Junius: Gilles Deleuze Zur Einführung
Junius: Gilles Deleuze Zur Einführung
Michaela Ott
JUNIUS
Wissenschaftlicher Beirat
Michael Hagner, Zürich
Dieter Thomä, St. Gallen
Cornelia Vismann, Frankfurt a.M.
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Junius Verlag GmbH
Stresemannstraße 375
22761 Harnburg
Einleit-ung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
>)Werden« als Programm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Rezeption in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Denken als Freundschaftsakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Methode der Wiederholung und Differenzbildung . . . . . 25
Anhang
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
Zeittafel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 3
Über die Autorirr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Zur Einführung ...
7
Fragen in neuem Licht und neue Forschungsfelder in gültiger
Form dargestellt sehen.
Zur Einführung ist von Leuten geschrieben, die nicht nur einen
souveränen Überblick geben, sondern ihren eigenen Standpunkt
markieren. Vermittlung heißt nicht Verwässerung, Repräsentati
vität nicht Vollständigkeit. Die Autorinnen und Autoren der
Reihe haben eine eigene Perspektive auf ihren Gegenstand, und
ihre Handschrift ist in den einzelnen Bänden deutlich erkenn
bar.
Zur Einführung ist in verstärktem Maß ein Ort für Themen,
die unter dem weiten Mantel der Kulturwissenschaften Platz
haben und exemplarisch zeigen, was das Denken heute jenseits
der Naturwissenschaften zu leisten vermag.
Zur Einführung bleibt seinem ursprünglichen Konzept treu,
indem es die Zirkulation von Ideen, Erkenntnissen und Wissen
befördert.
Michael Hagner
Dieter Thomä
Cornelia V ismann
8
Einleitung
9
er daran, das Sein seiner Werdensvergessenheit zu entreißen, ja
das Werden im Ereignen vernehmbar zu machen und die Zeit
aus ihrer verordneten Linearität zu befreien. Wie nun ihn, der
seine Begegnungen mit anderen Denkern als Ereignisse verstan
den wissen wollte, insofern sie ihn als sich selbst Unbekannten
wieder finden ließen, wie nun ihn nach Maßgabe seiner Schrift
bewegungen konturieren und dabei einpassen in eine Überblicks
darstellung, die entsprechend ihrer Zielsetzung Disparitäten, Para
doxien, Zeittransformationen eher unterschlägt als akzentuiert?
Im Sinne des Freidenkens von Zeit und Ereignis entwickelt
Deleuze - in Nähe zu Foucault - eine archäologische Methode,
die er als »Geophilosophie« praktiziert und die darauf abzielt,
die Philosophiegeschichte als Sedimentierung von Gedanken zu
begreifen, die es erneut aufzudecken und deren Zeitspur, ihr un
vordenkliches Gewordensein nicht weniger als ihr fortgesetztes
Werden, es freizulegen gilt. Zei!li�pkeit soll dabei nicht als F:orm
-
der Anschauung oder als li�are Chronologie verstanden wer
den, sondern als mit den Dingen verwachsener, vielfältiger und
ünendlicher (Un)Grund, von dem her alles, was sich ereignet,
eine »Quasi-Ursache« erhält. Dass dieser Zeitgrund notgedrun
gen als entgründender, sich verschiebender und letztlich grund
loser zu verstehen ist und die Ontologie des Seins in eine des
Werdens und des Sinns überführt, wird im Durchgang durch
Deleuzes Schriften zu explizieren sein.
Sein Denken erscheint mithin nicht nur von dem Impuls ge
trieben, mit Heidegger das Sein als sich zeitigendes zu entfalten,
sondern der Zeitigung selbst zeitliche und logische Priorität zu
zuerkennen. Vor dem Werden ist logischerweise nichts. Entge
gen einer langen philosophischen Tradition lässt Deleuze das
Sein nicht als das Erste und Gründende gelten und weist die
Möglichkeit der Bestimmung eines Ursprungs insgesamt zurück.
Angefangen wird mittendrin, zwischen als unpersönlich und
10
präsubjektiv gedachten Spuren und Artikulationen, zwischen
afigurativen Bildelementen und deren metamorphotischer Wie
derkehr, die sich in komplexen Zeitsynthesen zu Subjekten, Or
ganismen, Aussagen und Bildern konfigurieren._!?!!�ken meint
seinerseits Wiederholung von vorgängigen unbewussten Syn
thesen der Erinnerung und Gewohnheit, von Rhythmen, Tempi
und Affekten, meint, abhängig von der Modifikation der Wie
&?tmtang, aber auch Anders-Werden, Differenzierung, Neuge-
·-
hurt.
Insofern vollzieht sich auch das hiesige Sprechen als Wieder
holung, Verschiebung und Durchdringung deleuzescher Aussa
gen nach Maßgabe von Affekt und Zeit. Zu vermeiden ist nicht
die Wiederholung an sich, da sie Bedingung der Möglichkeit
von Denken, Sprechen, Leben überhaupt ist. Zu vermeiden
wäre die mechanische Wiederholung, die trotz des zeitlichen
Abstands ein Identisch-Werden anstrebt und nicht das Andere
im Wiederkehrenden begrüßt. Geschieht Deleuzes Bejahung
der Wiederholung doch in dem Wunsch, sie zu vertiefen und als
differente wiederkehren zu lassen, in ihr subjektvorgängige, un
persönliche Größen zu entdecken- deren Prototyp die Unend
lichkeit, mit Bergson die »Dauer« ist -, um deren Aktualisie
rung als unzeitgemäße, singuläre, ereignishafte hervorzukehren.
Seine unterschiedlichen Studien profliieren denn auch Singulari
sierungen des zeitlichen Verlaufs, Momente, in welchen er sich
verdichtet, vertikalisiert, Tableaus errichtet und Intensitätsfel
der erzeugt. Bedenkenswert erscheinen sie ihm, da sie sich nicht
der Chronologie unterwerfen, sondern herausragende, gegen
läufige, die Vielfalt des Unendlichen einfaltende Zeitkomplexio
nen sind. Deleuzes Relektüren von Werken der Philosophie
und Literaturgeschichte, von Malerei und Film dienen der Of
fenlegung ihres besonderen Wiederholungscharakters, ihrer Stei
gerung der »Vermögen« zur Differenz und »Essenz«. Jede der
11
von ihm verfassten Monographien widmet sich einer außerge
wöhnlichen Zeit- und Denkkonfiguration, sucht diese in ihrer
Dynamik und Eigengesetzlichkeit zu ergründen, in ihren eige
nen Begriffen zu verlängern, aber auch zu öffnen und einzubet
ten in ein größeres Zeichen- und Zeitigungsfeld. }!!der Körper,
so Deleuzes Diktum in Anlehnung an Spinoza, ist die Summe
der Kräfte, denen er Zugriff erlaubt. Von daher sind die ihm zu
kommenden Kräfte ausfindig zu machen und in der Relektüre
weiter zu multiplizieren, ist die jeweilige Denkkonfiguration
größer, einzigartiger, schillernder erscheinen zu lassen und dabei
sichtbar zu machen, was sie an unpersönlichen Faktoren ent
hält. Indem Deleuze die Werke einer gleichsam mikroskopi
schen Analyse aussetzt und einem taktilen Auge zugänglich macht,
legt er ihren molekularen Bauplan und ihr inneres »Wimmeln«
offen und überführt sie in eine »diagrammatische«, abstrakte Figur,
die nach vielen Seiten hin verlängerbar erscheint.
Anders als Hegel, der seinem philosophischen System eben
falls den Gedanken zeitlicher Entfaltung einlegt, versteht Deleuze
diese nicht teleologisch als Selbstvervollkommnung des Geistes.
Innerhalb seines Programms eines »generalisierten Anti-Hege
lianismus« akzentuiert er vielmehr die vielfältige Unendlichkeit
der Zeit, die alle singulären Artikulationen zu »zukunftsvergan
genen« Differenzierungsprozessen und zu Erscheinungen von
Unzeitgemäßem werden lässt.� �eit, unendlicher Verlauf und
minimalste Augenblickshaftigkeit zugh;[Link], wird als distanzschaf
fender Verräumlichungsfaktor und »heterogenetische« Kraft ent
wickelt, die unvermittelte, disparate und sogar voreinander flie
hende Bruchstücke aus sich entlässt, wie Deleuze insbesondere
in seiner Proust- und Kafka-Lektüre, aber auch in seinen Film
analysen betont.
Die »Begriffsperson« Deleuze selbst zeichnet sich so nach und
nach ab als Summe der Kräfte, denen sie Raum und Stimme ver-
12
leiht, als Summe der Denker, die sie in ihren »Denkplan« inte
griert, um sich in ihnen zu entfremden und sich selbst unkennt
lich �u werden. Seine Lektüren zielen weder auf Repräsentation
des Eigenen im anderen noch auf dessen Aufhebung in einer
geistesgeschichtlichen Rekonstruktion, sondern auf Profilierung
von gedanklichen Extrempositionen aus deren eigener Logik
heraus und auf deren Einfügung in ein »lmmanenzfeld«, wel
ches das Denken aus der Bewegung des anderen, ohne vorgefasste
Begriffe und kategoriale Hierarchien, akzentuieren will. Qs.p
singulären Denkspitzen wird keine Abschließung zugestanden,
vjelmehr werden ihre Begriffe und Affekte untergründig ver
.!:mnden, auf dass ein »rhizomatisches« Netz von Querverstrebun
gen und affektiven Wechselwirkungen entstehe. Diesen Denk
sPitzen wird mit Deleuzes singulären Studien je einzeln nachzu
gehen sein.
Seine Ausbreitung eines Denkfeldes, in dem Bruchstückhaf
tes und Disparates eingelagert ist und gleichzeitig unterirdische
Korrespondenzen wirken, lässt sich notgedrungen nur annähe
rungsweise skizzieren. Zielt eine Einführung doch auf Verständ
lichmachung, auf Abrundung von Zumutungsspitzen, letztlich
auf eine didaktische Form der Darbietung ab. Hielte man sich
an Deleuzes eigene Anweisungen, so müsste man weniger er
klären und intensiver wiederholen, das Befremdliche ins noch
Befremdlichere rücken, die eigene Affektion beiläufig in die
Wendungen des anderen kleiden, nicht vom Ereignis sprechen,
dafür seine Entfaltung befördern und Deleuzes Denkbewegun
gen vorantreiben in neue, »nicht-gekerbte« Räume hinein, Sohn
des Deleuze-Ereignisses werden in einem unscheinbaren, mino
ritären Stil. Deleuze treu bleiben hieße in diesem Sinn, jene von
ihm geforderte masochistische Haltung zu praktizieren, in der
die Aussagen durchdekliniert würden auf ihre Folgen hin, um
diese noch einmal einem Lachen auszusetzen, dem Lachen über
13
sich selbst als jemandem, der noch immer beim Wort zu neh
men und zu verstehen sucht.
Rezeption in Deutschland
14
menden Gefahr leerer und unkritischer Repetition ist zu be
grüßen, dass sich wissenschaftliche Anstrengungen mehren, die
seine Schriften in gründlichen philosophischen Lektüren erneut
aufrauen und das Widerstreitende in ihnen hervorkehren.
Zwischen rigoroser Ablehnung und begeisterter Aufnahme
hat die Rezeption des deleuzeschen Werks in Deutschland von
Anfang an geschwankt. Die erste Welle der Übersetzungen sei
ner Schriften Nietzsche et la philosophie· von 1962 (Nietzsche und
die Philosophie, übers. v. Bernd Schwibs, München 1976), Kajka
-pour une litterature mineurevon 1973 (Kajka-für eine kleine Li
teratur, übers. v. Burkhart Kroeber, Frankfurt 1976), Proust et !es
signes von 1973 (Proust und die Zeichen, übers. v. Henriette
Beese, Berlin 1978) und L'Anti-Oedipe. Capitalisme et schizophre
nie von 1972 (Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie,
übers. v. Bernd Schwibs, Frankfurt a.M. 1977), in den 70er Jah
ren angefertigt, löste bereits eine lebhafte, aber äußerst gespal
tene Aufnahme aus: Gerade weil Anti-Ödipus (AÖ) ob seines
frechen unakademischen Tons in psychoanalysekritischen und
künstlerischen Kreisen umjubelt wurde, stieß die Schrift im aka
demischen Milieu auf vehemente Ablehnung. Der Tonfall ver
störte, der Duktus der Provokation, das gewollt Unflätige be
reits in den Anfangssätzen: »Es funktioniert überall, bald rastlos,
dann wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, wärmt, isst. Es
scheißt, es fickt. Das Es ... (AÖ, 7) Aufgrund dieser demonstra
«
15
ris) Schriften hierzulande einer gewissen »Verschwörung des
Schweigens«3 anheim, die ihre Rezeption um ein Jahrzehnt ver
zögert hat. 4 Allerdings nahmen Romanisten wie Hans Robert
J auß5 und Rainer Warning6 in ihren Studien zur romanistischen
Forschung, Wolfgang Welsch7 und Bernhard Taureck8 in ihren
Gesamtdarstellungen der französischen Philosophie auf Deleuze
Bezug und widmeten ihm sachgerechte Einführungen. Daneben
waren einzelne euphorische Rezeptionen im Versuch der Verlän
gerung der »Wunschproduktion« zu verzeichnen, die eine diffe
renzierte Auseinandersetzung allerdings eher behindert haben.9
Verstärkt durch die Übersetzung und Rezeption der beiden Ki
nostudien Cinema 1. L'image-mouvement von 1983 (Das Bewe
gungs-Bild. Kino 1, Frankfurt aM., 1989) und Cinema 2. L'image
Temps von 1985 (Das Zeit-Bild. Kino 2, Frankfurt a.M., 1991),
setzte Anfang der 90er Jahre eine zweite Welle der Deleuze-Re
zeption ein: Binnen weniger Jahre wurden alle ausstehenden
Schriften von La philosophie de Kant von 1963 (Kants kritische
Philosophie, übers. von Mira Köller, Berlin 1990), Difference et
repetitionvon 1967 (Difef renz und Wiederholung, übers. v. Joseph
Vogl, München 1992), Mille Plateaux. Capitalisme et schizophrenie
von 1980 (Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie,
übers. von Ronald Vouille und Gabriele Ricke, Berlin 1992), Lo
gique du sens von 1969 (Logik des Sinns, übers. v. Bernhard
Dieckmann, Frankfurt a.M. 1993) bis hin zu Qu'est-ce que la phi
losophie? von 1991 (Was ist Philosophie?, übers. von Bernd
Schwibs und Joseph Vogl, Frankfurt a.M. 1996) ins Deutsche
übersetzt; die letzten beiden posthum in Frankreich erschiene
nen Sammelbände mit kleinen Texten L'ile deserte et autres textes
von 2002 (Die einsame Insel, Frankfurt a.M. 2003) und Deux re
gimes de fous von 2003 (Schizophrenie und Gesellschaft, Frankfurt
a.M. 2005) liegen nunmehr übersetzt vor. Die zahlreicher wer
denden wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit seinen Wer-
16
ken im Bereich der Philosophie10, Literatur-11, Filmwissenschaft
und Ästhetik12 machen daneben auch deutlich, dass die Beschäf
tigung mit dieser Philosophie häufig mit disziplinären Grenz
überschreitungen einhergeht, so dass sich ein Rezeptionsfeld zwi
schen Philosophie, Literatur- und Filmwissenschaft, Architektur
und Medientheorie auszubreiten im Begriff ist.
