffs legt damit
der der Tater berechtigt ist, oder eine ZwangsmaBnahme, zu deren Vornahme auch die zweite zentrale Einsicht der modernen Tatbestandslehre - die Einbe-
der zustandige Amtstrager sogar verpflichtet ist, konnen aber schlechterdings ziehung sozialer Sinnstrukturen in die Auslegung der verbrechenstheoretischen
nicht als ,,rechtlich miBbilligt" qualifiziert werden 382; der Rechtfertigungs- Grundbegriffe, deren prominenteste Auspragung die Lehre von der objektiven
Zurechnung ist - die SchluBfolgerung nahe, ,,daB zwischen den Tatbestands-
merkmalen und Rechtswidrigkeitsmerkmalen ein generischer Unterschied
379jakobs, Strafrccht, S. 126. 386
380 Eingehend Cancio Meliá, GA 1995, 179ff. nicht besteht" .
381 Lackner/Kiihl, Vor 13 Rn. 14; S/S-Lenckner/Eisele, Vorbem. §§ 13 ff. Rn. 92; Frister, Roxin sucht die Behauptung eines unterschiedlichen sozialen Sinngehal-
AT, §§ 9 Rn. 4; 10 Rn. 1; Gropp, § 5 Rn. 42; Heinrich, AT 1, Rn. 243; ]escheck/Weigend, AT, tes von Tatbestandsmafügkeit und der Rechtswidrigkeit dadurch zu retten,
§ 28 IV (S. 287). daB er beiden Kategorien unterschiedliche kriminalpolitischeFunktionen zu-
. 382 Auch N~-Paeffgen (Vor §§ 32 ff. Rn. 25) konzediert, daB man in der Wahrnehmung spricht387. Der Tatbestand stehe unter dem Leitmotiv der Gesetzesbestimmt-
emes Rechtfert1gungsgrundes strukturell durchaus ein Handeln im erlaubten Risiko sehen 388
heit, die Rechtswidrigkeit dagegen sei der Bereich sozialer Konfliktlosungen .
konne. Allerdings bestanden gewichtige sachliche Unterschiede zwischen der Lehre von
der objektiven Zurechnung und der Lehre von den Rechtfertigungsgründen. Die Recht- Mit den Rechtfertigungsgründen dringe die Dynamik sozialer Veranderungen
fertigungsgründe seien inhaltlich klarer konturiert als die Institute der objektiven Zurech-
nung. Was insbesondere die Kategorie der Sozialadaquanz angehe, so seien die durch sie
bewirkten Tatbest~ndsrestriktionen zudem unabhangig von der subjektiven Tatseite (aaO,
Rn. 34). Letzteres 1st jedoch, wie Paeffgen selbst einige Zeilen spater einraumt, nur einge- verspie!t" habe (aaO, S. 32). Die o ben S. 174 ff. entwickelte Systematisierung der Zustan-
schrankt richtig: Ein Tater, der sich irrig Tatumstande vorstellt, die sein Verhalten nicht digkeitstatbestande hat jedoch gezeigt, daB gleichbe:·cchtigt neben d_em_,,Ve:antwo'.:tungs-
mehr als sozialadaquat erscheinen lassen, kann nach den normalen Versuchsregeln bestraft prinzip" (Respektierung anderer Personen) solche Figuren der Zustand1gl~e1tsbegrundung
werden. DaB umgekehrt ein Tater, der sich aufgrund einer fehlerhaften Bewertung vor- stehen die auf dem Gedanken der Gewahrleistung grundlegender Realbedmgungen perso-
stellt, sein (tatsachlich sozialadaquates) Verhalten sei nicht sozialadaquat, nicht tatbestands- naler Existenz beruhen. Die von Jager für das ,,Verantwortungsprinzip" reklamierte Son-
mafüg handelt, ist ebenfalls nichts Besonderes; es ergibt sich aus der generellen Straflosigkeit derstellung ist deshalb willkürlich und vermag die ihm auferlegte Unterscheidungsfunktion
von Wahndehkten. Paeffgens Hinweis auf die Konturenlosigkeit der objektiven Zurech- nicht [Link] wahrzunehmen. . _ .
nung trifft jedenfalls die hiesige Konzeption nicht: Die allgemeinen Figuren der Zustan- 383 Lesch, Verbrechensbegriff, S. 265; Otto, Jura 1995, 474. - Das Gle1che g1lt 111 bezug auf
digkeitsbegründung systematisieren und disziplinieren die objektive Zurechnungs- und die die Sorgfaltspflichtverletzung, die nach herkommlicher Auffassung den Kern des Tatbestands
~echtfertigungslehre_glei_chermaBen. - C. Jager erkennt ebenfalls die Herausforderung, die von Fahrlassigkcitsdeliktcn ausmacht (kritisch dazu unten S. 333 ff.): Em gerechtfert1gtes Ver-
die Lehre von der 06Jekt1ven Zurechnung für die Unterscheidung zwischen Tatbcstands- haltcn ist von vornherein nicht sorgfaltswidrig (ebenso Arzt, ZStW 91 [1979], 885; Donatsch,
m~fügkeit und Rechtswidrigkeit darstellt (C. jdger, Zurechnung, S. VII, 1, 7, 35). Auch er Sorgfaltsbemessung, S. 79 ff.; P. Frisch, Fahrlassigkeitsdelikt, S. 85; H_ardwig, Zurechnung,
w11laber trotzdem an dem herkommlichen dreistufigen Verbrechensaufbau festhalten (aaO, S. 197; Lesch, aaO, S. 248; T Walter, Kern, S. 96, 169 f.; Otto, GS Schluchter, S. 90 f., 95; ten-
S. 43). Zu diesem Zweck versucht er, ,,die Lehre von der objektiven Zurechnung mit Hilfe dcnziell auch Freund, AT, § 5 Rn. 59; Stratenwerth/Kuhlen, AT, § 15 Rn. 35; a.A. ctwa Mau-
des Verantwortungsprinzips auszufüllen und dieses Prinzip für die dogmatische Zuord- rach!Gossel!Zipf, AT 2, § 44 Rn. 7 f.).
nung der einzelnen Erlaubnissatze fruchtbar zu machen" (aaO, S. 43). Dementsprechend 384 Lippold, Rechtslehrc, S. 344 Fn.12. _
schlagt er vor, diejcnigen Erlaubnissatze, die ihren Grund in der fehlenden Verantwort- 385 Ebenso Lesch, Verbrechensbegriff, S. 263 f., 269; ders., Dona Scnpta, S. 283 ff.; ders.,
lichkeit des Taters für den Erfolg haben, als TatbestandsausschluBgründe einzuordnen und FS Jakobs, S. 339 ff.; Miissig, ZStW 115 (2003), 232; Reyes, ZStW 105 (1993), 120; Schlehofer,
den Bereich der Rechtfertigungsgründe auf jene Erlaubnissatze zu beschranken, die auf Vorsatz, S. 61.
Verhaltnismafügkeitserwagungen beruhen (aaO, S. 18). Dieser Vorschlag führt zu hochst 386 Engisch, Untersuchungen, S. 11.
ungewohnlichen Einordnungen. So schlieBt die Notwehr Jager zufolgc bereits die Tatbe- 387 Grundlegend Roxin, Kriminalpolitik, S. 15 ff.
standsmafügkeit aus, weil der Angreifer ,,sein Rechtsgut durch den Angriff unabwagbar 388 Roxin, Kriminalpolitik, S. 15.
214 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 215

in die Verbrechenslehre ein 389; es gehe dort um die ,,sozial richtige Regulierung nehmend an Boden gewinnende Einsicht in die grundlegende Bedeutung der
von Interesse und Gegeninteresse" 390anhand allgemeiner sozialer Ordnungs- Zustandigkeitslehre für Unterlassungs- wie für Begehungsdelikte 397hat der
prinzipien wie des Selbstschutz-, des Rechtsbewahrungs- und des Güterabwa- bisherigen randstandigen Lage der Garantenstellungen freilich ein Ende ge-
gungsprinzips391. Diese Ordnungsprinzipien seien es, ,,die in verschiedenarti- macht. Neuere Auffassungen bemühen sich darüber hinaus um die Identifi-
ger Abwandlung den Inhalt der Rechtfertigungsgründe bestimmen und deren zierung inhaltlich gehaltvoller Rechtfertigungsprinzipien 398, die zudem nicht
Zusammenspiel im konkreten Fall das Urteil über die soziale Nützlichkeit oder rhapsodisch aneinandergereiht, sondern, systematisch korrekt 399, aus der
Schadlichkeit eines Verhaltens, über Rechtfertigung oder Unrecht, festlegt" 392. Struktur des Rechtsbegriffs heraus entwickelt werden 400. Um die Relevanz
In der Tatbestandslehre haben diese Prinzipien nach Roxins Darstellung keine der allgemeinen Zustandigkeitstatbestande für das System der Verletzten-Zu-
Entsprechungen; ihre bestimmende Kraft begründet für ihn vielmehr gerade die standigkeiten zu erkennen, ist nichts weiter erforderlich, als diese beiden Ge-
Eigenstandigkeit der Wertungsstufe Rechtswidrigkeit 393. dankenstrange miteinander zu verbinden.
Ebenso wie Roxin behandelt auch die ganz herrschende Strafrechtsdogma-
tik die Prinzipien der Rechtfertigung und die tatbestandliche Zurechnungs-
lehre als zwei selbstandige, voneinander unabhangige Themenkomplexe.
III. System der Verletzten-Zustandigkeiten
Verantwortlich dafür, daE die Parallelen zwischen den Zustandigkeitstatbe-
1. Zustdndigkeitsverteilung als einheitliches Wertungsproblem
standen auf Tater- und auf Verletztenseite der Strafrechtsdogmatik bis heute
weitgehend entgangen sind, sind Defizite der Garanten- sowie der Rechtferti- Strafrechtliche Zurechnung beschrankt sich nicht auf die Feststellung eines in-
gungslehre. Zum einen betrachtet die herrschende Auffassung die Lehre von dividuellen Verhaltnisses des Taters zur Norm; es handelt sich bei ihr vielmehr
den Garantenstellungen nach wie vor als Sondergut der unechten Unterlas- um eine ,,kommunikativ vermittelte Handlungsdeutung vor den Koordinaten
sungsdelikte394. Zum anderen begnügt sie sich in der Frage der Rechtferti- allgemein garantierter Verantwortungsspharen" 4º1. Kurzum: ,,Strafrechtliche
gungsprinzipien weitgehend mit der Übernahme von Mezgers Unterschei- Zurechnung kennzeichnet, was als Rechtsverletzung in wessen Verantwor-
dung zwischen den Fallen des ,,mangelnden Interesses" und denjenigen des tung fallt." 4º2 Weil aber die Zurechnungslehre der rechtlichen Gleichheit aller
,,überwiegenden Interesses" 395. Irgendwelche Berührungspunkte mit den Rechtspersonen Rechnung tragen muE, leiten, wie Müssig konstatiert, die ,,all-
gelaufigen Garantenstellungen lassen diese Prinzipien, deren Inhaltsleere
und daraus erwachsende Bedeutungslosigkeit für eine inhaltlich gehaltvolle
Systembildung ausdrücklich eingeraumt werden 396, nicht erkennen. Die zu-
chen, S. 70 f. -Aus dem heutigen Schrifttum: LK-Hirsch 11 , Vor § 32 Rn.48 (ebenso LK-Riin-
389 Roxin, AT 1, § 14 Rn. 38. nau, Vor § 32 Rn. 80); ders., Stcllung, S. 47; ders., FG BGH, S. 199; NK-Paeffgen, Vor §§ 32 ff.
390
Roxin, Kriminalpolitik, S.15; ebenso ders., AT 1, § 14 Rn. 41. Rn. 47; SK-Günther, Vor § 32 Rn. 74; S/S-Lenckner/Sternberg-Lieben, Vorbem. §§ 32 ff.
391 Roxin, Kriminalpolitik, S. 26 f. Rn. 7; Gropp, AT, § 6 Rn. 25; Mitsch, Rechtfertigung, S. 176.
392 Roxin, Kriminalpolitik, S. 26. 397 Oben S. 159 ff.
393 Vgl. Roxin, AT 1, § 10 Rn. 20; dens., FS Amelung, S. 271. 398 Insbesondere Jakobs, AT, 11/3; ders., System, S. 44 ff.; ders., Kommentar, S. 145 f.;
394 Oben S. 159. Kindhduser, AT, 15/4; Kohler, AT, S. 237 f.; Lesch, Verbrechensbegriff, S. 263 f.; Merkel,
395 Grundlegend Mezger, Strafrecht, S. 204 ff.; ferner Heinitz, Problem, S. 117 f. - JZ 2007, 377 ff.; ansatzweise auch HK-GS-Duttge, Vorbem. zu §§ 32-35 Rn. 8; Murmann,
Aus dem heutigen Schrifttum: S/S-Lenckner/Sternberg-Lieben, Vorbem. §§ 32 ff. Rn. 7; Grundkurs, § 15 Rn. 6 ff.
SSW-Kudlich, Vor §§ 13 ff. Rn. 69; SSW-Rosenatt, Vor §§ 32 ff. Rn. 8; Frister, AT, § 13 Rn.1; 399 Rath (Rechtfertigungselement, S. 624 f.; ders., Aufweis, S. 78 f.; ders., FS Küp~r,
Gropp, AT, § 6 Rn. 26; Haft, AT, S. 67 f.; Lippold, Rechtslehre, S. 391. - Für eine Beschran- S. 459 ff.) erinnert zu Recht daran, dafl Vielheit sich nur im Horizont ei~er ihr v?raushe-
kung auf das Prinzip des überwiegenden Interesses pladieren MK-Schlehofer, Vor §§ 32 ff. genden Einheit vollziehen laflt. Auch die Rechtfertigung kann deshalb ,,rncht auf e111eletzt-
Rn. 53 ff.; ders., Vorsatz, S. 69 f.; NK-Paeffgen, Vor §§ 32-35 Rn. 46; SK-Günther, Vor § 32 endliche Dualitat oder gar weitergehende Pluralitat von Prinzipien, Grundsatzen, Ord-
Rn. 49, 73 f.;§ 32 Rn.106; Baumann/Weber/Mitsch, AT, § 16 Rn. 51 f.; Mitsch, Rechtferti- nungskriterien und dgl. zurückgeführt werden" (aaO [Rechtfertigungselement], S. _624;
gung, S. 157 f., 165 f., 175; Freund, AT, § 3 Rn. 4; Otto, AT, § 8 Rn. 5 ff.; Brammsen, Entste- kritisch zu einem solchen Vorgehen auch Schmidhduser, FS Lackner, S. 87 ff.). Ohne e111en
hungsvoraussetzungen, S. 428 f., 444; Helmert, Straftatbegriff, S. 247; Perron, Rechtferti- einheitsstiftenden, material gehaltvollen (Rechts-)Beg_riff befanden sich diese ~rinzipien
gung, S. 96; i.E. auch Langer, Sonderstraftat, S. 96. - Eine Zurückführung der Rechtfer- im Zustand einer ganzlichen Unzusammengehiirigke1t (Rath, aaO [Rechtfertigungsele-
tigungslehre auf das ,,Prinzip der geringstmiiglichen Interessenverletzung" unternimmt mentl).
Rinck, Deliktsaufbau, S. 53 ff. - Die normtheoretischen Implikationen dieses Ansatzes ent- 4ºº Grundlegend Kohler, AT, S. 237 ff.

faltet Mir Puig, FS Herzberg, S. 66 ff. 4 º1 Müssig, ZStW 115 (2003), 232.
396 Mit der Scharfe des weltanschaulichen Gegners moniert dies bereits Dahm, Verbre- 4 º2 Miissig, ZStW 115 (2003), 232.
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 217
216 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers

Zum anderen kann sich die Entlastung des Taters daraus ergeben, dag er
gemeinen Zurechnungskriterien nicht nur die Zustandigkeitsbegründung des
als Reprasentant der Allgemeinheit tatig wird, sei es aufgrund eines origina-
Taters, sondern auch dessen Entlastung" 4º3.
ren, sei es aufgrund eines delegierten Amtsrechts wie § 127 Abs. 1 St~O.
Die Zustandigkeit des Verletzten kann sich deshalb zum einen aus dem Re-
Zwar knüpfen die meisten der einschlagigen Normen an einen vom Eingnffs-
spektierungsgedanken ergeben. Bislang ist die Axiologik dieses Gedankens le-
adressaten in zurechenbarer Weise gesetzten EingriffsanlaB an; dies gilt aber
diglich mit Blick auf den Tater entfaltet worden. Einen anderen zu respektieren
keineswegs durchgangig, wie die in der StPO enthaltenen Zwangsbefugnisse
bedeutet demnach: seinen Rechtskreis nicht zu beeintrachtigen. Für Schaden 407
gegenüber Zeugen und anderen Unbeteiligten beweisen . Der Rec~tsgrund
innerhalb der fremden Rechtssphare haftet der Tater folglich, weil und sowcit
der betreffenden Duldungspflichten ist ein grundlegend anderer als Jener der
sie auf sein Verhalten zurückzuführen sind. Dieser Modus der Verantwor-
soeben behandelten Auspragungen des Respektierungsgedankens: Kraft ihrer
tungsbegründung impliziert ein nicht weniger bedeutsames Prinzip der Verant- 408
Mitverantwortung für den ,,gemeinsamen Staatsrechtszweck" sind grund-
wortungsbegrenzung: Sofern die Beeintrachtigungen unmittelbar oder mittel-
satzlich alle Bürger dazu verpflichtet, sich im Rahmen des Verhaltnismafügen
bar auf eine Disposition des Verletzten zurückgehen, ist dieser für sie zustan-
an der Aufklarung von Straftaten zu beteiligen 409. Der Sache nach handelt
dig. Das ist zum einen dann der Fall, wenn der Verletzte selbst die Veranderung
es sich wegen der Unschuldsvermutung dabei um prozessuale Aufopferungs-
steuert, wenn es also sein Wille ist, der sich in dem augeren Geschehen mani-
pflichten41º; lediglich das ,,Wieviel" der Eingriffsbefugnis richtet sich nach In-
festiert:. eigenverantwortliche Selbstschadigung und Einwilligung (2.). Eine
tensitat und Schwere des Verdachts, der gegen den in Anspruch Genommenen
v~rrang1ge Zustandigkeit des Verletzten ist zum anderen dort begründet, wo
besteht411. Im Vergleich zu den zumeist weniger komplex strukturierten - da
d1eser durch seinen nicht-duldungspflichtigen Übergriff auf einen fremden
im wesentlichen nur allgemeine Zustandigkeitserwagungen ausbuchstabieren-
R~.c~tskreis einen anderen dazu veranlafü, die zur Wicderherstellung der recht-
den - allgemeinen Notrechten kommt dem Regelungsprimat des parlamenta-
mafügen Lage erforderlichen AbwehrmaBnahmen zu ergreifen: Notwehr und 412
rischen Gesetzgebers in diesem Bereich ein weitaus groBeres Gewicht zu .
defensiver Notstand. Der andere führt hier lediglich ein Geschaft durch das an
Aber nicht nur die herkommlichen Amtsrechte nehmen den Eingriffsadressa-
sich dem Verletzten selbst obgelegen hatte (3.). Beiden bislang erwahnt~n Fall-
ten in seiner Bürgerrolle in Anspruch, sondern auch der rechtfertigende Ag-
gruppen ist gemeinsam, daB der Verletzte in ihnen an der von ihm zu vertreten-
gressivnotstand. Dieser bildet gleichsam die Kehrseit~ d~r von § 323c StGB er-
den Situationsgestaltung festgehalten wird: Seine Folgenverantwortung stellt
faBten Sachlage: Wahrend der Normadressat dort m1t emer f~emd~n No~la?e
das Gegenstück zu seiner Gestaltungsherrschaft dar 4º 4. Ein Verhalten das - um
konfrontiert ist, der er abhelfen soll, befindet sich der Tater h1er semerse1ts m
mit einem von Klee entlehnten Begriffspaar zu sprechen - die physische Verlct-
einer existentiell bedrohlichen Notsituation, zu deren Abwendung er einem
zung eines anderen bewirkt, bedeutet hier nicht auch dessen ethische Verlet-
seiner Mitbürger die Aufopferung gewisser, weniger bedeutsamer Belange zu-
zung405,weil es unter Anerkennung seiner Personalitat stattfindet 4º 6•
mutet (4.).
Die hiesige Differenzierung trifft sich weitgehend mit einer im ~eueren
Schrifttum bereits des ofteren vertretenen Systematisierung der Rechtfert1gungs-
403 prinzipien413. Sie stimmt auch mit der Einschatzung überein, daB e~.sich dab~~
Mü.ssig,.ZStW 115 (2003), 232; ebenso ders., Mord, S. 161, 166 ff.; ders., FS Jakobs,
S. 408 ff.; ahnhchJ~kobs, Syste.m, S. 44. - Für eine Erstreckung der Lehre von der objektiven um grundlegende Prinzipien jeder frezheztsrechtltchen Ordnung uberhaupt
" 414 b . bl 'b .
Zurechnung. auf die Rechtfert1gungsdogmatik pladiert auch Kuhlen (1. FS Roxin, S. 331 ff.; handelt, die deshalb zum ,,Fundament allen Rechts" gehoren . Da e1 e1 t s1e
ders., FS Mulle:-[Link], S. 4.31ff.). K~hlen sucht nachzuweisen, daB die Begründungstopoi
des ~füchtw1dngke1ts.- sowre des R1S1kozusammenhanges nicht lediglich im Rahmen der ob- 401 Vgl. §§ 81c Abs. 1, 2; 81e Abs. 1 Nr. 2 i. V. m. § 81c; 81h; 99; 100aAbs. 3; 100c Abs. 2 S. 2;
¡ektrven Zurechnung rm herkéimmlichen Verstandnis, sondern auch innerhalb der Rechtfer-
trgungslehre Gültigkeit beanspru~hen un.d die Zurechnung des tatbestandlichen Erfolges zu l00f Abs. 2 S. 2; 100h Abs. 2 S. 2; 103 StPO.
408 Kohler, ZStW 107 (1995), 20.
de111Verhalten des Taters [Link] ~onnten (Kuhlen, 1. FS Roxin, S. 332, 338 f.; ders., FS
409 Kohler, ZStW 107 (1995), 19 ff.; Lesch, GA 2000, 364.
Muller-Dretz, S. 432, 434). Dre systemat1sch vorrangige Frage, ob nicht bereits die Rechtfer-
410 Haas, Strafbegriff, S. 47 Fn. 217; Kohler, ZStW 107 (1995), 20.
trgungsgründe als. solche Auspragungen allgemeiner Zustandigkeitsfiguren darstellen, un-
411 Insoweit übereinstimmend Hornle, FS Tiedemann, S. 330.
t~rsu~ht Kuhlen hmgegen 111ch:.Damit ;etzt er sich dem gleichen Vorwurf aus, den er gegen 412 Dieser Umstand ist verantwortlich dafür, daG eine Rechtfertigung von Amtstragern
d1e.b1shenge Lehre von der ob¡ektrven Zurechnung erhebt (Kuhlen, 1. FS Roxin, S. 332): Er
aufgrund der allgemeinen Notrechte nicht in Betracht kommt; im einzelnen dazu Pawlik,
blerbt auf halbem Wege stehen.
404
Jakobs, System, S. 44. Notstand, S.186 ff.
405 Klee, GA 48 (1901), 177. 413 Nachweise oben S. 215 Fn. 398.

406 41 4 So Merkel, JZ 2007, 377.


Jakobs, Kommentar, S. 144.
B. Vorrangige Zitstandigkeit des Verletzten
219
218 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers

Welche Teilgesichtspunkte der Verletztenzustandigkeit bereits im Rahmen


indessen nicht stehen. Vielmehr liegt ihr die Erkenntnis zugrunde, daB beide
des Tatbestandes und welche erst im Rahmen der Rechtswidrigkeit abgehandelt
Teilkomponenten der Zustandigkeitsanalyse - der Blick auf den Tater und der- . dd Z k ··n· l . 420
werden, ist demzufolge eine Frage der Konvent1011un er wec ma1~1gs.e1t . •
jenige auf den Verletzten - eine axiologische Einheit bilden: In denselben Zu-
,,So gesehen, als praktischer Behelf für die Ordnung des Verfahrens _m~dd1_e
standigkeitsfiguren ~urzelnd, tragen sie, einander erganzend, der Aufgabe des
Losung von Fallen", darf die Scheidung von Tat~estand m:d Rechts':1dr~gke1t
Rechts Rechnung, die Verantwortungsbereiche von Personen dergestalt vonein-
- mit Dahm gesprochen - ,,für den Ausdruck emer prakt1schen We1she1tgel-
ander abzugrenzen, daB der recht!ichen Gleichheit der Betreffenden Rechnung
ten"[Link] darüber hinausgehende, genuin verbrechenssystematische Bedeu-
g~tra~en wird 415. Zwar ist es sachgerecht, auf eine etwaige vorrangige Zustan-
d1g~e1tdes Verletzten erst einzugehen, nachdem die (anhand des einschlagigen tung kommt ihr hingegen nicht zu.
Del1ktst~tbestandes konkretisierte) Ausgangszustandigkeit des Taters ermittelt
2. Eigenverantwortliche Selbstverletzung und Einwilligung
worden 1st. Der Grund dafür liegt in dem Umstand, daB es dessen Strafbarkeit
ist, die in Rede steht- daher liegt die Funktion des Tatbestandes im herkommli- a) Inhalt und Reichweite des Autonomiegrundsatzes
chen engen Sinne vor allem darin, daB durch ihn ,,aus der Vielzahl der mensch- Der Mensch ist nach einer Bemerkung des Philosophen Volker Gerhardt ,,ein
'.~chenHandlungen d_iejenigenausgesondert werden, die für eine erste Sichtung Tier, das seine eigenen Gründe hat" 422. Rechtliche Selbstbestimmung bedeu-
uberhaupt strafrechthch relevant sind " [Link] Urteil, das sich auf di eser Grund- tet diese Gründe, begrenzt durch die Rechtspositionen anderer, handlungs-
lag~ falle~ lafü, tragt einenprima facie-Charakter [Link] wir etwas eine prima wi~ksam werden zu lassen. ,,Selbstbestimmung aktiviert Freiheit, vollzieht, ja
Jacte-Pfhcht nennen, so erklaren wir Rawls zufolge damit, ,,wir hatten bis her nur vollstreckt sie gewissermaBen." 423Umgekehrt trifft den autonom Handelnde_n
bestimmte Grundsatze herangezogen, wir urteilten nur aufgrund eines Teils des die Verantwortung, die Folgen seiner Selbstbestimmung zu übernehmen: Die
Gesamtsystems der Gesichtspunkte" 418. Erst nachdem wir die allgemeinen Zu- Kehrseite der Selbstbestimmung ist die Selbstverantwortung
424
• Derjenige, der
standigkeitsfiguren auch auf den Verletzten angewendet haben, konnen wir für
u_nserUrteil in Anspruch nehmen, ,,allen bedeutsamen Eigenschaften [... ], wie
420 Daíl ein Mehr an begründungstheoretischer Dignitat nicht eneichbar ist, zeigt sich an
s1evon der vollstandigen Gerechtigkeitsvorstellung angegeben und zusammen-
Murmanns Analyse des Gedankens der Opferselbstverantwortung 1m Strafrecht. Zu Recht
gefafü werden" 419,Rechnung getragen zu haben. geht Murmann clavan aus, daíl Unterscheidungen nach der auíleren Gestaltung der sel_bst-
verfügenden Entscheidung- also danach, ob das Opfer an fre;11desVerhalten nur anknupft,
sich fremder Hilfe bedient oder den Vollzug der Handlung 111sgesamtdem Auílenstehen-
den überlaílt-die normative Relevanz fehlt (Murmann, Selbstverantwortung, S. 315). Wenn
415 Angesichts dieses Zusammenhangs ist es zumindest miílverstandlich wenn im An- Murmann dennoch an dem gangigen dreistufigen Verbrechensaufbau festhalten und des-
halb die Selbstverletzung auf der Tatbestandsebene, die Einwilligung hingeg~n erst ~uf der
sc~l~íl an Engisch beh_auptet wird, im Fall fchlender Rechtfertigung sei d~s tatbestands- Rechtfertigungsebene abhandeln will (aaO, S. 368 ff.), so s~ütz: er SIC,? dabe1 led1ghch au'.
mafü?e '7.erhal_ten_,,eo zpso tatbestandsmaíliges Unrecht" (Engisch, Untersuchungen, S. 12; den pragmatischen Gesichtspunkt einer ,,sinnvolle[n] Begnffsb1ldung (aaO, S. 374): Es_sei
sachhch uberemsnmmend NK-Puppe, Vor § 13 Rn. 19 ff.; dies., FS Otto, S. 391; Gropp, AT, untunlich, ,,das klarstellende Potential zu vergeben, das 111der Mark1erung der gru~dsatz-
§ 6 Rn. l8;]akobs, AT, 6/59; ders., Kommentar, S. 145 Fn. l; Schmidhauser, AT, 6/12; ders., FS lich - vor der Verfügung - bestehenden Rechtsposition (und deren V~rle'.zung) hegt (aaO,
~ng1sch, S. 436 H.;ders., F~rm, S. 56; ders., FS Lackner, S. 89 f.; de_rs.,J~S 1987, 376; f!ardwig, S. 375). Das ,,entscheidende normative Datum, ob ein ~erhalten schheílh:h das Rechts~er-
StW 68 [1956], 32 Fn. 26, Otto, ZStW 87 [1975], 589). Unrecht 1st keme Semsquahtat eines haltnis verletzt oder nicht", ist, wie Murmann ausdrückhch hervorhebt, ,,mcht clavan abhan-
best1mmten Verhaltens, sondern Ausdruck eines Urteils über dieses Verhalten. Mit den Ge- gig, auf welcher Ebene im Deliktsaufbau dem zustimmenden Willensverhalten Bedeutung
setzen der Lo_gikaber ist es unvereinbar, daíl das im Rahmen einer Prüfung zu bestimmende
Resultar bere1ts_nach der Subsumtion eines bloílen Teils der relevanten Merkmale feststehen zukommt" (aaO, S. 379).
soll (Rmck, Dehktsaufbau, S. 314). Die Feststellung, das Verhalten des Taters sei tatbestands- 421 Dahm, Verbrechen, S. 90.
422 Gerhardt, Selbstbestimmung, S.7. .
mafüg, __ist deshalb seiner begründungslogischen Struktur nach niemals identisch mit dem 423 Hollerbach, Selbstbestimmung, S. 18. - Die Behauptung Roxzns (FS A11:elun_g,S. 282),
Urte1l ub~r das Unrecht des Taterverhaltens, sondern bildet, gemeinsam mit dem Befund der Autonomiegedanke beinhalte ,,in erster Linie das Recht des Menschen, 111se1:1erKor-
Rechtfert1gungsgründe griffen nicht ein, eine der Pramissen, auf dcren Basis das Urteil so~ perintegritat und in seinem Eigentum unbeein~rachtigt zu ble(ben" und :,erst in z:"e1ter ~111'.~
dann gefallt werden kann (ebenso Rinck, aaO). [... ]das Recht, über seinen Korper oder sem Eigentmn nach e1genem W1llen zu d1spo~1e1en ,
416Arth11r Kattfmann,JZ 1956_,355; ders., ZStW 76 (1964), 569 f. -Ebenso Hardwig (ZStW
stellt die tatsachlichen systematischen Verhaltn(sse auf_den Kopt Das negatzve Recht, 111Ruhe
74 [1962], 40 f.), der deshalb von emer ,,selekt1ven Bedeutung" der Tatbestande spricht. gelassen zu werden, bedarf zu seiner Rechtferugung emer posztzve_nFund1erung 111Form des
417 In Gallas' Worten (Beitrage, S. 35) steht es ,,un ter dem Vorbehalt einer negativen Kor-
Anspruchs auf eine selbstbestimmte Gestaltung des ~1gene~Dase111s. .. . . .
rektur [... ] anhand der allgemeinen Begriffe von Unrecht und Schuld ". 424 MK-Schlehofer, Vor §§ 32 ff. Rn. 56; Gezlen, E111w1lhgung,S. 29, 151; Gobel, E111w1lh-
418Rawls, Theorie, S. 377.
419Rawls, Theorie, S. 377. gung, S. 22; Gschwend, Verantwortung, S. 289, 306;jakobs, System, S. 35; ders., Schuldpnn-
B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 221
220 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers

nommen werden", sind, wie bereits Humboldt erkannt hat, ,,vollig denje-
selbstbestimmt handelt, muB für die Konsequenzen seines Handelns einste-
nigen gleich, welche ein Mensch für sich, ohne unmittelbare Beziehung auf
hen. Wer zwar tun und lassen kann, was er will, die Folgen aber nicht zu tra-
gen braucht, wird nicht ernst genommcn, sondcrn infantilisicrt 425. DaB einc
Handlung selbstbestimmt (autonom) ist, ermoglicht es daher, sie im Falle ihrer Kdmpfer, Selbstbestimmung, S. 350; Ki_oi1p!s, _Notwehr, S. 123 Fn. 8; Krack, List, S. 109 f.;
Rechtswidrigkeit dem Tater zur Schuld zuzurechnen: Verantwortung lost Haf- Kubiciel, JZ 2009, 601; Kuflmann, E111w1lhgung, S. 128 ff.; M.-K. Meyer, Ausschlull,
S. 148 ff.; Mosbacher, Strafrecht, S. 121; Murmann, Selbstverantwortung, S. 315; ders., FS
tung aus426. Der Selbstbestimmungsgedanke bcgründet die Verantwortlichkeit
Puppe, S. 778,781; Ronnau, Willensmangcl, S. 52 f., 66 f., 143,188,223,245 f_.;Rosenau, 2. FS
des Handelnden allerdings nicht nur für das, was er anderen, sondern auch für Roxin, S. 582; Zipf, Einwilligung, S. 29 f.; van Hzrsch!Neumann, Paternahsmus, S. 81; Ar-
das, was er sich selbst antut. Da eine Rechtsgemeinschaft, die das Strafrecht thur Kaufmann, MedR 1983, 124; Lüderssen, JZ 2~06, ~91; Sc~mztt, F_S_Maurach, S. 115;
auf die Erhaltung der Bedingungcn cines freiheitlichen Zusammcnlcbens be- Wolfslast, FS Schreiber, S. 923. - Bislang hat auch Kmdhauser d1~se Pos1t1on gete1_lt(Kznd-
hduser, AT, 12/4; ders., FS Hollerbach, S. 646; ders., FS Rudolph1, S. 142 f., 148): Ju~gst_hat
schrankt427, nur Verletzungen fremder Belangc unter Strafe stellen kann, dürfen
er sich aber im AnschluG an Mañalich (Notigung, S. 80 ff.) davon abgewandt: Die E111w1lh-
Beeintrachtigungen, die auf dem vollverantwortlichen Willen des Betroff enen gung sei keine Zurechnungsregel, die in vollem Umfang die_Verantwortung für ein Verhal-
selbst beruhen, nicht zum Anknüpfungspunkt strafrcchtlicher Verbote gemacht ten von eincr Person auf cinc anderc versch1ebc, sondern em Normaufhebungsgru~d; d~s
werden. Strafrcchtlich gesehen handelt es sich bei eigenverantwortlichen Selbst- Strafrecht kenne namlich nicht den Grundsatz, daG bereits begründete Vcrantworthchke1t
bcfrciend von ciner Person auf einc andere übertragen werden konne_(Kindhduser, G_A_201 O,
schadigungen also um Interna des Verletzten. Wer sich aus freien Stücken dazu
501 ff.; ders., FS Maiwald, S. 412 ff.). Aber ist de~n im_Fall cincr _w1rksamen Ein.w11hgung
entschliefü, Umschichtungen innerhalb seiner Rechtssphare vorzunehmen, ist jemals eine cigenstandige Handlung~verantworthch~e1t des Ausfuhrenden be~rundet wor-
demnach für die ihm zum Nachteil gereichenden Folgen seines Verhaltens selbst dcn? War er, normativ bctrachtet, mcht v1elmehr zu 1edem Ze1tpunkt em Wer!<:zeugm den
zustandig; er entlastet andere von Verantwortung. Handen des Einwilligcnden? - Im AnschluG an Bindings schrof_fes:7erd1kt, d1e_Frage~ach
dem Wesen der Selbstverletzung und die nach der Verletzung Emwilhgender hatten mchts
Zum selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Umgang mit den eige-
mitcinander zu tun (Binding, Handbuch, S. 700), und n_ichtz_uletzt unter de~ Emdruck ~es
nen Rechtspositionen gehort auch die Moglichkeit, sich dabei der Unterstüt- § 216 StGB bestreiten allerdings nach wie vor gew1cht1g_eSt1mmen die Gleichstellung em-
zung durch einen anderen zu bedienen. Die dem Helfer zugewiesene Rolle willigungsgestützter Fremdverletzungen mit e!genha?-d1g voll~o~enen Selbstverle~zm~ge1:.
kann si~h darin erschopfen, dem Rechtskreisinhaber bei der Vorbereitung Die zur Begründung angeführtcn Argumente smd fre1hch wemg uberzeugend. Der Venve_1s
darauf, daG in den Einwilligungsfallen ncben dem Betr~ffenen selbst eme w_e1te:·ePerson 111
oder be1m Vollzug der Handlung zur Hand zu gehen; sie kann aber auch die
das Geschehen involviert und deshalb der kemer rechthchen Regelung zuganghche Intern-
eigenhandige Durchführung des - isoliert betrachtet, schadigenden - Aktes bereich des Geschadigten überschritten sei (in diesem Sinne etwa Hirsch, FS Welzel, S. 780;
umfassen. Ein normativ relevanter Unterschied zwischen diesen Modalita- ders., ZStW 83 [1971], 167; bezogen auf § 216 StGB auch LK-Jdhnke, § 216 Rn: 1; Sternberg-
ten der Dienstbarmachung fremder Fahigkeiten zu selbstgesetzten Zwecken Lieben, Schranken, S. 283 [gegenlaufig allerdings S. 41 f., 114, 226 ff.]; Rzsszng-van Sa~n,
ZIS 2011, 549; sachlich übereinstimmend bereits Hepp, Theo~·ie, s_. 63; Hartmann, Grun-
besteht nicht 428. ,,Handlungen, die mit gegenseitiger Einwilligung vorge-
hut's Zeitschrift 27 [1900], 726 f.; Nagler, FS Binding, S. 291), le1tct d'.e norm~t1ve Bedeutung
des Verletzungsgeschehens zu Unrecht aus dessen auGerem Ersche111ungsb1ld ~b. Auc_hdie
strafrechtliche Irrelevanz von Vcrletzungen, die sich der Verletzte selbst zufugt, grundet
zip, S. 34; Ronnatt, Willensmangel, S. 53 f.; Sternberg-Lieben, Schranken, S. 39, 113 Fn. 197;
nicht in dem auGeren Ablauf als solchem, sondern darin, daG das Strafrecht das betreffende
Bzchlmezer, JZ 1980, 54. Von zivilrechtlicher Seite: Flume, Rechtsgeschaft, S.159; Ohly,
Verhalten als freiverantwortlich bewertet. Dann kann umgekehrt aus de_rTatsache, ?ªG
Volent1, S._64f., 77. -Aus_ der Warte des offentlichen Rechts: Kube, JZ 2010, 265, 272. - Aus
der Verletztc eine andere Person einschaltet, nicht per_se auf die strafre_chthche Bea~h'.hch-
ph1losoph_1scherPerspekt1ve: Gosepath, Gerechtigkeit, S. 367; Heidbrink, Autonomie, S. 271 f.
keit dieses Geschehens geschlossen werden. Gegen die Vergle1chbarke1t w1rd fern_er emge-
-Aus soz1alpsycholog1scher S1cht:Prinz, Willensfreiheit, S. 61.
425 Ohly, Volenti, S. 77. wandt, daG in jeder- auch der durch Einwilligung ged~ckten - Fremdverletzung em Hand-
426 Ohly, Volenti, S. 77. lungsunrecht liege, das sich bei der Selbstverletzung mch: fi?-de (Geppert, Z~t~ 83 [1971],
427 O ben S. 101 ff. 963). Diese Behauptung ist aber schon deshalb_mcht schluss1g, we1l die Em':il_hgung - m1t
428 der überkommenen Auffassung als Rechtfert1gungsgrund versunden - :''le ¡eder andere
Im Schrifttum des [Link] war diese Auffassung über lange Zeit herrschend
Rechtfertigungsgrund eine unrechtsausschlieflende Wirkung bes1tzt; wonn sollte also das
(vgl. etwa Stübel, Thatbestand, § 106 [S. 134]; Schroter, Handbuch, § 52 [S. 93]; Henke,
Handlungsunrecht einer bewilligten Fremdverletzung bestehen (ebenso M.-K. Meyer, aaO,
Handbuch, Bd. 1, S. 232; Kostlin, Revision, S. 685; ders., System, S. 104; Kefller, Einwilli-
S. 146)? Schliefüich wird ausgeführt, das Gef~hrdun_gspotent1al f~r den betroffe_nen Rechts-
gung, s_. 68_f.; Roed:nbeck, Zweikampf, S. 33; Liszt, Lehrbuch, S. 148 f.; Klee, GA 48 [1901],
gutinhaber sei ¡11 beiden Fallen untersch1edhch._ W1e w~1t ma~ s1ch der ~efahrdun~ dmch
179). B111d111g, der 1hr selbst ablehnend gegenüberstand, muGte noch 1885 einraumen, die
eigene Handlungen aussetzen wolle, unterstehe Jederzeü der e1ge_nenHe1 rschaft. Die bloG~
B_ehauptung der Identitat von Selbstschadigung und einwilligungsgetragener Fremdscha-
Tolerierung der von einem anderen aus~ehrnden Gefabdung lidere hmge_gen das ?pfei
d1gung b1_ldedie ~~gel (Bzndzng, Handbuch, S. 700 Fn. 18). -Auch in der heutigen Literatur
einer unübersehbaren Entwicklung aus, 111die steucrnd e111zugre1fenoder d_1eabzub1e.chen
erfahrt diese Pos1t10n betrachtliche Zustimmung: Grundlegend Jakobs, Totung, S. 15 ff.;
auch dort keine Moglichkeit mehr bestehe, wo d~r sich selbs: Gefahr~ende d1es noch konnte
d<:rs.,System, S. 4~; ders., FS Arthur Kaufmann, S. 466; ebenso Derksen, Handeln, S. 241;
(Roxin, FS Gallas, S. 250; ders., JZ 2009, 399). Die Gefahr emer ,,unubersehbaren Entwick-
Fzedler, Strafbarke1t, S. 159 f.; 170 ff.; Gobel, Einwilligung, S. 99 f.; Hillgrnber, Schutz, S. 85;
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten
223
222 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers
gentes normatives Konstrukt" 434. Je anspruchsvoller der Autonomiebegriff
andre ausübt" 429. Was dem augeren Erscheinungsbild nach als Werk fremder gefagt wird, desto groger ist die Zahl der Entscheidungen, die den so um-
H~nd~ erscheint - ~er von einer Einwilligung des Betroffenen getragene Ein- schriebenen Schwellenwert nicht erreichen und daher unter formell vollstan-
gnff emes anderen 111dessen Rechtssphare -, stellt sich namlich ,,vom Stand-
diger Achtung des Selbstbestimmungsgedankens zum Anknüpfungspunkt
punkt des V~rletzten _[... ] als Selbstverletzung dar" 43º. Dieser Standpunkt ist 435
strafrechtlicher Verbote gemacht werden dürfen . So ist es ein groger Un-
der magg~b!1che: We1l das augere Geschehen der Entscheidungshoheit des terschied, ob man Autonomie mit Mill schlicht als den Inbegriff dessen auf-
Rechtskre1s111habers unterliegt, dieser die ,,Seele des Unternehmens"431 und 436
fagt, was eine Person zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsachlich will , oder
der Ausführende lediglich sein ,,verlangerter Arm" ist 432, erweisen sich des- ob man sie mit Kant als Gesetzgebung der reinen praktischen Vernunft ver-
sen Hervorbri~~ungen unter Zustandigkeitsgesichtspunkten als eigenes Werk steht437. Autoren, die Autonomie im kantischen Sinne begreifen, betrachten
des Re~h_tskre1s111habers.,,Der fremde Wille geht im eigenen auf - durch die beispielsweise den Suizid als per se unvernünftigen und aus diesem Grund
Em-wtlltgung entsteht ein Wille." 433 438
dem Autonomieanspruch des Suizidenten widersprechenden Akt .
So schn~idig ~ieser Grundsatz daherkommt, so unklar ist allerdings seine
genaue Re1~hwe1te. Klarungsbe_dürftig ist zunachst, welche Anforderungen
andas :7orltegen emer selbstbesttmmten Entscheidung zu stellen sind. Die Au- 434 Fateh-Moghadam, Grenzen, S. 27.
435 Anderheiden u.a., Einleitung, S. 1; Ellscheid, Paternalismusproblem, S. 187; Gutwald,
tonom1e von Entscheidungen ,,ist nicht wesensmafüg vorfindbar, empirisch Autonomie, S. 82; Kirste, JZ 2011, 806; Mayr, Grenzen, S. 50; Klimpel, Bevormundung, S. 28;
messbar oder psychologisch diagnostizierbar, sondern bezeichnet ein kontin- Tenthoff, Strafbarkcit, S. 103; Vossenkuhl, Paternalismus, S. 280.
436 Vgl. Mill, Freiheit, S. 21.
437 Vgl. Kant, KpV, S. A 59.
438 Kohler, AT, S. 255; ders., ZStW 104 (1992), 19 ff.; ders., JRE 14 (2006), 436 ff.; ders.,
l~ng" d~oht _demEinwilligenden jedoch schon deshalb nicht, weil nur der von ihm konsen- FS Küper, S. 277; ebenso Kahlo, Paternalismus, S. 266 f.; Maatsch, Selbstverfügung, S. 217;
t1erte Emgnff ausgeführt werden darf und er zudem seine Einwilligung jederzeit wider- i.E. nahestehend Klimpel, Bevormundung, S. 72, 98: Aus dem von Kant angenommenen
rufen darf (Amelung, VerantwortungsmaEstab, S. 252; Gobel, aaO, S. 101; Kufimann, aaO, Recht der Menschheit in der eigenen Person (vgl. Kant, MS, Werke, Bd. 7, S. 344) folge eine
S_.133; Murmann, FS Puppe, S. 786 Fn. 89). Unerheblich ist der Umstand, daE bei einer Revi- Rechtspflicht zur Selbsterhaltung der vernünftigen Existenz. Die ~nnahme __ ei~er juridi-
s,°.n des Entsc~lus~es_ zur Rechtsgutpreisgabe der Selbstschadiger nur aufzuhoren braucht, schen Pflicht zu rechtlicher Ehrbarkeit ist freilich schon unter kantischen Pram1ssen alles
':ahrend der Emw1Il1gende dem Risiko ausgesetzt ist, daE der von ihm zunachst Ermach- andere als unproblematisch, weil sie den ansonsten geltenden analytis_chen Zusammenhang
t1gt_ewe1terhande!t. ,,Imn_ier?in s_tehtfest, daB von dem Widerruf der Einwilligung an der von Recht und Zwangsbefugnis sprengt (ebenso Fateh-Moghadam, E111w1lhgung,S. 120 ff.;
W e1'.erhandeln?e rechtsw,dng ag1ert, und nur auf diesen normativen U mstand nicht auf die ders., Grenzen, S. 29; Ingelfinger, Grundlagen, S. 174; Müller, Verbot, S. 43 ff.; Ellscheid, Pa-
fakt1sc~ ve~bl_e,benden Méiglichkeiten kommt es an, wenn es um MaBstabe für den Schutz ternalismusproblem, S.196 ff.;Hornle, GA 2008, 708 f.;]oerde_n,Grund, S. 374; Vossenkuhl,
emes ~m"'.1lhge~_de? g~~t; mehr als rechtliche Verbote zu errichten, ist der Rechtsordnung Paternalismus, S. 281 ff.). Aber selbst wenn man mit Kant eme Rechtspflicht des Inhalts
oh~ehm n_Kl:tmoghch. (Amelung aaO: S. ~52) Im übrigen ist das Risiko, zum Opfer einer annimmt im Verhaltnis zu anderen seinen Wert als den eines Menschen zu behaupten"
umechtmafügen Handlu~g zu werden, m d1eser Konstellation nicht per se groBer als in je- und sich d~~halb für diese nicht zum bloEen Mittel zu machen (Kant, MS, aaO), ergibt sich
~em and~ren_L~bensbere1ch auch. Irrelevant ist schliefüich auch, daE bei einem der wich- daraus lediglich, daB es unzulassig ist, einen Zustand herbeizuführen, in dem ich, obschon
ugste~ Emw1Il1gungsfalle, der ~pera~ion _u~ter Narkose, der Patient die faktische Mog- weiterhin Mensch, den mir zukommenden Rechtswert eingebüEt habe (Versklavungsver-
hc?l~e,t verhert, seme zuvor erte1lte Emw,lhgung zurückzunehmen. Das kann aber auch trag). Eine solche Divergenz zwischen menschlicher Existenz u:1d personaler Wi.irde_tritt
be, emer Selbs:schadigung vorkommen (Amelung und Kufimann, jeweils aaO). AuEerdem aber nicht auf wenn ich mich kraft meiner pcrsonalen Selbstbesummung dazu entschheBe,
wu~te d_erPat1ent d1es schon vorher und konnte es bei seiner Einwilligungsentscheidung meine Existe~z als Mensch ztt beenden (ebenso Fateh-Moghadam, Einwilligung, S. 124;
berucks1Cht1gen; zur ?elbstverantwortung gehéirt auch der Umgang mit der eigenen Nei- ders., Grenzen, S. 30; Mosbacher, Strafrecht, S.158;Ja/wbs, FS Arthur Kaufmann, S. 46~ f.;
gung zu abrupten Memungswechseln. Kubiciel, AL 2011, 363; i.E. auch Kargl, Sterbehilfe, S. 391); ,,ein Rechtsgebrauch, der s1ch
429 v. Humboldt, Ideen, Kap. XI (S. 133).
selbst als finaler Rechtsgebrauch weiE, ist deshalb noch nicht widerspr_üchh~h, sondern
°
43 Klee, GA 48 (1901): 179. - In den Worten des amerikanischen Philosophen Joel Fein-
nur nicht wiederholbar" (Fateh-Moghadam, Einwilligung, aaO). Sofern 1ch mir untcr_ Zu-
berg: ,,From the moral pomt of view 1~yc~n~ent to his action makes itas if it were my own." hilfenahme eines anderen das Leben nehme, mache ich mich gerade nicht zu dessen Mmel,
(Feinberg, Harm, S. 100) - Von der ,,E111w11ligungdes Verletzten" zu sprechen, ist zwar üb- sondern realisicre mittels seiner meine Zwecke. (Selbst Kohler, aaO [JRE], 444 sieht sich
hch, aber rncht ~anz unbedenklich. Wie bereits Kefüer bemerkte, wird dadurch namlich die gezwungen, für die Falle der indirekten Sterbehilfe eine Ausnahme von d~r angeblichen
Vorstellung bef~rdert,_,,als ob trotz ~er Einwilligung doch allemal eine Verletzung im Sinne Pflicht zur Selbsterhaltung anzuerkennen.) Aus diesem Grund geht auch d,e ~ehauptung
des Rechts vorhe?e: die nur kraft emes Ausnahmesatzes kein Verbrechen, d.h. nicht straf- Kuchenbauers fehl die Selbsttéitung sei ein Akt der Selbstentwertung und Selbstmstrumen-
bar se1. [. · :JEi_n~11ligungdes Berechtigten würde ein viel passenderer Kunstausdruck sein." talisierung; durch die Selbstti:itung beraube sich der Rechtstrager namlich unwiderruflich
(Kefiler, Emw11ligung, S. 1 f.) seiner Subjektqualitat als Mensch und damit seiner menschlichen Würde (Kuchenbauer, ZfL
431 Roedenbeck, Zweikampf, S. 34.
2007, 98). Cum grano salis gilt das Gleiche für die von Wilms und Y. Ja?er auf?estellte These,
432
So etwa Ronna11,Jura 2002, 595. wer einem anderen die Mi:iglichkeit einraume, ihn zu téiten, mache s1ch allem schon durch
433
Klee, GA 48 (1901), 179.
B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 225
224 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers

Off en ist des weiteren, wann von einer rein privaten Entscheidung in dem halten, wie sie von dem Aufklarungsphilosophen Christian Wolff, aber auch
soeben erlauterten Sinne gesprochen werden kann. Die Dispositionsfreiheit noch bis weit in das [Link] hinein angenommen wurde 444,wird heute
desjenigen, der sich selbst verletzt, reicht nur so weit, wie ihm - in zivilrecht!i- einhellig abgelehnt. Zwar ist es auch in einem freiheitlichen Staat jemandem, der
cher Terminologie gesprochen - ein unbelastetes Recht an dem von ihm preis- mit einer gefahrvollen off entlichen Aufgabe betraut worden ist, nicht gestattet,
gegebenen Belang zusteht. Ist seine Rechtsposition hingegen mit Verpflichtun- sich ihr dadurch zu entziehen, daB er sich selbst verstümmelt; ein solches Ver-
gen gegenüber Dritten, zumal der Allgemeinheit, belastet, so verliert sein Ver- halten steht als Desertion unter Strafe (§ 17 WStG, § 109 StGB) und lafü sich
halten die Eigenschaft, blofle Selbstverletzung zu sein, und weist auch den nicht qua Notstand rechtfertigen oder entschuldigen (§§ 34 S. 2, 35 Abs. 1 S. 2
Charakter einer Fremdverletzung auf 439. Über fremde Rechtspositionen aber HS 1 Var. 2 StGB). Eine pauschale Verpflichtung des einzelnen, sich zugunsten
darf niemand allein mit der Begründung disponieren, dies entspreche nun ein- der Allgemeinheit zu erhalten, ist jedoch unvereinbar mit dem Primar persona-
mal seinem Willen. Die Frage nach den Grenzen der Dispositionsfreiheit fallt ler Freiheit 445.
insoweit mit der Frage nach Belastungen durch anderweitige Pflichtbindungen
b) Jnsbesondere: Zur Legitimation des§ 216 StGB
zusammen. Die soziale Einbindung des einzelnen Menschen ermoglicht es, in
fast allem, was er tut, eine mittelbare Beeintrachtigung fremder Belange zu se- Eine subtilere Inanspruchnahme des einzelnen zugunsten fremder Belange liegt
[Link] eine Verpflichtung der Staatsbürger annimmt, ihr Leben und ihre den aus der Diskussion um § 216 StGB bekannten Argumenten des Tabuschutzes
Gesundheit zugunsten des Staates zu erhalten, wird deshalb nicht einmal den und eines ansonsten drohenden Dammbruches zugrunde. Nach traditioneller
Suizid als eigene Angelegenheit des Sterbewilligen betrachten und deshalb den Auffassung dient § 216 StGB dem Schutz des offentlichen Interesses an der Auf-
Suizidversuch, zumindest aber die Beteiligung an einer Selbsttotung, unter rechterhaltung der Achtung des menschlichen Lebens. Indem die Totung auf
Strafe stellen 441. Verlangen verboten wird, solle die ,,Ehrfurcht vor dem Leben" als sozialpsy-
Angesichts der Variabilitat seiner Anwendungsvoraussetzungen lafü sich das chisches Totungstabu stabilisiert werden [Link] ist das menschliche Leben
grundsatzliche Bekenntnis zum Selbstbestimmungsgedanken folglich mit ganz
unterschiedlichen Regelungsmodellen vereinbaren. Bezogen auf den besonders 444 Vgl. etwa Wolff, Politik, § 370 (S. 281); Feuerbach, Lehrbuch, § 241 (S. 404); Stübel,

umstrittenen Komplex der Sterbehilfe reicht das Spektrum der in Betracht Thatbestand, § 106 (S. 134); ders., NACrim 10 (1828), 569 (Selbsttéitung als Polizeive_rgehen);
Tmmmer, Criminalistische Beytrage, Bd. 3/2, 138; Breithaupt, Volenti, S. 42, 55. - Uber die
kommenden Regelungen von ultraliberalen bis zu hart-paternalistischen bzw. zeitgenéissischen Gegenstimmen unterrichtet L. Giinther, A. f. Kriminal-Anthropologie 28
staatsfixierten Konzeptionen. Die Entwicklung in Deutschland weist seit ge- (1907), 260. -Aus der neueren Literatur: Schmidhauser, FS Welzcl, S. 817; ansatzwe1se auch
raumer Zeit in Richtung Liberalisierung. Der Autonomiebegriff wird nahezu Jescheck/Weigend, AT, § 34 III 2 (S. 379); Engisch, FS H. Mayer, S. 408; Eser, JZ 1986, 786;
einhellig von überindividuellen VernünftigkeitsmaBstaben entlastet. Zur Wah- Weigend, ZStW 98 (1986), 62 f., 65 f.
445 Eine klassische Exposition dieses Arguments findet sich bei v. Wachter, NACrim 10
rung ihres autonomen Charakters müsse eine Entscheidung lediglich im Ein- (1828), 657 ff. - Aus der neueren Literatur: Bottke, Suizid, S. 49 f.; Chatzikostas, Disponibi-
klang mit der eigenen Wertordnung getroffen werden 442; bei ihr müsse es sich litat, S. 227 f.; Dolling, GA 1984, 85; H. Dreier, JZ 2007, 319; E. Fischer, Recht, S. 260; Gal-
um ,,die aus der eigenen Perspektive richtige ,Antwort' auf die unverfügbaren las, Beitrage, S. 168, 179; Gobel, Einwilligung, S. 33; Griinewald, Téitungsdelikt, S. 293 f.;
Vorgaben der Entscheidung" handeln 443. Damit einher geht eine wachsende Hillgrttber, ZfL 2006, 75; Ingelfinger, Grundlagen, S. 183 f.; Kargl, Sterbehilfe, S. 396; Ar-
thur Kaufmann, MedR 1983, 124; ders., l. FS Roxin, S. 851; Kirste, JZ 2011, 810; Klimpel,
Skepsis gegenüber überindividuellen Pflichtenbindungen. Eine Verpflichtung Bevormundung, S. 62, 72 f.; Kohler, ZStW 104 (1992), 21 f.; Kubiciel, JZ 2009, 600; ders., JA
der Staatsbürger, ihr Leben und ihre Gesundheit zugunsten des Staates zu er- 2011, 90; Maatsch, Selbstverfügung, S. 44 f.; Mosbacher, Strafrecht, S. 177; F. Miiller, Verbot,
S. 37; Roxin, FS Dreher, S. 337 f.; Schmitt, FS Maurach, S. 117; Sternberg-Lieben, Schranken,
S. 114f.; Tenthoff, Strafbarkeit, S. 147 f., 228 f.; Vohringer, Téitung, S. 33, 62.
446 Grundlegend Engisch, FS Hellmuth Mayer, S.412. - Ebenso NK-Neumann, §216
diesen Akt zum Verfügungsobjekt des anderen, was gegen die Würde des zu Téitenden ver-
Rn. 1; Ulsenheimer, Arztstrafrecht, Rn. 275; Gobel, Einwilligung, S. 42 f.; Ingelfinger, Grund-
stoB,e_(Wilm_s!Jar,er,ZRP 1988.' 4~)- Tatsachlich verhalt es sich umgekehrt: Das Verlangen
lagen, S. 217; Schork, Sterbehilfe, S. 218 ff.; Sternberg-Lieben, Schranken, S. 117 ff.; Tag, Kéir-
der Totung 1st em Akt der Fre1he1t (Ingelfinger, aaO, S. 175). Wenn jemand zum Mittel ge-
perverletzungstatbestand, S.291 f.; Dolling, GA 1984, 86; ders., MedR 1987, 8; Eser, Sterbe-
macht wird, so 1st es der Ausführende, nicht aber der Einwilligende.
439 hilfe, S. 69; Herzberg, NJW 1986, 1644; ders., NJW 1996, 3047; Hirsch, FS Welzel, S. 779,782,
Aus dem alteren Schrifttum: Klee, GA 48 (1901), 178. - Aus der neueren Literatur:
790 f.; ders., FS Lackner, S. 612 f.; ders., FS Amelung, S. 189; Kuchenbauer, ZfL 2007, 112;
Sternberg-Lieben, Schranken, S. 285; ferner Liibbe, Verantwortung, S. 186.
440 Darauf weist zuletzt Hilgendorf (NK 2010, 126) hin. Kutzer, FS Rissing-van Saan, S. 339 f.; Leonardy, DRiZ 1986, 290; Lindner, JZ 2006, 379; Lo-
441 In diesem Sinne noch SchmidhattSer, FS Welzel, S. 810 ff. renz, JZ 2009, 66; Otto, 56. DJT, S. D 54; ders., FS Tréindle, S. 158; Roxin, FS Dreher, S. 339;
442 Umfassend Gkozmtis, Autonomie, S. 101 ff., 132. Schreiber, FS Hanack, S. 738; Stratenwerth, FS Amelung, S. 358 H.; ders., FS Puppe, S. 1020;
443 Gosepath, Gerechtigkeit, S. 374. i.E. auch Derlesen, Handeln, S. 244 f.; Schroeder, 2. FS Deutsch, S. 510.
226 2. [Link]: Die Zustdndigkeiten des Bürgers B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 227

keineswegs so unantastbar, wie es das Tabubruch-Argument suggeriert: Weshalb irdischen Lebens sozial in die Pflicht genommen 451 . DaB ein solches Ansinnen
die nach deutschem Recht (§ 32 StGB) sogar unabhangig von einer Verhaltnis- in einer Gesellschaft, die von Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit
mafügkeitsprüfung zulassige Totung eines Angreifers in Notwehr das To- zunehmend weniger wissen will, auf schwindende Sympathie stéiBt, ist nicht
tungstabu unberührt lassen, die Totung eines Einwilligenden hingegen die Ge- überraschend 452 .
fahr begründen sol!, daB ,,die Wertschatzung des Lebens in der sozialethischen Beschworen wird allerdings haufig das ,,Risiko des nachsten Schrittes" 453 : Die
Anschauung der Bevolkerung sinkt" 447 , ist nicht recht einsichtig 448 • Gefahr einer schleichenden Ausweitung der Voraussetzungen für eine straffreie
Zudem stellt ein mit dem Allgemeininteresse an der Verhinderung von Ta- aktive Sterbehilfe sei gravierend. Argumente der schiefen Ebene sind beliebt 454 ,
bubrüchen gerechtfertigter § 216 StGB kein Delikt gegen das Leben im üb- aber sie sind anspruchsvoller, als dies viele ihrer Verwender erkennen lassen 455 •
lichen Sinne - verstanden als das individuelle Leben des von der Tat Betrof- Wer sich auf ein solches Argument beruft, muB erstens angeben, worin genau
fenen - mehr dar; denn dieses Leben hat der Sterbewillige bewufü und ge- die Gefahr liegt, der durch das von ihm befürwortete Verbot vorgebeugt werden
wollt preisgegeben 449 • Der Sterbewillige wird vielmehr dazu herangezogen, sol!. Zweitens muB er die Dringlichkeit der von ihm namhaft gemachten Ge-
das Totungstabu zugunsten anderer Personen zu festigen, die angeblich an- fahr empirisch plausibel machen. Drittens muB er die normative Relevanz sei-
sonsten gefahrdet waren 450 • Er wird also noch auf der letzten Etappe seines ner Befürchtung dartun und nachweisen, daB sie ausgerechnet den Einsatz des
Strafrechts rechtfertigt.
447
So Dolling, GA 1984, 87.
Die Gefahr, der ein Schiefe-Ebene-Argument vorzubeugen trachtet, kann
448
Ebenso Herzberg, NJW 1986, 1644; ders., NJW 1996, 3045; Hoerster, NJW 1986, 1791; zum einen in einer Tendenz zur zunehmend extensiven Interpretation der lui-
Miiller, Verbot, S. 66; Tenthoff, Strafbarkeit, S. 165; Wolfslast, FS Schreiber, S. 916. tisierten Norm bzw. einer dem gesellschaftlichen Klima abtraglichen Ausnut-
449
Entsprechendes gilt für § 228 StGB, der von einem Teil der Lehre ebenfalls mit dem zung der neu geschaffenen Freiheitsraume bestehen. Zum anderen kann sie in
Gedanken des Tabuschutzes legitimiertwird (etwa von Gobel, Einwilligung, S. 54; Hirsch, FS
einer wachsenden Neigung zum Bruch dieser oder anderer Normen liegen 456 •
Welzel, S. 798 f.; dems., ZStW 83 [1971], 168; Otto, FS Tri:indle, S. 168 f.). Zwar mag die durch
den krassen Bruch des Ki:irpertabus begründete Sittenwidrigkeit der Tat auf die Einwilli- Die im Kontext der Sterbehilfedebatte vorgebrachten Befürchtungen gehen in
gung ausstrahlen. Eines aber vermag sie nicht: ,,aus einer Güterveranderung, die dem Willen beide Richtungen. So wird auf das Beispiel der Niederlande und Belgiens ver-
des Betroffenen entspricht, eine solche zu machen, die man als Verletzung eines in Wahrheit wiesen, wo die ursprünglich eng gefaBten Ausnahmen vom Sterbehilfeverbot
anzunehmenden oder zu unterstellenden, auf Erhaltung der Unversehrtheit gerichteten Wil-
in nur wenigen Jahren erheblich ausgeweitet worden sind 457 • Ferner wird aus-
lens a;1zunehmen hat" (Frisch, FS Hirsch, S. 489). Denn ,,auch die sittenwidrige Einwilligung
[m] eine - wenn auch eben sittenwidrige - Selbstdarstellung der Person, und die Bestrafung geführt, das Ausweichen in den Tod konne zur gesellschaftlichen Normalitat
dessen, der an diese Selbstdarstellung anschlieílt, kann nicht mit der Verletzung des Ki:irpers des Umgangs mit schwerem Leiden werden und die allgemeine Wertschatzung
begründet werden" Uakobs, FS Schroeder, S. 511). des Lebens beeintrachtigen. Es sei deshalb zu befürchten, daB eine generelle
450
Jakobs, Ti:itung, S. 19. - Ebenso Gobel, Einwilligung, S. 39 ff.; LK-Ronnau, Vor § 32
Rn. 188; ders., Willensmangel, S.164; Herzberg, NJW 1996, 3047; Kubiciel, JZ 2009, 602;
ders., ]A 2011, 90; Ohly, FS Jakobs, S. 460 Fn. 52. - Roedenbeck hat bereits 1883 erkannt
daG das StGB in§ 216 ,,ein besonders geartetes Vergehen, ein Sittlichkeitsvergehen" sta~ 451 So ausdrücklich Otto, AT, § 8 Rn. 127; ders., FS Tri:indle, S. 158; ders., 56. DJT, S. D
tuiert hat (Roedenbeck, Zweikampf, S. 44). ,,Das Strafgesetzbuch hat dies gethan, weil an 53 f.; Dorfler, StudZR 2009, 238 f.; Hirsch, FS Welzel, S. 777; Kutzer, MedR 2001, 78; Schork,
si_chdurch die Einwilligung die Rechtswidrigkeit der Ti:itung ausgeschlossen wird; da aber Sterbehilfe, S. 220 f.
die Handlung immerhin eine unsitt!iche ist und zwar eine solche, durch die das sittliche Le- 452 Eindringlich [Link], JA 2011, 90; ders., ZJS 2010, 660.
ben der bürgerlichen Gesellschaft allgemein gefahrdet wird, so war es zweckmafüg, sie zu 453 Hirsch, FS Welzel, S. 791; ders., FS Lackner, S. 613. - Ebenso LK-Jdhnke, Vor § 211
bestrafen." (aaO, S. 44 f.) - Nach lngelfinger (Grundlagen, S. 217) stellt der Schutz anderer Rn. 14;Duttge, MedR 2011, 37; Eser, Sterbehilfe, S. 69; de Paria Costa, GA 2007, 321 f.; Giesen,
Menschenleben durch Tabuisierung sicher, ,,dass der Vorschrift des § 216 StGB kein Gut JZ 1990, 935; Grofie-Vehne, Ti:itung, S. 261; [Link],]RE 14 (2006), 278 f.; Lauter, GS Wyss,
unterl~gt wird, das ihren Unrechtscharakter verfalschen würde". Damit abstrahiert Ingel- S. 185 ff.; Leonardy, DRiZ 1986, 290; Lindner,JZ 2006, 379;Pelzl, KJ 1994, 198 f.; Trondle, 56.
finger ¡edoch das Rechtsgut Leben von seinen jeweils konkreten Inhabern (zur Kritik an DJT, S. M 37; ders., ZStW 99 (1987), 39; Uhligl]oerden, AL 2011, 370 f.; Verrel, 66. DJT, S. C
emem solchen Vorgehen oben S. 147 f.). Ob eine Strafnorm den aktuell Verletzten schützen 64 f.; Vohringer, Ti:itung, S. 76 H. . . .
oder ob sie andere Personen vor etwaigen künftigen Schaden bewahren soll, macht für ihren 454 Zu einem weiteren aktuellen Beispiel (strafprozessuale Verwertbarkeit rechtswidng
~nr~cht~charakter einen erheblichen Unterschied. Nur wenige Seiten zuvor hat Ingelfinger erlangter auslandischer Bankdaten) Pawlik, JZ 2010, 700.
dies u~ngens selbst herausgestellt (aaO, S. 188) und betont, von einem Achtungsschaden 455 Ausführlich dazu Guckes, Argument, S. 4 ff.
gegenuber d~r Gutsgattung Leben ki:inne nur dann die Rede sein, wenn der Tater zugleich 456 Merkel, Dammbruch-Argument, S. 127; ders, Früheuthanasie, S. 286; Miiller, Verbot,
das Leben seines konkreten Opfers abwerte: ,,Es muss sich dabei um individuelles Unrecht S. 77; Schürch, Rationierung, S. 173.
handeln." (aaO, S. 196) Weshalb Ingelfinger kurz darauf gegen seine eigene bessere Einsicht 457 Exemplarisch LK-]dhnke, Vor § 211 Rn. 14; Duttge, Selbstbestimmung, S. 50; Grofie-
anschreibt, bleibt unklar.
Vehne, Ti:itung, S. 266 f.
228 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 229

Zulassung aktiver Sterbehilfe nicht nur den Druck auf schwerkranke Men- Zudem ist das Recht, zumal das besonders eingriffsintensive Strafrecht,
schen, um aktive Euthanasie zu bitten, erhohen 458, sondern daB eine solche wenn es den Rechtsgenossen nicht willkürlich erscheinen sol!, an den Plausi-
Erweiterung auch dazu führen werde, die Grenze zwischen Recht und Un- bilitatshintergrund seiner Zeit gebunden 467. Zwar ist es geradezu typisch, daB
recht im BewuBtsein der Bürger aufzuweichen, mit der Folge, daB die Bereit- das Strafrecht für eine gewisse Übergangszeit ,,gewissermaBen unnachsich-
schaft zu selbstherrlich vollzogenen ,,Barmherzigkeitstotungen" zunehmen tig beansprucht, was gesellschaftlich nicht mehr durchsetzbar ist" 468. Schritt-
werde 459. weise paBt sich das Strafrecht jedoch an die sich wandelnde soziale Wirklich-
Diese Befürchtungen lassen sich nicht ohne weiteres als unbegründet ab- keit an, ,,begleitet von einem feinen und immer feiner werdenden Geflecht
tun460. Die in den westlichen Nachbarstaaten Deutschlands zu beobachten- von noch herrschenden und im Vordringen begriffenen Mindermeinungen,
den Expansionstendenzen sind unübersehbar 461. Auch die Annahme, daB ein die sich langsam durchsetzen und über eine teleologische Auslegung die be-
veranderter gesellschaftlicher Umgang mit Leidenden und Sterbenden drohe, stehenden Gesetze unmerklich verandern" 469. Diesen ProzeB kraft eines dog-
lafü sich nicht pauschal von der Hand weisen 462. Zweifelhaft ist aber, ob die matischen Machtspruches unterbinden zu wollen, ist, wie das Schicksal des
Zementierung des heutigen strafrechtlichen Ist-Zustandes dazu geeignet ist, früheren deutschen Abtreibungsrechts lehrt, ein aussichtsloses Unterfangen.
diesen Tendenzen Einhalt zu gebieten. MiBbrauchsmoglichkeiten bietet schon Rechtliche Verbote, die der Mehrheit der Bevolkerung nicht (mehr) einleuch-
die gegenwartige Rechtslage zur Genüge: Insbesondere die Grenze, die die er- ten, werden auf breiter Front miBachtet, ohne daB die Strafverfolgungsbe-
laubte indirekt-aktive von der verbotenen direkt-aktiven Sterbehilfe trennt, ist horden dem noch ernsthaft entgegentreten konnen oder am Ende auch nur
,,dünn, ja hauchdünn" 463; zudem steht Angehorigen oder anderen Interessier- wollen. Der - durchaus realistischen - Annahme, daB der gesellschaftliche
ten bereits jetzt die Moglichkeit off en, einen als lastig empfundenen Kranken Überzeugungshaushalt sich in Zukunft noch weiter zugunsten der aktiven
zum Suizid zu drangen 464. Vor allem aber ist schon den Begründungen der Sterbehilfe verschieben konnte 47º, laBt sich deshalb allenfalls auf diskursiver
heute anerkannten Formen aktiver Sterbehilfe ein begrenztes Ausdehnungs- Ebene begegnen.
potential immanent 465. Bei Erweitungsvorschlagen, die sich darauf beschran- Neben der Berufung auf übergeordnete Interessen der Allgemeinheit wird
ken, diesem Potential zur Wirksamkeit zu verhelfen, handelt es sich unter dem zugunsten des§ 216 StGB auch die Erwagung angeführt, daB es dem wohlver-
Gesichtspunkt axiologischer Geschlossenheit weniger um gefahrliche Schritte standenen Eigeninteresse des betroffenen Bürgers entspreche, wenn diesem die
auf abschüssigem Terrain als vielmehr um überfallige dogmatische Frontbe- Option genommen würde, einen anderen zu seiner Totung aufzufordern; nur
gradigungen466. die von eigener Hand vollzogene Selbsttotung konne den endgültigen Sterbe-
willen belegen 471 • Auch diese Begründung hat Auswirkungen auf die Unrechts-
qualitat der so legitimierten Normen. § 216 StGB schrumpft danach auf den
Status eines abstrakten Gefahrdungsdelikts zusammen: Die Gefahr, welcher
458
Dolling, MedR 1987, 8; Kutzer, GS Schlüchter, S. 357; ders., MedR 2001, 78; ders., FPR
2007, 61; ders., FS Rissing-van Saan, S. 340; Lauter, GS Wyss, S. 186; Lindner, JZ 2006, 378;
Lorenz, JZ 2009, 66; Oduncu, MedR 2005, 445; v. d. Pfordten, Paternalismus, S. 105; Rieger, 467 Vgl. Braun, Rechtsphilosophie, S. 392; Henkel, Einführung, S. 70; Zippelius, Rechts-
Einwilligung, S. 35; Roxin, Beurteilung, S. 116 f.; Trondle, 56. DJT, S. M 37; Verrel, 66. DJT, philosophie, S. 59 f.; Isensee, NJW 1977, 548 ff.; speziell für das Strafrecht NK-Hassemerl
s.c 65. Neumann, Vor § 1 Rn. 330;jahnke, FS Ebert, S. 228 ff.;jakobs, ZStW 117 (2005), 261.
459
v. Lutterotti, MedR 1992, 11 ff.; Trondle, ZStW 99 (1987), 39. 468 Frommel, NK 2007, 17.
460
So aber H erzberg, NJW 1996, 3044 sowie E. Fischer, Recht, S. 267 f. 469 Frommel, NK 2007, 17.
461
Ebenso Kubiciel, JZ 2009, 602; Verrel, 66. DJT, S. C 65; zweifelnd Rosenau, 2. FS 470 Eindringlich dazu Fischer, 2. FS Roxin, S. 574, 576.
Roxin, S. 589. 471 Roxin, Beurteilung, S. 117; ders., FS Dreher, S. 339,345; ders., FS GA, S. 184; ders., FS
462
Naher Pawlik, Recht. Jakobs, S. 577; ders., AoR 59 (2011), 9. -Ahnlich MK-Schneider, § 216 Rn. 8; Kindhauser, BT 1,
463
Hanack, Euthanasie, S. 147; ebenso Fischer, Vor § 211 Rn. 64; Bottke, ZEE 1981, 121; § 3 Rn. 9; Bottke, ZEE 1981, 129; Chatzikostas, Disponibilitat, S. 266; H. Dreier,JZ 2007, 320;
Engisch, FS Dreher, S. 313; Geth, Sterbehilfe, S. 8; Klopperpieper, FPR 2010, 266; Kutzer, D11ttge, Selbstbestimmung, S. 51; Engisch, FS Dreher, S. 318; Hirsch, FS Lackner, S. 612, 614;
MedR 2001, 78; Schoch, NStZ 1997, 410; Schreiber, FS Hanack, S. 739; Schiirch, Rationierung, Kindhauser, FS Rudolphi, S. 144 (abweichend aber jüngst ders., GA 2010, 492); Murmann,
S. 73; Verrel, JZ 1996, 227; ders, 66. DJT, S. C 30, 107. Selbstverantwortung, S. 496 f.; Schroeder, ZStW 106 (1994), 574; v. d. Pfordten, Paternalismus,
464
jakobs, Totung, S. 20 f.; Kargl, Sterbehi!fe, S. 392; Mosbacher, Strafrecht, S. 153, 172; S. 105; Schroth, GA 2006, 563; Verrel, JZ 1996, 226; ders., 66. DJT, S. C 111. - In diesem Sinne
Neumann, Tatbestand, S. 258; Tenthoff, Strafbarkeit, S. 158,231. bereits v. Bar (Gesetz, Bd. III, S. 33): ,,Die Erklarung der Zustimmung kann im letzten, oft
465
Dazu naher Pawlik, Recht. unmerklich kleinen Zeitteilchen vor der Vornahme der Verletzung fehlen, wahrend bei der
466
Ebenso Merkel, Früheuthanasie, S. 288. Selbstverletzung diese Zustimmung stets gewiB ist."
230 2. [Link]: Die Zustandigleeiten des Biirgers B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 231

die Vorschrift wehren soll, bestehe darin, daB nicht-vollzugsreife Entschei- miegrundsatzes, er schütze vielmehr die autonome Willensbetatigung des In-
dungen exekutiert werden kéinnten 472. Ihrer Struktur nach ist dies eine indi- dividuums480. Weshalb aber sollte eine freiheit!iche Strafrechtsordnung jeman-
rekt-paternalistische Argumentation. Paternalistisch ist sie, weil sie die Hand- den, dessen Téitungsverlangen sie explizit als ernst!ich und damit als freiverant-
lungsfreiheit des Sterbewilligen zugunsten seines Wohls in einer Weise be- wortlich anerkennt 481, an der Umsetzung seines Willensentschlusses hindern
schrankt, die seinem aktuellen Willen widerspricht 473. Indirekt-paternalistisch dürfen?
ist sie, weil die Strafdrohung des§ 216 StGB sich nicht gegen den Sterbewilligen Begründbar ist dies nur, wenn plausible Gründe dafür sprechen, daB das
selbst, sondern gegen einen Dritten richtet, dem untersagt wird, dem Willen des Téitungsverlangen trotz seiner Ernstlichkeit die langerfristigen Bewertungen
Sterbewilligen nachzukommen 474. und Zielsetzungen des Verlangenden nur unzureichend zum Ausdruck bringt.
Die Vollzugsreife der Entscheidung zur Selbsttéitung an ihren eigenhandigen Da Autonomie kein Wesensbegriff ist, sondern ein normatives Konstrukt dar-
Vollzug anzubinden ist mitunter freilich off enkundig verfehlt; man denke nur an stellt482,braucht bei der Auslegung strafrechtlicher Normen nicht durchgan-
den Fall eines bewegungsunfahigen, schwer leidenden Kranken, der sein Leben gig ein und dasselbe Verstandnis des Autonomiebegriffs zugrunde gelegt zu
nicht mehr selbst beenden kann 475. Aber auch abgesehen von solchen Extrem- werden. Im Kontext des § 216 StGB ist insofern zum einen die Schwere und
fallen bietet der Handlungsvollzug durch den auf sich selbst zurückgeworfenen Endgültigkeit des in Rede stehenden Verlustes und zum anderen der Umstand
Einzelnen, der niemandem seinen EntschluB erlautern muB, tendenziell eine ge- von Bedeutung, daB es sich bei AuBerungen, die vordergründig als Téitungs-
ringere Gewahr für ein vollstandiges Durchdenken des Zweckzusammenhanges verlangen daherkommen, in Wahrheit haufig um verdeckte Appelle um Zu-
als eine arbeitsteilige Form der Selbsttéitung [Link] der Paternalismus der die- wendung angesichts einer als verzweifelt erlebten Lebenssituation handelt.
ser Auffassung zugrunde liegenden Wertung versteht sich in einer liberalen Ge- Aus diesen Gründen ist es sachgerecht, an dasjenige MaB von Freiverantwort-
sellschaft nicht von selbst477. Zwar erkennen auch die hartnackigsten Liberalen lichkeit, das bei der Preisgabe weniger wichtiger Güter bereits als ausreichend
an, ,,dass es legitim sein kann, Personen vor sich selbst zu schützen, etwa wenn es für einen UnrechtsausschluB betrachtet wird, im Regelungsbereich des § 216
sich um Minderjahrige handelt, um Personen, denen die erforderliche Einsichts- StGB lediglich eine im Vergleich zu den§§ 211,212 StGB gemilderte Strafe zu
und Urteilsfahigkeit fehlt oder um grundsatzlich kompetente Erwachsene, die knüpfen 483.
aber aufgrund von Informationsdefiziten nicht genau wissen, was sie tun" 478. Die Logik dieses Begründungsansatzes gebietet es jedoch, im Kontext der
Dieser sogenannte weiche Paternalismus 479sei keine Verletzung des Autono- Téitung auf Verlangen auch die Méiglichkeit eines vollstandigen Unrechtsaus-
schlusses vorzusehen: Eben darin, daB das Verlangen zu sterben nicht als
472
schlechthin und unter allen Umstanden unvernünftig bewertet wird, liegt der
Jakobs, System, S. 44; ders., Totung, S.23; Murmann, Selbstverantwortung, S.497; K.u- Unterschied zwischen dem in einer freiheitlichen Strafrechtsordnung héichst
biciel, AL 2011, 364.
473
Vgl. nur Birnbacher, Paternalismus, S. 12; Fateh-Moghadam, Grenzen, S.22.
474
Vgl. Birnbacher, Paternalismus, S. 16; du Bois-Pedain, Beteiligung, S. 33; Fateh- 48° Fateh-Moghadam, Grenzen, S. 27; Gkountis, Autonomie, S. 217 ff.; Gutwald, A~tono-
Moghadam, Grenzen, S. 24; Ne1tmann, Tatbestand, S. 249. - Grundlegend zur Unterschei- mie, S. 73 f.; Mayr, Grenzen, S. 71; Neumann, Triplik, S. 348; v. d. Pfordten, Paternahsmus,
dung zwischen direktem und indirektem Paternalismus Feinberg, Harm, S. 9 ff. S. 100; Sternberg-Lieben, Schranken, S. 110f.; Tenthoff, Strafbarkeit, S. 112.
475
Grünewald, Totungsdelikt, S. 299; van Hirsch/Neumann, ,,Paternalismus", S. 80; K.u- 4 1
8 Vgl. nur NK-Nmmann, § 216 Rn. 14; Wessels/Hettinger, BT 1, Rn. 156.
biciel, JZ 2009, 601; ders., AL 2011, 365; Müller, Verbot, S. 30, 161; Murmann, Selbstverant- 482 Oben S. 222 f.
wonung, S.499 f.; Neumann, Tatbestand, S.256. 4 8 3 Ebenso Hoerster, Strafe, S. 132 f.; Murmann, Selbstverantwortung, S. 493 f. - A. A.
476
Müller, Verbot, S. 112.
477 Fateh-Moghadam, Grenzen, S. 37; [Link], JZ 2002, 397; [Link], JZ 2011, 810; Mosbacher,
Der Ausruf Hirschs (FS Amelung, S.191), das eigentliche Problem liege ,,heute auf Strafrecht, S. 152; F. Miiller, Verbot, S. 79 ff.; Sternberg-Lieben, Schranken, S. 41, 111; Tent-
der entgegengesetzten Seite: beim Abbau von Rechtskultur durch den Libertinismus sich als hoff, Strafbarkeit, S. 116, 123 ff., 179. - Um das Verbot der Totu1;g a~f V_erlangen den'.1och
fortschrittlich ausgebender Kreise", mag Kulturkonservative erfreuen, gelangt jedoch nicht zu retten, beruft sich Müller darauf, daG der die Tat verübende Dntte 111diesen Fallen e111em
über den Gestus des zornigen Protests gegen die Wirklichkeit hinaus. In derartigen AuBerun- auGergewohnlich hohen Risiko ausgesetzt sei, über das Vorlie~en der Vorau~set_zungen ei-
gen hallt die im deutschen Rechtsdenken über lange Zeit wirkmachtige paternalistisch-ob- nes wirksamen Verlangens zu irren (Müller, aaO, S. 121 ff.). W1e aber [Link] sich 111der Pra-
ngkeitsstaatliche Tradition nach, die selbst vor einer Umdeutung des liberalen kantischen xis der Verdacht eines pathologischen Motivationshintergrundes ausschlieBen, d.h. die Frei-
Rechtsbegriffs nicht zurückschreckte (dazu Gutmann, Savigny-Zeitschrift [Germ. Abt.] 122 verantwortlichkeit des geauGerten Totungsverlangens feststellen? Doch wohl nur anhand
[2005], 155 ff.).
478 der Frage, ob der AnlaG dieses Verlangens dem Beurteilenden als hinreichend gew!chtig
Fateh-Moghadam, Grenzen, S. 27. erscheint. Über den Umweg der Beweiswürdigung würde der von Müller belehrte Richter
479
Zur Unterscheidung zwischen hartem und weichem Paternalismus Feinberg Harm damit bei einer Position !anden, die sich von der hiesigen im Ergebnis allenfalls in Nuancen
S.12ff. ' ,
unterschiede.
B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 233
232 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers

teleologischen Reduktion des § 216 StGB über die Sonderform der indirekten
dubiosen harten und einem unter Freiheitsgesichtspunkten akzeptablen wei- 488
Sterbehilfe hinaus auch andere Formen aktiver Sterbehilfe zulassig sein .
chen Paternalismus. Um einen vollstandigen UnrechtsausschluG nach sich zu
ziehen, muG das Téitungsverlangen demnach einer über die Feststellung seiner
e) Relevanz von Willensmdngeln
Ernstlichkeit hinausgehenden objektiven Nachprüfung standhalten.
Die Eigenverantwortlichkeit der Selbstverletzungsentscheidung bedarf insbe-
Bei jener wird lediglich ein MindestmaG an biographischer Konsistenz ge-
sondere in jenen Fallen naherer Prüfung, in denen die Entscheidungsgrund-
fordert: Der EntschluG des Sterbewilligen müsse von innerer Festigkeit und
lage des Betroffenen durch einen Willensmangel - ein Informationsdefizit
Zielstrebigkeit getragen sein. 484 Deshalb werden zwar Téitungswünsche, die
oder eine Zwangssituation- beeintrachtigt ist. Die Frage ist dann jeweils, wer
nach Auffassung des Urteilenden einer Augenblicksstimmung oder einer vor-
für diesen Mangel und dessen Folgen verantwortlich ist: der Betroffene selbst
übergehenden Depression entspringen, nicht als ernstlich anerkannt 485 . Seine
oder ein anderer? Nach den bisherigen Überlegungen steht jedenfalls eines
Vernünftigkeit gilt dagegen nicht als taugliches Kriterium zur Beurteilung der
fest: Für die Beantwortung dieser Frage kann die auGere Form der Willens-
Ernstlichkeit des Téitungsverlangens 486 • Erlaubte aktive Sterbehilfe setzt mehr
umsetzung keine Rolle spielen; es kommt also nicht darauf an, ob der Be-
voraus: Das Téitungsverlangen muG sich aus der Warte eines objektiven Drit-
troffene die schadigende Handlung eigenhandig vollzieht oder ob er in deren
ten als eine sachgemaGe Reaktion auf den Leidenszustand des Sterbewilligen
Vollzug durch einen anderen einwilligt. Da beide Ausführungsmodalitaten
darstellen. Ausweislich des Konsenses über die Zulassigkeit indirekter Sterbe-
gleichwertig sind, müssen sie auch sub specie der Zustandigkeitsverteilung
hilfe ist diese Voraussetzung gegenwartig zumindest für solche Falle erfüllt, in
denen der Kranke schweren, nicht wirksam zu bekampfenden Schmerzen aus- gleich behande!t werden 489 .
gesetzt und sein natürliches Lebensende nahe herangerückt ist 487 . In diesem
Bereich ist auf der Basis eines freiheitskompatiblen weichen Paternalismus ein
Schutz des Sterbewilligen vor sich selbst und eine daraus resultierende Pflicht 488 Im Ergebnis weitgehend wie hier Frisch, Leben, S. 109 f.; Hoerster, Strafe, S. 132;
des Ausführenden, sich des erbetenen Eingriffs in das Leben des Verlangenden Jakobs, Ti:itung, S. 31 f.; Griinewald, Ti:itungsdelikt, S. 300; lútbiciel, JZ 2009, 606 f.; ders.,
zu enthalten, nicht mehr begründbar. Insoweit müssen deshalb kraft einer JA 2011, 91; ders., AL 2011, 366; Murmann, Selbstverantwortung, S. 499 f!.; ferner Fr:imd
(FS Herzberg, S. 237 f.), sofern der Patient den lebensbeendenden Akt mcht meh~ e1gen-
handig vollziehen kann. -Andere Autoren ziehen den Grundgedanken des rechtfert1genden
484
Notstandes heran (MK-Schneider, Vor § 211 Rn. 91; NK-Neumann, Vor § 211 Rn. 127; § 216
MK-Schneider, § 216 Rn. 20; SIS-Eser,§ 216 Rn. 8.
485
Rn. 19; ders., FS Herzberg, S. 584, 590; ders., Tatbestand, S. 251 H., SK-Sinn, § 212 Rn. 56;
Fischer, § 216 Rn. 9; Kiihl, § 216 Rn. 2; LK-jdhnke, § 216 Rn. 7; SK-Sinn, § 216 Rn. 8;
Maurach!Schroeder/Maiwald, BT 1, § 1 Rn. 34; Wessels/Beulke, AT, Rn. 316 d; Chatzi-
SIS-Eser,§ 216 Rn. 8; Wessels/Hettinger, BT 1, Rn. 156.
486 MK-Schneider, § 216 Rn. 20; SK-Sinn, § 216 Rn. 8.
kostas, Disponibilitat, S. 320 ff.; Fischer, Recht, S. 249 ff., 274; Geifiendorfer, Selbstbestim-
mung, S. 215; Kdmpfer, Selbstbestimmung, S. 357 H.; Merkel, Früheuthana_s1e, S. 578 ff.;
. 487 Wer behauptet, es lie/1en sich im Hinblick auf Entscheidungen über Leben und Tod
ders., FS Schroeder, S. 320 f.; Miiller, Verbot, S. 163, 202 ff.; Schork, Sterbeh11fe, S. 248 ff.;
keme konsensfah1gen MaBstabe ausmachen (so zuletzt Roxin, FS Jakobs, S. 575; wohl auch Herzberg, NJW 1986, 1640; van Hirsch/Neumann, ,,Paternalismus", S. 88 ff., 107 H.;Kargl,
Schroeder, 2. FS Deutsch, S. 508), verschlieBt deshalb die Augen vor der Realitat (treffend
Sterbehilfe, S. 396; Kutzer, DRiZ 2005, 258; ders., ZRP 2003, 212; ders., FPR 200.7, ~1;
Verrel, FS Jakobs, S. 724). Er dürfte konsequenterweise auch keine indirekte Sterbchilfe bzw.
Otto, 56. DJT, S. D 58 ff., 92 [allerdings nur für krasse Extremfalle, ansonsten led1glKh
Therap1cl)cgrenzungen zugu1;,sten solcher Patienten zulassen, über deren Willen die bchan-
Absehen von Strafe: aaO, S. D 61, 75]; ders., Jura 1999, 441; ders., NJW 2006, 2222. - Die
delnden Arzte nichts wissen. Uber das Schicksal die ser Patienten wird verschleiert durch den
herki:immliche Auffassung halt allenfalls einen Rückgriff auf § 35 StGB (Maatsch, Selbst-
vagen Begriff des ,,mutmafüichen Willens", letztlich nach objektiven'- und das heiBt nichts
verfügung, S. 239) bzw. den übergesetzlichen entschuldigenden Notstand (SIS-Lencknerl
anderes ak. für [Link] konsensfahig gehaltenen - WertmaÍ\stabcn geurteilt (Pawlik, Sternberg-Lieben, Vorbem. §§ 32 ff. Rn.117; Hirsch, FS Lackner, S. 610,615; Pelzl, KJ 1994,
Recht; Schone-Seifert, Grundlagen, S. 67; Verrel, aaO, S. 730). Der Umstand, daB diese Praxis
194; Trondle, 56. DJT, S. M 39; ders., ZStW 99, [1987], 42; wohl auch Kohler, JRE 14 [2006],
[Link].1einfür [Link] gehalten wird, be:weist, daB die sie tragenden Wertungen über die Qua- 444; Jngelfinger, JZ 2006, 823) oder ein Absehen von Strafe (SIS-Eser, Vorbem. §§ 211 _H.
htat emes verloschenden, schmcrzgepe1111gtenLebens auf breite Zustimmung stoÍ\en. Diese
Rn. 25; ders., Heilauftrag, S. 91 f.; Roxin, AT 1, § 16 Rn. 56; ders., FS GA, S. 189 f.; Dol-
Wertungen aber besagen hart und unzweideutig, daB es bei bestimmten Krankheitszustanden
ling, MedR 1987, 11 f.; Duttge, Selbstbestimmung, S. 51 f.; Engisch, FS Bockelmann, S. 636 f.;
besser ist,.vorzeitig zu sterben, als dieses Leben bis zur auÍ\ersten Grenze des technisch Mi:ig-
Wassermann, Tod, S. 401 f.) für mi:iglich. - Sternberg-Lieben (Schranke1:1,S. 11_2f.) st:mmt
hchcn we1terzufuhren. - Ingelfinger (Grundlagen, S. 272; ders., JZ 2006, 822; zustimmend
de lege ferenda dem Anliegen einer Straffreistellung der akt!ven Sterbeh11fe be1 plaus1blein
~i!lgruber, !fL 200~, 76) halt ein solch_esLebensqualitat bewertendes Denken zwar per se Verlangen des Sterbewilligen zwar nachdrücklich zu, halt diesen Weg de lege lata aber fur
fu1 verwerflich. Er wtrd aber selber von 1hm emgeholt, sobald er auf die indirekte Sterbehilfe
zu sprechen kommt. Bei dieser gehe es ,,um einen Vergleich zwischen einem etwas kürzeren ungangbar.
489 SIS-Lenckner!Sternberg-Lieben, Vorbem. §§ 32 ff. Rn. 52a; Jakobs, AT, 71120; Arzt,
Le ben ohne s~~were Schmerzen und einem nicht sehr vid langeren, das von qualenden Leiden Willensmangel, S. 34 Fn. 48; Gobel, Einwilligung, S. 100; Herzberg, Taterschaft, S. 37 f.; Kufi-
beherrscht 1st (aaO, 824; ebenso Hillgruber, aaO). Was 1st dies anderes als eine Aufrechnung
mann, Einwilligung, S. 135 f.; Schlehofer, Einwilligung, S. 74.
von Lcbensqualitat gegen pure Lebensdauer?
234 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 235

Wie aber sind die maBgeblichen Kriterien beschaffen? Grundsatzlich muB aufhin erfolgende Entscheidung des Verletzten einen objektiv nachvollziehba-
sich jedermann selbst um seine Informationsausstattung und einen sachge- ren Umgang mit der dem anderen anzulastenden Zwangslage darstellen. Dies
maBen Umgang mit den Lebenszwangen kümmern. Auch insoweit gilt: Ohne ist so lange der Fall, wie der infolge der Selbstverletzung eingetretene Schaden
Selbstverantwortung keine Selbstbestimmung 490 • Eine Verlagerung der Zu- nicht auBer Verhaltnis zu dem geschützten Interesse steht. Besteht zwischen
standigkeit für die Folgen einer dem Entscheidenden zum Nachteil gereichen- gewahrtem und beeintrachtigtem Interesse hingegen ein MiBverhaltnis zu
den Disposition auf einen anderen kommt deshalb nur unter zwei Vorausset- Lasten des letzteren, so ist die Güterumschichtung rechtlich unvernünftig und
zungen in Betracht. Erstens muB der andere den Entscheidungsspielraum des daher dem Verletzten selbst zuzurechnen 492 . Bezogen auf den Fall der Verlet-
Verletzten in rechtlich relevanter Weise verengt haben: Er muB diesen entweder
einem nicht-sozialadaquatem Zwang ausgesetzt oder er muB dessen Informa- 492
Im wesentlichen wie hier Jakobs, AT, 7/121 ff.; Gobel, Einwilligung, S. 116 f., 123;
tionsausstattung pflichtwidrig beeintrachtigt haben 491 • Zweitens muB die dar- Grünewald, Totungsdelikt, S. 304 f. - Ahnlich ]escheck/Weigend, AT, § 34 IV 5 (S. 383);
4 0 Roxin, AT 1, § 13 Rn. 99, 104 f.; ders., GS Noll, S. 281 ff.; M. Heinrich, Rechtsgutszugriff,
~ Treffend Rdnnau, Willensmangcl, S. 223, 251; ders., Jura 2002, 672 f. - Eindringlich
S. 69 f.; Rinck, Deliktsaufbau, S. 48. -Noch weiter (jede durch Tauschung erschlichene Ein-
zu diesem Punkt am Beispiel der arztlichen Aufklarungspflicht Geilen, Einwil!igung, S. 29, willigung sei unwirksam) geht eine neuerdings wieder an Boden gewinnende Auffassung
151.
491 (OLG Stuttgart, NJW 1982, 2266, 2267; LK-Ronnau, Vor § 32 Rn. 206; ders., Jura 2002,
Eine Zustandigkeitsverlagerung kommt deshalb dort nicht in Betracht, wo der 674; Baumann/Weberl Mitsch, AT, § 17 Rn. 109 ff.; Mitsch, Rechtfertigung, S. 112, 532, 544;
Eingreifende in dem Einwilligenden eine Erwartung hervorgerufen hat, von der letzterer Frister, AT, § 15 Rn.18; Heinrich, AT 1, Rn. 469; Hoffmann-Holland, AT, Rn. 315; Kind-
nach den W~rtungen des Rechts seine Zustimmung nicht abhangig machen darf Uoerden, hduser, AT, § 12 Rn. 27; ders., FS Rudolphi, S. 146 f.; [Link], AT, S. 254; Rengier, AT, § 23
Rechtstheone 22 [1991], 170 Fn. 12). Beispielsweise ist der Verkauf von Organen rechtlich Rn. 32; für den Fall, daB der Einwilligende die Verfolgung eines ganz bestimmten Zweck
untersagt (vgl. § 7 Abs. 1 S. 1 TPG). Wer sich auf das falsche Versprechen einer Geldzahlung geboten hat, auch Joerden, Rechtstheorie 22 [1991], 183). - Zu restriktiv ist dagegen die
hin dazu bereit erklart, sich eine seiner Nieren entnehmen zu lassen, handelt deshalb auf herrschende Meinung innerhalb der Einwilligungsdogmatik. Danach lassen nur soge-
sein eigenes Risiko. Es fehlt hier bereits an einer rechtlich beachtlichen Tauschung. - Auch nannte rechtsgntbezogene Irrtümer die Wirksamkeit der Einwilligung entfallen (grund-
Irrtümer des Einwilligenden, für die der Eingreifende nicht zustandig ist, fallen stets in legend Arzt, Willensmangel, S. 20 ff.; ferner S!S-Lenckner/Sternberg-Lieben, Vorbem.
der Verantwortungsbereich des ersteren (]akobs, AT, 7/120; Gobel, Einwilligung, S. 94 f.; §§ 32 ff. Rn. 46 f.; Sternberg-Lieben, GA 1990, 292; Gropp, AT, § 6 Rn. 43 f.;]escheck/Wei-
Grünewald, Totungsdelikt, S. 305 ff.; Kufimann, Einwilligung, S. 195 f., 235 f.; Kindhduser, gend, § 34 IV 5 [S. 383]; Kiihl, AT, § 9 Rn. 37 f. [mittlerweile allerdings erganzt um die Ein-
FS Rudolphi, S. 147). Anders entscheidet die herrschende Meinung, die die Relevanz von beziehung notstandsahnlicher Zwangslagen: Rn. 39]; Wessels/Beulke, AT, Rn. 376a; [Link]-
Irrtümern für die Wirksamkeit einer Einwilligung entweder ganzlich unabhangig von der mann, Einwilligung, S. 38 ff., 71; Schlehofer, Einwilligung, S. 83; Bichlmeier, JZ 1980, 55;
Frage des Vertreten-Müssens beurteilt (S!S-Lenckner/Sternberg-Lieben, Vorbem. §§ 32 ff. Brands!Schlehafer, JZ 1987, 447; Kiiper, JZ 1990, 510; Rudolphi, ZStW 86 [1974], 83 f.). So
Rn. 46; Baumann/Weber!Mitsch, AT, § 17 Rn. 109 ff.; Rinck, Deliktsaufbau, S. 45) oder es komme - um das bekannteste der in diesem Zusammenhang erorterten Beispiele aufzu-
doch jedenfalls für rechtsmiífürauchlich erkLirt, wenn ein Tater, der um den Irrtum des greifen - dem tauschenden Versprechen einer Gegenle!stung allein unter de_nVorausset-
Einwilligenden weifl, sich auf die ihm erteilte Zustimmung beruft (LK-Hirschll, Vor § 32 zungen des§ 263 StGB strafrechtliche Bedeutung zu; die Wirksamkeit emer im Vertrauen
Rn. 122 m.w.N.; Frister, AT, § 15 Rn. 19;Kindhduser, AT, 12/32; Otto, AT, § 8 Rn. 114; ders., auf dieses Versprechen erteilten Einwilligung bleibe hingegen unangetastet. Dieser Auf-
FS Geerds, S. 618; Roxin, AT 1, § 13 Rn. 111; Kühne, JZ 1979, 244 f.). Ronnau stimmt dem fassung liegt ein Strafrechtsverstandnis zugrunde, das - wie es bei ihrem Begründer Arzt
mit Bezug auf Motivirrtümer zu (Rdnnau, Willensmangel, S. 252), nicht aber im Hinblick heiflt- dem Strafrecht lediglich die Aufgabe eines ,,Bestandsschutzes" zuspricht: Es schütze
auf rechtsgutbezogene Irrtümer: Derartige Irrtümer dürfe ein um sie wissender Tater auch ,,bestimmte, als statisch gedachte Rechtsgüter" (Arzt, aaO, S. 17). Den Grundfehler einer
dann i:icht ausnutzen, wenn er nicht für sie verantwortlich sei (aaO, S. 227, 414). Für diese solchen Betrachtungsweise hat bereits Welzel aufgezeigt: Sie sieht die Rechtsgüter nicht im
Ungleichbehandlung führt Réinnau vor allem einen terminologischen Grund ins Feld: In wirklichen sozialen Lebensranm, sondern in einer unlebendigen funktionslosen Welt" und
F~llen der letzteren Art fehle es schon begrifflich am Vorliegen einer Einwilligung, so daB reduziert sie auf den Status von ,,Museumsstücke[n], die sorgfaltig vor schadlichen Ein-
die Frage nach der Autonomie des Einwil!igenden sich erst gar nicht stelle (aaO, S. 227 sowie f!üssen in Vitrinen verwahrt [... ] sind" (Welzel, Abhandlungen, S.140). In Wahrheit kann
LK-Ronnau, Vor § 32 Rn. 204). Dies ist freilich nichts weiter als eine definitorische Festle- der Inhaber eines Rechtskreises von dessen materialem Substrat einen doppelten Gebrauch
gung, die man mit ebensoviel oder -wenig Recht auch anders vornehmen konnte. Ronnau machen: Er kann es entweder als gegebenen Bestand behandeln, dem er eine ihm miiglichst
sche~nt diesen Mangel selber zu spüren. Jedenfalls schiebt eran spaterer Stelle noch eine in- vorteilhaft erscheinende Gestalt zu verleihen sucht. Oder aber er kann es als Vermdgen im
halthche Begründung nach: ,,Den Eingreifenden in diesen Fallen dennoch straf!os zu stel- ursprünglichen Sinne dieses Wortes nutzen, als Potential, welches er ein_setzt, um sich die
len, würde den Gedanken der Eigenverantwortung des Gutsinhabers, der in der konkreten Verfügungsgewalt über Güter zu verschaffen, die sich gegcnwartig 111cht111 semem Rechts-
Entscheidungssituation nicht weiB, was er konkret aufopfert, übermaflig betonen und ware kreis befinden. Der dynamische Einsatz der eigenen Güter ist ein ebenso bedeutsamer (und
auch für das soziale Zusammenleben der Rechtsgenossen in einer Gemeinschaft wenig for- keineswegs prinzipiell weniger schutzwürdiger) Personlichkeitsausdruck wie die stati-
derlich.''. (aaO, S. 415)_Di~se Erwagungen passen, unbestimmt wie sie sind, freilich in glei- sche Bewahrung eines gegebenen Bestandes (ebenso LK-Rdnnau, Vor §32 Rn.199; ders.,
cher We_iseauch auf die mcht-rechtsgutbezogenen Irrtümer; dort hat Réinnau sie allerdings Willensmangel, S. 285 H.; ders., Jura 2002, 671; Frister, AT, § 15 Rn. 18; Hoffmann-Hol-
n~ch mit der _Begrün_dung abgelehnt, daB sie der Verantwortung des Einwilligenden für land, AT, Rn. 315;[Link], AT, § 12 Rn. 27; Otto, AT, § 8 Rn. 112; Puppe, AT, § 11 Rn. 3;
seme Entscheidung mcht genügend Rechnung trügen (aaO, S. 251). Weshalb dies nunmehr Amelung, Irrtum, S. 21 ff., 56 ff.; ders./Eymann, JuS 2001, 943; Bloy, ZStW 96 [1984], 718_).
nicht mehr gelten sol!, bleibt unklar.
Auch Arzt selbst hebt gegen Ende seiner ,,Willensmangel"-Schrift hervor, Rechtsgüter wie
B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 237
236 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

zung eines Wahrheitsanspruches des Verletzten bedeutet das: Wenn die getrof- Vorgaben eines anderen in bestimmter, ihm zum Nachteil gereichender Weise
fene Disposition lediglich unter Einbeziehung des unzutreffenden Informa- reagiert hat, nicht aus; vielmehr muB der Betroffene es sich gefallen lassen, daB
tionspartikels als akzeptable Güterumschichtung erscheint, wahrend sie sich bei seine Reaktion auf ihre inhaltliche Überzeugungskraft hin überprüft wird. Das
seiner AuBerachtlassung als irrational darstellen würde, ist der erforderliche Zu- N achvollziehbarkeitskriterium entspricht, so gesehen, dem Erforderlichkeits-
rechnungszusammenhang gegeben. Bewertet ein objektiver Dritter die Dispo- merkmal bei der Notwehr: In beiden Fallen wird die objektive Angemessen-
sition hingegen als Ausdruck eines nach rationalen MaBstaben nicht mehr ver- heit der Reaktion des Betroffenen auf eine rechtswidrige Einschrankung seiner
tretbaren Umganges des Zustimmenden mit den ihm zur Verfügung stehenden Handlungsfreiheit zum Thema gemacht - das eine Mal in bezug auf die von ihm
Informationen, so hat sich in ihr nicht jenes Risiko verwirklicht, vor welchem praktizierte Angriffsabwchr, das andcre Mal im Hinblick auf seine Selbstscha-
der Schutz seiner Informationsgrundlagen den Verletzten bewahren wollte, son- digungshandlung.
dern ein anderes, seiner eigenen Inkompetenz zuzurechnendes Risiko.
Zwar darf jedermann innerhalb seines eigenen Rechtskreises so unverstan-
3. Notwehr und Defensivnotstand
dig handeln, wie er will 493;das Gegenteil anzunehmen, hieBe nach einer Be-
merkung v. Bars, den Betreffenden unter die Vormundschaft des Richters zu a) Respektierungspflicht und Abwehrrecht
stellen 494 • Aber sobald es darum geht, ob er einen anderen mit den Folgen
seiner Unverstandigkeit belasten darf, ist die Sphare bloBer Privatheit verlas- Einen andcren zu respcktiercn heiBt, ihn zu lasscn, wic er ist 496 : Dcr anderc
sen und der Bereich der Interpersonalitat erreicht. Die Gründe, die dort zu- soll nicht schlcchter stehen, als er stehen würde, wenn cr übcrhaupt nicht mit
gunsten einer bestimmten Zustandigkeitsverteilung angeführt werden, müs- dcm Rcspektierungspflichtigen zusammengetroffen ware. Die Respcktie-
rungspflicht umfaBt, wie gesehen 497 , sowohl das Verbot aktiver Schadigungen
sen, der Gleichheit aller Rechtsgenossen entsprechend, über die Bekundung
individueller Befindlichkeiten hinausgehen und allgemeine Akzeptabilitat für als auch das Gebot, zurechenbar geschaffcne Gefahrdungen andcrer Personen
sich beanspruchen 495 • Deshalb reicht der Befund, daB der Betroffene auf die zu neutralisieren. Kommt der Urhebcr der Gefahrdung dieser Verpflichtung
nicht nach, so darf der Gefahrdete selbst die notwendigen AbwehrmaBnahmen
ergreifen. Die Neutralisierungspflicht des Angreifers wandelt sich in diesem
Fall zu eincr Duldungspflicht 498 • Die zugrundeliegende Zustandigkeitsstruk-
Eigentum, Briefgeheimnis, aber auch korperliche Unversehrtheit hatten für den Inhaber tur bleibt jedoch dieselbe 499 : Weil der Angrcifer dem Verteidiger die erforder-
erst Wert, wenn er über sie verfügen konnte (Arzt, aaO, S. 42). Damit entzieht er nicht lichc Verteidigungshandlung aufzwingt und damit die Verantwortung für den
nur seinem ursprünglichen statischen Rechtsgutverstandnis, sondern auch der darauf ge-
Tatkontext tragt 500 , muB er die Verteidigungshandlung und dcren Folgen in
stützten Sonderbehandlung rechtsgutbezogener Willensmangel die Grundlage (ebenso LK-
Ronnau, Vor § 32 Rn. 199; ders., Willensmangel, S. 291; ders., Jura 2002, 671). Im Hinblick
aufDrohungen liist Arzt das Spannungsverhaltnis zwischen seiner früheren und seiner spa-
teren Position durch einen definitorischen Gewaltakt auf: Drohungen seien ,,immer rechts- treten bei ihm als Individuen mit einer je bestimmten psychischen Ausstattung, aber nicht
gutsbezogen, weil der wirkliche Wille des Bedrohten der Verletzung entgegensteht" (Arzt, als Rechtspersonen auf. Zur recht!ichcn Gleichheit zwischen Tater und Verletztem aber_ge-
aaO, S. 32). Das Gleiche lieí1esich freilich für Tauschungen sagen (ahnlichAmelung, Irrtum, hiirt dies: nach Maílgabe der glcichen Zustandigkeitsfiguren beurterlt zu werden. - Knnsch
S. 22). In einer spateren Arbeit erweitert Arzt den Bereich ,,rechtsgutbezogener Willens- zu Amelungs Strategie dcr Problemaufspaltung auch Murmann, Selbstverantwortung, S. 458;
mangel" denn auch in bezug auf irrtumsbedingte Verfügungcn (Arzt, FS Baumann, S. 209 ff.). Ronnau, Willensmangel, S. 349.
Von seiner ursprünglichen restriktiven Position ist damit kaum noch etwas übrig geblie- 496 Vgl. Hegel, Vorlesungen, Bd. 4, S. 176 (Nachschrift v. Griesheim).
497 Oben S. 180 f.
ben.
493
LK-Ronnatt, Vor § 32 Rn. 153; Roxin, AT 1, § 13 Rn. 21; Mitsch, Rechtfertigung, 498 Baumann/Weber!Mitsch, AT, § 17 Rn.1; Mitsch, Rechtfertigung, S.129f., 344; Koh-
S. 530 f.; Murmann, Selbstverantwortung, S. 202; Ohly, Volenti, S. 65. ler, AT, S. 238; Lippold, Rechtslehre, S. 354; Frisch, FS Puppe, S. 428 ff.; ]akobs, Kommen-
494 v. Bar, Gesetz, Bd. III, S. 63. tar, S. 165; Lesch, FS Dahs, S. 92. - Es geht also nicht lediglich darum, dafl der Angrerfer es
495 Amelung beurteilt die Wirksamkeit einer Einwilligung demgegenüber ausschlieG!ich ,,bis zum Zeitpunkt der Verteidigungshandlung selbst in der Hand hat, durch eine Aufgabe
nach Maílgabe des individuellen Wertsystems des Einwilligenden (Amelung, Irrtum, S.41)- des Angriffs die Gefahr eigener Rechtsgutsbeeintrachtigungen abzuwenden" (so aber Frzs~er,
auf die lnteressen des Einwilligungsempfangers brauche hier ,,(noch) keine Rücksicht genom- GA 1988, 300 ff.; zuletzt Puppe, AT, § 12 Rn.1; Fasten, Grenzen, S. 240; v. Scherenberg, Ern-
men zu werden" (aaO, S. 40)- und verschiebt die Frage nach der Zustiindigkcit des Eingreifen- schrankungen, S. 1). Nicht seine etwaige faktische ,,Selbstschutzmiiglichkeif' (v. Schere~-
den für eingetretene Verluste auf die systematisch nachgelagerte Lehre von der individuellen berg, aaO), sondern die aus der normativen Respektierungsgrammat1k hergelertete Neutralr-
Zurechnung rechtswidriger Erfolge (aaO, S. 38). Damit verkennt Amelung den Umstand, sierungspflicht kennzeichnet die Rechtsstellung des Angreifcrs.
499 Jakobs, FS Spinellis, S. 452 f.
daíl die Einwilligung ihre Stellung innerhalb eines umfassenden, Tater- und Verletztenseite
gleichermaílen einbeziehenden Zustandigkeitssystems hat. Einwilligender und Eingreifender soo Lesch, Verbrechensbegriff, S. 271; Müssig, ZStW 115 (2003), 233 f.
B. Vorrangige Zustiindigkeit des Verletzten 239
238 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

Bereich rechtlicher Freiheit zu überschreiten und in einen fremden Rechtsraum


Pufendorfs Worten ,,seiner eigenen Schlechtigkeit zuschreiben" 5º1 und sie sich
einzudringen, darf er zwangsweise zurückgewiesen werden. ,,Wenn" - so for-
deshalb genauso zurechnen lassen, als hatte er sic selbst aus- bzw. herbeige-
muliert Kant diesen ,,ebenso einfach[en] wie überzeugend[en]" Gedanken-
führt502. ,,Normativ betrachtet bringt sich der Angreifer mit der téidlichen Ver-
gang511_ ,,ein gewisser Gebrauch der Freiheit selbst ein Hindernis der Freiheit
teidigung, die er zur Blockade seines rechtswidrigen Tuns erforderlich macht,
nach allgemeinen Gesetzen (d.i. unrecht) ist, so ist der Zwang, der diesem ent-
selbst um." 503
gegengesetzt wird, als Verhindertmg eines Hindernisses der Freiheit mit der
Den Zusammenhang zwischen einem freiheitlichen, auf den Gedanken . . . d d. h «s12
Freihe1t nach allgememen Gesetzen zusammen stimmen , .1. rec t.
wec~selseitiger Res?ektieru~g gegründeten Rechtsbegriff und der Zwangsbe- 513
Kant bedient sich hier der Denkfigur der doppelten Negation , die Hegel
fugms gegen Angre1fer hat memand scharfer herausgearbeitet als Kant 5º4. Nach 514
im Rahmen seiner Straftheorie in verwandelter Form aufgreifen wird . Wer
Kant ist eine jede Handlung recht, ,,die oder nach deren Maxime die Freiheit der
die Negation einer Rechtsposition seinerseits negiert, der gewinnt nach Kant
Willkür cines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze
die betreffende Position wieder: Das Unrecht wird aufgehoben und das Recht
zusammen bestehen kann" [Link] aber die Willkür keine intrinsische Gewahr
wieder anerkannt 515. Insofern erscheint die der Abwehr rechtswidriger An-
für die geforderte S~lbst~isziplinierung bieten kann, ist die Vernunftordnung s16 D.
griffe dienende Notwehr geradezu als Prototyp b ef_ugten Zwanges_ . _1e
des Rechts nur als em ,,s1ch selbst tragender Zwangsmechanismus eines wech-
Zwangsbefugnis des Notwehrtaters hat nach der kant1schen Konze~t10n m1:-
selseitigen Sich-in-die-Schranken-Verweisens" konstruierbar 5º6• Deshalb ist
hin ihren Ursprung in der Rechtsposition desjenigen, dessen gesetzhche Fre1-
der Begriff des subjektiven Rechts für Kant ,,nach dem Satze des Widerspruchs", 517
heit durch den Angreifer beeintrachtigt zu werden droht . Das Notwehrrecht
also analytisch, mit der Befugnis verknüpft, ,,den, der ihm Abbruch tut, zu 518
stellt cine ,,Befugnis zweiter Stufe" dar : Es ist ,,nicht ein besonderes neben
z:1ingen" 507._Die Befugnis zu ZwangsmaBnahmen gewahrleistet, daB die im
vielen anderen der Person zustehendes Recht, sondern ist nur die Form, in wel-
Emklang m1t dem Rechtsgesetz ausgeübte Willkür sich gegen jene Willkür 519
cher das besondere im gegebenen Fall angegriffene Recht bethatigt wird" -
durchzusetzen vermag, die den Verallgemeinerbarkeitstest nicht besteht 5º8.
,,Niemandes Rechtsgebiet reicht so weit, daB die Rechtsgebiete der Anderen
durch sein Thun beeintrachtigt werden dürften." 5º9Der Angreifer ist und bleibt 511 Buttermann, Fiktion, S. 261; Hoffe, Rechtsprinzipien, S. 143; Kühnemund, Eigentum,
Rechtsperson; sein Angriff befordert ihn (und den Verteidiger) nicht zurück in S.37.
512 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 338 f. - Anschaulich ist die Formulierung
d ·
es Kantl~ners
den Naturzustand 51º. Weil er sich aber dazu anschickt, den ihm zustehenden Heydenreich (System, S. 115): ,,Weil er mich nicht zwingen gesollt, so soll er sich nun zwrngen
lassen, mich nicht zu zwingen."
501 Pufendorf, Pflicht, I/5, § 6 (S. 62). 513 Hoffe, Rechtsprinzipien, S. 145.
502foerden, Strukturen, S. 77; Merkel, JZ 2007, 377; ders., FS Schroeder, S. 310 Fn. 48; s14 Vgl. Hegel, Grundlinien, § 97 Z, Werke Bd. 7, S. 186.
der:~;FS Jakobs, S. 390 f. -Zustimmendjakobs, System, S. 45; ders., Rechtszwang, S. 16 Fn. 26. 515 Hoffe, Rechtsprinzipien, S. 144.
516 Ebenso R. Haas, Notwehr, S. 96 ff.; Küper, FS E. A. Wolff, S. 289, 292 f.; Sander, Be-
Merkel, JZ 2007, 377; ders., FS Jakobs, S. 391.
504 Dabei konnte dieser sich freilich auf die Vorarbeiten Achenwalls stützen die bis in gründung, S. 33 f. ..
517 So auch R. Haas, Notwehr, S. 97, 184 f.; Merkel, FS Jakobs, S. 386; Sander, Begrun-
die Formulierungen hinein eine verblüffende Nahe zu den Ausführungen Kants ~ufweisen;
vgl. Achenwall!Pütter, Anfangsgründe, § 181 (S. 61, 63). - Naher zu Kants Notwehrlehre: dung, S.16.
Hruschka, ZStW 115 (2003), 201 ff.; Pawlik, ZStW 114 (2002), 266 ff. 518 Hoffe, Rechtsprinzipien, S. 139. ..
505 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 337. 519 Hdlschner, Preuílisches Strafrecht, Bd. 2, S. 252. - Auch fur Lt~den (Abhandlun-
506Kersting, Macht, S. 92. - Naher jüngst Buttermann, Fiktion, S. 263 f. gen, Bd. II, S. 481) ergibt sich die Notwehr als _ein ,,natürlicher Ausfluíl ¡ed:s Rechtes, des:
sen Verlctzung nicht anders, als eben durch sie, abgewendet werden kann . - Im wesent
507 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 339.
508 Vgl. Kersting, Freiheit, S. 105 ff - Verfehlt ist deshalb - zumal aus der Feder eines lichen wie hier MK-Erb, § 32 Rn. 12; SK-Giinther, § 32 Rn. 7, 12; Freund, AT, § Rn. :2;
Frister, AT, § 16 Rn. 3; Kohler, AT, S. 262; Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 9 Rn. 58; Englan-
ansonsten kanúanisch argumentierenden Autors - die Behauptung Klesczewskis (FS E. A. der, Grund, S. 84 H.;Fasten, Grenzen, S. 239 f.; H. Fuchs, Gr1;1ndfragen, S. 62; Haas, Kama-
\1Volff,S. 233), die Gege~wehr negie~e, indem sie _den Willen des Angreifers breche, zwangs- litat, s.101; Kioupis, Notwehr, S. 44 ff.; Mitsch, Rechtfertigung, S. 328 f.; Pouleas, Ern-
laufig_dessen Selbstbestlmmung. Die _Selbstbestunmung, die sich in einem rechtswidrigen .. k en S 1O9f • Adomeit JZ 1970 497· Jakobs, Kommentar, S.151; B. Koch,
Angnff auílert, verdient kernen rechtlichen Sclrntz. se 11ran ung , . ., , , ,
509 Seeger, Abhandlungen, S. 451. ZStW 104 (1992), 796 f.; Kraufl, FS Puppe, S. 642 f.; Lesch, FS Dahs, S. 88 f.; Merkel, FS
Jakobs, s.385 f.; Miissig, ZStW 115 (2003), 232 f., 248; Neumann, .. Zu_rechnung, S._165f.;
. 510 So aber eine auf !eu~rbach_(Lehbuch, § 36 [S. 62 f.]) zurückgehende Begründungsli- ders., Begründung, S. 225 f.; Renzikowski, FS Hruschka, S. 662; ahnhch (wenngleic~ zu
me; zuletzt Hoyer, Verhaltmsmaíligkeitsgrundsatz, S. 112; v. d. Pfordten, FS Schreiber, S. 372;
stark psychologisierend) Kargl, ZStW 110 (1998), 60 f. - Di~ heute ~errsche°:de Le},m :1b~r
nahest_ehend ~rb, [Link] 2005, 595. - Kritisch zu diesem Ansatz Engldnder, Grund, S. 60 f.; die ,,Grundgedanken" der Notwehr kombmiert dagegen ern_,,111d:vidu_ah_st1sch:sm1t e1-
va~ Rzene_n,Ernschrankungen, S. 33, 92, 101; Griinewald, ZStW 122 (2010), 61 f.; Koriath, FS nem überindividualistischen" Begründungsmoment. Der ,,111div1duahstischen Kompo-
Muller-Dietz, S. 374 f.; Pawlik, ZStW 114 (2002), 278 ff. "
B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 241
240 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers

genzutreten" 52º; mit der Aufhebung dieser Befugnis würde es deshalb ,,über-
,,Alle Güter, die Natur oder FleiB uns beschert haben, waren namlich wertlos, 521
wenn es nicht erlaubt ware, einem rechtswidrigen Angriff mit Gewalt entge- haupt kein selbststandiges Recht der Person weiter geben" .

