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Kafkas Varianten *

Von HARTMUT BINDER (Ludwigsburg)

ABSTRACT
Es wird versucht, asthetische Grundsatze zu finden, die Kafka bei stilistischen
Anderungen in Handschriften und (Druck)fassungen einzelner Erzahlungen lei-
teten. Als Ergebnis zeigt sich, daB er Wortwiederholungen vermeidet, gleich-
zeitig Genauigkeit und Gewohnlichkeit des Ausdrucks erstrebt und in der Syntax
Parallelitat der Satzglieder und Folgerichtigkeit des Gedankenablaufs bevorzugt.
An attempt has been made to find the esthetic criteria by which Kafka was led
in making stylistical modifications in manuscripts and different versions of some
of his tales. As a result it appears that he avoids repetition of the same word, that
he aims at combining verbal precision with commonness of expression, and that
in his syntax he prefers parallelism of syntactic elements and logical sequence.

I. Genetische Lesarten

Georg Witkowskis Vermutung, die Varianten moderner Autoren spie-


gelten Entwicklungsstadien der kiinstlerischen Person1ichkeit, findet wie
Goethes Behauptung, man miisse Iiterarische Werke "im Entstehen auf-
haschen," um sie einigermaBen zu begreifen, im FaIle Kafkas nur ganz aus-
nahmsweise eine Bestatigung.1
* Fiir die Erlaubnis, unveroffentlichte Textpassagen aus Manuskripten Kafkas
fur diese Untersuchung verwerten zu durfen, hat der Verfasser aufrichtig Ma-
rianne Steiner (London), dem Schocken-Verlag in New York und dem S. Fischer-
Verlag in FrankfurtjM. zu danken.
Kleinere Textveranderungen werden entweder durch Pfeile dargestellt, die auf
die spatere Lesart zeigen, oder die von Kafka verworfene Fassung ist in runde
Klammem gesetzt. Zusammenhangende Passagen sind nach den Grundsatzen dar-
geboten, die Friedrich BeiBner in der groBen Stuttgarter Holderlin-Ausgabe ent-
wickelt hat.
Folgende Abkiirzungen werden verwendet:
A = Franz Kafka, Amerika (1953)
B = Franz Kafka, Beschreibung eines Kampfes (1954)
Be = Franz Kafka, Beschreibung eines Kampfes. Die zwei Fassungen: Parallelausgabe
nach den Handschriften (1969)
Br = Franz Kafka, Briefe 1902-1924 (1958)
E = Franz Kafka, Brzahlungen (1952)
F = Franz Kafka, Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeil
(19 6 7)
T = Franz Kafka, Tagebiicher 1910-1923 (195 I).
1 Brief an Zelter vom 4. August 1803, vgl. Georg Witkowski, Textkritik und

Bditionstechnik neuerer Schriftwerke. Bin methodologischer Versuch (1924), S. 13.


559 Hartmut Binder

Zwar gibt es naturlich ganz vereinzelt Formulierungen in den Manu-


skripten, die den im endgultigen Text mehr oder weniger verborgenen
Hintergrund schlaglichtartig erhellen: So wird in der Handschrift derJose-
jine-Erzahlung an einer Stelle von "Leuten" statt von "Mausen" gespro-
chen, und die Wendung "Zukunft des Volkes" wird dort interpretiert
durch den Zusatz "der schonste Anblick dem Patrioten;" beides verwies
fUr den Autor offenbar zu deutlich auf die nationaljudische Thematik der
Geschichte. 2 In den gleichen Zusammenhang gehort, daB imJiiger Gracchus
fUr das Wort "Geschichtsschreiber" ursprunglich "Dichter" stand, wo-
durch - es wird in der handschriftlichen Fassung klar gesagt, daB der Ge-
sprachspartner des Jagers aus Bohmen stammt - die autobiographischen
Zuge des Fragments deutlich hervortreten.
Sonst aber bewirkt die Art des Kafkaschen Schaffens, daB in der Regel
die entscheidenden Phasen der Textgenese vor der eigcntlichen Nieder-
schrift liegen. Eine der wenigen Ausnahmen findet sich bezeichnender-
weise im Urteil: Wahrend des entscheidenden Durchbruchs zur gemaBen
Erzahlweise konnte die damit verbundene innere Erregung nicht sofort
in allen Einzelelementen endgultig objektiviert werden. Das zeigt sich be-
sonders an Name und Herkunft Frieda Brandenfelds, der Braut des jun-
gen Kaufmanns, dessen Schicksal das Urteil thematisiert.
In einem auf den 2. J uni 1913 datierten Schreiben Kafkas an Felice Bauer,
der spateren Verlobten, kommt er im Zusammenhang mit Merkwurdig-
keiten in der Erzahlung auch auf die dort vorkommenden Namen zu spre-
chen. Er deutet zunachst Georg Bendemann als Kryptogramm fur Franz
Kafka und fahrt dann fort: '''Frieda' hat so viel Buchstaben wie Felice und
auch den gleichen Anfangsbuchstaben, 'Friede' und 'Gluck' liegt auch nah
beisammen. 'Brandenfeld' hat durch 'feld' eine Beziehung zu 'Bauer' und
den gleichen Anfangsbuchstaben. Und derartiges gibt es noch einiges, das
sind naturlich lauter Dinge, die ich erst spater herausgefunden habe."3
Das Manuskript der Erzahlung bestatigt den Befund auf so offensichtliche
Weise, daB man den SchluBsatz der angefUhrten Briefstelle als bloBe Schutz-
behauptung verstehen wurde, die Kafkas Verantwortlichkeit verkleinert
hatte, sofern Felice die Darstellung unglinstig aufnahm, wenn nicht durch
das Tagebuch belegt ware, daB sich Kafka die beschriebenen Zusammen-
hange tatsachlich erst am II. Februar 1913, also Monate nach der Ent-
stehung des Urteils, klargemacht hatte.
Georg, so heiBt es in der Erzahlung, habe seinem Peters burger Freund
lieber Belanglosigkeiten geschrieben,

2 V gl. E 282, 280 u. meinen Aufsatz "Kafkas Hebraischstudien. Ein biogra-

phisch-interpretatorischer Versuch," Jahrbuch der Deutschen S chillergese!lschaft, I I


(1967), 55 0 ff.
3 Vgl. B 337 u. F 394.
Kafkas Varianten 685

als daB er zugestanden hatte, daB er selbst


(I) ganz nahe vor der Verlobung mit einem
(II) vor einem Monat mit einem Fraulein Frieda (1) Brandenburg
(2) Brandenfeld (a) sich ver-
lobt hatte

(b) der Toch-


ter
eines wohlhabenden (aa) Fabrikanten
(bb) Juweliers
(ec) Kinematographenbesitzers
(c) einem
Madchen
aus wohlhabender Familie, sich verlobt hatte. 4

Wenig spater im Text mu.13 der gleiche Sachverhalt erneut genannt wer-
den. Georg berichtet nun "tatsachlich" seinem Korrespondenzpartner die
eigene Verlobung, und zwar "mit folgenden Worten":

1eh habe mich mit einem Fraulein Frieda Brandenhof verlobt, (a) der Toch-
ter eines
hiesigen
K.B ...
(b) einem
Madchen
aus einer
wohlha-
benden
Familie.

Der Name Brandenfeld setzt sich also, wie man sieht, erst in der Druck-
fassung durch. Er ist als Kontamination von Feld (fur Bauer) und Branden-
burg zu verstehen: "Vielleicht ist sogar der Gedanke an Berlin nicht ohne
EinfluB gewesen und die Erinnerung an die Mark Brandenburg hat viel-
leicht eingewirkt."5 Dagegen bildet in der Form Brandenhof die Vor-
stellung Bauernhof die Assoziationsbrucke. DaB beide Formen unausge-
glichen so eng beieinander stehen, ist ein Indiz fUr das unkontrollierte,
freie FlieBen des vorbewuBten V orstellungsstromes, dessen GesetzmaBig-
keiten dem Autor trotz inzwischen erfolgter mehrmaliger Lesung des Ur-
teils erst bei der im Zusammenhang mit der Drucklegung erfolgten Fahnen-
korrektur bewuBt wurden!
Nicht weniger interessant sind die Aussagen uber die Herkunft der Braut.
Kafka hat die Familie Felicens stets als typische Vertreter des gutsituierten
judischen Mittelstandes angesehen, dessen Lebensformen die Verlobte,

4Vgl. T 297 u. E 56.


5 T 297.

45
686 Hartmut Binder

anders als Kafka seIber, durchaus teiIte und gegen den Brautigam durch-
zusetzen suchte. Fabrikanten und Juweliere aber waren, in Prag wie in
Berlin, in besonderem MaBe Angehorige dieser Gesellschaftsschicht. Der,
sozial etwas anriichige, Kinobesitzer falIt nur scheinbar aus dem Rahmen.
Eine Beziehung zu Felice ergibt sich iiber deren Tatigkeit in einer Firma,
die Parlographen herstellte, ein SachverhaIt, iiber den sich in Kafkas an
sie gerichteten Briefen mancherlei Ausfiihrungen, vor allem humoristischer
Art, erhalten haben. Vielleicht darf diese Variante als Indiz fiir das gestorte
Verhaltnis Kafkas zum biirgerlichen Mittelstand gewertet werden, dem er
entstammte, aber zu entkommen suchte. Die Lesart hatte also wohl Frieda-
Felice abwerten sollen.
Wie sehr Kafka dieses Problem beschaftigt haben mui3, wird aus dem
zweiten Zitat ersichtlich. Obwohl iiber mehrere Vorstufen hinweg eben
eine ihn befriedigende Fassung des SachverhaIts gefunden wurde, die dann
auch in die Druckfassung eingeht, experimentiert er jetzt, indem er im er-
sten Ansatz die lnitialen von Friedas Vater setzt, erneut mit der Herkunft
der Braut, wobei er natiirlich wieder an den Versicherungsagenten Carl
Bauer denkt (die in Prag uniibliche Schreibung seines V ornamens war
Kafka zum Zeitpunkt der Niederschrift kaum bekannt).
SchlieBlich falIt auf, daB Kafka zunachst von einer nahe bevorstehenden
Verlobung Georgs ausgeht, dann aber dieses Ereignis schon einen Monat
Vergangenheit sein laBt. Da Kafka, als er das Urteil niederschreibt, Felice
nur einmal gesehen hatte und ihr zwei Tage zuvor einen ersten, freilich
wochenlang iiberlegten Brief schrieb, konnte man die Erstniederschrift des
fraglichen SachverhaIts als die biographisch naherliegende bezeichnen.
Welcher Termin vorzuziehen ist, kann jedoch hinsichtlich dieses Gesichts-
punkts als reine Interpretationsfrage angesehen werden: Vom Entstehungs-
tag des Urteils aus gerechnet lag das entscheidende Zusammentreffen von
Kafka und Felice vierzig Tage zuriick, konnte also mit der Zeitangabe "vo!
einem Monat" gerade noch bezeichnet werden, zumal der Tagebuchbericht
iiber das Ereignis eine W oche jiinger ist als dieses selbst, also von der Kon-
zeption der Erzahlung ziemlich genau einen Monat abliegt. Nun belegen
die Lebenszeugnisse mit groBer Eindeutigkeit, daB Kafkas Urteil iiber die
spatere Braut aufgrund dieses ersten, gemeinsam verbrachten Abends un-
erschiitterlich feststand. Spatestens am 2.0. August 1912., als er fragmenta-
risch die Zusammenkunft notierte, muB es demnach fiir ihn festgestanden
haben, daB er um Felice als Frau in der Folgezeit wiirde zu kampfen haben. 6
So gesehen konnte in der Erzahlung mit innerem Recht von einer schon
vollzogenen Verbindung die Rede sein.

6 Vgl. z.B. T 2.85 u. F 148f.


Kafkas Varianten 559

2. Das Problem der W ortwiederholung

Sieht man von Ausnahmen wie den eben besprochenen ab, so hat man
in Kafkas Manuskripten kaum die Moglichkeit, die fur den schopferischen
ProzeB bezeichnenden Umformungs- und Amalgamierungsprozesse zu be-
obachten, vielmehr hat man hier und in den von ihm mitverantworteten
Drucken stilistische Varianten vor sich, die es zu verstehen gilt. Genauere
Prufung ergibt, daB hauptsachlich wegen der seit der galanten Zeit in deut-
scher Dichtung verponten Wortwiederholungen 7 gebessert wird.
Damit solI nun nicht etwa behauptet werden, daB Kafka uberhaupt die
Wiederholung in Begriff und Satzteil meide, denn genau das Gegenteil ist
richtig. Schon in den Briefen bemerkt man immer wieder Stellen, wo die
Eindringlichkeit des Gesagten durch reduplicatio gesteigert werden solI:
Er liebe an Felice, schreibt er, das Gute und das Nichtgute: "alles, alles."
DaB solche Formulierungen absichtlich gewahlt werden, zeigt der Kiibel-
reiter, wo der Kohlenhandler, seiner ihn beschwichtigenden Frau wider-
sprechend, die Ankunft der Titelfigur ahnt und nachdrucklich sagt: "es ist,
es ist jemand." Das zweite "es ist" wurde namlich von Kafka nachtraglich
in die Handschrift eingefugt. Auch laBt sich beobachten, daB besonders
in den reflektierenden Ich-Erzahlungen Wiederholungen einzelner Satz-
phrasen Formbildungen konturieren oder Emphase hervorrufen sol1en. 8
Eberhard Frey hat fur den Hungerkiinstler gezeigt, daB dort das fragliche
Phanomen als Stilmittel verwendet wird. 9 Und Jorgen Kobs hat besonders
fur den Verschollenen gezeigt, daB Kafka bestimmte Begriffe gehauft ver-
wendet:
Jetzt besaG Karl an Verschenkbarem nur noch sein Geld, und das wollte er,
wenn er schon vielleicht den Koffer verloren haben sollte, vorHiufig nicht an-
rtihren. Wieder kehrten seine Gedanken zum Koffer zuriick, und er konnte jetzt
wirklich nicht einsehen, warum er den Koffer wahrend der Fahrt so aufmerksam
bewacht hatte, daG ihm die Wache fast den Schlaf gekostet hatte, wenn er jetzt
diesen gleichen Koffer so leicht sich hatte wegnehmen lassen. 10
Die gauze Situation, die Form der erlebten Rede und die Art der Satz-
fuhrung machen deutlich, daB die dreimalige Wiederholung des Requisits,
um das Karls Gedanken kreisen, des sen erregte Konzentration auf den
Koffer sprachlich verstarken solI.

7 Vgl. Ulrich Wendland, Die Theoretiker und Theorien der sogen. galanten Stil-

epoche und die deutsche Sprache (1930), S. 217.


8 F 488 u. B 121, vgl. meine Arbeit Motiv und Gestaltung bei Franz Kafka (1966),

S·3 0 7 ff.
9 Franz Kafkas Erziihlstil: Eine Demonstration neuer stilanalytischer Methoden in

Kafkas Erziihlung "Ein Hungerkunstler" (1970).


10 A 16, vgl. Jorgen Kobs, Kafka: Untersuchungen zu Bewuj1tsein und Sprache seiner

Gestalten, hrsg. Ursula Brech (1970), S. 431 f.