An den neuesten Studien fällt als gemeinsamer Zug auf, dass
sie trotz Perspektivierung der deleuzeschen Philosophie und
trotz Verfolgung singulärer Fragestellungen - wobei die The
men »Zeit« und »Ereignis«, »Immanenz« und »Tranzendenta
lität« dominieren - mehr oder weniger sein gesamtes Denkfeld
abschreiten, das Gesamt seiner Texte gegenlesen, keine Übertra
gungen auf andere Texte, Bilder oder Filme vornehmen und so
insgesamt dahin tendieren, die deleuzesche Karte im Sinne von
Borges noch einmal zu zeichnen. Obwohl sich diese Verfahren
aus der deleuzeschen Methodik erklären, verdeutlichen sie die
Gefahr, die der Umgang mit seinen Texten birgt. Denn gerade
ob der Akribie der Wiederholungen, die zudem Wiederholun
gen - und Verschiebungen - vorangegangener anderer Sekun
därwerke darstellen, scheint kaum Neues und Ungesehenes auf.
Zwar sucht Ingo Zechner13 in Verlängerung meiner Deleuze
Lektüre14 das Ethos dieser Philosophie weiter zu konturieren,
durchläuft Wolfgang Wagner die von Stephan Günzel dargelegte
Immanenz. Zum Philosophiebegriffvon Gilles Deleuze15 noch ein
mal auf diese Begriffe hin.16 Mirjam Schaub17 breitet in einer
Parallellektüre sein Zeit- und Filmverständnis, Mare Rölli18
jenes des Verhältnisses von Empirismus und Transzendentalität
aus. Der von ihm herausgegebene Sammelband Ereignis auf
Französisch19 rekonstruiert schließlich die deutsche und französi
sche Denk�radition dieses Begriffs.
Deleuzes Vorgehensweise legt diesen in der Sekundärliteratur
auffälligen Zug von Wiederholung und Potenzierung insofern
17
nahe, als sie sich als »Denken mit<< anderen, als wechselseitige
Wiederholung und Differenzbildung mit dem anderen versteht.
Der Zwang, das gesamte Denkfeld immer noch einmal zu
durchlaufen, folgt aus der Erkenntnis, dass sich seine Begriffe
gegenseitig bedingen und erhellen und in seinem Denkfeld alles
mit allem zusammenhängt. Eine Übertragung oder Erweiterung
auf anderes scheint aus eben diesem Grund schwierig zu sein.
Von daher werden seine Texte entgegen seiner Aufforderung
eher nicht als »Werkzeugkisten« verwendet, wird sein Instru
mentarium kaum auf bislang nicht Gesehenes angewandt. Wider
Willen entfaltet Deleuze eine Autorität, die seinen Adepten ein
umso getreueres Durchbuchstabieren abzuverlangen scheint, als
dieses Denken sich freimütig, anarchisch und paradox geriert.
18
ren liebte, die sich der rationalistischen Tradition dieser Geschichte wi
dersetzten.« (U, 14 f.)
19
ten Glaubenssatz, verstehen: Denn mit Nietzsche hält er dafür,
dass Leben - und Denken- von nicht-anthropomorphen, viel
fältigen Kräften herrühren, denen denkerisch Gerechtigkeit wi
derfahren zu lassen ist, widrigenfalls das Leben verfehlt und un
rechtmäßig auf menschliches Maß ·eingeschränkt wird. Der
oberste Imperativ von Deleuze lautet folglich: Die Mannigfaltig
keit als solche denken! Diese vorgängige Mannigfaltigkeit (von
Zeit oder Bild), die zwar real, aber nicht durchgängig aktuali
siert ist, wird von ihm auch Virtualität genannt. Mit der Aktua
lisierung dieser Virtualität verbindet er die Hoffnung auf Ent
gründung der »unzulässigen Einheitsstifter« des sprachlichen
Gesetzes, der organischen Bilder und aller Formen von Subjek
tivität, auf erneute Offenlegung ihrer metamorphotischen Seite
und ihre Rückverwandlung in das, was er »Meute-Werden« nennt.
Im Hinblick auf sein ethisches Postulat fordert Deleuze nicht
nur erneute Hingabe an diese präsubjektiven Größen, Weisen
der Wiederholung des als kollektiv oder »dividuell« verstande
nen Unbewussten, sondern die Potenzierung dieser Wiederho
lungen hin zum Denken im engeren Sinn, das sich dann auf
seine mannigfaltigen Ausgänge zurückzubeugen und diese ge
genzubesetzen hat. Aufgrund dieser Konzeption des Denkens
als zyklischem Vorgang der Selbstvervielfältigung, ermöglicht
durch verschiedene, sich gegenseitig steigernde »Vermögen« des
Fühlens, Wahrnehmens und Denkens, lehnt er es ab, der Ver
nunft einen privilegierten Platz zuzuerkennen oder dem Impe
rativ zu folgen, laut welchem wir Herr über uns zu werden hät-
1 ten. Dass sich Denken aus dem Konzert verschiedener Vermö
20
Heideggers zur Folge, insofern die Bejahung der Selbstüberwin
dung des Subjekts und die Freilegung ihm immanenter Mikro
akteure zur Affirmation des »man« und »dividueller« Existenz
weisen führen. Diese einer unverwechselbaren Kontur verlustig
gegangenen Existenzen brechen und potenzieren die in ihnen
wirksamen kollektiven Kräfte, bis eine neue, unpersönliche »Es
senz« entsteht. Deleuzes Bejahung dieser Ent-Individuierung
hin zum »man-Werden« des Einzelnen mündet schließlich in
den »seltsamen Imperativ: entweder aufhören zu schreiben oder
wie eine Ratte schreiben« (TP, 327). Diese knappe, provokante
Formel stellt nur die zugespitzteste Variante all jener in Deleu
zes Schriften wiederkehrenden Aufforderungen zur Unterwan
derung der strukturellen Ganzheiten von Vernunft, Organismus
und Subjektivität und zur Freisetzung jener prinzipiell unbe
endbaren Werdensprozesse dar, die er mit einem »Frau-Werden«
als der ersten Verschiebung der männlichen Identität beginnen
und auf ein »Unwahrnehmbar-Werden« zulaufen lässt.
Eine solche Weise des Philosophierens, das sich in zyklischen
Verfahren selbst konstituiert und sich nach Maßgabe von Wün
schen, aber auch Zwängen und Hindernissen entfaltet, ist kein
Denken, das sich mit dem Aufdecken von Bekanntem zufrieden
gibt. )>Für viele Leute ist Philosophie etwas, das nicht )gemacht<
wird, sondern immer schon fertig in einem Ideenhimmel exis
tiert. Doch ebenso wie ihr Gegenstand ist auch die philosophi
sche Theorie eine Praxis. Keineswegs ist sie abstrakter als ihr
Gegenstand. Sie ist eine Praxis der Begriffe, und es gilt, sie hin
sichtlich anderer Praktiken, mit denen sie interferiert, zu beur
teilen.«20 Neue Fragen bedürfen neuer Begriffe, weshalb De
leuze in seiner mit Guattari verfassten Abschlussbetrachtung
Qu'est-ce que la philosophie?/Was ist Philosophie? (Qu) die Begriffs
bildung als die genuin philosophische Tätigkeit bezeichnet:
)>Die Philosophie ist die Kunst der Bildung, Erfindung, Her-
21
stellung von Begriffen.« (Qu, 6)21 Die Autoren sind denn auch
im Begriffeschöpfen nicht zögerlich. Ihre Schriften weisen sich
durch kühne Begriffsbildung, intensive Begriffsbewegung, akri
bische Begriffsdifferenzierung und vielperspektivische Begriffs
konturierung aus.
Gleichwohl verstehen sie den Begriff als Ergebnis der Selbst
bewegung des Denkens, als unpersönliche Autopoiesis: »Aber
der Begriff ist nicht gegeben, er ist geschaffen und muss geschaf
fen werden; er ist nicht gebildet, er setzt sich selbst in sich selbst
- Selbstsetzung. Beides impliziert sich wechselseitig, da das
wahrhaft Geschaffene - vom Lebewesen bis zum Kunstwerk -
eben darum über eine Selbst-Setzung seiner selbst oder über
einen autopoietischen Charakter verfügt, an dem man es er
kennt.<< (Qu, 17) Dass die solchermaßen »gesetzten« Begriffe
tatsächlich kollektive Wunschpositionen artikulieren und ein ge
wisses Eigenleben entwickeln, zeigt sich schon daran, dass nicht
wenige von ihnen zu Schlagworten und philosophischen Erken
nungsmarken geworden sind: Der Zungenbrecher »Deterritoria
lisierung« nicht weniger als die überstrapazierte »Wunschma
schine« oder das allenthalben anzutreffende »Rhizom« ...
Zur begrifflichen Konturierung dessen, was sich an unper
sönlichen und präsubjektiven Zeichen und Ereignissen unter Fi
guren und Eigennamen zusammenfügt, die zuletzt ein persona
les Aussehen erhalten, wählt Deleuze zusammen mit Guattari
die schwierige Bezeichnung » Begriffsperson«. Die »Begriffsper
son« soll die verschiedenen Dimensionen des Denkprozesses
umfassen, seine zwischen unpersönlicher Abkunft und persönli
cher Konturierung sich entfaltende Komplexität: die Auswahl
und wertsetzende Dramatisierung von Zeichen und Vektoren
eines mikrostrukturellen Feldes, die affektgesteuerte Steigerung
und Dynamisierung, die raumzeitliche Aktualisierung und
Selbstsetzung des Begriffs, die bewusste »Gegen-Verwirkli-
22
chung« unter einem namengebenden Ich. »Die Antwort muss
allerdings nicht nur die Frage einholen, sie musste auch eine
Stunde, eine Gelegenheit, Umstände, Landschaften und Perso
nen bestimmen, Bedingungen und Unbekannte der Frage [...)
Die Begriffe benötigen, wir werden das sehen, Begriffspersonen,
die zu ihrer Definition beitragen. Freund ist eine derartige Per
son ... « (Qu, 6)
»Freund« ist für Deleuze und Guattari in gewisser Weise die
Begriffsperson schlechthin, da sie bereits Vorliebe und Affek
tion konnotiert. Die Zusammenarbeit von Deleuze und Guat
tari selbst ist von einem Freundschaftsmodell getragen, das sich
freilich nicht als Kommunikation, sondern als »wechselseitiges
Einfangen« mit wechselseitiger Verschiebung versteht: »Und
dann gab es meine Begegnung mit Felix Guattari, die Weise, in
der wir uns verstanden haben, ergänzt, wechselseitig depersona
lisiert, uns einer durch den anderen singularisiert, kurz geliebt
haben.« (U, 17) Diese Zusammenarbeit wird von Deleuze nie als
Gespräch zweier Personen »Über<< etwas beschrieben, sondern
als Begegnung zweier Denk- und Affektkomplexe, die zusam
menprallen, sich überholen, treffen und wieder verlieren:
»Es ist zweieinhalb Jahre her, dass ich Felix begegnet bin. Er hatte den
Eindruck, dass ich ihm voraus war, er erwartete etwas [. .J. Felix erzählte
.
mir von dem, was er schon Wunschmaschinen nannte [...J. Da bekam ich
den Eindruck, dass er mir voraus war. [ ] Felix und ich beschlossen also
...
Strom, der alle möglichen Sachen mit sich führt. Mich dagegen interes
siert, dass eine Seite nach allen Seiten flieht und dass sie trotzdem in sich
geschlossen ist, wie ein Ei. Und dann, dass es in einem Buch Zurückhal
tung, Resonanz, Überstürzung und viele Larven gibt. Also schrieben wir
23
wirklich zu zweit, von dieser Seite her hatten wir keine Probleme.« (U,
25 f.)
24
haben? Aus Gewohnheit, aus bloßer Gewohnheit. Um auch uns
selbst unkenntlich zu machen.« (TP, 12) Auch in Deleuzes spä
ten Schriften kommt es noch zu Denkrecherchen und Begriffs
wiederholungen mit anderen: erneut mit Spinoza, mit Leibniz,
mit Foucault (vgl. Kap 3).
Die Figur des Duos und Doubles erfährt daher eine philoso
phische Würdigung als diejenige Konstellation, die die unper
sönlichen und präindividuellen Ereignisse erneut zu beleben
vermag, indem sie ihre Pole gegeneinander verschiebt, diese zu
neuen Zeit- und Affektsynthesen zwingt und zwischen ihnen
ein Feld der Problematisierung erwachsen lässt: »Die Frage ist
wichtig, weil der Freund, wie er in der Philosophie erscheint,
nicht mehr eine äußere Person, ein Beispiel oder einen empiri
schen Umstand bezeichnet, sondern eine innere Gegenwart im
Denken, eine Möglichkeitsbedingung des Denkens selbst, eine
lebendige Kategorie, ein transzendentales Erleben.« (Qu, 7)
Philo-Sophie meint mithin begehrliche Vergegenwärtigung des
anderen als Katalysator des »Weisheits«-Prozesses, wobei die
Begriffsperson des Freundes für die Eröffnung der Möglich
keitsdimension schlechthin steht: Nur der andere sieht die Welt
in meinem Rücken, nicht als transzendente, strukturierende Ins
t;-nz, sondern als Teil der dezentrierten Bildgegebenheit und
unendlichen Zeit, als mannigfaltig lockender Blick, der sehen
und andere Perspektiven einnehmen lehrt und zum Klein-Wer- '
den zwingt ...
25
und Wiederholung!-2 (DW), wie Deleuzes »Summa« der Frühzeit
von 1968 denn auch heißt. Wiederholung und Differenz werden
hier als sich wechselseitig generierende Prozessualitäten vorge
stellt, die, aus Vorbildlosem stammend und in sich entfigurie
rende Differenzierungsprozesse mündend, dazu verhelfen, über
kommene Bilder des Denkens zu kritisieren:
»Wir wollen die Differenz an sich selbst und den Bezug des Differenten
zum Differenten denken, unabhängig von der Repräsentation, durch die
sie auf das Selbe zurückführt und durch das Negative getrieben wird. [...]
Ein philosophisches Buch muss einesteils eine ganz besondere Sorte von
Kriminalroman sein, anderenteils eine Art science fiction. Mit Kriminal
romanen meinen wir, dass sich die Begriffe mit einem gewissen Aktions
radius einschalten müssen, um einen lokalen Sachverhalt zu lösen. Sie
verändern sich selbst mit den Problemen [...]. Man sollte dahin gelangen,
ein wirkliches Buch der vergangeneo Philosophie so zu erzählen, als ob
es ein imaginäres und fingiertes Buch wäre [ ] Die Nacherzählungen der
...
27.
ferenz zu enthüllen. In der späteren Phase dominieren die Ver
fahren der Verzeitlichung des vorangehenden Denkplans, dank
welcher aus der Architektur etwa der literarischen Texte Kafkas
eine Verselbständigung der Zeit abgeleitet wird. Deleuze ver
wandelt indes nicht nur Texte in offene, sich fortgesetzt diffe
renzierende Prozesse, sondern verleiht auch Gemälden wie
jenen von Fraucis Bacon >>Zeit-Bild«-Charakter, wie sich in An
lehnung an seine Filmschriften sagen lässt. Vor dem Hinter
grund seiner Filmstudien erscheint so sein philosophisches Ver
fahren zunehmend selbst als filmisches, das die philosophischen
Denkbilder zu Nahaufnahmen vergrößert, auf ihre Mikrostruk
turen abtastet und auf afigurative Elemente und kommende
Metamorphosen hin durchleuchtet. Wie dem Klischee entkom
men? ist eine der Fragen, denen er sich in L'image- Temps (IT)
mit Godard zu stellen sucht. Um der Fixierung der Ideen zu
entgehen, wählt er mit Orson Welles jene Decoupage-Technik,
die in langen Sequenzeinstellungen mit Schärfen- und Raum
tiefe verschiedene Aussageebenen gegeneinander laufen und in
ihrer Wiederholung und Differenz hervortreten lässt, so dass
sich als Gesamtbild des Denkens eine spannungsreiche Viel
schichtigkeit ergibt.
