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Funktioniert Das So Heute Noch? Wir Haben Unsere Kritiker Gefragt

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Slowakei €  7,10 Spanien €  7,10 Tschechien Kc 210,- Printed


Dänemark dkr 64,95 Frankreich €  7,10 Italien €  7,60 Österreich €  6,50 Schweiz sfr  8,50 Slowenien €  6,90 Spanien / Kanaren €   7,30 Ungarn Ft 2990,- in Germany

Funktioniert das so heute noch?


Wir haben unsere Kritiker gefragt
DEUTSCHLAND

KAMALA HARRIS
ATOMKRAFT

Hoffnungsträgerin
Absturz einer
Berliner »Paris Bar«
Vom Mythos der
WARHOL, BOWIE & CO.
grünen Idealen?
Was bleibt von den
€ 5,80
Nr. 2 | 8.1.2022
EDGY BY BRETZ
ALEXANDER-BRETZ-STR.� 2 ¡�D-55457 GENSINGEN ¡�TEL. 06727-895-0 ¡�INFO@[Link] ¡�[Link]
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Nie zuvor
wurden
HAUSMITTEILUNG
Innovationen
75 Jahre SPIEGEL | Seite 50 – 72
so schön
Im Jubiläumsjahr wollen wir wissen, was Sie, unsere Leserin-
nen und Leser, von uns halten. Wie blicken Sie auf unseren
verpackt.
Journalismus, was stört Sie, was schätzen Sie? Ein Team um
Reporterin Barbara Supp besuchte Abonnenten wie Kündiger,
Leserbriefschreiber und eine junge Frau, die mit dem SPIEGEL
Deutsch lernte. Einer unserer Stammleser ist Jürgen Abraham,
geboren am 4. Januar 1947, am Tag, als die erste Ausgabe er-
schien. Abraham hat in seinem Zimmer unterm Dachboden
alle bisherigen Titelbilder archiviert. Hunderte weitere Leser
meldeten sich auf unseren Aufruf, die Redaktion mit Fragen zu löchern. Einige davon werden in
diesem Heft beantwortet. Ergänzend dazu haben die Redakteurinnen Susanne Beyer und Simo-
ne Salden sowie Redakteur Tobias Becker ein ungewöhnliches Gespräch unter Kollegen geführt:
darüber, wie sich die Redaktion – lange eine Männerbastion – in den vergangenen Jahren ver-
ändert hat, auch befördert durch die #MeToo-Debatte. Weitere Denkanstöße liefern die Autoren
Sascha Aurich, Margarete Stokowski und Eckart von Hirschhausen zu der Frage, was sich im
öffentlichen Diskurs und der Berichterstattung – auch in unserer – ändern sollte. Farbton, Schrif-
ten und Grafiken der Jubiläumsseiten sind übrigens von der ersten SPIEGEL-Ausgabe inspiriert.

Syrien | Seite 44

Es war eine eigenwillige Gemeinde von Exilanten, die sich 2013 in Jorda-
niens Hauptstadt Amman zusammengefunden hatte: syrische Offiziere aus
Armee und Geheimdiensten, die dem mörderischen Regime in Damaskus
nicht länger dienen wollten. SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter traf dort
Anwar Raslan, zuvor Chef einer Ermittlungsabteilung der Staatssicherheit.
»Die anderen Ex-Offiziere warfen ihm vor, erst Ende 2012 zu ihnen ge-
stoßen zu sein. Als habe er abwarten wollen, ob die Diktatur wirklich bald
stürzt«, sagt Reuter. Nun steht Raslan vor Gericht, im ersten Verfahren, das
weltweit gegen einen Funktionär des Assad-Regimes wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit
angestrengt wird. Nächste Woche soll es zu Ende gehen. »Je länger der Prozess dauerte,
desto schwieriger war die Frage nach der individuellen Schuld zu beantworten«, so SPIEGEL-
Mitarbeiterin Hannah El-Hitami, die seit April 2020 das Verfahren in Koblenz begleitet.

Paris Bar | Seite 140

Im Mai 1970 landete der Kunststudent Michel Würthle (r.) in


Berlin, um Bekannte zu besuchen. Er blieb – und schenkte der
Stadt ihren vielleicht bekanntesten nächtlichen Treffpunkt:
die Paris Bar, wo er mit befreundeten Künstlern und Schau-
spielern manchen Exzess sowie ein Verfahren wegen Steuer-
hinterziehung überstanden hat. Redakteur Philipp Oehmke
DER SPIEGEL

hat Würthle in den vergangenen Wochen mehrfach besucht.


Im Frühjahr hatte der 78-Jährige eine Krebsdiagnose bekom-
men. In langen Gesprächen redete er vom Berliner Nacht- Gleich informieren unter #HausPawliczec
leben, aber auch von Krankheit und Tod. Oehmke sagt: »Würthles Leben steht auch stellvertretend auf [Link]
für eine vergangene, unbeschwerte Zeit des späten 20. Jahrhunderts.«

»Dein SPIEGEL«
Vielen Kindern und Teenies ist es unangenehm, mit ihren Eltern über Ge-
fühle zu sprechen, sie haben Angst, dass die Erwachsenen sie nicht ernst
nehmen. Stattdessen haben die jungen Leserinnen und Leser ihre Fragen
an »Dein SPIEGEL« geschickt. Im aktuellen Kinder-Nachrichten-Maga-
zin gibt es Antworten: woran man Verknalltsein erkennt, was man tun
kann, wenn man jemanden näher kennenlernen möchte, oder ob es nor-
mal ist, sich nicht zu verlieben. Außerdem im Heft: Kunstgeschichte auf
der Spur – wie eine Provenienzforscherin herausfindet, woher Gemälde
stammen. »Dein SPIEGEL« erscheint am kommenden Dienstag.

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 5


INHALT TITEL

50 | spiegel-Jubiläum
Der Blick von außen
DER SPIEGEL 76. Jahrgang | Heft 2 | 8.1.2022
54 | Blattkritik  Gespräche mit
Leserinnen und Lesern: Was kann
der spiegel besser machen?

60 | Faktenfragen  Was unsere


Leserinnen und Leser über
den spiegel wissen wollen

64 | Gleichberechtigung  Was
hat sich seit der #MeToo-Debatte
beim spiegel verändert?

68 | Ostdeutschland  Der
­Journalist Sascha Aurich
erklärt, ­warum es so schwer ist,
den Osten zu erklären

70 | Hate Speech Die Autorin


Margarete Stokowski über
ihren Umgang mit Hass im Netz

72 | Krisenmanagement 
7,5 Tipps von Eckart von
SPIEGEL-Gründer ­Hirschhausen

J.H. DARCHINGER
Rudolf Augstein
um 1970
DEUTSCHLAND

8 | Leitartikel  Eine allgemeine

Fragen, was ist Impfpflicht ist keine gute Idee

10 | Ampel uneins über Impf-


pflicht / Koalition will Schwarz-
TITEL  Der erste spiegel erschien am Samstag, dem 4. Januar 1947. Die Medienwelt fahren entkriminalisieren /
hat sich seither verändert: Vertrauen ist heute nicht mehr selbst­ver­ständ­­lich, ­Filzvorwürfe gegen Hamburger
SPD / Personenschutz für
Fake News und Hate Speech beeinflussen die Debatten. Anlässlich des Jubiläums ­Coronageneral Breuer / Der
fragen wir: Was können, was müssen wir besser machen? | 50 bis 72 ­gesunde Menschenverstand

14 | Koalition  Die Grünen kämp-


fen in der Ampel um ihr Profil

19 | Analyse  Bundespräsident
Frank-Walter Steinmeier hat sich
seine zweite Amtszeit mit einem
­gewagten Schritt selbst gesichert
Stephane Cardinale / Corbis via Getty Images

22 | Grüne  Der Favorit für den


­Parteivorsitz, Omid Nouripour,
fordert, Atomkraft und Erdgas aus
der EU-Taxonomie zu streichen
Patrick Junker / DER SPIEGEL

Shawn Thew / Polaris / laif

24 | Bundeswehr  Tropfende
Raketen beschäftigen
die Truppe seit drei Jahren

26 | Linke  Katja Kippings


­ bschied aus der Bundespolitik
A
Kristen Stewart Hans-Joachim Watzke Kamala Harris
In »Spencer« stellt die Schau- Borussia Dortmunds Chef Die US-Vizepräsidentin gerät 28 | Bundestag  AfD-Abge­
spielerin das Image von Prinzes- ­beklagt den uneinholbaren Vor- durch Patzer und Personalquere- ordnete verlassen die Fraktion,
sin Diana auf den Kopf. | 136 sprung des FC Bayern. | 110 len ins politische Abseits. | 102 Mit­arbeiter ­rebellieren

6 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


30 | EU  Ratspräsident 106 | Ukraine  Junge Menschen
Charles Michel kämpft um in Kiew trotzen der Kriegsgefahr
mehr Bedeutung

34 | Kriminalität  Im Koksskan­ SPORT


dal bei der Münchner Polizei jag­
ten die Fahnder auch Unschuldige 109 | TV-Ereignis Dart-WM /
Warum Athleten bei
40 | Verkehr  Rasende Auto­ Olympia in China ohne Politiker
fahrer in deutschen Städten auskommen müssen

Matthias Schrader / AP
44 | Justiz  Syrische Geheim­ 110 | Fußball  spiegel-Ge­
dienstler müssen sich vor einem spräch mit BVB-Geschäftsführer
deutschen Gericht verantworten Hans-Joachim Watzke über
­Langeweile in der Bundesliga
48 | Trauer  Wie es sich anfühlt, und die Dominanz der Bayern
mit einem Alzheimerpatienten Grün war die Hoffnung
zusammenzuleben 114 | Tennis  Die seltsame Welt
Die Grünen wollten die Antreiber der neuen Koalition sein,
des Novak Djoković
statt­dessen wurden sie von SPD und FDP übertölpelt.
Sind Baerbock und Habeck beim Regieren überfordert? | 14
WIRTSCHAF T
WISSEN
76 | Bund macht weniger
­Schulden / Staatshilfe 116 | Wie Corona in die
für Nachtzüge ­beantragt ­Ant­arktis kam / Auf den Spuren
der Antimaterie / Analyse:
78 | Ernährung  Beenden Käse, ­Besser lernen durch späteren
Eier und Fleisch aus dem Schulanfang
Labor die Massentierhaltung?
118 | Pandemie  Wie Abwasser­
82 | Energiekrise  Deutschlands tests bei der Früherkennung von
­fatale Abhängigkeit vom Gas Seuchen helfen können

84 | Klimapolitik  Wirtschafts­ 122 | Archäologie  Forscher


minister Robert Habeck definiert untersuchen das versunkene
Wohlstand neu Flaggschiff eines Dänenkönigs

Mosa Meat
86 | Strukturwandel  Bremen 124 | Erderwärmung  Landwirt­
will seine Innenstadt retten schaftlich genutzte Moore
stoßen Treibhausgase aus – wie Was gibt’s morgen?
90 | Software  Die Corona- lässt sich das stoppen?
Laborfleisch, Kunstkäse, vegane Eier: Novel Food soll Tiere,
Warn-App hat enttäuscht, wird
die Umwelt und das Klima schonen. Die Lebensmittelindustrie
aber verlängert
glaubt an ein neues Milliardengeschäft. Zu Recht? | 78
KULTUR

AUSLAND 130 | Agentinnenkrimi mit


­großem Staraufgebot:
92 | Frankreichs Präsident »The 355« / Joel Coen bringt
­Macron kandidiert als »Macbeth« auf Apple TV
Populist der Mitte / Warum
Nordkoreas Diktator ­ 132 | Literatur  Michel Houelle­
Kim nicht allein herrscht becqs neuer Roman »Vernichten«

94 | Italien  Ein Staats­anwalt 136 | Kino  Kristen Stewart als


Philippe Matsas / [Link] / ddp

will sein Land von Prinzessin der Herzen


der ­’Ndrangheta befreien
140 | Nachtleben  Michel
99 | Analyse  Was die ­Würthle, langjähriger
Unruhen in Kasachstan für Wirt der Berliner Paris Bar,
­Russland ­bedeuten nimmt ­Abschied

100 | China  Die Null-Covid- 146 | Buchkritik  Jungstar Ronja


Politik gerät vor Olympia an von Rönne über ihre ­Depression
Grenzen Die Visionen des Michel Houellebecq
Bestseller | 135 SPIEGEL-TV-Programm | 138 Sein neuer Roman »Vernichten« ist das bislang komplexeste Werk
Impressum, Leserservice | 148
102 | USA  Die Entzauberung von Nachrufe | 149 Personalien | 150
des Franzosen: Es geht um Terror, um Religion – und wieder einmal
Vizepräsidentin Kamala Harris Briefe | 152 Hohlspiegel / Rückspiegel | 154 wagt Houellebecq einen Ausblick in die nahe Zukunft. | 132

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 7


Nicht so schnell!
LEITARTIKEL  Kanzler, Minister, Wissenschaftler – fast alle wollen sie. Trotzdem ist die Einführung
einer Pflicht, sich impfen lassen zu müssen, keine gute Idee.

In nur wenigen Monaten aber drehte sich die Stimmung


in Politik und größeren Teilen der Öffentlichkeit. Die­
selben Politiker, die sich dagegen ausgesprochen hatten,
waren nun dafür, egal ob noch im Amt oder nicht. Was
zwischendurch passiert ist? Nicht so viel Unerwartbares.
Es wuchs die Gewissheit, dass Impfen nicht gefährlich
ist, vor Infektion zwar nur bedingt schützt, aber die Wahr­
scheinlichkeit einer schweren Erkrankung deutlich ver­
ringert. Es kam eine vierte, von der Delta-Variante be­
stimmte Welle mit viel höheren Inzidenzen, aber propor­
tional weniger Schwererkrankungen und Toten. Und es
kam zwischenzeitlich zum fast vollständigen Stillstand
der Impfkampagne. Die Versuche, Skeptiker zu ihrem
Glück zu überreden, waren gescheitert. So radikalisierte

Ines Schiermann / ddp images


sich nicht nur die Minderheit, sondern auch die Mehrheit.
Und während sich wesentliche Teile von Politik und
­Medien mit der kommenden Impfpflicht einzurichten
schienen, überfiel uns eine neue Variante.
Fast hat man das Gefühl, Omikron habe uns mit seiner
Wucht zurückgebombt ins Frühjahr 2020, in die Monate
der Unwissenheit, als wir mühsam lernen mussten, welche

D
Gesundheitsminister ie Regierung dieses Landes möchte eine Impfpflicht. Wirkung das Virus hat und wie man ihm begegnet. Zwei
Karl Lauterbach in So schnell und demokratisch wie möglich, was kei­ Dinge immerhin sind gewiss: Erstens ist Omikron deutlich
einem Impfzentrum
in Hannover ne ideale Kombination ist. Die Bundesrepublik ansteckender als Delta. Allein in London, einer Metropole
wäre dann neben Österreich, Tadschikistan, Turkme­ von mehr als neun Millionen Menschen, war, so schätzen
nistan, Mikronesien, Indonesien, Ecuador und dem es amtliche Statistiker, in der letzten Woche des vergangenen
­Vatikan eines der wenigen Länder dieser Welt mit all­ Jahres jeder zehnte Bürger infiziert – trotz hoher Impfquo­
gemeiner Impfpflicht. Was wiederum keine sonderlich te. Zahlen, die für unsere fragile Corona-Seelen kaum zu
attraktive Liste ist. Zumal Österreich, wenige Wochen verarbeiten sind. Andererseits: Omikron ist ein milderes
vor Einführung, inzwischen wieder zweifelt. Virus. Wie milde genau, wie sehr Impfungen noch schützen
Nun gut, Italien plant eine Impfpflicht für Bürger älter vor schwerer Krankheit oder Tod, wie labil die Ungeimpften
als 50. Viele andere Staaten immunisieren wie Deutsch­ sind, darüber gibt es bisher nur Vermutungen, aber keine
land längst Pflege- und Gesundheitspersonal. Aber selbst Gewissheiten. In Großbritannien jedenfalls steigen die Kran­
China, ein Land, in dem die Partei bekanntlich keine kenhauszahlen, während die Kurven der Intensivfälle und
Rücksicht auf Zimperlichkeiten seiner Bevölkerung Toten eher flach bleiben. Gesundheitspolitiker dort scheinen
nimmt, verzichtet auf eine allgemeine Impfpflicht genau­ sich mehr Sorgen über das in Quarantäne geschickte Per­
so wie Israel, das bislang ein robustes Corona-Regiment sonal zu machen als über hohe Patientenzahlen.
pflegt. Ist es sinnvoll, noch einmal kurz innezuhalten? Wo Ungewissheit herrscht, gibt es auch immer Raum
Als im vergangenen Frühjahr die Impfkampagne an­ für Hoffnung. Zumal seriöse Wissenschaftler nicht aus­
rollte, gab es Mahner, die darauf hinwiesen, dass man schließen, diese Mutation könnte die postpandemische
eine Impfquote von mindestens 80 Prozent brauchen Phase einleiten. Ausgerechnet jetzt Skeptiker und Ver­
würde. Schon damals debattierte man erstmals über die weigerer zur Impfung zu verpflichten wäre schwierig. Es
Impfpflicht, geprägt von der Empörung über jene, die sich gibt einen Unterschied zwischen Katastrophenfall und
bockig zeigten bis zum besinnungslosen Starrsinn und Vorsichtsmaßnahme. Klar wäre es besser, alle wären ge­
das Ende dieser nervenzehrenden, todbringenden Pan­ impft, aber es könnte auch sein, dass es schon mal not­
demie zu verhindern schienen. Wobei der Begriff D ­ ebatte wendiger gewesen ist. Per Gesetz wütenden Thüringern
in die Irre führt. Kanzlerin, Vizekanzler, Minister und mit der Spritze zu drohen ist keine gute Idee. Zumal man
Per Gesetz Ministerinnen, Ministerpräsidenten, Generalsekretäre, ihnen für den vollen Impfschutz eigentlich mit drei bis
wütenden Experten, Wissenschaftler, fast alle waren sich einig: Impf­ vier Spritzen kommen müsste. Kaum vorstellbar, wie
pflicht? Niemals. dieses Gesetz dort dann exekutiert werden soll.
Thüringern Eigentlich war das eine Selbstverständlichkeit. Un­ Selbst wenn sich in einem Jahr herausstellen sollte,
mit der Spritze versehrtheit des Körpers, Meinungsfreiheit, das Tole­ dass man doch besser die Impfpflicht hätte einführen
ranzgebot für die Mehrheit im Umgang mit einer Minder­ sollen, lohnt es sich, noch einmal kurz innezuhalten.
drohen? heit – diese Prinzipien einer freiheitlichen Demokratie Keine Demokratie, kein Leben ohne Risiko.
­Besser nicht. sind essenziell. Lothar Gorris n

8 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Wir wünschen
Ihnen ein
gesundes Jahr 2032.
2032 werden in Deutschland fast 4 Millionen mehr Menschen als
heute über 65 Jahre alt sein. Die Private Krankenversicherung
sorgt schon heute nachhaltig für die im Alter steigenden Ausgaben
für Gesundheit und Pflege vor – ganz ohne Staatszuschüsse. Das
entlastet jüngere Generationen. Um den demografischen Wandel
zu bewältigen, sollten noch viel mehr Menschen auf diese Weise
zusätzlich vorsorgen. Wir stehen dazu bereit.
[Link]/morgen
DEUTSCHLAND

Peter Kneffel / dpa


Treffen sich ein Franke und ein Sauerländer: Am 3. Januar empfängt der verhinderte CSU-Kanzlerkandidat Markus Söder (l., in maritimem Blau)
den verhinderten CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz (r., in erdbraunem Trachtenjanker). Ihren Schulterschluss inszenieren der christ­­soziale
Parteichef und sein designierter Seniorpartner medienwirksam vor dramatischer Naturkulisse am Ufer des Kirchsees südlich von München.

Ampel streitet über Impfpflicht-Tempo


KOALITION  Während sich die Omikron-Variante des Coronavirus immer rasanter ausbreitet, sind Parlamentarier
von SPD, FDP und Grünen uneins, wie schnell ein Gesetz zur Impfpflicht kommen soll.

Ü
ber die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht gibt es in mit Omikron schütze vor anderen Varianten des Coronavirus.
der Ampelkoalition Unstimmigkeiten auch innerhalb der SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese will dagegen Druck aus dem Ver-
einzelnen Fraktionen: Während sich einige Parlamentarier, fahren nehmen. »Wir werden uns im ersten Quartal die dafür not-
angeführt von Karl Lauterbach, für die schnelle Umsetzung einer wendige Zeit für eine ausführliche Debatte in Fraktion, Parlament
Impfpflicht ab 18 Jahren aussprechen, treten andere auf die Brem- und Öffentlichkeit nehmen«, so Wiese. Eine erste »Orientierungs-
se. »Ich werbe dafür, dass wir relativ zeitnah über die allgemeine debatte« soll im Januar stattfinden. Der grüne Rechtsexperte Till
Impfpflicht entscheiden«, sagte Lauterbach. »Als Minister liegt es Steffen wiederum drängt auf Schnelligkeit: »Ich bin nach wie vor
mir fern, dem Bundestag Druck machen zu wollen. Aber als einfa- für eine Impfpflicht, je schneller, desto besser«, sagte er. Unterstüt-
cher Abgeordneter glaube ich, dass wir bald gute Gruppenanträge zung kommt vom gesundheitspolitischen Sprecher seiner Fraktion,
vorlegen und ein schnelles Verfahren anstreben sollten.« Viele Janosch Dahmen. »Ich bin dafür, die Entscheidung über eine allge-
wollten zunächst beobachten, »ob sich die Omikron-Variante so meine Impfpflicht nach der Debatte zeitnah zu treffen. Ich weiß
schnell ausbreitet, dass eine Impfpflicht obsolet werden könnte«, nicht, ob man sich einen Gefallen damit tut, die Diskussion in die
sagte der Minister. »Diese Einschätzung ist ein Irrglauben.« Auch Länge zu ziehen.« Der Grüne Helge Limburg dagegen warnt, die
bei Omikron könnte es zu schweren Verläufen und bleibenden Entscheidung »übers Knie zu brechen«. Die Debatte müsse »mit
Schäden kommen. »Von den Ungeimpften müssten viele sterben«, großer Sorgfalt« geführt werden. Auch die FDP plädiert dafür, sich
so Lauterbach. Er warne zudem davor zu vermuten, eine Infektion mit der Entscheidung mehr Zeit zu lassen. HÖH, KNO, COS, JOS, CTE

10 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Kühnert greift seit Monaten aus Bequemlich-
DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND
keit und Überforderung nicht
Unionsspitze an
Der Wendler der CDU
gerecht«. Aus den Beteuerun-
RECHTSPOPULISMUS  SPD- gen von Armin Laschet und
Generalsekretär Kevin Kühnert Friedrich Merz, man werde sich
kritisiert den Umgang der CDU-­ konsequent gegen Rechtsaußen
Führung mit dem umstrittenen abgrenzen, folge bislang nichts, Von Markus Feldenkirchen einen oder anderen Anfangs-
Ex-Verfassungsschutzchef kritisiert Kühnert. Dabei gehe verdacht. Bevor er zum Chef
Hans-Georg Maaßen (CDU).
Die Debatte über dessen »fort-
währende politische Grenzüber-
schreitungen und Hetze« sei
es nicht nur um ein mögliches
Parteiausschlussverfahren gegen
Maaßen, sondern um die
Durchsetzung einer Überzeu-
H ans-Georg Maaßen ist
wieder mal einer ganz
heißen Sache auf der
Spur. Der Mann hat, das muss
des Bundesamts für Verfas-
sungsschutz befördert wurde,
war es so, dass der Dienst die
Gesellschaft unter anderem
mehr als eine interne Auseinan- gung in den eigenen Reihen. man ihm lassen, einfach ein vor Verschwörungstheoreti-
dersetzung über das Meinungs- »Stattdessen lässt man sächsi- Näschen für die ganz großen kern schützen sollte. Mit Maa-
spektrum einer konservativen sche CDU-Kommunalpolitiker Verschwörungen gegen unser ßen saß ein solches Exemplar
Partei. Die CDU trage eine ge- ungestraft die Klaviatur der schönes Vaterland. In einem dann plötzlich selbst an der
sellschaftliche Verantwortung selbst ernannten Querdenker Interview auf hallo-meinung. Spitze und raunte eifrig rum.
dafür, sich Menschenfeindlich- spielen, und die CDU Thürin- de (das heißt wirklich so) äu- Im Sommer 2018 sah der
keit und Verschwörungsmythen gen lädt Maaßen zu einem päd- ßerte Spürnase Maaßen nun oberste Verfassungsschützer
unmissverständlich entgegenzu- agogischen Kaffeekränzchen »den Anfangsverdacht«, dass beispielsweise »gute Gründe«,
stellen, so Kühnert. »Dieser vor, das ihn wenig beeindrucken die Coronapandemie von dass das Video eines Angriffs
Verantwortung wird die CDU wird«, so Kühnert. CTE »Politikern« genutzt werde, auf Migranten in Chemnitz
um den Staat autoritärer zu »eine gezielte Falschinforma-
machen und den Bürgern die tion« sei, »um die Öffentlich-
Christoph Ploß tor Andreas Dressel hatte Lum- Freiheit zu rauben. Das wär keit von dem Mord in Chem-
mas Firma damit beauftragt, ein natürlich weniger schön. nitz abzulenken«. Stattdessen
wittert SPD-Filz Programm zu entwerfen, um Man muss nun wissen, dass
BUNDESTAGSWAHL  Der Ham- ­Finanzmarkt-Start-ups an die sich Maaßen seinen Verdacht Man fragt sich, wie
burger CDU-Landeschef Chris- Elbe zu locken. Der Auftrag er- nicht einfach so aus den Fin-
toph Ploß wirft der SPD in der folgte im Sommer ohne Aus- gern gesogen hat. Nein, er
jene Politiker,
Hansestadt Vetternwirtschaft im schreibung. Die Finanzbehörde verweist – wie viele seiner auf die Maaßen damals
Wahlkampf vor. Hintergrund ist erklärte, es handele sich um Raunen spezialisierten Kum- beriefen, so daneben-
ein neun Millionen Euro schwe-
rer Auftrag der Stadt an eine
zeitlich befristete Corona-Mit-
tel, die schnell verteilt werden
pel – auf ein Buch des Grün-
ders des Weltwirtschafts­
greifen konnten.
Firma, die zu 50 Prozent dem müssten. Lumma, der der Me- forums, Klaus Schwab. Titel: witterte er eine linke Verschwö­
Unternehmer Nico Lumma ge- dien- und netzpolitischen Kom- »COVID-19: Der große Um- rung. Man fragt sich heute
hört. »Wer wie Herr Lumma ak- mission des SPD-Parteivor- bruch«. Gerade in rechtsex­ noch, wie jene Politiker, die ihn
tiv Wahlkampf für die SPD stands angehört, hatte vor der tremen Kreisen wird das Buch damals beriefen, derart dane-
macht, wird offenbar mit Ham- Bundestagswahl im Internet für gern als Beweis herangezogen, bengreifen konnten. Oder folg-
burger Steuergeldern in Millio- die SPD geworben. Die Ham- dass eine internationale Fi- te alles einem perfiden Plan
nenhöhe belohnt«, sagt Ploß. burger Finanzbehörde und die nanzelite im Verbund mit der des damaligen Innenministers
»Die SPD macht sich die Stadt SPD in der Stadt wiesen die Politik eine neue Weltordnung Hans-Peter Friedrich (CSU),
zur Beute.« Im Hamburger Rat- Vorwürfe von Ploß entschieden zu ihrem Vorteil einführen der mit Maaßens Berufung
haus führt die SPD eine Koali- zurück. Der Auftrag habe nichts wolle – und die Pandemie da- ­testen wollte, ob der Verfas-
tion mit den Grünen. Die Fi- mit dem Engagement Lummas für als Vorwand nehme. Attila sungsschutz in der Lage ist,
nanzbehörde unter SPD-Sena- für die SPD zu tun gehabt. SMS Hildmann und Michael Wend- Schwurbler in den eigenen
ler dürfte das gefallen. Reihen zu identifizieren?
Maaßen verbreitete auch Der andere Anfangsver-
den »bewegenden Appell dacht lautet, Maaßen sei ein
Nachgezählt von Prof. Bhakdi«, in dem
­Sucharit Bhakdi einen Stopp
von SPD und Grünen finan-
zierter Agent mit dem Auf-
Digitale Sprechstunden der Coronaimpfungen fordert, trag, dem politischen Konkur-
in deutschen Arztpraxen weil diese unzählige Men- renten größtmöglichen Scha-
schenleben kosten würden den zuzufügen. Demnach, so
und mit Hinrichtungen gleich- die Theorie, soll Maaßen von
zusetzen seien. Dass die Ge- Monat zu Monat immer grö-

2,7
neralstaatsanwaltschaft von ßeren Stuss verzapfen, um
Schleswig-Holstein gegen ­öffentlich vorzuführen, wie
Prof. Bhakdi wegen des Vor- sehr die CDU-Führung sich
wurfs der Volksverhetzung er- zu winden und zu blamieren
mittelt, juckt den Hinrich- bereit ist, um jenen Mann bei
Millionen tungsexperten der CDU nicht. Laune zu halten, von dem sie
Gespräche waren sich einst die Zustimmung
Weniger als 3000 es 2020.
Mittlerweile habe ich, was
Arzt-Patienten-Gespräche Maaßen betrifft, selbst den der AfD-Wähler erhoffte.
fanden 2019 digital statt.
An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen und Alexander Neubacher
im Wechsel.
S Quelle: McKinsey & Company

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 11


CHAPPATTES WELT Schwarzfahren bald
keine Straftat mehr?
RECHTSSTAAT  Der neue Bun-
desjustizminister Marco Busch-
mann (FDP) will die Justiz ent-
lasten. Dafür sollen bestimmte
Verfahren digital stattfinden
und das Strafrecht überarbeitet
werden. »Für diese Legislatur-
periode ist mir vor allem die
weitere Digitalisierung der Jus-
tiz wichtig«, so Buschmann.
Denkbar sei »ein bürgerfreund-
liches, rein digitales Verfahren
zur Durchsetzung kleiner For-
derungen«. Zudem will die Am-
pelkoalition das Strafrecht ent-
schlacken. »Gerade das Straf-
recht ist keine Allzweckwaffe,
sondern als schärfstes Schwert
des Rechtsstaats nur letztes Mit-
tel«, so Buschmann. Man werde
das »Strafrecht systematisch
überprüfen und mit einer Mo-
dernisierung für eine Entlastung
der Justiz sorgen.« Unter ande-
rem wird nach Angaben aus Ko-
alitionskreisen geprüft, ob bis-
herige Bagatelldelikte wie
Schadensbegrenzung Nazis jahrelang herunterge- kunft so bleiben wird«. Der Schwarzfahren zur Ordnungs-
spielt hat. Zwar sei die Ausstel- Vorstoß der Hohenzollern über- widrigkeit herabgestuft werden
der Hohenzollern lungsidee »durchaus reizvoll«, rascht: Prinz von Preußen hat können. Die Justiz gilt seit Jah-
GESCHICHTE  Der Vorschlag sagt Manja Schüle (SPD), Bran- bereits einige Historiker ver- ren als überlastet. Sven Rebehn,
der Hohenzollern, die Stiftung denburgs Wissenschaftsministe- klagt, weil diese angeblich be- Geschäftsführer des Deutschen
Preußische Schlösser und Gär- rin und Chefin des SPSG-Stif- haupteten, er wolle die Ge- Richterbunds, kritisiert, man
ten (SPSG) möge eine Ausstel- tungsrats. Allerdings verwahrt schichtsschreibung über seine komme mit der Arbeit kaum
lung über die Familie im 20. sie sich gegen jede inhaltliche Familie beeinflussen. Nun regt noch hinterher: »Es fehlt dem
Jahrhundert und damit auch die Einflussnahme des ehemaligen er einen Ausstellungsort an, Rechtsstaat nicht in erster Linie
Nazizeit zeigen, ruft in Potsdam Kaisergeschlechts. Die Familie schlägt den befreundeten Histo- an Regelungen, Verboten und
nicht nur Begeisterung hervor. habe bisher »großen Wert auf riker Lothar Machtan als Bera- Strafvorschriften, sondern an
Offenbar misstraut die Landes- die Feststellung gelegt, dass sie ter vor und bietet Leihgaben an, technisch wie personell gut ge-
regierung der plötzlichen nie gefordert habe, Einfluss auf was als Einflussnahme gedeutet nug ausgestatteten Gerichten
Imageoffensive Georg Friedrich die Darstellung ihrer Geschichte werden könnte – auch wenn die und Behörden, um die be-
von Preußens, der die Kollabo- zu nehmen«, so Schüle. »Ich bin Familie betont, keine derartigen stehenden Gesetze stringent
ration seiner Vorfahren mit den ganz sicher, dass das auch in Zu- Absichten zu verfolgen. KLW durchsetzen zu können«. SOG

Kampagne gegen sinnlosen Verlängerung dieser werde. Auch die Behauptung,


verantwortungslosen Impfkam- Ärzte würden persönlich für
die Impfkampagne pagne, die schon so viele Men- mögliche Impfschäden haften,
CORONALEUGNER  Die deut- schen ihre Gesundheit und nicht ist nach Auskunft der Bundes-
sche Ärzteschaft ist empört über wenige ihr Leben gekostet hat«, ärztekammer unwahr. »Falsch-
Versuche der Basisdemokrati- heißt es darin. Nach Angaben meldungen, wie die der Partei
schen Partei Deutschland (Die der Bundesärztekammer gehen Die Basis können lebensbe-
Basis), Arztpraxen mit dubiosen diese oder ähnliche Briefe der- drohlich sein«, sagt auch Peter
Informationsschreiben vom zeit vermehrt in Arztpraxen in Bobbert, Präsident der Berliner
Impfen abzubringen. In Berlin ganz Deutschland ein. »Diese Ärztekammer. »Wer sie in die-
hatte der Neuköllner Bezirks- Schreiben sind nichts anderes ser Form verbreitet, bringt
verband der Partei, die Esoteri- als der durchsichtige Versuch, Menschen in Gefahr. Man kann
kern und sogenannten Querden- Ärztinnen und Ärzte zu verun- es nicht oft genug betonen: Die
kern nahesteht, mehrseitige sichern«, sagt Bundesärztekam- Impfstoffe sind der Weg aus der
Briefe an Ärztinnen und Ärzte mer-Präsident Klaus Reinhardt. Pandemie heraus.« Die Partei
verschickt. Darin wird unter an- Die in Deutschland zugelasse- Die Basis ließ SPIEGEL -Fragen
HC Plambeck

derem behauptet, die Vakzinen nen Impfstoffe gegen das Coro- an den Bundesvorstand und
seien »unnötig«, »unwirksam« navirus seien weder unwirksam den Bezirksverband Neukölln
und »gefährlich«. »Machen Sie noch unnötig oder gefährlich, bis Redaktionsschluss unbeant-
sich nicht mitschuldig an der wie in den Schreiben suggeriert Wahlkämpfer der Basis in Berlin wortet. cos

12 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Gefährdeter General jägern der Bundeswehr beglei­
tet. Zur konkreten Gefährdungs­
PANDEMIE  Der Chef des Coro­ lage wurden keine Angaben ge­
na-Krisenstabes im Kanzleramt, macht. Breuer selbst sagte zu
Generalmajor Carsten Breuer, Gesprächspartnern, er habe nie
steht seit Amtsantritt unter Per­ mit einer derartigen Bewachung
sonenschutz. Der Soldat, der und Bedrohung gerechnet. Zu­
für Kanzler Olaf Scholz (SPD) letzt hatte es wiederholt Dro­
neue Strategien im Kampf hungen gegen Politiker wegen
gegen das Virus entwickeln und der Coronamaßnahmen gege­
koordinieren soll, gilt offenbar ben. So gab es Mordaufrufe

Dominik Asbach / DER SPIEGEL


als besonders gefährdet für gegen die Regierungschefs von
Übergriffe durch Coronaleug­ Sachsen und Mecklenburg-Vor­
ner. Wie sein Sprecher bestätigt, pommern, Michael Kretschmer
wird der General bei seinen öf­ (CDU) und Manuela Schwesig
fentlichen Auftritten von Feld­ (SPD). STW, HAM

»Euch müsste
»Wie ein kleiner Dschungel«
Glühwein ausschenken. Er sag­
te, ich würde hier nichts bekom­
man jagen« men. Das hielt ich erst für einen
Lokalreporter Sebastian Schiller, Scherz. Und dann wiederholte
DER AUGENZEUGE  Christoph Müller, 38, Reptilien­
32, der für den Rundfunk Berlin- er das. Da war ich erst mal baff.
Brandenburg aus Cottbus be- Schließlich stellte sich heraus, experte bei der Feuerwehr Düsseldorf, holt illegal
richtet, über Anfeindungen auf dass der Grund meine Bericht­ gehaltene Giftschlangen aus Wohnungen.
Corona-Demonstrationen erstattung von der Demo am
18. Dezember war. Da hätte ich »Seit fast zehn Jahren bin ich wir, dass sie sich um uns herum­
SPIEGEL: Herr Schiller, wegen so viel Unsinn erzählt. Darüber mit der Reptilienfachgruppe wickeln.
Ihrer Berichterstattung von Co­ diskutieren wollte er mit mir der Feuerwehr Düsseldorf Ich war schon als Kind von
rona-Demonstrationen werden nicht. Mit den Kollegen bin ich im Einsatz. Wir werden ge­ Reptilien fasziniert. Inzwischen
Sie beleidigt und bedroht. Was schließlich gegangen. Wir woll­ rufen, wenn jemand ein – habe ich auch welche als Haus­
ist los in Cottbus? ten das nicht noch weiter auf ­vermeintliches oder tatsäch­ tiere, allerdings Geckos und
Schiller: Die Tage nach den De­ die Spitze treiben. liches – exotisches Reptil Chamäleons, keine Schlangen.
mos sind besonders schwierig. SPIEGEL: Wie haben Sie diese ­entdeckt oder von einer Gift­ Ende November hatte uns
Normales Arbeiten ist nur ein­ Demonstration am 18. Dezem­ schlange gebissen wurde. die Stadt Hagen um Unter­
geschränkt möglich. Cottbus ist ber erlebt? Meist beraten wir telefonisch, stützung gebeten, dort hielt
keine große Stadt, und durch Schiller: Wir – das waren neben geben behandelnden Ärzten ein Mann sehr viele Reptilien,
die wenigen Leute, die hier mir noch ein Kameramann plus Informationen oder beruhigen illegal. In Nordrhein-Westfa­
wirklich aktiv sind, merken sich drei Security-Leute – wollten Gartenbesitzer, die eine harm­ len darf man sich seit Anfang
die Menschen Gesichter relativ in die hintere Ecke des einge­ lose Ringelnatter vor sich 2021 keine Giftschlangen
schnell. Ja, es gibt die positiven zäunten Platzes mit den De­ ­haben. Manchmal müssen wir mehr anschaffen – wer sie
Stimmen. Aber Leute pöbeln mons­­tranten, nachdem wir in aber auch Anakondas ein­ aber schon zuvor besessen hat,
mich auch auf offener Straße der Menge waren. Auf dem Weg fangen oder illegal gehaltene kann sie unter bestimmten
an: »Das ist doch hier der Se­ dorthin riefen uns Leute zu: Tiere in Auffangstationen Voraussetzungen behalten.
bastian Schiller, das Arsch­ »Euch müsste man auf die Fres­ ­umsiedeln. In der Wohnung wucherten
loch.« Oder lehnen ein Telefo­ se hauen! Euch da hinten müsste Reptilienspezialisten gibt Pflanzen, an den Wänden
nat mit mir ab, sobald sie mei­ man jagen!« Später am Abend – es bei einigen Feuerwehren, standen unzählige Terrarien
nen Namen hören. Oder be­ die Leute waren auf einem soge­ wir sind aber die einzige in mit Schlangen. Es war wie
strafen mich mit bösen Blicken. nannten Spaziergang durch die Deutschland, die eine Fach­ ein kleiner Dschungel.
Das klingt vielleicht banal – Stadt – fanden wir uns zwischen gruppe mit sechs Experten 14 Stunden waren wir im Ein­
aber wenn man sein Gesicht der Spitze des Demonstrations­ hat. Voraussetzung für den satz, holten rund 50 Tiere aus
in die Kamera hält, ist das zugs und einer dünnen Polizei­ Job ist, bereits bei der Feuer­ den Terrarien. Manche Tiere
schon was. kette wieder. Die Polizei hatte wehr zu sein, ein Großteil waren in Gefäßen ohne Scheibe
SPIEGEL: Wie wirken sich die einen Kessel aufgebaut. Wir wa­ meiner Arbeit als Leitstellen­ untergebracht – beim Öffnen
Anfeindungen auf Ihr Privatle­ ren dann plötzlich zum Teil von disponent hat nichts mit weiß man nicht, was man
ben aus? Neonazis umringt. Unsere drei Schlangen und Co. zu tun. Für ­bekommt. Uns war bekannt,
Schiller: Vor Weih­ Security-Leute ha­ die Zusatzqualifikation musste dass der Mann Speikobras
nachten ging ich ben versucht, einen ich eine theoretische Prüfung ­besaß. Diese Tiere hätten uns
nach Feierabend zu Ring um uns zu bil­ ablegen und praktische Übun­ ihr Gift in die Augen spritzen
einem bekannten den. Ich bin einiges gen absolvieren. Ich habe können, deshalb trugen man­
Lokal in der Innen­ gewohnt. Aber das ­gelernt, Arten zu bestimmen, che von uns Schutzvisiere. Ein
stadt, das im Hinter­ war das erste Mal, einen Raum abzusichern und Rettungshubschrauber stand
hof einen Glühwein­ dass mir wirklich einen Schlangen­haken zu ver­ bereit. Trotzdem hatte ich
stand hat. Zwei Kol­ anders wurde, ich wenden. Bei großen Würge­ ­keine Angst, die habe ich nie
legen waren schon dort stand und schlangen braucht man meh­ bei Einsätzen. Dafür sind wir
dort. Doch der Inha­ dachte: »Oh mein rere Personen, um ein Tier zu gut ausgebildet.«
ber wollte mir an Gott, was passiert hochzuheben. So verhindern Aufgezeichnet von Birte Bredow
Privat

dem Stand keinen hier gerade?« KHO

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 13


DEUTSCHLAND

Die Krötenschlucker
KOALITION  Nach nur einem Monat in der Regierung stehen die Grünen schlecht da: Sie haben sich
in der Präsidentenfrage verzockt und müssen hinnehmen, dass die EU Erdgas und
Atomkraft als nachhaltig einstuft. An der Basis zeigt sich Unmut, die Klimabewegung ist empört.

[M] Michael Kappeler / dpa

Grünenvorsitzende Baerbock, Habeck: Von nun an wird jede Krise auch die Krise der Grünen sein

14 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


DEUTSCHLAND

A
tomstrom soll auf lange Sicht mit dem die Partei in die Sondie- sie könnten mit der Union stimmen,
ökologisch akzeptabel sein? rungsverhandlungen für die Ampel Klimafreund- falls die eine Frau, überparteilich und
»Unglaublich«, schnaubt Eck- gegangen ist. Ein Selfie der Vorsitzen- liche AKW? modern, für das Präsidentenamt no-
hard Tietke, Landwirt und Co-Kreis- den Annalena Baerbock und Robert minieren würde. Noch zu Wochen-
verbandssprecher der Grünen in Lü- Habeck mit den Spitzen der FDP soll- »Wie finden Sie, dass beginn hofften einige in der Unions-
die EU-Kommission
chow-Dannenberg. »Aber nach 40 te damals suggerieren, dass hier nicht plant, Investitionen
spitze auf die Grünen. Auch der de-
Jahren Widerstand überrascht uns so Juniorpartner nach einem Bündnis in Atomenergie über- signierte CDU-Chef Friedrich Merz
schnell nichts mehr.« Auch nicht die mit der SPD streben, sondern starke gangsweise als klima- führte Gespräche in dieser Angele-
Nachricht aus Brüssel, dass die EU- Verbündete. freundlich einzustu- genheit. Dabei fielen Namen von
fen?«, Angaben in
Kommission in der sogenannten In der Praxis ist davon wenig zu Prozent
möglichen Kandidatinnen. Einen
Taxonomie Kernkraft als nachhaltig sehen. In der Praxis gibt es drei ein- konkreten Plan gab es aber offenbar
bezeichnet und so vielleicht für viele zelne Regierungsparteien, und von Richtig nicht. »Die Union ist schlecht sortiert
Jahrzehnte bewahren helfen wird. denen wirken die Grünen bislang am 47 aufgetreten«, heißt es bei den Grü-
Im Landkreis Lüchow-Dannen- schwächsten. Das liegt auch an der Falsch
nen, womit man wohl auch von eige-
berg liegt der Ort Gorleben, der bis Moral, die in der Opposition leichter nen Schwächen ablenken will.
45
2020 als mögliches Endlager für ra- zu pflegen ist. In der Regierung hat Am Montagabend rangen sich die
dioaktiven Atommüll vorgesehen man es schwer damit, weil man auf Grünenspitzen offenbar durch, für
S Quelle: Civey-Umfrage
war. 40 Jahre lang haben Leute wie Bündnispartner trifft, die andere Vor- Steinmeier zu votieren, und beriefen

‚
für den SPIEGEL vom 4. bis
Tietke dagegen angekämpft. Dieser stellungen haben. Und der Moralist 6. Jan.; Befragte: 5003; die
statistische Ungenauigkeit
eilig eine Fraktionssitzung für den
Widerstand gehört zum Gründungs- sieht besonders schlecht aus, wenn er der Umfrage liegt bei bis folgenden Morgen ein. Der Vorschlag
zu 2,5 Prozentpunkten;
mythos der Grünen. Kompromisse verkaufen muss, denn an 100 fehlende Prozent: wurde dort präsentiert und miss-
Die Pointe aus Tietkes Sicht: Ernst dafür ist die Moral eigentlich nicht »unentschieden« gelaunt, aber ohne allzu viel Wider-
Albrecht (CDU) war der Minister- gemacht. spruch angenommen. Auf einmal
präsident, der 1977 aus Gorleben ein Die Grünen offenbarten aber auch wirkten die Grünen nicht mehr wie
»nukleares Entsorgungszentrum« Schwächen in strategischen und kom- pragmatische Koalitionspartner, son-
machen wollte. Die Frau, die nun zu munikativen Fragen, scheinen nicht dern wie gescheiterte Rebellen.
verantworten hat, dass Atomstrom gut gerüstet für das Machtspiel, das Am Mittwochmorgen gaben sich
als nachhaltig eingestuft werden Politik auch ist. Timing zählt dabei zu auch die Spitzen von CDU und CSU
soll, ist seine Tochter: Ursula von der den wichtigen Faktoren, und fürs in einer gemeinsamen Schaltkonfe-
Leyen, Präsidentin der EU-Kommis- Krötenschlucken gilt: lieber früh als renz alle Mühe, so zu tun, als hätte
sion. spät. Denn politische Kröten wach- man die Wiederwahl von Bundesprä-
Mittwochabend, Tietke hat die Ak- sen, während man wartet. Umso be- sident Steinmeier immer unterstützt.
tiven seines Kreisverbands auf seinen schwerlicher ist dann das Schlucken, Auch Heucheln gehört zum Geschäft.
Bauernhof eingeladen. Fünf Autos wie sich in den vergangenen Tagen Bloß nicht Verlierer sein. Bayerns Mi-
sind draußen geparkt, auf dem Tisch bei der Präsidentenfrage zeigte. nisterpräsident Markus Söder (CSU)
stehen Rhabarberschorle und eine SPD und FDP hatten sich früh auf twitterte, die Union werde den Amts-
mächtige Pumpkanne Kaffee. Die Amtsinhaber Frank-Walter Stein- inhaber »ganz bewusst wieder unter-
Grünen regieren in Berlin, und eine meier festgelegt. Die Grünen hätten stützen« – der dürfte erstaunt sein,
der ersten Nachrichten ist ein Angriff lieber eine Frau im Schloss Bellevue wie beliebt er plötzlich ist.
auf den Gründungsmythos. gesehen, unterließen es aber bei den Für die Grünen ist der Fall Stein-
Hätten die Spitzen der Partei das Koalitionsverhandlungen, darauf zu meier, für sich genommen, keine Tra-
verhindern müssen? Bei aller Em- drängen. Das Thema spielte dem Ver- gödie, eher ein Warnschuss.
pörung, Tietke und seine Mitstreiter nehmen nach keine große Rolle. Weil Schwerer wiegt die Taxonomie,
kritisieren die eigenen Leute nur die SPD Bärbel Bas zur Bundestags- weil es um den Gründungsmythos
sanft. Es überwiegt die Freude darü- präsidentin machte, fiel das Argu- Atomkraftwerk im geht, um den Kern der Grünen.
ber, endlich mitzuregieren, besonders ment weg, mindestens eine der höchs- französischen Cruas: Die Idee einer Taxonomie für um-
bei den Jungen im Kreisverband. ten Staatsämter müsse von einer Frau In Deutschland weltfreundliche und nachhaltige Pro-
verpönt, in Frankreich
Eine zerrissene Gefühlslage, das eingenommen werden. wichtig für
dukte stellte die EU-Kommission be-
ist, was für die Grünen für diese Le- Die Grünen warteten trotzdem die nationale reits vor knapp vier Jahren vor. Ziel
gislaturperiode zu erwarten war. Re- und ließen damit Spekulationen zu, Souveränität ist, das sogenannte Greenwashing zu
gieren ist schön, aber auch hart, vor verhindern, das Anpreisen von Pro-
allem für eine Partei, die hohe mora- dukten als »grün« und umweltfreund-
lische Ansprüche erhebt. Nach nur lich, obwohl sie es nicht sind. Ein ein-
einem Monat an der Macht über- heitliches Klassifikationssystem, so
wiegen für die Grünen derzeit die die Idee, soll Investoren und Privat-
Härten. Sie schlucken Kröten, müssen leuten dabei helfen, ihr Geld nach-
hinnehmen, dass die EU Atomkraft haltig anzulegen und damit den Aus-
als nachhaltige Übergangstechnologie bau einer klimafreundlichen Energie-
einstuft, müssen hinnehmen, dass versorgung voranzutreiben. Im Prin-
Bundespräsident Frank-Walter Stein- zip also ein ökologisches Projekt, gut
[M] Guillaume Horcajuelo / EPA-EFE

meier eine zweite Amtszeit bekommt, für die Grünen.


obwohl sie damit nicht glücklich sind, Heraus kam die EU-Verordnung
müssen in der Außenpolitik hinneh- Nummer 2020/852. Sie legte im Juni
men, dass Bundeskanzler Olaf Scholz 2020 fest, welche Wirtschaftsakti-
die Richtlinien bestimmt und dabei vitäten Klima und Umwelt schützen
gegen grüne Vorstellungen verstößt. oder eine nachhaltige Entwicklung zu-
Das ist ein ziemlicher Absturz, mindest nicht behindern. Die genauen
gemessen an dem Selbstbewusstsein, Details der Taxonomie sollten an-

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 15


DEUTSCHLAND

schließend in sogenannten delegierten Gas hätte es unter der alten Bundes-


Rechtsakten festgelegt werden. regierung nicht gegeben, heißt es im
In der EU wird jedoch selten allein Wirtschaftsministerium.
nach sachlichen Kriterien entschie- Die Franzosen versuchen nun, das
den. Schnell zeichnete sich ab, dass Ergebnis der Taxonomie mit Rück-
vor allem die beiden führenden Na- sicht auf die Deutschen herunterzu-
tionen in Europa unterschiedliche spielen. Auch Paris habe zurückste-
Ansichten haben. Während in cken müssen, sagt der Vorsitzende
Deutschland die Atomkraft auf brei- des Umweltausschusses im Europa-
te Ablehnung stößt, ist sie für Frank- parlament, Pascal Canfin. »Frank-
reich ein Schlüsselelement nationaler reich hat bis zur letzten Minute ver-

[M] Michael Kappeler / dpa


Souveränität und unverzichtbarer sucht, die Atomkraft in die Kategorie
Teil der Stromversorgung. der grünen Energiequellen zu bekom-
Die Große Koalition von Angela men.« Dass die Kernenergie nun le-
Merkel setzte dagegen auf klima- diglich als Übergangstechnologie be-
schädliche Gaskraftwerke, um den zeichnet werde, sei daher bereits ein
Übergang in eine klimafreundliche Kompromiss.
Energieversorgung abzusichern. »Wir brauchen eine stabile Energie- Präsident Macron, Das sehen die Grünen anders. Ob-
Ohne sie wird es selbst bei einem quelle, die Atomkraft und, in der Kanzler Scholz: wohl die Aufnahme von Gas und
Außenpolitik
schnellen Ausbau der erneuerbaren Übergangszeit, Gas«, twitterte Kom- als Chefsache Atomkraft in die Taxonomie keine
Energien nicht möglich sein, die missionschefin von der Leyen nach Überraschung gewesen sein konnte,
Stromproduktion an wind- und son- einem EU-Gipfel. Eine Bekräftigung empörten sich Habeck und Lemke,
nenarmen Tagen sicherzustellen. folgte kurz darauf. Die Kommission als wären sie aus allen Wolken
Das akzeptieren die Grünen. Eine werde wohl nicht nur Erdgas in ihren ­gefallen. Atomenergie sei »gefähr-
Unterstützung der Atomkraft hingegen Vorschlag aufnehmen, kabelte der lich«, eine »Hochrisikotechnologie«,
ist ein Tabu, sie wäre ein Verrat am Wi- deutsche EU-Botschafter Michael schimpfte Lemke. Es wirkte wie
derstand in Gorleben, Brokdorf, Kalkar. Clauß am 10. November nach Berlin. Theaterdonner.
Als die Grünen 1998 mit der SPD unter Frankreich und andere Länder sähen Ska Keller, Co-Chefin der Grünen-
Bundeskanzler Gerhard Schröder eine auch »die Chance, Kernkraft als grü- fraktion im Europaparlament, be-
Regierung bildeten, setzten sie den Aus- ne Energie der Zukunft festzuschrei- streitet diesen Eindruck: »Dass die
stieg aus der Kernenergie durch. ben«. Eine »große Mehrheit der Mit- Regeln für die Atomkraft in der Ta-
Die Grünen beobachteten die Ge- gliedstaaten« unterstütze das oder xonomie so lax sein sollen, war bis
spräche um die Verordnung 2020/825 halte es zumindest für akzeptabel. zuletzt nicht klar.« Deshalb sei die
daher mit bösen Ahnungen. Vor Damit war klar, wie die Sache aus- Aufregung keineswegs »inszeniert«,
knapp einem Jahr forderte die Bun- gehen würde. Um den Vorschlag der auch wenn klar war, dass die Atom-
destagsfraktion in einem Antrag, sich Kommission zu stoppen, müssten 20 kraft darin eine Rolle spielen würde.
»insbesondere« gegen die Einstufung der 27 Mitgliedsländer mit mindes- Die Bundesregierung will in den
von Atomkraft als nachhaltige Geld- tens 65 Prozent der EU-Bevölkerung kommenden Tagen versuchen, den
anlage auf EU-Ebene zu stellen. dagegen stimmen – oder eine abso- Entwurf der Verordnung zu ändern.
Im Juni 2020 legte die EU-Kom- lute Mehrheit des EU-Parlaments. Viel Zeit bleibt nicht. Die Mitglieds-
mission fest, welche Wirtschaftsakti- Beides war und ist nicht in Sicht. länder müssen der Kommission bis
vitäten einen »wesentlichen Beitrag Das war der Ampelkoalition be- nächsten Mittwoch Änderungswün-
zum Klimaschutz« leisten, zum Bei- wusst, als sie am 8. Dezember die sche mitteilen. Voraussichtlich am
spiel der Betrieb von Wind- und Was- Regierung übernahm. Scholz hat das 18. Januar wird von der Leyens Kabi-
serkraftwerken. Den schwierigen Teil, Thema vor der letzten Kabinettssit- nett über die finale Fassung entschei-
die künftige Rolle von Gas und Atom- zung vor der Weihnachtspause mit den. Anschließend folgt eine vier­
kraft, sparte die Kommission aus. Robert Habeck, FDP-Chef Christian monatige Begutachtungsphase für die
Hinter den Kulissen verhandelten Lindner und Umweltministerin Stef- Mitgliedsländer und das Parlament.
Franzosen und Deutsche über dieses fi Lemke (Grüne) besprochen. Am 1. Januar 2023 soll der delegierte
Thema. Während die Franzosen kraft- In Habecks Umfeld betont man, Rechtsakt in Kraft treten, ab dann
voll für die Kernenergie eintraten, dass sich der Minister unmittelbar wäre die Taxonomie in der Welt.
hatte die Große Koalition keine ein- nach Amtsantritt in die Verhandlun- Habecks Beamte machen sich
heitliche Haltung. Die damalige Um- gen eingeschaltet habe. Dabei sei klar kaum Hoffnung. »Einflussnahme-
weltministerin Svenja Schulze (SPD) gewesen, dass an der Grundsatzent- möglichkeiten im weiteren Verfahren
wollte Gaskraftwerke unter strengen scheidung der Kommission wohl nicht sind begrenzt«, heißt es in einer in-
Bedingungen in die Taxonomie auf- mehr zu rütteln sein werde. Bessere ternen Vorlage für die Führungsebe-
nehmen. Ex-Wirtschaftsminister Pe- Bedingungen waren das Ziel. ne des Wirtschaftsministeriums, die
ter Altmaier hingegen notierte in grü- Habeck sprach mit den zuständi- dem SPIEGEL vorliegt. In Paris jeden-
ner Tinte im Herbst auf eine Vorlage gen Kommissionsmitgliedern in Brüs- falls wäre man nicht bereit, noch
aus seinem Haus: »Wir können Kom-
promisse machen, sofern sicher­
sel und mit seinem französischen
Amtskollegen Bruno Le Maire – an- »Unsere substanzielle Änderungen an den Re-
geln für Gas- oder Atomkraftwerke
gestellt ist, dass Bau und Betrieb geblich mit Erfolg: Investitionen in Spitze in der zu akzeptieren. Man betrachte den
­neuer Erdgaskraftwerke (…) möglich«
bleiben. Kanzlerin Merkel hielt sich
Gaskraftwerke sollen nur als nach-
haltig gelten, wenn diese auch Was-
Regierung von der Kommission vorgelegten
Vorschlag als »final«, heißt es aus
erst einmal raus, wie gewohnt. serstoff verbrennen können, schon ab muss noch französischen Regierungskreisen.
Dass Atomkraft und Gas Teil der
Taxonomie würden, wusste die Gro-
2035 weitgehend nicht mehr mit Erd-
gas betrieben werden und bis 2030
mehr Härte Präsident Macron steht mitten im
Wahlkampf, für ihn ist der Vorschlag
ße Koalition spätestens im Oktober. genehmigt sind. So strenge Regeln für entwickeln.« der Kommission von zentraler Be-

16 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


DEUTSCHLAND

VEGANE
SIEGER
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17
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Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL
DEUTSCHLAND

deutung. Seit mehr als einem Jahr das mit der ›Brückentechnologie‹ na- Atomkraft verurteilte und je halbher-
habe man mit großem Aufwand dar- türlich Blödsinn ist. Von unseren Spit- ziger sie sich von der Aufnahme von
aufhin gearbeitet, sagte ein Berater zenpolitikern erwarten wir jetzt, dass Gas in die Taxonomie distanzierte,
diese Woche. Macron habe sich bei sie sich klar positionieren.« desto deutlicher wurde die Kritik. Der
der Kommission persönlich dafür ein- Thomas Heidemann, Vorstands- Klimaaktivist Nick Heubeck sagt:
gesetzt, dass der Passus zum Atom- sprecher im Kreisverband Diepholz, »Weil sich die Grünen nicht eindeutig
strom zustande kommt. Ihm geht es sagt: »Wir sind schon enttäuscht. Be- gegen den Kurs der Koalitionspartner
um mehr als bloße Energieversor- sonders wenn ich bedenke, wo wir im positionieren, sind sie für das Brem-
gung. Nuklearstrom garantiere Frühjahr mal waren. Trotzdem sehe sen der europäischen Energiewende
»Energiesouveränität«, wie es im Ély- ich uns klar auf dem Weg zur Volks- mitverantwortlich. Stellen sie in der
sée heißt. Frankreich will auf keinen partei. Wir müssen ins Regieren kom- Regierung politisches Kalkül weiter
Fall – wie Deutschland – von russi- men – und dazu gehört auch, in der vor die Bekämpfung der Klimakrise,
schem Gas abhängig sein. Energiefrage Kompromisse zu ma- machen sie sich als Partei selbst über-
Für Paris hat das Abkommen auch chen, pragmatisch zu sein. Das wird flüssig.«
hohen symbolischen Wert. »Es war einigen Hartgesottenen nicht gefallen. Niklas Höhne, Wissenschaftler am
der erste Test für die Zusammenarbeit Ich glaube aber nicht, dass es deswe- NewClimate Institute, sieht das ähn-
mit der neuen Koalition und für die gen bei uns im Kreisverband zu Aus- lich: »Gas als nachhaltig zu deklarie-
Frage, welche Handlungsmarge der tritten kommen wird. Und die Leute ren wäre katastrophal für den Klima-
neue Kanzler hat«, heißt es im Um- um Robert Habeck werden die Dinge schutz. Es setzt das komplett falsche
feld der beteiligten Pariser Ministe- schon geraderücken können.« Signal und suggeriert, wir hätten noch
rien. Demnach hat Scholz den Test Einen erheblichen Unterschied Zeit. Für Gas als sogenannte Brücken-
bestanden. gibt es zwischen der grünen Partei- technologie haben wir aber einfach
Die Regierung in Paris ist zuver- basis und dem Umfeld der Partei, zum keine Zeit mehr.«
sichtlich, dass der Kommissionsvor- Beispiel der Klimabewegung Fridays Da zeichnet sich ein Grundkonflikt
schlag mit geringfügigen Änderungen for Future. Dort empört man sich we- dieser Legislaturperiode ab. Die Kli-
durchkommen wird. Deutsche Beob- niger über Atomkraft als über das mabewegung ist eine außerparlamen-
achter der Verhandlungen sehen das Erdgas. Kurz vor Silvester wurde der tarische Opposition, die alles fordern
ähnlich. Es sei eher unwahrscheinlich, Hashtag »#OlafSchummelt« tausend- kann, weil sie nichts umsetzen oder
dass man zu Beginn der französischen fach auf Twitter geteilt. Die Aktivistin mittragen muss. Die Grünen werden
EU-Ratspräsidentschaft und wenige Luisa Neubauer schrieb: »Als erste, eingeklemmt sein zwischen diesen
Monate vor den Präsidentschaftswah- große, internationale Klimaentschei- Ansprüchen und den Erfordernissen
len in Paris einen großen Streit um dung seiner Amtszeit plant Olaf des Regierens.
den Vorschlag vom Zaun brechen Scholz, dem EU-Vorschlag zuzustim- Ähnlich sieht das auch in der
werde, sagt einer von ihnen. men, Erdgas als ›grüne‹ Energie zu Außen- und Sicherheitspolitik aus.
Nähme Brüssel die Änderungs- labeln. Nichts an Erdgas ist grün. Auch hier lauern wohlgenährte Krö-
Protest von Fridays
wünsche aus Berlin nicht auf, würde Nichts. Was ein Wahnsinn.« for Future in Berlin:
ten am Wegesrand, auch hier verfol-
die Koalition der Verordnung wohl Die Grünen wurden zunächst ver- Keine Nachsicht für gen die Grünen einen moralischen
nicht zustimmen. »Eine Zustimmung schont. Doch je heftiger die Partei die politische Zwänge Ansatz. Sie wollen mehr auf Men-
zu einem EU-Rechtsakt, der Atom als schenrechte achten, feministische
nachhaltig labelt, kommt für die Bun- Außenpolitik machen, weniger zahm
desregierung nicht in Betracht«, heißt gegenüber den autoritären Regimen
es aus Habecks Umfeld. in Russland oder China auftreten,
Der Koalitionspartner FDP ist we- Rüstungsexporte beschränken. Ihre
niger streng. »Wenn wir es schaffen, Koalitionspartner sehen das oftmals
den Vorschlag der Kommission noch anders, manchmal konträr. Oder sie
an einzelnen Stellen nachzubessern, haben einfach Fakten geschaffen: Die
dann wäre es mein Wunsch, dass die Vorgängerregierung, der die SPD an-
Bundesregierung dem Taxonomie- gehörte, hat kurz vor dem Macht-
Rechtsakt in seiner Gänze zustimmt«, wechsel heikle Rüstungsexporte in
sagt der klimapolitische Sprecher Lu- Milliardenhöhe genehmigt.
kas Köhler. Er wäre zufrieden, wenn Aber die Grünen wollten unbe-
zur Bedingung gemacht würde, dass dingt in der Außenpolitik an führen-
die Atomkraftbetreiber die Risiken der Stelle mitmischen, oder genauer:
und die Entsorgungskosten selbst fi- Annalena Baerbock wollte das. Nicht
nanzieren müssen. Option eins wäre wenige in der Partei hielten es nie für
in dieser Lage, sich als Regierung zu eine sonderlich gute Idee, das Aus-
enthalten. Option zwei wäre, frucht- wärtige Amt zu beanspruchen. Sie
los dagegen zu stimmen, um die grü- sehen darin ein Selbstverwirkli-
ne Basis zu beruhigen. chungsprojekt der Parteichefin. Nun
Der Ärger dort jedenfalls ist groß. muss die Partei damit umgehen – und
»Bei uns hat’s einen großen Aufschrei die Probleme sind riesig.
gegeben«, sagt Valentine Siemon, Russland zieht Abertausende Sol-
[M] Dominik Butzmann / laif

Vorstandssprecherin des Kreisver- daten und schwere Waffen an der


bands Elbe-Elster. »Viele haben ihrem Grenze zur Ukraine zusammen, und
Unmut Luft gemacht. Die Mehrheit Experten fürchten, Präsident Wladi-
differenziert aber durchaus zwischen mir Putin könnte es ernst meinen mit
Atom und Gas. Mit Letzterem wer- einem Einmarsch. Das würde bedeu-
den wir wohl leben müssen, obwohl ten: ein Invasionskrieg in Europa. Die

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DEUTSCHLAND

Der Alleingang 
ANALYSE  Der Bundespräsident legte selbst die Basis für seine zweite Amtszeit –
und sollte seine absehbar breite Mehrheit nun auch nutzen.

Am Mittwoch wird der Bundespräsident


eine Impfgegnerin treffen. Acht Bürgerin-
nen und Bürger sind ins Schloss Bellevue
eingeladen zu einer Debatte über »Pro
und Kontra einer Impfpflicht« gegen das
Coronavirus. Eine Teilnehmerin lehnt
nicht nur die Impfpflicht ab, sondern die
Impfung an sich. Sie darf den ersten Mann
im Staat trotzdem persönlich treffen.
Wenige Politikerinnen und Politiker

[M] Bernd von Jutrczenka / picture alliance / dpa


sind bereit zum Dialog mit Impfgegnern.
Aber in seiner ersten Amtszeit hat sich
Frank-Walter Steinmeier immer wieder
Diskussionen gewagt, die er nicht kon­
trollieren konnte. An seiner »Kaffee­
tafel« durften AfD-Politiker wie Corona­
skeptikerinnen Platz nehmen, und es ist
ein Erfolg von Steinmeiers Präsident- Grünenchef Robert Habeck,
schaft, dass die kleinen Gesprächsrunden Staatsoberhaupt Steinmeier, ­
weder eskalierten noch Verschwörungs- Grünenchefin Annalena Baerbock
theorien unwidersprochen hingenommen
wurden. Die kritischere Interpretation lautet: Steinmeier stammt, hätte diesen Schritt
Steinmeier sei eben mutig, sagen Weg- Hier hat ein Bundespräsident seine Popu- als Affront auffassen müssen.
gefährten, und habe sich immer als poli­ larität, unsichere Mehrheitsverhältnisse Wie aus der Union zu hören ist, gab es
tischen Präsidenten verstanden. In dieser und die krisenhafte pandemische Lage Versuche, sich mit den Grünen zu einigen.
Haltung liegt auch die Erklärung, wie es ­genutzt, um sich das Amt zu sichern. Tat- Dass CDU und CSU öffentlich nie Namen
nun zu seiner zweiten Amtszeit kommt. sächlich schuf Steinmeiers Kandidatur un- nannten, soll daran gelegen haben, dass
Alle drei Ampelparteien haben angekün- verrückbare Fakten. Jede Partei, die fort- man den Grünen freie Hand lassen wollte,
digt, Steinmeier in der Bundesversamm- an einen Vorschlag unterbreiten wollte, ihre Wunschkandidatin zu benennen.
lung am 13. Februar zu unterstützen, so- hätte eine Gegenkandidatin, einen He­ Die Folgen von Steinmeiers Vorgehen
gar die Oppositionsparteien CDU und rausforderer aufgestellt. Und hätte erklä- für die Machtdynamik künftiger Bundes-
CSU stellen keine eigene Kandidatin auf. ren müssen, warum dieser Mensch besser präsidentenwahlen sind schwer absehbar.
Aber es war Steinmeier selbst, der die geeignet sein sollte als der Amtsinhaber – Für seine eigene zweite Amtszeit bedeutet
Grundlage für fünf weitere Jahre im was zwangsläufig bedeutet hätte, Stein- der Schritt aber eine Chance: So frei, so
Schloss Bellevue legte, mit einem politi- meiers Schwächen zu thematisieren, und selbstbewusst konnte wohl noch kein
schen Manöver, das in der Geschichte sei es die Tatsache, dass er keine Frau ist. Amtsinhaber vor ihm agieren. Der künfti-
außergewöhnlich ist und das Amt tiefgrei- Diese Deutung schwingt in den frus­ ge Präsident könnte endgültig die Haut des
fend verändern könnte. trierten Worten des CDU-Ministerpräsi- alten Technokraten Steinmeier abstreifen,
Im Mai 2021 verkündete Steinmeier denten Hendrik Wüst mit, der zunächst der für Kanzler Gerhard Schröder die
seine Bereitschaft zu einer zweiten Amts- für eine Frau im Schloss Bellevue warb, ­Fäden zog und später im Auswärtigen Amt
zeit. Frühere Präsidenten hatten abgewar- dann aber einen Rückzieher machte: »Das den eher nüchternen Chefdiplomaten gab.
tet, dafür vorgeschlagen zu werden. Auch Amt des Bundespräsidenten verdient Res- Was Bundespräsident Steinmeier bis-
Steinmeier hatte zunächst gewartet, ver- pekt.« Sein Votum für Steinmeier gründe lang nur in kleinem Rahmen gelang, näm-
mutlich auch behutsam sondiert – und auf »staatspolitischer Verantwortung«. lich bürgernahe Antworten auf drängende
dann die Kandidatur doch selbst erklärt. Es ist Steinmeiers fragwürdiges Ver- ­Fragen zu formulieren, sollte künftig von
Zwei Deutungen gibt es für diesen Schritt, dienst, dass die demokratische Selbstver- ihm mehr auf großer Bühne zu hören sein.
die positive verbreiten Steinmeiers Ver- ständlichkeit einer Gegenkandidatur, und Mutige, prägnante Auftritte, wie etwa in
traute: Der Bundespräsident habe das sei sie aussichtslos, als staatspolitisch ver- der Gedenkstunde für die Opfer des
höchste Amt im Staat rechtzeitig vor der antwortungslos und respektlos interpre- ­Nationalsozialismus, waren die Ausnahme.
heißen Wahlkampfphase davor bewahrt, tiert werden kann. Dabei muss es in einer Aus dem Bundespräsidialamt heißt es, der
zum Spielball der Parteipolitik zu werden, vielfältigen Gesellschaft mehr als eine Präsident glaube eben nicht an die Wir-
zum Chip im Koalitionspoker. In einer ­geeignete Person für das Amt des Staats- kung der einen großen Rede, die das Land
Lage, in der sich die politischen Verhält- oberhaupts geben. Steinmeiers Alleingang ruckartig voranbringe. Dafür sei die Re-
nisse auf historisch beispiellose Weise hat seine Kandidatur auch parteipolitisch gierung zuständig.
­verschoben hätten und die Mehrheit, die überfrachtet: Die Grünen konnten nicht Doch von einem Bundespräsidenten,
Steinmeier ursprünglich ins Amt getragen mehr frei über eine eigene Kandidatin der von einer absehbar so breiten Mehr-
hatte, zu zerfallen schien, habe er die ­entscheiden, schon gar nicht über eine heit getragen wird, darf man mehr als vor
­Unabhängigkeit und Überparteilichkeit ­gemeinsame mit der Union. Der Koa­ allem leise Töne ­erwarten.
des Präsidentenamts gesichert. litionspartner SPD, aus dessen Reihen Melanie Amann  n

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DEUTSCHLAND

Bundesregierung müsste entscheiden, dieser Selbstwahrnehmung als Repa-


wie sie die Ukraine unterstützt. raturbetrieb des Systems steckt eine
Habeck hatte im Wahlkampf auf- ordentliche Menge Anmaßung, zu-
horchen lassen, indem er »Defensiv- mindest in ökologischen Fragen aber
waffen« für die Ukraine forderte. auch eine Wahrheit, die es den Grü-
Daran würde sich die ukrainische Re- nen schwer macht: Es ist wirklich vie-
gierung gewiss erinnern, sollten rus- les falsch gelaufen im Klimaschutz,
sische Truppen im Osten des Landes und nun unter Zeitdruck umzusteu-
einfallen. Aber würde es Deutschland ern, geht nicht ohne Konflikt.
wirklich riskieren, wie eine Kriegs- »Wir sind nicht Olaf Scholz, und
partei zu erscheinen? wir sollten nie versuchen, wie Olaf

[M] Michael Kappeler / dpa


Ganz sicher würde in diesem Fall Scholz Politik zu machen, das wäre
der Westen neue Sanktionen verhän- unser Untergang«, sagt ein Grüner.
gen. Die aber könnten auf Europa Soll heißen: Der Kanzler kann sich in
zurückfallen. Deutschland ist, wie Klimafragen ab und an wegducken,
andere Staaten auch, von russischem er kann auch mal still schmutzige
Gas abhängig. Und Energie ist derzeit Deals machen. Die Grünen könnten
ohnehin knapp und teuer. besten Leute drängten in die Regie- FDP-Minister es nicht, weil sich dann die Frage stell-
Wertegeleitet wäre es, in diesem rung. Das korrigierte Schröder nach Wissing, Lindner: te, wofür es sie eigentlich braucht.
Die Liberalen
Fall hart zu bleiben. Aber was werden dem ersten Jahr. Verkehrsminister zehren vom Verhand- Habeck hat versucht, die Partei auf
die Werte zählen, wenn Energieprei- Franz Müntefering trat aus der Regie- lungserfolg die Härten des Regierens vorzuberei-
se in die Höhe schießen? Wenn gar rung aus, übernahm den neuen Pos- ten: Von nun an werde jede Krise
ein Engpass droht, mitten im Winter? ten des Generalsekretärs und organi- auch die Krise der Grünen sein, jeder
Zwar haben die Grünen stets auf die sierte für Schröder die Partei. Konflikt ihr Konflikt, so hatte er es
Gefahr einer politischen Erpressbar- Die Kritik an der EU-Kommission seinen Leuten eingeschärft. Schluss
keit hingewiesen und lehnten Nord wird in der SPD durchaus geteilt, mit der geschützten Zeit in der Op-
Stream 2 auch deshalb ab. Jetzt aber zumindest beim Thema Atomkraft. position. Er hat recht behalten.
ist die Ostseepipeline ihr Problem. Beim Erdgas wundern sich die Ge- Überdies hat Habeck selbst den
Derweil passiert, was abzusehen nossen hingegen über manche Äuße- Übergang in die Regierungsphase nicht
war und weshalb das Außenministe- rung der Grünen, schließlich stehe im gut gemeistert. Noch immer gibt es
rium seit Jahren an Attraktivität ver- Koalitionsvertrag, dass diese Energie- keine schlüssige Erklärung dafür,
liert: Der Kanzler übernimmt und form »für eine Übergangszeit unver- warum die Grünen das Verkehrs-
drängt Baerbock an den Rand. Er zichtbar« sei. Noch rätselhafter finden ministerium an die FDP abtreten muss-
nimmt Kontakt nach Russland auf, die Sozialdemokraten das Verhalten ten, nachdem die schon das Finanz-
nach China. Schon früh hat die SPD des Koalitionspartners in der Causa ministerium bekommen hat. Die FDP
durchblicken lassen, dass die Außen- Steinmeier. Das lange Zögern sei ein stand als Siegerin da, und sie zehrt
politik Chefsache sei. Merkel hat es strategischer Fehler gewesen. noch immer von diesem Ruf. Die Grü-
auch so gemacht. Offiziell betont Eine Gefahr für die Koalition se- nen dagegen erschienen übertölpelt.
man, mit den Grünen außenpolitisch hen die Genossen derzeit nicht. Die Habecks Strategie des Konsenses
an einem Strang zu ziehen und mit Probleme seien hausgemacht und sehen inzwischen einige in der Partei
einer Stimme zu sprechen. müssten von den Grünen gelöst wer- kritisch. »Ich glaube, unsere Spitze in
Vor allem über den Umgang mit den, heißt es. Scholz achte zudem der Regierung muss noch mehr Här-
Putin aber droht zwischen den Koali- darauf, dass jeder Partner seine Er- te entwickeln. Das hat sich schon
tionspartnern ein handfester Streit: folge feiern könne. Den Eindruck, es während der Koalitionsverhandlun-
Die SPD pflegt traditionell ein gutes gebe bereits nach einem Monat Ge- gen gezeigt«, sagt ein Funktionär der
Verhältnis zu Russland, Baerbock winner und Verlierer in seiner Regie- Grünen. Das anfängliche Kalkül der
bezeichnete Altkanzler Gerhard rung, wolle der Kanzler vermeiden. grünen Spitze, gemeinsam mit der
Schröder als Putins »Claqueur«. Der Eine Demütigung, das sagte er gleich Klimafreund- FDP Projekte im Zweifel auch gegen
macht sich für russische Energieinte- zu Beginn der Koalitionsverhandlun- liches Gas? die Sozialdemokraten zu verwirk-
ressen stark. Das ist auch Scholz nicht gen, werde es von ihm nicht geben. lichen, ist nicht aufgegangen.
recht, und dennoch wird er wohl nicht Dass es bisher nicht optimal läuft, »Wie finden Sie, dass Die Grünen brauchen eine neue
auf Baerbocks Kurs umschwenken. räumen auch Grüne ein. »Es wird die EU-Kommission Strategie, doch die ist nicht in Sicht. Sie
plant, Investitionen
Die Sozialdemokraten schauen in aber ein paar Wochen dauern, bis sich in Erdgas übergangs- werden sie finden müssen, wenn sie die
diesen Tagen mit einer Mischung aus diese neue Regierung eingroovt, bis weise als klima- Chance haben wollen, in vier Jahren
Sorge, Verwunderung und Belusti- sich alle vertrauen und bis Menschen, freundlich einzustu- aus der Regierung heraus nochmals
gung auf den Koalitionspartner. Die die nie mit uns regiert haben, sich auf fen?«, Angaben in einen Kanzlerkandidaten oder eine
Prozent
Grünen haderten offenbar immer die neue Lage eingestellt haben«, sagt Kanzlerkandidatin aufzustellen. Dann
noch mit ihrem Wahlergebnis, spottet der designierte Parteivorsitzende Richtig können sie nicht die Dauerempörten
ein führender Genosse. Omid Nouripour im SPIEGEL -Inter- 52 sein, auch nicht die Dauerbeleidigten
Dazu komme das Führungsvaku- view (siehe Seite 22). »Wir haben 16 und erst recht nicht die, auf denen SPD
Falsch
um wegen des Wechsels von Baer- Jahre nicht regiert. Wir werden nicht und FDP andauernd herumtrampeln.
35
bock und Habeck in die Regierung, alles korrigieren können, was in der Markus Becker, Florian Gathmann,
sagt ein anderer Sozialdemokrat. Die Zeit falsch gelaufen ist, aber einiges.« Valerie Höhne, Dirk Kurbjuweit,
Arbeitsteilung zwischen Partei, Frak- Ein Abgeordneter, der nicht ge- S Quelle: Civey-Umfrage Ralf Neukirch, Serafin Reiber,
‚

für den SPIEGEL vom 4. bis


tion und Regierung funktioniere bei nannt werden will, sagt: »Wir haben 6. Jan.; Befragte: 5001; die Britta Sandberg, Jonas Schaible,
den Grünen noch nicht. es in der Koalition im Kern mit zwei
statistische Ungenauigkeit Christian Teevs, Gerald Traufetter n
der Umfrage liegt bei bis
Nach dem Machtwechsel 1998 hat- antiökologischen Parteien zu tun. Das zu 2,5 Prozentpunkten;
an 100 fehlende Prozent: Lesen Sie auch ‣ Deutschland ist abhängig
te die SPD ein ähnliches Problem. Die macht es nicht einfach für uns.« In »unentschieden« von Erdgas – und wird es bleiben | 82

20 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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DEUTSCHLAND

»Atomkraft ist nicht nachhaltig«


GRÜNE  Omid Nouripour, 46, Kandidat für den Parteivorsitz, erklärt, warum er von
der EU-Klassifikation von Erdgas und Atomkraft überrascht wurde, und fürchtet, dass die Nato
in einen Krieg mit Russland ­hineingezogen werden könnte.

SPIEGEL: Herr Nouripour, ist Atomkraft grün kraft kämpft, um dafür fossile Energien aus- union zurück, bis 1971, sie war immer recht
und nachhaltig? zubauen: Ist den Grünen ihre Anti-AKW- stabil, erst seit Kurzem werden Gaslieferun-
Omid Nouripour: Sicher nicht. Folklore wichtiger als Klimaschutz? gen zurückgehalten und politisiert. Das ist ein
SPIEGEL: Ist Erdgas grün und nachhaltig? Nouripour: Ich erinnere mich, dass George W. ernstes Problem.
Nouripour: Erdgas wird im Übergang zu er- Bush mal verkündet hat, 50 Atomkraftwerke SPIEGEL: Russland hat rund 100 000 Soldaten
neuerbaren Energien noch gebraucht, aber es bauen zu wollen. In den letzten 20 Jahren an der Grenze zur Ukraine postiert. Experten
ist nicht nachhaltig, und wenn man es so be- wurde eins in den USA gebaut. Vermeintliche fürchten, Wladimir Putin könnte einen Ein-
zeichnet, riskiert man, dass es mehr wird als »Klimaschützer« fordern immer wieder die marsch vorbereiten. Droht Europa ein neuer
ein Übergang. Renaissance der Atomkraft, aber es gibt im- Krieg?
SPIEGEL: Beides soll nach dem Willen der mer erhebliche Widerstände, ein ungelöstes Nouripour: Die Motive für die Mobilisierung
EU-Kommission in der Taxonomie als grüne Müllproblem und einen teuren und gefähr- kennen wir nicht, aber mir fallen nicht allzu
Technologie eingestuft werden. Ihre Partei lichen Rohstoffabbau. viele wohlmeinende Gründe ein. Das ist sehr
reagiert empört. Wie groß ist der Schock SPIEGEL: Wenn dem so wäre, müssten Sie sich besorgniserregend. Ich bin froh, dass Olaf
für Sie? über die Listung von Atomenergie in der Scholz demnächst Wladimir Putin treffen will.
Nouripour: Man muss mal eines zur Taxono- ­Taxonomie nicht ärgern. Auch Außenministerin Annalena Baerbock
mie vorab sagen: Wer hat’s erfunden? Die Nouripour: Doch. Wir sind das Hochtechno- arbeitet Tag und Nacht daran, eine militäri-
Grünen! Die Grünen in Europa haben darauf logieland, das auf Atomkraft verzichtet. Es sche Eskalation zu verhindern.
gedrängt, weil immer noch viel zu viel Geld geht auch um einen Wettbewerb der Trans- SPIEGEL: US-Präsident Joe Biden hat dem
in fossile Energien fließt – seit dem Pariser formationsmodelle. Man darf dabei die Kurz- ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selen­
Abkommen waren es allein 3,8 Billionen sichtigkeit von Investitionsersuchen nicht skyj Unterstützung zugesichert – in Form von
US-Dollar durch die 60 größten Banken. Die unterschätzen. Dabei können finanzielle Sanktionen gegen Russland. Wie sollte sich
Idee war, ein Gütesiegel zu schaffen, um Schäden entstehen; auch wenn sich Atomkraft Deutschland verhalten?
Geld in Erneuerbare zu lenken. Es gab im- nicht dauerhaft neu etabliert, wird der Ausbau Nouripour: Es ist gut, dass die USA sich ein-
mer wieder Gerüchte, dass die Kommission der echten erneuerbaren Energien so ver­ schalten und klarmachen, dass sie im Kriegs-
auch den Neubau von Atomkraftwerken zögert. fall nicht die Hände in den Schoß legen. Was
ohne echte Auflagen in der Taxonomie auf- SPIEGEL: Wird Deutschland dem Vorschlag das bedeutet, hängt davon ab, was genau
führen könnte. Aber dass es so arg kommt, der EU-Kommission trotzdem zustimmen? passiert. Niemand will neue Sanktionen, aber
war nicht klar. Nouripour: Die Grünen werden nicht zustim- sie können notwendig werden. Sie müssen
SPIEGEL: Die Entscheidung war seit Monaten men. Die Haltung zur Atompassage ist ein- abgebaut werden, wenn Russland einlenkt,
abzusehen. Warum ist Ihre Partei so über- hellig in der Regierung. und verschärft werden, wenn Russland eska-
rascht? SPIEGEL: Eine Enthaltung wäre faktisch aber liert.
Nouripour: Wir haben natürlich versucht, Ein- ein Ja. SPIEGEL: Sehen Sie die Gefahr eines Krieges,
fluss zu nehmen. Wir versuchen weiterhin, Nouripour: Über das Abstimmungsverhalten an dem Nato-Truppen beteiligt sind?
den Vorschlag zu verändern. in Brüssel wird in der Koalition zu reden sein, Nouripour: Ich pflege aus Erfahrung mit inter-
SPIEGEL: In welche Richtung? bisher liegt noch nicht einmal die finale Vor- nationaler Politik einen gewissen Pessimis-
Nouripour: Atomkraft ist nicht nachhaltig, und lage vor. mus. Entscheidend ist deshalb, eine militäri-
wir wollen nicht, dass Finanzströme in Rich- SPIEGEL: Aktuell werden das französische sche Eskalation zu verhindern.
tung dieser Energien geleitet werden. Wir Transformationsmodell, das auf Atomkraft SPIEGEL: Das überrascht uns. Sie halten eine
werden später entscheiden müssen, ob wir setzt, und das deutsche Modell, das ohne militärische Unterstützung der Ukraine also
die Klage Österreichs unterstützen. Gas nicht auskommt, in der Taxonomie be- für möglich?
SPIEGEL: Gas ist ein fossiler Energieträger. rücksichtigt. Es ist sehr unwahrscheinlich, Nouripour: Wir sprechen hier über den Bei-
Diese Bundesregierung, der die Grünen an- aber wenn Sie könnten: Würden Sie beides stand innerhalb der Nato und der EU. Die
gehören, hat sich dafür eingesetzt, dass Gas streichen? Lage wäre natürlich eine andere, wenn Gas-
ebenfalls als nachhaltig eingestuft wird. Ist Nouripour: Da wären wir Grüne sofort dabei. plattformen vor Odessa besetzt werden soll-
den Grünen der Koalitionsfriede wichtiger Das hat Robert Habeck stets betont. ten, sodass russische Soldaten wenige Kilo-
als Klimaschutz? SPIEGEL: Die Diskussion belegt einmal mehr: meter vor rumänischen und damit EU-Ho-
Nouripour: Wenn Sie mir etwas Pathos ver- Deutschland ist abhängig von Gas, auch von heitsgewässern stehen. Man kann das nicht
zeihen: Nichts ist wichtiger als der Klima- russischem Gas. Wie viel Druck kann eine schablonenhaft beantworten. Jetzt ist aber
schutz, weil es um das Überleben der Mensch- grüne Außenministerin auf Russland machen? die Stunde der Diplomatie.
heit geht. Nouripour: Wir werden ohne Gas aus Russ- SPIEGEL: Wir haben eher den Eindruck,
SPIEGEL: Viele von denen, die das genauso land unseren jetzigen Bedarf nicht decken Deutschland wolle Russland im Falle eines
sehen, blicken verwundert auf Deutschland, können, das stimmt. Die Energiepartnerschaft Angriffskriegs nicht mal hart sanktionieren,
wo man gegen die nahezu CO2-freie Atom- mit Russland reicht in die Zeit der Sowjet- aus Angst, sonst im Winter frieren zu müssen.

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DEUTSCHLAND

Nouripour: Die Abhängigkeit von russischem


Gas ist ein Problem, die früheren Regierungen
haben sie eher vergrößert, etwa durch die
Pipeline Nord Stream 2.
SPIEGEL: Die Grünen sind immer noch da-
gegen, dass Nord Stream 2 in Betrieb genom-
men wird. Was würde es politisch bedeuten,
wenn die Bundesnetzagentur der Inbetrieb-
nahme nun zustimmen würde?
Nouripour: Dass wir das Projekt nur noch sehr
schwer werden verhindern können. Wir fan-
den die Pipeline immer falsch, aber wir kön-
nen nicht politisch in Genehmigungsverfah-
ren hineinregieren und Recht und Gesetz
brechen.
SPIEGEL: Die Grünen plädieren für eine här-
tere Tonalität gegenüber China, Außenminis-
terin Baerbock hat ihre Teilnahme an den
Winterspielen in Peking abgesagt. Damit kam
sie einer Einigung auf EU-Ebene zuvor. Stößt
man mit solchen Alleingängen nicht die euro-
päischen Partner vor den Kopf?
Nouripour: Die Innen- und Sportministerin
Nancy Faeser von der SPD hat das Gleiche
getan. Jede Ministerin ist zuständig für ihren
eigenen Kalender. Die Amerikaner haben das
Boykott genannt. Das muss man nicht sinnvoll
finden. Ich würde nicht von einem allgemeinen
Boykott sprechen, da die Teilnahme für Sport-
lerinnen und Sportler möglich sein muss. Aber
wenn politische Vertreter nicht kommen, ver-
steht China das schon. Angesichts der kata­
strophalen Menschenrechtslage darf man die
Spiele politisch nicht aufwerten.
SPIEGEL: Noch kurz vor Ende der Amtszeit
hat die Große Koalition Rüstungsexporte in
Milliardenhöhe genehmigt. Nehmen Sie das
Olaf Scholz übel, der an der Regierung be-
teiligt war?
Nouripour: Aus unserer Sicht sind die Expor-
te nicht vereinbar mit dem Koalitionsvertrag,
auch nicht mit dem Koalitionsvertrag der Gro-
ßen Koalition und den Rüstungsexportricht-
linien. Deshalb haben wir im Koalitionsver-
trag ein ambitioniertes Rüstungsexportkon­

Daniel Hofer / laif


trollgesetz vereinbart, um die Notwendigkeit
einer restriktiveren Genehmigungspraxis
Politiker Nouripour
gesetzlich zu verankern.
SPIEGEL: Taxonomie, Nord Stream 2, Rüs-
tungsexporte: Haben die Grünen ein Glaub- SPIEGEL: Die Grünen unterstützen Frank-Wal- Nouripour: Ich gehe davon aus, dass es in die
würdigkeitsproblem in der Regierung? ter Steinmeier als Bundespräsidenten. Dabei Richtung geht. Einen allgemeinen Lockdown
Nouripour: Verzeihung, aber die Glaubwür- wäre die Wahl eine gute Gelegenheit gewesen, wird es nicht mehr geben, dafür ist die Impf-
digkeit der Grünen haftet doch nicht für die um zu zeigen, dass die Grünen sich nicht im- lage zu gut, und das geben die bisherigen Er-
Fehlentscheidungen anderer in der Vergan- mer brav von SPD und FDP herumschubsen fahrungen nicht her.
genheit. lassen, oder? SPIEGEL: Wird die Bundestagsfraktion der
SPIEGEL: Auch aus Ihrer eigenen Partei Nouripour: Hätten wir zusammen mit der Grünen einen eigenen Gruppenantrag zur
kommt heftige Kritik. Die Grünen wirken, als Union eine Kandidatin aufstellen sollen, ohne Impfpflicht vorlegen?
würden sie gerade unerfreulich mit der Re- eine Mehrheit in der Bundesversammlung zu Nouripour: Der Fraktionszwang im Bundestag
gierungswirklichkeit konfrontiert. haben? Sie glauben nicht wirklich, dass die wurde aufgehoben. Deshalb wird es wohl
Nouripour: Wir haben 16 Jahre nicht regiert. Union mit der Linken abstimmt oder wir mit mehrere Gruppenanträge geben. Ich werde
Wir werden nicht alles korrigieren können, der AfD? Es wäre überfällig, dass dieses Land einer allgemeinen Impfpflicht zustimmen,
was in der Zeit falsch gelaufen ist, aber eini- eine Bundespräsidentin bekommt. Aber wenn sie verfassungskonform ausgestaltet
ges. Die Grundsteine einer neuen Politik sind Frank-Walter Steinmeier genießt hohes An- wird, obwohl ich lange dagegen war. Wir
gelegt. Es wird aber ein paar Wochen dauern, sehen. ­sehen, dass es sonst nicht nennenswert voran-
bis sich diese neue Regierung eingrooved, bis SPIEGEL: Auch was Corona anbelangt, sind geht. Wir bestrafen ohne diesen Schritt nur
sich alle vertrauen und bis Menschen, die nie Sie hart in der Regierungswirklichkeit gelan- die riesige Mehrheit, die schon geimpft ist und
mit uns regiert haben, sich auf die neue Lage det, die Zahlen steigen. Braucht es neue Kon- sich an alle Regeln hält.
eingestellt haben. taktbeschränkungen? Interview: Valerie Höhne, Jonas Schaible

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DEUTSCHLAND

liegen«. Die Ingenieure gehen vom gehorcht ihrem eigenen Rhythmus.


