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Bumerang

Das Dokument beschreibt die Flugeigenschaften des Bumerangs und erklärt physikalische Prinzipien seines Flugverhaltens. Es wird die Kreisbahn des Bumerangs und die Veränderung der Orientierung seiner Rotationsachse während des Flugs erläutert. Zentrale Größen sind die Zentripetalkraft, das Drehmoment und die Trägheit, die den charakteristischen Flug des Bumerangs bestimmen.

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Bumerang

Das Dokument beschreibt die Flugeigenschaften des Bumerangs und erklärt physikalische Prinzipien seines Flugverhaltens. Es wird die Kreisbahn des Bumerangs und die Veränderung der Orientierung seiner Rotationsachse während des Flugs erläutert. Zentrale Größen sind die Zentripetalkraft, das Drehmoment und die Trägheit, die den charakteristischen Flug des Bumerangs bestimmen.

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Praxis der Naturwissenschaften- Physik 35/5, 18 (1986)

Der Bumerang
ein Spielzeug mit verblüftenden Flugeigenschaffen
Von Hans Joachim Schlichting und Bernd Rodewald

Einleitung
Seit der zurückkehrende Bumerang in Europa be-
kannt ist, hat er die Menschen immer wieder faszi-
niert und zu zahlreichen Beschreibungen und Er-
klärungen seines erstaunlichen Flugverhaltens ge-
führt (vgl. das Literaturverzeichnis in [1]). Ein
Physiklehrer, der diese Faszination im Unterricht
nutzen möchte, sucht dennoch häufig vergeblich
nach unterrichtsnahen physikalischen Beschrei-
bungen: Die wenigen physikalisch korrekten und
durchsichtigen Veröffentlichungen, die zur Zeit
auf dem Markt sind, beziehen sich u. E. entweder
zu wenig auf einen möglichen Physikunterricht (z.
B. [2], [3], [4]) oder sie treiben eine Elementarisie-
rung nur bis zum Niveau des Hochschulunter-
richts oder eines Leistungskurses der Sekundar- Abb. 1: Beispiel eines zweiflügeligen Bumerangs
stufe II (z.B. [5], [6]) für Rechtshänder (Tragflügelprofil: abgerundete
Im folgenden soll versucht werden, unter weitge- Stirnkante gewölbte Oberseite, flache Unterseite,
hendem Verzicht auf quantitative Einzelheiten die scharfe Hinterkante)
physikalischen Prinzipien des Bumerangs so weit
zu vereinfachen, daß dieser auch im Unterricht der
Sekundarstufe [behandelt werden kann. Unsere
Darstellung ist jedoch so angelegt, daß darauf ei-
ne quantitative Beschreibung aufbauen kann.
Am Anfang eines solchen Unterrichts steht not-
wendigerweise zunächst der Bau und die Handha-
bung des Bumerangs, denn viele käuflich zu er-
werbende Bumerangs der Spielzeugindustrie flie- Abb. 2: Zur Definition von Abwurfwinkel und Hori-
gen u. E. schlecht. Bauanleitungen findet man z.B. zontwinkel
in [2], [7] und [8], auf die wir hier der Kürze halber
verweisen müssen. Ein Beispiel für einen zurück- hiervon eine Vorstellung zu geben, sei gesagt, daß
kehrenden Bumerang (nur diese sollen hier be- der Bumerang an einer Flügelspitze
sprochen werden) für Rechtshänder gibt Abb. l
ergriffen und mit der gewölbten Flügeloberseite
wieder (nach [2]). Er wird aus fünffach verleimt em
zum Werfer weisend aus nahezu senkrechter Posi-
Sperrholz (am besten finnische Birke) von 5-7 mm
tion so weggeschleudert wird, daß er in Rotation
Stärke hergestellt. Einer der wenigen guten käufli-
gerät. Für einen guten Flug sind die richtigen Grö-
chen Bumerangs ist der aus Kunststoff bestehen-
ßen von Abwurfwinkel (Winkel zwischen der Ve r-
de ,,Comeback" von W. Urban, den wir neben un-
tikalen und der anfänglichen Rotationsebene des
seren selbstgefertigten Holzbumerangs ebenfalls
Bumerangs), Horizontalwinkel und Luvwinkel
benutzt haben (Bezug. Dipl.-Kfm. Gerda Urban,
(Winkel zwischen Abwurfrichtung und Windrich-
Postfach 67, 8801 Leutershausen). Auch bezüglich
tung) wichtig (vgl. Abb. 2). Sie hängen von der
der genauen Wurftechnik verweisen wir auf die Li-
Form und dem Gewicht des Bumerangs und von
teratur (empfehlenswert z. B. [7], [9], [10]). Um
den Windverhältnissen ab. Details mü ssen durch
Versuche ermittelt werden. Gute Erfahrungen ha-