Vielschichtigkeit signalisiert schließlich auch der Titel der
»Summa« der mittleren Phase, Mille Plateaux von 1980, in wel
cher als Bild mannigfaltigen Denkens und der angestrebten Buch
organisation das »Rhizom« skizziert wird:
28
Mannigfaltigkeit gebildet werden soll, muss man das Einzelne abziehen,
immer in n-1 Dimensionen schreiben. Man könnte ein solches System
Rhizom nennen.« (TP, 15 f.)
Das Mannigfaltige wird hier noch einmal als Aufgabe des Den
kens und seiner notwendigen Selbstdekonstruktion mittels Sub
traktion von Individualitätskonturen und Freilegung untergrün
diger Verkettungszusammenhänge bestimmt. Zur Beschreibung
rhizomatischer Verknüpfungsverfahren wählen die Autoren bald
auch das Bild nomadischer Zirkulation, bald das Maschinenmo
dell. Ihre Heroen sind geniale Maschinenbauer: Buster Keaton,
Jacques Tati ...
Unter dem Namen Deleuze wird folglich ein Feld dualer
Denkprozesse, von Problemverlagerungen und -erweiterungen
und Begriffsmodulationen nachzuzeichnen sein. Zu rekonstru
ieren wird sein, wie in das Feld philosophischer Begriffsentfal
tung nach und nach Denkpläne literarischer Texte und semioti
sche Analysen von Malerei und Film eingefaltet werden und die
Konzentration auf die Begriffsperson des Mimen ins Kollektive,
Nomadische und Geopolitische entpersönlicht wird. Die als sin
gulär herausgestellten Denkpositionen werden dank der noma
disierenden Bewegung dieses Denkens untereinander verbun
den und mit immer neuen Wissensfeldern wie der Naturge
schichte, der Linguistik, der Ethnologie in Korrespondenz ver
setzt. »Wechselseitige Wiederholung« bezeichnet a la longue
nicht nur Deleuzes Methode der Gegenlektüre anderer Denker,
sondern zunehmend das Verhältnis seiner Schriften untereinan
der, die sich wechselseitig reflektieren und ihr Immanenzfeld
selbst einer minorisierenden Begriffsbewegung unterstellen. Be
reits in seiner ersten Schrift über David Hume werden Fragen
des Mfekts angeschlagen, die bis in seine letzte Schrift wieder
kehren. Noch die Filmstudien greifen die anfänglichen Aus-
29
führungen zu Bergson wieder auf, ziehen aber auch die Ge
währsleute Nietzsche, Spinoza und Leibniz zur Begründung
filmtheoretischer Überlegungen heran. So untersteht die Be
griffsbildung selbst fortgesetzter Wiederholung, Verschiebung
und Differenzierung und kennt Momente ungezügelter Wuche
rung: Organisations-, Konsistenz- und Immanenzplan scheinen
dasselbe zu bezeichnen; das Begriffspaar von Falte und Entfal
tung wiederholt den Gedanken der Aktualisierung zeitlicher
Virtualität, welcher wiederum als Denken der Mannigfaltigkeit
bereits mit Nietzsche oder als regulative Idee mit Kant zum
Ausdruck kam. Die mit der Begriffsperson des Nomaden ver
bundene Werdensbewegung wird bald in einer Territorialitäts-,
bald in einer Maschinenbildlichkeit wiedergegeben. So tendiert
der Denkplan dahin, durch immer dichtere und fraktalere Be
griffsbewegungen schraffiert zu werden, zumal gewisse Pro
blemstellungen sämtliche Begriffsmodulationen durchlaufen, als
gälte es zu testen, welche Formulierung am überzeugendsten
klingt. Und schließlich erstrecken sich die von Deleuze und Guat
tari intendierten Verzeitlichungsprozesse auf die Form des Bu
ches selbst: Die Tausend Plateaus sollen nicht nur gegeneinander
bewegliche Wissensfelder bieten, sondern, quer zu ihrer Schich
tung, von Segment zu Segment, von Singularität zu Singularität
transversal »resonieren«. In diesem Sinn wird der Leser zur rhi
zomatischeil Lektüre motiviert ...
Das Denken im eigenen Vollzug auf Ungedachtes zu öffnen,
den Denkaffekt über sich hinauszutreiben, auf einen Rand des
Außen und des Schweigens zu: Erkennbar wird, dass hier Grenz
wertiges angestrebt wird. Das ist einer der Gründe, warum dieses
Denken zuweilen auf der Stelle zu treten, in leeren Wiederho
lungen zu kreisen und zu ermüden scheint. Seine Absicht, im
Sinne »lebensmächtiger« Mannigfaltigkeit anders und anderes
zu denken, bringt bald stockende, bald sich überstürzende Be-
30
wegung in ungewöhnlichen Begriffen hervor. Von den Autoren
selbst nicht ohne weiteres einzuholen ist ihr Anliegen der
Selbstüberwindung, in der Biographie, im Namen, in sprachli
chen Standards und organischen Bildern, in allem, was fest
schreibt und Kenntlichkeit produziert. Daher setzt auch ihr pa
radoxer Imperativ der »drei Tugenden: des Unwahrnehmbar-,
Unpersönlich- und Ununterscheidbar-Werdens« (TP, 382) einen
Fluchtpunkt, der in der Tiefe der Zukunft liegt.
31
1. Was ist Philosophie?
33
davon aus, dass alles Leben aus einer Mannigfaltigkeit von Kräf-
' ten herrührt, die als Vielfalt präsubjektiver Bewegungen, unend
licher Zeiten, afigurativer Bilder, unpersönlicher Aussagen und
deren Verkettung zu Ereignissen gedacht werden, dank welcher
überhaupt erst subjektives Existieren, Sehen, Sprechen, Bildbil
den möglich werden. Da diese Größen zwar real, aber nicht
fortwährend aktualisiert sind, kommt ihnen der Status des Vir
tuellen zu. In Nähe zu Freuds Begriff des Unbewussten2 wird
diese Virtualität auch als Feld zahlloser nicht-koordinierter, wi
derspruchsfreier, keiner Negation und Zeit unterstehender, aber
sich wechselseitig katalysierender Wunschregungen und Mar
kierungen beschrieben. Von dieser Feldmetapher leitet sich De
leuzes spätere »Geophilosophie«, sein Denken in Ebenen, Schich
ten, Sedimenten, Transversalen usw. ab.
Wie er insbesondere in seinen frühen Schriften Difference et
repetition/Differenz und Wiederholung (DW) und Proust et les sig
nes/Proust und die Zeichen (P) darlegt, entfalten sich diese Mar
kierungen und Zeichen gemäß inneren Spannungsverhältnissen,
potenzieren sich wechselseitig und bilden vertikale Dimensio
nen, bis sie das Feld »Überfliegen« und in qualitativen Sprüngen
das Denken im engeren Sinn hervorbringen. Schon Freud hat
die Genese des Bewusstseins aus dem Unbewussten mit »quali
tativen Sprüngen« erklärt. Zur »Höhe des Denkens« gehört
aber auch, dass es sich auf seine unbewussten Wünsche und
Triebe zurückbeugt, diese »gegenbesetzt« und als Antriebe er
neut in seinen Prozess integriert - diese zyklische Progression
und sukzessive Entfaltung aus sich selbst, diese Autogenese, die
sich als Feld wechselseitiger Bezugnahme, Reflexion und Bre
chung konstituiert, ist das, was als »Immanenz-, Konsistenz
und Organisationsplan« wiedergegeben wird. Immanenzrlan
y bedeutet daher fortgesetzte Vervielfältigung der Denkvorgäng�
aus sich selb st, fortgesetzte Selbstdifferenzierung der Zeit ohne
-
-
34
Referenz auf transzendente Signifikate wie Gott, Ideen, Urbil
der usf.
Deleuzes- und Guattaris- Kritik richtet sich gegen ein Ver-
--
35
thropomorphen Zurichtung oder staatlichen Strukturierung be
achtenswert sind. Dank der Grundlegung von Begriffsbildung
und Planzeichnung in einem zeitlich-unbewussten Ungrund,
der ihre Begründung letztlich unmöglich werden, weil in der
Vergegenwärtigung bereits vergangen sein lässt, spricht Deleuze
auch davon, dass das Innerste des Immanenzplans zugleich sein
Außen ist, äußerlicher als jedes Außen und innerlicher als jede
Immanenz. Dieses »Außen« wird ab L'Anti-Oedipe nicht mehr
als das individuelle Unbewusste, sondern als das ungeschiedene
Ganze von Natur und Gesellschaft, als deren mikrostrukturelles
Kontinuum und deren fortgesetzte Autogenese, gedacht. Kapi
talismus und Schizophrenie, der Untertitel dieser Schrift, weist
diese beiden Prozesse als derart autogenetische Vorgänge, ein
mal des Kapitals, einmal der Wunschproduktion aus: Der Schi
zophrene steht für den Typus, der der Kontrolle des Selbst so
weit verlustig gegangen ist, dass er das Natürliche und das Ge
sellschaftliche als ungeschiedene Produktion und sich selbst als
vitalen Teil dieser Produktion erfährt.
Diesem unerschöpflichen Produktionsprozess denkerisch zu
entsprechen ist das Ethos der deleuzeschen Philosophie. Auf
gabe des Philosophen ist mithin die fortgesetzte denkerische Dif
- ferenzierung des Gegebenen, genauer der vorgängigen Denkpläne
I in Begriffsarbeit und Plankonstruktion. Alte Denkpläne zerdeh
nen, um ihnen neue einzufügen, sie umbrechen auf in ihnen
schlummernde Mikrostrukturen hin, die planimmanenten Zei�
chen und Begriffe verlängern auf andere Begriffe hin, diese flek
tieren, verkleinern, das differenzgenerierende Element aus ihnen
herauslösen und erneut in sie injizieren - auf dass sie als anderes
L Denken erstehen. In diesem kreativen Sinn erweiterbar erschei
nen die Immanenzebenen all jener philosophischen Ansätze, die
nicht auf Universalien oder Urbildern basieren, im Denken nicht
auf Repräsentation setzen, keinen Dualismus des Innen und Au-
36
ßen, keine immanenten Hierarchien und binären Unterteilungen
vornehmen, keine Klassifikationen festschreiben und das Den
ken keiner Teleologie unterstellen.
Schon die Tatsache, dass Deleuze in dem letzten von ihm re
digierten Text L'immanence: une vie3/Die Immanenz: Ein Leben
eine Verknüpfung zwischen den beiden Termini erstellt, verrät
d!._e existentielle Bedeutung, die die »Immanenz« für ihn hat. •
37
immanent und transzendental, Grundlegung und Ausführung
seiner eigenen Möglichkeit. Daher kann in der Begriffsarbeit
zwischen Ebene und Plan, zwischen Wiederholtern und Wie
derholung, letztlich nicht unterschieden werden: »Als vorphilo
sophisch oder gar nicht-philosophisch jedenfalls setzt die Philo
sophie die Macht des All-Einen, und zwar als eine wandernde
Wüste, die von den Begriffen besiedelt wird [ ...]. Das Nicht-Phi
losophische ist vielleicht tiefer im Zentrum der Philosophie als
die Philosophie selbst [ ..]. Der Begriff ist der Anfang der Philo
.
»DIE Immanenzebene ist zugleich das, was gedacht werden muss, und
das, was nicht gedacht werden kann. Sie wäre es, das Nicht-Gedachte im
Denken. [ ] Sie ist das Innerste im Denken und doch das absolute
...
Außen. Ein noch ferneres Außen als alle äußere Welt, weil sie ein tieferes
Innen als alle innere Welt ist: Das ist die Immanenz [ ...]. Vielleicht ist dies
die höchste Geste der Philosophie: nicht so sehr DIE Immanenzebene
denken, sondern zeigen, dass sie da ist, ungedacht in jeder Ebene.« (Qu,
69)
38
sie vereinigt alle Elemente in einer Umfassung, bedient sich
ab;deseinen oder anderen zur Deterritorialisierung des Terri
toriums.« (Qu, 97)
Im Hinblick darauf kritisieren die Autoren auch das cartesia
nische Subjekt, das aus der Tatsache subjektiven Zweifels auf
seine Existenz und die der Außenwelt schließen will. Dessen
Versuch der Selbstvergewisserung im Bewusstsein halten sie ent
gegen, dass die Möglichkeit des Denkens nie aus dem Selbst,
seinem Willens- und Erkenntnisakt, geschöpft werden kann,
sondern von der Gegebenheit von »anderen« und von deren
pluraler Vergegenwärtigung lebt. Erst diese anderen eröffnen in
ihrem Sprechen und Sehen dem Subjekt eine Welt: »Der andere-·
erscheint hier weder als Subjekt noch als Objekt, sondern - was
etwas ganz anderes ist - als eine mögliche Welt. [ ...] Der andere
ist eine mögliche Welt, wie sie in einem Gesicht, das sie aus
drückt, existiert und in einer Sprache wirksam wird.« (Qu, 22 f.)
Dieser »andere«, dieser rhetorische Kollektivsingular, existiert
nur als Pluralität von »Larvensubjekten« und ist mit jenem
großen »Anderen« des lacanschen Gesetzes und des Namens
des Vaters gerade nicht deckungsgleich. Er ist weder Autorität
noch Repräsentant der männlichen Filiation, sondern Bedin
gung der Möglichkeit von Welt, transzendentale Instanz, die in
der Immanenz »insistiert« und diese als vielfältige Bilder, Bewe:.
gungen, Aussagen und Sinn aktualisiert. »Der andere [...] wird
die Bedingung darstellen, unter der sich nicht nur Objekt und
Subjekt neu verteilen, sondern auch Figur und Hintergrund,
Ränder und Zentrum, Bewegliches und Bezugspunkt, Transiti
.J
ves und Substantielles, Länge und Tiefe.<< (Qu, 24 f.)
