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Formale Oder Materiale Topik?: Kontroversen Und Perspektiven Der Neueren Literaturwissenschaftlichen Topik-Forschung

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Formale oder materiale Topik?

Kontroversen und Perspektiven der neueren


literaturwissenschaftlichen Topik-Forschung

Magisterarbeit
von
Ralf Boscher
Magisterarbeit
von
Ralf Boscher
Hindenburgstraße 18
78467 Konstanz
Matr.-Nr.: 01/387606

Formale oder materiale Topik?


Kontroversen und Perspektiven der neueren
literaturwissenschaftlichen Topik-Forschung

vorgelegt im März 1999


an der Universität Konstanz
Philosophische Fakultät
Fachgruppe Literaturwissenschaft

Prüferin: Frau Prof. Dr. Almut Todorow


Prüfer: Herr Prof. Dr. Gerhart von Graevenitz
Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung S. 3

Einleitung ›Curtius und die Folgen!?‹ S. 5

Erstes Kapitel ›Die ‘formale Topik’‹ S. 17

Ein Ausgangspunkt für eine Aktualisierung der Topik S. 17

Merkmale der Topik aus der Perspektive der ‘formalen Topik’ S. 19

Aktualisierung der Topik als Instrument der Interpretation S. 31

Zweites Kapitel ›Die ‘materiale Topik’‹ S. 36

Materiale Topik! S. 36

Materiale Topik? S. 38

Die Unschärfe von Ciceros Topik-Auffassung S. 42

Die Unschärfe des aristotelischen Topik- bzw. Topos-Begriffes S. 45

Aktualisierung eines allgemeinen Topik- bzw. Topos-Begriffs S. 54

Schluß ›Der Streit um einen angemessenen Topik-Begriff‹ S. 62

Literaturverzeichnis S. 76
Vorbemerkung

Das Thema meiner Abhandlung ist die neuere literaturwissenschaftliche Topik-


Forschung. Gegenstand von Topik-Forschung ist - wie der Name schon sagt - Topik,
wobei unter Topik ein Zusammenhang verstanden wird, der Einzelelemente umfaßt, die
Topoi genannt werden. Diese Topoi (der Plural des altgriechischen Wortes Topos, wel-
ches Ort, Stelle, Rang bedeutet) gaben der Topik ihren Namen.
Wie Uwe Hebekus in einer Einführung für Literaturwissenschaftler neueren Datums
schreibt, sei Topik „gegenwärtig sicherlich kein Leitbegriff, den eine der diversen litera-
turtheoretischen Richtungen sich auf ihre Fahnen geschrieben hätte“1. Gleichwohl merkt
Conrad Wiedemann in einer Veröffentlichung des Jahres 1981 mit kritischem Unterton
an, daß Topik in den sechziger und siebziger Jahren „[...] zu einem Modebegriff gewor-
den [sei]. Die Neigung, sich seiner vertrauensvoll zu bedienen, [...gehe] quer durch die
Fächer der Geistes-, Geschichts- und Sozialwissenschaften“2.
Wiedemann bemängelt hier vor allem die Vagheit, mit der die Begrifflichkeit Topik
verwendet werde. Damit aber ist nun auch das engere Thema meiner Arbeit angespro-
chen: denn, was genau unter Topik und Topoi zu verstehen ist, ist bis in die jüngste Zeit
umstritten. Dies ist vielleicht auch der Grund dafür, daß Topik - wie Hebekus schreibt -
nicht zu einem Begriff mit zentraler Bedeutung für die Literaturwissenschaft geworden
ist, obwohl wesentliche Ansätze - wie wir sehen werden - gerade die zentrale Bedeutung
der Topik für die Literaturwissenschaft betonen.
Dieser Streit wird jedoch nicht nur innerhalb der literaturwissenschaftlichen Topik-
Forschung geführt. Vielmehr reiche der „[...] historische und interdisziplinäre Umkreis
der Topik-Forschung [...- wie Lothar Bornscheuer schreibt -] seit geraumer Zeit weit
über den der ›europäischen Literatur und des lateinischen Mittelalters‹ hinaus, in dem sie
Ernst Robert Curtius vor einem halben Jahrhundert (seit 1938) ins Leben gerufen hatte:
nämlich sowohl über das Mittelalter als auch über die lateinische Literatur und nicht zu-
letzt über den Disziplinenkreis der Literaturwissenschaften“3.

1
Hebekus, Uwe: Topik/Inventio, in: Einführung in die Literaturwissenschaft, hrsg. von Miltos Pechliva-
nos/Stefan Rieger/Wolfgang Struck/Michael Weitz, Stuttgart/Weimar 1995, 82–96, hier: S. 82.
2
Wiedemann, Conrad: Topik als Vorschule der Interpretation. Überlegungen zur Funktion von Toposkata-
logen, in: Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion, hrsg. von Dieter Breuer/Helmut Schanze,
München 1981, 233–255, hier: S. 235.
3
Bornscheuer, Lothar: Neue Dimensionen und Desiderata der Topik-Forschung, in: Mittellateinisches
Jahrbuch, Bd. 22 (1987), hrsg. von Karl Langosch/Fritz Wagner, Stuttgart 1989, 2-27, hier: S. 2.
3
Diese Entwicklung manifestierte sich z.B. in der 1978 in Aachen veranstalteten in-
terdisziplinären Topik-Tagung. Wenn man die veröffentlichen Beiträge4 dieser Tagung
ver-folgt, so zeigt sich, daß der Streit um ein angemessenes Verständnis der Topik nicht
nur in den einzelnen Disziplinen, sondern auch interdisziplinär geführt wird. Und es er-
scheint mir eher unwahrscheinlich, daß dieser Streit auf der neuerlichen - auch interdis-
ziplinär orientierten - Tagung zu ‘Rhetorik und Topik’, die vom 9. bis 12. Oktober 1997
in Blaubeuren stattfand, beigelegt worden ist. Das Zustandekommen dieser Tagung zeigt
aber auch, daß Topik nicht einfach nur ein ‘Modebegriff’ war, sondern daß Topik immer
noch ein Thema ist, welchem Bedeutung für die aktuelle Diskussion in den verschiede-
nen Wissenschaften zugesprochen wird5.
Da meine Arbeit aber aus dem Interesse eines Literaturwissenschaftlers entstand, be-
schränkt sie sich auf einen verglichen mit dem Gesamtkomplex Topik relativ kleinen
Bereich6. Diese Beschränkung gilt sowohl für die diachrone als auch für die synchrone
Perspektive: die mehr als zweitausendjährige Geschichte der Topik kommt so nur teils-
weise und vor allem aus der Perspektive literaturwissenschaftlicher Forschungsbeiträge
in den Blick. Innerhalb der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Topik und To-
poi werden dann vor allem zwei Ansätze untersucht, die auf unterschiedliche Weise die
Bedeutung der Topik für die Literaturwissenschaft hervorgehoben haben.
Zunächst aber möchte ich in einem einführenden Kapitel den Streit um einen ange-
messenen Begriffsgebrauch innerhalb der Literaturwissenschaft Revue passieren lassen,
um dann - ausgehend von dem Kernpunkt dieses Streites - im weiteren Verlauf meiner
Arbeit die Bedeutung der Topik für die Literaturwissenschaft, die sich gerade auch an
diesem Kernpunkt ablesen läßt, herauszustellen.

4
vgl. Breuer, Dieter/Schanze, Helmut (Hrsg.): Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion, München
1981.
5
Die Tagungsbeiträge in Blaubeuren waren in folgende Sektionen unterteilt: „Topik in der Antike“, „Topik
in der Literatur und anderen Künsten der Spätantike, des Mittelalters und der frühen Neuzeit“, „Topik in
der Literatur und anderen Künsten der Neuzeit“, „Topik in der Philosophie und in der Rechtswissen-
schaft“, „Argumentations- und kommunikationstheoretische Topikforschung“. Bislang ist ein zusammen-
fassender Tagungsband noch nicht erschienen. Die hier wiedergegebenen Informationen habe ich dem -
mir freundlicherweise von Frau Prof. Dr. Todorow überlassenen - Tagungsprogramm entnommen.
6
einen Überblick über die Geschichte der Topik - und das interdisziplinäre Interesse an ihr - gibt etwa:
Bornscheuer, Lothar: Topik, in: Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte, Bd. IV, hrsg. von Klaus
Kanzog/Achim Masser, Berlin/New York 1984, 2. Auflage, 454–475; oder auch: Sprute, Jürgen: Die
Enthymemtheorie der aristotelischen Rhetorik, Göttingen 1982, 9–31 (Einleitung).
4
Einleitung

Curtius und die Folgen!?

Wie Dieter Breuer und Helmut Schanze in der Einführung zur Veröffentlichung der Bei-
träge der Aachener Topik-Tagung ausführen, zeige schon „eine vorläufige und eigentlich
nur sichtende Kenntnisnahme der Forschungsbeiträge zum Thema ›Topik‹ [...], daß die
Einheit eines Themas Topik keineswegs vorauszusetzen“1 sei. Über die Beantwortung
der Frage, was unter Topik oder unter einem Topos zu verstehen ist, „[...] scheint Einig-
keit nicht zu bestehen, vielmehr der Satz von den vielen Köpfen und vielen Meinungen
zu gelten“2.
Ein Umstand, dessen Auswirkungen Josef Kopperschmidt wie folgt charakterisiert:
„Wer sich mit Topik befaßt, gerät leicht in die Gefahr, sich im begriffsgeschichtlichen
Gestrüpp zu verfangen [...]“3.
Daß dies ein Ärgernis darstellt, welches überwunden werden muß, bestimmt den
Habitus vieler Beiträge zur Topik-Forschung - seit Ernst Robert Curtius4 den Anstoß zu
einer neuerlichen Beschäftigung mit Topik und Topos gegeben hatte. Man könnte sogar
sagen, daß die Suche nach einem eindeutigen (und konsensfähigen) Begriff von Topik
und Topos geradezu kennzeichnend für die moderne Topik-Forschung ist: „Die gesamte
auf Curtius folgende Toposforschung erscheint zu einem gewichtigen Teil als hartnäckig
geführte Diskussion um eine eindeutige und klare Definition des Topos“5.
Eine Suche, die ihren Anfang nahm, als Curtius sich in den dreißiger und vierziger
Jahren „[...] in obstinanter Polemik [...] gegen eine geistesgeschichtlich bodenlos speku-
lierende Literaturwissenschaft wandte“6 und sein Konzept der ‘historischen Topik’ sowie

1
Breuer, Dieter/Schanze, Helmut: Topik. Ein interdisziplinäres Problem, in: Topik. Beiträge zur interdis-
ziplinären Diskussion, hrsg. von Dieter Breuer/Helmut Schanze, München 1981, 9–13, hier: S. 9.
(nachfolgend zit. als: Breuer/Schanze, Topik. Ein interdisziplinäres Problem)
2
ebd.
3
Kopperschmidt, Josef: Formale Topik. Anmerkungen zur ihrer heuristischen Funktionalisierung innerhalb
einer Argumentationsanalytik, in: Rhetorik zwischen den Wissenschaften. Geschichte, System, Praxis als
Probleme des „Historischen Wörterbuchs der Rhetorik“ (=Rhetorik-Forschungen Bd. 1), hrsg. von Gert
Ueding, Tübingen 1991, 53–62, hier: S. 53. (nachfolgend zit. als: Kopperschmidt, Formale Topik)
4
vgl. vor allem: Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern/Mün-chen
1984, 10. Auflage (zuerst Bern 1948). (nachfolgend zit. als: Curtius, Europäische Literatur)
5
Baeumer, Max L.: Vorwort, in: Toposforschung, hrsg. von Max L. Baeumer, Darmstadt 1973, VII–XVII,
hier: S. X. (nachfolgend zit. als: Baeumer, Vorwort)
6
Jehn, Peter: Ernst Robert Curtius. Toposforschung als Restauration (statt eines Vorwortes), in: Toposfor-
schung. Eine Dokumentation, hrsg. von Peter Jehn, Frankfurt 1972, VII–LXIV, hier: S. VIII.
(nachfolgend zit. als: Jehn, Toposforschung als Restauration)
5
seine Begrifflichkeit von Topik und Topos mit dem Anspruch entwickelte, es den exak-
ten Wissenschaften gleichzutun7. Wenn Curtius also kritisierte, daß die moderne Litera-
turwissenschaft es bis dahin versäumt hätte, „den Grund zu legen, auf dem alleine sie ein
haltbares Gebäude errichten könnte: eine Geschichte der literarischen Terminologie“8,
dann sollte man davon ausgehen, daß er selbst Termini nicht grundlos verwendet hat, er
also seine Begrifflichkeit von ‘Topik’ und ‘Topos’ als philologisch gesichert und damit -
seinem eigenen Anspruch nach - als exakt und verifizierbar angesehen hat.
Die schon bald einsetzende Kritik an der Curtius’schen Fassung von Topik und Topos
gab nun der modernen Topik-Forschung ihre eigentümliche Dynamik und Prägung: Cur-
tius’ eigener Anspruch der philologischen Exaktheit wurde und wird gegen seine Auffas-
sung von Topik und Topos ins Feld geführt, die historische Topik gegen Curtius’ Metho-
de der ‘historischen Topik’ und seine Bestimmung von Topik und Topos ausgespielt.
Letztere hätten - so etwa Mertner - „mit der zweitausendjährigen Bedeutungsgeschichte
des Begriffs schlechterdings nichts mehr zu tun“9.
Ein apodiktisches Urteil, das - wie auch andere kritische Einsprüche - der allgemeinen
Wirkung der Curtius’schen Bestimmung von Topik und Topos allerdings keinen Ab-
bruch getan hat, was ‘Topik-Forschende’ immer wieder zu emotionalen Ausbrüchen
verleitete. Dazu einige Beispiele: für Walter Veit ist damit „[...] das Dilemma offensicht-
lich geworden. Der [Curtius’sche] Begriff Topos [...habe] einerseits [...] keine Berechti-
gung, andererseits [...sei] er in der Literaturwissenschaft heimisch geworden [...] und
[...werde] in anderen Disziplinen mehr und mehr aufgegriffen“10. Ludwig Fischer kriti-

7
vgl. Curtius, Europäische Literatur, S. 9 (Vorwort zur zweiten Auflage): “Um meine Leser zu überzeugen,
mußte ich die wissenschaftliche Technik anwenden, die das Fundament aller Geschichtsforschung ist: die
Philologie. Sie bedeutet für die Geisteswissenschaften dasselbe wie die Mathematik für die Naturwissen-
schaften. [...] Sie ist die Magd der historischen Wissenschaften. Ich habe versucht, sie mit derselben Prä-
zision und Stringenz zu handhaben wie die Naturwissenschaften ihre Methoden handhabt. Die Geometrie
demonstriert an Figuren, die Philologie an Texten. Die Mathematik darf sich mit Recht ihrer Exaktheit
rühmen. Aber auch die Philologie ist der Strenge fähig. Sie muß Ergebnisse liefern, die verifizierbar sind“.
8
Curtius, Europäische Literatur, S. 155.
9
Mertner, Edgar: Topos und Commonplace, in: Strena Anglica. Otto Ritter zum 80. Geburtstag am 9. Janu-
ar 1956, hrsg. von Gerhard Dietrich/Fritz W. Schulze, Halle 1956, 178–224, hier: S. 185. (nachfolgend
zit. als: Mertner, Topos und Commonplace)
Einer - so Jehn, Toposforschung als Restauration, S. VIII - „zu wenig berücksichtigten“ - und nach
Pöggeler - „zu wenig beachteten“ Arbeit (Pöggeler, Otto: Dialektik und Topik, in: Hermeneutik und Dia-
lektik. Aufsätze II [Sprache und Logik. Theorie der Auslegung und Probleme der Einzelwissenschaften].
Hans-Georg Gadamer zum 70. Geburtstag, hrsg. von Rüdiger Bubner/Konrad Cramer/Reiner Wiehl, Tü-
bingen 1970, 273–310, hier: S. 293).
10
Veit, Walter: Toposforschung. Ein Forschungsbericht, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwis-
senschaft und Geistesgeschichte 37 (1963), hrsg. von Richard Brinkmann/Hugo Kuhn, Stuttgart, 120–
163, hier: S. 146. (nachfolgend zit. als: Veit, Toposforschung)

6
siert, daß „Arbeiten in Curtius’ Nachfolge [...] den Wechselbalg [von Curtius’ Konzepti-
on], ihn ihrerseits weiter verunstaltend, ohne Zögern [...aufnehmen würden]“11. Und ob-
wohl Peter Jehn wünschte, dazu beizutragen, „[...] das Kapitel ›Topos-Begriff bei Curti-
us‹ allmählich zu den Akten [...] zu legen“12, war der Wirkungsgeschichte von Curtius’
Konzeption auch mit dieser Zusammenstellung der gegen sie sprechenden Argumente
kein Ende gesetzt, so daß etwa Conrad Wiedemann 1981 der - seiner Auffassung nach -
„falsche[n] Topik“13 von Curtius zugestehen mußte, daß sie „nicht nur in der Literatur-
wissenschaft vorherrschend geblieben [wäre], sondern [...] sich auch in den Nachbarwis-
senschaften durchgesetzt“14 hätte:

„Topik ist in den vergangenen zwanzig Jahren bekanntlich zu einem Modebegriff geworden.
Die Neigung, sich seiner vertrauensvoll zu bedienen, geht quer durch die Fächer der Geistes-,
Geschichts- und Sozialwissenschaften. Weniger gut steht es hingegen um eine konsensfähige
Definition. Hier gibt es viel Ungenauigkeit, Naivität und Widersinn, aber auch objektive
Schwierigkeiten, denn im Grunde kursieren zwei Auffassungen von Topik, eine theoriege-
schichtlich angemessene und eine theoriegeschichtlich unangemessene, wobei es aparterweise
die zweite ist, die sich wissenschaftlich durchgesetzt hat, während die andere als die begriff-
lich genauere und substantiellere entweder ganz unbekannt ist oder als besserwisserischer
Einspruch empfunden oder nur als epistemologische Antiquität wahrgenommen wird. Schuld
an dieser paradoxen Situation ist bekanntlich die philologische Autorität von E.R. Curtius,
dem Vater des aktuellen Toposbegriffs, und die schier grenzenlose Assoziierbarkeit seiner
irrtümlichen Neudefinition“15.

Curtius Verständnis der Topoi habe sogar - wie Wiedemann bedauernd konstatiert -
„beste Chancen, in die gehobene Umgangssprache einzudringen“16. Und angesichts der
mittlerweile erschienenen 11. Auflage (1993) von ‘Europäische Literatur und lateinisches
Mittelalter’ ist es leicht nachvollziehbar, wenn Stefan Goldmann schreibt, daß dieses
Buch „noch immer das Standardwerk der Toposforschung und ein Klassiker der Litera-
turwissenschaft“17 sei, und er von einer „uns Nachgeborenen tief eingeprägte[n] Assozia-

11
Fischer, Ludwig: Topik, in: Grundzüge der Literatur- und Sprachwissenschaft. Band 1: Literaturwissen-
schaft, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold/Volker Sinemus, München 1973, 157–164, hier: S. 158.
(nachfolgend zit. als: Fischer, Topik)
12
Jehn, Toposforschung als Restauration, S. LV.
13
Wiedemann, Conrad: Topik als Vorschule der Interpretation. Überlegungen zur Funktion von Toposkata-
logen, in: Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion, hrsg. von Dieter Breuer/Helmut Schanze,
München 1981, 233–255, hier: S. 233. (nachfolgend zit. als: Wiedemann, Topik als Vorschule)
14
ebd., S. 236.
15
ebd., S. 235.
16
ebd., S. 236.
17
Goldmann, Stefan: Zur Herkunft des Topos-Begriffs von Ernst Robert Curtius, in: Euphorion. Zeitschrift
für Literaturgeschichte 90. Band (1996), hrsg. von Wolfgang Adam, Heidelberg, 134–149, hier: S. 134.

7
tion von ›Topos‹ und dessen engagierten, populären Verfechter Curtius“18 spricht. Eine
Einschätzung, die man mit Blick auf ein Standardwerk der Literaturwissenschaft, Hans-
jürgen Blinns ‘Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft’, wird teilen müs-
sen. Denn Blinn verzeichnet sowohl in der 1. Auflage aus dem Jahr 198219 als auch in der
1994 erschienenen dritten, neu bearbeiteten und erweiterten Auflage20 unter dem Stich-
wort ‘Toposforschung’ nur einen einzigen Beitrag: Curtius’ Buch ‘Europäische Literatur
und lateinisches Mittelalter’, das zudem in der 3. Auflage noch mit dem Zusatz
„›Geisteswissenschaftlicher Klassiker‹“21 bezeichnet wird.
Dabei „hätte es durchaus nicht zu dieser Fehlentwicklung kommen müssen“22, meint
Wiedemann und führt eine ganze Reihe von Wissenschaftlern an, die sich gegen diese
irrtümliche Entwicklung gewandt hätten. Er stellt also gewissermaßen einen ‘Positiv-
Katalog’ für eine angemessene Beschäftigung mit Topik auf: nämlich die Arbeiten von
Theodor Viehweg23 und Edgar Mertner24, deren Kritik weitestgehend folgenlos geblieben
sei, ähnlich wie auch die Kritik von Ludwig Fischer25, Joachim Dyck26, Peter Jehn27,
Josef Kopperschmidt28, Dieter Breuer29, Heinrich Plett30.

18
ebd.
19
vgl. Blinn, Hansjürgen: Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft, Frankfurt 1982, hier: S.
70.
20
vgl. Blinn, Hansjürgen: Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft, Frankfurt 1994, dritte,
neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe, hier: S. 74.
21
ebd.
22
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 235.
23
vgl. Viehweg, Theodor: Topik und Jurisprudenz. Ein Beitrag zur rechtswissenschaftlichen Grundlagen-
forschung, München 1974, 5. und erw. Aufl. (zuerst 1953).
24
vgl. Mertner, Topos und Commonplace.
25
vgl. Fischer, Ludwig: Curtius, die Topik und der Argumenter, in: Sprache im technischen Zeitalter 42
(1972), hrsg. von Walter Höllerer, 114–143.
26
vgl. Dyck, Joachim: Ticht-Kunst. Deutsche Barockpoetik und rhetorische Tradition, (=Ars Poetica. Texte
und Beiträge zur Dichtungslehre und Dichtkunst, hrsg. von August Buck/Heinrich Lausberg/Wolfram
Mauser, Bd. 1), Bad Homburg/Berlin/Zürich 1966, insbes. Kap. III (Erfindung und Topik), 40–65, und:
Exkurs I, 174. (nachfolgend zit. als: Dyck, Ticht-Kunst)
27
vgl. Jehn, Toposforschung als Restauration.
28
vgl. Kopperschmidt, Josef: Allgemeine Rhetorik. Einführung in die Theorie der Persuasiven Kommuni-
kation, Stuttgart etc. 1973, insbes. Kap. 6.4. (Die Renaissance der Topik), Kap. 6.5. (Die Methode der
Topik), Kap. 6.6. (Die Rationalität der Topik), 136–149.
29
Breuer, Dieter: Einführung in die pragmatische Texttheorie, München 1974, insbes. Kap. [Link]
(Invention), 159–165. (nachfolgend zit. als: Breuer, Pragmatische Texttheorie)
30
Plett, Heinrich F.: Einführung in die rhetorische Textanalyse, Hamburg 1973, 2. durchgesehene Aufl.
(zuerst 1971), insbes. Kap. B.I (Inventio), 12–16.

8
Worin aber bestand nach Ansicht der Kritiker nun der „prominente[...] Irrtum“31, der
im Laufe der modernen Auseinandersetzung mit Topik von so vielen Kritikern „mit wün-
schenswerter Klarheit korrigiert“32 worden wäre, ohne daß dies einen Einfluß auf die
Karriere des Curtius’schen Topik- und Topos-Begriffs gehabt hätte?
Ludwig Fischer ist der Auffassung, daß Curtius die Topik zwar korrekt als grundle-
genden Abschnitt der rhetorischen Findungslehre beschreibt, die dann von der griechi-
schen Antike bis zum Untergang der Rhetorik am Ende der Aufklärung einen entschei-
denden Bestandteil des Normenkomplexes der Rhetorik mit all ihren Geltungsbereichen,
also auch der Poetik, gebildet hätte. Wenn Curtius aber schreibe, Topik sei im antiken
Lehrgebäude der Rhetorik das Vorratsmagazin gewesen, in welchem man Gedanken all-
gemeinster Art finde, die bei allen Reden und Schriften angewandt werden könnten33,
dann sei dies falsch. Topik sei kein Vorratsmagazin mit den Topoi als fertigen Argumen-
ten in seinen Schränken: „Die Topik ist eine Methode, zu Beweisen zu gelangen - die
Topoi, die Loci sind nie die Argumente selbst, sondern die ›Örter‹, an denen man sie fin-
den kann“ 34.
Auf „[...] Curtius’ Gleichsetzung von Topos/locus mit dem dadurch gebildeten Argu-
ment selbst [...]“35 beruhe dann - so Jehn - „auch die falsche und von Curtius gar nicht
bewiesene Behauptung, daß mit der Rhetorisierung der Literatur die Topoi ›Klischees‹
werden, die ›literarisch allgemein verwendbar sind‹“36. Wenn Curtius als Aufgabe der
Toposforschung - wie Fischer weiter ausführt - also die „Untersuchung der Tradition lite-
rarischer Klischees, Formeln, Bilder, Gedanken, Themen [ansehe...], da sich in der Kon-
stanz und im historischen Wandel solcher Elemente die Kontinuität und ›Sinneinheit‹37
der europäischen Literatur erkennen lasse“38, dann sei es Etikettenschwindel, wenn er
sich auf die antike Topik und den Begriff des Topos berufe39.

31
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 235.
32
ebd.
33
vgl. Curtius, Europäische Literatur, hier: S. 89.
34
Fischer, Topik, S. 159.
35
Jehn, Toposforschung als Restauration, S. LVI-LVII.
36
ebd., LVIII.
37
vgl. Veit, Toposforschung, S. 123.
38
Fischer, Topik, S. 157.
39
Diese „falsche Namensgebung“ (Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 236) ist - laut Wiedemann - der
„fruchtbare[...] Irrtum [...], denn auf unerklärliche Weise hat die falsche Namensgebung eine neue wis-
senschaftliche Identität hervorgebracht und den bis dahin wenig entwickelten und disparaten Sparten der
sprachlichen, Motiv-, Metaphern- und Schlagwortforschung eine unerwartete Blüte beschert“ (ebd.).

9
Die Sichtung der antiken Topik zeige somit, daß Curtius’ ausdrückliche Anknüpfung
an diese Findungslehre, mit dem Ziel, „den normativen Charakter der antiken Topik als
heuristisches Prinzip benutzend, den ›Grund zu einer historischen Topik‹40 [zu] legen“41,
jeglicher Grundlage entbehre.
Dazu Joachim Dyck: „Der Toposbegriff von E. R. Curtius wird [...] mit Recht inkri-
miniert [...]. Curtius will zwar an dem antiken Begriff Topik festhalten [...], er behält
jedoch nur das Wort bei und verengt dessen Bedeutung zu ›festes Klischee, konventionel-
les Gedankenschema, Gemeinplatz, tradierte Formel‹ (vgl. Mertner, S. 178–185) [...]“42.
Curtius nehme - wie Dyck in einer neueren Arbeit zusammenfaßt - die rhetorische Bedeu-
tung des Begriffs nicht zur Kenntnis und setze den Fundort mit dem dadurch gebildeten
Argument gleich: „Der Vorwurf an die Philologien, sie lösten sich ›von dem tragenden
Grund der Geschichte‹43 und neigten dazu, ›die eigene Unwissenheit durch in-existente
Abstraktionen zu ersetzen‹44 [...], schlägt auf Curtius selber zurück“45.
Aber Curtius’ Begriff von Topos wird nicht nur deswegen kritisiert, weil er material
bestimme, was formal zu fassen sei (weil er das, was gefunden werden soll, mit dem
Hilfsmittel identifiziert, welches der Suche dient), sondern auch deswegen, weil er äu-
ßerst unscharf wäre. Der angewandte Begriff sei - so Fischer - „kaum identifizierbar“46:
„Man erkennt, daß der Begriff Topos verschiedenartigen tradierten Elementen der Litera-
tur übergestülpt wird, als da sind Motiv, Bild, Emblem, Zitat, Klischee, Formel, Phrase
und dergleichen“47. Und - wie Fischer Mertner zitiert -: „Einmal auf diese Weise einge-
führt, wird der Begriff Topos bedenkenlos auf alles literarische Gut angewendet, dessen
Überlieferungscharakter sich mehr oder weniger deutlich nachweisen läßt“48.
Und so klingt es schon ein wenig resigniert, wenn Josef Kopperschmidt 10 Jahre nach
Wiedemanns energischer Zurückweisung der ‘falschen’ Topik-Auffassung schreibt: „[...]
allen philologischen Bedenken gegen eine Begriffsausfransung zum Trotz - Topik ist

40
vgl. Curtius, Europäische Literatur, S. 92.
41
Fischer, Topik, S. 157.
42
Dyck, Ticht-Kunst, S. 174.
43
vgl. Curtius, Europäische Literatur, S. 507.
44
vgl. ebd.
45
Dyck, Joachim: Topik, in: Fischer Lexikon Literatur, Bd. 3 (N-Z), hrsg. von Ulfert Ricklefs, Frankfurt
1997, 1844–1856, hier: S. 1851. (nachfolgend zit. als: Dyck, Topik)
46
Fischer, Topik, S. 157.
47
ebd., S. 157–158.
48
Mertner, Topos und Commonplace, S. 183.