688 Hartmut Binder

Eine andere Bedeutung hat die Wiederholung des Einzelworts in der


Rede, mit der Gregor Samsa in der Verwand/ung dem Prokuristen gegen-
ubertritt :

Sie sehen, ich bin nicht starrkopfig und ich arbeite gem .... Man kann im
Augenblick unfahig sein zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt
. .. Zu bedenken, daB man spater ... gewifi desto fleifiiger und gesammelter ar-
beiten wird.... Ich bin in der Klemme, ich werde mich aber auch wieder heraus-
arbeiten.

Hier wird die besinnungslose Angst Gregors verdeutlicht, die bestimmte


Kontrollfunktionen des BewuBtseins reduziert, Zuchtlosigkeit der Aussage
fordert, Diskursivitat mindert und, wie auch eine Stelle im Urteil zeigt,
den Formulierenden mechanisch immer wieder nach dem gleichen Aus-
druck greifen [Link]
Wieder anders ist das folgende Beispiel zu bewerten: In der Fassung A
der Beschreibung eines Kampfes hellit es an einer Stelle uber Madchengewohn-
heiten,

daB niemand so traurig und so lacherlich sich wird machen wollen, taglich
dasselbe kostbare Kleid friih anzulegen und abends auszuziehen. Doch sehe ich
Madchen, die ... taglich in diesem einen natiirlichen Maskenanzug erscheinen,
immer dasselbe Gesicht in ihre gleiche Handflache legen und von ihrem Spiegel
wiedererscheinen lassen.

Die Bearbeitung dieser Passage, die Kafka fur den Erstdruck in der Be-
trachtung von 1908 vornahm, ist nur unscheinbar, aber effektvoll: "taglich
das gleiche" heiBt es jetzt und: "immer das gleiche Gesicht in die gleichen
Handflachen." Die dauernde Wiederkehr der berichteten Handlungen fin-
det in den verbesserten Formulierungen eine genaue Entsprechung, und
damit sprachlich kein langweiliger Gleichlauf entsteht, hat Kafka das zweite
"taglich" zu einem gefuhlsintensiveren "tagtaglich" variiert.
Die angefiihrten Belege sind aber, wenn man so will, Ausnahmen von
der Hauptregel, die besagt, daB Kafka dann, wenn keine besondere Moti-
vation vorliegt, Wiederholungen einzelner Begriffe tunlichst vermeidet.
Das laBt sich schon an seinen Drteilen uber andere Autoren ablesen. An
Martin Beradts Roman Ehe/cute beanstandet Kafka, daB an sonderbaren
Wendungen "grundlos" festgehalten werde. Ais Beispiel notiert er sich:
"er war um ihre Haare bemuht, bemuht und wieder bemuht."12 Dnter den
Stellen, die er an Max Brods Ubersetzung von Janaceks Jcnufa kritisiert,
ist auch folgender Satz: "Ohne die gelehrten Herren seh' ich da! Leider

11 E 88, vgl. 66 (Tasche-Taschen und tausendmal-zehntausendmal).


12 Be 130, Hyperion. Eine Zweimonatsschrift, hrsg. Franz Blei u. Carl Stemheim I,

H. I (Jan.-Febr. 1908), 93 u. T 38f.


Kafkas Varianten 559

bin ja ich Instanz hier - (wischt sich den Schweifi von der Stirn) - gern -
gern duckt' ich mich in ein Mauseloch I" Kafka meint: "'Gerne' am SchluB
start ein wenig in dieser graBen Stelle." Da er im gleichen Zusammenhang
den Freund lobt, weil er "die Wiederholungen Leben-atmend" gemacht
habe, darf geschlossen werden, daB ihn nicht nur der Bedeutungsgehalt
des Adverbs stOrte, sondern auch seine Doppelung.13
Man kann gegen die vorgetragene These nicht ins Feld fiihren, daB
Kafka gelegentlich im ersten Ansatz niedergeschriebene Synonyma zu ei-
nem bestimmten Ausdruck wieder tilgt und dafiir noch einmal den frag-
lichen Begriff selber setzt. Dies geschieht beispielsweise in der Verwandlung
an der Stelle, wo berichtet wird, wie Gregor, urn der Schwester seinen An-
blick zu ersparen, in mehrstiindiger Arbeit ein Leintuch auf dem Kanapee
derart anordnet, daB er sich darunter verbergen kann. In den Drucken
steht in dies em Abschnitt viermal das Wort Leintuch, obwohl Kafka bei
der zweiten Nennung des Begriffs zunachst "Vorrichtung" geschrieben,
dann aber noch wahrend der Niederschrift die endgiiltige Lesart herge-
stellt hatte. Ahnlich im Verschollenen, wo im Gesprach zwischen Karl und
dem Heizer in dessen Kabine letzterer zunachst "erklart[e]", er konne es
nicht leiden, wenn man yom Gang aus in seine Kammer schaue, was je-
doch von Kafka sofort in "sagt[e]" verbessert wird, obwohl doch dieses
Wort im unmittelbaren Kontext als Zuordnungsformel von Dialogteilen
schon siebenmal vorkommt.14
Die Erklarung ist einfach. 1m Gegensatz zu Thomas Mann, des sen Art
der Gestaltung die gleichzeitige Verwendung verschiedenster Sprachebenen
hinsichtlich W ortschatz und Syntax zulieB, so daB immer die Moglichkeit
gegeben war, unerwiinschte Wiederholungen zu umgehen, war Kafka auf-
grund des ihm als Prager Autor zur Verfiigung stehenden begrenzten um-
gangsprachlichen Materials und wegen seiner asthetischen Konzeption in
dieser Hinsicht sehr eingeschrankt. Vielleicht gerade weil er auf dieses
kiinstliche, nicht durch Volksbrauch und Dialekt gespeiste Prager Deutsch
angewiesen war und sich als "Halbdeutscher" in der Sprache, in der er
schrieb, nur als Gast fiihlte, der beispielsweise idiomatische Feinheiten
nicht zu beurteilen vermoge, vermied er es, durch "Stileinfalle" yom Ge-
meinten abzulenken. 15
So muBte es geschehen, daB vielfach innerhalb der gewahlten Grenzen
kein gebrauchliches sinngleiches Wort fiir einen im weiteren Kontext zu

13 Leos Janacek, Jenufa: Ihre Ziehtochter. Dt. Dbers. Max Brod. Fiir die Wiener

Hofoper textlich eingerichtet Hermann Reichenberger, Wi en-Leipzig (1918),


S. 57, Br 179 u. 178.
14 E 106f. u. Kobs, Kafka, S. 107, vgl. A II.
15 Franz Kafka, Briefe an Oltta und die Familie (1974), S. 67 u. Max Brod, Vber

Franz Kafka (1966), S. 96.


559 Hartmut Binder

vermeidenden Ausdruck zur Verfugung stand. In solchen Fallen lag es


dann nahe, gar nicht erst durch Kunstgriffe in Wortwahl und Satzbau
darauf aufmerksam zu machen, daB man sich mit dem leidigen Problem
der Wiederholung herumzuschlagen habe, sondern das fragliche Wort mog-
lichst unauffiillig und so oft wie notig zu setzen. Das gilt gerade auch fur
die inquit-Formel. Hatte Kafka in diesem Bereich Abwechslung geschaffen,
indem er auch Wendungen wie "erwiderte," "versetzte" oder "gab zu-
ruck" verwendet hatte, ware dem sensiblen Leser nicht nur das im Deut-
schen hier vorliegende Stilproblem merkbar geworden, sondern Kafka
hatte sich auch, gegen jede sonstige Gewohnheit, vorgeformter und be-
sonders von der Trivialliteratur verbreiteter Sprachhulsen bedient.
DaB in den beiden angefuhrten Fallen die vorliegenden Wiederholungen
nicht pointiert als solche wirken sollen, laBt sich auch am Kontext der Stel-
len erkennen. In der Fortsetzung des Gesprachs zwischen Karl und dem
Heizer verzichtet Kafka, soweit moglich, ganz auf die Gesprachspartien
einem der beiden zuordnenden verba dicendi. In der Verwandlung wird die
in Rede stehende Passage durch die Formulierung beschlossen, Gregor
habe einmal vorsichtig das Leintuch geluftet, um nachzusehen, wie die
Schwester die neue "Einrichtung" aufgenommen habe: 16 An dieser Stelle,
wo nicht yom Tuch, sondern von dem mit seiner Hilfe hergerichteten Ver-
steck die Rede ist, stand ein anderes Wort zur Verfugung, muBte "Lein-
tuch" nicht erneut genannt werden!
Zu dieser Gruppe unvermeidIicher und deswegen unscheinbar gehaltener
Wiederholungen gehort auch dieses Beispiel aus dem Verschollenen:

Der Onke! war zum Unterschied von Karl mit diesem Schreibtisch durchaus
nicht einverstanden, nur hatte er eben fur Karl einen ordentlichen Schreibtisch
kaufen wollen und solche Schreibtische waren jetzt samtlich mit dieser Neuein-
richtung versehen, deren V orzug namlich auch dadn bestand, bei alteren Schreib-
tischen ohne groJ3e Kosten angebracht werden zu k6nnen.

Es ist also verkehrt, wenn Jorgen Kobs im Blick auf derartige Pas sagen
meint, Objektverluste der Perspektivtrager artikulierten sich sprachlich,
indem der "Dichte des fixierenden Wortgeflechts" eine "hochste Diskonti-
nuitat der Gedankenfuhrung" gegenubergestellt sei, und in der Art, wie
die Verben des Sagens verwendet wurden, sei monotone Wiederholung
Kafkas erklartes Ziel.17 Solche Auffassungen werden auch durch viele an-
dere Varianten widerlegt, die gerade zeigen, daB Kafka den Gleichklang
der Worte mied, wo er konnte oder ihn nicht den genannten Zwecken
dienstbar zu machen vermochte. Dafur jetzt einige Beispiele. In einem an

16 E 107, vgl. A 10ff.


17 A 51f. u. Kobs, Kafka, S. 429, vgl. 107.
Kafkas Varianten 559

Ottla gerichteten Schreiben verbessert Kafka das Wort "allerdings" in


"aber," um eine Wiederholung der zuerstgenannten Partikel zu tilgen. 18
Lehrreicher sind Stellen im Urteil, die gerade verba dicendi betrefl"en. Noch
in der Handschrift finden sich diese Veranderungen:

"Er wird also gar nicht zu unserer Hochzeit kommen," sagte sie .... "Ich will
ihn nicht staren," (sagte) antwortete Georg. '"
"Hier ist es ja unertraglich dunkel," sagte er dann. "Ja, dunkel ist es schon,"
(sagte) antwortete der Vater.

Die dem zuletzt Zitierten unmittelbar vorhergehenden Worte lauten in


den Drucken von 1913 und 1916: "'Mein Vater ist noch immer ein Riese,'
sagte sich Georg." Als um 1920 eine Neuauflage der Buchausgabe im
jungsten Tag erforderlich wurde, die Kafka korrigierte, besserte er an dieser
Stelle in: "dachte sich Georg." An allen drei Stellen erstrebt er also beim
iibergeordneten Verb die variatio. Solche Beispiele finden sich auch anders-
wo, etwa in der Beschreibung eines Kampfes, wo er bei der Umarbeitung ver-
suchte, allzuhaufiges "sagte" zuriickzudrangen. 19
Noch eindrucksvoller wohl sind die Belege, die Nomina, Pronomina und
Modal-Verben betreffen: 1m einfachsten Fall ersetzt Kafka, wie schon Lud-
wig Dietz beim Kollationieren von Druckfassungen Kafkascher Werke
auffiel,20 das sich wiederholende Substantiv durch ein entsprechendes Per-
sonalpronomen, oder er streicht ein Possessivum, das schon im niiheren
Kontext aufgetreten war. HeiBt es im Manuskript der Verwandlung, Vater
und Mutter hatten beim Violinspiel der Schwester aufmerksam "die Be-
wegungen ihrer Hande" verfolgt, wahrend sich Gregor "von ihrem Spiele
angezogen," weiter ins Wohnzimmer vorwagt, so ist die zweite Formulie-
rung schon im Erstdruck zu "von dem Spiele angezogen" verbessert wor-
den. 21 Deswegen ist es unsinnig, wenn Kobs aus der Tatsache, daB im Ver-
schollenen Korperteile regelmaBig nur yom bestimmten Artikel begleitet
sind, den SchluB zieht, in Kafkas Darstellung sei die Funktionseinheit des
Lebendigen aufgehoben, denn die GliedmaBen gehorten "der Person nicht
mehr oder doch nur insofern, als man sie wie Prothesen abschnallen und
irgendwo 'hinwerfen' kann."22 Denn zu der selbstverstandlich nieht immer
zu Lesarten fiihrenden Absicht Kafkas, Dubletten zu vermeiden, kommt
ja noch die Prager Besonderheit, mehr als die Schriftspraehe auf den Ge-
brauch des besitzanzdgenden Fiirworts zu verzichten.
Nachdem Grete dem verwandelten Bruder verschiedene Nahrungsmittel

18 Franz Kafka, Briefe an Ollia und die Familie, S. 66 u. 187.


19 E 56 u. 59, vgl. Be 88f. u. 94f.
20 "Franz Kafka. Drucke zu seinen Lebzeiten. Eine textkritisch-bibliographi-

sche Studie," Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft, 7 (1963),451.


21 Vgl. E 129. 22 Kafka, S. 194.
559 Hattmut Binder

zur Auswahl hingelegt hat, entfernt sie sich eilig und schlieBt dann die Tur
hinter sich, "damit nur Gregor merken konne, daB er es sich so behaglich
machen konne, wie er wolle." So in der Handschrift, schon die Fassung in
den WeiJ!en Bllittern hat aber: "behaglich machen durfe," wodurch das zwei-
malige "konne" entfallt. Und die groBen Kosten, die der geplante Konser-
vatoriumsaufenthalt der Schwester "verursachen muBte," werden erst im
zweiten Ansatz mit dem angefuhrten Hilfsverb verbunden: Die Form "ver-
ursachen wurde" tilgte Kafka, weil er fortgesetzt hatte: "die man schon
auf andere Weise hereinbringen wiirde." 23
Die Einsicht, wie sehr Kafka auf Wortwiederholungen achtete, ermog-
licht es auch, die Ursache von einigen Anderungen zu erkennen, die er im
Manuskript der Verschollenen vornahm. In den fraglichen Fallen unterstellt
[Link] Kafka eine Tendenz zur Indifferenz des Ausdrucks, die Absicht,
intensivere Wendungen durch schwachere, neutralere zu ersetzen, die es
auch rechtfertigen, den EinfluB des jeweiligen Kontextes zu vernachlassi-
gen, obwohl sich gelegentlich beobachten lasse, daB Lesarten verworfen
wurden, urn storende Gleichklange zu vermeiden. 24 Uberpruft man die
Sache genauer, ergibt sich freilich ein anderes Bild:

er ... wurde ... von der immer mehr anschwellenden Menge der Gepacktrager,
die an ihm voruberzogen, allmahlich bis ans Bordgelander (gedruckt) geschoben.
Die Burschen (zogen) holten gleich irgendwelche Papiere aus den Taschen.

Kobs nimmt beidesmal eine Reduzierung der Ausdrucksintensitat an.


