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Junius: Gilles Deleuze Zur Einführung

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Junius: Gilles Deleuze Zur Einführung

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I

Michaela Ott

Gilles Deleuze zur Einführung

JUNIUS
Wissenschaftlicher Beirat
Michael Hagner, Zürich
Dieter Thomä, St. Gallen
Cornelia Vismann, Frankfurt a.M.

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Junius Verlag GmbH
Stresemannstraße 375
22761 Harnburg

© 2005 by Junius Verlag GmbH


Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Florian Zietz
Titelfoto: Raymond Depardon/Magnum
Agentur Focus
Satz:Junius Verlag GmbH
Druck: Druckhaus Dresden
Printed in Germany 2005
ISBN 3-88506-603-3
1. Auflage April 2005
(Zur Einführung; 303)

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über >[Link] abrufbar.
Inhalt

Einleit-ung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
>)Werden« als Programm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Rezeption in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Denken als Freundschaftsakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Methode der Wiederholung und Differenzbildung . . . . . 25

1. Was ist Philosophie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33


Begriffe bilden und Pläne zeichnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
Strukturalismus und Poststrukturalismus . . . . . . . . . . . . . 42

2. Frühe Lektüren philosophischer Denker . . . . . . . . . . . . . 49


Affekt und Einbildungskraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
Vitalistische Wertsetzung, genealogische Kritik . . . . . . . . 54
Vervielfältigung von Stimme und Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . 59
Differenz- und Sinnproduktion .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64

3. Lektüren literarischer Texte ........................ 81


Passion und Pathologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
Dekonstruktionen des Gesetzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
Nomadisierende Schriftverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93

4. Post-68er-Schriften zur Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . 97


Kollektive Wunschproduktionen,
Gruppenphantasien, plurale Äußerungssubjekte . . . . . . . 97
Geo-Graphismus, Wissensritournelle,
Werdenstugenden und Nomadologien . . . . . . . . . . . . . . . 106
Körper und Falten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
Archiv und Karthographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

5. Schriften zu Malerei und Film . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125


Haptische Figuren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Bewegungs- und Zeit-Bilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

Anhang
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
Zeittafel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 3
Über die Autorirr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Zur Einführung ...

... hat diese Taschenbuchreihe seit ihrer Gründung 1978 gedient.


Zunächst als sozialistische Initiative gestartet, die philosophisches
Wissen allgemein zugänglich machen und so den Marsch durch
die Institutionen theoretisch ausrüsten sollte, wurden die Bände
in den achtziger Jahren zu einem verlässlichen Leitfaden durch
das Labyrinth der neuen Unübersichtlichkeit. Mit der Kombi­
nation von Wissensvermittlung und kritischer Analyse haben die
Junius-Bände stilbildend gewirkt.
Von Zeit zu Zeit müssen im ausufernden Gebiet der Wissen­
schaften neue Wegweiser aufgestellt werden. Teile der Geistes­
wissenschaften haben sich als Kulturwissenschaften reformiert
und neue Fächer und Schwerpunkte wie Medienwissenschaften,
Wissenschaftsgeschichte oder Bildwissenschaften hervorgebracht;
auch im Verhältnis zu den Naturwissenschaften sind die tradi­
tionellen Kernfächer der Geistes- und Sozialwissenschaften neuen
Herausforderungen ausgesetzt. Diese Veränderungen sind nicht
bloß Rochaden auf dem Schachbrett der akademischen Diszipli­
nen. Sie tragen vielmehr grundlegenden Transformationen in
der Genealogie, Anordnung und Geltung des Wissens Rech­
nung. Angesichts dieser Prozesse besteht die Aufgabe der Ein­
führungsreihe darin, regelmäßig, kompetent und anschaulich In­
ventur zu halten.
Zur Einführung ist für Leute geschrieben, denen daran gele­
gen ist, sich über bekannte und manchmal weniger bekannte
Autor(inn)en und Themen zu orientieren. Sie wollen klassische

7
Fragen in neuem Licht und neue Forschungsfelder in gültiger
Form dargestellt sehen.
Zur Einführung ist von Leuten geschrieben, die nicht nur einen
souveränen Überblick geben, sondern ihren eigenen Standpunkt
markieren. Vermittlung heißt nicht Verwässerung, Repräsentati­
vität nicht Vollständigkeit. Die Autorinnen und Autoren der
Reihe haben eine eigene Perspektive auf ihren Gegenstand, und
ihre Handschrift ist in den einzelnen Bänden deutlich erkenn­
bar.
Zur Einführung ist in verstärktem Maß ein Ort für Themen,
die unter dem weiten Mantel der Kulturwissenschaften Platz
haben und exemplarisch zeigen, was das Denken heute jenseits
der Naturwissenschaften zu leisten vermag.
Zur Einführung bleibt seinem ursprünglichen Konzept treu,
indem es die Zirkulation von Ideen, Erkenntnissen und Wissen
befördert.

Michael Hagner
Dieter Thomä
Cornelia V ismann

8
Einleitung

»Werden« als Programm

Wie anfangen, fragt Deleuze, wo es keine Anfänge gibt? Wie


dem entkommen, dass jeder Anfang bereits Wie��rh�lung, Spre­
chen von je schon Geäußertem, Abbilden von zuhandenen Bil­
dern ist? Und wie sprechen, fragen wir, über einen, der das
Sprechen >>Über« für untauglich erklärt, sofern man denn Neues
entdecken wolle, und daher vom Denker verlangt, sich in die
Logik des anderen einzufädeln, dorthin, wo der optische Über­
blick verloren geht, dafür alles anrührt, zustößt, betrifft? Wie
sprechen über einen, der die Forderung erhebt, »Sohn seiner Er­
eignisse und nicht seiner Werke [zu] werden« (LS, 187)? Und
wie diesen Abkömmling seiner Ereignisse profilieren in einer
Buchform, die, wenn nicht den Herrn seiner Werke, so doch in
seinen Werken skizziert sehen will?
Dieser geschickt in einen Infinitiv sich bergende Imperativ,
»Sohn seiner Ereignisse werden«, verrät zunächst Deleuzes den­
kerische Zuwendung zu Zufällen und W iderfahrnissen, zu all
jenem, was dem Einzelnen begegnet, ihm zustößt und Gewalt
antut. Diese Gewalt erfährt eine denkerische Vorzugsbehand­
lung gegenüber all jenem, was im eigenen Namen, als nach Wil­
len und Plan verfertigtes Werk entsteht. Vor allem aber verrät
dieser Infinitiv, dass Deleuze dem Denken des »Werdens«, der
Zeit, zu huldigen wünscht, und das bis in die sprachliche Ver­
laufsform hinein. In gewisser Umkehrung Heideggers gemahnt

9
er daran, das Sein seiner Werdensvergessenheit zu entreißen, ja
das Werden im Ereignen vernehmbar zu machen und die Zeit
aus ihrer verordneten Linearität zu befreien. Wie nun ihn, der
seine Begegnungen mit anderen Denkern als Ereignisse verstan­
den wissen wollte, insofern sie ihn als sich selbst Unbekannten
wieder finden ließen, wie nun ihn nach Maßgabe seiner Schrift­
bewegungen konturieren und dabei einpassen in eine Überblicks­
darstellung, die entsprechend ihrer Zielsetzung Disparitäten, Para­
doxien, Zeittransformationen eher unterschlägt als akzentuiert?
Im Sinne des Freidenkens von Zeit und Ereignis entwickelt
Deleuze - in Nähe zu Foucault - eine archäologische Methode,
die er als »Geophilosophie« praktiziert und die darauf abzielt,
die Philosophiegeschichte als Sedimentierung von Gedanken zu
begreifen, die es erneut aufzudecken und deren Zeitspur, ihr un­
vordenkliches Gewordensein nicht weniger als ihr fortgesetztes
Werden, es freizulegen gilt. Zei!li�pkeit soll dabei nicht als F:orm
-
der Anschauung oder als li�are Chronologie verstanden wer­
den, sondern als mit den Dingen verwachsener, vielfältiger und
ünendlicher (Un)Grund, von dem her alles, was sich ereignet,
eine »Quasi-Ursache« erhält. Dass dieser Zeitgrund notgedrun­
gen als entgründender, sich verschiebender und letztlich grund­
loser zu verstehen ist und die Ontologie des Seins in eine des
Werdens und des Sinns überführt, wird im Durchgang durch
Deleuzes Schriften zu explizieren sein.
Sein Denken erscheint mithin nicht nur von dem Impuls ge­
trieben, mit Heidegger das Sein als sich zeitigendes zu entfalten,
sondern der Zeitigung selbst zeitliche und logische Priorität zu­
zuerkennen. Vor dem Werden ist logischerweise nichts. Entge­
gen einer langen philosophischen Tradition lässt Deleuze das
Sein nicht als das Erste und Gründende gelten und weist die
Möglichkeit der Bestimmung eines Ursprungs insgesamt zurück.
Angefangen wird mittendrin, zwischen als unpersönlich und

10
präsubjektiv gedachten Spuren und Artikulationen, zwischen
afigurativen Bildelementen und deren metamorphotischer Wie­
derkehr, die sich in komplexen Zeitsynthesen zu Subjekten, Or­
ganismen, Aussagen und Bildern konfigurieren._!?!!�ken meint
seinerseits Wiederholung von vorgängigen unbewussten Syn­
thesen der Erinnerung und Gewohnheit, von Rhythmen, Tempi
und Affekten, meint, abhängig von der Modifikation der Wie­
&?tmtang, aber auch Anders-Werden, Differenzierung, Neuge-
·-

hurt.
Insofern vollzieht sich auch das hiesige Sprechen als Wieder­
holung, Verschiebung und Durchdringung deleuzescher Aussa­
gen nach Maßgabe von Affekt und Zeit. Zu vermeiden ist nicht
die Wiederholung an sich, da sie Bedingung der Möglichkeit
von Denken, Sprechen, Leben überhaupt ist. Zu vermeiden
wäre die mechanische Wiederholung, die trotz des zeitlichen
Abstands ein Identisch-Werden anstrebt und nicht das Andere
im Wiederkehrenden begrüßt. Geschieht Deleuzes Bejahung
der Wiederholung doch in dem Wunsch, sie zu vertiefen und als
differente wiederkehren zu lassen, in ihr subjektvorgängige, un­
persönliche Größen zu entdecken- deren Prototyp die Unend­
lichkeit, mit Bergson die »Dauer« ist -, um deren Aktualisie­
rung als unzeitgemäße, singuläre, ereignishafte hervorzukehren.
Seine unterschiedlichen Studien profliieren denn auch Singulari­
sierungen des zeitlichen Verlaufs, Momente, in welchen er sich
verdichtet, vertikalisiert, Tableaus errichtet und Intensitätsfel­
der erzeugt. Bedenkenswert erscheinen sie ihm, da sie sich nicht
der Chronologie unterwerfen, sondern herausragende, gegen­
läufige, die Vielfalt des Unendlichen einfaltende Zeitkomplexio­
nen sind. Deleuzes Relektüren von Werken der Philosophie­
und Literaturgeschichte, von Malerei und Film dienen der Of­
fenlegung ihres besonderen Wiederholungscharakters, ihrer Stei­
gerung der »Vermögen« zur Differenz und »Essenz«. Jede der

11
von ihm verfassten Monographien widmet sich einer außerge­
wöhnlichen Zeit- und Denkkonfiguration, sucht diese in ihrer
Dynamik und Eigengesetzlichkeit zu ergründen, in ihren eige­
nen Begriffen zu verlängern, aber auch zu öffnen und einzubet­
ten in ein größeres Zeichen- und Zeitigungsfeld. }!!der Körper,
so Deleuzes Diktum in Anlehnung an Spinoza, ist die Summe
der Kräfte, denen er Zugriff erlaubt. Von daher sind die ihm zu­
kommenden Kräfte ausfindig zu machen und in der Relektüre
weiter zu multiplizieren, ist die jeweilige Denkkonfiguration
größer, einzigartiger, schillernder erscheinen zu lassen und dabei
sichtbar zu machen, was sie an unpersönlichen Faktoren ent­
hält. Indem Deleuze die Werke einer gleichsam mikroskopi­
schen Analyse aussetzt und einem taktilen Auge zugänglich macht,
legt er ihren molekularen Bauplan und ihr inneres »Wimmeln«
offen und überführt sie in eine »diagrammatische«, abstrakte Figur,
die nach vielen Seiten hin verlängerbar erscheint.
Anders als Hegel, der seinem philosophischen System eben­
falls den Gedanken zeitlicher Entfaltung einlegt, versteht Deleuze
diese nicht teleologisch als Selbstvervollkommnung des Geistes.
Innerhalb seines Programms eines »generalisierten Anti-Hege­
lianismus« akzentuiert er vielmehr die vielfältige Unendlichkeit
der Zeit, die alle singulären Artikulationen zu »zukunftsvergan­
genen« Differenzierungsprozessen und zu Erscheinungen von
Unzeitgemäßem werden lässt.� �eit, unendlicher Verlauf und
minimalste Augenblickshaftigkeit zugh;[Link], wird als distanzschaf­
fender Verräumlichungsfaktor und »heterogenetische« Kraft ent­
wickelt, die unvermittelte, disparate und sogar voreinander flie­
hende Bruchstücke aus sich entlässt, wie Deleuze insbesondere
in seiner Proust- und Kafka-Lektüre, aber auch in seinen Film­
analysen betont.
Die »Begriffsperson« Deleuze selbst zeichnet sich so nach und
nach ab als Summe der Kräfte, denen sie Raum und Stimme ver-

12
leiht, als Summe der Denker, die sie in ihren »Denkplan« inte­
griert, um sich in ihnen zu entfremden und sich selbst unkennt­
lich �u werden. Seine Lektüren zielen weder auf Repräsentation
des Eigenen im anderen noch auf dessen Aufhebung in einer
geistesgeschichtlichen Rekonstruktion, sondern auf Profilierung
von gedanklichen Extrempositionen aus deren eigener Logik
heraus und auf deren Einfügung in ein »lmmanenzfeld«, wel­
ches das Denken aus der Bewegung des anderen, ohne vorgefasste
Begriffe und kategoriale Hierarchien, akzentuieren will. Qs.p
singulären Denkspitzen wird keine Abschließung zugestanden,
vjelmehr werden ihre Begriffe und Affekte untergründig ver­
.!:mnden, auf dass ein »rhizomatisches« Netz von Querverstrebun­
gen und affektiven Wechselwirkungen entstehe. Diesen Denk­
sPitzen wird mit Deleuzes singulären Studien je einzeln nachzu­
gehen sein.
Seine Ausbreitung eines Denkfeldes, in dem Bruchstückhaf­
tes und Disparates eingelagert ist und gleichzeitig unterirdische
Korrespondenzen wirken, lässt sich notgedrungen nur annähe­
rungsweise skizzieren. Zielt eine Einführung doch auf Verständ­
lichmachung, auf Abrundung von Zumutungsspitzen, letztlich
auf eine didaktische Form der Darbietung ab. Hielte man sich
an Deleuzes eigene Anweisungen, so müsste man weniger er­
klären und intensiver wiederholen, das Befremdliche ins noch
Befremdlichere rücken, die eigene Affektion beiläufig in die
Wendungen des anderen kleiden, nicht vom Ereignis sprechen,
dafür seine Entfaltung befördern und Deleuzes Denkbewegun­
gen vorantreiben in neue, »nicht-gekerbte« Räume hinein, Sohn
des Deleuze-Ereignisses werden in einem unscheinbaren, mino­
ritären Stil. Deleuze treu bleiben hieße in diesem Sinn, jene von
ihm geforderte masochistische Haltung zu praktizieren, in der
die Aussagen durchdekliniert würden auf ihre Folgen hin, um
diese noch einmal einem Lachen auszusetzen, dem Lachen über

13
sich selbst als jemandem, der noch immer beim Wort zu neh­
men und zu verstehen sucht.

Rezeption in Deutschland

Gibt man sich vor deutschen philosophischen Akademikern als


jemand zu erkennen, der dieser Philosophie nahe steht, wird
man, anders als in Frankreich, nach wie vor gerne mit einem spöt­
tischen bis herablassenden Lächeln bedacht. Zwischen Skepsis
und heftiger Ablehnung changieren die Reaktionen jener, die
sich in der Regel nicht weit in Deleuzes Schriften hineingewagt
haben. Ihre Vorbehalte äußern sich in Formulierungen wie »un­
zugängliche Hermetik«, »Privatsprache«, »delirantes Philoso­
phieren« und anderem mehr. Gerade für die philosophisch Pro­
fessionellen ist der Einstieg nicht leicht, da Deleuze, insbesondere
ab seiner Zusammenarbeit mit Guattari, mit unakademischer
Rede irritieren, die überkommenen Philosopheme gegen den
Strich bürsten, die Schriften akonventionell anlegen, mit Strate­
gien des Urndenkens, Urnwertens und der Entgrenzung des phi­
losophischen Feldes und mit unvermittelten Bezugnahmen auf
philosophische, literarische und allgemein künstlerische Positio­
nen provozieren will. Wenige sind es, die in ähnlich motivierter
Suche seine Schriften durchlaufen und Kritik vorn Ende her ar­
tikulieren. Slavoj Zizek1 etwa kritisiert an Deleuze, dass er nur
pseudosubversives Denken betreibe und letztlich in der verab­
solutierten Immanenz und minoritären Begriffsarbeit die herr­
schenden Zustände sanktioniere. Lebhaft, wenn auch nicht immer
auf eingehender Auseinandersetzung beruhend, ist gegenwärtig
das Interesse bei jungen, der Kunst und medialen Bereichen zu­
gewandten Denkern und Praktikern, von welchen Deleuze ein
Kultstatus zuzuwachsen droht. Angesichts der damit aufkom-

14
menden Gefahr leerer und unkritischer Repetition ist zu be­
grüßen, dass sich wissenschaftliche Anstrengungen mehren, die
seine Schriften in gründlichen philosophischen Lektüren erneut
aufrauen und das Widerstreitende in ihnen hervorkehren.
Zwischen rigoroser Ablehnung und begeisterter Aufnahme
hat die Rezeption des deleuzeschen Werks in Deutschland von
Anfang an geschwankt. Die erste Welle der Übersetzungen sei­
ner Schriften Nietzsche et la philosophie· von 1962 (Nietzsche und
die Philosophie, übers. v. Bernd Schwibs, München 1976), Kajka
-pour une litterature mineurevon 1973 (Kajka-für eine kleine Li­
teratur, übers. v. Burkhart Kroeber, Frankfurt 1976), Proust et !es
signes von 1973 (Proust und die Zeichen, übers. v. Henriette
Beese, Berlin 1978) und L'Anti-Oedipe. Capitalisme et schizophre­
nie von 1972 (Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie,
übers. v. Bernd Schwibs, Frankfurt a.M. 1977), in den 70er Jah­
ren angefertigt, löste bereits eine lebhafte, aber äußerst gespal­
tene Aufnahme aus: Gerade weil Anti-Ödipus (AÖ) ob seines
frechen unakademischen Tons in psychoanalysekritischen und
künstlerischen Kreisen umjubelt wurde, stieß die Schrift im aka­
demischen Milieu auf vehemente Ablehnung. Der Tonfall ver­
störte, der Duktus der Provokation, das gewollt Unflätige be­
reits in den Anfangssätzen: »Es funktioniert überall, bald rastlos,
dann wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, wärmt, isst. Es
scheißt, es fickt. Das Es ... (AÖ, 7) Aufgrund dieser demonstra­
«

tiven Unterbietung der standardisierten philosophischen Rede


gingen für Deleuze und Guattari in Deutschland - im Gegen­
satz zu Frankreich, Italien und den USA - die akademischen
Türen erst einmal zu. Während Michel Foucault 1970 eine Hymne
auf Deleuze anstimmte und in seiner bekannten Rezension von
Difef rence et repetition und Logique du sens in der Zeitschrift Cri­
tique prophezeite, dass das 21. Jahrhundert entweder deleuzia­
nisch sein oder nicht sein werde2, fielen Deleuzes (und Guatta-

15
ris) Schriften hierzulande einer gewissen »Verschwörung des
Schweigens«3 anheim, die ihre Rezeption um ein Jahrzehnt ver­
zögert hat. 4 Allerdings nahmen Romanisten wie Hans Robert
J auß5 und Rainer Warning6 in ihren Studien zur romanistischen
Forschung, Wolfgang Welsch7 und Bernhard Taureck8 in ihren
Gesamtdarstellungen der französischen Philosophie auf Deleuze
Bezug und widmeten ihm sachgerechte Einführungen. Daneben
waren einzelne euphorische Rezeptionen im Versuch der Verlän­
gerung der »Wunschproduktion« zu verzeichnen, die eine diffe­
renzierte Auseinandersetzung allerdings eher behindert haben.9
Verstärkt durch die Übersetzung und Rezeption der beiden Ki­
nostudien Cinema 1. L'image-mouvement von 1983 (Das Bewe­
gungs-Bild. Kino 1, Frankfurt aM., 1989) und Cinema 2. L'image­
Temps von 1985 (Das Zeit-Bild. Kino 2, Frankfurt a.M., 1991),
setzte Anfang der 90er Jahre eine zweite Welle der Deleuze-Re­
zeption ein: Binnen weniger Jahre wurden alle ausstehenden
Schriften von La philosophie de Kant von 1963 (Kants kritische
Philosophie, übers. von Mira Köller, Berlin 1990), Difference et
repetitionvon 1967 (Difef renz und Wiederholung, übers. v. Joseph
Vogl, München 1992), Mille Plateaux. Capitalisme et schizophrenie
von 1980 (Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie,
übers. von Ronald Vouille und Gabriele Ricke, Berlin 1992), Lo­
gique du sens von 1969 (Logik des Sinns, übers. v. Bernhard
Dieckmann, Frankfurt a.M. 1993) bis hin zu Qu'est-ce que la phi­
losophie? von 1991 (Was ist Philosophie?, übers. von Bernd
Schwibs und Joseph Vogl, Frankfurt a.M. 1996) ins Deutsche
übersetzt; die letzten beiden posthum in Frankreich erschiene­
nen Sammelbände mit kleinen Texten L'ile deserte et autres textes
von 2002 (Die einsame Insel, Frankfurt a.M. 2003) und Deux re­
gimes de fous von 2003 (Schizophrenie und Gesellschaft, Frankfurt
a.M. 2005) liegen nunmehr übersetzt vor. Die zahlreicher wer­
denden wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit seinen Wer-

16
ken im Bereich der Philosophie10, Literatur-11, Filmwissenschaft
und Ästhetik12 machen daneben auch deutlich, dass die Beschäf­
tigung mit dieser Philosophie häufig mit disziplinären Grenz­
überschreitungen einhergeht, so dass sich ein Rezeptionsfeld zwi­
schen Philosophie, Literatur- und Filmwissenschaft, Architektur­
und Medientheorie auszubreiten im Begriff ist.
An den neuesten Studien fällt als gemeinsamer Zug auf, dass
sie trotz Perspektivierung der deleuzeschen Philosophie und
trotz Verfolgung singulärer Fragestellungen - wobei die The­
men »Zeit« und »Ereignis«, »Immanenz« und »Tranzendenta­
lität« dominieren - mehr oder weniger sein gesamtes Denkfeld
abschreiten, das Gesamt seiner Texte gegenlesen, keine Übertra­
gungen auf andere Texte, Bilder oder Filme vornehmen und so
insgesamt dahin tendieren, die deleuzesche Karte im Sinne von
Borges noch einmal zu zeichnen. Obwohl sich diese Verfahren
aus der deleuzeschen Methodik erklären, verdeutlichen sie die
Gefahr, die der Umgang mit seinen Texten birgt. Denn gerade
ob der Akribie der Wiederholungen, die zudem Wiederholun­
gen - und Verschiebungen - vorangegangener anderer Sekun­
därwerke darstellen, scheint kaum Neues und Ungesehenes auf.
Zwar sucht Ingo Zechner13 in Verlängerung meiner Deleuze­
Lektüre14 das Ethos dieser Philosophie weiter zu konturieren,
durchläuft Wolfgang Wagner die von Stephan Günzel dargelegte
Immanenz. Zum Philosophiebegriffvon Gilles Deleuze15 noch ein­
mal auf diese Begriffe hin.16 Mirjam Schaub17 breitet in einer
Parallellektüre sein Zeit- und Filmverständnis, Mare Rölli18
jenes des Verhältnisses von Empirismus und Transzendentalität
aus. Der von ihm herausgegebene Sammelband Ereignis auf
Französisch19 rekonstruiert schließlich die deutsche und französi­
sche Denk�radition dieses Begriffs.
Deleuzes Vorgehensweise legt diesen in der Sekundärliteratur
auffälligen Zug von Wiederholung und Potenzierung insofern

17
nahe, als sie sich als »Denken mit<< anderen, als wechselseitige
Wiederholung und Differenzbildung mit dem anderen versteht.
Der Zwang, das gesamte Denkfeld immer noch einmal zu
durchlaufen, folgt aus der Erkenntnis, dass sich seine Begriffe
gegenseitig bedingen und erhellen und in seinem Denkfeld alles
mit allem zusammenhängt. Eine Übertragung oder Erweiterung
auf anderes scheint aus eben diesem Grund schwierig zu sein.
Von daher werden seine Texte entgegen seiner Aufforderung
eher nicht als »Werkzeugkisten« verwendet, wird sein Instru­
mentarium kaum auf bislang nicht Gesehenes angewandt. Wider
Willen entfaltet Deleuze eine Autorität, die seinen Adepten ein
umso getreueres Durchbuchstabieren abzuverlangen scheint, als
dieses Denken sich freimütig, anarchisch und paradox geriert.

Denken als Freundschaftsakt

Deleuze beginnt mit der Rezeption klassischer Philosophen wie


Hume, Kant, Bergson, Nietzsche, Spinoza und widmet ihnen
jeweils eine monographische Studie, was er selbst in Pourparlersl
Unterhandlungen (U) von 1990 folgendermaßen kommentiert:

»Ich gehöre zu einer Generation, einer der letzten Generationen, die


man mehr oder weniger mit der Philosophiegeschichte umgebracht hat.
Die Philosophiegeschichte übt in der Philosophie eine ganz offenkundig
repressive Funktion aus, sie ist der eigentlich philosophische Ödipus:
>Du wirst doch wohl nicht wagen, in deinem Namen zu sprechen, bevor
du nicht dieses und jenes gelesen hast, und dieses über jenes, und jenes
über dieses<. In meiner Generation sind viele nicht heil da rausgekom­
men, andere schon, indem sie ihre eigenen Methoden und Regeln, einen
neuen Ton erfunden haben. Ich selbst habe lange Philosophiegeschichte
gemacht, habe Bücher über diesen oder jenen Autor gelesen. Aber ich
habe mich auf verschiedene Art entschädigt: zunächst, indem ich Auto-

18
ren liebte, die sich der rationalistischen Tradition dieser Geschichte wi­
dersetzten.« (U, 14 f.)

Schon früh besteht trotz klassischer Vertiefung in die philosophi­


schen Texte sein Wiederholungsverfahren darin - wofür seine
Kant-Lektüre das beste Beispiel ist-, Unbekanntes, ja Monströ­
ses im anderen ausfindig zu machen: »Ich stellte mir vor, einen
Autor von hinten zu nehmen und ihm ein Kind zu machen, das
seines, aber trotzdem monströs wäre. Dass es wirklich seins war,
ist sehr wichtig, denn der Autor musste tatsächlich all das sagen,
was ich ihn sagen ließ. Aber dass das Kind monströs war, war
ebenfalls notwendig, denn man musste durch alle Arten der De­
zentrierungen, Verschiebungen, Brüche, versteckten Äußerungen
hindurchgehen, was mir nicht wenig Spaß bereitet hat.« (U, 15)
Auf diese Weise wird er in seinen »heterogenetischen«, das Wi­
derstreitende hervortreibenden Lektüren klassischer philosophi­
scher Texte nicht nur zum Dekonstruktivisten, sondern zum
Guerillero der Philosophiegeschichte, der leidenschaftliche Par­
teinahme betreibt: Er weist jedes Denken, das nur auf dem guten
Willen des Denkers und auf uneingestandenen Voraussetzungen
beruht, als philosophieunwürdig zurück. Dafür sucht er jedes
Denken zu potenzieren, das, von unbewussten Wunschartikula­
tionen angetrieben, eine »Passiologie« zu erkennen gibt. Er be­
greift Ideen und scheinbare Invarianten als wandelbar und wid­
met sich vorzugsweise Denkern, die in Kategorien der Bewegung
operieren. Mit Nietzsche verschreibt er sich dem philosophi­
schen Programm der Wertsetzung und Dramatisierung: Gege­
bene Denkorganisationen auf ihre »Lebensmächtigkeit<< hin zu
befragen, in ihrer leidenschaftlichen Artikulation zu befördern
oder auch umzuwerten wird sein unausgesetztes Bemühen sein.
Dieses Engagement in Sachen Verzeitlichung und Vervielfälti­
gung lässt sich indes nur aus seiner Grundannahme, seinem tiefs-

19
ten Glaubenssatz, verstehen: Denn mit Nietzsche hält er dafür,
dass Leben - und Denken- von nicht-anthropomorphen, viel­
fältigen Kräften herrühren, denen denkerisch Gerechtigkeit wi­
derfahren zu lassen ist, widrigenfalls das Leben verfehlt und un­
rechtmäßig auf menschliches Maß ·eingeschränkt wird. Der
oberste Imperativ von Deleuze lautet folglich: Die Mannigfaltig­
keit als solche denken! Diese vorgängige Mannigfaltigkeit (von
Zeit oder Bild), die zwar real, aber nicht durchgängig aktuali­
siert ist, wird von ihm auch Virtualität genannt. Mit der Aktua­
lisierung dieser Virtualität verbindet er die Hoffnung auf Ent­
gründung der »unzulässigen Einheitsstifter« des sprachlichen
Gesetzes, der organischen Bilder und aller Formen von Subjek­
tivität, auf erneute Offenlegung ihrer metamorphotischen Seite
und ihre Rückverwandlung in das, was er »Meute-Werden« nennt.
Im Hinblick auf sein ethisches Postulat fordert Deleuze nicht
nur erneute Hingabe an diese präsubjektiven Größen, Weisen
der Wiederholung des als kollektiv oder »dividuell« verstande­
nen Unbewussten, sondern die Potenzierung dieser Wiederho­
lungen hin zum Denken im engeren Sinn, das sich dann auf
seine mannigfaltigen Ausgänge zurückzubeugen und diese ge­
genzubesetzen hat. Aufgrund dieser Konzeption des Denkens
als zyklischem Vorgang der Selbstvervielfältigung, ermöglicht
durch verschiedene, sich gegenseitig steigernde »Vermögen« des
Fühlens, Wahrnehmens und Denkens, lehnt er es ab, der Ver­
nunft einen privilegierten Platz zuzuerkennen oder dem Impe­
rativ zu folgen, laut welchem wir Herr über uns zu werden hät-
1 ten. Dass sich Denken aus dem Konzert verschiedener Vermö­

gen, ja aus deren Diskordanz ergibt und erst in deren wechsel­


l seitiger Potenzierung zu Bedenkenswertern reift, ist sein Argu­
ment gegen Kants harmonische Vermögensdistribution.
Seine Betonung der inneren Vielfalt und Autogenese des
Denkprozesses hat aber auch Umwertungen Nietzsches und

20
Heideggers zur Folge, insofern die Bejahung der Selbstüberwin­
dung des Subjekts und die Freilegung ihm immanenter Mikro­
akteure zur Affirmation des »man« und »dividueller« Existenz­
weisen führen. Diese einer unverwechselbaren Kontur verlustig
gegangenen Existenzen brechen und potenzieren die in ihnen
wirksamen kollektiven Kräfte, bis eine neue, unpersönliche »Es­
senz« entsteht. Deleuzes Bejahung dieser Ent-Individuierung
hin zum »man-Werden« des Einzelnen mündet schließlich in
den »seltsamen Imperativ: entweder aufhören zu schreiben oder
wie eine Ratte schreiben« (TP, 327). Diese knappe, provokante
Formel stellt nur die zugespitzteste Variante all jener in Deleu­
zes Schriften wiederkehrenden Aufforderungen zur Unterwan­
derung der strukturellen Ganzheiten von Vernunft, Organismus
und Subjektivität und zur Freisetzung jener prinzipiell unbe­
endbaren Werdensprozesse dar, die er mit einem »Frau-Werden«
als der ersten Verschiebung der männlichen Identität beginnen
und auf ein »Unwahrnehmbar-Werden« zulaufen lässt.
Eine solche Weise des Philosophierens, das sich in zyklischen
Verfahren selbst konstituiert und sich nach Maßgabe von Wün­
schen, aber auch Zwängen und Hindernissen entfaltet, ist kein
Denken, das sich mit dem Aufdecken von Bekanntem zufrieden
gibt. )>Für viele Leute ist Philosophie etwas, das nicht )gemacht<
wird, sondern immer schon fertig in einem Ideenhimmel exis­
tiert. Doch ebenso wie ihr Gegenstand ist auch die philosophi­
sche Theorie eine Praxis. Keineswegs ist sie abstrakter als ihr
Gegenstand. Sie ist eine Praxis der Begriffe, und es gilt, sie hin­
sichtlich anderer Praktiken, mit denen sie interferiert, zu beur­
teilen.«20 Neue Fragen bedürfen neuer Begriffe, weshalb De­
leuze in seiner mit Guattari verfassten Abschlussbetrachtung
Qu'est-ce que la philosophie?/Was ist Philosophie? (Qu) die Begriffs­
bildung als die genuin philosophische Tätigkeit bezeichnet:
)>Die Philosophie ist die Kunst der Bildung, Erfindung, Her-

21
stellung von Begriffen.« (Qu, 6)21 Die Autoren sind denn auch
im Begriffeschöpfen nicht zögerlich. Ihre Schriften weisen sich
durch kühne Begriffsbildung, intensive Begriffsbewegung, akri­
bische Begriffsdifferenzierung und vielperspektivische Begriffs­
konturierung aus.
Gleichwohl verstehen sie den Begriff als Ergebnis der Selbst­
bewegung des Denkens, als unpersönliche Autopoiesis: »Aber
der Begriff ist nicht gegeben, er ist geschaffen und muss geschaf­
fen werden; er ist nicht gebildet, er setzt sich selbst in sich selbst
- Selbstsetzung. Beides impliziert sich wechselseitig, da das
wahrhaft Geschaffene - vom Lebewesen bis zum Kunstwerk -
eben darum über eine Selbst-Setzung seiner selbst oder über
einen autopoietischen Charakter verfügt, an dem man es er­
kennt.<< (Qu, 17) Dass die solchermaßen »gesetzten« Begriffe
tatsächlich kollektive Wunschpositionen artikulieren und ein ge­
wisses Eigenleben entwickeln, zeigt sich schon daran, dass nicht
wenige von ihnen zu Schlagworten und philosophischen Erken­
nungsmarken geworden sind: Der Zungenbrecher »Deterritoria­
lisierung« nicht weniger als die überstrapazierte »Wunschma­
schine« oder das allenthalben anzutreffende »Rhizom« ...
Zur begrifflichen Konturierung dessen, was sich an unper­
sönlichen und präsubjektiven Zeichen und Ereignissen unter Fi­
guren und Eigennamen zusammenfügt, die zuletzt ein persona­
les Aussehen erhalten, wählt Deleuze zusammen mit Guattari
die schwierige Bezeichnung » Begriffsperson«. Die »Begriffsper­
son« soll die verschiedenen Dimensionen des Denkprozesses
umfassen, seine zwischen unpersönlicher Abkunft und persönli­
cher Konturierung sich entfaltende Komplexität: die Auswahl
und wertsetzende Dramatisierung von Zeichen und Vektoren
eines mikrostrukturellen Feldes, die affektgesteuerte Steigerung
und Dynamisierung, die raumzeitliche Aktualisierung und
Selbstsetzung des Begriffs, die bewusste »Gegen-Verwirkli-
22
chung« unter einem namengebenden Ich. »Die Antwort muss
allerdings nicht nur die Frage einholen, sie musste auch eine
Stunde, eine Gelegenheit, Umstände, Landschaften und Perso­
nen bestimmen, Bedingungen und Unbekannte der Frage [...)
Die Begriffe benötigen, wir werden das sehen, Begriffspersonen,
die zu ihrer Definition beitragen. Freund ist eine derartige Per­
son ... « (Qu, 6)
»Freund« ist für Deleuze und Guattari in gewisser Weise die
Begriffsperson schlechthin, da sie bereits Vorliebe und Affek­
tion konnotiert. Die Zusammenarbeit von Deleuze und Guat­
tari selbst ist von einem Freundschaftsmodell getragen, das sich
freilich nicht als Kommunikation, sondern als »wechselseitiges
Einfangen« mit wechselseitiger Verschiebung versteht: »Und
dann gab es meine Begegnung mit Felix Guattari, die Weise, in
der wir uns verstanden haben, ergänzt, wechselseitig depersona­
lisiert, uns einer durch den anderen singularisiert, kurz geliebt
haben.« (U, 17) Diese Zusammenarbeit wird von Deleuze nie als
Gespräch zweier Personen »Über<< etwas beschrieben, sondern
als Begegnung zweier Denk- und Affektkomplexe, die zusam­
menprallen, sich überholen, treffen und wieder verlieren:

»Es ist zweieinhalb Jahre her, dass ich Felix begegnet bin. Er hatte den
Eindruck, dass ich ihm voraus war, er erwartete etwas [. .J. Felix erzählte
.

mir von dem, was er schon Wunschmaschinen nannte [...J. Da bekam ich
den Eindruck, dass er mir voraus war. [ ] Felix und ich beschlossen also
...

zusammenzuarbeiten. Anfangs ging es über Briefe. Und dann von Zeit


zu Zeit Arbeitssitzungen, wo der eine dem anderen zuhörte. Wir haben
uns sehr amüsiert. Wir haben uns sehr genervt. Einer von uns beiden re­
dete immer zuviel. [.. ] Felix behandelte die Schrift wie einen Schizo­
.

Strom, der alle möglichen Sachen mit sich führt. Mich dagegen interes­
siert, dass eine Seite nach allen Seiten flieht und dass sie trotzdem in sich
geschlossen ist, wie ein Ei. Und dann, dass es in einem Buch Zurückhal­
tung, Resonanz, Überstürzung und viele Larven gibt. Also schrieben wir

23
wirklich zu zweit, von dieser Seite her hatten wir keine Probleme.« (U,
25 f.)