10
nicht zuletzt durch die Autorität von E.R. Curtius in den verschiedenen Disziplinen
(Literaturwissenschaft, Jurisprudenz, Soziologie, Politologie, Ideologiekritik, Psychoana-
lyse usw.) so erfolgreich rezipiert worden, daß die Relevanz der unter diesem Titel ge-
führten innerwissenschaftlichen Diskussionen die Frage nach der jeweiligen Legitimität
der Begriffsverwendung als obsolet erscheinen läßt“49. Und so zieht Kopperschmidt - um
nicht „der Versuchung zu erliegen, sich durch dogmatische Begriffsnormierungen ge-
waltsam einen Weg durch dieses Gestrüpp zu schlagen“50 - aus „dem notorischen Streit
über ein angemessenes Topikverständnis die irenische Lehre [...], daß dieser Streit nicht
zu schlichten [...sei], weil er mittlerweile selbst Teil der Begriffsgeschichte der Topik
geworden [...sei]“51.
Kopperschmidt schlägt dann vor, daß unter „›Topoi‹ sowohl die allgemeinsten Form-
prinzipien möglicher Argumente zu verstehen [seien], wie [auch] die zu Motiven, Denk-
formen, Themen, Argumenten, Klischees, loci communes, Stereotypen usw. stabilisierten
materialen Gehalte [...]“52. Letztere faßt er - um eine „Unterscheidung zwischen diesen
beiden Begriffsverständnissen terminologisch zu erleichtern“53 - unter dem „Begriff ma-
teriale Topik zusammen und [...grenzt] sie gegenüber einer formalen Topik ab, die [...er]
ihrer Funktion entsprechend genauerhin als Heuristik [...begreift], d.h als eine Heuristik
möglicher Argumente“54.
Meiner Auffassung nach folgt Kopperschmidt somit der Sache nach der Einteilung,
die auch Wiedemann vorgenommen hatte, mit dem Unterschied allerdings, daß er die
verschiedenen Begriffsverständnisse nicht unter wertende Titel rubriziert, wie es Wiede-
mann mit seiner Einteilung in ‘wahre’ und ‘falsche’ Topik getan hatte. Aber gerade an
dieser terminologischen, nicht wertenden Einteilung von Kopperschmidt wird deutlich,
warum es durchaus nicht obsolet ist, sich dem Streit um die Frage eines angemessenen
Begriffsverständnisses zu stellen.
Denn bemerkenswert erscheint mir, daß Kopperschmidt mit dieser Unterscheidung die
Kontrahenten im Streit um ein angemessenes Begriffsverständnis in einer gewissen Wei-
se feststellt, festschreibt: wenn er sagt, daß der Streit nicht zu schlichten ist, weil er

49
Kopperschmidt, Formale Topik, S. 53.
50
ebd.
51
ebd.
52
ebd.
53
ebd.
54
ebd., 53–54.

11
„mittlerweile selbst Teil der Begriffsgeschichte der Topik geworden [...sei]“55, dann sagt
er erstens, daß die hier angesprochene Frontstellung neueren Datums ist, zweitens, daß
der Streit sich in der unversöhnlichen Opposition von formaler und materialer Topik er-
schöpft, und man drittens wählen muß, welcher Auffassung man sich anschließt.
Meiner Meinung nach verkennt diese hier skizzierte Sicht des Streites aber die eigent-
liche Dimension der Auseinandersetzung: denn ich denke nicht, daß der Streit sich in der
Alternative materiale oder formale Topik erschöpft.
Der Streit scheint mir eher damit zusammenzuhängen, daß Vertreter einer eindeutigen
und enggefaßten Begriffsbestimmung Vertretern gegenüberstehen, die der Auffassung
sind, daß eine allzu scharfe Trennung zwischen ‘formaler’ und ‘materialer’ Topik (oder
‘wahrer’ und ‘falscher’ Topik) dem Komplex Topik nicht angemessenen sei.
Wenn Conrad Wiedemann kritisiert, daß sich selbst Kenner, „[...] die um den Wider-
spruch sehr wohl [...wüßten], neuerdings immer weniger auf Kritik ein[ließen], sondern
[eher] versuch[t]en [...,] die historische Einheit der beiden Auslegungen zu retten [...], [...
was sich u.a. an den Arbeiten von] Walter Veit56, Berthold Emrich57, August Obermay-
er58, Max. L. Baeumer59 [...und - am flagrantesten - bei Lothar Bornscheuer60 zeige, des-
sen] anspruchsvolle[...] Arbeit [...] in ihrem ersten Teil die schärfsten Waffen der Kritik
schmiede[...], um in ihrem zweiten [Teil] der Curtius’-schen Vagheit und deren Folgen
mit hoher begriffsbildender Anstrengung beizuspringen [...]“61, dann stellt Wiedemann
hier nicht nur einen ‘Negativ-Katalog’ auf, sondern er legt - meiner Meinung nach - den
Finger auch auf die richtige Stelle.
Allerdings denke ich nicht, daß die hier von Wiedemann kritisierte versuchte Aufhe-
bung des Widerspruchs ein mangelndes Kritikbewußtsein an der vorherrschenden Lehr-
meinung zeigt. Vielmehr deutet sich hier meiner Ansicht nach vor allem eine andere Auf-
fassung von den objektiven Schwierigkeiten, die das Thema Topik in sich birgt, an:

55
ebd., S. 53.
56
vgl. Veit, Toposforschung. Ein Forschungsbericht.
57
vgl. Emrich, Berthold: Topik und Topoi, in: Der Deutschunterricht. Beiträge zu seiner Praxis und wissen-
schaftlichen Grundlegung Jg.18, Heft 6 (1966), mit dem Titel: Beiträge zur literarischen Rhetorik, hrsg.
von Robert Ulshöfer, Stuttgart, 15–46. (nachfolgend zit. als: Emrich, Topik und Topoi)
58
vgl. Obermayer, August: Zum Toposbegriff der modernen Literaturwissenschaft, in: Jahrbuch des Wiener
Goethe-Vereins 73 (1969), 107–116.
59
vgl. Baeumer, Vorwort.
60
Bornscheuer, Lothar: Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft, Frankfurt 1976.
(nachfolgend zit. als: Bornscheuer, Topik)
61
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 236.

12
Sehen etwa Wiedemann und Kopperschmidt vor allem in Curtius den Schuldigen für
die objektiven Schwierigkeiten bei der Bestimmung eines angemessenen - nicht ausfran-
senden - Topik-Begriffs, da ja - ihrer Auffassung nach - ein klarer und eindeutiger Begriff
in der historischen Topik (wie sie z.B. Mertner dargestellt hat) vorliegt62, so sehen andere
die Schwierigkeiten einer Begriffsbestimmung schon durch das Thema Topik und durch
die wechselvolle Geschichte dieses Themas vorgegeben.
So schreibt Emrich, daß schon bei Aristoteles „der Bedeutungsumfang des Begriffes
‘Topos’ so sehr [wuchs], daß er in keine Definition hineinpassen wollte“63, und mit Blick
auf die gesamte Antike spricht er von der „Vielfalt der Aspekte, die Topik und Topoi in
der Antike boten“64. Jozef A. R. Kemper macht darauf aufmerksam, „wie gefährlich es
[...sei], mit ganz scharfen Definitionen an den aristotelischen τóπoς-Begriff heranzutre-
ten“65 und verweist auf den bei Aristoteles „typisch unscharfen Begriff des τóπoς“66. Und
auch für Bornscheuer wird schon bei einem bruchstückhaften Überblick über die Ge-
schichte der Topik deutlich, daß es von „[...] der Topik des Aristoteles aus der Mitte des
4. Jh.s v. Chr. als der ältesten Grundlagenschrift bis in die gegenwärtigen T[opik]-
Diskussionen verschiedener Fachwissenschaften [...] bislang zu keiner eindeutigen und
zugleich umfassenden Definition der Begriffe Topik und Topos gekommen“67 sei, auch

62
Auch wenn dieser „Begriff im Altertum selbst nicht zu ganzer Klarheit gekommen ist“ (Mertner, Topos
und Commonplace, S. 185), was dann allerdings für diese Forschungstradition nur ein terminologisches
Problem darstellt.
63
Emrich, Topik und Topoi, S. 29.
64
ebd., S. 46. Ausgehend von dieser Beobachtung kommt Emrich auch zu einer anderen Sicht von Curtius’
Topik-Auffassung: „Die Berechtigung für die historische Topik von Curtius sehe ich einmal in der Viel-
falt der Aspekte, die Topik und Topoi in der Antike boten, und in der Auswirkung der Rhetorik auf die
Texte begründet, vor allem aber in der Umkehrung eines Systems, das der literarischen Produktion dien-
te, zu einem Instrument des Textverständnisses“ (ebd.)
65
Kemper, Jozef A. R.: Topik in der antiken rhetorischen Techne, in: Topik. Beiträge zur interdisziplinären
Diskussion, hrsg. von Dieter Breuer/Helmut Schanze, München 1981, 17–32, hier: S. 19. (nachfolgend
zit als: Kemper, Topik in der antiken rhetorischen Techne)
66
ebd., S. 20. Kemper kommt im Anschluß an diese typische Unschärfe dann auch zu einer anderen Wer-
tung von Mertner’s Aufsatz: „Fast völlig unverständlich ist es, wie ein nur auf wenige in der aristoteli-
schen Tradition stehende, ausgewählte Zitate sich stützender Aufsatz so lange fast unangefochten ge-
herrscht hat, wie der Aufsatz ‘Topos und Commonplace’ von Mertner, dessen Interpretation von Fischer
und anderen fortgeführt wurde und sogar im 1. Buch der ‘Grundzüge der Literatur- und Sprachwissen-
schaft’ als Standardinterpretation in Erscheinung treten durfte. Die Hauptthese: ›Die topoi, die loci sind
nie die Argumente selbst‹, die bereits die natürliche Metonymie zwischen ›Behälter‹ und ›Inhalt‹ ver-
kennt, ist so einfach zu widerlegen (bereits Emrich hatte einen Ansatz dazu gegeben, in dessen Spuren
auch Bornscheuer sich begeben hat), daß ich eine peinlich genaue philologische Falsifizierung nicht für
nötig halte. (Es sollte trotzdem nocheinmal geschehen angesichts der offensichtlichen Vitalität der The-
se!“ (ebd., S. 28).
67
Bornscheuer, Lothar: Topik, in: Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte, Bd. IV, hrsg. von Klaus
Kanzog/Achim Masser, Berlin/New York 1984, 2. Auflage, 454-475, hier: S. 454.

13
wenn eine „[...] zusammenhängende Darstellung der zweieinhalbjahrtausend alten fä-
cherübergreifenden Bedeutungsgeschichte des Komplexes T[opik] [...] bislang noch
nicht“68 existiere.
Die Schwierigkeiten eines angemessenen Begriffsgebrauchs ließen sich demnach nicht
einfach nur dadurch lösen, daß man die Tradition befrage, um von dort eindeutige,
‘wahre’ Antworten über den Gegenstand Topik zu erhalten. Die Begriffe Topik und To-
pos hätten immer schon eine gewisse Unschärfe gehabt69: „Es gibt keine präzise histori-
sche Definition des Topos“70. Oder wie es Peter Hess mit Blick auf Wiedemanns Unter-
scheidung eines ‘wahren’ und eines ‘falschen’ Topik-Begriffes schreibt: „Demgegenüber
soll hier die These vertreten werden, daß ›richtiger‹ und ›falscher‹ Toposbegriff schon
seit der Antike nebeneinander existieren und daß die Geschichte des ›falschen‹ Topos-
Begriffs auf die Antike zurückgeht“71. Hess weist dann noch in einer Fußnote darauf hin,
daß diese Diskussion in der amerikanischen Rhetorikforschung kaum eine Rolle spiele:
„Vielmehr hat sich die Einsicht, daß Topik ein vielschichtiger, vieldimensionaler und
historisch wandelbarer Begriff ist, [dort] schon lange durchgesetzt“72.
Auch Wiedemann scheint diese hier skizzierte Unschärfe zu sehen, wenn er davon
spricht, daß die Rettung der „historische[n] Einheit der beiden Auslegungen [...] bedingt
möglich“73 sei. Allerdings paßt eine solche Möglichkeit nicht zu seiner Ansicht, daß es
„eine wahre und eine falsche Topik [...gebe]“74, daß also die Begriffe Topik und Topos in
ihrer „ursprünglichen und wesentlichen Bedeutung“75 in aller Eindeutigkeit vorlägen.

68
ebd.
69
Eine Unschärfe, die auch von einem der von Wiedemann als Beleg für seine Unterscheidung zwischen
„wahre[r]“ und „falsche[r]“ (Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 233) Topik-Auffassung angeführten
Kritiker gesehen wurde: „Topoi in diesem engeren Sinne des Begriffs sind die Adressen für Teilmengen
von gespeicherten Gedanken [also nicht die Gedanken selbst...]. Diesem Toposbegriff steht schon seit
den Anfängen der rhetorischen Theorie eine andere Auffassung gegenüber, derzufolge die Topoi die
fungiblen inhaltlichen Elemente (res) selbst sind. [...] Seit[... Curtius’ Veröffentlichungen] gibt es zahlrei-
che Versuche, zunächst einmal den ›richtigen‹ Toposbegriff zu ermitteln. Doch haben solche Versuche
bestenfalls weiteres Belegmaterial für die Historizität der Begriffsbildung erbracht“ (Breuer, Pragmati-
sche Texttheorie, S. 160–162).
70
Bornscheuer, Lothar: Zehn Thesen zur Ambivalenz der Rhetorik und zum Spannungsgefüge des Topos-
Begriffs, in: Rhetorik. Kritische Positionen zum Stand der Forschung, hrsg. von Heinrich F. Plett, Mün-
chen 1977, 204-212, hier: S. 206.
71
Hess, Peter: Zum Toposbegriff der Barockzeit, in: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 10
(Rhetorik der frühen Neuzeit), hrsg. von Joachim Dyck, Tübingen 1991, 71–88, hier: S. 76.
72
ebd.
73
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 236.
74
ebd., S. 233, Hervorhebung R.B.
75
ebd.

14
Nimmt man aber diese Unschärfe der auch schon in den verfügbaren historischen
Quellen feststellbaren Begriffsbestimmungen ernst - sieht in ihnen kein Manko, sondern
Vielschichtigkeit -, dann führt dies dazu, anzuerkennen, daß das Thema Topik sich einer
strengen Eindeutigkeit und engen Begriffsbestimmung sperrt.
Hier wird deutlich, daß die Frage nach einem angemessenen Begriffsverständnis von
Topik nicht deswegen jenseits von „dogmatische[n] Begriffsnormierungen“76 angegan-
gen werden müßte, weil man sich dem Streit um ein angemessenes Begriffsverständnis
entziehen möchte, sondern weil es die Thematik selbst verlangt. Oder wie es das Motto
von Lothar Bornscheuers Arbeit ausdrückt: „Man sollte nie exakter oder genauer sein
wollen, als das vorliegende Problem verlangt“77.
Bevor ich anhand Bornscheuers einflußreicher78 Topik-Auffassung aber untersuche,
warum die Topik ein Problem darstellt, das sich strenger Eindeutigkeit sperrt, möchte ich
zuvor der gegenläufigen Auffassung Raum geben, indem ich der Frage von Conrad Wie-
demann nachgehe, welchen Sinn es haben könnte, den „historisch zwar genuinen, doch

76
Kopperschmidt, Formale Topik, S. 53.
77
Bornscheuer, Topik, S. 7.
78
vgl. z.B. die produktiven (auch kritischen) Anknüpfungen an Bornscheuers Topik-Auffassung im Rahmen
der Aachener Topik-Tagung (veröffentlicht in: Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion, hrsg. von
Dieter Breuer/Helmut Schanze, München 1981): Kemper Jozef A. R: Topik in der antiken rhetorischen
Techne, 17–32; Schumann, Hans Gerd: Topik in den Sozialwissenschaften?, 191–199; Spillner, Bernd:
Thesen zur Zeichenhaftigkeit der Topik, 256–263; Allgaier, Karl: Toposbewußtsein als literaturwissen-
schaftliche Kategorie, 264–274.
Vgl. auch: Haberkamm, Klaus/Richartz, Heinrich: Rhetorik und Topik, in: Literaturwissenschaft, Grund-
kurs 1, hrsg. von Helmut Brackert/Jörn Stückrath in Verbindung mit Eberhard Lämmert, Reinbek bei Ham-
burg 1981, 298–320; Graevenitz, Gerhart von: Mythos. Zur Geschichte einer Denkgewohnheit, Stuttgart
1987; Moos, Peter von: Geschichte als Topik. Das rhetorische Exemplum von der Antike zur Neuzeit und
die historiae im „Policraticus“ Johanns von Salisbury, (Ordo, Studien zur Literatur und Gesellschaft des
Mittelalters und der frühen Neuzeit, Band 2, hrsg. von Ulrich Ernst/Christel Meier), Hildes-
heim/Zürich/New York 1988; Beetz, Manfred: Rhetorisches Textherstellen als Problemlösen. Ansätze zu
einer linguistisch orientierten Rekonstruktion von Rhetoriken des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Rhetorik
(Erster Band, Rhetorik als Texttheorie), hrsg. von Josef Kopperschmidt, Darmstadt 1990, 155-193; Neu-
ber, Wolfgang: Fremde Welt im europäischen Horizont. Zur Topik der deutschen Amerika-Reiseberichte
der Frühen Neuzeit, (Philologische Studien und Quellen, hrsg. von Hugo Steger/Hartmut Steinecke, Heft
121), Berlin 1991; Göttert, Karl-Heinz: Einführung in die Rhetorik. Grundbegriffe - Geschichte - Rezepti-
on, München 1991; Neuber, Wolfgang: Topik und Intertextualität. Begriffshierarchie und ramistische Wis-
senschaft in Theodor Zwingers METHODVS APODEMICA, in: Intertextualität in der Frühen Neuzeit :
Studien zu ihren theoretischen und praktischen Perspektiven, hrsg. von Wilhem Kühlmann/Wolfgang Neu-
ber, (Frühneuzeit-Studien, hrsg. von Institut für die Erforschung der Frühen Neuzeit, Wien, Band 2), Frank-
furt etc. 1994, 253–278; Hebekus, Uwe: Topik/In-ventio, in: Einführung in die Literaturwissenschaft, hrsg.
von Miltos Pechlivanos/Stefan Rieger/Wolf-gang Struck/Michael Weitz, Stuttgart/Weimar 1995, 82–96;
Todorow, Almut: „Stürmisches Bravo von der Galerie“. Redner und Publikum in der Mitte des 19. Jahr-
hunderts : Ein Bericht aus dem Ersten Deutschen Parlament von Heinrich Laube (1849), in: Rhetorik. Ein
internationales Jahrbuch, Band 14 (Angewandte Rhetorik), hrsg. von Joachim Dyck/Walter Jens/Gert Ue-
ding, Tübingen 1995, 1–13.

15
wissenschaftsgeschichtlich unterlegenen Begriff, der im Gegensatz zum Curtius’schen
eine rhetorisch-dialektische bzw. hermeneutische Verfahrensweise bezeichnet, [- also die
seiner Meinung nach ‘richtige’ und ‘angemessene’ Topik-Auffassung -] wieder ins Spiel
zu bringen, noch dazu in aktualisierender Absicht?“79
Auf diesem Wege soll zweierlei deutlich werden: zum einen die unterschiedliche Be-
deutung für die Literaturwissenschaft, die der Topik jeweils zugesprochen wird. Zum
anderen - und daran anknüpfend -, daß die Auseinandersetzung über Topik ihren tieferen
Grund in einer unterschiedlichen Auffassung von den Prinzipien literaturwissenschaftli-
cher Forschung hat. Denn der Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzung um ein
angemessenes Topik-Verständnis scheint mir nicht so sehr die Frage zu sein, inwieweit
der historische Begriff von Topik in der modernen Forschung adäquat wiedergegeben
wird, sondern eher die Frage, welche Bedeutung das Phänomen Topik für die Literatur-
wissenschaft hat bzw. haben soll.
Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Wiederentdeckung der Topik? An der Be-
antwortung dieser Frage - so denke ich - scheiden sich die Geister, aus ihr ergeben sich -
meiner Auffassung nach - die nicht zu schlichtenden Meinungsverschiedenheiten über
das Thema Topik.
Demnach wäre dann auch die fehlende Einheit der Thematik Topik nicht als Resultat
fehlerhafter wissenschaftshistorischer Weichenstellungen zu verstehen, sondern als Aus-
druck einer wissenschaftshistorischen Situation, in welcher sich innerhalb einer wissen-
schaftlichen Disziplin die Frage nach dem herrschenden Wissenschaftsverständnis stellt.
Das ‘Gestrüpp’ unterschiedlicher Meinungen, das für Kopperschmidt die Gefahr in
sich birgt, sich leicht darin zu verfangen, wäre somit zunächst als eine adäquate Erschei-
nungsweise einer Disziplin zu verstehen, in der „der Satz von den vielen Köpfen und
vielen Meinungen“80 deswegen gilt, da sich in ihr ein Streit um das die Disziplin leitende
Prinzip entzündet hat.

79
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 237. Wobei Wiedemann in seinem - wie Gerhart von Graevenitz
anmerkt - „bislang nur von Topik-Spezialisten wahrgenommenen Artikel die Verwandtschaften von lite-
raturwissenschaftlichem Interpretieren und topischen Techniken herausarbeite[...], immer vorausgesetzt,
daß man ‘Topik’ nicht gleichsetz[...e] mit ihrer Curtiusschen Entstellung. Auch Wiedemann leite[...] aus
diesen Beziehungen natürlich kein ‘topisches Programm’ für die Literaturwissenschaft ab“ (Graevenitz,
Gerhart von: Apparatband zu: Graevenitz, Gerhart von: Mythos. Zur Geschichte einer Denkgewohnheit,
Tübingen 1987 [Kopien in der Universitätsbibliothek Tübingen unter der Signatur Um 10517 deponiert
und ausleihbar], hier: S. 240).
80
Breuer/Schanze, Topik. Ein interdisziplinäres Problem, S. 9.

16
Erstes Kapitel

Die ‘formale Topik’

Ein Ausgangspunkt für eine Aktualisierung der Topik

Conrad Wiedemann geht bei seinem Aktualisierungsversuch der Topik als einer
„Vorschule der Interpretation“1 von dem „leidigen Wahrscheinlichkeitscharakter der
meisten unserer Aussagen“2 aus, die innerhalb der Literaturwissenschaft (und den im
weiteren Sinne hermeneutischen Wissenschaften) getroffen werden können.
In diesem „relativen Gewißheitsgrad“3 dürften, wie er ausführt, „Glanz und Elend un-
serer Fächer [...] zu gleichen Teilen verwurzelt sein“4. Dies sei „die philologische All-
tagserfahrung, oder genauer noch: unsere alltägliche wissenschaftliche Anfechtung“5, die
- so Wiedemann - vermutlich so alt sei wie die „aristotelische Unterscheidung6 eines
apodiktischen und eines dialektischen Schlußverfahrens“7.
Wiedemann spricht vom „Trauma eines schwankenden Selbstwertgefühls“8 ange-
sichts des ‘Wahrscheinlichkeitscharakters’ der hermeneutischen Wissenschaften gegen-
über den apodiktischen, exakten Wissenschaften: „wir spüren [...], wie groß die Gel-

1
Wiedemann, Conrad: Topik als Vorschule der Interpretation. Überlegungen zur Funktion von Toposkata-
logen, in: Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion, hrsg. von Dieter Breuer/Helmut Schanze,
München 1981, 233–255, hier: S. 233. (nachfolgend zit. als: Wiedemann, Topik als Vorschule)
2
ebd., S. 233.
3
ebd.
4
ebd.
5
ebd.
6
Gleich zu Beginn seiner Topik-Schrift (Top. I, 1 100a, 32 – 100b, 31) unterscheidet Aristoteles verschie-
dene Arten von Schlüssen anhand des Stellenwertes der Prämissen, auf denen sie beruhen: „Es ist nun
eine Demonstration (Apodeixis), wenn der Schluß aus wahren und ersten Sätzen gewonnen wird oder aus
solchen, deren Erkenntnis aus wahren und ersten Sätzen entspringt. Dagegen ist ein dialektischer Schluß
ein solcher, der aus wahrscheinlichen Sätzen gezogen wird. Wahre und erste Sätze sind solche, die nicht
erst durch anderes, sondern durch sich selbst glaubhaft sind. Denn bei den obersten Grundsätzen der Wis-
senschaft darf man nicht erst nach dem Warum fragen, sondern jeder dieser Sätze muß durch sich selbst
glaubhaft sein. Wahrscheinliche Sätze aber sind diejenigen, die Allen oder den Meisten oder den Weisen
wahr scheinen, und auch von den Weisen wieder entweder Allen oder den Meisten oder den Bekannte-
sten oder Angesehensten. Ein eristischer Schluß (Streitschluß) aber ist ein solcher, der auf nur scheinbar,
nicht wirklich wahrscheinlichen Sätzen fußt, und ein solcher, der auf wahrscheinlichen oder scheinbar
wahrscheinlichen Sätzen zu fußen scheint“ (Aristoteles: Topik. Organon V, übersetzt und mit Anmerkun-
gen versehen von Eugen Rolfes, Hamburg 1968, unveränd. Nachdruck der 2. Auflage 1922 [zuerst 1919],
hier: S. 1-2 [nachfolgend zit. als: Übersetzung Rolfes]).
7
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 233.
8
ebd., S. 234.

17
tungsdifferenz zwischen beiden Aussagenbereichen realiter ist und wie anders unsere
Legitimationen beschaffen sein müssen“9. Denn anders als in den „messenden“10 Wis-
senschaften, die aufgrund „rigorose[r] Einengung des Frageansatzes (bzw. der Ver-
suchsanordnung)“11 zu exakten Aussagen kämen - so Wiedemann -, würde ein solcher
„barer Reduktionismus in den interpretierenden Wissenschaften [...] Gefahr [laufen],
seinen lebensweltlichen Gegenstand zu degradieren, wenn nicht gar zu verfehlen“12.
Kategorien wie „Genauigkeit, Abgrenzung, Eindeutigkeit etc.“13 hätten zwar auch in den
interpretierenden Wissenschaften ihren Sinn, aber viel mehr schienen
„Argumentationsfülle, Perspektivenvielfalt, Zusammenschau, Universalität [...] eins der
Qualitätskriterien interpretierender Wissenschaftlichkeit zu sein“14.
Um nun dieser auf Universalität angelegten Forschungspraxis ein Fundament zu ge-
ben, welches den unvermeidlichen Wahrscheinlichkeitscharakter der hermeneutischen
Disziplinen methodisch diszipliniert, um also die Vielfalt möglicher Interpretationen
nicht dem Zufall oder dem plötzlichen Einfall zu überlassen, sondern in einer reflektier-
ten einheitlichen Methode zu verankern, möchte Wiedemann mit seinem Aktualisie-
rungsversuch an die historische Topik in ihrer „ursprünglichen und wesentlichen Bedeu-
tung“15 anknüpfen. Diese Anknüpfung hält er zum einen für notwendig, da „ein ange-
messener Kritizismus in den hermeneutischen Disziplinen16 auf den Bezugsrahmen eines
Denkens in kategorialen ›Reihen‹ angewiesen [...sei]“17, und zum anderen für legitim, da
„dieses Prinzip in der historischen ›Topik‹ vorgeprägt [...sei]“18: denn Topik stehe für
das „Ideal einer universalen Kompetenz qua Methode“19 und biete damit einen Ansatz
für „einen den nichtexakten Wissenschaften angemessenen Kompetenzbegriff“20.