Man konnte aber im ersten Fall beispielsweise zur Rechtfertigung der
SachgemaBheit der von Kafka dann zum Druck beforderten Fassung fragen:
Wie kann denn jemand beim Verlassen eines Schiffes auBerhalb des Kata-
strophenfalles von einer nur allmahlich sich verstarkenden Menge, die
dazuhin nicht auf ihn zukommt, sondern langsam an ihm vorbeizieht, an
die Reling gedruckt werden? Hier scheint doch der weniger intensive Aus-
druck gerade wegen seines Bedeutungsgehaltes der beschriebenen Situation
angemessener. AuBerdem veranschaulicht er besser den Grundgedanken
des Romans, den Kafka spater im Tagebuch so zusammenfaBt: "RoBmann
•.. der Schuldlose ... strafweise umgebracht ... mit leichterer Hand [als
K. der Schuldige], mehr zur Seite geschoben als niedergeschlagen."25 Es
kommt also, als SZene und in der in ihr sichtbar werdenden Bedeutung, auf
das nach und nach, fast friedlich sich vollziehende Vertriebenwerden Karls
aus der menschlichen Gemeinschaft an!
Und was das zweite Beispiel betrifft: Beim Vergleich zwischen "heraus-
holen" und "hervorziehen" ist es, will man die Exaktheit des von Kafka

23 Vgl. E 98 u. 10Z. 24 Kafka, S. I07f.


!Ii A 9, 314 u. T 481.
Kafkas Varianten 559

benutzten Ausdrucks erkennen, doch nicht das entscheidende, daB die


"charakteristische Bewegungsform des Hervorziehens ... durch das nur
richtungsbestimmte Verb 'holen' ersetzt" wurde,26 sondern allenfalls, ob
das wie auch immer geartete Verb die darzustellende Sache trifft: Da ist
dann zu sagen, daB eher das Federbett als eine deckende Flache etwas
ist, unter der man Papiere hervorziehen kann, als die Hosentasche eines
Burschen, in der, wie man von einer anderen Szene weiB, alles mogliche
durcheinanderliegt, so daB Karl, wenn er dort seinen PaB sucht, dafur das
Wort "herauskramen" benutzt. 27 Wenn man spitzfindig argumentieren
will, kann man durchaus die Auffassung vertreten, "herausholen" sei in be-
zug auf eine Art Behaltnis der treffendere Ausdruck.
Aber wesentlich fur den vorliegenden Zusammenhang ist ja das andere:
Kafka tiIgt den ursprunglichen Begriff, weiI er diesen noch im gleichen
Satz fur die unter dem Federbett des Kinderwagens liegenden Papiere der
Frau benotigt, die sie auf ein Zeichen ihres Mannes hin hervorzieht. Andern-
falls ware eine storende Wiederholung des Verbs entstanden.

3. Die Randstriche in der B-Fassung der Beschreibung eines Kampfes

Das herausgestellte StiIgesetz hilft auch eine merkwurdige Erscheinung


erklaren, die sich in der Handschrift zur B-Fassung der Beschreibung eines
Kampfes findet. Dort hat Kafka an fiinfzehn Stellen Textpartien durch Rand-
striche auffallig markiert. Sie sind in der Parallelausgabe der beiden Fas-
sungen zwar nicht verzeichnet, doch hat Dietz sie in einem eigens ihnen
gewidmeten Aufsatz genau beschrieben und zu deuten versucht. Er halt
sie fUr besonders gegliickte Formulierungen, die auch einen Hinweis auf
die Entwicklung eines Kafka eigentiimlichen erzahltechnischen Elements
enthalten, namlich auf die von Jahn im Blick auf den Verschollenen heraus-
gestellten dramatischen Gebarden, mit deren HiIfe Kafka auf die Gestal-
tung der Unmittelbarkeit visuellen Geschehens abhob. Dieses Merkmal
sei durchgangiges Material der zweiten Fassung der Erzahlung und komme
auch deutlich in den durch Randstriche ausgezeichneten Stellen zum Aus-
druck. 28
Eine genauere Oberprufung ergibt jedoch, daB von den acht bei Dietz
angefuhrten Beispielen nur einem einzigen der Charakter eines Belegs zu-

26 Kafka, S. 108. 27 A 2I.


28 Ludwig Dietz, "Kafkas Randstriche in Manuskript B der 'Beschreibung
eines Kampfes' und ihre Deutung. Eine Erganzung zur Edition der zweiten
Fassung," Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft, 16 (1972), 652. Eine Zusammen-
stellung der 15 Stellen S. 650, vgl. auch Wolfgang Jahn, Kafkas Roman "Der
Verschollene" ("Amerika") (1965), S. 46ff.
559 Hartmut Binder

kommt. In funf Passagen sind die darin vorkommenden Gesten von Kafka
iiberhaupt nicht angestrichen worden, sondern stehen meist im weiteren
Kontext in anderen Abschnitten. In zwei anderen Fiillen ist die Ausdrucks-
bewegung ganz oder teilweise schon in der A-Fassung belegt, kann also
nicht als Indiz fur eine neue, weiterfuhrende Werkstufe herhalten. Nur
eine Stelle von funfzehn enthaIt eine in der Erstfassung noch nicht belegte
Geste.
Macht schon dieses ZahlenverhaItnis an sich die von Dietz vertretene
Deutung der Striche recht unwahrscheinlich, so erst recht ein stilistischer
Gesamtvergleich zwischen den beiden Fassungen, der allein eine zuver-
lassige Erklarung ermoglicht. Keinesfalls kann man sagen, daB in der nach
Jahren vorgenommenen Neubearbeitung die mimisch-gestische Schicht der
Erzahlung ausgeweitet worden sei. Es gibt im Gegenteil einige auffaIIige
Erzahleinheiten, wo genau das Umgekehrte geschieht.
In einem Abschnitt noch gegen Anfang der Erzahlung, wo die beiden
nachtIichen Spazierganger sich iiber das Stubenmadchen unterhalten, hellit
es in der A-Fassung: "Ich konnte nicht reden, denn mein Hals war voll
Tranen, daher versuchte ich, wie ein Posthorn zu blasen, um nicht stumm
zu bleiben. Er hielt sich zuerst die Ohren zu, dann schutteIte er freundIich
dankend meine rechte Hand. Die muB sich kaIt angefuhlt haben, denn er
IieB sie gleich los." In der Neufassung steht an dieser Stelle ein Dialogsruck,
dem der Satz folgt: "Dabei reichte ich ihm die Hand zum Abschied hin."29
Findet man hier und in anderen Abschnitten eine Vereinfachung der in
Frage stehenden Gestaltungsebene, so faIIt diese in andern FaIlen sogar
ganz weg. 1m SchluBabschnitt des [Link] in der A-Fassung werden
beispielsweise bei der Neubearbeitung aIle Sachverhalte in inneren Monolog
iiberfiihrt. 30
Daneben gibt es freilich in der B-Fassung neu geschriebene Pas sagen,
die bewegungsmaBig besonders profiliert sind. Sie dienen einer besseren Aus-
differenzierung der Erzahlsituation (genauere, ausfuhrlichere Bewegungen,
besonders auch in der Zuordnung der Figuren), einer wenigstens vorstel-
lungsmaBigen Ruckbindung von Refiexionspartien, die in der A-Fassung
ganz isoIiert dastehen, einer direkteren Motivation der Handlungsfuhrung
und der Verfugung ihrer einzelnen Einheiten. 31
Noch viel auffalliger ist, daB regelmaBig Beschreibungen und Benennun-
gen seelischer V organge und Eigenschaften, die sich der analytischen Be-
griffssprache bedienten, in der B-Fassung objektiviert, d.h. in direkte Ge-
gebenheiten des Lebens wie Atmosphare, Bewegung, Haltung, Mimik,
Gestik, Rede oder GedankenfiuB umgesetzt wurden oder sogar fehlen.

29 Be 181f. 30 Be 40f.
31 Be 15, 25, 83, 23,17 u. 85.
Kafkas Varianten 559

Judith Ryan erkannte, daB die verba dicendi zugunsten direkterer Dar-
stellungsformen der inneren Welt zuruckgedrangt werden. 32 Aber in glei-
cher Weise sind distanzierte Charakterisierungen der Stimmungslage aufge-
geben:

A: in dieser guten Laune


B: in dieser guten Luft
A: Das schien mir thoricht
B: Was denn noch?
A: MiBhandelt, wie ich war sagte ich
B: Daraufhin konnte ich sagen
A: Mich aber ruhrte es sehr und es wurde mir schmerzlich
B: Als ich noch rasch nach einem Mittel suchte, urn wenigstens ein Weilchen bei
meinem Bekannten bleiben zu durfen
A: Ich hob die Beine ubermuthig und lieB die Gelenke lustig knacken
B: Ich hob die Beine, lieB die Gelenke knacken 33

Weiterhin werden epitheta ornantia reduziert:

A: seinen Mund mit den breiten rothen nassen Lippen


B: seinen Mund mit den nassen Lippen
A: meine rothlichen Hande in den weiBen Manschetten
B: meine Hande in den Manschetten 34

SchlieBlich wandelt Kafka nicht ganz hochsprachliche Hilfsverben in


V ollverben um, verleiht tautologischen oder nichtssagenden Wendungen
eine tiefere Bedeutung und fligt vereinzelt metaphorische Wendungen hin-
ZU. 35
Konfrontiert man nun die von Kafka durch Randstriche ausgezeich-
neten Textstellen mit den eben herausgestellten Kriterien, die flir die Um-
arbeitung offensichtlich maBgabend waren, so ergibt sich kein signifikantes
Ergebnis. Zwar konnten manche Pas sagen, sofern es sich um Neufassungen
handelt, als Verbesserungen der Handlungsfuhrung in dem beschriebenen
Sinn verstanden werden, das aber keineswegs in groBerem MaBe als nicht
durch Striche hervorgehobene Kontextphrasen. Das bedeutet aber, daB

32 Judith Ryan, "Die zwei Fassungen der 'Beschreibung eines Kampfes.' Zur

Entwicklung von Kafkas Erzahltechnik," Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft,


14 (197 0 ), 568 .
33 Be 44f., 24f., 94f., 26f., u. 14f.

34 Be Hf. u. 26f.

35 Z. B. 78f.: "Sie warin demschwarzenKleide" --+"Sietrugeinschwarzes Kleid";

84f.: "mit dem Dunkel der Gasse, in der nur weit von einander gelbe Laternen
waren" --+ "mit dem Dunkel der Gasse, in der Laternen nur weit voneinander und
fast bis in der Hohe der ersten Stockwerke angebracht waren." Vertiefung: Be 14f:
"ihre Lippen waren halbgeoffnet" --+ "in dem schwachen, das ganze Stiegenhaus
erfullenden Lampenschein zitterten ihr die Lippen." Vgl. 92f. Metaphorik: Be
87 u. 91.
559 Hartmut Binder

das Angestrichene nicht die Spezifika der Zweitfassung verk6rpert, Was


ja auch angesichts der Tatsache merkwiirdig ware, daB drei der von Kafka
angestrichenen Passagen mehr oder weniger w6rtlich aus der A-Fassung
iibernommen wurden.
So bietet sich die L6sung an, die fiinfzehn hervorgehobenen Stellen aIs
besonders miBIungene Formulierungen zu verstehen, die gdegentlich ver-
bessert werden sollten. In neun Fallen namlich sind st6rende Wortwieder-
holungen feststellbar, meist sogar mehrere. 1m folgenden Fall sind es nicht
weniger aIs zehn: "Ein Weilchen lang hielt ich den Mund offen, damit mich
die Aufregung durch den Mund verlasse. Ich verstand ihn, er schickte mich
fort. Bei ihm sei kein Platz fiir mich, und wenn vielleicht doch einer hier
ist, so sei er wenigstens nicht zu finden. Warum ich nebenbei gesagt so dar-
auf versessen sei, bei ihm zu bleiben. Nein, ich m6chte nur weggehn - und
dies sofort - zu meinen Verwandten und Freunden, die schon auf mich
warten. Hatte ich aber keine Verwandte und Freunde, dann miiBte ich mir
allerdings allein forthelfen (was hilft die Klage!) nur diirfte ich nicht we-
niger schnell von hier weggehn. Denn bei ihm k6nne mir nichts mehr hel-
fen, nicht meine Lange, nicht mein Appetit, nicht meine kalte Hand. Wenn
es aber meine Meinung sei, daB ich bei ihm bleiben miisse, dann sei das
eine gefahrliche Meinung."36
DaB die vorgeschlagene Deutung der Striche richtig ist, wird noch da-
durch erhartet, daB Kafka sonst in der B-Fassung danach trachtet, Wieder-
holungen auszumerzen: "Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen Kraft
(seines) des K6rpers seinen Schadel und schmetterte ihn seufzend in (seine)
die Handflachen." 37
SchlieBlich weist auch in die angegebene Richtung, daB mindestens bei
vier weiteren angestrichenen Stellen Darstellungsschwachen deutlich ge-
nannt werden k6nnen. Unlogisch ist die foIgende Wendung: '''Es ist Glatt-
eis' sagte ich und verspiirte einen Schmerz im Knie." Denn es ist nicht
einzusehen, inwiefern das Sich-in-Erinnerung-Rufen der Wetterlage mit

36 Be 29ff. ("Schon," "Mund," "fort," "bei ihm," "hier," "bleiben," "weg-

gehn," "Verwandte und Freunde," "helfen" u. "musse"). Die andem Stellen:


Be 27, "Soweit hatte: Schlimmste - wohin?," 31, "Es ist: weniger - haben!"
("Wenn ich schon Ihre Mitteilung nicht brauchte, um wie viel weniger brauche
ich eine Erklarung. Ich brauche namlich nichts als Ihre Gnade"), 33, "Erst dieser:
besser - hatte ich." 37, "Er hatte: uber die - erinnert er" u. "Naturlich, sagte:
Naturlich - immer," 41, "Fur mich: Fur - werfen" ("Ich [Link] mich nicht er-
stechen lassen, ich [Link] nicht weglaufen"), 79, "In den: In den - welches auf"
u. 83, "Das glaube: angesprochen? - habe." Angegeben wurden jeweils die ersten
zwei Worter des Abschnitts, in welchem die durch Randstrich(e) markierte Pas-
sage steht, deren erstes und letztes Wort nach dem Doppelpunkt ebenfalls notiert
ist.
37Be 76f.
Kafkas Varianten 559

dem Gewahrwerden des Schmerzes in Verbindung steht, der doch durch


ein im vorhergehenden Satz berichtetes Stiirzen verursacht ist. 38
Anders das folgende Beispiel: "Jetzt kam offenbar der Mord. Ich werde
bei ihm bleiben und er wird das Messer, des sen Griff er in der Tasche schon
halt, an seinem Rock in die Hohe fiihren und dann gegen mich."39 Der
Mord?
"Mein Kopf lag in der kiihlen Luft und gerade mein rechtes Knie flog
am besten, ich lobte es durch beklopfen."40 Hier wird Heterogenes bloB
syntaktisch zusammen gespannt, zumal das Knie in den vorhergehenden
Satzen iiberhaupt nicht erwahnt, das "gerade" also verkehrt ist.
Von vergleichbarer Briichigkeit ist der folgende Satz: "Seht doch nur,
faBt Mut, da seid Ihr z. B. einmal meiner Meinung und aus Uneigenniitzig-
keit habt Ihr mich angehalten, mir das zu sagen."41 Hier besteht zwischen
den beiden Satzcn weder eine logische, noch eine sachliche Verbindung
(sie widersprechen sich sogar), ein Fehler, der erst in der Zweitfassung auf-
tritt, weil Kafka bei der Umarbeitung den Beter zunachst auf das unmittel-
bar vorhergehende AugenschlieBen des Ich-Erzahlers reagieren lassen
wollte. Dagegen bezieht sich die dann artikulierte Obereinstimmung auf
eine ganz andere Ausdrucksbewegung des Ich-Erzlihlers.
Die zuletzt angefiihrten vier Beispiele haben eine Schwache gemeinsam,
die Kafka fiir kennzeichnend fiir sein Friihwerk hielt. Er beklagt im Tagt-
buch mehrfach die mangelnde Koharenz des Geschriebenen, besonders
deutlich im Herbst 191 I anlaBlich einer Rezitation seiner Automobilgeschich-
te. 42

4. Fliissigkeit und Prlignanz

Die zuletzt analysierten Textstellen lassen vermuten, daB Kafka bei Text-
anderungen nicht nur das Problem der Wortwiederholung vor Augen
hatte. Es gibt eine Fiille gleichartiger Lesarten, die bei fliichtiger Betrach-
tung die schon erwahnte Auffassung zu stiitzen scheinen, daB Kafka den
blasseren Ausdruck gegeniiber dem prlignanteren suche. Einige derartige
FaIle aus allen Schaffensphasen des Autors seien hier, chronologisch ge-
ordnet, zusammengestellt.

