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Unheimlich

Das Dokument beschäftigt sich mit der sogenannten 'Uncanny-Valley-Hypothese', die besagt, dass Menschen äußerst menschenähnliche Roboter oft ablehnen. Es wird erklärt, warum dies so ist und historische Vorläufer dieses Phänomens beschrieben. Außerdem werden aktuelle Forschungsergebnisse zu Wahrnehmung und Erleben menschenähnlicher Maschinen vorgestellt.

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Unheimlich

Das Dokument beschäftigt sich mit der sogenannten 'Uncanny-Valley-Hypothese', die besagt, dass Menschen äußerst menschenähnliche Roboter oft ablehnen. Es wird erklärt, warum dies so ist und historische Vorläufer dieses Phänomens beschrieben. Außerdem werden aktuelle Forschungsergebnisse zu Wahrnehmung und Erleben menschenähnlicher Maschinen vorgestellt.

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Running head: UNHEIMLICHE ROBOTER 1

Roboter im Gruselgraben:

Warum uns menschenähnliche Maschinen oft unheimlich sind

Martina Mara1,2, Markus Appel2


1
Ars Electronica Futurelab, Linz, Österreich
2
Universität Koblenz-Landau, Landau, Deutschland

Accepted for publication in Das In-Mind Magazin.

Korrespondenz bitte an:

Martina Mara

Ars Electronica Futurelab

Ars-Electronica-Straße 1, A-4040 Linz, Österreich

[Link]@[Link], +43-650-9696111
UNHEIMLICHE ROBOTER 2

Teaser

Der Robotik wird für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre ein regelrechter Boom

prognostiziert. Bereits heute sind robotische Hilfskräfte prototypisch in der Pflege, im Haushalt

oder am Empfangspult im Einsatz. Manche davon sehen fast wie echte Menschen aus. Gerade

diese sind uns oft aber am wenigsten geheuer. Warum wir allzu menschenähnliche Maschinen

ablehnen, damit setzt sich seit kurzem die Forschung zum „Uncanny Valley“ – zum

„unheimlichen Tal“ – auseinander. Der Artikel gibt einen Überblick über Thesen und erste

empirische Befunde zum Gruselfaktor Roboter.

Artikelschlagwörter: Uncanny Valley, Unheimlichkeit, Mensch-Roboter-Interaktion,

Robopsychology, Androide
UNHEIMLICHE ROBOTER 3

Roboter im Gruselgraben: Warum uns menschenähnliche Maschinen oft unheimlich sind

Da steht sie, aufrecht hinter der Kücheninsel, und wischt mit immer gleichen Bewegungen

über die Arbeitsfläche. Das schwarze Haar fällt seidig übers Blusenkleid, der Porzellan-Teint

scheint makellos. Eine asiatische Schönheit – wäre da nicht ihr seltsam starrer Blick. „Gute

Nacht, Anita!“ winkt der Sohn der Familie, bevor die Tür zu seinem Zimmer zufällt. „Gute

Nacht, Tobias“, erwidert Anita und legt ihr Putztuch beiseite. Den Haushalt hat sie für heute

erledigt. Sie dreht das Licht ab und setzt sich auf den Stuhl, der an der Wand für sie bereit steht.

Mit einem Griff unter die linke Achsel zieht sie ein Stromkabel aus ihrem Brustkorb. Als sie es

an die Steckdose anschließt, ertönt ein kurzer Piep. Anita schlägt die Augen zu. Sie lädt jetzt.

Anita ist ein hochentwickelter androider Roboter und als solcher eine der Hauptfiguren in

Äkta Människor (Echte Menschen). Die schwedische TV-Serie aus dem Jahr 2012 bringt eine

alternative Realität auf den Bildschirm, in der nahezu perfekte Kunstmenschen namens Hubots

längst im Alltag vorstädtischer Reihenhaussiedlungen angekommen sind. Nahezu perfekt. Denn

blinzeln tun sie etwa nicht, die Hubots. Und gerade ältere Modelle erkennt man neben ihrem

