Textanalyse
Textanalyse
1. Vorbemerkung
2. Funktionale Übersetzungstheorie
In der funktionalen Übersetzungstheorie, wie sie von Nord (1989, 1993) und
anderen3 entwickelt wurde, steht die kommunikative Funktion eines Textes im
Vordergrund. Demnach dient jeder Text in einer bestimmten Situation einer
bestimmten Funktion bzw. einem bestimmten Zweck. Beim funktionalen Über-
setzen geht es darum, entsprechend dem Übersetzungsauftrag einen Zieltext auf
der Basis des Ausgangstextes (AT) zu entwerfen. Der AT dient als Informations-
angebot und ist gegebenenfalls an die ZT-Situation anzupassen, damit er funktio-
niert (s. u.).
Zur Bestimmung der Textfunktion kann man auf die Texttypologie von Katha-
rina Reiß zurückgreifen. Ausgehend vom Bühlerschen Organon-Modell erarbeitet
Reiß (1971: 34) drei Texttypen, denen man alle Texte zuordnen kann: informati-
ver, expressiver und appellativer Texttyp. Jeder Typ hat eine jeweilige Haupt-
funktion: Der informative oder inhaltsbetonte Texttyp hat darstellende Funktion,
der expressive oder formbetonte besitzt Ausdrucksfunktion und der appellbetonte
oder operative Texttyp hat Appellfunktion. Nach dem Modell von Reiß (1971)
lässt sich jeder Text einem der Texttypen zuordnen; wenn mehrere Funktionen
festgestellt werden, so wird die Hauptfunktion ermittelt, bei längeren Texten
werden die einzelnen Textteile isoliert voneinander betrachtet (vgl. Reiß 1971:
49-53).
Die Funktion des ZT ergibt sich entweder aus dem Übersetzungsauftrag, den
der Auftraggeber formuliert hat, oder aus der – zu definierenden – Zielsituation,
in welcher der Text „funktionieren“ soll. Die Funktionen des AT und seiner
Übersetzung können übereinstimmen oder unterschiedlich sein, anders ausge-
drückt zwischen der AT-Funktion und dem Übersetzungsauftrag besteht ein
Varianzverhältnis. Im ersten Fall spricht man von Funktionsinvarianz oder funk-
tionaler Äquivalenz (Nord 1989: 27), eine Übersetzung ist dann ohne Funktions-
wechsel, d. h. ohne Bearbeitung des AT im Hinblick auf die ZT-Funktion (Adres-
saten, Zweck usw.) möglich. Bei Funktionsvarianz müssen hingegen Teile des
AT oder der ganze AT bearbeitet werden, damit der ZT die vom Auftraggeber
vorgegebene ZT-Funktion erhält. Manche Übersetzungswissenschaftler sprechen
dann allerdings nicht mehr von Übersetzung, sondern von Bearbeitung.4
2
Die Termini работа над bzw. с языком wurden entnommen aus Brandes (2001: 5).
3 Stellvertretend für viele seien hier genannt: Reiß/Vermeer (1984), Holz-Mänttari (1984). Ein
pragmatischer Ansatz wurde vorgelegt von Hönig/Kußmaul (1982).
4 Vgl. Schreiber (1993). – Die Vertreter des funktionalen Übersetzens wie Nord (1989, 1993)
und Reiß/Vermeer (1984) sehen Funktionsvarianz als den Normalfall, Funktionsinvarianz
Funktionales Übersetzen und übersetzungsrelevante Textanalyse 357
2.2 Textanalyse
textexterne Faktoren:
Wer übermittelt ... Æ Textproduzent
wozu ... Æ Intention
wem ... Æ Empfänger
(= Funktionswechsel „Zéro“, vgl. Nord 1989: 27) hingegen als Ausnahme an. Im
Anfängerunterricht sollten dennoch vor allem Übersetzungsaufträge mit Funktionsinvarianz
erteilt werden, um die Studierenden nicht zu überfordern.
5 Bei der instrumentellen Übersetzung dient der Text als Mittel, als Instrument zum Transport
kommunikativer Absichten. Bei der dokumentarischen Übersetzung steht der Text selbst,
sein Inhalt und seine Form, im Vordergrund, der Text ist dann selbst
Betrachtungsgegenstand.
6 Außerdem hilft die Textanalyse dem Übersetzungskritiker oder dem Dozenten im
Übersetzungsunterricht, die Strategien einer abgeschlossenen Übersetzung im Nachhinein
nachzuvollziehen und die Übersetzungsleistung dadurch möglichst objektiv zu bewerten.