1
ben wir z. B. beim ,,Comeback" mit einem Abwurf- Wir gehen im folgenden zunächst von der einfa-
winkel von 20°-30° und einem Horizontwinkel von chen Flugbahn aus und stellen also fest:
10°-20° gemacht. Der Luvwinkel richtet sich aus-
• Der Bumerang beschreibt eine Kreisbahn.
gesprochen stark nach dem Wind: Je stärker die-
ser weht, desto weiter muß der Werfer ihm den Dieses ist sicherlich das auffälligste Phänomen, in
Rücken zukehren. Genauere Angaben hierzu, ins- dem sich der Flug eines Bumerangs von dem eines
besondere auch zur Behebung von Wurffehlern, weggeworfenen Stockes unterscheidet.
findet man in der angegebenen Literatur.
Des weiteren fällt auf daß sich die Orientierung der
Ebene, in der sich der Bumerang um seinen
Die Bewegungselemente des fliegenden Bu- Schwerpunkt dreht (Rotationsebene) während des
merangs Flugs verändert (Abb. 3). Während ein normaler
Stock, der beim Abwurf um eine waagerechte
Laien vermuten meistens in der bananenähnlichen Achse rotiert, dieses auch noch am Ende seines
Form des Bumerangs den Grund für dessen Rück- geradlinigen Flugs tut, ändert die Rotationsachse
kehr zum Werfen Doch beim Wurf entsprechend des Bumerangs ihre Richtung im Raum. Genauer:
r
geformter Hölzer wird man eines besseren belehrt, Zeigt der Vektor ω der Winkelgeschwindigkeit
denn sie werden i. a. nicht zurückkehren. Tatsäch- des Bumerangs beim Abwurf (vom Werfer aus ge-
lich ist die Formgebung von untergeordneter Be- sehen) nach links, so zeigt er beim Rückflug des
deutung, da man z.B. alle Buchstaben des Alpha- Bumerangs nach rechts und ist dabei oft auch
bets als Bumerangform nutzen kann [7]. noch mehr oder weniger schräg nach oben orien-
Wesentlich ist vielmehr die Profilierung des Hol- tiert. Nimmt man beim Abwurf eine in erster Nähe-
rung vertikal ausgerichtete Rotationsebene an, so
läßt sich die Änderung ihrer Orientierung durch
zwei Bewegungsanteile erfassen:
• Die Rotationsebene und demzufolge auch der
r
Vektor ω der Winkelgeschwindigkeit werden
um eine senkrechte Achse gedreht.
• Der Bumerang legt sich mehr oder weniger
r
flach, was einer Drehung von ω um eine
waagerechte Achse entspricht.
Bei einigen Bumerangs (z. B. beim ,,Comeback")
tritt bei manchen Würfen in der Endphase des
Abb. 3: Die Bahn des Bumerangs und die Orientie- Flugs noch eine zusätzliche Erscheinung auf:
rung seiner Rotationsebene bzw. des Vektors
r •
ω der Winke lgeschwindigkeit während des Fluges Der Bumerang zeigt am Schluß des Fluges das
Verhalten der Autorotation.
zes nach dem Muster eines Tragflügels. Hinzu
Damit ist gemeint, daß der Bumerang zum Schluß
kommt die Notwendigkeit, dem Bumerang beim
parallel zur Erdoberfläche rotiert und im Vergleich
Abwurf eine hinreichend große Rotation zu ertei-
zur vorhergehenden Flugphase deutlich langsamer
len, damit er wieder bis zum Werfer zurückkehren
sinkt und schneller rotiert. Diese Autorotation hat
kann. Physikalisch sind damit zwei Phänomenbe-
mit der eigentlichen Rückkehr des Bumerangs
reiche angesprochen, auf die der Bumerangflug
nichts mehr zu tun.
aufbaut: die Aerodynamik am Tragflügel und das
Verhalten eines sich um eine Achse drehenden Sieht man daher also zunächst einmal von der Au-
Körpers, eines Kreisels also. torotation ab, so weisen die Bewegungselemente
des Bumerangfluges auf das Vorhandensein dreier
Die Bahn eines gut geworfenen Bumerangs ist ei-
physikalischer Größen hin:
ne geschlossene Kurve, die sehr unterschiedliche
Formen annehmen kann. Sie ist im einfachsten Fall • eine Zentripetalkraft, die den Bumerang auf
eine Kreisbahn auf der Oberfläche einer gedachten eine Kreisbahn zwingt,
großen Kugel (Abb. 3). Dabei beschreibt der
• ein Drehmoment, welches die Rotationsebene
rechtshändige Bumerang in allen Flügen eine
des Bumerangs um eine senkrechte Achse
Linkskurve. In der Endphase des Fluges sind je-
dreht,
doch auch manchmal entgegengesetzte Kurven
möglich, so daß sich diverse Schleifenformen, 8- • ein Drehmo ment, welches die Rotationsebene
und S-Formen als Flugbahnen ergeben können. des Bumerangs um eine waagerechte Achse
dreht und ihn damit flachlegt.

