Bumerang
Bumerang
Der Bumerang
ein Spielzeug mit verblüftenden Flugeigenschaffen
Von Hans Joachim Schlichting und Bernd Rodewald
Einleitung
Seit der zurückkehrende Bumerang in Europa be-
kannt ist, hat er die Menschen immer wieder faszi-
niert und zu zahlreichen Beschreibungen und Er-
klärungen seines erstaunlichen Flugverhaltens ge-
führt (vgl. das Literaturverzeichnis in [1]). Ein
Physiklehrer, der diese Faszination im Unterricht
nutzen möchte, sucht dennoch häufig vergeblich
nach unterrichtsnahen physikalischen Beschrei-
bungen: Die wenigen physikalisch korrekten und
durchsichtigen Veröffentlichungen, die zur Zeit
auf dem Markt sind, beziehen sich u. E. entweder
zu wenig auf einen möglichen Physikunterricht (z.
B. [2], [3], [4]) oder sie treiben eine Elementarisie-
rung nur bis zum Niveau des Hochschulunter-
richts oder eines Leistungskurses der Sekundar- Abb. 1: Beispiel eines zweiflügeligen Bumerangs
stufe II (z.B. [5], [6]) für Rechtshänder (Tragflügelprofil: abgerundete
Im folgenden soll versucht werden, unter weitge- Stirnkante gewölbte Oberseite, flache Unterseite,
hendem Verzicht auf quantitative Einzelheiten die scharfe Hinterkante)
physikalischen Prinzipien des Bumerangs so weit
zu vereinfachen, daß dieser auch im Unterricht der
Sekundarstufe [behandelt werden kann. Unsere
Darstellung ist jedoch so angelegt, daß darauf ei-
ne quantitative Beschreibung aufbauen kann.
Am Anfang eines solchen Unterrichts steht not-
wendigerweise zunächst der Bau und die Handha-
bung des Bumerangs, denn viele käuflich zu er-
werbende Bumerangs der Spielzeugindustrie flie- Abb. 2: Zur Definition von Abwurfwinkel und Hori-
gen u. E. schlecht. Bauanleitungen findet man z.B. zontwinkel
in [2], [7] und [8], auf die wir hier der Kürze halber
verweisen müssen. Ein Beispiel für einen zurück- hiervon eine Vorstellung zu geben, sei gesagt, daß
kehrenden Bumerang (nur diese sollen hier be- der Bumerang an einer Flügelspitze
sprochen werden) für Rechtshänder gibt Abb. l
ergriffen und mit der gewölbten Flügeloberseite
wieder (nach [2]). Er wird aus fünffach verleimt em
zum Werfer weisend aus nahezu senkrechter Posi-
Sperrholz (am besten finnische Birke) von 5-7 mm
tion so weggeschleudert wird, daß er in Rotation
Stärke hergestellt. Einer der wenigen guten käufli-
gerät. Für einen guten Flug sind die richtigen Grö-
chen Bumerangs ist der aus Kunststoff bestehen-
ßen von Abwurfwinkel (Winkel zwischen der Ve r-
de ,,Comeback" von W. Urban, den wir neben un-
tikalen und der anfänglichen Rotationsebene des
seren selbstgefertigten Holzbumerangs ebenfalls
Bumerangs), Horizontalwinkel und Luvwinkel
benutzt haben (Bezug. Dipl.-Kfm. Gerda Urban,
(Winkel zwischen Abwurfrichtung und Windrich-
Postfach 67, 8801 Leutershausen). Auch bezüglich
tung) wichtig (vgl. Abb. 2). Sie hängen von der
der genauen Wurftechnik verweisen wir auf die Li-
Form und dem Gewicht des Bumerangs und von
teratur (empfehlenswert z. B. [7], [9], [10]). Um
den Windverhältnissen ab. Details mü ssen durch
Versuche ermittelt werden. Gute Erfahrungen ha-
1
ben wir z. B. beim ,,Comeback" mit einem Abwurf- Wir gehen im folgenden zunächst von der einfa-
winkel von 20°-30° und einem Horizontwinkel von chen Flugbahn aus und stellen also fest:
10°-20° gemacht. Der Luvwinkel richtet sich aus-
• Der Bumerang beschreibt eine Kreisbahn.
gesprochen stark nach dem Wind: Je stärker die-
ser weht, desto weiter muß der Werfer ihm den Dieses ist sicherlich das auffälligste Phänomen, in
Rücken zukehren. Genauere Angaben hierzu, ins- dem sich der Flug eines Bumerangs von dem eines
besondere auch zur Behebung von Wurffehlern, weggeworfenen Stockes unterscheidet.
findet man in der angegebenen Literatur.