358 Stephan Walter
textinterne Faktoren:
Worüber ... Æ Thematik
sagt er was ... Æ Textinhalt
(was nicht) ... Æ Präsuppositionen
in welcher Reihenfolge ... Æ Textaufbau
unter Einsatz welcher nonverbalen Æ Textdesign
Elemente ...
in welchen Worten ... Æ Lexik
in was für Sätzen ... Æ Syntax
in welchem Ton ... Æ suprasegmentale Elemente
mit welcher Wirkung? Æ übergreifender Faktor, der das
Zusammenspiel der textexternen und
textinternen Faktoren bestimmt
Ganzes, als Gesamtmodell verstanden wird. Im Laufe der Unterrichts und in der
späteren Berufspraxis beantworten sich naturgemäß einige Fragen mit wachsen-
der translatorischer Erfahrung von selbst.
Der hier verwendete Text wurde aus folgenden Gründen ausgewählt:8 Zum
einen zeichnet er sich durch eine relativ einfache Sprache aus, enthält mit Aus-
nahme einiger politisch-diplomatischer Termini keine komplizierte Fachlexik und
ist somit bereits in Einführungskursen ins Übersetzen und auch in Gruppen mit
Deutsch als 2. Fremdsprache gut einsetzbar. Zum anderen sind den Studierenden
die hier vorkommenden Textsorten „Biografie“ (Zeile 16-29)9 und „Glück-
wunsch“ (42-49) in der Zielsprache bereits vertraut. Das erleichtert es ihnen, eine
funktionsgerechte und textsortenadäquate Übersetzung anzufertigen, sie „kleben“
nicht am Text. Besonders im Hinblick auf eine zielsprachlich normgerechte
Übersetzung ist dies von allerhöchster Bedeutung.
Das Nebeneinander verschiedener Textsorten richtet die Aufmerksamkeit
außerdem auf die Mikrotextstruktur und zeigt die Verzahnung verschiedener
Textsorten in einem Text sowie die Verwendung entsprechender Kohärenzmittel.
Im vorliegenden Text ergeben sich Fragen wie die Übersetzung von Eigennamen
deutscher Universitäten usw., die dazu geeignet sind, die Studierenden für eine
normgerechte Übersetzung zu sensibilisieren. Er wirft außerdem translatorische
Fragen wie textuelle Synonymie und syntaktische Verknüpfungen auf, die eben-
falls zur grundsätzlichen Sensibilisierung für übersetzerische Entscheidungen und
Prozesse beitragen.
WER: Der Autor ist ein Journalist der Moskauer Deutschen Zeitung (MDZ), er
wird zwar namentlich nicht genannt, doch weist die Quellenangabe MDZ darauf
hin (siehe auch MEDIUM).10 Bisweilen finden sich Kürzel des Autors oder der
volle Name vor oder unter dem Text. Da die Redaktion zweisprachig ist, handelt
es sich entweder um einen deutschen oder russischen Journalisten. Der Text zeigt
keine sprachlichen Mängel, sodass man von einem muttersprachlichen Autor
ausgehen kann; grammatische Unstimmigkeiten wie in Zeile 17 5 июня 1937
году (statt года) sind Flüchtigkeitsfehler. Auch das Medium „Zeitung“ als Ort
professionell angefertigter Texte impliziert bereits sprachliche und textuelle
Richtigkeit.
WOZU: Der Autor schreibt diesen Text, damit seine Leser einen biografischen
Überblick über das Leben des Botschafters erhalten (WOZU 1). Zum Schluss des
Textes wird dem Botschafter in indirekter Form zum Geburtstag gratuliert
(WOZU 2). Hinweise auf die Intention geben die textexternen Faktoren Autor,
Medium, Ort, Zeit und Adressat.
WEM: Der Text richtet sich an russische Leser der MDZ, die sich für Deutsch-
land, das deutsche Leben in Moskau und die deutsch-russischen Beziehungen
insgesamt interessieren, jedoch nicht der deutschen Sprache mächtig sind (siehe
auch Medium).
MEDIUM: Dieser schriftliche Text erscheint in der russischen Ausgabe der
MDZ, einer Zeitung, die 14-tägig sowohl in einer deutschen als auch in einer
russischen Fassung (Moskovskaja Nemeckaja Gazeta) erscheint. Die MDZ wird
von vielen Firmen und Institutionen abonniert, sie liegt in verschiedenen Kultur-
einrichtungen sowie Restaurants und Hotels aus (Goethe-Institut, Deutsche
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), Botschaft usw.), wie das in
Moskau für bestimmte Zeitungen und Zeitschriften üblich ist. Dies hat Auswir-
kungen auf den Leserkreis, er wird größer und damit weniger erfassbar. Die MDZ
veröffentlicht zudem eine deutsche Online-Version, der Text erscheint auch im
Internet, er ist somit weltweit abrufbar ([Link]). Auch dies hat
Auswirkungen auf den Leserkreis: Er erweitert sich dadurch auf sämtliche
Personen, die Russisch verstehen und sich über das Geschehen in Moskau infor-
mieren wollen – unabhängig von ihrem momentanen Aufenthaltsort.