n~nte z~folge di~~t die Notwehr de'.:1Schutz dcr angegriffe~cn Rechtsgüter; der ,,überin- b) Umfang des Abwehrrechts
d1v1duahst1schen Komponcnte gemaB besteht 1hre Aufgabe 111der Bewahrung der Rechts- Ein strikt nach MaBgabe der Respektierungsgrammatik konstruiertes Ab-
ordnung als solcher (BGHSt 24, 356, 359; 48, 207, 212; Fischer, § 32 Rn. 2; HK-GS-Duttge,
wehrrecht geht sowohl von seinen Voraussetzungen als auch von seiner Rechts-
§ 32 Rn. 2 f.; Lackner!Kuhl, § 32 Rn. 1; Kühl, AT, § 7 Rn. 6 ff.; ders., JuS 1993, 181 ff.; NK-
Herzog, § 32 Rn. 100; S/S-Perron, § 32 Rn. 1 f.; SSW-Rosenau, § 32 Rn. 2; Heinrich, AT 1, folge her auBerordentlich weit. Im Hinblick auf die notwehrbegründende Ge-
Rn. 337, 356; Hoffmann-Holland, AT, Rn. 215; ]escheck!Weigend, AT, § 32 l 1/2 [S. 336 f.]; fahrenlage setzt die praventive Verteidigung gegen drohende Rechtskreisverlet-
Krey!Esser, AT, R1:. 470; Maurach!Zipf, AT 1, § 26 Rn. 4; Otto, AT, § 8 Rn. 17; Rengier, 522
zungen ebensowenig wie sonstige MaBnahmen der Gefahrenabwehr voraus,
AT, § 18 ~n. ~; Roxzn, AT 1, § 15 Rn: 1 ff:, ders., ZStW 93 [1981], 70ff.; Wessels/Beulke, AT, 523
daB der Urheber der Gefahrdung schuldhaft handelt . ,,Denn es genügt, daB
Rn ..324a; 111d1esem Sume auch die be1den neuesten monographischen Behandlungen der The- 524
m~t1k: van .Rzenen, E111schrankungen, S. 140 ff.; v. Scherenberg, Einschrankungen, S. 45 H.). der andere kein Recht hat, auf mich loszugehen oder mich gar zu toten." Ent-
Di.e duahst1sche Notwehrbegründung beruht jedoch auf einem Kategorienfehler: ,,Die Be- gegen Kant braucht das gefahrdende Verhalten nicht einmal unbedingt pflicht-
wahrung der [Link] ist gegenüber den von der Rechtsordnung rechtlich geschützten widrig zu sein. Genügen namlich qualifiziert gefahrliche rechtmafüge Gefahr-
[Link] auf e.111er
[Link]-Ebene. angesied~lt. Miteinander verrechnet werden ki:innen jedoch 525
schaffungen, um eine Ingerenzzustandigkeit des Taters auszulosen , so muB
nur log1sch gle1chnng1ge Abwagungsges1chtspunkte." (Renzikowski, aaO) Der Preis, den
die herrschende Me111ungfür diesen Fehler zu zahlen hat, ist hoch: Die aus dcm dualisti- das Gleiche für das an die Stelle dieser Neutralisierungsverpflichtung tretende
schen. Ansatz ~bgeleiteten Folgerungen, zumal für die Notwehreinschrankungen, bleiben Abwehrrecht des Gefahrdeten gelten 526. Selbst der gefahrliche Zustand eines
letztlich beheb1g (ebenso LK-Ronna~/Hohn, § 32 Rn. 227; MK-Erb, § 32 Rn. 11; Langer, Son- Rechtskreises als solcher vermag unter Umstanden eine Sonderzustandigkeit
derstraftat, S. 104; JJ_ztsch,Rec~tfert1gung.' S. 366; Koriath, FS Müller-Dietz, S. 369; Kraufl,
des Rechtskreisinhabers zu begründen. Die Begründung ist bereits von den Ver-
aaO, S. 641). Wer be1 unaufgelosten Duahsmen stehenbleibt, ist namlich nicht dazu in der
Lage, einen Be~riff sein~s Unt?rsuchungsgegenstandes zu formulieren. Er vermag deshalb kehrspflichten her bekannt: Wer andere von einer Organisation ausschlieBen
das .Verhaltms, 11;dem die von 1hm anerkannten Teilkomponenten zueinander stehen, nicht kann, muB die Folgekosten einer schadigenden Organisationsgestalt selbst tra-
m e111ersystem_at1schkontr?llierten Weise - denn das hieBe: aufgrund eines ihnen gemeinsa- [Link]üich erfordert ein Abwehrrecht, das sich konsequent an dem An-
men Oberbegnffs. - zu best11:1men(Freund, AT, § 3 Rn. 86). Der Dualist kann den jeweiligen
Anwendungsbere1ch der von 1hm anerkannten Einzelelemente vielmehr- wie die herrschende
N otwehrdogmatik es in der Tat praktiziert- nur unter Hinweis auf die mit ihrer Hilfe jeweils
520 Pufendorf, Pflicht, 1/5, § 6 (S. 62). .
521 Heffter, Lehrbuch, § 42 (S. 41). -v. d. Pfordten (FS S~lmiber, S. 366 f.) ~ehau~tet, ~me
erz1elten Ergebmsse angeben. Dies bedeutet: Die Ergcbnisse werdcn unter Verweis auf die
Einschrankung der Handlungsfreiheit bzw. des Selb~tbestimmungsrechts konne sich nicht
Prinzipien, die Prinzipien ihrerseits aber werden durch den Hinweis auf ihre Erforderlichkeit
nur durch Angriffe, sondern auch in Notstandssituat10nen ergeben - etwa wenn mem Auto
zur Erzielung der schon vorweg für richtig gehaltenen Ergebnisse legitimiert (Pawlik, ZStW
durch eine Flutwelle weggeschwemmt werde. Damit fallt v. d. Pfordten auf den [Link]-
114 [2002], 261 f. m.w.N.). - van Rienen (Einschrankungen, S.140) sucht dieser Kritik im
listischen Standpunkt des spaten [Link] zurück, konfundiert lnteressen m1t Rech-
Wege der Vor",'.artsvertei?ig~ng zu begegnen. Es sei nicht erforderlich, das Zusammenspiel
ten und leugnet den genuin interpersonalen Charakter von Rechtsbeziehungen.
des Rechtsbewahrungspnnz1ps m1t dem lndividualschutzprinzip im Sinne einer starren Zu-
52 2 Dazu unten S. 268 f.
ordnung .zu verstehen. Vielmehr genüge es, daB das Gesamtgewicht beider Komponenten den
523 Ebenso jüngst Lesch, FS Dahs, S. 95 H. . . .
erfo~de~hche1~S~hwellenwert erre_iche.Das klingt gut, lafü aber die meisten Fragen offen. Ob
524 Pufendorf, Pflicht, 1/5, § 10 (S. 64). -lm naturrechthchen Schnfttum war d1eser Befond
es namhch moghch 1st, eme gememsame Bezugs- und Bemessungsgri:iBe, wie sie in der Rede
weithin anerkannt, vgl. nur Leibniz, Schriften, S.119; Achenwall!Pütter, Anfangsgrunde,
v?m ,,Schwellenwert" vorausgesetzt wird, zu finden und in halbwegs objektivierbarer Weise
e11:-zusetzen,macht gerade [Link] GroBtei! des Problems aus. - Die Begründungsschwierig- § 223 (S. 77).
525 Oben S. 182 f.
keiten der herrschenden Memung haben 1hre Wurzel in dem Umstand daB sie die indivi-
526 lm einzelnen dazu Pawlik, Notstand, S. 321 ff.; ders., GA 2003, 19 ff.
dualis6sche" Notwehr~omponente einseitig rechtsgüterschutzbezogen ~ersteht. Die ;entrale
527 Jakobs, Kommentar, S. 165; im Ergebnis weitgehend wie hier Kohler, FS [Link]~dff,
Schwache des Rechtsgute~·s~hutzdenkens besteht, wie gesehen (oben S. 137 ff.), darin, daB es
S. 264 f.; Renzikowski, FS Hruschka, S. 655 f. - Die Grenze personaler Zustand1gke1t 1st
ve~botenes Verh~lten led1g!ich als Beeintrachtigung eines Rechtsgutsobjekts und nicht als
dort erreicht, wo es an einer rechtlich relevan ten Herrschaft des in Anspruch Genommenen
Storung der Bez1ehung zw1schen Rechtspersonen thematisiert. Auch die herrschende Not-
über die Gefahrenquelle fehlt. Wann noch von einer solchen Herrschaft gesprochen werden
wehrdeutung leidet da~unter, daB sie die Verteidigungsbefugnis des Angegriffenen nicht in-
kann und wann schon nicht mehr, mag in Grenzfallen - etwa beim Kontrollverlust über den
terpersonal, d.h. aus e111erAnalyse der Zustandigkeitsverteilung zwischen ihm und seinem
eigcnen Korper - unterschiedlich beantwortet werden (vgl. einerseit.s Pawlik, Notstand,
Kontrahenten entwickelt. Dieses Versaumnis, die (Zustandigkeits-)Bedingungen mitzure-
S. 321 ff., andererseits jakobs, Rechtszwang, S. 21 f.). An e111errechthch relevanten Herr-
fle.kt1eren, aus denrn sich der Umfang der konkreten Schutzwürdigkeit eines bestimmten
schaft fehlt es aber jedenfalls dort, wo die von einem lndividu1:m a~sgehende. G~fahrdu;1-g
Guterbestandes erg1bt, ist dafür verantwortlich, daB die Vertreter der herrschenden Meinung
sich daraus ergibt, daB eine andere Person sich seines Rechtskre1ses m rechtsw1dnger We1se
s1ch dazu gezvrnngen sehen, das Moment der Rechtlichkeit gleichsam von aullen an ihre Aus-
bemachtigt hat: die Falle des Notigimgsnotstandes (nahe: dazu Pawlik, Notstand,.S. 300 ff.)
gangsl~[Link]ücken. Dessen Hypostasierung zu ,,der Rechtsordnung", die ,,be-
und der in jüngster Zeit aus gegebenem AnlaB haufig d1skut1erten Flugzeugentfuhrungen
wahrt werden musse, 1st dann kaum noch zu vermeiden.
242 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 243

liegen orientiert, den Rechtskreis des Bedrohten intakt zu erhalten, nicht jene len. Nur in diesem Umfang ist der van ihm ausgeübte Zwang- wortlich genom-
zeitliche Zuspitzung der Situation, die einen gegenwdrtigen Angriff kennzeich- men - ,,notwendig"; insoweit ist er aber auch zulassig, ohne daB es auf Propor-
530
net; zu seiner Auslosung genügt es vielmehr, dag der Gefahrdete jetzt handeln tionalitatserwagungen ankame. ,,Personalitat schützt und belastet zugleich."
mug, um die künftig drohende Beeintrachtigung seiner Rechtssphare zu verhin- Ein derart rigides Abwehrrecht müBte sich indessen eine unzureichende Be-
dern (sogenannte Praventivnotwehr) 528 . rücksichtigung van Zustandigkeitserwagungen vorwerfen lassen. Die allgemei-
Was den Umfang des dem Respektierungsgebot entspringenden Notwehr- nen Zustandigkeitserwagungen begründen das Notwehrrecht nicht nur, sondern
rechts angeht, so findet es seine Grenze allein in dem Kriterium der Erforder- sie begrenzen es auch 531 . Einschrankungen der soeben skizzierten Abwehrbe-
lichkeit: Kraft des zwischen Angreifer und Verteidiger fortbestehenden Rechts- fugnis sind zuvorderst dort geboten, wo sich der Logik des Respektierungsden-
verhaltnisses darf der Notwehrtater zur Abwehr der ihm drohenden Gefahr kens zufolge eine Mitverantwortung des Verteidigers für den Konflikt begrün-
zwar keine unnotig rigiden Magnahmen ergreifen 529 ; sofern ihm mehrere Mit- den )agt. Für die betreffenden Falle hat sich der Name ,,Notwehrprovokation"
tel van gleicher Wirksamkeit zur Verfügung stehen, mug er das mildeste wah- eingebürgert. Dort wird die bislang betrachtete Sequenz aus zwei aufeinander
bezogenen Handlungen -Angriff und Verteidigung- um eine vorangegangene
(dazu Pawlik, JZ 2004, 1048 f.; ebenso Fischer, § 34 Rn. 18; SSW-Rosenau, § 34 Rn. 26; Bott,
dritte Handlung - das provozierende Vorverhalten des spateren Verteidigers -
Straffreiheit, S. 98 ff.; Jakobs, System, S. 50; ders., FS Krey, S. 207 Fn. 1; Frisch, FS Puppe, erganzt 532 . Weil und sofern dieses Vorverhalten das rechtliche Anerkennungs-
S. 449 f. Fn. 112; Hilgendorf, Falle, S. 127; Ladiges, ZIS 2008, 132; ders.,JuS 2011, 882; Roxin, verhaltnis zwischen den Konfliktbeteiligten bereits gelockert 533 und deshalb
ZIS 2011, 559; Streng, FS Sti:ickel, S. 146 ff.; Stübinger, ZStW 123 [2011], 420 f.; a.A. Gropp, die Gefahr einer rechtswidrigen Reaktion des Provozierten mitbegründet hat,
GA 2006, 287 f.; Hirsch, FS Küper, S. 160). Die These Ki:ihlers von einer ,,akzessorischen
Beziehung zwischen der Sphare des rechtswidrig Angreifenden und derjenigen des Ge-
mug der Provokateur einen Teil der Konfliktlosungskosten übernehmen: Sei-
ni:itigten" (Kohler, aaO, S. 267 f.) geht der Sache nach nicht über die bekannte Formulie- nem Plus an Konfliktzustandigkeit entspricht ein Minus an Abwehrbefugnis 534 .
rung Lenckners (Notstand, S. 117) hinaus, dail der Geni:itigte ,,auf die Seite des Unrechts"
trete. In beiden Fallen bleibt es bei ,,schlichte[r], mehr oder weniger anschauliche[r] Phano- 530 Jakobs, Rechtszwang, S. 16.
menologie" (Küper, Staat, S. 59). Dies gilt auch für die These Matsumiyas (FS Jakobs, S. 370), 53l Pouleas (Einschrankungen, S. 11Of., 118 f.) glaubt, zur Begründung der Notwehr-
wonach die Solidaritatspflicht im Aggressivnotstand nur in typisierten Güter- und Interes- einschrankungen auf allgemeine Rechtsgrundsatze wie das Schuld-, das Garanten- und
senkollisionen entstehe, nicht aber in dcm Fall, dail der N i:itigende die Kollisionslage will- das Verhaltnismafügkeitsprinzip sowie auf auilerrechtliche gesellschaftliche Wertgesichts-
kürlich schaffe. Für den Geni:itigten ist der vom Ni:itigenden ausgehende Druck nicht weni- punkte zurückgreifen zu müssen. An der Diffusitat dieser Kriterien zeigt sich exemplarisch
ger zufallig als eine auf natürlichen Ursachen beruhende Notlage. In eine ahnliche Richtung die Schwache einer Notwehrdogmatik, die sich zwar von den Scheinbegründungen der her-
weist die Behauptung F. Meyers (GA 2004, 368), die Bürger würden einander für den Fall ki:immlichen ,,dualistischen" Notwehrkonzeption freigemacht hat (insoweit überzeugend
des Ni:itigungsnotstandes nicht gegenseitig Solidaritat zusagen, da die Struktur dieses Not- Pouleas, aaO, S. 107 ff.), aber noch nicht zur Erkenntnis des systematischen Zusammenhangs
standstyps ,,zu sehr durch Intention und Ni:itigungsmittel des Hintermanns gepragt ist, als zwischen Garantenlehre und Rechtfertigungslehre vorgcdrungen ist.
dass man eine Gefahrensituation abstrahieren kann, die eine Vielzahl von Bürgern wechsel- 5 32 Kioupis, Notwehr, S. 81 f.; v. Scherenberg, Einschrankungen, S. 177.

seitig treffen kann und dadurch überhaupt erst das Bedürfnis erzeugt, sich als gemeinsame 533 Dies kommt nur in Betracht, wenn das Vorverhalten seinerseits rechtswidrig war; ein

Vorsorge über Eingriffsrechte und Duldungspflichten zu verstandigen". Letzteres trifft lediglich ,,sozialethisch" zu miilbilligendes Verhalten lafü die regulare Notwehrbefugnis hin-
nicht zu: Die Situation des Ni:itigungsnotstandes kann man nicht schlechter abstrahieren als gegen unberührt (mittlerweile unstreitig; zuletzt v. Scherenberg, Einschrankungen, S. 177 ff.;
jede andere Notstandslage auch; und ersteres ist schon deshalb unbeachtlich, weil dem vom Grünewald, ZStW 122 [2010], 79 ff.).
Geni:itigten Angegriffenen seine Notrechte gegen den Hintermann in vollem Umfang erhal- 534 Ebenso SK-Günther, § 32 Rn. 125; Freund, AT, § 3 Rn. 116;Jakobs, AT, 12/49; ders.,

ten bleiben. - Auch dort, wo ein menschliches Lebewesen - der Fi:itus deshalb als sti:irend Kommentar, S. 159; Kohler, AT, S. 273 ff.; Puppe, AT, § 12 Rn. 21; Englander, Grund, S. 368;
angesehen wird, weil er auf cine ,,geburtsunfreundliche" Konstitution seiner Mutter trifft Fasten, Grenzen, S. 255 f.; Marxen, Grenzen, S. 58; Montenbruck, Thesen, S. 42; Pouleas,
bzw. weil seine Existenz mit deren Lebensplanen kollidiert, kann von personaler Zustan- Einschrankungen, S. 113; Griinewald, ZStW 122 (2010), 77 ff., 85; Lesch, F_SDahs,_S. 1~5 ff.;
digkeit nicht mehr die Rede sein (ebenso jüngst Bott, aaO, S. 107 f.; Frisch, aaO, S. 447; Herz- im Ansatz auch Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 9 Rn. 85; a.A. für den Fall 111cht-abs1chtl1cher
berg, Anfang, S. 51; Ladiges, ZIS 2008, 136 f.; ders., JuS 2011, 882; a.A. lwangoff, Duldungs- Provokation Loas, 1. FS Deutsch, S. 234 ff.; Matt, NStZ 1993, 271 ff. - Auch die herki:imm-
pflichten, S. 114 f.; H.-L. Günther, FS Amelung, S. 154; Kohler, aaO, S. 266; Merkel, Gren- liche Auffassung erkennt, dail die Mitverantwortung des Provoka_teurs für die Entstehung
zen, S. 150 f.); denn die Faktoren, die über die Chance jenes Lebewesens zum Weiterlebcn des Konflikts dessen Rechtsstellung schwachen muÍI. Zur dogmat1schen Umsetzung dieses
entscheiden, liegen ausschliefüich innerhalb fremder Dispositionsmacht (naher Pawlik, aaO, Gedankens greift sie allerdings auf wenig überzeugende Begründungsmuster zurück: ent-
S. 327 ff.). Der Fi:itus wird hier vielmehr entpersonalisiert (grundlegend Jakobs, JR 2000, weder auf die Figur des Rechtsmiilbrauchs (LK-Ronnau/Hohn, § 32 Rn. 252, 254; Heznrzch,
405 f.; zuletzt ders., Rechtszwang, S. 23 ff.; ebenso Silva Sánchez, ZStW 118 [2006], 551 ff.). AT 1, Rn. 375; für die Absichtsprovokation auch Hoffmann-Holland, AT, Rn. 255; Roxzn,
528
Ebenso Lesch, FS Dahs, S. 109 ff. AT 1, § 15 Rn. 65; Englande1; aaO, S. 318 f.) oder auf die Behauptung eines in diesen Fallen an-
529
Dies betont bereits Pufendorf, Pflicht, I/5, § 7 (S. 62). - Aus dem heutigen Schrifttum: geblich fehlenden oder doch jedenfalls geminderten Rechtsbewahrungsrnteresses (NK-Her-
Jakobs, Norm, S. 111;ders., Kommentar, S. 150; ders., FS Spinellis, S. 452; ders., Rechtszwang, zog, § 32 Rn. 115, 120; ]escheck!Weigend, AT, § 32 III 3 a [S. 346 f.]; Kiihl, AT, § 7 Rn. 240,
S. 15; Grünewald, ZStW 122 (2010), 62; Müssig, ZStW 115 (2003), 242. 257; v. Scherenberg, Einschrankungen, S. 200 ff.; für die sonst schuldhafte Provokat10n auch
244 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Biirgers B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 245

Indessen erschi:ipft sich das System der Zustandigkeitsfiguren nicht in Aus- fugnisse 541: Das Strafrecht wendet sich nunmehr gegen das Opfer des Rechts-
pragungen des Respektierungsgedankens. Daneben stehen insbesondere jene bruches, das von sich aus niemandem etwas zuleide getan und sich nur im Rah-
Verantwortlichkeiten, die den einzelnen kraft seiner allgemeinen Bürgerrolle men des Erforderlichen gegen den Friedensbruch eines anderen zur Wehr ge-
treffen [Link] dieses Typs sind auch im Rahmen des Notwehrrechts setzt hat [Link] Zurüclrnahme der Notwehrbefugnisse macht es dem Angegrif-
von Bedeutung; aus ihnen ergeben sich weitere Limitierungen der Abwehrbefug- fenen namlich regelmafüg unmi:iglich, seine subjektiven Rechte wirkungsvoll zu
nis des Angegriffenen. Die primare Auspragung der allgemeinen Bürgerpflicht verteidigen 543. Ein subjektives Recht, das sein Inhaber nicht durchsetzen darf,
besteht darin, den Vorrang der staatlich organisierten Rechtsdurchsetzung zu ist aber kaum mehr als eine leere Worthülse 544.
achten [Link] Gesichtspunkt ist auch im Kontext der Notrechte bedeutsam. In einem strikt interpersonalen, auf den Grundsatz wechselseitiger Respek-
Er beschrankt samtliche Notrechte auf eine bloBe ,,Erganzungsfunktion" 537und tierung beschrankten Rechtsdenken muB sich derjenige, dem die Hinnahme
lafü sie deshalb dort enden, wo der Staat die Li:isung von Konflikten in bestimm- derartiger Folgen zugemutet wird, als ,,zum Nicht- Rechtssubjekt zurückge-
ten gerichtlichen oder polizeilichen Verfahren kanalisiert hat 538. Aber auch die stuft" vorkommen [Link] die Rechtlichkeit desanden Angegriffenen gerichte-
Einschrankungen der Abwehrbefugnis bei Bagatellangriffen, in den Fallen eines ten Aufopferungsansinnens zu begründen, muB man ihn deshalb einem Zu-
krassen MiBverhaltnisses zwischen verteidigtem und zersti:irtem Gut, bei nicht- standigkeitsregime jenseits der bloBen Respektierungslogik unterstellen. Darin
gegenwartigen oder schuldlosen Angriffen sowie bei rechtmafügen, wenngleich wird die aus dem Gedanken wechselseitiger Respektierung abzuleitende Zu-
nicht duldungspflichtigen Gefahrdungen lassen sich nur durch den Rückgriff auf standigkeitsverteilung überformt durch jene Rücksicht, die der eine Bürger als
die Bürgerstellung des Angegriffenen begründen. Reprasentant der Allgemeinheit dem anderen Bürger schuldet [Link] und
Diese Einschrankungen sind weniger selbstverstandlich als diejenigen unter- Verteidiger stehen als Mitglieder der Rechtsgemeinschaft in einer Rechtsbezie-
stellen, die der Bestimmung des § 32 StGB wegen des Fehlens einer allgemei- hung, deren Zwecksetzung - ,,Freiheit durch Recht" - über jenen punktuellen
nen Proportionalitatsklausel einen Mangel an Modernitat bescheinigen 539oder Konflikt hinausreicht. Mafügung darf die Rechtsgemeinschaft von dem Vertei-
in diesem Fehlen gar das Ergebnis eines ,,ethischen Orientierungsverlusts" er- diger deshalb zunachst in jenen Fallen verlangen, in denen das Verhalten des
blicken540. Wie Erb zu Recht hervorhebt, übersieht die scheinbar menschen- Angreifers sich nicht (oder nur in erheblich abgeschwachter Form) als MiBach-
freundliche Forderung nach einer starkeren Berücksichtigung der Rechtsgüter tung seiner Mitwirkungspflicht gegenüber der Rechtsgemeinschaft darstellt -
des Angreifers regelmafüg die Kehrseite einer Beschrankung der Notwehrbe-
541 MK-Erb, § 32 Rn. 3; ders., NStZ 2005, 593 f.; ders., NStZ 2011, 193. - Ebenso Freund,

AT, § 3 Rn. 120; Krey/Esser, AT, Rn. 530 f.; B. Koch, ZStW 104 (1992), 801; v. Scherenberg,
Einschrankungen, S. 28, 81 sowie insbesondere van Rienen (Einschrankungen, S. 232 ff.,
Roxin, AT 1, § 15 Rn. 69; ders., ZStW 93 [1981), 87). Ersteres ist jedoch schon deshalb unpas- 305 f.), der dcshalb die Zulassigkeit von Notwehreinschrankungen in Fallen krasser
send, weil der Provokateur in der Abwehrsituation des N otwehrrechts tatsachlich bedarf, um Disproportionalitat und bei Angriffen Betrunkener und Irrender in Abrede stellt (aaO,
Verletzungen von sich abzuwenden. ,,Der ,MiGbrauch' betrifft das Vorverhalten, nicht die S. 230 ff., 259). - Kritisch zur Limitierung des Notwehrrechts durch Verhaltnismafügkeits-
Verteidigung." (SK-Giinther, § 32 Rn.122; ebenso jakobs, AT, 12/50 Fn. 106; Neumann, Zu- erwagungen (,,mit der Wertstruktur der Notwehr unvereinbar") auch Langer, Sonderstraf-
rechnung, S. 157) Letzteres beruht auf der Hypostasierung der Rechtsordnung zu einem ei- tat, S. 103 f.
genstandigen (,,überindividuellen") Schutzobjekt, die bereits an früherer Stelle (S. 240 Fn. 519) 542 So entnimmt Klesczewski (FS E. A. Wolff, S. 226) der zunehmenden Abmilderung des

kritisiert wurde. Notwehrrechts die Tendenz, ,,den Angreifer, obwohl er sich durch seine Attacke ins Unrecht
535 O ben S. 186 ff. gesetzt hat, nicht mehr bloG als zu bekampfende Gegenwelt anzusehen, sondern seine Per-
536 O ben S. 105 f. sonlichkeit trotz seines Fehlverhaltens durchgangig als rechtskonstitutiv im ProzeG der Be-
537 LK-Ronnau/Hohn, § 32 Rn. 70. wahrung des Rechts miteinzubeziehen". Auf die Rechtsposition des Angegriffenen - darauf,
538 Ebenso jakobs, AT, 12/45; Lesch, Notwehrrecht, S. 55 ff.; ders., FS Dahs, S.111 ff. - was der wohlfeile Aufrnf zur Mafügung für diesen bedeutet (namlich in der Re gel faktischen
Die Gegenauffassung erkennt eine generelle Subsidiaritat der Notwehr nicht an, sondern Rechtsverlust) - geht Klesczewski mit keinem Wort ein.
sucht dem Vorrang staatlicher Gefahrenabwehr lediglich mit Hilfe von Erforderlichkeits- 543 Kühl, AT, § 7 Rn. 160; tendenziell anch Kohler, AT, S. 272. - Das Gleiche gilt erst recht
erwagungen Rechnung zu tragen (Lackner/Kiihl, § 32 Rn. 11a; Kühl, AT, § 7 Rn. 119ff.; für den Dcfensivnotstand, denn dort gehen die Einschrankungen der Verteidigungsbefugnis
MK-Erb, § 32 Rn. 131; ders., FS Nehm, S. 181 ff.; NK-Herzog, § 32 Rn. 71; SK-Giinther, § 32 noch weiter. Wie Renzikowski (FS Hruschka, S. 656) hervorhebt, lauft dies darauf hinaus,
Rn. 99 ff.; Frister, AT, § 16 Rn. 24;Kohler, AT, S. 269; Krey/Esser, AT, Rn. 524 ff.; Rengier, AT, ,,dass die Freiheitssphare desjenigen, von dem die Gefahr ausgeht, erweitcrt wird, weil seine
§ 18 Rn. 50; Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 9 Rn. 91; Sengbusch, Subsidiaritat, S. 184 ff.; i.E. weit- Güter trotz der Usurpation der fremden Rechtssphare rechtlich geschützt werden".
gehend auch Englander, Grund, S. 164 ff.). 544 Hruschka, ZStW 115 (2003), 222.
539 So jüngst LK-Ronnau/Hohn, § 32 Rn. 73. 545 Hruschlea, ZStW 115 (2003), 222.
540 546 Im Grundsatz ebenso Grünewald, ZStW 122 (2010), 63 f.
Bülte, GA 2011, 148.
246 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Bürgers B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 247

sei es, weil der Angreifer schuldlos handelte 547 , sei es, weil er den Bereich des rung dieser Leistungen im gegenwdrtigen Verhalten des Angreifers keinen hin-
Sozialadaquaten nur unwesentlich überschritt 548 . Zurückhaltung muB der Ver- reichenden Anhaltspunkt findet, wird durch sie demonstriert, daB der Angrei-
teidiger auch in der Situation der Praventivnotwehr üben, in der er sich bereits fer nach wie vor einer Institution, einer Bürgergemeinschaft angehort, die an-
im Vorfeld des Angriffes gegen den Tater zur Wehr setzt. Weil der Tater hier ders als der je einzelne Konflikt als solcher nicht in der Gegenwart aufgeht,
nicht dazu gekommen ist, von seiner Ankündigung ,,Ich werde die zu Gunsten sondern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verklammert
des Opfers bestehende Norm brechen!" zu der Erklarung ,,Ich breche diese und die grundsatzlich jedem Bürger - auch dem, der dafür aktuell keinen An-
Norm aktuell!" überzugehen, seinem Verhalten also die Drastik eines gegen- halt bietet - den Willen zu prinzipiell legalem Verhalten zuschreibt. Zwar mag
wartigen Angriffes fehlt, ist der MiBachtungscharakter seines Handelns we- diese Annahme in Einzelfallen enttauscht werden: Jemand, der seiner Ob!ie-
niger eindeutig als bei demjenigen, der seinen AngriffsentschluB auch in der genheit zu einer nicht-bedrohlichen Selbstdarstellung kontinuierlich in schwer-
Feuerprobe der akuten Konfliktsituation durchha!t 549 • wiegender Weise zuwiderhandelt, muB es sich gefallen lassen, daB er nach
Schliefüich legitimiert die Existenz eines den aktuellen Konflikt übergrei- Durchführung eines entsprechenden staatlichen Verfahrens als zumindest zur
fenden Rechtsverhaltnisses zwischen Angreifer und Verteidiger auch eine Ein- Zeit nicht gesellschaf tsfahig behandelt und deshalb in Sicherungsverwahrung
schrankung der regularen Notwehrbefugnis in den Fallen krasser Dispropor- genommen wird 551 • Im Rahmen des nicht-formalisierten Notwehrrechts muB
tionalitat. Der Angreifer erhalt hier eine Art von Pramie für seine vermutete freilich generalisiert werden; und diese Generalisierung kann jedenfalls dort,
Rechtstreue in der Vergangenheit und gleichsam einen VorschuB auf das von wo es lediglich um die Reaktion auf relativ geringfügige Gefahrdungen geht,
ihm für die Zukunft erwartete rechtstreue Verhalten 550 • Obwohl die Gewah- nur zugunsten eines Festhaltens an der prinzipiellen Legalitatsvermutung aus-
fallen.
547
Weitgehend wie hier Freund, AT, § 3 Rn. 112; ahnlich Neumann, Zurechnung, S. 167. Schwerlich begründbar ist vor diesem systematischen Hintergrund freilich,
- Dieser Gedanke wird verzeichnet, wenn die Notwehreinschrankung gegenübcr Schuld- daB derjenige, der dem Inklusionsanliegen der Rechtsordnung zuwiderhandelt,
losen darauf gestützt wird, daG in diesen Fallen das Rechtsbewahrungsinteresse geringer
seí (HK-GS-Duttge, § 32 Rn. 26; NK-Herzog, § 32 Rn. 103; S/S-Perron, § 32 Rn. 52; SSW- indem er in seiner Verteidigung über die genannten Notwehrschranken hinaus-
Rosenau, § 32 Rn. 32; Gropp, AT, § 6 Rn. 85; Heinrich, AT 1, Rn. 383; Hoffmann- geht, wegen eines Verletzungsdelikts bestraft wird; sein Unrecht ist eher mit dem
Holland, AT, Rn. 248; ]escheck/Weigend, AT, § 32 III 3 a [S. 345]; Kühl, AT, § 7 Rn. 195; des Taters einer unterlassenen Hilfeleistung vergleichbar 552 • Umgekehrt müBte
Rengier, AT, § 18 Rn. 66; Roxin, AT 1, § 15 Rn. 61; v. Scherenberg, Einschrankungen, S. 133). einem Bürger, dem im Interesse der Allgemeinheit ein Verzicht auf die strikte
Der Umstand, daG die Ausgesta!tung des Rechtsverhaltnísses zwischen Notwehrtater und
Angreifer durch deren Status als Bürger mitbestimmt wird, andert nichts ciaran, daG der Durchsetzung seines Respektierungsanspruches abverlangt wird, ebenso wie
crstere seine personale Rechtsstellung und nicht etwa ,,die Rechtsordnung" vcrteidigt. dem Hilfeleistungspflichtigen für seinen Verlust ein Entschadigungsanspruch
Unzureichend ist aber auch der von Vertretern eines ,,individualistischen" Notwchrver- gegen die Rechtsgemeinschaft gewahrt werden 553 •
standnisses vorgebrachte Hinweis auf die ,,eingeschrankte Angriffsvermeídemacht" des
Von der Analyse der Zustandigkeitsstrukturen zu unterscheiden und im
schuldlosen Angreifers (Mitsch, Rechtfertigung, S. 383; ebenso SK-Giinther, § 32 Rn. 119;
Fasten, Grenzen, S. 243; v. Scherenberg, aaO, S. 133 f.). Damit ist namlich kein Spezifikum Vergleich zu dieser von lediglich sekundarer Bedeutung ist die Frage, inwie-
schuldloser Angriffe bezeichnet. Auch ein schuldhafter Angreifer kann, etwa weil er das weit man das dergestalt konturierte Abwehrrecht gesetzestechnisch von § 32
Geschehen endgü!tig aus der Hand gegeben hat, in seiner ,,Angriffsvermeidemacht" ein- StGB erfaBt ansieht und inwieweit man es dem ungeschriebenen eigenstan-
geschrankt sein. Unha!tbar ist schliefüich der Versuch, die Schonungspflicht gegenüber
Schuldunfahigen darauf zu stützen, daG diese ,,nicht einen richtigen ,Verantwortungsdia-
log' mit dem Angegriffenen führen" konnten und daher nicht imstande seien das Spiel' tionstopoi wie im Zusammenhang der sogenannten Unfugabwehr: Das Individualschutz-
mit ihm ,fair' zu spielen" (so aber Kioupis, Notwehr, S. 78): Ein schuldhafte~ 'Ang:·iff ist interesse sei geringer als sonst (SK-Giinther, §32 Rn. lll;jescheck/Weigend, AT, §32 III 3
niemals ,,fair". b [S. 348]); das Rechtsbewahrungsinteresse sei gemindert (Rengier, AT, § 18 Rn. 58; Roxm,
548
Teilweise wird hier ebenfalls auf das geminderte Rechtsbewahrungsinteresse des Not- ZStW 93 [1981], 94 ff.); sowohl das Selbstschutz- als auch das Rechtsbewahrungsinteresse
wehrtaters abgestellt (Roxin, AT 1, § 15 Rn. 83), teilweise auf dessen reduziertes Individual- seien reduziert (NK-Herzog, § 32 Rn. 107;S/S-Perron, § 32 Rn. 50; SSW-Rosenau, § 32 Rn. 34;
schutzinteresse (NK-Herzog, § 32 Rn. 106; i.E. auch Fasten, Grenzen, S. 250) und teilweise Kühl, AT, § 7 Rn. 178, 181); die Ausübung des vallen Notwehrrechts sei rechtsmiGbrauchlich
auf eine Kombination beider Aspekte (HK-GS-Duttge, § 32 Rn. 28; S/S-Perron, § 32 Rn. 49; (Fischer, § 32 Rn. 39; Hoffmann-Holland, AT, Rn. 246; Kindhduser, AT, § 16 Rn. 42; Puppe,
SSW-Rosenau, § 32 Rn. 35; v. Scherenberg, Einschrankungen, S. 94)-ein instruktives Beispiel AT, § 12 Rn. 17) und werde den ,,ethischen Bedürfnissen der Gesellschaft" nicht gerecht (v.
für die oben monierte Vagheit der gangigen Argumentationstopoi. Scherenberg, Einschrankungen, S. 51).
549
Jakobs, AT, 12/27. - Naher Pawlik, Notstand, S. 313 ff.; ders., GA 2003, 17 f. 551 Jakobs, Rechtszwang, S. 43 ff.
550
Pawlik, GA 2003, 16; nahestehend Englander (Grund, S. 357), der von einer ,,versiche- 552 So auchjakobs, Kommentar, S. 153 f.; ahnlich Kratzsch, JuS 1975, 440.
ru_ngsgleiche[n]Regelung auf Gegenseitigkeit" spricht; Bernsmann, ZStW 104 (1992), 316 ff.- 553 Ebenso Jakobs, AT, 12/46 Fn. 97; ders., Kommentar, S. 152; Lesch, FS Dahs, S. 104;
D1e herkommliche Notwehrdogmatik bedient sich im wesentlichen der gleichen Argumenta- Loas, l. FS Deutsch, S. 248 f.; im Ansatz auch Erb, NStZ 2005, 597.
248 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers B. Vorrangige Zustdndigkeit des Verletzten 249

digen Notrecht des Defensivnotstandes zuordnet 554. Solange klar ist, daG der unbedingt verboten, wie Notwehrhandlungen - die Zurückweisung ,,unge-
Defensivnotstand nicht cine Sonderform des allgemeinen (Aggressiv-)Not- rechte[r] Angreifer" - zulassig sind. Setzt namlich das Recht definitionsgemaG
standes, sondern cine ,,kleine Notwehr" darstellt 555, ist die genaue Grenzzie- mit der Unterstellung der Handlungsmachtigkeit der Beteiligten ein, so ist ein
hung zwischen beiden Rechtsinstituten ein bloGes Rubrizierungsproblem, das Rechtsanspruch auf die Herstellung bzw. die Erhaltung der Realbedingungen
man wie alle Fragen dieser Art nach PraktikabilitatsmaGstaben losen sollte. dieser Handlungsmachtigkeit nicht denkbar; die Annahme rechtlicher Solida-
Inhaltlich fallen die Würfel bei der Einpassung der Notrechte in die allge- ritatspflichten ist dann ,,ein Widerspruch in sich" 564. Kants bekannte Paromie,
meine Zustandigkeitslehre. die isoliert betrachtet wie eine petitio principii erscheint, ist daher innerhalb sei-
nes Systems vollig konsequent: Es konne keine Not geben, ,,welche, was unrecht
4. Aggressivnotstand ist, gesetzmafüg machte" 565.
In einem auf dem Prinzip wechselseitiger Respektierung aufgebauten Zustan- Ebenso wie die Begründung der allgemeinen Hilfeleistungspflicht muG somit
digkeitssystem ist für ein Recht zu Aggressivnotstandseingriffen ebensowenig auch die Legitimation des rechtf ertigenden Aggressivnotstandes jenseits des Re-
Raum wie für cine allgemeine Hilfeleistungspflicht nach Art des§ 323c StGB 556. spektierungsgedankens gesucht werden [Link] anders als dort bietet sich auch
Kant hat auch diesen Zusammenhang mit groGer begrifflicher Scharfe heraus- hier der quasi versicherungsrechtliche Gedanke einer allgemeinen Entlastung
gearbeitet557. In einem Rechtsbegriff wie dem kantischen, der sich auf das Ver- von gewissen existentiellen Lebensrisiken an: Für den Fall bedeutsamer, nicht
haltnis der Willkür des einen auf die Willkür des anderen beschrankt 558, ist das anders abwendbarer Notlagen gestanden die Bürger einander wechselseitig die
Bedürfnis kein relevanter Faktor 559. Die Not ist in Kants ,,Selbtschutzgemein- Befugnis zum Eingriff in ihre Rechtskreise zu 567. Dieser Begründungsansatz
schaft der Handlungsmachtigen" 560ein ,,kontingentes Ereignis", ein ,,internes wirft im hiesigen Zusammenhang freilich die gleiche Frage auf wie bei § 323c
Freiheitshindernis" 561, das innerhalb der Rechtssphare des von der Notlage
Betroffenen verarbeitet werden muG562. Notstandshandlungen - ,,Gewaltta-
tigkeit[en] gegen den, der keine gegen mich ausübte" 563- sind folglich ebenso 564 Trcffend Wohlers, JZ 1999, 439.
565 Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 343. - Sachlich gleichbedeutend heifü es bei Luden (Ab-
handlungen, Bd. II, S. 511), daE ,,der Eine durch die Noth des Andercn sein Recht natürlicher
554
Weise nicht verlieren kann".
Exemplarisch sei auf die inhaltlich belanglose Streitfrage hingewiesen, ob die Abwehr 566 Hoyer, Verhaltnismafügkeitsgrundsatz, S. 109; Iwangoff, Duldungspflichten, S. 32 f.
schuldloscr Angriffc als Fall eincs eingeschrankten N otwehrrechts aufzufassen oder ob sie 567 Ebenso Engldnder, Grund, S. 93 f., 357 f.; ders., GA 2010, 20; Merkel, Zaungaste,
unter dem Stichwort des Defensivnotstands zu behandeln sei (im ersteren Sinne S/S-Perron, S. 182 ff.; Frisch, FS Puppe, S. 439; ansatzweise auch Koller, Not, S. 97 f.; i.E. ferner lwangoff,
§ 32 Rn. 52;]escheck/Weigend, AT, § 32 III 3 a [S. 345 f.];Kohler, AT, S. 268; Roxin, AT 1, § 15 Duldungspflichtcn, S. 81, 94. Rath (Rechtfertigungselement, S. 629) geht sogar so weit, den
Rn. 18 H.,61; ders., ZStW 93 [1981], 82 ff.; im letztercn Sinne Freund, AT, § Rn. 98; Hruschka, rechtfertigenden Aggressivnotstand als ,,besondere Form der mutmafüichen Einwilligung"
Strafrecht, S. 141f.;Jakobs, AT, 12/16 ff.; Otto, AT, § 8 Rn. 21). zu interpretieren. -Allerdings vcrmengt Iwangoff die ,,vcrsicherungsrechtliche" Leitkatego-
555
In diesem Sinne NK-Neumann, § 34 Rn. 86;]escheck/Weigend, AT, § 33 II 1 (S. 356); rie des Interesses in hochst unklarer Weise mit der Kategorie der Anerkennung (vgl. Iwangoff,
Kohler, AT, S. 262; Kiihl, AT, § 8 Rn. 135; Griinewald, Totungsdelikt, S. 275; Iwangoff, Dul- aaO, S. 70 f., 83, 93 f., 149). Seine Behauptung, daE das Recht als Verhaltnis wechselseitiger
dungspflichten, S. 95 H., 108, 151; Ktihnbach, Solidaritatspflichtcn, S. 88; Perron, Rechtferti- Anerkennung Hilfeleistungen jcdenfalls in Fallen von Lebensgefahrverlange, ,,damit das An-
gung, S. 93; Frisch, FS Puppe, S. 429;]akobs, Kommentar, S. l45;]oerden, System, S. 46; Lesch, erkennungsverhaltnis und damit das (eigene und fremde) Selbstbewusstsein erhalten bleibt"
FS Dahs, S. 99. -Sachlich gleichbcdeutend ist es, wenn SK-Giinther, § 32 Rn. 12, 105; Freund, (aaO, S. 71), und daE der sich Verweigernde deshalb ,,seine eigene Rechtssubjektivitat [zer-
AT, § 3 Rn. 92; Frister, GA 1988, 295 die Notwehr als einen Spezialfall des Defensivnotstandes stort], da er vom Gegenüber keine Anerkennung mehr erfahrt" (aaO, S. 83), geht fehl. Der
einordnen. Umstand, daE Menschen sterben, ist eine anerkennungstheoretisch unbeachtliche Naturtat-
556
Naher dazu Griinewald, Totungsdelikt, S. 275; Iwangoff, Duldungspflichten, S. 24, sache; die Rechtssubjektivitat des einzelnen Bürgers hangt nicht von der Anerkennung d~rch
31, 35; Kiihnbach, Solidaritatspflichten, S. 36; Pawlik, Notstand, S. 14 ff.; S. Walter, Pflich- konkrcte Mitsubjekte ab, sondern wird von der Rechtsgemeinschaft als ganzer garantlert.
ten, S. 112. Die herkommliche Auffassung stützt sich entweder auf das Prinzip des überwiegenden
557
Umfassend Kiiper, Kant, S. 6 H.;jüngst Kiihnbach, Solidaritatspflichten, S. 18 H. Interesses (LK-Zieschang, §34 Rn. l; S/S-Perron, §34 Rn.1; Baumann/Weber!Mitsch, AT,
558
Vgl. Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 337. § 17 Rn. 44; Gropp, AT, § 6 Rn. 112; Hoffmann-Holland, AT, Rn. 280;]escheck!Weigend, AT,
559
Dies bctont Kant ausdrücklich (Kant, MS, Werke Bd. 7, S. 337). § 33 IV 3 [S. 360 f.]; Otto, AT, § 8 Rn. 164; Rengier, AT, § 19 Rn. 1; Roxin, AT 1, § 16 Rn. 3 -
°
56
561
Kersting, Freiheit, S. 98. kritisch Kiihnbach, Solidaritatspflichten, S. 48 ff.; Pawlik, Notstand, S. 34 ff.) oder auf den
Kersting, Freiheit, S. 98. Solidaritatsgedanken (HK-GS-Duttge, § 34 Rn. 1; Lackner/Kiihl, § 34 Rn. 1; Kühl_, AT, § 8
562
Eine Tugendpflicht zu aktiver Hilfcleistung kennt Kant dagegen sehr wohl (Kant, MS, Rn. 9f.; MK-Erb, § 34 Rn. 6; NK-Neumann, §34 Rn. 9; SK-Giinther, § 34 Rn. 11;Frister, AT,
Werke Bd. 7, S. 524, 589). § 17 Rn. 1; Krey!Esser, AT, Rn. 580- zur Erganzungsbedürftigkeit dieser Begründungsfigur
563
Kant, MS, Wcrke Bd. 7, S. 343. o ben S. 190 ff.).
250 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers B. Vorrangige Zustandigkeit des Verletzten 251

StGB: Weshalb sollte ein einzelner Bürger - der zufallig greifbare Adressat des dadurch nicht die gesetzlichen Verhaltensprogramme für deren regulare Repra-
N otstandseingriffes - allein eine Last tragen, die, nimmt man die Parallele zum sentanten, die staatlichen Amtstrager, unterlaufen werden 572.
Versicherungsrecht ernst, doch an sich auf die Gesamtheit aller Bürger umgelegt Den zustandigkeitstheoretischen Parallelen zwischen dem rechtfertigenden
werden müfüe? Seine Losung findet dieses Problem, sobald der strafrechtliche Notstand und der unterlassenen Hilfeleistung 573Rechnung zu tragen bedeutet
Status des Hilfeleistungspflichtigen auf den Adressaten eines Aggressivnot- schliefüich auch, den Umfang der jeweiligen Hilfserwartungen aneinander an-
standseingriffes erstreckt, d.h. auch letzterer als Reprasentant der Allgemein- [Link] der herkommlichen Auffassung, die lediglich Bagatell-
heit angesehen wird 568. gefahren von vornherein aus dem Anwendungsbereich des rechtfertigenden
Die interpretatorischen Konsequenzen dieses Ansatzes sind weitreichend. So Notstandes ausklammert 575, muG deshalb die zum Eingriff motivierende Not-
ist der Anwendungsbereich des rechtfertigenden Notstandes danach strikt auf lage ein ahnliches Gewicht besitzen wie der ,,Unglücksfall" im Sinne des§ 323c
interpersonale Konflikte beschrankt: Der Notleidende und der Eingriffsadressat StGB: Der drohende Schaden muG erheblich sein, d.h. der Betroffene müGte
müssen unterschiedliche Personen sein. Wo das Handeln eines Taters in Rede beim Eintreten des Schadens zu einer spürbaren Umstellung seiner Lebensfüh-
steht, der es unternimmt, die Rechtsgüter einer Person zu deren vermeintlichem rung gezwungen sein 576. Vor allem aber darf dem Notstands- nicht anders als
Besten umzuschichten, sind die Regeln über die Einwilligung, die mutmafüiche dem Hilf eleistungspflichtigen lediglich die Inkaufnahme einer sehr begrenzten
Einwilligung bzw. - wenn ein potentiell einwilligungsfahiges Subjekt nicht oder und reparablen Beeintrachtigung abverlangt werden 577. Ein Verlust, der ihn
nicht mehr vorhanden ist (etwa im Fall von Neugeborenen, schwer Demenz- dazu notigen würde, seine Lebensplanungen in merklicher Weise umzustel-
kranken oder Komapatienten) - die vorherrschenden gesellschaftlichen Über- len, darf dem Notstandspflichtigen hingegen nicht zugefügt werden [Link]
zeugungen darüber, was ein lebenswertes Leben ausmacht, [Link]
die Einwilligungsschranke des§ 216 StGB für zu rigide halt und diese Vorschrift 572 HK-GS-Duttge, § 34 Rn. 23; MK-Erb, § 34 Rn. 176 ff.; SSW-Rosenau, § 34 Rn. 4; ]a-
nicht anwenden will, sofern die Entscheidung des Sterbewilligen auf nachvoll- kobs, AT, 13/36 H.; ders., System, S. 49; Kühl, AT, § 8 Rn. 175 ff. - Einzelheiten bei Pawlik,
Notstand, S. 218 H.
ziehbaren Gründen beruht, der sollte nicht den axiologisch unpassenden Weg 573 Die axiologische Vergleichbarkeit beidcr Vorschriften betoncn auch MK-Erb, § 34
über den rechtfertigenden Notstand gehen 570, sondern offen aussprechen, daG Rn. 6; NK-Neumann, § 34 Rn. 9; Hruschka, Strafrecht, S. 91 ff.; ders., JuS 1979, 385 H.;
er eine - sachlich wohlbegründete - teleologische Reduktion des Tatbestandes Kohler, AT, S. 285; Haubrich, Hilfeleistung, S. 41 f.; Kiihnbach, Solidaritatspflichten, S. 95,
betreibt 571. 117;Lenckner, Notstand, S. 49 f.; Lippold, Rechtslchre, S. 355; Englander, 2. FS Roxin, S. 660;
Seelmann, Solidaritatspflichten, S. 295 f.
Aus der hier vorgenommenen zustandigkeitstheoretischen Verankerung der 574 Ebcnso Kohler, AT, S. 285; Englander, 2. FS Roxin, S. 660;joerden, System, S. 59 f. -
Position des Eingriffsadressaten folgt darüber hinaus ein strikter Vorrang der Für eine gegenüber § 323c StGB erweiterte Bestimmung des Eingriffsumfangs im Aggres-
staatlich-institutionellen Konfliktlosungsmechanismen gegenüber den ,,freihan- sivnotstand Kiihnbach, Solidaritatspflichtcn, S. 237. - Da!l die Bclastungsintensitat des§ 323c
digen" Notstandseingriffen. Der Bürger als ad hoc-Reprasentant der Rechtsge- StGB ceteris paribus nicht schon deshalb gro!ler ist als diejenigc der Notstandsregelung, weil
§ 323c StGB statt einer Pflicht zur Duldung fremder Eingriffe cine solche zur aktiven Hilfe-
meinschaft darf per Notstand nur dann in Anspruch genommen werden, wenn leistung begründet, wird gczeigt in: Pawlik, Notstand, S. 154 H.
575 LK-Hirsch 11, § 34 Rn. 76; SK-Günther, § 34 Rn. 18; S/S-Perron, § 34 Rn. 40; lwangoff,
568
Ausführlich Pawlik, Notstand, S. 121 ff. Ebenso Haas, Kausalitat, S. 260 ff.; Jakobs, Duldungspflichten, S. 91; Arzt, FS Rehberg, S. 36 ff.; Lenckner, GA 1985, 312.
Systcm, S. 48 f.; ders., Norm, S. 85. 576 Ebenso Frisch, FS Puppe, S. 440. - Noch restriktiver (es müsse sich um eine existcn-
569 tiell schwere Notlage handeln) Kohler, AT, 285, 288. - Naher zur hicsigen Position Pawlik,
Ebcnso HK-GS-Duttge, § 34 Rn. 9; MK-Erb, § 34 Rn. 30, 32; Baumann/Weberl
Mitsch, AT, § 17 Rn. 54; Mitsch, Rechtfertigung, S. 419;]akobs, AT, 13/34; 15/16;Kindhauser, Notstand, S. 160 H., 162 ff.
AT, § 17 Rn. 33; Kohler, AT, S. 294; Maurach/Zipf, AT 1, § 27 Rn. 28; Renzikowski, Notstand, 577 Ebenso Kohler, AT, S. 285,288,290; Frisch, FS Puppe, S. 440;jakobs, System, S. 47 f.;

S. 65; Thiel, Konkurrenz, S. 95 f.; Aselmann/Krack, Jura 1999, 258; Englander, GA 2010, ders., Rechtszwang, S. 19.- Zu den Einzelheiten Pawlik, Notstand, S. 255 H., 258 ff. - Die her-
17 ff.; Schroth,JuS 1992, 478. -Die Gegenauffassung befürwortet cine zumindest erganzende kommliche Auffassung sieht demgegenüber die absolute Aufopferungsgrenze des Notstands-
Heranziehbarkeit der Notstandsgrundsatze: Lackner!Kühl, § 34 Rn. 4; LK-Zieschang, pflichtigen regelma!lig erst bei (schwerwiegcnden) korperlichen Eingriffcn erreicht (MK-Erb,
§ 34 Rn. 59; SK-Günther, § 34 Rn. 61; S/S-Perron, § 34 Rn. 8a; Freund, AT, § 3 Rn. 50; §34 Rn.114; Baumann/Weber!Mitsch, AT, § 17 Rn. 79; Frister, AT, § 17 Rn.15; Gropp, AT,
Kiihl,AT, § 8Rn. 34; Otto,AT, § 8Rn.183;Rengier,AT, § 19Rn. 44;Roxin,AT1, § 16Rn.102; § 6 Rn. 144; Kindhauser, AT, § 10 Rn. 31; Stratenwerth/Kuhlen, AT, § 9 Rn. 112; Kiihnbach,
Stratenwerth/Kuhlen, AT, § 9 Rn. 104; Wessels/Beulke, AT, Rn. 322; E. Fischer, Recht, Solidaritatspflichten, S. 231). lwangoff (Duldungspflichten, S. 129, 150) zieht die Grenze so-
s.254,261. gar erst bei dem ,,jedem einzelnen Rechtssubjekt von der Rechtsordnung gewahrte[n] Míni-
570
Nachweise oben S. 233 Fn. 488. - Einer der Hauptvertreter dieser Auffassung, Neu- mum: [der] Mcnschenwürde".
578 Zudem mu!l dem Adressaten des Notstandseingriffs ebenso wie dem Hilfeleistungs-
mann, raumt ausdrücklich ein, da!l der Rückgriff auf § 34 StGB lediglich ein durch die starre
Fassung des§ 216 StGB erzwungener ,,Notbehelf" sei (NK-Neumann, § 34 Rn. 37). pflichtigen nach § 323c StGB ein Entschadigungsanspruch gegen die Rechtsgemeinschaft ein-
571 geraumt werden (ebenso Haas, Kausalitat, S. 262;Jakobs, System, S. 47 f.).
Naher dazu o ben S. 232 f.
252 2. Kapitel: Die Zustdndigkeiten des Biirgers B. Vorrangige Zustdndigkcit des Vcrletzten 253

Freiheit zur Gestaltung seines Lebens erschopft sich allerdings nicht darin, daG erhaltung des bestehenden Zustandes der Freiheitlichkeit mitzuwirken - eine
ihm seine Handlungsmoglichkeiten im wesentlichen erhalten bleiben; sie setzt Verpflichtung, die in der Normallagc nur gleichsam in kleiner Münze eingefor-
vielmehr auch voraus, daG er die ihm gebührende Achtung als Subjekt jenes dert wird -, ihren vallen existentiellen Ernst.
Lebensentwurfes erfahrt. Dazu gehort es wesentlich, daG im Umgang mit dem Kein politischcr Philosoph hat dies scharfer akzentuiert als Rousseau. Der
Notstandspflichtigen dem symbolischen Freiheitswert seiner leiblichen Sphare sich selbst als Freiheitswesen im Sinne Rousseaus begreifende Mensch erkennt
an?emessen R~chnung getragen wird 579. Der menschliche Leib gilt in ausge- seine Mitverantwortung für den Bestand und das Gedeihen seiner politischen
ze1chneter We1seals Symbol, als auGerer Reprasentant von Freiheit [Link] Be- Gemeinschaft an. Dazu gehort, daG er bei existentiellen Bedrohungen dieser
deutung und Verletzlichkeit des Leibes entsprechend ist er mit einem besonde- Gemeinschaft notfalls mit seinem Leben für sie einsteht. ,,Wer sein Leben auf
ren Tabubereich umgeben [Link] symbolische ,,Mehrwert" des Leibes kann Kosten der anderen erhalten will, muG es auch für sie hingeben, wenn es notig
einen Eingriff auch dann als unzulassig erscheinen lassen, wenn - wie etwa in ist", so heiGt es im Contrat Social585 . Der SchluGfolgerung Rousseaus vermag
dem Fall der zwangsweise erfolgenden Blutentnahme 582- der Gutsverlust als auch zuzustimmen, wer seiner republikanischen Emphase miGtrauisch gegen-
solcher nicht sonderlich schwerwiegend ist 583. übersteht586. Die Pflicht aller Rechtsgenossen, füreinander einzustehen - nach
Dies bedeutet freilich nicht, daG schwerer wiegende Opfer unbeteiligter Bür- Isensee das primum principium staatlicher Einheit 587-, laGt sich namlich auch
ger kategorisch ausgeschlossen waren. Es bedeutet lediglich, daG derartige Falle in weitaus schlichterer Weise als bei Rousseau begründen: durch die Berufung
sich nicht in jenes Notstandsmodell einschreiben lassen, von dem bislang die auf den Fairneflgedanken 588 . Das Argument lautet dann: Weil der einzelne Bür-
Rede war - ein Modell, das die Verteilung individueller Risiken und Verluste ger bislang von den Leistungen des freiheitlichen Staates profitiert hat, trifft ihn
innerhalb einer unangefochtenen Rechtsordnung zum Gegenstand hat. In exi- auch seinerseits die Pflicht, ,,den Staat der Freiheit zu organisieren und zu erhal-
stentiellen Krisen einer politischen Gemeinschaft gelten andere Regeln. Hier ten"[Link], selbst nicht in der Stunde der groGten Krise, fallt der Bürger
sind sogar Situationen vorstellbar, in denen den Bürgern das Opfer ihres Lebens aus dem Recht heraus - solange er überhaupt noch weiG, was Bürgersein bedeu-
abverlangt werden darf: Zu denken ist etwa an Kollateralschaden im Rahmen tet. Halt er es als selbstbewuGter hamo oeconomicus hingegen für ,,dumm",
von NotstandsmaGnahmen nach Art. 20 Abs. 4 GG oder von militarischen Ver-
teidigungsmaGnahmen gegen einen auf das Bundesgebiet vorgedrungenen Geg- derungsmoglichkeit zu nehmen und gerade dadurch die Bevolker~ng besonders hart zu
[Link] diesen Fallen entfaltet die allgemeine Bürgerpflicht, an der Aufrecht- treffen (ebenso Depenhwer, Selbstbehauptung, S. 75 ff.; Enders, Wurde, S. 140 f.; Gramm,
DVBI 2006, 660; Hase, DÓV 2006, 218; Hirsch, FS Küper, S. 169 ff.; Isensee, FS Jakobs,
S. 219 ff.; Kiiper, Vergeltung, S. 26). Das Bundesverfassungsgericht halt in seiner Entschei-
579
Pawlik, Notstand, S. 261 H. dung zum Luftsicherheitsgesetz cine Pflicht des einzeln_cn Bürgers [Link] '.'ufopferung semes
580 Lebens immerhin dann für denkbar, ,,wenn es nur auf diese Weise moghch ist, das rechthch
Borsche, Rechtszeichen, S. 256.
581 verfasste Gemeinwesen vor Angriffen zu bewahren, die auf dessen Zusammenbruch und
Dicser Gedanke ist der Strafrechtsdogmatik seit langem gelaufig. So findet im Rah-
men d~s § 242 StGB die symbolisch verstarkte Unantastbarkeit der leiblichen Sphare unter Zerstorung abzielen" (BVerfGE 115, 118, 159; für eine solche Pflicht im Grundsatz auch
dem Stichwort der ,,Gewahrsamsenklave" Berücksichtigung (grundlegend Welzel, GA 1960, Hartleb, NJW 2005, 1400 f., Rettenmaicr, VR 2006, 113 und Schenke, NJW 2006, 738).
257 H.; Wzmmer, NJW 1962, 611 H.; aus der gegenwartigen Literatur exemplarisch NK-Kind- Wie dies mit der vom Gericht zuvor (aaO, 151 ff.) mit starken Worten behaupteten Men-
hduser, § 242 Rn. 43; SK-Hoyer, § 242 Rn. 28). schenwürdewidrigkcit der in§ 14 Abs. 3 des Luftsicherheitsgesetzes enthaltencn Abschul\-
582 ermachtigung vereinbar sein soll, lal\t das Gericht allerdings offen (dies bema;1geln auch
Der Fall stammt von Gallas, Ndschr. Bd. 2, 151; Bd. 12, 164.
583 Gramm aaO 658 und Isensee, aaO, S. 224). Konsequent zu Ende gedacht, lauft die Konzep-
Für die Unzulassigkcit eines solchen Eingriffs sprechen sich aus: Begründung E 1962,
S. 160; MK-Erb, § 34 Rn. 184; NK-Neumann, § 34 Rn. 118; SK-Giinther, § 34 Rn. 51; S!S-Per- tion des,Bundesverfassungsgerichts auf eine von den Vorgaben der jeweiligen Sit~ation ab-
ron, § 34 Rn. 41e, 47; Gropp, AT, § 6 Rn. 144; Heinrich, AT 1, Rn. 427; Hrnschka, Strafrecht, hangige Spaltung dcr Menschenwürdegarantie hinaus. Damit aber ,,hatte das Gencht selbst
S. 145;Ja~obs, AT, 13/25; ]escheck/Weigend, AT, § 33 IV 3 d (S. 364); Kindhduser, AT, § 17 einen wichtigen Schritt zur Relativierung des Würdeanspruchs vollzogen, den es doch ge-
Rn. 31; Kohler, AT, S. 291; Krey/Esser, AT, Rn. 611;Maurach!Zipf, AT 1, § 27 Rn. 43; Otto, AT, rade retten wollte" (Gramm, aaO, 658). Insofern sind die Darlegungen des Bundesverfas-
§ 8 Rn. 185; Stratenwcrth!Kuhlen, AT, § 9 Rn. 112; Wessels/Bculke, AT, Rn. 320. -A. A. HK- sungsgerichts ein Beispiel dafür, da!\ die Verdrangung von Problemei_i zu_nichts führt-:- das
GS-Duttge, § 34 Rn. 23; Baumann/Weber/Mitsch, AT, § 17 Rn. 79; Mitsch, Rechtfertigung, Verdrangte taucht an anderer Stelle erneut auf, und dann zume1st m erner noch we1taus
S. 88.;Fristcr, AT, § 17 Rn. 15; Haft, AT, S. 99; Kiihl, AT, § 8 Rn. 171 ff.; ders., FS Otto, S. 78; unansehnlicheren Gestalt.
~oxin, AT 1, § 16 Rn. 49._- Die üblichen pro- und contra-Argumente sind allerdings wenig 585 Rousseau, Gescllschaftsvertrag, Il/5, S. 37. "
uberzeugend; dazu Pawlzk, Notstand, S. 251 ff. 586 Zu Kritik an Rousseau vgl. Pawlik, Staat 38 (1999), 30 ff.; dens., ,,Selbstgesetzgebung ,
584
~inz~lheiten bei Pawlik, JZ 2004, 1052 ff.; pauschal ablehnend Roxin, AoR 59 (2011), s.116ff.
19. - Fur _die [Link] .~on Terroranschlagen kann nichts prinzipiell anderes gelten; an- 58 7 Isensee, HdbStR, Bd. I, § 13 Rn. 112.
sonsten konnten die Tatcr gerade die von ihnen verachtcten Grundsatze der Rechtsstaat- 588 Rawls, Theorie, S. 133.
lichkeit dazu nutzen, dem attackierten Gemeinwesen jede Abwehr- oder auch nur Abmil- 589 Hofmann, HdbStR, Bd. V,§ 114 Rn. 36. - Ebenso Enders, Unantastbarkeit, S. 84 f.
254 2. Kapitel: Die Zustandigkeiten des Bürgers

,,durch
. . ..eigenen Tod. das Heil des Vaterlandes zu retten"590, we1·1d avon nur
den
. konnen , nicht aber er selbst591, 61e1'bt d em not 1e1-
se1ne M1tburger profit1eren ·
denden
.. Staat nur noch se1ne Entpersonalisierung592 , Ab · t d d' ··
er 1s as 1ewur 1gered'
L osung?
3. Kapitel:

Die Verletzung der strafrechtlichen Mitwirkungspflicht

,,Erfülle deine Mitwirkungspflicht!" - mit dieser Forderung wendet sich das


Strafrecht an den einzelnen Bürger. Die majestatische Allgemeinheit die ser im
l. Kapitel entwickelten Formel konnte im 2. Kapitel anhand der Figuren der
Zustandigkeitsbegründung konkretisiert werden. Die Zustandigkeitstatbe-
stande ermoglichen es, dem allgemeinen Mitwirkungsverlangen einen greif-
baren Inhalt zu verleihen: ,,Unterlasse zustandigkeitswidriges Handelnl" Da-
mit ist das Geschaft der Allgemeinen Verbrechenslehre allerdings noch nicht
beendet. Eine Verhaltensnorm aufzustellen, ist das eine; die Bedingungen zu
benennen, unter denen diese Verhaltensnorm als verletzt gilt, ist ein anderes.
Eine Verhaltensnorm kann nicht selbst darüber Auskunft geben, unter welchen
Bedingungen jemand durch sie verpflichtet wird; sie müfüe in diesem Fall auf
sich selbst Bezug nehmen 1. Beispielsweise ist das Fehlen der Schuldfahigkeit (in
hiesiger Terminologie: der Zurechnungsfahigkeit) für den Regelungsgehalt der
anden Tater adressierten Verhaltensnorm ohne Belang: ,,Es ist nicht Sache des
Taters, im Zusammenhang mit der Frage, ob er eine allgemeine Handlungs-
anweisung einhalten mochte oder nicht, über seine eigene Schuldfahigkeit zu
rasonieren." 2 Ebenso verhalt es sich mit den Regelungen über die Wirkung von
Irrtümern: Die Verhaltensnorm sagt, welches Verhalten unterlassen werden
soll, nicht aber, inwieweit die Unkenntnis dieser Verpflichtung den Tater zu
entlasten vermag 3 . Die Allgemeine Verbrechenslehre kommt somit nicht um-
hin, die Verhaltensnormen durch eine zweite Gruppe von Regeln zu erganzen,
die den Rechtsanwendern, zuvorderst den Richtern, Auskunft darüber geben,
unter welchen Voraussetzungen einem Bürger ein bestimmter Sachverhalt als
Verhaltensnormverletzung zugerechnet werden kann 4 • Diese Gruppe von Re-
geln bildet den Gegenstand des vorliegenden Kapitels.

1 Kindhauser, Gefahrdung, S. 29, 39, 65; Vogel, Norm, S. 41, 62; Eser, FS Lenckner, S. 50.
2
Rodig, FS Lange, S. 58.
3
Rodig, FS Lange, S. 58.
4
Grundlegend Hrnschka, Rechtstheorie 22 (1991), 450 H. - Ebenso Kindhauser, Geführ-
59
dung, S. 13, 29 f.; ders., JRE 2 (1994), 340 f.; ders., GA 1994, 200 f.; ders., Logik, S. 79 ff.; ders.,
dº. LeibHniz(Schrditten,S_.91), der sich allerdings im weiteren Verlauf seiner Überlegungen
von 1eser a1tung 1stanz1ert. Strafe, S. 30; ders., FS Eser, S. 349; ders., GA 2007, 450; ders., GA 2010, 493; Lesch, Verbre-
591
Exemp 1ansc
. h f ur . so 1ehe Position Merkel JZ 2007 375
·· eme chensbegriff, S. 227; Mañalich, Néitigung, S. 75 f.; Renzikowski, Taterbegriff, S. 23; Toepel,
592
ur den Fa11von § 14 Abs. 3 LuftSiG in derTat]akobs
S0 f·· ' ' S . Kausalitat, S. 19 f.; Vogel, Norm, S. 57, 61 f., 304; Dehne-Niemann, GA 2012, 97; Joerden,
zwang, S. 28; ders., FS Krey, S. 208 Fn. 1, 217 f.; Merkel, Die z:it :~~~~2~0!~ ;tders., Rechts- 2. FS Roxin, S. 599; Perron, Stellung, S. 75 f.; Rodig, FS Lange, S. 56 f.; Tiedemann, FS Bau-
mann, S. 17, 19f. (dcr die Unterscheidung zwischen Zurechnungs- und Verhaltensnormen
254 2. Kapite!: Die Zustdndigkeíten des Biágers

,,durch den cigcncn Tod das Hcil des Vatcrlandcs zu rcttcn" 590 , wcil davon nur
scinc Mitbürgcr profiticrcn kónncn, nicht abcr cr sclbst59!, blcibt dcm notlci-
dcndcn Staat nur noch scinc Entpcrsonalisicrung 592 . Abcr ist das die würdigcrc
LOsung?
3. Kapitel:

Die Verletzung der strafrecht!ichen Mitwirkungspflicht

,,Erfüllc dcinc Mitwirkungspflicht!" - mít dicscr Fordcrung ,vcndct sich das


Strafrccht an den cinzclncn Bürgcr. Die majcstJtischc Allgcmcinhcit dicscr itn
1. Kapitcl cntwickcltcn Formcl konntc im 2. Kapitel anhand dcr Figuren dcr
Zustindigkcitsbcgründung konkrctisicrt wcrdcn. Die Zustá:ndigkcitstatbc-
stindc crmóglichcn es, dcm allgcmcincn Mitwirkungsvcrlangcn cincn grcif-
barcn Inhalt zu vcrlcihcn: ,,Untcrlassc zust:indigkcitswidrigcs Handclnl" Da-
mit ist das Gcscbaft dcr Allgcmcincn Vcrbrcchenslehrc allcrdings noch nicht
bccndet. Eine Vcrhaltcnsnonn aufzustellen, ist das cinc; die Bcdingungcn zu
bcncnnen, untcr dcncn diese Vcrhaltcnsnorm als verletzt gilt, ist cin andcrcs.
Eine Vcrhaltcnsnorm kann nicht sdbst darübcr Auskunft gcbcn, untcr wclchcn
Bcdingungcn jcmand durch sic vcrpílichtct wird; sic müGtc in dicscm Fall auf
sich sclbst Bczug nchmcn 1• Bcispiclswcisc ist das Fchlcn dcr Schuldfahigkcit (in
bicsigcr Tenninologic: dcr Zurcchnungsfahigkcit) für den Regclungsgchalt dcr
anden Tatcr adrcssierten Vcrhaltcnsnonn ohne Bclang: ,,Es ist nicht Sache des
'Titcrs, im Zusammenhang mit dcr Fragc, ob er cinc allgcmcine I-Iandlungs-
anwcisung cinhaltcn m6chtc odcr nicht, übcr scinc cigcnc Schuldfahigkcit zu
ri:isonicrcn."2 Ebcnso vcrhalt es sich mir den Regclungcn übcr die Wirkung von
Irrtümern: Die Vcrhaltcnsnonn sagt, wclches Vcrhaltcn unterlassen werdcn
soll, nicht abcr, inwicwcit die Unkcnntnis dicser Vcrpflichtung den T:iter zu
cntlasten vennag 3 • Die Allgemcinc Vcrbrcchcnslchrc kommt somit nicht um-
hin, die Verhaltensnormcn durch cinc zwcitc Gruppc von Rcgcln zu [Link],
die den [Link], zuvürdcrst den Richtcrn, Auskunft darübcr gcbcn,
untcr wclchen Voraussctzungcn cinem Bürgcr cin bcstimmter Sachvcrhalt als
Vcrhaltcnsnormvcrlctzung zugerechnet wcrdcn kann 4 • Diese Gruppc von Re-
gcln bildct den Gcgenstand des vorlicgcndcn Kapitcls.

1 /(indhduser, Gcfahrdung, S. 29, 39, 65; Vogel, Norm, S. 41, 62; Eser, FS Lenckncr, S. 50.
2 Rüdig, FS Langc, S. 58.
3 Rüdig, FS Langc, S. 58.
4 Grundlcgcnd I-lruschl.:a, Rcchtsthcoric 22 (! 991), 450 ff. - Ebcnso !(indhdusn·, Gcfahr-

590 dung, S. 13, 29 f.; ders.,JRE 2 (1994), 340 f.; ders., GA 1994, 200 f.; den., Logik, S. 79 ff.; ders.,
_ Leibniz (Schrittcn, S_.91), dcr sich allcrdings im wcitcrcn Vcrlauf scincr Übcrlcgungcn Strafc, S. 30; ders., FS Eser, S. 349; dcrs., C,l\ 2007, 450; dcrs., G/\ 2010, 493; Lesch, Vcrbrc-
von d1cscr I--Ialtung dtstanz,crt.
91 chcnsbcgriff, S. 227; Mañahch, NOtigung, S. 75 f.; Rcn:ákowski, Tiitcrbcgriff, S. 23; Toepel,
~ Excmplarisch für cinc solchc Position Merkel, JZ 2007, 375. Kausalit:it, S. 19 f.; Vogel, Norm, S. 57, 61 f., 304; Dehnc-Niemann, GA 2012, 97; Jocrden,
cm So fürdcn Fa:l von § 14 Abs. 3 Luf tSiG in dcrTat]akobs, Systcm, S. 50 f.; den., Rcchts- 2. FS Roxin, S. 599; Penan, Stcllung, S. 75 f.; ROdig, FS Langc, S. 56f.; Ticdemann, FS Bau-
zwang, S. 28; ders., J,5 Krcy, S. 208 Fn. 1,217 L; Merkel, Die Zcit v. 8.7.2004, 34. mann, S.17, 19f. (ckr die Untcrschcidung [Link] Zurcchnungs- und Vcrhaltcnsnormcn
256 3. l<apitel: J)ic \lerletnmg der strafrecht!ichen MitwirÁ'ungspflicht A. Krimina/1mn::ch1 a!s :wrechenbar-zustdndigkeitswidriges Verha!tcn 257

\Vas der Bcgriff Zurcd1nung bcdcutct, hat nicmand priignantcr auf den Pu nin rcchnungsuntcrbrcchung lagt sich dcshalb abgcschcn von dcm Fall dcr Zurcch-
gcbracht als Hans Kclscn. ,,Die auf Grund der Nonn vorcTcnommcnc Vcrknü¡,- nungsunfahigkcit nur in jcncn vcrhaltnisrnagig scltcncn [Link] lcgití-
fung zwischcn cincm Scinstatbcstand und cincm Subjcktc" ist die Zurechnung", micrcn, in dcncn die inncrcn oder auBcrcn Hemmungsfaktorcn pflichtgcmaBcn
so lautct die Dcfinition Kclscns in scincm Frühwcrk, den JJauptprohlcmen der Vcrhaltcns dcrart schwcr wicgcn, [Link] Urnstand, ihncn crlcgcn zu scin, clic
Staatsrechtslehre5. Dcr Zurcchnungsbcgriff srcllt also cincn (mindcstcns) drci- Rcchtstrcue des [Link] nicht in Zwcifcl zicht (B.).
stclligcn Rclationsbcgriff dar: Ein Zurechmmgsmhjelct wird mir cincm bcstimm- Licgt kcincr dicscr Falle vor, so stcht fcst, daB dcr Bctrcffcnde Kriminalun-
tcn Sachverha!t in spczifischcr Wcisc vcrbundcn; dazu bcdarf es cincr Ver/,;.niip- rccht verwirklicht hat. A llcrdings wicgt nicht jedes Defizit an Rcchtstrcuc glcich
f,mgsregel, mithin cincr Norrn 6 . I m Vordcrgrund dcr strafrcchtlichcn Diskussion sclnvcr. Je nachdrücklichcr die Absagc des Tatcrs an die Koopcrationsfordcrung
stchcn traditioncll die bcidcn letztgenanntcn Komponenten: Was wird zugcrcch- dcr Rcchtsgcmcinschaft ausfallt, dcsto gewichtigcr ist scinc Pflichtverlctzung.
nct, une! nach wclchcn Kritcricn wird zugcrechnct? 7 Ebenso wic die Verhaltcns- Tatcn, in dcnen sich cinc rechtsfcindliche Einstellung des Dclinquentcn manÍ··
normcn bedürfcn auch die Zurcchnungsnormcn cincr inncrcn Ordnung. Die fcsticrt, sind ceierú parihusgravicrcndcr als Tatcn, die cinen b\oíkn ,,Mangcl an
hcrk0mmlichc Strafrechtsdogmatik bcdient sich zu diescm Zwcck scit ungcfahr Frcundschaft gegen das Gesetz" 9 crkcnncn lasscn (C.).
cincm Jahrhundert dcr Unterschcidung zwischen Unrecht und Schuld. Die hic-
sige Konzcption lóst sich von dicscm vcrmcintlichen ,,Angclpunkt clcr Vcrbre-
chenslchrc"8. An die Stcllc zwcicr cigcnstandigcr Wcrtungs- und Zurcchnungs- A. Kriminalunrecht als zurechcnbar-
stttfcn sctzt sic cincn cinhcitlichcn Begriff des Kriminalunrcchts. Es gibt danach [Link] Verhahcn
nur eine vcrbrcchcnsthcorctisch relevante Pflicht- ,,Untcrlassc zustiindigkcits-
widriges Verhaltcn!" -und dcmcntsprcchcnd auch nur eine systcmatisch beacht- l. Der Begriff des Kriminalunrcchts und die Funktion
lichc Zurechnungsprüfung: Hat dcr einzclnc Bürgcr diese Pflicht in zurechcn- dcr Zurcchnungslchrc
barcr Wcisc verletzt (A.)?
Zurechenbar-zustandigkcitswidrig in dicscm Sin ne vcrhalt sich, wcr die ihm Nach cincr Bemcrkung \'Vclzcls stellt die Zcrlegung des Vcrbrcchcns in die
aus seincr Zustandigkcit crwachscnde Vcrhaltcnspflicht [Link] liGt, obglcich drci Elcmcntc Tatbesta1td~mafügkcit, Rcchtswidrigkcit und Schuld ,,den wich
er sic [Link] crfüllen künncn, wcnn er jcncs MaB an Bcmühung anden Tag gelegt tigstcn clogmatischcn Fortschritt dcr [Link] zwci bis drei Mcnschcnaltcr" dar 10:
hattc, wclches die Rccbtsgcmcinschaft von ihrcn Mitglicdern crwartet. Dics ist ,,Die Zcrlcgung des Dclikts in drci vcrschícdenc, aufcinandcr aufbaucndc Bc-
dann der Fall, wcnn dcr Tiitcr zurechnungsfahig und es ihm 7,umutbar war, den urtcilungs- und Bcwertungsstufcn bringt ein hohcs MaB an Rationalitat une!
Inhalt dcr Verhaltcnspílicht zu crkcnncn und ihr nachzukommcn. Einc Zu- Sichcrhcit in die Rcchtsanwcndung und crmüglicht darübcr hinaus durch die
Diffcrcnzicrung c\cr Wertungsstufcn cin gcrcchtcs Ergebnis. So ist cin Rcchts··
allerdings - insoweit anders als hier -- rnit derjcnigcn [Link] dcm Allgemcincn und dem
Besondcrcn 'foil des Strafrechts glcichseut). - Von philosophischer Seitc: llüffc, Verantwor- systcm, das diese Diffcrenzicrung durchführt, cinern andcrcn übcr!egcn, in
tung, S. 16; Sccbafl, FS Minc!straG, S. 361. wclchcm sic nícht bestcht." 11
5
Kelscn, l·Iauptproblcmc, S. 72; cbcnso ders., Grcnzcn, S. 49. - In scinen spi:itcrcn \X'crken In dcr dcutschen und von Dcutschland bccinílufüen Strafrechtswisscnschaft
be:,,,ieht Kclscn den Zurechnungsbcgriff dcmgcgcnüber auf die Vcrknüpf ung cines Tatbesran-
crfreut sich die Vcrbrcchcnskatcgoric cines schulclunabhangigcn Unrcchts nach
dcs mit cincr (Un-)Rcchtsfolgc, cincr Sanktion. Die Zurechnung cines Tatbestandes '[Link] ciner
Pcrson bezeichnct cr mm als ,,Zuschreibung" (ni"iher Rcnúlwwski, Bcgriff, S. 254 ff.; lleide- wic vor brcitcr Anerkcnnung; noch kürzlích wurdc die Unrccht-Schuld··Untcr-
mmm, Bcgriff, S. 17 ff.; Pau!son, AOR 124 [1999], 655 f.). ' schcidung zu jcncn dogmatischcn Erkcnntnisscn gercchnet) die, wcil sic ,,Gcbotc
(, Gam, iihnlich bcrcits Tittmann, I--Iandbuch, § 92 (S. 224). - Aus dcm hcutigcn Schrift .. dcr Gcrcchtio-kcit
b
im NormcnsJrstcm sclbst" objcktiviertcn 12) ,,cxcmplarisch
tu_m: }akobs, System, S. 15 f.; Sclmhr, Rechtsdogmatik, S. 207; G!dscr, Zurcchnung, S. 29;
auch für jede andcrc auf c\cm Nivcau unscrer Zcit stchcndc [... ] Strafrechtsdog-
L1pp0Ld, Rechtslchrc, S. 201;]ocrden, Abwcichungen, S. 307; Stiihinger, RW 201 l, !54. - Die
philosophischen Analyscn des Bcgriffs dcr Verantwortlichkcit stimrnen damit im wcscnt- matik" scicn 13;ihrc Aufgabc ·würdc cincn ,,Rückfall um mchr als cin Jahrhun-
lichcn übcrcin; vgl. et wa lleidbrink, Grcnzcn, S. 252; J-!offe, Moral, S. 23; Lcnk/Maring, Ver-
antwortung, S. 247; Aiaring, Vcrantwortung, S. 14; RopohL,EuS 5 (1994), 111 ff.; dcrs., \Xlcgc, 9
Gro/man, Bcgriffc, S. 28.
1
S.155 ff.; \\'.ernc1\ Art. ,,Verantwortung", S. 522. 10 Web-cl,JuS 1966, 421.
7 11
Koriath, Grundlagcn, S. 98; Sinn, Straffreistcllung, S. 228. -Zur ncueren Diskussion da- \Velzcl, JuS 1966, 421.
rüber, ob nebcn den sogcnanntcn natürlichen Personen auch juristischc Personen als Subjektc 12 Mcrkcl, ZStW 114 (2002), 439.

strafrcchtlichcr Zurcchnung in Bctracht kommen: SJS-lleine, Vorbcm. §§ 25 ff. Rn. 118ff. 13 Schiincmann, 1. FS Roxin, S.12; ihnlích Hacigalupo (I;S Eser, S. 74): ,,der cigcntlichc
8
Jeschcck/Wcigc11d,AT, § 39 J l (S. 425). Ausgangspunkt jcder modcrncn Strafrcchtsdogmatik ". - [Link] warnt flclmert
J\. Kriminalunrecht als [Link]ídriges Verha!ten 259
258 3. Kapitel: Die \lcrlctzung dcr strafrecht!ichen Mitwirkungspflicht

haltcnspflicht aufzubringcn, wclchc ihn aufgrund scincr Zustandigkcit für


den" bcdcutcn 14. Abcr wic gut ist diese Untcrschcidun,;,-cio-cntlich
b b
bco-ründct?
b

G_c11t man ~icscr Fragc niihcr nach, so crlcbt man cinc Überraschung. Die hcutigc frcmde Bclangc trifft (lll.).
Die Fragc, untcr wclchcn Voraussctzungcn cin bcstimrntcr Sadwcrhalt-vor-
Lttcratur, 111 dcr ansonstcn jedes winzigc Dctailproblcm cincn dankbarcn Bcar-
stchcnd pauschal als ,,Vcrhaltcn" bczeichnct- eincm Bürger als strafrcchtlich re-
bcitcr findct, spart sic wcitgchcnd aus. Zwar gibt es cinc Rcihc ncucrcr Arbci-
levantes Unrccht auf die Rcchnung gcschricbcn wcrdcn kannH', bildct den Gc-
tcn, die die Unrccht-Schuld-Diffcrcnzicrung konzcptioncll zu verarbeiten su-
gcnstand dcr Zurcchnungslchre. Nacb cincr Bcmcrkung v. Almendingcns gibt
chcn; die Berechtigung dcr Untcrschcidung wird hingcgcn stillsclnvcigcnd vor-
es in dcr Wisscnschaft des Strafrcchts kcinc schwicrigerc Lchrc als die Lchrc von
ausg:sc~zt. Dics ware unschadlich 1 wcnn die Unrccht-Schuld-Untcrscbcidung
dcr Zurcchnung 17, Ihr oblicgt es nimlich, darüber zu bcfindcn, inwicwcit sich
bcrclts un alteren Schrifttum - bci Liszt und Wclzcl, Jhcring und Mczgcr - so
die ab~trafo~[Link] dcr Bürgcr zu konkrctcn Bclastungcn für diese
unanfcchtbar begründct worden wi'irc, daB es übcrflüssig crschicnc, das Problcm
vcrdiclitet1: 'Dabei kornrncn vorrangig jcnc Kritericn zurn Tragcn, ,velchc nach
nochmals aufzugrcifcn. Abcr auch clics ist nicht dcr Fall (11.).
hcrkómrnlichcm Vcrstindnis übcr die Bcrechtigung cines Schuldvorwurfs gcgcn
Li'iBt sich dcmnach die allgemcine Verbrcchcnskatcgoric cines schuldunab-
den Bcschuldigtcn cntschcidcn -war cr zurcchnungsfahig, hattc er das Unrccht
hangigcn Unrcchts womOglich nicht aufrcchtcrhaltcn? Dies ist kcíneswcgs cinc
scincs Handclns crkcnncn kOnncn und warc ihm cin [Link] Vcrhaltcn zu-
ncue Verrnutung. In der strafrcchtswisscnschaftlichen Litcratur des 19. und
mutbar gewcscn? Dcr systcmatischc Standort dicscr Kritcricn,h,~t sich allcr~:n~s
frühcn [Link] findct sic viclmchr zahlrcichc namhaftc Venrctcr von
Merkcl bis Binding. In den lctztcn Jahrcn mehrcn sich aufs ncuc die kritis,chcn [Link]: Wihrcnd sic nach bishcrigcr Auffassung untcr dcm I 1tcl ,,Schuld die
Stim~ncn 15. Eincm auf den Bcgriff dcr Mitwirkungspflichtvcrlctzung zugc- persOnlichc Vorwcrfbarkcit cines dcm T~ter be~cits vorab ~ls ."Unrccht" ..ang~-
lastctcn Sachvcrhaltcs hcgründcn, crmüglichcn sic es nach h1cs1gcrnVcrstandms
schmttencn Vcrbrcchensvcrstandnis cntspricht es in dcr Tat, die hcrkürnmliche
allcrcrst, dcrn Tatcr scin Vcrhaltcn als strafrcchtlich relevantes Unrccht zuzu-
Unrec~t-~chuld-Untcrschcidung durch cinen cinhcitlich-urnfasscndcn Bcgriff
rcchncn. Damit gcwinnt die Zurcchnungslchrc jcnc Einhcit zurück, die ihr in dcr
des Krnrnnalunrcchts - cines Unrcchts des Bürgcrs - zu ersctzen. Krirnincllcs
Unrccht zu begchen heifü dcrnnach: die Vcrpflichtung zu vcrletzcn, an dcr Auf- iltcrcn Literatur- bis zu den I-legcliancrn- zugcsprochcn wordcn ist. Ncbcn dcr
Lchrc von den allgcmcincn Figuren dcr Zustandigkcitsbcgründung bildct die so
rechterhaltung cines Zustandes der Frcihcitlichkeit rnítzuwirkcn. Da die Mit-
vcrstandcnc Zurcchnungslchrc den zwcitcn Grundpfcilcr der Allgcmcincn Vcr-
wirkungspílicht ihrc inhaltlichcn Konturcn durch die Zustandigkcitslchrc cr-
halt, Iafh sich dicscr Bcfund auch praziscr formulicrcn: Kriminalunrccht vcr- brcchcnslchrc (IV.).
\~irklicht cin Bürgcr, dcssen Vcrhaltcn dcutlich macht, dais cr nicht gcwillt ist,
die von dcr Rcchtsgcmeinschaft crwartctc Bcmühung zur Erfüllung dcr Ver- II. Unrccht und Schuld als tragcndc Systcmkatcgoricn?

1. Sallen und Konncn


(Straftatb?grif'.: S. 260) auf dcr Ihsis cincr umfangrcichcn strafrcchtsvcrglcichcndcn Ana·· Dcr Sicgcszug dcr Unrccht-Schuld-Untcrschcidung in dcr deu~schsprachigcn
~_rscvor ~me'.·U'.JCrhóhung der Unrccht-Schuld··Unterscheidung. Auch Schiincmann sclbst 18
Strafrcchtswisscnschaft gcht zurück auf die Verbrcchcnslchrc Ltszts • Danach
aufkne s1ch rn emcr iiltcren Arbcit noch crhcb!ich ;,,urückhaltcnder: Die Trcnnun<>von Un-
r?cht und Schuld sci ,,kcin für aUc Zcitcn unvcrrückbar fcststchcndcs Dogma, so~dcrn nur war das Unrecht rcin objektiv zu vcrstchcn: als willkürlichcs Vcrhalten des Ta-
[Link] den Geboten der Suhstrataddquanz und dcr BegríffsOk:onomie untcnw;rfcncr SystenrntÍ·· tcrs zur AuBcnwclt, das cincm Gcbot oder Verbot dcr Rcchtsordnung zuwi-
s,erungsvorschlag, dcr immcr wicder andas jewcils neuc Bild des Strafrcchts angepafh werdcn dcrlauft19. Untcr dcm Titcl dcr Schuld wurdc sodann die ,,subjcktivc Bezic-
muW' (Schiincmann, I~SSchaffstein, S. 168). '
14 hung zwischcn Tat und T:itcr" behandclt 20 • Daraus crgab sich cinc Abgrcnzung
De Figuciredo Dias, Resultatc, S. 362.
15
Vgl. AK-Schild, Vor § 13 Rn. 64 ff.; Freund, AT, §3 Rn. 39; Frisch, Vorsatz, S. 502;
Gonzáles-Rivero, Zurech1_nmg,S. 63 f., 73, 12l, 129 ff.; Griine1.;Ja/d,Tótungsddikt, S. 209 f.;
1(, Vv\ Berna (Grundlinicn, S. 39): Zurcchnen heifk, ,,ctwas Objectives dcm Subject auf
Hoyer, Strafrcchtsdoginauk, S. 83 ff., 88, 100 ff.;Jalwbs, Systcm, S. 16 Fn. 13, 23 f., 60; ders., o·
Handlungsbcgriff, S. 44; ders., ZSt\'(/ 107 (1995), 864; ders., FS Schrcibcr, S. 956; dcrs., FS die Rcchnung schrcibcn".
17 v. J\lmendingen, Darstcllung, S. 27.
Krey, S. 214; ders., RW 2010, 303; Koriath, Grundbgcn, S. 254 ff., 328 f.; Kremer-Bax, Vcrha!-
18 Vorgc ,cichnct ist diese Untcrschcidung bci Lid en (Abha'.1dl:111gcn,
~d. Il, S. 1l O~,des-
tcnsunrccht, S. 187; Lesch, Vcrbrcchcnsbegriff, S. l ff., 198, 2 to ff., 224; ders., Ji\ 2002, 602 ff., 7
sen Systcmatik nach dem Uneil Schroeders(Bcitriigc, S. i 1i) ,,w1eein errnuschcr Block 11l dcr
608 ff.; von dcr_ Linde, Rcchtfcrtigung, S. 137 ff.; Sinn, Straffreistd!ung, S. 244 ff., 271 ff., 287,
294; ders., FS Gicíkn, S. 325 ff.; Voflgdtter, Handlungslchrcn, S.168 ff., 189; T \Y/alter, Kcrn, historischcn Entwicldung [stchtj".
s,.80 ff., 116f.; f!enzikmaski, Normcnthcoric, S. 133 H.;Ródig, FS Lange, S. 39 ff.; Tiedemann, 19 /J1z1, Lchrbuch, S. 110f.
20 Liszt, Lehrbuch, S. 151.
l·S Lcnckncr, S. 423 f.; Zahel, Schuldtypisicrung, S. 235.
260 3. Kapite!: Die \lcrlctwng der strafrechtlichcn Mitwirli!ungspflicht A. Kriminalu11rccht als z11rcchenhar-211stdndigkei1wuidriges Verhalten 261

zwischcn den bcidcn Dcliktsstufcn, die nach dcrn Urtcil Welzcls ,,so ldar und viclmchr ,,nur als \X/erk cines hestimmten Tiiters" 29 • Bcrcits das Rcchtswidrig-
cinfach" crschien, ,,[Link] sich als richtig und sachgemaE nahczu [Link]" 21 . kcits- und nicht erst, wie es dcm klassischcn Systcm cntspricht, das Schuldurteil
Liszt sclbst klcidctc sic in die bckanntc Formcl) wonach ,,in dcm Mcrkmal dcr wcist dcmnach cincn gcnuinen Titcrbc:;,,ug auf. Die Lchrc vom pcrsonalcn Un-
Rechtswidrigkeit [... ]das Unwcrturtcil über die Tat, in dcm dcr Schuldhaftigkeit rccht führtc somit dazu, dag Liszts vcrmcintlich ,,saubcrc Grcnzzíehung zwi-
das übcr den Tatcr licgc" 22 • schcn Unrccht und Schuld" vollcnds vcrwischtwurdc 30 . Dichcutigc Strafrcchts-
,,Allcin diese Vcrbrcchcnskonstruktion crwics sich gcradc nicht als cinc gut wisscnschaft muB dcr aus dcm Systcm Liszts übcrnommcncn Untcrschcidung
funktionicrcnde Maschinc. Etwas Entschcidcndcs war überschcn wordcn: das zwischcn Unrccht und Schuld dcshalb cinc ncuc Fassung gcbcn. Die cntschci-
Vcrbrcchcn ist mehr als die kumulativc Anhaufung klar abgrcnzbarcr cinzclncr dcndc Frage lautct: Gclíngt ihr dics?
Elcmcntc." 23 Dcr sich seit dcr Wcndc vom 19. zum [Link] untcr dcm I·Icrrschend ist scit Wclzcl cinc Aufspaltung des [Link]. Das
EinfluB des Neukantianismus vollziehendc Übergang von der rcin fonnalcn zu Sollcn, an dcm das Verhaltcn des Titers gcrnesscn wird, wird zunachst- auf dcr
eincr materialcn (,,tclcologischen")~ an den Lcitbegriffen des Wcrtcs und des Stufc des Unrcchts - unabhangig von dcssen konkrctcm Künncn bcstimmt.
Zweckcs orienticrtcn Dogrnatik cntzog den Darlegungcn Liszts die Begrün- Erst in eincm zwcitcn Schritt - auf dcr Stufc dcr Schuld - wird dieses konkrctc
dungsbasis. Sollte die Untcrschcidung von Unrccht und Schuld aufrcchtcrhal- [Link] in di; Prüfung cinbczogcn: ,,Ist die Rcchtswidrigkcit das schlichte Un-
tcn werden, so rnufüc jcdcm dicscr bcidcn [Link] cin je eigenstandigcr ma- wcrturtciltdil\ipgchend, daB die Handlung nicht so ist, wic sic dcm Rcchtc gc-
tcrialer Leitgcdanke zugeordnct wcrdcn 24 . I--Icglcr crblickte die Lüsung in dcr mag hittc \'--eiúSollcn, ohnc Rücksicht darauf, ob dcr Titcr dcr Rcchtsfordcrung
Gcgcnüberstellung von Sozialschadlichkcit und Vorwcrfbarkeit: Zurn Unrccht überhaupt hattc nachkommcn kdnnen, so gcht das Unwcrturteil der Schuld
gchürc, was den gesellschaftlichen Intcrcsscn abtdglichcn Charaktcr dcr Tat noch darübcr hinaus und macht dcm Titcr den pcrsünlichcn Vorwurf, daB cr
bccinflussc, zur Schuld, was die Vorwcrfbarkeit dcr Tat gcgcnübcr cincrn be- nicht richtig gchandclt hat, obwohl cr rechtmi:[Link] handcln kdnnen. " 31 Un-
stimmtcn Tatcr bcgründc 25. Unter dcr Herrschaft des dcrart nonnativicrten recht vcrwirkliche dcr Tatcr dcshalb bcrcits dann, wcnn cr sich (in negativer
Schuldbegriffs karn es nicht rnchr darauf an, ,;,vicdie Bezichung des Bcschuldig- Hinsicht) anders vcrhaltc, als es die Rcchtsordnung genercll von jedcrmann in
ten zu sciner Tat realiter wo.r, sondern darauf, wic sic hittc scin sollen. Damit seiner Situation verlange. Ohnc Schuld handclc cr, wcnn es ihm auf Grund pcr-
wurdc das Schuldurtcil objcktivicrt 26 : Dcm Tatcr wurdc zum Vorwurf gc- sünlichcr Dcfizitc irn Zcitpunkt dcr Bcgchung individuell nicht müglich sci,
macht, daG scinc Willcnsbildung und Willcnsbctatigung nicht dcr Willcnsbil- den Anfordcrungcn dcr Rccbtsordnung zu gcnügcn 32 ,
dung und Willensbctitigung dcr in dcr cinschlagigen Norm vorausgcsctztcn
Magstabsperson entsprochcn hatte 27 ; ,,übcr den Tatcr selbst wird damit níchts 29
Wehel, Strafrccht, S. 62.
gcsagt" 28 . JO Dics bcklagt etwa \Yliátenberger, Situation, S. 52.
31 Welul, Bild, S. 28. -Ebcnso zuvor bcrcits v. \'Ccber, Aufbau, S. ll.
Mit dcr Lchre vom pcrsonalcn Unrccht wurdc sodann auch dcr von den
32 SK-Giinther, Vor §32 Rn. 9. -Ahn!ich LK·-Hinch11, Vor §32 Rn.182; ders., ZStW 94
Neukantianern noch bcibehaltcncn Objcktivicrung des Unrcchtsbcgriffs dcr
(1982), 267,277; ders., FS Otto, S.319f., 326ff.; S/S·-Lenckner/Eise!e, Vor §§ 13ff. Rn.12;
Bodcn cntzogen. In den Wortcn Wclzcls, des Bcgründcrs jcncr Lchrc, erschüpft SSW-Kudlich, Vor §§ 13H. Rn.4, 72;]eschcch!Weigend, AT, §391 i (S.425); Maurach/GOS-
sich das Unrccht nicht in der ,,von dcr Tatcrpcrson inhaltlicb abgelüstc[n] Er- sel!Zipf, AT 2, § 43 Rn. 2 ff.; GOSsel,FS Bcngl, S. 29; Wessels!Beulke, AT, Rn. 394; nonatsch,
folgsvcrursachung ([Link]ütcrvcrlctzung)"; rcchtswidrig sci die Handlung Sorgf altsbcmcssung, S. 36; lf Ornle,Unwcrturtcil, S. 117 f.; Kelker, Legitimitat, S. 395; Kohler,
Fahrliissigkeit, S. 333; Reyes, ZStW 105 (l993), l20 f.; E. A Wlolff, Handlungsbegriff, S. 31 ff.;
den., GS Radbruch, S. 298 ff. - Kritisch Hassemer, Rcchtfcnigung, S. 201 ff. -Eincn bckann-
21 \Y/clul, JuS 1%6, 422. tcn Anwcndungsfall dicser Untcrschcidung bictct die von dcr hcrrschcndcn Fahrliissigkcits-
22 Lisxt, Lchrbuch, S. 111. dogmatik [Link] [Link]-igc [Link] cines Sorgfaltsverstoíks: Inncrhalb des Un-
23 GOsse/,FS Bcngl, S. 24. rechtstatbcstandcs sei die Aufkraclnlassung dcr objcktiv erfordcrlichcn Sorgfalt fcstzustcl-
J.·I Achenbach, Grundlagcn, S. 104. lcn, wahrcnd im Bercich dcr Schuld [Link] t wcrdcn [Link], ob dcr Tiitcr nach dcm MaB scincs
25 Heglcr,ZStW 36 (1915), 28 ff, 184 ff. individucllcn Künncns ;,_ur [Link] dcr objcklivcn Sorgfaltsanfordcrungcn fohig gcwcscn
u, Haft, AT, S.118f.;Jalwbs, ZStW 107 (1995), 866; Lesch,JA 2002, 605; Perron, Rccht- sci (wcgwciscnd Engisch, MSchrKrim 29 l1938_), 143; Wlelzel, Abhandlungcn, S. 340; fcrncr
fcrtigung, S. 60 f. Lackner/Kiihl, § 15 Rn. 37, 49; Kühl, AT, § 17 Rn. 29 f.; S/S-Cramer!Sternherg-Lieben, § 15
27 J--Icmigc Vertrctcr dicscr Position: SK-Rudolphi, Vor § 19 Rn. l; SIS-Lenckner/Eisele, Rn. 133 ff.; 1--Ioffmann-Holland, AT, Rn, 824, 833;Jeschcck/\'{/eigend, AT, § 54 I 3 [S. 564 f.];
Vorbcm. §§ 13 ff. Rn. 110;Ebert, AT, S. 95; Bringewat, Grundbcgriffc, Rn. 557;]escheck!Wei- l<ó'h!er,AT, S.184; lúcy/Esser, AT, Rn.1339ff.; Rengier, AT, §52 Rn. l4f.; Roxin, AT l, §24
gend, AT, § 37 I 2 b (S. 411); § 39111 (S. 427 ff.); Maurach!Zipf, AT 1, § 36 Rn. 18; Stratenwerrhl Rn. 57 ff.; \llesselsl Beulke, AT, Rn. 658; Burgstaller, Fahrliissigkcitsdclikt, S. 32 ff.; Donatsch,
Kuhlen, AT, § lO Rn. 4. Sorgfaltsbcmcssung, S. 234 f.; Kaminski, MaBstab, S. 82 ff.; l---Jerzberg, Jura 1984, 410; Hirsch,
28 Engisch, MSchrKrim 23 (1932), 422. ZStW 94 [1982], 269ff.; ders., Stcllung, S. 52; ders., l'S l,ampc, S. 524 ff.; ders., FS Otto, S. 320;
262 3, Kapitel: Die Verletzung dcr strafrechtlichen [Link] A. Kriminalumecht als [Link]-zustiindigkeit.s<uidrigcs Verhaltcn 263

Vcrbrcitct wcrdcn dcm Unrcchts- und dcm Schuldurtcil darüber hinaus auch die Aufspaltung des SollcnsrnaEstabes auf zwei separatc Bcurtcilungsstufcn in
untcrschicdlichc normtheoretische Funktionen zugeordnct. Das Rcchtswidrig- Hruschkas Untcrschcidung zwischcn eincr Zurccbnung crstcr Stufc, in Anlch-
kcitsurtcil knüpfc an die ,,WcrtmaBstiibc sctzcndc Rolle dcr Norm" an, das nung an die Zurcchnungslchrc eles [Link] auch imputa.tío facti gc-
Schuldurtcil hingcgcn an ihrc Funktion, die Rcchtsgcnosscn zu dcm vorgc- nannt, und cincr Zurcchnung zwcitcr Stufc, dcr sogcnanntcn imputalio iuris 3'1•
schricbcncn Vcrhaltcn zu motivicrcn 33 . Einc bcsondcrs subtilc Fassung findct Die Zurccbnung crstcr Stufc bcsagt danach, daE das in Rede stcbcndc Gcscbc-
hcn vom Urtcilcndcn nicht cinfach als ein physikalischer Vorgang gcdcutct
Kretschmer,Jura 2000, 272; Schiinemann, FS Schaffstcin, S. 162 ff.; dcrs.,]A 1975, 513 ff.). Un- wcrde, sondcrn als cin factum, cinc Tat. Dazu sei es crforderlich, abcr auch aus-
rccht dcfinicrt sich danach ,,nicht mchr als Vcrlctzung von Bcstimmungsnormcn durch cin rcichcnd, daí1dcr [Link] zu scincrn Vcrhaltcn cinc Altcrnativc gehabt habc 35 . Aus
individucll vcnncidbarcs Verhalten, sondcrn als Abwcichung des Ist-Zustandcs des Tatcrs
vom Soll-Zustand der objcktivcn Bcwcrtungsordnung" (trcffcnd Renúkoswki, Tiitcrbcgriff, dcr Anwcndung dcr rcchtlichcn Vcrhaltcnsrcgcln auf die so konstituicrtc Tat,
S. 245). Die Gcgcnauffassung plac\icrt im Namcn cines konscqucnt durchgcführtcn persona- dcr applicaúo legis ad factum, ergcbc sich, ob sic rechtrn8.füg odcr rcchtswidrig
len Unrccbtsbcgriffs für cinc cinstufig-individualisicrcndc Prüfung im Rahmcn des Tatbc- gcwescn sci36 . Dicscr Prüfung schlicfk sich die Zurcchnung zweiter Stufc an,
standcs (1--IK-GS-Duttgc, § 15 Rn. 28 ff.; MK.-Duttgc, § 15 Rn. 94 ff., 104; ders., Bcstimmthcit, die sich auf die Motive des Titcrs bezichc und cin Urtcil übcr scinc Schuld an
S. 102 ff.;dcrs.,FS Maiwald, S. 149;MK.-Frcund, Vor§§ 13 [Link]. 164f.; ders., AT,§5 Rn. 22 ff.;
dcrs., FS Küpcr, S. 69ff.; ders., FS Maiwald, S. 213; SK.-Hoye1~ Anh. zu § 16 Rn. 17 ff.; SSW- dcr rcchtswidrigcn Tat crm0glichc 37• Dcr LOsung J-·-Iruschkasstcht irn Ergcbnis
Momsen, § 15 Rn. 16, 64; Frister, AT, § 12 Rn. 5 ff.; Gropp, AT, § 12 Rn. 82 ff.; ]akobs, AT, Kindhauscrs von dcm Phílosophcn Harry Frankfurt inspiricrtcs Modcll gc-
9/5 f., 13; dcrs., Studicn, S. 69; I<indhduser, AT, §33 Rn. 49 ff.; ders., GA 2007, 459ff.; Man- stuftcr Titcrintcntioncn nahe 38 . Einc Unrccht gcnanntc Pflichtvcrlctzung bc-
rach!GOsscl!Zipf, AT 2, §43 Rn. ltüff.; GOsseL,FS Bcngl, S. 35 f.; Otto, AT, § JORn. 14; Stra- geht demnach, wcr cinen Tatbcstand durch cinc intcntionalc Handlung vcr-
tenwerth/Kuhlcn, AT, § 15 Rn. 12 ff.; Stratenwcrth, FS Jcschcck, S. 285 ff.; Rurchard, Irrcn,
S. 240 ff.; CastaLdo, Intclligcre, S. 77 ff.; ders., GA 1993, 495 ff.; P. Frisch, Fahrliissigkcitsdclikt, wirklicht, obwohl cr bci hypothctisch vorausgcsctztcr rcchtstrcucr Motivation
S. 80 ff.; Frisch, Straftat, S. 194; Haas, Kausalitiit, S. 9 l ff .; /-lelmert, Straftatbegriff, S. 273 f.; in dcr Lage gcwcscn warc, die Intention zur Vermcidung dcr Tatbcstandsver-
Krcmer-Bax, Vcrhaltensunrccht, S. 59 ff.; Lcsch, Verbrechcnsbcgriff, S: 234 f., 239; Moas, FS wirklichung zu bildcn und zu rcalisicrcn. Auf dcr Ebcnc der Schuld gche es
Burgstallcr, S. 114ff.; Rcnzikowski, Tatcrbegriff, S. 24 l ff.; Sa11er,Fahrliissigkcitsdogmatik, dcmgegenúI)cr um die Gründc, ,,wclche auch hinsichtlich cines rechtstrcucn
S. 57ff., 85 ff.; Wiescler, Sorgfaltspflichtmafsstab, S.163; Weigcnd, FS GOsscl, S. 143). Dicser
Ansicht wirft die l1crncl1cndc Meinung - von ihrem Ausgangspunkt her wcnig überrnschcnd NorrnaU.r_9'btcn die Erwartung cntfallcn lasscn, cr wcrdc [... ] das Gcsolltc als
- cinc Konfundicrung der Untcrschcidung zwischcn Unrecht und Schuld vor (grundlcgcnd Gewolltcs zu scincrn Motiv rnachcn" 39 •
Schiincmann, FS Schaffstcin, S. 162 ff.; ders., Ji\ 1975, 513, 516; cbcnso Kaminski, Mafsstab, Die Bcgründungskraft dicscr Position ist indes cinc beschranktc. Bci Licbtc
S. 82; Kamps, i\rbcitstcilung, S. 64; KuhLcn, Fragcn, S. 85 f.; Hirsch,ZStW 94 f.1982],269 f.). bcschen, crschüpft sic sich in dcr Thcsc, dafl man zwischcn cincm kónncnsun-
Dicscr Vorwurf hiilt sic allcrdings nicht davon ab, Sonderkcnntnissc bzw. Sondcrfahigkcitcn
des Tiiters bcrcits auf dcr Unrcchtscbcnc :.'.U berücksichtigcn (vgl. nur S/S-Cramcr/Sternhcrg- abhingig und eincm künnensabhangig bcstirnmtcn Sol len bzw., in dcr Tcrmi-
Liebcn, § 15 Rn.138ff.; /-Ioffmann-!lolland, AT, Rn.824;]eschecle!Wcigcnd, AT, §55 I 2 b nologic Hruschkas, zwischcn zwci Zurechnungsstufcn untcrschcidcn müssc,
[S. 579]; Kühler, AT, S. 184; Krey/Esser, AT, Rn. 1349; Rengicr, AT, § 52 Rn. 20f.; Roxin, i\T
1, §24 Rn. 61 f.; Wessels!Beulke, AT, Rn. 670; Kaminski, Mafsstab, S. 86 f.; Greco, ZStW l t7
[2005], 542 f., 550; Herzberg, Jura 1984, 410; Hirsch, ZStW 94 [1982), 274; ders., FS Lampe, [Link] nachvollzichbarcs Infonnationsintercssc dcr [Link] bcstcht in drcierlci I-linsicht: (1) im
S. 528; Kretschmcr, Jura 2000, 272; .Munnann, PS Hcrzbcrg, S. 125 ff.). Sic vcrfahrt inso- Hinblick auf den Inhalt dcr cinsch!agigcn Vcrhaltcnsnorm; (2) in bczug auf die Vorausset-
wcit also gcnauso ·¡vic die von ihr zuvor gcrügtc Gcgcnauffassung (treffcndc Kritik an dcr zungcn, bci dcrcn [Link]!ung das cigcnc Vcrha!tcn als [Link] bcurtcilt wcrdcn würdc; (3)
Systernwidrigkcit dieses Vorgchcns bci I--IK~GS-Duttgc, § 15 Rn. 29; Casta/do, GA 1995, 504; hinsichtlich dcr Vorausscvungen, untcr dcncn cin Vcrhaltcn als rechts,vidrigcr und dcshalb
Freund, .FS Küpcr, S. 72; Kremer-Bax, Vcrlrnltcnsunrccht, S. 111, 120 f.; Wieseler, Sorgfalts- pcr Norwchr abzuwchrcndcr Angriff auf eincn frcmdcn Rcchtskrcis gilt. Keinc dícscr Fra-
pflichtvcrlctzung, S. 125 f.; Strnensee, JZ 1987, 53). gcstcllungcn be;,,icht sich (odcr liiuft in ihrcm sachlichcn Ergebnís hinaus) auf das ,,Unrccln"
.n Excmp!arisch SK-Günther, Vor § 32 Rn. 15 f.; Bocke/mann, Aufsarzc, S. 212; Engisch, im Sinnc dcr hcrkümmlichcn A!lgcmcincn Vcrbrcchcnslchre.
Untcrsuchungcn, S. 476 f.; Furgcr, Unrcchtsbcwufüscin, S. 122 ff.; [Link] Kaufmann, Un·· 34 Zusarnmcnfosscnd !lmschka, Reclmthcoric 22 (1991), 451 ff. - Ebenso foerden, Struk-
rcchtsbcwufhscin, S. !38 f.; Lippold, Rcchtslchrc, S. 372,393 f.; GalLas, FS Bockclmann, S. 158. turcn, S.31 ff.; ders., Logik, S.263; Renúkowski, Notstand, S.151 ff.; Sá~cha-Ostiz, FS
-Die Untcrschcidung ;,,wischcn der unrcchtsbczogcnen Bcwcrtungs- und dcr schuldbczogc- Hruschka, S. 670 ff.
ncn Bcstimmungsnorm gcht [Link] auf Mezger (GS 89 [1924], 245) und ist bcrcits von scincn -~5 Hrnschb, Rcchtsthcoric 22 (1991), 452.
36 Hnrschka, Rcchtsthcoric 22 (1991), 453.
wisscnschaftlichcn Zcitgcnosscn vcrbrcitct aufgcgriffcn worden (vgl. ctwa 1-Ieinitz, Problcm,
37 f!ruschh,a, Rcchtsthcoric 22 (1991), 455.
S.12 ff.; Schwingc!Zimmcrl, Wescnsschau, S. 35; Wcgncr, Unrccht, S. 59 f.).-In dcr aktucllcn
Diskussion übcr die Bcrcchtigung einer cigcnstfodigen Ddiktsstufc des Unrcchts gchOrt 38 Kindhduser, Gcfohrdung, S. 34 f., 44 ff.; dcrs., GJ\ 1990, 415; den., Logik, S. 86 ff.; ders.,

:;;uden Hauptargumcntcn dcr Vcrtcidigcr dcr Vcrwcis auf die Aufgabc des Unrcchtsurtcils, FS Eser, S. 351 ff.; ders., 1:5 Hollerbach, S. 642; ders., FS Hruschka, S. 527; ders., GA 2007,
den [Link] ,,cincn Oricntierungspunkt für gcncrcll vcrbotcncs Vcrhaltcn" ::.',urVcrfügung 456 f.; ders., FS Puppc, S. 54 f., 61 f.-Ebenso Mai'ialich, NOtigung, S. 48 f.; Tocpel, Kausalitiit,
zu stcllcn (Poppe, Akzcssorictat, S. 253; cbcnso Greco, GA 2009, 688 f.; Laos, FS Maiwald, S. 21 ff.; Vogel, Norm, S. 70.
39 Kindhdttscr, FS I Iollerbach, S. 642.
S. 479 f.; Roxin, GA 20ll, 693). Diese Erwiigung crrcicht ihr Bcgründungszicl jcdoch nicht.
264 3. Kapitel: Die Vedetnmg der strafrechtlichcn Mit1;;irlwngspflich1 A. Kriminalrmrecht als zurcchenhar-zustdndigkcirs~;?idriges \lerha!tcn 265
wenn man trotz der Norrnativierung des Schuld- und der Pcrsonalisicrung des [Link] sucht die Antwort in cincm Schichtenmodcll der menscblichcn Pcr-
Unrechtsbcgríffs an der Unrecht-Schu\d-Unterscheidung fcsthalten wolle 40 . sOnlichkcit, das cr dcr Philosophischcn Anthropologic seincr Zcit cntlchnt. Da-
Unbeantwortet blcibt indcs die socbcn aufgeworfcnc Grundfragc: \Kleshalbsol! nach sind mehrcre Stufcn der Wirklichkeit zu untcrschcidcn, Übcr dcm kausal
an dicser Untcrschcidung fcstgehaltcn werdcn? 41 Konstruktiv denkbar wire es bcstimmtcn Geschchen erhcbc sich das Finalgcschchen. Hicr kommc der Mcnsch
nimlich auch, das Sollen von vornherein kónncnsabhingig zu bcstimmcn bzw. a\s handelndcs Wescn in den Blick, das scin Tun zwcckbcwur.t zu stcucrn vcr-
sdmthche frciheitsbccintrichtigcndcn Faktorcn ím Rahmcn cincr einheitlichen müge45 und dadurch das Kausalgcschchcn übcrforrnc und beherrschc 46 . Wiedcr
Zurcchnungsprüfung abzuhandcln und die applicatio legis a,dfactum sodann cinc Stufe darübcr sci dcr pcrsoncll-gcistige Bercich anzusctzcn. Hicr wcrde dcr
auf die so konstítuierte T'at zu beziehcn. Dcr Urnstand, daB diese altcrnativen Mcnsch in scincr Eigenschaft als Zuchtwescn gcfordcrt, clcm es obliege, seinc
Müglichkciten nicht in Betracht gezogcn wcrden, zcigt, daB in den gcnanntcn Handlungen nicht nur zwcclonafüg (final) zu dirigieren, sondcrn auch ihrc Vor-
Modcllcn die Abhcbung dcr Bewertungsstufc des Unrechts von dcrjcnigcn der nahmc ocler Nichtvornahmc nach Wert und Unwcrt sinnvoll zu bcstimmen 47 •
Schuld jcwcils vorausgesetzt und konstruktív vcrarbeitct, nicht aber cigcns be- ,,[Den] bciden anthropologischen Wcscnsbestirnmungen des Mcnschcn als han-
grü.ndet wird. dclndcn und antricbsformiercndcn Wcscns" cntílid~cn Wclzcl zufolgc unmittcl-
Das Glcichc gilt für die Untcrscbciclung zwischen clcr Bewertungs- und clcr bar die ,,rcchtlichcn Hauptkritcricn von Rechtswidrigkcit und Schuld" 4 8_ Auf
Bcstimmungsfunktion von Norrncn. Bcwertungs- und Bcstimmungsnorm un- der Stufc des Unrechts kommc es lediglich auf die Fihigkcit des Menscben zur
terscheiden sich zwar durch den untcrschiedlichcn Modus des nonnativcn Ope- Handlungsstcucrung, d.b. zur Umsctzung bcstirnmter Willcnsimpulsc an. Die
rators. Die inhaltliche Normaussagc hingcgen kann dicsclbe sein, glcichgültig ob ErOrtcrung dcr Antricbssteuerung, also der Willcnsbilclung des Titcrs, sci dcr
sic in das Gcwand ciner Bcwcrtungs- odcr in das cíncr Bcstimmungsnorm gc- Schuldprüfung vorbchaltcn 49•
klcidct wird 42 • Dcshalb ist es ausgcschlosscn, aus dcr nonntheoretischcn Müg- Die Elcganz von Wclzcls Gcdankenführung wirkt auf den crsten Blick bc-
lichkeit, zwischcn Bewertungs- und Bcstimmungsnormcn zu untcrschcidcn, cin stcchcnd. Bci naherem Zusehen wachscn jedoch die Bedcnken. Wcshalb soll
Argumcnt zugunsten ciner inhaltlichcn Vcrsclbstindigung eles Unrcchtsurtcils jcdcr dc1· von Wclzcl untcrschicclcnen PcrsOnlichkcitsschichtcn cinc cigcnc
gcgenübcr dem Schuldurtcil zu gcwinnen 43 . Die Untcrschcidung zwischcn Be- Vcrbreclicnsstufo korrcspondicrcn? Wclzcl lüf?.tkcincn Zwcifcl daran, dag das
wcrtungs- und Bcstimnnmgsnormcn ist allcnfalls dazu imstandc, die Unrccht- Essent:iale d-C-S"<f'1cnschcndcr pcrsoncll-geistigc Bcrcich ist. Nur das Zucht-
Schuld-Diffcrcnzicrung normtheoretisch umzusetzen 44,nicht abcr dazu, sic al- wcsen Mc,i'scb ·kommc als ,,Trigcr síttlicher Vcrantwortung" in Fragc 5º; dcr
lcrcrst zu begründen. Die Fragc, wcshalb es inhaltlich geboten sci, die Katcgorie Abbau an Vcrantwonlichkcit bcdeute zuglcich den Abbau an Mcnschlichkcit,
des Unrechts zu versclbstincligcn, blcibt somit offen. wodurch dcr Mcnsch ,,zu untcrmcnschlichcm D,1scin hcrabsinkt" 51 . Die Fi-
higkcit zur Handlungsstcucrung - cinc, wic Wclzcl sclbst bctont, vornchm-
0
~ In scincr bislang lct:,.tcn Stcllungnahmc zu dicscr Thcmatik bctont Kindhiiuscr, ,,dass lich tcchnische Fcrtigkcit 52 - markicrt dcmnach lecliglich cinc Vorstufe des
sich Umecht jcdcnfalls logisch unabhiingig von dcr Schuld des konkrctcn Tiücrs bcstimmcn
lasst" (l(indhduser, GA 2007, 456 Fn. 32). Dics wird vorlicgcnd nicht in Abrcdc gcstcl!t. Bc-
Mcnschlichcn. Den Handlungsbegriff auf diese Fahigkcit zu rcduzicrcn, íst
strincn wil'd lcdiglich, daR es axiologisch gcbotcn ist, von dicscr logischen MOglichkcit Gc- dcshalb nach Wclzcls cigcncn Katcgoricn nicht wcnigcr naturalistisch als die
brauch zu machen. Auffassung scincr von ihm wegcn ihrcs Naturalismus gescholtcncn VorgJngcr
41
I--IOrnlc macht gcltend, daG. mit dcm Unrcchtsurtcil immcrhin das ,,/\usmag dcr Ta- Liszt, Radbruch und Beling 53;und das ,,pcrsonalc Unrccht" im Sinnc Wclzcls
ddnswcnigkcit [... ] dcr abwurtcilcndcn Tat" fcstgcstcllt und damit dcr nachfolgcnden
Schuldprí.ifung dcr crfordcrlichc sachlichc Bczugspunkt vcrschafft ,verde (I-lórnle, Un-
15
·wcrturtcil, S.108). Diese Formulicrung ist abcr zumindcst miRvcrstandlich. Sic übcrspich · Welul, i\bh,1ndhmgcn, S. 190.
den Umsta11d, daR Adrcssat cines Tadcls - 1,umal unrcr dcr Hcrrschaft dcr Lchrc vom pcrso- ·U, Welzel, Strafrccht, S. 33.
7
nalcn Unrccht- nicmals cinc Tat, sondcrn irn111crnur dcrcn Tiitcr scin kann. \Vcshalb dann ~ Welze!, Abhandlungcn, S. 190.
18
abcr das eine Urtcil í.ibcr den Tiitcr auf z·wci Bcurrcilungsstufcn vcrtcilcn? · Welzel, i\bhandlungcn, S.190.
42 Burchard, Irrcn, S. 149 Fn. 78; Armin Kaufmann, Lcbcndigcs, S. 75 ff., 281; A,·thur 49
\Velzel, Abhandlungcn, S. 129 ff., 153 ff.; dcrs., JuS 1%6, 421,423.
/(aufmann, UnrcchtsbcwuRtscin, S. 139; Kindhduser, Gcfahrdung, S. 58; Langer, Sondcr- so Vgl. \Y/du/, Abhandlungcn, S. l90.
straftat, S. 64; Rcnúkowski, 1\itcrbcgriff, S. 238 f.; \!ogel, Norm, S. 46; Engisch, MSchrKrim 51
[Link],Abhandlungcn, S. 206.
52
23 (1932), 424; dcrs., FS DJT, S. 423; Goldschmidt, FC hank, Bel. I, S. 437; Schaffstein, ZSt\'V Welzel, 1\bhand!ungcn, S. 355.
5
57 (1937), 312 f.-Ahnlich van der Linde, Rcchtfcrtigung, S. 148; 5,'child,Mcrkrnalc, S. 40. .1 Den bcschrfoktcn /\ussagcgchalt dcr pcrsonalcn Unrcchtslchrc hcbt Hirsch (7:St\XI94
3 Zutrcffcnd Langer, S011dcrstraftat, S. 65 f.
,1 [1982], 268) sogar ausdrücklich hervor: Dcr rhcorctischc J\usgangspunkt dicscr Lchrc ,,bc-
44
Sclbst di<'s ist frcilich zwcifclhaf t, wic v. Gemmingen ([Link], S. 31) bctcits sagt für sich allcin nur, daR die vcrhotcnc Handlung nicht auf cincn lcdiglích gcwillkürtcn,
1931 darlcgtc. durch cincn bclicbigcn Willcnsimpul,; ausgclóstcn Kausalvorgang 7.u rcduzicrcn ist, wic clics
266 3. Kt1pitef: Die \lerlet:wng der stmfrechtlíchcn Mitwirleungspfiicht A. lúimi11al1mrecht als í'.11rechenhar-%ustrindighei1swidriges\lerhaltcn 267

ist dcmnach nichts wcitcr als das Fchlvcrhaltcn cines tcchnisch kompctcntcn \XlclzclsVcrsuch, die Lisztsche Trcnnung zwischen Unrecht und Schuld mit
Naturwescns 54• dcr Nach-Listzschcn Entwicklung dcr Strafrcchtsdogmatik zu versOhncn, muG
Ein derartigcs ,,Unrccht" zu cincr cigencn Dclíktsstufc aufzuwcrtcn, ist vor somít als geschcitcrt angcschcn wcrdcn - und zwar nicht aus irgcndwclchen
dem I--Iintcrgrund eincr dczidicrt antinaturalistischen Verbrcchcnslchrc wc- externcn Gründcn, sondern aufgrund von \Xlclzcls cigcncn Pramissen. Mchr
nig übcrzcugend 55.Für cinc Konzeption, die den Bercich des gcnuin Mcnsch- noch: Konscquent durchgcführt, lcgcn diese vielmchr cine Position nahe, die
lichcn erst mít dcr Stufe des Pcrsoncll-Geistígen errcicht sícht, licgt es wcitaus Hardwig in dcr Blütczcit des Finalismus - und dcshalb nahczu unbcachtct- in
niiher, sdmtliche strafrcchtlichcn Grundbcgriffc von dcr Kategoric des Gcistcs die Formcl von dcr wcchsclseitigcn Bccinflussung von Unrccht und Schuld gc-
her zu entwickeln. Zu handcln hcifü dann nicht lcdiglích: Kausalbczichungen klcidct hat 58: die Aufgabc dcr Unrccht-Schuld-Trennung und ihre Ersctzung
zwcckhaft zu übcrformcn, sondcrn: zu den Anfordcrungcn dcr Rcchtsordnung durch cinen urnfassendcn Bcgriff des Krimínalunrcchts.
Stcllung zu nchrnen, d.h. cinc frciverantwortlichc Entschcidung übcr die Bcfol-
gungswürdigkeit der Rcchtsnormen zu treffcn. Dics gilt umso mchr, als Welzcl 2. Die Rechtsste!lung des Unrechtleidenden
die Aufgabc des Strafrechts gcrade nicht im Schutz konkrctcr cinzclncr Rcchts-
,,Erfundcn" hat die Katcgoric des schuld!oscn Unrcchts nicbt Lis:tt, sondern
güter crblickt, sondcrn darin, ,,durch Strafdrohung und Strafe für den wirklich
Jhcring. Die Argumcntation, die dicser in sciner Abhandlung Das [Link]-
bctiitigtcn Abfall von den Grundwcrtcn rechtlichen Handelns die unvcrbrüch-
ment hn rOmischen Privatrecht vortrug, war von bcstrickcndcr Einfachhcit: Ein
lichc Gcltung dícscr Aktwcrtc sichcrzustcllcn" 56 . Der Abfall von cincr Nonncn-
Eigcntümcr kOnnc Ansprüche nicht nur gcgen dcnjenigen gcltcnd machen, dcm
ordnung und cbcnso scin Gcgcnbcgriff, die Bcfolgung dcr bctreffendcn Ord-
cr- wie etwa dcm Dicb - cinc bcwufüc und vcrschuldctc Rechtskrankung vor-
nung, sctzcn die Fahigkeit zum Verstandnis nonnativer Sinngehalte voraus. Ein
wcrfe, sondern auch gcgcn dcnjcnigcn, in dcsscn Pcrson lcdiglich ein unrccht-
um diese Fahigkeit kupicrtcr Handlungs- und Unrcchtsbcgriff ist im Hinblick
mafügcr sachlichcr Zustand gcgebcn sei; so vcrhaltc es sich beispicls-wcisc mit
auf die von Wclzcl vorausgcsctzte Aufgabc des Strafrcchts irrclcvant 57 .
dem gutglaubigcn Bcsitzer cincr dcm Klagcr gchürcndcn Sache 59 . Wcil es in
beiden Fillcn um die ,,Vcrwirklichung cines Rechts des Klagcrs" gche, sci die
dcr vollcn Ausübyng dieses Rechts cntgcgenstchcndc Sachlagc in bciden Fallen
als Unrecht zu bhzeifhnen 60 .
die kausalc Unrcchtslchrc vcrtrctcn hat, sondcrn daG dcr Inhalt des Handlungswillcns bci dcr '·- --J
Bcstirnmung dcr vcrbotcncn I-landlung Bcrücksichtigung findcn muG". Unrccht ist naclí Jhcrings Vcrstandnis also Zustands-, allgcmciner gespro-
5·1 Ebcnso KOhler, AT, S. 125; ders., Fahrliissigkcit, S. 300; Bastelberger, Lcgitimitiit, S. 23;
chcn: Erfolgsunrccht. Gcgcn die Lehrc vorn Erfolgsunrccht wird cingewandt,
Cancio Meliá, GA 1995, 187; Frisch, Straftat, S. 168;jakohs, Handlungsbcgriff, S. 27 ff.; ders., sic vcrkcnne das Vcrhiiltnis cvaluativcr 7,u praskriptivcn Aussagcn. Aus dcr
FS Schrciber, S. 951 f.; dcrs., Zurechnung, S. 63 f.; Kt1hlo, Handlungsform, S. 37 ff., 51 f.; Ko-
riath,.Jura 1996, 119,123; Lampe, Unrcchc, S. 193; Méhofer, ZSt\Xf 70 (1958), 168 ff.;ders., 1-'S
cvaluativen Aussagc ,,Dcr Zustand, dail das Hindcrnis dort vorne stcbt, ist
Eb. Schmidt, S.160ff.; Michaefowa, Bcgriff, S.38, 55; Sínn, Straffrcistellung, S.263; Rath, schlccht" allcin lasse sich nicht ablcitcn, dail cinc bestimmte Pcrson das Hindcr-
Rcchtfcrtigungsclcment, S. 368; Reyes, ZStW 105 (1993), 114 f.; Schiid, GA 1995, 104 f.; ders., nis cntfcrncn sollc6 1• So richtig diese Erwiigung ist, die ArgumentationJhcrings
GA 1999, 106; E. A. \Y/olff,I--Iandlungsbcgriff, S. 13; ders., GS Radbruch, S. 294; ders., FS Gal- wird durch sic nicht gctroffen; dcnn danach vcrdícnt cin Zustand die Bczcich-
las, S. 212; Zahe/, Schuldtypisierung, S. 203 ff.; '[Link], Vorsatz, S. 137; iihnlich 01 to, ZSt\\!
87 (1975), 560f., 574.
nung als unrcchtmiiilig nur, wcil une\ insofcrn er von dcm dadurch Bccintrach-
ss A. A. Hirsch, ZSt\Xf 94 (1982), 277 f. - Wic hicr dagegcn Schmidhdmer, AT, 7/42; En- tigten nicht gcduldct zu wcrdcn braucht. Die eigentlich cntschcidcnde Fragc ist
derle, Blankettstrafgesctzc, S. 302,344; Frisch, Straftat, S. 168; 1-Irn, Doppclindividualisie- cinc anderc: Inwicfern kann der Unrcchtsbegriff, den Jhcring aus der Pcrspek-
rung, S. 136f.;Jakohs, FS Schreiber, S. 954; Kmúth, Grundlagen, S. 303 f.; ders., Jura 1996, tivc des hauptsiichlich an ciner stabilcn Elgcntumsordnung interessicrtcn Zi-
262; Lampe, Unrecht, S. 105 f.; Lesch, VcrbrcchensbcgriH, S. 1, 222 f.; Lippold, Rechtslehre,
S. 396 f.; Michaciowa, Hcgriff, S. 36 ff., 55; Mir Puig, ZStW !08 (1996), 761; Schifd, Merkmalc,
vilrechts entwickcltc, auch im Bereich des Strafrcchts Gcltung bcanspruchcn?
S. 69 f.; ders., GA 1999, 104 ff.; Sinn, Straffrcistcllung, S. 262; ZabcL,GA 2008, 40; grundsiitz- Jhering sclbst vcrstand seinc Übcrlcgungcn als Bcitrag zu dcm rcchtsthco-
lich auch Ziegert, Vorsatz, S. 132. -Der f rühe \'>;rclzelhat diese Konsequcnz für die unbcwugtc rctischcn Allgcmcinbcgriff des Unrcchts(' 2• Dcm schlossen sich in der Folge-
Fahrlassigkeit dcnn auch ausdrücklich nicht gczogen (darauf weist auchjaleobs,FS Schreibcr,
S. 952 hin). [Link] sic crkennt er viclmchr an, dag Unrccht und Schuld umrcnnbar zusammcn-
58
fielcn, es also kcin schuldloscs Unrecht gcbe (\'f/elzel, Abhand!ungen, S. 180 f.). I-lardwig, ZStW 68 (1956), 31.
s<, We/zef, Strafrecht, S. 2. 59
]hering, Schu!dmomcnt, S. 4.
~7 Dcr Vorwurf des Wclzcl-Schülcrs Stratcnwerth, ein Deutungsschema, das die Grcnzc 60
]hering, Schu!dmorncnt, S. 5.
;,.wischcn Natur und Sinn erst bei vcrantwonlichcm statt bei mcnsch!ichcm Verhaltcn ziehc, 61
Schuhr, Rcclnsdogrnatik, S. 8 l.
sci ,,einscilig" (Stratenwerth, FS Jakobs, S. 669), fa!lt insofcrn auf seinen Urheber zurück. (,2 Achenbt1ch, Grund!agen, S. 26.
A. !(rimina/11m·echt afs ;,,urechcnbar-zustdndigkeitH;;idriges Verhalten 269
268 3. Kapitel: Die Vcrlet;,,ung dcr [Link]!ichcn [Link]ícht

zcit cinc Rcihc strafrcchtlíchcr Autorcn an, die Jhcrings Erwagungcn in den griffc bzw. anderwcítigc Gcfahrdungcn abztnvehren und so cinc ansonstcn
strafrcchtlichcn Systcmaufbau zu intcgricrcn suchtcn 6 3. Diese Bcmühungcn drohcndc Rcchtsgutbccintráchtigung zu verhindern; sic sctzcn nicht voraus,
kulminicrtcn in dcr ncukantianischcn Dcutung dcr Rcchtswidrigkcit als So- daB dcr Urhcbcr dcr Gcfahrdung schuldhaft handclt73 Die MaGrcgclndcr Ilcs-
zialschadlichkcitc,4, die sich in cincr vom Rcchtsgutinhabcr nicht zu duldcn- scrung und Sicherung stcllen dcr Sache nach ,,besondcrc Instrumente dcr Gc-
dcn Rcchtsgutbccintrichtigung manifcstícrc. Ihrc maí[Link] Formulicrung fahrcnabwehr mit sozialrcchtlichern Einschlag" 74 dar: ,,Die [Link] cincr
fand diese Position bci Mczgcr 6 [Link] cincr ,,klarcn, rncthodisch einwandfrcien MaGregcl wcist den Angck!agtcn als ein für die Gescllschaft gcfahrlíchcs und
Trcnnung von Unrccht und Schuld" gclangt man Mczgcr zufolgc nur, in- dcshalb zu scincr Besserung wic zum Schutzc dcr Allgcmcinhcit ,auszuschal-
dem man den Unrcchtsbcgriff von dcr ,,Scite des Unrcchtleidenden" aus cnt- tendcs' Sichcrhcitsrisiko aus." 75 Dcshalb dürfcn auch Magrcgcln sich gcgen
wickclc66. Mczgcr lcgtc scincr Unrcchtslchrc mithin die glciche Perspcktive Schuldunfahige richtcn 76 •
zugrundc wie zuvor Jhering: Er ging von der Position dcsjenigcn aus, dcr in Die Axiologik [Link] Unrcchtsverhinderung [Link] indesscn nicht
scincr ,,vom Rcchtc gcwolltcn (gcbilligtcn) Willensbctatigung« gcstOrt wird ,
67 ohnc wciteres auf den Unrcchtsbegriff der Allgemeinen Vcrbrcchenslchrc übcr-
der sich also rnit cincm Angriff auf seinc Rechtssphiirc konfronticrt sicht, -..vcl- tragcn77. So gibt es Falle, in dcncn es nach cincr Bernerkung Wclzcls ,,fraglich
chen cr nicht zu dulden braucht 68 , Mezgcrs viclzíticrtcs Bckenntnis zum Er- ist, ob dcm Tun-Dürfcn ein Hínnehmcn··Müsscn cntspricht und umgckchrt" 78 .
folgsunrccht- Unrecht sci ,,Vcúnderung cines rechtlích gcbilligtcn bzw. Hcr- Einerscits sctzt nícht cinrnal die Notwchr voraus, daf.. dcr Angreifcr eincn
bciführung cines rcchtlich rniBbilligten Zustands, nichl rcchtlich miBbilligte 7·1 Obcn S. 241.
[Link] cines Zustands" 69 -war, wie beiJhcring, die [Link] Folge 7·1 Appel, Verfassung, S. 508. - Ebenso MK-Freurul, Vor §§ 13 ff., Rn. 96; dcrs., AT, § 1
dicscr opfcrbczogcncn Sichtweise 70 • Rn. 24;jakobs, Rechtszwang, S. 36; [Link], Verbrechensbcgriff, S. 225 f.; Renú[Link], Nor-
Sowcit es um die Vcrhinderung drohcndcr RcchtsgutbccíntrJchtigungcn menthcorie, S. 135 f.; T \X/alter, Kern, S. 209.
7s ll.-L. Giinther, Strafrechtswidrigkcit, S. 162 f.
geht, sind dcr Ansatz bei dcr Rcchtsposition des Gcfahrdctcn und die Ancrken- 7r, Dag es [Link] die polizeircclnlichc Stéircrcigcnschaft auf cin Vcrschulden nicht ankornmc,
nung cines schuldloscn Unrcchts in der Tat zwingcncF 1; ,,auf dcm Gcbict der stcht auGcr Strcit; vgl. etwa Gusy, Polir,cirecht, Rn. 330; Píeroth!Schlin/d](niesel, Polizci·· und
Prophylaxc hcrrscht cinc durchaus objcktivc Bctrachtungswcisc" 72 . Dem tra- Ordnungsrccht, § 9 Rn. 5, 39; Schenkc, PoliE,ci- und Ordnungsrecht, § 4 Rn. 231. - Irn Unter-
gcn sowohl die Rcchtfcrtigungsgründc der Notwchr und des Dcfcnsivnotstan-· schicd zu den Notrcchten ist die Tat, an welchc die einzclnc MaGregcl [Link], frcilich nicht
Gnmd, sondern lcdiglich An!tifl [Link] íhrc Vcrhiingung (MK-Frcund, Vor §§ 13 ff. Rn. 97; dcrs.,
des als auch das Maíhcgclrccht Rcchnung. Bcidcn Gruppcn von Eingriffsbc-
AT, § l Rn. 25; Appel, Vcrfassung, S. 508; Laos, FS Maiwald, S. 473). Zur Notwchr darf ich
fugnissen kommt [Link] Charaktcr zu. Die Notrcchtc gcstattcn es, An- greifen, wciL ich angcgriffcn wcrdc. Die von eincm Gcistcskrankcn bcgangcne rcchtswidrigc
Tat f ungiert dagegcn lediglich als Indi;,, für scinc künftigc Gcfahrlichkcit (NK.-BOl!inger!Pol-
63 Hiilschner, GS 21 (1869), 18 ff.;ders., Dcutschcs Strafrecht, S. 19 ff.; Wach, GS 25 (J873), liilmc, § 61 Rn. 57',AJ;pcl, Verfassung, S. 507 f.).Von der Aufgabc dcr Mafhcgcln her, Gefohrcn
[Link] die Zukunf:t ab:&uwehrcn, mug dcshalb auch das Erfordernis dcr ,,rcchtswidrigcn 'l'at"
446 ff.
M Obcn S. 260. - Ein spi"itcs Zeugnis dieses Denkens ist \Viátenberger, Situation, S. 58 ff. ausgclcgt wcrdc,1\{{K-Hanack, § 63 Rn. 27). Nichts ande res wird von dcr Rcchtsprechung scit
<>SDics geschah paradoxcrweisc in cincr Untersuclrnng, die entscheidcnd zur Entwick- ch und je praktizicrt. So sol len krankhcitsbcdingtc [Link] die Móglichkcit einer Untcrbrin··
lung cincr stdrker auf subjektive Unrcchcsclcmcntc abstcllenden Unrechtslchrc bcigctragcn gung nach §63 StGB nicht ausschlicGcn, wcil ansonstcn der von dicscr Vorschrift vcrfolgtc
Zwcck gera(lc in jcncn Fallen vcreitc!t wcrdcn [Link], auf dcrcn Erfassung es ihr vornehm-
hat.
11 !ich ankornmc (grundlcgend BGHSt 3,287,289; JO, 355,357; cbcnso MK--van Gemmeren,
' ' Mezger, GS 89 (1924), 247.
l,l Aiezger, GS 89 (1924), 248.
§ 63 Rn. 13; LK-Hanack, § 63 Rn. 24; S/[Link], § 63 Rn. 7; andcrs NK-lfollingerl Polldlme,
l,S Ebcnso Tarnowski, Bedcutung, S. 113 ff.
§ 63 R.n. 69; SK-Horn, §63 Rn. 4; kritisch auch [Link], aaO, S. 474). Diese Position übcrzeugt,
69 Mczger, GS 89 (1924), 245 f. obwohl odcr viclmchr: gcradc wcil sic mit der Thcse cincr cinhcitlichcn Dcliktskategoric dcr
70 Aus dicsem Grund fungieren bei Mczger díc Norrncn auf dcr Unrcchtsebcnc lcdiglich Rcchtswidrigkcit nicht vcrcinbart wcrdcn kann.
als adrcssatenlosc ,,Bewcrtungsnormcn", wiihrcnd cr die Bcstimmungsfunktion dcr Normcn
77 Koriath, Grundlagcn, S. 265; Sinn, Straffreistcllung, S. 271 f. - Dag ,,das Vcrbrcchcns-
erst bci dcr Schu!d zur Gehung komrncn \afh (obcn S. 262 Fn. 33). mcrkmal Rechtswidrigkcit cinc ganz andere Funktion und Bcdeutung hat als die Notwehr-
71 Eindring!ich Tarnowslú, Bcdcutung, S. [J4f. sowic Michae/owa, Hegríff, S. 59. - Aus voraussetzung Rcchtswidrigkcit", hctont in Übcrcinstimmung mit andcrcn i\utoren dcr
dcr heutigcn Literatur: Freund, AT, §3 Rn. 37; Haas, Kausalitiit, S. 98;jakobs, Norm, S. 102; damaligcn 7,cit (etwa Finger, GS 97 !1928], 391 f.; v. Gemmingen, Rcchtswidrigkeit, 5.49)
dcrs., R\XI2010, 303. - Dcr Vorwurf Roxins, durd1 dieses Zugestdndnis wcrdc dcr Thesc, daG bereits Engisch (Untcrsuchungcn, S. 61). - i\us dcm heutigcn Schrifttum cbenso Haas, Kau-
es kcin schuldloses Unrccht gchc, dcr Bodcn entzogcn (Roxin, GA 201 l, 693), gcht fch!: Diese salitat, S. 95; ders., Lehre, S. 207, 217;jakohs, Studicn, S. 16 f.; ders., FS Bruns, S. 39; Kremer-
Thcsc bezicht sich nicht auf das Unrccht schlcclnhín, sondcrn nur auf den Fall des Kriminal- Bax, Vcrhaltcnsunrccht, S. 185; [Link], Problcm, S. 260; ders., Vcrbrcchcnsbegriff, S. 273; Sinn,
unrcchts und ist dcshalb mit dcr Anerkcnnung dcr Existcnz schu!dloscn Unrcchts in andercn Straffrcistcllung, S. 272; Stratc11werth, FS Jcschcck, S. 293; \/citen, Normkcnntnis, S. 133 f.;
normativcn Zusammcnhdngen ohnc wcitercs vereinbar. Weigend, FS Gósscl, S. 140.
72 Naglcr, FS Binding, S. 341. n Ví!elzef, Ahhandlungcn, S. 337.
270 3. Kapite!: Die \lerlctzung da strafrccht!ichen Mitwirk11ngspflicht /l. Kriminalunrecht a!s :wrr:chenh:ff~7-u.'i!Jndigkcitswidrigr:s Verha!ten 271

Straftatbcstand vcrwirklicht hat79 . Andcrcrscits darf dcr Bcdrohtc kraft Dcfcn- nach dcr Rcchtswidrigkcit" cin ,,cigcncs Gc,vicht" zuzusprcchen 87 . Diese Bc-
sivnotstandcs auch gcwissc rcchtmifüg geschaffcnc Gcfahrdungcn abwcbrcn 80 . gründung cntspricbt dcrjcnigcn Mczgcrs, ist jedoch unvcrcinbar mit dcr hcutc
Vor allcm abcr muB cinc Konzcption, die den Vcrlctztcn und scinc Intcrcsscn ganz bcrrschcndcn Lchrc vom pcrsonalcn Unrccht, die gcradc auf cincr Absage
zum Angclpunkt des gesamtcn Strafrcchts crklart 81 und den Zwcck dcr Strafgc- an Mczgcrs ,,objcktivc Rcchtswidrigkeit" bcruht. Belde Positioncn glcichzcitig
sctzc Ím ,,Schutz menschlichcr Intcrcsscn mittcls Vcrhütung íhrer Becintrich- zu vertrctcn bcdcutct deshalb, eincm unvcrmittclten Ncbencinandcr zwcicr wi-
tigung durch mcnschlichc Handlungcn" 82 crblickt, sich die Frage gefallcn las- dcrstrcitcndcr Bcwcrtungspcrspcktiven und damit letztlich dcm Vcrzicht auf ci-
scn, wic sic es mit dcr Schuld haltc. Nimmt man Mczgcrs Zwcckbcstimmung ncn in sich schlüssigcn Unrcchtsbcgriff das Wort zu reden. Einc übcrzcugcnde
dcr Strafgcsctzc bcim Wort, so stcigt das Unrccht, vcrstandcn als nicht-dul- Begründung des hcrkümmlichen Vcrbrechcnsvcrstindnisses IaBt sich somitauch
dungspflichtigc lntcrcsscnbccintrachtigung, zur zcntralcn Katcgoric dcr Vcr- auf diesem Wcgc nicht crzíclcn.
brcchcnslchrc auf, und dcr Schuldgedankc kann allcnfalls noch als ,,I--Iaftungs-
korrektiv" cine Rolle spiclcn 83 . 3. Der Gegenstand des Verbot:sirrlums
Ausgcrechnet am Proprium des Strafrechts geht Mczgcrs Bcgründungsansatz
Zugunstcn dcrvcrbrcchcnsthcorctischcn Unvcrzichtbarkcit dcr Katcgoric cines
mithin vorbei; die Schuldlchrc 84 blcibt dcr Zwcckbcstirnmung des Strafrcchts
schuldunabhangigcn Unrcchts wird cin normlogischcs Argument ins Fcld gc-
und dcr mit dicscr korrcspondicrcndcn Unrcchtslchrc gcgcnübcr auf1crlich.
führt, ,,ctwas blaG, abcr !dar, wic es Argumenten dieser Art cigentümlich íst" 88.
Ncucrc Autorcn suchcn dicscrn Einwand dadurch zu cntgchcn, dafs sic crkla-
Es bczicht sich vornchmlich auf die Figur des Unrcchtsbcwufüscins und es bc-
rcn, Unrccht und Schuld rcflckticrtcn ,,zwci untcrschicdlichc Bcwcrtungspcr-
sagt: Das Unrcchrsbcwufüscin rnüssc auf cincn Gegcnstan<l, cbcn das Unrccht,
spcktivcn": Die Taterperspcktive sci lcdiglich für die Schuldprüfung mafsgcblich,
bczogcn scin, dcr unabhangig von dicscm Bcwufhscin und damit unabhangig
in der gcfragt wcrde, ob di eser konkrete Titer die inkriminiertc Handlung hittc
von dcr Schuld bcstchc. Einc Schuldkonzcption, clic das (wenigstcns potcnticllc)
vcrmciden kónncn und sic íhm dcshalb vorwcrfbar sei. Demgegenübcr tragc die
UnrcchtsbcwuGtsein als notwendigc Schuldvoraussctzung bctrachtc, müssc da-
Unrechtsprüfung dcm Intcrcssc des Opfcrs an der Intcgritit scincs Rechtsgü-
her cin schuldunabhingigcs Unrccht ancrkcnncn 89 . Dcr Ausgangspunkt die-
tcrbestandcs Rcchnung 85 . Indcrn das Rccbt das sozialc Lcbcn durch Norrncn
ser Übcrlcgung ist unwidcrleglich 90 • Ihrc Crux bcstcht indcsscn darin, dafs sic,
ordnc, crrichtc es Eingriffsschrankcn. Jcdcrn Bürgcr wcrdc cin bcfricdctcr Bc-
bcim \XTortgcnommcn, zu. vielbcwcist; das ,,Unrccht", dcsscn normthcorctischc
rcich zugcwicscn 1 inncrhalb dcsscn cr nach scincm Gutdünkcn übcr die Gcstal-
Uncntbehrlichkcit sic dartut, ist nicht idcntisch mit dcm Unrccbt, so wic es in
tung scincs Lcbcns cntscheídcn kónnc und dcsscn Bccintrichtigung ihm das
der Allgcmcinen Vcrbrcchcnslchrc vcrstandcn wird.
Rccht zur Abwchr vcrmittlc. Ebcn diese Grcnzüberscbreitung - glcichgültig)
Richtig ist zwar, daG bci dcr Bcstimrnung des Gcgcnstandcs, auf den sich das
ob sic dem Ti:[Link]ónlich vorwerfbar sci oder nicht - qualífizicrc ein Vcrhal-
Unrcchtsbcwufüscin bczicht, die Vorstcllung, die der [Link] sclbst vom Umfang
tcn als rechtswidrig 86 • Erncut ist es somit der Blick auf den Angcgriffenen - sein
scincr Pflicht hat, aufscr Bctracht blcibcn muG. Mit dicscm wenig spcktakulircn
Schutzbcdürfnis und seinc Abwehrbefugnis -, dcr es gestattcn soll, dcr ,,Fragc
Bcfund cndet die Bcwciskraft des gcnanntcn Argumcnts abcr auch schon.