9
ebd.
10
ebd., S. 235.
11
ebd., S. 234.
12
ebd., S. 235.
13
ebd.
14
ebd..
15
ebd., S. 233.
16
vgl. ebd., S. 249: „falls wir nicht wissenschaftliche Kritik überhaupt mit aktualistischem Räsonnement
verwechseln“.
17
ebd., S. 233.
18
ebd.
19
ebd., S. 249.
20
ebd., S. 237.
18
Merkmale der Topik aus der Perspektive der ‘formalen Topik’

Im folgenden möchte ich vor allem anknüpfend an Wiedemann und die von ihm in sei-
nem ‘Positiv-Katalog’ genannten Autoren einen kurzen Abriß der Topik aus dem
Blickwinkel der ‘formalen Topik’ geben, um daran anschließend Wiedemanns Aktuali-
sierungsversuch und die von ihm herausgestellte Bedeutung der Topik für die Litera-
turwissenschaft darzustellen.
Die antike Rhetorik, und mit ihr die Topik, habe - wie Joachim Dyck ausführt21 - weit
bis über das Mittelalter hinaus die literarische Praxis geprägt. Bis tief in das 18. Jahrhun-
dert hinein sei sie eine Bildungsmacht geblieben, der die europäische Literatur in Geist
und Form nachhaltig verpflichtet gewesen wäre. Die Voraussetzungen und Begleitum-
stände, die zum Ende dieser Tradition geführt hätten, der „Paradigmenwechsel [...] in der
Literatur um 1700“22, seien - wie Wiedemann schreibt - „bis heute kaum geklärt“23. Die
auf „wahrscheinlichen Sätzen“24 basierende Topik hätte jedenfalls im kritischen Ver-
stande ihre Dignität verloren: nun galt sie z.B. als eine Denkungsart, „deren sich Schul-
lehrer und Redner bedienen konnten, um unter gewissen Titeln des Denkens nachzuse-
hen, was sich am besten für [...die] vorliegende Materie schickte, und darüber, mit einem
Schein von Gründlichkeit, zu vernünfteln oder wortreich zu schwatzen“25.
Allerdings hätte die Topik - wie Wiedemann weiter ausführt - im Gegensatz zu
manch anderem Theorem, das damals sein (wissenschaftliches) Ansehen verloren hätte
(wie etwa der Autoritätsbeweis oder der Altersbeweis), „äußerst prominente Verteidiger
[gefunden], ja man [...könne] sagen, daß gerade die kompliziertesten und weitsichtigsten
Köpfe dieser Umbruchzeit vor ihrer Suspendierung [...]“26 gewarnt hätten.
Als solch einen ‘komplizierten Kopf’ sieht Wiedemann Gian Battista Vico an, der
selbst in dem Bewußtsein, daß „die Auseinandersetzung zwischen Cartesianismus und
alter Methode“27 - zwischen moderner kritischer und alter topischer Methode - „längst

21
vgl. Dyck, Joachim: Ticht-Kunst. Deutsche Barockpoetik und rhetorische Tradition, (=Ars Poetica.
Texte und Beiträge zur Dichtungslehre und Dichtkunst, hrsg. von August Buck/Heinrich Laus-
berg/Wolfram Mauser, Bd. 1), Bad Homburg/Berlin/Zürich 1966, hier: S. 7. (nachfolgend zit. als: Dyck,
Ticht-Kunst)
22
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 246.
23
ebd.
24
Top. I, 1 100a, Übersetzung Rolfes, S. 1.
25
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, nach der ersten und zweiten Originalausgabe hrsg. von Jens
Timmermann, Hamburg 1998, hier S. 385 (KrV, B 324-325).
26
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 237.
27
ebd., S. 238.
19
zugunsten der ersteren entschieden“28 ist, meine, „beschwörend an den Eigenanspruch
der letzteren erinnern zu müssen [...]“29. So kritisiere Vico, daß die Topik „[...] ganz und
gar vernachlässigt“30 werde, da die Anhänger der kritischen Wissenschaft, „[...] um ihre
erste Wahrheit nicht nur vom Falschen, sondern auch vom bloßen Verdacht des Falschen
frei zu halten, alle sekundäre Wahrheit, sowie alles Wahrscheinliche genau so wie das
Falsche aus dem Denken entfernt wissen [...wollten]“31.
Wie Wiedemann schreibt, zweifle Vico nicht daran, daß es den „Cartesianern mit ih-
rer mathematischen Methode gelänge, gültige Wahrheiten zu ermitteln [...]“32, doch fra-
ge er erschreckt: „Allein, wie können sie gewiß sein, alles gesehen zu haben?“33. Denn
für Vico widersprächen sich die beiden Methoden nicht - wie Wiedemann weiter darlegt
-, sondern würden sich vielmehr ergänzen34: „[...] wie die Auffindung der allgemeinen
Beweisgründe naturgemäß früher [...sei] als das Urteil über ihre Wahrheit, so [...müsse]
die Lehre der Topik früher sein als die der Kritik“35.
„Die ›topische‹ liege der ›kritischen‹ Methode [also] gleichsam voraus [- wie Wiede-
mann Vicos Auffassung zusammenfaßt -], denn sie aktiviere Phantasie und Gedächtnis
und erschließe mehr oder minder vollständig den ›natürlichen Allgemeinsinn‹ [sensus
communis], d.h. den konventionellen Fundus des gesellschaftlichen Kollektivwissens
über den Gegenstand“36. Mit seiner Auffassung, daß die Topik der Kritik vorausliege,
schließt Vico an die ‘Topica’ Ciceros an37. Denn Cicero schreibt in seiner Altersschrift:

„Jede sorgfältige Methode eines Vortrags besitzt zwei Teilaspekte, einmal den des Auffin-
dens, zum anderen den des Beurteilens; [...] die Methodik der Auffindung, die ›Topik‹ heißt,
[...ist] eigentlich für die Praxis wichtiger und der gegebenen Reihenfolge der Begriffe nach
fundamentaler [...als die Wege der Beurteilung]“38.

28
ebd.
29
ebd.
30
Vico, Gian Battista: De nostri temporis studiorum ratione (Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung),
zweisprachige Ausgabe, Übertragung von Walter F. Otto, Godesberg 1947, hier: S. 29. (nach-folgend
zit. als: Vico, De nostri)
31
ebd., S. 27.
32
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 238.
33
Vico, De nostri, S. 30.
34
vgl. Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 239.
35
Vico, De nostri, S. 29.
36
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 239.
37
vgl. Kopperschmidt, Josef: Topik und Kritik. Überlegungen zur Vermittlungschance zwischen dem Prius
der Topik und dem Primat der Kritik, in: Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion, hrsg. von
Dieter Breuer/Helmut Schanze, München 1981, 171–187. (nachfolgend zit. als: Kopperschmidt, Topik
und Kritik)
38
Topica II, 6, zit. nach: Cicero, Marcus Tullius: Topica, zweisprachige Ausgabe, übersetzt und mit einer
Einleitung hrsg. von Hans Günter Zekl, Hamburg 1983, hier: S. 5 u. 7. (nachfolgend zit. als: Überset-
zung Zekl)
20
Daher nehme - wie Dyck ausführt - die „[...] erste und wichtigste Stelle in der Syste-
matik der Rhetorik [...] die inventio ein“39, wobei unter „Inventio (griech. ›heuresis‹, dt.
›Erfindung‹) [...nach Plett] die Kunst [zu verstehen sei], wahre oder wahrscheinliche
Stoffmomente aufzufinden, die den Redegegenstand glaubhaft machen. [Damit seien
diese...] Stoffmomente [...] nicht einem zufälligen Suchen anheimgegeben [...]“40, denn
wer „etwas finden [...wolle, müsse - wie Joachim Dyck schreibt -] im groben wissen, wo
er suchen soll. Die Aufgabe, das Suchen zu systematisieren und eine Lehre über das
‘Wo’ des Suchens zu entwickeln, [...habe] innerhalb der Inventio die vieldiskutierte To-
pik zu leisten. Sie [...sei] die Lehre von den ›Örtern‹ (τóπoι, loci), die die Argumente
beherberg[t]en, mit deren Hilfe der Redner die von ihm vorgetragene Sache zu beweisen
und glaubwürdig zu machen [...habe]“41.
Es war Aristoteles, der der Topik „ihren Namen“42 gab. Auch wenn er mit der Topik
„offensichtlich eine rhetorische Angelegenheit“43 angesprochen hätte, nämlich den Be-
reich des Wahrscheinlichen und nicht der Wahrheit, so bleibe - wie Theodor Viehweg
schreibt - „das erste Anliegen des großen Philosophen [allerdings] ein philosophi-
sches“44. Die Topik des Aristoteles diene - so Wiedemann - „der Auffindung [...] der
besten und angemessensten Argumentationsformen. D.h. sie [...versammle] alle nur
halbwegs vorstellbaren Modi des logischen Demonstrierens und Widerlegens. Aristote-
les [...meine] damit ein Verfahren zu beschreiben, mit dem man in der dialektischen
Erörterung ›über jedes (!) aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse
bilden‹45 könne“46. Es sei zwar - wie Fischer anmerken muß - „bei Aristoteles nicht ganz
einfach, eine klare Kontur des Begriffs ›Topos‹ zu bestimmen“47. Aber da Aristoteles

39
Dyck, Joachim: Topik, in: Fischer Lexikon Literatur, Bd. 3 (N-Z), hrsg. von Ulfert Ricklefs, Frankfurt
1997, 1844–1856, hier: S. 1844. (nachfolgend zit. als: Dyck, Topik)
40
Plett, Heinrich F.: Einführung in die rhetorische Textanalyse, Hamburg 1973, 2. durchgesehene Aufl.
(zuerst 1971), hier: S. 12. (nachfolgend zit. als: Plett, Rhetorische Textanalyse)
41
Dyck, Ticht-Kunst, S. 42-43.
42
Viehweg, Theodor: Topik und Jurisprudenz. Ein Beitrag zur rechtswissenschaftlichen Grundlagenfor-
schung, München 1974, 5. und erw. Aufl. (zuerst 1953), hier: S. 19. (nachfolgend zit. als: Viehweg, To-
pik und Jurisprudenz)
43
ebd., S. 21.
44
ebd.
45
Wiedemann zitiert hier den Eingangssatz der Aristotelischen Topik-Schrift (Top. I, 1 100a) in der Über-
setzung von Rolfes: „Unsere Arbeit verfolgt die Aufgabe, eine Methode zu finden, nach der wir über je-
des aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse bilden können und, wenn wir selbst Rede
stehen sollen, in keine Widersprüche geraten“ (Übersetzung Rolfes, S. 1).
46
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 240.
47
Fischer, Ludwig: Topik, in: Grundzüge der Literatur- und Sprachwissenschaft. Band 1: Literaturwissen-
schaft, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold/Volker Sinemus, München 1973, 157–164, hier: S. 158.
(nachfolgend zit. als: Fischer, Topik)
21
auch im Zuge der erneuten Behandlung der Topoi in seiner Rhetorik-Schrift „in breiter
Form die konkrete Vielfalt möglicher Argumente auf konstitutive Muster (tópoi) von
Argumenten [...zurückführe - so Kopperschmidt -], die innerhalb einer Argumentation
jeweils aktualisiert werden könn[t]en“48, behalte - wie Fischer betont - „[...] der Topos
im wesentlichen seine formale Struktur“49.
„Größere geschichtliche Wirkung als die Topik des Aristoteles [...hätte - laut Viehweg
- allerdings] Ciceros Topik“50 gehabt. Entwerfe Aristoteles „in seiner Topik eine Theorie
der Dialektik (hier im Sinne von Unterredungskunst [...])“51, so sei Cicero vor allem an
der Wirksamkeit der Topik und der Topoikataloge für die rhetorische Praxis interessiert:
er verstehe „unter Topik eine Praxis der Argumentation, die einen solchen Topoikatalog
[...handhabe]“52. „Das philosophische Anliegen [...sei somit] in seiner Wirkung [...]“53
verblaßt.
So leite sich dann - wie Dyk zusammenfaßt - die „wichtige schul- und traditionsbil-
dende Begrifflichkeit der Topik [...] von Cicero und [dann auch von ] Quintilian her“54:
die „klassische Definition“55 der Topoi, von der - wie ich meine - die ‘formale Topik’
ausgeht, finde sich „bei Quintilian, der die Topoi ›sedes argumentorum‹ (Fundstellen der
Beweise) [...nenne] und zur Illustration den Vergleich mit den Tieren [...gebrauche], die
man nur dann [...antreffe], wenn man [...wisse], wo sie leben: So verhalte es sich auch
mit den Argumenten (inst. or. 5, 10, 22)“56. „Die lokale - oder im übertragenen Sinne,
formale - Bedeutung des Begriffs [locus ... stehe also - wie Mertner betont -] bei einer
solchen Definition ganz außer Frage“57. Auch Cicero erkläre - so Dyck - die Funktion
der Topoi metaphorisch, in dem er auf das Gold verweise, „das jeder ohne große Mühe
finden und ausgraben könne, wenn man ihm die Kennzeichen des Ortes anzeige (de or.
2, 41, 174)“58. Oder wie Cicero es an anderer Stelle formuliert:

48
Kopperschmidt, Josef: Allgemeine Rhetorik. Einführung in die Theorie der Persuasiven Kommunikation,
Stuttgart 1973, hier S. 142. (nachfolgend zit. als: Kopperschmidt, Allgemeine Rhetorik)
49
Fischer, Topik, S. 158.
50
Viehweg, Topik und Jurisprudenz, S. 25.
51
ebd., S. 29.
52
ebd.
53
ebd.
54
Dyck, Topik, S. 1846.
55
ebd., S. 1844.
56
Dyck, Topik, S. 1844.
57
Mertner, Edgar: Topos und Commonplace, in: Strena Anglica. Otto Ritter zum 80. Geburtstag am 9.
Januar 1956, hrsg. von Gerhard Dietrich/Fritz W. Schulze, Halle 1956, 178–224, hier: S. 187. (nach-
folgend zit. als: Mertner, Topos und Commonplace)
58
Dyck, Topik, S. 1844.
22
„Also: Ebenso wie die Auffindung von Dingen, die versteckt sind, dann leicht ist, wenn ihr
Ort bezeichnet und bekannt ist, genauso muß man, wenn man irgend ein Argument auffinden
will, solche Stellen kennen. Mit diesem Namen - ›Stelle‹ - sind nämlich von Aristoteles die-
se, wenn man so will, ›Wohnsitze‹ bezeichnet, aus denen man sich Argumente holt [sedes, e
quibus argumenta promuntur]. Man kann also folgendermaßen definieren: Stelle ist der Sitz
eines Arguments [locum esse argumenti sedem...]“59.

Nach Maßgabe der beiden entscheidenden, schulbildenden Autoren Cicero und


Quintilian stelle sich also - so Mertner - als die „ursprüngliche [...] Bedeutung des Wor-
tes locus“60 die „lokale“61 heraus, „die schließlich dem Wort von Haus aus [...inne-
wohne]“62, so daß sich über einen authentischen Topos-Begriff sagen lasse, daß die De-
finition des locus als ‘Stelle’, ‘Ort’, ‘Sitz’ und ‘Fundort’ der Argumente die „inhaltliche
Bestimmung dessen, was an dem Ort gefunden werden [...könne]“63, ausschließe.
Die Topik ist also - wie sich meiner Meinung nach aus dem Blickwinkel der
‘formalen Topik’ sagen läßt - ein Erschließungsinstrument (im Sinne der oben in Bezug
auf Vico angedeuteten allein von Topik geleisteten Erschließung des sensus communis),
eine Findesystematik von Argumenten aus diesem „Fundus des gesellschaftlichen Kol-
lektivwissens“64, also auf jeden Fall „- allen Mißdeutungen zum Trotz - nicht das En-
semble solcher sozialer Gewißheiten [selbst], sondern die Methode ihrer situativen Ak-
tualisierung für die Lösung praktischer Problemlagen“65.
Um diese Methode der Topik zu einem effektiven Instrument der Findekunst werden
zu lassen, müßten - wie Dyck Cicero wiedergibt - diese Fundstellen „dem Redner voll-
kommen vertraut sein. Wie beim Schreiben die Buchstaben ohne Anstrengung aus der
Feder fließen [würden], so soll[t]en ihm auch die loci jederzeit präsent sein (de or. 2, 30,
130)“66. Durch die routinierte Handhabung der Topoi - der Redner oder Dichter müsse
„die Fundstätten [...] systematisch abfragen“67 - gelange die Topik - wie Wiedemann
schreibt - an ihr Ziel:

59
Topica II, 7, 4–8, 1 (Übersetzung Zekl, S. 7).
60
Mertner, Topos und Commonplace, S. 179.
61
ebd.
62
ebd., S. 181.
63
ebd.
64
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 239.
65
Kopperschmidt, Topik und Kritik, S. 177.
66
Dyck, Topik, S. 1844. Was Cicero hier noch als Anweisung formuliert, ist für Vico ein herausragendes
Merkmal der topischen Wissenschaft gegenüber der kritischen Wissenschaft: „Die in der Topik [...] Ge-
übten [...] besitzen, da sie gewohnt sind, beim Reden alle Punkte, wo Argumente bereit liegen, wie die
Buchstaben des Alphabets zu durchlaufen, damit schon die Fähigkeit, ohne weiteres zu sehen, was je-
weils in der vorliegenden Sache überzeugend gemacht werden kann“ (Vico, De nostri, S. 31).
67
Plett, Rhetorische Textanalyse, S. 12.
23
„Sie gewährleistet Reichhaltigkeit (copia) und Variabilität (varietas) der argumentativen
Mittel in allen lebensweltlichen Fragen, oder anders ausgedrückt, sie ordnet und aktiviert
Einbildungskraft und Gedächtnis, wobei offensichtlich der Umgang mit vorgegebenen Fra-
gereihen (topoi, loci) oder Frageinventaren eine entscheidende Rolle spielt“68.

Diese systematische „Suche nach Gedanken (res), die zur Bewältigung der speziellen
Situation im Hinblick auf die intendierte Wirkung geeignet [...seien]“69, setze - wie Die-
ter Breuer bemerkt - „voraus, daß der ›Redner‹ aufgrund einer entsprechenden Vorbil-
dung [...] über eine ausreichende Menge von Gedanken (Copia rerum) verfügen
[...könne]“70. ‘Reichhaltigkeit’ und ‘Variabilität’ würden also nicht „im freien Spiel der
Phantasie oder in visionären Zuständen“71, sondern „planvoll durch [in ständiger Übung
verfeinerter] Erinnerung an Gelerntes“72 erreicht werden. Invention heiße „also ›Finden
durch Erinnerung‹ [- wie Breuer weiter schreibt -] mit Hilfe einer optimalen Erinne-
rungstechnik. Dem [...liege] eine bestimmte [...] Vorstellung vom Gedächtnis zugrunde:
das Gedächtnis als räumliches Ganzes, in dessen einzelnen Raumteilen (Örter, Topoi,
Loci) die einzelnen Gedanken gespeichert [...seien]“73. Die Gesamtheit der Topoi würde
somit - wie Breuer ausführt - die Copia rerum enthalten, wobei hier die Betonung auf
‘enthalten liegt: die Topoi sind für ihn die „Sitze der Gedanken bzw. Argumente [...],
nicht die konkreten Argumente selbst“74. Topoi seien somit quasi „Adressen für Teil-
mengen von gespeicherten Gedanken“75. Der Begriff Topik bezeichne also nicht die Ge-
samtheit der Gedanken, sondern „die Summe der Adressen (Abrufschemata) für die je-
weilige Grundmenge der gespeicherten Gedanken (Argumente)“76. Diese ‘Adressen’
würden dann methodisch durchlaufen, die Stellen der Argumente systematisch aufge-
sucht werden, um die „zum situationsbedingten Redeanlaß (Thema) passenden Gedan-
ken und Materialien (Stoffsammlung)“77 zu finden.
Gleichwohl aber fehle laut Dyck eine „eindeutige Systematik“78 der Topik. Die Zahl
der Topoi schwanke je Autor, bleibe äußerst variabel, wie Fischer mit folgenden Beispie-

68
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 239.
69
Breuer, Dieter: Einführung in die pragmatische Texttheorie, München 1974, hier: S. 159. (nach-folgend
zit. als: Breuer, Pragmatische Texttheorie)
70
ebd., S. 160.
71
ebd., S. 159.
72
ebd.
73
ebd., S. 160.
74
ebd.
75
ebd.
76
ebd.
77
ebd.
78
Dyck, Topik, S. 1846.
24
len aufzeigt: „Cicero etwa teilt zunächst nach Loci auf, die sich aus der Sache selbst er-
geben (Definition, Aufteilung, Name) und nach solchen, die an die Sache herangetragen
werden (Verwandtes, Gattung, Art, Ähnlichkeit, Gegensatz usw.); Quintilian unterschei-
det Loci im Bezug auf die Person [loci a persona] von anderen im Bezug auf die Sache
[...loci a re]“79. So könne man, um von einer Person zu reden - wie Breuer ausführt -,
Argumente für diese Rede etwa herausholen aus den Stellen: „genus (Abkunft), natio
(Stammeszugehörigkeit), patria (Staatsangehörigkeit), sexus (Geschlecht), aetas (Le-
bensalter), educatio et disciplina (Erziehung, Ausbildung) [...usw]“80. Argumente für
eine Rede zur Sache finde man etwa an den Stellen: „a causa (Tatmotiv, Ursache-
Wirkungs-Verhältnis), a loco (Ort des in Frage stehenden Geschehens), a modo
(Durchführung der Tat), a facultate (hilfreiche Umstände, Hilfsmittel), a finitione (partei-
ische Umschreibung des Tatbestandes) [...usw.]“81.
Die hier zuletzt angesprochene „sog. Sachtopik (›a re‹) [...sei - wie Wiedemann
schreibt -] zu einer Art Identifikationsformel für Topik überhaupt geworden. Und tat-
sächlich [...müsse sie seiner Ansicht nach] als die bis heute praxiswirksamste und zeit-
unabhängigste Topik gelten“82. Ein beliebte Fassung dieser Art von Topik wäre - so Plett
- z.B. der hexametrische „Merkspruch des Matthieu de Vendòme (12. Jh.): ›Quis, quid,
ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando‹ (wer, was, wo, wodurch, warum, auf welche
Weise, wann)“83 gewesen.
Die handliche Dimension einer solchen Reihe sei laut Wiedemann natürlich nicht
naturbedingt, sondern das Ergebnis einer methodisch-zweckhaften Reduktion. Katego-
riallogisch ließe sich eine Reihe „sehr viel umfänglicher, ja sogar unabschließbar vorstel-
len, einzelne Topoi könn[t]en ausgetauscht, spezifiziert und unterteilt werden, vor allem
aber [...könne] jeder Topos wiederum eine eigene Reihe von Unterkategorien ausbil-
den“84. Aber topische Kategorienbildung dürfe - wie Wiedemann betont - „nicht mit
einer beliebigen ›Topographie‹ des Interessanten und Einprägsamen verwechselt werden,
sondern [...stelle] ein auf argumentative Vielfalt und Kompetenz ausgerichtetes Denken
in Reihen dar. Rhetorische Toposkataloge [...würden] dementsprechend alle diejenigen
Bereiche [erschließen], in denen argumentative Qualitäten verborgen [...lägen]“85. Hi-

79
Fischer, Topik, S. 159.
80
Breuer, Pragmatische Texttheorie, S. 160.
81
ebd.
82
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 240.
83
Plett, Rhetorische Textanalyse, S. 12.
84
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 240.
85
ebd., S. 242.
25
storische Topik könne sich also „auf ganz unterschiedliche Aspekte des rhetorisch-
argumentativen Prozesses beziehen, auf die abgehandelte Sache86 so gut wie auf die Ar-
gumentationsweisen87 oder die denkbaren Argumentationsquellen88, wobei freilich zeit-
und disziplinenspezifische Interessen in Rechnung zu stellen [...seien]“89.
Topik wäre somit- um Wiedemann weiter zu folgen - „nach ihrem höchsten Ver-
ständnis als ›Techne des Problemdenkens‹ (Theodor Viehweg)90 definiert, und ihre ent-
sprechende Aufgabe bestünde darin, durch die Analyse der Problemlage (mit Hilfe kate-
gorialer Inventarien) verläßliche Argumentationshilfe zu geben“91.
„Reichhaltigkeit (copia) und Variabilität (varietas) der argumentativen Mittel“92 errei-
che die Topik aber nicht nur dadurch, daß sie helfe, Argumente aufzufinden. Wie Dyck
darlegt, liege ihre Aufgabe darüberhinaus „[...] darin, einen Satz, eine Sache, ein Thema
zu amplifizieren“93, wobei die Amplifikation ein Mittel zur Überzeugung der Hörer sei
und pathoserregend wirke. Heinrich Lausberg schreibt dazu: „Der amplificatio dienen
res et verba [...], also die Mittel der inventio [...] und der elocutio [...]“94. Durch diese
Trennung zwischen der Inventio und der Elocutio auch im Bereich der Amplifikation
werde aber deutlich, daß die Topoi als Hilfsmittel der Amplifikation nicht als schon fer-
tige Versatzstücke, als wörtlich vorliegende Argumente zur Steigerung der Wirkung
vorlägen: „Die Inventionsmittel der amplificatio sind [vielmehr] identisch mit den Be-
weis-loci [...]“95. In der Amplifikation werden laut Wiedemann die „kategoriale[n] Such-
formel[n]“96 nun allerdings nicht dazu benutzt, um „das eine treffende, sondern viele

86
Im Sinne der „sog. Sachtopik (›a re‹) [..., die] zu einer Art Identifikationsformel für Topik überhaupt
geworden [ist]. Und tatsächlich muß sie mit ihren Suchörtern an persona, a re, a loco, a circumstantiis, a
causa, a modo, a tempore als die bis heute praxiswirksamste und zeitunabhängigste Topik gelten“ (ebd.,
S. 240).
87
Wiedemann bezieht sich hier auf Aristoteles’ „Modaltopik“ (ebd.).
88
Wiedemann gibt „die loci-Reihe eines jesuitischen Theoretikers aus dem 17. Jhdt. [...als Beispiel an, mit]
11 ›fontes inventionis‹ [..., die deutlich machen, daß es hierbei] nicht darum[gehe], den Problemgehalt
eines Falles zu erschließen oder den Fundus möglicher Argumentationsweisen, sondern vielmehr um den
Nachweis all derjenigen Quellen, die auf Grund ihrer autoritativen oder traditionellen Geltung überzeu-
gungskräftige Argumente bereithalten [...]“ (ebd., S. 240-241).
89
ebd., S. 241.
90
vgl. Viehweg, Topik und Jurisprudenz, S. 14 u. S. 31ff.
91
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 244.
92
ebd., S. 239.
93
Dyck, Ticht-Kunst, S. 53.
94
Lausberg, Heinrich: Handbuch der literarischen Rhetorik, München 1973, 2. Auflage (zuerst 1960 in
zwei Bänden erschienen), hier: S. 145 (§ 259). (nachfolgend zit. als: Lausberg, Handbuch der literari-
schen Rhetorik)
95
ebd.
96
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 245.
26
gleichartige Argumente zu finden“97. Vielmehr diene Topik hier der „Breite“98 der Dar-
stellung, die - um an Dyck anzuknüpfen - z.B. durch die Anwendung des ‘locus ex simi-
libus’99 erreicht werde: dieser stütze die Suche nach geeigneten Argumenten, die „von
außen an die Sache herangetragen werden. [...Solche Argumente seien beispielsweise]
Vergleiche, Parabeln, Exempla, historische Parallelen, Allegorien, poetische Fabeln“100
oder auch Metaphern, die „dazu beitragen [würden], eine Sache eindringlicher zu ma-
chen, sie ins rechte Licht zu heben und dem Zuhörer den Sachverhalt anschaulich und
deutlich vor Augen zu stellen“101. „Beweiskraft und Autorität [...erhielten] diese Argu-
mente [...] allein dadurch, daß sie mit der zu beweisenden Sache in einer Beziehung
[...stünden]. Diese Beziehung [...werde] durch die Ähnlichkeit (similitudo [...]) herge-
stellt, der Topos, aus dem diese Argumente zu beziehen [...wären, sei] der ›locus ex
similibus‹“102. Er leite - so Dyck - die Suche nach Analogien, „die aus der Natur und
dem allgemeinen menschlichen Leben entnommen [...würden], also aus Bereichen, die
der Erfahrung jedes Publikums [...entsprächen]“103.
Eine „besondere Erscheinung der amplificatio“104 sei nun aber - wie Dyck an Mertner
anknüpfend ausführt - der „locus communis ([griech.] koinos topos), der englisch mit
›common-place‹ und nach dem Englischen im Deutschen mit ›Gemeinplatz‹ wiederge-
geben [...]“105 worden sei. Es hätte - wie Dyck fortfährt - in der Antike verschiedene
Auffassungen von locus communis gegeben, aber wie im Falle der loci der Inventio fin-
de sich auch „die traditionelle [...] bei Cicero und Quintilian“106. Demnach erschienen
bei „[...] näherer Betrachtung [...] diese einzelnen loci nicht so sehr als Fundörter für
Argumente, sondern als allgemeine Erwägungen, die freilich aus dem speziellen Einzel-
fall erwachsen“107 und „sich besonders gut zur Überzeugung [...eignen würden]“108. „Die
Bedeutung ‘allgemeine Erwägung, die sich besonders gut zu rednerischer Bearbeitung
eignet’ für locus communis [...scheine - so Mertner -] weit verbreitet gewesen zu

97
ebd.
98
ebd.
99
vgl. Dyck, Ticht-Kunst, S. 54.
100
ebd.
101
ebd., S. 55.
102
ebd., S. 54.
103
ebd.
104
Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik, S. 221 (§ 400).
105
Dyck, Topik, S. 1847.
106
ebd.
107
Mertner, Topos und Commonplace, S. 189.
108
Dyck, Topik, S. 1847.
27
sein“109. So daß er zusammenfaßt, es seien „im wesentlichen diese beiden Bedeutungen
von Topos oder locus communis [gewesen], die lokale der sedes argumentorum und die
des allgemeinen Themas, die sich über das Mittelalter bis zum Absterben der Rhetorik
überhaupt in der Neuzeit fortgesetzt“110 hätten. Diese beiden Bedeutungen seien ausein-
anderzuhalten: denn der „locus communis [...werde] nicht beim Beweis, sondern bei der
Erweiterung und Intensivierung einer bereits bewiesenen Sache eingesetzt“111. Die „Be-
schränkung auf [...] die amplificatio [...liege] damit fest“112, so daß sich eine Verwässe-
rung der lokalen Bedeutung der Beweis-loci (verstanden als ‘sedes argumentorum’) aus-
schließen lasse. Diese Trennung gelte, obwohl - wie Mertner zugibt - „natürlich nicht
übersehen werden [solle], daß es zwischen diesen beiden ein Feld [...gebe], auf dem sich
manche Bedeutungsnuancen des Begriffs angesiedelt [...hätten]“113.
Allerdings werfen - meiner Ansicht nach - auch diese ‘Bedeutungsnuancen’ kein an-
deres, kein materielles Licht auf die ursprüngliche, lokale Bedeutung der loci114, denn es
ist für die formale Lesart der Geschichte der Topik deutlich, daß auch im Falle der loci
communes an der ursprünglichen und formalen Bedeutung festzuhalten ist. Denn bei den
loci communes handle es sich - wie Mertner darlegt - „genauer gesagt [... um] Themen
für allgemeine Erwägungen“115, also um Klassifikationen, unter denen allgemeine Ar-
gumente zu finden seien: Argumente, die über den Einzelfall hinausweisen würden. In
diesem Sinne spräche etwa Quintilian von den loci communes, mit denen man „über die
Personen hinaus abschließend gegen die Laster selbst wie gegen Ehebruch, Würfelspiel
oder Wollust rede[...]“116.
Darum sage Cicero - wie Dyck schreibt -, „daß loci communes auf viele Fälle ange-
wendet werden könn[t]en (de inv. 2, 15, 48)“117. Und Mertner betont, daß die „formale
Bedeutung [des locus communes (koinos topos, Gemeinplatzes)] ‘Thema für allgemeine
Erwägungen für oder gegen eine Sache’ [...] damit fest[liege]“118. Ludwig Fischer faßt

109
Mertner, Topos und Commonplace, S. 189.
110
ebd, S. 191.
111
ebd., S. 190.
112
ebd.
113
ebd., S. 191.
114
Obwohl meiner Meinung nach die Bedeutung ‘allgemeine Erwägung’ durchaus eine materiale Deutung
der loci zuläßt: Dyck selber schreibt, daß solch „allgemeine Erwägungen [...] als Versatzstücke in Re-
den über bestimmte Fälle [dienten. Sie] wurden auch zum Auswendiglernen aufgegeben und in Muster-
sammlungen veröffentlicht“ (Dyck, Topik, S. 1848). Aber unter ‘Versatzstücke’ sind - so wie ich dieses
Wort verstehe - durchaus materielle, inhaltliche Bestandteile einer Rede zu verstehen.
115
Mertner, Topos und Commonplace, S. 189.
116
ebd.
117
Dyck, Topik, S. 1848.
118
Mertner, Topos und Commonplace, S. 190.
28
dann zusammen, daß in jedem Falle gelte:

„Nie [...] meinen die Loci die Inhalte der Argumente, selbst wo sie ›loci communes‹ heißen -
Topoi, die nicht nur auf eine bestimmte Sache zutreffen, sondern zu Argumenten allgemein-
ster Art führen [...]. Sogar als im Humanismus die Verwendung von ›locus [communis]‹ im
Sinne von ›Rubrik‹, ›titulus‹, unter dem man Exzerpte, Zitate, Gedanken einträgt, im aka-
demischen Unterricht wichtig wird, sind die Loci Einteilungskategorien, nicht aber die Inhal-
te des gesammelten Traditionsgutes“119.