Ferner zählt dazu die Platzierung bzw. die Rubrik: Der Artikel erscheint rela-
tiv vorne auf Seite 2 (die MDZ umfasst durchschnittlich 20 Seiten). Diese Platzie-
rung erklärt sich durch den Gegenstand des Artikels; der Botschafter ist eine
bekannte Persönlichkeit und bekommt deshalb einen ihm gebührenden promi-
nenten Platz (direkt nach den wichtigsten Ereignissen).
Informationen über das Medium (seriöse Zeitung vs. Regenbogenpresse) las-
sen Rückschlüsse auf die Textsorte und die sprachliche Gestaltung zu (Lexik,
Syntax), die weiter unten untersucht wird. Schließlich gibt das Medium auch
Hinweise auf die Intention des Autors.
WO: Der Text wurde in Moskau geschrieben, damit fallen der Ort der Texter-
stellung mit dem Ort des Themas, des WAS, zusammen (kein Auslandskorres-
pondent). Weiterhin ist anzunehmen, dass die Redaktion der MDZ den Botschaf-
ter persönlich kennt, ein möglicher Hinweis auf den Anlass. Es ist davon auszu-
gehen, dass die Zeitschrift auf dem Tisch des Botschafters liegt (als lokale
deutschsprachige Zeitschrift). Hinweise auf den Ort finden sich in der Textumge-
bung (Quellenangabe).
WANN: Der Text ist ein aktueller Zeitungsartikel, aktuell meint hier das zeit-
nahe Zusammenfallen von Textproduktion und Textrezeption. Auch im Jahr 2004
ist der Text absolut verständlich, an den Sprach- und Textkonventionen hat sich
nichts verändert, der Text kommt uns sprachlich gesehen normal vor, er ist nicht
veraltet.11
11 Der Faktor WANN spielt eine Rolle bei der Übersetzung von „alten“ Texten. Viele
Übersetzungen enthalten einen sprachlich-stilistischen Transfer, um den Rezipienten des ZT
in eine dem AT vergleichbare Rezeptionssituation zu versetzen, vgl. z. B. die verschiedenen
Bibelübersetzungen.
Funktionales Übersetzen und übersetzungsrelevante Textanalyse 361
Der Artikel erschien kurz vor dem 65. Geburtstag des Botschafters, das
genaue Datum ist für unsere Zwecke nicht relevant und könnte schnell über die
Homepage der Botschaft recherchiert werden. Aus der textinternen Textanalyse
ergäbe sich, dass der Artikel Anfang Juni erschien (в эти первые дни лета – der
Sommer beginnt in Russland am 1.6.). Die Quellenangabe ist eine zusätzliche
Orientierung und erleichtert in dem Fall die Beantwortung dieser textexternen
Frage.12 Das Medium enthält üblicherweise einen expliziten Zeitbezug. Selbst
wenn ich die Zeitung drei Monate später in die Hand nehme, kann ich den Text
zeitlich einordnen, da die Seite entsprechende Angaben enthält. (Nur im Kontext
verständliche Ausdrücke wie „hier“ und „heute“ erhalten dadurch wieder einen
klaren Bezugsrahmen.) Durch den Übersetzungsauftrag („Übersetzen Sie für die
Anfang Juni 2002 erscheinende deutsche Ausgabe.“) wird der Übersetzer in die
aktuelle Situation des AT zurückversetzt. In der Praxis ist dies natürlich nicht
möglich, dennoch scheint diese Zeitreise für den Unterricht legitim zu sein.
(Ansonsten sind Texte, die ohne solch engen zeitlichen Bezug auskommen,
vorzuziehen, da die Übersetzungssituation dann authentischer ist.)
WARUM: Anlass, diesen Text zu verfassen, ist ein einmaliges Ereignis, der 65.
Geburtstag des (damaligen) deutschen Botschafters in Moskau. Es gehört zu den
Aufgaben bzw. Gewohnheiten von Zeitschriften, solche Ereignisse zum Anlass
zu nehmen, über die Person zu informieren und ihr Werk zu würdigen. Wir
erwarten hier bereits gewisse inhaltliche Informationen (Leben und Werk) und
die Formulierung von Glückwünschen.