7') 87 [Link]-ífhlen, AT, § 7 Rn. 20; HOrnLe, ZStW 112 (2000), 363. - Es übcrrascht,
S/S-Lencknr:rl Perron , § 32 Rn. 4; Lackner/KühL, § 32 Rn. 5; Grnpp, AT, § 6 Rn. 68.
80
Obcn S.241 f. -Gcgcn dieses Argumcnt künntc eingewandt wcrden, zwar mügc die dais ausgerechnct Stratenwerth sich auf dieses Argument beruft. Zur Vcrtcidigung seincr
Schaffung cines nicht zu duldcndcn Zustandcs auch rcchtmiRig erfolgcn künncn, der Zustand Auffassung, dais das individuellc K0nnen des Tiiters bereits bei der Enniulung des Fahr-
als solchcr sci hingcgcn rcchtswidrig. Aber - so !autet die Gegcnfrnge - woraus ergibt sich liissigkcitsunrechts :r,u bcrüeksichtigen sci (obcn S. 261 L Fn. 32), weist er nimlich ausdrück-
diese Rechtswidrigkeit? Die Antwort, sic müssc vorausgcsctzt wcrdcn, cbcn wcil zur Kor- lich auf die Eigenstiindigkcit des verhrechcnsthcorctischcn Unrcchtsbcgriffs gegcnüber dcm
rcktur des betrcffendcn Zustandcs cin Notrecht zur Verf ügung stehc, warc zirkular, und cinc Komplcx dcr Eingriffsbdugnisse hin (Stratr:nwerth, FS Jescheck, S. 293).
88 Jakohs, I-land!ungsbcgriff, S. 42 f.
andcre Antwort ist nicht crsichtlich (cbenso Haas, Kausalitiit, S. 96).
81 So ausdrücklich Mczger, GS 89 (1924), 249. s9 Aus dcm alteren Schrifttum: v. Wcher, Aufbau, S. JO; [;'ngisch, MSchrKrim 29 (1938),
82 Mczge1~ GS 89 (1924), 249. 143; Annin Kaufmann, I..ebendiges, S.129, 142; E. A. \Folff, I·-Iand!ungsbcgríff, S.33. -Aus
83 So zu Recht Orto, ZStW 87 (1975), 557. ncucrer Zcit: Lippold, Rcchtslchrc, S. 397; Poppe, [Link], S. 264; Renúhowski, Tiiter-
M Niihcr zu Mczgcrs Schuldkonzcption Achenhach, Grundlagen, S.164ff.; Koriath, begriff, S. 236 f., 251, 253; Greco, GA 2009, 639 f.; K11hlen, ZSt\'v 120 (2008), 149; Loos, FS
Grundlagen, S. 584 ff. Maiwa!d, S. 475; Roxin, GA 2011, 693.
85 90 Ebcnso ]ahohs, I·-Iandlungsbcgriff, S. 43. - Loos bctrachtet sic dcnn auch als das
Schiinemann, Abgrcnzung, S. 160; im wcsemlichcn übcrcinstimmcnd HOrnle, ZStW
112 (2000), 363; dies., JZ 2006, 957. ,,stiirkstc gcsctzlichc Argument für die sclbststiindigc strafrcchtstheorctischc Rcdcutt1ng des
86 Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 7 Rn. 20. Unrcchtsbcgriffs" (J,oos, FS Maiwald, S. 475).
272 3. Kapitel: Die Vcrletnmg der stmfrcchtlichcn Mit1u·irkungspf/icht A. Krimin(t!unrccht als 2urcchcnhar-L11stdndiglecitswidrigcs Verhaftcn 273

Übcrfordcrt ist es bcrcits mit dcr vcrbrcchcnssystcmatischcn Einordnung dcr fremde Handlung zu scincm Mittcl; viclmchr ist das Thun des Andcrn ganz wic
sogcnanntcn Entschuldígungsgrünclc. Normthcorctisch unanfcchtbar warc auf das Wirken sclbstloscr Naturursachen anzuschcn, das, sofcrn es lcdiglich durch
scincr Basis dcr folgcndc Satz: ,,Die 1-Iandlung, zu dcrcn Ausführung du dich die Handlung des Erstercn in Thitigkeit gcsctzt wurdc, cbcn nur als dcsscn Wir-
anschickst, stcllt sicb untcr Heranzichung samtlichcr anclcrcn Zurcchnungskri- kung crschcint." 94 Diesen Ausführungcn Küstlins lag cinc Übcrzcugung zu-
tcricn - einschlieflhch der Entschuldigungsgründe - als VcrstoG gcgcn die in grundc, die die Hcgcliancr mit Kant und dcr alteren Imputationslchrc tciltcn 9 5:
concreto maGgcblichc Vcrhaltcnsnorm und in dicscm Sinnc als Unrccht dar." Man kónnc cincn Vorgang cntwcder als Naturgcschchcn anschcn, das umcr dcm
Dcmcntsprcchcnd warc es normthcorctisch auch ohnc wcitcrcs vcrtrctbar, das Gcsctz dcr Kausalitat stchc, oder man künnc ihn als cinc Handlung dcutcn, was
Unrcchtsbcwufhscin auf cincn solchermaGcn crwcitcrtcn Unrcchtsbcgriff zu bcinhaltc, daB cr - nach cincr Wcndung Kants - ,,als aus Frcihcit cntsprungcn
bczichcn91 . vorgestcllt wird" 96• Widcrsprüchlich sci es abcr, bcidc Standpunktc zuglcich cin-
So wcit ist dcr Gcsctzgcbcr bckanntlich nicht gcgangcn. ln § 17 StGB hat cr nehrncn zu wollen 97 . Vor diesem Hintcrgrund war die SchluGfolgcrung ,,ganz
sich dafür cntschicdcn, die (fchlcrhaftc) Titcrvorstcllung auf cin cngcr, nimlich konscqucnt" 91\ da~ siimtlichc unfreien Tatcn des Ausführcnden strafrccbtlich
untcr Aussparung dcr Entschuldigungsgründc gcfafücs Unrecht zu bczichen 92; als Handlungcn des Einwirkcndcn vcrarbcitct wcrdcn müfücn, von cincr Anstif-
für den Irrtum übcr Entschuldigungsgründc hat cr mít § 35 Abs. 2 StGB cine tung also nur die Rede scin kónnc ,,muer Voraussctzung cincr zuzurcchncndcn
cigcnstindige Rcgclung gcschaffen. Im Untcrschicd zu § 17 StGB ist diese Bc- schuldhaftcn Handlung des Angcstiftcten" 99 •
stimmung ausdrücklich auf lrrtümcr übcr die [Link] Voraussctzungcn ,,Solchc spekulativc Bcgründung hattc allcrdings zur Zcit des Positivismus
des cntschuldigcndcn Notstandcs bcschrinkt; dcr Irrtum übcr die rechtlichcn ºº
nur nicdrigen Kurswcrt." 1 Vom Bodcn nachhcgclianischcr Vcrbrcchcnskon-
Grenzcn cines Entschuldigungsgrundcs gilt durclnveg als unbeachtlich. Die zcptioncn aus wurdc viclmchr zunchmcnd dafür pladicrt, die Anfordcrungcn
dicscr Diffcrcnzierung zugrundcliegcndc Wcrtung wird mit dcr Erwigung ver- an cinc bctciligungsfahigc Haupttat abzuscnkcn. Bcsondcrs weit ging in diescr
tcidigt, die Grenzcn dcr Rcchtssolidaritat solltcn nícht dcr individucllcn Dcu- Hinsicht Mczgcr. Er stütztc scin Plidoycr für den Vcrzicht auf das Erfordernis
tungskompctcnz untcrstcllt wcrdcn 93 . Die axiologischc Übcrzcugungskraft cincr schuldhaftcn Haupttat auf clic von ibm cingcführtc Untcrschcidung zwí-
dicscr Begründung steht vorlicgcnd nicht zur Diskussion. Im hicsigcn Zusarn- schcn Bcwcnungs- und Bcstirnmungsnormcn 101• Dcr Bcfuncl, dal1 cinc Tat den
mcnhang gcnügt dcr Nachweis, dafl cinc derartigc Übcrlcgung zur Lcgitimic- Bcwcrtungsnorrncn des Rcchts ·widcrstreite, bcdcutc, daG sic fürjedcn Beteilig-
rung dcr [Link] Gcsctzeslagc unverzichtbar ist. Daran zeigt sich nim- ten cin Unrccht bcdcutc und dcshalb [Link] - ohnc Rücksicht auf die Schuld
lich, daB nicht normlogische, sondcrn subtilc, fcin differcnzicrendc teleologische dcr andcrcn -- im Fall vorliegender Sch~"l-d·S·ühnc crhcischc. Dcmgegcnübcr bc-
Erwigungcn übcr den Gegcnstand des Unrcchtsbewufüscins bcstirnmcn. Ist rührc die Fragc, inwicwcit dcr einzclnc dabci den an ihn gcrichtctcn Bcstim-
dcr Verwcis auf die Normcnlogik abcr schon in diesern vermeintlichcn Paradc- mungsnormcn zuwidergchandelt habc, nur ihn sclbst, nicht abcr die andcrcn
fall unzureichcnd, dann crst rccht im Hinblick auf den allgemeinen Bcgriff des Bctciligtcn 102. Diesen Ausführungcn liegt clic Lchrc von dcr objcktivcn Rcchts-
Kriminalunrcchts, Zur Bcgründung dcr Bchauptung, daB es sich bci der Figur widrigkeit zugrunde 103, und allein auf dcm Bodcn dicscr Lchrc sind sic schlüs-
des schuldunabhingigen Unrcchts um cinc allgcmcine verbrcchcnstheorctischc sig. Nur wcnn man das Unrccht rcin crfolgsbczogcn vcrstcht und sarntliche ta-
Katcgoric handcle, ist die norrnlogischc Untcrschcidung zwischcn dcm Un- tcrbczogencn Faktoren - cinschlicfüich des Vorsatzcs - dcr Schuld zuweist,
rcchtsbcwufüscin und seincm Gcgcnstand mithin ungccignet. kann man das Unrccht als a!lcn Bctciligtcn gcmcinsam und die Schuld als in-
dividuell bcgrcifcn. Konscqucnterwcise bcfürwortetc Mczgcr dcnn auch die
4. Die Axiologil, der Beteiligungslehre
94
Kóstlin, Rcvision, S. 510.
,,Nahcr cnthalt dcr Bcgriff dcr Anstiftung clics, dal1 dcr Anstiftcr auch cinc wirk- <JS Unten S. 288 ff.
liche lla-ndlung cines Andcrn, hicrmit diesen als frcic Kausalitit, als scin Mittcl % Kant, Reflexionen, AA Bd. 19, S. 157 (Rcfl. 6775).
97 llmschka, ZStW 110 (l998), 587; ,<;e/ter, ARSP 97(2011), 256.
sctzc." Wo es ciaran fchlc, sci dcr Einwirkcndc nicht als Anstiftcr, sondcrn als al-
98
l-Jruschlea,ZSt\'<1 [ 10 (1998), 598; noch cntschicdcncr (,,unauswcichlichc Folgc") Poppe,
lcinigcr Urhcber zu bctrachtcn. ,,Dcrsclbc macht namlicb hicr in Wahrheit kcinc
Akzcssorictat, S. 21O.
99 Halsclmer, Prcugischcs Strafrccht, S. 345.

91 100 [Link], Strafrccht, S. 334.


Ebcnso Hardtung, ZSt\XT108 (19%), 27.
101
Statt allcr: S/S-Cramcr!Stcrnhcrg-·Lichcn, § 17 Rn. 1; Kiihl, AT, § 17 Rn. 22.
92 Obcn S. 262 Fn. 33.
93 MK-Miissig, § 35 Rn. 85; LK-Zicschang, § 35 Rn. 75 f.; S/S-Permn, § 35 Rn. !5; Roxin,
1
1º2 McLger, DStR. 1943, J 19.

AT !, § 22 Rn. 65. IO'.I Obcn S. 259 ff., 267 ff.


274 3. Kapite!: Die Vcrlctzung dcr strafrecht!ichcn Mitwirlwngspflicht A. Kriminalunrecht als ?.1trechenhar-;,;1Htdndig!?eits1i.1idriges
Verha!ten 275

Móglichkcit cincr Tcilnahmc an unvorsitzlichcr Tat 104• Mit dcr Pcrsonalisic- Durchführung seines \X'illcnscntschlusses" scinl 08 . Eincs sinnhaftcn \Xlcrtungs-
rung des Unrcchtsbcgriffs und dcr Objcktivicrung des Schuldurtcils 1º5 sind jc- aktcs im Sinnc cler Wclzclscbcn Antricbsstcuerung bcdarf es hingcgcn nicl1t109 .
doch die vcrbrcchcnsthcorctischcn Primisscn dicscr Bcgründung fortgcfallcn. Konscqucntcrwcisc ist Anstiftung auch zu eincr Haupttat móglich, die zwar
Sic taugt dcshalb nicht mchr zur Stützung dcr Figur cincr limíticrtcn, zwischcn vorsitzlich une! rcchtswídrig, abcr schuldlos ist 110• Das I-Iandlungs- und
Unrccht und Schuld dcr Haupttat untcrschcidcndcn Akzcssorictit 106. Tatherrschaftsvcrstandnis Wclzcls ist jcdoch unangcbracht rcduktionistisch
Dcr Schüpfcr des pcrsonalen Unrcchtsbcgriffs, Wclzcl, hiclt zwar nur vor- bzw, -- in cincr niher an Wclzcls cigcncm Sprachgcbrauch licgcndcn Tcrminolo-
sitzlichc I--Iaupttatcn für tcilnahmcfahíg107; im übrigcn abcr lid scinc Bcgrün- gic - naturalistisch. Auf dcr Basis cincr im Pcrsoncll-Gcistigen kulminicrcndcn
dungsstratcgic darauf hinaus, das Frcihcitsvcrstindnis dcr Hcgcliancr durch Anthropologic setzt sinnhaftcs I-Iandcln Schuldhaftigkcit voraus 111• Für die
den normativ wenigcr anspruchsvollcn Bcgriff dcr Tathcrrschaft zu crsctzcn. vorn I-Iandlungsbcgriff her konzipicrtc Katcgoric dcr Tathcrrschaft kann kon-
Kcnnzcichncnd für den vorsitzlich handclndcn Titcr ist Wclzcl zufolgc die sequcntcnvcisc nichts andcrcs gelten 112 : Strafrcchtlich relevante Tathcrrschaft
Hcrrschaft über die Tat. Inhaltlich verlangt ein am finalcn I-Iandlungsbcgriff übcr scin Vcrhaltcn hat danach nur dcr schu!dhaft Handclndc. Ebcnso wic Wcl-
oricnticrtcs Tatherrschaftsvcrstindnis nicht mehr, als dais dcr Titcr das Gc- zcls Ansatz, konscqucnt durchgcführt, gegen die Unrccht-Schuld-Trcnnung
schchcn bcwufü und gczíelt auf den tatbestandlich umschricbcnen Erfolg hin spricht, spricht cr dcshalb auch gegen scinc Bcgründung dcr limiticrtcn Akzcs-
gestaltet: Die Tat müsse ,,wirklich das Wcrk des Taters [... ], zweckbewuj)ie sorict;it und für die Posítion dcr I-Icgclíancr: Tcilnahrnc ist nur an dcr ,,'wirle-
liche[n] flandlung cines Andcrn" m0glich 113, In die Terminologic dcr hcutigcn
10 • Zulctzt Mager, JZ 1954, 313 f. - Auch im heucigen Schrifttum wird vcrcinzclt cinc
Strafrcchtsdogmatik übersctzt bcsagt es: Die Straftat, auf welche die Teilnah-
derartigc (wcitcrc) Lockerung des Akzcssorictatscrfordcrnisses gcfordert (ctwa von Frister,
mchandlung sich bczicht, muB sclnddhaft bcgangen worden sein 114;wo es daran
AT, §25 Rn. 26; Schmidhduser, J\T, 14/94).
105 Dazu oben S. 260 f.
106 Dcsscn ungcachtet spiclt die Entgcgcnsct7,ung von gcmcinsamcm Unrccht und indivi- !OS Welzel, Abhandlungen, S. 163.
ducllcr Schuld (KOhler, AT, S. 498,547; Noltenius, Kritcricn, S. 248 f.; Kiipper, Grcnzcn, S. 145; w9 Dies wird treffcnd hcrausgcstcllt von Poppe, Akzcssorictat, S. 450.
Pr1ppe,ZStW 120 [20081, 507), crgiinzt um die Erwiigung, dais derTei!nehmcr ,,nicht aus eincr 110 \'J?clzel,Strafrecht, S. 112 f.; ders., J\bhandlungcn, S. 166 f.-· \\'.'clzcl sieht darin sogar
Straffrcihcit Vortcilc ziehcn fsoll], die in dcr Person des I-Iaupttiitcrs bcgründet ist und mit cinc dem Gcsetzgcbcr unvcrfügbarc sachlogischc Struktur (W1elzcl, J\bhandlungen, S. 285).
111 Obcn S.266f.
dem Tei!nchmcr nichts ;,,u tun hat" (Gropp, J\T, § 10 Rn. 109; cbcnso Freund, AT, § JORn. 13),
112 Ebenso !(óh!er, AT, S. 497;Jalwhs, Systcm, S. 78.
inncrhalb der hcutigcn Vcrsuche nir Rcclnfcrtigung dcr limiticrtcn Akzessorictiit noch im-
113 Obcn S. 272 f. - Wic,\VCitdie Lchren dcr I-Icgcliancr aus dcm Gesichtskreis dcr heuti-
mcr cinc tragende Rolle. Poppc rallmt zwar ein, da 8. sich angcsichts ,,dcr inneren Struktur
dcr cinzclncn Elcmente dcr Systcmkatcgoricn Unrccht und Schuld [... ] die Untcrteilung in gcn Strafrcchtsdogmatik h.~l?9_sgcfalicnsind, zcigt sich cxcmplarisch daran, daf diescr in ih-
Tat- und Tatcrnnrccht nur schwer aufrcchtcrhaltcn lafü" (Poppe, Akzessorictii.t, S. 302; die rer groGen Mchrhcit nicht ei111;,a¡mchr die Existen;;, dcr vorstchcnd in Erinncrung geruf cncn
Nachzcichnung dcr cinsch!iigigen Diskussionen findct sich aaO, S. 401 ff.). Dcnnoch gcstcht Übcrlcgungen bckannt ist. \Y/o die Fordcrung nach strcnger [Link] übcrhaupt noch
cr dicscm Begrünclungsansatz. cincn ,,:rntreffcnden Kcrn" zu (aaO, S. 303). Die Bewcrtung [Link] findct, wird sic ausschlicfüich mit der sogcnanmcn ,,Schuldtci!nahmcthcoric"
,,rechtswidrig" cnthalte insofcrn cin Urtcil übcr die Tat, als damit gcncralisicrcnd gcgenüber (vcrtrcten ctwa von H. Mayer, Strafrccht, S. 333 f.; dcms., AT, S. 319 f.) verknüpfl, dcr zufolge
jcdcrmann die Tadclnswenigkeit cines Gcschchcns zum J\usdruck gcbracht wcrdc. Zwar die Strafwürdigkcit des Teilnehmcrs sich (auch) daraus ergibt, da8. cr den Tiitcr in Schuld und
[Link]üen bci dicscr Bcwcrtung auch [Link] [Link] wcrden. Dics gcltc abcr Strafc vcrstrickt habc (so vcrfahrcn ctwa Gropp, J\'T, § 10 Rn. 107; Haft, AT, S. 210; Straten-
nur insoweit, als sich diese (wic bcispiclswcisc die Zucignungsabsicht bcim Dicbstah!) auf die werth!Kuhlcn, J\'J',§ 12 Rn. 125; No!tenius, Kriterien, S. 247 ff.). Sodann wird dargclcgt, dais
[Link] Bcdcutung des Geschehcns auswirktcn. ,,[Link], die (wie etwa [Link] die Schu!dtcilnahmctheorie mit § 29 StGB unvcrcinbar sci, weil diese Vorschrift auch die
oder dcr Mangcl an Unrcchtsbewusstsein) auf das Vcrsagcn des 'Litcrs als Pcrson hindcutcn, Teílnahme an sclrnldloscr Tat crmóglicbc (in diescrn Sinnc '[Link](-.foecl?s,Vor §§ 26, 27 Rn. 5;
blciben bci dcr Bcwcrtung cincr Tat als reclnswidrig dcmgcgcnübcr aulscn vor." (aaO, S. 303) SIS-Heinc, Vorhcm. §§ 25 ff. Rn. 19; Kindhduser, J\T, § 38 Rn. 15; Krcy/Esser, J\T, Rn. 991;
Umgckehrt lassc sich die Schuld insofcrn als cin Unei! [Link] den Tiitcr vcrstchcn, als rnit J(¡¡hf, AT, §20 Rn. 133; Stratenwerth!Kuhlen, J\T, § 12 Rn. 119). Daraus wird dann gcschlos-
dcm Schu\duncil gctadclt werde, dag dicscr sich nicht so vcrhalten habc, wic es von cincm scn, dcr Strafgrund dcr 'fcilnahme kónnc nur in dcm Urnstand !iegcn, da [Link] J\nstif ter und
Durchschnittsmcnschcn in seincr Situation h:ittc crwartct wcrdcn kónncn (aaO, S. 303 f.). Dcr der Gchilfe zur Vcrwirklichung des Unrcchts bcitrügen, das dcr Ti'itcr begchc (Lehrc vom
Rcttungsvcrsuch Poppcs schliigt jcdoch fchl. Erstens crgcht auch das Schuldurteil gegenübcr akzessorischen Rcchtsgutangriff: HK-GS-Ingelfinger, § 26 Rn. 3; LK-Schiinemann, Vor § 26
jcdcrmann. Zweitens macht es für die so,:ialc Bcdcutung cines Gcschchcns cincn crheblichcn Rn. 14 ff.; MK-joecks, Vor §§ 26, 27 Rn. 15; S/S-Heine, Vorbem, §§ 25 ff. Rn. 17ff.; Roxin, AT
Untcrschicd, ob es von eincr gcistcskrankcn odcr YOll eincr zurcchnungsfahigcn Pcrson aus- 2, § 26 Rn. 26 ff.;Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 12 Rn. 121). Dcshalb gcnüge es, dag die Haupt-
geht. Drittcns trifft cin auf den Verglcich mir einem Durchschnittsmcnschcn gestütztcr Tadcl tat tatbcstandsmiifüg und rechtswidrig sci (Stratem;.Jer!h!Kuhlcn, J\T, § 12 Rn. 126).
1H Ebcnso]alwhs, Systcm, S. 77f.; ders., GA 19%, 253 fL; T \'(la/ter, Kcrn, S. 208; de lege
den [Link] nur, sofcrn man ibn cbcnfalls als einen solchcn Durchschnittsmcnschen, also gc-
rac!c nicht a!s dieses konkrctc Individuum ansicht (exemplarisch Duttge, Brückc, S. 37); dies fercnda fcrncr'von der Linde, Rcchtfcrtigung, S. 253 ff., 289. -Da{; cinc solchc Position ,,wohi
gcstclu Poppc cinige Zeilcn spiiter (aaO, S. 304) übrigcns sclbst ein. ["... ] konscqucnt" warc, konzcdicn auch NK-Schild, Vor §§26, 27 Rn. 10. - Die Formulic-
107 \Vehel, Strafrccht, S. 113; ders., Abhand!ungcn, S. 160 ff.; ,.uvor bercits v. Weber, Auf- rung dcr §§26, 27 StGB stcht di eser Auffassung nicht cntgcgcn: ,,auch schuldhaf te Ta ten sind
bau, S. 25. rcchtswidrig- Bctciligung an rechtmii.fügcn Taten wird ausgcsch!osscn" (jakohs, aaO, S. 254
276 3. Kapite!: Die Vcrletwng der strafrechtLichcn Mitwir!wngspfticht A. !(riminalumecht als ;,,urechcnhar-•;,,mtdmhgkcitrn.;idrigcs Vcrhaltcn 277

fchlt, ist dcm Dcstabilisicrungsbcitrag des Hintcrmanncs übcr die Figur dcr Rcchtsgutobjcktc I22, sondern sein spezifischer kommunikativcr Gchalt (,,Ver··
mittclbarcn TJtcrschaft Rcchnung zu tragcn 115• neinung") stempelt dcmnach cin mcnschlichcs Vcrhaltcn zum Unrccht. Bczugs··
objckt dcr vom Tátcr kundgetancn Vcrncinung sci dcr im Rccht vcrkOrpcrtc Gc-
meinwillc, der Achtung primar für sich sclbst und lcdiglich mittclbar für den un-
III. Das Vcrbrcchcn als cin Unrccht des Bürgcrs ter seincm Schutz stehcndcn Einzclwil!cn forderc [Link] dcrart vcrstan<lcnc Un-
recht schlicfh Mcrkcl zufolge ,,das Mcrkmal dcr Zurcchenbarkcit in sich cin« 124•
Ein Blick auf die altere Dogmcngcschichtc bcwcist, wic wcnig sclbstvcrstind- Nur jemand, den das Rccht als kommunikativ kompctent- zurcchnungsfahig -·
lich die Untcrschcidung zwischcn Unrccht und Schulcl ist. Übcr cin halbcs anerkennt, vcrmOgc den Gcbotcn und Vcrbotcn des [Link] in bcachtlichcr Wcisc
Jahrhundcrt hinwcg gchürtc die Fragc nach dcr Ancrkcnnungswürdigkcit des zuwiderzuhandcln 125; ,,Naturcrcignissc", abcr auch ,,Folgen mcnschlichcr Thii-
schuldunabhingigcn Unrcchts als cigcnstJndigc vcrbrcchcnsthcorctischc Katc- tigkcit, wclchc dcm Willcn cines Zurcchnungsfahigen nicht zu irnputiren sind ",
goric zu den mcistdiskuticncn Thcmcn dcr dcutschsprachigcn Strafrcchtswis- crmangcltcn dagcgcn dcr rcchtlichen Bcdeutsamkcit 126 . ,,Als rcchtsvcrlctzcnd ist
scnschaft1 I(,. also cinc \X'irksamkcit stets nur insofcrn und insowcit zu charaktcrisiren, als sic
Mit scincr Untcrschcidung zwischcn subjcktivcm und objcktivcm Unrccht cinc zurcchcnbarc ist." 127
antwortctc Jhcring auf cine kurz zuvor crschicncne Arbcit scincs GicBcncr Fa- Die Position Mcrkcls licf darauf hinaus, dai1 jenc Mcrkmalc, wckhc Hegel
kultiitskollcgcn Mcrkcl1 17. In dcr crstcn scincr Kriminalistischen Abhandlzmgen und scinc Schülcr dcm Kriminalunrecht vorbchalten luttcn, :,,,uEigcnschaftcn
hattc dicscr die Existcnz cines scbuldunabhangigcn Unrcchts prinzipicll in Ah- des Unrcchts schlcchthin aufgcwertct wurdcn. Dicscr übcrstarken Position gc-
rede gestellt. Mcrkcl bekarnpftc in dicsem Werk die auf Hegel zurückgcbcndc gcnüber hattc Jhcring mit seincm Nachwcis dcr Existcnz von Fallen schuldlo-
und von desscn strafrcchtlichcn Schülcrn viclfach variiertc Untcrschcidung zwi- scn Unrcchts lcichtcs Spicl128 . Die Nachfolger Mcrkcls standcn dcshalb vor dcr
schen bürgcrlichcm und strafrcchtlichcm Unrccht 118• Er sctztc dicscr Auffassung Aufgabc, cincrscits die Substanz von desscn Argumentation zu bewahrcn und
die Thcsc cines cinhcitlichcn Unrcchts cntgcgcn, das sich lcdiglich in Anschung andererscits, dcr EntdcckungJherings [Link] tragend, cincn gcwisscn [Link]
sciner Rcchtsfolgcn unccrscheidc 119. [Link] ungeacl1Lct übernahrn Merkcl aus für die Kategoric cines schuldunabhiingigcn Unrcchts vorzuscbcn. Zwci Bc-
dcr hegclianischcn Tradition sowohl den Gcdankcn, daB sich im Recht dcr Gc- gründungsstratcgicn kamen in Bctracht. Entwcdcr man bckanntc sich zu Mcr-
mcinwille objcktivicrc 12º, als auch die Kennzcichnung des Unrcchts als .,Vcrnci- kcls Auffassung, das Rccht sei ,,cin Inbcgriff von Ge boten und Vcrbotcn", die
nung" des Rcchts 121• Nicht scinc tatsachlichc Eignung zur Vcrlctzung fremdcr sich anden Willcn dcr [Link] richtctcn 129, und dcr daraus er-
wachsendcn Thesc von der sachlichcn Einhcitlichkcit al len Unrechts. In diescm
Fn. 5; zustimmcnd T Walter, aaO). Das Glcichc gilt für den Wortlaut des §29 StGB, wonach
jcdcr Betciligtc ohnc Rücksicht auf die Schuld des andcrcn nach seiner Schuld bestraft wird. Fall mufüe man die Fragc nach den Normadressaten andcrs beantwortcn, als
Nach dcm Urtci! H. Maycrs ist dicscr Satz ,,nahcF.u unvcrstiindlich, wcil natürlich w allcn Mcrkcl dics gctan hatté'; Diesen Auswcg wahltc Thon. Odcr abcr man hiclt fcst
Zcitcn dcr Tcilnchmcr für scinc Schuld bcstraft wurdc une! die Fragc nur dahin gcht, wcl- an dcr Übcrzcugüng---Mcrkcls, daE cin im Sinnc cines ,,Ungehorsams dcrn ob-
chen Inhalt scinc Schuld hat" (H. Afayer, AT, S. 318). So wird dcr Tcilnchmcr auch dann nur jcctivcn Rccht gcgcnübcr"U◊ vcrstandcncs Unrccht nur von zurcchnungsfahi-
wcgen seincr cigcncn (und nicht ctwa für frcmdc) Schu!d bcstraft, wenn die Haupttat, an dcr
cr sich schuldhaft bctciligt hat, ihrcrscits nicht nur reclnswidrig, sondern sogar schuldhaft gcn Personen bcgangcn ,vcrdcn künnc. Dann mufüc man die allcinigc Maggcb-
bcgangcn worden ist.
115 Die vcrbreitete, Bcfürchtung, dag dadurch unbilligc [Link] entstündcn

(so noch jüngst Klcsczewslú, FS Puppc, S. 625 ff.; vgl. fcrncr Roxin, AT 2, §26 Rn. 34), ist un-
122 Vgl. Mcrkcl, Lchrc, S. 45.
bcrcchtigt; nahcr J: Wlalter, Kern, S. 208 f.
116 Darstellungcn des Vcrlaufs der Diskussion findcn sich bci Afezgcr, GS 89 (1924), 208 ff. in Mcr!?cl,Lchrc, S. 44.
124 Mcrkel, Lehrc, S. 42.
und bci Lampe, Unrccbt, S. 13 ff.
125 Mcrkc!, Lchrc, S. 43 f.
117 [Link], Schuldmomcnt, S. 5.
126 Merleel,Lchrc, S. 44 .... Dics gílt nicht nur für Zurcchnungsunfahigc, sondcrn [Link] allc
113 Mcrkel, Lchrc, S. 32 ff.
119 Merkcl, Lchrc, S. 49 ff., 57 ff. Personen, de nen cinc Pflichtcrfül!ung wegcn I rnums, Not odcr andcrcr dcr Zurcchcnbarkeit
120 Mcrkel, Lehre, S. 42. cntgcgcnstchcndcr Sachlagcn nicht móglich ist (ldarstcllend PoppC',Akzcssorictiit, S. 249).
UI Merkel, Lchrc, S. 42. -v. Gcmmingcn bcschcinígt Mcrkcl dcshalb nicht ohne Grund, cr l 27 Merkel, Lchrc, S. 44.
128 Kritisch da;,.u auch Hdlschner, GS 2! (1869), 17 ff.; l,iepmmm, Einlcitung, S. 9 ff. ~ Aus
habc ,,im Bannc Hcgclschcr Identitatsphilosophic" gcstandcn (v. Gcmmingcn, Rcchtswidrig-
kcit, S. 25). Auch im ncucrcn Schriftturn wird Mcrkcls Anknüpfung an Hcgcls (Kriminal-) dcr ncucrcn Litcratur: Sinn, Strnffrcistcllung, S. 248 f., 253 Í.
Unrcchtsvcrstiindnis vcrschicdcntlich hcrvorgchohcn (Poppc, AkF-cssorictilt, S. 249; [Link], 1:5 129 Merkel, Lehrc, S. 43.

Maiwald, S. 471 f.). uo !v!erkel,Encyklopadic, §272 (S. lOO).


278 3. [Link]: Die Vedetzung dcr strafrechtlichcn Mitwirk:1mgspflicht A. Kriminal11nrecht als zurechenbar-:wstdndigkeits1;;irb-iges \lerhalten 279
lichkcit dieses [Link], cLh. Mcrkcls Thcsc von dcr Einhcitlich- Bindíng wahlte eincn andercn Ansatz. ,,Die Zivilisten licf~ cr ihrc Wege
kcit al len Unrcchts, prcisgcben. Diesen Wcg bcschritt Binding. gchcn." 138 Er J'aumtc cleshalb cin, da~ clic Existcnz schuldlosen Unrcchts sích
Thon dcmonstricrtc die Einseítigkcit dcr Mcrkclschcn Position anhand des nicht schlcchthin verncincn lasse 139. Jeclocb bcstritt er, clag es sich dabei um
Falls dcr Sclbsthilfe: Habc mir dcr Wolf mcin Lamm gcraubt, so dürfc ich mir cinc strafrechtlich relevante Katcgoríc handclc. Konscquentcrwcisc wandtc
hclfcn, wic immcr ich es vcrmüchtc. Stündc cntsprcchcnd dcr Ansicht Mcrkels cr sich gegcn die Merkelsche Thcse von dcr Gleichartigkcit allcn juridischcn
die Handlung des Unzurcchnungsfahigen gcncrcll auf glcichcr Ebcnc mit dcm Unrcchts. Für Binding war Unrccht seincm allgemeíncn Bcgriff nach ledig-
Walten dcr Naturkraft, so müfüc dcm Unzurcchnungsfahigcn gcgcnübcr das lich durch die formalc Eigenschaft gekcnnzcichnct, dcm subjektivcn Rccht
Glcichc geltcn wic in bczug auf den Wolf: Rcchtlichcr Schutz kamc ihm nicht cines andcren zu widcrstreiten 140 . Nach Inhalt und Umfang des jcwcils in
zu 131. Davon künnc indcs nicht die Rede scin. ,,Auch dcr vom Wahnsinn Ergrif- Rede stehcndcn subjcktiven Rechts müssc sich lnhalt und Umfang der einzcl-
fcnc blcibt Mcnsch. Er, wic jcdcr vom Wcibc Gcborcnc, ist Glied der staatlichen nen Rccbtswidrigkcitsart bcstimmen 141• Da es vicle verschicdenc Arten sub-
Gcmeinschaft, ihn wie jeden Anderet1 deckt die Rcchtsordnung mit ihrcm jcktivcr Rcchtc gcbc, gcbe es auch cinc Viclzahl von Unrcchtsartcn 142• Das
schützenden Schilde. Mit gebundenen [Link] stchc ich ihm gcgenübcr." 132 Die Rccht, dessen Vcrletzung die [Link] von Strafc lcgítimiert, war Binding
darin liegende [Link] mcincr Handlungsmüglichkcitcn lasse sich jc- zufolge das dcm Staat als Sachwaltcr der Allgcmcinheit zustehende Recht auf
doch nur dann rechtfcrtigen, wenn ich statt dcsscn auf die Hilfc dcr staatlichen Gehorsam oder, wic Bincling sclbst es vorzugswcisc nanntc, auf ,,Botmafüg-
Gerichtc baucn künnc. Dies wiedcrum setze voraus, daB auch Unzurechnungs- keit"1'13. Diesen Gchorsam dürfc der Staat fordcrn, weil nur so die Rechts-
fahigc Inhabcr rechtlichcr Vcrpflichtungen sein künntcn 133. Da aber in jcder ordnung die von íhr erwartctc ,,Fricdcnsbürgschaft" 144 erbringen kOnnc. Das
Vcrpflichtung cinc Norm, cin ,,Du sollst" odcr ,,Du sollst nicht", licgc 134, müB- Vcrbrechcn war für Binding desha!b in crster Linic cin ,,Fricdbruch" 145, und
ten ,,die Normcn dem Handlungsunfahigen sogut wie dem Handlungsfabigcn der Verbrccher sclbst war ein ,,VcrJchtcr des Gcsctzes" 14ú. Für den Bereich
gclten" 135• des Strafrechts hielt Binding mithin an der Mcrkclschcn Auffassung fcst, daf5
Damit stellte Thon die Position Mcrkcls in dcr Unrcchtsfragc buchstablich auf strafwürdigcs Unrccht erstcns kommunikative Qualitat besitzc (,,Vcrachter")
den Kopf: Schuldlosc NonnvcrstOJ3c sind Thon zufolgc nicht nur müglich, das und dafi es zwcitens eincm in den staatlichcn Gesctzen objcktivicrtcn Bclang
schuldunabhangigc Unrccht rückt viclmchr zu cincr allgcmcincn normcntheo- dcr Allgemcinhcit (Sicherung des Offcntlichen Fricdcns) zuwidcrlaufc.
rctischcn Katcgoric auf. Lediglich bcstimmte Rcchtsfolgcn, vor allcm die Strafc, Bindings Stcllungnahmc zur Frage nach der Existcnzbcrcchtigung cines
dürfcn aus Gcrcchtigkeítsgründen im Fall schuldloser [Link] nicht schuldlosen Unrcchts im Bcrcich des Strafrcchts war damit vorgczcichnct. Mit
verhangt wcrden 136• Indesscn crkaufte Thon dieses Ergebnis durch cinc unhalt- Mcrkcl betonte er, daB die Gehorsamspflicht sich nur an solchc Personen rich-
bare normcnthcorctischc Konstruktion. Ein Gesctzgeber, dcr scinc Gcbotc auch ten kOnnc, die die Fihigkcit hJtten, ihr zu cntsprcchen. ,,Wie der Hcrr scinc
an solchc Adrcssatcn richtet, die cr zuvor für zurechnungsunfahig crklart hat, AuftrJge dcrn Dicner in Erwartung, dicscr wcrdc sic crfüllcn, nicht dann ge-
verwickclt sich in cincn Sclbstwiderspruch: Er [Link] zur selben Zeit, cinc be- ben wird, wenn dcr Bcdiente schlaft odcr betrunkcn ist odcr im Ficber liegt,
stimmtc normativc Erwartung zu hegcn (,,Du sollst") und sic nicht zu hcgcn so bindct auch die 1':[Link] nicht, die im einzclncn Falle ihrcs Tatig-
(,,Du bist zurcchnungsunfahig") 137• Thons Fortcntwicklung Merkclschcr Mo- wcrdcns handlungs·~mfahig sind." 147 Die von Binding als ,,Dclikt" bezeichnetc
tive führt deshalb in die Irrc. Unterart des UnreChfs';·dic in der Mifiachtung des staatlíchcn Rcchts auf Bot-

131 Thon,Rcchtsnorm, S. 91 f. m v. Gemmingcn, Rcchtswidrigkcit, S. 28.


132 Thon,Rcchtsnorm, S. 92. D<JBinding (Normcn, Bd. I, S. 245 ff.) untcr J\ufgabc scincr Ansicht aus dcr 1. Auílagc dcr
1.,:; Thon,Rcchtsnorm, S. 92. ,,Normcn".
!J-! Thon, Rcchtsnonn, S. 93. HO Binding, Normcn, Bd. I, S. 298.
rn Thon, Rcchtsnorm, S. 95. 1-ll Binding, Normcn, Bd. I, S. 299.
!3(, Thon, Rcchtsnorm, S. 76 ff. 142
Binding, Nonncn, Bd. T,S. 298 Í.
137 Thons Ikhandlung dcr J\drcssatcnproblcmatik ist dcshalb auch auf a!lgcmcinc Ab-
HJ Binding, Nonncn, Bd. l, S. 308,412 ff.
lchnung gcstofkn; vgl. nur Binding, Normcn, Bd. I, S. 245; dens., GS 87 (1910), 9; Ho!d v. 4
H Hinding, Normcn, Bd. J, S.417.
Ferneck, Rcchtswidrigkcit, Bd. 2, S. 29; Merke/, Grünhut's Zcitschrift 6 (1879), 383; Mezger, H.'i Binding, Normcn, Bd. I, S. 425.
GS 89 (1924), 222 f. - J\us dcr ncucrcn Litcratur: Arthur Kaufmann, Unrcchtsbcwu/hscin, w, Binding, Norrncn, Bd. I, S. 419.
S. 133;Koriath, Grundlagcn, S. 285; Lampe, Unrccht, S. 22. 7 Binding, Normcn, Bd. I, S. 243 f.
r-1
280 3. J<apitel: Die Vcrletwng derstrafrecht.!ichen Mit,:,:;frkungspflicht A. Krimi11a!unrcch1als zurechenhar-wsúindigheitswidriges Verha!ten 281

mJBigkcit bcstcht, kann dcshalb, wic cr bctontc, nur schuldhaft vcrwirklicht Mitwirkungspflichtvcrlctzung bestcht darin, daB dcr Tiitcr zurcchcnbar an-
wcrdcn 148 . lm Bcrcich des Strafrcchts cin schuldloscs Unrccht für mOglich zu dcrs handclt, als es dcr Zustandigkcítsvcrtcilung in dcr bctrcffcndcn Situa-
haltcn, hciGt für Binding, die spczifischc Aufgabc dieses Rcchtsgcbicts und die tion [Link] cntsprochcn hattc. In Ausnahmcfallcn - dcr Konstcllation des
Lcgitimationsvoraussctzungcn von Strafc zu vcrkenncn. ,,Zu Unrccht hciBt es untauglichcn Vcrsuchs - kann dcr Tatcr seinc Wcigcrung, den auf ihn cntfal-
Unrccht."l 49 lcndcn Mitwirkungsanteil zu crbringcn, allcrdings auch durch cin objcktiv
Der hcutigc Lcscr mag an dcr obrigkcitsstaatlich gcprflgtcn Diktíon Bin- [Link]~lli_gcsVerbal ten manifcsticrcn: Er agicrt in cincr Wcisc, die zustandig-
dings AnstoG nchmcn 150 . In dcr Sache abcr trifft Binding den cntschcidcn- kc1tsw1dng wdre, wcnn die tatsachlichcn Umstindc so bcschaffcn wúcn, wic
dcn Punkt. Zu Rccht hcbt cr hervor, daB das Vcrbrcchcn scincm Bcgríff nach cr sic sich irrtümlich vorstcllt 155 . Da in bcidcn Fallgruppcn die Mitwirkungs-
nicht in erstcr Linic cin interpersonales Gcschchcn zwischcn Tatcr und Opfcr pflicht ihrc Konturcn durch die im vorigcn Kapitcl cntwíckcltcn allgemcincn
darstcllt, sondcrn daB dcr [Link] sich, indcrn cr die ,,Machtfragc" stcllc 15 1,an Figuren dcr Zustandigkcitsbcgründung crhilt, kann man auch kurz und bün-
dcr gcmcinschaftlichcn Fricdcnsordnung als solchcr vcrgcht 152 • Übcrgriffc auf dig sagcn: Das strafrcchtlich relevante Unrccht des Bürgcrs bcstcht in cincm
frcmdc Rcchtskrcisc wcrdcn strafrcchtlich nicht um ihrcr sclbst willcn, son- zurcchcnbar-zustdndigkeitswidrigcn Verhalten.
dcrn um dcsscntwcgcn sanktionicrt, was sic übcr das Vcrhaltnis des Tatcrs
zur Allgcmcinhcit aussagcn: Dcr Tatcr handclt scincr Mitwirkungspflicht gc-
gcnübcr dcr Rcchtsgcmcinschaft zuwidcr, índcm crin scincm Vcrhaltcn cincn
IV. Voraussctzungen der Unrcchtszurechnung
Mangcl an Rcchtstrcuc zum Ausdruck bringt; cr macht dcutlich, daB cr nicht
1. Gründe und Ursachcn
gewillt ist, scincn Tcil zur Aufrcchtcrhaltung des bcstchcndcn Zustandes dcr
Frcihcitlichkcit bcizutragcn. In cincr Kultur, die Autonomic und Sclbstvcrwirklichung zu ihrcn Lcitidccn
Untcr dcr Hcrrschaft cines solchcn Vcrbrccbcnsbcgriffs, dcr den Wi- crhobcn hat, bcstcht die Aufgabc des Strafrcchts darin, jcdcrmann cinc von
dcrspruch des Tütcrs zum Allgcmcinwillcn - den ,,Angriff auf das Sollcn Jahmcndcr Furcht und crdrückcndcr Frcmdbcstimmung frcic Gcstaltuna des
• . b
sclbst" 153 - in den Vordergrund stcllt, gíbt es nur einen systcmatisch bclang- c1gcncn Daseins zu crmüglichcn 156 . Dieses Sclbstvcrstindnis bcinhaltct cinc
vollcn Unrcchtsbcgriff: Unrccht vcrwirklicht danach cin Bürgcr, dcr sich cÍ·· folgcnrcichc Vernünftigkcitspfasumtion 157: Die crwachscncn und gcistig nor-
nen bcstimmtcn Sachvcrhalt - sci es scin cigcnes Vcrhaltcn odcr das Handcln mal entwickcltcn Rcchtsgcnosscn sprcchcn cinandcr wcchsclscitig die [Link]-
Drittcr - als Vcrlctzung scincr Mitwirkungspflicht gcgcnübcr dcr Rccbtsgc- kcit zu, ihr Lcbcn führen zu [Link]. Scin Lcbcn zu führen, ihm cinc Linic
mcinschaft zurcchncn lasscn rnuB.154 • Dcr Grund- und Rcgclfall cincr solchcn zu gcbcn vcrmag nicht, wcr bclicbig und für sich wíc für andcrc übcrraschcnd

143 Binding, Normen, Bd. I, S. 298.


149 Binding, Nonncn, Bd. I, S. 245. Schaffstcin [dazu Feldmiiiler-Bduerle, Schulc, S. 143 ff.; [Link], Kampf, S. 222 ff.], wic Loos
150 So sah ctwa [Link] in dcr ,,impcrativcn" Vcrbrcchcnsauffassung Bindings, die er 1938 crst kürzlich in Erinnening gcnifcn hat [Loas, FS Mai\vald, S. 4771), ihrcm lnhalt nach keines-
noch als Ausdruck ciner ,,konscrvativ-autm·it;;irc["n} 1--Ialtung" gclobt hauc (Wcizel, DR\'<liss wegs ge_nuinnationalsozia!is_tiscb ist (zutrcffcnd T \'valter, Kcrn, S. 85). Nationa!sozialistisch
1938, 116),einigc Jahre spiücr cincn ,,Bestandteil f..-1unscres dcutschcn Vcrlúngnisscs" (\Y/cl- ist die Emgrcnzung des Süafréd1ts hin zu cinem Gcsinnungsstrafrccht. Von cincr solchcn
zel, ZStW 67 íJ955], 200f.); iih11lichArthur Kaufmann (Unrcchtsbcwulhscin, S.132): ,,rcifc [Link] wciG die hiesigc Konzcption sich frci; sic stclh die Katcgoric des (urnfasscnden) Kri-
Frucht des im [Link] '.[Link] gclangtcn Rcchtspositivismus, an dcsscn extremen minalunrcchts viclmchr in den Dicnst cincr Strafrcchtsthcoric, die sich zuvürdcrst dcr Jdce
Auswirkungcn wir hcutc noch krankcn". - Aus dcm ncucren Schrifttum: J-!aas, Kausalital, bürgcrlicher Frciheit vcrpflichtct wcig (obcn S. 90 ff.).
155
S. 72 H.;J-forn!e, Strafthcoricn, S. 8; dics., Unwcrturtcil, S. l J 3; Maier- Wcigt, Vcrbrcchcnsbc- Wcnn dcr Tiítcr dagcgcn die Anfordcrungcn dcr einschlü.gigcn Vcrhahcnsnorm iiber-
griff, S. 131; Rcm:.ihowslú, Normcnthcoric, S.1J9H. (zurückhaltcndcr abcr ders., GA 2007, dehnt (dcr Fall des S~)gcnanntcn \',Vahndclikts), schadct ihm clics nicht: Die Übcrzcugung,
565). - Ein nationalso'[Link]!istisch gcpriigtcr Autor wic (dcr jungc) Schmiclt-Leichncr wittenc Anford:rungcn zuw1d:rzuhandeln, die in Wirklichkcit übcrhaupt nicht crhoben wcrdcn,
dagcgcn sogar in dem Bcgriff des Vcrbrcchcns a!s Ungchorsam gcgcn die Nonn cinc Aus-· zcugt rncln von Illoyalitiit gcgcniíbcr den real bcstchcnden Anforderungcn (ahn!ich Jalwbs,
priigung des auszumcrzcndcn ,,libcralclnJ Indívidualisnrns" (Schmidt-Leiclmer, Unrcchtsbe- Systcm, S. 70 f.).
156
wufüscin, S. 8 f.). Obcn S. 99 fL
157
l.'il So Binding, Normcn, Bd. Il/l, S. 228. Fischcr, Vor § 13 Rn. 9a; J---IK-GS-ROSrncr,Vorbcm. zu § l Rn. 28; SS\Y/-l<udlich, Vor
L'il Obcn S. 105 ff. §§ 13 ff. Rn. 75; klurmann, Gnmdkurs, § 16 Rn. 7; Braun, JZ 2004, 612 f.; Duttge, [Link],
1'>3 Lesch,JA 2002, 608. S.17; I-lassemer, ZSt\X1 121 (2009), 848ff.; Hirsch, ZIS 2010, 64f.; I-Iochhuth,JZ 2005, 746;
15 1
· Nachweisc zu vcrwanchcn ncucren Auffassungcn aben S.258 Fn.15. -Es mag nicht Mastronardi, Thcoric, S. 41; MO!lcrs, \'<'illensfrcihcit, S. 253,260; Mosbacher, JR 2005, 61 f.;
übcrfüissig scin zu bctoncn, daB clic vcdwechcnssystcmatischc Zusammcnfrtssullf von Un- Rath, Aufwcis, S. 31; Roxin, FS M angakis, S. 245 f.; Spranger, JZ 2009, 1033; Streng, Hcraus-
rccht und Schuld, obwoh! sic auch im Narionalso,:ialismus vcnrctcn wu1·dc (vor 'llcm von fordcrung, S. 76; H. A. \Volff,JZ 2006, 926 f.
282 3. Kapúel: Die \!edet;,:ung der strafrcchtlichen Mitwirk1mgspflich1 A. Kriminalum·ccht als zurechcnhar-zustdndigkeitswidrigcs Vcrhalten 283

von cincr Entschcidung zur andcrcn springt 15 8, sondcrn nur, wer imstandc tcllcktucllcn oder sccliscben Dcfi7,itcn cincr mchr odcr wcnigcr \.Vcitrcichcn-
ist, rcflckticrt, d.h. aus der Einsicht in die Übcrzeugungskraft von Gründen dcn Frcmdvcnvaltung untcrworfcn.
zu handcln 159 . Als ,,Antwortcn in Rcaktion auf zweifclndc Fragcn, was man [Link] freihcitliches Strafrccht in dcm hier zugrundcgclcgtcn Sinnc erfordcrt
für wahr haltcn odcr was man tun soll" 160 , sind Gründc ,,ctwas, was wescns- somit die Ancrkcnnung dcr irrcduziblcn Eigenstindigkeit des ,,Sprachspicls
maBig angcfochtcn, bckriiftigt odcr bcstitigt wcrdcn kann untcr dcm Aspckt verantwortlicher Urhcberscbaft" l<,6 •
dcr Wahrhcit bczichungswcisc Ríchtigkcit und dcr Falschhcit" 161• Die Fahig- Dieses Spracbspicl aufzugcbcn licfe darauf hinaus, das Strafrecht durch ein
kcit, sich in scincm Handcln durch Gründc sclbst zu bindcn, mcincn Moral ,,trostlosc[s] und cntschicdcn unfrcundlichcrc[s] Mafhegclrccht" zu ersctzen 167.
und (Straf-)Rccht, wcnn sic von Willcnsfrcihcit sprcchcn 162 • ,,Mindcrt man die Bcdcutung dcr Autonomic des Mcnschcn normativ, mindcrt
,,Gründc" und ,,Sclbstbindung" sind wcrt- bzw. normbezogcnc, d.h. so- man die Rechtsposítion, auf die dcr Einzelnc verwciscn kann, um dcm staat-
ziale Katcgoricn. Die als Fahigkcit zur Sclbstbindung durch Gründc verstan- licbcn Zugriff gcradc auf scinc vitalcn Rcchtsgütcr Einhalt zu gcbicten." 168
dcnc Willcnsfreihcit ist dcshalb kcinc biologischc Tatsachc, dcrcn Existcnz Zwar ist die Scmantik von Frcihcit und Vcrantwortlichkeit ohnc wcitcrcs mit
mit den Mcthodcn dcr Naturwisscnschaft bcwicscn oder widcrlegt wcrdcn dcr ausnahmsweisen Bcrücksicbtigung freihcitscinschriinkcndcr Faktorcn ver-
künntc, sondcrn cinc sozialc Institution 16.3. 1hr ist von vornhercin das Momcnt cinbarH,9. In diesen Einschriinkungcn ist narn!ich ,,das, was bcgrcnzt wird" -
dcr Vcrantwortlichkcit immanent: An der von ihm vollzogcncn Sclbstbindung die grundsitzliche Fahigkcit zur Sclbstbindung des Willens auf dcr Basis von
darf dcr cinzclnc von scincr sozialcn Umwelt fcstgehaltcn wcrdcn 164. Dcshalb cinleucbtcndcn Gründen - ,,noch vorausgcsetzt" 170• Ausgcschlosscn ist es im
kOnncn nur jcncn Personen, die als für ihr Tun vcrantwortlich angcschcn wcr- Rahmen dieses Sprachspicls hingcgcn, menschliches I-Iandcln insgesamt auf cin
dcn, Handlungsfrciraumc institutioncll garanticrt wcrdcn. Wcm dagcgcn cinc naturgcsctzlich dctcrminicrtcs Gcscbchcn zurückzuführcn. Ein solchcr
solche Vcrantwortlichkcit nicht zugeschricbcn wird, dcr ,,kann die Frcihcit Reduktionismus kann legitim scin, abcr nur inncrhalb cincr andcrsartigcn - dcr
nicht kostcn« 165;dahcr werdcn Mindcrjahrigc und Mcnschen mit starkcn in- naturwisscnscilaftlich-kausalistischcn -Bcschreibungssprachc. Die Fruchtbar-
kcit ciner solchcn Bcschrcibungssprachc stcht angesichts dcr Erfolgc dcr Natur-
\visscnschaftcn au~cr Fragc. Wcil Thcoricn abcr immcr nur bestimmtc Aspcktc
iss Wingert (Gründc, S. 197) bczcichnct cin solchcs Frcihcitsvcrstandnis trcffcnd als dcr Wirklichkcit intcrprctiercn und aus konstruktivcn Gründcn anderc Aspcktc
,,Würfe!wurfrnodcH". - Zur Kritik grnndlcgcnd Bíeri, I--Iandwcrk, S. 230 ff.; knapp zusam- ausklammcrn odcr unbcrücksichtigt lasscn müssen l7!, iindcrt clics nichts daran,
rnenfasscnd Kriiber, Hirnforschung, S. 106; aus dcm juristischcn Schrifttum: Roxin, AT l, § 19 dag es sich bci ihr nur um cine Beschrcibungssprachc untcr mchrcren mOg-
Rn. 45; Herzherg, FS Achcnbach, S. 176.
159 Habermas, Freiheit, S. 105 ff.; Wíngert, Grenzcn, S. 248. lichcn handclt. Wo es, wic im Bcrcich des (Straf-)Rcchts, um die Sclbstauslc-
iw Wingcrt, Gründe, S. 200. gung ciner sozialcn Praxis gcht, tritt das Sprachspicl dcr Gründc dcm Sprach-
l(d Wingert, Grcnzen, S. 244.
162 Aus dcr philosophischcn Litcratur: Bien:, Han<hvcrk, S. 80ff.; Buchheim, Wcr, S. [63;

Gerhardt, Partizipation, S. 224; Habermas, Frciheit, S. 104 f.; ders., Urhcbcrschaft, S. 270;
Heidbrink, Autonomie, S.267 f.; Swrma, Ausdruck, S. 211 f.; Wingcrt, [Link], S. 108. -Aus
dcm auBcrphilosophischcn, vorwicgend rcchtswisscnschaftlichen Schrifttum: NK-Schild, 261 ff.; dcrs., Schu!d, S. 260 f.; Moshacher, JR 2005, 62. - Aus dcm alteren Schriftturn: !úihlcr,
§20 Rn.13; Hraun, JZ 2004, 611; !lochhuth, JZ 2005, 747; KrOher, Hirnforschung, S.109; GS 95 (1927), 456; v. \\'leher,J\ufbau, S. 18.
11,r, Hahennas, Urhcbcrschaft, S. 270.
Laufs, McdR 2011, 3; MOllers, Wi!lcnsfrcihcit, S. 272 f.
163 Ebcnso NK-Schild, § 20 Rn. 16; NK-Paeffgcn, Vor §§ 32 ff. Rn. 230i; Hassemer, Strafe, l(, 7 J-lasscmcr, ZStW 121 (2009), 841.

S. 221 H.; Primo, \Xliilcnsfrcihcit, S. 62; Kcmpcrmann, lnfcktion, S. 236; Kraufl, FS Bruns, l/,S H. A. W/o/JJ; JZ 2006, 930. - Vor den Risiken cines Paradigmemvcchscls vorn Schuld-
S. 23 f.; dcrs., FS Jung, S. 429. zum MaBrcgcl(straf)rccht warncn auch I..K-SchOch,§ 20 Rn. 30; NK-Schild, § 20 Rn. 5, 11;
lM Übcr das Vorlicgcn cines validen Sclbstbindungsakts wird anhand so:áaler (im hicsi- NK-Paeffgen, Vor §§32 H. Rn. 230; S/S-Lcnckner/Eisele, Vorbcrn. §§ 13 ff. Rn. l lOb; Bung,
gcn Kontcxt: strafrcchtlichcr) Normcn cntschicdcn. Vcrfchlt ist es deshalb, das individucllc Wissen, S. 7 f., 11ff.; DOl!ing, Willcnsfrcihcit, S. 386 f.; Duttgc, Brückc, S. 53 ff.; Gchring, PhR
Freihcitsbcwufüscin des cinzclncn Taters zum maBgcblichen [Link] für den 51 (2004), 291; Cischwend, Verantwortung, S. 304 f.; K. Giinthcr, Hcrausfordcrung, S. 72; J-lil-
Schuldvorwurf zu crklarcn (so abcr Burhhardt, FS [Link], S. 21 f.; dcrs., FS Eser, S. 100; lcnkamp, Systcrn, S. 98 ff.; Laufs, McdR 2011, 4; Uidersscn, Subjckt, S. 192. - Hefürwortcnd
dcrs., FS Maiwald, S.92 H.; cbcnso LK-Schiich, §20 Rn. 22 H.; Ebcrt, AT, S. 95; Kiihl, AT, § 10 dagcgcn Detlefsen, Grcnzcn, S. 341 ff.
Rn. 't; Munnann, Grundkurs, § 16 Rn. 8; Hirsch, FS Oteo, S. 321; ders., ZlS 2010, 65; ablch- I(,'! Habermas, Urhebcrschaft, S. 270; W/ingcrt, Gcnzcn, S. 258. - Dics vcrkcnnt Spilgies,

ncnd Duttge, Brückc, S. 40 f.; Herzhcrg, Willcnsunfrcihcit, S. 68; J-Iillcnkamp, JZ 2005, 320; HRRS 2005, 46 f.; ihm widcrspricht zu [Link], HRRS 2004, 219 f.; ders., HRRS 2005,
!1oyer, 2. FS Roxin, S. 730; Mcrhcl, \X1illensfreihcit, S. 120f.; Ruskc, Schuld, S. 215 f.; Secl- 51 f.
170 Habermas, Urhcbcrschaf t, S. 271.
mann, Grundannahmcn, S. 98).
ir,5 /(rOber, I Iirnforschung, S. 103. •··Ebcnso Jakohs, System, S. 66; den., ZStW 117 (2005), lll Excmplarisch Sturma, Ausdruck, S. 198.
284 3. Kapitel: Die Verlctzung dcr s/rafrechtlichcn Mit,wirkttngspflicht A. Kriminalum-ccht tds zurcchcnbar-;rnstdndigkeitswidriges Verha!tcn 285

spiel dcr Ursachcn ontologisch und cpistcmologisch glcichbcrcchtigt zur hühcrcr Rcaliti'itsgchalt zukommc als den handlungslcitcndcn Gründcn mcnsch-
Scitc 172 . lichcr Aktcurc, handclt es sich jcdoch ,,kcincswcgs um cinc ncutralc Bcschrci-
Die rcduktionistisch-naturalistischcn Thcoricn, die scit cinigcn Jabren untcr
Bcrufung auf die Ergcbnissc dcr 1--Iirnforschung cinc Rcnaissancc crfahrcn, gc-
zialc Lcbcn und die Rcchtsordnung nicht gültig scin." (Henberg, FS Achcnbach, S. 178) Dics
hcn dcmgcgcnübcr mit dcm Gcstus dcr Sclbstvcrstandlichkcit vom Primat des
widcrspricht frcilich nidn nur dcr Ausgangsbcbauptung Hcrzbcrgs, daG jcdcr, dcr in dcr Lc-
Sprachspids dcr Ursacbcn aus, bctrcibcn also nach cincrn Begriffspaar des Phi- bcnswirklichkciL Problcmc zu li'iscn habc- auch dcr Jurist-von dcr ausnahms!oscn Gcltung
losophcn Dictcr Stunna auf dcr Basis cincr epistemologischen Konslruktion cinc des Kausalgcsctzcs ausgchcn müssc (llerzhcrg, FS Achcnbach, S. 168), es cmzicht viclmchr
ontologischeElim1:nation173• Bei der Thcsc, dag ncuronalcn Gcschchnisscn cin scincr gcsarntcn Argumcntation den Bodcn: \\1/cnn die Praxis sich ohnchin nicht nach dcr
Thcoric riclnct, ist dcr Blickwcchsc! von dcr Ebcnc dcr Ein:t,cltat zu dcr des Charaktcrs nid1ts
als cinc übcrflüssigc Vcrkomplizicrung. Duttgc hofft auf die ,,Entdcckung cincr objcktivcn
172 Habermas, Frcihcit, S.112; ders., Urhcbcrschaft, S.279ff.; Brandt, Ick, S.175; Crnse,
Sphiirc dcr Frcihcit ,in' dcm konkrct zur Rcchcnschaft gc1,ogcncn [Link]" (Duttgc,
Gchirn, S. 225 ff.; ders., Substratc, S. 71 f.;Janich, Strcit, S. 93; Schochcnhoff, Phantomwcscn, aaO, S. 59). Abcr wic will cinc ,,objcktivc Spharc dcr Frcihcit" findcn, wcr sich vorab darauf
S. l68;Seei, Ncuc Rundschau 116/4 (2005), [52;Sturma, Ausdruck, S. 192,197 f., 205 ff.; V?in- fcstgdcgt hat, Scinsgcgcbcnhcitcn auf Kausa!bczichungcn ;,,u rcduzicrcn (vgl. Schockcnhof(,
gert, Gründc, S. 201; ders., Grenzcn, S. 252. - Von strafreclu\icher Scite: Fischer, Vor § 13 Phantomwcscn, S. 167 f.)? - [Link] pliidicrt dcnn auch kurzcrhand für die Abschaffung des
Rn.10; NK-Schild, §20 Rn.14f.; Bung, Formen, S. 131; Hasscmcr, ZStW 121 (2009), 848; Strafrcchts: ,,Es kann mit dcr Würdc des Menschcn kaurn vcrcinbar scín, ihn nicht nach scincn
Hrnschlea, ZStW 110 (1998), 584 ff.;Jahobs, Systcrn, S. 66 f.; Kraufl, FS Jung, S. 420; Mosba- tatsiich!ichen Fahigkcitcn zu bcurtcilcn, sondcrn ihn zum Objckt nonnativcr Zuschrcibun-
chcr, JR 2005, 61 f.; Stiibinger, Idcalisicnes Strafrccht, S. 384 ff. - Kategorial verfchlt ist es gen zu machen." (Ruske, Schuld, S. 217) - Wcitaus subtilcr argurncmicrt Mcrkcl. Zwar gcht
dcshalb, ,vcnn strafrcclnliche Autorcn ihr Festhaltcn am status quo ante auf die Bchauptung auch dieser ohnc wcitcrcs von dcr ontologischen MaGgcblichkeit dcr naturwisscnschaftlichcn
cines non liquet stützen: ,,Dass es Wi!lcnsfrcihcit nicht gibt, ist nicht crwicscn, dass es sic gibt, Bcfundc aus. So vcrwirft cr die Eigcnstftndigkcit des Sprachspicls dcr [Link] mit dcm Argu-
frcilich cbenfalls nicht." (Hillenkamp,]Z 2005, 319; iihnlich I-IK-GS-ROSmer, Vorbcm. zu § 1 ment, da~ ein solchcs Riisonnicrcn a!s mentales Gcschchen ausschlicfüich auf dcr Grundlage
Rn.26; Lackner/Kühl, Vor § 13 Rn.26; LK-SchOch, §20 Rn.30; NK-Pacffgen, Vor §§32ff. ncuronalcr (,,dctcrminicrtcr") Vorgfingc im Gchirn erfo!gc (Medeci, Willcnsfrcihcit, S. 48),
Rn. 230i; SS\"l-Kudlich, Vor §§ 13 ff. Rn. 75; !úcy!Esser, AT, Rn. 689;Roxin,J\T 1, § 19 Rn. 37; und die Willcnsfrcihcit gcigch cr als cinc wisscnschaf tlich widcdegtc Chinürc (aaO, S. 114f.).
\Vessels!Bculke, AT, Rn. 397). Die Bcrufung auf cin non liquet kommt nur im I--Iinblick auf Dcnnoch spricht cr sich fiir die Bcibchaltung cines Schuldstrafrcchts aus. Einc tauglichc Al-
Behauptungcn in Bctracht, die inncrhalb cines cinhcitlichcn ontologischcn und cpistcmologi- tcrnativc ;,.ur Bcbstung des Tiitcrs mit Schuld und Strafc für die gcschchcnc Tat sci nicht cr-
schcn Katcgoricnsystcms angcsicdclt sind. Dics gilt für das Sprachspicl dcr Gründc in scincm kcnnbar. LiGt sich cinc solchc Position übcrzcugcnd [Link], ja laf1tsic sich übcrhaupt kon-
Vcrh;iltnis zu dcmjcnigcn dcr Ursachcn gcradc nicht. - Mi!hcrstftndlich ist auch die untcr sistcnt formuiiercn? Ja, antwortct Mcrkcl, dcnn nur so !assc sich dcr Aufgabc des Strafrcchts
Strafrcchtlcrn vcrbrcitcte Rede von dcr Willcnsfrcihcit als cincr normativcn Sctzung (Lach- angcmcsscn Rcchnung tragcn. Jede rcchtswidrigc Tat vcrlctze die gcbrochcnc Nonn. ,,Dcrcn
ner/Kühl, Vor § 13 Rn. 26; LK-SchOch, §20 Rn. 26; SK-Rudolphi, Vor § 19 Rn. 1; S/S-Lench- Anspruch, im \X1irkungsbcrcicb dcr rcchtlichen Ordnung immcr und für allc zu gcltcn, hat
ner/Eisele, Vorbcm. §§ 13 ff. Rn. 110; Bringewat, Gnmdbcgriffe, Rn. 556;jeschech!Wcigend, in dicscm konkrctcn Fall vcrsagt; cr ist vom TJtcr missachtct, dcsavouicrt wordcn." (aaO,
AT, § 37 I 2 b fS. 411); Roxin, AT 1, § 19 Rn. 37; dcrs., FS Mangakis, S. 245 f.). Das Sprachspicl S. 125) Für diesen Normbruch müssc dcr Tatcr bc;,,ahkn, indcm cr die Srrafc auf sich nchmc.
dcr [Link] ncbst scincr Voraussctzung, dcr \Y/illcnsfrcihcit, ist nicht mchr und nicln wcnigcr Sonst sci cinc g!aubhaftc Rcstitution dcr Normgcltung nicht móglich (aaO, S. 125 ff.). Diese
cinc nonnativc Setzung als das naturwisscnschaftlichc Sprachspicl dcr Ursachcn; vg!. dazu J\usführungcn vcrwundcrn. Wic kommt cin Autor, dcr in Hcgcls Strafthcorie das ,,ranzigc
auch den folgcndcn Tcxt. Pathos vcrjiihrtcr Kitschformcln" (aaO, S. 133) ;,,uschmcckcn mcint, dazu, sich ausgcrcchnet
173 St11rma, Ausdruck, S.197. - Einc Rcihc von Strafrcclnlcrn folgt den Rcdukrionistcn
cinc hcgclianisch inspiricrtc Auffassung von dcr Aufgabc des Strafrcchts zu cigcn ;,.u ma-
darin. So folgcrt Hcrzbcrg aus dcm Bcfund, da~ ,,nach dcm hcutigcn Stand dcr cmpirischcn chen? Und was sol len vor dcr Folie von Mcrkcls Dctcnninismus Wortc wic MiBachtung und
Forschung und wisscnschaftlichcn Erkcnntnis mit an Sichcrhcit grcn;,.cndcr Wahrschcinlich- DcsaYouicrung bcdcmcn? Einc Norm migachten kann nur, wcr übcr die Fiihigkcit ;,,u ih-
kcit allcs Gcschchcn natürlichc Gründc hat" (Her%hcrg, Willcnsunfrcihcit, S. 32), ohne wci- rcr i\chtung verhigt. Mit\Vdchcm Rccht kann dann abcr cincm J\kteur, dcr im Augcnblick
tcrcs, da~ es Willcnsfrcihcit nicht gcbc (J-Icrzberg, aaO, S. 92; ders., PS Achcnbach, S. i83). scincs Handclns zur Acl1t_i¿ngdcr YOHihm übcnrctcncn Vorschrift auGcrstandc war, cinc
Duttgc tut muer pauschalcr Bcrufung auf die ,,Scinsgcgcbcnhcitcn" die Willcnsfrcihcit als Mi/hchtung dicscr Bcstimmung vorgcworfcn wcrdcn? (Ebcnso NK-Schild, §20 Rn. 5.) Aus
,,cinc blo6c Untcrstcllung [... ], cincn koHcktivcn ,Glauben"' ab (Dnttge, Brückc, S. 41 f.). Um gutcrn Grund bcmiiht Mcrkcl sich dcshalb urn cinc Erganzung scincr ursprünglichcn Bcgrün-
dcnnoch am hcrk6mmlichcn Strafrccht fcsthalten zu k6nncn, müsscn bcidc auf cinigcrmaBcn dung. Untcr Gerechtigkcitsgesichtspunktcn, so führt cr aus, gchc es nicht nur um die Fragc,
vcrquiiltc Bcgründungsstratcgicn zurückgrcifcn. I-Icrzbcrg vcrwcist auf den Charaktcr des ob dcr Dclinqucnt ctwas für scin Tun ki'innc, sondcrn auch darum, daE legitime Intcrcsscn
Mcnschcn: [Link] diesen sci cr ,,im Gutcn wic im Bóscn vcrantwortlich, und was an Entschci- des Opfcrs auf dcrn Spicl stfodcn. ,,l)aran zcigt sich, dass es cinc nicht zu schlicBcndc und
dungcn auf scincn Charaktcr zurückzuführcn ist, das darf und muss cr sich zurcchncn lasscn" dcnnoch normativ akzcptablc Kluft gcbcn kann z,vischcn dcm, was cin Tfitcr, scincn Fflhig-
(Herzberg, aaO, S. 125; cbcnso den., FS Achcnbach, S. 184 f.). Abcr lícgtdarin nicht b!oB cinc kcitcn und Unfahigkcitcn gcmag, pcrsónlich vcrdicm, und dcr Fairncss ciner Rcaktion, die
Problcmvcrschicbung? Auf dcr Basis von Hcrzbcrgs Pr;imisscn isc dcr Charaktcr cin cbcnso ihm scin Vcrhaltcn ,übclnimrnt' und ihm dafür Bclastungen zumutct. Die Fairncss solchcr
uncntrinnbarcs Schicksal wic cinc cinzclnc Handlung (insowcit zutrcffcnd D1atge, aaO, sanktionicrcndcn Bclastungen kann zu bcjahcn scin, auch wcnn dcr Tiitcr diese im striktcn
S. 46). In scincm lctztcn Bcitrag 7,um Thcma zicht sich Hcrzbcrg allcrdings auf die Bchaup- Sinn pcrsOnlich nicht Ycrdient hat." (aaO, S. 127) Auch diese Bcgründung grcift jcdoch zu
tung [Link], clics sci praktisch irrelcvant: ,,wcnn moralische Bcwcrtungcn, Fordcrungcn une! kurz, dcnn die Pramissc dcckt die I-'olgerung nicht ab. Zwar darf jcrnand, dcr andcrc bcdroht,
Schu!dvorwürfc allcnthalben auch auf dcr Basis von \X1i]!cnsunfrcihcit vorgcnommcn une\ abgcwchrt und notfalls aus dcm Vcrkchr gczogcn wcrdcn, sclbst wcnn ihm scin Vcrhaltcn
crhobcn wcrdcn, dann kann die rhcorctischc Dcfinition für das individucllc Gcwisscn, das so- nicht pcrs6nlich vorwcrfbar ist. A her dics gcschicht im Wcgc dcr Gcf ahrcnabwchr und gcradc
286 3. Kapitd: Die [Link] der strafrechtlichen Mitwirkungspf/icht A. Kriminalunrccht a!s zurcchenhar-;,;ustdndig!witswidrigcs Vcrhaltcn 287

bung dcr Wirklichkcit, sondern um cinc vcrdinglichtc Ontologic« 17\ also um sischeAnnahmc [Link] solchc follt sic in den Zustiindigkcitsbcrcich dcr Philo•-
cinc - in ihrcr konkrctcn Ausformung zudcm hüchst unplausiblc 175 - metaphy- [Link] untcr Vcrwcis ausgcrcchnct auf jcnc natu;·wisscnschaftlíchcn Bc-
fundc, dcrcn ontologischcr Status in Rede stcht, als ontologisch übcrlcgcn auszu-
nicht mittcls Strafc. Aus den Schutzbcdürfnisscn potcnticlkr Opfcr cin Schuldstrafrccht hc- gcbcn, stcllt cinen bcgründungsthcorctisch fata len Katcgoricnfchlcr dar.
rausdcstillicrcn zu wollcn, ist cin aussiclnsloscs Untcrfangcn. Mcrkcl untcrnimmt allcrdings
Abcr sclbst wenn wir den Dualisnms von Gründcn und Ursachcn, Vcrstehcn
cincn wcitcrcn Anlauf zur Rcttung scincr Konzcption cines Schu\dstrnfrcclns. Das Bcwufh-
scin cines Zusammcnhangs zwischcn liidicrtcr Normgclnmg: und ihrcr Rcstitution durch den und Erklaren, Tcilnchmcr- und Bcobachtcrpcrspcktivc zugunstcn cines natur-
Strafschmcn: sci ticf vcrankcrt in den Einstcllungcn, mit dcncn wir cinandcr bcurtciltcn und wíssenschaftlich-objektivicrcndcn Szicntismus aufgcbcn wolltcn -wir leOnnten
bchandcltcn. ,,Es gcht um cin Elcmcnt dcr institutionclkn Struktt1r unscrcr gcscllschaftlichcn es nicht. Einc solchc Untcrordnung dcrTcilnchmcr- gcgcnübcr dcr Bcobachtcr-
Lcbcnsform. Und das ist die wirklichc Wclt, in dcr das Strafrccht Nonngdtung zu sichcrn hat.
pcrspcktivc wirc nur müglich, wcnn wir uns als crkcnncnde Subjektc im Voll-
Dcrcn Bcdingungcn darf es dcshalb nicht ignoricrcn. Es instinnionalisicrt die reaktivcn Ein-
stcllungcn der Rechtsgcmcinschaft auf den Bruch ihrcr grundlcgendcn Normcn." (aaO, S. 131) zug dcr Aktc des auf uns sclbst gcrichtctcn Erkcnncns objcktivicrcncl einholcn
Für unvcrnünftig hi'ilt Mcrkcl diese Einsrcllungcn glcichwohl. Normschutzcrw:igungcn, so und aus cincm fiktivcn Nirgcndwo bcobachtcn k0nntcn 178• Dies ist aber ausgc-
bctont cr dcshalb absch!icBcnd, scicn utilitaristischcr Provcnicnz (aaO, S.135). Auf ihrcr Basis schlosscn, clcnn clic Fahigkcit zur Tcilnahme an Praktikcn dcr Rechtfcrtigung
lassc sich Schuld nicht bcgründcn, sondcrn !cdiglich aus Gründcn dcr so:,,ialcn Nüedichkcit
ist für allcs Erkcnncn - und jeden vcrstandlichcn Bcgriff des Erkcnncns -
fingieren. Zwar scicn uti!itaristischc Rcchtfcrtigungcn für graviercndc Eingriffc in die Rcchtc
dcr Pcrson inncrha\b dcr rcchtlichcn Ordnung grundsiitzlich nicht akzcptabcl. Stchc abcr dcr grundlcgcnd 17''. Wcil Erkenntnis une\ die Erwartung ihrcs Ancrkanntscins als
Bcstand dcr Normcnordnung als ganzcr auf dcm Spicl, so k6nntcn sic clics in cngcn Grcnzcn Erkenntnis zusammcngehórcn 180, muR auch clcr Naturwisscnschaftlcr Gründc
wcrdcn. ,,Hicr schlidh sich dcr Krcis. Dcnn in dcr Fragc dcr staatlichcn Strafc stcht dicser angcbcn: für scíncn Vcrsuchsaufbau, scinc Mcfüncthodcn, scinc Intcrprctation
Bestand auf dcm Spicl." (aaO, S. 135 f.) Von PairncR und Gcrcchtigkcit ist hier nicht mchr die
der von ihm crmittcltcn Daten. Noch in scincr Lcugnung dcr Eigcnstindigkcit
Rede. Das Strafrccht im Sinnc Mcrkcls erwcist sich, frci nach Carl Schmitt, als der mit groRcr
Macht fortw:ihrcnd gcbanntc Ausnahmczustand (zustimmcnd NK-Schild, § 20 Rn. 5). eincr an [Link] oricnticrtcn 'fcilnchmcrpcrspcktivc crkcnnt cr dcrcn Eigcn-
174 Schockenhoff, Phantomwcscn, S. 168. standigkcit an 181 .
175 Die mcistcn Vcrtrctcr rcduktionistisdH1aruralistischcr Positioncn venretcn die Übcr- Mit scincr Stratcgic cines rcflckticrtcn ,,Erklirungsvcrzicht[s]" 182 rciht das
zcugung, daB auf die Fragc nach der Urhebcrschaft menschlichcr Hand!ungcn nur zwci Am-
wortcn in Bctrachc kiimcn. Entwedcr man opcricrc mit der Annahme cines von scinem Leib,
Strafrccht sich in cinc Traditionslinic ein, dcrcn Grundtcxt das Dritte Buch der
scincn Gefühlcn und scincm [Link] abgekoppcltcn, cartcsianischcn Ichs, das in un-
umschriinktcr Souvednitiit cinc Entschcidung trcffe und dcm Kfüpcr dcrcn Ausführung auf- Idcalisicrtcs Strafrccht, S. 3~1). Den ncuronalcn Prozcsscn im Gehirn kommt ebcnso wcnig
okrroyicrc. Ein solchcs ortlos-immatcricltcs Ego, von dcm zudcm ganz unklar ist, wic es auf Intentionalitiit zu wic dcm Ubcrgang von cincm clcktrischcn Zustand zum andcren in cinem
die matcricllc Wclt sol! cinwirken kónncn, liiBt sich freilich lcicht als mctaphysischc Chirni'irc Computcr. ,,Siit:,.c in Büchern rcpriiscnticrcn fiir uns Sachvcrhalte; Bildcr in Fotoalbcn rc-
abtun. Dann abcr, so fahrcn die Vcrfcchtcr dcr Naturalisicrungsstratcgic fon, vcrb!cibc nur priiscnticrcn fiir uns Erinncrungen. Doch im Gchirn gibt es keincn I--Iomuncu!us, der in dcr
die Müglichkcit, das Gchirn sclbst als Urhcbcr von I--Iandlungcn anzuschcn. In der vermeint- Lage wiirc, ncuronalc Aktivitiitsmuster a!s Rcpriisentationen aufzufasscn, afs Abbildcr zt1
lichcn Zwangslaufigkcit dieses Entwcdcr-Odcr licgt indcsscn das :,.cntralc phitosophischc schcn oder als Erinnerungsspurcn zu lcscn." (aaO, S. 63) Sclbstverstiindlich ist dcr Vollzug
Problcm. Wic dcr Psychiatcr und Phi!osoph Thomas Fuchs nadl\vcist, !icgt dcr hcutigcn intentionalcr Aktc an bcstimmtc organische Strukturcn cines Lcbcwcscns, zumal an dcsscn
neurowisscnschaftlichcn Standarcltheoric cinc ,,dualistischc Auftcilung dcr Wclt in cinc k6r- Gchirntiitigkcit, gcbundcn. Dcr Gchalt dicscr Aktc geht jcdoch in kcincr physika!ischcn odcr
per- und wcltlose Subjektivitiit cincrscits und cinc physikalistisch rcduzicrtc, matcridlc Wclt physiologischcn Heschrcibung auf (aaO, S. 65). Dcr vcrbreitctcn Rede von cincm denkcn-
andcrerscits" zugrundc (Fuchs, Gchirn, S. 48), die Descartes' bcrühmt-bcrüchtigter Dualiti'it den, cntschcidendcn und handclndcn Gchirn liegt insofcrn ein Katcgorienfchlcr zugrundc,
von res [Link]! res extensa um nichts nachstcht (aaO, S. 79 f.; iihnlich NK-Schi/d, § 20 den Fuchs im J\nschlul\ an dí,egrundlcgcndc Untcrsuchung Bennctts und Hackers (l3cnnc!.!/
Rn. 8; KrObcr, I-Iirnforschung, S. 104; Kriigcr, Naturalisicrung, S. 185, l 92 f.). Die Ncurowis- f-lackcr, Grundlagen, S. 87 ff) als ,,mcrcologischen Fchlschluss" bezeichnct. ,,Einem 'l'ei! des
scnschaftlcr reklamicrcn für das Gchirn cbcn jcnc wcltschüpfcrischc Funktion, wclche im Organismus, dem Gchirn, werden psychologischc und pcrsonalc Tiitigkcitcn ;,.ugcschriebcn,
subjcktivcn Idea!ismus dcm Ich vorbehalten war. ,,Im lnnenraum des Bcwusstscins cmpfangt die nur dcm Mcnscbcn als ganzcm zukornmen." (aaO, S. 66)
176 Wingcrt ([Link], S. 204) spricht wcniger h0flich von cinem ,,Vorurtci!".
das Subjckt, dcr cinsamc Gcfangcnc scincs cigencn Palastcs, die Bildcr von dcr unerreichbarcn
177
AuRcnwclt. Nur sind diese Hildcr nicht mchr Konstrukte der Kantischcn Vcrstandcsvcrm6- Brandt, Ick, S. 175.
178 f-Jahcrmas, Urhcbcrscha{ t, S.281.
gen, sondcrn der zugrundclicgcndcn Hirnprozcsse." (aaO, S. 30) Hegel hat das Subjcktdcn-
179 Sccl, Neuc Rundschau 116/4 (2005), 145 f.
kcn cines Descartes oder Kant zwar als cinscitig gctadclt, es abcr zuglcich als den unhintcr-
180 Scel, Neuc Rundschau 116/4 (2005), 146.
gchbaren Ausgangspunkt des ncuzeitlichcn Philosophiercns ancrkannt. Die Mctaphysik dcr
181 Aus dem philosophischcn Schriftturn: Fuchs, Gchirn, S. 21, 9 l f.;Janich, Mcnschcnbild,
vcrmeintlich mctaphysikfrcicn Ncurowisscnschaftlcr dagcgcn ist, wic Fuchs zcigt, schlicht
cin ,,begrifflichcr Unsinn" (aaO, S. 67). Das Gchirn vcrmag wcdcr Entschcidungcn zu trcf- S.160 f.; dcrs., Streit, S. 87, 92 f.; Schockcnhoff, Phantomwesen, S. 168 ff.; Sccl, Ncue Rund-
fcn noch Handlungen vorzunchrncn, denn Bcgriffc wic Übcrlcgcn, [Link] Wollcn und Ent- schau 116/4 (2005), 146. - Aus dcr (straf-)rccht!ichcn Litcratur: NK-Schild, § 20 Rn. 7; Braun,
schcidcn sind auf die Eh ene physiologischcr Bcschreibungcn von vornhcrein nicln anwcndbar JZ 2004, 61 l f.; Hmsch!ca, ZSt\X1 1JO (1998), 586; J<rauj!.,FS Jung, S. 425 f.; Rath, Aufwcis,
(aaO, S. 68, 80; cbenso Buchhcim, Wer, S. 161;Jfriiger, aaO, S. 187; Sturma, Ausdruck, S. 196; s.6 f., 87 ff.
182 DerTcrrninus starnrnt von f>rinz, Wi!lcnsfreihcit, S. 53.
Wingcrt, Gründe, S. 198 f.; aus dcm juristischcn Schrifttum NK-Schild, § 20 Rn. 7; Stiibingcr,
288 3. !(apite!: Die \[Link] dcr stmfrechtlichcn Mitioir-kungspflicht A. Kríminalunrecht. ais zurcchcnhar--wsúindigheitVioÍdrigcs Vcrhalten 289

Nikomachischen [Link] darstcllt 18-'. Aristotclcs crOrtcrt dort die Bcgriffc des wic scinc Vorgingcr mittcls cincr zweistufigcn Prüfung abarbcitcn. Auf dcr
Frciwílligcn und des Unfrciwilligcn. Ohnc auf das Thcma dcr Willcnsfrcíhcit crstcn Stufc, dcr imputaúo facti, sci zu untcrsuchcn, ob cinc Handlung ,,aus Na-
auch nur cin Wort zu vcrschwcndcn, stcllt cr cinlcitcnd fcst: ,,Unfrciwillig turursachcn crfolgt" odcr ob sic ,,aus dem Gcsctz dcr Frcihcit mit frcicm \X'il-
schcint zu scin, was aus Zwang odcr U1nvisscnhcit gcschicht." 184 ,,Wcnn Irr- lcn gcwahlt" wordcn sci 193 und dcshalb die Bczcichnung als factu.m bzw. ,,Tat"
tum, Krankhcit und Zwang nichts crklarcn", dann gcnügt clics auch dcm hcuti- vcrdicnc 19·t. Allcrdings bctrachtc die Zurcchnung ,,nicht b!og cinc Handlung
gcn Strafrccht für das Urtcil, dag es ,,die Tatcrpcrson [sci], die sich in dcr Tat [, ..], wie sic aus dcr Frcyhcit cntlchnct ist, sondcrn wic sic mit den juridischcn
zcigt"l 8S. ,,Scin Programm ist auf scinc Erkcnntnismóglichkcitcn rcduzicrt" 18c', Gcsctzcn zusammcnh1ngt" 195• Dcshalb [Link] dcr [Link] facti die ,,Anwcn-
es ist ,vcdcr cmphatisch noch misanthropisch 187. Zur tadclndcn Zurcchnung dung dcr Gcsczzc, cntwcdcr als cin mcritum odcr dcmcritum" - die imputaúo
bcdarf es dcmnach ,,nur dcr Glcichhcit des Titcrs mit den andcrcn, bcstimrnt legis - nachfolgcn 196• Die imputalio legis sctzt dcmnach zwcicrlei voraus: zum
nacb den gcnanntcn Paramctcrn." 188 Damit bcstatígt sich dcr eingangs formu- cincn, ,,daB die I--Iandlung untcr cincm Gcsctz stchc'\ und zum andcrcn, .,dafs
licrtc Bcfund: Eincn frcicn Wíllcn habcn Mcnschcn dcm strafrcchtlichcn die Handlung untcr dieses Gcsctz subsumirt wcrdcn künnc" 197.
Sprachspicl zufolge im glcíchcn Sínnc, in dcm sic Rcchte une\ Pflichtcn habcn. Im [Link] vcrschwand dieses Zurcchnungsmodcll aus dcr wisscn-
Ebcnso wic diese ist auch dcr frcic Willc cinc sozialc Tatsache, die den Hand- schaftlichcn Diskussion. Die imputaúo facti, so wurdc kritisicrt, sci als cinc
lungsspiclraum dcr Mcnschcn in ahnlichcr Weisc bccinflufü wic die Tatsachcn ,,blossc Erklarung, dass Jcmand durch scinc ausscrc Thiitigkcit den strafgcsctz-
dcr natürlichcn Umgcbung, in dcr sic lcbcn. widrigcn Erfolg hcrvorgcbracht habe" 198 und dcshalb desscn ,,physischcr Urhc-
l1cr" se1.,,, , normauv· m11ntcrcssant
· 200 , ,,e¡a d'1cscA
- rt von Kausa ¡·1tiitgcradc cbcn-
2. Die klassischeZurechnungsle/ne und ihr Schicksal sogut von reinen Naturursachcn pridicirt wcrdcn kann" 2º1• Dicscr Einwand -
cr dürftc darauf zurückgchcn, dafs 11cgcl in scincm Gcbrauch dcr Bcgriffc Tat
Dcr tiefc Graben, dcr zwischcn Kants Ncuansatz in dcr praktischcn Philoso-
und Handlung die kantischc Tcrminologic buchstablich umgckchrt hattc 2º2 -
phie und den Hervorbringungcn dcr Christian Wolff-Schulc licgt, verführt
stclltc frcilich chcr cinc antizipicrtc Kritik an dcm spiitcrcn naturalistischcn
dazu, die Übcrcinstirnmungcn zu übcrschcn, die in zahlrcichcn Einzclfragcn
Handlungs- und Tatbestandsbcgriff dar als cinc angcmesscnc Auscinandcrsct-
zwischcn dcr Position des Mcistcrs aus KOnigsbcrg und dcr übcrkommcncn
Auffassung bcstchcn. Ein Beispicl dafür, wic stark jcncr clcrTradition vcrpflich- (Versuch, § 33 [S. 69]): Einc Hftn~fhrng k()nnc zugcrechnet wcrdcn, wcnn ihrc Ursachc in dcr
tct war, stcllt scinc Zurcchnungslchrc dar 189 . Kant vcrstand die Zurcchnung als mora!ischcn Willkür und Frdheit'des I-·hndclnden liegc; l({ein (ACrim 2 [1800], 67 f.): Rccht-
cin ,,Judicium übcr frcyc Handlungcn", ,,insofcrn sic als mcritum odcr dcmc- lichc Zurechnung sei ,,das Unhei!, daG jemand Urhcbcr (causa libera) ciner \\/irkung scy,
welchc reclnlichc Fo!gen habcn so!!".
ritum, als Vcrdícnst odcr Schuld bctrachtct wcrdcn" 190 . Damit folgtc cr scincm 193 /(ant, MS Vigibntius, AA Bd. 27/2, S. 561.
Gcwahrsmann Achcnwall, in dcsscn Wortcn es bci dcr Zurcchnung um das 19 1
' Kan 1, MS, Werkc Bd. 7, S. 334; ders., Moralphilosophic Collins, AA Bd. 27/1, S. 288;
Urtcil gcht, ob jcmandcm ,,cinc moralíschc [d.h. freic 191, M. P.] Tat und das Vcr- dcrs., MS Vigilantius, AA Bel.27/2, S. 561; dcrs., Vorlcsung, S. 87. - Zu Rccht wcist Miilicr
dicnst ciaran" zugcschricbcn wcrdcn k0nnc 192• Diese Fragc wolltc Kant ahnlich (\X1il!c, S. 55 f.) darauf hin, daG dcr dcr Zurcchnungslchre zugrundclicgcndc Frcihcitsbegriff
cin andcrer ist als der dcr moralischcn Autonomic. Vorausgcsctzt wird nicht die vcrnünftigc
Sclbstbcstimmung des Mcnschcn, sondern bloG die Freihcit des Wahlcns.
195
[Link], ZStW 110 (!998), 600 f. Kant, Praktische Philosophic Powalski, /U\ Bd. 27/1, S. 154.
IS·lAristotelcs, Nikomachische Ethik 1110a, Wcrkc Bd. 3, S. 44. l% Kant, Praktischc Philosophic Powalski, AA Bd. 27/1, S. 153.
197
!SS ]akobs, ZStW 117 (2005), 263. Kant, MS Vigilantius, AA Bd. 27/2, S. 562. - Übcr die Untcrschicde zwischen Kants
IR(, !Jasscmer, ZStW 121 (2009), 852. Katcgoric dcr imputatio legis und dcr traditionellcn imputatio iuris untcrrichtet Stiibingcr,
is 7 Liidersscn, Subjckt, S. 204. RW 2011, 164 f.
1'18 Bauer, Abhandlungcn, S. 250.
1ssJakohs, ZSl\'Xl1 [7 (2005), 263. - Im Ergcbnis cntspricht clics dcr objcktivierendcn Posi··
199
tion dcr herk0mm!ichen Strafrcchtsdogmatik, die das Schuldurtei! darauf gründet, dal1 die Ahegg, Lehrbuch, S. 124. - Ebcnso J-lenke, Handbuch, Erster Thcil, S. 291; Luden, Í\ b-
Willcnsbildung und Willcnsbctitigung des Tiitcrs nicht derjcnigcn dcr jcwci!s vorausgescv.- handlungcn, Bd. II, S. 91; 'i.1. \Y/eher, NJ\Crim 7 (1825), 556.
ten MaGstabsperson cntsprochen hat (Nachwcisc obcn S. 260 fn. 27). l◊J So etwa Martín, I,chrbuch, § 31 (S. 68 f.).
2º1 /(fütlin, Rcvision, S.138.
rn9 Daz.u Aichele, Rcchtsthcoric, S. 34 ff.; Buttermann, Fiktion, S. 79 ff.; Hrnschha, Zu--
202
rcchnung, S. 18 ff.; dcrs., ZSt\V % (1984), 692 ff.; dcrs., Intcrprctation, S. 182 ff.; 1-!iibncr,Ent-- Un ter ciner Tat ver stand Hegel cinc ,,auGerlichc! ... ) Begcbcnhci1" (1-Icgcl, Grnndli-
wicklung, S. 29 H.;Kra'fo'ietz,Thcorie, S. 204 f.; Stiihíngcr, RW 201 l, 163 ff. nicn, § 1IS A, \'<1crkc Bel. 7, S. 219), die an cinern vorausgcsct;,.tcn auGerlichcn Gegcnstand vor-
°
19 Kant, Praktischc Philosophie Powalski, AA Bd. 27/1, S. 153. genommcnc Verandcrung (aaO, § [!5, \Xfcrkc Bd. 7, S.215); die tatlichc Auíkrung cines mo-
191 Vgl. Achcnwall! Piittcr, Anfangsgründe, § 122 (S. 49). ralisch frcien Wil\cns bczcichnctc cr a!s I-landlung (J-lcgcl, Enzyklopiidic III, §503, Wcrkc
1n Achcnwall/Piittcr, Anf angsgründe, § 158 (S. 55). Sach!ich iibcreinstimmcnd ctwa Dom Bd. 10, S. 312).
290 3. Kapite!: Die \!crlctwng der strafrcchtlichcn Mitwirlwngspflicht. A. Krimina/Jmrccht als :wrcchenhar-zustiindigkeitswidrigc~ Vcrhalten 291

zung mit dcr alteren Zurcchnungslchrc; die imput:aúo facú diente niimlich kci- r-Iandlung in Fragc 213.,,Dcr, dcm die Zurechnung fchlt, handclt nicht", dcnn scin
ncswcgs dcr Kausalzurcchnung bcstimmter Erfolgc 203 , sondcrn bczwccktc ím Tun bildet kcinc crnstz,unehmcndc Stcllungnahme zum Gdtungsanspruch der
Gcgentcil, die Sondcrstcllung dcr causa libera qua talis gcgcnübcr dcr blogcn Rcchtsordnung. Danebcn bleibt bei den Hcgcliancrn auch dcr Grundgcdankc
causa natura/is qua ta/is zu sichcrn 2º4 . dcr kantischen imputatio legis crhalten: ausdrücklich bei Abcgg 214und Bcrncr 215,
An dicser Sondcrstcllung hicltcn die I-Icgcliancr des [Link] ungc- dcr Sache nach abcr auch noch bci 1-falschncr. In scincn Wortcn vcrdicnt ncbcn
achtct ihrcr Kritik an dcr Figur der imputatio facti nicht wcnigcr nachdrücklich dcm ,,Urthcil, daB. cinc Wirkung auf den frcicn Willcn cines Mcnschcn als auf
fcst als die alteren Zurcchnungsthcorctíkcr. Dcr Auffassung dcr Hcgclianer, daG scine Ursacbc zurückzuführcn sci" 216,noch cinc wcitcre Vcrwcndungswcisc des
die Zurcchnung die frcic Sclbstbestimmung des Subjckts zur Grundlagc habc 20 S, Zurcchnungsbcgriffs Ancrkennung. Dabci handcle es sich ,,um cin Urthcil über
hattcn die Vcrnunftrcchtlcr des [Link] jcdcnfalls vorbchaltlos zugc- den cthischcn Wcrt dcsscn, was als gcwollt zu:wrcchncn ist"; dieses Urteil crgebc
stimmt. Das [Link] der alteren Autoren finniertc jetzt lcdíglich untcr dcm Na- sich aus dcm ,,[Link].,in wclcbcm das Gcwollte und Gcthanc zum Sol len, zur
mcn I-Iandlung 206 : ,,Nurdas Subject, nur dcr Mensch, der sich als vernünftig den- Pllicht stcht" 217 •
kcnder in seiner Thiitigkeit [Link]", kann Abcgg zufolgc ,,Jiandlungen, so auch Die Untcrschcidung zwischcn Tatcn, die ,,dcm Gcbictc des Zufalls angch0-
verbrecherische unternehmcn" 2º7. Auch KOstlin, der die Handlung als cin ,,auf ren"218,und Handlungcn, die ,,vcrwirldichter rcchtlich rclcvantcr Willc" scicn 219 ,
den Willcn cines Subjckts als Ursachc zurückzuführcndcs Thun" dcfinicn 208, pógtc noch die Zurcchnungslchrc Bindings: Juristischc Zurcchnung sagc nicht
sctzt dabci wic sclbstvcrstandlich einen Begriff des Willens voraus, ,,der mit dem mcbr und nicht wenigcr, als da& cinc Handlung im [Link] vorliege; die-
der Freihcit idcntisch ist" 2º9 . Für [Link] hat das Verbrcchen cbcnfalls ,,seinen ser Wabrhcit zum Durchbruch vcrholfen zu habcn, sei das Verdienst der Hcgcl-
Ursprung nicht in dcm unfreicn natürlích bcstimmtcn Willcn, denn dicscr ist die Schulc22º.
Basis, von welchcr die sittliche Entwickclung ausgcht, die abcr sclbst [Link] Dcr cntschcidcndc Bruch mít dcm klassischcn Zurcchnungsbcgriff vollzog
des sittlichen Prozcsses licgt" 210 . Das Vcrbrcchcn habe seincn Grund viclmehr sich erst mit dcr Durchsctzung des naturalistischen I--Iandlungs- und Vcrbrc-
,,in dcr Frcihcit, es ist cin müglichcs muer der Voraussctzung dcr Handlungsfa- chensvcrstiindnisscs. Vordcrgründig bcmühtcn sich die Naturalistcn zwar urn
higkeit, es wird eín wirklíchcs in dcr Forrn dcr Handlung" 211. terminologischc [Link]. So lobtc [Link] Berner als ,,dc[n] crste[n], dcr
Da die Zurechnung diescm Vcrstiindnis zufolgc ,,nicht ctwas [Link] nebcn dcr I-Iandlung im Strafrcchtssystcmc die Stcllung cinriiumtc, die sic scither nicht
die Handlung Hínzukommcndcs, sondern in ihr sclbst cnthaltcn [ist]" 212, stcl- wicdcr vcrlorcn hat" 221; und dcr Liszt-Schülcr I--Icincmann wics ~ cbcnfalls un-
lcn dicjenigcn Faktoren, die im alteren Schrifttum untcr dcm Oberbcgriff dcr ter ausdrücldichcr Bcrufung auf Bcrner 222 - dcr Zurcchnungslchre die Frage zu,
imputatio facti bchandelt worden sínd - namcntlich Zurccbnungsunfahigkcit, ,,ob cine wirklichc l-Iandlung·\[Link]", wobei untcr }-landlung die ,,Vermítt-
Zwang und Unkcnntnis -, nach Auffassung der Hegclíancr das Vorlicgcn cincr lung von Willc und That" zu Vt~rstchcnsci [Link] ,varen die metaphysischcn
Grundübcrzcugungcn dcr Naturalistcn und ihr [Link]
203
Klarstcllcnd jüngst St.ühinger, RW 2011, 160.
20 ·1 Dcnkstil unvcreinbar sowohl mit dcr klassischcn Untcrschcidung zwischen
Vgl. Kant, MS Vigilantius, AA Bd. 27/2, S. 561.
ios Abegg, Lehrbuch, §80 (S.125); Kéistlin, Rcvision, S.145. - Dicscr Ausgangspunkt causa libera und causa natura/is als auch mit dcr Mcthodc dcr Hcgcliancr, das
wurdc auch jcnscits des cngcren Krciscs dcr Hcgc!iancr gctcilt; vgl. CLwa Henke, Handbuch, Konkrctc slch aus dcm Allgcmcincn hcraus cntwickcln zu lassen.
Erstcr Thcil, S. 291.
206 Stübinger, RW 2011, 172. - Einc abwcichcndc Position vcrtrat allcrdings Luden. Phi-

losophisch mügc man von Handlung und von Vcrbrcchcn nur sprcchcn, insofcrn bcidc von w Vgl. Kosilin, Rcvision, S.148ff.; Hd/schner, PrcuGischcs Strafrccht, S.98ff., 120ff.;
cincm zurcchnungsfahigcn Mcnschcn ausgingcn; ,,juristisch sind abc1·diesc Bcgriffc von kci- dcrs., Dcutschcs Strafrccht, S. 201 ff., 227 ff.; Berner, Grundlinicn, S. 53 ff., 67 ff.; Lasson,
ncr Brauchbarkcit" (Luden, Ahhandhmgcn, Bd. II, S. 204). Untcr cincr I-Iandlung sci nichts Systcrn, S. 492.
wcitcr zu vcrstchcn als ,,die Thiitigkcit des Mcnschcn l, ..], durch wclchc Ursachcn in \'{lirk- m Ahcgg, Lchrbuch, § 78 i\ (S. 124).
21
samkcit gcsct7,t wcrdcn, aus dcncn die vcrbrcchcrischc Erschcinung als Fo!gc hcrvorgchcn ' Bemcr, Grundlinicn, S. 41 f.
216
mufüc" (aaO, S. 215). Dcr Sache nach nahm [Link] damit das spiitcrc naturalistischc I--Iand- llii/schner, Dcutschcs Strafl'ccht, S. 201.
217
lungsvcrstiindnis vorwcg. l!dlschner, Dcutschcs Strafrccht, S. 199.
2º7 /\begg, Lchrbuch, § 78 (S. 122). m Binding, Norrncn, Bd. II/1, S. 83.
20
~ Kéistlin, Systcm, S.119.
219 Binding, Nonncn, Bd. II/1, S. 92.
209
KOstlin, Systcm, S. 123; cbcnso ders., Rcvision, S. 69. no Binding, Normcn, Bd. II/1, S. 93 f.
21
º JJa!sclmer, Prcufüschcs Strafrccht, S. 100. 221
Radhrnch, Handlungsbcgriff, S. 95.
211 222 Bemer, Lchrbuch, S. 113.
Halschncr, Prcugischcs Strafrccht, S. 95.
212 m 1-Ieinemann, Schuldlchrc, S. 46 f.
Ahegg, Lchrbuch, § 79 A (S. !24).
292 3. Kapitel: Die Verletzung dcr stra[rechtlichen Mitwirk11ngspflicht A. /(rimínalunrecht als %Urcchenbar-zustiindigkeitswidriges Verhalten 293

Als cinc ,,dcr Sinncnwclt angchOrigc Erschcinung" 224 ist dcr \Xlillc nach na- Untci- dcr I--lcrrschaft der Naturalistcn hattcn sich die altchrwürdigcn Bc-
turalístischcr Lcsart viclmchr in vollcm Umfang in das die Sinncnwclt bchcrr- griffc dcr Zurcchnung und dcr Handlung somit binncn wcnigcr Jabre bis zur
scbcnde Geflccht von [Link] cínbczogen; cr ,,dicnt nur als Anknüp- Unkcnntlichkeit vcrwandclt. Ihrc frühcrc Rolle als cinhcitsstiftcndc Grundka-
fungspunkt des Kausalncxus" 225 • Wenn Bcling die Handlung als ,,ein vom \'Vil- tcgoricn dcr allgcmcincn Vcrbrechcnslehrc hattcn sic cingcbüfst. ,,An ihrc Stcllc
lcn gctragcncs mcnschlíchcs Vcrhaltcn" dcfinicrt, ,,cincrlci, worin es bcstcht, ci- war die Kausalthcorie gctrcten, wahrcncl die Zurechnungsfahigkeit kcincn Zu-
ncrlci, wohin dcr es meistcrndc Wille zicltc" ZZú, so hcifü ,,wíllkürlich" <lcshalb sammenhang mehr mit cincr allgemeincn Zurechnungslchrc hattc. Die Folgc
nichts weitcr als ,,durch Vorstcllungcn motivicrt" 227 . Zurcchncn glcicht nach die- dieser Entv,,icklung ist die moderne Systematik des Strafrechts." 234
ser Auffassung ,,ehcr cincm auf die Tiitcrpsychc bczogencn cmpirischcn Tcstvcr- Das naturalistischc Handlungsvcrstiinclnis war in doppclter Hinsicht reduk-
fahrcn als cincr normativen Urteilsfindung, die cinc Bcziehung zwischcn frcicr tionistisch235: zum cinen durch scinc Ausblcndung der Fragc nach dcr Frcivcrant-
Tat und vcrpflichtcndcn Gcsctzcn hcrstcllcn solltc" 228. Die klassischc Zurcch- wortlichkcit, zum andcren dadurch, daB es den I-Iandlungszwcck zu cincm
nungslchre sowic die I-Icgeliancr229hiittcn ein solchcs Handlungs- und Zurech- blofscn ,,Motiv", einem ,,\X!illcnsimpuls" herabsctzte 23 ('. Gcgcn die Ausblendung
[Link] allcnfalls als cinen aufscrrcchtlichen Vorbegriff angcschen: als des intcntionalcn Moments aus dem Handlungsbegriffwandtc sich Wclzcl, indem
die lediglich phinomenologisch relevante Umschrcibung cincr Mcnge von Sach- er die I--Iandlung als ,,Ausübung dcr Zwccktatigkeit" bcstimmte 2·17. Damit korri-
verhalten, aus dcr die juristisch rclevanten [acta allcrcrst hcrausdcstillícrt wcr- gícrtc Wclzcl allcrdings nur die zwcitc der handlungsthcorctischen Engführun-
dcn müfstcn. gcn des Naturalismus. An dcr von den Naturalisten vollzogencn Einebnung des
Auch den methodologischcn Priimisscn dcr Hcgcliancr standcn die Natura- für die altere Zurcchnungslchre zcntralcn Unterschicdcs zwischcn Handlungcn
listen vcrstandnislos gcgcnüber. Einc Philosophic, dcrzufolgc das Wahrc als ,,sich im phanomcnologischcn und Hancllungen im juristischcn Sin ne (dcnfacta Kants)
in sich cntfaltcnd und in Einheit zusammcnnchmcnd und -haltcnd" 23º cxisticrt hidt er hingegcn unbcirrt fest 238 • Ebcnso wic seinc Vorgangcrverstand auch Wcl-
und die sich darauf bcschrinken will, ,,dcr eigcnen Entwicklung des Gegenstan- zcl das handclndc Subjekt in rcin instrurncntalcr Manicr: als Individuum, das den
dcs glcichsam nur zu[zuschcn]" 231 , bcginntganz sclbstvcrstiindlich mitcincm ab- Gütcrbcstand der AuHcnwclt scinen Zwecken dicnstbar zu machen sucht. DaG
straktcn Bcgriff- hicr dcm dcr Handlung-, den sic sodann schrittwcisc konkre- sich in diesen Gütcrn normativ fundícrte Integriti:[Link] objcktivicrcn,
tisicrt. Radbruch rügt hingcgcn, dafs ein derart vcrstandcncr Handlungsbcgriff spicltc bci ihm sub specic des Handlungsbegriffs kcinc Rolle. Dcr Handclndc
ohnc analytischcn Wcrt sci. ,,,Handlung' ist dann nur die schuldhaftc rcchts- nimmt deshalb bei Wclzcl nicht Stcllung zu dcr an ihn gcrichtctcn Pflichtnorm,
widrigc Handlung, sic ist mithin ein Synonym des Vcrbrcchcns, vcrlicrt ihrcn sondern wirkt lediglích zielgerichtct auf die faktischcn Bcstandsbcdingungcn
Platz unter den Vcrbrechensmcrkmalcn und mufs dcshalb aus dcr Lehre vom Vcr- frcmdcr Güter cin. Darin zeigt sích crncut, daR dcr Handlungsbcgriff dcr Fina-
brcchcn, dcr Analysc des Vcrbrcchcnsbcgríffcs, kaum cingctrcten, wieder aus- listen sich nicht vom Natur_alismus !Oste, sondcrn eincr nach wie vor naturalis-
schcidcn."232Die Hcgclianer [Link] darauf erwidcrn künnen, daB ihr Meister das tisch geprigtcn Grundübe'rz~ugung nur cinc subtilcrc Fassung vcrlieb 239 .
klassifikatorischc Vcrfahrcn Radbruchs aus gutcn Gründcn abgclcbnt habc 233
und es desbalb vcrfchlt sci, ihnen vorzuwerfcn, daB sic ihrc Bcgriffsbildung nicht 234 llardtoig, Zurechnung, S. 174.
auf dieses Verfahrcn zugcschnittcn [Link]. Zu Bcginn des [Link], als m Burkhardt, \Y./ille,S. 330.
236 So Lis'Zt, Lchrbuch, S. !16.
Radbruchs Schrift crschicn, gab es allcrdings kcinc strafrechtlichen Hegcliancr
rnchr, die diese Vcrtcidigung hJttcn vorbringen kOnncn. m [Link],Strafrcch1, S. 33.
i:.s Bacigalupo, 1:5 Eser, S.63;jakohs, Zurechnung, S.64. ··· Unzutrcffend ist deshalb die
von Wehcl sclbst nahegc!egtc (vgl. W/c!zel,JuS !%6, 422) und in der Literatur des üftercn
22-1 licinemann, Schuldlchrc, S. 36. aufgegriffcne Bchauptung, das finalistische Handlungsverstiindnis entsprechc dcm Tatbcgriff
225 Armin Kaufmann, Strafrcchtsdogmatik, S. 30. der imputatio facti (Sánchez-Ostix, FS Hruschka, S. 671) bzw. den Handlungslchrcn Kants
226 BcLing, Verbrechcn, S 17.
(1-Irnschlea,ZStW 110 [19981,583) und I-Icgcls (Haas, Kausalitiit, S. 25; l-Iardw1'g,Zurcchnung,
227
Liszt, Lehrbuch, S. 120. - Eincn beredtcn Apologeten hat dieses I-Iandlungsverstand- S. 56; Kiippcr, Grenzcn, S. 87; Lampe, ZStW 118[_2006],7; Maihofer, Handlungsbegriff, S. 45).
nis jlingst in 7: Walter (Kern, S. 27 ff.) gefondcn. Ühcrspitzt ist ;,bcr auch die Position Avrigeanus (Ambivalcnz, S. 207), der jcgliche Gcmein-
228 Stiibinger, RW 2011, 173.
samkeitcn zwischen den I-·Iandlungsbegriffcn I-lcgcls und dcr Finalistcn lcugnet. Demgegcn-
229 Mit Ausnahmc Ludens.
übcr wcist Kéihler (FS I-Iirsch, S. 70) zu Recht sowohl auf die PMallcle- vorsiitzliches Handcln
230 Hegel, [Link] I, § 14, Werkc Bd. 8, S. 59. sei kein blogcs Naturgcschehen, sondern die sclbstbewufüe Konzeption der \'?irklichkeit- als
rn Hegel, En;,,yklopiidic III, §379 Z, \'<1erkeBd.10, S. 14. auch auf den Unterschicd -die von \'v'cl;,;dvorgenommene instrumcntalistische [Link] -·
132
Radhruch, Handlungsbegriff, S. 88. zwischen dem finalistischen und dem hegclianischen I-fandlungsvcrsta!ldnis hin.
233 Dazu oben S. 152 f.
23? Dazu oben S. 265 L
294 3. Kapitel: Die Vedct;,;ungdcr [Link] A. Kriminalunrecht als zurechcnbar-zustá"ndigkeit.s'ff,Úlriges
Vcrhaften 295

Diese tcchnizistischc Engführung war um so crstaunlichcr, als sic durch die Freiheit zusprach 248 . Gcsctzlichc Vcrhaltensregulierungcn, ·wic sic sich in den
Argumente, die Wclzcl zugunstcn scincs I-landlungsbcgriffs anführt, kcincs- strafrcchtlichen Tatbcstandcn finden, faf1t ein auf die ,,stratcgisch-instrumcn-
wcgs crzwungcn wurdc. Im Gcgcnteil: Welzcls ontologischc Thcsc - bci dcr Fi- tcllc Vcrnunft cines rationalcn Egoistcn" rcduziertcs Individuum 249 lcdiglich
nalitiit handlc es sicb um cin ,,gcgcnstiindlichcs Strukturgcsctz des Seins", das als iiuGerlichc Bcschrankungcn, allcnfalls als unvermcidbare Konzcssioncn an
,,nicht erfundcn, sondcrn nur gefundcn wcrdcn" k0nnc 240 - ist im Hinblick auf die konkurricrcndcn Intcresscn anderer Individuen auf, aber jcdcnfalls nicht als
die inhaltlichc Ausfüllung dcr Finalitatskatcgoríc offcn; und seinc normativen Ausdruck gcmcinsamcr Rechtsvcrnunft. Wcnn das bctrcffendc lndividuum die
Env:igungcn lcgcn ein nortnativ angcrcichcrtcs FinalitJtsvcrst:indnis nahc 241 . Normen bricht, so kann ihm das im Rahmcn dieser ,,crstc[n] claboricrtc[n] Oko-
Jcdcr Rechtsordnung müssc es, wic Wclzel untcr Bcrufung auf Kant ausführt, nomischc[n] Thcorie des Sozialcn" 25 º dcshalb nur als unklug vorgchalten wcr-
,,zum wcscntlichcn 'I'cil darum zu tun sein [... ],die Rcchtsbercichc dcr verschic- den: Es hittc vorherschen müsscn, daG die übrigcn Intcrcssenvcrwaltcr cin
dcncn Rcchtssubjcktc voncinandcr abzugrenzcn" 242 . Dcshalb habe sic ,,dem ei- solch abrcdewidrigcs Verhaltcn nicht widerspruchslos hinnehmcn würdcn. Für
nen Rcchtsgenosscn zu sagen, was cr tun darf oder nicht tun darf, und dcm ande- cincn Schuldvorwrnf - \Xlelzclzufolgc das Urtcil, daB. Ín dcr fchlcrhaftcn Ein-
ren, was cr hinnehrnen muG odcr nicht hinzunchmcn braucht" 243 • Ein bestimm- stcllung des Tiitcrs zu den rechtlichcn Normcn ein ,,Gcsinnungsunwcrt" zum
tcs Vcrhalten crwartcn künnc sic ,,nur von cincm dctcrrninativcn Faktor, der scin Ausdruck kommc 251 -- ist irn Rahmcn dieses Frcihcits- und Handlungsvcr-
Kausalwcrdcn auf die Zukunft cinzustcllcn vcrmag, d.h. also nur vom Willcn. [Link] kcin Raum. Eincm durch scinc Fahigkcit zur machtvollcn Durch-
Darum kann jenes vom Sollcn dcr Schutzordnung gctroffcne Vcrhaltcn allcin sctzung eigcncr Intcrcsscn definiertcn Akteur blcibcn Attributc wic Schuld
die willcntlichc Handlung sein." 244 Bci dicser Willcntlichkcit mu E es sich indes- oder auch Würdc auf1erlich; cr ist ein Stück Natur inmittcn andcrer Natur, aus-
scn entgcgcn Welzcl um mchr handcln als um bloGc Zwcckrationalitat. Nur dcr- gczcich;1et lcdiglich durch scine Fahigkeit zu vorausschauender Planung 252 • Ein
jenigc kann sich willcntlich-zwcckhaft zu normativen Erwartungcn vcrhaltcn, axiologisch cinheitlichcs Profil des Bürgers - unabdingbare Voraussetzung ci-
dcr zu erkcnncn und umzusctzen vcrmag, was von ihm vcrlangt wird - dcsscn nes systematisch gcschlosscncn Bürgerstrafrcchts - liiBt sich auf dcr Basis cines
Vcrhalten also cinc ihm subjcktiv voll zurcchcnbarc Antwort auf das ,,Sollcn solchen Synkretisnrns nicht gcwinncn.
dcr Schutzordnung" darstellt. Ahnlich wic bei Welzcls Bcmühcn, die Unrecht- Für die hcutige Lehrc von dcr objcktivcn Zurcchnung gilt cum grano salis das
Schuld-Untcrschcidung mit Hilfe dcr Philosophischcn Anthropologic abzusi- Glcichc. Der Urhebcr dicscr Lchre, Karl Larcnz, begriff in ausdrücklicher An-
chcrn, dcmcntiert auch hicr scinc Bcgründung das von ihm behauptctc Ergcbnis. knüpfung andas Denkcn Hegcls 253 Zurcchnung zwar nochmals umfassend als
Der instrumcntellcn Sichtwcisc, dcr al les aulkrhalb des vcrcinzcltcn Indivi- ,,das Urtcil übcr die Bcziehung dcr Tat auf den Willcn" cincr Person als ciner
duums Material ist, mit dcr dieses Individuum sich auseinandcrzusctzcn hat, ,,selbstbcwufüc[n] frcic[n] Totalitat" 25 't. Die MOglichkcit von Zurcchnung übcr-
cntspricht cin Frciheitsbcgriff, wonach dcr einzclnc in dcm MaGe bei sich sclber haupt hing deshalb für Larcnz an dcr Existenz pcrsonalcr Frcihcit: ,,Die ju-
ist, wie ihm die Bcmachtigung des AuGcn bzw. die Bchauptung ihm gegcnüber ristischc Kausalitiitsbctrachtung, die objektive Zurcchnung und nicht nur etwa
gclingt 24 S. Freihcit ist dcmnach nichts andcrcs als machtvoll sich gcgcnüber die Schuld:Zll'fechnung hat den Begriff dcr Pcrson als des Jreien, sich sclbst bc-
Hindcrnissen ,,in Gcstalt von Gegcnspiclcrn, trager Masse, ausbleibender Un- stinuncndch-SUbjckts zur Voraussetzung." 25 5.I--Ionig,dcr die K..atcgorie dcr ob-
tcrstützung u.a." 24 (, durchsetzendc Willkür. Es war Hobbcs, der diesen radikal jcktivcn Zurcchnung erstmals für die Strafrechtswissenschaft fruchtbar zu ma-
naturalistischen Freiheitsbcgriff cntwickelt und konsequent durchgcführt chen suchte 25 (', kupicrtc Larcnz' Konzcption jcdoch um ihre philosophischc
hat 247 - so konscqucnt, daf1 Hobbcs auch dcm ungchindcrt strümcnden \Xlasser
14
~ Hohbes, Lcviathan, 21. Kapítcl (S. 163).
2'19 Hofmann, Bildcr, S. 46.
240 250
Webel, Handlungslchrc, S. 7. J-!ofmann, Bi!dcr, S. 45.
2 11 2 1
' In dicscm Sinnc auch Kéihler,FS Hirsch, S. 70. -" Excmplarisch \Y/essels! Beulke, AT, Rn. 400 L
2·12 \Ylelzel,i\bhandlungcn, S. 336. 252
Zu Rccht kcnnzcichnct Kdhler (Bcgründung, S.102; Zitat grarnmatisch vcriindcrr) cinc
l-U Wehel, Abhandlungcn, S. 336. dcm I--Iobbcsschcn Mus ter folgcndc Logik des Naturzmtandcs a!s ,.Naturrccht glcíchwic auf-
244 Welzel, Abhandlungcn, S. 114. cinandcr wirkcndcr Naturursachcn (Naturgcwaltcn)".
2 15
• Vgl. Baruzzi, Philosophic, S. l37f. 253 Vgl. Larcm, Zurcchnungslchrc, S. 68. •- Übcr Larcnz' i\bwcichungcn vom Vorbild
l 4r, Schimank, Thcorien, S. 245. Hcgcls untcrrichtct !!iibncr, Entwicklung, S. 67 ff.
247 Stcínvorth, Frcihcitsthcoricn, S. 181. - Zm Fortwii·kung von Hobbcs' Frcihcitsbc- 25·1 Larcnz, Zurcchnungslchrc, S 68 (crstcs Zitat), 64 ('[Link] Zitat).
griff in dcr cmpiristischcn Philosophic von Lockc bis Voltairc: Spaemann, Art. ,,Frcihcit", 2 $-"Larcn7.,Zurcchnungslchrc, S. 66.
Sp. 1090 f. 2% Niihcr daz.u Weig/in, I fonig, S. 130 ff.
296 3. Kapitc!: Die \lcrlctwng der strafrcchtlichen Mít1.oírkungspflich1 A. Kriminalumechl als zHrechenbar-zustdndigkeitwuidriges \Jerhaltcn 297