Des weiteren fällt auf daß sich die Orientierung der
Ebene, in der sich der Bumerang um seinen
Die Bewegungselemente des fliegenden Bu- Schwerpunkt dreht (Rotationsebene) während des
merangs Flugs verändert (Abb. 3). Während ein normaler
Stock, der beim Abwurf um eine waagerechte
Laien vermuten meistens in der bananenähnlichen Achse rotiert, dieses auch noch am Ende seines
Form des Bumerangs den Grund für dessen Rück- geradlinigen Flugs tut, ändert die Rotationsachse
kehr zum Werfen Doch beim Wurf entsprechend des Bumerangs ihre Richtung im Raum. Genauer:
r
geformter Hölzer wird man eines besseren belehrt, Zeigt der Vektor ω der Winkelgeschwindigkeit
denn sie werden i. a. nicht zurückkehren. Tatsäch- des Bumerangs beim Abwurf (vom Werfer aus ge-
lich ist die Formgebung von untergeordneter Be- sehen) nach links, so zeigt er beim Rückflug des
deutung, da man z.B. alle Buchstaben des Alpha- Bumerangs nach rechts und ist dabei oft auch
bets als Bumerangform nutzen kann [7]. noch mehr oder weniger schräg nach oben orien-
Wesentlich ist vielmehr die Profilierung des Hol- tiert. Nimmt man beim Abwurf eine in erster Nähe-
rung vertikal ausgerichtete Rotationsebene an, so
läßt sich die Änderung ihrer Orientierung durch
zwei Bewegungsanteile erfassen:
• Die Rotationsebene und demzufolge auch der
r
Vektor ω der Winkelgeschwindigkeit werden
um eine senkrechte Achse gedreht.
• Der Bumerang legt sich mehr oder weniger
r
flach, was einer Drehung von ω um eine
waagerechte Achse entspricht.
Bei einigen Bumerangs (z. B. beim ,,Comeback")
tritt bei manchen Würfen in der Endphase des
Abb. 3: Die Bahn des Bumerangs und die Orientie- Flugs noch eine zusätzliche Erscheinung auf:
rung seiner Rotationsebene bzw. des Vektors
r •
ω der Winke lgeschwindigkeit während des Fluges Der Bumerang zeigt am Schluß des Fluges das
Verhalten der Autorotation.
zes nach dem Muster eines Tragflügels. Hinzu
Damit ist gemeint, daß der Bumerang zum Schluß
kommt die Notwendigkeit, dem Bumerang beim
parallel zur Erdoberfläche rotiert und im Vergleich
Abwurf eine hinreichend große Rotation zu ertei-
zur vorhergehenden Flugphase deutlich langsamer
len, damit er wieder bis zum Werfer zurückkehren
sinkt und schneller rotiert. Diese Autorotation hat
kann. Physikalisch sind damit zwei Phänomenbe-
mit der eigentlichen Rückkehr des Bumerangs
reiche angesprochen, auf die der Bumerangflug
nichts mehr zu tun.
aufbaut: die Aerodynamik am Tragflügel und das
Verhalten eines sich um eine Achse drehenden Sieht man daher also zunächst einmal von der Au-
Körpers, eines Kreisels also. torotation ab, so weisen die Bewegungselemente
des Bumerangfluges auf das Vorhandensein dreier
Die Bahn eines gut geworfenen Bumerangs ist ei-
physikalischer Größen hin:
ne geschlossene Kurve, die sehr unterschiedliche
Formen annehmen kann. Sie ist im einfachsten Fall • eine Zentripetalkraft, die den Bumerang auf
eine Kreisbahn auf der Oberfläche einer gedachten eine Kreisbahn zwingt,
großen Kugel (Abb. 3). Dabei beschreibt der
• ein Drehmoment, welches die Rotationsebene
rechtshändige Bumerang in allen Flügen eine
des Bumerangs um eine senkrechte Achse
Linkskurve. In der Endphase des Fluges sind je-
dreht,
doch auch manchmal entgegengesetzte Kurven
möglich, so daß sich diverse Schleifenformen, 8- • ein Drehmo ment, welches die Rotationsebene
und S-Formen als Flugbahnen ergeben können. des Bumerangs um eine waagerechte Achse
dreht und ihn damit flachlegt.