In diesem Sinn vollzieht sich die Gedankenentwicklung unter


dem Autornamen Deleuze als Denken zu zweit, als duales und
sich vervielfältigendes Denken auch dort, wo er als alleiniger
Autor firmiert. Von Anfang an denkt er »mit« anderen, entfaltet
er seine Begrifflichkeit mit Hume, Kant, Nietzsche, Bergson und
Spinoza als »Heterogenese« von deren Schriften, als Aussplitte­
rung und Differenzierung von deren Begrifflichkeit (vgl. Kap. 1).
Zugleich wendet er sich literarischen Texten, jenen von Proust,
Lewis Carroll, Kafka, Sacher-Masoch und gewisser angloameri­
kanischer Schriftsteller zu, mit welchen er ebenfalls eine philo­
sophische Begriffsarbeit entfaltet und aus welchen er Verfahren
»passionellen« Denkens gewinnt (vgl. Kap. 2). Durch die Vor­
gänge des Mai 1968 erfährt das »Denken mit« eine praktische
Umsetzung und bringt in der Zusammenarbeit mit Guattari das
antiautoritäre Manifest schlechthin hervor, L'Anti-Oedipe. Capi­
talisme et schizophrenie, auf welches wenige Jahre später dessen
Fortsetzung Mille Plateaux. Capitalisme et schizophrenie sowie
eine Studie über Kafka und Jahre später die Abschlussbetrach­
tung Qu'est-ce que la philosophie? (1991) folgen. Ihre Zusammen­
arbeit begreifen sie von Anfang an als Eröffnung eines Aussa­
genfeldes, in dem sich mehr als zwei Subjekte artikulieren. Im
Eingangskapitel von Mille Plateaux zerstören sie nicht nur die Il­
lusion einer identifizierbaren Doppelautorschaft, sondern auch
die eines umgrenzten Gegenstandbereichs: »Wir haben den
Anti-Ödipus zu zweit geschrieben. Da jeder von uns mehrere
war, ergab das schon eine ganze Menge. Wir haben alles verwen­
det, was uns begegnet ist, das Nächstliegende und das Entfern­
teste. Wir haben raffinierte Pseudonyme verteilt, um Unkennt­
lichkeit zu erzeugen. Warum wir unsere Namen beibehalten

24
haben? Aus Gewohnheit, aus bloßer Gewohnheit. Um auch uns
selbst unkenntlich zu machen.« (TP, 12) Auch in Deleuzes spä­
ten Schriften kommt es noch zu Denkrecherchen und Begriffs­
wiederholungen mit anderen: erneut mit Spinoza, mit Leibniz,
mit Foucault (vgl. Kap 3).
Die Figur des Duos und Doubles erfährt daher eine philoso­
phische Würdigung als diejenige Konstellation, die die unper­
sönlichen und präindividuellen Ereignisse erneut zu beleben
vermag, indem sie ihre Pole gegeneinander verschiebt, diese zu
neuen Zeit- und Affektsynthesen zwingt und zwischen ihnen
ein Feld der Problematisierung erwachsen lässt: »Die Frage ist
wichtig, weil der Freund, wie er in der Philosophie erscheint,
nicht mehr eine äußere Person, ein Beispiel oder einen empiri­
schen Umstand bezeichnet, sondern eine innere Gegenwart im
Denken, eine Möglichkeitsbedingung des Denkens selbst, eine
lebendige Kategorie, ein transzendentales Erleben.« (Qu, 7)
Philo-Sophie meint mithin begehrliche Vergegenwärtigung des
anderen als Katalysator des »Weisheits«-Prozesses, wobei die
Begriffsperson des Freundes für die Eröffnung der Möglich­
keitsdimension schlechthin steht: Nur der andere sieht die Welt
in meinem Rücken, nicht als transzendente, strukturierende Ins­
t;-nz, sondern als Teil der dezentrierten Bildgegebenheit und
unendlichen Zeit, als mannigfaltig lockender Blick, der sehen
und andere Perspektiven einnehmen lehrt und zum Klein-Wer- '
den zwingt ...

Methode der Wiederholung und Differenzbildung

Die philosophische Grundannahme, dass Denken nur in Rela­


tionierung mit anderen und als Weise des Anders-Werdens ge­
schieht, führt zur Methode der Difference et repetition/Differenz

25
und Wiederholung!-2 (DW), wie Deleuzes »Summa« der Frühzeit
von 1968 denn auch heißt. Wiederholung und Differenz werden
hier als sich wechselseitig generierende Prozessualitäten vorge­
stellt, die, aus Vorbildlosem stammend und in sich entfigurie­
rende Differenzierungsprozesse mündend, dazu verhelfen, über­
kommene Bilder des Denkens zu kritisieren:

»Wir wollen die Differenz an sich selbst und den Bezug des Differenten
zum Differenten denken, unabhängig von der Repräsentation, durch die
sie auf das Selbe zurückführt und durch das Negative getrieben wird. [...]
Ein philosophisches Buch muss einesteils eine ganz besondere Sorte von
Kriminalroman sein, anderenteils eine Art science fiction. Mit Kriminal­
romanen meinen wir, dass sich die Begriffe mit einem gewissen Aktions­
radius einschalten müssen, um einen lokalen Sachverhalt zu lösen. Sie
verändern sich selbst mit den Problemen [...]. Man sollte dahin gelangen,
ein wirkliches Buch der vergangeneo Philosophie so zu erzählen, als ob
es ein imaginäres und fingiertes Buch wäre [ ] Die Nacherzählungen der
...

Philosophiegeschichte müssen eine Art Zeitlupe, Erstarrung oder Still­


stand des Textes darstellen: nicht nur des Textes, auf den sie sich bezie­
hen, sondern auch des Textes, in den sie sich einfügen. So dass sie eine
Doppelexistenz führen und einem doppelten Ideal der wechselseitigen Wie­
derholung des alten und des gegenwärtigen Textes entsprechen.« (DW, 11 ff.)

Zu diesem detektivischen Verfahren gehören nicht nur Taktiken


der Verlangsamung der Denkprozesse und der Vergrößerung der
zu analysierenden Gedankengänge, sondern auch der langsamen
Um- und Überschreibung des Ausgangstexts, der Verlängerung
und Transformation seiner Begriffe, der Freilegung von Subtex­
ten im Text. Dieses Verfahren, das in der Art eines »vollen«
Sprechens der Psychoanalyse sich seiner Antriebe und Wertset­
zungen, des unabsichtlich Mitgeäußerten bewusst zu werden
und dieses erneut einzutragen sucht, bringt zwangsläufig Modi
des Wiederholens und Kreisens, des gleichzeitigen Voranschrei-
26
tens und Zurückgehens, der spiralartigen Intensivierung mit
sich. Von daher erklären sich die zahlreichen Wiederholungen
in Deleuzes Texten, die Reprisen gewisser Gedanken am anderen
Ort, die Wiederaufnahmen derselben Fragen in anderen Kontex­
ten, ihre Konfrontationen mit immer neuen Denkansätzen, ihre
Rückversicherung und ihr gleichzeitiger Ausgriff nach vorn. Ins­
besondere L:A nti-Oedipe kennt Formen refrainartiger Wieder­
holung und Umformulierung von Aussagen, die nicht dem
Prinzip linearer Progression, sondern zyklischer Gedankenver­
tiefung und V ielfachperspektivierung, ihrer Transposition in an­
dere Bereiche, der Freilegung von Korrespondenzen und Wech­
selwirkungen geschuldet sind.
Wie in meiner Monographie dargelegt, unterliegt dabei das
Verhältnis von Wiederholung und Differenzbildung in Deleuzes
Schriften selbst einer Akzentverschiebung: Während er in Logi­
que du sens von 1969, der Abschlussarbeit seiner Frühphase, in
der Figur des Mimen oder Schauspielers eine das Prinzip Wie­
derholung inkorporierende »Begriffsperson<< prägt, die in der
»Gegenverwirklichung« des unpersönlichen Ereignisses dieses
zum Ausdruck bringt, zur Essenz erhebt und gleichzeitig in sei­
ner Wrrkung begrenzt, kritisieren die Autoren ab I.:Anti-Oedipe
die dem Unbewussten zugeschriebene Expressivität. Sie erset­
zen den Mimen durch die Begriffsperson des »Nomaden«, der
das Unbewusste, nunmehr begriffen als Virtualität der Zeit, ak­
tualisiert und in territorialen Bewegungen zum Austrag bringt.
Im Sinne dieser beiden Begriffspersonen ergeben sich Deleu­
zes Schriften aus einem freundschaftlichen Mit-Denken, wel­
ches die Denkpläne des anderen Philosophen in der Frühphase
eher in einer passioneilen Gegenlektüre differenziert und dra­
matisiert - so, wenn er Nietzsches »Wiederkehr des Gleichen«
als Selbstaffirmation der Wiederkehr interpretiert, um als letzte
Wiederkehr die der Zeit und des Werdens selbst und damit Dif-

27.
ferenz zu enthüllen. In der späteren Phase dominieren die Ver­
fahren der Verzeitlichung des vorangehenden Denkplans, dank
welcher aus der Architektur etwa der literarischen Texte Kafkas
eine Verselbständigung der Zeit abgeleitet wird. Deleuze ver­
wandelt indes nicht nur Texte in offene, sich fortgesetzt diffe­
renzierende Prozesse, sondern verleiht auch Gemälden wie
jenen von Fraucis Bacon >>Zeit-Bild«-Charakter, wie sich in An­
lehnung an seine Filmschriften sagen lässt. Vor dem Hinter­
grund seiner Filmstudien erscheint so sein philosophisches Ver­
fahren zunehmend selbst als filmisches, das die philosophischen
Denkbilder zu Nahaufnahmen vergrößert, auf ihre Mikrostruk­
turen abtastet und auf afigurative Elemente und kommende
Metamorphosen hin durchleuchtet. Wie dem Klischee entkom­
men? ist eine der Fragen, denen er sich in L'image- Temps (IT)
mit Godard zu stellen sucht. Um der Fixierung der Ideen zu
entgehen, wählt er mit Orson Welles jene Decoupage-Technik,
die in langen Sequenzeinstellungen mit Schärfen- und Raum­
tiefe verschiedene Aussageebenen gegeneinander laufen und in
ihrer Wiederholung und Differenz hervortreten lässt, so dass
sich als Gesamtbild des Denkens eine spannungsreiche Viel­
schichtigkeit ergibt.
Vielschichtigkeit signalisiert schließlich auch der Titel der
»Summa« der mittleren Phase, Mille Plateaux von 1980, in wel­
cher als Bild mannigfaltigen Denkens und der angestrebten Buch­
organisation das »Rhizom« skizziert wird:

»Das Nebenwurzel-System oder das Wurzelbüschel ist die zweite Gestalt


des Buches, auf die unsere Moderne sich gerne beruft. In diesem Fall ist
die Hauptwurzel verkümmert, ihr Ende ist abgestorben; und schon be­
ginnt das Wuchern einer wilden Mannigfaltigkeit von Nebenwurzeln. [...J
Das Mannigfaltige muss gemacht werden, aber nicht dadurch, dass man
immer wieder eine höhere Dimension hinzufügt, sondern schlicht und
einfach in allen Dimensionen, über die man verfügt, n-1 [ ...] Wenn eine

28
Mannigfaltigkeit gebildet werden soll, muss man das Einzelne abziehen,
immer in n-1 Dimensionen schreiben. Man könnte ein solches System
Rhizom nennen.« (TP, 15 f.)

Das Mannigfaltige wird hier noch einmal als Aufgabe des Den­
kens und seiner notwendigen Selbstdekonstruktion mittels Sub­
traktion von Individualitätskonturen und Freilegung untergrün­
diger Verkettungszusammenhänge bestimmt. Zur Beschreibung
rhizomatischer Verknüpfungsverfahren wählen die Autoren bald
auch das Bild nomadischer Zirkulation, bald das Maschinenmo­
dell. Ihre Heroen sind geniale Maschinenbauer: Buster Keaton,
Jacques Tati ...
Unter dem Namen Deleuze wird folglich ein Feld dualer
Denkprozesse, von Problemverlagerungen und -erweiterungen
und Begriffsmodulationen nachzuzeichnen sein. Zu rekonstru­
ieren wird sein, wie in das Feld philosophischer Begriffsentfal­
tung nach und nach Denkpläne literarischer Texte und semioti­
sche Analysen von Malerei und Film eingefaltet werden und die
Konzentration auf die Begriffsperson des Mimen ins Kollektive,
Nomadische und Geopolitische entpersönlicht wird. Die als sin­
gulär herausgestellten Denkpositionen werden dank der noma­
disierenden Bewegung dieses Denkens untereinander verbun­
den und mit immer neuen Wissensfeldern wie der Naturge­
schichte, der Linguistik, der Ethnologie in Korrespondenz ver­
setzt. »Wechselseitige Wiederholung« bezeichnet a la longue
nicht nur Deleuzes Methode der Gegenlektüre anderer Denker,
sondern zunehmend das Verhältnis seiner Schriften untereinan­
der, die sich wechselseitig reflektieren und ihr Immanenzfeld
selbst einer minorisierenden Begriffsbewegung unterstellen. Be­
reits in seiner ersten Schrift über David Hume werden Fragen
des Mfekts angeschlagen, die bis in seine letzte Schrift wieder­
kehren. Noch die Filmstudien greifen die anfänglichen Aus-

29
führungen zu Bergson wieder auf, ziehen aber auch die Ge­
währsleute Nietzsche, Spinoza und Leibniz zur Begründung
filmtheoretischer Überlegungen heran. So untersteht die Be­
griffsbildung selbst fortgesetzter Wiederholung, Verschiebung
und Differenzierung und kennt Momente ungezügelter Wuche­
rung: Organisations-, Konsistenz- und Immanenzplan scheinen
dasselbe zu bezeichnen; das Begriffspaar von Falte und Entfal­
tung wiederholt den Gedanken der Aktualisierung zeitlicher
Virtualität, welcher wiederum als Denken der Mannigfaltigkeit
bereits mit Nietzsche oder als regulative Idee mit Kant zum
Ausdruck kam. Die mit der Begriffsperson des Nomaden ver­
bundene Werdensbewegung wird bald in einer Territorialitäts-,
bald in einer Maschinenbildlichkeit wiedergegeben. So tendiert
der Denkplan dahin, durch immer dichtere und fraktalere Be­
griffsbewegungen schraffiert zu werden, zumal gewisse Pro­
blemstellungen sämtliche Begriffsmodulationen durchlaufen, als
gälte es zu testen, welche Formulierung am überzeugendsten
klingt. Und schließlich erstrecken sich die von Deleuze und Guat­
tari intendierten Verzeitlichungsprozesse auf die Form des Bu­
ches selbst: Die Tausend Plateaus sollen nicht nur gegeneinander
bewegliche Wissensfelder bieten, sondern, quer zu ihrer Schich­
tung, von Segment zu Segment, von Singularität zu Singularität
transversal »resonieren«. In diesem Sinn wird der Leser zur rhi­
zomatischeil Lektüre motiviert ...
Das Denken im eigenen Vollzug auf Ungedachtes zu öffnen,
den Denkaffekt über sich hinauszutreiben, auf einen Rand des
Außen und des Schweigens zu: Erkennbar wird, dass hier Grenz­
wertiges angestrebt wird. Das ist einer der Gründe, warum dieses
Denken zuweilen auf der Stelle zu treten, in leeren Wiederho­
lungen zu kreisen und zu ermüden scheint. Seine Absicht, im
Sinne »lebensmächtiger« Mannigfaltigkeit anders und anderes
zu denken, bringt bald stockende, bald sich überstürzende Be-

30
wegung in ungewöhnlichen Begriffen hervor. Von den Autoren
selbst nicht ohne weiteres einzuholen ist ihr Anliegen der
Selbstüberwindung, in der Biographie, im Namen, in sprachli­
chen Standards und organischen Bildern, in allem, was fest­
schreibt und Kenntlichkeit produziert. Daher setzt auch ihr pa­
radoxer Imperativ der »drei Tugenden: des Unwahrnehmbar-,
Unpersönlich- und Ununterscheidbar-Werdens« (TP, 382) einen
Fluchtpunkt, der in der Tiefe der Zukunft liegt.

31
1. Was ist Philosophie?

Begriffe bilden und Pläne zeichnen

In ihrer letzten gemeinsamen Schrift Qu'est-ce que la philosophie?


{1991)/Was ist Philosophie?1 (Qu), in der sie ihre philosophische
Arbeit vorn Ende her reflektieren, bestimmen Deleuze und Guat­
tari diese als konstruktive Tätigkeit, als Begriffsbildung und Plan­
entwurf: »Die Philosophie ist Konstruktivismus, und der Kons­
truktivismus besitzt zwei komplementäre Aspekte [...): Begriffe
erschaffen und eine Ebene entwerfen.« (Qu, 42) Allerdings han­
delt es sich hier um einen ungewöhnlichen Konstruktivismus,
· insofern . er nur eingeschränkt eine planerische und rationale
Tätigkeit darstellt. Denn sowohl Begriff wie Plan werden auch
als Hervorbringungen des Unbewussten begriffen, sollen sich in
Wiederholung und Modifikation vorgegebener Begriffe und
Denkprozesse konstituieren, entsprechend der mimischen oder
nomadischen »Gegenverwirklichung« desjenigen, der sich ihrer
zu bemächtigen sucht. Ihre Abkunft aus dem Unbewussten er­
möglicht zusammen mit der bewussten Stimulanz ihre auto­
poietische Kraft.
UnbewusstesNirtuelles/Mannigfaltigkeit!Irnrnanenzplan/ldee:
All diese Begriffe dienen dem Versuch der Bezeichnung jener
zugleich transzendentalen und immanenten Ebene, die Deleuze
in immer neuen Anläufen, aus verschiedenen Blickwinkeln, zu­
sammen mit Bergson, Spinoza, Nietzsche, Leibniz, Freud und
dem Strukturalismus expliziert. Wie bereits erwähnt, geht er

33
davon aus, dass alles Leben aus einer Mannigfaltigkeit von Kräf-
' ten herrührt, die als Vielfalt präsubjektiver Bewegungen, unend­
licher Zeiten, afigurativer Bilder, unpersönlicher Aussagen und
deren Verkettung zu Ereignissen gedacht werden, dank welcher
überhaupt erst subjektives Existieren, Sehen, Sprechen, Bildbil­
den möglich werden. Da diese Größen zwar real, aber nicht
fortwährend aktualisiert sind, kommt ihnen der Status des Vir­
tuellen zu. In Nähe zu Freuds Begriff des Unbewussten2 wird
diese Virtualität auch als Feld zahlloser nicht-koordinierter, wi­
derspruchsfreier, keiner Negation und Zeit unterstehender, aber
sich wechselseitig katalysierender Wunschregungen und Mar­
kierungen beschrieben. Von dieser Feldmetapher leitet sich De­
leuzes spätere »Geophilosophie«, sein Denken in Ebenen, Schich­
ten, Sedimenten, Transversalen usw. ab.
Wie er insbesondere in seinen frühen Schriften Difference et
repetition/Differenz und Wiederholung (DW) und Proust et les sig­
nes/Proust und die Zeichen (P) darlegt, entfalten sich diese Mar­
kierungen und Zeichen gemäß inneren Spannungsverhältnissen,
potenzieren sich wechselseitig und bilden vertikale Dimensio­
nen, bis sie das Feld »Überfliegen« und in qualitativen Sprüngen
das Denken im engeren Sinn hervorbringen. Schon Freud hat
die Genese des Bewusstseins aus dem Unbewussten mit »quali­
tativen Sprüngen« erklärt. Zur »Höhe des Denkens« gehört
aber auch, dass es sich auf seine unbewussten Wünsche und
Triebe zurückbeugt, diese »gegenbesetzt« und als Antriebe er­
neut in seinen Prozess integriert - diese zyklische Progression
und sukzessive Entfaltung aus sich selbst, diese Autogenese, die
sich als Feld wechselseitiger Bezugnahme, Reflexion und Bre­
chung konstituiert, ist das, was als »Immanenz-, Konsistenz­
und Organisationsplan« wiedergegeben wird. Immanenzrlan
y bedeutet daher fortgesetzte Vervielfältigung der Denkvorgäng�
aus sich selb st, fortgesetzte Selbstdifferenzierung der Zeit ohne
-
-

34
Referenz auf transzendente Signifikate wie Gott, Ideen, Urbil­
der usf.
Deleuzes- und Guattaris- Kritik richtet sich gegen ein Ver-
--

�ndnis von Begriffsbildung als Ordnung, Engführung, Klassi-


-

fikation und Taxonomie, als Einteilung der Phänomene nach


-

Kriterien dinghafter Objektivierbarkeit und Sichtbarkeit. Ein


l)enken, das seine Herkunft aus der Mannigfaltigkeit des Unbe­
wussten nicht-in seine Entfaltung einschreibt, sich von dieser
nicht verunsichern und weiterbewegen lässt, seine Wünsche in
der Artikulation nicht miterhellt, das Gesehene nicht auf Un­
siilitbares und Unverfügbares durchdringt, gelangt nicht zum
Denken im engeren Sinn. Wie Geologen oder Archäologen su­
chen die Autoren daher in Gedankenschichten Miteingebette­
tes, nicht Artikuliertes zu heben, organische Strukturen wie un­
term Mikroskop auf ihr anorganisches »Gewimmel«, ihre mole­
lrularen Prozesse hin zu durchleuchten, um diese untergründi­
gen Kräfte aufzugreifen und zu verlängern, ihre unbewussten
.Antriebe zu eigenen Schubkräften zu machen und daraus ein
Denken zu gewinnen, das seine Herkunft aus dem anderen nicht_
mehr kennt. »Was einzig zählt, ist, dass jeder, Einzelwesen oder
Gruppe, den Immanenzplan erstellt, auf dem er sein Leben und
seine Unternehmung betreibt. Außerhalb dieser Bedingungen
fehlt tatsächlich etwas- nämlich die Bedingungen, die das Be-
J
gehren allererst möglich machen.« (Dia, 104)
Der Immanenzplan des Denkens, schon weil er sich aus den
»Quasi-Ursprüngen« des Unbewussten und dessen unvordenk­
lichen Zeitsynthesen, auch Simulakren genannt, zusammen- )<
setzt, kann nie ausgeschöpft oder endgültig ergründet werden.
Er kann nur erschlossen werden aus Zeichen und Wirkungen.
Seine differentielle Natur ist eine nachträgliche Forderung - ge­
wonnen aus den beobachtbaren Produktionsprozessen von Natur
und Gesellschaft, die für die Autoren nur unterhalb ihrer an-

35
thropomorphen Zurichtung oder staatlichen Strukturierung be­
achtenswert sind. Dank der Grundlegung von Begriffsbildung
und Planzeichnung in einem zeitlich-unbewussten Ungrund,
der ihre Begründung letztlich unmöglich werden, weil in der
Vergegenwärtigung bereits vergangen sein lässt, spricht Deleuze
auch davon, dass das Innerste des Immanenzplans zugleich sein
Außen ist, äußerlicher als jedes Außen und innerlicher als jede
Immanenz. Dieses »Außen« wird ab L'Anti-Oedipe nicht mehr
als das individuelle Unbewusste, sondern als das ungeschiedene
Ganze von Natur und Gesellschaft, als deren mikrostrukturelles
Kontinuum und deren fortgesetzte Autogenese, gedacht. Kapi­
talismus und Schizophrenie, der Untertitel dieser Schrift, weist
diese beiden Prozesse als derart autogenetische Vorgänge, ein­
mal des Kapitals, einmal der Wunschproduktion aus: Der Schi­
zophrene steht für den Typus, der der Kontrolle des Selbst so
weit verlustig gegangen ist, dass er das Natürliche und das Ge­
sellschaftliche als ungeschiedene Produktion und sich selbst als
vitalen Teil dieser Produktion erfährt.
Diesem unerschöpflichen Produktionsprozess denkerisch zu
entsprechen ist das Ethos der deleuzeschen Philosophie. Auf­
gabe des Philosophen ist mithin die fortgesetzte denkerische Dif­
- ferenzierung des Gegebenen, genauer der vorgängigen Denkpläne
I in Begriffsarbeit und Plankonstruktion. Alte Denkpläne zerdeh­
nen, um ihnen neue einzufügen, sie umbrechen auf in ihnen
schlummernde Mikrostrukturen hin, die planimmanenten Zei�
chen und Begriffe verlängern auf andere Begriffe hin, diese flek­
tieren, verkleinern, das differenzgenerierende Element aus ihnen
herauslösen und erneut in sie injizieren - auf dass sie als anderes
L Denken erstehen. In diesem kreativen Sinn erweiterbar erschei­
nen die Immanenzebenen all jener philosophischen Ansätze, die
nicht auf Universalien oder Urbildern basieren, im Denken nicht
auf Repräsentation setzen, keinen Dualismus des Innen und Au-

36
ßen, keine immanenten Hierarchien und binären Unterteilungen
vornehmen, keine Klassifikationen festschreiben und das Den­
ken keiner Teleologie unterstellen.
Schon die Tatsache, dass Deleuze in dem letzten von ihm re­
digierten Text L'immanence: une vie3/Die Immanenz: Ein Leben
eine Verknüpfung zwischen den beiden Termini erstellt, verrät
d!._e existentielle Bedeutung, die die »Immanenz« für ihn hat. •

Hier wird sie als »:_einer a-subjektiver Bewusstseinsstrom«, als


»prä-reflexives Bewusstsein« und als reines Begehren charakteri­
siert, während sie in der geologisch inspirierten Terminologie
von Mille Plateaux als »glatter«, »nicht-stratifizierter«, »nicht-ge­
kerbter« Raum wie Wüste und Meer wiedergegeben und dem
»stratifizierten« und »gekerbten Organisationsplan« von Spra­
che, Organismus und Subjektivität gegenübergestellt wird. Als
»Dauer« erscheint sie in den Bergson-Lektüren, als unendliche
»Einfaltungen« in der Terminologie von Le Pli. Leibniz et le baro­
que. Entscheidend ist, dass ihre Aktualisierungen aufgrund der
supponierten zeitlichen Differentialität immer als Hervorbrin­
gung von Neuern und als Eröffnung von Zukünftigem gedacht
werden. Daher nennt sie Deleuze auch »unendliche Bewegung
-
oder die Bewegung des Unendlichen. Sie ist e·s, die das Bild des
Iknkens .konstituiert. (Qu, 45)
Begriffsbildung und Planzeichnung bedeutet daher nie Aus­
gang vom Nullpunkt, sondern Kreation einer Mannigfaltigkeit
zweiten Grades. Diese Mannigfaltigkeit zweiten Grades, die aus
zwei Unbekannten, dem »Undenkbaren des Woher« und dem
»Bedenklichen des Wohin«, hervorgeht, eröffnet sich als zeitli­
che »Heterogenese«, als unbeendbare Differenzierung der als
unendlich gedachten Differentialität, was Deleuze auch als Ver­
hältnis von tlz formalisiert.
Auf diese Weise wächst dem Denken ein paradoxer Status zu,
ist es doch Genese aus sich selbst und Selbstreflexion, zugleich

37
immanent und transzendental, Grundlegung und Ausführung
seiner eigenen Möglichkeit. Daher kann in der Begriffsarbeit
zwischen Ebene und Plan, zwischen Wiederholtern und Wie­
derholung, letztlich nicht unterschieden werden: »Als vorphilo­
sophisch oder gar nicht-philosophisch jedenfalls setzt die Philo­
sophie die Macht des All-Einen, und zwar als eine wandernde
Wüste, die von den Begriffen besiedelt wird [ ...]. Das Nicht-Phi­
losophische ist vielleicht tiefer im Zentrum der Philosophie als
die Philosophie selbst [ ..]. Der Begriff ist der Anfang der Philo­
.

sophie, die Ebene aber ist deren Gründung.« (Qu, 49)


Ein Denkprozess in solch paradoxen Verhältnissen fordert
zwangsläufig seine »Vermögen« des Fühlens, Wahrnehmens, Den­
kens heraus, überbietet sich selbst und treibt sich an seine ei­
gene Grenze:

»DIE Immanenzebene ist zugleich das, was gedacht werden muss, und
das, was nicht gedacht werden kann. Sie wäre es, das Nicht-Gedachte im
Denken. [ ] Sie ist das Innerste im Denken und doch das absolute
...

Außen. Ein noch ferneres Außen als alle äußere Welt, weil sie ein tieferes
Innen als alle innere Welt ist: Das ist die Immanenz [ ...]. Vielleicht ist dies
die höchste Geste der Philosophie: nicht so sehr DIE Immanenzebene
denken, sondern zeigen, dass sie da ist, ungedacht in jeder Ebene.« (Qu,
69)

Philosophieren als personal-apersonale Aufdeckung von Gedan­


kensedimenten und als Zeichnen von Plänen, als »Gegenver­
wirklichung« vorgängiger und Einfügung neuer Denkebenen in
einen umfassenden Immanenzplan, wird in der späteren Phase
als »Geophilosophie« bezeichnet: »Denken ist weder ein ge­
spanntes Seil zwischen einem Subjekt und einem Objekt noch
eine Revolution, ein Umlauf des einen um das andere. Denken
geschieht vielmehr in der Beziehung zu dem Territorium und
zu Terra, der Erde (...] Die Erde ist kein Element unter anderen,

38
sie vereinigt alle Elemente in einer Umfassung, bedient sich
ab;deseinen oder anderen zur Deterritorialisierung des Terri­
toriums.« (Qu, 97)
Im Hinblick darauf kritisieren die Autoren auch das cartesia­
nische Subjekt, das aus der Tatsache subjektiven Zweifels auf
seine Existenz und die der Außenwelt schließen will. Dessen
Versuch der Selbstvergewisserung im Bewusstsein halten sie ent­
gegen, dass die Möglichkeit des Denkens nie aus dem Selbst,
seinem Willens- und Erkenntnisakt, geschöpft werden kann,
sondern von der Gegebenheit von »anderen« und von deren
pluraler Vergegenwärtigung lebt. Erst diese anderen eröffnen in
ihrem Sprechen und Sehen dem Subjekt eine Welt: »Der andere-·
erscheint hier weder als Subjekt noch als Objekt, sondern - was
etwas ganz anderes ist - als eine mögliche Welt. [ ...] Der andere
ist eine mögliche Welt, wie sie in einem Gesicht, das sie aus­
drückt, existiert und in einer Sprache wirksam wird.« (Qu, 22 f.)
Dieser »andere«, dieser rhetorische Kollektivsingular, existiert
nur als Pluralität von »Larvensubjekten« und ist mit jenem
großen »Anderen« des lacanschen Gesetzes und des Namens
des Vaters gerade nicht deckungsgleich. Er ist weder Autorität
noch Repräsentant der männlichen Filiation, sondern Bedin­
gung der Möglichkeit von Welt, transzendentale Instanz, die in
der Immanenz »insistiert« und diese als vielfältige Bilder, Bewe:.
gungen, Aussagen und Sinn aktualisiert. »Der andere [...] wird
die Bedingung darstellen, unter der sich nicht nur Objekt und
Subjekt neu verteilen, sondern auch Figur und Hintergrund,
Ränder und Zentrum, Bewegliches und Bezugspunkt, Transiti­
.J
ves und Substantielles, Länge und Tiefe.<< (Qu, 24 f.)
Auf den anderen als »Struktur, die das gesamte Feld bedingt«
(LdS, 372), kommt Deleuze bereits in einem Michel Tournier
und dessen Roman Vendredi ou les limbes du pacifUJue gewidme­
ten Aufsatz4 zu sprechen: In seiner Lektüre des literarischen

39
Texts und der dort exponierten vermeintlichen Einsamkeit Ro­
binsons auf einer Insel stellt er Überlegungen zu einer Welt
ohne anderen an:
I

J »Was geschieht, wenn der andere in der Struktur der Welt fehlt? Dann
herrscht allein der brutale Gegensatz zwischen Sonne und Erde, zwi­
schen einem unerträglichen Licht und einem finsteren Abgrund [...J Rohe
und schwarze Welt, ohne Potentialitäten oder Virtualitäten; gerade die
Kategorie des Möglichen ist zusammengebrochen. An Stelle relativ har­
monischer Formen, die aus einem Hintergrund hervortreten, um gemäß
einer Ordnung von Raum und Zeit in ihn zurückzutreten, nichts ande­
res mehr als abstrakte, gleißende und verletzende Linien, nichts anderes
1- mehr als ein rebellischer und zugreifender Ungrund.« (LdS, 369)

Da die Blickwinkel der anderen die harten Kontraste in Zwi­


schentönen brechen und in Abschattungen modulieren, wird
der Immanenzplan schließlich mit der Begriffsbewegung gleich­
gesetzt, die den Immanenzplan entdecken und entfalten hilft.
Der Begriff »durchläuft seine Komponenten, steigt unaufhörlich
in ihnen auf und ab. In diesem Sinn ist jede Komponente ein in­
tensives Merkmal.«(Qu, 26) Der Begriff wird als in sich selbst he­
terogen entfaltet, als einer, der nicht nur verschiedene Ebenen,
sondern verschiedene Intensitätsquanten kennt, zudem von an­
grenzenden Begriffe tangiert wird, in welche er sich verlängert,
so dass er unklare Konturen und Abgrenzungen erhält:

»Außerdem aber hat ein Begriff ein Werden, das nun sein Verhältnis zu
anderen Begriffen auf derselben Ebene betrifft. Die Begriffe passen sich
hier einander an, überschneiden einander, stimmen ihre Konturen aufei­
nander ab, bilden ihre jeweiligen Probleme [... ] Denn mit einer endlichen
Anzahl von Komponenten wird sich jeder Begriff in andere, anders zu­
sammengesetzte Begriffe verzweigen, die jedoch andere Gebiete dersel­
ben Ebene konstituieren, anschließbaren Problemen entsprechen und an
einer Mit-Schöpfung teilhaben.« (Qu, 24)

40
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Ein dynamisches Geschehen wird hier skiz:ie�� i�,( welchem


sich schillernde Begriffe entfalten, die mit anderen interferieren
und verwachsen, sich selbst »Überfliegen« und insgesamt eine
Schöpfung zweiten Grades hervorbringen. Das »Plurivoke/Viel­
stimmige«
-
des Begriffs ergibt sich neben seiner immanenten Viel-
falt aus der Nachbarschaftsbildung, aus seinem »konnektiven«
und »syntagmatischen« (Qu, 104) Vollzug. Er bringt minoritäre
Größen zueinander, deren verwandte Rhythmen sich wechsel­
seitig affizieren, wie Deleuze und Guattari am Beispiel des »Ri­
'
tournells« in Mille Plateaux demonstrieren. Ein Vogel erscheint ;
dann nicht länger durch seine Gattung oder Art bestimmt; seine
Spezifik ergibt sich aus der Ko�bination von Verhaltens-, Far­
ben-_�.md Gesangsmerkmalen, aus der Markierung seines Feldes
und der angrenzenden Bereiche und wird durch neue Kriterien
erweitert und modifiziert. Daher lautet die abschließende Be­
griffsbestimmung: »Ein Begriff ist eine Heterogenese, das heißt
eine Anordnung seiner Komponenten durch Nachbarschaftszo­
nen [...]. Da er sich fortwährend nach einer bestimmten Ord­
-;mng ohne Abstand durchläuft, befindet sich der Begriff im Zu­
stand des Überfliegens bezüglich seiner Komponenten [...] Er ist
ein Ritournell.« (Qu, 27)
Aufgrund der häufig unscheinbaren und ephemeren Größen,
die der Begriff nach Intensitätskriterien zusammenträgt und im
Überflug konturiert, wird er auch »Ereignis« genannt: »Der Be­
griff sagt das Ereignis [...]. Er ist ein reines Ereignis schlechthin,
eine Diesheit, eine Entität: Das Ereignis des anderen oder das
Ereignis des Gesichts [...] Der Begriff definiert sich durch die
Untrennbarkeit einer endlichen Zahl von heterogenen Komponen­
ten, die von einem absoluten Überflugspunkt mit unendlicher Ge­

schwindigkeit durchlaufen werden.« (Qu, 28) Verstanden in die­


sem dynamischen Sinn, eignet dem »Ereignis« des Begriffs die
Potenz, Zukünftiges zum Vorschein zu bringen und » Wider-

41
-. stand gegenüber der Gegenwart« (Qu, 126) zu üben: »Denken be­
deutet experimentieren, doch das Experiment ist stets das, was
sich gerade ereignet.« (Qu, 129)

Strukturalismus und Poststrukturalismus

Um dieses »Felddenken« von Deleuze, das rund um 1968 und


insbesondere in der Zusammenarbeit mit Guattari die Ober­
hand gewinnt, noch verständlicher zu machen, seien kurz die
Grundzüge des Strukturalismus nach Levi-Strauss skizziert. De­
leuze geht vom strukturalistischen Modell, dem er eine kleine
Schrift widmet, aus, um es sukzessive einem Verzeitlichungsver­
fahren zu unterziehen und jenem Modell anzunähern, das er in
Mille Plateaux als; ��z�� vorstellt.
Nach dem VorSild der Linguistik bzw. der Phonologie, die
das Spezifische einer Sprache nicht aus ihrer Sprachgeschichte,
sondern aus den zeitenthobenen »differentiellen Merkmalen«
ihrer Phoneme und deren Kombinatorik erklären, hebt der
Strukturalismus mit einer Untersuchung der Phänomene in
synchronen räumlichen Schnitten an. Vergesellschaftungsvor­
gänge werden nicht aus ihrer historischen Genese, sondern aus
der Verteilung ihrer strukturbildenden Differenzen im Raum, der
Art ihrer Unterschiedsbildung und der Variierung des grundle­
genden strukturbildenden Unterschieds erklärt. Denn die be­
sondere Struktur jeder Gesellschaft wird ermittelt entlang einer
»Invariante«, die als transzendentales und je anders organisie­
rendes Prinzip die Gesellschaften vergleichbar machen soll. Die­
ses invariante Prinzip ist für Levi-Strauss das Inzestverbot bzw.
die Heiratsregel, wie er sie in Les structures elementaires de La pa­
rente expliziert, deren Aus- und Einschlussprinzipien in jeder
Gesellschaft, wenn auch in je anderer Verteilung, wirksam ist.
42
In seinem Aufsatz Qu'est-ce que le structuralisme? (1967Y Was
ist der Strukturalismus? bestimmt Deleuze als das Entscheidende
des Strukturalismus, dass er das traditionelle binäre Erkenntnis-
..... -- \
modell von Realem und dessen Repräsentation durch einen
�ten Term«, das Symbolische, verzweigt, welches die Rea­ ..

