Turbulent Script
Turbulent Script
N. A. Adams
Lehrstuhl für Aerodynamik
Technische Universität München
2
3 Numerische Simulation 93
3.1 Berechnungsmethoden für turbulente Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
3.2 Direkte numerische Simulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
4 INHALTSVERZEICHNIS
4 Statistische Turbulenzmodellierung 99
4.1 Wirbelviskosität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
4.2 Algebraische Turbulenzmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
4.2.1 Mischungswegmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
4.2.2 Baldwin-Lomax Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
4.3 Eingleichungsmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
4.4 Wirbelviskosität-Transportmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
4.5 Zweigleichungsmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
4.5.1 Die Staustrom-Anomalie der Zweigleichungsmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
4.6 Reynoldsspannungs-Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
4.7 Wandmodellierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
4.7.1 Wandfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
4.7.2 Das v 2 − f -Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
4.8 Effekt der lokalen Reynoldszahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
4.8.1 Transitionsmodellierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
4.9 Zusammenfassung des derzeitigen Wissensstandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
Lateinische Buchstaben:
Ȧ Arbeitsleistung
a Schallgeschwindigkeit
cp spezifische isobare Wärmekapazität
Cr Konstante
Cu Konstante
cV spezifische isochore Wärmekapazität
E Gesamt-Energie
e spezifische innere Energie
E Gesamt-Energie eines Fluidvolumens
F Kraft
g Erdbeschleunigung
G Potential
h Enthalpie
I Impulsvektor eines Fluidvolumens
k Boltzmann-Konstante
k Wärmeübergangsskoeffizient
k Wellenzahl in der Kolmogorovtheorie
L Länge
M Molekülmasse
m Masse
ṁ Massenstrom
n Normale
P Impuls
p Druck
Q Wärme
Q̇ Wärmestrom
R Radius
< Gaskonstante
S raumfeste Fläche
S̃ materielle Fläche
S(t) zeitabhängige Fläche
6 INHALTSVERZEICHNIS
s Entropie
s Bahnparameter
T Temperatur
t Zeit
u Geschwindigkeitsvektor
ui Geschwindigkeitskomponente in xi Richtung
U Geschwindigkeitsbetrag
V raumfestes Volumen
Ṽ materielles Volumen
V (t) zeitabhängiges Volumen
V̇ Volumenstrom
Griechische Buchstaben:
α Wärmeübergangskoeffizient
δ Grenzschichtdicke
Γ Zirkulation
γ Adiabatenexponent
ζ Widerstandsbeiwert
λ Wärmeleitfähigkeit
µ dynamische Zähigkeit
ν kinematische Zähigkeit
ρ Dichte
σ Oberflächenspannung
τ Schubspannung
Φ Feldgröße
Φ Potentialfunktion
Ψ Stromfunktion
ω Wirbelstärke
Ω Mittlere Winkelgeschwindigkeit
Koordinaten:
x, x1 Koordinate eines kartesischen Koordinatensystems
oder Axialkoordinate eines Zylinderkoordinatensystems
y, x2 Koordinate eines kartesischen Koordinatensystems
z, x3 Koordinate eines kartesischen Koordinatensystems
r Radialkoordinate eines Kugel- oder Zylinderkoordinatensystems
φ Längenkoordinate eines Kugel-
oder Tangentialkoordinate eines Zylinderkoordinatensystems
ψ Breitenkoordinate eines Kugelkoordinatensystems
Indizes:
W Widerstand
W Wand
∞ unendlich
8 INHALTSVERZEICHNIS
Kapitel 1
Wesentliche Eigenschaft einer turbulenten Strömung ist, dass das Strömungsgeschwindigkeitsfeld stark va-
riiert und irregulär bezüglich Raum und Zeit ist.
Der Momentanverlauf eines Geschwindigkeitssignals zeigt signifikante Fluktuationen bezüglich des zeitlichen
Mittelwertes (Amplituden von ca. 10% bis 20% des Mittelwerts) und eine große Variation der auftretenden
Zeitskalen. Dennoch weicht das momentane Geschwindigkeitsfeld ~u(~x, t) nicht extrem vom gemittelten Ge-
schwindigkeitsfeld (zur Definition der Mittlung siehe Abschnitt 2.3) h~u(~x, t)i ab und es verbleibt niemals für
lange Zeit bei einem von h~u(~x, t)i verschiedenen Wert.
U1 (t)[ m
s ]
t[s]
Abbildung 1.3: Momentanes Geschwindigkeitssignal auf der Achse eines turbulenten Freistrahles3
hU1 i
hU1 i0
x2
x1
zuwenden. Turbulenz wird analysiert, indem man sich sogenannten kanonischen Strömungen zuwendet, die
zumindest teilweise analytisch zu handhaben sind. Kanonische Strömungen findet man als Vereinfachung
von Teilen komplexerer, anwendungsnaher Strömungen. So kann man beispielsweise die Umströmung eines
Fahrzeuges zerlegen in folgende kanonische Strömungen:
12 1 Phänomen und Problematik turbulenter Strömungen
1. Staupunktströmung I,
4. Nachlaufströmung IV.
2.1 Grundgleichungen
Turbulenz wird durch die Erhaltungsgleichungen für ein fluides Kontinuum beschrieben. Weiterhin nehmen
wir hier vereinfachend an, dass ein Newtonsches Fluid und eine inkompressible Strömung, außerdem verein-
fachend noch mit räumlich konstanter Dichte, vorliegt. Inkompressible Strömungen mit räumlich variabler
Dichte kann man durch Hinzunahme einer weiteren Transportgleichung für die Temperatur (unter der Annah-
me einer nur von der Temperatur abhängigen Dichte) beschreiben. Für kompressible Strömungen werden
stattdessen noch eine Transportgleichung für die innere Energie oder die Gesamtenergie oder die Entro-
pie oder den Druck (wobei nur die Gesamtenergie eine Erhaltungsgröße ist) und eine Zustandsgleichung
zur Herstellung einer Beziehung zwischen Dichte, Temperatur und Druck benötigt (siehe hierzu Vorlesung
Fluidmechanik I).
Die differentielle Kontinuitätsgleichung für eine inkompressible Strömung lautet
∂ui
=0 (2.1)
∂xi
∂ui ∂ui 1 ∂p ∂ 2 ui
+ uj =− +ν . (2.2)
∂t ∂xj ρ ∂xi ∂x2j
Der Druck hängt für eine inkompressible Strömung direkt mit der Geschwindigkeit über die Poisson-Gleichung
∂2p
∂ ∂ui
= −ρ uj (2.3)
∂x2i ∂xi ∂xj
zusammen.
Für die Wirbelstärke findet man die Transportgleichung
Dωi ∂ 2 ωi ∂ui
=ν + ωj . (2.4)
Dt ∂x2j ∂xj
Der letzte Term auf der rechten Seite ist der Wirbelstreckungsterm. Dieser Term ist wesentlich für die
Entstehung und Erhaltung von Turbulenz. Für eine zweidimensionale Strömung verschwindet dieser Term,
daher klingt zweidimensionale Turbulenz im Lauf der Zeit ab, wenn keine weiteren Mechanismen vorliegen,
14 2 Physik turbulenter Strömungen
die Turbulenz erzeugen. Diese Beobachtung ist Grundlage der derzeit am weitesten verbreiteten Vorstellung,
dass Turbulenz aus einem selbsterhaltenden Mechanismus besteht, bei dem durch Wirbelstreckung Energie
von großen räumlichen Skalen auf kleinere übertragen wird. Diese Vorstellung geht auf Bradshaw (1971)
zurück. Man stelle sich zwei Wirbelfäden, senkrecht zueinander ausgerichtet, vor und vernachlässige Rei-
bungseffekte. Wird einer der Wirbelfäden gestreckt dann verringert sich seine Querschnittsfläche und daher
erhöht sich die Rotation entlang seiner Achse (1. Kelvinscher Wirbelsatz: Erhaltung der Zirkulation). Da
die Rotation erhöht ist, nimmt die am Ort des anderen Wirbels in dessen Achsenrichtung induzierte Ge-
schwindigkeit zu. Daher wird auch dieser Wirbel gestreckt. In einer reibungsbehafteten Strömung können
diese Wirbel im Strömungsgebiet enden. Durch den Wirbelstreckungsmechanismus kann daher eine Kaskade
von immer dünneren Wirbeln erzeugt werden, die zunehmend kleinere räumliche Skalen darstellen. Dieser
Prozess schreitet fort, bis die kleinsten Wirbel so klein sind, dass die auf sie wirkende Reibungskräfte im
Vergleich zu den Trägheitskräften nicht mehr vernachlässigbar sind (eine mit dem Wirbeldurchmesser gebil-
dete Reynoldszahl hätte die Größenordnung eins). Die kinetische Energie dieser Wirbel wird dann in innere
Energie umgesetzt, sie dissipiert. Offensichtlich muss daher, um einen stationären Prozess aufrechtzuerhal-
ten, eine Zufuhr von kinetischer Energie bei den großen Skalen sichergestellt werden. Ansonsten wird die
Turbulenz im Lauf der Zeit abklingen. In Scherströmungen wird diese Energiezufuhr von dem Antrieb durch
die Scherströmung (Druckgradient, Außenströmung, bewegte Wände) geleistet.
Zur Entdimensionierung der Navier-Stokes-Gleichungen werden das für das Problem typische Längenmaß L
und das Geschwindigkeitsmaß U eingeführt. Damit werden die dimensionslosen Veränderlichen gebildet:
ui ρ p
u∗i = ρ∗ = p∗ = (2.5)
U ρ0 ρU 2
xi U
x∗i = t∗ = t (2.6)
L L
Damit wird die Kontinuitätsgleichung zu
∂u∗i
= 0, (2.7)
∂x∗i
Wegen ihrer besonderen Relevanz für die praktischen Anwendungen in den Ingenieurwissenschaften be-
schränken wir uns hier auf den Fall der Scherströmungen. Das Stabilitätsverhalten von Scherströmungen
wird durch die Reynoldszahl der laminaren Strömung bestimmt. Je nach Reynoldszahl und je nach Anre-
gung kann das Verhalten der laminaren Strömung analog zur Stabilitätseigenschaft dynamischer Systeme
interpretiert werden.
stabil instabil
neutral stabil
nichtlinear instabil
Die Instabilität einer Scherströmung führt zu einem transienten (d.h. nach einem Potenzgesetz in der Zeit)
oder einem exponentiellen (d.h. exponentiell in der Zeit) Wachstum kleiner Strörungen. Dieses Anfangs-
stadium kann durch linearisierte Theorien untersucht werden. Erreichen die so angewachsenen Störungen
ausreichend große Amplituden, sodass sie mit sich selbst wechselwirken können, ist die Grenze der einfa-
chen linearen Beschreibung erreicht. Dieses Stadium führt dann unmittelbar zum Übergang zur Turbulenz.
Bei praktischen Problemen ist die Transitionszeit (das Zeitintervall, welche eine Strömung für den laminar-
turbulent-Übergang benötigt) oder das Transitionsgebiet (das Raumintervall, das eine Strömung für den
laminar-turbulenten Übergang benötigt) klein im Vergleich zu typischen Zeit- und Raumskalen der lamina-
ren Strömung, sodass man in Berechnungsfällen oft von einem Transitionspunkt oder einer Transitionslinie
16 2 Physik turbulenter Strömungen
spricht. Vor jenem herrscht laminare, dahinter turbulente Strömung. Das Problem der Transition wird also
in der Praxis oft mit der Bestimmung dieses Punktes bzw. dieser Linie gleichgesetzt. In Wirklichkeit haben
aber Transitionszeit oder Transitionsgebiet eine nicht verschwindende Ausdehnung. Ein wichtiger Fall in der
Praxis, in der man die Größe des Transitionsgebietes berücksichtigen muss, sind Turbinengitterströmungen.
Folgendes Bild von Werlé (1980) zeigt den Transitionsbereich einer Plattengrenzschicht (Strömung von links
nach rechts):
Abbildung 2.3: Transition einer Plattengrenzschicht, Strömung von links nach rechts1
Die Strömung ist von links nach rechts. Wandnahes Fluid ist mit reflektierenden Partikeln markiert. Man
erkennt links das typisch laminare (schichtenartige) Verhalten der Strömung, während weiter rechts eine rege
Durchmischung der Partikel erfolgt. Dazwischen bilden sich gestreckte Wirbelstrukturen, die typisch für den
Transitionsbereich sind.
Dieser Ansatz wird in die Navier-Stokes-Gleichungen eingesetzt und Terme höherer Ordnung ( z.B. u01 u01 )
in der Störgeschwindigkeit u0 (x, t) werden vernachlässigt. Man erhält ein lineares partielles Differential-
gleichungssystem, das die Entwicklung kleiner Störungen der Grundströmung für kleine Zeiten beschreibt.
Die Verwendung dieser Gleichungen ist nicht mehr erlaubt, wenn u0 soweit angewachsen ist, dass Terme
höherer Ordnung eine ähnliche Größenordnung wie z.B. U1 u01 oder U1 U1 erreichen und daher nicht mehr
vernachlässigbar sind.
Nehmen wir vereinfachend die in x1 und x2 konstante Grundströmung. Diese soll nur eine nichtverschwin-
dende Komponente aufweisen:
U1 (x3 )
U = 0 .
0
α = αr , β = βr , σ = σr + iσi .
α = αr + iαi , β = βr , σ = σr .
σ σr
ck = =p (2.11)
k α2 + β 2
α
k = β
.
0
σr
cα = . (2.12)
α
σi = 0: ⇒ u0i klingt weder mit t ab, noch wächst sie an. Die Strömung ist neutral stabil.
αi = 0: ⇒ u0i klingt weder mit x1 ab, noch wächst sie an. Die Strömung ist neutral stabil.
18 2 Physik turbulenter Strömungen
2.2.2 Kelvin-Helmholtz-Instabilität
Vereinfachend wird nun der Reibungseffekt vernachlässigt. Aus dem Kelvinschen Wirbeltheorem folgt, dass
die Strömung jeweils oberhalb und unterhalb der Trennfläche rotationsfrei bleibt. In diesen Bereichen kann
man also eine Potentialströmung ansetzen: oberhalb der Trennfläche
∆Φ = 0, (2.13a)
∆Φ̃ = 0 , (2.13b)
∂Φ 1 p ∂ Φ̃ 1 2 p̃
2
+ (∇Φ) + = C , + ∇Φ̃ + = C̃ .
∂t 2 ρ ∂t 2 ρ̃
2 Physik turbulenter Strömungen 19
Die Dichte soll konstant sein ρ = ρ̃ und es soll keine Oberflächenspannug an der Trennfläche herrschen,
daher ist p = p̃. Man erhält dann
∂Φ 1 ∂ Φ̃ 1 2
2
+ (∇Φ) − C = + ∇Φ̃ − C̃ . (2.15)
∂t 2 ∂t 2
Gleichermaßen erhält man für die Grundströmung alleine
1 2 1
U − C = Ũ12 − C̃ . (2.16)
2 1 2
Die Potentialfunktionen der Gesamtströmung sind
Φ = U1 x + Φ0 (2.17a)
∆Φ0 = ∆Φ̃0 = 0 ,
∂Φ0 1 2 2
∂ Φ̃0 1
+ (U1 + u01 )2 + u02 + u03 − C = + (Ũ1 + ũ01 )2 + ũ02 2 + ũ03 2 − C̃
∂t 2 ∂t 2
woraus nach Linearisierung folgt
∂Φ0 1 ∂ Φ̃0 1
+ U12 + U1 u01 − C = + Ũ12 + Ũ1 ũ01 − C̃ .
∂t 2 ∂t 2
Mit (2.16) und
∂Φ0 ∂ Φ̃0
u01 = , ũ01 =
∂x1 ∂x1
folgt
d2 Φ̂
− k 2 Φ̂ = 0 , k 2 = α2 + β 2 . (2.20)
dx23
20 2 Physik turbulenter Strömungen
Diese Gleichung stellt ein Eigenwertproblem für die Eigenfunktion Φ̂(x3 ) mit dem Eigenwert k 2 dar. Die
allgemeine Lösung ist
Φ̂(x3 ) = Ae±kx3 ,
mit der Randbedingung ∇Φ0 → 0 für x3 → +∞. Da die Randbedingung für e+kx3 nicht erfüllt ist, lautet
die Eigenfunktion
und auf analoge Weise erhält man für den Bereich unterhalb der Trennfläche
ˆ
Φ̃(x kx3
3 ) = Ãe . (2.21b)
An der Trennfläche gilt weiterhin nach Linearisierung von (2.14) und Auswertung in x3 = 0 oberhalb der
Trennfläche
∂Φ ∂x03 ∂x0
= + U1 3 (2.22a)
∂x3 ∂t ∂x1
∂ Φ̃ ∂x03 ∂x0
= + Ũ1 3 . (2.22b)
∂x3 ∂t ∂x1
Setzt man in diese Gleichung die Beziehung (2.19) mit (2.21) ein, dann erhält man aus
x̂3
A = −iα (U1 − c) (2.23a)
k
x̂3
à = iα (Ũ1 − c) , (2.23b)
k
U1 − Ũ1 i
c= ± |U1 + Ũ1 | . (2.24)
2 2
In dieser Gleichung wurden alle auftretenden Geschwindigkeiten mit der Referenzgeschwindigkeit und alle
auftretenden Längen mit der Referenzlänge emtdimensioniert.
Abbildung 2.5: Strömungsprofil einer reibungsfrei stabilen (links) und einer möglicherweise reibungsfrei in-
stabilen Grenzschicht (rechts)
Man beobachtet dennoch, dass eine reibungsfrei stabile Grundströmung reibungsbehaftet instabil sein kann.
Für Grenzschichtströmungen ist das sogar der Normalfall. Zunächst erscheint das kontraintuitiv: wie soll die
an sich dämpfende und dissipative Eigenschaft der Reibung zur Anfachung von kleinen Störungen führen
können?
Die Antwort liefert eine genauere Analyse der Bilanz der kinetischen Energie in einer Grenzschichtströmung.
Man findet, dass im reibungsbehafteten Fall, im Gegensatz zum reibungsfreien Fall, kleine Störungen eine
solche relative Phasenlage zueinander haben können, dass sie kinetische Energie aus der Grundströmung
entnehmen können und zum Störungswachstum aufwenden können.
Wertet man die Orr-Sommerfeld-Gleichung für die Blasius-Grenzschicht (siehe Fluidmechanik II) aus, so
erhält man Abbildung 2.6.
22 2 Physik turbulenter Strömungen
Sich räumlich ausbildende Grenzschichten (das ist im Allgemeinen der Fall) sind ab einer kritischen Reynolds-
zahl konvektiv instabil. D.h. die Störung bildet sich stromab aus. Die relevante Instabilitätsanalyse folgt daher
der o.g. räumlichen Instabilität. Auf der Abszisse in Abbildung 2.6 ist die mit der Verdrängungsdicke der
laminaren Grenzschicht gebildete Reynoldszahl aufgetragen, auf der Ordinate die mit der Verdrängungsdicke
normierte Stromab-Wellenzahl α. Die gezeigten Kurven trennen den Bereich instabiler Wellenzahlen von
dem Bereich stabiler Wellenzahlen. Im Fall einer Grenzschicht mit einem der Strömung entgegenwirkenden
Druckgradienten, ist die kritische Reynoldszahl (d.h. die Reynoldszahl, ab der die ersten linear instabilen
Störungen auftreten können) kleiner als im Fall ohne Druckgradienten. Bei der Interpretation beachte man,
dass die Verdrängungsdicke eine monotone Funktion der Stromabkoordinaten x1 , wachsend vom Ursprung
der Grenzschicht, ist.
dp dp
Abbildung 2.6: Lösung der Orr-Sommerfeld-Gleichung mit dx = 0 und dx >0
Die dominante Instabilitätswelle oder Eigenmode der Blasius-Grenzschicht ist zweidimensional, d.h. der
Wellenzahlvektor zeigt in Richtung der Grundströmung. Man nennt sie nach ihren Entdeckern die
Tollmien-Schlichting-Welle. Befindet man sich in einem, mit der Störung mitbewegten System, so beobachtet
man eine Rotationsbewegung um eine quer zur Strömung angeordnete Achse. Die Tollmien-Schlichting Welle
ist also eine wirbelartige Störung.
λ ∼ 6δ
Tabelle 2.1:
Typ U1 (x3 )/Uref Rekrit = Uref l/ν αl ν = 0 instabil für Bemerkung
Scherschicht tanh(x3 /l) 0 0 0 ≤ αl ≤ 1 Kelvin-Helmholtz
−2
Freistrahl cosh (x3 /l) 4 0.2 0 ≤ αl ≤ 2 symmetrische Mode
Falkner-Skan β = −0.199 64 1.24 0 ≤ αl ≤ 0.8 l = δ1
Blasius β=0 520 0.3 0 l = δ1
2
Poiseuille 1 − (x3 /l) 5780 1.02 0 l =Halbweite
Hagen-Poiseuille 1 − (r/R)2 ∞ 0 stabil
Couette x3 /l ∞ 0 stabil
Der Mechanismus des laminar-turbulenten Umschlages einer Strömung folgt einem Schema, das von M.
Morkovin zusammengestellt wurde:
Grundströmung
quasistationär, laminar
Wechselwirkung
Rezeptivität
Antwort der Strömung auf Störungen
Primäre Instabilität
Bypass Transientes Wachstum • lineare Stabilitäts-
• hohe Fluktuationen in • algebraisches Anwachsen theorie
der Außenströmung von 3D Störungen (nicht- • Orr-Sommerfeld-
• Wandrauhigkeit normale Moden) Gleichung
• großskalige Störungen • Tollmien-Schlichting-
der Grundströmung Welle
Sekundäre Instabilität
• C-Typ, H-Typ, K-Typ
Turbulenz
Man sieht, dass der oben erklärte lineare Instabilitätsmechanismus nur einen von mehreren möglichen Wegen
zur Turbulenz darstellt. Die Tollmien-Schlichting Welle als primäre lineare Instabilität ist ihrerseits instabil ge-
gen kleine Störungen. Dies ist die sekundäre Instabilität, die dann zunächst schwach nichtlinear miteinander
wechselwirken oder tertiär instabil sind. Das Schema beschreibt auch Transitionsmechanismen, die über das
oben Dargestellte hinaus gehen. Für praktische Anwendungen sind ebenfalls das transiente Wachstum und
die Bypass-Transition wichtig. In einer Umgebung mit signifikaten Störeinflüssen (wie z.B. in Turbinengittern)
tritt in der Regel einer dieser Transitionsmechanismen auf. Beide Mechanismen zeichnen sich dadurch aus,
dass Transition bereits bei kleineren Reynoldszahlen eingeleitet werden kann, als im Falle des primären, linea-
ren Instabilitätsmechanismuses. Beim transienten Wachstum hat man ursprünglich eine günstige Kombinati-
on von zwei stabilen Eigenlösungen der Orr-Sommerfeld Gleichung vorliegen. Eingesetzt in die linearisierten
Navier-Stokes-Gleichungen wechselwirken diese beiden Moden miteinander (Nicht-Normalität der lineari-
sierten Navier-Stokes Gleichungen). Dieser Sonderfall ist analog zu dem Fall eines Systems gewöhnlicher
Differentialgleichungen erster Ordnung mit nicht-normaler (d.h. nicht diagonalisierbarer) Koeffizientenma-
trix. In einem Lehrbuch zur Analysis ist nachzuschlagen, dass die exponentiellen Fundamentallösungen des
Systems nun auch noch polynomiale Vorfaktoren haben. Dies ist auch beim transienten Wachstumsme-
chanismus ganz analog der Fall. Die polynomialen Vorfaktoren der exponentiell gedämpften Eigenlösungen
können zu einem kurzfristigen zeitlichen Wachstum, dem transienten Wachstum führen, bevor die exponen-
tielle Dämpfung Oberhand gewinnt. Dieses kurzfristige Wachstum kann ausreichen, um Transition durch
nichtlineare Wechselwirkungen auszulösen. Der Bypass-Mechanismus umgeht dagegen vollständig lineare
Mechanismen, da die vorliegenden Störungen bereits so groß sind, dass sie nichtlinear miteinander wech-
selwirken. An die linearen Stadien schließen sich nichtlineare Stadien an, die hier nicht näher besprochen
werden. Die nichtlinearen Stadien führen dann unmittelbar zum turbulenten Zustand.