Schlimmsten aus. Gut möglich, dass Und so schieben die beteiligten Be­
der komplette Bestand betroffen ist. hörden nun seit fast drei Jahren um­
Raketen, die hochexplosives Nitro­ fangreiche Vorlagen hin und her. Es

Schwitzende
glycerin ausschwitzen? Die Bundes­ wird weitergeleitet, abgezeichnet,
wehr reagiert umgehend. »Als Sofort­ gegengelesen, dass es eine bürokra­
maßnahmen zum Schutz von Leben tische Freude ist. Das Problem aber

Raketen
und Gesundheit des dort eingesetzten wird nicht gelöst.
Personals« wurden bis auf Weiteres Dass die Raketen schleunigst ent­
und »bis zum Erlass weiterer Vor­ sorgt werden müssen, ist unumstrit­
gaben« alle betroffenen Munitions­ ten, doch wo? Auf dem Sprengplatz
lagerhäuser gesperrt und »jeglicher des Truppenübungsplatzes Oberlau­
BUNDESWEHR  In Munitionsdepots lagern 32 641 Umgang mit dieser Munition unter­ sitz sind nach Berechnungen des Mi­
sagt«, schreiben die Ministerialen im nisteriums pro Jahr »20 bis 70 Einzel­
alte Geschosse, die hochexplosives Nitro­glycerin vergangenen September in ihrem vernichtungen möglich«. Viel ist das
absondern. Seit drei Jahren überlegt die Sachstandsbericht. nicht, zumal nur gesprengt werden
­Wehrbürokratie, was mit ihnen geschehen soll. Auch der Transport der Raketen darf, wenn nicht gleichzeitig Übungen
wird untersagt. Die Wehrtechnische auf dem Gelände stattfinden.
Dienststelle in Meppen im Emsland Bleibt die bundeseigene Kampf­

D
er oberste Soldat der Bundes­ wird angewiesen, die Transportfähig­ mittelentsorgungsfirma Geka im nie­
wehr ist ein fröhlicher Saarlän­ keit der Munition zu untersuchen. dersächsischen Munster. Auch diese
der, der sich ungern aus der Dafür müsste ein Falltest aus zwölf Möglichkeit wird aufwendig geprüft.
Ruhe bringen lässt. Er liebt gutes Meter Höhe absolviert werden, doch Technisch und genehmigungsrecht­
­Essen und schuckelt am Wochenende dummerweise ist die dafür »notwen­ lich ist es möglich, allerdings könnten
gern Enkelkinder. Furchteinflößend dige Falltestanlage aufgrund Instand­ von März bis September 2022 dort
an diesem Militär ist allenfalls sein setzung mindestens weitere zwölf insgesamt »lediglich 21 Raketen« ver­
Name. Er heißt Zorn. Monate außer Betrieb«. nichtet werden, wie es heißt. »Ein
Es muss also schon einiges passie­ Das also ist die Situation im Sep­ substanzieller Beitrag ist angesichts
ren, um beim Generalinspekteur tember, und sie ist es bis heute. In der Gesamtmenge damit nicht gege­
Name und Gemütsverfassung in Ein­ Depots in Meppen, Wulfen, Nör­ ben«, lautet das ernüchternde Urteil
klang zu bringen. Am 23. September venich, Köppern, Eft-Hellendorf und der Ministerialen.
2021 ist es so weit. Da rastet Eberhard Wermutshausen lagern alte Raketen, Ende August 2021 ist der Muni­
Zorn aus. die Nitroglycerin absondern. Wie tionsbeauftragte der Bundeswehr mit
Wütend kommentiert der General ­viele davon betroffen sind, kann nicht seiner Geduld am Ende. Die Koblen­
eine Vorlage der Rüstungsabteilung festgestellt werden, weil es zu gefähr­ zer Beschaffungsbehörde habe seit
des Verteidigungsministeriums. »Es lich ist, die Lagerhäuser zu betreten. 2019 kein »tragfähiges Entsorgungs­
kann ja nicht sein«, schreibt er, »dass Abtransportieren kann man sie nicht, konzept erbracht«, beschwert sich der
wir business as usual machen«. Es sei weil die Transportfähigkeit nicht Oberst beim Ministerium, deshalb be­
»viel zu langsam« reagiert worden, überprüft werden kann. Doch Abwar­ absichtige er nun, die »Maßnahmen­
ärgert er sich und bittet »dringend um ten kommt auch nicht infrage. priorisierung per Weisung zu steuern«.
Beschleunigung auf allen Ebenen«. »Es kann »Bei weiterer Lagerung der betrof­ Doch in Koblenz will man sich
Der Vorgang, der dem sonst so ja nicht fenen Munition ist mit einer zuneh­ nicht drängeln lassen. Eine industriel­
ausgeglichenen General den Blut­ menden Verschlechterung des Zu­ le Entsorgung müsse europaweit aus­
druck nach oben treibt, hat es in sich.
sein, dass standes zu rechnen«, schreiben die geschrieben werden, sagen die Juris­
Es geht um 32 641 Raketen vom Typ wir business Experten des Ministeriums und war­ ten des Beschaffungsamts. Und das
LAR 110 Millimeter, die mehr als as usual nen: Eine »Selbstentzündung« könne dauert.
30 Jahre alt sind. Sie sind über die nicht ausgeschlossen werden. »Wenn wir’s schneller machen«,
ganze Republik verteilt, lagern in Mu­ machen.« Es gäbe also Gründe genug, das heißt es in der Behörde, »dauert es
nitionsdepots und müssen irgend­ Eberhard Zorn, Tempo ein wenig zu beschleunigen, am Ende meistens länger.« Denn
wann entsorgt werden. Genau darin Generalinspekteur doch die gewaltige Wehrverwaltung dann klagen oft die unterlegenen
liegt das Problem. Konkurrenten, also macht man es am
Die Geschichte beginnt am 5. März besten gleich langsam.
2019. Da wird eine dieser alten Rake­ Immerhin gibt es eine kleine Er­
ten bei einer Übung mit dem Raketen­ folgsmeldung. Der erste Entsorgungs­
werfer »Mars« verschossen, und sie transport sei nun schon im Spätsom­
fliegt nicht so weit, wie sie fliegen soll­ mer 2022 möglich, berichtet ein Mi­
te. Irgendetwas stimmt also nicht. nisterialer. »Und damit sieben bis
Spezialisten der Bundeswehr unter­ zehn Wochen vor der bisherigen
suchen daraufhin 111 Raketenmotoren Schätzung.«
und sind beunruhigt. Und eine »reaktive presseverwert­
»Im April 2019 wurde festgestellt«, bare Stellungnahme« befinde sich
heißt es in einem vertraulichen Be­ auch schon in der Abstimmung. Im­
Focke Strangmann / EPA-EFE

richt des Verteidigungsministeriums, merhin. Hatte das Ministerium doch


»dass zeitabhängig und mit steigen­ gewarnt, dass bei »Bekanntwerden des
der Tendenz sogenannte Ausschwit­ Vorgangs insbesondere auf Basis der
zungen von über 20 Prozent des Ni­ Zeitlinien mit erheblicher negativer
troglyceringehaltes entstehen und Raketenwerfer »Mars« Berichterstattung zu rechnen« sei.
diese damit über dem kritischen Wert Konstantin von Hammerstein n

24 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Glückwunsch zu 75 Jahren.
Wir erzeugen dazu den
Strom, mit dem es auch
in Zukunft läuft. Und läuft.
Und läuft.
,Q�GHU�9HUJDQJHQKHLW�ZXUGH�YLHO�JHVFKD�W��PLW�6WRO]�NDQQ�PDQ�DXI�GDV�(UUHLFKWH�
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DEUTSCHLAND

Endlich regieren
LINKE  Nach 16 Jahren verabschiedet sich Katja Kipping als Abgeordnete aus dem Bundestag
und wird Sozialsenatorin in Berlin. Ihr Umzug von der Opposition in die
Landesregierung hat auch etwas mit ihrer größten Gegnerin zu tun: Sahra Wagenknecht.

I
n den verschlungenen Bürogän- Ende aber blieb bei ihr viel Frust, vor Jahren war absehbar, dass die
gen des Jakob-Kaiser-Hauses im nach einer steilen Karriere. Linke gerade im Osten ein Demo­
Bundestag geht Katja Kipping Mit 21 Jahren wurde die gebürtige grafie­problem bekommt: Die alten
durch einen dunklen Flur und sucht Dresdenerin im Jahr 1999 sächsische SED-Mitglieder sterben, Kipping
nach dem aussortierten Müll ihrer Landtagsabgeordnete, 2005 zog sie setzte daher auf einen Kurs der Ver-
politischen Karriere. Sie öffnet eine in den Bundestag ein. Der große jüngung. Sie zeichnete ein differen-
Tür zu einem kleinen Abstellraum, in Schritt kam 2012, als sie überraschend zierteres Bild der DDR, kein verklä-
dem nur ein großer Kopierer steht, Bundesvorsitzende der Linken wurde. rendes. Sie wollte der Linken das
weiter geht es im Flur, wo sie schließ- Auf dem Göttinger Parteitag trat sie Image der Russlandversteher abstrei-
lich eine der riesigen Müllboxen ent- an, um die alten Streitereien zu be- fen und ä­ ußerte sich kritischer gegen-
deckt. Drei davon seien voll gewesen, enden – und wurde sogleich vollends über Moskau. Außerdem brachte sie
erzählt sie. Voller alter Zeitungsarti- in die Machtkämpfe hineingezogen. neue Themen ein, sprach über die
kel und teilweise noch handgeschrie- Damals wurde Kipping von vielen Machtverhältnisse der Geschlechter
bener Briefe, die sie als Bundestags- Westlinken unterstützt, die den heu- oder die Herausforderung des Klima­
abgeordnete erhalten und nun aus- tigen Fraktionsvorsitzenden Dietmar wandels.
gemistet hat. Bartsch als Vorsitzenden verhindern »Als wir angefangen haben als Par-
Es ist kurz vor Weihnachten, und wollten. Oskar Lafontaine und Sahra teivorsitzende, hieß es, die Linke sei
Katja Kipping, 43, verabschiedet sich Wagenknecht hatten Kipping die so unattraktiv für jüngere Leute und
von ihrem alten Leben. Mehrheit gesichert, der Baden-Würt- habe damit keine Zukunft und sei
16 Jahre lang war die Politikerin temberger Bernd Riexinger wurde eher ein Abwicklungsprojekt«, sagt
der Linken Bundestagsabgeordnete, Co-Vorsitzender. Beide blieben im- Kipping. Doch nachdem sie als Vor-
nun wechselt sie von der Bundes- auf merhin fast neun Jahre im Amt. sitzende Zukunftsthemen in den Blick
die Landesebene, von der Opposition Teile der Ostlinken um Bartsch genommen hatte, auch um Nach-
in die Regierung: Kipping wird Sozial­ haben Kipping ihre Kandidatur al- wuchs zu gewinnen, kritisierten eini-
senatorin in Berlin. »Ich bin neugie- lerdings nie verziehen und bekämpf- ge in der Partei diesen Kurs lautstark.
rig«, sagt sie. Der Abschied kommt ten sie bis zuletzt. »Die roten Haare »Hipsterpartei hieß es jetzt«, sagt
ihr nicht ungelegen. werden wir ihr roden. Der Hexe Kip- Kipping in ihrem Bundestagsbüro
Die Auseinandersetzungen in der ping verweigern wir die Hand«, und dreht sich mit dem Stuhl zum
Partei, besonders in der Bundestags- dichteten Bartsch-Anhänger in Lie- Fenster. »Hätten wir in unserer Zeit
fraktion, sind zuletzt wieder deutlich dern über ihre Gegnerin, das war die nicht so viele neue jüngere Mitglieder
härter geworden. Und Kipping war Verbündete Kultur innerhalb der Partei über Jah- in die Partei geholt, wäre die Linke
sichtlich müde davon. Schon vor Wagenknecht, re hinweg. kaum noch handlungsfähig heute.«
­einigen Wochen, als sich die neuen Bartsch: Kipping versuchte, diese Kultur Gerade auch in den Kommunen seien
»Russia Today«, so
Abgeordneten der geschrumpften nennt Kipping
der Missgunst als Vorsitzende zu es die Neugewonnenen, die die Partei
Fraktion zu einer Klausur in Leipzig die Moskau-Treuen ­ändern und die Partei professioneller am Leben hielten. Im Bundestag stel-
trafen, twitterte sie danach ein me- um Wagenknecht und moderner zu machen. Schon len die Linken jedoch, was das Durch-
lancholisches Herbstbild, das Bäume schnittsalter angeht, die älteste Frak-
und gelbe Blätter zeigte. »Manchmal tion nach der AfD.
ist im Herbst die Aussicht aus dem Die Gegner von Kippings Kurs
Zugfenster erfreulicher als der Ter- aber wurden in der Partei ebenfalls
min, der hinter einem liegt«, schrieb aktiv: Bartsch und Wagenknecht,
sie. einst unerbittlich verfeindet, rauften
Das vorläufige Ende ihrer Karrie- sich zusammen, übernahmen ge-
re in der Bundespolitik zeigt auch, meinsam als Vorsitzende die Bundes-
wie brutal die Linkspartei mit ihren tagsfraktion und stellten sich gemein-
eigenen Spitzenkräften umgeht, wie sam gegen den Kurs der Erneuerung
Britta Pedersen / picture alliance / dpa

sie sich in endlosen Flügelkämpfen und Verjüngung. Wagenknecht, die


verheddert, anstatt scharfe Opposi- einstige Unterstützerin Kippings,
tionspolitik zu betreiben und ihre fasste ihre Kritik sogar in einem Buch
Führungsfiguren zu stärken. Mit Kip- zusammen und macht Kipping und
ping geht der Bundespartei nun eines Riexinger indirekt dafür verantwort-
ihrer prominentesten Gesichter ver- lich, die Linke auf einen falschen Weg
loren, die Politikerin war auch über geführt zu haben. »Die Selbstgerech-
Parteigrenzen hinweg beliebt. Am ten« wurde ein Bestseller.

26 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


DEUTSCHLAND

Kipping nennt die Gruppe nur »Russia To-


day«, weil viele von Wagenknechts Verbün-
deten enge Beziehungen zu dem russischen
Propagandafernsehsender RT unterhalten
und regelmäßig Interviews geben. Auch Wa-
genknecht selbst setzte sich zuletzt für den
Sender ein und positionierte sich gegen Lö-
schung von RT-Accounts auf Facebook und
YouTube. Diese Abgeordneten, glaubt Kip-
ping, verschreckten viele Menschen, die an
sich bereit wären, die Linke zu wählen.
Bartsch wirft sie vor, diese Gruppe zu stützen,
allein um sich selbst eine Mehrheit für seinen
Posten zu sichern. Gegen diese Bastion,
glaubt die Ex-Vorsitzende, seien die modern
denkenden Parteimitglieder auf ­Bundesebene
bislang nicht angekommen.
Einige Tage später, das neue Jahr hat ge-
rade begonnen. Nur zwei Kilometer Luftlinie
vom Bundestag entfernt, hat Kipping in einem
großen roten Backsteinhaus in Berlin-Kreuz-
berg ein zweites politisches Leben begonnen.
Die Kisten aus dem Bundestag sind soeben
im Büro angekommen, darin sind auch einige
Artikel und Briefe, die sie nicht entsorgen
wollte.
Kipping ist gut gelaunt, auf dem Tisch liegt
ihr grüner Stift, mit dem sie als Sozialsenato-
rin künftig ihre Vermerke auf die Akten
schreiben wird. Kipping ist zwar seit Jahr-
zehnten Politikerin, aber mit einer Verwal-
tung hatte sie unmittelbar bisher nie etwas zu
tun. »16,5 Zentimeter hatte mein Stapel mit
den Postmappen«, erzählt sie von ihren ers-
ten Tagen. Noch versuche sie, alles zu lesen,
was bei ihr auf dem Schreibtisch landet.
Es scheint so, als könnte sie selbst noch
nicht glauben, dass sie jetzt an diesem Tisch
sitzt. Noch während der Berliner Koalitions-
verhandlungen im Spätherbst hatte sie der
Linken-Spitzenkandidat Klaus Lederer ange­
rufen und sie zum Frühstück in einem Lokal
am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte ein-
Marlena Waldthausen / DER SPIEGEL

geladen. Lange habe sie nicht überlegen müs-


sen, ob sie das Angebot annimmt.
Dass Kipping jetzt Teil einer Regierung
ist, hat sie dem moderneren Teil ihrer Partei
zu verdanken. Die erfolgreichen Landesver-
bände der Linken wie Berlin, Thüringen oder
auch Bremen und Hessen gehören dazu.
Ex-Vorsitzende Kipping: »Die roten Haare werden wir ihr roden«, dichteten ihre Gegner
Dazu zählen Ministerpräsident Bodo Rame-
low oder Lederer in Berlin. Sie hatten den
Kipping zieht einen der Ordner aus ihrem den Jüngeren schnitt sie im Vergleich beson- Kurs Kippings unterstützt, als diese Vorsit-
Regal im Bundestagsbüro und blättert. ­»Unsere ders schlecht ab. Als Grund dafür sehen nicht zende war.
Vorhaben hätte ich auch gern in der Bundes- nur Kipping, sondern auch andere Linke die Mit den nachgeordneten Behörden hat die
politik umgesetzt, aber die Mehrheitsverhält- unklare Programmatik der Partei: Steuert sie neue Senatorin nun mehrere Hundert Mit-
nisse sind so, wie sie sind«, sagt sie. Kipping mehr ins progressive oder eher ins konserva- arbeiter. Zum ersten Mal kann sie ihre poli-
glaubt, ihre Partei habe bessere Erfolgsaus- tive Lager? tischen Ideen wirklich umsetzen. Sie will sich
sichten, wenn sie die Ampel von linker Seite, Als einen großen Fehler sieht Kipping auch vor allem für gute Bezahlung von Arbeit und
also sozial-ökologisch, kritisiert, wie es auch das Abstimmungsverhalten ihrer Partei zur die soziale Infrastruktur in den Bezirken ein-
die zwei neuen Parteivorsitzenden J­ anine Evakuierungsoperation der Bundeswehr in Af- setzen. Ihre Vorgängerin, Elke Breitenbach,
Wissler und Susanne Hennig-Wellsow versu- ghanistan: Damals enthielt sich die Linkenfrak- galt in Berlin als Größe, die sich wie kaum
chen. Doch stattdessen würde sich ein Teil der tion größtenteils. Das Ziel des Wahlkampfs, mit eine andere für die Benachteiligten in
Bundestagsfraktion lieber an den Schüler- Grünen und SPD eine Regierung zu bilden, sei der Stadtgesellschaft einsetzte. Darauf will
demonstranten und anderen jungen Menschen dadurch nicht mehr glaubwürdig gewesen, sagt Kipping aufbauen. Ihre ersten Besuche im
von Fridays for Future abarbeiten. Kipping und sieht die Verantwortung in Wagen- neuen Amt führten sie zu Obdachlosen und
Die Linke hat bei der Bundestagswahl mas- knechts Lager, wo die größten Kritikerinnen Geflüchteten.
siv Stimmen an Grüne und SPD verloren, bei und Kritiker der Nato versammelt seien. Timo Lehmann  n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 27


DEUTSCHLAND

geführt worden sei. Er werde deswe- den Diskussionen auch mal abbre-
gen wohl demnächst wieder für die chen und damit die »Meinungsfreiheit
Bundestagsverwaltung arbeiten, von verletzen«, wie ihre Kritikerinnen
der er zur AfD gewechselt war. Die und Kritiker sagen. Inhaltliche Im-

»Alternative
Fraktion diskutierte die Fälle kurz in pulse aber kämen kaum.
einer Sitzung, dann wurde die Tatsächlich verweigern mittlerwei-
Schlichtungskommission beauftragt. le viele den Chefs die Gefolgschaft,

für Dilettanten«
Das Problem löste sie damit nicht. selbst wenn es darum geht, die Arbeit
Die AfD stellt nach der Wahl we- zu professionalisieren. So hatten Wei-
niger Abgeordnete als in der vergan- del und Chrupalla gemeinsam mit
genen Legislaturperiode, was auf die dem fürs Personal zuständigen Frak-
Stimmung drückt. Vor allem aber tionsvize Leif-Erik Holm vorgeschla-
BUNDESTAG  Die AfD ist schon zu Beginn der wirkt die Fraktion, die immer das gen, die Arbeitskreise neu zu organi-
Machtzentrum der Partei war, orien- sieren, damit mehr von deren Vor-
Legislaturperiode geschwächt und zerstritten, tierungslos. Außer ihrem Kampf ge­ schlägen beim Fraktionsvorstand
auf drei Abgeordnete muss die Fraktion gen die Einführung einer Impfpflicht ankommen. Doch die Fraktion lehn-
­verzichten. Und die Mitarbeiter rebellieren. haben die extrem Rechten derzeit te den entsprechenden Stellenplan
kein prägendes Thema. ab. Sie wollte verhindern, dass die
Stattdessen befürchten einige, dass Fraktionsspitze mehr Macht und

A
m 1. Dezember bekamen Bun- sich die Rolle als Antreiber der vieler- Kontrolle bekommt.
destagsabgeordnete der AfD orts gewalttätigen und antisemiti- Andere sehen die Zusammen­
einen Brief, der es in sich hatte. schen »Querdenker«-Demos rächen setzung der neuen Fraktion als Grund
Mitarbeiter der Fraktion beschwerten könnte. Für ein eigenes starkes Profil allen Übels. Zu viele »Wirrköpfe«
sich in sechs Punkten über die eigene reiche das nicht, sagen die Kritiker. seien dort, der »gärige Haufen«, von
Personalabteilung. Diese mache eine Die Umfragewerte der AfD sind dem Gauland sprach, sei gewachsen.
»Nasenpolitik«, heißt es in dem in- schlecht, und noch immer droht die Die Pandemie habe zu einer weiteren
ternen Schreiben, das dem SPIEGEL Einstufung der gesamten Partei als Radikalisierung geführt.
vorliegt. rechtsextremistischer Verdachtsfall Zudem fehlt der Parteispitze eine
Bei der Auswahl und Bezahlung durch den Verfassungsschutz. Eine Idee, wie man thematisch weiterma-
von Mitarbeiterinnen und Mitarbei- Entscheidung dazu wird im März er- chen will, wenn die Pandemie sich in
tern gehe es nicht um Qualifikation, wartet. Und all das in einer Partei, die eine endemische Lage wandelt und
sondern um »persönliche Fehden«, tief gespalten ist und sich seit Mona- es am Ende womöglich gar keine
verdiente Kolleginnen und Kollegen ten in einem weiteren zehrenden Impfpflicht geben wird. Mit welchen
wüssten nicht, ob sie ihren Job im Machtkampf befindet. Thesen die AfD dann bei ihren An-
neuen Jahr noch hätten. Außerdem Funktionäre und Mitarbeiter spre- hängerinnen und Anhängern punkten
warfen die Verfasser den Verantwort- chen mittlerweile von der »Alternati­ will, dafür gibt es keinen Plan, egal
lichen vor, Geld zu verschwenden. Es ve für Dilettanten«, manche beschei- wen man fragt.
sei geplant, eine fünfte Person in der nigen den eigenen Kolleginnen und Fraktionschef Chrupalla winkt auf
Personalabteilung einzustellen, ob- Kollegen »Politikunfähigkeit«. Anfrage ab: Themen gebe es auch
wohl Linke und Grüne mit jeweils Viele Abgeordnete machen Alice nach Corona zur Genüge. Die »Rei-
zwei Personen auskämen. Weidel und Tino Chrupalla, die Frak- bungspunkte und Findungsprozesse«
Der Beschwerdebrief ist sympto- tionschefs, als Schuldige aus. Sie hät- zu Beginn der Legislatur seien »ganz
matisch für den Zustand der AfD- ten den Laden nicht im Griff, es fehle normale Prozesse«. Schließlich sei es
Fraktion: Die Stimmung ist auf einem der erfahrene Alexander Gauland, auch »die erste Fraktionsübergabe,
Tiefpunkt. Drei auf AfD-Ticket in den der zuvor die Fraktion mit Weidel die die AfD je machen musste«. Die
Bundestag gewählte Abgeordnete ­angeführt hatte. Auf ihn hätten die Kommunikation innerhalb der Frak-
sind nun schon nicht mehr Teil der meisten gehört, er habe als »Brücken- tion »kann man immer verbessern«,
Fraktionschefs
Fraktion. Einer hatte sich in einem Chrupalla, Weidel:
bauer« gegolten. Weidel und Chru- gibt er zu, und natürlich müssten sich
Chat als »das freundliche Gesicht des Kaum inhaltliche palla dagegen führten die Fraktion die Abgeordneten in der neuen Zu-
NS«, also des Nationalsozialismus, Impulse mit härterer Hand, heißt es. Sie wür- sammensetzung noch »aneinander
bezeichnet. Er trat der Fraktion erst gewöhnen«. Insgesamt aber, sagt der
gar nicht bei. Ein anderer hatte mit Fraktionsvorsitzende, laufe es gut.
dem Rechtsextremen Attila Hild- Einige in der Fraktion sehen das
mann zusammengearbeitet und anti- anders. Seit Tagen macht ein Face-
semitische Nachrichten verschickt. Er book-Beitrag des Abgeordneten Jür-
erklärte vergangene Woche seinen gen Pohl aus Thüringen die Runde,
Rückzug aus Fraktion und Partei. Ein der sich zum neuen Jahr wünsch-
Dritter tat es ihm gleich, allerdings, te: »Genug mit den liberalen Freun-
Rafael Heygster & Volker Crone / DER SPIEGEL

weil es »Grenzüberschreitungen« sei- den in unserer Partei.« Die Forderung


ner Kollegen gegeben habe. fand offenbar sogar Anklang in der
Der Leiter der Social-Media-Ab- Fraktionsspitze. Einem Account von
teilung schrieb in einer internen Alice Weidel jedenfalls gefiel das, zu-
Rundmail von »menschlich inakzep- mindest zeitweise. Inzwischen ist das
tablem« Umgang, »groteskem Füh- »Gefällt mir« verschwunden. Die
rungsstil« und erklärte seine Kündi- Screenshots davon aber werden flei-
gung sowie die zweier Kollegen. Ein ßig verschickt, der Fall soll sogar im
anderer Mitarbeiter beschwerte sich, Bundesvorstand besprochen werden.
dass mit ihm bislang kein Gespräch Ann-Katrin Müller n

28 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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Stephanie Lecoco / AFP


Kontrahenten von der Leyen, Michel: Kalkulierter Affront

Präsident von Europa


EU  Der Belgier Charles Michel soll die Politik der Mitgliedstaaten koordinieren. Stattdessen liefert sich
der Ratspräsident einen grotesken Machtkampf mit Kommissionschefin Ursula von der Leyen.

D
er Mann hat eine ganz eigene Idee Der interessante Teil der Rede geht an Es gibt in der EU unterschiedliche Mei­
von seinem Platz in Europa, das zeigt diesem Abend fast unter. Wenige Meter von nungen darüber, ob es sinnvoll wäre, dass
sich mal wieder am 9. November. Die der alten Berliner Mauer entfernt – »Es gibt Brüssel einen Grenzzaun finanziert. Mit von
Allianzvertretung am Brandenburger Tor kein besseres Datum, keinen besseren Platz, der Leyens Votum ist die Sache eigentlich
ist am Jahrestag des Mauerbaus und der um über die Zukunft Europas zu sprechen« entschieden, entsprechend verärgert kom­
Reichspogromnacht bis auf den letzten – bringt Michel die Finanzierung einer neu­ mentierte ihr Umfeld die Äußerung des Rats­
Platz gefüllt. Im Publikum sitzen Studen­ en Grenzanlage ins Spiel. Die Anlage soll an präsidenten. Wenn Michel die Finanzierung
tinnen und Studenten, Mitarbeiter von Ab­ der Außengrenze der EU gebaut werden, des Zauns wirklich wichtig wäre, dann hätte
geordneten, Politikwissenschaftlerinnen. zwischen Polen, Lettland und Litauen auf er das nicht in Berlin oder am Tag darauf in
Den Präsidenten des Europäischen Rats er­ der einen und Belarus auf der anderen Seite. Warschau öffentlich fordern dürfen. Er hätte
lebt man nicht alle Tage, es könnte interes­ Michel sagt nicht »Mauer«, sondern »phy­ stattdessen versuchen müssen, hinter den
sant werden. sische Grenzinfrastruktur«, aber das mindert Kulissen eine Mehrheit unter den Mitglied­
Das wird es auch, aber anders als erwar­ die Wirkung seiner Worte nicht. staaten zu organisieren, ohne von der Leyen
tet. Charles Michel soll eine Rede zur Lage Sie richten sich vor allem an eine Person: öffentlich zu brüskieren.
Europas halten. Er montiert die üblichen an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von Aber das ist nicht die Rolle, in der Michel
Versatzstücke des EU-Diskurses aneinander: der Leyen. Sie müsste das Geld für den sich sieht.
Strategische Autonomie, Freihandelsabkom­ Bau freigeben, ist aber strikt gegen ein sol­ Der Europäische Rat, dessen Präsident Mi­
men, Einheit macht uns stärker – Schlag­ ches Vorhaben. Und das hat sie kurz vor chel ist, ist das mächtigste Gremium der EU.
worte, die viele der Anwesenden schon zig­ ­Michels Rede auf einem EU-Gipfel auch klar In ihm sitzen die Staats- und Regierungschefs.
mal gehört haben dürften. gesagt. Dass der Rat mächtig ist, heißt jedoch nicht,

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DEUTSCHLAND

dass Michel es auch wäre. Er soll in Profilierung nutze. Er mag häufiger Michel Es schadet nicht, wenn auch der
erster Linie die Politik der Mitglied- in den Nachrichten sein als seine Vor- Präsident des Europäischen Rats mit
staaten koordinieren. Das ist eine gänger. Aber ist es nicht gut für die ­versteht sich Putin redet. Es ist allerdings bekannt,
Aufgabe, die vor allem dann Erfolg gesamte EU, wenn ihre Leistungen als Politiker, dass der russische Präsident von der
hat, wenn man sie nach außen nicht
wahrnimmt.
für alle sichtbarer werden?
Und steht nicht im EU-Vertrag,
nicht als EU als Institution nicht viel hält und
lieber direkt mit Mächtigen wie Em-
Der Belgier aber will wahrgenom- dass der Ratspräsident die Gemein- Bürokrat. manuel Macron oder bislang Angela
men werden. Seine größte Konkur- schaft »in Angelegenheiten der Ge- Das ist Teil Merkel – und demnächst mit ihrem
rentin um Aufmerksamkeit sitzt auf meinsamen Außen- und Sicherheits- Nachfolger Olaf Scholz – spricht.
der gegenüberliegenden Straßenseite, politik« nach außen vertreten soll?
des Problems. Die Weltpolitik nimmt viel von
im 13. Stock des gewaltigen Berlay- Stimmt, aber in Artikel 15 steht auch, Michels Zeit in Anspruch. Er reist
mont-Gebäudes. Ursula von der Ley- dass er zusammen mit der Präsidentin gern, besonders nach Afrika. Ende
en leitet formal nur eine Behörde, der EU-Kommission für Kontinuität November – die EU debattierte über
aber eine mit rund 32 000 Mitarbei- sorgen und »Zusammenhalt und Kon- Omikron, die Lage in Belarus und in
tern, die Hunderte Milliarden Euro sens« zwischen den Mitgliedstaaten der Ukraine – wollte Michel nach Ja-
verteilt. fördern soll. pan reisen. »What the fuck will er in
Daraus haben sich schon in der Zusammenhalt und Konsens för- Japan?«, fragt ein Brüsseler Insider
Vergangenheit Konflikte ergeben. dern, das ist mühsam und unglamou- ungläubig.
Doch während seine Vorgänger den rös: telefonieren, verhandeln, Kom- Die Frage ist berechtigt. Die EU
Streit intern ausgetragen haben, hat promisse schließen. Ein Ratspräsident hat einen eigenen diplomatischen
Michel daraus einen öffentlichen muss sich zurücknehmen können. Dienst, es gibt einen Außenbeauftrag-
Machtkampf gemacht. Michels Vorgänger Donald Tusk hat ten, also eine Art Außenminister. In
Bei einem gemeinsamen Besuch sich selbst als »Chefbürokraten« be- Handelsfragen ist die Kommissions-
im April in Ankara wurde die Welt zeichnet. Das käme Michel nicht in präsidentin die wichtigste Ansprech-
Zeuge, wie die zwei höchsten Reprä- den Sinn. partnerin für Partnerstaaten. Michel
sentanten der EU um Macht und An- Der Belgier versteht sich als Poli- hat dem wenig entgegenzusetzen. Er
sehen ringen. Das Treffen mit dem tiker, nicht als Bürokrat. Das ist Teil kann weder Geld verteilen wie von
türkischen Präsidenten Recep Tayyip des Problems. Als er im Oktober 2014 der Leyen, noch hat er das politische
Erdoğan war von Michels Protokoll- als Premierminister seines Landes Gewicht, um Konflikte zu lösen oder
team vorbereitet worden. Das Er­ vereidigt wurde, war er gerade 38 Vereinbarungen aushandeln zu kön-
gebnis sah so aus, dass der Ratsprä- Jahre alt – der jüngste belgische Re- nen. Am Ende musste die Reise we-
sident neben Erdoğan platziert wur- gierungschef seit 1841. Seine Koali- gen der Pandemie abgesagt werden.
de. Von der Leyen musste sich in ei­ tion hat vier Jahre lang gehalten, das Bei einem Besuch in Georgien im
niger Entfernung auf ein Sofa setzen. ist für Belgien nicht schlecht. April hatte Michel eine Vereinbarung
Der Skandal bekam schnell einen Michel ist immer noch jung. Viel- vermittelt, die die politischen Span-
passenden Namen: »Sofagate«. leicht zu jung für ein Amt, in dem es nungen im Land beilegen sollte. Sie
Michels Verhalten schadet der EU, darum geht, seinen Ehrgeiz zu zügeln. ist als »Charles-Michel-Abkommen«
weil der Streit die Gemeinschaft nach Es ist, als würde man Jens Spahn bit- in die Geschichte des Landes einge-
außen hin schwächt. Es schadet auch, ten, sich eine Weile zurückzuhalten. gangen. Michel erwähnt das Abkom-
weil der Ratspräsident darüber seine Kann man machen, bringt aber nichts. men gern, er tut es auch in Berlin. Es
eigentlichen Aufgaben vernachlässigt. Je länger man sich mit Michel ist sein größer außenpolitischer Er-
Viele Regierungen, darunter auch die unterhält, desto mehr verfestigt sich folg, so sieht er das.
deutsche, sind mit Michel unzufrie- der Eindruck, man habe seine globa- Weniger gern erwähnt er die Tat-
den. Er reise zu viel herum und küm- le Rolle unterschätzt. Neulich etwa sache, dass die größte Oppositions-
mere sich zu wenig darum, die EU- hat er lange mit dem russischen Prä- partei in Tiflis das Abkommen nicht
Gipfel vorzubereiten, heißt es. sidenten Wladimir Putin telefoniert. Gastgeber Erdoğan akzeptiert und dass auch die Regie-
Sein Geltungsdrang ist so groß, Was genau gesagt wurde, verrät er (2. v. r.), Besucher rungspartei zwischenzeitlich davon
von der Leyen,
dass selbst Weggefährten den Kopf nicht. Aber dass es wichtig ist, mit Michel, Çavuşoğlu
zurückgetreten ist. Die Krise in Geor-
schütteln. »Der Präsident des Euro- Russland im Dialog zu bleiben, darf am 6. April 2021: gien ist, anders als Michel es stolz ver-
päischen Rats ist Vorsitzender des man wohl schreiben. »Sofagate« in Ankara kündet hat, keineswegs zu Ende. Sein
Europäischen Rats, nicht der Präsi- größter Erfolg ist also keiner.
dent von Europa«, schreibt Michels Über seinen Konflikt mit der Kom-
ehemaliger Büroleiter François Roux missionspräsidentin möchte Michel
in einer Analyse, die sich wie eine Ab- nicht reden. Den gibt es aus seiner
rechnung mit seinem ehemaligen Sicht nämlich gar nicht. »Sofagate«
Chef liest. Michel will offensichtlich ist unglücklich gelaufen, dazu ist alles
Präsident Europas sein. gesagt. Aber sonst gehen die beiden
Ein Treffen mit Michel in seinem Präsidenten nach Michels Ansicht of-
Büro im Europagebäude im Brüsseler fen und respektvoll miteinander um.
EU-Viertel. Der Ratspräsident hat Schon vor »Sofagate« hat der Rats-
sich Zeit genommen, er weiß, was präsident der EU-Kommissionschefin
seine Kritiker über ihn sagen. Der allerdings mit Nickeligkeiten das Le-
Termin ist als Hintergrundgespräch ben schwer gemacht hat. Als zu Beginn
deklariert, man darf nicht daraus zi- vergangenen Jahres Gespräche zwi-
Xinhua / action press

tieren. Aber klar ist ohnehin: Michel schen den EU-Spitzen und dem briti-
hält die Kritik für höchst ungerecht. schen Premierminister Boris Johnson
Den Vorwurf zum Beispiel, dass über die Zukunft der Beziehungen
er sein Amt vor allem für die eigene nach dem Brexit anstanden, wollte

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 31


DEUTSCHLAND

EU-Spitzen

R. Lafargue / picture alliance / abaca; E. Ferrari / picture alliance / [Link]; abaca / picture alliance
Institutionen der EU und die
Aufgaben ihrer Präsidenten
Europäische Europäisches
Europäischer Rat Kommission Parlament

Charles Michel Ursula von der Leyen David-Maria Sassoli


Amtszeit
Dez. 2019 bis Mai 2022 Dez. 2019 bis Okt. 2024 Juli 2019 bis Jan. 2022*
Ernannt von den Staats- und Ernannt von den Staats- und Regierungschefs der Gewählt von den Mitgliedern
Regierungschefs der EU-Länder EU-Länder mit Zustimmung des EU-Parlaments des Europäischen Parlaments
Aufgaben Aufgaben Aufgaben
• leitende Funktion bei der Festlegung der • politische Führung der Kommission • Gewährleistung der ordnungsgemäßen
allgemeinen politischen Ausrichtung • Einberufung und Leitung der Sitzungen Einhaltung parlamentarischer Verfahren
und der Prioritäten der EU in Zusammen- der Kommissionsmitglieder • Beaufsichtigung der Aktivitäten und
arbeit mit der Kommission • leitende Funktion bei der Umsetzung Ausschüsse des Parlaments
• Förderung von Zusammenhalt und der EU-Politik durch die Kommission • Vertretung des Parlaments in allen
Einvernehmen innerhalb des Euro- • Teilnahme an G-7-Tagungen Rechtsfragen und in internationalen
päischen Rates • Beteiligung an Grundsatzdebatten im Beziehungen
• Vertretung der EU nach außen Europäischen Parlament sowie zwischen • endgültige Genehmigung des
und in Sicherheitsfragen den Regierungen der EU-Länder im EU-Haushalts
Rat der Europäischen Union * Nachfolgerin wird vermutlich Roberta Metsola (Malta)

bilden Mitgliedstaaten nominieren EU-Kommissare EU-Bürger wählen Parlament


S Quelle: EU


Michel unbedingt dazu einladen. Dabei war ihrer Kanzlerschaft an begleitet hatte. Die Premierminister fünf Jahre Konflikte dadurch
klar, dass die Kommission die Gespräche füh- CDU-Frau hat ein Gespür für Macht und da- neutralisiert, dass er auf Zeit gespielt und Ent-
ren würde. für, wie man diese Macht erhält. Und sie ist scheidungen verhindert hat. In der EU kommt
Es gab einiges an Hin und Her, schließlich in der Lage, die Provokationen Michels mit man mit dieser Methode nicht weiter.«
verkündete Michel per Twitter die Video- eigenen Spitzen zu kontern. Für Michel scheint der ausweichende Poli-
konferenz und verschickte kurz darauf auch In ihrer Rede zur Lage der Union am tikstil genau der richtige zu sein: Er genießt
die Einwahldaten. Die Kommission, eigent- 15. September in Straßburg sagte von der Ley- es, sich unter den Staats- und Regierungschefs
lich zuständig, verschickte ihrerseits eine of- en, dass sie gemeinsam mit Macron zu einem zu bewegen. Diese Atmosphäre will er nicht
fizielle Einladung. Am Ende hatte Johnson Gipfel zur europäischen Verteidigung einla- dadurch stören, dass er Konflikte anspricht.
zwei Einladungen auf dem Tisch. Die EU den werde. Das war ein kalkulierter Affront Sein Gefühl der Zugehörigkeit wird nicht
stand blamiert da. Kurz darauf quittierte Mi- gegen Michel. Für Einladungen zu Gipfeln ist von allen erwidert. Dänemarks Ministerprä-
chels Büroleiter seinen Job. er zuständig, nicht die Kommission. Nach sidentin Mette Frederiksen zum Beispiel,
Schon früheren Ratspräsidenten ist es nicht Angaben von EU-Diplomaten habe Michel unter den Kolleginnen und Kollegen für ihre
leicht gefallen, die Beschränkungen ihres getobt, als er die Rede gehört habe. zupackende Art bekannt, schnauzte Michel
Amts zu akzeptieren. Aber sie waren klug Von der Leyen spielt die Machtspielchen schon mal an: »Charles, so läuft das jetzt
genug, um sich mit ihren Kollegen aus der ihres Rivalen mit. Das ist aus ihrer Sicht viel- nicht.«
Kommission von vornherein auf eine Arbeits- leicht nachvollziehbar. Klug ist es deshalb An den schwierigen Entscheidungen be-
teilung zu verständigen. »Praktische Abspra- noch nicht. teiligen die Regierungschefs den Ratspräsi-
chen zwischen Präsident Van Rompuy und Ende Oktober, fünf Tage nach einem EU- denten häufig nicht. Als während der deut-
Präsident Barroso über die externe Vertre- Gipfel, treffen sich wie üblich die Botschafter schen Ratspräsidentschaft über diffizile The-
tung der Europäischen Union auf Präsiden- der Mitgliedstaaten, um die Ergebnisse zu men wie den EU-Haushalt und den neuen
tenebene«, hieß die Vereinbarung, die Mi- besprechen. Michel ist nicht anwesend, aber Rechtsstaatsmechanismus verhandelt wurde,
chels Landsmann Herman Van Rompuy mit sehr präsent. Der schwedische Botschafter drängten sich im deutschen Delegationsbe-
dem damaligen portugiesischen Kommis- klagt, die Tagesordnung für das Treffen sei reich unter anderem die Bundeskanzlerin,
sionschef schloss. Auch die Nachfolger Do- wieder viel zu spät verschickt worden. Die Emmanuel Macron, der ungarische Minister-
nald Tusk und Jean-Claude Juncker legten Balten beschweren sich, dass das Thema präsident Viktor Orbán, die Regierungschefs
ihre Aufgabenteilung schriftlich nieder. ­Migration nicht gut vorbereitet gewesen sei. von Litauen und den Niederlanden und Ursu-
Zwischen Michel und von der Leyen gibt Die Vertreter anderer osteuropäischer Staaten la von der Leyen.
es nichts dergleichen. Sie haben lediglich ver- finden, Michel hätte mehr Vorarbeiten zu Be- Charles Michel, der Mann, der den Kom-
einbart, sich einmal wöchentlich zu treffen, larus leisten müssen. promiss eigentlich hätte vorbereiten sollen,
um ihre Vorhaben zu koordinieren. Häufig »Die Kritik an Michel wird immer lauter«, fehlte in den entscheidenden Phasen der Ge-
findet einer der beiden einen Grund, den Ter- sagt ein EU-Diplomat. »Er hat als belgischer spräche.
min abzusagen. Er dürfte trotzdem weiter im Amt bleiben.
Michel glaube, von der Leyen agiere nicht Michel gehört zur liberalen Parteienfamilie
auf einer Ebene mit ihm, so sagen Leute, die und steht unter dem Schutz des französischen
ihn kennen. Er war Regierungschef, sie ledig- Präsidenten. Das ist die Crux bei den Perso-
lich Verteidigungsministerin. Sie stand vor nalpaketen, die in der EU unter Berücksich-
dem Ende ihrer politischen Karriere, bevor Ursula von der Leyen tigung von Nationalität, Parteizugehörigkeit
sie das Amt in Brüssel bekam. Das Problem
für Michel ist nur: Ursula von der Leyen ist
spielt Michels Machtspiel- und Status des Jobs geschnürt werden. Sie
lassen sich nicht wieder aufschnüren.
die mächtigste Politikerin in Brüssel und chen mit. Das ist aus »Solange Michel macht, was Macron
pflegt diese Rolle auch.
Sie war nicht umsonst das einzige Kabi-
ihrer Sicht nachvollziehbar, wünscht, ist er sicher«, sagt ein Diplomat.
»Das Schauspiel wird weitergehen.«
nettsmitglied, das Angela Merkel von Beginn aber nicht klug. Ralf Neukirch  n

32 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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Polizist Ertl: Ein Tippfehler


in einem Handychat
veränderte sein Leben und
machte ihn zum angeblichen
Drogenkonsumenten.

Peter Schinzler / DER SPIEGEL


Cops auf Koks
KRIMINALITÄT  Kaum ein Skandal erschütterte die Münchner Polizei in den vergangenen Jahrzehnten so heftig
wie eine Kokain-Connection in den eigenen Reihen. Doch die Strafverfolger jagten auch Unschuldige.

D
er Tag, der ihn sein früheres Leben kos- er tanzte. Und einer seiner Kumpel – das Clemens Ertl sei; Ertl sagte »Ja«. In diesem
tete, seine Stelle, seine Ehre, war ein ahnte Ertl aber nicht – chattete mit seiner Moment stürmten vermummte Männer auf
krachlustiger Sonntag im März 2017. Freundin: »Trink gemütlich …, während die ihn zu, ein Spezialeinsatzkommando. Sie
Clemens Ertl, damals 26, Streifenpolizist im Anderen trinken und tdbzen.« warfen sich auf ihn, einer drückte ihm den
Münchner Westend, hatte mit drei Freunden »Tdbzen.« Was man so ins Handy tippt, Lauf der Maschinenpistole an den Kopf.
vom Altstadt-Revier gepokert. Sie hatten wenn der Finger nicht mehr trifft. »Polizei! Runter auf den Boden!«, so erinnert
Schnaps aus Island gekippt, und weil in Mün- Dreieinhalb Jahre später klingelte es bei sich Ertl heute.
chen die Parade für St. Patrick war, den iri- Clemens Ertl, genauer gesagt an der Tür sei- Das bayerische Landeskriminalamt (LKA)
schen Nationalheiligen, gingen sie hinterher ner Eltern. Vater und Mutter, beide Lehrer, hatte kurz vorher in einem Ermittlungsbericht
noch ins Kennedy’s, den Irish Pub am Send- waren im Urlaub, Ertl passte auf ihr Reihen- den Vertipper »tdbzen« aufgelöst: aber nicht
linger Tor. Ertl weiß noch, wie er trank, wie haus auf. Der Mann an der Tür fragte, ob er mit »tanzen«, was nähergelegen hätte, auch

34 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


DEUTSCHLAND

auf der Tastatur, sondern mit »rot- einem Polizisten ist das öffentliche
zen«. Ein anderes Wort für Koksen. Interesse an der Strafverfolgung be-
Weil einer von Ertls Kollegen Kokain sonders groß. Deshalb stellt er kein
dabeigehabt habe, sei »im Gesamt- Verfahren einfach so ein, wie das sei-
zusammenhang« davon auszugehen, ne Behörde vielleicht bei Betäu-
dass auch Clemens Ertl an diesem bungsmittelverstößen anderer Bürger
Abend Kokain konsumiert habe. So täte – und auch regelmäßig tut. Dass
zumindest das Ergebnis der Chat- Polizisten sich ans Gesetz hielten, da-
Auswertung. rauf müssten Staat und Bürger sich
Nach der Razzia flöhte die Kripo nun mal absolut verlassen können.
München die Chats auf Ertls Handy – Und aus dem Grund sei eine entschie-
33 974 Nachrichten, zurück bis ins dene Linie unbedingt nötig.
Jahr 2005. Die Ermittler fanden Wohl wahr, trotzdem drängt sich
nichts. Seine SMS: zurück bis 2006. die Frage auf, wann hart zu hart wird
Auch nichts. Die Festplatte und einen und aus dem Exempel ein Extrem.
USB-Stick seiner Mutter: 789 622 Wenn nämlich nicht nur das Vorleben
Dateien, meist Unterrichtsmateriali- von Beamten über 15 Jahre auf links
en und private Urlaubs- und Fami- gedreht wird, sondern auch das Le-
lienfotos. Wieder nichts. Den Laptop ben von Freundinnen und Freunden,
des Vaters, 1 248 620 Dateien: Fotos, Geschwistern, Eltern. Ihre Laptops.
Rechnungen, Schulmaterial. Nichts. Ausriss aus »Bild«- Es gibt, nach dem Stand der Er- Ihre Schlafzimmer. Um am Ende drei,
Auch nicht in den Haaren, die man Zeitung 2020: mittlungen, mindestens zwei, wo- vier Gramm Hasch und Marihuana
Ertl abschnitt, dem Blut, das man ihm Boulevardpresse und möglich auch drei, vier oder fünf im Schrank eines Vaters zu finden,
Innenminister
abnahm, der Urinprobe, die er abgab. gaben das Urteil vor Beamte in der Münchner Polizei, die zum Eigenkonsum. Offenbar gibt es
Nichts, nichts und noch mal: nichts. mit einem Promi-Dealer um die Häu- einen Reflex, sich gerade bei Ermitt-
Vielleicht ja, weil schlicht stimmt, ser zogen. Die offenbar Kokain mit lungen gegen Polizisten nichts nach-
was Ertl dem SPIEGEL an Eides statt ihm schnupften, Kokain von ihm sagen zu lassen und den Verdacht erst
versichert: dass er in seinem Leben kauften, mit Rabatt. »Sollten sich die mal lieber zu groß als zu klein zu for-
noch nie illegale Drogen genommen Vorwürfe bestätigen, haben die Be- mulieren.
habe. Vor ein paar Monaten, im Juli, troffenen nichts, aber auch gar nichts Dafür gibt es Beispiele: So hieß es
stellte die Staatsanwaltschaft die Er- bei der Polizei zu suchen«, stellte 2015, beim SEK Köln sei es zu
mittlungen gegen ihn in Sachen Koks Münchens damaliger Polizeipräsident menschenverachtenden Aufnahme-
ein. Und auch wenn man keinem in Hubertus Andrä zu Recht klar. ritualen gekommen – am Ende blieb
den Kopf gucken kann: Nach den Re- Aber: Bei 13 von 37 beschuldigten von den Vorwürfen so gut wie nichts
geln des Rechtsstaats ist er damit un- Beamten ist das Verfahren mittler- übrig. Oder das SEK Frankfurt: Wur-
schuldig. weile eingestellt, weil ihnen nichts de 2021 aufgelöst, angeblich eine
Oder fast zumindest. Denn eines nachzuweisen war. Weil sie als un- braune Brut, was sich aber laut In-
hatten die Fahnder bei ihrer erfolg- schuldig zu gelten haben, ohne Wenn nenministerium dann doch nicht be-
losen Drogenjagd durch das digitale und Aber. Ein weiterer ging kürzlich stätigte. In Mülheim an der Ruhr
Vorleben des Clemens Ertl noch ent- mit einem Freispruch aus dem Ge- kamen die Ermittler wohl tatsächlich
deckt: dass Ertl irgendwann mal in richt, da gilt dasselbe. Dazu kommen einigen rechtsradikalen Polizisten auf
einem Chat über zwei Kollegen her- drei Einstellungen mit Geldauflage – die Spur; in München zerbröselte
gezogen hatte. Beleidigung also, er so wie im Fall Ertl, wegen der Be­ dagegen schon einmal eine Polizei-
musste 1000 Euro an ein Hospiz zah- leidigung. Außerdem setzte es elf Affäre in ziemlich kleine Teile.
len. Und auf seine alte Dienststelle Strafbefehle; damit will sich der
darf er wohl auch nicht zurück. So Staat oft zähe Prozesse ersparen. Der Kronzeuge
wie offenbar kaum ein Polizist, der Doch die Hoffnung, dass die Beschul- Was dagegen nun als größter Skandal
ins Visier der Ermittler geriet. digten mitspielen und gestehen, ist in in der Münchner Polizei gilt, begann
Dies ist die Geschichte des größten den meisten Fällen schon geplatzt. mit einem läppischen Blechschaden:
Ermittlungsverfahrens innerhalb der Die Polizisten, nicht die Staatsanwäl- Christoph Petrou (Name geändert),
Münchner Polizei seit Jahren. Be- te, wollen die Sache lieber vor Ge- Koks-Lieferant in den Szenelokalen,
kannt als »Koks-Skandal«, unter- richt klären. war am 8. April 2018 schwer zuge-
sucht von einer Sonderkommission In 19 der 37 Verfahren geht es auch dröhnt mit dem Auto in ein Garagen-
»Nightlife«. Sie ermittelte gegen 37 nicht – oder nicht mehr – um Drogen, tor gekracht. Festnahme, Untersu-
Polizisten und 21 andere Personen. Es sondern um ganz andere Sachen. chungshaft, Zeit, sich Gedanken zu
kam im September 2020 zu einer Mutmaßliche Beleidigung, Anstiftung machen.
Razzia, mit 19 Staatsanwälten, mehr zum Geheimnisverrat, Körperverlet- Das K83, die Drogenfahndung,
als 200 Polizisten, mit Spezialeinhei- zung im Amt. Alles Zufallstreffer bei hatte Petrou schon länger auf dem
ten aus drei Bundesländern. Und der der Auswertung der beschlagnahm- Schirm, für einen großen Fang hielt
bayerische Innenminister Joachim In München ten Handys, Computer, Datensticks. sie ihn erst mal nicht. Doch um Straf-
Herrmann gab schon kurz danach in zerbröselte Bei der Großrazzia in 30 Wohnungen, milderung zu bekommen, machte er,
der »Bild«-Zeitung den Tenor des öf-
fentlichen Urteils vor: »Was sich da
schon einmal auf sieben Revieren, stießen die Er-
mittler dagegen auf nicht mal zehn
womit keiner gerechnet hatte. Er be-
gann zu reden – und hörte nicht mehr
abgespielt hat, ist … eine kriminelle eine Polizei­ Gramm Marihuana. Und auf kein ein- auf. Er redete über eine Nobeldisco,
Sauerei.« affäre in ziges Gramm Kokain. wo er offenbar so was wie der Haus-
Der Rechtsstaat hat seine Zähne Jakob Schmidkonz, den Chef- dealer war. Und am meisten elektri-
gezeigt. Aber hat er sich am Ende ver-
ziemlich ermittler der Staatsanwaltschaft, ficht sierte die Ermittler, was Petrou über
bissen? kleine Teile. das nicht an. Schmidkonz sagt: Bei Polizisten sagte, die er kannte. In

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 35


DEUTSCHLAND

Das alles führte zu dem großen


Bild, das auch die erste Pressemel-
dung der Staatsanwaltschaft nach der
Razzia 2020 noch ahnen ließ: ein rie-
Staatsanwalt Schmidkonz: siger Drogensumpf in der Münchner
Er ermittelte zwischenzeitlich Polizei, ein ganzer Haufen korrupter
gegen 37 Beschuldigte. 13 Ver­ Bullen, wie man das bisher nur aus
fahren sind mittlerweile ein­ amerikanischen Cop-Filmen kannte.
Gangster in Blau.
gestellt. Bei 19 Verdächtigen Selbst die Ermittler sehen das heu-
geht es nicht mehr um Drogen. te alles eine Nummer kleiner: Das sei
»keine geschlossene Gruppe« gewe-
sen, heißt es nun; mancher habe dies
oder das über andere gewusst, keiner
alles. Doch der erste Eindruck vom
großen Narco-Netz im Amt ist wich-
tig, um zu verstehen, warum aus einer
Ermittlung gegen die vermutlich Rich-
tigen irgendwann eine Ermittlung
wurde, die immer mehr ausfranste.
Und bei der nicht nur der Vorsitzen-
de der Gewerkschaft der Polizei in
München, Rainer Pechtold, inzwi-

Peter Schinzler / DER SPIEGEL


schen den Eindruck hat, dass die Er-
mittler am Ende »händeringend nach
Bagatellen« suchten, um möglichst
viele Polizisten als belastet dastehen
zu lassen. »Wer harte Drogen nimmt
oder sogar damit handelt, hat in der
Polizei nichts verloren. Aber es sind
mindestens sechs Vernehmungen Hinweise, danach glaubte die Polizei auch Leute unter die Räder gekom-
packte er über seine Freunde und ihm so ziemlich alles. Selbst wenn men, die damit nichts zu tun hatten.«
Helfer aus, protokolliert mehr als 100 Petrou immer neue Dinge einfielen,
Seiten lang. Eine Beichte wie im die ihm beim letzten Mal noch nicht Der Jackpot
Rausch: Frage: Wie war die Verneh- eingefallen waren. Oder wenn er sich Der erste Polizist, den der Dealer Pe-
mung? Antwort Petrou: »Sexy.« widersprach: Mal hatte ihm der eine trou kennenlernte, ein Polizeiober-
Und was Petrou da alles erzählte: Polizist das mit dem Foto an der meister, 35, steht heute unter Ankla-
dass er fast jede Woche mit zwei Poli- Wand verraten, dann der andere, ge in 149 Fällen: Erwerb, Beihilfe zum
zisten gekokst, ihnen das Zeug auch dann wieder der eine. Sogar über sei- Handel, Abgabe und Besitz von Be-
verkauft habe. Dass er schon vom ne Festnahme erzählte er der Polizei, täubungsmitteln. Seine Haarprobe
Lack eines Streifenwagens gekokst die es nun wirklich wissen musste, lässt darauf schließen, dass er ein
habe, im Streifenwagen gekokst habe, eine Fantasiegeschichte: Er sei im ge- starker Kokser war; bis zu seiner Fest-
im Polizeirevier gekokst habe, drittes parkten Auto eines Bekannten vor nahme im Oktober war er unterge-
Zimmer links, wenn man vom Aufzug einer Bar eingenickt, irgendwer habe taucht. Petrou lernte ihn angeblich in
kommt. Ja, sogar in einer Tiefgarage die Polizei gerufen, warum auch im- einem griechischen Café kennen;
vom Dienstausweis eines Polizisten mer. Die habe den Wagen durchsucht, auch der Polizist hatte griechische
– das sei die schönste Koks-Line ge- Kokain gefunden und ihn festgenom- Wurzeln. Sie hätten schon zusammen
wesen, die er sich je reingezogen habe. men. Schon im März 2018, nicht im gekokst, sagte Petrou, bevor ihm klar
Na klar, die Beamten hätten von April. Alles falsch, siehe oben. geworden sei, dass der andere bei der
ihm auch Spezialpreise bekommen, es Doch das, was stimmte und zu Polizei war.
habe schließlich nicht schaden können, Fahndungserfolgen führte, war so Über den ersten lernte Petrou den
als Mann mit seinem Geschäft Freun- groß, dass die Zweifel, ob denn alles zweiten Beamten kennen. Gegen die-
de bei der Polizei zu haben. Und dafür stimmte, immer kleiner wurden. Und sen Polizeiobermeister liegt nun eine
hätten die Polizisten immer mal für so stand für das LKA, das die Ermitt- Anklage in mehr als 70 Fällen vor.
ihn im Dienstcomputer nachgeschaut, lungen innerhalb der Polizei über- Auch der soll geschnieft, gekauft und
ihn über Ermittlungen auf dem Lau- nommen hatte, und die Münchner den Stoff an Kollegen weitervertickt
fenden gehalten. Einmal habe ihm Staatsanwaltschaft bald fest, was auch haben. Schätzungsweise je 100 Gramm
einer seiner uniformierten Koks-Kum- so in einem internen Vermerk steht: Kokain will Petrou beiden Beamten
pel auch durchgestochen, dass sein Es weise »vieles (alles) darauf hin«, insgesamt besorgt haben. Die seien
Foto im K83 an der Wand hing und dass Petrous Angaben »in allen bisher »ganz heiß« darauf gewesen.
die Drogenfahnder ihn im Auge hätten. bekannten Bereichen« korrekt seien. Das galt auch für einen dritten
Die Vernehmer schauten in einen Die Fahnder hatten damit endlich Polizeiobermeister, der in einem Vi-
Abgrund von Verrat, Korruption, Kri- den Zeugen, von dem sie schon im-
Verkehrs­ deo auftaucht, das Petrou den Fahn-
minalität in den eigenen Reihen; in mer geträumt hatten. Der sie in seine polizei? »Das dern gab. Übrigens offenbar das ein-
den Akten ist heute eine Kurve zu geheime Welt mitnahm, in unzähli- ist der Sarg­ zige Video, nachdem Petrou anfangs
erkennen: Erst trauten sie Petrou gen Vernehmungen. Die Verhöre mit noch geprahlt hatte, er habe ganz
nicht, dann trauten sie ihren Ohren Staatsanwalt Schmidkonz gingen nagel meiner viele Videos und sogar Koks-Polizis-
nicht, dann bestätigten sich die ersten über Tage. Karriere.« ten in flagranti aufgenommen. Wel-

36 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 37
DEUTSCHLAND

che Rolle dieser dritte Polizist spielte, ist un- 2018. Im Juni 2021 sollte die Sache mit einem Warum, wenn es doch um schwere Straf-
klar, die Ermittlungen laufen noch. Fest steht Strafbefehl abgeschlossen werden. Das lehn- taten gehen soll, nicht um Petitessen? »Weil
allerdings: Der »Dritte« hatte nach einer te S. ab. Daraufhin bekam er in einer weiteren, es nach dem Legalitätsprinzip unsere Pflicht
Durchsuchung einen positiven Haartest auf schon lange bekannten Sache eine Anklage – ist«, so Staatsanwalt Schmidkonz. Sie müss-
Kokain und ein Handy mit rund 700 Chats, weil er 2017 auf der Wache ein Foto von ten alles untersuchen, was auf eine Straftat
2000 Kontakten. Für die Ermittler »der Jack- einem Randalierer gemacht hatte, der nackt hindeuten könnte. Beleidigungen genauso
pot«, wie Staatsanwalt Schmidkonz heute und gefesselt in der Arrestzelle lag. Laut S. wie verbotene Fotos und auch eine kaputte
sagt. Sie gingen durch die Dialoge, Jahr für zur Beweissicherung. Laut Anklage dagegen Wodkaflasche für zehn Euro. Ob und wie man
Jahr, immer weiter zurück. Sie stießen auf eine »Verletzung des höchstpersönlichen Le- das ahnde, müsse man am Ende entscheiden,
Codewörter, »Miami« für Kokain, »Gonza- bensbereichs durch Bildaufnahme«. S. habe nicht am Anfang.
les« für Speed, »Peps« für Amphetamine. Sie absolut nichts mit der Sicherung des Zellen- Mag sein. Aber als der Kronzeuge Petrou
entdeckten neue Namen. Und Anfragen, wer trakts zu tun gehabt. Merkwürdig: Im Straf- im November 2018 über eine Staatsanwältin
»was« beschaffen könnte. befehl gegen den Randalierer stand, er habe wütete, die sei doch psychisch gestört, ver-
So wühlten sich die Ermittler zu fünf, sechs »nicht auf Ansprache reagiert«, sodass vier zichtete die Beamtin auf einen Strafantrag
weiteren Polizisten durch. Nur auf eines stie- Beamte in die Zelle gelaufen seien, um ihn zu wegen Beleidigung; auch kein Dienstvorge-
ßen sie nicht: auf einen Drogenhändlerring bändigen. Einer dieser vier: S. Verschickt hat- setzter schritt ein und stellte einen.
in der Polizei, der ins Koksgeschäft eingestie- te er das Foto nicht. Man kann sich noch über so einiges wun-
gen wäre. Die Streifenpolizisten, die meisten Auch Verwandte und Freunde von beschul- dern: dass ein SEK die Wohnung eines Zeu-
von der Inspektion 11, Altstadt, besorgten digten Polizisten gerieten ins Visier – wenn gen stürmte, was sonst äußerst selten vor-
offenbar Stoff für sich, für ihre Freunde; für Chats darauf hindeuteten, dass sie schon mal kommt. Oder dass bei einer Beschuldigten –
den Rausch in ihrer Freizeit. Ohne Sterne auf Joints geraucht hatten. Oder zum Beispiel mit keine Polizistin – der Arbeitgeber angerufen
der Schulter wären sie als Kleinkonsumenten Ritalin zu tun hatten, einem an Unis vor Prü- wurde: Sie könne gerade nicht kommen, we-
durchgegangen, man hätte die Ermittlungen fungen beliebten Mittel, allerdings verschrei- gen einer Wohnungsdurchsuchung im Rah-
vermutlich zügig eingestellt. bungspflichtig. Eine Frau hatte das Pech, dass men einer Drogenfahndung.
Bei Polizisten nun mal nicht. Denn sie ma- der Chat ihres Freundes durchsucht wurde und Auch der renommierte Hamburger Straf-
chen sich ja in der Tat erpressbar, wenn Kri- der seine Polizeikollegen für sie nach den Ta­ verteidiger Gerhard Strate, der kein Mandat
minelle mitbekommen, dass sie nicht sauber bletten gefragt hatte. Zack, Strafbefehl. in dem Fall hat, aber viel Erfahrung mit
sind. Wer als Polizist Drogen nimmt, riskiert Besonders viel Mühe geben sich die Fahn- Staatsanwälten, staunt über den Eifer der Er-
seinen Job. Doch als diese mutmaßlich harten der mit Beleidigungen, und da finden sich in mittler: »Es ist höchst ungewöhnlich, in Be-
Fälle identifiziert waren, gaben sich die Er- sieben Millionen Chatnachrichten so einige. weismitteln wie Handys sogar jenseits der
mittler noch nicht zufrieden. Waren es zu Bei Clemens Ertl etwa, dem in Sachen Drogen gesetzlichen Verjährungsfristen zu suchen.
wenige Fälle, nach den markigen Worten aus nichts nachgewiesen wurde. In privaten Chats Das ist sinnlos, weil man es vor Gericht ohne-
der Politik, nach der Riesenrazzia? mit Kollegen entdeckten die Ermittler, dass hin nicht verwerten kann. Es geht ja nicht um
Ertl im September 2018 mal zwei Beamte Mord.«
Die Härte des Gesetzes beschimpft hatte, die nicht zur Chatgruppe
Nur war bei den meisten verdächtigen Polizis- gehörten. »Drecksau« und »ehrlose Dreck- Aus der Traum
ten nichts mit Rauschgift zu finden. Die Fahn- sau«. Doch keiner der Polizisten, die Ertl so Im Oktober 2021 sitzt Clemens Ertl im Garten
der interessierten sich nun aber auch für ganz genannt hatte, wollte einen Strafantrag stel- seiner Eltern; er ist seit einem Jahr suspen-
andere Dinge in den Handynachrichten und len. Und weil Beleidigung nun mal ein reines diert, eine Menge Zeit, sich zu überlegen, was
ermittelten hartnäckig – bis ins kleinste Karo. Antragsdelikt ist, wäre die Sache damit erle- noch kommen soll im Leben. Fast alle seine
Da gab es zum Beispiel den Kollegen S., digt gewesen. Freunde sind Polizisten. »Polizist, das war
über den es in einem WhatsApp-Chat hieß, Nicht aber für die Staatsanwaltschaft: Sie immer mein Traumberuf«, sagt er. Und die
er habe auf der Straße einem Obdachlosen legte die Fälle den Dienstvorgesetzten der Gegend um die In­spektion 14 seine Heimat.
die Wodkaflasche abgenommen und zerschla- beiden Beamten vor, auch die dürfen nämlich Dahin wäre er gern zurückgegangen. Aber
gen. Gegen den Polizisten wurde ein Verfah- anzeigen. Und taten das auch. daraus wird wohl nichts.
ren eröffnet, wegen Sachbeschädigung. Der Das Präsidium schrieb ihm, die Suspendie-
Schaden: um die zehn Euro. Die Angelegen- rung gehe zu Ende, schließlich sei das Drogen-
heit ist inzwischen eingestellt. Verjährt. verfahren gegen Auflagen eingestellt worden.
Außerdem hatte der Obdachlose offenbar Auflagen? Vom Drogenvorwurf blieb nichts,
randaliert. Der Polizist will die Flasche nur Auflagen gab es nur wegen der Beleidigung
weggeworfen haben, damit sie ihm nicht noch »Drecksau«. So aufgedröselt stand das da aber
an den Kopf flog. nicht; etwas bleibt halt immer hängen. Nun
Oder dieser Fall: Ein Polizist hatte in einem soll Ertl erst mal zur Verkehrspolizei. »Da
größeren Gruppenchat ganz offen angeboten, wollte ich auf keinen Fall hin«, sagt er, »das
aus dem Ausland günstige »Peps« von einer ist der Sargnagel meiner Karriere.«
Reise mitzubringen. Verfahren eröffnet, Aber hat es ihn noch überrascht? »Bei uns
Hausdurchsuchung, Sicherstellung eines Pa- einfachen Streifenbeamten wird, völlig zu
kets Speisestärke, Verfahren eingestellt. Wie Recht, penibel darauf geachtet, dass unsere
sich ergab, stand das Wort »Peps« in seiner Maßnahmen verhältnismäßig sind. Bei Maß-
Dienststelle nicht für Amphetamine, sondern nahmen gegen uns wird das Prinzip der Ver-
offenbar nur für Zigaretten. Trotzdem wurde hältnismäßigkeit regelmäßig ausgehebelt.«
Peter Schinzler / DER SPIEGEL

er auf eine andere Dienststelle versetzt. Er habe in dem Jahr, suspendiert vom Dienst,
Ein Beamter bekam ein Verfahren, weil geschnitten von Kollegen, den Glauben daran
bei der Durchsuchung Dienstmunition ge- verloren, dass die Unschuldsvermutung noch
funden wurde. Genau eine Kugel. Und dann etwas zählt. Nichts wird nun mehr, wie es war,
ist da noch der Polizeiobermeister S.: Ver- dazu ist zu viel zerbrochen.
dacht auf Besitz von Marihuana zum Eigen- Auf beiden Seiten.
konsum in drei Fällen in den Jahren 2017 und Polizeiinspektion 11 in München Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch  n

38 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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Auffällige Geschwindigkeitsmuster zeigen


sich rund um fest installierte Blitzer: Orts-
kundige bremsen unmittelbar davor auf die
erlaubte Geschwindigkeit ab und beschleuni-
gen danach sofort wieder – wie in der Maxi-
milianallee in Leipzig und in der Stresemann-
straße in Hamburg.
In Freiburg ist der Anteil der nächtlichen
Zu-schnell-Fahrer nur ein Viertel so hoch wie
in Dresden. In den Metropolen Kopenhagen,
Zürich und Oslo brettern allerdings nur 8 bis
10 Prozent aller erfassten Autofahrer mit
40 km/h oder mehr durch eine 30er-Zone.
Tempo 30 gilt in der Regel innerhalb von
Wohngebieten oder rund um Schulen, um
den Straßenverkehr sicherer zu machen. Ein
30 km/h schnelles Auto kommt bei einem
plötzlich auftretenden Hindernis bei idealen
Bedingungen nach 13 Metern zum Stehen.

Marcele Hernandez / FUNKE Foto Ser vices


Ein 50 km/h schnelles Auto legt während der
Reaktionszeit von einer Sekunde 14 Meter
zurück – ungebremst, und kommt erst nach
26 Metern zum Stehen.
»50 fahren, wo nur 30 erlaubt ist, ist kein
Kavaliersdelikt«, sagt Siegfried Brockmann,
Leiter Unfallforschung der Versicherer. »Da
liegt die Grenze zwischen Leben und Tod.«
Eine Sekunde sei eine kurze Reaktionszeit,
Blitzer in der Hamburger Stresemannstraße: Kurz abbremsen auf die erlaubte Geschwindigkeit wenn etwas Unvorhergesehenes passiere.
Verkehrspsychologen beschäftigen sich
schon lange mit der Frage, wie Fahrerinnen
und Fahrer animiert werden können, regel-
konform und sicher zu fahren. Ein wichtiger

Republik der Raser


Faktor ist die Straße selbst. Ist diese gerade,
glatt und breit, wird fast schon automatisch
schnell gefahren. »Es nützt nichts, einfach nur
ein Tempo-30-Schild aufzustellen«, sagt der
Unfallforscher Brockmann. Es müsse sich op-
VERKEHR  Autofahrer sind in deutschen Städten oft zügiger unterwegs tisch erschließen, welche Geschwindigkeit auf
dieser Straße angemessen sei, durch Hinder-
als erlaubt. Verkehrspsychologen erklären das mit falschem nisse, Kurven, Verengungen.
Straßendesign, niedrigen Bußgeldern, fehlenden Kontrollen. Sollte »Wer das Fehlverhalten der Autofahrer
innerorts überall Tempo 30 gelten? verstehen will, sollte sich ein Bild vom Ablauf
des Straßenverkehrs machen«, sagt Karl-
Friedrich Voss. Der amtlich anerkannte

M
ichael Witt weiß, wie es ist, wenn anbieters TomTom aus 40 deutschen Städten, verkehrs­psychologische Berater aus Hanno-
andere Autofahrer dicht auffahren, die der SPIEGEL ausgewertet hat. ver hält es für falsch, die Autofahrer allein für
drängeln, waghalsig überholen. Der Wenn die Straßen frei sind, vor allem Geschwindigkeitsverstöße verantwortlich zu
Fahrlehrer aus Hamburg-Duvenstedt erlebt nachts, sind etliche Autofahrerinnen und machen. Die Gestaltung der Straßen sei ein
auf den Straßen der Hansestadt tagtäglich die Autofahrer noch schneller unterwegs. In den wichtiger Faktor. Voss würde deshalb gern
Aggression der anderen. »Meine Schülerin- Hauptstädten der Schnellfahrer wie Dresden, die Straßenplanerinnen und -planer in die
nen und Schüler fahren genauso schnell wie Halle (Saale) und Kiel fährt dann rund die Pflicht nehmen. »In Schweden, wo die Zu-
erlaubt – aber wir werden von den hinter uns Hälfte aller erfassten Autos mit mindestens ständigkeit für die Verkehrssicherheit bei den
fahrenden Autos bedrängt.« 40 km/h durch Tempo-30-Zonen. Tagsüber Straßenbaubehörden liegt, ist es üblich, nach
Witt lässt die Neulinge am Steuer mit Tem- sinkt der Anteil – offenbar auch, weil dichter einem Unfall auch nach Defiziten bei der Stra-
pomat und dem sogenannten Limiter üben. Verkehr schnelleres Fahren verhindert. ßengestaltung zu suchen.«
Das Assistenzsystem seines Fahrschulautos Auf Tempo-50-Straßen sind in Kiel nachts Ein gutes Vorbild ist laut Voss auch Groß-
erkennt Verkehrsschilder automatisch und 22 Prozent aller Autos mit mindestens 60 unter- britannien. Dort habe es schon immer Stra­ßen
verhindert, dass das Auto schneller fährt als wegs, in Aachen, Bremen und Halle (Saale) gegeben, die anders gestaltet sind als in
erlaubt. In den Augen der meisten anderen liegen die Anteile zwischen 18 und 19 Prozent. Deutschland. »Sie sind schmaler, sodass sogar
Autofahrenden mache das seine Schüler und Busse nicht immer so breit sind wie in
ihn zum Verkehrshindernis, sagt Witt. Deutschland.« Die Verdichtung des Verkehrs
Viele Autofahrer in Deutschlands Städten sorge dafür, dass die Unfallgefahr sinke.
interpretieren Geschwindigkeitslimits offen- Auch die Sanktionen beeinflussen, wie
bar als grobe Richtgröße. Tempo 30 bedeutet »50 fahren, wo nur schnell Bürgerinnen und Bürger fahren. »Man
vielerorts real Tempo 40, wo Tempo 50
gilt, wird oft zwischen 55 und 60 gefahren.
30 erlaubt ist, ist kann sich das so vorstellen, dass im Kopf eines
Autofahrers die Höhen der Bußen verknüpft
Das jedenfalls zeigen Daten des Navigations- kein Kavaliersdelikt.« werden mit der Entdeckungswahrscheinlich-

40 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


DEUTSCHLAND

keit«, sagt Jens Schade, Professor für Ver- Die Regierung verschärfte allerdings nur der Flüssigkeit und Sicherheit des Verkehrs
kehrspsychologie an der TU Dresden. Das die Sanktionen für manche Ordnungswidrig- die Ziele des Klima- und Umweltschutzes, der
sei sogar rational. »Wenn die Wahrscheinlich- keiten, bei anderen blieb sie mild. Nach Auf- Gesundheit und der städtebaulichen Entwick-
keit, erwischt zu werden, null ist, werden fassung von Verkehrsrechtlern könnten klage- lung berücksichtigt werden.« Auch der neue
Autofahrer die Regeln missachten. Selbst freudige Autofahrer die großen Differenzen Verkehrsminister kann sich wohl nicht für
wenn die Strafe hoch ist.« In Deutschland bei den Bußgeldern monieren. Bekämen sie flächendeckendes Tempo 30 in Ortschaften
wüssten die Autofahrenden, dass bei einer recht, könnte der neue Bundesverkehrsmi- erwärmen.
Überschreitung von weniger als 20 km/h nister Volker Wissing (FDP) dazu gezwungen Andernorts sind die Erfahrungen mit
weder Punkte beim Kraftfahrt-Bundesamt sein, den Bußgeldkatalog komplett neu zu ­solchen Tempolimits durchaus positiv: Paris
in Flensburg noch Fahrverbote drohten. »Ein überarbeiten. hat sich für einen solchen Weg entschieden,
mögliches Bußgeld preisen sie mit ein«, sagt Aus Wissings Umfeld jedoch heißt es, er 50 Kilometer pro Stunde darf nur auf gro­
Schade. wolle zunächst nicht an die Regelungen heran. ßen Straßen gefahren werden. In Spanien gilt
Wer hingegen in der Schweiz mit 40 durch Etliche Grüne sowie Fahrrad- und Fuß- die 30er-Regel in allen Städten – für sämt­
eine 30er-Zone fährt, zahlt 116 Euro. In Dä- gängerverbände fordern, in Ortschaften und liche Straßen mit nur einer Spur pro Fahrt-
nemark sind es sogar mehr als 470 Euro. In Städten grundsätzlich Tempo 30 einzuführen. richtung.
Deutschland kostet dieses Vergehen 30 Euro Im Koalitionsvertrag steht allerdings nur: Für ein generelles Tempo 30 in Städten
– trotz gerade erst erhöhter Bußgelder. »Wir werden Straßenverkehrsgesetz und Stra- spricht einiges: Der Lärmpegel sinkt, Fuß-
Etwa drei Millionen Bußgeldbescheide ßenverkehrsordnung so anpassen, dass neben gänger und Radfahrer fühlen sich sicherer, die
werden deutschlandweit pro Jahr wegen über- Lebensqualität der Anwohner steigt. Umstrit-
höhter Geschwindigkeit verhängt. Diese Zahl ten ist, ob Tempo 30 die Straßen nicht nur
hat sich in den vergangenen 15 Jahren kaum Deutlich zu schnell gefühlt, sondern auch tatsächlich sicherer
verändert. Sachsen, Bayern und Sachsen-An- macht. In Schwerin etwa sanken sowohl Un-
halt stellen deutlich weniger Tickets pro 1000 Erfasste Fahrzeuge, die bei Tempolimit 30 fallzahlen als auch die Unfallschwere nach
zugelassenen Fahrzeugen aus als etwa Rhein- nachts* mindestens 40 km/h fahren, in Prozent der Anordnung von Tempo 30 in zwei von
land-Pfalz oder Brandenburg. Sachsen hat drei Straßen. Auch Beobachtungen aus Berlin
Dresden 56
seine Geschwindigkeitskontrollen vom Jahr deuten auf einen positiven Effekt hin. Dort
2000 bis zum Jahr 2015 sogar um mehr als Kiel 48 ließ das Umweltbundesamt mehr als 600 An-
zwei Drittel heruntergefahren. wohner die Auswirkung von Tempo 30 in
Unfallforscher Brockmann sagt, im Stra- Halle 47 ihrer Straße bewerten: 61 Prozent der Be-
ßenverkehr gebe es eine Art soziale Norm, München 41 fragten sagten, es sei nach Einführung des
die sich je nach Region unterscheide. Limits leiser geworden. Ähnlich viele sagten,
»Selbst wenn ich gar nicht mit Entdeckung Berlin 37 der Verkehr sei dadurch sicherer geworden.
rech­nen muss, weiß ich, dass zu schnelles Selbst die Autobesitzer unter den Anwohnern
Stuttgart 19
Fahren von den uns umgebenden Menschen sehen einen positiven Effekt: 56 Prozent von
nicht toleriert wird.« Dort müssten Fahrer Freiburg 14 ihnen glauben, dass Tempo 30 den Verkehr
mit Kritik ihrer Beifahrer rechnen. Scharfe leiser mache.
oder lasche Kontrollen beeinflussten diese Zürich 8 Ein Kompromiss für Deutschland wäre
Normen. Kopenhagen 8
womöglich, den Kommunen mehr Spielraum
An die in einer Stadt üblichen Geschwin- zu geben, Tempo-30-Zonen einzurichten.
digkeiten passten sich Autofahrer irgendwann Daten: Januar bis Oktober 2021
*Montag bis Freitag: 0 bis 5 Uhr
Vielerorts gilt auf der Mehrzahl der Straßen
an, glaubt der Dresdner Verkehrsforscher bereits Tempo 30. Der meiste Verkehr rollt
Jens Schade. »Auch beim Thema Geschwin- jedoch über Hauptstraßen – und dort gilt
digkeit versucht der Mensch, homogen zu Bußgelder bei Verstößen gegen Tempolimit 30 meist Tempo 50. Bislang können Kommunen
werden mit dem Gesamtsystem.« Fahrschüler innerorts, in Euro aufgrund der Straßenverkehrsordnung nicht
müssten sich noch an die Regeln halten, fast so leicht ein Tempolimit von 30 festlegen, um
alle anderen würden mit 55 oder 60 im nor- 5 km/h Überschreitung die Verkehrssicherheit zu verbessern. »Dafür
malen Verkehr mitschwimmen und nicht Deutschland 30 braucht es in der Regel eine Unfallhäufung«,
mehr auffallen. Schweiz 39
sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann. Es
Die Debatte um Bußgelder und Tempo- müsse erst etwas passieren, bevor gehandelt
30-Zonen in Städten wird wohl auch die Am- Dänemark 161 werden könne.
pelkoalition beschäftigen. Ob ein generelles Tempo-30-Limit die Ver-
Die letzte Reform des Bußgeldkatalogs ist 10 km/h Überschreitung kehrsprobleme der verstopften Städte lindern
zwar erst im Herbst 2021 in Kraft getreten. würde, kann niemand genau sagen. Wo­
Deutschland 30
Ex-Bundesverkehrsminister Andreas Scheu- möglich verbessere sich der Verkehrsfluss,
er (CSU) hatte zunächst im Frühjahr 2020 Schweiz 116 weil etwa das Einfädeln und Spurwechseln
zugestimmt, bei einer Geschwindigkeitsüber- besser funktioniere, glaubt der Hamburger
*
schreitung von 21 Kilometern pro Stunde in- Dänemark 471
Fahrlehrer Michael Witt. Aber: »Wenn über-
nerorts den Führerschein für einen Monat all Tempo 30 gilt, wird das mancher als Ver-
einzuziehen. Nach einem Proteststurm der 20 km/h Überschreitung lust von Freiheit empfinden.« Er schlägt vor,
Autofahrerlobby distanzierte er sich von der Deutschland 70 in den Städten Assistenzsysteme von Autos
ursprünglichen Reform. mit den Ampelschaltungen zu koppeln. Dann
**
Der mildere Kompromiss, den Scheuer Schweiz 386 würde genau die Geschwindigkeit empfohlen,
dann aushandelte, sieht nun nicht mehr so Dänemark* 632 mit der man am schnellsten vorankomme,
schnellen Führerscheinentzug vor, wohl aber beispielsweise auf einer grünen Welle von
höhere Bußgelder. Innerorts müssen Raser * inklusive 67 Euro für Opferfonds Ampel zu Ampel. Mal müsse man dafür 48
** Sanktionen ab 20 km/h Überschreitung sind Empfehlungen
ab 21 Kilometer pro Stunde zu viel 115 Euro und können auch deutlich höher liegen. fahren, mal nur 35. »Aber das wird noch ein
zahlen. An den Fahrverbotsgrenzen änderte S Quellen: TomTom, BMJ, [Link], [Link], paar Jahre dauern, bis das Standard ist.«
sich nichts. eigene Berechnungen; Stand: 3. Januar Holger Dambeck, Gerald Traufetter  n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 41


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Die Schuldfrage
JUSTIZ  Zum ersten Mal urteilt ein Gericht in Deutschland über syrische Geheimdienstler
wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber ist es richtig, wenn ausgerechnet
jene angeklagt werden, die desertiert sind? Von Hannah El-Hitami und Christoph Reuter

E
ine kleine Frau mit Lockenkopf Dort habe ihr Ende 2013, Anfang wurden seit April 2020 die mutmaß-
und dunklen Augen lässt das 2014 ein befreundeter Überläufer aus lichen Verstrickungen der Angeklag-
Grauen in Syrien im deutschen Damaskus erzählt: Auch Raslan sei ten untersucht, aber vor Gericht stand
Gerichtssaal lebendig werden. Vor geflohen, er wohne ebenfalls in Am- auch das gesamte Unterdrückungs-
dem Koblenzer Oberlandesgericht man. Ob sie ihn treffen wolle? »Ich und Mordsystem der Assad-Herr-
schildert die heute 38-jährige Journa- war neugierig, ihn ein zweites Mal zu schaft.
listin L., wie sie in den Anfängen des sehen. Eine komische Situation, So sieht das Weltrechtsprinzip es
Aufstands gegen den Diktator Ba- neben jemandem zu sitzen, bei dem vor: dass jeder Staat Völkerstraftaten
schar al-Assad am 2. Mai 2011 fest- man verhaftet war, und plötzlich verfolgen kann, obwohl sie nicht im
genommen worden war, als sie eine trinkt man mit ihm Kaffee.« Warum eigenen Land passiert sind und keine
Frauendemonstration in Damaskus wollte Raslan sie sehen? Sie weiß es eigenen Staatsbürger betreffen. 2002
filmte. Von Ort zu Ort verschleppt, nicht, aber »er schien der Meinung wurde das als Gesetz vom Deutschen
landete sie schließlich im al-Khatib- zu sein, dass seine Abkehr vom Re- Bundestag beschlossen.
Gefängnis, Teil der Abteilung 251. gime und die aktive Oppositionstätig- Beobachter rechnen mit einer ho-
Dort habe sie stundenlang mit dem keit eine Art Freispruch für die Taten hen Haftstrafe für Anwar Raslan bis
Gesicht zur Wand in einem Gang ste- waren, die er vorher begangen hatte. hin zu lebenslänglich. Nicht, weil ihm
hen müssen, geschlagen von den Entschuldigt hat er sich nicht.« nachgewiesen wurde, Menschen ge-
Wächtern, die vorbeikamen. »Das Auch Raslan erinnert sich an das foltert oder getötet zu haben, sondern
war dort normal. Es geschah ohne Be- Treffen, nur war seine Erwartung eine weil er verantwortlich gewesen sei:
fehle.« Die Wärter hätten sie als Hure andere: »Ich dachte, sie wollte sich »Sein Tatbeitrag ergibt sich aus seiner
beschimpft, gedroht, sie zu vergewal- bedanken«, wohl für die zivile Be- Stellung innerhalb der Hierarchie der
tigen. handlung, hat er in der ausführlichen Abteilung 251«, führt die Anklage-
Vielleicht hält die Ironie mancher schriftlichen Stellungnahme für das schrift aus. Raslan bestreitet, nach
ihrer Antworten die Angst von da- Koblenzer Gericht geschrieben. Sie Mitte 2011 noch die tatsächliche Ver-
mals auf Distanz. Warum sie mit habe sich aber nicht bedankt. antwortung in der Abteilung gehabt
einem Elektroschocker traktiert wur- Am kommenden Donnerstag soll zu haben. 2014 fand er aus humani-
de? »Das weiß ich doch nicht«, er- in Koblenz das »weltweit erste Straf- tären Gründen Aufnahme in Deutsch-
widert sie und lacht trocken. »Ich verfahren gegen Mitglieder des As- land. Aus seiner früheren Position hat
hatte das Gefühl, dass sie ihn einfach sad-Regimes wegen Verbrechen er nie ein Geheimnis gemacht.
ausprobieren wollten.« Damals kam gegen die Menschlichkeit« zu Ende Es ist ein gewaltiges Verdienst die-
L. wieder frei, aber sie ging weiter gehen. So jedenfalls hat die Bundes- ses Verfahrens, die monströsen Ver-
zu Protesten, wurde ein Jahr später Angeklagter Raslan: anwaltschaft den Prozess gegen Ras- brechen des syrischen Geheimdienst-
Er floh unter Lebens-
nochmals festgenommen und traf am gefahr aus Syrien,
lan und einen Unteroffizier der syri- apparates durchleuchtet zu haben.
dritten Tag in Haft den Mann, der nun jetzt droht ihm eine schen Staatssicherheit bezeichnet. Dieser hat seit 2011 nicht mehr zur
ein paar Meter schräg vor ihr auf der hohe Haftstrafe Mehr als 100 Verhandlungstage lang Unterdrückung, sondern zur buch-
Anklagebank sitzt: Anwar Raslan, stäblichen Vernichtung aufständi-
Chef der Ermittlungsabteilung al- scher Syrer gedient. Das spurlose Ver-
Khatib der syrischen Staatssicherheit. schwinden von mindestens 102 000
Raslan habe den Wärtern befoh- Menschen, der dokumentierte Folter-
len, ihr die Augenbinde abzunehmen, mord an mehr als 14 000 wurden in
sie gebeten, sich zu setzen. Ihr einen Koblenz gerichtlich behandelt. Das
Kaffee angeboten, den sie aus Angst ist ein Gewinn.
ablehnte. Bevor er sie wieder abfüh- Doch ambivalent bleibt, wer hier
ren ließ, »sagte ich zu ihm, ich könne verurteilt wird. Anders als bei den
es nicht fassen, dass die Armee auf Sondertribunalen der Vereinten
die Straße gegangen ist, um Menschen Nationen etwa für Ruanda werden
zu töten. Er hat nur genickt und den hier Verbrechen einer noch herr-
Beamten gebeten, mich in die Zelle schenden Macht verhandelt. Zur Re-
zurückzubringen«. Auf ihre Bitte hin chenschaft gezogen werden können
Thomas Lohnes / AFP

ließ er sie im Flur noch eine Zigarette nur jene, derer die Justiz überhaupt
rauchen. Abermals kam sie frei und habhaft werden kann, die sich vom
floh bald darauf in die jordanische Regime abgewandt haben, desertiert
Hauptstadt Amman. und geflohen sind.