USB-Slot im Nacken auch an der allzu gestelzten Sprache und kantigen Motorik. Damit

unterscheiden sich die Roboter aus dem Fernsehen gar nicht so stark von jenen Androiden, die

derzeit bereits in Labors japanischer Robotiker entstehen. Nicht fiktiv, sondern als reale

Prototypen mit Haut und Haar und Händen, deren Finger selbst im Standby-Modus ganz leicht

vor sich hin vibrieren, um die natürlichen Mikrobewegungen von uns Menschen bestmöglich zu

imitieren. Die sogenannten Geminoids, mit denen Androiden-Forscher Hiroshi Ishiguro

ferngesteuerte Doppelgänger von sich selbst und anderen Personen geschaffen hat, sind ein

anschauliches Beispiel dafür (Abb. 1 und 5).


UNHEIMLICHE ROBOTER 4

- Abb. 1 etwa hier –

Ist Ihnen nun etwas mulmig zumute? Gruselt‘s Ihnen beim Anblick der menschengleichen

Maschinen gar? Dann sind Sie soeben wohl in das sogenannte „Uncanny Valley“ gefallen – ins

Tal der unheimlichen Gefühle, die uns allzu lebensechte Kunstkreaturen oft bescheren. Doch

keine Angst: alleine sind Sie dort unten nicht! Ein kurzes Blättern durch die Nutzerkommentare,

die man unter Online-Videos von menschenähnlichen Robotern findet, zeigt, dass

Ablehnungstendenzen weit verbreitet sind. Unter den Reaktionen auf ein YouTube-Filmchen

über den androiden Telenoid (Abb. 2) findet sich gar ein recht explizites „Burn it with fire!“.

- Abb. 2 etwa hier -

Die Uncanny-Valley-Hypothese

Beschrieben wurde das Phänomen des „Uncanny Valley“ (Unheimliches Tal) erstmals vom

japanischen Robotiker Masahiro Mori (1970). Er skizzierte eine Kurve, die den von ihm

angenommenen Zusammenhang zwischen der Menschenähnlichkeit künstlich erschaffener

Figuren und der emotionalen Reaktion des Publikums reflektiert (Abb. 3). Moris Hypothese

lautete dabei wie folgt: Solange wir uns im Spektrum einer generell niedrigen

Menschenähnlichkeit befinden, haben wir mit der „Vermenschlichung" künstlicher Kreaturen

noch kein Problem. Dem Cowboy Woody aus Pixars Animationsfilm Toy Story bringen wir eher

unsere Sympathie entgegen als einem einfachen Strichmännchen. Ein Roboter mit angedeutetem

Kopf- und Rumpfbereich – Typus R2-D2 etwa – führt zu positiverer Resonanz als ein

industrieller Schwenkarm. Dieser Effekt verkehrt sich allerdings ins Gegenteil, sobald wir ein
UNHEIMLICHE ROBOTER 5

Level sehr hoher Menschenähnlichkeit erreichen. Hier, sagt Mori, sinkt unsere Akzeptanz im

Sturzflug. Auf dem Maschine-Mensch-Kontinuum (Mori‘s x-Achse) beginnt nun jener schaurige

Abschnitt, in dem die Konturen zwischen Leblos- und Lebendigkeit verwischen: Wachsfiguren,

Prothesen, Frankensteins Monster, Avatare, Androide – dem Menschen beinah zum Verwechseln

ähnlich, aber eben doch nicht ganz richtig – landen hier bäuchlings im unheimlichen Tal und

bringen unsere Nackenhaare in Aufruhr. Erst wenn uns eine Figur durch bravouröse

Menschengleichheit vollends täuschen würde, könnte sie das Tal überspringen und damit

wiederum hohe Akzeptanzwerte erreichen (Mori, 1970).

Die perfekte Simulation menschlicher Imperfektion – dahin muss man es erstmal schaffen.

Und davor noch muss man erstmal dahin wollen.

- Abb. 3 etwa hier -

Androide auf dem Weg in unseren Alltag?