Grundlcgung. Er wics dcr Lchrc von dcr objcktivcn Zurcchnung die cng bc- schcn Zurcchnungsdcnkcn somit nichts zu tun; in ihr vollcndet sich irn Gcgcn-
grcnztc Aufgabc zu, ganzlích unbcrcchcnbarc und in _dicscm ~innc zu~alligc teil die Abkehr von dicscr groGcn Tradítion.
Kausalvcrliiufc aus dem Tatbcstand auszuschcidcn 257 : Das Urtc1l übcr die ob-
jcktivc Zurcchnung habc als wcitcrcs selbstiindiges Urtcil ncbcn das Kausalur- 3. Die Aktualitdl der klassischen Zurechnungslehre
tcil zu trctcn, und scinc Aufgabc bcstchc darin, die axiologischc Bcdcutsamkcit
Die ungcbrochcne Aktualitit dcr klassischen Lchrc licgt dcmgcgenübcr in ih-
des Kausalzusammcnhangcs für die Rcchtsordnung zu prüfcn 258 • Entgcgcn dcr
rcm E charren darauf, daG die Lchrc von der strafrcchtlichcn Zurechnung nichts
bcgclianischcn Tradition war I-Ionig dcshalb wcit davon cntfcrnt, das gcsamtc
andcrcs ist als cinc schrittwcísc Entfaltung dcr Implikationcn des Bcgriffs ei-
Zurcchnungsprogramm in die Fragc nach dcm Vorlicgcn cincr freicn I-Iandlung
ncr frcicn Handlung. Darnit wird sic nicht nur den Anforderungcn an cin wis-
hincinzulescn. Er bcgnügtc sich viclmchr damit, der Zurechenbarkcit jcner
scnschaftliches Systcmdcnkcn gcrccht 267 . Viclmchr tri"igtsic auch ab inilio dcm
zahllosen Erfolgc, für die cin Handelndcr kausal gcwordcn war, mit Hilfe des
Umstand Rcchnung, daB ein adiiquatcs Vcrstiindnis so;,,ialcn Handclns die An-
freilich ebcnfalls ,,cxorbitant offcnc[n]" 259 Zurcchnungsprinzips dcr objcktivcn
crkennung dcr Eigcnstindigkcit des Sprachspicls dcr Gri..indc crfordcrt, wclchcs
Bczwcckbarkcit cinc auBcrstc Schrankc zu sctzcn 260 . Allc wcitcrcn Zurcch-
scincrscits auf dcr wechsclscitigcn Ancrkennung dcr Bctciligtcn als frciverant-
nungscrwiigungen belicB cr im Einklang mit dcr nachklassischcn Strafrcchts-
wortlichc Gcstaltcr ihres Lcbcns bcruht 2 c'8 . Methodcn- und Sachangcmesscn-
dogmatl ·¡< 1111
· Bcrctc· 11 dcr Bcwcrtungsstu fen,, U mee
· l1t " un d ,,Se·\m Id""'' .
hcit gchen in dcr klassischcn Zurcchnungslehrc somit Hand in Hand.
Roxin, dcr die Ausführungcn Honigs cinc Gcncration [Link] aufgriff, verla-
So wie das Gcben und Nehmcn von Gründcn kommunikativc Aktcsind, stcllt
gene jcne cingrcnzcndcn Kritcricn endgültig aus dem Handlungsbegri/fhcraus
auch die strafrechtlich relevante Absagc des Taters an die Koopcrationsfordcrung
in den Bereich dcr Handlungsbewertung. An die Stellc der klassischcn Zurcch-
scincr Rechtsgcmcinschaft cincn kommunikativcn Akt dar. Diese Absagc ist die
nungsfragc, untcr wclchcn Voraussctzungcn cin Gcschchcn als_jemandcs Tat
strafrcchtlichc Handlung 269 . Bci ihr handclt es sich nicht lcdiglich um den Aus-
bzw. Handlung gelte, trat bci ihm die Fragc nach den ,,MaBstiibe[_n],nach dcncn
íluG einer ,,Inncrvation" 270 , dcr sodann um die Attributc dcr Tatbcstandsmafüg-
wir bcstimmtc Erfolgc cincr Person zurechncn wollcn" 2c'2, und cr bcantwortctc
kcit, dcr Rechtswidrigkcit und dcr [Link] crgi"inztwird. Viclmchr muG
sic mit dcm Kritcriurn des ,,rechtlich rclcvantc[n] Risiko[s] tatbcstandlícher
die strafrechtliche Handlung von vornhcrcin als ein factum im Sinnc [Link] be-
Rcchtsgütcrvcrlctzung" 2 (,3 _ Dcm Bcdcutungszuwachs der daraus abgcleitetcn
griffen \vcrdcn: als ,,cinc freyc Handlung, die nach moralischcn Gesctzcn nicht
normativcn Erwagungcn korrcspondicrtc bci Roxin zwangslJufig cinc Entlec-
neccssitirt ist" 271 .
rung des Handlungsbcgriffs. Tcrminologisch wcist Roxins Vcrstiindni_s c~cr
Schon bci Kant war dcr Begriff des factum allcrdings nicht so zu vcrstchen,
Handlung als ,,PcrsOnlichkcitsauBcrung" 264 zwar Anklangc anden Hcgeltams-
daB zunichst cinmal glcichsam frcisclnvcbcnd untcrsucht wcrden müBte, ob
mus auf, inhaltlich soll dicscr Handlungsbegriff abcr nicht mchr lcistcn als die
(irgcnd-)einc Tat vorlicgt, um daraufhin in cincrn sclbstJndigcn zwcitcn Schritt
Ausgrcnzung von Ereignisscn wic vis absoluta, [Link] und Rcflcxbc-
zu ermittcln, ob diese Tat gcsctzwidrig ausgefallen ist odcr nicht. Viclrnehr sci
wcgungen, dcncn nach allgernciner Auffassung von vornhcrcin kcinc straf-
es bcrcits bci dcr ,,Ausmittclung dcr circumstantiarium in facto[ ... ] nothig, auf
rcchtlichc Rclcvanz zukornmt 265 . Urn dieses Zicl zu crreichen, sind wir jcdoch,
das Gcsctz Rücksícht zu nchmcn, da, wcnnglcich hicr das Gesctz noch nicht
wic T. Walter gcltcnd macht, vcrmutlich ,,mit dem ,Vcrhaltcn' aus unscrcm na-
irnputirt wird, __cs doch zur vE,lligcrcn Bcstimmung dcr facti sclbst bcytógt" 272•
türlichen Handlungsbegriff bcsscr, das hcifü cinc Nuancc gcnaucr bcdicnt" 26C',
Auch vorli/gcnd intcrcssicrt das Titcrvcrhaltcn von vornhcrcin nur untcr dcm
Insgcsamt hat [Link] Lchrc von der objcktivcn Zurechnung mir dcm klassi-
Gcsicbtspu11"In scines mOglichcn [Link]. Die Anfordc-
rungcn an die Freihcit des Handclns sind dcshalb aus dcr spczifischcn Axiolo-
257 Roxin, Chcngchi L.R. 50 (1994), 235; dcrs., FS Maiwald, S. 715.
gik des Strafrechts heraus zu entwickcln. Da dieses den Titcr in scincr Rolle als
m I-Ionig, FG Frank, Bd. I, S. 179.
159 Koriath, Grundlagcn, S. 142. - Kritisch auch Frisch, GA 2003, 735 H.; Roxin, FS Mai--
wald, S. 719 f.
2<,cVgL Honig, 1:G Frank, Bd. I, S.184. u,7 Obcn S.! fL, 154 ff.
26 1 Zustimmcnd Maiwald, FS Miyazawa, S. 472 ff. J.(, 3 Obcn S.281 H.
269 Ebcnso ]akobs, System, S. 24; ders., I-landlongsbcgriff, S. 44; Kdh/er, FS Schrocdcr,
2ú2 Roxin, FS Honig, S. 133.
m Roxin, I;S I·Ionig, S. 135; zulcLzt bckriiftigt in: dcrs., FS Maiwa!d, S. 715. S. 260 f.; Schild, GA 1999, ¡ 11; Zabel, Schuldtypisicrung, S. 408.
2 M Roxin, J\T 1, § 8 Rn. 44. 27
º Liszt, I..chrbuch, S. 116.
26.'i Roxin, J\T 1, § 8 Rn. 46. 2 71 Kant, Reflexionen, J\J\ Bd. 19, S. 159 (Nr. 6783).
172
2M, T \Y/alter,Kcrn, S. 38. Kant, MS Vigilamius, AA Bd. 27/1, S. 563.
298 3. Kapitcl: Die Vcrlet;wng dcr strafi-cchtlichen Múwirkungspflicht [Link] Grenzen der Z1trechenbarhei1. 299

Bürgcr in den Blick nimmt, lautct mithin die maGgcbcndc Frngc: 1st cr den B. Die Grcnzcn dcr Zurcchcnbarkcit
Anfordcrungcn dicscr Rolle gcrccht gewordcn odcr ist cr es nícht?
Die Frcihcít des Bürgcrs ist bcgriffsnotwendig auf die Prcihcit scincr Mitbür- I. Die Grcnzfragc als Zustandigkeitsproblcm
gcr bczogen und kann dcsbalb nicht ohnc Blick auf diese bcstimmt wcrdcn 273.
Dcr Bürgcr hat bci scincm Handcln somit dcm Umstand Rcchnung zu tragcn, Zurcchcnbar, so [Link] Kant in eincr seincr Vorlcsungcn übcr Moralphilo-
[Link] Strafrccht die Rcchtc sciner Mitbtirgcr statt als :[Link]- sophic, seicn kdiglich solche Folgen, die aus der Freiheit des Handclndcn ent-
torcn scines cigcncn Entfaltungsraumcs als immancntc Schrankcn scincr spr3.ngcn274. Daran fchlc es zum eincn bei den Handlungcn Zurechnungsun-
Rcchtsposition konzipicrt. Dicscr Rolle gcrccht zu wcrdcn, sich also zustandig- fahigcr - ,,,vcnn cin rascnder Mcnsch oder ein unmündigcs Kind ctwas thut,
kcitsgcmaB zu vcrhaltcn, kann frcilich Anstrcngung crfordcrn - sei e.<;,um den das kann ihm nicht ímputirt wcrdcn" 275- und zum andercn in den eventus
Umfang der eigcnen Zustiindigkeit zu errnittcln, sci es, um die innerc Neigung inevitabiles, jcncn Gcschchnissen, wclchc dcr Handclndc nicht habc vermci-
zur Tatbegehung zu übcrwinden. Das normativc Profil des Bürgcrs muG des- den kOnncn, weil sic über die Kraftc cines Mcnschcn gingcn oder ,vcil der
halb ncben den Figuren dcr Zustandígkcitsbegründung auch Kritcricn umfas- Mcnsch sic nicht habe vorhcrsehen künnen; ,,van allcn diesen Umstündcn gilt
scn, anhand dcrer sich ermittcln laG.t,wclchcs MaB an Bcmühung, dcr cigcncn die Rcgcl: ultra posse nema obligatur, und sic sind nicht Ímputabcl" 276. Die
Verpflichtung nachzukommen, jcweils crwanet werdcn darf. von Kant angcsprochcncn Fallgruppcn pragcn auch die hcutigc strafrechtliche
Allgcmcin gcsprochen, blcibt dcr Straftater hintcr den Anfordcrungcn der Zurcchnungsdiskussion. Einc Entlastung des Taters wird ne ben dem Fall der
für eincn Bürger in seincr Situation maBgcblichen Vcrhaltensnorm zurück, weil Zurcchnungsunfahigkcit (,,Schuldunfahigkeit«) dann für mOglich gchaltcn,
er sich nicht in dern rcchtlich crwanctcn AusmaG, um ein pflichtgcmüBcs Ver- wenn cr entwcdcr cincm für ihn unvermcidbaren lrrtum übcr den lnhalt des
haltcn bcmüht hat. Dieses tatlích manifcstierte Ncin des [Link], dcr von ihrn an von ihm Verlangtcn unterlcgcn odc.r ihm die Unterlassung des zustandigkeits-
den Tag gclegtc Mangcl an Rechtstreuc crlaubt es, ihm scin Vcrhaltcn als Mit- widrigen Verhaltcns unz,umutbar gewescn sei. Wiihrcnd allcrdings Kant den
wirkungspflichtvcrlctzung und damit als kriminellcs Unrccht zuzurechncn. Eindruck crweckt, es handlc sich in diesen Fallen im wescntlichcn um Kon-
Eine Zurcchnungsuntcrbrechunr; komrnt dahcr abgeschcn von dcm Fall der zcssíoncn an die bcgrcnztc psychischc Lcistungsfohigkcit des [Link] 277, ist in
Zurechnungsunfahigkcit nur in Bctracht, wcnn die inneren oder auBcren Hem- der strafrcchtlichcn Litcratur hcutc wcitgchcnd anerkannt, daB, es normativc
mungsfaktorcn pílichtgemiiíkn Vcrhaltcns dcrart schwcr wiegcn, daB der Um- Erwagungcn sind, die jcweils den Ausschlag gcbcn 278.
stand, ihnen crlcgcn zu scin, die Rechtstrcue des Bcschuldigtcn nicht in Zwcifcl Dics gilt 7,un;ichst für die lrrturnslchrc. Bcim Wort genommen, fordert cin
zicht. Darauf wird im nachstcn Abschnitt eingcgangcn. Ansonstcn stcht fcst, Ansatz, der das ne ultra posse psychologisicrcnd verstcht 279, von jedcm Bürgcr,
dafi der Betrcffende kriminellcs Unrccht bcgangcn hat. Freilich wiegt nicht je- dcr Gefahr ciner Fchlbcurtcilung dcr Tatumstiindc bzw. ihrcr strafrechtlichen
des Dcfizit an Rcchtstrcue glcich schwer. Je grOGcr die sich im Verhalten des
Titcrs [Link] Illoyalitat gcgenüber dem Projckt der Erhaltung cines frcihcit-
274 Kant, MS Vigilantius, AA Bd. 27/2, S. 563.
lichcn Zustandes ist, dcsto gravici-endcr ist sein Versagcn. Das Mafs dcr llloya- 275 Kant, Praktischc Philosophic Powalski, AA Bd. 27/i, S. 156.
litat hii:ngt davon ab, wie weü der Tater hintcr den rechtlichcn Bcmühcnsanfor- 276 Kant, MS Vigilantius, AA Bd. 27/2, S. 563.

dcrungcn zurückgebliebcn ist. Dcshalb pragen die entsprechcndcn Standards 277 In dicscm Sin ne auch Kant (Reflexionen, J\¡\ Bd. 19, S. 158 rNr. 6778_1):,,Pragmatiseh

nicht nur das Urteil übcr das 06, sondern auch das Urtcil übcr das Wicvicl, die imputirc ich nicht die Begchungcn, die pragmatisch nothwcndig scyn, und nicht solchc Un-
tcrlassungcn, sondcrn nur die, dcrcn gcgcnthcil nach rcgcln dcr Ncigung móglich ist."
Gewichtigkeit cines PflichtvcrstoBcs. lm [Link] wird dics nahcr cr- 178
Philosophischc Autorcn ncigcn [Link] noch immcr :,,u psychologisicrcndcn
liutcrt. Wcndungcn (vgl. cnva Birnbachcr, Grcn:,,cn, S. 152; Buchhúm, Vcrlangcn, S. 67 ff.;Scebafl, FS
Mittclstra~, S. 37?:;_ausrcchtsthcorctischcr Pcrspcktivc Km,:v·ietz,Thcoric, S. 202). Im hicsigcn
Sinne dagcgcn;·1.Jib_be, Vcrantwortung, S. 25 ff., 46 H.; Thmp, Will, S. 138 f.
279 So [Link] im cngcrcn Sinnc Schéinc,GS Hildc Kaufmann, S. 670; für den

Bcrcich dcr Tan11nstandsfahrlassigkcit Schmidhduser, FS Schaffstcin, S. 145, 157; Schrocdc1;


JZ 1989, 780 (kritisch ;,:u lctztcrcm Dchnc-Nicmann, GA 2012, 91). - Unrcflckticrtcr Psycho-
iogismus liegt auch dcr Bchauptung n1gnmdc, dag die Untcrbssung dcr [Link] cines
schiídigcndcn Kausalvcdaufs auch un ter Bcriicksichtigung des ultra possc-Grundsavcs jcdcm
•- sclbst dcm cinfaltigstcn - Normadrcssatcn ab:wvcrlangcn sci (Schiinemann, .TA1975, 514).
Alks zu untcrlasscn, was sich untcr Umstandcn als schiidigcnd crwciscn kOnntc, ist jcdoch
m Obcn S. 143 ff. kcinc tauglichc (Übcr-)Lcbcnsstratcgic (ablchncnd auch S1.ratc1n..Jerth, FSJcschcck, S. 292).
300 3. Kapitel: Die Verletzrmg der strafrcchtlichen Mi1wirkungspflich1 H. Die Grcnzen der Zurechenharkeit 301

Bcurtcilung stcts cingcdcnk zu scin und ihr mit allcn ihrn zur Vcrfügung stc- dicsem Falle zurn Vorwurf gcrcicht" 287. Mit cincr freihcitlichcn Rcchtsordnung
hcndcn Mittcln zu wchrcn. Unvcrmcidbarc Irrtümcr würdc es dcmnach kaum ist mithin nur cin Vcrstandnis von Unvcrmcidbarkeit vcrcinbar, das sich von
gcbcn. So kann man auch bci fchlcndcn cigcncn Erkcnntniskraftcn ,,thcorctisch den psychischen Fihigkcitcn [Link] Bürger ]Ost und cin Systern normativ begrcnz-
jeden Vcrbotsirrtum vcrrncidcn, indcm man sich so langc crkundigt, bis die tcr Erwartungcn an ihrc Stcllc trcten laíh288.
Gründc, die gcgcn die Rcchtmafügkcit cines Vorhabcns sprcchcn, zum Vor- Ahnlich verhalt es sich rnit dcr Bcrücksichtigungsfahigkcit von Zwangsla-
schcin kommen" 280 • Das Glciche gilt für den Bcrcich dcr Tatumstandsirrtümcr; gen. Die crnpirisch unhaltbarc Thcsc, da~ dcrn Mcnschen cinc unwidcrstchlichc
,,bci cinigcr Anspannung dcr cigcncn Phantasic lasst es sich von nahczu kcincr psychischc Disposition cigcn sci, sich buchstablich um jeden Prcis vor dcr Gc-
Lebcnssituation ausschlicBcn, dass sic vcrborgcnc Risikcn cnthJlt, dcncn mOg- fahr des cigcnen Unterganges zu rcttcn 289, ist bcrcíts irn [Link] aufgc-
lichcrwcisc durch cntsprechcnd gründlichc Sachvcrhaltsrcchcrchc auf die Spur gebcn wordcn 290. Thcorctisch lidk sich dcshalb zumcist gcltcnd machen, bci
zu kommcn ware" 281. Dcrart rigide Fordcrungen würdcn indcssen die dcm si- gchüriger Anstrcngung hittc dcr Tatcr scinc Furcht vor eigcncr Schidigung
chcrhcitsbewufüen Bürgcr real verfügbarc Frcihcit im wcscntlichcn auf den en- überwindcn une\ sich ungcachtct der extremen Urnstande zu cincm vcrhaltcns-
gen Bereich viclfach crprobtcr Alltagsprozcdurcn (,,Skripten") bcschrankcn 282 normkonforrncn Handcln motivicren künnen. Dics würdc indcsscn bcdcutcn,
und dadurch das sozialc Lcbcn wcitgchcnd lahmcn 283 . strafrcchtlich ein MaR an Selbstübcrwindung 7,um Standard zu crhcbcn, das
So strcng wcrdcn die strafrcchtlichcn Irrtumsrcgclungcn zwar von nicman- gcscllschaftlich in der Rcgcl als Ausdruck auBergcwOhnlichen ,,sittlichc[n] Hcl-
dcm gchandhabt; ein psychologisicrendcs Ausgangsvcrstandnis hat indcs zur dcntum[s]"291 angcschcn wird. Zwar gibt es Institutioncn wie Militar und Poli-
Folge, daR die für crfordcrlich gchaltcncn Einschrankungcn nicht systcmatisch zei, dercn AngcbOrigcn notfalls auch das Bestchcn cxistenticllcr Gcfahrcn ab-
abgclcitet und begründet werden künncn, sondcrn von Fall zu Fall improvisicrt vcrlangt werden [Link] dicscr Falle abcr müsscn zumal in einer posthcroi-
wcrden müssen 284, was darauf hinauslauft, daB ,,lctztlich jedes Ergcbnis bc- schcn Gcscllschaft die Anfordcrungcn an die Pflichtcrfüllungsbcrcitschaft der
gründct wcrden kann" 285, ,,Das ist", wic schon Binding crkanntc, ,,juristisch Bürger ennafügt ,vcrdcn. An die Stcllc cines psychologisicrend vcrstandcncn ne
falsch gcdacht. Die Vcrmeidbarkeít des Irrtums bestimmt sich viclmchr genau u/t:raposse-Grundsatzcs habcn deshalb norrnativc Zumutbarkcitscrwiigungcn
nach Maass dcr rcchtlichcn Inanspruchnahmc des Künnens für die in Frage zu tretcn 292 .
stehcndc Handlung übcrhaupt." 286Ein vcrmcidbarcr Irrtum im Rcchtssinnc ist In bciden Fallgruppcn gilt also: ,,Die Bindung des Adressatcn an die Norm ist
daher ,,cin solchcr, den dcr lrrcnde bci Erfüllung jcncs proportionalcn Anspru- nicht total. Dcr Adrcssat cincr Nonn muB scinc Fahigkciten nur in dcrn MaBc
ches würde vcrmicdcn haben, den also nicht vcrmicden zu habcn ihm grade in
287 Binding, Norrncn, Bd. IV, S. 567.
iss In dicscm Sin ne bcrcits HJ!schner, Deutschcs Strafrecht, S. 3 ! 8; Fngisch, Untcrsuchun-
280 Roxin, AT 1, § 21 Rn. 40; in dcr Sache cbcnso ders., FS Mangakis, S. 252; ders., FS gcn, S. 323 (die Rcchtsbcachtungspflicht gcltc ,,nur im Rahmcn vcrnunftgcmiifkn Fordcrn-
Ticdemann, S. 389; fcrncr Maurach!ZipJ; AT l, § 38 Rn. 37; Stuckenberg, Vorstudicn, S 455; kcinnens"). -J\us dem hcutigcn Schrifttum: NK-Neumann, § 17 'Rn. 54; ders.,JuS 1993, 797;
Ve/ten, Normkcnntnis, S. 372. - Aus dcm Schrifnum des [Link]: Gefller, GS JO SJS-Sternherg-Lichen, Vorbcm. §§ 32 ff. Rn. 108; Bringewat, Grundbcgriffc, Rn. 672; Freund,
(1858), 333. AT, §7 Rn.21; ders., FS Küpcr, S.76;jakohs, J\'J', 19/35; [Link]/Zipf, AT 1, §38 Rn.38;
281 SK-Hoyer, Anh. zu § 16 Rn. 25; sach!ich übercinstimmcnd Giezek, FS G0sscl, S. 119f. Furger, Unrcchtsbewulhscin, S. 176; l(¡·etschmer, Partciverrat, S. 304; Manso Porto, Nornrnn-
2s2 Velten, Normkcnmnis, S. 325. kcnntnis, S. 114; \!citen, Norrnkcnntnis, S. 78,316; Zabel, Schuldtypisierung, S. 428; ders., GA
283 Aus dcm alteren Schrif ttum: Bekker, Thcoric, S. 336; [Link], Dcutschcs Strafrcdu, 2008, 51; Lesch, JA 1996, 607; Roxín, FS Mangakis, S. 253; Timpe, GA 1984, 61 H. (zum Ver··
S. 317 f.; Binding, Nonnen, Bd. II/1, S. 249 (,,absolutc Tatlosigkcit [wiirc] unscr Allcr Loos"); botsirrtum im cngcrcn Sinnc); M K-Duttge, § 15 Rn. 109; ders., Bestimrnthcit, S. 105H., 3%,
Hd. IV, S. 501; Exner, Wcsen, S. 195. - Aus dcr heutigcn Litcnnur: Roxin, AT 1, §21 Rn. 40; 4?fJ'f:;-Frister, AT, § 12 Rn. 12; f-lerzherg, Vcrantwortung, S. 165; Kremer·-Bax,Verhaltensun-
Manso Porto, Normunkcnntnis, S. 114; \!citen, Normkcnntnis, S. 344 ff.; Schiine, GS Hi!dc r~c_h_~)S.46, 93, 101, 106, 110; Manso Porto, Normunkcnntnis, S. l 25; Pfafferkom, Gren;,.cn,
Kaufmann, S 653 (zum Vcrbotsirrtum im cngcrcn Sinnc); MK-Duttge, § 15 Rn.108, 130; S. 185f.; Sauer, Fahrliissigkcitsdogmatik, S. 33 f., 57, 67, l 50; Burkhardt., Vcrhaltcn, S. 118f.;
ders., Bcstimmthcit, S. 496 f.; ders., FS Maiwald, S.138 f.; SK-1-loyer, Anh. zu § 16 Rn. 25, 33; GOssel, FS Bcngl, S. 3!; Hrnschka, FS Bockclmann, S. 425; Otto, GS [Link], S. 90; Roxin,
Freund, AT, §4 Rn.61; §5 Rn.44; dcrs., FS Küper, S. 76; Fríster, AT, § 12 R.n.12;jakobs, Chcngchi L.R. 50 (1994), 230 (f [Link] den Bereich dcr Tatumstandsfahrliissigkcit).
28'! So ctwa Bauer, Lehrbuch, § 129 (S. 189); im Gnmdsatz auch Geyer, Krit. Vicrteljah-
AT, 9/26; [Link], AT, §33 Rn.4; Donatsch, Sorgfa!tsbcmcssung, S.111, 18i; Hiihner,
Entwicklung, S. 265; Kremer-Bax, Vcrhaltcnsunrccht, S. 46; Sauer, Fahrliissigkcitsdognutik, rcsschrift 5 (1863), 78ff.- J\us dcm ncucrcn Schrifttum: Brarmec!?, GA 1959, 269 (dagegcn
S. 33 f., 54 f.; S. Walter, Pflichtcn, S. 123 f.; Armin Kaufmann, Strafrcchtsdogmatik, S. 147;G. übcrzeugcnd Roxín, Ehrcngabe Brauncck, S. 388 f., 393 f.); Koller, Not, S. 103.
Wolf, FS Puppc, S. 1079 (zurTatumstandsfahrlassigkeit). no Kritisch !Jti/sclmer, Dcutschcs Straírecht, S. 499; \í/essc/y, Bcfugnissc, S. l 5 f.; aus jün··
2u-1 \!citen, Normkcnntnis, S. 110. gcrcr Zcit umfasscnd Hernsmann, ,,Entschuldigung", S. 158 ff.
285 Ve/ten, Normkenntnis, S. 119. 291 Berner, Lchrbuch, S. 103.

2% Binding, Norrncn, Bd. IV, S. 567. 292 Niihcr da:,,u unten S. 349 ff., 353 ff.
302 3. Kapite!: Die \lcrletzung dcr [Link]!ichcn Mitwirkungspfhcht [Link] Cremen der Zttrcchenbarkeit 303

zur Normbcfolgung cinsctzcn, das zur Síchcrung dcr Stabilitat cincr frcihcitli- Untcr Frcihcitsgcsichtspunktcn nimmt sich cinc solchc Bestirnmung auf den
chcn Ordnung hinréichcnd ist." 293 Nicht die psychischc Lcistungsfahigkcit des erstcn Blick durchaus attraktiv aus. Ein auf die Vermcidung strafrcchtlichcr
cinzclnen 'Titcr-Individuums cntschcidct úbcr die Grcnzcn <lcr Zurcchcnbar- Konflikte bedachter Bürger kann auf zwcicrlci Weiscn auf die Bcfürchtung
kcit, sondcrn cin frcihcitsfunktional, anhand dcr Bürgcrrollc des Bctrcffcndcn reagicren, daB die von ihm ins Auge gefafüc [Link] müglicherwcisc uner-
konkrctisicrtcr ZumutbarkcitsmaBstab 294 . Da die Frcihcít des Bürgcrs von vorn- laubt riskant und dahcr vcrbotcn íst. Entwedcr er sucht sich AufschluB über
hcrcin auf die Frcibcit scincr Mitbürgcr bczogcn ist 29\ wirkcn Umstindc, die die Sachlage zu vcrschaffcn, was 7,un--ialbci cincr Haufung von Zweifclsfallcn
cincm pflichtgcmagcn Vcrhaltcn cntgcgcnstchen, jcdcnfalls dann nicht zurcch- mit cincm erhcblichen Aufwand vcrbundcn sein kann, odcr abcr er verzich-
nungsausschlieBcnd, wcnn sich aus den Grundsitzcn strafrcchtlichcrZustindig- tct von vornhcrcin auf die bctreffendc Aktivitat. Sofcrn die in Rede stehcndc
kcitsvcrtcilung crgibt, daB dcr Tatcr sclbst für ihrc Bchcrrschung zu sorgcn hat. I-Iandlung rechtswidríg gcwescn wirc, ist der Vcrzicht auf sic untcr Frciheits-
Umgekchrt gesprochcn: Nur dort, wo die Beherrschung potcnticllcr Stürfakto- gesichtspunkten nicht wciter problematisch 298. Andcrs vcrhiilt es sich, wenn
rcn nicht von vornhcrein in den Zustandigkeitsbereich des Tatcrs fallt, kommt das vom Tater zunachst ins Auge gcfaBtc, sodann abcr fallcngclassene Vcr-
dcssen Entlastung in Gcstalt cincr Zurechnungsuntcrbrcchung in Bctracht. Da haltcn [Link] gewescn wirc. Wer aus Furcht vor Strafc auf rechtmüBígc
das Zicl, das mit dcr Statuierung der Mitwirkungspflicht crrcicht wcrdcn soll, Handlungsoptioncn verzichtct, schrankt scincn Frcihcitsrau1~_stiirker cin, als
in dcr Aufrechterhaltung cines Zustandcs dc1·Frcihcitlichkeit bcstcht, darf das das Recht es von ihm verlangt 299. Die Gcfahr eincr solchcn ,,Ubererfüllung"
objcktiv zustandigkcitswidrigc Vcrhaltcn des Tatcrs z,udcm nicht dazu gecignet lieBc sich am wirksamstcn dadurch banncn, daB die Strafrcchtsordnung den
scin, scine grundsatzliche Loyalitat gcgcnüber jcncm Zicl in Zwcifcl zu zicbcn. Bürgcrn bcrcits dann cinc Zurcchnungsuntcrbrechung zubilligtc, wcnn sic
Die Kritcrien der Tatcrentlastung aus den Erhaltungsbedingungen cincr frci- zum I-Iandlungszeitpunkt nicht positiv um die Vcrbotcnhcit ihres Vcrhaltens
hcitlichcn Rcchtsordnung abzulcitcn bcdcutct, den frcibeitsfunktionalcn Ansatz wufüen. Von der Mühsal cigcncr Nachforschungen wiircn die Bürgcr dann auf
fonzuführcn, der sich bcrcits im Rahrncn dcr allgcmeinen Zustandigkcitslchrc cincn Schlag entbunden: Man wciB, was man wcií?., und solange rnan dieses
bewahrt hat 29<'.Nicht von ungcfahr kornmt deshalb den Figuren dcr Zusti:indig- Wissen ordnungsgcmaí?. einsctzt, braucht man kcinc strafrcchtlichcn Sank-
kcitsbcgründung auch inncrhalb dcr nachfolgcndcn ErOrtcrungen cinc zentralc t.:oncn zu fürchten.
Rolle zu. Diese bchandcln zuni:ichst den Fall des zurcchnungsausschlieBcndcn Bci niihcrcr Betrachtung 2,cigt sich jcdoch rasch, daB dieses Modcll trotz sci-
Vcrbotsirrtums (II.) und sodann die Konstellatíoncn des zurcchnungsausschlie- ncr vordcrgründigen Vorzügc normativ inakzcptabcl ist, wcil es sich ,,zum Sida-
Bcnden (,,cntschuldigcndcn") Notstandcs und des Notwchrcncsscs (l!l.). ven des irrtumsanfalligcn Taterbcwusstseins macht" 300 • Erstcns privilegicrt es
den Glcíchgültigen und bdastct den Skrupelhaftcn (a), und [Link] miBachtct
es die Erhaltungsbcdingungcn cincr freiheitlichcn Rechtsordnung (b).
II. ZurechnungsausschlicBendcr Vcrbotsirrtum
a) Kcine [Link] des Wisscns gegenüber dcm Wollen
1. Die Obliegenheit zur lrrtumsvermeidrmg
Wer scincm Zurcchnungsurtcil allein den psychischcn Ist-Zustand bcim Titer
Dcm \X'illcn ist, so crklirt Hegel, ,,nur das zuzurcchncn, was cr von den Urn- zugrundclcgt, bctrcibt cinc handlungsthcorctisch unangcmesscnc lsolicrun_g
standen wufüc. DicB ist absolut das Rccht des frcien Mcnschen."2 97 Auf den des Wisscns gcgcnüber dem \Vollcn. Kcin anclcrcr als Hegel sclbst bcklagt die
crstcn Blick rcdct dcr Philosoph damit jeden falis für den Bcrcich dcr Tatum- ,;weitvcrbrcitctc Vorstellung", die das Dcnkcn und den Willen auscinanderfallcn
standsirrtürner cincr auBerordcntlich [Link] Regclung des Zurcch- lasse 3º 1 und den Mcnschcn betrachte, als ob cr ,,in dcr cincn Taschc das Dcnken,
nungsausschlusses das Wort: Bcrcits der Irrtum als solcher, gleichvicl ob un- in dcr andercn das Wollen habe" 3º2 . \Xfic Hegel zcigt, ist dics cinc ,,lccre Vor-
verschuldct oder verschuldet, schcint dcmnach zurcchnungsumerbrcchend zu stcllung"3º3; tatsachlich sind in jcdcr Titigkcit Dcnkcn und Wollen untrennbar
wirkcn.
298 Ve/ten, Normkcnntnis, S. 321.
l'J'J Roxin, i\T 1, §21 Rn 33; Rudo!phi, Unrcclusbcwuíhscin, S. 135; ders., Stt·afbarkcits-
293
Kindhiiuser,JRE 2 (1994), 342. vornussctzung, S. 13; Velten, Normkcnntnis, S. 126 f., 315 ff.
29 1
' In dicscm Sin ne bcrcits Gefller, GS 10 (1858), 334. 300 Burchard, lrrcn, S. 377.
295 O ben S. 143 H. 3 oi Hegel, Em,yklopiidic III, § 468 Z, Wcrkc Bd. 10, S. 288.
2
% Ohen S. 174 ff. 302 Hegel, Grundlinien, §4 Z, Werkc Bd. 7, S. 46.
297
Hegel, Vorlcsungcn, Bd. 3, S. 359 (Nachschrift I--Iotho). ."\03 Hegel, Grundlinicn, §4 Z, Wcrkc Bd. 7, S.46.
304 3. Kapitel: Die Vctlct7-ung dcr strafrcchtlichcn Mitwirkungspflicht B. Di"e Grenzen der lurcchcnharkeit 305

mitcinandcr vcrwobcn 304 . Eincrscits kann man kcincn Willcn habcn ohnc Hegel stcllt allcrdings nicht auf diese Ungcrcimthcitcn ab, sondcrn auf das
Intclligcnz: Wcil wir uns den Gcgcnstand unscrcs Wollcns vorstcllcn, ihn
dcnkcnd crfasscn müss-cn305, blcibt das Dcnkcn die Substanz des Willcns 3 º6. auch bci dcr Auscinandcrsctzung ;[Link] Vorsatzthcoric und Schuldthcoric cinc gcwichtigc
Andcrcrscits hat ,,allcs Erkcnncn das Erkcnncnwollcn, jedes Dcnkcn cinen Rolle; niihcr dazu unten S. 377 ff., 388 ff., 397 ff. Aus ihm crgiht sich auch die Anfcchtbar·-
kcit so leher Konzcptioncn dcr (Tatumstands-)Fahrliissigkcit und des Vcrbotsirrtums, die den
Willcnsact zur Voraussctzung" 3º7• Zwar rnag die Rczcption sich darbictcndcr faktischcn Kcnntnisstand des Tiitcrs als [Link] Zurcchnungsschrankc bctrachten.
Vorstcllungsinhaltc tcilwcisc cin Gcschehcn scin, das ohnc Dazwischcntrctcn Solchc Auffassungcn hndcn sich insbcsondcrc bci Vcrtretcrn cines subjektivistisch zugcspitz-
des Willens ablauft 308 • Für das Urtcil übcr die Gcfahrlichkcit des cigcncn Vcr- tcn Finalismus. So vcrlangtStmcnsce (JZ 1987, 60; nahcstchcnd SK-1/oycr, Anh. zu § 16 Rn. 35;
haltcns, scinc zu crwartcndcn Folgcn und scinc rcchtlichc Bcwcrtung gilt dics den., Strafrcchtsdogmatik, S. 249 ff.; Friste1; AT, § l 2 Rn. 17; Lippold, Rechtslchrc, S. 282;
L01.u,Erkundigungspflicht, S. 160 f., 286; Sen ano Gonz.áles, 2. 1:s Roxin, S. 360) für jcglichc
abcr nicht. Ein Urteil Íst cin Dcnkakt, und cin Dcnkakt ist nichts Unwillkür- Fahrliissigkeit cin Handcln in Kcnntnis des tatbcstandsrclcvantcn Ausschnitts dcr Erfolgsbe-
liches, sondern wird durch den Willcn vcrmittelt 30 9;,,dcnn indcm wir dcnkcn, dingungcn, von dcnen nach Bcwcrtung dcr Rcchtsordnung cinc intolerable Gcfahr ausgchc.
sind wir cben tiitig"-310 . Dem Tiitcr müsscn dcmnach die Umstiinde, die ihm AnlaB zur Untcrlassung dcr in Rede stc-
Dcr Bccinflussung durch den cigcncn Willcn untcrliegt es abcr nicht nur, ob, hcndcn Handlung gcbcn sollcn, durchwcg bckannt scin. Gcgcn den Vorwurf, clics beinhaltc
cinc ungcrcclufcrtigtc Privilcgicrung dcsjcnigcn, dcm diese AnlaRkcnntnis aus bclastcndcn
sondcrn auch, in welcher lntensildt man übcr cincn Gegenstand nachdcnkt 311 . Gründcn fchle, wchrt sich Strucnsec mit dcm Hinwcis, dcm [Link] sci es unbcnommcn,
Wcr sich bcsondcrs anstrcngt, dcrn gelingcn rnituntcr intellektucllc Leistungcn, mcrkmalsiirmcrc Tatbcstiinde :w bildcn (Strnensee, aaO, 61 f.). Abcr ist es wirklich Sache des
die cr unter normalcn Urnstiindcn für ausgcschlosscn gchalten hiittc; wcm um- Gcsctzgcbcrs, axiologischc Ungercimthcitcn bcstimmtcr dogmatischcr Positioncn auszubi.i-
gckchrt ,,jede Lust zurn Nachdcnken fchlt und wcr auch nicht zurn Nachdcn- gcln? (Ablchncnd auch LK--Voge/,§ 15 Rn. 154,263; Maurach!GOSscl!Zij1f, AT 2, §43 Rn. 112;
Roxin, AT 1, §24 Rn. 75; ders., GS Annin Kaufmann, S. 249 f.; dcrs., Chengchi L.R. 50 [1994],
kcn gezwungen wird, dcnkt nicht nach und erkcnnt dcshalb níchts jcnscits dcs- 233; Mikm, Vcrhaltcnsnorm, S. 163; Pfeffcrkorn, Grcnzcn, S. 197 f.; Wieseler, Sorgfaltspílicht-
scn, was sowicso vor scinem Auge stcht" 312 . Das Urtcil übcr die normativc Rc- ma~stab, S.158; J-Ierzbcrg,.JZ1987, 537; Hirsch, l·"SLampe, S.527f.) Armin Kaufmann und
levanz des Titcrverhaltcns auf dicjcnigcn Umstande zu bcschrinkcn, die dcm Horn haltcn cinc psychischc Bczicbung zwischcn dcm Tiitcr und scincm Unrc_c_ln_~handcln
[Link] im Handlungszcitpunkt realiter bewuBt gewesen sind, hcifü, diese Wcch- für unvcr:úchtbar; Horn rühmt die ,,cindcutigc Oric11ticn111g an psychischcn Bcfondcn" gar
als ,,die entscheidcndc Ncucrung in eincr konscqucntcn modcrncn Vcrbrechc1Ú;syst',cmatik"
sclbezichungcn zwischen Wisscn und Wollcn von vornhcrciu auszublcndcn (J-lorn, Vcrbotsirnum, S. 149). Dcshalb bctrachtcn die bcidcn Autorcn cincn Vcrbotsirrtum
und den [Link] von sciner cigcnen Vcrgangenhcit zu isolícrcn 313 • Dics lauft da- stcts dann als unvcrmcidbar, wcnn cinc psychischc Bczichung- mag sic sich auch nur in dcr
rauf hinaus, dag Nachlassigkcit und Gleichgültigkeít nützcn, wahrcnd cinc Form cines ,,lciscn Unrcchts;,,wcifcls" iiuEcrn - dcm Tiitcr nicht nachgcwicscn wcrdcn kann
übcr das sozial übliche und crwartcte Mag hinausgehendc Aufmcrksamkcit (Armin Katrfmann, Dogmatik, S. 146; Horn, aaO, S.151; zustimmcnd Zaczyk,JuS 1990, 893;
im Ergcbnis [Link] Tiedemann, Tatbcstandsfunktioncn, S. 330 f., 402). Auch dics
schadct. Axiologisch übcrzeugend ist das nicht 314 . liiuftdarauf hinaus, den I..cichtfcrtigcn und [Link] 7.U bcgünstigcn und den Skrupul0-
scn zu bclastcn (NK-Ncumann, § 17Rn. 55;ders., FG BGH, S. lOl;[Link]!Kuhlen,AT,
JO·! Hegel, Grundlinicn, §4 Z, Wcrkc Hd. 7, S. 48. § 10 Rn. 87; Stratenwcrth, ZStW 85 [19731, 483 ff.; 1\Ianso Porto, Nonnunkcnntnis, S. 26 H.;
3
os I-legel,Grundlinicn, §4 Z, Wcrkc Hd. 7, S. 47. Rudolphi, UnrcchtsbcwuBtscin, S. 264; ders.,]Bl 198[, 295 f.; Lcsch,JA 19%, 611; Timpe, GA
JO(, I-legel,Em:yk!opiidic III, §468 Z, Wcrkc Bd. 10, S. 288. -Plastisch sagt Binding (Nor- 1984, 58 ff.) Auch Horn sclbst crkcnnt das Problcm. Er [Link] sich aber mit dcm pauschalcn
mcn, I~d. IV, S. 361}: ,,In cincr Scclc, die noch nic vorn Baum dcr Erkcnmnis gcgcssen, gcht Hinwcis darauf, daB in diesen Fiillcn gcgebcncnfalls ,,statt cinc1· Strafc Maflnahmcn vcrhiingt
cben rnchts odcr fast nichts vor." wcrdcn" kónntcn (Horn, aaü, S.151) und sctzt sich darnit dem Einwand aus, ,,daB cinc Dog-
·'º 7
Ildlsclme;; Dcutsches Strafrccht, S. 311. rnatik, die sich al!zu wcitgchcnd gcgcn ihrc praktischcn Konscqucnzcn immunisicrt, nicht
JOS Sclbst dies gilt allcrdings kcincswcgs uncingeschriinkt. Die \\1ahrnchmungspsycho- ,virklich wcitCL"führt" (Stratenwerth, naO, 488). - Psychologisrisch ausgcrichtet- und dahcr
!ogic lchrt viclmchr, daG wir hiiufig das schcn, was wir schcn wol\cn (T \Y/alter, Kcrn, S. 233 im wcscntlichcn den glcichcn Einwandcn ausgcsctzt wic die socbcn bchandcltcn AuHassun-
rn.w.N.). gcn - ist die Konzcption Kühlcrs (so auch Manso Porto, Nonnunkenntnis, S. 36 ff.). Strafc,
JO') So trcffcnd Hcgcls Zcitgcnossc Baumeister, Bcmcrkungcn, S. 21. von KOhler (Fahrlassigkcit, S. 411) vcrstandcn als ,,Rcchtsmindcrung [Link] frcic sclbstbcgrün-
310
Hegel, Grnndlinicn, §4 Z, Wcrkc Bd. 7, S. 48. dctc Reclnsvcrlctzung" (kritisch zu dicscr Strafthcoric Pawlik, Pcrson, S. 73 f.), sci nur gcgcn-•
311
Ei1_1dri:1glichWahlbcrg (Schrif ten, Bd. III, S. 272 L): ,,Ohnc W/ilf ensbethciligung, ohnc übcr solchcn Fahrliissigkcitstiitcrn [Link], dcrcn praktisches Wisscn sich das ursprüng-
lntercssc tst eme ldnger dauernde Aufmcrksarnkeit nicln dcnkbar. f....] Die willkürlichc Auf- lich als richtig Erkanntc in cincm ProzcR dcr Sclbstkorrumpicrung vcrdunkclc und vcrstcllc
merksamkcit sctzt cbcn das Aufmerkcnwollen voraus, cbs Begchrcn, bci cincr Sache ganz (KOhler, aaO~ S. 19 l, 375, 397, 406 f.). Dieses ,,aufgrund sclbstvcrschuldcw· Vorcmschcidung
dabci zu scin, mit al!cr Conccntration unscrcr Geistcs- tind Wil!cnskriiftc." vom Standpunkt richtigcn \'v'isscns ausgchendc HabitucHwcrdcn bc,vu{h fahrliissigcn Vcrlct-
312
Jakohs, AT, 8/22. ;,_ungswisscns" sci abzuhcbcn ,,von cíncr ursprünglichcn Dcfi;,,icnz praktischcn Wisscns", auf
313
Zu Rccht kritischjalwbs, Studicn, S.109; lls11, Doppclindividualisicrung, S. 156, 173; die allcnfalls mit pri"ivcmivcn MaBrcgcln rcagicrt wcrdcn [Link] (aaO, S. 410 f., 414). Auch ini
ders., FS Puppc, S. 543 f.; Manso Porto, Normunkcnntnis, S. 40. Bcrcich des Vcrbotsirrtums ist Kóhkr und scincm Schülcr Grotcguth zufolgc die Stcllung des
4
Jl Trdfcnd [Link] Burchard, lrrcn, S. 368; Manso Porto, Normunkcnntnis, S. 30, 40. - Subjckts zum Sollcn durch sein Bcwufhscin bcstimmt (treffcnd Manso Port.o,Normunkcnnt-
Dicscr Gcsichtspunkt spiclt sowohl bci dcr Abgrcnzung von Vorsat:r. und Fahrlassigkeit als nis, S. 32): ,,Erst das voluntarium pcccatum, die wil!cmlichc Verfchlung" bcgründc Straf-
306 3. Kapitcl: Die Vcrlctwng da stmfrechtlichcn [Link] B. Die Grenzen dcr Zurechcnharkeit 307

,,Rccht und [die] Ehrc" des Zurcchnungssubjckts sclbst 31 5. Den cini,clncn an gcnt, dcm Wandcl des gcscllschaftlichcn Sclbstverstdndnisscs unterworfcn. Im
die ,,Wolffisch-psychologischc Gcstalt von deutlichen Vorstellungen" zu bindcn Grundsatz aber haltcn er und scinc Schülcr die bctrcffendc Erwcitcrung der
hcifSC,ihm die ihm inncwohncndc intclligcntc Natur abzusprcchcn, die ,,cbcn Zurcchnungsvoraussctzungcn für normativ zwíngcnd. Wcil cin Mcnsch, dcr es
dics ist, wcscntlich cin Allgcmcines, nicht cin abstrakt Augcnblicklichcs und Vcr- untcrlassc, scinc Intclligcnz zu rcgcn, nicht rcchtschaffcn handcln künnc, stcllt
cinzcltcs des \Xfisscns zu scin« 316 . Kraft scincr Tcilhabc an dcr Vcrnunftallgc- die Aufmcrksamkcit auf das, ,,was des Menschcn Pflicht ist", für Bcrncr sogar
mcinhcit müssc dcm Subjekt ,,cbcndcswcgcn, wcil es cin Dcnkcndcs ist, zugc- die ,,sittlichc Urthat des Mcnschcn" schlcchthin dar 322 • Nur cin wissensgcs1t-
mutet [wcrdcn], daB es Ím Einzclncn zuglcich das Allgcmcinc kcnnc" 317 • Nicht tigtcs Wollcn íst cin wahrhaft gutes Wollcn.
nur das Subjckt habe ,,das Rccht scincs bcsondcrn \Xfisscns", sondcrn auch das
Objektivc, die Rcchtsgcmcinschaft, habc scin Rccht - darauf gcrichtct, daB das h) ,,Prüfende Besonnenheú- - die not·wendige Voraussetzung
Subjckt, ,,indcm es handclt, wisse \.vas es tut" 318 • Folgcn, an die dcrTatcr nicht ci- loyalen Handelns"
gens dcnkc, kcinntcn ihm dennoch zugcrcchnct wcrden, wcil und insofcrn sic lc- Noch gcwichtigcr als diescr crstc ist ein zwcitcr Gesichtspunkt. Er gcht [Link]-
diglich die ,,cigcnc immanente Gcstaltung dcr Handlung" manifcstiertcn 319 und lich auf Fcucrbach zurück. In seincn für die wcitcre Diskussion grundlcgcndcn
dcshalb bci gehciriger Denkanstrcngung erkannt und bedacht wordcn w1ren 320 • !Jetrachtungen üher dolus1mdculpa (1800) zeigt dieser, daB sieh der Inhalt cines
Die sich an dieser Stclle auftucndc ,,Kollision zwischcn dem Objcktivcn und vcrbictcndcn Gcsctzcs nicht in dcr Erklarung: ,,Du sollst dieses nícht wollcn
dcm Subjcktiven" (bcsscr wohl: dem Individucllcn) lassc sich nicht absolut be- und tun!" crschcipft. Viclmchr crklarc dcr Staat darübcr hinaus zuglcich, daB
scitigcn, sic sei pcrcnnicrcnd. ,,Es kann hier nur cinc Annahcrung cintrcten." 321 die Existcnz dcsjcnigcn Erfolgcs, dcsscn Rcalisicrung cr verbictc, seincm Wil-
Den genauen Umfang dcr Erwartung anden cinzclncn, sich um gchcirige Auf- lcn übcrbaupt cntgcgen sei. ,,Für den Bürgcr wird dadurch die Vcrbindlichkcit
mcrksamkcit zu bcmühcn, begreift Hegel damit rcalistischerwcisc als kontin- begründct, nicht nur jcncn gcsctzwidrigcn Effcct nicht unmittclbar zu wollcn,
sondern auch alles zu thun odcr zu untcrlasscn, damit 11icht:durch ihn jencr Ef-
barkeit vollsti:\ndig (Kbhler, i\T, S.. H9). Dcshalb müBten letztlich objcktivc Norm und sub-
foct.;111chwidcr scinc Absicht cnt:stchc. Diese NOthigur'lg_i_-5,Údic
Verhindlirhkeú.
jcktivcs Gc!tungswissen zur aktucllen Unrcchtscinsicht konvcrgicren (KOhler, aaO, S. 403). zum gehorigen Fleifle (obligatio ad diligcntiam)."m
,,Erst auf diescr Grundlagc kann die vom Titcr vorgcnommcne Vcrlct;.,,ungshandlung als Be- Durch scin Bckcnntnis zur Abschrcckungstheorie sieht sich Fcucrbach aller-
sondcrung gcgen den von ihm sc!bst mitkonstituicrten allgemcinen Willcn und damit als dings dazu vcranlafü, die Diligcnzpflicht zu versclbstandigen und so die Vicl-
Selbstwidcrspruch begründet werdcn." (Groteguth, Vcrbots(un)kcnntnis, S. 74). Die Poten-
zahl dcr cinzclncn crimina culposa in eincm cinhcitlichcn crimen culpae aufgc-
tialitiü des Unrcchtsbcwuirseins bilde dagegen ,,pcr se kcinc tauglichc Grundlagc für ci-
ncn Schuldvor,vurf im Sinne der Begründung cines Sclbstwidcrspruchs" (Groteguth, aaO, hen zu lasscn 32 4. Binding gciGclt diese Konstruktion ein Jahrhundert spdter
S. 36). Zwar erkennen Kühler und Grotcguth über die ,,aktucll-unrechtseinsicl1tigen Ent- zwar als ,,monstrós" 32 5; an dem inhaltlichcn Kern von Fcucrbachs Gcdankcn
scheidungcn" hinaus auch Fiillc ,,mittclbar-unrechtsbewufüer Schuld" an (KOhler, aaO, halt er jcdoch fcst: Da jcdcr nur den Willcn verwirklichcn dürfc, dcr cincn cr-
S. 407; Groteguth, aaO, S.133). Letztere setze abcr voraus, da!~ dcr Tiiter ,,aus Anlae cines
laubtcn odcr wcnigstcns unvcrbotcnen Inhalt bcsitze, dcr eínzclnc sích abcr nur
subjcktiv-objektiven Geltungszwcifc!s Normeinsicht in das Erfordernis der Rechtskliirung"
habe (KOh!e1;aaO, S. 410; ders., FS Hirsch, S. 74). Bcdcnkcn gegcn die axiologsche Ü bcrzeu- mittcls seincr cigcnen Übcrlcgungcn Klarhcit übcr den juristischen Gchalt sci-
gungskraft dieses Ergebnisscs wischt Zaczyk (aaO) mit dcr Bcmcrkung beiscitc, die Kritcrien ncr [Link] vcrschaffcn künnc, sci die sorgfaltigc Übcrlcgung vor und wah-
des Vcrbotsirrtums müf1tcn ,,gedanklich notwendig und nicht politisch-,.wcckrationa!" be- rcnd dcr Tat das cínzigc Mittcl, ihr die Rcchtm1Rigkeit zu wahren 326 . ,,Stctcr
stimmt wcrden. Abcr ist das Bcharrcn auf unvcrdicntcn Begünstigungen ,virklich gedanklich
Gcnossc des tatigcn Willcns, stctc Qucllc des neu zu crzcugcndcn Willcns sci
notwcndig? Das hiitte nicht cinmal dcr preufüschc Hofphilosoph Stahl zu bchauptcn gewagt.
315 I-legel, Grundlinicn, § 132 A, Werke Bd. 7, S. 247.
3 1(, f-legel, Grundlinien, § l32 i\, Werke Bd. 7, S. 247. m Berner, Grundlinicn, S. 228.
317
Hegel, Philosophic des Rcchts (Vorlcsung 1819/20), S. 95. -Seclmann spricht diesbc- .m Feuerhach, Betrachtungen, S. 208. - Die Di!igenzpílicht hat hucrbach auch in das
züglich von einer praktischen oder cthischcn Piktion im Sinne von Hans Vaihingers Philoso- von ihm vcrfafüe bayerische Straf gcsctzbuch von 1813 übernommcn. In dcsscn Art. 64 hci/h
phie des i\ls-Ob. ,,Solche praktischcn oder cthischen Fiktioncn sind wcdcr wahr noch falsch, es: ,,Jcder Untcrthan ist schuldig, gefahrliche Hand!ungen zu untcrlasscn, und in jcdcm Un-
sondern praktisch notwcndig, sind Untcrstcl!ungcn, die von sich sclbst den Anspruch erhe- tcrnehmcn mit gchfüiger Aufmerksamkcit und Bedaclnsamkeit zu verfahren, damit cr auch
bcn, mcnschliche Intcraktion a!lcrcrst zu crm0g!ichen." (Seelmann, FS Mül!er-Dietz, S. 862) nicht unabsicht!ich i\ndere an ihren Rcchtcn verlczc, odcr Gcsczc des Staals [Link]."
3lS Hegel, Philosophic des Rcchts (Vorlcsung 1819/20), S. 95. m Dazu niihcr unten S. 367 ff. -· Zudcm gibt Feucrbach dicscr Vcrbindlichkcit cinc übcr-
319 Hegel, Grundlinicn, § 118 A, Werke BcL 7, S.218. mifüg groGe l\usdehnung, wic Ernst Fcrdinand Klcin soglcich monicrt (1(/ein, ACrim 3
320
Auf diescm Befund baut Hegcls Vertcidigung des dolus indirectus auf; dazu niiher un- [1801], 129ff.) .
ten S. 382 ff. .m Binding, Nonncn, Bd. IV, S. 502.
32 ! Hegel, Phi!osophic des Rcchts (Vorlcsung 1819/20), S. 95. Jl(, Binding, Normcn, [Link]/!, S. 236.
308 3. Kapitr:I: Die Vedetzung der strafrecht!ichen Mitwirkungspf/icht H. Die Grenien der Zurcchcnbarlwir 309

- so wil! es das Rccht - prüfcndc Bcsonncnhcit." 327 Bci ilu handclc es sich um tct frcilich nicht, dag von den Bürgern vcrlangt wcrdcn kónntc} glcichsam aufs
níchts Gcringcrcs als die notwcndigc Voraussetzung loyalcn I-Iandclns 328 und Gcratcwoh l Rcchts- und Tatsachenwissen anzubi:iufcn, [Link] das Risiko aus-
darnit- so crlamcrt Engclmann cinigcJahrc spatcr- ,,des wirklichcn Dascins [,] zuschlicRcn, irgendwann cinmal cincr Situation, zu dcrcn Mcistcrung es ausgc-·
dcr wirklichcn Vcrbindlichkcit allcr Normcn und dcr Rcchtsordnung übcr- rcchnet dicscr Kcnntnissc bcdarf, nicht gcwachscn zu scin.136 • Wohl aber rnuR
haupt"329. jcdcrmann vor dcr Übcrnahrnc cincr Tatígkeit, die mit au6crgcw0hnlichcn Gc-
Dics ist cin Bcfund von nachgcradc unwiderstchlicher Übcrzcugungskraft. fahrcn verbundcn und dcshalb mutma6lich spczicl!cn rcchtlichcn Rcgclungcn
Einc Rcchtsordnung, zumal cinc solchc, die in wcitcn Tcilcn nicht mchr darauf untcrworfcn ist, rnit cler von eincm rcchtstrcucn Bürgcr zu crwartcndcn Sorgfalt
vcrtraucn kann, daB ihrc Vorschriften zum kulturcllcn Gcmcinbcsitz dcr Gc- prüfcn, ob cr dcr Aufgabc gcwachsen ist, die bctrcffcndc Titigkcit in rcchtskon-
scllschaft zahlcn, vermOchte ohnc die Bcrcitschaft ihrcr Angchürigcn, den In- formcr Wcisc zu bcwaltigcn 337 •
halt des Rcchts zur Kcnntnis zu nchmcn, gcnausowcnig zu übcrlcbcn wic ohnc
dcren Bercitschaft, das Rccht auch zu bcfolgcn 330 • ,,Ohnc cinc Zustindigkeit für cincm frciheitlichcn Systcm mit angclcgt und [Link] von dicscm gctragc11wcrdcn". Daran ist
richtig, daB es cincm frciheidichcn Strafrccht nicht gut anstündc, die Vernachlassigung dcr
die Bcfolgung unbckanntcr Nonncn gcht es dahcr nicht." 331 Im Hinblick auf so;,.ial erwartetcn [Link] als so/cheunter Strafc zu stcllcn. Die Schaf-
die Ermittlung dcr Tatumstindc gilt cum grano salis das Glcichc. Auch insowcit fung cines solchcn crimen cu!pac wird hcute frcilich von nicmandcm mchr gcfordcrt (dazu
bcdarf es cincr ,,gcwisse[n] Angstlichkcit« 332 , dcnn die planvollc Vcrmcidung unten S. 369). Es geht kdiglich darum, durch cinc entsprcchcndc Modcl!icrung dcr Zurcch-
von Rcchtsvcrletzungcn sctzt cinc zutreffcnde Wahrnehmung der Tatumstinde nungsausschluRkritcricn dafür zu sorgcn, da/?.cincm Nachliissigcn aus scincr Unachtsamkeit
kcine rcchdichcn Vortcilc crwachscn. Dieses Untcrfangcn kann in einem Strafreclnssystcm,
voraus. das - insowcit der Intcntion Grotcguths durehaus verwandt ··· die Bürgcr als Mittriigcr dcr
Die Bcrcitschaft zur Aufmerksamkeit darf indessen nicbt auf den Zcitpunkt hcstchcndcn Ordnung anerkennt und crnstnimmt, nicht als illcgitim bcwcrtct wcrden (im
bcschrinkt bleíbcn, an dcm die Handlungszwingc sich so wcit vcrdichtct ha- Ergehnis wic hicr Manso Porto, Normunkcnntnis, S. 36).
ben, da6 der einzelne Bürger ihnen nícht mchr auszuwcichen vermag 33 [Link] Zu-
331' Manso Porto, Norrnunkenmnis, S. 100, 143 f.
7 Ob dcr Tiiter dcr gcnanntcn Erwartung unmittdbar
-1-1 YOl' scincr verhaltcnsnormwi-
stand konkret-realer Frcíheidichkeit, dcsscn Aufrcchtcrhaltung dcm Strafrccht drigcn T;,t odcr zu cincm friihcrcn í'.citpunkt, <'\'W,-Í vó\dcr Aufn;,hmc .~cincr bcruflichen
obliegt, unterscheidct sich von einer Summc cinzclncr Frciheitscrlcbnissc vor al- '1\üigkeit, zuwidcrgchandclt hat, ist untcr axiologischcn'.Gcsichtspunktcn uncrhcblich. Für
lcm durch scine Dauerhaftigkcit 334 • Bürgcr, die die jcwciligen Aufgabcn des Ta- die Tatumstandsfahrliissigkcit ist die lvloglichkcit, den Vorwurf der Sorgfaltswidrigkcit
ges glcichsam scbicksalscrgcbcn auf sich cinstürmen lassen und sodann schlecht in das Vorfcld der cigcntlichcn Tathandlung vorn1vcrlagcrn, scit jchcr ancrkannt (vg!. nur
LK-\logcl, § 15 Rn. 303 ff.; SIS-Cmmcr!Stcrnberg-Licben, § 15 Rn. 136; Roxin, AT 1, § 24
und rccht vcrsuchcn) mit ihncn in rcchtskonformcr Wcise zu Rande zu kommcn, Rn. 36 ff.; aus philosophischcr Pcrspcktivc Sccbaft, JRE 2 l1994], 406). Für die Vcrbotsfahr-
vcrmOgcn cinc solche Stabilit1t nicht zu gewi:ihrleisten. Dazu bedarf es viclmehr liissigkcit, wie sic sich im Fall des vermcidbaren Vcrbotsirrtums auRcn, kann nichts ande-
cincr vorausschaucndcn Bürgcrschaft, die sich bereits heia-edarum bcmüht, den res gcltcn (cbcnso LK-Vogcl, § 17 Rn. 43; SIS-Cramer!Sternbcrg-Licbcn, § 17 Rn. 17;Roxin,
Problcmcn gcwachscn zu sein, die ihr morgen bcgegncn k0nntcn 335 . Dics bedcu- J\T 1, § 21 Rn. 49 f.; Puppc, FS Rudolphi, S. 240). lm Ergebnis bcsteht dcnn auch weitgehcnd
Einigkeit darübcr, daR cin Tiitcr, der seincn Vcrbotsirrtum zwar im Zcitpunkt dcr Tat nicht
rnchr vcrmciden kann, dcsscn Unfahigkcit aber auf Vcrsallmnisscn in clcr Vcrgangcnhcit bc-
327
Binding, Nonncn, Bd. II/1, S. 252. ruht, cincn SchuldausschluG nicht vcrdicnt (BGI--ISt2, 194,208 f.; LK-Vogcl, § 17 Rn. 43 ff.;
.m Binding, Normcn, Bd. IV, S. 501. S/S-Cmmcr-Stcrnherg-Liebcn, § 17 Rn. 17; Jakobs, AT, !9/37; Ma1tmch/Z1jJ/, AT 1, § 38
329 Engelmann, Reehtsbcaehtungspflicht, S. 41. Rn. 35; Roxin, A'J' 1, § 21 Rn. 48 ff.; Stmtcnwcrth/Kuhlcn, J\T, § 10 Rn. 94; Saffcrling, Vor-
330
1-lardwig, ZStW 78 (1966), 3; Lesch,JA 1996, 608; Timpc, GA 1984, 66. satz, S. 232 ff.; Donatsch, SchZStr 102 !1985], 26; Puppc, FS Rudolphi, S 239 f.; 1i'mpc, GA
331 \lcltcn, Nonnkcnntnis, S. 348. 1984, 63; mit Einschrankungcn auch MK-}oecks, § 17 Rn. 64 f; SK-Rudophi, § 17 Rn. 44 ff.;
332
Engisch, Untcrsuchungcn, S. 474. dcrs., Unrcchtsbcwul?.tscin, S. 253 ff.; dcrs., Strafbarkcitsvoraussetzung, S. 21). Eines [Link]-
33 .> Ebcnso [Link], GS Armin Kaufmann, S. 499. griffs auf die problcmatischc Figur dcr Lebensführungsschu!d bcdarf es dabci nicht (so aber
3 ·14 Obcn S. 105. SK-Rudo!phí, § 17 Rn. -45;dcrs., Unrcchtsbewufüsein, S. 264; dcrs.,JBl 1981, 297; dcrs., Straf-
335
Da~ die Rcchtspflicht zur Untcrlassung von Rcchtsvcr!ct7-ungcn cin cntsprcchcndcs barkcitsvoraussctzung, aaO; chcnso Donatsch, aaO; Hard1.i./lg, Zurcchnung, S. 236; wic hicr
Sorgfalts- und Erkundigungsgcbot cinschlicfü, bctoncn auch MK.-Duttgc, § 15 Rn. 7, 111; dagcgen LK-Vogc/, § 17 Rn.44; MK-_foccks, § 17 Rn. 66; Roxín, aaO, Rn.50; !-liibner, Ent-
Burchard, Irren, S.366H.; Kdhlcr, Fahrliissigkcit, S.337; Delme-Nicmann, GA 2012, 95; wicklung, S. ! 11; Manso Porto, Normunkenntnis, S. 58 ff.; Velten, Normkcnntnis, S. 125 f.;
Hardwig, ZSt\'<1 78 (1966), 3; Stcmberg-Lichen, GS [Link], S. 223 f. - Andcrcr Auffas- Stmtcnwcrth, ZSt\XT85 [197Jj, 495; Timpc, aaO, 63). Erstcns wird dcr [Link] nicht [Link] scine
sung ist für den Bercich des Vcrbotsirrtums Grot:cguth (Vcrbots(un)kcnntnis), S. 60: Dcr rcclnlichc Fchlcinschiitzung als solchc, sondcrn für die aus ihr cnvachscndc zmtiindigkcits-
cinzclnc m6gc zwar cinc ethische odcr cinc staatsbürgcrlich-politischc Pflicht [Link] Erwcrb widrige Tat bcstraft (Stratenwerth, aaO; dazu soglcich im Text). Gegcn ihn wird nicht ctwa
dcr erfordcrlichcn Rcchtskenntnissc habcn, ihn trcffc abcr jcdcnfalls keinc strafrcchtlich re- cin \lorwmf wegen scincr Unaufmcrksamkeit crhobcn; ihm wird lcdiglich die MOg!ichkcit
levante Pílicht dieses Inhalts. Etwaigc Vcnnittlungslücken seicn ,,zu cinem 'foil auf [Link]- eincr Ent.last1mg von seincm zustiindigkcitswidrigcn Vcrhaltcn abgeschnit1cn (Ncttmann,
res Vcrmittlungsvcrhaltcn <lcr Gcmeinschafr zurü[Link]ührcn, nun 'foil sine\ sic [Link] auch in Zurcchnung, S. 206). '.lweitens wird nicht ,nif scinc allgcmcinc Lcbcnsführung abgcstcllt,
310 3. !(apite!: Die Verlctzung dcr stmfrechtlichcn Mitwirlwngspflicht B. Die Grem:cn dcr Zurcchenharkeit 311

Einc frcihcitsfunktíonal konzipicrtc strafrcchtlichc Zurcchnungslehrc muB wcist sich crst, wcnn es z.u eincm objcktiv zustindigkcitswidrigcn Vcrhaltcn des
somit die Fordcrung an clic Bürgcr: .,Untcrlafü zustandígkcitswidrigc Handlun- lrrcndcn komrnt. Zwarwird ihrn in clicscm Fall die fchlcndc Kcnntnis nicbt ctwa
gcn!" um cinc Erwartung zwciter Ordnung crganzcn: ,,Sorgt im Rahmcn des kontrafaktisch zugcschriebcn; ihm wird abcr die Müglichkcit abgcschnittcn, sich
Zumutbarcn dafür, dai1 ihr dicscr Fordcrung mir hinrcichcndcr Vcrlafüichkcit zu seincr Entlastung auf die oblicgcnheitswidrig zustandc gckommene Fchlcin-
nachzukornmen vcrmOgt!" Erst mir dcr sozialcn Etablicrung dicscr crgiinzcn- schitzung zu berufcn 343 . Ein Titcr, dcm unbckannt ist, was zu wisscn von cincm
dcn Erwartung ist dcr Übcrgang von cincr bloB papicrncn Ordnung zu cincm Bürger in seiner Rolle crwartct wcrden darf, muf1 es sich deshalb grundsitzlich
Zustand rcalcr Freihcitlichkcit cndgültig vollzogen. Entgcgcn dcr bcrühmtcn gcfallcn lassen, daB ihm scin zustindigkcitswidrigcs Vcrhaltcn als Pflichtvcrlet-
Grundlagcncntscheidung des Gro-Ben Strafscnats zum Vcrbotsirrtum 338 und dcr zung zugcrechnct wircP 44 •
ín dcr Fahrliissigkcitsdogmatik cingcbürgcrtcn Rede von dcr ,,Sorgfaltspflicht"
handclt es sich bcí dicser Erwartung allcrdings nicht um cinc Pflicht, sondcrn 2. Gleichwertigkeit aller Erscheinungsformen des Verbotsirrt:[Link]
um cine Obliegenheit 339 • Da sic niimlich ,,wciter gar nichts andres [... ] als ein[cn]
,,Die zu rechtlichcr Erkenntniss der Handlung nOtigc Vorprüfung mischt sich,
konstantc[n] Tcil alter cinzclncn durch die Normen begründctcn Pflichtcn, nie
wcnn sic sachgcmiss vcrliuft, aus richtiger Wahrnehmung dcr Vcrhiltnissc,
cin sclbstsúndiges Gcbot" darstcllt 340, ist ihre AuGcrachtlassung als solche nicht
unter wclchcn gehandclt wcrden soll, in ihrcn für die I-Iandlung wichtigcn Bc-
pflichtwidrig. Vcrpflichtet ist dcr einzclnc Bürger lcdiglich dazu, kein Kriminal-
standtcilcn, aus richtigcr gedanklicher Vorausberechnung dcr Wirkung, wclchc
unrccht zu begehen, sich also nicht zurechcnbar-zustiindigkeitswidrig zu vcr-
die Handlung auf diese Vcrhiiltnissc übcn wird, und aus richtigcr Vorstellung
halten341. Solangc die Vcrbots- bzw. Tatumstandsunkcnntnis cines Bürgcrs sich
dcr I-Iandlung samt ihrcn Wirkungen in ihrcm Verhiltniss zum Rccht. Ihrc drci
nicht in zustiindigkeitswidrigcn I-Iandlungcn iiuf1ert, blcibt scin Vcrhalten des-
Elcmcnte sind also: müglichst gcnaue Wahrnchmung, Vorausbercchnung auf
halb ,,ganz rcchtmiifüg" 342. Die rechtlichc Bcdcutung des Bemühensmangcls cr-
Grund von Erfahrung und Phantasic, und rechtlichc Subsumtion des Geschau-
tcn.'<345Eincm Irrtum übcr den Inhalt der ini::_oncret:omaGgeblichcn Vcrhaltcns-
sondcrn cr wird anden Implikationen eincr von ihm selbst gewdh!ten, rollenmdflig begn:rn- norm kann der bctroffcnc Bürgcr dernna01/um cincn deshalb crlicgcn, wcil er
ten Sclbstdarstcllung fcstgchalten. die maf1gcblichc Rcgcl nicht kennt bzw. wCil er nicht crkcnnt, daG der Sachver-
.ns BGI--ISt2, 194,201.
.>.WFür den Bcreich der Verbotsirrtümer ebenso MK-Joecles, § 17 Rn. 35; NK-Ncumann,
halt, mit dcm er sich konfronticrt sícht, cin Fall dicscr Rcgcl ist 3'16• Zum andc-
§ 17 Rn. 56; f!mschha, Strafrecht, S. 245,319 ff.; ders., Strukturen, S. 49 f.; dcrs., Rcchtstheorie rcn kann scin Verbotsirrtum darauf bcruhcn, daf1 cr die Umstinde, die nach
22 (1981), 457; K Giinthcr, Schuld, S.109 ff.; Mañalich, N0tigung, S. 69 f., 74; \!citen, Norm- Maf1gabc dcr cinschliigigcn Vcrhaltcnsnorm tatbcstandlich rclevant sind, falsch
kcnntnis, S. 81, 226f., 451,454; Kindhduser, JRE 2 (1994), 345; Lcsch, ]A 1996, 608; H.-W/. wahrnimmt odcr falsch katcgorisicrt und infolgc dieses ,,Qucllirrtums" 347die
Schiinemann, NJW 1980, 741 Fn. 66. - Für das Gcbiet derTatumstandsfahrlassigkeit: LK-\!o-
Norm nicht für anwcndbar hiilt 348. ,,Rechtlích bcdcutsam" ist in bciden Fallen
gel, § 15 Rn. 174; J-lruschka, Strafrecht, S. 418; ders., FS Bockclmann, S. 426; Kindhduser, AT,
§33 Rn.2f.; ders., Gefahrdung, S.65ff.; ders.,JRE 2 (1994), 343f.; ders., GA 1994, 204; Mi- ,,allcin der Folgcirrtum" 349.
kus, Verhaltensnorm, S. 62; Ncnmann, Zurechnung, S. 202 ff.; Sauer, Pahrliissigkcitsdogma-
tik, S. 41, 134; S. \v'alter, Pflichten, S. 103, 106, 120; Sternberg-Lieben, GS Schlüchtcr, S. 220 f.; irrturn);Jakobs, aaO, 9/6; Kindhduser, Gcfahrdung, S. 67; ders.,JR.E 2 (1994), 344 f.; ders., GA
in der Sache auch Renzilwwsh, Tiiterbegriff, S. 228; Burkhardt, Verhalten, S. 122; Hardwig, 1994, 204 f. (für die Tannnstandsfahrliissigkeit).
ZStW 78 (1966), 25 f.; Schóne, GS Hildc Kaufmann, S. 653. 3n Enrgcgcn Gonúles-Rivcro(Zurechnung,S. 89, 94 f.) !iegtindcrObliegenheitskonstruk-
3·10 Binding, Nonnen, Bd. U/1, S. 241. tion keine Konfundicrung von interpersonalcm Recht und intrapersonalcr Moralitat; dcnn
341 Binding, Normcn, Bd. IV, S. 372. - Aus der hcmigcn Literatur: Gropp, AT, § 12 die Aufmcrksamkcit, die den Gegenstand dcr Obliegenhcit bi!dct, wird dcm Bürgcr nicht um
Rn. 67; J-fruschka, Strafrccht, S. 4 l 8;]akohs, AT, 9/2; ders., Systern, S. 59; Maurach/Góssefl seiner moralischen Vervol!kommnung willen, sondcrn zugunstcn eines effclnivcn Sclrntzcs
Zipf, AT 2, §43 Rn.19, 23; GdsseL, FS Bengl, 5.30; [Link], AT l, §24 Rn.12; Horn, Ver- dcr rechrlichen Belange seincr Mitbürgcr abverlangt.
botsirrtum, S. 100; !!su, Doppclindividualisierung, S. 149; I<remer-Bax, Vcrhaltensunrccht, 344 In diesem Sin ne bereits Stiihel, NACrim 8 (1825), 281 f.; Binding, Norrncn, Bd. IV,

S. 48 f.; Pfefferlwrn, Grcnzen, S. 196; Réittger, Unrechtsbegründung, S. 59; Delme-Niemann, S. 505; Engelmann, Rechtsbeachtungspflicht, S. 39 f.
GA 2012, 93; Hardwig, ZStW 78 (1966), 26; Hirsch, ZStW 93 (1981), 858; ders., FS Lampe, 345 Binding, Normcn, Bel. IV, S. 530 f.

S. 518 Fn. 14; Armin Kaufmann, Strafreclnsdogmatik, S. 140; Nowaleowski, JZ 1958, 337; 3-u,Joerdcn (Abwcichungen, S.311) spricht plastisch von Regcl- bzw. Einordnungsirrtü-

Ott.o, GS Schlücbtcr, S. 91; Roxin, Chengchi L.R. 50 (1994), 230f.; Schéine, GS Hilde Kauf- mcrn.
mann, S. 653. w Binding, Normen, Bd. IV, S. 352.
341 Binding, Normen, B<[Link]/1, S. 242; sachlich übcreinstimmcnd ders., Normcn, Bd. IV, .m Daa es sich auch bei Fchlvorstcllungen des nvcitcn Typs um Vcrbotsirrtümer handclt,
S. 503 f.; Engelmann, Rechtsbcacbtungspflicht, S. 38. - Aus der heurigen Literatur: Jakohs, ist heute weitgehcnd anerkannt ([Link]/es,§ 17 Rn. 3; NK-Neumann, § 17 Rn 3; ders., JuS
AT, 19/41; Veiten, Normkenntnis, S.226f.; T. \'{/alter, Kern, S.438f.; Delme-Niemann, GA 1993, 793; NK-Puppe, § 16 Rn. 65; Gmpp, AT, § 13 Rn. 10, l36; Kindhduser, AT, §27 Rn. 36;
20l2, 93; Stratenwerth, GS Armin Kaufmann, S. 489; Timpc, GA 1984, 56 (für den Verbots- ders., Gcfahrdung, S. 105; Roxin, AT 1, §21 Rn. 3; Schmídhduser, AT, 10/84; [Link]·erth!
312 3. Kapitel: Die Vcrlctwng dcr stra_(rr:cht!ichcn
Mit1uirk1111gspflicht H. Die Grcm:.cn dcr Zurechenharkeit 313

Die Wirkungsglcichhcit von Irrtumsfallcn spricht prima.


bcidcr Gruppcn auf seitcn des Dclinqucntcn zum eincn die Kcnntnis des Strafgesctzcs und zum
faáe dafür, auch die Vcrmcidbarkcitsmafsstiibc, die übcr die Gcwiihrung cincr andcrcn die Subsumtion dcr bcgangcnen Tat untcr das Gcsctz voraus 353 . ,,Es
Zurcchnungsuntcrbrcchung cntschcidcn, ancinandcr anzuglcichcn. Die Dog- ist unmOglich, daE die Vorstcllung des Strafgcsctzcs das Bcgchrcn dcr That
mcngcschichtc bietct frcilich cin andcrcs Bild. Übcr langc Zcit wurdc untcr Bc- aufhcbc, wcnn es das Subject nicht wcii1, daG dieses Bcgchrcn untcr dcm Gc-
rufung auf den Satz error jHris crimina/is nocel cinc zurcchnungsuntcrbrc- setz enthaltcn und durch dassclbe bcdrobt scy." 354 \Vic aber, wcnn cin Angc-
chcndc Wirkung von Vcrbotsirrtümcrn gencrcll abgclchnt (a). Bis hcutc lcgt die klagter vor Gcricht bctcuert, er habc die fragliche Gcsctzcsvorschrift wirklich
Rcchtsprcchung bci dcr Prüfung dcr Vcrmcidbarkcít von Vcrbotsirrtümcrn im und wahrhaftig nicht gekannt? In diesen Fallen half Fcuerbach dcm Richtcr
cngcrcn Sin ne strcngcrc Malsstiibc an als bci dcr Sorgfaltsberncssung ím Bcrcích mit dcm ,,vcrzweifcltcn Auskunftsmittcl" 355 cincr gcnerellen Pdsumtion der
dcr Tatumstandsfahrliissigkeit (b). DaG diese Unglcichbehancllung nicht zu [Link]. ,,Von jcder mit Vcrstand bcgabtcn Person wird im Allgcmcinen
übcrzcugcn vcrrnag, wird nachfolgend gczcigr. als rechtlichgewiss angenornmcn, dass sic mit den Strafgcsetzcn bekannt ist." 356
Erst Hegel lóste sich von dcr Stratcgic, cincn matericll-strafrcchtlichcn Grund-
a) Error jurú criminalis nocet? satz auf prozcf1rechtlichem Weg zu kontcrkaricrcn. Im Einklang mit der Rcchts-
Die dcutschc gcmcinrcchtlichc Doktrin bctrachtctc in Anlchnung an die italic- wisscnschaft scincr Zcit untcrschied cr zwischen Tatirrtümcrn und Rechtsirrtü-
nischcn Kriminalistcn 350 die Rcchtskcnntnis a!s VorsatzbcstandteiP 51 , mit dcr mcrn. Tatumstiindc und Tatfolgcn, dcrcn Kcnntnis von dem Handclndcn nicht
Folgc, dafl bci beachtlichcm Rcchtsirrtum dcr do/us (verus) entficl. Allerdings crwartetwcrdcn kOnnc, sind dicscm Hegel zufolgc nicht zuzurechncn 357 • Anders
blicb diese auf den crstcn Blick hüchst tarcrfrcundlichc Irrtumsrcgclung in den vcrhaltc es sich mit Rcchtsirrtümcrn. Die Kcnntnis dcr bürgcrlichcn Gesctzc
mcistcn Fallen praktisch folgcnlos, da sic durch cine gcncrcllc Rcchtskcnnt- wcrdc vom Staatsbürgcr gcfordcrt 358 . ,,Wer nicht nach dcm objektivcn Rccht han-
nisvcnnutung ncutralisicrt wurdc 352 . Noch Fcucrbach bchanddtc den Rcchts- dclt, sondern nach dcm, wic cr es weiG, der machtscin cigcnes Wisscn und Wollcn
irrtum in dicscr Wcisc. Scinc Strafthcoric dcr ncgativcn Gcncralpriivcntion legre zum hüchstcn Entscbcidungsgrund in Anschung dcr I--Iandlung. Er sagt somit,
ihn auf ein Bckcnntnis zum dolus malus fcst. Abschrcckung kann niimlich nur daf1 cr aus sich gcgen die ganzc Wclt hat wisscn wollcn, was Recht und Pílicht
359
funktíonicren, wcnn den Bürgern bekannt ist, welcbe Vcrhaltensweisen ihnen ist. Das Irrcn ist also hicr das Allc1:,u-1~_vcrz.cihlichste." Die Sphiire, in dcr es als
bei Strafe verboten sind. Dementsprcchend setzt Fcucrbach zufolge jede Strafc Mildcrungsgrund Bcrücksichtig~tng findcn kOnne, sci ,,cinc andcre als die des
Rcchts, die Spharc dcr Gnade" 360:',
Kuhlen, AT, § 10 Rn. 65; I-lardwig, Zurcchnung, S. 131; f-Jorn, Vcrbotsirrtum, S. 19; Arthur
l{aufmann, Unrcclusbcwufüscin, S. 78 f.; ders., FS Lackncr, S. 190; Kretschmer, Partcivcrrat,
353 Fcuerhach, Rcvision, Bd. II, S. 43 ff.
S. 289; Stuckenberg, Vorstudicn, S. 332,441; 7: 'Xlalter, Kcrn, S. 117f., 246,397; Arzl, ZStW
354 Feuerbach, Revision, Bd. II, S. 44.
91 [1979], 83 f.; Gccrds,Jura 1990, 430; Hall, FS Hcllmuth Maycr, S.40; J-Ierzherg, FS Otto,
S. 265, 273; Koriath, Jura 19%, 116; Lang-Hinrichscn, JR 1952, 192, 357; Lesch, ]A 19%, 508; m Beklefi; Theoric, S. 404.
356 Feuerhach, Lchrbuch, § 86 (S. 159); ebenso Bauer, Abhandlungcn, S. 252; v. Savigny,
Mattil, ZSt\\/ 74 íl%2], 201; Otto,Jura 1990, 646; ders., GS Mcycr, S. 584; P!atzgummer, Vor-
satz., S. 38. -Aus dcr alteren Litcratur: Tcmme, Lehrbuch, S. 184 f.; Binding, Normcn, Bd. IV, Systcm, S. 389; im Grundsat7, auch Birnbaum, ACrim (N. F.) 25 (1837), 483,514. -· Diesclbc
S. 352; ders., Schuld, S. 66; dcrs., GS 87 [1920], 126; Dohna, Rccht, S. 18, 25 f.; Engclmann, Rcgclungstechnik wandtc Fcuerbach auch in dcm von ihm vcrfafücn Baycrischcn Strafgesctz-
Rcc!usbcachtungsp/1icht, S. 19, 27 f.; A. Kóhlcr, AT, S. 293). -· Ncucrdings will Ncumann dics buch von 1813 an. [Link] J\n. 39 vcrlangt für den Vorsat;,_das Bcwufüsein der Rcchtswidrig··
a!lcrdings nur als cincn phiinomcnologischcn, nicht abcr als cincn systcmatisch bclangvollcn keit und Strafbarkcit. Diescr Vorschrift wird nach cincr Bcmcrkung Heinemanns (ZStW 13
Bcfund gc!tcn lasscn: Obwohl im Fa!! des Tatumstandsirrtums ,,phiinomenologisch nur cin [1893], 439) jedoch ,,jede gesctzlichc \Xlirkung gcnommcn durch cinc dcr hei Feuerbach so
cin;.:iger lrrtum vorlicgt [... ], kann man ihn als lrrtum [Link] einen Sachvcrha!t une! ;,,uglcich als bclicbten Priisumtioncn". In Art. 71 wird niimlich klargcstcllt, daG cin Dclinqucnt mit dcm
lrnum [Link] das Verbotcnscin dcr Handlung bcschreibcn" (Nemnann, 1"SPuppe, S. 178). DaG. Vorbringcn dcr Rcchtsunkcnntnis nicht gch6rt wcrdc, ,,wcnn nicht Blt,dsinn, groEc Dumm-
man - unbcschadet dcr [Link] im cinzclncn - so verfahrcn kann, sci hcit und andcrc dcrgkichen Gemüthsfchlcr dieses Vorgcben untcrstützen". Die Gcgcnliiufig-
1~ichtin Abrcdc g:stcl!t· Verbrc~hcnstheorctisch entschcidcnd- und Gcgcnstand dcr hicsigcn kcit dieser Bcstimmungcn ist bcrcits in dcr zcitgcnOssischcn Litcratur hcrvorgehobcn wor-
t?bcrlcgungcn - 1st h1ngegcn die Frage, ob aus dicscr analytischcn Untcrschcidung norma- dcn (Arnold, J\Crim l'N.F.] 32 [1843], 523 f.).- Kritisch m dcr Konzeption Fcucrbachs: !Jci-
uve Konscqucm:cn [Link] wcrdcn solltcn. Ihre Bcantwortung mug, wic Ncumann sclbst nemann, Schuldlchrc, S. 95; ders., aaO, 395; Arthur Kaufmann, UnrcchtsbcwuEtscin, S. 39;
bctont, ,,sclbstvcrstiindlich im Wcgc cincr J\rgumcntation gcschchcn, die den strukturcllcn Klee, Lchrc, S. 60; Maurach, FS Eb. Schmidt, S. 309f.; Oet!?er, GS 93 (1926), 51; Píctsch, Gc-
Unterschiedcn übcrzcugend \'\1crtungsdiffercnzcn zuordnct" (Ncumann, aaO, S. 187). sichtspunkt, S. 36 ff.; \'f/cstcrkamp, Vcrschuldung, S. 27; aus der aktucllcn Litcratur: LOw, Er-
w, Binding, Nonncn, Bd. IV, S. 352. kundigungspflicht, S. 26 f., 64, 66.
357 Obcn S. 302 ff.
J.'iO Niihcr dazu Engelmann, Schuldlchrc, S. 39, 41 ff.
35s Hegel, Vorlcsungcn, Bd. 3, S. 414 (Nachschrift Hotho).
·'
51
Nachwcisc aus dcm Schriftturn des spiiten 18. und [Link] 19. fahrhundcrts unten S. 397
Fn. 822. , w> Hegel, Philosophic des Rcchts (Vorlcsung 1819/20), S. 11l.
351 360 Hegel, Grundlinicn, § 132 A, \'1/crkc Bd. 7, S. 248.
Stuckenbcrg, Vorstudicn, S. 578 m.w.N.
314 J. Kapitd: Die Verletwng der stmfrcchtlichen Mit'<oirkungspflicht [Link] Grcnzen dcr Z11rechenhad:cit 315

Im Hintcrgrund smvobl dcr Priisurntionslchrcn als auch dcr Auffassung I--Ic- dcr Doctrin bcsprochcn wordcn ist, so wcnig wird crin dcr Praxis bcachtet." 371
gcls stand cin Bild des Strafrcchts, das durch cinc vcrhiiltnismiifüg gcringc Kom- Jcdoch hattc sich zu dicsem Zcitpunkt bcrcits die Übcrzcugung durchgesetzt,
plcxiüit und Rcgclungsdichtc gekcnnzcichnct war 361 • Nur m1tcr dicscr Voraus- ,,daE im Strafrccht die Fictioncn und [Link] kcinc Gcltung habcn" 372 .
sctzung licf~sich mit dcm Anspruch auf Plausibilitiit bchauptcn, das Unrccht des Das Rcichsgcricht schriinktc den Satz crrorjuús nocct zudcm auf die Unkcnnt-
ccht Krirnincllcn sei ,,cincm jeden in's Hcrz gcschricbcn" 362 odcr doch jcdcn- nis von Kriminalgcsetzcn cin; auEerstrafrcchtlichc lrrtümcr solltcn dcmgcgcn-
falls durch ,,die lcichtcstc Bclchrung" crkcnnbatJ 63;die Strafgcsctzc scicn 118.m- übcr vorsatzausschlicBcnd [Link].l_ Diescr Unterschcidung lag die Übcrzcu-
lich ,,in dcr Natur und Vcrnunft selbst gcgründcr" 364 bzw. -in dcr Tcrminologic gung zugrunde, daB die auEcrstrafrcchtlichen Normcn haufig kontingentcr Na-
dcr Historischen Rcchtsschulc- in ihncn [Link] ,,dcr in allcn Einzclncn gc- tur und von Zwcckmiifü[Link]ücksichtcn bcstimmt seicn, wiihrend die No1·men
mcinschaftlich lcbcndc und wirkendc Volksgcist« 365 . Diese Vorstcllung wurdc des Strafgcsctzcs solchc dcr [Link], tcilwcisc sogar der Rcligion scicn, die im
jcdoch zunehmcnd als irreal kritisiert: Sclbst wcnn man zugcbe, daH die Idee dcr Gewísscn cines jeden lebcndig und dahcr auch in scincrn Bcwufüscin vorhanden
Gcrcchtigkcit die für das Strafrecht maBgebendc Norm sci, sei doch zu crwa- scin müBten 374 •
gen, daB ,,die Bcstímmung der Anzahl und dcr Beschaffenheit der Handlungen, Diese Paralklisicrung des gcsctzcstcchnischcn Rcgclungsortcs mit dcm
wclche mit Strafc bclegt werden künnen, wcnigstcns nicht unmittelbar aus jcner Mafs dcr Dignitiit des R..cgelungsinhalts crwies sich allcrdings zunchmcnd als
Idee abgclcitct wcrden kann" 366 • Vor allcm aber cxpcrímentiere dcr Staatswillc brüchig 375 . So konzcdicrtc dcr Bundcsgcrichtshof in scincr bcrühmtcn Absagc an
,,vicl in Gcsctzcn, auch in Strafgcsctzen" 367 • In Anbctracht der ,,uncndliche[n] dicJudikatur des Rcichsgcrichts zwar, daE sic ,,in den politisch und sozial ausgc-
Füllc von Nonncn, die den einzclnen auf Schritt und Tritt umgcben" 36 8,seien glichencn Zcitcn dcr zwciten [Link] des [Link]" - cinc sozialgcschicht-
die ,,delictajuris civilis, hinsichtlich dcrcn die Rümer bei uncrfabrenen und ge-
ringen Leutcn Rechtsunkenntniss als wahrschcinlich ansahen, [... ] ím modcrncn 371 Heinzc, GS 13(1861), 401. - In dicsem Sinnc auch Drenl?mann, GA 8 (1860), 163 ff .
Strafrecht hiiufiger gewordcn" 369 und wcrde cin groBcr 'l'cil dcr strafrechtlichen .m Osenbn"iggen, Abhandlungen, Bd. 1, S. 31. ··· Heinemann (Schuldlchre, S. 51) konnte
sich im Jahre 1889 auf die knappe Fcststcllung beschrciben, [Link] die Unzulassigkeit von
Normen den, T,aien immer unbckannt blciben 370 •
Priisumtioncn hcrr~chc ,,jetzt wohl in dcr Strafreclnswissenschaft kein Zweifcl rnchr". Bcling
Die Rechtspraxis blicb von diesen Bcdenkcn nicht unbceíndruckt. Zwar \Unschuld, S. 27) bc:[Link] Prasumtionen 19!O gar als ,,cinc Barbarci und cin tcstimonium
hicB es noch in dcr Mittc des [Link]: ,,So vicl dcr Rcchtsirrthum in paupcrtatis". -Die Tragwcite dicser Au_~sagcnsollte man freilich nicht übersch:it;,,cn. Behher
(Theorie S. 282) sagte bereits irn Jah_i·c1859 voraus, da!1,,gcwisse Artcn von [Link]
im Criminalrccht nie ausstcrben" w'crd6n, vor allcm im Bcrcich dcr ,,Beurtheilung von Sec-
.%I Basedow, Verschuldung, S. 52; Grimm, Rcchtswissenschaft, S. 15; Arthur Kaufmann, lcnzu~tiindcn"; man kónne - so Basedow (Vcrschuldung, S. 78) - dcm Riclner ,,doch wohl
Parallehvertung, S. 18 f. nicht zumuten, das fcstzustcllen, was sc!bstverst3ndlich ist." Zwar wciscn die [Link]-
_,r,i Gi:inner, Revision, S. ,¡.o.-Ahnlich J-lúnze, GS 1J (1861),448. gungsrnaximcn, die an die Stellc der Beweisregcln vergangcncr Lcgalbewcissyswnc getreten
3c,3 Heffter, Lehrbuch, § 55 (S. 70).
sind, nicht deren Starrhcit auf (Stuchenberg, Vorstudicn, S. 393).Jcdoch gchen die Gerichtc bis
=6~ So Dom, Verst1ch, § 35 (S. 80). - Ahnlich Stühel, System, Bd. IJ, § 253 (S. 49). heutc im al!gcmeincn als sclbstvcrstandlich davon aus, dal1 dcr [Link] das Unrecht seincr Tat
''" Gejlla, GS 10 (1858), 329. erkannt habe (vgl. LK-Voge/, § 17 Rn.10; MK-Joecks, § l7 Rn. 89;Jcschec!d\Y/eigend, AT, §41
_;r,r,Hcnhe, Handbuch, LTheil, S. 557. - Ebenso Borst, NACrim 2 (1818), 442; Oscnbrüg .. I 4 [S. 456]; Rudol¡Jhi, Strafbarkcitsvoraussctzung, S. 25). Die Bchauptung des Tatcrs, daR er
gen, Abhandlungen, Bd. I, S. 31. sein Verhalten als rcchtm:[Link] betrachtct habc, wird allcnfalls dann nicht als bloBe Schut:,,bc-
167
· Osenbriiggen, Abhandlungcn, Bd. I, S. 26. - Ebenso Mittennaier, NACrim 2 (1818), hauptung :[Link]ückgc,viescn, wenn die Bcwertung des Ti"itcrs aus dem Gcsamtkontext der Tat
523. hcraus in cincr auch für Augcnstehcnde vcrstiindlichcn Wcise plausibilisiert werden kann.
368 Allfeld, Bedeutung, S. 4.
Jnsofcrn wird das Vorhandcnsein der Unrcchtseinsicht ,,lctztcn Endes nicht empirisch feslge-
w> Lucas, Verschuldung, S. 78. stcllt, sondcm im Wcge rctrospektiv [Link] Sinngcbung für ein soz,ialcs Handcln
.no In diesetn Sinne bereits im frühcn [Link] Gerstdher NACrim 7 (1825), 373. - kommunikati·v festgcsetxt" (Endruweit! Kenier, Unrecht$bewuíhscin, S. 102; cbenso Stucleen-
Aus den Jahrzehnten nach dcr Rcichsgründung: Frank, Aufbau, S. 540; Hcinemann, Schuld- herg, aaO, S. 386).
lchre, S. 71. - Verwiesen wurde dabci insbesondere auf die Poli%eistrafgesctze. Diese vcrbótcn m Eine zusammcnfasscndc Darstcilung dcr Judikatur findet sich bci Frank, StGB,
Handlungen, wc!che nach den Grunds:itzen des Rechts und der Moral erlaubt, wcgen dcr von S. 182 ff.; über die Hcrkunft der rcichsgerichtlichcn lrrtumslchrc untcrrichtct Prciscr, Her-
ihnen ausgehcndcn Gcfahrcn für das 0ffendichc \Xfohlaber dennoch verboten scicn (exempla- kunft, S. 29 ff.
risch Da/he, GA 6 [i858], 67 ff.). Da nicht ,,jedem Mcnschcn cin so wundcrbarer poli,,_eilicher m Vgl. ctwa RGSt 57,404,408. - Nahcr NK-Puppe, § 16 Rn. 66; Arthur l<a11fman11,Un-
Sinn angeborcn fsei], daf era priori wciR, an wclchen Ürtcn in Flüsscn und Teichen cr haden rechtsbc\vufüsein, S. 51; ders., Parallclwertung, S. 13; Rinck, Deliktsaufbau, S. 337; Zahe!,
darf, welchc Spielc vcrboten sind u. s. w." (Geycr, Erürterungcn, S. 27), sei es hier mitunter Schuldtypisierung, S. 360; Endrnweitl J(ernci; Unrechtsbewuíhsein, S. l I2;jdhnhe, [Link],
sehr wahrscheinlich, da~ der Übcrtrcter ein solches Gcsetz nicht gekannt habc. ,,Denn der S. 232; Kiichcnhoff, FS Stock, S. 78; Nauckc, l. FS Roxin, S. 507 f.
Gcsctzgeber konnte es mir auf's Papicr, nicht aber den Menschcn ins Herz schrcibcn." (Bont, 37 5 Vgl. nur die Kritik bei v. Hippel, Strafrecht, Bd. II, S. 343 f.; Arthur Kaufmann, Un-

NACrim 2 [1818], 442) rechtsbcwuíhsein, S 51 f.; dems., Paral!clwcrtung, S. 13 f.; Zahcl, Schuldtypisierung, S. 362.
B. Die Grcnxcn der Z11Ycchenbar/,;cit 317
316 3. Kapitel: Die Vcrletzung der strafrecht!ichcn Milioidwngspflicht
382
lich kühnc Kcnnzcichnung dcr gcscllschaftlichcn Zustiindc in dcr Hochzcit dcr dunuh traf indcsscn auf hcftiucn
b
\Xlidcrspruch. Nach Auffassung dcr Kritikc1
..

Industricllcn Rcvolution! - ,,cinigc Bcrcchtigung gchabt habcn" mochtc 376 . ,,Für straubtc sich indcsscn das ,,natürlichc Gcfühl [... ] gcgcn cinc solchc Ubcrspan-
dicjcnigcn Strafgcsctzc, die dcr Gcsctzgcbcr sich gcwühnt hat den immcr wcitcr nung dcr Allmacht des Staatcs"; es sci cndlich an dcr Zcit, ,,die politischcn
grcifcndcn vcrwaltungsrcchdichcn Regclungcn bcstimmtcr Gcbictc des sozialcn Rücksichtcn der hOhcrcn Gcrcchtigkcit im Gcistc der fortschreitcnden Hurna-
384
Lcbens anzufügcn, urn ihrcn Gcbotcn odcr Vcrbotcn grOBcrcn Nachdruck zu nitat zu opfcrn" 383 • Ahnlichc Stimrncn finden sich in dcr Wcirnarcr Zcit und
vcrlcibcn", babc die Vcrmutung, jcdcrrnann kcnnc die Strafgcsctzc, allcrdings
dicnlichcrcn, crzichcrischcr wirkcnden Humanitiit als die von gegncrischer Scitc bc~ürwor-
schon damals nicht zugctroffcn. Diese Vcrbotc bcruhtcn namlich viclfach nicht
tetc es ist: Er wcist dcm Individuum die Stellung zu, wclchc ihm in dcr Ordnung dcr Dmgc gc-
auf allgcmeincn sittlichen Anschauungcn, sondcrn auf Erwi:igungcn sozialcr odcr [Link], cr lchn es, sich bcschcidcn." (aaO, S. 55) J\n die Ausführungen Klccs knüpfte !935 scin
rcin staatlíchcr ZwcckmaBigkcit. ,,Die Zahl dicscr strafrcchtlichen Nebcngcsctzc Schülcr Schmidt-Lcichncr an. Die ,,ncuc antilibcralc Zcit" wcrdc dcrn Titcr ,,das Recht dcr
hat seit langcm die Zahl dcr echtcn Kriminalgcsctzc um cin Viclfachcs übcr- Bcwcrtung scincr Tat wicdcr vüllig ene~ichcn und dem zurl!ck~cbcn, d:m es._allcingcbührt,
iúm!ich dcm Staat" (Schmidr-Lciclmer, Unrcchtsbcwusstscm, S. 9 f.). C~cgcnuber dcm _obcr-
schrittcn."377 Damit übernimmt die Sozialintcgration für die Einbczichung des
stcn [Link] des sichcrcn Schutzcs dcr Volksgcrne!nschaft sci das Unrechtsbcwugtsc1n des
einzclncn in die Strafrechtsordnung kcinc Lcitfunktion mchr; ,,es wird particll cin:,,dncn cín Nidns (aaO, S. 68). ,,Dcnn es emspncht dcutschcr i\uffas_sung und mannhaf t
intcgricrt, und damit kollidiertdcr Anspruch auf gcncrcllcn Gchorsam" 378 . Diese hcldischcr Gcsinnung, für ein bcgangcncs Unrccht cin:,,utrctcn und di~ l'olgen scinc1?'at auf
Sachlagc bictct ,,dcr MOglichkcit des Vcrbotsirrtums somit cin wcitcs Fcld" 379 . sich zu nchmcn." (aaO, S. 76)-Nicht wcnigcr cntschicdcn als dcr autornar bzw. _totahtar ..cnt-
stclltc I·-Icgclianisnrns Klccs und Schrnidt-Lcichncrs fiel die Stcllungnahmc dc~_L1szt-Schulcrs
Urn den ,,altcn vcrrottctcn Satz" 380 errorjuris crimina/is nocet trotzdem wci-
I--lugoHeincmann aus. Von dcm vcrmcintlich modcrncrcn Bodcn dcr Rcclnsgutcrschutzlchrc
terhin zu vcrtcidigcn, bcdurftc es dcshalb crganzcnder Übcrlcgungcn. Diese und dcr Katcgorie dcr ,,gcscllschaftlichcn Vcrantwortlichkci1" aus argumcnticrcnd, gclangtc
waren wenigcr strafrcchtsthcorctisch als viclmehr staatspolitisch ausgcrichtct. Hcincmann zu dcm Ergcbnis, cntschcidcnd sci lccliglich, ,,ob cines der Rcchtsgüter'. wclc_l~cn
Man befürchtctc, daB die sanktionslosc Hinnahmc von Vcrbotsirrtümcrn die die Rcchtsordnung im Intcrcssc allcr und als auch des 'l'hiitcrs ihrcn Schutz. ang_cde1hcn !aEt,
mit Wisscn und Wollcn verlctzt ist. J\uf die Kcnntnis des 'l'hiitcrs YOll dcr Bcurtcilung, \~elche
Autoritat des nonnsctzcndcn Staatcs schwachcn k0nntc 381 . Auch diese Bcgrün-
scinc Handlung im Lichte dcr juristischcn Bctrachtung fin~lct, kommt dagc,~en von d'._csc1:1
Standpunktc aus gar nichts an." (J-leinr:m,rnn, ZStW 13 [1893_1, 403 f.)_In dcm hint_retcn f ~1rdie
376 BGHSt 2,194,202. Entschuldbarkcit des Rcchtsirrtu_m.~_licge cinc Inhumanitiit gcgcn clic Gcsa_mthcit; an <l'.cs?m
:m BGHSt 2, 194, 203. Rcsultat vcnnüchtcn auch die m_Ítdc"I·striktcn Durchführung dieses Prinz1ps unvc1:n:e1dlich
378 Ve/ten, Normkcnntnis, S. 340. vcrbundcncn Hiirtcn nichts zu }'hdcrn (aaO, 411). ,,J\us dcm Sichcinsfühlcn des l nd1v1duums
·
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HGI--ISt2,194,203. mit dcm Gam,cn, aus dcm Erstarkcn des Gcfühls für die groBcn Gcsamtintcrcsscn mug die
.>soBinding, GS 87 (l920), ll3. richtigc Lósung unscrcr Fragc [... } gewonncn wcrdcn." (aaO, 452; chc:1so ders., Schuldlch_rc,
381 Vcrcinzclt wurdc aus dicscm Grund sogar cinc Erstrcckung des Savcs error juris S. 57 ff.; Lucas, Vcrschuldung, S. 78 ff.; ders., GS 36 [_1884],426) -.. Die Annahmc, daB cinc
nocet auf die nach dcr Rcchtsprcchung prin:.[Link] cntlastcnd wirkcndcn auRcrstrafrcchtli- gro/?,zügigc Ancrkcnnung von Vcrbotsir_nürncrn die Gcltungskraft dcr Rcchtsnonncn bc-
chcn Rcchtsirrtümcr gcfordcrt (Drcnkmann, GA 8 [1860], 170 H.). - In dcr Sorgc um die cintrichtigcn k6nntc, ist bis heutc vcrbrcitct; vgl. nur MK-Joecks, § 17 I~1~.6; ~K-1:fcumam_i,
Staatsautoritiit vcrcinigtcn sich die Vcrtrcter ganz untcrschicdlichcr strafrcchtlichcr Schu- § 17 Rn. 5; Puppe, J\T, § 8 Rn. 17; !da, Ergcbnissc, S. 140; Schrotl~, L l·S Ro~u.1, S. 721. Die
lcn. So begründctcn Berner (Wirlrnngskrcis, S. 21 H., 45 ff.) und Henke (Handbuch, [Link]!, Logik dieses Denkcns ist gcradC?.tl gcgcnliiufig w dcm \übennaf~1g) harmonisicr~nd_cn Gc-
S. 354 f.) die Unbcachtlichkcit von [Link] von hcgelianischen Priimisscn her. scllschaftsgemiildc des Rcichsgcrichts. Zugcspitzt, abcr 1111 Kcrn trcffc1~d fonnuhcrt Kraufl
Noch Karl Klcc, dcm diese Auffassung cinigc bcsondcrs [Link] Formulicrungcn vcr- (Unrcchtsbcwufüscin, S. 53): ,,Je unsichcrcr die Rcchtslagc sclbst odcr clic An<:rkcnnu,:1g dcr
dankt, bcdicntc sich dcr Rhctorik cines fonnclhaft crstarrtcn Hcgclianismus. ,,Es licgt auf Norm in bcstimmtcn <>cscllschafdichcn Bercichcn ist, umso mchr verstarkt s1ch dcr Zwang
dcr Hand", so führtc cr aus, ,,dass das Rccht als Produkt hcihercr Einsicht, a!s dcr J\usdruck :,,u crncr gencralpriivc1~tivcn Akzcntuicrung des Uncil~. fwcifcl an dcr individucl!en Tat-
des ühcr dcm Einzclwillcn crhabcncn Allgcmcinwillcns ganz unabhingig vom Gcfühls- und schu!d haben hintcr der Notwcndigkcit, cinc Gcncralhn1c des Rcchts durchzuhalten, zu-
Vcrstandcslcbcn dcr Individuen dastcht, dass das sitt!ichc so,vcnig wic das rcchrlichc Urtcil rückzmtchcn." Kritisch zu dicscr Tcndcm. insbcsondcrc Kolbe!, ZRSoz 26 (2005), 252 ~f.;
des Individuums das Forum sein kann, vor dcm sich dcr objcktivc Rcchtssat'l. zu rcchtfcni- L0w, Erkundigungspflicht, S. 162,239 H., 296; Na11Ckc, l. ~;SI~oxi'.:•S. 507 ff.; Roos, ~cr_rnc1d-
gcn hiittc" (I<.lee,Lchrc, S. 49). Es hicEc das Autoritatsvcrhiiltnis auf den Kopf stcllcn, ,,wcnn barkcit, S. 318 ff., 349 H. J\ngcsichts dcr zunchmcnclen J,,ros1on uberko.m_mc1_1cr Wcr:- u_nd
man das, was dcr Staat cin für allcma! als scincn Willcn crkliirt hat, dcr Bcgutachtung und dcr Nornworstcllungcn und der Hcrausbiidung :,,ahlrcichcr Subsystcinc mlt JCc1gencn Wcrtcn
Kritik des Individuums anhcimgibt" (aaO, S. 50). Hingc die Strafbarkcit des Tiitcrs auch da- sol!tc die Strafjusti'l, nach Auffassung des Lctztgcnanntc_1,1den Angcklagtcn gcradc u1:~gckchn
von ab, ob die Rechtswidrigkcit scincs 1--Iandclnsin seincm Bcwulhscin lcbendig sei, so würdc cin Mchr an ,,Irrtumsfreihcit" zubilligcn (aaO, S. 363). Ahnlich L0w, aaO, S. 272; Luderssen,
das Gcsctz zum lcercn Wort, zum Schcmcn hcrabsinkcn. Um in concret.o ,virkcn zu kéinncn, wistra 1983, 231; Manso Porto, Normunkcnntnis, S. 65; Zahcl, GA 2008, 40 f., 55. .
wirc es ,,gcwisscnnaEcn auf die Contrasignatur von Scitcn des Tiitcrs angcwicscn [... ]. Dcr m Allfcld, Bedcutung, S. 4. -Ablchncnd auch Basedmu, Vcrschuldung, S. ,?3 (,,dct}taat i~t
Einzclnc, nicht dcr Staat ist dann Gcsctzgcbcr." (aaü, S. 24) Sclbst unvcrmcidbarc Vcrbots- nicht Sclbsv,wcck; er ist nicht uin scincr sclbst ,villcn, sondcrn wcgcn dcr Burgcr da ) sowic
irnümcr vcrmochtcn Klcc zufolgc den Tiitcr nicht zu cntlastcn. Sichcr, so dumtc cr ein, dcr Beling, Unschuld, S. 24 ff., 7! ff.
Satz: error juris nocct tyrannisicrc das J ndividuum; ,,ahcr cr bringt ihm dafür auch nicht zu m Ortloff, Strafbarkeits-Erkcnntnis, S. 128. .. . ... . .
untcrschiitzcndcn Gcwinn cthischcr Naturl Es ist dcr Ausdruck cincr dcrn Mcnschcn wcit 38-1 Excmplarisch Dolma (Aufbau, S. 50): Bei dcr i\uHassung, die hkuon, dag icdcnnann
318 3. Kapitel: Die Vcrlet,;1mg dcr strafrechtlichcn Mitwirk11ngspflicht B. Die Grenzen der Znrechenbarheit 319

sclbst untcr dcr Hcrrschaft des Nationalsozialismus 385 • Mit dcm Abschicd vorn das Schrifttum biswcilcn zu dcr [Link] bcwogcn, in dcr Sache bcstchc
Obrigkcitsstaat hat diese Übcrh6hung des Autoritiitsgedankcns íhrc staats- zwischen dcr Rechtsprcchung des Bundcsgcrichtshofs und dcr Judikatur des
thcorctiscbc - man ist ehcr vcrsucht zu sagcn: ihrc idcologischc - Basis cingc- Rcichsgcricbts, abgcschcn von dcr hcutc gcsctzlich fcstgcschricbcncn fakultati-
büfh386. Dcr Staat ist scithcr beschcidcncr gcwordcn 387 und hat cinzuschen gc- vcn Strafmildcrung (§ 17 S. 2 StGB), kcin crhcblichcr UntcrschiecP 91 •
lcrnt1 daB. die strafrcchtlichcn Normcn Bcachtung nicht um ihrcr sclbst odcr Bcgründct wird diese rcstriktivc Position in crstcr Linic mit dcr Erwagung,
um cincr abstraktcn staatlichcn Autoritiit willcn vcrdicncn, sondcrn wcil sic daE Strafrcchtsirrtümcr lcichter vcrmcidbar scicn als Tatumstandsirrtümcr392.
cincn unvcrzichtbaren Bcitrag zu cincm Zustand rcalcr Frcihcitlichkcit ,,Die Unkcnntnis in bezug auf die Tatumstandc ist vcrschicdcnartig, sic ílicfü
lcistcn 388 . Damit sind die Bcgründungsrcssourccn für die Maximc error juris aus allcn müglichcn Quellirrtümcrn, die sich im lrrturn übcr die kausalc Bcdcu-
crimina/is nocet vcrbraucht. Nicht ob dcr Vcrbotsirrtum strafrcchtlichc Ancr- tung des Tuns zusammcnfasscn lasscn. Die Vcrbotsunkcnntnis ist abcr immcr
kcnnung vcrdicnt, ist seithcr die Fragc, sondcrn nur, in welchem Umfang dics die glcichc und hat zurQucllc allcin die cinc Verletzung der allgemeinen Pflicht,
dcr Fall ist. sich mú den Rechtsnormen des Staat:es vertraut zu machen.« 393 So zu argumcn-
ticrcn hcifst nicht nur, den Bcrcich dcr Tatumstandsirrtümcr auf die Katcgoric
b) Strengere Entlaslnngskriterien beim Verbotsirrtum im engeren Sinne? dcr Wahrnchmungsirrtümcr zu rcduzicrcn und damit dcr al ten Untcrschcidung
,,Mit § 17 StGB erkennt das Rccht an, daí\ es nicbt jedcnfalls crkcnnbar ist. Das zwischen Tat- und Rcchtsirrtümcrn das Wort zu redcn 39 '1 - eincr ,,historisch
ist dcr Sieg des Relativismus übcr die Vcrnünftigkcit des Rechts; das Rccht bc- durchaus rücklaufigc[n]" Position 39 5,die spatcstcns scit dcr Entdcckung norma-
handclt sich selbst als machbar" und laí\t dcsbalb ,,denjcnigen nicht haftcn [, .. ], tiver Tatbestandsmcrkmalc und dcr Vcrbrcitung strafrcchtlichcr Blankctt-Tat-
dcr nicbt wissen kann, was da gcmacht wurdc." 389 Die Rcchtsprcchung hiilt bcstiindc obsolct gcwordcn ist3'H,_Vor allcrn zchrt dieses Argumcnt cbcnso wic
mit Zustimmung cines Tcils der Lchre allcrdings bis heutc daran fcst, daB dcr die Priisumtionslchrc und die Irrtumsrcchtsprcchung des Rcíchsgerichts von
Tiitcrfür seinc Kcnntnis der strafrcchtlichen Normen in grOBcrcm Umfangvcr-
antwortlich sei als für scinc Kcnntnis dcr Tatumstindc. Die Voraussctzungen, tcguth, Vcrbots(un)kcnnrnis, S. 124; J-lerzherg, Verantwortung, S.193; Boldt, ZSt\Y/68 ([956),
m1tcr denen die Gcrichtc dazu bcrcit sind, cincm 'l'iitcr eincn unvcrrncidbaren 366; D. Meyci;JuS 1979, 253; Schilfch1ci;Ju.S 199.\ t 9. ~ Ein 'l'cil dcr Lchrc stimmt dicscr Posi-
Vcrbotsirrtum (§ 17 S. 1 StGB) zuzubilligcn, sind strcngcr als die im Bcrcich t_i<mnur für den Bcreich des Kcrnstrafrcchts (SK-Rttdolphi, § 17 Rn. 30a) bzw. für dicjcnigcn
der Tatumstandsfahrlassigkeit gcltcnden EntlastungsmaBstabc 3<JOund habcn Falle ,.u, in dencn sich dcr Ti"itcr bewufü ist, ein Rcchtsgut zu vcrlct1,cn (MK-Joecles, § 17
Rn. 37; NK-Neumann, § 17 Rn. 61).
9
.3 ! Lackner/Kühl, § 16 Rn. l; Baumann/\'i/eber!Mitsch, AT, §21 Rn.63; Grop¡;, AT, § 13
das Gcsetz kcnnc, dienc dem Schutze dcr Autoritiit dcr Staatsordnung, handlc es sich urn Rn. 40; Bachmann, Vorsatz, S:_68;Kuhlen, Untcrschcidung, S. 339 ff.; Ló"·w,Erkundigungs-
cinc ,,seltsamc Vorstcl!ung", da ,,doch nichts die Achtung vor dem Gesctz zu untergrabcn pflicht, S.242; T Walter, Ksfn, "$.417;Ar%!, ZStW 91 (1979), 861; [Link]-l-Jimichsen, 43. DJT,
und oppositionclle Stimmung zu crzeugcn dcrmaJkn gccignet ist, wic ungcrcchtc Verurtci- S. 94 f.; Mattil, ZSt\YI74 (!9'62),..211; Tiedemann, 1~sLcnckncr, S. 433; ahnlich f escheck/Wei-
!ungcn". gend, AT, §41 I 1 (S.452). -.Mit dcr crfrischcndcn Respcktlosigkeit des Dis~iplinfrcmdcn
385 So fordcrtc Rocder im Jabre 1938, ,,auch auf dem Boden cines amilibc1·alcn autorital·cn stcllt Seebafl (FS MittclstraG, S. 375) im Hinblick auf die restriktivc Vermcidbarkeitsrccht-
Strafrechts, das den Schutl.',der Gcmcinschaft iiber den des Individuums stcllr", dürfc auf das sprcchung fcst, ,,dass auch wir nicht so weit von dcr atavistischen Praxis dcr Ticrprozessc
Erfordernis des Umcchtsbcwufüscins nicht vcrzichtct wcrdcn. Es gcltc, ,,die I-Icrrschaft des cntfcrnt sind, wic es das offiziellc Lippcnbckcnntnis zum Schuldstrafrccht hinstcllt".
Tyranncn ignorantia iuris nocet zu brechen" (Roeder, Schuld, S. 88 f.). .m In dicscm Sin ne ctwa BGJ--ISt3, 105, 107; 4,236,243; lúnck, Dcliktsaufbau, S. 339f.,
W, ,, [ ... ]sic gchürt frühcrcn Zciten an", konstatiertc Wleinberg (Vcrbotsirrtum, S. 45) be- 351 f.; l-Jardwig, Zurcchnung, S. 194 f.; den., GA [956,372 f.- Nahcstchend Puppc, GA 1990,
rcits 1928 - ein, wie sich alsbald herausstcllcn solltc, vorschneHcs Urtcil.-Aus dcm hcutigcn 180 f.
Schriftturn: Swckenberg, Vorstudien, S. 480 f. - Biswcilcn trctcn frcilich noch immcr Übcr- m Bo!dt, ZStW 55 (1936), 74.
restc des altcn Dcnkcns zutagc. So meint Ida (FS Hirsch, S. 228), das Stl'afrccht düdc die m,.-.n- . m Ausdrücklich in di~scm Sin ne argumenticrt das BVcrfG. Zur Vcrfassungsmafüg-
gclndc Normkenntnis odcr das abwcichcndc Normverstindnis des Tiitcrs nicht gcltcn lassen, ke1t dcr §§ 16, 17 StGB bchagt, [Link] das Gericht aus: ,,Dcr Gesctzgeber !id~ sich bci sci-
,,wcil es gcradc Aufgabc des Strafrcchts ist, die Normen bci den Bürgern durchzusctzcn und ncr Entschcidung [Link] die vci-schicdenc Regclung des vcrmcidbarcn Tarbestands- und Ver-
Nonnancrkcnnung [Link]". Die modernistischc Tcrminologic vermag nicht darüber hin- botsirrtums hauptsiichlich von der kriminalpolitischen Vorstcllung kitcn, dafs der Iinum im
wcgzut3uschen, daB clics der Sache nach dcr Position cines ·wilhclminischcn Staatsanwalts Tatsdchlichen cinc mi!derc Bcstrafung vcrdicne als dcr Irrtum iiher die Unrechtmdfligl?eit."
cntspricht. (BVcrfGE 41, 121, 125; Hcrvorhcbungcn [Link])- Auch in der hcutigcn Straf rcchtslchrc
m Kiichenhoff, FS Stock, S. 86. findet die Glcichsctzung des Tatumstandsirrtums mit dcrn Tatírrturn und des Vcrbotsirr-
388 O ben S. 90 ff. turns mit dcm Rcchtsirrtum noch einigc Vcrtcidigcr (ctwa Rinch, Dcliktsaufbau, S. 340,346;
389 Jakohs, Schuld, S. 18. H. l-Jeinrich, 2. FS Roxin, S. 456 ff.).
390 Grnndlcgcnd BGHSt 3, 105, !07; 4, 236, 237, 243; 21, 18, 20; SIS-Lenckner!Eisele, Vor- 39:; Trcffend Tiedemann, 'J'atbcstandsfonkcioncn, S. 309.
bcm. §§ 13 ff. Rn. 120/121; SS\YI-Momsen, § 17 Rn. 11; Maurach!Zipf, AT 1, § 38 Rn. 34; Gro- -'
96
7:\)?alter, Kcrn, S. 398.
320 3. I<apitcl:Die Vcrlctz1mgder [Link] Mil,;,;irk1mg:;pflicht 8. Die Grenzcn der Zurr:chenharkeit 321

dcr Vorstcllung, das Strafrccht stcllc im groBcn und ganzcn nur mala in se untcr Die von ihi-untcrstclltc Korrclation z,vischcn dcm Grad der Vonverfbarkcit und
Strafc, dcrcn Vcrbotcnhcit den Bürgcrn ohnchin ins Hcrz gcschricbcn sci 397 • dcr Art des Irrtums cxisticrt nicht~ 03 . ,,Es bedarf ja auch nur dcr allerkürzcsten
Dcshalb trifft es ausgcrcchnct auf jcnc Bcrcichc nicht zu, in dcncn Vcrbotsirr- Übcrlcgung, um auf Masscn von Irnümcrn über Handlungsmcrkmalc dclikti-
tümcr hcutc praktisch rclcvant wcrdcn k0nncn; ncbcn den Randzoncn dcr schcn Handelns im e. S. zu stosscn, die an Unvcrzcihlichkcit ganz unübertrcff-
Kcrnbcrcichsnormcn sind dics vor allcm die zahlloscn Normcn des Ncbcn- lich sind, und umgckchrt auf zahlreichc lrrtümcr übcr das Verbotcnscin dcr
strafrcchts und des Ordnungswidrigkcitcnrcchts. DaB das lumen naturale hicr sonst richtig crkanntcn Handlung, die vüllig odcr in rclativ sehr starkcm Maassc
cinc zuvcrlassigc Lcuchtc sci, wird nicmand crnsthaft bchauptcn [Link] auch verzcihlich sind."-IC-iSo gibt es cincrscits [Link]ümcr, die au.s eincr all-
abgcschcn davon trigt die Priimissc die SchluBfolgcrung nicht 399 • \X'cnn es sich gcmcinen normativcn Fchlhaltung des Handclndcn hcrvorgchcn-bcispiclsweisc
wi~ldich so vcrhieltc, daf1 die Kcnntnis dcr [Link] dcm Handclnden irn mógcn cincrn Tatcr die Bclangc scincr Mitbürgcr derart glcichgültig sein, dag cr
Rcgclfall ohnc weitcrcs die Kcnntnis dcr Rcchtswidrigkeit vcrmittclte, bcdiirftc sich nicht einmal die Mühe macht, die für die [Link] dcr mutmafüichcn
es von dcsscn Scitc gcradc kcincr bcsondcrcn Aufmcrksamkcit, um das Unrccht Handlungsfolgen rc!cvamcn Tatsachcn :,,,urKcnntnis zu nchmcn 4º5 • Andcrcrscits
seincr Tat zu crkenncn, und die Verscharfung dcr Sorgfaltsmagstibe \.vare des- dcuten Vcrbotsirrtümcr kcincswcgs immer auf cincn gcncrcllcn Mangcl im Wcr-
halb überflüssig. tungsgcfüge des Titcrs hin. So wird es sich zwar lúufig vcrhaltcn, ,venn cin [Link]
Einc Variante des Vermeidbarkcitsarguments stcllt die von Hegel skizzicrtc sich cinc eklatantc Fehlcinschatzung im Bcreich des Kcrnstrafrcchts zuschuldcn
Bcgründung dar. Danach vcrdicnt ein [Link], dcr, indcm er die Grcnzcn scincr kommcn la{k Aber in den praktisch bcdcutsarncn Fallen, in dcncn cr cines dcr
Handlungsbcfugnis zu scinen Gunsten falsch bcurtcilt, ,,aus sicb gcgcn die ganze Vcrbote des Ncbcnstrafrcchts oder des Ordnungswidrigkcitcnrecht.s übcrsehcn
Wclt hat wisscn wollen, was Rccht und Pflicht ist" 400 , cinc sch:irfcrc Bchandlung odcr fchlintcrprctiert hat, kann man ihm zumeist lcdiglich Unaufmerksamkcit
als ein Tatcr, dcr einem Tatumstandsirrturn crlcgcn ist. Jcncr offcnbarc nimlich, odcr [Link] bci dcr Informationsbcschaffung vorwcrfcn 406 . I--Icgclsund Roxins
wic Roxin es forrnulicrt, cinc ,,Fchlcinstellung des Haltungs- und Wertgcfüges", Unwcrtpathos ist hicr fchl am Platz.
wihrcnd dicscr ,,rnit dcm Gesctzgcber übcr Recht und Unrecht einig" sci und Zu crw:igen blcibt cín drittcr Begründungsansatz 407 • Danach kann das Straf-
sich ,,bloge Unaufmcrksamkeit" vorhalten lassen müssc 401 . Diese Übcrlegung rccht im Bcrcich der typiscbcn Tatumstandsirnümcr groBzüg;igcr sein, wcil
halt nihcrcr Prüfung ebenso wcnig stand wic die vorangegangenc Erw.1gung 402 . demjcnigcn, dcr auf dcr Basis von Fchlvorstcllungcn über die kognitiv erkcnn-
bare Wirklichkcit agicrc, cinc pocna natura/is drohc - wegen dcr durch scincn
397 Ver\. Michclct (System, S. 26 f.):,,l. ..] die Pflicht ist nicht cin cinzclner Umstand, desscn Irrtum offcnbartcn Inkompctenz wcrdc cr frühcr odcr spitcr auch mit seincr
Nicht wi:sen durch scinc Frcmdhcit gcgcn den \Y/illcn diesen cntschuldigtc, sondcrn die cigenc Lcbcnsplanung scheitcrn. Irn Fall von Vcrbotsirrtümcrn drohe hingcgcn keinc
Substanz dcssclbcn, wclchc cr ·wisscn mu R." - Au,~ den 50cr Jahrcn Hard,vig (Zmcchnung, vergleichbarc aufkrrcchtlichc Sanktion, dcnn dcr Irrendc kollidicrc nicht mit
S. 195); ,,Die mcistcn Dcliktc des Strafgcsct:,,,buchcs basicrcn auf dcm Dckalog. Sic sind derart,
den harten Tatsachcn, sondentrm~r mit dcm kontingcntcn Willcn cines positi-
daB ,man' sic kenm." - Aus dcm hcutigcn Schrifttum Puppe (GA 1990, !8l): ,,Kcmbcstand
allgcmcin ancrkanntcr Vcrhaltcnsnonncn, dcrcn Kcnntnis zur Sozialisation jedes Mitglicds vcn Gesctzgcbcrs. Deshalb mü·:ss·cdas Strafrccht hicr [Link]üich rnit seincn
dcr Rcchtsgcmcinschaft gchórt". cigcncn Mittcln- narnlich durch cinc Verscharfung der Sorgfaltsanfordcnmgen
3n Stuckenberg, Vorstudicn, S.453, 464. -· Ebcnso LK-Voge/, § 16 Rn.3; Enderle, IHan-
- für die gchürige Aufmcrksamkcit sorgcn. Auch [Link] Gcdankcngang crwcist
kcttstrafgcsctze, S. 329, 344; Artlmr Kaufmann, Parallclwcrtung, S. 14; Roos, Vcm1cid~ar-
sich indcsscn al.s anfcchtbélr. Nicht nur bcruht auch cr auf dcr ldcntifizicrung
keit, S. 290 f.; Zabel, Schuldtypisicrung, S. 434; Mattí!, ZSt\Y/ 74 (1%2), 216; SchOnc, GS Bildc
Kaufmann, S. 670; H.-\Y/. Schiincmann, NJW 1980, 742; Woltcr,]uS 1977,487. von Tatumstands- rnit Tatirrtümcrn. Es kommt hinzu, dag dcr Prototyp der
3'!9 MK-Duttge, § t5 Rn. 25; ders., Bcstimmthcit, S. 383 f.; Roxín, AT 1, § 21 Rn. 45; Stra- Tatfahrlassigkcit ,,nicbt die Tolpatschigkcit [ist], sondcrn die alltaglichc Nach-
tenwerth!Kuhlcn, AT, § 10 Rn. 90.
·100 Hegel, Phih~ophic des Rcclns (Vorlcsung 1819/20), S. !i L 103
· Trcffend bcrcits Binding, Normcn, Bd. IV, S. 478 f.; I<Ohler,GS 95 (1927), 107f. - J\us
•!Ot Roxin, ZStW 76 (1964), 604. - In dcr Sache iihn\ich Arthttr Kaufmann, Unrcchtsbc- dcr ncucrcn Litcratur: 1'Janso Porto, Nonnunkcnntnis, S. 59 f.; Tischle1; Vcrbot$irrtum,
wuRtscin, S. 79; Weinherg (Vcrbotsirrtum, S. 48 ff.), dcr von cincm Vcrsagcn des ,,sozialcn S. 146; T \\1altcr, Kcrn, S. 397; lvfattil, ZSt\Y/ 74 (!%2) 232 f.; Otto, GS Mcvcr, S. 599; Ticdc-
Instinkts" spricht; Lang (ZSt\'V63 [1951], 342), dcr bci Vcrbotsirrtümcrn cinc crhOhte \'i?icdcr- mann, FS Gccrds, S. 103 f. ,
holungsgcfahr gcgcbcn sicht. Diese nxhtfcrtige allcrdings lcdiglich die ~crhiingung sichcrn- 4
0·I Binding, Normcn, Bd. IV, S. 479.
dcr und bcsscrndcr MaRrcgcln, nicht hingcgcn die schiirfcrc strafrcchthchc Bchandlung des 105
• Tim¡1c, GA 1984, 66.
' º Niihcr dazu unten S. 409 f.
lnendcn (aaO, 347 f.). 16
402 Auch Roxin ist in:.,,wischcn von ihr abgcrückt. Z·war grcift cr sic in scincr jüngstcn 407
Er licgt in dcr Konscqucn7, dcr von Jakobs cntwickcltcn Übcrlcgungcn (]ahobs, i\T,
Pt1blikation 1/,l\ dicscm Thcma ,vicdcr auf, bcschrinkt sic abc1·dcr Sache nach auf den Bci-cich 8/5; ders. ZSt\Y/ 101 [1989], 532; das., Zurcchnung, S. 59 H.;ders., R\Y/ 2010, 304 ff.; ders.,
des Kcrnstrafrcchts (Roxin, FS Ticdcmann, S. 375 f.). Syswn, S. 58 f.).
322 3. I<api[Link] \lcrlctw11g der [Link] Mít~;;irkungspflicht B. Die Grcnun dcr Zurcchcnharkcit 323