44 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


DEUTSCHLAND

Juma Mohammad / picture alliance / [Link]


Von desertiertem syrischen Militärfotografen »Caesar« aufgenommene Leichenbilder: Erstmals als Beweismittel verwendet

Oberst Anwar Raslan setzte sich Ende 2012 einem Krankenhaus zwischen Supermärkten, lebenden im Oberlandesgericht. Tag und
unter Lebensgefahr aus Syrien ab. Ähnlich einer Apotheke, einem Park. Davon sahen Nacht hätten die Schreie durch die Gänge und
der zunächst Mitangeklagte Eyad Alghareib, die meisten Insassen nichts, die mit verbun- Zellen gehallt. Manchmal, so eine Zeugin, ver-
ein Feldwebel, dessen Verfahren abgetrennt denen Augen in überfüllten Bussen gebracht mischten sie sich mit der Stimme der libane-
wurde und den das Koblenzer Oberlandes- wurden. sischen Sängerin Fairuz, die die Wärter im
gericht schon im Februar 2021 zu viereinhalb Überlebende haben in Koblenz von ihrer Radio hörten. »Die Schreie haben mich über-
Jahren Haft verurteilte, wegen Beihilfe zu Zeit in al-Khatib berichtet: von den »Will- zeugt, dass ich auch so enden werde«, erzähl-
Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er hat kommenspartys« im Innenhof, bei denen te ein Zeuge. Eine andere Zeugin sagte: »Ein-
Revision eingelegt, über die noch nicht ent- Wärter wie entfesselt auf die Gefangenen ein- mal folterten sie jemanden sehr heftig, seine
schieden ist. schlugen. Vom Gang in den Keller, wo die Schreie waren laut und lange zu hören, und
Als Raslan 2012 floh, feierte die syrische meisten ohne Tageslicht vegetieren mussten. irgendwann hörte man ihn dann gar nicht
Exil-Opposition das als Gewinn. Ihre politi- Wer Pech hatte, kam in eine Einzelzelle und mehr.«
sche Wertschätzung galt dem Überläufer, des- fürchtete, nach Tagen völliger Isolation den Die Massenverhaftungen, das wahllose
sen frühere Tätigkeit stand nicht im Vorder- Verstand zu verlieren. Wer Pech hatte, kam Morden hätten ihn dazu bewogen zu fliehen,
grund. Denn je mehr Generäle, Oberste die in eine überfüllte Sammelzelle, in der sich die sagte Anwar Raslan später in Deutschland.
Seiten wechseln würden, desto eher werde Gefangenen mit dem Sitzen und Liegen ab- Er ist einer von nur einer Handvoll hoher
die Diktatur zusammenbrechen. Das war die wechseln mussten. Geheimdienstoffiziere, die zur Opposition
politische Mengenlehre jener Zeit. Selbst die »Man brachte mich in die Todeszelle mit überliefen, während Hunderte blieben.
Zeugin L., die inzwischen in Paris lebt, sagt, der Nummer 5«, erzählte ein Syrer Mitte fünf- Doch er hatte kein grundsätzlich moralisches
sie habe aus dem Treffen mit Raslan in Am- zig, der als Beamter in einem Labor gearbei- Motiv, wie er immer wieder selbst erwähnt
man auch Hoffnung geschöpft. »Die Revolu- tet hatte und vermutlich nur wegen einer Na- hat, in seiner schriftlichen Einlassung und
tionäre wurden nicht von den Großmächten mensverwechslung festgenommen worden in einer früheren Befragung. »Was sollen
der Welt unterstützt, und so war jeder De- war. Heute ist er anerkannter Flüchtling in wir als Ermittler mit Toten?«, gab er im Ok-
serteur eine Quelle der Kraft.« Deutschland: »Die Todeszelle erlebe ich bis tober 2017 beim Landeskriminalamt (LKA)
Das al-Khatib-Gefängnis, dem Raslan of- heute. Sie ist wie ein Grab, kein Licht, kein in Stuttgart als Zeuge in einem anderen
fiziell bis September 2012 vorstand, war eine Fenster, nur ein Spalt unter der Tür, um mich Fall zu Protokoll: »Die können wir nicht ver-
Quelle des Schreckens, eine Zwischenhölle herum 130 bis 140 Personen.« Zur Strafe hören.«
auf dem Weg ins Verschwinden oder, viel- ­hätten die Wärter manchmal den Lüftungs- Bei einem Treffen mit dem SPIEGEL im
leicht, zurück in die Freiheit. Es untersteht schacht geschlossen, sodass innerhalb von April 2013 in Amman berichtete der Ex-
der Abteilung 251 der syrischen Staatssicher- Minuten panische Atemnot herrschte. Oberst detailliert aus dem Innenleben der
heit. Die zwei mehrstöckigen Gebäude liegen Schlimmer noch als die Schläge und die Geheimdienste. Er kannte ihr virtuoses Dop-
mitten in einem Wohngebiet im Damaszener quälenden Haftbedingungen aber seien die pelspiel, schon ab 2005 hatten sie dschihadis-
Viertel al-Khatib, daher der Name, gegenüber Schreie gewesen, berichteten fast alle Über- tische Terrorgruppen aufgebaut, um mit ihnen

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 45


DEUTSCHLAND

Krieg führen zu können: im Irak, im Libanon, Schriftsteller werden wollte und mit ihm lie­ dieser Gelegenheit ausführlich über seine
ab 2011 in Syrien selbst. ber über seinen Roman gesprochen hätte, als eigene Vergangenheit, über Gewalt bei Ver­
Nicht mit dem Sicherheitsapparat an sich, ihn zu verhören. nehmungen und über Tote. Das LKA horcht
mit der Unterdrückung und der Folter, hatte Fortan seien sie in Kontakt geblieben, bei­ auf und leitet den Fall 2017 an das Bundes­
Oberst Raslan ein Problem, sondern mit dem de außer Landes. 2014 habe Raslan ihn nachts kriminalamt weiter, das gegen Raslan zu er­
Durchdrehen des Apparats. Damit, dass ech­ in Istanbul plötzlich angerufen: »Er fragte, ob mitteln beginnt.
te Terroristen ausgerüstet und »massenhaft ich zum Taksim-Platz kommen könne«, er­ Als Raslan und der ehemalige Feldwebel
Zivilisten umgebracht wurden, die absolut zählt der einstige Pilot im Zeugenstand. Ras­ Eyad Alghareib am 12. Februar 2019 festge­
nicht mit der bewaffneten Opposition zu tun lan sei nach Istanbul gekommen, um einen nommen werden, ist von den Hoffnungen auf
hatten«. Er habe Menschen zu Geständnissen Sicherheitsdienst für die syrische Opposition einen baldigen Sturz der Assad-Diktatur
bringen sollen, die nichts zu gestehen hatten. zu gründen. Doch der Mann, der das Treffen nichts mehr übrig. Die Überläufer haben kei­
»Sie haben meine Arbeit lächerlich gemacht«, organisiert hatte, sei einfach verschwunden ne politische Bedeutung mehr. Aber sie sind
sagte er damals über die Generäle. Es klang und habe die Teilnehmer auf den Hotelkosten mühelos an ihren Meldeadressen in Berlin-
nach einer Mischung aus Entsetzen und ge­ sitzen gelassen. »Raslan stand da mit einem Pankow und Zweibrücken anzutreffen. In
kränkter Berufsehre. Koffer im Regen, sah frustriert und traurig anderen Fällen scheiterten Versuche, ehema­
Aus rechtsstaatlicher Perspektive ist beides aus«, erinnert sich sein Ex-Gefangener, der lige und amtierende hochrangige Mitglieder
barbarisch. Niemand darf gefoltert oder ohne ihn für einige Tage bei sich zu Hause aufnahm. des Assad-Regimes zu verhaften, die sich im
faires Verfahren eingesperrt werden. Doch Noch eine Weile blieb Raslan aktiv in der Ausland aufhalten.
dieses moralische Konstrukt, zwischen gutem Opposition, flog 2014 sogar als Mitglied einer Brigadegeneral Khalid al-Halabi, einst Ab­
und bösem Unrecht unterscheiden zu wollen, Oppositionsdelegation zu Gesprächen mit teilungschef der Staatssicherheit in der Stadt
teilte Raslan mit vielen Überläufern aus Ar­ dem Uno-Sonderbotschafter für Syrien nach Rakka, lebt trotz jahrelanger Bemühungen
mee, Partei und Geheimdiensten. Bis 2011, Genf. Der prominente syrische Regimekriti­ europäischer Strafverfolger bis heute als freier
sagte er in seiner Einlassung zu Prozess­ ker Riad Seif, der in Berlin im Exil lebt, emp­ Mann in Wien. Gegen Jamil Hassan, einst
beginn, habe er sich mit dem syrischen Justiz- fahl Raslan dem Auswärtigen Amt als Kandi­ Chef des Luftwaffengeheimdienstes, erließen
und Staatssystem identifizieren können. Da­ daten für ein humanitäres Aufnahmepro­ Frankreich und die deutsche Bundesanwalt­
nach nicht mehr. gramm. Auf legalem Weg mit Visa konnte schaft 2018 einen internationalen Haftbefehl.
Anders als die meisten Offiziere in den Raslan mit seiner Familie 2014 einreisen und Hassan ließ sich trotzdem allein 2019 mindes­
obersten Rängen der Geheimdienste gehört kam in Berlin unter. tens zweimal im Libanon medizinisch behan­
Raslan nicht zu Assads Glaubensgemeinschaft Er habe immer Angst gehabt, schon seit deln, ohne dass er festgesetzt worden wäre.
der Alawiten. Er ist Sunnit, kommt aus der seiner Flucht, bestätigen mehrere Zeugen in Ein Jahr zuvor war Raslans ehemaliger Chef
zentralsyrischen Ortschaft Hula, eine unge­ Koblenz: nicht vor der Rache seiner Opfer, und heute mächtigster Mann der syrischen
wöhnliche Herkunft für eine steile Karriere im sondern vor den ehemaligen Kollegen. Im Dienste, Ali Mamluk, unbehelligt nach Italien
syrischen Regierungsapparat. Ehrgeizig und Februar 2015 schreibt Raslan an die Berliner geflogen, um dort mit dem Innenminister und
hochintelligent, studierte Raslan nach dem Polizei: »Ich fühle mich akut bedroht, mein dem Chef des Auslandsgeheimdienstes zu
­Abitur Jura in Damaskus, bewarb sich bei der Leben ist in Gefahr.« Er sei überzeugt, von plaudern.
Polizei und schloss einen Kurs für angehende Agenten des syrischen Regimes beschattet zu Während des Prozesses im Koblenzer Ge­
Polizeioffiziere 1993 als Zweitbester seines werden, sagt, er habe Angst davor, ver­ richtssaal macht sich Anwar Raslan akribisch
Jahrgangs ab. Die prestigereiche Staatssicher­ schleppt zu werden. Den Berliner Beamten Notizen, bittet seinen Dolmetscher, ihm mit
heit nahm ihn gern, dort machte er Karriere bis schildert er, welche Position er in Syrien hat­ der richtigen Schreibweise deutscher Namen
zum Chefposten bei der Ermittlungsabteilung. te, warum er fürchte, als Verräter umgebracht zu helfen. Werden Karten oder Dokumente
Doch als 2011 der Aufstand gegen Assad zu werden. Mit dem Personenschutz wird es an die Wand projiziert, setzt er die Brille auf
begann, schloss sich seine Heimatstadt Hula nichts, Raslans Verdacht ist zu vage. Aber die und mustert sie eingehend. Die Vertreter der
so rasch und resolut der Rebellion an, dass Polizei nimmt auch keine Ermittlungen gegen Bundesanwaltschaft und die Dolmetscher be­
Assads Todesschwadronen hier schon im Mai ihn auf. Niemand, so scheint es, interessiert grüßt er mit einem dosierten Kopfnicken. Fast
2012 ein Massaker an Zivilisten verübten. sich für Oberst Raslans Vergangenheit. hat es den Eindruck, als hielte er sich für einen
Raslan geriet zwischen die Fronten. In Hula Erst ein Stammtisch alter syrischer Männer Ermittler in seinem eigenen Fall. Welche
wurden seine Verwandten von seinen Kolle­ in Berlin-Tegel wird die Dinge ins Rollen brin­ Schuld er empfindet, wenn er die Opferzeu­
gen beschossen, in Damaskus warf sein Vor­ gen. Raslan trifft dort einen alten Bekannten gen hört, die mit größter Mühe die erfahrenen
gesetzter ihm vor: »Die Bewohner deiner wieder, der ihn als Zeuge in einer Ermittlung Qualen in Worte fassen, lässt sich nicht er­
Ortschaft sind Verräter.« gegen einen syrischen Offizier ans LKA Ba­ ahnen. Raslans Miene zeigt keine Gefühls­
Sein Selbstbild, auch im System Assad als den-Württemberg vermittelt. Die Stuttgarter regungen. Manchmal lacht er, selten schüttelt
professioneller Ermittler arbeiten zu können, Polizisten reden mit Raslan, der zu ihrem Fall er den Kopf oder schaut mit zusammenge­
zerbrach. Er entschied sich zur Flucht, was wenig beitragen kann. Aber er spricht bei kniffenen Augen auf.
seinen Schilderungen zufolge monatelange Zum ersten Mal wurden in Koblenz die
Vorbereitungen bis Ende 2012 erforderte, weil erschütternden Bilder des syrischen Militär­
er längst unter Beobachtung gestanden habe. fotografen »Caesar« als Beweismittel verwen­
Kaum in den Rängen der Opposition im det. Er hatte auch als Leistungsnachweis der
Exil angekommen, wollte er fortfahren mit verschiedenen Geheimdienste Fotos von Er­
dem, was er am besten konnte: einen Geheim­ mordeten gemacht. Dann floh er und brachte
dienst leiten. Nur eben jetzt für die andere Tausende Aufnahmen an die Öffentlichkeit.
Seite. Das Scheitern dieses Projekts gehört Bild um Bild projiziert ein Rechtsmedizi­
zu den skurrilsten Schilderungen im Koblen­ ner im November 2020 an die Wand des Ko­
Thomas Lohnes / REUTERS

zer Gerichtssaal. Erzählt wird diese Geschich­ blenzer Gerichtssaals. Die Aufnahmen zeigen
te von einem ehemaligen syrischen Luftwaf­ ausgemergelte Leichen, die Lippen meist
fenpiloten, der zum schriftstellernden Dissi­ leicht geöffnet, die Haut gelblich, auf der Stirn
denten geworden war und 2011 als Häftling nummerierte Zettel. Andere Vorgänge, wie
in Raslans Abteilung landete. Damals hatte Koblenzer Ankläger im Gerichtssaal 2020 das systematische Verschwindenlassen der
Raslan ihm erzählt, dass er eigentlich auch Geheimdienstopfer in Massengräbern, kom­

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DEUTSCHLAND

der Anklage hielten Alghareib für


einen reuelosen Anhänger Assads,
schrieben sie in ihrem Plädoyer.
Es ist zweischneidig, für die Un-
taten einer Diktatur ausgerechnet
deren Deserteure zur Rechenschaft
zu ziehen. Und es könnte die Wahr-
heitsfindung erschweren, solche Zeu-
gen zu Beschuldigten zu machen.
Allein im Koblenzer Verfahren sagte
etwa ein Dutzend Deserteure aus,
darunter ein Archivar, der Listen mit
Gesuchten an Checkpoints weiter-
leitete, ein Zeuge, der bei Folterver-
hören zugegen war, und ein Kampf-
pilot, der floh, als die Luftwaffe schon
das eigene Land bombardierte. Ihre
Aussagen halfen Straftaten aufzuklä-
ren, zu denen die Männer womöglich
Beihilfe geleistet hatten.
Dass solche Zeugen in Zukunft ge-
nau überlegen werden, was sie preis-
geben, musste Mohammad Al Abdal-
lah bereits feststellen. Der Menschen-

AFP
rechtsanwalt, früher selbst in Syrien
men in Koblenz zum ersten Mal an völkerung eingesetzt hat, ohne sich Syrischer Präsident inhaftiert, ist Direktor des Syrian
die Öffentlichkeit. Der Mann, der da- je dafür verantworten zu müssen. Assad mit Soldaten Justice and Accountability Centre in
2013: In Koblenz
von berichtet, betritt den Gerichtssaal Doch der konkrete Fall spaltete die steht das gesamte Washington. Fast wäre es seiner Or-
mit einer Coronamaske und einem Opposition. Nicht nur, weil Alghareib Unterdrückungs­ ganisation gelungen, Videos von Exe­
Jogginganzug. Er wird vor Gericht ein unbedeutender Befehlsempfänger system vor Gericht kutionen in syrischen Militärkranken-
mit der Kennung Z30/07/19 bezeich- war, der die längste Zeit bei der häusern von einem Deserteur zu er-
net, um seine Identität zu schützen. Staatssicherheit als Fitnesstrainer für halten. »Wir sprachen schon mit ihm
Z30/07/19 hatte für die Damasze- die Auszubildenden verbracht hatte darüber, wie er sich verhalten könnte,
ner Bestattungsbehörde gearbeitet, und schon früh desertiert war. Son- falls er als Zeuge aufgerufen würde.
bis er 2011 vom Geheimdienst ver- dern auch, weil er letztlich vor allem Aber nach dem Fall in Ko­blenz hat er
pflichtet wurde, Leichen zu Massen- aufgrund seiner eigenen Aussagen sich dagegen entschieden. Er sah, dass
gräbern außerhalb der Stadt zu fah- beim Asylgespräch verurteilt wurde. einer, der als Zeuge gekommen war,
ren und zu registrieren, wie viele sie Mehr als fünf Jahre dauerte die nun angeklagt wurde.«
wo begruben. Flucht von Alghareibs Familie. Im Ap- Er halte es für wichtig, dass die
»Sobald die Laster ihre Türen öff- ril 2018, zwei Wochen nach der An- Überlebenden ihre ehemaligen Peini-
neten, verbreitete sich der Gestank«, kunft in Deutschland, wurde ihm bei ger vor Gericht sehen, sagt Abdallah:
erinnert er sich. Blut und Maden sei- der Asylanhörung die Routinefrage »Aber wir sollten ehrlicher sein, was
en von den Ladeflächen getropft, gestellt: »Waren Sie Augenzeuge, wir mit diesen Prozessen erreichen
während die Helfer oft mit bloßen ­Opfer oder Täter von Völkermord, können. Wenn man sagt, dass das Ver-
Händen die Körper in die Gräben Kriegsverbrechen oder Verbrechen fahren gegen Raslan zugleich den
wuchteten. Danach, so erzählt gegen die Menschlichkeit?« Ja, ant- ­gesamten Geheimdienstapparat in
Z30/07/19, sei er zurück in sein Büro wortete er, und erzählte von einem Syrien anklagt, klingt das symbolisch
gefahren und habe gemeinsam mit Einsatz, bei dem sein Kommandeur gut. Aber dieser Apparat hat nie auf-
einem Geheimdienstoffizier die An- in eine friedliche Sitzblockade schoss. gehört zu arbeiten. Der Prozess wird
zahl der gelieferten Leichen in ein Er habe in diesem Moment die Ent- keine abschreckende Wirkung in Sy-
Registerbuch geschrieben. Dazu die scheidung getroffen zu desertieren. rien haben. Im Gegenteil, jetzt wird
Namen und Nummern der Geheim- Nur nicht sofort, das wäre lebensge- erst recht niemand mehr überlaufen.«
dienstabteilungen, aus denen sie ka- fährlich für ihn gewesen und für seine
men. Dann habe er Kopien an seine Familie. Statt zu schießen, habe er
Vorgesetzten geschickt und das Re- flüchtende Demonstranten festge- Christoph Reuter, 53, ist Nahost­
gister wieder in einem Tresor ver- nommen und zum Geheimdienst brin- korrespondent des SPIEGEL . Seit 2011
staut. Sechs Jahre lang habe er so gen lassen, zu Raslans Abteilung. Wis- berichtet er über den Krieg in Syrien,
Buch geführt – im Schnitt vier Fahr- send, dass ihnen dort Folter drohe. »Wir sollten er hat die wahllosen Angriffe auf Zi­
ten pro Woche, bis zu 700 Leichen Das Bundesamt für Migration und vilisten in Homs, Aleppo und anderen
pro Laster. Flüchtlinge leitete seine Akte an die
ehrlicher sein, Orten erlebt. 2013 traf er den Über­
Als im vergangenen Februar der Zentralstelle für die Bekämpfung von was wir mit läufer Raslan in Amman. Im Prozess
zweite Angeklagte Eyad Alghareib zu Kriegsverbrechen beim Bundeskri- solchen Pro- in Koblenz sagte er als Zeuge aus.
viereinhalb Jahren Gefängnis ver- minalamt weiter, dessen Beamte Al­ Hannah El-Hitami, 30, ist freie
urteilt wurde, feierten syrische Op- ghareib acht Stunden lang befragten. zessen errei- Journalistin in Berlin und beschäftigt
positionelle das Urteil als ersten Als Zeugen. Bei seiner Festnahme, chen können.« sich besonders mit Nahost- und
Schritt gegen die Straflosigkeit des ein halbes Jahr später, sagte er, es Mohammad Al
Migrations­themen. Sie hat den Pro­
Assad-Regimes, das seit Jahrzehnten müsse sich um ein Missverständnis Abdallah, Men- zess in Koblenz an fast 100 Verhand­
brutale Gewalt gegen die eigene Be- handeln. Nicht einmal die Vertreter schenrechtsanwalt lungstagen begleitet.  n

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DEUTSCHLAND

außen wird einem das Recht zu trau­


ern aberkannt.
»Sei doch froh, dass dein Mann
noch lebt«, sagen meine Freunde,
»genießt die Zeit, die euch noch
bleibt.« Es ist ein hilfloser Satz, weil
prämortale Trauer noch weniger zu
greifen ist als die reale. Man kann
­keinen Sarg aussuchen, keinen Pastor
bestellen, man kann keine schwarze
Kleidung tragen. Trauer um einen
toten Menschen kennt viele Rituale,
die durch die Gemeinschaft tröstend
wirken. Singen, beten, sich besaufen.
Prämortale Trauer wird pikiert mit
»na, noch lebt er ja« abgetan. Ja, seine
Leber funktioniert noch, sein Kehl­
kopf ist einwandfrei, auch die Schild­
drüse verrichtet ihren Dienst. Aber ich
Mar ta Lebek / Stocksy United

habe keine funktionierende Schilddrü­


se geheiratet, ich habe einem Mann
meine Liebe und Treue versprochen,
der einen unnachahmlichen Humor
hatte. Der Humor ist schon tot.
Früher hat er mir jede Maus aus
dem Zimmer gefangen, vor der ich
mich ekelte. Und dabei hat er gelacht.
Er war in schwierigen, beruflichen
Situationen meine Stütze, bei der Be­

»Ich wünschte, mein Mann


erdigung meiner Eltern und der Ge­
burt unseres Kindes. Heute hat er
Angst vor einem karierten Katzen­
körbchen. Er kämmt sich mit einer

wäre tot« Gabel, und das mit einer Selbstver­


ständlichkeit, mit der er früher die
Garage baute.
Die Trauer zeigt sich in vielen Klei­
dern, nicht immer in sittlich Schwarz.
TRAUER  Der Ehemann unserer Autorin ist mit 50 Jahren an Alzheimer erkrankt. Wenn mein Schwiegervater seit vier
Sie und ihre Kinder sehen zu, wie sein Geist verschwindet, der Körper Jahren beharrlich leugnet, dass sein
aber weiter funktioniert. Kann man schon trauern, bevor ein Partner stirbt? Sohn krank ist, bin ich über diese spe­
zielle Form von Ignoranz so empört,
dass mir erst später klar wird, dass es

I
ch wünschte, mein Mann wäre teilen, das Brot schmiere ich ihm mor­ vor allem Trauer ist, die sich in mir
tot. Noch mehr wünschte ich mir, gens. Ich schneide es auch in kleine breitmacht: Warum machst du mir
er würde leben. Aber derzeit lebt Häppchen. Er ist ein sterblicher Über­ das Leben mit diesem Verleugnen
er mit mir tot zusammen. Und dieses rest mit Vitalfunktion. noch schwerer, warum bekomme ich
Zwischenreich als Existenz zu akzep­ Und während ich seinem Ent­ keine Unterstützung, Solidarität, kein
tieren ist schwerer als die Trauer um schwinden ins Zwischenreich zusehe, Mitgefühl? Klar, wer nicht krank ist,
Tote. Mein Mann hat seit fünf Jahren muss ich den Pflegedienst jonglieren, benötigt auch kein Mit-Gefühl, so ein­
Alzheimer. Inzwischen hat er Pflege­ die Lernentwicklungsgespräche in fach ist die Rechnung. Die gegensei­
grad 4, erkennt mich auf Fotos nicht der Schule führen, fröhlich sein, den tigen Besuche schrumpfen auf ein
mehr und schafft nachts den Weg vom Schornsteinfeger hineinlassen, Geld Minimum, ich weiß, dass es keine drei
Bett ins Bad nebenan nicht. Er kann verdienen, einen Impftermin be­ Mal mehr geben wird, dass mein
die Gegenstände, denen er auf dem
Weg dorthin begegnet, nicht mehr als
Orientierungspunkte annehmen, son­
1Millionen
,6
sorgen, waschen, Arztgespräche füh­
ren, Tabletten bereitstellen, Betten
be­ziehen, Geburtstage organisieren,
Mann seinen Vater sehen und ihn
auch erkennen wird.
Dieses Verhalten ist nicht unge­
dern er identifiziert sie als Bedro­ dem Kind erklären, was binomische wöhnlich: Manchmal ist die surreale
hung, Angriff, Gefahr. Das Katzen­ Formeln sind, Freunde einladen, Verleugnung von Tatsachen festste­
körbchen, die Wäsche des Kindes, Menschen die Heizung reparieren lassen, ko­ hender Diagnosen (und bei meinem
sein Schulranzen – alles Gefahren, es chen, Steuererklärungen machen, die Mann steht es seit vier Jahren fest)
ist sicherer, im eigenen Zimmer zu
leiden Schuhe zum Schuster bringen, Brot eine pathologische Überlebensstrate­
bleiben und lieber die Ecke zu neh­ derzeit in kaufen. Und meinen heimlichen Gast gie von Eltern, die nicht wahrhaben
men als das Urinal. Deutschland ins Haus lassen: die prämortale Trauer. wollen, dass ihr Kind vor ihnen ster­
Wir können nicht mehr miteinan­ Prämortale Trauer ist noch nicht ben wird. Manchmal ist es schlicht
der reden. Er kann mir nicht mehr für an ­Demenz. geboren, aber schon leibhaftig. Man Genetik, und auch die Eltern leiden
die Hilfe, die ihm zuteilwird, danken. Alzheimer spürt sie jeden Tag, aber von außen unter einer Form von krankhafter
Er kann unseren Alltag nicht mehr ­Gesellschaft sieht noch alles normal aus. Von Vergesslichkeit, bloß hat ihnen noch

48 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


DEUTSCHLAND

keiner eine Diagnose verpasst. Manchmal ist »Sie müssen anfangen, Ihren Mann wie
es auch schlichte Bosheit und das unbewusste ein Möbelstück zu betrachten«, sagt mein
Zurückzahlen offener Rechnungen. Arzt zu mir. Er meint es gut. Erst zu Hause WIE
Mir fehlt die Kraft, mich für eine dieser merke ich, wie unrealisierbar diese Abspal-
Möglichkeiten entscheiden zu müssen. Ich tung für mich ist. Ich will mein Leben nicht UNTERNEHMER-
finde sie alle drei entsetzlich. Irgendwann mit einem Menschen teilen, den ich mir als
werde ich eine Masse Fleisch zur Beerdigung Tisch vorstellen soll. Es ist schlimm genug, DYNASTIEN
des Schwiegervaters fahren und mich freuen, dass der Kopf, den ich liebe, nicht mehr den-
wenn die Füße meinen Mann noch tragen. ken kann, dass die Stimme, die ich kenne, nicht UNSER
Oder ich werde meinen Schwiegereltern eine mehr lästert, dass die Hand, die mich hielt,
Trauerkarte schicken, die ebenso verlogen ich nun stützen muss. »Es hilft Ihnen aber bei LAND GEPRÄGT
wie konventionell ist. der Ablösung«, erklärt mir der Mann, »das
Das zweite Kleid der Trauer besteht aus Schreckliche muss ein Bild bekommen, damit HABEN
vielen Schichten, wie der Zwiebel-Look. Es es Ihre Seele versteht.« Der Arzt hilft mir, »in
ist die Überforderung. Die Gleichzeitigkeit die Sonne zu schauen«, wie der amerikani-
und die schiere Menge an banalen Aufgaben sche Psychoanalytiker und Autor Irvin Yalom
sind einerseits eine strategisch gute Ablen- einmal die Angst vor dem Tod umschrieb.
kung, andererseits ein ständiges Mahnen an Aber es gibt Momente, die mich beleben.
das eigene Scheitern. Ich kann mich nicht er­ Ein Studienfreund aus alten Tagen meldet
innern, in den vergangenen Jahren ohne Lap- sich. Mit einem ganz und gar frivolen Ange-
top im Wartezimmer eines Arztes gesessen bot. Selbst im Nichtannehmen liegt so viel
zu haben. Ich beneide Menschen, die Zeit Vitalität, dass es mich eine lange Weile trägt.
haben, die »Bunte« zu lesen. Wahnsinn. Die Mein Kind macht eine Hitliste aus den ko-
lesen über die neue Liebe von Uschi Glas’ mischsten Sachen, die dem Papa widerfahren
Sohn. Die haben Zeit und Hirnspeicher für sind (Platz eins: Er schlief mal mit vier Paar
diese Informationen. Die lassen es zu, dass Gummistiefeln im Bett ein, weil er dachte,
sich die Wörter bis in ihren Kortex einnisten – das seien Stofftiere).
und dort auch bleiben. Freunde besuchen mich und bringen am
Hochzeitstag ungefragt Geschenke vorbei.

W
enn ich bei der Zahnreinigung bin, Und immer wieder: spazieren gehen. Es
mache ich den Einkaufszettel für die scheint, als könnte man sich Trauer ablaufen.
kommende Woche, beim Zoom-­ Eher jedenfalls als wegsaufen. Die moralischs-
Elternabend überweise ich anfallende Rech- ten Menschen in meinem Bekanntenkreis er-
nungen, und beim Warten am Kassenband muntern mich, an die Möglichkeit der Fremd-
hake ich meine To-do-Listen ab. »Es ist jetzt unterbringung zu denken. Komischerweise
auch ganz wichtig, dass du dir Zeit für dich sind das alles Männer. Frauen kommt das
nimmst«, ist auf meiner Schrott-Bingo-Liste Wort »Heim« nicht über die ­Lippen. 256 Seiten, gebunden � 20,00 €
ganz oben. Immer wenn das eine Freundin In allem wird auf Gender-Gleichheit ge- Auch als E-Book erhältlich
zu mir sagt, schicke ich meiner Nachbarin eine achtet, denke ich, dieser Bereich ist klar nach
SMS. Sie kommt dann mit einer Flasche Sekt. Geschlechtern getrennt. Die Männer sagen: Erfolgreiche Familien prägen
Zum Trost. Die köpfen wir dann, während Du musst auch an deine Familie denken. Die nicht nur die deutsche Wirtschaft,
wir die Küche schrubben. Frauen motivieren zur Pflege zu Hause. Den
Das dritte Kleid der Trauer ist die Einsam- mir fremdesten Denkanstoß gab mir ein alter sie haben von Beginn an unser
keit, sie zeigt sich nicht abends mit ihren Freund: »Wenn ich dein Mann wäre, würde Land verändert. Dieses Buch
­grauen Farben, sie zeigt sich morgens, wenn ich nicht wollen, dass mein Kind mich so sieht erzählt von den mächtigsten
ich zu müde bin, um aufzustehen. Frühmor- und tagtäglich erlebt.«
gens, diese Zeit zwischen Wecker und »Also, Ich sage nicht, dass dieser Freund unrecht Familienunternehmen der
los geht’s, hilft ja nichts« ist am schlimmsten. hat, ich sage auch nicht, dass alles Heil im deutschen Geschichte, von den
Und dann trauere ich im Futur 2: Ich werde Zuhausepflegen liegt. Aber ich sage: Die Fuggern bis zu den Quandts.
meinen Mann verloren haben. Dabei folgt er unterschiedliche Bewertung der Situation ist
nur dem Teil, der jetzt schon vorneweg ge- so jahrtausendelang einstudiert. Männer wol- Dabei beleuchten die Autor*innen
gangen ist. len nicht schwach erlebt werden, Frauen zie- die Erfolgsgeheimnisse
Das vierte Kleid der Trauer ist voller Pail- hen aus der Fürsorge Identität. bekannter Marken und Produkte,
letten, Glitzer und Bordüren. Man schämt Und nun? Es wird nicht besser, es wird je-
sich bis ultimo, wenn man es anhat. Es ist die den Monat schlimmer. Das ist die einzige zeigen Aufstieg und Triumph
Schuld. Die Schuld, dass man weiterlebt und ­Gewissheit. Kein Trostbuch über Trauer kann berühmter Dynastien – und deren
der Partner sterben muss. Die Schuld, dass das verhindern, keine Selbsthilfegruppe, kei- Niedergang durch Krisen
man jammert, während der andere in Slow ne Psychopharmaka.
Motion stirbt. Die Schuld, dass man all die Es wird nicht besser, aber es wird tagtäglich oder interne Konflikte.
Trauernden um einen herum nicht wahr- realer. Eines Tages werden vielleicht tatsäch-
nimmt, das Kind, den Freund, die Nachbarin, lich die Nieren absterben, der Magen wird
nicht mehr wahrnehmen kann. Einfach. Weil. nicht mehr nach Nahrung verlangen, der Kör-
Man. Nicht. Mehr. Kann. Es ist die Schuld, per wird nicht mehr warm zu kuscheln sein.
dass man sich darauf freut, dass irgendwann Es wird real, dass mein Mann stirbt. Und das
das Ganze ein Ende haben wird. ist vielleicht der eine große Trost. Die Kehr-
seite: Ich werde vor nichts mehr Angst haben
* Der Name der Autorin wurde ihrem Wunsch entspre- im Leben.
chend geändert. Katrin Seyfert* n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 49


[Link]
T I T E L 75 JA H R E D E R S P I E G E L

Für den SPIEGEL:


Demonstranten
fordern 1962 die
Freilassung
von Augstein

CONTI-PRESS

SPIEGEL-JUBILÄUM

Der Blick von außen


 In dieser Woche feiert der SPIEGEL seinen 75. Geburtstag.
Zu diesem Anlass haben wir Leserinnen und Leser,
Kritikerinnen und Kritiker und auch uns selbst gefragt, ob das,
was wir tun, noch funktioniert. Und was wir ändern müssten.

50 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


75 JA H R E D E R S P I E G E L T I T E L

Gegen die Medien:


Demonstranten
kritisieren 2021
die Corona-
Berichterstattung
Daniel Biskup / laif

S ie liest, aber sie sieht so aus, als sei sie


aus Versehen ins Lesen geraten. Sie
steht da versunken, das Licht fällt vor
allem auf ihren Nacken, aber auf ihre Lek­türe
Hand legen will. »Sie zu informieren, ohne
Sie zu langweilen, ist unser ferner Leitstern«,
schrieb SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein
1954.
rin oder Leser. Um Sie soll es auf den folgen-
den Seiten gehen.
1954 rief der SPIEGEL zur Leserumfrage
und hatte 2193,05 Mark Strafporto für die
fällt es auch. So hat der Maler Gerhard Rich- Wie nahe der SPIEGEL dem Leitstern Rücksendungen zu bezahlen, worauf Aug-
ter seine Frau gemalt, im Jahr 1994. Das Heft kommt, können nur Sie beurteilen, als Lese- stein mit großem Stolz verwies. Die Leser:
in ihrer Hand ist ein SPIEGEL. eher akademisch, eher protestantisch, eher
Das Bild zeigt den Wunschtraum der Men- großstädtisch, zu 90 Prozent an Politik, zu
schen, die für den SPIEGEL schreiben; das gilt 47 Prozent an Einsteins Relativitätslehre,
für diejenigen, die das heute tun, und für die »Sie zu informieren, zu 10 Prozent an Hildegard Knef interes-
vor 75 Jahren vermutlich auch. siert. Zu 5 Prozent deprimiert nach der Lek-
75 Jahre alt ist der SPIEGEL, ein Menschen-
ohne Sie zu türe, zu 66 Prozent angeregt. Zu 95 Prozent:
leben. Älter als die Bundesrepublik. langweilen, ist unser
­ männlich.
Die Absicht ist dieselbe geblieben: über ferner Leitstern.« 75 Prozent wussten, was ein »Synonym«
Deutschland und die Welt zu schreiben, und ist. Und wofür der SPIEGEL von Anfang an
zwar so, dass man das Heft nicht aus der Rudolf Augstein, SPIEGEL-Gründer ein Synonym sein wollte, wussten sie vermut-

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 51


T I T E L 75 JA H R E D E R S P I E G E L

lich auch: für Aufklärung, Pressefrei- sieren und passiert auch, dass die Häufig fiel der Satz: Ich fange hinten
heit, für die Kontrolle derer, die re- Informiert Schwarmintelligenz korrigierend ein- beim Hohlspiegel an. Manche sagen
gieren oder anderweitig mächtig sind. greift, nachdem wir berichtet haben; aber auch, sie lesen von vorn nach
Es waren aber längst nicht nur Umfrage unter das muss verarbeitet werden, auch hinten, Stück für Stück. Der eine liest
SPIEGEL-Leser, die 1962 in der ge- SPIEGEL-Leserinnen wenn es zum ursprünglichen SPIEGEL, im Sessel und hält Zettel und Stift für
samten Republik lautstark zur Unter- und -Lesern: »Welche der den Anspruch erhob, es grundsätz- Notizen bereit, die andere lässt sich
stützung des Blattes unterwegs wa- Textformen lesen Sie lich besser zu wissen, nicht passt. bei der Gartenarbeit vorlesen, was im
ren, vor allem aber vor dem Unter- gerne?«, in Prozent Diese Einsicht fällt heute leichter, SPIEGEL steht.
suchungsgefängnis, in dem Rudolf da sich ja auch der SPIEGEL verändert Die Erfahrung in der Redaktion
Augstein saß. »SPIEGEL tot – die Frei- Berichte hat. Er ist nicht mehr nur ein Heft, ist immer wieder, dass wir offenbar
heit tot« skandierten sie, und mög­ 97 sondern auch eine Website mit Pod- nicht für jede und jeden dasselbe ge-
licherweise wurde auch Rudolf Aug- Reportagen casts und Videos. Die Redaktion ist schrieben haben. Manchmal wundert
stein und seiner Redaktion da erst 94 im Durchschnitt etwa 44 Jahre alt, man sich, wie unterschiedlich Men-
richtig klar, welche Bedeutung dieses Leitartikel besteht zu 42 Prozent aus Frauen. schen denselben Text verstehen, ge-
»Hamburger Nachrichten-Magazin« Das sind deutlich mehr als in den frü- prägt von Erwartungen, Vorwissen,
91
für die westdeutsche Demokratie hat- hen Jahren, in denen eher ausnahms- Gefühlen.
te. Heute wirkt es nicht einmal be- kurze Meldungen weise mal die eine oder andere Re- Eine schöne Vorstellung: dass im
sonders aufrührerisch, was den He­ 75 dakteurin im Impressum stand. SPIEGEL Beiträge zu finden sind, die
rausgeber und seinen stellvertreten- Interviews Und diejenigen, für die wir schrei- zu dem einladen, was die amerikani-
den Chefredakteur Conrad Ahlers ins 73 ben? Was wissen wir über sie? sche Gehirnforscherin Maryanne
Gefängnis gebracht hatte. Kommentare
Eine Allensbach-Befragung von Wolf »tiefes Lesen« nennt. Dass es
Aber Franz Josef Strauß, damals 2021 ergab dies: eher akademisch, also möglich wird, so drückt sie es
73
Verteidigungsminister, hatte die Ge- eher evangelisch, wenn überhaupt aus, über die beschriebenen Ideen
legenheit genutzt und versucht, die Leserbriefe religiös. Zu 92 Prozent an Politik in- hinaus »zu Gedanken zu gelangen,
lästige Redaktion zum Schweigen zu 51 teressiert, zu 70 bis 90 Prozent an die zunehmend autonom, transfor-
bringen. Der Fall löste sich schnell Wirtschaft, Wissenschaft, Natur- und mativ und letztlich unabhängig vom
von der Frage, ob die Bundeswehr S Quelle: Umfrage unter Umweltschutz, aber auch an Bezie- geschriebenen Text sind« – eine An-


4221 SPIEGEL-Lesern ab
ausreichend verteidigungsbereit sei, 16 Jahre vom 2. bis 18. März hungsfragen (71 Prozent), an Kinder- eignung des Textes also, mit Anreiz
und wurde zu einer öffentlichen Ver- 2021; Antworten »sehr erziehung (49 Prozent). Weiblich? zum Weiterdenken.
gerne«, »gerne«; an 100
handlung über Freiheit und Grund- fehlende Prozent: »weniger
37 Prozent. Bei den Abonnenten- Der Anspruch an uns besteht da­
rechte in der jungen Bundesrepublik. gerne«, »gar nicht gerne« daten ergab eine aktuelle Auswertung rin, dass wir geprüfte Ware liefern,
Und letztlich auch zu einem der 30 Prozent Frauen. gut recherchierte »Storys«, wie es im
­Auslöser der 1968er-Bewegung. Die Immer noch gilt: Mehr Männer SPIEGEL früher hieß, und dass wir aus
­ PIEGEL-Affäre schuf das Bewusst-
S abonnieren, mehr Männer lesen das Fehlern lernen.
sein, dass diese Demokratie in Blatt, mehr Männer schreiben an die Er besteht auch darin, dass wir uns
Deutschland 17 Jahre nach dem Ende Redaktion. Mehr Männer sagen mit den Fragen beschäftigen, die vie-
des Nationalsozialismus noch alles schnell und freudig Ja, wenn man sie len von Ihnen wichtig sind. Den An-
andere als selbstverständlich war. fragt: »Möchten Sie uns Ihre An­ spruch, dass die Antworten darauf
Das Ziel der Berichterstattung ist sichten über den SPIEGEL erklären?« genau die Ihren sind, gibt es nicht.
dasselbe geblieben, die Zeiten sind an- Aber auch das kann sich ja irgend- Auch nicht darauf, dass wir Wohl-
ders. Gefahrlos darf die Redaktion wann ändern. gefühl verbreiten.
über Präzisionsprobleme bei Sturm- Wir haben jedenfalls Interesse da- Wir werden weiterhin denen auf die
gewehren der Bundeswehr schreiben; ran. Journalismus kann heute nicht Nerven gehen, von denen wir denken,
schwer vorstellbar, dass ein Chefredak- mehr nur senden, nicht mehr nur Bot- dass sie es verdienen. Werden versu-
teur dafür ins Gefängnis gehen müsste. schaften verbreiten, sondern muss chen, Fakten und Falsches mit kühlem
Schwer vorstellbar aber auch, dass auch Empfänger sein. Vielleicht wäre Kopf einzuordnen, anschaulich zu ma-
Menschenmassen Seite an Seite mit jetzt manchmal weniger Gebrüll auf chen, Übersicht zu schaffen – Erkennt-
dem SPIEGEL, der »Zeit« oder wem den Straßen und im Netz, hätten wir nisgewinn, für Sie, für uns.
auch immer durch die Straßen ziehen – und andere schon früher intensiver Wir sind neugierig, wer Sie sind,
ja, sie ziehen durch die Straßen, und nachgefragt, genauer hingehört. um es dann beim Schreiben auch wie-
um Medien geht es auch, aber »Lügen- Der Blick von außen ist uns wich- der mal zu vergessen. Denn nur zu
presse!« hört man jetzt dort. tig bei unserem Jubiläum, auch in schreiben, was erwartet wird, ist nicht
Wenn der SPIEGEL noch das diesem Heft. unser Job, es kann faul sein oder fei-
»Sturmgeschütz der Demokratie« ist, Deshalb geht es auch um die Be- ge und würde nur enttäuschen.
als das Rudolf Augstein ihn einst sah, richterstattung des SPIEGEL über den Wenn auch Sie neugierig auf
dann rollt er auf anderem Territo- Osten Deutschlands (Seite 68) und uns sind, schreiben Sie uns (an
rium. Social-Media-Kanäle haben die eine bessere Kommunikation in Kri- 75@[Link]). Wir laden Sie dann
Exklusivität der etablierten Medien sen wie der derzeitigen Pandemie ein, uns über die Schulter zu schauen
gebrochen und allen die Möglichkeit (Seite 72). Wir haben zudem Fragen und mit Redakteurinnen und Redak-
verschafft, zu Produzenten von Nach- gesammelt und beantwortet, die Le- teuren zu diskutieren.
richten und Falschnachrichten zu serinnen und Leser dem SPIEGEL ge- Wie sagte einst (in anderem Zu-
werden.
»In jedem stellt haben (Seite 60 ). Und wir wa- sammenhang) Fritz Kortner, der gro-
Für uns ist da draußen Konkur- von uns ren unterwegs, um selbst zu fragen: ße Film- und Theaterregisseur? »In
renz, aber eben auch: Korrektiv. Feh- lauert ein Was wollen Sie wissen? Welchen jedem von uns lauert ein Abonnent.«
ler fliegen schneller auf. Es kommen Journalismus wünschen Sie sich? Was Wir hoffen, dass er recht hat. Viel-
dann nicht mehr wie früher hand­ Abonnent.« sollten wir anders machen? Die Stim- leicht auch immer mal wieder – eine
geschriebene Briefe in Sütterlin, son- Fritz Kortner, men dazu stammen von Frauen und Abonnentin?
dern Tweets und Posts. Es kann pas- Theaterregisseur Männern quer durch die Republik. Barbara Supp n

52 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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T I T E L 75 JA H R E D E R S P I E G E L

BLAT TKRITIK

»Ich ärgere mich über den


SPIEGEL. Und lese ihn weiter«
Wir schreiben, Sie lesen. So war das immer. Jetzt drehen wir die
Sache um: Sie reden, erzählen, kritisieren. Wir hören zu.

Ein Spannungsverhältnis ist es wohl immer ter an seinen Sohn, der ihn aber wieder ab- ersten Ausgaben war ein Bericht über den
zwischen denen, die ein Blatt machen, und geben muss, weil der Vater eventuell noch Zweiten Weltkrieg, und in der Oberstufe im
denen, die es lesen. Manchmal ist es wie in etwas nachlesen möchte, und, das ist die Gemeinschaftsunterricht half ihm das. »Konn-
einer Beziehung: Man verkracht sich und fin- Hauptsache, weil er das Titelblatt braucht. te ich glänzen«, sagt er zufrieden am Tisch.
det wieder zueinander, entfremdet sich oder Er reißt es dann vorsichtig ab, legt es auf Er liest ihn von hinten nach vorn, beginnt
beschließt, dass man sich trotz gelegentlichen einen Stapel, den er oben in seinem Zimmer mit dem Hohlspiegel, sein Sohn schneidet die
Ärgers die Treue hält. Wie sehen uns die Lese- unterm Dachboden hat. Vier Stapel sind es besten Hohlspiegel aus und sammelt sie.
rinnen und Leser? Wir haben nachgefragt, mittlerweile, und zwei hat er heruntergetra- Hatte er nie eine Krise mit dem SPIEGEL?
bei den Treuen, den Kritischen, bei denen, die gen ins Wohnzimmer für den Besuch. »Ich bin nicht krisenanfällig«, sagt Abra-
uns verloren gingen: was ihnen dieses Blatt Sie liegen auf dem Regal in der Schrank- ham, wie angekündigt, kurz und knapp.
bedeutet oder bedeutet hat, was sie sich wün- wand, links die Stereoanlage. Obendrauf: Auch nach Relotius nicht?
schen, was sie stört. Wir sprachen Abonnen- »Die 100 000 Augen des KGB«, 2. Juli 1984. »Sagen wir so: fand ich entsprechend nicht
tinnen und Abonnenten an, Menschen, die Er greift mitten in den Stapel: »Die große so gut.«
uns häufig schreiben, und solche, die mit uns Pleite – Wirtschaften im Kommunismus«, Nie fremdgegangen, etwa mit der »Zeit«?
diskutiert haben, 2018 auf einer Konferenz 25. Januar 1982. Greift noch mal hinein: »0 % »Liest sich schlecht im Bett wegen des
bei uns in Hamburg. Hier sind 13 Antworten, Lohnerhöhung?«, 9. März 1981. ­Formats.«
beginnend im Wohnzimmer eines Mannes, der Er setzt sich zurück an den Tisch. »Viel- »Focus«?
einen wichtigen Moment in seinem Leben mit leicht machen wir eine Glasscheibe auf den »Sind mir die Artikel zu kurz«, sagt er.
dem SPIEGEL teilt. Tisch und legen ein paar Titel drunter«, sagt Seine Frau hat er vor 54 Jahren in Süd-
er. Seine Frau schüttelt stumm den Kopf. frankreich kennengelernt, er war als Student
Am Tag der ersten Ausgabe des SPIEGEL, dem Abrahams Eltern hatten ein Baugeschäft, mit einer Gruppe an der Côte d’Azur, sie
4. Januar 1947, kam auch Jürgen Abraham es war die Nachkriegszeit, sie arbeiteten machte Urlaub. Seit 48 Jahren sind sie ver-
aus Essen-Kettwig auf die Welt. Es war ein viel. Mit 16 Jahren, als der Junge Probleme heiratet.
Samstag. im Fach Deutsch hatte, bekam er Geld, um »Wenn ich mich für etwas entscheide, ­ziehe
Knapp 75 Jahre später sitzt er neben seiner den ­SPIEGEL zu kaufen. Gleich in einer der ich es möglichst durch«, sagt Jürgen Abraham.
Frau in ihrem kleinen Haus am Tisch, draußen
liegt Heiligenhaus, nahe Kettwig, wo sie ihr Solche Treue ist selten; in den meisten Fällen
Leben geführt haben mit zwei Jungs, die mitt- ist die Bindung zwischen Lesenden und Lese-
lerweile groß sind. stoff ja eher volatil. In den Protokollen, Texten
Abraham, ein großer Mann, noch sportlich, und Interviews, die jetzt folgen, machen sich
war 38 Jahre lang Mathe- und Physiklehrer Ärger oder Zustimmung oft an bestimmten
und warnt deshalb, seine Betrachtungen sei- Themen fest. Eines davon, selbstverständlich
en eher »kurz und knapp«. in diesen Zeiten: Corona.
Dabei hatte er dem SPIEGEL einen Brief
geschrieben, der fast emotional war. Er »hän- Jürgen Göbel, 57, Dresden, Industriekaufmann:
ge« am SPIEGEL. In Urlauben mussten sie »2015, während der Flüchtlingskrise, war ich
schon kilometerweit fahren, um ihn zu kaufen, zum ersten Mal verwundert über die Bericht-
einmal zehn Kilometer in Griechenland, dann erstattung. Auch beim Thema Klimawandel
Ägypten, »da war es auch schwierig gewesen«. habe ich Artikel vermisst, die Kritiker an-
Er sagt das alles mit dem Dialekt der Gegend, gemessen zu Wort kommen lassen. Zum
»schwierrrich«. Bruch zwischen der SPIEGEL-Redaktion und
Maurice Weiss / DER SPIEGEL

»Kann ich bestätigen«, sagt seine Frau, sie mir kam es in den vergangenen zwei Jahren,
stammt aus Frankreich, Haarreif, Pagenkopf, während der Pandemie. Meiner Meinung
feine goldene Ohrringe, eine eher ruhige Frau. nach wird berechtigte Kritik, auch von Ex-
Es gibt feste Rituale im Hause Abraham. perten, unterdrückt. Zu oft fehlt es an der
Mit dem SPIEGEL wird wie folgt verfahren: nötigen Distanz zur Arbeit der Regierung.
Jürgen Abraham kauft ihn samstags, liest da- Natürlich leugnet niemand, der halbwegs bei
rin bis Donnerstag oder Freitag, gibt ihn wei- Abonnentin Engel Verstand ist, die Existenz des Virus und der

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Krankheit, aber über ihre Gefährlichkeit für


den Einzelnen wird fast schon hysterisch
­berichtet. Ich selbst bin nicht geimpft, habe
mich infiziert und bin recht gut durch die
Krankheit gekommen, ohne Krankenhaus-
aufenthalt. Mittlerweile lese ich den SPIEGEL
und die Artikel auf [Link] kaum noch.
Wenn Sie mich fragen, was geschehen müss-
te, damit ich den SPIEGEL wieder häufiger
lese, kann ich Ihnen darauf keine Antwort
geben. Ich glaube momentan nicht, dass die
Kluft zwischen Ihnen und mir zu überbrü-
cken ist.«

Joanna Engel, 43, Kaiserslautern, Verkaufs-


profi bei Tchibo: »Als alleinerziehende Mutter
habe ich nicht viel Zeit, um in Ruhe zu lesen.
Ich arbeite im Schichtdienst. Je nachdem,
wann ich arbeiten muss, schaffe ich es manch-
mal morgens, ein paar Seiten im SPIEGEL zu
lesen, manchmal abends – statt fernzusehen.
Ich bin gebürtig aus Polen und erst seit
1999 in Deutschland. Ich möchte mich ein-
lesen. Dabei interessiere ich mich eigentlich
für alle aktuellen Themen aus Deutschland,
aber auch aus ganz Europa, wie zum Beispiel
für die Lage an der polnisch-belarussischen
Grenze. Ich möchte mir eine Meinung bilden
können.
Deutsch ist nicht meine Muttersprache.
Manchmal sind in den SPIEGEL-Texten sehr
viele schwere Wörter drin. Ich schlage die
Bedeutung dann während des Lesens nach.
Ich sehe das einerseits als Herausforderung,
andererseits kostet mich das zu viel Zeit. So
bleibt einiges ungelesen. Bis ich die Hefte
wegwerfe, dauert es aber. Wenn mein Freund
da ist, gebe ich sie an ihn weiter oder lese

Maurice Weiss / DER SPIEGEL


selbst später noch mal etwas nach. Zwischen-
durch habe ich aber auch schon mal gekündigt.
Der SPIEGEL ist nicht günstig, und wenn ich
es nicht schaffe, ihn zu lesen, frage ich mich
immer, ob es sich lohnt, so viel Geld auszu-
geben. Ich habe zurzeit ein Probe-Abo.
Jetzt, in der Coronazeit, fand ich viele Be- Sammler Abraham: »Ich bin nicht krisenanfällig«
richte furchtbar interessant. Ein Artikel über
die Lage auf den Intensivstationen hat mir fehler hinzuweisen. Haben Sie das Gefühl, schäftlichen Atomen oder was? Aber auf so
sogar bei der Impfentscheidung geholfen: Ich das bringt etwas? etwas reagiere ich schon gar nicht mehr.
war schon geimpft, aber bei meinen Kindern Morgenthaler: Ehrlich gesagt, nein. Aber ich SPIEGEL: Warum bleiben Sie dem SPIEGEL
war ich noch unsicher. Nachdem ich dann hoffe ja immer, dass meine Mails auf Dauer trotzdem treu?
gelesen habe, wie die Situation auf den In- wirken. Bei der Grammatik stehen mir oft Morgenthaler: Früher gab es dieses Bonmot:
tensivstationen der Krankenhäuser ist, habe die Haare zu Berge. Ganz schlimm ist es in Vor welchem Tag haben Politiker Angst?
ich gleich einen Termin gemacht. Das hat den Schlagzeilen, da wird regelmäßig der SPIEGEL: Und?
mich wirklich berührt und überzeugt. Gerade Genitiv mit dem Dativ verwechselt. Das Morgenthaler: Vor dem Montag, weil da der
heute wurde mein jüngerer Sohn geimpft.« kommt vor allem auf [Link] vor, aber SPIEGEL erschien. Heute ist das der Samstag.
auch im Magazin fallen mir immer wieder Im Investigativen hat der SPIEGEL großartige
Die Sprache des SPIEGEL – sie ist früher oft Dinge auf. Sachen gemacht.
als arrogant kritisiert worden, sie hat sich aber SPIEGEL: Welche denn? SPIEGEL: Was ist Ihnen da besonders im Ge-
verändert in den vergangenen Jahren, meinen Morgenthaler: Da werden Windkraftanlagen dächtnis geblieben?
wir. Es spricht nicht mehr die anonyme Instanz, als Windräder bezeichnet. Das ist ja grauen- Morgenthaler: Die Enthüllungen des SPIEGEL
die Sprache ist lockerer geworden. Nicht alle haft. Das, was sich da dreht, ist doch kein Rad. zur Flick-Affäre und zur Spendenaffäre unter
finden das gut. Vor vielen Jahren wurde im SPIEGEL auch Helmut Kohl. Aber der SPIEGEL hat sich auch
mal von Windmühlen gesprochen. Ja, was ein paar Fehlleistungen erlaubt.
Hans Morgenthaler, 77, Bensheim, pensionier- wird denn da gemahlen? Und alles, was mit SPIEGEL: Welche?
ter Lehrer: der Kernphysik zu tun hat, wird mit Atom Morgenthaler: Bei Christian Wulff hat der
SPIEGEL: Herr Morgenthaler, Sie schreiben bezeichnet. Das führt dann zu komischen An- SPIEGEL leider mit draufgehauen. Meiner Mei-
uns fast täglich, manchmal auch mehrmals glizismen wie Atomdeal. Was kann man sich nung nach hatte sich Wulff aber nur Bagatellen
am Tag, um uns auf Grammatik- und Syntax- darunter vorstellen? Ein Deal zwischen ge- erlaubt. Oder der SPIEGEL hat einmal mit

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 55


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einem wunderschönen Titelbild Karl- ckiert gewesen, habe zum damaligen


Theodor zu Guttenberg und seine Frau Chefredakteur rübergeschaut. Der
hochgejubelt – im Boulevardzeitungs- habe nicht widersprochen.
stil. Das ist mir sehr aufgestoßen. Seit 2019 liest Gause den SPIEGEL
SPIEGEL: Warum? nur noch online und zahlt kein Geld
Morgenthaler: Weil ich ihn damals mehr für Artikel. Auch die Art, wie
schon für eine Luftnummer hielt. der SPIEGEL über Covid berichte, ge-
falle ihm nicht.
War der SPIEGEL früher, als der Stu-
dent Hans Morgenthaler ihn zu lesen Fakten und Haltung zusammenzu-

Maurice Weiss / DER SPIEGEL


anfing, »im Zweifel links«, wie Rudolf bringen – darf man das? Muss man
Augstein es formulierte? Ist er nach es? Der SPIEGEL hat es immer getan.
links gedriftet, wie manche meinen? So steht es im SPIEGEL-Statut von
Oder keines von beidem? Haben sich 1949: Das Blatt »beurteilt die Dinge
eher die Lesenden verändert? Die zwar, aber die Bewertung soll mög-
Schreibenden? Oder die Welt? lichst in der Schilderung enthalten
sein«. Um die Deutung, um die Ge-
Beatrix Sommer-Locher, 71, Bad Lüder Gause, 69, Rechtsanwalt, hat Leserbriefschreiber wichtung von Fakten und Ereignissen
Schussenried, Tierärztin: »In der gekündigt. Er weiß nicht mehr, wann Morgenthaler: geht es. Aber die Wege dorthin müssen
»Bei der Grammatik
­ amilie meines Mannes war der
F genau, kurz nach dem Relotius-Skan- stehen mir oft nachvollziehbar sein. Offenheit für
­ PIEGEL Standardlektüre, seit es den
S dal. Die Entscheidung sei aber bereits die Haare zu Berge« die andere Seite, auch das zählt. Und
SPIEGEL gibt. Das waren und sind einige Monate davor gefallen. kann, wie die nächsten beiden Begeg-
SPD-Wähler, egal was passiert. Das Gause sitzt in seinem Büro unweit nungen, bereichernd sein. Die erste
Heft lag immer auf dem Klo. In mei- des Hamburger Hauptbahnhofs und findet in Berlin statt, zwischen Max
ner Familie war es der Schreibtisch erinnert sich an jene Zeit, als in Ham- Polonyi, der für den SPIEGEL schreibt,
des Vaters, obwohl der sehr konser- burg noch Innensenator Ronald Schill und einem Mann, der ihn liest.
vativ war, anders als mein Schwieger- für Ordnung gesorgt habe, Anfang
vater. Ich lese ihn seit Uni-Zeiten, und der Nullerjahre: »Die Drogendealer Ich traf Steffen Stahnke an einem Mit-
auch bei uns liegt er zuerst auf dem vor unserer Tür waren plötzlich weg.« tag im Dezember in einem überteu-
Klo, dann wandert er durchs Haus. Damals habe er noch regelmäßig den erten Café in Mitte. Ich kannte nur
Wir haben drei Kinder, und An- SPIEGEL gekauft, er sei nicht mit allen Stahnkes Namen und seine E-Mail-
fang der Achtziger war ich bei den Texten einverstanden gewesen, aber Adresse, Anfang dreißig sollte er sein,
Grünen aktiv, das war meine grüne er habe sich am SPIEGEL reiben kön- genau wie ich. Ich erwartete ein ent-
Phase. Mein Engagement für die Um- nen, wie einst sein Vater. spanntes Gespräch mit einem Alters-
welt ist aber immer noch da. Wir ha- »Mein Vater war Prokurist in Kontrovers genossen.
ben rund 20 Islandpferde, Schweine, ­ei­nem Getreidehandel, er las den An einem Tisch in der Mitte saß
Hühner, eine kleine Landwirtschaft, SPIEGEL von der ersten Ausgabe an. Aspekte, die den ein Mann allein, in gebügeltem Hemd,
aber politisch stehe ich jetzt auf der Nach seinem Tod blieben auf dem befragten SPIEGEL- Anfang sechzig, durchgestreckter Rü-
anderen Seite. Mir fehlt im SPIEGEL Dachboden die SPIEGEL-Stapel lie- Leserinnen und cken, vor ihm auf dem Tisch lag eine
die Gegenstimme. Mir fehlt etwa Jan gen, die Jahrgänge 1946 bis 1998. Sie -Lesern wichtig sind, Mappe. Ich setzte mich in eine Ecke
Fleischhauer. Es gibt eine breite The- stanken. Er hatte bei der Lektüre im- in Prozent und wartete. Stahnke schien noch
menvielfalt, aber das Heft ist einsei- mer geraucht, Zigaretten der Marke verschiedene nicht da zu sein. Plötzlich stand der
tiger geworden. Deswegen konnte ›Botschafter‹. Ich konnte die Hefte Meinungen und Mann mit der Mappe auf, kam auf
sich Claas Relotius so lange halten. nicht wegwerfen. Bis zum Brand in Argumente mich zu und sagte: »Herr Polonyi?«
Weil er das schrieb, was gewünscht unserem Haus. Danach musste ich kennenlernen »Ja?«, antwortete ich. »Aha«, sagte
wurde und ins Bild passte. Zum Bei- SPIEGEL-Asche entsorgen. Sie war 71 der Mann. »Stahnke, angenehm.«
spiel: Bei der Coronakrise unter Sondermüll.« über Missstände in
Er öffnete die Mappe. Darin lag
Trump wurden gern die absoluten Der Vater habe ihm eingeschärft: der Gesellschaft ein Stapel ausgedruckter Texte aus
Fallzahlen gezeigt, die ­natürlich sehr Wenn alle in eine Richtung laufen, informiert werden dem Heft, viele Sätze waren gelb
hoch waren. Der Sinn dahinter: lauf in die andere Richtung. »Der 70 markiert. Ich sah, dass ein paar der
Trump riskiert das Leben der Ameri- Spruch ist bis heute aktuell. Der Texte von mir waren. Ich bestellte
verstehen, wo große
kaner. Mir fehlt es manchmal auch an ­ PIEGEL aber hat sich verändert. Er
S einen dreifachen Espresso.
Entwicklungen in
Respekt vor den Beschriebenen. Wie ist nicht mehr kritisch. Demonstrie- der Gesellschaft Stahnke erzählte, dass er 62 sei
kann man schreiben, ein Mainschiffer ren die Rechten, heißt es: Aufmarsch. hinführen und aus Berlin-Tempelhof. Er habe
sei dick und habe fettiges Haar? Das Bei den Linken heißt es: Rangeleien, 64
lange im Vertrieb einer IT-Firma ge-
muss nicht sein. Immer mal wieder obwohl sie Gewalt anwenden. Der arbeitet und einen großen Teil seines
Texte lesen, die
tritt der SPIEGEL aus seiner Einseitig- SPIEGEL haut auf Polens Justizsystem Berufslebens in Zügen verbracht. Er
auch leichtere
keit, so wie kürzlich mit dem Essay ein, ohne auf die Mängel des deut- Themen behandeln,
kaufe seit den Siebzigerjahren den
von Jonathan Rauch über linke schen hinzuweisen. Er versucht, mich ohne banal zu sein SPIEGEL. Das Magazin sei für ihn oft
Cancel Culture. Dafür schätze ich den zu erziehen. Ich will weniger Haltung, alternativlos, um Bescheid zu wissen.
19
SPIEGEL. mehr Information.« Ich lächelte und lehnte mich zurück.
In meiner Familie gibt es Impf- Dieses Unbehagen habe auf einer S Quelle: Umfrage unter »Aber«, sagte Stahnke und zog


skeptiker, und ich weiß, was sie an Leserkonferenz 2018 seinen Höhe- 4221 SPIEGEL-Lesern ab einen Text aus der Mappe. Es war
16 Jahre vom 2. bis 18. März
Hass und Hetze ertragen müssen. punkt erreicht. Ein Redakteur habe 2021; Bewertung auf einer
eine Geschichte über den Schlager-
Man darf sie nicht stigmatisieren, es ihm an dem Tag in der SPIEGEL-­ Notenskala von 1 »gar nicht sänger Heino, der sich mit der Ton-
sind kluge Leute darunter. Deswegen Zentrale an der Ericusspitze gesagt: wichtig« bis 6 »sehr wichtig«; halle Düsseldorf über das Wort
Antworten mit Note 5 oder 6;
ärgere ich mich über den SPIEGEL. »Selbstverständlich vermischen wir an 100 fehlende Prozent: »Deutsch« gestritten hatte. Ich hatte
Und lese ihn weiter.« Meldung mit Haltung.« Er sei scho- andere Noten Heino in Kitzbühel besucht, und er

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75 JA H R E D E R S P I E G E L T I T E L

hatte mir erklärt, dass er eben Deutscher Das hat mich angerührt. Ich habe daraus eine ins Inhaltsverzeichnis. Und bin immer traurig,
sei und deshalb gern mit den Nationalfarben Erzählung gemacht, auf Plattdeutsch. Sie ist wenn ich das Heft nicht mitnehme.
für seinen »deutschen Liederabend« werbe. später in einigen Büchern veröffentlicht wor- SPIEGEL: Wovon hängt die Entscheidung ab?
Ich hatte daraufhin geschrieben, dass Heino den. Ich kriege bei der SPIEGEL-Lektüre viele Däberitz: Ich lege das Heft zurück, wenn die
schon immer gern provoziert habe, etwa Ideen. Sie sind irgendwo im Heft versteckt. Ich Politikthemen mehr als die Hälfte einer Aus-
als er Stücke sang, die man auch in einem habe immer Sorge, dass ich etwas übersehe. gabe füllen.
»Liederbuch der SS« findet. Stahnke schaute Was mich zornig gemacht hat: der Umgang SPIEGEL: Der SPIEGEL ist ein Nachrichten-
mich väterlich an. Er sagte: »Entschuldigung, des SPIEGEL mit der Relotius-Affäre. Ich fand, Magazin.
aber was Sie hier schreiben, ist dummes die Redaktion hat sich zu stark das Büßer- Däberitz: Ich weiß, aber Politikerporträts und
Zeug.« gewand umgelegt. Interviews dienen oft der Selbstdarstellung,
Er fragte mich, wie irgendjemand ernsthaft Häufig schicke ich einen Leserbrief, weit egal wer sie führt oder wie man sie führt. Da-
kritisieren könne, dass Heino das Wort mehr als 100 waren es in den vergangenen von wünsche ich mir weniger im Blatt.
»Deutsch« und die Nationalfarben verwende. 20 Jahren. Außerdem schreibe ich manchmal SPIEGEL: Sagen wir, der SPIEGEL bringt we-
Dann begann Stahnke einen Monolog. Er an die Autoren. Ich habe noch keinen erlebt, niger über Politik – was sollte stattdessen ins
sagte, dass 16 Jahre Merkel dem Land schlecht der nicht reagiert hätte. Die Leserbriefe Heft? Mehr Gesundheitsthemen?
getan hätten, und redete von Mehltau. Er schreibe ich eigentlich für mich. Vielleicht Däberitz: Um Gottes willen, nein. Ich habe
­lobte Gerhard Schröder, der auch mal ange- auch für die Redaktion, nicht für andere Leser. aufgehört, den »Stern« zu lesen, weil er mitt-
eckt sei, aber bei dem man wenigstens ge- Manchmal habe ich beim Schreiben ein ko- lerweile zu sehr auf Wellness und Selbstfindung
wusst habe, wofür er stehe. Er sagte, dass der misches Gefühl. Dann lege ich den Brief bei- abhebt. Was ich vermisse, ist der ostdeutsche
­ PIEGEL geschlafen habe in den vergangenen
S seite, lese ihn am nächsten Tag noch einmal, Alltag. Wenn über den Osten berichtet wird,
zehn Jahren, dass es zu wenig Kritik gegeben ändere etwas oder streiche ihn ganz. Kritik geht es meist ums sogenannte Dunkeldeutsch-
habe in der Finanz- und Flüchtlingskrise, bei sollte immer aufbauend sein.« land. Man sollte den Osten nicht nach denen
der Griechenlandrettung und dem Leitzins. beurteilen, die laut sind. Ich beginne die Lek-
Dass er eine politische Korrektheit im Heft Der SPIEGEL kommt aus Westdeutschland, türe immer von hinten, lese den Hohlspiegel,
bemerke und dass die ihn nerve. Stahnke fand, war aber auch wichtig für diejenigen in der dann die Leserbriefe. Da habe ich so eine
dass die meisten deutschen Medien inzwi- DDR, die ihn bekommen konnten. Er beglei- ­Marotte, ich zähle jedes Mal, wie viele Briefe
schen eine ähnliche Meinung verträten, näm- tete nah und ausführlich die Wiedervereini- aus den östlichen Bundesländern dabei sind.
lich links und grün, und dass der SPIEGEL gung 1989 – und wird trotzdem dem Osten SPIEGEL: Und?
immerhin noch das letzte Magazin sei, dass nicht gerecht, das ist der Vorwurf seit Jahren. Däberitz: Manchmal sind es weniger als die
man halbwegs lesen könne. Wie sehen das Leserinnen und Leser im Osten? aus Österreich oder der Schweiz. Da frage ich
Ich dachte an den 30-jährigen Stahnke, auf mich, gibt es im Osten keine SPIEGEL-Leser,
den ich mich vorbereitet hatte. Ich stellte mir Marlies Däberitz, 69, Leipzig, Journalistin im haben sie keine Meinung, oder regen die The-
vor, wie wir uns beim Espresso einig gewesen Ruhestand: men zu wenig zum Schreiben an? Oder Ihre
wären über die Flüchtlinge und Europa und SPIEGEL: Frau Däberitz, Sie sagen, Sie seien Rubrik »Familienalbum«, die ich sehr mag.
Heino. Es wäre einfach gewesen. Ein Mittag eine treue Leserin, die aber ab und zu nicht SPIEGEL: Was ist damit?
in Mehltau. mehr so treu ist. Sie gehen also manchmal Däberitz: Da kommen das ostdeutsche Leben,
Stahnke und ich unterhielten uns fast an- fremd am Kiosk? die DDR-Zeiten kaum vor.
derthalb Stunden. Wir stritten. Wir gingen Däberitz: Ich bin – vielleicht ist das der bes- SPIEGEL: Die Rubrik lebt größtenteils von den
die Texte durch. Am Ende gaben wir uns die sere Ausdruck – eine kritische Leserin. Ich Zuschriften, die wir von Leserinnen und Le-
Hand und versprachen, in Kontakt zu bleiben. suche mir allerdings keine Alternative mehr, sern bekommen. Haben Sie uns mal was rein-
Er würde sich melden, wenn ich wieder dum- ich finde sie nicht. Jeden Samstag gehe ich geschickt?
mes Zeug schriebe. Ich sagte: »Danke, Herr zum Kiosk, greife zum SPIEGEL und gucke Däberitz: Nein. Ich verstehe Ihren Punkt.
Stahnke.« Und ich meine es so.

Zuletzt war Karl-Heinz Groth, 82, Schulleiter


in Wyk auf Föhr und Eckernförde, 2003 wur-
de er pensioniert, er lebt nun in Goosefeld
in Schleswig-Holstein. Den ersten SPIEGEL
las er 1958, bei einem Schulausflug legte
ihn ein Lehrer vor seine Tür, verbunden
mit einer Mahnung: Er brauche ihn morgen
früh zurück. In seinem Wohnzimmer: ein
Stapel aus zehn, vielleicht zwölf Heften, er
hat Artikel markiert, die er unbedingt noch
lesen will. Auf einem Beistelltisch liegen Stift
und Zettel bereit, für Notizen. Groth kann
durchs ­Fenster hinausblicken in seinen Gar-
ten, aber wenn er den SPIEGEL liest, dreht
er seinen Sessel zur Wand. Er möchte sich
konzen­trieren.
Sein Verhältnis zum Blatt beschreibt er so:
Maurice Weiss / DER SPIEGEL

»Der SPIEGEL ist für mich, dank seiner bei-


spielhaften Dokumentation, eine unverzicht-
bare Informationsquelle und zugleich auch
Auslöser eigener Geschichten.
Vor ein paar Jahren beispielsweise, die Re-
portage über einen Obdachlosen, der bei­nahe
in einem Müllcontainer umgekommen wäre. Leserin Däberitz, Ehemann: »Politikerporträts dienen oft der Selbstdarstellung«

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 57


T I T E L 75 JA H R E D E R S P I E G E L

Ulrich Backmann, 76, Kuhhorst in Branden- Anny Yiu, 31, Berlin, Juristin: »Ich denke oft
burg, ehemaliger Journalist: »Meinen ersten an Hongkong zurück, an den Regen und die
SPIEGEL habe ich 1967 gelesen, mit 22 Jahren, Wolkenkratzer, an meine Familie und an das
da war ich noch Student. Ich hab mich mit Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Ich bin
meinem Bruder am Balaton in Ungarn ge- in Hongkong geboren. Als ich noch Studen-
troffen, er kam aus West-Berlin, ich kam aus tin war, vor elf oder zwölf Jahren, schlen­
Ost-Berlin. Er kam mit einem VW-Bus an- derte ich oft durch die internationalen Buch-
gefahren und hatte 20 alte SPIEGEL-Hefte und Presseläden in der Innenstadt. Ich las
dabei. Die habe ich mitgenommen in die DDR Überschriften in fremden Sprachen, sah Bil-
und sie alle gelesen. der von Orten, an denen ich nie war. Ich
Später beim »Magazin«, für das ich ge- kaufte manchmal amerikanische Zeitschrif-
schrieben habe, hatten wir dann auch immer ten, das ›Time Magazine‹ und den ›New Yor-
eine Ausgabe. Die bekam zuerst der Chef- ker‹, hin und wieder kaufte ich den ›Guar-
redakteur, und dann ging sie rum. Ich habe dian‹ aus London. Immer öfter kaufte ich
immer mit einer gewissen Ehrfurcht gelesen. den SPIEGEL.
Das Aufmüpfige, Rotzige, Distanzierte, das Der SPIEGEL kostete damals 100 Hong-

Maurice Weiss / DER SPIEGEL


gefiel mir. Das ist heute nicht mehr so,­ kong-Dollar, das waren etwa zehn Euro. Ich
schade. besuchte Deutschkurse und las das Magazin
Als ich Rentner wurde, sind wir nach von vorn bis hinten. Natürlich verstand ich
­Kuhhorst gezogen, 100 Einwohner. Aber nicht alles, am Anfang fast gar nichts. Aber
ein sehr lebendiges Dorf, wir haben einen ich lernte die Sprache durchs Lesen. Mir gefiel
Ökohof, eine Dorfkneipe und einen Kultur- das Seriöse am SPIEGEL. Er ist wie ›Time‹ aus
verein, in dem ich mitarbeite. Eine Weile Leserin Yiu
Amerika, nur ernster, humorloser, viel politi-
habe ich den SPIEGEL immer mit zwei oder scher. Ich saß in meinem Hongkonger Zimmer
drei ­Tagen Verspätung bekommen. Das hat »Was ich selbst denke, brauche ich ja nicht und stellte mir vor, dass die Deutschen so wie
mich ge­ärgert, aber unsere Postzustellerin noch mal zu lesen«, sagt er. »Spannend ist der SPIEGEL sind.
kennt einen Trick. Auf meinem SPIEGEL- doch gerade das andere.« Nach meinem Jura-Studium arbeitete ich
Abo steht jetzt ein anderes Dorf als Adresse. Wenn er irgendwas bemängeln sollte: »Das in einer Wirtschaftskanzlei in Hongkong, aber
Nun ­bekomme ich jeden Samstag meinen Gendern«, sagt er. »In einem Artikel hieß es: der Wunsch, Deutschland kennenzulernen,
­ PIEGEL.
S Die Leser sollten dazu befragt werden, wenn verließ mich nie. Ich bewarb mich auf ein Sti-
Wenn der SPIEGEL sich dem Osten zuwen- ich mich recht erinnere. Aber dann wurde pendium und zog vor zwei Jahren nach Ber-
det, wird es zuweilen onkelhaft. Dass der nicht gefragt. Vielleicht habe ich es verpasst. lin. Und es stimmt schon ein wenig: So wie
SPIEGEL ein westdeutsches Medium ist, Glaub ich aber nicht.« Jetzt sei die Regelung der SPIEGEL ist, sind auch die Deutschen.
merkt man auch an der Berichterstattung über undurchsichtig. »Mir scheint, jeder Redakteur Oft ernst, kompromisslos seriös, immer
das deutsch-russische Verhältnis. Der Kalte macht es anders.« Er ist gegen das prinzipiel- diskussionsfreudig. Gut, manchmal fehlt
Krieg steckt dem Heft noch in den Kleidern. le Gendern: »Die Frauen sind doch selbstver- ­ihnen der Blick fürs Kulturelle, genau wie
Mit nicht differenzierter und einseitiger Dar- ständlich mitgemeint.« dem Magazin. Warum gibt es im Kulturteil
stellung kennt sich ein Ostler aus.« Ein anderer Kritikpunkt: Der Osten kom- so oft Texte über Rapper oder irgendwas
me zu wenig vor. »Und wenn, dann nur als auf Netflix und so wenig über Theater, Lite-
Daniel Perschke ist 50 Jahre alt und Einkäu- Gegenstand der Betrachtung, nicht als Sub- ratur oder Ausstellungen? Das können Sie
fer für einen Automobilzulieferer. Er hat den jekt.« Kann man nicht genauso sagen: Wenn mal ändern.
SPIEGEL gekündigt, und das nicht zum ersten wir schreiben, ist der Osten immer mitge- Ich bin keine Abonnentin, ich kaufe mir
Mal. Er wohnt in Brandenburg, 50 Meter hin- meint? Er lacht. das Heft fast jede Woche am Kiosk. Als Co-
ter dem Ortsschild von Berlin. Vor Kurzem ist der SPIEGEL dann doch rona kam und ich in Berlin kaum noch vor
Daniel Perschke ist bestens gelaunt. Ist er weich geworden. Hat ihn angerufen. Ihm ein die Tür ging, schloss ich mich mit dem Maga-
fast immer. Seit den Neunzigerjahren liest Angebot gemacht. Jetzt ist er wieder dabei. zin ein. Ich erinnere mich an einen großen
Perschke den SPIEGEL. Er ist »Ossi«, so Artikel über den Virologen Christian Drosten.
sagt er selbst. Bei jeder Preiserhöhung des Der Auftrag des SPIEGEL, so sah es Rudolf Die ganze Welt war in Panik, aber dieser
­ PIEGEL hat er bisher gekündigt. Also fast Augstein, war von Anfang an nicht nur die
S Mann schien mir so vernünftig. Ein Akade-
gekündigt. Er hat angerufen. Über die Preis- Berichterstattung – er sollte mehr sein, ein miker. Das Heft hat mir Hoffnung gegeben.
erhöhung gemurrt. Irgendwas von Kün­ »Sturmgeschütz der Demokratie«. Das klingt Die Ausgabe habe ich immer noch.
digung gemurmelt. Und auf ein Angebot nach Nachkriegsdeutschland. Braucht es das Inzwischen arbeite ich als Juristin in Berlin.
­gewartet. heute noch? Ich lebe mit meinem Mann und unseren zwei
»Das ist mein Einkäufer-Gen«, sagt er. Katzen in Charlottenburg. Wir haben uns ent-
»Ich war immer zufrieden mit dem SPIEGEL. Friedrich Kortüm, 86, Hohenlockstedt, Leiten- schieden, in Deutschland zu bleiben, es gefällt
Aber das muss ich machen: ein besseres An- der Regierungsdirektor a. D.: »Meines Erach- uns hier gut. Wir sind asiatische Immigranten,
gebot verhandeln.« Hat immer geklappt. Mal tens ist der SPIEGEL im Laufe der Zeit zah- eine Minderheit, aber wir fühlen uns als
gab’s einen Warengutschein, mal eine kleine mer geworden. Ich vermisse die Auseinander- gleichwertige Bürger. Manchmal, wenn ich in
Prämie, mal Aufschub, ein Sonderheft – ir- setzung mit den Parteien, die Auseinander- letzter Zeit an Hongkong denke, werde ich
gendwas war immer drin, und Perschke war setzung mit der bundesstaatlichen Ordnung. traurig. Dort wird jetzt nicht mehr diskutiert,
wieder dabei. Bis zum letzten Mal. Da haben An eine Kün­digung meines Abos habe ich China verbietet es. Was kostet der SPIEGEL
sie ihn einfach gehen lassen. »Dann müssen aber nie gedacht. Ich halte den investigativen inzwischen in Hongkong? Ich weiß es nicht.
Sie eben kündigen«, hieß es. Er war richtig Journalismus für unabdingbar. Denken be- Ich weiß nicht mal, wie lange man ihn dort
enttäuscht. »Der SPIEGEL hat mir direkt ge- deutet für mich auch Verknüpfung. Und ver- noch kaufen kann.«
fehlt«, sagt er. knüpfen kann man nur, was man ­verinnerlicht
Uwe Buse, Hauke Goos, Barbara Hardinghaus,
Er liest alles, jeden Artikel. Zu einigen The- hat. So gesehen dient der ­SPIEGEL auch der Kristin Haug, Frauke Hunfeld,
men hat er andere Meinungen, andere Er- Per­sönlichkeitsbildung und der Demokrati- Timofey Neshitov, Dialika ­Neufeld, Max Polonyi,
kenntnisse, aber das findet er gerade gut: sierung der Gesellschaft.« Alexander Smoltczyk, Barbara Supp  n

58 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Weiterkommen
weitergedacht.

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unterliegen. Obwohl Werbung unserem Ver-


lag Erlöse bringt, haben werbende Unterneh-
men keinerlei Einfluss auf unsere Bericht-

Sie fragen.
erstattung. Das gilt seit 75 Jahren.
Und es gilt auch für Stiftungen. Zum The-
ma Gates: Es handelt sich nicht um Spenden

Wir antworten.
einer Einzelperson, sondern um eine Förde-
rung durch die Bill-und-Melinda-Gates-
Stiftung für das konkrete Projekt »Globale
Gesellschaft«. Es geht darum, Berichte über
drängende globale Themen, die ohnehin
»Löchern Sie uns!«, haben wir Sie in den vergangenen Gegenstand unserer Arbeit sind, zu verstär-
ken. Die Artikel, Fotostrecken und Videos des
Wochen immer wieder gebeten. Und das haben Sie Projekts sind klar gekennzeichnet und ent-
getan. Es waren zu viele Zuschriften, um auf alle stehen exakt wie alle anderen SPIEGEL-Texte:
einzugehen. Wir mussten eine Auswahl treffen. Die Redaktion bestimmt anhand journalis-
tischer Kriterien, ob und wie sie ein Thema
Hier sind unsere Antworten. aufgreift.
Uns war und ist wichtig, transparent über
dieses Projekt zu informieren. Ausführliche-
Artikel mit langer Recherche werden von meh- SPIEGEL ? Und was muss vielleicht nicht re Antworten finden Sie deshalb auf der Seite
reren Kolleg:innen verfasst. Der Textstil er- hinein? [Link]/gates. Dort sind auch die detaillier-
scheint mir als Leser jedoch sehr einheitlich. Manches Mal sind wir uns schnell einig, ten SPIEGEL -Standards für unsere journalis-
Gibt es da eine Aufgabenteilung und dann manches Mal wird hart gerungen. Ist das wirk- tische Arbeit und Unabhängigkeit verlinkt.
letztlich nur eine Autorin? Oder wird gemein- lich neu? Ist das relevant? Hat der Kollege das Matthias Streitz (Ressort Entwicklung)
schaftlich so lange redigiert, bis es ein Guss ist? nicht schon mal so ähnlich geschrieben? In
Martin Berthot diesen Runden tritt der Charakter dieser Wie schaffen es Journalistinnen und Journalis-
Lieber Herr Berthot, Redaktion zutage: Wir schenken uns nichts, ten, mit den Anfeindungen von Andersdenken-
Sie haben recht, wir arbeiten gern und oft im kämpfen – nicht selten auch zwischen den den umzugehen? Irene Schönknecht
Team. Manchmal, weil schnell viele Recher- Ressorts – um den Platz, um die Frage, was Liebe Frau Schönknecht,
chen gleichzeitig laufen müssen, wie für ein Titel, was Leitartikel werden soll. ich habe an sich kein Problem mit Anders-
aktuelles Titelstück. Häufig auch, weil die Eine längst ausgeschiedener Ressortleiter denkenden, ich freue mich sogar, Argumente
Kolleginnen und Kollegen unterschiedliche verriet übrigens einmal, wie man solche auszutauschen. Wenn aber nur Anfeindungen
Expertise und Kontakte haben und so einen Kämpfe für sich entscheidet: nie zu früh mit- kommen, lohnt eine Diskussion nicht. Leider
Text gehaltvoller machen. diskutieren. Meist gewinnt derjenige, der als passiert das fast täglich, zumindest wenn man
In solchen Teams gibt es fast immer einen Letzter seine Argumente bringt. Aber das nur wie ich zur AfD, zu »Querdenkern« oder zu
Hauptautor oder eine Hauptautorin, die ge- unter uns. Markus Brauck (Ressort Wirtschaft) sexualisierter Gewalt recherchiert. Hassmails
meinsam mit der Ressortleitung planen, wer und entsprechende Nachrichten in den sozia-
welche Teile beisteuern kann und wie alle Warum betonen Sie Ihre Unabhängigkeit, len Netzwerken überfliege ich, um einen gro-
Teile zusammen einen stimmigen Text er- während Sie schon das zweite Mal Geld von ben Überblick zu behalten und zu sehen, ob
geben. Die Reporterinnen und Reporter sam- Herrn Gates annehmen? Haben Sie das nötig? sich der Ton verschärft, jemand immer aus-
meln Fakten und Eindrücke, schreiben einen Jörg Seemann fälliger wird, Gefahr droht. Manches reiche
Textteil und schicken ihn an den Hauptautor, Lieber Herr Seemann, ich auch an unsere Rechtsabteilung weiter.
der die Einzelteile zu einem Gesamttext zu- »SPIEGEL -Journalismus muss unabhängig Ansonsten versuche ich, solche Nachrichten
sammenfügt. sein«, das ist für uns keine Phrase, sondern zu ignorieren.
Danach bearbeitet die Ressortleitung den Überzeugung und Geschäftsgrundlage. Wir Im Laufe der Jahre ist mein sprichwört-
Artikel, sie prüft, ob er stimmig aufgebaut achten penibel darauf, dass unsere Journalis- liches Fell dicker geworden, was gut ist. Es
und verständlich ist. Das trägt dazu dabei, tinnen und Journalisten in Themenwahl und darf nur keine Mauer werden, sodass nichts
dass der Artikel als ein Ganzes daherkommt. Urteil frei sind, keinen Interessenkonflikten mehr an mich herankommt. Wenn es mich
Trotzdem bleibt etwas von der Besonderheit also doch mal nervt, rede ich mit Kolleginnen
der einzelnen Autoren erhalten, sei es der oder Freunden darüber. Wo das nur bedingt
lakonische Blick, der hintergründige Spott hilft, ist bei AfD-Veranstaltungen oder »Quer-
oder die Empathie für die Menschen, die sie denker«-Demonstrationen. Da wurde ich
getroffen haben. Cordula Meyer (Ressort Deutsch- schon beschimpft, bespuckt, geschubst, ge-
land/Panorama) treten, mit einem Fahnenstock attackiert. Da
hilft eigentlich nur, vorsichtig zu sein, in Be-
Wer entscheidet, welche Themen in die nächs- gleitung zu gehen oder sich mit anderen Kol-
te Ausgabe kommen? Wird darüber in jedem leginnen und Kollegen zusammenzutun. Mir
Fachbereich abgestimmt? Merja Rayley hilft dann der Gedanke, dass ich so angefein-
Liebe Frau Rayley, det werde, weil den Demokratiefeinden mei-
dieser Prozess macht einen entscheidenden ne Recherchen nicht gefallen. Ann-Katrin Müller
Teil unserer Arbeit aus – wir reden die ge- (Hauptstadtbüro)
samte Woche darüber: in den Konferenzen,
im Ressort, in der morgendlichen Lage der Müssen die Autoren »gendern«, oder dürfen sie
Ressortleiterinnen und Ressortleiter, in das generische Maskulinum verwenden? Be-
etlichen Gesprächen mit der Chefredaktion steht die Gefahr, dass die SPIEGEL-Texte eines
und den Blattmachern. Schließlich geht es Tages mit Gendersternchen übersät sein werden
jede Woche um die Frage: Was gehört in den und ich mein Abo kündigen muss? Gibt es »ver-

60 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022 Illustrationen: Maren Amini / DER SPIEGEL


75 JA H R E D E R S P I E G E L T I T E L

botene« Wörter, wie Zigeuner(-schnit-


zel), Neger(-küsse), Schwarzfahrer?
Peter Ryder
Lieber Herr Ryder,
hätten Sie mich vor 30 Jahren – da-
mals war ich Schüler – gefragt, ob ich
jemals Delphin oder Phantasie mit
einem »f« oder »F« schreiben würde,
hätte ich Sie wohl ausgelacht. Heute
schreibe ich Delfin und Fantasie, ohne
zu zucken.
Reformen bedeuten Entwicklung,
und so lässt sich schwer vorhersagen,
ob wir in einigen Jahren nicht alle wie
selbstverständlich Sternchen in unsere
Worte einfügen, falls die überwiegen-
de Mehrheit sich irgendwann ent-
schlossen hat, dass die weibliche
Form noch viel deutlicher als bislang
erkennbar sein sollte. Ich fände eine
solche Entwicklung weder erstaunlich
noch skandalös.
Zurzeit können wir uns das beim
SPIEGEL allerdings noch nicht vor-
stellen und haben uns daher für be-
hutsame Veränderungen entschieden: ten von journalistisch gebotener Klar- Lieber Herr Kujawa,
Wir lassen öfter als früher Politikerin- heit und gegebenenfalls Schärfe geht. bei den Fakten zur Klimakrise, mit
nen, Wissenschaftlerinnen oder Sport- Das Justiziariat versteht sich nicht als denen wir uns als Wissenschaftsjour-
lerinnen aufscheinen, mischen die Verhinderer, sondern vielmehr als Er- nalisten befassen, sehen wir uns einer
Geschlechter in unseren Ausführun- möglicher, sodass die Redakteure und weltweiten Wissenschaftsgemein-
gen und achten bei der Auswahl unse- Redakteurinnen ihre Beiträge unter schaft gegenüber, die sich zu annä-
rer Protagonistinnen und Protagonis- Vermeidung juristischer Fallstricke hernd 100 Prozent sicher ist, einen
ten in Geschichten viel stärker darauf, und damit unerfreulicher Nachwehen menschengemachten Klimawandel
dass Frauen wie Männer vorkommen. zu Papier bringen können. nachgewiesen zu haben. Hier eine
Das Bewusstsein jedenfalls ist vor- Grundsätzlich prüft die Rechts- kritische Distanz zu diesem breiten
handen, dass sich die gesellschaftliche abteilung sämtliche Beiträge, bevor naturwissenschaftlichen Konsens ein-
Diversität auch in unseren Texten sie gedruckt werden – was in der zunehmen, käme einer weit überpro-
widerspiegeln muss. Alles andere deutschen Verlagslandschaft einmalig portionalen Gewichtung derjenigen
wäre eine Verzerrung der Realität, für sein dürfte. Auf Anforderung werden Stimmen gleich, die diesem Konsens
die uns die Leserinnen und Leser zu auch sonstige, vor allem digital er- nicht folgen.
Recht kritisieren würden. scheinende Texte, geprüft, wenn die- »Sagen, was ist« bedeutet für den
Schwarzfahrer werden Sie im se von der Redaktion als heikel ein- Wissenschaftsjournalismus zu berich-
SPIEGEL dennoch weiterhin wieder- geschätzt werden. Natürlich entschei- ten, dass es keine begründeten Zwei-
finden, »Neger« – außer im histori- det am Ende immer die Redaktion, fel an der Realität des menschenge-
schen Kontext – sicher nicht, das ob sie einen Text veröffentlicht – aber machten Klimawandels gibt. Dass wir
Wort »Zigeunerschnitzel« haben wir das Wort der hauseigenen Presse- bereits heute weltweit seine Vorboten
im SPIEGEL zuletzt im Juli gedruckt, Beteiligt rechtler hat erhebliches Gewicht. sehen und Extremwetter in ihrer In-
allerdings in einem Essay zum Thema Gleichzeitig verteidigen wir die tensität zunehmen.
»Was man heute noch sagen darf«. Ich Anteilseigner des Arbeit unserer Redaktion gegen die Dass wir das im SPIEGEL nun viel-
würde also sagen: Sie müssen Ihr Abo SPIEGEL-Verlags, Einschüchterungsversuche durch Me- leicht häufiger tun als früher und
nicht kündigen, was Sie ja hoffentlich in Prozent dienanwälte – sowohl vor einer Ver- unsere Berichte, Interviews und Kom-
sowieso nur aus rein inhaltlichen öffentlichung als auch bei Angriffen mentare dringlicher werden, ist der
Gründen und nicht wegen sprach- auf erschienene Beiträge. Maßstab Realität und dem »Was ist« geschul-
licher Anpassungen tun würden, oder? 25,5 für den SPIEGEL sind dabei die Leit- det. Darüber in aller Klarheit wahr-
Martin Knobbe (Hauptstadtbüro) 50,5 linien der höchstrichterlichen Recht- heitsgetreu zu berichten kommt dem
sprechung, auch wenn manche Ins- »Sagen, was ist« ziemlich nahe, finde
24,0
Welche Bedeutung hat die rechtliche tanzgerichte diesen nicht immer ge- ich. Aktivistisch hingegen wäre es,
Prüfung und Absicherung von redaktio- recht werden. Die Rechtsabteilung dies aus politischen Motiven oder we-
nellen SPIEGEL-Beiträgen vor Veröffent- des SPIEGEL verteidigt auf diese Wei- gen eines falsch verstandenen Plura-
lichung, wie viele juristische Experten SPIEGEL- se auch die Pressefreiheit als solche. lismus nicht zu tun. Kurt Stukenberg
sind damit beschäftigt? Dr. Dieter Barth Mitarbeiter KG Sascha Sajuntz (Rechtsabteilung) (Ressort Wissenschaft)
Lieber Herr Barth, RM Hamburg
in der Rechtsabteilung stehen für die Holding* Sie behaupten, das Credo von Rudolf Wird es den SPIEGEL zukünftig in einer
Redaktion drei Justiziare als An- Erbengemein- Augstein »Sagen, was ist« soll auch Art »geteiltem Abo« mit anderen Ma-
sprech-, aber auch Sparringspartner schaft Augstein heute noch gelten – warum ignorieren gazinen geben, zum Beispiel mit dem
bereit. Ihr Anspruch ist es, die Bericht- dann Ihre Wissenschaftsredakteure »Handelsblatt«, der »FAZ«, dem mana-
* vormals
erstattung so rechtssicher wie möglich Gruner + dieses Motto? Sie machen sich selbst ger magazin, der »taz« oder »SZ«? So-
zu gestalten, ohne dass dies auf Kos- Jahr GmbH S Grafik zu Akteuren. Dieter Kujawa dass ich ein Log-in habe, einmal zahle


Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 61


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tens informiert fühlen, staunen konnten leicht rührt Ihr Eindruck daher, dass in der
und auch mal gelächelt haben, haben wir Anfangszeit des SPIEGEL und der Republik
alles richtig gemacht. Patricia Dreyer (Chefin vom stets die Unionsparteien regierten und die
Dienst [Link]) SPD in der Opposition war? Oder Sie erin-
nern die Jahre unter Helmut Kohl, der vom
Warum widmet der SPIEGEL nicht auch inter- SPIEGEL schwer verspottet wurde und doch
nationalen Themen mehr Aufmerksamkeit und Jahr um Jahr regierte?
Gewicht, die gerade nicht Mainstream sind? Mich stört an der Beschreibung »Sozialde-
Susanne Rau mokratie-nahe«, dass das eine parteipolitische
Liebe Frau Rau, Kategorie ist. Aber der SPIEGEL ist ja keine
der SPIEGEL gehört zu den wenigen deut- Parteizeitung wie der »Vorwärts«. Wahrschein-
schen Medien, die mit einem großen Kor- lich herrscht in der Redaktion eine linkslibera-
respondentennetz aus aller Welt berichten: le Grundhaltung vor, das dürfte eine Gene-
Rund zwei Dutzend feste Korrespondentin- rationenfrage sowie eine Frage der Sozialisie-
nen und Korrespondenten arbeiten für uns rung sein. Wir haben aber auch starke konser-
im Ausland. Wir haben zusätzlich Reporte- vative Stimmen, die sich durchaus wortgewaltig
und ihr im Hintergrund einfach schaut, wie ihr rinnen und Reporter, die von Hamburg und in den Redaktionskonferenzen und auf unseren
das Geld untereinander verteilt? Klaus Reichert Berlin aus regelmäßig in die Welt reisen, so- publizistischen Kanälen bemerkbar machen.
Lieber Herr Reichert, wie Fachredakteurinnen und Nachrichten- Bei uns im Foyer an der Hamburger Eri-
wir haben öfter mit kreativen Bezahlmodellen experten. cusspitze hängt ein Spruch von Rudolf Aug-
experimentiert, etwa dem Kauf einzelner Ar- Unser Ziel ist: Wir sind im Zweifel vor Ort, stein an der Wand: »Sagen, was ist.« Klingt
tikel auf SPIEGEL .de oder dem Online-Text- wenn etwas geschieht – und wenn nicht, wol- simpel, drei Worte. Aber es ist Verpflichtung
kiosk Blendle. Tatsächlich haben wir damit len wir uns so gut auskennen, dass wir es aus und Herausforderung, damit ringen wir jeden
nie genug Geld verdient, um unsere Redak- der Ferne analysieren und erklären können. Tag. Im besten Fall beschreiben wir Reali-
tion zu finanzieren. Den Umschwung hin zu Im SPIEGEL-Magazin gibt es wöchentlich täten, ungeachtet der politischen oder wirt-
einer nachhaltigen Finanzierung haben Digi- nur Platz für etwa fünf Auslandsgeschichten. schaftlichen Macht der Akteure. Augstein
tal-Abos gebracht, die bei uns gut 20 Euro Auf unserer Website finden Sie hingegen – selbst übrigens saß nach der Bundestagswahl
pro Monat kosten. neben vielen aktuellen Nachrichten – jeden 1972 mal für ein paar Monate im Bundestag –
Auch früher wollten Leserinnen und Leser Tag mehrere Korrespondententexte und Ana- für die FDP. Er hat schnell gemerkt, dass
nicht gleichzeitig für die »Zeit«, die »SZ« und lysen aus der ganzen Welt. Sicherlich behan- diese Nähe zur Macht keine gute Idee ist.
den SPIEGEL bezahlen. Dass es solche Titel deln wir auch da oft Themen, die nachrichtlich Sebastian Fischer (Hauptstadtbüro)
noch gibt, liegt daran, dass jede Redaktion gerade besonders relevant sind und, ja, es
über die Jahrzehnte ein Profil entwickelt hat, stimmt: Es gibt Themen und Weltgegenden, Was genau hat sich beim Faktencheck ver-
das sie bezahlenswert macht. Diesen Mei- die zu kurz kommen. Wir arbeiten aber dran, ändert, um zu verhindern, dass Momente, die
nungsmarkt durch eine Digital-Flatrate auf- Themen von allen Kontinenten zu behandeln, sich so nicht zugetragen haben, in den Storys
zulösen wäre weder wettbewerbsrechtlich die Missstände bei der Grenzschutzbehörde landen, die wir täglich lesen? Kerstin Carlstedt
trivial noch demokratiefreundlich. Stefan Ottlitz Frontex in Europa aufzudecken oder über die Liebe Frau Carlstedt,
(Geschäftsführer und Produktchef) Auswirkungen des Klimawandels in Asien nachdem der SPIEGEL vor drei Jahren die
oder den Kampf von Aktivistinnen gegen Fälschungen von Claas Relotius offengelegt
Wie wird aus einer Nachricht eine Nachricht? Femizide in Lateinamerika zu berichten. hat, haben wir unsere journalistischen und
Ich meine zum Beispiel Auswahlkriterien bei Mathieu von Rohr (Ressort Ausland) redaktionellen Standards überarbeitet und in
der Nachrichtenagentur? Ein wenig mehr Pa- einem Leitfaden festgehalten. Außerdem gilt
norama, normale Alltagsthemen ohne Corona? Der SPIEGEL wurde von mir »früher« als sehr nun auch für Reportagen des Reporter-Res-
Für etwas mehr Unterhaltung ... in these days. Sozialdemokratie-nahe eingestuft. Wo verorten sorts bei der Verifikation (also der Überprü-
Katja Muder-Köcegün Sie sich politisch heute? Und warum? fung von Fakten durch die Dokumentation)
Liebe Frau Muder-Köcegün, Lothar Bösch das Fachprinzip: Vor Relotius wurden diese
unsere Leitlinien am sogenannten Newsdesk, Sehr geehrter Herr Bösch, Reportagen vornehmlich von ein und dem-
wo wir entscheiden, was wir an großen Storys der SPIEGEL geht seit je kritisch mit jenen um, selben Dokumentar verifiziert; jetzt wird der
und schnellen Nachrichten auf der SPIEGEL- die in diesem Land die Macht haben. Politi- Text, je nach Thema, von einer Medizinerin,
Homepage präsentieren, sind: Wir wollen sche, aber auch wirtschaftliche Macht. Viel- einer Soziologin, einem Historiker oder einer
unsere Leserinnen und Leser fortlaufend über Islamwissenschaftlerin geprüft – und häufig
die wichtigsten Themen des Tages informie- genug auch durch ein Team aus Spezialisten.
ren und sie dabei gut unterhalten. Ergänzend wählen wir deshalb per Zufalls-
Im besten Fall präsentieren wir Ihnen also prinzip einen Text aus dem bereits gedruckten
eine News-Mischung aus beidem: Wir mel- Heft aus und unterziehen ihn einer vertieften
den, welche wichtigen innen- und weltpoliti- Prüfung durch einen unabhängigen Kollegen.
schen Entscheidungen getroffen werden, was Basis für diese vertiefte Prüfung sind bei der
am Aktienmarkt los ist, welche relevanten Recherche entstandene Notizen, Fotos, Vi-
Gerichtsurteile gefallen sind, wo sich Natur- deos und Audioaufnahmen et cetera, aber wir
katastrophen abspielen, welche Filmpreise kontaktieren, wenn es notwendig ist, auch
verliehen werden, was im Sport passiert. Protagonisten oder Fotografen.
Wir wollen Ihnen aber auch sagen, wie das Und die wichtigste Änderung: Wir spre-
Wetter wird, warum ein bestimmter Holly- chen seit Relotius wieder häufiger über unse-
woodstar in den Schlagzeilen ist, warum eine re Arbeit und unsere Standards, auch über
Autobahn über Stunden gesperrt wurde – und Probleme und Fehler, die uns unterlaufen –
haben eventuell noch Zeit für die Kuriositäten und zwar systematisch; innerhalb der Doku-
des Alltags. Wenn Sie sich nach dem Stöbern mentation, aber auch gemeinsam mit der Re-
durchs Newsprogramm auf der Seite also bes- daktion. Cordelia Freiwald (Dokumentation) n

62 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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»Ein mitunter schwer erträgliches Herren­


SPIEGEL-Gründer magazin« nannte »taz«-Co-Chefredakteurin
Augstein mit Barbara Junge den frühen SPIEGEL in der
seiner Sekretärin
Katja Kloos 1947 vorangegangenen Ausgabe. Wie wird über
Frauen und Männer im SPIEGEL selbst dis­
kutiert? Darüber sprechen nun zwei Kollegin­
nen und ein Kollege, an einem dafür typischen
Ort: der Snackbar des Hauses. Der SPIEGEL
hat rund 500 Redakteurinnen und Redak­teure,
und wenn sich nur 3 davon unterhalten, kann
das nicht repräsentativ sein. Doch das Ge­
spräch zeigt die Perspektiven, die in so einem
Haus zusammenkommen, und auch, wie sich
das Selbstverständnis des Journalismus ver­
ändert hat: weg vom allwissenden SPIEGEL ,
der mit einer Stimme spricht, hin zu mehr
Pluralismus. Kulturredakteur Tobias Becker,
44, unterhält sich mit Susanne Beyer, 52, Auto­
rin im Hauptstadtbüro, die die erste Frau in
der Chefredaktion des Heftes gewesen ist, und
mit Simone Salden, 43, stellvertretende Lei­
terin des Ressorts Deutschland/Panorama.
Salden hat 2017 eine #MeToo-Untersuchung
beim SPIEGEL mit angestoßen.