Als Stoff für Geschichten ist das Konzept des künstlichen Menschen ja schon lange

hochbegehrt: Von frühen Golem-Mythen über die Literatur der Romantik (E.T.A. Hoffmann

etwa) bis zur modernen Science Fiction – immer wieder wurden Ebenbilder unserer Spezies aus

Lehm, Metall oder Computercode zumindest fiktional zum Leben erweckt. Angesichts schneller

Entwicklung und steigender Zugänglichkeit robotischer Technologien könnte das, was wir aus

Science Fiction kennen, in Industrienationen nun aber bald zum sozialen Faktum werden. Gerade

im asiatischen Bereich werden derzeit hohe Fördersummen in die Realisierung von Assistenz-

Robotern investiert, die in einigen Jahren am Markt reüssieren und so sollen. Eine möglichst

menschenähnliche Gestalt wird dabei von manchen Robotikern für besonders erstrebenswert
UNHEIMLICHE ROBOTER 6

erachtet. Einerseits, so lauten ihre Argumente, weil die Roboter künftig in für Menschenkörper

geschaffenen Umgebungen agieren müssen, andererseits aber auch, weil Mensch und Maschine

auf möglichst intuitive, natürliche Weise miteinander reden sollen (vgl. MacDorman & Ishiguro,

2006). Während erste Androide bereits auf Probe im Alltag eingesetzt werden – unter anderem

als Empfangspersonal im Wissenschafts-Museum Miraikan in Tokio – widmen Roboter-

ForscherInnen längst auch dem hypothetischen Konzept des Uncanny Valley enorme

Aufmerksamkeit. Klar, denn im Gegensatz zur Kunst, die oft ganz bewusst mit dem

provokativen Gehalt des Unheimlichen spielt, möchte man bei der Entwicklung von robotischen

Assistenzkräften verschreckte NutzerInnen in der Regel vermeiden.

Erst vor kurzem hat nun auch die empirische Sozialforschung begonnen, sich für die

Wahrnehmung und das Erleben menschenähnlicher Maschinen interessieren.

Historische Betrachtungen zur Unheimlichkeit

Bevor wir gleich näher auf einige wesentliche Forschungsergebnisse der jüngsten

Vergangenheit eingehen, blättern wir den Kalender aber noch ein letztes Mal um gut 100 Jahre

zurück. Damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, haben nämlich schon einmal zwei Gelehrte

einen psychologischen Blick auf das Grauen geworfen. Der erste war Ernst Jentsch. In seinem

1906 erschienenen Aufsatz „Zur Psychologie des Unheimlichen“ durchleuchtet er verschiedene

Grusel-Ursachen. Er kommt dabei zum Schluss, dass es einen besonders starken Auslöser für

Unheimlichkeit gäbe, und zwar „der Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen

Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht etwa beseelt sei“ (Jentsch,

1906, S. 197). Jentsch geht noch weiter: Selbst dann, wenn man etwa über die Leblosigkeit einer

„automatischen Figur“ bereits aufgeklärt sei, könne das Gefühl der Unheimlichkeit durch
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„halbbewusste secundäre Zweifel“ (S. 198) weiterhin erhalten bleiben. 1919 – ein Jahr bevor der

tschechische Bühnenautor Karel Čapek erstmals das Wort „Roboter“ benutzte – veröffentlichte

auch Sigmund Freud eine Abhandlung über „Das Unheimliche“. Darin beschreibt er all jenes als

unheimlich, das dem Menschen zur gleichen Zeit vertraut und unvertraut ist. Mit seinen

Beispielen knüpft der Vater der Psychoanalyse dabei an Jentsch an: Das „Schreckbild“ des

Doppelgängers, der die Kopie einer vertrauten Person darstellt ohne sie wirklich zu sein, und das

Objekt, das nur scheinbar mit „Menschengeistern“ erfüllt sei, landen auch auf Freuds Grusel-

Rangliste weit oben (Freud, 1919).

- Abb. 4 etwa hier -

Erste Forschungsbefunde zum Uncanny Valley

In den historischen Essays von Jentsch (1906), Freud (1919) und Mori (1970) finden wir

Einverständnis darüber, dass allzu menschenähnliche Maschinen auf Ablehnung stoßen können.