FUNKTION: Aus der Analyse der textexternen Faktoren ergibt sich die Text-
funktion. Der ausgewählte Text ist ein Zeitungsartikel, der in der russischen
Ausgabe der MDZ im Juni 2002 erschienen ist. Anlass ist der Geburtstag des
Botschafters, einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die für Deutsche wie
Russen gleichermaßen interessant ist. Die anlässlich solcher Jubiläen übliche
Beschreibung von „Leben und Werk“ des Botschafters ist inhaltsbetont, die Text-
funktion demnach informativ. Eine andere Funktion haben die Glückwünsche am
Textende, sie sind ein – kulturell übliches und aus Gründen der Höflichkeit
gebotenes – Geschenk des Autors und haben Appellfunktion. Bei der Analyse der
einzelnen Faktoren ergeben sich bereits Vermutungen über die textinternen Fak-
toren, u. a. bezüglich Inhalt, Lexik und Stil. Die Untersuchung dieser sprachli-
chen Faktoren wird dies nun bestätigen oder korrigieren, gegebenenfalls müssen
auch die Feststellungen zur Textfunktion noch einmal korrigiert werden.
12 Der Botschafter ist seit Herbst 2002 in Pension, insofern sind Text und Kontext nicht mehr
ganz aktuell. Für den Unterricht ist dies jedoch nicht entscheidend, da der (didaktische)
Übersetzungsauftrag uns in das Jahr 2002 versetzt. Der Zeitbezug ist ein grundsätzliches
Problem bei aktuellen Texten mit entsprechenden Hinweisen, denn sobald sie veraltet sind,
muss der zeitliche Bezugsrahmen – im Sinne von Eindeutigkeit – angepasst werden. Zur
Begründung der Textauswahl s. o.
362 Stephan Walter
WORÜBER: Die Thematik ist ein Ausschnitt aus der außersprachlichen Wirk-
lichkeit. Gegenstand des Textes ist der deutsche Botschafter in Moskau. Die
Thematik wird im Original durch ein Porträtfoto visuell, also außersprachlich
unterstützt (s. u.).
WAS: Das WAS meint hier vom Autor ausgewählte Informationen zum Thema.
Im Text werden verschiedene Aspekte aus dem Leben des Botschafters genannt:
sein Geburtstag, seine Hochschulausbildung, seine berufliche Laufbahn, sein
Engagement in Russland (Überschrift). Hinweise auf den Inhalt geben bereits die
Überschriften (благо двух народов und юбилей) (s. Textaufbau). Der Inhalt lässt
Rückschlüsse auf die Lexik zu (s. u.).
WAS NICHT: Das Nichtgesagte oder das nur implizit Gesagte wird auch Prä-
supposition genannt. Das bedeutet, dass ich selbstverständliches Vorwissen, über
das ich aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur, einer Bildungs-
schicht oder einer sozialen Gruppe verfüge, auch bei den andern als bekannt
voraussetze. Dahinter steckt das Prinzip der Vermeidung von Redundanzen. So
sind Anspielungen und Zitate nur deshalb verständlich, weil sie in einem
bestimmten Kulturkreis bekannt sind. Zu den Präsuppositionen gehören auch
lokale, temporale, ideologische, religiöse, philosophische u. a. Vorstellungen, die
das Denken und Handeln, und damit auch die Textproduktion beeinflussen (vgl.
Nord 1989: 110).
In diesem Text sind keine Präsuppositionen enthalten, alle Informationen wer-
den explizit genannt. Ausnahme ist der Internationale Verband der deutschen
Kultur, eine Organisation, die bei weitem nicht allen (russischen wie deutschen)
Lesern bekannt sein dürfte. Der fehlende Bekanntheitsgrad führt auch zu Über-
setzungsschwierigkeiten, damit dieser Text auch im Anfängerbereich einsetzbar
ist, wurde die deutsche Entsprechung als Fußnote angegeben und der Schwierig-
keitsgrad dadurch niedrig gehalten. (Es handelt sich hier um eine sogenannte
didaktische Manipulation.) Im Unterricht wäre auch eine Rechercheaufgabe
denkbar.
Dem russischen Leser wird außerdem nicht erklärt, an welcher der drei (!)
Berliner Universitäten von Studnitz studiert hat. Meine Erfahrungen mit dieser
Textstelle im Unterricht zeigen, dass diese Ungenauigkeit beim Übersetzen
unberücksichtigt bleibt. Schließlich wird nicht darauf eingegangen, dass von
Studnitz drei Monate nach seinem Geburtstag Moskau verlassen und in Pension
gehen wird. Diese Information ist sicherlich in botschaftsnahen Kreisen bekannt;
sie ist allerdings für das Textverständnis nicht relevant.