lität zum Ergebnis symbolischer Konstruktion auf der Basis dif­


ferentieller Elemente werden lässt. Dieser dritte Term erlaubt
[Link] von ihm eröffneten Dreiecksbildung eine Organisa-
- -

tion von Wissen in topalogischen und relationalen Kriterien:


»Was struktural ist, ist der Raum, aber ein unausgedehnter, prä­
extensiver Raum, reines spatium, das allmählich als Nachbar­
schaftsordnung herausgebildet wurde.« (Str, 15) Subjekt und
Sinn entstehen dann als »Effekte« der Feldorganisation, er­
klären sich aus Platzverteilung und Unterschiedsbildung im
Feld: »Nicht allein das Subjekt, sondern die Subjekte, in ihrer
Intersubjektivität begriffen, reihen sich dem Zug ein [...] die Ver­
schiebung des Signifikanten [bestimmt] die Subjekte in ihren
Handlungen, in ihrem Geschick, in ihren Weigerungen, in ihren
Verblendungen, in ihrem Erfolg und ihrem Schicksal ungeachtet
ihrer angeborenen Anlagen und ihren sozialen Erwerbungen.«
(Str, 17) Das abendländische Verständnis des Subjekts wird
damit einer revolutionären Umwertung unterworfen, da es nur
mehr als »Unterworfenes« (assujetti) oder als »Rest«, wie De­
-
leuze "äuch sagt, überlebt. Ebenso wird der Sinn nicht mehr als
von einer transzendenten Instanz herrührend, sondern als Feld­
effekt gedacht.
Von daher schätzt Deleuze am Strukturalismus dessen Mate-
rialismus, Atheismus und Antihumanismus: »Denn wenn der

Rlatz qen Vorrang hat vor dem, der ihn einnimmt, so genügt es
gewiss nicht, den Menschen an den Platz Gottes zu stellen, um
die Struktur zu ändern. Und wenn dieser Platz der Platz des
Toten ist, so bedeutet der Tod Gottes ebenso den des Men�

43
sehen, zugunsten, wie wir hoffen, eines Kommenden, das je­
doch nur in der Struktur und durch ihre Umwandlung kommen
kann.« (Str, 19 f.) Allerdings genüge es nicht, den Platz des
transzendenten Signifikats zu leeren, um neue Erkenntnisse zu
produzieren; vielmehr müsse die Struktur selbst als bewegliche
und veränderliche konzipiert werden. Hier setzt Deleuzes Ver­
schiebung des Strukturalismus ein, die ihn zu einer Kritik der
als Invariante verstandenen Verteilungsregel und der Zeitlosig­
keit des strukturalistischen Felddenkens führt. Im Hinblick da­
rauf akzentuiert er die Leerstelle in der Struktur, die von dieser
induzierte Verschiebung der Elemente und ihre feldimmanente
Differenzproduktion. In seinem vitalistischen Anliegen setzt er
den Strukturalismus selbst einem Werdensprozess aus, deutet
die Invariante um in die Virtualität der Zeit, welche eine prinzi­
piell unendliche Vervielfältigung des Felds möglich macht: »Viel­
leicht bezeichnet das Wort Virtualität gerrau den Modus der
Struktur oder den Gegenstand der Theorie.« (Str, 27) So trans­
formiert er die Struktur in die Doppelebene des Virtuellen und
Aktuellen und in deren unabschließbare wechselseitige Artiku­
lation, welche er bis in seine Filmtheorie hinein immer wieder
expliziert: »Von der Struktur wird man sagen: real ohne aktuell
zu sein, ideal ohne abstrakt zu sein [. .] Die Struktur eines Berei­
.

ches freizulegen, heißt, eine ganze Virtualität der Koexistenz


zu bestimmen, die vor den Wesen, den Gegenständen und den
Werken dieses Gebiets existiert.« (Str, 27 f.)
Dieser epistemologische Ansatz prägt nicht nur die Begriffs­
arbei� sondern auch die Anlage gewisser Bücher von Deleuze
(und Guattari), deren Kapitel als Serien und Schichten gebildet
sind. So kennt bereits Logique du sens von 1969 eine strukturalis­
tische Kapitelorganisation nach Serien und »paradoxen Elemen­
ten«. Radikalisiert erscheint das verräumlichende Denken in der
Buchkonzeption von Mille Plateaux, welche als Schrift- und Ge-

44
dankenverkettung zweier Autoren sich als multiples Sprechen
auf »Tausend Ebenen« versteht:

»Ein Buch hat weder ein Objekt noch ein Subjekt, es besteht aus ver­
schieden geformten Materien, aus den unterschiedlichsten Daten und
Geschwindigkeiten. Wenn man das Buch einem Subjekt zuschreibt, lässt
man diese Arbeit der Materien und die Äußerlichkeit ihrer Beziehungen
außer Acht. Man bastelt sich einen lieben Gott zurecht, um geologische
Vorgänge zu erklären. Wie bei allen Dingen gibt es auch in diesem Buch
gliedernde und segmentierende Linien, Schichten und Territorien; aber
auch Fluchtlinien, Bewegungen, die die Territorialisierung und Schich­
tung auflösen. [...] Das alles, die Linien und die messbaren Geschwindig­
keiten, bildet ein Gefüge. Ein Buch ist ein solches Gefüge [...] Es ist eine
Mannigfaltigkeit.« (TP, 12)
-

Die topologische Verteilung der differentiellen Elemente wird


hier in ein dynamisch-paradoxes Modell überführt: Das Buch
versteht sich als Immanenzebene, die einerseits unterschiedli­
che, nicht-hierarchisch geschichtete Wissensfelder umfasst, an­
dererseits diesen selbst innerlich ist; quer dazu sollen zeitliche
»Transversalen« einzelne Momente der unterschiedlichen Felder
zueinander in Korrespondenz versetzen und die Wis�ensfeld�r
immanent diversifizieren, so dass zuletzt jenes rhizomatische
»Wurzelgeflecht« der »Konnexion und Heterogenität« (fP, 16)
entsteht: »Ein Buch ist, entgegen einem fest verwurzelten Glau­
ben, kein Bild der Welt. Es bildet mit der Welt ein Rhizom. Es
gibt eine aparallele Evolution von Buch und Welt, wobei das
'Buch die Deterritorialisierung der Welt sichert, die Welt aber
eine Reterritorialisierung des Buches bewirkt, das sich seiner­
seits in der Welt deterritorialisiert.« (TP, 22) Der poststruktura­
listische Ansatz zielt mithin darauf ab, die gegebenen Struktu­
ren in bewegliche Gefüge zu verwandeln, das Baumschema init
dem Rhizomschema zu überlagern, auf dass es seine binären

45
Verzweigungen und seine Abstammungsstruktur verliert und
nach allen Richtungen zu wuchern beginnt.
Zu dieser Umschichtung der Wissens- und Denkorganisation
gehört schließlich die Konzeption von »Begriffspersonen«, wie
bereits in der Einleitung skizziert. Diese stehen für den Gedan-
Y ken der »Heterogenese«, der fortgesetzten Hervorbringung von
Differentem:· schlechthin. Eine�seits sollen sie die unpersönliche
Autogenese des Denkens, andererseits dessen Konturierung unter
einer personalen Figur, deren kräfteabhängige Dynamik und
wertsetzende Auswahl wiedergeben. Die Begriffsperson wird
daher als »Üperateur der Bewegung« bezeichnet, welcher bei
der Hervorbringung des Immanenzplans »interveniert« und
zum anderen des Philosophen, zu seinem »Heteronym«, wird:

»Ich bin nicht mehr ich, sondern eine Fähigkeit des Denkens, sich zu
sehen und sich quer durch eine Ebene zu entwickeln, die mich an mehre­
ren Stellen durchquert [...]. Es ist das Schicksal des Philosophen, seine
Begriffsperson(en) zu werden, während zugleich diese Personen zu etwas
anderem werden [ ] Im philosophischen Aussageakt tut man nicht
...

etwas, indem man es ausspricht, sondern man macht die Bewegung,


indem man sie denkt, vermittels einer Begriffsperson [...] Wer ist >ich<?
Immer eine dritte Person.« (Qu, 73)

Die Begriffsperson als Aussagesubjekt in der dritten Person, in


welche sich der Autor entpersönlicht und diversifiziert, wird
dabei abgesetzt von »ästhetischen Figuren« mit »Affekt- und Per­
zeptvermögen« (Qu, 74). Während gewisse Kunstwerke zu sehen
geben, »Perzepte«, rein Wahrnehmbares, freilegen und vielleicht
sogar Affekte des »Ni� ht-menschlich-Werdens des Menschen«
(Qu, 199) produzieren, kommt den Begriffspersonen die Poten­
zierung und fortgesetzte Verschiebung des Denkvorgangs zu, um
»die absoluten Territorien, Deterritorialisierungen und Reterritoria-

46
lisierungen des Denkens zu manifestieren« (Qu, 79). Im Sinne ihres
ethischen Anliegens, der denkerischen Freilegung dessen, was vi­
taler ist als der Mensch, was ihm vorausliegt und auf ihn folgen
wird, suchen die Autoren immer wieder unpersönliche Größen
ausfindig zu machen - Essenzen und Ereignisse, Virtualitäten
und Aktualisierungen, Perzepte, Affekte, Konzepte -, die die vir­
tuelle Unendlichkeit, eine Welt diesseits und jenseits des Men­
schen, denkbar werden lassen oder zumindest evozieren.
Und so fassen sie das Philosophieren schließlich als »dreifal­
tige« Tätigkeit zusammen: »die prä-philosophische Ebene, die sie
entwerfen mus� (Immanenz), die pro-philosophischen Personen, die
sie erfinden und zum Leben erwecken muss" (Insstenz)�
i die philoso­
phischen Begriffe, die sie erschaffen muss1 (Konsistenzj« (Qu, 85 f.).
Aus diesen paradoxen Denkstrategien geht sch�ießlich Deleu­
zes Selbstverständnis als Diener der Metamorphose und Arbei­
ter an der Zukunft hervor. Von daher verwundert es nicht, dass
er sich gegen Ende seines Philosophierens dem Film als dem
Zeitmedium schlechthin zuwendet. Für ihn gebe es keine quali­
tative Differenz zwischen Philosophie und Film, betont er immer
wieder, da beide als lebendige Denkprozesse Kommendes vor­
formulieren:

»Ich denke nicht, dass die Philosophie Reflexion über anderes ist, sei es
Malerei oder Kino. Die Philosophie kümmert sich um Begriffe: sie bringt
sie hervor, schafft sie. Die Malerei bringt einen bestimmten Typus von
Bild, Linien und Farben hervor. Das Kino erzeugt einen anderen Typ
von Bildern, Bewegungs- und Zeit-Bilder. Aber die Begriffe selbst sind
Bilder, sie sind Gedankenbilder. Es ist weder schwieriger noch einfacher,
einen Begriff zu verstehen als ein Bild zu betrachten.«5

Nicht nur den Film versteht er als Bild der Bewegung und als
Selbstentfaltung der Zeit; er überträgt dieses Verständnis auch
auf den Begriff.

47
So lässt sich Deleuzes (und Guattaris) gesamtes Verfahren
von hier aus als »Feldarbeit in progress« bestimmen, zum Zweck
der Versammlung korrespondierender Singularitäten zu Ritour­
nellen und der Absteckung neuer Intensitätsebenen nach Maß­
gabe affektgeleiteter Begriffsarbeit. Dabei fungieren die Denk­
pläne vorgängiger Denker als Katalysatoren der neuen Begriffs­
bewegung, die sich intensiviert, verzweigt, mit anderen Begrif­
fen verkoppelt, bis das Denken des anderen als anderes Denken
erscheint. Auf diese Weise revirtualisiert Deleuze Denkpläne solch
bekannter Namen wie Hume, Bergson, Spinoza, Proust, Kant
und Nietzsche, wie nun darzulegen sein wird. Dabei verwandelt
er deren Denksedimente in filmnahe Zeitprozesse und stellt
·1 darin Gegenläufiges und Widerstreitendes als in die Zukunft
treibendes, nicht zu Ende denkbares Spannungsgefüge heraus.

48
2. Frühe Lektüren philosophischer Denker

Mfekt und Einbildungskraft

Deleuzes erste Schrift mit dem Titel Empirisme et subjectivite.


Essai sur la nature humaine selon Hume/David Hume (H) von 19531
geht der »Psychologie der Affekte des Geistes« im Denken des eng­
lischen Empiristen David Hume nach. In seiner Darstellung von
dessen ausdrücklich nicht psychologisch, sondern moralisch und
soziologisch genannter Abhandlung werden rückblickend An­
sätze erkennbar, die für sein späteres Philosophieren wichtig ge­
worden sind. Schon die anfängliche Betonung, dass für Hume
der Geist nicht gegeben, sondern durch naturgegebene Affek­
tionen und das Soziale konstituiert werde, weist auf Deleuzes
Auffassung von der passioneilen Autogenese des Geistes und
auf seine Verknüpfung der Affekte mit dem Gesellschaftlichen
spätestens ab L'Anti-Oedipe voraus. Das mit Hume artikulierte
»Grundprinzip des Empirismus, das Differenzprinzip« (H, 108)
und dessen Suche nach den kleinsten Einheiten des Geistes
wird ebenfalls bestimmend für Deleuzes Philosophie. Wenn er
an Humes Auffassung der Perzeptionen herausstellt, dass diese
»eines Trägers ihrer Existenz überhaupt unbedürftig« (H, 105)
erscheinen, so klingen bereits seine in den Kinobüchern entfalte­
ten »Perzepte« an. Die von Hume als das ursprüngliche und
grundlegende Vermögen profilierte Einbildungskraft, die den
menschlichen Geist hervorbringt und gleichzeitig über sich hin­
ausgreifen lässt, wird in Difference et repetition als primäre, zeit-

49
kontraktierende Funktion bestimmt, welche wie eine »photo­
graphische Platte [...] das eine fest[hält], wenn das andere erscheint
[ .. ] Das ist alles andere als ein Gedächtnis oder eine Operation
.

des Verstandes: Die Kontraktion ist keine Reflexion. Strengge­


nommen bildet sie eine Synthese der Zeit.« (DW, 99) Mit Hume
beklagt er deren unrechtmäßige Einschränkung durch die ratio­
nalen Vermögen wie Verstand und Vernunft. In seiner Karrt­
Lektüre bemüht er sich daher um die Offenlegung der Beweg­
lichkeit der Vermögen gegeneinander durch Verweis auf deren
phantasiebedingte Inkongruenz. Phantasie/ Imagination wird
als das Vermögen des »Überstiegs«, der Entgrenzung schlecht­
hin begriffen; es versetzt die Vermögen ins Unverhältnis zuei­
nander und gibt eben darin den Ort der »Versammlung vonei­
nander getrennter Individuen« ab. »Als der Zusammenhang der
Vorstellungen ist sie die Bewegung, die vom einen Ende des
Weltalls zum anderen eilt.« (H, 10) Diese Besonderheit der
Phantasie, intra(in)dividuelle wie inter(in)dividuelle Vielfalt in
Einheit zu garantieren, ja nur als »kollektive Halluzination« ge­
geben zu sein, wird ab L'Anti-Oedipe wiederholt gegen die ans
Individuum gebundene Psychoanalyse vorgebracht: »Ein Allge­
meininteresse existiert nur aufgrund der Einbildungskraft, von
Kunstmitteln oder der Phantasie; nichtsdestoweniger ist es als
Menschlichkeit, als Kultur Teil der natürlichen Konstitution des
Geistes. [. .]. Also beruht die Aktivität des Geistes im Bereich des
.

Affekts wie in dem der Erkenntnis auf der Phantasie. Es gibt


somit einen moralischen Schematismus.« (H, 164 f.) Schon hier
wird erkennbar, dass Deleuzes ethischer Ansatz mit der Idee der
Inhärenz gesellschaftlicher Mannigfaltigkeit im einzelnen Geist
und dessen immanenter Vervielfältigung verbunden ist. Von die­
ser Idee der Entwicklung eines »intensiven« Schematismus als
intra- und inter(in)dividueller geistiger Bewegung scheint Deleu­
zes gesamter Einsatz angeleitet zu sein.

so
Im Sinne der Befreiung der Einbildungskraft hinterfragt er
mit Hume scheinbare Naturgesetze wie das Kausalitätsprinzip,
weist es als mentale Konstruktion auf der Basis von Wahr­
scheinlichkeitsbeobachtungen aus. Ebenso wenig sei die »Rela­
tion« zwischen Dingen ein diesen inhärentes Merkmal. Ausge­
hend von der Annahme, dass wir letztlich nie zu Ursachen
vordringen können und die angehbaren Ursachen nur vermeint­
liche sind, wird die Wissenschaft allgemein als Lehre von den
Wirkungen und die Philosophie als »Kritik der Repräsentation«
verstanden: Das Denken hat keine angehbaren Ursachen, etwa
im Verstand angesiedelte Ideen. Ideen sind keine zu verorten­
den Objekte, allenfalls Schemata, Konstruktionsregeln, Asso­
ziationen der Einbildungskraft auf der Basis von deren Affek­
tionen und Perzeptionen. »Geist ist ja in der Tat nicht Vernunft,
sondern vernünftig zu sein ist eine Affektion des Geistes.« (H,
21) Subjekte konstituieren sich durch Selbstfixierung und -refle­
xion der Einbildungskraft, in deren zeitlichen Synthesen, die
Deleuze »Gewohnheit« nennt; diese Gewohnheitsbildung wie­
derum hängt von der Bildung von Gedächtnis und Erinnerung
ab: »Es ist [...] die Gewohnheit, die sich als Synthese erweist; und
Gewohnheit ist gleichbedeutend mit Subjekt. Erinnerung ist die
ehemalige Gegenwart, nicht die Vergangenheit. Nicht einfach,
was gewesen ist, ist als Vergangenheit zu bezeichnen, sondern
was nötigt, was wirkt, was drängt.« (H, 115) Hier werden bereits
jene paradoxen Zeitverhältnisse der Kopräsenz von Vergangen­
heit und Gegenwart skizziert, die Deleuze in seinen Bergson­
und Proust-Lektüren und systematisch in Difference et repetition
und Logique du sens entfalten wird. Der Gedanke einer doppel­
ten Zeitlinie wird noch seine Filmauslegungen grundieren.
Seine kleine Schrift La philosophie critique de Kant (PK) von
1963, die im Sinne einer Einführung in Kants »Kritiken« das
Verhältnis der Vermögen von Verstand, Urteilskraft und Ver-

51
nunft zueinander erörtert, ist nach eigenem Bekunden ein »Buch
über einen Feind [...], von dem ich zu zeigen versuche, wie es
funktioniert, welches sein Räderwerk ist: Gerichtshof der Ver*
nunft, rechtmäßiger Gebrauch der verschiedenen Vermögen -
eine Unterwerfung, die umso scheinheiliger ist, als man uns den
Titel von Gesetzgebern verleiht.« (U, 15)2 Seine Darlegung des
inneren Mechanismus des kantschen Systems läuft denn auch
auf den Vorwurf hinaus: Kant habe zwar die philosophische
Aufgabe einer Autokritik des Denkens beispielhaft in Angriff
genommen, das Projekt der Vernunftkritik letztlich aber verra*
ten, da er durch die Hintertür unkritische Annahmen wieder
eingeführt habe, wie den guten Willen (le bon sens) zum Den­
ken, den Gemeinsinn (le sens commun) als Voraussetzung inter·
subjektiver Urteilsbildung, die Achtung vor dem Sittengesetz,
eine »Zweckmäßigkeit« der Natur und den Menschen als »End­
zweck« und Existenzgrund der Vernunft. »Nicht kritisch« lautet
Deleuzes abschließendes Urteil über das kritische Projekt Kants
angesichts dieser zahlreichen Voraussetzungen.
In -der für ihn typischen Vergehensweise wiederholt er
gleichwohl gewisse Ansätze Kants, um sie zuzuspitzen und in
anderes zu wenden. So übernimmt er Kants Auslegung von
Raum und Zeit als Aprioris der Anschauung und deutet deren
Loslösung von der Bewegung als unhintergehbare Signatur der
Modex:_fle;_ ->>Die Zeit out ofjoint, die aus den Angeln gehobene
Tür, bedeutet die erste große kantische Umkehrung: Sie ist die
Bewegung, die sich der Zeit unterordnet.«3 Diese absolut ge·
wordene, »leere« Zeit, welche nunmehr alles als ihre Wirkungen
hervorbringt, lässt die Genese des Subjekts als Vorgang erschei­
nen, der sich in zunächst passiven, später aktiven Zeitsynthesen
vollzieht. Aber auch literarische Texte, Gemälde, Filme und mu­
sikalische Kompositionen versteht Deleuze primär als Hervor-
\ bringungen der Zeit, die, wenn sie denn Kunstwerke sind, ihren
II
\ 52
Ausgang in der Zeit als Chance zu immanenter zeitlicher Ver­
vielfältigung begreifen, wie er es an den Texten Prousts und Kaf­
kas, den Bildern von Francis Bacon oder dem filmischen Zeit­
Bild herauszustellen sucht.
An Humes wie an Kants Darlegungen interessiert ihn der
Einsatzpunkt, von welchem aus das Verhältnis der Vermögen
zueinander als bewegliches und nicht-konkordantes, die suppo­
nierte Harmonie und komplementäre Distribution sprengen­
des, gedacht werden kann. So verschärft er die von Kant in der
Kritik der Urteilskraft erläuterte Herausforderung der Vermögen
durch das »Übersinnliche« und Erhabene zu einem agonalen
Prozess:

»Das Erhabene geht in dieser Hinsicht noch weiter: Es bringt die ver­
schiedenen Vermögen auf eine Weise ins Spiel, dass sie einander wie
Kämpfer gegenübertreten, dass eines das andere an sein Maximum oder
an seine Grenze treibt, das andere aber reagiert, indem es das erste wie­
derum zu einer Eingebung treibt, die es nicht von ganz alleine gehabt
hätte. Das eine treibt das andere an seine äußerste Grenze, jedes aber
lässt das eine die Grenze des anderen überschreiten. Die Beziehung zwi­
schen den Vermögen ergibt sich aus dem tiefsten Innern ihrer selbst und
zugleich daraus, worin sie einander am fremdesten sind.«4

Seine differentielle und »spaltende« Lektüre unterstreicht den


Abstand und »diskordanten Einklang«5 der Vermögen und lässt
ihn von einem »Sturm im Innern eines Abgrunds«6 als Grund­
zug aller Denkprozesse ausgehen. Auf diese Weise mündet sein
Durchgang durch Kant in eine Umkehrung der kantschen An­
nahmen: Das Verhältnis der Vermögen erscheint als rein kon­
fliktuelles, der gute Wille des Denkers als Haltung, die ihre un­
bewussten Antriebe verkennt oder verleugnet, der kategorische
Imperativ als Weise der Selbstunterwerfung unter die Herr­
schaft der Vernunft, als Verrat an der Idee_ der Freiheit und

53
damit als amoralisch. Diese Amoralität als mögliche Konse­
quenz des kategorischen Imperativs, wie sie de Sades Perversio­
nen vorführen, beleuchtet Deleuze insbesondere in seiner Schrift
Prisentation de Sacher-Masoch und weist sie als naturvernich­
tende und mörderische aus.

Vitalistische Wertsetzung, genealogische Kritik

Die Lektüre Nietzsches, wie sie Deleuze in seiner 1962 veröf­


fentlichten Studie Nietzsche et la philosophie (N) präsentiert, ist
neben der von Spinoza seine affirmativste. Nicht zufällig eröffnet
die deutsche Ausgabe Nietzsche und die Philosophie7 mit dem
Satz: »Das allgemeinste Vorhaben von Nietzsche ist dies: in die
Philosophie die Begriffe von Sinn und Wert einzubringen.« (N,
5) Von Nietzsche übernimmt er nicht nur die Auffassung, dass
Philosophieren Wertsetzung, differenzierende Kritik und Um­
wertung sei; er unterzieht Nietzsches Texte selbst einer werten­
den und kritischen Lektüre, die einen bis dato nicht bekannten
Nietzsche erstehen lässt.
Dieses kritische und wertende Verfahren gewinnt in der Lek­
türe von Nietzsche besondere Schärfe und Aktualität, insofern
dessen Schriften, vereinnahmt durch die nationalsozialistische
Ideologie, auf ihre Grundlegungen, Wertsetzungen und nicht
zuletzt auf den Gedanken des »Willens zur Macht« hin zu be­
fragen sind. Insbesondere die von Nietzsches Schwester Elisa­
beth Förster-Nietzsche posthum edierte Textsammlung Vom
Willen zur Macht hatte der verhängnisvollen NS-Rezeption Vor­
schub geleistet.
Vor diesem Hintergrund lässt sich Deleuzes Unterfangen als
eines charakterisieren, das den Gedanken des »Willens zur Macht«
zu sezieren beginnt, in seine Komponenten zerlegt und wie unter

54
der Lupe auf seine immanenten Bedingungsverhältnisse über­
prüft. Das Ergebnis ist eine Deutung, die alles andere als den
herkömmlicherweise damit verbundenen Herrschaftsanspruch
in den Vordergrund rückt. Der »Wille zur Macht« wird als vitale
Selbstaffirmation des Willens, als »Wille zum Willen« gelesen
und damit gerade als Kritik des traditionellen Machtbegriffs:
»Die Macht ist das, was im Willen will. Die Macht ist das geneti­
sche und differentielle Element im Willen. Daher ist der Wille
zur Macht wesentlich schaffend.« (N, 93) »Macht« wird hier de­
zidiert nicht als Beziehung der Anerkennung und Repräsenta­
tion erörtert - das wäre mit Nietzsche die Sichtweise des Skla­
�en -, sondern als »Mächtigkeit/Potenz«, als Selbsthervorbrin­
gung der Kräfte und deren differenzgenerierendes Prinzip, dank
welchem die Kräfte und Vermögen sich wechselseitig potenzie­
ren, zu singulären »Entitäten« werden und neue Positionen des
Denkens generieren. Die Haltung, die solche Prozesse blockiert
oder nicht befördert, wird von Nietzsche als »Ressentiment« be­
zeichnet, da sie »die aktive Kraft von dem (trennt), was sie kann«
(N, 64). Diese vitalistische Auffassung der Macht als Artikula­
tion multipler Kräfte und ihrer wechselseitigen Beförderung po­
lemisiert ebenso gegen Hegels Dialektik und deren Verfahren
der Negation und Aufhebung wie gegen Schopenhauers Nihilis­
mus. Im Durchgang durch das Begriffsfeld des »Willens zur
Macht« sucht Deleuze dessen produktive Mikroverhältnisse
hervorzukehren, um unterhalb der offiziellen Lesart eine tie­
fere, vitale Logik sichtbar werden zu lassen. Mit keinem ande­
ren Denker hat Deleuze sein Sprechen zu zweit auf derart em­
pathische Weise, bis hin zur Ununterscheidbarkeit der Sprechen­
den, praktiziert; keinen anderen Denker hat er derart »revirtua­
lisiert«, um ihn neuen Interpretationen zu eröffnen.
Mit Nietzsche gelingt ihm daher die Formulierung des Pro­
jekts einer »wahren«, weil wertsetzenden Kritik, jenseits von Kant:

55
»Darin gerade, dass Kant die wahre Kritik nicht geleistet hat, weil er
deren Probleme nicht in Begriffen von Werten zu stellen wusste, kann
einer der Hauptantriebe des Werkes von Nietzsche ausgemacht werden
[...] Die Philosophie der Werte, wie er sie begreift und entwirft, bildet die
wahre Realisierung der Kritik, die einzige Weise, >mit dem Hammer< zu
philosophieren. In der Tat implizierte der Begriff der Werte eine kritische
Umwälzung.« (N, 5)

Diese evaluierende Methode führt ein genetisches und verzeitli­


chendes Moment in die Begriffsarbeit ein, wodurch diese der an­
gestrebten Autopoiesis und Neuheitsproduktion näher rückt
»Das kritische Problem ist dies: der Wert der Werte, die Wert­
schätzung, aus denen ihr Wert hervorgeht, folglich das Problem
der Erschaffung.« (N, 5) Schöpferisch wird das Denken in Verbin­
dung mit jenem prozeduralen Ethos, welches mit der Affirmation
des Vorgegebenen beginnt, um es sukzessive zu differenzieren
und, wie an Nietzsche selbst vorgeführt, aus unzulässig verein­
heitlichenden und festschreibenden Lektüren herauszuführen.
Nietzsches »Genealogie der Moral« ist für Deleuze ein sol­
ches Verfahren ethischer Begriffsarbeit. Herrschende Werte wer­
den in geschichtlicher Rekonstruktion auf die in ihnen enthalte­
nen wertsetzenden Annahmen hin untersucht: »Genealogie be­
zeichnet das differentielle Element der Werte, dem ihr Wert
selbst entspringt. Sie meint demnach Herkunft oder Entste­
hung, aber auch Differenz und Distanz in der Herkunft.« (N, 6)
Zur Erfassung dieser differentiellen Elemente in den Werten be­
darf es einer sezierenden Vorgehensweise nach Art eines Arztes,
die die Zeichen in ihre Komponenten zerlegt und die »Kräfte«
erhellt, die in ihnen wirksam sind: »Ein Phänomen ist weder
eine Erscheinung noch bloßer Schein, sondern ist ein Zeichen,
ein Symptom, das seine Bedeutung, seinen Sinn in der aktuellen
Kraft findet. Die Philosophie als Ganze erstellt eine Symptoma­
tologie oder eine Semiologie.« (N, 7) Dank dieser genealogi-
56
sehen Methode wird die Philosophiegeschichte als Abfolge von
Kräfteverhältnissen lesbar; Kritik wird zu einem »aktiven Aus­
druck eines aktiven Existenzmodus« (N, 7). Zeichen unterste­
hen zwangsläufig einer pluralen Lektüre, wenn sie ins Verhält­
nis zu den Kräften gesetzt werden, die auf sie einwirken oder
die sie freisetzen, wenn sie in dynamische Kräftefelder einge­
bunden erscheinen: »Sinn ist demnach ein komplexer Begriff:
stets existiert eine Pluralität des Sinns, eine Konstellation, ein
Komplex von Aufeinanderfolgen, aber auch von Koexistenzen,
der die Interpretation zur Kunst werden lässt.« (N, 8) Interpre­
tation, so verstanden, zielt nicht auf hermeneutische Eröffnung
einer Bedeutung hinter den Zeichen, sondern auf Offenlegung
der Kräfte, welche die Denkvorgänge antreiben und ihnen
Mehrdeutigkeit verleihen: >>Einem Ding kommen so viele Sinne
zu, als Kräfte fähig sind, sich seiner zu bemächtigen.« (N, 9)
Eine solch multiperspektivische Lesart mündet zwangsläufig in
einen »Pluralismus«, der »eins mit der Philosophie selbst [ist).
Er bildet den eigentlich philosophischen, von der Philosophie
erfundenen Modus des Denkens: alleiniger Garant der Freiheit
im konkreten Geist, einziges Prinzip eines ungestümen Atheis­
mus.« (N, 8) Genealogie, pluralistische Wertanalyse und Kritik
sind mithin die Verfahren der Sinnstiftung, die, weil immanent,
für Deleuze die einzig zulässigen sind. Nur sie geben Auskunft
über die Lebensmächtigkeit« des Existierenden, das Deleuze -
»

in Wiederaufnahme Humes - erneut als Affizierbarkeit be­


stimmt: »Das Vermögen, affiziert zu werden, bedeutet nicht
notwendig Passivität, sondern Affektivität, Sensibilität, Empfin­
dung.« (N, 70)
In diesem Prozess der Umwertung erfährt denn auch die
christliche Moral eine nachhaltige Kritik. Ihrer weltverneinen­
den Haltung und ihrer Fixierung auf Leiden und Sünde wird
eine - der griechischen Tragödie abgelauschte - Haltung der Af-

57
firmation des Leidens angesichts der Vielfalt lebendiger Pro­
zesse, ein Begriff des Tragischen als »Freude am Vielen« (N, 22)
und eine »dynamische Heiterkeit« entgegensetzt. An die Stelle
der Abwertung des irdischen Lebens tritt eine Bejahung seiner
präsubjektiven Fülle, welche zuletzt die Selbstüberwindung des
Menschen verlangt: »Die [Link] als aktive Zerstörung des
Menschen, der zugrunde gehen und überwunden werden will, ist
die Ankündigung des Schaffenden.« (N, 192) Insofern entgeht
auch der Begriff des »Übermenschen« nicht einer Umwertung:
Das »Über« desjenigen, der das differentielle Moment im Willen
bejaht und das Lebendige befreien hilft, wird verstanden als
Überwindung des Selbst und derjenigen Instanz im Bewusst­
sein, die sich ins Verhältnis zu den anerkannten Mächten setzt
und von daher ihren Wert bezieht. Der neue Typus, selbst- und
überich-los geworden, ist dagegen eine Mannigfaltigkeit von
Mikro-Ichs, die schon dank ihrer Affizierung durch multiple
Kräfte sich fortwährend in Metamorphose befinden und darin
einem »Ahuman-Werden« entgegengehen. Dionysos, der grie­
chische Gott, der ritualhaft zerstückelt und wieder zusammen­
gesetzt wird, ist dessen Begriffsperson.
In Umwertung der gesamten Philosophiegeschichte nimmt
Nietzsches Genealogie der Moral schließlich eine Kritik von Ver­
nunft und Wahrheit und des Willens zur Wahrheit vor. Sie setzt
ihm den »Willen zum Falschen« entgegen, da alles Leben, wie
Deleuze Nietzsche weiterführt, ursprungs- und vorbildlos, mit
Simulakren und Maskerade als vitalen Artikulationen beginnt:
»Die Aktivität des Lebens ist gleichsam eine Macht des
Falschen: täuschen, verschleiern, blenden, verführen.« (N, 112)
Der Begriff der »Mächte des Falschen« kehrt als genetisches
Prinzip des »Kristallbilds« in Deleuzes zweiter Filmstudie Cinema
2 L'Image-Temps!Das Zeit-Bild Kino 2 (ZB, S. 168-204) wieder,
wo er die Selbstgenerierung des Zeit-Bildes aus den Simulakren
58
der primären Zeitsynthesen zu bezeichnen hat (vgl. Kap. 5). Ein
solches, aus afigurativen Elementen hervorgehendes und sich
ununterbrochen transformierendes Bild schafft »ein neues Bild
des Denkens«, in dem »das Wahre kein Element des Denkens
mehr bildet. Das Element des Denkens ist der Sinn und der
Wert.« (N, 114) Im Hinblick darauf tritt an die Stelle der ontolo­
gischen »Was-ist«-Frage jene nach den Trägern der Werte. »Was
ist das Schöne?« wird durch: »Wer ist schön oder gut?«, die On­
tologie durch Symptomatologie und Typologie ersetzt.
Dank seiner begrifflichen Auffächerung entdeckt Deleuze zu­
letzt sogar in Nietzsches Formel von der »Wiederkehr des Glei­
chen« ein genetisches Moment, das die Wiederkehr des Glei­
chen zur Wiederkehr des anderen werden lässt: Was auf dem
tiefsten Grund wiederkehrt, ist die Wiederkehr selbst, nicht das
Sein in Identität, sondern dessen ewiges Werden und damit Dif­
ferenz: »> Wiederkehren ist dies Sein des Werdenden< [. .] Wieder­
.

kehr macht selbst das Sein aus, insoweit dieses im Werden und
im Vergehen sich bejaht.« (N, 54 f.) Mit dieser Verwandlung des
tragischen Diktums Nietzsches in ein positiv-generatives Prin­
zip schlägt Deleuze auch eine Brücke zu Bergson.