Tobias: Simone, Susanne, wir sprechen über


die Geschichte der Frauen im SPIEGEL . Was
verschafft mir die Ehre, mitreden zu dürfen?
Simone: Du bist unser Quotenmann. Und das
ist als Kompliment gemeint. Dein Part ist so
wichtig wie unserer, weil sonst eine Perspek-
tive fehlt.
Tobias: Ich habe gezögert zuzusagen. Ich will
nicht nur der Stichwortgeber sein. Und schon
gar nicht der Agent Provocateur oder Anwalt
des Teufels.
Susanne: Warum diese Scheu? Es gibt nur
wenige Männer im Haus, die sich so regel-
mäßig mit Geschlechterthemen beschäftigen
Roman Stempka / DER SPIEGEL

wie du. Das Thema geht uns alle an.


Tobias: Das haben viele Frauen lange Zeit
anders gesehen, sowohl in der großen Debat-
te draußen im Land als auch hier im Haus:
Da haben sie den Wunsch geäußert, Männer
sollten erst mal still sein und zuhören.
Susanne: Diese Frauen befürchteten wohl,
dass manche Männer ihnen nicht glauben
könnten, was sie etwa unter dem Hashtag
­MeToo berichten. Die Sorge verstehe ich, auch
GLEICHBERECHTIGUNG dass sich Männer daraufhin zurück­hielten.

»Frauen waren
Aber wenn unterschiedliche Meinungen in der
Welt sind, dann wirken sie sich sowieso aus,
weswegen eine respektvolle Auseinanderset-
zung immer besser ist als Schweigen.

eine Irritation«
Tobias: Nur was kümmert all das den Leser
und die Leserin?
Simone: Wir wollen einen Blick in die Werk-
statt bieten: Was bewegt uns im Haus, was
bewegt uns bei Recherchen.
Der SPIEGEL war jahrzehntelang ein Susanne: Der SPIEGEL ist ein mittelständischer
Betrieb, wie es viele gibt. Er ist insofern auch
Klub junger und alter weißer ein Spiegel der Gesellschaft. Historisch For-
Männer. Was hat die #MeToo-Debatte schende würden feststellen, dass wir in man-
cher Hinsicht spät dran waren, in anderer früh.
verändert? Ein Gespräch unter Wir hatten schon im Jahr 2000 einen Arbeits-
kreis Gleichstellung und 2011 eine Streitschrift
Kolleginnen (und ein Mann war auch dabei). für die Quote als Titelgeschichte. Und auch
die Initiative ProQuote wurde wesentlich von

64 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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SPIEGEL -Kolleginnen vorangetrieben. Aus ein wichtiger Aspekt. Die Ressortleiterin sag- Simone: Es war schon ein verständlicher An-
anderen Häusern hieß es: »Wow, das traut ihr te mir, sie suche explizit eine junge Frau, die satz, den Frauen die Spielregeln zu erklären,
euch!« Mumm mitbringe. Mit ihr wollte ich unbe- damit sie irgendwann überhaupt eine Position
Tobias: Du bist 1996 zum SPIEGEL gekom- dingt arbeiten. Für mein Vorstellungsgespräch erreichen können, um diese zu verändern.
men, Susanne. Wie hast du den Umgang mit in der Chefredaktion gab sie mir den Satz mit: Und bei vielen Silberrücken hat das ja auch
all den männlichen Kollegen empfunden? »Egal worüber die Herren lachen, lachen Sie einwandfrei funktioniert.
Susanne: Es waren andere Zeiten. Weitgehend mit.« Diese Herren sprachen dann kaum mit Tobias: Lasst uns über Kinder reden: In dem
ohne Internet, dafür mit Rohrpost. Und der mir, sondern vor allem über mich. Am Ende Jahr, in dem du angefangen hast, Simone, hat
SPIEGEL schien mir doch sehr geprägt von 1968 fielen die Worte: »Na, dann stellen wir die Ursula von der Leyen als Familienministerin
zu sein, der sexuellen Revolution, die er ja junge Frau doch mal ein. Wenn es nicht klappt, das Elterngeld durchgesetzt.
auch publizistisch vorangetrieben hat. Jeden- schmeißen wir sie wieder raus.« Mit ähnli- Simone: Ich habe noch erlebt, wie ein Ressort-
falls haben einige Männer damals ständig Kör- chen Worten sind auch viele männliche Kol- leiter mit Kolleginnen monatelang kein Wort
per von Frauen bewertet: Pos, Brüste, alles. Es legen eingestellt worden. Das war mir bloß geredet hat, nachdem sie ihm erzählt hatten,
waren nur wenige, die das taten, aber die damals nicht klar. Als ich dann anfing, war dass sie schwanger sind. Durch die Väter­
­waren penetrant. Und mächtig. Sie konnten die Ressortleiterin abgesetzt worden. Das war monate änderte sich das. Jeder Chef wusste
zugleich nett und klug und lustig sein – ich eine Bauchlandung für mich. nun: Egal ob ich eine junge Frau oder einen
denke, dass das dazu beigetragen hat, dass zu Susanne: Die ersten Ressortleiterinnen waren jungen Mann einstelle – das Risiko, dass sie
selten Widerspruch kam. Ich kann mir auch oft nur kurz auf diesem Posten. Frauen waren für eine gewisse Zeit ausfallen, ist ähnlich
vorstellen, dass diejenigen, die solche Sprüche eine Irritation für den SPIEGEL . hoch. Das hat den Boden bereitet für die Kar-
mitbekamen, sie übergingen, um die peinliche Simone: Trotzdem gab es für mich etliche rieren von Frauen. Der Ausbau der Kinder-
Lage nicht zu verschlimmern. Ich selbst habe weibliche Vorbilder im Haus. Selbstbewusste betreuung hat in meinem Fall dann sein Übri­
oft so getan, als hörte ich nicht hin. Ein Be- Frauen, die in den Konferenzen ihre Meinung ges dazu beigetragen, dass ich Familie und
dauern darüber aber kommt nie zu spät. Ein sagten. Und mir hat geholfen, dass meine Job besser zusammendenken konnte.
Kollege sagte mir neulich, er ärgere sich, dass Themen die sogenannten harten Themen Tobias: Als ich vor einigen Jahren meinen
er damals nicht deutlicher widersprochen habe. ­waren, viel Landespolitik, Rotlicht, Blaulicht. Ressortleitern, damals zwei Männern, erzähl-
Tobias: In den Zeiten, die du beschreibst, leb- Tobias: Die vermeintlich männlichen Themen. te, dass ich Elternzeit nehmen wolle, aber
te SPIEGEL -Gründer Rudolf Augstein noch. Simone: So das Klischee, ja. Ich saß als Kor- noch nicht wisse, wie lange, fünf oder sechs
Er wurde oft als Chef beschrieben, der zu respondentin in Frankfurt am Main und Stutt- Monate, da sagten sie: »Ein moderner Mann
Vorstellungsgesprächen in sein Privathaus ein- gart. Wenn ich in der Hamburger Zentrale nimmt mindestens ein halbes Jahr.«
lud und dann einen Bademantel trug. Hast zu Besuch war, hörte ich schon mal Kommen- Susanne: So wichtig ist Familienpolitik!
du diesen Augstein auch erlebt? tare wie: »Zieh lieber keinen Rock und nicht Tobias: 2013, ein Jahr nach Gründung von
Susanne: Nein, aber ich wurde bald nach mei- so etwas Buntes an, erst recht nicht, wenn du ProQuote, sorgte ein SPIEGEL -Text für Dis-
nem Einstieg angerufen, ob ich ihm würde vor- in die Ressortleiterrunde gehst.« kussionen, der Titel: »Die ScheinriesInnen«.
lesen wollen. Augstein sah nicht mehr gut. Ich Tobias: Gab es Coachings für Frauen? Der Autor kritisierte, dass die Journalistinnen
rechnete nicht mit sexuellen Absichten, null. Simone: Ja, und nicht wenige Kollegen haben von ProQuote es gut verstünden, Eigeninte-
Mir war jedoch klar, dass ich das nicht würde sich darüber lustig gemacht. Ich habe an so resse als gesellschaftliche Relevanz zu insze-
machen können, weil Journalistinnen schnell einem Seminar teilgenommen, die Tipps nieren. Ich teile mit euch das Ziel einer mög-
unterstellt wurde, sie hätten ihre Erfolge über ­werde ich nie vergessen: Trage einen Hosen- lichst diversen Redaktion. Aber hatte der
Beziehungen erreicht. Das wollte ich nicht. anzug! Rede über Fußball! Sitze breit! Und: Autor nicht trotzdem recht?
Tobias: Anders als meistens berichtet, hat immer direkt die Nummer eins im Raum Simone: Das sehe ich anders. Wer die Gesell-
Augstein auch Männer im Bademantel emp- ­adressieren! schaft abbilden und verstehen will, braucht
fangen. Eine Respektlosigkeit. Susanne: Es ging darum, die Frauen männ- ein diverses Team. Das ist urjournalistisch.
Simone: Eine Machtgeste. licher zu machen. Nicht, sie als Frauen zu Susanne: Ich bin ProQuote-Mitglied, den-
Susanne: Augstein war eine komplexe Figur, ermächtigen. noch müssen wir Journalistinnen, die sich als
es ist wichtig, sich das klarzumachen. Nicht Feministinnen verstehen, unbedingt selbst-
um irgendetwas zu relativieren, sondern um kritisch bleiben. Wir sind in erster Linie Jour-
die Dinge zu sehen, wie sie sind. Er konnte nalistinnen, keine Aktivistinnen.
groß denken, den selbstbewussten SPIEGEL Tobias: Susanne, du bist zunächst zur stell-
von heute gäbe es ohne ihn nicht. Aber zu vertretenden Ressortleiterin und dann von
deiner richtigen Anmerkung, Tobias: Patriar- dort 2015 in die Chefredaktion befördert wor-
chale Strukturen verletzen auch Männer. Ich den. Hast du dich als Quotenfrau gefühlt?
habe hier Kollegen vorgefunden, die erzähl- Susanne: Ja, und ich hatte damit gar kein Pro-
ten, wie sie sich als junge Redakteure unten blem, weil wir die Quote ja politisch einge-
am Haus ans Fleet gesetzt und geweint haben. fordert hatten. Klaus Brinkbäumer, dessen
Wo Macht ist, ist oft auch Machtmissbrauch. Stellvertreterin ich war, wollte eine oder zwei
Tobias: Es ist nicht lange her, dass der Frauen in die Chefredaktion berufen, hat mir
SPIEGEL mit folgendem Slogan für sich warb: aber immer wieder gesagt: Ich wollte jeman-
»Die Konferenz, vor der Politiker zittern.« den wie dich, auch wenn du ein Mann gewe-
Ich erinnere mich an Scherze im Haus: »Wenn sen wärst. Irgendwann habe ich es geglaubt.
wir ehrlich sind, zittern auch wir.« Diese enor- Tobias: Hast du gezögert, das Angebot anzu-
me Hierarchie! nehmen?
Johannes Arlt / DER SPIEGEL

Simone: Das Führungsverständnis ist heute Susanne: Ich konnte nicht Gleichstellung for-
anders. Die junge Generation wäre weg, wenn dern und dann sagen, ich mache es nicht.
mit ihr noch so umgegangen würde. Aber ich habe gewusst, was der Preis sein
Tobias: Simone, du bist 2006 ins Haus ge- würde. Als erste Frau in dieser Position konn-
kommen, eingestellt von einer Chefin. te ich nicht diejenige sein, die abends auch
Simone: Ich kam von der ebenfalls männlich mal früh nach Hause geht. Das hätte anderen
dominierten »FAZ«, und das war für mich Redakteur:innen Beyer, Salden, Becker Frauen geschadet.

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 65


T I T E L 75 JA H R E D E R S P I E G E L

45 %
Simone: Barbara Hans war damals Susanne: Ich gucke ehrlicherweise ein ken war progressiv. Und für mich ist
schon stellvertretende Chefredakteu- bisschen strenger auf weibliche Chefs. das typisch SPIEGEL : Sagen, was ist.
rin bei SPIEGEL ONLINE. Warum war Das ist ungerecht, aber die feministi- Was war.
es trotzdem so ein Schritt? sche Reflexion, die Frauen hinter sich Tobias: Dein Text ist keine Anklage,
der Führungs-
Susanne: Das war Anfang 2015, eini- haben, muss zu etwas führen. Es kann kräfte in der
er hat einen tastenden, zweifelnden
ge Jahre vor der Zusammenlegung nicht nur darum gehen, Karriere zu SPIEGEL-Redaktion Ton und lässt Raum für Ambivalen-
der Heft- mit der Onlineredaktion. machen. Es geht auch um einen ethi- sind weiblich. zen. Ich würde mir mehr #MeToo-
Das Heft hatte damals eine fast schen Anspruch an Führung. Berichte in diesem Stil wünschen.
70-jährige Geschichte. Die Ressort- Simone: Das Konkurrenzdenken Susanne: Ich versuche, mich und
leiter, mit denen ich es zu tun hatte, unter Frauen ist oft stark ausgeprägt. Frauen- und ­meinen Blick auf Themen immer in
kannten das nicht, eine Frau über sich Das liegt daran, dass es lange Zeit Männeranteile in Zweifel zu ziehen. Vielleicht weil ich
SPIEGEL-Gesprächen,
in der Hierarchie. Ich habe gewarnt: höchstens eine Frau auf eine heraus- anfangs so bezweifelt wurde als
in Prozent
Ist das Haus schon so weit? Bin ich gehobene Position schaffen konnte. Frau in diesem Job. Inzwischen halte
als Erste der richtige Typ? Wenn die besetzt war, war kein Platz Frauen Männer ich genau das für eine moderne Art
Tobias: Du hast dich gefragt, ob die für eine weitere Frau. Dieses Denken von Journalismus. In der Adenauer-
erste Frau in der Position nicht eher müssen wir überwinden. 100 Ära, als in der Gesellschaft viel ver-
eine sein sollte, die auf klischeehaft Tobias: Würdet ihr einem Mann Ego- schwiegen wurde, ging es im SPIEGEL
männliche Art führt? ismen und Ellbogen weniger übel da­rum, mit Schärfe gegen Altnazis
Susanne: Genau. Aber ich bin, wie nehmen, weil ihr sie bei ihm sowieso vorzugehen. In den lauten Zeiten
ich bin, das habe ich sofort gesagt. erwartet? heute scheinen mir Zwischentöne
Wenn man sich verstellt, kostet es un- Susanne: Wir sollten Egoismen und 50 wichtig.
nötig Kraft. Ellbogen hinter uns bringen, jeden- Tobias: Du hast 2017 die #MeToo-­
Tobias: Bist du mit dem Ziel in die falls als vorrangiges Prinzip. Wer als Untersuchung beim SPIEGEL mit an-
Chefredaktion gegangen, die Sache eine der ersten Frauen in herausge­ gestoßen, Simone.
der Frauen voranzubringen? hobener Position agiert, sollte versu- Simone: Daran waren viele Kollegin-
Susanne: Natürlich, aber wir waren chen, sich besonders anständig zu nen beteiligt. Es brodelte. Denn es
zu viert, drei Männer, eine Frau, wir benehmen, eben weil ihr Verhalten als 1957 1990 2021 ging nicht nur um lange zurückliegen-
alle wollten das. Es ging auch darum, exem­plarisch wahrgenommen wird. de Geschichten. Auch jüngere Frauen
S Quelle: Auswertung der
die Themen, die aus den Ressorts Simone: Frauen streben genauso nach 
SPIEGEL-Gespräche gemäß hatten Verletzungen erlitten, und wir
­kamen, daraufhin zu prüfen, ob auch Einfluss und Macht wie Männer. Dass Verschlagwortung im haus- hatten das Gefühl, viele Kollegen
internen Archiv; Anteil der
Frauen prominent vorkommen. man das Frauen übler nimmt als Män- Personen, deren Vorname
wollten das nicht hören. Dann gab es
Simone: Ich habe eine Zeit lang die nern, finde ich nicht gut. nicht klar einem Geschlecht einen Text bei uns im Blatt, in dem
Hausmitteilung betreut, ich wollte Susanne: Auf lange Sicht hast du zugeordnet werden konnte, ein Kollege beklagte, der Begriff Se-
ist grau dargestellt;
darin die Arbeit von Frauen sicht­ recht. Es geht mir darum, höhere ethi- Stand: 26. Nov. 2021 xismus werde inflationär gebraucht
barer machen. Ich musste die Kolle- sche Maßstäbe an alle anzulegen, und »bietet Frauen ein bequemes Ali-
ginnen zum Teil überreden, von ihren auch an Männer. bi, wenn die Karriere nicht ganz nach
Recherchen zu berichten. Tobias: Susanne, du hast 2018 einen oben führt, weil das Talent nicht
Tobias: Hast du gezögert, als dir eine Text zur #MeToo-Debatte geschrie- reicht oder andere mehr Biss haben.
Führungsfunktion angeboten wurde, ben, der Titel: »Wir müssen Augstein Zur Not sind immer die gesellschaft-
Simone? erwähnen«. lichen Umstände schuld. Oder der
Simone: Nein. Im Haus hatte sich Susanne: Die Überschrift ist das Zitat alte, weiße Mann«. Der Frust war
schon viel verändert, auch dank eines Kollegen. Wir diskutierten, wie groß.
SPI EGEL ONLINE . Dort war es wir über #MeToo berichten sollen, Tobias: Wie seid ihr damit umge­
selbstverständlicher, Führungsposi- als dieser Kollege an die Bademan­ gangen?
tionen gleichberechtigt zu besetzen. telgeschichten erinnerte und sagte: Simone: In Stockholm hatten Schau-
Tobias: Weil das Team von SPIEGEL »Moment mal, wir müssen Augstein spielerinnen an einem Abend im
ONLINE jünger war? erwähnen.« Theater vor Publikum Erlebnisbe-
Blattkritik beim
Simone: Auch. Aber die Seite begann Simone: Die Debatte spielte nicht nur SPIEGEL 1995: »Die
richte von sexuellen Übergriffen und
ja quasi als Start-up, mit flachen Hie- irgendwo in Hollywood, sie ging uns Konferenz, vor Alltagssexismus vorgelesen. Das ha-
rarchien, ohne festgefahrene Tradi- alle etwas an. Das so schnell zu mer- der Politiker zittern« ben wir uns als Beispiel genommen,
tionen. Für uns als fusionierte Redak- eine Art Briefkasten eingerichtet und
tion heißt das: Die ehemaligen Mit- uns solche Situationen aus der
arbeiter des Heftes und der Website SPIEGEL-­Geschichte anonym schil-
haben unterschiedliche Geschichten dern lassen. Das war natürlich nur
im Gepäck. Auch der Blick auf die eine Stichprobe. Aber die haben wir
#MeToo-Debatte ist ein anderer. Viel- dann der Chefredaktion und Verlags-
leicht liegt das an dem direkten Draht, leitung vorgelesen, knapp, sachlich.
den wir im Digitalen zu jüngeren Le- Wir wollten, dass diese Stimmen
serinnen und Lesern haben. ­wenigstens einmal gehört werden.
Tobias: Die Frau als Chefin – ist das Die Situation war für uns alle be-
heute noch ein Tabu? klemmend.
Simone: Es ist kein Thema, dass sie Tobias: Gab es justiziable Fälle?
Chefin ist. Aber wie sie als Chefin Simone: Unseres Wissens nicht, aber
agiert. Gelesen werden viele Entschei- die ganze Bandbreite an Alltagssexis-
dungen nicht als Entscheidung eines mus und Machtmissbrauch: Angrab-
Monika Zucht

Chefs, sondern als die einer Frau. Zum schen bei einer Feier, sexistische
Teil zu Recht, denn natürlich will ich Sprüche im Fahrstuhl. Der Verlag hat
als Chefin manches anders machen. später eine quantitative Befragung in

66 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Auftrag gegeben, inzwischen haben wir eine
entsprechende Betriebsvereinbarung.
Tobias: Lasst uns noch über einen anderen
Aspekt sprechen. Die Feministin Svenja Flaß-
pöhler hat kritisiert, dass die #MeToo-Bewe-
gung ein patriarchales Geschlechterbild fort- Flexibles Jubiläumsangebot
schreibe: die Frau als braves, wehrloses Opfer.
Auch manche Feministin der Generation ­Alice Lesen Sie den SPIEGEL,
Schwarzer war befremdet von der Debatte.
Wer jahrzehntelang darum bemüht gewesen solange Sie möchten.
ist, Stärke zu zeigen und sich als Frau zu er-
mächtigen, der wundert sich, dass Frauen ihr Ohne Vertragsbindung. DER SPIEGEL ohne Mindestlaufzeit,
Opfersein nun betonen. jederzeit kündbar
Simone: Aber es gehört jede Menge Mut und
Stärke dazu, von sexueller Belästigung oder 25 % Jubiläumsrabatt. Die ersten 52 Ausgaben für nur
einer Vergewaltigung in der Öffentlichkeit zu € 4,20 statt € 5,60 pro Ausgabe
berichten, um die bestehenden Strukturen
Kostenloser Versand. Wöchentliche Lieferung frei Haus
aufzubrechen. Außerdem wird es immer so
sein: Die oder der eine fühlt sich von einem innerhalb Deutschlands
Spruch angegriffen, der für jemand anders Noch mehr. Inklusive der Beilagen SPIEGEL Bestseller und
kein Problem ist. Wir müssen in der #MeToo- SPIEGEL Geld
Debatte eine gewisse Pluralität zulassen.
Susanne: Über Individuen zu reden ist das
eine. Wir müssen aber auch über Machtstruk-
turen und Abhängigkeiten reden.
Tobias: Das sehe ich so wie du. Die #MeToo-
Berichterstattung vieler Medien sehe ich Einfach jetzt anfordern:
trotzdem kritisch, bisweilen auch unsere eige-
ne. Und ich betone, dass das manchen ­Frauen [Link]/flexibel75
im Haus nicht anders geht.
Simone: Wie bei allen Missständen haben wir oder telefonisch unter 040 3007-2700
auch bei #MeToo-Fällen den klaren Auftrag, (Bitte Aktionsnummer angeben: SP22-059)
genau hinzuschauen und sie aufzudecken.
Das ist das Kerngeschäft des SPIEGEL .
Tobias: Die Frage ist nicht, ob wir über #Me-
Too-Fälle berichten sollen. Die Frage ist, mit
25 %
welchem Gestus, wie selbstgewiss oder wie
sparen im
zweifelnd. ersten Jahr
Simone: Wir diskutieren viel über unsere
#MeToo-Recherchen. Wir sind insgesamt sehr
kritisch miteinander. Das empfinde ich als
Stärke, aber auch als Problem. Zu viel Selbst-
kasteiung kann demotivierend wirken. Ich
will nicht, dass Kolleginnen und Kollegen für
sich den Schluss daraus ziehen, solche Re-
cherchen nicht mehr zu machen.
Susanne: Auch ich war immer dafür, #MeToo-
Fälle investigativ zu recherchieren. Die Kolle-
ginnen und Kollegen, die das tun, verdienen
Respekt und Unterstützung. Dass wir so sehr
darum ringen, liegt daran, dass allein der ge-
äußerte Verdacht eine Existenz vernichten kann.
Simone: Für #MeToo-Recherchen gelten die-
selben journalistischen Standards wie für alle
anderen Recherchen. Und ein besseres Kor-
rektiv als unsere Dokumentation und unsere
Rechtsabteilung kenne ich nicht.
Susanne: Und trotzdem sollten wir Mechanis-
men entwickeln, um verschiedenen Blick-
weisen mehr Raum zu geben. In Geschlechter­
debatten ist es ein Problem, wenn eine Seite
sich engagiert und die andere schweigt.
Simone: Mehr Männer würden den Recher-
chen sicherlich guttun. Im Moment dominie-
ren da eher noch die Frauen. Außerdem sind
gemischte Teams generell erfolgreicher. Das
Bild ist selten schwarz-weiß, es wird grauer,
je genauer man hinschaut.  n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 67


T I T E L 75 JA H R E D E R S P I E G E L

Fake News, Hate Speech oder Lügenpresse: In kaum einem aber auch Autorinnen und Autoren im Netz (und im schlimmsten
anderen Bereich hat sich in den vergangenen Jahren so Fall darüber hinaus) beschimpft und angegriffen werden –
deutlich Entfremdung gezeigt wie im Verhältnis zwischen nur weil sie eine Meinung vertreten, die nicht allen gefällt?
Medien und ihren Nutzerinnen und Nutzern. Und wie kommt es, dass aus­gerechnet in Deutschland
Etablierte Medien gelten Impfskeptikern, Verschwörungs­ ­Wissenschaftlerinnen und Forschern nicht mehr geglaubt wird?
theoretikern oder einfach denen, die sich nicht (mehr) Vor allem aber: Was hat das mit uns, den Medien, zu tun?
­angesprochen fühlen, wahlweise als gekauft, parteiisch oder Auf diese Fragen suchen wir Antworten. Was müssen wir
politisch ­instrumentalisiert. Dass sie informieren, filtern tun, um wieder die zu erreichen, die wir verloren haben? Wie
und aufklären, dass sie eine Wächterfunktion ausfüllen und schaffen wir es, Vertrauen aufzubauen? Um das, was so gern als
die Flut an Informationen ordnen, zählt anscheinend Spaltung der Gesellschaft bezeichnet wird, zumindest nicht
nicht mehr. größer werden zu lassen.
Was aber bedeutet es für unser demokratisches Zusammen­ Anlässlich des SPIEGEL-Jubiläums haben wir ausnahms­-
leben, wenn wir etwa in Ostdeutschland einen großen weise mal andere gebeten, sich dazu Gedanken zu
Teil der ­Menschen nicht mehr erreichen? Wie verändert sich machen – auch darüber, was wir als SPIEGEL besser machen
unsere Debattenkultur, wenn Politikerinnen und Politiker, könnten.

regionalen westdeutschen Medien


OSTDEUTSCHLAND vom Osten zeichneten. Ihre Erkennt-
nis, zusammengefasst von dem His-

Die Wirklichkeit ist


toriker Rainer Gries: »Die Ostdeut-
schen werden nicht auf Augenhöhe
wahrgenommen, sondern sie bleiben

krass genug
auch zwei Jahrzehnte nach dem Mau-
erfall die anderen.«
Im Osten sitzend, fiel er mir auf:
Der Blick der West-Redaktionen ist
geprägt von Stereotypen und den
Der Blick der West-Redaktionen auf die neuen Bundesländer ist geprägt ­immer gleichen Themen: Stasi, Neo-
von Stereotypen und den immer gleichen Themen: Stasi, Neonazis, nazis, ungleiche Lebensverhältnisse.
­ungleiche Lebensverhältnisse. Ich weiß auch, warum: weil es verdammt schwer Anlass für Berichterstattung waren
ist, den Osten zu erklären – selbst als Ossi. Ein Essay von Sascha Aurich fast ausschließlich Statistiken und
Jahrestage, die Beiträge beruhten
häufig auf einer Art Glücksrad-Jour-

I
nalismus: Reporter schwebten in öst-
ch kam 2010 zurück nach Sach- ­ ehr als ein Jahrzehnt später, jeden-
m lichen Gefilden ein, sahen was, hörten
sen und war baff: wie sie einem falls außerhalb von Leipzig und Dres- was und rauschten wieder ab. Wenn
begegneten, die Menschen hier. den. Ich habe mich daran gewöhnt, es gut lief, hatten sie Erhellendes er-
Diese Mischung aus Scheu und Stren- langsam. fahren, im schlechtesten Fall kehrten
ge. Kleingartenpflege mit einer nie In Baden-Württemberg, wo ich bis sie mit bestätigten Klischees in die
gesehenen Ernsthaftigkeit. Sport sel- zu meinem Aufbruch in den Osten westlichen Schreibstuben zurück.
ten nur zum Spaß. Abendessen im die längste Zeit meines Lebens ver- In Baden-Württemberg, wo ich mit
Restaurant spätestens um 18 Uhr. bracht hatte, war ich der Ossi-Verste- dem Journalismus begonnen habe,
Uwe Mann / Freie Presse

Wurstgulasch. Würzfleisch. Soljanka. her. Qualifiziert durch Geburt in Karl- riet mir eine erfahrene Kollegin schon
Es dauerte, bis wir uns verstanden. Marx-Stadt und sporadische Besuche als Volontär bei einer Lokalzeitung,
Bis ich sie verstand. in Sachsen vor und nach dem Mauer- montags den SPIEGEL zu lesen. Da
Die Eigenheiten der Sachsen, ja fall. Zudem haftete mir ein Hauch von stehe immer was drin, was neu und
der Ostdeutschen insgesamt, hatten Abenteuer an – meine Eltern hatten wichtig sei für die eigene Arbeit. The-
nicht einfach nur überlebt. Waren Anfang der Achtzigerjahre per Aus- men und Nachrichten, die man auf-
nicht Teil eines größeren Ganzen ge- Aurich ist stellvertre- reiseantrag den Westen erreicht, wir greifen könne. Heute, in unserer Re-
worden, innerhalb dessen sie als folk­ tender Chefredakteur waren schließlich am Bodensee ge- daktion der »Freien Presse« in Chem-
der »Freien Presse«.
loristische Besonderheit ihren Platz Geboren 1973 im strandet. Von da an verbrachte ich nitz, ist der SPIEGEL in dieser Hin-
fanden wie in anderen Regionen. damaligen Karl- mein Leben weitgehend im blühen- sicht für mich bedeutungslos. Klar,
Die vermeintlichen DDR-Über- Marx-Stadt, zog er den Südwesten der Republik. viele Kollegen lesen ihn, die meisten
bleibsel waren bestimmender Teil der im Januar 1982 Schon nach den ersten Tagen in auch mit persönlichem Gewinn. Aber
mit seinen Eltern in
Ost-Identität. Von vielen gelebt auf den Westen. 2010 Chemnitz wurde mir klar: Ich bin ah- die Redaktionskonferenzen, in denen
eine Art, als wollte man den Westen wechselte er von nungslos. Und wenn ich schon keine jemand auf einen SPIEGEL-Beitrag
nicht reinlassen in sein Leben. Als be- der »Pforzheimer Ahnung hatte, wie musste es denen hinwies, den wir unbedingt für unse-
stünde die Gefahr, dass man sich sonst Zeitung« aus gehen, die noch nie einen Fuß in die re Arbeit an unseren eigenen, den
Baden-Württemberg
als Ost-Bürger in den neuen Möglich- zur »Freien Presse« – sogenannten neuen Bundesländer Ost-Themen beachten müssten, kann
keiten auflöst. nicht etwa wegen gesetzt hatten? Oder höchstens im ich nach mehr als zehn Jahren an
Dieses Vorsichtige, Zweifelnde ausgeprägter Urlaub an die Ostsee gefahren waren? einer Hand abzählen.
und die weitgehende Abwesenheit Heimat­gefühle, Just 2010 veröffentlichten For- Nimmt man die verkaufte Print-
sondern weil eine
von so etwas wie Dolce Vita prägen interessante scher aus Jena, Leipzig und Wien eine auflage als Maßstab, interessieren sich
die sächsische Grundstimmung auch Aufgabe lockte. Studie über das Bild, das die über- die normalen Leserinnen und Leser

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75 JA H R E D E R S P I E G E L T I T E L

in Sachsen nur marginal für den


­SPIEGEL. Ihren prozentualen Anteil
an den SPIEGEL-Lesern in ganz
Deutschland kann man ebenfalls an
einer Hand abzählen, und man
braucht dafür nicht einmal alle fünf
Finger. Der SPIEGEL befindet sich da-
mit in bester West-Gesellschaft: Zählt
man in Sachsen die tägliche verkauf-
te Auflage von »Süddeutscher Zei-
tung«, »Frankfurter Allgemeiner Zei-
tung« und »Welt« zusammen, kommt
man auf eine vierstellige Zahl. Bei
vier Millionen Menschen, die in Sach-
sen leben. In ganz Ostdeutschland
verkauft der SPIEGEL neun Prozent
seiner gedruckten Inlandsauflage, bei
einem Bevölkerungsanteil der Ost-
deutschen von 20 Prozent.
Natürlich hat eine Regionalzeitung
Heimvorteil. Zumal ich im Gespräch
mit Leserinnen und Lesern schnell

Rainer Jensen / picture-alliance / dpa


feststellte, wie viel es ihnen bedeutet,
wenn ihr Gegenüber einer von ihnen
ist. Aber nicht einmal das hilft bei den
ganz Harten. Zur Wahrheit gehört,
dass es hier viele Menschen gibt,
denen auch wir als »Freie Presse«
kaum näherkommen als der SPIEGEL.
Etablierte Medien werden von ihnen
mit dem Staat und seinen Institutio-
nen gleichgesetzt – in der Deutung Graffiti an der »Zeit«, in dem es auch um seine Rol- führt, dass intensiver und interes­
dieser Leute ein einziger, im Gleich- Berliner Mauer 2009 le als Ost-Versteher ging. »Neulich sierter auf Sachsen geschaut wurde
klang tickender Koloss, der undurch- fragte mich in der SPIEGEL-Konferenz als je zuvor.

D
sichtige Ziele verfolgt. jemand: Herr Osang, jetzt erzählen
Wir begegnen diesen Menschen Sie uns doch mal, was ist denn da im ass damit aber nicht schlagartig
jeden Tag, auf den Facebook-Seiten Osten eigentlich los?«, sagte Osang. alles anders und besser wurde,
der »Freien Presse«. Zu erkennen »Und ich dachte, woher soll ich das davon zeugte im Jahr darauf
sind sie zuverlässig an dem Lach- wissen.« Gewiss steckt in dieser Epi- ein SPIEGEL-Titel. »So isser, der Ossi«
Emoji, mit dem sie auf Coronabeiträ- sode auch eine gewisse ­Koketterie. stand auf dem Cover. Und für das
ge reagieren. Hinter nahezu jedem Aber vor allem der wahre Kern, dass ­informierte Publikum war dazu noch
dieser Emojis verbirgt sich ein mehr ein Osang allein noch keine umfas- ein Mann mit Anglerhut in Schwarz-
oder weniger verstörendes Nutzer- sende Ost-Expertise macht. Den Os- Rot-Gold abgebildet. So einen Ang-
profil, bei dem man selten lange su- ten erklären müssen – pure Überfor- lerhut, muss man wissen, hatte ein
chen muss, bis alles klar ist. »Ich derung. vermeintlich typischer Sachse getra-
scheiß auf solidarisch, ich bin solide Dass ein genauer, offener Blick auf gen, der am Rande des Besuchs von
arisch« – solche Sprüche sind dort als die ostdeutschen Problemzonen ge- Bundeskanzlerin Angela Merkel in
Profilbild zu sehen. lingen kann, zeigt das Jahr 2018. Dresden bei einer Pegida-Demonstra-
Aber längst nicht alle Sachsen sind Über Wochen richteten Redaktionen tion ein Fernsehteam aggressiv an-
hoffnungslose Fälle. Deshalb ist es so aus ganz Deutschland und darüber gegangen war. Der Mann, der schnell
fatal, die Menschen im Osten in der hinaus ihre Aufmerksamkeit gen als »Hutbürger« berühmt wurde, ent-
Berichterstattung immer wieder auf Chemnitz. Die rechtsextremen und puppte sich zu allem Überfluss auch
ihre übelsten und radikalsten Ver­ rassistischen Ausschreitungen nach noch als Mitarbeiter des Landeskri-
treter zu reduzieren – und sei es da- einer tödlichen Attacke durch einen minalamts. Und die filmenden Jour-
durch, dass man die anderen weit- Asylbewerber warfen Fragen auf, die nalisten wurden ohne ersichtlichen
gehend ignoriert. sich ohne tiefere Kenntnis der säch- Grund von Polizisten 45 Minuten

W
sischen Verhältnisse nicht beantwor- lang festgehalten. Das ganze miese
er über das Ost-Bild des »Das ganze ten ließen. Die Proteste hatten zudem Bild von Sachsen, komprimiert in
­SPIEGEL nachdenkt, kommt miese Bild ein Ausmaß, das dringend nach Ein- einem einzelnen Ereignis.
an Alexander Osang nicht ordnung verlangte. Was ich erlebt Das Titelbild war eine Zumutung.
vorbei. Jahrelang hat er als SPIEGEL- von Sach- habe, war ehrliches Interesse und mit »So isser, der Ossi.« Stirnrunzeln war
Reporter den Lesern den Osten er- sen, kom- teilweise großem Aufwand betrie­ in meinem Umfeld noch die freund-
klärt, wie man so schön sagt. Viel- bene Recherche. Ein, zwei Wochen lichste Reaktion auf dieses Cover.
leicht ging man in Hamburg davon primiert war die »Freie Presse« eine Art Dreh- Schlimm an dem Ossi-Titel war,
aus, dass mit diesem Spitzenautor die in einem kreuz für Kolleginnen und Kollegen dass sich dahinter ein hervorragender
Baustelle Ost weitgehend abgedeckt aus anderen Redaktionen, die sich Text verbarg. Autor Steffen Winter
sei. Im Dezember 2017 führte Osang einzelnen ein genaues Bild machen wollten. Die hatte ein kluges und komplexes Por-
ein Gespräch mit zwei Kollegen der Ereignis.« Dramatik der Lage hatte dazu ge- trät Ostdeutschlands und seiner Be-

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T I T E L 75 JA H R E D E R S P I E G E L

wohner abgeliefert. Selten dürfte der


­SPIEGEL der Antwort auf die Frage, warum
der Osten so ist, wie er ist, nähergekommen
sein. Vielleicht war das Cover ein letzter
Rückfall in alte, west-chauvinistische Zeiten. HATE SPEECH

Es geht nicht
Journalisten sind keine Politiker. Sie sind
nicht unmittelbar verantwortlich dafür,
wenn ein Bundesland gegen die Wand ge-

um Kritik
fahren wird, jahrzehntelang gab es schwere
Versäumnisse, gerade in Sachsen. Die CDU
hat den Rechtsextremismus maßgeblich ver-
harmlost, die Skepsis gegenüber der Demo-
kratie, den Parteien und staatlichen Institu- Der Hass im Netz wird vor allem zum Problem, wenn der Hass das Netz
tionen nicht ernst genommen und die Zivil-
gesellschaft schmählich im Stich gelassen.
ver­lässt. Betroffene sind auf sich gestellt – denn weder Polizei noch
Das kann auch der beste Journalismus nicht Justiz sind ausreichend geschult. Ein Essay von Margarete Stokowski
reparieren.

W
Aber Redaktionen wie die des SPIEGEL
können dazu beitragen, dass die Vernünfti- enn man über die polarisierte Gesell- Zecke sei, dass ich hässlich sei und meine Eier-
gen sich repräsentiert und wahrgenommen schaft und den öffentlichen Diskurs stöcke verfault seien, dass sie hoffen, dass ich
fühlen. Journalismus beeinflusst den Ton redet, landet man immer wieder beim von Arabern vergewaltigt würde.
von Debatten und prägt den Blick derer, die Thema Hass im Netz – aber was damit ge- Der Hass ist mir persönlich egal. Wenn
sich durch ihn ein Bild von einer Region und meint ist, ist oft eigenartig unklar. Alle wissen man politische Autorin ist, gewöhnt man sich
ihren Menschen machen. Er wirkt auch auf – oder scheinen zu wissen –, dass Hass im daran, oder man hört auf und macht etwas
die Zivilgesellschaft, die langfristig darüber Netz schlimm ist und schlimmer wird, Debat- anderes. Ich habe mich daran gewöhnt. Man
entscheidet, wohin sich ein Land bewegt. ten schädigt und zur Spaltung der Gesellschaft macht diesen Job nicht, um möglichst beliebt
Der SPIEGEL wird von denen, die die Demo- beiträgt. Aber wenn es um die Details geht, zu werden; da gäbe es erfolgversprechendere
kratie aushöhlen, nicht zur Kenntnis genom- ist die Kenntnislage bei Nichtbetroffenen oft Wege. Wenn man so etwas sagt, denken Leu-
men. Im besten Fall aber von denen, die sie eher dünn. te oft, man wolle nur besonders abgebrüht
retten können. Ich habe das häufig bei Lesungen oder an- klingen, aber es stimmt. Altenpflegerinnen
Wie kann der Journalismus dem Osten deren Veranstaltungen erlebt, fast immer wer- gewöhnen sich, soweit ich weiß, ja auch da­ran,
gerecht werden? Was kann der SPIEGEL tun? de ich bei solchen Anlässen gefragt, wie ich mit Exkrementen zu tun zu haben.
Gute Berichterstattung über Ostdeutschland als Autorin damit umgehe, dass ich von Hass Was man aber nicht ignorieren kann, ist,
ist nicht zuerst eine Frage des Geldes. Auch im Netz betroffen bin. Die Fragen gehen dann wenn Leute ankündigen, dem Hass Taten fol-
wenn mehr Reporter vor Ort guttun wür- meistens in die Richtung: »Wie ist das für Sie, gen zu lassen. Und damit sind wir bei einem
den – entscheidend ist am Ende, wie die was macht das mit Ihnen?« Und: »Was kann zentralen Problem: Hass im Netz bleibt nicht
Redaktion und ihre Führung auf den Osten man dagegen tun?« notwendigerweise im Netz. Das wird spätes-
blicken. Von oben herab wird das nichts. Zwei Punkte dazu: Was »es« mit »mir« tens dann klar, wenn sich Menschen auf
Den Osten ernst nehmen, nur so kann es macht, halte ich erstens nicht für den zentra- ­Telegram zu Fackelmärschen vor Häusern
gehen. Und zwar nicht die Schreihälse. Son- len Punkt der Debatte. Das Interesse daran verabreden oder live streamen, wie sie jeman-
dern die Menschen in der dritten oder vier- ist verständlich, aber manchmal habe ich das den am Arbeitsplatz »besuchen«.
ten Reihe, die nur hinterhertrotten. Und Gefühl, dass diese Frage von einer gewissen Ein häufiger Ratschlag an Leute, die so-
dann vor allem jene, die sich ein anderes, Sensationslust getragen ist: Na, hält sie das genannte Shitstorms erleben, ist: Mach doch
besseres Ostdeutschland wünschen, sich aus? Wird sie uns etwas über Nervenzusam- mal das Handy aus. Ein weiterer Ratschlag:
aber nicht mehr aus der Deckung trauen. menbrüche und schlaflose Nächte erzählen? Zeig die doch an, wenn sie dich beleidigen
Sie müssen Gehör finden, ihr Leben muss Wird sie nicht. Sie kommt schon klar. oder bedrohen. Das erste Problem daran:
stattfinden, wenn es um den Osten geht. Der Und zweitens: Um wissen zu können, was Beide Ratschläge widersprechen sich. Wenn
Anspruch auch des SPIEGEL sollte sein: raus man gegen Hass im Netz tun kann, muss man man jemanden anzeigen will, muss man alles
aus den Mustern der Berichterstattung, weg erst mal klären, worum es da geht. dokumentieren, man braucht Links zu Pos-
von den üblichen Verdächtigen. Echtes In- Denn weder »Hass« noch »im Netz« sind tings und Profilen und zusätzlich Screenshots.
teresse für den Alltag im Osten. Die Zeit der selbsterklärend. Als ich auf einer Lesung sag- Das kann man nicht zusammenstellen, wenn
Zuspitzung ist vorbei, die Wirklichkeit ist te, dass ich das meiste, was sich an Hasskom- man »einfach mal das Handy ausmacht«.
krass genug. mentaren unter meinen Texten oder Tweets Und das zweite Problem: Es geht nicht weg,
Nach der Vereidigung des neuen Bundes- oder in meinem Posteingang einfindet, ein- wenn man wegguckt. Im Zweifel kann es sogar
kanzlers Olaf Scholz las ich auf [Link] fach ignoriere und nur ab und zu mal jeman- gefährlich werden, wenn man nicht mitbe-
einen Kommentar über dessen Kabinett, in den anzeige, meldete sich ein Zuhörer, Typ kommt, dass Leute einen Angriff ankündigen
dem kaum Ostdeutsche sitzen. Geschrieben Lehrer kurz vor der Pensionierung, und frag- oder die Wohnadresse veröffentlichen. Soge-
hatte ihn Timo Lehmann, Jahrgang 1991, in te: »Aber ist es nicht auch wichtig, Kritik ernst nanntes Doxing ist längst ein zentraler Be-
Sachsen-Anhalt studiert, eine neue SPIEGEL- zu nehmen? Machen Sie es sich da nicht etwas standteil von Hass im Netz geworden: die Ver-
Generation. Lehmann schrieb: »Man kann leicht, wenn Sie das ignorieren?« öffentlichung privater Daten einer Person, also
als Westdeutsche den Sachsen einfach Aber es geht nicht um Kritik. Der Zuhörer etwa von Politiker:innen oder Journalist:innen,
Dummheit oder Larmoyanz vorwerfen, wusste tatsächlich nicht, was ich meinte: nicht gegen deren Willen, zwecks Einschüchterung.
weil sich zu viele nicht impfen lassen oder Leute, die eine andere Meinung haben als ich. Dabei kann es um die Wohnadresse gehen,
AfD wählen. Allein: Helfen wird das gar Sondern Leute, die mir Beleidigungen oder aber auch um die Telefonnummer, Mail-
nichts.« Drohungen schicken. Texte darüber, wie sie Adresse, um Auto und Autokennzeichen, die
Der Mann hat Ahnung. Und man darf mich vergewaltigen, erschießen, verprügeln, Namen der Kinder oder anderer Familienmit-
festhalten: So isser inzwischen auch, der anzünden, aufhängen wollen. Dass ich eine glieder oder um Orte, an denen die Person oder
SPIEGEL. n gierige polnische Schlampe und eine eklige ihre Familienmitglieder sich häufig aufhalten.

70 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


75 JA H R E D E R S P I E G E L T I T E L

Spätestens wenn man Opfer von die Staatsanwaltschaft. Allerdings einen vernünftigen Umgang mit Hass
Doxing wird, ist der Hass im Netz lautete der Straftatbestand nicht etwa im Netz finden.
nicht mehr nur im Netz. Dann kann Bedrohung, sondern »Verbreitung Zwar wird Hass im Netz in den
es passieren, dass man, um ein paar pornographischer Schriften«. Medien häufig thematisiert, oft aber
Beispiele zu nennen, am Tag 20 Piz­ Noch ein Beispiel: eine Sicher­ auch mit Formulierungen à la »Es
zen geliefert bekommt, die man nicht heitsberatung beim LKA wegen aku­ kann jeden treffen«. Das stimmt zwar

Jelka von Langen


bestellt hat, oder dass jemand vor der ter Bedrohungslage. Die Tipps, die theoretisch, faktisch aber nicht wirk­
Tür steht und Sturm klingelt oder dass ich bekam: »Posten Sie nicht Ihren lich: Hass im Netz ist keine Natur­
man tote Vögel und Hundekot im Standort im Internet. Wenn Sie gewalt, die ab und zu wahllos über
Briefkasten findet, Graffiti im Trep­ abends alleine raus müssen, nehmen Einzelne hereinbricht. Gewalt im
penhaus, ein Hakenkreuz an der Stokowski wurde Sie eine Taschenlampe mit. Meiden ­digitalen Raum trifft Frauen, die sich
1986 in Polen
Wohnungstür und so weiter. Das ist geboren, seit 1988
Sie dunkle Gegenden, in denen sonst öffentlich politisch äußern, häufiger
eine Auswahl der Dinge, die Journa­ lebt sie in Berlin. niemand ist. Und wenn Ihnen etwas als Leute, die Backrezepte auf Chef­
list:innen oder Aktivist:innen, die ich Sie arbeitet als freie komisch vorkommt, rufen Sie die [Link] teilen.

M
kenne, in den vergangenen Jahren Autorin für diverse 110.« Ich kenne Dutzende solche Er­
Medien. Ihr femi­
passiert sind nistischer Bestseller
zählungen von anderen Journalist:in­ an weiß aus anderen Umfra­
Das kann für Betroffene die Folge »Untenrum frei« nen. Manchen wird geraten, gar nicht gen auch: Jüngere sind öfter
haben, dass sie umziehen, den Job ist 2016 im Rowohlt mehr allein rauszugehen. Oder ab betroffen als Ältere, und wer
wechseln, eine Kamera am Haus­ Verlag erschienen. und zu unters Auto zu gucken, ob da im Alltag von Sexismus, Rassismus,
2018 folgte
eingang installieren oder die Familie »Die letzten Tage
der von irgendwelchen Hatern an­ Queer- oder Transfeindlichkeit be­
warnen, dass merkwürdige und un­ des Patriarchats«. gekündigte Sprengsatz zu finden ist. troffen ist, ist es im Netz auch. »Mäd­
angenehme Dinge passieren könnten. Polizei und Justiz zu schulen ist chen und Frauen erhalten viel hefti­
Oder all die kleinen, aber sehr ner­ eine Forderung, die man leicht er­ gere Inhalte zugeschickt als Männer,
vigen und oft teuren Dinge, die den heben kann. Aber natürlich können etwa Vergewaltigungsandrohungen.
Alltag erschweren: den Namen am auch Einzelne etwas tun. Selbst unter Die sexualisierte Gewalt ist bei Frau­
Klingelschild ändern, nichts mehr Journalist:innen ist es nicht selbstver­ en im Netz viel massiver«, sagt Anna-
nach Hause bestellen, um die eigene ständlich, sich Betroffenen gegenüber Lena von Hodenberg von HateAid,
Adresse zu schützen, alle Post an ein solidarisch zu zeigen. Ich hatte schon einer Beratungsstelle für Opfer digi­
Postfach umleiten, die Wohnungstür Gespräche mit Kolleg:innen, die auf taler Gewalt, in einem Interview.
verstärken. die Tatsache, dass ich mal wieder »Eine Frau, die heute in die Öffent­
Wer das noch nicht erlebt hat, wird Morddrohungen erhalten hatte, mit lichkeit geht und sich politisch äußert,
wahrscheinlich denken: Ja, aber bei Sätzen reagierten wie: »Also, ich bin ist nicht mehr sicher.«
so was geht man doch zur Polizei! Ja, ja nicht so wichtig, tja, mich bedroht Im Moment ist es so, dass es zu
sicher. Oft geht man dann zur Polizei. ja keiner.« Oder: »Tja, das ist halt die wenige Anlaufstellen für Betroffene
Allein: Die tut nicht immer was. Teils andere Seite der Medaille, wenn man gibt, auch deswegen helfen sich Men­
weil sie nichts tun kann und teils weil Bestseller schreibt, ne?« schen, die beleidigt und bedroht wer­
das Problem nicht erkannt wird. Zu­ Als wären Drohungen der Preis für den, oft gegenseitig. Ich könnte nicht
sätzlich haben Betroffene von rechter Ruhm und Ehre. Alles daran ist falsch. mehr an beiden Händen abzählen,
oder rassistischer Gewalt nicht un­ Denn man kann natürlich auch Best­ wie oft sich schon Kolleg:innen an
bedingt ein gutes Gefühl dabei, zur seller schreiben, ohne bedroht zu mich gewendet haben, wenn sie An­
Polizei zu gehen, wenn sie regelmäßig werden. Manchmal denke ich, in feindungen erlebten. Manchmal kann
die Nachrichten verfolgen und wissen, einer Welt, in der Aufmerksamkeit ich dann helfen. Das ist aber eigent­
wie oft rechtsextreme Chatgruppen und möglichst große Followerzahlen lich eine Aufgabe, die Arbeitgeber,
von Polizist:innen auffliegen. manchen Leuten so unbedingt erstre­ Polizei und Justiz übernehmen müss­
In einer Forsa-Umfrage im Früh­ Kommentar im Netz benswert erscheinen, werden wir nie ten. Und es wäre eine Aufgabe der
jahr 2021 gaben 78 Prozent der Be­ allgemeinen Bildung durch Medien.
fragten an, strafrechtliche Verfolgung Wer Angst hat, zu Hause angegrif­
sei eine effektive Maßnahme gegen fen zu werden, löscht womöglich erst
Hasskommentare. Nur: Zur tatsäch­ mal hektisch sämtliche öffentlich ge­
lichen Strafverfolgung kommt es mit­ posteten Fotos vom eigenen Balkon,
unter nicht, teils weil die Situation das Schneefoto aus dem Schlafzim­
von den Ermittlern als nicht schlimm merfenster, die Fotos der Kinder. Wer
genug wahrgenommen wird, teils schon länger beleidigt und bedroht
weil Verfahren schnell wieder einge­ wird, postet so etwas längst nicht
stellt werden. mehr. Der weiß: Die Hauptaufgabe
Deswegen wäre ein notwendiger besteht darin, sich selbst zu schützen,
Schritt im Kampf gegen Hass im Netz, anderen zu helfen und dabei – und
das zuständige Personal bei Polizei das ist vielleicht das Schwierigste –
und Justiz in allen Bundesländern so nicht paranoid zu werden.
zu schulen, dass Betroffene ernst ge­ Ein bitterer Schluss, ich weiß. Um
Thomas Trutschel / photothek / IMAGO

nommen werden. Bis man nicht selbst aber am Ende doch noch was dazu
in der Situation war, glaubt man nicht, zu sagen, was »es« mit mir macht:
wie schlecht geschützt Betroffene Manchmal antworte ich den Leuten,
sind. Als ich einmal eine konkrete die mich bodenlos beleidigen, und
Drohung anzeigte, in der mir meine beleidige sie zurück. Bisschen Psy­
angeblich bevorstehende brutale Ver­ chohygiene zwischendurch. Sollen sie
gewaltigung sehr explizit und brutal mich von mir aus anzeigen – da pas­
beschrieben wurde, ermittelte zwar siert meistens eh nix.  n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 71


T I T E L 75 JA H R E D E R S P I E G E L

schlimmstenfalls zu sterben. Doch


woran denken Sie zuerst, wenn Sie
Hirnvenenthrombose hören oder
KRISENMANAGEMENT Herzmuskelentzündung? An die
­Impfungen?

7,5 Wünsche für die Was bei den Debatten über Impf-
empfehlungen oft nicht klar genug
gesagt wird: Thrombosen und Herz-

nächsten Jahre muskelentzündungen sind in erster


Linie »Nebenwirkungen« der Infek-
tion mit dem Virus. Sie sind bei
­Covid-19 ohne vorherige Impfung
Impfgegner gibt es, seit es Impfungen gibt. Aber die Lautstärke und die viel häufiger. Sehr viel häufiger. Aber
Aggressivität in der Debatte sind neu. Ich frage mich, warum die in der Debatte dominiert die Sorge
­Verschwörungstheoretiker so erfolgreich sind. Und was man dagegen tun über eine äußerst seltene Möglichkeit
einer Herzmuskelentzündung nach
kann? Ein paar Anregungen von Eckart von Hirschhausen einer Impfung.
Die wichtigere Frage ist doch:

I
­Welche Auswirkungen hat die un­
m Jahr drei der Pandemie, 50 was wir haben. Das Vertrauen in die geschützte Infektion? Und wie oft
Jahre nach dem ersten Bericht Wissenschaft ist nach wie vor da, es haben wir zu groß über sehr seltene
des Club of Rome und dem ist bei vielen zwischen 2018 und 2020 Ereignisse berichtet und die Größen-
schlimmsten Artensterben seit den sogar gestiegen. Das zeigt eine verhältnisse außer Acht gelassen? Ich
Dinosauriern, ist den wenigsten nach weltwei­te Umfrage des Wellcome habe für die ARD eine Doku gedreht
Feiern zumute. Im Gegenteil: Wir ha- Global Monitor 2020 mit mehr als über Long Covid. Seitdem weiß ich:
ben gerade drei Krisen zum Preis von 100 000 Teilnehmenden aus 113 Län- Etwa jeder Zehnte hat anhaltende Be-
zweien; jedenfalls mehr Krisen, als dern. Je mehr die Politik auf die Wis- schwerden nach einer Erkrankung
wir brauchen. Der Frust sitzt auf allen senschaft hört, desto mehr vertrauen ohne Impfschutz. Zum Teil über Mo-
Seiten tief, verstummt sind all die die Befragten auch der Politik. Das nate und Jahre.
schönen Ideen, was man alles »nach gibt Hoffnung! Ungeimpfte sagen, sie hätten
der Pandemie« ändern wolle. Vertrauen gewinnt man, wenn Angst vor Langzeitwirkungen. Lang-
Das Wichtigste in einer Krise ist es, man die Unsicherheiten der eigenen zeitschäden macht nicht die Impfung,
erst mal zuzugeben, dass man eine hat. Aussagen klar benennt. Das sollte Langzeitschäden macht das Virus.
Auch ganz persönlich. Ich zum Bei- auch für Talkshows gelten: Die per-
spiel habe es nicht geschafft, eine Frau sönliche Meinung und der Sachstand Wunsch 3: Erfolge sichtbarer machen
aus meinem privaten Umfeld und ihre des Wissens müssen besser unter- Wissen Sie, wie viele Menschen nicht
Familie zu überzeugen, sich gegen Co- schieden und benannt werden. Das an Covid-19 gestorben sind, weil sie
vid-19 impfen zu lassen. Ich kam und hilft gegen falsche Sicherheit und geimpft waren? Die beste Studie, die
komme gegen ihre tiefe Überzeugung, ­»false balance«: dass Sachverhalte ich dazu gefunden habe, schätzt das
die Impfung sei riskanter als die Er- plötzlich strittig erscheinen, weil für Europa sehr vorsichtig ein, nur für
krankung, nicht an. Dabei habe ich im­ Pseudoexperten das behaupten. den Zeitraum zwischen Dezember
mer geglaubt, dass es reiche, wenn man Wissen und Informationen sind im 2020 und November 2021 und nur
lange genug die Sorgen ernst nimmt, Überfluss vorhanden. Deshalb ist es bei Menschen über 60 Jahren. Und
Dinge erklärt, auf verlässliche Quellen falsch zu glauben, wir müssten nur trotzdem (Trommelwirbel!): Europa-
hinweist. Ist aber nicht so, »das Inter- weiter forschen und veröffentlichen, weit hat die Impfung etwa eine halbe
net« war vertrauenswürdiger. dann würde die Welt vernünftig. Al- Million Menschen vor dem Tod be-
Es wäre leicht, sich über die ob­ lein »Sagen, was ist« hilft da nicht. wahrt. Das sind 500 000 Omas und
skuren Theorien zu erheben. Impfgeg- Man muss es auch richtig sagen. Des- Opas, Onkel und Tanten, Mütter und
ner gibt es, seit es Impfungen gibt. Aber halb wundere ich mich, dass im neuen Väter, die leben. Das sollten wir mal
die Dimension, die Lautstärke und die Expertenrat mit Cornelia Betsch und richtig feiern!
Aggressivität in der Debatte sind neu. Ralph Hertwig nur eine Expertin für
Deshalb müssen wir uns damit ausein- Gesundheitskommunikation und ein Wunsch 4: Die Macht der Basis nutzen
andersetzen und uns Fragen stellen: Entscheidungspsychologe sitzen  – Feuerwehrleute, Rettungssanitäter,
Dominik Butzmann / laif

Warum sind die Verschwörungstheore- neben lauter Virologen. Virologen Pflegefachkräfte und überhaupt die
tiker, die Coronaleugner so erfolgreich? wissen nicht, was gegen virale Des- Gesundheitsberufe sind in der Öffent-
Manchmal frage ich mich: Hätte es in informationskampagnen im Netz lichkeit wesentlich glaubwürdiger als
den Sechzigerjahren bereits das Inter- hilft. Das wissen Kommunikations- alle Politiker, Journalisten und Kri-
net gegeben, hätten wir heute noch profis. Vielleicht lässt sich Sascha senmanager zusammen. Weil über
Polio und Pocken? Und wo sind die Hirschhausen, Lobo nachnominieren? die Akzeptanz einer Botschaft we­
eigenen blinden Flecken der Medien- Jahrgang 1967, hat niger ihr Inhalt entscheidet als ihr
branche und Kommunikatoren? Medizin und Wunsch 2: Über die Wirkung reden Überbringer, braucht die Szene neue
Daher meine sieben(-einhalb) Wissenschafts­
journalismus studiert.
Zu Risiken und Nebenwirkungen fra- Botschafter, nicht nur Wissenschaftler,
Wünsche für ein besseres Krisenma- Er ist Arzt, Wissen­ gen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. sondern auch Menschen von der
nagement: schaftsjournalist, Aber mit wem soll man dann eigent- ­Basis.
Fernsehmoderator lich über den Nutzen reden? Die Wir- Danke an Menschen wie Franziska
Wunsch 1: Sagen, was man nicht weiß und Gründer der kung der Impfung ist: Sie verhindert, Böhler, Alexander Jorde, Ricardo
Stiftung »Gesunde
Wissenschaft ist immer der aktuelle Erde – Gesunde an Covid-19 schwer zu erkranken, Lange, Tobi Schlegl oder Joko und
Stand des Irrtums – aber das Beste, Menschen«. ins Krankenhaus zu müssen und Klaas für die Aktion »Pflege ist

72 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


75 JA H R E D E R S P I E G E L T I T E L

gle verpflichten, nach dem Bullshit direkt das


zugehörige Faktencheck-Video anzuzeigen?
Erste freiwillige Ansätze gibt es bereits, aber
sie reichen in meinen Augen nicht aus.
Aufseiten der User müssen wir die »Bull­
shit-Resilienz« erhöhen. Das heißt, von der
Grundschule bis in die Politik müssen Recher­
chekompetenz, Quellenprüfung und das Wis­
sen über Verzerrungen und Denkfehler All­
gemeinwissen werden. Wir haben gelernt, uns
die Hände zu waschen, um keine Keime wei­
terzugeben. Wann lernen wir, auch auf den
Handys Hygienestandards einzuhalten und
keine toxischen Falschinformationen zu ver­
breiten?

Wunsch 7: Die wichtigsten Fragen stellen


für die nächsten 75 Jahre
Wir stecken in drei globalen Krisen: der Pan­

Hanspeter Etzold / REUTERS


demie, der Klimakrise und dem Artensterben.
Neu daran ist: Wir sind Opfer und Täter. Wie
viele »Jahrhundertereignisse« benötigen wir
noch, um zu verstehen, dass dieses Jahrhun­
dert anders ist als alle zuvor? Ein CO2-Molekül
ist nicht durch Abkommen zu beeindrucken,
sondern durch ein Ende fossiler Emissionen.
Streitobjekt Spritze (von Schafen und Ziegen gebildet): Langzeitschäden macht das Virus
Ein Virus braucht kein Visum, um Ländergren­
#NichtSelbstverständlich«. Danke den Ärzten oder wehtun. Sonst wird das 21. Jahrhundert zen zu überschreiten, ihm ist es sogar egal, ob
Carola Holzner, Uwe Janssens sowie den Ini­ wieder zum Mittelalter. wir Mensch sind oder Tier, Privatpatient oder
tiatoren und mehr als 300 000 Unterstützern So wichtig es für die Demokratie, jeden gesetzlich versichert. Es tut, was es tut.
der Petition »Pflege braucht Würde«. Auch Bürger und die Presse ist, Politik und öffent­ Warum mutiert das Virus? Wegen der Un­
Altenpflege ist intensiv. liche Akteure kritisieren zu dürfen: Wir als geimpften! Blickwechsel von Sachsen nach
Warum wird immer noch so viel über Pfle­ Gesellschaft verlieren, wenn sämtliche reflek­ Soweto: Das ist eine »Pandemie der Unge­
gende, aber so wenig mit ihnen gesprochen? tierten, sensiblen und vernunftbegabten Men­ impften«! Und zwar der unfreiwillig un­
Wo ist ihre Lobby? Warum gibt es bis heute schen vergrault werden. Dann bleiben für die geimpften Menschen auf dem afrikanischen
keine schlagkräftige bundesweite Pflegekam­ Aufgaben und Ämter die Egomanen übrig, Kontinent – ebenso wie in Indien, Südame­
mer, die den Kammern der Ärzte und Apo­ die Narzissten und Psychopathen. Wer will rika und der Hälfte der Welt, die wir ignorie­
theker etwas entgegensetzt? Ein Podcast von das? Wenn diese Pandemie irgendeinen Sinn ren, obwohl wir ständig das Wort »Pandemie«
Pflegen­den für Pflegende könnte theoretisch hat, dann diesen: im Kampf gegen das Virus nutzen – was »überall« bedeutet. Neun von
1,5 Millionen Menschen erreichen, die wich­ das »Wir« wiederzuentdecken. zehn Menschen in Afrika hatten bislang keine
tigsten neuen Entwicklungen und Ideen ver­ Grundimmunisierung. Dabei würden laut
mitteln, inklusive allem, was die seelische Wunsch 6: Unsinn professionell und ­Covax-Initiative 20 Milliarden Euro reichen,
Gesundheit schützt. kunstvoll kontern! um 40 Prozent der Ärmsten zu schützen. Das
Aus der größten Gruppe im Gesundheits­ Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, war es uns bis heute nicht wert.
wesen könnte so auch der effektivste Ver­ aber nicht auf eigene Fakten. Im Kampf gegen Sind 20 Milliarden viel Geld? Nein. Allein
mittler in die Mitte der Gesellschaft werden. Falschinformationen ist Geschwindigkeit ein die Deutschen geben mehr als 60 Milliarden
Schlüssel. Eine verzögerte Reaktion auf vira­ Euro im Jahr für Medikamente aus, die wahr­
Wunsch 5: Gemeinsinn macht Sinn. Hass nie len Bullshit wirkt in der Schnelllebigkeit der scheinlich nicht mal zur Hälfte genommen
Als ich vor der Wahl Karl Lauterbach zufällig Aufmerksamkeitsgesellschaft wie eine Bestä­ werden. Die europäische Wirtschaft zu för­
im Zug traf, reiste er mit Personenschützern, tigung. Momentan fühlt sich dafür aber keine dern ist uns 800 Milliarden wert. Jede neue
weil er verbal und tätlich angegriffen worden Institution so richtig zuständig. Segensrei­ Coronawelle kostet uns weitere Menschen­
war. Es hat mich erschüttert. Laut der Zeit­ cherweise gibt es viele großartige aufkläreri­ leben und Milliarden. So wie jede Flutwelle,
schrift »Nature« haben 60 Prozent der Wis­ sche Projekte mit Faktencheckern, Richtig­ Flächenbrände und Hurrikane.
senschaftler, die sich mit Covid-19 beschäf­ stellern und Aufklärern. Danke dafür! Beide Krisen offenbaren massive Unge­
tigten, Attacken auf ihre Glaubwürdigkeit Es fehlt aber eine gut ausgestattete zen­trale rechtigkeiten und Kleingeistigkeit und erfor­
erfahren, 15 Prozent haben Todesdrohungen schnelle Einsatztruppe, die gefährliche dern jetzt globales Umdenken und Umver­
bekommen. Trends im Netz frühzeitig erkennt und »zer­ teilen, von mir aus auch aus Eigennutz. Es
Diese Einschüchterungsversuche dürfen stört«. Und zwar auf denselben Plattformen, geht erst allen besser, wenn es allen besser
wir als Gesellschaft nicht zulassen – und erst mit GIFs, Clips und bekannten Köpfen. Und geht. In der Impfprävention wie in der Klima­
recht nicht durch idiotische Sündenbocksuche kann man nicht Facebook, YouTube und Goo­ politik gilt: Das Teuerste, was wir jetzt tun
medial anheizen. Wissenschaft erleichtert uns können, ist nichts.
das Leben. Wissenschaftlerinnen und Wissen­
schaftlern das Leben unnötig schwerer zu Wunsch 7,5: Humor
machen ist verantwortungslos. Menschen, die Was noch in der Debatte fehlt? Humor. Mein
versuchen, qua Beruf und Berufung der Wahr­ »Ein Virus braucht liebster Post dazu: »Menschen, die glauben,
heit näherzukommen, dürfen weder verteu­ dass die Impfung ihr Erbgut verändert, soll­-
felt noch bedroht werden, auch wenn deren
kein Visum. ten das als Chance begreifen.« In diesem
Erkenntnisse nicht allen in den Kram passen Es tut, was es tut.« ­Sinne! n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 73


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Auch Männer kennen Body Shaming


Wer denkt, dass nur Frauen
sich mit Body Shaming und
Diätplänen auseinander-
setzen, liegt völlig falsch.
Diese Themen sind längst
auch in der Männerwelt
angekommen.

ody Shaming ist der neue Begriff,

B hinter dem sich nicht nur das


Schamgefühl für den eigenen Kör-
per angesichts schlanker und fitter
Menschen verbirgt. Nein, vielmehr geht es
auch um die Diskriminierung von Men-
schen, die nicht einem bestimmten Schön-
heitsideal entsprechen. In den allermeisten
Medien ist dieses Problem, für einen Teil
der Bevölkerung, bereits angekommen. So
wird aktuell stark darauf geachtet, keine
zu schlanken oder fitten Schönheitsideale
für Frauen zu erschaffen.

Und was ist mit uns Männern?


Von überall, aus Zeitschriften, auf Pinterest
und Instagram, ja sogar auf der News-Seite
unserer geliebten Nachrichten-Plattform
grinsen uns junge und ältere athletische
Männer mit durchtrainierten, Muskel be-
packten, meist nackten Oberkörpern entge-
gen. Sie versprechen uns den Super-Body in
kürzester Zeit oder die extreme Gewichts-
abnahme, die für immer bleibt.

Was ist daran noch gesund?


Mal ganz ehrlich, irgendwann fühlt man gen und deswegen keine Six-Packs zu sehen,
sich schlecht oder noch schlimmer, minder- bringt uns auch nicht weiter.
wertig. Da hilft es auch nicht wirklich, sich Wir Männer sind pragmatisch und ge-
hinter dem gemütlichen „Bärchen-Typ”, nauso erreichen wir auch unsere Ziele. Wir
dem „Wohlfühl-Gewicht” oder dem „Ge- sind nicht so die Typen für eine Brigitte-Diät
nuss-Menschen” zu verstecken. Eine Beule Wir Männer und tagelanges Vorkochen (was nicht heißt,
im Auto ist uns peinlich, die Ausbeulung dass nicht einige von uns auch toll kochen
unseres Bauches nicht? Wir täten gut dar- sind können). Aber wir mögen es eben gerne
an, unser Gewicht und unseren Fett-Stoff- praktisch, funktional und zielorientiert.
wechsel unter Kontrolle zu bringen. Denn pragmatisch
an dem Satz „Übergewicht ist das neue )MI�������7IKIP�JÇV�HIR�Strand-Body
Rauchen“ ist tatsächlich etwas dran. und genauso Um eine gute Figur abzugeben und sich
Positive Leitbilder abzuschaffen, um uns gesund und vital zu fühlen, muss man nicht
dadurch selbst besser zu fühlen, ist vielleicht
erreichen zehn Stunden pro Woche im Fitnessstudio
nicht der beste Weg. Und vor allem nicht der verbringen. Hat man nämlich plötzlich kei-
beste Weg für unsere Gesundheit. Gut, wir
wir unsere ne Zeit mehr dazu, nimmt man schlagartig
müssen ja auch nicht alle ein Six-Pack haben,
nur weil das Calvin Klein Model so aussieht.
Ziele. zu. Das Geheimnis ist die 80/20 Regel!
80 % Ernährung und 20 % Sport, bzw.
Aber ein „Hängebäuchlein“ zu haben, sprich „Bewegung“. Dadurch lässt sich der Stoff-
ungesundes Bauchfett mit uns herumzutra- wechsel in vielerlei Hinsicht positiv beein-
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Natürliches
Studie: Krafttraining bei Männern
Anabolikum mit und ohne Almased
Mit Almased zu weniger Fett� >IMXVEYQ����;SGLIR
und mehr Muskeln.
Kontrollgruppe ohne Almased Gruppe mit Almased
In einer Studie der Universität Freiburg lie-
ßen die Forscher zwei Gruppen Männer über
zwölf Wochen Krafttraining beobachten.
Diejenigen, die täglich zusätzlich 50 g Alma-
Körperfett
�� ���� �� ���� �
sed bekamen, verloren durchschnittlich
mehr Fett und legten mehr Muskelmasse4 zu kg
– bei gleichem Training doppelt so viel wie normale Lebensstilberatung
die Gruppe ohne Almased.1
normale Lebensstilberatung
�����K�&PQEWIH
�������

������OK ������OK
Muskeln Muskeln
Muskulatur � ��� � ��� �

������OK ������OK kg
Fett Fett normale Lebensstilberatung

normale Lebensstilberatung
Kontrollgruppe Gruppe mit �����K�&PQEWIH
ohne Almased Almased

Kraftzuwachs
Rückenstreckermuskulatur � �� �� �� ��
1 Soy protein based supplementation supports metabolic effects of %
resistance training in previously untrained middle aged males.;
Deibert et a. The Aging Male,2011;14(4):273-9 normale Lebensstilberatung
2 Das in Almased enthaltene Zink trägt zu einem normalen
Fettstoffwechsel bei. normale Lebensstilberatung
3 Weight loss without losing muscle mass in pre-obese and �����K�&PQEWIH
obese subjects induced by a high-soy-protein diet. Deibert et
[Link] Journal of Obesity, 2004 28, 1349–1352.
4 Die in Almased enthaltenen Proteine tragen zu einer Zunahme
der Muskelmasse bei, außerdem tragen Calcium, Kalium und
Magnesium zu einer normalen Muskelfunktion bei.

flussen. Das heißt, Muskelmasse kann bes- die auch in Studien belegt wird.3 So sind Warum noch warten?
ser aufgebaut werden und die Regeneration die 80 % Ernährung das geringste Problem
verläuft schneller.1 auf dem Weg zum Strand-Body. Hier geht’s
Da wir Männer „Werkzeuge” lieben,
die uns Arbeit und Leben erleichtern, grei- )IV�5PER��HIV�IFIR�IMRJEGL�funktioniert zum Ziel!
fen wir am besten auf das bekannte und Halten wir uns an den von Almased, [Link]
nachgewiesen wirksame Almased zurück. zusammen mit Ernährungswissenschaft-
Den passenden
Es hilft nicht nur, den Proteingehalt der lern entwickelten, „Bikini-Notfall-Plan“ Plan und viele Tipps
gibt’s auf unserer
Ernährung zu steigern und uns etwas satt (naja, funktioniert eben auch bei Män- Website.
zu machen, wie die meisten anderen nern), können wir schon nach wenigen
Auch für
„Mahlzeiten-Ersatz-Produkte“, es hat Wochen richtig sportlich aussehen, Männer!
auch in klinischen Studien bewiesen, dass ohne, dass wir dafür viel Zeit investieren
es den Fettstoffwechsel2 steigert und somit müssen. Okay, davon hat man noch kein
bis zu 30 Minuten auf dem Fitness-Fahr- Sixpack. Aber meist ist ja sowieso ein
rad ersetzt. Außerdem hat es bis heute ein Hemd drüber. Außerdem könnte man ja
einzigartiges Aminosäure-Profil, was dem trotzdem ab und zu mal ins Gym gehen.
menschlichen Körper optimal angepasst Den Plan findet man auf [Link] und
ist. Ja, auch dem männlichen! Dass so viele die nötigen Dosen in der Apotheke oder
Sportler Almased nehmen, bestätigt die der Versandapotheke. Der richtige Zeit-
natürliche anabole Wirkung des Produkts, punkt ist immer jetzt. Viel Erfolg also. :-)
WIRTSCHAFT

Andreas Pein / laif


Thiel

»Thiel kann mit Kurz kaum verlieren«


MANAGER   Max Chafkin, 39, Biograf des Silicon-Valley-Milliardärs Peter Thiel, über die politischen Ideen
des Investors und dessen Pläne mit dem ehemaligen österreichischen Kanzler

SPIEGEL: Herr Chafkin, Peter SPIEGEL: Thiel ist Großaktionär von Palan- ner Unterstützung für Donald Trump schon
Thiel ist seit Jahrzehnten einer tir, einem umstrittenen Unternehmen, das begonnen hat. Der nächste Schritt ist
Caroline Tompkins

der führenden Köpfe im Silicon ­Software an viele Sicherheitsbehörden ver- »Trumpismus ohne Trump«. Thiel unter-
Valley. Wozu braucht er einen kauft. Soll Kurz hier Geschäfte anbahnen? stützt Politiker, die Einwanderung radikal
»Global Strategist« Sebastian Chafkin: Palantir möchte sein Geschäft in beschränken wollen und kulturell konserva-
Kurz? Europa ausbauen. Da hilft es sicher, den Ex- tive Positionen wie den Kampf gegen
Chafkin: Es ist eine ziemlich amorphe Regierungschef eines EU-Landes um Rat Cancel-Culture und politische Korrektheit
­Jobbeschreibung. Wahrscheinlich weiß fragen zu können – selbst wenn er nicht di- vertreten.
nicht mal Sebastian Kurz genau, was sie rekt für Palantir arbeitet. Aber Thiels Plan SPIEGEL: Aber wenn Kurz wegen Korrup-
­bedeutet. mit Kurz geht sicher weit darüber hinaus. tion verurteilt wird und ins Gefängnis muss –
SPIEGEL: Vielleicht soll er das nächste Face- Thiel Capital ist auch eine Art Holding für wäre das nicht eine Blamage für Thiel?
book oder Palantir für Peter Thiel finden? sein politisches Projekt. Chafkin: Thiel Capital hat keine externen
Chafkin: Seine Technologie-Investments SPIEGEL: Was für ein politisches Projekt Investoren, die ihm Druck machen. Anders
macht Thiel eher mit anderen Firmen wie verfolgt er? als Palantir ist die Firma auch nicht börsen-
Founders Fund. Thiel Capital ist Thiels Chafkin: Er will sich als ernsthafte Größe in notiert. Thiel kann mit Kurz kaum verlie-
­Küchenkabinett, in dem er sich mit intelli- konservativen, nationalistischen Kreisen ren. Er hat sich einen Ruf als Querdenker
genten Leuten umgibt, die keinen Hinter- positionieren und dort populistische Posi- erarbeitet, der Wetten eingeht, zu denen
grund als Tech-Investoren haben. tionen vorantreiben – so wie er es mit sei- kein anderer bereit ist. ADE

76 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Bund macht 2021 in der kommenden ­Woche vor­
legen. Bis dahin kann sich
weniger Schulden die Zahl noch geringfügig ver­
HAUSHALT   Der Bund hat im ändern, weil die Finanzämter
vergangenen Jahr weniger noch einige Tage Zeit haben,
­Kredite aufnehmen müssen als Steuereinnahmen zu verbu­
geplant. Demnach wird die chen. Die Neuverschuldung
Neuverschuldung im Bundes­ ­fiele noch viel niedriger aus,
haushalt nach vorläufigen Be­ wenn Lindner nicht 60 Milliar­
rechnungen des Finanzministe­ den Euro, die im vergangenen
riums mindestens zehn Milliar­ Jahr für die Finanzierung der

Georg Hochmuth / dpa


den Euro geringer ausfallen als Pandemiefolgen vorgesehen wa­
die zunächst vorgesehene Sum­ ren, aber nicht gebraucht wur­
me von 240 Milliarden Euro. den, in den Energie- und Klima­
Grund dafür ist, dass die Steuer­ fonds verschieben würde. Auch ÖBB-Nachtzug
einnahmen besser laufen als zu­ wenn der Bund den Kredit­
nächst gedacht. Den offiziellen rahmen 2021 nicht komplett aus­
Haushaltsabschluss will Finanz­ geschöpft hat, schließt er mit Nachtzüge brauchen weiter ausbauen, etwa durch
minister Christian Lindner (FDP) einer Rekordverschuldung ab. REI Verbindungen zwischen Berlin,
Staatshilfe Brüssel und Paris. Die DB
VERKEHR   Die Deutsche Bahn ­betreibt keine eigenen Schlaf­
Kreuzfahrten Zuletzt gab es auf vielen Kreuz­ (DB) und fünf weitere staatliche wagen, sondern kooperiert da­
fahrtschiffen, darunter auch je­ Bahnkonzerne in Europa for­ bei mit der österreichischen
für Ärzte nen von MSC, teils massive Co­ dern die Politik auf, beim Auf­ ÖBB, deren Nachtzug­service
REISEN  Gut gemeint, aber ronavirus-Ausbrüche. Aida oder bau eines Nachtzugnetzes in staatlich subventioniert wird.
schlecht getimt: Die Schweizer TUI Cruises mussten Fahrten Europa zu helfen. Nachtzüge Ein eigener Betrieb sei nicht in
Reederei MSC lockt mitten in abbrechen. Das Auswärtige Amt hätten »ihre Grenzen als kom­ der Planung, erklärte ein Spre­
der nächsten Pandemiewelle warnt ­explizit vor Kreuzfahr­ merziell lebensfähiges Modell cher der Deutschen Bahn auf
dringend benötigtes medizini­ ten. Es bestehe das Risiko, »dass erreicht«, heißt es in einem Nachfrage des SPIEGEL. Die
sches Personal wie Kranken­ im Falle eines Covid-19-Aus­ Schreiben an die EU-Kommis­ DB hat sich mit der ÖBB, der
pfleger, Ärztinnen oder Labor­ bruchs an Bord – auch unter ge­ sion. Deshalb sei »politische Schweizer SBB und der franzö­
mitarbeiter mit Rabatten von impften Reisenden – von den Unterstützung notwendig, um sischen SNCF zu einer Partner­
bis zu 50 Prozent auf Kreuz­ Behörden im Ausland eine mehr­ Nachtzüge auf ein neues Niveau schaft zusammengeschlossen.
fahrtschiffe. Sogar Feuerwehr­ tägige Schiffsquarantäne ver­ zu heben«. In dem Schreiben Zwei neue Angebote von Zürich
leute oder Beschäftigte von Ge­ hängt wird. Ein zeitnaher Rück­ von Dezember verlangen sie, nach Amsterdam sowie von
sundheitsämtern werden um­ transport nach Deutschland die Benutzungsgebühren auf Wien nach Paris starteten Ende
worben, den Discount für die wäre deswegen ausgeschlossen«. Bahntrassen sowie die Mehr­ vergangenen Jahres. Die Nacht­
»Corona-Helden des Gesund­ ­Angesichts der neuartigen Omi­ wertsteuer für Tickets zu senken. strecken sollen dem Flugzeug
heitswesens« in Anspruch zu kron-Variante wächst die Be­ Der »Nachteil des Schienenver­ Konkurrenz machen. In einem
nehmen. MSC will keine genau­ fürchtung, dass insbesondere kehrs« gegenüber anderen Ver­ Aktionsplan hatte die EU-Kom­
en Zahlen nennen, da das Ange­ viele Beschäftigte der kritischen kehrsträgern müsse ausgeglichen mission den Bahnen bereits
bot aber »sehr attraktiv« sei, Infrastruktur gleichzeitig aus­ werden. Bis Dezember 2023 Unterstützung für ihre Pläne
werde es »sehr gut« nachgefragt. fallen könnten. MUM wolle man das Nachtzugnetz ­signalisiert. GT

Setzt Deutschland zu stark auf Batterieautos?


SAMSTAGSFR AGE   Trotz E-Booms haben Brennstoffzelle und E-Fuels weiter prominente Fans.