Fischers letzter Hinweis auf die Verwendung der loci communes als Einteilungskate-
gorien weist auf die weitere Aufgabe hin, die der Topik in ihrer langen Geschichte zu-
gewiesen wurde. Die „Schemata der rhetorischen Findungslehre [...seien - so Dyck -]
auch in den Dienst einer Materialsammlung von Zitaten, Einfällen oder Exempeln ge-
stellt“120 worden. Die loci communes der Amplifikation würden dabei nicht benutzt
werden, um eine Rede zu ‘verbreitern’, ihre Wirkung zu steigern, sondern um der sich
stetig verbreiternden Basis an materiellem Wissenszuwachs mittels des formalen Rüst-
zeugs der Topik eine Struktur zu geben, die es erlaube, die Gesamtheit des Wissens ver-
fügbar zu halten: „Die Fülle an Wissen, die das intensive Studium der antiken Texte her-
vorgebracht hatte, bedurfte seit dem Humanismus dringend der Gliederung und der Or-
ganisation“121, schreibt Dyck.
Auch im Rahmen dieser Instrumentalisierung als Ordnungsschemata seien die Topoi
loci communes genannt worden, da sich unter ihnen als Titel viele ‘Fälle’ subsumieren
ließen, „weil sie sowohl alles, was sich über eine Sache sagen läßt, wie auch alle Argu-
mente in sich enthalten [würden]“122:

„Hatte die Topik ursprünglich den Sinn, das Suchen und Auffinden zu erleichtern, so liegt
ihre Hauptfunktion nun darin, als Einteilungsschema für gesammelten geistigen Vorrat zu
dienen, der, in Schatzkammern, Goldgruben, Promptuarien und Florilegien aufbewahrt und
unter die Loci communes verteilt, in dauernder Bereitschaft darauf wartet, genutzt zu wer-
den“123.

Die Betonung liegt - meiner Auffassung nach - (mit Blick auf die formale Bestim-
mung der Topoi) aber auch hier auf ‘unter die Loci communes verteilt’, da all das, was
laut Fischer „[...]seit der Antike in Kollektaneen, Florilegien, Thesauren zusammenge-
tragen [...werde,] nie die Topoi selbst, sondern nur die einmal als Argumente verwandten

119
Fischer, Topik, S. 159.
120
Dyck, Topik, S. 1849.
121
ebd.
122
Dyck, Topik, S. 1850.
123
Dyck, Ticht-Kunst, S. 64.
29
Exempla, Sentenzen, Bilder und dergleichen [seien]“124. So lautet nun Mertners eindeu-
tiges Resümee aus zweitausend Jahren Topik-Geschichte folgendermaßen:

„[...] ob die Topik nun eine Technik war, Argumente zu finden, oder ein Mittel, bestimmte
Darlegungen auszuweiten oder zu intensivieren, oder eine Methode, überhaupt Dinge zu
entdecken, ob der locus nun weit oder eng gefaßt wurde, als großer Schrank mit vielen Fä-
chern gewissermaßen oder nur als einzelnes Fach in dem Schrank (oder beides zu gleicher
Zeit), die Grundbedeutung wurde in keinem Falle verlassen. Locus bezeichnet eine Methode,
Technik oder Norm, ein Instrument zur Auffindung einer Sache, niemals aber die Sache
selbst“125.

Eine Bestimmung, an der nach Auffassung der ‘formalen Topik’ festzuhalten ist,
damit sich - wie Kopperschmidt es ausdrückt - der „grundsätzlich heuristische[...] Cha-
rakter der Topik [erweise. ...] Heuristisch [...aber sei] dieses Verfahren, insofern es An-
weisungen zum erfolgreichen Auffinden von Argumenten [...formuliere], die innerhalb
des argumentativen Begründungszusammenhanges eine bestimmte Problemlösung stüt-
zen sollen. Als heuristisches Verfahren [...weise] sich die Topik als eine Methode [...]
aus, die eo ipso formal, nicht inhaltlich bestimmt [...sei]“126.
Diese „begrifflich genauere und substantiellere“127 Bestimmung nicht anerkennen zu
wollen, denn laut Wiedemann gebe es hier „viel Ungenauigkeit, Naivität und Wider-
sinn“128, führe also zu der von ihm als „objektive Schwierigkeit[...]“129 bezeichneten
Situation, daß neben der „wahr[en]“130 Topik-Auffassung auch eine „falsch[e]“131 kur-
siere.

124
Fischer, Topik, S. 159. Dieser generelle formale Charakter bleibt unangetastet, auch wenn - wie Wie-
demann ausführt - solche topischen Einteilungsschemata u.a durch die Tendenz charakterisiert seien,
sich kategorial zu präzisieren, zu wuchern und in Unterkataloge abzuspalten, was die Gefahr mit sich
brächte, „daß bei fortschreitender Unterteilung und Verfeinerung der Topoi diese ihren begrifflich-
kategorialen Charakter verlieren und in die Argumente selbst übergehen“ (Wiedemann, Topik als Vor-
schule, S. 243)
125
Mertner, Topos und Commonplace, S. 191.
126
Kopperschmidt, Allgemeine Rhetorik, S. 140.
127
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 235.
128
ebd.
129
ebd.
130
ebd., S. 233.
131
ebd.
30
Aktualisierung der Topik
als Instrument der Interpretation

In Anbetracht einschlägiger Topoikataloge wie etwa des Hexameterverses des Matthieu


de Vendòme132 meint Uwe Hebekus in einer Einführung in die Literaturwissenschaft,
daß solche „bündiges Handbuchwissen aufnehmende Reduktion der Topik [...] nicht
darüber zu belehren [vermöge], worin der literaturwissenschaftliche Nutzen fundierter
Topik-Kenntnis liegen könnte. Eher fühle man sich, namentlich durch den Blick auf die
genannten Toposkataloge, an die triviale Richtigkeit des Erkennungsliedes erinnert, das
die zahlreichen Folgen einer einstmals sozialisationsprägenden TV-Kinderserie eröffne-
te: ›Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum!/Wer nicht fragt, bleibt dumm‹“133.
Und in der Tat sei - wie Wiedemann schreibt - das „methodische Phänomen der To-
pik, so wie es hier entfaltet worden ist, [...] ja tatsächlich trivial“134, aber trivial - wie er
betont - „im historisch besten Sinne des Wortes, nämlich dem der Vorschule“135. Die
‘nicht-exakten Wissenschaften’ seien auf diese ‘Vorschule’ angewiesen, und deshalb
hätte eine angemessene Aktualisierung der Topik an den ursprünglich inventorischen,
heuristischen Charakter anzuknüpfen.
Denn Topik sei als „Methode des Erkennens“136 im Bereich der konsensorientierten
‘nicht-exakten Wissenschaften’ definiert, wie Peter Hess die formale, sogenannte „›rich-
tige‹“137 Auffassung von Topik zusammenfaßt. Als ‘Methode des Erkennens’ sei Topik -
wie Wiedemann betont - angewiesen auf den „Umgang mit vorgegebenen Fragereihen
(topoi, loci)“138, denn in der Organsisationsfigur der kategorialen ›Reihe‹ - „oder genauer
noch: des kategorialen Inventars [... - müsse] das Grundkonstituens einer wesentlich
verstandenen Topik liegen - oder es [...gebe] keines“139.
„Topoi sind also Kategorien zur Befragung, Bewältigung und Einordnung von Wirk-
lichkeit“140, schreibt Hess. Der reflektierte und routinierte Umgang mit ihnen verspreche

132
„›Quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando‹ (wer, was, wo, wodurch, warum, auf welche
Weise, wann)“, zit. nach: Plett, Rhetorische Textanalyse, S. 12.
133
Hebekus, Uwe: Topik/Inventio, in: Einführung in die Literaturwissenschaft, hrsg. von Miltos Pechliva-
nos/Stefan Rieger/Wolfgang Struck/Michael Weitz, Stuttgart/Weimar 1995, 82-96, hier: S. 82.
134
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 251.
135
ebd.
136
Hess, Peter: Zum Toposbegriff der Barockzeit, in: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch Bd. 10
(Rhetorik der frühen Neuzeit), hrsg. von Joachim Dyck, Tübingen 1991, 71–88, hier: S. 75. (nach-
folgend zit. als: Hess, Zum Toposbegriff der Barockzeit)
137
ebd.
138
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 239.
139
ebd.
140
Hess, Zum Toposbegriff der Barockzeit, S. 73.
31
laut Wiedemann, zumindest der Idee nach, „[...] einem Autor (Redner) oder einem Inter-
preten den Umfang aller realen oder denkbaren Alternativen zu einem jeweils zu aktua-
lisierenden oder bereits aktualisierten Textphänomen zu erschließen“141.
Allerdings sei diese Idee - wie Wiedemann feststellt - nicht realisiert, denn ein „to-
pisches Bewußtsein, das uns die Aspekte des ästhetischen Kommunikationsprozesses in
einem System von kategorialen Fragebögen vollständig erschlösse, [...gäbe es] weder in
der modernen Ästhetik noch Hermeneutik“142. Ja, es wäre - wie Wiedemann sogar
schreibt „- realiter - auch ein Hirngespinst. Kein Dichter und wohl auch kein Interpret
[...durchlaufe] bei seiner Arbeit eine planmäßig angeordnete Reihe von Fragebö-
gen[...]“143.
Gleichwohl sei an der topischen Methode als einer „Produktions- und Verstehenshil-
fe“144 festzuhalten, denn „überall in unserer Lebenswelt, wo Entscheidungen fallen, und
erst recht auf literarischem Felde, [seien] Toposkataloge bewußt oder unbewußt im Ge-
brauch, wenn auch meist in willkürlicher Sortierung“145. Wiedemann spricht in diesem
Zusammenhang von den „topischen Strukturen der Wirklichkeit“146, denn jede Zeit und
jede Gesellschaft hätte „eine Unzahl von Sonderrhetoriken und Sonderhermeneutiken,
also sprachlichen Produktions- und Verstehensanweisungen, und in ihrem Rahmen wie-
derum Sondertopiken ausgebildet, in denen sich das Bezugsgeflecht der kurrenten Ideen,
Dogmen, Ideologeme und Interessen [...widerspiegeln würde]“147. Wobei für ihn - mei-
ner Auffassung nach - die Betonung auf dem Wort ‘widerspiegeln’ liegt, denn - wie ge-
sagt - erschließe Topik zwar „mehr oder minder vollständig [...] den konventionellen
Fundus des gesellschaftlichen Kollektivwissens [...]“148, sei aber nicht dieser Fundus
selbst.
Die Beschreibung dieser topischen Strukturen falle nun „in die Zuständigkeit des
Topikers, der als Verfügungsgewaltiger über die universalen Reihen allein den Selekti-
ons- und Akzentuierungscharakter der jeweiligen Sonder- oder Realtopiken nachzuwei-
sen [...vermöge]“149. So sei zwar „natürlich auch der methodenbewußte Topiker vom

141
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 243.
142
ebd., S. 247.
143
ebd.
144
ebd., S. 244.
145
ebd., S. 247
146
ebd., S. 248.
147
ebd.
148
ebd., S. 239.
149
ebd., S. 248-249.
32
Zeitgeist nicht unabhängig und [...könne] sein Frageverlangen stillen und in die Zucht
nehmen nach Wunsch oder Willen“150, da er aber gleichwohl stets in der Lage sei, „die
methodische Universalreihe zu rekonstruieren, aus der seine Vorzugskategorien stam-
men [würden], bzw. von der die aktuell sortierte Reihe [...abweiche]“151, vermöge er
diese strukturelle Beschreibung zu leisten. Das von Wiedemann angestrebte „Ideal einer
universalen Kompetenz qua Methode“152 besteht - wie ich meine - also offensichtlich in
dem von ihm angenommenen Vermögen, universale - d.h. nicht zeitabhängige und nicht
als Widerspiegelung gerade kurrenter Ideen, Normen und Interessen zu verstehende -
Topoikataloge zu konstruieren. So verfüge der ‘methodenbewußte Topiker’ laut Wiede-
mann „gewissermaßen immer über zwei Reihen, eine zeit- und interessenabhängige und
eine methodisch-universale, von welcher letzteren sein Vermögen zur kritischen Relati-
vierung [...abhänge]“153.
Als zeit- und interessenabhängige Reihe sieht er z.B. das bereits oben zitierte Erken-
nungslied der Sesamstraße an. In diesem Lied scheine sich „der berühmte mittelalterliche
Merkvers zur Sachtopik [des Matthieu de Vendòme] konserviert zu haben: Wer, wie,
was, wieso, weshalb, warum! Wer nicht fragt, bleibt dumm“154. Gleichwohl leiste sich
diese „moderne Reihe eine entscheidende Einseitigkeit. Der zweite Teil des Katalogs
[...sei] nämlich tautologisch. ›Wieso, weshalb, warum‹. Also dreimal dieselbe Frage und
dreimal der Topos ›a causa‹ (nach der Ursache)“155. Während die „mittelalterliche, epi-
stemologisch geprägte Reihe alle wesentlichen Fragen zur Sache [...versammeln] und
damit Vollständigkeit und Objektivität zumindest anstrebe[n]“156 würde, also dem An-
spruch nach der Versuch sei, eine „methodische Universalreihe“157 aufzustellen, zeige -
wie Wiedemann meint - die in der „insistierende[n] Nennung“158 einer bestimmten Fra-
ge bestehende Abweichung von der ‘methodischen Universalreihe’ die Zeit- und Interes-
senabhängigkeit des ‘Kinderliedkataloges’. Der Vergleich zwischen diesen beiden Rei-
hen ermögliche es also, den Wahlakt, dem sich die Entstehung des Kinderliedes verdan-
ke, zu rekonstruieren.

150
ebd, S. 248.
151
ebd.
152
ebd., S. 249.
153
ebd., S. 248.
154
ebd., S. 247.
155
ebd., S. 248.
156
ebd., S. 247-248.
157
ebd., S. 248.
158
ebd.
33
Topik als ,Verstehenshilfe’ vermöge so im Bereich der Literaturwissenschaft - wie
Wiedemann es ausdrückt - „den literarisch schaffenden Menschen als einen in autono-
men und heteronomen Wahlakten begriffenen“159 darzustellen: „Denn während sie dem
Text-hersteller lediglich methodische Entscheidungshilfen gibt, verspricht sie dem Inter-
preten, einen schon stattgefundenen Wahlakt eben als solchen zu rekonstruieren“160. Und
da „Kritizismus immer topische Operationen [...voraussetze, sei] Topik an unserem Wis-
senschaftsgebaren mehr oder minder wildwüchsig beteiligt“161, denn „natürlich [...sei]
das Prinzip der Reihen und Kataloge in unseren Disziplinen nie außer Gebrauch ge-
kommen, man schlage nur die ›Einführungen‹ und ›Methodiken‹ auf, deren geheimes
Ordnungsprinzip eben dieses kategoriale Auflisten zu sein scheint“162.
Wiedemann ist - wie ich diese Stelle lese - also offensichtlich der Ansicht, daß der
von ihm selbst angesprochene Paradigmenwechsel nicht so durchgreifend gewesen sein
kann: der Paradigmenwechsel hin zum modernen Wissenschaftsverständnis scheint zwar
die Topik ihrer wissenschaftlichen Dignität, nicht aber ihrer allgemeinen Wirksamkeit
beraubt zu haben. Dadurch wirkt sie - wie Wiedemann meiner Ansicht nach meint -
nicht mehr an der Oberfläche des Wissenschaftsbetriebs, sondern gewissermaßen unkon-
trolliert - als ‘geheimes Ordnungsprinzip’ - hinter seinem Rücken.
Demnach handelt es sich bei der Erinnerung an die Tradition der Topik - wie ich mei-
ne - weniger um eine Aktualisierung des topischen Denkens, als vielmehr um ein Offen-
legen, Reflektieren eines zwar in den Untergrund abgesunkenen, nie aber seiner Bedeu-
tung verlustig gegangenen „Denk- und Arbeitsmodus“163.
Dieses ‘geheime Ordnungsprinzip’ der Topik gelte es also laut Wiedemann als
‘Verstehenshilfe’ ans Licht zu heben, um den ‘willkürlichen’ Gebrauch von Topoikata-
logen methodisch zu disziplinieren, und so Topik im möglichst reflektierten Umgang mit
den „Kategorien zur Befragung, Bewältigung und Einordnung von Wirklichkeit“164 - im
methodischen Umgang mit den ‘topischen Strukturen der Wirklichkeit’ - zu einer
‘Vorschule der Interpretation’ werden zu lassen.
An dieser Stelle möchte ich den Bereich der ‘formalen Topik’ verlassen, um nun an-
hand von Lothar Bornscheuers Topik-Auffassung das von der ‘formalen Topik’ als un-
wesentlich - als falsch - angesehene Moment der Unschärfe genauer in den Blick zu

159
ebd., S. 244.
160
ebd.
161
ebd., S. 249.
162
ebd., S. 251.
163
ebd., S. 239.
164
Hess, Zum Toposbegriff der Barockzeit, S. 73.
34
nehmen. Dieser Schritt bietet sich an dieser Stelle an, da Bornscheuer die Notwendigkeit
eines unscharfen Topik- und Toposbegriffs - gerade auch im Hinblick auf die Heraushe-
bung der hier von Wiedemann angesprochenen ‘topischen Strukturen der Wirklichkeit’ -
zwingend erscheint.
Wiedemann schreibt zwar, daß sich hinter dem Raster der topischen Strukturen „[...]
natürlich ein Raster an lebensweltlichen Normen, Bedürfnissen, Interessen und Ideen“165
verberge, daß sich in den jeweiligen Topiken einer Zeit und einer Gesellschaft das
„Bezugsgeflecht der kurrenten Ideen, Dogmen, Ideologeme und Interessen“166 wider-
spiegeln würde, aber gleichwohl an der formalen Sichtweise der Topik festzuhalten sei.
Die Topik als Methode erschließe zwar „mehr oder minder vollständig den [...] kon-
ventionellen Fundus des gesellschaftlichen Kollektivwissens [...]“167, sei aber eben als
Methode nicht dieser Fundus selbst. Denn, wie gesagt: „Locus bezeichnet eine Methode,
Technik oder Norm, ein Instrument zur Auffindung einer Sache, niemals aber die Sache
selbst“168.
Und eben diese Trennung hält Bornscheuer für illegitim. So stellt er als eine der Be-
deutungsschichten des Begriffs Topik heraus, daß eine „Topik [...] der Inbegriff der Vor-
Urteils-Struktur [...]“169 sei und nimmt damit also das ‘Bezugsgeflecht der kurrenten
Ideen, Dogmen, Ideologeme und Interessen’ in den Begriff der Topik hinein.

165
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 244.
166
ebd., S. 248.
167
ebd., S. 239.
168
Mertner, Topos und Commonplace, S. 191.
169
Bornscheuer (1977): Zehn Thesen zur Ambivalenz der Rhetorik und zum Spannungsgefüge des Topos-
Begriffs, in: Rhetorik. Kritische Positionen zum Stand der Forschung, hrsg. von Heinrich F. Plett, Mün-
chen, 204-212, hier: S. 210.

35
Zweites Kapitel

Die ‘materiale Topik’

Materiale Topik!

In diesem Abschnitt möchte ich zunächst aufzeigen, wie die Topik-Auffassung von Lo-
thar Bornscheuer von seinen Kritikern in die Traditionslinie eingeordnet wurde, die Josef
Kopperschmidt dann später ‘materiale Topik’ nannte. Anschließend soll diese Einord-
nung in Frage gestellt werden, um dann im restlichen Kapitel die von Bornscheuer als
wesentlich angesehene Unschärfe des Topik-Begriffs und seinen sich hieran anknüpfen-
den Aktualisierungsversuch herauszuarbeiten.
Wie Peter Hess ausführt, verstehe sich Lothar Bornscheuers Topik-Auffassung aus
der „Traditionslinie“1 der Curtius’schen Begriffsbestimmung, die „als Gemeinplatz, Kli-
schee, Schlagwort und leere sprachliche Floskel in unsere Alltagssprache eingegangen“2
sei.
Auch die erste Besprechung der Topik-Schrift3 Bornscheuers von Dietrich Hardt4
stellt Bornscheuer in diese Tradition, da es ihm gelinge, „wichtige Einsichten von E. R.
Curtius wieder ins rechte Licht zu rücken“5.
Mit eindeutig negativem Vorzeichen allerdings versieht Otto Pöggeler6 in seiner um-
fangreichen Rezension Bornscheuers Auffassung und siedelt sie im Bereich der - von
Kopperschmidt so bezeichneten - ‘materialen Topik’ an, denn bei Bornscheuer erhalte
„der Versuch von Curtius eine überraschende Rechtfertigung gegenüber dem Vorwurf, er
habe im Mißverständis der Tradition den Topos von einer formalen Anweisung zum
Finden von Argumenten zu einem Inhaltliches aussagenden Gemeinplatz gemacht“7. So
rücke Bornscheuer - wie Pöggeler kritisiert - trotz „aller Einsprüche [...in seiner Aristote-

1
Hess, Peter: Zum Toposbegriff der Barockzeit, in: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch Bd. 10
(Rhetorik der frühen Neuzeit), hrsg. von Joachim Dyck, Tübingen 1991, 71–88, hier: S. 75.
2
ebd.
3
vgl. Bornscheuer, Lothar: Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft, Frankfurt 1976.
(nachfolgend zit. als: Bornscheuer, Topik)
4
vgl. Hardt, Dietrich: Referat: Bornscheuer, Lothar: Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbil-
dungskraft, in: Germanistik, Internationales Referatenorgan, 18. Jahrgang 1977), Tübingen, 76–77.
5
ebd., S. 77.
6
vgl. Pöggeler, Otto: Rezension: Lothar Bornscheuer. Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbil-
dungskraft, in: Poetica 10 (1978), Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft, Amsterdam, 106–
119. (nachfolgend zit. als: Pöggeler, Rezension)
7
ebd., S. 109.
36
les-Darstellung] den formalen Topos wieder möglichst nah an das heran, was aus ihm
gewonnen [...werde], an das inhaltliche Argument“8. Denn in der Exemplifizierung, so
sage Bornscheuer, „verenge sich der Topos bis zum konkreten Argument“9.
Bornscheuer nehme „die Topik aus der Lehre von den unterschiedlichen logischen
Verfahren heraus, in die Aristoteles sie in seinem Organon gestellt [...habe]“10. Zwar
führe er die Topik zurecht auf eine Argumentation zurück, die mit Meinungen arbeite,
deren Sinn erst noch ermittelt werden müsse, aber er frage erst gar nicht - und hier ver-
kenne Bornscheuer den eindeutig formalen Charakter der Topik -, „[...] warum denn die
Topik als Lehre von den dialektischen Schlüssen mit wahrscheinlichen Prämissen im
Organon ihre traditionelle Stelle zwischen der Lehre von den apodiktischen Schlüssen
und der Lehre von den Trugschlüssen bekommen konnte“11.
Bornscheuers Auffassung von Topik und Topos wird also - wie hier zu sehen - ein-
deutig dem nicht-formalen Bereich zugeordnet. Ein Befund, der sich meiner Meinung
nach anbietet, wenn man berücksichtigt, daß Bornscheuer in seiner Kritik12 an Curtius
ausdrücklich die Richtigkeit von Curtius’ Ansatz hervorhebt, „›Topoi‹, ›topoi koinoi‹
und ›loci communes‹, das englische ›commonplace‹ und die älteren deutschen Begriffe
›Gemeinort‹ und ›Gemeinplatz‹ [...] gleichbedeutend nebeneinander [stehen zu lassen],
und zwar im Sinne von ›Argumenten, die für die verschiedensten Fälle anwendbar sind‹,
bzw. im Sinne von ›gedanklichen Themen, zu beliebiger Entwicklung und Anwandlung
geeignet‹“13. Ausgehend von diesem Ansatz hätte Curtius dann - wie Bornscheuer aus-
führt - in exemplarischer Auswahl den ‘reichen topischen Schatz an Formen und Moti-
ven’ demonstriert, aus dem sich die europäische Literatur von Homer bis Goethe genährt

8
ebd., S. 111.
9
ebd. vgl. Bornscheuer, Topik, S. 29: „Die Exemplifizierung geht oft so weit, daß sich der Topos selbst bis
zum konkreten Argument hin verengt [...]“.
10
Pöggeler, Rezension, S. 111. vgl. dazu Hans Günter Zekl in der Einleitung seiner Neuübersetzung der
Aristotelischen Topik-Schrift: Aristoteles’ „Systematik war dies also nicht. Es war indessen die des An-
dronikos, der aus dem Konvolut der aristotelischen Lehrschriften und Systemansätze die Ausgabe her-
ausgestellt hat, die wir heute noch lesen. Und er ordnete an: I. Kategorien (Begriff), II. Hermeneutik
(Urteil), III. Analytika Priora (Schluß), IV. Analytika Posteriora (Beweis), V. und in jeder Beziehung zu
allerletzt, die Topik, unter Einschluß ihres IX. Buchs, der Sophistikoi Elenchoi, als die Lehre vom nur
probablen und die Lehre vom falschen Schluß. In der Reihenfolge hat man das dann in der Tradition seit
dem hohen Mittelalter gelesen, die ist genetisch falsch und macht systematisch keinen Sinn“ (Aristoteles:
Organon Bd. 1: Topik/Topik, neuntes Buch oder Über die sophistischen Widerlegungsschlüsse, hrsg.,
übersetzt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Hans Günter Zekl, Hamburg 1997, hier:
XVII–XIX).
11
Pöggeler, Rezension, S. 110.
12
vgl. Bornscheuer, Topik, S. 138–149.
13
ebd., S. 140.
37
hätte, „und der durch die lateinische Literatur des frühen und hohen Mittelalters von der
Antike an die Neuzeit kontinuierlich weitergegeben worden“14 wäre.
Es sieht also so aus, als scheine es durchaus angebracht zu sein, Bornscheuers Auffas-
sung von Topik allein in dem ‘Kästchen’ ‘materiale Topik’ abzulegen, denn offensicht-
lich schließt er sich mit seiner Rede vom ‘topischem Schatz’ der Curtius’schen Schatz-
haus-Metapher als einer Charakterisierung der Topik an.

Materiale Topik?

Gleichwohl deutet sich meiner Ansicht nach in Bornscheuers Bewertung dieses


‘Schatzhauses’ eine entscheidene Neuorientierung gegenüber Curtius an: denn Born-
scheuer kommt - zwar angeregt durch Curtius’ Hinweise auf die Tradition der Topik,
aber von ihm abweichend - zu der Auffassung, „in der Fülle dessen, was in der europäi-
schen Literatur an Formen und Inhalten tradiert und mehr oder weniger kompilatorisch-
kombinatorisch15 miteinander verbunden und zu neuen Ausdrucksformen integriert wor-
den [...sei], die topische Substanz des soziokulturellen Bewußtseins“16 zu vermuten.
Bornscheuer ist der Auffassung, daß Curtius’ „detaillistische Oberflächenbeschrei-
bung [...] nicht zu der Frage vor[dringe...]“17, inwiefern das topische Material als einer
Widerspiegelung des „in einer Gesellschaft jeweils herrschenden Selbstverständnisses
und des seine Traditionen und Konventionen regenerierenden Bildungssystems“18 eine
grundlegende Rolle für schöpferische Prozesse und deren Analyse spiele.
Schöpferische Prozesse seien - wie Bornscheuer hervorhebt - Formen des „[...] Um-
gangs mit einem gesellschaftsgeschichtlich identifizierbaren Erfahrungs- und Bildungs-

14
ebd., S. 13.
15
Als einen Ausgangspunkt für seine Beschäftigung mit Topik gab Bornscheuer die Beobachtung an, daß
sich innerhalb der gesamten europäischen Literaturgeschichte (vgl. dazu Bornscheuer, Topik, Einleitung)
auf „bildlicher, stilistischer und kompositorischer Ebene [...] kombinatorische Verfahrensweisen in
sämtlichen Gattungsformen beobachten [... ließen]. Die Worte ›kombinatorisch‹ bzw. ›Kombinatorik‹ [...
würden - so Bornscheuer -] von der Literaturwissenschaft und Literaturkritik gerne verwendet [werden],
doch [... gäbe] es vielerlei Wechselworte für das hier gemeinte Strukturphänomen[...]: des Kaleidoskopi-
schen, der Assoziation, des unvermittelten Perspektivenpluralismus und Standortwechsels, der Parataxe,
Häufung, Mischung, Montage, Collage, Schnitt-Technik, der Aleatorik oder ausgesprochen schemati-
scher Variationsformen wie der Inversion, Duplikation, Elimination, Permutation usw.“ (ebd., S. 11).
16
ebd., S. 20.
17
ebd., S. 16.
18
ebd., S. 96.
38
wissen“19. Diese Verknüpfung schöpferischer Produktivität mit ‘Erfahrungs- und Bil-
dungswissen’ versteht Bornscheuer nicht als Mangel (etwa an frei, aus sich selbst schöp-
fender, genialischer Einbildungskraft), sondern als „eine conditio sine qua non jeder
kulturgeschichtlich relevanten Produktivität“20. Denn gerade die Beschäftigung mit To-
pik lehre - wie Bornscheuer betont - die „Einsicht, daß alle historisch-fortschrittlichen
Produktivitäten auch im ›Reich des Geistes‹ in erster Linie ›kollektive Leistungen‹
[...seien]“21:

„Alle theoretischen und praktischen Produktivitäten unterliegen jeweils einer bestimmten


historisch-gesellschaftlichen Charakteristik, der Bewegungsspielraum schöpferischer Ideen
und ihrer Realisierungsmöglichkeiten in allen Bereichen einer bestimmten Kulturepoche (in
ihrem Bildungssystem, ihren Wissenschaften, ihrer Technologie sowie in ihren ökonomi-
schen, politischen und gesellschaftlichen Organisationsformen) ist durch eine jeweils epo-
chencharakteristische Tiefenstruktur bestimmt“22.