Findet Transition nach dem klassischen, der primären Instabilität folgenden Szenario statt, dann sind für
die nichtlinearen Stadien der Transition die Lambda-Wirbel typisch, die in der Experimentaufnahme in
Abbildung 2.9 visualisiert sind. Zu sehen ist die Draufsicht auf eine Grenzschicht an einer ebenen Platte.
Mit einer Rauchdrahttechnik wird Rauch in eine Tollmien-Schlichting-Welle eingebracht. Es ist zu sehen,
dass die Tollmien-Schlichting-Welle, die durch einen geraden in spannweitiger Richtung verlaufenden Wirbel
dargestellt werden kann, bereits Deformationen in Spannweitenrichtung aufweist. Dies ist der Effekt der
sekundären Instabilität. Aus der sekundären Instabilität entstehen die Lambda-Wirbel, die meist kollinear
oder gestuft ausgerichtet sind.
Die schwach nichtlinearen Wechselwirkungen führen zum Anwachsen weiterer Moden, bis so große Amplitu-
den erreicht sind, dass der turbulente Zustand einsetzt. In der Abbildung 2.10 sind Amplitudenverläufe über
der Zeit für verschiedene Fouriermoden während der Transition einer Blasius-Grenzschicht für das zeitliche
Instabilitätsproblem gezeigt.
2 Physik turbulenter Strömungen 25
Abbildung 2.10: Amplitudenverläufe während der Transition einer Blasius-Grenzschicht über die Zeit
Der gesamte klassische Transitionsprozess ist für die Umströmung eines Kegels in Abbildung 2.11 visualisiert.
Man erkennt die primäre Instabilität an den ringförmigen Wirbeln, die sich um den Kegel legen. Die sekundäre
Instabilität zeigt sich durch Verformungen dieser Wirbel. An dieses Stadium schließt sich infolge schwach
26 2 Physik turbulenter Strömungen
nichtlinearer Wechselwirkungen das Lambda-Wirbel-Stadium an, das von den Spike-Stadien gefolgt wird.
Diese leiten das finale Stadium des laminar-turbulenten Zusammenbruches ein.
Die Bypass-Transition dagegen führt zum intermittenten (d.h. an einem Ort zeitlich zufällig schwankenden)
Auftreten von Turbulenzflecken (turbulent spots). Diese wirken zunächst als Keime für Turbulenz, vergrößern
sich dann und wachsen schließlich zusammen. Damit entsteht der entwickelte turbulente Zustand der Scher-
strömung. Abbildung 2.12 von Cantwell, Coles, Dimotakis (1978) zeigt Turbulenzflecken in einer turbulenten
Plattengrenzschicht (Strömung von links nach rechts):
Ist die Turbulenz noch nicht vollentwickelt, beobachtet man also eine zeitliche Abfolge von Turbulenzflecken
an einem bestimmten Ort in der Grenzschicht. Statistisch kann dies durch den Intermittenzfaktor
Tturb
γ= (2.27)
Tgesamt
beschrieben werden. Dieser ist das Verhältnis des Zeitanteils, in dem an einem bestimmten Ort eine turbulente
Strömung vorliegt, zum gesamten Beobachtungszeitraum. Für eine Rohrströmung kann man je nach mit dem
Durchmesser gebildeten Reynoldszahl folgenden qualitativen Zusammenhang zwischen Intermittenzfaktor
und Lauflänge finden:
2 Physik turbulenter Strömungen 27
1
ReD = 2600
ReD = 2300
200 300 x
100 D
Wie weiter unten im Abschnitt über kanonische Strömungen für die Plattengrenzschicht dargestellt wird, ist
der äußere Rand einer turbulenten Grenzschicht sehr zerklüftet. Beobachtet man einen ortsfesten Punkt in
der Nähe dieses Randes, so zeichnet man dort auch zufällig abwechselnde turbulente Grenzschichtströmung
und laminare Außenströmung auf. Auch hier spricht man von Intermittenz dieses Superlayers (im Gegensatz
zum Sublayer, siehe Abschnitt 2.4.2).
r1
r2
u(r)
u2
p dF
u1
p+dp
Abbildung 2.15: Abbildung einer Taylor-Couette-Instabilität in Abhängigkeit der von der Taylorzahl
2.2.6 Transitionsvorhersage
Die Vorhersage, wo in einer Scherströmung laminar-turbulente Transition stattfindet, ist nachwievor ein
ungelöstes Problem. Die Komplexität dieser Fragestellung wird ersichtlich, wenn man nochmals den Ablauf
des Prozesses von Instabilität bis zur Turbulenz zusammenfasst:
1. Eine äußere (z.B. Schall) Störung muss in eine innere Störung der Grenzschicht umgesetzt werden.
Diesen Prozess nennt man Rezeptivität. Trifft eine Schallwelle, z.B. mit einer Frequenz von 100Hz,
auf eine 1mm dicke laminare Grenzschicht mit einer Außenströmungsgeschwindigkeit von 10m/s, so
2 Physik turbulenter Strömungen 29
muss die äußere Störung in eine innere Störung mit einer Frequenz, die der Größenordnung der charak-
teristischen Frequenz der Grenzschicht entspricht, umgesetzt werden. Die charakteristische Frequenz
der Grenzschicht ist aber 10kHz. Diese Umsetzung geschieht durch Wechelwirkung der Schallstörung
mit Oberflächenrauhigkeiten oder Oberflächendeformationen.
2. Die innere Störung facht einen der oben genannten Transitionsmechanismen an.
Insbesondere das Problem der Rezeptivität ist derzeit ungelöst. Für Ingenieuranwendungen gibt es ein em-
pirisches Verfahren, das sich zur Vorhersage der Transitionslage in aerodynamischen Problemen (z.B. Trag-
flügelumströmungen) recht gut eignet- vorausgesetzt Transition wird durch eine primäre Instabilität einge-
leitet. Für Reiseflugbedingungen in ruhiger Umgebungsluft ist dies meist der Fall. Die Vorhersage der Tran-
sitionslage erfolgt dann in der Regel heute noch mit der eN -Methode, die von van Ingen (1956) sinngemäß
eingeführt und von Mack (1977) weiter verbessert wurde. Dazu berechnet man zunächst numerisch eine Rei-
he von laminaren Geschwindigkeitsprofilen stromab der Tragflügelvorderkante und unterwirft sie der Reihe
nach der oben erwähnten linearen Stabilitätstheorie. Es sei daran erinnert, dass für den räumlichen Instabi-
litätsansatz eine Frequenz ω gewählt werden muss. Eigenlösungen mit komplexen Wellenzahlen α = αr +iαi ,
deren negativer Imaginärteile die exponentiellen Wachstumsraten ergeben, folgen als Ergebnis einer linea-
ren Stabilitätsanalyse mittels der Orr-Sommerfeld-Gleichung. Von diesen Eigenlösungen wird jeweils die am
meisten angefachte ausgewählt und in der Form
Rx
trans −αi (x)dx
e x0
in ein Diagramm eingetragen. Von diesen Kurven bildet man die Einhüllende, die das Verhältnis zwischen der
Ausgangsamplitude A0 und der an jeder Stelle stromab maximal erreichten Amplitude A darstellen, siehe
folgende Abbildung:
A
ln
A0
Re × 106
Abbildung 2.16: Diagramm mit angefachten Eigenlösungen der Transition nach Schubauer und Skamstad
1947, bzw. Wells 1967, maximale Amplitude , ω bezeichnet die berechneten angeregten Frequenzen
30 2 Physik turbulenter Strömungen
Dort, wo
A
ln = N ∼ −8.43 − 2.4 ln Tu
A0
ist, wird die Lage des laminar-turbulenten Umschlages angenommen. Hierin ist
r
hu2i i
Tu = /U∞
3
der Turbulenzgrad der Anströmung (U∞ ist die Anströmungsgeschwindigkeit).
und führt auf die Reynolds-Mittelung zur Herleitung von Entwicklungsgleichungen des gemittelten Strömungsfeldes.
Der Mittelwert kann auf verschiedene Arten definiert werden, die nicht notwendigerweise auf dasselbe Er-
gebnis führen. Im Sinne der Turbulenztheorie verwendet man das Ensemble-Mittel
N
1 X (n)
hui i(x, t) = lim ui (x, t) . (2.30)
N →∞ N
n=1
(n) (n)
Ein ui stammt aus einer Realisierung der untersuchten turbulenten Strömung. Alle Realisierungen {ui }N
n=1
stellen ein Ensemble dar. Weiß man, dass eine Strömung statistisch zeitunabhängig ist - solche Strömungen
bezeichnet man als stationäre Strömungen - so kann man den Mittelwert auch zeitlich definieren als
ZT
1 (n)
hui i(x, t) = lim ui (x, t)dt . (2.31)
T →∞ T
0
Für den Fall einer statistisch zweidimensionalen Strömung - solche Strömungen bezeichnet man als homogen
in der dritten Komponente - kann man auch eine räumliche Mittelung durchführen
ZR
1 (n)
hui i(x, t) = lim ui (x, t)dx3 . (2.32)
R→∞ R
0
2 Physik turbulenter Strömungen 31
In der Regel kann man außerdem davon ausgehen, dass turbulente Strömungen ergodisch sind. Ein stocha-
stischer Prozess wird als ergodisch bezeichnet, wenn eine Realisierung eines Ensembles im Lauf der Zeit
die Zustände aller Realisierungen eines Ensembles zu einem Zeitpunkt annehmen kann. Ergodisch ist also
gleichbedeutend mit statistisch stationär. Für eine ergodische und homogene Strömung haben alle oben
definierten Mittelwerte dasselbe Ergebnis.
Die Mittelungsoperatoren sind linear, kommutativ und erfüllen die Reynolds-Bedingungen
Durch Anwendung des Mittelungsoperators auf die dimensionslosen Navier-Stokes-Gleichungen - das in Ab-
schnitt 2.1 eingeführte Asterisk-Symbol zur Kennzeichnung dimensionloser Größen wird aus Übersichtlichkeit
im Weiteren unterschlagen - und die Kontinuitätgleichung für eine inkompressible Strömung erhält man
und
∂hui i
=0. (2.35)
∂xi
∂hu0i u0j i
−
∂xj
auf. Dieser Tensor ist symmetrisch, hat daher sechs im Allgemeinen nicht-identische Komponenten. Dieser
Reynoldsspannungstensor oder Tensor der turbulenten Scheinspannungen kann ohne weitere Annahmen nicht
aus der gemittelten Lösung bestimmt werden. Man hat demnach vier Gleichungen für zehn Unbekannte.
Es liegt ein Schließungsproblem vor, da durch die Mittelung Information verloren wurden, die aber zur
Berechnung der Entwicklung der Mittelwerte notwendig ist. Dieses Schließungsproblem ist fundamental und
32 2 Physik turbulenter Strömungen
kann nicht alleine mittels Umformung der RANS gelöst werden. Es können zwar Transportgleichungen für
hu0i u0j i hergeleitet werden (siehe Abschnitt 2.3.3), was aber zu neuen unbekannten Korrelationen führt.
Im Falle einer statistisch zweidimensionalen Strömung in der (x1 , x2 )-Ebene verschwinden die 1, 3- und
die 2, 3-Komponenten des Reynoldsspannungstensors. Ansonsten könnte mittels der RANS Gleichungen
Homogenität in x3 nicht sichergestellt werden. Im Falle einer in x1 und x2 -Richtung homogenen, d.h.
statistisch translationsinvarianten, zweidimensionalen Strömung sind alle nichtverschwindenden Reynolds-
spannungskomponenten räumlich konstant in diese Richtungen. Für eine isotrope, d.h. statistisch reflexions-
und rotationsinvariante, Strömung sind alle Diagonalkomponenten des Reynoldsspannungstensors gleich und
räumlich konstant. Alle Nebendiagonalkomponenten verschwinden.
1 0 0
K= hu u i . (2.36)
2 i i
Zunächst substituiert man die Reynolds-Zerlegung ui = hui i + u0i in die Navier-Stokes-Gleichung und erhält
∂hui i ∂hui ihuj i ∂u0i ∂u0i u0j ∂hui iu0j + huj iu0i
+ + + + =
∂t ∂xj ∂t ∂xj ∂xj
1 ∂hpi 1 ∂p0 ∂ 2 hui i ∂ 2 u0i
=− − +ν 2 +ν
ρ ∂xi ρ ∂xi ∂xj ∂x2j
Durch Subtraktion der RANS Gleichung von dieser Gleichung erhält man
0 1 ∂u0 ∂u0 u0
Diese Gleichung
lässt
sich unter Berücksichtigung
0 von ui ∂t = 2 ∂t und der Divergenzfreiheit von Mit-
i i i
∂hui i ∂ui
telwert ∂xi = 0 und Fluktuation ∂xi = 0 weiter vereinfachen. Dabei gilt insbesondere für den Term
∂ (huj iu0i +hui iu0j )
u0i ∂xj :
1 ∂u0i u0i ∂hui i 1 ∂u0 u0 1 ∂u0i u0i u0j ∂hu0i u0j i 1 ∂u0i p0 ∂ 2 u0
+ u0i u0j + huj i i i + − u0i =− + νu0i 2i
2 ∂t ∂xj 2 ∂xj 2 ∂xj ∂xj ρ ∂xi ∂xj
2 Physik turbulenter Strömungen 33
Somit ergibt sich mit K = 12 hu0i u0i i die partielle Differentialgleichung für K
* +
∂K ∂K 1 ∂hu0i u0i u0j i 0 0 ∂hui i 1 ∂hu0i p0 i 2 0
0 ∂ ui
+ huj i =− − hui uj i − + ν ui 2 . (2.40)
∂t ∂xj 2 ∂xj ∂xj ρ ∂xi ∂xj
D 2 0E
∂ u
Dabei kann der Term u0i ∂x2i noch vereinfacht werden. Es gilt
j
* + * +
∂ 2 u0i u0i ∂u0i u0i ∂u0 ∂u0i ∂u0i ∂ 2 u0
1 1 ∂ 1 ∂
= = 2u0i i = + u0i 2i , (2.41)
2 ∂x2j 2 ∂xj ∂xj 2 ∂xj ∂xj ∂xj ∂xj ∂xj
also
* + * +
2 0
∂ 2 u0i u0i ∂u0i ∂u0i ∂2K ∂u0i ∂u0i
∂ ui 1
u0i = − = − . (2.42)
∂x2j 2 ∂x2j ∂xj ∂xj ∂x2j ∂xj ∂xj
Durch Umschreiben des Reibungsterms kann diese Gleichung auch formuliert werden als
0
∂ui ∂u0i
∂K ∂K ∂hui i ∂ 1 1 ∂K
+ huj i = −hu0i u0j i −ν + − hp0 u0j i − hu0i u0i u0j i + ν . (2.43)
∂t ∂xj ∂xj ∂xj ∂xj ∂xj ρ 2 ∂xj
| {z } | {z }| {z } | {z }
I II III IV
(I) Materielle Ableitung: Konvektion oder Transport von TKE mit der mittleren Geschwindigkeit,
∂hui i
Π = −hu0i u0j i ,
∂xj
(IV) Umverteilungsterm
wobei (IV a) die Druck-Diffusion und (IV b) den turbulenten Transport darstellt.
Es gibt Fälle, in denen Π < 0 sein kann. Dies wird z.B. bei turbulenten Mischungsschichten weit stromab der
Vermischungszone mit verminderter Schichtdickenzunahme beobachtet. Strömungsvisualisierungen zeigen,
dass durch Wirbelpaarung aus kleineren Wirbeln größere entstehen, was die Übertragung kinetischer Energie
von kleineren auf größere Skalen erklärt.
Anhand der TKE-Transportgleichung kann man folgende Beobachtungen machen:
34 2 Physik turbulenter Strömungen
(1.) TKE wird durch Übertragung kinetischer Energie von der mittleren Strömung durch den Produktions-
term erzeugt,
(2.) (2.43) ist eine Transportgleichung für die Spur des Reynoldsspannungstensors, enthält aber neue Un-
bekannte
∂u0i ∂u0i
hu0i u0i u0j i , hp0 u0i i , ,
∂xj ∂xj
zur Lösung sind daher weitere physikalische Annahmen oder Modelle notwendig.
Die Summe der Terme auf der linken Seite I stellt die mittlere Konvektion von hu0i u0j i dar. Die Summe der
ersten beiden Terme auf der rechten Seite II ist der Produktionstensor Πij . Der dritte Term auf der rechten
Seite III ist die viskose Diffusion. Der vierte Term auf der rechten Seite IV ist die turbulente Konvektion.
Der fünfte Term, V , auf der rechten Seite ist die Druck-Diffusion. Der sechste Term auf der rechten Seite
V I ist die Druck-Scher-Korrelation. Der siebte Term auf der rechten Seite V II ist der Dissipationstensor.
Die physikalische Bedeutung dieser Terme ist schwieriger einzusehen als für die TKE Transportgleichung.
Für Grenzschichtströmungen wird dieser Punkt näher im nächsten Abschnitt betrachtet.
1 1
aij = (aij + aji ) + (aij − aji )
2
| {z } |2 {z } (2.45)
a(ij) a[ij]
Hierin bezeichnet a(ij) den symmetrischen Anteil des Tensors während a[ij] den antimetrischen Teil darstellt.
Eine weitere, wichtige Eigenschaft ist die Isotropie bzw. die Anisotropie eines Tensors. Dazu kann man
einen Tensor mit Hilfe des Kroneckersymbols in die isotropen und anisotropen (auch deviatorischen) Anteile
2 Physik turbulenter Strömungen 35
Hierin ist a◦ der deviatorische Anteil. Spricht man von der Spur eines Tensors, entfällt der deviatorische
Anteil, a◦ = 0. Auf der Spur hingegen gilt
Hieraus folgt durch relativ einfache Umformung, dass die Terme auf der Spur eines isotropen Tensors alle
1
gleich groß sind und â = aii gelten muss.
3
36 2 Physik turbulenter Strömungen
y U0
x
u(x, y)
1. die Couette-Strömung,
U0
y 2
u(y)turb
h
x
u(y)lam
U0
2 r
y y
U0 U0 δ(x)
δ(x)
Mittlere Strömung
Wir betrachten einen runden Freistrahl, der aus einer Düse mit dem Durchmesser d austritt. Die Austrittsge-
schwindigkeit an der Düse ist UJ (z.B. Geschwindigkeit gebildet aus dem mittleren Massenstrom), ν ist die
kinematische Viskosität des Fluides, eine Reynoldszahl für den Freistrahl kann dann gebildet werden durch
UJ d
Re = . (2.48)
ν
umax
u q2
d
q2 u
x=0
x0 xc xd
Abbildung 2.17: Schematische Abbildung eines Freistrahles samt Beschriftung der charakteristischen Größen
Wegen der Axialsymmetrie der Konfiguration bietet sich eine Beschreibung in Zylinderkoordinaten (r, θ, x)
an, wobei x mit der Freistrahlachse in Stromabrichtung zusammenfällt. Ausgehend von der Düsenlippe bildet
sich eine Mischungsschicht aus, die im Punkt xc , dem Ende der Kernströmung zusammenläuft. Es sollte
beachtet werden, dass für die folgenden Überlegungen ideale Umgebungsbedingungen (scharfe Düsenlippe,
ruhende Umgebung) angenommen wurden. In der Praxis haben Düsenbeschaffenheit (Lippenradius) und
Störungen im umgebenden Strömungsgebiet möglicherweise einen signifikanten Einfluß.
Die Eigenschaften der mittleren Strömung kann man folgendermaßen charakterisieren:
1. stationär und axialsymmetrisch, daher wird im Folgenden Mittelung als Mittelung über der Zeit und
der homogenen θ-Richtung verstanden,
2. bis sich ein glockenförmiges Geschwindigkeitsprofil einstellt, spricht man von der Entwicklung des
Freistrahls, dieses Gebiet xc + xd erstreckt sich rund 25d von der Düse stromab,
3. die mittlere Radialgeschwindigkeit skaliert ungefähr als hur i(r0.5 ) ∼ 0.014U0 (x).
1 1
hux i(r0.5 , 0, x) = hux i(0, 0, x) = U0 (x) , (2.49)
2 2
hU i
hUJ i
r
d
Skaliert man die radiale Koordinate aber mit r0.5 (x) und die Geschwindigkeit mit U0 (x), stellt man fest,
3
dass entwickelte Profile ab ca. xd weiter stromab selbstähnlich sind .
hU i
U0
r
r0.5
Aus experimentellen Daten liest man ab, dass für die Achsengeschwindigkeit eines Freistrahls im entwickelten
Bereich folgende Beziehung gilt:
U0 (x) Cu
= . (2.50)
UJ (x − x0 )/d
25
UJ
U0 (x)
20
15
10
0
0 40 80 x 120
d
x0 ist der scheinbare Ursprung des selbstähnlichen Freistrahls, Cu ist eine empirische Konstante. Ebenso
stellt man fest, dass sich der entwickelte Freistrahl linear aufweitet:
wobei Cu und Cr von Re unabhängige empirische Konstanten sind. Die experimentell beobachtete lineare
Aufweitung des Freistrahls ergibt sich auch direkt aus der Selbstähnlichkeitseigenschaft, die bedeutet, dass
hui/U0 = F (η). Mit guter Näherung ist F (η) = sech2 (η), mit der Ähnlichkeitsvariablen η = C xr , C =
konst..
Wegen der Selbstähnlichkeit ist der Öffnungswinkel von entwickelten Freistrahlen unabhängig von der
Reynoldszahl. Dies gilt auch für den ebenen Freistrahl. Man kann diese Öffnungswinkel anhand von Näherungs-
lösungen für die selbstähnlichen Profile oder anhand experimenteller Daten ermitteln. Für den ebenen Frei-
strahl gilt ein Halböffnungswinkel von ca. 6◦ und für den runden Freistrahl erhält man ca. 5◦ .
Reynoldsspannungen
Da die mittlere Strömung axialsymmetrisch ist, sind hu0r u0θ i = hu0θ u0x i = 0. Dies kann formal mit dem Umweg
über die Definition der Mittelung durch die Joint-PDF (siehe hierzu Abschnitt 2.5.1) gezeigt werden.
Anhand von numerischen und experimentellen Daten macht man folgende Beobachtungen:
Auf der Achse verläuft sie im entwickelten Bereich proportional zur Achsengeschwindigkeit
q 0 (0, x)
≈ 0.25 .
U0 (x)
Da, wie zuvor beschrieben U0 (x) ∼ 1/x, ist also
1
q 0 (0, x) ∼ . (2.53)
x
Dies gilt unabhängig von Re.
2. Die mit U0 (x)2 normierten Komponenten des RST sind selbstähnlich, wie eine Auftragung über r/r0.5
zeigt5 :
0.06 0
huθ2 i
0.04 0
hur2 i0 0
hur ux i
0.02
r
0.00 r
0 1 2 3 0.5
r
Abbildung 2.21: Komponenten des RST über r0.5
q0
hux i
r
r0.5
r
Abbildung 2.22: lokale, axiale RMS-Geschwindigkeit über r0.5
2 2 2
4. Man erkennt eine signifikante Anisotropie des RST: hu0r i =
6 hu0θ i =
6 hu0x i und hu0r u0x i =
6 0.
5 Hussain et al., 1994
6 Hussain et al., 1994
42 2 Physik turbulenter Strömungen
5. Die relative Größenordnung der Reynoldsschubspannung skaliert mit der turbulenten kinetischen Ener-
gie
1 02
K= hu i
2 i
mit
hu0r u0x i
≈ 0.25 . (2.54)
K
Der Korrelationskoeffizient zwischen u0r und u0x liegt über einen großen Teil des Freistrahles bei
hu0r u0x i
ρrx = q ≈ 0.4 . (2.55)
hu0r 2 ihu0x 2 i
r
r0.5
r
Abbildung 2.23: Korrelationskoeffizient und Reynoldsschubspannung über r0.5
6. Man beobachtet, dass hu0r u0x i > 0 ist, wo ∂hux i/∂r < 0 ist (vergleiche entsprechende Graphen in
diesem Abschnitt). Außerdem ist hu0r u0x i → 0 dort, wo ∂hux i/∂r → 0. Daher könnte man versuchen,
die unbekannten Reynoldsschubspannung mittels der bekannten mittleren Geschwindigkeit durch einen
Proportionalitätsansatz zu modellieren
∂hux i
hu0r u0x i ≈ −νT . (2.56)
∂r
Dies ist tatsächlich der am weitesten verbreitete Grundansatz in der Turbulenzmodellierung, man
bezeichnet νT als die Wirbelviskosität (eddy viscosity), siehe hierzu Abschnitt 4.1.