2
r
Als Ursache für die Entstehung dieser von außen Punkten einer neuen Geschwindigkeit v , wie es in
angreifenden Kraft und dieser äußeren Momente Abb. 5b) dargestellt ist. Die Bewegungsrichtung
muß offensichtlich die Wechselwirkung des rotie- der Punkte P1 und P2 wird damit geändert, was ei-
renden Bumerangs mit der Luft angesehen wer- ner Drehung der Rotationsebene des Kreisels ent-
den. spricht, wie sie in Abb. 5b) eingezeichnet ist. Die-
se Drehung erfolgt in der Tat um die y-Achse mit
Eine grobe physikalische Erklärung für die der oben angegebenen Richtung der Präzession.
Bewegung des Bumerang
Der rotierende Bumerang ist ein Kreisel
Der Kreisel wird üblicherweise in der Sekundarstu-
fe I nicht behandelt. Für das Verständnis des Bu-
merangs genügt es jedoch. wenn Schüler an Spiel-
zeugkreiseln, am Jo-Jo, am Diabolo, am Diskus, am
rotierenden Rad etc. die folgenden Erfahrungen
gesammelt haben:
• Ein rotierender Kreisel behält seine Drehachse
im Raum bei, sofern keine äußeren Kräfte auf
ihn wirken.
Abb. 5: Zur Erklärung der Präzessionsbewegung
• An einem wie in Abb. 4 rotierenden Kreisel
eines Kreisels. In Abb. b) blickt man von oben
entgegen der y -Achse auf die Punkte P 1 und P 2

Der Bumerang ist ein Tragflügel


Der Bumerang erfährt damit beim Flug von der
umgebenden Luft eine Kraft, die sich in einen Wi-
derstandsanteil und einen (dynamischen) Auf-
triebsanteil zerlegen läßt. Das Wirken der Wider-
standskraft führt zu einer langsamen Abnahme der
Bewegungsenergie des Bumerangs und äußert
sich dementsprechend in einer Ve rringerung des
Abb. 4: Präzession eines Kreisels (als rotierende
Scheibe dargestellt), der mit der Geschwindigkeit ω Betrags vT der Translationsgeschwindigkeit und
um die z-Achse rotiert. Die Präzession erfolgt um der Rotationsfrequenz ω des Bumerangs. Diese
die y -Achse mit der Präzessions frequenz ωp Tatsache ist für den Mechanismus der Rückkehr
des Bumerangs nicht von Bedeutung und soll da-
greife ein Drehmoment an, welches ihn um die her im folgenden vernachlässigt werden.
x-Achse zu kippen versucht (z. B. kann das
Drehmoment wie in der Abbildung durch ein Wesentlich für das Verständnis des Bumerangs ist
r r
(
r r
)
Kräftepaar F1 , F2 mit F1 = − F2 entstehen). das Vorhandensein von Auftriebskräften. Wir ge-
hen an dieser Stelle davon aus, daß die Auftriebs-
Dann kippt der Kreisel nicht um, sondern er
r kraft im Unterricht bereits in einem Umfang be-
dreht sich - und zwar so, daß sein Vektor ω
handelt wurde wie es z. B. in [11] dargestellt ist.
der Rotationsgeschwindigkeit in die Richtung
der (positiven) x-Achse wandert. Diese Dre- Es soll also bekannt sein, daß ein Luftumströmter
r
hung heißt Präzession und erfolgt um die y- Tragflügel eine Auftriebskraft FA senkrecht zur
Achse mit der Präzessionsfrequenz ωp.
Strömungsrichtung und zur gewölbten Flügel-
Diese Präzession läßt sich nach Abb. 5 in einfa- oberseite weisend erfährt. Weiterhin setzten wir
cher Weise verstehen. Greift nämlich ein kippen- die Kenntnis der Tatsache voraus, daß der Betrag
r
des Moment wie in Abb. 4 am Kreisel an, so erhält FA umso größer ist, je größer die Relativge-
jeder Punkt des Kreisels eine zusätzliche Ge- r
r schwindigkeit v zwischen dem Flügel und der
schwindigkeit vk senkrecht zur Rotationsebene.
senkrecht auf die Stirnkante weisenden Strö-
Diese Ge schwindigkeit ist in Abb. 5a) für zwei mungskomponente der Luft ist. Dieses wird quan-
r
Punkte P1 und P2 eingezeichnet. vk überlagert sich titativ durch
r
mit der Rotationsgeschwindigkeit vR in diesen
FA = k ⋅ v 2 (1)