Die Bundesrepublik wird immer mehr zum Land der enter: Um 100 Kilometer zurückzulegen, benötigt ein
Stromer. Rund jedes vierte verkaufte Auto war im Strombedarf batteriebetriebenes E-Auto nur ungefähr 18 Kilo­
von Pkw pro 100 km,
November und Dezember bereits ein reines Batte­ in kWh wattstunden Strom, ein Wasserstoffauto das Drei­
riefahrzeug. Dennoch finden sich noch immer 115 fache. Ein mit synthetischem Kraftstoff betriebe­
­prominente Befürworter anderer Antriebsarten 54 ner Verbrenner verschlingt gar 115 Kilowatt­
wie Brennstoffzelle oder E-Fuels – vor allem in 18 stunden – mehr als das Sechsfache des Bedarfs
der FDP, die den Verkehrsminister stellt. Auch des Stromers. Dennoch kommt dem Wasserstoff
Elektro- Wasser- E-Fuels
BMW-Chef Oliver Zipse mahnt, man dürfe sich motor stoff in der Mo­bilitätswende eine zentrale Bedeutung
nicht allein auf Elektroautos festlegen. Porsche in­ S Quelle: BMU
zu, nur eben nicht in Pkw, sondern in allen Ver­


vestiert Millionen in eine Produktionsanlage für syn­ kehrs­mitteln, die große Energiemengen brauchen und
thetische Kraftstoffe in Chile. Wird der Akku-Antrieb Platz für große Gastanks bieten: in Lkw im Fernverkehr,
also bald von Wasserstoff- und Brennstoffzelle abgelöst? in Schiffen, Flugzeugen oder Zügen. BMW sieht außerdem
­Zu­mindest bei den Pkw gehört die Zukunft eindeutig den Chancen für Wasserstoff-Pkw in Gegenden, wo es kaum Lade­
­Batteriefahrzeugen. Sie sind im Straßenbetrieb erheblich effizi­ säulen gibt. SH

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 77


WIRTSCHAFT

Kunstfleisch:
Künftig sollen
echte Steaks
im Labor
Fleischersatz: gezüchtet
Pflanzensteaks werden
wie dieses
sind schon auf
dem Markt

Ferrari Press / ddp


Nachbau der Natur
ERNÄHRUNG  Fleisch und Fisch aus dem Bioreaktor, Käseprotein aus dem Fermenter,
Ei aus Erbsen – Novel Food könnte eine Antwort auf viele Umweltprobleme und den Klimawandel
sein. Vor allem ist es eine Milliardenwette auf die Zukunft.

R
inder, das weiß mittlerweile jeder, Grüne Wiesen mit saftigem Gras wird es 30 Millionen Euro. Nun reitet Korteweg
sind ein Problem. Sie stoßen zu viel weiterhin geben. Aber keine Rinder mehr, die ­zusammen mit einem Geschäftsfreund als
Methan aus, jenes Treibhausgas, das darauf weiden. Roboter werden das Gras mä- »Those Vegan Cowboys« auf der Idee herum,
25-mal so klimaschädlich ist wie CO2. Warum hen und in den Stall bringen – als Futter für Käse ohne Kühe zu produzieren.
sie also nicht weitgehend abschaffen, die die Fermenter. Sogenanntes Novel Food ist der gegen­
­Viecher? Keine große Sache, meint Korteweg: »Der wärtig vielversprechendste Trend der Lebens-
Jaap Korteweg, 59, arbeitet daran. Käse, einzige Unterschied ist, dass die Kühe aus mittelbranche. Was lange als Science-Fiction
da ist sich der Niederländer sicher, wird es in dem Stall ausziehen und die Stahlkühe ein- galt, soll helfen, die Erde zu retten. Milliarden
Zukunft ohne Beteiligung der Kuh geben. In ziehen.« Menschen sollen Kunstkäse, Insektensnacks
kleinen Bioreaktoren produziert er Kasein, Für viele Bäuerinnen und Bauern ist Kor- oder Fleisch und Fisch aus dem Reinraum
die Eiweißbasis für Käse. Das Labor steht im teweg ein Totengräber der Branche. Er selbst essen – ohne schlechtes Gewissen, ohne lei-
belgischen Gent. Der Vorgang heißt Fermen- sieht sich als Erneuerer, als Pionier, der die dende Tiere und ohne die Kollateralschäden
tation. Die Rolle der Kuh übernehmen gen- Landwirtschaft in eine nachhaltige, klima- an der Umwelt. Und das nicht in ferner Zu-
technisch veränderte Mikroben. Sie sollen in freundliche Zukunft führen will. Unter der kunft, sondern vielleicht schon in einigen
Mägen aus Stahl Kaseine produzieren. Diese Marke »The Vegetarian Butcher« hat er be- ­Jahren.
werden dann mit Wasser und pflanzlichen reits einen Fleischersatz auf Sojabasis auf den Pflanzliche Imitationen von Fisch und
Fetten vermengt, woraus dann ein Käse-Imi- Markt gebracht, 2019 übernahm der Lebens- Fleisch sind schon länger im Handel: In das
tat werden könnte. So der Plan. mittelgigant Unilever die Marke für geschätzte US-Start-up Beyond Meat und seine eher

78 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


WIRTSCHAFT

­ alorienreichen und mit Aromen auf-


k
gepeppten Pseudobuletten investier-
ten sogar Microsoft-Gründer Bill Gates
­ isher existiert nur eine kommer­
B
zielle Zulassung für Züchtungen aus
dem Labor: Hühnchen-Nuggets in
3,4
Milliarden
liche Rinder in der Werbung verliehen
den heutigen Produkten – egal wie
industriell ihre Herstellung sei –
und Schauspieler Leo­nardo DiCaprio. Singapur zum Preis von 17 Dollar pro einen »Nimbus von Natürlichkeit«,
Fermenterkäse oder In-vitro-Fleisch Portion. Dollar schreibt Merck in einer Studie. Der
aus künstlich vermehrten Hühner-, Die Story kaufen Investoren aller- Pharmakonzern forscht selbst an
Rinder- oder Fischzellen sind der dings schon jetzt. Laut Zahlen der ­In-vitro-Fleisch. Um die Kundinnen
nächste Schritt. Sie sollen die Origi- Marktforscher des amerikanischen wurden in und Kunden zu überzeugen, gebe es
nale ersetzen und die Menschheit mit Good Food Institute flossen in den den ersten bei den neuen Lebensmitteln daher
den begehrten Proteinen versorgen.
Nur ein paar Zellen aus dem lebenden
ersten neun Monaten 2021 rund
3,4 Milliarden Dollar in pflanzenba-
neun Monaten einen »Wettbewerb der besten Sto-
rys«. Der Klimawandel biete hier
Tier sind für den Fleischnachbau sierte Fleischalternativen und Reagenz- 2021 in eine große Chance, zumal das Mar-
­nötig, für den Käse reichen Pilze und glaslebensmittel. Die Zahl der Start-ups pflanzen­ keting mit der unberührten Natur
Hefen. Den Rest besorgt die Wissen- die zellbasierte Produkte entwickeln, jede Unschuld verloren habe.
schaft, so die Theorie. stieg von 4 (2016) auf fast 70. Geld-
basierte Kunstkäse-Kreateur Korteweg hat
Der Mensch spielt Gott. Er expe- geber zu finden, scheint kaum ein Fleisch­ sich für sein Marketing eine Western-
rimentiert mit Nährlösungen, Gen- ­Problem: Neben dem Emirat Katar, alternativen story zurechtgelegt. Neben dem Ein-
sequenzen und Enzymen, um die Weltraumpionier Richard Branson gang zum Labor hängt ein gezeich-
Natur im Labor nachzuahmen – bes- oder Google-Mitgründer Sergey Brin und Labor­ netes Porträt vom Firmengründer im
ser, billiger, klimafreundlicher. mischen auch Fleischkonzerne wie lebensmittel John-Wayne-Look mit Cowboyhut.
Das Experiment könnte sich loh-
nen. Denn der Agrarsektor ist ein-
die deutsche PHW-Gruppe (Wiesen-
hof) mit. Bis 2035 prognostizieren die
investiert. Am Ende des Laborflurs weist neben
einer Saloontür ein Holzschild den
same Spitze beim Wasser- und Anti- Berater von A. T. Kearney (siehe Gra- Good Food Institute Weg zu den »magnificent seven«,
biotikaverbrauch und, rechnet man fik), werden auf Alternativen aus Kortewegs Molekularbiologen aus
die Transporte mit ein, bereits heute Pflanzen oder künstlich vermehrten dem Team, das inzwischen auf ins-
für rund ein Drittel der schädlichen Tierzellen 45 Prozent des globalen gesamt 20 Leute angewachsen ist.
Klimagase verantwortlich. Tendenz Fleischmarktes entfallen – und sogar Die Wissenschaftler bauen Kopien
steigend. Sollte die weltweite Fleisch- eine Schicht »neuer Veganer« über- von Rinder-DNA, die wiederum den
produktion weiterhin zulegen, wäre zeugen. Bauplan für das Milcheiweiß Kasein
das verheerend fürs Klima und würde Noch überwiegen beim Konsum enthält, in Mikroorganismen ein.
weitere wertvolle Flächen fressen: In allerdings die Vorbehalte gegenüber ­Diese genetisch veränderten Zellen
Deutschland landen fast 60 Prozent Laborfleisch. Selbst in Untersuchun- bekommen so den Auftrag, Kaseine
des verwendeten Getreides in den gen mit höher Gebildeten erklären zu produzieren. In Bioreaktoren wer-
Futtertrögen von Nutztieren. sich in Deutschland oder Italien ge- Kunstkäse- den die Zellen mit einer Nährlösung
Ist Fleisch aus dem Bioreaktor also rade einmal die Hälfte der Befragten Unternehmer aus Wasser, Zucker, Vitaminen und
Korteweg,
die Lösung? Oder verhindern diese bereit, so etwas überhaupt zu pro­ Niko Koffeman:
Mineralstoffen versorgt, damit sie
Novel-Food-Innovationen bloß, dass bieren. Ein Viertel lehnt das kate- Wettstreit um sich vermehren und Milchproteine
die Menschen ihren Fleischkonsum gorisch ab. Grüne Wiesen und glück- die beste Story produzieren. Präzisionsfermentation
endlich reduzieren, wie es Ernäh- wird der Prozess genannt. Ganz neu
rungswissenschaftler seit Jahren no- ist derlei nicht: Schon heute werden
torisch empfehlen? Ganz nach dem viele Käsesorten mit mikrobiellem
Prinzip E-Auto, wo es ja auch darum Lab hergestellt, das für die Dicklegung
geht, das Schädliche durch etwas der Milch nötig ist. Das aus gentech-
­vermeintlich Sauberes zu ersetzen, nisch veränderten Mikroorganismen
um weiterfahren zu können wie erzeugte Produkt ersetzt das Enzym,
­bisher. das traditionell aus Kälbermägen ge-
Unter Investoren herrscht jeden- wonnen wird.
falls euphorische Stimmung, und mit »Bisher hat veganer Käse ver-
jedem neuen Jahr, jedem neuen sucht, die Käseproteine nachzu­
­Start-up, jedem neuartigen Lebens- ahmen – mit einer dürftigen Mi-
mittel wächst ihre Hoffnung auf das schung aus Fett, Stärke und Salz«,
In-vitro-Wunder – und auf ein enor- sagt Britta Winterberg, »erst die Ka-
mes Geschäft. seine sorgen aber dafür, dass der Käse
Zumindest beim Fleisch könnte es so schön schmilzt.« Die Mikrobiolo-
noch etwas dauern mit den Milliarden- gin ist Co-Gründerin von Formo,
umsätzen. Zwar stellte die niederlän- einem Start-up aus Berlin. Auch sie
dische Firma Mosa Meat bereits vor setzt darauf, dass karotingefärbte
acht Jahren den ersten Kunst­burger Scheiben aus Kartoffelstärke, Man-
aus dem Labor vor. Das Ding kostete delmilch und Kokosöl oder geriebene
in der Herstellung jedoch 250 000 Euro. Stückchen »Typ Mozzarella«, den
Und die Testesser empfanden ihn als Kunden nicht reichen werden, um auf
trocken, von Frankensteinfleisch war Kuhmilchprodukte zu verzichten.
die Rede. Seitdem gibt es kaum ver- Formo-­Erfinder Raffael Wohgen-
Those Vegan Cowboys

zehrfertige Produkte. singer vergleicht sich gern mit einem


Die Natur nachzubauen scheint großen Vorbild. »Tesla hat eine ganze
schwierig: Die Nährlösungen für die Industrie auf den Kopf gestellt« und
Tierzellen sind teuer, ihre industrielle den Markt erst geschaffen, sagt er,
Vermehrung gilt als kompliziert. »und genau das wollen wir mit

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 79


WIRTSCHAFT

Noch sitzt Rakers an Petrischalen, oder Fehlernährung bekämpfen wol-


frickelt an der Rührgeschwindigkeit le, lande erst mal nicht bei In-vitro-
für die Nährlösungen, ist weit davon Fleisch, sagt die Ingenieurin. Die we-
entfernt, eine Novel-Food-Zulassung nigen verfügbaren Studien zeigten,
zu bekommen. Zehn Jahre hat er zu- dass Laborfleisch bei der Ökobilanz
vor am Fraunhofer-Institut gearbeitet mit pflanzenbasierten Fleischersatz-
und die Massentierhaltung in Aqua- produkten »in keinem Fall mithalten«
kulturen untersucht, an Parasiten und könne. Dazu komme: Auch pflanz-
Viren geforscht, die die Fische befal- liche Grundprodukte für die Nähr-
len. »Was man bei der Arbeit mit medien seien »nicht flächenfrei zu
Fischzellen lernt, ist Geduld«, sagt er. haben«, die Gefahr weiterer Mono-
Für die rötliche Nährlösung in den kulturen steige.
Petrischalen braucht Rakers Serum Wunder fordert, mehr öffentliche
aus dem Blut ungeborener Kälber. Gelder in den Sektor zu stecken, um
Die Flüssigkeit gilt als Wachstums- zu erforschen, wie realistisch die Pro-
booster für die Zellen, aber auch als gnosen für die Ökobilanzen sind –

Jens Gyarmaty / DER SPIEGEL


Marketingproblem für Laborfleisch »sonst bleibt vieles intransparentes
und Laborfisch: Als »Clean Meat«, Firmenwissen«.
als ethisch saubere Alternative, wer- Es wird also noch dauern, bis Fisch
den Kälberserumprodukte kaum zu und Fleisch aus dem Labor in den
verkaufen sein. Rakers arbeitet des- Supermärkten landen. Da haben
halb an pflanzlichen Lösungen, etwa pflanzliche Alternativprodukte der-
aus Gerste, die ähnlich kostspielig zeit deutlich bessere Karten. Das
­ e­ganem Käse machen«. Aber ist ein
v Formo-Gründer sind. Einen Bioreaktor mit 20 000 Wiener Start-up Revo Foods jeden-
Produkt, das zumindest mittelbar Wohlgensinger, Liter Nährmedium zu füllen, koste falls ist mit seinem Fischersatz schon
Winterberg:
durch tierische DNA hergestellt wur- Tesla als Vorbild
heute theoretisch sechs Millionen im Einzelhandel vertreten: ein pflanz-
de, überhaupt vegan? Ja, meint Wohl- Euro, sagt Thomas Herget, Leiter des liches Lachsimitat aus dem 3-D-Dru-
gensinger, der sich selbst pflanzlich Innovation-Hubs der Merck-Gruppe cker. Aussehen und Textur kommen
ernährt. Und fügt hinzu: »Wenn wir im Silicon Valley. Das habe eine Stu- dem Original erstaunlich nah, den
nur Produkte für Veganer machen, die des Good Food Institute ergeben. Laborköchen scheint nur etwas viel
können wir gar keine Emissionen re- »Daraus gewinnt man, wenn es gut Raucharoma in die Erbsenprotein-
duzieren. Die essen ja sowieso keinen läuft, etwa 2000 Kilogramm Fleisch.« mischung geraten zu sein.
Käse.« Viel größere Chancen sieht er Bislang seien die Reaktoren maximal Und im kommenden Jahr soll ein
bei Menschen, die Fleisch und Käse 1000 Liter groß, die Produktions­ Produkt in den Handel kommen, das
mögen und ihren CO2-Verbrauch re- kosten dementsprechend hoch. Her- die Frage, ob es zuerst das Huhn gab
duzieren wollen. get hofft, dass sie durch steigende oder das Ei, ganz neu beantwortet: das
Im September hat seine Firma Nachfrage demnächst sinken. Kunstei des Münchner Start-ups VEgg.
42 Millionen Euro bei Investoren ein- Den ungebremsten Optimismus Erfunden hat es Veronica Garcia-
gesammelt, die bislang größte Summe der In-vitro-Branche teilt Stephanie Arteaga. Die aus Mexiko stammende
für ein europäisches Foodtech-Start- Wunder vom Ecologic Institut in Ber- Lebensmittelingenieurin tüftelte fast
up. Auf Videos sind bereits Käse­ lin nicht. Das Investoreninteresse dür- zwei Jahre lang mit allerhand Zutaten
prototypen zu sehen – Ricotta oder fe nicht darüber hinwegtäuschen, dass und Stabilisatoren am optimalen Re-
auf Pizza schmelzender Mozzarella. »die Technologie noch vor immensen zept: Aus Erbsenprotein schuf sie das
Probieren dürfen Besucher allerdings Herausforderungen steht«. Wer den ­Eiweiß, dazu kam ein Eigelb mithilfe
noch nicht. Klimawandel, die Umweltbelastung von Süßkartoffeln und Rapsöl für die
Wann wird aus all diesen Labor- gesunden Omega-3-Fettsäuren. Ge-
erfolgen auch ein profitables Ge- badet wurde das alles in einer gelatine­
schäft? Wann wird der Kunstkäse Essen aus dem Labor ähnlichen Algenlösung, fein abge-
schmackhaft, das Kunstfleisch saftig, trennt vom weißen Glibber, wie beim
der Kunstfisch delikat sein – und Investitionen in alter- Geschätzter Konsum von Fleisch Hühnerei. Der Markt für Ei-Ersatz-
native Proteinquellen und Fleischersatz weltweit,
günstig dazu? weltweit, in Mrd. in Mrd. Dollar stoffe, schätzen Experten, werde in
Diese Hürde hat noch kein Projekt Dollar den kommenden vier Jahren auf
Fleischersatz
genommen, kein Präzisionsfermen- 1,5 Milliarden Euro anwachsen. Vor
Gesamtjahr 2020 kultiviertes Fleisch
terkäse, kein In-vitro-Fleisch. Und allem die Backindustrie sucht nach
Jan. bis Sept. 2021 konventionelles Fleisch
auch Sebastian Rakers steht in Lü- Alternativen für vegane Kuchen.
beck vor Problemen. Der Meeresbio- pflanzenbasiert Ein Problem bleibt die Schale. Da
loge und sein Team experimentieren 2,1 scheint die Natur schwer kopierbar
1500
mit Zellen, die sie Lachsen entnom- 1,4 zu sein. Kalkhaltiges Material ähnlich
men haben, um daraus Fischfilets zu wie das von Schneckenhäusern
formen. Hat seine Firma Bluu Bio- fermentiert (u. a. Pilze) schwebt Garcia-Arteaga vor. Doch
1000
sciences Erfolg, könnte das einmal die 0,6 ­wie das Ganze befüllen, ohne dass
Überfischung der Ozeane und die 1,3 die Schalen zerbrechen? Bis das funk-
Umweltbelastung durch marine kultiviert (Tierzellen)
500 tioniere, sagt sie, »ver­suchen wir es
Aquakulturen mildern. Sieben Mil- vielleicht erst mal in einem kleinen
0,4
lionen Euro Investorengeld steckt in Joghurtbecher«.
0,8 0
seinem Start-up: Der Oetker-Konzern Simon Book, Kristina Gnirke,
ist ebenso dabei wie der Bringdienst 2025 2040 Nils Klawitter, Janne Knödler,
Delivery Hero. S Quellen: GFI, Kearney-Studie Maria Marquart n


80 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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WIRTSCHAFT

Jahreswechsel abschalten – und die Kohlever-


stromung laut Koalitionsvertrag »idealer­
weise« bis 2030 enden.
Das würde bedeuten: Binnen neun Jah-

Brennstoff mit
ren fallen fast 40 Prozent der Stromproduk­
tion weg. So schnell können das die erneu-
erbaren Energien nicht kompensieren.

Suchtpotenzial
Selbst bei einem starken Zubau »dürfte die
Bedeutung von Erdgas im Stromsektor in
diesem Jahrzehnt weiter zunehmen«, sagt
Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energie-
wirtschaftlichen Instituts (EWI) der Uni-
ENERGIEKRISE  Deutschland braucht Erdgas auf dem Weg in eine CO2-freie versität Köln.
Das Schwierige am Grünstrom: Er ist nicht
Zukunft. Nur so können Kohlemeiler abgeschaltet und Hochöfen auf immer zuverlässig verfügbar. Bei windigem
Wasserstoff umgestellt werden. Nur wo soll das ganze Gas herkommen? oder strahlend schönem Wetter produzieren
Wind- und Solarparks bisweilen mehr Elek­
trizität, als benötigt wird; bei Flaute oder

W
ie abhängig sie vom Erdgas sind, spucken zu können«, sagt Wolfram Axthelm, Dunkelheit zu wenig.
­ ekommen viele Deutsche gerade
b Geschäftsführer des Bundesverbands Wind- Die Industrie braucht jedoch einen stetigen
schmerzlich zu spüren: per Brief energie. Aber selbst er findet die Ziele der Stromfluss. Solange ausgereifte Stromspei-
vom Energieversorger. Der kündigt ihnen oft Ampel ziemlich ambitioniert. chersysteme fehlen, muss diese Grundlast aus
die alten Verträge, in den neuen ist das Gas In nicht einmal neun Jahren sollen schon Anlagen kommen, die rund um die Uhr un-
bis zu viermal so teuer. Und in den Abend- vier Fünftel der gesamten Elektrizität aus re- abhängig von äußeren Bedingungen laufen
nachrichten erscheint dann Wladimir Putin. generativen Quellen stammen. Das bedeutet, können.
Russlands Präsident testet aus, wie weit dass jede Woche laut dem Energieverband Gaskraftwerke sind hier ideal. Sie können
die Macht reicht, die ihm das Gas verleiht. BDEW zwischen 25 und 38 Windkraftanlagen bei akuten Bedarfsspitzen schnell hochgefah-
Sobald Deutschland den Betrieb der Ostsee- gebaut werden müssen. Und das bis 2030. ren werden. Sofern es genügend davon gibt.
pipeline Nord Stream 2 freigebe, werde man Zuletzt lag das Wochenpensum gerade mal Weshalb sich die Ampel im Koalitionsvertrag
mehr Gas nach Europa schicken, hat er vor bei neun Windrädern. explizit für »die Errichtung moderner Gas-
einigen Tagen verkündet. Dann würden sich Noch immer stammen 55 Prozent der hier- kraftwerke« ausspricht, um den steigenden
die Preise auf den hochgejagten Energiemärk- zulande erzeugten Elektrizität aus Kern-, Strom- und Energiebedarf zu wettbewerbs-
ten wieder stabilisieren. Kohle- und Erdgaskraftwerken. Auch die fähigen Preisen zu decken.
Wird sich die Bundesregierung darauf ein- ­letzten drei verbliebenen AKW sollen zum Diese Einschätzung teilen auch die Exper-
lassen? Ist Deutschland gar erpressbar? ten des Thinktanks Agora Energiewende. Die
Fakt ist: Der Wohlstand des Landes hängt Berliner Denkfabrik, die bis vor Kurzem vom
schon jetzt am Gas. Und in den kommenden Abhängig von Öl und Gas neuen Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Grai-
Jahren, auf dem Weg in eine Zukunft ohne chen geleitet wurde, prognostiziert einen
Treibhausgasemissionen, werden einige Wirt- Primärenergieverbrauch in Deutschland 2021, ­Anstieg der bundesweiten Gasverstromung
in Milliarden Kilowattstunden
schaftsbereiche noch süchtiger werden nach bis 2030 um mehr als 60 Prozent. Hierfür
dem farblosen fossilen Brennstoff. Mineralöl 1077 seien zusätzliche Gaskraftwerke mit einer in-
Er sei, so haben es die Ampelkoalitionäre in stallierten Leistung von 20 Gigawatt erforder-
ihrem Regierungsvertrag formuliert, »für eine Erdgas 905 lich. Das entspricht 40 bis 50 neuen Kraft-
Übergangszeit unverzichtbar«. Dieser Satz erneuerbare werksblöcken.
545
steht auf Seite 59, und er ist für manchen Klima- Energien Die staatliche Deutsche Energie-Agentur
schützer schwer zu ertragen. Denn bei der Erd- Braunkohle 314 (Dena) hält einen Zubau von 15 Gigawatt Leis-
gasverbrennung entsteht Kohlen­dioxid – nur Steinkohle 292 tung für nötig; die Unternehmensberatung
halb so viel wie bei Braunkohle, aber immer BCG in einer Studie für den Bundesverband
noch viel zu viel, um die Erwärmung der Erde Kernenergie 209 der Deutschen Industrie sogar fast die drei-
auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. fache Menge.
Sonstige 65
Erdgas wird gebraucht, weil Deutschland Diese neuen Kraftwerke sollen anfangs mit
aus Atomkraft und Kohle zugleich aussteigen S Quelle: AG Energiebilanzen Gas beliefert werden und später auf klima-
will, der Aufbau erneuerbarer Energien aber neutralen Wasserstoff umstellen. Doch bis
noch zu sehr lahmt, um den Energiehunger So wurden 2020 die deutschen Wohnungen dieser grüne Brennstoff im großen Stil ver-
zu stillen. Der Übergang, das zeigen alle gro- beheizt, in Prozent fügbar und der Übergang vollzogen ist, wird
ßen Studien, lässt sich nur mit Gas bewältigen. Gas* es dauern.
Selbst wenn der Umbau der Energiewirtschaft 49,5
perfekt nach Plan liefe, würde der Verbrauch Wärme – der fossile Dauerbrenner
bis zum Ende des Jahrzehnts allenfalls um ein Auf seinem Firmenwagen bewirbt Dirk Jäni-
paar Prozent sinken. insg. chen die Zukunftstechnologien seiner Bran-
Gas wird dreifach gebraucht: für die Strom-
Sonstige
43 Mio. che: »Photovoltaik und Wärmepumpen«
erzeugung, zum Heizen und für die Industrie. Wohnungen steht auf der Tür des Elektro-Smart, mit dem
11,6
Und das noch ziemlich lange. Heizöl der Chef der Jänichen Versorgungstechnik
Fern-
wärme 24,8 GmbH durch Berlin tourt.
Strom – die Allzweckwaffe 14,1 Die meisten Häuslebauer und -sanierer
Deutschlands Windkraftlobby erhofft sich lassen sich von dem 58-Jährigen nach wie vor
* einschließlich Biomethan und Flüssiggas
goldene Zeiten von der beschleunigten Ener- lieber ein altbewährtes Produkt installieren:
S Quelle: BDEW; Stand: 16. Dez. 2021, vorläufig,
giewende. »Wir freuen uns, jetzt in die Hände teilweise geschätzt eine Erdgasheizung.

82 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


WIRTSCHAFT

»Bei den Anfragen ist das Verhält-


nis zwischen Wärmepumpen und
Gasheizungen schon in etwa pari,
50:50«, sagt Jänichen. Am Ende indes
entschieden sich nur etwa 25 Prozent
der Kunden für die Pumpe – und
75 Prozent für Gas.
»Manchen ist die Wärmepumpe
noch suspekt«, so der Techniker, zu-
mal eine Gasheizung in der Anschaf-
fung deutlich günstiger sei.
Die Erdgasheizung bleibt ein
Dauerbrenner. Fast jede zweite von
rund 43 Millionen Wohnungen wird
so beheizt; seit 2009 sind mehr als
eine halbe Million Ölheizungen auf
Erdgas umgestellt worden.
Zwar ist der Anteil bei Neubauten

Denis Pomor tsev / Zoonar / picture alliance


seit Jahren rückläufig. Doch noch im-
mer werden in jedem dritten Objekt
Kessel eingebaut, die mit fossilem Gas
betrieben werden.
Die Grünen haben 2019 in einem
Parteitagsbeschluss gefordert, Gas-
heizungen in Neubauten von 2025 an
zu verbieten. In ihrem Programm für
die Bundestagswahl war davon dann
nicht mehr die Rede, ebenso wenig
im Koalitionsvertrag. Und selbst LNG-Tanker vor das eine Umstellung der Stahlproduk- Die Holländer müssen die Ausbeu-
wenn die Ampel sich zu diesem radi- Sankt Petersburg: tion von Koks auf Wasserstoff mit sichtung ihres mit Abstand wichtigsten
Teure Alternative
kalen Schritt entschließen sollte, wür- bringt. Er sagt: »Wir haben einen um- Gasfelds wegen Erdbeben­gefahr seit
den Millionen Haushalte über 2025 fassenden Plan für die grüne Trans- Jahren zurückfahren, womöglich bald
hinaus weiter mit Gas heizen. formation.« Doch der ist teuer. sogar komplett einstellen. Das könn-
Heizungssysteme würden in der Eine Milliarde Euro kostet eine so-te die Bundesrepublik noch abhängi-
Regel 20 bis 30 Jahre lang genutzt, genannte Direktreduktionsanlage, die ger von Gazprom machen, dem rus-
sagt Stefan Lechtenböhmer vom einen Hochofen ersetzt. Die Anlage sischen Staatsmonopolisten, auf den
Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt soll einmal mit grünem Wasserstoff bereits jetzt 55 Prozent aller Gas­
und Energie. Vor allem in Mietshäu- betrieben werden. Allein für das importe entfallen.
sern, wo viele Eigentümer die Kosten Duisburger Werk müssten sich etwa Eine Alternative wäre verflüssigtes
für neue Anlagen scheuen. Nach den 3800 Windräder drehen. Erdgas, das per LNG-Tanker aus För-
Plänen der Ampel sollen Vermieter Bis die gebaut sind, muss erst mal derstaaten wie den USA, Katar oder
künftig einen Teil der Heizkosten tra- Erdgas her, für den Übergang. Auch Australien angeliefert werden könnte.
gen müssen; dies soll sie motivieren, daraus lässt sich Wasserstoff herstel-Doch im Gegensatz zu anderen gro-
in modernere Technik zu investieren. len. Das ist nicht sonderlich klima- ßen europäischen Nationen verfügt
Mehr Tempo wäre wünschens- freundlich, aber immerhin ein Ein- die Bundesrepublik noch immer über
wert: Bei einer ähnlichen Austausch- stieg, bis die Windräder den Job über-keinen eigenen LNG-Hafen, der ist
rate wie bisher wäre bis 2030 nur nehmen. »Irgendwie müssen wir jetzt erst in Planung. Hinzu kommt: LNG
etwa jede dritte der neun Millionen loslegen«, sagt Osburg. ist teuer, und die Nachfrage von
Gasheizungen in Deutschland erneu- So wie dem Thyssenkrupp-Ma­ Großkunden wie Japan, China oder
ert. Die etwa sechs Millionen übrigen nager geht es auch den Bossen der Südkorea ist hoch. Ordentliche Preis-
würden weiter fast nur fossilen Brenn- Chemiewerke, der Zement-, Glas-, rabatte könnten die Deutschen, wenn
stoff verheizen. Keramik- oder Papierfabriken. Die überhaupt, wohl nur mit langfristigen
Industrie ist für fast ein Viertel desVerträgen aushandeln. Denn welcher
Industrie – die Raupe Nimmersatt deutschen CO2-Ausstoßes verant- Lieferant lässt sich auf so etwas ein,
Der Stahlchef von Thyssenkrupp be- wortlich. Bis 2030 muss sie ihre Emis-wenn sich der Kunde ab 2030 schon
ginnt seine Vorträge derzeit reichlich sionen fast sechsmal so schnell redu- wieder verabschieden will?
unkonventionell: mit dem Bekenntnis, zieren wie in den vergangenen beiden Putin weiß um diese strategischen
ein besonders umwelt­schädliches Jahrzehnten. Dafür müssen die Fa­ Schwächen Deutschlands. Mit aller
Unternehmen zu leiten. ­Bernhard briken nun schleunigst auf Wasser- Macht drängt er deshalb auf eine
­Osburg erzählt, dass seine ­Werke stoff umstellen – der zunächst aus schnelle Inbetriebnahme von Nord
mehr als 20 Millionen Tonnen Koh- 55 Prozent Erdgas kommen wird. Stream 2. Doch ob durch die neue
lendioxid ausstoßen. Und um die Dra- Ostseepipeline jemals Gas fließen
matik zu steigern, vergleicht er die
aller Umbau – es wird ruppig wird, darüber entscheidet nicht allein
Zahl mit dem gesamten innerdeut- ­deutschen Weit über 90 Prozent des heimischen der Bedarf, sondern auch das geopoli-
schen Flugverkehr. Der produziert ein Gas­importe Erdgasbedarfs werden derzeit impor- tische Machtgefüge.
Zehntel so viel CO2. tiert. Ausschließlich über Pipelines. Der Übergang kann noch ziemlich
Osburgs Absicht ist, das gewaltige ­stammen Vor allem aus drei Staaten: Russland, ruppig werden.
Einsparpotenzial zu verdeutlichen, aus Russland. Norwegen und den Niederlanden. Claus Hecking, Gerald Traufetter n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 83


WIRTSCHAFT

schnitt ihres Hauses als Klimaressort »Der politische Zielwert von 30 Hek­
erfordert es – auf die umweltbelas­ tar je Tag für das Jahr 2030 ist jedoch
tenden Aspekte des Wirtschaftens. nicht in Reichweite.« Bis im Saldo
Für die vergangenen Jahre vermelden keine neuen Flächen mehr verbraucht

Lob des
sie dabei durchaus Fortschritte. würden (vorgesehen ist dieses Ziel für
So produziert die deutsche Wirt­ 2050) sei es »noch ein langer Weg«.
schaft immer energieeffizienter und In dem Bericht schwört Habeck

Verzichts
schadstoffärmer. Die sogenannte End­ die Deutschen auf Belastungen und
energieproduktivität – sie gibt an, wie Verzicht zugunsten des Klimas ein.
viel BIP je Energieeinheit hergestellt Würde die bestehende Form des Wirt­
wird – stieg stetig. Der Wert des In­ schaftens fortgeführt, käme es »mit­
dikators lag »2019 etwa 15 Prozent­ tel- und langfristig zu strukturellen
KLIMAPOLITIK  Wirtschaftsminister Robert punkte über dem Wert von 2008«. ökonomischen Folgeschäden allein
Parallel dazu verbrauchen deut­ aufgrund des Klimawandels im zwei­
Habeck färbt den Jahreswirtschafts­- sche Unternehmen für die Herstel­ stelligen Prozentbereich des BIP«.
bericht grün. Noch nie fiel der so wachstums­ lung ihrer Produkte immer weniger Die Transformation zur klimaneu­
kritisch und wohlstandsskeptisch aus. Ressourcen. Das messen die Fachleu­ tralen Wirtschaft werde »ein fordern­
te im Wirtschaftsministerium anhand der Weg sein, auf den Deutschland
der Gesamtrohstoffproduktivität. sich nun begibt«. Manches Geschäfts­

D
er Jahreswirtschaftsbericht gilt Deren Wert stieg von 2010 bis 2018, modell werde sich künftig nicht mehr
als so etwas wie die frohe Bot­ Grün genug? dem letzten Jahr, für das Angaben rechnen, »ganze Wirtschaftsbereiche
schaft der Bundesregierung. vorliegen, um neun Prozentpunkte. können merklich schrumpfen«.
Alljährlich gegen Ende Januar stimmt Tonnen CO2-Äquiva- Gleichzeitig stößt die deutsche Die Umgestaltung führe zwar zu
lente, um eine Mio.
sie darin das Hohelied von Wirt­ Euro BIP in Deutsch- Wirtschaft immer weniger klima­ einem »größeren Kapital- und Ar­
schaftswachstum und Wohlstands­ land zu erzeugen schädliche Stoffe wie Kohlendioxid beitseinsatz und mitunter steigenden
mehrung an. Seit Jahrzehnten besteht 338 oder Methan aus. »So lag die Treib­ Preisen, nicht aber per se zu einer
die Tradition. 251 hausgasintensität des BIP im Jahr generellen Ausdehnung des materiel­
Doch für 2022 gelobt Wirtschafts­ 2019 um gut ein Viertel unter der im len Wohlstands«. Im Klartext: Die
minister Robert Habeck, der erste 2010 2019
Jahr 2010«, vermelden Habecks Deutschen müssen künftig mehr
Grüne im Amt, Umkehr. Unter seiner ­Experten. »Diese Entwicklung doku­ arbeiten, bekommen dafür allerdings
Siedlungs- und
Federführung schlägt der Bericht Verkehrsfläche in mentiert die staatlichen und unter­ nicht unbedingt mehr Geld. Und sie
­andere Töne an: Noch nie gab er sich Deutschland, Zunah- nehmerischen Erfolge bei der Trans­ müssen höhere Preise einkalkulieren.
so wachstumskritisch, noch nie ging me in Hektar pro Tag formation zu einer klimaneutralen Getrieben werden die durch höhe­
er derart deutlich auf Distanz zu her­ 87 Wirtschaft und Gesellschaft.« re Abgaben auf den Ausstoß von Koh­
kömmlichen Wohlstandsindikatoren. 52 Weniger zufrieden sind die Beam­ lendioxid, was den Transformations­
Sprachlich bleibt er im gewohnten ten mit dem Flächenverbrauch. Zwar prozess beschleunige. »Dieser wird
Behördenduktus – inhaltlich kommt 2010 2019 sank der von 86,6 Hektar pro Tag im künftig nicht mehr automatisch mit
er einer Revolution gleich. S Quellen: EEA, Destatis Jahr 2010 bis 2019 auf 52 Hektar. einer Wirtschaftspolitik kompatibel
†

»Gesamtwirtschaftliches Wachs­ sein, die zuvorderst auf die Ausdeh­


tum, gemessen am Zuwachs des nung der Wertschöpfung und ambi­
B ruttoinlandsprodukts, ist eine
­ tionierte Wachstumsziele ausgerich­
­notwendige, aber längst noch keine tet ist«, schreiben Habecks Experten.
­hinreichende Voraussetzung für nach­ Es sei notwendig, »in der Zukunft
haltigen Wohlstand, Beschäftigung, noch stärker als bislang die Qualität
Teilhabe und soziale Sicherheit«, unserer wirtschaftlichen Entwicklung
heißt es im Entwurf des Berichts. in den Fokus zu nehmen, nicht nur
Erstmals werde die Bundesregierung die insbesondere am Bruttoinlands­
jenseits des Bruttoinlandsprodukts produkt gemessene Quantität«.
(BIP) »ergänzende Dimensionen des Zudem sei in der Mitte der Gesell­
materiellen und immateriellen Wohl­ schaft eine »Sättigung mit grund­
stands sowie generationenübergrei­ legenden Konsumgütern« erreicht.
fender Nachhaltigkeit« beleuchten. Deshalb sei »ein politisches Verspre­
Aber anhand welcher alternativen chen weiter und generell ansteigender
Kennziffern soll der Wohlstand Konsumniveaus nicht zu geben«.
­künftig besser vermessen werden? Die deutsche Gesellschaft steht
Habecks Fachleute widmen der Frage nach Habecks Einschätzung vor ent­
ein Sonderkapitel mit der Überschrift scheidenden Fragen: Wollen Teile der
»Nachhaltiges und inklusives Wachs­ Bevölkerung ein Weiter-so mit stetig
tum«. Es gehe darum zu zeigen, »auf steigendem materiellen Pro-Kopf-
welche Weise die Wertschöpfung in Konsum? Oder werden »im Zweifel
Deutschland entsteht und welche andere Ziele von Nachhaltigkeit und
Ressourcen dabei beansprucht wer­ Gerechtigkeit von einer Mehrzahl als
den«, schreiben sie und kommen auf wichtiger eingeschätzt«?
Marlena Waldthausen

rund drei Dutzend Indikatoren: von Nach Lektüre des Entwurfs für den
A wie »Ausgaben für Bildung« bis Z Jahreswirtschaftsbericht besteht kein
wie »Zentrale Einrichtungen der Da­ Zweifel, auf welche Seite sich Habeck
seinsvorsorge«. Besonderes Augen­ Grünenpolitiker Habeck schlägt.
merk legen sie dabei – der neue Zu­ Christian Reiermann n

84 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


R+V GESUNDHEITSVORSORGE

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WIRTSCHAFT

Johannes Arlt
Bremer Roland am Markt

Die tote Mitte


STRUKTURWANDEL  In der alten Handelsstadt Bremen schließen reihenweise die Geschäfte. Ein Streit
ist entbrannt, wie die Innenstadt zu retten ist: mit mehr Konsum oder weniger?

G
rashoffs Bistro war eine Insti- auf den Bistrotischen, die Manschet- burg oder gleich nach Übersee. Mit
tution in der Bremer Innen- tenknöpfe an seinen Hemdsärmeln den Firmen zogen Führungskräfte
stadt. Hier trafen sich Bankiers, sehen aus wie kleine Champagner- weg. Schmidt verlor einen wichtigen
Schiffsmakler, Reeder und Politiker flaschen. An den Wänden hängen ge- Teil seiner Kundschaft. Traditions-
zum Mittagstisch. Für den im Jahr rahmte Fotos prominenter Gäste. betriebe in der Innenstadt gaben auf,
2011 verstorbenen Humoristen Vicco Der Gastronom holt ein Buch, die die Fußgängerzone büßte an Attrak-
von Bülow, bekannt als Loriot, war Firmenchronik, und schwärmt von tivität ein – schon lange vor Beginn
das französische Feinkostlokal wäh- vergangenen Zeiten: von den Lieb- der Pandemie. Corona, sagt Schmidt,
rend seiner Zeit bei Radio Bremen so lingsgerichten der Siebzigerjahre, als »hat dann nur noch den Deckel
etwas wie ein zweites Wohnzimmer.
Der »Loriotplatz« kündet vom
­besonderen Verhältnis Bülows zur
18
Millionen Euro
er ein kleiner Junge war und Bremens
bessere Gesellschaft im Lokal beob-
achten konnte. Damals habe die Stadt
draufgemacht«.
Und da liegt er bis heute. Auf Gras-
hoffs Bistro. Irgendwie auf der ganzen
Hansestadt. Sein Lieblingsbistro in- noch Weltmarktführer angezogen, Stadt.
des, gelegen an eben diesem Platz, ist klangvolle Unternehmen wie Jacobs, Bremen, das war einmal die viel-
Geschichte. stecken die Haake Beck, Hachez, Kellogg’s oder leicht stolzeste aller Hansestädte, auf
In fünfter Generation führte die
Familie von Oliver Schmidt das Res-
Bremer in den Coca-Cola. »Es herrschte die Stim-
mung, als ob es immer so weitergin-
jeden Fall eine der reichsten. »Ham-
burg hat das Tor zur Welt, aber Bre-
taurant, nach 149 Jahren hat er es nun kommenden ge«, sagt Schmidt. men den Schlüssel dazu«, lautet hier
geschlossen. Schmidt, 54, lehnt an der Jahren in die Tatsächlich aber verkleinerten ein Sprichwort in Anspielung an die
Theke, als erwarte er gleich die ersten oder verlagerten immer mehr große beiden Wappen. Seit über 1000 Jah-
Gäste zum Mittagstisch. Die weißen Renovierung Konzerne ihre Zentralen: vor die ren brachte die Kaufmannschaft den
Decken liegen noch, frisch gestärkt, ihrer City. Tore der Stadt, ins benachbarte Ham- Wohlstand in die Stadt, sie gab den

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WIRTSCHAFT

Ton an, gern in den Priölken, den »Die Innen- gleitet, der lernt viel über verpasste der mir: Vielen Dank, aber wir blei-
kleinen Separees im Ratskeller, wo Chancen und festgefahrene Debatten, ben bei unserer Registrierkasse.« In
sich Kaufleute und Senatoren von je- stadt muss über große Ideen und noch größere zwei, drei Jahren sei ohnehin Schluss.
her treffen, um die Dinge in ihrem bewirtschaftet Hürden. Und der staunt, wie schwer So gehe es ihm oft, sagt Breford.
Sinne zu regeln.
Der Marktplatz, Welterbe, ist
werden. man sich hierzulande mit der Neu­
erfindung einer patinabesetzten
Ein großer Teil der Klein- und Kleinst-
unternehmer stelle es immer noch
Denkmal dieser Machtverteilung: Die Alles andere Schönheit tun kann. infrage, überhaupt einen Onlineshop
Handelskammer residiert in einem ist Romantik.« Malte Breford und sein Team etwa oder lediglich eine Internetpräsenz
goldverzierten Palast direkt gegen- verzweifeln mitunter. Sie sind im Auf- einzurichten.
Christian Jacobs,
über dem Rathaus, die Bürgerschaft Kaffee-Erbe trag des Senats als »Digital-Lotsen« Möglicherweise muss man, um
ist nur Beiwerk. Man legt Wert dar- unterwegs, haben ihr Büro in der eine Mitte zu retten, viel grundsätz-
auf, als Bremer Handelskammer be- Schalterhalle einer ehemaligen Bank licher ran. Von oben betrachtet zer-
zeichnet zu werden – ohne die bezogen, in sechs, sieben Meter ho- fällt die Bremer Innenstadt ungefähr
schmutzige Industrie. hen Räumen mit viel Glas. An vier auf der Höhe des Ratskellers in zwei
Vielerorts indes wirkt die Stadt Tagen in der Woche sollen drei Fest- Teile. Der eine ist ein Kleinod: ge-
heute nur noch wie eine hübsche angestellte und ein Student die Bre- wachsen die Architektur, durchmischt
­Kulisse, bei der nicht ganz klar ist, mer Kaufleute hier fit machen für das die Nutzung, historisch die Gebäude-
welches Stück eigentlich aufgeführt Internet. Ganz einfach ist Brefords substanz. Touristen und Bremer zieht
werden soll. Und in welcher Beset- Klientel nicht. Der Stolz, die Historie. das alte Zentrum gleichermaßen in
zung. Die Hanse ist Historie, der Han- Warum sollen sie jetzt auch noch auf seinen Bann.
del auf dem Rückzug. Womöglich hat Instagram oder Facebook aktiv sein? Der andere Teil, vor allem die bei-
er seine Berechtigung, den Ton der Es ging doch bislang auch ohne. den Einkaufsstraßen, die Sögestraße
Stadt zu bestimmen, längst einge- Bei einigen, sagt Breford, würde und die Obernstraße, die beim Gale-
büßt. Immer mehr Geschäfte im Zen- man am liebsten selbst die Maus in ria-Warenhaus einander treffen – in
trum stehen leer. Wo einst stolze die Hand nehmen. Andere benötigten Bremen spricht man vom »Konsum-
Schneider, Parfümeure, Krämer resi- zehn, zwölf Termine von je ein bis L« –, stammt aus den Sechziger- und
dierten, entstanden erst Ein-Euro- zwei Stunden, nur um ihren Internet- Siebzigerjahren. Er ist wie vielerorts
Shops, dann Spielhallen und Nagel- auftritt ans Laufen zu bringen. Wie- das Ergebnis des Umbaus der City zur
studios. Spätestens seit Corona sind der andere lehnten seine Dienste autogerechten Stadt und monoton
viele Schaufenster ganz verklebt. rundheraus ab. Der Schreibwaren- mit Einzelhändlern besetzt, deren
Diesen schmerzhaften Wandel des händler von neulich etwa. Breford Schaufenster immer häufiger leer
Innenstadtbereichs erleben derzeit dachte: Den digitalisierst du nun mal bleiben.
die meisten größeren Städte in Deutsch­ richtig schön durch. »Und dann sagt »Bremen hat immer vom Handel
land. Bremen war davon nur stärker gelebt. Und wird es immer tun«, sagt
und früher betroffen. Die Gründe Christian Jacobs, man brauche nur
sind rasch aufgezählt: die Eintönig- die richtigen Geschäfte und müsse
keit der Filialbetriebe, der mangelnde ordentlich investieren. Jacobs, Erbe
Service der Warenhäuser, die ver- einer Kaffeedynastie, Spross der
schlafene Digitalisierung, die hohen reichsten Familie der Stadt, steht auf
Mieten für Gewerbeflächen, die Kon- dem Marktplatz. Er nennt ihn nur
kurrenz der Einkaufscenter auf der sein »Wohnzimmer«. Schon als Schü-
grünen Wiese. Der fehlende Mut zum ler habe er hier gern die Nachmittage
Neuen. Keines dieser Defizite hat verbracht, sein ehemaliges Gymna-
Bremen exklusiv. Aber Bremen hätte sium liege gleich um die Ecke.
Johannes Arlt / DER SPIEGEL

geradezu ideale Voraussetzungen, sie Seine Geschäfte führt der Investor


zu beheben. längst aus Hamburg, er selbst residiert
Im Zwei-Städte-Staat sind die in der Lüneburger Heide. Doch Ja-
Wege kurz, die Ratsfrauen und -her- cobs’ Interesse für Bremen kehrt ge-
ren sehen das Elend jeden Morgen rade zurück. Hier, sagt er, gebe es
auf dem Weg ins Parlament. Und so Investor Jacobs noch Möglichkeiten. Mehr als anders-
hat man früh reagiert, hat bereits im wo. Vor allem im Immobiliensektor.
Herbst 2020 13 Millionen Euro bereit- Gerade hat Jacobs das Gebäude,
gestellt für das »Aktionsprogramm in dem sein Großvater das Familien-
Innenstadt«. Beim Bundeswirtschafts­ imperium einst begründete, aufwen-
ministerium wird Bremen als Stadt- dig saniert, die Stadtwaage gekauft,
labor geführt, der Bund hat jüngst das Essighaus umgebaut. 100 Millio-
noch mal fast fünf Millionen Euro nen Euro will er in das Balgequartier
draufgelegt. stecken, will damit die Bremer Innen-
18 Millionen Euro sind für eine stadt und das Weserufer, die soge-
chronisch klamme Stadt mit fast nannte Schlachte, miteinander ver-
600 000 Einwohnern eine Menge binden. Und das soll nur der Anfang
Geld. Das große Nordrhein-Westfalen sein.
Johannes Arlt / DER SPIEGEL

bewilligte all seinen Kommunen zu- Ginge es nach ihm, würde man das
sammen gerade einmal 30 Millionen komplette Zentrum verändern: Pres-
Euro fürs Aufmöbeln ihrer Zentren. sehaus und Siebzigerjahreläden um-
Nur: Mit Geld allein lässt sich eine bauen, das alte Horten-Kaufhaus,
Innenstadt nicht retten. Wer Bremen Gastronom Schmidt ganze Häuserzeilen und das Parkhaus
durch das schwierige Jahr 2021 be- Mitte abreißen. Und dann? Kämen

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 87


WIRTSCHAFT

sechs Uhr abends. Das hier, sagt


Totentanz in der City Busch und zeigt in die Runde, auf das
Rathaus, den Roland, die Handels-
Leerstand Entwicklungsprojekte Einzelhandel 1 Obernstraße 2 Sögestraße kammer, sei das Herz der Stadt. »Hier
spielt sich seit über 1000 Jahren alles
ab. Und nun wollen uns ein paar In-
vestoren erzählen, das Herz schlage
dahinten?« Er zeigt abfällig über die
Sparkasse
Schulter, Richtung »Konsum-L«.
am Brill »Niemals. Das da ist Fake. Hier ist die
Parkhaus
Mitte gute Stube.«
Siemens- Busch ist freischaffender Künstler,
We Hochhaus
se
r er schreibt, malt und spricht, mitunter
deutlich, gern auch vor den Stadtobe-
ren. Bremen ist für Busch nicht nur
Brauerei Beck
Heimat und Herzensstadt, sondern
1 2 vor allem »das Durchschnittlichste
und Mittelmäßigste, was die Republik
BREMEN
Presse- Doms- zu bieten hat«. Er meint das nicht
haus hof
Karten- ­despektierlich. Im Gegenteil. Damit
aus- Rats- sei man »das ideale Labor« für die
schnitt Balge- keller
200 m quartier Frage etwa, für was und für wen In-
nenstadt eigentlich da sei.
Leider, glaubt Busch, habe Bremen
S Quelle: planB, Karte: OpenStreetMap; nur Erdgeschossflächen, Stand: November/Dezember 2021 diese Chance verspielt, laufe der Ver-


gangenheit hinterher, habe das ganze


wohl die Verkaufsexperten, um Be- Er und Jacobs wollen erreichen, schöne Geld in viele kleine Handels-
sucherströme zu »lenken«, Produkte dass die Straßenbahn, die heute mit- projekte und zaghafte Verkehrsver-
zu »kuratieren«, den Handel wieder ten durch die Fußgängerzone läuft, suche gesteckt, statt einen großen
zum »Erlebnis« werden zu lassen. verlegt wird, um Platz für Restaurant- Wurf zu wagen. »Statt für Grandezza
Jacobs verspricht, schon bald in Bre- tische, Bäume und neue Sitzbänke zu und den lauten Knall hat man sich für
men »Mieten wie am Hamburger schaffen. In die ehemalige Sparkassen­ die durchschnittliche Minimallösung
Jungfernstieg« kassieren zu können. zentrale am Brill, gleich nebenan, entschieden«, sagt Busch.
Die Innenstadt müsse »bewirtschaf- könnte die Uni einziehen, vielleicht Luftiger, grüner, nachhaltiger hät-
tet« werden. Alles andere sei Roman- auch die Fachhochschule. Und man te das Zentrum durch die Pandemie
tik. »Wir müssen uns immer fragen: müsse sich über den Verkehr Gedan- werden können, Paris macht es gera-
Wie wollen wir leben – und wovon?« ken machen. Von der Idee der zustän- de vor. Radwege statt Straßen, Bier-
Unterstützung bekommt er aus digen Senatorin, die City für Autos gärten statt Parkplätzen. Doch in
dem Schütting, dem ehemaligen Gil- komplett zu sperren, halten die bei- Bremen, konstatiert Busch, sei viel
de- und Kosthaus der Kaufleute und den nichts. Wie, fragen sie, soll dann Geld einfach »verpufft«.
heutigen Sitz der Handelskammer. die Kundschaft aus dem Umland in Er fordert mehr Mut und mehr
Seit 1537 werden hier die Antworten die Läden kommen? Freiraum, für Kitas, Galerien, Biblio-
auf die großen Bremer Fragen formu- Den Kaufleuten schwebt vor, das theken, Theater, Handwerk, will, dass
liert. Hauptgeschäftsführer Matthias Zentrum zu einer Art Open-Air- der Senat »den Menschen seiner
Fonger empfängt im Landschafts­ Shoppingmall in historischer Kulisse Stadt zutraut, sie so zu gestalten, wie
zimmer, einem Prachtraum mit ver- umzugestalten. Die Frage ist aller- sie es für richtig halten«. So wie im
zierten Bleiglasfenstern, riesigen dings, ob die Stadtgesellschaft das kalifornischen Berkeley, wo die Uni
Wandgemälden und hauchdünnem überhaupt so will. Die kauft heute ihre Studenten bewusst kreuz und
Porzellan. Bremen habe »eine wun- ganz anders ein als früher: seltener, quer über den Campus gehen lässt
derbar erhaltene Substanz«, sagt Fon- noch lokaler und immer öfter im und erst danach die Trampelpfade zu
ger. »Davon zehren wir. Aber wir Internet. Wegen betoniert. Schwarmintelli-
sehen klare Anzeichen der Verände- Im Jahr Selbst der Deutsche Industrie- und genz, einerseits.
rung. Wir müssen uns sputen.«
Das Rathaus müsse Impulse set-
zen, so Fonger, zwei, drei, vier Groß-
projekte, um die Innenstadt und den
888 Handelskammertag (DIHK) und die
Gewerkschaft [Link] haben das inzwi-
schen eingesehen. Der DIHK fordert
mehr Freizeittourismus in den Innen-
Andererseits aber brauche es ein,
zwei architektonische Glanzpunkte
wie jenen, der auf dem ehemaligen
Sparkassenareal am Brill geplant war.
Handel zu beleben. 9000 Studenten bekam städten, [Link] möchte sie um Kultur- 11 000 Quadratmeter beste Innen-
sollten nach seiner Vorstellung ins ­Bremen das orte und soziale Einrichtungen er­ stadtlage, 2017 gekauft von den israe-
Zentrum umziehen, dort büffeln, weitern und den öffentlichen Raum lischen Schapira-Brüdern, die darauf
wohnen, vor allem einkaufen. Auf Marktrecht als »Ort der Begegnung« etablieren. Bremens neues Wahrzeichen bauen
dem Domshof könnte ein »Viktua- und wurden Wollen Jacobs und seine Mitstrei- wollten: vier ovale Türme mit einer
lienmarkt des Nordens« entstehen.
Und Investoren wie Jacobs sollte end-
die Kauf­- ter also etwas inszenieren, was es so
gar nicht mehr gibt?
luftigen Piazza in der Mitte, entwor-
fen vom Stararchitekten Daniel Libes­
lich ein »Go« für ihre Umbauideen leute zum Auf dem Rathausmarkt herrscht kind.
signalisiert werden. »Alle müssen se- ersten Mal Sommerabendstimmung wie in einer Als die Schapiras den Entwurf vor-
hen, dass etwas passiert. Es geht da- Bierwerbung. Aber Sönke Busch legten, verließ den Senat der Mut. Es
rum, eine Aufbruchsstimmung zu er- urkundlich trinkt kein Bier. Also Kaffee, dazu wurde so lange über Höhen, Flächen,
zeugen«, sagt Fonger. erwähnt. eine Selbstgedrehte, um kurz nach Türme debattiert, ja gestritten, bis die

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WIRTSCHAFT

Eigner ihren Entwurf zurückzogen. Und der Verkehr? Ja, sagt Vogt. muckeligere Flair – und Bremen, wie
Nun wollen sie den tristen Block, Auch sie glaube, dass es ein neues viele andere mittlere Großstädte auch,
wenn überhaupt, nur noch sanieren Konzept geben müsse. Aber autofrei? eine ganze neue, eigene Idee von In-
und vermieten. Mit Glück ziehen ir- »Wenn wir künftig mehr Wohnraum nenstadt braucht.
gendwann Uni oder Fachhochschule in der City haben wollen, dann kön- Die Bremer selbst sind da weiter,
ein. Deren Obere tun sich bislang nen wir den Leuten doch nicht vor- debattierten vergangenen Sommer
eher schwer mit der Vorstellung, ihre schreiben, ohne Auto zu leben.« Vogt im »Theatergarten« in den Wall­
Studierenden als reine »Belebungs- will weniger Verkehr, weniger Park- anlagen längst über begehbare In-
masse« für den innerstädtischen plätze, dafür mehr Busse und Bah- nenstadtdächer, Hängebrücken über
­Einzelhandel in der City pauken zu nen, mehr Radwege und Geschwindig­ viel befahrene Trassen oder eine
lassen. keitsbegrenzungen. Zunächst einmal still­gelegte, begehbare, grüne Hoch-
Derlei Zauderei sehe man bei den aber brauche es ohnehin »prakti­kable straße.
Verantwortlichen dieser Tage oft, sagt Alternativen zum Pkw«. Bremens Mitte sei »manisch-de-
Busch. Alles werde zigmal gewälzt, Seit zwei Jahren geht das so, arbei- pressiv«, so der Befund damals. Nötig
abgesichert, zerredet. Er vermisst tet der Senat an der neuen »Strategie seien Enteignung, Umwidmung, Ab-
­Risikobereitschaft. Centrum Bremen 2030+«. Als das riss.
Wem also gehört die Stadt? Dem Konzept vergangenen Oktober vor- Für einen großen Wurf brauchte
Handel, der Kultur, der Wissenschaft, gestellt wurde, fanden sich darin aller- es wohl einen echten Lotsen. Jeman-
den Bürgern, den Autos? Oberbürger- lei wolkige Sätze, jedoch kaum kon- den mit Richtlinienkompetenz. Die
meister Andreas Bovenschulte (SPD) krete Lösungen für die zentralen Pro- aber hat in Bremen nicht einmal der
mag darüber nicht reden. Über Mo- bleme. Die Mitte solle »erreichbar Bürgermeister, die Stadtverfassung
nate findet er keinen Termin in sei- bleiben«, der Handel müsse »belebt« will es so. Er ist als Präsident des Se-
nem Kalender. Dafür sprechen seine werden, Wissenschaft in der City wer- nats nur »Primus inter Pares«.
Senatorinnen. Die SPD regiert Bre- »Statt für de »in den Blick genommen«. Was Urs Siedentop könnte diese Risiko-
men seit 75 Jahren, in dieser Legisla-
tur mit Grünen und Linken, die sich
Grandezza hat immer das heißen mag.
Das Papier wäre eine Chance ge-
scheu schon bald die berufliche Exis-
tenz kosten. Mit seinen Geschäfts-
die einschlägigen Ressorts aufteilen: man sich für wesen, etwas zu wagen: sich vom Ge- partnern gehörte er zu den Ersten,
die Grünen die Stadtentwicklung, die die Minimal- danken zu verabschieden, dass der die vom Bremer Aktionsprogramm
Linke die Wirtschaft. stationäre Handel die Innenstadt ins Innenstadt profitierten. Mit ihrem
Maike Schaefer (Grüne) hat die
lösung ent- nächste Jahrzehnt tragen muss, sich Konzept »Ekofair« hatten sie einen
Misere aus ihrem Büro im 13. Stock schieden.« bewusst zu werden, dass Hamburg Wettbewerb gewonnen, konnten mit-
des Siemens-Hochhauses immer im Sönke Busch, immer die mondäneren Geschäfte ten in der Fußgängerzone, im ehe-
Blick. Das Weltkulturerbe links, die Künstler haben wird, Oldenburg immer das maligen Gerry-Weber-Store, ein nach­
blätternde Kaufhausfassade rechts, haltiges Kaufhaus eröffnen. Die Stadt
dazwischen schlängeln sich die Autos. übernahm für ein Jahr die Miete und
In der Luft liegt der Geruch von Hop- Bildunterschrift in
freute sich in den Medien über ihr
fen. Die Brauerei Beck, beheimatet der Marginalie mit Prestigeprojekt.
auf der anderen Weserseite gegen- Schmuckzeile Er bekomme »sehr viel positives
über der Innenstadt, hat offenbar ge- Feedback«, sagte Siedentop kurz
rade neuen Sud angesetzt. Unklar, nach der Eröffnung im Frühjahr. Die
unken manche, wie lange sich der Leute seien »froh, dass endlich etwas
Konzern diese begehrte Lage noch los ist in der Stadt, sie was erleben
leisten wird. Unklar auch, was ein können in Bremen«. Das Ziel, sich
Wegzug für Bremen bedeuten würde. schon bald selbst zu finanzieren, war
Senatorin Schaefer will den Ver- damals in greifbarer Nähe.
kehr aus dem Zentrum verbannen. Inzwischen sind seine Räume
An einer autofreien Innenstadt, »vom montags bis freitags wieder fast men-
Wall bis an die Weser, führt kein Weg schenleer, nur am Wochenende ist
vorbei«, sagt sie. Der »Status quo« mehr los. Die Pandemie, klar, sagt
sei keine Option. Das gebiete schon Siedentop. Vor allem aber sei der
der Klimaschutz. London, Paris, Ko- Standort problematisch. »Unter der
penhagen, Barcelona, Wien: Die Me- Woche ist in der Innenstadt zu wenig
tropolen hätten gezeigt, wie es funk- los. Da erwirtschaften wir nicht die
tioniere. Wenn das Zentrum erst mal Umsätze, die wir benötigen.« Bis
autofrei sei, so ihre Hoffnung, regle ­April unterstützt die Stadt das Kon-
sich der Rest von allein. zept noch. Ob sich Ekofair danach
Auf der anderen Seite der Innen- selbst trägt, sich hohe Innenstadtmie-
stadt hat Kristina Vogt (Linke) da ten wirklich zahlen lassen? Siedentop
ganz andere Vorstellungen. Die Se- hat so seine Zweifel.
natorin will selbst aktiv werden, leer Im ersten Stock des Kaufhauses,
stehende Ladenlokale mit Steuergeld am Spiegel der alten Umkleidekabi-
anmieten und an Start-ups weiter­ ne, kleben bunte Zettel. Darüber eine
Johannes Arlt / DER SPIEGEL

reichen. Ein nachhaltiges Kaufhaus Frage: »Was macht diesen Ort für
hat sie so schon etabliert, gerade küm- Dich persönlich attraktiv und leben-
mert sie sich um eine Fläche für ein dig?« Auf einem rosafarbenen Papier
Restaurant. Etwas mit Fisch vielleicht, hat jemand die Antwort dagelassen:
das fehle in Bremen noch, glaubt die Aktivist Busch »Die Innenstadt? Wenig«.
Wirtschaftssenatorin. Simon Book n

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WIRTSCHAFT

The App must go on


SOFTWARE  Das Gesundheitsministerium hat den Vertrag mit SAP und Telekom zur Corona-Warn-App
­verlängert. Dabei ist sie noch gar nicht an Omikron angepasst.

Ü
berall in Deutschland werden in den er­wogen. Ein Grund, warum man sich bislang gangenheit kritisiert und als neue Funktion
kommenden Tagen Handys rot auf- dagegen entschied: Engere Schwellenwerte eine automatische Cluster-Erkennung vor-
leuchten, so warnt die staatliche Coro- beim Abstand oder bei der Dauer der geschlagen. So könnte die App eine größere
na-App vor einem gefährlich nahen Kontakt ­Kontakte würden zu einem weiteren deut­ Menschenmenge registrieren und so mög­
zu Infizierten. Mehr als 230 000 solcher Ri- lichen Anstieg der Warnungen führen. Das licherweise besser vor riskanten Supersprea-
sikowarnungen wurden Nutzerinnen und könnte mehr Fehlwarnungen verursachen, ding-Events warnen. Doch im nun von Lau-
Nutzern allein am vergangenen Mittwoch was wiederum das Vertrauen in die App be- terbach geführten Ministerium möchte man
­angezeigt, ein Rekordwert seit der Einführung schädigen würde, fürchtet manch ein betei- diesen Ansatz offenbar nicht mehr weiterver-
der App im Juni 2020. Tendenz steigend. ligter Experte. folgen.
Knapp 40 Millionen Mal wurde die App Es war also offenbar auch eine politische Im Kreis der App-Verantwortlichen denkt
inzwischen installiert, etwa 67 Millionen Euro Abwägung, die zum Verzicht führte, technisch man bereits an eine Zeit nach Omikron, ja
hat der Staat bisher dafür ausgegeben. Das wäre eine Omikron-Optimierung machbar. sogar an eine Nach-Pandemie-Ära. Corona
Bundesgesundheitsministerium hat den aus- Andere Stimmen weisen allerdings darauf mag endemisch werden, eine digitale Kon-
laufenden Vertrag mit der Deutschen Telekom hin, dass der aktuelle wissenschaftliche taktverfolgung nicht mehr notwendig – doch
und SAP, den für Entwicklung und Betrieb Kenntnisstand kein Update notwendig ma- die Warn-App soll, wenn es nach ihnen geht,
verantwortlichen Konzernen, bis zum 31. De- che. Aus dem Gesundheitsministerium heißt überleben. Immerhin sei sie die erfolgreichs-
zember 2022 verlängert, wie der SPIEGEL es dazu offiziell, dass das RKI die Grundlagen te öffentliche App aller Zeiten, mit Dutzenden
erfuhr. Für weitere 25,2 Millionen Euro. In- der Risikoberechnung fortlaufend beobachte. Steuermillionen entwickelt und deshalb »viel
teressanterweise wurde die Verlängerungs- Karl Lauterbach selbst hatte die langsame zu schade fürs Museum der Kommunikation«,
option zwei Tage vor der Bundestagswahl Weiterentwicklung der Warn-App in der Ver- sagt ein Beteiligter.
gezogen. So kursieren bereits Ideen für ein zweites
Bei der Vorstellung der App im Juni 2020 Leben der App nach der Pandemie. Etwa als
hatte Kanzleramtsminister Helge Braun neue »Bundes-Warn-App« für den Katastro-
(CDU) das Projekt gelobt und hohe Erwar- phenschutz, in der bestehende Lösungen wie
tungen geschürt. Er sprach von der »besten
Die Corona-Warn-App Katwarn und Nina aufgehen könnten. Eine
Warn-App weltweit«. Sie herunterzuladen sei Eine Bilanz in Zahlen andere Idee: Die Warn-App könnte zu einer
»ein großer Schritt für die Pandemiebekämp- Gesundheits-App werden – über die dann etwa
fung.« Seitdem wurde kaum noch gelobt. 39,7 Mio. Mal E-Rezepte bei Apotheken eingelöst werden
Fachleute kritisierten, dass die App zu lang- wurde die Corona- könnten. Eigentlich sollte das schon seit Jah-
Warn-App seit ihrem
sam weiterentwickelt wurde, neue Funktionen Start Mitte Juni 2020
resbeginn flächendeckend möglich sein, nur
und sinnvolle Anpassungen seien zu spät oder heruntergeladen wie üblich bei der Digitalisierung hierzulande
gar nicht gekommen. Und angesichts der sich bekamen die Verantwortlichen das nicht hin.
auftürmenden Omikron-Welle stellt sich er- rund 67,5 Mio. € Wegen technischer Mängel hat Lauterbachs
neut die Frage: Was trägt die App überhaupt kosteten den Bund Ministerium in letzter Minute vor dem Jahres-
bis Ende 2021
zur Eindämmung der Pandemie bei? Entwicklung wechsel die Pflicht zur Einführung des E-Re-
Die Virusmutation stellt die Entwickler vor und Betrieb zepts aufgehoben und stattdessen den Probe-
besondere Probleme. Ob ein Kontakt zu einer betrieb verlängert. Wenn politisch gewünscht,
infizierten Person gefährlich war, berechnet die ließe sich die App wohl sogar als Nukleus eines
App im Wesentlichen danach, wie lange und Impfregisters nutzen – viele Geimpfte haben
wie nah der Kontakt war. Ab einer Begegnung 35,1 ihren Impfnachweis bereits hochgeladen.
von mindestens neun Minuten mit 1,5 Meter Insbesondere die Telekom hätte an einer
Abstand kann die App auf Rot springen.
Mio. längeren Nutzung der App wohl großes Inte-
PCR-Test-
Weil das Virus durch Varianten wie Delta ergebnisse resse, sie will ihr digitales Gesundheitsge-
und Omikron infektiöser wurde, dürften in- wurden bislang schäft weiter ausbauen. Und da kann ein we-
zwischen auch kürzere Kontakte für eine übermittelt nig zusätzliche Hilfe nicht schaden. Einer der
Übertragung reichen. Das letzte größere Up- wichtigsten Verantwortlichen für die Warn-
date der Risikoberechnung stammt jedoch darunter
App hat das Gesundheitsministerium Anfang
aus dem April 2021, bevor die Delta-Variante Dezember verlassen. Der Abteilungsleiter
in Deutschland dominant wurde und lange
5 Mio. 10,7 Mio. Digitalisierung Gottfried Ludewig ist mit dem
positive Test- empfangene
vor dem Aufkommen von Omikron. Ist die ergebnisse Warnungen* Regierungswechsel in Elternzeit gegangen –
App noch genau genug? zurückkehren wird er nicht. Er wird von März
Eine Aktualisierung angesichts von Omi­ * seit März 2021 von Personen, die die Datenspende an Chef der Gesundheitssparte bei der Tele-
in der App aktiviert haben
kron erachtet man im Bundesgesundheits­ S Quellen: RKI, BMG; Stand: 6. Jan.
kom-Tochter T-Systems.
‰

ministerium bislang nicht für notwendig. Max Hoppenstedt, Marcel Rosenbach,


­Hinter den Kulissen wurde das aber durchaus Cornelia Schmergal n

90 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


[Link]

„Ich helfe Eltern, Kostenstellen


in vertrauter Umgebung zu
entbinden.”
Martina, Hebamme

Liebe, was du machst.


Nicht, was du machen musst. Die sichere und smarte Buchhaltung
AUSLAND

Andreea Campeanu / Getty Images


Diese syrische Mutter aus Aleppo ist in den benachbarten Libanon geflüchtet, seit einem guten Jahr lebt sie mit ihrer Familie in Tripoli südlich von
Beirut. Ihre kleine Tochter ist nun in Sicherheit, aber sie wächst in eine unsichere Zukunft hinein: Im Libanon leben mittlerweile mehr als eine
­Million Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, die meisten davon in bitterer Armut. Ein Drittel der unter 17-Jährigen hat noch nie eine Schule besucht,
Kinderarbeit ist verbreitet, die Coronapandemie hat ihre Lebensumstände zusätzlich verschlechtert.

Populist der Mitte


ten drückt er drastisch aus, was eine vermeintliche oder tatsäch-
liche Mehrheit denkt. Und er polarisiert gegen eine radikalisierte
Gruppe, die vermeintlich oder tatsächlich die Rückkehr zur Nor-
malität verhindert. Diese Polarisierung zwingt Macrons Gegner,
ANALYSE   In weniger als 100 Tagen wird
sich klar zu positionieren. Doch das scheuen sie.
in Frankreich gewählt – und Emmanuel Macron Während der Präsident sich darauf verlassen kann, dass seine
macht Stimmung gegen Impfgegner. Kernwählerschaft eine rigorose Impfpolitik unterstützt, liegen die
Dinge für die Konservative Valérie Pécresse und die Rechtsradi-
Die Worte sind grob. Sie gehören sich nicht für einen Präsiden- kalen Marine Le Pen und Éric Zemmour nicht so klar. Ihre ge-
ten. Sie sorgen im Wahlkampf für maximale Aufregung. Und ge- spielte Empörung über die Fäkalvokabel kann ihr Dilemma nicht
nau das sollen sie. Sie sind kein Ausrutscher, sondern ein ziem- kaschieren: Pécresses Partei schwankt zwischen Zustimmung
lich geschickter Angriff Emmanuel Macrons auf seine schärfsten und Ablehnung von Macrons Coronapolitik. Die Rechtsradikalen
Gegner bei der Präsidentschaftswahl in drei Monaten. wiederum schwadronieren von Impfdiktatur, aber Umfragen zei-
»Ich habe große Lust, die Ungeimpften anzukacken«, sagt gen, dass selbst viele ihrer Wähler Macrons Kurs stützen.
Frankreichs Staatschef wörtlich. Mehrfach verwendet er in Taktisch betrachtet, ist es für ihn ein Glück, dass die Impfpoli-
einem Interview das Verb »emmerder«, damit es ja alle mitbe- tik jetzt im Mittelpunkt des Wahlkampfs steht. Rechte Themen
kommen. Die deutsche Entsprechung ist, dass er den Corona- wie Einwanderung und Islam treten dahinter zurück. Allerdings:
Impfverweigerern in seinem Land »auf den Sack gehen« will. Angesichts der Omikron-Variante sollte Frankreichs Gesund-
Er möchte sie triezen, »bis zuletzt«. heitssystem kurz vor der Wahl nun nicht versagen. Und Ma-
Die Attacke offenbart, wie Macron die Wahl gewinnen will: crons Bilanz gegen Corona ist trotz hoher Impfquote kein unum-
als Populist der Mitte, der die Herausforderer zu seiner Rechten schränkter Erfolg, vor allem in den Krankenhäusern nicht. Das
in die Defensive drängt und spaltet. In der Manier eines Populis- werden seine Rivalen zu nutzen wissen. Leo Klimm

92 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


»Wir sind ein Volk«
politische Motive: Nordkorea SPIEGEL: Haben Sie noch Hoff-
möchte Washington und Seoul nung für das Land?
entzweien und die Amerikaner Schäfer: Mein Wunsch war und
aus Südkorea vertreiben. ist, dass sich Nordkorea in Rich-
NORDKOREA  Der deutsche Ex-Botschafter Thomas SPIEGEL: Welchen Zweck hat tung des chinesischen Modells
Schäfer über Pjöngjangs neuesten Raketentest und der aktuelle Raketentest? entwickelt. Doch die Hardliner
darüber, warum Kim Jong Un wohl nicht allein herrscht ​ Schäfer: Vielleicht wollte Nord- haben Angst, dass wirtschaftli-
korea zeigen, dass es nicht von che Unabhängigkeit das Regime
Schäfer, 69, war harten militaristischen Kurs und seinem Kurs abweicht. Im Au- destabilisieren könnte. Das
Jörg Carstensen / dpa

bis 2018 insge- stehen ausländischen Investitio- genblick scheint die Führung hängt mit der Teilung des Lan-
samt acht Jahre nen skeptisch gegenüber. abzuwarten. Sie sieht Trumps des zusammen. Diese Leute ha-
lang deutscher SPIEGEL: Gelten ausländische Stärke in den USA: Sollte er ben sich die deutsche Wieder-
Botschafter in Ideen als Gefahr? oder ein Nacheiferer 2024 ge- vereinigung angeschaut. Sie
Nordkorea. Schäfer: Ja, seit 20 Jahren gibt wählt werden, hofft man, den wissen, dass aus dem Ruf »Wir
es etwa die Idee, China, Russ- US-Abzug oder andere Zu­ sind das Volk« schnell »Wir
SPIEGEL: Herr Schäfer, seit zehn land und Südkorea durch Eisen- geständnisse zu erzwingen. sind ein Volk« werden kann. KGP
Jahren regiert Kim Jong Un. bahnlinien zu verbinden, die
Wie mächtig ist er heute? durch Nordkorea verlaufen.
Schäfer: Er hat in jedem Fall Doch das Projekt ist nie voran-
Einfluss, aber ich kann nicht sa- gekommen. Nordkoreaner hö-
gen, wie groß dieser ist. Ich ren permanent, ihr Land sei an
glaube, dass in Nordkorea heu- der Spitze des Fortschritts.
te ein eng begrenzter Kreis von Wenn sie dann einen ausländi-
alten, gut vernetzten Familien schen Hochgeschwindigkeitszug
das Sagen hat. Es sind die Hard- vorbeirasen sehen, wäre das
liner, die sich seit 2015/16 eine Blamage für die Führung.
durchgesetzt haben. SPIEGEL: Der militaristische
SPIEGEL: Wofür stehen die? Kurs bedeutet auch, dass Rake-
Schäfer: Es sind Militärs, Ver- ten getestet und Atomwaffen
treter der Geheimdienste und weiterentwickelt werden.

KCNA / KNS / AP
Leute, die für Bevölkerungs­ Schäfer: Der Hauptgrund für
kontrolle und Ideologie zustän- die atomare Bewaffnung ist Ab- Kim, Mitglieder des Zentralkomitees
dig sind. Sie fahren einen sehr schreckung. Es gibt aber auch

Brüder im Geiste »Orbán zielt darauf, zu einem Kampf um Gold nen auf venezolanischem Ge-
Machtfaktor auf dem Balkan zu biet und ist Berichten von
UNGARN  Viktor Orbán, autori- werden«, sagt Daniel Hegedüs, und Drogen Goldsuchern zufolge selbst im
tär herrschender Premier in Bu- Außenpolitikexperte beim VENEZUELA  Im Grenzgebiet äußersten Osten des Landes
dapest, ist in der EU ziemlich ­German Marshall Fund: »Sein zwischen Kolumbien und Vene- nahe der Grenze zu Brasilien
isoliert. Deshalb sieht er sich Signal an Brüssel ist: Seid vor- zuela eskaliert ein Krieg zwi- präsent. Die ELN liefert sich
nach neuen Freunden um – und sichtig mit mir! Ich kann euch schen verfeindeten kolumbiani- immer öfter Gefechte mit ande-
findet sie auf dem Westbalkan. schaden.« Denn die EU ver- schen Guerilla-Organisationen: ren kriminellen Gruppen, die
Vor Weihnachten sagte er Milo- sucht, gerade jenes wackelige auf der einen Seite abtrünnige bislang die Minen kontrollieren.
rad Dodik, dem Führer der bos- Staatswesen in Bosnien und Kämpfer der aufgelösten Farc, Sicherheitsexperten befürchten,
nischen Serben in der Republi- Herzegowina am Leben zu er- auf der anderen Seite die größte dass die Rebellen nun verstärkt
ka Srpska, einen 100-Millionen- halten, das Dodik demontieren Rebellenorganisation ELN. Am versuchen, das rohstoffreiche
Euro-Kredit zu. Ausgerechnet möchte. Schon länger engagiert vergangenen Wochenende sind Becken des Orinoco unter ihre
dem Mann, der seit Jahren den sich Ungarns Premier in der Re- dabei mindestens 23 Menschen Kontrolle zu bekommen. Der
Zerfall Bosniens und Herzego- gion. Er unterhält gute Bezie- ums Leben gekommen. Tausen- Fluss ist Venezuelas wichtigster
winas betreibt. Die USA haben hungen zum serbischen Präsi- de sind auf beiden Seiten der Wasserweg, er gewährt den
diese Woche Sanktionen gegen denten Aleksandar Vučić und Grenze bereits vor der Gewalt ­Zugang zu den dünn besiedel-
Dodik verhängt, und auch die gewährte dem korrupten nord- geflüchtet. ELN und die soge- ten Regionen im Süden und
EU erwägt Strafmaßnahmen. mazedonischen Ex-Herrscher nannten Dissidenten der Farc Südosten des Landes. Venezue-
Nikola Gruevski Asyl. Diese kämpfen um die Kontrolle der las Präsident Nicolás Maduro
Leute sind mit ihrer nationalisti- Region: Sie dient als Korridor duldet die Präsenz der kolum-
schen Grundhaltung Orbáns für den Drogenhandel nach bianischen Rebellen in seinem
Brüder im Geiste. Ungarns Bal- ­Venezuela, wo weite Landestei- Land, zumal er sein Regime
kanpolitik hat vor allem Erfolgs- le mittlerweile in der Hand ko- zum Teil mit den Einnahmen
aussichten, weil die EU die Re- lumbianischer Guerilla-Organi- aus dem Goldschmuggel finan-
gion seit Jahren vernachlässigt. sationen sind. Nach Angaben ziert. Caracas hat neben der
»Orbán ­hätte es schwerer, wenn kolumbianischer Sicherheits- ELN auch mehrere abtrünnige
Szilard Koszticsak / AP

Politiker vom Balkan nicht so kräfte halten sich zwischen Anführer der Farc aufgenom-
frustriert wären«, sagt Hegedüs. 3000 und 5000 Kämpfer der men, die sich nach dem Frie-
Denn weder finden sie in Berlin ELN im Nachbarland auf, sie densabkommen mit der kolum-
noch in Paris Gehör, eine rea­ dringen immer weiter ins Lan- bianischen Regierung im Jahr
listische Perspektive für einen desinnere vor. Die ELN kontrol- 2016 in eine politische Partei
Dodik, Orbán ­EU-Beitritt fehlt. JPU liert zahlreiche illegale Goldmi- verwandelt hat. JGL

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 93


AUSLAND

Mit Krawatte und Schrotflinte


ITALIEN  Ein Staatsanwalt aus Kalabrien nimmt es mit der ’Ndrangheta auf, dem mächtigsten
Verbrechersyndikat Europas. 355 mutmaßliche Mafiosi hat er in Italiens größtem Prozess
seit Jahrzehnten auf die Anklagebank gebracht – darunter den Boss der Bosse. Von Frank Hornig

Polizeieinsatz im kalabrischen Molochio: »Wir nehmen jede Woche 20, 30, 50 Leute fest« Alessio Mamo

M
aria Chindamo fuhr am Morgen des außerdem Staatsanwälte, eine Staatssekretärin westzipfel des italienischen Stiefels. 152 000
6. Mai 2016 über eine Landstraße zu aus Rom. Am Zaun hängt ein großes Foto. Einwohner, Felsbuchten, lange Strände, mehr
ihrem Olivenhain. Am Eingangstor Maria Chindamo strahlt in die Kamera. »Dove als 1000 Meter hohe Berge. Und bis vor nicht
wurde sie wohl schon erwartet. Auf jeden Fall sei?«, steht neben dem Bild. »Wo bist du?« langer Zeit mehr Morde als in jeder anderen
lief der Motor ihres Autos noch, als später die Maria hatte sich von ihrem Mann getrennt, italienischen Region. Hier tobt der momentan
Carabinieri eintrafen. Die Einfahrt war mit ein selbstbestimmtes Leben gesucht; damit härteste Kampf gegen die Mafia, die in Kala-
ihrem Blut vollgespritzt, von der Frau selbst habe sie den Ehrenkodex der Mafia verletzt, brien ’Ndrangheta heißt – ein Dialektwort,
fehlte jede Spur. deshalb musste sie sterben, glauben ihre An- das unter anderem mit »Heldentum« über-
Sie sei ermordet, die Leiche dann »den gehörigen. »Sie war eine fantastische Mama setzt wird.
Schweinen zum Fraß vorgeworfen« worden, und immer für uns da«, sagt Federica, die Dabei scheut die ’Ndrangheta den Konflikt
sagte ein festgenommener Mafioso später den mittlere Tochter. Sie studiert Jura und möch- mit dem Staat, sie versucht, Aufsehen zu ver-
Ermittlern. te Staatsanwältin werden. »Ich würde gern meiden. So wurde sie zur weltweit am besten
Genau fünf Jahre danach versammeln sich einen Beitrag leisten, um meine Heimat zu vernetzten kriminellen Organisation Italiens.
auf derselben Landstraße, vor demselben verändern.« Während die sizilianische Mafia die Regie-
Tor, Hunderte Menschen. Carabinieri stehen Ihre Heimat, das ist Kalabrien. Genauer rung mit Attentaten provozierte, während die
­Spalier. Don Ennio, der Priester, ist gekommen, gesagt: die Provinz Vibo Valentia am Süd- kampanische Camorra in ihrem Kampf gegen

94 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


AUSLAND

den Autor Roberto Saviano ein PR- Kameras die Landstraße und die Ein-
Desaster anrichtete, baute die ’Ndran- fahrt zum Nachbarhof. Zufall oder
gheta geschmeidig ihr Geschäftsmo- nicht: Ausgerechnet an diesem Mor-
dell aus – und überflügelte die Kon- gen waren sie ausgeschaltet.
kurrenz von Palermo bis Neapel. Etwas später klingelte bei Vincen-
Ihre Manager suchen den Kontakt zo Chindamo, ihrem Bruder, das Tele-
zu Politik und Gesellschaft. Die Stra- fon: Ein Landarbeiter schlug Alarm,
tegie wirkt effizient: Sie wollen den nachdem er das leere Auto und das
Staat nicht attackieren, sondern infil- Blut an der Einfahrt entdeckt hatte.
trieren. »Wir müssen uns Jackett und »Maria wollte nach einem leidvollen
Krawatte anziehen«, sagte einer von Jahr ihr Leben wieder in die Hand
ihnen in einem abgehörten Telefonat. nehmen, aber ein geheimes Tribunal

Alber to Pizzoli / AFP


Es ist ein Narrativ, das jetzt häufig hatte schon ihr Ende beschlossen«,
zu hören ist: die ’Ndrangheta als sagt Chindamo.
Unternehmensgruppe, die in Immo- Ihr Schicksal gehört zu den zahl-
bilien und Infrastrukturprojekte in- reichen rätselhaften Vorkommnissen
vestiert, mit Geldern, deren kriminel- in Kalabrien. Viele Verbrechen wer-
le Herkunft Anwälte geschickt ver- Ermittler Gratteri: Mancuso machte Geschäfte. Am den nie aufgeklärt. So entsteht ein
tuschen. Auf 50 Milliarden Euro wird »Ich liebe diesen Job« 19. De­zember 2019 kam es zum Klima der Verunsicherung, von dem
der Jahresumsatz der kalabrischen Showdown. Fahnder nahmen Man- die ’Ndrangheta profitiert, weil sie so
Clans geschätzt. cuso und europaweit Hunderte Ver- ohne große Widerstände ihren Ge-
Die ’Ndrangheta zu zerschlagen, dächtige fest. »Rinascita Scott« nann- schäften nachgehen kann. Lupara
ihre Netzwerke aufzudecken, das war te Gratteri die Razzia, weil er eine bianca werden Fälle wie der von
lange unmöglich. Mal fehlte Unter- Wiedergeburt, Rinascita, seiner Hei- Chindamo genannt. Lupara ist der
stützung aus der Politik, mal erlahm- mat erhofft (»Scott« ist eine Reminis- Name für ein abgesägtes Jagdgewehr,
te plötzlich der Ermittlungseifer. Sel- zenz an einen verstorbenen Ermitt- das Symbol der Mafia; bianca, weiß,
ten waren Opfer zur Aussage bereit. lerfreund). steht für das Fehlen von Spuren.
Kalabrien kann bis heute manch- Die Razzia führte zum Jahrhun- Dutzende Menschen werden ver-
mal wie ein traumatisiertes Land wir- dertprozess von Lamezia Terme, aber misst, sie alle waren mutmaßlich
ken: knapp zwei Millionen Einwoh- ihre Bedeutung reicht über das Straf- ­Opfer der ’Ndrangheta und wurden,
ner in einer historisch armen Region, recht hinaus. Der Kampf gegen die wenn man Zeugenaussagen glaubt, in
regiert nicht allein vom Staat, son- Mafia sei nur in der Gesellschaft zu Säure aufgelöst, von Traktoren unter-
dern auch von der Organisierten Kri- gewinnen, sagt Gratteri, wenn sich gepflügt, in mit Steinen beschwerten
minalität, geprägt vom Schweigege- die Menschen im Land gegen die Säcken lebend versenkt oder Schwei-
bot, der Omertà. Clans engagierten. »Innerhalb von nen zum Fraß vorgeworfen.
Aber etwas ändert sich gerade. Seit zwei Jahren«, hofft der Staatsanwalt, Auch Vincenzo Chindamo und sei-
zwölf Monaten läuft in der kalabri- »können wir Kalabrien zu einem ne Verwandten warten seit Jahren
schen Stadt Lamezia Terme Italiens freien Land machen.« darauf, dass der oder die Täter über-
größtes Mafiaverfahren seit den le- Es ist ein ehrgeiziges Versprechen. führt werden. Mafiaaussteiger lenk-
gendären Prozessen gegen die sizilia- Je mehr Menschen man dazu spricht, ten die Ermittler mit ihren Aussagen
nische Cosa Nostra von 1986 bis 1992. desto verworrener wirkt das Bild. ins ’Ndrangheta-Milieu, für eine An-
355 Angeklagte stehen vor Ge- »Kalabrien ist nicht Italien, Kalabrien klage reichte es bisher aber nicht.
richt, 900 Zeugen sind geladen. In ist nicht Europa«, sagt ein hochran- In einem Punkt allerdings ist Chin-
ihren Akten legen die Fahnder dar, giger Regierungsmitarbeiter in Rom, damo jetzt schon sicher: Frauen hät-
wie Bürgermeister, Abgeordnete, »Kalabrien ist wie Libyen, ein ›failed ten in der Welt der ’Ndrangheta nur
Unternehmer, Anwälte und Justiz­ state‹.« folgende Aufgaben, sagt er: »Sie müs-
angestellte die Interessen der ’Ndran- Gibt es Verbindungen zwischen sen die Kinder hüten, den Haushalt
gheta gefördert und beschützt haben Wirtschaftsverbrechen im Manager- betreuen, den Gemüsegarten hegen.«
sollen. Für 70 Beschuldigte gibt es milieu und Bluttaten wie jener am Oli- Ein selbstbestimmtes Leben sei in die-
bereits Haftstrafen von bis zu 20 Jah- venhain? Sind Morde so ein Betriebs- sem Milieu schlecht angesehen. Er ist
ren. Geldwäsche, Scheingeschäfte, unfall im Milliardenbusiness? Oder überzeugt, dass seine Schwester Op-
Zinswucher, Erpressung: Es wird war, ist und bleibt Gewalt die Ge- fer einer Vendetta wurde, weil sie
noch lange dauern, bis alle Vorwürfe schäftsgrundlage der ’Ndrangheta – ihren Mann angeblich in den Selbst-
abgehandelt und die wichtigsten An- und sie selbst eine nicht auszumerzen- mord getrieben und die Ehre seiner
geklagten verurteilt sind. de Krankheit? Familie verletzt habe. »Schmerz le-
Zwei Männer stehen im Zentrum benslänglich«, so laute das Urteil für
der Auseinandersetzung, Luigi Man- Die Tragödie der Maria Chindamo und die Angehörigen, sagt er.
cuso und Nicola Gratteri. Der eine, ihrer Kinder begann lange vor ihrem Am Ortsrand von Limbadi, weni-
Mancuso, gilt als Chef des mächtigs- Verschwinden. Nachdem Chindamo, ge Autominuten vom Feld der Chin-
ten ’Ndrangheta-Clans, als Boss der eine Landwirtin, ihre Ehe beendet damos entfernt, steht hinter Palmen
Bosse. Der andere, Gratteri, ist Ita- hatte, fiel ihr Mann in eine schwere eine grün gestrichene Villa. Das Ge-
liens berühmtester Staatsanwalt, ein Depression. Am 8. Mai 2015 nahm er lände wird von einer Mauer umfasst,
Mafiajäger, der als Junge mit den Söh- sich das Leben. im Garten sprießt Unkraut zwischen
nen der ’Ndrangheta spielte und sich »Der Boss Fast auf den Tag genau ein Jahr Betonplatten hervor.
heute nur unter Polizeischutz bewe- ist Herr später fuhr die Witwe, damals 44 Jah- Mafiavillen ähneln sich häufig:
gen kann. re alt, gegen sieben Uhr in der Früh Von außen wirken sie wie halb ferti-
Jahrelang haben sich die Gegen- über Leben zu ihren Feldern. Auf der gegenüber- ge Rohbauten, um kein Aufsehen zu
spieler belauert. Gratteri ermittelte, und Tod.« liegenden Straßenseite überwachen ­erregen. Drinnen hingegen Luxus

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 95


AUSLAND

pur. Heute gehört das Anwesen dem »Wenn man einmal saubere Büros
Staat, der es zu einer Bildungsstätte hat, kann man mit der Arbeit begin­
über die Verbrechen der Mafia um­ nen«, sagt Gratteri. Die Botschaft
bauen lässt. Früher war es eine der kam auch auf der anderen Seite an:
Residenzen von Mancuso. »Er hat alle verjagt, es kommt keiner
Seine Familie lebt seit Generatio­ mehr rein«, hieß es in einem anderen
nen im Ort. Der Siegeszug des Clans abgehörten Telefonat.
begann in den späten Siebzigerjah­ Väter, Söhne, Enkel – zwei, drei
ren, als die Mancusos am Bau des Familien bilden in der ’Ndrangheta
kalabrischen Güterhafens Gioia Tau­ eine Einheit, die dann zum Beispiel
ro mitverdienten. Der Hafen wurde eine Kommune beherrsche, sagt Grat­

