Running head: UNHEIMLICHE ROBOTER 1
Roboter im Gruselgraben:
Warum uns menschenähnliche Maschinen oft unheimlich sind
Martina Mara1,2, Markus Appel2
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Ars Electronica Futurelab, Linz, Österreich
2
Universität Koblenz-Landau, Landau, Deutschland
Accepted for publication in Das In-Mind Magazin.
Korrespondenz bitte an:
Martina Mara
Ars Electronica Futurelab
Ars-Electronica-Straße 1, A-4040 Linz, Österreich
[Link]@[Link], +43-650-9696111
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Teaser
Der Robotik wird für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre ein regelrechter Boom
prognostiziert. Bereits heute sind robotische Hilfskräfte prototypisch in der Pflege, im Haushalt
oder am Empfangspult im Einsatz. Manche davon sehen fast wie echte Menschen aus. Gerade
diese sind uns oft aber am wenigsten geheuer. Warum wir allzu menschenähnliche Maschinen
ablehnen, damit setzt sich seit kurzem die Forschung zum „Uncanny Valley“ – zum
„unheimlichen Tal“ – auseinander. Der Artikel gibt einen Überblick über Thesen und erste
empirische Befunde zum Gruselfaktor Roboter.
Artikelschlagwörter: Uncanny Valley, Unheimlichkeit, Mensch-Roboter-Interaktion,
Robopsychology, Androide
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Roboter im Gruselgraben: Warum uns menschenähnliche Maschinen oft unheimlich sind
Da steht sie, aufrecht hinter der Kücheninsel, und wischt mit immer gleichen Bewegungen
über die Arbeitsfläche. Das schwarze Haar fällt seidig übers Blusenkleid, der Porzellan-Teint
scheint makellos. Eine asiatische Schönheit – wäre da nicht ihr seltsam starrer Blick. „Gute
Nacht, Anita!“ winkt der Sohn der Familie, bevor die Tür zu seinem Zimmer zufällt. „Gute
Nacht, Tobias“, erwidert Anita und legt ihr Putztuch beiseite. Den Haushalt hat sie für heute
erledigt. Sie dreht das Licht ab und setzt sich auf den Stuhl, der an der Wand für sie bereit steht.
Mit einem Griff unter die linke Achsel zieht sie ein Stromkabel aus ihrem Brustkorb. Als sie es
an die Steckdose anschließt, ertönt ein kurzer Piep. Anita schlägt die Augen zu. Sie lädt jetzt.
Anita ist ein hochentwickelter androider Roboter und als solcher eine der Hauptfiguren in
Äkta Människor (Echte Menschen). Die schwedische TV-Serie aus dem Jahr 2012 bringt eine
alternative Realität auf den Bildschirm, in der nahezu perfekte Kunstmenschen namens Hubots
längst im Alltag vorstädtischer Reihenhaussiedlungen angekommen sind. Nahezu perfekt. Denn
blinzeln tun sie etwa nicht, die Hubots. Und gerade ältere Modelle erkennt man neben ihrem
USB-Slot im Nacken auch an der allzu gestelzten Sprache und kantigen Motorik. Damit
unterscheiden sich die Roboter aus dem Fernsehen gar nicht so stark von jenen Androiden, die
derzeit bereits in Labors japanischer Robotiker entstehen. Nicht fiktiv, sondern als reale
Prototypen mit Haut und Haar und Händen, deren Finger selbst im Standby-Modus ganz leicht
vor sich hin vibrieren, um die natürlichen Mikrobewegungen von uns Menschen bestmöglich zu
imitieren. Die sogenannten Geminoids, mit denen Androiden-Forscher Hiroshi Ishiguro
ferngesteuerte Doppelgänger von sich selbst und anderen Personen geschaffen hat, sind ein
anschauliches Beispiel dafür (Abb. 1 und 5).
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- Abb. 1 etwa hier –
Ist Ihnen nun etwas mulmig zumute? Gruselt‘s Ihnen beim Anblick der menschengleichen
Maschinen gar? Dann sind Sie soeben wohl in das sogenannte „Uncanny Valley“ gefallen – ins
Tal der unheimlichen Gefühle, die uns allzu lebensechte Kunstkreaturen oft bescheren. Doch
keine Angst: alleine sind Sie dort unten nicht! Ein kurzes Blättern durch die Nutzerkommentare,
die man unter Online-Videos von menschenähnlichen Robotern findet, zeigt, dass
Ablehnungstendenzen weit verbreitet sind. Unter den Reaktionen auf ein YouTube-Filmchen
über den androiden Telenoid (Abb. 2) findet sich gar ein recht explizites „Burn it with fire!“.