3
ausgedrückt, wobei die Größe k von geometri- weitere Punkte des überstrichenen Kreises näher
schen Daten des Flügels, von der Dichte der Luft zu untersuchen, sollen im nächsten Abschnitt die
und von der jeweils vorhandenen Art von Strö- Auswirkungen dieser Kräfteverteilung diskutiert
mung (laminar oder turbulent) abhängt. werden.

Abb. 7: Schema der Auftriebsverteilung in den


r Punkten P, P', Q, Q' von Abb. 6 unter der Annah-
Abb. 6: Translationsgeschwindigkeit vT und Rota-
r me eines ko nstanten Auftriebsfaktors k
tions geschwindigkeit vR am fliegenden Bumerang
für verschiedene Punkte die bei einer Volldrehung
r r r
überstrichen werden. vT + vR = vres wird zur Be-
stimmung des Auftriebs benötigt.

Um einen Eindruck von der Größe der Auftriebs-


kräfte am rotierenden Bumerang zu bekommen, hat
man sich also zunächst zu überlegen, wie groß die
relative Geschwindigkeit eines Tragflügelab-
schnitts in der umgebenden Luft ist, wenn dieser
z. B. die Punkte P, P', Q, Q' in Abb. 6 passiert. Die-
se Punkte haben den gleichen Abstand r zum r
Abb. 8: a) Auftriebskräfte oben ( FA,O ) und unten
Drehzentrum S und liegen in der kreisförmigen r
Fläche, die der rotierende Bumerang während einer ( FA,U ) auf der vorn Bumerang überstrichenen
Volldrehung überstreicht, wenn man sich mit dem Kreisfläche b) Zerlegung dieser Kräfte in einen
Schwerpunkt S mitbewegt. Nehmen wir der Ein- r
verschiebenden Anteil
r r
F und ein Kräftepaar
(
r r
)
fachheit halber Windstille an, so ist die gesuchte
r
Relativgeschwindigkeit einfach durch vres = vT +
r F1 , F2 mit F1 = − F2
r r
vR gegeben, wobei vT durch die Translation und
r Die ,,geheimnisvolle" Rückkehr des Bume-
vR durch die Rotation des Bumerangs zustande
r rangs
kommen. Die Richtung von vR hängt vom jeweils
betrachteten Punkt ab, sein Betrag vR = ω⋅r ist für Die Auftriebskräfte sind also in der überstrichenen
vorgegebenen Abstand r zum Drehzentrum S je- Scheibe von Abb. 6 bzw. Abb. 7 oben großer als
doch konstant. Während sich im oberen Punkt P unten. Sieht man dem wegfliegenden Bumerang
der Translations und der Rotationsanteil zu einem hinterher, so liegt offensichtlich eine physikali-
Maximalwert addieren, kompensieren sie sich teil- sche Situation vor wie in Abb. 8a), welche zur
weise im unteren Punkt P‘, was vres, dort minimal Darstellung in Abb. 8b) äquivalent ist. Die dort
macht. In den Punkten Q und Q' is t der Betrag v res r
gezeichnete Kraft F bewirkt eine seitliche Ve r-
der resultierenden Geschwindigkeit gleich und
schiebung des Bumerangs bei gleichbleibender
liegt zwischen den in P und P' ermittelten Werten. r
Orientierung der Drehachse ω während das Kräf-
(
r r
Läßt man an dieser Stelle zunächst noch die Tat- )
tepaar F1 , F2 dem wegfliegenden Bumerang ein
sache unberücksichtigt, daß zur Ermittlung des Drehmoment erteilt, welches ihn entgegen dem
r
Auftriebs noch die Komponente von vres zu be- Uhrzeigersinn zu kippen sucht, wegen der krei-
stimmen ist, welche senkrecht zur Stirnfläche des selnden Bumerangbewegung jedoch zu einer Dre-
Tragflügels weist, so folgt wegen der Beziehung hung (Präzession) um die vertikale y-Achse führt.
(1) aus der Abbildung 6 sofort eine Auftriebs- Beide Bewegungen wirken zusammen und führen
verteilung im überstrichenen Kreis, wie sie durch zu der beobachteten Kreisbahn.
Abb. 7 wiedergegeben wird. Ohne zunächst wei-