Jassigkcit, mit dcr dcr Durchschnittsbürgcr glcíchwohl noch gut übcr die Run- dungsbercich dcr Verbotsirrtumsregclung. Nur SO\veit einc Abwcichung der
dcn kommt" 4º8. Zudem sind Personen ,,womüglich wcit vcrbrcitct, clic nur beí Rechtsauffassung des T:iters vom ,,cigentlichen" Norminhalt vorlicgt, bcdarf
Frcrndgcfahrcn nachliissig sind, dcrcn diligenúa quam in stús adhibere solent jc- dcr Tater überhaupt cincr Entlastung. Fehlt es dagcgcn schon an einer ob-
doch tadcllos ist" 4 º9 . Dcshalb ist es kcincswegs ausgcmacht, daB mit scincr ge- jcktivcn Abwcichung, sind allc wciteren Fragen hinfallig. Die hcrkOmrnlichc
samten Lcbcnsplanung zu schcitcrn droht, wcr blof1 einzelne Tatumstiindc nicht Strafrcchtsdogmatik stcllt wic sclbstverstandlich auf jcnc Auslegung ab, die das
zur Kcnntnis gcnommcn hat. Ein gcncrcll gcringcrcs Bcdürfnis nach rcchtlicher irn Einzclfall zur Entscheidung berufenc Gcricht als die richtige crachtct. Ein
Abstützung in dicscm Bercich ist dcmnach schwcrlich bcgründbar.¡ 10• Bürgcr, dcm es nicbt gclingt, dessen Auslcgung zutreffcnd zu antizipicrcn, kann
Die Auffassung, an die Entlastung des Titcrs von dcr Vcrantwortlichkcit für nur noch darauf hoffcn, daB ihm ein Verbotsirrtum zugcbilligt und dieser für
cinc Fehlvorstellung über den Inhalt der in concreto maBgeblichcn Vcrhaltcns- unvcnneidbar crklart wird. Im [Link] diescr Auffassung stcht die Posi-
norm scicn bci Vcrbotsirrtümcrn im engcrcn Sinnc strengcrc MaGstabe anzulc- tion dcr traditioncllen juristischen Mcthodcnlchrc, der zufolgc die Gcrichtc als
gcn als bci Tatumstandsirrtümcrn, ist somit unbegründet. Für bcidc Gruppcn das ,,lcbendig gewordcnc Gcsctz" und clic ,,bcsecltc Gcrcchtigkeit" 416 bei ihrcr
von Irrtümcrn gelten viclmchr einhcitlichc Entlastungskritcricn 41I , \Xlie sic im [Link] nicht [Link] schaffen, sondcrn lccliglich die vorgcgc-
cinzclnen beschaffen sind, wird nachfolgcnd zunachst für die Verbotsirrtümer benc, in den Wortcn des Gesctzes glcichsarn vcrhülltc Rechtslage erkennen 417.
im cngcrcn Sinnc (3.) und sodann für die Vcrbotsirrtümcr im wcitercn Sinnc, Der Fragc nach dcm gcnaucn Inhalt dcr maGgcblichcn Vcrhaltensnorm
die sogcnanntcn Tatumstandsirrtümer crOrtert (4.)412 . systcmatisch nachgclagcrt ist das Problcm, wic stark der [Link] von seincr eigc-
ncn abwcichendcn Rcchtsauffassung übcrzcugt scin muB, damit diese als Irr-
3, Verbotsirrtümer im engeren Sinne tum qualifizicrt wcrdcn kann. Die hcrkómmliche Strafrcchtsdogmatik bc-
schcinigt cincm [Link] bcrcits dann (sogenanntcs bcdingtes) Unrcchtsbewufü-
a) Bezugsgegenstand des Verbotsirrtums
sein, wcnn dcr Bctrcffcnde es ernsthaft für müglich [Link], daB scin Vcrhaltcn
Irrtum im Sinnc der Allgemcincn Vcrbrcchcnslchrc bcdeutet ,,die Nichtüber- rechtswidrig scin künnte4 18• Strikt durchgcführt, Iauft dics indcsscn clarauf
eiustirnmung vo11Bewufhsein uud Wirklicl1keiL" 413. Ein lrrwm kann sowohl hinaus, den handlungswilligen Bürgcr mit sdmtlichen Rcchtsrisikcn zu be-
in eincr falschen Vorstellung als auch im ganzlichcn Fchlcn ciner Vorstellung lasten, cinschlicfüich dcrjcnígcn, clic - wic unklarc Gcsctzesfonnulicrungcn
licgcn 41 4;cntschcidcnd ist, daís dcr Bewufüseinsstand des Irrcndcn ,,der ,Wahr- odcr cinc uneinhcitlichc Rcchtsprcchung- auíscrhalb seíncs EinfluB- une! Vcr-
hcit', den tats:ichlichcn Vcrhaltnisscn, dem Gegenstand nicht entspricht" 41 5. antwortungsbcreichcs liegcn. Einc dcrart cinscitige Risikovcrtcilung ist allcn-
Diesen Gegenstand bildct im Fall des Vcrbotsirrtums die in der konkrctcn falls in wcnig komplexen Rcchtsordnungcn mit cincr vcrhaltnismaGig gcringcn
Tatsituation maGgebliche strafrechtliche Vcrhaltensnorm. Rcchtsnormcn sind Anzahl juristischcr Streitfragcn hinnchmbar. Angesichts der heutigen Rcchts-
allcrdings haufig mehrdcutig. Mit wclchcm Inhalt gcltcn sic in solchcn Fallen? wirklichkcit, gckennzciclp~ct durch cine hohc tcchnologischc und sozialc Dy-
Die Bcantwortung diescr Frage hat crheblichc Auswirkungcn auf den Anwcn- narnik, cine auBerordc.n.t1icl1)umfangreichc Normcnproduktion und cincn cnt-
sprcchend stcilcn Anstici'g..der Zahl rcchtlichcr Zv,,eifclsfallc, erwcist sic sich
•108 Stuckenberg, Vorstudicn, S.427. jcdoch als unhaltbar 419• Da ihr zufolge Handcln ,,in erstcr Linic gcfahrlich"
·109 Stuckenherg, Vorstudicn, S. 428.
416
•110 Ebcnso Lesch,J/\ 1996, 611. Michelet, Narnrrccht, S. 97.
111 417 Excrnplarisch Bockelmann, Ndschr. Bd. 3, S. 289.
' Für cinc /\nglcichung dcr BcurtcilungsmaGstiibc pliidicrt auch die mittlcrwcile hcrr-
418 Wic wcit diese Gcfahr rcicht, illustricrcn die Ausführungcn von /(unz (GA 1983,
schcndc Lchrc: 1-IK-GS-Duttge, § 17 Rn. 16; MK-Duttgc, § 15 Rn. 12, 23, 27; dcrs., Bcstimmt-
hcit,S. 385 f.; Lackner/Kiihl, § 17 Rn. 7; MK-Freund, Vor §§ 13ff. Rn. 247; ders., AT, §4 Rn. 67; 461). Sclbst cinc von fachlich kompctcntcr Scitc cingchohc Rcchtsauskunft ist danach nicht
Baumann/Webcr/Mitsch, AT, §21 Rn.42;]escheck/Weigend, AT, §41 II 2 b (S.458); Krc)'I dazu gccignct, den vorhandcncn Unrcchtszwcifcl zu zcrstrcucn: ,,Dcnn die Expcrtisc besagt
Esser, AT, Rn. 726;Roxin, AT 1, § 21 Rn. 45; Straten-werth/Kuh/cn, AT, § 10 Rn. 90 f.; Schmid- ja nur, daR das Handlungsvorhabcn dcr Rcchtsansicht des Ratgebcrs zufolgc unbcdcnklicb
hiuser, NJW 1975, 1810; Kiipper, Grcnzcn, S. 174f.; T. \Y/alter, Kcrn, S. 309; Ncumann, JuS ist; ob das Vorhabcn tatsiichlich mit dcr positivcn Rcchtsorclnung in Einklang stcht, blcibt
1993, 798; ders., FG BGI--1,S. 104; Schdne, GS I-Iildc Kaufmann, S. 669; I-1.-\íl. Schiinemann, bis zur Bcurtcilung dmch die zur vcrbindlichcn Entschcidung bcrufcncn Instanzcn ungc-
NJW 1980, 742; Wolter,JuS 1979,487f.; %a:oy!?,JuS1990, 892f. wiK"
412 Zur Bchandlung belastender Vcrbots-· und Tatumstandsirrtümcr unten S. 408 ff. m Ebcnso NK-Neumann, § 17 Rn. 51; dcrs., JuS 1993, 795 f.; !(Oh!er, AT, S. 407, 415;
4 u Jescheckl\Y/eigend, /\T, §29 V I a (S. 307). Puppe, AT, §§8 Rn.26; 19 Rn. 15; dies.; FS Rudolphi, S.234ff.; Lifw, Erkundigungspíliclu,
rn MK.-]oech, § 16 Rn. 2; NK-Puppc, § 16 Rn. 2; BringC'wat, Grundbcgriffc, Rn. 656;Je- S. 255 ff.; Rudolphi, Unrcchtsbcwufüscin, S. 13 f.; ders., JurBI 1981, 293 f.; Vclten, Norm-
scheclJWeigend, /\T, § 29 V 1 a (S. 307); Kindhauscr, AT, § 26 Rn. 3; Kiihl, J\T, § 13 Rn. 7 f. kcnntnis, S. 10f.; 314 ff.; label, Schuldtypisicrnng, S. 282,381 f., 518; ders., GA 2008, 42; H.-
·
115
Schischkoff, \\?0rtcrbuch, S. 345. W. Schiincmann, NJ\'{1 1980, 739. •·-Vcrharmloscnd Saffcrling, Vorsatz, S. 221 (,,gc!cgcnt!ich
324 3. Kapitel: Díe \lerlet:omg der strafrechtlichen [Link]!icht B. Dir: Gren%Cnder Zurcchcnbarkcit 325

íst 420 , blcibt cincm auf die Vcrmcidung strafrcchtlichcr Konfliktc bcdachtcn Dcr Schlüsscl zu cincr wcnigcr cinscitigcn Risikovcrtcilung bcstcht in cincm
Aktcur nichts andcrcs übrig, als von dcr Durchführung scincs Projckts Ab- angcmcsscncn Vcrstindnis des Irrtumsgcgcnstandcs, dcr strafrcchtlích maggcb-
stand zu nchmcn, solangc cr - bcispiclswcise wcil es noch kcinc [Link] lichcn Vcrhaltcnsnorm. Dcrcn hcrkómmlichcs Vcrstindnis als idcellcs Sinngc-
Gcrichtsurtcilc gibt oder die Rcchtsprcchung noch nicht zu cincr cinhcitlichcn bildc, wclchcs - übcrspitzt gcsagt - darauf wartct, dag die Interpreten scinc
Linie gcfundcn hat - nicht mit Sichcrbcit davon ausgchcn kann, daB das von wahrc Bcdcutung zutagc fordcrn, Íst nicht allcin aus mcthodologíschcn, son-
ihm ins Auge gcfafüc Vcrhaltcn [Link] ist. Einc Auslegung, wclchc cinc solchc dcrn auch und vor allem aus gcnuin strafrcchtsthcorctischcn Gründcn kritik-
dcfensivc Maximc crzwingt, trifft ,,die allgcmcinc Handlungsfrcihcit als Prin- würdig. Da nur cin Bürgcr, der sich dcr Mitwirkung an dcr Aufrcchtcrhaltung
zip in ihrcm Kcrn" 421 ; in ihrcm innovationsfcindlichcn Charaktcr ist sic unver- cines real bcstchcndcn Zustandcs der Frcihcitlichkcit cntzicht, Strafc vcr-
cinbar mit cincr Zustindigkcitslchre, die sich dcm Zicl vcrpflichtct wcíg, durch dicnt423, muíl. die dcr Bcstrafung zugrundc licgcndc Vcrhaltcnsnorm wirlelich-
die Entlasnmg des cinzclncn Aktcurs von Folgcnvcrantwortung dcm Prozcfi leeitsmiicht:igscin, den Bürgcrn also cinc Oricnticrung bictcn, auf die sic sich bci
dcr Erzcugung von Ncucm zu dicncn 422 . ihrcn Lcbcnsplanungcn tatsichlich vcrlasscn k0nncn 42·1.
1st cin crst socbcn in Kraft gctrctcncr ncucr Paragraph des Strafgcsctzbuchs
schcint cin strcngcs Durchhaltcn des Prinzips r...) zu unbilligcn Ergcbnisscn zu führcn"). in dicscm Sinnc wirklichkcitsrnichtig? In cincm Staat mit cincrn funktioniercn-
- In Rcchtsprcchung trnd Schrifttum wird clic Figur des bedingtcn Unrcchtsbcwulhscins
zwar grundsatzlich anerkannt (BGHSt 4, 1, 4; BGH JR 1952, 285; BGH NStZ 1996, 338; wirksamcn Rechtsgüterschutzcs vom [Link] zu verlangcn ist" (aaO, 468). Die Sclbstvcr-
S/S-Cramer!Sternberg-Lieben, § 17 Rn.5; SK-Rudolphi, § 17 Rn.12; Baumann/\í,leber, AT, standlichkcit, mit dcr Kun:1. hicr die freihcitstheorctischc Problcmatik glcichsam halbicrt
§ 21 Rn. 46;jescheck!Weigend, AT §41 I 3 b [S. 455]; Krcy!Esscr, AT, Rn. 721;Kiihl, AT, § 11 - das Frciheitsintcressc des handlungswilligcn [Link] b\cibt ausgcklamnwrt -, bietct cin
Rn. 30; § 13 Rn. 59a; Maurach!Zipf, AT 1, §38 Rn. 34; Otto, AT, § 13 Rn.45; Kicnapfe!, ()JZ anschaulichcs Bcispicl für die Mangclhaftigkcít cines abstraktcn Rechtsgütcrschutzdcnkcns
1976, 116; D. Mcyer, JuS 1979, 253 f.; Warda, FS Wch·,d, S. 504 f.; aus dem iiltcren Schrifttum: (naher daw oben S. 137 ff.).
Hammcrer, Einíluss, S. 55 ff.). Die hcrrschendc Lehrc ist sich der von ihr ausgchcnden Gc- 423 Obcn S. 99 ff.

fabrcn jcdoch bewuRt und sucht sic auf untcrschicdlichcn Wcgcn zu mi!dcrn. Einigc Autorcn 424 Aus dcr Anbindung dcr Vcrbotsirrtumsregclung an díc Aufgabcnbcstimmung des
pladicrcn dafür, cinen Vcrbotsirrtum bcrcits dann zu bejahcn, wenn dcr Tater die Rccht- )trafrcchts im Ganzcn bcantwonct sich auch die viddiskuticnc Fragc, ob cincm T;ücr,
maBigkeit sciner J-Iandlung für méiglich odcr jcdenfalls für iibcrwicgend wahrschein!ich halt dcr scin Handcln [Link] nicht als strafbar, wc)hl abcr als zivil- odcr polizcircchtswidrig be ..
(Frister, AT, § 19 Rn. 5; Dimalús, Zwcifcl, S. 120 f., 135, 155) und cr kcinc [Link] Chance wertct, cin Vcrbotsirnum im Sinnc des§ 17 StGB zugehilligt wcrdcn kann. Ein Tatcr irrt
hattc, die verblcibcndc Rechtsunsicherhcit vor scincm Tiitigwerden zu beseitigcn (Puppe, AT, in strnfrcchtlich crhcblichcr \'{lcise übcr den Unwert scincs (Fchl-)Verhaltcns, wenn ihm
§ 19 Rn.6, 14). i\ndcrc wollen § 17 StGB in diesen FiiUcn immcrhin analog anwendcn (Ren- unbckannt ist, dag der Gcsetzgeber es als dcrart gcwiclnig cinstuft, da{~ eres mit cincr
gier, AT, §31 Rn. 25; Roxin, AT 1, § 21 Rn. 34; Stratemoerth!Kuhlen, AT, § 10 Rn. 84; Armin Kriminalsanluion bclcgt (cbcnso MK-Joecks, § 17 Rn. 15; NK-Neum,mn, § 17 Rn. 21; ders.,
Kaufmann, Strafrcchtsdogmatik, S. 78; Paeffgen, JZ 1978, 745 f.; iJ~. auch]akobs, AT, 19/30; JuS 1993, 795; K0hler, AT, S. 403; Otto, AT, 13/41; ders., ZStW 87 [1975], 595; dcrs.,Jura 1990,
Lesch, ]A 1996, 504; Timpe, GA 1984, 67 L). Bcidc Ans;itzc crmüglichcn es, den psychischcn 647; Greco, Lcbcndigcs, S. 508; Gmteguth, Verbots(un)kcnntnis, S. l 14; Krctschmer, Panci-
Bcfund ,,(bcdingtes) UnrcchtsbcwuRtsein" anhand des Kritcriums eincr nonnativ vcrstande- vcrrat, S. 291 f.; Ransid~, Gcsetz, S. 29; [Link]!, Schuldtypisicrung, S. 429; dcrs., GA 2008,
ncn Vcrmcidbarkcit 'l,U bcwcrtcn. Wcr sich im rcchtlich crwartctcn Umfang um die Ermitt- 45; Koriath, Jura 1996, 114; Laubcntal!Baicr, GA 2000, 207; Mattil, ZStW 74 [1962], 229;
lung dcr Rcchtslagc bcmüht hat, kommt demnach sclbst dann in den GcnuR cincr Zurech- [Link], AT, 19/23). Zwischen dcr vcrwahungs- odcr :[Link] Korn'··
nungsunterbrcchung, wcnn er aufgrund bcsondcrcr Skrupclhaftigkcit noch immcr von /,wci- gierbarkeit cincr Handlung und dercn straÍrcchtlicher Sanktionierbarkeit (die Tcrminologie
fcln an dcr Rcchtmilfügkcit scincs Tuns gcplagt wird. Einc clrittc Mcinungsgruppe sprichl stanimt wm NK-1\'emnann, § 1,7l{_n.21) bcstcht nicht lediglich cinc gradudlc, sondcrn cinc
sich dafür at1s, die Frage des vom Tiitcr bcrechtigtcrweisc z.u crwartenden Vcrhaltcns aus dcm qualitative Differcn1. (obcn S\90(). Dicser Unterschicd wird miRachtet, wcnn man [Link]
Kontcxt des§ 17 StGB hcrauszunchmen und sic untcr dcm Gcsichtspunkt dcr Unzumutbar- strafrcchdichc lJnrcchtsbewtlfüs'éin die Ü[Link] des Tiltcrs gcnügcn \afü, irgendcin
keit ;,.u bchandcln (MK-Joccks, § 17 Rn. 36; NK-Neumann, § 17 Rn. 34; ders., JuS 1993, 7%; rcchtlich relevantes Unrccht zu vcrwirklichcn (so ahcr die hcrrschcndc Mcinung: BGHSt
S![Link]/Sternherg-Lichen, § 17 Rn. 21; SK-Rudolphi, § 1 Rn. 13; ders. JurBl 1981, 294; 2,194,202; to, 35, 41; 15,377,383; 45, 97, 100 f.; BGH NStZ 1996, 236 f.; Fischer, § 17 Rn. 3;
ders., JR 1989, 389; T Walter, Kern, S. 324; Kriimpelmann, Behand!ung, S. 28; \'{/arda, aaO, I-IK-GS-Dnttge, § 17 Rn. 5; Lackner!l(ühl, § ¡7 Rn. 2; /(iihl, AT, § 11 Rn. 28; LK-Vogc/, § 17
S. 526 ff.). In ihrer grundsiitzlichcn Ziclrichtung - cincr Entkopplung der Zurcchnungsfragc R.11.19; SIS-Cramer-Sternberg-Licben, § 17 Rn. 4; SK-Rudolphi, § 17 Rn. 3, 5; Ba11mannl
von psychischcn Faktcn- kommt diese Auffassung mit den zuvor crwiihntcn Mcinungsgrup- Weber, AT, § l Rn. 48; /Jringcwat, Grundhcgriffc, Rn. 668; Ebert, i\T, S. 104 f.; Jeschcckl
pcn übercin. \:l/cigcnd, J\T, §4! 13 a [-S.453]; Krey/Esscr, AT, Rn. 714; Maurach/Zipf, i\T, !, §38 Rn.11 f.;
41º Veiten, Normkenntnis, S. 316. Rcngicr, AT, §31 Rn. 5; Wlessels!Beulkc, AT, Rn. 461; Safferling, Vorsat;,,, S. 216; im Grund-
421 Velten, Normkcnntnis, S. 347. - Ebcnso Fristcr, i\T, § 19 Rn. 5; Puppc, FS Rudc)lphi, satz. auch 7: Wlaltcr, Kcrn, S. 304). Ncnncnswcnc Strafbarkcitslücken zicht die hicr vcrtrc-
S. 235 (,,in dubio contra libcrtatc"). tenc Auffassung nicln nach sich: Wcr sich darübcr im klarcn ist, daR das von ihm beabsich-
422 Dazu o ben S. 179 f.-Kunz (GA 1983, 467) crkcnnt [Link] die im Tcxt skizzicrten Gcfah- ligtc Vcrhaltcn Gcgcnstand zivil- bzw. vcrwaltungsrccht!ichcr Rcaktioncn ist, dcm ist es in
rcn, rneint aber, sic hinnchmcn zu müsscn, wcil cine ,,Risikovcrtcilung zu Lasten des Rcchts allcr Rcgcl [Link], dcr Fragc [Link], ob es auch strafrcchtlich vcrbotcn ist; scin
[... } für dcsscn verhaltcnsstcucrndc Wirkung fatal" wiirc. ,,Dcr Vcr;,.ícln auf die Realisicrung dicsbc:r.üglichcr l rrturn wird dcshalb so gut wic nic vcnncidhar scin (cbcnso MK--}oecks und
von Handlungsvorhabcn in Fallen des Rcchts7,wcifcls ist dcr hcis, dcr im Intcressc cines NK-Nenmann, jcwcils aaO).
326 3. Kapitcl: Die Vcrletnmg der strafrechtlichen Mit1.uirkrmgspflich1 B. Die Grenzen der Zurechcnharkeit 327

den Strafvcrfolgungsapparat kann die Antwort nicht andcrs als bcjahcnd aus- GroGcn bcgchcn 429 : Sic vcrwischt den Untcrschicd, dcr zwischcn cincr Inan-
fallcn: Die Bürgcr dürfcn und müsscn bci ihrcn Planungcn grundsatzlich davon spruchnahmc des Tatcrs zur Bcstatigung des bestehenden Rcchtszustandcs und
ausgchcn, daB die zustandigcn Bchürdcn Vcrst0Ben gcgcn das ncuc Gcsctz nach scincr Sanktionicrung Írn Zugc dcr Etablicrung cincr crst im Entstehen begríffc-
pflichtgcmaBcm Ermcsscn nachgehcn und sic in dcr gcbotcncn Wcisc ahndcn. ncn Normcnordnung bcstcht.
\Ylelchen lnhalt aber hat die betrcffende Vorschrift in diesem Augcnblick? Auf Frcilich stcllt cinc gcsctzliche Vorschrift nur in den scltenstcn Fallen cinc
den crstcn Blick schcint diese Fragc banal zu scin: Den Inhalt, dcr sích aus dcm creatio ex nihilo dar. Zumcist wird sic ais zusatzlicher Baustcin in cin bcste-
Gcsctzcswortlaut crgibt, wclchcn sonst? Wic bcrcits crwiihnt, gibt dcr Gcsct- bcndes Nonncngcfügc intcgricrt. Dies crfolgt, den Bürgcrn crkcnnbar, rcgcl-
zcswortlaut allcrdings haufig cincr .Mehrzahl von lnterprctationcn Raum. IT1afügin dcr Annahmc, dais die Auslcgungspraxis, die die Rcchtsprcchung auf
Wclchc von ihncn ist als Gcgenstand des Normwisscns dcr Bürger und als Mais- bcnachbartcn Fcldcrn cntwickclt hat, aucb auf die ncuc Norm crstrcckt wcrdcn
stab ctwaigcr Vcrbotsirrtümcr hcranzuzichcn? wird. Sclbst in dcr Situation cines rclativcn Ncuanfangs, wic ihn dcr ErlaG cincr
Die Antwort crgibt sich aus dcr socben in Erinnerung gerufcncn Aufgabcn- Gesctzcsvorschrift darstcllt, sind dcshalb kcincswcgs alle irgcndwic vcrtrctba-
bcstimmung des Strafrcchts. Es dicnt der Aufrcchtcrhaltung cincr wáldichkeits- rcn Auslcgungcn glcichwcrtig• 130. Einc solchc Aquivalcnz gilt viclmchr nur in-
mdchtigen, den Bürgcrn vcrlafüichc Oricnticrung crmüglichcndcn Frcihcitsord- sowcit - dann abcr auch in dcr Tat! -, wic die ,,praktizicrtc Rcchtsordnung" 431
nung. Oricnticrcnd in diescm Sinne wirkt zuvürdcrst die Rcchtsprcchung 425 . Auslcgungsspielraumc offcnlafü. Sofcrn cin Bürgcr sic in eincr Wcisc ausfüllt,
Dcrcn Funktion bcstcht darin, die Unsichcrhcit zu übcrwindcn, die von cincm die dcr hcrrschcndcn Schrifttumsauffassung entspricht 432 bzw., sofcrn cinc
Ncbcncinandcr glcichberccluigtcr Rcchtsauslcgungcn ausgcht 426 . Zwar cntfal- solchc sich nicht zuvcrlassig ausmachcn laist, die den Kunstregcln dcr juristi-
tcn Gcrichtscntscheidungen in allcr Rcgcl unmittclbare Rcchtswirkungcn nur schcn Profcssion gcnügt, widcrspricht scin Vcrhaltcn schon objektiv nicht dem
inter partes, die von ihncn ausgchcndc Oricnticrungslcistung gcht jcdoch - zu- im Handlungszcitpunkt maBgcblichcn Verbot, und die Fragc nach cincm Ver-
mal in cincm dcm Systcmdcnkcn vcrpflichtctcn Rcchtsgcbict wic dem Strafrccht botsirrtum stcllt sich von vornhcrcin nicbt 43 3. Habcn die Gcrichtc allcrdings
-weit darübcr hinaus 427 . Das Vcrtraucn darauf, dais die andcrcn sich an derscl- zu cincr hinrcichcnd stabilen Auslegungspraxis gcfundcn 43 4, muis dcr einzclnc
ben autoritativ-unabhangigcn Intcrpretationsinstanz ausrichtcn wcrden wie cr
sclbst, erm0glicht dcm einzclncn Bürger cin Mafs an Erwartungsstabílitat, das
429 Obcn S. 124 ff.
430 A. J\..SIS-Cramer!Stcrnberg-Liehcn, § 17 Rn.19.
dcm Anspruch dcr Rcchtsordnung, cinc Ordnung rcalcr Frcihcit darzustcllcn,
rn Jakohs, AT, !9/25.
in bcstmüglichcr Wcise entspricht. Solangc die Gerichtc die Ambivalcnzcn des 432 Roxin, AT 1, § 21 Rn. 65. - Dahintcr stcht cinc schlichte Wahrschcinlichkcitsübcrlc-

Gesctzcswortlauts aber noch nicht zugunstcn einer bcstimmtcn Intcrprctation gung: Dicjcnigc Position die bislang die Mchr:i:ahl dcr juristischcn Diskussionstcilnchmcr
aufgclüst habcn, ist wirklichkcitsmachtíg nicht dcr Korpus dcr von den Gcrich- übcr:i:eugt hat, hat im Zwcifcl die bcsten Chanccn, sich auch vor Gcricht durch:i:uscvcn.
rn Weitgehcnd wic hicr NK-Nemnann, § 17 Rn. 51; ders., JuS 1993, 798 f.; KOh!er, AT,
tcn crst künftig zu produziercnden konkrctcn Normcn 428 , sondcrn allein die den 404, 406, 415; Puppe, AT, §§ 8 Rn. 16; 19 Rn. 7 f., 18, 40; Groteguth, Vcrbots(un)kcnntnis,
Bürgcrn [Link] zur Vcrfügung stchcndc abstraktc Gcsctzcsnorm. Indcm S. 106 ff.; [Link], Erkundigungspflicht, S. 232 f.; Manso Porto, Normunkcnntnis, S. 119 f.;
die hcrrschendc Mcinung diesen Umstand ignoricrt, wicdcrholt sic im Klcincn Schroth, Vorsatz, S. 46 f.; Zahel, Schuldtypisicrung, S. 440 f.; ders., GA 2008, 48; Liiderssen,
dcnsclbcn Fchlcr, den die unkritischcn Bcfürwortcr cines V0lkcrstrafrcchts im wistra 1983, 229 f.; Naucke, L FS Roxin, S. 516 f.; Puppe, FS Rudolphi, S. 234. - A. J\.. ctwa
Dimalús (Zwcifcl, S. 43 ff.), obglcich diescr kurz zuvor (aaO, S. 35) zutrcffcnd hcrausgestcllt
hattc, problcmatisch sci nicht, was im Kopf des Tatcrs vor sich gche; das Problcm licgc vicl-
425 Mattil, ZStW 74 (1%2), 22 f.; Schultz, i:s Spcndcl, S. 316. - Dics cntspricht auch dcm mchr im Objcktiven; Donatsch (SchZStr 102 í1985], 40 f.): unvcnncidbarer Vcrbotsirrtum.
cigcncn Anspruch dcr Gcrichtc. Pragnant ctwa BGHSt 15, 156, 158: ,,Wcil Strafgcsct:i:c [... ] - Vclten (Normkcnntnis, S. 108) bcstimmt als Gcgcnstand des UnrechtsbcwuGtseins ,,die
kein Eigcnlcben fübrcn, ist ihrc Auslcgung und stfodigc J\.nwcndungspraxis durch die da:i:u prozedural vcrstandcnc Rcchtslage als cinc Art Momcntaufnahmc des [Link] Erkundigungs-
bcrufcncn Gcrichtc [Link]." :,,eítpunkt crrcichtcn Konscnscs übcr die Auslcgung dcr strafrcchtlichcn Vcrhaltcnsnorm". ln-
426 In dcr politischcn Philosophic dcr Ncu7,cit wird dics cinhcllig anerkannt; vgL nur sowcit stcht sic dcr hicsigcn Auffossung nahc. Jcdoch kchrt sic das hicr vcrtrctcnc Vcrhaltnis
Lockc, Abhandlungcn, S. 253; Kant, MS, §44, Wcrkc Bel. 7, S. 430f. von Handlungsfrcihcit und Verbot um: ,,Nur solche Frcihcitcn, die nach bishcrigem Stand als
427 Duttge, Bcstimmthcit, S. 257 f.; Buclmer, GS Dict:i:, S. 180; Nemnann, ZSt\V 103 (1991), gcsichcrt bctrachtct wcrdcn kOnncn, crlangcn faktischc Gcltung:" (aaO, S. 106; im Ergcbnis
350; ders., Rccht, S. 156; Schliichter, Mittlcrfunktion, S.113. - Ihrcn positiv-rcchtlichcn /\.us- cbcnso Krctschmer, Partcivcrrat, S. 307). Abcr zcichnet sich cin libcralcr Staat nicht gcradc
druck findct diese ,,Fcrnwirkung" (Ncumann, aaO, 349) in dcm lnstitut der Vorlagcpfücln dadurch aus, [Link] ihm cinc Vcnnutung fí.ir die Handlrmgsfrciheit spricht?
•i.H An dcr crfordcrlichen Konsolidicrung fchlt es, solang:c glcicluangigc Gerichtc wider-
(§§ 121 Abs. 2, 132 Abs. 2 GVG). DaB. diescr Effckt nicht lcdiglich kontingcntcr Natur, son-
dcrn gcwollt ist, wird zudcm durch clic Praxis dcr Vcrüffcntlichung allcr irgcndwic bcdcut- sprí.ichlichc Auslcgungcn vcrtrctcn (cbcnso NK-Neumann, § 17 Rn. 72; S/S-Cramcr/Stern-
samcn Gcrichtsurtcilc bcstatigt. berg-f,iehen, § !7 Rn. 21;jalwhs, /\T 19/44; KOhler,/\.T, S. 415; Groteguth, Vcrbots(un)kcnnt-
428 Zum Norrncharakccr gcrichtlichcr Entschcidungcn grundlcgcnd J{:elsen,Rlzl, S. 242 ff. nis, S. 106; Kretschmer, Partcivcrrat, S. 306; Safferling, Vorsatz, S. 230 f.; Nauckc, 1. FS Roxin,
328 3. Kapite!: Die Vedct%ung der strafrecht!ichen Mitwirkungspflicht B. Die Grcnzen der lurechenharkcil 329

Bürgcr sich daran oricnticrcn 435 . Dcr Primat dcr Institutioncn 43C, hat ihn cin-- die Mitbürgcr des Taters nicht auf mehr vcrtraucn als auf die Praxiskonformitit
geholt. von dcsscn Vcrhaltcn, so kann es fcrncr nicht darauf ankommen, ob dcr Tater
Diese im Einzclfall potcnticll belastende Scitc dcr Existcnz cines staatlichcn von dicser Praxis gcwuG.t hat odcr ob cr mehr oder wcniger zufallig das von
Entschcidungssystcms hat frcilich cinc ent:lastendeKchrscitc. Von kcincm Bür- díeser für richtig Erachtctc getroffcn hat. Der Umstand, daB er seinc Erkun-
gcr kann mehr crwartct wcrdcn als im Einklang mit dcr gcfcstigtcn Gcrichts- dungsobliegcnhcit vcrlctzt hat' 1'IO, ist deshalb unbcachtlich, solangc dcr Tiitcr im
praxis zu handcln 437 . Ein Tatcr, dcr trotz des Bcstchcns cincr scin Vcrhaltcn Ergcbnis das Glciche lcistct, das ein ordnungsgemaB informiertcr Bürger hatte
billigcndcn Rcchtsprcchung von dcsscn Gcsetzwidrigkcit ausgcht, bcsitzt dcs- lcístcn kOnncn. Weil die Obliegenheitsvcrletzung in diescm Fall folgcnlos gc-
halb kcin normativ bcachtlichcs UnrcchtsbcwuBtscin 438 : Sowcnig cr es bcsscr blícben ist, fchlt es an der Bcrechtigung, sic gegcn den Tatcr in Anschlag zu
wisscn dmf als die Gcrichtc, sowcnig braucht cr es bcsscr als sic zu wisscn, bringen 441.
wcnn cr scine rcchtlichcn Handlungsspiclriiumc auszulotcn sucht' 139. Dürfcn
b) Die Gre112ender Rechtserkundungsobliegenheit
Nach einer Berncrkung Vcltens istdie Verrneidbarkcit cines Irrturns ,,sozusagen
S. 51(};i.E. auchfdgcr, AT, Rn. 189; Warda, 1:5 Wclzcl, S. 510 f.). Im Ergcbnis noch weitergc-
hcnd T W1altcr (Kern, S. 319): Jede Gerichtscntscheidung im Sin ne des Tiiters, die kcinc krns- cinc Variable der Motivation": Wann ein kognitiver Millgriff für cinen Men-
sen Fehlcr aufweise, nehme einem Verbotsirrtum die Vorwerfbarkeit. - Für Vermeidbarkeit schen vcrmeidbar gewcscn wiirc, han ge inhaltlích davon ab, wclche Motivatíon
des Verbotsirrtums pladieren dagcgcn SK-Rudolphi, § 17 Rn. 38; dcrs., Unrechtsbcwugtscin, cr gcschuldet habc 442 . Ein vcrmcidbarcr Vcrbotsirrtum ist dicscm Vcrstandnis
S. 109 f.; Roxin, AT l, §21 Rn. 65; im Grundsatz cbcnso, wcnng!cich mit dcm Vorbchalt eincr
zufolge cin ,,rcchtlich zu bcanstandcnder Irrtum"H 3, cin Irrtum, für den der
[Link] im Ein;,.c\fallLK-Vogel, § !7 Rn. 69; MK-Joecks, § 17 Rn. 50; Kicnapfel, ()Jz 1976,
119. -D. Mcyer (JuS 1979, 253) bürdct dcm Tatcr im Fall von Rechtsprcchungskontrovcrsen Tiiter zustandig ist. Die Frage nach den Grcnzen dcr psychischcn Erlangbar-
übcr die Auslcgung cincr Strafvorschrift das Bcstrafungsrisiko sogar [Link] vom Rang kcit bcstimmtcr Rcchtskenntnisse muBi dcmnach crsetzt wcrden durch dicjc-
der divergicrcndcn Gcrichtc auf. nige nach den Kritcrien cincr angcmcssenen 1Zisíkovcrtcilung 444 • MaBgeblich
435
Nicht ausrcichcnd ist es, wcnn der Bürgcr sich cinc Rcchtsauffassung ;,_ucigcn macht,
dafür ist cinrnal rnchr die Aufgabc des Strafrcchts, cincn Zustand konkret-rcaler
die nach den Rcgcln dcr juristischcn Auslcgung zwar vcrtrcthar ist, in dcr Praxis vor allcm
der Gcrichtc abcr kcinc ncnncnswcrtc Unterstützung gcfundcn hat. Die Ob!icgcnheit des Frciheitlid1kcit aufrcchtzucrhalten. In cinern solchcn Zustand habcn ncben den
cinzclncn Bürgcrs, sich um Normkcnntnis zu bemühcn, hat, wic gcsehcn, ihrcn Lcgitima- Schutzintcrcsscn dcr potenticllcn Opfer rechtsirriger Eingriffc auch die Bclange
tionsgrund darin, dat cr ansonstcn die Anspdichc seincr Mitbürgcr auf Achtung ihrcr Inte- der an dcr Ausübung ih1·er Handlungsfrcihcit intcrcssicrtcn Bürger ein crheblí-
gritat nicht [Link] zu bcfricdigcn vcrmüchtc. Einc Bemühcnserwartung, die es dcm cin-
ches Gewicht. Eine strengc Fassung der Entlastungskritericn, wic sic nament-
zclncn crhubte, sich nach cigcnem G11tdiinkcn :wgunsten cincr dcr auf dcm Markl dcr ju-
ristischcn Mcinungcn angebotcncn Auffassungen z,u cntschcidcn, würdc indcsscn das Zic\ licb dcr BGH vertrítt 445,bcwirkt zwar auf dcr eincn Scitc cincn Zugcwinn an
dcr Hcrstcllung allgcmciner Dascinssichcrhcit [Link] vcrfchlcn. Die kunstgcrcchtc, aber
praktisch folgcnlosc Bcgründungjuristischer Entschcidungsvorschlagc ist cines, dcr dcm cin- HO Zu dcrcn Umfang soglcich im Tcxt.
;,,clnen Bürgcr in scincr Rolle als I--Jandclndem abvcr\angte Bcitrag zu cincr Ordnung rcalcr 441 So auch die neucre Rcchtsprcchung (BGHSt 37, 55, 67; BayObLG NJ\Y/ 199, 1744; KG
Frcihcitlichkcit ist hingcgen ctwas andcres. NStZ 1990, 185, 186) und die hcrrschendc Lchrc (HK.-GS-Duttgc, § 17 Rn. 20; LK-Voge/, § 17
136
' Dazu bcrcits obcn S. 244, 250 f. Rn. 46; MK-Joccks, § 17 Rn. 60; NK-Nmmann, § [7 Rn. 8i;dcrs.,JuS 1993, 798; SK-Rudolphi,
7
ü Dcshalb stcllt die Andernng cincl' gcfcstigtcn Rechtsprcchung, die zu cincr Auswci- § 17 Rn. 42; ders.,JR 1989, 388;fal?ohs, AT, 19/45; l(indhduser, AT, § 28 Rn. l6; Krcy!Esser, AT,
nmg des Strafbarkcitsbcrcichs führt, cinc Ncubcstimmung dcr maagcblichcn Vcrhahcns- Rn. 730; Rengicr, AT, §31 Rn.26; Roxin, AT 1, §21 Rn. 69; Stra/enwerth!Kuhlcn, AT, § 10
norm dar. Auf den crstcn Blick spricht dics fi.írcinc Anwcndung des vcrfassungsrcchdichcn Rn. 92; Groteguth, Verbots(un)kenntnis, S. 126 f.; T Walter, Kcm, S. 308; Otto,Jura 1990, 650;
Rückwirkungsvcrbots (so ctwa Puppc, AT, § l9 Rn. 32). Einc solchc Ausweitung von Art. 103 H.- \Y/.Schiinemann, NJ\'V 1980, 741; \Yloltn; JuS 1977, 483 ff.); die frühcrc Rcchtsprecln1ng
Abs. 2 GG würdc jedoch die Untcrschicdc zwischcn parlamentarischcr und htkhstrichtcrli- stand auf dcm Standpunkt, daE die Vcrnachli'issigung dcr Rechtscrforschungsohlicgenhcit
chcr [Link] übcrspiclcn (obcn S. 49). Dcshalb ist es im Ergcbnis sachgcrcdn-, gcnüge, um [Link] den Mangcl an UnrcchtsbcwuEtscin vorzuwcrfcn (BGI--ISt 21, 18, 21;
diese Fallgruppc dogmatisch wic cincn unvcrmcidbarcn Vcrbotsirrtum zu bchandcln (so ctwa BayClbLG NJW 1%0, 504; 1340; 1%5, 1926; OLG Koln NJW 1974, 1831).
MK-Joecks, § 17 Rn. 45; NK-Neumann, § 17 Rn. 68; Hoffmann-Holland, AT, Rn. 433; Krcyl ~42 Ve/ten, Normkcnntnis, S. 78. - Ebcnso Puppe, AT, § 19 Rn. 4.
Esser, AT, Rn. 727; jdger, AT, Rn.189; Dimalús, Zwcifel, S. 34 f.; Kretschmer, Pancivcrrat, H 3 Freund, AT, § 7 Rn. 21.
S.305; Kienapfcl, ÜJZ 1976, 118). ~ Zu den Grcnzcn schutzwürdigcn Vertraucns BVerfG 444 Nachwcisc obcn S. 300 Fn. 283.

l!RRS 2011, N,·. 737. 445 Danach hat dcr Mcnsch ,,bci allcrn, wa-~cr zu tun im Bcgriff steht, sich bcwuEt zu

rn Ahnlich Manso Porto, Nonnunkenntnis, S. 113; andcrs Roxin, AT l, §21 Rn.14; Ru- machen, ob es mit den Satzcn des rechtlichcn Sollcns in Einklang stcht" (BGHSt 2, 194,
dolphi, Unrcchtsbcwugtscin, S. 105. 201). Diese Fordcrung wird im hcutigcn Sduifuum cinhcllig als ;,,u rigidc angcschcn (HK-
439
Trcffcnd bcmcrkt Küchcnhoff (FS Stock, S. 85), dai jede andcrc Maxi1nc den Staat GS-Duttge, § 17 Rn.16; MK.-Duttge, § 15 Rn.25; ders., Bcstimmthcit, S.383; Bringewat,
dem Vcrdacht dc8 venire contra facUtm propríum al!S$Ctzcn würdc; ,,denn wollte cr strafcn, Grundbcgriffc, R. 675; Frister, AT, § 19 Rn. 8; Kiihl, AT § 13 Rn. 61; Roxin, AT 1, § 21 Rn. 53;
so widerspfachc das dcm I--Iandcln sciner cigcncn Organc, ni:imlich dcm Spruch der Richtcr". Stratcmuerth!Kuhlen, AT, § 10 Rn. 82; Stratcnwerth, GS Annin Kaufmann, S. 488; LOw, Er-
330 3. Kapitel: Die [Link] der strafn:chtlichen Mit1oirkungspflicht B. Die Grcnzcn dcr Zurechcnharhcít 331

Erwanungssicbcrhcit für die potcnticllcn Opfcr cines zustindigkcitswidrigcn ner rcchtlichcn Sondcrbcziehung odcr im Rahmen cines unqualifizicrt-ncgati-
Vcrhaltcns. Auf dcr andcrcn Scitc vcnnag sic rcchtstrcuc und sichcrhcitsbc- vcn Rcchtsvcrhaltnisses· 152 .
wufüc Bürgcr, die den mit dcr Ermittlung dcr Rcchtslagc vcrbundcncn Auf- Wcr sich für cincn Tatigkeitsbcrcich cntschicdcn hat, dcr wcgcn dcr Art dcr
wand schcucn, sogar von rcchtmifügcn I-Iandlungen abzuhaltcn 446 . Wic sind zugrundc licgendcn Rcchtsbezichung bcsondcrc Sachkundc crfordcrt, hat für
diese widcrstrcitcndcn Bclangc jcwcils zu gcwichtcn? die Installation cines Informationssystcms Sorgc zu tragcn, wclchcs gcwahr-
Die Tragwcitc des Gcsichtspunkts dcr Erwartungssichcrhcit zu konkrctisic- lcistct, daB ihm die Kenntnissc übcr die Rcchtslagc, die cr jcwcils ben0tigt, vcr-
rcn fallt vcrglcíchswcisc lcicht: Scin Gcwicht wkhst mit dcr Bcdcutung, die dcr [Link] zur Vcrfügung stchcn. Der Bctrcffcndc rnuB also zwar nicht von vorn-
von dcm Titcr vcrkanntcn Norm für cincn Zustand realcr Frcihcitlichkcit zu- hercin allcs sclbcr wisscn, abcr cr muB sichcrstcllcn, daB ihn ctwa erfordcrliche
kommt. Je zcntralcr die Norm ist, dcsto schwícrigcr ist cinc Entlastung des rcchtlichc Hinwcise und Warnungen crrcichcn [Link] licgt dcr bcrcits von den
T3.tcrs447. Sofcrn die potcnticll prohibitivc Wirkung dcr Rcchtscrkundungs- allgcrncincn Figuren dcr Zustandigkcitsbcgründung her bckanntc Sclbstbin-
kostcn in R..cdc steht, kommt es dagcgcn maísgcblich auf die Bcschaffcnhcit dcr dungsgcdankc'154 zugrundc: An cincrn Vcrtrauenstatbcstand, auf den die ande-
Rcchtsbczichung an, in dcrcn [Link] die Norm relcvant wird. Positivc Pflich- rcn sich in ihrem I-Iandcln cingcstcllt habcn, muis ich mich fcsthaltcn lassen. Wcr
tcn sind nicht nur weitcr geschnittcn als ncgativc Pflichten 448, sic muten ihrcm in scincr Sclbstdarstcllung besondere Kompetenz für sich in Anspruch nimmt,
Inhabcr auch wcitcrgchcndc Anstrcngungcn zur Pflichtcrfüllung zu 449. Im Fall sich hcrnach aber durch den I-linwcis auf cincn Mangel a.n Kornpetenz zu cnt-
dcr negativcn Pflichtcn kommt es zudem auf die Art des Risikos an, dcm dcr lasten versucht, dcr vcrwickclt sich in cincn \Vidcrspruch 455. Einc Zurcchnungs-
Pflichtinhaber scinc Mitbürgcr aussctzt. Wcr durch die gcfahrlichc Organisa- unterbrcchung kommt allcrdings dann in Bctracht, wcnn die rechtlichc Fchlcin-
tion seines cigencn Rcchtsbercichs oder die Übcrnahmc cíner bestimmtcn Ta- schitzung des Taters auf cinc nicht von ihm zu vertrctende Pannc inncrhalb sci-
tigkcit Sondcrrisikcn für andcrc schafft, dcr hat dafür zu sorgcn, daG. cr simt- ncs Informationssystcms zurückgcht. Er [Link] richtige Frage - ,,Ist das von
liche Sicherhcitsvorkchrungen cinzuhaltcn vcrmag, die das Recht für die bc- mir bcabsichtigtc Vcrhaltcn nach gcsichcrter Rcchtspraxis als vcrboten anzusc-
trcffendc Situation vorschrcibt 450. Kombinicrt man die vorgcnannten Kritericn, hcn?"4·'i6- an die richtige Person - nimlich jcmandcn, dcr kompctcnt und ver-
so gelangt man, sclbstvcrstandlich in idealtypischcr Vercinfachung, zu vicr traucnswürdig crschcint 457- gcrichtet und daraufhin cinc fa\schc Auskunft cr-
müglichcn Fallgruppcn: Dcr Titcr kann cntwcdcr [Link] odcr Rand-
normcn dcr Strafrcchtsordnung vcrkcnncn 451 , und dics entwcdcr inncrhalb ci-
auf den Schutz subjcluiver Rcchtc bcschrankt (Uh.u, aaO, S. 272 f). Dag Ltiw diesen Ansar;.::
nicht durchhahcn kann, zcigt sich daran, daE sic nur wcnigc Zcilcn spiiter (aaO, S. 273) ,,in•·
kundigungspflidn, S. 69, l 57 f.; Roas, Vcrmcidbarkcit, S. 196 f., 286; Vcltcn, Normkcnntnis, tcrcssantcrweisc" (SSW-Momsen, § 17 Rn. 51) die Staatsschutzdclikte wic sclbstvcrstandlich
s.112ff.). 7,Um Kcrnbcrcich rcchncc
w, Roxin, AT 1, § 21 Rn. 33; Rudolphi, Unrcchtsbc,vufhscin, S. 135; dcrs., Strnfbarkcits- ·152 Der hicsígen Unterscheidung ist im hgcbnis vcrwandt Jakobs' Differcn'l,Ícrung zwi-
voraussctzung, S. 13.-Die gangigc Rückführung der Rcgclung des§ 17 StGB auf das Schuld- schen bcsondcrcn Rollen bzw. Lcbensbcrcichcn auf dcr cincn und Lebcnsbcreichcn, die allcn
prinzip (grundkgcnd BGI--ISt2, 194, 201) vernachliissigt durch ihrc Fokussicnmg auf die Mcnschcn ohnc bcsondcrc Prüfung ihrcr Rcchtskundc offenstchcn, auf dcr anderen Scitc (]a-
akutc Koníliktsituation die Auswirkungcn dcr Vcrmcidbarkeitskritcricn auf die Gcsamt-Le- hobs, AT, 19/38; cbcnso SS\Xf-Momsen, § 17 Rn. 52 f.; Lesch,JJ\ 19%, 610).
bensfiilmmg dcr füirger ( Velten, Nonnkenntnis, S. 112f., 445). -153 SSW-Momscn, § 17 Rn. 52; Pu¡1pc,AT, § 19 Rn. 3; \lelten, Normkcnntnis, S. 353; Lcsch,
447
Jahohs, AT, 19/7 f.; Stratcmoerth!Kuhlen, AT, § 10 Rn. 82; Zabcl, Schuldtypisicrung, JA1996, 609 f.
S. 435; ders., GA 2008, 47; !-Iruschka, FS Wclzcl, S. 148; Timpc, GA 1984, 53. ·!5·1 Obcn S. l 85 f.
448
Dazu obcn S.162 ff. m Zu Rcchtgenicl1tdcshalb dcr Satz, da~ bcruflichc Tiitigkcitcn bcsondcrs wcitrcichcndc
119
•· Ebcnso Kindhduser, GA 1994, 212 ff. Erkundigungsoblicgcnhcitcn nach sich úchcn, allgemcinc Ancrkcnnung (aus dcr alteren Li-
45
°
4 1
Kindhduscr, GA 1994, 214; ders., FS Hrnschka, S. 536. tcratur: Stiibcl, NACrim 8 (1825), 288; Gcfilcr, Begriff, S. 259; dcrs,, GS 10 [1858], 334; !lam-
' Dies ist cinc hüchst traditionsrcichc Diffcrcm,icrung. In Gcstalt dcr Untcrschcidung mcrer, Einíluss, S. 25; P. Merlee!,Grundril?., S. 130; Rocder, Schuld, S. 146ff.; aus dcm heutigcn
7,wischcn delicta juris gcntium, die schon natl!rali rationc ais uncrlaubt bctrachtct wcrdcn Schrifttum: MK-]oechs, § 17 Rn. 65; NK-Ncumann, § 17 Rn. 59; Bringcwat, Grundbcgriffc,
mül?.tcnund delicta jurís civi!is, die nur nach den bcsondcrcn Gcsctzcn cines bcstimmtcn Sta a- Rn. 676; Roxin, AT l, §2! Rn. 57; Ne11mann, FG BGH, S. 101;Ransick Gcsetz, S. 31; Veltcn,
tes strafrcchtlich vcrbotcn seicn, gcht sic bis auf das rómische Rccht zurück (aus dcm alteren Nonnkcnmnis, S. 62 f., 352 f., 463; Laubentha!IBaier, GA 2000, 219; i.E. auch Grotcguth,
Schrifttum: Rof!.hirt, NACrim 9 [_1827],506 ff.; aus dcr neucrcn Litcratur: Burhhardt, Korn- Vcrbots(un)kcnntnis, S. 119).
mcntar, S. 41l ff.). - Im neucrcn Schrifttum findcn sich mchrfach iihnlichc [Link]: ·I% Vcltcn (Normkenntnis, S.379f.) lii/h es dcmgcgcnüber gcnügcn, dag cin Vcrbot als
so die Untcrtcilung des Rcchtsstoffcs in einen ,,Grundlagenbcrcich" und cincn ,,vcrfügbarcn Ergcbnis cincr vertrctbarcn Auslcgung in Bctracht zu zichcn ist. Dics bcdcutct, wie sic sclbst
Hcrcich" Uahohs, AT, 19/7 ff., 11ff.; Lcsch, ]A 1996, 608 ff.; Timpe, GA 1984, 52 ff.) bzw. in einraurnt, ,,daB in alkn Zwcifclsfii!lcn [... ] 7.u Lasten dcr Frcihcit dcr Bürgcr ;,,u cntschciden
eincn ,,Kcrn-" und cincn ,,Randbcrcich" (SSW-Momsen, § 17 Rn. 48; LOw, Erkundigungs- ist" (aaO, S. 380). Zur Kritik an dicser Position obcn S. 327 Fn.433.
pflicht, S. 261). AUcrdings schncidct LOw den crstgcnannten Bcrcich zu cng, indcm sic ihn 157
' Vgl. etwa BGHSt40,257,264; LK-\logel, § 17Rn. 79; MK-Joccks, § 17 Rn. 53; NK ..Ncu-
332 3. Kapitel: Die Verlct:umg der strafrechtfichen /vfi1wirkungspf/ich1 B. Die GrenLcn der [Link] 333

haitcn habcn 458 . Sind diese bcidcn Voraussctzungcn crfüllt, kann cr von dcr Vcr- typischerwcisc geringer als die der Kcrnnormcn. Zudem ist es ,,angcsichts der
antwortung für scin daraufhin crfolgcndcs Tun cntlastct wcrdc1f 159, Rechtsmasscn modcrner Gcscllschaften rechtstreucn Bürgcrn plausibcl, dais
Etwas andcrs vcrhaltcn sich die Dingc im Bcrcich dcr unquali:fizicrt-ncgati- auch dcr, der mit gchórigcr Sorgfalt am Rcchtsvcrkehr tcilnimmt, die Norm-
vcn Rcchtsbczichungcn. lrrtümer übcr Kernnormen wirkcn zwar auch hicr nur inhaltc nicht stcts sclbst crschlieiscn kann." 461 Dahcr darf dcr handlungswillige
un ter cngen Voraussetzungcn zurcchnungsuntcrbrcchend. Die Bcdcutung die- Bürgcr durch die Erkundigungskostcn in diesen Fallen jedenfalls nicht starkcr
ser Norrncn für cine Ordnung rcalcr Frcihcit ist hoch, dcr Erkundigungsauf- bclastct wcrdcn als Ím Bereich dcr Kcrnnormcn. Für cinen durchschnittlich
wand ist für cinen normal sozialisiertcn Bürgcr dagcgcn in der Rcgcl gcring. informicrtcn Zcitgenosscn muH die rechtliche Bcdcnklichkeit des von ihm ins
Einc Emlastung komrnt dcshalb nur für solchc Tatcr in Bctracht, die, wcil sic Auge gefaistcn I-Iandelns dcshalb auch hicr geradezu mit Hiinden zu greifcn
cinem ganzlich andcrcn kulturcllcn Milicu cntstammcn und mit den hicsigcn sei 11•162_An cincr solchcn Evidenz wird es im Bercich dcr Randnormcn haufig
Instanzcn dcr (Sckundar-)Sozialisation, insbcsondcrc dcm Schulsystem, nicht fchlen. In diesen Fallen ist cinc Zurechnungsunterbrcchung am Platz.
in Bcrührung gckommcn sind, niemals cinc rcchtsinstitutioncll garanticrtc
Chance zu ciner halbwcgs rcgclgerechtcn Sozialisation besaHcn.Jú[Link] sicht 4. Tatumslandsirrtümer (Verhotsirrtümer im [Link])
es hingegcn bei den Randnormen aus. Dcrcn freihcitspraktischc Rclcvanz ist
a) Fahrlassigkeitals Sorgfaltsvcrstofl?
mann, § 17 Rn. 74; SIS-Cramer!Sternherg-Lieben, § 17 R.n.18; SK-Rudolphi, § 17 R.n.40;}e- Ein Irrtum übcr den Inhalt dcr in concreto maBgcblichcn Verhaltcnsnorm
scheck!Wcigend, AT, §41 II 2b (S.459); Kindhdl/Ser, AT, §28 Rn. 16; Krey/Essei; J\T, Rn. 728. kann seinc Ursachc zum eincn darin habcn, dais der [Link] die Existcnz oder
•ISS Ebcnso die hcutc gan'l, hcrrschcndc Mcinung: BGHSt 40, 257, 264; LK-Voge!, § 17
die Rcichwcitc des cinschliigigcn Straftatbcstandcs vcrkcnnt; auf diesen Fall ist
Rn. 76; MK--:foecks, § 17Rn. 53; NK-Neumann, § 17 Rn. 74;ders,, FG BGI-I, S. 105 f.; S/S-Cra-
mer/Sternherg-Lieben, § 17 Rn. 18; SK-Rudolphi, § 17 Rn. 35, 40; ders.,JurBI 1981, 298; ders., soeben eingcgangcn wordcn. Die Fchlcinschiitzung des [Link] kann aber auch
Unrcchtsbcwuatscin, S. 243 ff.; Bringe1üat, Grundbcgriffc, Rn. 677; Ebert, AT, S. 152; Fríster, darauf beruhcn, daB cr die Urnstandc, die nach Maisgabe der Vcrhaltensnorm
AT, § 19 Rn. l;J-laft, AT, S. 262;}akohs, AT, 19/44;Kdhb; AT, S. 414; Rengier, AT, § 31 Rn. 22; tatbestandlich rclcvant sind, falsch wahrnimmt odcr falsch katcgorisicrt 463 . Ent-
Roxin, AT 1, §21 Rn. 62; Safferling, Vorsatz, S. 228 f.; T. Walter, Kcrn, S. 313; Zabe/, Schuld-
typisicrung, S. 437; Timpe, GA 1984, 67; Zaczyk,JuS 1990, 894.
sprcchend dcr Sachlage bcim Vcrbotsirrtum im cngeren Sinne cntlastct diese
4 9
.s Dcr Sache nach licgt darin cinc Übcrtragung des aus dcm Bcrcich dcr Tatumstands- Fchlcinschatzung den [Link] nur dann, wcnn sic nícht auf eincr Verlctzung sci-
fahrlassigkcit bckanntcn Vcrtraucnsgrumlsatzcs (zutrcffcnd Manso Porto, Normunkcnntnis, ner Obliegcnhcit zu sorgfaltigcr Vorbercitung und Durchführung sciner ob-
s.120 f.). jcktiv verhaltcnsnormwidrigcn I--Iandlung bcruht. Die dadurch aufgcworfcncn
460
Die Müglichkeit cincr Endastung von ,,Kulturfrcmdcn" (Berg, Stand, S.48) wird scit
Zurechnungsfragcn bilden den Schwcrpunkt der Fahrliissigkcitsdogmatik 464,
jchcr ancrkannt (vgl. die Nachwcisc bci Berg, aaO; aus dcr hcurigcn Litcratur ctwajakohs,
AT, 19/7; ders., Zurcchnung, S. 70; Lesch,JA 1996, 608; Saliger, SrV 2003, 25; Timpe, GJ\ 1984, die sich insofcrn als cin Unterfall der Lehrc vom Vcrbotsirrtum envcisr 165•
54; Valerius,JZ 2008, 918). Hepp (Thcoric, S. 35) und v. Bar (GS 38 [1886], 264) haltcn, noch
unbclastct von den Sprachrcgclungcn dcr politischcn Korrckthcit, cinc solchc Zurcchnungs-
un_tcrbrcchung zwar nur für m0glich, ,,wcnn dcr Ucbcrtrctcr im Zustandc dcr v0!ligcn Wi!d- cntkommt man in cincm frcihcitlichcn St,,at nicln - die Altcrnativc dazu wiirc cin wohlmci-
hc_1t,odcr abgcsondcrt von allcm mcnschlichcn Umgangc aufgcwachscn war" (Hepp) hzw. ncndcr Despotismos (cbcnso Ja!whs, ZStW 1 lS ['2006_1,843 f., 852).
,,cmcr ganz andcrcn, nicdcrcn Culturstufc angchfü['t]" (v. Bar). Auch wcnn diese Bcschran- -ir,1 Timpc, GA 1984, 54.
kung auf Kaspar I-fauscr-Figurcn, Ncgcrh;iuptlingc odcr ,,mit dcm Hubschraubcr auf dcm ·162 Jm Ergcbnis wcitgchcnd wic hicr}akobs, AT, 19/38; Lesch,JA 1996, 610.
Kurfürstcndamm ausgcsctztc Urcinwohncr aus dcm südamcrilrnnischcn Urwald" (Geerds, ·163 Obcn S. 31l.
Jura l 990,430) untcr den Bcdingungcn hcutigcr Gcsdlschahcn zu cng ist, ;indcrt dics nichts •16·1 Schon für Aristotclcs ist die Fahrlassigkcit durch Unwisscnhcit (ühcr das Gcsctz odcr
daran, dafs cin Zurcchnungsausschluf5 aufgrund von Kulturfrcmdhcit auf scltcnc Ausnah- die Tatumst:indc) gekcnnzcichnct. Dcnnoch [Link] sic bcstraft wcrdcn, dcnn es habc bci dcm
rncfal!c bcschr:inkt blcibcn mufs: Die Intcgrationslcistungcn, die cinc Pcrson als Mitglicd Bctroffcncn gcstandcn, nicht unwisscnd :,,u scin, da es bci ihm gdcgcn habc, die notigc Sorg-
cincr Rcchtsg~mci'.1s:haft 7:u crbringcn hat, sind grundsatzlich kcinc ausglcichspflichtigcn falt anzuwcndcn ([Link]!es, NE lll, 7 fl 114a], Wcrkc Bd. 3, S. 56). In dcr aristotdischcn
Bclastungcn (un h1cs1gcn Smnc au_chLK-Vogel, § 17 Rn. lO0f.; S/S-Cramer!Sternberg-Líc- Tradition stcln noch Klcinschrod: ,,Also dcr Culposc wird gcstraft, wcil cr [... ] sich den lrr-
hen, § 17 Rn. 17;jakobs, ZStW 118 1_2006],848 f.; [Link], JA 1996, 609; tcndcnzicll groí[Link] thum, in dcm cr war, bcnchmcn konntc." (Kleinschrod, Emwicldung, §26 rs.63])
Velten, Normkcnntnis, S. 232 f.; Fabricil/S, JuS 1991, 398; Saliger, aaO). Insbcsondcrc kommt ·165 Anschaulich Lasson (Svstcm, S. 498): ,,Immcr gchórt zur Fahrlassigkcit cin vcrf ührcri-
es nicht darauf an, ob cin T:itcr die ihm von dcr Rcchtsgcmcinschaft er0ffnctcn Sozialisa- schcr Schcin, dcr dcm achtlos~n 'l'hatcr die rcchtswidrigc Qualitat scincr Hancllung vcrbirgt."
ti?nsch~nccn g~mttu hat. Ein frcihcitlichcr Staat, dcr scincn J\ngchürigcn das Rccln gcw;ihr- - J\us dcrn alteren Schrifttum fcrncr Binding, Norrncn, Bd. IV, S. 322,350 f., 452,454,477;
lcistct, ihrc Pnvatsph:irc nach ihrcn cigcncn Vorstcllungcn zu gcsta!tcn kann sic nicht da .. L'ngelmann, Rcchtsbcachtungspflicht, S. 55; Sauer, Grundlagcn, S. 577 f. - Aus dcr ncucrcn
ran hindcrn, sich insowcit in cinc hcnnctiscb gcschlosscncn Parallclwclt cinzuriclncn. Er hat Litcratur: I(Ohlcr, Fahr!assigkcit, S. 259; \lcltcn, Normkcnntnis, S. 235; Lesch, JA 1996, 508;
dann umgckchrt abcr auch kcincn AnlaR, die daraus rcsulticrcndcn Sozia!isationsmangcl cnt- SchrOdcr, FS Saucr, S. 245; für den Fall dcr unbcwuatcn Fahrlassigkcit auch I..K-\logcl, § 15
!astcnd zu bcrücksiclnigcn. Dcr Vcrantwortung :,,ur Tragung dcr Kostcn dcr cigcncn Frcihcit Rn. 11; l!orn, Vcrbotsirrtum, S. 20; Hcrzhcrg, Jura 1984, 412.
334 3. Kapitel: Die \lerletwng der strafrccht!ichcn Mit~uidwngspjlicht B. Die Gren;,:en der Z11rechenharkeit 335

Wic vorstchcncl gczcigt wordcn ist, gch6rt allcrdings cin bctrachtlichcr 'foil und richtig cinzuschi-itzcn 47 -'>.Aus der Erkcnnbarkcit dcr Gcfahr crgcbc sich
dcr Problcmc, die bci dcr Bchandlung des Vcrbotsirrtums im cngcrcn Sinnc sodann die Pílicht zu sachgcmaGcm auGcrcn Vcrhaltcn mit dcm Zicl, den Ein-
cr0rtcrt zu wcrdcn pflcgcn, in Wahrhcit nicht dcr Zurcchnungslchrc an, son- tritt des tatbcstandsmifügcn Erfolgcs zu vermci<lcn474 . Die Bedcutung dcr
dcrn dcr Frage, wic die Vcrhaltensnorm, an dcr das Rcchtrniifügkcítsurtcil des auBcren Sorgfalt crschüpft sich jcdoch nicht darin, Ausprigung inncrcr Sorgfalt
Tatcrs sich mcsscn lasscn muB, inhaltlich im cinzclncn bcschaffcn ist. Dcr Sache zu sein. Ein crlaubt riskantcs und damit i:iuBcrlichsorgfaltigcs Vcrhaltcn ist vicl-
nach handclt es sich insowcit also um cincn Nachtrag zu den Ercirtcrungen des mehr auch dann tatbestandslos, wcnn dcr [Link] hüchst unbcsonncn gchandclt
2. Kapitcls. Ahnlich wic die Vcrbotsirrtumsdogmatik leidct auch die hcrkómm- und nur zufallig das Richtigc gctroffcn hat 475 • Dies hat scincn Grund clarín, daB
licbc Fahrlassigkcitsdogmatik daruntcr, daB sic baufig nicht !dar gcnug untcr- die Katcgoricn der auBercn und dcr innercn Sorgfalt in ganz untcrschicdlichc
schcidct zwischen den Anfordcrungcn an die Verhaltensnorm, um dcrcn Bcfol- vcrbrcchcnssystcmatische Zusammcnhingc gchürcn. Ob cin bcstimmtcs Vcr-
gung dcr Ti:iter sich bcmühen soll, und dcm Umfang der Bemühensohh:egenheit haltcn auBcrlich sorgfaltig, d.h. objcktiv crlaubt ist, bcmiGt sich nach dcr in dcr
als solchcr 4M'. Vcrantwortlich dafür ist in crstcr Linic die Wcitc und Diffusitiit bctreffcndcn Situation maBgcblichen Verhaltensnorm. Ob dcr objcktiv vcrhal-
der als ,,Kern des Fahrli:issigkcitsdclikts" 467 bezcichnctcn Katcgoric der Sorg- tcnsnonnwidrig handclndc Titcr die von ihm verlangtc Übcrlcgung und Be-
faltspflíchtverletzung. sonnenheit aufgcbracht hat, mit dcr Folgc, daB scin Irrtum ihn von strafrccht-
Bcrcits Engisch wcist auf die ,,Doppcldcutigkcit" der üblichcn Umschrci- lichcr Vcrantwortung cntlastct, ist hingcgcn cinc Fragc der (subjcktivcn) Zu-
bungcn des Sorgfaltsbegriffs hin 468 • ,,Auf dcr cincn Scitc st0fü man [Link] auf rechnung. Zum Eigengut dcr Fahrlissigkcitsdogmatik gchürt cntsprechcnd dcm
cinen psychologischen Sorgfaltsbcgriff, auf cincn Bcgriff ,inncrcr' Sorgfalt, bei cingangs Ausgcführten nur lctztcrcs 476 .
dcm die Sorgfalt in ,Handlungcn des Gemüts' bcstcht, auf dcr andcrcn Scitc auf Ihrcn untcrschicdlicbcn verbrcchcnssystcmatischcn Funktionen entsprc-
eincn Bcgriff ,auBercr Sorgfalt', dcr auBcrc Handlungen und Untcrlassungcn chcnd untcrschcidcn sich die Erwi:igungcn, nach dcncn sich die Rcicbwcitc des
umfaBt." 469 Wcr den crstcren Bcgriff im Sinnc habc, vcrstchc untcr Aufmcrk- crlaubtcn Risikos auf dcr cincn und dcr Umfang dcr Bcmühcnsoblicgcnhcit auf
samkcit, Vorsicht, Sorgfalt cinc gcwissc Lcistung dcr Konzentration, cin Zu- dcr andcrcn Scitc bcmcsscn, auch Ín inhaltlicher Hinsicht. Nachfolgcnd wird
sammcnnchmcn dcr fünf Sinnc, cin Anspannen dcr Gcisteskraftc, cin Inzucht- zuni:ichst auf das crlaubtc Risiko im hcrkümmlichen, vcrhaltcnsnormbezogc-
nchmcn des gesamten psychophysischcn Apparatcs 470 . ,,Allcs in allem wird ncn Sinne cingcgangcn (b). Die anschlicBendcn Übcrlcgungcn (e) sind dcr Kon-
man sagcn künncn, daB dcr Bcgriff dcr psychischcn, dcr innercn Sorgfalt glcich- turicrung der Bcmühcnsoblicgcnhcit gcwidmct: Wclchc Anfordcrungcn an
gcsctzt werden kann mit dem, was Binding als die Erfüllung dcr Vorprüfungs- scinc ,,inncrc Sorgfalt" muB ein Tiitcr crfüllcn, damit ihm scin objcktiv vcrhal-
pflicht bczcichnct hat." 471 Auf der andcrcn Scitc stchc die Sorgfalt als richtigcs,
sachgcmaBcs, in dcr hcutc üblíchcn Terminologic: sich im Rahmcn des erlaub- m ]escheckl\Yleigend, AT, § 55 I 2 a (S. 578).
tcn Risikos bcwcgcndes auBeres Vcrhaltcn 472 . m jeschcckl\tleigend, AT, § 55 I 3 (S. 580).
475 Burgstaller, Fahd1issigkcitsdclikt, S. 19; Donatsch, Sorgfaltsbcrncssung, S. 98; B11rk-
Das Nebcncinandcr von ,,inncrcr" und ,,auBcrer" Sorgfalt ware vcrbrcchens-
hardt, Vcrha!tcn, S. 116 f.
systematisch unschadlich, sofcrn es sich bci dcr auf'.leren Sorgfalt lcdiglich um m, Im wcscntlichcn wic hicr HK-GS-Duttgc, § 15 Rn.27; MK-Duttge, § 15 Rn. 106ff.;
cine unsclbstandigc Folgckatcgoric dcr inncrcn Sorgfalt handcln würde. Die ders., FS Maiwald, S.150; Freund, AT, §5 Rn.14ff.; Friste1; AT, § 12 Rn.2f.; Gropp, AT,
hcrkümmlichc Fahrlassigkeitsdogmatik crwcckt den Eindruck, daB dem so sci. § 12 Rn 66 ff.; [Link], AT, 9/5 ff.; Kindhduser, AT, § 33 Rn. 6 H.; RcnzikO'wski, Tiitcrbcgriff,
S. 224 ff.; ROitger, [Link], S. 60 ff., 91 f.; Sa11er,Fahrlassigkcitsdogmatik, S. 65;
So bestehtJcschcck zufolgc die erstc Pflicht, die sich aus dcm allgcmcincn Sorg-
Toepel, Kausalitiit, S. 24 H., 31 ff.; Burkhardt, Vcrhaltcn, S. 115; Dehne-Niemann, GA 2012,
faltsgcbot crgcbc, darin, Gcfabrcn für das gcschütztc Rcchtsgut zu erkcnncn 94; Frisch, Straftat, S. 173; Weigend, FS Géisscl, S. 133 ff. - Für cinc Bcschrankung des Fahr-
lassigkcitsbcgriHs auf das Mcrkmal dcr (allcrdings cinscitig psychologisicrcnd vcrstandcncn)
4M, Ebcnso Frister, AT, § 12 Rn. 2; Renzikowski, Tiitcrbcgriff, S. 227 f.; Sauer, Fahrliissig- Erkcnnbarkcit dcrTatbcstandsvcrwirklichung auch Schmidhduser, .FSSchaffstcin, S. 145, 157;
kcitsdogmatik, S. 45 f.; Toepel, Kausa!itiit, S. 37; Burkhardt, Vcrhaltcn, S. 1l3, 126, [29. Schrocde1~JZ 1989, 776 ff. - DaB die Prüfung dcr subjcktivcn Zurcchnung nicht wic von dcr
467 So I-leínrich, AT 2, Rn.1010, 1027; iihnlich S/S-Cramer/Sternberg-Lieben, § 15 hcrrschcndcn Mcinung angcnommcn ;,,wcistufig zu crfolgcn hat - auf cinc objcktivc MaBpcr-
Rn. 121;}eschech.!\Yleigend, AT, § 54 J 3 (S. 565); Bringewat, Grundbcgriffc, Rn. 692; Kamps, son bczogcn bcim Unrccht, auf die individucllcn Fahigkcitcn des T1itcrs ausgcrichtct bci dcr
Arbcitstcilung, S. 25; Kretschmer, Jura 2000, 269. Schuld (Nachwcisc obcn S. 261 f. Fn. 32) -, sondcrn cinstufig, crgibt sich bcrcits aus dcr obi-
'168 Engisch, Untcrsuchungcn, S. 269. gcn Kritik an dcr hcrkéimmlichcn Unrccht-Schuld-Untcrschcidung. Dics bcdcutct allcrdings
46 <) Engisch, Untcrsuchungcn, S. 269 f. nicht, daíl, die hicsigc Auffassung cincr pauschalcn Individualisicrung des Sorgfaltsmaíl,stabcs
·170 Engísch, Untcrsuchungcn, S. 271. das \Xlort reden würdc: Damit cinc habitucHc I--Ialtung dcr Rcchtsuntrcuc nicht bclohnt wird,
471 Engísch, Untcrsuchungcn, S. 272 f. ist cbcnso wic bcim Vcrhotsirrtum im cngcrcn Sin ne (dazu obcn S. 329ff.) cinc gcwissc Ob-
472 Engisch, Untcrsuchungcn, S. 273. jcktivicrung des BcurtcilungsmaEstabcs unvcrzichtbar (n1ihcr unten S. 341 ff.).
336 .3. /(apite!: Die \lerlct%1fngder strafrecht!ichen Mitwirkungs¡:,flicht B. Die Gren:,,,endcr Zurcchcnbarlwit 337

tcnsnormwidrigcs Vcrhaltcn nicht als Vcrwirklichung von Kriminalunrccht laubtc Risiko wcist cinc notstandsiihnliche Bcgründungsstruktur auf 481: ,,Un-
zugcrcchnct wcrdcn kann? schuldigcn" w~r_dcin Stück ihrcr Frcíhcít (in Gcstalt der Daseinssicherhcit gcwis--
s~r Rcchtspos1t1oncn) gcnommcn, damit andcrc aus eincr ,,Notlagc" - n;imlich
b) Das erlaubte Risiko erncr übermifügcn Einschrankung ihrcs Handlungsspielraumcs - bcfreit wcr-
Wic im 2. Kapitcl dargelcgt wurdc, ist die in cincr konkrctcn Handlungssitua- dcn482.] rn Untcrschicd zur Notstandsrcchtfcrtigung, die auf singularc Konfliktc
tion [Link] Vcrhaltcnsnonn das Produkt cincr Zustiindigkcitsanalysc. zugeschnittcn ist, bczicht sich das crlaubte Risiko allcrdings auf bestirnmte so-
Die von dcr hcrkümmlichcn Strafrcchtsdogmatik bcfürwortctc Auftcilung dcr zialc Praktikcn als ganze 483 . Die darin liegcndc Vcrschicbung van ciner Einzcl-
rnaggcblichcn Bcurtcilungsgcsichtspunktc auf die Ebcncn von Tatbcstandsmii.- fa\1-zu cincr ,,Globalabwagung" 484 bedcutct für die Handclndcn cine Enrlastung
fügkcit und Rcchtswidrigkeit ist vcrbrcchcnssystcrnatisch bcdcutungslos. Ein von Reflexionspflichtcn' 185. Sic dürfcn den Bercich des erlaubten Risikos ausnut-
Vcrhaltcn, das durch cincn Rechtfcrtigungsgrund gcdcckt ist, ist also iuBcrlich zcn, ohnc ihre (hiiufig weitergehcnden) Fihigkeitcn zur Risikominderung voll
sorgfaltsgcmiil1 und bcrcits aus dicsem Grundc nicht fahrliissig 477 . Dcr Bcrcich cinsctzc_n zu müssen 486 und ohnc dais sic übcr die konkrcte Vorzugs,vürdigkeit
auBcrlich sorgfaltsgcmifkn Handclns crstrcckt sich abcr noch crhcblich weitcr. dcr von 1hnen vcrfolgtcn Bclange gcgcnübcr den Intercssen der durch ihr Vcrhal-
Kcine Vcrhaltcnsnorm vcrbictct schlcchthin allc Handlungen, ,,vermügc ,vcl- tcn Gefahrdcten Rcchcnschaft abzulcgcn hi:ittc11487,
cher es blof?. mOglich [... ] ist, daG. cin Mensch cines Guts beraubt", allgcmci-
ncr gcsprochcn: daB ein strafrcchtlich bcachdichcr Erfolg hcrbcigcführt wird; Charaktcr dcr Fahrl.:issigkcitsdc!iktc den Boden (wic hicr Frcund, A'\', §5 Rn. 3; Gropp,AT,
§ 12 Rn. 75, 97; Jakobs, AT, 9/12; Bohncrt, ZSt\'\1 94 [!982], 80). Sowohl bcim Vorsatz- a!s
dcrart rigorosc Vcrbotc warcn nimlich, wie bcrcits Stübel hcrvorhcbt, mit dcr
aueh bcim Fahrbssigkcitsclclikt [Link] 'Litcr den gcnaucn Vcrbotsinhalt aus dcm gcsctz!ich
auBcrcn Frciheit der Mcnschcn unvcreinbar. ,,Dcnn die mchrstcn Handlungcn vorgcgc_bcn Vcrursachungsvcrbot sclbst ablcitcn (jalwbs, aaO). Zwar mag es zucrcffcn, dafl.
sind so bcschaffcn, daB sic die MOglichkeit ciner aus ihncn cntstchendcn Rcchts- fal11:liiss1gcsVcrhaltcn sich, wcil die dclikt_ischc Ziclsetzung fchlt, hiiufigcr im Grcn7,bcrcich
vcrletzung nícht [Link]. Es würdc dcr Mensch, wcnn man das Recht an- der Zurechnung bc~vcgt als vors;üzlichcs. Daraus rnit Roxin (J\T l, § 24 Rn. 95) und LK-Vogcl
(§ 1~ Rn. 204) auf c1.ncnUme_rschied an Bcsti_mmthcit z,vischcn bcidcn Dcliluskatcgoricn zu
nehmcn wolltc, die Unterlassung alter dcrgleichcn Handlungcn zu fordcrn, in
schhcgcn bcdcutct ¡edoeh, eme qualitati1.Je1:ragc (,,Wic bcstinum sind die normativcn Vor-
dcr Vcrfolgung sciner Zwccke ganz gchcmmt und allcr Vcrkchr mit andcrn gabcn?") mit cincr q1rantifiúcrcndcn Thcsc (,,Wic oft kommt es zu Unsichcrhcitcn bci dcr
Menschcn aufgchobcn wcrdc11."•í78 rechtlichc1; Würdigung cines Vcrhaltcns?") zu vermcngcn. Zwar kann cinc Hiiufung von Pro-
Die strafrcchtlichen Vcrbotsnormcn sind demnach nicht nur Vcrbots- (bzw. blcmcn bc1 der Nonnanwcndung auf ciner unbcfricdigcndcn Normfassung bcruhcn, clics
mufl abcr kcincswcgs so scin, und im hier intcrcssiercndcn Kontext ist es gcwig nicht so: Die
Gcbots-)normcn, sondcrn zuglcich auch Erlaubnisnormcn: In cincm gcwisscn
Normfassung des §212 ist in ihrcr Umschrcibung des objektiv-tatbcstandlichcn Verhaltcns
AusmaB gcstattcn sic riskantes Vcrhaltcn unter Inkaufnahmc des Umstandes, n!cht bcstimmter als die des §2_22StGB, und dcr rcchtswisscnschaftlichcn Konkretisicrnng
daG. es dadurch gclcgentlich zu cincr Schadigung der Belangc andcru Personen d1cscr kargcn Vorgaben dureh die I..chrc von dcr objcktivcn Zurcchnung kann man cines nicht
kommcn kann 479 • ,,Aus dcm erlaubten Risiko des Handclndcn folgt cin unbe- vorwcrfcn: nicht hinrcichcnd subtil ;,:usein.
m So bcrcits Rinding, Norrncn, Bd. IV, S. 432 Fn. l.•·· Aus dcr hcutigcn Literatur: ja-
wehrt:es Risiko des andcrcn Vcrkchrsteilnchmers." 480Das so verstandcne cr-
kobs, AT, 7/35; ders., Fahr!iissigkcitsdclikt, S. 13; dcrs., FS Bruns, S. 34 Fn. 8; Lübbc, Vcrant-
wortung, S. 185 f.; dies., DZPhil 1995, 953 ff.; Sch!ehofer, NJW 1989, 2021; Schmidhduser, FS
m Obcn S. 213 Fn. 383. Schaffstcin, S. 139. - Kritisch Dtt1tge, FS Maiwald, S. [39.
4 2
m Stiibel, NACrim 8 (l825), 264. - Von cincr ,,al les SO'l,ialcLcbcn crstickcndc!_n.lAmmen- ~ In dcr Sache wic hicr Schiircr-Jv!ohr,Risikcn, S. 97.
4
wirtschaft" spricht JaJwbs, FS Samson, S. 46. ~-; Bíndíng, Normcn, Bd. IV, S.432 Fn. 1. - Aus dcm hcutigen Schrifttum: Roxin, AT 1,
m Diskussionspriigcnd lhnding, Nonncn, Bd. IV, S. 432 ff.; eincn Übcrblick [Link] weitcrc § 11 Rn. 66; Liibbe, Vcrantwortung, S. 184, 192; Schiirer-Mohr, Risikcn, S. 99.
484
,v!chtige Stationcn dcr Dogmcngcschichtc gibt Schiirer-Mohr, Risikcn, S. 30 H. - Im hcuti- Roxin, AT l § 11 Rn. 66.
485
gcn Schrifttum stüfü diese Übcrlcgung allcnthalbcn auf Zustimrnung; vgl. ctwa M K-Duttgc, Liihhe, DZPhil 1995, 953; cbcnso Duuge, FS Mai,vald, S.139.
§ 15 Rn. 134; Ebert., AT, S.166; Haft, AT, S.167; 1-Ieinrich, AT 2, Rn.1035; !-Ioffmann-1-Iol-· ,rnr,Bockelma,1111,Aufsiitze, S. 203; !-ler?.berg,Vcrantwortung, S. 171.
!ami, AT, Rn. 823;Jakobs, AT, 7/35 ff.; ders., Systcm, S. 29;jeschcckl\\'le1~~end, AT, § 25 IV l m_ Dcshalb chrf bcispiclswcisc bei der Untersuchung dcr Fragc, ob cinc Autofahrt sich
(S. 251 f.);§ 55 l 2 (S. 579); Kindhansa, AT, § 33 Rn. 8, 26; Kohler, AT, S. 173 f., 185 f.; K;;b/, AT, noch 1m Rahmcn des crlaubtcn Risikos bewcgtc, die Motivation des 1:ahrers keinc Rolle spic-
§ 17 Rn. 16; Roxin, AT 1, § ll Rn. 66. lcn; cntgegcn Schiinemann (]A 1975 576) kommt es also nicht darauf an, oh an dcr [Link]-
°
48 Kriimpelmann, FS Laclrncr, S. 299. - Das Institut des cdaubtcn Risikos gilt für Fahr-
nmg der Fahrt lcdiglich ein ,,cxzentrischcs lndividualintcrcsse" bcstand odcr ob dcr Fahrcr
liissigkeits- und Vol'satzdcliktc glcichcrmagcn (unten S. 343 f. Fn. 528,373). Die dan.1it_vollzo- als Lcistungstriigcr aus dcr Mittc dcr Gescllschaft auf dcm Wcg zur Arbcit war. \Vic hicr
genc systcmatischc Verankcrung des Sorgfaltscrfordcrnisscs in dcr Allgcmcincn Vq·br~/1cns- Duttge, Bcstimmthcit, S. 431; Schiircr··Mohr, Risiken, S. 99; Roxin, AT l, § 11 Rn. 66 (andcrs
lchrc cntzicht dcr auf Welzel (Strafrccht, S. 131;ders., Abhandltmgcn, S. 324; cbcnSOje__séhcckl nber § 24 Rn. 39). -Eincn unangcmcsscn rnoralisicrcndcn Bcigcschmack hat auch die nicht sel-
"\,'i/cigend,
AT, § 54 I 3 [S. 564]; Krey!Esse1;AT, Rn. 1350; \Y/essels!Beul!?e,AT, Rn. 660; Schroc- ten anzutrcffcndc Rede von .,sw,ialcn Wcrt'' bzw. dcr sozialcn Billigungswürdigkeit eincr bc-
dcr,JZ 1989, 779) zurückgehendcn Auffassung vom ,,offcncn" bzw. ,,[Link] tigcn" stimmtcn Tiitigkeit (Ll(..Vogel, § 15 Rn. 2 17;Roxin, J\T l, § 24 Rn. 39; Burgsta!ler, Fahrliissig•·
338 3. I<apitc!:Die Verlctzung dcr strafrecht!ichcn Mitu1idwngspflicht. B. Die Grcm~cn dcr Zurcchc11harf¿ci1 339

Die Parallclc zum rechtfcrtigcndcn NotstancP 88 lcgt es nahc, cbcnso wic die- scllscbaftlichcn Usanccn ganz im Bclicben des einzdncn stcht (etwa die Tcil-
sen auch das Institut des crlaubtcn Risikos als cinc Art Vcrtrag auf Gcgcnscitig- nahme an cincm Boxkampf)" 19·1•
kcit 7,U vcrstchcn ~ nur daR Gcgcnstand dieses imaginaren Vcrtrags nicht die Ein- Die Wclt, auf die das cigcne Vcrhalten trifft, ist allcrdings in dcr Rcgcl ,,cinc
raumung zusatzlicher Sichcrungsoptioncn für Notfallc, sondcrn umgckchrt die vcrantwortlich gcstaltcte Wclt" 495 . Dcr zur Prüfung stehcndcn Handlungspraxis
Ausweitung des ansonstcn verfügbarcn Handlungsspiclraumcs ist. Die Auswci- dürfcn dcshalb [Link] nicht jcnc Gcfahrdungsantcilc zugcrechnct wcr-·
tung von I--:Iandlungsspiclriiumen um den Preis cincr Stcigcrung von Lcbcnsrisi- den, die auf das cigcnvcrantwortlichc Fchlvcrhaltcn andcret· Personen zurück-
kcn muis dcshalb grossomodo für allc Bürger eincn Frcihcitsgcwinn abwcrfcn~ 89 . gchcn. Andcrnfalls würdc die Entlastungswirkung des crlaubtcn Risikos in dcm
Dies ist, wicdcrum parallcl zur Situation bcirn rcchtfcrtigcndcn Notstand, nur wcitcn Bcrcich komplcxcr Gcschchcnsablaufc, die arbcitstciliges Zusammcnwir-
dann der Fall, wcnn das Handlungsfrcihcitsintercssc das Schutzintcrcssc cindcu- kcn crfordcrn (und entsprcchcnd fchlcranfallig sind), im Ergcbnis wcitgchend
tig überwicgt 490 . Es kommt also cincrscits darauf an, wclchc Bcdcutung dcr in obsolct wcrdcn 496 . Die Müglichkcit cines solchcn Fchlverhaltcns hat also bci dcr
Rede stchcnden Praxis nach MaBgabc dcr gcscllschaftlichcn Organisations- und Festlcgung dcr Grcnzc des crlaubtcn Risikos prinzípicll [Link] Acht zu bici ben;
Erwartungsstrukturcn für cinc freihcitlichc Dascinsgcstaltung zukommt 491 und man spricht insofcrn vom Vcrtraucnsgrundsatz 497 . ,,Entgegcn dcm wortatmo-
wclchen Aufwand ctwaigc Mafinahmcn zur Risikoausschaltung mit sich bringcn sphirischcn Eindruck ist der Vcrtraucnsgrundsatz Ausdruck libcralistischcr
würden 492 . Andcrcrscits sind das Schadigungspotential dicscr Praxis - wclchc Harte; man vcrtraut nicht dcr Hilfs- und Schutzbcrcitschaft cincr ,Vcrtraucns-
rcchtlichcn Bclange wcrden in wclchcm AusmaB gcfihrdet? 493 - sowie die Aus-· pcrson', sondcrn vcrliG.t sich im Intcrcsse ungchcmmtcn Vorwi"irtskommcns auf
wcichmüglichkeitcn dcr von ihr Bctroffcncn in Anschlag zu bringen: Gcfahrcn, die Vcrkchrstüchtigkcit und den Sclbstcrhaltungswillcn cines Frcrnden." 498 Ent-
dcnen man nur um den Prcis cines wcitgehcnden Vcrzichts auf gcscllschaftliche sprcchcnd der Sachlagc im Bcrcich dcr Rcchtfcrtigungsgründc 499 wird frcilich
Kontaktc cntgchcn kann (Mustcrbcispicl: die Risikcn des Straficnverkehrs), sind auch bicr das Prinzip der Eigcnvcrantwortlicbkcit vom Gedankcn dcr Solidaritit
ceterisparibus strcngcr zu bcurtcilcn als Risiken, dercn Eingchung nach den ge- übcrlagcrt 500 . Von dcr Müglichkcit des Fchlverhaltcns cines andcrcn darf dcshalb
jcdcnfalls dann nicht abgcschcn wcrdcn, wcnn dicscr zurcchnungsunfahig ist 501 ,
Abcr auch solchc Personen, dencn, wicwohl sic in rcchtlichcm Sinnc cigenver-
kcitsdelikt, S. 58). Die ihm von Rcchts wcgcn zustchcndc Hand!ungsfrciheit soll es dem ein- antwortlich sind, crkennbar die Kcnntnis dcr Rcgcln odcr die M0glichkcit ih-
zclncn Bürgcr gcradc crmüglichcn, scinc (nichc rcchtswidrigcn) Planc unabhi"ingig von dercn
gcsellschaftlichcr Bi!ligung zu vcrfolgcn (klarstc!lcnd bcrcits Oehle~; FS Eb. Schmidt, S. 245).
488 Zu dcsscn Lcgitimation o ben S. 249 f.
489 Ahnlich MK-Duttge, § 15 Rn. 134; Jakobs, AT, 7/35; Schiirer-Mohr, Risikcn, ·194 Schiircr-Mohr, Risikcn, S. 116, 146.
S. 100 (die allcrdings cinc - bci Zugrundclcgung cíner frcihcitsthcorctisch reflekticrtcn •l'JS Jalwbs, Zurcchnung, S. 66.
Notstandskonzeption cntbchrlichc -· Paral!clc zur mutmaalichcn Einwilligung ;,,icht [aaü, ·I% .fakohs, AT, 7/53; dcrs., Fahrli"issigkcitsdclikt, S. 17; Ida, FS Hirsch, S. 238. -J\llcin auf
s.86, 146]). den Grundsatl. dcr Sclbstvcrantwortung ;,.u vcrwciscn (so etwa Schumann, Handlungsun-
.;'Jo P. Frisch (Fahrli"issigkcitsdclikt, S. 99) lafü demgcgcniibcr bcrcits cin cinfachcs Übcr- rccht, S. 10),gcnügt nicht. ,,D,d!.Drittc [Link] ihr Vcrhaltcn vcrantwort!ich sind, bcdcutct nicht
wicgen ausrcichcn. - Übcrwicgcnd bcgnügt sich das Schrifttum zum crlaubtcn Risiko damit, unbcdingt, dates korrckt scin wird." (Peter, Arbcitstcilung, S. 15) Erfordcrlich ist dcsha!b die
den zugrundclicgcndcn Konflikt (Handlungsfrcihcit versus Rcchtsgütcrschutz) zu bcncnncn, ,.usi"it:dichc Annahmc, da/\ die andcrcn von ihrcr rcchtlíchcn Handlungsfreihcit rcgclmi"[Link]
auf das Erfordcrnis eincr Abwagung zu vcrwciscn und die maBgcblichcn Abwi"igungsfaktorcn cincn pflicht·· bzw. (sofcrn es um das Vcrhaltcn des Verlctztcn sclbst gcht) oh!icgcnhcitsgc-
zu bcnenncn. Hingcgcn wird vcrsi"iumc anzugebcn, wic weit sich die Waagc auf die Scitc dcr milkn Gchrauch machen. [Link] diese Zusatzannahmc gibt es gutc Gründc (cbcnso Frisch,Vcr-
Handlungsfrcihcit ncigcn muB, um die Zubilligung eincr gcncralisicrtcn Handlungscrlaubnis haltcn, S. 190 f.). Die J\ngchOl"igcn cincr nach MaBgabc dcr Frcihcitsidec organisicncn Bür-
zu lcgitimicrcn (ihnlich Liihhc, Vcrantwortung, S. 194). lm Hintcrgrund dicscr Darstcllung gcrgcmcinschaft sind darauf fcstgckgt, cinander als im Grundsav rcchtmifüg Handclndc
dürfte cinc ulllitaristisch inspiricrtc Kostcn-Nutzcn-Analysc stchcn, wic sic auch vom rccht-· [Link]. Nicht wcniger fcst [Link] - wcnn auch chcr in dcr Anthropo!ogic als in dcr
fcrtigcndcn Notstand her bckannt ist (ni"ihcr dazu Paw!ik, Notstand, S. 34 ff., 45 ff.). Utilita- hcutigen Rcdnsthcoric - ist die Vermutung, daB i\tlcnschcn in dcr Rcgcl danach trachtcn,
ristischc Bcgründungcn sind hicr indcsscn cbcnso wenig übcrzcugend wic dort (bcrcchtigtc Sc!bstschiidigungcn zu vcrmcidcn.
Kritik an dcrartigcn lntcrprctationsansi"itzcn bci Schiirer-Mohr, Risikcn, S. 83 ff.). m Er ist hcute fast allgcmcin ancrkannt: LK-Vogcl, § 15 Rn. 224 ff.; SIS-Cramcr/Stcrn-
491 Donatsch, Sorgfaltsbemcssung, S. 183 ff.; P. Frisch, Fahrli"issigkcitsdclikt, S. 99 ff.; hcrg-Licbcn, § 15 Rn. 148 ff.; SK-1-loycr, Anh. zu § 16, Rn. 39ff.; Gropp, AT, § 12 Rn. 36 ff.;
Schürcr-Mohr, Risikcn, S. 108 ff. Kindhiiuscr, J\T, §33 Rn. 30 ff.; Kiihl, J\T, § 17 Rn. 36 ff.; Roxin, J\T 1, § 24 Rn. 21 ff.; Wcsselsl
-192 LK-Vogc!, § 15 Rn, 217; Roxin, AT 1, §24 Rn. 40;Krctschmcr,Jura 2000, 271; Lenclmer, Bcrdkc, AT, Rn. 671.
498 Hcrzhcrg, Vcrantwortung,S.172.
FS Engisch, S. 500; Schüncmann, JA 1975, 576; Scchafl, JRE 2 (1994), 39 l.
493 LK-Vogel, § 15 Rn. 217; Roxin, AT 1 § 24 Rn. 40; Burgstaller, Fahrli"issigkeitsdclikt, 499 Obcn S. 244 ff.

S. 58; Schliichter, Grcnzcn, S. 16; Ida, FS Hirsch, S. 237; Krctschmcr, Jura 2000, 271; Lenck- s:io Ebcnso Kuhlen, Fragcn, S. 134.
ncr, PS Engisch, S. 500; Schiincmann, JA 1975, 576; Sccbafi, JRE 2 (1994), 391. :,oi /([Link],Fragcn, S. 134.
340 3. Kapite!: Die Verlctzung der strafrecht!ichen Mi11.oirkungspflich1 B. Die Grenzen rler Zurechcnharkeit 341

rcr Bcfolgung fcblt, vcrdicncn untcr dcm Gcsíchtspunkt dcr Solidaritit crhühtc Rationalitiit, die ohnc triftigcn Grund bciscitc zu schicben kcin AnlaB be-
Rücksichtnahmc 502 • Da nicrnand davor gcfcit ist, biswcílcn unvcrstindig zu stcht"512.
handcln 50 3,entspricht es dcm wohlvcrstandcncn Intcrcssc allcr Bürgcr, daG jc- Für wcitc Lcbensbercichc gibt es allcrdings kcinc dcrartigcn Normicrungcn.
mand, dcr mit geringcm cigcncn Aufwand- ctwa durch cinc Hcrabsctzung scí- Zwar vcrrnOgcn sích die Bürgcr dort hiiufig an den Vorgabcn dcr Rechtspre-
ncr Fahrgcschwindigkcit- die dringcndc Gcfahr cincr schwcrwicgcndcn Scha- chung zu oricnticren; dcnnoch wird man in vicien Fallen mit gutcn Gründcn zu
digung von cincm offcnbar dcsoricnticrtcn Mitbürgcr abzuwcndcn vcrrnag, unterschicdlichen Abwiigungscrgcbnisscn gclangcn kc'mncn. Diese Situation ci-
davon nicht untcr Vcrwcis auf dcsscn Eigcnvcrantwortlichkcit abschcn darf. ncr nicht vom Bürgcr zu vertretcndcn Normunsichcrheit ist bcrcits vom Vcr-
Das Mittcl dcr Abwigung hannonicrt angcsichts dcr unvcrmcidlichcn Vag- botsirrtum im cngcrcn Sinnc bekannt 513und muB in der gleichen \Xfcise wie
hcit viclcr scincr Parametcr allcrdings nur schr unvollkommcn mit dcm Zicl, dort bchandclt wcrdcn: Soweit die ,,praktizicrtc Rechtsordnung« Auslegungs-
den Bürgcrn vcrlaBlichc ,,Schcmata legitimen I-Iandclns" 504zur Verfügung zu spiclriiume offcnlafü, verstOfü cin Bürgcr, dcr diese in ciner der juristischen lex
stcllcn 505. Deshalb ist es nahclicgcnd, sich ,,routincmafüg auf jenc Form dcr artis cntsprechendcn Wcisc ausfüllt, schon ohjek.úv nicht gegcn das im lfand-
Lcgitimation cin[zu]lasscn, die in Fallen hartniickigcn Dissenses auch sonst als lungszcitpunkt maBgcblichc Vcrbot; dcm Bürger stcht insoweit also eín Beur-
cinzige Alternativc zurn Lcgitimatíonsvcrzícht offcnsteht: Das ist die Lcgitima- tcilungsspiclraum zu 514.
tion durch Hinweis auf die Rcsultatc der jeweils geltendcn legalcn Entschci-
dungsprozessc.'<506 Die Übertrctung von Rechtsnormen, die die Verhinderung e) Die Grenzen der Bemühensobliegenheit
von Erfolgen nach Art des eingetretenen bezwecken, ist deshalb in aller Regel Vcrglichcn mit cincr strikt am Zícl des Rcchtsgütcrschutzes oricnticrtcn Kon-
als Schaffung einer unerlaubten Gefahr zu qualifizieren 507 . Schwiicher ist die zcption führt das lnstitut des crlaubten Risikos zu eincr bctriichtlichcn Aus-
Priigckraft dcr von privaren Vcrbiinden gcschaffenen Vcrhaltcnsnormcn 508. Ih- wcitung der Handlungsspiclraume rcchtstrcucr Bürgcr. Die darin licgcndc
nen fchlt das Moment der demokratischcn Lcgitimation, das die spezifischc Au- Entlastungswirkung würdc jcdoch im Ergcbnis ,vcitgchend zunichtc gcmacht
toritiit gcsetzlichcr Sondernormen bcgründct. Dcnnoch sind sic mchr als bloBe werden, wcnn jedcr Bürgcr zur Abwcndung cincr ctwaigen strafrcchtlichcn
,,Aggrcgatc von Durchschnittsurtcilcn" 5º9 odcr gar nur ,,gcdanklichcs Spiclma- lnanspruchnahmc ,,auf Schritt und Tritt immer crst vorhcr zu überlcgcn hattc,
tcrial für den Rcchtsanwcndcr" 510. Als ,,Dokumentation rcdlichcr Praxis" 511 ob nicht nach irgcndwclchcr Scitc aus seincm Vcrhaltcn schiidliche Folgen cnt··
vcrkürpcrn sic viclmchr cinc ,,in dcr Rcaliti:it des tiiglichen Lebcns bcwiibrtc stehcn künntcn" 515. So büBt ctwa die Freistcllung von dcr Haftung für fcrn-
licgende Schadigungsmüglichkcitcn cinen Gutteil ihrcs Wertcs ein, wcnn dcr
502 Trcffcnd Kuhlen, Fragcn, S. 134. ~ Üblichcrwcisc wírd pauschal darauf vcrwicscn, es Bürger stets damit rcchncn muB, daB cin auf den crstcn Blick fernlicgend er··
dürfc nicht vcrtraut wcrdcn, wo Vcrtraucn crkcnnbar nicht gcrcchtfcrtigt sci (LK-Vogcl, § 15 scheincndcr Schadcn sich bei gcnaucr Erkundung a!lcr Tatumstiindc als na-
Rn. 227; S/S-Cramer/Sternherg-Lieben, § 15 Rn 150,213; Kindhauser, AT, § 33 R. 33; Kiihl, hcliegend erweiscn kónntc 516. Ebcnso wic im Bcrcich des Vcrbotsirrtums im
AT, § 17 Rn. 39; Roxin, AT 1, §24 Rn. 23).
5o., Nabcr dazu unten S. 342, 411.
504
Uibbe, Vcrantwortung, S.193; dies., DZPhil 1995, 957. 5 11 LK·Voge/, § IS Rn.223. - .i\hnlich Lackner/Kiihl, § 15 Rn. 39; Mt11mich!GOSsel!Zipf,
505 Schiirer-Mohr, Risikcn, S. 176 f. Fahrli'issigkcitsdclikt, S. 52; Ftisch, Vcrhaltcn, S. 112 f.; !Jerz-
AT 2, § 43 Rn. 54; IJ11rgsta!lcr,
506
Lühbe, DZPhil 1995, 962. - Ebcnso MK..-Duttge, § 15 Rn.139; ders., FS Maiwald, bag, Vcrantwortung, S. 159 f.; Kuhlen, Fragcn, S. 12l f.; Mihus, Vcrhaltcnsnorm, S. 106, 132;
s.141 f. Lcncknei~ 1:5 Engisch, S. 498.
507 rn O ben S. 323 ff.
S/S-Cramer!Sternberg-Lieben, § 15 Rn. l35;]akobs, AT, 7/44; Maurach!GOsse/JZipf,
AT 2, §43 Rn.48; Roxin, AT 1, §24 Rn.17; Donatsch, Sorgfaltsbcmcssung, S.121 f.; llerz- 51·1 Ebcnso Mikus, Vcrhaltcnsnorm, S. 182. - Die Rcchtsprcchung ist zur Zichung dicscr

berg, Vcrantwortung, S. 159; Mikus, Vcrhaltcnsnorm, S. 66 ff., 132; Kretschmer, Jura 2000, Konscqucnz nicht bcrcit. Ebcnso wic bcirn Vcrbotsirrtum irn cngcrcn Sin ne kontrollicrt sic
270; Lenclmer, FS Engisch, S. 494. -Mituntcr mag es frcilích so licgcn, daR die Gcfahrlichkcit die Abwiigungscntschcidung des I--Iandclndcn in vol!cm Umfang nach; niihcr Mihus, aaO,
des konkrct in Rede stchcndcn Vcrhaltcns signifikant von dcr in dcr Sondcrnorm schcmatisch s. [69.
515 A, KOhlcr, GS 95 (1927), 121.
vorwcggcnommcncn Gcfiihrlichkcitsprognosc abwcicht. In diesen - abcr auch nur in diesen
516 Dics ist keincswcgs cinc bJog thcorctischc, sondcrn cinc praktisch h0chst bcdcutsamc
·- [Link] die priigcndc Kraft dcr gcncrcllcn Sorgfaltsnormcn an ihrc Grcnzc (niihcr Boh-
nert, JR 1982, 9 f.;Jakobs, Fahrliissigkcitsdclikt, S. 20). Gcfahr. Vcrantwortlich dafür ist vor al!cm dcr Umstand, dag dcm crhcblich cnvcitcrtcn Wis-
508 Jakobs, AT, 7/45; Maurach!GOssel!Zipf, AT 2, §43 Rn.54; Roxin, AT 1, §24 Rn. 19; scn um Ursachcnzusammcnhiingc kcin cntsprcchcndcr Ansticg praktikablcr Vcrmcidungs-
Kretschmer, Jura 2000, 270. stratcgicn cntspricht. Hiiufi.g wciR dcsha!b cin Bürgcr ,,;,.uYicl, um sich gutcn Gcwisscns auf
509 MiriCka, Formen, S. 159. Automatismcn zu vcrlasscn, und zu wcnig, um Routinchandhmgcn cffcktiv durch bcwufüc
510
So abcr Schiinemmm, FS Lackncr, S 389. und damit zwangs!aufig zcitraubcnclc Sclbstrcílcxion zu kontrollicrcn" (Roth, Strafbarkcit,
511
LK-Vogcl, § 15 Rn.223. s.13).
3. Kapitel: Die Verlctzung der strafrecht!ichen Mitwirkungspflicht B. Die Grcnnn der Zrm:chcnbarkeit 343
342

cngcrcn Sinnc führt mitbin auch in dcr Rcgion dcr Tatumstandsirrtümcr cinc Im übrigen folgt die Kritericnbíldung zum Umfang dcr Bcmühcnsoblic-
Übcrspannung dcr Bcmühcnsanfordcrungcn dazu, daB rcchtstrcuc Bürgcr ihrc gcnhcit den Leitlinicn, die bcreits vom Verbotsirrtum im engercn Sinnc her
rcchtlichc Handlungsfrciheit nur zum 'l'cil ausnutzcn. Um dics zu vcrhindcrn, bckannt sind. MaGgcblich ist also cincrscits die Bcdcutung, die dcr vom [Link]
muB hicr wic dort mit dcr Entlastung auf dcr objcktivcn cinc solchc auf der vcrkanntc Umstand für cincn Zustand rcalcr Frcihcítlichkcit bcsitzt; insowcit
subjcktivcn Scitc cinhcr gchcn 517 • kommt es insbcsondcrc auf die Gr06e des drohcndcn Schadens sowic die In-
Es kommt hinzu, daG in viclcn Lcbcnsbcrcichcn Unachtsamkcitcn auf lan- tcnsitat dcr Gcfahr an. Andcrerscits spielt es cinc Rolle, wic die Rcchtsbc-
gcre Sicht unvermcidlich sind 518 • ,,Sclbst clcr gcwisscnhaftcstc Autofahrcr ctwa zichung bcschaffen ist, inncrhalb dcren die Bemühcnsoblicgcnhcit relevant
macht, wic jcdermann wciG, gclegcntlich cinen Fchlcr." 519 Lafst man diesen wird: Wcr auBcrhalb cines durch spczifischc Kompctcnzcrwartungen odcr
Umstand bci dcr Konturicrung dcr Bcmühcnsoblicgcnhcit unbcrücksichtigt, wcitrcichcndc Fürsorgcpflichtcn gckcnnzcichnctcn Sonderrcchtsvcrhaltnis-
so führt dícs für den cinzdncn Bürgcr zu dcr wcnig crfrculichcn Altcrnativc, scs agicrt, braucht ein gcringcrcs MaG an Bemühung anden Tag zu lcgen als
sich entwcdcr in cinc drastischc Einschrankung scincr Handlungsoptíoncn zu jcmand, dcr im Rahmcn cincr solchcn Sondcrbczichung titig wird 524 .
fügcn - cinc Haltung, die sich in dcr Lcbcnswirklichkcit frcilich nicht langc Zu pauschal ist dcshalb die vcrbrcitctc Bchauptung, jedcnnann müssc ct-
durchhaltcn licGc-, odcr aber darauf zu hoffcn, daB jcdcnfalls ,,nichts Schlim- waigc Sondcrkcnntnissc und -fahigkeitcn in vollem Umfang cinsctzcn 525 . Dcr
mcs passicrcn", dcr tatbcstandlichc Erfolg also ausblcibcn wird. Damit rückt Pflicht zur Rcspckticrung andcrcr Personen ist viclmchr nur die Oblicgcnhcit
das strafrcchtlichc Fahrl1ssigkcitsrcgimc (zwar nícht in scincr dogmatischcn zugeordnct, dicjcnigcn Fahigkeitcn einzusetzcn, die typischerwcisc crforder-
Ausgcstaltung ím Einzclfall, wohl abcr) in scincr praktischcn Gcsamtwirkung lich, aber auch ausreichcnd sind, um cinc Lcbcnssituation dcr bctrcffcndcn
in cinc bcdcnklichc [Link] zu der von Radbruch pcrhorrcszierten ,,vcrscham- Art schadlos zu meistcrn 526 . Dcr Einsatz wcitergchcnder Fahigkciten und ih-
ten Zufallshaftung" 520 . Dics spricht dafür, die strafrcchtlich vcrlangtc Sorg- ncn zu verdankcndcr Sonderkenntnisse liegt dagegcn auBerhalb dcsscn, was in
falt auf cin solchcs MaB zu bcschdnkcn, das sich rcalistischcrwcisc daucrhaft cincr vom Rcspcktierungsgrundsatz bchcrrschten Rechtsbczichung vcrlangt
durchhalten la(h 521 • Gcringfügigc Fchllcistungcn, die jedcrmann gclcgentlich werdcn darf. In bczug auf solche Kcnntnissc und Fahigkcitcn gilt dcshalb
untcrlaufen, stcllcn daher in strafrcchtlichcr Hinsicht cincn Fall von blois nicbts andercs als im [Link] alle andercn potcnticll frcmdnützigcn Rcs-
,,schcinbarcr Fahrlassigkcit" 522 dar; sic sind nicht strafwürdig
523

sourccn: Dcr Rcssourcenbcsitz des cincn gibt dcm andcrcn grundsatzlich kci-
ncn Rcchtstitcl auf cincn Rcssourccneinsatz zu scincn Gunstcn 527 . In dicscm
517 Zu Unrcchtwill Roxin (AT 1, §24 Rn. JOff.; ders., Chcngchi L.R. 50 [[994], 229 ff.) den grundlcgcndcn Axiom freihcitlichcn Rcchtsdcnkcns konvergicrcn Zustindig-
Tatbcstand dcr fahrlassigcn Dcliktc allcin durch die Lchrc von dcr objcktivcn Zurcchnung
kcits- und Zurcchnungslehre 528 .
ausfiillcn. Damit gcht ihm nicht nur die d1ffcrcntia specifica dcr Fahrliissigkcit vcrlorcn: Er
vcrf ügt übcr keincn !Jegriff di eser Unrcchtskatcgoric (ebcnso MK-Duttge, § IS Rn. 102; ders.,
Bestimmtheit, S. 28 f.; Saucr, Fahrlassigkcitsdogmatik, S. 203). Vor allcm lauft scinc Position
aus den im Tcxt gcnanntcn Gründcn auf cinc latente Übcrfordcrung dcr Hürgcr hinaus. gcr T6tungcn]; Koch, Entkriminalisicrung, S. 246 H.;ders., ZIS 2010, 182; Roth, Strafbarkcit,
518 Stratcnwcrth/Kuhlen, AT, § 15 Rn. 16; Grc1ff, Notwendigkcit, S. 132; J-Ien:bcrg, Vcr- S. [13 ff., 226; Schliichter, Grenzen, S. 83 f., 90, 93 f.; Freund, FS Küpcr, S. 68; Frisch, PS Strcc/
antwortung, S. 201; Koch, Entkriminalisierung, S 84 f.; Frisch,FS Strcc/Wcsscls, S. 97; Volk, Wcsscls, S. 97 L; ders., Straftat, S. !47 ff.; ders., Strafbarkcitsvoraussctzungcn, S. 226 f.;Hirsch,
FS Lampe, S. 536; Ida, FS Hirsch, S. 239; Vol!?,GA 1976, 177). - A. A. Wlehel, Strafbarkeit,
GA 1976, !76f.
51'J Stratcnwerth!Kuhlcn, AT, § 15 Rn. 16. s.235 ff.
524 In dicscm Sin ne bcrcits Lasson, Systern, S. 490 f. - Aus dcr hcutigen Litcratur: Kind-
510 Radbruch, Aussct;,,ung, S. 201 Fn. 2. - Ebcnso SIS-Cramer!Stcrnberg-Liebcn, § 15
Rn. 203a; von eincr Bagatcllisicrung dcr mcnschlichcn Kostcn des technischen Fortschritts hduser, GA 1994, 212 ff.
525 Nachwcise zum Meinungsstand obcn S. 262 Fn. 32.
spricht Roth, Strafbarkcit, S. 228. - Zudcm kann die abgcfordcrtc Willcnsanstrcngung, wcil
5u, Naher ]akohs, System, S. 32 f.
sic auf langcrc Dauer zu Ermüdungscrschcinungen führt, ihrc unfallvcnneidcndcn \'<1irkun-
527 Pawlik, Notstand, S. 14 ff.
gcn kontcrkariercn und sclbst zum Risikofaktor werdcn (Roth, aaO, S. 14).
528 Die Gcgcnansicht halt dcm cntgcgcn, dcr vom Strafrecht bczwccktc Rcchtsgütcr-
521 Ahnlich ([Link] sci auf cincn ,,gcncrdl noch vcrhaltnisma~igcn Aufwand")]a-
schutz [Link] ,,uncrtriglich vcrkürzt wcrdcn, wcnn die [Link] des schidigcndcn
kobs, AT, 9/26; Pfcffcrkorn, Grcnzcn, S.186.
522 So ]akobs, AT, 9/26. Erfolgcs, sclbst im Falt, dag dcr Ti ter sic individucll hiitte vorausschcn kónncn, nicht cinmal
sn Im Ergcbnis entspricht clics wcitgehcnd dcr im Schrifttum wcitvcrbrcitctcn Position, tatbcstandsmi\Gig warc" (Oehler, FS Eb. Schmidt, S. 237). Darnit crlicgt diese Auffassung
die nach dcm Vorbild von § 16 Abs. 2 AE cinc umfassendc Straffrcistcllung lcichtcr Fahr- dcm Grundgcbrcchcn des Rcchtsgutdcnkcns schlcchthin: dcr Ausb\cndung von 7'.ustiindig-
!assigkeit fordcrt (so LK-7'. Ví'altcr,Vor § 13 Rn.166; ders., Kcrn, S.439; LK-Vogel, Vor § 15 kcitscrwiigungcn (obcn S. 137ff.). Siitzcn wic dcmjenigcn Grecos: ,,\'</crmchr wciR, kann
Rn. 38; Baumann/Webcr/Mitsch, AT, §22 Rn. 67; Roxin, AT 1, §24 Rn. 92; KOhler, AT, S. 177, auch mchr und des,vcgcn soll er auch mchr", zugcspitzt zu: ,,A lle sollcn tun, was sic k6nncn,
189 ff.; dcrs., Kriminalpolitik, S. 45 f.; Stratcnwcrth!Kuhlen, AT, § 15 Rn. 56; Bockelmann, um Rechtsgutsbceintriichtigungen zu vcrmeidcn" (Greco, ZStW 117 (2005], 542 bzw. 550),
Aufsatz.c, S.216ff.; Gre1ff, Notwcndigkcit, S.150, 355 [allcrdings mit Ausnahmc fahrLissi- licgt lctztlich cinc utilitaristischc Begründungsstruktur ;,,ugrundc. Vorausgcsctzt wird cin
344 3. !(apite!: Die Verletzrmg dcr stmfrcchtlichen Mitwirktmgspflicht B. Die Grenzcn dcr Zurcchcnbarkeit 345

Einc Vcrschicbung des gcncrcllcn Erwartungsnivcaus kann sich frcilich nicht gcnügt, bcgcht bcrcits dadurch cinc Oblicgcnhcitsvcrlctzung, die als An-
cbcnso wic im Bcrcich der [Link] im cngcrcn Sin ne aus dcr vorn Tiitcr knüpfungspunkt Hir scinc Strafbarkcit dicncn kann 532 •
an den Tag gclcgtcn Sclbstdarstcllung crgcbcn. \Xlcr als Expcrtc auftritt, dcr Von jcncn Tatcrn, die sich zwar Mühe gcben, abcr aufgrund von kognitivcn
muB sich als Expcrtc bchandcln lasscn 529 . Zur Rolle des Expcrtcn gchürt es odcr technischcn Dcfizitcn nichtdas rechtlich Gcbotcnc treffcn, sind Delinquen-
nícht nur, [Link] bcsondcrc Kcnntnissc und Fahigkcitcn bcsitzt, sondcrn auch, ten zu untcrschcidcn, die psychisch so disponicrt sind, daB sie nicht dazu im-
dag cr sic zum \Vohl dcr ihm anvcrtrautcn Personen cinsctzt. Das gilt insbcson- standc sind, das von cincm rcchtstrcucn Bürgcr in ihrer Lagc cnvartcte MaB an
dcrc dcshalb, weil diese Personen mangcls cigcncr Fachkornpctcnz haufig nur Sorgfalt aufzubringcn. Ebcnso wic bci jcdem andcrcn Unvcrmógcn kornmt es
schr cingcschriinkt dazu imstandc sind, die J\uswirkungcn cines Sorgfaltsman- auch hicr darauf an, ob seinc Ursachen dcm '[Link] bclastcnd zuzurechnen sind,
gcls des Expcrtcn durch cigcnc Gcgenaktivititcn zu ncutralisicrcn. sic also gcscllschaftlich als scin ,,Wcrk" gcdcutct werdcn, odcr ob das Unvcrm0-
Wic aber, wcnn dcr Tiitcr sich in dcr kritischcn Situation zwar nach bestcn gcn auf Faktorcn bcruht, die als scbicksalhaft, dcr Disposition des Bctroffcncn
Kraftcn um cin korrcktcs Vcrhaltcn bcmüht, cr abcr trotzdcm vcrhaltcns- cntzogcn gclten. Bclastcndc Faktorcn sind insbesondcrc Glcichgültigkcit und
nornnvidrig handclt, wcil ihrn die Kcnntnissc bzw. Fiihigkcitcn fchlcn, die Rücksichtslosigkcit 533. Den Tiiter in diesen Fallen mit der Bcrufung auf sein in-
cr zur ordnungsgcm:lBcn Ausfüllung scincr Rolle bcnütigt? ln solchcn Fal- dividucllcs Unvcrmógcn davonkornmcn zu lasscn, licfc, wic bcrcits v. Bar hcraus-
len hat die Prüfung cincr etwaigcn Obliegcnheitsvcrletzung im Vorfeld der gcstcllt hat, auf cinc ,,Primic [... ] für dicjenigcn" hinaus, ,,wclchc nicht Ncigung
unmittclbar verlctzcndcn Handlung anzusctzcn. Wíe an frühercr Stclle dar- fühlen, sich um den Zusa,nmenhang dcr Dingc, um Naturgesctzc und um das
gclcgt wurde 530 , bcinhaltet die Bcmühensoblicgcnheit ncbcn der Sorgfalt bci was ncbcn ihnen vorgcht, zu kümmcrn" 534 . Es warc axiologisch widcrsinnig,
dcr Handlungsausführung auch die Erwanung an die Bürger, sich dicjcnigcn wcnn zwar cin punktueller Man gel an Rcchtstrcue den Dclinqucntcn belasten,
Kenntnisse und Fahigkcitcn zu vcrschaffcn, die sic dazu befahigcn, in kriti- cin cntsprechendcr liabitus ihn dagegcn entlasten würdc.
schcn Situationen zustiindigkcitsgcmiiB zu handcln. Jcmand, ,,dcr die Handc
nicht von Sachen wcggclasscn hat, die cr nicht vcrstcht" 531 , dcr also, gcnaucr
gcsagt, im Zugc <lcrBcgründung oder dcr Aufrechtcrhaltung sciner Sclbstdar- III. Erhchliche Erschwerung der Motivicrung zu
stcllung aus bclastcn<lcn Gründen verkcnnt, daB cr den Rollenanforderungcn verhaltcnsnormgemaflcm Vcrhaltcn

J. Die Obliegenheit zur Selbstmotivierung

kol!cktivcr Gcsamtgiitcrbcstand, 7,U dcsscn Erhaltung allc cin1,clncn nach Kraftcn bcitra- Zu wisscn, was in cincr bcstimmtcn Situation rcchtcns ist- clics ist das cinc. Sích
gcn sol!en. Aus dcr Dogmatik des rcchtfertigcndcn Notstandcs, in dcr frühcr ahnlich argu- zur Erfüllung dcsscn zu moti vieren, was man als rcchtlich gcbotcn crkannt hat
mcnticrt wurdc (Nachwcisc bci J>awlik, Notstand, S. 32 ff.), sind dcrartigc Bcgründungcn
-dics ist nicht scltcn ctwas andcrcs. Ohnc die Bcrcitschaft dcr Rcchtsgcnosscn,
mittlcrwcilc vcrschwundcn. In dcr Fahrlassigkcitsdogmatik leben sic dagcgcn untcrgründig
fon (kritisch auch]akobs, AT 7/49 ff.; ders., Systcm, S. 32 Fn. Sú, 34; ders., RW 2010, 309 ff.; das Rccht zu befolgcn, künntc cine Rcchtsordnung frcilich nicht übcrlcben. Für
P. Frisch, Fahrlassigkcitsdclikt, S. 80, 94; Weigend, FS Gósscl, S. 143 f.). - Die Bcschran- cinc Rechtsordnung, dercn Lcitidec die Frcihcit ist, giltdics in bcsondcrer Wcisc:
kung psychischcr Tatsachcn durch Zustandigkcitscrwagungcn gilt nicht nur für cinc Straf- Die gcncrclle Zurücknahmc hohcitlichcr .Kontroll- und Sanktionsinstanzcn,
barkcit wcgcn fahrlassigcr, sondcrn auch fiir cinc solchc wcgcn vorsatzlichcr Dcliktsbcgc-
wic sic cinc freihcitlicbc Rcchtsgcmcinschaft aus1,cichnct, kontcrkaricrt dcrcn
hung (cbcnso Jal~obs, AT, 7/49 f.; ders., Norm, S. 98; dcrs., RW 2010, 309 H.; Manso Porto,
Normnnkcnntnis, S. 126; Miissig, Mord, S. 182 f.; ders., FS Jakobs, S. 432; Vofigtitter, I-Iand- Stabilitiitsbcdürfnis nur dann nicht, \VCnn die cinzclncn Bürgcr durcb Sclbst-
lungslchrcn, S. 185 f.; Cornacchia, FS Jakobs, S. 57, 65; a.A. zulctztKindhdusc1; l·'SMaiwnid, kontrollc ausglcichcn, was íhncn an auBcrlichcr Kontrollc crspart blcibt 53 [Link]
S. 410). Vorsatz und Fahrlassigkcit stchcn in cincin Plus-Minus-Vcrhaltnis: Ein Vorsatzdc- den Oblicgcnhcitcn dcr Bürgcr gchürt es dcshalb nicht nur, ,,prüfcndc Beson-
likt ist cin qualifizicrtcs Fahr\assigkcitsdclikt (unten S. 373). 5ofcrn man dcm Tatcr kcincn
Fahrlassigkcitsvorwurf machen kann, wcil cr scinc Bcmühcnsoblicgcnhcit nicbt vcrlctzt
532 Gcwóhnlich wird von Übcrnahmcfahrlassigkcit gcsprochcn; vgl. nur LK-Vogc/, § 15
hat, schcidct des ha lb auch cin Vorsat;,,vonvurf aus. Ein Tiitcr, dcr cin lcicht zu vcrmcidcndcs
groGcs Unglück nicht abwcndct, ohnc dag ihm dcr Vorwurf cincr Ob!icgcnhcitsvcrlctzung Rn. 303 ff.;jescheck/Weigend, AT, § 551 3 a (S. 580), II 3 (S. 595); Ktihl, AT, § 17 Rn. 91; Roxin,
gcmacht wcrdcn kann, macht sich dcsha!b !cdiglich -- abcr immcrhin - wcgcn untcrlasscncr AT 1, §24 Rn. 36, 38, 117f.
533
Hilfclcistung strafbar (jakobs, Systcm, S. 33; ders., RW 2010, 312 f.). Bringewat, Grundbcgriffc, Rn.712;jeschcck!W.lúgend, AT, §57 II 1 (S. 594); Roxin,
529 Lesch, Vc1-brcchcnsbcg1·iff, S. 262;Jakobs, Systcm, S. 34; ders., GS Armin Kaufrnann, AT 1, §24 Rn.121; Burgstal!cr, Fahrlassigkcitsdclikt, S.189f.; Herzherg, Vcrantwortung,
S. 286; dcrs., RW 2010, 314; Lampe, ZStW 118 (2006), 17 f. Fn. 66. S.199f.;ders.,Jura 198•~,413.
5:io O ben S. 307 ff. s34 v. Bar, Gesctz, Bd. II, S. 4-50.
535
.'i.H Horn, GS 53 (1897), 90. Jakohs, ZSt\XI 118 (2006), 852 .
346 3. Kapiw!: Die Vcrlctzung dcr strafrechtlichen Mitrnirlwngs¡1flicht B. Die Grenzen der Lurcchcnharkcit 347

ncnhcit" bci dcr Ermittlung dcr rcchtlichcn und tatsichlichcn Rahmcnbcdin- daB cr das Koníliktgcschchcn vor die Tore des Rechts vcrlagcrt, dem ist es vcr-
gungcn dcr I-Iandlungssituaticm anden Tag zu kgcn 536, sondcrn auch, sich auf sagt, noch irgendwelche recht!ichen Kategorien darauf anzu\vcndcn. Dics hat
diescr Basis zu rcchtskonformcm Vcrhaltcn zu motivicrcn. gravicrcndc Konscquenzcn. Knapphcitcn, die den Vcrlust cxistcnticllcr Gütcr
Die Erfüllung dicscr Oblicgcnhcit kann dcm cinzelncn Bürgcr je nach Tcm- involvicrcn, sind dcmnacb ,,nicht gcordnct verwaltbar" 540 . So muB, wcr dcr ci-
pcramcnt und Situatíon untcrschicdlich schwcr fallen. In den rncistcn Alltags- ncn Konfliktpartci (dcm Eingrcifcndcn) zugcstcht, in Fallen existcnzbedrohcn-
situationcn sind die Lasten pflichtgemii~cn Handclns kaum spürbar, wcil dort der Gcfahrcn allcin untcr Bcrufung auf ihrc faktischcn lntcressen zu handcln,
cinc Pflichtvcrlctzung ohnchin nicht als crnsthaftc Vcrhaltcnsoption in Bc- Glcichcs auch dcr andcren Koníliktpartci (dcm Eingriffsadrcssatcn) konzcdic-
tracht gczogcn wird. Am andcrcn Ende dcr Skala rangicrcn die Falle, in dcncn rcn. Die Konstruktion cines ,,einscitig bindendcn Rcchtszustandcs" würdc
cin Bürgcr sich ohnc cigcncs Vcrschuldcn cincr schwcrwicgcndcn Gcfahr aus- niimlich geradczu cinc contradictio in adjeao darstcllcn; sic würdc dcm norma-
gesetzt sicht, zu deren Abwendung cr massív in die Rcchtsspharc cincr glcich- tiv Ungcbundcncn eincn untcr Glcichhcitsgcsichtspunkten inakzeptablcn Sta-
falls unschuldigcn andcrcn Pcrson cingrcifcn mu{t Darf die Strafrcchtsordnung tusvortcil gegcnübcr dcrn Gcbundcncn verscbaffcn. Folglich brauchtc dicscr bci
auch in cincm solchcn Fall an dcm Grundsatz festhaltcn, es sci allcin das scincr Abwchr nicht cinmal die (ohnchin scbon wciten) Notwchrgrcnzen zu
Problcm des Handclndcn sclbst, wcnn es ihm nicht gclingc, sich zu verhaltcns- rcspckticrcn 541 • Zudcm gcht in cincr solchcn Bctrachtungswcisc dcr Charaktcr
nonnkonformcn Vcrhaltcn zu motivicrcn? lm Ergcbnis wird diese Fragc allge- des ltechts als cincr transtemjJoralen [Link] verlorcn - ciner Ordnung, die
rncin vcrncint. Umstrittcn ist jcdoch seit jcher die Begründung. lnsbesondcre pcrsonellc und institutionclle Kontinuit3.t sichcrzustcllen hat und desbalb auch
im alteren Schrifttum wurde maílgeblich darauf abgestellt, daíl dcr ,,Sclbstcr- Vcrpflichtungen und sonstige Rollcnprigungcn des cinzclnen aus desscn Vcr-
haltungstrieb" des Taters Nacbsicht vcrdiene (2.), Diescr einseitig psychologi- gangcnhcit ancrkcnnt. Die Zugrundclcgung dcr Pcrspcktive des cinzclncn Indi-
sicrcndcn Sichtweisc stcllt die hiesigc Konzeption cinc normativ rcflcktícrte viduums, dcrn es nur um scinc je [Link] Sclbstcrhaltung gchcn kann, hat dcm-
Position gcgenüber, die auch der Rcchtsposition des von dem vcrhaltensnorm- gcgenüber zur Folgc, daB der Konflikt von scincr Vorgeschichte abgeschnittcn
widrigcn Eingriff Bctroffcncn Rcchnung tragt: Nur soweit diesen cinc Mitzu- wird. Die Verantwortlichkcit des Eingrcifcndcn für die Entstchung seincr Kon-
stindigkcit für die Bcwaltigung dcr Konfliktlagc trifft, ist cinc Einschrankung fliktlagc; scinc Rolle als Inhabcr cines Amtcs, das ihn zurn [Link].p;cn bcstimmtcr
der Bcmühcnsoblicgcnheit des Eingrcifcndcn lcgitimicrbar (3.). Gcfahrcn verpflichtct; scin Status als Bürger, dcr sich in die Ergcbnissc staat-
licher Vcrfahrcn schicken muB, auch wcnn cr sic für ungerccht halt - ali diese
2. Entlastung a1sKonzession. anden ,,Selbsterha1tungstrieb" des 7'aters? Faktorcn findcn in cincr konscqucnt aus dcm Sclbstcrhaltungsintcrcsse des cin-
zclncn abgclcítctcn Notstandskonzcption kcincn Ort·'H 2.
Die radikalstc Wcise des Umgangs mit Fallen existenticllcr Not bcstcht darin,
den Geltungsbercich des staatlichen Gehorsamsanspruchcs von vornhcrcin zu s4o Liibbe, Lebensnotstand, S. 317.
limiticrcn. Hobbcs hat das [Link] Bcgründungsmustcr vorgcgcbcn 537 ; S·ll Dics betont bercits KOSt!in, Systcm, S. 113. - Zu dieser Konsequcn:,, eincr hobbesia··