- Abb. 2 etwa hier -
Die Uncanny-Valley-Hypothese
Beschrieben wurde das Phänomen des „Uncanny Valley“ (Unheimliches Tal) erstmals vom
japanischen Robotiker Masahiro Mori (1970). Er skizzierte eine Kurve, die den von ihm
angenommenen Zusammenhang zwischen der Menschenähnlichkeit künstlich erschaffener
Figuren und der emotionalen Reaktion des Publikums reflektiert (Abb. 3). Moris Hypothese
lautete dabei wie folgt: Solange wir uns im Spektrum einer generell niedrigen
Menschenähnlichkeit befinden, haben wir mit der „Vermenschlichung" künstlicher Kreaturen
noch kein Problem. Dem Cowboy Woody aus Pixars Animationsfilm Toy Story bringen wir eher
unsere Sympathie entgegen als einem einfachen Strichmännchen. Ein Roboter mit angedeutetem
Kopf- und Rumpfbereich – Typus R2-D2 etwa – führt zu positiverer Resonanz als ein
industrieller Schwenkarm. Dieser Effekt verkehrt sich allerdings ins Gegenteil, sobald wir ein
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Level sehr hoher Menschenähnlichkeit erreichen. Hier, sagt Mori, sinkt unsere Akzeptanz im
Sturzflug. Auf dem Maschine-Mensch-Kontinuum (Mori‘s x-Achse) beginnt nun jener schaurige
Abschnitt, in dem die Konturen zwischen Leblos- und Lebendigkeit verwischen: Wachsfiguren,
Prothesen, Frankensteins Monster, Avatare, Androide – dem Menschen beinah zum Verwechseln
ähnlich, aber eben doch nicht ganz richtig – landen hier bäuchlings im unheimlichen Tal und
bringen unsere Nackenhaare in Aufruhr. Erst wenn uns eine Figur durch bravouröse
Menschengleichheit vollends täuschen würde, könnte sie das Tal überspringen und damit
wiederum hohe Akzeptanzwerte erreichen (Mori, 1970).
Die perfekte Simulation menschlicher Imperfektion – dahin muss man es erstmal schaffen.
Und davor noch muss man erstmal dahin wollen.
- Abb. 3 etwa hier -
Androide auf dem Weg in unseren Alltag?
Als Stoff für Geschichten ist das Konzept des künstlichen Menschen ja schon lange
hochbegehrt: Von frühen Golem-Mythen über die Literatur der Romantik (E.T.A. Hoffmann
etwa) bis zur modernen Science Fiction – immer wieder wurden Ebenbilder unserer Spezies aus
Lehm, Metall oder Computercode zumindest fiktional zum Leben erweckt. Angesichts schneller
Entwicklung und steigender Zugänglichkeit robotischer Technologien könnte das, was wir aus
Science Fiction kennen, in Industrienationen nun aber bald zum sozialen Faktum werden. Gerade
im asiatischen Bereich werden derzeit hohe Fördersummen in die Realisierung von Assistenz-
Robotern investiert, die in einigen Jahren am Markt reüssieren und so sollen. Eine möglichst
menschenähnliche Gestalt wird dabei von manchen Robotikern für besonders erstrebenswert
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erachtet. Einerseits, so lauten ihre Argumente, weil die Roboter künftig in für Menschenkörper
geschaffenen Umgebungen agieren müssen, andererseits aber auch, weil Mensch und Maschine
auf möglichst intuitive, natürliche Weise miteinander reden sollen (vgl. MacDorman & Ishiguro,
2006). Während erste Androide bereits auf Probe im Alltag eingesetzt werden – unter anderem
als Empfangspersonal im Wissenschafts-Museum Miraikan in Tokio – widmen Roboter-
ForscherInnen längst auch dem hypothetischen Konzept des Uncanny Valley enorme
Aufmerksamkeit. Klar, denn im Gegensatz zur Kunst, die oft ganz bewusst mit dem
provokativen Gehalt des Unheimlichen spielt, möchte man bei der Entwicklung von robotischen
Assistenzkräften verschreckte NutzerInnen in der Regel vermeiden.
Erst vor kurzem hat nun auch die empirische Sozialforschung begonnen, sich für die
Wahrnehmung und das Erleben menschenähnlicher Maschinen interessieren.