4
Abb. 9 veranschaulicht dieses Zusammenwirken Damit wird eine Links-Rechts-Symmetrie im über-
etwas genauer. Dort ist die Bewegung des strichenen Kreis suggeriert, die tatsächlich nicht
(rechtshändig geworfenen) Bumerangs aus der vorhanden ist. Dieses verdeutlicht Abb. 10. Zwar
Vogelperspektive dargestellt, wobei wir der besse- sind dort (wie in Abb. 6) in den Punkten Q und Q'
ren Übersicht wegen die im oberen Teil des rotie- die relativen Strömu ngsgeschwindigkeiten gleich
r
renden Bumerangs auftretende Kraft F (vgl. groß, vres(Q) = vres(Q‘) jedoch kann man im Falle
r der Bumerang Stellung von Abb. 10 sicherlich
Abb. 8b)) durch deren resultierende Kraft FZ im
nicht auf entsprechend gleich große Auftriebs-
Schwerpunkt ersetzt haben.
kräfte schließen.
r
Als eine auftriebsbedingte Kraft weist FZ stets Ein solcher Schluß nach Gleichung (l) hätte die
r
senkrecht zur momentanen Geschwindigkeit vT Annahme eines gleich großen Faktors k zur Vo r-
des Bumerangschwerpunktes und stellt damit eine aussetzung. Im Gegensatz zu Abb. 6 ist dieses in
r Abb. 10 jedoch nicht gerechtfertigt. Der Punkt Q'
Zentripetaikraft dar. FZ bewirkt eine Krümmung
taucht dort nämlich in die mehr oder weniger tur-
der Flugbahn nach links und damit eine Drehung bulente Strömung ein, die der linke vorauseilende
r
des Geschwindigkeitsvektors vT entgegen dem Flügel hinter sich erzeugt. Durch diese Verwirbe-
Uhrzeiger Sinn. Das oben genannte Drehmoment lungen fällt (im Gegensatz zur laminaren Anströ-
paßt die Rotationsebene des Bumerangs dieser mung bei Q) ein gewisser Anteil der Luft bei Q' so
sich ändernden Geschwindigkeitsrichtung an. Es ungünstig auf die gewölbte Flügeloberseite ein,
läßt die Rotationsebene so entgegen dem Uhrzei- daß er netto den Gesamtauftrieb reduziert. Dies
gersinn (in Abb. 9) präzedieren, daß der Winkel α schlägt als verkleinerter k-Faktor zu Buche, so daß
r
zwischen dem Vektor vT und der Rorationsebene trotz vres(Q) = vres(Q‘) die Unsymmetrie FA(Q) >
stets konstant bleibt. Dieses garantiert einen stets FA(Q‘) entsteht (Abb. 11). Damit wird die Links-
gleich großen Auftrieb und damit die Konstanz Rechts-Symmetrie im überstrichenen Kreis gebro-
des Betrages FZ der Zentripetalkraft, so daß der chen und führt zu dem Drehmoment, welches das
beobachtete Flachlegen verursacht.
Es hängt von der Größe dieses Moments ab, wie
schnell die Flächenbewegung erfolgt. Je nach Bu-
merang kann das Drehmoment so stark ausgeprägt

Abb. 9: Der Flug des Bumerangs aus der Vogel- Abb. 10: Erzeugung von auftriebserniedrigenden
perspektive Turb ulenzen durch den vorauseilenden Flügel
Bumerang eine geschlossene Kreisbahn beschrei-
ben muß.