38 Be 35.
39 Be F. 40 Be 37.

41 Be 93. Schlecht einordenbar bleiben die beiden folgenden auf Be 29 stehen-

den Passagen: "Aber mit plOtzlicher Wendung sah er mich an - ich war noch nicht
ganz fertig" und "Das muG ich aber sagen, argem k6nnen Sie einen. Dieser un-
nutze Aufenthalt! Also machen Sie endlich SchluG!"
42TI4If.
559 Hartmut Binder

ob es nicht (passend) gut ware


das Stiick Fruchtkuchen schmeckte nicht (gut) besonders
die gesellschaftlichen Aufregungen sind viel (starker) gr6Ber
eine Summe, die man eigentlich nicht (anriihren) angreifen durfte
vor dem Fenster (starr umreifte) Baume starr im Reif
infolge (meines reiferen Verstands) meiner groBen Erfahrung und (klareren)
(tieferen) besseren Einsicht
sie singt ja ihrer Meinung nach vor (stumpfen) tauben Ohren 43

Hier ist freilich nirgends ein Streben Kafkas nach Indifferenz wahrzu-
nehmen, denn ob beispielsweise Aufregungen "starker" oder "grofier"
sind, spielt hinsichtlich des in der Aussage einzig intendierten Intensitats-
grads keine Rolle. Aber auch das Gegenteil trifft naturlich nicht zu: Eine
"bessere" Einsicht ist keineswegs gegenuber einer "klareren" oder "tie-
feren" die genauere Beschreibung, man konnte sogar, etwa beim letzten
Beispiel aus joseftne, zu der Auffassung gelangen, die Lesung des Erstdrucks
sei die fragwurdigere, weil gehorlose Zuhorer dem Vortrag der Sangerin
uberhaupt nicht folgen konnten, was dem Sinn der Erzahlung widerspricht,
wahrend Stumpfheit die Eigenschaft ist, mit der die Mause auch sonst ge-
kennzeichnet werden. Dagegen ist freilich einzuwenden, dafi hier - es hellit
"ihrer Meinung nach" - ein Zitat referiert wird, das eine der auch sonst
fur Josefine kennzeichnenden Ubertreibungen enthalt. So gesehen ware das
sachlich Unrichtige sogar das Exaktere als das an sich Pragnante!
Da sich innerhalb des von Kobs herausgestellten Begriffspaars die Ande-
rungen nicht sinnvoll verstehen lassen, kann man sie nur deuten als Kafkas
Absicht, den jeweils gangigsten, gebrauchlichsten Ausdruck fur eine Sache
zu finden. Grofie Aufregungen oder Erfahrungen sind zweifellos die un-
auffalligsten Formulierungen fur das Gemeinte, die das Medium ihrer Ver-
mittlung, den sprachlichen Terminus, fast unsichtbar machen. Der darin
sich zeigenden Neigung wegen befolgt Kafka, soweit moglich, auch die
alte Schulregel, in der Literatur hatten Fremdworter nichts zu such{.n: Das
Wort "passiere" wird zu "geschehe," "fundiert" zu "begrundet," "Metho-
de" zu "Art" und "System" zu "Plan."44
Die in den Beispielen sichtbar werdende Tendenz ist jedoch nur die eine
Seite eines komplexeren V organgs, denn andererseits mufi man aus dem
Studium der Varianten die Dberzeugung gewinnen, dafi Kafka urn aufierste
Treffsicherheit des Ausdrucks bemuht ist, um genaueste Abgrenzung eines
Sachverhalts, um situative Stimmigkeit des Erzahlablaufs.
Der Erzahler der Beschreibung eines Kampfes sagt in das hubsch gerotete

43 Vgl. Be 16f., E 7z, B IZO, z80 u. E z7z.


U Vgl. E lIZ, B 288, E 250 u. 251.
Kafkas Varianten 559

Gesicht seines Begleiters - "hinauf" erganzt die zweite Fassung, well an


dieser Stelle ein Sitzender einen Stehenden anredet. DaB derartige Personen-
zuordnungen auch in spaterer Zeit genau beachtet werden, zeigt eine win-
zige Anderung in der Handschrift der Verwandlung. Um Gregor von der
ohnmachtigen Mutter abzuhalten, schlagt Grete vor ihm "mit der FuB-
spitze" die Tiir zu. Dazu hatte sie sich freilich umdrehen miissen, obwohl
sie doch, wie im Kontext versichert wird, ohne sich beim Bruder irgend-
wie aufzuhalten, ins Nebenzimmer eilt. Also muB in "mit dem FuBe" ge-
andert werden.
Natiirlich war die urspriingliche Lesart nicht einer Lassigkeit Kafkas
entsprungen; da er auf die Figurenkonstellation stets zu achten pflegte,
muB ihm diese auch hier plastisch vor Augen gestanden haben. Vielmehr
ist anzunehmen, daB Gretes Handlung zunachst als Geste verstanden wer-
den sollte, die mit ihrem sonstigen Verhalten dem Verwandelten gegeniiber
va1lig harmoniert: Alles, was mit dem Ungeziefer zusammenhangt, ist ihr
derart widerwartig, daB sie jede Beriihrung seines Bereichs tunlichst ver-
meidet. Deshalb die FuBspitze. Erst als Kafka den Widerspruch zur spe-
ziellen Situation bemerkte, stellte er deren Stimmigkeit iiber die ja aus
andern Stellen ablesbare Gesamtauffassung der Figur. 45
1m Manuskript des Kiibelreiters steht der Satz: "'Ich hare gar nichts,'
sagt die Frau, ruhig ein- und ausatmend iiber den Stricknadeln, wohlig im
Riicken gewarmt." Nach dem Sprechen und bei entspanntem Dasitzen,
wenn die Atmung richtig arbeitet - Kafka wurde auf diese Zusammen-
hange mindestens wahrend seiner Aufenthalte in Naturheilsanatorien hin-
gewiesen -, ist aber die Reihenfolge umgekehrt, und so heiBt es dann im
Erstdruck: "aus- und einatmend."46
Nicht weniger penibel ist Kafka, wenn es um die genaue Bestimmung
unanschaulicher Sachverhalte geht. Die beriihmte Episode von der im
Griinen jausenden Frau in der Beschreibung cines Kampfes, die Kafka auch
in einem Brief als wirkliches Erlebnis erzahlt, wird im Text der Erzahlung
selber mehrmals erwahnt und kommentiert. Kann es da ein "einfacher"
Vorfall sein, wie die A-Fassung will? Das ware unvereinbar mit der im
Kontext vorausgesetzten Vielschichtigkeit, die trotz der Alltaglichkeit und
Natiirlichkeit des Geschehens besteht. Also schreibt Kafka in B: "Ein so
gewahn1icher Vorfall!"47
Gregor Samsa erschrickt, als er seine der Mutter antwortenden Stimme
hart, "die wohl unverkennbar seine eigene" ist, in die sich aber ein Piepsen
mischt. Dann ist es aber doch nicht mehr Gregor, freilich auch kein Frem-

45 Be II u. E II4.
46 Prager PreSS6, 1921, Nr. 270, Morgen-Ausgabe yom 25.12., S. 2.2., vgl. B 12.I.
47 Be 94f., vgl. 90 ll. 12.2..
559 Hartmut Binder

der, und so verbessert Kafka sofort in "die wohl unverkennbar seine frii-
here war."48
Einer gesonderten Betrachtung bediirfen die Falle, wo die endgiiltige,
vielgliedrige Formulierung erst iiber mehrere, allmahlich umfanglicher
werdende Zwischenstufen gefunden wird. Kobs teilt zwei typische Bei-
spiele aus der Handschrift des Verschollenen mit, namlich die Beschreibung
des amerikanischen Schreibtischs im zweiten Kapitel und die Passage iiber
die Loge des amerikanischen Prasidenten im "Naturtheater von Okla-
homa." Kobs findet, wie iiberhaupt im Roman, eine Konzentration auf
das Detail, die das Beobachtungsfeld einenge und den Funktionszusammen-
hang zerbreche. Kafka wolle dadurch das Verfehlte in der Sehweise seiner
Hauptgestalt sichtbar machen. Je mehr sich Karl bemiihe, selbst minimale
Einzelheiten zu erfassen, desto mehr nehme er nut noch Projektionen der
eigenen Subjektivitat wah!. Dadurch entsteht eine Diskontinuitat der Be-
[Link], eine Isolierung de! Beobachtungskomponenten, die diese
ins Undeutliche bringt. 49
Diese Auffassung Hillt sich aber am Text in keiner Weise ablesen: "Rings
urn die Loge von den Seiten und von den Hohen kamen Strahlen von
Licht." So beginnt die Beschreibung der Prasidentenloge. Urn die Art der
Lichtwirkung zu erklaren, spricht Kafka dann in zwei wieder gestrichenen
Fortsetzungen zunachst davon, daB die "Lichtquellen" auBerhalb des Bild-
ausschnitts lagen, entschlieBt sich jedoch noch sofort wahrend des Schrei-
bens, den Sachverhalt nur indirekt darzustellen, durch die Art und Weise
namlich, wie die Loge in Licht getaucht ist:

weiBes und doch mildes Licht enthtillte fOrmlich


(I) zwischen und tiber dem Goldgelander
(II) den Vordergrund der Loge,
wahrend ihre Tiefe hinter
(I) ringsum fallenden und durch Schntire gelenktem
(II) rotem (1) mit
(2) unter vielen Tonungen sich faltendem Samt der
(a) ringsum
(b) an der ganzen U mrandung niederfiel und durch Schntire gelenkt
wurde, als eine dunkel rotlich schimmernde Leere erschien. 50

Es ist der entfernte Standort des Lichts, der die beschriebenen Farb-
differenzierungen bewirkt. Die ihm zugewandte Logenbriistung erscheint
scharf profiliert, das dahinter liegende Innere verdammert in den Reflexen
des zuriickstrahlenden Samts und in den wenigen direkten Lichtstrahlen,

48 Vgl. E 74.
49 Kobs, Kafka, S. 172, 183, 189 U. 191.
50 Vgl. Kobs, Kafka, S. 223 u. A 327.
Kafkas Varianten 701

die in dies en Hintergrund dringen k6nnen. Die ganze Beschreibung ist


scharf konturiert, die Details erscheinen zwar geschachtelt, weil Kafka die
ganze Beschreibung in einem einzigen Satzbogen unterbringen will, werden
aber gerade dadurch keinesfaHs autonom. Die erste Variante zeigt sogar,
daB Kafka eine urspriinglich erstrebte Differenzierung wieder zuriick-
nimmt, der Verlauf des Folgenden imitiert das bei der Betrachtung eines
derartigen Objekts natiirliche Wandern der Augen von AuBen nach Innen,
eine Technik, die Kafka bei Beschreibungen regelmaBig deswegen an-
wendet, um die Wahrnehmung als Erlebnis eines Perspektivtragers er-
scheinen zu lassen (erlebter Eindruck).51
Richtig ist an der Interpretation von Kobs, daB Kafka Details bevorzugt,
was aber nur beweist, daB dieser selbst typologisch einer derartigen Wahr-
nehmungsweise unterlag, zu der es keine Alternative gab, vor aHem, da
Kindheitserlebnisse verstarkend wirkten. 52 Natiirlich ist der Sachverhalt
Kafka und seinen Freunden nicht verborgen geblieben. Er selbst meinte:
"Mehr als Kleinigkeiten kann man mit bloBem Auge dort, wo Wahrheit
ist, nicht sehn." Und Max Brod schreibt in dies em Zusammenhang in sei-
nem biographischen Roman Zauberreich dtr Liebe iiber Kafka, der hier als
Garta figuriert:

Gartas Erlebnisse sind immer ltickenhaft, es wird immer nur das einzeme er-
faBt, das allerdings mit liebevoller Eindringlichkeit bis in die Tiefe; aber von
Vollstandigkeit ist nie die Rede. Leicht konnte auch dies in schablonenhaftes Lob
gedreht werden: ein intensives, nicht registrierstichtiges Leben. Aber Gatta emp-
findet es nicht als Vorrang, nur als personliche Schwache, als Mangel, daB er
nicht auch flir das vollstandige Erfassen ausreicht. 53

Hier liegt wohl der Grund, warum Kafka detailreiche Komplexe 6fters
erst nach mehreren Ansatzen zu gestalten vermochte: Die unter kiinstleri-
schen Gesichtspunkten notwendige Einheit des Beobachteten muBte gegen
die eigene Erkenntnisschwache erzwungen werden.

Vgl. meine Arbeit Motiv und Cestaltung hei Franz Kafka, S. 244ff.
51

Vgl. z.B. folgende Passage im Brief an den Vater: "Um mich Dir gegentiber
52

nur ein wenig zu behaupten, zum Teil auch aus einer Art Rache, fing ich bald an,
kleine Lacherlichkeiten, die ich an Dir bemerkte, zu beobachten, zu sammeln,
zu tibertreiben." (Franz Kafka, Hochzeitsvorhereitungen auf dem Lande, S.18I.)
Franz Kafka, Briefe an Milena (1952), S. 63 f.: "Auch darfst Du nicht verges sen,
daB Scherz und Ernst zwar an sich leicht zu unterscheiden sind, aber bei Men-
schen, die so bedeutend sind, daB das eigene Leben von ihnen abhangt, ist das
doch wieder nicht leicht, das Risiko ist Zu groB, man bekommt Mikroskop-Augen,
und wenn man die einmal hat, kennt man sich tiberhaupt nicht mehr aus." Vgl.
dazu auch Hans Christoph Buch, Ut Pictura Poesis: Die Beschreihungsliteratur und
ihre Kritiker von Lessing his Lukdcs (1972), S. 242f.
53 Br 141 u. Max Brod, ()her Franz Kafka, S. I09f.