2
r
Als Ursache für die Entstehung dieser von außen Punkten einer neuen Geschwindigkeit v , wie es in
angreifenden Kraft und dieser äußeren Momente Abb. 5b) dargestellt ist. Die Bewegungsrichtung
muß offensichtlich die Wechselwirkung des rotie- der Punkte P1 und P2 wird damit geändert, was ei-
renden Bumerangs mit der Luft angesehen wer- ner Drehung der Rotationsebene des Kreisels ent-
den. spricht, wie sie in Abb. 5b) eingezeichnet ist. Die-
se Drehung erfolgt in der Tat um die y-Achse mit
Eine grobe physikalische Erklärung für die der oben angegebenen Richtung der Präzession.
Bewegung des Bumerang
Der rotierende Bumerang ist ein Kreisel
Der Kreisel wird üblicherweise in der Sekundarstu-
fe I nicht behandelt. Für das Verständnis des Bu-
merangs genügt es jedoch. wenn Schüler an Spiel-
zeugkreiseln, am Jo-Jo, am Diabolo, am Diskus, am
rotierenden Rad etc. die folgenden Erfahrungen
gesammelt haben:
• Ein rotierender Kreisel behält seine Drehachse
im Raum bei, sofern keine äußeren Kräfte auf
ihn wirken.
Abb. 5: Zur Erklärung der Präzessionsbewegung
• An einem wie in Abb. 4 rotierenden Kreisel
eines Kreisels. In Abb. b) blickt man von oben
entgegen der y -Achse auf die Punkte P 1 und P 2
3
ausgedrückt, wobei die Größe k von geometri- weitere Punkte des überstrichenen Kreises näher
schen Daten des Flügels, von der Dichte der Luft zu untersuchen, sollen im nächsten Abschnitt die
und von der jeweils vorhandenen Art von Strö- Auswirkungen dieser Kräfteverteilung diskutiert
mung (laminar oder turbulent) abhängt. werden.
4
Abb. 9 veranschaulicht dieses Zusammenwirken Damit wird eine Links-Rechts-Symmetrie im über-
etwas genauer. Dort ist die Bewegung des strichenen Kreis suggeriert, die tatsächlich nicht
(rechtshändig geworfenen) Bumerangs aus der vorhanden ist. Dieses verdeutlicht Abb. 10. Zwar
Vogelperspektive dargestellt, wobei wir der besse- sind dort (wie in Abb. 6) in den Punkten Q und Q'
ren Übersicht wegen die im oberen Teil des rotie- die relativen Strömu ngsgeschwindigkeiten gleich
r
renden Bumerangs auftretende Kraft F (vgl. groß, vres(Q) = vres(Q‘) jedoch kann man im Falle
r der Bumerang Stellung von Abb. 10 sicherlich
Abb. 8b)) durch deren resultierende Kraft FZ im
nicht auf entsprechend gleich große Auftriebs-
Schwerpunkt ersetzt haben.
kräfte schließen.
r
Als eine auftriebsbedingte Kraft weist FZ stets Ein solcher Schluß nach Gleichung (l) hätte die
r
senkrecht zur momentanen Geschwindigkeit vT Annahme eines gleich großen Faktors k zur Vo r-
des Bumerangschwerpunktes und stellt damit eine aussetzung. Im Gegensatz zu Abb. 6 ist dieses in
r Abb. 10 jedoch nicht gerechtfertigt. Der Punkt Q'
Zentripetaikraft dar. FZ bewirkt eine Krümmung
taucht dort nämlich in die mehr oder weniger tur-
der Flugbahn nach links und damit eine Drehung bulente Strömung ein, die der linke vorauseilende
r
des Geschwindigkeitsvektors vT entgegen dem Flügel hinter sich erzeugt. Durch diese Verwirbe-
Uhrzeiger Sinn. Das oben genannte Drehmoment lungen fällt (im Gegensatz zur laminaren Anströ-
paßt die Rotationsebene des Bumerangs dieser mung bei Q) ein gewisser Anteil der Luft bei Q' so
sich ändernden Geschwindigkeitsrichtung an. Es ungünstig auf die gewölbte Flügeloberseite ein,
läßt die Rotationsebene so entgegen dem Uhrzei- daß er netto den Gesamtauftrieb reduziert. Dies
gersinn (in Abb. 9) präzedieren, daß der Winkel α schlägt als verkleinerter k-Faktor zu Buche, so daß
r
zwischen dem Vektor vT und der Rorationsebene trotz vres(Q) = vres(Q‘) die Unsymmetrie FA(Q) >
stets konstant bleibt. Dieses garantiert einen stets FA(Q‘) entsteht (Abb. 11). Damit wird die Links-
gleich großen Auftrieb und damit die Konstanz Rechts-Symmetrie im überstrichenen Kreis gebro-
des Betrages FZ der Zentripetalkraft, so daß der chen und führt zu dem Drehmoment, welches das
beobachtete Flachlegen verursacht.