Das Flachlegen des Bumerangs


Die bisherigen Überlegungen können das Flachle-
gen des Bumerangs, d. h. das Drehen der Rotati-
onsachse in die vertikale Richtung mit der gewölb-
ten Flügelseite nach oben nicht erklären. Wegen
der Kreiseleigenschaften des Bumerangs würde
diese Drehung nämlich ein Drehmoment voraus-
setzen, welches durch unterschiedlich große Auf-
triebskräfte in den links und rechts liegenden Abb. 11: Schema der Auftriebsverteilung auf der
Punkten Q und Q' des überstrichenen Kreises der vom Bumerang während einer Drehung überstri-
Abb. 6 zustande käme. Nach Abb. 7 sind die dort chenen Kreis fläche bei Berücksichtigung von Tur-
herrschenden Auftriebskräfte jedoch gleich groß. bulenze ffekten

5
sein, daß die Rotationsebene sich bis zum Ende
des Flugs nicht nur in die Horizontale dreht, son-
dern darüber hinaus sich wieder schräg stellt -
jetzt allerdings mit der Oberseite der Flügel zur an-
deren Seite weisend, so daß sich an die Linkskur-
ve eine Rechtskurve anschließt. Auf diese Weise
kommen S- und 8-förmige Bumerangflugbahnen
zustande.

Vertiefung der bisherigen physikalischen


Überlegungen
Eine genauere Analyse der Auftriebsvertei-
lung
Eine genauere Analyse der Auftriebskräfte hat die
Tatsache zu berücksichtigen, daß der Auftrieb FA
r r r
nicht durch den ,vollständigen" vres = vT + vR der
Relativgeschwindigkeit zwischen Luft und Flügel-
segment bestimmt ist, sondern nur durch die Teil-
r r
komponente v von vres welche senkrecht zur
Stirnkante des Flügels weist. Dieser Sachverhalt
ist in Abb. 12 für einige herausgegriffene Bume- Abb 12: Ermittlung der für den Auftrieb wirksamen
rangstellungen dargestellt. r
Geschwindigkeitskomponente v für drei Bume-
Man erkennt, daß die bisherigen qualitativen Be- rangstellungen. Die symmetrisch zueinander lie-
trachtungen durch diese detaillierteren Überle- genden Bumerangpositionen in Abb. b) besitzen
gungen keine Abänderung erfahren. Je näher man an den (bzgl. der vertikalen Achse durch S) spie-
auf dem Flügel zum Schwerpunkt S rückt, desto gelbildlich zueinander liegenden Flügelpunkten
r
kleiner wird r und damit v R und als Folge auch v res, gleich große Geschwindigkeit s komponenten v
v und FA. Es gilt jedoch nach wie vor, daß im Mit-
tel im oberen Teil des überstrichenen Kreises der Auf der Sekundarstufe II läßt sich hieraus eine
Auftrieb größer ist als im unteren Teil, da dort Aussage über den Radius R der Kreisbahn gewin-
r
auch v zu größeren Beträgen tendiert. (Abb. 12b) nen. Allerdings muß dem Schüler dann die Bezie-
macht weiterhin deutlich, daß Bumerangpositio- hung
nen, die bzgl. der vertikalen Achse durch S spie-
M
gelbildlich zueinander liegen, in der gleichen ωp= (3)
,,Höhe" des überstrichenen Kreises eine Strör- θ ⋅ω
r
nungskomponente v gleicher Größe besitzen.
bekannt sein, in der M das präzedierende Moment
Nach wie vor müssen daher die oben angespro- und θ das Trägheitsmoment des Bumerangs bzgl.
chenen Turbulenzeffekte herangezogen werden, seiner Drehachse angibt. Für den Radius R folgt
um den etwas unterschiedlichen Auftrieb im linken dann nämlich aus v T = ωR ⋅ R, Gl. (2) und (3) die Be-
und rechten Teil des überstrichenen Kreises zu er- ziehung
klären. Das Auftriebsschema der Abb. 11 hält da-
her auch dieser genaueren Betrachtung stand. vT ⋅ θ ⋅ ω
R= (4)
M
Der Radius der Bumerangkreisbahn
Nun ist aber das präzedierende Moment M pro-
Ist der Bumerang an seinen Ausgangspunkt zu- portional zum Betrag der in Abb. 8 gezeichneten
r r r
rückgekehrt, so hat er sich gerade einmal um seine Kraft F1 bzw. F2 : M ~ F1⋅ F1 bestimmt sich aus
vertikale Präzessionsachse gedreht. Die Präzessi-
den oben und unten am Bumerang auftretenden
onsgeschwindigkeit ωp und die Winkelgeschwin-
Auftriebskräften
digkeit ωR der Kreisbahnbewegung stimmen also
r r r
überein: FA ,O = F + F1
ω p =ω R (2) r r r
und FA ,U = F + F2