Vervielfältigung von Stimme und Zeit

Die Monographie Le bergsonisme!Henri Bergson. Zur Einführung8


(HB) von 1966 teilt bereits im ersten Satz die Begriffe mit, die
Bergsons Schriften entnommen und zu ent§cheidenden Baustei­
nen des deleuzeschen Denkens werden. t_Dauer (dun�e ), Ge-
dhltnis und, Elan vital sind die Begriffe, die die großen Ent­
wicklungslinien der Philosophie Bergsans bezeichnen. Dieses
Buch möchte bestimmen, in welchem Verhältnis sie zueinander
stehen und was mit ihnen geleistet ist.« (HB, 23) Zunächst also

59
arbeitet Deleuze Bergsons Zeitkonzeption heraus, die in den
späteren Bergson-Lektüren der Kinostudien um dessen Auffas­
sung von Bewegung und Bild erweitert werden. Am Begriff der
Dauer, den Bergson gegen das überkommene Verständnis von
Zeit als lineare, teilbare Größe zählbarer Quanten (von Tagen,
Stunden, Minuten usw.) entwirft und als unteilbaren, qualitati­
ven Zeitstrom versteht, evaluiert Deleuze dessen Status als vor­
begriffliche ontologische Differenz und als Werdensprinzip: »Die
Dauer, die ihm immer weniger auf eine psychologische Erfah­
rung reduzierbar zu sein scheint, wird zur veränderlichen Es­
senz der Dinge und avanciert zum Bezugspunkt einer komple­
xen Ontologie.« (HB, 50) Nicht nur Subjekte, sondern alles
Erscheinende ist aufgrund seiner inneren Zeitlichkeit nicht nur
von anderen, sondern in sich selbst unterschieden. Aber auch
die Zeit selbst wird als »innere Vielheit, eine Vielheit des Nach­
einander, der Verschmelzung, der Organisation, der Heteroge­
nität, der qualitativen oder Wesensunterscheidung, eine Vielheit,
die virtuell und ·kontinuierlich ist« (HB, 54), gedacht. Deleuze
konzipiert sie mit Bergson als Doppelzeitlichkeit von G_egen­
wart und »Vergangenheit-Zukunft« (LS, 20), wobei Letztere ob
ihrer Unendlichkeit virtuell, ihre unausgesetzte Vergegenwärti­
gung dagegen aktuell genann� wird: Dauer ist »das Virtuelle, das
sich aktualisiert, das von der Bewegung seiner Aktualisierung
untrennbar ist. Denn die Aktualisierung vollzieht sich durch
Differenzierung.« (HB, 59) Will man Gegenwart denken, muss
man ihre Vergegenwärtigung als Werden und Vergehen auf der
Linie der Unendlichkeit denken, welche, weil immer schon vor­
gängig, auch als »reine Vergangenheit« bezeichnet wird: »Die
Vergangenheit folgt nicht der Gegenwart, sondern wird von die­
ser im Gegenteil als Bedingung schlechthin vorausgesetzt, ohne
die sie nicht vergehen könnte. Anders ausgedrückt, jede Gegen­
wart verweist auf sich selbst als Vergangenheit.« (HB, 79) Wie in

60
der Burne-Schrift betont Deleuze daher die Koexistenz von
Vergangenheit und Gegenwart. Da die Gegenwart als fortgesetzt
""W'ertiende... die Vergangenheit in ihrer Unendlichkeit wiederholt
uhd»gegenverwirklicht«, wird sie auch als die »am [Link] kon­
?ja1JtenrE bene dei 'Vergangenheit« (HB, 96) bestimmt. Diese Um­
deutung der Zeit lässt zwangsläufig auch das Raumverständnis
nicht unangetastet: »Denn der Raum ist dann keine Form bloßer
Äußerlichkeit mehr, eine Art entstellender Bildfläche für die
Dauer [...]; er muss in den Dingen selbst, in den Beziehungen zwi­
schen den Dingen und den Zeitfolgen fundiert sein.« (HB, 67) Der
Raum wird nicht mehr wie bei Descartes als Materie oder Aus­
dehnung verstanden, sondern als »Schema« der Materie; nicht das
Ausgedehnte ist im Raum als in einem Behälter, sondern der
Raum unterhält ein Wiederholungsverhältnis zur Zeit, aktualisiert
seinerseits seine Vtrtualität in Materie und Ausdehnung.
Im Rahmen dieser Umdeutung von Raum und Zeit wird auch
die Genese des menschlichen Subjekts als Aktualisierung der vir­
tuellen Dauer und als deren Fixierung in Gedächtnis und Be­
wusstsein expliziert. Gedächtnis sei die »Koexistenz aller Diffe­
renzstufen innerhalb dieser Vielheit und Virtualität Der Elan vital
schließlich bezeichnet die Aktualisierung dieses Virtuellen entlang
der Differenzierungslinien, die diesen Differenzstufen entsprechen
- bis hin zur Entwicklungslinie des Menschen, wo der Elan vital
ein Bewusstsein von sich gewinnt.« (HB, 142) Was mit Nietzsche
Kraft und Bewertung hieß, heißt nunmehr »Elan vital«, seine
Funktion ist die nämliche: aus dem Virtuellen auswählen, aktuali­
sieren und potenzieren, neue Positionen des Denkens generieren.
Bei seinen Erläuterungen der virtuellen Zeit betont Deleuze
wiederholt deren Unterschied zur Kategorie der Möglichkeit.
Das Virtuelle ist nicht mit dem Möglichen zu verwechseln, da
dieses im aristotelischen Potenz-Akt-Schema als Präformation
des Wirklichen nach dem Modell der Ähnlichkeit und der Zeit-

61
form des »noch nicht« gedacht wird. Das Virtuelle dagegen, als
unendliche Differentialität konzipiert, bedeutet in seiner Aktua­
lisierung immer Unähnlich-Werden, Metamorphose, Differen-
z1erung.
.

»Wenn sich die Virtualität aktualisiert, differenziert und entwickelt,


wenn sie ihre Teile aktualisiert und entwickelt, dann tut sie dies, indem
sie divergenten Linien folgt, die aber jeweils einer ganz bestimmten Stufe
in einer virtuellen Totalität entsprechen. Dort haben wir kein koexistie­
rendes Ganzes mehr, lediglich Aktualisierungslinien, die teilweise aufei­
nander folgen, teilweise gleichzeitig sind, aber jedes Mal eine Aktualisie­
rung des Ganzen in einer bestimmten Richtung verkörpern und sich
nicht mit den anderen Linien und Richtungen verbinden.« (HB, 126)

Im Dienste der Aktualisierung des Virtuellen entwickelt Bergson


eine Methode der »Intuition«, die, wenn auch nicht unter die­
sem Namen, für Deleuze verbindlich wird: »Wesentliches Merk­
mal dieser Methode ist, dass sie problematisiert (die Kritik
falscher und das Ersinnen wahrer Probleme), differenziert (Aus­
schnitt und Kreuzpeilung) und verzeitlicht (in Begriffen der
Dauer denken).« (HB, 51)
Auch in der zwei Jahre später publizierten Schrift Spinoza et
le problerne de l'expression/Spinoza und das Problem des Ausdrucks9
(S), in welcher Deleuze parallel zu seiner zeitgleichen Schrift
Difference et repetition eine Ontologie der Univozität - der ex­
pressiven Einheit des Vielstimmigen - zu entfalten sucht, geht
es um Fragen eines vitalistischen Denkens. »Bei Spinoza steht
die ganze Theorie des Ausdrucks im Dienste der Univozität, und ihr
ganzer Sinn ist es, das univoke Sein seinem indifferenten Zu­
stand oder der Neutralität zu entreißen, um es zu einem Gegen­
stand einer einen Bejahung zu machen, die tatsächlich im Pan­
theismus oder in der ausdrückenden Immanenz realisiert wird.«
(S, 294) Denn mit Spinoza und dessen Begriff des Ausdrucks

62
wird das Sein als Stimme bestimmt, die allem Seienden auf die­
selbe Weise zukommt und in der sich alles Seiende gleicher­
maßen aktualisiert: »So ist die Mannigfaltigkeit der Attribute
der Einheit der Substanz strikt gleich; diese strikte Gleichheit
müssen wir so verstehen, dass die Attribute formal das sind, was
die Substanz ontologisch ist.« (S, 294) Deutlich wird, dass die
Stimme - und damit quasi Nicht-Seiendes - als Einheitsgrund
konzipiert wird, worin sich eine Umwertung der Ontologie -
die von der Einheit des Seins ausgeht - vollzieht. Im Gegensatz
zu Leibniz will Deleuze aber auch keine Unterscheidung zwi­
schen klaren und nicht-klaren Ideen treffen, sondern behauptet,
dass alle Ideen gleichermaßen zum Ausdruck gelangen. Die
Stimme als Einheitsgrund kennt keine Hierarchie von seeli- >

sehen und körperlichen Ausdrucksformen, sondern nur man­


nigfaltige und damit lebensbejahende Artikulation: »So wird
man vor allem nicht die aktive und die passive Seite, die Tätig­
keit und die Leidenschaft, die Ursache und die Wirkung auftei­
len können: denn entgegen dem traditionellen Prinzip gehen
die Tätigkeiten mit den Tätigkeiten zusammen, die Leiden­
schaften mit den Leidenschaften. [. .] Bei Spinoza wird der Aus­
.

drucksbezug nur unter Gleichen etabliert.« (S, 293) Diese Viel­


stimmigkeit findet ihre Quasi-Ursache in der Idee der
unendlichen Natur Gottes, die in ihren zahllosen Attributen je­
weils Unendliches zum Ausdruck bringt: Mannigfaltigkeit wird
mi.!_hin ein weiteres Mal als Ausdruck und Selbstentfaltung von
.Zeit expliziert und erhält als Vorgang der »Bewertung« einen
[Link] Aspekt. Die letzte ethische Überlegung ergibt sich al­
lerdings daraus, dass Gott als »Potestas« alle Attribute, Modi
und modalen· Wesen affiziert, weshalb die Frage aufkommt, wie
sich die solchermaßen Affizierten in Selbsttätige verwandeln,
wie sie im Sinne von Nietzsche aktive und bejahende Kräfte
werden können. Deleuze skizziert eine Lösung in dem, was er

63
als spinozistische »Physik« bezeichnet, dank welcher aktive
Tätigkeitsvermögen als natürliche Prozesse gedacht werden:
»Alles in der Natur ist Physik: [...] Physik der Kräfte, d.h. ein
Dynamismus, nach dem das Wesen in der Existenz bejaht wird
und sich mit den Varianten des Tätigkeitsvermögens verbindet.«
(S, 205) Der von ihm hier nicht beantworteten Frage: »Was
kann ein Körper?« geht er in seiner späteren Studie Spinoza.
Philosophie pratique weiter nach.

Differenz- und Sinnproduktion

Die »Summe« dieser Frühphase, Diffirence et repetition10 (1968)/


Differenz und Wiederholung (DW), ist nach Deleuzes eigener
Aussage seine erste Schrift »im eigenen Namen«:

»Nach meinen Studien zu Hume, Spinoza, Nietzsche und Proust, die


mich begeisterten, war Difference et repitition das erste Buch, in welchem
ich >Philosophie zu machen< suchte. Alles, was ich in der Folge machte,
verknüpfte sich mit diesem Buch, selbst das, was ich mit Guattari ge­
schrieben habe [...]. Es ist schwierig anzugeben, was einen mit diesem
oder jenem Problem verbindet: warum haben mich Differenz und Wie­
derholung eher als anderes heimgesucht, und nicht unabhängig vonei­
nander, sondern vereint? Sie waren auch nicht unbedingt neue Probleme,
da sich die Geschichte der Philosophie und insbesondere der zeitgenös­
sischen Philosophie dauernd mit ihnen rumschlug. Aber vielleicht haben
die meisten Philosophen die Differenz dem Identischen oder dem Sei­
ben, dem Ähnlichen, Entgegengesetzten oder Analogen untergeordnet
1 ...] Mir scheint dagegen, dass man zu den Potenzen der Differenz und
Wiederholung nur vordringen konnte, wenn man das Bild in Frage
stellte, das man sich vom Denken macht.«11

Um die Kritik alter Bilder des Denkens und die Entwicklung


eines »neuen Bildes des Denkens« geht es in dieser Schrift, wie

64
bereits der Titel eines Unterkapitels verrät. Dieses Bild folgt
nicht dem Modell des Wiedererkennens, sondern konfrontiert
sich mit Problemen, die nicht in propositionalen Strukturen
oder dialektischen Schemata zu fassen sind und als zu groß zur
Erfassung beschrieben werden: das Problem der Mannigfaltig­
keit und der Differenz und Wiederholung »an sich«.
Als Inspiration für seine Schrift gibt Deleuze die heidegger­
sche Frage nach der »ontologischen Differenz« ebenso wie das
strukturalistische Verfahren und die Kunst des zeitgenössischen
Romans an, der »um Differenz und Wiederholung kreist« (DW,
11). Als Ausgangsposition seines Denkens nennt er die mit dem
Zweiten Weltkrieg verbundene Erfahrung der Zerstörung bio­
graphischer wie epistemologischer Sicherheiten, das »Scheitern
der Repräsentation wie den Verlust der Identitäten und die Ent­
deckung all der Kräfte, die unter der Repräsentation des Identi­
schen wirken« (DW, 11 ). Allerdings erblickt er in dieser Zer­
störung auch eine Chance: jene, die präsubjektiven Differenzen
offen zu legen, welche von den Strukturen der Repräsentation
überlagert werden, »die Differenz an sich selbst und den Bezug
des Differenten zum Differenten zu denken« (DW, 11), da >>die
Differenz und die Wiederholung [... ] an die Stelle des Identischen
und des Negativen, der Identität und des Widerspruchs getre­
ten« (DW, 11) sind.
Um die Differenz »an sich selbst« denken zu können, muss
sie aus ihrer Unterordnung unter das Schema der Repräsenta­
tion befreit werden. Das aber bedeutet eine Kritik der Philoso­
phiegeschichte, in welcher sie, wie Deleuze beklagt, nur als ge­
zähmte denkmöglich geworden sei, »unter der vierfachen Fessel
der Repräsentation: [... ] der Identität im Begriff, des Gegensat­
zes im Prädikat, der Analogie im Urteil, der Ähnlichkeit in der
Wahrnehmung« (DW, 329). Die Differenz an sich wird dann er­
neut als virtuelle Zeitlichkeit entfaltet, in der sich alles Existie-

65
rende und die sich mit diesen Aktualisierungen als Vielfalt zeit­
licher Synthesen, als in sich Unterschiedenes konstituiert, wes­
halb sie sich zwangsläufig allen epistemologischen Zugriffen
entzieht. »Wenn die Differenz auf die Identität des Begriffs be­
zogen wird, so verschwindet gerade die Differenz im Denken,
jene Differenz des Denkens mit dem Denken, jene Genitalität
des Denkens, jener tiefe Riss im Ego, der es veranlasst, nur da­
durch zu denken, dass es seine eigene Passion und noch seinen
eigenen Tod in der reinen und leeren Form der Zeit denkt.«
(DW, 333) In paralleler Weise muss die Wiederholung als
Größe entfaltet werden, die ein intrinsisches Verhältnis zu die­
ser Differenz unterhält und die Kategorien der Allgemeinheit,
der Ähnlichkeit, der Äquivalenz und des Tauschprinzips unter­
läuft.
Im Gegensatz zu Hegels Dialektik, in welcher Wiederholung
und Differenz in ein komplexes Repräsentationsschema des
Geistes eingefügt werden, sucht Deleuze Wiederholung und
Differenz als unverfügbare Größen zu denken, der Tauschöko­
nomie zu entreißen und einer Ökonomie zuzuordnen, in wel­
cher Diebstahl und Gabe ihre »Kriterien« (DW, 15) sind. Wie­
derholen wird hier als primäres, lebensnotwendiges Verhalten
entwickelt, jenseits dessen wir nichts denken und nicht denken
können, da Denken selbst mit Wiederholen beginnt: »Man wie­
derholt, weil man nicht weiß, weil man sich nicht erinnert usw.,
weil man zur Tat nicht fähig ist.« (DW, 367) Im bereits mit
Hume skizzierten Sinn wird Wiederholung als Kontraktion von
Zeit, als Wechsel von passiven und aktiven Synthesen, als Wech­
sel von Kontemplation und Reflexion gedacht, dank welcher es
zu Gewohnheits- und Erinnerungsbildung kommt. Da sich in
jeder Wiederholung die Zeitlinien der Vergangenheit und Ge­
genwart ineinander verschränken, konstituiert sie sich immer
im und als Unterschied: »Die leere Form der Zeit ist es, die die

66
Differenz im Denken einführt und konstituiert, von der aus es
denkt, als Differenz von Unbestimmtem und Bestimmung. Sie
ist es, die auf beiden Seiten ihrer selbst ein durch die abstrakte
Linie gespaltenes Ego und passives Ich aufteilt [...] Sie ist es, die
Denken im Denken erzeugt.« (DW, 344 f.) Diese elementaren,
zeitbedingten, vorbildlosen Konstitutionen unterhalb des Be­
wusstseins nennt Deleuze »System« des Simulakrums oder
Trugbilds, in dem sich »das Differente mittels der Differenz
selbst auf das Differente bezieht« (DW, 346). Dieses Modell der
unvermittelten Trugbilder und Differentianten ist sein Gegen­
entwurf zum differenzvermittelnden System der Repräsenta­
tion, bestehend aus »Individuationsfeldern und disparaten Rei­
hen«, »passiven Ichs«, »larvenhaften Subjekten«, »raum-zeitli­
chen Dynamiken« und »formlosem Chaos« (DW, 346 f.). In Wie­
deraufnahme nietzschescher Gedanken nennt er »Verschiebung
und Verkleidung [...] Mächte der Wiederholung, wie Divergenz
und Dezentrierung Mächte der Differenz sind« (DW, 359).
Dank ihrer »Zeitkomplexionen« wohnt den Wiederholungen
eine innere Unruhe und Dynamik inne, die von Deleuze positiv
bewertet wird, da sie zu Selbstpotenzierungen, zur Durchdrin­
gung der mechanischen Wiederholung auf tieferliegende Wie­
derholungen und schließlich zur Wiederkehr als solcher, zur rei­
nen Zeitlichkeit, Anlass gibt.

»Man wiederholt zweimal gleichzeitig, aber nicht mit derselben Wieder­


holung: einmal mechanisch und materiell in der Breite, das andere Mal
symbolisch, mit Trugbildern in der Tiefe; einmal wiederholt man Teile,
ein anderes Mal das Ganze, von dem die Teile abhängen. Diese beiden
Wiederholungen ergeben sich nicht in derselben Dimension, sie koexis­
tieren; die eine ist die Wiederholung von Augenblicken, die andere die
der Vergangenheit; die eine ist elementar, die andere totalisierend; und
die tiefste, die >produktivste< ist offenbar nicht die sichtbarste oder die
mit dem größten >Effekt<.« (DW, 361)

67
Die Wiederholung birgt somit in sich die Potenz, sich zu trans­
zendieren und in dem, was wiederkehrt, Differentes aufschei­
nen zu lassen, neue Bilder, neue Aussagen, unbekannte Fragen
und singuläre Konstellationen, die vorausweisen und Zukünfti­
ges präfigurieren.
Die den Wiederholungen entsprechenden »molekularen Ichs«
nennt Deleuze auch Mannigfaltigkeiten oder »Meuten« oder ­
in erneuter Umwertung Heideggers - »eine Welt unpersönlicher
Individuationen und präindividueller Singularitäten dies ist die
-

Welt des MAN« (DW, 345). »Denn >man< wiederholt in alle


Ewigkeit, aber >man< bezeichnet nun die Welt der unpersönli­
chen Individualitäten und der präindividuellen Singularitäten.«
(DW, 371) Das Ich wird nicht als geschlossene, unwandelbare
Einheit verstanden, sondern als Vielzahl »minoritärer« Akteure,
die fortgesetzt neue Synthesen bilden und den Vermögen neue
Zeitsynthesen >>unterjubeln«, wodurch sich auch die Vernunft
fortgesetzt modifiziert. Diese Synthesenbildung glaubt Deleuze
vorzugsweise in Zuständen der Passivität und >>Betrachtung«,
mit Proust im Verlieren von Zeit, gegeben, in welchen sich ohne
willentliches Dazutun körperliche Rhythmen mit denen ande­
rer Körper zu neuen Affektzuständen verbinden.
Jedes >>wahre« Denken und so auch jedes Kunstwerk entfaltet
sich in Form eben solcher Wiederholungs- und Vervielfältigungs­
prozesse innerhalb der Dauer der Zeit.

»Es ist vielleicht der höchste Gegenstand der Kunst, all diese Wiederho­
lungen mit ihrer wesentlichen und rhythmischen Differenz, ihrer wech­
selseitigen Verschiebung und Verkleidung, ihrer Divergenz und Dezen­
trierung gleichzeitig in Bewegung zu setzen [...] Die Kunst ahmt nicht
nach, ahmt aber vor allem deswegen nicht nach, weil sie wiederholt und
aufgrund einer inneren Macht alle Wiederholungen wiederholt [...] Jede
Kunst hat ihre eigenen Techniken von verzahnten Wiederholungen,
deren kritische und revolutionäre Gewalt den höchsten Punkt erreichen

68
kann, um uns von den öden Wiederholungen der Gewohnheit zu den
tiefen Wiederholungen des Gedächtnisses und dann zu den letzten Wie­
derholungen des Todes zu führen, in denen unsere Freiheit auf dem Spiel
steht.« (DW, 364 f.)

Zum Zweck der Steigerung der Kunst zur Differenzproduktion


bedarf es jener mit Nietzsche explizierten immanenten Gewich­
tung und Wertung ihrer .Kräfte, um »aus der Wiederholung selbst
etwas Neues (zu] machen; sie an eine Prüfung, an eine Selektion,
an eine selektive Prüfung [zu] knüpfen; und sie als höchsten Ge­
genstand des Willens und der Freiheit dar[zu]stellen« (DW, 20).
In dieser Bejahung der Wiederholung bis hin zur Differenz­
produktion artikuliert sich auch eine Umkehrung Freuds, so­
wohl was dessen Begriff des Unbewussten als wiederkehrender
Urszenen wie dessen Aufforderung betrifft, die Wiederholung
in der »Durcharbeitung« zu überwinden: »Ich wiederhole nicht,
weil ich verdränge. Ich verdränge, weil ich wiederhole. Ich ver­
dränge, weil ich zunächst manche Dinge oder manche Erfahrun­
gen nur im Modus der Wiederholung erleben kann.<< (DW, 35 f.)
Nur durch Wiederholung lernt man, in dem Gegebenen neue
Fragen zu entdecken, deren Beantwortung zunächst zu groß er­
scheint; nur durch weitere Wiederholung kann man sich diesen
nach und nach gewachsen zeigen. »Lernen heißt also in der Tat,
diesen Raum der Begegnung mit den Zeichen zu erstellen, wo
sich die ausgezeichneten Punkte wechselseitig aufgreifen und die
Wiederholung sich bildet.« (DW, 41 f.) Deleuzes Methode des
»Denkens mit« als einzig möglicher Differenzbildung findet hier
eine weitere Explikation: »Wir lernen nichts von dem, der uns
sagt: Mach es wie ich. Unsere Lehrer sind einzig diejenigen, die
sagen: Mache es mit mir zusammen, und die, anstatt uns bloß Re­
produktion von Gesten abzuverlangen, Zeichen auszusenden ver­
mochten, die man im Heterogenen zu entfalten hat.« (DW, 41)

69
Allerdings gesteht Deleuze zu, dass das solchermaßen begrif­
fene Lernen auf gefährliche Prozesse zulaufen kann, in denen
das Subjekt seine Kohärenz verliert und sich in der mit Nietz­
sche dargestellten Überwindung des Überichs an den Rand sei­
ner Existenz begibt:

»Wenn [...] die Probleme den ihnen eigenen Grad an Positivität erreichen
und wenn die Differenz zum Gegenstand einer entsprechenden Bejahung
wird, so setzen sie, wie wir glauben, eine Aggressions- und Selektions­
macht frei, die die schöne Seele zerstört, indem sie diese ihrer Identität
beraubt und ihren guten Willen bricht. Das Problematische und das Dif­
ferentielle bewirken Kämpfe und Zerstörungen, denen gegenüber die des
Negativen nur Schein sind [...]. Das Trugbild ist nicht etwa ein Abbild,
reißt vielmehr alle Abbilder nieder, indem es auch die Urbilder stürzt:
Jeder Gedanke wird Aggression.« (DW, 12)

Diese letztlich subversive Potenz der Wiederholung streicht De­


leuze immer wieder heraus: »Die Wiederholung ist nur gegen
das Sittengesetz wie gegen das Naturgesetz möglich. Bekannt­
lich gibt es zwei Arten, das Sittengesetz zu stürzen.« (DW, 20)
Wenn der Sturz des Gesetzes »von oben«, von der Position des
Überichs aus, erfolgt, läuft die Zerstörung in einer Weise ab, wie
er sie in seiner zeitgleichen Schrift Prisentation de Sacher-Masoch
(1967) als jene von de Sade beschreibt. Seine Aushöhlung »von
unten« dagegen, durch Übergenaue Befolgung der gesetzlichen
Logik, führt zum masochistischen Modell, wie es als dasjenige
von Sacher-Masoch kenntlich gemacht wird. »Die erste Art, das
Gesetz zu stürzen, ist ironisch, und die Ironie erscheint hier als
eine Kunst der Prinzipien, als eine Kunst, zu den Grundsätzen
hinaufzusteigen und sie zu Fall zu bringen. Die zweite Art be­
steht im Humor, das heißt in einer Kunst der Folgen und Ab­
stiege, der Schwebe und des Falls.« (DW, 20)
Die Wiederholung, die aufgrund der ihr immanenten Poten-

70
zierung das Gesetz immer zu dekonstruieren tendiert, wird
daher auch als »Denken jenseits von Gut und Böse« bezeichnet,
als »Logos des Einzelgängers, des Einzelnen« (DW, 22). Im Ge­
gensatz zu verbrieften Moralgesetzen oder zum karrtsehen Sit­
tengesetz, das auf die Selbstverpflichtung des Subjekts als Ver­
nunftwesen abzielt, fordert Deleuze allenfalls eine Verpflichtung
zur Bejahung und Transformation der Wiederholung und damit
von Vermögen, die aus dem Unbewussten und dem Affekt re­
sultieren. Damit regt er freilich zu einem solitären und unter
Umständen gefährlichen Gang an, insofern die Potenzierung
der Wiederholung und die Freilegung des genetischen Elements
in der Wiederholung das entdecken hilft, was sich einer Begrün­
dung und Erklärung letztlich entzieht: die Frage, das Problem.
Deleuzes paradoxe Ethik lautet daher: »Du sollst, was immer du
willst, so wollen, dass du auch dessen ewige Wiederkunft willst
[ . ] - aus der Wiederholung selbst die einzige Form eines Geset­
. .

zes jenseits der Moral machen.« (DW, 22)


Die letzte Studie dieser Frühphase, noch nicht von jenem re­
volutionären Duktus von 1968 geprägt, bildet Logique du
sens/Logik des Sinns12 (LS), erschienen 1969. Bereits in der Anlage
verrät das Buch die strukturalistische Methode und ihre Serien­
bildungen: Es besteht aus 34 Serien, die im Deutschen - abwei­
chend vom Französischen - als »Serien der Paradoxa« bezeichnet
werden und einzelne Kapitel bilden, welche um Fragen der Ge­
nese des Sinns, des Ereignisses, von Aussagen und Bildern krei­
sen. In diesen Serien, die nicht hierarchisch aufeinander auf­
bauen und keine fortschreitende Gedankenentwicklung,
sondern Wiederaufnahmen derselben Fragen von anderen Ge­
sichtspunkten aus bieten und mit anderen Wissenschaftsdiskur­
sen und anderen Denkern, etwa den Stoikern, Melanie Klein
und Lewis Carroll neu aufgerollt werden, löst Deleuze den Ver­
such, ein Denken der »Oberfläche« und des »Ereignisses« in zyk-

71
lischen Bewegungen wechselseitiger Erhellung und einem sich
intensivierenden Procedere zu entfalten, auch in einer formal
herausfordernden Weise ein.
Bezeichnenderweise hebt das Buch mit der Serie »vom reinen
Werden« an. In dieser ersten Serie wiederholt er die mit Bergsen
entfaltete Zweisträngigkeit der Zeit unter Querverweis auf die
Stoiker als »Vergangenheit-Zukunft« oder »Äon« einerseits und
Gegenwart oder »Chronos« andererseits. Und er beschreibt das
sich Vergegenwärtigende erneut als Weise der Kontraktion und
minimalen »Gegenverwirklichung« der unendlichen Zeit. Da
die Gegenwart durch stetes Kommen und Vergehen gekenn­
zeichnet ist, bestimmt er das Werden zusammen mit der literari­
schen Figur von Alice im Wunderland und Alice hinter den Spie­
geln als Bewegung in zwei Zeit- und Sinnrichtungen zugleich:
»Es gehört [ ... ] zum Wesen des Werdens, in beide Richtungen
gleichzeitig zu verlaufen, zu streben: Alice wächst nicht, ohne
zu schrumpfen, und umgekehrt. Der gesunde Menschenver­
stand besteht in der Behauptung, dass es in allem eine gerrau be­
stimmbare Richtung, einen gerrau bestimmbaren Sinn gibt.« (LS,
15) Dem gesunden Menschenverstand, der hier auch als der he­
gelsche erkennbar wird, wird ein antidogmatisches Denken in
»Paradoxa« entgegengesetzt, das »in der Bejahung zweier Rich­
tungen, zweier Sinnprägungen zugleich« (LS, 15) besteht »un­
endliche Identität beider Sinn-Richtungen zugleich, des Künfti­
gen und des Vergangenen, des vorigen und des morgigen Tages,
des Mehr und des Weniger, des Zuviel und des Nicht-Genug,
des Aktiven und Passiven, der Ursache und der Wirkung« (LS,
17). Das französische WÖrtchen le sens wird in seiner Doppelbe­
deutung als Sinn und Richtung und in seiner Ununterscheidbar­
keit von Singular und Plural zugleich ausgespielt. In diesem plu­
ralen und gegenläufigen Sinn sucht Logique du sens den Sinn/die
Richtung als Wirkung der Selbstaktualisierung der Zeit zu ent-

72
falten, die sich ob ihres fortgesetzten Werdens der Bedeutungs­
festlegung entzieht. Möglich wird die Sinnproduktion, wie De­
leuze in mehreren Serien - in Wiederaufnahme von Hume -
ausführt, erst nach Aufkündigung des vermeintlichen Kausal­
und Geneseverhältnisses zwischen den körperlichen Ursachen
und den sprachlichen Wirkungen. Zusammen mit der Sprach­
philosophie der Stoiker und den literarischen Texten von Lewis
Carroll etabliert er eine dritte Ebene von Sinn/Ereignis/Phan­
tasma, die das duale Verhältnis durchtrennt, die Bereiche der
Körperzustände und der sprachlichen Äußerungen auf sich
selbst verweist und als Zwischenebene andere Konstitutionsver­
hältnisse kennt.
Im Hinblick auf die Etablierung dieser Ebene werden Sinn/
Richtung zunächst als Wirkungen der Quasi-Ursachen der Struk­
tur, jener präsubjektiv und apersonal gedachten Ereignisse und
Aussagen bestimmt: »Das Subjekt dieses neuen Diskurses -
doch es gibt kein Subjekt mehr - ist nicht der Mensch oder
Gott, noch weniger der Mensch anstelle Gottes. Es ist diese
freie, anonyme und nomadische Singularität, die eben die Men­
schen, die Pflanzen und Tiere unabhängig von der Materie ihrer
Individuation und von den Formen ihrer Personalität durch­
quert.« (LS, 141) Wie bereits gezeigt, entwickeln diese zeitkons­
tituierten Singularitäten aus sich heraus autogenetische Pro­
zesse des Denkens, als deren Ergebnis der multiple Sinn entsteht.
Um sich aber von den »Quasi-Ursachen« zu emanzipieren, muss
der »unkörperliche« Sinn seine Hervorbringung »gegenverwirk­
lichen«, quasi selbst verursachen, was ihm im »Unsinn-Spre­
chen« gelingt. Denn das »Unsinn-Sprechen« verweist auf kein
außersprachliches Referenzobj ekt, sondern auf den Akt der
Äußerung selbst, schließt diesen mit sich selbst kurz. In diesem
selbstreferentiellen Sprechen wird die Oberfläche des Sprachli­
chen, wird die Möglichkeit des Ausdrucks und der Sinnproduk-

73
tion etabliert. Da der Sinn nicht mit der Bedeutung von Aussa·
gen identisch ist, sondern in Aussagen als deren Quasi-Grund­
legung und infiniter Zeitverlauf »insistiert«, wird er auch das
»Ausgedrückte« genannt: »Der Sinn ist das Ausdrückbare oder das
Ausgedrückte des Satzes und untrennbar damit das Attribut des
Dingzustandes.« (LS, 41) Als »steriler« und »undurchlässiger«
gibt er »die Grenze zwischen den Sätzen und den Dingen [abJ.
Er ist dieses aliquid, zugleich Außersein und Insistenz, dieses
Seinsminimum, das den lnsistenzen zukommt.« (LS, 41)
Die Kehrseite dieser Sinn-Ebene, sozusagen von den Dingen
und Körperzuständen her gesehen, ist das, was als »Ereignis«
bezeichnet wird. Das Ereignis akzentuiert erneut die Zeitdi·
mension der Dingzustände, ihre Ein- und Entfaltung in Zeit.
Deleuze wiederholt verschiedentlich, dass ein Ereignis nicht
werden kann, wenn es sich nicht in den Dingen verkörpert; an·
dererseits muss es, um Ereignis zu werden, die beschriebenen
Wiederholungszyklen durchlaufen und in einem qualitativen
Sprung sich selbst überfliegen, in anderes umschlagen, in jene
reine Zeit und unkörperliche »Entität«, wie sie in den Aussagen
als Sinn insistiert. Der Begriff des Ereignisses dient mithin dem
Versuch, Vorgänge der Selbstaktualisierung der Zeit als doppelte
Bewegung der Insistenz in Dingen und Körpern und gleichzei·
tige Befreiung davon zu denken, wie sie Deleuze an einem Bei­
spiel deutlich macht: »Grünen zeigt also eine Ereignis-Singula­
rität an, in deren Nachbarschaft sich der Baum konstituiert.«
(LS, 146) Das Grün-Werden bedarf einer Verkörperung in Ge­
genständen; gleichwohl geht es in dieser Verkörperung nicht
auf. Gedacht als präexistente, unkörperliche Entität, wird es er­
kennbar als Umkehrung der platonischen Ideen, als Ergebnis
des Versuchs, diese auf die Erde bzw. in die Oberfläche der
Sprache zu holen und sie nicht als Vorbilder, sondern als Ver­
laufsformen der Zeit zu konzipieren.

74
Sinn und Ereignis bilden mithin die beiden Seiten oder die
»Zwiefalt« jener Ebene, die in ihrer unbegrenzten Zeitlichkeit
zugleich das Trennende und Verbindende der Dingzustände
und Aussagen ist. Wie Dinge und Ursachen der Zeit unterste­
hen, so wohnt den Aussagen Zeitlichkeit inne, freilich nicht den
Substantiven oder Adjektiven, sondern den Verben. Erst deren
Infinitiv, deren unbegrenzte Verlaufsform, macht finite Aussa­
gen möglich und legt in den »Dingzuständen« transzendierende
Vorgänge frei.
Im Rahmen dieser Entfaltung von Ereignissen, die nicht mit
gegenständlichen Gegebenheitsweisen verschmelzen, und von
Sinnstiftungen, die konkrete Äußerungen transzendieren, wird
auch die Genese des Bildlichen aus afigurativen und partialisier­
ten Größen expliziert: »Das reine Werden, das Grenzenlose bil­
det den Stoff des Trugbildes, insofern es sich der Aktion der
Idee entzieht, insofern es zugleich sowohl das Urbild als auch
das Abbild zurückweist.« (LS, 16) Die Entwicklung der vorbild­
losen Trugbilder mit gleichwohl bildgenerierenden Potentialen,
die in »Idole« und »Phantasmen« als Gesamtprojektionen des
Körpers münden, wird nach dem bekannten Modell der Auto­
genese des Denkens als mehrschichtige und sich sukzessive er­
weiternde Bildkonstitution expliziert. So wird das Phantasma
erneut als »Überflug« und Überwölbung partikularer Körperbil­
der, als deren »Vernähung« zu einem Gesamtbild einerseits und
als Wiederbesetzung der afigurativen Ausgangsdaten anderer­
seits gedacht. Im Phantasma erscheinen daher wie in Sinn und
Ereignis die präsubjektiven und apersonalen Singularitäten ak­
tualisiert, weshalb Deleuze in L'Anti-Oedipe Phantasmen nur als
kollektive gelten lässt.
In Anlehnung an Melanie Kleins Modell frühkindlicher Ent­
wicklung ordnet er den Stadien bildlicher Genese schließlich ein
Modell »dynamischer Genese« des Individuums in drei Ent-

75
wicklungsschritten zu. Den Trugbildern entspricht dann die schi­
zoide Phase partialisierter Körpererfahrung, welche in der zwei­
ten, depressiven Phase unter ein Bild »in der Höhe«, das Idol,
vereinigt wird; dieses Bild >>in der Höhe« wird wiederum in der
dritten, ödipalen Phase auf den gesamten Körper projiziert und
verleiht diesem im Phantasma ein Einheitsbild. Dabei vertritt
Deleuze in Logique du sens noch einen positiven Begriff von
Ödipus als »Friedensstifter«, da er die rivalisierenden Bilder auf
der Oberfläche des Körpers zusammenführt und versöhnt:
»Ödipus hat die höllische Macht der Tiefen gebannt, er hat die
himmlische Macht der Höhen gebannt und fordert jetzt ein
drittes Reich, die Oberfläche, nichts als die Oberfläche.« (LS,
248) Ödipus erscheint nun als die Begriffsperson, deren Ober·
flächenarbeit jene dritte Ebene erstellt, »das Ereignis von seinen
Ursachen in der Tiefe �Öst], auf der Oberfläche aus(breitet] und
an seine Quasi-Ursache unter dem Gesichtspunkt einer dyna·
mischen Genese anfknüpft] (LS, 261 )
« .