Es hängt von der Größe dieses Moments ab, wie
schnell die Flächenbewegung erfolgt. Je nach Bu-
merang kann das Drehmoment so stark ausgeprägt
Abb. 9: Der Flug des Bumerangs aus der Vogel- Abb. 10: Erzeugung von auftriebserniedrigenden
perspektive Turb ulenzen durch den vorauseilenden Flügel
Bumerang eine geschlossene Kreisbahn beschrei-
ben muß.
5
sein, daß die Rotationsebene sich bis zum Ende
des Flugs nicht nur in die Horizontale dreht, son-
dern darüber hinaus sich wieder schräg stellt -
jetzt allerdings mit der Oberseite der Flügel zur an-
deren Seite weisend, so daß sich an die Linkskur-
ve eine Rechtskurve anschließt. Auf diese Weise
kommen S- und 8-förmige Bumerangflugbahnen
zustande.
6
zu F1 =
1
(F − FA, U ) .
2 A, O
Weiterhin schätzt man nach Abb. 6 (vgl. Gl. (1))
FA, O ~ (ω r + vT )
2
FA,U ~ (ω r − vT )
2
und
M ~ FA, O − FA,U
~ (ω r + vT )2 − (ω r − vT )2 (5) Abb. 13: Zur Autorotation des Bumerangs
7
den Bumerang mit brennenden Wunderkerzen be- [14] Vos, H.: Straight Boomerang of balsa wood
stückt und Nachtaufnahmen seines Fluges her- and its physics. Am. J. Phys. 53 (3985), S. 524
stellt [13].
Des weiteren lassen sich noch zahlreiche Fragen
an die Beschaffenheit des Krummholzes anknüp-
fen. Welches Tragflügelprofil ist optimal? Fliegt
ein genarbter Bumerang (ähnlich wie ein Golfball)
weiter als ein glatt geschliffener? Würde ein gera-
der Stock als Bumerang funktionieren, wenn man
seinen Querschnitt tragnügelartig profiliert? Die
üblichen Überlegungen zum Bumerang sprechen
bei der letzten Frage dagegen [4]. Wird der Stock
jedoch aus sehr leichtem Holz (Balsa) gebaut, rich-
tig dimensioniert und korrekt geworfen, so kehrt er
auch zurück. Eine Erklärung hierfür kann die übli-
che Bumerrangtheorie allerdings nicht liefern [14].
Literatur:
[1] F. Hess: Boomerangs, Aerodynamics and Mo-
tion. Dissertation, Groningen 1975
[2] J. Walker: Bumerangs. Spektrum der Wissen-
schaft 5/1979, 5. 107
[3] J. Walker: Bumerangs. Spektrum der Wissen-
schaft 6/1979, S. 109
[4] F Hess. The aerodynamics of boomerangs Sci.
American Nov. 1968, S. 124
[5] A. L. King: Project Boomerang, Am. J Phys.
43(1975), S. 770
[6] Plempe, W. und Schön, L.: Der Bumerang - Ein
Spielzeug im Physikunterricht. In: Scharmann, A.
et al. (Hrsg.): DPG Fachausschuß Didaktik der
Physik. Vorträge der Frühjahrstagung 1981 Gie-
ßen. Gießen 1981, S. 147
[7] Veit, G.: Bumerangs. Werfen, Fangen und Sel-
berbauen. München: Hugendubel 1983
[8] Schurink, G.: Bumerangs Selbstbau und Wurf-
technik. Stuttgart 1982
[9] Urban, W.: Geheimnisvoller Bumerang. Kleines
Lehrbuch, Leutershausen 966
[10] Urban, W.: Der Sportbumerang ,,Comeback“
Begleitschrift zum Bumerang ,,Comeback"
[11] Schlichting, H. J. und Rodewald, B.: Ikarus'
Traum und die aerodynamische Wirklichkeit. PdN-
Ph 35 (1986). S. 7 (in diesem Heft)
[12] Schlichting, H. J. und Rodewald, B.: Papier-
hubschrauben PdN-Ph 35 (1986). S. 30 (in diesem
Heft)
[13] Röhrs, W.: Der Bumerang - Experimentelle Un-
tersuchungen mit einfachen Mitteln. Staatsex-
amensarbeit, Osnabrück 1984