Diese theoretischen Annahmen spiegeln sich nun auch in ersten empirischen

Forschungsergebnissen wider. Fotos des androiden Telenoid (Abb. 2) wurden von

TeilnehmerInnen eines Online-Experiments beispielsweise als wesentlich unheimlicher

eingestuft als Bilder anderer Roboter, die zwar ebenfalls Kopf, Rumpf und Arme besaßen, durch

ihr eindeutig mechanisches Design aber weit weniger realistisch wirkten (Mara & Appel, 2014b).

In einem Vergleich verschiedener Videoclips, die einen Bogen vom Staubsauger-Roboter bis

zum androiden Kopf spannten, erzielten sehr menschenähnliche Roboter ebenfalls die höchsten

Gruselwerte (Ho & MacDorman, 2010). Damit verwandte Studienreihen untersuchten die

Wirkung von Gesichtern, die entweder als Foto einer realen Person, als computergenerierter
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Avatar oder als eine von vielen dazwischenliegenden Mischformen präsentiert wurden. Auch

hier wurden die Hybrid-Bilder in der Regel am negativsten bewertet (Burleigh, Schoenherr, &

Lacroix, 2013; Yamada, Kawabe, & Ihaya, 2013). Trotzdem muss aber festgehalten werden: als

gesichertes Phänomen darf die von Mori aufgestellte „Uncanny Valley“-Hypothese heute noch

nicht gelten. Dafür mangelt es in diesem sehr jungen Forschungsfeld noch an weiteren

strukturierten Dund vor allem gut miteinander vergleichbaren Studien. Insbesondere über die

Prägnanz der beiden Kurven, mit denen Mori das unheimliche Tal ursprünglich umrissen hat

(Abb. 3), herrscht noch Unklarheit. So könnte sich das „Valley“ aufgrund neuer Daten noch in

ein Grübchen (Burleigh et al., 2013; Rosenthal-von der Pütten, Grabenhorst, Maderwald, Brand,

& Krämer, 2014) oder steiles Kliff (Bartneck, Kanda, Ishiguro, & Hagita, 2007) wandeln.

Unheimlich ja, aber warum eigentlich?

Wie auch immer die Vermessung von Moris Kurven-Topografie ausgehen wird – fast noch

spannender ist ja eigentlich die Frage, warum uns annähernd lebensechte Androide oft solch

einen Schrecken einjagen. Was steckt dahinter? Auch dazu gibt es erste Forschungsergebnisse.

Frühere Auseinandersetzungen mit dem Uncanny Valley verfolgten oft einen

evolutionsbiologischen Ansatz. Demnach wären androide Roboter vor allem deswegen

abstoßend, weil wir sie automatisch als unattraktive oder gar kranke Menschen ansehen. Dies

könnte etwa passieren, wenn sie ihre Gliedmaßen zu steif bewegten oder weil das linke Auge

nicht im Gleichtakt mit dem rechten zwinkert. Unbewusst kämen wir zum Schluss, dass dieser

Roboter eine potenzielle Gefährdung für die eigene Gesundheit wäre. Schlimmer noch könnte

uns der scheinbar „kranke“ Menschenklon unwillkürlich an die eigene Sterblichkeit erinnern
UNHEIMLICHE ROBOTER 9

(Mortalitätssalienz) – und damit noch stärkere Abneigung in uns auslösen (vgl. MacDorman,

2005; MacDorman & Ishiguro, 2006).

Jüngere empirische Untersuchungen zu Wirkmechanismen hinter dem unheimlichen Tal

docken vielmehr an Jentsch (1906) an, der die „psychische Unsicherheit“ als Hauptauslöser für

Gruselgefühle beschrieb. So zeigen Studien, dass wir im Angesicht des Androiden in ein

Schubladen-Dilemma geraten. Passt die Kreatur eher zur Kategorie Mensch oder zur Kategorie

Maschine (Cheetham, Suter, & Jäncke, 2011; Ramey, 2005; Yamada, Kawabe, & Ihaya, 2013)?