7. Da gefunden wurde, dass sowohl hu0r u0x i als auch ∂hux i/∂r sich selbstähnlich stromab entwickeln, so
sollte auch νT selbstähnlich mit dem Ansatz
ν̂T
r
r0.5
r
Abbildung 2.24: Turbulente Viskosität über r0.5
νT = q 0 l , (2.57)
l
r0.5
r
r0.5
r
Abbildung 2.25: Integrales Längenmaß des turbulenten Freistrahles über r0.5
9. Die longitudinale und die laterale Zweipunktkorrelation werden, wie in Abschnitt 2.5 diskutiert, zur
Bestimmung turbulenter Längenmaße herangezogen. Die longitudinale Zweipunktkorrelation von ux
äquivalent ist. Die transversale Zweipunktkorrelation von ux ist analog definiert als
hux (x, r + s/2, θ)ux (x, r − s/2, θ)i
R22 (r, x, s) = p . (2.60)
hu2x (x, r + s/2, θ)ihu2x (x, r − s/2, θ)i
Diese Definition ist wiederum zur aus der Vorlesung bekannten Definition äquivalent:
hu0x (x, r + s/2, θ)u0x (x, r − s/2, θ)i
R22 (r, x, s) = p . (2.61)
hu02 02
x (x, r + s/2, θ)ihux (x, r − s/2, θ)i
R11 (x, 0, s)
s
L11
r
Abbildung 2.26: Longitudinale Zweipunktkorrelation über r0.5
Mit diesen Zweipunktkorrelationen kann man die integralen Längenmaße, d.h. die größten räumlichen Ab-
messungen turbulenter Wirbelballen (Eddies), abschätzen (siehe Abschnitt 2.5). In longitudinaler Richtung
ergibt sich das Integrale Längenmaß als:
Z∞
L11 = R11 (x, r, s)ds. (2.62)
0
Anhand experimenteller Daten ermittelt man diese Längenmaße ungefähr zu L11 ≈ 0.7 · r0.5 und L22 ≈
0.3 · r0.5 . Man erkennt, dass beide integralen Längenmaße deutlich größer sind, als das oben abgeschätze
Längenmaß l, siehe folgendes Bild11 :
10 Wygnanski und Fiedler, 1969
11 Wygnanski und Fiedler, 1969
2 Physik turbulenter Strömungen 45
L11
r0.5
L22
r0.5
r
r0.5
Abbildung 2.27: Universale Längenmaße normiert mit r0.5 in Stromrichtungen und senkrecht dazu
Eine Entwicklungsgleichung für die gesamte kinetische Energie erhält man, indem man die NSG skalar mit
u multipliziert und umformt
DE ∂Ti
+ = −2νSij Sij , (2.64)
Dt ∂xi
mit dem Transportterm
p
Ti = ui − 2νuj Sij ,
ρ
dem Scherratentensor
1 ∂ui ∂uj
Sij = + ,
2 ∂xj ∂xi
und dem Energieterm
1 2
E= u .
2 i
Mittelt man diese Gleichung, dann erhält man für hEi = hui i2 /2 + K = E + K die folgende Entwicklungs-
gleichung
D hEi ∂hui Ei ∂hTi i 0 2
+ + = −2νhSij i2 − 2νhSij i = −ε − ε , (2.65)
D t ∂xi ∂xi
wobei
D hEi ∂hEi ∂hEi
= + hui i
D t ∂t ∂xi
1 ∂hui i ∂huj i
hSij i = +
2 ∂xj ∂xi
0 0
0 1 ∂ui ∂uj
Sij = + .
2 ∂xj ∂xi
46 2 Physik turbulenter Strömungen
hpi
Ti = huj ihu0i u0j i + hui i − 2νhuj ihSij i
ρ
1 0 0 0 hu0 p0 i
Ti0 = hui uj uj i + i − 2νhu0j Sij
0
i.
2 ρ
0
∂u0i ∂uj
Diese Form der TKE-Transportgleichung resultiert aus einer Umordnung der gemischten Ableitungen ∂xj ∂xi
zwischen ε und Ti im Vergleich zur bereits hergeleiteten Form (2.43). Letztere ist der zweckmässige Aus-
gangspunkt für Turbulenzmodellierung, da der Dissipationsterm geschlossen ist, erstere ist zweckmässig für
die Diskussion an dieser Stelle. Der Unterschied im Dissipationsterm zwischen beiden Formulierungen wird
mit zunehmender turbulenter Reynoldszahl klein.
Man macht folgende Beobachtungen:
1. Π entnimmt kinetische Energie aus der mittleren Strömung E und fügt sie K hinzu,
Die Herleitung dieser Eigenschaften beginnt bei der Produktion in der Form
∂hui i
Π = −hu0i u0j i
∂xj
∂hu1 i ∂hu1 i ∂hu1 i ∂hu2 i ∂hu2 i
= − hu01 u01 i + hu01 u02 i + hu01 u03 i + hu02 u01 i + hu02 u02 i
∂x1 ∂x2 ∂x3 ∂x1 ∂x2
∂hu2 i ∂hu3 i ∂hu3 i ∂hu3 i
+ hu02 u03 i + hu03 u01 i + hu03 u02 i + hu03 u03 i
∂x3 ∂x1 ∂x2 ∂x3
2 Physik turbulenter Strömungen 47
Man beachte, dass sich der RST in einen isotropen Anteil âδij mit tr(âδij ) = 3â = tr(hu0i u0j i) = 2K
sowie einen anisotropen Anteil hu0i u0j i − âδij = hu0i u0j i − 32 Kδij aufspalten lässt. Unter Verwendung der
Divergenzfreiheit kann Π folglich “durch Erweiterung mit 0” umgeschrieben werden:
2 ∂hu1 i ∂hu2 i ∂hu3 i
Π=− K + + +
3 ∂x1 ∂x2 ∂x3
| {z }
=0
0 0 2 ∂hu1 i 0 0 2 ∂hu2 i 0 0 2 ∂hu3 i
+ hu1 u1 i − K + hu2 u2 i − K + hu3 u3 i − K +
3 ∂x1 3 ∂x2 3 ∂x3
∂hu1 i ∂hu2 i ∂hu1 i ∂hu3 i ∂hu2 i ∂hu3 i
+hu01 u02 i + + hu01 u03 i + + hu02 u03 i + .
∂x2 ∂x1 ∂x3 ∂x1 ∂x3 ∂x2
0 0 2
hu1 u1 i − 3 K u01 u02 u01 u03 S S12 S13
11
Π = −trace u01 u02 hu02 u02 i − 23 K 0 0
u2 u3 S12
S22 = −aij hSij i .
S23
u01 u03 u02 u03 0 0 2
hu3 u3 i − 3 K S13 S23 S33
Daraus zeigt sich, dass die Produktion Π nur vom anisotropen Anteil des RST und dem symmetrischen
Scherratentensor abhängt.
Die einzelnen Anteile der TKE-Transportgleichung (2.67) sind mit U03 /r0.5 normiert in folgender Abbildung12
dargestellt:
Produktion
Zunahme
mittlere Konvektion
Abnahme
Turbulenter Transport
Dissipation
r
Abbildung 2.28: Gesamter turbulenter Transport und seine Anteile über r0.5
1. Produktion Π,
2. Dissipation ε,
12 Panchapakesan und Lumley, 1993
48 2 Physik turbulenter Strömungen
Die Genauigkeit der experimentellen Ermittlung dieser Größen liegt bei höchstens ca. 20%. Man stellt fest,
dass die Dissipation über einen weiten Bereich des Freistrahls dominiert. Die maximale Produktion tritt bei
r/r0.5 ≈ 0.6 auf mit Π/ε ≈ 0.8. Am Freistrahlrand geht Π/ε → 0 und daher hält der turbulente Transport
das Gleichgewicht mit der Dissipation.
Tabelle 2.2:
Definition Beschreibung Zeitskale normierter Wert
τ0 = r0.5 /U0 Bezugszeitskale τ0 1
x
τJ = 2U0 mittlere Reisezeit von x0 τJ 5.3
−1
p
S = 2hSij i2 mittlere Scherrate τS = S 1.7
ε 1 K
ω=K TKE-Dissipationsrate τ= ω = ε 4.5
Π 1
ΩP = K TKE-Produktionsrate τP = ΩP 5.7
Π
ε Produktions-Dissipationsrate 0.8
S
ε Scher-Dissipationsrate 2.6
τ und τP sind für die Turbulenz charakteristische Zeitskalen. Zwischen diesen und der charakteristischen
Zeitskale der mittleren Strömung τS besteht folgender Größenordnungszusammenhang: O(τ ) ≈ O(τP ) ≈
O(τJ ) ≈ 3O(τS ). Daher ändert sich die Turbulenz zwar etwa genauso schnell“ , wie sich die mittle-
”
re Strömung stromab entwickelt, aber deutlich langsamer“ , als die schnellsten Zeitskalen der mittleren
”
Strömung.
2.4.2 Kanalströmung
Wir betrachten eine turbulente Strömung in einem in x und z Richtung sehr weit ausgedehnten Kanal, daher
sind statistische Größen homogen in z. Außerdem nehmen wir entwickelte Turbulenz an, sodass wir auch
von Homogenität in x ausgehen können.
13 Pope, 2000
2 Physik turbulenter Strömungen 49
−uν
hu(y)i
U0
2δ
y u = hui + u0
U0 = hui(y = δ) (2.69)
Mit der Haftbedingung an den Wänden ermittelt man dann die Konstante als const = τW . Damit gilt aber
dpW τW
− = (2.76)
dx δ
und schließlich
y
τ ges = τW 1 − . (2.77)
δ
In normierter Form erhält man den Wandreibungskoeffizienten
τW
Cf = ρ 2 . (2.78)
2 Um
Folgendes Bild zeigt mittlere Geschwindigkeitsprofile für verschiedene Reynoldszahlen, berechnet mit einer
DNS14 :
hU i
Um
y
δ
Profile der molekularen Spannung und der turbulenten Scherspannung für diese Fälle sind in folgenden
Bildern gezeigt:
τ τ
τW τW
y y
δ δ
Abbildung 2.31: molekulare Spannung (links) und turbulente Scherspannung (rechts) einer Kanalströmung,
Re = 5600 und für Re = 13750
In Wandnähe dominiert der Anteil der molekularen Diffusion, weg von der Wand der Anteil der turbulenten
Diffusion in τ ges . Mit zunehmender Reynoldszahl wird die turbulente Diffusion stärker in Wandnähe gedrückt.
Das heißt, dass der Anteil der molekularen Diffusion abnimmt.
Bestimmende Parameter einer turbulenten Kanalströmung sind ν, τW , ρ, δ. Mit diesen Parametern kann man
den wand nahen Bereich mittels der Wandschubspannungsgeschwindigkeit
r
τW
uτ = (2.79)
ρ
ν
l+ = (2.80)
uτ
uτ δ δ
Reτ = = + . (2.81)
ν l
Für o.g. DNS Beispiele ist Reτ = 180 für Re = 5600 und Reτ = 395 für Re = 13750.
y uτ
y+ = +
= y. (2.82)
l ν
Abbildung 2.32: Profile der molekularen und Reynoldsspannung, Re = 5600 und für Re = 13750
Da wegen
dpW τW
− =
dx δ
folgt
dpW ρ
= − u2τ .
dx δ
Daher wird eine entwickelte turbulente Kanalströmung vollständig bestimmt durch ρ, ν, δ, uτ . Es macht
daher Sinn nach einer allgemeinen Lösung für hui in folgender Form zu suchen
y
hui = uτ F0 , Reτ ,
δ
wobei F0 eine dimensionslose Funktion ihrer dimensionslosen Argumente ist. Alternativ kann man aber auch
diese Forderung abschwächen und nach einer dimensionslosen Funktion Φ in folgender Beziehung suchen
dhui uτ y y
= Φ +, , (2.83)
dy y l δ
worin Φ eine universelle, d.h. Reynoldszahl-unabhängige Funktion seiner Argumente ist. y/l+ ist das cha-
rakteristische Längenmaß für den Wandbereich (y + < 50). y/δ ist das charakteristische Längenmaß für den
Außenbereich y + > 50. Man beachte, dass
y/l+ δ
= + = Reτ
y/δ l
ist.
Für die mittlere Geschwindigkeit in einer entwickelten turbulenten Strömung in unmittelbarer Nähe einer
Wand (y/δ 1) kann man davon ausgehen, dass das Verhalten von Φ(y/l+ , y/δ) durch das erste Argument
alleine bestimmt wird, also
Dies ist das universelle Wandgesetz für turbulente Strömungen. fW kann zwar nicht vollständig bestimmt
werden, aber für große oder für kleine Werte von y + kann man fW explizit angeben.
u+
y+
Abbildung 2.33: Vergleich der Wandgeschwindigkeit u+ über y + mit dem linearen und dem logarithmischen
Gesetz
Man sieht, dass in der viskosen Unterschicht (andere Begriffe sind Sublayer, laminare Unterschicht) y + < 5
mit guter Näherung einer linearer Verlauf u+ = y + vorliegt, den man wie folgt begründen kann. An der
Wand liegt Haftbedingung vor, d.h.
hui|y=0 = 0 ⇒ fW (0) = 0 .
Mit
uτ du+
∂hui 2
τW = ρν ⇒ ρuτ = ρν +
∂y y=0 l dy + y=0
folgt
l+ 0
uτ = 1 = fW (0) . (2.87)
ν
Für kleine y + gilt also
du+
≈ 1 ⇒ u+ ≈ y + . (2.88)
dy +
54 2 Physik turbulenter Strömungen
Logarithmischer Bereich
Betrachten wir nun den Bereich etwas weiter von der Wand entfernt, d.h. es gilt zwar y + 1 aber
immer noch y/δ 1. In diesem Fall hat, wie man an den Verläufen für τ ges erkennt, die molekulare
Diffusion nahezu keine Bedeutung mehr, sondern die turbulente Diffusion dominiert. Die Abhängigkeit von
ν in Φ(y/l+ ) = Φ(y + ) drückt sich nur durch l+ = ν/uτ aus. Wenn nun Φ(y + ) aber unabhängig von ν sein
soll, muss also Φ(y + ) = konst. notwendigerweise sein. Dies drückt man aus durch
1
Φ(y + ) = , (2.89)
κ
worin κ die von Kármán Konstante ist. Damit erhält man also aus (2.85):
du+ 1
= .
dy + κy +
1
u+ = ln y + + A . (2.90)
κ
In dieser Gleichung ist A eine Integrationskonstante. Für die ebene Kanalströmung gilt κ = 0.41 und A = 5.2.
Diese Werte sind empirisch durch Experimente und Simulationen bestimmt. In linearer Auftragung werden
sowohl lineares Gesetz als auch logarithmisches Wandgesetz durch die o.g. DNS bestätigt (vgl. Abbildung
2.34).
u+
y+
Abbildung 2.34: Vergleich des linearen Gesetzes und logarithmischen Gesetzes mit der DNS
hier für Re = 13750
Ebenso gilt das logarithmische Gesetz durch experimentelle Daten über einen weiten Bereich von Reynolds-
zahlen15 (vgl. Abbildung 2.35).
Abbildung 2.35: Bestätigung des logarithmischen Gesetzes einer Kanalströmung anhand von Experimenten
mit verschiedenen Reynoldszahlen, (Re0 = 2970 ◦, Re0 = 14914 , Re0 = 22776 4, Re0 = 39582O )
Den Bereich y/δ < 0.3 kann man wie folgt unterteilen und charakterisieren:
Tabelle 2.3:
Bereich Lage Eigenschaft
innere Schicht y/δ < 0.1 hui bestimmt durch uτ und y + ,
unabhängig von U0 und δ
+
viskoser Wandbereich y < 50 molekulare Diffusion signifikant
+
viskose Unterschicht y <5 turbulente Diffusion vernachlässigbar
+
äußere Schicht y > 50 explizite Auswirkung von ν auf hui vernachlässigbar
+
Überlappungsbereich y > 50, y/δ < 0.1 zwischen innerer und äußerer Schicht
+
logarithmische Schicht y > 30, y/δ < 0.3 logarithmisches Gesetz gültig
+
Pufferschicht 5 < y < 30 zwischen viskoser Unterschicht
und logarithmischer Schicht
Geschwindigkeitsdefekt
Für den Bereich y + > 50 kann man den expliziten Einfluß von y/l+ in Φ(y/l+ , y/δ) vernachlässigen. Formal
nimmt man y/l+ → ∞ an und erhält Φ(y/l+ , y/δ) ≈ Φ(y/δ). Aus (2.83) erhält man
Zδ
dhui uτ δ 1
= Φ(y/δ) ⇒ hui|y = uτ Φ(y/δ)dy
dy y y
y
56 2 Physik turbulenter Strömungen
und damit
Z1
U0 − hui 1
= Φ(y 0 )dy 0 = FD (y/δ) . (2.91)
uτ y0
y/δ
Das ist das Geschwindigkeitsdefektgesetz, das nicht universell ist. Für verschiedene Strömungen unterscheidet
sich das jeweilige FD .
2 Physik turbulenter Strömungen 57
Reynoldsspannungen
Folgendes Bild zeigt für o.g. DNS mit Re = 13750 die Verläufe der nichtverschwindenden Reynoldsspan-
nungskomponenten normiert auf u2τ in Wandeinheiten:
Abbildung 2.36: Komponenten der Reynoldsspannung normiert mit uτ über den Wandabstand
Beachte, dass die viskose Schicht sich über y + < 50 erstreckt, die logarithmische Schicht zwischen 50l+ <
y < 0.3δ (die obere Grenze entspricht bei dieser Reynoldszahl 0.3δ = 120l+ ) und der Kernbereich des Kanals
über y > 0.3δ.
Normiert man die Reynoldsspannungen auf K = hu0i u0i i/2, dann sieht man, dass in der logarithmischen
Schicht die so normierten Reynoldsspannungen nahezu konstant sind:
Abbildung 2.37: Komponenten der Reyndolsspannungen norliert mit der TKE über den Wandabstand
Folgendes Bild zeigt, dass Produktion Π und Dissipation ε von turbulenter kinetischer Energie sich über
einen weiten Teil der Grenzschicht das Gleichgewicht halten. Von der Auftragung des Betrags der mittleren
p
Scherrate S = hSij ihSij i normiert mit K/ε sieht man, dass über einen weiten Bereich der Grenzschicht
die turbulente Dissipation ε proportional zu SK ist. Daher kann man erwarten, für die Kanalströmung
Π ∼ ε ∼ SK modellieren zu können. D.h. bei Kenntnis von K, kann man die Produktion Π und die
Dissipation ε aus hSij i berechnen, also hätte man das Schließungsproblem gelöst.
58 2 Physik turbulenter Strömungen
Π
Π
Sij ·k
Sij · k
ρuv
ρuv
y+
Abbildung 2.38: Produktion, Scherrate und Korrelation der Kanalströmung über den Wandabstand
Für eine Kanalströmung bei Re = 13750 sind verschiedene statistische Größen an verschiedenen Positionen
im Kanal zur Illustration angegeben: Insgesamt ist festzustellen, dass die größte Turbulenzaktivität in der
Tabelle 2.4:
Lage
max Π log. Schicht Mittellinie
+ +
y = 11.8 y = 98 y + = 395
2
hu0 i/K 1.70 1.02 0.84
2
hv 0 i/K 0.04 0.39 0.57
02
hw i/K 0.26 0.59 0.59
hu0 v 0 i/K −0.116 −0.285 0.
ρu0 v0 /K −0.44 −0.45 0.
SK/ε 15.6 3.2 0.
Π/ε 1.81 0.91 0.
u0 = a1 + b1 y + c1 y 2 + · · ·
v 0 = a2 + b2 y + c2 y 2 + · · ·
w0 = a3 + b3 y + c3 y 2 + · · ·
so erhält man
∂v 0
= b2 + 2c2 y + · · · = 0
∂y
und daraus b2 = 0. Also erhält man für die Reynoldsspannungen in Wandnähe folgende Beziehungen
2
hu0 i = hb21 iy 2 + · · · (2.92a)
2
hv 0 i = hc22 iy 4 + · · · (2.92b)
02
hw i = hb23 iy 2 + · · · (2.92c)
0 0 3
hu v i = hb1 c2 iy + · · · (2.92d)
2 2 2
Zur Wand hin verschwindet hv 0 i schneller, als hu0 i und hw0 i. Die Turbulenz nimmt also einen zweikom-
ponentigen Charakter an. Die Reynolds-Schubspannung verhält sich wie y 3 . Diese Eigenschaften müssen in
Wandnähe von Turbulenzmodellen erfüllt werden.
Abbildung 2.39: Komponenten des RST und die TKE normiert mit der Wandschubgeschwindigkeit uτ über
den Wandabstand
Betrachten wir nun die TKE-Transportgleichung (2.43) für die entwickelte turbulente Kanalströmung
0 0 0
d2 K 1 dhv 0 (u 2 + v 2 + w 2 )i 1 dhv 0 p0 i
0=Π−ε+ν − − . (2.93)
dy 2 2 dy ρ dy
Viskose
Diffusion
Zunahme
Druck-Transport Produktion
Abnahme
Dissipation
Turbulente Konvektion
y+
Abbildung 2.40: Terme der TKE-Transportgleichungüber den Wandabstand
60 2 Physik turbulenter Strömungen
In diesem Bild sind einzelne Terme der TKE-Transportgleichung in Wandeinheiten, d.h. multipliziert mit
ν/u4τ , dargestellt. Aus den DNS Daten kann man ablesen, dass in y = 0 gilt
d2 K
ε=ν .
dy 2
Der Maximalwert von Π tritt in y + ∼ 12 auf, wo Π ∼ 1.8ε ist. Die Überschußproduktion über das Gleich-
gewicht mit der Dissipation wird vom Transportterm weg transportiert.
2 Physik turbulenter Strömungen 61
2.4.3 Grenzschichtströmung
stabile
laminare
Strömung
δ(x)
Für eine Grenzschicht entlang einer ebenen, glatten Platte ohne Druckgradienten liegt die kritische Reynolds-
zahl, gemessen mit der Lauflänge x von der Vorderkante, bei ca. Rekrit = 106 . Zwischen turbulenter Ka-
nalströmung und turbulenter Grenzschichtströmung gibt es viele Gemeinsamkeiten. Unterschiedlich ist, dass
die Grenzschicht nicht homogen in Stromrichtung x ist, die Grenzschichtdicke δ(x) nimmt zu. Die Wand-
schubspannung τW kann im Gegensatz zum Kanal nicht unmittelbar aus dpW /dx berechnet werden. Im
Grenzbereich zwischen turbulenter Grenzschichtströmung und Außenströmung, der Superschicht, herrscht
in unregelmäßigen Abständen wechselnde turbulente und nicht-turbulente, also eine intermittente Strömung.
Dagegen sind die qualitativen Verhältnisse für y/δ(x) < 0.1 sehr ähnlich zu denen der entsprechenden Schicht
im Kanal.
Man definiert die Grenzschichtdicke im Allgemeinen im Sinne der 99%-Regel (siehe Vorlesung zur Grenz-
schichttheorie)
Z∞
hui
δ1 (x) = 1− dy . (2.95)
U∞
0
In der englischen Literatur wird δ1 oft auch als δ ∗ bezeichnet. Die Impulsverlustdicke ist
Z∞
hui hui
δ2 (x) = 1− dy . (2.96)
U∞ U∞
0
Diese Größe wird in der englischen Literatur oft als θ bezeichnet. Die Grenzschicht am Ort x kann durch
verschiedene dimensionslose Kennzahlen charakterisiert werden
U∞ x U∞ δ U∞ δ1 U∞ δ2
Rex = , Reδ = , Reδ1 = , Reδ2 = . (2.97)
ν ν ν ν
Mittels der Grenzschichtnäherung erhält man die Reynolds-gemittelte x-Komponente der Impulsgleichung
als
∂hui ∂hui ∂ 2 hui ∂hu0 v 0 i 1 dp∞
hui + hvi =ν − − . (2.98)
∂x ∂y ∂y 2 ∂y ρ dx
Die Reynolds-gemittelte y-Impulsgleichung heißt in der Grenzschichtnäherung
1 ∂hpi ∂hv 0 v 0 i
0=− − . (2.99)
ρ ∂y ∂y
Die Geschwindigkeit ist divergenzfrei
∂hui ∂hvi
+ =0. (2.100)
∂x ∂y
Die y-Impulsgleichung kann man integrieren zu
Genau wie für den Kanal gilt auch für die Grenzschicht in Wandnähe hu0 v 0 i ∼ y 3 . Daraus folgt für y → 0, dass
∂hu0 v 0 i/∂y → 0. Für Grenzschichten ohne Druckgradienten dp∞ /dx = 0 liefert dann die x-Impulsgleichung
1 ∂τ ges ∂ 2 hui
= ν =0. (2.104)
ρ ∂y y=0 ∂y 2 y=0
2 Physik turbulenter Strömungen 63
U
U0
τ
τW
y
δx
1
γ
τ
τW
hU i
U0
1 y
δ
Ein Vergleich zwischen einem laminaren (Blasius) Grenzschichtprofil (vgl. Abbildung 2.42) und einem turbu-
lenten mittleren Geschwindigkeitsprofil16 zeigt, dass das turbulente Profil voller ist und mehr Impuls“ nahe
”
der Wand aufweist. (vgl. Abbildung 2.18)
Dies wird quantitativ ausgedrückt durch den Formfaktor
δ1
H12 = . (2.105)
δ2
Für die Blasius-Grenzschicht ist H12 ≈ 2.6, für eine turbulente Plattengrenzschicht bei Reδ2 ≈ 8000 ist
H12 ≈ 1.3.