Unter dieser Tiefenstruktur eines „gesellschaftsgeschichtlichen Bildungshabitus“23


versteht Bornscheuer eine der Bedeutungsschichten des Begriffs Topik: „Eine Topik ist
[...also] der Inbegriff der Vor-Urteils-Struktur [...]“24. Topik sei „die Substanz der
›herrschenden Meinungen‹, wie [...] im Anschluß an Aristoteles [...gesagt werden] kön-
ne[...]“25.
So sei denn Topik - wie Bornscheuer betont - der eigentliche „Ort gesellschaftlicher
Bedeutsamkeit, historischer Authentizität und ästhetischer Evidenz“26, denn nur mittels
seiner Topik stelle sich das „einzelne Werk gleichzeitig in einen gesellschaftlichen wie
ästhetischen Bedeutungs- und Rezeptionszusammenhang“27. Schöpferische Leistungen
bestehen also laut Bornscheuer in dem innovativen Umgang mit dieser ‘Vor-Urteils-
Struktur’, in „einer innovativen Vermittlung topischen Materials“28.
Diesen innovativen Umgang mit der Vor-Urteils-Struktur gelte es nun angemessen in
den Blick zu nehmen. Und angemessen heiße - wie Bornscheuer ausführt - vor allem

19
ebd., S. 21.
20
ebd., S. 20.
21
ebd., S. 19.
22
ebd.
23
ebd.
24
Bornscheuer, Lothar: Zehn Thesen zur Ambivalenz der Rhetorik und zum Spannungsgefüge des Topos-
Begriffs, in: Rhetorik. Kritische Positionen zum Stand der Forschung, hrsg. von Heinrich F. Plett, Mün-
chen 1977, 204-212, hier: S. 210. (nachfolgend zit. als: Bornscheuer, Zehn Thesen)
25
Bornscheuer, Topik, S. 21.
26
ebd., S. 20.
27
ebd.
28
ebd., S. 21.
39
jenseits der „bürgerliche[n] Begründung der schöpferischen Produktivität“29 in der indi-
vidualen Subjektivität: denn im Hinblick auf die Frage, „ob die moderne Phantasie we-
niger an ‘topische’ Normen gebunden [...sei] als die ältere“30, zeige sich, daß die moder-
ne Phantasie „[...] im gleichen Maße ihrer gesellschafts- und bildungsgeschichtlichen
Topik [unterliege] wie das Selbstverständnis jeder anderen Kulturepoche“31.
Bornscheuer ist der Auffassung, daß die „Verhältnisse zwischen Traditionalität und
Originalität, zwischen Konventionalität und Spontaneität, zwischen authentischer Sym-
bolbildung und reflexionsloser Klischeeverwendung usw. [...] innerhalb des Bedeu-
tungsumfanges des Toposbegriffs abgeklärt werden“32 müßten.
Um diese Verhältnisse - und vor allem den innovativen Umgang mit der Vor-Urteils-
Struktur - angemessen in den Blick zu bekommen, gelte es - wie Bornscheuer betont -,
die „ursprünglichen Leistungsmomente der topischen inventio wieder freizulegen“33.
Denn es gehöre zu den Vorurteilen der „subjektivistischen Originalitätsästhetik“34, daß
die zweitausendjährige Tradition des alteuropäischen rhetorisch-dialektischen Bildungs-
wesens „keine eigentlich produktiven Prinzipien gekannt habe, obwohl es in der ›Topik‹
als einer ›ars inveniendi‹ geradezu eine Methodenlehre des Forschens und Findens ent-
wickelt [...hätte]“35. Und, um die „ursprünglichen Leistungsmomente der topischen in-
ventio wieder freizulegen“36, ließe sich - wie Bornscheuer dann ausführt - vor allem an
Aristoteles’ Grundlegung der Topik anknüpfen, „da die Problematik der topischen Ein-
bildungskraft nie wieder so grundsätzlich reflektiert worden [...sei] wie in der aristoteli-
schen Erstlingsschrift“37.
Hier wird meiner Meinung nach deutlich, daß Bornscheuer die rein materiale Auffas-
sung von Topik und Topos verläßt, und sein Blick auf Topik auch eine heuristische Be-
deutung der Begriffe einschließt. Es deutet sich hier eine Mehrdimensionalität der Be-
griffe Topik und Topos an, die beachtet werden muß: Bornscheuer hat immer wieder auf
die Vielschichtigkeit (und die damit verbundene Unschärfe) der Begriffe Topik und To-

29
ebd., S. 18.
30
ebd., S. 17.
31
ebd., S. 20.
32
Bornscheuer, Lothar: Bemerkungen zur Toposforschung, Mittellateinisches Jahrbuch, 11. Jahrgang
(1976), Kastellaun, 312–320, hier: S. 314.
33
Bornscheuer, Topik, S. 19.
34
ebd.
35
ebd. Ein Vorurteil auch deswegen, da „die hochbürgerliche Genielehre während des 17. Jahrhunderts
selbst bruchlos aus der topischen inventio-Lehre hervorgegangen“ sei (ebd.)
36
ebd., S. 19.
37
ebd., S. 23.
40
pos hingewiesen, die es bei der Herausarbeitung der ‘Leistungsmomente der topischen
inventio’ nicht zu vernachlässigen gelte. Es sei kein Zufall oder Mangel, daß es „keine
präzise historische Definition des Topos“38 gebe: denn schon „[...] in der aristotelischen
Erstlingsschrift Topica [...werde] die bloße ›Umrißhaftigkeit‹ [...] ausdrücklich in An-
spruch genommen, und bei dieser Umrißhaftigkeit [...sei] es letztlich bis heute geblieben.
Die Klagen der jüngeren Forschung über das Fehlen eines eindeutigen Topos-Begriffs
[...würden] einem rationalistisch-positivistischen Mißverständnis des Charakters der
Topik“39 entspringen.
Deshalb beharrt Bornscheuer - auch gegenüber Wiedemann, der sich „mit dieser bis
heute erhaltenen Unschärfe des Topos-Begriffs noch nicht abzufinden“40 vermöge -, dar-
auf, daß ein „topos bzw. locus (communis) [...], in aller Kürze gesagt, sowohl ein (er-
kenntnistheoretischer, logischer oder anderer) Kategoriebegriff oder eine Regel als auch
ein bloßes Klischee oder ein Stichwort formaler oder materialer Art“41 sein könne.
Die Gründe dafür, weshalb dieser Charakter der Unschärfe für Bornscheuer kein
Mangel, sondern Kennzeichen einer umfassenden Topik- bzw. Topos-Auffassung ist,
weswegen es sich also seiner Auffassung nach bei der strikten Unterscheidung zwischen
‘formaler’ und ‘materialer’ Topik um eine „Scheinalternative“42 handelt, die die ‘ur-
sprünglichen Leistungsmomente’ der Topik aus dem Blick verliert, sollen im folgenden
anhand von Bornscheuers Darlegung der „beiden wichtigsten antiken Rhetorik- und
T[...opik-] ‘Theoretiker’ Aristoteles und Cicero“43 aufgezeigt werden.
Da ich den Schwerpunkt hier vor allem auf Bornscheuers Darlegung der aristoteli-
schen Topik-Auffassung legen möchte, da die Problematik der topischen inventio laut
Bornscheuer nach Aristoteles nie wieder so grundsätzlich reflektiert worden sei, möchte
ich nun über- und zurückleitend zu Aristoteles’ Topik-Auffassung einige Aspekte anfüh-
ren, die Bornscheuer anhand Ciceros Schriften herausgearbeitet hat, und die schon hier
meiner Meinung nach deutlich machen, warum Bornscheuer die rein formale Auffassung
von Topik ablehnt.

38
Bornscheuer, Zehn Thesen, S. 206.
39
ebd.
40
Bornscheuer, Lothar: Neue Dimensionen und Desiderata der Topik-Forschung, in: Mittellateinisches
Jahrbuch, Bd. 22 (1987), hrsg. von Karl Langosch/Fritz Wagner, Stuttgart 1989, hier: S. 5. (nach-
folgend zit. als: Bornscheuer, Neue Dimensionen)
41
ebd., S. 6.
42
ebd., S. 9.
43
Bornscheuer: Topik, in: Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte, Bd. IV, hrsg. von Klaus Kan-
zog/Achim Masser, Berlin/New York 1984, 2. Auflage, 454-475, hier: S. 462. (nachfolgend zit. als:
Bornscheuer, Topik in Reallexikon)
41
Die Unschärfe von Ciceros Topik-Auffassung

Zunächst einmal ist deutlich, daß Lothar Bornscheuer die Bedeutung der sich auf Cicero
und Quintilian gründenden Schultradition im Hinblick auf einen umfassenden Topik-
und Topos-Begriff relativiert. So sei insbesondere „die Bedeutung der in Ciceros Spät-
schrift Topica geprägten und von Quintilian [...] aufgegriffenen bildlichen Definitions-
formel ›locum esse argumenti sedem‹ von der Forschung weithin überschätzt worden“44.
Denn diese Definition stehe bei Cicero - wie Bornscheuer ausführt - „im Umkreis
verschiedenartiger bildlicher Erläuterungsversuche und sollte daher trotz ihrer Faßlich-
keit nicht überbewertet und insbesondere nicht dahingehend verstanden werden, daß der
Topos (locus) damit für das gesamte ciceronianische Werk als reiner Formbegriff erwie-
sen sei“45. „Die für ›loci‹ gern verwendeten Bildworte ›capita‹ (= Hauptquellen) und
›fontes‹46 [...hingen - wie er weiter schreibt -] mit dem die Rede als Ganzes charakteri-
sierenden Motivkreis ›flumen‹, ›redundare‹ u.ä.47 zusammen und dieser wiederum mit
dem [...] Hauptkomplex der rednerischen ›Kraft‹ (vis) und ›Fülle‹ (copia)“48.
Zwar ließe sich bei Cicero eine „Präzisierung [...] der formalistischen Schulrhetorik
und inventio-Lehre feststellen“49, aber gleichwohl „auch eine deutliche Abwertung“50.
Cicero lasse - wie Bornscheuer weiter ausführt - keinen Zweifel daran aufkommen, daß
er der Auffassung sei, daß die schulrhetorische inventio-Topik „letztlich nur an ›Rinn-
salen‹ entlangführe, jedoch nicht zu den eigentlichen ›Quellen‹ (›fontes rerum‹, ›capita‹)
leite“51. Hier wird ersichtlich, daß für Cicero die schulrhetorische inventio-Topik also
nicht zu ‘rednerischer Kraft’ und ‘Fülle’ führt:

„Jene ›capita‹, auf die Cicero eigentlich aus ist [...] sind vielmehr weder reine Form-Topoi
noch beschränken sie sich überhaupt auf das Feld der res-inventio. Denn die von Cicero ge-
meinten ›capita‹ oder ›loci‹, aus denen ›für jede Rede alle Erfindungen hergeleitet werden‹
[...]52, gelten für ›Sache‹ und ›Rede‹ gemeinsam [...]53, also für die inventio und elocutio!“54.

44
Bornscheuer, Zehn Thesen, S. 206.
45
Bornscheuer, Topik, S. 64.
46
Bornscheuer verweist hier auf: De oratore 2,117.130.146 (zu den von Bornscheuer verwendeten Ausga-
ben vgl. Bornscheuer, Topik, S. 226 (Anm. 123 zu Kap. I).
47
Bornscheuer verweist hier auf: De or. 1,20; 2,[Link]; 3,82.
48
Bornscheuer, Topik, S. 63-64.
49
ebd., S. 70.
50
ebd.
51
ebd., S. 64. Bornscheuer verweist hier auf: De or. 2, 117.
52
Bornscheuer verweist hier auf: De or. 2,146.
53
Bornscheuer verweist hier auf: De or. 2,130.145.
54
Bornscheuer, Topik, S. 65-66.
42
Die eigentlichen Quellen erkenne Cicero vielmehr - wie Bornscheuer ausführt - in den
„sogenannten ›theseis‹ oder ›quaestiones infinitae‹. Dieser Modus allgemein-theore-
tischer Erörterungen [...sei] eigentlich Sache der Philosophie, während der forensische
Redner normalerweise mit ›quaestiones finitae‹, d.h. mit konkreten Problemfällen zu tun
[...habe], die an Personen und Zeitumstände gebunden sind“55.
Zum Kern von Ciceros rhetorischem Idealprogramm gehöre es nun - so Bornscheuer
weiter - dieses Feld der ‘quaestiones infinitae’ für die Rhetorik zurückzugewinnen.
Demnach vertrete Cicero die Auffassung, daß man in einer Rede alle Anklage- und Ver-
teidigungspunkte notwendigerweise von den Zeitumständen und den konkreten Men-
schen ablösen und auf allgemeine Hauptpunkte der Sachverhalte und Wesensarten zu-
rückführen müsse. In diesen allgemeinen Hauptpunkten - „›communes rerum et generum
summae‹ [...- erblicke] Cicero die einzuprägenden obersten ›loci‹56 [...], von deren be-
schränkter Zahl aus die unbegrenzte Fülle an Anklage- und Verteidigungsargumentatio-
nen bewältigt werden“57 könne.
Diese von Cicero gemeinten ‘loci’ seien - wie Bornscheuer anmerkt - die ‘loci com-
munes’:

„Die forensischen loci communes dienen entweder der Entrüstung des Anklägers (in-
dignation) oder der Beschwerde des Verteidigers (conquestio) oder sie sind von so allgemei-
ner Art, daß sie in ultramque partem, also für beide Prozeßseiten Stichworte zur Stärkung
der eigenen und zur Schwächung der gegnerischen Position liefern, z.B.: ›Ver-
dachtsmomenten müsse man Glauben schenken und man müsse es nicht;... das frühere Leben
müsse man mit berücksichtigen und müsse es nicht; wer sich in jener Sache vergangen habe,
dem sei auch diese Tat zuzutrauen und sie sei es nicht‹“58.

Loci communes seien also auf verschiedene Fälle „anwendbare Gesichtspunkte und
dien[t]en der Amplifikation“59, wobei Amplifikation bei Cicero - wie Bornscheuer be-
tont - die „gleichzeitige Steigerung des Bedeutungsgehalts und des sprachlich-
stilistischen Reichtums“60 bedeute.
Loci communes sind für Bornscheuer demnach „keine formalen, sondern thematische,
bedeutungsreiche Aspekte. Der Begriff bezeichne[...] nicht nur die Stichworte, sondern
auch die ganze sprachliche Bearbeitung des durch das Stichwort jeweils angegebenen
Komplexes. Das spezifische Kennzeichen von loci communes [...sei] ihre auf allgemei-

55
ebd., S. 66.
56
Bornscheuer verweist hier auf: De or. 2,135f.
57
Bornscheuer, Topik, S. 66.
58
ebd., S. 68. Bornscheuer verweist hier auf: De inventione. 2,50 (zu der von Bornscheuer verwendeten
Ausgabe vgl. Bornscheuer, Topik, S. 225 (Anm. 114 zu Kap. I).
59
ebd., S. 67.
60
ebd., S. 74.
43
ner, öffentlicher Anerkennung beruhende hohe Bedeutsamkeit“61. Gegenüber Mertner,
der ja auch im Blick auf die loci communes - wie im letzten Kapitel gesehen - auf der
‘ur-sprünglich lokalen, also formalen Bedeutung’ der loci communes bestanden hatte,
betont Bornscheuer hier also die inhaltliche, bedeutungsgeladene Füllung der loci com-
munes.
Im Kanalbett der Gemeinplätze würden sich also - wie Bornscheuer Ciceros Konzep-
tion zusammenfaßt - nach diesem Ideal die copia rerum und die copia verborum zu ei-
nem mächtigen Redestrom vereinigen, „der die letzten psychischen Widerstände des
Publikums mit sich [...fortreiße]. Loci communes [...seien] Fundgruben der moralischen
Emphase, des wortgewaltigen Plädoyers für Recht und Ordnung, für Sitte und Tradition,
des Appells an Bürgersinn, gesunden Menschenverstand und allgemeinmenschliches
Empfinden“62: „Im ciceronianischen locus communis [...würden] Topos, res und verbum
gewissermaßen zusammen[fallen]“63.
Cicero setze sich also - so Bornscheuer weiter - in seiner Auffassung der Topik über
zahlreiche Grenzsetzungen der Schulrhetorik hinweg, „wie [...der] zwischen Philosophie
und Rhetorik, zwischen inventio und elocutio, zwischen res und verba, zwischen
quaestio finita und quastio infinita [...]“64. Es sei somit deutlich, daß es Cicero nicht auf
eine systematische Terminologie ankomme, denn „[...] der locus-Begriff selbst [...um-
fasse bei ihm] ein weites Bedeutungsfeld vom untergeordneten Spezialgesichtspunkt bis
zum ‘Gemeinplatz’, ‘Argumentationsbereich’ [...], von formalen bis zu rein inhaltlichen
Aspekten, und er [...habe zudem] eine ganze Reihe inkongruenter Wechselworte zur
Seite wie regiones, capita, fontes, signa, notae, sedes“65.
Es wäre jedoch ein Mißverständnis - wie Bornscheuer betont -, „wollte man alle diese
Grenzverwischungen für Konzeptlosigkeit halten“66, ein Mißverstehen nicht nur von
Ciceros Topik-Auffassung, sondern auch der Topik im Allgemeinen. Die Gründe für
diese Ansicht Lothar Bornscheuers möchte ich nun im folgenden an seiner Darstellung
von Aristoteles’ Topik-Auffassung deutlich machen.

61
ebd., S. 67.
62
ebd., S. 69.
63
ebd., S. 80.
64
ebd., S. 70.
65
ebd.
66
ebd., S. 70-71.
44
Die Unschärfe
des aristotelischen Topik- bzw. Topos-Begriffes

Es ist vor allem der Eingangssatz der Topik-Schrift des Aristoteles’, in dem Bornscheuer
den „fruchtbarste[n] Ausgangspunkt“67 für eine Neubestimmung des Topos-Begriffs
erkennt. In Bornscheuers Übersetzung lautet er:

„Das Ziel dieser Abhandlung ist, ein Verfahren (methodos) zu finden, mit dessen Hilfe wir
gegenüber jeder Problemstellung (problema) auf der Grundlage der geltenden Meinungen
(endoxa) zu einem schlüssigen Urteil kommen können (syllogizesthai) und, wenn wir selbst
einer Argumentation standhalten sollen, in keine Widersprüche geraten“ 68.

Diese hier anvisierte Methode sei „als ›topische Methode‹ im engeren Sinne aufzufas-
sen“69. Dies sieht Bornscheuer durch den mit dem Eingangssatz der Schrift korrespon-
dierenden Schlußsatz70 des VII. Buches bestätigt: „›Die Topoi also, durch die wir befä-
higt sein werden, jede Art von Problemen zu bewältigen, sind damit einigermaßen hin-
reichend aufgezählt‹“71. Die zur Problembewältigung allererst befähigende Methode
bedeute demnach - wie Bornscheuer darlegt - „‘Verfügung über Topoi’“72. Im Anschluß
an die aristotelischen Topos-Formulierungen, die - so Bornscheuer - auf den Verben
‘sehen’, ‘blicken’, ‘schauen’ im Sinne von ‘darauf achten’ basierten73, ließe sich „ein

67
Bornscheuer, Topik, S. 95.
68
Aristoteles, Top. I, 1 100a, zit. nach: Bornscheuer, Topik in Reallexikon, S. 455. Bornscheuer hat eine
eigene Übersetzung des aristotelischen Textes angefertigt (zu den hierbei zugrundegelegten Textausga-
ben: vgl. Bornscheuer, Topik, S. 218 [Anm. 1 zu Kap.I]).
Die im deutschen Sprachraum gängigste Übersetzung dieses Textes stammt wohl von Eugen Rolfes. Er
übersetzt den Eingangssatz wie folgt: „Unsere Arbeit verfolgt die Aufgabe, eine Methode zu finden,
nach der wir über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse bilden können und,
wenn wir selbst Rede stehen sollen, in keine Widersprüche geraten“ (Aristoteles: Topik. Organon V,
übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes, Hamburg 1968, unveränd. Nachdruck der
2. Auflage 1922 [zuerst 1919], hier: S. 1. [nachfolgend zit. als: Übersetzung Rolfes]).
Bornscheuers - von Rolfes’ abweichende - Übersetzung vor allem des Wortes éndoxa als den „gel-
tenden Meinungen“ soll die spezifische Bedeutung dieses Wortes im Rahmen der Topik herausheben:
„Zwar ist dem endoxa-Begriff der erkenntnistheoretische Aspekt im Sinne des ›Wahrscheinlichen‹ nicht
abzusprechen, doch scheint es ebenso notwendig, auf seinen soziokulturellen Bedeutungsgehalt auf-
merksam zu machen [...]“ (Bornscheuer, Topik, S. 49).
69
ebd., S. 28.
70
In der Übersetzung von Rolfes lautet er: „So sind denn die Örter, die uns helfen können, in bezug auf
jedes Problem dialektische Schlüsse zu ziehen, annähernd vollständig aufgezählt“ (Aristoteles, Top. VII,
5 155a, 37f., Übersetzung Rolfes, S. 172).
71
Aristoteles, Top. VII, 5 155a, 37f. Übersetzung Bornscheuer, vgl. Bornscheuer, Topik, S. 28.
72
ebd.
73
Bornscheuer verweist hier u.a. auf: Aristoteles, Top. II, 2 109a 34f: „Ein Ort nun ist, daß man zusieht
[...]“ (Übersetzung Rolfes, S. 29), „Ein anderer Ort ist die Betrachtung [...]“ (Übersetzung Rolfes, S. 30),
und auf einige Stellen in Aristoteles, Top. I, 15 106a ff.: „Ferner muß man zusehen [...]“ (Übersetzung
Rolfes, S. 20), „muß man [...] achtgeben“ (Übersetzung Rolfes, S. 20), „Ferner sind [...] ins Auge zu fas-
sen“ (Übersetzung Rolfes, S. 21).
45
Topos [...] definieren als ein zur Gewinnung neuer Diskussionsargumente empfehlens-
werter ›Ge-sichtspunkt‹“74. Das Wort ‘Topos’ habe Aristoteles - wie Bornscheuer an
Solmsen75 anknüpfend ausführt - „wahrscheinlich der Mnemotechnik entlehnt, die es zu
einer gewissen Kunst entwickelt hatte, lokale Fixpunkte wie z.B. bestimmte geometri-
sche Örter auf den Wänden eines Versammlungsraumes als abstrakte Merkpunkte für
bestimmte Zäsuren bzw. Anhaltspunkte jeder Rede und Erörterung einzusetzen“ 76.
Gegenüber den mnemotechnischen Topoi würden jedoch die von Aristoteles inten-
dierten dialektisch-rhetorischen Topoi nicht der Befolgung festgelegter Redemuster die-
nen, sondern eine unübersehbare Fülle möglicher Weichenstellungen bilden, „für die
weder eine allgemeine Rangfolge noch die jeweils empfehlenswerteste argumentatori-
sche Bewegungsrichtung vorauszusagen [...sei]“77.
Bornscheuer betont, daß Aristoteles „auf eine eindeutige Definition dessen, was unter
Topik bzw. unter einem Topos zu verstehen [...sei, verzichtet habe], gemäß seinem aus-
drücklichen Vorsatz, das topische Verfahren nur ›umrißhaft‹ beschreiben zu wollen“78.
So würde Aristoteles mehrfach betonen, „die Untersuchung solle nur ›im Umriß‹ (hos
typo) und ›im allgemeinen‹ (katholu) geführt werden, es sei nicht angestrebt, über ir-
gendeinen Punkt ›genaue Rechenschaft zu geben‹“79.
Dieses ‘Unschärfe-Prinzip’ sei von der Forschung bisher noch nicht angemessen ge-
würdigt, „sondern höchstens als eine Mangelerscheinung empfunden worden [...]“80,
meint Bornscheuer. Das Unschärfe-Prinzip müsse nun allerdings als „ein unmittelbarer
Ausdruck des topischen Verfahrens selbst betrachtet werden [...]“81. Bornscheuer ist der
Auffassung, „daß die durchgängige Unschärfe bzw. Interpretationsbedürftigkeit der ari-
stotelischen Topik-Schrift aus der Natur der Sache [...folge], um die es in diesem Früh-
werk [...gehe]“82. Denn das eigentliche Sujet der aristotelischen Topik-Schrift sei die

74
Bornscheuer, Topik, S. 29.
75
Bornscheuer folgt hier: Solmsen, Friedrich: Die Entwicklung der aristotelischen Logik und Rhetorik,
Berlin 1929, hier: S. 170ff.
76
Bornscheuer, Topik, S. 45.
77
ebd.
78
ebd., S. 42.
79
ebd., S. 33. Bornscheuer verweist hier u.a. auf: Aristoteles, Top. I, 2 101a 18-24: „Dieses mögen denn,
im allgemeinen Umriß beschrieben, die verschiedenen Arten der Schlüsse sein. Wir wollen aber über-
haupt, wie alles Angeführte, so auch das noch weiter Auszuführende nur so weit, also nur im allgemei-
nen, behandeln. Denn es ist nicht unser Vorhaben, über irgend eines dieser Dinge genaue Rechenschaft
zu geben, sondern wir wollen alles nur im Umriß darstellen [...]“ (Übersetzung Rolfes, S. 2-3); Aristote-
les, Top. I, 6 103a 1f: „So muß man denn, wie vorhin gesagt, unsere Einteilung bloß allgemein verstehen
[...]“ (Übersetzung Rolfes, S. 8).
80
Bornscheuer, Topik, S. 42.
81
ebd., S. 33.
82
ebd., S. 42.
46
vorwissenschaftliche Problemerörterung, die Argumentation im „Bereich der Doxa, die
umgangssprachliche Argumentationsstruktur bzw. die öffentliche Meinungsbildung
[...]“83.
Die von Aristoteles im Eingangssatz als Operationsbasis des topischen Verfahrens
angesprochenen herrschenden Meinungen (endoxa84) seien laut Bornscheuer also als
konstitutives Merkmal der Topik anzusehen. Sie seien:

„sämtliche mündlichen und schriftlichen, bewußt oder unbewußt internalisierten Geltungsan-


sprüche der Tradition und Konvention..., vom idealen gesamtgesellschaftlichen consensus
omnium bzw. der herrschenden Vor-Urteils-Struktur über alle kanonisierten Bildungsgüter
bis hin zu den dezidierten ‘Lehrmeinungen’ einzelner Autoritäten (poli-tischer, pädagogi-
scher, wissenschaftlicher oder kultischer). Zu den endoxa ist mit dem Sententiösen, Sprich-
wörtlichen und Zitathaften der Bereich aller gesellschaftsgeschichtlichen Erfahrungen und
Erinnerungen wie auch aller handlungsorientierenden, zukunftsweisenden Bedeutungsgehal-
te zu rechnen [...]“85.