Wie bereits eingangs erwähnt, verlängert Deleuze diese logi­


schen Sinnkonzeptionen in ein Ethos, das sich in der Formel
zusammenfassen lässt: »Sich dessen würdig erweisen, was einem
zustößt.« (LS, 186) In Termini des Ereignisses lautet das:

»Zu diesem Willen gelangen, den das Ereignis uns gibt, die Quasi-Ursa­
che dessen zu werden, was sich in uns herstellt, der Operateur; die Ober·
flächen und die Verdoppelungen herstellen, in denen sich das Ereignis
widerspiegelt, sich als unkörperliches wieder einfindet und in uns die
neutrale Pracht offenbart, über die es an sich als unpersönliches und
präindividuelles verfügt, jenseits des Allgemeinen und Besonderen, des
Kollektiven und Privaten - Weltbürger.« (LS, 186)

»Weltbürger« soll eben jene Haltung bezeichnen, in welcher die


ankommenden Ereignisse in Wiederholungen so lange »gegen-

76
verwirklicht« werden, bis sich das Subjekt in diesen Wiederho­
lungen selbst überwindet und die Ereignisse prinzipiell mit
allen anderen korrespondieren lässt. »Gegenverwirklichung« des
Ereignisses meint mithin nicht einfache Bejahung oder Hin­
nahme des Gegebenen, sondern erneut dessen Durchdringung
auf etwas in dem Gegebenen, auf etwas Kommendes hin: eine
»Art Sprung des ganzen Körpers an Ort und Stelle, der seinen
organischen Willen gegen einen spirituellen Willen vertauscht,
der nun nicht genau das, was eintritt, sondern etwas }in< dem,
was eintritt, etwas Kommendes will, das dem entspricht, was
eintritt [... }: das Ereignis« (LS, 187). Deleuze beendet diese For­
derungen mit Sätzen, die in deutlichem Anklang an biblische
Imperative deren Umwertung anmahnen: »Mehr kann man nicht
sagen, nie wurde mehr gesagt: dessen würdig werden, was uns
zustößt, darin also das Ereignis wollen und freilegen, der Sohn
seiner eigenen Ereignisse und dadurch neu geboren werden, sich
abermals eine Geburt verschaffen, mit der eigenen fleischlichen
Geburt brechen.« (LS, 187)
Diesen »Sohn der Ereignisse« nennt er schließlich einen
»Gegen-Gott« und bestimmt ihn ob seiner Gegenverwirkli­
chung als Schauspieler oder Mimen. Er ist die Begriffsperson,
die, dem Ereignis seinen begrenzten Körper bietend, dieses auf
seine unbegrenzte Wiederholbarkeit öffnet:

»Der Akteur bleibt im Augenblick, während die von ihm gespielte Per­
son in der Zukunft hofft oder befürchtet, sich in der Vergangenheit
zurückerinnert oder bereut: Genau in diesem Augenblick repräsentiert
der Akteur. Das Minimum der im Augenblick spielbaren Zeit dem Maxi­
mum der gemäß Äon denkbaren Zeit entsprechen lassen. Die Verwirkli­
chung des Ereignisses auf eine mischungslose Gegenwart begrenzen, den
Augenblick umso intensiver und gespannter machen, als er eine unbe­
grenzte Zukunft und unbegrenzte Vergangenheit ausdrückt: Darin be­
steht die Verwendung der Repräsentation: der Mime.« (LS, 185)

77
In dieser schauspielerischen Minimalrepräsentation erblickt De­
leuze eine der stoischen verwandte Weisheit, da sie das Ereignis
begrenzt, »den Mischungen Maß [gibt] und [sie] hindert über­
handzunehmen« (LS, 185). In der schauspielerischen Doppe­
lung, in der Inkarnation des Ereignisses und dessen gleichzeiti­
ger Eröffnung ins Apersonale, entfaltet sich die »Pracht des
man«: »Es ist das man der unpersönlichen und präindividuellen
Singularitäten, in dem es stirbt wie es regnet.« (LS, 190)
In einem seiner ergreifendsten Texte, dem Unterkapitel >>Por­
zellan und Vulkan«, dramatisiert Deleuze das Ereignis und seine
Gegen-Verwirklichung noch einmal unter Bezugnahme auf einen
literarischen Text. Die Alkoholdelirien eines F. Scott Fitzgerald,
wie in dessen Erzählung The crack up problematisiert, sieht er
um einen »Knacks« oder »Riss« kreisen - in einer zeitlichen Mi­
nimalbewegung, die den Text zu einem »Nomadisieren auf der
Stelle« und zur Freilegung der divergierenden Zeitlinien von
Vergangenheit-Zukunft und Gegenwart werden lässt. »Ein laut­
loser Knacks ist geschehen, unwahrnehmbar, an der Oberfläche,
ein reines Oberflächen-Ereignis [...] Der Knacks ist weder äußer­
lich noch innerlich, er ereignet sich an der Grenze, unmerklich,
unkörperlich, ideell.<<13 (LS, 46) Aufgrund des alkoholismusbe­
dingten Knackses teilt sich das Ereignis in eine harte Gegenwart
des »ich habe« und eine fliehende Vergangenheit des »getrun­
ken«, in welcher sich das Aussagesubjekt zerreibt. »Wenn man
sich die Frage stellt, warum die Gesundheit nicht ausreicht,
warum der Knacks wünschenswert ist, dann vielleicht deshalb,
weil man noch nie ohne ihn und außerhalb seiner Ränder ge­
dacht hat, und weil alles, was groß und gut an der Menschheit
ist, durch ihn eintritt und aus ihm hervorgeht.« (LS, 57) Noch
einmal betont Deleuze an Hand dieses Beispiels, dass sich die
Zeit einerseits ins Fleisch einschreiben, andererseits aber fortge­
setzt gegenverwirklicht, in die unkörperlichen Oberflächenef-

78
fekte des Sinns verwandelt werden muss, um begrenzt und un­
schädlich gemacht zu werden: »aber jedes Mal müssen wir die
schmerzhafte Wirkung wiederverkörpern und sie dadurch be­
grenzen, voll ausspielen und verwandeln« (LS, 58). Die hier skiz­
zierte Verwandlung des Tödlichen gilt noch für den Moment
des Sterbens, worin Deleuzes Ethos seine zugespitzteste For­
mulierung erfährt:

»Man muss sich selbst begleiten, schon um zu überleben, aber auch dann
noch, wenn man stirbt. Die Gegenverwirklichung ist wirkungslos, sie ist
die des Clowns, wenn sie alleine vorgeht, und wenn sie vorgibt darauf
Einfluss zu haben, was hätte geschehen können. Aber das, was wirklich ge­
schieht, zu mimen, die Wirkung durch eine Gegenwirkung, die Identifi­
zierung durch eine Distanz zu verdoppeln, das ist Sache eines wirklichen
Schauspielers oder Tänzers, heißt, der Wahrheit des Ereignisses die ein­
malige Chance zu geben, sie nicht mit der unvermeidlichen Auswirkung
zu verwechseln.« (Gilles Deleuze, Porzellan und Vulkan, übers. v. M. Ott,
Berlin 1984, S. 58)

Dieses radikale Plädoyer für ein Denken aus dem Unbewussten


und für dessen passioneile Wiederholung artikuliert sich nicht
zufällig im Rückgriff auf künstlerische Verfahren. Deleuzes Mit­
einbeziehung literarischer Texte von F. Scott Fitzgerald und
Lewis Carroll in eine philosophische Darlegung zeigt das Kon­
tinuum zwischen seinen philosophischen Schriften und seinen
Lektüren des Literarischen an.

79
3 . Lektüren literarischer Texte

Passion und Pathologie

Deleuzes philosophische Kritik literarischer Texte setzt mit der


Rezeption von Prousts A La recherche du temps perdu (im weite­
ren kurz Recherche genannt) 1964 ein; die endgültige Fassung
seiner Studie Proust et les signes/Proust und die Zeichen1 (P) liegt
allerdings erst 1973 - nach Erscheinen seiner Literaturlektüren
zu Lewis Carroll in Logique du sens (1969) und zu Sacher-Ma­
soch in Prisentation de Sacher-Masoch (1967) - vor. In ihrer lan­
gen Entstehungsgeschichte dokumentiert die Proust-Studie den
sich wandelnden epistemologischen Zugriff seiner Philosophie:
Die Erstausgabe von 1964 enthält nur den ersten Teil der heuti­
gen Fassung, welche das plurale Zeichensystem der Recherche
als Einheit des proustschen Oeuvres ausweist. Die zweite Auf­
lage von 1970 wird um den zweiten !eil »la machine litteraire«
erweitert. Als Ergebnis der beginnenden Zusammenarbeit mit
dem französischen Psychoanalytiker Felix Guattari und der von
ihm angeregten Maschinen- und Transversalitätsbegrifflichkeit
werden die Zeichen nun zu Elementen maschineller Produktion
und transversaler Interaktion erklärt. Für die dritte Auflage
wird schließlich eine Konklusion angefügt, die in der Bestim­
mung des Erzählers als »Spinne« ein weiteres Bild für die litera­
rische Produktion bietet, welches zu der mit Guattari verfassten
Kafka-Studie Kafka - Pour une littirature mineure mit ihren Ana­
lysen des »Tier-Werdens« eine Resonanz eröffnet und eine ge­
wisse Affinität zwischen Proust und Kafka konstruiert.

81
Die Tatsache, dass das Buch aus zwei heterogenen Teilen be­
steht, erlaubt eine Bruchstelle in Deleuzes Denken nachzuzeich­
nen, die den Zeitindex von 1968 trägt und mit der beginnenden
Zusammenarbeit mit Guattari zusammenfällt. Das Ereignis des
Denkens und Schreibens zu zweit geht einher mit einer Um­
deutung des Unbewussten und einer Neubewertung der Psy­
choanalyse, wie sie etwa zeitgleich in L'Anti-Oedipe (1972) zum
Ausdruck kommt. An die Stelle des »Theaters des Unbewuss­
ten« des ersten Teils, welches das proustsche Kunstwerk in Be­
griffen wie »Zeichen«, »Einhüllung«, »Entwicklung«, »Interpre­
tation und Expression«, »Steigerung« und »Essenz« als dramati­
schen Vorgang nachinszeniert, tritt im zweiten Teil ein Be­
schreibungsmodus, der mit Begriffen wie »Schachteln«, »Ge­
fäßen« und »Maschinen« operiert und das Kunstwerk als >>abs­
trakte Maschine« und als »Transversale der Zeit« erstehen lässt
Dieser Wechsel des Schauplatzes, diese Verschiebung des Kunst­
werks an einen Ort, an welchem sein Vermögen der Selbstinter­
pretation als das einer Maschine beschrieben wird, die auf Pro­
duktion von »Partialobjekten« ausgeht und das Textganze einer
fortgesetzten »Heterogenese« unterwirft, ist vom Wunsch nach
noch radikalerer Explikation des unpersönlichen Denkprozes­
ses geleitet. Sie folgt der Überzeugung, dass dessen Mehrdimen­
sionalität und Dynamik nur durch ein seinerseits vielfältiges Be­
griffsinstrumentarium, das unbekannte Momente ins Denkbare
rückt, gehoben werden kann.
Der Einsatz der deleuzeschen Proust-Lektüre besteht daher
zunächst in der Zurückweisung einheitsstiftender Prinzipien der
Recherche: »Gedächtnis« und »Erinnerung« sollen nicht, wie von
anderen behauptet2, den Text organisieren und seinen Elemen­
ten einen Rahmen bieten; auch den behaupteten Gegensatz zwi­
schen Bergsons »Dauer<< und der proustschen Zeitvervielfälti­
gung erkennt Deleuze nicht an. Wie anlässlich von Le bergsonisme

82
gezeigt, versteht er bereits Bergsons »duree« als differentielle
Mannigfaltigkeit von Zeit und �ie Recherche als deren exempla­
rische Aktualisierung. Prousts Suche nach der verlorenen Zeit
entfaltet er daher als - positiv bewertete - »Pathologie«, als
Denken aus Leidenschaft. Der Eifersuchtswahn des Erzählers
wird als produktives Vermögen begriffen, insofern es die Einbil­
dungskraft freisetzt und jenen Prozess der Wiederholung, Stei­
gerung und Selbstinterpretation der Zeichen in Gang setzt, an
dessen Ende »in« der Wiederholung eingeschlossene Differen­
zen und »Essenzen« aufscheinen, die freizulegen der Sinn des
Eifersuchtswahns ist. Entsprechend diesem passioneilen Gang,
seinen verschiedenen Umläufen und seinem Aufruf verschiede­
ner Vermögen skizziert Deleuze ein - platonisch inspiriertes -
Auf- und Abstiegsschema des Denkens: Die Empfindung als un­
terstes Vermögen potenziert und >>sättigt« das »sentiendum«
oder das, »was empfunden werden muss«, um es anderen Ver­
mögen anheim zu geben und zum »memorandum« und »cogi­
tandum« aufsteigen zu lassen, von welchem ihm die Rückwen­
dung auf seine Ausgänge im Unbewussten gelingt. Den verschie­
denen Vermögen werden »molekulare Ichs« zugeordnet, wie er
sie in Difference et repetition expliziert: »Unter dem handelnden
Ich liegen kleine Ichs, die betrachten und die Handlung wie das
aktive Subjekt ermöglichen. Wir sagen >ich< nur mittels der tau­
send Zeugen, die in uns betrachten; immer ist es ein Dritter, der
ich sagt.« (DW, 106) Das Kunstwerk erscheint als Gegen-Ver­
wirklichung der notwendig vergangenen und »verlorenen Zeit«
und als deren Transformation in einen multiplen Sinn, der nicht
nur »wiedergefunden«, sondern fortgesetzt wiederzufinden ist.
»Pathologie« wird erkennbar als Name der Wissenschaft und
Wahrheitssuche, die ausgehend von Momenten der Passion und
deren repetitiver Zwangs- und Vertiefungsbewegung zu neuen
Denkweisen vorzudringen für fähig erachtet wird.

83
Die zweite Lektüre der Recherche »verschärft« die Differen­
zen von Zeichen und Zeit und setzt deren Ordnung und Hie­
rarchie nunmehr einem »transversal« genannten Kompositions­
prinzip aus, welches disparate, fragmentierte und nicht länger
kommunizierende Zeitmomente produzieren soll. Die »Kom­
plikation« der Zeichen der verlorenen und wiedergefundenen
Zeit wird zur »kämpferischen« Begegnung umgedeutet, so dass
die Recherche zuletzt als »Trümmerfeld verstreuter Bruchstücke«
und die Zeit als das erscheint, was gerade »das Ganze verhin­
dert« (P, 129). Der Stil des Werkes wird selbst als Differenzpro­
duzent erachtet, als »Anti-Logos«, der »alle Umwege« macht,
>>die es braucht, um die letzten Stücke einzusammeln, mit ver­
schiedenen Geschwindigkeiten alle Fragmente mit sich zu
führen, von denen ein jedes auf eine differente Gesamtheit oder
auf keine Gesamtheit des Ganzen verweist« (P, 92). Verstanden
als fortgesetzte Selbstdeutung und Heterogenese erscheint
Prousts Recherche nicht mehr auf die Vergangenheit, sondern
auf die Zukunft gerichtet.

Dekonstruktionen des Gesetzes

Deleuzes Lektüre der literarischen Schriften von Sacher-Masoch


lebt zunächst vom Anliegen der Befreiung der in der psycho­
analytischen Theoriebildung »erniedrigten« Position des Maso­
chismus selbst: Während ihn Freud als »Reaktionsbildung« und
»als Rückwendung des Sadismus gegen das eigene Ich«3 be­
stimmt, sucht ihn Deleuze aus dieser abgeleiteten Existenzweise
und aus dem ihm zugeschriebenen Charakter der Reaktionsbil­
dung und Regression durch Rückgriff auf die literarischen Texte
von Sacher-Masoch und deren Vergleich mit den Texten von de
Sade herauszuführen. Mit dem ihm eigenen Augenmerk auf Par-
84
tikulares liest er die Romane und Erzählungen von Sacher-Ma­
soch als vom sadistischen Komplex gänzlich unabhängige Phan­
tasmabildung. Er bestreitet deren komplementären Charakter
und deren Verbundenheit in der von Freud behaupteten »Schmerz­
lust«. Indem er das »perverse Syndrom des Sadomasochismus«
in seine Komponenten zerlegt, löst er den Masochismus als spe­
zifische Wunschorganisation heraus.
Deleuzes Anliegen der »Klinik und Kritik«, wie später in
einem gleichnamigen Text Kritik und Klinik4 programmatisch
formuliert, lässt ihn die literarischen Texte mit Nietzsche als
»Symptomatologien« lesen, deren Zeichen er auf ihre geneti­
schen Prinzipien untersucht. Seine »Differentialdiagnose« der
· sadistischen und masochistischen Phantasmen führt ihn zu einer
Aufwertung der Texte Sacher-Masochs gegenüber jenen von de
Sade, welcher in den 60er Jahren von den namhaften französi­
schen Philosophen der Zeit, Klossowski, Bataille, Barthes, Lacan
und Lyotard, hymnische Interpretationen erfahren hat. Deleu­
zes Lektüre ist daher auch eine Umwertung der lacanschen Be­
vorzugung von de Sade5 und von dessen Behauptung, dass im
Masochismus die Entfaltung des Begehrens verhindert werde.
Das masochistische Phantasma liest Deleuze dagegen als Umweg
zur Realisierung einer unbekannten Wunschorganisation, wobei
er den Texten von Sacher-Masoch nicht nur philosophischen
Rang, sondern auch einen ethischen Status zuerkennt.
In seinem Vorwort Prisentation de Sacher-Masoch6 zur franzö­
sischen Ausgabe von Sacher-Masochs Roman Venus im Pelz ar­
beitet er den masochistischen Komplex durch Gegenüberstel­
lung und maximale Distanzierung von de Sades Textorganisation
heraus. In seiner Beschreibung werden sie zu unabhängigen
Komplexen, zwischen welchen es keinen Übergang und keine
Komplementarität gibt. Indem er die von Freud behauptete
zeitliche Rangfolge, ihren Kausal-Nexus wie ihren Immanenzzu-

85
sammenhang in einem Schuld/Strafe- oder Schmerz/Lust-Kom­
plex zurückweist, erscheinen sie als unabhängige »Oberflächen­
künste« in spezifischen »Verkleidungen«, welche in fundamenta­
ler Asymmetrie zueinander stehen.
Zum Zweck der Distanzbildung betont er in Anlehnung an
Kants transzendentale Methode zunächst die »Bedingung der
Form«: »Der Masochismus ist von Grund auf weder inhaltlich
noch moralisch, er ist formal.« (SM, 234) Im Hinblick darauf
entwickelt er den Masochismus als »Kunst des Phantasmas mit
einem spezifischen Gebrauch von Ritus und Sprache und einer
spezifischen Form der Zeit« (SM, 230). Allerdings folgt er Freud
insofern, als er ebenfalls eine Parallele zwischen den beiden Per­
versionen in ihren starken De- und Resexualisierungsbewegun­
gen gegeben sieht. Im Gegensatz zu Freud ordnet er diese aber
verschiedenen Vermögen zu: Während sich die desexualisierte
sadistische Apathie aus einer Haltung des Verstandes ergeben
soll, folge die masochistische Kälte aus der Einbildungskraft;
ebenso ergehe die Resexualisierung an diese beiden verschiede­
nen Vermögen. Auch der Schuld/Strafe-Konnex stellt in seiner
Sicht keine Kontinuität, sondern Differenz zwischen den bei­
den Komplexen her: Das Schuldgefühl des Masochismus sei
nicht ödipal konstituiert, sondern ergebe sich aus der Vaterähn­
lichkeit des Sohnes; der Bestrafungswunsch ziele darauf ab, den
Vater auszutreiben, um eine andere symbolische Ordnung zu
ermöglichen. Schmerz wie Strafverlangen stünden im Dienste
der Errichtung einer symbolischen Ordnung mit der Mutter,
wie sie im masochistischen Phantasma in Szene gesetzt wird.
Deleuze entziffert daher das masochistische Phantasma als Be­
wegung »magnifizierender Mutterverneinung« zum Zweck ihrer
verstärkten libidinösen Besetzung. Dank dieser Verneinung des
Mütterlichen könne die Frau als nicht-kastrierte eine Ordnung
errichten, unter welche sich der Mann unterwerfe, aber nur, um

86
sie humorvoll zu karikieren und deren Gesetz letztlich zu un­
terlaufen. In diesem Sinn werden die vom Mann geforderten
Peitschenhiebe als Wunsch nach symbolischer Gegenbesetzung
und nach männlicher »Entkerbung« gedeutet. Die mit Schleiern
und Pelzen spärlich bekleidete Frau lasse zwar die Möglichkeit
der Kastration aufblitzen, halte sie aber in der Schwebe, woraus
sich die masochistische Kunst des Aufschubs der Begehrensbe­
friedigung ergibt, wie sie in Venus im Pelz mit Posen und Spie­
gelreflexionen, Traumszenen und sprachlichen Wiederholungen
entfaltet wird.
Auch in Bezug auf den Todestrieb erkennt Deleuze zwischen
beiden Komplexen eine entscheidende Differenz: Während er
im Masochismus an ein statuarisches Bild und ein Moment der
Blendung gebunden werde, realisiere er sich im Sadismus als
»unpersönliche Gewalt logischer Beweise«. Von daher erweise
sich die praktische Vernunft des Sadismus, die sich zu ihrer ei­
genen Vernünftigkeit aufruft und im Sinne der Allgemeinheit
des Gesetzes alle Objekte negiert, letztlich als Gewalt gegen
sich selbst. Als reines Überich negiere sie nicht nur das Gesetz,
sondern die Wunschorganisation und damit zuletzt das Denken
selbst, welches für Deleuze, wie erläutert, nur als Prozess aus
dem Unbewussten und seinem Lustprinzip als lebensmächtige
Bewegung und Vervielfältigung erscheint. Sades Texte dagegen
suchen den Todestrieb als ein der Erfahrung niemals Zugängli­
ches in sprachlichen Wiederholungen und Steigerungen zu fas­
sen, unterstellen sich damit einem Vernunft-Monster und laufen
sich im Versuch der Erschreibung des »absolut Bösen« und sei­
ner ritualhaften Wiederkehr zuletzt tot.
Im Masochismus skizziert Deleuze dagegen eine neue Exis­
tenzweise der Enthaltsamkeit, ein Junggesellendasein - in den
Texten von Sacher-Masoch gibt es keine sich unterwerfende
Frau -, das nicht geschlechtslos zu denken ist, wohl aber aphal-

87
lisch und agenital. Die Gegenkodierung mittels Ritual und Peit­
schenhieben legt in Deleuzes Sicht eine mannigfaltige Ge­
schlechtlichkeit frei. Das masochistische Phantasma erscheint
von daher als Variante des allgemein geforderten Wunsch-Wer­
dens: Als Prozess, in dem sich das Subjekt in der Austreibung
des väterlichen Gesetzes von »falschen Einheitsstiftern« befreit
und zu v:ielfältig-unwahrnehmbaren (In)Dividuationen mutiert.
Während im Sadismus allein das Überich regiere und Natur,
Gesetz und Ich gleichermaßen vernichte, walte im Masochismus
ein mütterliches Gesetz, welches sich in der Inszenierung einer
Unterwerfungsanordnung selbst karikiere und in seinem Pro­
forma-Vertrag dekonstruiere. Deleuze liest den masochistischen
Komplex mithin als Immanenzplan: Die Austreibung der »sub­
jectivation« als Subjektivierung/Unterwerfung bringe einen »ent­
kerbten«, glatten, anorganisch werdenden Körper hervor, der
sich seiner männlichen Identität entledige und auf Arten des
Frau-Werdens zubewege.
In gewisser Weise behaupten Deleuze und Guattari in ihrer
gemeinsam verfassten Studie Kajka. Pour une Litterature mineure/
Kafka. Für eine kleine Literatu? (1976) eine Parallele zwischen Sa­
cher-Masoch und Kafka. Wie im masochistischen Phantasma
sehen sie in Kafkas Romanen eine Form des Inzests, diesmal
mit den schwesterlichen Figuren, realisiert, welche wie die müt­
terliche Ordnung des Masochismus das väterliche Gesetz unter­
laufe. Diese Außerkraftsetzung des Gesetzes werde in den li­
terarischen Textstrategien Kafkas, in ihrem spezifisch-paradoxen
Suchverlauf, realisiert. Von daher wenden sie gegen gewisse
Kafka-Hermeneutiken ein, dass das negative Gesetz bei Kafka
nicht Folge seiner Transzendenz, sondern seiner »leeren Imma­
nenz« und seiner fortgesetzten Bedeutungsaufschiebung sei.
\ Das Gesetz erscheine allenfalls als »Effekt« der Aussagenpro­
duktion, als pluraler Sinn, der die üblicherweise angenommene
t
88
Rangfolge umkehre: »Die Schrift, weit davon entfernt, notwen- {
diger oder abgeleiteter Ausdruck des Gesetzes zu sein, geht
dem Gesetz voran.« (K, 62) Als Wirkung von Aussagen aber
verliere das Gesetz seine Autorität und werde als prozessuales l
und multiples destituiert.
Die Verwandtschaft von Kafk:a und Sacher-Masoch erblicken
die Autoren aber nicht nur in der Aufschiebung der ödipalen
Ordnung, sondern in der symbolischen Einbindung gesell­
schaftlicher Felder, sei es des russischen oder des Habsburger­
reichs. In der besonderen Organisation der kafkaschen Texte, in
denen K.s Suche nach dem Gesetz nie zum Stillstand gelangt,
sich mit der syntaktischen Struktur verwebt und in Arten der
Wiederholung, Verdichtung, Stagnation und Beschleunigung
manifestiert, werden die Machtstrukturen der Gerichts- und
Verwaltungsbehörden ins Horizontale gekehrt: Der Signifikant,
der auf kein transzendentes Signifikat mehr verweist und zu
keiner Bedeutungsfestlegung gelangt, ergibt sich allein aus den
syntaktischen Verkettungen und dem unbeendbaren Procedere
von K. Besonders Kafkas Roman Der Prozess wird als multiseri­
elles Gefüge gelesen, das nach allen Seiten »wuchert« und
»blockhafte« Unbestimmtheitszonen produziert. Auch die in
die Erzählung eingebauten Bilder, Porträts und Fotos dienen
nicht der imaginären Fixierung, sondern fungieren als Leiter
und Schaltstellen, welche neue Segmente eröffnen und das Pro­
cedere beschleunigen - im Gegensatz zu ihrer fixierenden Wir­
kung bei Sacher-Masoch, wo sie die Narration in einer Technik
von Spiegelungen und Brechungen ineinander falten und arre­
tieren. So wird Kafkas Textorganisation insgesamt als Traumlo­
gik beschrieben, mit den entsprechenden Verfahren der Ver­
schiebung und Verdichtung, mit unverhofften »Kontiguitätskon­
tinuitäten« von normalerweise weit auseinander liegenden Räu­
men und einer Verzeitlichung des Räumlichen in der unausge-

89
setzten Bewegung von K.: »Die Weitwinkelaufnahmen in die
Tiefe des Feldes« (K, 103), die Architektur von »Ferne und An­
grenzung« erstellen ein dem Unbewussten eher entsprechendes
Raummodell als jene Architektur der »Nähe und Distanz« des
klassischen Romans.
In diesem Immanenzfeld entautorisiere sich Kafka zu K.,
dem Namenlosen, »eine allgemeine Funktion, die aus sich heraus
wuchert« (K, 117). Die von dieser Funktion in Gang gesetzte
»freie indirekte Rede« wird als »kollektive Äußerungsverket­
tung« bezeichnet, als unpersönliche Artikulation eines »man«.
Diese angenommene Stimmenvielfalt der kafkaschen Texte su­
chen die Autoren in eine »Pragmatik« der Lektüre zu verlängern
und in der Hervorkehrung von Textresonanzen noch stärker
zum Ausdruck zu bringen. Im Hinblick darauf prägen sie den
Begriff der »Ausdrucksmaschine«, der insofern befremdet, als
sie in L'Anti-Oedipe die Auffassung des Unbewussten als Ex­
pression ob ihrer Bindung an das Individuelle kritisieren und
ihr eine Konzeption des Unbewussten als Produktionsstätte
und Aussagenverkettung entgegensetzen. Allerdings lässt sich
die »Ausdrucksmaschine«, wie sie von der K-Funktion entfaltet
wird, nicht mehr wie noch in Prousts Recherche als Übersetzung
eines Ereignisses in Expression verstehen. Vergangenheitsmo­
menten wird nicht mehr die Potenz der Vertiefung der Gegen­
wart auf eine Essenz hin zuerkannt; an die Stelle von persönli­
chen Erinnerungen sehen sie nun »Kindheitsblöcke« treten,
welche die Fliehkraft des Vergangenen, dessen Decodierung der
Gegenwart und die Aufschiebung des Wunsches wiedergeben.
Im Gegensatz zur Proust-Lektüre, wo die Verschränkung der
Zeitreihen noch zur Skizze von Potenzierungs- und Essentiali­
sierungsvorgängen diente, halten die Autoren nur mehr solche
Prozesse für lebensmächtig, die Gegenwart und Vergangenheit
nicht zur Deckung gelangen lassen, vielmehr auseinander trei-

90
ben und aus deren Divergenz Werdensprozesse schlagen. In Kaf­
kas Texten sehen sie solche Werdensprozesse vom Kind-Werden
...

über ein Tier-Werden bis hin zum Unwahrnehmbar-Werdcn er-


schrieben. Sie schlagen sich in Weisen des »Klein«-Werdens des
Signifikanten, in Arten des Stotterns wie bei Sacher-Masoch
nieder, welche Deleuze allerdings noch einmal unterschieden
wissen will. Für Kafkas Weise des Stotterns mittels Bedeutungs­
aufschiebung und minoritärer Sprachbewegung wählt er den
Terminus »begaiement«, während er in Sacher-Masochs Bedeu­
tungssuspension dank theatralischer Inszenierung und posen­
haftem Schweigen ein »balbutiement« eingelöst sieht.
Das Klein-Werden der Sprache wird nicht zufällig mit der Ein­
führung von Halb- und Vierteltonschritten in der musikalischen
Chromatik verglichen, wie ja auch die Beschreibung in Termini
von Serialisierung, Variation und Modulation als Anleihe bei der
Musik begriffen werden kann. Allerdings ist mit »Abminderung«
des Sprechens nicht die nach bestimmten Vorzeichen gemeint,
sondern eine sich allen Vorzeichen entziehende Minorisierung
des Sprechens in immer kleineren Tonbruchteilen und deren
fortgesetzter Fraktalisierung. Wie am folgenden Zitat ersichtlich,
geht damit der Versuch der Entfaltung einer - nicht »seins«-ge­
stützten - »Ontologie des Sinns« einher, wie sie Deleuze in L'ile
deserte et autres textes8 seinem Lehrer Jean Hippolyte und dessen
Werk Logique et Existence konzediert:

»Stottern, das ist einfach, aber der Stotterer der Sprache selber zu sein,
das ist etwas ganz anderes, da werden alle sprachlichen Elemente vari­
iert, und sogar auch die nicht-sprachlichen Elemente, die Ausdrucksva­
riablen und die Inhaltsvariablen. Eine neue Form der Redundanz. Es hat
in der Sprache immer einen Kampf zwischen dem Verb >etre< und der
Konjunktion >et( gegeben, zwischen est und et. Diese beiden Terme ver­
stehen und vermischen sich nur zum Schein, denn der eine wirkt in der
Sprache, während der andere alles variiert und die Linien einer allgemei-

91
nen Chromatik bildet. Zwischen beiden schwankt alles hin und her.«
(TP, 137)

Die im Französischen gegebene klangliche Nähe der beiden


Wörtchen »cst« und »et« wird hier ausgespielt, um die das
»Sein« und seine Prädikation >>ist« unterminierende Tätigkeit
der Konjunktion »und« zu verdeutlichen. Daher auch werden
Kafkas, aber auch angloamerikanische literarische Texte als »und«­
Verkettungen und Serialisierungen der Syntax gelesen, dank wel­
cher sich der Signifikant zuletzt in Klang und Schrei wie in]ose­
fine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse auflöst und das
Sprechen an die Grenze des Versturomens treibt. »Was Kafka in­
teressiert, ist ein intensiver klanglicher Rohstoff, der sich tenden­
ziell selbst aufhebt, ein deterritorialisierter musikalischer Klang,
ein Schrei, der sich ebenso der Bedeutung entzieht wie der
Komposition, der Melodie und dem Wort, eine Klanglichkeit
im Bruch, im Bestreben, sich von einer noch viel zu signifikan­
ten Fessel zu lösen. Im Klang zählt allein die Intensität.« (K, 11)
In ihrer Insistenz auf Textmerkmale der Satzverknüpfung,
der Aussagenproliferation und der Bedeutungsaufschiebung las­
sen die Autoren sowohl Kafkas wie Prousts Texte als Schnitt­
stellen divergierender und sich verkomplizierender Zeitlinien
und von diesen initiierte Zeichenheterogenesen erscheinen. Ins­
besondere Kafkas Verzeitlichung des Signifikationsprozesses wird
als Einlösung der Begriffsperson des »Nomaden« erkennbar. Sie
soll »glatte Räume« hervorbringen, darin an das gesellschaftli­
che Feld, soweit dieses nicht »gekerbt« ist, anschlussfähig wer­
den und ein kollektiven Sprechen artikulieren, wie unter dem
revolutionären Impetus von 1968 behauptet wird.

92
Nomadisierende Schriftverfahren

Obwohl er ihr keine größere Betrachtung, sondern nur kleine


Essays wie Bartleby, ou la formule9 und verstreute Bemerkungen
vor allem in Mille Plateaux gewidmet hat, erkennt Deleuze der
angloamerikanischen Literatur von Herman Melville, F. Scott
Fitzgerald, Henry Miller oder Virginia Woolf philosophischen
Rang zu. Er hält sie für konstitutiv werdensfähig, schon weil sie
sich dank der Verlagerung des europäischen Erbes auf den
neuen Kontinent von Abstammungslinien entfernt, die ödipale
Ordnung schwächt und zu neuen und beweglichen Schriftver­
fahren gelangt. Da die englische Sprache bei diesem Transfer
ihres reichen Vokabulars verlustig geht und diesen Mangel
durch syntaktische Beweglichkeit und die Tendenz zu analyti­
scher Linearisierung kompensiert, erkennt Deleuze dem Ameri­
kanischen eine gegenüber dem Englischen verstärkte Horizon­
talisierung zu. Nicht nur geben die literarischen Texte häufig
Bewegungen durch das Land nach dem Prinzip des Road Movie
wieder; auch die Sprache tendiert wie bei Kafka zum Klein­
Werden und Nomadisieren ...
Reisen, Umherstreifen, Abenteuer - wie in Jack Kerouacs On
the road. Der Erzähler in Melvilles Roman Moby Dick begibt
sich aufs Meer, begibt sich auf die Jagd nach dem weißen Wal
und übersetzt diese Jagd in die Textbewegung. Im »gegenseiti­
gen Einfangen« von Mensch und Wal erhält die Schrift einen
Tier-Affekt und reißt in dessen Fluchtbewegung den Signifikan­
ten mit. In dieser Anverwandlung ans Tier erblickt Deleuze
über Melville hinaus ein allgemeines Kennzeichen des literari­
schen Schreibens und führt als Belege das Fisch-Werden von
Virginia Woolf (TP, 326) und das Ratte-Werden von Hofmanns­
thai (TP, 327) an. Sowohl Kafkas Volk der Mäuse wie Melvilles
Volk der Wale werden indes nicht als homogene, geschlossene

93
Gemeinschaften gedacht, sondern als Massen und »Meuten«,
wie Deleuze in Mille Plateaux sagt. Diese Meuten zeichnen sich
dadurch aus, dass sie sich jeder äußeren Begrenzung durch fort­
gesetzte räumliche Verlagerung widersetzen und die literari­
schen Texte erneut auf ein »Kollektiv-Werden« öffnen, weshalb
für Deleuze jedes Kunstwerk politisch ist.
In diesen eher über die Geographie und die Weite des Landes
als über die Geschichte symbolisierten Ordnungen sieht er
schließlich neue Allianzen, Netzwerke, Bruderschaften entste­
hen: »Das ist nach Melville die Gemeinschaft derJunggesellen, die
ihre Mitglieder in ein grenzenloses Werden mitreißt!« (BF, 47)
Der Verlust nicht nur der Abstammung und der Eigenschaften,
sondern zuletzt auch des Eigenen gesellt die melvilleschen Ro­
mane und Erzählungen den dekonstruktiven Verfahren von
Kafka und Sacher-Masoch zu, in deren Schriften Deleuze be­
reits horizontale Politiken der »Vergemeinschaftung« von Brü­
dern und Schwestern angedeutet sah. Allerdings träten nun
noch expliziter an die Stelle des besitzenden Subjekts der be­
sitzlose Entdecker und an die Stelle von Wissen die Tugenden
von Glaube und Hoffnung; neue Gedächtnisse, so leer wie das
Land, mit »kommenden Inhalten« ersetzten die alten nationalen
Gedächtnisse. Eine der Unbestimmtheit der äußeren Natur ent­
sprechende unbestimmte Psyche kennzeichne die Bewohner des
amerikanischen Kontinents, weshalb in ihren literarisierten
Bruderschaften nicht eine auf Akkumulation basierende Öko­
nomie und Politik, sondern eine auf Vertrauen gegründete Ge­
meinschaft und zuletzt ein »universelles Volk« entworfen werde.
Am deutlichsten wird Deleuzes Charakterisierung der anglo­
amerikanischen Literatur schließlich in Bartleby, ou la formule,
einer der Erzählung Bartleby von Herman Melville gewidmeten
Studie. Die Aussage des Protagonisten I would prefer not to ent­
ziffert Deleuze als die Formel des »Nomadisierens auf der

94
Stelle«, als Verfahren der Selbstdekonstruktion schlechthin: Bart­
leby wagt sich in seiner Aussage zugleich vor und zieht sich
zurück, artikuliert einen Wunsch, dem kein Referenzobjekt, nur
das Unbestimmt-Werden des Wünschens entspricht. Insofern
lässt er die Wunschartikulation selbst problematisch werden,
produziert Schweigen und Ratlosigkeit um sich herum. Bart­
leby selbst entstrukturiert sich in seiner Formel und deren dop­
pelläufiger Bewegung: »Die Formel wirkt verheerend [...] Sie
hebt eine Ununterscheidbarkeits-, eine Zone der Unbestimmt­
heit aus, die unaufhörlich zwischen den nicht-gemochten [...]
Tätigkeiten und einer bevorzugbaren [...] Tätigkeit wächst.« (BF,
14) Da die Formel zwischen Artikulation und Suspension eine
»WÜstenzone« entfaltet, wird Bartleby zum »Mann ohne Refe­
renz« (BF, 21). Seine »Involution« entziffert Deleuze als affirma­
tiven Existenzmodus, da er Rollenfestlegungen und Begehrens­
fixierungen verweigert und sich einem unbestimmten Werdens­
prozess überantwortet. Daher sieht Deleuze in ihm einen neuen
Menschentyp entstehen, der eine kommende Welt präfiguriert:
»Selbst als Katatoniker [...] ist Bartleby nicht der Kranke, son­
dern der Arzt eines kranken Amerika, der Medicine-man, der
neue Christus oder unser aller Bruder.« (BF, 60)
Angesichts dieser radikalen Bartleby-Lektüre stellt sich ab­
schließend die Frage, ob diese literarischen Entsubjektivierungs­
prozesse noch als »revolutionäre« Befreiung von den Einheits­
stiftern der Sprache, dem Organismus und der Subjektivität, ob
die Bewegungen an den Rand des Sprechens und Existierens
noch als differentielle Minderheitenpolitiken gelesen werden
können. Wie Deleuze selbst sagt, lässt sich das Unwahrnehm­
bar-Werden als Fluchtpunkt der immanenten Differenzierungs­
prozesse nicht unbedingt von seinem Gegenteil unterscheiden:
dem Entdifferenzierungsprozess. Am monochromen Bild ist nicht
mehr entscheidbar, ob es aus einer homogenen Fläche oder aus

95
unzähligen Minimaldifferenzen besteht. Wenn die Differenzie­
rung zuletzt so molekular geworden ist, dass sie sich von der
Entdifferenzierung nicht unterscheidet, stellt sich die Frage, ob
sich das Denken der Mannigfaltigkeit nicht ad absurdum führt.
Diese Frage wird umso dringlicher, als die Autoren den Kunst­
werkcharakter von Literatur an Prozesse des Asignifikant-Wer­
dens binden, in welchen sie zuletzt ihr eigenes Verschwinden
betreibt.

96
4. Post-68er Schriften zur Philosophie

In der Folge der Ereignisse des Mai 1968 und der Begegnung
und Zusammenarbeit mit dem Psychoanalytiker Felix Guattari
kommt es in Deleuzes Schriften zu thematischen Entgrenzun­
gen und epistemologischen Umbrüchen, wie im vorangehenden
Kapitel im Zusammenhang mit seiner Proust-Studie skizziert.1
Die politischen Ereignisse bringen eine stärkere Einbeziehung
des gesellschaftlichen Feldes und eine Umdeutung des Unbe­
wussten mit sich, welche eine Transposition der bisherigen Fra­
gestellungen auf andere Ebenen und die Einbeziehung anderer
Wissensfelder zur Folge haben.