IN WELCHER REIHENFOLGE: Hier geht es um den Textaufbau, die Makrostruk-
tur. Der Artikel gliedert sich in vier Abschnitte, die dem inhaltlichen Prinzip
folgen: Einleitung (Thema), Lebenslauf, Ziel der Arbeit des Botschafters in
Russland, Glückwunsch. Beim Teiltext „Lebenslauf“ ist zu beachten, dass er
chronologisch (von der Geburt bis heute) formuliert wird. Dies ist kulturspezi-
fisch vorgegeben und muss bei der Übersetzung gegebenenfalls umgestellt wer-
den (Gliederungskonvention). Die unterschiedlichen Teiltexte können
Funktionales Übersetzen und übersetzungsrelevante Textanalyse 363
unterschiedliche Funktionen haben. Der Text erhält ein Zitat des Botschafters,
der ja Thema des Artikels ist, als In-Text. Innerhalb des Gesamttextes haben In-
Texte eine eigene Funktion (vgl. Nord 1989: 117). Zitate sind möglichst wörtlich
zu übersetzen, zumal es sich hier um eine Rückübersetzung handelt.
NONVERBALE MITTEL: Hiermit sind vor allem die Aufmachung, die äußere
Textgestaltung, das Layout gemeint. Die Textlänge wird durch den vorgesehenen
Platz in der MDZ bestimmt und ist entsprechend eingeschränkt. Die Überschrif-
ten werden durch Groß- und Fettdruck hervorgehoben. Das Foto vermittelt eine
konkrete Vorstellung von der Person, die Gegenstand des Artikels ist. Außerdem
funktioniert es als Blickfang, der Leser erfährt mit einem Blick, worüber in die-
sem Text berichtet wird. Das Foto hilft gemeinsam mit der Überschrift dem Leser
bei der Entscheidung „interessant/nicht interessant“, ob also der Artikel weiter-
gelesen wird oder nicht. Sowohl Großdruck als auch Foto sind textsortenspezifi-
sche Merkmale und bringen keine künstlerische Intention des Autors zum Aus-
druck, sondern gehören zur Textsorte „Zeitungsartikel“. Bei einer Übersetzung
sind die zielsprachentypischen Textsortenmerkmale zu berücksichtigen; außer-
dem spielt hier die Tatsache eine Rolle, dass der Textumfang durch das Gesamt-
layout beeinflusst werden kann (z. B. Längenvorgaben der Zeitungsredaktion,
was sich wiederum auf die Produktion des ZT auswirkt).
LEXIK: Im Wortschatz spiegeln sich Thematik, Inhalt, Intention und Adressa-
tenkreis. Das lexikalische Register ist weder niedrig noch gehoben, sondern ent-
spricht den sich bereits aus den textexternen Faktoren ergebenen Vermutungen.
Der Wortschatz ist der Gemeinsprache zur Beschreibung einer prominenten Per-
son entnommen. Im dritten Absatz geht es um allgemeine politische Aussagen.
Insgesamt handelt es sich um einen durchschnittlichen, keinesfalls gehobenen
Zeitungswortschatz. Zum besonderen Fachwortschatz der Diplomatie gehört der
Begriff Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter13. Besonderen Kon-
ventionen unterliegen die Eigennamen deutscher Universitäten und der schon
erwähnte Internationale Verband der deutschen Kultur. Im Glückwunsch sind
sprachliche Klischees enthalten (herzlich gratulieren, Gesundheit und Glück
wünschen), die zu solchen Anlässen üblich sind und deshalb erwartet werden. Bei
der Übersetzung ist die Verwendung entsprechender zielsprachlicher Klischees
zu berücksichtigen.
Von Bedeutung für die Übersetzung sind textuelle Synonyme (Botschafter,
Leiter/Chef der Vertretung, v. Studnitz), Rückübersetzung von Eigennamen sowie
Fragen der Kollokation (широкий круг, всесторонние отношения), der Anto-
nymie (официальный – дружеский) sowie der Titulierung (г-н фон Штудниц
vs. von Studnitz) und der Frequenz bestimmter Wörter (стремиться).
SYNTAX: Der Satzbau enthält fast ausschließlich parataktische Strukturen. Im
ersten Absatz steht ein relativ langer Satz, der auf die Grundstruktur „nicht nur,
sondern auch“ zurückgeht. Der Lebenslauf wird mit minimalen Elementen for-
muliert, jeder Gedanke bildet einen neuen Satz. In zwei Sätzen des 2. Absatzes
13 Auf den Internet-Seiten des Auswärtigen Amtes findet man neben der Groß- auch die
Kleinschreibung.
364 Stephan Walter
fehlen die Subjekte, was typisch für einen enzyklopädischen Steckbrief, jedoch
untypisch für einen deutschen Zeitungsartikel ist. Bei der Übersetzung ist zu
klären, ob ein solcher textstilistischer Bruch übernommen werden soll bzw. darf.
Aufzählungen (A, B und C) sind ein Übersetzungsproblem, da im Deutschen die
Konjunktion und vor das letzte Glied gesetzt werden muss, wenn man einen
neutralen Stil kennzeichnen möchte (ein fehlendes und wäre stilistisch markiert,
etwa individuell oder literarisch). Im Russischen kann diese Konjunktion syste-
matisch weggelassen werden. Das Adverbialpartizip zu Beginn des 3. Absatzes
verlangt eine syntaktische Umformung im Deutschen.