Pufcndorf und Fichtc ha ben es auf die Notstandsfragc angcwcndet 538 . Danach nisch inspiriencn Deutung der Notwchr obcn S. 238.
findct dcr staatlichc Gcborsamsanspruch scinc Grundlagc darin, daB dcr Staat s42 Dics crkcnnt schon W/achenfcld, Lehrbuch, S. 121. ~ Jm hcutigen dogmatischcn
Schrifttum wird dieser Einwand so formulicrt, daB die Fokussicrung auf den mcnschlichen
dcm Sclbstcrhaltungsintcrcssc scincr Bürgcr dicnc. Von dcnjcnigcn Bürgcrn, die Sclbsterhahungstrieb e.líeRcgelung des §35 Abs.1 S. 2 StGB nicht konsistent erkliiren kónne
crin ihrcm Strcbcn nach Sclbstcrhaltung allcin lassc, k0nnc cr dcshalb auch sci- (cxemplarisch LK-ROnnau, Vor §32 Rn. 326; MK-Miissig, § 35 Rn. 4; NK-Neumann, § 35
ncrseits nicht mchr die Einhaltung der rcchtlichcn Rcgcln vcrlangcn. Rn.4; S/S·Lcnckncr/Sternberg-Licben, Vorbcm. §§32ff. Rn.11D;Jakobs, AT, 20/l; Roxin,
Diese Dcutung durchschlagt jcdoch den Knotcn dcr Zurcchnungsproblcma- AT 1, § 22 Rn. 8; ders., FS Mangakis, S. 247; J-lornle, JuS 2009, 875; von philosophischcr Scite
Uibbc, Lcbcnsnotstand, S. 321 f., 325). - Desscn ungeachtet ist die Sogwirkung von I·Iobbcs'
tik, statt ihn aufzul0scn 539 • Wcr das Problcm dcr [Link] Legitimation Modell nach wic vor gro~. Stark hobbcsianischc Züge tdgt et\va die Position Bemsmanns
des zurcchnungsausschlicBcndcn Notstandcs dadurch abzuschüttcln sucbt, (,,Entschu!digung", S. 306 ff.). Den vorstehcnd aufgcnigtcn Konscquenzen dieses Ansat-
:r,cscntgeht Bcrnsmann nur dcsha!b, wci! crin dcr Entfa!tung sciner Notstandslchre mit der
Hobbes-spczifischen radikalcn ,,Emnormativicrung" des Naturzustandcs (dazu /(ersting,
5% Oben S. 307 f. Hobbes, S. 121 ff) nicht Ernst macht. Heispiclsweisc setzen Bernsmanns Bcfünvortung ciner
537
Dazu im cin%clncn Bernsmann, ,,Entschuldigung", S. 267 ff.;Liíbbe, Lcbensnotstand, Proportionalitit von Erhaltungs- und Eingriffsgut (aaO, S. 40! ff.) und scine Begründung
s.314 ff. der Pflichtencrhóhung in den Regclbcispiclen des §35 Abs. l S. 2 StGB mit dem ,,Vorvcrhal-
538 Vgl. Pufendmf, Pflicht, S. 68; Fichte, Grundlage, S. 246 f. - Ebenso Grolman, Grund- ten des (spiter) Gcfahrdcten" (aaO, S. 394) den Fortbestand von Rccht!ichkeit auch in dcr
sav.,,§§ 23, 138 (S. 20 f., 140). Notstandssituation als gcrndezu sclbstvcrstiindlich voraus. Auf den Versuch einer Wicderbc-
53'J So Jan ka (Notstand, S. 88) gegen Fichte. lebung des hobbcsianischcn Begründungsrnodclls liiuh auch die Deutung Momscns hinaus:
348 3. Kapitel: Die Vedetx,mg der strafn:chtlichen Mit'<uirkungspflicht [Link] Grcnun dcr Z11rcchc11barkcit 349

Im Untcrschicd zu Hobbcs argumcnticrt Kant nichtstaats-, sondcrn strafthco- gemcinert sic: Bci gcgcnwirtigcr, dringcndcr Gcfahr für das Lcbcn odcr cin an-
rctisch. Ebcnso wic scin cnglischcr Vorgingcr spricht abcr auch cr dcm mcnsch- dcrcs uncrsctzlichcs pcrsünlichcs Gut sci die ,,rnóglichc Wirksamkcit" des Straf-
lichcn Strcbcn nach Sclbstcrhaltung cinc gcwichtigc Rolle zu. Zwar bcstrcitct gcsctzcs auf das Bcgchren aufgchobcn 546. Einc untcr diesen Voraussctzungcn
Kant die Existcnz cines Notrcchts 543 ; in scincn Ausführungcn zum ,,Brctt des bcgangcnc Notstandstat sci dcm Titcr folglich nicht zurcchcnbar 5'17. Fcucrbach
Karncadcs" pladicrt cr abcr dcnnoch für die ,,Unstrafbarkcit" des Tütcrs 544. Das stcllt hicr nicht ctwa die (cmpirisch unhaltbarc) Thesc auf, daB dcm Mcnschcn
Strafrccht künnc hicr nimlich ,,die bcabsichtigtc Wirkung gar nicht habcn"; dcnn cinc unwidcrstchlichc psychischc Disposition cigcn sci, sich buchstiiblich um je-
die Bcdrohung mit cinem Übcl, das noch ungewifl sei (dcrn Tod durch den rich- den Prcis vor dcr Gefahr des cigcncn Untcrgangs zu rcttcll'~48 . Er zieht viclmchr
tcrlichcn Ausspruch), künnc die Furchtvor dem Übcl, das gewifl sci (das Ertrin- die Konscqucnzcn aus sciner Straftheoric von dcr negativcn [Link])
kcn), nicht übcrwicgcn [Link] grcift die Erwi:igung Kants auf und vcrall- zu dcr die gcnanntcn Erwigungcn Kants vorzüglich passcn 549 . Dicscr Straft-
hcoric licgt das Bild cines klug-bcrcchncndcn Individuums zugrundc, das davon
Das Strafrccht müssc so ausgestaltct sein, daís cin Hürgcr ,,jcdcr:,,cit scinc im Urzustand gc- übcrzcugt ,verdcn mug, da~ Straftatcn sich nícht Johncn" 550. Ebcn dicscr Nach-
dach.~c Frcihcit aufgcbcn würde, um zu gróBcrcm cigcnen Nutzen Sichcrhcit ;,_ucrlangcn". weis aber lafü sich, wic schon die Übcrlcgung Kants gczcigt hat, gcgcnübcr dcm
Die Ubcrnahmc cinci· Vcrpílichtung 7,ur Sclbsuufgabc ist dcmnach cvidcnt unvcrnünftig und
kommt dcshalb Momscn ;,_ufolgc als Inhalt cincr gcscllschaftsvcrtraglichcn Hindung nicht
mit cincr cxistcnticllcn Gcfahr konfronticrtcn Indíviduum nicht mchr führcn.
in Hctracht (Momsen, Zumutbarkcit, S. 78,384). Viclmchr stchc die Lcgitirnitiit siimtlichc,· Daraus rcsulticrt clic Sinnlosigkcit dcr Strafandrohung in solchen Fallen.
staatlichcr Zwangsaktc und damit auch dcr Sm'lfc untcr dcr Hcdingung, daE sic den Tatcr Nicht andcrs als clic hobbcsianisch [Link] Konzcptionen Iauft auch dcr
nicht zur Aufgabc dcr cigcncn Existcnz nOtigtcn (aaO, S. 186,536). Mit dicscr Konzcption Ansatz Kants und Fcucrbachs auf cinc jJunktualiúerende \[Link] des
sct;,,t Momscn sich samdichcn socbcn gcnanntcn Einwcndungcn aus. So ist er nicht dazu im-
stande, das Vorvcrhaltcn des Notstandstatcrs angcrncssen ;,,u crfa8sen. Nach § 35 Abs. 1 S. 2
Notstandskonfliktcs hinaus: ,,So wic Kant [und Fcucrbachi M. P.] argumcnticrt,
HS 1 StGB cntfallt die Entschuldigungswirkung des Notstands, wcnn der Tiitcr die Gcfahr wi:ircn die Ausnahmcn von dcr Entschuldigung im hcutigcn § 35 StGB falsch)
sclbst vcrursacht hat. Was aber ist die Verncinung ciner Zurcchnungsuntcrbrcchung im Fall weil dcr Zustandigc nicht bcsser abgcschrcckt wcrdcn kann als clcr Unzusti:in-
sc\bstvcrursachtcr Gefahrcn andcres als die Statuicrung eincr strafbcwehrten Vcrpflichtung digc!"551 Dcsscn ungcachtct wird die Straffrcihcit von Notstandscingriffen in
zur Sclbstaufgabc? [Link] vcrsucln, <licscm Einwand durch die Hchauptung 7,U bcgegncn,
scincr Konzeption zufolge bilde die Notstandshandhrng ,,nur den Anlag, nic abcr den An-
Fallen cxistcnticllcr Bedrohung auch im wcitcrcn Vcrlauf des [Link]
knüpf ungspunkt des strafrcchtlichcn Vorwurfs" (aaO, S. 362). Diese 1'hesc ist jedoch schwer- vcrbreítct auf den ,,Sclbstcrhaltungstricb" des Notstandstiücrs gcstützt 552. Al-
lich haltbar: Die Tathandlung cines Totschlags vcnvirkliche ich crst dadurch, daB ich meinen lcrdings wird dicscr Gcdankc zumcist nicht mchrin übergrcifcnclen straftheorc-
Konkuncntcn von dcr rcttendcn Planke stoGc und nicht schon dadurch, daB. ich rncin Schiff tischcn [Link] vcrankcrt, sondcrn cntwcder auf cine common sense-Plausi-
tmzurciehend rnit Rcttnngsbooten ausstatte. Noch gewichtigcr ist cin zwcitcr Kritikpunkt.
Momscn sclbst führt aus, daG in cincr Situation, in dcr die Erfüllung dcr Pflicht zur Nicht•·
bilit3.t :z,urückgcführt- dcr Staat kOnnc ,,cin sittlichcs Hcldcntum nícht bci Strafc
554
!>[Link] Personen existcnzvcrnichtendc Foigcn hattc, ,,die Bindungswirkung des fordcrn" 55J ~ odcr offcn als cin Gcbot dcr Kriminalpolitik ausgcgcbcn . Das
Gcsellschaftsvertrags" aufgehobcn sei (aaO, S. !88). Das ist gut hobbcsianisch gedacht: Dcr Aufkommcn des norrnativcn Schuldbcgriffs crOffnct sodann die MOglichkeit,
Zweck des Gchorsams ist Schutz. ,,Wenn der Leistung des cinzclncn [Link] kcine Gcgen-
lcistung de!>Staates folgt, wird es für den cinzclnen sinnlos, an der bctrcffendcn Regclung
des GeseHschaftsvcrtrags [Link]. Denn diese bringt ihm nur Nachtcile." (aaO, S. 369) Rcvision, S. 599; dens., System, S. 113;lldlschncr, Preufüsches Strafrccht, S. 273; \Y/csscly,Be-
\'X1ic kann Momscn dann abcr das Verhaltcn des Notstandstiitet's noch als Unrccht (gcgenübcr fugnissc, S. l l;janha, Notstand, S. 88.
dem Adrcssaten des Notstandscingriffs) qualifizicrcn (aaO, S. 196)? \'i?enn der Notstandstiitcr S·16 Fcucrbach, Lehrbuch, § 91 (S. 179). - Ebcnso Tiumann, Handbuch, §§ 97 f. (S. 239 H.);

angesichts scincr cxistcnticllcn Grenzsituation vom Gesellschaftsvertrag nicht mchr crrcicht Rofihirt, Lchrbuch, §25 (S. 54). •- Aus ncucrcr Zcit: Doh11a, ZStW 66 (1954), 512.
werdcn kann, entfallt nicht nur die Basis für die Statuierung von Kriminalunrccht, son<lcrn 5·17 Vgl. Feucrbach, Lehrbuch, §84 (S.153 f.). . ,
auch von interpersonalcm Unrccht. Letncrcs bcstrcitct Rcnzikowski. lm existenzbedro- 5 48 Diese Position wurde von einigcn Autorcn in dcr Tat vcrtrctcn; Nachwe1sc obcn S. 301

henden Notstand sci zwar die Offcntlich-rcchdichc Verhaitcnsnonn aufgehobcn; das Privat- Fn. 289.
rcchtsverhaltnis [Link] den Bürgcrn - und damit die Sclbstsehutzbcfugnis des Eingriffs- 5·19 f(Ost!in, Rcvision, S. 599; J-liilsdmcr, PrcuEischcs Strafrccht, S. 273; \Y/csscly, Bcfug-

adressaten-blcibc jedoch bcstchen (Renzikowslú, JRE l l [2003], 284). Dicscr Konstruktion, nissc, S. 11, 15.
die auf die Annahme cines -wenn man so will - rclativcn Naturzustandcs hinaustauft, gc- 550 Obcn S. 66 f.
551 / akobs (FS Krcy, S. 212 Fn. 12), der sich dieses Bcgri..indungsmodc\\ in cincr frühen Ar-
lingt es jcdoch ebcnsowcnig wie ihrer hobbcsianischcn Voriaufcrin, die Grenzcn der Ent-
[Link] des Notstandcs zu crkliiren; dazu sind viclmchr gcnuin rcchrlichc Katcgo- bcit übrigcns sclbst zu cigcn gemacht hat (]ako/1s, Swdien, S. l41).
ricn unvcrzichtbar. 5 52 [Link], ACrim (N. F.) 24 (1857), S. 403 f.; \Y/cssely, Bcfugnisse, S. 16 f.; Janka,
5-n Oben S. 248 f. Not!itand, S. 198 ff.; v. Wiichter, Strafrccht, § 56 (S. 139); 8crncr, Lchrbuch, S. 103; Oetkcr,
544 Kant, MS, Wcrkc Bd. 7, S. 343. Notwchr, S. 331; Wachcnfcld, Lchrbuch, S. 121 f.; Kohlrausch, SchwZStr 34 (1921), 174 f.
•'i 4.'i Kant, MS, Wcrke Bd. 7, S. 343. - Die Unvcrcinbarkcit dieser Begründung mit Kants 553 Bcmcr, I..ehrbuch, S. 103.

sonstige11 Ausführungcn zur Strafbcgründung ist schon früh monicrt worden; vgl. Kiistlin, 5 5·1 Wesscly, Bdugnisse, S.16f.
350 3. Kapitcl: Die Vcrlctzung der strafn:chtlichcn Mitwirkungspflicht B. Die Grenun dcr Zurechenharkeir 351

den vom ,,Sclbstcrhaltungstricb" ausgchcndcn spczifischen Motivationsdn1ck gestattct es dcr wcrtcndc Bcgriff dcr Unzumutbarkcit, der Nachsicht mit dcr
eincr inncrrcchtlichcn Bcgründungsfigur ~ dcr ,,Unzumutbarkcit" 555 bzw. dcm cxistcnzicllcn Not des Tiiters Grcnzcn zu zichen; wo diese im cinzclncn verlau-
Fchlcn cincr ,,rcchtsfcíndlichcn Gcsinnung" 556 - zuzuordnen. Inhaltlich ,vird fcn, lalh sich aus dcm Unzumutbarkcítstopos aber nicht [Link]) sondcrn
dabcí mit dcm [Link],oque-Gcdankcn opcriert, dcr bis hcutc im Mittclpunkt zahl- blcibt mehr odcr ,venigcr dem [Link]ühl des cinzclncn Interpreten übcrlas-
rcicher Bcgründungsansatzc steht: Wcil nicmand mit GewiHhcit von sich sagcn scn. Ungcachtct dcr ncuartigcn nonnativen Einklcidung blcibcn dcshalb die in-
künntc, daB crin der Lagc des Tatcrs andcrs gchandelt ha ben würdc, sci es angc- haltlichcn Problemc wcitgchcnd die altcn 559 .
mcssen, dicscm gcgcnübcr Nachsicht anden Tag zu lcgcnS57 • Ein inhaltlich gchaltvollcr Bcgriff dcr Unzumutbarkeit sctzt dcmgcgcnüber
Dcrartigc Bcgründungen bicten freilich kaum mehr als altcn Wcin in ncucn den Nachweis voraus) daG. das Selbsterhaltungsintcrcssc des [Link] nach dcr
Schlauchcn. Indirckt lcben sic nach wic vor von dcm Vcrstiindnis, das dem spezifischcn Zwccksetzung und Lcgitimationsstruktur des Strafrechts Beach-
Sclbstcrhaltungsintercsse des Eíngrcifcnden entgcgengcbracht wird 558 • Zwar tung vcrdicntsr,o. Dazu sind [Link] erfordcrlich, die ihrcrscits

sss Grnndkgcnd Goldschmidt, Notstand, S. 34; vgL fcrncr Liszt!Schmidt, Lchrbuch, Rudolphi, ZStW 78 [196ú_l, 81 ff.; SK-Rudolphi, § 35 Rn. 2 ff.; fcrncr HK-GS-Duttge, § 35
S. 283 f.; Henkel, FS Mczgcr, S. 289 ff.; aus dcr Rcchtsprcchung: RGSt 66,225. Rn. 1; I..K.~Rdnnau, Vor §32 Rn. 325; LK-Zieschang, § 35 Rn. 4; MK-Schlehofn; Vor §§ 32 ff.
55
(, Bockelmann, Untcrsuchungcn, S. 84 f.; Gallas, Bcitriigc, S. 68 f.; iihnlich I(Ohler, Fahr- Rn. 201; S!S-1-enckner!Sternherg-Uebcn, Vorbem. §§ 32 ff. Rn. 111; SIS-Pcrron, § 35 Rn. 2
lassigkcit, S. 404. [pcrron, Rcchtfcrtigung, S. 83, 90, % f. lic~ dcmgcgcnühcr noch cinc P6ifcrcnz Í[Link] die Pravcn-
557
Baumann/Weher!Mitsch, A'I: §23 Rn. 7; Heinrich, AT 1, Rn. 563; Hoffmann-f!o!land, tionslchren crkenncn]; SS\YI-Rosenau, § 35 Rn. 1; Bringewat, Grundbcgriffc, Rn. 586; Ehert,
AT, Rn. 398,414; Hmschka, Strafrccln, S. 267; Maurach!Zi¡Jf, AT l, §33 Rn. 4, 7; P1ippe,AT, § 17 AT, S. lOúf., 108; Gropp, AT, §7 Rn.64, 66; !-Jaft,AT, S.137;]cscheck!Weigcnd, AT, §43
Rn. 5; Rengier, AT, §26 Rn. l; Hard'lvig, Zurcchnung, S. 126; L1jJpold, Rcchtslchrc, S. 381; Lu- I 2, II 2, III 2 b [S. 476 ff._];Krcy!Esscr, AT, Rn. 748; I<ühl, AT, § l2 Rn. 1 ff., 18 f.; M11nnann,
gert, Gcfahrtragungspflic\nigc, S. 102 ff.; Réittger, Unrcchtsbcgründung, S. 247; T \'(!alter,Kcrn, Grundkurs, § 26 Rn. 55, 77; \'t/efael, Strafrccht, S. 178 f.; Wessels!l:ieulke, AT, Rn. 433, 446;
S. 136, 142; ders., 2. FS Roxin, S. 772 ff.; Frisch, Strafbarkcitsvoraussctzungcn, S. 245; H6rnle! Stratemucrth!Kuhlcn, AT, § 20 Rn. 99; Kiiper, JuS 1971, 477; Lenckner, Notstand, S. 35; Ul-
'l.'OnHirsch, Gcncra!priivcntion, S. 99; !!Onile, FS Tiedemann, S. 342; nahestchcnd Schmidhdu- senheimer, GA 1972, 23; Vogler, GA 1969, 105; i.E. auch NK-Paeffgen, Vor §§ 32 ff. Rn. 242,
ser, AT, 11/2, 4 f.; ders., FS Jcschcck, S. 494 f.;Silva Sánche'/..,FS Hruschka, S. 693. - Fristcr bcruft 252, 273, 275, 290). Zugunstcn des Notstandstiitcrs fiihn diese Lchrc nicht nur scinc scclischc
[Link] :-::urBcgründung des Un:-::umutbarkcitsurtcils darauf, dag die Hcwcrtung cincr Hand!tmg Bcdriingnis, sondcrn auch den Umstand ins Fcld, daG cr cin gcringercs Unrecht vcrwirklichc
nicht nur aus dcr ,,ncutralcn Pcrspcktivc dcr Gcmcinschaft" erfolgcn dürfc, sondcrn ,,(nuch) ah' cin .,gcw0hnlichcr" Tiitcr. Vom Notstandstiitcr wcrde niirnlich nicln nur die Vcrniclnung,
cinc ncgativc Bcwcrtung aus dcr Pcrspcktivc des Bctroffcncn sclbst" vorausscv,c (Frister, Struk- sondcrn auch die Erhaltung von Gütcrn intcndicrt (positivcr Handlungswert) und in dcr Re··
tur, S. 161).Dcrart atlgcmcin formulicrt, trifft clics jcdoch nicht ;,:u. Wcr die Bcwcrtung scincr gel auch CJTcicht (positiver Erfolgswcrt; cxcmplarisch Rudolphi, ZStW 78 p 966], 81 ff.; J\rmin
Handlung durch die Allgcmcinhcit aus massiv bclastcnden Gründcn (,,Rcchtsfcindlichkcit") Kaufmann laaO] hattc noch allcin auf die Vcrmindcrung des I·Iandlungsunwcrts abgcstcllt).
nicht nacbvollzicht, kann wcdcr reclnlich noch soz:ialmornlisch rnit Nachsicht rcchncn. Es Bedcnkcn bcstchcn nicht nur gcgcn die psychú!ogisicrcndc Begründung dcr Schuldminde-
kommt viclmehr darauf an, ob die individuellc Hcwcrtung sozia! als zumindcst [Link] rung (dazu sochcn im Tcxt), sondcrn auch gcgcn die angcblichc lJnrcchtsmindcnmg. Auf dcr
cingcsclüitzt wird. Dics ist Fristcr zufolgc in dcr typischcn Notstandssituation dcr Fall: Da wir Basis cines Rechtsbcgriffs, dcr cinc Zustiindigkcit [Link] zur Abwcndung dcr Not-
jcdcm cinzclncn Mcnschcn zugcstiindcn, (fag scinc cigcncn lntcrcsscn für ihn sclbst cincn hó- lagc andcrcr Bi.írgcr nur in cngcn Grcnzcn ancrkcnnt, stcllt cin (untcr [Link] existcnz-
hcrcn \'17crt biittcn als die cxistcnticllcn Intcrcsscn andcrcr Menschcn, scicn ,;vir bcrcit, ihn zu vernichtcndcr) Eingriff in die Rcchtssphiirc des Opfcrs nicht allcin aus dcm Grundc cin gc-
cntschuldigcn (aaO, S. 156). Entschcidcnd ist dcmnach auch bci Fristcr lctztlich das t1ltbckanntc ringcrcs Unrccht dar, daG ein andercr davon profitiert. Über diese Klippc hilft auch die Bcru-
Sclbstcrhaltungsmotiv. Wortmann crblickt die ratio des cmschuldigcndcn Notstands ebcnfalls fung auf das bcrcíts aus dcr Diskussion [Link] den rechtf ertigcndcn Notstand bckanntc Prin;,;ip
in dcm Gcdankcn dcr Unzumutbarkcit normgcmiigcn Vcrhaltcns (\'t/01·tmann, Inhalt, S. 110): des übcrwiegcndcn Intcrcsscs in dcsscn spezifischcr [Link] dcr Vorzugswürdigkcit des
Die Notstandssituation sci durch cincn Konflikt zwischcn uni\'crsalistischcn und loyalistischcn klcincrcn Übcls (grundlcgcnd Lenckner, Notstand, S. 89 ff.) nicht hinweg. Dieses Prinzip ist
WcrtrnaBstabcn gckcnnzcichnct. Die Rcchtsordnung dürfc sich dcr in dcr Rcchtsgcmcinschaft auf die Fntscheidungsfindttng cincr Einzelpcrson ;,.ugcschnittcn (Par,z;/ik,Notstand, S. 40); '[Link]
verwurzcltcn loyalistischcn Sozialmoral nicht vcrschlicBcn, dürfc abcr ebcnsowcnig ihrcr uni- Lüsung inte1personaler Konflikte ist es dagegcn ungccignct. Die von ihm gcf ordcrtc Gcsamt-
vcrsalistischcn Grundausrichtung untrcu wcrdcn. Dicscr ,,Spagat" las se sich am bcstcn dadurch saldierung von Gcwinncn une\ Vcrlusten ist bcrcits im Ansat:,,, unvcrcinbar mit ciner frcihcit-
vcrwirklichcn, daB die Notstandstat cntschuldigt werdc (aaO, S. 88). Auch dics ist zumindcst iichcn Strafrechtskom,cption, die den cin;,,clncn Bürgcr gcradc nicht ais bloBcn Funktioniir
ungcnau. Wic die Diskussion übcr die sogcnanntcn ,,Ehrcnmordc" schlaglichtartig bclcgt, sine\ übcrgcordnetcr Gcmcinwoh!bclangc, $Ondcrn als cinc sclbstiindigc und dcshalb grundsiitz-
loyaiisti$chc Sondcrmoralcn keincswcgs per se bcrücksichtigungsfahig. Wcnn dics bci dcr Bc- lich auf cigcnc Rcchnung und Vcrantwortung lcbcndc Pcrson begrcift. (Ahnlich wic hicr
vorzugung cigcncr cxistcnticllcr lntcrcsscn gcgcnübcr cntsprcchcndcn frcmdcn Bclangcn an- NK-Ncumann, § 35 Rn. 4; ders., Zui·echnung, S. 210 ff.; Puppe, AT, § !7 Rn. 4; Frister, Struk-
dcrs gcschen wird, $O deshalb, wcil dieser Loyalismus gcscllschaftlich so wcit vcrbrcitct ist, daB tur, S. 208 f.; florn/e, JuS 2009, 875 f.; Liihbc, Lcbcnsnotstand, S. 322; Renzilw'[Link]ÍÚ, ]RE i 1
cr, wic Wortrnann sclbst schrcibt, ,,aus dcr Sicht dcr Rcchtsgcmcinschaft [als] vcl'stiindlich und [2003], 275 f.) An keincm Punkt dcr hcutigcn Notstandsdogmatik mt1cln -~ichdie von Rcnzi ..
nachvol!;,.ichba1· [gilt]" (aaO, S. 89): Die 111cistcnGcscllschaftsmitglicdcr inüfhcn cinri:\umcn, kowski (aaO, 276) bcklagte ,,vülligc Bcdcutungslosigkcit rcchtsphilosophischcr Argumente"
an dcr Stcllc des Notstandsti:iters cbcnso gchandclt zu habcn. Damit führt auch das Ar"umcnt schmerzlichcr bcmcrkbar als hicr.
Wonmanns wicder auf die gcwohntcn G!cisc zuriick. 559
ti Ebcnso ]alwhs, i\T, 20/2.
558
Das Glciche gilt für die hcutc hcrrschcndc ,,Lchrc von dcr doppcltcn Schuldmin- sr,o Priignant]akohs (FS Krcy, S. 213): ,,Bci gcgcbcncm Unrccht fchlt Schu!d, wenn die Re-
dcrung" (grundlcgcnd Armin Kaufmann, Lcbcndigcs, S. 204 f.; ders., Dogmatik, S. 1.% ff.; gcln des Krcatürlichen gcltcn diiifcn."
352 3. [(apite!: Die Ver!etx1mg der strafrechtlichcn Mitwirkungspf/icht B. Die Gren;,,en der Zurechenbarheit 353

vcrbrcchcnsthcorctisch gcrcchtfcrtigt wcrdcn müsscn. Um die Entwicklung die sozialc Bcstrafungspraxis auf gutcn Gründcn beruht, sind es diese Gründe
dcrartigcr Magstibc bcmühcn sich jcnc Autorcn, wclchc die Ent!astungswir- und ist es nicht crst dcrcn Widcrspíegclung im BcwuGtscin dcr Gcscllschafts-
kung des cntschuldigcndcn Notstandcs [Link]ích wic Fcucrbach srrafthcorctisch rnitglicdcr, die die Bcstrafung rechtfcrtigcn. Sind die Gründc dagegcn unzurci-
zu bcgründcn vcrsuchcn. Statt auf die ncgatívc Gcncralpravcntion Fcucrbachs chcnd, so lafü sich dieses Dcfizit aucb nicht durch den Hinweis auf den abwci-·
grcifcn sic allcrdings auf Erwagungcn aus dcm Umkrcis dcr positivcn Gcncral- chcndcn gcsellschaftlichen Übcrzcugungshaushalt bcscitigen 565 . Im Kontcxt
566
pravcntion zurück 561 , mítuntcr crgilnzt um spczialpr1vcntivc Übcrlcgungcn:ic,l_ dcr Notstandslchrc gilt das gleichc , nur daG das Lcgitimationsbcdürfnis hicr
Die Lagc, die cin zurcchnungsausschlicEcndcr Notstand voraussctzc, sci vom nicht primar gcgenübcr dem TJtcr bestcht--dicscr soll viclmchr gcradc cntlastct
NotstandstJtcr nicht plan bar und zudern h0chst scltcn; darübcr hinaus fordcrc wcrdcn -, sondern gegcnübcr dcm Opfcr, dcm der strafrcchtlichc Scbutz scincr
sic üblichcnvcise zur Solidaritat mit dcm Titcr hcraus 563 . In Anbctracht [Link] untcr den Voraussctzungcn des zurcchnungsausschlicGcndcn Notstanclcs vcr-
bcsondcrcn Umstandc crfordcrc wcdcr die Wahrung des Vcrtraucns dcr Bcv0]- lctztcn Rccbtspositioncn versagt wird. Ob diese Abwertung der rechtlichcn Bc-
kcrung in die unbccintfachtígtc Fongcltung dcr ,,regularen" strafrcchtlichcn langc des Opfcrs mit dcsscn Anerkcnnung als Bürger vcrcinbar ist, lafü sich nur
Normcnordnung noch cinc Rcsozialisicrungsbcdürftigkcit des Tiitcrs in den aufgrund eincr \'X/ürdigung dcr ihr zugrundc licgcndcn nonnativcn ErwJgun-
von § 35 Abs. l S. l StGB crfaBtcn Grundfallcn des zurcchnungsausschlicBcn- gcn bcurtcilcn, nicht abcr durch die Berufung auf gescllschaftlichc Bcfindlich-
dcn Notstandcs die Vcrhingung cincr Strafc. kcitcn.
Díc pravcntionsorienticncn Ansatzc brechen mit der traditioncllcn I-lervor-
hcbung des Sclbstcrhaltungsintcrcsscs; sic zcigcn, daf1 nicht dieses Intcrcssc als 3. Mitzustiindigkeit des Eingriffsadressatenfiir die Bewaltigung
solchcs, sondcrn crst die Begründung scincr sozialcn Akzcptabilitat cinc Ent- der Konflil,tlage
schuldigung des Notstandstitcrs zu tragcn vcnnag. Im Untcrschied zu dcr
a) Bcstimmung der Ohlicgenhcúsgrcnzc als [Link]üsprohlem
Lchre von dcr doppclten Schuldminderung 564 taucht ,.die Gcscllschaft" in die-
sen Bcgründungsvorschligen nicht in dcr fiktivcn Gestalt cines ,,groGcn Men- Die Bcmühcnsoblicgenhcit zu bcgrcnzcn bcsagt: Obglcich der Dclinqucnt vcr-
schcn" auf, dcr scínc kollidic1·cndcn Intcrcsscn bcwcrtct und das [Link] klci- haltcnsnormwidrig gchandclt hat, gilt scin Tun nicht als strafwürdigcs Unrecht,
ncrc Übel vorzicht; ,,Gcscllschaft" crschcint hicr viclmchr vorrangig als Publi- sofcrn cinc typisicrcndc Bcurtcllung crgibt, da~ die Pflichtcrfüllung cin ober-
kum, dcsscn - im Grundfall des :,-,;[Link] Notstandcs halb dcr Zumutbarkeitsschwcllc licgcndes Magan Bemühung crfordcrt hattc.
fchlcndcs - Bedürfnis, vcnnirtcls einer Bcstrafung des Tiitcrs cinc Stabilisic- Die hcrkümmlichc Strafrcchtsdogmatik bchandclt die damit angcsprochcnc
rung scincs Ordnungsvertrauens zu erfahren, die Vcrhingung von Strafc so- Problcmatík unter dern Titcl ,,Entschuldigungsgründc". Die Untcrschcidung
wohl bcgründet als auch bcgrcnzt. zwischcn Rcchtfcrtigungs- une\ Entschuldigungsgründcn wird als cinc der be-
Dadurch sctzcn sích die positiv-gcneralprivcntiven Notstandslehren jcdoch dcutsamstcn Auspragungcn dcr Unrccht-Schuld-Differcnzicrung angcschcn.
eincm Jhnlichcn Einwand aus wic die Straftheorie dcr positivcn Gcncralpriven- Diese Bctrachtungswcisc tcndicrt dazu, die legitimationsthcorctischen und
tion. Diese lcidct umer dern Dilernma, dais ihrc Bcrufung auf die gcscllschaftli- systematischcn Gemcinsamkcúen beider Gruppen von Rcchtsinstitutcn in den
chcn Zurechnungsrnustcr untcr lcgitimationsthcorctischen Gcsichtspunktcn fiintergrund trcten zu lasscn 567 . Die Erkcnntnis dicscr Gemcinsamkeitcn ist
cntwcdcr cincn übcrflüssigen Urnwcg darstcllt odcr abcr unergicbig ist: Sofcrn jcdoch unvcrzichtbar für cín angcmesscncs VcrstJndnis der Entschuldigungs-,
bcsscr: ZurcchnungsausschlicGungsgründc.
51 1
' Ja!wbs, AT, 20/4, 28; ders,, Systcm, S.63L; dcrs., Schu!d, S.20ff.; MK-Mlfsúg, §35
Dcr Grund dafür crgibt sich aus cincm crncutcn Blick auf den zurcchnungs-
Rn. 3; Comáles-Rivero, Zurcchnung, S. 204 ff.; Saffcding, Vorsa.t~, S. 249; Timpe, [Link]- ausschlicgendcn (,,entschuldigcndcn") Notstand. In den cinschlagigcn Konstcl-
dcrungcn, S. 297 ff.; dcrs., JuS 1984, 862 f.; Achenhach, JR 1975, 494 f.; Streng, ZStW 92 (1980), lationcn, ctwa dem bcrühmten Karncades-Fall, hat der Starkcrc zwar kein Rccht,
655. - Einc strafzwcckoricnticnc Notsta.ndsko1ncption vcrtritt [Link] /{indhduser, Gcfahr- aber wenn er scine Starkc trotzdcm ausnutzt, wird er dafür strafrcchtlich nicht
dung, S. 36 ff.
S(,l Roxin, AT 1, §§ 19 Rn. 3; 22 Rn. 4, 6, 11 ff.; den., FS Henkcl, S. 182 ff.; ders., FS Bockc!-
mann, S. 282 f.; ders., ZSt\v' 96 (1984), 655; ders., JA 1990, 98 f.; ders., FS Mangakis, S. 248 H.; si,s Obcn S. 80ff.
dcrs., GA 2011, 686. - í':ustimmcnd]dgcr; AT, §5 Rn. 190f., 195; Amelung,JZ [982,621 f.; w, Im wcscntlichcn wic hicr SJS-·Lenchner!Stcrnhcrg-Liehen, Vorhcm. §§ 32 ff. Rn. 111;
Greco, Lcbcndígcs, S. 505 ff.; Sclmcider, Grund, S, 96 f.; Schiinemann, GA 1986, 300; ders., Fristcr, AT §§ 16 Rn. 38; 20 Rn.4; Murmann, Grundkurs, §26 Rn. 77; Stratewwer1h!K11hlen,
Chcngchi L.R. 50 (1994), 278 f.; Zicgcrt, Vorsatz, S. 136 f. A'!',§ 10 Rn. iOI.
5(,3 Jakohs, Schuld, S. 20. 51'7 Excmp!arisch /forn/e (JuS 2009, 877), die cinc blo~ ,,obcrílachlichc Ahnlichkcit zwi-

%·! ()ben S. 350 f. Fn. 558. schcn rcchtfcrtigcndcm und cntschuldigcndcrn Notstand" konstaticn.
354 3. Kapitcl: Die \lerletznng dcr strafrechtfichcn Mitwirlwngspfíicht B. Die Grenzen der Zurcchcnharkcit 355

zur Vcrantwortung gczogcn 568 • ,,Das Rccht vcrh:ilt sich nicht cindcutig, sondcrn des Tiitcrs von dcm Vorwurf cincr vollcndetcn Vcrhaltcnsnormvcrlctzung ist es
bcugt sich gcwisscrmaBcn dcr Situatíon, indcm es scinc forrnalc Entschcidung, deshalb, daG. dem Grunde nach cinc Mitzustandigkcit des Eingriffsadrcssatcn
den zwcitcn Schiffbrüchigcn jcdcnfalls nicht zu rcchtfcrtigcn, durch die Gc- bcstcht.
w:ihrung cines Entschuldigungsgrundcs in gcwisscr Hinsicht material kontcr- Diese Mitzustandigkcit ist ihrem Umfang nach bcgrcnzt. \V/odie Grcnzc vcr-
karicrt."569 Dcshalb muB cinc Strafrcchtsordnung, die sich dadurch lcgitimicrt, lauft, ist an frühcrcr Stcllc dargclcgt wordcn 574 , Wahrcnd die Rcchtfcrtigungs-
daB sic zur Aufrcchtcrhaltung cines Zustandcs rcalcr Frcihcitlichkcit bcitragt 570 , gründc voraussctzcn, daG. dcr Eingriff des T:itcrs diesseús dicscr Grcnzc vcr-
ihrcn Vcrzicht darauf, dcm T:itcr cin vcrhaltcnsnormwidrigcs Handcln als Kri- blcibt, bcziehcn sicb die Zurcchnungsausschlief'.lungsgründc auf Eingriffc jen-
minalunrccht zuzurcchncn, auch dcmjcnigcn gcgcnübcr begründcn, zu dcsscn seits dcr Grcnze. Dcshalb mu [Link] diescm Fall dcr Hinwcis auf die Mitzustiindig-
Schutz die vcrlctztc Vcrhaltensnorm dicnte 571 . Es muis mithin dargetan wcrden, kcit des Eingriffsadrcssatcn um wcitcre Gcsichtspunktc ergdnzl wcrdcn, um das
weshalb die in jencm Vcrzicht liegcndc Abwcrtung dcr Rcchtsposition des Ein- Urtcil tragcn zu kOnncn, [Link] sci trotz scincs Übcrgriffs cin loyalcs Mitglied
griffsadressatcn mit dcssen fortbestehcndcr Anerkcnnung als Bürger vcrcinbar dcr Rcchtsgcmcinschaft gcblicbcn, cr habc also kcin Kriminalunrccht bcgangcn.
ist. MOglich ist clics nur, weil und sowcit sich bcgründcn [Link],daB dcr Eingriffs- Darauf wird nachfolgcnd im cinzclncn cingcgangcn, Den Ausgangspunkt dcr
adressat ü.berhaupt zur Abwcndung dcr seinem Kontrahentcn drohendcn Gc- Übcrlegungcn hat aber, wie gcschcn, cinc Zustandigkcitsanalysc zu bildcn. Es
fahr herangczogen wcrdcn darf. Die Gründe, aus dcnen cinem Bürgcr anucson- kornmt dernnach darauf an, ob die Behcrrschung der Gefahrcnsituation in den
nen wcrdcn darf, an dcr Bcwaltigung von Notlagcn cines andcren Bürgers" mit- Zustandigkcitsbcrcich des Jtiters fallt, ob die Gcfahrcnlage auf den Eingriffs-
zuwirkcn, ergcbcn sich aus dcr Zustiindigkcitslchrc. Schon bci der Erürtcrung adressaten zurückgcht odcr ob sic von keinem der Beteiü[Link] zu vcrtrcten ist.
der Vcrmcídbarkcit von Irrtümern 572 hat sich gczcigt, dais die Bcdcutung die- Im crstgcnannten Fall kommt cinc Entlastung des Tatcrs nicht in Betracht (b).
ser Lchrc sich nicht darin crschüpft, zur Konturicrung dcr cinschlagigcn Ver- Anders vcrhalt es sich in der zwciten und dcr drittcn Konstcllation. Dort ist cinc
haltcnsnorm bcizutragcn. Da sich die tatsachlichc Bclastung cines Pflichtigcn Mitzustandigkcit des Verlctztcn gcgebcn, das cine Mal aus dcrn Gcsichtspunkt
erst aus dcm Zusamrncnwirkcn von Verhaltcnsnorm und Bernühensobliegcn- dcr zurechcnbarcn Sclbstgefahrdung - dcr Fall des Notwchrcxzesscs (e) - , das
hcit crgibt, pr:igcn die Figuren dcr Zustiindigkcitsbegründung auch den Umfang andcrc Mal aus dcm Gcdankcn dcr Entlastnng Unschuldigcr von fundamenta-
der Oblicgcnhcit des Normadrcssaten mit, sich um die Erfüllung dcr ihn trcf- len Dascinsrisiken - dcr Fall des zurcchnungsausschlicgcndcn Notstandcs (d),
fcndcn Vcrpflichtung :w bemühcn 573 • Notwcndigc Bcdingung ciner Entlastung
h) Vorrangige Zustdndigkeú des Taters für die erschwerenden Umst:dnde
S<is]oerden, Klcist, S. 166. Ein ZurcchnungsausschluB, kommt nach dcrn socbcn Ausgcführtcn nur in Bc-
569 ]oerden, Klcist, S. 168.
tracht, wcnn der Tatcr nicht sclbst für die Bcwaltigung dcr Konfliktlagc zu-
570 O ben S. 99 ff.
71
stiindig ist 575 . Die vcrmeintliche Spczialfrage nach den Grcnzcn dcr Bcrück-
' Ebcnso Silva Sánchez, FS Hruschka, S. 684. - Unter dem Eindruck der auf den Ge-
sichtigungsfahígkeit ,,cntschuldigcnd" wirkendcr Notlagen erweist sicb damit
sichtspunkt des Sc!bstcrhaltungsintcrcsscs fixicrten Dcutungstradition wird dics vcrbrcitet
anders gesehcn. Zur Stüt;,,ung ihrer Bchauptung, wonach ,,[Link] dcm Straftatopfer [... ] als Anwcndungsfall ,,grundkgcndcr Zurcchnungsstrukturcn, die zunichst
nicht 7,tl begründcn fist], da/?. es cinc Notstandstat [Link] müsstc", bcruft J-Iórnle (JuS zur Begründung und Systcrnatisicrung von Garantcnstellungcn cntwickelt
2009, 877) sich sogar auf die ,,individualistischc Gnmdausrichtung, die für cinc frcihcitlichc wurdcn, mittlcrwcilc abcr die modernc Dogmatik der objcktivcn Zurechnung
Vcrfassung charakteristisch ist": Hcroische Sclbstaufopfcrung ciní',ufordcrn sei in totalitarcn
insgesamt prügcn: cincrscits das personalc Zurcchnungsmustcr dcr Organisa-
Systcmcn gcbduch!ich, in cincm frcihcitlichcn Staat ,,ber nicht crlaubt. Dieses i\rgumcnt bc-
ruht auf dcr cinigennaRcn pcrfiden Untcrstellung, da/?. die -von HOrnlc (obcn S. 91 Fn. 479) tionszustindigkeit, d.i. die Vcrantwortungszuschreibung übcr die Gcstaltung
im Kontcxt der Straftheorie übrigcns nachdrücklich bcfürwortctc -· Beriicksichtigung der dcr jewciligen Organisationskrcisc als rcchtliche Jcdcnnannsrollc und andcrcr-
Opfcrpcrspektive Z\vangslaufig in die Forderung nach hcrnischer Sclbstaufopfcrung münde scits das institutionclle Zurcchnungsmuster als Kcnnzeichnung von rcchtlichcn
und dcshalb latcnt totalitiir sci. Dem ist kcineswegs so: i\uch die hicsigc Konzeption erkennt
Sondcrrollcn, die zurückzuführcn sind auf die Einbindung der Pcrson in hcr-
an, daG dcr Oblicgenhcit, sich r.u [Link] Verhalten zu motivicrcn, Grcn-
1,en gezogcn wcrdcn rnlisscn. Sic sucht clcr YOn H0rnlc bcschworcncn ,,individualisrischcn ausgchobcnc normativc Kontcxtc, insbcsonderc ausdiffcrcnzicrtc gcsellschaft-
Grundausrichtung" abcr nicln nur im Hinb!ick auf den Eingrcifcnden, sondern -gcnúG dcm lichc Organisationsstrukturcn" 576 •
Grundsatz von dcr Glcichhcit allcr Bürgcr - auch im Hinblick auf den Eingriffsadressaten
Rcchnung zu tragcn. Die Einscitigkeit von Hürnlcs Blickwinkcl ist dcmgcgcnlibcr wcniger
liberal als viclmchr willkür!ich. 57 4 Oben S. 329 H.,341 ff
572
Obcn S. 329 ff., 341 ff. 575 Ebcnso MK-Miissig, §35 R.n.40;]akohs, AT, 20/l 2.
51
·' Ebcnso MK.-Miissig, § 35 Rn. 4; das., Mord, S. 168; ders., ¡:5 Jakobs, S. 408 ff. 576 MK•-Miissig,§35 Rn.40.
356 3. l(apitel: Die Verletzung der strafrechtli"chenliiitt,:.lirkungspflicht B. Die Grenzen der Zurcchenbarkeit 357

Die ZustJndigkcit des Eingrcifcndcn kann sich dcrnnach ;,,um cincn aus dcm Dcr Gcw:ihrung cines Zurcchnungsausschlusscs kann zum andercn dcr Vor-
Grundsatz crgcbcn, daB Bccintrichtigungcn, die auf cinc Disposition des Bc- mng der Institutionen entgcgcnstehcn. Praktischc Bedcutung erlangt diescr Sav
troffcncn sclbst zurückgchcn, von dicscrn auch sclbst gctragcn wcrclcn rnüs- ebcnfalls in erster Linie in den Notstandsfallen. Bürgcr zu scin bedcutct, ci-
scn577. Ein Tütcr, dcsscn gcgcnwirtigc Notlagc Folgc scincs cigcncn rcchts- ncm Gcmcinwcscn anzugchOrcn, das Notlagen und Konflikte in crstcr Linic
widrigcn odcr sonst nicht-duldungspflichtigcn Vorvcrhaltcns ist, vcrdicnt es auf instit.uúoncllem \'X/cgezu verarbciten sucht 582 • Die zu dicser Aufgabc bcru-
dcshalb nicht, von strafrcchtlichcr Verantwortlichkcit cntlastct zu wcrdcn 578 . fcncn lnstitutioncn - ctwa Gerichtc) Polizci- und Ordnungsbchürden, BehOr-
Wcr sich bcispiclswcisc gcgcn cinc Notwchr- odcr cinc DcfcnsivnotstandsmaG.- dcn dcr Lcistungsvcrwaltung --·sine! zur Unpartcilichkcit vcrpflichtct und habcn
nahmc gcwaltsam zur Wehr sctzt, kann dafür bcstraft wcrdcn 579 . Die dcm Ein- bci ihrcm Titigwcrdcn viclfaltigc vcrfahrensrcchtlichc Rcgularicn zu beachtcn.
grcifcndcn aus scincm Vorvcrhaltcn erwachscndc Zustandigkcit reicht allcr- Deshalb künncn sic für ihrc Ergebnissc ein dcutlich hOhcrcs Mai1 an Übcrzcu-
dings noch crhcblich wciter. Wic an frühcrcr Stcllc gczcigt wurdc, vermag die gungskraft in Anspruch nchmcn als cin ,,freihandig" (und zudcm rncist im Ei-
Strafrcchtsordnung ihrc Aufgabc, cincn Zustand rcaler Freihcitlichkcit zu sta- genínteressc) handclndcr einzclner Bürgcr. Dcr Umfang, in dcm die Bclange dcr
bilisiercn, nur zu erfüllcn, wcnn sic die Fordcrung an die Bürgcr, [Link]- Rcgclungsadressaten Bcrücksichtigung vcrdicncn, wird dcshalb in diesen Filien
keitswidrigc Handlungen zu untcrlasscn, um cinc Envartung zwciter Ordnung abschlieflend durch dcrcn Bürgerrollc bcstimmt. Die MOglichkcit zur cigenstin-
[Link]. ,,Sorgt dafür", so bcsagt diese Erwartung, ,,daB ihr jcner Forderung digen Gcltendrnachung jcner Bclangc stcht den Bctroffenen in diesen Fallen da-
mit hinrcichender Vcrlafüichkcit nachzukommen verm0gt!" 580 Wcr dcr ihm da- her nicht offen 58 [Link] die Tcrminologic des Gcsetzcs übersctzt bcdcutct clics: Wo
raus crwachscndcn Oblicgenhcit zuwidcrhandclt, muB es sich gefallen lasscn, dern Eíngrcifcndcnst:aatliche Verfahren zur Vermeidnng oder Abwendung seiner
daB ihm sein [Link] Vcrhaltcn als pflichtwidrig angclastct Not:lage zur Verfügung standen und cr sich ihrer entwedcr gar nicht odcr ohnc
wird. Ein Notstandstitcr, der sich auBcrgewOhnlichcn Risiken ausgesctzt hat, Erfolg bcdicnt hat) don muil ihm die Bcrufung auf cincn zurechnungsausschlic-
zu deren Eingehung cr nach den Bcwcrtungsmustcrn seiner Gcscllschaft kcincn flenden Notstand versagt blciben (§35 Abs.1 S.2 ]-IS 1 Var. 2 StGB) 58'1.
verstandigen Anlaíl besaíl, hat dcshalb, in der Tcnninologie des§ 35 Abs. 1 S. 2 Die Verwcisung auf den Primat dcr Institutioncn ist den Bürgern freilich nur
HS 1 Var. 1 StGB gesprochcn, die Gefahr, in der er schwcbt, ,,sclbst vcrursacht", untcr dcr Bcdingung zumutbar, dail diese Institutionen ibrcrscits die ihncn
und dcshalb darf cr nicht auf cinc Zurcchnungsuntcrbrechung kraft Notstan- oblicgcnden frcihcitssichcrndcn Leistungen crbringcn. Insbcsondcrc müsscn
dcs hoffen 581 . den Bürgcrn die \[Link] organisiert:cr [Link] (mit den Sicher-
heitsbchOrden und dcm Gcrichtswcscn im Zentrum) sowic gcwissc minirnalc
577 MK-Míissig, § 35 Rn. 47 ff.; NK-Neumann, § 35 Rn. 33;.fakobs, AT, 17/74, 20/16. -Zur [Link] der Existenz als [Link] (man dcnkc an [Link]-
I--Ic,·lcitungdieses Grundsatzes aus dcm Respcktierungsgedanken obcn S. 216, 219 f. phcnschutz und medizinischc Vcrsorgung) gcwihrlcistct wcrdcn 585 • Damit
578 Ebenso MK-Müssig, §35 Rn.48;.fakohs, AT, 17/74; Timpc,]uS 1985, 38.
ware es unvcrcínbar, wenn die Inhabcr dcr bctreffcnden Bcrufsrollen sich bcim
579 Ebenso MK-Miissig, § 35 Rn. 49; für den FaH dcr Notwehr auch LK-Zieschang, § 35

Rn. 61; J-Iomle, JuS 2009, 880; bezogcn auf siimtlichc gerechtfcrtigtcn Eingriffe fcrner NK-
Neumann, § 35 Rn. 52; SIS-Pcrmn, § 35 Rn. 32;Jakobs, AT, 20/14. $S2 Obcn S. 105.
580 Oben S. 310. ~s3 Lübbe vcnnutet, das Notstandsprivilcg sci ,,vicllcicht nur das Substitut einer gerechten
581 Im wescntlichen wie hicr HK-GS-Duttgc, §35 Rn.13; Lackner!J(ühl, §35 Rn.8; Regclung für dícjenigen Falle, in dcnen ex ante und ex post so nahc beieinandcr licgen, daE
Kiihl, AT, § l2 Rn. 63; MK-Miissig, §35 Rn. 54; NK-Ncumann, §35 Rn. 35; SIS-Pcrron, §35 gar keinc Zeit für Konsensbeschaffung b!cibt" (Liibhc, Lebcnsnotstand, S. 330). Vorliegend
Rn. 20; SSW-Rosenau, §35 Rn.14; Baumann/Wcbcr!Mitsch, Al~ §23 Rn. 27;!-lafl, AT,S. 143; intcressiel"t die Umkchrung dieses Bcfundcs: Soweit es Konílikt16sungsrcgeln von überlc-
Hruschka,Strafrecht, S. 287 f.;]akohs, AT, 17/74, 20/16; Otto, AT, § 14 Rn. 12;P11ppc,AT, § 17 gencm Gerechtigkeitsgchalt gibt, ist der Rückgriff auf die allgemeincn Notstandsgrundsiitze
Ro. 9; Roxin, AT 1, § 22 Rn. 46; 110rnle, JuS 2009, 879; Timpe, JuS 1985, 38. - Einc verbrci- gesperrt.
5~4 Im Grundsat:,: ist clics allgemein anerkannt (LK-Zieschang, §35 Rn.60; MK-kfiis-
tctc Auffassung vcrlangt dcmgcgenübcr, daB der Tiitcr die Gcfahr in objebiv (und, so wird
tcilweise ergiinz.t, subjclniv) pflichtwidriger Wcisc verursacht haben müssc (für Pflichtwid- sig, § 35 Rn. 66 f.; NK-Neumann, § 35 Rn. 52; SK-Rudolphi", § 35 Rn. 12; S/S-Perron, § 35
rigkeit: LK-Zicschang, § 35 Rn. 49; SK-Rudolphi, §35 Rn. 15 f.;][Link], AT, § 5 Rn. 194; Mau- Rn. 24 ff.; Frister, AT, § 20 Rn. 14f.;]akobs, i\T, 20/14; ders., System, S. 64;jesched;d\':(ieigend,
rach!Zípf, AT 1, § 34 Rn. 5; Rengicr, AT, § 26 Rn. 19; Wessels/Beulkc, i\ T, Rn. 441; [Link] AT, §44 III 3 [S.487]; Kiih!, AT, § 12 Rn. 77ff.; Ma11rach/ZipJ; AT 1, §34 Rn.10; Rcngicr,
hinaus für subjektive Pílichtwidrigkcit: Ehcr/., AT, S.108; frister, AT, §20 Rn.12; Gropp, AT, §26 Rn. 25 f.; Roxin, AT 1, §22 Rn. 42; Silva Sdnchez, FS Hrnschka, S. 692 f., 695. - Um-
AT, § 7 Rn. 79;.feschcck/Wleigcnd, AT, §44 III 2 a [S. 485]; K0hlcr, AT, S. 338; Krcy/Esscr, AT, strittcn ist lcdiglich der Fall, daB dcr Tiitcr zu Unrecht zu eincr langjiihrigen Freiheitsstrafc
Rn. 755). Inhaltlich [Link] dics im groBen und [Link] auf das Glciche hinauslaufcn, bcgriff- verurteilt wordcn isr und a He verfahrensrechtlichen Korrckturm0glichkcitcn ersch0pft sind
lich verwischt diese Auffassung jcdoch den Unterschied zwischcn echtcn Rechtspflichten (für Eróffnung des Notstandcs in diesen Fallen MK-kliissig, § 35 Rn. 67; NK-Ncumann, aaO;
und Obliegenheiten (ebenso HK-GS-Duttge, aaO; NK-Ncumann, aaO; dcrs., Zurechnung, S/S-I'erron, aaO; Kiihl, i\T, § 12 Rn. 79; Hcrnsmann, ,,Entschu ldigung", S. 433 f.).
S. 231 ff.; Baumann/Wcber!Mitsch, aaO). SS'> Dazu im ein,dnen MK-Müssig, § 35 Rn. 59 ff.
358 3. !(apite!: Die Verlct ✓-ung der strafrecht!ichen Mitwirkungspflicht B. Die Grenzen der Zurechenharkeit 359

Auftrctcn aufgabcnspczifischcr Gefahrcn ungestraft aus dcr Vcrantwortung cxtcnsivcn Notwcbrexzesscs mchr Schutz vcrdicncn als in dcr (unstrcitig von
stchlcn kónntcn. Auch für sic schcidet dcshalb cine Entlastung kraft Notstan- § 33 StGB erfaBtcn) Konstcllation des intcnsivcn Exzesscs? Hat cr sich nicht
dcs aus 58ú. dadurch, claí1cr den Konflikt vom Zaun gcbrochcn hat, cigcnvcrantwortlich dcr
Gefahr cines solchen Gcgenschlagcs ausgcsetzt?
e) Der Notwehrexzefl
So zu argumcntiercn, [Link] indcs zu undiffcrcnzicrt. Weil dcr Notwchrcx-
Einc Zurcchnungsuntcrbrcchung kommt hingcgcn in Bctracht, wcnn den (nun- zeB sich untcr Zustandigkeitsgcsichtspunktcn an die Notwchr anlehnt, bcruht
mchrigen) Eingriffsadrcssatcn die Zustiindigkeit für die Hcrbciführung des cbenso wic bei dicscr auch im Fall des Notwebrcxzcsscs die [Link]
Konflikts trifft. So licgt es insbcsonderc dort, wo dcr Eingríffsadrcssat durch des Vcrlctztcn auf dcm Umstand, daB dcr Tatcr-wcnnglcich in übertriebcncr,
seincn nicln-duldungspflichtigcn Übcrgriff auf den frcmdcn Rcchtskrcis dcsscn cbcn cxzessivcr Wcisc - cinc MaBnahmc dcr Gcfahrncutralisicrung durchgc-
lnhabcr zu AbwchnnaRnahmcn veranla{h 587 • Diese Zustiindigkcitsstruktur bc- führt hat, die an sich der Vcrlctzte selbst [Link] vollzichcn müsscn 589 • Dann
g_ründct die MOglichkeit cincr Zurcchnungsuntcrbrcchung bci Exzcfüatcn, abcr muB die Kostcntragungspflicht des Verlctzten abcr dort endcn, wo es nichts
sic bcgrcnzt sic zuglcich auch. Wic stcht es insbcsondcrc um den Zcitraum nach mchr zu neutralisicrcn gibt, wcil die Notlage nicht mchr bcsteht. Der Vcr-
dcr crfolgreichcn Zurückschlagung des Angriffs? Kann aucb ein [Link], dcr jctzt lctztc haftct ebcn nur dafür, daB cr die lntcgritat cincr frcmdcn Rechtssphare
noch Gcwalt gcgen seincn Kontrahcnten ausübt, in den GenuB ciner Entlastung bcdroht, nicht abcr dafür, daB er seincn Gcgncr in cincn über die cigcntlichc
gclangen? Auf den erstcn Blick schcint vides für die Bcjahung dicscr umstrittc- Auseinandcrsetzung hinaus fortwirkcndcn Erregungszustand vcrscr;,,t hat.
ncn Fragc zu sprechen 588 • Weshalb solltc dcr Eingriffsadressat in den Fallen des Der sogcnanntc extcnsive NotwehrexzeB kann dcshalb nicht zur Entlastung
des [Link] führcn 590 •
ssc, Dics ist unstrcitig; vgl. nur Lackner/Kiihl, §35 Rn. 9; MK-Míissig, §35 Rn. 61 ff.; NK.- Dcr Umstand allcin, daB dcr Eingriffsadrcssat den Konílikt vom Zaun ge-
N:umann, § 35 Rn. 41; S/S-Perron, § 35 Rn. 23;ja!wbs, AT, 20/13. - Nicht cinmal cinc Straf- brochen hat, genügt frcilich auch in den Fallen des intensivcn Notwchrexzcsscs
'.111k~crungist in solchcn Fiil!cn gcrcchtfcrtigt. Nur indcm das Srrafrccht auf cincr striktcn
lll.~t1t11tioncllcn Einhcgung van Koníliktcn bcstcht, kann es sich a!s [Link] Lc-
nicht zur Entlastung des Exzcdenten. Das Verhaltcn des Tatcrs al!cin dcr Situa-
\\ahr~.n und den Bürgcrn cinc lnfrastruktur gesicherter Freiheit bictcn. Die Fordcrung an tion zuzuschreiben, in der cr sich befand, ist nur im Hinblick auf solchc MaB-
die Burgcr, den Primat dcr lnstitutioncn auch dort zu rcspckticrcn, wo cr ihncn im Ein- nahmcn mOglich, die auch jedcr andere an dcr Stclle des Taters für erfordcrlich
z_clfall.wch tut, vcnri'igt aus dicscm Grund kcincrlci Abschwiichung. Gcsctzcstcchnisch laíh und gcboten zu dercn Bewaltigung gchalten [Link]. Im Kontcxt des intcnsivcn
sich dieses Ergcbnis dadurch crrcichcn, da~ man die gcnannccn Fiil!c unccr den Bcgriff des
,,b~sondcrcn Rcchtsvcrhi:iltnisscs" subsumicn; dcnn für diese ist nach §35 Abs. l 5.2 J--IS2 Notwchrexzcsscs geht es dagegcn um Eingriffe oberhalb dicscr Scbwellc. Zwar
~- l:-,..StGH die M0glichkcit cincr Strafmildcrung ausgcschlosscn. In dcr Notstandslitcratur dienen auch sic noch dcr [Link] dcr vom Eingríffsadrcssaten hcrbeigc-
1st diese ~uordnung insbesondcrc für die gcsctzlichcn Duldungspílichtcn umstrittcn. Hiiufig führten Notlage. In dcr Art und Wcise dcr Bewaltigung gchcn die MaBnahmcn
\~crdcn sic der allgcmcincn Zumutbarkcitsklauscl des§ 35 Abs. 1 S. 2 StGH zugcordnct, um des Exzedcnten jedoch über das von dcr Situation Gebotcnc hinaus. In diescm
clic Üption cincr Strafmildcrnng aufrcchtzucrhaltcn (Fischer, § 35 Rn. 13; LK-Zieschang, § 35
R:1; 57ff.; NK-Neumann, § 35 Rn. 52;]escheck!Weigend, AT, § 44 1113 [S.4871; Krey/Esser, ÜberschuB bringt sich die Individualítiit des Tatcrs zur Geltung. Dais dcr [Link]
Al, Rn. 760; Roxin, AT 1, §22 Rn.42; wic hicrdagcgcn Lackner/lúih/, §35 Rn. 9; Kiihl, AT, trotz seincs Exzcsscs cin loyales Mitglicd dcr Bürgcrgemeinschaft ist, bcdarf
§,12 Rn. 77ff.; [Link], §35 Rn.67; SK-Rudolphi, §35 Rn. 12; S/S-Perron, §35 Rn.24 ff.; mithin cincr [Link] Begründung. Zu dicsem Z,vcck ist es unumgiinglich,
!:ben, AT, S. 108; [Link]!Kuhlen, AT, § JORn. 110). übcr die objektive Tarsituation hinaus auf die Motivation des [Link] zurückzu-
7
ss ]akobs, AT, 20/28; Kindlúuser, AT, §25 Rn. l; Puppe, AT, § 18 Rn. 1; Grünewald, TO-
tungsdclikt, S. 228 ff.; Heuchemer, Erlaubnistatbcstandsirrtum, S. l 35 f.; Motsch, Notwchr-
cxzcB, S. 66 ff.; 7: \Y/alter, Kcrn, S. 152; ansatzwcisc auch Roxin, FS Schaffstcin, S. 117.- Einc schriinkt auf den unbcwuíh cxtC'nsivcn NotwchrcxzcB.); Otto, AT, § 14 Rn. 23; Rengier, AT,
dcrartigc Zustiindigkcit trifft den Eingriffsadrcssatcn nicht crst dann, wcnn cr cinc Notwchr- §27 Rn. 19; Wessels!Beulke, AT, Rn. 447;Diederich, Ratio, S. 92 ff.; Zabcl, Schu!dtypisicrung,
'.agc.fiir_ scincn Kontrahcntcn hcraufbcschworcn hat, sondcrn bcrcits dann, wcnn cr diesen S.446; Timpe, JuS 1985, 121. - Für die Einbczichung auch des vorzcitigcn cxtcnsivcn Not-
in ci_ncDcfcnsivnotstandslagc vcrsctzt hat (oben S. 241 f.). Auch in Fii!lcn dcr lctztgenanntcn wchrcx'l,csscs pliidicrcn Jakobs, AT, 20/31; Roxin, AT 1, § 22 Rn. 88 ff.; dcrs., FS Schaffstcin,
An 1st dcshalb die Móglichkcit cincr Zurcchnungsuntcrbrcchung bci Exzcí5tatcn anmcrkcn- S. 117f.; Aschennann, Rcchtsnatur, S. 136; Motsch, NotwchrcxzcB, S. 101; im Ergcbnis auch
ncn (cbcnso LK-Zieschang, §33 Rn.69; MK-Lrb, §33 Rn.17; NK-Her:wg, §33 Rn.17; SK- I..K.-Zieschang, §33 Rn.6H.
Rudolphi, §33 Rn. la; SSW-Rosenau, § 33 Rn. 2; Haft, AT, S. 138; Roxin, AT 1, §22 Rn. 98 f.; ss9 O ben S. 237 f.
Motsch, aaO, S. 109; Giinther, FS Amclung, S. 150; Hirsch, FS Drchcr, S. 230; im Grundsatz 59;:, Im Ergcbnis wic hicr HK-GS-Duuge, §33 Rn. 7 f.; SK-Rudolphi, § 33 Rn. 2; SSW-Ro-
auch SIS-Penan, § 33 Rn. 2, § 34 Rn. 52; de legc ferenda fcrncr 7: Walter, aaü). senau, §33 Rn. 6; Ehert, AT, S. 109; frister, AT, § 16 Rn. 40; Gropp, AT, § 7 Rn. 85 ff.; 1-!off-
sss 11!dicscm Sinnc Ladmer/Kühl, §33 Rn.2; MK-Erb, §33 Rn.14; NK-Herzog, §33 mann-l-lolland, AT, Rn.411;jdger, AT, §5 Rn.196;]escheck!Weigend, AT, §45 II 4 (S.493);
Rn._11'. S!S-Pcrron, § 33 Rn. 7; Ba,~mann!Webcr!Mitsch, AT, §23 Rn. 42; I-laft, AT, S. 138; /(re)'!Esser, AT, Rn. 765; Maura-ch!Z1jf, AT 1, § 34 Rn. 27; Murmann, Grundkurs, §26 Rn. 82;
Hemnch, AT 1, Rn. 587; Kindhfluser, AT, §25 Rn. 13; KOh!er, AT, S. 424 f. (allcrdings cingc- Sch~idhduser, AT, 11/27; Saurcn, Jura 1988, 571.
360 3. Kapitef: Die Ver/('[;,,ungda strafrcchtlíchcn Mitwfrkungspflicht B. l)ie Grcnzcn dcr Z11rechcnharheit 361

grcifen. Die Bcwcggründc, die ihn zu scincr Exzcfüat bcwogcn, müsscn so bc- rctischcn Struktur des dazugchórigcn Rcchtfcnigungsgrundcs zu oricnticrcn.
schaffcn scin, dag scinc Mitbürgcr kcincn AnlaB habcn, an scincr prinzipicllcn Analog zur Notwchrbcgründung galt dahcr für den Notwchrexzcft Wcil dcr
Bcrcítschaft und Fiihigkcit zur Achtung frcmdcr Intcgritiitsansprüchc zu zwci- Eingriffsadrcssat die Notlagc des Talen, hcrbcigcführt hat, mu-E cr die Kostcn
fcln. Dcshalb lrnüpft § 33 StGB die Modifikation des ursprünglichcn Erwar· für Mar..nahmcn zu dcrcn Bcscitigung tragcn; zu diesen Kostcn gchOrt die
tungsin halts zu Rccht an die wcítcrc Voraussctzung, daB dcr Tiitcr scín Not- sich in dcr Entlastung des Tiitcrs auGcrndc Rcduzierung des gcwóhnlichcn
wchrrccht aus ,,Vcrwirrung, Furcht odcr Schreckcn" übcrschrittcn hat. Asthc- strafrcchtl ichcn Schutzcs.
nischc Affekte bcruhen typischcrwcisc auf Schwichc 591 und indizicrcn cinc Für den [Link] Notstand schcint sich dcmcntsprc-
psychischc Disposition, die in Normalsítuationcn chcr die Übcrcrfüllung als chcnd cinc Anlchnung an das Lcgitimationsmodcll aufzudrangcn, das sich in
die Vcrlctzung von Rcchtsnormcn erwartcn lafü. 1hr Vcrsagcn in cincr extre- den Fallen dcr untcrlasscncn Hilfelcistung und des rechtfcrtigcndcn Notstandcs
men Konf1iktlage notigt nicht daru' , darin cinc Abkchr von dcm t,uemcinsamcn bcwahrt hat. Ausgchcnd von dcm quasi vcrsichcrungsrcchtlichcn Gcdankcn ci-
Projekt cines ,,Fricdcns durch Rccht" zu crblickcn 592 • ncr wcchsclscitigcn Entlastung von gcwisscn cxistcnticllcn Lcbcnsrisikcn wurdc
dcr cinzclnc Bürucr dort als Rcprisentant dcr Rcchtsgcmcinschaft bcgriffcn. Als
d) Der [Link] Notstand
solchcr durftc et: zwar zu cíncm Sondcropfcr hcrangczogcn \vcrdcn; allcrdings
Das Eingrcifcn cines ZurcchnungsausschlieGungsgrundcs hat zur Folgc, daG. durftc ihm in dicscr Rolle lcdiglich die Hinnahmc punktucllcr, vorlaufig blcibcn-
cin Akt, dcr den Intcgrit:itsanspruch des Eingriffsadrcssatcn vcrlctzt (und den dcr Vcrlustc abvcrlangt wcrdcn 594 . Bcim zurcchnungsausschlidkndcn Notstand
diescr dcshalb nicht zu duldcn braucht), trotzdcm kcin krimincllcs Unrecht drohcn dem Eingriffsadrcssatcn hingcgcn zumcist schwcrwicgcndc, nicht wic-
darstcllt. Die darin licgcndc Vcrschicbung des norrnalen strafrcchtlichcn Ga- dcr gutzumachcndc Vcrlustc; augcrstcnfalls stcht sogar scin Lcbcn auf dcm Spicl.
rantieniveaus zu Lasten des Eingriffsadrcssatcn setzt voraus, daG diesen cinc Wcnn in solchen Fallen trotzdcm von eincm Kriminalunrcchtsvorwurf gcgcn
Mitzustandigkeit für die Bcwaltigung dcr Notlagc trifft, mit dcr sich dcr Ein- den T:itcr abgcschcn wcrdcn kann, so nicht dcshalb, wcil dcr Vcrlctztc noch als
grcifcnde konfronticrt sicht. Es genügt also nicht, da~ dcr Eingrcifcnde sclbst Rcpriiscntant dcr Rcchtsgcmcinschaft ausgcgcbcn wcrdcn kónntc, sondcrn nur
nichts für diese Situation kann. Die Zustiindigkcit des Eingriffsadressatcn mu-E dcshalb, wcil die Rollcnvcncilung in dcm konkrctcn Konflikt zufJllig war: Das
viclmchr positiv fcstgcstellt wcrdcn 59 3. Im Fall des Notwchrcxzcsscs fiel clics jctzigc Opfcr h:ittc sich cbcnsogut in dcr Rolle des Notstandstatcrs wicdcr~ndc.n
nicht schwcr. Dort dr:ingtc es sich formlicb auf, sich an dcr zustandigkcitsthco- kónncn und umgckchrt. \Y/cildcr Eingriffsadrcssat bislang in glcichcr Wc1sc w1c
scinc Mitbürgcrvon dcr Aussicht auf die Erüffnung cincr zus:itzlicl~cn ~\ettungs-
591
LK-Zicschang, §33 Rn.53; MK-Erb, §33 Rn. 19; NK-Hcrwg, §33 Rn.19; NK-Paeff- chancc in Notsituationcn profiticrt hat, wird cr nicht glcichhcitsw1dng bcnach-
gen, Vor §§ 32 ff. Rn. 274; S!S-Pcrron, §33 Rn. 4; Baumann/Wcber!Mitsch, AT, §23 Rn. 45; tcili<rt, \Vcnn cr cinmal die Kchrscitc dicser Option zu spürcn bekommt - und
Roxin, AT 1, §22 Rn. 69, 75.
dcr'Tatcr, dcr ihm die Kostcnrcchnung aufmacht und die Logik dcr R.cziprnzit1t
sn Di_chies.rgc Dcutung trifft sich im Ergcbnis weitgchcnd mir den Darlcgungen Roxins
(vgl. Roxm, 1\1 1, §22 Rdn. 69; dens., FS I-Icnkcl, S. 189; dens., FS Schaffsrein, S.116f.;dens.,
darnit praktisch wcrdcn lafü, bcwcist scincrscits kcinc Illoyalitat gcgcnübcr dcr
FS Bockclmann, S. 283; dcns., ZSt\V 96 f1984], S. 656; dens., FS Lampe, S. 430; dcns., FS Man- gcmcinsamcn l~rcihcitsordnung. . .
gak_i~,S. 249). ~)ie Begründungshintcrgründc bcider Positionen unterschciden sich indcs ticf- Mit diese· abstrakt-glcichmifügcn Vertcilungvon Ch aneen und R1s1ken darf
grcifcnd vonernandcr. Wiihrend hier von ciner freíheitsthcoretisch oricntienen J\nalysc des es allcrdinus nicht scin Bcwcndcn habcn. Auch bci dcr konkrctcn J\usgcstal-
Unre_chtsbcgriffs aus argumcntien wird, lcitct Roxin die Privilcgicrung asthcnischcr Affcktc
unm1ttclbar aus - bcrcits dem Grundc nach kritikwürdigcn (oben S. 77 ff.) - priiventivcn tung dcr N°otstandsrcgclung ist dcr Glcichwcrtigkcit dcr Bclangc d:s Eingriffs-
Strafzwcckübcrlcgungen ah. adrcssatcn mit dcncn des Eingrcifcndcn Rcchnung zu tragcn. D1cs crfordcrt
S'J.> Einc ,,Sp~nnung ;,.wischcn dem grundsiirzlichcn Gcltungsanspruch der (positivier- zun1 cinen cinc Übcrnahmc der Grundwcrtung des rcchtfertigcndcn Notstan-
tcn) Rcchtsprax1s, persl)nifizicrt im Status de$ Eingrifhadressaten, und der darauf verwic- clcs im 1-finblick auf das Gcwicht dcr zum Eingriff motivicrcndcn Notlagc.
scnen wie davon ausgchcndcn Subjckrivitiit des Tiitcrs" konstatiert auch Zabel (Schuldt ypi-
sierun~, S. 474): Scin Vorschlag 7,ur Auf!Osung di eser Spannung crschOpft sich jcdoch in Psy-
Stcllt n:imlich dcr zurcchnungsuntcrbrcchcndc Notstand kcin aliud zurn rccht-
chologismcn: l:,s gche darum, ,,die unterschiedlich crlebtcn und rcalisicrtcn Gcfahren- und fcrtigcndcn Notstand, sondcrn cinc auf die Abdcckung gcwisscr ,,Gefahrcn-
Notstands/agen und dcmentsprcchcnden Gefahrenbcurteilungen der Kontrahenrcn auszu- spitzcn" zugcschnittcnc Qualifikation dcssclbcn dar, so hat dcr drohcndc S~l1a-
glcichcn" (~a(?.' S. 4'.6). Dcshalb - so die kühne SchiuíHolgerung - kamen ,,bcide, Eingriffs- dcn hicr mindcstcns cbcnso gcwichtig zu scin wic dort. Dcr Vcrlust des gcfahr-
adrcssat w1c hmgretfcndcr, um cinc (tcmporal'c) Ncujustierung ihrer Rechts- und Frciheits-
sphal'en nicht umhin" (aaO, S. 474). Einc übcr;,.eugende J\ntwon auf die hage, weshalb die dctcn Gutcs mügtc für den Bctroffcnen also cinc spürbarc Umstcllung scincr
,,Subjektivitat des Tiiters" und dcsscn individucllc Gefahrenbeurtcilung [Link] Lasten des Ein-
griffsadressatcn nonnativc Rdcvanz solltc bcanspruchcn dürfcn, stcllt dics nicht dar. 5 •i-1 O ben S. 25 ! f.
C. Das Ausmafl der Pflicht1;;idrigkeit 363
362 J. Kapitc!: Die Verletwng der strafrechtlichen [Link]

Lcbensführung nach sich zichcn 595 • Zum andcrcn muB sich die Glcichwcrtig- scin abgcsondcrtcs Gcbictc angewicscn und durch fcstc Grcnzcn gcsichcrt"
kcit dcr kollidicrcndcn Bclangc in dcr Ausgcstaltung des Vcrhiiltnisscs nicdcr- ,vordcn sci(,00,kann Grolman zufolgc die Aufgabe angcgangen ,vcrdcn, die Bin··
schlagcn, in dcm dcr durch den Notstandseingriff angcrichtctc zu dem dadurch ncnstruktur des ,,Gcbictc[s] dcr Schuld" 6º1 zu kartographicrcn.
abgcwcndctcn Schadcn stcht. Lctztcrcr darf den crstcrcn dcshalb nicht wcscnt- Diescr Art des Vorgchens licgt cinc Einsicht zugrundc, die für jede systcma-
lich übcrwicgcn 596 . Im Ergcbnis blcibt dern zurcchnungsausschlicgcndcn Not- tisch rcílckticrtc Lchrc von dcr subjektivcn Zurcchnung Gültigkcit bcsitzt: Be-
stand mithin nur cin schr klcincr Anwcndungsbercicb. DaB es damit scin Bc- vor auf die einzelnen Erschcinungsformcn subjcktiv-pflichtwidrigcn Verhal-
wcnden habcn kann, gchürt zu den im Alltag zumcist unbcmcrkt blcibcndcn tcns cingcgangen wcrdcn kann, muB das Prinzip bcnannt werdcn, dcrn sic ihrc
Ruhmestitcln cines wohlgcordnctcn Staatcs. Einheit: als Zurcchnungsfonncn vcrdankcn ~ clarin ist sich der von Kant bcein-
fluBtc Feucrbach-Frcund Grolman mit scinen hcgclianisch und ncukantianísch
gcprJgtcn Nachfolgcrn cinig 602 . In dcr hcutigcn strafrcchtsdogrnatischen Litc-
C. Das Ausmafl der Pflichtwidrigkcit ratur wird die Elnsícht, daB die Diffcrcnz dcr Zurcchnungsformcn cbenso wic
jede andcrc Diffcrcnz cine ihr zugrundc liegcndc bcgrifíliche Einhcit voraus-
I. Einheit und Viclfalt dcr Zurechnungsformcn sctzt, h:iufig rniG.achtct603. Es wird zwar bctont, daB die Fahrlassigkeit ,,etwas
60
andcres" sci als dcr Vorsatz 6º4 und [Link] Trcnnung bcidcr ,,elementar" sci \
606
Zu den Grundtcxtcn dcr hcutigcn Dogmatik von dcr subjcktivcn Zurcchnung vernachlassigt, ja mituntcr sogar ausdrücklich für unfruchtbar crklart wird
gchürt Grolmans 1797 crschicncncr Aufsatz Über die Begriffe von Dolus [Link] indcsscn die Frage nach ihrcn gemeinsamen Strukturmcrkmalen. Ahnlich wic
Culpa. ,,Es bcdarf kcincs Erinncrns", so crüffnct Grolman scinc Darlcgungcn, die Wcigcrung, das Garantcnstcllungscrfordcrnis als allgcmeinc Zustiindig-
,,[Link] Vcrbrcchcn, wcnn sic andcrs übcrhaupt zugcrcchnct wcrdcn kcinncn, keitsvoraussctzung anzucrkcnncn 607 , auBert sich auch darin dcr Widcrstand
zur Schuld zugcrcchnct wcrdcn müsscn" 597 ; dcshalb bcstehc die crstc Aufgabc
dcr Zurcchnungslcbrc darin, anhand dcr ,,Fragc: in wíc fcrnc cin Vcrbrcchcn r,o.:) Grolman, Bcgriffc, S. 25.
auf die \X'illkühr des Mcnschcn bczogcn wcrdcn k0nnc?" 598 die Bcrciche von (,Ol Gro/man, Bcgriffc, S. 25.
Schuld und Zufall gcgcneinandcr abzugrcnzcn 599 • Erst nachdcm ,,jcdcm [... ] 1,[Link] für die Sicln dcr Hcgcliancr sind die Ausíührungcn Bcrncrs ín scincn
cinflul1rcichcn ,,Grundlinicn dcr lmputationslchrc". Die Aufgabc, die Bcrncr sich dort stcllt,
s<)sAhnlich I--IK-GS-Duttgc, § 35 Rn. 5; Ladener/Kühl, § 35 Rn. 3; MK-Miissig, § 35 Rn. 3, bcstcht darin, ,,die Lchrc von Dolus und Culpa als cincn wahrhaf t intcgrircndcn Tcil des bc-
l l, 25; SSW-Rosenau, §35 Rn. 6; Frister, AT, §20 Rn. 6; Haft, AT, S. 140; Kfihler, AT, S. 334; [Link] Ganzcn" der Zmcchnungslchrc 'l.u crwcisen und die Dogmatik jcncr Bcgriffc
Rcngier, AT, §26 Rn.30; Welzel, Strafrecht, S.179; Zabcl, Schuldtypisierung, S.474, 476; so als ein ,,durchaus wisscnschaftlichcs Glicd in dcr Tota!itat dcr Wisscnschaft vor den J\ugen
1-Ifirnle,JuS 2009, 878; Renúkowski, JRE 11 (2003), 282; Timpe, JuS 1984, 864. - Zu dcr cnt- des Lcscrs auscinandcr zu brcitcn" (Bemer, Gr11ndlinicn, S, V). Die vom Ncukantianismus
sprcchenden Untcrgrcnzc bcim rcchtfcrtigcndcn Notstand oben S. 251. -Die wohl noch hcrr- beeinflufhc Posirion Kohlrauschs stimmt sogar bis in den sprachlichcn Duktus hincin mit den
schcndc Gcgcnauffassung ist insoweit deutlich groazügigcr. Danach sind nur gcringfügigc Darlegungcn Grolmans übcrcin: Es solltc ,,Yorhcr dcr Bcgriff dcr ,Schuld' fcstgcstcllt wcrden,
Gcfiihrdungcn dcr k0rpcrlichcn Unvcrschnhcit und der Fortbcwcgungsfrcihcit von vorn- bcvor von dercn bcidcn ,Erschcinungsformcn' gcsprochcn wird". Die viclfaltigcn Strcitfra-
hcrcin aus dcm Anwcndungsbcrcich des§ 35 Abs. 1 StGB ausgcschlossen (LK-Zieschang, § 35 gcn in dicscm Bcrcich kónntcn ,,nur dcduktiv, d.h. durch Rückgriff auf den Obcrbcgriff dcr
Rn. 16; SK-Rudo/phí, §35 Rn. 8; S/S-Perron, § 35 Rn. 6/7; Baumann/Wleber/Mitsch, AT, §23 Schuld" cincr L0sung nahcrgcbracht wcrdcn (Kohlrausch, Schuld, S. 192).
603 DaR es sich um cinc ,,kaum mchr gcstcl!tc Fragc" handclc, bcklagt auch [Link],Fahr-
Rn.32; Ebert, AT, S. 107; fleimich, AT !, Rn. 566;]escheckl\'{leigend, AT, §44 I 1 [S. 4811;
Manrach!Zipf, AT 1, §34 Rn. 13; Otto, AT, § 14 Rn.13; Puppe, AT, § 17 Rn. 6; Roxin, AT 1, lassigkeit, S. 324.
§ 22 Rn. 25, 29; [Link]!I<uhlen, AT, § 10 Rn. 104). (,c-1 Jeschcck/\í/eige11d (J\T, §54 I 2 ¡s.563]) untcr Bcrufung auf BGI-ISt 4,340,344. - Dal1
5% lm ,vcscntlichcn wic hicr Laclnu:r!Kiih/, §35 Rn.11; Kiihl, AT, § 12 Rn. 90; MK-Miis- zwischcn Vorsatz und Fahrlassigkcit cin aliud~Vcrhahnis bcstche, cntspricht dcr (woh! noch)
sig, §35 Rn. 34; NK-Ncumann, § 35 R.n. 6, 47; Fríster, AT, §20 Rn. 10; Gropp, AT, § 7 Rn. 71; hcrrschcndcn )v1cinung (Fischer, § 15 Rn. 12a; HK~GS-Duttgc, § 15 Rn. 26; MK.-Dut1ge, § 15
Haft., AT, S. 142; Bernsmann, ,,Entschuldigung", S. 414 H.; Lugert, Gcfahrtragungspflich- Rn.103; Lackner/Kiihl, § 15 Rn. 56; S/S-Cramer!Sternbcrg-Lieben, § 15 Rn.3; I-Iaft, AT,
tígc, S. l 14 f.; Wortmann, Inhah, S. 93 f. - Noch cngcr (,,mchr odcr wcnigcr glcichwcrtig") S.149; Krey!Esser, AT, Rn.1338; Rcngicr, J\T, §52 Rn. 2; Kudlich, Untcrstützung, S. 324 ff.;
Zabel, Schuldtypisicrung, S. 476. - Groazügigcr (Notstandsausschlul1 nur bci offcnsichtli- ders., FS Bcnakis, S. 273 ff.; Miih/haus, Fahrliissigkcit, S. 13 f.; Safferling, Vorsatz, S. 192 f.;
chcm Miavcrhalrnis) LK-Zieschang, §35 Rn. 62; SSW-Rosenau, §35 Rn.17; f-Jeinrich, AT' 1, Boldt, ZSt\"Xf68 [l956}, 338, 346; Hirsch, FS Lampe, S. 523; Kretschmer, Jura 2000, 267; My-
Rn. 571; I<rey/Esser, AT, Rn. 751, 760;Jescheckl\Y/eigend, AT, § 44 III 1 (S. 484); Rengier, AT, lounopo,dos, ZSt\\f 99 [1987], 695 f., 703 ff.; Schaffstein, N]\X 1 1952, 729; SchrOder, FS Saucr,
§_261\n. 10, 30; Wessels! Beu/ke, AT, Rn. 439. - Gcgcn jcglichc Bcrücksichtigung von Propor- S.207 f.; Strncnsee,JZ 1987, 57 l'n. 47; \Ylegscheider,ZStW 98 [1986], 647).
t1onalnatserw::igungcn I-1K-GS-Duttge, § 35 Rn. 17. 605 Stratcnwerth!Kuhlen, AT, Vor § 15 Rn. l.
597 Grolman, Bcgriffc, S. 21. 606 So ctwa :1V1K-Duttge,§ 15 Rn.10!; Bung, \Visscn, S. 187. -Ahnlich Sauer, Fahrlassig-
598 Gro/man, Bcgriffc, S. 22. kcitsdogmatik, S. 29.
599 Grolman, Bcgriffc, S. 22 ff. (,o7 Ohcn S. 159 H.
364 3. Kapitcl: Die \lcrletxung der strafrechtlichcn Mit1;,·irkungsJJf/icht C. D,n Ausmafl dcr Pflic!Jt1;;idriglwi1 365

~-es typologischcn Dcnkcns gcgcn das strcng systcmatischéº 8• Die hicsigcn ristische Bctrachtung in genau dcmsclbcn Sinn cin bloGcs in die praktische Wclt
Ubcrlcgungcn oricnticrcn sich dcmgcgcnübcr an dcm Vorgchcn Grolmans. Da- des Handclns crst hinci1Euvcrarbcitcndcs Material wie die Kórpcrwclt." 612
her widmcn sic sich zunichst dcr Ermittlung dcr allgcmcincn Grundstruktur Nach ncukantianischcr Auffassung ist der Vorsatz also kcin natürlíchcs Pha-
subjcktiv-pflichtwidrigcn Vcrhaltcns (lI.). Erst danach gehcn sic auf die Fragc nomen, sondern -- cbcnso wie die Fahrlissigkeit, bei der nach einer Bcmerkung
cin, wic sích dcr Bcrcich dcr hicr im Anschlur.. an die Tcrminologic Grolmans Kclsens keinc Spur von irgendcíncm psychischcn Vorgang aufzufinden ist 613 -
als rechtsfcindlich bczcichnctcn Pflichtvcrlctzungen von den Fallen abgrcnzcn cin sozialcs lntcrpretamcnt. In wclchcr Weisc cinc wisscnschaftlichc Disziplin
lifh, in dcncn dcr Titcr lcdiglich cincn Mangel an _Frcundschaft für das Gcsctz diese Intcrpretation vornehme, hi"ingcvon dcm Deutungsschema ab, das sic ih-
zum Ausdruck bringt (III.). ,,Das Gcmcinsamc bildct die Basis - wic es sich rcr Ti"itigkcit zugrundclege. Die Auswahl des Dcutungsschemas richte sich wie-
gchürt."609 dcrum nach den spczifischcn Fragcn, die die betrcffcndc Wisscnschaft an das
von ihr vorgcfundcnc Material hcrantragc. Wcil die Problcmstcllungcn dcr theo-
rctischen \'v'isscnscbaft Psychologic andcrc seicn als dicjenigcn der auf prakti-
II. Grundstruktur subjcktiv-pflichtwidrigcn Vcrhaltcns
schc Urtcilc abziclcndcn Rcchtswisscnschaft, wisse ,,die Jurisprudenz mit den
von den Psychologcn gewonncncn Resultaren nichts anzufangen" 614• Dics gclte
l. Vorsatz und Fahrldssigkeitalsjuristisch-teclmischeBegriffe
namcntlich für die Strafrcchtswisscnschaft. Das ,,unablassigc Schv-1clgcnin psy-
In cinem cinflugrcichcn Aufsatz aus dcmJahrc 1890 crklinc Rcinhard Frank es chologischcn Fragcn"<,is lasse den Umstand auGcr Acht, daB,jede strafrechtlichc
zu cincr dcr wichtigstcn Fordcrungcn an die Vorsatzlchrc, die juristischc Tcr- Untcrsuchung im Dienst des Problcms stchc, ob die [Link] des Delinquen-
minologic in Einklang mit dcr psychologischcn zu bringcn. ,,Mag auch in vicien ten ,,cinc solchc war, daBivon Rechts wcgen gcgen ihn cingcschrittcn wcrdcn"
Bczichungcn noch Unklarhcit auf psychologischcm Gcbictc hcrrschen, so warc und cinc Strafc vcrhangt werdcn kann<'16• Die Bcstrafung ist im Fall dcr Vorsatz-
doch schon viclcs crrcicht, wcnn sich bci den Juristcn die Ncigung crkcnncn dcliktc in allcr Rcgcl crhcblích hóher als bci den - zudcm wcitaus scltcncr unter
licBc, sich bci dcr Bchandlung psychologischer Fragcn so engc als rnóglich dcr Strafc bcTcstclltcn- Fahrlassigkeitstatcn. Dcr strafrcchtlichc Vorsatzbegriff müssc
e

Fachdisziplin anzuschlícfScn.«6 10 Abcr handclt es sich bci dcr Bcstirnnrnng des imstandc scin, die sich cbrin iiuBcrnde Strafwürdigkcitsdiffcrcnz plausibcl ;,,u
Vorsatzbcgriffs und scinc Abgtcnzung von der Fahrlassigkeit übcrhaupt um gc- macbcn(,l?_ Dazu abcr fanden sich bci den Psychologen, für dcrcn Bcgriffsbil-
nuin psychologische Fragcn? Kcin Gcringcrcr als Binding hiclt dicser Bchaup- dung dieser Gcsichtspunkt bcdcutungslos ist, kcinc vcrbin<llichen Vorgabcn. In
tung scinc bcrühmtc Formcl von dcr ,,csotcrischc[n] Psychologic« des Rcchts cincm Wort: Bci Vorsatz und Fahrlüssigkeit handclc es sich nicht um psycholo-
cntgegen, die es ihr crlaubc, ,,sich von den so wcchsclrcichcn StrOrnungcn dcr gischc, sondcrn um juristisch-tccbnischc Bcgriffé!S.
Wisscnschaft ruhig umspülcn, aber nic von ihncn anfrcsscn, noch weniger als Die Einsicht, daG es sich bci Vorsatz und Fahrlissigkcit nicht lll11vorrcchtliche
crschüttern [zu] lasscn" 611• Widerspruch fand die Fordcrung Franks abcr vor Gcgcbcnhcitcn handclt, die clic Strafrcchtswisscnschaft lcdiglich aufzufindcn
allcm bei den kurzc Zcit spatcr auf den Plan trctcndcn Ncukantíancrn. Dcr und in ibr Katcgoricnsystcm cinzufügcn hi"itte, sondcn1 um Voraussetzungcn
von ihncn bcfürchtetcn Auslícferung dcr strafrcchtlichen Gegenstandserkcnnt·· cines bcstirnmtcn Typs praktischcr Urtcilc, die dcr Strafrcchtswisscnschaft cinc
nis an die Vorgabcn dcr Naturwisscnschaftcn suchtcn diese dadurch cntgcgcn- eigcnstiindigc Konstituierungslcistung abvcrlangcn, fand ihren gcwichtigsten
zuwirken, daH sic die Rechtswissenschaft zu eigenstindigcr Bcstimmung und Gcgncr im Finalismus. In den \Xlortcn des Wclzcl-Schülcrs Niesc ist es ,,sehr
Wahrnchrnung ihrcr Gcgensti"inde anhiclten. Die tclcologísche Fúbung si"imt- fraglich, ob die stob-,c Autonomie in dcr juristischcn Bcgriffsbildung erlaubt und
lichcr Rcchtsbcgriffc lassc sich, so crklartc Lask in einem für die juristischc dcm Rccht bei dcr Edüllung scincr Aufgabe dicnlich ist". Das Rccht sollc das
Rczcption des Neukantianismus grundlegcndcn Tcxt am bcsten anden Ver- Lebcn in dcr Gerncinschaft ordncn. Diese Ordnungsfunktion erfordcre, daG das
andcrungen und - vom bloG naturalistiscl1-psycholo~i;chen Standpunkt aus -
unbcrcchtigten Introjektioncn studiercn, die die Rcchtsordnung anden psychi-
r,u Lask, Rcchtsphilosophic, S. 320.
schcn RcalitJtcn vorzunchmen genütigt ist. Das psychischc Scin ist für die ju- c,u [Link],Grenzcn, S. 39.
r,1-1 l(clscn, I--lauptproblcmc, S. 107.
61
' Holdv. Ferneck, Idee, S. l.
608
I-Ierzbei-g,JZ1988, 578. (,\(, Hold'i.!.fcmeck,Idce,S.41.
rm !ler:óei-g,JZ 1988, 578. rn Bcling, Unschuld, S. 30; LOfflcr, Üstcrr. Z.f. Strafr. 2 ([911), 140; Engisch, Untcrsu-
i,1o Frank, ZStW 10 (1890), 207. chungen, S. 3i, 52, 58.
r,iI Binding, Normcn, Bd. II/1, S. 4. (,1i- M. E. Ma)'er, Handlung,S. l39f.
366 3. Kapitcl: Die Vcrlct:nmg dcr strafrechtlichcn Mitwirkungspflicht C. Das Ausmafl der Pflichtv1idrighcit 367

Rccht die Ph:inomcnc, die es in dcr so;,;ialcn Wirklichkcit vorfindc, sachlogisch hen die Rcchtsbcgriffc, die die subjcktivc Tatscitc kcnnzcichncn, ihren Gchalt
richtig crfassc619. So sci dcr Vorsatz nichts andcrcs als ,,cin juristischcr Untcrbc- aus ihrcr Funktion als Form dcr subjckrivcn Zurcchnung und lctztlich als Straf-
griff des ontologischcn Obcrbcgríffs dcr Finalitit" 620 • Scinc juristischc Bcson- voraussctzung628. Die Konturen des Vorsatzbcgriffs müsscn dcshalb aus dcm
dcrhcit licgc lediglich in sciner inhaltlichcn Bczogcnhcit: auf cincn Tatbcstand 621 • Zwcck dcr Zurcchnung und letztlich aus dcm der Strafc abgclcitet wcrdcnú 29.
Zwar war diese Position sclbst in dcr Blütczcit des Finalisrnus nicht unan- Ohnc den Versuch cincr solchcn Ableitung blcibt jede Bcgriffsbcstimmung des
gcfochtcn622. Erst die strafzwcckoricnticrtcn Vcrbrcchcnslchrcn abcr brachcn Vorsatzes sinnlos, da cinc an pseudonaturalistischen Katcgoricn vcrmcintlicher
cndgültig mit dem Vcrstindnis des Vorsatzes als cincm ,,natürlichc[n] [... ]Phi- psychischcr Bcfunde oricnticrtc Explikation ,,stcts ohnc norrnativcn [Link]
nomcn"<,[Link] ist man sich wcitgchcnd cinig darübcr, daB die Dcgriffc des und Bczugspunkt ist" 630•
Strafrcchts ,,auch don, wo ihrc Bczcicbnungcn ebcnso klingcn wic die Namcn
korrcspondicrendcr Phanomcne aus den Bczirkcn dcr Moral und dcr Psycholo- 2, Vcrmcidbarkeit als Oberbegnff
gic (,Schuld'/,Vorsatz'), nicht die Aufgabc [habcn], cthischc odcr psychologischc
In cincr systcmatisch geschlosscncn Vcrbrechcnslchrc hangt die Kcnnzcíchnung
Lehrsatzc aufzustcllcn". Sic sind viclrnehr ,,Titel für bestimmte Voraussctzun-
dcr allgcmcincn Struktur subjektiver Zurechnung nach dcm socbcn Ausgcführ-
gen der rechtlichen Bcwertung mcnschlichcr Handlungcn" 624. Der strafrecht-
tcn rnaRgcblich von den straftheorctischcn Vorgabcn ab. Die Vcrwcrfungcn, zu
lichc Vorsatzbegriff ist demnach ein ,,Funktionsbcgriff" 625, dcr ,,Sachvcrhalte
dencn cinc un:(,urcichendc Strafthcoric auf dcm Gebict dcr Zurcchnungslehrc
hcrvorgchobcncr Strafwürdigkcit und/odcr Strafbcdürftigkcit zu fasscn hat" 626
führt, lasscn sich an kaum cincr anderen Konzcption so anschaulich studicrcn
und dcr scinc Konturcn dcshalb nieht psychologischcn bzw. ontologischen, son-
wie an der Lehrc des cmincntcn Systernatikcrs Fcucrbach 63 l. Dcsscn Vcrbre-
dcrn normativ-tclcologischen Erw:igungcn verdankt 627 . Stuckenbcrg hat den
chcnslchre ist von der Überzcugung gctragcn, daR die Prinzipicn dcr Zurcch-
Grund dafür jüngst eindringlich auf den Punkt gcbracht: Wenn rcchtlichc Bc-
nung aus dcm ,,Begriff von Strafc uncl Strafgesctz" zu cntwickcln scicn 632 . Auch
griffe ihrcn Gchalt aus ihrcr Funktion in cinern Regclsystcrn crhaltcn, so bezic-
scin Vcrstiindnis von dolus und culpa ist nach dcm Urtcil Gcfücrs ,,cin sciner

r,19 Niesc, JZ1956, 457.


620
Niese,JZ 1956, 459. (,l 3 Stuckenbcrg, Vorstudien, S. 406 f. - Prittwitx (GA 1994, 459) widcrspricht dcm mil
621
Niese,JZ 1956,459. dcr Begründung, ,,cin Strafrccht, das scinc Bcgriffc nach Maf~gabc sciner 7-wcckc sol! bildcn
622 Vgl. et wa f!ardwig (ZSt\'{/ 74 f.1962],42): ,,Dcr Vorsatzbcgriff ist kcin natürlichcr, son- dürfcn, [crscheinc] von vornhcrcin illcgitim". 1st cin zwcckfrci strafcndcs Kriminalrccht ctwa
dcrn ein Kunstbcgriff." lcgitirner?
623 Maurach, ATI, § 16 II A 3 (S.171). 629 So kann die \visscnschafdichc Psychologic auf Fragen ·wie die, ob cin nicht intcndicr-
624
Hodeclmann, GS Radbrnch, S. 253 f. tcr Ncbcncrfolg ,,gcwollt" sci, schon dcshalb kcinc Antwort gcbcn, wcil sic sich ihr so gar
625
Frisch, Vorsatz, S.168. nicht stcllcn (zutrcffcnd Stuckcnberg, Vorstudien, S. ISO; vgl. auch Bleckmann, Strafrechts-
626
Frisch, Vorsav., S. 42. dogmatik, S. 79). Nicht von ungcfahr wird die Lchrc vom bcdingtcn Vorsatz von fachpsy-
627 LK-Vogel, Vor § 15 Rn. 9, 68; dcrs., GA2006, 388;SK-Rudolphi, § 16 Rn. 2;SS\Y/-Mom- chologischcr Seite als cin ,,hochgradig unpsychologisch[cs) f...] Phantasicgcbildc" kritisicrt
sen, §§ 15, 16 Rn. 39; Puppe, AT, § 9 Rn. S; dies., ZSt\X' 103 (l 991), 2; Roxin, AT 1, § 12 Rn. 31; (Ostermcyer, Strafrccht, S. 25), w:ihrcnd sic von Strafrcchtlcrn als ,,Konscqucnz typischcr
den., ZStW 74 (1962), 527; dcrs., ZStW 76 (1964), 585 f.;ders., FS Rudolphi, S. 244,248 f.; ders., Bcwcisnot", als ,,Funktion des nemo tcncrur se ipsum acensare" gcrcchtfcnigt wird (Kraufl,
FS Romano, S. 12!4f.; Schmidhfluscr, A'l', 6/4, 7/36; ders., Vorsat;,.bcgríff, S. 15, [7; Hleck- Funktion, S. 6). Auch im übrigcn handch es sich bci dcr Rede vom ,,Wisscn und Wollcn dcr
mann, Strafrcclnsdogmatik, S. 130 ff., 157 ff., 167 ff., 319 f.; Bung, \',(/jsscn, S. 33; Burchard, Tatbestandsvcrwirklichung" um cinc ,,ungehcurc Vcrcinfochung dcr sich in dcr Psychc des
Irrcn, S. 54; Eulc-Wlechsler, Vorsatz, S. 77; frisch, Vorsatz, S. 40 ff., 168, 259; dcrs., GS Armin 1'iitcrs abspiclcnden [Link]" (Vcst, Vms,ttznachwcis, S. 94), um dcrcn Erhdlung sich die
Kaufmann, S. 320; ders., Bcdeunmg, S. 174f.; Gon;,;á/cz-Rivern, Zurcchnung, S. 173; Hctzer, Psychologie [Link]. Ohne cinc derart rigorosc Rcduluion von Komplcxitat wúc abcr cinc
\Y/ahrheirsfindung, S. SS f.; !1su, Doppclindividualisicrung, S. 131, 139, 175, 177, 201; Jakohs, auf die Formulierung sozia! einsehbarcr tmd praluisch handhabbarcr Bcurrcilungsmaisrabc
Studicn, S. 107; ders., FS Bruns, S. 41 f.; dcrs., Zurcchnung, S. 68; ders., R\Y/2010, 288 f.; Kind- ahziclcnde Dogrnarik nicht müglich (Burchard, Irren, S. 126 f.). Auch die Trcnnung von Vor-
hdusc1; Gefahrdung, S. 106; den., GA 1994, 20.1; dcrs., GA 2007, 458; Koriath, Grundlagen, sao·, und UnrcchtsbcwuGtscin vcrdankt sich nicht psychologischcn Einsichtcn, sondcrn ver-
S. 640 ff.; Martins, Vcrsuch, S. 59 ff.; Miissig, More!, S. 177 ff.; dcrs., FS Jakobs, S. 429 ff.; Saf- mcintlichcn dogmatischcn Notwcndigkcitcn sowic dcm praktischcn Bcdüdnis nach cincm
fcrling, Vorsau., S. 113; Schroth, Vorsau., S. 2 f., 15 ff., 31, 115 f.; dcrs., JuS 1992, 6; dcrs., FS stufcnwciscn Vorgchcn bci dcr Subsumtion (Kraufl, FS Bruns, S. 26).
Schmollcr, S. 174 f.; ders., Bcgriff, S. 474; Stlíckcnbcrg, Vorstudien, S. 210, 315, 406 f., 428; (>JO Stuckcnberg, Vorstudicn, S. 407.
Bocleelmann, GS Radbruch, S. 254; Gaede, ZSt\Y/ 121 (2009), 265 f.; 1-Jasscmcr, GS Armin r,3i Binding, Normcn, Bd. IV, S. 216 f.- Über die Entwicklung von Feucrbachs Fahrl:issig-
Kaufmann, S. 294; lfruschlw, FS Klci11knccht, S. 200 ff.;]eschcck, FS Erik Wolf, S. 1-80;dcrs.,
1 keitslchrc untcrrichtct Exncr, \\;lcscn, S. lS H.
ZStW 98 (l 986), 9; J<raufl,FS Bruns, S. 26; Lampe, ZStW ll8 (2006), 23 f.; Ragués, GA 2004, 6 ·,z Fcuerbach, Rcvision, Bel.I, S. XX; fast würtlich übcrcinstimmcnd ders., Rcvision,
258; Schild, FS Strcc/Wc,%cL~,S. 262, 265; ders., 1"SRchbindcr, S. 134; dcrs., ]A 1991, 52; Schii- Bd. II, S. 68. - Allgcmcin zum Primat von Strafzwcckübcrlcgungcn in Fcucrbachs Vcrbrc-
ncmann, FS Hirsch, S. 371; ders., Chcngchi L.R. 50 (l994), 268; E. A. \Y/olff, FS Gallas, S. 206. chcnslchrc obcn S. 58.
368 3. Kapitef: Die Ver!et:umg der strafrecht!ichen Mi11.uirkungspflich1 C. Das Ausmafl der Pflicht~;;idrigl?eit 369

Strafrcchtst~1coric" dcr Abschrcckung ,,gcbrachtcs Opfcr" 63-1. Abschrcckung Durch sic wird nicht nur die unbcwufüc Fahrlassigkcit aus dem Kreis strafbaren
kornmt nur 111bczug auf solchc Handlungcn in Bctracht, die clcr ihrc Vornahmc Vcrhaltcns ausgcschlosscn 6'13, sondcrn auch dcr Unrcchtsgchalt der vci-blclben-
crwiigcndc Titcr als jcdcnfalls müg!ichcrwcisc vcrbotcn crkcnnt. Wo dics nicht dcn Fahrlassígkcitsdcliktc grob vcrzcichnct: Vom fahrlassigcn Falschcid (§ 163
dcr Fal! ist, hat dcr Bctrcffcndc niimlich kcincn Anlag, die Untcrlassung des in StGB) bis zur fahrlassigcn Hcrbciführung cincr Explosion durch Kcrncncrgie
Rede stchcndcn Aktcs auch nur in Erwigung zu zichcn, und die als motivatori- (§ 307 Abs. 2-4 StGB) wird dcmnach stcts cin und dicsclbc Pflicht, die Pflicht
schcs Gcgcngc·wicht gcdachtc Strafdrohung gcht ins Lccrc6J4. zur Aufmcrksamkeit, verlctzt, wahrend die Erfolgsvcrursachung zu cincm
Kann abcr ,,nur dann [... :Jcinc Vcrbindlichkcit von cincm Mcnschcn vcrlctzt" bloBcn Anncx, einer objcktivcn Bcdingung dcr Strafbarkeit herabgcsetzt wird 644.
wcrdcn, wcnn cr sowohl wciB,,,,dafs sic ihm oblicgc", als auch, ,,daB sic durch die In der Logik dieses Gcdankcngangcs licgt es dcshalb, die viclcn crimina culposa
I-landlung, die cr bcgcht, vcrlctzt wcrdc" 635, so folgt darat1s zwangslaufig cinc durch cin cinziges crimen culpae zu crsetzcn - cin Dclikt, das wcgen scincr ex-
massivc Vorsatzlastígkeit dcr gcsamtcn Konzcption 636, Nicht nur dcr dolus, son- tremen Wcitc scit dcm [Link] als ,,typischc Frucht polizclstaatlichen
dern auch die culpa sctzt dcmnach cinc ,,gcsctzwidrigc Bcstirnmung des Bcgch- Denkcns"M 5 abgclehnt wird 646 und cinen1 frcihcitlichcn Strafrccht unangcmcs-
637
rcns" voraus , nur mit dcm Untcrschicd, daB das Unrcchtsbcwufüscin sich scn 1st.
bcim Vorsatzdclikt auf das übenretcnc Strafgesetz als solchcs 638, im Fall der Die ,,Jagd nach dem Vorsatz in dcr Fahrlassigkeit" 647- vorsichtigcr formu-
culpa hingegcn auf die ,,Vcrbindlíchkcit zum gchürigcn FlciBe (obligatio ad dili- licrt: die Ncigung, die Voraussetzungen dcr subjcktivcn Zurechnung vom Lcit-
gcntiam)"639 bczichrM 0 • Diese ,,Lchrc von dcr dolosen Grundlagc des culposcn bild des Vorsatzcs her zu cnnvickcln ~, ist indesscn nicht auf den Pravcntionsdcn-
4
Vcrbrcchcns«6 ! ist allerdings nicht nur motivationspsychologisch hüchst un- kcr Fcuerbach bcschrankt. Auch vcrgcltungsthcorctisch oricntiertc Autorcn, ob-
plausibcl642; sic fordert auch in kriminalpolitischcr Hinsicht cincn hohen Preis. schon von ihrcn strafthcorctischcn Ausgangsannahmen her in diamctralem Gc-
gcnsatz zu den Abschrcckungsthcorctikcrn stchcnd, tendieren mituntcr zu dcr
r,.H Geflle1; Bcgriff, S. 58. - Ebcnso Storch, Bcgriff, S. 5.
r,.H Feuerbach, Bctrachtungcn, S. 211.
glcichen Einscitigkcit. Je nachdrücklichcr sic die willcntliche Absagc des Tatcrs
5
r,~ Fcucrbach, Bctraclnungcn, S. 209. an die Gcbotc dcr Rcchtsordnung als das constituens des Verbrcchens anschen,
. r,.,r,Aus d_crii~tcrcn Litcratur: Michc!ct, Systcm, S.76; Binding, Normcn, [Link], S.217; des to schwcrcr fallt es ihncn, dcr Fahrlassigkcit, zumal dcr unbcwufüen Fahrlüs-
Storch, Bcgnff, S.4f.; \Y/ahfbcrg, Schriftcn, Bd. l, S.51 f. - Aus dcm ncucrcn Schrifttum: sigkeit, cincn Plat:z in ihrcn Sy:Hemcn zuzugcstchcn(,,¡ 8 . Paradigmatisch für cine
Greco, Lcbcndigcs, S. 64; Hardwig, Zurcchnung, S. 50; Kaminski, MaBstab, S. 42; Maumch,
FS Eb. Schmidt, S. 311_.-Die Zwangsliiufigkcit dieser Konscqucn;,, ~cigt sich nicht zulctzt da- trcffcnd: ,,Ich glaubc, daB., so langc die Wclt stcht, ein solchcr Vorsatz nicht gcfaBt wonlcn
ran,_daB Fcucrhachs 1"rcund und Gcsinnungsgenossc v. Alrncndingcn sich, um an dcr systc- scy." (Klein, J\Crim 3 !_1801],134). .
mat1schcn Eigcns~iindig-kcit dcr Fahdassigkcit fcsthaltcn zu kónncn, gcnótigt sah, die Ab- uJ Exne1; Wcscn, S. [7; I-!oll,Entwicklungcn, S. 9.; Lcsch, Vcrbrcchcnsbcgnff, S. 72; LOff
schrcckungsthconc /,U durchbrcchcn und dcm Gcdankcn dcr Spczialpri'ivcntion Raum zu lcr, Schuldformcn, S. 213 f.; Schliichtcr, Grcnzcn, S. 51 f.; Storch, Bcgriff, S. 5.
gcbcn. D:r f~hrliissigkcitstiitcr sci cin ,,fricdlichcr abcr cinfaltigcr und unvcrstiindigcr Un- 6 H Binding, Normcn, Bd. IV, S. 219; Manrnch, FS Eb. Schmidt, S. 311.
tcrthan crncr Strafgcwalt, dcrcn Donncr cr nicht h0rtc, dcrcn B!itzc ihm nicht lcuchtctcn" (v. 6·15 Boldt, ZSt\\ 1 55 (1936), 72.
Almendingen, Vcrbrcchcn, S. 83). Dcr Zwcck dcr Bcstrafung sci dahcr hicr ,,nicht Aufrccht- w, Dics giit bcrcits für Feucrbachs Zcitgcnosscn; vgl. nur Konopak:,ACrim 4 (1802), 36 ff.;
crhaltung_,dcr psychok:gischcn I·-Icrrschaft des Strafgcsctzcs [Link] die ganzc Staatsgcscllschaft, Gefller, Bcgriff, S.%. -Aus dcr [Link] des frühcn [Link]: Binding, Normcn,
sondcrn l:..rzcugung d1cscr Hcrrschaft übcr den Vcrbrcchcr sclbst durch Erfahrung" (aaO, Hd. IV, S. 221 f.; Boldt, ZStW 55 (1936), 53 f., 72; Exncr, \Vcscn, S. 78 ff.; Mittcmnaier, ZSrW
S. 183): Durch die Erin11crung andas crlittcnc Übcl sollc bci dicscm ,,cin Rciz zum Nach- 32 (1911), 433. - Aus dcm hcutigcn Schrihturn: MK-Duttge, § 15 Rn.29; Maurach!GOSse{I
dcnkcn bey künf rigen glcichcn bllcn cncgt" und so ,,cinc ncuc Ilk:galitiit vcrhüthct" wcrdcn Zipf, AT 2, §43 Rn. 14;jalwhs, Studicn, S. 110; Artlrnr Kaufmann, Parallclwcrtung, S. 14 L;
(aaO, S.115). Ebcnso Stiibcl, NJ\Crim 8 (1825), 284ff., 307; Ba11mgarten, Aufbau, S.121 f.; KOhler, Fahrbssigkcit, S. 359 L; Lesch, VcrhrcchcnsbcgriH, S. 72; T Walter, Kcrn, S. 438 f.;
ders., Sc!nvZSrr_34 (1921),69; LOffler,Schuldformcn, S. 9. Trcffcndc Kl'itik bei Binding, dcr v. Gaede, ZStW 121 (2009), 273. -Für die Schaffong cines solchcn Dclikts allcrdings § 16 Abs. 2
Almcnd1ngcn cmcn ,,Ivlissbrauch, cbcnso mit dcm Bcgriff des Verbrcchcns, wic mit dcm dcr E 1936; Oetkn; GS 93 (1926), 47; Lang, ZStW 63 (1951),348 f.; [Link] auch Koriath, Jura
Strafc" vorwirft (Binding, Normen, Bd. IV, S. 225); mildcr fonnulicrci1d, abcr sachlich übcr- 19%, 120.
cinstimmcnd Schliichtcr, Grcnz,cn, S. 57 f. (,·
17
Binding, Nonncn, Bd. IV, S. 328.
07
Feucrhach, Hetrachrungcn, S. 207. MS Trcffend Dohna, ZStW 32 (191l), 330. •-Die Konscqucnz, den krimincllcn Charaktcr
638
Feuerhach, Hctrachtungen, S. 199. dcr Fahrbssi~kcit insgcsarnt in Abrcdc zu stcllcn, wird in dcr alteren Literatur 7,war nur Ycr-
(,_wFeuerhach, Hctr,'lchtungen, S. 208. - Da:,;u bcrcits obcn S. 307. cinzclt gcwicn (ctwa von Hommel, Wcrk, S. 15 f.; Rofihirt, NACrim 8 [1826], 379; Temme,
r,,io Feuerhach, Bctrachtungcn, S. 213.
I..chrbuch, S. 151 f.; Lasson, Systcrn, S. 532; [Link],Aufbau, S. 116 ff.; dcms., SclnvZStr
r,,i¡ Storch, Bcgriff, S. 15.
34 {1921},66; Ga!liner, Bcdcutung, S. 29; kririsch ncucrdings auch T \Valter, Kcrn, S. 128 ff.,
6'12 Wic Klein bcrcits zu Bcginn des [Link] fcststclltc, mlifhc dcr Dc!inqucnt da- 164; Koriath, Grundlagcn, S. 656 ff.; dcrs., FS ,lung, S. 408 f.). Haufigcr findct sich dagc-
nach ,,den Entsch!uB gcfafü haben, nicht aufmcrksam /.u scyn, odcr sich kcinc Fcrtigkeit in gcn die Beschriinkung dcr Fahr!iissigkcitsstrafbarkcit auf Fi'il!c bcwuBtcr Fahrliissigkcit
dcr [Link] dcr Aufmcrksamkcit zu crwcrben". Klcins Rcsümcc ist cbcnso nüchtcrn wic (in diescm Sin ne ctwa v. Buri, Causalitiit, S. 28; Hcrt7., Unrccht, S. 155 ff.; Kohlrausch, Irr-
370 3, Kapitel: Die Ver!cti'.ung dcr strafrechtlichen Mitwirkungspfficht C. Das Ausmafl dcr Pjlichtwidrig!?eit 371

solchc Positíon 649 ist im hcutigen Schrifttum die Lchrc Kóhlers. Ausgchcnd von nerhalb ihrcr dcm Vorsatz ,,die konstitutivc Stelle" zukommtú 55 und die POnali-
dcr auf Kant gcstütztcn, dcr Sache nach abcr chcr rousscauischcn Annahrnc, dag sicrung unbc,,vufher Fahrlassigkeit als unrechtlicl1 crscheint 65 (,.
in cincr frcihcitlichcn Rcchtsordnung ,,die rcchtsvcrnünftigc Sclbstbcstimrnung Diese Fokussicrung [Link] den Vcrhaltenstypus der aktucll-bewufhcn Aufleh-
handclndcr Subjcktc prinzipicll die Rcchtsnorm mit[konstituicrt]" 650 , bcgrcift nung gcgcn die Rcchtsordnung 657 berubt auf eincr unzureichcndcn Bcrück-
Kühlcr das Vcrbrcchcn als ,,handclndc Gcltungsncgation des [Link] von sub- sichtigung dcr Bcdingungcn cíner frcihcitlichcn Existcnzform 658 • Nach eincr
jcktiv-objcktivcrn Allgcmcinhcitsanspruch" 651 • Von cincr solchcn ,,fundamcn- Bcmcrkung Hobbcs' bcstcht das \Vescn des Kricgcs nicht in [Link]
tal-allgcmcinc[n] Gcltungsnegation" künnc indcs nur in den Fallen ,,dcr bcwuB- Kampfhandlungcn, sonden, in dcr bckannten Bereitschaft dazu wahrcnd
tcn Gcgcncntschcidung des normrcflekticrcndcn Subjekts als Mitgrunclcs des dcr ganzcn Zeit, in der man sich des Gcgcnteils nicht sichcr scin kann. ,,Jede
[Link]" die Rede scin 652 . ,,Dcnn crst mit dcr bcwufhcn Sclbstncga- andcre Zcit ist Frieden."(,59 Auch cin Zustand der Freihcitlichkeit wird nicht
tion dcr rcclnlichcn Handlungsmaxime ist dcr eingetretcnc objcktivc Grund- angcmcsscn charakterísiert, wcnn man ihn lcdiglich als cinc Abfolgc von Zeit-
widcrspruch zur Allgcmcinhcit auch dcrjcnigc des Subjckts sclbst, zicht es sich punktcn bcschrcibt, in dcncn es - aus welchen Gründcn auch immer - nicht
die Strafe sclbst zu." 653 Subjcktive Zurcchnung sctzt dcmnach ,,cinen ,virklichcn (odcr doch jcdcnfalls nur ausnahmswcisc) zu bewufücn Normvcrlctzungcn
subjektiven Gcltungsvollzug" 654 voraus, mit der zwangslaufigcn Folge, daG. in- komrnt. Erfordcrlich ist viclmehr, daB dcr cinzclnc auf die rcale Wcrthaltig-
kcit sciner Rechtspositionen vcrtrauen darf. Dieses Vcrtraucn kann er abcr
nur dann hcgcn, wcnn cr weiB, daí?.scine Rcchtsgcnossen sich regclmafüg da-
tum, S. 33 ff.; dcrs., Schuld, S. 194f., 197,208 f.; Thon, Redmnonn, S. 78 ff. Fn. 20; aus dcr
m':ucren Lireratur: /(ó'hb~ AT, S. 171 ff., 177ff., 191, 200ff.; den., fS Hirsch, S. 74ff.; ders.,
rum bemühen, [Link] Vcrhalten zu vcrmeidcn. Auch wenn
Rccht, S. 62; Bockclmann, AufsJ.t:,.c, S. 213 ff.; Arthur Kaufmann, Unrcchtsbcwu{hscin, es eincr frcihcitlichen Rcchtsordnung nicht gut anstcht, Bemühensdcfizite
S. 98 f.; ders., Schuldprinzip, S. 162; ders., Jura 1986, 231 f.; Rath, Rcchtfertigungsclcmcnt, [Link] untcr Strafc zu stcllcn 660 , kann cinc - wcnn man das Wort nicht
S. 532, 651; Wrage, Grcnzcn, S. 350; Zabel, Schuldtypisicrnng, S. 407; Seelmann, Rcchts- scheut - freiheitsfunktional ansctzcndc Lehrc von dcr subjcktivcn Zurcch-
gutskon:,,cpt, S. 265; G. Wolf, FS Puppe, S. 1070, 1077 ff.; tcndenziell auch Kell~er, Legiti-
miti-it, S. 419 f.). Einc solchc lk~chrñnkung dcr Fahrlassigkcitsstrafbarkeit haftct jcdoch an
nung dcshalb nicht urnhin, den Gedankcn dcr unzurcichcndcn Erfüllung jencr
Auíkrlichkcitcn und iaíl.t sich vcrbrcchenssystcmatisch nicht rcchtfcnigcn. Es ist nonnativ Bcmühensoblicgcnhcit zu ihrcm Ausgangspunkt zu crkhrcn 661 . Ein vcrhal-
bcdcutungslos, ob der Ddinqucnt sich zur Tatausführung cntschloR, obglcich c1·übcr cin tcnsnormwidrigcs Handcln ist dcm Tater demnach danu als Pflichtvcrlctzung
\'ifisscn verfügtc, das cincn rcchtstreucn und rational entscheidcnclen Bürgcr zur Untcrlas ..
sung des bctrcffcndcn Vcrhaltcns tnotiviert hiittc - dcr Phanotyp dcr bcwulhcn [Link]- m KOhler,FS I·Iirsch, S. 72; vgl. bcrcits dens. (Fahrliissigkcit, S. 334): Vors(ltz (1\$,,I-faupt-
sigkcit -, odc1· ob ihm aufgrund cines vorangegangcncn Bcmühc11smangcls bcreits dieses fonn des pcrsonalcn Unrcchts".
Wisscn fchltc - dcr Phanotyp dcr 11nbewufücn Pahrlassigkcit (cbenso Safferling, Vorsat:r,, r,51,. N(lchwcisc obcn S. 369 f. Fn. 648. ~ Zu den Konscqucnzcn von Kéihlcrs Auffassung
S. 263 f.; !Gndhéiuser, JRE 2 [1994], 345 f.). Die bcwuRtc Fahrliissigkcit ist nic]n cinmal der für die Dognutik des UnrechtsbcwuRtseins ohcn S. 305 f. Fn. 314.
657
rcgdmaEig schwcrcr wicgendc Fall (a.A. Beling, Unschuld, S. 58; Roth, Strafbarkcit, S. 78; D,d~das [Link]!ikt als Grundphanomcn der Vcrbrcchcnslchrc an:,.uschcn sci, bc-
Wcbel, Strafbarkeit, S. 189 f.; Arzt, GS Schréidcr, S. 128; tcndcnziell auch Roxin, AT 1, § 24 kraftigt jüngst Bung, \Vissen, S. 178.
Rn. 68). ,,Dei· vor-sichtigc und kcnntnisreichc Mcnsch handclt baufig mit dcr Vorsrcllung 658
Obcn S. 104 ff.
méiglicher Folgen in Fallen, wo diese dcm Lcichtfcrtigen und Ungcbildetcn fchlt. Das Maíl. r,S'! I-Iobbes, Lcviathan, 13. Kapitcl (S. 96).
scincr Unvorsichtigkcit braucht abcr darum kci11cswcgs cin gr0Ecrcs ;,,u sein." (v. Hippel, 660
Daa1 oben S. 307 f., 369.
ZStW 31 [19! 1], 584)-Aus dcr alteren Litcratur cbcnso Dohna, ZStW 32 (1911), 327; P. Mer- r,1,i B11ng(\'?isscn, S. 113) behauptct dcmgcgcnüber, es sci ,,gcwiss nicht im Sinnc cines !i-
kel, Grundriíl., S.130. -Aus dcm ncucrcn Sch1·ifttum: Lachner!Kühl, § 15 Rn. 53; LK-Vogcl, bcralcn Strafrcchts, dass man die Zurcchnung nicht mchr daran fcstrnacht, wns cinc Pcrson
§ 15 Rn.149; NK-Puppe, § 15 Rn. 9; Baumann/\Y/eber/Mitsch, AT, §22 Rn.66;]akobs, AT, wolltc, sondcrn daran, was sic hiittc wollcn müsscn". Dabci übcrsicht cr, dat cinc frcihcit-
9/3; ders., Fahrlassigkcitsdclikt, S. 32;JeschecldWeigend, AT, § 54 II 1 (S. 568 f.); Maurachl lichc Ordnung ohnc die bcst:indigc Bcmühung ihrcr [Link] nin Rcchtlichkcit nicht übcr!cbcn
GOssel!Zipf,AT 2, §43 R.n.21; Stratenwerth!Kuhlen, § 15 Rn. 33; Hülmer, Entwicklung, [Link] ist cinc massivc J\.uswcitung der staatlichen Übcrwachungs- und Eingriffs-
S. 103 f.; Rocder, Einhaltung, S. 47; Sauer, Strafrcchtsdogrnatik, S. 149, 215; Schlü[Link], bctugnísse unauswcichlich. Das Ergebnis \VÚC das gcnauc Gcgcntcil cines libcralcn Staatcs.
Grcnzcn, S. 84; Hirsch, FS Lampe, S. 535; l-Jruschha, FS Bockclmann, S. 429; Koch, ZIS 2010, Dazu bcrcits oben S. 105 f. - Kahlo (Handlungsform, S. 54) widt dcm Vcrmcidb(lrkcitsansatz
181; Schrnede,; ZStW 91 (1979), 266; Tenckhoff, ZStW 88 (1976), 904 ff. vor, cr vcrkcnnc, ,.da E die sm:ialc Prnxis zwischcn den Personen nicht cinc \Vclt vcnnicdc-
M<J LOfjler(Schuldformcn, S 221) kcnn:[Link] sic han abcr trdfcnd als die ,,fürchtcrliche ncr und/odcr nicht-vcrmicdcncr Zustande und Gcschehcnsablaufc hcrvorbringt, sondcrn [... ]
Konscgucn:r. des Thcorctikcrs, den nichts von scincr Licbiingsidec abbringcn kan11". primar sinnhaf t gcstaltctc, sci es auch durch ,Vcrlctzungssinn' verandcrtc, Rcaliti"it". Als pha-
°
6 5 KOhler, FS Hirsch, S. 71. nomcnologischer Bcfond mag dics zutrcffcn. An dcr spc'[Link] nonnativcn Prnblcmatik geht
65 1 Kohlcr,FS Hirsch, S. 74. es nach dcrn im Text J\.usgcführtcn vorbci. - Das Glcichc gilt fill' den Eimv(lnd Saffer!ings
r,52 Káhb; FS Hirsch, S. 81; ebcnso ders., AT, S. 179. (Vorsatz, S.198), dag dcr vorsiiudich Handclndc kcin Vermcidcrnotiv, sondcrn umgckehrt
1,53 KOhler,AT, S. 349. cin Vcrwirldichungsmotiv habc; zudcm ist diese Bchauptung cinscitig auf den J\.bsiclnstatcr
úS 4 KOh!cr,FS Hirsch, S. 70. zugcschniucn.
372 3. l<apilel: Die Vcdctzung dcr strafrechtlichen [Link] C. Das llusmafl dcr Pflichtwidrígkeit 373