Auf den anderen als »Struktur, die das gesamte Feld bedingt«
(LdS, 372), kommt Deleuze bereits in einem Michel Tournier
und dessen Roman Vendredi ou les limbes du pacifUJue gewidme
ten Aufsatz4 zu sprechen: In seiner Lektüre des literarischen
39
Texts und der dort exponierten vermeintlichen Einsamkeit Ro
binsons auf einer Insel stellt er Überlegungen zu einer Welt
ohne anderen an:
I
J »Was geschieht, wenn der andere in der Struktur der Welt fehlt? Dann
herrscht allein der brutale Gegensatz zwischen Sonne und Erde, zwi
schen einem unerträglichen Licht und einem finsteren Abgrund [...J Rohe
und schwarze Welt, ohne Potentialitäten oder Virtualitäten; gerade die
Kategorie des Möglichen ist zusammengebrochen. An Stelle relativ har
monischer Formen, die aus einem Hintergrund hervortreten, um gemäß
einer Ordnung von Raum und Zeit in ihn zurückzutreten, nichts ande
res mehr als abstrakte, gleißende und verletzende Linien, nichts anderes
1- mehr als ein rebellischer und zugreifender Ungrund.« (LdS, 369)
»Außerdem aber hat ein Begriff ein Werden, das nun sein Verhältnis zu
anderen Begriffen auf derselben Ebene betrifft. Die Begriffe passen sich
hier einander an, überschneiden einander, stimmen ihre Konturen aufei
nander ab, bilden ihre jeweiligen Probleme [... ] Denn mit einer endlichen
Anzahl von Komponenten wird sich jeder Begriff in andere, anders zu
sammengesetzte Begriffe verzweigen, die jedoch andere Gebiete dersel
ben Ebene konstituieren, anschließbaren Problemen entsprechen und an
einer Mit-Schöpfung teilhaben.« (Qu, 24)
40
( , t •• ;. ·." ,
t-:-
J ; • " �,'
l
I '
( (
41
-. stand gegenüber der Gegenwart« (Qu, 126) zu üben: »Denken be
deutet experimentieren, doch das Experiment ist stets das, was
sich gerade ereignet.« (Qu, 129)
Rlatz qen Vorrang hat vor dem, der ihn einnimmt, so genügt es
gewiss nicht, den Menschen an den Platz Gottes zu stellen, um
die Struktur zu ändern. Und wenn dieser Platz der Platz des
Toten ist, so bedeutet der Tod Gottes ebenso den des Men�
43
sehen, zugunsten, wie wir hoffen, eines Kommenden, das je
doch nur in der Struktur und durch ihre Umwandlung kommen
kann.« (Str, 19 f.) Allerdings genüge es nicht, den Platz des
transzendenten Signifikats zu leeren, um neue Erkenntnisse zu
produzieren; vielmehr müsse die Struktur selbst als bewegliche
und veränderliche konzipiert werden. Hier setzt Deleuzes Ver
schiebung des Strukturalismus ein, die ihn zu einer Kritik der
als Invariante verstandenen Verteilungsregel und der Zeitlosig
keit des strukturalistischen Felddenkens führt. Im Hinblick da
rauf akzentuiert er die Leerstelle in der Struktur, die von dieser
induzierte Verschiebung der Elemente und ihre feldimmanente
Differenzproduktion. In seinem vitalistischen Anliegen setzt er
den Strukturalismus selbst einem Werdensprozess aus, deutet
die Invariante um in die Virtualität der Zeit, welche eine prinzi
piell unendliche Vervielfältigung des Felds möglich macht: »Viel
leicht bezeichnet das Wort Virtualität gerrau den Modus der
Struktur oder den Gegenstand der Theorie.« (Str, 27) So trans
formiert er die Struktur in die Doppelebene des Virtuellen und
Aktuellen und in deren unabschließbare wechselseitige Artiku
lation, welche er bis in seine Filmtheorie hinein immer wieder
expliziert: »Von der Struktur wird man sagen: real ohne aktuell
zu sein, ideal ohne abstrakt zu sein [. .] Die Struktur eines Berei
.
44
dankenverkettung zweier Autoren sich als multiples Sprechen
auf »Tausend Ebenen« versteht:
»Ein Buch hat weder ein Objekt noch ein Subjekt, es besteht aus ver
schieden geformten Materien, aus den unterschiedlichsten Daten und
Geschwindigkeiten. Wenn man das Buch einem Subjekt zuschreibt, lässt
man diese Arbeit der Materien und die Äußerlichkeit ihrer Beziehungen
außer Acht. Man bastelt sich einen lieben Gott zurecht, um geologische
Vorgänge zu erklären. Wie bei allen Dingen gibt es auch in diesem Buch
gliedernde und segmentierende Linien, Schichten und Territorien; aber
auch Fluchtlinien, Bewegungen, die die Territorialisierung und Schich
tung auflösen. [...] Das alles, die Linien und die messbaren Geschwindig
keiten, bildet ein Gefüge. Ein Buch ist ein solches Gefüge [...] Es ist eine
Mannigfaltigkeit.« (TP, 12)
-
45
Verzweigungen und seine Abstammungsstruktur verliert und
nach allen Richtungen zu wuchern beginnt.
Zu dieser Umschichtung der Wissens- und Denkorganisation
gehört schließlich die Konzeption von »Begriffspersonen«, wie
bereits in der Einleitung skizziert. Diese stehen für den Gedan-
Y ken der »Heterogenese«, der fortgesetzten Hervorbringung von
Differentem:· schlechthin. Eine�seits sollen sie die unpersönliche
Autogenese des Denkens, andererseits dessen Konturierung unter
einer personalen Figur, deren kräfteabhängige Dynamik und
wertsetzende Auswahl wiedergeben. Die Begriffsperson wird
daher als »Üperateur der Bewegung« bezeichnet, welcher bei
der Hervorbringung des Immanenzplans »interveniert« und
zum anderen des Philosophen, zu seinem »Heteronym«, wird:
»Ich bin nicht mehr ich, sondern eine Fähigkeit des Denkens, sich zu
sehen und sich quer durch eine Ebene zu entwickeln, die mich an mehre
ren Stellen durchquert [...]. Es ist das Schicksal des Philosophen, seine
Begriffsperson(en) zu werden, während zugleich diese Personen zu etwas
anderem werden [ ] Im philosophischen Aussageakt tut man nicht
...
46
lisierungen des Denkens zu manifestieren« (Qu, 79). Im Sinne ihres
ethischen Anliegens, der denkerischen Freilegung dessen, was vi
taler ist als der Mensch, was ihm vorausliegt und auf ihn folgen
wird, suchen die Autoren immer wieder unpersönliche Größen
ausfindig zu machen - Essenzen und Ereignisse, Virtualitäten
und Aktualisierungen, Perzepte, Affekte, Konzepte -, die die vir
tuelle Unendlichkeit, eine Welt diesseits und jenseits des Men
schen, denkbar werden lassen oder zumindest evozieren.
Und so fassen sie das Philosophieren schließlich als »dreifal
tige« Tätigkeit zusammen: »die prä-philosophische Ebene, die sie
entwerfen mus� (Immanenz), die pro-philosophischen Personen, die
sie erfinden und zum Leben erwecken muss" (Insstenz)�
i die philoso
phischen Begriffe, die sie erschaffen muss1 (Konsistenzj« (Qu, 85 f.).
Aus diesen paradoxen Denkstrategien geht sch�ießlich Deleu
zes Selbstverständnis als Diener der Metamorphose und Arbei
ter an der Zukunft hervor. Von daher verwundert es nicht, dass
er sich gegen Ende seines Philosophierens dem Film als dem
Zeitmedium schlechthin zuwendet. Für ihn gebe es keine quali
tative Differenz zwischen Philosophie und Film, betont er immer
wieder, da beide als lebendige Denkprozesse Kommendes vor
formulieren:
»Ich denke nicht, dass die Philosophie Reflexion über anderes ist, sei es
Malerei oder Kino. Die Philosophie kümmert sich um Begriffe: sie bringt
sie hervor, schafft sie. Die Malerei bringt einen bestimmten Typus von
Bild, Linien und Farben hervor. Das Kino erzeugt einen anderen Typ
von Bildern, Bewegungs- und Zeit-Bilder. Aber die Begriffe selbst sind
Bilder, sie sind Gedankenbilder. Es ist weder schwieriger noch einfacher,
einen Begriff zu verstehen als ein Bild zu betrachten.«5
Nicht nur den Film versteht er als Bild der Bewegung und als
Selbstentfaltung der Zeit; er überträgt dieses Verständnis auch
auf den Begriff.
47
So lässt sich Deleuzes (und Guattaris) gesamtes Verfahren
von hier aus als »Feldarbeit in progress« bestimmen, zum Zweck
der Versammlung korrespondierender Singularitäten zu Ritour
nellen und der Absteckung neuer Intensitätsebenen nach Maß
gabe affektgeleiteter Begriffsarbeit. Dabei fungieren die Denk
pläne vorgängiger Denker als Katalysatoren der neuen Begriffs
bewegung, die sich intensiviert, verzweigt, mit anderen Begrif
fen verkoppelt, bis das Denken des anderen als anderes Denken
erscheint. Auf diese Weise revirtualisiert Deleuze Denkpläne solch
bekannter Namen wie Hume, Bergson, Spinoza, Proust, Kant
und Nietzsche, wie nun darzulegen sein wird. Dabei verwandelt
er deren Denksedimente in filmnahe Zeitprozesse und stellt
·1 darin Gegenläufiges und Widerstreitendes als in die Zukunft
treibendes, nicht zu Ende denkbares Spannungsgefüge heraus.
48
2. Frühe Lektüren philosophischer Denker
49
kontraktierende Funktion bestimmt, welche wie eine »photo
graphische Platte [...] das eine fest[hält], wenn das andere erscheint
[ .. ] Das ist alles andere als ein Gedächtnis oder eine Operation
.
so
Im Sinne der Befreiung der Einbildungskraft hinterfragt er
mit Hume scheinbare Naturgesetze wie das Kausalitätsprinzip,
weist es als mentale Konstruktion auf der Basis von Wahr
scheinlichkeitsbeobachtungen aus. Ebenso wenig sei die »Rela
tion« zwischen Dingen ein diesen inhärentes Merkmal. Ausge
hend von der Annahme, dass wir letztlich nie zu Ursachen
vordringen können und die angehbaren Ursachen nur vermeint
liche sind, wird die Wissenschaft allgemein als Lehre von den
Wirkungen und die Philosophie als »Kritik der Repräsentation«
verstanden: Das Denken hat keine angehbaren Ursachen, etwa
im Verstand angesiedelte Ideen. Ideen sind keine zu verorten
den Objekte, allenfalls Schemata, Konstruktionsregeln, Asso
ziationen der Einbildungskraft auf der Basis von deren Affek
tionen und Perzeptionen. »Geist ist ja in der Tat nicht Vernunft,
sondern vernünftig zu sein ist eine Affektion des Geistes.« (H,
21) Subjekte konstituieren sich durch Selbstfixierung und -refle
xion der Einbildungskraft, in deren zeitlichen Synthesen, die
Deleuze »Gewohnheit« nennt; diese Gewohnheitsbildung wie
derum hängt von der Bildung von Gedächtnis und Erinnerung
ab: »Es ist [...] die Gewohnheit, die sich als Synthese erweist; und
Gewohnheit ist gleichbedeutend mit Subjekt. Erinnerung ist die
ehemalige Gegenwart, nicht die Vergangenheit. Nicht einfach,
was gewesen ist, ist als Vergangenheit zu bezeichnen, sondern
was nötigt, was wirkt, was drängt.« (H, 115) Hier werden bereits
jene paradoxen Zeitverhältnisse der Kopräsenz von Vergangen
heit und Gegenwart skizziert, die Deleuze in seinen Bergson
und Proust-Lektüren und systematisch in Difference et repetition
und Logique du sens entfalten wird. Der Gedanke einer doppel
ten Zeitlinie wird noch seine Filmauslegungen grundieren.
Seine kleine Schrift La philosophie critique de Kant (PK) von
1963, die im Sinne einer Einführung in Kants »Kritiken« das
Verhältnis der Vermögen von Verstand, Urteilskraft und Ver-
51
nunft zueinander erörtert, ist nach eigenem Bekunden ein »Buch
über einen Feind [...], von dem ich zu zeigen versuche, wie es
funktioniert, welches sein Räderwerk ist: Gerichtshof der Ver*
nunft, rechtmäßiger Gebrauch der verschiedenen Vermögen -
eine Unterwerfung, die umso scheinheiliger ist, als man uns den
Titel von Gesetzgebern verleiht.« (U, 15)2 Seine Darlegung des
inneren Mechanismus des kantschen Systems läuft denn auch
auf den Vorwurf hinaus: Kant habe zwar die philosophische
Aufgabe einer Autokritik des Denkens beispielhaft in Angriff
genommen, das Projekt der Vernunftkritik letztlich aber verra*
ten, da er durch die Hintertür unkritische Annahmen wieder
eingeführt habe, wie den guten Willen (le bon sens) zum Den
ken, den Gemeinsinn (le sens commun) als Voraussetzung inter·
subjektiver Urteilsbildung, die Achtung vor dem Sittengesetz,
eine »Zweckmäßigkeit« der Natur und den Menschen als »End
zweck« und Existenzgrund der Vernunft. »Nicht kritisch« lautet
Deleuzes abschließendes Urteil über das kritische Projekt Kants
angesichts dieser zahlreichen Voraussetzungen.
In -der für ihn typischen Vergehensweise wiederholt er
gleichwohl gewisse Ansätze Kants, um sie zuzuspitzen und in
anderes zu wenden. So übernimmt er Kants Auslegung von
Raum und Zeit als Aprioris der Anschauung und deutet deren
Loslösung von der Bewegung als unhintergehbare Signatur der
Modex:_fle;_ ->>Die Zeit out ofjoint, die aus den Angeln gehobene
Tür, bedeutet die erste große kantische Umkehrung: Sie ist die
Bewegung, die sich der Zeit unterordnet.«3 Diese absolut ge·
wordene, »leere« Zeit, welche nunmehr alles als ihre Wirkungen
hervorbringt, lässt die Genese des Subjekts als Vorgang erschei
nen, der sich in zunächst passiven, später aktiven Zeitsynthesen
vollzieht. Aber auch literarische Texte, Gemälde, Filme und mu
sikalische Kompositionen versteht Deleuze primär als Hervor-
\ bringungen der Zeit, die, wenn sie denn Kunstwerke sind, ihren
II
\ 52
Ausgang in der Zeit als Chance zu immanenter zeitlicher Ver
vielfältigung begreifen, wie er es an den Texten Prousts und Kaf
kas, den Bildern von Francis Bacon oder dem filmischen Zeit
Bild herauszustellen sucht.
An Humes wie an Kants Darlegungen interessiert ihn der
Einsatzpunkt, von welchem aus das Verhältnis der Vermögen
zueinander als bewegliches und nicht-konkordantes, die suppo
nierte Harmonie und komplementäre Distribution sprengen
des, gedacht werden kann. So verschärft er die von Kant in der
Kritik der Urteilskraft erläuterte Herausforderung der Vermögen
durch das »Übersinnliche« und Erhabene zu einem agonalen
Prozess:
»Das Erhabene geht in dieser Hinsicht noch weiter: Es bringt die ver
schiedenen Vermögen auf eine Weise ins Spiel, dass sie einander wie
Kämpfer gegenübertreten, dass eines das andere an sein Maximum oder
an seine Grenze treibt, das andere aber reagiert, indem es das erste wie
derum zu einer Eingebung treibt, die es nicht von ganz alleine gehabt
hätte. Das eine treibt das andere an seine äußerste Grenze, jedes aber
lässt das eine die Grenze des anderen überschreiten. Die Beziehung zwi
schen den Vermögen ergibt sich aus dem tiefsten Innern ihrer selbst und
zugleich daraus, worin sie einander am fremdesten sind.«4
53
damit als amoralisch. Diese Amoralität als mögliche Konse
quenz des kategorischen Imperativs, wie sie de Sades Perversio
nen vorführen, beleuchtet Deleuze insbesondere in seiner Schrift
Prisentation de Sacher-Masoch und weist sie als naturvernich
tende und mörderische aus.
54
der Lupe auf seine immanenten Bedingungsverhältnisse über
prüft. Das Ergebnis ist eine Deutung, die alles andere als den
herkömmlicherweise damit verbundenen Herrschaftsanspruch
in den Vordergrund rückt. Der »Wille zur Macht« wird als vitale
Selbstaffirmation des Willens, als »Wille zum Willen« gelesen
und damit gerade als Kritik des traditionellen Machtbegriffs:
»Die Macht ist das, was im Willen will. Die Macht ist das geneti
sche und differentielle Element im Willen. Daher ist der Wille
zur Macht wesentlich schaffend.« (N, 93) »Macht« wird hier de
zidiert nicht als Beziehung der Anerkennung und Repräsenta
tion erörtert - das wäre mit Nietzsche die Sichtweise des Skla
�en -, sondern als »Mächtigkeit/Potenz«, als Selbsthervorbrin
gung der Kräfte und deren differenzgenerierendes Prinzip, dank
welchem die Kräfte und Vermögen sich wechselseitig potenzie
ren, zu singulären »Entitäten« werden und neue Positionen des
Denkens generieren. Die Haltung, die solche Prozesse blockiert
oder nicht befördert, wird von Nietzsche als »Ressentiment« be
zeichnet, da sie »die aktive Kraft von dem (trennt), was sie kann«
(N, 64). Diese vitalistische Auffassung der Macht als Artikula
tion multipler Kräfte und ihrer wechselseitigen Beförderung po
lemisiert ebenso gegen Hegels Dialektik und deren Verfahren
der Negation und Aufhebung wie gegen Schopenhauers Nihilis
mus. Im Durchgang durch das Begriffsfeld des »Willens zur
Macht« sucht Deleuze dessen produktive Mikroverhältnisse
hervorzukehren, um unterhalb der offiziellen Lesart eine tie
fere, vitale Logik sichtbar werden zu lassen. Mit keinem ande
ren Denker hat Deleuze sein Sprechen zu zweit auf derart em
pathische Weise, bis hin zur Ununterscheidbarkeit der Sprechen
den, praktiziert; keinen anderen Denker hat er derart »revirtua
lisiert«, um ihn neuen Interpretationen zu eröffnen.