Kollektive Wunschproduktionen,
Gruppenphantasien, plurale Äußerungssubjekte

Felix Guattari habe, so Deleuze in Pourparlers!Unterhandlun­


gen2, bereits von »Wunschmaschinen« gesprochen zu Zeiten, da
er selbst noch mit Fragen einer Ontologie des Sinns befasst gewe­
sen sei. Ausgerechnet der Lacanschüler Guattari regt eine Kritik
der psychoanalytischen Praxis an, da er in ihr eine Deutung des
Unbewussten am Werk sieht, die dieses engführt, karikiert und
zuletzt verrät. In ihrer ersten gemeinsamen Schrift L'Anti-Oedipe.
Capiudisme et schizophrenie (1972)/Anti-Ödipus. Kapitalismus und
Schzophrenie3
i (AÖ) werfen sie der Psychoanalyse insgesamt yor,
das Unbewusste binären Einteilungen, der Instanz der Person,

97
mythischen Erzählungen wie jener vom König Ödipus und kli­
scheehaften Bildvorstellungen ZU unterwerfen. Ihren »Ödipalisie­
rungsverfahren« stellen die Autoren Verfahren der »Schizo-Ana­
lyse« entgegen, wobei die Bewegung des Schizo in Anlehnung an
die Eigenbewegung des Kapitals beschrieben wird.
Die Autoren beginnen ihre polemische Schrift L:[Link]-Oedipe.
Capitalisme et schizophrenie mit einem deutlich provokativen
Duktus, der den wissenschaftlichen Artikulationsgepflogenhei­
ten ins Gesicht schlagen will und dem »Es<<, das nun nicht mehr
wie bei Freud »Ich« werden soll, eine unerhörte philosophische
Dignität verleiht: »Es funktioniert überall, bald rastlos, dann
wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, wärmt, isst. Es scheißt,
es fickt. Das Es.« (A Ö, 7) Um die von revolutionärem Elan ge­
tragenen Ausführungen der Schrift vorwegnehmend zusammen­
zufassen: Subjektivierungsprozesse werden als Effekte komple­
xer natürlicher und gesellschaftlicher Produktionsprozesse
begriffen und in einer Maschinenbegrifflichkeit gefasst; in der
»Schizo-Analyse« wird ein freiheitliches Gegenmodell zum kri­
tisierten ödipalen Modell skizziert.
Die Wahl des Maschinenmodells ergibt sich dabei aus dem
Anliegen, natürliche und gesellschaftliche Vorgänge als mitei­
nander verbundene produktive Prozesse zu verstehen, die in -
historisch und systematisch zu unterscheidenden - Aufzeich­
nungs- und Konsumtionsprozessen kodiert und domestiziert
werden. Waren-, Geld-, Artikulations- und Ausscheidungsströme
kommen in diesem produktiven Charakter überein und werden
teilweise aneinander anschließbar. Die »abstrakte« Maschine
bezeichnet eben diesen Produktionscharakter; jede Vergesell­
schaftungsform, aber auch jeder Individuationsprozess wird als
- historisch wandelbarer - Teilvorgang ihrer umfassenden Tätig­
keit verstanden, die sich auf das Verkoppeln der Ströme, ihre
Unterbrechung und ihren teilweisen Verzehr beläuft.

98
Zum Zweck der Darlegung dieses Produktionscharakters neh­
men die Autoren ein anfängliches Unproduktives, den »vollen
Körper der Erde«, auch »organlosen« oder »bilderlosen Körper«
(AÖ, 15) genannt, an, der mit dem »Es«, einem »intensiven ger­
minativen Zustand«, gleichgesetzt wird. In ihm sollen sich jene
von Freud mit dem Unbewussten verbundenen »Primärpro­
zesse« und Wunschartikulationen vollziehen, die sich selbst her­
vorbringen und für die Herausbildung heterogener und kom­
plexer Produktionsprozesse zuständig sind.
Der Untertitel der Schrift, Kapitalismus und Schizophrenie,
erklärt sich nun daraus, dass die Autoren in der Bewegung des
Kapitals, seiner unausgesetzten Verlagerung und Vermehrung,
die ökonomische Artikulation dieser ungezügelten Wunsch­
produktion, im Schizophren-Werden deren psychische Artiku­
lation erblicken. Wie »der organlose Körper [. .] des kapitalisti­
.

schen Wesens [ . ] der Sterilität des Geldes die Form zukommen


. .

�ässt], unter der es Geld schaffen wird« (AÖ, 17), so wird der
Schizophrene als »universeller Produzent« (AÖ, 13) begriffen,
der seine gesellschaftlichen Halluzinationen auf den »als Sozius
(als Gesellschaftskörper, M.O.) bestimmten vollen Körper«
(AÖ, 16) aufträgt. Sowohl in dler Bewegung des Kapitals wie
des Schizophren-Werdens erblicken die Autoren überzeitliche
Grenzphänomene, die jede Gesellschaft und jedes Individuum
heimsuchen und, wie wiederholt betont wird, darin überein­
kommen, dass sie gegebene Einschreibungen decodieren. Sie
realisieren damit jene von Freud beschriebene Tendenz des
Unbewussten, den Organismus in einen entwicklungsge­
schichtlich früheren Zustand, in den des Anorganischen,
zurückzuführen. Die Decodierungen durch das Kapital wie die
Schizophrenie stellen daher für alle Strukturen Bedrohungen
dar, da sie deren zugrunde liegendes prästrukturelles Chaos re­
vitalisieren.

99
Eine kongeniale Wiedergabe der schizophrenen Aufhebung
binärer Unterscheidungen erblicken die Autoren in Büchners
Novelle Lenz:

»Lenz hat die Ebene des Bruchs von Mensch und Natur hinter sich ge­
lassen und befindet sich damit außerhalb der von dieser Trennung be­
dingten Orientierungsmuster. Er erlebt die Natur nicht als Natur, son­
dern als Produktionsprozess. Nicht Mensch noch Natur sind mehr
vorhanden, sondern einzig Prozesse, die das eine im andern erzeugen
und die Maschinen aneinanderkoppeln. Überall Produktions- und
Wunschmaschinen, die schizophrenen Maschinen, das umfassende Gat­
tungsleben: Ich und Nicht-Ich, Innen und Außen wollen nichts mehr be­
sagen « (AÖ, 8)
.

Der Produktionsprozess wird in der Folge als Vielzahl von Syn­


thesebildungen bestimmt: Auf die »konnektive« Synthese der
Wunschproduktion, in der sich Wunschartikulationen verlän­
gern und verbinden, folgt die »disjunktive« Synthese der Auf­
zeichnung, was bedeutet, dass von der Produktion etwas abge­
schöpft und in anderes, »Numinoses«, verwandelt wird. Eine
dritte, »konjunktive« Synthese bezeichnet den partiellen Ver­
zehr dieses Überschusses, die Konsumtion. Diese Prozesse sind
indes untrennbar miteinander verschränkt: »Wie ein Teil der Li­
bido, die Produktionsenergie, sich in Aufzeichnungsenergie ver­
wandelt hat, so wird auch ein Teil derselben in Konsumtions­
energie verwandelt. Die Restenergie treibt die dritte Synthese
des Unbewussten an, die konjunktive Synthese des >das also . <
..

oder der Produktion der Konsumtion.« (AÖ, 24)


Vor dem Hintergrund dieses umfassenden Produktionsmo­
dells wenden sich die Autoren polemisch gegen die Psychoana­
lyse insbesondere der Schüler Lacans, weil sie die kategorialen
Unterscheidungen zwischen Realem, Symbolischem und Ima­
ginärem festschrieben, die Phantasieproduktion in die individu-
100
eile Imagination einsperrten und den »Strukturödipus« zum
universellen Gesetz erhöben. »Ödipalisierung«, so lautet der Vor­
wurf gegen die Psychoanalyse und ihre libidinöse Besetzung des
familiären Dreiecks, vergesse, dass der libidinösen Besetzung
des gesellschaftlichen Feldes ein »logisches Primat« (AÖ, 461)
zukomme; stattdessen werde der Ödipusmythos zur universel­
len Invariante erhoben: »Wir sind dermaßen durch Ödipus for­
miert, dass wir Mühe haben, einen anderen Gebrauch uns vor­
zustellen.« (AÖ, 97) Anstatt das Unbewusste als Ermöglichungs­
grund der vielfältigen Synthesen zu denken, wird es »der Logik
der Person unterworfen, imaginiert, strukturalisiert« (AÖ, 69)
und an den Signifikanten des Phallus gebunden, »aus welchem
durch Mangelbestimmungen die ganzen Personen entspringen«
(AÖ, 94). Das Unbewusste wird blockiert, sein produktiver
Charakter in »Theater, Bild, Inszenierung« (AÖ, 69) eingesperrt.
Aus diesem Grund fordert die Schizo-Analyse, »das Unbe­
wusste zu desödipalisieren, um so die wahren Probleme zu er­
reichen« (AÖ, 105). Dazu gehört nicht nur, die Festlegung des
Unbewussten auf ein individuelles Mythenreservoir, sondern
auch die der Sexualität auf die Zweigeschlechtlichkeit abzuleh­
nen. Mit Proust wird noch einmal der Gedanke variabler Libi­
doverkettungen und multipler Geschlechtsformationen diesseits
binärer Körperkodierungen entfaltet: »Unmittelbar herrscht nichts
Gemeinsames zwischen beiden Geschlechtern, die fortgesetzt
miteinander kommunizieren, einem transversalen Modus fol­
gend, wo jedes Subjekt beide, aber in sich abgeschlossene Ge­
schlechter besitzt, die mit dem einen oder anderen eines anderen
Subjekts kommunizieren.« (AÖ, 76). »Jedem seine Geschlechter«
ist einer der Befreiungsslogans der Schizo-Analyse.
Gegen Lacan behaupten sie aber auch die Ungeschiedenheit
des Imaginären und Symbolischen, »die das gesellschaftliche Feld
als reales definieren« (AÖ, 79). Kunstproduktionen, Literatur,

101
Film, Musik, Malerei verstehen sie als unmittelbare Produktio­
nen von Realem, da das Reale kein Prinzip sei, sondern produ­
ziert werde: »So meinen wir zum ersten, dass der Kunst und
Wissenschaft eine revolutionäre Potentialität und nichts anderes
zukommt.« (AÖ, 492) Schon aufgrund des Primats des gesell­
schaftlichen Feldes sind Phantasieproduktionen immer kollek­
tiv: »So ist die Phantasie niemals individuell, sondern [.. ] Grup­
.

penphantasie.« (AÖ, 40) Mit dieser Annahme von Gruppenphan­


tasien verbinden sie die Hoffnung auf transversale Kommunika­
tion zwischen Individuen, sofern sich diese nicht in die vom
Gesetz definierten Identitäts- und Personenbegriffe einsperren
lassen: »Der revolutionäre Pol der Gruppenphantasie tritt dem­
gegenüber im Vermögen zutage, die Institutionen als sterblich
zu erleben, sie gemäß den Artikulationen des Wunsches oder
des gesellschaftlichen Feldes zu zerstören oder zu ändern.«
(AÖ, 80) Da das Wünschen nicht in der persönlichen Aus­
drucksproduktion, sondern in der unbewussten Besetzung des
gesellschaftlichen Feldes seine Einlösung findet, beläuft sich das
Phantasieren darauf, >>die gesamte Geschichte zu halluzinieren,
die Zivilisationen, die Kontinente und Rassen zu delirieren und
auf intensive Weise ein Welt-Werden zu fühlen« (AÖ, 127). Um
erneut zu den Gruppenphantasien und Besetzungen des histo­
risch-gesellschaftlichen Feldes vorzudringen, gilt es alle »falschen
Einheitsstifter« zu zerstören: »Die Aufgabe der Schizo-Analyse
führt über die Destruktion, die [...] Ausschabung des Unbewuss­
ten. Ödipus zerstören, die Illusion des Ich, den Hampelmann
Überich, das Schuldgefühl, das Gesetz, die Kastration.« (AÖ, 401)
In dem historisierenden und ethnographischen Teil der Schrift
mit dem Untertitel »Wilde, Barbaren, Zivilisierte« unterschei­
den die Autoren schließlich drei Gesellschaftsstadien, in wel­
chen jene in Logique du sens skizzierten Stadien der Individual­
genese - die schizoide, depressive und ödipale Phase samt ihrer

102
jeweiligen Bildgenese -, nunmehr ins Kollektive erweitert, wie­
dererkennbar werden (vgl. Kap. 2, S. 76 f.). Ausgehend vom Na­
turzustand des »vollen Körpers der Erde« werden aufeinander
folgende Prozesse der Beschriftung dieses Körpers skizziert, die
die verschiedenen Vergesellschaftungsformen bedingen sollen.
Anders als der Strukturalismus, der das Tauschprinzip zum pri­
mären Vergesellschaftungsprinzip erklärt, behaupten sie, dass der
Wunsch »den Tausch [ignoriert] , er kennt nur den Diebstahl und
die Gabe« (AÖ, 238). Die Primärartikulationen beliefen sich nicht
auf das Tauschen, sondern auf die Kennzeichnung der Erde und
Körper, wie von der »primitiven Territorialmaschine« vorge­
führt. Zwar bediene sich diese des Inzestverbots, welches hier
mit dem Gesetz des Vaters aber nichts zu tun habe: »Durch das
Verbot des Inzests mit der Schwester kommt die laterale Hei­
ratsverbindung in Gang, durch das Verbot des Inzests mit der
Mutter wird die Filiation umfänglich. Da herrscht keine Verdrän­
gung des Vaters, keine Verwerfung des Vaternamens.« (AÖ, 204)
Die aufeinander folgenden Gesellschaftsstadien werden dann
entlang ihrer medialen Artikulation differenziert. So sei die »Ter­
ritorialmaschine« durch Oralität gekennzeichnet, was bedeute,
dass ihr graphisches System noch nicht von der Stimme abhän­
gig sei: »ein Tanz auf dem Boden, ein Zeichen auf dem Körper,
eine Zeichnung an der Wand bilden ein graphisches System,
einen Geo-graphismus« (AÖ, 241 ). Die spätere »barbarische im­
periale Formation oder Despoten-Maschine« ergebe sich dage­
gen aus dem Wunsch nach allgemeiner Sichtbarkeit, nach Er­
richtung einer direkten Filiation zur Transzendenz und aus der
Verdrängung der immanenten Einheit der Erde durch den Staat.
Zur Despotenmaschine gehöre neben Gesetzgebung, Bürokra­
tie, Steuererhebung, Staatsmonopol, imperialer Gerichtsbarkeit
usw. der Verlust der Unabhängigkeit des Graphismus von der
Stimme: »In ein und derselben Bewegung beginnt der Graphis-

103
mus von der Stimme abhängig zu werden und induziert eine
lautlose Stimme der Höhen und des Jenseits« (AÖ, 260) -
»diese Stimme der Höhen« hat auch das zweite Stadium der ln­
dividualgenese, jenes der Vereinigung der Körperzonen unter
einem bildliehen Idol, geprägt.
Das dritte Stadium, jenes des bürgerlichen Staates, erscheint
in der nietzscheanischen Perspektive dieser Schrift schließlich
als »allgemeine Sklaverei«, da es keinen der Produktion entho­
benen Bereich des Genusses und der Anti-Produktion mehr gibt:
»Der bürgerliche Immanenzzusammenhang, bestimmt durch die
Konjunktion decodierter Ströme, die Negation jeglicher Trans­
zendenz oder äußerer Grenze, die Effusion der Anti-Produk­
tion in die Produktion, errichtet eine Sklaverei, die unvergleich­
bar, und führt eine Unterjochung ein, die ohne Beispiel ist:
nicht einmal Herren gibt es mehr, sondern nur noch Sklaven,
die anderen Sklaven Befehle erteilen.« (AÖ, 327) Die Personen
werden zu Bourgeois privatisiert, »und die Familie wird jene
Untereinheit, der sich die Einheit des gesellschaftlichen Feldes
appliziert« (AÖ, 341). Ödipus »trifft ein: er entsteht im kapita­
listischen System der Applikation gesellschaftlicher Bilder er­
ster Ordnung auf familiale private Bilder zweiter Ordnung [...]
Er stellt unser intimes Kolonialgebilde dar, das der gesellschaft­
lichen Herrschaftsform entspricht.« (AÖ, 342)
Im Gegensatz zu diesen historisierten Vergesellschaftungsfor­
men wird der Kapitalismus nicht als historisches Stadium, son­
dern als überzeitliche Abstraktionsbewegung und »Negativ aller
Gesellschaftsformationen« (AÖ, 195) verstanden: Er bedrohe
jede Gesellschaft, insofern er - wie das Unbewusste - deren Ko­
dierungen zu decodieren bestrebt sei. Die kapitalistische Ma­
schine beginne, »wenn das Kapital aufhört, Bündniskapital zu
sein und filiatives Kapital wird« (AÖ, 292). Allerdings bilde der
Kapitalismus nur eine »relative Grenze«, insofern er die deco-

104
dierten Ströme im Geld erneut axiomiert, während die Schizo­
phrenie als absolute Grenze »die Ströme im freien Zustand über
den desozialisierten organlosen Körper fließen lässt« (AÖ, 316).
Mit der ökonomischen wie psychischen Decodierung wird sol­
chermaßen die Hoffnung auf erneute Freisetzung des kollekti­
ven Unbewussten und kollektiver Wunschartikulationen ver­
bunden: »Statt des Code hat sie im Geld eine Axiomatik
abstrakter Quantitäten gesetzt, die die Deterritorialisierung des
Sozius (des Gesellschaftskörpers, M.O.) immer weiter voran­
treibt, endlich einer Decodierungsschwelle zu, an der der Sozius
zugunsten eines organlosen Körpers sich auflöst, womit die
Wunschströme in ein deterritorialisiertes Feld, das des organlo­
sen Körpers, befreit sind.« (AÖ, 44)
Dass Deleuze in dieser produktionsorientierten Phase auch
mit anderen Personen kooperiert, zeigen seine Dialogues (1977)/
Dialog4 (Dia) mit Claire Parnet, die als Filmemacherio das L'Abe­
cedaire, jene für das Fernsehen aufgezeichneten Gespräche mit
Deleuze entlang alphabetisch geordneter Begriffe, realisiert. Die
Dialoge mit Claire Parnet erscheinen wie ein Präludium zum
Fortsetzungsband von L'Anti-Oedipe, insofern in ihnen alle für
Mille Plateaux bedeutsamen Fragestellungen angeschnitten wer­
den. Ein kollektives »Wir« kreist um Fragen des Werdens, des
Denkens in Territorialitäten mit multiplen (In)Dividualitäten,
»Wüsten, Einöden - freilich bevölkert von Stämmen, von Pflan­
zen und Tieren« (Dia, 18 f.). In diesem Sinn wird auch der Be­
griff der Freundschaft und der Begegnung aktualisiert und mo­
difiziert: »Aber was heißt das genau: Begegnung mit einem, den
man mag? Ist das Begegnung mit einem Menschen oder mit Tie­
ren, die sich in dir breit machen, mit Gedanken, die auf dich
einstürmen, mit Bewegungen, die dich ergreifen, mit Tönen, die
durch dich hindurchgehen? Und wie könnte all das scharf von­
einander getrennt werden?« (Dia, 18) Betont wird die Notwen-

105
digkeit eines Denkens aus der »Mitte«: »Mitte, Milieu hat nichts
mit Mittel, Durchschnitt zu tun, ist weder Zentrismus noch
Mäßigung oder Mäßigkeit. Es handelt sich ganz im Gegenteil
um absolute Schnelligkeit. Zu solcher Geschwindigkeit ist fähig,
was mittendrin wächst.« (Dia, 37) Schreiben wird, wie schon
mit Kafka und Sacher-Masoch, als Prozess des Klein-Werdens
und als Verkettung mit gesellschaftlichen Minorisierungspro­
zessen definiert: »Jenseits eines Frau-Werdens, eines Neger-Wer­
dens, jenseits sogar eines Minoritär-Werdens vollzieht sich das
finale Unternehmen des Unsichtbar-Werdens. Nein, ein Schrift­
steller sollte sich niemals wünschen, bekannt, anerkannt zu
sein. Das Gesicht verlieren, die Mauer überklettern oder durch­
stoßen [... ): Schreiben hat keinen anderen Zweck.« (Dia, 53) Aus
solchen Prozessen gehen »subjektlose dynamische Individuatio­
nen« hervor, die »kollektive Verkettungen bilden«: »Ein Ding,
ein Tier, eine Person definieren sich nur mehr durch Zustände
der Bewegung und Ruhe, der Schnelligkeit und Langsamkeit -
und durch Affekte, Intensitäten.« (Dia, 100)

Geo-graphismus, Wissensritournelle, Werdenstugenden


und Nomadologien

Der zweite Band von Capitalisme et schizophrenie verkündet eben­


falls bereits im Titel sein Programm: Mille Plateaux (1980)/ Tau­
send PlateausS (TP) bezeichnet den Versuch, mit dem Verfahren
der primitiven Territorialmaschine und ihrem »Geo-graphismus«
wissenschaftlich ernst zu machen und jene wissenschaftlichen
Ansätze zu kritisieren, die - wie der Strukturalismus - bei
binären Einteilungen verharren, keine immanente Erweiterbar­
keit ihrer epistemologischen Unterteilungen vorsehen und sich
insgesamt einem Systemdenken verschreiben. Auf »Tausend Ebe-
106
nen« wird der Versuch unternommen, überkommene Wissen­
schaftsdiskurse, seien es solche der Naturgeschichte, der Soziolo­
gie oder Linguistik, auf ihre Feldstrategien und ihre Art begriffli­
cher Verräumlichung zu untersuchen und dabei jene in den
Vordergrund zu rücken, die immanent erweiter- und differenzier­
bar erscheinen. Das Buch selbst wird als variable Anordnung von
Kapiteln verstanden, die unter historischen Daten den Einsatz
kritischer Denkstrategien vorführen, welche allerdings in keiner
chronologischen oder systematischen Abfolge zueinander stehen
- weshalb sie auch nicht zwangsläufig linear zu rezipieren sind.
Wie die Autoren in ihrem italienischen Vorwort, das der deut­
schen Ausgabe vorangestellt ist, ausführen, habe Mille Plateaux
von allen ihren Büchern die schlechteste Rezeption erfahren. Es
sei in eine Zeit der Stagnation gefallen, im Gegensatz zu L:Anti­
Oedipe, das als Produkt der bewegten Jahre um 1968 einen
großen Erfolg kannte, wenn es auch zuletzt vielleicht noch tiefer
verkannt worden sei. Der Fortsetzungsband steht in einer gewis­
sen Kontinuität zu L:Anti-Oedipe und stellt doch eine Umschich­
tung dar: Aus L:Anti-Oedipe übernehmen die Autoren die Auffas­
sung des Unbewussten als Produktionsstätte, der Gruppenphan­
tasie als »historisch-mondialer« Halluzination der Weltge­
schichte; abweichend von L:Anti-Oedipe denken sie die gesell­
schaftlichen Stadien nicht mehr in zeitlicher Abfolge, sondern als
Gleichzeitigkeit von primitiven, despotischen und nomadischen
Formationen. Allgemein, so sagt Deleuze in einem Interview6 zu
den beiden Büchern acht Jahre später, sei es ihnen um ein Den­
ken gegangen, das die Grenze zwischen Natur und Kultur zu un­
terlaufen imstande sei, weshalb sie Begriffe wie »Verkettung/Ge­
füge« an die Stelle von Verhalten gesetzt und nach Art des
russischen Konstruktivismus gegeneinander bewegliche Ebenen
auf der Basis von rhythmischen und zeichenhaften Korrespon­
denzen und affektiven Verbindungen konstruiert hätten:

107
»Es gibt alle Arten von Verkettungen und von Komponenten von Ver­
kettungen. Einerseits versuchen wir diesen Begriff an die Stelle jenes des
Verhaltens zu setzen: von daher die Bedeutung der Ätiologie in Mille
Plateaux, und der Analyse der tierischen Gefüge, beispielsweise der Ter­
ritorialverkettungen. Ein Kapitel wie das des Riteurnelies berücksichtigt
zugleich tierische und musikalische Verkettungen: eben das nennen wir
ein >Plateau<, was die Ritournelle eines Vogels und jene von Schurnano in
Kontinuität zueinander bringt. [...J In den Verkettungen gibt es Zu­
stände, Körper, Körpermischungen, Allianzen, Aussagen und Äuße­
rungsmodi, Zeichenregime. Deren Beziehungen sind sehr komplex. Zum
Beispiel definiert sich eine Gesellschaft nicht durch Produktivkräfte und
Ideologie, sondern eher durch >Allianzen< und ihre >Verdikte<. Die Alli­
anzen sind praktizierte, bekannte, erlaubte Vermischungen von Körpern
[...J. Die Verdikte sind kollektive Aussagen, das heißt unkörperliche und
plötzliche Transformationen, die in einer Gesellschaft ablaufen.« (Deux
regimes defous, 163 f., übersetzt V. M.O.)

Ihre epistemologische Umorientierung explizieren sie einleitend


am Rhizommodell: In Abweichung von klassischen taxinomi­
schen Einteilungen nach dem Stammbaummodell und der De­
duktion von Gattung und Art nach äußeren Merkmalen suchen
sie Unterscheidungskriterien nach Affekten, Rhythmen und un­
persönlichen Affinitäten zu entwickeln, die zwangsläufig hete­
rogene Elemente zueinander in Relation setzen. Diese machen
ein Denken in zeitlichen Größen wie Ereignissen, Bewegungen,
Ungleichzeitigkeiten, rhythmischen Korrespondenzen usf. er­
forderlich. Dieses Denken in unwillkürlichen und zeitbedingten
Affinitäten versteht sich als eines in Termini von Körper und
Kraft in Anlehnung an Spinozas Ethik more geometrico: »Ein
Körper wird weder durch die ihn determinierende Form be­
stimmt, noch als determinierende Substanz oder als Subjekt,
noch durch die Organe, die er hat, oder die Funktionen, die er
erfüllt. Auf der Konsistenzebene wird ein Körper nur durch die
Längengrade und einen Breitengrad bestimmt [...]; durch die Ge-
108
samtheit von bestimmten Affekten, zu denen er bei einem be-

stimmten Grad von Macht oder Vermögen fähig ist.« (TP, 354)
In diesem spinozistischen Sinn führen die Autoren kritische Be­
fragungen scheinbar unumstößlicher Größen wie »Gesichtlich­
keit«, Staat, Subjekt- und Organismusstrukturen durch; ihnen
werden Begriffe wie Gesichtsverlust, »Mikropolitik und Seg­
mentarität«, Werdensprozesse und Geschwindigkeit, »Nomado­
logien« und »Kriegsmaschinen«, »glatte« Räume und »Diagramme«
gegenübergestellt, deren Aufgabe epistemologische und politi­
sche »Entkerbung«, Unterminierung und Diversifizierung ist.
Selbst für die Lektüre des Buches wird empfohlen, es nach Maß­
gabe der Affizierung zu durchlaufen, Querverbindungen herzu­
stellen und die Ebenen nach Gutdünken zu wechseln.
Insbesondere im Kapitel »Intensiv-Werden, Tier-Werden, Un­
wahrnehrnbar-Werden« breiten die Autoren ihre der gängigen
Moral des gesunden Menschenverstands zuwiderlaufenden »drei
Tugenden« (TP, 382) des »Unwahrnehmbar-, Ununterscheidbar­
und Unpersönlich-Werdens« aus:

»In gewisser Weise muss man am Ende anfangen: alle Arten des Werdens
sind schon molekular. Weil Werden nicht bedeutet, etwas oder jemanden
zu imitieren oder sich mit ihm zu identifizieren. [ ...] Werden heißt, ausge­
hend von Formen, die man hat, vom Subjekt, das man ist, von Organen,
die man besitzt, oder von Funktionen, die man erfüllt, Partikel heraus­
zulösen, zwischen denen man Beziehungen von Bewegung und Ruhe,
Schnelligkeit und Langsamkeit herstellt, die dem, was man wird und wo­
durch man wird, am nächsten sind. In diesem Sinn ist das Werden der
Prozess des Begehrens (desir). (TP, 3 71)
«

Solche Werdensstrategien entdecken sie erneut in literarischen


Kunstwerken, insofern diese passioneHe Denkprozesse sind:
»Wenn der Schriftsteller ein Zauberer ist, dann liegt das daran,
dass Schreiben ein Werden ist; das Schreiben ist von einem selt-

109
samen Werden durchdrungen, das kein Schriftsteller-Werden ist,
sondern ein Ratte-Werden, ein Insekt-Werden, ein Wolf-Werden
etc.« (TP, 327). Allgemein sprechen sie davon, dass Werdenspro­
zesse nur möglich werden, wenn sich der weiße Mann seiner
Subjektstrukturen und seiner Zentralstellung in der europä­
ischen Kultur begibt: »Es gibt kein Mann-Werden, weil der
Mann die molare (große, kompakte, M.O.) Einheit par excel­
lence ist, während die Arten des Werdens molekular sind. Die
Funktion der Gesichtshaftigkeit hat uns gezeigt, in welcher
Form der Mann die Mehrheit gebildet hat, oder vielmehr den
Standard, auf dem diese Mehrheit beruht: weiß, männlich, er­
wachsen, >vernünftig< etc., kurz gesagt, der Durchschnittseu­
ropäer, das Subjekt der Äußerung.« (TP, 398) Dieser »zentrale
' -

Punkt« samt der von ihm getätigten binären Unterteilung muss


verschoben und molekularisiert, das Gesicht dekonstruiert, der
Mann in Prozesse des »Frau-Werdens« hineingeschoben werdeq.,
die, weil prinzipiell unendlich, auf die drei Weisen des Mino­
ritär-Werdens als den neuen Taktiken einer Mikropolitik zulau­
fen. Aber auch die Frau muss sich ins Frau-Werden begeben,
was gerade nicht bedeutet, sich mit dem weiblichen Geschlecht
zu identifizieren, vielmehr »Atome von Weiblichkeit (auszusen­
den), die fähig sind, einen ganzen gesellschaftlichen Bereich zu
durchlaufen und zu erfüllen, die Männer anzustecken und sie in
dieses Werden hineinzuziehen« (TP, 376).
Eine Transposition der Werdensprozesse auf die gesellschaft­
liche Ebene stellt das Kapitel »Abhandlung über Nomadologie
- Die Kriegsmaschine« dar. In Nähe zu den Ausführungen des
Anthropologen Pierre Clastres werden hier in historischer und
systematischer Herleitung »Kriegsmaschinen« skizziert, worun­
ter nicht militärische oder staatliche Angriffs- oder Verteidi­
gungsinstanzen, sondern Größen verstanden werden, die zwar
zeitgleich mit Staatsformationen entstehen, diesen aber äußer-

110
lieh sind, deren Grenzen verwischen und deren Strukturen ver­
zeitlichen:

»Es wird klar, dass Banden ebenso wie weltweite Organisationen eine
Form voraussetzen, die sich nicht aus dem Staat ableiten lässt, und dass
diese Form der Exteriorität sich notwendigerweise als diffuse und poly­
morphe Kriegsmaschine darstellt. Es handelt sich um einen Nomos, der
etwas ganz anderes ist als das >Gesetz<. Die Staats-Form als Form der In­
teriorität neigt dazu, sich selbst zu reproduzieren, sie bleibt sich trotz
aller Veränderungen gleich und ist innerhalb der Grenzen der Pole leicht
erkennbar, weil sie immer öffentliche Anerkennung sucht [... ] Aber die
Form der Exteriorität der Kriegsmaschine existiert nur in ihren Meta­
morphosen; sie existiert in einer industriellen Erneuerung, in einer tech­
nologischen Erfindung, in einem Handelskreislauf, in einer religiösen
Schöpfung, in all diesen Strömen und Strömungen, die sich nur sekundär
vom Staat aneignen lassen. Nicht als Unabhängigkeit, sondern als Koexis­
tenz und Konkurrenz, als ständiges Interaktionsfeld muss man sich das
Verhältnis von Exteriorität und Interiorität, von der Kriegsmaschine der
Metamorphosen und den Staatsapparaten der Identität, von Banden und
Königreichen, von Megamaschinen und Imperien vorstellen.« (TP, 494)

Dieser andere Nomos wird damit erkennbar als anderer Name


der Werdensprozesse, welche die überkommenen Unterschei­
dungen durchkreuzen, affektgesteuerte Interaktionsfelder und
flüchtige Ereignisse hervorbringen und neue Bereiche des Sicht­
baren und Erzählbaren eröffnen. Daher wird dieser Nomos auch
bestimmt als »unermessliche Mannigfaltigkeit, die Meute, das
Hereinbrechen des Ephemeren und der Wandlungsfähigkeit. Er
löst Bindungen und bricht Abkommen. Er führt Furor gegen das
Maß ins Feld, Schnelligkeit gegen Schwerfälligkeit, Geheimnis
gegen Öffentlichkeit, Macht gegen Souveränität.« (TP, 483) Sol­
che Nomadologien sehen die Autoren erneut in den symboli­
schen Produktionen von Text- und Bildverfahren gegeben, so­
fern diese den Signifikanten horizontalisieren, Bildklischees

111
entfigurieren, das Räumliche prozessualisieren und »glätten«.
Das später in L'Image-Temps entfaltete »Zeit-Bild« des Nach­
kriegskinos kann ebenfalls als eine solche Kriegsmaschine ver­
standen werden, schon weil es die Zeit zum Subjekt werden
lässt und sie in unabhängigen Opto- und Sonozeichen multipli­
ziert.
Eine besonders reine Kriegsmaschine erblicken sie in Kleists
Drama Penthesilea, welches davon erzählt, dass sich eine Ama­
zonenschar zwischen die feindlichen Lager der Griechen und
Trojaner schiebt und mit ihrer dynamischen Begehrenslogik die
Schlachtordnungen verwirrt. Das Drama selbst entfaltet sich in
sprachlichen Rhythmen zwischen Abwarten und Überstürzung
und mündet gegen Ende ins Tier-Werden von Penthesilea selbst:

»Kleist verherrlicht in seinem ganzen Werk die Kriegsmaschine und


stellt sie dem Staatsapparat in einem von vornherein verlorenen Kampf
gegenüber. [ ] Goethe und Hegel, beides Staatsdenker, sahen in Kleist
...

ein Monstrum, und Kleist hatte von vornherein verloren. Aber wie
kommt es dann, dass er eine so eigenartige Modernität besitzt? Weil die
Elemente seines Werkes Geheimhaltung, Geschwindigkeit und Affekt
sind. [...] die Gefühle [werden] aus der Innerlichkeit eines >Subjekts< he­
rausgerissen und gewaltsam in ein Milieu reiner Äußerlichkeit versetzt,
das ihnen eine unglaubliche Geschwindigkeit verleiht, die Kraft eines
Katapults. Liebe und Hass sind keine Gefühle mehr, sondern Affekte.
Und diese Affekte sind Momente eines Frau-Werdens und Tier-Werdens
des Kriegers. [... ] Dieses Element der Äußerlichkeit, von dem alles be­
herrscht wird, was Kleist in der Literatur erfindet, [ ], gibt der Zeit
...

einen neuen Rhythmus, eine endlose Aufeinanderfolge von Katatonien,


Momenten der Bewusstlosigkeit, blitzartigen Entladungen oder Über­
stürzungen.« (TP, 488)

Selbstverständlich suchen Deleuze und Guattari solche Kriegs­


maschinen auch innerhalb der wissenschaftlichen Diskurse aus­
zumachen und skizzieren Ansätze dazu bei Demokrit, Lukrez,
1 12
dem Naturforscher Geoffroy Saint-Hilaire, dem Mathematiker
Desargues, dem Soziologen Gabriel Tarde oder dem Brücken­
bauingenieur Perronet, bei all jenen, die ihre Theorien nicht mit
festen Körpern, sondern wie der antike Atomismus mit Strö­
mungen beginnen lassen. Geoffroy etwa erfährt eine Würdi­
gung, weil er im 19. Jahrhundert »ein grandioses Konzept der
Schichtung [entwickelte]. Er sagte, dass die Materie, im Sinne
ihrer größten Teilbarkeit, aus Teilen von abnehmender Größe,
aus elastischen Strömen und Flüssigkeiten besteht, die >sich ver­
teilen<, indem sie in den Raum ausstrahlen.« (TP, 67) An Tarde
heben sie das Interesse für das unendlich Kleine und den mole­
kularen Bereich von Überzeugung und Begehren hervor: »Und
was ist Tarde zufolge eine Strömung? Eine Überzeugung oder
ein Begehren [. .] Überzeugungen und Begehren sind Grundlage
.

jeder Gesellschaft, weil sie Strömungen sind, die als solche


>quantifiziert< werden können.« (TP, 298) Die Differentialrech­
nung von Leibniz, die Proto-Geometrie von Busserl gewinnen
hier ebenso Bedeutung wie allgemein die Hydraulik oder diffe­
rentielle Arten, Naturgeschichte oder Linguistik zu betreiben.
»Es scheint, dass die nomadische Wissenschaft ein viel direkte­
res Gefühl für den Zusammenhang von Inhalt und Ausdruck als
solchen hat, weil jeder der beiden Terme Form und Materie um­
fasst. Für die nomadische Wissenschaft ist die Materie daher nie
eine vorbereitete, also homogenisierte Materie, sondern wesent­
lich ein Träger von Singularitäten (die eine Inhaltsform bilden).
Und der Ausdruck ist auch nicht formal, sondern untrennbar
mit den durchgängigen Merkmalen verbunden (die eine Aus­
drucksmaterie bilden).« (TP, 507) In diesem Sinne siedeln sie In­
halts- und Ausdrucksebene, das »Maschinengefüge von Körpern,
Aktionen und Passionen« und das »kollektive Äußerungsgefüge,
ein Gefüge von Handlungen und Aussagen, von körperlosen
Transformationen« (TP, 124) nicht auf verschiedenen Ebenen
113
an: »Ein Äußerungsgefüge spricht nicht >von< Dingen, sondern
es spricht auf derselben Ebene wie die Zustände der Dinge oder
die Zustände des Inhalts. [...] Kurz gesagt, die funktionale Unab­
hängigkeit der beiden Formen ist nur die Form ihrer wechselsei­
tigen Voraussetzung und des ständigen Übergangs von der
einen zur anderen.« (TP, 122) Formen, Strukturen und Substan­
zen erklären sie für sekundär, zu Resultaten grundlegender mo­
lekularer Bewegungen in den Schichten:

))Formen gehen auf Codes zurück, auf Codierungs- und Decodierungs­


prozesse in den Parastrata; während Substanzen als geformte Materien
auf Territorialitäten zurückgehen, auf Deterritorialisierungs- und Reter­
ritorialisierungsbewegungen auf den Epistrata. Tatsächlich sind die Epis­
trata von diesen Bewegungen, durch die sie konstituiert werden, ebenso
untrennbar wie die Parastrata von jenen Prozessen. [...] Territorialitäten
sind also von Fluchtlinien durchzogen, die anzeigen, dass in ihnen De­
territorialisierungs- und Reterritorialisierungsbewegungen stattfinden.
[...] Sie selber wären nichts ohne diese Bewegungen, durch die sie ange­
legt werden. Kurz gesagt, die Epistrata und Parastrata gleiten innerhalb
der Ökumene oder Kompositionseinheit einer Schicht unaufhörlich hin
und her, sie bewegen, verschieben und ändern sich ständig.« (TP, 77)

Als tiefste Schicht dieser beweglichen und sich verändernden


Schichtungen scheint schließlich das Chaos und die aus ihm ge­
borenen Bewegungen, Milieus und Rhythmen auf: »Gerade der
Begriff des Milieus ist nicht einheitlich: nicht nur das Lebendige
geht ständig von einem Milieu ins andere über, sondern auch
die Milieus gehen von einem zum anderen über und sind ihrem
Wesen nach kommunizierend. Die Milieus sind offen für das
Chaos, das sie zu zerrütten und zu zersetzen droht. Aber der
Rhythmus ist das Gegenmittel der Milieus gegen das Chaos.
Die Gemeinsamkeit von Chaos und Rhythmus ist der Zwi­
schenraum, der Raum zwischen zwei Milieus, Chaos-Rhythmus
114
oder Chaosmos.« (TP, 427) Alle Lebensprozesse beginnen in
diesem Chaosmos, als Rhythmus, Zeitskandierung und Zeitak­
zentuierung, welche im Gegensatz zum »dogmatischen« musi­
kalischen Metrum als »kritisch« zu verstehen sind: Der Rhyth­
mus »wirkt nicht in einem homogenen Zeitraum, sondern
operiert mit heterogenen Blöcken. Er ändert die Richtung.«
(TP, 427)
So lässt sich insgesamt konstatieren, dass in Mille Plateaux/
Tausend Plateaus von affektiven und rhythmischen Korrespon­
denzen gesteuerte Denk-, Wissens- und Diskursstrategien ent­
faltet werden, welche in einem paradoxen Verhältnis zueinander
stehen, insofern sie nicht hierarchisch geschichtet sind, sondern
als Teilebenen der umfassenden Immanenzebene ineinander
übergehen, sich gegeneinander verschieben und sich wechselsei­
tig bedingen: »Die Konsistenzebene weiß nichts von Niveauun­
terschieden, von Größenordnungen oder Abständen. Sie weiß
nichts vom Unterschied zwischen Künstlichem und Natürli­
chem. Sie weiß nichts von der Unterscheidung zwischen Inhal­
ten und Ausdrücken oder zwischen Formen und geformten
Substanzen; all das existiert nur durch und in Beziehung zu den
Schichten.« (TP, 98) Transversale Verbindungen verknüpfen Teil­
segmente quer durch die Schichten und erstellen jenes rhizoma­
tische Gefüge des Denkens, welches begrifflich zu entfalten Ziel
dieses Buches ist. Diese dezentrierte Denkpraxis soll nicht zu­
letzt dazu beitragen, »binäre Segmentaritäten« auch der philoso­
phischen Kategorienbildung in »geschmeidige und molekulare
Segmentarität« zu verflüssigen, um überall »Mannigfaltigkeiten
mit n-Dimensionen« hervortreten zu lassen.