Historische Betrachtungen zur Unheimlichkeit
Bevor wir gleich näher auf einige wesentliche Forschungsergebnisse der jüngsten
Vergangenheit eingehen, blättern wir den Kalender aber noch ein letztes Mal um gut 100 Jahre
zurück. Damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, haben nämlich schon einmal zwei Gelehrte
einen psychologischen Blick auf das Grauen geworfen. Der erste war Ernst Jentsch. In seinem
1906 erschienenen Aufsatz „Zur Psychologie des Unheimlichen“ durchleuchtet er verschiedene
Grusel-Ursachen. Er kommt dabei zum Schluss, dass es einen besonders starken Auslöser für
Unheimlichkeit gäbe, und zwar „der Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen
Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht etwa beseelt sei“ (Jentsch,
1906, S. 197). Jentsch geht noch weiter: Selbst dann, wenn man etwa über die Leblosigkeit einer
„automatischen Figur“ bereits aufgeklärt sei, könne das Gefühl der Unheimlichkeit durch
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„halbbewusste secundäre Zweifel“ (S. 198) weiterhin erhalten bleiben. 1919 – ein Jahr bevor der
tschechische Bühnenautor Karel Čapek erstmals das Wort „Roboter“ benutzte – veröffentlichte
auch Sigmund Freud eine Abhandlung über „Das Unheimliche“. Darin beschreibt er all jenes als
unheimlich, das dem Menschen zur gleichen Zeit vertraut und unvertraut ist. Mit seinen
Beispielen knüpft der Vater der Psychoanalyse dabei an Jentsch an: Das „Schreckbild“ des
Doppelgängers, der die Kopie einer vertrauten Person darstellt ohne sie wirklich zu sein, und das
Objekt, das nur scheinbar mit „Menschengeistern“ erfüllt sei, landen auch auf Freuds Grusel-
Rangliste weit oben (Freud, 1919).
- Abb. 4 etwa hier -
Erste Forschungsbefunde zum Uncanny Valley
In den historischen Essays von Jentsch (1906), Freud (1919) und Mori (1970) finden wir
Einverständnis darüber, dass allzu menschenähnliche Maschinen auf Ablehnung stoßen können.
Diese theoretischen Annahmen spiegeln sich nun auch in ersten empirischen
Forschungsergebnissen wider. Fotos des androiden Telenoid (Abb. 2) wurden von
TeilnehmerInnen eines Online-Experiments beispielsweise als wesentlich unheimlicher
eingestuft als Bilder anderer Roboter, die zwar ebenfalls Kopf, Rumpf und Arme besaßen, durch
ihr eindeutig mechanisches Design aber weit weniger realistisch wirkten (Mara & Appel, 2014b).
In einem Vergleich verschiedener Videoclips, die einen Bogen vom Staubsauger-Roboter bis
zum androiden Kopf spannten, erzielten sehr menschenähnliche Roboter ebenfalls die höchsten
Gruselwerte (Ho & MacDorman, 2010). Damit verwandte Studienreihen untersuchten die
Wirkung von Gesichtern, die entweder als Foto einer realen Person, als computergenerierter
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Avatar oder als eine von vielen dazwischenliegenden Mischformen präsentiert wurden. Auch
hier wurden die Hybrid-Bilder in der Regel am negativsten bewertet (Burleigh, Schoenherr, &
Lacroix, 2013; Yamada, Kawabe, & Ihaya, 2013). Trotzdem muss aber festgehalten werden: als
gesichertes Phänomen darf die von Mori aufgestellte „Uncanny Valley“-Hypothese heute noch
nicht gelten. Dafür mangelt es in diesem sehr jungen Forschungsfeld noch an weiteren
strukturierten Dund vor allem gut miteinander vergleichbaren Studien. Insbesondere über die
Prägnanz der beiden Kurven, mit denen Mori das unheimliche Tal ursprünglich umrissen hat
(Abb. 3), herrscht noch Unklarheit. So könnte sich das „Valley“ aufgrund neuer Daten noch in
ein Grübchen (Burleigh et al., 2013; Rosenthal-von der Pütten, Grabenhorst, Maderwald, Brand,
& Krämer, 2014) oder steiles Kliff (Bartneck, Kanda, Ishiguro, & Hagita, 2007) wandeln.
Unheimlich ja, aber warum eigentlich?