Gianluca Chininea / AFP


zum Umschlagplatz für Millionen von teri. »Alles, was dort passiert, wird
Containern pro Jahr, außerdem für von ihnen kontrolliert.« Es gelte eine
Waffen und Drogen. strenge Hierarchie: »Der Boss ist Herr
Luigi Mancuso, auch »Zio Luigi«, über Leben und Tod. Unter ihm gibt
»Onkel Luigi«, genannt, gilt als einer es eine Art Finanzminister. Und einen
der mächtigsten Mafiachefs Italiens. Kriegsminister, der Waffen verwaltet
Von 1993 bis 2012 saß er bereits we­ Videoübertragung schwere, schusssichere Stahltür zu und Nachwuchskiller trainiert.«
gen Drogengeschäften und Mitglied­ im »Rinascita seinem Zimmer. Leibwächter müssen Junge Männer, die der Organisa­
Scott«-Prozess: Viele
schaft in einer mafiosen Vereinigung Verbrechen werden den Ermittler, der täglich Anschläge tion beitreten wollen, werden einem
in Haft. Seither, so der Vorwurf, soll nie aufgeklärt fürchten muss, seit Jahrzehnten auf erfahrenen ’Ndranghetista zur Seite
er am Wiederaufstieg seines Clans ge­ Schritt und Tritt begleiten. Jetzt ist er gestellt. »Wer einen Schießbefehl in­
arbeitet haben. 63 Jahre alt, die Haare werden weni­ frage stellt, fliegt sofort raus«, sagt
In Kalabrien wird er als sagenhaf­ ger, seine Leidenschaft nicht. »Ich Gratteri. »Ein Anfänger darf nicht
te, fast sakrosankte Figur beschrie­ liebe diesen Job«, hat er bei einer diskutieren, er muss gehorchen.«
ben. Alle Mafiosi der Region »erlagen Parlamentsanhörung gesagt. Nach etwa anderthalb Jahren folge
seinem Charme«, sagt ein Aussteiger, Gratteris Furor gegen die Clans ist ein ritueller Schwur beim Chef der
sie hätten ihn »wie ein Heiligenbild« groß, manchen vermutlich zu groß, lokalen Familie. Der ritze mit einem
verehrt. »Ich habe nie jemanden auch in Rom, wo es traditionell am­ Messer einen Finger des Neulings auf,
schlecht über Luigi Mancuso reden bivalente Haltungen zur Mafia gibt. sein Blut tropfe auf ein in Flammen
hören. Er stand immer an der Spitze Vor Jahren sollte er Justizminister aufgehendes Bild des Erzengels
der ’Ndrangheta. werden, der damalige Premier Matteo ­Michael. »Von diesem Moment an
Auf den ersten Blick, das haben Renzi hatte ihm im Vorgespräch existiert für ihn nur noch die ’Ndran­
die Ermittlungen gezeigt, verdient »freie Hand« versprochen. Doch gheta«, sagt Gratteri.
die Familie auf scheinbar normale dann bekam aus nie richtig aufge­ Die Blutsbande und das Schweige­
Weise ihr Geld. Man betreibt Cafés, klärten Gründen ein Berufspolitiker gebot Omertà machten es der Justiz
verlegt Glasfasernetze in Rom, ist den Job. lange Zeit fast unmöglich, potenziel­
beim Wiederaufbau erdbebenzer­ Eine Ikone und ein Kruzifix hän­ le Aussteiger als »pentito«, als Kron­
störter Orte in den Abruzzen dabei, gen in seinem Büro neben der italie­ zeugen, zu gewinnen. Ohne Aussagen
investiert in Tourismusprojekte. Als nischen Flagge, auf dem Schreibtisch keine Urteile, kein Ende der allgegen­
»Onkel Luigi« am 19. Dezember 2019 stapeln sich die Akten. Gratteri ist wärtigen Verbrechen. Es war ein Teu­
in einem Hochgeschwindigkeitszug müde und verschnupft an diesem felskreis.
festgenommen wurde, kam er gerade Morgen, in der Nacht hat er schon Gratteri versucht, ihn zu durch­
von einem Termin in der Business­ wieder eine Razzia angeordnet. brechen. Deshalb die vielen Razzien,
metropole Mailand nach Kalabrien Fast jeden Monat, manchmal im die es vorher so nicht gab. »Wir
zurück. Wochentakt schlagen seine Leute zu, ­machen das ganz systematisch«, sagt
Finanziert werde vieles davon stets gibt es Dutzende Festnahmen. er, »wir nehmen jede Woche 20, 30,
durch Drogengeschäfte, schreibt die Mal wird tonnenweise Kokain ent­ 50 Leute wegen Mafiaverbindungen
italienische Anti-Mafia-Behörde DIA. deckt, mal lässt er auf einen Schlag fest.« Auf diese Weise, hofft er, wächst
»Die Mancusos sind extrem gefähr­ Immobilien, Unternehmen und gan­ in der Region langsam das Vertrauen
lich«, heißt es im jüngsten Bericht der ze Urlaubsresorts im Gesamtwert von in die Justiz.
Direzione Investigativa Antimafia. 170 Millionen Euro beschlagnahmen. »Kommt zu uns, erzählt uns eure
Ermittlungen hätten bewiesen, dass Ein Anfänger So war es nicht, als Gratteri 2016 Sorgen, erstattet Anzeige«, lautet sein
die ’Ndrangheta »zu blutigen Drogen­ die Staatsanwaltschaft in der Haupt­ Aufruf an die Bevölkerung. Einmal
clans in Südamerika genauso effizient muss stadt Kalabriens übernahm. »In die­ pro Woche setzt er sich selbst an
und geschickt Beziehungen aufbaut gehorchen. ser Region geben wir die Komman­ einen Schalter in seinem Justizpalast,
wie zu Politikern, Beamten, Unter­ dos«, erfuhr er aus dem abgehörten jeder, jede kann vorbeikommen und
nehmern und Freiberuflern« in Ita­ Telefonat eines Mafioso. Sogar auf berichten, wie ihm oder ihr Schutz­
lien. »Das Niveau der Infiltration von den Fluren seiner Behörde lungerten gelder abgepresst oder Wucherkredi­
Politik und Behörden wird immer Männer der ’Ndrangheta herum. te aufgedrängt werden.
höher.« »Ständig drangen Nachrichten
nach draußen«, sagt Gratteri. Er bau­ Bevor der »Rinascita Scott«-Prozess
Nicola Gratteri sitzt an seinem te Sicherheitskontrollen am Eingang beginnen konnte, musste der Staat
Schreibtisch in der Staatsanwaltschaft ein und tauschte Fahnder aus, denen einen Verhandlungssaal bauen: Nir­
von Catanzaro. Auf Bildschirmen er nicht traute. »In Friedenszeiten gendwo in Kalabrien hätte man
CC / ROPI

sieht er genau, was auf dem Flur vor wärst du ein guter Ermittler«, habe gleichzeitig 355 Angeklagte vor Ge­
seinem Büro los ist. Nur wenn er auf er gesagt, »aber wir haben keinen richt stellen können. Unweit der
einen Knopf drückt, öffnet sich die Mafioso Mancuso Frieden. Wir haben Krieg.« ­Küste, zwischen Feldern und Gewer­

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AUSLAND

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 97


AUSLAND

Demonstration. »Wir können immer


etwas gegen die Mafia unternehmen«,
steht auf einem Transparent vor der
Kirche, »Tränen für Filippo. Schande
für euch« auf einem anderen.
Danach spazieren sie durchs Zen-
trum der kleinen Stadt. »Filippo
müsste jetzt mit euch allen in der
­Pizzeria Geburtstag feiern«, sagt
Martino Ceravolo. Am offenen Grab
seines Sohnes habe er eines verspro-
chen, hatte Ceravolo in der Kirche
gesagt: »Wir kämpfen weiter. Die
das verbrochen haben, müssen dafür
bezahlen.«

Kann sich Italien wirklich von der


’Ndrangheta befreien, wie Gratteri
hofft? Einfache Antworten gibt es
nicht, eines aber fällt auf: je weiter
die Distanz zu Kalabrien, desto grö-

Privat
ßer die Skepsis. In der Geschichte
Italiens wurde oft versucht, die Mafia
behöfen, steht deshalb eine neue, Aktivist Borrello bei der Beschuldigten bezweifeln die als Problem des Südens zu behan-
103 Meter lange Halle mit 947 Plät- Kundgebung in Glaubwürdigkeit der Kronzeugen deln. Regierungen in Rom waren
Vibo Valentia 2019:
zen für Beschuldigte, Anwälte und Zynismus ist keine und wollen die Argumente der An- nicht immer bereit, den Kampf gegen
Angehörige. Option klage damit entkräften. das organisierte Verbrechen zu un­
An der Decke hängen Monitore, die Eines aber ist für Gratteri jetzt terstützen.
Direktschalte zu den Angeklagten läuft schon klar: »Wir können so viele Vielleicht, weil Geschäftsinteres-
wie bei Zoom- oder Teams-Konferen- Menschen festnehmen, wie wir wol- sen betroffen waren. Vielleicht aus
zen eines Unternehmens, allerdings len«, sagt er, wenn sich die Gesell- Resignation. »Dass die Zivilgesell-
flimmern die Männer nicht aus priva- schaft nicht engagiere, sei alles um- schaft mit ihren Vereinen jetzt gegen
ten Wohnzimmern ins Gericht, son- sonst. »Die Menschen müssen die die Mafia protestiert, ist nur ein Zei-
dern aus italienischen Gefängnissen. Räume besetzen, die wir jede Nacht chen der Stärke der ’Ndrangheta«,
Auf einem der Videos ist ein Kron- von der ’Ndrangheta befreien.« unkt ein Regierungsmitarbeiter in
zeuge zu sehen. Graue Haare, der Rom. Die ’Ndrangheta wisse, »dass
Ansatz einer Glatze, mehr ist nicht Fast jedes Gespräch in Kalabrien sie den Menschen auch ein bisschen
zu erkennen. Er erzählt, was er vom kommt irgendwann auf die Rolle der Hoffnung lassen muss«. Gratteri, die
Mancuso-Clan weiß. »Ich habe noch Familie. Sie ist das Erfolgsrezept der Bürgerbewegungen – aus Sicht der
nie einen Unternehmer kennenge- ’Ndrangheta, sie garantiert ihren Zu- Clans sei das nur Show. »Die Men-
lernt, der nicht mit der Familie Man- sammenhalt, sie vermittelt schon Kin- schen in Kalabrien wissen, wessen
cuso befreundet war«, sagt der Pen- dern vermeintliche Ehrbegriffe für Regeln sie zu befolgen haben.«
tito. Ohne Beziehungen gebe es in der ihre spätere Mafiakarriere. Aber in Vor Ort ist Zynismus keine Option.
Region keine Aufträge, keine Arbeit. Familien beginnt auch der Wider- Giuseppe Borrello gehört zu einer
Dann fügt er hinzu: »Die Mancusos stand gegen die Clans. Gruppe von Aktivistinnen und Akti-
sind Mörder, die lassen Leute erschie- Die Kirche San Martino Vescovo visten. Er fand, dass sich Kalabrien
ßen. Da macht man sich natürlich in Soriano Calabro, einem Städtchen bei den Fahndern bedanken müsse.
Sorgen.« in den Bergen, ist bis zum letzten Mit seinem Verein Libera und ande-
Während er spricht, ist auf einem Platz gefüllt. Eltern, Geschwister und ren Gruppen lud er am 24. Dezember
anderen Bildschirmfenster ein älterer Freunde feiern eine Messe für Filippo 2019, fünf Tage nach der Razzia, zu
Mann zu erkennen. Er sitzt in einem Ceravolo. einer Kundgebung ein.
kargen Gefängnisraum, vor ihm lie- Politischer, Im Alltag verkaufte der 19-Jährige Es war Weihnachten, und doch ka-
gen Akten auf einem Tisch. Sein Ge- wirtschaftli- mit seinem Vater Süßigkeiten auf den men 5000 Menschen aus ganz Kala-
sicht ist regungslos. Es ist »Onkel Märkten der Umgebung. Mit der brien nach Vibo Valentia. Sie zogen
Luigi«. cher, sozialer ’Ndrangheta hatte er nichts zu tun. von der Staatsanwaltschaft zum
Jahrelang hatte Gratteri ihn und Niedergang. Bis zum Abend des 25. Oktober 2012. Hauptquartier der Carabinieri. Dort
seine Leute abhören und beschatten Filippo Ceravolo fuhr gerade von nahm der Kommandeur einen über-
lassen. Als Konzernzentrale diente ­seiner Freundin in sein Elternhaus wältigenden Applaus entgegen, sagt
den Gangstern ein Schuppen auf dem zurück. Er hatte eine Panne, ein an- Borrello. »Vor ihm teilte sich die Men-
Land, den die Fahnder mit Mikrofo- deres Auto nahm ihn mit. Der Mann ge wie das Meer, als Mose erschien.«
nen und Kameras ausgestattet hatten. am Steuer war ein in Ungnade gefal- »Jahrelang lebten wir in Angst,
Was sie hörten, wirkte oft drehbuch- lener ’Ndranghetista. Mehrere Kugeln diese Verbrecher haben uns in einen
reif, etwa Todesdrohungen wie diese: durchsiebten den Wagen. Filippo Zustand politischen, wirtschaftlichen
»Am liebsten würde ich ihn vor seiner starb, ein Zufallsopfer der Mafia. und sozialen Niedergangs versetzt«,
Frau und seinem Sohn zu Mortadella Jedes Jahr an seinem Geburtstag sagt Borrello. »Jetzt zeigen wir ganz
IOS / ROPI

machen.« treffen sich seine Familie und die Italien, dass wir als Gemeinschaft zu-
Es wird noch lange dauern, die Freunde zum Gedenkgottesdienst. sammenstehen und Kalabrien von
Vorwürfe aufzuklären. Die Anwälte Mordopfer Chindamo Die Totenfeier ist zugleich eine ihnen befreien können.« n

98 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


AUSLAND

verkündete der armenische Regie-


rungschef Nikol Paschinjan – und
damit ausgerechnet ein Mann, der
selbst mit Straßenprotesten seinen
Vorgänger gestürzt hatte. Auch das

Hilfe mit Hintersinn


Bündnismitglied Kirgisistan wird von
einem Mann angeführt, der durch
Straßenproteste an die Macht kam.
Aber am Ende kommt es nicht
auf Armenien und Kirgisistan an und
ANALYSE  Russland schickt Soldaten nach Kasachstan, um das taumelnde auch nicht auf Belarus oder Tadschi-
kistan, sondern einzig auf Russland.
Regime zu stützen. Für Kremlchef Putin kommen die Unruhen im Nachbarland Die OVKS ist lediglich die multilate-
zur Unzeit – und bieten doch eine Gelegenheit. rale Verpackung für Moskaus Bei-
stand.
Wie viele Truppen Russland tat-

S
o überraschend die Proteste in Am Ende sagt: Er rief das russisch geführte, re- sächlich verlegt, ist für den kasachi-
Kasachstan begonnen haben, gionale Militärbündnis OVKS. schen Präsidenten dabei nicht ent-
so überraschend ist, was nun kommt es auf Die Organisation des Vertrags scheidend – es kommt auf das Signal
folgt: Die Führung des Landes hat Moskau an. über kollektive Sicherheit hat prak- an. Das Signal richtet sich an seine
den Nachbarn Russland um militäri- tisch wenig Bedeutung, auch wenn eigenen Sicherheitskräfte, die derzeit
sche Unterstützung gebeten – und sie theoretisch so etwas wie Russ- vor der Frage stehen, ob sie zu den
Moskau ist der Bitte nachgekommen. lands Gegenstück zur Nato ist. Das Demonstrierenden überlaufen sollen
Drei Jahrzehnte ist es her, dass sich Bündnis ist, wie die Gemeinschaft oder nicht. Wenn Russland mit seinen
die Sowjetrepublik Kasachstan von Unabhängiger Staaten, mit dem Ende Truppen hinter dem Regime in der
Moskau gelöst hat. Seither hat die der Sowjetunion entstanden. Anders Hauptstadt Nur-Sultan steht, dann
kasachische Führung versucht, einen als die Nato hat es keine bindende dürfte das potenzielle Überläufer ab-
souveränen Nationalstaat aufzubau­ Beistandsklausel, von den neun schrecken.
en, ohne eine Abspaltung russisch Gründungsmitgliedern sind nur noch Womöglich hilft der Beistand auch
besiedelter Gebiete im Norden zu sechs übrig geblieben, das Sekretariat im Clan-Kampf, der derzeit hinter
provozieren. Sie hat sich dabei erfolg- ist in einem kleinen Altbau in der den Kulissen geführt wird. Tokajew
reich gegen Moskaus politische, mi- Moskauer Innenstadt untergebracht. hat den Einfluss von Ex-Präsident
litärische und kulturelle Dominanz Die OVKS führt zwar Übungen Nursultan Nasarbajew und dessen
behauptet. Nun gibt sie einen Teil der durch, aber sie interveniert so gut wie Clan beschnitten, hat den Vorsitz im
mühsam errungenen Souveränität nie, nicht einmal bei Grenzkonflikten. Sicherheitsrat übernommen und den
freiwillig wieder auf. Hauptvorteil für die Mitglieder ist der Geheimdienstchef ausgetauscht.
Warum tut Kasachstans Präsident Rabatt, den sie beim Kauf russischer Was aber sind Putins Interessen?
Kassym-Schomart Tokajew das? Und Waffen erhalten. Er muss abwägen. Die Krise in Ka-
was bedeutet diese Wendung für Vergangenen Mittwoch, als in der sachstan kommt für ihn einerseits
Russlands Präsidenten Wladimir größten kasachischen Stadt Almaty zum falschen Zeitpunkt, er bereitet
­Putin? protestiert, geschossen und geplün- sich gerade auf eine mögliche Inter-
Kasachstan steckt in einer innen- dert wurde, bat Präsident Tokajew vention in der Ukraine vor und hat
politischen Krise: Was als Protest trotzdem die OVKS um Hilfe. Er stellt Truppen in ihrer Nähe zusammen-
gegen gestiegene Kraftstoffpreise im die Krise als Angriff von außen dar. gezogen. Es ist zudem unklar, wie die
Westen des Landes begann, ist diese Es handele sich um »internationale kasachische Gesellschaft auf den Ein-
Woche zum Aufstand gegen ein au- terroristische Banden«, die »im Aus- satz russischer Truppen im Land re-
toritäres Regime gewachsen. In Al- land trainiert« worden seien. agieren wird. Wird er nationalistische
maty, der größten Stadt des Landes, Die Zusage der OVKS erfolgte Strömungen befördern?
wurden Verwaltungsgebäude und Brennendes schon Stunden später: »Kollektive Andererseits ist Kasachstan strate-
Geschäfte gestürmt, Polizeiautos an- Rathaus in Almaty Friedenstruppen« würden geschickt, gisch zu wichtig für Russland, um
gezündet. In seiner Not blickt Toka- Tokajews Bitte nicht nachzukommen.
jew nach Russland. Das Land ist fast achtmal so groß wie
Entgegen einer landläufigen Mei- Deutschland und hat reiche Öl- und
nung interveniert der Kreml ungern Gasvorkommen. Es beherbergt den
im postsowjetischen Raum, jedenfalls russischen Weltraumflughafen Baiko-
nicht offen. Zwar missfällt es Moskau, nur, teilt mit Russland die zweitlängs-
wenn in den Nachbarstaaten autori- te Landgrenze der Welt und ist mit
täre Regime durch Straßenproteste ihm in der Eurasischen Wirtschafts-
stürzen. Aber derlei passiert zu oft, union verbunden.
als dass man jedes Mal einschreiten Wenn es für Putin gut läuft, dann
Valer y Sharifulin / ITAR-TASS / IMAGO

könnte. könnte die Krise die Chance bieten,


In Kasachstans Nachbarland Kir- mit überschaubarem Einsatz einen
gisistan etwa wechselte die Führung wichtigen Nachbarn noch fester an
wiederholt durch Tumulte, ohne dass Moskau zu binden, als das bisher der
Moskau eingegriffen hätte, nicht Fall war. Die Proteste in den Straßen
­einmal 2010, als es zu regelrechten von Almaty hätten dann ausgerechnet
Pogro­men kam und der Präsident dem Kreml in die Hände gespielt.
Moskau um Hilfe rief. Genauer ge- Christian Esch n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 99


AUSLAND

schwer erkrankt, fünf befinden sich


in lebensbedrohlichem Zustand.
Einen Covid-Todesfall haben die Be-
hörden in Xi’an bisher nicht gemel-

Wenn Omikron auf


det. Inzwischen sinken die Zahlen:
Am Sonntag kam Xi’an erstmals seit
Heiligabend auf weniger als 100 Neu-

Olympia trifft
infektionen, seither blieben sie teils
deutlich unter dieser Marke.
Unklar ist, ob China bei einem
Ausbruch der noch infektiöseren
Omikron-Variante auf eine ähnlich
CHINA  Seit Wuhan hat keine Stadt so einen harten Lockdown glimpfliche Bilanz hoffen darf. Zwar
sind rund 86 Prozent der Chinesin-
durchlitten wie nun die 13-Millionen-Metropole Xi’an. nen und Chinesen zweimal geimpft,
Dabei ist die neueste Coronavariante noch nicht mal angekommen – geboostert waren Mitte Dezember
was sich mit den Winterspielen in Peking ändern könnte. etwas mehr als acht Prozent. Doch
die beiden in China am meisten ver-
abreichten Vakzinen, zwei Totimpf-

H »Wir werden
err Xiang hatte Pech. Der men abgesehen, noch nicht in China stoffe heimischer Hersteller, bieten
21-Jährige arbeitete in einem angekommen. Das könnte sich je- gegen eine Ansteckung mit Omikron
Quarantänehotel im chine­ keine Mühen doch ändern, wenn Zehntausende nur geringen bis gar keinen Schutz.
sischen Xi’an, als am 4. Dezember der scheuen, der Menschen aus dem Ausland zu den Das legen erste wissenschaftliche
Flug PK854 aus Islamabad in der
Stadt eintraf. Wer zu Pandemiezeiten
Welt groß­ Olympischen Winterspielen eintref-
fen, die am 4. Februar in Peking be-
­Erkenntnisse über die neue Variante
nahe.
nach China einreist, hat sich nach artige Spiele ginnen. Besser sieht es aus, wenn ein
­Ankunft für mindestens 14 Tage in zu zeigen.« Seit Wuhan hat wohl keine chine- mRNA-Booster obendrauf kommt.
Hotel­quarantäne zu begeben; Xiang, sische Stadt einen derart harten Lock- Doch einen eigenen solchen Impfstoff
Staatschef Xi Jinping
der 2021 seine Pflegerausbildung ab- down erdulden müssen wie Xi’an. hat China noch nicht einsatzfähig –
geschlossen hat, gehörte dort zum Durfte zunächst noch eine Person pro vollmundigen Ankündigungen von
medizinischen Personal. An jenem Haushalt einkaufen gehen, wurde Staatsmedien zum Trotz. Die natio-
Tag habe er den Neuankömmlingen dies nach vier Tagen untersagt. Ins nalistische »Global Times« behaup-
aus Pakistan geholfen, ihr Gepäck zu Freie darf man seither nur noch für tete, verglichen mit den von den USA
tragen, sagte Xiang später der »Bei- den Gang zu einer Teststation. Für und Deutschland entwickelten
jing Youth Daily«. ihre Nahrungsmittel waren die Men- mRNA-Vakzinen sei der kommende
»Danach entdeckte ich zwei fin- schen fortan auf überlastete Liefer- chinesische mRNA-Impfstoff viel si-
gergroße Löcher in meiner Schutz- dienste oder staatlich organisierten cherer.
kleidung, eines am Ellenbogen und Nachschub angewiesen, der in man- Die Produkte von Moderna und
eines an der Hüfte«, erzählte er. »Ich chen Teilen der Stadt nur aus minder- Biontech sind in der Volksrepublik
war damals der Ansicht, dass die Lö- wertigen Produkten bestand, anders- nach wie vor nicht auf dem Markt.
cher ja nicht groß waren, und dachte wo sogar ganz ausblieb. Dabei hat der chinesische Pharma-
mir nichts dabei. Heute glaube ich, Im Internet machen die Menschen konzern Fosun in das Unternehmen
dass ich mich vielleicht zu diesem ihrem Ärger Luft, seit Tagen trendet Biontech investiert und sich die Dis-
Zeitpunkt infiziert habe.« der Hashtag »Es ist schwierig, in Xi’an tributionsrechte in der chinesisch-
Am 9. Dezember wurde Xiang als Nahrungsmittel zu kaufen«. Ein Vi- sprachigen Welt gesichert. Doch wäh-
erster lokaler Infektionsfall in Xi’an deo verbreitete sich, in dem staatli- rend Biontech in Taiwan, Hongkong
registriert. Es war der Auftakt eines ches Personal einen Mann verprügelt, und Macau schon lange verimpft
Coronaausbruchs, der heute als der der sich zum Essenholen auf die Stra- wird, lassen sich die Regulierungs-
schwerste in China seit Beginn der ße geschlichen hatte; ein halbes Dut- behörden des Festlands mit der Zu-
Pandemie in Wuhan gilt. Am 23. De- zend gedämpfte Brötchen kullern aus lassung des weltweit bewährten Impf-
zember wurde ein Lockdown über seiner Tasche. stoffs Zeit. Für Peking ist es eine Fra-
Xi’an verhängt, 13 Millionen Men- In ihrer Not haben Menschen ver- ge der nationalen Ehre, keine Hilfe
schen dürfen seither ihre Wohnung sucht, aus der abgeriegelten Stadt zu des westlichen Auslands in Anspruch
nicht verlassen, das entspricht der fliehen – in tagelangen Gewaltmär- zu nehmen.
Einwohnerzahl Bayerns. schen, auf Leihfahrrädern, schwim- Bis Anfang Januar hat das chine-
Als letzte große Volkswirtschaft mend durch einen kalten Fluss. Durch sische Festland ganze vier Omikron-
hält China an seiner Null-Covid-Stra- den weitverbreiteten Unmut alar- Fälle gezählt. Am meisten Aufsehen
tegie fest. Sie hat das Land zwar vom miert, hat die Lokalregierung mittler- erregte ein 67-jähriger Mann, der
Rest der Welt abgeschnitten, die Ge- weile zwei hochrangige Parteikader Ende November aus dem Ausland
sundheit der Bevölkerung bislang gefeuert und eine bessere Versorgung zurückgekehrt war, 14 Tage Hotel-
aber gut geschützt. Doch die neuen, versprochen. quarantäne in Shanghai absolviert
infektiöseren Varianten dürften diese Nach internationalen Maßstäben hatte und währenddessen regelmäßig
Strategie künftig erschweren. Viele Peking sind die Infektionszahlen in Xi’an im- negativ getestet worden war.
Länder sind daher bereits von Null- mer noch niedrig. Offiziell wurden in Anschließend reiste er in seine
Covid abgerückt. Xi’an der Provinz Shaanxi, deren Haupt- Heimatstadt Guangzhou weiter, um
Den Ausbruch in Xi’an schreiben CHINA stadt Xi’an ist, in den vergangenen dort eine weitere Woche Quarantäne
die Behörden der Delta-Variante zu, vier Wochen 1883 Covid-Fälle re­ in seiner eigenen Wohnung abzusit-
Omikron ist, von wenigen Ausnah- gistriert. 16 Infizierte in Xi’an sind zen, wie es in vielen chinesischen

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AUSLAND

Zheng Tingpeng / VCG / Getty Images


Testzentrum in Xi’an: Einkaufen ist verboten, ins Freie darf man nur noch für den Test

Städten Vorschrift ist. Erst dort testete er posi- kum wird es ebenfalls keinen geben. Aus- medikament ebenfalls bald auf den Markt.
tiv auf Omikron. ländische Olympiatouristen dürfen ohnehin Mittelfristig, etwa Anfang 2023, könnte Chi-
Der 67-Jährige wurde in ein Krankenhaus nicht einreisen. na dann seine Grenzen wieder öffnen – und
gebracht, alle weiteren 4543 Bewohner seiner Zweifelsohne werden die chinesischen Be- hätte die Pandemie tatsächlich mit einem viel
Wohnanlage in eine Quarantäne-Einrichtung. hörden in der Blase alle Erfahrungen zum geringeren Verlust an Menschenleben über-
Taxis durften nicht mehr in die Nachbarschaft Tragen bringen, die sie in zwei Jahren Pan- standen als jedes andere große Land. Staats-
einfahren, nahe liegende U-Bahnhöfe wurden demiebekämpfung gesammelt haben. Trotz- chef Xi wäre unantastbar.
geschlossen, Bewohner umstehender Häuser dem ist wohl davon auszugehen, dass dort Im schlimmsten Fall aber durchdringt
angewiesen, sich zu isolieren. Insgesamt wa- vereinzelte Infektionen auftreten werden. Omikron die Olympia-Bubble – und landet
ren fast 14 000 Menschen betroffen. Bis auf Wie Peking auf ein olympisches Covid-Clus- direkt in der Hauptstadt, deren Sicherheit
den 67-Jährigen wurden alle negativ getestet. ter reagieren wird, sollte sich denn eines ent- seit dem ersten Tag der Pandemie für die
Pekings große Sorge ist, dass solch zu- wickeln, ist nicht abzusehen. Und wird sich Führung stets oberste Priorität hatte. Ein
nächst unentdeckten Omikron-Infektionen die Bubble tatsächlich als so hermetisch er- Lockdown Pekings wäre ein Fanal, er würde
infolge der Olympischen Spiele vermehrt auf- weisen, wie die Organisatoren hoffen? das Land in eine politische Krise stürzen.
treten könnten. Rund 3000 internationale Die Spiele in letzter Minute doch noch ab- Chinas Einsatz bei den Spielen ist also
Athletinnen und Athleten sowie 25 000 wei- zusagen ist für Chinas Führung ohne Gesichts- hoch. Wie angespannt die Autoritäten sind,
tere sogenannte Stakeholder, also etwa Sport- verlust jedenfalls nicht mehr möglich. Zum ließ sich zuletzt am Beispiel von Yuzhou ab-
funktionäre und Journalistinnen, werden in einen hat der regionale Rivale Japan vor lesen. Über die Stadt von etwa der Einwoh-
China erwartet. einem halben Jahr die Olympischen Sommer- nerzahl Kölns wurde Montag Nacht ebenfalls
Bei Ankunft sollen sie zwar getestet, aber spiele ausgetragen. Zum anderen hat Staats- ein umfassender Lockdown verhängt, nach-
nicht in Quarantäne gesteckt werden, sofern und Parteichef Xi Jinping soeben in seiner dem dort einige Coronafälle registriert wor-
sie geimpft sind. Wie sollte ein Athlet schließ- Neujahrsansprache verkündet: »Wir werden den waren. Der gesamte Nahverkehr sowie
lich seine Wettkampfform erhalten, wenn er keine Mühen scheuen, um der Welt groß­artige Taxis dürfen nicht mehr fahren, Supermärk-
unmittelbar vor den Spielen zwei Wochen Spiele zu zeigen. Die Welt schaut auf China, te und Shoppingmalls nur noch Güter des
lang untätig in einem Hotelzimmer herum- und China ist bereit.« täglichen Bedarfs verkaufen. Der Präsenz-
sitzen muss? Für die kommenden Wochen und Monate unterricht an den Schulen wurde ebenso ge-
Stattdessen werden sie sich innerhalb sind etwa die folgenden beiden Szenarien strichen wie jede Art von Freizeitangebot.
einer Bubble aus sorgsam abgeschotteten denkbar: Im besten Fall gelingt es den chine- Niemand darf die Innenstadt betreten oder
Sportstätten, olympischen Dörfern und Ho- sischen Behörden, etwaige Infektionen in der verlassen.
tels halbwegs frei bewegen dürfen, voraus- Blase rasch zu isolieren und die Spiele ohne Als der Lockdown verkündet wurde, lag
gesetzt, sie tragen eine Maske und lassen sich größere Störungen über die Bühne zu brin- die Zahl der in Yuzhou gemeldeten Infektio-
täglich testen. Ausflüge sind hingegen ver­ gen. Womöglich kommen der chinesische nen bei drei.
boten, physischen Kontakt mit dem Publi- mRNA-Impfstoff oder ein wirksames Corona­ Georg Fahrion n

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innenpolitische Agenda im Kongress


zerpflückt wird, während seine poten-
zielle Nachfolgerin in einem Strudel
aus Intrigen und Personalquerelen

Der Fluch des Anfangs


versinkt.
Seit Monaten machen in Washing-
ton Geschichten über das Büro von
Harris die Runde. Es geht dabei um
eine herrische Chefin, die ihre Launen
USA  Kamala Harris zog als Vorkämpferin für Frauen und Schwarze ins Weiße an den Untergebenen auslässt und
Fehler immer nur bei anderen erkennt.
Haus. Doch die Umfragewerte der Vizepräsidentin stürzen ab, ihre Leute laufen Schon im Sommer gab es so viele
ihr davon – und die Demokraten fragen sich, wer auf Joe Biden folgen könnte. Durchstechereien, dass sich Harris’
Sprecherin Symone Sanders genötigt
sah, die Gegner in den eigenen Rei-

W Biden muss
ahrscheinlich erlebte Kama- stellte, schien sie die ideale Wahl zu hen öffentlich als »Feiglinge« zu be-
la Harris den besten Moment sein. Die Tochter einer Wissenschaft- zeichnen. Sie setzte einen Tweet mit
ihrer Amtszeit, bevor diese zusehen, lerin aus Indien, die nach der High- Bildern einer Party ab, die Harris
richtig begonnen hatte. Es war der wie seine school an der Howard University für ihre Angestellten geschmissen hat-
Abend des 7. November 2020, als sie
in einem weißen Hosenanzug auf
Agenda im ­studiert hatte, einer der traditions-
reichsten Universitäten für schwarze
te. Zu sehen waren lachende Men-
schen. »Das Essen war toll, und die
einer Bühne in Delaware stand und Kongress Studenten in den USA. Leute großartig«, schrieb Sanders.
darüber sprach, dass sie bald die e­ rste zerpflückt Nach dem Tod von George Floyd Fünf Monate später kündigte sie
Vizepräsidentin der USA sein werde. durch einen weißen Polizisten, nach selbst.
Das Leuchten ihrer Kleidung wurde
wird. den »Black Lives Matter«-Protesten Man muss sich Washington wie
nur noch überstrahlt von Harris’ Lä- wirkte ihre Wahl wie eine Selbst­ eine Börse vorstellen, nur dass in der
cheln; es war die Freude einer Frau, verständlichkeit. Neben Biden mit amerikanischen Hauptstadt keine Ak-
für die sich ein Traum erfüllte. seinen Slippern und Einstecktüchern tien gehandelt werden, sondern Poli-
»Jedes kleine Mädchen, das heute sollte Kamala Harris das neue, viel- tiker. Die Stadt ist voll von jungen und
Abend zuschaut, erkennt: Dies ist ein fältige Amerika verkörpern. Eigent- ehrgeizigen Leuten, die an teuren
Land der Möglichkeiten«, sagte Har- lich waren die beiden das perfekte Universitäten ausgebildet wurden.
ris. »Träumt mit Ehrgeiz, führt mit Paar. »Ich habe keinen Zweifel, dass Viele davon halten Ausschau nach
Überzeugung. Seht euch, wie andere ich die richtige Person ausgesucht einer Politikerin oder einem Politiker
euch nicht sehen.« habe«, sagte Biden. mit Wachstumspotenzial, an den oder
Die Sätze waren als Ermunterung Aber vom Zauber des Anfangs war die sie sich hängen können.
für junge Frauen in Amerika gedacht, nicht viel zu spüren, als der Präsident Sanders, 32, ist der Prototyp dieser
aber Harris sprach natürlich auch vor ein paar Wochen den Garten des Spezies: Sie begann ihre Karriere als
über sich selbst, die in ihrem Leben Weißen Hauses betrat, um das Infra- Pressesprecherin des linken Senators
so oft die Erste war: erste General- strukturpaket zu unterschreiben, für Bernie Sanders, unterschrieb dann
staatsanwältin von Kalifornien, erste das er und seine Partei so lange ge- einen Vertrag als Kommentatorin bei
schwarze Senatorin von der Westküs- kämpft hatten. Am Ende der Zere- CNN und heuerte später bei der Kam-
te, nun bald die erste Vizepräsidentin monie drängten sich die Ehrengäste pagne Joe Bidens an. Immer wenn es
im Weißen Haus. um den Präsidenten, Harris musste brenzlig wurde, stand Sanders vor der
Nur etwas Glück, so schien es an sich ins Bild schieben. Kamera und verteidigte ihren Chef.
jenem Abend, und sie würde später Berittener US-­ Natürlich kann das nur eine Un- Ihre Memoiren, die sie im vergange-
Joe Biden beerben, der im Wahl- Grenzschützer, achtsamkeit gewesen sein, ein kleiner nen Jahr veröffentlicht hat, heißen:
kampf durchschimmern ließ, dass er Migranten in Regiefehler. Doch die Szene passt zu »Nein, du hältst die Klappe«.
Texas: Eine Lage,
mit Ende siebzig nur ein Übergangs- bei der es für
dem Eindruck eines dysfunktionalen Natürlich ist es denkbar, dass sich
präsident sein werde. Harris nichts zu Weißen Hauses. Ein 79-jähriger Prä- Sanders nach dem Stress der Kam­
Aber steckte in dem Auftritt nicht gewinnen gibt sident muss dabei zusehen, wie seine pagne und dem aufreibenden Jahr als
schon der Keim des Niedergangs? Der Sprecherin von Harris nach einer bes-
weiße Hosenanzug, den Harris trug, seren Work-Life-Balance sehnte. Das
war als Reverenz an die weißen Klei- jedenfalls war ihre offizielle Erklä-
der der Suffragetten gedacht, die rung für den Abgang. Nur: Wie glaub-
­Anfang des 20. Jahrhunderts in den würdig ist das?
USA das Wahlrecht für Frauen er- Washington wimmle vor Leuten,
kämpft hatten. Aber es war auch ein die in das Weiße Haus hineinwollten,
über 3000 Dollar teures Designer- sagt Gil Duran, der Harris als Kom-
stück von Carolina Herrera, und so munikationschef diente, als die­se noch
konnte man Harris auch durch eine Generalstaatsanwältin von Kalifornien
andere Brille betrachten: als Vertre- war. »Bei der Vizepräsidentin scheint
terin einer liberalen Westküstenelite, es umgekehrt zu sein.« Kurz vor San-
die mit dem abgehängten Amerika ders hatte schon Harris’ Kommunika-
des Mittleren Westens so viel zu tun tionschefin Ashley Etienne das Weiße
hat wie Beverly Hills mit Youngs- Haus verlassen.
Paul Ratje / AFP

town, Ohio. Bei Harris habe es schon vor Jah-


Als Biden die Senatorin im August ren ein ungutes Muster gegeben, sagt
2020 als seine Stellvertreterin vor- Duran. Sie habe sich von ihren Mit-

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AUSLAND

Shawn Thew / epa-EFE


Stellvertreterin Harris: Ihre Wahl wirkte wie eine Selbstverständlichkeit

arbeitern Papiere für Meetings zusammen­ schmeichelhaft umschrieben war. Sie wurde »Ich habe nicht vor, mich in einen Sarg zu
stellen lassen und diese dann nur oberflächlich geführt von Harris’ jüngerer Schwester Maya. legen, bevor ich tot bin«, sagte angeblich der
durchgelesen. Eigene Fehler habe sie anschlie­ Mitte November 2019 verschickte Kelly Kongressabgeordnete Daniel Webster, als ihm
ßend auf die mangelnde Vorbereitung durch Mehlenbacher, Harris’ Kampagnendirektorin Mitte des 19. Jahrhunderts der Job angeboten
ihr Team geschoben. für die Bundesstaaten, einen bitterbösen Ab­ wurde.
»Wie soll sie ein Land zusammenführen, schiedsbrief. »Dies ist meine dritte Präsident­ Man kann Harris nicht vorwerfen, dass sie
wenn sie nicht einmal ihr eigenes Büro zu­ schaftskampagne, und ich habe noch nie er­ sich um schwierige Aufgaben gedrückt hätte.
sammenhalten kann?«, fragt Duran. Noch lebt, dass Mitarbeiter so schlecht behandelt Im Auftrag Bidens kümmert sie sich um das
drastischer formuliert es ein demokratischer worden sind. Es sind noch 90 Tage bis zum Thema Migration und die Krise an der mexi­
Stratege, der sich nicht namentlich zitieren Iowa Caucus, und wir haben immer noch kei­ kanischen Grenze.
lassen will: »Ihr Vizepräsidentenbüro ist eine nen echten Plan, wie wir gewinnen wollen.« Außerdem soll sie dafür sorgen, dass der
Shitshow. Und ihre Präsidentschaftskam­ Den brauchte Harris dann nicht mehr. An­ Kongress neue Gesetze auf den Weg bringt,
pagne war eine Shitshow.« fang Dezember 2019 schied sie aus dem Ren­ die verhindern sollen, dass die Republikaner
Als Harris im Januar 2019 ankündigte, in nen aus, was wohl auch daran lag, dass sie in den Bundesstaaten den Wahlprozess zu
das Rennen um die demokratische Präsident­ selbst in ihrem Heimatstaat Kalifornien in den ihren Gunsten manipulieren. Es sind poli­
schaftskandidatur einzusteigen, galt sie für Umfragen weit abgeschlagen hinter Sanders tische Himmelfahrtskommandos.
ein paar Monate als aussichtsreiche Bewer­ und Elizabeth Warren lag, der Senatorin aus Jeden Monat versuchen Zehntausende Mi­
berin – eine charismatische und energische Massachusetts. granten aus Lateinamerika, irregulär in die
Juristin, die bei Anhörungen im Senat mit Biden entschied sich dennoch für Harris, USA zu gelangen, und wie es die Regierung
ihren Fragen die Republikaner das Fürchten aber die Kronprinzessin ist sie längst nicht in Washington auch macht, ist es falsch. Das
gelehrt hatte. mehr. »Ich kenne niemanden bei den Demo­ Dilemma zeigte sich zuletzt im Herbst, als
Aber bald stellten sich viele Demokraten kraten, der glaubt, Harris hätte noch Chan­ sich Tausende Flüchtlinge aus Haiti an einer
die Frage, wofür Harris eigentlich steht. Ber­ cen«, sagt ein demokratischer Parteistratege. Brücke am texanischen Grenzort Del Rio
nie Sanders war der Mann des linken Lagers, Der Job des Vizepräsidenten war schon drängten.
Biden wollte nach Trump wieder mit Anstand immer schwierig. Harris sitzt in der Zentrale Menschenrechtsaktivisten kritisierten die
und Umsicht regieren; von Harris wusste der Macht, aber wie all ihre Vorgänger hängt Regierung, weil sie allein reisende Männer in
man im Grunde nur, dass sie ins Weiße Haus sie ganz von der Gunst des Chefs ab. Jeder Flugzeuge der U. S. Coast Guard steckte und
will. Vizepräsident hat nur so viel Einfluss, wie die gegen ihren Willen zurück in die Heimat flog.
Dazu kam, dass die Organisation ihrer Nummer eins abgibt, weshalb schon viele Auf der anderen Seite tobten die Republi­
Kampagne mit dem Wort dilettantisch noch Politiker dankend abgelehnt haben. kaner, weil Familien mit Kindern häufig der

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AUSLAND

Eintritt in die USA gewährt wurde. Es gibt bei den des »New York«-Magazins auf Twit- gezeichnet hatte: Die Demokraten
Es war eine Lage, bei der es für Har- ter, wie unglücklich Harris’ Team über werden mehr und mehr die Partei
ris nichts zu gewinnen gab. Demokraten das Bild sei. Aus dem Weißen Haus des gebildeten Amerikas, während
Ähnlich vertrackt sieht es bei der große Zweifel, kam kein Dementi. Deshalb e­ rschien die Republikaner jene Wähler an-
Reform der Wahlgesetze aus. Der lin-
ke Flügel der Demokraten und viele
ob die Vize- dann eine ganze Serie von Artikeln
darüber, dass es respektlos sei, eine
sprechen, die nur einen Highschool-
Abschluss haben – und zwar un­
Bürgerrechtsgruppen warnen zu präsidentin angehende Vizepräsidentin in Frei- abhängig von der Hautfarbe. Das
Recht davor, dass den USA bei der die Wende zeitschuhen zu zeigen. »Vogue«-Che- Problem dabei ist, dass nur rund
nächsten Präsidentschaftswahl ein fin Wintour sah sich genötigt, öffent- 40 Prozent der Amerikaner ein Col-
Coup bevorstehen könnte. Die Re-
noch schaffen lich zu erklären, es sei niemals ihre lege oder eine Universität besucht
gierung müsse jetzt aktiv werden und kann. Absicht gewesen, »die Bedeutung des haben – weshalb die Macht der
verhindern, dass republikanisch do- unglaublichen Sieges der kommenden ­Demokraten am seidenen Faden
minierte Parlamente in den Bundes- Vizepräsidentin zu schmälern«. hängt.
staaten die Wahlkreise so zuschnei- Wenn es die Absicht von Harris Wenn die Partei weitermache wie
den, dass die Republikaner fast nur war, ihren Ruf als abgehobene Politi- bisher, werde sie bei den Kongress-
gewinnen können. kerin zu festigen, dann ist ihr das wahlen im November eine vernich-
Aber um neue Gesetze zu verab- zweifellos gelungen. Nur können die tende Niederlage einstecken, sagt Da-
schieden, müsste der Senat zunächst Demokraten derzeit nichts weniger vid Shor, einer der bekanntesten de-
einmal den sogenannten Filibuster gebrauchen als das Image, ein elitärer mokratischen Datenanalysten. »Ich
abschaffen, jenen formalen Trick, der Klub zu sein. denke, unsere größte Herausforde-
den Republikanern eine faktische Die Wählerschaft der Parteien in rung ist, die Partei so zu positionieren,
Sperrminorität sichert. Das aber den USA hat sich in den vergangenen dass sie Arbeiter nicht ­abschreckt«,
scheitert am Veto des demokrati- Jahren dramatisch verändert. Weiße sagt Shor. »Wenn Harris sich wirklich
schen Senators Joe Manchin, der Männer und Frauen ohne Hochschul- profilieren will, dann sollte sie diese
auch Bidens billionenschweres So- abschluss, über Jahrzehnte die Basis Gelegenheit er­greifen.«
zial- und Klimapaket blockiert. der Demokraten, sind 2016 in Massen Allerdings gibt es bei den Demo-
Es sei für Vizepräsidenten schon zu den Republikanern übergelaufen. kraten große Zweifel, ob Harris die
immer schwer gewesen, ihre Rolle zu Es war Trumps Leistung, die Repu­ Wende noch schaffen kann. Seit sie
finden, sagt Roshan Patel, der die Ver- blikaner endgültig zur neuen Arbei- am 20. Januar vergangenen Jahres ihr
einigung der demokratischen Vize- terpartei der USA geformt zu haben. Amt übernommen hat, sind ihre
gouverneure leitet und seit Jahren Biden wollte dies rückgängig ma- Popularitätswerte drastisch abge-
Kampagnen für die Demokraten or- chen. Zugleich sollte Harris dabei hel- stürzt. Nun, nach einem Jahr, sind sie
ganisiert. Biden habe eine Partnerin fen, schwarze und hispanische Wähler schlechter als die ihrer republikani-
gesucht, mit der er intern Ideen testen anzusprechen. Das ging spektakulär schen Vorgänger Mike Pence und
kann und die öffentlich seine Projek- schief. Laut einer ausführlichen Wahl- Dick Cheney.
te unterstützt. »Diese Partnerin hat analyse des Pew Instituts aus dem Weil die Demokraten die Schwä-
er in Harris gefunden«, glaubt Patel. Sommer 2021 konnte Trump bei Ame- che der Vizepräsidentin sehen, hat
Als Harris vor ein paar Wochen rikanern ohne Hochschulabschluss jetzt schon ein internes Schaulaufen
wieder einmal wegen prominenter Ab- sogar noch zulegen, ebenso bei Frauen begonnen. Verkehrsminister Pete
gänge aus ihrem Büro in einem Sturm sowie schwarzen und hispanischen Buttigieg bringt sich ebenso in Stel-
negativer Schlagzeilen stand, stellte Wählern. Biden siegte nur deshalb, lung wie die Senatorinnen aus Mas-
sich Bidens Sprecherin Jen Psaki Beraterin Sanders: weil sich gebildete Männer in den Vor- sachusetts und Wisconsin, Elizabeth
demonstrativ vor Harris. Sie erklärte, Erst verteidigte sie städten von Trump abwendeten. Warren und Amy Klobuchar. Beide
die Vizepräsidentin,
die Vizepräsidentin müsse auch des- dann kündigte sie Die Wahl 2020 setzte also einen Frauen haben schon durchblicken las-
halb so heftige Anwürfe aushalten, selbst Trend fort, der sich schon 2016 ab- sen, dass sie im Jahr 2024 noch ein-
weil sie als erste Frau im Amt kriti- mal antreten könnten.
scher betrachtet werde als ein Mann Immer vorausgesetzt freilich, dass
– was auch stimmt. Schon im Wahl- Biden nicht will. Er wäre im Jahr 2024
kampf malte Donald Trump an dem 82 Jahre alt. Viele lässt die Vorstel-
Klischee von Harris als verbissen ehr- lung gruseln, das Schicksal Amerikas
geiziger Frau und nannte sie ein und der Welt noch einmal in die Hän-
»Monster« und »total unliebens­ de eines Mannes zu legen, dem man
würdig«. das Alter bei jedem Schritt ansieht.
Andererseits hat Harris das Talent, Andererseits war Biden 2020 die rich-
die schönsten Geschichten in ein Dra- tige Mischung, um Trump zu schla-
ma zu verwandeln. Noch bevor sie gen: nicht zu schrill, nicht zu links,
vereidigt worden war, heuerte die nicht zu rechts.
amerikanische »Vogue« den schwar- Der Präsident habe es immerhin
zen Starfotografen Tyler Mitchell an, geschafft, die Konjunktur wieder an-
der die künftige Vizepräsidentin für zukurbeln und die Amerikaner
das Modemagazin ­ablichten sollte. schnell mit Covid-Impfstoff zu ver-
M. Scott Mahaskey / Politico / AP

Harris ließ sich darauf ein, und sorgen, sagt der demokratische Par-
»Vogue«-Chefin Anna Wintour ent- teimanager Roshan Patel. »Natürlich
schied sich dafür, Harris leger in Con- ist es noch lange hin bis 2024, aber
verse-Schuhen auf dem Titelblatt zu ich denke, Joe Biden zeigt gerade,
zeigen. dass er noch einmal wiedergewählt
Doch noch bevor das Magazin am werden will.«
Kiosk lag, berichtete ein Journalist René Pfister n

104 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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Julia Kochetova / DER SPIEGEL


Feiernde
­Stawytschenko
(v.) auf einer
Silvesterparty
in Kiew

Woher nehmen die Menschen die Gelas-


senheit? »Wir leben schon fast acht Jahre in
diesem Stress«, sagt Stawytschenko. Seit

Kiew tanzt weiter


Russland im Frühjahr 2014 die ukrainische
Krim völkerrechtswidrig annektierte und pro-
russische Rebellen den Osten des Landes be-
setzten, hat Moskau Kiew immer wieder mit
einer Eskalation des Konflikts gedroht. Schon
UKRAINE  Russland droht mit einer Invasion, die ukrainischen im Frühjahr 2021 zog Kremlchef Wladimir
Putin Truppen an der Grenze zur Ukraine
Behörden raten den Bürgerinnen und Bürgern, sich für zusammen. Anna Stawytschenko sagt, sie
den Ernstfall zu wappnen. Und die jungen Menschen in Kiew? habe aufgehört, sich Sorgen zu machen. Sie
Schwanken zwischen Partystimmung und Kriegsangst. habe Besseres zu tun.
Stawytschenko leitet das Kiewer Sinfonie-
orchester. Zum orthodoxen Weihnachtsfest

D
as neue Jahr beginnt mit einem Schuss. enden. Davon aber ist die Ukraine heute am 6. Januar spielen sie in diesen Tagen einen
Anna Stawytschenko steht inmitten einer weiter entfernt denn je. Stattdessen droht eine Klassiker – Tschaikowskis Nussknacker. Für
Menschenmenge, als silberne Streifen Ausweitung des Konflikts. Russlands Präsi- das neue Jahr plant Stawytschenko, mit dem
von der Decke regnen. Um Punkt Mitternacht dent Wladimir Putin hat mehr als 100 000 Ensemble in Deutschland aufzutreten, wo sie
hat der DJ eine Konfettikanone gezündet. Für Soldaten an die Grenze zur Ukraine verlegt. studiert hat. Sie hofft auf Reisen nach Venedig
ein paar Minuten tönt »I Will Always Love Erst kürzlich riet die Stadtverwaltung Kiews und Salzburg.
You« durch den Saal, dann wieder Elektro. den Menschen, einen Koffer zu packen, um Roman Naboschnjak dagegen fällt es
Stawytschenko, eine Frau in schwarzem im Falle einer Invasion schneller fliehen zu schwer, neue Pläne zu machen. Der 31-Jähri-
Samtkleid, 36 Jahre alt, hebt die Arme und können. Stawytschenko und viele andere in ge verkauft im Szenestadtteil Podil Brownies,
tanzt. Neben ihr tragen Menschen Einhorn- der Stadt lässt das kalt. rund 20 Sorten hat sein Café im Angebot. Die
kostüme und schillernde Masken, andere Kiew ist in Partylaune statt in Kriegsangst. Idee dazu kam ihm bei einer Asienreise. Na-
Pelzimitate in Pink oder Lichterketten. An Bei einer Umfrage im Dezember kam eine boschnjak trägt Undercut und Ohrringe, er
den Handgelenken der Gäste im Squat 17b, Eskalation in der Ostukraine nur auf Platz lächelt oft und spricht mit ausladenden Ges-
einem ehemals besetzten Haus in der ukrai- vier der wahrscheinlichsten Bedrohungen, ten. Nur ein Tattoo verweist auf seine Zeit bei
nischen Hauptstadt Kiew, baumeln Eintritts- hinter den steigenden Gaspreisen, einer wach- der Armee. Links prangt eine Fledermaus auf
bänder mit dem Slogan »Be Happy«. senden Wirtschaftskrise und der Coronapan- seinem Arm, das frühere Symbol des ukrai-
Vor drei Jahren hat der ukrainische Präsi- demie. Die Bürgerwehr, die an Wochenenden nischen Militärgeheimdienstes.
dent Wolodymyr Selenskyj seinen Landsleu- regelmäßig die Verteidigung der Stadt probt, Vom Sommer 2015 bis Herbst 2016 kämpf-
ten versprochen, den Krieg im Osten zu be- macht gerade Pause. te Naboschnjak im Osten gegen die prorus-

106 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


AUSLAND

sischen Separatisten. Formal hätte der Krieg in beide Richtungen. Vor der Pandemie ver­ gegen ein Ärgernis. In einem Aufsatz stellte
zu diesem Zeitpunkt längst beendet sein sol­ brachte sie als Musikkritikerin jedes Jahr drei er Russen und Ukrainer jüngst zum wieder­
len. Anfang 2015 einigten sich die Ukraine bis vier Monate in der EU. Für eine attraktive holten Mal als ein Volk dar. Roman Na­
und Russland im Minsker Abkommen auf Stelle würde sie auch dauerhaft ins Ausland boschnjak bereitet es Sorgen, dass schon jetzt
eine Waffenruhe. Tatsächlich wird an der gehen. Beim Orchester verdient sie nicht ge­ wieder über statt mit der Ukraine verhandelt
Front aber bis heute gekämpft. Mehr als nug zum Leben. Seitdem sie denken kann, wird. Ab dem 10. Januar sind Treffen zwi­
13 000 Menschen sind dabei bislang ge­ braucht sie mehrere Jobs, um über die Runden schen den USA, Russland, der Nato und der
storben. zu kommen. Vor der Annexion der Krim OSZE geplant. Die Ukraine bleibt bei den
Naboschnjak gab damals seinen Job als arbeitete sie oft auch für russische Auftrag­ Gesprächen weitgehend außen vor.
IT-Fachmann bei einer Marketingfirma auf, geber. Das käme ihr nun wie Verrat vor. Zu Die Provokationen Moskaus haben den
weil er fürchtete, dass seine Familie bald Putin verliert sie nur wenige Worte: »Wie Patriotismus in der Ukraine verstärkt. Laut
unter der Kontrolle der Separatisten leben können die Russen so lange mit diesem Mons­ einer Umfrage betrachteten im vergangenen
könnte. Heute schildert er mit Tränen in den ter leben?« Roman Naboschnjak fasst sich Frühjahr mehr als zwei Drittel der Ukraine­
Augen, wie er seinem Vater von der Entschei­ noch kürzer: »Er ist der Feind.« rinnen und Ukrainer Russland als Aggressor.
dung erzählte. Als Soldat war Roman Na­ Für Naboschnjak und Stawytschenko geht Im Stadtteil Podil mischen sich »Go vegan«-
boschnjak für eine Aufklärungseinheit hinter es auch darum, den demokratischen Wandel Graffitis mit Liebesbotschaften an die Krim.
den feindlichen Linien aktiv, er suchte dort zu verteidigen, den sie im Winter 2014 auf Zwischen Stickern der LGBTQIA+ Commu­
nach Scharfschützen und Minen. Später dem Maidan-Platz erstritten hatten. Hundert­ nity hängen auch nationalistische Bekennt­
schoss er Kameraden auf dem Rückzug den tausende Menschen waren damals in Kiew nisse zur Ukraine.
Weg frei. Nach seinem Einsatz litt er unter für eine Annäherung an die EU und gegen Roman Naboschnjak hat in seinem Café
einer posttraumatischen Belastungsstörung. den damaligen, prorussischen Präsidenten die Nationalflagge aufgehängt – wenngleich
Er sagt, er spreche regelmäßig einen Thera­ Viktor Janukowytsch auf die Straße gegangen. in einer der hinteren Ecken. Seine Großmut­
peuten. Auch Naboschnjak und Stawytschenko be­ ter, die den Großteil ihres Lebens in der
Mit seinem Café wollte Naboschnjak teiligten sich an den Protesten. Naboschnjak ­Sowjetunion verbrachte, sah sich noch selbst
eigentlich in den Alltag zurückfinden. Sein beschaffte Benzin für Molotowcocktails, als Russin. Naboschnjak betrachtet die
Betrieb ist Teil eines Programms, das Vetera­ ­Stawytschenko Medikamente für Verletzte, ­Sowjetzeit dagegen als Besatzung. Obwohl
nen die Reintegration erleichtern soll. Na­ so erzählen sie es. Beiden ging es dabei we­ er mit der russischen Sprache aufwuchs,
boschnjak wollte etwas aufbauen, nicht zer­ niger um die Nähe zur EU, sondern vor allem ­versucht er seit einigen Jahren, nur noch
stören. Doch der Krieg lässt ihn nicht los. um Selbstbestimmung. »Wir haben für unser ­Ukrainisch zu sprechen. Es wirkt wie ein Na­
Roman Naboschnjak erklärte sich nach Land gekämpft, für ein besseres Leben«, sagt tionalismus aus Trotz.
seinem Einsatz bereit, sich bei Bedarf inner­ Stawytschenko. »Die EU ist super, aber sorry, Als Naboschnjak in den Krieg zog, wollte
halb eines Tages wieder bei der Armee ein­ dafür würde niemand sterben.« er nur seine Familie verteidigen. Heute
zufinden. Nun fragt er sich, wer sein Geschäft Mit den Maidan-Protesten wollten viele scheint es ihm um mehr zu gehen. Einmal
weiterführt, wenn er bald wieder an die Front Ukrainerinnen und Ukrainer das sowjetische schlägt er mit den Handkanten auf den Tisch,
muss. Er glaubt, dass das nur eine Frage der Erbe loswerden: die Korruption und den als er beschreibt, wie seine Einheit Gebiete
Zeit ist. Angst davor hat er nicht, er hofft Klientelismus, aber auch die Bevormundung zurückeroberte. Der Konflikt ist für ihn erst
sogar darauf – weil dann die Zeit der Unge­ durch Moskau. Als Janukowytsch das Land dann vorbei, wenn auch die Krim und die
wissheit vielleicht vorbei wäre und es einen verließ, schien zumindest ein Ziel erreicht. besetzten Teile des Donbass wieder unter
wirklichen Frieden geben könnte. Im Mo­ »Der Maidan hat uns selbstbewusster ge­ ­ukrainischer Kontrolle stehen.
ment hat Naboschnjak alle größeren Ent­ macht, weil wir gesehen haben, was wir er­ Umfragen zufolge würde sich etwa die
scheidungen wie Familienplanung oder den reichen können«, meint Stawytschenko. Hälfte der Bevölkerung gegen eine neue rus­
Kauf einer Wohnung auf Eis gelegt. »Ich habe Die Revolte löste einen Boom in Kiews sische Invasion wehren, militärisch oder zivil.
immer den Eindruck, morgen könnte ich ge­ Kulturbranche aus. Es entstanden neue Fes­ Auch Anna Stawytschenko sagt, sie würde
zwungen sein, alles stehen- und liegenzu­ tivals, Galerien und Klubs. Von den Gästen wohl kämpfen, wenn sie müsste.
lassen.« in Naboschnjaks Café sprechen viele Englisch. Anfang Januar widmet die Orchester-In­
In den vergangenen Jahren haben Zehn­ Im Squat 17b begrüßt ein Besucher einen an­ tendantin all ihre Konzentration der Auffüh­
tausende ukrainische Freiwillige im Osten des deren mit den Worten: »Welcome to the new rung des Nussknackers. Regungslos sitzt sie
Landes gekämpft. Mithilfe der Freiwilligen­ Berlin!« auf der Kante ihres Sessels, als das Orchester
bataillone gelang es dem Militär 2014, zahl­ Für Russlands Machthaber Putin ist die auf der Bühne dramatische Musik spielt.
reiche Städte im Donbass zurückzuerobern. Orientierung der Ukraine an den Westen hin­ Auch im Nussknacker gibt es einen Kampf.
Nach Angaben des ukrainischen Verteidi­ Mit einer Armee aus Zinnsoldaten tritt der
gungsministeriums kann der Staat auf Nussknacker dem Heer der Mäuse entgegen.
400 000 Kämpfer zurückgreifen. Dennoch Während des Konzerts zeichnet eine Künst­
bezweifeln Militärexperten, dass die Ukraine lerin die Szenen auf einer Folie nach. In Ki­
gegen einen Angriff Russlands gewappnet ist. nogröße erscheinen sie auf einer Leinwand.
Im Dezember warnte der Chef des Militär­ Es braucht nur einen Wisch über die Zeich­
geheimdienstes, dass sein Land nur mit Hilfe nung, damit beide Armeen wieder ver­
gegen russische Truppen bestehen könne. schwunden sind. Für Anna Stawytschenko
Der Orchester-Intendantin Anna Stawy­ bleibt der Nussknacker trotz dieser Symbolik,
tschenko fällt es schwer zu begreifen, dass was er immer war: ein Märchen, das sie
Brendan Hoffman / Getty Images

im 21. Jahrhundert überhaupt wieder um seit ihrer Kindheit begleitet. Beim Hinaus­
­Territorien gekämpft wird. »Haben wir gar gehen summen manche die vertrauten Me­
nichts aus dem letzten Jahrhundert gelernt?«, lodien mit.
fragt sie. Anna Stawytschenko findet, man sollte so
Für ihre Arbeit reist Stawytschenko oft ins lange wie möglich weitermachen – mit den
Ausland. Lange Zeit pendelte sie dabei zwi­ Partys, den Konzerten. »Wenn wir uns fürch­
schen Ost und West, wie viele ihrer Alters­ ten, haben sie schon gewonnen.«
genossen. Bis heute pflegt sie Freundschaften Ukrainische Soldaten Lina Verschwele  n

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SPORT

Ihre Welt ist eine Scheibe


Spieler der Dart-Weltmeisterschaft 2022 Drei Spielern gelang das
nach erreichter Runde perfekte Spiel, ein »Nine-
Darter«: Mit nur neun Pfeilen
1. bis 4. Runde werden 501 Punkte getilgt.
Viertelfinale
Halbfinale Zwei Frauen befanden
sich im Startfeld, Lisa
Finale Vier Deutsche waren dabei: Ashton und Fallon
Gabriel Clemens und Florian Sherrock aus England.

96
Hempel bis zur 3. Runde,
Martin Schindler und Fabian
Schmutzler in der 1. Runde.

Dart-Profis nahmen Sechs Spieler wurden während


an der WM in London der WM Corona-positiv Sieger Peter
teil. Sieger Wright getestet. Das sorgte für heftige Wright am
bekam 500.000 der Kritik an den Auflagen des 3. Januar
Veranstalters.
2,5 Millionen Pfund 2022
Preisgeld. Vor 20
Jahren hatte der

Luke Walker / Getty Images


Sieger 50.000
Pfund erhalten.

S Grafik 96 64 32 16 8 4 2
 

Der Schotte Peter Wright jubelte in dieser Woche über seinen zweiten Titel als Dartweltmeister. Das Turnier im Londoner »Ally Pally« wird auch in
Deutschland immer mehr zu einem TV-Event in der Weihnachtszeit, wie die Zuschauerzahlen des Senders Sport1 zeigen. Im Schnitt wollten
1,64 Millionen Menschen das Finalmatch sehen, ungeachtet der heftigen Coronadebatte um das Turnier. Sechs WM-Spieler wurden positiv getestet.

GUT ZU WISSEN de Maizière auch Steinmeier Angela Merkel war ein


die Athleten besucht. Olympiamuffel: Sie reiste in
Warum Athleten in China ohne In China, so das Bundes­
präsi­dialamt, würden die sehr
16 Jahren ihrer Kanzlerschaft
nie zu den Spielen. Das sorgte
Politiker auskommen müssen strikten Schutzbestimmungen
vor Ort »Begegnungen mit
auch für Verstimmungen.
Als 2016 die komplette
den Athletinnen und Athleten politische Führungsriege in
Wenn Anfang Februar die diplomatischen Boykott ver- unmöglich machen«. Deshalb Rio de Janeiro abwesend war,
Olympischen Winterspiele in standen wissen. Die Entschei- habe man schon frühzeitig rumorte es unter Sportlerin-
Peking beginnen, wird die dung, so klingt es etwa bei Stein- ­keine Reise vorgesehen. Bei nen und Sportlern. Neben
deutsche Politprominenz kom- meier durch, sei unabhängig den Sommerspielen in Peking Merkel ­fehlte auch Sportmi-
plett fehlen. Bundespräsident vom Schritt der USA getroffen 2008 hatte der damalige nister de Maizière wegen der
Frank-Walter Steinmeier hat worden. Washington will we- ­Präsident Horst Köhler ledig- Sicherheitslage in der Heimat.
derzeit »keine Pläne, nach Pe- gen der Menschenrechtslage in lich die Paralympics besucht. Damals hatten mehrere isla-
king zu reisen«. Bundesinnen- China außer den Aktiven keine mistisch motivierte Anschläge
ministerin Nancy Faeser, auch offiziellen Vertreter schicken. Europa erschüttert. Präsident
für den Spitzensport zuständig, In der Vergangenheit waren Joachim Gauck hatte eine
fehlt aus »Pandemiegründen«. hochrangige Regierungsleute Zahn-OP.
Kay Niet feld / picture alliance / dpa

Außenministerin Annalena regelmäßige Olympiabesucher. Handballfunktionär Bob


­Baerbock bezeichnet sich zwar Die jeweiligen Sportminister Hanning empfand es als »res-
als »großen Sportfan«, sie hat verpassten von den vergange- pektlos«, dass keiner »aus der
aber angekündigt, »in dieser nen acht Spielen lediglich zwei, Führungsriege« nach Rio ge-
Zeit definitiv nicht« zu Olym- zuletzt die Sommerspiele in kommen war. Dagegen waren
pia zu fahren – »das war für Tokio aufgrund der Pandemie. zur Fußballweltmeisterschaft
Außenminister auch in der Ver- Bei den Winterspielen in zwei Jahre zuvor in Brasilien
gangenheit nicht üblich«. Kein Pyeongchang 2018 hatte neben de Maizière, Gauck und Mer-
Politiker will seine Absagen als Bundesinnenminister Thomas De Maizière 2014 in Sotschi kel angereist. BKA

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SPORT

»Sollen wir den Bayern sagen, ihr startet


jetzt mit minus 15 Punkten in die Saison?«
SPIEGEL-GESPRÄCH  Klubchef Hans-Joachim Watzke über die Langweile in der Bundesliga,
den Durchlauferhitzer BVB und Sponsoren, die ihm gestohlen bleiben können

SPIEGEL: Herr Watzke, was fasziniert die Fans


so an Ihrem Stürmer Erling Haaland?
Watzke: Ach, Erling. Da kommt einfach alles
zusammen. Er ist gierig auf Erfolg, schießt
viele Tore, er ist eine imposante Erscheinung
und hat Entertainerqualitäten.
SPIEGEL: Halb Europa scheint ihn verpflichten
zu wollen. Was müssen Sie tun, damit Ihr
wichtigster Spieler in Dortmund bleibt?
Watzke: Es wird natürlich schwierig, ihn zu
halten. Trotzdem wollen und werden wir es
versuchen.
SPIEGEL: Real Madrid soll an Haaland inte­
ressiert sein. Wird er schon in dieser Winter­
transferperiode weiterziehen?
Watzke: Nein, das ist ausgeschlossen. Wer gibt
denn einen der besten Stürmer Europas in
der Winterpause ab, wenn er nicht muss? Bo­
russia Dortmund ist noch in drei Wettbewer­
ben vertreten – und in denen möchten wir
mit der bestmöglichen Mannschaft antreten.
SPIEGEL: Haalands Berater Mino Raiola hat
offenbar einen Karriereplan für seinen Klien­
ten. Ihr Klub scheint darin keine Rolle mehr
zu spielen.
Watzke: Am Ende ist immer entscheidend,
was der Spieler will. Mino ist im positiven
Sinne gerissen und hat selbstverständlich eine
klare Agenda: das Beste für seinen Spieler
herauszuholen.
SPIEGEL: Borussia Dortmund ist zu einer Art
Durchlauferhitzer geworden. Der Klub holt
jedes Jahr neue Talente, macht sie groß. Dann
kommen die finanzstarken Klubs aus England
oder Spanien und kaufen Ihnen die Spieler
weg. Die Kasse stimmt, aber Ihr Klub tritt
sportlich auf der Stelle.
Watzke: Es ist der Sisyphuseffekt, der aber
für 98 Prozent aller Klubs weltweit gilt. Zu­
dem vergessen Sie in Ihrer Frage, dass Spieler
Watzke, 62, ist seit wie Lewandowski, Gündoğan oder Aubamey­
2005 Geschäfts­ ang – um nur einige zu nennen – nicht nur
führer des
Fußball-Bundes­ ein, zwei Jahre bei uns waren, sondern deut­
ligisten Borussia lich länger. Aber es stimmt schon, wenn wir
Dortmund. Ab den Felsbrocken mal den Berg hoch geschafft
Februar wird der haben, rollt er mitunter auch wieder runter.
Patrick Junker / DER SPIEGEL

Unternehmer aus
dem Sauerland Dazu gibt es keine Alternative. Wir entwi­
zudem Vorsitzen­ ckeln uns wirtschaftlich sehr gut, doch das
der des Aufsichts­ Wettbewerbsumfeld hat sich verschärft. Bay­
rats der Profi­
vereinigung DFL.
Das Gespräch führten SPIEGEL-Mitarbeiter Marcus Bark
und die Redakteure Jörn Meyn und Gerhard Pfeil.

110 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


SPORT

ern München stammt aus einem Bun- chen? Was sollen die Bayern denn »Fußball ist wettbewerbsfähig zu bleiben. Er
desland, in dem 11 von 40 Dax-Unter- machen? Sie haben sich diesen Status klang alarmiert. Sind Sie es nicht?
nehmen sitzen, und saugt die Spon- erarbeitet. Sie machen es gut. Sollen mehr, als Watzke: Was sollen wir denn ändern?
sorengelder förmlich an. Auf inter- alle Klubs beschließen, dass die Bay- ein Spiel zu Die 50+1-Regel abschaffen, damit
nationaler Ebene konkurrieren wir
mit Klubs, hinter denen Emirate wie
ern jetzt mit minus 15 Punkten in die
Saison starten?
gewinnen, internationale Investoren Klubs über-
nehmen können? Das ist im Moment
Katar oder Abu Dhabi stehen. Oder SPIEGEL: Klingt, als hätten Sie auf- es ist ein der gängigste Vorschlag. Andererseits
Oligarchen. Wie sollen wir da finan- gegeben? Kulturgut.« haben in den vergangenen zehn Jah-
ziell mithalten? Watzke: Nein. Es gibt einfach keinen ren mehrheitlich Vereine die Cham-
SPIEGEL: Als Aufsichtsratschef der Hebel, diese Dominanz schnell abzu- pions League gewonnen, die nicht
Deutschen Fußball Liga, der DFL, stellen. Denn sie fußt auf jahrzehnte- von großen Anteilseignern abhängig
müssen Sie sich um die Zukunft langer guter Arbeit und einem wirt- sind: Real Madrid viermal, Bayern
des deutschen Fußballs kümmern. schaftlich außergewöhnlichen Um- München zweimal. Die Beweisfüh-
Die Probleme sind groß. Für viele feld. Wenn es um kurzfristige Lösun- rung, dass unsere 50+1-Regel Vereine
aus der jungen Generation scheinen gen geht, muss man entweder auf daran hindert, Erfolg zu haben, hat
die Champions und die Premier Übernatürliches hoffen oder darauf, bis jetzt noch keiner erbracht.
League attraktiver zu sein als die dass mehr Dax-Konzerne Geld in die SPIEGEL: Mit Chelsea, Paris Saint-
Bundesliga. Konkurrenz der Bayern investieren. Germain und Manchester City waren
Watzke: Das sehe ich nicht so. Was Es liegt am Ende natürlich am Mate- zuletzt drei von vier Finalisten der
Sie als Ihren Eindruck beschreiben, rialeinsatz. Wir machen sicher nichts Champions League Investorenklubs.
hat auch nichts mit der Qualität der viel schlechter als Bayern München. Watzke: Borussia Dortmund würde
Bundesliga zu tun. Das ist ein gene- Aber wenn die Kollegen pro Jahr 130 sicher einen großen Investor finden.
reller Trend: Die ganz jungen Leute bis 150 Millionen Euro mehr für Ge- Dem müssten wir uns komplett unter-
sind heute oft eher Fans eines Spielers hälter ausgeben können als wir, dann werfen. Damit würden wir uns viel
als eines Klubs. Früher liefen die Kin- ist das ein Wettbewerbsvorteil, den zu klein machen. Fußball bedeutet in
der hier im Park fast ausschließlich es in England und Spanien, selbst in Deutschland mehr, als nur ein Spiel
mit Dortmund-, Schalke- oder mei- Italien so ausgeprägt eben nicht gibt. zu gewinnen. Und ich bin Traditiona-
netwegen Bayern-Trikots rum, heute Aber noch mal: Das ist kein Klagen list und Romantiker, was den deut-
sieht man auch Messi-Shirts, Ronal- und auch kein Neid. Sie haben ge- schen Fußball und seine Strahlkraft
do-Shirts, Mbappé-Shirts – der Klub fragt, ich beschreibe die Realitäten. in die Gesellschaft hinein angeht.
spielt dabei häufig eine untergeord- Und wir geben alles, um dennoch Ti- SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
nete Rolle. Wenn man die Kids dann tel zu holen. Unser letzter liegt übri- Watzke: Soziale Verantwortung zu
fragt, wer noch bei einem dieser gens – mit Verlaub – erst ein gutes übernehmen. Demokratisch organi-
Klubs spielt, kennen sie oft keinen halbes Jahr zurück. siert zu sein. Diskurs zuzulassen. Be-
einzigen. SPIEGEL: Der ausgeschiedene DFL- zahlbare Tickets zu garantieren,
BVB-Torschütze
SPIEGEL: Die Bundesliga hat noch Chef Christian Seifert hat gesagt, dass ­damit die gesamte Gesellschaft am
Haaland: »Er
ein anderes Problem: Sie ist lang­ sich die Bundesliga dringend weiter- ist eine imposante Fußball teilhaben kann. Sich gegen
weilig. entwickeln muss, um international Erscheinung« Rassismus zu stellen. Wir haben allein
Watzke: Sie reduzieren die Liga auf für Letzteres in den vergangenen Jah-
den Meisterkampf. Aber schauen Sie ren einen siebenstelligen Betrag in-
sich Greuther Fürth mal an. Dass die vestiert. Nicht weil wir müssen oder
es mit den geringen Möglichkeiten in weil es uns gut zu Gesicht steht. Son-
die Bundesliga geschafft haben und dern weil wir es als eine unserer vor-
der Hamburger SV mit den viel bes- dringlichsten gesellschaftlichen Auf-
seren Bedingungen nicht, das spricht gaben empfinden. Wir haben einen
für die Integrität unseres sportlichen Teil des Signal Iduna Parks zweimal
Wettbewerbs. Das stellt doch einen in ein Impfzentrum umgewandelt und
Wert dar, auch wenn wir in der Tat mit einem Partner bis dato mehr als
Probleme haben, die es zu benennen 10 000 Menschen geimpft. Fußball ist
gilt. In den großen US-Profi­ligen etwa gesellschaftlich relevant. Und Fußball
kann keiner auf- oder absteigen. Da ist ein Kulturgut.
gibt es die Integrität des Wettbewerbs SPIEGEL: Um die Bundesliga attrakti-
nicht. Da heißen die Klubs Franchise, ver zu machen, könnte man den
und ich bekomme jedes Mal Pickel, Spielbetrieb verändern, etwa nach
wenn ich das höre. Im Jahre 1909 ha- der Hälfte der Saison eine Meister-
ben 18 Dortmunder Jungs die Borus- und eine Abstiegsrunde spielen oder
sia gegründet. Sollen wir deren Verein Playoffs nach der Saison. Was halten
nun als Franchise weiterführen? Im Sie davon?
Leben nicht. Watzke: Ich werde meinen Einfluss
SPIEGEL: Bayern München wird mit in der DFL dafür nutzen, um ein
einiger Sicherheit zum zehnten Mal Brainstorming in Gang zu setzen.
hintereinander Deutscher Meister – Wir können alles hinterfragen. Aber
reizloser geht es kaum. warum sollte Bayern in den Playoffs
Tim Groothuis / WITTERS

Watzke: Die Liga lässt sich nicht die nicht Meister werden? Und würde
Meisterfrage reduzieren. Das, was Sie man mit einer kleinen Runde nach
beschreiben, ist im Sinne der sport- der Saison, in der der Meister aus-
lichen Attraktivität nicht gut, keine gespielt wird, nicht die komplette
Frage. Aber was sollen wir denn ma- Spielzeit entwerten? Worum geht es

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 111


SPORT

denn in den 34 Spielen, wenn danach die Meinetwegen sogar zehn Prozent ausschließ-
Playoffs entscheiden? Britannia rules lich Geboosterte.
SPIEGEL: Sie könnten sich als DFL-Funktionär SPIEGEL: Die Solidarität in der Bevölkerung
auch dafür einsetzen, dass das TV-Geld an- Umsatz* der europäischen Topligen, mit den Sorgen der Bundesliga wächst nicht
in Mrd. Euro
ders verteilt wird. Derzeit bekommt Bayern gerade, wenn sich Profis, so wie gerade ge-
München dreimal so viel aus der zentralen 6,0 6,1 schehen, im Weihnachtsurlaub in Dubai oder
Premier League, England
Vermarktung ausgezahlt wie der Tabellen- auf den Malediven mit dem Coronavirus in-
letzte. fizieren.
Watzke: Das ist kein gangbarer Weg. Wenn Watzke: Haben Sie ernsthaft den Eindruck,
Sie einem Klub 50 Millionen Euro wegneh- Bundesliga dass sich gerade prozentual mehr Fußball-
men und das Geld auf die 35 anderen Klubs Nach dem Corona-Einbruch spieler anstecken als Menschen anderer Be-
rechnet die Bundesliga nur mit
verteilen, dann erhöhen Sie damit nicht die 4,0 einer schwachen Erholung. rufsgruppen? Man kann niemanden dazu
Wahrscheinlichkeit, dass einer der Begüns- zwingen, auf seinen Urlaub zu verzichten.
tigten Meister wird. Mal abgesehen davon, La Liga, Spanien Wir sollten solche Themen schon auf Fakten-
3,4
dass jeder einzelne Klub wirtschaftlich auch basis diskutieren und nicht populistisch. Die
davon profitiert, dass jemand international 3,0 Inzidenz in den Vereinigten Arabischen Emi-
für Deutschland die Eisen aus dem Feuer holt. Serie A, Italien raten war deutlich geringer als in Frankreich
Ich bin dagegen, einem Klub etwas weg­ 2,3 oder in Deutschland. Das Problem ist, dass
2,0
zunehmen, das ihm zusteht. Der FC Bayern die Leute alles zusammenwerfen. Vom Urlaub
dominiert auch, weil er 50 Jahre lang vieles 1,7 in Dubai sind sie dann schnell wieder beim
Ligue 1, Frankreich
richtig gemacht hat. Mit Zwangsmaßnahmen vergoldeten Steak, das einige Spieler vor der
und Sozialismus ist diese Unwucht nicht zu Pandemie vertilgt haben.
beheben. SPIEGEL: Wie ließe sich das Image des Fuß-
SPIEGEL: Würden Sie eine Sponsoren-Partner- balls verbessern?
schaft mit Katar eingehen, um den Rückstand Watzke: Indem wir uns zunächst mal besser
zu verringern? 18/19 19/20 20/21 21/22 um ihn kümmern. Der Deutsche Fußball-Bund
Watzke: Ich werde nicht über Kooperationen * ab 20/21 Prognose zum Beispiel hat sich in den vergangenen Jah-
anderer Klubs mit deren Partnern urteilen. S Quelle: Deloitte ren viel zu sehr mit sich selbst und viel zu
Gehen Sie davon aus, dass wir schon ein paar wenig mit dem Fußball beschäftigt. Ein Punkt:
potenzielle Geldgeber abgelehnt haben, weil man im Signal Iduna Park und mit unserer Wir müssen unsere Nationalmannschaft bes-
sie nicht zu unseren Grundsätzen passen. Es Infrastruktur so verteilen, dass sie physisch ser präsentieren. Mehr Nähe zeigen. Mehr
gibt Partner, die wir nicht nehmen, egal wie so gut wie nichts miteinander zu tun haben. Sinn für die Wünsche der Menschen haben.
viel Geld dabei herausspringt. Offen müssen Und das Thema der Sicherheit bei der SPIEGEL: Haben Sie einen konkreten Vor-
wir natürlich trotzdem sein. ­Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlag, wie das gehen soll?
SPIEGEL: Welche Partner würden Sie aus- würde sich auch erledigen. Wir haben mehr Watzke: Vielleicht sollte man zuallererst mal
schließen? als 10 000 Parkplätze. Zudem kommen damit aufhören, das Team »Die Mannschaft«
Watzke: Staatliche Unternehmen aus Belarus bis zu 15 Prozent der Leute zu Fuß oder mit zu nennen. Dieser Begriff ist mir zu abgeho-
etwa. Oder Sponsoren, die sich den Unter- dem Rad, und in der Pandemie haben sich ben. Es ist respektlos gegenüber allen anderen
gang Israels auf die Fahnen schreiben. Das viele Zuschauer ohnehin entschieden, eher erfolgreichen Mannschaften. »Die Mann-
geht für uns aufgrund unserer Geschichte, mit dem eigenen Pkw anzureisen. Mit den schaft« gibt es nicht, es gibt viele Mannschaf-
aufgrund unseres Kampfes gegen Antisemitis- oben beschriebenen 8000 Zuschauern bei ten. Wir müssen bodenständiger werden, uns
mus und unserer engen Partnerschaft mit Yad uns wäre die Infektionsgefahr denkbar ge- auf die Basis zurückbesinnen.
Vashem nicht. ring, und das weiß ja ehrlich gesagt auch je- SPIEGEL: Das Label »Die Mannschaft« wird
SPIEGEL: Der finanzielle Druck auf die Ver- der. Aber der Fußball muss für Symbolpoli- also abgeräumt?
eine kann schon bald noch größer werden, tik herhalten. Erklären Sie mir, warum Mu- Watzke: Ich werde das zumindest anregen.
wenn die Bundesliga wegen der Pandemie sicalhallen zweimal pro Tag mit 750 Men- SPIEGEL: Sie sind so etwas wie das letzte Ur-
wieder vor leeren Rängen spielen muss. schen und einer Auslastung von 45 Prozent gestein der Bundesliga, nachdem Uli Hoeneß
Watzke: Solche Geisterspiele hält der Fußball besetzt werden und in den großen Freiluft- und Karl-Heinz Rummenigge abgetreten sind.
nicht lange durch. Das wird einem ganzen stadien keine Zuschauer zugelassen sind. Da Fehlen Ihnen Ihre alten Rivalen?
Wirtschaftszweig den Garaus machen. fühlt man sich schon ein wenig im Stich ge- Watzke: Ja. Denn es fehlen dem Fußball damit
SPIEGEL: Das haben Sie bereits gesagt, als es lassen. Persönlichkeiten. Und Figuren, die eine ge-
Geisterspiele 2020 zum ersten Mal gab. Noch SPIEGEL: Im Gegensatz zu vielen anderen Be- wisse Streitkultur ausleben, aushalten und
ist kein Klub kollabiert. trieben der Unterhaltungsindustrie durfte die letzten Endes für wichtig halten, um sich posi-
Watzke: Und daraus leiten Sie ab, dass das Bundesliga in der ersten Coronawelle durch- tiv zu entwickeln. Die neue Generation der
immer so weitergehen kann? Jedes Spiel ohne spielen. Die guten Kontakte in die Politik hal- Manager bemüht sich, das ist zumindest mein
Zuschauer kostet uns vier Millionen Euro. fen ihr, der ehemalige Gesundheitsminister Eindruck, eher um Geschliffenheit, Geschmei-
Das ist wirtschaftlich kaum noch zu verkraf- Jens Spahn ist ein Freund von Ihnen. Ist Ihr digkeit.
ten. Zudem wird die Verbindung zwischen Verhältnis zu Nachfolger Karl Lauterbach SPIEGEL: Ist das schlecht?
dem Klub und seinen Fans ein gutes Stück ebenfalls so gut? Watzke: (lacht) Nicht zwangsläufig. Für den
weit zerstört. Ein Teil der Zuschauer wird Watzke: Auch mit Karl Lauterbach habe ich Moment wird der Fußball dadurch jedenfalls
nicht zurückkommen. Das führt dazu, dass mich schon ausgetauscht. Ich fand es honorig, nicht interessanter. Wenn ich daran denke,
wir noch größere Probleme bekommen wer- dass er während der ersten Welle eigene Feh- wie wir Dortmunder uns früher mit Rumme-
den – in fünf oder zehn Jahren. ler und eine falsche Einschätzung, bezogen nigge und Hoeneß gefetzt haben. Da war noch
SPIEGEL: Sie halten die Entscheidung für Spie- auf unsere Rückkehr in den Spielbetrieb, of- was los! Das war manchmal verrückt. Das
le ohne Zuschauer für überzogen? fen eingestanden hat. Mir geht es nicht darum, wird nicht mehr wiederkommen. Aber alles
Watzke: Für mich ist sie falsch. Richtig wäre jetzt die Stadien vollzumachen, das wäre ein hat eben seine Zeit.
es gewesen, einen Prozentsatz der Stadion- völlig falsches Signal. Aber ich halte zehn Pro- SPIEGEL: Herr Watzke, wir danken Ihnen für
kapazität zuzulassen. 8000 Zuschauer kann zent der Stadionkapazität für angemessen. dieses Gespräch. n

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weg hat. Mit umweltfreundlicherer
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PENNYs zu 100 % veganer Marke.

Das tut Food For Future fürs Klima.


PENNY Markt GmbH, Domstraße 20, 50668 Köln

Weil die Food For Future Produkte von


PENNY komplett vegan sind, haben sie einen
deutlich besseren ökologischen Fußabdruck
als tierische Produkte. Veganes Hack spart
beispielsweise im Vergleich zu konventio-
nellem Rinderhack 91 % der CO2 -Emissionen
ein. Die verbleibenden Emissionen kompen-
siert PENNY, indem mithilfe von Climate-
Partner durch internationale Klimaschutz-
projekte CO2 ausgeglichen wird.

Mehr zu PENNYs Klima-Engagement auf


[Link]/klima
SPORT

sein kann, hat er selbst angedeutet.