Mit Nietzsche gelingt ihm daher die Formulierung des Pro
jekts einer »wahren«, weil wertsetzenden Kritik, jenseits von Kant:
55
»Darin gerade, dass Kant die wahre Kritik nicht geleistet hat, weil er
deren Probleme nicht in Begriffen von Werten zu stellen wusste, kann
einer der Hauptantriebe des Werkes von Nietzsche ausgemacht werden
[...] Die Philosophie der Werte, wie er sie begreift und entwirft, bildet die
wahre Realisierung der Kritik, die einzige Weise, >mit dem Hammer< zu
philosophieren. In der Tat implizierte der Begriff der Werte eine kritische
Umwälzung.« (N, 5)
57
firmation des Leidens angesichts der Vielfalt lebendiger Pro
zesse, ein Begriff des Tragischen als »Freude am Vielen« (N, 22)
und eine »dynamische Heiterkeit« entgegensetzt. An die Stelle
der Abwertung des irdischen Lebens tritt eine Bejahung seiner
präsubjektiven Fülle, welche zuletzt die Selbstüberwindung des
Menschen verlangt: »Die [Link] als aktive Zerstörung des
Menschen, der zugrunde gehen und überwunden werden will, ist
die Ankündigung des Schaffenden.« (N, 192) Insofern entgeht
auch der Begriff des »Übermenschen« nicht einer Umwertung:
Das »Über« desjenigen, der das differentielle Moment im Willen
bejaht und das Lebendige befreien hilft, wird verstanden als
Überwindung des Selbst und derjenigen Instanz im Bewusst
sein, die sich ins Verhältnis zu den anerkannten Mächten setzt
und von daher ihren Wert bezieht. Der neue Typus, selbst- und
überich-los geworden, ist dagegen eine Mannigfaltigkeit von
Mikro-Ichs, die schon dank ihrer Affizierung durch multiple
Kräfte sich fortwährend in Metamorphose befinden und darin
einem »Ahuman-Werden« entgegengehen. Dionysos, der grie
chische Gott, der ritualhaft zerstückelt und wieder zusammen
gesetzt wird, ist dessen Begriffsperson.
In Umwertung der gesamten Philosophiegeschichte nimmt
Nietzsches Genealogie der Moral schließlich eine Kritik von Ver
nunft und Wahrheit und des Willens zur Wahrheit vor. Sie setzt
ihm den »Willen zum Falschen« entgegen, da alles Leben, wie
Deleuze Nietzsche weiterführt, ursprungs- und vorbildlos, mit
Simulakren und Maskerade als vitalen Artikulationen beginnt:
»Die Aktivität des Lebens ist gleichsam eine Macht des
Falschen: täuschen, verschleiern, blenden, verführen.« (N, 112)
Der Begriff der »Mächte des Falschen« kehrt als genetisches
Prinzip des »Kristallbilds« in Deleuzes zweiter Filmstudie Cinema
2 L'Image-Temps!Das Zeit-Bild Kino 2 (ZB, S. 168-204) wieder,
wo er die Selbstgenerierung des Zeit-Bildes aus den Simulakren
58
der primären Zeitsynthesen zu bezeichnen hat (vgl. Kap. 5). Ein
solches, aus afigurativen Elementen hervorgehendes und sich
ununterbrochen transformierendes Bild schafft »ein neues Bild
des Denkens«, in dem »das Wahre kein Element des Denkens
mehr bildet. Das Element des Denkens ist der Sinn und der
Wert.« (N, 114) Im Hinblick darauf tritt an die Stelle der ontolo
gischen »Was-ist«-Frage jene nach den Trägern der Werte. »Was
ist das Schöne?« wird durch: »Wer ist schön oder gut?«, die On
tologie durch Symptomatologie und Typologie ersetzt.
Dank seiner begrifflichen Auffächerung entdeckt Deleuze zu
letzt sogar in Nietzsches Formel von der »Wiederkehr des Glei
chen« ein genetisches Moment, das die Wiederkehr des Glei
chen zur Wiederkehr des anderen werden lässt: Was auf dem
tiefsten Grund wiederkehrt, ist die Wiederkehr selbst, nicht das
Sein in Identität, sondern dessen ewiges Werden und damit Dif
ferenz: »> Wiederkehren ist dies Sein des Werdenden< [. .] Wieder
.
kehr macht selbst das Sein aus, insoweit dieses im Werden und
im Vergehen sich bejaht.« (N, 54 f.) Mit dieser Verwandlung des
tragischen Diktums Nietzsches in ein positiv-generatives Prin
zip schlägt Deleuze auch eine Brücke zu Bergson.
59
arbeitet Deleuze Bergsons Zeitkonzeption heraus, die in den
späteren Bergson-Lektüren der Kinostudien um dessen Auffas
sung von Bewegung und Bild erweitert werden. Am Begriff der
Dauer, den Bergson gegen das überkommene Verständnis von
Zeit als lineare, teilbare Größe zählbarer Quanten (von Tagen,
Stunden, Minuten usw.) entwirft und als unteilbaren, qualitati
ven Zeitstrom versteht, evaluiert Deleuze dessen Status als vor
begriffliche ontologische Differenz und als Werdensprinzip: »Die
Dauer, die ihm immer weniger auf eine psychologische Erfah
rung reduzierbar zu sein scheint, wird zur veränderlichen Es
senz der Dinge und avanciert zum Bezugspunkt einer komple
xen Ontologie.« (HB, 50) Nicht nur Subjekte, sondern alles
Erscheinende ist aufgrund seiner inneren Zeitlichkeit nicht nur
von anderen, sondern in sich selbst unterschieden. Aber auch
die Zeit selbst wird als »innere Vielheit, eine Vielheit des Nach
einander, der Verschmelzung, der Organisation, der Heteroge
nität, der qualitativen oder Wesensunterscheidung, eine Vielheit,
die virtuell und ·kontinuierlich ist« (HB, 54), gedacht. Deleuze
konzipiert sie mit Bergson als Doppelzeitlichkeit von G_egen
wart und »Vergangenheit-Zukunft« (LS, 20), wobei Letztere ob
ihrer Unendlichkeit virtuell, ihre unausgesetzte Vergegenwärti
gung dagegen aktuell genann� wird: Dauer ist »das Virtuelle, das
sich aktualisiert, das von der Bewegung seiner Aktualisierung
untrennbar ist. Denn die Aktualisierung vollzieht sich durch
Differenzierung.« (HB, 59) Will man Gegenwart denken, muss
man ihre Vergegenwärtigung als Werden und Vergehen auf der
Linie der Unendlichkeit denken, welche, weil immer schon vor
gängig, auch als »reine Vergangenheit« bezeichnet wird: »Die
Vergangenheit folgt nicht der Gegenwart, sondern wird von die
ser im Gegenteil als Bedingung schlechthin vorausgesetzt, ohne
die sie nicht vergehen könnte. Anders ausgedrückt, jede Gegen
wart verweist auf sich selbst als Vergangenheit.« (HB, 79) Wie in
60
der Burne-Schrift betont Deleuze daher die Koexistenz von
Vergangenheit und Gegenwart. Da die Gegenwart als fortgesetzt
""W'ertiende... die Vergangenheit in ihrer Unendlichkeit wiederholt
uhd»gegenverwirklicht«, wird sie auch als die »am [Link] kon
?ja1JtenrE bene dei 'Vergangenheit« (HB, 96) bestimmt. Diese Um
deutung der Zeit lässt zwangsläufig auch das Raumverständnis
nicht unangetastet: »Denn der Raum ist dann keine Form bloßer
Äußerlichkeit mehr, eine Art entstellender Bildfläche für die
Dauer [...]; er muss in den Dingen selbst, in den Beziehungen zwi
schen den Dingen und den Zeitfolgen fundiert sein.« (HB, 67) Der
Raum wird nicht mehr wie bei Descartes als Materie oder Aus
dehnung verstanden, sondern als »Schema« der Materie; nicht das
Ausgedehnte ist im Raum als in einem Behälter, sondern der
Raum unterhält ein Wiederholungsverhältnis zur Zeit, aktualisiert
seinerseits seine Vtrtualität in Materie und Ausdehnung.
Im Rahmen dieser Umdeutung von Raum und Zeit wird auch
die Genese des menschlichen Subjekts als Aktualisierung der vir
tuellen Dauer und als deren Fixierung in Gedächtnis und Be
wusstsein expliziert. Gedächtnis sei die »Koexistenz aller Diffe
renzstufen innerhalb dieser Vielheit und Virtualität Der Elan vital
schließlich bezeichnet die Aktualisierung dieses Virtuellen entlang
der Differenzierungslinien, die diesen Differenzstufen entsprechen
- bis hin zur Entwicklungslinie des Menschen, wo der Elan vital
ein Bewusstsein von sich gewinnt.« (HB, 142) Was mit Nietzsche
Kraft und Bewertung hieß, heißt nunmehr »Elan vital«, seine
Funktion ist die nämliche: aus dem Virtuellen auswählen, aktuali
sieren und potenzieren, neue Positionen des Denkens generieren.
Bei seinen Erläuterungen der virtuellen Zeit betont Deleuze
wiederholt deren Unterschied zur Kategorie der Möglichkeit.
Das Virtuelle ist nicht mit dem Möglichen zu verwechseln, da
dieses im aristotelischen Potenz-Akt-Schema als Präformation
des Wirklichen nach dem Modell der Ähnlichkeit und der Zeit-
61
form des »noch nicht« gedacht wird. Das Virtuelle dagegen, als
unendliche Differentialität konzipiert, bedeutet in seiner Aktua
lisierung immer Unähnlich-Werden, Metamorphose, Differen-
z1erung.
.
62
wird das Sein als Stimme bestimmt, die allem Seienden auf die
selbe Weise zukommt und in der sich alles Seiende gleicher
maßen aktualisiert: »So ist die Mannigfaltigkeit der Attribute
der Einheit der Substanz strikt gleich; diese strikte Gleichheit
müssen wir so verstehen, dass die Attribute formal das sind, was
die Substanz ontologisch ist.« (S, 294) Deutlich wird, dass die
Stimme - und damit quasi Nicht-Seiendes - als Einheitsgrund
konzipiert wird, worin sich eine Umwertung der Ontologie -
die von der Einheit des Seins ausgeht - vollzieht. Im Gegensatz
zu Leibniz will Deleuze aber auch keine Unterscheidung zwi
schen klaren und nicht-klaren Ideen treffen, sondern behauptet,
dass alle Ideen gleichermaßen zum Ausdruck gelangen. Die
Stimme als Einheitsgrund kennt keine Hierarchie von seeli- >
63
als spinozistische »Physik« bezeichnet, dank welcher aktive
Tätigkeitsvermögen als natürliche Prozesse gedacht werden:
»Alles in der Natur ist Physik: [...] Physik der Kräfte, d.h. ein
Dynamismus, nach dem das Wesen in der Existenz bejaht wird
und sich mit den Varianten des Tätigkeitsvermögens verbindet.«
(S, 205) Der von ihm hier nicht beantworteten Frage: »Was
kann ein Körper?« geht er in seiner späteren Studie Spinoza.
Philosophie pratique weiter nach.
64
bereits der Titel eines Unterkapitels verrät. Dieses Bild folgt
nicht dem Modell des Wiedererkennens, sondern konfrontiert
sich mit Problemen, die nicht in propositionalen Strukturen
oder dialektischen Schemata zu fassen sind und als zu groß zur
Erfassung beschrieben werden: das Problem der Mannigfaltig
keit und der Differenz und Wiederholung »an sich«.
Als Inspiration für seine Schrift gibt Deleuze die heidegger
sche Frage nach der »ontologischen Differenz« ebenso wie das
strukturalistische Verfahren und die Kunst des zeitgenössischen
Romans an, der »um Differenz und Wiederholung kreist« (DW,
11). Als Ausgangsposition seines Denkens nennt er die mit dem
Zweiten Weltkrieg verbundene Erfahrung der Zerstörung bio
graphischer wie epistemologischer Sicherheiten, das »Scheitern
der Repräsentation wie den Verlust der Identitäten und die Ent
deckung all der Kräfte, die unter der Repräsentation des Identi
schen wirken« (DW, 11 ). Allerdings erblickt er in dieser Zer
störung auch eine Chance: jene, die präsubjektiven Differenzen
offen zu legen, welche von den Strukturen der Repräsentation
überlagert werden, »die Differenz an sich selbst und den Bezug
des Differenten zum Differenten zu denken« (DW, 11), da >>die
Differenz und die Wiederholung [... ] an die Stelle des Identischen
und des Negativen, der Identität und des Widerspruchs getre
ten« (DW, 11) sind.
Um die Differenz »an sich selbst« denken zu können, muss
sie aus ihrer Unterordnung unter das Schema der Repräsenta
tion befreit werden. Das aber bedeutet eine Kritik der Philoso
phiegeschichte, in welcher sie, wie Deleuze beklagt, nur als ge
zähmte denkmöglich geworden sei, »unter der vierfachen Fessel
der Repräsentation: [... ] der Identität im Begriff, des Gegensat
zes im Prädikat, der Analogie im Urteil, der Ähnlichkeit in der
Wahrnehmung« (DW, 329). Die Differenz an sich wird dann er
neut als virtuelle Zeitlichkeit entfaltet, in der sich alles Existie-
65
rende und die sich mit diesen Aktualisierungen als Vielfalt zeit
licher Synthesen, als in sich Unterschiedenes konstituiert, wes
halb sie sich zwangsläufig allen epistemologischen Zugriffen
entzieht. »Wenn die Differenz auf die Identität des Begriffs be
zogen wird, so verschwindet gerade die Differenz im Denken,
jene Differenz des Denkens mit dem Denken, jene Genitalität
des Denkens, jener tiefe Riss im Ego, der es veranlasst, nur da
durch zu denken, dass es seine eigene Passion und noch seinen
eigenen Tod in der reinen und leeren Form der Zeit denkt.«
(DW, 333) In paralleler Weise muss die Wiederholung als
Größe entfaltet werden, die ein intrinsisches Verhältnis zu die
ser Differenz unterhält und die Kategorien der Allgemeinheit,
der Ähnlichkeit, der Äquivalenz und des Tauschprinzips unter
läuft.