Da jedoch auf der Grundlage der endoxa keine apodiktischen Schlüsse86 möglich sei-
en, Schlüsse also, die sich auf „absolute oder objektive Wahrheitspostulate“87 stützen,
könne es sich bei der von Aristoteles gesuchten Methode nicht um Wissenschaft han-
deln. Deshalb gelangt Bornscheuer zu der Auffassung, daß durch das topische Verfahren
- von „Aristoteles durch das Stichwort ‘syllogizesthai’ angedeutet [...- die] vorwissen-
schaftliche Problemreflexion, Argumentation, Urteilsbildung und Schlußfolgerung“88
und so die „dialektische[...] Problemerörterung“89 ermöglicht werden soll.
Das Ziel der aristotelischen Topik-Schrift sei es also, „die [...] umgangssprachliche
Argumentationsstruktur genauer ins Bewußtsein zu heben und zu einem geschmeidigen
Instrument zu profilieren“90.
Wichtig in diesem Zusammenhang - und ein wesentlicher Grund für die charakteristi-
sche Unschärfe - sei nun - wie Bornscheuer ausführt -, daß Aristoteles dieses Ziel mit
den Mitteln seines Untersuchungsgegenstandes verfolge: denn „die im Bereich der Doxa
beheimatete topische Dialektik [...sei] in Aristoteles’ Schrift gleichzeitig Interpretandum
und Interpretament. [...] Die aristotelische Topik ließe sich bezeichnen als das ebenso

83
ebd.
84
Die „›endoxa‹ sind das, ›was allen oder den meisten oder den Gebildeten (sophoi) und unter diesen allen
oder den meisten oder den am meisten Bekannten und Anerkannten (endoxoi) richtig scheint‹“
(Aristoteles, Top. I, I 100b 21-23, [Link]: Bornscheuer, Topik, S. 26).
85
ebd., S. 95.
86
vgl. Aristoteles, Top. I, 1 100a, 32 - 100b, 31 (zit. oben Kap. I (Die ‘formale Topik’), S. 17 [Anm. 6]).
87
Bornscheuer, Topik, S. 27.
88
ebd, S. 26.
89
ebd.
90
ebd., S. 43.
47
interpretationsbedürftige wie sich selbst authentisch auslegende Organon der umgangs-
sprachlichen Argumentation“91.
Die Unschärfe und Interpretierbedürftigkeit von Aristoteles’ Topik-Schrift und Topik-
bzw. Topos-Konzeption beruht also für Bornscheuer „auf der asystematischen Kohärenz
der umgangssprachlichen Argumentationsstruktur sowie auf der hermeneutischen Zir-
kelstruktur ihrer [... von Aristoteles hier ] unternommenen Reflexion“92.
Bornscheuer ist der Auffassung, daß die Betonung dieser Unschärfe notwendig sei,
um den „eigentlichen Lebenskern der Topik wieder freizulegen“93: die seit „Boethius und
vollends seit der hochmittelalterlichen Scholastik [bis in die jüngste Forschung hinein]
herrschende Tendenz, die aristotelische Topik im Licht der formalen und systematischen
Logik zu betrachten“94, stünde zwar nicht im Widerspruch zu deren originärer Intention,
träfe aber auch nicht deren Sinnmitte. Denn das Leistungsvermögen des topischen In-
strumentariums würde - wie Bornscheuer meint - „durch eine formalsystematische Logi-
fizierung nicht gesteigert, sondern geschwächt“95.
So tendiere Aristoteles’ „Topik-Schrift [zwar] dahin, aus dem weiten Feld der Doxa,
d.h. der gesamtgesellschaftlichen Vor-Verständnisse und ‘Vor-Urteile’ die allgemeinsten
kategorialen Aspekte der umgangssprachlichen Urteilsstruktur herauszuarbeiten“96.
Hierbei hat Bornscheuer den von Aristoteles in den Büchern II-VII seiner Topik-Schrift
geleisteten Versuch im Auge, „das unbegrenzte Feld möglicher Problemfragen und da-
von abgeleiteter Ausgangspositionen [für die Herangehensweise an eben diese Proble-
me] nach formalen, insbesondere nach begriffs-, aussagen- und schlußlogischen Kriteri-
en zu unterscheiden, und zwar vor allem nach den Prädikabilien ›Begriffsdefinition‹,
›Spezifikum‹, ›Gattung‹ und ›Akzidenz‹“97. Gleichwohl handle „es sich auch hier nur
um eine ›umrißhafte‹ Systematisierung des topisch-dialektischen Fragens, [...was] nicht
nur ein Blick auf die praktische Durchführung in den Büchern II-VII [beweise], sondern
[...] von Aristoteles ausdrücklich betont“98 werde. Der „assoziativ-kombinatorische[...]
Wechsel aller überhaupt erreichbaren, also möglichst vieler und verschiedener Eintei-

91
ebd., S. 43-44.
92
ebd., S. 43.
93
ebd.
94
ebd., S. 42.
95
ebd.
96
ebd., S. 45.
97
ebd., S. 31-32.
98
ebd., S. 32. Bornscheuer verweist hier auf: Aristoteles, Top. I, 6 103a 1f. Rolfes übersetzt die gemeinte
Stelle mit: „So muß man denn, wie vorhin gesagt, unsere Einteilung bloß allgemein verstehen [...]“
(Übersetzung Rolfes, S. 8).
48
lungs- und Argumentationsgesichtspunkte mit dem Ziel höchstmöglicher Differenzie-
rung der jeweiligen Problemlage und des Begriffsgebrauchs“99 sei - wie Bornscheuer
darlegt - der „in den Büchern II-VII tatsächlich praktizierte Disputationsmodus“100. Die
„begriffs-logischen Kriterien [...seien also] nur ein äußerer Spannungsrahmen“101 für die
aristotelische Darstellung des topischen Instrumentariums.
Die Unschärfe schlage sich aber auch in der Verwischung der Grenzen zwischen den
Grundbegriffen nieder, in dem „schwer abgrenzbaren Bedeutungsgehalt von Leitbegrif-
fen wie topoi, endoxa, protaseis [...]“102. Bornscheuer vertritt die Auffassung, daß
„Topoi, endoxa und protaseis [...] offenbar nur verschiedene Aspekte derselben Sa-
che“103 bezeichnen würden, und unter ihnen somit die allgemeinen Grundlagen der von
Aristoteles gesuchten Methode zu verstehen seien:

„Der ›Topos‹-Begriff verweist vor allem auf den instrumentellen Charakter jedes allgemein
verwendbaren Argumentationsgesichtspunktes, der Begriff ›endoxa‹ auf das Moment der
allgemeinen gesellschaftlichen Anerkennung der Ausgangspositionen und Hilfsmittel,
›protaseis‹ schließlich auf den ‘Prämissen’-Charakter der Ausgangssätze“104.

Aufgrund dieser hier dargelegten Unschärfe seien nach Bornscheuers Meinung unter
„›Topik‹, ›Topos‹ und ›topisch‹ [...] heuristische Sammelbegriffe für alle die spezifi-
schen Merkmale, die in der sogenannten Topik-Schrift als Bedingungsmomente einer
dialektischen Problemerörterung in Erscheinung [...treten, zu verstehen]. ›Topik‹ und
›Topoi‹ [...ließen] sich [...somit] als ‘Hilfsmittel für die dialektische Problemerörterung’
bestimmen“105. Und nach Bornscheuer könnte man „einen Topos auch als einen ‘Argu-
mentationsgesichtspunkt von allgemeinverständlicher Relevanz’ bezeichen“106.
„Über konkrete Wege, allgemein anerkannte Argumentationsansätze im besonderen
Problemfall verifizieren zu können, [...mache] Aristoteles nur knappe Andeutungen. Ne-
ben dem grundsätzlichen Verweis auf den consensus omnium bzw. das Urteil der Gebil-
deten [...empfehle Aristoteles - so Bornscheuer weiter -] u.a. die Orientierung an schrift-
lichen Abhandlungen, an selbst anzulegenden Stichwortkatalogen zu bestimmten Sach-
bereichen [...] oder an den Gedanken einzelner hervorragender Gewährsmänner [...].

99
Bornscheuer, Topik, S. 35.
100
ebd.
101
ebd., S. 32.
102
ebd., S. 33.
103
ebd., S. 30.
104
ebd.
105
ebd., S. 28.
106
ebd., S. 45.
49
Hinzuweisen [...sei] in diesem Zusammenhang auch auf Aristoteles’ besondere Schät-
zung von Sprichwörtern, Gemeinplätzen, Dichterzitaten usw.“107.
So sei deutlich, daß das topische Instrumentarium aus dem gesamten Bereich der
Doxa - und nicht nur aus dem Bereich der Argumentationsformen - stamme: „Der Ver-
fügungsraum an topischen Argumentationsmitteln konstituiert sich aus Tradition und
Konvention. Er umfaßt den gesamten Bereich von Sprache, Sitte und gesellschaftlichem
Selbstverständnis, des Meinens und des herrschenden Bildungswissens [...]“108.
Jeder „allgemeine oder konkrete, formale oder inhaltliche Gesichtspunkt, der in einem
jeweils vorliegenden Problemzusammenhang eine neue und wichtige Perspektive eröff-
ne[...]“109, dürfe somit letztlich als Topos gelten.
Diese - in der Offenheit gegenüber jedem im Rahmen der öffentlichen Meinungsbil-
dung sich stellenden Problem begründete - Vielfältigkeit (und damit Unschärfe) der ar-
gumentativen Hilfsmittel wird für Bornscheuer auch in der Behandlung der Topoi im
Zusammenhang von Aristoteles’ Rhetorik-Schrift deutlich:
Wie die Dialektik richte sich die Rhetorik „›auf solche allgemeinen Gegenstände
(koina), deren Erkenntnis allen (sc. gebildeten Menschen) möglich und keiner Einzel-
wissenschaft vorbehalten‹“110 sei.
Und mit dem Ausdruck ›koina‹ sei - wie Bornscheuer ausführt - hier nun gleich zu
Beginn der Rhetorik-Schrift das Stichwort gefallen, „unter dem die Rhetorik einen
Hauptaspekt der Topik [...aufgreife]: die Allgemeinheit des Problemcharakters und der
Problemlösungsmöglichkeiten“111. Denn schon, weil sich nicht alle Menschen durch
wissenschaftlich exakte Beweise überzeugen ließen, sei Aristoteles - wie Bornscheuer
darlegt - der Auffassung, daß man „›die Argumente und Argumentationen aus dem All-
gemeinen (koina) heraus entwickeln [müsse], wie [...er] ja auch [schon] in der Topik
gesagt habe[...]‹“112. ‘Koinos’ werde laut Bornscheuer in der Rhetorik-Schrift zu einem
Haupt-attribut „und ›to koinon‹ stellenweise sogar ein Wechselwort für ›topos‹“113:

107
ebd., S. 31.
108
ebd., S. 44.
109
ebd., S. 44-45.
110
Aristoteles, Rhet. I, 1 1354a 1-3, zit. nach: Bornscheuer, Topik, S. 37. (Für die von Bornscheuer zu-
grundegelegten Textausgaben vgl. Bornscheuer, Topik, S. 218-219 [Anm. 4 zu Kap. I]).
111
ebd., S. 37-38.
112
Aristoteles, Rhet. I, 1 1355a 24-29, zit. nach: Bornscheuer, Topik, S. 38. Franz G. Sieveke übersetzt
diese Stelle wie folgt: „[...] vielmehr muß man die Überzeugungsmittel und die Behauptungen mit Hilfe
von Gemeinplätzen bilden, wie wir (dies) auch in der Topik über die Unterredung mit der Menge ge-
zeigt haben“ (Aristoteles: Rhetorik, übersetzt, mit einer Bibliographie, Erläuterungen und einem Nach-
wort von Franz G. Sieveke, München 1980, hier: S. 10 [nachfolgend zit. als: Übersetzung Sieveke]).
113
Bornscheuer, Topik, S. 38.
50
„›Diese (Topoi) sind die für die Gebiete des Rechts, der Physik, der Politik und viele an-
dersgearteten Wissenschaften gemeinsam geltenden (hoi konoi); wie etwa der Topos des
Mehr oder Weniger‹“114.

Bornscheuer ist der Meinung, daß die hier angesprochenen allgemeinen Topoi (konoi
topoi, und dann entsprechend die loci communes in der römischen Rhetorik) aber nicht
nur ‘allgemein’ in dem Sinne seien, daß sie Relevanz für mehrere Fachwissenschaften
beanspruchen oder für alle Redegattungen gelten würden, daß also „der ›Allgemein-
heits‹-Charakter im Bereich der Topik nicht nur eine erhöhte logische Wahrscheinlich-
keit abstrakter Gedanken oder einen breiten thematischen Anwendungsbereich
[...meine], sondern auch den ‘öffentlichen’ Geltungsanspruch“115.
Die topoi konoi wie auch die loci communes seien - wie Bornscheuer betont - viel-
mehr „offensichtlich [...] auch als Standards des ›allgemeinen Denkens‹ im Sinne des für
die öffentliche Meinungsbildung (doxa) maßgeblichen ›consensus omnium‹ bzw.
›sensus communis‹ zu verstehen“116.
Ein weiterer Aspekt, den Bornscheuer betont, ist, daß Aristoteles „eine ›erste Aus-
wahl‹ (von Ausgangssätzen und Argumentationsgesichtspunkten) als spezifisch ›topisch‹
bezeichne[...], und zwar offenbar [...] auf dem Weg über gewisse Sachkataloge“117. Die-
ses ‘Auswahl’- oder ‘Katalogverfahren’ gehe - wie Bornscheuer schreibt - „vom jeweili-
gen Diskussionssujet aus [...und postuliere] idealiter zu jedem einzelnen thematischen
Gegenstand eine passende Aufstellung der geeigneten Argumentationstopoi“118.
Dieser auf dem „Ordnungsprinzip des induktiv zu benutzenden Topoi-Inventars“119
beruhenden ‘Katalogbildung’ bzw. diesem ‘Auswahlverfahren’ stelle Aristoteles in sei-
ner Rhetorik-Schrift eine weitere Bestimmung des Topos-Begriffs gegenüber: denn zum
anderen wolle er „unter dem ›Element‹ (stoicheion) und ›topos‹ einer rhetorischen Ar-

114
Aristoteles, Rhet. I, 1 1358a 10-14, zit. nach Bornscheuer, Topik, S. 38. Sieveke übersetzt: „[...] was
wir Topoi nennen - diese sind nämlich die allgemeinen Gesichtspunkte in bezug auf Recht, Natur, Poli-
tik und vieles andere verschiedener Art, wie beispielsweise der Topos des Mehr und Weniger“
(Übersetzung Sieveke, S. 19).
115
Bornscheuer, Topik, S. 38-39.
116
ebd., S. 39.
117
ebd. Bornscheuer verweist hier auf: Aristoteles, Rhet. II, 22 1396b. Sieveke übersetzt: „[...] da es durch
die Rede klar ist, daß man unmöglich auf andere Weise argumentieren kann, so ist es einleuchtend, daß
man wie in der Topik notwendigerweise zuerst für jeden einzelnen Gegenstand eine Sammlung von
schon fertigen Beweisen für die möglichen und die am meisten zutreffenden Fälle hat. [...] Es gibt also
nur eine Art der Auswahl und die wichtigste davon ist die topische“ (Übersetzung Sieveke, S. 143).
118
Bornscheuer, Topik, S. 40.
119
ebd.
51
gumentation (enthymema) dasselbe verstehen120; diese Bestimmung [...werde - so Born-
scheuer - ] im letzten Kapitel des zweiten Buches wiederholt und erweitert: ›Ein Element
und ein Topos [...sei] nämlich etwas, unter das sich viele Enthymeme subsumieren
[...ließen]‹“121.
Bornscheuer schreibt dazu, daß diese Bestimmung des Topos als enthymematisches
Element vom einzelnen Topos ausgehe, „von seiner ‘Prämissen’-Funktion und seiner
davon ableitbaren Eigenschaft als klassifizierender Oberbegriff für alle die Enthymeme,
die sich unter dem betreffenden Topos je nach Problemfall bilden lassen“122 würden.
Da die „Klassifizierung rhetorischer Schlüsse nach Prämissengesichtspunkten [...] zu
einem deduktiv darstellbaren syllogistischen Topoi-System“123 tendiere, hätte Aristoteles
somit zwei „komplementäre Aspekte des topischen Prinzips“124 angedeutet: „Inventar
und System [...würden nämlich] auf zwei konträren Ganzheits- und Ordnungsvorstellun-
gen“125 beruhen.
Bornscheuer schreibt, daß hinter diesen beiden Bestimmungen „offensichtlich der
Versuch [stehe], wenigstens andeutungsweise dem topischen Prinzip der Fülle durch
gewisse Ordnungskriterien zu begegnen“126. Nach Bornscheuer ließen sich beide
„Ansätze [...] aus der nacharistotelischen Geschichte des topischen Denkens nicht mehr
verdrängen“127. Gleichwohl aber stehe das Moment der Fülle im Vordergrund: das topi-
sche Bewußtsein stelle die dialektisch-rhetorische Argumentationskunst „nämlich einer-
seits vor die unbeschränkte Fülle aller vorwissenschaftlichen Denk- und Entscheidungs-
probleme, andererseits vor die unbeschränkte Fülle aller allgemein verständlicher
Hilfsmittel zur Lösung dieser Probleme“128. So ließe sich jeder Problemzusammenhang
unter verschiedenen Aspekten (Topoi) erörtern und entscheiden, und jedes allgemeine
topische Disputationsmittel ließe sich in vielen verschiedenartigen Problemfällen an-
wenden. Topik meine somit „die Offenheit gegenüber beiden Bereichen“129.

120
Bornscheuer verweist hier auf: Aristoteles, Rhet. II, 22 1396b 20f. Sieveke übersetzt: „Jetzt aber wollen
wir die Elemente der Enthymeme behandeln. Unter Element aber und Topos des Enthymems verstehe
ich dasselbe“ (Übersetzung Sieveke, S. 143).
121
Bornscheuer, Topik, S. 39-40, er zitiert hier: Aristoteles, Rhet. II, 26 1403a 17f. Sieveke übersetzt: „[...]
denn unter dem Begriff Element verstehe ich das gleiche wie Topos. Element und Topos stellen einen
Komplex dar, in den viele Enthymeme fallen“ (Übersetzung Sieveke, S. 165).
122
Bornscheuer, Topik, S. 40.
123
ebd.
124
ebd.
125
ebd.
126
ebd.
127
ebd.
128
ebd., S. 41.
129
ebd.
52
Zusammenfassend lasse sich laut Bornscheuer also sagen, daß die Topik kein
„wissenschaftssystematisch und begriffshierarchisch geordnetes, sondern ein quantitativ
und qualitativ schwer definierbares allgemeines Argumentationsreservoir zur Verfü-
gung“130 stelle. Dieser systemlogisch nicht formalisierbare Gesamtzusammenhang lasse
sich durch einige Grundtatsachen verdeutlichen:
Die „von Aristoteles bewußt praktizierte [...] Unschärfe“131 schlage sich nicht allein
„in dem mehrfachen ausdrücklichen Hinweis auf eine nur ›umrißhafte‹ Phänomenbe-
schreibung, in dem Fehlen einer eigentlichen Topos-Definition, in der Verwischung der
Grenzen zwischen den Grundbegriffen [...]“132, sondern auch in der „hochgradigen In-
terpretierbedürftigkeit jeder einzelnen Toposangabe und Toposverwendung“133 nieder.
Jeder Topos eröffne „verschiedene, sogar entgegengesetze Argumentationsmöglichkei-
ten (in ultramque partem-Prinzip); jede Argumentation [...könne] durch verschiedene
Topoi eröffnet und gestützt werden; das Auffinden des jeweils nützlichsten Topos und
die Reihenfolge der Topoi-Anwendungen [...seien] nicht rationalisierbar oder auch nur
optimierbar; jeder Topos [...könne] jedem anderen über- oder untergeordnet werden, je
nach Problemlage und Argumentationsinteresse“134.
So „unmethodisch der assoziativ-kombinatorische Umgang mit den Topoi im einzel-
nen erscheinen [...möge], so perspektivenreich [...sei] er aufs ganze gesehen. Es [...kom-
me - wie Bornscheuer darlegt -] Aristoteles ganz wesentlich ›auf die Mannigfaltigkeit
der Gesichtspunkte an, unter denen ein Gegenstand betrachtet werden [...könne]‹“135.
Dieses Moment der Fülle beinhalte - so Bornscheuer - neben „[...] der unbeschränkten
Offenheit gegenüber jeder Problemfrage [auch] das unbegrenzte Feld möglicher Argu-
mentationsgesichtspunkte“136. Erst die Fülle des Topoi-Materials verleihe der Dialektik
den Rang einer fundamentalen inventio-Kunst, den ihr keine Einzelwissenschaft streitig
machen könne, wie Aristoteles es dann betone:

„Denn das ist das Spezifische oder doch das Nützliche der Dialektik; ihr auf Forschung an-
gelegter Charakter erschließt nämlich einen Zugang zu den Anfangsgründen aller For-
schungsmethoden“137.

130
ebd., S. 34.
131
ebd., S. 43.
132
ebd.
133
ebd.
134
ebd.
135
ebd., S. 36.
136
ebd., S. 59.
137
Aristoteles, Top. I, 2 101b 2-4 (Übersetzung Bornscheuer, Topik, S. 36)
53
Aufs Ganze gesehen sei also - wie Bornscheuer feststellt - „diese Topik als Instrument
einer ebenso allgemeinverständlichen wie schöpferischen Argumentationskunst zu be-
stimmen“138 und bedeute folglich insgesamt „[...] nach der Konzeption der beiden wich-
tigsten antiken Gewährsmänner das Instrumentarium eines gedanklich und sprachlich
schöpferischen, doch zugleich auf den allgemeinen gesellschaftlichen Meinungs-,
Sprach- und Verhaltensnormen beruhenden Argumentationshabitus“139.

Aktualisierung eines allgemeinen Topik- bzw. Topos-Begriffs

Wie Bornscheuer betont, gehe es ihm bei seinem Aktualisierungsversuch der Topik nicht
um die Etablierung einer topischen Literaturwissenschaft, denn „das ‘topische Verfah-
ren’ [...sollte - wie gerade dargestellt -] grundsätzlich immer nur als ein Hilfsverfahren
jeglichen ‘methodischen Argumentierens’ im strengeren Sinne verstanden werden“140.
So verfolge er bei der Bemühung um eine genauere, literaturwissenschaftlich frucht-
bar zu machende Topik-Vorstellung nicht „einen begriffstheoretischen oder antiquari-
schen Selbstzweck, sondern [...bezwecke vielmehr,] eine neue Ortsbestimmung des ›Li-
teratur‹-Begriffs und damit der ›Literaturwissenschaft‹ selbst vorzubereiten“141.
In diesem Sinne „könnte die Rückbesinnung auf die ‘topischen Dimensionen’ aller
[...Literatur] auch und gerade den literarästhetischen Kommunikationsprozeß - wie alle
künstlerische Arbeit - als ein ‘Problemlösungsverfahren sui generis’ wiederentdecken
lassen“142. Die Erforschung der Topik könne so - wie Bornscheuer weiter schreibt - An-
sätze bieten, „um die Komplexität [...künstlerischer] Problemgestaltung und Problemlö-
sungsverfahren primär wieder aus dem komplexen Fundus [...alltagsweltlicher] Problem-
erfahrung und Problemlösungsphantasie heraus zu verstehen [...]“143.
Anknüpfend an den aristotelischen Gedanken, daß es „so etwas wie ein aus dem All-
tagsdenken und den Problemen der Alltagspraxis erwachsenes allgemeinverständliches
inventorisches Forschungsverhalten [gebe], das allen Künsten und Wissenschaften vor-

138
ebd., S. 93.
139
ebd., S. 94.
140
Bornscheuer, Topik in Reallexilon, S. 465.
141
Bornscheuer, Topik, S. 92.
142
Bornscheuer, Topik in Reallexikon, S. 465.
143
ebd.
54
ausliege und deren Prinzipien überhaupt erst begründe“144, betont Bornscheuer, daß ein
„derart zentraler Begründungsversuch [...] nicht wissenschaftsimmanent, sondern nur in
einem allgemeinen, metawissenschaftlichen Verständnishorizont durchführbar [sei].
Eben dazu soll[e] die historische Rekonstruktion der vorwissenschaftlichen bzw. die
theoretische Konstruktion einer metawissenschaftlichen Topos-Vorstellung dienen. Es
[...gehe] hier mit anderen Worten, im Gegensatz zur gesamten neueren Toposforschung,
nicht um einen weiteren fachspezifischen Topos-Begriff, der nach Maßgabe schon gesi-
cherter wissenschaftsimmanenter Kriterien zu definieren wäre, sondern umgekehrt um
die Gewinnung literaturtheoretischer Grundlagenaspekte am Leitfaden eines allererst
evident zu machenden vor- bzw. metawissenschaftlichen Topik-Verständnisses“145.
Somit blieben - wie Bornscheuer herausstellt - für ein angemessenes Verständnis des
topischen Verfahrens innerhalb rhetorisch-literarischer Kontexte „die verkürzenden
prag-matischen Schulrhetoriker weniger bedeutsam als der Topoi-Gebrauch in der
sprachlich-literarischen Praxis selbst. Daß angesichts der kaum überschaubaren Mannig-
faltigkeit topischer Schreibverfahren [...] weder der theorielose Topos-Begriff von Curti-
us noch der formalistisch verengte von Mertner akzeptabel [...seien], sondern nur ein
differenziert strukturierter, der zumindest die wichtigsten der seit Aristoteles und Cicero
explizit herausgestellten Merkmale wie auch die in der Praxis beobachtbaren unter-
schiedlichen Funktionsmomente berücksichtigt[...]“146, steht damit für Bornscheuer fest.
Ein Topos ist demnach für Bornscheuer weder nur ein Klischee noch allein eine
Suchformel für die Argumentfindung:

„Jeder formale oder thematische Gesichtspunkt, jede logische oder psychologische, disputa-
tionstaktische oder ethisch-normative Verhaltensregel, jedes objektive Faktum oder fiktiona-
le Bild, jedes konkrete Beispiel oder einprägsame Merkwort kann unter bestimmten sozio-
kulturellen Bedingungen den Rang eines Topos gewinnen“147.

Seine Betonung liegt hier offensichtlich auf dem Wort ‘kann’, denn Bornscheuer be-
stimmt die Topoi gewissermaßen als Gebrauchsgegenstände, die sich über ihre Funktio-
nalität bestimmen: das „[...] eigentliche Telos des topischen Apparates ist seine Funktion
im Rahmen der vorwissenschaftlichen Problemlösung und Meinungsbildung“148.

144
Bornscheuer, Topik, S. 93.
145
ebd., 92-93.
146
Bornscheuer, Neue Dimensionen, S. 6.
147
Bornscheuer, Zehn Thesen, S. 208.
148
Bornscheuer, Topik, S. 106.
55
Diese Funktion erfülle der topische Apparat laut Bornscheuer aufgrund mehrerer
„Funktionsmomente“149, die somit als Aspekte in die Bestimmung von Topik und als
literaturtheoretische Grundlagenaspekte in die Ortsbestimmung von Literatur und Litera-
turwissenschaft eingehen.
Ein erster Aspekt leite sich daraus ab, daß die Topoi „zum Bestand der ›endoxa‹, d.h
eines soziokulturell bedingten Meinungsgefüges“150 gehören würden:

„Ein Topos ist [somit zu bestimmen als] ein Standard des von einer Gesellschaft jeweils in-
ternalisierten Bewußtseins-, Sprach- und/oder Verhaltenshabitus, ein Strukturelement des
sprachlich-sozialen Kommunikationsgefüges, eine Determinante des in einer Gesellschaft
jeweils herrschenden Selbstverständnisses und des seine Traditionen und Konventionen re-
generienden Bildungssystems“151.

Dieses Funktionsmoment bezeichnet Bornscheuer als Habitualität152. Unter Habi-


tualität ist meiner Meinung nach also die grundlegende Qualität der Topik zu verstehen,
jegliche Argumentationspraxis und Meinungsbildung überhaupt erst zu ermöglichen.
Die sprachlichen Formen, die Topoi annehmen können, faßt Bornscheuer unter dem
Begriff Symbolizität zusammen. Der Elementarcharakter der Topoi innerhalb eines
Kommunikationsgefüges äußere sich - wie Bornscheuer schreibt - auf sprachlicher Ebe-
ne in der Eignung von Topoi zur formelhaften Fixierung:

„Topoi lassen sich sich in knappen Regeln, Kurzsätzen, zusammengesetzten Ausdrücken


oder bloßen Stichpunkten formulieren. Und zwar kann derselbe Topos verschiedene Grade
sowohl der verbalen wie der semantischen Konzentration annehmen“153.

Diese konkrete Merkform sorge für Präsenz in Problemsituationen, Topoi seien opti-
mal zu erinnern:

„Die Merkformel vermittelt sich dem einzelnen in seiner Eigenschaft als Mitglied jeweils
bestimmter, durch gemeinsame Sprache, Bildung und soziales Bewußtsein typisierbarer
Gruppen. Jedes sprach- und bildungsymbolisch eingrenzbare Symbolsystem stellt eine Art
‘Sondertopik’ im Rahmen der jeweils übergeordneten gesamtgesellschaftlichen ‘Allge-
meintopik’ dar“154.

Sondertopiken seien z.B. soziale Klassen oder Schichten, aber auch „Wissenschafts-
disziplinen, Fachsprachen, Berufssprachen, [...] Gattungstraditionen usw.“155. Ein sehr

149
Bornscheuer, Zehn Thesen, S. 208.
150
Bornscheuer, Zehn Thesen, S. 209.
151
Bornscheuer, Topik, S. 96.
152
Er wählt den Begriff im Anschluß an Pierre Bourdieus Begriff ‘Habitus’, vgl. Bourdieu, Pierre: Zur
Soziologie der symbolischen Formen, 6. Auflage (zuerst 1970), Frankfurt 1997, insbes. S. 143ff..
153
Bornscheuer, Topik, S. 103.
154
ebd., S. 103.
155
ebd., S. 104.
56
allgemeiner Rahmen einer Topik sei stets eine National- oder Kultursprache oder auch
übernationale Topiken, wie z.B. religiöse oder ideologische. So richte sich der
„unmittelbare soziale Geltungsbereich des einzelnen Topos [...- laut Bornscheuer -] nach
dem jeweils sprach- und bildungssoziologisch zu ermittelnden Gruppenumfang“156. Nur
auf dem Boden eines habituell-symbolischen Gefüges könnten schöpferische Ideen ge-
deihen, sei es nun im Bereich der Kunst oder der Wissenschaft.
Zur genaueren Bestimmung der in der Topik wurzelnden schöpferischen Produktivität
werde ich nun das von Bornscheuer herausgearbeitete dritte Strukturmerkmal eines To-
pos betrachten: die Potentialität.
Dieser Aspekt werde „durch die von Aristoteles geforderte Offenheit gegenüber jeder
Problemfrage angedeutet. [...] Das später besonders von Cicero nachdrücklich betonte
Prinzip der ›Fülle‹ [...erfordere] sowohl einfallsreiches Interpretationsgeschick gegen-
über dem einzelnen Topos in verschiedenartigen Problemzusammenhängen als auch die
Verfügung über einen möglichst großen Schatz an verschiedenartigen Topoi im selben
Problemzusammenhang“157. Die schöpferischen, inventorischen Möglichkeiten des To-
pos-Gebrauchs lägen nun - wie Bornscheuer ausführt - in der Interpretationsbedürftigkeit
der aus dem Bereich der endoxa stammenden Topoi begründet, wobei Topoi aufgrund
ihres allgemeinen, unbestimmten Charakters interpretationsbedürftig seien:

„Aus jedem einzelnen [Topos] lassen sich verschiedenartige und sogar völlig gegensätzliche
Argumente gewinnen, derselbe Topos kann bei der derselben Problemfrage beiden Kontra-
henten nützlich sein. (in ultramque partem - Prinzip). Ausschlaggebend ist stets, in welchem
Sinne ein Topos jeweils ins Spiel gebracht und interpretiert wird“158.