16 Klebanov, 1954
64 2 Physik turbulenter Strömungen
Wandgesetz
Experimentelle und numerische Daten zeigen, dass das Wandgesetz, so wie es für die Kanalströmung for-
muliert wurde, auch für die turbulente Grenzschicht gilt.
In Abbildung 2.44 zeigt die durchgezogene Linie das analytische Wandgesetz, erweitert um eine Modifikation,
die auch dessen Anwendung in der Pufferschicht erlaubt. Ein empirischer Vorschlag zur Formulierung eines
universellen Geschwindigkeitsprofils für die Pufferschicht 5 < y + < 50 wurde von van Driest (1956) gemacht.
In einem ersten Ansatz ersetzt man die Reynoldsspannung durch eine Wirbelviskosität. Zur Motivation dieses
Ansatzes wird im Abschnitt 4.1 mehr gesagt. Damit erhält man für die Gesamtspannung
τ ges ∂hui ∂hui
=ν − hu0 v 0 i = (ν + νT ) . (2.106)
ρ ∂y ∂y
Die Wirbelviskosität νT kann man durch ein geeignetes Längenmaß und eine Scherrate abschätzen. Prandtl
hat, wie im Abschnitt 4.1 beschrieben wird, den Mischungsweg lm als Längenmaß vorgeschlagen, der uns
bereits beim turbulenten Freistrahl begegnet ist. Man erhält eine Größe mit den Einheiten einer kinematischen
Viskosität durch
+
2 ∂hui + 2 ∂u
ν T = lm = l + u τ lm +
. (2.107)
∂y ∂y
Berücksichtigt man zudem den aus Gleichung (2.87) bekannten Zusammenhang ν = uτ l+ , lässt sich Glei-
chung (2.106) umformulieren:
2
τ ges ∂u+ ∂u+
+ 2
= u2τ + + u2τ lm
,
ρ ∂y ∂y +
was mit τW = ρu2τ eine übersichtliche, quadratische Gleichung des Geschwindigkeitsgradienten in Wandein-
heiten ergibt:
2
τ ges ∂u+ ∂u+
+2
= + lm .
τW ∂y + ∂y +
17 Klebanov, 1954
18 Spalart,1988
19 Kim et al., 1987
2 Physik turbulenter Strömungen 65
ges
Subtraktion von ττW und Umsortieren der Terme erlaubt es, die resultierende Gleichung
+ 2
+2 ∂u ∂u+ τ ges
0 = lm +
+ + − . (2.108)
∂y ∂y τW
∂u+
mittels der Mitternachtsformel für den gesuchten Geschwindigkeitsgradienten ∂y + zu lösen:
q
+ 2 τ ges
∂u + −1 ± 1 + 4 lm τW
= .
∂y + + 2
2 lm
Obwohl mathematisch korrekt, ergibt nur ein positiver Wurzelterm eine physikalisch sinnvolle Lösung:
q
+ 2 τ ges
∂u + −1 + 1 + 4 lm τW
= . (2.109)
∂y + + 2
2 lm
τ ges
Abschnittsweise ist das Verhältnis τW vom Wandabstand y + unabhängig, was lediglich den normierten
+ +
Mischungsweg lm als mit
y qkorrelierende Größe lässt. Zur besseren Handhabbarkeit bei Integration, wird
+ 2 τ ges
Gleichung (2.109) mit 1 + 1 + 4 lm τW erweitert:
q
+ 2 τ ges
q
+ 2 τ ges 1+1 + 4 lm
∂u+ −1 + 1 + 4 lm τW
τW
= · =
∂y + + 2
q
2 lm + 2 τ ges
1 + 1 + 4 lm τW
2 ges
+
−1 + 1 + 4 (lm ) ττW
q =
+ 2 + 2 τ ges
2 lm 1 + 1 + 4 lm τW
2 ges
+
4 (lm ) ττW
q =
+ 2 + 2 τ ges
2 lm 1 + 1 + 4 lm τW
ges
2 ττW
q .
+ 2 τ ges
1 + 1 + 4 lm τW
Durch Integration von Gleichung (2.110) über den Wandabstand kann das universelle Geschwindigkeitsprofil
für 5 < y + < 50 formuliert werden als:
+
Zy
2
u+ = q dy 0 . (2.111)
+ 0 2
0 1 + 1 + 4 lm (y )
+
Setzt man lm = κy + , dann erhält man für große y + durch Integration dieser Gleichung das logarithmische
Wandgesetz. Insofern ist die obige Überlegung konsistent mit bekannten Verhältnissen in der logarithmischen
Schicht. In Wandnähe ist hu0 v 0 i ∼ y 3 . Der Wirbelviskositätsansatz liefert aber
2
∂hui 2 ∂hui
νT = lm ∼ y2 ,
∂y ∂y
66 2 Physik turbulenter Strömungen
ist also inkonsistent mit hu0 v 0 i ∼ y 3 . Von van Driest wurde nun vorgeschlagen, den Mischungsweg zur Wand
hin exponentiell zu dämpfen“
”
+ +
+
lm = κy + 1 − e−y /A , (2.112)
mit der empirischen Konstante A+ = 26. Eine numerische Integration von (2.111) mit diesem Ansatz für lm
+
liefert eine gute Übereinstimmung mit experimentellen und numerischen Daten, wie in obigem Bild gezeigt.
Betrachtet man den Ansatz (2.112) für große y + , so erhält man wieder lm
+
= κy + , also Konsistenz mit dem
logarithmischen Gesetz. Für kleine y + ist dagegen lm
+
≈ 0 und (2.111) liefert u+ ∼ y + . Daher ist der Ansatz
auch konsistent mit dem linearen Gesetz in der viskosen Unterschicht. Man beachte, dass mit der van Driest
Dämpfung ein wandnahes Verhalten der Reynolds-Schubspannung ∼ y 4 folgt, was also zwar nicht mit dem
theoretischen Wert übereinstimmt, dennoch in Berechnungen sehr gute Ergebnisse für druckgradientenfreie
Grenzschichten liefert.
Geschwindigkeitsdefekt
Für y/δ > 0.2 weicht hui vom logarithmischen Gesetz ab. Für diesen Außenbereich hat Coles (1956) ein
empirisches Gesetz vorgeschlagen
U∞ − hui 1
− ln y + + Πwake (2 − W (y/δ)) .
= (2.113)
uτ κ
Hierin ist Πwake ein strömungsabhängiger Parameter. W (y/δ) ist eine empirische universelle“ Funktion
”
und wurde von Coles mit
π y
W (y/δ) = 2 sin2 (2.114)
2δ
vorgeschlagen. Folgendes Bild zeigt, dass dieser Ansatz gut mit experimentellen Daten20 übereinstimmt.
y
δ
20 Klebanov, 1954
2 Physik turbulenter Strömungen 67
Folgendes Bild zeigt DNS Daten21 für eine turbulente Grenzschicht bei Reδ2 = 1410. Gezeigt sind die
Verläufe der TKE und der nicht verschwindenden Reynoldsspannungen über der wandnormalen Richtung.
y
δ
Abbildung 2.46: Komponenten des RST und die TKE über den Wandabstand normiert mit der Grenzschicht-
dicke δ(links) und y + (rechts)
Die Reynoldsspannungen verlaufen in Wandnähe sehr ähnlich zu denen einer Kanalströmung. Sie gehen
glatt in die nicht turbulente Außenströmung über. Für die Reynoldsschubspannung kann man eine schwache
Reynoldszahlabhängigkeit feststellen.
Betrachtet man einzelne Terme der TKE-Transportgleichung (2.43), nämlich die Produktion Π, die Dissipation
−ε, die turbulente Konvektion
∂2K
ν ,
∂x2j
den Drucktransport
1 ∂hp0 u0i i
−
ρ ∂xj
∂K
huj i ,
∂xj
dann ergibt sich folgendes Bild, wobei im linken Bild die Summe der Quadrate aller Terme auf Eins normiert
wurde.
21 Spalart, 1988
68 2 Physik turbulenter Strömungen
Zunahme
Produktion
Zunahme
turbulenter
Transport viskose Produktion
Diffusion
viskose Druck-
Diffusion Transport
turbulenter
Abnahme
Abnahme
Druck- Transport
Transport mittlere mittlere
Konvektion Konvektion
Dissipation
Dissipation y
δ
y+
Abbildung 2.47: Terme der TKE-Erhaltungsgleichung über den Wandabstand normiert mit der Grenzschicht-
dicke (links) und y + (rechts)
Im Unterschied zur entwickelten Kanalströmung tritt nun noch ein Beitrag der Konvektion durch die mittlere
Strömung auf. Auch für die Terme der TKE-Transportgleichung beobachtet man ein ähnliches wandnahes
Verhalten wie für die Kanalströmung, da die mittlere Konvektion dort keine Rolle spielt. Im logarithmischen
Bereich nehmen Produktion und Dissipation mit dem inversen Wandabstand ab. Bis etwa y/δ = 0.5 liegt im
Wesentlichen ein Gleichgewicht zwischen Produktion und Dissipation vor, daher ein Gleichgewicht zwischen
Dissipation und diversen Transporttermen.
Betrachtet man einzelne Terme der RS-Transportgleichung (2.44), nämlich den Produktionstensor
∂hui i ∂huj i
Πij = −hu0i u0k i − hu0j u0k i ,
∂xk ∂xk
den Geschwindigkeits-Druckgradienten-Tensor
0 0
1 0 ∂p 0 ∂p
Pij = − ui + uj ,
ρ ∂xj ∂xi
den Dissipationstensor
∂u0i ∂u0j
εij = −2ν ,
∂xk ∂xk
die turbulente Konvektion
∂hu0i u0j u0k i
− ,
∂xk
die molekulare Diffusion
∂ 2 hu0i u0j i
ν
∂x2k
turbulenter
Produktion Transport
Zunahme
Zunahme
viskose
Diffusion
Produktion
mittlere
viskose Konvektion
Diffusion
Dissipation
Abnahme
Abnahme
Dissipation
Druck- mittlere
Transport Konvektion turbulenter Druck-
Transport Transport
y
δ
y+
Zunahme
Drucktransport
turbulenter
Druck- Transport
mittlere
Transport viskose Konvektion &
viskose Diffusion Diffusion
Produktion Produktion
mittlere turbulenter
Abnahme
Abnahme
Konvektion Transport
Dissipation Dissipation
y
δ y+
turbulenter
Zunahme
Zunahme
Transport
Drucktransport viskose Diffusion
Drucktransport
viskose
Diffusion Produktion mittlere Konvektion
Produktion turbulenter Transport
Abnahme
Abnahme
mittlere Dissipation
Konvektion
Dissipation
y
δ y+
Zunahme
Zunahme
Produktion
Produktion
turbulenter
viskose
viskose Transport
Diffusion
Diffusion mittlere Konvektion
Abnahme
Konvektion
Dissipation
Drucktransport
Drucktransport
y
δ y+
Im Gegensatz zur TKE-Bilanz, in der Druckfluktuationen nur im Transportterm erscheinen und ihr Beitrag
relativ klein ist, spielen diese Druckterme für die Reynoldsspannungsbilanzen eine wichtige Rolle. Die Druck-
terme haben also einen Umverteilungscharakter: sie lassen die TKE, also die Spur des Reynoldsspannungs-
tensors nahezu unverändert, verändern aber die einzelnen Komponenten. Insbesondere führen diese Terme
in einer Grenzschicht zur Reduktion von hu0 u0 i und zu einer Erhöhung von hv 0 v 0 i und hw0 w0 i. Bezüglich
der Schubspanngunskomponente findet man näherungsweise ein Gleichgewicht zwischen Druckterm und
Produktion.
2 Physik turbulenter Strömungen 71
Eine Versuchsaufnahme zeigt, dass sich nahe der Wand streifenartige Strukturen ausbilden.
Abbildung 2.52: kombinierte Seiten- (unten) und Draufsicht (oben) auf eine turbulente Grenzschicht22 ,
Strömung von Links nach Rechts
Dies sind low-speed streaks, d.h. Streifen mit relativ kleinerer Stromabgeschwindigkeit, die von Fluid mit
größerer Geschwindigkeit umgeben sind. Gemessen in Wandeinheiten findet man, dass diese Strukturen
universelle Abmessungen haben: ihre Länge ist ca. 1000l+ bis 2000l+ , ihre Breite ist ca. 30l+ und ihr
Abstand ca. 100l+ .
Diese wandnahen Strukturen interpretiert man als Überbleibsel eines selbst erhaltenden Turbulenzerzeugungs-
mechanismus, der von der mittleren Scherrate angetrieben wird. Wichtiges Element dieses Mechanismus sind
Haarnadelwirbel, die sich aus einer klassischen Scherschichtinstabilität gebildet haben.
Da die mittlere Geschwindigkeit von der Wand weg zunimmt, werden Anteile solcher Wirbel, die sich näher
zur Wand befinden, langsamer transportiert als solche, die weiter von der Wand entfernt sind. Daher verformt
sich ein ursprünglich nur schwach gekrümmter Hufeisenwirbel zu einem Haarnadelwirbel mit lang gestreckten
Beinen nahe der Wand und einem in den Außenbereich der Grenzschicht ragenden Kopf23 .
Die Rotation des Wirbels ist so orientiert, dass zwischen seinen Beinen langsames wandnahes Fluid von der
Wand weg bewegt wird, und schnelles wandentferntes Fluid an den Außenseiten seiner Beine zur Wand hin.
Im Kopfbereich des Haarnadelwirbels bilden sich daher neue Scherschichten aus, die für die Erzeugung neuer
Wirbel verantwortlich sind, während sich nahe der Wand die eingangs erwähnten Streifen bilden. Die sich
daraus entwickelnde qualitative Verteilung der Wirbel einer turbulenten Grenzschicht sind in Abbildung 2.56
dargestellt.
Diese Verteilung von Wirbeln ist schließlich verantwortlich für die großskalige Struktur einer turbulenten
Grenzschicht, wie in Abbildung 2.57 gezeigt.
23 Robinson, 1991
2 Physik turbulenter Strömungen 73
Defektgesetz
logarithmischer
Bereich
viskose Unterschicht
Abbildung 2.56: Qualitative Verteilung der Wirbel in Abhängigkeit von Geschwindigkeit und Wandabstand
großer Wirbel
oder Anströmung
Vorderkante
Hinterkante
Tal
Tal
Abbildung 2.57: Superlayer, Ausbildung großstruktureller Wirbel einer Grenzschicht bei Reδ2 ≈ 4000
74 2 Physik turbulenter Strömungen
Die angedeutete Linie kennzeichnet den Superlayer, die momentane Grenze zwischen der turbulenten Grenz-
schichtströmung und der Außenströmung. Man erkennt, dass Bereiche von der Wand nach Außen transpor-
tierten wandnahen Fluides, ejections, abgelöst werden von Bereichen schnellen Fluides aus dem Außenbereich,
sweeps. Die Abfolge einer ejection und eines sweeps nennt man einen turbulent burst. Dieses Ereignis kann
man auch anhand der Bahnlinie eines Fluidelementes verfolgen.
Für turbulente Strukturen kann man einige Skalen mittels Dimensionsanalyse definieren. Inkompressible Tur-
bulenz wird bestimmt durch folgende physikalische Größen: Viskosität ν, turbulente kinetische Energie K
und die Dissipationsrate turbulenter kinetischer Energie ε. Die genauere Bedeutung von ε wird im nächsten
Abschnitt diskutiert. Dort werden wir auch die Unterscheidung von turbulenten Skalen in drei Bereiche
quantifizieren. Wir bezeichnen Skalen als energietragend, wenn sie durch äußere Einwirkung, z.B. Rand-
bedingungen, direkt beeinflußt werden. Bei hohen Reynoldszahlen gibt es einen weiteren Bereich, in dem
Skalen nicht mehr direkt von äußerer Einwirkung beinflußt werden, die relative Reynoldszahl aber so groß
ist, dass sie sich nahezu reibungsfrei entwickeln, also nur von den Trägheitskräften beeinflußt werden. Die-
sen Skalenbereich bezeichnet man als Trägheitsbereich. Schließlich gibt es einen Skalenbereich, in dem die
Reibungskräfte dominieren, turbulente kinetische Energie in innere Energie umgesetzt, also dissipiert wird.
Diesen Bereich bezeichnet man als Dissipationsbereich.
Für diese Bereich kann man folgende Skalen finden: Eine Dimensionsanalyse zeigt auch, dass man die
Tabelle 2.5:
energietragend Trägheitsbereich Dissipationsbereich
r≈l ηrl r≈η
Länge l r η = (ν 3 /ε)1/4
integrales Kolmogorov-
Längenmaß Skale
√ 1/3
Geschwindigkeit K (εr) (εν)1/4
√
Wirbelstärke K/l (ε/r2 )1/3 (ε/ν)1/2
Dissipationsrate mittels dieser Skalen unter der Annahme eines Gleichgewichts zwischen Energieeintrag in
die integralen Skalen und der Dissipation in den Kolmogorov-Skalen ausdrücken kann durch
K 3/2
ε∼ .
l
2 Physik turbulenter Strömungen 75
2.5.1 Zufallsvariable
Die Wahrscheinlichkeit P eines Ereignisses A ist eine Zahl ∈ R mit 0 ≤ P {A} ≤ 1. Als Zufallsvariable
bezeichnet man eine Zahl, die bestimmten zufälligen Ereignissen zugeordnet wird. Die in (x, t) eines stati-
onären turbulenten Strömungsfeldes gemessene Geschwindigkeitskomponente ui (x, t) ist eine Zufallsvariable
U . Hierbei ist t eine unabhängige Variable, mit welcher die Entwicklung des Zufallsprozesses, der U generiert,
beschrieben werden kann.
auf.
v v
Abbildung 2.60: Geschwindigkeitssignal mit Mittelwert und Bezeichnung der Zeitschritte, in denen
die turbulente Strömung den Mittelwert unterschreitet
f (V ) ist die Wahrscheinlichkeitsdichte (Probability Density Function – PDF) und hat folgende Eigenschaften:
Z∞
f (V )dV = 1 (2.116a)
−∞
F (V ) = P {U < V } . (2.117)
Es gilt
dF
f (V ) = (2.118)
dV
und
ZV
F (V ) = f (V 0 )dV 0 . (2.119)
−∞
(1.) Eine Funktion einer Zufallsvariablen Q(U ) ist ebenfalls eine Zufallsvariable, und es gilt
dV
f (V )dV = f (Q)
dQ , (2.120)
dQ
Z∞
hQi = E[Q(U )] = Q(V )f (V )dV . (2.121)
−∞
Den Spezialfall Q(U ) = U m nennt man das m-te Moment der Zufallsvariable U :
Z∞
Mm = V m f (V )dV . (2.122)
−∞
Abbildung 2.63: Beispiel einer asymmetrischen Wahrscheinlichkeitsverteilung (links) und einer symmetrischen
Verteilung (rechts)
(7.) Die Flatness oder Kurtosis misst die Glätte eines Signals:
µ4
K= . (2.127)
σ4
78 2 Physik turbulenter Strömungen
f f
V V
Abbildung 2.64: Beispiel einer gestreckten (links) und einer gestauchten (rechts) Wahrscheinlichkeitsvertei-
lung
Da z.B. der Geschwindigkeitsvektor eines turbulenten Strömungsfeldes aus 3 Zufallsvariablen, nämlich den
drei Geschwindigkeitskomponenten u1 , u2 , u3 besteht, benötigt man auch eine Formulierung in mehreren
Zufallsvariablen. Hier geben wir nur die Formulierungen für zwei Zufallsvariablen an, die Verallgemeinerung
auf beliebig viele ist analog. Die zweidimensionale CDF ist
Es ist
f (V1 , V2 ) ≥ 0 , (2.130)
Z∞
f (V1 , V2 )dV2 = f (V1 ) , (2.131)
−∞
(1.) Erwartungswert
Z∞Z
hQi = E[Q(U1 , U2 )] = Q(V1 , V2 )f (V1 , V2 )dV1 dV2 . (2.133)
−∞
(2.) Momente
Z∞Z
Mm,n = V1m V2n f (V1 , V2 )dV1 dV2 . (2.134)
−∞
2 Physik turbulenter Strömungen 79
Insbesondere sind µ1,0 = µ0,1 = 0, µ2,0 = σ 2 (U1 ) = σ12 ist die Varianz von U1 , µ0,2 = σ 2 (U2 ) = σ22
ist die Varianz von U2 ,
ZZ
µ1,1 = (V1 − hU1 i)(V2 − hU2 i)f (V1 , V2 )dV1 dV2 (2.136)
(4.) Korrelationskoeffizient
µp,q
ρp,q = . (2.137)
σp σq
Mit ρ2,0 bzw. ρ0,2 berechnet man die Auto-Korrelation von U1 bzw. U2 und mit ρ1,1 die Kreuz-Korrelation
von U1 und U2 .
(5.) Als unabhängige Zufallsvariable bezeichent man solche mit der Eigenschaft
Daraus folgt ρ1,1 = 0, d.h. die Zufallsvariablen sind unkorreliert. Beachte aber, dass für ρ1,1 = 0 nicht
notwendigerweise auf unabhängige Zufallsvariable geschlossen werden kann.
80 2 Physik turbulenter Strömungen
Isotrope Turbulenz zeichnet sich durch eine räumlich gleichmäßige Skalenverteilung aus, wie in Abbildung
2.65 zu sehen ist.
Abbildung 2.66: Erzeugung isotroper Gitterturbulenz, links des Gitters ist die Strömung laminar
Bei einem feineren Gitter wird eine bessere Annäherung an isotrope Verhältnisse erreicht, wie Abbildung
2.67 zeigt.
Zur numerischen Erzeugung isotroper Turbulenz kann man ein Feld mit zufallsverteilten Geschwindigkeits-
fluktuationen in einem würfelförmigen Rechenbereich mit periodischen Rändern als Anfangsbedingung auf-
prägen. Bei zeitlich konstantem hui i kann durch eine Galilei-Transformation hui i = 0 erreicht werden. Daher
ist in diesem Fall u0i = ui , was im Folgenden auch so verwenden wird.
Da aufgrund oben getroffener Annahmen eine absolute Raumkoordinate für homogene, isotrope Turbulenz
keine Relevanz hat, muss homogene, isotrope Turbulenz vollständig durch 2-Punkt-Korrelationen beschreib-
bar sein. Die 2-Punkt Geschwindigkeits-Korrelation ist definiert als
Beachte, dass aufgrund Homogenität Rij keine Funktion von x ist. Man beachte, dass für die 1-Punkt-
Korrelationen, d.h. die Reynoldsspannungen, hui uj i = aδij gelten muss.
In isotroper Turbulenz liegt keine ausgezeichnete Richtung vor, also kann man auch r als Bezugsrichtung
82 2 Physik turbulenter Strömungen
wählen und die Geschwindigkeitsfluktuation in eine Komponente ul parallel zu r und eine Komponente un
senkrecht dazu zerlegen. Man bezeichnet
1 0 0
u2rms = hu u i . (2.141)
3 i i
In einer inkompressiblen Strömung gilt wegen der Divergenzfreiheit der Geschwindigkeit auch
∂Rij ∂uj (x + r)
= ui (x) =0.
∂rj ∂rj
Als Ergebnis der Tensoranalysis übernehmen wir, dass die allgemeinste Form einer 2-stufigen isotropen
Tensorfunktion Rij (r) lautet
Wertet man diesen Ausdruck in longitudinaler Richtung (entlang r) aus, dann erhält man
Mit der oben genannten Eigenschaft ∂Rij /∂rj = 0 erhält man daraus eine Beziehung zwischen f (r) und
g(r)
r df
g(r) = f (r) + . (2.146)
2 dr
Für gittererzeugte Turbulenz (Maschenweite M ) sind f (r) und g(r) in folgendem Bild dargestellt.