559
559 Hartmut Binder

Was bei konkreten Objekten die Details sind, das sind bei abstrakten
Komplexen die Aspekte und Nuancen, die Kafka in vergleichbarer Weise,
wenngleich aus anderen Grunden, zu erfassen sucht. Wenigstens ein Beleg
sei angefuhrt, und zwar aus den Forschungen tines Hundes, wo gleich am An-
fang die Art der Untersuchungen spezifiziert wird, denen der Erzahler sein
Leben gewidmet hat. Dieser ist also beschaftigt mit

(I) kleinen
(2) kleinen hoffnungslosen, aber mir (a) wohltuenden
(b) unentbehrlichen
(3) kleinen dilettantischen hoffnungslosen, aber mir unentbehrlichen, also doch
wohl trotz allem geheime Hoffnung gebenden Untersuchungen. 54

Nur rezeptionsasthetisch lassen sich solche Bestimmungen wohl kaum


wurdigen, man konnte aus dieser Optik hochstens sagen, daB der darsteIle-
risch intendierte Doppelaspekt von objektiver Irrelevanz und subjektiver
Bedeutung in der endgultigen Fassung emphatisch ausgefaltet wird, uber
die Art der verwendeten Begrifflichkeit allein aus dem Kontext jedoch
nichts Schlussiges ausmachen. Tatsachlich durfte das Movens der Verande-
rung in diesem FaIle auch vor aHem auBerkunstlerischer Natur sein. Es ist
bei dieser autobiographischen Erzahlung offensichtlich, daB der fragliche
Sachverhalt lebensgeschichtliche Analoga hat. Das bedeutet jedoch, daB
derartige literarische Manifestationen auf den Autor als reale Fakten zu-
rUckwirken und seine wirklichen Entscheidungen mitbestimmen. Des-
wegen ist es notwendig, daB solche Modelle und Hilfsvorstellungen fur
die Bewaltigung existentieller Schwierigkeiten diese moglichst genau wie-
dergeben, und eben das ist die Triebkraft, die fur die nahere Bestimmung
der Forschungen des Ich-Hundes verantwortlich ist.
Was in der angegebenen Passage als Stufe zwei erscheint, entspricht ge-
nau der Selbstdeutung seines literarischen Schaffens, die Kafka fast gleich-
zeitig mit der Niederschrift der Forschungen eines Hundcs gab: Einerseits sei
fUr ihn das Schreiben zwar "das Wichtigste auf Erden," andererseits er-
kenne er "ubergenau" auch dessen vollstandige Wertlosigkeit an sich, die
er ubrigens fur so groB hielt, daB er es ablehnte, das derart Entstandene
AuBenstehenden auch nur vorzulegen. 55
Die letzte Formulierung det Phrase gehort erst der zweiten, zeitlich min-
des tens einige W ochen spater liegenden Fassung der Erzahlung an. Schaf-
fenspsychologisch ist dicser Befund insofern zu wurdigen, als man davon
auszugehen hat, daB sich erst im Verlauf der Niederschrift der Forschungen
cines Hundes aIle Komponenten des Vorstellungskomplexes artikulierten.

54 Vgl. B 241.
55 Br 431 (der Briefist auf Friihjahr 1922 zu datieren), vgl. 444.
Kafkas Varianten 559

An spaterer Stelle der Erzahlung namlich ist in einer yom Autor wieder ge-
tilgten Passage davon die Rede, daB die beschriebenen Untersuchungen
nicht der Ergebnisse wegen betrieben wiirden, sondern immer nur im Hin-
blick auf das Hundevolk, das dadurch ermuntert werden soll,56 eine Be-
lebung, die, so wird man erganzen diirfen, angesichts der im Text immer
wieder zutage tretenden engen Kopplung zwischen Volksganzem und Er-
zahler, auch dessen eigener Erkenntnisfahigkeit dienen wiirde.
Diese Aussage ist fast nur eine andere Formulierung fiir eine Briefstelle,
wo Kafka sein in menschenferner Isolation sich vollziehendes Schreiben
als Ausdruck einer Sehnsucht nach der Gemeinschaft versteht: "Dieses
ganze Schreiben ist nichts als die Fahne des Robinson auf dem hochsten
Punkt der Insel." Der postulierte Zusammenhang wird noch wahrschein-
licher, wenn man bedenkt, daB der Brief im Juli 1922 geschrieben wurde,
also absolut zeitgleich mit der Konzeption der Forschungcn cines Hundes ist. 57
In die gleiche Richtung weist der allerletzte Abschnitt der Erzahlung, wo
das allerdings kiimmerliche Gewachs der Freiheit als Ergebnis der Unter-
suchungen verbucht wird, wahrend der ihnen feindlichen Wissenschaft als
Ganzer die Fahigkeit abgesprochen wird, irgendwelche Erkenntnisfort-
schritte zu erzielen. 58
Beide Momente beriicksichtigt Kafka in der spateren Oberarbeitung,
indem er die in der epischen Keimzelle des Ganzen gesetzte Hoffnungs-
losigkeit dialektisch relativiert. Wie verhalt es sich aber mit der anderen
Erganzung, dem Aspekt des Dilettantischen?
Aus der Lektiire von Dichtung und Wahrhcit muBte Kafka Goethes Aus-
sage zu diesem Sachverhalt bekannt sein. 1m 13. Buch wird es als Fehler
alIer Dilettanten bezeichnet, "mit dem schwersten anzufangen, ja sogar das
Unmogliche leisten zu wollen." In diesem Sinn habe er sich bald in groBere
Unternehmungen verwickelt, in denen er stecken geblieben sei, weil es an
Begabung und den erforderlichen charakterlichen Tugenden gefehlt habe. 59
MuBte sich Kafka im Herbst 1922 nicht dasselbe sagen? Hatte er doch
im Friihjahr, nach mehreren vergeblichen Versuchen in dieser Gattung,
erneut sich an die ihm besonderen Widerstand entgegensetzende GroB-
form des Romans gewagt, wie in allem so auch hier den Anspruch auf V 011-
kommenheit der Gestaltung erhebend, und war damit eben wieder und
endgiiltig gescheitert. Der Begriff lag also nahe damals, auch wenn Kafka
ihn bloB im Sinn der Konvention gebraucht haben sollte. Denn was ist
es anderes als sachunkundiges Herumstiimpern, wenn keine "grundlegende

06 1m Manuskript hinter B 271: " ... bis er ausbleibt."


57 Br 392, zur Datierung der Erziihlung vgl. meinen Kafka-Kommentar zu sam/-
lichen Erzahlungen (1975), S. 261.
5! Vgl. B 290, 267 U. 271.

59 Goethes Werke, Band IX: Aus meinem Leben: Dichtung und Wahrheit, S. 564.
559 Hartmut Binder

eingeborene ehrenhafte Schriftstellereigenschaft" vorhanden ist, wenn der


Schriftsteller, wie Kafka besonders in der Zeit, als er die Forschungen eines
Rundes revidierte, schreibunfahig ist oder hochstens "Flickarbeit," "Ge-
kritzel" zustande bringt?60 Gerade Ende 1922, als ein SchaffensstoB von
einigen Monaten zuende war, der nur ein einziges akzeptables Ergebnis,
den Rungerkiinst/er, hervorgebracht hatte, war diese Selbstdeutung ange-
bracht, mehr als im Juli dieses Jahres, wo noch die Hoffnung bestand,
das 5ch/of vollenden zu konnen: Von den damals geschriebenen Kapiteln
hielt Kafka sogar mehr als von den zuvor in Prag entstandenen. 61

5. Abstraktion und Konkretion

Zu den Grundsatzen, die Kafka schon 1910, bei der Umarbeitung der
Beschreibung eines Kampfes, befolgte, gehort auch seine Neigung, innere V or-
gange nicht in abgezogenen Begriffen darzustellen, sondern direkt als Pha-
nomene zu zeigen. Die folgenden Beispiele geben einen Eindruck davon,
daB er diese GesetzmiiBigkeit auch spater beachtete:

(Traurig) langsam nahm er das Tuch von Brunelda ab


'Himmlicher Vater!' dachte er (erschrocken)
Mit diesem Brief in der Hand war Georg (still) lange, das Gesicht dem Fenster
zugekehrt, an seinem Schreibtisch gesessen
wahrend Josefine ihr Triumpfpfeifen anstimmte und (vor Selbstzufriedenheit)
ganz auBer sich war 6 '

Angesichts solcher Varianten ist es leicht einzusehen, daB die in der For-
schung weitverbreitete Behauptung, Kafkas Sprache sei kalt und gefuhllos,
einem MiBverstandnis entstammt. Denn Kafka andert ja nicht deswegen,
wei! er nicht will, daB Karl RoBmann traurig, Gregor Samsa erschrocken,
Georg Bendemann still und J osefine selbstzufrieden erscheinen, sondern
er war offenbar der Meinung, daB die Verfassung der Figuren im ersten
und dritten Fall durch die Art ihrer Bewegung und die Dauer ihrer Haltung
besser reprasentiert sei als durch direkte Benennung.
In den beiden andern Beispielen hat der auf auBerste Okonomie der
Darstellungsmittel bedachte Autor Dberflussiges gestrichen: Gregors Aus-
ruf und der Begriff "Triumpfpfeifen" verdeutlichen genugend die Gefuhls-
lage der beschriebenen Figuren. Der Grund fur die Bevorzugung von Aus-
drucksbewegungen, fur die Tendenz, Psychisches an seinen somatischen

60 Br 392, T 582 u. Br 472.


61 Vgl. Br 413. Zu seinem Freund Oskar Baum sagte Kafka tiber seinen Gruft-
wachter: "Das einzig Nicht-Dilettantische an dem Sttick ist, daB ich es nicht vor-
lese." (Max Brod, Der Prager Kreis [1966], S. 132.)
62 Vgl. A 355, E 73, 58 u. 272.
Kafkas Varianten 559

Folgeerscheinungen zu veranschaulichen, liegt wohl vor aHem in Kafkas


Typologie: Jegliche Abstraktion, auch begriffliche Eindeutigkeit, war ihm
zuwider. Er hielt sich an die greifbaren Phanomene, vor aHem an die op-
tische Wahrnehmung. 63
In dies em Zusammenhang muE man auch die biIderreiche Sprache sehen,
derer sich Kafka in Lebenszeugnis und Dichtung gleichermaBen bedient.
Sprachliche Zusammenhange, die bildhafte Komponenten enthalten, waren
die ihm gemaBe Art, in Allgemeinvorstellungen zu denken. 64 Es wurde
schon darauf verwiesen, daB in der Zweitfassung der Beschreibung eines
Kampfes Sachverhalte durch zusatzliche Bilder plastisch angereichert wer-
den. In vergleichbarer Weise arbeitete Kafka auch die Hochzeitsvorberei-
tungen auf dem Lande um. 65 Aber die Verwendung metaphorischer Wen-
dungen schuf auch Probleme, die jetzt besprochen seien. Schon im Jahr
1910 notierte Kafka im Tagebuch miBlungene Stellen aus Erzahlungen,

die sich durch eine iiberladene, sinnverwirrende Bildlichkeit auszeichnen. 66


Und in der Folgezeit finden sich dann immer wieder Stellen, wo er, ganz
entgegen seiner eben beschriebenen Vorliebe, zunachst gewahlte konkre-
tere Versionen eines Erzahlumstandes zugunsten einer abstrakteren getilgt
hat.
Ein Beispiel aus Brstes Leid. Nur durch ununterbrochene Arbeit in der
H6he der Zirkuskuppel kann der Trapezkiinstler seine Kunst davor be-
wahren, "den geringsten Schatten anzusetzen." Eine verstandliche Formu-
lierung, antithetisch dem Sonnenlicht entgegengesetzt, das im Kontext
artikuliert wird, auch als Wortspiel assoziationsfahig zu Kafkas Lungen-
krankheit, die sich als Schatten auf den R6ntgenbildern manifestierte, zur
Zeit der Niederschrift des Textes, in der kalten, das Leiden verschlimmern-
den Jahreszeit, starker als je zuvor. Trotzdem verbessert Kafka. Der auBer-
ordentliche Kiinstler vermag seine Kunst nur durch dauerndes Training
"in ihrer V ollkommenheit" zu bewahren.
Die Griinde? Einmal vielleicht der Umstand, daB die Metapher nicht
eigentlich konkretisiert, denn eine derart beschattete Varietenummer ist
um nichts plastischer als eine unvollkommene, dann wohl auch, daB der
Begriff der V ollkommenheit eines der wenigen von Kafka beniitzten Ab-
strakta war, der in dem von der Erzahlung gestalteten autobiographischen
Zusammenhang unbedingt angebracht war.67

63 Vgl. Max Brod, Ober Franz Kafka, S. 49 u. F 317.


64 Vgl. Max Brod, Ober Franz Kafka, S. 71: "nicht nur, wenn es um so groBe
Themen ging, offenbarte sich Kafkas anschaulich starke Bildkraft, sondern immer,
ununterbrochen. "
65 Vgl. z.B. Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande, S. 7 mit H.

66 Vgl. T 31.

67 Vgl. E 241, vgl. Br 365,366 u. Br 295f.


559 Hartmut Binder

In dieser Vermutung wird man, zum Teil wenigstens, durch eine Stelle
in Joseftne bestatigt. Einmal ist dort davon die Rede, der Aufschwung der
Musik passe nlcht "fur die dringendsten Erfordernisse des taglichen Le-
bens," und Kafka andert gleich in "fur unsere Schwere." Der zuletzt ge-
nannte Ausdruck ist ein Schlusselbegriff, besonders in Kafkas Spatzeit.68
Freilich sind hier die Alltagsbedurfnisse der fur Kafka abstraktere Begriff
gewesen, die Milena-Briefe zeigen, daB sich fur ihn "Schwere" mit auf-
faIligen Bildvorstellungen verband. Es handelt sich also eigentlich um ein
Beispiel fur Konkretisierung, dem aber stilistische Gesichtspunkte uber-
geordnet sind. Denn in der spateren Fassung entsteht eine Antithese (Auf-
schwung-Schwere), wahrend vorher die Gegensatzlichkeit der mit der
Musik verbundenen Wirkung zur Lebensform der Mause nur mithilfe
eines zu interpolierenden Gedankens fuhlbar wurde.
Wieder anders ist die folgende Passage aus Joseftne zu bewerten, der zu
Vergleichszwecken ein Ausschnitt aus dem Kiibelreiter beigegeben ist:

Ich war einmal zugegen, als sie jemand, wie dies nattirlich ofters geschieht,
auf das allgemeine Volkspfeifen aufmerksam machte, und zwar nur ganz beschei-
den, so wie man etwa einem Reichen durch den Hinweis darauf, daJ3 man selbst
noch nicht verhungert ist, gewiJ3 nicht wehtun, sondeen eher zum ungestorten
GenuJ3 seiner Reichttimer verhelfen will.
ich muJ3 ihm ganz genau nachweisen, daJ3 ich kein einziges Kohlestaubchen
mehr habe und daJ3 er daher ftir mich geradezu die Sonne am Firmament bedeutet.
Ich muJ3 kommen wie der Bettler, der rochelnd vor Hunger an der Tiirschwelle
verenden will und dem deshalb die Herrschaftskochin den Bodensatz des letzten
Kaffees einzufioJ3en sich entscheidet. 69