Diese Unbestimmtheit sei nicht als Manko anzusehen, denn sie ermögliche ja erst die
Produktivität des Topos-Gebrauchs. Die Interpretationsbedürftigkeit fordere - so Born-
scheuer - heraus, sie inspiriere und setze das Denken in Bewegung. Auf welche Weise
sich die schöpferischen Möglichkeiten eines Topos produktiv umsetzen ließen, bleibe
„der schöpferischen Einbildungskraft, dem Einfall bzw. dem durch Übung geschulten
Assoziations- und Interpretationsvermögen des Disputanten überlassen“159.
Entscheidend für die erfolgreiche Anwendung von Topoi sei das Wissen darüber,
welcher Topos, welcher Argumentationsgesichtspunkt, in welchem Augenblick (in wel-

156
Bornscheuer, Topik, S. 108.
157
Bornscheuer, Zehn Thesen, S. 209.
158
Bornscheuer, Topik, S. 98.
159
ebd., S. 99.
57
chem Kontext) am brauchbarsten sei und wie Topoi wirkungsvoll miteinander kombi-
niert werden könnten.
Hierzu betont Bornscheuer, daß ein Topos einen „konkreten Argumentationswert [...]
nicht schon aufgrund seiner habitualisierten Allgemeingeltung und erst recht nicht auf-
grund seiner polyvalenten Interpretierbarkeit“160 gewinne. Und er hebt hervor, daß ein
„Topos weder bloß ein durch Tradition und Konvention vorgegebener und angeeigneter
Standard, noch ein dem assoziativen Einfall überlassener, beliebig verwendbarer Ge-
sichtspunkt [sei], sondern [...] ein solches zentrales Strukturelement des gesellschaftli-
chen Kommunikationsgefüges, von dem aus im Blick auf einzelne Problemsituationen
jederzeit ein weiterführender Verständnishorizont intendiert werden [...könne]“161. Denn
„Topoi [...besäßen] nur so lange Überzeugungskraft, wie sie sich bei Lösungen der ge-
sellschaftlich lebensbedeutsamen Probleme [in immer neuen Kontexten] bewähren
[würden]“162.
Unter dieser Problem- und Kontextbezogenheit - von Bornscheuer Intentionalität ge-
nannt - ist meiner Auffassung nach sozusagen eine Gravitationskraft zu verstehen, wel-
che die Struktur eines Topos zusammenhält, so daß er nicht in die bloße Habitualität
oder bloße Potentialiät zerfällt. Denn ohne aktuellen Gebrauch in der Erörterung lebens-
bedeutsamer Problemfälle würde ein Topos - so Bornscheuer - entweder in die refle-
xionslose Habitualität absinken, also zum Klischee werden, oder sich zum bloßen Ein-
fall, d.h. in die unverbindliche Potentionalität verflüchtigen. Die Intentionalität gebe also
in einem gewissen Sinne dem ambivalenten Charakter des Topos, der aus dem Span-
nungsverhältnis zwischen Tradition (Habitualiät) und Innovation (Potentialität) herrühre,
eine Richtung: „Erst die je konkrete Problemsituation und Wirkungsintention überwindet
die innere Ambivalenz der Topik und erschließt perspektivische Zusammenhänge“163.
Es sei die Synthese der zuvor herausgestellten Wesenmerkmale, welche erst zu einem
komplexen und spannungsvollen Toposbegriff führen würde:

„Als reines Partikel der Tradition und Konvention betrachtet, erscheint der Topos als trivia-
ler Gemeinplatz, als reines Moment geistreich-assoziativer Gedankenspiele tendiert der To-
pos zum Bonmot, als reiner Ausdruck intentionaler Lebensbedeutsamkeit nimmt der Topos
die Form von Sentenz und Sprichwort an“164.

160
Bornscheuer, Zehn Thesen, S. 210.
161
Bornscheuer, Topik, S. 102.
162
ebd., S. 101.
163
ebd., S. 102.
164
ebd.
58
Seine größte Leistungsfähigkeit erhalte der Topos also nur, wenn sich in ihm die
„Kräfte der Tradition und der Innovation“165 zur Lösung von aktuellen Problemsituatio-
nen konzentrieren würden. So verpflichte die Topik also einerseits auf die Argumentati-
onsmittel, die sich aus den gesellschaftlichen Denkgewohnheiten heraus anbieten wür-
den (Aspekte der Habitualität und Symbolizität), anderseits aber setze sie - wie Born-
scheuer ausführt - ein hohes Maß an schöpferischer-argumentativer Invention frei
(Aspekte der Potentialität und Intentionalität).
Ein weiteres - sich hier unmittelbar anschließendes - Leistungsmerkmal des Wissens
um Topik sei die Fähigkeit, diese Wechselwirkungsprozesse auch kritisch zu durch-
leuchten:
„Denn dasselbe topische Instrumentarium, das auf der einen Seite der bloße Niederschlag
der bestehenden Traditionen und Konventionen zu sein und lediglich deren Legitimität zu
befestigen scheint, ist auf der anderen Seite das einzige Hilfsmittel, die durch diese Topik
selbst bedingten Strukturen menschlichen Wissens und gesellschaftlichen Meinens aufzuklä-
ren [...]“166.

Diese ambivalente Stellung der Topik, einerseits ein Instrument darzustellen, das auf
der Grundlage der herrschenden Meinung seine Wirksamkeit entfaltet, und anderseits
eben auch das einzige Hilfsmittel zu sein, um diese Vor-Urteils-Struktur zu analysieren,
innovativ mit der Tradition und Konvention umzugehen und „von innen heraus“167 die
herrschende Topik zu verändern, werde also nach Bornscheuers Auffassung nur unzurei-
chend erfaßt, wenn man auf der „Scheinalternative“168 zwischen materialer oder formaler
Auffassung der Topik beharre.
Als rein materiale Erscheinung interpretiert, bleibt - wie ich Bornscheuer verstehe -
nur noch das Moment der kristallisierten Konventionalität übrig. Die Problemlösungs-
qualität der Topik, die Bezogenheit des topischen Instrumentariums auf die Suche nach
neuen Perspektiven, all die Möglichkeiten, die sich bieten, die Konventionalität zu ver-
flüssigen, geraten so - meiner Meinung nach - aus dem Blick. Wenn die Topoi aber al-
lein als Suchformeln und Topik allein als Methode der Argumentfindung aufgefaßt wer-
den, dann verliert dieser rein formale Blick meiner Ansicht nach den Bereich aus den
Augen, auf den sie immer bezogen sind: das Alltagswissen, die Doxa, das Moment der
Konventionalität und Lebensbedeutsamkeit.

165
ebd., S. 102-103.
166
ebd., S. 52.
167
ebd., S. 108.
168
Bornscheuer, Neue Dimensionen, S. 9.
59
Nimmt man aber die in der Komplexität topischer Wechselwirkungsprozesse begrün-
dete Unschärfe Bornscheuer folgend ernst, so „zeigt sich die Topik vor allem von zwei
Seiten: nämlich sowohl als habituell-symbolisches Sediment wie auch als polyvalent-
argumentorisch generierendes Produktionsinstrument soziokultureller Entwicklungspro-
zesse“169. In „[...] diesem Sinne könnte man die Topik als den Raum und das Medium
der ‘gesellschaftlichen’ Einbildungs- und Urteilskraft bezeichnen, die gegründet ist auf
das Fundament der öffentlichen Meinung bzw. auf die Normen der gebildeten und herr-
schenden Klasse“170.
Ein Topos bzw. eine Topik sei demnach „die Quelle und zugleich die Resultante ver-
schiedener historisch-gesellschaftlicher Kräfte“171. So ließe sich - wie Bornscheuer aus-
führt - ein Topos „bestimmen als ein nach dem Rückkoppelungsprinzip arbeitendes fun-
damentales Strukturelement der gesellschaftlichen Kommunikation“172. Bornscheuer
bezeichnet den Topos deswegen als „[...] Umschlagplatz zwischen Kollektiv und Indivi-
duum, Bewußtsein und Unbewußtem, Konvention und Spontaneität, Tradition und Inno-
vation, Erinnerung und Imagination“173.
Schöpferische Produktivität knüpfe also an solche Umschlagplätze an, entfalte das in
den Topoi liegende Potential, das sich anhand des mehrdimensionalen Charakters der
Topoi verdeutlichen lasse: „der spezifischen Sprachform (Symbolizität), der in ihr zum
Ausdruck kommenden gesellschaftsgeschichtlich bedingten Mentalität (Habitualität), der
Fähigkeit zu einem schöpferischen Alternativdenken innerhalb des jeweiligen bildungs-
soziologischen Habitus (Potentialität) und schließlich der dieses Alternativdenken aller-
erst motivierenden Interessen- und Sinnorientierung (Intentionalität)“174.
Wahres Toposbewußtsein erfordere bzw. befähige daher, in verschiedenen Horizon-
ten bzw. Kontexten zu denken und die heterogensten Aspekte aufeinander beziehen zu
können. Es sei mehrdimensionales Denken, welches sich im Horizont der herrschenden
Meinungen gerade deswegen sicher bewegt, da es in diesem nicht befangen sei. Somit
stehe es „in krassem Gegensatz zu jeder Art von Apodiktik“175.
Nach Bornscheuers Ansicht ließe sich die Komplexität topischer Dimensionen somit
„ihrem Wesen nach durch keine fachwissenschaftliche Methode dingfest machen, son-

169
Bornscheuer, Zehn Thesen, S. 210.
170
Bornscheuer, Topik, S. 46.
171
ebd., S. 104.
172
ebd., S. 108.
173
ebd., S. 105.
174
ebd., S. 208.
175
ebd.
60
dern nur mit einem offenen Beschreibungsvokabular erhellen, also letztlich selbst nur
auf eine topische Weise“176.
An dieser Stelle möchte ich zum Ausgangspunkt meiner Ausführungen - zum Streit
um ein angemessenes Topik- bzw. Toposverständnis - zurückkehren: denn mit dieser
Auffassung Bornscheuers, daß Topik selbst nur auf topische Weise erhellt werden kön-
ne, sind wir - meiner Meinung nach - genau an dem Punkt angelangt, um den der Streit
sich eigentlich dreht. Der Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzung scheint mir die
Frage zu sein, welche Bedeutung das Phänomen Topik für die Literaturwissenschaft hat
bzw. haben soll. Welche Konsequenzen ergeben sich damit aus der Wiederentdeckung
der Topik? An der Beantwortung dieser Frage scheiden sich die Geister, und aus ihr er-
geben sich meiner Auffassung nach die nicht zu schlichtenden Meinungsverschiedenhei-
ten zu dem Thema Topik.

176
ebd..
61
Schluß

Der Streit um einen angemessenen Topik-Begriff

Meine Arbeit nahm ihren Ausgang bei dem Befund, daß eines der drängendsten Proble-
me der Topik-Forschung darin bestehe, zu klären, was unter Topik (und damit unter
Topik-Forschung) eigentlich zu verstehen ist. Wir haben gesehen, daß sich an der Klä-
rung dieses Problems ein Streit entzündet hat, der anscheinend nicht zu schlichten ist.
Das Gebiet der Topik-Forschung bot so - im Zuge der Auseinandersetzung mit Curtius’
Inaugurierung der modernen Beschäftigung mit Topik - ein immer unübersichtlicheres -
oder positiv ausgedrückt vielfältigeres - Bild dar, was dann zur Folge hatte, daß so man-
cher Topik-Forschende die Konturen des Forschungsfeldes Topik verschwinden sah.
Um den - auch seiner Auffassung nach - verschwommenen Konturen der Topik-
Forschung zumindest ein terminologisches Gerüst zu geben und - wenn der Streit schon
nicht zu schlichten sei - eine Orientierung im „Gestrüpp“1 der modernen Beschäftigung
mit Topik zu erleichtern, unterteilte Josef Kopperschmidt die streitenden Parteien einer-
seits in Anhänger einer ‘materialen Topik’ und andererseits in Verfechter einer
‘formalen Topik’. Diese Einteilung - hier formal, dort material - erschien mir allerdings
fragwürdig, da hier ein Aspekt der Topik meiner Meinung nach nicht berücksichtigt
wurde, den einige Topik-Forschende jedoch entschieden betonten: und zwar die schon in
der Tradition der Topik zu findende wesentliche Unschärfe der Topik.
Um nun zu zeigen, daß Kopperschmidts Einteilung einem wesentlichen Aspekt der
Kontroverse über Topik nicht gerecht wird, folgte meine Arbeit seiner Einteilung und
stellte mit den Arbeiten von Wiedemann und von Bornscheuer zwei literaturwissen-
schaftliche Aktualisierungsversuche der Topik und ihre Anknüpfungen an die Tradition
der Topik dar.
Während Wiedemanns Auffassung meiner Ansicht nach der Strömung innerhalb der
Topik-Forschung zugeordnet werden konnte, die Kopperschmidt dann als ‘formale To-
pik’ gekennzeichnet hat, wurde Bornscheuers Sicht der Topik - wie wir gesehen haben -
von seinen Kritikern in jene Traditionslinie gestellt, die Kopperschmidt ‘materiale To-
pik’ nannte. Bornscheuers Auffassung von Topik und Topoi wurde also in jene Tradition

1
Kopperschmidt, Josef: Formale Topik. Anmerkungen zur ihrer heuristischen Funktionalisierung innerhalb
einer Argumentationsanalytik, in: Rhetorik zwischen den Wissenschaften. Geschichte, System, Praxis als
Probleme des „Historischen Wörterbuchs der Rhetorik“ (=Rhetorik-Forschungen Bd. 1), hrsg. von Gert
Ueding, Tübingen 1991, 53–62, hier: S. 53. (nachfolgend zit. als: Kopperschmidt, Formale Topik)
62
gestellt, die - wie Kopperschmidt meint - an Curtius anschließend unter Topoi die „zu
Motiven, Denkformen, Themen, Argumenten, Klischees, loci communes, Stereotypen
usw. stabilisierten materialen Gehalte“2 verstehe.
Bornscheuers Topik-Auffassung war durch die Kategorie ‘materiale Topik’ jedoch
nicht zu erfassen, da seine Sicht auf Topik - wie aufgezeigt - sowohl materiale wie auch
formale Elemente einschließt. Es wurde deutlich, daß er das Wesentliche der Topik ge-
rade jenseits solcher - wie er sagt - „Scheinalternative[n]“3 sieht. So beharrt Bornscheu-
er darauf, daß ein „topos bzw. locus (communis) [...] sowohl ein (erkenntnis-
theoretischer, logischer oder anderer) Kategoriebegriff oder eine Regel als auch ein blo-
ßes Klischee oder ein Stichwort formaler oder materialer Art“4 sein könne.
Denn im Gegensatz zu den auf Eindeutigkeit festgelegten Vertretern der ‘formalen
Topik’ betont Bornscheuer - wie gesehen - geradezu die für das topische Denken we-
sentliche Unschärfe, die als „ein unmittelbarer Ausdruck des topischen Verfahrens selbst
betrachtet werden [...]“5 müsse.
Dementsprechend ließe sich „der Topos-Begriff als ein heuristischer Sammelbegriff
bezeichnen für sämtliche Gesichtspunkte, die für die intersubjektive Problemerörterung
und Meinungsbildung innerhalb eines bestimmten soziokulturellen Horizonts relevant
sind“6. Wie aufgezeigt ist diese ‘Relevanz’ meiner Auffassung nach für Bornscheuer das
entscheidende Moment für die Bestimmung der Begriffe Topik und Topos, da das „[...]
eigentliche Telos des topischen Apparates [...] seine Funktion im Rahmen der vorwis-
senschaftlichen Problemlösung und Meinungsbildung“7 sei.
Gerade an dieser - von Bornscheuer als bestimmend für das Phänomen Topik angese-
henen - argumentativen Funktion (und der damit verbundenen Unschärfe) haben sich -

2
Kopperschmidt, Formale Topik, S. 53.
3
Bornscheuer, Lothar: Neue Dimensionen und Desiderata der Topik-Forschung, in: Mittellateinisches
Jahrbuch, Bd. 22 (1987), hrsg. von Karl Langosch/Fritz Wagner, Stuttgart 1989, hier: S. 9. (nach-folgend
zit. als: Bornscheuer, Neue Dimensionen)
4
ebd., S. 6.
5
Bornscheuer, Lothar: Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft, Frankfurt 1976, hier: S.
33 (nachfolgend zit. als: Bornscheuer, Topik).
6
Bornscheuer, Lothar: Zehn Thesen zur Ambivalenz der Rhetorik und zum Spannungsgefüge des Topos-
Begriffs, in: Rhetorik. Kritische Positionen zum Stand der Forschung, hrsg. von Heinrich F. Plett, Mün-
chen 1977, 204-212, hier: S. 208. Oder wie es Bornscheuer in einer Vorlesungsankündigung im Hinblick
auf die „Topik der literarischen Moderne“ ausdrückt: „Topik wird [...] als Sammelbegriff für alle thema-
tischen und formkünstlerischen Strukturelemente verstanden, die der Bildung eines sensus communis in-
nerhalb der Literaturgesellschaft dienen“ (Bornscheuer, Lothar: Vorlesungsankündigung (WS 98/99) zu:
Die Topik der literarischen Moderne. Ästhetische Kommunikation unter den Bedingungen des
Buchmarkts, in: Kommentiertes [Online-]Vorlesungsverzeichnis Germanistik (Veranstal-tungen Litera-
turwissenschaft) des Fachbereichs 3 der Gerhard-Mercator-Universität-GH Duisburg, Wintersemester
1998/99 [abgerufen unter: [Link]
7
Bornscheuer, Topik, S. 106.
63
wie ich meine - viele an Bornscheuers Interpretation anschließende Arbeiten zur Topik
orientiert: Arbeiten, die somit - aus der Perspektive Kopperschmidts und der ‘formalen
Topik’ betrachtet - die Tradition der ‘materialen Topik’ weiter fortgesetzt haben, aber in
das Schema ‘formale versus materiale Topik’ ebenso wie Bornscheuers Arbeit nicht
hineinpassen. Ich möchte hierfür nur zwei Beispiele anführen:
Gerhart von Graevenitz betont in seiner Habilitations-Schrift8 als „Hauptmerkmal der
Topik, zumindest nach Maßgabe ihrer antiken Autoritäten Aristoteles und Cicero,
[...ihren] Kontrast zur strengen logischen Analytik und Syllogistik“9.
Wie er unter Hinweis auf Bornscheuers Topik-Schrift schreibt, sei, was hier „als
Mangel an logischer Trennschärfe und Folgerichtigkeit beanstandet werden könnte, [...]
in Wirklichkeit das absichtlich in Kauf genommene ›Unschärfe-Prinzip‹10 [...]. Dieses
Unschärfe-Prinzip [...mache] aus der Topik eine gleichermaßen strukturierte und höchst
flexible Assoziationslehre, die Sachverhalte in Gedankengänge verflüssigen und nicht
Einfälle in strikte Schlußverfahren zwängen [...wolle], die im Zweifel die Fülle des As-
soziierbaren der Stringenz [...vorziehe]“11. So sei dann topisches „Denken [...] mit Ent-
schlossenheit ›vorwissenschaftlich‹. Seine Norm [...sei - wie von Graevenitz ausführt -]
eine allgemeine Denkbarkeit, ›allgemein‹ [...hier] verstanden als Teilhabe an einer Kul-
tur und deren Überlieferungen, an einem Traditionsschatz, an einem von den Inhalten
und den Urteilsstrukturen der kulturellen Überlieferung bestimmten sensus communis“12.
Hiervon ausgehend zeigt von Graevenitz dann die zwei Tendenzen der Topik auf, die
„in der Forschung beobachtet worden [seien, und] die mit ihrer doppelten Ausrichtung
an der universalen Fülle und der sachgerechten Anwendung zusammenhängen

8
Graevenitz, Gerhart von: Mythos. Zur Geschichte einer Denkgewohnheit, Stuttgart 1987 (nachfolgend zit.
als: von Graevenitz, Mythos). Hier untersucht von Graevenitz die „Idee des ›Mythos‹ [..., um sie als das
zu erweisen,] was sie [...sei, ein] Produkt von europäischen Wahrnehmungs- und Denktraditionen“ (ebd.,
S. VIII). So untersucht von Graevenitz am Beispiel der Mythographie die ‘Geschichte einer Denkge-
wohnheit’, die „nur einer der ältesten Spezialfälle einer viel allgemeineren Denkhaltung und Wissen-
schaftstradition [sei], derjenigen der Topik“ (ebd., S. 291). Dabei wende von Graevenitz - wie Wulf
Koepke schreibt - besondere „Aufmerksamkeit [...] der topischen und politisch-öffentlichen Über-
lieferung und dem Nachweis eines immer komplexer werdenden Synkretismus zu, der selbst die schein-
bar empirisch vorgehenden modernen Wissenschaften [...unterlaufe]“ (Koepke, Wulf: Rezension: Gerhart
von Graevenitz, Mythos. Zur Geschichte einer Denkgewohnheit, in: Monatshefte für deutschen Unter-
richt, deutsche Sprache und Literatur, Volume 82, 1 (Spring 1990), Madison Wisconsin, 197–200, hier:
S. 198). Gerhart von Graevenitz stelle - so Koepke - gerade „im Bereich der Topik die Heterogenität der
Einzelheiten in voller Schärfe dar und [...betone] die Fragwürdigkeit von ›Systemen‹ [...]“ (ebd., S. 199).
9
von Graevenitz, Mythos, S. 56.
10
vgl. Bornscheuer, Topik, S. 42.
11
von Graevenitz, Mythos, S. 56.
12
ebd.
64
[würden]“13:
„Topik kann sich zum reinen Inventar entwickeln, zum Vorratshaus der Überlieferungen. In-
ventio als Sammeln der Traditionsinhalte kann sich dabei ganz vor die Darstellung der
kommunen Urteilsstrukturen schieben. Die exempla, die Sentenzen, die ursprünglich den
locus ›ex similtudine‹ ausmachten [...] werden jetzt zum Materialbegriff des sensus commu-
nis und der ihn enzyklopädisch repräsentierenden Topik überhaupt. Aus den topoi, die for-
male Frage- und Leitbegriffe, ›Sitze‹ von Argumenten waren, sind dann inhaltlich konkreti-
sierte, nur in klassifizierender Anhäufung ‘formalisierbare’ Allgemeinplätze geworden. [...]
Demgegenüber fördert die Akzentuierung der Urteilsstrukturen die andere Tendenz der To-
pik, die zur Deduktion, zum System. [...] Inventar, System und argumentative Verflüssigung
beider: das sind die Grenzwerte in der Geschichte der Topik und ihre wichtigsten Bausteine,
die loci, haben daran Anteil. Sie können als inhaltliche Sammelstellen, als ›Topoi‹ im heute
landläufigen Sinne, erscheinen oder formalisiert zu logischen Systemstellen. In beiden ex-
tremen Fällen aber behalten sie ihre ursprüngliche ‘dialektische’ Natur, Sitze von Argumen-
ten zu sein. Selbst ›Allgemeinplätze‹ können sowohl Argumente er-setzen als auch Aus-
gangspunkt von kritischem Raisonnement werden“14.

Auch Peter von Moos betont in seiner Arbeit zum „rhetorische[n] Exemplum von der
Antike zur Neuzeit“15 die argumentative Funktion der Topoi. So sei unter Topik eine
„logica probabilis [...zu verstehen]: ein im System der Allgemeinbildung gelehrtes Ver-
fahren zur kommunikativen Bewältigung von Problemen und Aporien durch meinungs-
mässiges Wissen, im Gegensatz zum zwingenden, meinungsunabhängigen Beweis
[...]“16. Und im Rahmen dieses Verfahrens würden dann die - wie von Moos in An-
knüpfung an Bornscheuers Topik-Auffassung schreibt - „im weitesten Sinn als ›all-
gemeine konsensfähige Argumentationsgesichtspunkte‹ definierbaren Topoi [...sowohl]
formale und materiale, metasprachliche und objektsprachliche, methodische und stoffli-
che Aspekte [umfassen]“17:

„Auf der einen Seite können alle Regeln der Logik, Rhetorik und Grammatik eine spezifisch
fo r malto p ische Funktion übernehmen [...]. Vollends unzählig sind auf der anderen Seite
die mater ialen Topoi oder anerkennbaren Meinungen und Urteile, die so-wohl aus fertigen
Formulierungen, autoritativen Zitaten, geflügelten Worten, Proverbien, Sentenzen,
Maximen, [...] als auch aus ding- oder ereignishaften Analogien, Vergleichen, Gleichnissen
und Beispielen aus Erfahrung und Geschichte bestehen können“18.

13
ebd. Von Graevenitz verweist in seinem Apparatband mit Blick auf die Tendenzen der Topik, sich so-
wohl zum Inventar als auch zum System entwickeln zu können, zum einen auf: Bornscheuer, Topik, S.
40f. u. S. 44, und zum anderen auch auf: Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 242, vgl. Graevenitz,
Gerhart von: Apparatband zu: Graevenitz, Gerhart von: Mythos. Zur Geschichte einer Denkgewohnheit,
Tübingen 1987 (Kopien in der Universitätsbibliothek Tübingen unter der Signatur Um 10517 deponiert
und ausleihbar), hier: S. 67. (nachfolgend zit. als: von Graevenitz, Apparatband)
14
von Graevenitz, Mythos, S. 56-57.
15
Moos, Peter von: Geschichte als Topik. Das rhetorische Exemplum von der Antike zur Neuzeit und die
historiae im „Policraticus“ Johanns von Salisbury, (Ordo, Studien zur Literatur und Gesellschaft des
Mittelalters und der frühen Neuzeit, Band 2, hrsg. von Ulrich Ernst/Christel Meier), Hildes-
heim/Zürich/New York 1988. (nachfolgend zit. als: von Moos, Geschichte als Topik)
16
ebd., S. IX.
17
ebd., S. 422-423. vgl. ebd. (Anmerkung 857).
18
ebd., S. 423 u. 425.
65
An Bornscheuer anknüpfend19 betont Peter von Moos im Hinblick auf die Kontro-
verse der Topik-Forschung den „unnötigen Gegensatz zwischen einem einseitig mate-
rialen Toposbegriff (Curtius) und einem ebenso einseitigen rein-formal-klassifika-
torischen (Mertner)“20. Er stellt dann noch einmal die argumentative Funktion der Topoi
heraus:

„Nicht, daß die inhaltlich gefüllten Topoi notgedrungen weitgehend aus wiederholbaren
Konstanten, oft auch aus abgedroschenen Bezugselementen bestehen, macht ihre Toposhaf-
tigkeit aus, - wie seit Curtius in weitverbreitetem, selbst schon ›topischem‹ Irrtum ange-
nommen wird -, sondern, daß sie als Kristallisation von meinungsmäßig anerkannten Ge-
sichtspunkten, herrschenden Anschauungen mit der Zuversicht herangezogen werden, daß
sie in bestimmten Rede- und Argumentationszusammenhängen Zustimmung bewirken. So-
wohl aufgrund der aristotelischen Endoxa und eines [...] consensus omnium als auch im Sin-
ne der ciceronischen loci communes, der in ihnen verdichteten moral- und sozialphilosophi-
schen Idealwerte und des rhetorischen Anspruchs der copia rerum et verborum sind Topoi
nicht um ihrer selbst willen dargestellte Themen oder Urweisheiten, sondern auf den Pro-
blemzusammenhang gerichtete, funktionale Orientierungspunkte, Fix- und Ausgangspunkte.
[...Topoi sind] allgemeingültige Gesichtspunkte, ›in beide Richtungen verwendbare‹,
›interpretationsfähige und interpretationsbedürftige, ebenso fundamentale wie polyfunktiona-
le Grundelemente‹ der Argumentation“21.