Wie auch immer die Vermessung von Moris Kurven-Topografie ausgehen wird – fast noch
spannender ist ja eigentlich die Frage, warum uns annähernd lebensechte Androide oft solch
einen Schrecken einjagen. Was steckt dahinter? Auch dazu gibt es erste Forschungsergebnisse.
Frühere Auseinandersetzungen mit dem Uncanny Valley verfolgten oft einen
evolutionsbiologischen Ansatz. Demnach wären androide Roboter vor allem deswegen
abstoßend, weil wir sie automatisch als unattraktive oder gar kranke Menschen ansehen. Dies
könnte etwa passieren, wenn sie ihre Gliedmaßen zu steif bewegten oder weil das linke Auge
nicht im Gleichtakt mit dem rechten zwinkert. Unbewusst kämen wir zum Schluss, dass dieser
Roboter eine potenzielle Gefährdung für die eigene Gesundheit wäre. Schlimmer noch könnte
uns der scheinbar „kranke“ Menschenklon unwillkürlich an die eigene Sterblichkeit erinnern
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(Mortalitätssalienz) – und damit noch stärkere Abneigung in uns auslösen (vgl. MacDorman,
2005; MacDorman & Ishiguro, 2006).
Jüngere empirische Untersuchungen zu Wirkmechanismen hinter dem unheimlichen Tal
docken vielmehr an Jentsch (1906) an, der die „psychische Unsicherheit“ als Hauptauslöser für
Gruselgefühle beschrieb. So zeigen Studien, dass wir im Angesicht des Androiden in ein
Schubladen-Dilemma geraten. Passt die Kreatur eher zur Kategorie Mensch oder zur Kategorie
Maschine (Cheetham, Suter, & Jäncke, 2011; Ramey, 2005; Yamada, Kawabe, & Ihaya, 2013)?
Was ist von ihr zu erwarten? Geht Bedrohung von ihr aus? Experimente deuten auf eine
Verbindung zwischen Unsicherheit bei der kategorialen Einordnung menschenähnlicher Roboter
und der Unheimlichkeits-Reaktion hin: Wenn Versuchspersonen mit digitalen Mensch-Avatar-
Hybriden oder mit Videos androider Roboter – solchen, die zwar menschlich aussehen, sich aber
mechanisch bewegen – konfrontiert waren, brauchten sie überdurchschnittlich lange dafür, zu
entscheiden, ob es sich bei der gesehenen Figur um einen realen Menschen handelte oder nicht.
Mittels bildgebender medizinischer Verfahren wie der Magnetresonanz-Tomographie konnte
während solcher Kategorisierungs-Aufgaben auch eine erhöhte Hirnaktivität im Gyrus
fusiformis, der Amygdala oder der Inselrinde nachgewiesen werden – Hirnareale, die unter
anderem mit Gesichtserkennung, Kategorien-Verarbeitung und Unsicherheit assoziiert werden
(vgl. Cheetham, Suter, & Jäncke, 2011; Rosenthal-von der Pütten et al., 2014; Saygin,
Chaminade, Ishiguro, Driver, & Frith, 2012). Je schwerer uns die Zuordnung einer solchen Figur
in eine Kategorie fällt, je mehr Unsicherheit sie ins uns entfacht, desto unheimlicher wird sie
dann auch empfunden (Burleigh et al., 2013; Ramey, 2005; Yamada et al., 2013). Und selbst
wenn sich Versuchspersonen einmal für eine Zuordnung der „Mischkreatur“ entweder in die
Kategorie „menschlich“ oder „nicht-menschlich“ entschieden hatten, blieb Skepsis über die
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Korrektheit der eigenen Entscheidung erhalten (Cheetham, Suter, & Jäncke, 2011) – und damit
wohl auch das, was Jentsch (1906) mit seinen „halbbewussten secundären Zweifel“ meinte: Wir
wissen nun, es ist ein Computer. Doch regt sich im Augenschein des Androiden nicht auch ein
kleiner Funke Geist?
- Abb. 5 etwa hier –
Der gleiche Roboter ist nicht immer gleich unheimlich
Bis dato haben wir auf unserer Reise in den Gruselgraben die Gestalt des Roboters als
alleinige Quelle der Unheimlichkeit betrachtet. Ursache-Wirkungs-Geflechte setzen sich meist
aber aus vielen verschiedenen Fäden zusammen. Manche Menschen finden Androide
beispielsweise grundsätzlich unheimlicher als andere. Das könnte mit ihrem Alter, ihrem
kulturellen Hintergrund oder ihrer Liebe zur Technik zusammenhängen. Erste empirische
Studien zum Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren auf das Uncanny-Valley-Erleben deuten
darauf hin, dass Menschen, die zu Perfektionismus oder Neurotizismus neigen,
menschenähnliche Roboter als besonders unheimlich empfinden. Auch Personen, die sehr
religiös sind oder unter Stress stehen, zeigen sensiblere Reaktionen (MacDorman & Entezari, in
press).