Was ist von ihr zu erwarten? Geht Bedrohung von ihr aus? Experimente deuten auf eine

Verbindung zwischen Unsicherheit bei der kategorialen Einordnung menschenähnlicher Roboter

und der Unheimlichkeits-Reaktion hin: Wenn Versuchspersonen mit digitalen Mensch-Avatar-

Hybriden oder mit Videos androider Roboter – solchen, die zwar menschlich aussehen, sich aber

mechanisch bewegen – konfrontiert waren, brauchten sie überdurchschnittlich lange dafür, zu

entscheiden, ob es sich bei der gesehenen Figur um einen realen Menschen handelte oder nicht.

Mittels bildgebender medizinischer Verfahren wie der Magnetresonanz-Tomographie konnte

während solcher Kategorisierungs-Aufgaben auch eine erhöhte Hirnaktivität im Gyrus

fusiformis, der Amygdala oder der Inselrinde nachgewiesen werden – Hirnareale, die unter

anderem mit Gesichtserkennung, Kategorien-Verarbeitung und Unsicherheit assoziiert werden

(vgl. Cheetham, Suter, & Jäncke, 2011; Rosenthal-von der Pütten et al., 2014; Saygin,

Chaminade, Ishiguro, Driver, & Frith, 2012). Je schwerer uns die Zuordnung einer solchen Figur

in eine Kategorie fällt, je mehr Unsicherheit sie ins uns entfacht, desto unheimlicher wird sie

dann auch empfunden (Burleigh et al., 2013; Ramey, 2005; Yamada et al., 2013). Und selbst

wenn sich Versuchspersonen einmal für eine Zuordnung der „Mischkreatur“ entweder in die

Kategorie „menschlich“ oder „nicht-menschlich“ entschieden hatten, blieb Skepsis über die
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Korrektheit der eigenen Entscheidung erhalten (Cheetham, Suter, & Jäncke, 2011) – und damit

wohl auch das, was Jentsch (1906) mit seinen „halbbewussten secundären Zweifel“ meinte: Wir

wissen nun, es ist ein Computer. Doch regt sich im Augenschein des Androiden nicht auch ein

kleiner Funke Geist?

- Abb. 5 etwa hier –

Der gleiche Roboter ist nicht immer gleich unheimlich

Bis dato haben wir auf unserer Reise in den Gruselgraben die Gestalt des Roboters als

alleinige Quelle der Unheimlichkeit betrachtet. Ursache-Wirkungs-Geflechte setzen sich meist

aber aus vielen verschiedenen Fäden zusammen. Manche Menschen finden Androide

beispielsweise grundsätzlich unheimlicher als andere. Das könnte mit ihrem Alter, ihrem

kulturellen Hintergrund oder ihrer Liebe zur Technik zusammenhängen. Erste empirische

Studien zum Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren auf das Uncanny-Valley-Erleben deuten

darauf hin, dass Menschen, die zu Perfektionismus oder Neurotizismus neigen,

menschenähnliche Roboter als besonders unheimlich empfinden. Auch Personen, die sehr

religiös sind oder unter Stress stehen, zeigen sensiblere Reaktionen (MacDorman & Entezari, in

press).

Neben solchen individuellen Unterschieden dürfen auch situative Aspekte nicht

unterschätzt werden. Lernen wir eine neue Person kennen, kann unsere Sympathie von den

Umständen der Begegnung abhängen oder eventuell auch davon, was wir über denjenigen zuvor

schon im Web recherchiert haben. Ähnliche Aspekte beeinflussen auch unsere Wahrnehmung

androider Roboter. Ein Feldexperiment konnte etwa zeigen, dass ein 5-Minuten-Gespräch mit
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dem Telenoid (Abb. 2) im Durchschnitt als weniger unheimlich empfunden wurde, wenn

Personen davor eine kurze Science-Fiction-Geschichte gelesen hatten, in der Schilderungen zu

Einsatz und Funktionsweise des Roboters Teil der Erzählung waren. Menschen, denen vor der

Interaktion keine Information oder ein gleich langer, rein faktenbasierter Text zur Verfügung

gestellt wurde, fanden den Telenoid deutlich schauriger (Mara & Appel, 2014a). Eine fiktionale

Geschichte hat es hier geschafft, den Versuchspersonen die Roboterfigur auf intuitive Weise

vertraut zu machen. Die bildhaften Szenen der Erzählung haben der Kreatur Bedeutung verliehen

(vgl. auch Heine, Proulx, und Vohs, 2006).