An diesen - formale wie auch materiale Aspekte berücksichtigenden - Arbeiten wird


meiner Ansicht nach nun vollends deutlich, daß der Streit um eine angemessene Topik-
Auffassung nicht um die Alternative, ob denn allein eine ‘materiale’ oder eine ‘formale’
Sichtweise von Topik und Topoi angemessen sei, geführt wird22.
Wenn also der Punkt, an welchem sich der Streit entzündet hat, mit der Unterschei-
dung ‘materiale Topik’ oder ‘formale Topik’ nicht treffend beschrieben ist, wo liegt
dann die Scheidelinie, an welcher sich die Beiträge zur Topik-Forschung gegenüberste-
hen?
Wichtig scheint mir im Hinblick auf diese Frage der Curtius’sche Anspruch zu sein,
es den exakten Wissenschaften möglichst gleichzutun, und diese somit der Literaturwis-

19
vgl. ebd. S. 425 (Anmerkung 860), von Moos verweist hier auf: Bornscheuer: Topik, in: Reallexikon der
Deutschen Literaturgeschichte, Bd. IV, hrsg. von Klaus Kanzog/Achim Masser, Berlin/New York 1984,
2. Auflage, 454-475, hier: S. 455 (nachfolgend zit. als: Bornscheuer, Topik in Reallexikon), als auch auf:
Bornscheuer, Topik, S. 44f.
20
von Moos, Geschichte als Topik, S. 425 (Anmerkung 860). Von Moos verweist hier „zur Kritik an der
verhängnisvollen These Mertners“ auch auf: Kemper, Jozef A. R.: Topik in der antiken rhetorischen
Techne, in: Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion, hrsg. von Dieter Breuer/Helmut Schanze,
München 1981, 17–32, hier: S. 28f.
21
von Moos, Geschichte als Topik, S. 425-426. Von Moos verweist hier u.a. auf: Bornscheuer, Topik, S.
43ff.
22
Wie auch bei den beiden hier kurz angesprochenen Arbeiten nicht die Rede davon sein kann, daß sie sich
in einer Traditionslinie mit Curtius’ Auffassung sehen, so schreibt Gerhart von Graevenitz von der
„Curtiusschen Entstellung“ (von Graevenitz, Apparatband, S. 240) der Topik, und Peter von Moos be-
tont gleich zu Beginn seiner Arbeit, daß Topik „(um dieses Mißverständnis sofort zu verhindern) nichts
mit dem von E. R. Curtius in die geisteswissenschaftliche Terminologie eingeführten Hilfsbegriff zu tun
[...habe]“ (von Moos, Geschichte als Topik, S. IX).
66
senschaft als Maßstab an die Hand zu geben, wie es meiner Meinung nach auch seine
Gleichsetzung der Phänomenbereiche anzeigt: „Die Geometrie demonstriert an Figuren,
die Philologie an Texten. Die Mathematik darf sich mit Recht ihrer Exaktheit rühmen.
Aber auch die Philologie ist der Strenge fähig. Sie muß Ergebnisse liefern, die verifizier-
bar sind“23.
Curtius’ eigene Ergebnisse erwiesen sich dann aber als problematisch, als falsifizier-
bar, so daß er seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden konnte. Meiner Meinung
nach stellt diese Einsicht das auslösende Moment des Streites dar, da sich zwei verschie-
dene Wege anboten, mit den - durch Curtius’ Arbeiten ausgelösten - Problemen umzu-
gehen:
Die eine Lösung bestand darin, auf dem Wege, den Curtius methodisch eingeschlagen
hatte, weiterzugehen und zu versuchen, - die Analysefehler von Curtius vermeidend -
Ergebnisse zu liefern, die eindeutig verifizierbar sind.
Die andere Lösung war, den Maßstab der exakten Wissenschaften als unangemessen
für die Erforschung des Phänomens Topik abzulehnen und zu versuchen, anhand genau-
er Beobachtung des Phänomens Topik einen eigenständigen, dem Phänomen angemes-
senen Maßstab zu entwickeln.
Die erste Lösung wird meiner Meinung nach von den Vertretern einer auf Eindeutig-
keit ausgerichteten ‘formalen Topik’ angestrebt, auch wenn dies bei ihrer strikten Ab-
lehnung der Curtius’schen Topik-Bestimmung ganz und gar nicht naheliegt. Dies möchte
ich im folgenden kurz erläutern:
Wir haben gesehen, daß die von Kopperschmidt durchgeführte ‘terminologische Un-
terscheidung’ dem Streit zwar nicht gerecht wird, die von ihm aufgestellte Kategorie der
‘formalen Topik’ durchaus aber auf diejenige Auffassung innerhalb der modernen To-
pik-Forschung zutrifft, - der sich auch Kopperschmidt verbunden weiß -, und die unter
Topik eine „Heuristik möglicher Argumente“24 und dementsprechend unter Topoi „die
allgemeinsten Formprinzipien möglicher Argumente“25 versteht. Die Auffassung der
Vertreter der ‘formalen Topik’ wurde von Edgar Mertner wie folgt auf den Punkt ge-

23
Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern/München 1984, 10. Auf-
lage (zuerst Bern 1948), hier S. 9 (Vorwort zur zweiten Auflage). (nachfolgend zit. als: Curtius, Euro-
päische Literatur)
24
Kopperschmidt, Formale Topik, S. 54.
25
ebd., S. 53.
67
bracht: „Locus bezeichnet eine Methode, Technik oder Norm, ein Instrument zur Auf-
findung einer Sache, niemals aber die Sache selbst“26.
Deutlich geworden ist - wie ich meine - auch, daß die Vertreter der ‘formalen Topik’
alles, was möglicherweise über den Rand dieser Bestimmung hinausweist, als nicht ur-
sprünglich zur Topik gehörend abschneiden und damit als falsch oder unwesentlich bei-
seite lassen. Denn ihrer Auffassung nach würden die maßgeblichen Autoren eine deutli-
che Sprache sprechen: ‘locum esse argumenti sedes’. Meiner Ansicht nach ist für sie die
Geschichte der Topik gleichbedeutend mit der Geschichte der ‘formalen Topik’: anders-
lautende Zeugnisse würden auf historische Fehlentwicklungen hindeuten, auf termino-
logische Unwägbarkeiten, seien also bei einer Bestimmung eines angemessenen Topik-
Begriffs nicht zu berücksichtigen. Letztlich ließe sich eine Aktualisierung der Topik
sinnvollerweise nur an eine formale Auffassung der Topik und Topoi anschließen.
Als eine solche Aktualisierung wurde Conrad Wiedemanns Herausarbeitung der Be-
deutung der Topik für die Literaturwissenschaft betrachtet. Wiedemann hält - wie wir
gesehen haben - diese Anknüpfung an die Topik zum einen für notwendig und zum an-
deren für legitim, da die Topik für das „Ideal einer universalen Kompetenz qua Metho-
de“27 stehe und damit einen Ansatz für „einen den nichtexakten Wissenschaften ange-
messenen Kompetenzbegriff“28 biete.
Somit wird Topik bei Wiedemann meiner Meinung nach als sinnvolle Ergänzung in
das literaturwissenschaftliche Forschungsprogramm integriert: sie liefert dem Interpreten
Gesichtspunkte, die ihm helfen, seiner Arbeit auf eine methodisch disziplinierte Weise
nachzugehen. Die Bedeutung der Topik wird von Wiedemann meiner Ansicht nach vor
allem im Blick auf ihren wissenschaftlichen Nutzen gesehen. Nicht der Topik literari-
scher Texte gilt somit sein Aktualisierungsversuch, sondern der Topik als Instrument
literaturwissenschaftlicher Arbeit: denn während die Topik „dem Texthersteller lediglich
methodische Entscheidungshilfen [...gebe]“29, ermögliche sie es - wie ich Wiedemanns
Intention verstehe - dafür dem Interpreten, literarische Texte auf solch eine methodische
Weise zu betrachten, die dem „leidigen Wahrscheinlichkeitscharakter [...]“30 literatur-
wissenschaftlicher Interpretationsversuche gewissermaßen einen ‘Riegel’ vorschiebt.

26
Mertner, Edgar: Topos und Commonplace, in: Strena Anglica. Otto Ritter zum 80. Geburtstag am 9.
Januar 1956, hrsg. von Gerhard Dietrich/Fritz W. Schulze, Halle 1956, 178–224, hier: S. 191.
27
Wiedemann, Conrad: Topik als Vorschule der Interpretation. Überlegungen zur Funktion von Toposka-
talogen, in: Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion, hrsg. von Dieter Breuer/Helmut Schanze,
München 1981, 233–255, hier: S. 249. (nachfolgend zit. als: Wiedemann, Topik als Vorschule)
28
ebd., S. 237.
29
ebd., S. 244.
30
ebd., S. 233.
68
Ich denke, daß sich hier am Beispiel von Wiedemanns Topik-Auffassung zeigt, daß er
- trotz aller Einsicht in den ‘Wahrscheinlichkeitscharakter’ der hermeneutischen Wissen-
schaften - dennoch im Wesentlichen an der - von Curtius als Vorbild für die Literatur-
wissenschaft betrachteten - Eindeutigkeit der exakten Wissenschaften festhält.
Denn auch, wenn Wiedemann spürt, „[...] wie groß die Geltungsdifferenz zwischen
beiden Aussagenbereichen realiter ist und wie anders unsere Legitimationen beschaffen
sein müss[t]en“31, so zeigt seine Rede vom „leidigen Wahrscheinlichkeitscharakter der
meisten unserer Aussagen“32 doch an, daß er diese Geltungsdifferenz nur zu gerne über-
sprungen wissen will, um nicht weiter am „Trauma eines schwankenden Selbstwertge-
fühls“33 leiden zu müssen. Den Maßstab, dem es sich auch in den Literaturwissenschaf-
ten anzunähern gilt, geben - wie ich denke - also auch bei Wiedemann die exakten Wis-
senschaften vor.
Aus dieser Orientierung an den exakten Wissenschaften erklärt sich meiner Meinung
nach Wiedemanns Wertung, daß es eine ‘falsche’ und eine ‘wahre’ Topik gebe.
Denn nur, wenn man einen eindeutigen Maßstab annehmen kann - also zum einen
annimmt, daß die hermeneutischen Wissenschaften sich in ähnlich exakter und objekti-
ver Weise wie die exakten Wissenschaften den sie interessierenden Phänomenen nähern
können, und zum zweiten annimmt, daß diese Phänomene den gleichen ontologischen
Status wie etwa mathematische Phänomene besitzen (wie es Curtius ja angedeutet hat),
so daß sich ein eindeutig definiertes, exaktes Forschungsinstrumentarium empfiehlt -,
kann man entscheiden, ob etwas ‘falsch’ oder ‘richtig’ ist, kann man Ergebnisse eindeu-
tig verifizieren.
Ich denke also, daß Wiedemann dem Curtius’schen Anspruch der Eindeutigkeit folgt.
Wiedemann sieht meiner Meinung nach in der Topik die Möglichkeit, der Literaturwis-
senschaft ein erprobtes Verfahren an die Hand zu geben, das den unvermeidlichen Wahr-
scheinlichkeitscharakter methodisch diszipliniert und somit auf einen Grad minimiert,
welcher die Geltungsdifferenz nicht mehr so groß erscheinen läßt.
Die Topik als ‘Ideal einer universalen Kompetenz qua Methode’ stellt für ihn meiner
Ansicht nach somit die Möglichkeit dar, gewissermaßen aus dem Bereich der Meinung
als dem Zufälligen, Zeit-, Kontext- und Interessenabhängigen herauszuspringen und sich
dem Geltungsanspruch der exakten Wissenschaften zumindest zu nähern.

31
ebd., S. 234.
32
ebd., S. 233.
33
ebd., S. 234.
69
So versteht er - wie ich denke - unter Topik eine Methode, die - wie auch schon von
Curtius gefordert - stringent zu handhaben ist, und mit deren universalen, kategorialen
Reihen man ein Instrument in der Hand hält, das die Relativierung der Zeit- und Kon-
text-abhängigkeit hermeneutischer Urteile jederzeit erlaubt, das also gewissermaßen
‘geeicht’ und den außerhalb der Logik der Forschung liegenden Faktoren in geringerem
Ausmaß ausgesetzt ist.
Das entscheidende Kennzeichen der Verfechter der ‘formalen Topik’ ist also das Be-
mühen um die Eindeutigkeit der Begriffsbestimmung aufgrund der Ansicht, daß nur eine
scharfe Abgrenzung gegen eine materiale Topik-Bestimmung die Methode hervortreten
läßt, mit der sich dann in der oben skizzierten - am Vorbild der exakten Wissenschaften
orientierten - Weise arbeiten läßt.
Während also Wiedemann - an Curtius’ Anspruch festhaltend - versucht, den
‘leidigen Wahrscheinlichkeitscharakter’ hermeneutischer Wissenschaftlichkeit zumin-
dest mittels eines eindeutig definierten Topik-Begriffs in einer methodisch disziplinier-
ten Vorschule graduell aufzuheben, hat Bornscheuer meiner Auffassung nach in Bezug
auf das Problem, das sich aus Curtius’ Anspruch und dessen mangelnder Einlösung er-
geben hatte, den anderen, zweiten Lösungsweg eingeschlagen: denn Bornscheuers Auf-
fassung von Angemessenheit literaturwissenschaftlicher Arbeit orientiert sich nicht am
Vorbild der exakten Wissenschaften, sondern er sieht in der Topik eine Denkweise mit
der ihr eigentümlichen Exaktheit und Dignität34. Ein möglichst universaler, eindeutig
festgeschriebener Maßstab wird für ihn damit der Topik nicht gerecht, da er als wesentli-
ches Merkmal ihrer Funktion die Gebundenheit an je ganz unterschiedliche Zeit-, Kon-
text- und Interessenlagen ansieht, und es ihm „angesichts der kaum überschaubaren
Mannigfaltigkeit topischer Schreibverfahren“35 vielmehr auf den tatsächlich praktizierten
Topik-Gebrauch ankommt. Denn die Geschichte der Topik ist für Bornscheuer - wie wir
gesehen haben - die Geschichte von Wechselwirkungsprozessen zwischen den jeweils
herrschenden Vor-Urteils-Strukturen und den Versuchen, aus zentralen Elementen dieser

34
Eine Eigenständigkeit, der z.B. Peter von Moos, wie es Walter Haug formuliert, dadurch Rechnung
zolle, daß sich „seine Darstellungskunst [...] den Charakter ihres Gegenstandes, der Topik, so sehr zu ei-
gen gemacht [hätte], daß sie ihrerseits topisch [...verfahre], d.h. unsystematisch-dogmenfrei in asso-
ziierender Verspiegelung, dabei geistvoll anstachelnd und in dieser Mischung zutiefst human“ (Haug,
Walter: Kritik der topischen Vernunft. Zugleich keine Leseanleitung zu ‘Geschichte als Topik’ von Peter
von Moos, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, 114. Band [1992], hrsg. von
Klaus Grubmüller/Marga Reis/Burghart Wachinger, Tübingen, 47–56, hier: S. 47). Haug schlägt als
neuen Titel für Peter von Moos’ Buch ‘Kritik der topischen Vernunft’ vor, um „zu signalisieren, daß
Topik eine gültige Denkform eigener Art [...sei]. Und als solche [...sei] sie transzendental zu nennen, als
sie sich ihrer höchsten Möglichkeit nach selbst [...reflektiere], d.h. das Bewußtsein ihres eigenen Prin-
zips und Verfahrens in sich [...schließe]“ (ebd., S. 51).
35
Bornscheuer, Neue Dimensionen, S. 6.
70
herrschenden Meinungen ein flexibles, wirkungsvolles Argumentationsinstrumentarium
zu entwickeln, das jene Probleme bewältigen hilft, die im Rahmen der herrschenden
Vor-Urteils-Struktur selbst auftauchen.
In diesen Wechselwirkungsprozessen sieht Bornscheuer - wie gezeigt - die wesentli-
che Unschärfe der Bestimmungen von Topik und Topoi begründet. Die Geschichte der
Topik ist für Bornscheuer damit reich an unterschiedlichsten Ausformungen des topi-
schen Instrumentariums.
Wesentlich ist - wenn man Bornscheuer folgt - meiner Meinung nach, daß die Un-
schärfe der Topik aus dem Vorliegen ganz unterschiedlicher Sinnordnungen resultiert, in
deren Rahmen - und sie mitentwerfend - je andere topische Verfahren wirksam sein kön-
nen, so daß eine angemessene literaturwissenschaftliche Arbeit (und Topik-Forschung)
nicht darin bestehe, mit einem vorgefertigten Instrumentarium an die Phänomene heran-
zugehen, sondern vielmehr darin, sich die Maßstäbe von den Phänomenen vorgeben zu
lassen36.
Diese „Rückbesinnung auf die topischen Dimensionen aller [...Literatur]“37 und aller
„kulturell relevanten“38 Leistungen führt - wenn man Bornscheuer folgen möchte - aber
auch dazu, anzuerkennen, daß diese Wiederentdeckung der Topik nicht ohne Folgen für
das Selbstverständnis literaturwissenschaftlicher Arbeit bleibt: denn so müsse sich eben
auch heute - wie Bornscheuer resümiert - jeder Aktualisierungsversuch der Topik ihrer
wesentlichen Unschärfe stellen:

„Die Auseinanderfaltung der Struktur- und Funktionsmerkmale des topischen Instrumentari-


ums muß sich noch heute demselben Dilemma stellen, das schon Aristoteles voll bewußt
war: der Aporie eines allen fachlichen Methoden vorausliegenden ‘methodischen’ Zu-
griffs“39.

Wie ich meine, kann Bornscheuer für seinen Aktualisierungsversuch der Topik des-
halb auch nur die gleiche Umrißhaftigkeit reklamieren, wie er sie als konstitutiv für Ari-
stoteles’ und Ciceros Bestimmungen der Topik herausgearbeitet hatte. Damit können die
von ihm „herausgestellten Grundaspekte [...- wie er ja auch schreibt -] von vornherein
keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Phänomenbeschreibung oder auf Begriffssy-

36
Die Beachtung topischer Strukturierungen von Sinnordnungen zeige - wie von Graevenitz schreibt, daß
„literarische Texte nicht einfach Objekte oder Spiegelungen der theoretischen Paradigmen sind, sondern
daß sie ihre eigenen Sinnordnungen entwerfen können und daß sie in der Lage sind, sie mit ihren eigenen
Metaphern und Topiken zu thematisieren und zu reflektieren“(Graevenitz, Gerhart von: Das Ich am
Rande. Zur Topik der Selbstdarstellung bei Dürer, Montaigne und Goethe, [= Konstanzer Universitäts-
reden 172], Konstanz 1989, hier: S. 37 [nachfolgend zit. als: von Graevenitz, Das Ich am Rande).
37
Bornscheuer, Topik in Reallexikon, S. 465.
38
Bornscheuer, Topik, S. 208.
39
ebd., S. 94.
71
stematik“40 erheben. Denn die topischen Phänomene ließen sich „ihrem Wesen nach
durch keine fachwissenschaftliche Methode dingfest machen, sondern nur mit einem
offenen Beschreibungsvokabular erhellen, also letztlich selbst nur auf eine topische Wei-
se“41.
Dies bedeutet meiner Meinung nach aber, daß Bornscheuer im Gegensatz zu Wiede-
mann, der - wie wir gesehen haben - den methodischen Topiker (idealiter) als objektiven
Wissenschaftler bzw. Beobachter getrennt von den beobachteten topischen Strukturen
und dem sich in ihnen widerspiegelnden „Bezugsgeflecht der kurrenten Ideen, Dogmen,
Ideologeme und Interessen“42 sieht, den Topiker in dieses Bezugsgeflecht43 hineinstellen
muß: denn jeder Gebrauch und „[...] jede methodische Analyse von Topoi [...bleibe - wie
er betont -] angewiesen auf intersubjektive Zustimmung innerhalb der jeweils herrschen-
den Meinungs- und Wissenshorizonte“44.
Bornscheuer situiert hier seine Forschungsbemühungen meiner Ansicht nach auf dem
Feld, auf dem Aristoteles die Topik angesiedelt hatte: „[...] ihr auf Forschung angelegter
Charakter [...erschließe] nämlich einen Zugang zu den Anfangsgründen aller For-
schungsmethoden“45.
Das Forschungsprogramm einer Topik-Forschung - wenn man an Bornscheuers Auf-
fassung anknüpft - scheint mir demnach nicht allein die Analyse der Topik literarischer

40
ebd.
41
ebd., S. 208.
42
Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 248.
43
Wiedemann wie Bornscheuer stellen an diesem Punkt einen Zusammenhang zwischen Topik-For-schung
und der Diskursanalyse Foucaults her, wobei ich denke, daß die oben dargestellten Unterschiede in ihrer
Beurteilung der Bedeutung der Topik auch zu unterschiedlichen Auffassungen der Bedeutung der
Foucault’schen Analysen führen. Wiedemann weist im Zusammenhang mit der strukturalen Beschrei-
bung der topischen Strukturen, die „in die Zuständigkeit des Topikers [falle], der als Verfügungsgewalti-
ger über die universalen Reihen allein den Selektions- und Akzentuierungscharakter der jeweiligen Son-
der- und Realtopiken nachzuweisen [...vermöge]“ (Wiedemann, Topik als Vorschule, S. 248-249), auf
„die Foucaultsche Verfahrensweise“ (ebd., S. 249) hin. Eine solche Beschreibung erlaube es, einen Ein-
druck davon zu vermitteln, „in welchem Maße die Sprache neben ihrer bloßen Verständigungfunktion
ein Instrument [...sei], um gesellschaftliches Leben zu regeln und zu beeinflußen, um Gruppen nach der
einen Seite hin abzuschließen und nach der anderen zu öffnen, also den Diskurs zu erleichtern und zu er-
schweren [...]“(ebd., S. 248). Bornscheuer sieht einige Jahre nach Wiedemann ebenfalls die Möglichkeit,
die Topik-Forschung an das Foucaultsche Denken anzuschließen, so daß sich Topik-Forschung „zu einer
ganz anderen ›Archäologie‹ entwickeln könnte, als sie Curtius im Sinne hatte (vgl. Curtius, Europäische
Literatur, S. 10 [Vorwort zur 2. Auflage]), nämlich zu einer ›Archäologie‹, die eher im Sinne von Michel
Foucault nach den ›fundamentalen Codes einer Kultur‹ [...frage], die ›ihre Sprache, ihre Wahrnehmungs-
schemata, ihren Austausch, ihre Techniken, ihre Werte, die Hierarchie ihrer Praktiken beherrschen‹ und
die allem bewußten und allem fachwissenschaftlichen Wissen (›epistemologische Ebene des Wissens‹)
voraus- bzw. zugrundeliegen, oft ganz unbewußt bleiben und daher nur auf der ›archäologischen Ebene
des Wissens‹ erkennbar werden [würden]“ (Bornscheuer, Neue Dimensionen, S. 24-25, er verweist hier
auf: Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt
1971, und auf: Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Frankfurt 1973).
44
Bornscheuer, Topik, S. 208.
45
Aristoteles, Top. I, 2 101b 2-4 (Übersetzung Bornscheuer, Topik, S. 36).
72
Texte und anderer schöpferischer Produktivitäten zu enthalten, sondern auch eine Re-
flexion der Topik, auf deren Grundlage diese Analyse geleistet wird. Topik-Forschung
wäre somit auch zu verstehen als Grundlagenforschung, Reflexion der die Forschung
leitenden Prinzipien und Gesichtspunkte und der sie konstituierenden Meinungsbil-
dungsprozesse46. Die Wiederentdeckung der ‘topischen Dimensionen der Literatur’ hat
also - wie ich denke - zugleich auch die Reflexion der topischen Dimensionen der Litera-
turwissenschaft nach sich gezogen, denn:

„Alle theoretischen und praktischen Produktivitäten unterliegen jeweils einer bestimmten


historisch-gesellschaftlichen Charakteristik, der Bewegungsspielraum schöpferischer Ideen
und ihrer Realisierungsmöglichkeiten in allen Bereichen einer bestimmten Kulturepoche (in
ihrem Bildungssystem, ihren Wissenschaften, ihrer Technologie sowie in ihren ökonomi-
schen, politischen und gesellschaftlichen Organisationsformen) ist durch eine jeweils epo-
chencharakteristische Tiefenstruktur bestimmt“47.

Wenn Bornscheuer also schreibt, daß es ihm nicht um die „Etablierung einer ‘to-
pischen [...Literaturwissenschaft’]“48 gehe - was ja allein schon deshalb ausgeschlossen
ist, da die Topik eindeutig als ‘vorwissenschaftlich’ charakterisiert ist-, er aber gleich-
wohl mit seiner topischen Analyse der Topik eine „neue Ortsbestimmung des ›Literatur‹-
Begriffs und damit der ›Literaturwissenschaft‹“49 vorbereiten möchte, so ist seine Aktua-
lisierung der Topik meiner Meinung nach nichts anderes als der Versuch, der Literatur-
wissenschaft neue Prinzipien zu geben, oder - um es in Kuhn’scher Terminologie zu
sagen - ein neues Paradigma50.

46
Ich denke, daß die von Wiedemann und Bornscheuer angesprochene Anknüpfung der Topik-For-schung
an Foucaults Denken an diesem Punkt sehr fruchtbar sein kann, und zwar im Hinblick auf die von
Foucault analysierten Prozeduren, durch die „in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zu-
gleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert [werde]“ (Foucault, Michel: Die Ordnung des
Diskurses, Frankfurt 1997, hier: S. 11). Prozeduren, die - wie ich diese Zusammenhänge verstehe - die
herrschende Topik ebenso konstituieren, wie sie aus ihr stammen. Auch die Verknüpfung seines Den-
kens mit der Topik-Forschung im Hinblick auf seine späteren Arbeiten zur Subjektkonstitution (und des
schöpferischen Umgangs mit dem eigenen Selbst) könnte sehr fruchtbar sein, wie es etwa Gerhart von
Graevenitz angedeutet hat, da „anders als ‘topisch’ vom Ich sich nur schwer reden [...lasse, und so das]
›Haus der Seele‹ des Augustinus [...] so topisch [sei,] wie das neuere Subjekt am ‘Schnittpunkt’ der Dis-
kurse“ (von Graevenitz, Das Ich am Rande, S. 7).
47
Bornscheuer, Topik, S. 19.
48
Bornscheuer, Topik in Reallexikon, S. 465.
49
Bornscheuer, Topik, S. 92.
50
vgl. Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, zweite revidierte und um das Post-
skriptum von 1969 ergänzte Auflage, Frankfurt 1976. Meiner Auffassung nach wirft die Erforschung der
Topik auch ein Schlaglicht auf die von Kuhn herausgestellte Dynamik wissenschaftshistorischer Ent-
wicklungen. Da - so Bornscheuer - die „Verhältnisse zwischen Traditionalität und Originalität, zwischen
Konventionalität und Spontaneität, [...] innerhalb des Bedeutungsumfanges des Toposbegriffs abgeklärt
werden [müßten]“ (Bornscheuer, Lothar: Bemerkungen zur Toposforschung, Mittellateinisches Jahr-
buch, 11. Jahrgang (1976), Kastellaun, 312–320, hier: S. 314), ließen sich Veränderungen in den Wis-
senschaften nicht mehr als revolutionäre Prozesse verstehen, sondern lediglich als evolutionäre, da topi-
sche Prozesse nicht das Band zwischen Tradition und Innovation zerreißen würden.
73
Das wirft natürlich ein sehr bezeichnendes Licht auf den hier untersuchten Streit um
ein angemessenes Verständnis der Topik:
Auch wenn Breuer und Schanze in ihrer Einleitung zum Dokumentationsband der
Aachener Topik-Tagung schreiben, daß die Verwendung des Topik-Begriffes auf
„gemeinsame methodische Grundüberzeugungen schließen“51 lasse, denke ich - und ha-
be dies auch in meiner Arbeit versucht zu zeigen -, daß dies nicht so ist. Vielmehr
scheint mir der Streit gerade darum zu gehen, einen Konsens über die die Forschung
leitende ‘methodische Grundüberzeugung’ bzw. das vorherrschende Paradigma erst ein-
mal herzustellen.
Wenn sie aber schreiben, daß es ein „mehr oder minder klares Bewußtsein einer
Denktradition“52 sei, das die Vertreter verschiedener Disziplinen zu einem interdiszipli-
nären Gespräch zusammenbrachte, so stimme ich mit ihnen überein, da ich denke, daß es
dieses ‘Bewußtsein einer Denktradition’ ist, das den gemeinsamen Bezugspunkt der
streitenden Parteien ausmacht. Einer Tradition, in der - laut Breuer und Schanze - die
Rhetorik - und mit ihr „das [...] Prinzip der Meinung (Doxa)“53 - über einen langen Zeit-
raum die „Terminologie unserer Reden über die Rede bestimmt“54 habe. Meiner Auffas-
sung nach verbindet und trennt dieses ‘Prinzip der Meinung’ die sich im Streit um den
Topik-Begriff gegenüberstehenden Positionen gleichermaßen: es ist der Boden, auf dem
der Streit geführt wird, und der Raum, in dem sich der Streit vollzieht.
Der Boden des Streites - wie auch des Gesprächs über Topik überhaupt - ist meiner
Ansicht nach das ‘Prinzip der Meinung’ deshalb, da die Forscher, die sich an diesem
Streit und an dem Gespräch beteiligen, dieses Prinzip als bedeutsam für die sie interes-
sierenden Phänomene anerkannt haben.
Und den Raum dieses Streites oder Gesprächs über Topik stellt es deshalb dar, da lite-
raturwissenschaftliches Arbeiten immer mit dem ‘leidigen Wahrscheinlichkeitscharak-
ter’ zu tun hat.
Die Geltung des „Satz[es] von den vielen Köpfen und vielen Meinungen“55 scheint
mir demnach grundlegend für die Literaturwissenschaft zu sein. Dies bedeutet, daß der
Streit um Topik nicht anders als mit den Mitteln rhetorischer und dialektischer Mei-
nungsbildungsprozesse geführt werden kann, da es nicht um apodiktische Beweise geht,

51
Breuer, Dieter/Schanze, Helmut: Topik. Ein interdisziplinäres Problem, in: Topik. Beiträge zur interdis-
ziplinären Diskussion, hrsg. von Dieter Breuer/Helmut Schanze, München 1981, 9–13, hier: S. 9.
52
ebd.
53
ebd.
54
ebd.
55
ebd.
74
sondern allein um Plausibilität, Glaubwürdigkeit, Überzeugung und Überredung. Ich
stimme Bornscheuer also in der Auffassung zu, daß jeder Gebrauch und „[...] jede me-
thodische Analyse von Topoi [...] auf intersubjektive Zustimmung innerhalb der jeweils
herrschenden Meinungs- und Wissenshorizonte [angewiesen bleibt]“56.
Die Einheit eines Themas Topik ist folglich nicht vorauszusetzen: eine solche Einheit
muß erst diskursiv ermittelt werden. Der Streit um Topik ist ein Beispiel für einen sol-
chen Vorgang. Ein Streit aber, dessen Besonderheit meiner Auffassung nach darin be-
steht, daß er nicht zu schlichten ist, weil sich auf dem Gebiet der Topik-Forschung zwei
- jeweils unterschiedlichen Paradigmen folgende - Parteien gegenüberstehen. Kontrahen-
ten, die ausgehend von ihren jeweiligen methodischen Grundannahmen auch die Bedeu-
tung der Topik unterschiedlich einschätzen, daher eine je andere Einheit des Themas
Topik anstreben und schließlich auch die Geschichte der Topik, an welche sie anknüp-
fen, jeweils anders interpretieren.

56
Bornscheuer, Topik, S. 208.
75
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