TON: Die sogenannten Suprasegmentalia bringen Stil und Klang zum Aus-
druck. In literarischen Texten ist die gesamte Bandbreite rhetorischer Stilmittel
wie Alliteration und Binnenreime, aber auch Satzrhythmus und Satzmelodie von
Bedeutung. Betonungen können durch Kursivdruck hervorgehoben werden. In
dem vorliegenden Text wechselt der Ton von informativ-neutral bis zu feierlich
im letzten Absatz. Auch das Epitheton знаменательный (6) ist dem gehobenen,
halb feierlichen Stil entnommen. Der Lebenslauf enthält Ellipsen (zum fehlenden
Subjekt s. SYNTAX).
WIRKUNG: Aufgrund der Kommunikationssituation (Rezipient erfährt durch
Lektüre etwas über ein aktuelles Ereignis) und des Hintergrundwissens (Bot-
schafter ist der ranghöchste Deutsche in Russland) werden Aussage und Gestal-
tung des Textes rezipiert. Diesen Eindruck, der dabei entsteht, nennt Nord (1989)
„Wirkung“. Die Wirkung des Textes auf den Rezipienten kann nur interpretativ,
nicht „objektiv“ linguistisch beschrieben werden (vgl. Nord 1989: 149). Hier
kann man als Wirkung die Informiertheit über ein Ereignis nennen. Da der Text
primär informativer Natur ist, wird sich das Verhalten des Rezipienten nach der
Lektüre kaum ändern (wie das z. B. bei einem primär appellativen Text der Fall
wäre). Allenfalls kann man hier als Reaktion „Freude über das Ereignis“ und die
Anregung, dem Botschafter persönlich zu gratulieren, in Betracht ziehen.
2.4 Zwischenbilanz
Aus den textexternen und -internen Informationen können wir nun Schlussfolge-
rungen im Hinblick auf Textsorte und -funktion ziehen. Der Text ist ein Zei-
tungsartikel, ein klassischer Bericht, der den russischen Leser über Sachverhalte
informiert, die für diesen von Interesse sind, sei es, weil er mit der deutschen
Community in Moskau privat oder beruflich zu tun hat, sei es, weil ihn das deut-
sche Leben in der russischen Hauptstadt einfach interessiert. Im letzten Abschnitt
ändert sich die Textsorte. Hier wird dem Botschafter gratuliert, somit handelt es
sich um ein Glückwunschschreiben, das sich allerdings über das Medium MDZ
indirekt an ihn in der 3. Person wendet. Es ist ein offenes Glückwunschschreiben,
die Leser werden gewissermaßen darüber informiert, dass die MDZ
Funktionales Übersetzen und übersetzungsrelevante Textanalyse 365
Glückwünsche ausspricht. Somit kann festgestellt werden, dass der Text eine
informative und im letzten Abschnitt eine indirekt appellative Funktion hat.
Der Übersetzungsauftrag gibt vor, einen Text für die deutsche Ausgabe der
MDZ zu produzieren, der zeitnah zum russischen AT Anfang Juni 2002 erschei-
nen soll. Eine Analyse der zielsprachlichen textexternen Faktoren wie Ort, Zeit,
Medium, Adressat, Zweck usw., die hier aus Platzgründen entfällt, würde erge-
ben, dass wir es bei der vorliegenden Übersetzung mit Funktionsinvarianz zu tun
haben. Das bedeutet, dass keine textuellen Anpassungen im Sinne einer Bearbei-
tung (vgl. Schreiber 1993) vorgenommen werden müssen. Gleichzeitig heißt dies
jedoch nicht, dass man beim Übersetzen blind am AT „kleben“, sondern sich
durchaus von den Strukturen lösen darf, ja soll, damit genau dort, wo die Normen
der ZS andere Strukturen als in der AS verlangen, entsprechende Lösungen
gefunden werden können. Gerade im Übersetzungsunterricht wird leider oft ver-
säumt, auf genau diesen verantwortlichen Umgang mit der translatorischen Frei-
heit hinzuweisen; und auch in der Praxis gibt es immer wieder neue Beispiele für
die normenverletzende Übernahme von AS-Strukturen.