2 Physik turbulenter Strömungen 83
r uB
uA
u02 − f (r) = uA uB
vA vB 02
u − g(r) = vA vB
r
g(r) = f (r) + r2 f 0 (r)
g(r) f (r)
λ r
M M
Für die Skewness und die Flatness erhält man folgende Ergebnisse.
3
[(u0 − u)2 ] 2
(u0 − u)3
S(r) =
r
M
r
F (r) =
r
1
(x0 M ) 2
mit x0 = x + 5M
Ein für Skalen im Trägheitsbereich (siehe Kolmogorov-Theorie) typisches turbulentes Längenmaß ist die
84 2 Physik turbulenter Strömungen
Taylor-Mikro-Skale
− 21
1
λ= − g 00 (0, t) . (2.147)
2
1 s0 2
R=0=1− λ
→ λ = s0
λ = s0 S
Abbildung 2.71: Verlauf der longitudinalen und lateralen 2-Punktkorrelation über die Lauflänge skaliert mit
der Maschenweite
Für Skalen im energietragenden Bereich ist das integrale Längenmaß typisch,
Z∞
L= f (r)dr . (2.148)
0
1 hochfrequenter/kurwelliger Bereich
langwelliger Bereich
Abbildung 2.72: Ermittlung des integralen Längenmaßes anhand der longitudinalen 2-Punktkorrelation
2 Physik turbulenter Strömungen 85
Hierin ist k der Wellenzahlvektor. Die inverse Fouriertransformation ist gegeben durch
Z∞
1
ui (x, t) = ûi (k)eik·x dk . (2.150)
(2π)3
−∞
Die Potenz von 2π auf der rechten Seite, entspricht der räumlichen Dimension der Integration, hier gleich
3. Würde nur über zwei Dimensionen integriert, wäre die Potenz gleich 2 usw. Wegen
0
eik·x , eik ·x = δ(k − k 0 )(2π)3
0
sind eik·x und eik ·x orthogonale Funktionen. Die Beziehung
1 1
kui (x, t)k22 = (ui , ui ) = (ûi , ûi ) = kûi k22 (2.153)
(2π)3 (2π)3
ist die Parseval-Gleichung. Auch hier gilt die Bemerkung zur Potenz von 2π.
Die kinetische Energie der Wellenzahl k ist
1
Ê(k) = ûi (k)û∗i (k) . (2.154)
2
Man bezeichnet die Fourier-Transformierte der 2-Punkt-Korrelation Rij , die man unter Verwendung der
Dirac Funktion (2.152) bestimmen kann als
Das 1D-Energiespektrum ist gegeben durch (keine Summation über gleiche Indices):
Z∞
1
Êjj (k i ) = Rjj (ei · r)dri . (2.158)
2
−∞
Diese Beziehung leitet man aus der Definition der zweidimensionalen Fourier-Transformation von Rjj her,
indem man die Definition der Dirac-Funktion für zwei Dimensionen verwendet.
Für isotrope Turbulenz ist es sinnvoll, jede Richtungsabhängigkeit im Spektrum zu entfernen. Dazu berechnet
man das 3D-Energiespektrum durch
1
Ê(k) = R̂ii (k)k 2 . (2.159)
2
Hierin ist
Z2πZπ
R̂ij (k) = R̂ij (k cos θ, k sin θ cos φ, k sin θ cos φ) sin θdθdφ
0 0
eine Funktion des Wellenzahlbetrages k und geht durch Integration von R̂ij (k) über eine Kugelschale hervor.
R̂ii (k)k 2 ist dann die Spur des über eine Kugelschale mit dem Radius k im Wellenzahlraum integrierten
Geschwindigkeits-Spektrum-Tensors. Die TKE kann man daher aus
Z∞
1
K(t) = Ê(k)dk (2.160)
(2π)3
0
bestimmen.
2 Physik turbulenter Strömungen 87
2.5.4 Kolmogorov-Theorie
Grundlage der Kolmogorov-Theorie sind folgende Annahmen:
(1.) Skalen der Größe l L bzw. mit Wellenzahlen k 2π/L sind universell, d.h. bilden sich im
wesentlichen gleich für alle turbulenten Strömungen aus,
(2.) im stationären Zustand muss der Energieeintrag in die integralen Skalen im Gleichgewicht mit der
Dissipationsrate ε stehen.
ε
Π Dissipation
Produktion
energie−
Dissipations−
tragender Trägheitsbereich
bereich
Bereich
Abbildung 2.73: Schematische Darstellung der 3 maßgeblichen Bereiche turbulenter Strömung nach Kolmo-
gorov
2π
Im energietragenden Bereich gilt k ≈ L . Der Trägheitsbereich ist ausgebildet, wenn
3/4
3/4 urms λ
(Reλ ) = 1.
ν
2π
In der Praxis ist das ab ca. Reλ & 100 der Fall. Im Dissipationsbereich ist k ≈ η , wobei η die Kolmogorov-
Skale ist. Diese Skale kann direkt nur von Dissipationsrate und Viskosität abhängen, sodass eine Dimensi-
onsanalyse liefert
14
ν3
η= . (2.161)
ε
Im Trägheitsbereich hängen die Skalen nur von der Dissipationsrate ab und nicht mehr direkt von der
Viskosität. Mittels einer Dimensionsanalyse kann man dann zeigen, dass im Trägheitsbereich
gelten muss. CK ist die dimensionslose Kolmogorov-Konstante, die einen Wert von ca. CK = 1.5 annimmt
(mit relativ großer Streuung numerischer und experimenteller Ergebnisse). Eine schematische Darstellung von
1D-Energiespektren und 3D-Energiespektrum einer turbulenten Strömung bei Reλ = 500 ist in folgendem
Bild dargestellt. Man beachte, dass die 1D-Spektren in k1 = 0 auch Beiträge von k2 , k3 6= 0 enthalten und
daher nicht verschwinden.
88 2 Physik turbulenter Strömungen
k, k1
Abbildung 2.74: 3D-Energiespektrum Ê(k) und 1D-Energiespektrum mit Ê11 (k1 ) und
Ê22 (k1 )
Ê11 (k1 )
1
(ν 5 ) 4
ki η
Abbildung 2.75: Vergleich eines experimentellen 1D-Energiespektrums aufgenommen mit verschiedenen
Reynoldszahlen
Folgendes Bild zeigt ein 3D-Energiespektrum für isotrope Turbulenz, bezogen auf K. Die Daten stammen
aus Gitter-Turbulenz-Experimenten von Comte-Bellot & Corrsin (1971).
2 Physik turbulenter Strömungen 89
Ê(k)
KL11
kL11
Abbildung 2.76: 3D-Energiespektrum aufgenommen mit den Reynoldszahlen ◦ Reλ = 71, Reλ = 65, 4
Reλ = 61
k1 E11(k1 )
−2/3 5/3
k1 η
−2/3 k1 E22(k1 )
5/3
k1 η
−2/3 k1 E33(k1 )
5/3
k1 η
Abbildung 2.77: Darstellung der kompensierten 1D-Energiespektren in die 3 Raumrichtungen: (a) 11-
Komponente des RST, (b) 22-Komponente des RST, (c) 33-Komponente des RST
90 2 Physik turbulenter Strömungen
Der Trägheitsbereich und die Kolmogorov-Konstanten können aus den kompensierten Spektren abgelesen
werden. Die in Abbildung 2.77 gezeigten Daten stammen aus Messungen in einer turbulenten Grenzschicht
bei Reλ ≈ 1450 (Saddoughi, 1994). Die gestrichelte Linie entspricht einem analytischen Modellspektrum.
Die Konstanten C1 und C10 sind die Kolmogorov-Konstanten für die 1D-Energiespektren, die sich von CK
unterscheiden.
∂ui
= 0 ⇒ ûi ki = 0 , (2.163)
∂xi
also einer Orthogonalitätsbedingung zwischen Fourier-transformiertem Geschwindigkeitsvektor und Wellen-
zahlvektor.
Die Navier-Stokes-Gleichungen (2.2) unterteilen wir in vier Anteile
∂ui ∂ui 1 ∂p 1 ∂ 2 ui
+ uj =− + .
∂t ∂xj ρ ∂x Re ∂x2j
|{z} | {z } | {z i} | {z }
I II III IV
∂ ûi
,
∂t
(III) Druckgradient
kk kj
iki ûk ∗ ûj ,
k2
−k 2 ûi .
ξ3
ξ’ ξ−ξ’
ξ2
ξ1
Mittels folgender Schritte kann eine Gleichung für Ê(k) hergeleitet werden:
Also trägt dieser Term nicht zur Änderung von K(t) bei, er ist ein reiner Umverteilungsterm. Eine Integration
von (2.166) über k gibt
Z∞
dK(t) 2
=− k 2 Ê(k)dk = −ε < 0 . (2.167)
dt Re
0
92 2 Physik turbulenter Strömungen
Hierin bezeichnet ε die Dissipationsrate der turbulenten kinetischen Energie. Im Spektralraum lassen sich die
Phänomene Produktion, Transfer und Dissipation anhand der einzelnen Beiträge von (2.166) identifizieren.
2 2
Ê(k) ε= Re k Ê(k)
kenerg kdissip k
kenerg kdissip k
T̂ (k) < 0 2 2
− Re k Ê(k)
∂ Ê
∂t
Abbildung 2.79: Energieverteilung einer turbulenten Strömung über die Wellenzahl (oben), Komponenten
der TKE-Erhaltungsgleichung (unten)
Übertragen auf dem Realraum wird damit durch Assoziation von Wellenzahl mit räumlicher Skale das intuitive
Konzept der Energiekaskade bestätigt.
Energieeintrag
Mikro−Skalen integrale Skalen
(z.B. durch
Randbed.)
Energie−
transfer
dissipative Skalen
Dissipation
Numerische Simulation
In diesem Kapitel gehen wir nur kurz auf allgemeine Aspekte der direkten numerischen Simulation (DNS),
d.h. der numerischen Lösung der Navier-Stokes-Gleichungen ohne weitere Modellannahmen, ein. Eine direkte
numerische Simulation einer turbulenten Strömung muss alle relevanten Strömungsskalen von den großen
energietragenden Skalen bis zu den Kolmogorov-Skalen im Dissipationsbereich numerisch auflösen. Für at-
mosphärische Strömungen können diese Skalen einen Bereich von mehr als 9 Grössenordnungen umfassen:
energietragende Skalen im Bereich von mehreren hundert Kilometern bis hin zu dissipativen Skalen im Mil-
limeterbereich. Daher werden bei DNS besondere Anforderungen an die Effizienz der Lösungsalgorithmen
gestellt. Zur genauen Darstellung einer einzigen Fouriermode benötigt man mit Finite-Differenzen-Methoden
niedriger Ordnung rund 10 bis 20 Gitterpunkten je Wellenlänge, während mit Spektralverfahren nur 4 Git-
terpunkte je Wellenlänge nötig sind. Spektralverfahren sind also besonders für DNS geeignet, allerdings sehr
unhandlich, was den Einsatz bei komplexen Strömungsgeometrien angeht. Für Grundlagenuntersuchungen
sind sie allerdings die Methode der Wahl. Eine ausführliche Beschreibung spektraler DNS Methoden ist z.B.
in [3] zu finden.
Eine numerische Strömungssimulation besteht im Allgemeinen aus mehreren Teilschritten, die sich von der
Modellierung bis zur Auswertung erstrecken und iterativ durchlaufen werden, bis das Resultat die gewünschte
Qualität aufweist.
94 3 Numerische Simulation
Strömungsexperiment
physikalisches Strömungsproblem
• Randbedingungen
• Fluktuationen in Zustandsgrößen
physikalische Modellierung
Erfahrung
physikalisches Modell Optimierung
mathematische Modellierung
mathematisches Modell
Diskretisierung
algebraisches
Gleichungssystem
Algorithmisierung
Lösungsalgorithmus
Programmierung
Rechenprogramm
Finitisierung, Rechnung
numerische
Lösung
Fehlerabschätzung Verifizierung
Validierung
Auswertung
strömungsphysikalisches Ergebnis
Alle zeitlichen und räumlichen Details einer turbulenten Strömung sind für technische Fragestellungen selten
von Belang. Meist reichen zeitliche Mittelwerte z.B. der Wandschubspannung oder des Wandwärmeflusses zur
Auslegung belasteter Strukturen aus. Bei stark gekoppelten Strukturen sind auch Fluid- Struktur- Wechsel-
wirkungen in bestimmten zeitlichen und räumlichen Skalenbereichen (Eigenschwingungsformen der Struktur)
von Interesse, die aber meist deutlich größer als die turbulenten Skalen (Taylor-Mikroskale, Kolmogorov-
Skale) sind.
3 Numerische Simulation 95
Seit Beginn der ingenieurwissenschaftlichen Berechnung turbulenter Strömungen haben sich daher Klassen
von Berechnungsmethoden von aufsteigender Komplexität, die in folgender Tabelle dargestellt sind, ent-
wickelt1 . 2DURANS steht für two dimensional unsteady Reynolds-averaged Navier-Stokes, 3DRANS für three
dimensional Reynolds-averaged Navier-Stokes, 3DURANS für three dimensional unsteady Navier-Stokes,
DES für detached-eddy simulation, LES für large-eddy simulation, QDNS für quasi-DNS und DNS für direkte
numerische Simulation. Mit Reynolds-averaged Navier-Stokes wird gekennzeichnet, dass nicht die Navier-
Stokes-Gleichungen numerisch gelöst werden, sondern die Reynolds-gemittelten Navier-Stokes-Gleichungen
um den Preis eines statistischen Turbulenzmodells, entweder stationär oder instationär (unsteady). Die LES
wird in Kapitel 5 behandelt. Mit DES bezeichnet man eine Version der LES, in der der wandnahe Bereich
bewußt unteraufgelöst wird, solche Verfahren liefern nur für massiv abgelöste Strömungen z.B. an stumpfen
Körpern, halbwegs sinnvolle Ergebnisse. In jüngerer Zeit versteht man unter DES auch hybride Verfahren
zwischen URANS und LES. QDNS ist in gewisser Weise Gegenstück zur DES, der wandnahe Bereich wird
vollständig aufgelöst. Bei der direkten numerischen Simulation (DNS) werden alle räumlichen und zeitlichen
Skalen bis in den Dissipationsbereich aufgelöst. In der Tabelle wird der Rechenaufwand anhand einer fikti-
ven Strömung um einen großen unströmten Körper (Flugzeug, Fahrzeug) veranschaulicht. Die Spalte 3D“
”
zeigt an, ob auch im Falle einer zweidimensionalen Geometrie eine dreidimensionale Berechnung notwendig
ist, die Spalte Empirik“ das Maß an Vorkenntnis oder Annahmen, das in die Berechnung einfließt. Die
”
Verfügbarkeit für zukünftige Daten für das fiktive Problem ist nur geschätzt. Mit Re-Abhängigkeit“ ist die
”
Abhänigkeit des Rechenaufwandes von der Reynoldszahl gemeint.
Tabelle 3.1:
Name instationär Re-Abhän- 3D Empirik Gitterpunkte Zeit-/Iterati- Verfügbarkeit
gigkeit onsschritte
5
2DURANS ja schwach nein groß 10 103.5 1980
7 3
3DRANS nein schwach ja groß 10 10 1985
7 3.5
3DURANS ja schwach ja groß 10 10 1995
8 4
DES ja schwach ja groß 10 10 2000
11.5 6.7
LES ja schwach ja klein 10 10 2045
15 7.3
QDNS ja stark ja klein 10 10 2070
16 7.7
DNS ja stark ja klein 10 10 2080
1 Spalart, 2000
96 3 Numerische Simulation
Direkte numerische Simulationen basieren auf der direkten Lösung der Erhaltungsgleichungen (Navier-Stokes-
Gleichungen) ohne weitere einschränkende Annahmen. Sie müssen prinzipiell alle turbulenten Skalen bis zur
Kolmogorov-Skale auflösen. Die um η darzustellen benötigte Gitterweite ist π/h = 2π/η, also h = η/2. In
einer Raumdimension benötigt man also zur Auflösung aller turbulenten Skalen je integralem Längenmaß
NL ≈ L/η Gitterpunkte. Dies läßt sich durch die mit dem integralen Längenmaß gebildete Reynoldszahl
ausdrücken als
3 1/4
U
L L L LL 3/4
UL L3/4 3/4
NL ≈ ≈ = = = ReL .
η ν 3 1/4 ν 3/4 ν 3/4
ε
9/4
Das heißt aber, dass man in drei Raumdimensionen NL3 ≈ ReL Gitterpunkte je integraler Längenskale
benötigt.
Um alle Zeitskalen zwischen der integralen Zeitskale TL und der Kolmogorov-Zeitskale Tη aufzulösen,
benötigt man
1/2 √
UL3
T L UL L p
NT ≈ ≈ = √ = ReL
Tη UL Lν ν
11/4
Zeitschritte. Der Gesamtaufwand an Rechenoperationen skaliert also mit NT NL3 ≈ ReL . Hierin ist noch
nicht berücksichtigt, dass der Rechenaufwand mancher Algorithmen nicht linear proportional zur Zahl der
Gitterpunkte skaliert. Außerdem unterliegen numerische Verfahren zur Lösung der instationären Navier-
Stokes-Gleichungen aus Stabilitäts- und Genauigkeitsgründen (bei unbedingt stabilen Verfahren nur aus Ge-
nauigkeitsgründen) einer Courant-Friedrichs-Lewy-Bedingung für die maximale Zeitschrittweite τ , nämlich
τ ≈ h/UL . Damit ist NL ≈ L/(UL τ ) ≈ L/h ≈ NT . Damit sklaiert der Gesamtaufwand an Rechenopera-
tionen wie NL4 ≈ Re3L .
Eine numerische Simulation unterliegt einer Reihe von möglichen Fehlerquellen, die zum Abschluß der Be-
merkungen zur direkten numerischen Simulation hier noch aufgelistet werden:
3 Numerische Simulation 97
gemessene berechnete
Strömungseigen- Strömungseigen-
schaften schaften
Abbildung 3.2: Mögliche Fehler, die während einer DNS auftreten können.
98 3 Numerische Simulation
Kapitel 4
Statistische Turbulenzmodellierung
Ziel der statistischen Turbulenzmodellierung ist die Entwicklung von Ansätzen zur Lösung des Schließungs-
problems der Reynolds-gemittelten Navier-Stokes-Gleichungen. Als Hauptbestandteile eines statistischen
Turbulenzmodells hat man eine Geschwindigkeitsskale zu bestimmen, die für die Intensität der turbulen-
ten Vermischung charakteristisch ist, sowie die Bestimmung einer Längenskale, die für die Distanz, über
welche turbulente Vermischung stattfindet, charakteristisch ist und eine konstitutive Beziehung für den
Reynoldsspannungstensor.
Bei der theoretischen Entwicklung von Turbulenzmodellen spielen nachfolgend beschriebene mathematische
und physikalische Nebenbedingungen eine große Rolle. In dieser Vorlesung wird wegen der formalen Kom-
plexität nicht detaillierter eingegangen. Zu diesem Thema sollte die angegebene weiterführende Literatur
konsultiert werden.
Zunächst muss zwischen Modell und zu modellierendem Ausdruck tensorielle Konsistenz herrschen. Das
heißt ein Tensor bestimmter Stufe muss auch im Modell durch einen Tensor selber Stufe dargestellt wer-
den. Dasselbe gilt auch für kombinierte Ausdrücke, z.B. Skalarprodukte. Ebenso sollten Tensorsymmetrien
und Transformationsinvarianzen korrekt wiedergegeben werden. Eine physikalische Nebenbedingung ist die
Realisierbarkeit, die z.B. eine Definitheitsbedingung an die Spur des Reynoldsspannungstensors stellt: für
die Spur gilt hu0i u0i i = 2K, d.h. da K ≥ 0 muss dies auch für die Spur gelten. Das Modell sollte auch
nicht-turbulente Strömungen wiedergeben können, d.h. in Bereichen laminarer Strömung sollte die model-
lierte Reynoldsspannung verschwinden. Diese Bedingung ist nicht leicht zu erfüllen, wie weiter unten noch
diskutiert wird. Die folgende Diskussion von Modellansätzen ist weitgehend physikalisch motiviert und stellt
nur die wichtigsten Entwicklungen dar.
4.1 Wirbelviskosität
Die Boussinesq-, Wirbelzähigkeits-, oder Wirbelviskositätshypothese (Boussinesq, 1877) basiert auf einer
Analogie zwischen turbulenten und gaskinetischen Prozessen. Man kann die RANS-Gleichungen umschreiben
als
Abbildung 4.1: Skizze zur Beschreibung der Analogie zwischen molekularer und turbulenter Viskosität
Nach dieser Modellvorstellung kann man für die Reynoldsspannung, die auch turbulente Scheinspannung ge-
nannt wird, νT Sij ansetzen, wobei man νT als Wirbelviskosität oder Wirbelzähigkeit (engl. eddy viscosity)
bezeichnet. Zur Berücksichtigung der im Allgemeinen nichtverschwindenden Spur des Reynoldsspannungs-
tensors setzt man für den Reynoldsspannungstensor an
2
hu0i u0j i − Kδij = −νT 2Sij . (4.2)
3
Diese Formulierung entsteht durch die Überlegung, dass die molekulare Spannung durch einen symmetrischen
aber rein anisotropen Tensor dargestellt wird. Das heißt, dass die Spur des Tensors verschwinden muss.
Schreibt man den Spannungstensor aus, erhält man
∂hu1 i ∂hu1 i ∂hu2 i ∂hu1 i ∂hu3 i
2 + +
∂x 1 ∂x2 ∂x1 ∂x3 ∂x1
S S S
11 12 13 1 ∂hu1 i + ∂hu2 i ∂hu2 i ∂hu2 i ∂hu3 i
Sij = S21 S22 S23 = 2 +
∂x2 ∂x1 ∂x2 ∂x3 .
∂x2 (4.3)
2
S31 S32 S33
∂hu1 i ∂hu3 i ∂hu2 i ∂hu3 i ∂hu3 i
+ + 2
∂x3 ∂x1 ∂x3 ∂x2 ∂x3
Damit man den Spannungstensor Sij durch den RST ausdrücken kann, muss man dafür sorgen, dass auch
die Spur des RST verschwindet. Aus Kapitel 2.3.2 wissen wir, dass die TKE definiert wurde, als
1 0 0
K= hu u i . (4.6)
2 i i
Die TKE berücksichtigt nur das halbe Produkt der Geschwindigkeiten während in den RST die gesamte
Geschwindigkeit eingeht. Aus diesem Grunde muss die TKE mit dem Faktor 2 multipliziert werden, bevor
man sie von dem RST subtrahiert. Weiterhin ist aus Kapitel 2.3.4 bekannt, dass jeder Eintrag auf der Spur
genau gleich groß ist und somit eine Aufaddierung eine 3-fache Überschätzung des wahren Wertes ergibt.
1
Daher rührt der Faktor in Gleichung (4.2).
3
Wie bereits erwähnt, beschränken wir uns in dieser Vorlesung auf inkompressible Strömungen, für die der
Druck keine thermodynamische Bedeutung hat. Daher kann man den Diagonalterm des Reynoldsspannungs-
tensors formal zu hpi hinzufügen
2
P = hpi + ρK (4.7)
3
und enstpechend hpi durch P in den RANS Gleichungen ersetzen. Im Unterschied zur molekularen Viskosität
ist νT keine Material- oder Fluideigenschaft, sondern es muss noch eine weitere Bestimmungsgleichung für
νT konstruiert werden.
Die kinetische Gastheorie liefert für die molekulare Viskosität folgende Proportionalität
ν ∼ λc̄
wobei λ die mittlere freie Weglänge und c̄ die mittlere Molekülgeschwindigkeit sind. Die Proportiona-
litätskonstante ist von der Größenordnung eins. Für Luft bei Umgebungsbedingungen haben diese Größen
etwa folgende Zahlenwerte: c̄ ≈ 237m/s, λ ≈ 6 · 10−8 m, ν ≈ 1.42 · 10−5 m2 /s.