zurcchcnbar, wcnn cr scin Fchlvcrhaltcn bci ordnungsgcmagcr Erfüllung sci- rccht clahcr in dcr Rcalisicrung cincr bcstimmtcn Ziclsctzung crblicktc/' 68 , licfs
ncr Oblicgcnhcit, sich um Rcchtstrcuc zu bcmühcn, hittc vcnncidcn künncn. [Link] Ansatz nicht zur Entfaltung kommcn. Im ncucrcn Schrifttum bcginnt
Entgcgcn dcr Oricnticrung Fcucrbachs und Kóhlcrs am Modell des Vorsatzcs sich jcdoch das Blatt zu wcndcn. Zu l\.ccht wird dort zunchmcnd hcrvorgc-
ist die Grundstruktur dcr subjcktivcn Zurcchnung somit anhand cines Kritc- hobcn, dafs die Erfordcrnissc des [Link](' 69 sowic dcr Ver-
riums zu umschrcibcn, das dcr Fahrlassigkcitsdogmatik cntstammtM' 2. mcidbarkcit670 für Vorsatz und Fahrliissigkcit in glcichcr \Vcisc gcltcn, wcshalb
Diese Sicht dcr Dingc ist kcincswcgs ncu. Die Einsicht, dag nicht nur dcr das Vorsatzunrccht nicht ctwa cin aliud gcgcnübcr dcm Fahrlissigkcitsunrccht,
Fahrlassigkcit, sondcrn auch dcm Vorsatz die Vcrnachlassigung cincr Bcmü- sondcrn cinc Qualifikation dcssclbcn darstcllt 671 .
henspflicht zugrundc licgc, wurdc bcrcits im [Link] vcrcinzclt in Er- Ein von Grolman [Link] Bcgriffspaar bringt dieses Plus-Minus-Vcrhilt-
wiigung gczogcn 6ú.> und zu Bcginn des [Link] in einer Reihe bcdcu- nis trcfflich auf den Punkt. Grolman untcrscheidct die Zurcchnungsfigurcn des
tcnder Arbeiten ausgcbrcitct 664 . Danach beruht allc Schuld darauf, ,,daf?idie Vorsatzcs und dcr Pabrlassigkcit anhand dcr Stcllung des jcwciligcn Tiitcrs zurn
Vorstcllung des tatbcstandsmafügcn Erfolgcs Gcgcnmotiv hittc wcrdcn kün- Strafgcsctz. Dcr dolos bandclndc '1'[Link] cinc Haltung dcr ,,Feindschaft",dcr
ncn und sollen", es abcr nicht gcworden istM,.'[Link] fahrliissig Handclndc zcigc kulposc [Link] dagcgcn lcdiglich cinen ,,A1angelan Freundschaft gcgcn das Gc-
durch seinc Tat, daB cr das rcchtlich gcschütztc Intcrcssc dcr andcrcn gcring- set;t,'' anden Tag 672 . Da Fcindschaft nichts andcrcs ist als cin qualifizicrtcr Man-
schiitzc, es also nicht so wcrtc, wíc scinc Pflicht es crfor<lcrc666 . Das Glcichc
gelte für den Vorsatztater. Hicr licge ebenfalls ,,alle Schuld [... ] darin [... ], dafs M,S Konscqucntcnvcisc ging das Bcmtihcn \\7eb·.c!s da hin, den Vorsatz rnit dcr tatsach-
lichen lntcntion des Tatcrs zur Dcckung zu bringcn (vgl. \Y/c/ze/, Strafrccht, S. 62, 64 ff.).
dcr Tatcr die Erhaltung des Rcchtsgutcs nicht so hoch cinscbatzt, als das Rccht
r,69 MK-Fre1md, Vor §§ 13 ff. Rn. 270; dcrs., AT, § 5 Rn. 18; das., Unterlasscn, S. 167;
es vcrlangt, und sic den cigcncn rcchtlich nicht ancrkannten Intcrcsscn nach- ders., GA 1991, 404; dcrs., FS Maiwald, S. 21 l ff.; MK-I-lt1rdtung, § 222 Rn. 1; dcrs., Vcrsuch,
stellt"[Link] finale Handlungslehre, die die Verbrechenslchre aus dem Modell S. 174 f.; NK-Puppe, § l5 R. 5; dics., FS Otto, S. 398; Fristcr, i\'l', § 12 Rn. 2; Gropp, AT, §12
zwcckhaft-gcstaltcndcr \Xlcltbcmichtigung zu cntwickcln suchtc une\ das Un- Rn. 70 ff.; Frisch, Verhahcn, S. 40; dcrs., Straft.n, S. [72 f.; dcrs., Straf \at, S. 172 f., 197; Hcl-
men, Straftatbegriff, S. 275; I-Ioye¡; Strafrcchtsdogmatik, S. 289; /(remer--Bax, Vcrhaltcnsun-
recht, S. 20 ff.,162; Rem:ilwwski, T:itcrbcgriff, S. 224 ff., 259; ROttger, Unrcchtsbcgri.índung,
M,2 Obcn S. 302 ff. S. 61; S. Waltcr, Pflichtcn, S. 102 f.; Bohncrt, ZStW 94 (1982), 78; HuddJardt, Vcrhaltcn, S. 128;
66
·'Vgl. etwa Klcinschrod (Entwicklung, §26 [S. 58]: Die Untcdassung des schukligcn Dclmc-Niemann, GA 2012, 93ff.; Hcrzberg,.JR. l986, 7f.; ders.,JuS 19%, 381; ders., Gi\
FlciRcs künnc nicht nur kulpos, sondern auch vorsacdich gcschchcn; Martín (Lchrbuch, § 32 19%, 14;ders., GA 20ül, 570 f.; dcrs., FG BGH, S. 60, 70; dcrs., FS Jakobs, S. 170;Jakohs, FS
[S. 70]): ,,Dcr lctztc Grund, warurn cin Mcnsch dcr Zurechnung sciner I-Iandlung wr Schuld Hirsch, S. 53; ders., FS Nishihara, S. 120f.; /(raufl, ZSt\'\ 1 76 (1%4), 47 f.; Kiiper, Gi\ 1987, 505;
gcrcchtcrweisc untcr!icgt, beruhct in dcm untcdasscncn Gcbrauche von seincr Fahigkcit, Mitsch,JuS 2001, 107 f.; Murmann, FS Herzbcrg, S. 123 f.; Putzhc, 2. FS Roxin, S. 434; Schi/d,
die cinzclne, dcrmahlcn zu bemthcilcndc und von ihm verübtc Pflichtwidrigkcit vcnnit- FS Jakobs, S. 604 f.; Schmoller, ÜJZ 1984, 657 f.; Wolter, 140 Jahrc GA, S. 317.
tc!st richtigcr J\nwcndung scincr Vcrnunft zu vcnneiden"; Zerhst, (ACrim [N.F.] 23 l1856], 670 LK-Vogcl, § 15 Rn.19;fakobs, AT, 9/2, 4; ders., Srndicn, S.47; dcrs., Zurcchnung, S. 67;
419 f.): Das dcm Vorsatz und dcr Fahrlassigkcit gemcinsamc Moment licgc in dcr Ve1·lct:1,ung Ott.o, AT, § JO Rn. 2; Blechnann, Strafrcchtsdogmatik, S. 143, 174 f.; flardwig, Zurcchnung,
dcr staatsbürgcr!ichcn Pflicht, ,,fonwahrcnd cinen auf Nichtbcgchung cincr vcrbrcchcrischcn S. 120, 133; llardtung, Vcrsuch, S. 175 f.; /-foyer, Strafrcchtsdogmatik, S. 339 f., 398; !!su, Dop-
Handlung, auf Nichthcrvorbringung cines rcchtswidrigcn Erfo!gcs geridllcten Willcn 7,U pclindividua!isicrung, S. 157 f.; Kremer-Bax, Vcrha!tcnsunrccht, S. 45 f.; Vílo!tcr,Zurechnung,
habcn". -Am atdührlichstcn cntfaltct v. Wick diesen Gcdankcn: ,,Das Strafgcsctz vcrbictet, S, 30, 42 f.; Hcrzhcrg, .JuS 19%, 383; dcrs., FG BGH, S. 60 f.; J<indhriuser,JRE 2 (1994), 343;
die mit Strafc bcdrohtc Handlung zu bcgchcn, odcr bcsscr gcsagt, es gehietet, die I-·Iandlung dcrs., GA 1994, 203, 208; ders., Logik, S. 93 f.; ders., FS I lruschka, S. 530 f.; de1·s., 1:s b·cr,
zu vcrmcidcn" (v. \Y/ick, ACrim f.N .F.] 46 [ 1857¡, 581). Dicsem Gcbot kónnc dcr mcnschlichc S. 353 ff.; ders., GA 2007, 451 ff.; den., FS Puppc, S. 59 f.-Aus dcr :iltcrcn Litcratur: lJ. Maycr,
Willc auf ;,,wcifache Wcisc ungchorsam scin. Man künnc den \Vil/en hahen, die vcrbotcnc Strafrccht, S. 291 f.; dcrs., AT, S. 244.
Handlung nicht :,,u vcrmcidcn. Darin bcstche dcr Vorsat;,,. Es kónnc abcr dcm Titcr auch bloR r,71 MK-Frc11nd, Vor §§ 13 ff. Rn. 270, 273; ders., AT, § 7 Rn. 39; dcrs., FS Küpcr, S. SO;
an dern Willen fchlen, die strafbare Handlung zu vcrmcidcn. Dann licgc cin Fall dcr Fahrlas- dcrs., FS Maiwald, S. 215 Fn. 13; !v1K-Hardwng, §222 Rn. 1 f.; ders., Vcrsuch, S. 177; NK.-
sigkcit vor (aaO, 581 f., 600). Puppe, § 15 Rn. 5; dics., AT, § 7 Rn. 2; dics., l;S Otto, S. 398, 401; SK-1-Ioyer, J\nh. zu § 16,
664
Zu nen nen sind insbesondcrc Binding, Normcn, Bel. IV, S. 341,350; Exner, \X'cscn, Rn. 3, 5;Jakohs, AT, 9/4; den., G/\ 1971, 260; Schmi"dhá"use1;AT, 10/78; dcrs., JuS 1980, 251;
S. 170, 232 f.; Engisch, Untcrsuchungcn, S. 231 ff., 267, 348, 406; }H. E. Mayer, Handlung, Blcckmann, Strafrcchtsdogmatik, S. [4; Kramn-Bax, Vcrha!tcnsunrccht, S.12 f. Fn.13, 46;
S. 151 ff.; ders., ZStW 32 (1911), 511 ff.; fcrncr Dohna, GS 65 (1905), 314; 1v!ittermaicr, ZStW Ltjipold, Rcchtsichrc, S. 277; GOssc!, FS Bruns, S. 48; Hcrxherg, GA !9%, 14; ders., GA 2001,
32 (1911), 425 f. - Dag Schuld im Rcchtssinnc ,,nicht cinc ,subjcktivc Bezichung', sondcrn gc- 570 ff.; ders., NStZ 2004, 595 ff.; ders., FG BGH, S, 61; [Link], FS Schwind, S. 320; Otto, FS Pc-
ncrcllc Vorausschbarkcit" sci und die juristischc Schuld sich deshaib ,,weit rcincr lals im Vor- tcrs, S. 378 f.; Schíld, FS Jakobs, S. 604, 607. -· J\us philosophischcr Sicht [Link],JRE 2 (1994),
satz, M. P.l in gcwisscn Fahrl:issigkcitsdclikten" vcrkórpcrc, bctomc auch Hold v. Ferncclc, 392 f. - Ebcnso bcrcits H Maycr, Strafrccht, S. 292; J-Iall, 1:5Mczgcr, S. 241; dcrs., Fahrl:issig-
Idee, S. 55, 91. kcit, S. 21, 62 (mit dcr schi:incn Wcndung, Vorsatz sci ,,\'crkrarnpftc Fahrl:issigkcit"); Hard-
6r,5 M. E. Maye1~ZStW 32 (!911), 514. - Ebenso Pictsch, Gcsichtspunkt, S, 94. 1;_,·ig,ZStW 78 (1%6), 3; Oehler, FS Saucr, S. 272; in dcr Sache auch /(raufl, ZStW 76 (!964), 48.
6
6r, Exncr, \Xlcscn, S. 170. r,72 Gro/man, Begriffc, S, 28. - Pragnant Stiibcl, (NACrim 8 [1825_1,294): ,,Jcncr ist bós,
1 67
' Exner, Wcscn, S. 232 f. dic.~cr b!os schwach." --In dcr alteren Litcratur findcn sich cinc Rcihc :ihnlichcr Umschrcibun-
374 3. I<[Link]:
Die Verleu1mg der [Link] Mitwirkungspflichr C. Das Ausmafi da Pflichtwidrigleeit 375

gel an Frcundschaft, stcllt das Vorsatzunrccht danach cin qualifizicrtcs Fahrlas- und die in zahireichen Wendungcn umschricbcnc vorhcrigc Billigung des Ein-
sigkcitsunrccht dar. Worin abcr bcsteht das qualifizicrcndc Momcnt, und fallt tritts des rechtswidrigcn Erfolgs galtcn('78 .
die Grcnzc zwischcn Rcchtsfcindlichkcit und mangclndcr [Link] Dicscr Sicht dcr Dingc widcrspricht die hiesigc Konzeption. In ihrcm Zcn-
wirklich mit dcr traditionellcn Vorsatz-Fahrlissígkcits-Untcrschcidung zu- trum stcht die Oblicgenhcit, sich, .sci es durch hinrcichcndc Vorbcreitung, sci
sammcn? Diesen Fragcn gchcn die folgcn<lcn Übcrlcgungcn nach. es durch die von Binding gcfordenc prüfcndc Bcsonncnhcit bcim Handlungs-
volb,ug, zur ordnungsgcmaBcn Erfüllung der rechtlichcn Gcbotc in den Stand
zu sctzen 679• Ohne cinc solchc Oblicgenhcit kann namcntlich cinc frcihcitliche
III. Die Konturcn rcchtsfeindlichcn Kriminalunrcchts Rechtsordnung nicht aufrcchterhaltcn wcrdcn. Die Zurechcnbarkcít als Pflicht-
verlctzung hingt deshalb davon ab, daB der Tatcr scin Fchlvcrhalten bci ord-
J. Der Begriff der Rechtsfeindlichkeit
nungsgemiBcr Erfüllung scincr Bemühcnsoblicgenhcit hitte vcrmciden künncn.
AuRcrordcntlich eng zog Fcucrbach den Krcis rcchtsfcindlichcr Vcrhaltcnswci- Die Grcnzzichung inncrhalb des so abgcstecktcn Fcldcs muB konscquenterwcisc
scn. Zum cincn führrc scinc Abschrcckungsthcoric dcr Strafc ihn zwangslaufig auf das Ausmafl dcr dcm Titcr anzulastcndcn Obliegenhcitsverletzung abstcl-
zum Bcgriff des dolus malus 673. Zum andcrcn bcschranktc cr den Vorsatz auf lcn. I-Iandlungcn, die bci vcrnünftiger Bcurtcilung noch mit der Maxíme dcr
jcne Falle, in dencn die Hcrvorbringung der Rcchtsvcrlctzung den Zweck des Vermcidung cincr Gesetzcsvcrletzung vcrcinbar sind odcr die durch Umstindc
Titerhandelns darstellt 674 • Mit dicscm schmalcn Zuschnitt des Gcbictcs gcnui- mitbcwirkt worden sind, wclche den Titcr von dcr vollcn Vcrantwortung für
ner Rechtsfeindlichkcit hat sich die nachfolgende Strafrechtsdogmatik jcdocl1 scinc Fehlcinschitzung zu entlasten vermógcn, vcrdicnen demnach cinc mildcrc
nicht zufrieden gegcbcn. Mannigfaltigc Vcrschicbungcn des von Feucrbach vor- Bcurtcilung als I---Iandlungcn, die cinc solchc Deutung rcalistischcrwcisc nicht
gcschcnen Grcnzverlaufs warcn die Folge. Insbcsondcrc dcr untcr dcm EinfluB mchr zulasscn. Wihrend Vcrhaltenswcisen dcr erstcn Gruppc lcdiglich von ci-
cines (Straf-)Rcchtsirrtums handelndc Tater solltc cincr schiirfercn Bcurtcílung nem Mangcl an Rcchtsfrcundscbaft zcugcn 1 sind Handlungen des zwcitcn Typs
untcrworfcn wcrdcn, als sic sich aus Fcucrbachs Ansatz crgab; von cincm Tcil Ausdruck von Rcchtsfcindschaft.
dcr Lchrc - in dcr Folgczcit auch vorn Rcichsgericht - wurdc sogar cin ganz- Damit wird <lie Pcrspcktivc dcr hcrkümmlichcn Vorsatzdogmatik umgc-
lichcr Verzicht auf das Erfordcrnis dcr Unrcchtskcnntnis propagicrrú 75 • Auch kchrt. Nicht dcr [Link] Urnstand, daB cr den dcliktischen Erfolg hat hcrbci-
Fcucrbachs Bcschrinkung des Vorsatzes auf Zwcckhandlungcn wurde als zu führen wollcn, kcnnzcichnct nach hicsigem Vcrstindnis den rcchtsfcindlichen
rcstriktiv cmpfundcn 676 • Der von I_,'eucrbach zur culpa gcschlagcnc Fall, daf?i 'fiitcr, sondern cinc negative Komponcnte: dcr fchlcndc Willc zur Untcrlassung
cinc Pcrson bci dcr ,,in andcrcr Absicht untcrnommcncn llandlimg selbst sich des VerhaltcnsnormvcrstoBcs trotz desscn massiver Gcfahrlichkcit (2.). Abcr
des ursichlichcn Zusammcnhanges dcrselbcn mit cincm m0glichcn odcr wahr- auch im übrigen wcicht die hicsige Position in mchrfachcr l·iinsicht von der her-
schcinlichcn gcsctzwidrigen Erfolg bcwufh gcwcscn ist«677 , wurdc zwischen kümmlichcn Bctrachtungswcisc ab. Schlagwortartig gesprochcn, bcinhaltct sic
dcr bcwufüen Fahrlassigkcit und der neugcschaffcncn Katcgoric des bcdingtcn cin Pladoycr dafür, bci der Ausfüllung des Feldcs dcr Rcchtsfeindlichkcit die
Vorsatzcs aufgcteilt, als dcsscn Kennzeichen das Vorhcrschcn dcr M0glichkcit Figur des dolus indireclHS und die des dolus malus miteinandcr zu vcrbinden.
Mit dcr Lehrc vom dolus indirectus kritisicrt die hicsíge Auffassung die Ver-
drangung dcr MaBfigur des vcrnünftigcn Bürgcrs zugunstcn des konkrctcn Ti-
terindividuums mit scincn rnüglichcrwcisc hüchst unvcrnünftigcn Mcchanis-
gen. Binding zufolge begeht der Vorsatzti:iter cincn ,,fcindseligcn Angriff gcgen das Rccht",
wi:ihrcnd der bhrli:issigkcirstatcr ,,dicscr [... ] grundsi:itzlichcn Gcgncrschaft gcgcn die Rcchts- mcn dcr Risikowahrnchmung und -vcrarbeitung (3.); und rnit dcr Lchre vom
pflicht crmangclt" (/Jinding, Normcn, Bd. IV, S. 453). ln den Wortcn Bckkcrs stchcn dolus dolus malus bestreítct sic die systcmatische Rclcvanz dcr Unterschcidung zwi-
und culpa zucinandcr ,,wic dircctcs Widcrstrcbcn und unvoHstaHdigcs Gchorchcn" (Bekker, schcn Vorsatz und Unrcchtsbcwufüscin (4.). Auf den ersten Blick sind dics ra-
Theoric, S. 332). Bcling srellt die ,,illoyalc" dcr ,,loyalc[n] und nur pflichwnaufmcrksamc[n_l
dikalc Thesen. Nihcr betrachtct, zicht die hicsigc Auffassung jedoch einmal
rcchtswidrigc[ii_l Handlung" gcgcntibcr (Belíng, Unschuld, S. 34).
673 Unten S. 398. mchr nur die Konscqucnzen aus dcr ncucrcn dogmatischcn Entwicklung, die
674 Feuerbach, Lchrbuch, §54 (S. 99); ders., Betrachtungen, S.197ff. -· Nahcr Greco, Lc- seit gcraumcr Zcit in diese Richtung weist.
bcndigcs, S. 61.
úl5 Eincn Übcrblick übcr die bctreffcndcn Positioncn gibt Swckenberg, Vorstudícn,
s.586 ff.
676 Krillsch dazu bci·cits Klein, ACrim 3 (1801), 127f. 678 Ni:ihc!' Hemmen, Bcgriff, S. 56 m.w.N.
(,7l Feuerbach, Lchrbuch, §56 (S.105). (,7'J Obcn S. 307 ff.
376 3. [(apite!:Die Verlct;,,;ungdcr stra[rcchtlichcn [Link] C. Das Ansmaf!.dcr Pflichtwidrigkcit 377

2. Entbchrlichlieit einer V?illenskomponent:e für móglich gcbaltcnc Eintritt des dcliktischcn Erfolgcs ,,immerhin líebcr war
als dcr Verzicht auf scine Intcrcsscn" 688 , bczcugt in dicscr Lesarr den Erfolgs-
Zwar hat sich die Strafrcchtsdogmatik schon langst von Fcucrbachs Auffas- herbciführungswíllcn sclbst des mít Eventualvorsatz handclndcn Titcrs. Auch
sung gclóst, daR die Absicht die cinzigc Vorsatzform darstcllc; nacb wic vor wenn es zu hart scin mag, in diescm Vcrfahrcn ,,die cigenartige Gastlichkcit
bctrachtct sic allcrdings die absichtlíchc Erfolgshcrbciführung als den Prototyp des scligen Prokrustcs" am Werk zu schcn 689 , blcibt es untcr systematischcn
vorsitzlichcn I-Iandclns 680 und arbcitct sich von dort aus zu den andcrcn Vor- Gcsichtspunktcn doch hóchst unbcfricdigcnd. Indem cin solchcs Vorgchcn das
satzformcn vor('81 : dcr Wisscntlichkcit und dcm Evcntualvorsatz, dcr in dicscr Ergcbnis ciner norrnativcn Erwigung - des Gcdankcns, daG,cin Titcr, dcr sich
Sicht als ,,Kümmcrform" des Vorsatzcs crschcint 682• Dcr rcchtsfcindlichc Ta- anmaG,t, aus dcm von ihm bci gcgebcncr kognitivcr Orienticrung gestalteten
ter ist dcmzufolgc dadurch gckcnnzcichnct, daB cr den dcliktischcn Erfolg im Handlungskomplcx cinígc Teilc als nicht gcwollt hcrauszuschncidcn, sich in
Wisscn um die Tatmnstindc hat hcrbciführen wollen 683 . Ein ,,Wollen" auch in cincn pragmatischcn Selbstwiderspruch verwíckclt 69 º - als psychischcs Faktt 1m
den Fallen des als sicher vorhcrgcschcncn, abcr uncrwünschtcn Erfolgscintritts behandclt 691 , míBachtct es nimlich cines dcr wichtigsten Gcbotc systemgebun-
sowic bcim dolus eventuali.'s nachzuwciscn, trifft frcilich auf massivc Schwicrig- dcncn A1·gumcnticrcns: das Gcbot dcr Bcgriffsstabilitatú 92 •
kcitcd'84. Um ihncn zu bcgegncn, muG,die hcrrschcnde Auffassung stillschwci- Vor allem aber führt das Fcsthaltcn an eincm volitivcn Vorsatzrnomcnt zu
gcnd die Diffcrcnzicrung von Haupt- und Ncbcnfolgcn aufhcbcn, indcm sic axiologisch zwcifclhaftcn Ergcbnisscn. Matcricllc Eigenstindigkcit kommt die-
bcidc nicht mchr ,,fcink0rnig" als gctrcnnt zu würdigendc Ereignissc, sondcrn ser Vorsatzkomponcnte nur zu, wenn sic es crmüglicht, den Vorsatz auch in
,,grobk0rnig" als Bcstandtcilc cines ,,Gcsammtcrfolgcs"(,s 5, cines ,,cinhcitlich solchen Fil len zu vcrncincn, in dcnen dcrTatcr um die Gcfahrlichkeit scines Ver-
gcdachtc[n] Vorstcllungskomplcx[cs]" 68 (, bcschrcibt, dcr nur ,,in toto gcwollt haltens wuG,tc, abcr- beispiclswcisc wcil er scine cigcncn Kontrollmóglichkcitcn
odcr nicht gcwollt sein" k0nnc6 87 . Der Umstand, daG, dem Titcr der von ihm übcrschitzte - dcnnoch glaubtc, die Sache werdc gut ausgchen 693 • Dics ist in der
Tat seit den Anfongen der Diskussion übcr das ,,clcndc sogcnanntc Problern des
(,so VgL ctwa Krey!Esser, i\T, Rn. 378 ("starkstc Vorsatúorm"); Roxin, AT 1, § 12 Rn. 23 dolus cvcntua!is"(, 94 ihrc wichtigstc Funktion 69 [Link] hcifü es bcrcíts bci Eduard
Fn. 28 (der Vors>[Link] in dcr i\.bsicht ,,am rcinsten vcrwirklicht"); M. lleinrich, Rcchtsgu1s-
Henkc, cincm dcr Gründcrvitcr dcr Lehrc vom dolu.s evenlualis, zwar untcr-
í'.t1griff,S. 138; Brammsen, JZ 1989, 8 ! ; Hasscmcr, GS Armin Kaufmann, S. 299 (Absicht als
idcaltypischc Vor8atzform). fallc das Voraussehcn cines notwendigen widerrcchtlichen Erfolgcs ohnc wcitc-
681 Ross, Vorsat;,;, S. 17 f.; Schroth, Vorsat;,;, S. 40; ders., FS Schollcr, S. 162; llerzberg, JZ

1988, 574 f.
r,s2 Trcffcnd NK-Puppe, § 15 Rn. 105; llerzbe1g, JR 1986, 8. &ssv. Hip¡,ei,Vorsat;,,, S.141; ders., ZStW 31 (1911), 56. -Jm Ergcbnis cbcnso Bung, Wis-
r,s3 Fischer, § 15 Rn.3; HK-GS-Duttge, § 15 Rn.11; SK.-Rudolphi, § 16 Rn. 1, 4; S!S-Cra- scn, S. 184, 191, 208, 269; ders., Formen, S. 137; Schroth, Vorsatz, S. 67 f., 85, 103; Kiiper, GA
mer!Stemherg-Liehen, § 15 Rn. 11, 80ff.; SSW-Momsen, §§ 15, 16 Rn. 39; Baumannl\Y/eherl 1987, 508.
Mitsch, AT, §20 Rn. 12 ff., 53 ff.; §22 Rn. 8; Bringewat, Grundbcgriffc, Rn. 447; Ehert, AT, 1.,s•JSo abcr Dohna (ZStW 32 [1911},328): Da dcr Willcnsbcgriff ,,nun abcr ¡...] die n0tigc

S. 54, 60 ff.; Gropp, AT, §5 Rn. 88 ff.; !Jaft, AT, S. 151, 155, 158 f.; Heinrich, AT 1, Rn. 264 ff., J\usdchnung nicht bcsitzt, wird cr gcdehnt und gcz:crrt bis :,.ur Unkcnntlichkcit".
1 90
299 f.; l!offmann-Holtand, i\.'I~ Rn. 152; jdger, i\.T, Rn. 75 ff.; J(Ohler, AT, S. 149 f., 161 ff.; • Hruschlui, FS Ktcinknccht, S. 192.
Krey!Esser, AT, Rn. 377, 3%; Kiihl, AT, § 5 Rn. 10 ff., 28, 44 H., 84 f.; Mattrach!ZipJ; AT 1, r,9 ¡ Ksitisch [Link],kohs, RW 2010, 290.
§ 22 Rn. !, 14 ff., 32, 3 Otto, i\.T, § 7 Rn. 26fL, 44; Rengier, AT, § 14 Rn. 5, 22, 30; Roxin, AT
1~; im NK.-Puppe, § 15 Rn. 23 ff. ~ Nicht cinmal muer didaktischcn Gcsichtspunktcn ist cin
1, § 12 Rn. 6, 21 ff.;Stratem;;errh!Kuhlen, i\.T, § 8 Rn. 66, 100; \Y/esscls!Beulke, AT, Rn. 203 ff. solchcs Proccdcrc zu rcchtfcrtigcn; v. Hoff hat dazu bcrcits am Ende des [Link]
- Ebcnso von philosophischcr Scite Seeba/J, FS MiuclstraR, S. 374 f. allcs Notwct1digc gcsagt: ,,So gcwiB es ist, dag cinc adacquatc T'crrninologic bci Erlcrnung
684 Aus dcr alteren Litcratur: /(e/sen, I-Iauptproblcmc, S. 114; LOffler, Schuldformcn, S. 8, dcr Wisscnschaftcn dadurch, daí~ sic dcm Vcrstand dttrch wcnigc Sylbcn cinc Mcngc zusam-
173; Dohna, ZStW 32 (1911),328; Lacmann, ZStW 30 (1910), 793 ff.; Min'cka, Formen, S. 20 ff.; rncngcdringtcr Ideen vorhiilt, [Link] Nutzcn gcwiihrt; so gcwiB ist es abcr auch, dal1 wcnn
Engisch, Untersuchungcn, S. 222 ff. - i\.us dcm ncucrcn Schriftturn:Jakobs, AT, 8/9; ders., Stu- dcm Kunstwortc ba!d diese bald jcnc Bcdcunmg untcrgcschobcn wird, nicht nur dadurch dcr
dicn, S. 38 f.; Frisch, Vorsatz, S. 24; Grt!ne'«.Jaid,T0tungsdclikt, S. 152; /-/m, Doppclindívidua- gcdachtc Vonhcil gfozlich vcrcitclt wird, sondcrn auch oft die allcrckclhaftcstcn und unnüt-
lisicrung, S. 138; Schmidhduser, Form, S. 54 f.; ders., FS Ochlcr, S. 143; Schroth, Vorsatz, S. 39; zcstcn Strcitigkcitcn cntstchcn, durch wclchc, nach cincm oft langcn Zank, wcitcr nicbts als
ders., FS Scho!lcr, S. 160f.; Kindhduser, ZSt\'XI% (1984), 2, 23; Lesch, JA !997, 809; Morseili, cin fruchdoscr und z:citvcrdcrbcndcr Wortkricg cntschicdcn ist." ([Link]; Vcrbrcchcn, S. 3)
693
ZStW 107 (1995), 338 f.; Sdmmann,.JZ 1989, 430. Trcffcnd Kargl, Vors«tz, S. 31 f. - \'\1cr wic Honig (Gi\. 1973, 262) das ,,nicht cindcutig
r,ss Lasson, Systcm, S. 497. bcstimmbarc voluntativc Elcmcnt" darauf stüv.t, da [Link] Tiiw· ,,sích dc1·Méiglichkcir bcwufü
636 Stuckenberg, Vorstudicn, S. 260. ist, zugunstcn scincs Vorhabcns odcr in Zusammcnhang damit cinc strafbarc Hand!ung nicht
687 In dicscm Sin ne v. J-lippel, Vorsau., S. 136; iihnlich Beling, Unschu Id, S. 34; [Link], vcrmeidcn z,u k0nncn", schaff t jcncs E!cmcnt trot:,. scincr tcrminologischcn Bcibchaltung dcr
Schuld, S.187f. - K0hlcr spric\n von dcr ,,Rcalisicnmg cincr Gcsanulagc" (KOhler, Fahrli-is- Sache nach ab.
69 1
sigkcit, S. 197), cincr ,,Gcsamtaltcrnativc des Handclns und die darin !icgcndcn Ncbcnfolgcn · Binding, Normcn, Bd. II/l, S. VII.
1 95
für andcrc" (KOhler, i\.T, S.162). ' Ebcnso Kindhd11se1;ZStW 96 (1984), 27.
378 3. Kapitcl: Die \lerletwng der strafrechtlichcn Mitwirlmngspfl-icht C. Das Attsmafi dcr Pflicht1uidrigkeit 379

res dcm Bcgriff des Vorsatzcs 6%. Bci cincm gcringcrcn Ma~ an Wahrschcinlich- zudehncn 703. So wird auf dcr eincn Scite nach dcm Motto ,,Du willst, dcnn du
kcit kommc es hingcgcn auf die Einstcllung des I--Iandclndcn an. ,,Manchcr ist wcifh" 70.¡ die Billigung nicht scltcn ohnc wcitcrcs aus dcr Kcnntnis dcr gdahr-
so lcichtsinnig und vcrwcgcn, cinc Handlung zu wagcn, dcrcn Gcfahrlichkcit, bcgründcndcn [Link] geschlosscn 705; auf dcr andcrcn Scitc wird zurn Nach-
dcrcn viclleicht sclbst wahrschcinlichcn widcrrcchtlichcn Erfolg cr sich nicht wcis fchlender Billigung mituntcr sogar dcr Rückgriff auf den Charaktcr und
vcrbirgt, die cr abcr dcnnoch, scincm Glückc odcr scincr Gcschicklichkcit vcr- di.e allgcmcinc Lcbcnsführung des 1'[Link] für zulissig gchaltcn 706. Kurzum:
traucnd, untcrnimmt." In diesen Fallen fchlc ,,das charaktcristischc Mcrkmal ,,Das volítivc Elcmcnt ist ein Dietrich, dcr immcr pafü.«707
des Dolus, das Wollcn des rcchtswidrigcn Erfolgcs«ú97 . Die von I-Icnkc vorgc- Angcsichts dcr rcchtsstaatlichcn Bcdcnklichkcit dieses Vedahrcns, das auf-
gcbcnc Dcutung des Willcns ,,als Widcrsachcr und nur zu haufig als Bczwingcr grund dcr Inhaltslosigkeit scincr Kritcrien Strnfbarkcit nicht in naclwollzichba-
dcr Vcrnunft«6 98 cntspricht bis in die Wortwahl hincin dcr bis hcutc hcrrschcn- rcr Wcisc limiticrt, sondcrn sic - mit ci nem durch Marx gcadeltcn Wort Kargls
dcn Auffassung. ,,Der Übcrmütigc und Tollkühnc hat" - so hciBt es etwa bci - ,,zum Tanzcn [bringt]" 708 , suchcn die litcrarischcn Vcrtrcter der Willensthco-
Roxin - ,,cinc rccht konkrctc Gcfahrvorstellung (sonst warc er ja cinfach dumm ric das \'1/'illcnskritcrium pr;iziscr zu fassen. Sic fragcn übcrwicgend danach, ob
und tOlpclhaft). Abcr cr glaubt, wcnn auch oft aus auBcrst unvernünftigcn Grün- dcr 'Titcr sich für die [Link] babc. Dics sci dcr
dcn, trotzdcm nicht, dalles schicfgehen kOnne."(,99 Dcshalb handle cr nicht vor- Fall, wcnn cr die Gcfahr erkannt und ernstgcnommcn, sich mit ihr abgefunden
[Link], sondern nur fahrlassig 700. habe [Link] ibrcr praktischen [Link] crwcisen sich diese Kritericn jcdoch
Die Rcchtsprcchung zicht die Grenze zwischen dcr lcichtfertigen Vcrdrin- als ahnlich unbcfricdigcnd wic die Lecrformcl vom billigendcn Inkaufnchmen 710,
gung der Erfolgsvorstcllung und dcr vorsatzlichen Erfolgshcrbcifühnrng mit
Hilfc des Kritcriums der Billigung im Rcchtssinnc 701 • Die vielbcklagtc Diffusi- 703
NK-Puppe, § 15 Rn. 34, 84; dies., GA 2006, 77; Langer, Sondcrstraftat, S. 83; T. Walter,
t3.t dieser FormcF 02 gestattct es jcdoch den Gcrichten, das Tatsachcnmaterial, Kcrn, S. 178 ff.; Brammsen, JZ 1989, 77 f.; Cancstrari, G/\. 2004, 213 ff.; \ferre!, NStZ 2004,
das sic der Vorsatzprüfung jcwcils zugrunde lcgen, nach Bclicben - und das 309ff.; Weigend, FS Hcrzbcrg, S.1000. - Nur scltcn wird dieses f\.nlicgcn so unbcfangcn
hciBt praktisch: je nach dcm gcwünschtcn Ergcbnis- cinzuschdnkcn odcr aus- vcrtcidigt wic von Ling: Dcr Vorsatzbegriff müssc so gcbildct werdcn, <lag dcm Richter i111
Strafprozcg die M0glichkcit vcrhlcibe, ,,gcfühlsmii.füg, abcr gcrccht" zu cntschcidcn (Ling, JZ
1999, 341). Glücklich dcrjcnigc, dcsscn Sdbstvcrtraucn so grog ist, dag cr es scincm Gcfohl
z11traut, ihn noch im hcikclstcn [Link] ium gcrcchtcn Ei·gcbnis ✓.u führcn.
696 Henke, I--fandbuch, S. 359. - Dag cin Tiitcr, dcr den Erfolgscintritt als gewifl voraus- 70 1
· \'i?eigend,ZStW 93 (1981), 665.
705
sicht, sich nicht dmch cinc ablchncndc cmotionalc Einstcllung in eincr den Vorsatí', aus- Vg\. Frisch, Vorsatz, S. 318 ff., 381 H.; Kargl, Vorsatz, S. 52 f.; Koriath, Grundlagcn,
schlicgcndcn Wcisc von dcm Erfolg zu distanzicrcn vcrmag, wird auch in dcr hcutigcn Dog- S.647.
7
matik cinhcllig ancrkannt Uakobs, AT, 8/20; Maurach!Zipf, AT 1, 22/29; I(Qh/er,Fahriiissig- or, Eindringlich NK-Puppe, § 15 Rn. 32 ff., % ff.; dies., AT, § 9 Rn. 9f., 14 ff., 38 ff.; dies.,
kcit, S. 53; Hasseme1;GS Armin Kaufmann, S. 299). Gi\ 2006, 75 ff.
707
rm !-Ienke, Handbuch, 1.'Thcil, S. 359. - Aus dcr 7,citgcn0ssischcn Litcratur cbcnso I<rng, Kargl, V<)rsatz, S. 72. ~ Positivcr Steinherg!Stam, NStZ 2011, 177 ff.
70
Dolus, S. 32; v. Weber, NACrim 8 (1825), 572,574. ~ Kargl, Vorsatz, S. 74.
698 Kargl, Vorsatz, S. 44. 709
HK-GS-Duuge, § 15 Rn. 11, 23; Lacknedlúihl, § 15 Rn. 24; Kühl, AT, §5 Rn. 73 ff.;
(M Roxin, luS 1964, 60. SK.-Rudolphi, § 16 Rn. 43; Bringewat, Grundbcgriffc, Rn. 451; Gropp, AT, § 5 Rn. 111;
700 Ehcns~ I--IK-GS-Duttge, § 15 Rn. 20; SK-RNdolphi, § 16 Rn. 5b; Frister, AT, § 11 Rn. 1;
llaft, AT, S. 155,159; Hoffmann-I-lolland, AT, Rn. 166;Jescheck/Weigend, AT, §29 III 3 a
Kóhler, AT, S.163f.; ders., Fahrliissigkcit, S.18, 292f.; ders., GA 198!, 293; Kiihl, AT, §5 (S. 299 f.); I<Ohler,J\T, S. 161;ders., GA 1981, 287; /(rey/Esser, AT, Rn. 396; Rengier, AT, § 14
Rn. 76; Rengier, AT, § 14 Rn. 22, 30; Ziegert, Vorsatz, S. 154 f.; Kiipper, ZStW 100 (1988), 768; Rn. 10, 26; Roxin, AT l, § 12 Rn. 27; das., JuS 1964, 61; ders,, FS Romano, S. 1205 ff.; \ílcs-
Schild, FS Rchbindcr, S. 136; Stratenwerth, ZStW 71 (1959), 56 f.; W"feigend,ZSt\'X'93 (1981), selsl Beulke, AT, Rn. 226; Amlnosius, Untcrsuchungcn, S. 47 H., 54 ff., 62 f.; [Link],
669; E. A. Wolff, PS Gali:as, S.221 L-Dic Grcnzc wird dort gcwgcn, wo dcr Tatc1· auf cinc11 í'.StW 71 (l959), 56/f.
710
gutcn Ausgang nur hoffcn, nicht ernsthaft vertraucn k0nnc (cxcmphri$ch Kühl, aaO, Rn. 77; Excmplarisch dafür sind die Ausführungcn Roxins. Stcllcnwcisc mai-ginalisic1·t die-
J(Oh!cr,Fabrliissigkcit, S. 290). Die Untcrschcidung zwischcn schlcclu bcgründctcm und un- ser untcr Bcrufung auf das Entschcidungskritffium die Willc1dmmponcnre fast bis ;,.ur
bcgründctcm Vcrtraucn ist allcrdings dcnkbar vagc und jcdcnfalls zu gcringfügig, um den Unkcnntlichkcit. ,,Wcr rnit dcr M0glichkcit cines tatbcstandsmiiRigcn Erfolgcs rcchnct und
Wcnuntcrschied zwischcn Vorsatz und Fahrlassigkcit tragcn zu k0nncn (1,utrcffcnd NK- sich trotzdcrn von scincm Vorhabcn nicht abbringcn liisst, hat damit-gcwisscrma~cn durch
Puppe, § 15 Rn. 44). schlüssige I--landlung - gcgcn das gcschüo:tc Rechtsgut cntschicdcn." (Roxin, AT 1, § 12
7º1 BGHSt 7,363,369; 21,283,284; 36, 1, 9; 44, 99, 101.-Zustimmend LK-Vogd, § 15 Rn. 30). Km-;,.cZcit spiitcr führt Roxin das Entschcidungskritcriurn hingcgcn ins Fcld, um
Rn. 128; Baumann!Wleber!Mitsch, AT, § 20 Rn. 54. cincn rcin kognitivcn Vorsatzbcgriff für ,,;,_uintellcktualistisch" zu crklarcn (aaO, Rn.42).
702 Vgl. ctwa Lacknerll<ühl, § 15 Rn. 25; NK-Pupj)e, § 15 Rn. 31 ff.;dies., ZS\Y/ 103 (1991),
Ebcnso schwankcnd ist Roxins Auscinandcrsctzung mit der Rcchtsprechung. Eincrscits
6 f.; Eberl, AT, S. 60; Otto, AT, § 7 Rn. 39; Ross, Vorsatz, S. 82, 105, 113; Schlehofer, Vorsat/., macht cr sicb die Kritik zu cigcn, die vom BGH bctricbcne Gcsamtschau allcr it·gcndwic bc-
S. 165 H.; Ziegert, Vorsatz, S. 102; Canestrari, GA 2004, 212 ff.; Frisch,GS Mcycr, S. 538 f.; dcutsamcn Tatumstiindc führc ✓.u cincr ,,gcwisscn Belicbigkcit" (aaO, Rn. 81). Andcrcrscits
/(rümpelmann, Empiric, S. 24; Schmidhduser, GA 1957, 308. cmpfichlt ei· nur wcnigc Randnu1111ncrn spiiter selbst das Vcrfahrcn, ,,die Annahmc eincr
380 3. Kapitcl: Die VcrlctZl(ng dcr strafrecht!ichen M1ú_¡_;fr/wngspjlicht C. Das A1mnafi der Pflicht1;.Jidrigkeit 381

Konscqucnt durchgcführt, lauft die Schrifttumskonzcption auf cinc Privilegic- Unrcchts andas Wisscn um cine qualifizicrt-uncrlaubtc Gcfahr knüpft und. auf
rung von Wirklichkcitsvcrwcigcrung und Rücksichtslosigkcit hinaus 711 • Eincm cin cigcnstandigcs positivcs Srcllungnahmcclcmcnt vcrzichtct, cntspricht sic ci-
lcichtfcrtigcn Tatcr, dcr, an dcr ,,Elastizititsgrcnzc des Gcwisscns" 712 handclnd, ncr ncucrcn Lcsart dcr Vorstcllungsthcoric 717 . Da sic abcr nicht andas Wisscn
die Gcfahr des Erfolgscintritts zwar crkcnnt, sic abcr nicht crnstnimmt, bkibt anknüpft, wclchcs dcr individucllc Dclinqucnt aktucll bcsaB, sondcrn an das,
danach die Bcstrafung wcgcn cines Vorsatzdcliktcs crspart; dagcgcn wird ci- wclchcs cr vcrnünftigcr- und zumutbarcrwcisc hduc hahen [Link], cntkoppclt
ncm Titcr, dcr 1 da scinc Fahigkcit zur Risikovcrdringung wcnigcr stark ausgc- sic das Urtcil übcr die Rcchtsfcíndlichkcit cines Vcrhaltcns von dcm bcirn Titcr
[Link] ist, angesichts dcr glcichcn Gcfahr crnsthaft mit cincm schlimmcn Ausgang real vorfindbarcn psychischcn Bcfund. ,,Nichts gibt uns das Rccht, von vorn-
rccbnct, Vorsatz zur Last gclcgt. Dcr Vorwurf, dall cinc solchc Grcnzzichung hcrcin anzunchmen, daB allc Deliktc, wclchc glcichmafüg schwcrcr Strafc untcr-
nicht richtig scin künnc, stcht im Zcntrum dcr Vorwürfe gcgcn die traditioncllc licgcn, auch eincn glcichcn psychologischcn Tatbcstand aufweiscn." 7 l 8 Aus dcr
Konzcption des dolus malu.s713 , Auf dcm nicht wcnigcr ,,hcigcn Bodcn" 714 des
dolus evenlualis wird sic dagcgcn klaglos hingcnommcn 715 .
Schefflcr, Jura !995, 353 f.; Schiincmann, GA 1999, 220; dcrs., Chcngchi L.R. 50 ["1994],272;
Die hicsigc Konzcption cntgcht diesen Unstimmigkcitcn. Ihr zufolgc ist dcr
Wcigend, FS I--Icrzbcrg, S. 1001; aus dcr alteren Litcratur: v. B11ri,GS 41 [1889], 425 f.; Schró-
rcchtsfeindlichc [Link] nicht dadurch gckcnnzcichnct, daB cr den dclíktischcn Er- dcr, aaO, S. 216, 219; aus dcm philosophischcn Schrif ttum: Seeba/J, JRE 2 [1994), 393 Fn. 37).
folg hat herbeiführen wo!len, sondcrn dadurch, daG cr sích nicht zur Erfüllung M it dcr hicsigen Konzcption ist cinc solchc Sondcrbchandlung dcr Absicht unvcrcinbar. So-
der sein Verhalten untersagenden Verhaltensnorm motiviert bar, obglcich cr vcr- langc sich cincrn vcrstfodigcn Hctrachtcr dcr Gcdankc: ,,Das kann nicht gutgchcn!" nicht
gcradczu aufdriingt, fchlt es an dcr crfordcrlichcn Objcktivicrung dcr rcchtsfcindlicbcn Ab-
nünftigcr- und zumutbarcrwcisc crkenncn mufüc, daB cr dadurch cinc qualifi-
sicht des T::itcrs; ihn dcnnoch als Rcchtsfcind ;,,u bcstrafcn, buft auf cinc Ahndung scincr
zicrt-uncrlaubtc Gcfahr für die von der Vcrhaltcnsnorm gcschütztc Rcchtsposi- b0scn Gcsinnung hinaus. - Gcgcn cinc Abscnkung dcr ansonstcn maBgcblichcn kognitivcn
tion schuf?H,_Indcm die hicrvcnretenc Auffassung das Verdikt rcchtsfeindlichcn Vorsat:[Link] bci dcr Absicht auch NK-Puppc, § 15 Rn. 105 f.; dics., Vorsatz., S. 36 f.,
65 f.; SK-Rudolphi, § 16 Rn. 3;}a!wbs, AT, 8/17; /(iih{, i\T, § 5 Rn. 37; Eulc-W/echsler, Vorsatz,
Entschcidung ftir die m0glichc Rcchtsgutsverlctzung van cincr \X'iirdigung a!lcr Umstiindc S. 16 f., 59; Ross, Vorsatz, S. 20; Safferling Vorsat:(,, S 181f.; Schlchofer, Vorsatz, S. 39; J-]cr"/..-
des konkrcten Falles abhangig zu machen" und lobt die ncucrc Rcchtsprcchung des BGI-1 berg, JuS 1986, 253,256; aus dcr i"iltercn Litcratur insbcsondcrc Klee, Dolus, S. 32 f.; M. L.
dafür, daB sic mchr u11d mchr ;,:u soldwn Gcsan1tabwiigungcn ncigc (aaO, Rn. 88; dcrs., FS Miiller, Bcdcutung, S. 52.
Romano, S. 1211ff.). 717 NK-Puppe, § 15 Ri1. 64 ff.;dfr,y, AT, § 9Rn. 11 f.; dies., Vorsatz, S. 37, 40; dies., ZSt\YJ l03
711 Zutrcffcnd kritisch NK-Puppe, § 15 [Link], 49; dies., AT, §9 Rn.11 f.; Eulc-\Vechs- (1991), 18; dies., GA 2006, 73 f.;Jakohs, AT, 8/21 ff., 31 f.; dcrs., Studicn, S. 116;dcrs., Fahdas-
ler, Vorsatz, S. 25, 37, 61; J-Jaft, ZStW 88 (1976), 379; Hcrzberg, JuS 1986, 252 ff., 261; den., sigkcitsdclikt, S. 10, 24 ff.; dcrs., FS Bruns, S. 36 H.;ders., R\V 2010, 291 H.;Kindhiiuser, AT,
FG BGH, S. 74, 79, 81; ansatí.'.wcisc auch Maiwald, GA 1977, 260. -Geppert (Jura 1987, 670) § 14 Rn. 27; dcrs., Gcfahrdung, S. 96 ff.; dcrs., GA 1994, 204,208 f.; dcrs., FS Hruschka,S. 540;
monicrt ;,,war 7.u Recht, dag die Bi!ligungsthcoric dcr Rcchtsprcchung den ,,optimistischcn clcrs., FS Eser, S. 353 ff.; ders., GA 2007, 456f., 465 ff.; Eule-W/echsler, Vorsatz, S. 36 ff., 60ff.,
Tatcr" [Link], dcr immcr an cincn gurcn Ausgang glaubc; cr vcrkcnnt jcdoch, daB das 93 ff.; Griinewald, T0tungsdclikt, S.150f.; l!oyer, Strafrcchtsdogmatik, S.192, 196 ff., 345;
Glcichc auch für die Ernstnahmctheoric des Schrifttums gilt. Müssig, Mord, S. 181; Saucr, Fahrlassigkcitsdogrnatik, S. 258 ff.; Schlehofer, Vorsatz, S. 15 f.,
712 Grossmami, Grcnzc, S. 23. 37 ff., 163 ff.; ders,, NJW 1989, 2019 f.; Ceppcrt, GS Sch!üchtcr, S.61 f.; Her;,,berg, JuS 1986,
713 Vgl. nur Welzcl,JZ 1952, 341; Plaugummer, Vorsatz, S. 52 f.-Nahcr da'l.u unten S. 400. 253 ff.; ders., JZ !988, 639 ff.; dcrs., JuS 1996, 379; Wcigcnd, FS Hcrzbcrg, S. 997, 1004. - Na-
11
7 · Exncr, \Vcscn, S. 128. hcstchcnd l(argl, Vorsati',, S. 70. - Ablchncnd MK-joecks, § 16 Rn. 22 Fn. 50; SK-Rudolphi,
715 Die dar in licgcndc Inkonsistcnz monicrt auch .fakobs, Systcm, S. 56; dcrs., FS Schrci- § 16 Rn. 5b; Frister, AT, § 11 Rn. 27; Roxin, AT 1, § 12 Rn. 51; dcrs., FS Rudo!phi, S. 25üf.;
bcr, S. 954. Rcnúkowski, Tiitcrbcgriff, S. 217 f.; T Wlalter, Kcrn, S.182. -Auch Frisch (Vorsatz, S. 255 ff.)
716 Unzuliissig ist es dcshalb, cin Minus an Gcfahrvorstcllung durch cin Plus an bóscr spricht sich gcgcn das hcrk(irnmlichc Z\vciglicdrigc Vorsat1,vcrstandnis aus. Dcm Übcrkom-
Absicht zu kompcnsicrcn. So vcd:ihrt die hcrk0mmiichc Strafrcchtsdogmatik im Bcrcich des rncncn blcibt cr alkrdings insofcrn vcrhaftct, als cr jedes - und nicht lcdiglich cin objck-
dolus directas crstcn Grades. Danach ist ,,jcdcnfalls dcrjcnigc in hcrvorgchobcncr Wcisc vcr- tiv crhcblichcs - uncrlaubtc Risiko ah tauglichcn Vorsat;,:gcgcnstand ancrkcnnt (aaO, S. 94;
antwortlich f...:¡,dcr das bcgchrt, was durch die Strafrcchtsordnung ausgcschiosscn wcrdcn dcrs., Vcrhaltcn, S. 574, 587f.), Um den Bcrcich dcr Vorsatzstrafbarkcit nicht unangcmcsscn
soll" (Schroth, Vorsatz, S. 42, fcrncr cbd., S. 61, 81; aus dcr ::iltcrcn Litcratu1· ctwa SchrOdc1; FS wcit zu schncidcn, vcrlangt cr auf dcr \Xlisscnsscitc cinc ,,Stellungnahmc" (aaO, S.199), cin
Saucr, S. 2 !6 [,,starkc Gcringschiitt,ung dcr Rcchtsgütcr und Vcrachnmg dcr rcchtlichcn Gc- ,,[Link]-sich-davon-Ausgchcn" des Tiitcrs (aaO, S. 302,409). Damit lauft scinc K01wcption im
botc"]; Lóffier, Schuldformcn, S. 6 [Absichtstatcr als ,,gcfiihrlichcfr] sozialc["r] Schiidling")). wcscnt!ichcn auf cinc Umgruppicrung dcr hcrgcbrachtcn Vorsatzclcmcntc hinaus: \Vas die
Dcshalb wcrdcn in dicscm Fall nur gcringc Anfordcrungcn an die \Xfisscnskomponcntc gc- ,,Ernstnahmcthcoric" untcr dcm Stichwort ,,\X'ollcn" abhandclr, licst F1·isch wcitgchcnd in
stcllt (LK-Voge/, § 15 Rn. 85; MK-Joccks, § 16 Rn. 14; S/S-Cramer!Stcrnhcrg-Licbcn, § 15 die Wisscnskomponcntc hincin (wic hicr LacknedKiihl, § 15 Rn. 27; l(fíhf, AT, § 5 Rn. 44;
Rn. 67; J-Jaft, AT, S.151 f., 156 f; Hcinrích, AT 1, Rn.278, 281,283; Krey/Esscr, AT, Rn. 379; SK-Rudolphi, § 16 Rn. 43; Blcckmann, Strafrcchtsdogmatik, S. 22; Kii¡,er, GA 1987, 508 f.;
Rcngicr, AT, § 14 Rn. 13; Roxín, AT 1, § 12 Rn.4; ders., FS Rudolphi S.250f.; [Link] J(üppcr, ZStW 100 p988], 779; iihnlich Ziegcrt, Vorsav., S.1l9; auch Frisch sclbst riiunn clics
Kuhien, AT, §8 Rn. 102; Wcssels!Bculkc, AT, Rn. 211; Hlibne1; Entwicklung, S. 252 f.;Schmth cin: Frisch, GS Mcycr, S. 546).
aaO, S. 61, 84 [bcrcits die ziclstrcbigc Kunrnlation an sich crlatibtcr Risikcn sci ausrcichcnd]; 718 Hold v. Fcrncck, Idee, S. 11. --Sachlich übcrcinstimmcnd jüngst Stuckcnberg (Vorstu-

Sachet; Sondcrwisscn, S. !60 f., 169; Zicgcrt, Vorsatz, S.132; Philipps, 1. FS Roxin, S. 375; dicn, S. 382): Aus axio!ogischcr Sicht gcbc es ,,kcincn Grnnd, warum in subjcktivcr Hinsicht
382 3. Kapitel: Die Vcrlct:nmg dcr st1·afrccht!iche11
Mi1wirk1mgspjlicht C. Das Ausmafl dcr Pjlichtwidrigkeit 383

Pcrspektivc dcr hcrkOmmlichcn Vorsatzdogmatik ist clics allcrdings cinc ungc- findc dcshalb an dcr ,,objcktivcn Natur dcr Dingc [... ] das Mafl scincr rccht-
wohntc Position. Dcshalb sci sic nachfolgcnd ni her crliutcrt. lichcn Vcrantwortlichkcit" 7·10. Dies, dag dcr Handelndc ,,den dcr eigcnen ob-
jcktivcn Natur scincr l·hndlung immancntcn Erfolg nicht von sich abwciscn"
3. Die Mafifigur des Zurechnungs1'rteils: der vemiinftige Bürger und [Link] Erfolg ihm deshalb zugcrcchnct wcrdcn k6nnc 731 , ist für [Link]
cbcnso wic zuvor für Hegel dcr ,,ganz richtigc Gcdankc", dcr der Aufstcllung
a) Vom dolus indirectus zum dohts eventu-alis des indirckten Dolus zugrundc gclcgcn habc 732.
Die philosophisch ambitionicrtcste Vcrtcidigung des ansonstcn für seincn In dcr zcitgcn6ssischcn Strafrcchtswisscnschaft war den Übcrlegungcn Hc-
,,schillern<lcn Inhalt" 719 und die ,,Harmlosigkcit scincs intcllcktudlcn Gcwan- gcls und KOstlins kcin Erfolg bcschicclcn 733; lctztcrcr rallmtc offen cin, dal1 die
dcs"72º bespOtteltcn Rechtsinstituts des dolus indirectus 721 stammt von Hegel. ,,Vcrthcidigung des vcrschricencn dolus indircctus" cin nahezu aussichtslo-
lm Untcrschicd zu den vorhcrgehcndcn Bcgründungsvcrsuchen berief Hegel ses Vorhabcn clarstcllc 73'i. Vcrantwortlich für die Diskrcditicrung dcr dolus in-
sich nicht auf irgcndwelchc pragmatischen Erwiigungcn, ctwa Bcweisproblcmc, directus-Lchrc war in crstcr Linic Fcucrbach 735. Gcgcn die ,,mctaphysischc[n]
sondcrn auf cinc Argumcntationsfigur, die buchstiblich in das Hcrz scincr Dia-
lcktik führt und die man hcute untcr dcr Bczcichnung ,,pcrformativcr Widcr- no lfosthn, System, S. 182.
spruch" kcnnt 722. Ein pcrforrnativcr Widcrspruch ist dadurch gckcnnzcichnct, 731 Vgl. Hegel, Vorlesungen Bd. 3, S. 366 (Nachschrif t I-Iotho).
732 KOstlin, Systcm, S. 192; vgl. Hegel, Grundlinien, § ! 19 A, \'i/erkc Bd. 7, S. 224; dcns.,
daG bci ihm Bedeutung und Vcrwcndung cines Zeichens divcrgiercn 72J- in Hc-
Vorlesungen Bd. 3, S. 367 ff. (Nachschrift Hotho); Bd. 4, S. 326 f. (Nachschrift v. Grieshcim).
gcls cigencr 'Terminologic: daE cinc Diffcrenz zwischcn dcm durch die Form -KOhler ([Link], S. 202) vcrstcht [Link] Hegels ,,Rccht der Absicht" als Boll-
cines Bcgriffs bzw. cines Urtcils Implizicrten und dcm ausdrücklich Bchaup- werk gegen jede objcktivicrcndc Zurcchnung von Hand!ungsfolgcn: Das moralischc Subjekt
tetcn bestcht 724 • Diese Struktur liegt Hegel zufolgc vor, wenn cin vcrnünfti- habc nach Hegel das Recht, ,,sich nur das a!s das seinigc zurechnen 7-U lasscn, was und i11so-
gcr Mensch, dcr als Handclnder stcts auch cin Denkcndcr sci und dcm als ci- fcrn es in seinem subjcktiven Zweck lag". Diescr abstraktc Subjcktivismus gcht arn Kcrn von
I-lcgcls Gcdankcngang vorbci: dcr Einsicht, daR jcmand, dcr den Anspruch erhcbt, als Vcr-
nem solchcm zuzunrntcn sci, dal1 cr ,,das Allgemcinc der Sache dcr Handlung
[Link] ancrkannt zn wcrden, sich damit zwangstiufig den DcutungsmaRstabcn tintcrstellt,
kennc" 725, sich gcgenüber den typischcn Folgen seincr Handlung verschliefü. die in scincr Gescllschaft andas Handcln [Link]' Bürgcr angclcgt ;,,u wcrdcn pflegen.
Wcil die Erschcinung ,,kcinc absolute Zufalligkeit, sondern Manifcstation scines ,,Das Rccht dcr Absicht und dcr subjcluivcn Frcihcit wird", wic bereits der Hegcl-Schü!cr
innerlichcn allgemeincn Wcscns« sci 72c,,sollc dcr vernünftige Mcnsch den Zu- Michc!ct hcrvorhob, durch diese Art dcr í:urcchnung keincswegs gcfahnkt. ,,Dcnn wcil die
allgemcinc Qualitii.t cler Handlung nichts Sinnliches ist, was dcm Mcnschen, wie die cinzclncn
sammenhang kenncn, den cr mit seincr Handlung aufruft 727; ,,das Zcrsplittern
Umstiindc, von auíscn gegcbcn [Link], sondcrn scin eigencs Inncrc, als cines Denkcndcn, so
ist mir abgeschnittcn" 728. Auf dcm Standpunkt dcr Vercinzclung zu vcrharrcn licgt sic immer in ihm. Es kommt nur darauf an, sic durch Ucberlcgung und Nachdcnkcn sich
stcllt in den Wortcn des Hcgcliancrs Küsdin cincn ,,Widcrspruch gcgcn den z,um Bewufüsein gcbracht ;,,u habcn; dics ist nun die hOchstc Pflicht des Menschcn, da er nicht
Bcgriff des subjcktívcn Gcistcs sclbst" dar, ,,als cines wcscntlích dcnkenden, all- als sinnlich Einzclncr, sondcrn als Denkcnder, Al\gemciner handcln muW'. (Michclet, Systcm,
S. 88) Nimmt man den J\ntcil des handclndcn Subjckts ,,an jencr Allgcmeinheit ¡:...], auf die es
gcmcincn"729. Der Mensch, dcr crkannt habc, ,,dais das subjektiv willkührlichc
sich mit sciner Hancllung einliisst", crnst, so mag man das Ergcbnis mit Stübingcr noch immer
MaR scincs Vorsatzcs nicht das MaE der Zurcchnung scincr Tbat scin künnc", als ,,subjektivc Zurcchnung" benichncn (Stiibinger, Iclea!isicrtcs Strafrecht, S. 331). Jeclcnfalls
unterscheidct sich die.~c Subjektivitii.t katcgorial von dcr Subjektivitii.t des Psycho\ogismllS. -
glcichcrmagcn als strafwürdig empfundcne Tatcn f ..] mit cinem [Link] kocxtcnsiv sein KOhlcrs Lchrcr E. A. \'Vo!ff crkennt ;,,war die Lcisnmg des \'ernünftigcn Willcns darin, daE
mülhcn". cr den Gcsamtz:usammcnhang cine1· Hancllung, dcren ,,J\llgcmcincs" bcgrcift (E. A. Wo!ff, FS
719
Hardwig, ZStW 78 (1%6), 28. Gallas, S. 2 [4 ff.). Auch cr formulicrt jcdoch eincn wcitreichcndcn subjcktivisrischcn Vorbe-
720 Grossmann, Grenzc, S. 48. halt gcgc::nübcr dem Hegclschen Objcktivierungsprogramm: Sofern ein um die Gefahr scincs
721 Übcr die Dogmcngcschichtc untcrrichtcn Klee, Dolus, S. 4 ff.; Schaffstcin, Lchren, Vcrhaltcns wisscnder Tiiter ,,cin I..ebcn in cincr so grnBen oder ge1·ingcn aUgemeincn Gcführ-
S. 110 ff.; Stttckenberg, Vorstudien, S. 542 ff. dung übcrhaupt für richtig" haltc, handclc cr nicht vorsatzlich (aaO, S. 22 !). Dcshalb [Link] clcr
712 Die hiesigc I--Iegcl-Deutung folgt den Ausführungen von HOSle,Systcm, S. 198 ff. - Leichtfcrtigc und dcr Vorsichtigc ,,etwas Verschiedenes, auch wenn sic im Sinn des rclativcn
Ahnlich wie hicr Seelmann, Ebcncn, S. 86. Vcrstandes die glciche Gcfahrkcnntnis habcn" (aaO, S. 222). Die Lizcnz anden cin;...,c\ncn,sich
723
Müller, Wiilc, S. 10. [Link] dcr Ailgcmeinhcit auf sein individuclics [Link] dcr Grcnzc zwischen crlaub-
72-! !-IOsle,Systcm, S. 198. tcr une\ uncrlaubtcr Gcfahrdung zu bcrufcn, ist mit dem Institutioncndcnken Hegcls noch
ns Hegel, Vorlcsungcn Bd. 3, S. 367 (Nachschrih Hotho). wcniger vcrcinbar als die I nterprctation Kühlcrs. (Zu dcr strcngen Position Ucgcls gegcni.íber
72(, Hegel, Vorlcsungcn Bel. 3, S. 366 (Nachschrift I--Iotho). Rcchtsirrrümcrn obcn S. 313.)
7.u Hleckmann, Snafrechtsdogmatik, S. 278.
727 Hegel, Vorlcsungen Hd. 4, S. 326 (Nachschrift v. Gricshcim).
728 Hegel, Philosophic des Rcchts (Vorlcsung 1821/22), S. 117. ?.H KOstlin, Rcvision, S. 295.
733 1-Icmmcn, BcgriH, S.35; Klee, Do!us, S.21; Schaffstcín, I..chren, S.131; Storch, Be··
729 KOstlin,Revision, S. 304.
384 3. Kapitel: Die Verlct;,,,ungdcr strafrechtlichcn }vfitwirlwngspjlicht C. Das Ausmafi dcr Pflichl'<é:ídrighcit 385
Grübclcicn" dcr Vcrgangcnhcit bcricf dicscr sich auf die ,,Wahrhcit unbcstochc- ich diese Folgc gcradc nicht bauptsichlich wünsche, jcdoch auch mcinc Hand-
ncr Bcobachtungcn" 73 ('. Die Fahigkcitdazu wcrdc dcm Strafrccht zuvórdcrst von lung nicht untcrlassc, also in die l'olge dcrsclbcn cinwilligc, wcnn sic sich crgc-
dcr Psychologic als cincr scincr wichtigstcn Hilfswisscnschaftcn vcrmittclt 73 7. bcn sollte" 7'15. Dcr indirckt-dolosc Vcrbrcchcr wolle a\so ,,licbcr scinc I--Iandlung
lm Hintcrgrund dcr von Fcucrbach bctricbcncn Psychologisicrung dcr Zurcch- bcgehcn, und es darauf ankornmcn lassen: oh diese Folgc daraus entstche odcr
nungslehrc stand einmal mchr scinc Abschrcckungsthcoric clcr Strafc. Dcr Ab- nicht, als ganz voir1 Handcln abstchcn; cr ist in Rücksicht dcr Folgc glcichgül-
schrcckungsmcchanisnms sctzt cincn homo calculans voraus, dicscr wicclcrum tig, ob sic sich ergeben ,vird, odcr nicht; scinc Handlung ist ihm so wíchtig, daE
bcdarf dcr rcalcn Kcnntnis allcr cinschlagigcn RcchcngrOBcn. Konscqucntcr- cr es wagcn, und wcnn es nicht andcrs scyn soll, gcschchcn lasscn will, daB clic
wcisc bctontc Fcucrbach clcshalb, daB nur solchc Erfolgc dcr Vorsatzprüfung schlimmc Folge daraus cntstchc" 7'i6. Untcr dcm Titcl des indircktcn Vorsatzcs
zugrundc gclcgt wcrdcn dürftcn, die dcr Beschuldigtc ,,wirklich gcwollt" 731\ die priisenticrte Klcinschrod damit eincn crhcblichcn Teil jcncr Schlagwürter, die
cr also [Link] in scincn Vorsrcllungsinhalt aufgcnommcn habc. Die Konsc- spitcre Autoren zur Kcnnzeichnung des dolus eventuab:s vcrwcnden sollten 747 •
qucnz daraus licgt auf dcr Hand: ,,Indircctcr Dolus Íst nicht dcnkbar."7J 9 Fcucrbach verstand das Anlicgcn dcr Lchrc vom dolus indirectus ganz iihn-
Dcr Psychologismus Fcucrbachs war, da cr im Trcnd eincr 'Zcit lag, in dcr es lich wic Klcinschrod. Dcr Fall, zu desscn Erfassung dcr dolus indirect11s cnt-
als ,,des Criminalistcn hüchstcr Ruhm" galt, ,,Psicholog zu seyn" 740 und ,,Ent- wickclt wordcn sci, bcstchc darin, <lag dcr Vcrbrechcr cincn bestimmtcn gcsctz-
clcckungsrcisen in die Sccle des Handclnden" zu untcrnehmcn 741 , wcitaus lc- widrigcn Effckt bcwirkcn wollc, aus scincr I--landlung abcr cin andcrcr, noch
benskraftigcr als sein Bckenntnis zum Abschreckungsgedanken 742 • Die zur Zu- strafbarcrc1· Effckt cntspringc, den dcr Vcrbrcchcr als ,vahrschcinlichc odcr
rückweisung dcr dolus indirectus-Lchre angcführtcn Bcgründungcn - zumeist lcicht mügliche Folgc hauc vorhcrschen künncn und müsscn 748 • Untcrlassc dcr
fallen sic kurz und apodiktisch aus- lasscn crkenncn, wic fcrn dcr 1\1ehrhcit dcr Vcrbrcchcr trotz dcr ihm mOglichcn Voraussicht des rcchts·widrigen Effcktes
strafrcchtlichcn Autorcn um die Mitre des [Link] die spckulativc Be- seinc riandlung nicht, ,,so [Link] dcnsclbcn cin, er billigt die Folgc, weil
grífflichkcit Hegcls [Link] war. Exemplarisch sind die Ausführungcn Krugs: cr, wenn cr sic durch Untcrlassung dcr Handlung venncidcn wolltc, scine ge-
MOgc auch jedcr Unbcfangenc den unglücklichcn Ausgang eincr Handlung für sctzwidrigc Absicht nicht errcichcn künntc" 749 • Aufgrund der von ihm vcrtrc-
wahrscheinlieh gehaltcn habcn - dag dcr konkrcte [Link] ,,diesen Ausgang vor- tcncn Bcschr::inkung clr-sdolus auf Zwcckhandlungen 750 sah sich Fcucrbach al-
ausgcsehen und bcabsichtigt habe, kOnncn wir doch nur dann bchauptcn, wcnn lcrdings auBerstande, diese Billigung als vorsatzlich zu qualifizicrcn 151 . Dag
die allgemeinen und objcctivcn, von dcm gc·wühnlichcn Laufc dcr Dingc hcrgc- scinc Engführung des Vorsatzbcgriffcs thcorctisch unbcgründct sci, wurdc
nommcnen Erwiigungcn auch auf ihn den Eindruek dcr Wahrschcinlichkcit ge- Fcuerbach indcsscn schon von scincm Frcund und Kollcgen v. Almendingcn
743
macht habcn" . Der dolus indirectus als sclbstandigcr matcricllcr Bcgriff sci vorgchaltcn: ,,Wcnn ich den müglichcn odcr \.vahrschcinlichen Kausalzusam-
dcshalb ,,ganz aufzugcbcn" 744 • mcnhang eincr Handlung vorausschc, und sic dennoch vornehmc, so habc ich
Allerdings hatte bcrcits Kleinschrod den Vcrsuch untcrnommcn, die dem diesen Kausalzusammcnhang gcwollt" une\ folglich dolos gchandclt7 52 . Die
dolus indirectus zugrundcliegcndc Fallgcstaltung mit I--Iilfcpsychologisicrcn-
dcr Termini zu crfassen. Klcinschrod zufolgc will ich ctwas índirckt, ,,wcnn ich 7 ,is J<leinschrod,Entwicklung, § 18 (S. 40 f.).
vorhcrschcn muB, daB aus mcincr Handlung lcicht cinc Folgc cntstehcn kcinnc, m, J<lcinschrod, Entwicklung, § 18 (S. 41). - Als ,,psychoiogisch falsch" kritisicrtc
C/nistiani ([Link]. /\.rchiv 1 [1788], 8) diese Darlcgungen. ,,Die Erfahrung lchrt, dag dcr
griff, S. 34. -Aus dc1·ncucrcn Litcrntur: NK-Pup¡,e, § 15 Rn. 17 ff.; dics., Vorsatz, S. 42 Fn. 87; Mcnsch sehr of t cinc That wollc, ohnc zuglcich die J.!olgcn dcrsclbcn 1.u wolicn, :c;c]bstdann,
Greco, Lcbcndigcs, S. 62; [Link], Fahrlassigkcit, S. 27; Lcsch, Vcrbrcchcnsbcgriff, S. 61 f.; wcnn solchc mit gro![Link] \\'fahrschcinlichkcit vorhcrgcschcn wcrdcn. Man [Link] in [Link]
das., JA 1997, 804 f., 809. dicscr Art, die Folgcn würden ausblcibcn, und ,vas man [Link], das hofft une\ glauht man
7
.'>f,Feucrbach, Bctrachtungcn, S. 196. lcicht." («aO, 9) Dics dürftc die psychischc Bcfindlichkcit viclcr I·-Iandclndcr gcnat1cr trcffcn,
7 7
.1 Feucrbach, Bctrachtungcn, S. 193.
7 3
als es die Ausführungcn Klcinschrods tun. Jcdoch wird daran schlaglichtartig die nornntivc
·' Feuerbach, Lchrbuch, § 60 (S. 116).
7 9
Schwí[Link] allcr psychologisicrcndcn Vor:c;at1,lclu·cndcutlich: Die Fr«gc, ob cin Tatcr, dcr sich
-' Fcucrbach, Lchrbuch, §60 (S. 116).
740
mit dcrnnigcn Entlastungsmcchanismcn bcruhigt, cinc strafrcchtlichc Bcsscrstcllung vcr-
So Géinncr, Rcvision, S. 26. dic111, laGt sich aus dicscl' Wartc nicht cinmal mchr stcllcn.
7 1
" So die po!cmischc Charaktcrisicrung v. Bars, ZStW 18 (1898), 551. 747 Ehcnso vcrfohr cinc Gcncration spatcr noch Mi1termaie1',NJ\CJ"im 2 (1818), 526.
m NK-Puppe, § 15 Rn. 19. - Die Bedcutung, die das ,,Envachcn dcr Psychologic" für rn, Fcucrbach, Bctrachrungcn, S. 23 1L - Ebcnso Stiibel, Systcm, Hd. II, §291 (S. 74 f.).
die Abkchr von dcm nunmchr ,,primitiv" crschcincndcn do!us indircctus hattc, uincrstreicht 7•19 Feuerhach, Bctrachtungcn, S. 235.
Grossmann, Grcnzc, S. 55. 7 ~0 Obcn S. 374.
7
-1., Kmg, Dolus, S. 32. 751
7
Fcuerhach, Bcnachtungcn, S. 235. -· Ebcnso Stübcl, Systcm, Hd. ll, § 293 (S. 77).
·H Krug, Dolus, S. 36. 152 v. Almendingen, Vcrbrcchcn, S. 46. - Ebcnso Salchow, Lchrbuch, § 61 (S. 42).
386 3. !<apite!:Die Vcrletxung der strafrechtlichen Mifr¡oirkungspflicht C. Das Ausmafl der Pflichtwidrigkeit 387

Nach-Fcucrbachschc Strafrcchtsdogmatik muíhc also lcdiglich die Analyscn h) Individ14,aJisicrendcoder objektivicrendc Bcurt:eilung
Fcucrbachs und v. Almcndingcns mitcinandcr vcrknüpfcn, und schon war die dcr Tatsituation?
Transformation des dolus indirectus zum dolus eventualis vollzogcn 753 : Das Die socbcn dargestclltc Umstcllung dcr VorsauJehrc mít ihrer ,,Entscheidung
ncuc ,,Schmcrzcnskind dcr Vorsatzlehrc" 75'1 war gcborcn. für die Psychologic" 761 ist ungeachtet des fast allgemcinen Bekcnntnisses zurn
In konstruktivcr Hinsicht untcrschicdcn sich dolu.s indirectus und dolus norrnativcn Charaktcr des strafrcchtlichen Vorsatzbegriffs 762 in den Grundzü-
evemualis zwar ticfgrcífend voncinandcr; wcil abcr die Problcmc, die zur Aus- gcn bis heutc maBgcblich 763• Nach wie vor gilt die Lehrc vom indírcktcn Vorsatz
bildung der dolus indircctus-Lchrc gcführt hattcn, fortbcstandcn, fungicrte dcr als cin ,,abgcschlossencs bcgriffsgcschichtlichcs Kapitcl" 7c,4 , ihre Übcrwindung
Evcntualvorsatz dcr Sache nach als (zumindcst paniellcs) Substitut des vcrpOn- als cin ,,notwcndigcr Schritt" 765 und die (angebliche) Nahc cincr [Link]-
tcn indircktcn Vorsatzcs 755, Nicht nur bci Klcinschrod und Fcucrbach, sondcrn tion zu dicscr Lchre als ,,gcfahrlich" 7M', weil dtirch sic ,,schon der rnchr odcr
auch bci den Bcgründcrn dcr ncucn Vorsatzkatcgorie lafhsich dieses Vcrwandt- ,vcnigcr unausgesprochene Vcrdacht zum Anknüpfungspunkt im matcricllcn
schaftsvcrhaltnis biswcilcn gcradezu mit Handcn grcifcn. So betonte Henkc Rccht" werde 767. Statt dcsscn ist die hcrrschcndc Mcinung - insowcit nicht an-
zwar die Vcrschicdenheit des dolus eventualis vom dolus indfrectu.s756 ; Nur dcrs als vor cincm Jahrhundcrt Gustav Radbruch 768 - ,,auf dcr Suche nach ci-
dcmjenigen künne Evcntualvorsatz zugeschrieben wcrdcn, dcr den wirklicb ge- ncm bcschrcibbarcn und fcststcllbarcn [Link] in dcr Psychc des Tiitcrs" 769:
wordencn Erfolg vorbcrgcschen und in dcnselbcn eingcwilligt habc 757 . Wic ,,Welchc psychischc Bezichung hattc dcr Tiitcr zu scincr Tat? \XTashat cr sich bci
aber, wenn dcr [Link] behauptet, den Erfolg nicht genehmigt, ja nicht einrnal seiner Tat gedacht odcr nicht gcdacht? Hat er die Tatumstandc gekannt, den Er-
vorhergesehen zu habcn? In diesen Fallen blcibc nichts andcres übrig, als ,,die folg vorausgeschen und gcwollt?" 770 Dieses Vorgchcn steht in cincm auffallígcn
Absicht des Handclnden [... ] aus seincn Handlungen zu crkcnnen" 758 . Wo ,,die Kontrast zu dcm hcutigen Urngang mit Vcrbotsírrtümcrn. \XTahrenddcm § 17
Umstandc der Tbat, namcntlich dcr so innige Causalzusamrncnhang zwischen StGB cín normativicrcndcs Regclungsmo<lcll zugrundc liegt 771, wird im Bercich
dcr Handlung und dcrcn Erfolgc, welchcr als ein gcwOhnlicher odcr als cin der Vorsatzlchrc die offenc Normativicrung, die ihrcn Ausdruck in dcr Figur
nothwendigcr ~rscheint, [... ] ihn Lügen [strafcn]", künnc dcr Vcrhrcchcr dcs- dc.s dolus indirectus gcfundcn hat, r;cmicdcn und die cinschligigc Problematik
halb als [Link] bcstraft wcrden 75'\ So wurdcn die offcn normativcn Züge
des altcn dolus úidirectus hintcr dcr Berufung auf den tatsachlichen Tiiterwil- 761 Puppe, ZSt\V 103 (1991), 29. - Ebcnso 8/eckmann, Strafrcchtsdogmatik, S. 70.
7 (,l Nachweise obcn S. 366 Fn. 627.
lcn, dcr frcilich haufig anhand von Indizicn erschlossen wcrden müsse, vcrbor-
763 Da~ die VorsatF-dogmatik von den ncucrcn Normativierungsfordcrungcn ,,bis hcute
gen: An die Stellc des indirckten Dolus trat <lcrindirekt bewiesenc Dolus 760 . wcitgchcnd unbcrührt gcblicbcn" sci, konstaticn auch Manso Porto, Normunkenntnis, S. 43;
cbcnso J-Ieuchemer, Erlaubnistatbcstandsirrtum, S. 19, 23.
7
m Aufschiufhcich sind die Darlcgungcn des scincrzcit cinílugrcichcn Rcchtsphilosophcn M Kindhiiuser, FS Eser, S. 346 Fn. 3. - Ebcnso Baumann/W!r:ber!Mitsch, AT, §20 Rn. 59.
v. Gros, dcr ncben J.S. F. BOhmcr (zu dicscm Schcffler, Jura 1995, 352 ff.) als cincr der SchOpfcr 765 KOhler, FS Hirsch, S. 79.
766 Brammsen (JZ 1989, 79) gcgcn Hcr;,,berg. -Diese Sicht dcr Dingc ist frcilich nic unwi-
des dolus eventualis gilt (vgl. J-Jemmen, Hcgriff, S. 54). Zuniichst dcfinicrt v. Gros den Vorsatz-
bcgriff iihnlich cng wie Fcucrbach: Doltts sci ,,büsc Absicht", Beabsichtigung des gcsetzwidri- dcrsprochcn gcblicbcn. I<lce(Dolus, S. 51) crblickce im do!us indirectus sogar den ,,Ausgangs-
gcn Erfolgc$ (-v. Gros, Lchrbuch, S. 252). Nur wenigc Zcilcn spi'itcr crstrcckt v. Gros im Ein- punkt t...] für cinc Rcvision der Grundbcgriffc krimincl\er Vcra1mvortlichkcit übcrhaupt".
klang mit v. A!mcndingcn den do!us hingcgcn auch auf das cventua!ita Gcwolltc (aaO, S. 253). l,1 cincrn solch grogcn Entlrnsiasmus [Link] Dohna (ZStW .12 [1911], 333) zwar nicht hin-
frl Licpmann, Einlcitung, S.139. rci~cn, abcr immcrhin riiumtc cr cin, ganz so schlccht ·wic scin Ruf sci dcr do!us indirectus
m Vgl. ctwa Grossmann Grcnzc, S. 39 ff., 55 ff.; J-lemmcn, Begriff, S. 39, 43; Ld[fler, nicht. Entschicdcncr fiel cinigcJahrc spiitcr die Stcllungnahrnc von Grossmann (Grcnzc, S. 97)
Schuldformcn, S. 172 ff.; ders., Óstcrr. Z. f. Strafr. 2 (l 911), 165; Lucas, Vcrschuldung, S. 19; aus: Allcin die Rückkchr [Link] dolus indirccws crmüglichc cinc ,,cinwandfrcic Lósung" dcr
Storch, Bcgriff, S. 34; v. Vlebc1;NACrim 8 (1825), 566, 574. - Au.~ dcm ncucrcn Schrifttum: Problcnrntik dcr Vorsatzgrcnzc. ~ Im ncucrcn Schrifttum mchrcn sich die Rufc nach cincr Rc-
Ecker, Vcrwcndung, S. 82 ff.; St11ckenberg,Vorstudicn, S. 542. habiliticnrng des dolus indirectus: Von cincr modcrnisicrtcn dolus i'ndfrectlfs-Lchrc sci wcgcn
7% Henlce, Handbuch, 1. Thcil, S. 364. ,,dcr Richtigkcit ihrcs Grundgcdankcns" (]alwbs, ZStW 114 ['2002], 593) cinc ,,normativ bes-
757 Henke, Ha11dbuch, l. Thcil, S. 363. ser gcgründctc [... 1Untcrschcidung [Link] [Link] und Fahrli'[Link]" zu crwartcn, ,,als
758 Géinncr, Rcvision, S. 36. wir sic hcucc habcn" (Puppe, ZSt\X' 103 ['!991], 23).
759 Hcnke, Handbuch, 71' 7 Dornse1fer, GS Armin Kaufmann, S. 429.
l. Thcil, S. 379; cbcnso Gdnner, Rcvision, S. 43.
71'º Henke, Handbuch, l. Thcil, S. 379; /(rng, Dolus, S. 36. - ErmOglicht wmdc diese Urn- 768 Radbmch (ZStW 24 [1904], 345): ,,Vorsatz ist \Viile odcr Voraussicht, also cin wirkli-

stcllung dmch die z,vischcnzcitlich crfolgtc ticfgrcifcndc Ncuordnung des Hcwcisrcchts chcr psychischcr Zttstand."
769 NK-Puppe, § 15 Rn. 19. - Eincn Übcrblick übcr den Mcinungsstand gibt Platr:, Psy-
(Volk, FS Arthur Kaufmann, S. 614 f.). Nach Art. 22 CCC durftc man den Vorsatz nicht aus
Indizicn crschlic/~cn; man war auf das Gcsti'indnis angcwicscn. Nach dcm Zusammcnhruch chc, S. 37 ff.
77º Hall, Fahdiissigkcit, S. 9.
dcr gcsctzlichcn Bcwcisthcoric war dagcgcn dcr Indi:,,.icnbcweis in vollcm Umfong zuliissig
771 Ni'ihcr dazu unten S. 395.
gcwordcn.
3. Kapi1el: Die Vedetzung dcr strafrcchtlichcn Mitwirkungspflicht
C. Das Ausmafl dcr Pjlichtwidrigkeit 389
388
7,u eincr Fragc dcr prozessualcn Fcststcllung psychischcr Tatsachcn umdckla-
sikowahrnchrnung und R..isikovcrarbcitung [Link] des Tatcrs zu bcrück-
sichtigcn778.
ricrt772.
Zwar ist aus dcr Pcrspcktivc dcr Rcchtsanwcndung die Grcnzc zwischcn ma- 778 Vcrtcidigt wird dieses Ergcbnis hauptsachlich rnit dcr Erwi"igung, dag die Funktion
tcricllcm Vorsatzbegriff und Bcwcisrccht flic~cnd, so daR Bcwcisclcmcntc (In- dcr subjckrivcn Dcliktsmcrkmalc in dcr Vcrdcutlichung dcr Entschcidungssituation licgc, in
dizicn) und Dcutungsclcmcntc (Bcgriffskritcricn) tcilwcisc ausgctauscht wcrdcn dcr sich dcr Tiitcr bcfindc (Loos, Grcnzcn, S. 269), daB aber dcrjcnigc, dcr die Gcfahr nicht
k0nncn 773;dcshalb wird die Verschicbung objcktivicrcndcr Bcstimmungskritc- crnst nehmc, jede Stcllungnahmc zu dcm ncgativ-wcnigcn Erfolg sclbst umgchc (Straten-
774 werth, ZSt\Y/71 [l959,I, 57). Deshalb lcgc cr im Untcrschicd zum Vorsatztitcr ,,kcine Schlcch-
ricn des Vorsatzcs von dcr matcricll-rcchtlichcn auf die prozcssualc Ebcnc tigkcit, kcinc Rcchtsfcindschaft" anden Tag (Roxin, JuS 1964, 61), sondcrn haltc an cincr
77
in cíndcutigcn Fallen im Ergcbnis zumcist kcincn Untcrschicd machcn 5. In Haltung prin;,,ipicl!cr Rcchtstrcuc fcst (Roxin, ¡:5 Romano, S. 1208). Dics scu,t indcsscn still-
Grcnzfallcn abcr muB, wic Puppc zu Rccht hcrvorhcbt, ,,cntschicdcn wcrdcn, schwcigcnd voraus, was a!lcrcrst bcwicsen wcrdcn mi.i/hc:da/?.psychischc Auswcichstratcgicn
wclche Kritcricn als Tcilc cines offenen Indizicnbewciscs vcrzichtbar und wclchc durchwcg r~chdich bclohnt zu wcrdcn vcrdicncn. Im i.íbrigcn la/?.tsich cinc Einstcl!ung des
Inhalts .,Mir doch cgal, was daraus wird!" schr wohl als Stcllungnahrnc ;,.u den daraus cr-
als Bcgriffsmcrkrnalc unverzichtbar odcr nur untcr bcstimrntcn Bcdingungcn wachscndcn Erfolgcn intcrprcticrcn: Kcinc J\ntwon ist bckanntlich auch cinc J\ntwort (;ihn-·
crsctzbar sind" 776 . Dcshalb ist die Psychologisicrung des Vorsatzbegriffs mit ih- licl, J-Jaft, ZSt\\/ 88 [19761,378). In scincm Lchrbuch riiumt Roxin an cincr Stcllc dcnn auch
rcr Ersctzung dcr Mafsfigur des vcrnünftigcn Bürgcrs durch das konkrctc Tater-· ausdrücklich cin, krírninalpolitisch lassc sich [Link] diskuticrcn, ob nicht [Link] den Ausnah-
individuum inhaltlich kcincswcgs bclanglos. Von den Vcrtrctcrn cines psycho- mcfall des ..bodcnlosen Lcichtsinns" cinc Vorschrift geschaffcn wcrdcn sollc, wonach bcson-
dcrs lcichtfcrtigc Bcgchung glcich dcr vorsitzlichcn bcstraft wcrdcn kOnnc (Roxin, /\.T 1, § 12
logisicrcndcn Vorsatzvcrstandnisscs wird viclmchr ausdrücklich bctont, die aus Rn. 34). Nur wcnigc Scitcn wcitcr schwcnkt cr hingcgcn wicdcr auf das altc Glcis cin: ,,\'l/cr
prozcssualcn Gründcn crfordcrlichc Objcktivicrung dcr Vorsatzgrenzc dürfc schcndcn Auges cin Rcchtsgut vcrlctz:t, ohnc auf das Ausblcibcn des Erfolgcs zu vcrtraucn,
nicht zu cincr Vcrfchlung dcr ,,wirklicbc[n] inncrc[n] Einstcllung des Tatcrs" ist al!cmal [Link] als dcr, dcr diese MOglichkcit - sci es auch aus striiflichcr Glcichgi.íl-
führcn 777 . Wic socbcn anhand clcr Willcnsthcorie des Vorsatzcs gczcigt wurdc, tigkcit - nicht gcschcn hat." (aaO, Rn. 97) - Schüncmann zufolgc fchlt cincm Tiitcr, dcr aus
[Link] die Móglichkeit dcr Rcchtsgutvcrlctzung vcrkennc, die Stcucrungskapazi-
crm0glicht es diese Vorbchaltsklauscl, sogar hüchst irrationalc Usanccn dcr Ri- t;\t und damit die Tathcrrschaft; dcsha!b sci scinc Gefahrlichkcit [Link] die [Link]
nur cinc zufiilligc une! infolgcdcsscn - so wic bci den andcrcn hhrbssigkeitsdcliktcn - cinc
vcrmindcrtc (Schiinemann, 1. FS Roxin, S. 20; dcrs., FS Hirsch, S. 373; ders., Chcngchi L.R.
772 Excmplarisch SK-Rudolphí, § 16 Rn. 46; Roxin, AT 1, § 12 Rn. 73. - Die damit cinhcr-
50 [19941,271; cbenso Schneide~; Einübung, S.120). Diese Bchauptung ist jcdoch, mn Schü-
gchcndcn Bcwcisproblcmc wcrdcn trotz dcr mittlcrwcilc cntwickcltcn urnfangrcichcn Kri-
ncmanns cigcnc Wortw,,hl aufzugrcifcn, crsichtlich falsch (ablchncnd auch]akobs, R\Y/2010,
tcricnkata!ogc (vgl. ctwa f!asscmcr, GS Armin Kaufmann, S.305ff.; Philipps, 1. FS Roxin,
304 Fn. 74). Ein Tiitcr, dcr rücksichrslos drauílos handclt, ist für die Rcchtsgütcrordnung kci··
S. 367 ff.; Schcfflcr,]ura 1995, 355 f.; Schiincmann, FS Hirsch, S. 374 f.; ders., Chcngchi L.R. 50
ncswcgs wcnigcr gcfahr!ich als cin so!chcr, dcr- bci objclniv idcntischcm Risikograd - zuvor
[1994], 272 f.) als so schwcrwicgcnd angcschcn, dag kcin Gcringcrcr als Frisch die Entwick-
nachdcnkt. Eher ist das Gcgcntcil dcr Fall: \Y/crsich dcr Risikotriichtigkcit scincs Vcrhaltcns
lung cincr adaquatcn Dogmatik dcr Vorsat:,JcststcUung für ,,wcit notwcnigcr als allcs Fcilcn
bcwul?.t ist, vcrmag im Zwcifcl schncl!cr auf cinc Zuspitzung dcr Lage ;,.u rcagicrcn als jc-
am matcricllrcchtlichcn Vorsatzbcgriff" crklart (frísch, GS Mcycr, S. 554; iihnlich Frister,
mand, dcr psychisch unvorbcrcitct mit dcr kritischcn Situation konfrontiert wird. -Schroth
AT, § 11 Rn. 28; Priuwitx, Strafrcchr, S. 359). Zu Rccht hcbt Ragués i Val!Cs(GA 2004, 261)
wi\l nur cincm Tiitcr, dcr es bewuf?.t ablchnc, bci dcr Tat zu den von ihm gcschcncn Gcfah-
hervor, daf5 cinc Praxis, die nur gcringc J\nfordcrungcn anden Vorsatznachwcis srcllt, trot:,.
rcn Stcllung zu bczichcn, bcdingtcn Vorsatz zurcchncn (Schroth, Vorsatz, S. 123), dcnn auch
cines cng gcfagtcn Vorsatzbcgriffs vcrmutlich haufigcr zur Bcjahung von Vorsatz gclangcn
cin solchcr Tiitcr sci ,,in hcrvorgchobcncr \Y/ciscvcrantwortlich" (aaO, S. 109). Mit dcr Be··
wird als cinc Praxis, die :,,war cincn wcitcn Vorsatzbcgriff zugrundc lcgt, die Anfordcrungcn
schrankung auf I-"iillcbcwul?.tcr Ablchnung bcvorzugt Schroth jcdoch cincn Tiitcr, dcr [Link]
an scincn Nachwcis abcr hoch anscur. die Folgcn scincs Handclns für andcrc [Link] nicht mchr nachdcnln, grundlos [Link]
m Schroth, Vorsatz, S.4; ders., Bcgriff, S.476; Swckenberg Vorstudicn, S.403f.; Ves!,
dcmjcnigcn, für den cinc solchc Glcichgültigkcit so wcnig sclbstverstiindlich ist, dag cr sich
Vorsatznachwcis, S.114; Vol/e, FS Artlrnr Kaufmann, S.618; ders., FG BGH, S. 745ff.; vgl.
zu ihr crst mittcls cines distinktcn Bcwufüscinsaktcs entschlic/~cn muK \Y/[Link]
auch Perron, FS Nishihara, S. 156. - Übcr die \Vcchsclscitigc Bccinílussung von Pro;:-.cÍ5rcdn
ist auch die wcitcrc Thcse Schroths, wonach cin Tarcr, dcr die Gcfahr cines Vcrlctzungscr-
und matcricllcm Rcdn bci dcr Entwicklung dcr VorsatzdogmatÍk untcrrichtct Bleckmann,
folgcs zwar schc, sic abcr kicht nchmc, kcine Vorsaubcstrafung vcrdicnc: Ein solchcr Tiitcr
Strafrcchtsdogmarik, S. 185 ff., 281 ff. haltc die Móg!ichkcit, da/?.sich Unrcclnskonstituicnmgsbcdingungcn rcalisicrcn, nicht aus,
77-! Nahcr da:r,u Eclwr, Vcrwcndung, S. 78 ff.
775 Hicr gilt viclmchr: ,,\Y/crgcgcn den Schlu/?. aus dcm Tathcrgang und den andcrcn
und müssc dcshalb die Gcfahrcn, die mit scincm I-Iandcln vcrbundcn sind, bagatcl!isicrcn.
,,Er korrumpicrt sich sclbst. (;[Link] dcmjcnigcn, dcr sich schcndcn Auges [Link] die Gc-
atll?.crenUmstfodcn nur cinwcndct, da/?.sich in scincm Innercn ctwas andcrcs abgcspich habc,
fahr cntschcidct, ist cr moralisch scnsihlcr." (aaO, S. l 19; ders., JuS 1992, 7; dcrs., FS Schol-
ist in aussichtsloscr Lagc." (\lolk, FG BGH, S. 752)
lcr, S. 177 f.; ders., Begriff, S. 475) Diese mora!ische Auf wcnung cincr Vogcl-SrrauB-Stratcgic
m, NK-Puppe, § 15 Rn. 54; dies., AT, § 9 Rn.13.
777 Excmplarisch Kiihl, AT, § 5 Rn. 87. - Den Standardcinwand gcgcn cinc Objcktivic-
[Link]. \Y/cshalb solltc Sclbstkornunpicrung als honoricrungswürdigc Lcistung gcltcn?
- Kargl bcruft sich auf die Funktionsbcdingungcn cines Pravcntionsstrafrcchts: Nur wcnn
n1ng dcr Vorsatzkritcricn bildet dcmcntsprcchcnd die Bchauptung, daB cin solchcs Vcrfah-
dcsscn Zurcchnungskritcricn dcr ,,Erlcbniswelt dcr Angcklagten" Rcchnung trügcn, scicn sic
rcn auf cinc un:,_ulassigc Vorsatzuntcrstcllung hinauslaufc (S/S-Cramer!Sternberg-Liebcn,
imstandc, individucllc und kollcktivc I..crnprozcssc zu initiicrcn (Kargl, Vorsatz, S. 68). Da
§ 15 Rn. 79; KOh!er,AT, S. 165 L; den., Fahrliissigkcit, S. 292; ders., CA 1981, 293 f.; Wlesscls!
cin frcihcit!ichcs Strafrccht sich jcdoch gcradc nicht als Pravcmionsstrafrccht bcgrcifcn laíh
Benlkc, AT, Rn. 228; Ling, JZ 1999, 339 ff.).
390 3. Kapitel: Die Verletzung derstmfn'chtlichen Mitwirkungspjlicht C. Das Ausmafl der Pflicht7uúhigleeit 391

Die Vorstcllungsthcoric ist mit dcm Zicl angctrctcn, dics zu vcrhindcrn 779 • zen 787 . Für das Urtcil über Vorsatz odcr Fahrlüssigkeit komrnt es dicscr Vcr-
Nach cincm in dcr alteren Litcratur hiiufig zitícrtcn Wort Bckkcrs licgt ihr die sion dcr Vorstcllungsthcoric zufolgc allcin darauf an, ob cincm Delinquen ten
Wcrtung zugrundc, daB keincn Schutz vcrdicnt, wer ,,trotz cincr Voraussicht das aktuelle Gcfahrbcwufüscin gcfchlt hat-· ,,aus ,vas für Gründcn immcr" 788 •
gchandclt hat, die cincn gutcn und gctrcucn Staatsbürgcr von dcr Handlung ab- ,,Handcln in Unkcnmnis dcr konkrctcn Gcfahr" ist dcshalb für Schmidhiuscr
gchaltcn habcn würde« 780 . Dcnjcnigcn, ,,wclchc immcr cinc cigcnc Ordnung dcr ,,das wcscntlichc Momcnt dcr Fahrlassigkcit" 789 , Handcln ,,bci Bcwufhscin dcr
Dingc für sich wünschcn und glaubcn, daB sic cinc Art von Privilcgium har- MOglichkcit cincr Rcchtsgutsvcrlctzung" kcnnzcichnc den Vorsatz 790 . Auf cine
ten gcgcnübcr dcm Causalismus dcr Natur« 781 , soll mithin die Müglichkcit cincr Bewertung des psychischcn Vcrarbeitungsprozcsscs, dcr zu dicscr Einschit-
Entlastung abgcschnittcn wcrdcn: Die Vcrhüllungs- und Vcrschlcicrungsstratc- zung führtc, lafü die psychologisicrendc Vorstcllungsthcorie sich cbcnsowcnig
gicn, die die mcnschliche Psychc anwcndc, um sich übcr das Unangcnchmc ihrcs cin wic die \Xlillensthcoric 791 : ,,Ob der schlicBlich verblcibcndc Gedanke aus
cigcnen Gcfahrbcwuíhscins hinwcgzuhclfcn, scicn ,,nichts als Rankcn um jcncn cincm rationalen Abwagcn von Chance und Gcfahr crwachscn ist odcr ob cr
eindcutigcn Vorgang" 782 und dahcr normativ unbcachtlich 78 3. sich nach cincm irrationalcn Bciscitcschiebcn von zuvor Gcdachtcm cingcstcllt
Darin, daB sic dcm Postular von dcr Glcichhcit allcr Rcchtsgcnossen - ,,Du hat" 1 das künnc ,,ganz offen blcibcn" 792. Dcshalb vcrmag die Vorstcllungsthco-
hast kcin Rccht, für dicb ctwas auBcrordentlichcs zu crwartcn" 784 - für den Be- ric in dicscr Lcsart die aus dcm Fehlcn cines nonnativcn Korrcktivs rcsulticrcn-
reich der Vorsatzlchre Gcltung zu vcrschaffcn sucht, liegt die Vorzugswürdig- dcn Unstimmigkcitcn dcr Willcnsthcoric nicht zu bcscitigcn, sondern sic vcr-
kcit dcr Vorstellungsthcoric bcgründct7 [Link] vermag sic, solangc sic sich lagcrt diese lcdiglich von dcr volitivcn zur intcllcktucllcn Vorsatzkomponcntc.
rcin psychologisiercnd vcrsteht 786 , dieses Anliegen nicht konscquent umzusct- An ihrc Grenzc gcrit die psychologisicrcndc Vorstcllungsthcorie dort, wo dcr
Tatcr zwar die gcfahrbcgründcnden Tatumstindc zur Kcnntnis nimmt, sic abcr
(oben S. 61 ff., 82 ff.), fehlt diesem Argument die Grundlagc. - KOhler gclangt vom Bodcn aus bclastcndcn Gründen unzutrcffend würdigt und dcshalb nur cinc abstraktc
dcr Vcrgcltungstheorie aus [Link] glcichcn Ergebnis: Vorsatzstrafc sci nur gegcnübcr eincrn Gcfabr annimmt, wo in Wahrhcit cinc hochbrisantc konkrctc Gcfahrdungslagc
'J'ater gcrcchtfcrtigt, der ,,das objcktiv tatbestandsmii/5igc Verlctzcn in scincm Bedcutungsge-
gcgcbcn ist. Gcgcn cincn solchcn Tatcr künncn und wollcn die Vcrtrctcr jcncr
hait als bcsondere Rechtsgutsbetroffenheit im praktischcn Gcltungswissen" begrcifc (KOh!er,
AT, S. 156). Jede Tendenz zur Objektivicrung des Vorsatzbegriffs sci abzulehncn, maGgcb- Konzcption cincn Vorsatzvorwurf nicht crhcbcn. Damit wicdcrholen sic cbcn
lich sei allein die subjektivc Reílcxion des Tiitcrs (J(Ohler, JZ 1981, 37). Die ,,Sclbstiindigkeit jcncn Fchlcr, den cincr ihrcr rcnommicrtcstcn Vcrtrctcr, Wilhclrn Saucr, dcr
des moralischen Subjekts in dicscm reflektiercnden Bedcutungsvollzug" cnnügliche es dctn Willcnsthcoric zum Vorwurf macht: Sic stcllcn sich ,,auf den Standpunkt des
Tiitcr, ,,sich grundsützlich sclbst angesichts von Fallen objcktiv hüchst wahrschcinlichcn ct-
[Link] und nicht auf den dcr wcrtcndcn Rcchtsordnung" 793 . Dies hat zur Folgc,
fahrungsgcsctzlichcn Gcschehcns (Vcr!ct;,;cns) in lcichtsinnigcr Bcdcutungsvcrfohlung abrn-
sondcrn" (KOhler, Fahrlüssigkcit, S. 293). Diese Erwiigung bcruht jcdoch auf cincr Vcrnach- daB die psychologisicrcnd vcrstandcnc Vorstcllungsthcoric ,,nicht ctwa nur cinc
liissigung dcr Erhaltungsbcdingungcn eincr frcihcitlichen Existcn:dorm (oben S. 371 f.) und Konzcssion anden 1\1angcl an Vcrnunft, Sorgfalt odcr Rcspckt vor dcm frcm-
stcht in cincm unüberschbarcn Kontrast zu KOhlcrs Vcrnunftcmphasc: Wic pal?.tes zusarn- dcn Rccht [bcdeurct], sondcrn nachgcradc die Pramicrung solchcr Mingcl" 794 .
mcn, cincrseits als vcrnünftigcs Subjckt rcspekticrt werdcn zu wo!lcn, sich abcr andcrcrscits
die MOglichkeit cincr Sclbstdispensicrung von den allgemcinancrkanntcn Vernunftstandards
offcn:whaltcn? (Da;,,u - bewgcn auf KOhlcrs Hcgcl-Intcrp1·ctation - o ben S. 383 Fn. 732. Kri- !assigkcitsdogmatik, S 245; Ross, Vorsatz, S.16, i8f., 110f., 149; T Wahcr, Kern, S.179ff.;
tisch zu KOhler auch]akobs, AT, 8/5a Fn. 9; ders., ZStW 101 [1989], 529.) Morkcl, NStZ 1981, 177 ff.;[Link]és i Valles, GA 2004, 258 ff.; fcrncrdie in den fo\ge11denFu/S-
779 Kindhduser, AT, § 14 Rn. 19. notcn Gcnannten.
780 Bekke~; Thcoric, S. 272. - Ganz ahnlich formulicn hcute Kindhauser: Vorsatz sci gcgc- 781 lnsowcit ;,.utrcffcnd Schroth, GA 1990, 415.

bcn, ,,wcn11dcr Tiitcr mit cinem \'<'issen agicrt, das cinem rcchtstrcuen und rationa] cntschci- 788 Schmidhduser, GA 1958, 179; sach!ich übcrcinstimmcnd /-!ayer, Strafrcchtsdogmatik,

dcndcn Bürgcr hinreichcndcn AnlaB. zur handlungswirksamen Bildung des Vermeidcmotivs S. 329 f.; Kindhdt!ser, ZStW 96 (1984), 28.
giibc" (Kindhduset; GA 1994, 204; ebcnso ders., GA 1990, 415; ders., FS I--Iruschka, S. 540; ?S? Schmidhduser, GA 1957, 313.
ders., FS Eser S. 354). 790 Schmidhduser,JuS 1980, 249.
781 Kohler, Studicn, S. 70. 791 PuPJ1c, ZStW 103 (1991), 14.
782 Grossmann, Grcnzc, S. 69. 792 Schmidhiiuser, JuS 1980, 249. ··· Ebenso Frcund, AT, § 7 Rn. 60 und aus dem iiltcrcn
lS} Vgl. etwa Sa11er,Grundlagcn, S. 608 f. Schrifttum !J. Mayer, A1~S.251.
78 ·1 Kohler, Studicn, S. 70. 793 Saucr, Grundlagcn, S. 623.
785 Klcc sicht in dcrfür die Vorstcllungsthcoric kcnm,cichnendcn ,,Konzcssion an clic Ob- 7 'l·I Pupj1e, Vorsatz, S. 41. - Ebenso Jakohs, ZStW 101 (1989), 530. •··Diescr Scbwachpunkt

jcktivitiit auf Kostcn des Subjektivcn" (Klee, Dolus, S. 3) dcnn auch den Grundgcdankcn dcr dcr herkómmlichcn Vorstcllungsthcoric wid von ihi-cn Anhiingcrn r·egclmiifüg umgangcn.
altcn dolus indircctus-Lchrc fortlcben ( aaü, S. 23). So zahit Schmidhiiuscr n1r Stützung scincr Thcsc ,,Nachdenken wird bclohnt!" ;,,war die
786 Aus <lem heutigen Schrifttum: MK-Joecks, § 16 Rn. 21 ff.; Frcund, AT, § 7 Rn. 54 H.; unproblcmatischen Konsequcnzcn sciner Position auf: ,,wer nachdcnkt und crkcnnt, daR cr
Fristcr, AT, l l/25; Hrnschka, Strafrccht, S. 436; Koriath, Grundlagcn, S. 632 ff.;Sat-ter,Fahr- durch die l\usführung scincs Vorhabcns cinc Gcfahr schaffen kónnc, dcr vcrzichtet, wcnn
392 3. Ka¡[Link]:Die \ledetx1mg der stra/rechtlichen i\Iit:<.<,'Írkungspflicht C. Das Ausmafl der Pflicht1o•idrigheit 393

Auf die [Link] des Risikos durch den Tiitcr sclbst darf es dcshalb diese auch noch so unrea!istisch scin" 79'\ mug sic das Titcrvcrhaltcn in diescr
nicht ankonuncn 795 . Einc hinrcichcnd substantiicrtc Müglichkcitsvorstcllung Fallgruppc als unvors:it:[Link] cinstufcn. Auch insmvcit objcktivicrcnd zu vcrfah-•
darf nicht schon dcshalb cntlastcnd wirkcn, wcil dcr Tiitcr übcr die HOhc des ren, sei cin ,,cinschncidcnder Schritt", dcr, ohschon man sich ,,skandalüse Falle
Risikos cntwcdcr übcrbaupt nicht nachdcnkt odcr dcsscn Vcrwirklichung unbcwufhcr Fahrlissigkeit vorstcllen" k()nnc ,,nicht unbcdingt in dcr Konsc-
lcichtfcrtigcrwcisc für unwahrschcinlich hilt. Maggcblich ist allcin, ob scin qucnz des hicr vcrtrctcncn Vorsatzbcgriffs" licgc 800 : ,,Nicht nur im Strafrccht,
Vcrhaltcn, intcrprcticrt als das cines Vcrnunftwcscns, die Maximc zum Aus- sondcrn auch in dcr sonstigcn sozialcn Kommunikation bcurteilcn wir den an-
druck bringt, <lag die Vcrlctzung des andcrcn scin sol! odcr doch scin darf7 96 • dcrcn nicht nur nach dcm, was er sciner sozialcn Rolle nach wisscn müfüc, son-
Dabci gcht es, wic Puppc hervorhcbt, ,,nicht darum, dcm [Link] cin handlungs- dern auch nach dcm, was cr bci Ausführung scincr Handlung tats:ichlich weiG.
rclevantcs Risikowissen zu untcrstellen, das er nicht hattc, sondern lcdiglich Das Wissenscrfordcrnis als psychologischcs Faktum ist im Gcgcnsatz zum sog.
darum, ihm die Kompctcnz zu vcrweigcrn, [Link] die Handlungsrclcvanz des Willcnsclemcnt des Vorsatzcs scincm Inhalt nach wcitgehend unstreitig und
Risikowisscns, das cr hattc, sclbst rechtsvcrbíndlich zu entschciden" 797 • hinrcichcnd !dar bcstimmt." 8º1 Diese Erw:igungcn vcnnOgen Puppcs abrup-
Auch nach dicscr Tcilnormativicrung dcr Vorstcllungstheoric blciben allcr- tcn Spurwcchscl allcrdings schwerlich zu rcchtfcrtigcn, führt cr doch zu cbcn
dings jenc Falle problcmatisch, in dencn dcr Tater die gefahrbcgründcndcn Tat- jcncm Ergebnis, wclchcs Puppc durch ihrc Objcktivicrungsstratcgic zu ver•·
umstande crst gar nicht zur Kcnntnis nimmt. Da Puppc mit dcr hcrkümmlichcn mciden trachtctc: Irrationale Leichtfcrtigkcit und Rücksichtslosigkcit wcrdcn
Auffassung auf die Gefahrvorstcllung abstcllt, die dcr T:iter aktucll hat798 , ,,mag bclohnt 802 . 06 diese Eigcnschaftcn sich bercits in dcr Walunchmung dcr Tat-
umst:indc odcr crst in der Bcwcrtung von dcren Gcfahrtúchtigkcit auGcrn, ist
er nur [Link] die \'Verte des gcscllsehaftlichen '.lusammcn!cbcns ernst nimmt, auf die demgcgcnübcr cinc sckundarc Fragc von rcin phanomenologischcr Bcdcutung.
Ausführung und blcibt straflos. Wer dagcgcn nicht nachdcnkt und gefahrlich handclt, der Erg:inzcnd macht Puppc allcrdings gcltcnd, dag cinc wcitcrgchcndc Objckti-
wird bcstraft, und zwar \Vegen fohrlüssigcr Tat" (Schmidhiiuser,JuS 1980, 250; cbenso Roxin, vicrung auf cinc ,,Rutschbahn dcr Intcrprctation" gcratc, die erst dort angchal-
AT 1, § 12 Rn. 34; Gaede, ZStW 121 [2009], 272). Die axiologisch heik!c hagc lautet aber, ob
tcn werden künnc, wo die Bchauptung, cinc Norm vcrlctzt zu habc11,dem TJtcr
die Privilegicrung des kid1Lfcnigcn Nicht-Nachdenkcns (Pahrlissigkcit) gcgcniihcr dcm illu-
sionslosen Zur-Keirntnis-Nehmcn der Gefo hr (Vorsat;,,) gerecbtfertig1 ist; dazu sagt Schrnid- nicht mchr zum Vortcil gercichc, also bci dcr Sorgfaltspílichtvcrlctzung. ,,Das
hatlscr nichts. Ergebnis warc, daG jedes Fchlvcrhaltcn immcr den schwcrstcn Vorwurf bcgrün-
7<JS NK-Puppc, § 15 Rn.55; dies., Vorsatz, S. 45; clies.,ZSt\'\1103 (1991), 13.
dcn würde, den Vonvurf schuldhaftcr vorsátzlichcr Normverletzung." 8º3 Damit
?% NK-Puppe, § 15 Rn. 68; dies., Vorsatz, S. 40; dies., ZS1W 103 (199 i), 14.
797
vcrzcichnct Puppc indcs das zur Diskussion stehcnde Problcrn, mit dcr Folgc,
NK-Puppe, § 15 Rn. 85. -Dcr Position Puppes ;-:us1in1rncndBung, \'Vissen, S.186, 190.
- J\blchnend dagcgen die hcrrschcnde Lchre: MK-Joecks, § 1 Rn. 22 Fn. 50; SK-Rudolphi, daG sic cinc Position widcrlcgt, die nicmand vcrtritt. Das Argumcnt zugunsten
§ 16 Rn. Sb; SSW-Momscn, §§ l5, 16 Rn. 48; l(Ohle1~AT, S. 165 Fn. 94; Kiihl, AT, § 5 Rn. 68a; eincr wcitergehcndcn Objcktivicrung lautct cntgcgcn dcr pauschalicrcndcn Be-
Roxin, AT 1, § 12 Rn.50; ders., FS Rudolphi, S.251 ff.; \'ílcssclsl!Jeu!lw,AT, Rn.228; Pritt- hauptung Puppcs 804 nicht cinfach, daG der Tatcr sich auf seinc cigcnc Normvcr-
·wit1;,Strafrecht, S. 357; ders., FS Puppc, S. 825 H.; Schroth, Vorsatz, S. 93 f.; I<indhduscr,FS lctzung nicht zu seincr Entlastung berufcn künnc. Gcltcnd gcmacht wird vicl-
Eser, S. 354 Fn. 26. - Dcr Position Puppcs stehen die i\uffassungen Schunrnnns (Schumann,
JZ 1989, 432) und Herzbergs nahe. Ob cinc qualifizien-uner!aubte ,,[Link]" vorlicgt, mchr, daB dem TJtcr die Kompctcnz feble, eincm Verhaltcn, das wcgcn scincr ob-
bemi!1t sich [Link] ;,_ufolgcnach dem Kritcrium der ,,Unabgcschirmtheit": Unabgeschirmt jcktivcn Gefahrlichkcit das Pr:idikat ,,rcchtsfcindlich" vcrdient~ cinc harmloscre
sei das [Link] Risiko dcrTatbcstandscrfüllung dann, wenn bci oder nach der Handlung Umdcutung zutcil wcrdcn zu lasscn. Dieses in scincr Rcichweitc !dar dcfinicrtc
des Tiiters Glück und Zufall allcin oder mit eincm groíkn Anteil dazwischentrcten rnüssen,
Argument ist gcgen den von Puppc pcrhorrcszicrtcn Rutschbahncffckt cbcnso
damit sich dcr Tatbestan<l nicht erfülle (so J-lerzhcrg, JZ 1988, 639). Diescr Gcsichtspunkt
taugt indcssen nicht a!s matcriel!es Vorsatzkriterium, sondern icdiglich als Indiz für das Vor- gut gcfcit wic ihre cigcnc Tcilobjektivicrung 805 •
!iegen eincr Vorsatzgcfahr, und auch dics vorrangig im Bereich dcr TOtungs- und K0rpcrver-
lcv,ungsdcliktc (kritisch auch HK-GS-D,tttge, § 15 Rn.21; SIS-Cramer!Stcrnherg-Licbcn,
§ 15 Rn. 7Sa;Jakohs, AT, 8/29a; ders., ZStW 101 f19891, 530 f. Fn. 21; ders., RW 2010, 294 f.;
7'!'1 Puppc, AT, § 9 Rn. 29.
Roxin, AT 1, § 12 Rn. 67; Wesscls/Beulke, AT, Rn. 228; Eulc-Wechsler,Vorsatz, S. 42 f.;Pup¡,e,
Vorsatz, S. 38; Schlehofa, Vorsatz, S. 39 ff.; 7: Wa!tcr, Kern, S. 184; Küppcr, ZStW 100 l1988], soo Puppe, ZStW l03 (1991),37.
784 f.; Schroth,JuS 1992, 4; \Yleigcnd,FS Hcrzbcrg, S. 1002 f.).Den inaggcblichen Grund dafiir soi Puppe, ZStW 103 (1991), 37.
802
ncnnt Herzberg se!bst (JuS 1986, 256): GrO/k und Nahc cincr Gdahr sind mit ihrcr Unabgc- Diese Ungercimtheit hat Jakobs hiiufig rnonicn; vgl. ctwa]akohs ZSt\\'l 114 (2002),
schirmtheit nicht not wendig vcrbunden. ,,Der Ti ter kann sehr wohl cin Schadensrisiko sct- 584 ff.; fcrncr Ziegert.,Vorsatz, S. l 10; Kiiper, Gi\ 1987, 59; Schi!d, FS Rchbindcr, S. 133.
803
7,cn, das von keines Menschen Aufmcrksamkcit wírksam abgcschirmt ist, aber wegcn sciner Puppe, FS Grünwald, S. 486. - Ebenso Sancinetti, Unrcchtsbcgründung, S. 262.
80 ·1 I'uppe, FS Gl"[Link], S. '~85.
Gcringfügigkeit !rnurn bcunruhigt." (JJcrzberg,JuS 1986, 256)
805
7'.IS Puppe, Vorsatz, S. 40, 48; ebcnso clies.,ZStW 103 (1991), 14. [Link] hcbt Puppe (FS [Link], S. '~90)ausdrücldich herYor.
394 3. r<apitcl:Die Vcrlctzung der stmfrcchtlichcn [Link]/wngspflicht C. Das Ausmafl der Pfhcht~<.1idriglwit 395

Es gilt dcshalb: ,,Einc Vcrantwortlichkcit, aus dcr man sich hcrausstchlcn Einc solchc Glcichstcllung in die hcutigcn gesetzlichcn Bcstimmungcn übcr
kann, indcm man sich aus Glcichgültigkcit um ihrc Voraussctzungcn nicht den Vorsatz hineinzulcscn, würdc diese zwar auf das Augcrstc strapazicrcn 809 .
kümmcrt, ist kcinc." 806 Dcr von Puppc cingcfordcrtc ,,Paradigmcnwcchscl von Dcr Sache nach ist die gcnanntc Glcichstcllung dcrn dcutschcn Strafrcchtsdcn-
dcr faktisch-psychologischcn Bcfindlichkcit des Tiitcrs auf den Ausdruckswcrt kcn allcrdíngs wohlvcrtraut; ín § 17 StGB wírd sic für den Fall des schlcchthin
seincs Vcrhaltcns inncrhalb cincr Kommunikation untcr Vcrnünftigen" 8º7 ist uncntschuldbaren (und dcshalb nicht cinmal zu cincr Strafmildcrung führcn-
aus dicscm Grundc crst dann zur Ganzc vollzogcn, \vcnn die 'I'atsituation in dcn) Verbotsirrtums ausdrücklich angcordnct 810 • Von dícscr díffcrcnzicrcndcn
tolo anhand cines objcktivcn Magstabs bcurtcilt wird, wcnn also real vorhan- Bestimmung hcbt sich die in§ 16 Abs. l S. 1 StGB gctroffcnc l\.cgclung, wonach
dcnc Kcnntnis und schlcchthin uncntschuldbare Unkcnntnis cinandcr [Link]- jede - sclbst cinc auf drastischcn Aufmcrksamkcitsmiingcln beruhcnde - Fchl-
send glcichgestcllt wcrdcn 808 • cinschatzung dcm Tiitcr aus dcm Bercich dcr [Link] hcraushilft,
scharf und durchaus nachtcilig ab 811• ,,Was durch das ,Kcnntnisprinzip' dcr
SC/, falwbs,FS Schrcibcr, S. 954. subjcktívcn 'I'atscite ,hindurchgerutscht' ist, holt kcin Vcrantwortungsprinzip
807 ·Puppe, ZStW 103 (1991), 15.
auf dcr Scitc dcr Unrcchtscinsicht zurück." 812 Einc gcsctzgcbcrischc Korrcktur
sos Grundlcgcndjakobs, ZStW 114 (2002), 586 ff.; :i:ulctzt clers.,Systcm, S. 56 f.; dcrs., R\XI
2010, 306 ff.; fcrnc1·González-Rivero, Zurcchnung, S. 177;Hcuchema, Erlaubnistatbcstands- dieses Fchlcrs ist übcrfallig. Sic würdc die Dogmatik der subjcktivcn Zurcch-
irrtum, S. 282 ff.; Miissig, Mord, S. 182; clers.,FS Jakobs, S. 431 f.; Voflgdtter, Handlungslch- nung von cincr gravicrcndcn axiologischcn Unstimmigkcit bcfrcicn 813 •
rcn, S. 186; Hsu, Doppclindividualiúerung, S. 140 H., 178, 190 ff.; cien.,FS Puppc, S. 540 ff.;
Kawaguchi, FS Jakobs, S. 259 ff. - Im ncucrcn Schrifttum findcn sich cinc Rcihc vcrwandtcr Vcrhaltcn dem des mit Erfolgswillcn handc!ndcn Tá:tcrs gleichzustcllen, so kann dcr Grund
Übcrlcgungen. So wili Rinck cincm Ta ter die Mi:iglichkcit cincr Entlastung versa gen, dcr auf- für die strcngcrc Bcstrafung des lcn,tcrcn nicht (aussch!icfüich) im Wollcn licgen. \'forin abcr
grund ciner ihm als rcchtsfcindlich zu;,,urechnendcn Unkcnntnis des Inhalts cincr Regclung dann? Dazu sdnvcigt Bung. Mangcls cines bcb.5tbarcn tertium comparationis hangt scinc
die Wahrnchmungcn nicht t;\tigt, wclchc danach rcchtlich rclcvant warcn. Sci namlich scinc Bchauptung v<m der Vcrglcichbarkcit dcr beidcn socbcn gcnanntcn Fallgruppcn in dcr Luft
falschc Einsclútzung dcr Rechtsbgc als rcchtsfcindlich zu bcwcncn, so sci es scinc [Link] (im Ergcbnis iihnlich wic hicr Greco, ZIS 2009, 820). -Einc bcsondcrs subtilc Bchandlung des
rcsulticrcndc Tatsachcnblindhcit nicht mindcr (Rinck, Dcliktsaufbau, S. 380 f.). Diese Erwa- Problcms findct sich bci Frisch. Dicscr pliidicrt für cinc Erstrcckung dcr Vorsatzstrafbarkcit
gung ist für sich genommen übcrzcugend, aber sic ist zu eng. Die mcisten Problcmfallc sind auf solchc '1':itcr, die sich zu eincr bcstimmtcn I-landlung cntschlicBcn, glcich ob diese Hand-
nfünlich andcrs gclagcrt. Dort wciB dcr [Link] im Prinzip schr wohl, [Link] Jic I Icrbciführung lunp; wirklich mit dcm ihncn ílüchtig bckanntcn Risiko bchaftet ist odcr nicht. Dics schlid~e
bcstimmter Erfdgc strafrcchtlich verbotcn ist. Er geht jedoch davon aus, daB scin Vci·ha!ten auch Sachvcrhalte ein, in dcncn dcr [Link] auf dcr Basis cincr für gcwisse Situationcn gctrof-
nicht zur I--Icrbciführnng cines solchcn Erfolgs führen wcrdc, wcil cr cntwcdcr das Vcr!et- fcncn Gnmdentschcidung den im Einzclfal! auftauchendcn Risikogcdankcn gar nicht mehr
zungspotcntial scincs I-Iandclns grOblich untcrschiiv.t odcr abcr bcreits die das Gcfahrnr- nachgcht, wcil cr sich prin;,.ipicll auch für die Vornahmc von I·Iandlungcn cntschiedcn hat, die
tcil bcgründcndcn Tatumstalldc nur unvollstandig wahrgcnommcn hat. Untcr den irn Tcxt bestimmtc normrclcvamc Risikcn in sich bcrgcn (Frisch, Vorsatz, S. 235 f.; cbcnso SK-Ruclol-
gcnanntcn Voraussctzungcn ist auch in diesen Fiillcn die Einstufttng des T:iterverhnltcns als phi, § 16 Rn. 45). i\usdrücklich halt es Frisch darübcr hinaus für dcnkbar, auch cincn Tiitcr,
rcchtsfcindlich gcbotcn. - Für cinc konscqucntc Objcktivierungsstratcgic pladicrt auf den dcm aufgrund cincr vorhcrgchcndcn Aligcmcincinstellung gegcniibcr dern bcdrohtcn Gut
crstcn Blick Blcckmann: Es kommc nicht darauf an, was dc1·Tiitc1·sich vorgcstellt odcr was nicht cinmal dcr Gcdankc andas [Link] der nonnrclcvantcn Gdahr kommt, dcr Vor-
cr gcwol!t [Link], sondern nur darauf, was sich kommttnikativ in dcr Rckonstruktion plausi- satzstrafbarkcit zu untcrstellcn (aaü, S. 242). Er sicht davon lcdiglich ab, wcil cr - de lege lata
bcl machen lasse (!Jleckmann, Strafrcclusdogmatik, S. 80 ff., 142, 154, 176 f.). i\usgcrcchnct ganz zu Rccht -· das Gcsctz insowcit als ,,unübcrstcigbarc Barriere" bctracbtct (aaü, S. 242).
809
für die hcikclstc [Link], den dolus cvcntualis, sol! dics jcdoch nicht gclten. Hicr grcift Ebcnso LK-Vogel, Vor § 15 Rn. 70; NK-P11ppe,§ 16 Rn. 2; Roxin, AT 1, § 12 Rn. 97;
Blcckmann viclmchr ganz koiwcntioncll auf die Vorstcllungcn une! Einstcllungcn des Tatcrs D!fttge, Bcsti111mthcit, S. 368 Fn. 63; ·¡: \Y/alter, Kcrn, S.244 f.; Gacde, ZStW 121 (2009), 262 f.;
:,.urück: desscn ,,Erfolgscinscharzung, niimlich ob es gutgchcn wird odcr ob das cgal ist'' (aaO, Kindhduser, FS Eser, S. 356 H.; Miissig, FS Jakobs, S. 432; Vogel GA 2006, 388. - A. A. Hsu,
S.150). - Nach dcr Auffassung von Bung ist das in cíncr drastischcn Form des Dcsintcrcsscs Doppclindividualisicrung, S. 202 ff.; Jalwhs, Systcm, S. 57; ders., ZStW 114 (2002), 597 f.;
zum Ausdruck kommcndc Nicht wisscnwo!lcn ,,dcm bcdingtcn \'v'ollcn des tatbcstandlichcn Rinde, Dc!ilusaufbau, S. 382; wohl auch Kawag11chi, FS Jakobs, S. 265.
Edolges mit gutcn [Link] glcich;,,ustcllcn" (Bung, Wisscn, S. 198). Darin licgt cinc konsc- sio Dazu nahcr unten S. 407.
qucntc Umsctzung von Bungs Grundübcrzeugung, dcr lntcrprctation mcnschlichcn Verhal- ~ll Dics ist bcrcits langc vor dcm lnkrnfttrctcn der gcnannten gcsctzlichcn Rcgc\ungcn
tcns müssc die i\nnah1nc ;,,ugrundc gclcgt wcrdcn, ,,dass wir es mit dcr vcrnünftigen Aufk- m<Jnicrt worden; cxcmplarisch Beck:, Unrcchtsbcwu~tscin, S. 35. - Aus dcr hcutigen Lite-
rung halbwcgs [Link] Ansichtcn cincr im Grogen une! Ganzcn [Link] Pcrson zu ratur: Jalwbs, AT, 8/5a f.; ders., Studicn, S. 104 f.; ders., Fahrlassigkcitsdclikt, S. 8; dcrs., GS
tun haben" (aaü, S. 206). Von cincr im Grogcn und Gaincn vcrnünftigcn Pcrson kann man Annin Kaufrnann, S. 281; ders., ZStW iOl (1989), 529 ff.; ders., GA 1996, 267; ders., GA 1997,
niimlich nicht nur crwartcn, da/1 sic sich ,,irrationalcínJ Vcrarbcitungsmcchanismcn, Vcrclran .. 556 f.; dcrs., ZStW l07 (1995), 862; dcrs., ZSt\X' 114 (2002), 584 ff.; ders., FS Schrcibcr, S. 95üff.;
gungcn und I-loffnungcn" vcrschlicgt (so die Fonnulicrung Puppes, Vorsat:,,, S. 40), sondcrn ders., Schuldprin;,.ip, S. 20; ders,, Zurechnung, S. 62 Fn. 7; dcrs., FS Rudolphi, S. 17 ff.; Gon-
auch, da/1 sic sich nicht von sozial schlcchthin unvcrstandlichcn Wisscnsblockadcn bchcrr- zdlez-Rfoero, Zurcchnung, S. 172 f.; Heuchemer, Erlaubnistatbcstandsirrturn, S. 102 f., 264 f.;
schcn laík Nur schlccht lafü sich damit indcsscn die zcntralc Thcsc Bungs vercinbarcn, die Hsu, Doppelindividualisicrung, S. 126 f.; Manso Porto, Nonnunkcnntnis, S. 43 ff., 132 f.;
strcngerc Bcsuafung des Vorsatzcs lcgiti111iercsich daraus, da/1 dcr Vorsatz- im Untcrschicd Hrnschka, FS Bockclmann, S. 431; l,csch, Ji\ 1997, 802.
:i:um Fahrlassigkcitstater ,,den Erfolg wolltc" (aaü, S. 270). Auch dcr grob tatsachcnblindc Ta- w Jalwbs, FS Schreibcr, S. 955.
ter ,viH den Erfolg nicht. Wcnn es untcr \XTcrtungsgcsichtspunktcn dennoch gcbotcn ist, scin 813
Die hicr vorgcschlagcnc Ncubtstimrnung des Vorsat;,,inhalts wirkt sich nicht nur auf
396 3. I<apitcl: Die Vcdctzung dcr strafrcchtlichc11 Mitwirlwngspflicht C. Dr1.1Ausma/J dcr Pflichni.!Ídriglu:i1 397

Die objcktivicrcndc Vorsatzdcutung nihcrt sich Hcgels Vcrtcidígung des gen gcltcn 818 . Bclastcnd in dicscm Sinnc sind, wic gcschcn, insbcsondcrc Glcich--
dolus indirectus an 814• Dcsscn Argumcntation, so clcgant sic ist, lcidct allcrdings gültigkcit und Rücksichtslosigkcit. Nur untcr dcr doppehen [Link], daG
untcr cincrn gravícrcnden Mangel: Sic ist zu unspczifisch. Aus allgcmcincn dcr Titcr vci-kcnnt, was für jeden Vcrnünftigcn auf dcr Hand licgt, und dieses
[Link]úschen Erwiigungcn lasscn sich nicht ohnc wcitcrcs spczifisch Vcrsagcn auf cincm dcr socbcn gcnanntcn Faktorcn bcruht, kann -· und mu E! -
verhrechenstheoretische Folgcrungcn ablcitcn. Ebcnsowcnig wic es mbglich ist, ihm also zur Vcnncidung ungcrcchtfcrtigtcr Privilcgicrungcn scinc ,,Dickfcl-
allcin m1tcr Bcrufung auf I-lcgcls logischc Grundkatcgoricn Widcrspruch und ligkcit"819 als rcchtsfcindlich zugcrcchnct wcrdcn 820.
Aufhcbung cincn von dcm Problcm dcr Straflcgitimation unbccinfluíhcn Vcr-
brcchcnsbcgriff zu konzipicrcn 81 5,lifh sich aus dcm Umstand als solchcm, dag 4. Der [Link] der Zurechmmg: die verhotswidrige 1-Iandlung
dcr T:itcr ctwas vcrkannt hat, das kcin Vcrnünftigcr hitt:c vcrkcnncn dürfcn,
a) Das tmdiúonelle Verstdndnis des dolus malus
ablcitcn, also vcrdicnc cr die strafrcchtlichc Bchandlung als Rcchtsfcind 8H,_
,,Dummhcit und Unwisscnhcit sind cthisch und rcchtlich farblos." 817 l<'.ntschci- Einc vorsitzlichc [Link] sci cinc solchc, ,,wclchc mit dcm Bc-
dcnd ist vidmchr, weshalb dcr Titcr zu dcr bctrcffcndcn Fchlcinschitzung gc- wuBtsein, daG. sic Übcrtrctung sci, vcrbundcn ist" 821 • Im Einklang mit dcr
langt ist. Ebcnso wic bci jcdcm andcrcn Unvcrrnügcn kommt es auch hicr da- Strafrcchtswisscnschaft scincr Zcit 822 hiclt Kant die Dcutung des Vorsatzcs als
rauf an, ob scinc Ursachcn dcm Titcr bclastcnd zuzurcchncn sind, wcil sic gc- dolus malus für so sclbstvcrstandlich, daG. cr sich damit bcgnügtc, sic sich in
scllschaftlich als scin ,,Wcrk" gcdcutct wcrdcn 1 odcr ob das Unvcrmógcn auf
Faktorcn bcruht, die als schicksalhaft, dcr Disposition des Bctroffcncn cntzo- 818
Zu cincr pa1·aHdcn Hcwcrtung obcn S. 345.
si'> Beling, Unschuld, S. 34.
SlO 7.u Unrccht wird cincr solchen - in rihn lichcr Fonn übrigcns aus nhlrcichcn aus!iindi-
entlastende, sondcrn auch auf be!astcnde Sondcrvorstcllungcn des Tiitcrs aus. Vcrsuchsun- schen Rechtsordrn1ngen (vg!. die I--linwcisc bei Stuchenberg, Vorstudicn, S. 434 f. und spc7,icll
rccht licgt dcmnach nur vor, wcnn dcr Tiitcr cin Vcrhaltcn vo!lzicht, das nicht nur nach scincr für die amcrikanische Rcchtsfigur der recklessness Arzt, GS Schi-óder, S. 142 f.) und aus dcm
Ansicht, sonden1 auch mr.h objcktivcm, vcrnünftigcm Uncí\ als Ausfühningshandlung zu ,,Corpus Juris dcr stl'afrechtlichcn Rcgclungcn zum Schutz dcr finanzicllcn lntcrcssen dcr
vcrstchcn ist (jakohs, GS Annin Kaufmann, S. 279). Europiiischcn Un ion" (dnu Perron, FS [Link], S. 1S1) bckanntcn - Glcichstcllung vor-
814 NK-Puppe (§ 15 Rn. 68) und}alwhs (ZStW 114 [20021, 589 H.) bctoncn ausdrücklich die
gcworfcn, sic rede eincm Ccsinnungsstrafrccht das Won (so abcr LK-Vogel, Vor § 15 Rn. 70
Niihc ihrcr Konzcptioncn ;,,ur Lchrc vom dolus indirectus. lweitaus freundlichcr gcgenübcr dcm Gcdankcn cincr Glcichstcllung dcr T'atsachcn b!indhcit
815 mit dcrn Vorsatz allcrdings ders., § 15 Rn. 127 und § 16 Rn. 2]; ders., GA 2006, 389; 7'. \Y/al-
O ben S. 56 f.
816 DaG Hegel die Katcgoric des do/m indirectus tcndcnzid\ ,.u wcit schncidet, zeigt sich ter, Kcrn, S. 115; Gacde, ZStW !2[ [2009], 269 H.;[Link]ú, FS Puppc, S. 829) und verkcnnc,
nicht zulctzt ciaran, daB sic bci ihm cbcnso wic bci vicien scincr Vorgiingcr cinc VCl"drichtigof- daE es im Strafrccht ,,um die tatsiichlichc [Link] cincr Freihcitsstrafc an eincm rcalen
fcnc Grcnzc zu dcr Lchrc vom versari in re il/icita. aufweist (cbcnso Lesch, Vcrbrechcnsbcgriff, Mcnschcn wcgcn ciner tatsiichlich ausgcführtcn Tat" gchc (Sacher, Sondcrwissen, S. 178). \'vas
S. 148 f.; zustimmend Safferlíng,Vorsat7-, S. 21; frcundlichcr Hm, Doppclindividualisicrung, die Objclnivicrung dcr Bcurtcilungskritcricn angehc, so stcllt sic da~ genauc Gcgcntcil von
S. 199). Vgl. ctwa Hegel (Vorlcsungcn Bd. 3, S. %8 f. lNachschrift I-Iotho]): ,,Indcm ich handlc Gesinnungsstrafrccht dar: DerTiiter wird für das bcstraft, was cr getan hat- es wird ihm lc-
sct7-c ich mich sclbst dcm Unglück aus, thuc selbst das, woraus Unglück cntspringcn kann, cliglich die (allcinige) !nter¡;retationskompctem. übcr die Bcdcutung scincs Vcrhaltens cntm-
dieses nbo hnt ein Rccht auf mich, ist cin Dasein mcincs cigcncn Wollcns." - Ahn\ichc Er·· gcn (ebcnso Jal:wbs, R\\f 2010, 308; KawaglfChi, FS Jakobs, S. 263). Da E Fchlcinschiitzungcn,
wagungcn wic bci Hegel finden sich in dcr ncucrcn anaiytischcn Handlungsthcoric. So wcist die auf Glcichgli ltigkcit une! Rücksichtslosigkcit bcruhcn, den Ta ter nicht cntlastcn, wird im
dcr bcdcutcndc amcribmischc Philosoph Donald Davidson nach, daB jede Intcrprctation auf Bcrcich der (Tatumscrnds-)Fahrlassigkeit brcit vcrtrctcn (Nachwcisc obcn S. 34-5),ohne chn
ciner grundlcgcndcn Vcrnünftigkcitsuntcrsrcllung bcruht: ,,Wcnn wir kcinc MOglichkeit fin- dort· irgcnd jcmand die Keulc des Gcsinnungsstrafrcdns schwingc. Was dort rccht ist, solltc
dcn, die [Link] und das sonstigc Vcdrnlren cines Gc$ch0pfs so 7-llintcrprcticrcn, daE da- hier billig scin.
821
bci cinc Mcngc von Übcrzcugungcn z:um Vorschcin kommt, die grogentcils widersprnchsfrci Kant, MdS, Wcrkc Bd. 7, S. 330.
und nach unscrcn cigcncn MaGstiibcn wahr sind, ha ben wir keincn Grund, dieses Gescl1{)pf m Vgl. etwa Achemua!l!Püttcr, [Link], § 132 (S.51); Ahegg, Lchrbuch, §83
für cin \X'escn zu crachtcn, das rational ist, Übcr7-cugungcn vcrtritt odcr übcrhaupt ctwas (S. 132); Bauer, [Link], § l26 (S. 183); ders., Abhandlungcn, S. 253,260,262 ff.; Dom, Vcr-
sagt." (Davidson, Wahrheit, S. 199) Auch diese Übcrlcgung trifft allcrdings die hicr intcrcs- such, § 31 (S. 63); Feuerbach, Lehrbuch, § 54 (S. 99); Grolman, Gnmdsiit7-c, §46 (S. 39 f.);§ 52
sicrcnde Fragc nicht gcnau. Richtig ist zwar, daG wir cin GcschOpf dcr von Davidson bcschric- (S. 45); !-Ieffter, Lchrbuch, §68 (S. 85); llenlw, Handhuch, l. Thcil, S. 346 f.; v. !-!off,Verbi-e-
bcncn Art- jcmandcn, mit dcm cinc Abstimmung von Vcrhaltcnscrwa1·tungen nicht mOglich chen, S. 29;Jarcke, Handbuch, S. J 89; Klcin, Grundsiitzc, Bd. l, §§ 119 f. (S. 90 f.); ders., ACrim
ist -, unter Fremdvcrwaltung stcllcn würdcn: Scin Vcrhaltcn ist so wcnig vorhcrsagbar, daR 2 (1800), 77f.; /(/einschrod, Ent,vicklung, § 14 (S.29ff.); Marexoll, Criminalrccht, S. 105f.,
ihm unkalkulicrbarc Risikcn inncwohncn. Dics ist abcr nicht die Sachlagc, dcr wir uns bei dcr 109; Martin, Lchrbuch, §34 (S. 75 f.); Mcister, NACrim 1 (1817), 107; Mittermaier, NACrim 2
[Link] im Rahmcn cines Tatstrafrcchts gcgcnübct·sehcn. Dort gcht es um (1818), 521 f; Ro_(!.hírt,NACrim 9 (1827), 505; Salchow, [Link], §§ 12; 61 (S. JO, 44); Schréi-·
punktue!le Wahrnchmungs- und Bcurtcilungsdcfo,itc, die cincn RückschluR auf aligcrncinc te1; I--landbuch, § 66 (S. 104 f.); Soden, Gcist, § 7 (S. 16); Stiihc!, Systcm, Hd. 2, § 237 (S. 39);
[Link] nicht zulasscn: Auch vcrnünftigc Lcutc machen Fchlcr. §254 (5.49); §262 (S. 53 f.); Temmc, J,chrbuch, S.151; Tittmann, l·-Iandbuch, 1. Thcil, § 101
817 Fxne~~ Wcscn, S. 97. (S. 250f.); ·v. Weber; NAC1'im 8 (1825), SS9f.; v. [Link],; Art. ,,Dolus", S. 478.
398 3. Kapite!: Die \lerletumg der stmfrechtlichcn Mit1,úrkungspflich1 C. Das Ausma.f5 dcr Pflichtwidrigkcit 399

cincm kurzcn K!ammerzusau, zu cigcn zu machen. Als Mezgcr sich rund an- schrod dieses Argurncnt rnit kri:iftigcn Farbcn ausgcmalt: Ein Vcrbrechcr, dcr
derthalb Jahrhundcrtc spiitcr aus dcr \Xlartc cines Bcfürwortcrs des dolus malus deutlich cingeschcn habe, dais scinc I--landlung gcsctzwidrig und strafbar sci,
zur Bcschaffcnhcit des Vorsatzbcgriffs [Link], tat cr dics hingcgcn vor dcm vcrachtc wisscntlich die Ordnung des Gcsetzcs und opfcrc die gcsellschaftlichc
Hintcrgrund cincr intcnsivcn und hüchst kontrovcrscn Diskussion. Die ,,Wahr- Ordnung scincr Sinnlichkeit auf 830; ,,diese gcflísscntlichc Gcringschatzung dcr
hcit, dass zum Vorsatzbcgriff das Bcwusstscin dcr Rcchtswidrigkcit gch0rt" 82 3, Gcsctze, dieses vorsctzlichc Durchbrcchcn des Damrncs) diese frcywillige Bc-
stützt sich nach Mczgcrs Auffassung auf zwci Bcgründungspfcilcr. Erstcns sci stimmung zu ancrkanntcn vcrbotencn Handlungcn rnacht das Wescn des Dolus
cin solchcs Vorsatzvcrstiindnis zweck:mtiflig,,,wcil nur im Wisscndcn die Strafc aus" 831. Es istdic Sprachc des hcraufzichcndcn Psychologismus, die sich hier Ge-
zum wirklich vcrbrcchcnsvcrhütcndcn ,Motiv' wcrdcn kann". Zwcitcns sci es hór vcrschafft. Dcr als das ,,Ja und Amen des Tatcrs zu der Uncrlaubtheit sei-
gerecht, wcil nur dcrjcnigc, dcr um die rechtlichc Bewcrtung scincs I--Iandelns ner Tat" 832verstandcnc Vorsatz stcllt danach nicht nur cincn - wcnngleich den
wissc, ,,sich gcgen die cthisch-rechtliche Norm bcwufh und wirklich ,aufgc- phinomenologisch markantcstcn und praktisch bedcutsamstcn - Unterfall von
lehnt' hat" 824. Rcchtslcindlichkcit dar, sondcrn cr füllt den Bcrcich dcr Rcchtsfcindlichkcit
Die von Mezger angedeutcte Zwcckmafügkcitserwagung hat niemand schar- vollstdndig aus. Die Schwcrc dcr Scbuld ist dcmnach abhi:ingig von dcr Intcnsitat
fcr hcrausgearbeitct als Fcucrbach. Da-fs dicscr das ,,Bewusstscín der Gesctz- dcr Pflichtvorstellung 833. ,,Die Scbcusalc der Gcschichte, ein Ncro, ein Cesare
widrigkeit des Bcgehrens" zum konstitutiven Momcnt des Vorsatzes crhob 825, Borgia, ein Danton handcln hiernach in gcringem Grade schuldhaft; fchlt ihncn
crgab sich zwingend aus scincr Abschreckungsthcorie dcr Strafc 82ú. Um dcm das Pflichtbewu-fstsein ginzlich, so muis man den Mut dcr Konscqucnz haben,
dcliktsgeneigtcn Bürgcr vor Augen zu führcn, daf1 er im Bcgriff ist, sich auf cin sic schuldlos zu ncnnen." 834
schlcchtes Gcschi:[Link] cinzulasscn, gcnügt es allcrdings strcng genommcn nicht, Es ist '\Vcnigverwundcrlich, dais die aus dicsem Vorsatzvcrstindnis rcsultie-
dafi er das Strafgesctz überhaupt kennt; ihm müssen viclmchr auch Art und rcndcn Strafbarkcitslücken im Umgang mit dcr Verbotsfahrlassigkcit einer
GrOfledcr angedrohtcn Strafc bckannt scin 827. So wcit wolltc Fcucrbach indcs- wachscndcn Zahl von Strafrechtswissenschaftlcrn als nicht hinnchmbar er-
scn nicht gehcn - vcrstandlichcrwcisc, dcnn dann warc unübcrschbar gcwor- schicncn835. Da abcr auch die Kritikcr des dolus [Link] psychologisicrcn-
dcn, daf1 scincr Thcorie zufolgc gcstraft wird, nicht wcil dcr Vcrbrccher ,,sich den Vorsatzverstandnis verpflichtet waren, sahen sic sich dazu gczwungcn, die
nicht am Strafgcsctz, sondcrn [wcil] das Strafgcsctz sich nicht am Verbrccher Katcgoric des Unrechtsbcwufüscins aus dem Vorsatzbcgriff herauszulOscn und
bcwihrt hat" 828) seinc Lenkungsanreizc also nicht hinreichcnd stark warcn. Ein cinem cigcnstindigen Bewcrtungsrcgimc zu untcrstellcn. Den Endpunkt dicscr
Kriminalunrechtsvorwurf gcgcn den vorsitzlich I-Iandclnden lafü sich auf cinc Entwicklung stcllte die sogenannte Schuldtheorie dar (b). Dcrcn Reparaturvcr-·
solche Argumcntation nicht stützcn 829 . Zur Fundierung dcr Katcgoric cines such setzt jcdoch an dcr falschcn Stcllc an. Die Einsicht dcr Vcrtrctcr cines dolus
dolus malus ist sic deshalb ungceígnet. malus, dag verbrechenssystematisch rclcvant allein die Stellung des Ti:iters zu
Wie abcr stcht es mit dem zweitcn dcr von Mezgcr untcrschiedcncn Bcgrün- der von ihm übcrtretencn Vcrbotsnorm ist) trifft zu, abcr ausgcrechnct sic ist
dungsstringc: dcr Bchauptung, da-fsnur derjcnigc die Vorsatzstrafc vcrdicnc, dcr von dcr Schuldthcoric geopfcrt worden. Vcrfchlt ist nach dcm socbcn Dargclcg-
sich bcwufst gcgen die Rcchtsordnung aufgclehnt babc? Bercits 1805 hat Klcin- tcn hingcgcn cinc Glcichsctzung der Rcchtsfcindlichkeit mit eincm bestimmtcn
psychischcn Zustand. Mit dicser Auffassung abcr hat die Schuldthcoric gcradc
m Binding, Normcn, Bd. II/2, S. 954.
824
Mo:ger, FS Kohlrausch, S. 182. 830 1(/einschmd, Entwicklung, § 14 (S. 30).
szs Feuerbach, Lchrbuch, § 54 (S. 99); ausführlichcr dcrs., Bctrachtungcn, S. 199 f. S3l Kleinschrod, Entwicklung, § 14 (S. 32).
816
Obcn S. 374. 832 Bcling, Unschuld, S. 48.
7 s33 Kohlrausch, Irrtum, S. 34.
Sl Beleker, Thcoric, S. 404; Bindíng, Normcn, Bd. II/1, S. 184; Blohm, Fcucrbach, S. l [2 f.;
Henke, I-landbuch, 1. Thcil,S. 334; Gefllcr, Bcgriff,S. 56;ders., GS 10(1858), 309;Heinemann, ~.H Kohlmusch, Irrrnm, S. 34.