115
Körper und Falten

Mit Spinoza. Philosophie pratique!Spinoza. Praktische Philosophie'


greift Deleuze 1981 noch einmal die spinozistische Philosophie
auf, die er bereits 1968 in Spinoza et le problerne de l'expression/Spi­
noza und das Problem des Ausdrucks8 (SPP) behandelt hat.
Während es ihm in der früheren Schrift in Nähe zu Difference et
repetition darum ging, eine Ontologie der Univozität zu expli­
zieren, sucht er nun seine dort aufgeworfene Frage »Was kann
ein Körper?« zu vertiefen und legt die Betonung auf den von
Spinoza behaupteten Parallelismus von Körper und Geist. So­
lange wir nicht wissen, was ein Körper vermag, zu welchen M­
fekten er fähig ist, sagt Deleuze, wissen wir nichts über das
Denken, da »der Körper die Erkenntnis übersteigt, die man von
ihm hat«, ebenso wie »das Denken das Bewusstsein übersteigt, das
man von ihm hat« (SPP, 28). Entscheidend wäre also, den Kör­
per ohne Reduktion auf den Organismus, das Denken ohne Re­
duktion auf das Bewusstsein zu betrachten. In diesem Sinn skiz­
ziert er die spinozistische Moral als eine, die das Gute und
Schlechte nach Kriterien des Förderlichen und Nicht-Förderli­
chen, der Möglichkeit der Steigerung der Tätigkeitsvermögen
evaluiert: »Man sieht also, wie die Ethik, d.h. eine Typologie
immanenter Existenzweisen, die Moral ersetzt, die die Existenz
immer mit transzendenten Werten verknüpft. Die Moral ist das
v
Gottes-Urteil, das Urteils-System. Die Ethik aber kehrt das Ur­
teils-System um. Im Gegensatz zu den Werten (gut-böse) wird
der qualitative Unterschied der Existenzweisen (gut-schlecht)
an deren Stelle gesetzt.« (SPP, 34) So lautet »das dreifache prak­
tische Problem der Ethik folgendermaßen: Wie zu einem Maxi­
mum der lustvollen Leidenschaften gelangen und von da aus zu
den aktiven freien Gefühlen übergehen [... ]? Wie es erreichen,
adäquate Ideen zu bilden, aus denen genau die aktiven Gefühle
116
sich ableiten?« (SPP, 41). Adäquate Ideen und lustvolle Leiden­
schaften können sich hier nur aus der Selbstaffektion des Den­
kens ergeben: »Die Immanenz aber ist das Unbewusste selbst
und die Eroberung des Unbewussten. Die ethische Lust ist das
Korrelat der spekulativen Bejahung.« (SPP, 41) Allein eine solch
immanente Ethik der »Selbsteroberung des Unbewussten« ist
in der Lage, singuläre Denkweisen hervorzubringen, welche
Deleuze für allein bedenkenswert und »lebensmächtig« hält:
»Einerseits enthält ein Körper, so klein er auch sei, immer un­
endlich viele Teilchen: die Verhältnisse von Ruhe und Bewe­
gung, Schnelligkeit und Langsamkeit zwischen den Teilen, die
einen Körper in seiner Individualität definieren. Andererseits
affiziert ein Körper andere Körper oder wird von anderen Kör­
pern affiziert: diese Macht zu affizieren und affiziert zu werden
definiert ebenfalls einen Körper in seiner Individualität.« (SPP,
159 f.) Vor diesem Hintergrund rekonstruiert Deleuze die spi­
nozistische Ethik nicht als System, sondern als Feld von
Grundbegriffen, die er als eine Art Index auflistet und einzeln
expliziert.
In seiner Schrift Le pli. Leibniz et le baroque/Die Falte. Leibniz
und der Barock9 (L) von 1995 erfährt seine Zeitphilosophie noch
einmal eine Umformulierung, insofern sie nun mit Leibniz' Phi­
losophie und der Architektur des Barock in Begriffen von Ein­
und Entfaltung als anderen Namen für Virtualität und Aktua­
lität dargeboten wird. Der Barock, so Deleuze, habe weniger ein
Wesen als eine »operative Funktion« (L, 11), die darin bestehe,
Falten zu bilden und zu entfalten. Zusammen mit Leibniz un­
terscheidet er die barocke Architektur in zwei Zustände und
Etagen, eine fensterlose, obere Etage und eine durch Fenster
durchbrochene untere Etage, die er auch »Faltungen der Mate­
rie und Falten in der Seele« (L, 13) nennt: »Auf beide wird,
unter unterschiedlichen Bedingungen, dasselbe Bild der Adern

117
des Marmors angewandt: einmal sind die Adern die Faltungen
der Materie, welche die in der Masse genommenen Lebewesen
umgeben, so dass der Marmorblock wie ein aufgewühlter See
voller Fische ist. Ein andermal sind die Adern die in der Seele
eingeborenen Ideen.« (L, 13) Deleuze skizziert hier erneut ein
zeitabhängiges Ausdrucksverhältnis: Seele und Welt verhalten
sich wie der »Ausdruck der Welt (Aktualität)« und »das Ausge­
drückte der Seele (Virtualität)« (L, 48) zueinander: »Genau so
teilen sich die beiden Etagen in Beziehung auf die Welt auf, die
sie ausdrücken: diese aktualisiert sich in den Seelen und reali­
siert sich in den Körpern. Sie ist also zweimal gefaltet, in den
Seelen, die sie aktualisieren, und nochmals gefaltet in den Kör­
pern, die sie realisieren [...] . Und zwischen den beiden Falten
eine Zwischen-Falte, die Zwiefalt, die Knickstelle der beiden
Etagen, das Gebiet der Untrennbarkeit.« (L, 196)
Zusammen mit Leibniz und in Nähe zu den griechischen
Atomisten entwickelt er hier - einmalig in seiner Theorie - eine
Vorstellung von Materie, die als flüssig, elastisch, unterteilbar,
aus Wirbeln zusammengesetzt, gekrümmt und komprimierbar
gedacht wird: »Die Materie stellt also eine unendlich poröse,
schwammige oder ausgehöhlte Textur ohne leeren Raum dar,
immer wieder eine Höhlung in der Höhlung: jeder noch so
kleine Körper enthält eine Welt, insofern er von unregelmäßi­
gen Gängen durchlöchert ist, umgeben und durchdrungen von
immer feinerem Flüssigen.« (L, 14). Sie ist ein in sich bewegli­
ches Kontinuum, das sich »ins Unendliche in Falten unterteilt
oder sich in Kurvenbewegungen auflöst« (L, 15). Entfalten be­
deutet Übergang von einer Falte zur nächsten; um dieses zu er­
möglichen, muss jede Falte »Zwiefaltung« sein, ein »Zwischen­
Zwei in dem Sinne, dass sich die Differenz differenziert« (L, 24).
Da die Materie aus Falten besteht, erscheinen Gegenstände als
»kontinuierliche Variation der Materie« (L, 36), als Funktion
118
von Kurvenbewegungen; >>das ideale genetische Element« ist
dabei die »Inflexion« (L, 29), der Gipfel- und Umschlagspunkt
der Kurve, dessen »Gesichtspunkt« nicht mehr der eines Sub­
jekts, sondern der »einer korrelativen Transformation des Ge­
genstands« (L, 36), eines »Superjekts« (L, 36) ist, wie Deleuze
mit Whitehead sagt. Da jeder Gesichtspunkt das Gesamt der
Materie variieren lässt, nennt er Leibniz' Philosophie einen
konsequenten Perspektivismus, wie er ihn selbst seit seiner
Nietzsche-Studie zu entfalten sucht. Am Modell der Stadt expli­
ziert: »Was durch einen Gesichtspunkt erfasst wird, ist daher
weder eine bestimmte Straße noch deren bestimmbares Verhält­
nis zu anderen Straßen, die Konstanten sind, sondern die Man­
nigfaltigkeit aller möglichen Verknüpfungen zwischen dem Ver­
lauf irgendeiner Straße und dem einer anderen: die Stadt als
ordnungsfähiges Labyrinth.« (L, 45)
Die Annahme der Doppelgegebenheit der Welt als aktueller
und virtueller wiederholt Deleuze nun in der Faltenbegrifflich­
keit: »Die ganze Welt ist eine Virtualität, die aktual nur in den
Falten der Seele existiert, die sie ausdrückt, wobei die Seele von
inneren Faltungen aus operiert, wodurch sie sich eine Repräsen­
tation der eingeschlossenen Welt gibt. Wir gehen in einem Sub­
jekt von der Inflexion zum Einschluss wie vom Virtuellen zum
Aktualen.« (L, 42) So gelangt er zu einer anderen Beschreibung
von Welt als »unendliche Kurve, die an unendlich vielen Punkten
unendlich viele Kurven berührt« (L, 45). Die Welt wird von den
Subjekten, welche sie in ihrer vorgängigen Virtualität überhaupt
erst ermöglicht, aktualisiert: »Man muss die Welt ins Subjekt
setzen, damit das Subjekt für die Welt sei.« (L, 48) Sie wird in
diesen Aktualisierungen zum Ereignis und ist als unkörperli­
ches Prädikat in jedem Subjekt eingeschlossen, wobei ein jedes
die Welt aus seinem Gesichtspunkt zum Ausdruck bringt. Alles,
was sich aktualisiert, sind nach Leibniz Individuen, daher sind

119
auch Begriffe Individuen: »Das ist die Hochzeit von Begriff und
Singularität.« (L, 112) Von daher gibt es keine Entgegensetzung
von Substanz und Attribut, sondern nur Weisen des Einschlus­
ses; die Einheit der Substanz ist »der Bewegung innerlich [...] oder
eine Veränderungseinheit, die aktiv ist« (L, 93).
Die Monaden sollen solche Substanzen darstellen, die die
ganze Welt umhüllen, wenn auch nicht gänzlich aktualisiert. An
jede Monade ergeht daher die Aufforderung, »all ihre Perzeptio­
nen zu entwickeln« (L, 124), wie sich die »Moral« der Seele da­
rauf beläuft, »jedes Mal ihre Region klaren Ausdrucks zu erwei­
tern, ihren Ausschlag zu vergrößern [zu] versuchen, damit eine
freie Tat hervorgebracht werden kann.« (L, 123) »Die beste aller
Welten« erscheint in diesem Sinn als diejenige, die, maximal ak­
tualisiert, eine Fähigkeit zur Kreativität besitzt und darin Neues
schafft. »Der Optimismus von Leibniz gründet sich auf die un­
endlich vielen Verdammten als den Sockel der besten aller Wel­
ten: sie setzen eine unendliche Quantität an möglichem Fortschritt
frei, und, was ihre Raserei vervielfacht: sie machen eine Welt im
Fortschreiten möglich.« (L, 125)

Archiv und Karthographie

Die dritte und letzte der Monographien nach 1968, die sich
einer Denkkonstellation unter einem Philosophennamen wid­
met, gilt dem langjährigen intellektuellen Weggefährten und
Mitdenker Michel Foucault. Als Titel verleiht ihr Deleuze den
Eigennamen Foucault10 (1986), um dessen Sprechen aus unter­
schiedlichen Perspektiven, dessen Aussagenverkettungen und
Mikropolitiken nachzuzeichnen und unter Kapitelüberschriften
wie »Ein neuer Archivar« und »Ein neuer Karthograph« zu ent­
falten. Noch einmal erweist sich Deleuzes Methode des »wech-

120
selseitigen Einfangens« als fruchtbar, erhellend im Hinblick auf
das Problemfeld Foucault, das zu Teilen deckungsgleich mit
dem deleuzeschen erscheint.
Zunächst skizziert er die Topologie, in welcher Foucault ope­
riert, als mikrostrukturelles Feld von Schichten und Schwellen
des Sagbaren und Sichtbaren, das dem phänomenal Gegebenen
voraus- und zugrunde liegt. In dieser Topologie verortet er Fou­
caults archäologische Strategien, die darauf abzielen, die Phäno­
menologie in Epistemologie zurückzuverwandeln. Denn die
Phänomene verdeckten eher die grundlegenden »informellen«
Formationen, ihr »absolutes Außen und absolutes Innen«, als
dass sie sie präsentierten. Da sich in den Schichten fortgesetzt
Ablagerungen bilden, »die etwas Neues sehen oder sagen las­
sen« (F, 169), heißt Denken: »sich niederlassen innerhalb der
Schicht, in der Gegenwart, die als Grenze dient: was kann ich
heute sehen und was kann ich heute sagen? Das aber heißt, die
Vergangenheit so zu denken, wie sie sich im Innern verdichtet,
in der Beziehung zu sich [...]. Die Vergangenheit gegen die Ge­
genwart denken, der Gegenwart Widerstand entgegensetzen,
nicht für eine Rückkehr, sondern >zugunsten, hoffentlich, einer
künftigen Zeit<.« (F, 168) Zugleich geht es aber auch darum,
über die Schichten >>hinauszugelangen, um ein Außen zu errei­
chen, ein atmosphärisches Element, eine >nichtgeschichtete Subs­
tanz<, die zu erklären vermöchte, wie sich die beiden Formen
des Wissens in jeder Schicht verbinden und verflechten können,
von der einen Seite des Risses zur anderen. Wie können sonst
die beiden Hälften des Archivs miteinander kommunizieren
und Aussagen unter die Bilder kommen und Bilder die Aussa­
gen illustrieren?« (F, 170)
Deleuze beginnt mit der Bestimmung des Feldes des Sagba­
ren als einem von Aussagen, die sich wie die Ereignisse aus un­
persönlichen und präindividuellen Feldmarkierungen ergeben

121
und den gleichen »Bildungsgesetzen« wie das Immanenzfeld un­
terliegen. Foucaults archäologische Methode versteht er als das
Verfahren, Aussagen unterhalb von Propositionen und Sätzen
zu entdecken und umgekehrt die Propositionen in das unstruk­
turierte Aussagenfeld zurückzubetten. »Die Wörter, Sätze und
Propositionen offnen, die Eigenschaften, die Dinge und die Ob­
jekte offnen: die Aufgabe der Archäologie ist eine doppelte.« (F,
76) In diesem unpersönlichen Aussagenfeld gibt es keine Sub­
jekt-Objekt-Unterscheidung, keine zuweisbaren Gegenstände
und keine identifizierbaren Subjekte der Äußerung. Es spricht
überall, man spricht, Aussagen sprechen als Funktionen der
Verkettung von Singularitäten zu Kurven, Rhythmen und Gra­
phiken. Was für die Aussagen gilt, gilt auch für die Sichtbar­
keitsverhältnisse: »Man muss die Dinge aufsprengen, muss sie
aufbrechen. Die Sichtbarkeiten sind nicht Gegenstandsformen,
auch keine Formen, die sich in der Berührung von Licht und
Ding kundgäben, sondern Formen der Helligkeit, die vom Licht
selbst geschaffen wurden und die die Dinge oder Objekte nur
noch als Aufblitzen, als Spiegelung, als Schimmer bestehen las­
sen.« (F, 75)
Unter der Überschrift »Ein neuer Karthograph« skizziert De­
leuze schließlich eine »immanente Ursache«, die diese Aussagen
hervorbringen soll. Er bezeichnet sie als »informelle Dimension«
und mit Foucault als »Diagramm« (F, 52):

»Das Diagramm ist nicht mehr das audio-visuelle Archiv, es ist die Karte,
die Kartographie, koextensiv zur Gesamtheit des sozialen Felds. Es ist
eine abstrakte Maschine. Indem sie sich durch informelle Funktionen
und Materien definiert, ignoriert sie jede Formunterscheidung zwischen
einem Inhalt und einem Ausdruck, zwischen einer diskursiven Forma­
tion und einer nicht-diskursiven Formation. Es ist eine beinahe stumme
und blinde Maschine, obgleich sie es ja ist, die zum Sehen oder Sprechen
bringt.« (F, 52)

122
Dieses Diagramm, »instabil und fließend«, wird als Produzent
einer anderen Realität und eines neuen Modells von Wahrheit
verstanden, da es »die vorherigen Realitäten und Bedeutungen
auflöst und dabei ebenso viele Punkte der Emergenz oder der
Kreativität, der unerwarteten Verbindungen und der unwahr­
scheinlichen Übergänge bildet. Es fügt der Geschichte ein Wer­
den zu.« (F, 54) Jede Gesellschaft beruhe auf einer Summe sol­
cher - historisch unterscheidbarer - Diagramme, die die
Verhältnisse des Sichtbaren und Sagbaren, »die Karte der Kräf­
tebeziehungen, der Dichteverhältnisse, der Intensitäten« (F, 55)
als variable und wandelbare hervorbringen »und nur Möglich­
keiten definieren, Interaktionswahrscheinlichkeiten, soweit sie
nicht in ein makroskopisches Ganzes eingehen, das imstande
ist, ihrer fließenden Materie und ihrer diffusen Funktion eine
Form zu geben« (F, 56). Das Diagramm wird erneut als raum­
zeitliche und mikrostrukturelle Mannigfaltigkeit erkennbar,
als Potenz der Verschiebung und Differenzierung der Struktu­
ren.
Das Poststrukturalistische von Deleuzes Ansatz bekundet
sich hier noch einmal in der Betonung des zeitlichen Risses die­
ser foucaultschen Karte, der das Sichtbare und Sagbare eher
auseinander treibt, als in Kontinuität zueinander versetzt. Von
daher beschreibt Deleuze das Verhältnis zwischen dem Sichtba­
ren und Sagbaren als Kampf und bringt diesen in konzeptio­
nelle Nähe zu Kants Einbildungskraft, mithin zu jenem Vermö­
gen, welches, wie oben gezeigt, Verstand und Vernunft nicht
vermittelt, sondern in diskordantem Abstand voneinander hält.
Die Betonung der fundamentalen Disjunktion des »audio-visu­
ellen Archivs« (F, 92) rückt Foucaults Ansatz aber auch in die
Nähe zum Film: Konzipiert Deleuze das filmische »Zeit-Bild«
in seiner zweiten Studie Cinema 2. L'image-Temps, wie nun zu
zeigen sein wird, doch als aus divergierenden Serien des Sicht-

123
baren und Sagbaren, aus Opto- und Sonozeichen sich kompo­
nierende und fortgesetzt verändernde Heterogenese der Zeit.

124
5. Schriften zu Malerei und Film

Haptische Figuren

Deleuzes Zuwendung zu Malerei und Film erklärt sich erneut


aus der Suche nach Denkweisen, die mit Bewegm�g und Affekt,
mit afigurativen Bildlösungen und zeitlichen Selbstvollzügen
verbunden sind. Dabei geht er mit dem Maler Francis Bacon
davon aus, dass es keine leeren Leinwände gibt, dass der Maler
immer mittendrin, zwischen figurativen Gegebenheiten, zwi­
schen Bildklischees, mit Verfahren der Subtraktion und Dekons­
truktion beginnt. Seine Erörterung von dessen Gemälden unter
dem Titel Logique de la sensation (1981)/Logik der Sensation (FB)
gründet denn auch darin, dass er in ihnen Entfigurierungspro­
zesse, Weisen der Dekonstruktion der Porträtmalerei, der Bloß­
stellung des Körpers, seiner Rückführung auf Fleisch und Affekt,
aber auch der Auflösung herkömmlicher Raumrepräsentationen
erblickt. Gleich eingangs stellt er die Isolierung der Figuren in
den baconscheu Gemälden zum Zweck ihrer Entbindung von fi­
gurativen, illustrativen und narrativen Zwängen heraus. »Die Ma­
lerei kann weder ein Modell wiedergeben, noch hat sie eine Ge­
schichte zu erzählen. Folglich stehen ihr gleichsam zwei
mögliche Wege zur Verfügung, um dem Figurativen zu entkom­
men: auf die reine Form hin, durch Abstraktion; oder auf ein rein
Figurales hin, durch Extrahieren oder Isolierung. Wenn sich der
Maler an die Figur hält, wenn er den zweiten Weg nimmt, so
wird er dies tun, um dem Figurativen das >Figurale< entgegenzu-

125
halten.« (FB, 9) Das baconsehe Malen »apres-coup« beläuft sich
in diesem Sinn auf einen Vorgang der Subtraktion, in welchem
dem Bildklischee die Figur und »das Figurale« entrissen werden,
das Figurale verstanden als Gegenbegriff zum Figurativen, inso­
fern es die unbekannte Figur, hier die konturlose, nackte Person
als reines Kraftquantum, bezeichnen soll. »Zwischen dem, was
der Maler machen will, und dem, was er tut, gibt es notwendi­
gerweise ein Wie, ein >Wie lässt sich das machen<. Ein wahr­
scheinliches visuelles Ensemble (erste Figuration) wurde desorgani­
siert, deformiert durch freie manuelle Striche, die - von neuem in das
Ensemble injiziert - die unwahrscheinliche visuelle Figur (zweite Fi­
guration) herstellen werden.« (FB, 61)
Die Isolierung der baconschen Figuren - darin jenen von
Beckett verwandt - wird erreicht durch ihre Platzierung auf
Scheiben oder in Käfigen, die einer möglichen zentralperspekti­
vischen Raumorganisation zuwiderlaufen: »Das gemeinsame
Bild der Personen Becketts und der Figuren Bacons - dasselbe
Irland: das Rund, das Isolierende.« (FB, 35) Vor allem aber be­
wirkt die »Entkleidung« der Personen von allen repräsentativen
Merkmalen, ihre Exposition als Kraftquantum und Fleisch, das
Extreme der baconschen Malerei: »Die Kraft steht in einem
engen Bezug zur Sensation: Eine Kraft muss sich auf einen Kör­
per richten, d.h. auf einen bestimmten Ort der Wellenbewe­
gung, damit es eine Sensation gibt.« (FB, 39). Bacons Gemälde
bilden daher weniger etwas ab, als dass sie jene unsichtbaren
Kräfte erahnen lassen, die sich der Person bemächtigen und sie
in einer Art Rohzustand, als Affektbündel, präsentieren. Diese
Kraftwirkung bezeichnet Deleuze als »Sensation«, ihren Kulmi­
nationspunkt als »Schrei«. Das Bemerkenswerte in der Reduk­
tion der Person auf den Schrei erblickt er dabei darin, dass der
Sensation das Sensationelle, ihr spektakulärer Charakter, entzo­
gen wird: Die Sensation erscheint in ihrer zeitkontraktiven »Es-

126
senz«. »Zweifach scheint Bacon die Zeit, die Kraft der Zeit
sichtbar gemacht zu haben: die Kraft der verändernden Zeit
durch die allotrope Variation der Körper - in einer Zehntelse­
kunde -, die zur Deformation gehört; dann die Kraft der ewi­
gen Zeit, die Ewigkeit der Zeit durch jene Vereinigung/Separa­
tion, die in den Triptychen herrscht, reines Licht.« (FB, 43) Mit
der Offenlegung der Zeitabhängigkeit von Personen und Din­
gen unterläuft Bacon die optisch-perspektivische Repräsenta­
tion und entfaltet »Diagramme«, die andere Wahrnehmungsver­
mögen aufrufen. »Das Diagramm ist niemals optischer Effekt,
sondern entfesselte manuelle Macht [...] Die optische und op­
tisch-taktile Welt sind weggefegt, verwischt.« (FB, 84) Bacons
gesamten Einsatz versteht Deleuze als Unterbietung der opti­
schen Wahrnehmung, die im Gegenzug eine Abtastung des Bil­
des in einem »formlosen Raum« mit »ruheloser Bewegung« (FB,
94) erzwingt: Haptisch nennt er zuletzt den Vorgang, wenn das
Sehen in sich selbst eine »Tastfunktion« entdeckt, »unterschie­
den von seiner optischen Funktion« (FB, 94).
In diesen Verfahren der Deformation und Enthäutung des
Personalen sieht Deleuze erneut untergründige Verwandtschaf­
ten zwischen Mensch und tierischer Kreatur sichtbar werden,
die in ihrem »wechselseitigen Einfangen« beide Seiten modifi­
zieren: »Der Mensch wird Tier, aber er wird es nicht, ohne dass
das Tier zugleich Geist wird, Geist des Menschen, physischer
Geist.« (FB, 20) Diese neuen diagrammatischen Beziehungen
»gebrochener Töne«, für die er in Mille Plateaux den Begriff des
Ritournelles findet, geben tiefere, nicht-figurative Korrespon­
denzen zu erkennen, rein »figurale« Ereignisse. »Das Faktum
selbst aber, jenes der Hand entstammende pikturale Faktum, ist
die Bildung eines dritten Auges, eines haptischen Auges, eines
haptischen Sehens des Auges« (FB, 98), nach welchem Deleuze
auch in den Filmen sucht.

127
Bewegungs- und Zeit-Bilder

Deleuzes eingangs charakterisiertes Programm einer Philoso­


phie des Werdens führt ihn in seiner späteren Phase zum Zeit­
medium schlechthin, zum Film. Es verwundert von daher wenig,
dass er ihn als philosophische Artikulation in »Bildern des Den­
kens« versteht: »Ich mochte Autoren, die forderten, die Bewe­
gung ins Denken einzuführen, die >wahre< Bewegung (sie de­
nunzierten die hegelsche Dialektik als abstrakte Bewegung). Wie
sollte man da nicht aufs Kino stoßen, das die >wahre< Bewegung
ins Bild einführt? Es ging nicht darum, die Philosophie aufs
Kino anzuwenden, sondern direkt von der Philosophie ins Kino
zu gehen. Und umgekehrt ging man auch direkt vom Kino zur
Philosophie.«1 Deleuzes Filmlektüre vollzieht sich in affektiver
und intellektueller Nähe zu jener der Filmzeitschrift Cahiers du
cinema, die sich ihrerseits philosophisch versteht. So äußert er
gegenüber dem französischen Filmtheoretiker Serge Daney:

»Sie fragen mich, warum so viele Leute übers Kino schreiben. [ ] Mir
...

scheint, eben deswegen, weil das Kino viele Ideen enthält. Was ich Idee
nenne, das sind Bilder, die zu denken geben. Von einer Kunst zur ande­
ren variiert die Natur der Bilder und wird untrennbar von den Techni­
ken: Farben und Linien in der Malerei, Töne in der Musik, verbale Be­
schreibungen im Roman, Bewegungs-Bilder im Kino usf. In jedem Fall
sind die Gedanken von den Bildern nicht ablösbar, sie sind den Bildern
vollständig immanent. Es gibt keine abstrakten Gedanken, die sich
gleichgültig in diesem oder jenem Bild realisieren würden, sondern kon­
krete Gedanken, die nur in diesen Bildern und ihren Mitteln existieren.
Kinematographische Ideen freisetzen meint also, Gedanken herauslösen,
ohne von ihnen zu abstrahieren, sie in ihrer Beziehung mit dem Bewe­
gungs-Bild erfassen.«2

Filmen eignet wie bestimmten Literaturen ob ihrer Profilierung


extremer Denkpositionen philosophische Dignität, weshalb er

128
ihnen mit Bergson eine philosophisch-semiotisch-heterogeneti­
sche Lesart zuteil werden lässt. In seinen vier »Bergson-Kom­
mentaren« von Cinema 1. L'image-Mouvement/Das Bewegungs­
Bild. Kino 1 (BB) und Cinema 2. L'image-Temps/Das Zeit-Bild.
Kino 23 (ZB) lässt er das Filmische erneut aus der Annahme fol­
gen, dass die Welt unendliche »Dauer« von Bewegungen und
Bildern ist, die sich dezentriert wechselseitig reflektieren: »Das
Bild existiert an sich, auf dieser Ebene. Dieses An-sich des Bil­
des ist die Materie: nicht irgendetwas, was hinter dem Bild ver­
borgen wäre, sondern im Gegenteil die absolute Identität von
Bild und Bewegung.« (BB, 87) Was Deleuze als »Bewegungs­
Bild« und »Zeit-Bild« in verschiedenen Bildtypen entfaltet, hat
seinen »Grund in der Identität von Materie und Licht [...] Im
Bewegungsbild gibt es noch keinen Körper oder harte Linien,
sondern nichts als Lichtlinien oder Lichtfiguren. Die Raum-Zeit­
Blöcke sind solche Figuren. Sie sind Bilder an sich. [...] Mit an­
deren Worten, das Auge ist in den Dingen, in den Licht-Bil­
dern selbst.« (BB, 89 f.) Erst durch Einfügung lichtundurchläs­
siger Platten wie der Silberbeschichtung des Films wird die
dezentrierte Bildreflexion »festgehalten« und von einem ein­
zelnen Auge reflektiert. Film stellt daher die Aktualisierung
der virtuellen Bildvielfalt aus dem spezifischen Kamerablick­
winkel dar.
Deleuzes grobe Einteilung der Filmgeschichte in »Bewe­
gungsbilder« und »Zeit-Bilder« ergibt sich aus der Unterschei­
dung der Filme im Hinblick auf ihr Verhältnis zur Zeit. Während
in den Filmen vor dem Zweiten Weltkrieg die »Bewegung« das
Dominierende sein soll, welche in bestimmten Wahrnehmungs­
weisen, »Aktionen« und »sensomotorischen« Abläufen zur Dar­
stellung kommt und die Zeitlichkeit in eine untergeordnete Po­
sition treten lässt, soll in den Filmen nach dem Zweiten Welt­
krieg die Zeit zum Subjekt des Films werden, was selbstrefle-

129
xive Bildstrategien erzwingt und Bewegung und Narration in
eine dienende Position rückt.
Das filmische »Wahrnehmungsbild« - erster Bildtyp des Be­
wegungsbilds - ergibt sich mithin aus der Zentrierung der virtu­
ellen Bildvielfalt auf bestimmte, subjektive und objektive Kame­
raeinstellungen, nach deren Kombinatorik die Filme zu unter­
scheiden sind. Deleuze diskutiert das Verhältnis von subjekti­
ven und objektiven Einstellungen und von deren Annäherung
bis hin zur Ununterscheidbarkeit etwa in Pasolinis »Kino der
Poesie«. Mit ihm und J ean Mitry entfaltet er den Begriff des
»halbsubjektiven Bildes« (BB, 104), das sich einstellt, wenn der
Kamerablickwinkel mit dem des Protagonisten verschmilzt und
dem gesamten Film dessen Wahrnehmung verleiht.
Zu den Wahrnehmungsbildern gehören wiederum bestimmte
Aktionen und Handlungsmuster, weshalb Deleuze die »zweite
Metamorphose« (BB, 95) des Bewegungsbilds »Aktionsbild«
nennt. Und schließlich sieht er den filmimmanenten Abstand
zwischen Wahrnehmung und Aktion durch den »Affekt« be­
setzt: ��Der Mfekt ist das, was das Intervall in Beschlag nimmt,
ohne es zu füllen oder gar auszufüllen. Er taucht plötzlich in
einem Indeterminationszentrum auf, das heißt in einem Sub­
jekt, zwischen einer in gewisser Hinsicht verwirrenden Wahr­
nehmung und einer verzögerten Handlung.« (BB, 96) Innerhalb
des Bewegungsbilds unterscheidet er daher schwerpunktmäßig
die drei Typen des Wahrnehmungs-, Aktions- und Affektbilds.
�Im Gegensatz zu Bergson, der am Film gerade kritisiert, dass
e) uns eine »falsche Bewegung« liefere, indem er die Zeit in
»Momentschnitte« unterteilt und »eine unpersönliche, einheitli­
che, abstrakte, unsichtbare oder nicht wahrnehmbare Zeit« (BB,
14) hinzuaddiert, geht Deleuze davon aus, dass Bild und Bewe­
gung identisch sind und daher auch in einer Fotografie Bewe­
gung virtuell enthalten ist: »Bewegung ist im Gegenteil im

130
Durchschnittsbild unmittelbar gegeben.« (BB, 14) Zwar ergibt
sich die filmische Bewegung aus einer technischen Anordnung
»als Funktion eines beliebigen Moments, das heißt in Abhängigkeit
von Momenten in gleichem Abstand, die so ausgewählt werden,
dass ein Eindruck von Kontinuität entsteht« (BB, 18); gleich­
wohl bietet der Film »unmittelbare Bewegungs-Bilder« (BB, 15).
Bereits das Einzelbild enthält virtuelle Bewegung, die sich im
Filmtransport, in der Bildserie, aktualisiert. In der technischen
Reproduktion der beliebigen Momente wird die Kontinuität
der Bewegung und die Dauer des Räumlichen erneut lebendig,
umso mehr, als sie sich nicht aus den »ausgewählten, besonde­
ren Momenten« der Porträtfotografie oder des Theaters zusam­
mensetzt, wie sie Deleuze in der filmischen Dramaturgie von
Eisenstein wiederaufleben sieht. Das Bewegungs-Bild bringt aber
auch dank Montage und Kamerabewegung neue Zeitkonstruk­
tionen hervor, wird »beweglicher Schnitt« (BB, 16). Innerhalb
der Vorkriegsgeschichte der Montage unterscheidet Deleuze
daher die »aktiv-organische« Montage des amerikanischen
Films, die »dialektische« des sowjetischen Films, die »psychisch­
quantitative« der französischen Schule und die »spirituell-inten­
sive« des deutschen Expressionismus.
Die genauere Bestimmung der Typen des Bewegungs-Bilds
folgt unterschiedlichen Kriterien. Grob unterscheidet er sie nach
den in ihnen dominanten Einstellungsgrößen: »Den drei Arten ,
I ·

von Varianten kann man drei Arten von räumlich festgelegten


Einstellungen zuordnen: die Totale wäre vor allem ein Wahrneh­
mungsbild, die Halbnahaufnahme ein Aktionsbild und die Groß­
aufnahme ein Affektbild.« (BB, 102) Dabei kommt der Großauf­
nahme des Affektbilds insofern ein besonderer Status zu, als es
- wie die Figuren auf den Gemälden von Francis Bacon - den
narrativen Ablauf durchbricht, von Raum-Zeit-Koordinaten abs­
trahiert und, indem es das Dargestellte als solches, als figurales,