Im Gegensatz zu Hegels Dialektik, in welcher Wiederholung
und Differenz in ein komplexes Repräsentationsschema des
Geistes eingefügt werden, sucht Deleuze Wiederholung und
Differenz als unverfügbare Größen zu denken, der Tauschöko
nomie zu entreißen und einer Ökonomie zuzuordnen, in wel
cher Diebstahl und Gabe ihre »Kriterien« (DW, 15) sind. Wie
derholen wird hier als primäres, lebensnotwendiges Verhalten
entwickelt, jenseits dessen wir nichts denken und nicht denken
können, da Denken selbst mit Wiederholen beginnt: »Man wie
derholt, weil man nicht weiß, weil man sich nicht erinnert usw.,
weil man zur Tat nicht fähig ist.« (DW, 367) Im bereits mit
Hume skizzierten Sinn wird Wiederholung als Kontraktion von
Zeit, als Wechsel von passiven und aktiven Synthesen, als Wech
sel von Kontemplation und Reflexion gedacht, dank welcher es
zu Gewohnheits- und Erinnerungsbildung kommt. Da sich in
jeder Wiederholung die Zeitlinien der Vergangenheit und Ge
genwart ineinander verschränken, konstituiert sie sich immer
im und als Unterschied: »Die leere Form der Zeit ist es, die die
66
Differenz im Denken einführt und konstituiert, von der aus es
denkt, als Differenz von Unbestimmtem und Bestimmung. Sie
ist es, die auf beiden Seiten ihrer selbst ein durch die abstrakte
Linie gespaltenes Ego und passives Ich aufteilt [...] Sie ist es, die
Denken im Denken erzeugt.« (DW, 344 f.) Diese elementaren,
zeitbedingten, vorbildlosen Konstitutionen unterhalb des Be
wusstseins nennt Deleuze »System« des Simulakrums oder
Trugbilds, in dem sich »das Differente mittels der Differenz
selbst auf das Differente bezieht« (DW, 346). Dieses Modell der
unvermittelten Trugbilder und Differentianten ist sein Gegen
entwurf zum differenzvermittelnden System der Repräsenta
tion, bestehend aus »Individuationsfeldern und disparaten Rei
hen«, »passiven Ichs«, »larvenhaften Subjekten«, »raum-zeitli
chen Dynamiken« und »formlosem Chaos« (DW, 346 f.). In Wie
deraufnahme nietzschescher Gedanken nennt er »Verschiebung
und Verkleidung [...] Mächte der Wiederholung, wie Divergenz
und Dezentrierung Mächte der Differenz sind« (DW, 359).
Dank ihrer »Zeitkomplexionen« wohnt den Wiederholungen
eine innere Unruhe und Dynamik inne, die von Deleuze positiv
bewertet wird, da sie zu Selbstpotenzierungen, zur Durchdrin
gung der mechanischen Wiederholung auf tieferliegende Wie
derholungen und schließlich zur Wiederkehr als solcher, zur rei
nen Zeitlichkeit, Anlass gibt.
67
Die Wiederholung birgt somit in sich die Potenz, sich zu trans
zendieren und in dem, was wiederkehrt, Differentes aufschei
nen zu lassen, neue Bilder, neue Aussagen, unbekannte Fragen
und singuläre Konstellationen, die vorausweisen und Zukünfti
ges präfigurieren.
Die den Wiederholungen entsprechenden »molekularen Ichs«
nennt Deleuze auch Mannigfaltigkeiten oder »Meuten« oder
in erneuter Umwertung Heideggers - »eine Welt unpersönlicher
Individuationen und präindividueller Singularitäten dies ist die
-
»Es ist vielleicht der höchste Gegenstand der Kunst, all diese Wiederho
lungen mit ihrer wesentlichen und rhythmischen Differenz, ihrer wech
selseitigen Verschiebung und Verkleidung, ihrer Divergenz und Dezen
trierung gleichzeitig in Bewegung zu setzen [...] Die Kunst ahmt nicht
nach, ahmt aber vor allem deswegen nicht nach, weil sie wiederholt und
aufgrund einer inneren Macht alle Wiederholungen wiederholt [...] Jede
Kunst hat ihre eigenen Techniken von verzahnten Wiederholungen,
deren kritische und revolutionäre Gewalt den höchsten Punkt erreichen
68
kann, um uns von den öden Wiederholungen der Gewohnheit zu den
tiefen Wiederholungen des Gedächtnisses und dann zu den letzten Wie
derholungen des Todes zu führen, in denen unsere Freiheit auf dem Spiel
steht.« (DW, 364 f.)
69
Allerdings gesteht Deleuze zu, dass das solchermaßen begrif
fene Lernen auf gefährliche Prozesse zulaufen kann, in denen
das Subjekt seine Kohärenz verliert und sich in der mit Nietz
sche dargestellten Überwindung des Überichs an den Rand sei
ner Existenz begibt:
»Wenn [...] die Probleme den ihnen eigenen Grad an Positivität erreichen
und wenn die Differenz zum Gegenstand einer entsprechenden Bejahung
wird, so setzen sie, wie wir glauben, eine Aggressions- und Selektions
macht frei, die die schöne Seele zerstört, indem sie diese ihrer Identität
beraubt und ihren guten Willen bricht. Das Problematische und das Dif
ferentielle bewirken Kämpfe und Zerstörungen, denen gegenüber die des
Negativen nur Schein sind [...]. Das Trugbild ist nicht etwa ein Abbild,
reißt vielmehr alle Abbilder nieder, indem es auch die Urbilder stürzt:
Jeder Gedanke wird Aggression.« (DW, 12)
70
zierung das Gesetz immer zu dekonstruieren tendiert, wird
daher auch als »Denken jenseits von Gut und Böse« bezeichnet,
als »Logos des Einzelgängers, des Einzelnen« (DW, 22). Im Ge
gensatz zu verbrieften Moralgesetzen oder zum karrtsehen Sit
tengesetz, das auf die Selbstverpflichtung des Subjekts als Ver
nunftwesen abzielt, fordert Deleuze allenfalls eine Verpflichtung
zur Bejahung und Transformation der Wiederholung und damit
von Vermögen, die aus dem Unbewussten und dem Affekt re
sultieren. Damit regt er freilich zu einem solitären und unter
Umständen gefährlichen Gang an, insofern die Potenzierung
der Wiederholung und die Freilegung des genetischen Elements
in der Wiederholung das entdecken hilft, was sich einer Begrün
dung und Erklärung letztlich entzieht: die Frage, das Problem.
Deleuzes paradoxe Ethik lautet daher: »Du sollst, was immer du
willst, so wollen, dass du auch dessen ewige Wiederkunft willst
[ . ] - aus der Wiederholung selbst die einzige Form eines Geset
. .
71
lischen Bewegungen wechselseitiger Erhellung und einem sich
intensivierenden Procedere zu entfalten, auch in einer formal
herausfordernden Weise ein.
Bezeichnenderweise hebt das Buch mit der Serie »vom reinen
Werden« an. In dieser ersten Serie wiederholt er die mit Bergsen
entfaltete Zweisträngigkeit der Zeit unter Querverweis auf die
Stoiker als »Vergangenheit-Zukunft« oder »Äon« einerseits und
Gegenwart oder »Chronos« andererseits. Und er beschreibt das
sich Vergegenwärtigende erneut als Weise der Kontraktion und
minimalen »Gegenverwirklichung« der unendlichen Zeit. Da
die Gegenwart durch stetes Kommen und Vergehen gekenn
zeichnet ist, bestimmt er das Werden zusammen mit der literari
schen Figur von Alice im Wunderland und Alice hinter den Spie
geln als Bewegung in zwei Zeit- und Sinnrichtungen zugleich:
»Es gehört [ ... ] zum Wesen des Werdens, in beide Richtungen
gleichzeitig zu verlaufen, zu streben: Alice wächst nicht, ohne
zu schrumpfen, und umgekehrt. Der gesunde Menschenver
stand besteht in der Behauptung, dass es in allem eine gerrau be
stimmbare Richtung, einen gerrau bestimmbaren Sinn gibt.« (LS,
15) Dem gesunden Menschenverstand, der hier auch als der he
gelsche erkennbar wird, wird ein antidogmatisches Denken in
»Paradoxa« entgegengesetzt, das »in der Bejahung zweier Rich
tungen, zweier Sinnprägungen zugleich« (LS, 15) besteht »un
endliche Identität beider Sinn-Richtungen zugleich, des Künfti
gen und des Vergangenen, des vorigen und des morgigen Tages,
des Mehr und des Weniger, des Zuviel und des Nicht-Genug,
des Aktiven und Passiven, der Ursache und der Wirkung« (LS,
17). Das französische WÖrtchen le sens wird in seiner Doppelbe
deutung als Sinn und Richtung und in seiner Ununterscheidbar
keit von Singular und Plural zugleich ausgespielt. In diesem plu
ralen und gegenläufigen Sinn sucht Logique du sens den Sinn/die
Richtung als Wirkung der Selbstaktualisierung der Zeit zu ent-
72
falten, die sich ob ihres fortgesetzten Werdens der Bedeutungs
festlegung entzieht. Möglich wird die Sinnproduktion, wie De
leuze in mehreren Serien - in Wiederaufnahme von Hume -
ausführt, erst nach Aufkündigung des vermeintlichen Kausal
und Geneseverhältnisses zwischen den körperlichen Ursachen
und den sprachlichen Wirkungen. Zusammen mit der Sprach
philosophie der Stoiker und den literarischen Texten von Lewis
Carroll etabliert er eine dritte Ebene von Sinn/Ereignis/Phan
tasma, die das duale Verhältnis durchtrennt, die Bereiche der
Körperzustände und der sprachlichen Äußerungen auf sich
selbst verweist und als Zwischenebene andere Konstitutionsver
hältnisse kennt.
Im Hinblick auf die Etablierung dieser Ebene werden Sinn/
Richtung zunächst als Wirkungen der Quasi-Ursachen der Struk
tur, jener präsubjektiv und apersonal gedachten Ereignisse und
Aussagen bestimmt: »Das Subjekt dieses neuen Diskurses -
doch es gibt kein Subjekt mehr - ist nicht der Mensch oder
Gott, noch weniger der Mensch anstelle Gottes. Es ist diese
freie, anonyme und nomadische Singularität, die eben die Men
schen, die Pflanzen und Tiere unabhängig von der Materie ihrer
Individuation und von den Formen ihrer Personalität durch
quert.« (LS, 141) Wie bereits gezeigt, entwickeln diese zeitkons
tituierten Singularitäten aus sich heraus autogenetische Pro
zesse des Denkens, als deren Ergebnis der multiple Sinn entsteht.
Um sich aber von den »Quasi-Ursachen« zu emanzipieren, muss
der »unkörperliche« Sinn seine Hervorbringung »gegenverwirk
lichen«, quasi selbst verursachen, was ihm im »Unsinn-Spre
chen« gelingt. Denn das »Unsinn-Sprechen« verweist auf kein
außersprachliches Referenzobj ekt, sondern auf den Akt der
Äußerung selbst, schließt diesen mit sich selbst kurz. In diesem
selbstreferentiellen Sprechen wird die Oberfläche des Sprachli
chen, wird die Möglichkeit des Ausdrucks und der Sinnproduk-
73
tion etabliert. Da der Sinn nicht mit der Bedeutung von Aussa·
gen identisch ist, sondern in Aussagen als deren Quasi-Grund
legung und infiniter Zeitverlauf »insistiert«, wird er auch das
»Ausgedrückte« genannt: »Der Sinn ist das Ausdrückbare oder das
Ausgedrückte des Satzes und untrennbar damit das Attribut des
Dingzustandes.« (LS, 41) Als »steriler« und »undurchlässiger«
gibt er »die Grenze zwischen den Sätzen und den Dingen [abJ.
Er ist dieses aliquid, zugleich Außersein und Insistenz, dieses
Seinsminimum, das den lnsistenzen zukommt.« (LS, 41)
Die Kehrseite dieser Sinn-Ebene, sozusagen von den Dingen
und Körperzuständen her gesehen, ist das, was als »Ereignis«
bezeichnet wird. Das Ereignis akzentuiert erneut die Zeitdi·
mension der Dingzustände, ihre Ein- und Entfaltung in Zeit.
Deleuze wiederholt verschiedentlich, dass ein Ereignis nicht
werden kann, wenn es sich nicht in den Dingen verkörpert; an·
dererseits muss es, um Ereignis zu werden, die beschriebenen
Wiederholungszyklen durchlaufen und in einem qualitativen
Sprung sich selbst überfliegen, in anderes umschlagen, in jene
reine Zeit und unkörperliche »Entität«, wie sie in den Aussagen
als Sinn insistiert. Der Begriff des Ereignisses dient mithin dem
Versuch, Vorgänge der Selbstaktualisierung der Zeit als doppelte
Bewegung der Insistenz in Dingen und Körpern und gleichzei·
tige Befreiung davon zu denken, wie sie Deleuze an einem Bei
spiel deutlich macht: »Grünen zeigt also eine Ereignis-Singula
rität an, in deren Nachbarschaft sich der Baum konstituiert.«
(LS, 146) Das Grün-Werden bedarf einer Verkörperung in Ge
genständen; gleichwohl geht es in dieser Verkörperung nicht
auf. Gedacht als präexistente, unkörperliche Entität, wird es er
kennbar als Umkehrung der platonischen Ideen, als Ergebnis
des Versuchs, diese auf die Erde bzw. in die Oberfläche der
Sprache zu holen und sie nicht als Vorbilder, sondern als Ver
laufsformen der Zeit zu konzipieren.
74
Sinn und Ereignis bilden mithin die beiden Seiten oder die
»Zwiefalt« jener Ebene, die in ihrer unbegrenzten Zeitlichkeit
zugleich das Trennende und Verbindende der Dingzustände
und Aussagen ist. Wie Dinge und Ursachen der Zeit unterste
hen, so wohnt den Aussagen Zeitlichkeit inne, freilich nicht den
Substantiven oder Adjektiven, sondern den Verben. Erst deren
Infinitiv, deren unbegrenzte Verlaufsform, macht finite Aussa
gen möglich und legt in den »Dingzuständen« transzendierende
Vorgänge frei.
Im Rahmen dieser Entfaltung von Ereignissen, die nicht mit
gegenständlichen Gegebenheitsweisen verschmelzen, und von
Sinnstiftungen, die konkrete Äußerungen transzendieren, wird
auch die Genese des Bildlichen aus afigurativen und partialisier
ten Größen expliziert: »Das reine Werden, das Grenzenlose bil
det den Stoff des Trugbildes, insofern es sich der Aktion der
Idee entzieht, insofern es zugleich sowohl das Urbild als auch
das Abbild zurückweist.« (LS, 16) Die Entwicklung der vorbild
losen Trugbilder mit gleichwohl bildgenerierenden Potentialen,
die in »Idole« und »Phantasmen« als Gesamtprojektionen des
Körpers münden, wird nach dem bekannten Modell der Auto
genese des Denkens als mehrschichtige und sich sukzessive er
weiternde Bildkonstitution expliziert. So wird das Phantasma
erneut als »Überflug« und Überwölbung partikularer Körperbil
der, als deren »Vernähung« zu einem Gesamtbild einerseits und
als Wiederbesetzung der afigurativen Ausgangsdaten anderer
seits gedacht. Im Phantasma erscheinen daher wie in Sinn und
Ereignis die präsubjektiven und apersonalen Singularitäten ak
tualisiert, weshalb Deleuze in L'Anti-Oedipe Phantasmen nur als
kollektive gelten lässt.
In Anlehnung an Melanie Kleins Modell frühkindlicher Ent
wicklung ordnet er den Stadien bildlicher Genese schließlich ein
Modell »dynamischer Genese« des Individuums in drei Ent-
75
wicklungsschritten zu. Den Trugbildern entspricht dann die schi
zoide Phase partialisierter Körpererfahrung, welche in der zwei
ten, depressiven Phase unter ein Bild »in der Höhe«, das Idol,
vereinigt wird; dieses Bild >>in der Höhe« wird wiederum in der
dritten, ödipalen Phase auf den gesamten Körper projiziert und
verleiht diesem im Phantasma ein Einheitsbild. Dabei vertritt
Deleuze in Logique du sens noch einen positiven Begriff von
Ödipus als »Friedensstifter«, da er die rivalisierenden Bilder auf
der Oberfläche des Körpers zusammenführt und versöhnt:
»Ödipus hat die höllische Macht der Tiefen gebannt, er hat die
himmlische Macht der Höhen gebannt und fordert jetzt ein
drittes Reich, die Oberfläche, nichts als die Oberfläche.« (LS,
248) Ödipus erscheint nun als die Begriffsperson, deren Ober·
flächenarbeit jene dritte Ebene erstellt, »das Ereignis von seinen
Ursachen in der Tiefe �Öst], auf der Oberfläche aus(breitet] und
an seine Quasi-Ursache unter dem Gesichtspunkt einer dyna·
mischen Genese anfknüpft] (LS, 261 )
« .