Schuld!chrc S. 95; ders., ZStW 13 (1893), 394; Klee, Lchrc, S. 59; J<Ost!in,Rcvision, S. 619; rn Gefller, Begriff, S. 91; ders., GS 10 (1858), 316 ff.; Geyer, ErOrtcrungcn, S. 26; lleine-
ders., Systcm, S.193; Mittermaier, NACrim 2 (1818), 524; Oetker, GS 93 (1926), 51; Roeder, mann, Schuldlchrc, S. 23 f., 31 ff.; ders., ZStW 13 (1883), 382,403 f., 415; llom, GS 53 (1897),
Schuld, S. 112 f.; Wdchter, I,chrbuch, § 73 (S. l l9f.); Westerkamp, Vcrschuldung, S. 27. -- J\us 84 f.; M. Kauffmann, Vcrschutdungsprinzip, S. 34; Klee, Lchrc, S. 14 ff.; Lucas, Vcrschuldung,
dcr ncucrcn Litcratur: Arthur Ka1tfmann, Unrcchtsbcwufüscin, S. 38; Rt1dolphi, Unrcchts- S. 66 ff.; L1!den, I·landbuch, S. 245 f.; ders., Abhandlungcn, S. 517 ff.; Merkel, Lchrbuch, S. SO;
bcwufüscin, S. 49; [Link], Vorstudicn, S. 583; Ma1trach, FS Eb. Schmidt, S. 305,308. Pictsch, Gcsichtspunkt, 5.33; Stooss, SchwZStr 12 (1899), 7; v. Wdchter, Strafrccht, S.146;
828
Trcffcnd Binding, Normcn, Bd. 11/2) S. 916; sachlich übcrcinstimmcnd Kohlrausch, dcrs., GS 16 (1864), 66 f.; v. Wick, ACrim 46 (1857), 573 ff.; ders., GS 1860, 146 f.-Auch Kohl-
lrrtum, S. 40. -Bcrcits den Zcitgenosscn Fcucrbachs war diese Schwachc scincr Theoric nicht rausch wolltc die von ihm gcnanntcn Übchiitcr frcilich nicht unbchelligt lasscn; wcgcn ihrcr
vcrborgcn gcblicbcn; vgl. ctwa Thiba11t, Bcytfage, S. 41, 46 f. Gcfohrlichkcit solltcn sic SichcrungsmaRnahmcn untcrworfon wcrdcn (l{ohimmch, Irrtum,
829 S. 35). Mit dicscr offcnkundigcn Notlósung fand cr jcdoch kein GchOr.
Ebcnso Koh/cr, Zurcchnungslchrc, S. 73.
400 3. Kapitel: Di"c Verietwng der strafrechtlichen Múw;irkungspflicht C. Das A11smafl der Pflichtwidrigkcit 401

nicht konsequcnt gcbrochcn, sic hat ihrcn Anwcndungsbcrcich lcdiglich auf das konscqucntc Festhaltcn an dcr Katcgorie des dolus malus schone hinge-
den Tatbcstandsvorsatz cingcschrankt. Es ist an dcr Zcit, diese Sicht dcr Dingc gcn den rcchtsfahrlassigcn Tater über Gcbühr 8'1º. Die Suche galt dcshalb ciner
durch cinc konscqucnt normativicrcndc Konzcption cler Rcchtsfeindlichkcit zu Mittclposltion.
crsctzcn (e). Ein Vorschlag v. I-Iippcls schicn cine taugliche Lbsung zu bietc118·11• Es sci, so
v. Hippcl, ,,allcin gerccht und zwcckmafüg, [Link] [Link]: wird) dcr vor-
b) Die Schuldtheorie [Link]úion siitzlich ein Dclikt bcging und sich dabci um die Rechtsordnung nicht kümmerte,
Die lrrtumsrcchtsprcchung des Rcichsgcrichts 836 führtc dazu, daB Tato·, die obwohl cr dics sollte und bcí ausrcichcnder Anspannung scincr geistigcn Fa-
cincm Strafrcchtsin-turn untcrlagcn, als Rcchtsfcindc bchandclt, d.h. nach Mafs- higkcitcn lwnnte" 841 . Dcr restriktivcn Position des Rcichsgcrichts !icgc deshalb
gabc dcr cinschlagigcn Vorsatztatbcstandc vcrurtcilt wurdcn, sofcrn ihncn nur ein bercchtigtcs Anlicgcn zugrundc; fchlgchcnd sei lcdiglich die Folgcrung, das
die Tatumstiindc [Link] bckannt warcn. Das ,,Gcgcnstück" 837 zur Position Strafgcsctz müssc man kcnnen, andcre Gesctzc hingcgcn nicht. ,,Denn für den
des Reichsgcrichts bildctc das [Link] des Vorsatzcs als dolus mah1s8.l 8. Die-· Vorwurf: ,Das hittcst du kcnncn müsscn', kann nur die Lage des Einzelfalles cnt-
ses licf darauf hinaus) in allcn Fallen cines Rechtsirrtums Rcchtsfcindlichkcit schcidcnd scin." 843 Die Falle verrncídbarcr Unkcnntnis dcr einschliigigcn Rcchts-
vcrneincn zu müssen und auf die vcrhaltnismafüg scltenen (und crhcblich mildcr norrn wolltc v. Hippcl) wcnnglcich untcr Zubilligung eincr Strafmilderung) mit
sanktioniertcn) Fahrlassigkeitstatbestiindc angcwiescn zu scin. Die hcrrschende untcr den Vorsatzbcgriff stcllen 844. Da niimlich die Fahrliissigkcít nur ausnahms-
Schrifttumsauffassung mochtc sich mit kcinem dieser bciden Wegc befreun~ wcisc strafbar sci 845 ) würde cin andcrs vcrfahrcndcr Gcsctzgebcr ,,die Wirksam-
den. Die Position des Rcichsgcrichts werde dcm Schuldprinzip nicht gcrccht 839 ; kcit scincr cigcnen [Link] aufs schsvcrstc gcfohrdcn" 846 . v. Hippcl bc-
zcichnetc seincn Lüsungsansatz ausdrücklich als lerimina1poliúsch motivicrt 847 .
ü<, Dazt1 oben S. 314 L Erst dcr Grcifswaldcr Hochschullehrcr Paul Mcrkcl cntwickcltc cinc Begrün-
837 Maui-ach/Zipf, AT !, § 37 R.n.10.
im Um die Wende vom 19. zum [Link] erfreute sich diese Position im Schriftturn
breiter Zustimmung: /3inding, Nonnen, Hd. 11/1, S. 403; 11/2, S. 935 ff.; Jcrs., GS 87 (1920), triigc, S. 41 f.; Ortloff, Strafhark~irs-Erkcnntnis, S. 26; Roedc1; Schuld, S. 87; Riime/in, Vcr-
130f. (grundlcgend); Al!feld, Bedeutung, S. 15; Baumgartcn, Aufbau, S.181; Bcling, Verbre- schuldcn, S.25; ders., ZStW 41 (1920), 501,523. -Aus dcr ncucrcn Literatur: Tischlcr, Vcr-
chen, S. 185; dcrs., Unschuld, S. 33 f., 45, 53; Bcck, Unrechtsbcwufüsein, S. 30f.; Cornil!, Be- botsirrtum, S. 355.
wufhscin, S. 28, 51 ff.; Engclmann, Rcchtsbeachtungspflicln, S. 13 ff.; J-lammcrcr, Einfluss, lMO Grundlcgcnd Ado/f Merkcl, Lchrbuch, S. 69 (,,Pramiienrng mangelhafter Gcsinnun-·
S. 23, 27; llcru., Unrecht, S. 152; Kohlrausch, Irrtum, S. 24 ff., 58; ders., Schuld, S. 215 ff.; Las- gen"), 80; fcrncr v. Bar, GS 38 (1886), 252; Dohna, [Link], S. l8 f.; ders., Aufbau, S. 50 f.; Hci--
son, Systcm, S. 488,496; Licpmann, Einlcitung, S. 134 f.; Ort!off, Strafbarkcits-Erkenntnis, ncmann, Schuldlchre, S.55f.; dcrs. ZSt\'<1 13 (1883), 382, 394f., 453; Lucas, Vcrschu!dung,
S. 49f.; ders., GS 34 (1883), 417; ders., ZSt\Y/ 14 (1894), 207 ff.; Saucr, Grundlagen, S. 593,596; S. 78; Pietsch, Gcsichtspunkt, S. 35; Rocdcr, Schuld, S. 91; Rümelin, Vcrschuldcn, S. 25; ders.,
Dohna, GS 65 (1905), .12üff.; Ebcrmayer, LZ 19189, Sp. 804 f., 809ff.; Hcgle1; ZStW 36 (1915), ZSt\XI 41 (1920), 500,519; Stooss, SchwZStr 12 (1899), 2; v. Wick, ACrim 46 (1857), 587f.-
198 f., 220ff.; Naglcr, FS Binding, Bd. II, S. 343; Ortmann, GS 29 (1878), 244. - Noch in den Wcgwciscnd für die ncucrc Diskussion: v. Wcbe~~Aufbau, S. 23; V-Vch:e/,Strafredn, S. 162;
50er und 60cr Jahren des [Link] wurde die inzwíschen sogcnanntc Vorsatzthco- dcrs., SJZ 1948, Sp. 370; ders., JZ 1952, 341; cbcnso BGHSt 2, 194, 204ff. - Aus der hcuti-
ric (allcrdings haufig in abgcschwachtcr Form: Kcnntnis dcr Sozialschadlichkeit/Strahvür- gen Litcratur: LK-Vogcl, § 15 Rn. 39; MK-Dut1ge, § l5 Rn. 29; Haft, 1\T, S. 260; Hcinrich,
digkeit stalt dcr fonnellcn Rechtswidrigkeit) von eincr bctraclnlichcn Anzahl von Autmcn AT, Bd. 2, R.11, 1129;Jakohs, AT, 19/14; Kindhduser, AT §28 Rn. 4; Roxin, AT l, §21 R.n. 8 f.;
vcnrctcn: Furgcr, Unrcclnshcwufüscin, S. 216 ff.; A rthur K.a11Jmann, Unrcchrsbcwufstscin, Stratcnwcrth/Kuhlen, AT, § 10 Rn. 77; \[Link]/Bcullce,AT, Rn.464; J-leuchemer, Erlaub--
S.99f., 117L, 140f., 143; dcrs.,JZ 1956, 394; ders., ZStW 76 (1964), 552ff.; dcrs., FS Lack- nistatbcstandsirrtum, S. 151, 155 f., !58; T Waltcr, Kcrn, S.429; Lesch, JA 1996, 351; Platz--
ner, S. 188 ff.; Hardr¡o•ig,Zurechnung, S. 185 ff., 196f.; dcrs., GA 1956, 373 ff.; dcrs,, ZSt\\/ 74 gummer, Vorsat;,,, S. 52 f.; Schaffstein, FS OLC Ccl!c, S. 197.
(1962), 37 ff.; dcrs., ZSt\V 78 (196), 5 f.; Lampe, Unrccht, S. 252 f.; dcrs., ZSt\\ 1 118 (2006), 27 f.; 841 Vorgczcichnel war cr bci GefllcJ; GS 10 (1858), 339 f.; Gcye~; ErOncrungcn, S. 32.

Lang(-Hínrichsen), ZSt\V 63 (1951), 339 ff.; dcrs.,JR. 1952, 184 ff., 302 H.; ders., JZ 1953, 366 f.; 842
v. Hippcl, Strafi-ccht, Bd. II, S. 348.
dcrs,, [Link], S. 90ff.; Ma11il, ZStW 74 (1962), 238; Mczger, Wcge, S.42; Ochler, FS 41. DJT, w v. Hippel, Strafrccln, Bd. U, S. 343.
S. 266 ff.;Schmidhduscr, AT, 10/28, 32, 64; ders., FS [Link], S. 337f.; ders., Vorsavbegriff, ~.¡.¡ v. 1-lippcl, Strafrecht, Bd. U, S. 342,348 ff. - Ebcnso Dohna, Rccht, S. !9; Kohler, GS

5.21; dcrs., NJW 1975, 1810f.; dcrs., JZ 1979, 367; dcrs., JuS 1987, 379; Schr0der, FS Saucr, 95 (1927), 98 ff.; M. E. Maycr, Rcchtsnormcn, S. 79 ff.; ders., ZStW 32 (1911), 503 f.; Rlfmelin,
S. 217,245 f.; dm., ZStW 65 (1953), 193 ff. Vcrschulden, S. 25 f.; dcrs., ZSt\Y/ 41 (1920), 508 H., 519 ff. (allerdings vcrbundcn mit dcr For-
839 Vgl. etwa Seuffcrt (FS v. Gneist, S. 71): ,,\Y/craber cinc Nonn, wcnn nicht cin Gott ihn dcrung nach obligatorischcr Strafmildcrung: aaO, 507, 5 l 8). - Scharf ablchnend Binding, GS
crlcuchtetc, nicht kcnncn konntc, dcr handclt, wcnn er mit ihr in \'v'idcrspruch geriit, so wcnig 87 (1920), 115 (,,Vcrdcrbnis"), 116 (,,Gcwalttat"), 133 (,,dogmatische Monstren"), 138 (,,ungc-
schuldhaft, wic dcr Blitz, dcr cin Haus in Brand sctzt; die Untcrlassung des schuldlos Gc- sundc Bewcgung").
sct7,csunkundigen ist nicht mchr und nicht wenigcr strafbar als der Gott des Rcgcns, dcr den s-is v. Hippel, Strafrccht, Bd.11, S. 348 Fn. 6.
vertrockncnden Ackcrn und \Y/icscn das crfrischcnde Nass vcrsagt." - Ebcnso Allfeld, Bedcu- S·H, v. [Link],Strafrecht, Bd. II, S. 348. -Zur Würdigung dieses Argumcms oben S. 308 ff.
tung, S. 7; Beling, Vcrbrechen, S. 180f.; dcrs., Unschuld, S. 22 ff.; Cornil!, Bcwufüscin, S. SI f.; S·!J In dicscm Sin ne bcrcits v. Hippcl, ZSt\Y/ 31 (19!!), 582; ders., ZSt\Y/ 35 (1914), 844 f.;

M. Kauffmann, Vcrschuldungsprinzip, S. 64; P. Mcrkc!, Grundri~, S. l 14; Mittcrmaicr, Bci-- bckraftigt in: dcrs., Strafrccht, Bd. ll, S. 348.
402 3. Kapitel: Die \lerletzung der strafrechrlichen Mitwirkungspflicht C. Das Ausmafl der Pfliclwwidrigkeit 403

dung dicscr Position, die sic als das Ergcbnis gcnuín dogmatischerErwi:igungcn bildung umfassc 861 • Entschcidcnd für den Sicg dcr Schuldthcoric [Link] die in dcr
crschcincn licG. Mcrkel trcnntc das Unrcchtsbcwufstscin strikt vom Vorsatz .
848 Tradition des [Link]-Denkcns stchcndc Vorsatztheoric 862 war allcrdings
Diescr sci ,,normatlv und cthisch farblos, cinfach Kcnntnis des Titcrs von den nicht ihrc vcrbrcchcnssystcrnatischc Hcrlcitung 863 , sondcrn ihrc ,,Schmicgsam-
Tatumstiindcn, vcrbundcn mit dcm Einvcrstindnis, dag sic von ihm vcrwirklicht kcit"864,die es in den \X-'ortcndes Bundcsgerichtshofs crmüglicht, ,,die Strafc clcm
wcrdcn" 849 . Das ,,cthischc Momcnt bcim Vorsatz" sci dcshalb ,,kcin den Bcgriff jcweiligcn Grade dcr Schuld anzupasscn" 8r,5. Die Schuldthcoric crlaubt es- mchr
des Vorsatzcs bildcndcs Merkmal [... ], sondcrn cin Artmcrkmal des Vorsatzcs, noch: ihr cinzigcr Zwcck bcstcht darin 86<•-, den cinem vermeidbarcn Vcrbotsirr-
das die Strafwürdigkcit des Vorsatzcs bcstimmt" 850 . Schuldhaft handlc dcr Vor- tum untcrlicgcnden Tatcr nach MaGgabc dcr Vorsatzdcliktc zu bcstrafcn> seincm
satztatcr dcmnach nur, wcnn cr dazu imstandc sci, scinc Tat als pflichtwidrig zu Irrturn abcr durch die rcgelmafügc Zubi!ligung cincr Strafmildcrung R..cchnung
bcurtcilen 851• In diesem Fall ist nach Mcrkcl, cbcnso nach v. Hippcl, cinc crhcb- zu tragcn und nur Ím Fall bcsondcrs unvcrzcihlichcr Irrtümcr cinc ungcmil-
lichc Strafmildcrung angczcigt 852 • War die Rcchtsunkcnntnis des Titcrs dagc- dcrtc Vorsatzstrafc zu verhingcn 867 • Damit geht sic in doppeltcr Hinsicht übcr
gcn bcgrciflich, so scí scinc Tat, wicwohl vorsitzlich bcgangcn, cntschuldigt 853 . das traditioncllc dolus malus-Vcrstandnis hinaus. Zum cincn bricht sic - wcnn
Den lctztcn Schritt hin zu dcr hcutigcn Schuldthcorie 854 vollzog WclzcF 155. auch nur für den Bcrcich des Unrcchtsbcwufüscins - mit dcsscn Bcschrankung
Mcrkcl hattc Vorsatz und Fahrlissígkcit zwar nicht mchr als Schuldartcn, abcr rcchtsfcindlichcr Vcrhaltcnswciscn auf bcwu6t begangcne Rcchtsbrüchc. Zum
immcrhin noch als Formen schuldhaftcn Vcrhaltcns bcgriffcn 856 • Mit dcr Vcr- andercn wcistsic bczüglich dcr Bchandlung nicht-rcchtsfcindlicher Verbotsfahr-
brcchcnslchrc Wclzcls war diese Einordnung unvcrcinbar. Wclzcl zufolgc wird lissigkcit einen Auswcg aus dcr als unbcfricdigend cmpfundcncn Alternative>
auf dcr Stufc dcr Rcchtswidrigkcit die ,,Bcwcrtung dcr Willcnsverwirklichu:ng cntwcdcr auf die im Bcsondercn 'I'cil des Strafrcchts kodifizicrtcn und zumcist
als rechtlich nicht scin sollcnd" vorgcnommcn, wihrcnd die Schuldprüfung die nach andcrcn Kritericn ausgcwihltcn Fahrlissigkcitstatbcstindc bcschrankt zu
,,Bcwertung der Willcnsbildung" zum Inhalt habc 857 . Dcr ,,Vorsatz als dcr ob- scin odcr cincm diffuscn crimen culpae das Wort reden zu müsscn. Dafür zahlt
jcktiv gcstaltcndc Faktor des finalcn Gcschchcns" ist dcmnach das Objckt dcr die Schuldthcoric freílich eincn hohcn Preis, dcnn sic rciGt auseinander, was vcr-
Rcchtswidrigkcítsbcwcrtung 858 und dcshalb bcreits irn Tatbcstand angcsicdclt; brcchcnssystcmatisch zusammcngch0rt: Vorsatz und Unrcchtsbcwu6tscin 868 .
die ,,konkrctc Müglichkcit, sich Ím Einzclfall normgcrnaG entscheidcn zu kün-
ncn", sci dagcgcn Bcstandtcil dcr Schuld 859 . Vcrmcidbar fchlcndcs Unrcchtsbc- S(,¡ Enderle, Biankettstrafgcsct1-c, S. 302,344; /(oriath,Jura !996, 119;Lesch,.f A 1996, 350;

wufüscin Iafü dcmzufolgc die Vorsitzlichkcit dcr Tat unbcrührt. Roxin, ZStW 74 (1962), 526,546.
Si,l Diese wird im heutigcn Schrifttum gan;,, [Link] als i.íbcrho!t bczcichnet;
Auf die Inkonscqucnzcn in Wclzcls dogrnatischcrn Gcbaudc ist bcrcits an ihr ,,Lebcnsfadcn" sci ,,mit dcm Schwcrt des Gcscu,cs abgcschnittcn wordcn": J-Jeuche-
frühcrcr Stellc cingegangcn wordcn 860 . Zu Rccht wird gcrügt, daG Wclzcl nicht mer, Erlaubnistatbestandsirrtum, S. 149; forncr Lackner/l(iihl, § 15 Rn. 33; LK-Voge/,§§ 15
übcrzcugcnd dargctan habc, warum die Rccbtswidrigkcit blo6 cinc Teilbewcr- Rn. 38; 17 Rn. 3; MK-}occks, §§ 16 Rn. 83; 17 Rn. 1; NK-Nemnann, § 17 Rn. 1; SK-Rudo!phi,
§ 16 Rn. 1; § 17 Rn. 1; S!S-Cramer/Sternberg-Lieben, § 15, 37, 104; § 17 Rn. 3; SS\"X'-Momsen,
tung des Vorsatzes, nirnlich dicjcnigc der Willcnsverwirklichung cnthaltc, nicht
§§ 15, 16 Rn. 111; § 17 Rn. l; Ebcrt, J\T, S. 103 f.; Frister, J\T, § 11 Ro. 3, § 19 Rn. 2; Gropp,
abcr die vollstdndige Vorsatzbewcrtung cinschlic6lich dcrjcnigen dcr \\ 1illcns- AT, § 13 Rn. 36; ffaft, J\'l', S. 134, 260; Heimich, AT 1, Rn. 549; ders., AT 2, R.n. i 129;]e-
scheck/Wleigend, AT, § 41 I 2 (S. 453); Kindhduser, J\T, §28 Rn. 2; Maurach!Zipf, AT l, §22
s-rnVorangcgangcn war ihm darin Basedow, Vcrschuldung, S. 79 ff. Rn. 9; § 37 Rn. 1, 32; Rengie1; J\T, § 30 R.n.12; Roxin, J\T l, §21 Rn. 11; \'i/esseis!Rculke, AT,
849P. Merkel, GrundriR., S. 138. Rn. 465.
863 Mit clcm Scharfblick des Untcrlcgcncn spricht Lang-J-linrichscn (JZ !953, 367) in
sso P. Merkel, ZStW 43 (1922), 323.
851 P. Merlcel,GnmdriR., S. 113. bczug auf die Schuiclthcoric von ,,bcgrifflichcfn:J Scheinkonsuuktioncn", die die cigcntlich
852 P. Merkel, GrundriB, S. 144. maggcblichen rcchtspolitischen Postulare lcdiglich vcrdcckten. - Ahn!ich Noio.:akowslú,
ss3 P. Merkel, GrundriB, S. 142. - Zustimrnend Roeder, Sehuld, S. 97 ff.; W1el.%,Arten, ZStW 65 (1953), 384.
s. 5 ff., 19. sr,s \'í/elzel,NJW 1951, 578. - Ebcnso Tischler, Vcrbotsirrtum, S.165, 358f.; Vest, Vor-·
s54 Die Bczcichnung findct sich crstmals in: [Link], SJZ 1948, Sp. 348. satznachwcis, S.134f., 138; Busch, 1:5 Mczger, 5.165; Engisch, ZStW 70 (1958), 5Süf.; Hil-
sss Von cincm ,,Dammbruch" spricht LK-Vogel, § 16 Rn. 8. - Vorgc1-eichnet war Wclzcls Lenlwmp, FS Wasscrmann, S. 867; Laos, Grcnzcn, S. 266; Nauc!,e, ZStW 85 (1973), 416; ders.,
Position bci-v. Weber,Aufbau, S.16, 23; zusammcnfassend ders., FS 1v1e:.-,gcr,
S. 189ff. 1. FS Roxin, S. 506; Schaffstein, FS OLG Ccllc, S. 177.
865 BGHSt 2, 194,208.
S% P. Merkel, GrundriB, S. 106.
857 [Link], Handlungslchrc, S. 26; Hervorhcbungcn hinzugdügt. - Niihcr zu dcr Lchre SM, 'frcffcnd Langer, Sondcrstraftat, S. l 18.

Wc\7,cls oben S. 265 ff. sr,7 Sedes materiae ist heutc § 17 S. 2 StGB mir seiner fakultativcn Strafmildcrungsklausel.
858 \"Felzei,Handiungslchre, S. 26. 868 Die Einsicht in die sachlichc Zusammcngchürigkeit bcidcr Katcgoricn crlcbt im
859 Welzel, Handlungslchrc, S. 26 f. Schrifttum scit einigenJahrcn cinc dcrart starkc Rcnaissancc, <lag kaum mchr von ciner ,,dog-
sr,o Obcn S. 266 f., 293 ff. matischcn AuBcnseitcrposition" (J-Jeuchemer, Erlaubnistathcstandsirrtum, S. 149) die Rede
404 3. Kapitcl: Die Vcrlctwng dcr strafrecht!ichcn MÍl'1Dirk1mgspflicht C. Das Ausmafl dcr Pflichtwidrigheit 405

e) Eine [Link] Konzeption van Rechtsfándlichkeit konstituicrcndc Vcrbotsnorrn kcnnt, und bcinhaltct insofcrn cincn Vorgriff auf
die Katcgoric des Unrcchtsbcwufüscins 879 .
Ob die Übcrtrctung cincr Vcrhaltcnsnorm dcm Titcr als rcchtsfcindlich zugc-
rcchnct wcrdcn mu~ odcr ob sic lcdiglich als nicht-rcchtsfrcundlich crschcint, Vorsatz, S. 88 f.; Schliichter, JuS 1985, 375. ~ Sachlich übereinstimmend (,,Emschcidung für
bcmiíh sich danach, wclchc Einstcllung zur Erfüllungswürdigkcit dcr Norm den Rcchtsguts'[Link]") M. lleinrich, Rechtsgutszugriff, S. 136 ff.
879 Grnndlcgend Armin Kaufmann, Strafrechtsdognrntik, S. 61 ff.; fcrner]alwbs, Studicn,
dcr Bctrcffcndc anden Tag gclcgt hat. So wic dcr Tatun1standsirrtum nur ci-
S. 113; Kóhlcr, Fahrli'issigkcit, S. 300, 371 f.; f-Jrn Doppclindividualisierung, S. 138 f.; Schu-
ncn systcmatisch unsclbstindigcn Untcrfall des Vcrbotsirrtums darstcllt 869 , ist mann, JZ 1989, 430 f.; E. A. \ílolff, FS Gallas, S. 203. - Roxin wehrt sich gcgen diesen Ein-
dcr Tatbcstandsvorsatz lcdiglich cinc systcmatisch unsclbstindigc Tcilkompo- wand, indem er auf den angcblichcn Appclkharaktcr des 'l'atbcstanclcs vcrwcist: ,,Denn schon
ncntc des Unrcchtsbcwufüscins. DaB. die hcrkürnmlichc Strafrcchtsdogmatik das Bcwusstsein der [Link], das sich aus dcm Tatbcstandsvorsatz ergibt, stcl!t
den Ti'itcr im NormalfaH vor die Entschcidungssituation." (Roxin, AT 1, § 12 Rn. 34) Diese
dicscr Einsicht ungcachtct ihrcs Bckcnntnisscs zur Schuldthcorie nicht cntrin-
Rcplik besti'itigt die Kritikcr jcdoch cher, als daB. es sic widcrlcgt; denn wie solltc cin ,,Hc-
ncn kann, zcigt sich namcntlich dort, wo sic zu bcgründcn sucht, dafl dcr Vor- wufüscin der [Link]" ohnc Wisscn um die die [Link] des Ta-
satzt:itcr cin hühcrcs Mafl an Unrccht vcrwirklichc als dcr Fahrlassigkcitsta- tervcrhaltcns allcrerst konstituicrcndc Verha!tcnsnorm dcnkbar scin? Schulz, der sdber [Link]
tcr. Dies gcschieht rcgclrnaflig in Wcndungcn, wic sic kcin Vertrctcr des dolus den Vorsat'l, die ,,Kcnntnis, dag ein bcstirnmtes Rechtsgut tangiert wird", vcdangt, bemerkt
trcffcnd, ,,dag in dicscr Konzcption Rudimcntc dcr Vorsat:[Link] Bindingschcr Prigung
malus bcsscr erdcnkcn künnte 870 . So ist die Rede davon, dafs der Vorsatzlatcr cin
überlcbt haben oder wicdcrbclcbt wcrdcn" (Schulz, FS Bcmmann, S. 256). - Andcrc Autoren
,,grOBcrcsMafl an Rcchtsuntrcuc" vcrwirklichc als dcr Fahrlassigkcitst1tcr 871 , greifcn auf Auswcichstrategien zurück. So rckurricrcn Stratc111:,1erth(ZSt\\/ 71 [1959], 68)
dafs cr eincn ,,büsc[n] Willc[n]" 872 , cinc ,,Entschcidung für das Unrecht" 873 bzw. und Zicgcrl (Vorsatz, S, 150 [f.) mit Blick auf das Kernstrafrecht auf cin vorrcchtlichcs \\lcn-
,,gcgcn die Rechtsnorm" 87\ cin Wissen um die Verlctzung des Ancrkcnnungs- systcm, an dem auch partizipieren kbnnc, wcr das rechtliche Verbot nicln kcnne. \\;Iic ,,ber
solltcn vorr'Ccht!ichc Wertc dcm Ti'iter das BcwuBtsein vermittcln kónnen, cinc Rcchtsgut-
vcrhiiltnisscs zum Verlctztcn 875 sowic cinc ,,rcchtsfcindliche Gcsinnung" 876 an
vcrlcuung zu bcgchen? Dazu mug íhm zusi'itzlich bckannt sein, da6 die betreffcndcn \Xlcrte
den Tag lcgc und daís die Vorsatz genanntc lntcntion im Unterschicd zur blofscn auch (straf-)rcchdichcn Schuu. genic/~cn. Burchanl (I rrcn, S. 249 f.), Zicgcrl (aaO, S. 146 ff.)
Fahrl:issigkcit dcm Rccht unmittclbar zuwidcrlaufc 877 . Auch die vcrbrcitct zur und Kindhriuscr (GA 1990, 4 !6, 418,421) zichcn sich zudcm auf die Annahmc cines 6ngiencn
Abgrcnzung des bcdingtcn Vorsatzcs von dcr bcwufücn Fahrlassigkcit heran- [Link] [Link]: Auf der Stufe des Vorsatzes wcrdc lcdiglich unterstc!lt, daB der
Ti'itcr Vcrbotskcnntnis habc. i\uch clics ist aber cinc Schcin!Osung: \'v'cnn die Vcrbotskcnnt-
gczogcne Formcl von dcr ,,Emschcidung" des Vorsatztiitcrs ,,gegcn das tatbc-
nis, die man voraussctzcn nrnR, um den Vorsatz als ,,Entscheidung für die Rechtsgutvcrlct-
standlich gcschütztc Rcchtsgut" 878 sctzt voraus, dafl dcrTiitcr die das Rechtsgut zung" definieren zu kbnncn, fiktiv ist, dann ist der so verstandcne Vorsatz cbenfalls fiktiv. -
Mituntcr wird sch!idlich mit sti!lschweigendcn Bcgriffsvcrschicbungen opcricrt. So pli'idicrt
Safferling um cincr eindeutigcn Abgrcnnrng zur Vorsatztheoric willcn dafür, den Vorsali'.
scin kann: grundlcgcnd]akobs, Systcm, S. 53 ff.; dcrs., FS Rudolphi, S. 113 ff:, ders., FS Schrci- strikt ,,von rccht!ichcn \X'crtungen frci zu halten" (Safferling, Vorsau, S. 153) und ihn auf ,,die
bcr, S. 955 ff.; ders., FS Dahs, S. 50 ff.; dcrs., R\XI 2010, 299 ff.; cbenso Hsii, Subjckt, S. 324; Kenntnis der jeweils die in Bczug genommcnc Norm tragcnden Umsti'indc" zu beschriinkcn
Fakhouri Gómcz, GA 2010, 259 ff.; nahcstehcnd Frcund, AT, § 7 Rn. 38, 46, 92; Otto, AT, § 7 (aaO, S. 144). Die hcrausgchobcnc dcliktssystcmatische Stcllung des Vorsatzcs sicht er hin-
Rn. 64 ff.; dcrs., ZStW 87 (1975), 590 ff.; dcrs., Jura 1990, 647; dcrs., GS J\1cyer, S. 597 ff.; Lan- gcgcn darin bcgründet, daf. ,,dcr I--Iandclnde i.íbcr cin \Visscn vcrfi.ígt hat, wonach erwartet
gcr, Sonderstrafta_r,. S. 116 ff.; ROttgc~; Unrcchtsbcgründung, S. 245 f.; T Waltcr, Kern, S. 84; wcrdcn kann, dass cr von der Tat .Ahstand nimrnt" (aaO, S. [13). Die Erwanung, von einer
Zabel, Schukltyprs1erung, S. 407 f.; Gccrds, Jura 1990, 427 H.; Hcrzhcrg, FS Otto, S. 274 ff.; Tat Abstand zu nehrncn, kann in eincr frcihcitlichen Strafrechtsordnung allcrdings nur darauf
ders.,JuS 2008, 389 ff. (and_crs noch dcrs.,JA 1989, 294); Koriath,Jura 1996, 114 ff.; dcrs., GA gestiitzt wcrdcn, daR die bctrcffcndc Tat rcchtswidrig sein [Link]. Ein Wisscn, welchcs ihn
20l l, 629;Kriímpclmann, Empiric, S. 23; Mir Puig, ZStW J0S (1996), 761; de lcgefcrcnda auch dazu beíahigt, dicscr Erwartung 'l,iclgcrichtet nach'[Link], hat dcr l fandclndc demnach
Baumarm/\'f/cbcr!Mitsch, AT, §21 Rn. 31, 40. streng genommen nur dann, wenn ihm übcr die Tatumsti'inde hinaus auch die Uncrlaubtheit
w> ObenS.311 f. des von ihm gep!anten Vcrha!tcns bekannt ist; wie geschcn, licgt darin ein ldassischcs Argu-
s7o Trcffend Otto, AT, § 7 Rn. 64 f.; Hcrxbcrg, FS Otto, S. 274 ff.; dcrs.,JuS 2008, 390. ment zugunstcn des dolus ma/[Link] ahcr muR dem 1--Iandclndcn !dar scin, daG cr irn
871 LK-Vogcl, § 15 Rn. 11. Bcgriff ist, cin frcnHics Rcchtsgut zu bccintri'iclnigcn. Safferling sclbst ri'iumt clics im weitc-
m jdhnlee, GS Schlüclner, S. 100. ren Vcrlauf seincr .Ausführungen ein: Dcr Ti'iter [Link], damit Vorsatz angenommcn wcrden
m Hasscmcr, GS Armin Kaufmann, S. 297,309; zustimmend Kargl, Vorsatz, S. 38. kéinnc, ,,gcwusst habcn, dass scin Verhaltcn zu ciner Verletzung cines Rcclusguts [Link] wird
m Kudlich, PS Hcnakis, S. 268. - Í\hnlich ROnnau, JuS 201 O,675 (,,bcwulhe Auflehnung oder führcn kann" (aaO, S. 178). Dieses Wisscn sctzt jcdoch unabdingbar jcncs wcrtendc 1VIo-
gcgen die Verhaltcnsnonn"). mcnt voraus, das Saffcrling aus dcm tatbcstandlichen Unrecht vcrbannen will. ·- Ahnlichc
87~ Grotcguth, Verbots(un)kcnntnis, S. 74, 78. Ungcreimthcitcn findcn sich bei M. I-lcinrich. Eincrscits [Link] dicser den spczifischcn
876 HK-GS-Duttgc, § 15Rn. l. -Alrnlich Roxin, AT 1, §2 Rn. 26 (,,rechtsfcindlichc Ein- Unwcrtgchalt des Vorsatzcs damit, daB dcr Vorsatzti'itcr sich für ein dcm Normappell cnl-
stdlung"). gcgenlaufcndcs Verhalten cntschcide (M. J-leinrich, Rcchtsgutszugriff, S.137). Andcrcrscits
877 Stratcnwerth!Kuh!en, AT, § 8 Rn. 66. hcbt er zur i\[Link] gcgcn die Vorsatzthcoric hervor, für die Annahmc vorsi'itzlichcn
878 So ctwa SK-Rudolphi, § 16 Rn. 39; S/S-Cramcr![Link]•.f,icbcn, § 15 Rn. 80; Haft, Verhaltcns [Link] es lcdiglich dcr Fcststcllung, da~ jcmand in cincr im objektivcn Ergcbnis
AT, S. 159; Kiihl, AT, § 5 Rn. 1!; Roxin, AT J, § !2 Rn. 23; Saffcrling, Vorsatz, S. 178; Zicgcrt, appdlwidrigcn Weisc in Erschcinung getrctcn sci (aaO, S. 138). Die bcidcn Si'itze passcn nicht
406 3. Ka¡iitel: Die Verlctztmg der strafrechtlichen Mitwfrlwngspflicht C. Das AusmajJ der I'flichtwidYiglwit 407

Nicht dcr von <lcr traditioncllcn dolus malu:s-Lchrc zugrundclcgtc Zurcch- matisch unmotivicrtc a,d hoc-Ergünzung cines im Kcrn nach wic vor psycholo-
nungsgcgcnstand istdcmnach kritikwürdig, sondcrn ihr unzurcichcndcs, da cin- gisicrcndcn Vorsatzmodclls cmpfundcn wurdc 887, zum andcren dcshalb, wcil
scitig psychologisicrcndcs Vcrstftndnis von Rcchtsfcindlichkcit. Wic untcr 3. gc- Mczgcr es unrcrlasscn hattc, dcr Katcgoric dcr Rcchtsfcindschaft hinrcichcnd
zcigt wordcn ist, vcrdicnt nicht nur dcr wisscntlich cin qualifizicrt-uncrlaubtcs klarc Konturcn zu vcrlcihen 888. Die Ablch1rnng von Mczgcrs Position darf al-
Risiko sctzcndc Titer die Einstufung als Rcchtsfcind, sondcrn auch dcrjcnigc, lcrdings nicht darübcr hinwcgtüuschcn, daB auch die herkümmliche Verbots-
dcr aus massiv belastcnden Gründen wic Glcichgültigkcit odcr Rücksichtslosig- irrtumsdogmatik zwischen schlichtcr und gcstcigcrtcr Vorwcrfbarkcit dcr Vcr-
kcit vcrkcnnt, was für jeden Vcrnünftigcn auf dcr Hand lícgt. Ncben den tradi- botsunkenntnis unterschcidet 889 . Wic Roxin ausdrücklich hcrvorhcbt, handelt
tioncllcn dolus malus hat dcshalb die ignorantia mala zu trcten 880 • es sich ,,hicr um dassclbe Sachproblcm, wic es bci der Vorsatzthcoric untcr dcm
Dics ist kcincswcgs cin ncucr Vorschlag. Mczgcr hat ihn bereits im Jahrc Bcgriff dcr ,Rcchtsfcindschaft' auftritt" 890. Die Konstcllationcn, in dcnen es bci
1944 unterbrcitet. Zwar wcndct Mczger sich mít klarcn Wortcn gegcn diedro- cincr ungcmildcrtcn Vorsatzstrafbarkcit bleibcn müsse, umschrcibt die herr-
hendc Entlcerung des Vorsatzbegriffs: Vorsatz sci dolus malus, nichts andc- schcndc Mcinung zudcrn mit cbcn jcncn Tcrmini, die Mczgcr als zu unbcstimmt
[Link] abcr stcllt cr ldar, [Link] Konstellation dcr [Link] Auflch- vorgchaltcn wurdcn: Rechtsfeindlichkeit bzw. Rechtsglcichgültigkcit des Ta-
nung gcgen die Rechtsordnung den Bercich des schwcrsten, cinc Vorsatzstrafc [Link] systcmatisch übcrzcugendc Konkrctisierung dicscr ,,monographi-
vcrdiencnden Unrechts nicht vollstandig ausfüllt. Deshalb zícht Mczgcr auch sche[r] Durchdringung noch harrcndc[n]" Kritcricn 892 durch die hcrkümmlichc
die Falle der Rechts- und dcr Tatsachcnblindheit-spaterspricht cr von ,,Rcchts- Strafrcchtsdogmatik ist nacb dcm trcffendcn Urteil Timpcs aber bislang ,,auch
feindschaft"882-in dieses Gcbíct hincin [Link] licgt es ihm fcrn, die Vorsatz- nicht ansatzwcisc [... ] zu crkcnnen" 893 , und wcr sclbst im Glashaus sitzt, solltc
strafe ,,an jede kleinste [Link] in dcm lrrtum über das Unrccht" zu nicln mit Stcincn wcrfen. Von den Maucrn dcr hiesigcn Konzeption würden
knüpfcn; sic sollc viclmehr den ,,schwcrcn Fallc[n]" vorbchaltcn blcibcn, ,,in diese Stcinc zudcm abprallen. lndctn sic fordcrt, daB der Fchler des Tiitcrs
dcncn der lrrtum auf cincr Einstellung bcruht, die mit áner gesunden [Link]- crstcns cvidcnt war und Z\veitcns aus eincr massiv bclastcndcn Gcringschat-
sung van Recht und Unrecht [Link] ist" 884 • zung des Rcchts hervorging, fonnulicrt sic ein Prüfungsprogramm, das - ob-
Vor den Augcn dcr herrschcndcn Meinung hat die ,,clastische Vorsatztheo-
rie"885Mczgcrs kcine Gnade gcfunden 886- zum eincn dcshalb, weil sic als syste-
ctwa Lang, ZStW 63 (1951),344 ff. -Engisch (ZStW 70 [1958], 573) gestand Mczgcrs Konzcp-
zucinandcr. 111 ciner im objcktivcn Ergebnis appcllwidrigcn Wcise tritt auch dcr Fahrliissig- tion immerhin zu, daE sic das Rcchtsgcfühl bcfricdigc. - Zusammcnfasscnd Miillcr, Problc-
kcitsüiter in Erschcinung; so laRt sich also die diffcrentia specifica des Vorsatzcs nicht bcgrün- matik, S. 69 ff.
887
den. Bczieht man die Entschcidung des Tiitcrs dagcgcn gcrade auf desscn Zuwidcrhandlung E:x:cmplarisch Wclzel, Strafrccht, S. 160; [Link] Kaufmann, UnrcchtsbcwuRtscin,
gcgen den Nonnappcll, landet man bcim dolus malus. S. 74, 158; Stratcnwerth, ZStW 85 (1973), 483. -Aus dcr hcutigen Litcratur: Roxin, AT 1, § 21
880 Ebcnso Jakobs, FS Schreibcr, S. 956. - Keine Zustimrnung vcrdicncn deshalb jenc Au- Rn. 9; \"l?csse/s/Bc1dkc,AT, Rn. 464; Manso Porto, Nonnunkcnntnis, S. 117; Tischler, Vcrbots-
torcn, die, von dcr Erbmassc des ldassischcn dolus malus-Denkcns zchrcnd und wie dieses das irrtum, S. 23; Vest, [Link], S. 132; Gecrds, Jura 1990, 429.
888
Ma~ dcr subjcktivcn Zurcchenbarkcit als Derivat psycbischcr Vorgi-ingc behandelnd, im Fall Bcgr. E 1%2, S. 135; Ma11rach!Zi/Jf,AT 1, § 37 Rn.14; Wclzel, Strafrecht, S. 160; Pla1.z-
vcrmeidbarcr Vcrbotsirrtiimcr cinc oblígatorischc Strafmildcrung fordcrn (so ctwa Dimakis, gummc1; Vorsat.r., S. 54; Sancinctti, Umcclnsbcgründung, S. 252; Lang ZSt\',:f 63 (l 951), 347.
Zweifd, S. 3; Tiedcmann, Vcrfassungsrccln, S. 38; T. Walter, Kcrn, S. 326; Krihnpc!mann, Be- --DaB die Dcfinition Me1-gcrs ,,ctwas blaW' sei, rí[Link] auch Warda cin (ZStW 71 [!959], 266),
handlung, S. 39 f.; Za bel, GA 2008, 55; Zaczyle,JnS 1990, 893). -Ablchncnd auchjakobs, AT, obglcich cr cbcnfalls cinc gcsctzlichc Sondcrrcgclung für rcchtsfcindlichc Verbotsirrtümcr
1/16. bcfürwortct. Mezgcr -~dbst konzcdiertc, es sci ,,nicht gan;,; einfach", die Rcclnsfcindschaft in
881 lvfezger, FS Kohlrausch, S. 182. cinc begrifflichc Form zu bringen, wenn man die Füllc des Lcbcns nicht vergcwaltigcn wo!lc
ssz Mczgcr, Wcgc, S. 44. (Mczger, Wcge, S. 45).
389
SS} Mczgcr, FS Kohlrausch, S. 184; im Ergebnis cbcnso Hall, FS Mczgcr, S. 232,240,245 ff.; Die inhaltlichc Übcrcinstimmung zwischcn beidcn Positioncn untcrstrcicht zu Rccht
dcrs., Fahrliissigkcit, S. 62; Oehla, FS 41. DJT, S. 266 ff. - Einc ahnlichc Auffassung vcrtrat Nowakowski, ZStW 65 ([953), 385.
890
cin halbcs Jahdrnndcrt frühcr bcrcits Cornill (BcwuRtscin, S. 56): Wo die Fahrliissigkcit cincn Roxin, ZStW 74 (1962), 558. - Aus clci·Wartc des óstcrrcichischcn Strafrcchts cbcnso
so hohcn Grad von Lcichtsinn oder Frivolitat darstcllcn würde, daR cinc ausdrücklichc Ein- Platzgummer, Vorsatz, S. 59.
891
engung des Stnfrahmcns nicht gcbotcn crschcinc, sci dcr cinc aufgcstclltc Strafrahmcn für Bcgr. E 1%2, S.135; Lackner/Kiihl, § l7Rn. 8; LK-Vogel, § 17 Rn. 92; MK-joechs, § 17
Vorsatz und für Fahrliissigkeit bcstimmt. Rn. 68; NK-Ncumann, § 17 Rn. 83; SK-Rudolphi, § 17 Rn. 48; SIS-Cramer!Sternbcrg-Lic-
ss-1Mczgn·, NJW 1951, 502. ben, § 17 R.n.26;Jeschcck!Weigend, AT, §41 II 2 a (S. 458), III 2 e (S.461); Roxin, AT l, §2
885 Die Bczcichnungstammt [Link], AT, 19/17. Rn. 71; dcrs., ZStW 76 (1964), 605. -Ebcnso im Ergcbnis auch Manso Porto, Nonnunkcnnt-
ssr, VgL nur BGHSt 2,194,206; Wclzel, Strafrccht, S. 160 f.; dcns., NJW 1951, 577; dcns., nis,S. 128 f.
NJW 1952, 564; Arthur Kaufmann, Unrcchtsbcwufüscin, S. 20; Langc, L-StW 63 (1951), 469. sn Roxin, ZStW 76 (1964), 606.
- Auch die onhodoxcn Vcrtrctcr dcr Vorsatzthcoric lchntcn den Vorschlag lvlczgcrs ab; vgl. S'H Timpc, Strafmiiderungcn, S. 230.
408 3. /(apite/: Die [Link] de1·stmfrcchtlichen Mitwirkungspjlicht C. Das Ausmafl dc:rPflichtwidrigkcit 409
wohl es, wic nicht andcrs müglich, Bcurtcilungsspiclr8.un1c off en Iafü- allcmal pcll- und Warnungsfunktion des 'Tatbcstandcs. ,,Mag auch dcr [Link], wcnn cr
praziscr ist als die hcrkümmlichcn Ansatzc 89 '1, den Tatbcstandsvorsatz hat, das rcchtlichc Vcrbotcnscin nicht immcr vor Au-
Es blcibt dcr Einwand, die Konstruktion Mczgcrs sprcngc die systcmatischc gcn ha ben, wcnigstcns wcig cr doch um das Nichtswürdigc, Gcmcinc, Sozial-
Einhcit dcr Vorsatzdogmatik auf. Ob dicscr Vorwurf in bczug auf lvlczgcr bc- schidlichc scines Vcrhaltcm,· 1 das den Grund dafür abgibt, daE es auch rcchtlich
rcchtigt war odcr nicht, kann dahinstchen - untcr hicsiger Pcrspcktivc ist scinc vcrbotcn ist."B9s Wer in Kcnntnis dcr Tatumstindc handlc, erhaltc dcshalb aus
Konzcption jcdcnfalls aus cincm doppelten Grund auraktiv. Im Untcrschicd scincm Wisscn um das, was cr tuc, auch ohnc Vcrbotskenntnis eincn warncn-
zur hcrkümmlichcn Strafrccbtsdogmatik mit ihrcm unvcnnittcltcn Ncbcncin- dcn lrnpuls) scin Vorhaben zu untcrlasscn. Wcr dagcgcn die Tatumstündc nicht
andcr von offcncr Normativicrung bcim UnrcchtsbcwuBtscin und vcrdccktcr kcnnc, dcr künne aus scincm Bewufhscin auch kcinc Impulse cmpfongcn) die
Normativicrung bci dcr Vorsatzprüfung crlaubt sic cinc Bchandlung allcr cin- ihn zu cinem andcrcn Vcrhaltcn vcranlasscn k6nntcn 899 . Diese Begründung ist
schligigcn Fillc nach cinhcitlichcn Kritcricn. Zudcm sicht Mczger konscqucnt allcrdings zumindcst miGvcrstandlich. Dcr SchluB von dcr Tatbcstandsvcr-
davon ab, Bewufüscinsinhaltc zu fingieren. Er stcllt die Untcrschicdc in dcr wirklichung auf das Vcrbotcnscin wird nicht- ,,natürlich nicht" 9 durch dieºº-
psychischcn Struktur dcr untcr dcm Bcgriff dcr [Link] vcrsam- Kcnntnis dcrTaturnstindc als solchc nahcgclcgt. Dcr Vorrang licgt viclrnchr bci
mcltcn Phinomcnc nicht in Abrcdc und stützt: ih1·c Vcrklarnmcrung zutrcffcnd dcr Normkcnntnis. ,,Wcil und wenn wir ,an sich' das Recht kcnncn, wcrdcn wir
auf axiologischc statt auf ontologischc Erwiigungcns<>s_ durch Tatbcstandskcnntnis andas Rccht, d.h. andas Vc1·botcnscin der Tatbc-
standsvcrwirklichung erinncrt." 901 Die Kcnntnis dcr Tatumstandc crzcugt also
d) Die Behand/[Link]
cinc Appcllwirkung nur, weil und sowcit die cinschl1gígc Verbotsnonn bckannt
Die Schuldtheoric hat zur Folgc, daG. dcr Abgrenzung zwischen Tatumstands- ist; fchlt es daran, so gcht dcr Appcll ins Lccrc.
irrtümcrn und Vcrbotsirrtümern [Link] Gcwicht zukommt 8%. Ein T1tcr, dcr DaG. dcr Tater nicht um die Norm weiB, kann zwar auf cincr die Grcnzc zur
cincm Tatumstandsirrturn crlicgt, kann danach nur nach den rclativ sclte- Rcchtsfcindlichkcit strcifcndcn Vcrstockthcit bcruhcn. Es ist abcr auch mOglich
ncn und rcgelm111ig crheblich milder als die [Link] Vorsatzdc- - und wird namcntlich in den Randbcrcichcn des StGB und wcitcn Tcilcn des
liktc [Link] [Link]:indcn aus dcm Bcsondcrcn Tcil des Ncbcnstrafrcchts haufig dcr Fall scin -, daB dcr Unkcnntnis cinc nur gcringfü-
Strafrcchts bcstraft wcrdcn. Auf cincn Titcr, dcm cin vcrrneidbarcr Vcrbots- gigc Vci-letzung dcr Oblicgcnhcit zur Errnittlung dcr Rcchtslagc zugrundc licgt,
irnum unterliuft, findct dagegcn das von § 17 S. 2 StGB in scincn1 Strafrahrnen wcil dort ,,die Grcnzc zwischcn vcrbotcn und unvcrbotcn oft ganz vertcufclt
nur mafüg gcrnildertc cinschlagigc Vorsatzdclikt Anwcndung. Die hcrk6mm- º
schwcr zu crkcnncn ist" 9 2 . Ein vcrglcichbar brcites Spcktrum an MOglichkcitcn
lichc Strafrccbtsdogmatik stützt die im Vcrglcich zur Taturnstandsfahrlissig-
kcit strcngcrc Bchandlung dcr Vcrbotsfahrlissigkcit 897 auf die sogcnanntc Ap- Sache aber mcint e1·nichts anderc.s als die hicr vorgcnommcnc Zweiteilung. Das glciche gilt
für Lasson, System, S. 498. - Das Gcsctz vcrstcht un ter dem Mcrkmal ,,Fahrlassigkeit" f rcilich
894
Eine derart drn~tischc Oblicgcnheitsverlctzllng wird ;,.umal beí den Verbotsirrtümcrn al'.ein die ·1:[Link] (MK-Duttge, § 15 Rn. 28). Auch im hcutigcn Schrif ttum
im cngercn Sinnc die scltcnc Ausnahme darstellcn. Zu vcrneinen ist ihr Voriiegcn insbcson- w1rd_die hhrlassigkcit ;,,umcist rcgdmafüg in diescm (sachlich vcrengten) Sinn aufgcfait; vgl.
dcrc in [Link] [Link],in [Link] die -wenngleich nach den Matstabcn der Praxis irrígc - Rechts- mu· Frister, AT, § 12 Rn. 3; /([Link], AT, §33 Rn. 6.
898
(luffossung des [Link] crnstzunchmcndcr Auslcgungsvorschlag anerkannt werdcn rnuE- Engisch, ZSt\\ 1 70 (1958), 572.
899
etwa wcil scinc Ansieht in dcr Rechtslchrc tatsachlich vertrcten wird odcr sich jcdenfalls lege I-·IK-GS-Duttge, § 17 Rn. l; I..K-Vogel) § 15 Rn.39; SK-Rudolphi, § 16 Rn. 12; SSW-
arU:sals vcnrctbar begründcn li:ií[Link] Rechtsintcrprctation, die man, wenn man ihr in ciner Momsen, §§ 15, 16 Rn. 97; Ebcrt, A'C S. 151;J<iihl, AT, § 13 Rn. 14; Mairrach!Zipf, AT 1, §22
juristischen Prüfungsarbcit begcgnctc, nicht ab falsch bewerten düdtc, kann man, trifft man Rn. 8; Rengicr, AT, § 31 Rn. l; W/essels!Bc1dke, A1', Rn. 244; /(retschmer, Pnrteiverrat, S. 282 f.;
in dcr Rcchtspraxis auf sic, unm0glich als Ausdruck cincr 1·[Link] Einstcl- Fukuda, FS Hirsch, S.181; Gaede, ZStW 121 (2009), 275 f.; Ida, Ergebnisse, S. Hl;]enny,
lung brandmarkcn. - lm heutigen Schri fttum wird die Einschitzung, daE die Strafmildcrung SchwZStr 107 (1990), 242 f.; Knobloch, JuS 20!0, 865 f.; Naka, JZ 1961, 210f.; Schaffstein, FS
die Regcl, die Vcrhiingung dcrvollen Vor.s,nzstrafc hingcgcn die (seltcnc) Ausnahmc sci, na•- OLGCcllc,S. l79f.
hc:,,u einhcllig gcteilt (Lackner/Kiihl, § 17 R.n.8; LK-Voge/, § 17 Rn. 92; NK-Nemnann, § 17 9
oo Ar:a, ZStW 91 (1979), 885.
901
Rn. 85; SK-Rudolphi, § 17 Rn. 48; S!S-Cramer!Sternberg-Lichen, § 17 Rn. 25;Jescheck!'Xlú- Ar:a, ZStW 91 (1979), 885 f. - Ebcnso Endede, Blankettstrafgcscna:c, S. 302; Jalwbs,
gend, AT, §41 ll 2 e [S. 461]; Kohler, AT, S. 415; Rox;,,, AT 1, §21 Rn. 71). Systcm, S. 56; ders., RW 2010, 302; Sclnnidhauser, Form, S. 46; Ticdemrmn Tatbestandsfunk-
895 Die [Link] eincr sokhen offencn Normativierung tHltcrstreichcn auch tionen, S. 320; 7: Wa!ter, Kcrn, S. 396; Fakhouri Gómu., Gl\ 2010, 268.
Burchard, Irren, S. 377 und Stuckenberg, Vorsrndicn, S. 289,435. 902
Binding, GS 87 (1920), 128. -· Nicht nur Kritikcr (;,,.B. h·eund, 1\1~ § 7 Rn. 91; Enderle
S% Eindringlich Tischler, Verbotsirrtum, S. 16 ff. Blankcttstrafgcsetn) S 329 f., 332,344; MaiwaLd, Umcclnskcnntnis, S 39; Tischb; Vcrbots-
897
Be/ing (Unschuld, S. 54) spricht statt von Vcrbotsfahdiissigkcit pnuschnl von Rechts- irrtum, S. 352; Tiedemann, Tatbcstandsfunktionen, S. 326 ff.; das., ZStW 8 i [1969], 874 f.;
fahrl:issigkcit, was angcsichts der zahlrcichen Fiillc, in dencn cin Tatbestand auf [Link] ders., FS Gecrds, S. 102 ff.; ders., FS Baumann, S. 14; 7'. \Va/ter, Kcrn, S. 393; Ar%t, ZStW 91
Rcchtsnonncn Hczug nimmt, ungcnau ist (hitisch auch Binding, GS 87 [1920], 123 f.).In dcr [1979], 862; Fakhouri Gómez) GA 2010, 266ff.;Jako/Js, R\Xf 2010, 303; Arthur Kaufmann,
410 3. Ka¡,itcl: Die Vedet;umg der strafrechtlichen Mitwirkungspflicht C. Das Ausmafl der Pflicht'ii.1idrigkcit 411
- von lcichtcr Nachlassigkcit bis z11 gravicrcndcm De:'>Íntcrcssc- bcstcht bci dcr Entgcgcn dcr Schuldthcoric kann die Untcrschcidung zwischcn Taturn-
oblicgcnhcitswidrigcn Vcrkcnnung von TatumstJndcn 903 . Es ist axiologisch vcr- standsirrtümcrn - Verbotsirrtümcrn im wcitcrcn Sinnc 908- und Vcrbotsirrtü-
fchlt, den [Link] hicr pauschal für wcnigcr strafwürdig zu haltcn als in den Fiil- rnern ím cngercn Sinnc dcmnach kcínc systcmatisch tragcndc Rolle bcan-
lcn dcr Vcrbotsfahrlüssigkcit 904 • Das Objckt cines Irrtums hat mit dcsscn Vcr- spruchcn909: Andcrs als von dcr tradítioncllen Vorsatzthcoric angcnommcn,
zcihlichkcitsomit ,,gar nichts zu tun" 9º5 • Für die Bcmcssung dcr strafrcchtlichcn bcwcist dcr Bcfund, daB die Vcrbotsirrtümcr im cngcrcn und dicjcnigcn im
Rcaktion kommt es nicht auf die Qucllc des Irnums an, sondcrn auf das Aus- wcitercn Sinnc ,,auf die glcichc Wtirz.c! gcbaut" sind, allerdings noch nícht, daE
mag dcr Vorwcrfbarkcit scincs Zustandckommcns 90 c,_,,Gcistigc Bcgabung und dcr aus dcr cinen Konstcllation ,,hervorgchcndc Starnm ganz die gleíchcn
Ausbildung des lrrcndcn, die grOfkrc Dringlichkcit des Aufrncrkcns, die grOBcrc Früchtc tragcn muB, wic der Andrc" 910. Es ist viclmchr zu untcrscheidcn zwi-
Lcichtigkcit, den Irrturn zu rneidcn - das sind die MaBstibe, woran der Irrtum schen dcm Begnff des nicht-rcchtsfcindlichcn Vcrbotsirrtums und scincn gcset-
und scrne
- 0
grODcrc o dcr gcnngcrc
. Vcrzc1·11·
1 1C1
1 ke1t
. a 11 . d." 9º7
. zu messcn s111
cm zcstcchnischcn Konkreúonen. Die bcgrifflichc Einhcit des gcsamtcn Vcrbots-
irnumskomplcxcs hat zur Folgc, daB es sich inhaltlich durchweg um Fahrlis-
FS Lackncr, S. 189 f.; Lang-1-!inrichsen, 43. DJT, S.% ff.; Orto, GS Mcyer, S. 599), sondern
auch namhafte Vcnrcter dcr Schuldthcoric (etwa LK-Vogel, § 15 Rn. 19; § 16 Rn. 3; SK-Jfo .. sigkcitsunrccht handclt 911 und samtlichc Einzclrcgclungcn nach einhcitlichcn
dolphi, § 16 Rn. 19a; Roxin, AT 1, §21 Rn.10; den., FS Ticdemann, S. 375 f.; Burkhardt, In-- Wcrtungsmaximcn 7.,ubildcn sind. Dabci darf jcdoch die Untcrschicdlichkcit
tum, S.418; Engisch, ZStW 70 [1958], 572;jenny, SchwZStr 107 [_1990],251 H.;Platzgummer, dcr praktischcn Rcgclungsbcclürfnissc nicht auBcr Acht gclassen wcrdcn. Die-
Vorsatz, S. 56) stcllen fcst, dag diese Lehrc in dcrartigen Fallen an ihre Bcgrü[Link]
ser Gcsichtspunkt spricht dagcgcn, Tatumstandsirrtürncr und Vcrbotsirrtümcr
stófk Die L0sungsvorschlage für die problcmatischen Fallgruppcn, die sic aus diescm Bc-
fund ablcitcn, stimmen weitgchend mit den Ergcbnisscn dcr Vorsatzthcoric übcrein (zulctzt irn cngcrcn Sinnc cincr cinhcitlichcn gcsctzlichcn Rcgclung zu untcrwcrfcn.
Roxin, FS Tiedcmann, S. 377 ff.). - Gencrcll ist clic Ncigung zur Vorsat?,theoric iin ,,wciten Zwar wirc es thcorctisch dcnkbar, cinc umfasscndc Pónalisierung fahrlissi-
und unübersichtlichcn [Link]" (Freund, AT, § 4 Rn. 65) des Ordnungswidrigkeitenrechts gcr Tatbcstandsvcrwirklichungcn [Link] 912. Angcsichts dcr Ubiquitit von
und des Nebenstra frechts besonders ausgepri-igt (grundlegcnd Lange, SJZ 1948, Sp. 310; ders.,
Unachtsamkcitcn 913 - Hall bczeichnct den Mcnschcn trcffcnd als cin fahrlissi-
JZ 1956, 76ff., dm.,]Z 1956, 519; dm.,]Z 1957, 23); fcrncr Maihnfer,ZStW 70 [1958], 193 f; 914
aus dcr aktucllcn l .itcrntu1· insbcsonderc Tiedemann, \Vinschaftsstrafrccht, Rn. 223; ders., gcs Wcscn - und des in den mcistcn Fallen alltiglichcr Vcrschcn vcrhiltnis-
Tatbcstanclsfunktioncn, S. 327; ders., ZStW 81 [1969], 876 ff.; das., FS Gccrds, S. 103ff.; We- [Link]
gc,·ingen Rcchtsuntrcucgchalts von Fahrlissigkcitstatcn wiirc cinc solchc
ber, ZStW 92 [1980], 340; ders., ZStW % ['1984},392 f.; de lege ferenda auch MK-Joecks, § 17 MaBnahmc allcrdings ihnlich übcrzogcn wic cinc durchgangigc Vcrsuchsstraf-
Rn. 78; NK-Neumann, § 17 Rn. 90ff.; Baumann/Wcbcr!Mitsch, AT, §21 Rn. 41.). Zwar tritt
barkcit915. Ebcnsowenig angcmcsscn wirc es, simtlichc Fahrlissigkcitsfallc,
in diesen Bcreichen die nonnative Farblosigkcit cines vom Umechtsbcwufksein abgcspaltc-
ncn Vorsatzes mit bcsonclcrcr Deutlichkcit hervor; clcnnoch vcrmag die Fordcning nach einer
Sondcrdogrnatik nicht 1,u überzcugen. Zurn cincn gibt es nicht auf dcr cinen Seitc schwicrig 'Ji)S ObcnS.311f.
und auf dcr andcrcn Scite lcicht nachvollzichbarc Rcchtsnormcn, sondcrn zahlrciche Zwi·- 909
• Eine ,,wi!lkürliche Differcn1,icrung" sicht hermd (AT, §4 Rn. 81 f.) in dcr gegenwar-
schenstufcn (grundlcgcnd Wel:,.el,JZ 1956, 240 f.; fcrncr Maiwald, Unrechtskcnntnis, S. 43; ugcn Sch!cchterstcllung dcr Vcrbots- gcgenübcr dcr Tatumstanclsfahrli-issigkeir; ahn!ich En-
Rinck, Dcliktsaufbau, S. 342). Zum andercn clarf von denjenigen Personen, die mit bcstimm- derie, Blankcttstraf gcsctzc, S. 330 f.
ten dem Normalbiirgcr unbckannten Normen des Nebenstrafrechts und de$ Ordnungswi- 910
Trcffend Gefiiei; GS 10 (1858), 336. - Kritik (In der hcrk0mmlichen [Link] übt
drigkcitcnrcchts in Berührung kommcn, haufig kraft ihrcr bcruílichcn Stellung erwartet wer- trotz prinzipic!lcr Zustimmung zu ihrern i\.usgangspunkt insowcit auch I-Iardwig, ZStW 78
den, die bctrcffcndcn Hcstimmungcn zu kenncn (Rinck, aaO, S. 338). Es gibt kcinen Grund, (1%6), 6 ff.
solchc Pcn;oncn pauschal zu privilegicrcn, indcrn man sic cincm ihncn günstigercn Irnums- 'Jl l Da/?.sachlich in den Fiillcn des -wic man [Link] muR: nicht-rcchtsfcindlichcn -- vcr-
regimc umcrstcllt. m_cidbarcn Verbotsirnum nur cin Fahr!iissigkcitsvorwurf angcmcssen ist, wird in de1·ncucren
903 fünding, GS 87 (1920), 127 f., 264.
Literatur [Link] ancrkannt: MK-Duttge, § 15 Rn. 12, 23;Freund, AT, § 4 Rn. 76ff.; KOh-
'JO<! Auch die Bchauptung, der im Tatumstandsirrtum handclndc Tatcr sci ,,im Prinzip ler, Fahrlassigkeit, S. 20; T Walter, Kcrn, S. 412; Ziegert, Vorsatz, S. 166 ff.; Frúch, Strafbar-
rccbtstreu", wiihrcnd dcr cinem Verbotsirnum crlicgendc Ti-iter sich ,,von dcr cxisticrcnden kcitsvoraussctzungcn, S. 242 f. - Sclbst § 17 StGB kann so interpreticrt wcrden, da/?. dcr ei-
Rcchtsorclnung cntfcrnt" habe (so z.B. BGHSt 3, 105, i07; Hcinrich, AT, Bd. 2, Rn. 1066 f.; ncm (nicht-rechtsfcindlichen) vcrmcidbarcn Vcrbotsirrtum untcrlicgcndc Tiitcr zwar aus dem
ebcnso Maiwald, Unrcclnskcnntnis, S. 42; Roxin, ZStW 76 l1964], 6M) führt nicht ,vcitcr: Vorsatztatbcstand bcstraft wird, das ihm zur Last gclcgte Umccht aber das cincr (Verbots-)
Wcgcn ihrcs oblicgcnhcitswidrigcn Vcrhaltcns sind beide Ti'iter rcchtsuntrcu; übcr das Mag Fahr!assigkeit ist (S!S-Crmner/Sternherg-Liehen, § 15 Rn. 104; Ziegert, Vorsatz, S. 168 f.; H.-
ihrer Rechtsuntrcuc cntscheidct allcin die lntcnsitiit dcr ilrncn [Link] Last fallcndcn Obliegcn- [Link], NJ\\1 1980, 738).
hcitsvcrlctzung. 'J!2 Dafür pladicrtc Ebenna; 1er, LZ 1918, Sp. 812 f.
9 o.1 13inding,GS 87 (1920), 127. 913
MK-Dttttge, § 15 Rn. 1, !O; Kremer-Bax, Vcrhaltensunrccln, S. 1; Schroth, Vorsatz,
906 Aus dcr alteren Litcratur: Beck, Unrcchtsbcwugtscin, S. 36; Hall, FS Mczgcr, S. 247; S. 10; Stucleenherg, Vorstudicn, S. 427; T Walter, Kcrn, S. 129; Frcund, FS Küpcr, S. 67; G0s-
Lang-l-Jinrichsen, JR 1952, 192,357. - Zulctzt in diesem Sin ne Heuchcmer, Erlaubnistatbc- sel, FS Bengl, S. 36.
stanclsirnmn, S. 288; 7: Walter, Kern, S. 397,438. 91 1
' Hall, FS Mczgcr, S. 248; ders., Fahrlassigkcit, S. 20.
'Jo7 Binding, GS 87 (1920), 127. 9
1., Dics machtc v. /Jzj1pel (LZ [918, Sp. 1034 ff.) dcnn auch soglcich gcgen den Vorschbg
412 3. Kapitel: Die Verlctwng da strafrccht!ichcn Mitwírfamgspflicht C. Das Ausmafl der Pflichtwidrigkeil 413

g lciclrültio- ob es sich um Vcrbotsfahrlassürkcit odcr um Tatumstandsfahrlas- müfüe diese Vorschrift nach dem Abschicd von dcr Schuldthcoric zwar ncu
1::1 b "
sigkcit handclt, nach MaEgabc dcr im Bcsondcrcn Tcil des Strafgcsctzbuchs cnt- gcfa~t wcrdcn. Die ihr zugrundclicgende Übcrzeugung von der cígcnstindigcn
haltcncn Fahrlassigkcitstatbcstandc zu bcurtcilcn. Fragcn dcr Tatumstands- Rcgelungsbcdürftigkeit dcr Vcrbotsírrtümcr im engcren Sinnc verdicnt jedoch
[Link] stcllcn sich typischcrwcisc in andcrcn Lcbcnsbcrcichcn als solchc Zustimmung. Angesichts des Scheitcrns allcr Vcrsuchc, eincn sclbstandigcn
dcr [Link] 91 6; zudcrn bctrcffcn Fahrlassigkcitstatcn des crstcn Tatbestand der Rechtsfahrliissigkcít zu bildcn 921 -· Arthur Kaufmann bczeich-
Typs in ihrcr groEcn Mehrhcit nur cinc vcrhaltnismaEig klcinc Gruppc von nct ihn treffcncl als ,,ein Monstrum, das in unscr ganzcs Strafrccbtssystcm nicht
Rechtsgütcrn, wahrcnd dcr Strcuungsbcrcich des zwcitcn Fahrlassigkcitstyps pafh« 922 ~, wird zudcm auch cine künftigc Rcgclung nicht umhin künncn, an
- zumal angcsichts der sogcnanntcn indircktcn Vcrbotsirrtümcr-wcitaus brci- die Vorsatztatbestindc anzuknüpfcn und cinc Strafmildcrung vorzusehcn 923 •
tcr ist 917 • Ein Korpus von Fahrlassigkcitstatbcstandcn, das --,vie es gegcnwanig Die Ncurcgclung der Vcrbotsfahrlassigkeit und die bcstchcndcn Bcstim-
dcr Fall ist - auf die Tatumstandsfahrlassigkcit zugcschnitten ist 91 8, erschcint rnungcn über die Tatumstandsfahrlassigkcit müfücn cingcdcnk ihrer cinhcit-
dcshalb untcr dcm Blickwinkel dcr spczifischcn [Link]ürfnissc dcr Ver- lichen systcmatischen Wurzcl jcdoch bcsser ancinandcr angcglichcn wcrden, als
botsfahrlassigkcit unweigcrlich als dysfunktional und willkürlich
919
• clics [Link] dcr Fall ist. Dics betrifft zum cíncn die Strafrahmen. Nach
Angcsichts dicscr Rahmenbedingungen ist es sachgerccht, die [Link]- dem socbcn Ausgcführtcn kommt es für die Strafbcmcssung unabhingig von
kcitstatbestiinde des Besondcrcn Teils auf die Falle dcr Tatumstandsfahrliissig- dcr lrrtumsform rnaBgcblich darauf an, wic schwcr die Obliegenheítswidríg-
keit zu [Link] und für die Konstcllation der Vcrbotsfahrlissigkcit cinc kcit des Tatcrs wiegt. Da dcssen Zustandigkeit stufcnlos quantifizicrbar ist 92·1,
gencrclle Regelung nach Art des § 17 StGB vorzuschen 920 • Terrninologisch reícht der Krcis der in Betracht kommcnden Dclinquentcn von solchcn Titcrn,
die nur knapp dcm Vorwurf der Rechtsfcindlichkeit cntgchcn, bis zu solchcn,
Ebcrmaycrs gcltcnd. - Aus dcr alteren Litcraturfcrncr Bcling, Unschu!d, S. 57; Roeder, Schuld, die lcdiglich um cin Haarbreit jcnseits des strafrcchtlich Zulissigen agieren.
S. 91 (cinc Arbcit aus dcm Jahrc 1938!); Arthur Kaufmann, Unrcchtsbcwufüscin, S. 72; Hall, Entsprcchcnd flcxibcl muB der Strafrahmen ausgcstaltet scin. Hicr licgen die
FS Mezgcr, S 245. ~ Aus dem ncucren Schrifttum: MK.-Duttge, § 15 Rn. 31; Gaede, ZStW 121 Schwachpunktc dcr gcgcnwirtigcn Gcsetzcslage 925 . Die Strafobergrcnzen der
(2009), 275f.; Hirsch, FS Schrocdcr, S.228; Roxin, '/.SW 76 (1%4), 594. -Für cinc gcnercllc
Fahrlassigkcitstatbcstandc des Besonderen Teils sind danach tendenzicll zu
POnalisierung \eichtfertigcr (Tatumstands-)Irnümcr im Bercich schwcrcr Straftatcn piadicrr
dagegcn HOrnle, ZStW 112 (2000), 379 f.
91<, Jakobs, AT, 19/14.
917 T \Y/alter, Kcrn, S. 409; Platzgummer, Vorsatz, S. 54 f. Frisch, aaO, S. 286 f.; Otto, l. FS Roxin, S. 495 f.; Thomas, NStZ [987, 260ff.; \'f/eidcmann,
91 ~ Jakohs, AT, 19/14; Stuckcnherg, Vorstudicn, S. 470; Hardwig, ZStW 78 (1966), 19; FS Hcrzbcrg, S. 303; a.A. Maiwa!d, Unrcclnskcnntnis, S. 42 f.; i\1eyer, NStZ 1986, 443 ff.,
Platzgummcr, Vorsatz, S. 54 f. - Ahnlich T Waltcr, Kcrn, S. 408 (,,Erfo!gsfahrliissigkeit"). - 1987, 500 f.). Ob das bctrcffendc Rcchtsvcrhiiltnis in dcr strafrecht!ichcn Norm sclbst be-
Aus dcm alteren Schrifttum: Dolma, Recht, S.18 f. nannt ist (normativcs Tatbesrnndsmerkrnal) oder ob die Strafnorm cin blolks Blankctt dar-
919 In dicsem Sin ne bcreits I-Iammcr, Einfluss, S. 26. - Diesen Umstand vcrnachlassigcn stellt, das zu sciner Vcrvollstandigung cincr Ausfüllungsnorm bedarf, ist im wcsentlichcn
dicjcnigcn Vcrtrctcr dcr herkOmmlichcn Vorsatztheoric, die auf den Vorwurf [Link] cinc Frage der Gcsctzgcbungstcchnik und rcclnfcrtigt entgcgcn dcr herkómmlichen Auffas-·
Strafbarkeitslückcn mit dcm pauschalcn Ruf nach dcm Gcsetzgcber rcagicrcn, der, sofcrn sung (MK}oecks, § 16 Rn. 44; S/S-Cramcr/Sternherg-Liehcn, § 15 Rn. 99; Fristcr, AT, § 11
gewünscht, zusiitzlichc Fahrlüssigkcitslatbcstiindc schaffcn kOnne (so z.B. Fakhouri Gómez, Rn. 38;]cschcck!Weigcnd, AT, § 29 V 3 [S, 309]; Wlessels!Beulke, AT, Rn. 243a; !fose, FS Puppc,
GA 2010, 272; Gccrds,Jura 1990,430). S. 1357 ff.) rcgclmanig kcinc schiirfcrc Bchandlung dcr lctztgenanntcn Fallgruppc (ebcnso
920 Die viclcrOrtcrtcn Abgrcnzungsschwicrigkciten ;,,wischcn [Link] NK ..Puppe, § 16 Rn. 67; dies., AT, § 8 Rn. 34; Enderle, Blankcttstrafgcsctzc, S. 346; Ticde-
und Vcrbotsirrtürncrn, die vor allem bci solchen Tatbcsúnden auftrctcn, zu dercn Mcrk· mann, Tatbcstandsfonktioncn, S. 387 f.; '.I:Walter, Kcrn, S. 366 f.; Otto, aaO, S. 4%; nahcste··
malcn das Bcstchcn cines Rcchtsverhiiltnisscs gehOrt odcr die auf aulkrhalb des Strafrcchts hend LK-Vogcl, § 16 Rn. 40;jakobs, AT, 8/47). Aufgrund dcr hicr cmpfohlcnen inhalt!ichcn
licgcndc Normcn vcrwcisen (dazu jiingst zusammcnfassend Puppc,AT, § 8 Rn. 7 ff.), lasscn Anglcichung dcr cinschliigigcn Jrrtumsbcstimmungen (dazu soglcich im Tcxt) ist die prakti-
sich dcshalb auch durch den Abschicd von der Schuldtheoric nicht aus der Wclt schaffcn. Für sche Rclcvanz dcr Abgrenzungsfragc allcrdings crhcblich gcringer als umcr dcr Hcrrschaft
die Grennichung ist auf die im 2. Kapitcl entwickelte verbrechenssystcmatischc Funktion dcr bishcrigcn Irnumslchrc. Fiir cinc wcitere Linderung kann dcr Gcsel;,.gcbcr sorgcn, in-
der Tatbcstiindc zurücb:ugrcifcn. Die Tatbcstiindc konkrctisicren demnach die Voraussct- dem er in den cinschlagigen Problcmfallcn cntwcder bcide Fahrliissigkcitsfonncn unter Strafc
zungen, unter denen cin Bürgcr fiir die Intcgritiit frcmdcr Rechtsbclange zustandig ist. Ein stcllt odcr kcinc. Im Nebcnstrafrccht und im Ordnungswidrigkcitsrccht hat cr dics schon
Tatumstandsirrtum licgt folglich dann vor, wcnn der Handdndc - was im Wcgc eincr tii- \vcitgehcnd getan.
921 Dafür pladicne kcin Gcringcrcr als Binding (Normcn, Bd. II, S. 143 f.; Bd. IV, S. 353,
tcrorienticrten Normkonkrctisicrung zu crmittcln ist (niihcr frisch, Irrtum, S. 277 ff.) - die
Recbtsverhiiltnissc, auf die das Zustandigkcitsurtcil Be:,.ug nimmt, im Ergcbnis un;,,utrcf- 474; dm., GS 87 [1920], 125).
922 Arthur Kaufmann, Unrcchtsbcwuntscin, S. 72.
fcnd cinschützt. 1st ihm beispiclsweisc unbekannt, dag die von ihm an sich gcnommcnc Sache
frcmd ist odcr daG ein bcstimmtcr Vcrmógcns\vcrt der Stcuerpflicht unterliegt, so fchlt ihm '!23 Ebenso l-Iardwig, ZStW 78 ([966), 7.
924 jakobs, AT, 19/50.
dcshalb dcr Tatbcstandsvorsat;,, (ebcnso fiir den Fall dcr Stcuerhintcrzichung BGHSt 5, 90,
92;jakobs, AT, 8/56; Roxin, AT 1, § 12 R.n.108; Tiedcmann, \X'irtschaftsstrafrecht, Rn. 228; ns Ebcnso J:Walter, Kcrn, S. 410.
414 3. Kapitel: Die [Link] der strafrechtlichen Mitwirkungspjlicht C. !)as Ausmafl der Pf/ichL1;;idrigla:it 415

nicdrig 926 ) wahrcnd die sich aus dcr Anwcndung von § 17 S. 2 StGB crgcbcndcn Dcr Standardcinwand gcgcn systcmatisch bcgründctc Vcrbcsscrungsvorschliige
Mindcststrafcn in den Fillcn crhcblich gcmindcrtcr Zustindigkcit zu hoch -- ,,das mag in dcr Thcorie richtig sci111 taugt abcr nicht für die Praxis"•- trifft
sind'J27 • Dcr prinzipicllcn Glcichwcrtigkcit bcidcr Fahrlassigkcitstypcn müfhc die hicsige Konzcption [Link] nicht. Thcorie, so wic sic hicr durchgangig vcr-
cinc Annahcrung dcr jcwciligcn Strafrahmcn cntsprcchcn 928 • standcn ·wordcn ist, richtct sich kcincswegs nur an ,,cierkOpfigc Bcwohner von
Zum andcren bcdürftc die hcutigc Gcsctzcslagc dcr Übcrprüfung, die nur Elfcnbeintünncn" 935. Sic sucht dcr Praxis und dcr ihr zuarbcitcnden Dogmatik
cinc punktuellc Bcstrafung dcr Tatumstandsfahrliissigkcit, abcr cinc [Link]- das Le ben cinfachcr zu machen, nicht, es zu crschwercn. Praxistauglicbkcit darf
gigc Bcstrafung dcr Vcrbotsfahrlissigkcit vorsícht. Wic zumal in iltcren Bcitrii- allcrdings nicht mit thcorctischcr Schlichthcit vcrwcchsclt wcrdcn. Um zu den
gcn off en ausgesprochcn wird, stcht hintcr dcr strcngcrcn Bchandlung der crst- Wonncn dcr Einfachhcit vorzustogcn, bcdarf es viclmehr dcr gründlichcn thco-
gcnanntcn Fahrlassigkcitsform das Bcstrcbcn, die ,,Autoritftt des Rcchtcs" 7,U rctischcn Sclbstvcrgcwisscrung. Ob die damit vcrbundcncn Mühcn durch den
wahrcn 929. DaB dieses Argumcnt (spiitcstcns) scit dcr Abkchr vom obrigkcits- Ertrag gcrechtfcrtigt wordcn sind, mOge dcr Leser entschcidcn.
staatlichcn Dcnkcn obsolct gcwordcn ist, wurde bcrcits an frühcrcr Stellc gc-
zcigt930. Ebcnso wic bci dcr Tatumstandsfahrliissigkcit muR dcr Gcsctzgcbcr im
jcwciligcn Einzclfall cntschcidcn, ob cr cinc Sanktionicrung dcr Vcrbotsfahr-
[Link]ünschr 931.
August Heglcr schliefü scine bcrühmtc Vorlesung Die Merkmale des Ver-
brechens mit den Worten: ,,Wir haben damit den Kreis dcr Vcrbrcchcnsmcrk-
malc durchschrittcn. Anders war der Gang wohl zuwcilcn, als ihn die üblichc
Auffassung einschlagt. Aber ich glaube, daE geradc auch im Strafrccht und spe-
zicll Ín dcr Lchre vom Verbrcchcn rnchr und mchr der Schritt versucht wcrdcn
muB vom bloBcn Zcrglicdern zum Bcgrcifcn." 932Den Grund dafür nennt zwci
Jahrzchnte [Link] Hcllmuth von Weber: Nur auf dicscm Weg künntcn ,,durch
den gcsamtcn Stoff hindurch cinc Füllc schcinbar zusammcnhangloscr Strcit-
fragcn bcrcinigt und cincr LOsung zu[ge]führt" wcrdcn 933. Das gleichc Anlic-
gen vcrfolgcn die hicr vorgclcgtcn Übcrlcgungcn. Ihr Zicl ist es, cinc Vcrbrc-
chenslchrc zu cnrwickeln, die nicht wcniger differenzicrt ist als die gcgenwiirtig
herrschcndc Auffassung, dicscr abcr cin hühcrcs Mafs an axiologischer Übcr-
zeugungskraft und systematischer Stimmigkeit voraushat.
Frcilich lauft ,,dcr deutscbc Gcist, wcnn er sich cinmal dcr Abstraction übcr-
lasst", stcts Gcfahr, ,,in ihr aufzugchcn, und so zu Resultaren zu gclangcn, welchc
das Lebcn zurückwcist. Wcnn das überhaupt cin Ucbcl ist, so ist es das grO!ste in
cincr Wisscnschaft, dcrcn Satze zu unmittclbarcr Anwcndung bcstimmt sind." 934

ne, Die Fordcrung nach cincr cntspi-cchcndcn Strafrahmcnrcvision ist alt; vgl. nur Bckker,
Thcoric, S. 335; Lciff/cr, Schuldformcn, S. 8 ff.; dens., Óstcrr. Z. f. Strafr. 2 (191 !), 166.
927
]akohs, AT, 19/50; Roxin, AT 1, § 21 Rn 72; Stratenwerth!Kuhlen, AT, § 10 Rn. 80.
928 In dicscm Sinnc bcrcits Kohler, GS 95 (!927), 108.
929 So ctwa Beling, Unschuld, S. 56.
930
Obcn S.316ff.
931
Dics schlicfü sclbstvcrstiindlich cinc Rcgclungstcchnik nach Art des§ 23 Abs. l StGB
nicht aus: In bcstimmtcn, anhand allgcmcincr Kritcl'icn uinschriebcncn Fiillcn ist die Vcr-
botsfahrlassigkcit stcts strafbar, ansonstcn nur bci ausdrücldichcr gcsct'lJichcr Anordnung.
932
Hegler, ZStW 36 (1915), 232.
933 v. Weher, Aufbau, S. 27.
934
Wlindscheid, Rccht, S. 23. 'i.'\5 Canaris,JZ 199J, 390.
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133, 172-174, 200f., 258, 278--280, 291, Greco, Luís 58 f.
300,307,334,364,375 Grolman, Karl 70, 362-364, 373
Birnbachcr, Dictcr 189 Grntius, Hugo 59
Birnbaum, Johann Michacl Franz
127-129 Hiilschner, Hugo 45, 56, 92, 110-116,
Bockclmann, Paul 72 290f.
von Buri, Maxirnilian 132 Hall, Kad Alfrcd 411
Hardwig, \'<1erncr 267
Chcfhns, lfrian l9 Han, Hcrbcrt Lioncl Adolphus 43
Class, Wilhclm 193,205 J-Ianmann, Nicolai 36
Hasscmer, Winfricd 82, 86, 109
Dahm, Georg 131,153,219 Haym, Rudolf 56
Graf 1/,ll Dohna, Alcxandcr 114, 198 [Link], Georg Wilhclm Fricdrich 3, 45,
53-57, 88f., ll0f., 141,144,147, 150-
Engclrnann, Woldcmar 308 152, 154, 165-169, 173f., 181,186,239,
Engis ch, Karl 98,334 276 f., 289, 295, 302-307, 31] f., 320 f.,
Erb, Volkcr 244 382-384,396
Esscr, Joscf 37 Hcglcr, August 201 f., 260,414
Heidegger, Martín 155
Fcucrbach, Paul]ohann Ansclm 3f., 7, 19, Hcinc1nann, Hugo 291
25--27, 30-32, 58 f., 66, 70-72, 83, 93 f., Heiní',e, Carl Fricdrich Rudolph 95
111,114,123,128, 168-171, 307, 312f., Hcnkc, Eduard 377f., 386
502 Pcrsoncnrcgister Personcnregister 503

Hcnrich, Dictcr 15, 38 Lockc,John 141,144 Schwingc, Erich 98,203 Vcltcn, Petra 329
1-krzbcrg, Rolf Dictrich 159 LMflcr, Alcxandcr 22 Scarlc, John R. 143
von Hippcl, Robcrt 401 f. Luden, Hcinrich 4, 152, 173 SiCycs, Emmanucl 144 Waltcr, Tonio 2%
Hobbcs, Thomas 62, 104, 121,294, Luhmann, Niklas 51, 101, 142 Graf von Sodcn,Julius 26 von Weber, Hcllmuth 414
346-348, 37 l Spacnrnnn, Robcrt 106 Wclckcr, Karl Thcodor 69
Hocrstcr, Norbcn 83 Marx, Karl 379 de Spinoza, Baruch 78, 92 Wclzcl, I--l,1ns36, 47f., 63, 84, 104, 136,
I--Ionig,Richard 295f. Maurach, Rcinhart 47 f., 1l 4 Stahl, Fricdrich Julius 26 f., 88 f., 94 151, 196, 199, 209--212, 257f., 260f.,
I-Iruschka,Joachim 263 Maycr, Max Ernst 201 f. Stuckcnbcrg, Carl-Fricdrich 366 265-267, 269, 274 f., 293-•-295, 365, 402
von Humboldt, Wilhclm 3,221 Mcndclssohn, Moscs 1, 163 Stübcl, Christoph Carl 183,193,336 Wcstphal, Ernst Christian 161
Mcrkel, Adolf 7 f., 33 f., 170, 181, 258, Stunna, Dictcr 284 Wohlcrs, Wolfgang 139
Jakobs, Günthcr 43, 84, 143, 187,209 276-279 Wolf, Erik 45
Jcllinck, Georg 33 Mcrkcl, Paul 401 f. Thon, August 277 f. Wolff, Christian 29, 38, 93, !34, 163,225,
Jcschcck, 1---Ians-Hcinrich334 Mczgcr, Edmund 202-204, 213 f., 258, Ticdcmann, Klaus 48 288,306
von Jhcring, Rudolph 258, 267 f., 276 f. 268, 270 f., 273, 398, 406-408 Timpc, Gcrhard 407
Jordan, Sylvcstcr 31, 33 Mili, John Stuart 223 Timnann, Cad August JOf. Zimmcrl, Lcopold 98, 203
Mittcrmaicr, Wolfgang 53 Trummcr, Car! 94
Kant, Immanucl 1-3, 19, 26, 29, 35, 49, Müssig, Bcrnd 215
92f. 105,107, 142-146, 149f., 154,
162-166, 168 f., 181, 186,199,223,238 f., Naglcr,Johanncs 173f.
241,248 f., 273, 288 f., 293 f., 297, 299, Nauckc, Wolfgang 11
348 f., 363, 370, 397 Nicsc, Wcrncr 365
Kargl, Waltcr 379 Nietzsche, Fricdrich 13
Kaufmann, Annin 87, 174, 177, 20/-209 No!l, Pctcr 115, 120
Kaufrnann, Arthur 34,413
Kclscn, Hans 143,256,365 Prokrustcs 377
Kcrsting, \\folfgang 21, 59, 186 Pufcndorf, Samucl 36, 163, 238, 346
Kindhauscr, Urs 263 Puppc, lngcborg 204,388, 392-394
von Kirchrnann,Julius 20
Klcc, Karl 98,216 Radbrucb, Gustav 11, 15, 45, 152 f., 209,
Klcin, Ernst Fcrdinand 72, 192f. 265, 291 f., 342, 387
Klcinschrod, Gallus Aloys 384--386, Rawls, John 218
398 f. Rousscau,Jcan-Jacqucs 92,253
Knapp, Ludwig 4 Roxin, Claus 9, 48-52, 155, 161, 196f.,
Ki:.ihler,Michael 370,372 204,213 f., 2%, 320f., 378,407
KOstlin, Christian Rcinhold 273,290,382 Rudolphi, Hans-Joachim 159, 178
Kohlrausch, Eduard 17,131,210 Rümclin, Gustav 56
Krug, August Otto 384
Saucr, Wilhclm 53,114,202,391
La1·cnz, Karl 295 von Savigny, Fricdrich Carl 178
Lask, Emil 364 Schaffstcin, Fricdrich 98 f., l 31
Leibniz, Gottfricd Wilhclm 121, 190 Schillcr, Fricdrich 61
Lcpsius, O]ivcr 28 Schleiermacher, Fricdrich 3
Licpmann, Morit;,, 53, 57 Schmidhiiuscr, Ebcrhard 202, 391
Lincoln, Abrahani 61 Schrnidt, Ebcrhard 53, 84
Lippold, Raincr 213 Schmidt, Richard 56, 78 f.
von Liszt, Franz 5, 7, 22, 49, 56, 73~76, Schi:.inc,Wolfgang 174
84, 131--133, 152, 170, 258-261, 265, Schopcnhaucr, Arthur 165 f., 168
267,291 Schr0dcr, Horst 198
Sachregister

Abscbrcckung s. ncgativc Gcncral- Dcfcnsivnotstand


[Link] Grundgcdankc 237-2•~1
Absicht s. Vorsat7. - Parallclc zur [Link]
absolutc Strafthcoric s. Vcrgcltungs- 182 fo.185
theoric - Rcchtsposition des Opfcrs a!s
J\gg1·céisivnot~tand Ausgangspunkt 268-270
- A. als Kchrscitc dcr Untcrlasscncn Umfang 241 f.
Hilfclcistung 217, 249-252 - Vc,·hahnis n11·Notwchr 247f.
- Bcscbrinkung auf intcrpcrsonalc DDR-Strafrccht 43
Konfliktc 250 dolus indirectus s. Vorsat:,.
Grundgcdankc 248--250 dolus malus s. Vorsatz
- Parallclstruktur bcim crlaubtcn Risiko
336-338 Eltcrn-Kind-Vcrbiiltnis s. Zustiindigkcit
- Umfang 250-252 Einwilligu11g
s. auch Staatsnorstand bci rcchtsgutbczogcncr und
Akzcssoricüit 272-276 nicht-rcchtsgutbc;,,ogcncr Tauschung
Allgcmcinc Vcrhrcchcnslchrc 235 !'n.492
- Aufgabc 16, 37-39 - bci Zwang und Irrturn 234-237
- gcgcnwartigcr Stand 16f. - E. und Sclbstbcstimnrnng 113, 219Í.
- gcschichtlichc Vcrankcrung 20-23 Stcllung im Dcliktssystcm 197f.
- Mcthodc 151-156 - Umfang dcr E.-Bcfugnis 113-116,
- Strafthcoric als Ausgangspunkt 52-57 222-22.\
- übcrpositivcr Charaktcr 14f. - E.-gctragcncr Eingriff als mittclbarc
Sclbstvcrlctzung 220--222, 233
Bctciligung s. Ab,cssorictit - s. auch Sclbstbcstimnrnng
Bürgcr cntschuldigcndcr Notstand s. zurcch-
- Aufopfcrungspflicht in Kriscn- nungsausschlic/1cndcr Notsund
situationc11 252-254 Erfolgsunrccht 2()7 L
Doppclrollc als Privatpcrson und crlaubtcs Risiko s. Fahrlassigkcit
Staats-B. 102 Evcntualvorsat7, s. Vorsat;,:
- Mitwirkung an dcr Erhaltung des
bcstchcndcn Zustandcs dcr Frcihcit- 1:ahrliissigkcit
lichkcit als B.-Pflicht 105f. Abgrc1vung zum Vors;[Link] 374-397
- norrnativcs Profil 298 - Bcmühcnsoblicgenhcit 302-311, 334,
- staatsbürgcrlichc Grundpflichtcn 189f. 341-34.\
- Strafrccht als B.-Strafrccht 110 - crlaubtes Risiko 336-341
F. ah gencrclicr Bcgriff ;,,uin Vorsatz
corpusdelicú 192 373 f.
506 Sachregister Sachregister 507

- F. als individucllc Erkcnnbarkcit 335 Garantenstcllung Menschenrechte - Grundgcdankc 355,358 f.


Fn. 476 Erstrcckung auf die Bcgchungsdcliktc Bcdeutung innerhalb funktional imensiver N. 359
- kcinc umfasscndc Pónalisicrung 411 159-162 differcnziener Gescllschaftcn 101
- lcichtc F. 342 - Funktionenlehre 177f. Verhiiltnis zurn Pcrsonbegriff 141 objelnive Zurcchnung
- Sondcrfobigkcitcn/Sondcrkcn ntn issc - gcschiclnliche Entwicklung 162-174 Fn. 796 [Link] Fremdgcfahrdung als
343 f. - Rcchtsgucllenlchre 169f. Mi twirku ngspfl icht Fall dcr o. Z. 197f.
- Sorgfaltspflichtvcrlctzung 333-335 - s. auch [Link] - Aufrcchtcrhahung cines Zustandes dcr - Verankerung in den allgerneinen
- Übcrnahmc-F. 344 f. Gefahrengcmeinschaft s. ZustaHdigkcit l'"reihcit!ichkeit als Legitirnationsgrund Zustandigkeitsfigurcn 160f.
- unbcwufüc F. 369-371 Gcneralpdvention s. negativc G.; dcr M. 105-107, 110 - [Link] zu den Rechtfcrtigungs-
- Vcrmcidbarkcit als Oberbegriff für positive G. - Konsequenzcn für das Strafvcrfabrens- gründen 212 f.
Vorsatz. und F. 367-374 Gcsinnungsstrafrccht 397 Fn. 820 recht 107 Fn. 592,217 - Vcrhiiltnis [Link] klassischen Zurcch-
- Vcrtrauensgrundsatz 339 f. M. und Zurcchnungslchrc 280f. nungs\ehre 295-297
- Vcrbots-F. 408-415 I-Iandlungsbcgriff M. und [Link] 175 Opfcr
- s. auch Tatumstandsirrtum - finalcr H. 36, 265-267, 274, 293-295, O.-bczogenc Bctrachtungsweise bei
Fcindstrafrccht s. Bürgcr 366 Naturalismus Notwebr und Dcfcnsivnotstand 268 f.
Finalismus - H. Hcgels und der Hcgcliancr 289-291 - Hand!ungsbegriff 291-293 - Stcllung des O. im Strafrccht und Straf-
- Hcgründung dcr lirniticrtcn - naturalistischcr I-I. 291-293 - [Link] 5 vcrfahrcnsrccbt 90f.
Akzcssorictat 274 f. I-Iirnforschung 281-288 - Methodc 152 f., 292
- Bcgründung dcr Schuldthcoric 402 f. ontologischc Pt'arnissen 284-287 Patcrnalismus 230-232
-- Handlungsbegriff 36, 265-267, 274, Imputationslchre ncgative Gcncralpriivcntion 66-72, 83 Pcrforation 242 Fn. 527
293-295,366 - geschichtliche Entwicklung 288--297 Neukantianisrnus 6, 15,260 performativcr \'(fidcrspruch 39 f.
- philosophischc Fundicrung 36 - Aktualitii.t 297f. Norm Pcrson
- Schichtcnmodc!l dcr mcnschlichcn lngcrcnz s. Zustiindigkeit Rcchtfcrtigungsgründc als - Begriff 141--143
Pcrs0nlichkcit 265-267 lnternationalcs Strafrccht Erlaubnis-N. 206 - Entpersonalisicrung 254
- Rc!cvanz des Erfolgscintritts 112 f. - Grundgcdankc 120f. - Unterscheidung zwischcn Rechtsgut - Matcrialisierung des P.-Begriffs
Flug;,,cugcntfiihrung 241 f. Fn. 527 - passives [Link] 122 f. und N. l36f. 145-151
Freiheit - [Link] 122 f. - Verhiiltnis von Bcwcrtungs- und - P.··Begriff und Zurechnungslchre
- Folgcnverantwortung als Kchrseite der - Tcrritorialitiitsprinzip 122 Bestimmungs-N. 262,264 f., 267 141-145
F. l79,2l6,2l9f.234,282f. - Wcltrcchtsprinzip 124-127 - Verhriltnis von Vcrhaltcns- und Pcrson bci Kant 141 f. Fn. 799, 144--149
- F.-Sicberung als Aufgabc des Rcchts lrrtum s. Tatumstandsirrturn, Zuordnungs-N. 146 - Pcrson bci Hegel 150f.
!Ol-107, 144f. Verbotsirrtum [Link] von Vcrbot und Gcbot 173 f. personales Unrccht 260f., 265f.
- institutionclle Vorausset:t,ungcn von F. Nótigungsnotstand 241 f. Fn. 527 Pflicht
!04--107, l86f. klassi-fikatorischc Mcthode [52 f., 292 Notstand s. Aggrcssiv-N.; Dcfcnsiv-N.; negative und positivc P. 162-170, 175{.
-- Idee der F. als Ausgangspunkt dcr Kriminalpolitik zurechnungsausschlic6cndcr N. - [Link] von P.-Inhalt und Begc ..
praktischen Philosophie 92 Bcdcutung für die Rcchtsdogmatik Notwehr hungsform 162·-170
- liberale und dcmokratische Bedeu- 47-49 dualistischc N.-Bcgründung 239f. - Vcrhiiltnis von Rccht und P. 10[
tungskomponentc von F. 102-104 - begrenzter Verbindlicbkeitsanspruch Fn. 519 Fn. 554, !42 f.
ncgative F. 179f. 49-52 - Erfordcrlichkeit 242 f. Pflichtdclikte 161
- Rechtfcrtigungsprinzipicn als Aus- - kriminaipolitischc l\1nktioncn von - Grundgedankc 237-241 poena natura/is 321
priigungcn von F. 217 Tatbcstandsmii.fügkcit und Rechts- N .-Einschriinkungcn 243-248 positivc Generalpriivention 66, 77-82,
- vcrantwortlichc Urhcberscbaft als widrigkeit 213 f. Rcchtsposition des Opfcrs als 84f.
[Link] cines frcibcitlichen Kriminalunrecht s. Unrccht Ausgangs¡mnkt 268-270 Positivismus
Strafrcclns 281-284 - Vcrhaitnis zum Dcfcnsivnotstand - Beschriinkung dcr Strafrechtswisscn-
- Willcns-F. 281-288 Lchrc von den negativen Tatbcstands- 247/. schaft auf die Auslcgung des gcltendcn
- s. auch Sdbstbcstimmung mcrkmalcn 197, 204 f. Notwchrcxzc6 Rcchts 31-35
- analogc Falle [Link] N. 358 Fn.587 - [Link] des positivistischcn Ansatzcs
Mal1regeln der Bcsscrung und Sicherung - asthcnischer Affekt 360 36-44
269 - cxtensiver N. 359 Eigcnrccht des Positivcn 45-47, 157
508 Sachrcgister Sachrcgister 509

Priivcntion Rcchtswidrigkcit Sterbehilfc 224-233 Oblicgcnhcit 7,ur I rrturnsvermcidung


- Kritik 82 f. objcktivc Rcchtsv,•idrigkcit 267,271 Strafc 299---31l
P. a!s priigcndc Lcgitimationsfigur des - Vcrhi'iitnis von Tatbcstandsmiifügkcit - Hcgriff 58 f., 75 T. als Untcrfal! des Verhotsirrtums
ncuzcitlichcn Staatsdcnkcns 61-63 und R. 267-271 S. im V0!kerstrafrccht 124-127 3llf.
- Vcrhiiltnis zur Rcchtsgütcrschutz- rclative Strafthcorie s. Priivcntionsthcoric Position des BVcrfG 69f., 87f. s. auch Fahrlassigkcit
aufgabc des Strafrcclns 63-65 Rcsozialisicrung 61, 73 f., ll9 f., s. ,nich - Strafzumcssung 117-119 Teilnahmc s. [Link]
- s. auch negativc Gcncl"alpriivcntion; Spczialpr.:-ivention - Strafawang 26-28, 116f.
positivc Gcncralprü.vcntion; Priivcn- Untcrschcidung zwischen Bcgriff und Unrccht
tionsthcoric; Spczialpriivcntion Schuld Lcgitimation dcr S. 58 - Bcgriff des Kriminal-U. 258 f., 297f.
Priivcntionstbcoric - herk0mmlichc Unterschcidung von Strafrcchtsdogmatik - hcrkümmlichc Untcrschcidung von U.
- Auspriigungcn 65 f. Unrccht und S. 256-276 - \Y/isscnschaftscharaktcr 3-16 und Schu ld 256-276
- Grnndstruktur 59f.,61-66 normativer S.-Bcgriff 260 - Vcrh:iltnis zur Philosophie 29-39 - systematischc Einheit von U. und
Konscqucnzcn für die Tatbcstandslchrc - systcmatischc [Link] von Unrccbt und - Vcrhültnis 7,ur Recluspraxis 9-12 Schuld 276-281
1961. s. 276-281 Strnftheoricn Unrcclnsbcwufüseín
- Vcrhiiltnis zum Schuldprirv,ip 83-86 Schuldprinzip - Bcgründungsgrcnzcn l0Sf. bedingtcs U. 323 f.
- s. auch ncgativc Gcncralpriivcn- Position des BVcrfG 72 - Grundmodc\le dcr Strafbcgründung - Gcgcnstand des U. 271 f.
tion; positivc Gcncralpriivention; - S. und ,,objcktivc Rcchtswidrigkcit" 59-61 - Vcrhaltnis zum Vorsat ✓, 397-408
Priivcntion; [Link] 270 Notwcndigkeit des Rückgriffs auf die Unterlasscnc Hilfcleistung
- S. und Priivcntionstheoricn 83-85 Phi!osophic 28 L - Legitirnationsgrund 190-192
rcchtfcrtigcndcr Notstand s. Aggrcssiv- Schuldthcoric - S. als Ausgangspunkt dcr Allgcmcincn - Aggrcssivnotstand als Kchrscite der
notstand; Dcfensivnotstand - dogmatischc Konscqucn;,,cn 403, Vcrbi-cchcnslchrc 52-57 U. H. 217, 249-252
Rcch tfcrti gu ngsgr ü n de 408-410 s. auch ncgativc Gcncralprilvcntion; Unzumutbarkcit s. [Link]-
R. als Erlaubnissiitzc 205-207 - gcschichtlichc Entwicklung 400-402 positivc Gcncralprilvcntion; [Link]\-. schlieBcnder Notstand
- R. als Au$l6scr von Duldungspflichtcn Sclbstbcstimmung pr:-ivcntion; Vcrgeltungsthcoric
206 f., 268-270 - Absichcrung von S. als Aufgabe des Suizid 223-225 Vcrbotsirrtum
- Systcmatisicrung dcr R. 214-219 Rccbts 101-107 System - Bezugsgcgcnstand des V. 322-329
Rcclusbcgriff InhaltrcchtlicbcrS. 219 - Ausgangspunkt strafrechtlicbcr - gcschíchtlichc Entwicklung 312--318
- Gcrcchtigkcitsanspruch 39--44 - Rcichwcitc des Grundsatzcs dcr S. im S.-Bildung 25 - Glcicbwcrtigkcit allcr Erschcinungs-
- Sichcrung von Frcihcit als Aufgabc des Recht 222-225 - KriscdcsS.-Denkcns 4f., 11-13 formen des V. 311 f.
Rcchts 101-107 - S. als Lcitidcc der Modcrnc 99-101 - S.··Begriff bei Kant und I-Icgcl 1-3 - Grcnzcn der Rcchtserkundungs-
Rcc hts fci11d lichk cit - S. und Einwil!igung 113, 219f. S.-Anspruch der Strafrcchtswissen- oblicgenhcit 329-.333
- llcg,·iff 374 f., 404-408 - S. und Zustalldigkcitslchrc l78f., l86f. schaft 3-9 - kcinc strengcrcn Entlastungskritcrien
- bci Grolman 373 f. - s. auch Frcihcit - Von:üge des S.-Denkcns 14-16 als bcim Tatumstandsirnum 318-322,
- bci Mczgcr 406-408 So\idaritilt 190-192, 249 Fn. 567 408-410
- Vorsat'l, als Untcrfall dcr R. 406-408 So nd crfa h igk e iten /So nd cr w issen Tatbcstand - Lcbcnsführnngsschuld 309f. Fn.337
Rcchtsgütcrschuu, s. Fahrliissigkeit Appcllfunktion 405 Fn. 879, 408-410 - Oblicgenhcit zur 1rnumsvcnncidung
R. als Aufgabc des Strafrcchts 63-65 Sorgfoltspflichtvcrlctzung s. Fahrlassig- - geschichtlichc Entwicklung dcr 299-311
- R. als Bcgründung for Vorvcr- kcit T.-Lchrc 192-205 -· Stel!enwcn dcr Rcchtsprcchung
lagcrungcn dcr Strafbarkcit [38-140 Sozialadiiquanz 211 - Vcrhiiltnis von T. und Unrccht 194, 326-329
- R. und Schu!dvorwurf 85 [Link].:-ivcntion 66, 72-77, 84, 197-215 - s. auch UnrcchtsbcwuBtscin
Rcchtsgut s. auch [Link] - s. auch Lchre von den ncgativen Vcrbrcchcn
- I-Icrkunft des R.-Bcgriffs 127-131 Staat 'l'atbcstandsmcrk malcn - Kritik an cíncm kol!cktivistischcn
- kollcktivistischcs R.-Vcrstiindnis 98 f. Frciheitssichcrung als S.-Zwcck Tatsachcnblindhcit 304,380,388 f., V.-Bcgriff 92-99
- kritischc Potcnz des R.-Bcgriffs 105 390-397 - V. als Pflichtvcrlctzung 97
131-137 Priivcntion als S.-Aufgabc 61-63, tats:ichliche Übcrnahme s. [Link] - V. als Verlctzung eincr Mitwirkungs-
- ontologischcr Status 147f. 82 f., 188 Tatumstandsirrtum pflicht 90----116
- R. und Tatobjckt 111 Fn.617 Zwangsbcfugnis 26-28 - Grenzcn dcr Hemühcnsob!icgcnhcit Vcrbrechen a!s ;,,[Link]-
- R. und Vcrfassungsrccht 102-104 Staatsnotstand 252-254 341-345 kcitswidriges Vcrhalten 280f., 297f.
Sachregister
510
Gcgcnstand dcr Z.-Lchrc 259,297 f.
- V.·-Bcgriffbci I-falschncr 110-116
- Gcschichtc dcr ldassischen Z.-Lchrc
Vcrgcltungsthcoric
288-297
Grundstru ktur 60 - [Link] dcr Z. ais normatives Problcrn
- Position des BVcrfG 87 L
299--302
- Rcnaissancc dcr V. 86 f. - Relevan;,, dcr allgcmcincn Zusündig-
- Vcrgcltung als Ausglcichung cincr Mit-
keitsfigurcn für die z.-Lehre 302, 330,
wirkungspflichtvcdctzung 89, 105-110
343, 346, 354 f.
Vcrkchrspflicht s. Zustandigkcit
- Vcrbrechen alS zurechcnbar-zustandig-
Vcrtraucnsgrundsatz s. Fahr\as,~igkcit
kcits·widriges Vcrhalten 280 f.
Vorsatz - s. auch Irnputationslchrc
- Absicht 376, 380f. Fn.716
1.t1rcchnungsausschl icíkndcr Notsta nd
- do{us malrts 380, 397-400
- Filie ausgeschlosscncr EntlasL1ng des
- dolus indirectus 375, 382-387
Titcrs 355-358
- Eventual-V. 376-380, 382-386
- Grun<lgedankc 345f.,353--355, 360f.
- nornutivicrcndc V.-Konzcptioncn 375,
- Lchrc von dcr doppcltcn Schul<l-
380--383, 392-397, 404-408
mindcrnng 350f. Fn.558
- Position dcr Rcchtsprcchung 378f.
- pravcntionsoricntiertc Dcutungcn
- Vcrmcidbarkcit als Obcrbcgriff fí.ir
V. und [Link] 367-374 352f.
- psychologisicrende Dcuwngcn 301,
- V. als juristiscb-tcchnischcr Bcgriff
346-351
364-367
- Umfong 361 f.
- V. ah Spczialfall dcr Fabrlassigkcit
- Unzumutbarkcit 349-353
373 f.
- V. als Untcrfall von Rcchtsfcindlichkcit Zustandigkcit
- Arntsrragcr 187f.
380-382 Eltcrn-Kind-Vcrhiiltnis 164f., 188
- V. und [Link] 397-408
[Link] der Z.-Lchrc durch die
- V. und Vcrbotsirrtumsrcgclung
Zurcchnungslchrc 255, 297 f.
387-389, 395, 408
Gefahrcngemcinschaft 188 f.
- Vorstcllungsthcoric 380f., 390-392
lngcrcnz 165, 169f., 172, 182
- Wilicnskomponente des V. 376-380
Rclcvanz dcr allgcmcinen Z.-t:igurcn
s. auch Rechtsfcindlichkcit
für die Zurcchnungslchrc 302,330,
Vorsatnhcori.c
343, )46, 354f.
- [Link] Konscqucnzen 398 f., 411
Systcm dcr Z.-Figurcn 174-192
- elastischc V. Mezgcrs 406-408
tatsiichliche übcrnahmc 185f.
gcschichtliehcr [Link] 397-400
- [Link] zu den Tatbcstandcn des
- [Link] dcr V. 403 f. Fn. 868
Hcsondercn Teils 157 f.
- V. im Nebenstrafrccht und Ordnungs-
- Vcrkchrspflicht 183 f.
widrigkcitcnrccht 41O Fn. 902
- Vcrbrcchcn als zurechcnlx1.r-zmtandig-
keitswidrigcs Vc1·haltcn 280 f., 297 f.
Wahndclikt 281 Fn.155
- Z.-Lchre als Basis des Systcms dcr
[Link] s. Frcihcit
Rcchrfcrtigungsgründc 194, 215-219
- z.-Lchrc als Grnndlagc dcr objcktivcn
Zurcchnung
Zurcchnung 160f.
·· llcgriff 256

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