Grundlage der sogenannten algebraischen Turbulenzmodelle ist die gaskinetische Analogie, bei der gesetzt
wird
ν T ∼ lm U ,
wobei lm der sogenannte Mischungsweg ist und U ein typisches Geschwindigkeitsmaß. In praktischen
Strömungsproblemen findet man für diese Größen einen weiten Bereich von Zahlenwerten, so z.B.: U ≈
10−2 m/s bis 10m/s, lm ≈ 10−2 m bis 1m, 10−4 m2 /s < νT < 10m2 /s.
4.2.1 Mischungswegmodell
• Turbulenzballen, die näherungsweise ihren mittleren Impuls ρhui(y0 ) beibehalten, bewegen sich mit
der Vertikalgeschwindigkeit v 0 über eine Länge l nach oben oder unten,
dhui
−hu0 v 0 i >0.
dy
Nimmt man an, dass |v 0 | ∼ |u0 | ∼ lm |dhui/dy|, dann gilt für Scherströmungen
dhui
hu0 v 0 i ∼ −h|u0 v 0 |isign
dy
2 dhui
dhui dhui dhui 2 dhui dhui
2 dy = −lm
= −lm l m = −l m .
dy dhui
dy dy dy dy dy
D.h. für den Wirbelviskositätsansatz kann man die Wirbelviskosität für ebene Scherströmungen berechnen
aus:
2
dhui
νT = lm dy .
(4.8)
2 1/2
ν T = lm (2Sij Sij ) . (4.9)
Diese Ansätze stellen das sogenannte Mischungswegmodell dar. Das Modell ist noch unvollständig, da der
Mischungsweg lm bestimmt werden muss.
Von Ludwig Prandtl wurde folgende einfache Mischungswegbestimmung vorgeschlagen
lm = κy , (4.10)
4 Statistische Turbulenzmodellierung 103
wobei für y der normale Wandabstand einzusetzen ist. Ab einem bestimmten Wandabstand werden aber die
Wandeffekte weniger spürbar und daher setzt man empirisch
Abbildung 4.3: Algebraisches Zweischichtenmodell nach Cebeci-Smith, Wirbelviskosität ist abhängig vom
Wandabstand y
2
p
ν T i = lm 2Sij Sij ,
νT o = αU∞ δ1 FK .
In der letzten Gleichung ist α eine Konstante und FK die sogenannte Klebanov-Funktion, die unten ange-
geben wird. Da das Cebeci-Smith-Modell die Verdrängungsdicke δ1 enthält, eignet es sich nicht für freie
104 4 Statistische Turbulenzmodellierung
Scherströmungen oder abgelöste Strömungen. Außerdem verschwindet der Beitrag von νT i im Falle rotati-
onsfreier Strömungen nicht notwendigerweise, da Sij für eine rotationsfreie Strömung nicht notwendigerweise
verschwindet.
Diese beiden Nachteile des Cebeci-Smith-Modells werden vom Baldwin-Lomax-Modell (1978) behoben. Das
p
Geschwindigkeitsmaß lm 2Sij Sij kann durch lm khωik mit hωi = ∇ × hui ersetzt werden, sodass man für
die innere Schicht
2
ν T i = lm khωik (4.12)
erhält. Darüberhinaus wird der Mischungsweg in der inneren Schicht noch mit dem van-Driest-Dämpfungsterm
korrigiert
+ +
lm = κy 1 − e−y /A0 , (4.13)
mit A+
0 = 26, κ = 0.41. Mit diesem Term wird nun erreicht, dass die Reynoldsspannung mit der vierten
Potenz des Wandabstandes zur Wand hin verschwindet, was zwar nicht der theoretisch beobachteten dritten
Potenz entspricht, da aber der theoretische Proportionalitätsfaktor klein ist, wird dennoch eine Verbesserung
erzielt [4].
In der äußeren Schicht ist
ym
νT o = αCcp Fn FK y, , (4.14)
CKleb
wobei ym der Wert von y ist, in dem lm khωik sein Maximum annimmt.
6 !−1
y
FK (y; δKleb ) = 1 + 5.5 (4.15)
δKleb
ist die Klebanov-Funktion mit CKleb = 0.3, die empirisch die turbulente Intermittenz am Grenzschichtrand
berücksichtigt.
∆U 2
FN = min ym Fm ; CN ym (4.16)
Fm
1
Fm = max (lm khωik)
κ y
Folgendes Bild zeigt Ergebisse für die turbulente Kanalströmung, berechnet mit dem Baldwin-Lomax Modell
und dem Cebeci-Smith Modell, im Vergleich mit einer DNS1 . Außerdem wird noch eine Reibungsbeiwert-
Korrelation2 Cf = 0.0706Re−0.25 gezeigt. Die Kanalhalbhöhen-Reynoldszahl für dieses Beispiel ist Re =
13750.
1 Mansour, Kim & Moin (1988)
2 Hallen & Johnston (1967)
4 Statistische Turbulenzmodellierung 105
Über eine Serie von turbulenten Plattengrenzschichten mit und ohne Druckgradienten in der freien An-
strömung kann man eine mittlere Abweichung des Reibungsbeiwertes vorhersagen. Für das Baldwin-Lomax-
Modell liegt diese bei ca. 6.7% vom richtigen Wert. Für das Cebeci-Smith-Modell erhält man einen Wert
von 9.3%. Zur exakten Berechnung, wie z.B. zur Optimierung von Tragflügeln, sind diese Modelle daher nur
eingeschränkt brauchbar.
Im Fall abgelöster Grenzschichten versagen beide Modelle, hier am Beispiel eines axialsymmetrischen Diffu-
sors dargestellt.
106 4 Statistische Turbulenzmodellierung
Abbildung 4.5: Vergleich des Ablöseverhaltens im Experiment von Driver (1991) ◦ mit der Berechnung mit
dem Baldwin-Lomax Modell
Wie man in der Abbildung sieht, ist die berechnete Ablöseblase ungefähr zweimal so lang wie die experimentell
beobeachtete, daher ist das berechnete Ergebnis unbrauchbar.
Algebraische Turbulenzmodelle sind mathematisch einfach und numerisch robust. Sie eignen sich für zweidi-
mensionale Grenzschichtströmungen ohne Ablösung bzw. ohne große Druckgradienten. Sie sind nicht geeig-
net für komplexe Strömungen mit signifikanter mittlerer Stromlinienkrümmung. In der Regel funktionieren
algebraische Turbulenzmodelle nur für eine relativ enge Klasse von Strömungen gut, für die ihre Parameter
vorweg kalibriert wurden. D.h. sie sind nicht robust im Hinblick auf die verallgemeinerte Anwendung.
4.3 Eingleichungsmodelle
Zum Typ der Eingleichungsmodelle gehört das Johnson-Kin-Modell (1985), in dem aber die TKE-Transportgleichung
nur zur Ermittlung eines Modellparameters herangezogen wird. Ansonsten handelt es sich im wesentlichen
um ein algebraisches Modell. Basierend auf aktuellen Ergebnissen, hat das Modell im Allgemeinen keine
guten Ergebnisse gezeigt und wird daher an dieser Stelle nicht weiter besprochen.
Das Mischungswegmodell sagt offensichtlich voraus, dass die Wirbelviskosität z.B. in einer ebenen Scher-
schicht verschwindet, wenn dhui/dy = 0. Diese Bedingung ist aber alleine schon aus Symmetriegründen in
der Mittellinie eines turbulenten Kanals der Fall. Das Modell würde demnach das Verschwinden von νT in
der Kanalmitte vorhersagen, was aber unsinnig ist und weder Experiment noch DNS entspricht. Um diesem
Problem zu begegnen, muss also ein neues Geschwindigkeitsmaß, das nicht vom mittleren Geschwindigkeits-
gradienten abhängt, gefunden werden. Ein Vorschlag von Kolmogorov und Prandtl ist
Für die turbulente kinetische Energie (TKE) K gilt die zuvor hergeleitete Transportgleichung (2.43). Der
Produktionsterm in dieser Gleichung wird mit dem Wirbelviskositätsmodell geschlossen
∂hui i 2 ∂hui i
Π = −hu0i u0j i = νT 2Sij − Kδij . (4.18)
∂xj 3 ∂xj
4 Statistische Turbulenzmodellierung 107
Der Dissipationsterm ist nicht geschlossen und wird nach Dimensionsanalyse modelliert durch
K 3/2
ε = CD . (4.19)
lm
Der Umverteilungsterm in (2.43) besteht dann aus einem nicht geschlossenen Teil (die ersten beiden Terme)
und einem geschlossenen Teil (letzter Term). Mittels der gaskinetischen Analogie wird der nichtgeschlossene
Teil durch einen Proportionalitätsansatz so modelliert, dass er eine geschlossene Größe darstellt:
1 1 νT ∂K
− hp0 u0j i − hu0i u0i u0j i = . (4.20)
ρ 2 σK ∂xj
Damit erhält man folgende modellierte Transportgleichung für K
K 3/2
∂K ∂K ∂ νT ∂K
+ huj i = Π − Cd + ν+ . (4.21)
∂t ∂xj lm ∂xj σK ∂xj
Aus Experimenten und Simulationen wurden empirisch die Parameter
ermittelt. Nachwievor muss aber der Mischungsweg lm noch vorgegeben werden. Praktische Untersuchun-
gen haben ergeben, dass derartige Eingleichungsmodelle in der Praxis selten bessere Ergebnisse liefern als
algebraische Modelle. Daher sind die in Abschnitt 4.5 folgenden Zweigleichungsmodelle im Allgemeinen
vorzuziehen.
Eingleichungsmodelle sind mathematisch einfach und numerisch robust, da keine ε-Transportgleichunggelöst
werden muss. Da nur eine weitere Transportgleichung für K zu lösen ist, ist der Zusatzaufwand mäßig. Das
Modell enthält mehr Information als algebraische Modelle, da auf die berechnete K-Verteilung zurückgegriffen
werden kann. Die Beziehungen für die Längenskale sind empirisch und können nicht auf komplexere Strömungen
verallgemeinert werden. Parameterkalibrierungen liegen meist für scherdominierte Strömungen vor.
4.4 Wirbelviskosität-Transportmodelle
Diese Modelle verwenden eine Transportgleichung für die Wirbelviskosität. Da diese Gleichung aber nicht
hergleitet werden kann, sondern postuliert werden muss, nehmen diese Modelle eine Sonderstellung zwischen
den Eingleichungsmodellen und den Zweigleichungsmodellen ein. Der bekannteste Vertreter dieser Modell-
familie ist das Modell von Spalart & Allmaras (1992), das in groben Zügen hier skizziert wird, eine genaue
Zusammenstellung ist z.B. in [4] zu finden.
Folgende Transportgleichung wird für eine effektive Viskosität ν̄ angesetzt
2 !
∂ ν̄ ∂ ν̄ 1 ∂ ∂ ν̄ ∂ ν̄
+ huj i = Πν̄ − εν + (ν + ν̄) + Cb2 . (4.22)
∂t ∂xj σν̄ ∂xj ∂xj ∂xj
Empirische Koeffizienten σν̄ = 2/3, Cb2 = 0.622. Der ν̄-Abbauterm wird durch
ν̄
ε = Cw1 fw2
y
modelliert, wobei fw eine empirische Funktion ist, die zu einer festen Wand hin den Wert 1 annimmt und in
großer Entfernung von einer Wand verschwindet. Aus Dimensionsargumenten folgt für den Produktionsterm
Πν = Cb1 khωikν̄
108 4 Statistische Turbulenzmodellierung
mit dem empirisch angepaßten Koeffizienten Cb1 = 0.1355. Da ν̄ nicht das korrekte asymptotische Verhalten
der Wirbelviskosität in Wandnähe liefert, wird die Wirbelviskosität berechnet aus
ν̄
νT = ν̄fν (4.23)
ν
wobei
ν̄ 3
ν̄
ν
fν =
ν ν̄ 3
3
ν + Cv1
mit Cv1 = 7.1.
In folgendem Bild ist die Vorhersage des Spalart-Allmaras Modells im Vergleich zu einem alternativen Ein-
gleichungmodell von Baldwin und Barth für eine Diffusor-Strömung dargestellt.
Abbildung 4.6: Vergleich des Widerstandbeiwertes links, Druckbeiwert rechts einer abgelösten Diffusor-
3
strömung von Experiment ◦ , Spalart-Allmaras Modell und einem alternativen Eingleichungsmo-
dell nach Baldwin und Barth
Wirbelviskosität-Transportmodelle verhalten sich ähnlich wie Eingleichungsmodelle, ohne aber das Problem
der Nichtverallgemeinerbarkeit der empirischen Längenskale zu haben. Andererseits kann der Ansatz einer
Wirbeltransportgleichung für die Wirbelviskosität physikalisch nicht motiviert werden. Das Spalart- Allmaras-
Modell wird für einfache, freie Scherströmungen und einfache Nachlaufströmungen erfolgreich eingesetzt.
4.5 Zweigleichungsmodelle
Zweigleichungsmodelle führen eine weitere Transportgleichung für eine charakteristische Turbulenzgröße
ein, wodurch der Mangel der Eingleichungsmodelle entweder weiterhin noch eine algebraische Relation für
den Mischungsweg zu benötigen oder eine unphysikalische Transportgleichung (für die Wirbelviskosität kann
keine Transportgleichung hergeleitet werden) behoben werden kann. Die aus der Dimensionsanalyse folgende
Proportionalität
K 3/2
ε∼
lm
3 Driver, 1991
4 Statistische Turbulenzmodellierung 109
K 3/2
lm ∼ ,
ε
wodurch sich für die Wirbelviskosität die Proportionalität
√ K2
ν T ∼ lm K ∼
ε
ergibt.
Kern der Zweigleichungsmodelle ist daher folgender Ansatz für die Wirbelviskosität
K2
νT = C µ . (4.24)
ε
Zur Berechnung der Wirbelviskosität benötigt man also neben der Transportgleichung für K
∂K ∂K ∂ νT ∂K
+ huj i =Π−ε+ ν+ , (4.25)
∂t ∂xj ∂xj σK ∂xj
wobei nun aber noch eine Transportgleichung für ε benötigt wird. Zwar kann für ε ebenfalls eine Trans-
portgleichung hergeleitet werden [4, S. 123], allerdings ist diese wesentlich komplizierter als die Transport-
gleichung für K, enthält nicht-geschlossene Tripelkorrelationen und ist daher schwierig zu interpretieren.
Stattdessen wird in Analogie zur K-Transportgleichung eine ε-Transportgleichung angesetzt
ε2
∂ε ∂ε Πε ∂ νT ∂ε
+ huj i = Cε1 − Cε2 + ν+ . (4.27)
∂t ∂xj K K ∂xj σε ∂xj
Für die Konstanten wurde empirisch ermittelt Cε1 = 1.44, Cε2 = 1.92, Cµ = 0.09, σK = 1.0, σε = 1.3.
Die Terme auf der linken Seite von (4.27) stellen den mittleren Transport von ε dar. Der letzte Term auf
der rechten Seite repräsentiert die Umverteilung von ε durch turbulente und molekulare Diffusion. Der erste
und der zweite Term auf der rechten Seite sind in Analogie zur K-Transportgleichung angesetzt worden.
Diese Terme erhält man durch Multiplikation von Π bzw. ε mit ε/K. Der Grund für diese Reskalierung ist,
dass Π und ε einer zeitliche Änderungsrate für die turbulente kinetische Energie dK/dt entsprechen. Das ist
ihre Funktion in der K-Transportgleichung. Um eine zeitliche Änderungsrate der Dissipationsrate dε/dt zu
erhalten müssen diese Terme also aus Dimensionsgründen mit dem Faktor ε/K korrigiert werden.
Die Gleichungen (4.25) und (4.27) stellen das K-ε-Modell dar. Viele Modifikationen existieren, siehe z.B.
[4]. Eine wichtige Variante ist das K-ω-Modell, siehe [4], in dem die ε-Transportgleichung durch eine Trans-
portgleichung für ω = ε/(β ∗ K) ersetzt und νT = K/ω gesetzt wird, wobei β ∗ = 0.09. Die modellierte
Transportgleichung für ω kann in der Literatur, z.B. [4], gefunden werden. Das K − ω-Modell behebt eine
Schwäche des K − ε-Modells, nämlich die Tendenz eine Strömungsablösung verzögert vorherzusagen. Dies
läßt sich dadurch erklären, dass sich die modellierte ω-Transportgleichung zwar durch Rücksubstition auch
als ε-Gleichung darstellen läßt, im Unterschied zur modellierten ε-Gleichung des K − ε-Modells nun aber
ein weiterer Term erscheint, der in Bereichen hoher Turbulenzintensität zu einer Dissipationserhöhung führt.
Damit wird in diesem Bereichen der Impulstransport zur Wand reduziert und damit die Resistenz gegen
110 4 Statistische Turbulenzmodellierung
Ablösung. Das K − ω-Modell hat den Nachteil, dass die Ergebnisse sehr stark von dem aufgeprägten ω-Wert
außerhalb der betrachteten Scherströmung abhängen.
Im folgenden Bild werden Experimente zu einer ebenen Nachlaufströmung und einer ebenen Mischungs-
schicht mit Vorhersagen verschiedener Zweigleichungsmodelle verglichen.
Insgesamt ist festzustellen, dass das K-ω Modell die beste Vorhersagen der Aufweitung des Nachlaufs
und der Mischungsschicht mit einem maximalen Fehler von ca. 9% liefert. Das K-ε Modell liefert einen
um ca. 18% zu niedrigen Wert. Das sogenannte RN G-K-ε Modell, bei dem für die Konstanten in der
ε-Gleichung Ausdrücke, die von der mittleren Scherrate abhängen, aber weitere Konstanten beinhalten,
basierend auf der Renormalisierungsgruppentheorie hergeleitet wurden, liefert größere Fehler von ca. 29%.
Hierbei ist immer zu beachten, dass Vertreiber von CFD-Simulationssoftware oft speziell angepaßte Modelle
bzw. Modellkoeffizienten implementieren, deren Ergebnisse von den hier gezeigten für Standardkoeffizienten
abweichen können.
Für die oben bereits erwähnte Diffusorströmung mit Ablösung6 , erhält man, den im folgenden Bild darge-
stellten Vergleich von experimentellen Daten mit Vorhersagen des K-ω-Modells:
4 Volle Kreise: Fage & Falkner, 1932, offene Kreise Weygandt & Mehta, 1995
5 Liepmann & Laufer 1947
6 Driver, 1991
4 Statistische Turbulenzmodellierung 111
Abbildung 4.8: Vergleich von Experimenten ◦ einer Ablösung einer Diffusorströmung mit Vorhersagen eines
K-ω-Modells
Die Länge der Ablöseblase wird nahezu korrekt und damit besser als von den algebraischen oder Einglei-
chungsmodelle wiedergegeben. Allerdings ist auch hier die Lage der Ablöseblase nicht ganz korrekt. Bei
derartigen Vergleichen muss berücksichtigt werden, dass die korrekte Vorgabe der Einströmdaten in den
Diffusor am Rechenbereichsrand kritisch für die richtige Vorhersage der Strömung im Diffusor ist.
Vorhersagen des K-ω-Modells werden in Abbildung 4.9 mit DNS Daten für eine ebene Kanalströmung bei
Re = 13500 verglichen. Außerdem wird für Cf die Reibungsbeiwert-Korrelation Cf = 0.0706Re−0.25 von
Hallen und Johnston (1967) eingetragen.
Es ist zu sehen, dass Geschwindigkeits- und Reynoldsspannungsprofile um weniger als 3% von den DNS-
Daten abweichen. Allerdings werden das K-Maximum in Wandnähe und das wandnahe Verhalten von Π und
ε falsch vorhergesagt. Diese Problematik wird bei der sogenannten Wandmodellierung näher untersucht.
Die jeweiligen Defizite von K − ω- und K − ε-Modell können mit dem SST -Modell von Menter (1994)
(shear-stress-transport) behoben werden, das im wesentlichen in Wandnähe ein K − ω−Modell und im
Außenbereich von Grenzschichten ein K − ε-Modell wiedergibt. Des Weitere werden in diesem Modell
Begrenzungsfunktionen für die Überschätzung der Reynoldsschubspannung (s.u.) eingeführt.
Zweigleichungsmodelle sind robust und vergleichsweise einfach zu handhaben. Die ε-Gleichung kann in prak-
tischen Anwendungen aber zu Konvergenzproblemen führen. Diese Modelle beinhalten die Information über
den Transport sowohl von K als auch von ε bzw. einer daraus abgeleiteten Größe. Für viele Klassen von
Strömungen können gut kalibrierte Parameter für das K −ε-Modell gefunden werden, die eine akzeptable bis
gute Vorhersage für Strömung, die zu den jeweiligen Klassen gehören, liefern. Nicht gut funktionieren Zwei-
gleichungsmodelle in der Regel bei Strömungen, bei denen die Wirbelviskositätsannahme nicht gerechtfertigt
ist. Insbesondere können wegen des direkten Zusammenhangs zwischen mittlerer Strömung und modellierter
Reynoldsspannung keine Relaxationseffekte dargestellt werden, da diese Annahme implizit bedeutet, dass
die turbulente Zeitskale klein im Vergleich zur mittleren Strömung ist, d.h. sich der mittleren Strömung
sofort anpa sst. Dies führt in Bereichen von starker Verzögerung, starker Beschleunigung, starker Stromli-
nienkrümmung zu einer infolge der Wirbelviskositätsannahme überschätzten Turbulenzproduktion, der so-
genannten Staupunkt-Anomalie. Des weiteren stimmt die aus der Wirbelviskositätsannahme resultierende
112 4 Statistische Turbulenzmodellierung
Anisotropie des Reynoldsspannungstensors nicht mit der tatsächlichen Anisotropie überein. Schließlich führt
der Wirbelviskositätsansatz selbst für eine einfache Scherströmung notwendigerweise zu einer Überschätzung
der Turbulenzproduktion.
Abbildung 4.9: Vergleich der chrakteristischen Größen eines K-ω-Modells mit DNS-Daten7 für eine
ebene Kanalströmung ◦
2c 0 0
2D 1
Sij = 0 −2c 0 (4.33)
2
0 0 0
(4.34)
2c 0 0
3D 1
Sij = 0 −c 0 (4.35)
2
0 0 −c
Durch Anwenden der Wibelviskositätshypothese hu0i u0j i = −2νT Sij + 23 Kδij ergeben sich die Reynoldsspan-
nungen zu
−2νT c + 23 K 0 0
hu0i u0j i2D =
0 2νT c + 32 K 0
(4.36)
2
0 0 3 K
114 4 Statistische Turbulenzmodellierung
bzw.
(4.37)
−2νT c + 23 K 0 0
hu0i u0j i3D
= 2 (4.38)
0 νT c + 3K 0
2
0 0 νT c + 3K
ii
Für die Produktion der turbulenten kinetischen Energie Π = −hu0i u0j i ∂hu
∂xj folgt dann
2
−2νT c + 3 K 0 0 c 0
0
Π2D
= −spur 0 2νT c + 32 K 0
0 −c 0
(4.39)
2
0 0 3K 0 0 0
2 2
= −(−2νT c2 + cK − 2c2 νT − Kc) = 4νT c2 (4.40)
3 3
bzw.
(4.41)
2
−2νT c + 3 K 0 0 c 0 0
3D
Π = −spur
0 νT c + 23 K 0 0
− 2c 0 (4.42)
0 0 νT c 32 K 0 0 − 2c
(4.43)
2 c2 νT 1 c2 νT 1
= −(−2νT c2 + Kc − − Kc − − Kc) = 3νT c2 (4.44)
3 2 3 2 3
(4.45)
K2
νT = C µ (4.46)
ε
Daraus ergibt sich für die Produktion der turbulenten kinetischen Energie einer ebenen Staustromströmung:
K2
Π2D = 4Cµ c2 (4.47)
ε
Die Produktion
steigt2also quadratisch mit der turbulenten kinetischen Energie. Da in der Nähe des Stau-
2 ∂hu1 i
punktes c = ∂x1 sehr groß ist, ist dort auch die Produktion groß. Dies zieht wiederum große turbulente
kinetische Energie nach sich, die ihrerseits wieder zu großer Produktion führt usw.. Diese Problematik ist
als Staustromanomalie der Zweigleichungsmodelle bekannt.
4 Statistische Turbulenzmodellierung 115
4.6 Reynoldsspannungs-Modelle
Die Wirbelviskositätsannahme geht von einer Proportionalität zwischen Reynoldsspannungstensor (RST)
hu0i u0j i und mittlerer Scherrate Sij aus. Dieser isotrope Ansatz führt dazu, dass die Umgebung und die
Vorgeschichte eines transportierten Turbulenzballens unzureichend berücksichtigt werden. Empirisch findet
man mit Modellen basierend auf der Wirbelviskositätsannahme eher schlechte Ergebnisse für Strömungen
mit plötzlichen Änderungen in Sij , Strömungen über gekrümmte Oberflächen, Strömungen in Kanälen mit
Sekundarströmungen, rotierende Strömungen oder Strömungen mit Ablösung.