Vor seinem Abflug nach Melbourne
machte er auf Instagram öffentlich,
dass er mit einer medizinischen Aus-
nahmegenehmigung anreise. Die aber
akzeptierten die Grenzbeamten nicht.
Ob das Papier wirklich nicht als Son-
dergenehmigung taugte oder ob im
Vorfeld der australische Tennisver-
band und die Behörden den Serben
und seine Berater unzureichend infor-
miert hatten, blieb bislang ungeklärt.
Tatsache ist, dass Djoković’ Nach-
weis nicht ausreichte, um ins Land
gelassen zu werden.
Der Fall ist zu einem Politikum ge-
worden. Serbiens Präsident Aleksan-
dar Vučić sprach von einer »politi-
schen Hexenjagd«. Der australische
Botschafter in Belgrad wurde einbe-
stellt. Die serbische Zeitung »Kurir«
schrieb vom »größten Sportskandal
aller Zeiten«.
In Australien hingegen hatte die
Ausnahmeerlaubnis schon Anfang der
Woche für Empörung gesorgt. Der
Sender ABC schrieb, sie löse »Zorn
und Konfusion« aus. Angesichts der
zunehmend aufgeheizten Stimmung
Djoković in Paris
in der Bevölkerung sah sich Premier-
am 6. November 2021 minister Scott Morrison genötigt, kla-
re Kante zu zeigen: »Wenn er keine
akzeptablen medizinischen Beweise
vorlegt, sitzt er im nächsten Flugzeug
nach Hause.«
Am Montag soll ein Gericht ent-
scheiden, ob Djoković endgültig ab-
gewiesen wird. Showdown für den
Weltstar.
Es gab Zeiten, da stürzten Stars,
TENNIS Novak Djoković durfte nicht nach Australien einreisen. Der Superstar, ohne aus der Gesellschaft zu fallen.
Die Sexsucht des Tiger Woods, die
der ein bizarres Verhältnis zur Medizin pflegt, ist offenbar nicht geimpft. Lügen Lance Armstrongs, die Dro-
Je mehr Menschen den Serben kritisieren, desto mehr feiern ihn seine Landsleute. genexzesse Diego Maradonas: Die
Legenden fielen, und die Welt schau-
te ihnen dabei zu, manchmal fühlte

D
as Park Hotel im Melbourner Australien eigentlich zum König des sie auch mit. Es waren private Ver-
Stadtteil Carlton ist für Ge- Tennis krönen. Bei den Mitte Januar fehlungen. In der Pandemie gelten
flüchtete vorgesehen, die auf beginnenden Australian Open peilte andere Gesetze. Das Privateste einer
ihre Abschiebung warten. Im Okto- er seinen 21. Grand-Slam-Titel an. Person, der Umgang mit ihrer eigenen
ber brach unter den Gästen eine Co- Keiner hat mehr. Djoković wäre da- Gesundheit, ist zum öffentlichen Cha-
rona-Masseninfektion aus, vor zwei mit erfolgreicher als Roger Federer raktertest geworden. Idole stehen am
Wochen brannte es auf zwei Stock- und Rafael Nadal, die beiden anderen Pranger, weil sie sich nicht impfen
werken. Menschenrechtsaktivisten Größen dieses Sports. Nun sitzt der lassen wollen oder schrägen Ansich-
protestieren seit Jahren gegen die 34-Jährige in einem Abschiebehotel. ten anhängen.
schlechten Bedingungen für Asylsu- Australien hatte bereits vor Mona- Der Fußballnationalspieler Joshua
chende. Es ist ein Ort, an dem sich ten angekündigt, wegen der Pande- Kimmich löste Ende Oktober in
Schicksale entscheiden. mie nur vollständig geimpfte Spiele- »Jesus wurde Deutschland Empörung aus, als er
Seit Donnerstag lebt hier der bes- rinnen und Spieler zum Tennisturnier gekreuzigt. erklärte, er wolle sich nicht impfen
te Tennisspieler der Welt: Ein Gericht zuzulassen. Das Land hat einen der Jetzt versu- lassen, ihm fehlten noch Informatio-
wird entscheiden, ob er nach Austra- härtesten Lockdowns weltweit hinter nen, um sich entscheiden zu können.
lien einreisen darf oder ob er abge- sich. Selbst Australier, die sich im Er wurde angefeindet, bis er in einem
schoben wird. Ausland aufgehalten hatten, durften Novak auf die TV-Interview angab, seine Meinung
Novak Djoković gehört zu den Ge- monatelang ihre eigene Heimat nicht geändert zu haben. Der US-Ameri-
strandeten, seit ihm die australischen mehr betreten. kaner Aaron Rodgers, einer der bes-
Grenzbehörden am Mittwoch wegen Djoković hat um seinen Impfstatus zu kreuzigen.« ten Football-Quarterbacks, erklärte
seines Impfstatus das Visum verwei- stets ein Geheimnis gemacht. Dass er Djoković’ Vater im November, aus Angst um seine
gert haben. Der Serbe wollte sich in nicht wie gefordert doppelt geimpft Srdjan Zeugungsfähigkeit auf eine Impfung

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SPORT

verzichtet zu haben, lieber auf alter- Dort wagt niemand mehr, ihn zu Jetzt läuft Vater Djoković zur
native Methoden zu setzen und seine ­kritisieren. Gewinnertyp Hochform auf und trommelt gegen
»körperliche Autonomie« zu wahren. Die Karriere des Weltranglisten- die Feinde seines Sohnes. Man be-
Der Aufschrei war groß. ersten war geprägt von Beratern, die Titel von Novak handle ihn »wie einen Kriminellen«,
Djoković bei den
Bei Djoković nahm die Empö- eine Wagenburg um ihn bildeten. vier großen wütete er. Er befinde sich »in austra-
rungswelle einen langen Anlauf. Nicht nur Mentalgurus und Alche- Tennisturnieren lischer Gefangenschaft«. Dann ver-
Er mag der Größte im Welttennis misten, auch seine Familie schirmte stieg sich der Senior dazu, sein Sohn
sein, neunmal hat er allein in Mel- ihn ab. Seine Brüder Marko und Australian
sei »von diesem Moment an zum
bourne triumphiert, sechsmal hat er Djordje gehören dazu, vor allem aber Open Symbol und Führer der freien Welt
das Turnier von Wimbledon gewon- ist es sein Vater Srdjan, der sich,­ geworden, der Welt der armen und
nen. Die Herzen der Fans aber hat er koste es, was es wolle, vor seinen benachteiligten Nationen und Völ-
nie ganz für sich gewinnen ­können. Sohn stellt. 2010 ker«. Novak sei ein »Spartakus« einer
Wimbledon
Das kann an seinem krankhaften Ehr- Auf einer Pressekonferenz am neuen Welt, die »Ungerechtigkeit,
geiz liegen, der viele Tennisfreunde Donnerstag verglich er seinen Sohn Kolonialismus und Heuchelei« nicht
US Open
abgeschreckt hat. Oder am eher be- mit Jesus Christus. »Jesus wurde ge- toleriere.
fremdlichen Verhältnis zu seinem kreuzigt, ihm wurde alles angetan, Je größer die Kritik im Ausland an
Körper, zur Gesundheit, zur Medizin. und er ertrug es und lebt immer noch Djoković wird, desto mehr folgen da-
2017 und 2018 plagte sich Djoković unter uns«, sagte Srdjan Djoković. heim dem Vater, desto fester wird die
mit Problemen im Ellbogen. Die Ärz- »Jetzt versuchen sie, Novak auf die Verteidigungslinie. »Ganz Serbien ist
te rieten ihm zu einer Operation, gleiche Weise zu kreuzigen und ihm 2015 bei ihm«, ließ Präsident Vučić mit-
Djoković weigerte sich und vertraute alles anzutun.« teilen, wie man mit dem Tennisstar
auf die Heilkräfte des umstrittenen Vater Djoković’ Welt besteht aus French umgehe, sei »Schikane«. Es geht
Mentalcoaches Pepe Imaz. Erst als dem Konflikt zwischen Ost und West, Open längst nicht mehr um Tennis.
die nichts brachten, ließ er sich ope- zwischen Arm und Reich, Gut und »Hier wird ein nationales Denk-
rieren. Imaz, der an seiner Tennis- Böse. Die Armen, das sind aus seiner mal beschützt«, sagt Dario Brentin,
schule in Marbella auf Meditation Sicht die Serben, die sich auflehnen 37. Der Sozialwissenschaftler forscht
und die Kraft von ausführlichen Um- gegen die Reichen und den privi- in Wien über nationale Identitäten
armungen setzt, stand über Jahre an legierten Westen. Gegenüber dem und Sport im postjugoslawischen Ser-
Djoković’ Seite. serbischen »Telegraf« sprach er von 2020 bien. »Djoković ist größer als Serbien
2020 irritierte Djoković die Öf- »gierigen Mitgliedern der Weltoligar­ selbst. Und deshalb gibt es ein enor-
fentlichkeit mit einem skurrilen In- chie«. Immer wieder wittert er eine mes Interesse, ihn zu schützen«, sagt
stagram-Video, in dem er anpries, Verschwörung gegen Serbien – und Brentin. »Wird die Marke Djoković
man könne verschmutztes Wasser mit vor allem gegen seinen Sohn. S Grafik beschädigt, nimmt auch die Marke

der Macht der Gebete in Heilwasser Serbien Schaden.« Das könne man
verwandeln. An seiner Seite hatte er nicht zulassen.
dabei mit dem selbst ernannten Al- Viele seiner Landsleute sehen in
chemisten Chervin Jafarieh wieder Djoković die Wiedergeburt Serbiens
einen fragwürdigen Berater. nach dem Jugoslawienkrieg. Lange
Spitzensport ist heutzutage ohne war das Land verbunden mit Bildern
wissenschaftliche Hilfe undenkbar. von Massengräbern und Massakern.
Leistungsdiagnostiker und Biomecha- 2008 gewann Djoković seinen ersten
niker durchleuchten die Körper der Grand-Slam-Titel – bei den Austra-
Athleten, um kleinste Defizite zu ent- lian Open. Seitdem sind 19 weitere
decken und zu beseitigen. Orthopä- dazugekommen. Und mit jedem Sieg
den, Internisten, Augenärzte und richtete sich Serbien wieder etwas
immer häufiger auch Neurologen hel- mehr an sich selbst auf. »Er hat das
Andrej Isakovic / AFP

fen den Athleten dabei, sich besser Land in ein ganz anderes Licht ge-
Vater Srdjan
zu machen. Sie nutzen die neuesten Djoković am stellt. Die Welt sah nun, dass es auch
Erkenntnisse der Wissenschaft. Umso Donnerstag in ein anderes Serbien gibt: ein erfolg-
erstaunlicher ist, dass sich in dieser Belgrad reiches, kosmopolitisches«, sagt
Hightech-Welt einige wenige Top­ Brentin.
athleten auf esoterischen Abwegen Djoković wurde zum Säulenheili-
befinden. In Deutschland setzte etwa gen, dem auch der größte Unsinn ver-
der Skiläufer Johann Mühlegg vor gut ziehen wird. Die Ausflüge ins Esote-
20 Jahren auf das geweihte Wasser rische wurden in Serbien kaum kri-
seiner »Gnade«, einer Frau aus Mün- tisch gesehen. Als der Tennisspieler
chen, die ihm angeblich den Kontakt mitten in der Pandemie im Sommer
zum Heiland im Himmel verschaffte. 2020 eine Wettkampfserie, die Adria-
Der Hang zur Pseudowissenschaft Tour, in seiner Heimat veranstaltete,
einiger Sportler wird als Spleen hin- als überall sonst in Europa der Sport
genommen, er bekam aber durch die pausierte, wurde er begeistert vom
Pandemie eine neue, gesellschaftliche Publikum gefeiert.
Bedeutung. Den Stars wird nicht ver- Anschließend meldeten sich meh-
Hamish Blair / AP / dpa

ziehen, wenn sie sich ihre eigenen rere der teilnehmenden Profis mit
Regeln machen, während Millionen Anhänger von einer Coronainfektion ab. Auch No-
Djoković vor
Menschen unter dem Virus leiden. dem Park Hotel
vak Djoković.
Allein in Djoković’ Heimat Ser- in Melbourne Peter Ahrens, Jörn Meyn,
bien halten sie zu ihrem Superstar. Bastian Midasch  n

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 115


WISSEN

Andrew Fusek Peters / SWNS / action press


Sonnenstrahlen fallen durch ein Mosaikfenster in diesen nach neolithischen Vorbildern neu angelegten Grabhügel in der englischen Grafschaft
Shropshire. Der »Soulton Long Barrow« ist so ausgerichtet, dass die Grabkammer am Tag der Wintersonnenwende im Dezember mit dem
Licht der untergehenden Sonne geflutet wird. Die Halle ist mehr als 5000 Jahre alten Totenstätten nachempfunden und wird von einem mächtigen
Kraggewölbe aus Steinen überspannt. Bis zu 80 Menschen können den Ort für Beerdigungen und Gedenkzeremonien nutzen.

Besser später lernen


dass die Jugendlichen während des Homeschoolings an Schul­
tagen rund 90 Minuten später aufstanden, aber nur etwa
15 Minuten später zu Bett gingen. Die gewonnenen 75 Schlaf­
minuten ­taten ihnen offenbar sehr gut – für Jenni keine
ANALYSE  Der Lockdown hat bestätigt, dass ­Überraschung: »Ab dem achten bis zehnten Lebensjahr ver­
der Schulunterricht zu früh beginnt. schiebt sich der Schlafrhythmus in die Nacht hinein«, erklärt
der Forscher, »das hat mit Hirnreifungsprozessen und Ver­
Wie wäre es, wenn die Schule morgens erst um neun Uhr beginnen änderungen der inneren Uhr zu tun.« Bis zum 20. Lebensjahr
würde? Es wäre ein großer Gewinn für die Schüler, sagen Forscher setze sich dieser Prozess fort, erst danach verschiebe sich
der Universität Zürich. Ihre Erkenntnisse gewannen sie während der Schlaf-Wach-Rhythmus wieder nach vorn.
der pandemiebedingten Schulschließungen. Die Zeit des Lock­ Frühe Schulanfangszeiten stünden deshalb im Konflikt mit den
downs nämlich, so das Fazit einer Studie im Fachmagazin »Journal biologisch bedingten, verspäteten Schlafzeiten von Jugend­lichen
of the American Medical Association«, hatte auch positive Effekte. und trügen zum chronischen Schlafdefizit der Heran­wachsenden
»Die von uns befragten Schülerinnen und Schüler schliefen rund bei. Zu wenig Schlaf jedoch kann zu Müdigkeit, Angst und kör­
75 Minuten länger«, berichtet einer der Autoren, der Entwick­ perlichem Unwohlsein führen. Dadurch verschlechtern sich Stim­
lungspädiater Oskar Jenni. »Gleichzeitig stieg ihre Lebensqualität mung, Konzentration, Gedächtnis und Aufmerksamkeit.
signifikant, und der Konsum von Alkohol und Koffein sank.« Ein Plädoyer für das Homeschooling will Jenni aus den
Für ihre Untersuchung befragten die Wissenschaftler 3664 Ergeb­nissen allerdings nicht ableiten. »Schulschließungen haben
Gymnasiasten im Kanton Zürich während des Schweizer Lock­ langfristig schwerwiegende negative Effekte auf Kinder und
downs im zweiten Quartal 2020 zu Schlafverhalten, Gesundheit ­Jugendliche«, bekräftigt der Kinderarzt, »unsere Ergebnisse
und Lebensqualität. Dann verglichen sie die Ergebnisse mit ­liefern jedoch starke Argumente dafür, die Schule grundsätzlich
einer ähnlichen Befragung aus dem Jahr 2017. Dabei zeigte sich, später beginnen zu lassen.« Philip Bethge

116 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Wie kam Corona in gen. Dazu zählen unter anderem eine ders strenge Regeln nötig. Die Impfungen
14-tägige Quarantäne vor der Abreise und indes scheinen wie überall gut zu wirken:
die Antarktis? mindestens drei PCR-Testungen. Häufig Auf der belgischen Station habe es bislang
PANDEMIE  Trotz strenger Hygienemaß­ ­erfolgt die Anreise über die südafrikanische nur milde Verläufe gegeben, berichtet Van
nahmen haben sich auf der belgischen Prin­ Metropole Kapstadt; von dort ist auch jenes Hoecke. Von den Erkrankten weise inzwi­
zessin-Elisabeth-Polarstation seit Dezem­ Team aufgebrochen, das den Erreger ver­ schen keiner mehr Symptome auf. Drei Per­
ber einige Frauen und Männer mit dem Co­ mutlich einschleppte. Womöglich haben sonen seien bereits wieder – negativ getes­
ronaerreger angesteckt. Von elf Fällen unter sich die Forscher bei ihrer Hotelquarantäne tet – turnusmäßig nach Hause geflogen. CHS
den 25 Teammitgliedern berichtet Nicolas angesteckt. Zu dieser Zeit grassierte Omi­
Van Hoecke von der International Polar kron besonders stark in Südafrika. Auch Prinzessin-Elisabeth-Polarstation
Foundation, die den Komplex in der Ant­ ­einige Wissenschaftler des deutschen
arktis betreibt. Die Infizierten sollen alle­ ­Alfred-Wegener-Instituts (AWI) steckten

René Rober t / International Polar Foundation


samt mindestens zweimal geimpft gewesen sich jüngst in Kapstadt an – beim Hotel­
sein. Außerdem soll sich das Team vor Ab­ personal. »Daraufhin haben wir die Isola­
reise einer zehntägigen Quarantäne unter­ tion noch einmal so lange verlängert, dass
zogen haben, ergänzt um insgesamt vier die betroffenen Personen genesen konn­
PCR-Tests. Wie konnte das Coronavirus ten«, berichtet Eberhard Kohlberg vom
trotzdem zuschlagen? Diese Frage beschäf­ AWI. Offenbar mit Erfolg: Auf der deut­
tigt die Wissenschaftler nun intensiv. Um schen Station, sagt Kohlberg, habe man bis­
die Pandemie so gut wie möglich von den her keinen Coronafall gehabt. In Zeiten
antarktischen Forschungsstationen fern­ der hochansteckenden Omikron-Variante
zuhalten, gibt es internationale Empfehlun­ sind also auch für Antarktisfahrer beson­

»Sonst würden wir nicht


Beim Zusammenstoß entstehen befinden sich dann nur noch
Teilchenpaare, zu denen auch ein paar Tausend Atome Mate­

existieren«
Protonen und Antiprotonen ge­ rie. Da ist es extrem unwahr­
hören. Diese müssen dann mit­ scheinlich, dass es zu Kollisio­
hilfe starker Felder verlangsamt nen mit der gespeicherten Anti­
werden, damit wir an ihnen materie kommt. Um solch ein
PHYSIK  Der Teilchenforscher Stefan Ulmer, 44, über
unsere Messungen durchführen perfektes Vakuum herzustellen,
die Frage, warum sich Materie und können. müssen wir unser Experiment
Antimaterie beim Urknall nicht ausgelöscht haben SPIEGEL: Wie schaffen Sie es, stark kühlen, auf etwa minus
dass sich Ihre Antiprotonen 269 Grad Celsius.
SPIEGEL: Herr Ulmer, eigentlich materie nach dem Urknall nicht mit normaler Materie tref­ SPIEGEL: Sie haben die Masse
dürfte es unser Universum gar ­überstehen können. Außerdem fen und auslöschen? der Antiprotonen jetzt so genau
nicht geben. Warum können ­haben Antiprotonen für uns Ulmer: Dafür haben wir eine vermessen wie noch niemand
wir dieses Interview trotzdem Physiker noch eine praktische ­sogenannte Penningfalle zuvor, auf elf Stellen nach dem
führen? Eigenschaft. Sie zerfallen ­konstruiert. Sie sorgt mit star­ Komma, aber keine Unterschie­
Ulmer: Das ist eines der großen nicht von sich aus. Das gibt ken elektrischen und mag­ de zu Protonen gefunden. Ha­
Rätsel der fundamentalen Phy­ uns Zeit, sie extrem präzise zu netischen Feldern dafür, dass es ben Sie vielleicht noch immer
sik. Wenn man die Urknalltheo­ untersuchen. nicht zu Kollisionen zwischen nicht genau genug gemessen?
rie und das Standardmodell der SPIEGEL: Wo bekommen Sie der Antimaterie und unserer Ulmer: Wir haben uns große
Teilchenphysik zusammenfasst, Ihre Antiprotonen her? normalen Materie kommt. Eine Mühe gegeben. Aber natürlich
dann sollten am Beginn des Ulmer: In einer Anlage hier am wichtige Zutat ist ein extrem ist es nicht auszuschließen, dass
Universums Materie und Anti­ Cern bei Genf, dem »Antipro­ ­geringer Druck im Inneren der es auf einem noch nicht mess­
materie in gleicher Menge ent­ ton Decelerator«, wird zunächst Falle. Er liegt bei Werten, wie baren Level doch Unterschiede
standen sein. Und wenn sich ein ein Strahl aus beschleunigten man sie auch im freien Welt­ gibt. Diese hoffen wir in Zu­
Teilchen und sein Antiteilchen Protonen auf ein Ziel aus dem raum findet. Das heißt, in der kunft zu finden. Ein anderer
treffen, vernichten sie sich Edelmetall Iridium geschossen. etwa einen Liter großen Falle Ansatz erscheint mir aber aktu­
gegenseitig. Aber irgendwie ist ell spannender.
vor 13,8 Milliarden Jahren SPIEGEL: Wie lautet der?
trotzdem Materie übrig geblie­ Ulmer: Wir wollen uns noch ein­
ben, sonst würden wir nicht mal genauer ansehen, ob sich
existieren. Dieser Asymmetrie statt der Massen vielleicht die
sind wir auf der Spur. magnetischen Momente unter­
SPIEGEL: Um das Rätsel zu lö­ scheiden. Dafür messen wir das
sen, haben Sie sich Antiproto­ Kreiseln der Teilchen um ihre
nen genauer angesehen. Warum eigene Achse. Bei dieser Art der
sind die wichtig? Messungen sind wir bisher im
Ulmer: Es gab die Vermutung, Vergleich zur Masse noch um
Maximilien Brice / BASE / CERN

dass es minimale Unterschiede den Faktor 100 ungenauer. Im


zwischen Materie und Anti­ Laufe der kommenden zwei
materie geben könnte. Hätten Jahre wollen wir den Abstand
zum Beispiel Protonen etwas deutlich verkleinern. Aber auch
mehr Masse als Antiprotonen, hier sehen wir bisher keine
dann hätten einige die Aus­ Ulmer am Cern Unterschiede zwischen Proto­
löschung von Materie und Anti­ nen und Antiprotonen. CHS

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 117


WISSEN

Alarm aus der Kloake


PANDEMIE  Während der Feiertage befand sich Deutschland wieder einmal im Corona-Blindflug.
Für Abhilfe soll ein europaweites Frühwarnsystem sorgen: Die Abwassertestung
in Klärwerken kann Ausbrüche früher erkennen – und auch bei der Bekämpfung künftiger Seuchen helfen.

R
obert Delatolla sah als einer der Ersten, Omikron-Anteil von mehr als 80 Prozent in dann auch auf der Website des RKI auftau-
wie die Omikron-Welle auf die kana- Bremen, über 60 Prozent in Schleswig-­ chen. Der Projektumfang ist indes immer
dische Hauptstadt Ottawa zurollte. Der Holstein und Niedersachsen und noch unter noch bescheiden: 2,9 Millionen Euro für die
Umweltingenieur ist ein intimer Kenner der 5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, derzeit drei beteiligten Projekte. Damit
Kloake, fast täglich nimmt sein Team Proben Sachsen und Sachsen-Anhalt. kommt die Bundesregierung endlich einer
aus Becken im Klärwerk und untersucht sie Das hätte man vermutlich auch früher wis- Vorgabe der EU-Kommission nach, die die
im Labor auf Erbgut von Coronaviren. Bis sen können. Kurz vor Weihnachten schon Mitgliedsländer schon vor fast einem Jahr
zum 9. Dezember fand sein Team noch keine vermeldete ein Konsortium aus Abwasser- aufgefordert hatte, bis spätestens zum 1. Ok-
Hinweise auf die hochansteckende Variante. forschern erste Omikron-Funde an einigen tober 2021 nationale Abwasserüberwachungs-
Am 11. Dezember jedoch tauchte sie erstmals Messpunkten, zum Beispiel in Bayern, Hessen systeme aufzubauen.
im Abwasser auf, eine Woche später domi- und Nordrhein-Westfalen; doch diese Stich- Die Vorteile eines solchen Monitoring- und
nierte sie das Seuchengeschehen. Seit Weih- proben waren noch vorläufig und nicht be- Frühwarnsystems sind vielfältig: Virenparti-
nachten findet er im Abwasser praktisch nur sonders belastbar. Der Anteil von Omikron kel tauchen schon im Abwasser auf, bevor die
noch Virusbestandteile von Omikron, Spuren lag demnach zwischen 0,4 und 3 Prozent. Infizierten überhaupt zum Arzt gehen. Ein
der Delta-Variante kommen kaum noch vor. Derlei Schnappschüsse zeigen zwar, dass das Fachaufsatz von Andreas Thiem vom Techno-
»Das bestätigen nun auch die klinischen Prinzip der Abwassertests funktioniert; da logiezentrum Wasser (TZW) in Karlsruhe, der
Daten«, berichtet Delatolla in einer E-Mail. die Proben aber nicht flächendeckend genom- kurz vor Weihnachten erschien, belegt einen
»Das Abwasser in Ottawa ist innerhalb von men und analysiert werden, taugt dieses Ver- Vorsprung von etwa zwei Wochen ­(siehe Info-
nur einer Woche von Delta zu Omikron um- fahren, anders als in Ottawa, hierzulande grafik).
gekippt«, schreibt sein Kollege Tyson Graber noch nicht als zuverlässiges Pandemieüber- Der Grund ist einfach: Nicht jeder Infizier-
auf Twitter: »Das hat es noch nie gegeben. Al- wachungssystem. te lässt sich testen, aber jeder geht aufs Klo.
pha brauchte vier Wochen, um den Vorgänger Doch das soll sich bald ändern. Die drei In der aktuellen Phase der Pandemie könnte
zu verdrängen. Delta brauchte zwei Wochen, Ministerien für Gesundheit, Umwelt und Bil- die Abwasseruntersuchung wichtig werden,
um Alpha zu verdrängen.« Die Abwasser- dung arbeiten gemeinsam an der Einführung weil immer mehr Infektionen ohne ernsthafte
werker sind stolz auf ihre Forschung, in seinem eines nationalen Abwassermonitorings. »Der Symptome abliefen, argumentiert der Um-
Twitterprofil nennt Graber als Berufsbezeich- Pilotbetrieb soll noch im Februar 2022 starten weltingenieur Kyle Bibby, Professor an der
nung »Zellbiologe und Poopcaster« – sinn­ und zunächst bis Ende 2022 dauern«, heißt University of Notre Dame im amerikanischen
gemäß so etwas wie »Fäkalwetterfrosch«. es aus dem Bundesministerium für Bildung Indiana. Obwohl die Infizierten keine Symp-
Bereits seit April 2020 benutzt das Team und Forschung. Die Abwasserdaten könnten tome zeigen, können sie dennoch ansteckend
aus Ottawa die Kloake zur Überwachung der sein. Er schränkt ein: Je besser das klinische
Pandemie. Die Messdaten sind öffentlich zu- Testsystem sei, desto geringer seien die Vor-
gänglich. Derzeit wird in Ottawa erbittert Deutlicher Zusammenhang teile der Abwasserüberwachung.
darüber gestritten, ob die Schulen trotz der Vor allem eine solche »stille Pandemie«
Omikron-Welle weiter Präsenzunterricht an- Sars-CoV-2-Biomarker pro Milliliter lässt sich im Abwasser gut verfolgen, um ge-
Abwasser in Karlsruhe
bieten sollen. Bei der öffentlichen Diskussion gebenenfalls in betroffenen Stadtteilen
werden die Abwasserdaten inzwischen wie 40 schneller handeln zu können, zum Beispiel
selbstverständlich mit einbezogen, Zeitungen durch Massentests oder regional begrenzte
zitieren sie, Gesundheitspolitiker berücksich- 20 Lockdowns. Und während die meisten Bür-
tigen sie bei ihren Entscheidungen. gertests mit persönlichen Daten verknüpft
Ganz anders ist die Lage einstweilen in 0 sind, ist die Abwasserüberwachung anonym.
Deutschland. Hierzulande gibt es einen er- Zudem erfasst sie auch Menschen, die ledig-
heblichen Zeitverzug bei der Abbildung der Die Konzentration der Sars-CoV-2-Biomarker lich auf der Durchreise sind, was in Regionen
im Abwasser korreliert mit den Infektionen
pandemischen Lage. Wie weit ist Omikron je 100.000 Einwohner im Einzugsgebiet. mit intensivem Grenzverkehr wichtig ist.
verbreitet? Lange konnte diese Frage nicht Die Infektionen wurden etwa zwei Wochen Ein weiterer Vorteil: Mit wenigen PCR-
zuverlässig beantwortet werden. Die offiziel- später registriert. Tests können problemlos Hunderttausende
len Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI), 300 Menschen gleichzeitig erfasst werden. Derlei
2. und 3.
das auf die Meldungen der Gesundheitsämter Corona- Massentests sind etwa bei niedrigen Inziden-
angewiesen ist, waren teils ungenau und ver- 200 welle zen wie im vergangenen Sommer sinnvoll,
altet. Stell dir vor, es ist Omikron, aber keiner 100
wenn die meisten Einzeltests negativ ausfal-
merkt es. len, was unnötig Geld verschlingt.
Erst allmählich beginnt sich der Nebel zu 0 Genau dieser Spareffekt könnte vielleicht
lichten. Die RKI-Zahlen vom Donnerstag Juni 2020 Jan. 2021 Juni 2021 auch Widerstände gegen die Abwassertestung
zeigten für die letzte Dezemberwoche einen S Quellen: Ho et al., TZW Karlsruhe 2022 erklären, sagt der Chemieingenieur Bernd


118 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


WISSEN

10
Tage
bevor die offiziellen
Fallzahlen vorliegen,
kann Abwasser
schon verraten, dass
eine neue Infektions-
welle anrollt.

ollo / Getty Images


Gawlik, der am Joint Research Center ein hoher Sauerstoffgehalt beschleu- zung negative Coronatests vorweisen
der Europäischen Kommission im nigt den Abbau von Virenpartikeln, konnte. Dennoch fanden Tester im
­italienischen Ispra die europäische lange Kanalisationsleitungen verzö- »Schwarzwasser« aus den Klos Viren-
Abwasserforschung koordiniert. PCR- gern den Zufluss bis zur Entnahme- partikel. Als das Schiff einige Tage
Labore würden befürchten, so Gawlik, stelle teils um mehr als 30 Stunden. später in den nächsten Hafen einlief,
dass die Abwasseruntersuchung die Unermüdlich arbeitet Gawlik da- waren die Tests fast der gesamten Be-
Anzahl der lukrativen Tests von ran, Daten aus aller Welt zusammen- satzung positiv.
­Einzelpersonen überflüssig machen zuführen, abzugleichen und zu stan- Die Abwassertestung hat sich
könnte: »Diese Befürchtung ist aber dardisieren. Seit Januar ist er in regel- schon lange bewährt bei der Abschät-
unbegründet, denn die beiden Test- mäßigem Kontakt mit den Vertretern zung des Drogenkonsums. Antwerpen
methoden ergänzen sich.« Doch diverser EU-Staaten. Und für Mitte war 2020 Europas Kokain-Haupt-
­aufgrund der Gegenwehr von Labo- Februar hat er Vertreter von Firmen stadt, gemessen an den Rückständen,
ren sei bereits Abwassertestern die zu einem Onlinetreffen eingeladen, in etwa 80 Städten im Auftrag der
staatliche Unterstützung entzogen darunter Fluglinien, Reedereien, Europäischen Beobachtungsstelle für
worden. Flughafenbetreiber, Wasserbetriebe Drogen und Drogensucht entnom-
Wahr ist aber auch: Noch ist die und Hotels. Die Abwassertestung men. Amphetamin ist besonders
abwasserbasierte Epidemiologie im Kläranlage bei könnte ein zusätzliches Sicherheits- im kroatischen Zagreb beliebt,
Fall von Sars-CoV-2 nicht vollständig Frankfurt am Main: netz für die nächste Reisesaison auf- Metamphe­tamin im tschechischen
standardisiert, viele Faktoren beein- Abwassertests spannen, hofft er. Ostrava, bei Ecstasy (MDMA) liegt
flussen den Nachweis von Virus-RNA bewähren sich bereits Gawlik erzählt die Geschichte von Amsterdam vorn.
bei der Überwachung
im Abwasser. Starke Regenfälle bei- von Polioviren oder einem Schiff, das den Hamburger Ha- Schon in der Vergangenheit erwies
spielsweise können es teils verdünnen, Kokainkonsum fen anlief und dessen gesamte Besat- sich die Kloakentestung als nützliches

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 119


WISSEN

Nicht jeder Infizierte Faktoren den Puls hochtreiben oder die


Schritte verringern, etwa eine sommer­liche
lässt sich testen – aber Hitzewelle. »Vor allem aber bleiben symp-
jeder geht aufs Klo. tomfreie Infektionen für die Fitness­tracker
unsichtbar, das ist bei Abwassertests anders«,
sagt Jörg Drewes, Professor für Siedlungs-
wasserwirtschaft an der Technischen Univer-
sität München.
Hilfsmittel der Seuchenüberwachung. Eigent- Seit drei Jahrzehnten schon erforscht der
Wissenschaftler, was Körperausscheidungen
lich gelten Polio-Wildviren, die Erreger der
über menschliche Gemeinschaften verraten:
Kinderlähmung, weltweit als fast ausgerottet,
mit isolierten Rückzugsgebieten in Afgha­Keime, Koks, Antidepressiva. »Abwasser ist
ein Spiegel der Gesellschaft«, sagt er.
nistan oder Pakistan. Obwohl Israel seit 1988
als poliofrei gilt, fanden israelische Forscher
Voriges Jahr stellte Drewes ein Modell-
2013 plötzlich Rückstände von Polioviren im
projekt auf die Beine, gemeinsam mit Ge-
Abwasser der Negev-Region. Die Verwaltung meinden im Berchtesgadener Land, einer
startete eine Impfkampagne und erstickte die
Tourismusregion im hintersten Südostzipfel
»stille Ausbreitung« im Keim. Mittlerweile
von Bayern. Die gewohnten Verwaltungs-
überwachen 50 Länder auch das Abwasser, strukturen waren durch die Pandemie aus
um das Zir­kulieren von Polioviren frühzeitig
dem Tritt geraten, erzählt Drewes, das habe
zu er­kennen. die Chance für den Aufbau eines »alternati-
ven Krisenmanagements« geboten – digital,
Vor allem in der Endphase einer Pandemie
könnten Frühwarnsysteme, die schnell Alarmspontan, innovativ.
schlagen, aber Entwarnung geben können, Inspiriert wurde es von den Erfahrungen
immer wichtiger werden – insbesondere an des Sanitätsdienstes der Bundeswehr bei der
Feiertagen, wenn Pandemiedaten erst mit erfolgreichen Eindämmung der Ebola-Epi-
vielen Tagen Verspätung zusammengetragen demie, die 2014 in Westafrika ausbrach. Zwei-
werden. mal pro Woche nahm das Team Proben in
Neben den Abwassertests gibt es noch an-
Klärwerken, schickte sie per Expresszustel-
dere Testverfahren, bei denen die Forschen-
lung ans TZW in Karlsruhe, um sie mit der
den allerdings auf die Mitarbeit vieler Frei-
PCR-Methode analysieren zu lassen. Das er-
williger angewiesen sind. staunliche Ergebnis: Die Abwasserproben
zeigten zehn Tage vor den offiziellen Fall-
Seit April 2020 fühlt Dirk Brockmann der
Nation den Puls. Gemeinsam mit seinem zahlen anrollende Infektionswellen. »Dieses
Team wertet der Physiker am Institut für Bio-
Frühwarnsystem kann als Blaupause für an-
logie der Humboldt-Universität für das RKIdere Kommunen in Deutschland dienen«, ist
die Vitaldaten von mehr als einer halben Mil-
Drewes überzeugt.
lion freiwilligen Spendern aus, die von Fit- Die Abwassertests eigneten sich aber
nessarmbändern und Smartwatches erhoben auch als Früh-Entwarnsystem: Sobald die
werden: Schlaf, Puls, Schritte. Die »Daten-
Spuren von Viren in Kläranlagen abnahmen,
spende«-App sammelt all diese Daten und konnte schneller Entwarnung gegeben
überträgt sie pseudonymisiert auf die Server
­werden.
der Forschenden. Auch über die Feiertage haben Drewes
Anfangs schienen vor allem die Pulsdaten
und andere Forschende Abwasserproben
aufschlussreich zu sein: Der durchschnittliche
untersucht. Die vorläufigen Auswertungen
Ruhepuls der Teilnehmenden liegt bei 61 deuten darauf hin, dass die Omikron-Variante
Schlägen pro Minute; eine Erhöhung um bis bereits im zweistelligen Prozentbereich ver-
zu drei Schläge im Mittel deutet auf eine In-
breitet ist – zumindest bei Proben aus Karls-
fektion hin, möglicherweise weil das Immun-
ruhe und dem Berchtesgadener Land. Doch
system aktiv wird, was für den Körper an- diese PCR-Ergebnisse sind vorläufig. Sie
strengend ist. Auch die Schlafdauer schnellt
müssten erst noch durch eine Sequenzierung
statistisch gesehen um täglich rund eine Stun-
bestätigt werden, sagt Drewes. Das Problem:
de in die Höhe. Erst nach einem Monat nor-
Viele Labore waren auch nach Silvester noch
malisiert sich die Schlafdauer wieder. in der Feiertagspause. Die beste Abwasser-
Doch inzwischen scheint festzustehen: Der
testung läuft ins Leere, wenn es dann beim
Labor hakt.
deutlichste Hinweis auf eine Infektion ist der
drastische Rückgang der täglichen Schritte, Aber kommt das Abwassermonitoring
deren Anzahl sich bei einem Kranken mehr nicht eh zu spät, zwei Jahre nach Beginn der
Pandemie? Im Gegenteil, findet Drewes, Co-
als halbiert. Nimmt die Zahl der täglichen
Schritte bei vielen Menschen gleichzeitig ab,
rona könnte eine einzigartige Chance sein,
lassen sich frühzeitig Infektions-Hotspots er-
endlich eine flächendeckende Abwasserüber-
kennen – lange bevor die Gesundheitsämterwachung aufzubauen. »Wir müssen für zu-
ihre Zahlen ans RKI melden. künftige Seuchen gewappnet sein«, so der
Ein Nachteil der digitalen Fieberkurve: Die
Wasserexperte: »Denken Sie an Kinderläh-
Auswahl der Datenspender ist nicht repräsen-
mung, Schweinepest und antibiotikaresisten-
tativ, ausgerechnet die besonders gefährdeten
te Keime. Nach der Pandemie ist vor der
Älteren ab 60 Jahren sind bislang schwächer
­Pandemie.«
vertreten. Außerdem können auch äußere Hilmar Schmundt n

120 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Christoph Reuter Jörg Diehl

SPIEGEL Backstage – exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten

Krieg und Verbrechen


als Arbeitsalltag
SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter und Investigativreporter Jörg Diehl
berichten über ihre Recherchen in internationalen Krisengebieten und
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Journalisten mit Ihnen ins Gespräch kommen. Sie können Christoph Reuter
und Jörg Diehl Fragen stellen über alles, was Sie interessiert: Wie kommen
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Bildnachweise: Emin Özmen, Marcus Simaitis/DER SPIEGEL


WISSEN

Es waren Schiffe wie die »Gribshunden«,


die Europas Dominanz über die Welt ermög-
lichten. Sie konnten Soldaten und Waffen
genauso über die Meere transportieren wie
Edelmetalle, Gewürze und Zucker. Gebaut
wurde das Schiff wohl in den Niederlanden
aus Eichen, die im Jahr 1482 am Flusslauf der
Maas gefällt wurden. Etwa zehn Jahre lang
fuhr es im Auftrag von König Hans, belegt
sind Reisen nach Norwegen, England und im
Ostseeraum. An Bord, so schätzt Foley, dürf-
ten neben einer Besatzung von etwa 30 Mann
rund 120 Soldaten sowie Bedienstete des Kö-
nigs gewesen sein – und der König selbst.

Ingemar Lundgren / Blekinge Museum


Erstmals hatten Sporttaucher in den Sieb-
zigerjahren die Überreste des Schiffs am Mee-
resgrund entdeckt. »Zum Glück sah es nur
wie ein Haufen Holz aus«, sagt Mikael Björk.
»Das hat es vor Plünderungen bewahrt.«
Geborgene Björk gehört zu den Tauchern, mit denen Fo-
»Gribshunden«- ley das Wrack erforscht.
Galionsfigur
Identifiziert wurde das ehemalige könig-
liche Flaggschiff erst vor rund zehn Jahren.
Dabei war neben der Größe des Wracks die
Bauart entscheidend: Das Schiff war teils in
der für Nordeuropa typischen Klinkerbau-

Die Kampfmaschine
weise mit überlappenden Planken konstruiert,
teils in der in Südeuropa gepflegten Kraweel-
bauweise, bei der Brett an Brett liegt. So habe

des Königs
man nur ein paar Jahrzehnte lang im 15. Jahr-
hundert Schiffe gebaut, sagt Foley. Dass es sich
dabei wirklich um die »Gribshunden« handelt,
leitet Foley aus dem Fundort ab. Es sei das
einzige Wrack an genau der Stelle, an der
ARCHÄOLOGIE  Vor der schwedischen Küste untersuchen Wissenschaftler Hans’ Vorzeigeschiff 1495 laut historischen
Quellen gesunken sei, sagt der Archäologe.
das versunkene Flaggschiff eines Dänenherrschers. Im speziellen Sein Team steht erst am Beginn der For-
Wasser der Ostsee haben Dinge ein halbes Jahrtausend überstanden, schung. Was geborgen und konserviert wer-
die anderswo längst zerfallen wären. den konnte, lagert neben dem Labor im Ma-
gazin des Blekinge-Landesmuseums. Etwa
die mächtige Galionsfigur der »Gribshun-

B
einahe wie ein zartes Meerestier wellt und Vogel dargestellt, und dem Hund ver- den«: ein Tierkopf aus Eichenholz, in dessen
sich das dünne Stück Rinde im Wasser dankt. Einst war es das Flaggschiff des Dänen- Maul ein schreiender Mann steckt.
der Plastikkiste. Brendan Foley nimmt königs Johann I., genannt Hans. Auch die hölzernen Gestelle von mehr als
den Fund vorsichtig in die Hand, der ihm zu- Der US-Amerikaner Brendan Foley ist einem Dutzend schwenkbarer Geschütze der
sammen mit anderen Tauchern im vergange- Unterwasserarchäologe. In seiner Ausbildung »Gribshunden«, die Foley und sein Team ber-
nen Sommer in der Ostsee vor Südschweden hat er mit einer Koryphäe des Fachs, Robert gen konnten, werden dort aufbewahrt. Wie
geglückt ist: ein etwa 10 mal 40 Zentimeter Ballard, gearbeitet, der die Wracks der viele Kanonen insgesamt an Bord waren, ist
großes Stück Birkenrinde, verziert mit einer ­»Titanic« und des deutschen Schlachtschiffs nicht klar. Eine zeitgenössische Quelle gebe
feinen Dekoration von berührender Eleganz; »Bismarck« aufspürte. Inzwischen forscht die Zahl mit 95 an, sagt Foley. Es sei aber
Pflanzen mit Blüten und Blättern winden sich Foley für die Universität im schwedischen möglich, dass dabei auch die Handfeuer­
darauf, sie umschließen ein Tier, das anmutet Lund und das Museum in Karlskrona. waffen der Soldaten mit eingerechnet seien.
wie ein Einhorn. »Die ›Gribshunden‹ ist das wichtigste Mit dem waffenstarrenden Pott und weite-
Genauere Untersuchungen an dem fragilen Wrack, an dem ich bisher gearbeitet habe«, ren 17 Schiffen brach der Dänenkönig im Som-
Rindenstück waren bislang unmöglich, dafür sagt er. Es ist der großartige Erhaltungs­ mer 1495 zu einer heiklen Mission zur Stadt
muss es erst hier im Labor des Blekinge-Mu- zustand der Fundstücke an Bord, der ihn Kalmar im Südosten Schwedens auf. Seit 1481
seums von Karlskrona in Schweden konser- ­fasziniert, vor allem aber bietet das Schiff herrschte Hans über Dänemark und seit 1483
viert werden. Bliebe es zu lange an der Luft, einen Einblick in eine entscheidende Phase auch über Norwegen. Eigentlich sollte auch
würde es zerbröseln. Sind es die Reste eines Europas, in der das Mittelalter zu Ende ging Schweden zu seinem Reich gehören, so sah es
Köchers für die Pfeile einer Armbrust? Oder und die Neuzeit begann. In Mailand malte die sogenannte Kalmarer Union seit dem Jahr
die Dekoration eines Möbels? damals Leonardo da Vinci an seinem monu- 1397 vor: Dänemark, Schweden und Norwe-
Fest steht: Das Kleinod stammt aus einem mentalen »Abendmahl«, Nikolaus Koper­ gen hatten in diesem Vertrag festgelegt, dass
Wrack, das bei der kleinen südschwedischen nikus begann in Krakau und Bologna mit der dänische König zum gemeinsamen Herr-
Insel Stora Ekön in rund zehn Meter Tiefe seinen astronomischen Studien. Und auf der scher ernannt und eine gemeinsame Außen-
im trüben Wasser der Ostsee ruht. Es ist die Antilleninsel Hispaniola brach Christoph politik betrieben werden sollte – auch wenn
»Gribshunden«, ein vor mehr als 500 Jahren ­Kolumbus bei seiner zweiten Amerikafahrt intern jedes Reich selbstständig bleiben würde.
gesunkenes Kriegsschiff, das seinen Namen zu einem Feldzug gegen die einheimische Doch Teile des schwedischen Adels, an-
dem Greif, meist als Mischwesen aus Löwe ­Bevölkerung auf. geführt vom Reichsverweser Sten Sture dem

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WISSEN

Älteren, wollten das nicht akzeptie- eine relativ neue Taktik«, so der Bre-
ren. Sie begehrten gegen die Herr- merhavener Forscher Grassel. »Es
schaft aus dem fernen Kopenhagen ging darum, die Besatzung auszudün-
auf, führten von 1470 bis 1471 Krieg nen und das wertvolle Schiff als Prise
gegen die Dänen und fügten den ver- zu nehmen.« Dafür mussten sich
hassten Nachbarn schwere Verluste Kämpfer an Tauen hinüberschwingen
zu. Im Juli 1472 schlossen beide Sei- und im Kampf Mann gegen Mann die
ten zwar Frieden, konnten die Kö- Oberhand behalten.
nigsfrage aber noch immer nicht klä- Viele fundamentale Fragen zur
ren. Und so wollte Hans im Jahr 1495 »Gribshunden« sind bis heute offen:
das Blatt zu seinen Gunsten wenden. Warum etwa genau sank es vor Stora
Dabei sollte ihm das Gipfeltreffen Ekön? Die Archäologen gehen davon
mit Sten in Kalmar helfen, bei dem aus, dass vielleicht Schwarzpulver an

Mats Vänehem
Hans seine militärische Kraft zur Bord in die Luft ging – in zeitgenös-
Schau stellen wollte. Mit ihrer Be- sischen Quellen ist von einer Explo-
waffnung gilt die »Gribshunden« als sion und einem Feuer die Rede. »Wir
Schiff neuen Typs: Noch nie, sagt haben bisher noch keine Spuren da-
Archäologe Foley, seien so viele Ge- Zeichnung der die Foley und seine Kollegen im von gefunden«, sagt Taucher Björk.
schütze auf einer schwimmenden »Gribshunden«: Wrack gefunden haben. Diese stam- In den kommenden Sommern wird
Infanteriekrieg auf
Plattform installiert worden. dem Meer men von der erhalten gebliebenen das Team bei seinen Tauchgängen am
Die Kanonen allerdings, mit denen Edelmetallverzierung eines von den Wrack auch danach suchen. »Wir ha-
die »Gribshunden« ihre Gegner unter Bakterien ansonsten zerstörten eiser- ben bisher nur ein Prozent ausgegra-
Feuer nahm, haben die Jahrhunderte nen Kettenhemds. ben«, sagt Foley. Irgendwann soll ein
nicht überdauert. Nur die verschie- Einer der Ringe ist besonders dick Museum für die Funde entstehen.
denen Formen der Lafetten lassen ausgeführt – und offenbar ein Mar- So konnte etwa der Inhalt des Ge-
erahnen, wie die einst in ihnen gela- kenzeichen eines Waffenschmieds würzregals der Kombüse geborgen
gerten eisernen Geschütze aussahen. aus Franken. »In den Kettenhemden werden, mit Pfefferkörnern und Sa­
Die »Gribshunden« ist auch des- dieser Zeit waren solche Ringe als fran. Und in einem der Fässer aus dem
halb ein besonderes Wrack, weil bei Qualitätszeichen eingearbeitet«, sagt Laderaum fanden sich die Überreste
ihr erhalten blieb, was sonst oft im der Geologe Jörg Ansorge, der für das eines etwa zwei Meter langen Störs,
Laufe der Jahrhunderte verschwindet. Landesamt für Kultur und Denkmal- rund 120 Fragmente von Schädel und
Wer heute etwa in der Karibik nach pflege in Mecklenburg-Vorpommern Knochenplatten. Damals war das ein
den Resten eines Schiffs aus der gearbeitet hat. Er half den Forschern absoluter Luxusartikel, dessen Ver-
Zeit der großen Entdecker sucht, bei der Identifikation des Rings. zehr einzig dem König zustand.
­findet mit Glück Teile der Ladung. Gefertigt wurde das Kettenhemd Auch Überreste zahlreicher ande-
Oder die Kanonen. Das Holz dagegen nach Ansorges Ansicht vom Nürnber- rer Tierarten haben die Taucher aus
wurde unter anderem aufgefressen ger Waffenschmied Ulrich Feurer – dem Wrack der »Gribshunden« ge-
von Schiffsbohrwürmern, in weiten und zwar offenbar lange Zeit bevor borgen, Schafe, Schweine und Rinder
Teilen der Ozeane beheimateten Mu- das Schiff in See stach. Feurers Name zum Beispiel. In einem einzigen Ku-
schelarten. Im extrem salzarmen Was- findet sich mit dem Verweis auf seine bikmeter Sediment fanden sie 600
ser der Ostsee fanden diese Tiere Schmiedekunst bereits 1416 in den Knochenstücke. »So können wir se-
über Hunderte von Jahren dagegen Einwohnerlisten der fränkischen hen, was es damals zu essen gab«,
keinen passenden Lebensraum, zu- Handelsmetropole. »Er war sicher sagt Sammlungsleiter Sandahl.
dem schütz­te wohl teils auch der kein billiger Anbieter, wenn man nach Menschliche Knochen hat das
Schlick vor Vernichtung. 500 Jahren noch weiß, dass es ihn Team noch nicht gefunden, rechnet
So konnte das Holz der »Gribshun- gegeben hat«, mutmaßt Ansorge. aber damit. »Wir wissen, dass Hans
den« bestehen bleiben: Planken und Auch Bleikugeln der Kanonen ha- nicht an Bord war, als sein Schiff
Spanten, Vorratsfässer und Feuerholz, ben die Zeit überstanden – weil die sank«, sagt Foley. Der Herrscher war
Armbrüste, Teller, Trinkgefäße. »Es Bakterien das giftige Schwermetall offenbar kurz zuvor an Land gegan-
sind herausragende Funde, weil aus nicht korrodieren konnten. Die Ge- gen, womöglich für ein Treffen mit
dieser Zeit sonst so wenig unter Was- SCHWEDEN schosse ermöglichen den Forschern lokalen Unterstützern, so schildern
ser erhalten geblieben ist«, sagt auch Einblicke in diese Epoche. Die Iso- es zeitgenössische Quellen. Ihm blieb
Philipp Grassel vom Deutschen Schiff- topenanalysen zeigen, dass das Blei das Schicksal seiner Soldaten und
fahrtsmuseum in Bremerhaven, der ebenfalls aus Deutschland stammte. Edelleute erspart, die vor Stora Ekön
nicht an Foleys Projekt beteiligt ist. Und die Geschosse waren nur etwa den Tod gefunden haben sollen. »Ihre
Offenbar haben spezielle Mikro- Stockholm so groß wie Tennisbälle, was auf eine Überreste müssten noch vor Ort sein,
organismen dagegen alle Gegenstän- Besonderheit der Seekriegsführung wenn die historischen Aufzeichnun-
de aus Eisen zersetzt, die sich an Bord Skager- Kalmar hindeutet: »Es ging nicht darum, mit gen korrekt sind«, so der Forscher.
rak Karlskrona
der »Gribshunden« befunden hatten diesen Kugeln andere Schiffe zu ver- Nach dem Untergang der »Gribs-
– wie die Kanonen. Nur Objekte aus DÄNE- senken«, erklärt Museumschef Mar- hunden« geriet auch das geplante
anderen Metallen konnten die For- MARK Ostsee cus Sandekjer. »Man wollte vor allem Treffen mit den schwedischen Rebel-
scher bergen: verklumpte Haufen von andere Soldaten töten, in einer Art len zur Pleite für den Dänenkönig.
Münzen, womöglich Sold für die Fundstelle der Infanteriekrieg auf dem Meer.« Der renitente Edelmann Sten Sture
Landsknechte an Bord. »Gribshunden« vor An Bug und Heck verfügten Schif- tauchte gar nicht erst in Kalmar auf.
der Küste der Insel
Darauf, dass der Dänenkönig Stora Ekön fe wie die »Gribshunden« über Auf- Seines symbolträchtigen Flaggschiffs
einen Teil seiner Soldaten in Deutsch- 300 km bauten, die wie Türme einer Festung beraubt, fuhr Hans ohne die Schwe-
land rekrutiert hat, deuten Kupfer- aussahen – und auch so genutzt wur- denkrone wieder heim.
ringe hin, gefertigt aus dünnem Draht, S Karte: OpenStreetMap den. »Schiffe zu versenken, das ist Christoph Seidler n

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WISSEN

te, Wasserverbände, Kommunen und For-


scher Ideen, wie sich auch in nassen Mooren
wirtschaften lässt. Doch werden diese Lösun-
gen schnell genug marktreif? Und falls nicht,

Treibhausgras
wie weit soll der Staat beim Klimaschutz ge-
hen? Im Moor stellen sich die großen Fragen
der Klimapolitik noch einmal neu.

1. Die Landwirtschaft
ERDERWÄRMUNG  Sieben Prozent der deutschen Klimagase kommen Vor nicht einmal 300 Jahren war das Gnar-
renburger Moor nass und feucht, ein weit-
nicht aus Auspuffen, sondern aus Mooren, die vor allem landwirtschaftlich gehend unberührter, menschenfeindlicher
genutzt werden. Klar ist: Die Emissionen müssen runter. Nur wie? Ort. Doch Mitte des 18. Jahrhunderts wollte
der Hannoveraner Kurfürst das Land nutzbar
machen und Torf abbauen, um ihn als Brenn-

A
utos, Ölheizungen und Kohlekraftwer- Tiemeyer. Doch erst langsam werden signi- stoff in den Städten zu verwenden. Die Moo-
ke sind schlecht für das Klima, das weiß fikante Förderprogramme aufgesetzt, um die re zu entwässern wurde zur staatlich organi-
jeder. Dass auch die grünen Wiesen von Emissionen zu verringern. Der Bund stellt sierten Großtat, ausgeführt von Moorkoloni-
Bernd Kück Klimakiller sind, darauf kommt hierfür künftig pro Jahr einen zweistelligen sator Jürgen Christian Findorff. Der »Vater
man nicht so schnell. Kück, 53, ist Landwirt Millionenbetrag bereit, doch gleichzeitig flie- aller Moorbauern« ließ die Landschaft mit
im niedersächsischen Langenhausen bei Bre- ßen über den EU-Haushalt jährlich mehr als einem dichten System aus metertiefen Gräben
men. 130 Hektar bewirtschaftet er hier, um 350 Millionen Euro Agrarsubventionen in die durchziehen, dadurch sank der Grundwasser-
seine 130 Kühe zu ernähren. Er hat sich seine klimaschädliche Landwirtschaft auf Moor- spiegel. Kanäle leiteten das Wasser aus den
eigene Marke aufgebaut, Kück’s Milch, die er böden, allein in Deutschland. Mooren ab, der getrocknete Torf wurde auf
an Supermärkte, Schulen und Kindergärten Eigentlich ist klar, was zu tun ist: »Moor Booten in die Städte gebracht. Findorff mach-
in der Region ausliefert, um den niedrigen muss nass«, diese einfache Formel prägte der te aus einer Natur- eine Kulturlandschaft. Es
Milchpreisen zu trotzen. Kück überlegt, den Moorforscher Hans Joosten, der 2021 den war ein Zeichen des Fortschritts, bis heute
Hof auf Bio umzustellen. »Ich glaube, das ist Deutschen Umweltpreis erhalten hat, über- sind Straßen und Schulen nach ihm benannt,
ein Weg, den die Bevölkerung will, und dem reicht von Bundespräsident Frank-Walter in Bremen gibt es den Stadtteil Findorff.
kann ich mich gut anpassen«, sagt Kück. Steinmeier. Doch in Deutschland sind 92 Pro- Wenn man weiß, wonach man schauen
Doch was jetzt in den Blick von Politik und zent aller Moorböden entwässert, vor allem muss, sind die Spuren der Moorkolonisierung,
Gesellschaft gerät, kann Bernd Kück kaum um sie landwirtschaftlich nutzen zu können. also der Besiedlung des Landes, auch in Lan­
verändern. Sein Hof liegt im Gnarrenburger Wer die Entwässerung stoppt, stoppt die genhausen zu sehen. Das Dorf zieht sich ent-
Moor, das Gras für seine Kühe wächst auf Emissionen. Aber das nimmt Landwirten wie lang einer schnurgeraden Straße, parallel
meterdickem Torf. Und der stößt gewaltige Bernd Kück ihre Lebensgrundlage, denn auf fließt der Oste-Hamme-Kanal, rechts geht alle
Mengen verschiedener Treibhausgase aus, nassen Böden können Kühe nicht grasen und 100 Meter ein Graben ab, etwa anderthalb
darunter Lachgas und Kohlendioxid, ungefähr Traktoren nicht fahren. »Es geht um meine Kilometer lang. Zwischen jeweils zwei Grä-
30 Tonnen sogenannter CO2-Äquivalente je- Existenz«, sagt der 53-Jährige. ben sind die ehemaligen Siedlerstellen.
der Hektar, jedes Jahr. Das ist so viel, als ob In moorreichen Regionen in Niedersach- Grundstücke, gut 15 Hektar groß.
Kück viermal im Jahr von Frankfurt nach Sin- sen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vor- Bis ins 20. Jahrhundert ließ der deutsche
gapur und zurück flöge, pro Hektar. pommern und Bayern stehen ganze Land- Staat seine Feuchtgebiete urbar machen. Kein
»Es ist quasi unmöglich, Milch klimaschäd- striche vor der Frage, ob sie eine Zukunft Land hat seine Moore so tief und so umfas-
licher zu produzieren als auf Moorböden«, haben. Zwar entwickeln vielerorts Landwir- send entwässert wie Deutschland. Zwar ver-
sagt Bärbel Tiemeyer, Moorforscherin am lor Torf seine Bedeutung als Brennstoff, doch
Johann Heinrich von Thünen-Institut, einer die Landwirtschaft blieb.
Einrichtung des Bundeslandwirtschaftsminis- Moore entstehen dort, wo von Natur aus
teriums. Das Tierprodukt Milch hat ohnehin viel Wasser in der Landschaft steht, zum Bei-
eine schlechtere CO2-Bilanz als Getreide, spiel an Küsten oder Flüssen. Sterben Pflan-
Obst und Gemüse, aber die Emissionen aus zenteile ab, verhindert der Luftabschluss
dem Erdreich vergrößern den Klima-Fußab- durch den hohen Wasserstand, dass sie ab-
druck grob um das Vierfache. Auch beim An- gebaut werden. Stattdessen werden sie über
bau von Moorkartoffeln und Moormöhren Jahrtausende konserviert, es bildet sich Torf.
ist die Klimabilanz fatal. So wachsen Moore langsam und binden dabei
Aus Deutschlands Mooren entweichen je- große Mengen Kohlenstoff: Sie enthalten ge-
des Jahr insgesamt 53 Millionen Tonnen CO2- nauso viel Kohlenstoff wie die Biomasse in
Äquivalente in die Atmosphäre, das sind rund deutschen Wäldern, dabei machen Moore nur
sieben Prozent der Treibhausgasemissionen fünf Prozent der Landesfläche aus. Intakte
des ganzen Landes. Ohne dass ein Motor Moore sind treibhausgasneutral. Anders,
brummt oder eine Maschine läuft. In Mecklen- wenn sie entwässert werden. Kommt Torf in
burg-Vorpommern sind Moore sogar der größ- Berührung mit Luft, fangen Mikroorganismen
te Emittent noch vor den Sektoren Energie, an, ihn zu zersetzen. Dabei werden Treibhaus-
Philipp Schmidt / DER SPIEGEL

Verkehr und Industrie. Heizungen, Fa­briken gase frei, die Moorböden lösen sich buchstäb-
und Kraftwerke sind in den vergangenen Jah- lich in Luft auf. Sie verlieren an Substanz und
ren sparsamer geworden sind, doch bei den sacken jedes Jahr etwa einen Zentimeter ab.
Mooremissionen verbesserte sich nichts. Vieles davon war zu Findorffs Zeiten un-
Deutschland muss die Moore einbeziehen, bekannt, und auch als Bernd Kücks Familie
um seine Klimaziele zu erreichen. »Wir haben 1950 den Bauernhof in Langenhausen über-
eigentlich schon jetzt keine Zeit mehr«, sagt Landwirt Kück nahm. »Damals ging es darum, die Bevölke-

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WISSEN

Sensibler Lebensraum
Wie sich die Nutzung von Mooren auf das Klima auswirkt

Emissionen*
pro Jahr und
Hektar, in – 4 bis 8 0 bis 8 30 bis 40
Tonnen CO2-
Äquivalent
* Durchschnitt

ursprüngliches Moor Moor mit Paludikultur entwässertes Moor

Jochen Tack / dpa / picture alliance


Durch den permanent hohen Wasser- Paludikultur ist eine klimaschonende Werden Moore für die landwirtschaft-
stand im ursprünglichen Moor werden landwirtschaftliche Nutzung liche Nutzung entwässert, trocknet
abgestorbene Pflanzenreste abgelagert auf nassem Moorboden. Spezielle der Torfboden aus. Der darin enthaltene
und verwesen nicht. So bleibt Kohlen- Maschinen ermöglichen eine Ernte auf Kohlenstoff wird oxidiert und entweicht
stoff als Torf gebunden – das Moor ist dem feuchten Untergrund. Torf bleibt als klimaschädliches Kohlendioxid in
weitgehend klimaneutral. erhalten und bindet weiterhin Kohlenstoff. die Atmosphäre.
S Quelle: Greifswald Moor Centrum

rung zu ernähren«, sagt Kück. Sein Großvater te. Eine Solarpumpe fördert Grundwasser, 2. Die Wissenschaft
habe ihm noch von Ehrungen erzählt, »für sollte es nicht genug regnen. Unterirdisch sind Dass in deutschen Mooren alles so bleibt, wie
jeden Liter Milch mehr und jedes zusätzliche Rohre verlegt, um den Wasserstand bis in die es ist, scheint ausgeschlossen. Forscher der
Schnitzel«. Erst in den vergangenen 25 Jahren Feldmitte anzuheben. Ein wiedervernässtes Universitäten Greifswald, Rostock und der
haben Wissenschaftler die Prozesse im ent- Moor ist das noch nicht. Aber das Versuchs- Ludwig-Maximilians-Universität München
wässerten Moor verstanden und wie sie das feld ist nicht mehr 60 Zentimeter tief entwäs- haben 2021 Szenarien vorgelegt, die mit dem
Klima schädigen. Und erst 2013 erfuhr Kück sert, sondern nur noch rund 25 Zentimeter. 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkom-
auf einer Veranstaltung des Bauernverbands Selbst Bernd Kück hat nicht geglaubt, dass mens kompatibel wären. Demnach müssten
von den Emissionen. Gerade ältere Landwir- man bei so hohen Wasserständen noch mit bis 2050 alle deutschen Moore komplett wie-
te hätten es kaum glauben wollen, manche einem Traktor über die Wiesen fahren kann. dervernässt werden, schon bis 2040 über die
glauben es wohl bis heute nicht. »Man kann »Doch es funktioniert«, sagt der Landwirt. Hälfte. Es wäre das Ende von Milchwirtschaft
sich entweder damit auseinandersetzen, oder »Nicht immer gut, aber es funktioniert.« und Gemüseanbau in diesen Regionen.
man ignoriert es«, sagt Knick. »Und da bin Es ist ein Erfolg. Die Frage ist nur: Was ist Doch Forscherinnen und Forscher arbeiten
ich eher für die Auseinandersetzung.« Also dieser Erfolg wert? Auch fast sechs Jahre nach an Alternativen, etwa auf einem Versuchsfeld
fingen sie im Gnarrenburger Moor an, nach dem Start des Projekts ist unklar, wie sich der bei Neukalen in Mecklenburg-Vorpommern.
Lösungen zu suchen, um Landwirtschaft und höhere Wasserstand auf die Emissionen aus- Die Landschaftsökologin Franziska Tanne-
Klimaschutz zu vereinbaren. 39 Betriebe sind wirkt. Theoretisch sollten sie sich knapp hal- berger vom Greifswald Moor Centrum hat
Teil einer Kooperation, das Land Niedersach- bieren, doch Messungen konnten das bisher Gummistiefel mitgebracht, die bis zur Hüfte
sen finanzierte ein Pilotprojekt. nicht bestätigen. Bei ähnlichen Versuchen an reichen. 20 Zentimeter hoch steht das Wasser,
Ende 2021 steigt Bernd Kück aus dem anderen Orten wurden sogar gestiegene Emis- manchmal gibt der Untergrund so stark nach,
Auto, um eine der Versuchsflächen zu zeigen. sionen registriert. Gespannt warten sie nun, dass man bis über das Knie im Wasser steht.
Mit großen Schritten geht er über die Wiese ob die nächsten Ergebnisse mehr Klarheit Schon nach wenigen Metern ist man von zwei
bis zu dem Punkt, wo eine rostige Metall- bringen. Und hoffen weiter, ihr altes Ge- Meter hohen Pflanzen umgeben, doch Tanne-
platte einen der vielen Gräben blockiert. So schäftsmodell und ihre Heimat doch noch er- berger, die für ihre Diplomarbeit Moore
staut sich das Wasser fast bis zur Grabenkan- halten zu können. in Sibirien untersucht hat, läuft unbeirrt wei-

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WISSEN

ter. Zig Versuche haben die Wissenschaftle- die neben Wirtschaftskraft auch ein Stück
rinnen und Wissenschaftler aufgebaut, sie Bedrohtes Biotop Identität verlieren.
können Emissionen messen, fangen Spinnen Von derlei Verbindlichkeit ist man bei den
und Käfer mit Schwimmfallen und beobach- Moore in Deutschland; bis zu 92 Prozent der Mooren noch weit entfernt. Zwar nahm sich die
ehemaligen Moorlandschaften in Deutschland
ten die Wurzelbildung der Pflanzen. Das sind heute entwässert, abgetorft, Große Koalition vor, eine nationale Moorschutz-
größte Experiment aber ist das Feld selbst. Es landwirtschaftlich genutzt oder besiedelt. strategie zu verabschieden, doch die scheiterte
handelt sich um eine sogenannte Paludikultur, am Streit zwischen Umwelt- und Landwirt-
vom lateinischen Wort palus für Sumpf. Der schaftsministerium in Berlin. Die Ampelkoali-
Begriff findet sich sogar im Ampel-Koalitions- tion will diesen Faden nun wieder aufgreifen,
vertrag der neuen Bundesregierung: Moor- diesmal mit größeren Chancen, denn beide Mi-
schutz liege im öffentlichen Interesse, heißt nisterien werden von den Grünen geführt.
es dort. Man wolle »alternative Bewirtschaf- Weitgehend unbemerkt von der Öffent-
tungsformen stärken (u.a. Paludikultur)«. Das lichkeit hat sich die Politik im vergangenen
ist so beiläufig erwähnt, man könnte meinen, Jahr zumindest auf ein erstes Ziel geeinigt:
es gehe um die Umstellung von Weizen auf Bis zum Jahr 2030 wird angestrebt, die jähr-
Gerste, dabei ist es viel schwieriger. lichen Mooremissionen um fünf Millionen
Auf knapp zehn Hektar hat das Projekt- Tonnen CO2-Äquivalente zu senken, heißt es
team Rohrkolben angepflanzt. »Davon lässt in einer Vereinbarung, die der Bund und alle
sich ganz viel verwerten«, sagt die Forscherin. 16 Bundesländer nach dreijährigen Verhand-
Die Blätter der Pflanze lassen sich zu Platten lungen unterzeichnet haben. Eine tatsächlich
verarbeiten, ähnlich den Spanplatten im Bau- verpflichtende Formulierung konnte sich
markt. Die braunen Kolben, die der Pflanze nicht durchsetzen. Auch fehlen konkrete Zah-
den Namen geben, zerfallen beim Zerbrechen len, wie viel Reduktion jedes Bundesland bei-
in unzählige weiße Fussel. Daraus lässt sich tragen soll. Trotzdem verweigerte das CDU-
Dämmmaterial herstellen. Es gibt für all das geführte niedersächsische Landwirtschafts-
Prototypen, aber weder Hersteller noch Ab- ministerium im Bundestagswahlkampf über
nehmer im großen Maßstab. Wochen seine Unterschrift – um am Montag
Auf dem Feld bei Neukalen geht es um die nach der Wahl doch noch zuzustimmen.
Grundlagen, etwa wie sich Rohrkolben pflan- S Quelle: Greifswald Moor Centrum In der Politik, insbesondere in der Union,
zen und ernten lassen, beides Neuland. Auch ist die Sorge groß vor einem Kampf ums Land.
wie die Pflanzen langfristig genug Nährstof- Nachrichten angesichts einer wachsenden, Landwirtschaftliche Flächen sind knapp und
fe erhalten, wird erforscht. Zusätzliches Dün- hungrigen Weltbevölkerung. teuer, vor allem in Niedersachsen und Bayern.
gen jedenfalls ist auf den Flächen verboten. Das Problem für die Politik, auch in Um einen Klimaeffekt zu erzielen, müssten
»Und wir arbeiten sehr intensiv daran, die Deutschland, ist also ein anderes: Sie muss Moore großflächig wiedervernässt werden,
Qualitätsanforderungen festzulegen«, sagt die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen oftmals gibt es jedoch Dutzende Eigentümer,
Tanneberger. Dafür werden die Pflanzen ge- Folgen in den betroffenen Regionen abfe- Pächter und Anrainer, weil die historischen
netisch untersucht. Dann könne man Land- dern. In diesem Sinne ist die Moor-Wieder- Siedlerstellen stets nur wenige Hektar um-
wirten sagen, welche Pflanzen sie anbauen vernässung vergleichbar mit dem Kohle­ fassten. Was, wenn ein Teil wiedervernässen
sollen, welche Produkte daraus entstehen ausstieg. Dort handelte die Kohlekommis- will und ein anderer nicht? Dann müssten
könnten. sion einen Kompromiss aus. Man einigte Flächen aufwendig getauscht oder verkauft
Bislang allerdings verhindern Gesetze den sich auf einen Ausstiegspfad bis 2038, ver- werden, aber das dauert oft Jahre.
Umstieg auf moorschonende Landwirtschaft. bunden mit Entschädigungen für die Betrei- Doch was den Moorschutz zurzeit tatsäch-
Bauern erhalten für klimaschädliche Milch- ber und Hilfen für die betroffenen Regionen, lich bremst, sind mangelnde Perspektiven für
viehhaltung in Mooren mindestens die pau- die Landwirtinnen und Landwirte. Dass
schale Flächenprämie der EU, und wenn sie Bauern grundsätzlich bereit sind, gänzlich
einen Blühstreifen anlegen, sogar noch – kein neue Geschäftsmodelle zu erschließen, hat
Scherz – einen Ökobonus. Für Paludikulturen sich bereits einmal gezeigt: bei Biogasanlagen.
gibt es dieses Geld nicht, weil die angebauten Im Jahr 2000 hatte die Bundesregierung be-
Arten nicht als landwirtschaftliche Pflanzen schlossen, Strom aus Biogasanlagen 20 Jahre
gelten. Das soll sich erst 2023 mit den neuen lang mit einem garantierten Preis zu vergüten.
EU-Agrarregeln ändern. Zusätzlich sind In der Folge schoss die Zahl der Anlagen in
Landeigentümer vielerorts dazu verpflichtet, die Höhe. Der Erfolg war so groß, dass Kriti-
ihre Gräben zu pflegen und Flächen zu ent- ker bald eine Vermaisung der Landschaft be-
wässern – eine Regelung aus Findorffs Zeiten, klagten, ob der vielen neuen Maisfelder.
die bis heute nachwirkt. Kann eine ähnliche Dynamik auch bei
Mooren gelingen? Für Bernd Kück, den Land-
3. Die Politik wirt aus dem Gnarrenburger Moor, ist die
Moore wiederzuvernässen verringert nicht Rechnung einfach: Wenn er zehn Hektar
nur Treibhausgasemissionen. Studien zeigten Moor wiedervernässt, fehle ihm das Futter
positive Auswirkungen auf Biodiversität, für zehn Kühe. Diesen Einnahmeverlust müs-
Kohlenstoffspeicherung und andere Ökosys- se er ausgleichen können, ob durch eine neue
temleistungen, fasste der Weltklimarat IPCC Subvention oder ein anderes Produkt. »Kein
2019 in einem Bericht zusammen. Die nega- Politiker traut sich, mal einen Pflock einzu-
tiven Folgen sind lokal, insbesondere kann schlagen, was wir jetzt machen sollen«, sagt
Marlene P fau

die örtliche Landwirtschaft verdrängt werden. Kück. »Wir brauchen für die Landwirte das
Global gesehen, habe dies aber nur begrenz- Zeitfenster und das Kapital. Und dann sind
te Auswirkungen auf die Lebensmittelsicher- wir auch bereit, daran mitzuarbeiten.«
heit, urteilten die Experten. Das sind gute Forscherin Tanneberger Philipp Kollenbroich  n

126 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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KULTUR

Rober t Viglasky / Universal Pictures


Cruz, Nyong’o, Kruger,
Chastain in »The 355«

Wer ballert, sündigt nicht


ACTIONKINO Was für eine großartige Idee, fünf weibliche Stars ein Agentinnenteam spielen zu lassen, das die
Welt rettet – in »The 355« bringen fünf tolle Frauen eine ziemlich vermurkste Story zum Leuchten.

S ie kämpfen und schießen wild durch die Gegend, bis nur


noch tote Männer auf dem Boden liegen: Im Film »The 355«
haben die Darstellerinnen Jessica Chastain, Penélope Cruz,
Diane Kruger, Lupita Nyong’o und Fan Bingbing viele Kerle
aus, nachdem der Zuschauer gesehen hat, dass ihre Pistole eine
Ladehemmung hat. Dass die fünf Stars diesen Murks trotzdem zum
Leuchten bringen, zeugt von ihrer Strahlkraft und ihrer Kunst,
aus fast nichts ziemlich viel zu machen. Ein echtes Fest ist dieser
mit finsterem Aussehen vor der Flinte. Dass man die Bösen sofort Film wohl für den Bundesnachrichtendienst: Eine majestätische
erkennt, hat Vorteile – weil man als Zuschauer in den chaotisch Kranfahrt feiert das neue Gebäude in Berlin. Sylvester Groth spielt
choreografierten und geschnittenen Actionszenen sonst rasch den einen Chefbeamten der Behörde, der offenbar bereit ist, sich
Überblick verlieren könnte. Das Drehbuch von Regisseur Simon für das Wohl der Menschheit zu opfern. Und die tolle Diane Kruger
Kinberg und Co-Autorin Theresa Rebeck legt den Heldinnen unbe- ballert als toughe Agentin Marie Schmidt das Schlapphutimage des
darfte Dialogsätze in den Mund. »Ladehemmung«, ruft Chastain BND kurz und klein. LOB

Manifest einer spielerin und Fernsehmacherin Mann Betäubungsmittel in den pointiert schildert Coel Ras-
dank der Serien »Chewing Drink geschüttet und sie miss- sismus, Frauenhass und die Aus-
Ausgegrenzten Gum« und »I May Destroy braucht habe. Auf Basis dieser grenzung von Schwulen und
SACHBÜCHER Ihre Freundin- You« ein Star der angloameri- Rede hat sie ein »Manifest« Transmenschen. Ihrem Lese-
nen nennt sie eine »riesige kanischen TV-Welt. Im Jahr namens »Misfits« verfasst. In publikum will Coel helfen, »zu
Bande von im kommerziellen 2018 sprach Coel, auch im rea- der deutschen Fassung heißt es: verstehen, wer ihr wirklich
Sinne unattraktiven, wunder- len Leben für ihre Intensität »Ich spüre meinen Schmerz, seid, wie es euch wirklich geht –
schönen Außenseiterinnen«. berühmt, am Rednerpult eines meine Brüche, meine Zerbrech- und zu sehen, ob irgendein
Die Britin Michaela Coel, auf- Fernsehfestivals in Edinburgh lichkeit. Es ist, als hätte ich im- Teil eures inneren Systems re-
gewachsen als Tochter ghanai- über Diskriminierungs- und Ge- mer gewusst, dass mein Haus pariert werden muss«. HÖB
scher Eltern in einem Londoner walterfahrungen. Etwa darüber, brennt, aber plötzlich rieche ich Michaela Coel: »Misfits«. Ullstein;
Sozialbauviertel, ist als Schau- dass ihr vor einiger Zeit ein auch den Rauch.« Zornig und 128 Seiten; 16,99 Euro.

130 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Im versunkenen Grandioses Apple TV+ zu sehen, wirkt wie
mit dem Sandstrahler bearbei-
Land Herrscherpaar tet: Coen führt das Stück zu
DICHTKUNST Nicht nur die STREAMING Im beliebten seinen theatralen Ursprüngen
Zukunft ist ungewiss, auch die Genre der »Macbeth«-Verfil- zurück, entfernt Modernisie-
Vergangenheit. Wie unsere mungen spielte William Shakes- rung, Verfremdung und das
entfernten Vorfahren lebten, in peares Drama von Machthun- Überladene früherer Bearbei-
der sogenannten Steinzeit, das ger und Verfall schon in einem tungen. Komplett im Studio und
ist versunkenes Terrain, durch- Fast-Food-Restaurant in Penn- in reduzierten Schwarz-Weiß-

Isolde Ohlbaum / laif


aus auch physisch zu verstehen. sylvania, während eines Ban- Bildern in Szene gesetzt, schlägt
Im Doggerland siedelt die denkriegs in Chicago und in der archaische Sog der Parabel
Schriftstellerin Ulrike Draesner, der Unterwelt Mumbais. Große über Schuld und freien Willen
59, ein spektakuläres Groß- Filmregisseure wie Orson wieder voll durch. Auch Alter
gedicht an; dort schlägt für sie Draesner Welles, Akira Kurosawa und schützt in Coens Film vor
»Europas westliches Herz«. Es Roman Polanski arbeiteten sich Gemeinheit nicht, mit Denzel
lag einmal zwischen England ordnen sind – auch das scheint an dem Stoff ab. Deshalb könn- Washington in der Titelrolle
und dem Kontinent, während ein Missverständnis des patriar- te sich der US-Regisseur Ethan und seiner Frau Frances McDor-
der letzten Eiszeit, und ist heute chalen Denkens zu sein, aus Coen gefragt haben, ob die Welt mand ist das zentrale Paar
von der Nordsee überspült. einer Epoche, die beinahe zeit- wirklich noch eine weitere nicht mehr jung, aber grandios
Benannt ist es nach früher in genössische Wissenschaftsmode Verfilmung braucht; jedenfalls besetzt. Und doch stiehlt ihnen
der Nordsee eingesetzten ist. Die Autorin Draesner, hat sein Bruder Joel mit seiner Kathryn Hunter, die in Perso-
Fischerbooten, die Dogger ge- Professorin am Deutschen Lite- »Macbeth«-Version erstmals nalunion die drei Hexen spielt,
nannt wurden. In ihrem Poem raturinstitut Leipzig und Über- einen Film ohne Bruder Ethan mit unheimlicher physischer
spekuliert Draesner über die setzerin aus dem Englischen, gedreht. Das Ergebnis, nun auf Präsenz die Show. KAE
menschliche Wahrnehmung pendelt im Vokabular zwischen
einer Welt, von der es keine diesen beiden Sprachen: »ac-
schriftlichen Zeugnisse gibt und tion. Didn’t I tail you zieht er
deren Sprachen nicht mehr exis- ihr finger durchs vlies einen um
tieren. Einer längst vergangenen den / anderen / nimmt sie
Zeit, in der Mammuts durch nimmt die brache (bracken /
die Sümpfe zogen und Ereignis- den farn).« Wer da nicht laut
se wie Regen, Donner und liest, mag, ähnlich wie bei der
Blitz noch magische Qualitäten Lektüre der Werke von Vo-
hatten. In der die ersten Funken kabularartisten wie James Joyce
schlugen, wenn man Steine oder Arno Schmidt, verloren
gegeneinander rieb. Zu den sein. Für solche aber, die
Klängen, die dabei entstanden, gern Worte kauen und nicht zu
wurden Gehirnareale aktiv, viel Deut auf Deutung geben,

Alison Rosa / Apple TV+


die heute noch anspringen, ist dieses archäologisch-lyrische
wenn die Menschen miteinan- Experiment eine Versuchung
der reden. Und ob die ersten wert. ES Washington,
McDormand
Höhlenmalereien tatsächlich Ulrike Draesner: »doggerland«. Penguin; in »Macbeth«
den männlichen Jägern zuzu- 184 Seiten; 38 Euro.

Der Sternenmann aus der Perspektive des nun über Fünfzig-


jährigen noch einmal interpretierte. Seine
POPSTARS Am Ende bleiben ein Batzen damalige Plattenfirma wollte das Album
Geld und eine Briefmarke. So nüchtern wohl nicht herausbringen. Es wirkte mögli-
Reinhard Kleist / Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2021

könnte man die Nachrichten zum 75. Ge- cherweise zu rückwärtsgewandt für einen
burtstag (8. Januar) und sechsten Todestag Künstler, der sich in den rund fünf Jahrzehn-
(10. Januar) des Popstars David Bowie zu- ten seiner Karriere immer wieder neu er-
sammenfassen. Für angeblich mehr als fand. Bowies erste Verwandlung, vom ver-
250 Millionen Dollar wechselten gerade die sponnenen Science-Fiction- und Jazzfan
Rechte am Werk des britischen Musikers zum androgynen, Geschlechterrollen auf-
in den Besitz des Musikverlags Warner brechenden Glamrock-Alien Ziggy Stardust
Chappell – und die Deutsche Post legt zum dokumentiert ein Buch: die im Carlsen Ver-
Jubiläum eine Sondermarke mit Bowies lag erschienene Graphic Novel »Starman«
Konterfei auf, leider mit der falschen Zahl, des Berliner Comiczeichners Reinhard
denn ein Brief kostet nun einmal 85 Cent, Kleist. Einen zweiten Teil, der Bowies Ko-
nicht 75. In den zugehörigen, etwas schnöde kain- und Ruhm-Rausch-Jahre, seine Auf-
gestalteten Post-Packsets im Bowie-Design tritte in der Rolle des »Thin White Duke«
könnte man die soeben erschienene Dreier- und seine ernüchterte, aber elektrisierende
CD-Box des lange unveröffentlichten Al- Berlin-Phase schildert, hat Kleist schon in
bums »Toy« verschicken. Es enthält frühe Arbeit. Die kulturindustrielle Würdigung
Songs, die Bowie zu Beginn der Nullerjahre des künstlerisch bis heute unschätzbar wert-
vollen Helden scheint also auch für kom-
Abbildung aus »Starman« mende Gedenktage gesichert. BOR

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 131


KU LT U R

Teufel an der Wand


LITERATUR  Michel Houellebecq hat einen neuen Roman geschrieben: »Vernichten«. Er kreist um Terror, die
französischen Wahlen – doch im Kern geht es um die Auseinandersetzung zwischen Ratio und Religion.

V
or sieben Jahren, es war Anfang Ja­nuar, tete er und berief sich auf seine guten Kon- ­ eziehungen in fast allen Formen: um das
B
veröffentlichte die französische Zeit- takte zum Autor. Er hat ein wenig über­ Arbeitsleben, um Familie, um Krankheit und
schrift »Charlie Hebdo« auf ihrem Titel trieben. Aber wer übertreibt nicht, wenn es Fürsorge und, das mag überraschend sein für
eine Karikatur: Michel Houellebecq als Wei- um Houellebecq geht? Der Schriftsteller, einen Roman von Houellebecq, um das Ver-
ser, der in die Zukunft schaut. Der Rest ist mittlerweile 65, macht zumindest in der trauen zwischen den Menschen. Um das Ver-
Geschichte. Der Anschlag auf die Redaktion europäischen Öffentlichkeit verlässlich fast trauen in das Leben an sich. Wenn nicht sogar
am selben Tag, die vielen Toten, der islamis- alle nervös. um die Liebe.
tische Terror, der über Monate das Land be- Die französische Industrie spielt in »Ver- Auch die Romanfigur Paul Raison unter-
drohte. Und ein Schriftsteller, der, so schien nichten« höchstens indirekt eine Rolle. Mi- scheidet sich grundsätzlich von den bisherigen
es, tatsächlich früher als andere gespürt hatte, nister Juge hat es geschafft, sein Land wieder Romanfiguren Houellebecqs. Er schätzt sei-
dass etwas in der Luft lag – und einen Roman an die Weltspitze zu führen. Frankreich ist nen Vorgesetzten und seine Arbeit. Mit sei-
daraus gemacht hatte, »Unterwerfung«. In nun fünftstärkste Wirtschaftsmacht, gleich nem Leben ist er eigentlich zufrieden, obwohl
dem Buch ging es um politische Gewalt, um hinter Deutschland – und damit Ziel für eine seine Frau Prudence seit Jahren nicht mehr
den Niedergang Frankreichs, um das Erstar- terroristische Bedrohung neuer Art. Ein Inter- mit ihm schläft. Auch das Onanieren hat
ken des politischen Islam bei den Präsident- netvideo zeigt, wie Bruno Juge unter der ­Raison aufgegeben. In jedem anderen Buch
schaftswahlen 2022. ­Guillotine geköpft wird. Houellebecqs wäre dies der Anlass für eroti-
Inzwischen hat dieses Jahr 2022 tatsächlich Derart brutale Szenen gab es nicht mal in sche Fantasien, den Check von Pornoseiten,
begonnen. Ein muslimischer Präsident ist, »Unterwerfung«. Und Le Maire müsste sich Dates mit Escortgirls. Und irgendwann sucht
anders als Houellebecq es vorhergesagt hat, eigentlich fragen, welche Art Scherz sein auch Paul eine Prostituierte auf. Aber er tut
in Frankreich nicht zu erwarten. Doch es er- Freund Houellebecq da mit ihm treibt. Im das aus höheren Motiven. Natürlich geht das
scheint, im französischen Original genau am Buch ist der Schock schnell verklungen. Das Ganze schief. Die Szene liest sich wie ein Spiel
Jahrestag des Anschlags auf »Charlie Hebdo«, Video war ein Fake, die Öffentlichkeit bleibt des Autors mit dem eigenen Ruf. Sie ist bei-
wieder ein Roman von Michel Houellebecq. seltsam gelassen. Die Terrorgefahr jedoch be- nahe rührend.
Abermals geht es um die Präsidentschafts- steht weiter. Zuerst haben die Attentäter es Seit seine Karriere Ende der Neunziger mit
wahlen, diesmal die des Jahres 2027. Aber- auf den Welthandel abgesehen, vor der spa- den Romanen »Ausweitung der Kampfzone«
mals geht es um Gewalt. Das Buch heißt »Ver- nischen Küste attackieren sie ein Frachtschiff. und »Elementarteilchen« begann, hat sich
nichten«. Das klingt noch beunruhigender als Dann geht es gegen eine dänische Samen- das Menschenbild des Schriftstellers Michel
»Unterwerfung«. bank. Schließlich sterben Migranten. Am Houellebecq nicht wesentlich vom Hard-­
Der Staatschef in Houellebecqs neuem Ende gerät ein Technologieunternehmen boiled-Krimi unterschieden: die Frauen zu-
Buch trägt keinen Namen. Er hat bereits sei- ins Visier. Die Ziele der Terroristen scheinen mindest Schlampen, wenn nicht Nutten, die
ne zweite Amtszeit hinter sich und darf des- diffus, wiederkehrend sind nur die kryp­ Männer Streuner. Allesamt bindungslose
halb, so sieht es die französische Verfassung tischen Symbole und unverständlichen ­Wesen, entfremdet von Partnerschaft und von
tatsächlich vor, nicht noch einmal antreten. Schriftzeichen, die in Videos die Attacken jeder anderen Art Gemeinwesen, vom fran-
Hier kommt Paul Raison ins Spiel, die Haupt- begleiten. Alles wirkt ein bisschen esoterisch, zösischen Staat sowieso.
figur des Romans. Ein Kollege charakterisiert fast satanistisch. Irgendwann ist das Bild eines Verlässliche Ablenkung bot ihnen nur die
den Endvierziger als »ernsthaft, kein bisschen Teufels dabei. Der Geheimdienst kann damit Sexualität, und seien deren Spielarten noch
lustig, geradezu streng, ehrlich gesagt, aber erst mal nichts anfangen: Was soll das? Rech- so absurd. »Serotonin«, der vorige Roman
er ist vernünftig« – da haben wir’s: Raison ist te, Linke oder Dschihadisten würden so etwas Houellebecqs aus dem Jahr 2019, gipfelte da-
ein sprechender Name. Der Mann verkörpert nicht tun. rin, dass eine Japanerin Sex mit drei Hunden
die Vernunft. Und er ist enger Mitarbeiter Was sich gerafft liest wie die Zusammen- hat. Von einer solchen Szene wäre es nicht
eines französischen Wirtschafts- und Finanz- fassung eines leicht okkulten Weltunter- mehr weit zur Selbstparodie. Doch der Autor
ministers namens Bruno Juge. Der wiederum gangsthrillers, ist nur ein Strang von Houelle­ verzichtet in »Vernichten« auf die allermeis-
gilt bei Houellebecq als ein Favorit für die becqs bislang umfangreichstem und kom­ ten derartigen Effekte und auch auf den für
Wahlen 2027. plexestem Buch. Es geht um menschliche seine Figuren bislang ebenso typischen »rant«
Man könnte hier an Bruno Le Maire über den Niedergang Frankreichs.
­denken, derzeit französischer Wirtschafts- Der Titel legt nahe, dass dieses Buch auch
und Finanzminister – und ein Freund eine Etüde über das Vernichten in den ver-
­Houellebecqs. »Le Monde« hat Le Maire schiedensten Formen ist. So vernichten die
bereits als das Vorbild für die Romanfigur »Vernichten« ist ein Roman Terroranschläge Güter und Leben; eine In-
Juge ausgemacht. Und auch Le Maire selbst
hat sich geäußert: Ein Thema von »Vernich-
über Resilienz, ein fast trige vernichtet Existenzen, sogar den eige-
nen Partner. Krankheiten haben vernichten-
ten« sei die französische Industrie, behaup- schon programmatischer de Auswirkungen. Vor allem aber ist »Ver-
Michel Houellebecq: »Vernichten«. Aus dem Franzö­ Text darüber, dem Nichts nichten« ein Roman über Resilienz, ein fast
schon programmatischer Text darüber, dem
etwas entgegenzusetzen.
sischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek.
DuMont; 624 Seiten; 28 Euro. Nichts etwas entgegenzusetzen: ein Werte-

132 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Philippe Matsas / [Link] / ddp
KU LT U R

Autor Houellebecq

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 133


KU LT U R

system, einen Glauben – auch in sei- Frankreich verlässt. Eine höhnische


ner obskursten Form. Pointe. Aber nur eine von vielen in
Paul Raisons Frau Prudence, eine einem Buch, in dem es vor allem um
Finanzinspektorin, hat sich von ihrem Zivilisationskritik geht.
Mann über die Jahre entfremdet und Die Kritik betrifft den politischen
beschäftigt sich, zeittypisch, mit Ent- Betrieb, der sich im französischen

Topfoto / United Archives International / IMAGO


spannungstechniken, mit Yoga und Präsidentschaftswahlkampf des Jah-
Meditation und mit ihrer Ernährung. res 2027 einmal mehr als ziemlich
Sie ist Veganerin. Es reicht nicht, inhaltsleeres, von Spindoktoren (bei
dass die beiden nicht mehr miteinan- Houellebecq sind es zwei Spindokto-
der schlafen, auch im Kühlschrank rinnen) betriebenes Geschäft erweist.
herrscht strikte Trennung. Raison, der Schließlich tritt nicht der Minister
weiterhin Fleisch isst, hat ein eigenes Bruno Juge an, sondern ein ehemali-
kleines Fach. Er füllt es mit Fertig- ger Fernsehstar. Der dient lediglich
gerichten für die Mikrowelle: »Das als Platzhalter für den bisherigen Prä-
Geflügel stammte aus ›verschiedenen sidenten der politischen Mitte, eine
Ländern der Europäischen Union‹. Art Macron. Der will eigentlich, wohl
Es hätte schlimmer sein können, Wicca-Tänzerin: mans hält die Lebensgefährtin von dem Vorbild Putins folgend, nach vier
dachte er.« Einheit mit der Göttin Raisons Vater den 77-Jährigen nach Jahren Pause zurück ins Amt.
Eines Tages entdeckt Raison bei einem schweren Schlaganfall mit Für- Und diese Kritik betrifft besonders
seiner Frau einen Zettel. Es ist die Ein- sorge am Leben. Und Maryse, eine ausführlich die Bereiche, in denen der
ladung zu einem esoterischen Fest Migrantin aus Benin, beginnt eine Mensch die Industriegesellschaft am
namens Jul-Sabbat: »Illustriert war innige Beziehung mit Pauls Bruder, deutlichsten direkt körperlich zu spü-
sie mit einem Foto von jungen Frauen als der sich von seiner Frau trennt. ren bekommt: durchrationalisierte
in langen weißen Kleidern und Blu- Diese Frau, sie heißt Indy, ist die Pflege und hoch technisierte Medizin.
menkränzen auf der Stirn, die, prä- Gegenfigur zu den positiven Frauen- Raisons Vater schwebt nach seinem
raffaelitische Gesten andeutend, über gestalten des Buchs, Inbegriff der Schlaganfall immer in Gefahr, zum
eine sonnenbeschienene Wiese toll- säkularen, urbanen Klasse: »Nichts Gegenstand degradiert zu werden.
ten. Es erinnerte ziemlich an einen als eine verunglückte Journalistin Auch Paul selbst, der seit einiger Zeit
Softporno aus den 1970ern; was und zu allem Überfluss auch noch an heftigen Kieferschmerzen leidet,
war das bloß? Wo war Prudence da eine Printjournalistin. Mit ihrem wird schließlich zu einem Fall für die
hineingeraten?« ­Betroffenheitsgetue, ihrer Selbst­ Ärzte. Ihre Diagnose ist vernichtend.
Später findet Raison bei seiner gefälligkeit, ihrer unübersehbaren Doch das gilt in diesem Buch nicht
Frau eine Zeitschrift, das »Magazin Gewissheit, zum Lager der Guten nur für ihn, sondern für die gesamte
für Hexenkunst«. Sie bietet eine zu gehören, ihrer Bereitschaft, vor säkularisierte Weltgesellschaft mit
­Definition des Kults, dem auch Pru- jedem VIP aus demselben Lager zu ihrer Wachstumsideologie. Auf sie
dence seit einiger Zeit anhängt: »Eine kuschen, war sie vielleicht die zielen die Attacken der Terroristen.
heitere Religion, die unserer Ver- Schlimmste von allen.« Deren Identität wird im Buch nie
wandtschaft mit der Natur entspringt. Houellebecq dürfte wissen, dass ganz klar. Es scheinen vom US-ame-
Sie veranschaulicht eine Einheit mit derartige Sätze eine Provokation rikanischen Unabomber inspirierte
der Göttin und dem Gott, den uni- sind. Er hat sich in seinem Werk ge- Ökofundamentalisten zu sein, zivili-
versellen Energien, die alles Existie- zielt am eigenen, dem medialen Juste­ sationsfeindliche Esoteriker, die nicht
rende erschaffen haben; es ist eine milieu abgearbeitet und ist dafür von weniger vorhaben, als die globalisier-
enthusiastische Feier des Lebens.« einigen in diesem Milieu gehasst, von te, technisierte und digitalisierte
Den Wicca-Kult gibt es tatsächlich, er sehr vielen aber bewundert und ge- Menschheit in ihrer jetzigen Form
hat gehörnte Gottheiten und Penta- lesen worden. In Frankreich beträgt zu bekämpfen. Am Ende stünde wie-
gramme im Programm. Mit schwarzer die Startauflage von »Vernichten«, der die Vormoderne, wenn nicht der
Magie allerdings hat die esoterische das im Original »Anéantir« heißt, Urzustand, in dem nicht mehr der
Bewegung, zu der Prudence sich be- ­angeblich 300 000 Stück. In Deutsch- Mensch die Erde beherrscht, sondern
kennt, zumindest im Roman nichts land sind es 130 000. Und weil eine höhere, aus der Natur hergelei-
zu tun. Prudence füllt die Leere in ­Houellebecqs französischer Verlag tete Macht.
ihrem Leben mit Spiritualität, und Flammarion 600 Vorabexemplare In den Anschlägen zeigt die trans­
schließlich entdeckt sie ihren Körper verschickte, hat sich noch vor dem zendental aufgeladene Zivilisations-
wieder. Jahreswechsel irgendwo ein digitales kritik ihre unmenschliche, bösartige
Als ob Esoterik, Mythologie und Leck aufgetan: Ein paar Exemplare Seite. Für die Konstruktion des Ro-
Religion ein dringend benötigtes verbreiteten sich vor der Zeit und lös- mans ist das entscheidend. Denn
Gegenwicht darstellten zu Paul Rai- ten auf Social Media einen kleinen »Vernichten« ist ja nicht nur ein Buch,
sons Rationalismus, zu der von ihm Wirbel aus, wie sich das gehört für in dem es um die Kraft der Spiritua­
verkörperten Nüchternheit, zieht der den derzeit noch immer wirkmäch- lität geht, sondern auch ein Roman
lebenskluge Teil der Figuren in »Ver- Houellebecq tigsten Schriftsteller des Kontinents. darüber, was sich aus Glauben ent-
nichten« seine Kraft aus der Spiri­ arbeitet Die Journalistin Indy denunziert wickeln kann: eine antiaufkläreri-
tualität. Oder zumindest aus emo­
tionalen Schwingungen, aus dem
sich in seinem in einem spektakulären Racheakt
einen Teil von Paul Raisons Familie,
sche, totalitäre Ideologie. Der Schlaf
der Vernunft gebiert bekanntlich Un-
wertkonservativen Ideal familiären Werk Le-Pen-Wähler mit identitärer Ver- geheuer.
Zusammenhalts. Was für Prudence ge­zielt am gangenheit, per Magazinartikel als Muss man da noch sagen, dass der
die Esoterik, ist für Raisons Schwester »Faschos«. Sie löst eine Ereigniskette Mann, der so vielsagend Paul Raison
der Katholizismus. In einem weite- eigenen Juste- aus, an deren Ende ein Toter steht heißt, unter Albträumen leidet?
ren, umfangreichen Strang des Ro- milieu ab. und die schwarze Migrantin Maryse Sebastian Hammelehle n