6
zu F1 =
1
(F − FA, U ) .
2 A, O
Weiterhin schätzt man nach Abb. 6 (vgl. Gl. (1))

FA, O ~ (ω r + vT )
2

FA,U ~ (ω r − vT )
2
und

ab, so daß insgesamt folgt:

M ~ FA, O − FA,U
~ (ω r + vT )2 − (ω r − vT )2 (5) Abb. 13: Zur Autorotation des Bumerangs

~ vT ⋅ ω Phase der sog. Autorotation wie z. B. ein rotieren-


der Ahornsamen zu Boden zu segeln.
Setzt man jetzt (5) in (4) ein, so fallen v T und ω of-
fensichtlich aus der rechten Seite von (4) heraus. In dieser Phase tritt neben der rotationsbedingten
r r
Geschwindigkeit vR eine Ceschwindigkeit vS auf,
Der Radius des vom Bumerang durchflogenen
Kreises hängt folglich nicht von der Drehfrequenz die durch das Absinken des Bumerangs zustande
ω des Bumerangs und seiner Bahngeschwindig- kommt.
keit vT ab. Der Bumerangwerfer kann seinem Bu- r r r
Deren Resultierende v = vS + vR weist vom Bu-
merang beim Abwurf also noch so viel Translation
und Rotation mitgeben, die Größe des durchfloge- merangflügel schräg nach unten (Abb. 13) und
r r
nen Kreises ändert er damit nicht (eine genauere gibt Anlaß zu einer Gesamtluftkraft FL = FA +
Analyse zeigt allerdings, daß Radius nur unab- r
FW welche in Drehrichtung des Bumerangflügels
hängig vom Quotienten ω/v T ist [1, S. 497ff.]).
geneigt ist. Dabei haben wir neben dem Auftrieb
Dieses Ergebnis läßt sich natürlich sehr einfach im r r
F A jetzt auch die Widerstandskraft FW mit be-
Experiment überprüfen. Hierzu muß sich lediglich r
eine gewisse Anzahl von Schülern an die Positio- rücksichtigt. Abb. 13 macht deutlich, daß FL da-
nen begeben, die vom Bumerang überflogen wer- mit eine Komponente in Drehrichtung besitzt, die
den, um auf diese Weise die Flugbahn auf der Er- den Flügel beschleunigt: Der Bumerang rotiert mit
de zu markieren. Für den ,,Comeback" haben wir höherer Winkelgeschwindigkeit ω, was auch in der
auf diese Weise einen Radius von ca. 20m ermit- Praxis gut zu beobachten ist.
telt. Beeinflussen kann man die Größe des durch-
Das Anwachsen von ω ist jedoch begrenzt. Denn
flogenen Kreises lediglich durch eine andere Profi-
mit ω erhöht sich auch die Geschwindigkeitskom-
lierung des Flügels und durch eine andere Mas- r
ponente vR was wiederum bedeutet, daß der Ve k-
senverteilung im Wurfgerät (d.h. durch Verände- r
rung des Trägheitsmoments). Letzteres läßt sich tor v flacher auf den Flügel auftrifft. Dadurch
r
sehr einfach dadurch realisieren, daß man mit Hilfe neigt sich der Luftkraftvektor FL in Abb. 13 nach
eine Klebefilms Geldmünzen an den Flügelenden hinten, bis schließlich die Position erreicht ist, in
befestigt. Die Reichweite des Bumerangs wird da- der keine beschleunigende Komponente mehr auf-
durch vergrößert. taucht. Dann hat ω seinen stationären Wert er-
reicht (näheres zur Autorotation in [12]).
Die Phase der Autorotation
Ausblick
Bei einigen Bumerangs ist bei geeigneten Würfen
die kinetische Energie der Translationsbewegung Wir haben versucht, ein einfaches Erklärungsmo-
zum Ende des Flugs weitgehend dissipiert. Die dell für das Flugverhalten eines Bumerangs an-
entstehenden Auftriebskräfte sind dann praktisch zugeben. Andere am Bumerang anknüpfbare Fra-
nur noch durch die Rotationsbewegung des be- gestellungen mußten dabei notwendigerweise of-
stimmt, was zu einer völlig symmetrischen Auf- fen bleiben. So haben wir z. R den Einfluß einer
triebsverteilung führt. Die eigentliche Bumerang- Variation der verschiedenen Abwurfwinkel auf die
bewegung ist damit beendet, da dann keine Prä- Flugbahn nicht näher diskutiert. Daher sei hier
zessionsmomente mehr vorhanden sind. Ein Bu- zumindest der Hinweis angebracht, daß sich die-
merang, der sich flach gelegt hat, beginnt in dieser ses Problem experimentell auch im Rahmen der
Schule sehr leicht untersuchen läßt, wenn man