Wird ein vormals schauriges Objekt erst einmal als „bekannt-selbstverständlich“

wahrgenommen, ist es nicht mehr unheimlich, schrieb Jentsch (1906, 196). Könnte dieser

Zustand der Vertrautheit auch durch schiere Gewöhnung (Habituation) eintreten? Das würde

bedeuten, dass es vielleicht nur eine Frage der Zeit ist, bis das unheimliche Tal überwunden

wäre. Wenn wir uns erst mal an die Maschinenmenschen gewöhnt hätten, wenn unser Gehirn für

die Kategorie „Android“ eine eigenständige Schublade parat hätte, dann würde uns vor den

Robotern vielleicht gar nicht mehr so gruseln. Wie in der TV-Serie Echte Menschen könnten

androide Haushaltshilfen dem Großvater dann Diätkost servieren oder unseren Kindern Märchen

vorlesen ohne dabei jemals zu ermüden. Masahiro Mori, der heute 87-jährige Erdenker des

„Uncanny Valley“, hält davon jedoch nicht viel. Er empfiehlt Technik-Designern, auf der linken

Seite des Tals zu verweilen – dort, wo Roboter wie Roboter aussehen (Kageki, 2012).

Wenn wir uns zum Schluss noch eine Kleinigkeit dazuwünschen dürfen, dann vielleicht

einen deutlich sichtbaren Ausschaltknopf. Nur zur Sicherheit.


UNHEIMLICHE ROBOTER 12

Quellen

Bartneck, C., Kanda, T., Ishiguro, H., & Hagita, N. (2007, August). Is the uncanny valley an

uncanny cliff? In Robot and Human interactive Communication, 2007. RO-MAN 2007.

The 16th IEEE International Symposium on (pp. 368-373). IEEE.

Burleigh, T. J., Schoenherr, J. R., & Lacroix, G. L. (2013). Does the uncanny valley exist? An

empirical test of the relationship between eeriness and the human likeness of digitally

created faces. Computers in Human Behavior, 29, 759–771.

Cheetham, M., Suter, P., & Jäncke, L. (2011). The human likeness dimension of the “uncanny

valley hypothesis”: behavioral and functional MRI findings. Frontiers in Human

Neuroscience, 5, article 126.

Freud, S. (1919). Das Unheimliche. Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf

die Geisteswissenschaften, V, 297–324.

Heine, S. J.; Proulx, T., & Vohs, K. D. (2006). The Meaning Maintenance Model: On the

coherence of social motivations. Personality and Social Psychology Review, 10, 88–110.

Ho, C., & MacDorman, K. F. (2010). Revisiting the uncanny valley theory: Developing and

validating an alternative to the Godspeed indices. Computers in Human Behavior, 26,

1508–1518.

Jentsch, E. (1906). Zur Psychologie des Unheimlichen. Psychiatrisch-neurologische

Wochenschrift, 8, 195–198, 203–205.

Kageki, N. (2012, 12. Juni). An Uncanny Mind: Masahiro Mori on the Uncanny Valley and

Beyond. IEEE Spectrum. Verfügbar unter

[Link]

mori-on-the-uncanny-valley
UNHEIMLICHE ROBOTER 13

Mara, M., & Appel, M. (2014a). Bridging the Uncanny Valley: Science Fiction Reduces the

Eeriness of Android Robots. Manuscript submitted for publication.

Mara, M., & Appel, M. (2014b). Effects of Lateral Head Tilt on User Perceptions of Humanoid

and Android Robots. Manuscript submitted for publication.

MacDorman, K. F. (2005, December). Mortality salience and the uncanny valley. In Humanoid

Robots, 2005, 5th IEEE-RAS International Conference on (pp. 399-405). IEEE.