Warum hat Kafka im ersten Fall den Vergleichssatz gestrichen, als er den
Text fur den Druck vorbereitete, im zweiten Beispiel aber nicht? Dafur
gibt es verschiedene Grunde. An der Stelle aus Joseftne handelt es sich um
die feinere Ausdifferenzierung eines an sich verstandlichen und ausdruck-
lich genannten Begriffs, um eine besondere Art der Bescheidenheit, die
aber nun durch den Wie-Satz nicht verbildlicht, sondern nur erklart wird.
Denn es sind hier die Motive genannt, die dem Umgang weniger Beguter-
ter mit Reichen zugrunde liegen.
Anders im Kiibelreiter. Was sich die Titelfigur als Verhaltensmuster vor-
nimmt, ist nur im Bild (und auf einfache Weise auch bloB so formulier-
bar), das uberdies, weil es eine Szene darstellt, optisch leicht realisierbar ist.
Vielleicht sind aber die beiden erwahnten Gesichtspunkte gar nicht ent-
scheidend, sondern der unterschiedliche Grad der Einbettung der Bildvor-
stellungen in ihren Kontext, also das MaB ihrer epischen Integration. Der

68 Vgl. E 281, F 107, Franz Kafka, Briefe an Milena, S. 168, 221, 22.8 u. 2.44.
89 E 271 U. B 12.0.
Kafkas Varianten 559

Ktibelreiter ist ja tatsachlich ein Bettler, vollig ohne die benotigte Kohle
und deswegen mit dem kleinsten Almosen zufrieden. Dnd die im Vergleich
genannte Ttirschwelle ist auch, als Tiir der Kohlenhandlung, der Schau-
platz der Erzahlung. SchlieBlich wird die So-wie-Beziehung im nachsten
Satz direkt expliziert, wenn Kafka fortfahrt: "ebenso muB mir der Hand-
ler ... eine Schaufel voll in den Kiibel schleudern."
In Josefine gibt es nicht derartige Verkntipfungen mit dem Erzahlgang,
auch nicht tiber den Gegenstandsbereich des Bildes selber. Dieses droht
sich, indem es den Leser auf einen nicht zur Geschichte gehorigen Reichen
ablenkt, zu verselbstandigen, und dies widersprache Kafkas asthetischen
Prinzipien, zu denen strengste Funktionalitat aller Details ja gehort.
Die Beachtung dieses Grundsatzes kann, ganz unabhangig von bild-
haften Formulierungen im engeren Sinn, dazu fiihren, daB an sich er-
wtinschte plastische Details durch bloBe Nomina der inneren Regung er-
setzt werden. So zu Anfang des dritten Kapitels der Verwandlung, wo be-
richtet wird, welche Vorstellungen Gregor in seinen schlaflosen Nachten
erscheinen. Es sind Freunde und Bekannte, die ihn umkreisen und, Ge-
sprache verweigernd, Kniebeugen vor ihm machen. Eine schaffens psycho-
logisch verstandliche Veranschaulichung, wenn man bedenkt, daB Kafka
in ganz ahnlichen Vorstellungen die ihn bedrangenden Nachtgespenster
beschreibt, aber unnotig im Kontext der Erzahlung, und so verktirzt er
noch in der Handschrift zu der Aussage, die schon halbvergessenen Ge-
stalten seien "unzuganglich und hochmtitig" gewesen. Schon im Erstdruck
heiBt es dann nur noch "unzuganglich." 70
Die bisher gegebenen Belege verdeutlichen demnach mehr technische
Fehler und Dngeschicklichkeiten, die bei der Verwendung metaphorischer
Wendungen vorkamen, als die grundsatzlichen Schwierigkeiten, mit denen
Kafka zu kampfen hatte. Diese werden zuniichst faBbar in einigen bemer-
kenswerten Aussagen in den Lebenszeugnissen. Bekannt ist die Stelle, wo
Kafka innerhalb einer Kritik am David Copperfield Dickens den Gebrauch
von abstrakten Metaphern vorwirft, die das Gemeinte nur verschwommen
erscheinen lieBen. Geht man davon aus, daB das Wort abstrakt hier eine zu
weitgehende Entfernung yom Beobachtungsobjekt meint, dann beanstan-
det Kafka Generalisierungen von als einmalig gedachten Erscheinungen,
die tiberdies durch ungenaue tertia comparata oder schlecht passende Struk-
turen der comparata keine klareAnschauung mehr vermitteln. 71
Erhellender noch ist ein Tagebucheintrag yom 6. Dezember 1921: "Aus
einem Brief: 'Ich warme mich daran in dies em traurigen Winter.' Die Me-
taphern sind eines in dem vielen, was mich am Schreiben verzweifeln laBt."

70 E 122.
71 T 536, vgl. F 396.
559 Hartmut Binder

Das von Kafka verwendete Beispiel stammt aus einem an Robert Klop-
stock gerichteten Brief, wo als Sachebene die fur Kafka als "Wunder uber
Wunder" verlaufende Lebenslinie eines ihm bekannten Madchens sichtbar
ist. Es geht also nicht vor allem urn das Zusammenspiel zwischen dem
Attribut "traurig" und dem bloBen Zeitbegriff "Winter," dem der meta-
phorische Charakter zukame,72 sondern um den im Verb gesetzten V or-
stellungszusammenhang, der auch sonst in den Lebenszeugnissen und im
literarischen Werk bedeutsam ist. Es liegt eine Dbertragung in einen andern
Lebensbereich vor, wenn die aus fremdem Schicksal einstramende Er-
munterung und Belebung als Sich-Warmen bezeichnet wird. Erst die Fort-
setzung des Zitats zeigt die Ursache des Problems:

Die Unselbstandigkeit des Schreibens, die Abhangigkeit von dem Dienst-


madchen, das einheizt, von der Katze, die sich am Ofen warmt, selbst vom armen
alten Menschen, der sich warmt. Alles dies sind selbstandige, eigengesetzliche
Verrichtungen, nur das Schreiben ist hilflos, wohnt nicht in sich selbst, ist Spaf3
und Verzweiflung. 73

Die Deutung dieser Aussage wird dadurch erschwert, daB das Beschrie-
bene selber ein Gleichnis fur die Schwierigkeiten bei der Verwendung von
Bildern ist, die ihrerseits wieder symptomatisch fur das Schreiben iiber-
haupt sind. Die Selbstandigkeit der drei erwahnten "Verrichtungen" be-
steht in ihrer Realitat, im greifbaren Vorhandensein. Ais Temperatur meB-
bare und auf Karper einwirkende Warme ist, beispielsweise, im Winter
auBere Schreibvoraussetzung. Aber ein solcher Sachverhalt wird auch bild-
lich gebraucht, insofern er zur Beschreibung psychischer V organge ver-
wendet werden kann: Wie sich die Katze am Ofen warmt, so Kafka an der
Lebensgeschichte eines bestimmten andern Menschen. Das ist naturlich
dann kein adaquates V okabular, und Kafka spricht denn auch in einem
Aphorismus davon, die Sprache kanne fur alles Geistige nur andeutungs-
weise gebraucht werden. 74
Bei der Verwendung uneigentlicher Rede wird es aber besonders deut-
lich, daB beim Schreiben Sachverhalte nur durch Worte hervorgebracht
werden, und das schafft Verzweiflung. Die Vergleichsbereiche sind in-
kommensurabel: Kafka erwarmt sich ja nicht tatsachlich wahrend der Win-
terkalte aufgrund der ihm iiber das erwahnte Madchen zukommenden In-
formationen, ist aber, gerade wegen seiner Neigung zum Greifbar-An-
schaulichen, auf derartige Parallelvorstdlungen angewiesen.
So entsteht eine Ambivalenz den eigenen Metaphern gegeniiber. Eine

72So Kobs, Kafka, S. II!.


73 T 550, Br 364 u. T 55!.
74 Vgl. Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande, S. 45, ganz allgemein

zum Problem auch J6rg Anderegg, Fiktion und Kommunikation (1973).


Kafkas Varianten 559

bildhafte Reprasentation seines Lebenslaufs weist Kafka mit den Worten


"Nichts, nur Bild, nichts anderes" zuriick. Eine wenig spater verfaBte
Passage, die in verschiedenartigen Veranschaulichungsbereichen Daseins-
mogIichkeiten verdeutlichen solI, kommentiert er unter Anspielung auf
die Bilderverachtung des Alten Testaments: "lhr sollt euch kein BiId.... " 75
In dies em Spannungsfeld ist nun auch eine Stelle in den Forschungen eines
Hundes zu sehen. Dort berichtet der Ich-Erzahler, er habe nicht allein das
Wissen, sondern auch den Schliissel zu diesem nur gemeinsam mit allen
andern Hunden. 1m zweiten Arbeitsgang wird das verdeutlicht: "Eisernen
Knochen, enthaltend das edelste Mark, kann man nur beikommen durch
ein gemeinsames BeiBen aller Zahne aller Hunde." Diese Anschauung
wird nun aber sofort relativiert - "Das ist natiirlich nur ein Bild und iiber-
trieben" - und auf der gleichen Ebene rektifiziert: Schon die Bereitschaft
aller enthobe des BeiBens. Eingeleitet durch die Wendung "Bleibe ich
innerhalb dieses BiIdes" folgen nun zehn ZeiIen, in denen die vorgestellte
Situation in ihren wesentIichen Momenten entfaltet ist.
Auch damit ist Kafka noch unzufrieden, doch geIingt es ihm kurzfristig,
die jetzt "ungeheuerlich" klingende Formulierung auf der Ebene der Fik-
tion selbst zu prazisieren, er fahrt namIich fort: "es ist nur ein BiId," ein
unpassendes ist gemeint, denn ein interpretierender Nachsatz verkehrt die
Sache ins "Gegenteil," indem er die erwahnte "Speise" zum "Gift" macht.
Dann jedoch streicht Kafka diese ganze bildhafte Begriindung fiir die
Erkenntnisschwierigkeiten der Hundeschaft und ersetzt sie durch eine alI-
gemeinere Wendung, die zwar ebenfalls an den erklarungsbediirftigen Aus-
gangspunkt, das dialektisch verstandenen Verhaltnis zwischen einzelnem
und Gemeinschaft, ankniipft, aber doch so, daB jetzt bloB eine Spezifizie-
rung dieser Beziehung gegeben wird, nicht mehr eine Darstellung gemein-
samer Aktivitat: Das, was der einzelne von seinem V olke kenne, wird in
Anlehnung an eine friihere Aussage der Erzahlung erklart, sei ebenfalls
Eigentum aller Hunde, nur das Verhaltnis zu dies em gemeinsamen Eigen-
tum sei ein anderes.
Aber auch das ist nur eine Zwischenstufe, die Kafka nicht befriedigte.
Sie wurde ersetzt durch die Behauptung, daB gemeinschaftIiches Handeln
ein schon seit langem verworfener Traum sei. Als mit der Erzahlidee un-
vereinbarer Irrweg muB das ebenfalls wieder annulliert werden, denn im
weiteren Verlauf des Textes ist ganz versteckt eine mogliche Fiihrungs-
rolle des Forschenden in der Gemeinschaft angedeutet. 76
Es ist klar, daB hier keine iibliche Darstellungsschwierigkeit vorliegt,
geschweige denn eine Unsicherheit iiber den Gegenstandsbereich selbst,

75 Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande, S. 349 u. 352.


76 Vgl. B 257.
710 Hartmut Binder

wohl aber wird sichtbar, daB die nur begrifflich, also bildhaft zu leistende
Prasentation des entscheidenden Grundgedankens durch aIle Stadien des
Formungsprozesses hindurch als unbefriedigend empfunden wird. Schon
mit den Bildvorstellungen dieser Stelle, sachlich aber im Blick auf seinen
Briefverkehr mit Milena, schrieb Kafka dieser: "ich suche immerfort etwas
Nicht-Mitteilbares mitzuteilen, etwas Unerklarbares zu erkIaren, von et-
Was zu erzahlen, was ich in den Knochen habe und Was nur in dies en Kno-
chen erlebt werden kann."77

6. Syntax

Wer Kafkas Anderungen verfolgt, darf auch nicht die zahlreichen Stellen
ubersehen, wo er Partikel streicht, zufiigt, umstellt oder gar das ganze syn-
taktische Gefiige umbaut. Es zeigt sich auch in dieser Hinsicht, wie sorg-
faltig Kafka die eben entstandenen oder fur den Druck vorzubereitenden
Texte durchging. Aber nach welchen Grundsatzen? Es ware methodisch
verkehrt, wenn man die Anderungen als Anpassung an die Normen der
damaligen reichsdeutschen Hochsprache verstehen wollte. Zwar ist uber-
liefert, daB sich Kafka bemuhte, nicht dagegen zu verstoBen, doch ist aus
den Befunden zu erschlieBen, daB das vor allem hinsichtlich Orthographie
und Zeichensetzung gilt,78 dann auch fur den Gebrauch der Tempora
(regelmafiig Futur und in der Zeitenfolge Plusquamperfekt bei Vorzeitig-
keit gegenuber dem Prateritum), jedoch schon nicht mehr vollstandig fur
den W ortschatz und kaum fur den Satzbau. Briefe zeigen, welche Schwie-
rigkeiten er hatte, den rechten Gebrauch der Konjunktion "bis" zu er-
kennen. 79 Und wenn er im Zweifel uber die korrekte Wortstellung war, so
konnte er, bei der Differenziertheit der in Frage stehenden Perioden, ja
nicht einfach in einer Grammatik nachschauen.
Zunachst ein Beispiel aus der Verwandlung. Nachdem Gregors Beinchen
festen Boden unter den FuBen haben, streben sie danach, ihn fortzutragen,
"wohin er (nur) wollte." Es ist anzunehmen, daB die Partikel gestrichen
wurde (wahrend der V orbereitung zum Druck), weil Kafka der Auffassung
war, der hier vorliegende Gebrauch von "nur" sei eine Besonderheit der
Prager Juden, also unter JargoneinfluB entstanden. 80 Das ist kein Einzelfall:
Viermal drangt sich wahrend der Niederschrift der Verwandlung ein uber-

77 Franz Kafka, Briefe an MiJena, S. 249.


78 Dazu vor allem Ludwig Dietz, "Franz Kafka. Drucke zu seinen Lebzeiten.
Eine textkritisch-bibliographische Studie," Jahrbuch der Deutschen Schil/ergeseJI-
schaft, 7 (1963),416 if. Dber die Betrachtung schrieb Kafka: "Es gibt in diesen Stuck-
chen ein paar Stellen, fur die ich,zehntausend Berater haben wollte." (Br 99)
79 Vgl. Br 169, 180 u. F 81 (Anm.).