Folgendes Beispiel von Tucker und Reynolds (1968) ist zur Darstellung dieser Problematik geeignet:
Die mittlere Geschwindigkeit wird mit hu1 i = U0 , hu2 i = −ax2 und hui = ax3 festgelegt. Wenn diese mitt-
lere Scherung plötzlich entfernt wird, kehrt die Turbulenz nur graduell zum isotropen Zustand zurück. Diese
Rückkehr zur Isotropie kann man für den obgengenannten Fall durch folgendes Anisotropiemaß quantifizieren
2 2
hu02 i − hu03 i
.
hu02 2 i + hu03 2 i
Betrachten wir ein Experiment, bei dem in x = 0 die oben angegebene Scherung plötzlich aufgeprägt
und in x = 2 wieder entfernt wird. Ein Vergleich zwischen experimentellen Daten und der Vorhersage des
K-ω-Modells ist in folgendem Bild dargestellt:
Abbildung 4.10: Vergleich von experimentellen Daten (Symbole) mit der Vorhersage des K-ω-Modells
Wie man sieht, kann das Zweigleichungsmodell die graduelle Rückkehr der Turbulenz zum isotropen Zustand
nicht vorhersagen. Eben sowenig wird der stetige Anstieg der Anistropie wiedergegeben. Der Grund liegt
darin, dass die Reynoldsspannungen linear proportional zur Scherrate modelliert werden.
Zur Berücksichtigung der Anisotropie des Reynoldspannungstensors geht man einen weiteren Schritt zurück
und betrachtet die Reynoldsspannungstransportgleichungen (RST) (2.44). Die RST Gleichungen liefern 6
neue Transportgleichungen zur Bestimmung der 6 verschiedenen RS-Komponenten, führen aber ihrerseits
116 4 Statistische Turbulenzmodellierung
1 ∂hu0i p0 i ∂hu0j p0 i
Pij = Rij − + (4.50)
ρ ∂xj ∂xi
zusammenfassen. Man beachte, dass in der K-Transportgleichung die Hälfte der Spur
2 ∂hp0 u0i i
Pii = Rii − ,
ρ ∂xi
mit Rii = 0 für inkompressible Strömungen, erscheint. Pii ist für gewöhnlich klein und trägt nicht wesentlich
zum K-Transport bei. Die einzelnen Komponenten Pij können hingegen groß sein und wesentlich sein für die
korrekte Umverteilung zwischen den Reynoldsspannungskomponenten, ohne K wesentlich zu beeinflussen.
Zur Modellierung faßt man folgende Terme zusammen
(p) (u)
∂Tkij ∂Tkij
+
∂xk ∂xk
und modelliert Rij separat. In Rij tritt p0 auf. Mittels der RANS Gleichung und der Poisson-Gleichung für
p, Gleichung (2.3), kann man eine elliptische Gleichung für p0 herleiten
der die Wirkung der turbulenten Fluktuationen auf sich selbst beschreibt,
Auf dieser Aufteilung basiert das Rij -Modell von Rotta (1951). Unter der Annahme homogener aber ani-
sotroper Turbulenz verschwinden die Raumableitungen aller Mittelwerte. Damit vereinfacht sich die RS-
Transportgleichung (2.44) bzw. (4.48) zu
∂hu0i u0j i
= Rij − εij
∂t
Unter der Annahme von Homogenität verschwinden die Beiträge von p(r) und p(h) zu Rij . Somit verbleibt
∂hu0i u0j i (s)
= Rij − εij . (4.55)
∂t
(s)
Die grundlegende Annahme von Rotta ist, dass Rij anisotrope Turbulenz zur Isotropie treibt. Er setzt
(s) 0 0 2
Rij ∼ − hui uj i − Kδij (4.56)
3
an. Definiert man einen normalisierten Anisotropie-Tensor als
1 2
bij = hu0i u0j i − Kδij , (4.57)
2K 3
kann man das Rotta-Modell schreiben als
dbij ε
= −(CR − 1) bij (4.58)
dt K
Hierin ist CR ≥ 1 die Rotta-Konstante. TL = K/ε ist ein Maß für die integrale Zeitskale. Mit der Rotta-
Konstanten lautet das Modell also
(s) ε 2
Rij = −CR hu0i u0j i − Kδij = −2CR εbij . (4.59)
K 3
(r)
Für den schnellen Druckterm Rij gehen Launder, Reece und Rodi (1975) (LRR) bzw. Naot (1973) davon
aus, dass er der Produktion entgegenwirkt und zu einer Isotropisierung der Produktion führt. Daraus ergibt
sich der Ansatz
(r) 2
Rij = −C2 Πij − Πδij . (4.60)
3
118 4 Statistische Turbulenzmodellierung
Eines der gebräuchlichsten Turbulenzmodelle ist das RSM nach Launder, Reece, Rode (1975), auch LRR
abgekürzt. Es beinhaltet die oben aufgeführten Ansätze für die Druck-Scher-Korrelation:
∂hu0j i ∂hu0i i
1 ε 2 2
Rij = p0 + = −CR hu0i u0j i − Kδij − C2 Πij − Πδij . (4.61)
ρ ∂xi ∂xj K 3 3
Der erste Term auf der rechten Seite ist der langsame“ Term nach Rotta, der zweite Term auf der rechten
”
Seite ist der schnelle“ Term nach LRR. Weitere Details sind z.B. in [4] zu finden. Π ist die Produktion von
”
K und berechnet sich daher als
1
Π= Πii . (4.62)
2
mit Πij nach (2.44), Rij nach (4.61) und Uijk nach (4.63). Weiterhin wird ε benötigt. Dies wird aus der
ε-Transportgleichung (4.27) berechnet, wobei aber
∂ νT ∂ε
ν+
∂xj σε ∂xj
∂ K 0 0 ∂ε
Cε hu u i .
∂xj ε i j ∂xj
Modellkonstanten und weitere Versionen des Modells sowie andere RS-Modelle können z.B. in [4] nachge-
schlagen werden.
In Abbildung 4.11 werden Simulationsdaten für das Reynolds-Tucker Problem, berechnet mit einem Wilcox
Reynoldsspannungs-ω-Modell im Vergleich zu experimentellen Daten gezeigt. Dieses Modell unterscheidet
sich vom Launder-Reece-Rodi Modell dadurch, dass statt der ε-Gleichung eine ω-Gleichung mitgeführt wird.
4 Statistische Turbulenzmodellierung 119
Abbildung 4.11: Vorhersagen zur Anisotropie der Turbulenz, Vergleich von Experiment (Symbole) mit Wilcox
Reynoldsspannungs-ω-Modell und einem Zweigleichungsmodell
Für eine umgelenkte Mischungsschicht zwischen zeigt das Reynoldsspannungsmodell, hier das Launder-
Reece-Rodi Modell, im Bereich der Umlenkung eine deutlich bessere Vorhersage als das K-ε-Modell im
Vergleich zu dem Experiment (vgl. Abbildung 4.12).
Abbildung 4.12: Vergleich der Anisotropie für eine umgelenkte Mischungsschicht, K-ε-Modell ,
Reynoldsspannungsmodell , Experiment (Symbole)
Für Grenzschichtströmungen existieren auch Varianten der RS-Modelle mit Wandfunktionen oder mit Dämpfungstermen
in den Transportgleichungen, sogenannte low-Reynolds-number-Versionen.
120 4 Statistische Turbulenzmodellierung
4.7 Wandmodellierung
Selbst Zweigleichungsmodelle sagen ohne weitere Korrektur (siehe nächster Abschnitt) nicht das korrek-
te Turbulenzverhalten in der Nähe von festen Wänden voraus. Insbesondere wird die Integrationskon-
stante des logarithmischen Wandgesetzes oft falsch wiedergegeben. Dies kann durch die Einführung von
Dämpfungsfaktoren korrigiert werden. Da diese Dämpfungsfaktoren aber eine allgemeinere Funktion haben
können, werden sie im nächsten Abschnitt diskutiert. Hier besprechen wir zunächst die Möglichkeit der
Einführung sogenannter Wandfunktionen. Anschließend gehen wir auf das sogenannte v 2 − f -Modell ein.
Folgende Besonderheiten wandnaher Turbulenz sind zu berücksichtigen:
1. niedrige Reynoldszahl (siehe hierzu auch Abschnitt 4.8): die turbulente Reynoldszahl Rel = K 2 /(εν)
wird mit abnehmendem Wandabstand klein;
2. hohe Scherrate: die größte mittlere Scherrate dhui/dy tritt an der Wand auf;
4. Wandblockierung: durch den Druck hat die Impermeabilitätsbedingung v = 0 an der Wand auf die
Strömung eine Auswirkung in einem Bereich bis zu einer integralen Längenskale von der Wand.
4.7.1 Wandfunktionen
Bei der Formulierung sogenannter Wandfunktionen wird davon ausgegangen, dass das mittlere Geschwin-
digkeitsprofil in Wandnähe dem logarithmischen Gesetz
1
u+ = ln y + + A .
κ
folgt. Abweichend von der üblichen Vorgehensweise, den Rechenbereichsrand mit der Wand zusammenfallen
zu lassen, wird nun die Rechenbereichsgrenze in den logarithmischen Bereich gelegt, d.h. näherungsweise in
yP+ ∼ 50. Dort herrscht dann natürlich nicht die Haftbedingung, sondern besondere Randwerte für hui, K
und oder ω müssen angegeben werden.
Man beachte, dass meist eine explizite numerische Zeitintegration der RANS Gleichungen verwendet wird.
Auch wenn eine stationäre Lösung gesucht wird, verwendet man oft eine explizite Zeitintegration, dann
allerdings mit lokaler Zeitschrittweitenbestimmung und anderen Konvergenzbeschleunigungsverfahren. Der
Fortschritt in der Zeit ist dann nicht mehr genau, sondern ist im Sinne einer Fixpunktiteration zur Bestim-
mung der stationären Lösung zu verstehen. In jedem Falle wird eine stabile Integration oder Iteration nur
unter Einhaltung einer Courant-Friedrichs-Lewy Bedingung für die Zeitschrittweite, die eine Proportionalität
zwischen erlaubter Zeitschrittweite und minimalem Gitterabstand herstellt, erreicht. Wird der wandnahe
Bereich numerisch gut aufgelöst, dann muss die erste Gitterlinie innerhalb des Rechenbereiches in einer Ent-
fernung von nicht mehr als wenigen Wandeinheiten von der Wand liegen. Wenn dagegen Wandmodellierung
eingesetzt wird, kann der minimale Gitterabstand in Wandnähe um eine Größenordnung größer sein, wodurch
sich die erlaubte Zeitschrittweite ebenfalls erheblich vergrößert.
Wir diskutieren nun die Konstruktion einer näherungsweisen Randbedingung in yP . Nimmt man an, dass yP
in der logarithmischen Schicht einer Grenzschicht ohne Druckgradienten liegt, dann erhält man näherungweise
4 Statistische Turbulenzmodellierung 121
und daher u2τ = −hu0 v 0 i. Außerdem ermittelt man aus dem logarithmischen Wandgesetz
dhui uτ
= .
dy κy
In obige Beziehung für ε eingesetzt erhält man
dhui u3
ε = −hu0 v 0 i = τ . (4.64)
dy κy
Mit dem Wirbelviskositätsansatz
K2
νT = C µ
ε
folgt aber
dhui K 2 uτ K2
u2τ = −hu0 v 0 i = νT = Cµ = Cµ 2 .
dy ε κy uτ
Hierin wurden oben angegebene Beziehung für ε in der logarithmischen Schicht verwendet. Schließlich folgt
1. Man nutzt Gleichgewicht zwischen Π und ε, Stationarität und die Grenzschichtannahmen. Damit
erhält man eine vereinfachte K-Transportgleichung
d νT dK
ν+ =0,
dy σK dy
die in yP+ ∼ 50 gültig ist. Diese Gleichung ist erfüllt, wenn man
dK
=0 (4.66)
dy y=yP
2. Berechnet man K(yp ) aus der K-Transportgleichung, dann kann man aus (4.65) uτ in yP bestimmen
p
uτ (yP ) = Cµ1/4 K(yP ) .
Daraus folgt
3
(uτ (yP ))
ε(yp ) = (4.67)
κyP
und damit eine Dirichlet Randbedingung für ε in yP .
122 4 Statistische Turbulenzmodellierung
4. Alternativ zu Punkt 3 kann man für Grenzschichten mit Druckgradienten auch verwenden
hui uτ (yp )
= . (4.69)
dy yp κyP
Diese Gleichung liefert eine Neumann Randbedingung für hui in yP und ist auch für nichtabgelöste
Grenzschichten mit Druckgradienten geeignet.
Weitere Erweiterungen dieser Überlegung für nichtabgelöste Grenzschichten mit Druckgradienten sind möglich,
siehe hierzu z.B. [4].
Ein anderer Vorschlag zur Wandmodellierung wurde von Durbin (1991) gemacht. Führt man als zusätzliche
Variable die kinetische Energie der wandnormalen Fluktuation V 2 = hv 02 i ein, dann kann die Wirbelviskosität
neu definiert werden als
V 2K
νT = Cµ0 (4.70)
ε
mit Cµ0 = 0.25. Man benötigt nun aber eine zusätzliche Transportgleichung für V 2
∂V 2 ∂V 2 ∂V 2
ε ∂
+ huj i = Kf − V 2 + (ν + νT ) (4.71)
∂t ∂xj K ∂xj ∂xj
Gemäß Durbins Vorschlag wird zur Berechnung von f wird eine sogenannte elliptische Relaxation angesetzt
V2
1 2 Π
L2 ∇2 f − f = (C1 − 1) − − C2 , (4.72)
T K 3 K
mit
r
K ν
T = max ,6 ,
ε ε
1/4 !
K 3/2 ν3
L = CL max , Cη
ε ε
Abbildung 4.13: Geschwindigkeitsprofile einer Profilumströmung mit Ablösung, Vergleich von experimentellen
Daten ◦, K-ε-Modell , V 2 -f -Modell
mit A+
0 = 26. Für das K-ε-Modell ist die gedämpfte Wirbelviskosität dann
K2
ν T = fµ C µ ,
ε
wobei Rodi & Mansour (1993) für die Dämpfungsfunktion
+ 2
−0.00065y +
fµ = 1 − e−0.0002y
vorgeschlagen haben. Die K-Transportgleichung bleibt unverändert, aber in der ε-Gleichung muss aus Kon-
p
sistenzgründen in Wandnähe eine Zeitskale ∼ ν/ε verwendet werden. Hierzu ist zu bemerken, dass man
diese Dämpfung, obwohl in der Praxis oft so üblich, nicht als low-Reynolds-number Korrektur bezeichnen
sollte, da sie in erster Linie den Effekt der Wandblockierung berücksichtigt.
124 4 Statistische Turbulenzmodellierung
Ebenfalls muss die ε-Gleichung (4.27) in der Nähe von Wänden korrigiert werden. Man kann zeigen, dass
an der Wand zwischen ε und K folgender Zusammenhang besteht
√ !2
∂ K
ε(y = 0) = ε0 = 2ν .
∂y
y=0
Für ε̃ = ε−ε0 ist von Jones und Launder (1972) eine modifizierte Transportgleichung vorgeschlagen worden,
ε̃2
∂ ε̃ ∂ ε̃ Πε̃ ∂ νT ∂ ε̃
+ huj i = Cε1 f1 − Cε2 f2 + ν+ ,
∂t ∂xj K K ∂xj σε ∂xj
Alternativ zu dieser Korrektur der ε-Gleichung hat Durbin (1991) vorgeschlagen, die in der ε-Gleichung
auftretende Zeitskale T = K/ε in Wandnähe zu korrigieren. Es wird also eine modifizierte Zeitskale TL
eingeführt, die auch in Wandnähe einen nichtverschwindenden Wert annimmt
r
K ν
TLmod = max ,6 .
ε ε
∂ε ∂ε Π ε ∂ νT ∂ε
+ huj i = Cε1 − Cε2 + ν+ ,
∂t ∂xj TL TL ∂xj σε ∂xj
Folgendes Bild zeigt die Ergebnisse für eine turbulente Kanalströmung bei Reδ = 13750 für ein K-ω Modell
mit Dämpfungskorrekturen (in der Praxis sogenannte low-Reynolds-number Form). Es ist klar zu sehen, dass
der Vergleich mit den DNS Daten insbesondere für K, ε und Π deutliche Verbesserungen im Vergleich zum
unkorrigierten Modell ergibt.
4 Statistische Turbulenzmodellierung 125
Abbildung 4.14: Vergleich der charakteristische Größen einer turbulenten Kanalströmung der Ergebnisse einer
DNS-Daten8 ◦ mit einem K-ω- Modell mit Dämpfungskorrekturen
126 4 Statistische Turbulenzmodellierung
4.8.1 Transitionsmodellierung
Die Berücksichtigung der laminar-turbulenten Transition wird im Allgemeinen auch den Effekten einer niedri-
gen Reynoldszahl zugeordnet, auch wenn das nicht korrekt ist. Wie bereits zuvor dargestellt, ist die Transition
ein Effekt, der von der Instabilität der laminaren Grundströmung gegen kleine Störungen herrührt. Dieser
Prozess läßt sich mit Reynolds-gemittelten Gleichungen grundsätzlich nicht modellieren. Gute Ergebnisse
erhält man daher nur, wenn die Transitionslage vor der Berechnung bekannt ist, und stromab bis zur Tran-
sitionslage mit νT = 0 gerechnet wird. Die sogenannte Bypass-Transition entsteht in einer Umgebung mit
relativ großem Turbulenzgrad der Anströmung. Da die K-ε-Transportgleichungen im Prinzip die Entwicklung
solcher Größen beschreiben, kann man hoffen, dass bei geeigneter Korrektur der K-ε-Transportgleichungen
auch eine mehr oder weniger sinnvolle Transitionsvorhersage für diesen Fall möglich ist. Eine genauere Be-
trachtung der Produktionsterme von K und ε zeigt, dass diese für eine laminare Strömung ausgehend von
negativen Werten im wesentlichen linear mit der Lauflängen-Reynoldszahl anwachsen. Dort, wo die Pro-
duktion von K und ε zum ersten mal positive Werte annimmt, ist die von den K-ε-Transportgleichungen
vorhergesagte Transitionslage. Es zeigt sich, dass die so vorhergesagte kritische Lauflängen-Reynoldszahl
deutlich zu klein ist. Durch empirische Korrektur der Produktionsterme mit Dämpfungsfaktoren kann er-
reicht werden, dass etablierte kritische Reynoldszahlen für bestimmte Transitionsszenarien vom K-ε-Modell
oder vom K-ω-Modell reproduziert werden, siehe hierzu [4].
1. Das K-ε-Modell liefert gute Ergebnisse für zweidimensionale dünne Scherschichten oder Grenzschich-
ten, in denen die mittlere Stromlinienkrümmung und der mittlere Druckgradient klein sind.
2. Für Grenzschichten mit starken Druckgradienten liefert das K-ε-Modell eher schlechte Ergebnisse, das
K-ω-Model ist dagegen zufriedenstellend.
3. Im allgemeinen erhält man mit dem K-ω-Modell oft bessere Ergebnisse als mit dem K-ε-Modell.
4. Für staupunktartige und dreidimensionale Strömungen kann das K-ε-Modell sehr schlechte Ergebnisse
liefern.
Als Beispiel soll die Vorhersage der Turbulenzproduktion in einer Profilumströmung mit dem unkor-
rigierten K-ε-Modell (oben) und mit einer korrigierten Version (unten) dienen. In der korrigierten
Version Version wird die Turbulenzproduktion in der Nähe des Staupunktes limitiert. Gezeigt sind
K-Isolinien:
Abbildung 4.15: Linien gleicher turbulenter Produktion ohne Korrektur der Wandanomalie (oben) und mit
Korrektur der Wandanormalie (unten)
5. V 2 -f -Modell ist eine signifikante Verbesserung des K-ε-Modells insbesondere in Fällen wie unter Punkt
4.
Grobstruktur-Simulation Large-Eddy
Simulation
Für, über einen weiten Skalenbereich instationäre, Probleme ist eine, auf zeitlicher Mittlung basierende,
Reynolds-gemittelte Beschreibung ungeeignet. Für Probleme mit klarer zeitlicher Skalenseparation kann man
das Mittlungskonzept erweitern (Phasenmittelung). In vielen praktischen Problemen, insbesondere solche,
die Schallabstrahlung oder Strömungsinstabilitäten involvieren, ist dies aber nicht möglich. Für solche Pro-
bleme eignet sich die sogenannte Grobstruktur-Simulation oder Large-Eddy-Simulation (LES). Wie der Name
bereits sagt, versucht man eine zeitgenaue Beschreibung der größeren räumlichen Skalen zu erzielen. Eine
Methode, zwischen größeren und kleineren Skalen zu unterscheiden, liefert die räumliche Tiefpaß-Filterung:
Der erste Term auf der rechte Seite repräsentiert die Grobstruktur (resolved scales), der zweite Term
die Feinstruktur (subgrid scales - SGS). Für ūi kann eine Transportgleichung durch Filterung der Konti-
nuitätsgleichung und der Navier-Stokes-Gleichungen hergeleitet werden. Es erscheint als nicht-geschlossener
Term der Feinstruktur-Spannungstensor oder SGS-Stress-Tensor
τij = ui uj − ui uj . (5.2)
Ähnlich wie in der statistischen Turbulenzmodellierung wird nun mittels Modellierungsansätzen τij näherungs-
weise aus u bestimmt. Die gefilterten Navier-Stokes-Gleichungen mit modelliertem τij werden numerisch
gelöst. In der Regel sind die gesuchten Lösungen instationär, d.h. ein ausreichend genaues Verfahren zur Zei-
tintegration wird benötigt. Im Sprachgebrauch der LES tauchen noch weitere Begriffe auf. Als gut aufgelöst
(well resolved) bezeichnet man eine LES wenn die Grobstruktur ca. 80% der gesamten TKE enthält. Als
VLES (Very-Large-Eddy Simulation) bezeichnet man eine LES, bei der die Grobstruktur deutlich weniger als
ca. 80% der gesamten TKE enthält. Der Rechenaufwand für eine LES turbulenter Grenzschichtströmungen
wird im wesentlichen durch die Auflösungsanforderungen des wandnahen Bereiches bestimmt. Daher ver-
wendet man neben der LES auch sogenannte DES (detached-eddy simulation), in welcher der wandnahe
Bereich bewusst unteraufgelöst wird. Sinnvolle Ergebnisse mit DES kann man daher nur für massiv abgelöste
Strömungen, wie z.B. den turbulenten Nachlauf eines stumpfen Körpers, erwarten. Eine Alternative zur DES
130 5 Grobstruktur-Simulation Large-Eddy Simulation
stellen hybride URANS/LES-Verfahren dar, in denen zwischen Strömungsgebieten, die zumindest eine zeit-
liche Skalentrennung zwischen turbulenten Fluktuationen und statistisch gemittelter Strömung aufweisen,
und solchen, für die das nicht gilt unterschieden wird. Erstes gilt z.B. für turbulente anliegende Grenz-
schichten, während zweites in der Nähe einer instationären Grenzschichtablösung gilt. Liegt eine zeitliche
Skalentrennung vor, kann mit einem URANS-Verfahren gearbeitet werden, ansonsten mit einer LES. Die
Gebiete können entweder scharf oder gleitend abgegrenzt werden.
5.1 Filterungsmethode
Die Filteroperation wird definiert durch
Z∞
ui (x, t) = G(x − x0 )ui (x0 )dx0 = G ∗ ui . (5.3)
−∞
Man beachte, dass anders als für die Reynolds-Mittelung für die Filterung im Allgemeinen gilt: f g 6= f g,
f 6= f , f 0 6= 0.