134 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


KU LT U R

LEB E DEIN EN T RAUM

BELLETRISTIK SACHBUCH

Über drei Jahrzehnte hin Ein Deutscher startet


mordet ein Serienkiller – ­erstmals bei der an­
endlich scheinen ihm spruchsvollsten Regatta
die Mitglieder des be­ der Welt, der Vendée
reits in anderen Büchern Globe, und schildert nach
bewährten Sonder­ bestandenem Härte-
dezernats Q auf die Spur ­test 80 Tage Abenteuer
zu kommen. | Platz 3 auf hoher See. | Platz 7

1 (2) Nele Neuhaus 1 (2) Florian Illies


In ewiger Freundschaft Ullstein; 24,99 Euro Liebe in Zeiten des Hasses S. Fischer; 24 Euro

2 (1) Sebastian Fitzek 2 (1) Hape Kerkeling


Playlist Droemer; 22,99 Euro Pfoten vom Tisch! Piper; 22 Euro

3 (3) Jussi Adler-Olsen 3 (5) Marianne Koch


Natrium Chlorid dtv; 25 Euro Alt werde ich später dtv; 18 Euro

4 (6) Bernhard Schlink 4 (–) Daniel Schreiber


Die Enkelin Diogenes; 25 Euro Allein Hanser Berlin; 20 Euro

Erlebe das Tropenparadies


5 (10) Kerstin Gier Vergissmeinnicht – Was man 5 (–) Christian Krömer
bei Licht nicht sehen kann S. Fischer; 20 Euro Mir doch woschd! Gräfe und Unzer; 16,99 Euro Costa Rica hautnah:
6 (5) Juli Zeh 6 (7) Joe Miller / Uğur Şahin / Özlem Türeci 15 Tage ab 1.999 €
Über Menschen Luchterhand; 22 Euro Projekt Lightspeed Rowohlt; 22 Euro

7 (7) Ken Follett 7 (4) Boris Herrmann / Andreas Wolfers Allein


Never – Die letzte Entscheidung Lübbe; 32 Euro zwischen Himmel und Meer C. Bertelsmann; 24 Euro
8 (4) Dirk Rossmann / Ralf Hoppe
Der Zorn des Oktopus Lübbe; 20 Euro
8 (10) Harald Welzer
Nachruf auf mich selbst S. Fischer; 22 Euro
Echtes Reisen zu
9 (8) Edgar
Selge
Hast du uns endlich gefunden Rowohlt; 24 Euro
9 (3) Barack
Obama / Bruce Springsteen
Renegades Penguin; 42 Euro
besten Preisen!
10 (20) Abdulrazak Gurnah 10 (9) Elke Heidenreich Entdecke die Welt in kleiner Gruppe:
Das verlorene Paradies Penguin; 25 Euro Hier geht’s lang! Eisele; 26 Euro

11 (11) Diana Gabaldon Outlander – Das 11 (17) Laura Malina Seiler z.B.
Schwärmen von tausend Bienen Knaur; 28 Euro Zurück zu mir Rowohlt; 15 Euro
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Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 135
KU LT U R

B
eiläufig streift die Kamera in
»Spencer« ein Schild, das über
den Gewölbebögen des Kellers
von Sandringham House hängt. »So
wenig Lärm wie möglich machen – Sie

Befreite Prinzessin
können dich hören« steht darauf. Es
soll das Küchenpersonal des herr-
schaftlichen Anwesens daran erin-
nern, bei der Zubereitung des Weih-
nachtsessens für die königliche Fami-
KINO In »Spencer« stellt Kristen Stewart das Image von Diana auf lie möglichst geräuschlos zu werken.
den Kopf – und ihr eigenes gleich mit. Es könnte aber auch das Motto sein,
das sich die königliche Familie zur
Disziplinierung eines ihrer eigenen
Mitglieder überlegt hat: für Diana,
Prinzessin von Wales.
Mit ihren Outfits, mit ihren Inter-
views, mit ihren mutmaßlichen Affä-
ren und ihrem so offensichtlichen
­Unglück in der Ehe mit Prinz Charles
hat sie schon sehr lange für sehr viel
medialen Lärm gesorgt. »Es muss
zwei von dir geben«, sagt Charles in
einem der wenigen Momente, in
denen sie noch miteinander sprechen.
»Die Echte und die, von der sie Fotos
machen.«
Doch der Ratschlag kommt zu
spät. Während Charles sich in einem
schizophrenen Leben eingerichtet
hat, verfällt Diana zunehmend der
Paranoia. Geister kreuzen ihren Weg
in den langen, leeren Gängen von
Sandringham an diesem Weihnachts-
wochenende 1991. Diana trifft auf
die geköpfte Königin Anne Boleyn,
der ihr Gatte Heinrich VIII. einst eine
Affäre anhängte, um sich ihrer zu
­entledigen. »Dabei hatte er doch
selbst die Affäre«, murmelt Diana.
Sie hat recht. Doch auch das nützt
nichts. Am Ende des Weihnachtsfests,
als Diana bereits mit den Kindern
William und Harry abgereist ist, tritt
Charles stumm vor seine Familie.
Kein Wort muss mehr gesagt werden,
denn allen ist klar: Diese Ehe ist un-
wiederbringlich vorbei.
Am 31. August 2022 wird Diana
25 Jahre tot sein, gestorben nach
einem Autounfall in Paris, gejagt von
Paparazzi. Lärm macht sie seitdem
noch immer, stört durch ihre andau-
ernde Medienpräsenz die Royals, in
jüngster Zeit vielleicht so stark wie
noch nie. Allein in den vergangenen
zwei Jahren starteten sowohl ein
­Musical und ein Dokumentarfilm als
auch die neue Staffel des Netflix-Epos
»The Crown« mit dem Schwerpunkt
Diana und ihre unglücklichen Jahre
Ryan P fluger / NYT / Redux / laif

in der Königsfamilie.
Der Kinofilm »Spencer« (Start:
13. Januar) scheint angesichts der Fül-
le von Diana-Content nun zu spät zu
kommen, dabei ist sein Timing per-
Schauspielerin Stewart fekt. Denn das Image, das allen voran
»The Crown« von Diana zu prägen

136 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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versucht, als tragische Prinzessin und als


­moderne Frau, die an den überkommenen
Konventionen des britischen Königshauses
scheitert, macht »Spencer« zunichte. Und
fügt einer Frau, die von Anfang an in den
medialen Repräsentationen von sich gefangen
war, so viele neue Bilder hinzu, dass es sie
letztlich befreit.
Schlüssel dafür ist eine Besetzung, die so
unplausibel ist, dass sie sofort fasziniert: die
US-amerikanische Schauspielerin Kristen Ste-
wart, die Ende der Nullerjahre durch die
»Twilight«-Filme zum Weltstar geworden ist.
Zwei hochkarätige britische Schauspielerin-
nen hätten zuvor abgesagt, erzählte »Spen-
cer«-Produzent Paul Webster. Sie hätten wohl
Bedenken gehabt, ob sie gegen die mediale

Pablo Larraín / DCM


Präsenz von Diana ankommen könnten.
Dann habe Pablo Larraín, der Regisseur, Ste-
wart vorgeschlagen. »Es ging darum, jeman-
den zu finden, der sich von den Fesseln der
öffentlichen Figur lösen kann«, so Webster. Szene mit Darstellerin Stewart: Der Vergangenheit verfallen
»Und Kristen ist komplett angstbefreit.«
Anders als angstbefreit kann man Ste- dreht. »Eine Fabel aus einer wahren Tragö- tigen Vampirromane von Stephenie Meyer.
warts Leistung in »Spencer« kaum nennen. die« hat Regisseur Pablo Larraín sein Werk Am Ende, nach vier Filmen, hat die »Twi-
Sie trifft Dianas Akzent, deren leicht gepress- genannt. Dabei streift der Chilene genauso light«-Reihe drei Milliarden Dollar weltweit
te Stimme und den waidwunden Blick, der oft das Horrorgenre oder die Farce – etwa eingespielt, die Hauptdarsteller Robert Pat-
aus einem zur Seite und nach unten gewand- wenn er Diana wie eine Geisterfahrerin in tinson und Kristen Stewart wurden zu globa-
ten Gesicht sein Gegenüber sucht. Mehr den Aufmarsch von Kellnern laufen lässt, die len Stars.
noch als Diana aber spielt Stewart Dianas alle zur selben Zeit Teller mit blassgrüner Ge- In dieser Zeit machte Stewart die Erfah-
Spiel, zeigt die Techniken von deren Selbst- müsesuppe servieren sollen. Mit den Worten rungen, die sich am ehesten mit denen von
inszenierung. In einer frühen Szene von »Dude, I’ll do it« hat Stewart das Projekt zu- Lady Di vergleichen lassen: Sie wurde zur
»Spencer« hat sich Diana auf dem Weg nach gesagt, erinnert sich Larraín. Zu diesem Zeit- Gefangenen ihrer eigenen Bilder. Weil sie in
Sandringham House verfahren. Sie ist un- punkt hatte sie Steven Knights Drehbuch »Twilight« einen Teenager spielte, der sich
erlaubterweise ohne S ­ icherheitspersonal in noch gar nicht gelesen. nicht um seinen Ruf kümmert, und weil sie
ihr Porsche-Cabriolet gestiegen und losge- So spontan scheint Stewart in der Wahl kein künstliches Lächeln aufsetzte, wenn sie
fahren. Nun muss sie bei einer Tankstelle ihrer Rollen meistens gewesen zu sein. »Wenn ihre Filme auf dem roten Teppich bewerben
nach dem Weg fragen. Auf Stöckelschuhen es auch nur eine Szene gab, die ich richtig musste, galt Stewart bald selbst als unnahbar,
und im Chanel-Jäckchen betritt sie das gut gern spielen wollte, und ich den Rest gehasst unkooperativ – und vor allem als unbegabt.
besuchte Café der Tankstelle, bei jedem habe, habe ich trotzdem zugesagt«, hat Ste- Als dann noch Paparazzifotos von Stewart
Schritt weiß sie alle Augen auf sich. An der wart dem »New Yorker« erzählt. Entspre- auftauchten, auf denen sie den verheirateten
Kasse angekommen, senkt sie kurz den chend kommt sie, obwohl erst 31 Jahre alt, Regisseur ihres nächsten Blockbusters »Snow
Blick, wendet sich zum gefüllten Raum und auf mittlerweile rund 50 Produktionen in White and the Huntsman« küsst, schien ihre
schaut mit einem koketten Lächeln in den ihrem Lebenslauf, darunter grandiose Flops Karriere völlig aus dem Ruder zu laufen.
Augen wieder auf: »Wo bin ich?« wie die Neuauflage von »3 Engel für Charlie«, Dann traf Stewart den französischen Regis-
Eigentlich müsste Diana die Gegend um aber auch stille Meisterwerke des Indepen­ seur Olivier Assayas.
Sandringham gut kennen, schließlich ist sie dentkinos wie »Certain Women«. Sie habe in ihrem Leben vielleicht fünf
in der Nähe aufgewachsen. Ob sie sich nur Stewart wuchs als Tochter eines Setmana- richtig gute Filme gedreht, hat Stewart kürz-
für diesen Moment an der Tankstelle, diesen gers und einer Drehbuch-Supervisorin in Los lich gesagt, ohne konkrete Titel zu nennen.
Auftritt verfahren hat? Der Zweifel, wie viel Angeles in unmittelbarer Nähe zur Filmindus- Wer ihre Werke kennt, denkt unweigerlich an
Kalkül in Dianas Tragödie steckt, ist jedenfalls trie auf. An Castings teilzunehmen sei jedoch ihre Arbeiten mit Assayas. 2014 spielte sie in
geweckt und wird bis zum Schluss des Films ihre eigene Idee gewesen, sagt Stewart. 2001, seinem Film »Die Wolken von Sils Maria«
nicht ausgeräumt. Charles’ Betrug an Diana mit elf Jahren, ergatterte sie ihre erste Kino- mit, einem Metadrama über das Filmgeschäft.
ist allgegenwärtig, ebenso ihre Bulimie. Und rolle, ein Jahr später war sie als Tochter von Stewart ist die amerikanische Assistentin
doch traut sich »Spencer« zu fragen, was ge- Jodie Foster in »Panic Room« zu sehen. Mit eines französischen Film- und Theaterstars,
nau an einem Leben im Überfluss so schlimm 17 Jahren, als sie als Bella Swan in »Twilight« gespielt von Juliette Binoche. Zum ersten Mal
ist, an den Ballkleidern und Kostümen, den gecastet wurde, hatte sie schon mit Sean Penn, kommt ihre Mischung aus vollkommen natür-
erlesenen Diners und den mit Champagner Meg Ryan und Samuel L. Jackson gedreht. lich und absolut undurchschaubar perfekt
gefüllten Picknickkörben. Unglückliche Ehen 40 Millionen Dollar Umsatz – das war zum Tragen. »Ich bin das, und es gibt keine
gab und gibt es viele. Warum nimmt uns die- die Erwartung an die Verfilmung der schwüls- Trennlinie«, sagt Stewart über ihre Art, sich
se eine unter den privilegiertesten Menschen Rollen anzueignen, »und ich glaube so sehr
dieser Erde so sehr mit? Sind wir 25 Jahre daran, wenn es gut ist.«
nach Dianas Tod womöglich immer noch das Stewart gewann für »Die Wolken von Sils
Publikum, das sie sich für das Drama ihres Maria« als erste amerikanische Schauspiele-
Lebens ausgesucht hat? Und können wir die- Unglückliche Ehen gab und rin überhaupt den französischen Filmpreis
ser Inszenierung je entkommen?
»Spencer« schafft es zu entkommen, weil
gibt es viele. Warum fas­ César. Im Anschluss drehte sie mit Assayas
»Personal Shopper«. Wieder ist sie eine As-
der Film die Inszenierung ins leicht Irre über- ziniert uns diese so sehr? sistentin, diesmal eines Pariser Models, für

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 137


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dessen Ausstattung sie zuständig ist. Zugleich


SPIEGEL TV Programm trauert sie um ihren toten Bruder, mit dem sie
im Jenseits Kontakt aufzunehmen versucht.
Es ist eine extrem knifflige Rolle, denn Ste-
wart muss jemanden verkörpern, der eigent-
lich gar nicht da ist, sondern nur ein Medium
für andere darstellt. Es gelingt ihr brillant.
»Ich hatte das Gefühl, dass ich bei dem Film
von außen Regie führte und sie von innen«,
hat Assayas über die Zusammenarbeit gesagt.
»Personal Shopper« ist auch der Film, der
Pablo Larraín davon überzeugt hat, dass
­Stewart »Spencer« würde tragen können. Er
verlangt ihr aber etwas völlig anderes ab, als
sie bisher geleistet hat: nämlich unnatürlich
zu spielen. In Larraíns Interpretation ist Dia-
na ihre eigene Kunstfigur, und diese Arbeit
an sich selbst muss durchscheinen.
Mit Stewarts langjähriger Methode, Texte

SPIEGEL TV
erst kurz vor der betreffenden Szene zu ler-
nen, um sie so spontan wie möglich klingen
zu lassen, ist damit endgültig Schluss. Sie liest
Corona-Intensivstation
Diana-Biografien und arbeitet vier Monate
lang mit einem Dialekttrainer. Perücken, die
SPIEGEL TV Oberkörper signalisiert Kraft und Dianas seltsame Föhnfrisuren als unzerstör-
Fitness – im Gegensatz zum schmäch­ bar erscheinen lassen, und Kostüme, die im
MONTAG, 10. 1., 23.35 – 0.10 Uhr, RTL tigen »Lauch«. Wissenschaftler sprechen Gegensatz zu »The Crown« nicht exakte
vom Adonis-Komplex, einer krankhaften ­Kopien von Originaloutfits sind, sondern sie
Ausgebrannte Helden Sucht, durch ständiges Training ein interpretieren, vervollständigen den leicht
der Pandemie physisches Ideal zu erreichen. Der Film manischen Eindruck, auf den Larraín und
Warum Pflegekräfte keine Kraft zeigt, warum sich Männer mit sehr ­Stewart aus sind. 1989 schubste die echte Dia-
mehr haben viel Sport und Proteinen kasteien und na ihre Stiefmutter Raine Spencer nach einem
wie es andere leidvoll geschafft haben, heftigen Streit eine Treppe hinunter. »Spen-
Wütende Spaziergänger mit ihrem Erscheinungsbild Frieden cer« zeigt zum ersten Mal eine Diana, der
Anti-Corona-Märsche nehmen an zu schließen. man das auch zutraut. Paradoxerweise scheint
Fahrt auf Stewart für diese Rolle nun so geschätzt
zu werden wie für keine zuvor. Der Film
PS-Protze mit frisierten hat nicht nur Fans, aber ihre Leistung zweifelt
Friesen-Flitzern RTLZWEI kaum einer an. Bei den Oscars Ende März
Autoposer-Kontrolle in Oldenburg DONNERSTAG, 13.01., 20.15 – 22.10, RTLZWEI gilt Stewart als Favoritin unter den Haupt-
darstellerinnen.
Tierische Helden – Es wäre ein Märchenende für einen Anti-
Mein Partner auf 4 Pfoten, märchenfilm, denn »Spencer« nimmt Diana
ARTE Re: Teil 2 den Pop-Appeal, den ihr so viele zuschreiben.
DONNERSTAG, 13. 1., 19.40 – 20.15, ARTE Hier ist sie nicht die moderne Frau, die Duran
Duran und Karottenjeans liebt und – wie ihre
Süchtig nach Muskeln – Schwiegertochter Meghan Markle fast 30 Jah-
Männer und ihr Körperkult re später – an den starren Windsor-Tradi­
Bislang waren es vor allem Frauen, die tionen scheitert. Sie ist, ihr Mädchenname als
mit ihrer Figur haderten. Nun geraten Filmtitel nimmt es vorweg, vielmehr der Ver-
auch Männer unter Schönheitsdruck, gangenheit verfallen und tut während des
wollen aussehen wie Profisportler oder Wochenendes auf Sandringham alles, um zu
Bodybuilder. Sie martern sich in Fitness- dem mittlerweile baufälligen Anwesen zu ge-
SPIEGEL TV

klubs, um mit schweren Gewichten langen, in dem sie einst aufwuchs.


schnell möglichst üppige Muskelberge Dort, im Dunkeln zwischen Spinnweben,
aufzubauen. Denn ein durchtrainierter Hundeführer gibt sie sich den Träumen hin, die sie als klei-
nes Mädchen hatte: einfach jemand Wichtiges
Richtig ausgebildet, sind manche Hunde zu werden, durch die Heirat mit einem wich-
zu unglaublichen Leistungen fähig, aber tigen Mann. In einer Montage aus Szenen, in
nur im Tandem mit ihren Haltern. In denen Stewart euphorisch durch das leere
»Tierische Helden – Mein Partner auf 4 Schloss tanzt, zeigt Larraín, wie sich Diana
Pfoten« übernehmen diese Arbeitshunde womöglich ihr Leben nach der Heirat mit
Aufgaben, an denen Menschen scheitern Charles vorgestellt hat: als eine Abfolge von
würden. Sie erschnüffeln Sprengstoff, Tänzen und Outfits, von Hochzeitskleid zu
retten Leben, finden Vermisste. Das Ballkleid zu Ballkleid und immer neuem Ball-
SPIEGEL TV

Format thematisiert die beeindruckende kleid. Es wäre ein wunderschönes, heillos


Zusammenarbeit von Hund und Mensch frivoles Leben gewesen.
Hobbysportler in Ausnahmesituationen. Hannah Pilarczyk  n

138 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022
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Steffen Jänicke / DER SPIEGEL

Gastronom Würthle

140 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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Die letzte Runde


NACHTLEBEN  Die Berliner Paris Bar war der Treffpunkt der Künstler, Filmemacher und Nachtmenschen, von Rainer
Maria Fassbinder über Georg Baselitz und Damien Hirst bis zu David Bowie. Doch nun läutet ihr Chef Michel
Würthle seinen Abschied ein – mit einem sechsbändigen Journal aus Zeichnungen und Fotos. Von Philipp Oehmke

E
r sagt, man solle seine Rippen 1979 hat Würthle das Lokal in der für 180!« zu rufen. Es brauchte Tische
fühlen, und führt die Hand an Berliner Kantstraße zusammen mit mit weißer Tischdecke und vergilbte
die Unterkante seines Brust­ einem Wiener Freund gemietet und Wände mit Kunst, die irgendwem
korbs. Unter seinem Kaschmirpullo­ renoviert. Otto Schily, ein Stammgast ­etwas bedeutete, und sei es nur dem
ver fühlt er sich an wie ein Skelett. aus Würthles erstem Lokal, dem Exil Schöpfer selbst. Umstritten war Da­
Michel Würthle betreibt seit fast in Kreuzberg, hatte ihm den Hinweis mien Hirsts in Formaldehydlösung
einem halben Jahrhundert ein Restau­ gegeben. Ab da war er bis zur Corona­ eingelegter, halb verwester Kopf des
rant, aber korpulent war er nie, jetzt krise an den meisten Abenden der Bullen Simon, dessentwegen die
ist er abgemagert. ­vergangenen vier Jahrzehnte in der Rechtsanwälte aus der feinen Leibniz­
Wieder nimmt er die Hand des Be­ Paris Bar anzutreffen. In den ersten straße, eigentlich Stammgäste, ­Würthle
suchers und geleitet sie an seine linke Jahren hinter der Bar, später meist drohten, nicht mehr zu kommen. Und
Halspartie. an der Tür, wo er Gäste begrüßte und natürlich brauchte es einen, und das
»Da ist es, das Karzinom.« platzierte und manchmal auch in ist wahrscheinlich am Ende das Ge­
Sein Blick fängt an zu funkeln, Zei­ ­ausgesuchter Wiener Höflichkeit ab­ heimnis, der auf all das von außen ab
chen dafür, dass er nachdenkt, ob ihm lehnte. Paris Bar in Berlin: und zu kühl draufblickte und es ord­
nicht doch noch irgendein Schmäh Über Jahrzehnte war die Paris Bar An der Stirnseite hing nete, während er sich zugleich mit
das Kippenberger-­
einfällt. »Sie lassen dich nicht vom das einzige Lokal West-Berlins, von Gemälde, das den Haut und Haaren darin verlor. Das
Haken«, sagt er dann. »Weder die dem man auch in New York oder Paris Gastraum zeigt war Michel Würthle.
Doktoren noch die Götter.« Er habe sprach; das immer aufhatte und wo
jetzt auch noch einen Leistenbruch. jede Nacht in den Morgenstunden alles
Bisher war ihm immer ein Schmäh passieren konnte oder auch nur Joseph
eingefallen, so war er, der Wiener, Beuys zusammen mit Andy Warhol
durchs Leben gekommen. Schon als und Robert Rauschenberg reinkam.
er vor einem halben Jahrhundert in Wo die bildenden Künstler nicht nur
Berlin mittellos ankam oder in den aßen, sondern auch ihre Werke an die
Jahren, während derer er in vielen Wand hängten. Martin Kippenberger
Nächten den Exzess suchte, als die konnte in der Paris Bar bis an sein
Steuerfahnder ihn ins Gefängnis schi­ ­frühes Lebensende umsonst essen und
cken wollten, er sich in Spielsucht trinken. Er bezahlte Würthle mit
verstrickt oder seine engsten Men­ schwarz-weißen Ölgemälden, die lan­
schen verloren hatte, als erst sein ge in der Sitzecke vor den Toiletten
bester Freund, der Maler Martin Kip­ hingen, bis Würthle sie verkaufen
penberger, dann seine Frau und zu­ musste, um Steuerschulden zu beglei­
letzt sein Mentor, der Schriftsteller chen. Im Restaurant hing die Kunst,
Oswald Wiener, starb – stets ent­ und was nächtens vor dieser Kunst ge­
gegnete er auf die Frage, ob es ihm schah, wurde wiederum Teil der Kunst.
schlecht gehe, ein angriffslustiges Sinnbild dieser gewollten Rückkopp­
»Bist du deppert?«. lungen war ein großformatiges Kippen­
Er sah meist sehr gut aus in den berger-Gemälde an der Stirnseite, das
Maßhemden aus der Londoner St den Gastraum der Paris Bar mit den
George Street und den braunen Wild­ Bildern an den Wänden zeigt.
leder-Monks. Die stehen nun aufge­ Wie alle guten Lokale sollte die
reiht auf einem großen Schuhregal am Paris Bar vom Wesentlichen handeln.
Eingang seiner Wohnung, wie ein Vom Trinken und Reden und Ange­
schweigendes Monument, als wollten ben, weniger vom Essen, wenngleich
sie an bessere Zeiten erinnern. Zeiten, es auch das gab. Dazu brauchte man:
in denen Michel Würthle nicht nur einen Tresen und vor allem richtige
gesundheitlich unangreifbar schien, Kellner in Kitteln wie den berühmten
sondern auch Dinge wie englische Herrn Breslauer, den Würthle noch
Michael Danner / laif

Maßhemden und Monks noch etwas vom Vorgänger übernommen hatte


bedeuteten. und dem er beibrachte, bei der Be­
Inzwischen geht er nicht mal mehr stellung einer weiteren Flasche Puligny-­
in die Paris Bar. Montrachet nicht »noch so ’ne Pulle

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 141


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Er umreißt die Idee seines Lokals so: »Na


ja, es sollte weltberühmt sein. Und gut. Und
»Was gibt’s«, fragte Sein Freund Oswald Wiener, mit dem er
damals das Exil hier gleich unter seiner Woh-
scheiße. Vor allem einzigartig. Was mir immer Kippenberger. »Es nung betrieben hat, konnte den Krebs einmal
fürchterlich auf den Wecker gegangen ist, sind
sogenannte Künstlerlokale. Aber es ist natür-
gibt Reis mit Scheiß«, besiegen, doch dann ist er nach sieben Jahren
wiedergekommen. Und beim zweiten Mal ist
lich ganz wichtig, dass Künstler dort sind. sagte Würthle. er doch gestorben, vor ein paar Wochen war
Aber so wenig wie möglich Politiker. Und
Schauspieler braucht es, die man doch be-
»Zum halben Preis!« das erst, Lungenkrebs.
»Das soll mir nicht passieren. Ich muss im
wundert hat.« April noch die Ausstellung meiner Zeichnun-
Der erste Prominente, der am zweiten Tag gen in der Villa Griesebach aufbauen«, sagt
nach der Eröffnung 1979 gekommen ist, war Würthle. Er zeichnet jetzt wieder, zeichnet
Freddy Quinn. Er trug einen Anzug ganz aus mal einen Chemo-Cocktail draufhauen. Zwei gegen die Ungewissheit der Krebserkrankung
schwarzem Nappaleder und bestellte ein Wochen hat er dafür in die Charité gemusst. an. Er ist kein Prominentenwirt (eine Be-
Alsterwasser, wovon niemand in dem Lokal Die Strahlengurus, wie Würthle sie nennt, zeichnung, die er selbstverständlich ablehnt)
wusste, was das sein sollte. Aber Würthle sagen, das Karzinom sei kleiner geworden. eines sogenannten Künstlerlokals (ein Be-
konnte zwei von Quinns Liedern komplett »Wir werden Sie durch die nächsten fünf griff, den er selbstverständlich verabscheut),
auswendig grölen. »Aber, na ja, betrunken Jahre bringen«, hatte ein Strahlenguru gesagt. der jetzt auch mal ein bisschen Kunst machen
musste man schon sein«, sagt er. »Ich danke Ihnen, Herr Professor«, sagte will nach dem Vorbild seiner Künstlerfreun-
Doch nun ist es so, dass die Zeiten sich ge- Würthle. »Aber wie?« de Martin Kippenberger, Dieter Roth, Walter
ändert haben. Erst kamen die Covid-Erreger, »Das wird sich noch herausstellen.« Pichler, Markus Lüpertz, Georg Baselitz,
dann das Karzinom, schließlich der Leisten- »Aber auf das Wie kommt es doch an, Herr Damian Hirst, Julian Schnabel oder Daniel
bruch. Noch bevor er die Diagnose bekom- Professor!« Richter.
men hatte, fing er, als hätte er die Endlichkeit
der Dinge erkannt, im Februar 2020 mit der
»Paris Bar Press Confidential«-Material-
1
sammlung an, die gerade als sechsbändiger
Schuber im Steidl Verlag erschienen ist*. Die
Journale beginnen mit ersten, frühen Speise-
karten der Pandemie, wie immer in Würthles
Handschrift, halb auf Französisch, halb auf
Deutsch, kleine Miniaturen, die einerseits
über die Speisen informieren, die den Gästen
nach Hause geliefert werden mussten, und
zum anderen versuchen, dem trostlosen Ant-
litz der Pandemie immer mal wieder ein
Zwinkern abzutrotzen.
»Come what may I’m gonna be back one 2
day«, hat er auf eine der Speisekarten ge-
schrieben, obwohl er sich gar nicht mehr
sicher ist, ob er zurückkommt. Und so sind
Würthles Aufzeichnungen auch als Chronik
der pandemischen Bedingungen zu verstehen,
unter denen selbst ein weltberühmtes Restau-
rant wie die Paris Bar ächzt. Wie zum Protest
gegen diese Bedingungen wirft Würthle ihnen
in den Journalen Fotos und Zeichnungen,
Texte, Zitate und Bilder aus den besseren Zei-
ten entgegen, Dokumente von vor der Pan-
demie, vor dem Karzinom, dem Leistenbruch,
vor dem Steuerstrafverfahren, als Kunst, Bei- 4
sammensein und Exzess nicht nur als möglich,
sondern als sinnstiftend empfunden wurden.
»Don’t you worry about the details«, hat
er auf einige seiner Zeichnungen geschrieben. 3
Die, die jetzt in der rot-weißen Steidl-Samm-
lung erschienen sind, seien sein Blick zurück.
Zurück ins Bekannte, in sein Leben. Da sei
nichts zu befürchten. Doch inzwischen arbei-
tet er an neuen Zeichnungen, und da wird es
brenzliger. Sie seien der Blick nach vorn und
damit ins Unbekannte, in die Krankheit, in das
Karzinom und das, was danach kommt.
Man könne es nicht wegoperieren, haben
ihm die Ärzte gesagt. Am Hals sei es zu gefähr-
lich. Man könne es nur wegstrahlen und zwei-

* Michel Würthle: »Paris Bar Press Confidential«. Steidl;


sechs Bände; 792 Seiten; 75 Euro.

142 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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Michel Würthle hat sein Leben lang Italienisch, denn seine Mutter war stunde und dem schlechten Essen ge-
gezeichnet. Sein Großvater besaß eine Italienerin. fiel ihm zu gut. Rudolf Springer nahm
bekannte Wiener Galerie, sein Vater Auf der Speisekartenzeichnung Würthle in die Paris Bar in der Kant-
war Diplomat der österreichischen der Paris Bar vom 3. Mai 2020 hat er straße mit, sie lag um die Ecke von der
Regierung, und Michel, eigentlich ein ernstes Selbstporträt gezeichnet Galerie und wurde von einem echten
natürlich Michael, besuchte ab 1959 und dazugeschrieben: »Genau heute Franzosen betrieben. »Und es war
die Werkkunstschule in Köln und lern- Mittag vor 50 Jahren bin ich als Wie- herrlich. So herrlich angeranzt. Wir
te zeichnen, da war er erst 16. Er war ner von Paris kommend 1970 in Ber- bekamen einen Tisch ganz hinten, und
mit seinen Eltern nach Bonn gezogen, lin Tempelhof gelandet. Geboren bin da wusste ich, das wird jetzt am An-
in die westdeutsche Bundeshaupt- ich in Hallstatt/See am 7.9.1943.« Würthle-Zeichnungen fang ein bisschen was kosten. Da muss
stadt, wo sein Vater an der Botschaft Er hatte nur seine Wiener Freunde und -Gäste: man den Kellnern mal einen Fünfziger
Kulturattaché war. Würthle sagt heute: Ingrid und Oswald Wiener besuchen 1 | Kanadische Ex- auf die Stirn binden. Beim nächsten
Generalgouverneurin
»Nichts habe ich auf der Werkkunst- wollen, die in Zehlendorf in einer Vil- Adrienne Clarkson Mal saßen wir schon an einem der
schule gelernt. Ich habe nur imitiert la des Kunstsammlers Heiner Bastian 2 | Schauspieler schwarzen Tische.«
– von Gauguin und van Gogh, aber lebten, außerdem wollte er sich die Jack Nicholson Es dauerte noch einige Jahre, bis
natürlich auf Augenhöhe.« Ausstellung seines Freundes Christian 3 | Künstler Christoph Würthle die Paris Bar übernahm, aber
Steinmeyer, Albert
Die anschließende Zeit an der Wie- Ludwig Attersee in der Berliner Gale- Oehlen, Daniel die schwarzen Tische gibt es bis heute,
ner Kunstakademie Anfang der Sech- rie Rudolf Springer anzusehen. Er hat- Richter 4 | Maler keine Tischdecke, nicht eingedeckt,
zigerjahre empfand er als bleiern, er te vor, fünf Tage zu bleiben, doch das Markus Lüppertz (r.) Bartische. Sie sind immer noch schwer
brach ab, zog nach Italien, wo er in kaputte West-Berlin mit seinen Kriegs- 5 | Künstler Kippen- zu bekommen.
berger (l.) 6 | Designer
einer Fabrik zwischen Arbeitern und versehrungen, den großen Straßen Wolfgang Joop (M.), Seine Wohnung ist eine Art Ver-
Besitzern vermitteln sollte, er konnte ohne Autos, den Lokalen ohne Sperr- Michael Michalsky (r.) längerung der Paris Bar, kaum ein
Zentimeter Wand ist mehr frei, es
hängt dort die Kunst seiner Freunde
(aus der Sammlung seiner Frau), Kip-
penberger, Richter, Walter Pichler,
Dieter Roth, die sonst in den Museen
der Welt (oder in der Paris Bar) zu
sehen ist. Vorn im Wohnzimmer
scheint die Sonne herein, draußen
glitzert das Wasser im Landwehr-
kanal, doch Würthle zieht es in die
Küche am anderen Ende der Woh-
nung, wo es dunkel ist, an einen klei-
nen Tisch. Das Karzinom sei das Kar-
zinom, aber die Schmerzen vom Leis-
tenbruch fühlten sich heute an, als
5
»lege dir jemand ein heißes Bügel-
eisen auf die Haut«, sagt Würthle.
Seine zweite Frau schaut in die Kü-
6 che. Sie kommt aus Dänemark und
ist Ärztin, wie passend.
Unter seiner Wohnung war vor
über 40 Jahren das Exil, Würthles
Lokal vor der Paris Bar. Er hatte das
alte Wirtshaus bei einem Spaziergang
in Kreuzberg am Ufer des Kanals ge-
funden. Es hatte einen schönen Efeu-
garten, und man konnte es pachten.
Ingrid Wiener sollte ein paar öster-
reichische Gerichte kochen, Oswald
Wiener als bekannter Avantgarde-
schriftsteller nur anwesend sein,
Würthle würde den Rest hinterm Tre-
sen machen. Er wusste, dass er das
konnte.
Joseph Beuys, der mit Oswald
Wiener befreundet war, verkaufte
extra eine seiner Skulpturen, der
Erlös stellte das Startkapital fürs Exil.
Die Tische sollten mit weißen Tisch-
decken eingedeckt sein, und es sollte
jeden Tag bis zum Morgen gehen,
(c) 2021 Michel Wür thle

Oswald Wiener legte Musik auf. In


Würthles Journalen findet sich auch
eine Speisekarte aus dem Exil vom
5. Oktober 1974, schon in der gleichen
gestochenen Schrift wie die Menüs

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Er hat Sie richtig eingeschätzt.


»Ja. Aber um das einmal zu sagen: An der
Tür ist man zum Reinschmeißen da. Nicht
zum Rausschmeißen. Darum geht es doch.«
Ja?
»Ein gutes Lokal muss die Stimmung alle
zwei Stunden wechseln. Erst ist es ein Krampf,
später dann muss die Choreografie perfekt
stimmen, dann ist wieder Platz und irgend-
wann vielleicht Zeit für Exzess. Exzess ist
schön.«
Im Jahr 2005, nach über 25 Jahren Paris
Bar, kam die Steuerfahndung. Vor allem
Sozial­abgaben für die Mitarbeiter waren nicht
bezahlt worden, das ergab rund drei Millio-

Steffen Jänicke / DER SPIEGEL


nen Euro Steuerschulden auf Jahre zurück-
gerechnet, und das wiederum machte zwei
Jahre Gefängnis auf Bewährung für Würthle
und seinen Partner. Bei dem Verfahren vor
dem Berliner Landgericht 2011 sagte der Rich-
ter, man habe es hier »nicht mit typischen
Künstler Würthle: Gegen das Karzinom anzeichnen
Steuerhinterziehern« zu tun, stand damals in
der »Berliner Morgenpost«. Sie hätten sich
der Paris Bar heute. »Hirn mit Ei 7,00 Mark, Was ist der Röntgenblick? nicht bereichern wollen, sie seien vielmehr
Schwammerlgulasch mit Knödel 10,00 Mark, »Der Röntgenblick: Er wusste genau, was »zwei ältere Männer, die sich in gewissem
Tafelspitz mit gerösteten Erdäpfeln, Spinat ausgegeben, was lockergemacht wird oder Maße um die Berliner Kultur verdient ge-
und Apfelkren 16,00 Mark, 2 cl Hündeler was nicht. Zuerst kam man ins Straflager, macht haben«.
Chrüterschnaps und Espresso 5,00 Mark.« ­hinauf in den ersten Stock. Manchmal durfte Die Paris Bar hatte da längst Insolvenz
Die Spannbreite des Publikums reichte von man unten auf die Terrasse. Aber nur, wenn ­angemeldet, neue Wirte hatten Würthles
Max Frisch über Rainer Werner Fassbinder es kalt war: Dose Sardinen für 75 Franc. Mich ­Lebenswerk übernommen, doch der Insol-
bis zu David Bowie und Peter O’Toole. An hat er raufgeschickt. Zweimal, in Begleitung venzverwalter schlug vor, ihn gleich wieder
einem Abend Mitte der Siebzigerjahre kam von Frauen! Aber dann, irgendwann mal war anzustellen, »als Dekorateur oder so was«,
Martin Kippenberger ins Exil und lehnte sich ich in Paris und kam mit dem Julian Schnabel. wie Würthle sagt, denn ohne ihn wäre die
an Würthles Tresen. Oh, Monsieur Schnabel! Monsieur Michel! Paris Bar dann eben doch nicht vorstellbar
»Er hat mir gleich gefallen, denn er sah Sogar lächelnd. Da habe ich gedacht: So läuft gewesen.
cool aus. Und er ist immer derselbe geblieben. das.« Das ist mehr als zehn Jahre her. Doch es
Eine echte Liebe und Freundschaft geworden. War das in der Paris Bar dann auch so? war in dieser Zeit, als die Dinge begannen,
Eine enge Sache.« Dass man sich hocharbeiten musste? zu Ende zu gehen. 2005 war seine Frau Ca-
Ob es was zu essen gebe, fragte der Künst- »Selbstverständlich. Muss doch sein. Man therine an Lungenkrebs gestorben, das Lokal
ler den Barmann. muss sich anstrengen. Mit Charme oder Ruhm war weg, und im Osten der neuen Stadt haben
»Es gibt Reis mit Scheiß«, sagte Würthle. ging es ein bisserl schneller.« mit dem Borchardt und dem Grill Royal zeit-
Das war einer von Würthles Wiener Sprüchen. Und wenn einer nur mit den richtigen Leu- genössischere Interpretationen der Paris Bar
»Zum halben Preis!«, entgegnete der Ruhr- ten kommt? eröffnet (das Grill Royal würde Würthle als
gebietler Kippenberger, der später berühmt »Reicht auch! Ich sage Ihnen was: Es reicht einzigen Konkurrenten akzeptieren).
werden sollte durch genau diese Originalität manchmal ein Nichts. Zum Beispiel bei den Er wird Berlin, dem er so viel gegeben hat,
in seinen Bildertiteln. Filmfestspielen 1981 oder 82, Februar, kalt, die auf absehbare Zeit verlassen. In Hallstatt, wo
An einem anderen Abend kam Würthles Paris Bar gesteckt voll, und ich bin an der Tür. Michel Würthle vor fast 80 Jahren geboren
Vater mit dem VW aus Wien zum Exil gefah- Da kommt einer in einem hellen Regenmantel, wurde, gibt es das Beinhaus. Da kommen die
ren. Er hätte sich natürlich vorstellen können, ein zierlicher Herr. Der Herr sagte, er habe Toten hin. Doch da gibt es keinen Platz, hat
dass sein Sohn Maler wird, er hatte ihn in Wien Hunger und Durst, und er sagte es auf Fran- man ihm mitgeteilt. Seine Eltern liegen bei
auf die Akademie geschickt. Doch als junger zösisch. Und ich sage: Aber selbstverständlich, Innsbruck. Dort ruht mit ihnen aus kompli-
Mann hatte der Vater selbst in Berlin gelebt, kommen Sie rein! Er war ein Liebling von mir. zierten Gründen auch noch die voreheliche
am Tauentzien, in den Zwanzigerjahren war Jean Rouch, ein Regisseur, einer der Gründer dänische Geliebte seines Vaters aus den Ber-
das. Und auch wenn er 1976 ein deutlich an- der Nouvelle Vague. Ich kannte ihn aus den liner Zwanzigerjahren. Da könne er sich
deres Berlin vorfand, verstand er den Sohn. »Cahiers du Cinema«. Dass er zu mir sagte: schlecht dazulegen.
Er setzte sich in den VW, fuhr zurück nach J’ai faim, j’ai soif. Das ist ein Sesam-öffne-dich! Er sagt, er brauche, auch wenn es komisch
Wien und sagte zu Würthles Mutter: Maria, Das sagt einer, der die Spielchen kennt.« klinge, aus seinem Grab einen schönen
stell dir vor, ich habe ihn arbeiten sehen. Blick.
Und Michel konnte, was er da tat. Die Bar Er hat etwas angemietet in Jennersdorf im
zu machen hatte etwas von Ballett. An der Burgenland, dort, wo sich Österreich, Slowe-
Tür zu stehen war Verhaltenspsychologie. Er nien und Ungarn berühren. Es ist das Grab
sagt, er habe sich das in Paris abgeschaut, wo In Hallstatt, wo er geboren gleich neben Walter Pichler, seinem alten
er gelebt hatte, bevor er nach Berlin kam, in
der Brasserie Lipp. Da stand Monsieur Cazes wurde, gibt es das Mentor und Freund. »Der Walter hat mich
ästhetisch erzogen.« Und das Beste sei: »Wir
am Eingang. ­Beinhaus. Da kommen schauen direkt hinüber auf den Hügel, wo
»Der war mein Feind, der Monsieur Cazes.
Ein Wunder, von dem habe ich viel gelernt.
die Toten hin. Doch auch der Martin Kippenberger liegt.«
Doch erst mal sind da ja noch die Strahlen-
Der hatte den Blick. Den Röntgenblick.« die haben keinen Platz. gurus.  n

144 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


SPIEGEL COACHING  Leseprobe

Ja, ich will! in den vergangenen Jahren, so angespannt, dass auch ihre Meis­
Neustart im neuen Jahr – aber richtig: Im Leben gibt es immer terung enorm Kraft kostet.
einige Baustellen. Wer sich zu viel gleichzeitig vornimmt, verzettelt In so einer Gemengelage lohnt es sich, mit den Energien zu
sich leicht. Deshalb sollte man seine Willenskraft gezielt einsetzen. haushalten und sich nicht zu viel Neues auf einmal zuzumuten.
Der Willenskraftexperte Hans-Georg Willmann nennt als Faust­
Je schlechter es Menschen geht, desto eher spüren sie einen regel, nie mehr als 20 Prozent der Umstände und Strukturen
grundlegenden Veränderungsimpuls. Die Psychotherapeutin gleichzeitig zu verändern. In einem gesellschaftlichen Krisenjahr
­Andrea Patzer begleitet in ihrer Hamburger Praxis oft Patienten, die sollte man, so Willmann, nicht unbedingt die Arbeitsstelle
gerade eine Trennung oder einen Arbeitsplatzverlust erleben und ­wechseln, wenn es nicht sein muss. Nach einer Trennung muss
irgendwann anfangen, ihr Leben radikal umzukrempeln. »Es gibt in man sich nicht auch noch eine Er­nährungsumstellung zumuten.
tiefen Krisen manchmal eine Art ›point of no return‹. Dann entste­ Und wer aus guten Gründen gerade ein Fitnessprogramm ein­
hen große Kräfte, man kann sehr viel auf einmal ändern«, sagt die übt, sollte sich nicht übernehmen und auch noch den Job wech­
Therapeutin. seln. »Je mehr Bälle man gleichzeitig in der Luft hat, desto mehr
Diese besondere Aufbruchsenergie hilft dabei, nach jahrzehnte­ verteilt sich die Willenskraft auf die vielen Anliegen. Ohne Fokus
langer Stagnation Trennungen durchzustehen und auch noch die wird es immer schwerer, Dinge zu ver­ändern«, sagt Willmann.
damit verbundenen Umzüge und Finanzthemen zu meistern. Doch Deshalb stehe am Anfang einer gelungenen Veränderung so
viel häufiger als Lebenskrisen mit Potenzial zum Filmstoff sind gut wie immer die Selbstreflexion, so Willmann. »Wer sich die Zeit
mittelschwere Belastungen: Es läuft schleppend im Job, die Gesund­ nimmt, in Ruhe zu schauen, wo Knackpunkte liegen, findet oft
heit ist angeschlagen, oder die gesellschaftliche Situation ist, wie passgenaue Lösungen.«

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KU LT U R

Dieser »Rönne-Sound«, so wurde


er in Rezensionen oft genannt, ist nun
verschwunden. Die Autorin hält die
Welt nicht mehr auf Distanz. Warum
das so ist, darüber lässt sich nur spe-

Den Kofferraum voller Steine


kulieren. Vielleicht weil zu viel Spott
bloß die eigene Ohnmacht entlarvt.
Stattdessen erzählt Rönne in wohl-
dosierten Pointen und sprachlich sehr
fein von zwei Leben, die ohne große
BUCHKRITIK  Feinfühlig und weise erzählt Ronja von Rönne in ihrem neuen Roman Paukenschläge aus den Fugen gera-
vom Leben mit Depressionen. Sie weiß, worüber sie schreibt. ten. Sie lässt die Frauen auf einem
Dorffest an der Liebe nippen und eine
kleine Freiheit spüren, bei einer

S
ie ließ sich klinisch behandeln, Übernachtung im Schwimmbad.
nimmt Medikamente, gab zwi- Schließlich hat diese Welt für alters-
schendurch das Schreiben auf. arme Sängerinnen und einsame Teen-
Seit Jahren leidet die Autorin Ronja ager sonst nicht viel übrig, erst recht
von Rönne unter Depressionen und kein Mitgefühl.
Panikattacken. »Sehr oft schreibe ich Auch damit kennt sich Rönne ge-
nicht, weil es mir übel geht. Manch- wissermaßen aus. Der viel diskutier-
mal kommt ein Tag, an dem ich es te Debattenbeitrag »Warum mich
schlicht nicht schaffe aufzustehen«, der Feminismus anekelt« brachte sie
schrieb sie 2017 in ihrem Blog. Nun 2015 als Jungredakteurin der »Welt«
hat Rönne es dennoch geschafft. in die Öffentlichkeit und ihr einen
Nach »Jahren des Zweifelns«, wie Shitstorm. Rönne distanzierte sich
sie selbst sagt, erscheint in der später von dem kaum durchdachten,
kommenden Woche ihr zweiter
­ übellaunigen Text, doch da galt die
­Roman, er trägt den Titel »Ende damals 23-Jährige schon als Medien-
in Sicht«. Ein persönlicher Erfolg phänomen.

Mehran Djojan
muss nicht automatisch zu hoher Sie präsentierte sich in den Jahren
­literarischer Qualität führen. In die- danach bewusst rotzig: fuhr mit
sem Fall tut er es aber. einem blauen Range Rover zum
In Rönnes Roman geht es, der Titel Bachmann-Wettbewerb, schrieb Ko-
verrät es bereits, um den Tod. Neben zu werden, nicht mal so richtig in ihr Autorin Rönne lumnen, moderierte die Arte-Sen-
zwei Protagonistinnen, die sich auf eigenes, ist plötzlich unfreiwillig mit- dung »Streetphilosophy« und diverse
ihren Wegen in den Suizid begegnen, tendrin in Julis. Sie nimmt die leicht Podcasts. Stets abgeklärt rauchend
hat die Schriftstellerin eine dritte Verletzte mit, obwohl sie sich selbst und etwas übernächtigt gab sie in den
Hauptfigur gewählt, die sie selbst sehr auf ihrer letzten Reise befindet: Nicht sozialen Medien und in ihren Texten
gut kennt: die Depression. Wie ein nur Juli hatte genug von diesem Le- die genervte Skeptikerin, deren ein-
Kofferraum voller Steine macht sie ben, auch Hella wollte allem ein Ende zige Überlebensstrategie der Sarkas-
das Fortkommen schwer und bringt setzen. Denn »bisher war wenig wirk- mus ist. Das war immer auch eine
die Frauen bei Vollgas ins Schlingern. lich Schlimmes passiert und etwas clevere popkulturelle Selbstinszenie-
Für die 15-jährige Juli ergibt das überraschend Gutes schon gar nicht«. rung.
Leben wenig Sinn. Ihr Vater schuftet Feinfühlig lässt Rönne die beiden Dass sie heute so offen mit dem
Tag für Tag in einer Druckerei, ihre Einzelgängerinnen zueinanderfinden. eigenen Aufenthalt in der Psychiatrie
Mutter verschwand bereits vor vielen Trotz einiger Zankereien verblassen umgeht, könnte natürlich auch zum
Jahren. Für ihre Mitschülerinnen und Fatalismus und Lebensüberdrüssig- Image der Kulturpessimistin gehören.
Mitschüler ist das Mädchen unsicht- keit mit jedem zurückgelegten Kilo- »Wer auch immer behauptet hat, dass
bar, Freunde hat es nicht. In den Pau- meter mehr. So ganz verschwinden man die Depression zum künstleri-
sen isst Juli ihr Käsebrot auf der sie aber nicht, das wäre auch zu platt. schen Schaffen brauche, dem wünsch
Schultoilette. Dort muss sie sich für Existenzielle Krisen lassen sich nicht ich keine«, schreibt jedoch Rönne.
ihre Einsamkeit wenigstens nur vor durch einen tragikomischen Roadtrip »Die wünsche ich nämlich generell
sich selbst schämen. Eines Tages be- kurieren. niemanden.« Man glaubt ihr. Wenn
schließt sie, dass es so nicht weiter- Dass sich Rönne mit den Tiefen Kunst nach oder während einer de-
gehen kann. des Lebens auskennt, hat sie bereits pressiven Episode entsteht, gibt es sie
Im Nieselregen, »einer Wetterlage, in ihrem Debüt gezeigt. In »Wir kom- nicht wegen der Krankheit, sondern
bei der sich ihr Vorhaben seltsam lä- men« schreibt sie schnoddrig und zy- Fatalismus trotz ihr.
cherlich anfühlte«, stürzt sich Juli von nisch von einer polyamoren Vierer- Rönne scheint heute zufriedener
einer Brücke. Und landet direkt vor beziehung, die sich zwischen Egos, und Lebens­ zu sein. Auf Instagram teilt sie zu-
Hellas Schrottauto. Obwohl die ältere Trauer und Panikattacken auflöst, überdrüssig­ mindest mehr Urlaubsfotos, weniger
Schlagersängerin andauernd am
Steuer einnickt, sieht sie das Mädchen
ehe sie so richtig beginnt. Auch
in ihrer etwas später erschienenen
keit ver­ »Heroin Chic«. Man hofft auch für
Juli und Hella, dass es weitergeht.
rechtzeitig. Hella, die sich stets be- Textsammlung »Heute ist leider blassen mit Dass sie verstehen, dass man sich in
müht, in kein anderes Leben involviert schlecht« – ähnlich plotlos, aber poin- jedem zu­ psychischen Ausnahmesituationen
tenreich – ist da dieser eigenwillig nicht trauen darf. Und dass ein Auto
Ronja von Rönne: »Ende in Sicht«. dtv; 256 Sei- reservierte Ton, der nichts ernst rückgelegten voller Steine trotzdem fährt.
ten; 22 Euro. nimmt, auch nicht sich selbst. Kilometer. Elisa von Hof  n

146 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


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Stampf, Kurt Stukenberg. Redaktion: Dr. Philip Bethge, Dr. Marc Theodor, Andrea Tholl, Nina Ulrich,
Marco Evers, Susanne Götze, Johann Grolle, SOCIAL MEDIA & LESERDIALOG Leitung: Ayla Peter Wahle, Dr. Charlotte Weichert, Peter Wetter, Alle Preise inkl. MwSt. und Versand. Das Angebot gilt nur
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Guido Kleinhubbert, Julia Koch, Julia Köppe, Julia Redaktion: Kai Bonte (Forum), Dennis Deuermeier, NACHRICHTENDIENSTE AFP, AP, dpa,
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Mobilität), Felix Wadewitz. Autoren, Reporter: Rafaela Petra Maier, Robert Schlösser Reuters, sid
von Bredow, Christoph Seidler.
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148 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter [Link]/kuerzel
Ponkie, 95
NACHRUFE Mit frechen, pointierten, aber
Pate« auszuschlagen, drehte statt-
dessen Flops und hatte ein chao-
auch begeisterten Kritiken tisches Privatleben. 1985 und
über Fernsehen und Film wurde 1997 musste er Privatinsolvenz
sie zu einer der bekanntesten anmelden. Er arbeitete dann als
­Zeitungsjournalistinnen der Schauspieler, etwa in der Serie
westdeutschen Nachkriegszeit. »The Sopranos«, und hatte 2014
Ponkie, die im Zivilleben Ilse mit »Broadway Therapy« ein
Kümpfel-Schliekmann hieß und kleines Comeback als Regisseur.
in München aufgewachsen war, Peter Bogdanovich starb
hatte unter anderem Germa­ am 6. Januar in Los Angeles. RAP
nistik studiert, als sie im Jahr
1956 in der Münchner »Abend- Karl Clauss Dietel, 87
zeitung« zu schreiben begann. Es gibt wenig, was er nicht
Von Beginn an pflegte sie den ­gestaltet hätte – und damit ist
Stil einer eigensinnigen, komi- noch nichts über all die Ent­
schen Wortakrobatik und ver- würfe von Karl Clauss Dietel
fasste neben vielen freundlichen gesagt, die nicht realisiert
Besprechungen oft herrliche ­wurden. Autos wie der Wart-
Verrisse. Für seinen Film »Ros- burg, die Erika-Schreib­
sini oder die mörderische Fra- maschinen, das Radio RK5,
ge, wer mit wem schlief« (1997)
erfand der Regisseur Helmut
Dietl eine Reporterinnenfigur

Hendrik Schmidt / picture alliance / dpa


nach ihrem Vorbild. »Samstag-
abendshows sind zum Davon-
laufen«, sagte Ponkie, als sie in
einem Interview mit der »Süd-
deutschen Zeitung« 2016 rück-
blickend ihre Arbeit zusammen-
fasste. Unter vielen Fernseh­
Gus Ruelas / REUTERS

leuten herrsche ein »Grundkon-


sens, wie man mit dem Publi-
kum umgeht, als wäre es im
Kindergarten«. Ponkie starb am verschiedene Motorräder: Die-
30. Dezember in München. HÖB tel war einer der Männer, die
der Produktwelt der DDR ihre
Betty White, 99 Peter Bogdanovich, 82 Oberfläche gaben. Wobei die
»Ich habe so ein Glück, dass ich bei guter Gesundheit bin«, sagte Er war das große Versprechen gelungenen Linien seiner Ent-
sie dem US-Magazin »People«, das sie Ende Dezember wegen des New-Hollywood-Kinos – und würfe und die Funktionalität
ihres anstehenden 100. Geburtstags aufs Cover nahm. Wie sie sich schaffte es doch nur in großen der Geräte nur zwei Aspekte
ihr langes Leben erkläre? »Ich versuche, nichts Grünes zu essen.« Momenten, die Hoffnungen zu von Dietels Arbeit waren. Mit
Die Antwort war typisch, White nahm sich selbst immer als Erste erfüllen, die sich mit ihm verban- seinem sogenannten offenen
auf die Schippe. Alter, so bewies sie bis zuletzt, ist kein Grund den. Stattdessen wurden die Hö- Prinzip erfand Dietel auch
für Resignation, Langeweile oder Prüderie. Whites Welterfolg, die hen und Tiefen seiner Karriere einen Gestaltungsgrundsatz,
US-Sitcom »Golden Girls« über vier Seniorinnen in Miami, in das Drama seines Lebens. Peter der der DDR-Realität mit ihrem
der sie die liebenswerte Nervensäge Rose Nylund spielte, endete Bogdanovich war Kind europäi- ständigen Mangel in Industrie
zwar vor fast 30 Jahren. Doch irgendwo läuft die »geschätzteste scher Einwanderer und schrieb und Konsum zu begegnen ver-
TV-Show aller Zeiten« (BBC) bis heute immer noch, als Wieder­ suchte. Alle Produkte, so Die-
holung, als Videoclip, als Meme. Dabei war sie viel mehr als tel, sollten so gestaltet werden,
das letzte der »Golden Girls« – ihre Co-Stars hatte sie lange über- dass sie sich einfach reparieren
Jim Ruymen / newscom / picture alliance

lebt. Mit sieben Jahrzehnten im Showbusiness war White nicht ließen. Dass die Mopeds Simson
nur die am längsten aktive TV-Entertainerin der Welt, sondern S 50 und S 51 heute noch so be-
auch eine der ersten selbstbestimmten Frauen hinter der Kamera, liebt sind – auch im Westen –,
zu einer Zeit, da Frauen dort nicht viel zu sagen hatten. Geboren dürfte nicht zuletzt daran lie-
bei Chicago als Tochter einer Hausfrau und eines Handlungs­ gen, dass Dietel sie schon so an-
reisenden, erlebte White die Weltwirtschaftskrise als Kind mit. Sie legte, dass man sie ewig laufen
wollte eigentlich Wildhüterin werden, weil sie Tiere liebte. Den lassen kann. Dietel, der gelern-
Spaß am Schau­spielern entdeckte sie an ihrer berühmten Schule, ter Maschinenschlosser war,
der Beverly Hills High School. 1939 tanzte sie in einem Abschluss- hatte ein durchwach­senes Ver-
ballkleid durch die erste TV-Show an der US-Westküste, da war hältnis zur DDR, er war zwar
sie ­gerade 17. 1954 produzierte sie ihre eigene »Betty White Show« Kritiken, bevor er anfing zu fil- Mitglied der SED, wurde aber
als eine der ersten Frauen mit Entscheidungsbefugnis im TV-Ge- men. Klassiker wie »Die letzte trotzdem überwacht. Nach
schäft. Ihr großer Durchbruch kam 1973 mit der »Mary Tyler ­Moore Vorstellung«, »Is’ was, Doc?« und der Wende arbeitete er weiter
Show«, sie spielte eine sexhungrige Fernsehköchin. Die »Golden »Paper Moon« begründeten ab als Gestalter, etwa für die
Girls« ­liefen von 1985 bis 1992. Die Serie gewann über die Jahre Ende der Sechziger seinen Ruhm. ­Diamant-Fahrradwerke. Karl
elf Emmys, davon je einen für die vier Stars. Betty White starb am Doch dann begann er, die Regie- Clauss Dietel ist am 2. Januar in
31. Dezember in Los Angeles. PIT angebote für Filme wie »Der Chemnitz gestorben. RAP

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 149


PERSONALIEN

Durchbruch in
Hollywood
Die britische Schauspielerin
J­ odie Comer, 28, musste vor
­einigen Jahren die Erfahrung
machen, dass es in ihrem
Beruf ein Handicap sein kann,
aus Liverpool zu stammen.
Nach einem Casting wurde ihr
gesagt, es habe Zweifel gege­
ben, ob sie auch einen anderen
Akzent sprechen könne, erzähl­
te sie in einem Podcast des
»Hollywood Reporter«. Doch
ihr Vorsprechen habe die Skep­
tiker überzeugt. Comer wurde
durch die Rolle einer charis­
matischen Psychopathin in der
BBC-America-Serie »Killing
Eve« bekannt und hatte im ab­
gelaufenen Jahr ihren Durch­
bruch in Hollywood. In Ridley
Scotts Historienepos »The Last
Duel« war sie in der Rolle einer
jungen Frau im Frankreich des
14. Jahrhunderts zu sehen, die
von einem Freund ihres Mannes
vergewaltigt wird und Gerech­
tigkeit fordert. Für diese Dar­
stellung hat sie nach Einschät­
zung des »Hollywood Repor­
ter« Chancen auf eine Oscar­
nominierung. Das Schöne an
dieser Figur sei, dass sie aus
dem Schatten der Männer trete

Hollie Fernando / eyevine / ddp


und mehr tue, »als die Füße
ihres Gatten zu waschen«, so
Comer in dem Podcast. Für
Scotts neuen Film, der von Na­
poleon Bonaparte handelt,
musste sie dem Regisseur absa­
gen. Grund: zu viel zu tun. LOB

Präsidentin der ihr keine Rolle: Es geht aus­ kern noch nicht zusammen, die
schließlich um das Wohl der es in Frankreich braucht, um für
Tiere Tiere. Thouy fordert die Ab­ die Präsidentschaft kandidieren
Die Gräben im beginnenden schaffung der Massentierhal­ zu können. Doch Thouy hofft
französischen Präsidentschafts­ tung bis 2027, die Schließung auf ausreichend viele Unterstüt­
wahlkampf sind tief. Aber der Zoos, außerdem will sie die zer – bei den Europawahlen
­ élène Thouy, 38, Kandidatin
H Jagd verbieten lassen. Die An­ 2019 bekam ihre Partei schließ­
der Tierschutzpartei Parti wältin, die auf dem Land in der lich schon 2,2 Prozent der
Olivier Roller / Divergence

­animaliste, hat einen Weg ge­ Nähe von Bordeaux aufwuchs ­Stimmen. Und tatsächlich hält
funden, den großen Konflikten und im Alter von sieben Jahren laut einer Umfrage vom Sep­
­auszuweichen, die das Land aufhörte, Fleisch zu essen, hat tember fast die Hälfte der
­spal­ten. Die sozialen Fragen oder zwar die 500 Unterschriften ­Franzosen den Tierschutz für
die Einwanderung spielen bei von Politikerinnen und Politi­ ein sehr wichtiges Thema. PE

150 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Für immer ein e­ rgrauen zu lassen. »Das ist für
andere Frauen in Ordnung. Ich
Mädchen werde es aber nicht tun!«, sagte
»Wer überlebt den Atomkrieg? sie dem »People«-Magazin.
Die Kakerlaken und Cher!«, so Nun ist es Cher zwar gelungen,
ging einmal ein sehr gemeiner sich in so etwas wie ihren eige-
Witz über den amerikanischen nen Avatar zu verwandeln, ein
Superstar, die unkaputtbare alters- und zeitloses Wesen, das
Künstlichkeit von Chers Er- wie ein Mensch gewordenes
scheinung und die unwidersteh- Hitradio das Beste der ­Sechziger,
liche Macht, mit der sie sich Siebziger, Achtziger und Neun-
der Vergänglichkeit entgegen- ziger verkörpert. Aber, sagt sie,

Sabine Gudath / IMAGO


stemmte. Tatsächlich war bei man solle das alles nicht so
ihr immer alles offen für Verän- wichtig nehmen. »Die Men-
derung. Mal trug sie ihre Haare schen, die sich darüber Gedan-
in einer roten Lockenmähne, ken machen, wie jemand sein
mal blond, meistens schwarz, Make-up trägt, sollten sich lie-
mal als Vokuhila, aber auch ber ein eigenes Leben besor-
lang. Nun allerdings hat Cher, gen.« Mit ihrer modischen Ver- Queere Muse doch nicht: Die lesbischen Sex-
mittlerweile 75 Jahre alt, durch- gangenheit zeigt sie sich aller- szenen der Serie sind einfach
blicken lassen, dass es eine dings heute zufrieden. Dabei Gerade gibt es in den deut- fantastisch. Und das liegt inter-
Grenze gebe, die sie nicht über- gibt es fast nichts, das sie nicht schen Feuilletons viel zu lesen essanterweise an einer sehr
schreiten werde: Ihre Haare ausprobiert hat, Chers Outfits über die preisgekrönte Dreh­ ­ungewöhnlichen Muse der Re-
machten sie so populär wie ihre buch­autorin und Regisseurin ­ gisseurin Julia von Heinz:
Musik: einen Hut aus Dutzen- Julia von Heinz, 45 (»Und mor- ihrer 17-jährigen, queeren Toch-
den Federn, Netzkleider, Pail- gen die ganze Welt«), und ihre ter. Es sei ihr nämlich wichtig
lettenroben, silberne Overknee- neue ARD-Miniserie »Eldorado gewesen, sagt Heinz in Inter-
Stiefel und immer wieder KaDeWe« (SPIEGEL 52/21) – views, dass sie auch eine Serie
­transparente Kleider, die mehr eine Familien- und Liebesge- für ihre Tochter produzieren
­zeigen als verhüllen. »Ich moch- schichte, die im Umfeld des be- wolle. Mit vielem, was diese
te das alles, wirklich«, sagt sie. rühmten Berliner Luxuskauf- sonst im deutschen Fernsehen
Dabei habe sie auch einige hauses spielt. Manche finden finde, könne sie sich nämlich
­lächerliche Entscheidungen ge- die Serie sehr gut, andere nicht identifizieren. Zum
troffen. »Aber die sind mir ­mögen sie überhaupt nicht. »Stern« sagte Heinz: »Ich woll-
egal.« Und das hat nichts mit Über einige Stilelemente lässt te meiner Tochter jetzt mal
Schönheitsoperationen, son- sich sicherlich streiten (zum ­zeigen, dass man auch im öffent­
dern eher mit einer mentalen ­Beispiel darüber, dass die Pro­ lich-rechtlichen Weihnachts-
NurPhoto / IMAGO

Disposition zu tun: »Wenn du tagonisten der Serie, die im fernsehen zeigen kann, dass es
niemals aufhörst, ein Mädchen ­Berlin der Weimarer Republik kein ›normal‹ und kein ›anders‹
zu sein, dann wirst du auch nie- spielt, mit der heutigen U-Bahn mehr gibt, sondern dass alles
mals alt.« EVH  fahren) – über eine Sache je- normal ist.« NGA

Das Gesicht dieses Bild und sieht dabei etwa so


aus, wie man sich nach zwei
Frühjahrs Jahren Pandemie fühlen kann –
Der kanadische Superstar die einem ja auch vorkommen
Abel Tesfaye alias The Weeknd, konnten wie eine Ewigkeit.
31, ist einer der großen Gestal- Er habe beim Schreiben der
tenwandler des Pop. Musika- Musik die Idee gehabt, seine
lisch kommt er von düsteren Hörerinnen und Hörer seien
Underground-Hip-Hop-Ent- ­gestorben und in der Vorhölle
würfen, sein Hit »Blinding ­gelandet, sagte Tesfaye nun
Lights« ist ein großartiges Stück dem Branchenblatt »Billboard«.
Achtzigerjahre-Retropop – vor »Das habe ich mir immer vor­
einigen Wochen hat es Chubby gestellt, als würde man in einem
Checkers Gassenhauer »The Stau stecken bleiben und müss-
Twist« als erfolgreichsten Song te da­rauf warten, das Licht am
der Popgeschichte abgelöst. Ende des Tunnels zu erreichen.
Auch für seine Videoclips hat Und während man da steht
Tesfaye sich immer wieder in und wartet, läuft im Auto das
neue ­Charaktere verwandelt, Radio, und ein Moderator hilft
­allerdings war er dabei nie so dabei, auf die andere Seite
radikal wie jetzt: Für das Cover ans Licht zu kommen.« Selten
seines neuen Albums »Dawn hat Pop der Rettung aus dem
FM« hat Tesfaye sich künstlich pandemischen Alltagselend
The Weeknd

altern ­lassen. Ergraut und mit so glaubwürdig ein Gesicht ge-


Sorgenfalten, blickt er aus dem geben. RAP

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 151


BRIEFE tisch nur geringe Beachtung und
medial überhaupt keine Auf-
merksamkeit mehr erlangen, lau-
fen die Spaziergänge im wahrsten
Sinne ins Leere. Davon bin ich
überzeugt.
Roswitha Möller, Bonn

lassen. Wie wir sehen, muss der fragt sich der Leser: Will der mich Auch wenn es Tausende sind oder
Mensch vielmehr lernen, dass vergackeiern? Herr Mützenich waren, die protestieren, es ist nur
unsere Natur endlich ist und nicht wird für seine Tätigkeit auch von die »schreiende, laute Minder-
unendlich ausgebeutet werden mir bezahlt. Die SPIEGEL-Redak- heit«. Lasst die Kirche im Dorf.
kann. teure formulieren stellvertretend Die Mehrheit schweigt!
Sarah Gebhardt, Berlin für mich und andere interessierte Matthias Jäger, Minden (NRW)
Bürger vernünftige Fragen. So er-
»We need a change«, heißt es auf warte ich auch vernünftige Ant-
dem Titelbild. In der Tat, wir worten. Koalitionsabsprachen Im Bremserhäuschen
brauchen einen Wechsel, auch im hin oder her – es gibt gewisse Re-
öffentlichen Deutsch. Textver­ geln, die unsere Politiker kennen des Pandemiezuges
fasser aller Couleur verwenden und beachten sollten, damit das Nr. 52/2021  Aus Rücksicht auf die
hemmungslos und hochmütig menschliche Zusammenleben in FDP kämpft die Ampel nur halbherzig
englische und pseudoenglische der Demokratie funktioniert, da- gegen die fünfte Coronawelle
Wörter. Wahrscheinlich unbe- mit die gegenseitige Wertschät-
wusst wollen sie damit ihre Zuge- zung auch erkennbar ist. Wie können es Abgeordnete –
hörigkeit zu einer kosmopoli­ Georg Kamsties, Hamburg speziell von der FDP – mit ihrem
tischen Elite signalisieren. Ver- Amtseid, Schaden vom Volk ab-
Man muss anpacken ständlichkeit scheint ihnen nicht zuwenden, vereinbaren, wissen-

Nr. 1/2022  Der Zauber des Neuanfangs –


so wichtig zu sein. Diese Englisch- Wir laden Herrn schaftlich bestätigte und höchst
manie verleidet mir immer häu- notwendige erweiterte Corona-
Wie große und kleine Revolutionen gelingen
figer die Lektüre. Ich wünsche Trittin ein Maßnahmen zu verhindern?
Wunderbar! Endlich mal ein bun- mir ein elegantes und klares Nr. 52/2021  Grünenpolitiker Jürgen Trittin Thomas Rieger, München
tes, fröhlich-optimistisches Titel- Deutsch mit möglichst wenigen über den Verleger Klaus Wagenbach
bild! Anglizismen. Es war ja zu erwarten, dass die
Claus Keller, Haßloch (Rhld.-Pf.) Günter Herrmann, Heilbronn Ich schätze Herrn Trittin, habe FDP im Bremserhäuschen des
mich aber sehr geärgert, im Nach- Pandemiezuges sitzen würde.
Im Laufe der Menschheitsge- Ein wirklich toller Artikel, den ruf auf Klaus Wagenbach die Dass Parteivize Kubicki aber
schichte hat es schon immer ich gerne gelesen habe und der äußerst pauschale und negative einen »Freedom Day« wollte, ist
­Veränderungen gegeben, wovon mich zum Nachdenken angeregt Äußerung zu Hugendubel und nach den Erfahrungen in England
auch der Einzelne nicht ver- hat. Danke! Thalia zu lesen. Wir laden Herrn doch Realitätsverlust. Ist er Co-
schont blieb. Sei dies durch Fred Weigand, Berlin Trittin gern in unsere Thalia- ronaleugner? Oder will er nach
Naturka­tastrophen jeglicher Art, Buchhandlung ein, damit er sich Wählerstimmen fischen unter
Kriege, wirtschaftliche Krisen, Die Formel eines gelingenden persönlich davon überzeugen den Quertreibern und Querulan-
persön­liche Schicksalsschläge, ­Lebens lässt sich (zu jedem Zeit- kann, dass nicht nur kleine, in- ten, die vor Gewalt nicht zurück-
wie auch sonstige umwälzende punkt) in drei Wörtern aus­ habergeführte Buchhandlungen schrecken? Es ist doch traurig
Ereignisse. Aber auch in unse- drücken: »Lebe dir gemäß!« Sie gut sortiert sind. Klaus Wagen- genug, dass man den geistig Ver-
rem heutigen Zeitalter und lässt sich sogar in drei Buchstaben bach war anlässlich seines 80. Ge- irrten nur mit einer Impfpflicht
­besonders in den letzten zwei fassen: »Sei!« burtstages unser Gast und hat aus beikommen kann, zum Schutz
Jahren dieser Pandemie wird Dr. Jochen König, Heidelberg seinen Büchern gelesen. anderer Menschen und zum
uns vor Augen geführt, wie Evelyn Roewekamp, Erste Sortimenterin Schutz der Krankenhäuser in
schnell sich alles, auch ohne Thalia Buchhandlung Nord GmbH, Rostock ihrer Not mit Coronapatienten.
Krieg,für die Weltwirtschaft wie Eine bodenlose Herr Kubicki und andere FDP-
auch für die Menschheit ändern Mitglieder sollten endlich die
kann. Und man muss neu an­ Frechheit Ins Leere laufen Realität erkennen.
packen. Denn das Leben geht Dieter Rimat, Ettlingen (Bad.-Württ.)
weiter. Im positiven wie im
Nr. 52/2021 SPD-Fraktionschef
Rolf Mützenich über die Pandemiepolitik lassen
­negativen Sinn. und den Umgang mit Russland Bundesliga, Weihnachtsmärkte,
Nr. 52/2021  Die AfD wird zum Treiber
Detlef von Seggern, Pforzheim radikaler Coronaproteste Feiern, alles kein Problem – aber
Das Verhalten von Herrn Mütze- der Schulunterricht in Präsenz
Christentum und Aufklärung nich bei der Beantwortung der Warum ist eigentlich noch nie- muss wohl leider wieder pausie-
­sollen ernsthaft das Gleiche sein? vom SPIEGEL gestellten Fragen mand auf die Idee gekommen, die ren. Wir, die Erwachsenen, haben
Die Aufklärung hat sich für das ist eine bodenlose Frechheit. Hier beispielsweise von Höcke initiier- der kommenden Generation be-
»Licht« der Vernunft eingesetzt, ein Beispiel: Der SPIEGEL fragt, ten »Spaziergänge« einfach lau- reits einiges Porzellan zerdep-
das die Dunkelheit des Christen- warum die Kontakte erst nach fen zu lassen? Polizei positionie- pert: Umweltzerstörung, rück-
tums gerade eben überwinden Weihnachten stark eingeschränkt ren – Präsenz zeigen. Einfach wärtsgewandte Industriepolitik,
sollte. Der Mensch muss für sich würden (eine klare Frage!). Müt- eine stoische Wand entlang der fehlende Digitalisierung, Schwä-
verantwortlich sein und nicht die zenich-Antwort: bla, bla, bla – Spaziergängerroute bilden, auch chung der Demokratie und der
Führung der Weltgeschichte »Treffen finden überwiegend in bei Beleidigungen und so weiter. europäischen Idee. Indem wir
einem männlichen Gott über­ kleinerem Rahmen statt«. Da Wenn diese Spaziergänge poli- den jungen Menschen nun seit

152 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


Schmetterlingsblütler beinhalten,
Wollen wir jetzt Respekt vor Leuten, Ich liebe jeden Artikel oder Mischanbau könnten eine
Klassenunterschiede die sich für Medi­ von Anja Rützel Konsequenz sein. Außerdem fehlt
nicht nur zwischen kamententests zur sehr und denke, sie der Hinweis darauf, dass weniger
Fleischkonsum sich positiv auf die
Reich und Arm, son­ Verfügung stellen. sollte in jeder Verfügbarkeit von landwirtschaft-
dern auch zwischen Es ist sinnbildlich ­einzelnen Ausgabe lichen Rohstoffen auswirken kann.
Erkrankungen? für die irre Bürokratie vertreten sein. Dr. Hans Glattkowski, Lübeck

Ich will das nicht. Es in unserem Land, Jutta Korn, Hamburg


Es ist erstaunlich, wie sehr sich
steht sogar dem dass der im Beitrag die aktuellen Trends den hoch-
Hippokratischen Eid vor­gestellte Studien­ aggregierten Projektionen der
entgegen. Die Poli­ teilnehmer, der sich »Weltuntergangs-Vision aus dem
Computer« im SPI EGEL Nr.
tiker haben die Ver­ für uns alle ein Stück 21/1972 annähern. Der damalige
antwortung, unser aufopfert, am Ende Bericht des Club of Rome zur
Gesundheitssystem als ungeimpft gilt, Lage der Menschheit prognosti-
so zu gestalten, dass obwohl er mehrfach zierte eine Verknappung von Res-
sourcen und eine Kapitalumlen-
niemals eine Triage gegen Corona geimpft kung in die Gewinnung endlicher
notwendig wird. ist. Energieträger. Letztere führt zu
Prof. Dr. med. i. R. Johann Frank Wunderlich, Nöbdenitz Preisanstiegen, welche einen Ein-
Missliwetz, Wien (Thür.) bruch der Industrie- und der Nah-
rungsmittelproduktion nach sich
ziehen – was zu einem Einbruch
der Bevölkerungszahl um das
Nr. 52/2021  Eine Juristin Nr. 52/2021  Warum ein Jahr 2035 führt. Es ist grundsätz-
fordert, bei Triage-Entschei- Student nach einer Impfstoff- Nr. 52/2021  Kurs auf die lich positiv, wenn die Chemika-
dungen den Impfstatus zu studie nicht mehr an die Uni Seichtchellen – 40 Jahre lien, die mitverantwortlich für die
berücksichtigen darf »Traumschiff« im ZDF
Umweltkrise sind, unerschwing-
lich werden, und man zum Dün-
gen der Böden zu natürlichen
zwei Jahren systematisch Bil- Psychohygiene für tienten und Patientinnen zugute- Stoffkreisläufen zurückkehrt.
dung, soziale Entwicklung und kommt und damit auch die Ge- Dr. Bastian Bach, Essen
vieles Weitere erschweren, neh- Pflegende sellschaft entlastet.
men wir ihnen auch noch – um Nr. 52/2021  Warum eine Pflegerin vier Anna Gogl, Dipl.-Pflegeexpertin, Basel
im Bild »Porzellanladen« zu blei- Menschen ermordete Die Tradition
ben – die Kehrbleche und Besen
weg, mit denen sie unser Versa- Pflegearbeit ist ohne Zweifel sinn- Zurück zu natürlichen überdenken
gen kompensieren könnten. Gna- stiftend und erfüllend, aber auch
de uns, die wir teilweise das Imp- zerstörerisch, wenn Pflegende Kreisläufen Nr. 52/2021  Was macht ein Feuerwerks-
hersteller, wenn Silvester ausfällt?
fen als Lifestyle-Entscheidung mit ihren beruflichen Belastungen Nr. 52/2021  Die fatalen Folgen der hohen
ansehen, vor dem berechtigten sich selbst überlassen werden, un- Düngerpreise Schon als der Klimawandel noch
Zorn dieser Generation. abhängig davon, ob sie nur an- kein gängiger Begriff war, war
Nikolaj Krieg, Hagen gelernt oder ausgebildet sind, ob Wieder zeigt sich, wie eng Öko- trotzdem klar, was die Tradition
sie psychisch robust sind oder nomie und Ernährung global ver- Silvesterböllern bedeutete, wenn
eher zerbrechlich wie die nun- woben sind und wie die gravie- zeitgleich Millionen Menschen
KORREKTUREN mehrige Angeklagte Ines R. Die rendsten Folgen die ärmsten Län- hungerten. Heute, wo wir wissen,
Zum Leitartikel »Wo bleibt der Institutionen der Pflege sollten der am härtesten treffen. Während was Umweltverschmutzung und
soziale Ausgleich?« in Heft den Pflegenden förderliche Orga- der SPIEGEL die Situation sehr Klimawandel für uns, aber beson-
1/2022, Seite 10: Wir haben den nisationsstrukturen zur Verfü- treffend beschreibt, fehlte mir die ders für die künftigen Generatio-
Preis für Erdgas beim niederlän- gung stellen. Dazu gehören ver- Thematisierung der Lösungsan- nen bedeuten, sollten wir unser
dischen TTF-Referenzmarkt in schiedene Formen der Beratung, sätze. Gerade mal einen Absatz Handeln kritisch hinterfragen.
Euro pro Kilowattstunde angege- vom alltäglichen kollegialen Aus- widmen Sie den natürlichen Pro- Eine jahrhundertealte Tradition
ben. Er wird aber in Euro pro tausch bis hin zur systematischen zessen der biologischen Stickstoff- muss nicht unbedingt für den
Megawattstunde ausgewiesen. Reflexion des beruflichen Han- fixierung, und mit keinem Wort Fortbestand der Menschheit von
Wir bedauern den Fehler. delns, wie sie Pflegeberatung, wird die Symbiose von Knöllchen- Nutzen sein.
Zu »Gestapo go home« in Coaching und Supervision bie- bakterien mit den Vertretern der Björn Uhlhorn, Laatzen (Nieders.)
Heft 1/2022, Seite 42: In dem Ar- ten. Sie ermöglichen, das tägliche Schmetterlingsblütler (Soja, Erd-
tikel hieß es, es gebe in der hessi- Erleben von schwierigen Gefüh- nuss, Linsen, ...) erwähnt. Diese Böllern ohne Weco geht mit dem
schen Kleinstadt Erbach vier Poli- len, die beim Pflegen unweiger- können sich Luftstickstoff aneig- Bioböller: Brötchentüte aufbla-
zisten. Tatsächlich gibt es in Er- lich entstehen, zu verbalisieren nen und damit signifikante Stick- sen und draufhauen! Ganz ohne
bach fünf Stadtpolizisten, die und zu bearbeiten. Sie sind Teil stoffmengen in das Agrarökosys- Feinstaub.
stichprobenartig unter anderem einer Psychohygiene, welche die tem eintragen. Damit haben sie Gerd Andres, Hannover
die Corona-Auflagen im Ort kon- Chance für eine wirksame und wohl das größte Potenzial, teure
trollieren. Diese sind jedoch beim erfolgreiche Berufstätigkeit er- Stickstoffdüngemittel zumindest Leserbriefe bitte an leserbriefe@[Link]
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe
Ordnungsamt angestellt, nicht bei höht, die nicht nur die Pflegenden teilweise zu ersetzen. Die Rück- gekürzt sowie digital zu veröffentlichen und
der Landespolizei. weiterbringt, sondern die den Pa- besinnung auf Fruchtfolgen, die unter [Link] zu archivieren.

Nr. 2 / 8.1.2022 DER SPIEGEL 153


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Zitate
Das »Hamburger Abendblatt«
über das 75. Jubiläum der Gründung
des SPIEGEL :

Das Nachrichten-Magazin hat in den 75 Jah-


Von [Link] ren seines Bestehens viele Skandale aufge-
spürt und Enthüllungen veröffentlicht.
Aus einer dpa-Meldung über medizinische Manchmal gab es auch großen Krach im Haus
Gesichtsmasken: »Die Organisation bittet, selbst … Das Magazin ist ein Stück deutscher
die Masken nicht in der Toilette hinunter- Zeitgeschichte, erstmals erschien es am 4. Ja-
zuspülen. Denn anders als Toilettenpapier nuar 1947.
löst sich das Vlies nicht auf. Vielmehr kön-
nen sich die Masken in der Kanalisation mit Die »Hannoversche Allgemeine«
anderen Sachsen verknoten und das Ab- zum gleichen Thema:
wassersystem verstopfen.«
Der SPI EGEL sollte später als »Sturm-
geschütz der Demokratie« in die Annalen
der jungen Bundesrepublik eingehen – ganz
gemäß Augsteins Credo, dass kritischer
Aus einer Reiseanzeige in der »Hannoverschen
Journalismus die liberale Grundordnung
Allgemeinen« des Staates zu schützen habe.

Die »taz« merkt dazu an:


Aus »Alpenverein Aktuell«: »Die Mitt-
wochwanderung findet zukünftig an jedem Natürlich ist der SPIEGEL wie die »taz«
dritten Dienstag im Monat statt.«
Die Kraft zuweilen tendenziös. Der SPIEGEL zum
Beispiel gerne mal, wenn es um die Öffent-
lich-Rechtlichen geht. ... Aber er steht fest
von innen auf dem Boden der Demokratie, die ihn und
seine Kraft auch weiter verdammt braucht.
Denn die Fakten- und Meinungsverdreher,
Verletzende die Querdenkenden und andere, die sich Zu-
stände à la Donald Trump wünschen, drehen
Erfahrungen können weiter auf.

uns dauerhaft Die »Tagesschau« widmet dem


Hinweis in einem Möbelgeschäft in Stuttgart SPIEGEL -Jubiläum am 4. Januar einen
belasten. Forschung Beitrag in den 20-Uhr-Nachrichten:

Ein Kniespezialist auf [Link]: »Auffällig und Therapie zeigen Die SPIEGEL -Affäre machte das Nachrichten-
ist, dass die Hälfte aller Knieverletzungen Magazin 1962 international bekannt und be-
bei Frauen aktuell das Knie betreffen.«
Wege zurück in ein gründete seinen Ruf als »Sturmgeschütz der
zufriedenes Leben. Demokratie«. Immer wieder deckten die Hef-
temacher Skandale auf und enthüllten poli-
Vom Umschlagtext des Buchs »Löwen- tische Machenschaften. Heute vor 75 Jahren
herzen – zwei unterwegs in Afrika« von erschien der SPIEGEL zum ersten Mal. Sein
Gesa Neitzel: »Sie schlafen in einem klei- Gründer Rudolf Augstein prägte den Leitsatz
nen Dachzelt auf dem klapprigen Land »Sagen, was ist«, der 2018 durch einen Fäl-
Rover, begegnen Flusspferden in wackeli- schungsskandal im eigenen Haus schwer er-
gen Kanus, Wüstenlöwen beim Reifen- schüttert wurde.
wechsel und immer wieder der Frage nach
der gemeinsamen Zukunft.« Die »Frankfurter Rundschau« greift den
Jahrestag ebenfalls auf:
Jetzt Der Blick auf Tatsachen ist immer der Blick
für Details, für Einzelheiten. Der SPIEGEL
im Handel half beim Zivilisationsprozess der Bundes-
bürger. Er weckte und fütterte ihre Neugierde
für die Vorgänge im politischen Alltagsge-
schäft, und er gewöhnte sie daran, dass man
dabei auch rücksichtslos vorgehen sollte. Die
»SPIEGEL -Schreibe« war Ausdruck dieser
Haltung, zugleich beförderte sie sie. Der in
den frühen Jahren meist anonym bleibende
Hinweis in einem Gartencenter in Schwäbisch
Schreiber war wie ein Autor: Er wusste alles
Gmünd besser.

154 DER SPIEGEL Nr. 2 / 8.1.2022


75�Jahre Der Spiegel. Das Wichtigste der Stunde trägt Der Spiegel seit dem 4.�Januar 1947 stets mit Umsicht und großer journalistischer Sorgfalt
zusammen. Wir gratulieren dem Nachrichtenmagazin zu 75�Jahren genauer Berichterstattung. Alle Momente der Zeit im Blick hat man auch
mit Tangente neomatik 41 Update von NOMOS Glashütte. Den aktuellen Tag markieren auf der patentierten Datumsanzeige zwei Punkte in Rot.
Erhältlich im besten Fachhandel, etwa hier: Aachen: Lauscher, Lücker; Augsburg: Bauer, Hörl; Berlin: Brose, Leicht, Lorenz; Bielefeld:
Böckelmann; Bochum: Mauer; Bonn: Hild, Kersting; Bremen: Meyer; Darmstadt: Techel; Dresden: Leicht; Düsseldorf: Blome; Erfurt: Jasper; Essen:
Mauer; Frankfurt am Main: Pletzsch; Glashütte: NOMOS Kaufhaus; Hamburg: Cabochon, Becker, Mahlberg; Hannover: Kröner; Köln: Berghoff,
Schmuck�+�Form; Konstanz: Baier; Lübeck: Mahlberg; Mannheim: Wenthe, München: Fridrich, Hilscher, Kiefer; Münster: Oeding-Erdel;
Stuttgart: Kutter; Ulm: Scheuble. Und überall bei Brinckmann�&�Lange, Bucherer, Rüschenbeck und Wempe sowie hier: [Link]
Jeder Wein erzählt
eine Geschichte.
Man muss nur gut
zuhören.
Weine aus deutschen Regionen:
Qualität, die man schmeckt.

Die 13 deutschen Weinregionen sind


geschützte Ursprungsbezeichnungen.

Weine aus deutschen Anbaugebieten überzeugen nicht


nur mit außergewöhnlichem Geschmack, sondern auch
mit höchster Qualität. Das garantiert auch die Europäische
Union, die alle 13 deutschen Weinregionen als geschützte
Ursprungsbezeichnungen anerkannt hat.
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Common questions

Auf Basis von KI

Die Umgestaltung der Bremer Innenstadt wird durch festgefahrene Debatten und die Herausforderung, moderne Bedürfnisse zu erfüllen, behindert. Aktuell wird versucht, mit Fördermitteln und Initiativen wie nachhaltigen Kaufhäusern, Leerstandsmanagement und neuen Verkehrskonzepten Impulse zu setzen. Eine aufrichtige Lösung für den Erhalt und die Modernisierung ist jedoch noch nicht vollständig implementiert .

Die Grünen lehnen die Einstufung der Atomkraft als nachhaltige Technologie stark ab und empfinden die Entscheidung der EU-Kommission als Schock und Verrat .

Die Kritik langjähriger Leser umfasst die Wahrnehmung, DER SPIEGEL sei zahmer geworden und würde sich weniger kritisch mit der politischen Ordnung auseinandersetzen. Leser vermissen eine tiefe investigativen Ansatz und fühlen sich von der vermeintlich mangelnden Distanz zur Regierung enttäuscht. Eine Person äußert Zweifel, ob der resulting Gap zwischen Leserschaft und Magazin überbrückt werden kann .

Die Schaffung eines diversen Redaktionsteams ermöglicht es, die Gesellschaft umfassend abzubilden und zu verstehen, was als urjournalistisch gilt. Selbstkritik und der bewusste Einsatz von Quoten sind Mittel, um Gleichstellung zu fördern und sicherzustellen, dass verschiedene Perspektiven in der Berichterstattung berücksichtigt werden .

Die Wiedervernässung von Mooren könnte signifikant zur Senkung der jährlichen CO2-Emissionen beitragen. Die politische Einigung auf eine Reduzierung der Mooremissionen um fünf Millionen Tonnen CO2 bis 2030 zeigt das Potenzial von Mooren für den Klimaschutz. Die Herausforderung liegt in der Umsetzung, da der Flächentausch und die Akzeptanz der Landwirtschaft komplex sind .

Die Hauptforderung der Grünen ist eine restriktivere Genehmigungspraxis für Rüstungsexporte, die bisherige Exportentscheidungen aus der Große Koalition in Frage stellt. Der Koalitionsvertrag sieht ein neues Rüstungsexportkontrollgesetz vor, das die Glaubwürdigkeit der Grünen in der Regierung auf die Probe stellt .

Erdgas wird in der EU als Übergangslösung benötigt, um den Übergang zu erneuerbaren Energien zu unterstützen, gilt aber nicht als nachhaltig. Die Einstufung als grüne Technologie ist umstritten, weil dies das Risiko birgt, dass seine Verwendung über den Übergang hinausgeht .

Innerhalb der Grünen Partei gibt es Konflikte darüber, wie stark sie in Regierungskoalitionen auftreten sollten. Es besteht Kritik an einer fehlenden Strategie und Härte, insbesondere nach dem Abtreten wichtiger Ministerien an die FDP. Die Partei steht unter Druck, eine Strategie zu finden, die ihre Glaubwürdigkeit und Durchsetzungsfähigkeit in der Regierung stärkt .

Die Atomkraft ist für Frankreich ein Schlüsselelement der nationalen Souveränität und ein unverzichtbarer Teil der Stromversorgung. Im Gegensatz dazu stößt die Atomkraft in Deutschland auf breite Ablehnung und wird durch fossile Energien und den Ausbau erneuerbarer Energien ersetzt .

Die Einigung der EU, Atomkraft als Teil der Taxonomie für grüne Energie rechtlich zu ermöglichen, unterstützt und bestärkt die französische Perspektive, Kernkraft als grüne Energie der Zukunft zu etablieren. Dies stellt einen politischen Erfolg für Frankreich dar .

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