»Zu diesem Willen gelangen, den das Ereignis uns gibt, die Quasi-Ursa
che dessen zu werden, was sich in uns herstellt, der Operateur; die Ober·
flächen und die Verdoppelungen herstellen, in denen sich das Ereignis
widerspiegelt, sich als unkörperliches wieder einfindet und in uns die
neutrale Pracht offenbart, über die es an sich als unpersönliches und
präindividuelles verfügt, jenseits des Allgemeinen und Besonderen, des
Kollektiven und Privaten - Weltbürger.« (LS, 186)
76
verwirklicht« werden, bis sich das Subjekt in diesen Wiederho
lungen selbst überwindet und die Ereignisse prinzipiell mit
allen anderen korrespondieren lässt. »Gegenverwirklichung« des
Ereignisses meint mithin nicht einfache Bejahung oder Hin
nahme des Gegebenen, sondern erneut dessen Durchdringung
auf etwas in dem Gegebenen, auf etwas Kommendes hin: eine
»Art Sprung des ganzen Körpers an Ort und Stelle, der seinen
organischen Willen gegen einen spirituellen Willen vertauscht,
der nun nicht genau das, was eintritt, sondern etwas }in< dem,
was eintritt, etwas Kommendes will, das dem entspricht, was
eintritt [... }: das Ereignis« (LS, 187). Deleuze beendet diese For
derungen mit Sätzen, die in deutlichem Anklang an biblische
Imperative deren Umwertung anmahnen: »Mehr kann man nicht
sagen, nie wurde mehr gesagt: dessen würdig werden, was uns
zustößt, darin also das Ereignis wollen und freilegen, der Sohn
seiner eigenen Ereignisse und dadurch neu geboren werden, sich
abermals eine Geburt verschaffen, mit der eigenen fleischlichen
Geburt brechen.« (LS, 187)
Diesen »Sohn der Ereignisse« nennt er schließlich einen
»Gegen-Gott« und bestimmt ihn ob seiner Gegenverwirkli
chung als Schauspieler oder Mimen. Er ist die Begriffsperson,
die, dem Ereignis seinen begrenzten Körper bietend, dieses auf
seine unbegrenzte Wiederholbarkeit öffnet:
»Der Akteur bleibt im Augenblick, während die von ihm gespielte Per
son in der Zukunft hofft oder befürchtet, sich in der Vergangenheit
zurückerinnert oder bereut: Genau in diesem Augenblick repräsentiert
der Akteur. Das Minimum der im Augenblick spielbaren Zeit dem Maxi
mum der gemäß Äon denkbaren Zeit entsprechen lassen. Die Verwirkli
chung des Ereignisses auf eine mischungslose Gegenwart begrenzen, den
Augenblick umso intensiver und gespannter machen, als er eine unbe
grenzte Zukunft und unbegrenzte Vergangenheit ausdrückt: Darin be
steht die Verwendung der Repräsentation: der Mime.« (LS, 185)
77
In dieser schauspielerischen Minimalrepräsentation erblickt De
leuze eine der stoischen verwandte Weisheit, da sie das Ereignis
begrenzt, »den Mischungen Maß [gibt] und [sie] hindert über
handzunehmen« (LS, 185). In der schauspielerischen Doppe
lung, in der Inkarnation des Ereignisses und dessen gleichzeiti
ger Eröffnung ins Apersonale, entfaltet sich die »Pracht des
man«: »Es ist das man der unpersönlichen und präindividuellen
Singularitäten, in dem es stirbt wie es regnet.« (LS, 190)
In einem seiner ergreifendsten Texte, dem Unterkapitel >>Por
zellan und Vulkan«, dramatisiert Deleuze das Ereignis und seine
Gegen-Verwirklichung noch einmal unter Bezugnahme auf einen
literarischen Text. Die Alkoholdelirien eines F. Scott Fitzgerald,
wie in dessen Erzählung The crack up problematisiert, sieht er
um einen »Knacks« oder »Riss« kreisen - in einer zeitlichen Mi
nimalbewegung, die den Text zu einem »Nomadisieren auf der
Stelle« und zur Freilegung der divergierenden Zeitlinien von
Vergangenheit-Zukunft und Gegenwart werden lässt. »Ein laut
loser Knacks ist geschehen, unwahrnehmbar, an der Oberfläche,
ein reines Oberflächen-Ereignis [...] Der Knacks ist weder äußer
lich noch innerlich, er ereignet sich an der Grenze, unmerklich,
unkörperlich, ideell.<<13 (LS, 46) Aufgrund des alkoholismusbe
dingten Knackses teilt sich das Ereignis in eine harte Gegenwart
des »ich habe« und eine fliehende Vergangenheit des »getrun
ken«, in welcher sich das Aussagesubjekt zerreibt. »Wenn man
sich die Frage stellt, warum die Gesundheit nicht ausreicht,
warum der Knacks wünschenswert ist, dann vielleicht deshalb,
weil man noch nie ohne ihn und außerhalb seiner Ränder ge
dacht hat, und weil alles, was groß und gut an der Menschheit
ist, durch ihn eintritt und aus ihm hervorgeht.« (LS, 57) Noch
einmal betont Deleuze an Hand dieses Beispiels, dass sich die
Zeit einerseits ins Fleisch einschreiben, andererseits aber fortge
setzt gegenverwirklicht, in die unkörperlichen Oberflächenef-
78
fekte des Sinns verwandelt werden muss, um begrenzt und un
schädlich gemacht zu werden: »aber jedes Mal müssen wir die
schmerzhafte Wirkung wiederverkörpern und sie dadurch be
grenzen, voll ausspielen und verwandeln« (LS, 58). Die hier skiz
zierte Verwandlung des Tödlichen gilt noch für den Moment
des Sterbens, worin Deleuzes Ethos seine zugespitzteste For
mulierung erfährt:
»Man muss sich selbst begleiten, schon um zu überleben, aber auch dann
noch, wenn man stirbt. Die Gegenverwirklichung ist wirkungslos, sie ist
die des Clowns, wenn sie alleine vorgeht, und wenn sie vorgibt darauf
Einfluss zu haben, was hätte geschehen können. Aber das, was wirklich ge
schieht, zu mimen, die Wirkung durch eine Gegenwirkung, die Identifi
zierung durch eine Distanz zu verdoppeln, das ist Sache eines wirklichen
Schauspielers oder Tänzers, heißt, der Wahrheit des Ereignisses die ein
malige Chance zu geben, sie nicht mit der unvermeidlichen Auswirkung
zu verwechseln.« (Gilles Deleuze, Porzellan und Vulkan, übers. v. M. Ott,
Berlin 1984, S. 58)
79
3 . Lektüren literarischer Texte
81
Die Tatsache, dass das Buch aus zwei heterogenen Teilen be
steht, erlaubt eine Bruchstelle in Deleuzes Denken nachzuzeich
nen, die den Zeitindex von 1968 trägt und mit der beginnenden
Zusammenarbeit mit Guattari zusammenfällt. Das Ereignis des
Denkens und Schreibens zu zweit geht einher mit einer Um
deutung des Unbewussten und einer Neubewertung der Psy
choanalyse, wie sie etwa zeitgleich in L'Anti-Oedipe (1972) zum
Ausdruck kommt. An die Stelle des »Theaters des Unbewuss
ten« des ersten Teils, welches das proustsche Kunstwerk in Be
griffen wie »Zeichen«, »Einhüllung«, »Entwicklung«, »Interpre
tation und Expression«, »Steigerung« und »Essenz« als dramati
schen Vorgang nachinszeniert, tritt im zweiten Teil ein Be
schreibungsmodus, der mit Begriffen wie »Schachteln«, »Ge
fäßen« und »Maschinen« operiert und das Kunstwerk als >>abs
trakte Maschine« und als »Transversale der Zeit« erstehen lässt
Dieser Wechsel des Schauplatzes, diese Verschiebung des Kunst
werks an einen Ort, an welchem sein Vermögen der Selbstinter
pretation als das einer Maschine beschrieben wird, die auf Pro
duktion von »Partialobjekten« ausgeht und das Textganze einer
fortgesetzten »Heterogenese« unterwirft, ist vom Wunsch nach
noch radikalerer Explikation des unpersönlichen Denkprozes
ses geleitet. Sie folgt der Überzeugung, dass dessen Mehrdimen
sionalität und Dynamik nur durch ein seinerseits vielfältiges Be
griffsinstrumentarium, das unbekannte Momente ins Denkbare
rückt, gehoben werden kann.
Der Einsatz der deleuzeschen Proust-Lektüre besteht daher
zunächst in der Zurückweisung einheitsstiftender Prinzipien der
Recherche: »Gedächtnis« und »Erinnerung« sollen nicht, wie von
anderen behauptet2, den Text organisieren und seinen Elemen
ten einen Rahmen bieten; auch den behaupteten Gegensatz zwi
schen Bergsons »Dauer<< und der proustschen Zeitvervielfälti
gung erkennt Deleuze nicht an. Wie anlässlich von Le bergsonisme
82
gezeigt, versteht er bereits Bergsons »duree« als differentielle
Mannigfaltigkeit von Zeit und �ie Recherche als deren exempla
rische Aktualisierung. Prousts Suche nach der verlorenen Zeit
entfaltet er daher als - positiv bewertete - »Pathologie«, als
Denken aus Leidenschaft. Der Eifersuchtswahn des Erzählers
wird als produktives Vermögen begriffen, insofern es die Einbil
dungskraft freisetzt und jenen Prozess der Wiederholung, Stei
gerung und Selbstinterpretation der Zeichen in Gang setzt, an
dessen Ende »in« der Wiederholung eingeschlossene Differen
zen und »Essenzen« aufscheinen, die freizulegen der Sinn des
Eifersuchtswahns ist. Entsprechend diesem passioneilen Gang,
seinen verschiedenen Umläufen und seinem Aufruf verschiede
ner Vermögen skizziert Deleuze ein - platonisch inspiriertes -
Auf- und Abstiegsschema des Denkens: Die Empfindung als un
terstes Vermögen potenziert und >>sättigt« das »sentiendum«
oder das, »was empfunden werden muss«, um es anderen Ver
mögen anheim zu geben und zum »memorandum« und »cogi
tandum« aufsteigen zu lassen, von welchem ihm die Rückwen
dung auf seine Ausgänge im Unbewussten gelingt. Den verschie
denen Vermögen werden »molekulare Ichs« zugeordnet, wie er
sie in Difference et repetition expliziert: »Unter dem handelnden
Ich liegen kleine Ichs, die betrachten und die Handlung wie das
aktive Subjekt ermöglichen. Wir sagen >ich< nur mittels der tau
send Zeugen, die in uns betrachten; immer ist es ein Dritter, der
ich sagt.« (DW, 106) Das Kunstwerk erscheint als Gegen-Ver
wirklichung der notwendig vergangenen und »verlorenen Zeit«
und als deren Transformation in einen multiplen Sinn, der nicht
nur »wiedergefunden«, sondern fortgesetzt wiederzufinden ist.
»Pathologie« wird erkennbar als Name der Wissenschaft und
Wahrheitssuche, die ausgehend von Momenten der Passion und
deren repetitiver Zwangs- und Vertiefungsbewegung zu neuen
Denkweisen vorzudringen für fähig erachtet wird.
83
Die zweite Lektüre der Recherche »verschärft« die Differen
zen von Zeichen und Zeit und setzt deren Ordnung und Hie
rarchie nunmehr einem »transversal« genannten Kompositions
prinzip aus, welches disparate, fragmentierte und nicht länger
kommunizierende Zeitmomente produzieren soll. Die »Kom
plikation« der Zeichen der verlorenen und wiedergefundenen
Zeit wird zur »kämpferischen« Begegnung umgedeutet, so dass
die Recherche zuletzt als »Trümmerfeld verstreuter Bruchstücke«
und die Zeit als das erscheint, was gerade »das Ganze verhin
dert« (P, 129). Der Stil des Werkes wird selbst als Differenzpro
duzent erachtet, als »Anti-Logos«, der »alle Umwege« macht,
>>die es braucht, um die letzten Stücke einzusammeln, mit ver
schiedenen Geschwindigkeiten alle Fragmente mit sich zu
führen, von denen ein jedes auf eine differente Gesamtheit oder
auf keine Gesamtheit des Ganzen verweist« (P, 92). Verstanden
als fortgesetzte Selbstdeutung und Heterogenese erscheint
Prousts Recherche nicht mehr auf die Vergangenheit, sondern
auf die Zukunft gerichtet.
85
sammenhang in einem Schuld/Strafe- oder Schmerz/Lust-Kom
plex zurückweist, erscheinen sie als unabhängige »Oberflächen
künste« in spezifischen »Verkleidungen«, welche in fundamenta
ler Asymmetrie zueinander stehen.
Zum Zweck der Distanzbildung betont er in Anlehnung an
Kants transzendentale Methode zunächst die »Bedingung der
Form«: »Der Masochismus ist von Grund auf weder inhaltlich
noch moralisch, er ist formal.« (SM, 234) Im Hinblick darauf
entwickelt er den Masochismus als »Kunst des Phantasmas mit
einem spezifischen Gebrauch von Ritus und Sprache und einer
spezifischen Form der Zeit« (SM, 230). Allerdings folgt er Freud
insofern, als er ebenfalls eine Parallele zwischen den beiden Per
versionen in ihren starken De- und Resexualisierungsbewegun
gen gegeben sieht. Im Gegensatz zu Freud ordnet er diese aber
verschiedenen Vermögen zu: Während sich die desexualisierte
sadistische Apathie aus einer Haltung des Verstandes ergeben
soll, folge die masochistische Kälte aus der Einbildungskraft;
ebenso ergehe die Resexualisierung an diese beiden verschiede
nen Vermögen. Auch der Schuld/Strafe-Konnex stellt in seiner
Sicht keine Kontinuität, sondern Differenz zwischen den bei
den Komplexen her: Das Schuldgefühl des Masochismus sei
nicht ödipal konstituiert, sondern ergebe sich aus der Vaterähn
lichkeit des Sohnes; der Bestrafungswunsch ziele darauf ab, den
Vater auszutreiben, um eine andere symbolische Ordnung zu
ermöglichen. Schmerz wie Strafverlangen stünden im Dienste
der Errichtung einer symbolischen Ordnung mit der Mutter,
wie sie im masochistischen Phantasma in Szene gesetzt wird.
Deleuze entziffert daher das masochistische Phantasma als Be
wegung »magnifizierender Mutterverneinung« zum Zweck ihrer
verstärkten libidinösen Besetzung. Dank dieser Verneinung des
Mütterlichen könne die Frau als nicht-kastrierte eine Ordnung
errichten, unter welche sich der Mann unterwerfe, aber nur, um
86
sie humorvoll zu karikieren und deren Gesetz letztlich zu un
terlaufen. In diesem Sinn werden die vom Mann geforderten
Peitschenhiebe als Wunsch nach symbolischer Gegenbesetzung
und nach männlicher »Entkerbung« gedeutet. Die mit Schleiern
und Pelzen spärlich bekleidete Frau lasse zwar die Möglichkeit
der Kastration aufblitzen, halte sie aber in der Schwebe, woraus
sich die masochistische Kunst des Aufschubs der Begehrensbe
friedigung ergibt, wie sie in Venus im Pelz mit Posen und Spie
gelreflexionen, Traumszenen und sprachlichen Wiederholungen
entfaltet wird.