MacDorman, K. F., & Entezari, S. (in press). Individual differences predict sensitivity to the

uncanny valley. Interaction Studies.

MacDorman, K. F., & Ishiguro, H. (2006). The uncanny advantage of using androids in

cognitive and social science research. Interaction Studies, 7, 297–337.

Mori, M. (1970). Bukimi no tani [The uncanny valley]. Energy, 7, 33–35.

Ramey, C. H. (2005). The uncanny valley of similarities concerning abortion, baldness, heaps of

sand, and humanlike robots. Proceedings of Views of the Uncanny Valley Workshop:

IEEE-RAS International Conference on Humanoid Robots (S. 8-13). Tsukuba, Japan.

Rosenthal-von der Pütten, A.M., Grabenhorst, F., Maderwald, S., Brand, M., & Krämer, N.C.

(2014). Uncanny Valley Related Behavioral Responses Are Driven by Neural Processes

of Face Perception. Präsentiert beim Workshop „HRI: A Bridge between Robotics and

Neuroscience“. ACM/IEEE International Conference on Human-Robot Interaction

(HRI’14), 3. – 6. März 2014, 2014. Bielefeld, Deutschland.

Saygin, A. P., Chaminade, T., Ishiguro, H., Driver, J., & Frith, C. (2012). The thing that should

not be: predictive coding and the uncanny valley in perceiving human and humanoid

robot actions. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 7(4), 413–422.


UNHEIMLICHE ROBOTER 14

Yamada, Y., Kawabe, T., & Ihaya, K. (2013). Categorization difficulty is associated with

negative evaluation in the “uncanny valley” phenomenon. Japanese Psychological

Research, 55, 20–32.


UNHEIMLICHE ROBOTER 15

Abbildungen

Abbildung 1. Hiroshi Ishiguro (rechts) mit seinem robotischen Ebenbild Geminoid HI-1 zu Gast

beim Ars Electronica Festival in Linz, Österreich. (Fotocredit: Florian Voggeneder/Ars

Electronica)
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Abbildung 2. Der puppengroße Telenoid überträgt in Echtzeit Stimme, Gestik und Mimik eines

Menschen. Sein Entwickler-Team an der Osaka University sieht in ihm eine haptische

Alternative zu Handy oder Skype. (Fotocredit: rubra/Ars Electronica)


UNHEIMLICHE ROBOTER 17

Abbildung 3. Mit dem "Uncanny Valley" hat Masahiro Mori im Jahr 1970 eine hypothetische

Beziehung zwischen der Menschenähnlichkeit künstlicher Figuren und der emotionalen

Resonanz durch RezipientInnen hergestellt.


UNHEIMLICHE ROBOTER 18

Abbildung 4. Die Hände des Geminoid HI-1 sind erstaunlich realistisch. Doch gerade die kleinen

Imperfektionen verstören uns besonders. (Fotocredit: Martina Mara)


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Abbildung 5. Unheimlich menschlich? Der Roboter iCub, entwickelt am italienischen IIT, ist

einem Kleinkind nachempfunden und kann autonom Objekte greifen, am Boden krabbeln und

mit Menschen interagieren. (Fotocredit: Martina Mara)


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Glossar

Android: Eine menschenähnliche Maschine oder ein künstlicher Mensch, dessen Gestalt und

Verhalten möglichst lebensecht wirken sollen.

Anthropomorphismus: Übertragung menschlicher Charakteristiken auf Nichtmenschliches, etwa

auf Objekte, Tiere oder auch auf die Vorstellung einer Gottesfigur.

Automaton: Selbsttätige Maschine; in früheren Zeiten wurden aber auch menschenähnliche

Maschinen als „Automata“ bezeichnet, so etwa in der Literatur E.T.A. Hoffmanns.

Avatar: Computergenerierte Darstellung eines Menschen oder auch virtuelle Kunstfigur.

Habituation: Psychologische oder physische Gewöhnung an einen bestimmten Reiz.

Mortalitätssalienz: Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit, beispielsweise durch visuelle

Reize wie einem Grabstein oder einem Skelett.

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