Die Filterkerne sind in der Regel Fourier-transformierbar
Z∞
1
Ĝ(k) = G(k)e−ik·x dx . (5.5)
(2π)3
−∞
Unter Anwendung des Faltungssatzes lässt sich die Filterung (5.3) im Spektralraum durch einfache Multi-
plikation ausdrücken
Filterkerne werden im Allgemeinen basierend auf 1D Formulierungen definiert. Mit ∆ bezeichnet man die
Filterweite. Die wichtigsten Filterkerne sind:
1. Der Top-Hat-Filter
(
1
∆ , −∆
2 ≤x≤
∆
2
GH (x) = (5.7a)
0 , sonst
Die Fourier-Transformierte ist
sin k∆
2
2π ĜH (k) = k∆
(5.7b)
2
1. Geometrische Erweiterung:
wobei C(∆) ein Korrekturfaktor zur Erfüllung der Normierungsbedingung ist. Z.B. erhält man für den
3D Top-Hat-Filter
(
1 ∆
∆ , kxk ≤ 2
GH (x) =
0 , sonst
2. Tensorielle Erweiterung:
Beachte, dass tensoriell erweiterte 3D Filter im Allgemeinen nicht isotrop sind. Nur für den Gauß-Filter
geben beide Formulierungen denselben isotropen Ausdruck für den 3D Filter.
In mehreren Raumdimensionen ist in der Regel die Filterweite in der Koordinate xi proportional zur Gitter-
weite ∆i ∼ hi . Da man eine skalare Filterweite zur Charakterisierung eines 3D Filters benötigt, definiert
man meist eine Filterweite aus dem geometrischen Mittel der eindimensionalen Filterweiten
In folgenden Bild sind der Top-Hat-Filter, der spektrale Abschneidefilter und der Gauß-Filter im Realraum
(links) und im Spektralraum (rechts) dargestellt:
2π Ĝ(κ)
∆G(r)
r κ
∆ κc
Abbildung 5.1: Beispiele der Filterung eines Signales im Realraum (links) und im Spektralraum (rechts),
Top-Hat-Filter , spektraler Abschneidefilter , Gauß-Filter
132 5 Grobstruktur-Simulation Large-Eddy Simulation
Den Effekt der räumlichen Filtering kann man am Vergleich eines ungefilterten mit einem gefilterten turbulen-
ten Geschwindigkeitssignal im Realraum (links) erkennen. Man erkennt, dass die Filterung des ungefilterten
eindimensionales Energiespektrums Skalen mit großen Wellenzahlen dämpft (rechts):
E11 (κ) κ = κc
hu2 iL11
U, U
u0 , u0
x L11 κ
Abbildung 5.2: Vergleich des ungefilterten und des gefilterten Signales im Realraum (links) und im Spektral-
raum (rechts)
5.2 Feinstruktur-Spannungstensor
Die Filterung der Erhaltungsgleichungen liefert die LES-Gleichungen, für ein inkompressibles Fluid mit kon-
stanten Fluideigenschaften bestehend aus den gefilterten Navier-Stokes-Gleichungen
τij = ui uj − ui uj (5.13)
der eingangs erwähnte Feinstruktur-Spannungstensor. Dieser Term kann nicht aus der Kenntnis von u alleine
berechnet werden, verursacht also ein Schließungsproblem . Ähnlich wie bei der statistischen Turbulenzmo-
dellierung müssen Modellannahmen getroffen werden, um diesen Term näherungsweise zu berechnen.
hergeleitet werden
∂Ef ∂Ef ∂ 1 ∂Ef ∂ui ∂ui
+ uj = − p uj + ν − ui τij − ν + τij S ij (5.15)
∂t ∂xj ∂xj ρ ∂xj ∂xj ∂xj
Der erste Term auf der linken Seite ist ein Umverteilungsterm der Grobstrukturenergie, der zweite Term
wird als εf bezeichnet und stellt die viskose Dissipation der Grobstrukturenergie dar, der dritte Term wird
als −εSGS bezeichnet und repräsentiert die Feinstruktur-Dissipation. Hierbei wurde
1 ∂ui ∂uj
S ij = + (5.16)
2 ∂xj ∂xi
verwendet.
1. Die viskose Dissipation εf > 0 führt immer zu einer Abnahme der Grobstrukturenergie.
εSGS (x, t) > 0 ⇒ Energietransfer von Grobstruktur zu Feinstruktur, bezeichnet man als outs-
catter,
εSGS (x, t) < 0 ⇒ Energietransfer von Feinstruktur zu Grobstruktur, bezeichnet man als backs-
catter.
3. Im Mittel über ein ausreichend großes Volumen und über einen ausreichend großen Zeitraum betrachtet
ist der Effekt von εSGS dissipativ, d.h. er führt zu einer Abnahme der Grobstruktur-Energie. Es ist aber
zu bemerken, dass dieser Term aufgrund der nichtlinearen Wechselwirkungen zwischen Feinstruktur
und Grobstruktur im konvektiven Term der Navier-Stokes-Gleichungen zustande kommt, also einen
völlig anderen Charakter hat, als ein Dissipationsterm in strengem Sinne. Insbesondere nimmt er nicht
mit zunehmender Reynoldszahl ab.
Das folgende Bild zeigt Isokonturen1 der SGS Schubspannung τ12 im Fernfeld eines turbulenten runden
Freistrahls , gemessen mit PIV. Auf der linken Seite ist das Ergebnis für das direkt gemessene τ12 zu sehen,
während auf der rechten Seite die Vorhersage eines Wirbelviskositätsmodells für τ12 , basierend auf der
gemessenen Scherrate S ij zu sehen ist (siehe Abschnitt 5.5). Die weißen Bereiche im linken Bild fallen mit
εSGS h0 zusammen, stellen also Gebiete mit backscatter dar:
Abbildung 5.3: Isokonturen der SGS Schubspannung, direkt gemessenes τ12 (links) und Vorhersage für τ12
mit einem Wirbelviskositätsmodell (rechts)
Der enge Zusammenhang zwischen Diskretisierung und Filterung wird deutlich, wenn man dieser Gleichung
die gefilterten Navier-Stokes-Gleichungen im Spektralraum gegenüber stellt
dûi 1 2
i uj = − Ĝiki p̂ − ν Ĝk ûi .
+ Ĝikj ud
dt ρ
Damit diese Gleichungen eine ausreichend genaue Approximation der gefilterten Navier-Stokes-Gleichungen
darstellen, muss man also fordern, dass im Paß-Bereich des Filters ĜŜ (1) ≈ Ĝikj bzw. ĜŜ (2) ≈ −Ĝk 2 ist.
Das kann entweder dadurch erreicht werden, dass der Filter, bzw. dessen Filterweite ∆, an die gegebene
Diskretisierung angepasst wird, oder dadurch, dass eine Diskretisierung höherer Ordnung oder ein feineres
Rechengitter bei entsprechender Zunahme der Filterweite relativ zur Gitterweite, gewählt wird.
5 Grobstruktur-Simulation Large-Eddy Simulation 135
5.5 Wirbelviskositätsmodelle
5.5.1 Smagorinsky-Modell
Wirbelviskositätsmodelle basieren auf folgendem Ansatz für die SGS-Spannungen
lS = CS ∆ (5.18)
und ist damit proportional zur Filterweite. Die Wirbelviskosität ergibt sich dann zu
2 1/2
νT = (CS ∆) 2S ij S ij = CS2 ∆2 |S| . (5.19)
Divergenzfreiheit erfordert eine Modifikation des Ansatzes, die in dem sogenannten Smagorinsky-Modell
resultiert:
2
τij − KSGS δij = −2νT S ij . (5.20)
3
Die Smagorinsky-Konstante CS muss noch bestimmt werden. Für isotrope Turbulenz bei ausreichend großer
Reynoldszahl, sodass ein Kolmogorov-Spektrum ausgeprägt ist, hat Lilly (1967) für eine LES mit einem
Filter, dessen Abschneidewellenzahl kC im Trägheitsbereich liegt, folgende Abschätzung gefunden:
√
ε 1
CS ≈ = ≈ 0.17 , (5.21)
2
∆h|S| i 3/4 (af CK )3/4
wobei die Mittlung als Volumenmittlung zu verstehen ist, af ist eine alleine vom Filterkern, nicht von der
Filterweite abhängige Größe, und der Zahlenwert gilt für einen spektralen Abschneidefilter. In der Realität
findet man aber, dass geeignete CS Werte um ca. 1 Größenordnung kleiner sein können.
In der Nähe von Wänden wird der Mischungsweg lS im Allgemeinen mit einer van Driest Dämpfungsfunktion
versehen
+
lS = CS ∆ 1 − e−y /A0 (5.22)
mit A0 = 26.
i uj − ui uj
Lij = ug ee
i uj − ui uj
Tij = ug ee
136 5 Grobstruktur-Simulation Large-Eddy Simulation
kann man eine Identität zwischen diesen Größen und der SGS Spannung anschreiben
Nun wird für SGS Spannungen und Testfilter-Spannungen das Smagorinsky-Modell angesetzt, wobei man
CS2 durch CD ersetzt
1
τij − τkk δij = −2CD ∆2 |S|S ij
3
und
1 2 e e
Tij − Tkk δij = −2CD ∆00 |S| S ij
3
worin
1
Ldij =ij − Lkk δij
3
und
00 2
Mij = CD 2∆2 |S|S
^
ij − 2∆ |S|
eS e
ij .
Diese Gleichung liefert ein überbestimmtes System zur Bestimmung von CD , was durch Fehlerquadratmini-
mierung regularisiert gelöst werden kann
Lij Mij
CD = . (5.25)
Mij Mij
1. Das Smagorinsky-Modell geht von CS = konst aus, während im dynamischen Modell CD = CD (x, t).
2. CD kann positiv oder negativ sein, daher kann also backscatter prinzipiell modelliert werden.
3. In der Praxis verursacht die starke räumliche und zeitliche Variation von CD oft Instabilitäten. Man
korrigiert die berechnete CD Verteilung daher oft durch Abschneiden negativer Werte, Filterung oder
Volumenmittlung.
4. Die dynamische Bestimmung von CD führt zu einem korrekten wandnahen Verhalten, eine zusätzliche
Dämpfungsfunktion ist daher unnötig.
5.5.3 Strukturfunktionsmodell
Für die Entwicklung des Strukturfunktionsmodells geht man von der Transportgleichung für die Energie
einer Kugelschale im Wellenzahlraum (2.166) aus. Der LES Ansatz führt dazu, dass nicht alle Wellenzahlen,
die an den Wechselwirkungstriaden beteiligt sind, vorhanden sind (durch Filterung entfernt), sodass der
entsprechende Beitrag zum Energie-Transferterm T̂ (k, t) nicht berechnet werden kann. Die Wellenzahl, ab
der durch die Filterung abgeschnitten wird, bezeichnet man als kC (cutoff-wavenumer). Man spaltet daher
T̂ (k, t) auf in
T̂ L (k, t) kann also berechnet werden, während T̂ S (k, t) modelliert werden muss. Ein Vorschlag ist, T̂ S (k, t)
als Dissipationsterm mit wellenzahlabhängiger Viskositätskoeffizienten, der sogenannten spektralen Wirbel-
viskosität (spectral eddy viscostiy), zu formulieren
Unter der Annahme, dass ein Kolmogorov-Spektrum ausgeprägt ist und dass kC im Trägheitsbereich liegt
hat Chollet (1984) folgenden Ausdruck unter Verwendung theoretischer Turbulenztheorien bestimmt
s
Ê(kC , t) −3/2
νe (k/kC ) = CK 0.441 + 15.2e−3.03k/kC . (5.27)
kC
Für eine Diskretisierung im Realraum haben Métais und Lesieur (1992) folgenden Vorschlag für eine Real-
raumformulierung der spektralen Wirbelviskosität gemacht
−3/2
p
νTSF (x, t) = 0.105CK δ F2 (x, t) . (5.28)
138 5 Grobstruktur-Simulation Large-Eddy Simulation
Hierin wird die Strukturfunktion zweiter Ordnung für die gegebene Filterweite ∆ ausgewertet
1
τij − τkk δij = νTSF S ij
3
Spaltet man die ungefilterte Lösung auf, dann erhält man für den Feinstruktur-Spannungstensor
τij = ui uj − ui uj = ui uj − ui uj + ui u0j + uj u0i − ui u0 j − uj u0 i + u0i u0j − u0 i u0 j .
Den ersten Term auf der rechten Seite kürzt man als Lij ab und bezeichnet ihn als Leonard-Spannung. Den
zweiten Term auf der rechten Seite kürzt man als Cij ab und bezeichnet ihn als Kreuz-Spannung. Den dritten
Term auf der rechten Seite kürzt man als Rij ab und bezeichnet ihn als Feinstruktur-Reynoldsspannung.
Ein Vorschlag von Bardina (1980) ist Skahlenähnlichkeit anzunehmen und Cij ≈ 0 und Rij ≈ 0 zu setzen.
Man erhält das Skalenähnlichkeitsmodell (scale-similarity model)
τij = ui uj − ui uj . (5.29)
Das folgende Bild zeigt Isokonturen der SGS Schubspannung τ12 im Fernfeld eines turbulenten runden
Freistrahls (Meneveau & Katz, 2000), gemessen mit PIV. Auf der linken Seite ist die Vorhersage des Ska-
lenähnlichkeitsmodells zu sehen, während auf der rechten Seite die Vorhersage des gemischten Modells zu
sehen ist:
5 Grobstruktur-Simulation Large-Eddy Simulation 139
Abbildung 5.5: Isokonturen der SGS Schubspannung, Vorhersage des Skalenähnlichkeitsmodelles τ12 (links)
und Vorhersage für τ12 des gemischten Modelles (rechts)
5.7 Dekonvolutionsmodelle
Bei diesen Modellen folgt man einer grundsätzlich anderen Idee: man versucht eine näherungsweise unge-
filterte Größe ũi aus ui zu rekonstruieren. Man beachte, dass sinnvolle Filter immer einen Teil des Wellen-
zahlspektrums entfernt. Daher ist eine exakte Entfilterung nicht möglich. Die inverse Filteroperation führt
zu einem schlecht gestellten Problem. In einer regularisierten Form ist eine näherungsweise Invertierung aber
möglich. Da die Filterung in der Regel als Faltungsoperation oder Konvolution auftritt, spricht man dann
von Dekonvolution.
Eine einfache Methode der regularisierten inversen Filterung lautet folgendermaßen. Nimmt man zunächst
an, dass G−1 existiere, dann ist
∞
X
G−1 = I + (I − G) + (I − G)2 + · · · = (I − G)µ .
µ=0
Hierin ist I der Einheitsoperator. Diese Reihendarstellung folgt durch Verallgemeinerung der geometrischen
Reihe für Funktionale. Wenn G−1 nicht existiert, kann man eine regularisierte inverse Operation durch
M
X
G̃−1 = (I − G)µ (5.31)
µ=0
definieren, wobei M der Regularisierunsparameter ist. Die Anwendung dieser Operation auf ui gibt
Eingesetzt in τij erhält man das Approximative Dekonvolutiosmodell von Stolz & Adams (1999)
• A priori Tests: die LES wird nicht tatsächlich durchgeführt, sondern die Modellvorhersage wird anhand
von DNS Daten (oder experimentellen Daten) überprüft. Da DNS und LES nur im statistischen
Sinne übereinstimmen müssen, kann man nur momentane Größen vergleichen. Daher stellen a priori
Untersuchungen eine notwendiges Kriterium für gute SGS Modelle dar. Sie bedeuten aber nicht, dass
Modelle, die in diesen Tests für gut befunden wurden, auch bei a posteriori Untersuchungen gute
Ergebnisse liefern.
• A posteriori Tests: die LES wird tatsächlich durchgeführt und Turbulenzstatistiken werden mit denen
der DNS verglichen.
Als Ergebnis solcher Untersuchungen stellt man z.B. für das Smagorinsky-Modell fest, dass a priori Test
Korrelations-Koeffizienten für den SGS-Spannungstensor zwischen 0.1 und 0.3 liefert. Also hat der durch
das Smagorinsky-Modelle modellierte SGS Spannungstensor wenig mit dem wirklich vorliegenden SGS Span-
nungstensor zu tun. Allerdings liefert das Smagorinsky-Modell in seiner dynamischen Version eine recht gute
Vorhersage der globalen SGS-Dissipation. Daher sind a posteriori Ergebnisse mit dem dynamischen Modell
oft besser als die a priori Tests erwarten ließen.
Anhang A
Mathematischer Anhang
Beispiele:
• Vektorprodukt:
u × v = ijk uj vk
1 falls ijk = 123, 231 oder 312
ijk = 0 falls zwei Indizes identisch sind
−1
falls ijk = 321, 213 oder 132
(
1 falls i=j
δij =
0 falls i 6= j
A.2 Vektoranalysis
Differential-Vektoroperator Kartesische Koordinaten:
∂
∂x
∇= ∂
∂y
∂
∂z x,y,z
Zylinderkoordinaten:
∂
∂r
∇= 1 ∂
r ∂ϕ
∂
∂x r,θ,x
Kugelkoordinaten:
∂
∂r
∇= 1 ∂
r ∂θ
1 ∂
r sin θ ∂ϕ r,θ,ϕ
Divergenz
div u ≡ ∇ · u
grad f ≡ ∇ f
In Zylinderkoordinaten (r, θ, x)
∂f
∂r
∇f = 1 ∂f
r ∂θ
∂f
∂x
A Mathematischer Anhang 143
In Kugelkoordinaten (r, θ, ϕ)
∂f
∂r
∇f = 1 ∂f
r ∂θ
1 ∂f
r sin θ ∂ϕ
Rotation
rot u ≡ ∇ × u
In Zylinderkoordinaten (r, θ, x)
1 ∂ux ∂uθ
−
r∂u∂θr ∂x
∂ux
∇×u= h ∂x − ∂r
i
1 ∂(ruθ )
r ∂r − ∂u∂θ
r
In Kugelkoordinaten (r, θ, ϕ)
∂u sin θ
1 ϕ
− ∂u θ
r sin1 θ ∂u∂θ ∂ϕ
1 ∂ruϕ
∇×u= r sinh θ ∂ϕ − r ∂ri
r
1 ∂(ruθ )
r ∂r − ∂u
∂θ
r
Vektoridentitäten:
1. ∇(α + β) = ∇α + ∇β
5. ∇ · (a + b) = ∇ · a + ∇ · b
6. ∇ × (a + b) = ∇ × a + ∇ × b
8. ∇ · (αa) = α∇ · a + a · ∇α
9. ∇ · (a × b) = b · ∇ × a − a · ∇ × b
10. ∇ · ∇ × a = 0
11. ∇ × (αa) = α∇ × a + ∇α × a
144 A Mathematischer Anhang
13. ∇ × ∇ × a = ∇∇ · a − ∆a
14. ∇ × ∇α = 0
19. g · (a × b) = b · (g × a) = a · (b × g)
21. a × (b × g) = (a · g) · b − g(a · b)
Dyadisches Produkt:
In kartesischen Koordinaten (x, y, z)
∂u1 ∂u2 ∂u3
τ : grad u = τ11 + τ12 + τ13
∂x1 ∂x1 ∂x1
∂u1 ∂u2 ∂u3
+ τ21 + τ22 + τ23
∂x2 ∂x2 ∂x2
∂u1 ∂u2 ∂u3
+ τ31 + τ32 + τ33
∂x3 ∂x3 ∂x3
In Zylinderkoordinaten (r, θ, x)
∂ur ∂ uθ ∂ux
τ : grad u = τrr + τrθ r + τrx
∂r ∂r
r ∂r
1 ∂ur 1 ∂uθ ur 1 ∂ux
+ τθr + τθθ + + τθx
r ∂θ r ∂θ r r ∂θ
∂ur ∂uθ ∂ux
+ τxr + τxθ + τxx
∂x ∂x ∂x
In Kugelkoordinaten (r, θ, ϕ)
∂ur 1 ∂ur uθ 1 ∂ur uϕ
τ : grad u = τrr + τrθ − + τrϕ −
∂r r ∂θ r r sin θ ∂ϕ r
∂uθ 1 ∂uθ ur 1 ∂uθ vϕ cot θ
+ τθr + τθθ + + τθϕ −
∂r r ∂θ r r sin θ ∂ϕ r
∂uθ 1 ∂uθ 1 ∂uϕ ur uθ cot θ
+ τθr + τϕθ + τϕϕ + +
∂r r ∂x r sin θ ∂ϕ r r
Z Z
div u dV = u · n dS
V S
ZZ I
rot u · n dS = u dl
S K
A.3 Abschätzungen
In einem Ausdruck f (x, y) = O(g) bezeichnet O das sogenannte Landau-Symbol . Das Symbol bedeutet,
daß
wobei e(i) e(j) als dyadisches Produkt zu verstehen ist. Das Kronecker-Delta wird definiert durch
Komponenten invarianter Tensoren sind unabhängig vom gewählten Koordinatensystem. Ein Tensor 0. Stufe
ist ein Skalar und daher invariant. Ein Tensor 1. Stufe ist ein Vektor und daher nicht invariant. Eine Koordi-
natentransformation eines Tensors kann auf die Operationen Rotation und Vorzeichenwechsel zurückgeführt
werden. Den Rotationsoperator bezeichnet man als R, der Operator ist unitär RRT = I, bzw. Rij Rkj = δik.
Die Vorzeichenänderung der Koordinate x1 erreicht man durch den Operator
−1 0 0
P1 = 0 1 0 ,
0 0 1
entsprechend für alle anderen Komponenten. Dieser Operator ist ebenfalls unitär.
Isotrope Tensoren sind invariant gegen Rotation und Reflexion. Rotation und Reflexion können durch o.g.
Transformationen dargestellt werden. Ein Tensor 0. Stufe ist immer isotrop. Ein Tensor 1. Stufe kann nur
146 A Mathematischer Anhang
dann isotrop sein, wenn er verschwindet (Nullvektor). Ein Tensor 2. Stufe ist nur dann isotrop, wenn er die
Form
hat, wobei a eine skalare Konstante ist. Dies kann man einsehen, indem man fordert, daß die Tensorkom-
ponenten vor und nach der Transformation gleich sind
wobei Qij eine unitäre Transformation, zusammengesetzt aus Rotationen und Vorzeichentausch, darstellt.
Eine Mögliche Lösung ist Tij = aδij , da aber das entstehende Gleichungssystem zur Bestimmung von Tij
keinen Rangverlust aufweist, sit dies auch die einzige Lösung.
Literaturverzeichnis
räumlich, 17 Navier-Stokes-Gleichung, 13
zeitliches, 17 Navier-Stokes-Gleichungen
Intermittenzfaktor, 26 Reynolds-gemittelten, 31
isotrope Turbulenz, 79 Normalmoden-Ansatz, 16, 19
Nyquist-Wellenzahl, 94
Kelvinsches Wirbeltheorem, 18
Kernbereich, 56 Orr-Sommerfeld-Gleichung, 21
Klebanov-Funktion, 103, 104
Parseval-Gleichung, 84
Kolmogorov-Konstante, 86
PDF, 74
Kolmogorov-Theorie, 86
marginale, 77
Kontinuitätsgleichung, 13
Phasengeschwindigkeit, 17
Konvektion
Phasenmittelung, 129
mittlere, 34, 66, 67
Produktion, 91
turbulente, 34, 67
Produktionstensor, 34, 67
Korrelation
Auto-, 78 Randbedingung
Kreuz-, 78 Dirichlet, 121, 122
Kovarianz, 78 Neumann, 121, 122
Kreuz-Spannung, 138 RANS, 31
Kurtosis, 76 Rayleigh-Taylor-Instabilität, 14
Rayleigh-Wendepunkt-Theorem, 21
Längenmaße
Realisierbarkeit, 99
integralen, 44, 83
Realisierung, 30
Lambda-Wirbel, 24
Regularisierungsparameter, 139
Leonard-Spannung, 135, 138
Renormalisierungsgruppentheorie, 110
low-Reynolds-number, 119
Reynolds-Bedingung, 31
m-te Moment, 76 Reynolds-Spannungs- Tensors, 31
m-te zentrale Moment, 76 Reynoldsspannung, 11
Mischungsweg, 101 Feinstruktur, 138
Modell Reynoldsspannungstransportgleichung, 34
v 2 − f -, 120 Reynoldszahl, 12, 15
2-Schicht-, 103 Rezeptivität, 28
algebraisches Turbulenz-, 101
Scheinspannung, 11, 31
approximative Dekonvlutions, 139
turbulent, 100
Cebeci-Smith, 103
Scherströmung, 14
gemischt, 138
Schließungsproblem, 31, 132
Mischungsweg, 102
selbstähnlich, 39
Skalenähnlichkeits, 138
Simulation
Smagorinsky, 135
Detached-Eddy, 129
Strukturfunktions, 137, 138
direkte numerische, 96
Momentanverlauf, 10
Grobstruktur, 129
Nachlauf-Funktion, 104 Large-Eddy, 129
150 INDEX
Kern-, 38 Wandschubspannungs-Reynoldszahl, 51