Neben solchen individuellen Unterschieden dürfen auch situative Aspekte nicht
unterschätzt werden. Lernen wir eine neue Person kennen, kann unsere Sympathie von den
Umständen der Begegnung abhängen oder eventuell auch davon, was wir über denjenigen zuvor
schon im Web recherchiert haben. Ähnliche Aspekte beeinflussen auch unsere Wahrnehmung
androider Roboter. Ein Feldexperiment konnte etwa zeigen, dass ein 5-Minuten-Gespräch mit
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dem Telenoid (Abb. 2) im Durchschnitt als weniger unheimlich empfunden wurde, wenn
Personen davor eine kurze Science-Fiction-Geschichte gelesen hatten, in der Schilderungen zu
Einsatz und Funktionsweise des Roboters Teil der Erzählung waren. Menschen, denen vor der
Interaktion keine Information oder ein gleich langer, rein faktenbasierter Text zur Verfügung
gestellt wurde, fanden den Telenoid deutlich schauriger (Mara & Appel, 2014a). Eine fiktionale
Geschichte hat es hier geschafft, den Versuchspersonen die Roboterfigur auf intuitive Weise
vertraut zu machen. Die bildhaften Szenen der Erzählung haben der Kreatur Bedeutung verliehen
(vgl. auch Heine, Proulx, und Vohs, 2006).
Wird ein vormals schauriges Objekt erst einmal als „bekannt-selbstverständlich“
wahrgenommen, ist es nicht mehr unheimlich, schrieb Jentsch (1906, 196). Könnte dieser
Zustand der Vertrautheit auch durch schiere Gewöhnung (Habituation) eintreten? Das würde
bedeuten, dass es vielleicht nur eine Frage der Zeit ist, bis das unheimliche Tal überwunden
wäre. Wenn wir uns erst mal an die Maschinenmenschen gewöhnt hätten, wenn unser Gehirn für
die Kategorie „Android“ eine eigenständige Schublade parat hätte, dann würde uns vor den
Robotern vielleicht gar nicht mehr so gruseln. Wie in der TV-Serie Echte Menschen könnten
androide Haushaltshilfen dem Großvater dann Diätkost servieren oder unseren Kindern Märchen
vorlesen ohne dabei jemals zu ermüden. Masahiro Mori, der heute 87-jährige Erdenker des
„Uncanny Valley“, hält davon jedoch nicht viel. Er empfiehlt Technik-Designern, auf der linken
Seite des Tals zu verweilen – dort, wo Roboter wie Roboter aussehen (Kageki, 2012).
Wenn wir uns zum Schluss noch eine Kleinigkeit dazuwünschen dürfen, dann vielleicht
einen deutlich sichtbaren Ausschaltknopf. Nur zur Sicherheit.
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Quellen
Bartneck, C., Kanda, T., Ishiguro, H., & Hagita, N. (2007, August). Is the uncanny valley an
uncanny cliff? In Robot and Human interactive Communication, 2007. RO-MAN 2007.
The 16th IEEE International Symposium on (pp. 368-373). IEEE.
Burleigh, T. J., Schoenherr, J. R., & Lacroix, G. L. (2013). Does the uncanny valley exist? An
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created faces. Computers in Human Behavior, 29, 759–771.
Cheetham, M., Suter, P., & Jäncke, L. (2011). The human likeness dimension of the “uncanny
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Neuroscience, 5, article 126.
Freud, S. (1919). Das Unheimliche. Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf
die Geisteswissenschaften, V, 297–324.
Heine, S. J.; Proulx, T., & Vohs, K. D. (2006). The Meaning Maintenance Model: On the
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validating an alternative to the Godspeed indices. Computers in Human Behavior, 26,
1508–1518.
Jentsch, E. (1906). Zur Psychologie des Unheimlichen. Psychiatrisch-neurologische
Wochenschrift, 8, 195–198, 203–205.
Kageki, N. (2012, 12. Juni). An Uncanny Mind: Masahiro Mori on the Uncanny Valley and
Beyond. IEEE Spectrum. Verfügbar unter
[Link]
mori-on-the-uncanny-valley
UNHEIMLICHE ROBOTER 13
Mara, M., & Appel, M. (2014a). Bridging the Uncanny Valley: Science Fiction Reduces the
Eeriness of Android Robots. Manuscript submitted for publication.