13 1
vorführt, »den Status der Entität« erreicht (BB, 134): »Die Groß­
aufnahme ist keine Vergrößerung [...]; sie ist eine absolute Verän­
derung.« (BB, 134) Da Großaufnahmen die gewohnten Hand­
lungsverkettungen zum Innehalten zwingen, laden sie den Film
affektiv auf: »Was ihn ausdrückt, ist ein Gesicht, das Äquivalent
eines Gesichts [...] Man nennt Ikon das Ensemble von etwas
Ausgedrücktem und seinem Ausdruck, von Affekt und Ge­
sicht.« (BB, 136) Dem in Großaufnahme Präsentierten verleihen
sie, auch wenn es sich um nicht-anthropomorphe Dinge han­
delt, »Gesichtlichkeit«� wobei Deleuze wiederum zwei Typen
von Gesichtern unterscheidet: solche »mit starkem Ausdrucks­
gehalt, wenn die Gesichtszüge sich vom Umriss freimachen«
(BB, 126), wie exemplarisch bei Eisenstein, und das »reflexive
oder reflektierende Gesicht, sobald sich die Gesichtszüge um
einen feststehenden Gedanken gesammelt haben, aber unberührt,
ohne Entwicklung, in gewisser Weise ewig bleiben« (BB, 126),
wie häufig bei Griffith. Dabei liegt das Paradoxe der Gesichtsbil­
der darin, dass sie in ihrer Aufblähung des Gesichts dessen
»ahumane« Züge, dessen abstrakten Charakter sichtbar werden
lassen und darin das persönliche Gesicht tendenziell dekonstru­
ieren: »Die Großaufnahme des Gesichts ist das Angesicht (la
face) und seine Auslöschung (effacement) zugleich.<< (BB, 140) In
der Großaufnahme stellen sich neue Raumverhältnisse und
neue Beziehungen zwischen Vorder- und Hintergrund ein, wird
der abgebildete Raum tendenziell flächig, weshalb Deleuze von
»beliebigen Räumen« oder »Raum-Zeiten« mit taktilen Qualitä­
ten spricht. Davon ausgehend zeichnet er unterschiedliche Gege­
benheitsweisen solch beliebiger Räume in der gesamten Filmge­
schichte nach, die durch fragmentierende Einstellungen wie bei
Bresson, durch Entgeometrisierung des Filmraums in Licht­
Schatten-Kontrasten wie im deutschen Expressionismus, durch
Lichtmodulationen wie in der »poetischen Abstraktion« eines

132
Sternberg oder durch Farbabsorption wie bei Antonioni hervor­
gebracht sein können.
In der Erörterung des Aktionsbilds wird Deleuzes Herkunft
aus dem Strukturalismus noch einmal deutlich, da er dieses im
Hinblick auf seine topalogischen Stereotypen diskutiert: »Das
Aktionsbild ist strukturaler Art, denn die Plätze und Elemente
sind in ihren Oppositionen und Komplementaritäten wohldefi­
niert.« (BB, 206) Unterschiede zwischen Aktionsbildern gebe es
vor allem hinsichtlich der Dominanz der Aktion oder der Situa­
tion. Er unterscheidet von daher eine »große Form«, in welcher
sich Milieus »unmittelbar in bestimmten, geographischen, histo­
rischen und sozialen Raum-Zeit-Einheiten« (BB, 193) aktualisie­
ren, von der »kleinen Form«, in welcher eine Handlung zu be­
stimmten neuen Situationen führt. Zusätzlich unterscheiden
sich Aktionsbilder im Hinblick darauf, ob sie am Ende die Aus­
gangssituation wieder herstellen oder die Situation modifizie­
ren. )Die große Form begegnet vorzugsweise in Monumentalfil­
men; in Western oder in den Burlesken Buster Keatons: »Der
Held gleicht einem winzigen Punkt, umgeben von einem über­
dimensionalen, katastrophischen Milieu in einem sich wandeln­
den Raum.« (BB, 234) Aber auch die »Aternräume« von Kuro­
sawa zählen zur großen Form. Im Gegensatz zur globalen
Repräsentation der großen Form tritt die kleine Form als ellipti­
sche Wiedergabe lokaler Ereignisse auf. Sie kommt ebenso in
den Gesellschaftskomödien von Lubitsch, in den Burlesken
Chaplins wie in den Detektivfilmen von Howard Hawks zu
sich. Innerhalb des japanischen Films findet sie Einlösungen bei
Mizoguchi und Ozu.
Mit dem Zweiten Weltkrieg und seiner Zerstörung nationaler
und biographischer Einheiten und psychischer Gewissheiten
vollzieht sich für Deleuze der entscheidende Umbruch, der den
Wechsel vom Bewegungs-Bild zum Zeit-Bild erzwingt und mit

133
einer »Krise des Aktionsbilds« beginnt. Das »binomische« Akti­
onsbild öffnet sich nun auf eine »Drittheit<<, worunter die Ins­
tanz des Zuschauers zu verstehen ist: Hitchcock verleiht den
Filmbildern dank seiner Suspense-Technik eine mentale Dimen­
sion. »So erscheint Hitchcock in der Geschichte des Films als
derjenige, der die Entstehung eines Films nicht mehr nur als
Funktion zweier Glieder - des Regisseurs und des entstehenden
Films - betrachtet, sondern in Abhängigkeit von drei Faktoren:
des Regisseurs, des Films und des Publikums, [...] dessen Reak­
tionen zum integralen Bestandteil des Films werden.« (BB, 270)
Der letzte entscheidende Schritt hin zum Zeit-Bild vollzieht
sich nun aber dadurch, dass der Zuschauer nicht mehr nur als
imaginierende Instanz in das Filmgeschehen eingebunden wird,
sondern als Alter Ego im Filmbild selbst erscheint: Angesichts
des Kahlschlags des Krieges verwandelt sich der Protagonist in
einen reinen Schauenden, in einen Betrachter der Welt, der zur
Handlung unfähig geworden ist. In Rossellinis Germania Anno
Zero blickt der jugendliche Protagonist auf die Ruinen des zer­
bombten Berlin und geht ob der Unerträglichkeit der Situation
am Ende in den Tod. Die Gesamtsituation präsentiert sich als so
rätselhaft oder desaströs, dass Aktionen allenfalls als Reaktionen
auf das Unerträgliche aufkommen. In der erzwungenen Außer­
kraftsetzung gewohnter Verhaltensweisen wird dafür die Zeit
selbst zur Ansicht gebracht.
Mit dem französischen Filmtheoretiker Andre Bazin eröffnet
Deleuze den zweiten Band seiner filmtheoretischen Überlegun­
gen, Cinema 2. L'lmage-Temps (1985)/Das Zeit-Bild Kino 2. Mit
ihm geht er davon aus, dass das Kino der Nachkriegszeit eine
neue, bislang nicht dagewesene Haltung zur Realität einnimmt:
»Statt ein bereits dechiffriertes Reales zu präsentieren, meine
der Neorealismus ein zu dechiffrierendes und stets zweideutiges
Reales; aus diesem Grund trete die Plansequenz zunehmend an
134
die Stelle der Montage von Repräsentationen. Der Neorealis­
mus erfand demnach einen neuen Bildtypus, für den Bazin die
Bezeichnung >Tatsachen-Bild< vorschlug.« (ZB, 11). Dank seines
suchenden Realitätsbezugs findet das neue Kino zu for­
malästhetischen Innovationen, durchbricht nicht mehr nur im
Affektbild das Reiz-Reaktionsschema und die gewohnten Bild­
verkettungen, sondern problematisiert die Bildproduktion
selbst, versetzt den gesamten Film in eine Position reinen
Schauens, in welcher das Unerträgliche und Unfassbare der
neuen Situation ausgestellt wird: »Ein Kennzeichen des Neorea­
lismus ist gerade das Anwachsen rein optischer Situationen
(und auch akustischer, wenngleich in den Anfängen des Neorea­
lismus der Synchronton noch nicht · vorhanden war), die sich
von den sensornotorischen Situationen des Aktions-Bildes im
frühen Realismus wesentlich unterscheiden.« (ZB, 13) An die
Stelle stereotyper Handlungsabläufe treten Verschiebungen der
Personen im Raum, an die Stelle objektivierender Abbilder kon­
tingente visuelle Beschreibungen: »Wir haben es in der Tat mit
einem Unbestimmbarkeits- und Ununterscheidbarkeitsprinzip
zu tun: man weiß nicht mehr, was imaginär und real, körperlich
oder mental in der Situation ist.« (ZB, 19) Der Film begreift sich
nicht länger als Wiedergabe filmvorgängiger Gegebenheiten,
sondern als Realitätsproduzent, der den Außenraum mitkons­
truiert: »Das >Off< verschwindet tendenziell zugunsten einer
Differenz zwischen Gesehenem und Gehörtem, einer Differenz,
die konstitutiv für das Bild ist. Es gibt kein hors-champ mehr.
Das Außerhalb des Bildes wird durch den Zwischenraum zwi­
schen den beiden Kadrierungen ersetzt.« (ZB, 235) In diesen
neuen Räumen erblickt Deleuze schließlich späte Einlösungen
dessen, was der Mathematiker ::Sernhard Riemann Mitte des 19.
Jahrhunderts als »mannigfaltige Räume mit n-Dimensionen« er­
rechnet hat:

135
»In diesem Sinn kann man vom Riemannschen Raum bei Bresson, im
Neorealismus, in der nouvelle vague und in der New Yorker Schule spre­
chen; von Quantenräumen bei Robbe-Grillet, von Wahrscheinlichkeits­
räumen und topalogischen Räumen bei Resnais, von kristallisierten Räu­
men bei Herzog und Tarkovskij. Wir sprechen beispielsweise von einem
Riemannschen Raum, wenn die Anschlüsse der Teile nicht im voraus de­
terminiert sind, sondern sich auf verschiedene Art und Weise herstellen
können; es handelt sich dann um einen abgetrennten, rein optischen,
akustischen oder auch taktilen Raum. Ebenso gibt es die leeren und
amorphen Räume, die, wie bei Ozu oder Antonioni, ihre euklidischen
Koordinaten verlieren.« (ZB, 172)

Die Zeit ist nicht mehr das Maß der Bewegung, sondern die Be­
wegung wird zu einer der Perspektiven der Zeit: »Sie lässt ein
regelrechtes Kino der Zeit mit einer neuen Montagekonzeption
und neuen Montageformen entstehen« (ZB, 37). Eine neue »Ana­
lytik des Bildes« bringt neue Sequenzaufgliederungen hervor;
die Beschreibung des Filmraums folgt aus der Kombination un­
abhängiger Opto- und Sonozeichen, aber auch aus einer bislang
unbekannten Kameraautonomie: »Dieses Kamera-Bewusstsein
stellt Fragen, formuliert Antworten, führt zu Einwänden und
Provokationen, bildet Theoreme, Hypothesen und Experimente
[...] entsprechend den geistigen Funktionen eines cinema-verite.«
(ZB, 38) Tati verwandelt die Burleske, Godard das Aktionsbild
in optisch-sonore Situationen, Fellini und Rivette bringen mit­
tels »sympathetischem Subjektivismus«, Antonioni oder Godard
mittels »kritischem Objektivismus« andere Realitäten hervor.
Im Kapitel »Zeitkristalle« wird die Selbstreflexion der Zeit
schließlich am peintiertesten vorgeführt: Das kristalline Film­
bild wird als eines bestimmt, das seine aktuelle und virtuelle
Doppelseitigkeit ausstellt und fortgesetzt ineinander übergehen
lässt: »Es ist, als ob ein Spiegelbild, ein Photo oder eine Post­
karte ein Eigenleben gewönne, unabhängig würde und ins Ak-

136
tuelle überginge, dann aber, sobald das aktuelle Bild im Spiegel
wiederkehrte, wieder seinen Platz auf der Postkarte oder dem
Photo annähme, also einer doppelten Bewegung von Befreiung
und Verhaftung folgte.« (ZB, 96 f.) Diese immanenten Reflexio­
nen kennen größere oder kleinere Kreisläufe, wobei Deleuze die
Aktualisierung von Erinnerungs- und Traumbildern nicht für
das »tiefste« Verfahren hält. Adäquatere Verfahren erblickt er in
der Selbstthematisierung des Aufnahmeprozesses wie bereits in
Dsiga Vertovs Mann mit der Kamera oder Buster Keatons Ca­
mera Man, in Filmdramaturgien, die den Prozess ihrer Genese
wiederholen wie in Fellinis 8 16 oder Truffauts La nuit ameri­
caine. Am deutlichsten wird die Revirtualisierung des Filmbil­
des allerdings in spiegelbildlichen Brechungsverfahren wie in
Resnais' L'annee derniere a Marienbad, in Orson Welles' Lady
from Shanghai oder in Herzogs Herz aus Kristall. In diesen bildli­
ehen Selbstreflexionen gibt sich schließlich die Zeit selbst zu
sehen, wird das Werden und Vergehen als solches anschaubar:
»Das Kristallbild ist der Punkt der Ununterscheidbarkeit zwi­
schen den beiden Bildern, dem aktuellen und dem virtuellen,
während dasjenige, was man im Kristall sieht, die Zeit selbst,
ein geringer Teil der Zeit in reinem Zustand« ist (ZB, 112). Die­
sen Zeit-Bildern gelingt es nicht nur, »Vergangenheitsschichten«
zu aktualisieren, sondern - wie Proust - zur reinen Vergangen­
heit vorzudringen und »die innere Qualität des in der Zeit Wer­
denden« (ZB, 351) vorzustellen. Die zeitliche Vervielfältigung
mittels »Chronozeichen«, bildimmanenter Brechungsverfahren
und unmittelbarer Zeitpräsentationen, mittels »Dekadrierun­
gen«, falscher Anschlüsse, unabhängiger Schnitte oder Modi der
Zeitdehnung und -raffung bringt achronologische und chroni­
sche Zeiten hervor, Zeiten, die sich vertikalisieren, Tableaus aus­
bilden und damit zu neuen Denkspitzen gelangen, worin De­
leuze den Wert jeglicher Artikulation erblickt.

137
Daher verbindet er mit dem Film die Hoffnung, nach Verlust
des Glaubens an Gott und den Menschen einen neuen Glauben
an die Welt zurückzuerstatten: »Allein der Glaube vermag den
Menschen an das zurückzubinden, was er sieht und hört. Von
daher ist es notwendig, dass das Kino nicht die Welt filmt, son­
dern den Glauben an die Welt, unser einziges Band.« (ZB, 224)
In diesem Sinn lässt er Rossellini sagen: »Je weniger menschlich
die Welt ist, desto mehr kommt es dem Künstler zu, an die Be­
ziehung zwischen Mensch und Welt zu glauben und die anderen
zu diesem Glauben zu veranlassen.« (ZB, 223) Im Gegensatz zu
Kracauer erblickt er die Möglichkeit der Glaubensstiftung je­
doch weniger in der »Errettung der äußeren Wirklichkeit« als
im (De)Konstruktiven, in der Decodierung der [Link]
Bilder, in der Sichtbarmachung von etwas in ihnen, im Figura­
len, das in keiner Figuration aufgeht, sondern auf ein Außen,
auf jene virtuellen Größen von zeitlicher Unendlichkeit, Bild
und Bewegung an sich verweist. Selbst das ethnographisch-do­
kumentarische Kino eines J ean Rouch kennt Bewegungen im
Grenzbereich von Realem und Imaginärem und lässt Realität
aus »Fabulierungen« entstehen.
In Deleuzes Glauben an das Kino und seine Lebensmächtig­
>>

keit« bleibt aber auch bis zuletzt jene Gesellschaftskritik hör­


bar, wie sie insbesondere Pasolinis und Godards Filmemachen
bestimmt: jener Glaube, dass Bilder nicht nur die Welt ebenso
vielfältig wie Buchstaben erschließen, sondern in zeitbildliehen
und irritierenden Kirrernatografien alles Stereotype zerstören
und damit den Zuschauer aus rezeptiver Abrichtung und emo­
tionaler Unterwerfung befreien. Dem Zeit-Bild wird die Potenz
zuerkannt, neue Völker und neue Zeit-Räume hervorzubringen,
neue Gemeinschaften zu erfinden in der »Vervielfältigung der
Emotion, der Befreiung der Emotion, der Erfindung neuer
Emotionen« (ZB, 269). Im Zeit-Bild entdeckt Deleuze zuletzt
138
jene Einbildungskraft, jene Potenz der Phantasie wieder, die er
zu Beginn mit Hume als Differentiant der Vermögen und als
»moralischen Schematismus« zu profilieren suchte, weil dank
seiner lntra(in)dividuelles offengelegt wird. Ob der Zeitdiversi­
fizierung adelt er das Zeit-Bild als visionäre Kunst, die wie
keine andere das Kommende imaginiert und Zukunft möglich
werden lässt.
' '
Anhang
Anmerkungen

Einleitung

1 Slavoj Zizek, Sehr innig und nicht zu rasch. Zwei Essays über sexuelle
Differenz als philosophische Kategorie, Wien 1999, S. 10.
2 Vgl. Michel Foucault, »Theatrum philosophicum«, in: Gilles Deleuze/
Felix Guattari, Der Faden ist gerissen, Berlin 1977, S. 21-58.
3 Reda Bensmaia, Gilles Deleuze ou comment devenir un Stalker en
Philosophie?, in: Lendemains 53, Berlin 1989, S. 7.
4 Diese Taktik des Verschweigens stellte sich in Folge der Rezeption
des Anti-Ödipus durch den Philosophen Manfred Frank ein, der in
»Die Welt als Wunsch und Repräsentation oder: Gegen ein anarcho­
strukturalistisches Zeitalter«, in: Das Sagbare und das Unsagbare. Stu­
dien zur deutsch-französischen Hermeneutik und Texttheorie, Frankfurt
a.M. 1989, S. 561-573, den »anarcho-strukturalistischen« Ansatz der
Autoren in die Nähe zu konservativen Vitalismustheorien der Vor­
kriegszeit brin gt, dem Verdacht des Irrationalismus und der Gegen­
aufklärung aussetzt und darin den allgemeinen universitären Vorbe­
halt gegen dieses »wilde Denken« artikuliert. Seitdem schwebt über
ihren Schriften das Verdikt des »Postmodernismus«, das sie in eine
Reihe mit Theoretikern wie Baudrillard und Virilio rückt. Für Jürgen
Habermas' Philosophischen Diskurs der Moderne existieren die Autoren,
neben Foucault und anderen, nicht.
5 Hans Robert Jauß, Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts »A La recherche
du temps perdu«, Beideiberg 1955 und die 1986 angefügte Erörterung
neuerer wissenschaftlicher Ansätze, S. 363.
6 Rainer Warning, Vergessen, Verdrängen und Erinnern in Prousts A la
recherche du temps perdu, in: Memoria, Vergessen und Erinnern (Po­
etik und Hermeneutik 15), hg. v. Anselm Haverkamp und Renate
Lachmann, München 1993, S. 160-194.

143
7 Wolfgang Welsch, Unserepostmoderne Moderne, Weinheim 1988, S. 141 f.
8 Vgl. Bernhard Taureck, Franzö'sische Philosophie im 20. Jahrhundert,
Harnburg 1988. .
9 Vgl. Christoph Tholen, Schizo-Schleichwege. Beiträge zum Anti-Ödipus,
Bremen 1981; Thomas Lange, Die Ordnung des Begehrens, Bielefeld
1989.
10 Vgl. Mirjam Schaub, Deleuze im Wunderland, München 2002.
11 Vgl. Friedrich Balke!Joseph Vogl, Fluchtlinien der Philosophie, Mün­
chen 1996.
12 Vgl. Stephan Hesper, Schreiben ohne Text De i prozessuale Ästhetik von
Gilles Deleuze und Felx i Guattari, Opladen 1994; Mirjam Schaub, De­
leuze im Kino, München 2002.
13 Ingo Zechner, Der Gesang des Werdens, München 2003.
14 Michaela Ott, Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren des Literarischen im
Werk von Gilles Deleuze, Wien 1998.
15 Stephan Günzel, Immanenz. Zum Philosophiebegriffvon Gilles Deleuze,
Essen 1998.
16 Wolfgang Langer, Gilles Deleuze. Kritik und Immanenz, Berlin 2003.
17 Mirjam Schaub, Deleuze im Wunderland, München 2002; Mirjam
Schaub, Deleuze im Kino, München 2002.
18 Mare Rölli, Gilles Deleuze. Philosophie des transzendentalen Empirismus,
Wien 2003.
19 Ders. (Hg.), Ereignis aufFranzösisch. Von Bergsan bis Deleuze, München
2004.
20 Gilles Deleuze, Das Zeit-Bild. Kino 2, übers. v. K. Englert, Frankfurt
a.M. 1991, S. 358.
21 Ders./Felix Guattari, Qu'est-ce que la philosophie?, Paris 1991; Was ist
Philosophie?, übers. v. Bernd Schwibs und Joseph Vogl, Frankfurt a.M.
1996.
22 Vgl. ders., Diffirence et repitition, Paris 1968; Differenz und Wiederho­
lung, übers. v. Joseph Vogl, München 1992.

144
Erstes Kapitel

1 Vgl. Gilles Deleuze/Felix Guattari, Qu'est-ce que la philosophie?, Paris


1991; Was ist Philosophie?, übers. v. Bernd Schwibs und Joseph Vogl,
Frankfurt a.M. 1996.
2 Sigmund Freud, »Das Unbewusste«, in: Psychologie des Unbewußten,
Frankfurt a.M. 1975, S. 145-146.
3 Gilles Deleuze, L'immanence: une vie, in: Philosophie 47, Paris, 1.9.1995;
Die Immanenz: Ein Leben, in: Joseph VogVFriedrich Balke, Gilles De­
leuze - Fluchtlinien der Philosophie, München 1996, S. 29-33.
4 Vgl. ders., Michel Tournier und die Welt ohne anderen, in: Logik des
Sinns, übers. v. Bernhard Dieckmann, Frankfurt a.M. 1993, S. 364-385.
5 Ders., Portrait du philosophe en spectateur, in: Deux regimes de fous,
Paris 2003, S. 197.

Zweites Kapitel

1 Gilles Deleuze, Empirisme et subjectiviti. Essai sur la nature humaine


selon Hume, Paris 1953; David Hume, übers. v. Peter Gehle und Mar­
tin Weinmann, Frankfurt a.M./New York 1997.
2 Vgl. ders., Unterhandlungen, 1972-1990, übers. v. Gustav Roßler, Frank­
furt a.M. 1993, S. 15.
3 Ders., Über vier Dichterformeln, die die Philosophie Kants zusam­
menfassen könnten, in: Kritik und Klinik, übers. v. Joseph Vogl,
Frankfurt a.M. 2000, S. 42.
4 Ebd., S. SO.
5 Ebd., S. 51.
6 Ebd., S. 51.
7 Ders., Nietzsche et la philosophie, Paris 1962; Nietzsche und die Philoso­
phie, übers. v. Bernd Schwibs, München 1976.
8 Ders., Le bergsonisme, Paris 19'66; Henri Bergson. Zur Einführung,
Harnburg 1989.
9 Ders., Spinoza et le problerne de l'expression, Paris 1968; Spinoza und das
Problem des Ausdrucks in der Philosophie, übers. v. Ulrich Johannes
Schneider, München 1993.

145
10 Ders., Diffbence et repetition, Paris 1967; Differenz und Wiederholung,
übers. v. Joseph Vogl, München 1992.
11 Ders., Preface a l'edition americaine, in: Deux regimes de fous, Paris
2003, s. 280 ff.
12 Ders., Logique du sens, Paris 1969; Logik des Sinns, übers. v. Bernhard
[Link], Frankfurt a.M. 1993.
13 Ders., Porzellan und Vulkan, übers. v. Michaela Ott, Berlin 1983.

Drittes Kapitel

1 Gilles Deleuze, Proust et !es signes, Paris 1973; Proust und die Zeichen,
übers. v. Henriette Beese, München 1977.
2 Um hier nur zwei Autoren dieser umfassenden Diskussion zu nen­
nen: Hans Robert Jauß, Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts »A la re­
cherche du temps perdu«, Heidelberg 1955; Rainer Warning, Vergessen,
Verdrängen und Erinnern in Prousts A la recherche du temps perdu,
in: Memoria, Vergessen und Erinnern (Poetik und Hermeneutik 15), hg.
v. Anselm Haverkamp und Renate Lachmann, München 1993, S. 160-
194.
3 Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips (1920), in: Psychologie des
Unbewußten, Studienausgabe Bd. III, Frankfurt a.M. 1975, S. 264.
4 Gilles Deleuze, Kritik und Klinik, übers. v. Joseph Vogl, Frankfurt
a.M. 1998.
5 Jacques Lacan, Le seminaire. Livre VII L'ethique de la psychanalyse,
Paris 1986, S. 281.
6 Gilles Deleuze, Presentation de Sacher-Masoch, in: Leopold von Sa­
cher-Masoch, Venus dans la fourrure, Paris 1967.
7 Ders./Felix Guattari, Kafka. Pour une Iitterature mineure, Paris 1975;
Kafka. Für eine kleine Literatur, übers. v. Burkhart Kroeber, Frankfurt
a.M. 1976.
8 Ders., »Jean Hippolyte, Logique et Existence«, in: L'ile deserte et autres
textes, Paris 2003, S. 18-23.
9 Ders., »Bartleby, ou la formule«, in: Critique et Clinique, Paris 1993, S.
89-114.

146
Viertes Kapitel

1 Vgl. Michaela Ott, Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren des Literari­
schen im Werk von Gilles Deleuze, Wien 1998.
2 Gilles Deleuze, Pourparlers 1972-1990, Paris 1990; Unterhandlungen,
übers. v. Gustav Roßler, Frankfurt a.M. 1993.
3 Ders., L!Anti-Oedipe. Capitalisme et schzophrenie,
i Paris 1972; Anti-Ödipus.
Kapitalismus und Schzophrenie,
i übers. v. Bemd Schwibs, Frankfurt a.M.
1977.
4 Ders., Dialogues, Paris 1977; Dialoge mit Claire Parnet, übers. v. Bernd
Schwibs, Frankfurt a.M. 1980.
5 Ders./Felix Guattari, Mille Plateaux, Paris 1980; Tausend Plateaus,
übers. von Ronald Vouille und Gabriele Ricke, Berlin 1992.
6 Ders., Deux regimes de fous, hg. v. David Lapoujade, Paris 2003, S. 162-
166.
7 Ders., Spinoza. Philosophie pratique, Paris 1981; Spinoza. Praktische Phi­
losophie, Berlin 1988.
8 Ders., Spinoza et le problerne de l'expression, Paris 1968; Spinoza und das
Problem des Ausdrucks in der Philosophie, übers. v. Ulrich Johannes
Schneider, München 1993.
9 Ders., Le Pli Leibnz i et le Baroque, Paris 1988; Die Falte. Leibnz
i und der Ba­
rock, übers. v. UlrichJohannes Schneider, Frankfurt aM. 1995.
10 Ders., Foucault, Paris 1986; übers. v. Herbert Kocyba, Frankfurt a.M.
1987.

Fünftes Kapitel

1 Gilles Deleuze, Le Cerveau, c'est 1'ecran, in: Deux regimes de fous, Paris
2003 s. 264 f.
2 Ders., Cinema-1, Premiere, in: Deux regimes defous, Paris 2003, S. 194.
3 Ders., Cinema 1. L'image-Mouvement, Paris 1983; Das Bewegungs-Bild
Kino 1, übers. v. Ulrich Christians und Ulrike Bokelmann, Frankfurt
a.M. 1989; Gilles Deleuze, Cinema 2 L'image-Temps, Paris 1985; Das Zeit­
Bild. Kino 2, übers. v. Klaus Englert, Frankfurt a.M. 1991.

147
Literatur

Schriften von Gilles Deleuze (Siglen)

»Bartleby, ou Ia formule«, in: Critique et Clinique, Paris: Ed. de Minuit,


1993; Bartleby oder die Formel, übers. v. Bernhard Dieckmann, Berlin
1994.
Le bergsonisme, Paris 1966; Henri Bergson. Zur Einführung, Harnburg
1989. (HB)
Le Cerveau, c'est l'ecran, in: Deux regimes de fous, S. 263-271.
Cinema-1, Premiere, in: Deux regimes de fous, S. 194-196.
Cinema 1. L'image-Mouvement, Paris 1983; Das Bewegungs-Bild. Kino 1,
übers. v. Ulrich Christians und Ulrike Bokelmann, Frankfurt a.M.
1989. (BB)
Cinema 2. L'image-Temps 1985; Das Zeit-Bild. Kino 2, übers. v. Klaus Eng­
lert, Frankfurt a.M. 1991. (ZB)
Critique et Clinique, Paris 1993; Kritik und Klinik, übers. v. Joseph Vogl,
Frankfurt a.M. 1998. (CC)
Deux regimes de fous, hg. V. David Lapoujade, Paris 2003.
Dialogues, Paris 1977; Dialoge mit Claire Parnet, übers. v. Bernd Schwibs,
Frankfurt a.M. 1980. (Dia)
Difference et repitition, Paris 1967; Difforenz und Wiederholung, übers. v.
Joseph Vogl, München 1992. (DW)
Empirisme et subjectiviti, Paris 1953; David Hume, übers. v. Peter Geble
und Martin Weinmann, Frankfurt a.M./New York 1997. (H)
Foucault, Paris 1986; Foucault, übers. v. Hermann Kocyba, Frankfurt a.M.
1987. (F)
Le Cerveau, c' est 1' ecran, in: Deux regimes defous, S. 263-271.
Francis Bacon. Logique de la sensation, Paris 1981; Francis Bacon. Logik der
Sensation, übers. v. Joseph Vogl, München 1995. (FB)

148
L'ile deserte et autres textes, Paris 2003; Die einsame Insel Texte und Ge­
spräche von 1953-1974, übers. v. Eva Moldenhauer, Frankfurt a.M.
2003.
L'immanence: une vie, in: Deux regimes de fous, Paris 2003, S. 359-364;
Die Immanenz: Ein Leben, in: Joseph Vogl/Friedrich Balke, Gilles De­
leuze - Fluchtlinien der Philosophie, München 1996, S. 29-33.
Jean Hippolyte. Logique et Existence, in: L'ile deserte et autres textes, Paris
2003, s. 18-23.
mit Felix Guattari, Kafka. Pour une Iitterature mineure, Paris 1975; Kafka.
Für eine kleine Literatur, übers. v. Burkhart Kroeber, Frankfurt a.M.
1976. (K)
mit Claire Parnet, L'Abecedaire (3 Videos), Paris 1996.
mit Felix Guattari, L'Anti-Oedip e. Capitalisme et schizophrenie, Paris 1972;
Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie, übers. v. Bernd Schwibs,
Frankfurt a.M. 1977. (AÖ)
Le Pli. Leibniz et le Baroque, Paris 1988, Die Falte. Leibniz und der Barock,
übers. v. Ulrich Johannes Schneider, Frankfurt a.M. 1995. (t)
Logique du sens, Paris 1969; Logik des Sinns, übers. v. Bernhard Dieck­
mann, Frankfurt a.M. 1993. (LS)
mit Felix Guattari, Mille Plateaux, Paris 1980; Tausend Plateaus, übers. v.
Ronald Vouille und Gabriele Ricke, Berlin 1992. (TP)
Nietzsche et la philosophie, Paris 1962; Nietzsche und die Philosophie, übers.
v. Bernd Schwibs, München 1976. (N)
Porzellan und Vulkan, übers. v. Michaela Ott, Berlin 1983.
Proust et les signes, Paris 1973; Proust und die Zeichen, übers. v. Henriette
Beese, München 1977. (P)
Pourparlers 1912-1990, Paris 1990; Unterhandlungen 1912-1990, übers. v.
Gustav Roßler, Frankfurt a.M. 1993. (U)
mit Felix Guattari, Qu'est-ce que la philosophie?, Paris 1991; Was ist Philo­
sophie?, übers. v. Bernd Schwibs und Joseph Vogl, Frankfurt a.M. 1996.
(Qu)
Presentation de Sacher-Masoch, in: Sacher-Masoch, Venus dans la four­
rure, Paris 1967; Sacher-Masoch und der Masochismus, übers. v. Ger­
trud Müller, in: Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt a.M. 1980.
(SM)

149
Spinoza et le problerne de l'expression, Paris 1968; Spinoza und das Problem
des Ausdrucks in der Philosophie, übers. v. Ulrich Johannes Schneider,
München 1993. (S)
Spinoza. Philosophie pratique, Paris 1981; Spinoza. Praktische Philosophie,
übers. v. Hedwig Linden, Berlin 1988. (SPP)
Woran erkennt man den Strukturalismus?, übers. v. Eva Brückner-Pfaffen­
berger und D. Watts Tuckwiller, Berlin 1992. (Str)
Über vier Dichterformeln, die die Philosophie Kants zusammenfassen
könnten, in: Kritik und Klinik, übers. v. Joseph Vogl, Frankfurt a.M.
2000, s. 42.

Schriften zu Gilles Deleuze

Eric Alliez, La signature du monde, ou qu'est-ce que la philosophie de De-


leuze et Guattari?, Paris 1993.
Alain Badiou, Gilles Deleuze. La clameur de l'etre, Paris 1997.
Friedrich Balke, Gilles Deleuze, Frankfurt a.M./New York 1998.
Ders.!Joseph Vogl, Fluchtlinien der Philosophie, München 1996.
Reda Bensmaia, Gilles Deleuze ou comment devenir un Stalker en Philo­
sophie?, in: Lendemains 53, Berlin 1989, S. 7.
Ronald Bogue, DeZeuze and Guattari, London/New York 1989.
Constantin Boundas/Dorothea Olkowski (Hg.), Gilles Deleuze and the
Theatre ofPhilosophy, New York!London 1994.
Elisabeth Büttner, Projektion. Montage. Politik, Wien 1999.
Mireille Buydens, Sahara. L'esthetique de Gilles Deleuze, Paris 1990.
Andre Colombat, Deleuze et la litterature, New York/Bern/Frankfurt
a.M./Paris 1990.
Michel Cressole, Deleuze, Paris 1973.
Michel Foucault, Der Ariadnefaden ist gerissen, in: Gilles Deleuze/Mi­
chel Foucault, Der Faden ist gerissen, Berlin 1977, S. 7-12.
Ders., Theatrum philosophicum, in: Der Faden ist gerissen, Berlin 1977, S.
21-58.
Oliver FahlefLorenz Engeil (Hg.), Das Kino bei Deleuze!Le Cinema selon
Deleuze, Weimar 1997.

150
Manfred Frank, Die Welt als Wunsch und Repräsentation oder: Gegen
ein anarcho-strukturalistisches Zeitalter, in: Das Sagbare und das Un­
sagbare. Studien zur deutsch-franzö"sischen Hermeneutik und Texttheorie,
Frankfurt a.M. 1989, S. 561-573.
Stephan Günzel, Immanenz. Zum Philosophiebegriff von Gilles Deleuze,
Essen 1998.
Clemens-Carl Härle (Hg.), Karten zu > Tausend Plateaus<, Berlin 1993.
Michael Hardt, Gilles Deleuze. An Apprentceship i in Philosophy, Minne­
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Stephan Hesper, Schreiben ohne Text. Die prozessuale Ästhetik von Gilles
Deleuze und Felix Guattari, Opladen 1994.
Stefan Heyer, Deleuzes und Guattaris Kunstkonzept. Ein Wegweiser durch
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Christian Jäger, Gilles Deleuze. Eine Einführung, München 1997.
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Wolfgang Langer, Gilles Deleuze. Kritik und Immanenz, Berlin 2003.
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Michaela Ott, Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren des Literarischen im
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Mare Rölli, Gilles Deleuze. Philosophie des transzendentalen Empirismus,
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Christian Ruby, Les archipels de la difference, Paris 1989.
Mirjam Schaub, Deleuze im Wunderland, München 2002.
Dies., DeZeuze im Kino, München 2002.
Henning Schmidgen, Das Unbewußte der Maschinen. Konzeptionen des
Psychischen bei Guattari, DeZeuze und Lacan, München 1997.
Bernhard Taureck, Französschei Philosophie im 20. Jahrhundert, Reinbek
1988.
Rudolf Heinz/Christoph Tholen, Schizo-Schlechwege.i Beiträge zum Anti­
Odipus, Bremen 1981.

151
Rainer Warning, Vergessen, Verdrängen und Erinnern in Prousts A la re­
cherche du temps perdu, in: Memoria, Vergessen und Erinnern (Poetik
und Hermeneutik 15), hg. v. Anselm Haverkamp und Renate Lach­
mann, München 1993, S. 160-194.
Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1988.
Ingo Zechner, Der Gesang des Werdens, München 2003.
Francois Zourabichvili, Deleuze. Une philosophie de l'evenement, Paris
1994.

152
Zeittafel

1925 geboren am 18. Januar in Paris.


1944-1948 Studium der Philosophie an der Pariser Sorbonne, unter an­
deren bei Ferdinand Alquie, Georges Canguilhem und Jean
Hippolyte; Bekanntschaft mit Francois Chatelet, Michel
Butor, Claude Laozmann und Michel Tournier.
1953 Empirisme et Subjectitvite. Essai sur la nature humaine.
1948 Aggregation in Philosophie.
1948-1957 Philosophielehrer in Amiens, Orleans und Paris.
1957-1960 Hochschulassistent für Geschichte der Philosophie an der
Sorbonne.
1960-1964 Mitarbeiter am CNRS.
1963 La philosophie critique de Kant.
1964-1969 Lehrbeauftragter an der philosophischen Fakultät von Lyon.
1968 These d'Etat : Difference et repetition und Spinoza et le pro­
blerne de l'expression.
1968 Logique du sens; Beginn der Zusammenarbeit mit Felix
Guattari; Professor für Philosophie an der Sorbonne Nou­
velle Paris VIII in Vincennes.
1969 Mitarbeit in der von Michel Foucault und Daniel Defert ge­
leiteten Groupe d'Information sur les prisons (GIP).
1972 Mit Guattari: L:Anti-Oedipe. Capitalisme et schizophrinie.
1975 Mit Guattari: Kafka - Pour une Litterature mineure.
1977 Mit Claire Parnet: Dialogues.
1980 Mit Guattari: Mille Plateaux. Capitalisme et schizophrenie.
1981-1985 Francis Bacon. Logique de la sensation; Cinema 1. L'image-Mou­
vement; Cinema 2. L'image-Temps.
1986 Foucault.
1988 Le pli. Leibniz et le baroque; Pbicles et Verdi.
1991 Mit Guattari: Qu'est-ce que la philosophie?

153
1993 Aufsatzband Critique et Clinique. L'immanence - une vie in
der Zeitschrift Philosophie.
1995 Freitod am 4. November.
Deleuze war verheiratet und hatte zwei Kinder.

154
Michaela Ott, Privatdozentin am Seminar für Filmwissenschaft der Freien
Universität Berlin; Philosophin, Filmwissenschaftlerin und Ü bersetzerin;
wichtigste Veröffentlichungen: Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren
des Literarischen im Werk von Gilles Deleuze (Wien: Passagen 1998),
(Hg.) Denken des Raums in Zeiten der Globalisierung (Hamburg: LIT­
Verlag 2005), Phantasma und symbolische Ordnung im zeitgenössischen
(Hollywood)Film (München: edition text und kritik 2005); wichtigste
Übersetzungen: Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft (Frank­
furt a.M.: Suhrkamp 1999), Michel Foucault, Die Anormalen (Frankfurt
a.M.: Suhrkamp 2003).

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