7
den Bumerang mit brennenden Wunderkerzen be- [14] Vos, H.: Straight Boomerang of balsa wood
stückt und Nachtaufnahmen seines Fluges her- and its physics. Am. J. Phys. 53 (3985), S. 524
stellt [13].
Des weiteren lassen sich noch zahlreiche Fragen
an die Beschaffenheit des Krummholzes anknüp-
fen. Welches Tragflügelprofil ist optimal? Fliegt
ein genarbter Bumerang (ähnlich wie ein Golfball)
weiter als ein glatt geschliffener? Würde ein gera-
der Stock als Bumerang funktionieren, wenn man
seinen Querschnitt tragnügelartig profiliert? Die
üblichen Überlegungen zum Bumerang sprechen
bei der letzten Frage dagegen [4]. Wird der Stock
jedoch aus sehr leichtem Holz (Balsa) gebaut, rich-
tig dimensioniert und korrekt geworfen, so kehrt er
auch zurück. Eine Erklärung hierfür kann die übli-
che Bumerrangtheorie allerdings nicht liefern [14].

Literatur:
[1] F. Hess: Boomerangs, Aerodynamics and Mo-
tion. Dissertation, Groningen 1975
[2] J. Walker: Bumerangs. Spektrum der Wissen-
schaft 5/1979, 5. 107
[3] J. Walker: Bumerangs. Spektrum der Wissen-
schaft 6/1979, S. 109
[4] F Hess. The aerodynamics of boomerangs Sci.
American Nov. 1968, S. 124
[5] A. L. King: Project Boomerang, Am. J Phys.
43(1975), S. 770
[6] Plempe, W. und Schön, L.: Der Bumerang - Ein
Spielzeug im Physikunterricht. In: Scharmann, A.
et al. (Hrsg.): DPG Fachausschuß Didaktik der
Physik. Vorträge der Frühjahrstagung 1981 Gie-
ßen. Gießen 1981, S. 147
[7] Veit, G.: Bumerangs. Werfen, Fangen und Sel-
berbauen. München: Hugendubel 1983
[8] Schurink, G.: Bumerangs Selbstbau und Wurf-
technik. Stuttgart 1982
[9] Urban, W.: Geheimnisvoller Bumerang. Kleines
Lehrbuch, Leutershausen 966
[10] Urban, W.: Der Sportbumerang ,,Comeback“
Begleitschrift zum Bumerang ,,Comeback"
[11] Schlichting, H. J. und Rodewald, B.: Ikarus'
Traum und die aerodynamische Wirklichkeit. PdN-
Ph 35 (1986). S. 7 (in diesem Heft)
[12] Schlichting, H. J. und Rodewald, B.: Papier-
hubschrauben PdN-Ph 35 (1986). S. 30 (in diesem
Heft)
[13] Röhrs, W.: Der Bumerang - Experimentelle Un-
tersuchungen mit einfachen Mitteln. Staatsex-
amensarbeit, Osnabrück 1984

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