Mara, M., & Appel, M. (2014b). Effects of Lateral Head Tilt on User Perceptions of Humanoid
and Android Robots. Manuscript submitted for publication.
MacDorman, K. F. (2005, December). Mortality salience and the uncanny valley. In Humanoid
Robots, 2005, 5th IEEE-RAS International Conference on (pp. 399-405). IEEE.
MacDorman, K. F., & Entezari, S. (in press). Individual differences predict sensitivity to the
uncanny valley. Interaction Studies.
MacDorman, K. F., & Ishiguro, H. (2006). The uncanny advantage of using androids in
cognitive and social science research. Interaction Studies, 7, 297–337.
Mori, M. (1970). Bukimi no tani [The uncanny valley]. Energy, 7, 33–35.
Ramey, C. H. (2005). The uncanny valley of similarities concerning abortion, baldness, heaps of
sand, and humanlike robots. Proceedings of Views of the Uncanny Valley Workshop:
IEEE-RAS International Conference on Humanoid Robots (S. 8-13). Tsukuba, Japan.
Rosenthal-von der Pütten, A.M., Grabenhorst, F., Maderwald, S., Brand, M., & Krämer, N.C.
(2014). Uncanny Valley Related Behavioral Responses Are Driven by Neural Processes
of Face Perception. Präsentiert beim Workshop „HRI: A Bridge between Robotics and
Neuroscience“. ACM/IEEE International Conference on Human-Robot Interaction
(HRI’14), 3. – 6. März 2014, 2014. Bielefeld, Deutschland.
Saygin, A. P., Chaminade, T., Ishiguro, H., Driver, J., & Frith, C. (2012). The thing that should
not be: predictive coding and the uncanny valley in perceiving human and humanoid
robot actions. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 7(4), 413–422.
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Yamada, Y., Kawabe, T., & Ihaya, K. (2013). Categorization difficulty is associated with
negative evaluation in the “uncanny valley” phenomenon. Japanese Psychological
Research, 55, 20–32.
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Abbildungen
Abbildung 1. Hiroshi Ishiguro (rechts) mit seinem robotischen Ebenbild Geminoid HI-1 zu Gast
beim Ars Electronica Festival in Linz, Österreich. (Fotocredit: Florian Voggeneder/Ars
Electronica)
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Abbildung 2. Der puppengroße Telenoid überträgt in Echtzeit Stimme, Gestik und Mimik eines
Menschen. Sein Entwickler-Team an der Osaka University sieht in ihm eine haptische
Alternative zu Handy oder Skype. (Fotocredit: rubra/Ars Electronica)
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Abbildung 3. Mit dem "Uncanny Valley" hat Masahiro Mori im Jahr 1970 eine hypothetische
Beziehung zwischen der Menschenähnlichkeit künstlicher Figuren und der emotionalen
Resonanz durch RezipientInnen hergestellt.
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Abbildung 4. Die Hände des Geminoid HI-1 sind erstaunlich realistisch. Doch gerade die kleinen
Imperfektionen verstören uns besonders. (Fotocredit: Martina Mara)
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Abbildung 5. Unheimlich menschlich? Der Roboter iCub, entwickelt am italienischen IIT, ist
einem Kleinkind nachempfunden und kann autonom Objekte greifen, am Boden krabbeln und
mit Menschen interagieren. (Fotocredit: Martina Mara)
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Glossar
Android: Eine menschenähnliche Maschine oder ein künstlicher Mensch, dessen Gestalt und
Verhalten möglichst lebensecht wirken sollen.
Anthropomorphismus: Übertragung menschlicher Charakteristiken auf Nichtmenschliches, etwa
auf Objekte, Tiere oder auch auf die Vorstellung einer Gottesfigur.
Automaton: Selbsttätige Maschine; in früheren Zeiten wurden aber auch menschenähnliche
Maschinen als „Automata“ bezeichnet, so etwa in der Literatur E.T.A. Hoffmanns.
Avatar: Computergenerierte Darstellung eines Menschen oder auch virtuelle Kunstfigur.
Habituation: Psychologische oder physische Gewöhnung an einen bestimmten Reiz.
Mortalitätssalienz: Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit, beispielsweise durch visuelle
Reize wie einem Grabstein oder einem Skelett.