80 Vgl. E 90 u. Kafka-Kommentar zu samtlichen ErZahlungen, S. 70.


Kafkas Varianten 559

flussiges "schlieBlich" ein, dessen Tilgung erst nach und nach gelingt. 81
Und eine beanstandete Satzkonstruktion Max Brods wird so kommentiert:
"1st das nicht Deutsch, das wir von unsern undeutschen Muttern noch im
Ohre haben?"82 Es ist deswegen wohl angebrachter, syntaktische Varianten
zunachst einmal als Verbesserungen des Sinns, der logischen Stringenz und
des Satzablaufs zu verstehen. Denn an den notwendigen, sehr subtilen
Einsichten, die andernfalls in das von Kafka und seiner naheren Umgebung
gesprochene Prager Deutsch notig waren, fehlt es bis jetzt durchaus.
Es kommt vor, daB die gleiche Konjunktion einmal getilgt, dann aber
auch wieder nachtriiglich eingefugt wird. Wiihrend Gregor an den ersten
Abenden nach seiner Verwandlung an der Tur den Unterhaltungen der
Familie lauscht, gehen ihm ganz nutzlose Gedanken durch den Kopf:
"Aber manchmal konnte er vor allgemeiner Mudigkeit gar nicht mehr zu-
horen.... " Aber? Kafka hatte bei der Niederschrift die groBere Szenen-
einheit im Auge, dann ist es richtig, wenn seine Erschopfung adversativ
dem vorhergehenden Lauschen entgegengesetzt wird. Aber zu seinen un-
mittel bar vorhergehenden unsinnigen Dberlegungen besteht dieser Gegen-
satz keineswegs, und so streicht Kafka das den Satz einleitende Wort. 83
Anders eine Passage am Ende des ersten Kapitels: "Als er aber endlich
glucklich mit dem Kopf vor der Turoffnung war, zeigte es sich .... " Da im
vorhergehenden Satz davon die Rede ist, daB der verwirrte Gregor sich in
der einzuschlagenden Richtung so irrt, daB er sich zunachst wieder ein
Stuck zuruckdreht, ist das "aber," das fur den Erstdruck eingefugt wird,
berechtigt, weil es zwischen den einander entgegengesetzten Bewegungen
in den beiden Satzen vermittelt. 84
Interessant ist auch der SchluBsatz des Mittelteils der Erzahlung. In dieser
langen Periode eilen zunachst Mutter und Schwester aus Gregors Zimmer
hervor, und mit versagender Sehkraft bemerkt Gregor noch, wie "dann"
die Mutter auf den Vater zulauft und umarmend auf ihn eindringt, um sich
mit ihm zu vereinigen und um Schonung fur das Leben des Sohnes zu
bitten. Das erst in den Druckfassungen auftauchende Zeitadverb, das von
Kafka auch sonst gern gebraucht wird, gliedert den SatzfluB deutlicher in
einzelne sukzessive Etappen und glattet auch sprachlich die Verbindung
der einzelnen Teile. 85
Waren derartige Beziehungen nicht gewahrt und auch nicht durch nach-
tragliches Feilen erreichbar, so verwarf Kafka das Geschriebene. 1m Blick
auf seine Automobilgeschichte meint er: "ein Satz reibt sich am andern wie
die Zunge an einem hohlen oder falschen Zahn." DaB bei derartigen Ur-

81 Besonders storend ist das E 107 (hinter "verstand doch") wegen des folgen-

den "im letzten Grunde." Kafka strich erst bei der Vorbereitung zum Druck.
82 Br 178. 83 Vgl. E I02.

84 Vgl. E 93. 85 Vgl. E lI8, 87 u. I09.


559 Hartmut Binder

teilen tatsachlich die vorstellungsverbindenden Partikel eine wichtige Rolle


spielten, macht auch ein Brief an Felice wahrscheinlich, in dem Kafka uber
eine miBlungene Tagebucheintragung meint: Die Passage sei "zusammen-
gestoppelt, noch die Bindeworter hatte ich erfinden mussen, widerlich war
das."86
Recht auffallig sind auch die haufiger vorkommenden ganz minimalen
Anderungen in der Wortstellung. Es ist nicht auszuschlieBen, daB manch-
mal die erwunschte Flussigkeit des Ablaufs dutch die im Hochdeutschen
ubliche Stellung erreicht werden sollte, so wenn Fullworter vor die Zeit-
adverbien gesetzt werden:

heute frtih zwar -+ zwar heute friih


dies mal schon -+ schon diesmal

Gewohnlich aber scheint Kafka, wie auch Kobs richtig erkannte, eine
sorgfaltige Parallelisierung der einzelnen Satzteile und eine gewisse Aus-
gewogenheit zwischen desselben angestrebt zu haben. 87
In der Handschrift der Kleinen Frau formuliert Kafka: "nun sei die Ent-
scheidung da und ich wurde gleich vorgerufen werden." 1m Druck liest
man dann:

nun sei die Entscheidung da


und gleich wiirde ich vorgerufen werden.

So auch in der Verwandlung:


denn statt selbst dem Prokuristen nachzulaufen
oder wenigstens Gregor an der Verfolgung nicht zu hindem ...

In der Handschrift heiBt es: "dem Prokuristen selbst." Beidesmal wird


durch die Umstellung der Gleichlauf der Glieder erhoht. Die sich ent-
sprechenden Wortarten und Phrasen haben jetzt in den Teilsatzen die glei-
che Abfolge. 1m ersten Fall steht das Hilfsverb jedesmal vor dem Subjekt,
im zweiten entstehen gleichartige Prapositionalobjekte.
Naturlich sind auch klangliche Gesichtspunkte im Spiel: "nun sei" und
"und gleich" entsprechen sich weitgehend lautlich, und im Beispiel aus
der Verwandlung wird durch die Umstellung erreicht, daB der Tongipfel
beidesmal an der gIeichen Stelle im Gefuge erscheint, wodurch auch eine
bessere Korrespondenz mit der gehaltlichen Aussage entsteht ("selbst" -
"Gregor"). V ermutlich hatte Kafka auch derartige Phanomene vor Augen,
wenn er 1910 uber sein damaliges Schreiben klagt: "Kein Wort fast, das

86 T 14Z u. F 465.
81 Vgl. E 8z, 109 u. Kobs, Kafka, S. II6ff.
Kafkas Varianten 559

ich schreibe, pailt zum andern, ich hore, wie sich die Konsonanten blechern
aneinanderreiben, und die Vokale singen dazu wie Ausstellungsneger."88
Vielleicht am interessantesten sind die Umordnungen ganzer Satzgefuge,
die Kafka sogar noch bei Neuauflagen einzelner Werke vornahm. Dietz
fuhrt in seiner den Drucken Kafkas gewidmeten Untersuchung zwei Bei-
spiele an, wo derartige Umstellungen erst in der dritten Auflage der Verwand-
lung bzw. des Urleils erfolgt sind:

flng in die vorgehaltene Hand mit einem irrsinnigen Ausdruck der Augen
dumpf zu husten an -+ flng mit einem irrsinnigen Ausdruck der Augen dumpf
in die vorgehaltene Hand zu husten an
Er hatte mit seiner Braut dariiber, wie sie die Zukunft des Vaters einrichten
wollten, noch nicht ausdriicklich gesprochen, denn sie hatten stillschweigend vor-
ausgesetzt, daB -+ dariiber noch nicht ausdriicklich gesprochen, wie sie die Zu-
kunft des Vaters einrichten wollten, aber sie hatten

Darf man aber die spateren Fassungen tatsachlich als "kIarere Satz-
konstruktion" gegenuber den Erst- und Zweitdrucken auffassen?89 1m
ersten Beispiel ist doch syntaktisch in keiner Weise eine Verbesserung er-
reicht. Die unschone Reihung der Umstandsbestimmungen besteht weiter-
hin, und auch das syntaktische Muster ist unverandert. Dagegen ist jetzt
die Sachlogik eher gewahrt, weil die neue Reihenfolge besser dem Ab-
lauf des geschilderten Ereignisses entspricht: Der Ausdruck der Augen ist
vor dem Ergebnis des Vorgangs zu nennen, als der hier das Husten in die
Hand erscheint. AuBerdem ist das "dumpf" doch durch die Abdeckung
des Mundes zumindest mitbedingt und steht deswegen sinnvollerweise un-
mittelbar vor der vorgehaltenen Hand.
Um derartiger Verbesserungen willen nimmt Kafka sogar eine sonst
peinlich vermiedene Verschachtelung inkauf, wie eine andere Stelle der
Erzahlung zeigt: Gregor darf die von Grete zugeschlagene Tur nicht wieder
ofi"nen, "wollte er die Schwester, die bei der Mutter bleiben muBte, nicht
verjagen." 1m Manuskript lautet jedoch der Passus: "wollte er nicht die
Schwester verjagen, die bei der Mutter bleiben muBte." Welcher Art ist
hier die Besserung, wo doch Kafkas Satzbau weniger durch einen Kleist
verwandten ausgepragten Spannungsstil zu kennzeichnen ist,90 sondern
vor allem durch einen schrittweise gestuften linearen Ablauf, durch parallel
gerichtete und auf gleicher Ebene liegende Satzphrasen? Wenn Hypotaxen
uberhaupt vorkommen, so bewahrt doch jeder Teil seine Eigenart als Gan-
zes, weil Aufspaltungen vermieden werden. 1m Verschollenen beispielsweise
erofi"net der Tragersatz vielfach geschlossen die Periode, also ohne Ein-

88 Vgl. E 252, 91 u. T 27.


89 "Franz Kafka. Drucke zu seinen Lebzeiten," 451.
90 Dies meint Jahn, Kafka! Roman "Der Verschollene" ("Amerika"), S. 79ff.
559 Hartmut Binder

schube. Dazu kommt noch, daB Kafka eine ausgesprochene Aversion gegen
Relativsatze gehabt zu haben scheint. Denn diese sind erstens recht selten,
und vereinzelt linden sich FaIle, wo sie in vor dem Bezugssubstantiv ste-
hende Attribute umgewandelt werden. 91
Wichtiger war in dies em Fall fur Kafka ein inhaltliches Argument. In der
Erstfassung des in Frage stehenden Satzes ist Ursache und Folgeerschei-
nung entgegen der kausalen Abfolge angeordnet. Nach der Umformung
ist nicht nur die naturliche Reihenfolge der Gedanken eingehalten, sondern
das Zusammengehorige, Mutter und Schwester, wird uberdies miteinander
genannt. DaB Kafka auch den zuletzt genannten Gesichtspunkt fur wichtig
hielt, dokumentiert eine Stelle aus dem dritten Teil der Verwandlung. Die
Zimmerherren, liest man dort, "waren peinlich auf Ordnung, nicht nur
in ihrem Zimmer, sondern, da sie sich nun einmal hier eingemietet hatten,
in der ganzen Wirtschaft, also insbesondere in der Kuche, bedacht." In
der Handschrift heiBt das: "waren peinlich auf Ordnung nicht nur in ihrem
Zimmer, sondern auch in der ganzen Wirtschaft, in der sie sich nun einmal
eingemietet hatten, also insbesondere in der Kuche bedacht." Der Grund
der Anderung: Die zur V orstellung Wirtschaft gegebene nahere Erlaute-
rung sollte unmittelbar bei dieser stehen.
Wie verhaIt es sich nun aber mit der Passage, die Dietz aus dem Urteil
anfiihrt? Man hat sie zusammen zu sehen mit folgendem, ahnlich gelagerten
Fall, wo die Umstellung ebenfalls erst in der dritten Auflage erfolgte:

die Wahrheit dessen, was er sagte, beteuernd --+ die Wahrheit dessen beteuernd,
was er sagte92

Das Besondere dabei ist nun, daB die beidesmalletztgultig zu Ehren ge-
kommene Lesart mit der schon in der Handschrift von Kafka verworfenen
Erstformulierung identisch ist, wahrend die beiden vorausliegenden Erst-
drucke die Form reprasentieren, die in der Handschrift den ursprunglichen
Ansatz ersetzte.
In den beiden zuerst gedruckten Fassungen entschied sich Kafka dafur,
zuungunsten eines glatten Satzflusses das innerlich Zusammengehorige in
Kontaktstellung zu bringen, wahrend er sich spater fur das parataktische
Prinzip entschied, also tatsachlich, wie Dietz behauptet, fur einen durch-
sichtigeren Satzbau, freilich auf die Gefahr hin, daB das yom Vater Ge-

91 Vgl. E 114, Kobs, Kafka, S. 118ff. u. E 89: "die schlimmen Folgen, die auf

ihre Ursachen hin, nicht mehr zu durchschauen sind" --+ "die schlimmen, auf
ihre Ursachen hin nicht mehr zu durchschauenden Folgen." (Weitere Beispiele
flir diese von Kafka bis an die Grenzen des syntaktisch Moglichen ausgenutzte
Form in Motiv und Gesla/lung bei Franz Kafka, S. 324.)
92 Vgl. E 126 u. 66.
Kafkas Varianten 559

sagte oder der von Georg und Frieda ausgeklammerte Gesprachsinhalt


yom Bezugswort getrennt wird.
Nimmt man aIle Beobachtungen zusammen, so tritt deutlicher hervor,
was Kafka meinte, wenn er von den "ungeordneten Satzen" seiner Auto-
mobilgeschichte spricht. Diese beginnt namlich so:

Auf clem Asphaltpflaster sind die Automobile leichter zu dirigieren, aber auch
schwerer einzuhalten. Besonders wenn ein einzelner Privatmann am Steuer sitzt,
der die Gro13e der Stra13en, den schonen Tag, sein leichtes Automobil, seine
Chauffeurkenntnisse flir eine kleine Geschaftsfahrt ausniitzt uncl dabei an Kreu-
zungsstellen sich mit dem Wagen so winden solI wie die Fu13ganger auf dem
Trottoir. Darum fahrt ein solches Automobil knapp vor der Einfahrt in eine
kleine Gasse, noch auf dem gro13en Platz in ein Tricycle hinein, halt aber elegant,
tut ihm nicht viel, tritt ihm formlich nur auf den Fu13, aber wahrend ein Fu13-
ganger mit einem solchen Fu13tritt desto rascher weitereilt, bleibt das Tricycle
stehen und hat das Vorderrad verkrlimmt.93

Der dritte Satz schlieBt sich formal an den ersten an, der zweite steht
starend dazwischen. Deswegen ist das "Darum" so deplaziert wie das er-
wahnte satzeinleitende "Aber" in der Verwandlung. Vor allem aber ver-
staBt auch die Darstellung des Unfalls selbst gegen die von Kafka bevor-
zugte Sinnordnung der Satze. Die Wendung "halt aber elegant" steht sta-
rend zwischen Aussagen, die schon von dem erfolgten ZusammenstoB aus-
gehen. Auch die yom Autor beanstandeten abreiBenden Anfange lassen
sich in dem Zitierten gut studieren, gibt es doch eigentlich in der Abfolge
der drei Satze keine sich organisch entfaltende Gesamthandlung, sondern
es sind insofern tatsachlich drei parallele und fur sich stehende Ansatze der
Geschichte, als jeder gleichsam voraussetzungslos ist, sich dem Problem
des Autofahrens von einer andern Perspektive aus nahert.