Der vorliegende informative Texttyp mit der Vermittlung von Inhalten als
Hauptfunktion ermöglicht, ja fordert geradezu eine Lösung von den AS-Struktu-
ren, um einen kohärenten ZT zu produzieren, der den sprachlich-textuellen Lese-
erwartungen der ZT-Adressaten gerecht wird. Zur Klarstellung: Damit soll nicht
der Willkür freier Übersetzung Tür und Tor geöffnet werden; das Loslösen vom
AT ist schließlich kein Selbstzweck. Sprachliche und stilistische Besonderheiten
können selbstverständlich übernommen werden, soweit sie den Normen der Ziel-
sprache entsprechen. Aber sie müssen immer mit der Lupe des (deutschen) ZT-
Lesers betrachtet werden, der nun mal hinter einem Zeitungsartikel, den er liest,
um sich zu informieren, keine ungewöhnlichen Konstruktionen, keine Exotismen
und keine überladenen Phraseologismen erwartet. Bekommt er aber einen Text,
der unauffällig und gerade kein Fremdkörper ist, weil die Textsortenkonventio-
nen eingehalten wurden, dann ist der Übersetzungsauftrag professionell und
erfolgreich ausgeführt worden.
Unter diesen funktionalen Gesichtspunkten soll nun der vorliegende Überset-
zungsvorschlag untersucht werden, immer mit Augenmerk darauf, dass es sich
um einen Übersetzungskurs in die Fremdsprache handelt, bei dem also neben
translatorischen auch fremdsprachliche Fragen zu beantworten sind.
366 Stephan Walter
Die Überschrift der Übersetzung aus dem Russischen14 nennt das Leitmotiv der
Arbeit des Jubilars, der leicht feierliche Ton kann durch die alte Dativ-Endung
Wohle wiedergegeben werden. Der Genitivanschluss wurde mit beider übersetzt
statt der beiden, die Kürze entspricht der Überschriftennorm und vermittelt eine
gewisse Feierlichkeit, die dem Anlass angemessen ist und neugierig machen soll.
Die wörtliche Übersetzung zweier oder der zwei wurde zugunsten der semanti-
schen Intensivierung von beide (hier: Betonung der Gemeinsamkeit) aufgegeben.
Den Sachverhalt „Geburtstag feiern“ kann man verschiedentlich wiedergeben:
Geburtstag feiern oder begehen. Das russische исполняется (4-5) ist stilistisch
neutral und der Textsorte Zeitungsartikel angemessen (denkbar wäre noch
отмечает). Im Deutschen sind beide Varianten möglich (wobei feiern die akti-
vere Handlung ist), zu vermeiden ist das für diese Textsorte zu schlichte wird 65
Jahre alt.
Bei Personenbezeichnungen entfällt im Deutschen das Herr, im Russischen
hingegen muss in offiziellen Texten ein господин bzw. verkürzt г-н stehen (3, 30,
46). Eine – normverletzende – Übernahme beim Übersetzen ins Deutsche wäre
keinesfalls eine höfliche Geste gegenüber dem Botschafter, sondern eine falsche
translatorische Entscheidung, die den Leser eher irritieren würde.
Данный funktioniert hier als Demonstrativpronomen, im Deutschen ist neben
der Variante dieses auch das möglich (vgl. Duden 1984: 324).
Das folgende Übersetzungsproblem kann nur makrotextuell gelöst werden: die
Wiedergabe von textuellen Synonymen, konkret in diesem Fall die Bezeichnun-
gen für den Botschafter. Im Text finden sich Эрнст-Йорг фон Штудниц (4, 16,
30-31, 46-47), Чрезвычайный и Полномочный Посол ФРГ в РФ (1-3, 26-28),
глава германского дипломатического представительства (7-8), он (22, 37)
und Ø является, Ø женат (Auslassung in 26 bzw. 29). Es handelt sich immer
um dieselbe Person, die einmal mit dem Namen, dann mit dem offiziellen Titel
des bekleideten Amtes, danach mit einem inoffiziellen Namen für das Amt und
schließlich mit dem Personalpronomen bezeichnet wird. Im letzten Fall, einem
subjektlosen Satz, den das Russische, aber nicht das Deutsche kennt, wird das
Bezugswort völlig weglassen. Da beim informativen Texttyp der Inhalt und nicht
die Form im Vordergrund steht, ist für die vorliegende Übersetzung nicht rele-
vant, die Vielfalt der vom AT-Autor gewählten Synonyme „wörtlich“ wieder-
zugeben.15 Synonymie in einem informativen Text drückt den natürlichen
Wunsch jedes Autors nach Abwechslung aus. Ihr Gebrauch ist durch die Text-
konventionen einer Sprachgemeinschaft vorgegeben, Wiederholungen gelten
hingegen im Russischen wie im Deutschen als „schlechter Stil“. Das bedeutet für
die Übersetzung zunächst Folgendes: Auch der deutsche Text sollte die Bezeich-
nungen variieren, da Funktionsinvarianz vorliegt. Allerdings ist bei jeder
14 Die Übersetzung „Jubiläum. Zum Wohle beider Völker“ findet sich im Anhang.
15 Dies wäre bei der Übertragung eines Gedichts oder eines anderen formbetonten Textes
allerdings von zentraler Bedeutung.