7. Kollision und Doppeldetermination

Das Schwanken Kafkas in den beiden zuletzt angefuhrten Beispielen aus


dem Urteillenkte den Blick auch auf die Tatsache, daB bei der Darstellung
eines Sachverhalts haufig zwei yom Autor favorisierte asthetische Grund-
satze miteinander konkurrieren, nicht gleichzeitig realisierbar sind, so daB
eine Interessenkollision entsteht, in der entschieden werden muG, welches
Obel in einem ganz bestimmten Fall das geringere ist. Wenn man die einer
Anderung zugrunde liegende ambivalente Ausgangssituation nicht er-
kennt, wird man zu einer vollstandigen Fehleinschatzung der stilistischen
Intentionen eines Autors gelangen, wei! man vielleicht FaIle generalisiert,

559 559 559 559


559 Hartmut Binder

die dem sonst von ihm Befolgten kontrar entgegengesetzt sind. Deswegen
hier abschlieBend einige derartige Beispiele.
In der Verwandlung heiBt es an einer Stelle: "Die Tur zum V orzimmer
war ge6ffnet, und man sah, da auch die Wohnungsrur offen war, auf den
Vorplatz der Wohnung hinaus .... " In der Handschrift steht die Wendung
"man sah" hinter "offen war," wobei die Reihenfolge der beiden W6rter
naturlich vertauscht ist. 94 Sieht man nur dies, hatte man anzunehmen, daB
Kafka eine nicht erwunschte Parataxe tilgen wollte, denn durch die Um-
stellung geht der Gleichlauf der beiden ersten Teilsatze verloren. Tatsach-
lich aber ware gerade durch diese Parallelitat die unvermeidliche Wieder-
holung des Wortes "Tur" und des Stammes "offen" zu sehr betont worden.
Die Vermeidung st6render Wortdubletten war also in diesem Fall das von
Kafka als h6herwertig anerkannte asthetische Prinzip.
In Joseftne wird das Mausevolk an einer Stelle mit einem einzelnen ver-
glichen, von dem man "glauben" k6nnte, "er habe ubermenschlich vie!
nachgegeben im festen Glauben, daB das Nachgeben trotzdem seine rich-
tige Grenze finden werde; ja, er habe mehr nachgegeben als n6tig war."
In der Handschrift heifit es statt "Glauben" "Oberzeugung."95 Wenn man
sieht, daB der Begriff Nachgeben mehrfach im Kontext verwendet ist, ohne
daB dies Kafka offenbar gest6rt hatte, und daB durch die Ersetzung des
W ortes "Oberzeugung" eine weitere Wiederholung entsteht, k6nnte man
zu der Auffassung gelangen, dergleichen sei beabsichtigt.
Man hat das aber anders zu sehen Erstens ist "Glauben" hier das passen-
dere. Kafka wollte offenbar den Aspekt des Fiir-wahr-Haltens zum Aus-
druck bringen, nicht das Moment der DenkgewiBheit. Warum hat er dann
aber nicht das Verb "glauben" durch "meinen" ersetzt und so die ihn
st6rende Wortgleichheit vermieden? Hier kommt wohl noch etwas anderes
ins Spiel: Kafka wollte darstellen, daB der Erzahler selber, als zum Mause-
yolk geh6rig, dessen Vorstellungskategorien teilt. Handelt das V olk Jose-
fine gegenuber in einem festen Glauben, so ist es naheliegend, die dies-
bezugliche Position eines seiner Reprasentanten mithilfe ahnlicher W ort-
wahl als gleichartig auszuweisen. In dies em Beispiel unterliegt also die
Tendenz, Wiederholungen nicht zu dulden, zugunsten anderer Darstellungs-
grundsatze.
1m Urteil heiBt es yom alten Bendemann: Er warf "die Decke zuruck
mit einer Kraft, daB sie einen Augenblick im Fluge sich ganz entfaltete,
und stand aufrecht im Bett. Nur eine Hand hielt er leicht an den Plafond." 96
1m ersten Ansat7 in der Handschrift hatte es noch geheiBen: "an die Decke."
Naturlich kann man daraus nicht schlieBen, Kafka neige zum Fremdwort.

94 Vgl. E 87f. 95 Vgl. E 286.


96 Vgl. E 63.
Kafkas Vatianten 559

Dberdies ware ja zu bedenken, daB im suddeutschen Raum zu Kafkas Zeiten


"Plafond" ein gangiges, von allen V olksschichten gebrauchtes Lehnwort
war. Sondern es ist so, daB er seine Tendenz zum reinen deutschen Aus-
druck hier ciner damit konkurrierenden Leitvorstellung unterordnete:
Zwcimal das Wort "Decke" so nah beieinander und dazu noch in ganz
verschiedener Bedeutung, das ware ein ganz unerwunschtes W ortspiel und
cin funktionsloser Gleichklang gewesen!
Ein weiterer Beleg aus der Beschreibung eines Kampfes. In der A-Fassung
heiBt es gleich zu Beginn der Erzahlung: "Kaum waren wir ins Freie ge-
treten, als ich ofl"enbar in groBe Munterkeit gerieth." Die B-Fassung ver-
andert in: "Kaum waren wir ins Freie getreten, als ich ofl"enbar in bedeu-
tende Munterkeit gerieth."97 Es war schon davon die Rede, daB Kafka viel-
fach ungewohnlichere Formulierungen dutch gefaIligere ersetzt. So wurde
ja beispielsweise der rcifere Verstand Zut groBen Erfahrung verbessert.
Hier aber scheint es gerade umgekehrt zu sein, das "groB" zu gewohnlich.
Die Betrachtung des Kontextes vermittelt aber ein anderes Bild. Unmittel-
bar davor im Text ist von einem groBen Mond die Rede, und an dieser
V orstellung war schlecht eine sprachliche Anderung moglich. So entschied
sich Kafka hier zugunsten der variatio im Ausdruck.
1m "Naturtheater von Oklahoma" heiBt es von den trompetenblasenden
Engeln: "Sie waren aber nicht unmittelbar auf dem Podium, sondern jede
stand auf einem Postament, das aber nicht zu sehen war." Kafka hatte zu-
nachst geschrieben: "Sie standen ... " Kobs meint, ein solcher Ersatz eines
Verbs, das die Ortsfestigkeit richtungsbestimmt darstellt, durch das bloBe
"sein" bedeute eine Reduktion der Ausdrucksintensitat, die Kafka syste-
matisch betreibe. 98 Andererseits scheint die oben gemachte Aussage in
Frage gestellt, Kafka vermeide den Gebrauch von Hilfszeitwortern da,
wo in der Hochsprache Vollverben am Platze waren.
Tatsachlich aber ist es nur so, daB Kafka die blasse Formulierung in
Kauf nimmt, um die Wiederholung des Verbums stehen im gleichen Satz-
gefiige zu vermeiden. Freilich ist auch diese Losung - aber in einem nicht
fur den Druck revidierten Text - nicht ganz glucklich, weil immerhin ein
partieller Gleichklang zu dem den Satz beschlieBenden "war" besteht, der
doch leicht zu beseitigen gewesen ware. Etwa dutch folgende Formulie-
rung: "Sie standen aber nicht unmittelbar auf dem Podium, sondern ein-
zeln auf Postamenten, die nicht zu sehen waren."
Es ist denkbar, daB Kafka bei einer spateren Dberarbeitung in der vor-

Be 14f.
97

Kobs, Kafka, S. 108, vgl. A 3°7. Gegen Kobs spticht auch eine Lesart Zu
98

Beginn der Verwandlung E 73: "Wenn es nicht wegen meiner Eltern ware" -+
"Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zuriickhielte." Kafka erstrebt das
Vollverb und den pragnanten Ausdruck.

47
559 Hartmut Binder

gesehlagenen Riehtung geandert hatte, es ist jedoeh aueh genau so vor-


stellbar, daB er die jetzt vorliegende Fassung ganz bewufit gesetzt hat: Es
ist ja Karl, der dies alles zum ersten Mal uberbliekt und wegen der Art der
Kleidung nieht gleich erkennen kann, welche Korperhaltung die Madehen
genau einnehmen. Er sieht eben zunaehst, daB sie sich nieht unmittelbar
auf dem Podium befinden und erkennt erst im Nahertreten, daB sie stehen.
Der blasse Ausdruek ware dann gerade der realistisehe und die eingenom-
mene Erzahlerhaltung profilierende.
DaB Kafka von Fall zu Fall abwagt, welchem Darstellungsgrundsatz bei
Interessenkollisionen der V orzug zu geben sei, wird besonders dann deut-
lieh, wenn sich Kafka in genau vergleichbaren VerhaItnissen untersehied-
lieh entseheidet. Hier wenigstens ein Beispiel aus dem Verschollenen und
der Verwandlung: "Nun muBte die Sehwester im Verein mit der Mutter
aueh koehen; allerdings maehte das nieht viel Miihe, denn man aB fast
niehts." Fur "maehte" steht in der Handsehrift "gab." Kafka verfolgt hier
seinen Grundsatz, mundartliche Reste zu tilgen, und dem steht an dieser
Stelle aueh gar nichts entgegen.
Anders beim folgenden Beispiel: " 'Meine Stelle wird frei,' sagte der Heizer,
steekte im VollbewuBtsein des sen die Hande in die Hosentasehen und warf
die Beine, die in faltigen, lederartigen, eisengrauen Hosen steekten, aufs
Bett hin, um sie zu streeken." Dies ist aber nur die Lesart der Handsehrift.
In den Drueken ist "steekte" dureh "gab" ersetzt. 99 Der an anderer Stel1e
verworfene Pragismus wird also hier bewufiL nachtraglich eingefuhrt, weil
er gegenuber dem storenden Gleichklang von "steckte" zumPlural desselben
Verbs als das geringere Obel ersehien. Und dies war um so mehr erlaubt,
als gerade der Heizer, und hier besonders wieder die Titelfigur, sich mit
mundartlichen Ausdrucken assoziiert, die offenbar als Charakterisierungs-
mittel eingesetzt sind.
Der V ollstandigkeit halber sei schlieBlich darauf verwiesen, daB neben
dem Widerstreit unvereinbarer Stilnormen aueh Doppeldeterminierungen
fur Textanderungen verantwortlich sein konnen. Es sind die FaIle, wo
zwei in gleiche Richtung weisende Tendenzen fur eine neue Variante ver-
antwortlieh sind.
Aus dem UrteillaBt sich anfuhren: "Vielleicht hatte ihn der Vater ... an
einer wirklichen eigenen Tatigkeit gehindert, vielleicht war der Vater seit
dem Tode der Mutter, trotzdem er noeh immer im Geschaft arbeitete ... "
Statt des letzten Wortes hatte Kafka zunachst geschrieben: "tatig war,"
h6chstwahrseheinlich nur unter dem EinfluB des vorhergehenden, yom
gleichen Stamm gebildeten Substantivs.1oo Aber die Anderung laBt sich

U Vgl. E ICO, A 13 u. Kobs, Kafka, S. 73.


100 Vgl. E H.
Kafkas Varianten 559

nicht nur als Wunsch verstehen, Gleichklang zu vermeiden, sondem das


Verb "arbeitete," das Kafka iibrigens auch abweichend von der heute iib-
lichen Verwendungsart gebraucht,lOl ist iiberdies der glattere, gefaIligere
Ausdruck fiir den zu beschreibenden V organg.
Ahnlich in der Verwandlung: "In solchen Augenblicken richtete er (seine
Blicke) die Augen moglichst scharf auf das Fenster." Die Blicke kann man
nicht eigentlich auf einen Gegenstand richten, auBerdem entstiinde eine
mindestens partielle Wortwiederholung zu dem noch im gleichen Gefiige
genannten "Anblick." 102
Als wichtigste Ergebnisse der vorstehenden Analyse konnte man an-
sehen, daB Kafkas Varianten vorwiegend stiIistischer Natur sind, also vor
all ern Anderungen des Ausdrucks, nicht solche des dargestellten Phlino-
mens, daB sie im Kontext und im Zusammenhang mit dem gesamten Be-
legmaterial gedeutet werden miissen und daB die ihnen zugrunde liegenden
asthetischen Zielvorstellungen sich je nach den Einzelverhaltnissen in ihrer
Wirksamkeit gegenseitig einschranken.

101 Vgl. z.B. A 135, 164 u. 344.


102 Vgl. E 77.

Common questions

Auf Basis von KI

Kafka's revisions often resulted in a simplification or complete exclusion of detailed gestural and psychic elements in his narratives. Rather than expanding these elements in the revisions, Kafka sometimes chose to convey psychological complexities through more direct means such as dialogue or narrative summary. For example, the inner monologues replaced certain descriptive passages in the second revisions, indicating a shift from external to internal representation, thereby enhancing the psychological depth without unnecessary complexity .

Kafka's letters, particularly with Milena, reveal his ongoing struggle to articulate themes that were deeply felt but almost incommunicable. He describes the challenge as an effort to communicate something 'not communicable', to explain the inexplicable, and recount experiences that could only truly be understood personally. This highlights an intrinsic struggle in capturing the essence of his internal experiences within the confines of linguistic expression .

Kafka's editing included changes to syntax and lexical choices that aimed to enhance clarity and logical coherence in his writing. He carefully adjusted particles, conjunctions, and sentence structures to improve the flow and ensure a logical connection of ideas. For example, he might add or remove particles like 'aber' (but) to create or resolve contrasts, enhancing the clarity of the narrative flow. His meticulous attention ensured that each sentence adhered to a cohesive logical structure, reflective of his broader aim for precise and effective storytelling .

Kafka eliminated certain repetitions and stylistic flourishes to avoid distracting from the core meaning of the text and to prevent a departure from his usual practice. His revisions often aimed to remove elements that could suggest over-reliance on formulaic expressions typical of trivial literature. This choice reflects his priority for clarity and directness over linguistic embellishment, likely influenced by his position as an outsider to the German language, which was not his native idiom, and his efforts to maintain a natural style within the constraints of this artificial language .

Kafka's focus on refining style and syntax elucidates a narrative voice that strives for clarity amidst complexity. By honing the precision of language and sentence structure, Kafka crafted a voice that conveyed layered meanings and subtle nuances, yet remained grounded and accessible. This meticulous attention allowed him to balance intricate thematic explorations with a lucid narrative form, reflective of a distinct voice that views clarity and depth as mutually reinforcing rather than opposing forces in storytelling .

Kafka's revisions to character expressions and gestures affect narrative immediacy by simplifying or removing overly dramatized elements, thus bringing focus to the essential narrative action and its immediate implications. His changes tended to streamline expression and reduce ornamental gestures, creating a more direct engagement with the core narrative actions. This sharpening of focus enhanced narrative immediacy by allowing readers to connect directly with the unfolding events, placing greater emphasis on the psychological and thematic significance of actions .

Examination of Kafka's texts reveals his concern with language issues such as repetition and narrative coherence. Marginal notes often highlight areas Kafka considered needing improvement, such as eliminating awkward repetitions or reinforcing narrative continuity, suggesting his persistent effort to refine his prose for clarity. Additionally, even beyond repetitions, syntax adjustments illustrate this focus; for instance, Kafka might alter conjunction usage to better align sequence and causation, directly addressing incoherence and enhancing narrative fluidity .

Kafka's repetition can be understood as a consequence of his cultural and linguistic background as a Praguer author with access to a limited colloquial language. Unlike authors like Thomas Mann, who had the luxury of a diverse linguistic toolkit to avoid unwanted repetitions, Kafka worked within a constrained set of colloquial expressions. This limitation, coupled with his aesthetic conception, meant that he often chose not to attract attention to repeated terms by substituting them, but rather used the same words repeatedly whether necessary, especially to avoid the impression of relying on trivial literature clichés .

Kafka's revisions and unpublished works reflect a deliberate narrative strategy focused on precision in thematic exploration and expression. His careful adjustments often aimed at stripping away extraneous details to highlight core themes of alienation, existential anxiety, and the individual's relationship with society. Narrative techniques evolved to more direct forms like dialogues or internal monologues which emphasize internal psychological dynamics. This refinement underscores Kafka's preoccupation with portraying the subjective experience amid complex socio-cultural backdrops .

The marginal notes in Kafka's manuscripts indicate his effort to enhance narrative immediacy through detailed gestures and expressions, as identified by Dietz in his examination of the character gestures in 'Der Verschollene' ('Amerika'). These gestures were intended to depict the immediacy of visual events. However, a stylistic comparison between the manuscript versions shows that the gestural layer was not expanded in later revisions, contrary to what might be assumed from marginal notes. This indicates a careful refinement process where unnecessary complications or redundancies were often simplified or omitted .

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