Funktionales Übersetzen und übersetzungsrelevante Textanalyse 367
Ostberlin ausschließen. Nach der Klärung der geografischen Frage nun diejenige
des Faches: Die FU ist eine grundsätzlich geisteswissenschaftliche, die TU eine
naturwissenschaftlich-technische Hochschule; man kann also im Falle von Jura
als Geisteswissenschaft annehmen, dass es sich bei der genannten Berliner
Universität um die FU handelt.18 Nachdem nun die inhaltliche Ungenauigkeit aus
dem Wege geräumt ist, bleibt die Frage nach der konkreten Übersetzung; und
hier gilt es nun, die Wiedergabenormen deutscher Realia, genauer deutscher
Universitätsbezeichnungen zu beachten. Die Regel lautet: „Name der Hochschule
+ Ort“. Korrekt, aber umständlich wäre die Variante ... an den Universitäten Kiel,
Heidelberg und an der Freien Universität Berlin. Da es hier um rein biografische
Details geht, ist auch folgende Variante mit der Ortsangabe „in + Ort“ möglich:
Er studierte Rechtswissenschaften in Kiel, Heidelberg und Berlin. In diesem Fall
werden zwar nicht die genauen Bezeichnungen der Hochschulen genannt, aber
für den „beruflichen Werdegang“ ist das hier ausreichend.19
Bei der Aufzählung der Arbeitsstätten des Botschafters ist zu beachten, dass
im Deutschen vor das letzte Glied ein und eingefügt werden muss (vgl. oben
Syntax). Der Satz Он работал ... (22-25) lässt sich für Übungszwecke besonders
gut verwenden, da er zwei solcher Aufzählungen enthält: Er arbeitete im Aus-
wärtigen Amt und in den Botschaften Moskau, Ankara und New York. Das Glei-
che gilt für den letzten Absatz und die Redaktion (43) sowie und wünschen ihm
viel Gesundheit (47).
Das Adverbialpartizip (AP) kann durch eine präpositionale Wendung im
Nominalstil wiedergegeben werden, etwa in diesem Amt. Der vorliegende Vor-
schlag präzisiert von Studnitz’ Position als Amt des Botschafters, ein legitimes
Übersetzungsverfahren, das die Verständlichkeit erhöht, ohne den Textfluss zu
stören. Konstruktionen wie sich in diesem Amt(e) befindend oder diesen Posten
bekleidend sollten vermieden werden, da sie im Unterschied zum russischen AP,
das in der Schriftsprache üblich und korrekt ist, im Deutschen altertümlich klin-
gen und den Text verfremden.
Zur Frequenz: Wörter werden in verschiedenen Sprachen unterschiedlich häu-
fig verwendet. Dazu gehört auch das russische стремиться (31), das im Gegen-
satz zum deutschen streben, bestrebt sein häufiger vorkommt. Bei der Überset-
zung ist die Frequenz unbedingt zu beachten, da selten verwendete Wörter bei
größerer Häufigkeit den Leser verunsichern können. Um dies zu vermeiden,
sollte der Übersetzer eine „freiere“ Übersetzung wählen. Semantisch meint
стремиться hier „ein Ziel erreichen wollen“, infolgedessen kann man ein deut-
sches Verb (möchten) aus diesem Umfeld verwenden, das aktive содействовать
wird durch beitragen übersetzt. M. E. ergibt sich trotz dieser nichtwörtlichen
Übersetzung keine Verschiebung des Sachverhaltes, vielmehr wurde ein
18 Die intellektuelle Redlichkeit des Übersetzers verlangt anschließend natürlich noch eine
Überprüfung dieser Vermutung.
19 Ein Lebenslauf in einer Bewerbung sollte allerdings den exakten und vollständigen Namen
der absolvierten Hochschule enthalten, z. B. Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
370 Stephan Walter
4. Zusammenfassung
20 Der mehrfache Einsatz des Textes im Übersetzungsunterricht für Studierende mit Russisch
als Muttersprache und in der Lehrerfortbildung hat Erfahrungswerte geschaffen, welche die
Grundlage für die vorliegende Darstellung bilden.
Funktionales Übersetzen und übersetzungsrelevante Textanalyse 371
5. Literatur
6. Anhang
Übersetzungsauftrag: Übersetzen Sie den folgenden Text für die deutsche Aus-
gabe der Moskauer Deutschen Zeitung, die im Juni 2002 erscheinen soll.
ЮБИЛЕЙ
Quelle: Moskauer Deutsche Zeitung Nr. 11 (82), Juni 2002 (russische Ausgabe)
Übersetzungsvorschlag:
Jubiläum
Zum Wohle beider Völker