Auch in Bezug auf den Todestrieb erkennt Deleuze zwischen
beiden Komplexen eine entscheidende Differenz: Während er
im Masochismus an ein statuarisches Bild und ein Moment der
Blendung gebunden werde, realisiere er sich im Sadismus als
»unpersönliche Gewalt logischer Beweise«. Von daher erweise
sich die praktische Vernunft des Sadismus, die sich zu ihrer ei
genen Vernünftigkeit aufruft und im Sinne der Allgemeinheit
des Gesetzes alle Objekte negiert, letztlich als Gewalt gegen
sich selbst. Als reines Überich negiere sie nicht nur das Gesetz,
sondern die Wunschorganisation und damit zuletzt das Denken
selbst, welches für Deleuze, wie erläutert, nur als Prozess aus
dem Unbewussten und seinem Lustprinzip als lebensmächtige
Bewegung und Vervielfältigung erscheint. Sades Texte dagegen
suchen den Todestrieb als ein der Erfahrung niemals Zugängli
ches in sprachlichen Wiederholungen und Steigerungen zu fas
sen, unterstellen sich damit einem Vernunft-Monster und laufen
sich im Versuch der Erschreibung des »absolut Bösen« und sei
ner ritualhaften Wiederkehr zuletzt tot.
Im Masochismus skizziert Deleuze dagegen eine neue Exis
tenzweise der Enthaltsamkeit, ein Junggesellendasein - in den
Texten von Sacher-Masoch gibt es keine sich unterwerfende
Frau -, das nicht geschlechtslos zu denken ist, wohl aber aphal-
87
lisch und agenital. Die Gegenkodierung mittels Ritual und Peit
schenhieben legt in Deleuzes Sicht eine mannigfaltige Ge
schlechtlichkeit frei. Das masochistische Phantasma erscheint
von daher als Variante des allgemein geforderten Wunsch-Wer
dens: Als Prozess, in dem sich das Subjekt in der Austreibung
des väterlichen Gesetzes von »falschen Einheitsstiftern« befreit
und zu v:ielfältig-unwahrnehmbaren (In)Dividuationen mutiert.
Während im Sadismus allein das Überich regiere und Natur,
Gesetz und Ich gleichermaßen vernichte, walte im Masochismus
ein mütterliches Gesetz, welches sich in der Inszenierung einer
Unterwerfungsanordnung selbst karikiere und in seinem Pro
forma-Vertrag dekonstruiere. Deleuze liest den masochistischen
Komplex mithin als Immanenzplan: Die Austreibung der »sub
jectivation« als Subjektivierung/Unterwerfung bringe einen »ent
kerbten«, glatten, anorganisch werdenden Körper hervor, der
sich seiner männlichen Identität entledige und auf Arten des
Frau-Werdens zubewege.
In gewisser Weise behaupten Deleuze und Guattari in ihrer
gemeinsam verfassten Studie Kajka. Pour une Litterature mineure/
Kafka. Für eine kleine Literatu? (1976) eine Parallele zwischen Sa
cher-Masoch und Kafka. Wie im masochistischen Phantasma
sehen sie in Kafkas Romanen eine Form des Inzests, diesmal
mit den schwesterlichen Figuren, realisiert, welche wie die müt
terliche Ordnung des Masochismus das väterliche Gesetz unter
laufe. Diese Außerkraftsetzung des Gesetzes werde in den li
terarischen Textstrategien Kafkas, in ihrem spezifisch-paradoxen
Suchverlauf, realisiert. Von daher wenden sie gegen gewisse
Kafka-Hermeneutiken ein, dass das negative Gesetz bei Kafka
nicht Folge seiner Transzendenz, sondern seiner »leeren Imma
nenz« und seiner fortgesetzten Bedeutungsaufschiebung sei.
\ Das Gesetz erscheine allenfalls als »Effekt« der Aussagenpro
duktion, als pluraler Sinn, der die üblicherweise angenommene
t
88
Rangfolge umkehre: »Die Schrift, weit davon entfernt, notwen- {
diger oder abgeleiteter Ausdruck des Gesetzes zu sein, geht
dem Gesetz voran.« (K, 62) Als Wirkung von Aussagen aber
verliere das Gesetz seine Autorität und werde als prozessuales l
und multiples destituiert.
Die Verwandtschaft von Kafk:a und Sacher-Masoch erblicken
die Autoren aber nicht nur in der Aufschiebung der ödipalen
Ordnung, sondern in der symbolischen Einbindung gesell
schaftlicher Felder, sei es des russischen oder des Habsburger
reichs. In der besonderen Organisation der kafkaschen Texte, in
denen K.s Suche nach dem Gesetz nie zum Stillstand gelangt,
sich mit der syntaktischen Struktur verwebt und in Arten der
Wiederholung, Verdichtung, Stagnation und Beschleunigung
manifestiert, werden die Machtstrukturen der Gerichts- und
Verwaltungsbehörden ins Horizontale gekehrt: Der Signifikant,
der auf kein transzendentes Signifikat mehr verweist und zu
keiner Bedeutungsfestlegung gelangt, ergibt sich allein aus den
syntaktischen Verkettungen und dem unbeendbaren Procedere
von K. Besonders Kafkas Roman Der Prozess wird als multiseri
elles Gefüge gelesen, das nach allen Seiten »wuchert« und
»blockhafte« Unbestimmtheitszonen produziert. Auch die in
die Erzählung eingebauten Bilder, Porträts und Fotos dienen
nicht der imaginären Fixierung, sondern fungieren als Leiter
und Schaltstellen, welche neue Segmente eröffnen und das Pro
cedere beschleunigen - im Gegensatz zu ihrer fixierenden Wir
kung bei Sacher-Masoch, wo sie die Narration in einer Technik
von Spiegelungen und Brechungen ineinander falten und arre
tieren. So wird Kafkas Textorganisation insgesamt als Traumlo
gik beschrieben, mit den entsprechenden Verfahren der Ver
schiebung und Verdichtung, mit unverhofften »Kontiguitätskon
tinuitäten« von normalerweise weit auseinander liegenden Räu
men und einer Verzeitlichung des Räumlichen in der unausge-
89
setzten Bewegung von K.: »Die Weitwinkelaufnahmen in die
Tiefe des Feldes« (K, 103), die Architektur von »Ferne und An
grenzung« erstellen ein dem Unbewussten eher entsprechendes
Raummodell als jene Architektur der »Nähe und Distanz« des
klassischen Romans.
In diesem Immanenzfeld entautorisiere sich Kafka zu K.,
dem Namenlosen, »eine allgemeine Funktion, die aus sich heraus
wuchert« (K, 117). Die von dieser Funktion in Gang gesetzte
»freie indirekte Rede« wird als »kollektive Äußerungsverket
tung« bezeichnet, als unpersönliche Artikulation eines »man«.
Diese angenommene Stimmenvielfalt der kafkaschen Texte su
chen die Autoren in eine »Pragmatik« der Lektüre zu verlängern
und in der Hervorkehrung von Textresonanzen noch stärker
zum Ausdruck zu bringen. Im Hinblick darauf prägen sie den
Begriff der »Ausdrucksmaschine«, der insofern befremdet, als
sie in L'Anti-Oedipe die Auffassung des Unbewussten als Ex
pression ob ihrer Bindung an das Individuelle kritisieren und
ihr eine Konzeption des Unbewussten als Produktionsstätte
und Aussagenverkettung entgegensetzen. Allerdings lässt sich
die »Ausdrucksmaschine«, wie sie von der K-Funktion entfaltet
wird, nicht mehr wie noch in Prousts Recherche als Übersetzung
eines Ereignisses in Expression verstehen. Vergangenheitsmo
menten wird nicht mehr die Potenz der Vertiefung der Gegen
wart auf eine Essenz hin zuerkannt; an die Stelle von persönli
chen Erinnerungen sehen sie nun »Kindheitsblöcke« treten,
welche die Fliehkraft des Vergangenen, dessen Decodierung der
Gegenwart und die Aufschiebung des Wunsches wiedergeben.
Im Gegensatz zur Proust-Lektüre, wo die Verschränkung der
Zeitreihen noch zur Skizze von Potenzierungs- und Essentiali
sierungsvorgängen diente, halten die Autoren nur mehr solche
Prozesse für lebensmächtig, die Gegenwart und Vergangenheit
nicht zur Deckung gelangen lassen, vielmehr auseinander trei-
90
ben und aus deren Divergenz Werdensprozesse schlagen. In Kaf
kas Texten sehen sie solche Werdensprozesse vom Kind-Werden
...
»Stottern, das ist einfach, aber der Stotterer der Sprache selber zu sein,
das ist etwas ganz anderes, da werden alle sprachlichen Elemente vari
iert, und sogar auch die nicht-sprachlichen Elemente, die Ausdrucksva
riablen und die Inhaltsvariablen. Eine neue Form der Redundanz. Es hat
in der Sprache immer einen Kampf zwischen dem Verb >etre< und der
Konjunktion >et( gegeben, zwischen est und et. Diese beiden Terme ver
stehen und vermischen sich nur zum Schein, denn der eine wirkt in der
Sprache, während der andere alles variiert und die Linien einer allgemei-
91
nen Chromatik bildet. Zwischen beiden schwankt alles hin und her.«
(TP, 137)
92
Nomadisierende Schriftverfahren
93
Gemeinschaften gedacht, sondern als Massen und »Meuten«,
wie Deleuze in Mille Plateaux sagt. Diese Meuten zeichnen sich
dadurch aus, dass sie sich jeder äußeren Begrenzung durch fort
gesetzte räumliche Verlagerung widersetzen und die literari
schen Texte erneut auf ein »Kollektiv-Werden« öffnen, weshalb
für Deleuze jedes Kunstwerk politisch ist.
In diesen eher über die Geographie und die Weite des Landes
als über die Geschichte symbolisierten Ordnungen sieht er
schließlich neue Allianzen, Netzwerke, Bruderschaften entste
hen: »Das ist nach Melville die Gemeinschaft derJunggesellen, die
ihre Mitglieder in ein grenzenloses Werden mitreißt!« (BF, 47)
Der Verlust nicht nur der Abstammung und der Eigenschaften,
sondern zuletzt auch des Eigenen gesellt die melvilleschen Ro
mane und Erzählungen den dekonstruktiven Verfahren von
Kafka und Sacher-Masoch zu, in deren Schriften Deleuze be
reits horizontale Politiken der »Vergemeinschaftung« von Brü
dern und Schwestern angedeutet sah. Allerdings träten nun
noch expliziter an die Stelle des besitzenden Subjekts der be
sitzlose Entdecker und an die Stelle von Wissen die Tugenden
von Glaube und Hoffnung; neue Gedächtnisse, so leer wie das
Land, mit »kommenden Inhalten« ersetzten die alten nationalen
Gedächtnisse. Eine der Unbestimmtheit der äußeren Natur ent
sprechende unbestimmte Psyche kennzeichne die Bewohner des
amerikanischen Kontinents, weshalb in ihren literarisierten
Bruderschaften nicht eine auf Akkumulation basierende Öko
nomie und Politik, sondern eine auf Vertrauen gegründete Ge
meinschaft und zuletzt ein »universelles Volk« entworfen werde.
Am deutlichsten wird Deleuzes Charakterisierung der anglo
amerikanischen Literatur schließlich in Bartleby, ou la formule,
einer der Erzählung Bartleby von Herman Melville gewidmeten
Studie. Die Aussage des Protagonisten I would prefer not to ent
ziffert Deleuze als die Formel des »Nomadisierens auf der
94
Stelle«, als Verfahren der Selbstdekonstruktion schlechthin: Bart
leby wagt sich in seiner Aussage zugleich vor und zieht sich
zurück, artikuliert einen Wunsch, dem kein Referenzobjekt, nur
das Unbestimmt-Werden des Wünschens entspricht. Insofern
lässt er die Wunschartikulation selbst problematisch werden,
produziert Schweigen und Ratlosigkeit um sich herum. Bart
leby selbst entstrukturiert sich in seiner Formel und deren dop
pelläufiger Bewegung: »Die Formel wirkt verheerend [...] Sie
hebt eine Ununterscheidbarkeits-, eine Zone der Unbestimmt
heit aus, die unaufhörlich zwischen den nicht-gemochten [...]
Tätigkeiten und einer bevorzugbaren [...] Tätigkeit wächst.« (BF,
14) Da die Formel zwischen Artikulation und Suspension eine
»WÜstenzone« entfaltet, wird Bartleby zum »Mann ohne Refe
renz« (BF, 21). Seine »Involution« entziffert Deleuze als affirma
tiven Existenzmodus, da er Rollenfestlegungen und Begehrens
fixierungen verweigert und sich einem unbestimmten Werdens
prozess überantwortet. Daher sieht Deleuze in ihm einen neuen
Menschentyp entstehen, der eine kommende Welt präfiguriert:
»Selbst als Katatoniker [...] ist Bartleby nicht der Kranke, son
dern der Arzt eines kranken Amerika, der Medicine-man, der
neue Christus oder unser aller Bruder.« (BF, 60)
Angesichts dieser radikalen Bartleby-Lektüre stellt sich ab
schließend die Frage, ob diese literarischen Entsubjektivierungs
prozesse noch als »revolutionäre« Befreiung von den Einheits
stiftern der Sprache, dem Organismus und der Subjektivität, ob
die Bewegungen an den Rand des Sprechens und Existierens
noch als differentielle Minderheitenpolitiken gelesen werden
können. Wie Deleuze selbst sagt, lässt sich das Unwahrnehm
bar-Werden als Fluchtpunkt der immanenten Differenzierungs
prozesse nicht unbedingt von seinem Gegenteil unterscheiden:
dem Entdifferenzierungsprozess. Am monochromen Bild ist nicht
mehr entscheidbar, ob es aus einer homogenen Fläche oder aus
95
unzähligen Minimaldifferenzen besteht. Wenn die Differenzie
rung zuletzt so molekular geworden ist, dass sie sich von der
Entdifferenzierung nicht unterscheidet, stellt sich die Frage, ob
sich das Denken der Mannigfaltigkeit nicht ad absurdum führt.
Diese Frage wird umso dringlicher, als die Autoren den Kunst
werkcharakter von Literatur an Prozesse des Asignifikant-Wer
dens binden, in welchen sie zuletzt ihr eigenes Verschwinden
betreibt.
96
4. Post-68er Schriften zur Philosophie
In der Folge der Ereignisse des Mai 1968 und der Begegnung
und Zusammenarbeit mit dem Psychoanalytiker Felix Guattari
kommt es in Deleuzes Schriften zu thematischen Entgrenzun
gen und epistemologischen Umbrüchen, wie im vorangehenden
Kapitel im Zusammenhang mit seiner Proust-Studie skizziert.1
Die politischen Ereignisse bringen eine stärkere Einbeziehung
des gesellschaftlichen Feldes und eine Umdeutung des Unbe
wussten mit sich, welche eine Transposition der bisherigen Fra
gestellungen auf andere Ebenen und die Einbeziehung anderer
Wissensfelder zur Folge haben.
Kollektive Wunschproduktionen,
Gruppenphantasien, plurale Äußerungssubjekte
97
mythischen Erzählungen wie jener vom König Ödipus und kli
scheehaften Bildvorstellungen ZU unterwerfen. Ihren »Ödipalisie
rungsverfahren« stellen die Autoren Verfahren der »Schizo-Ana
lyse« entgegen, wobei die Bewegung des Schizo in Anlehnung an
die Eigenbewegung des Kapitals beschrieben wird.
Die Autoren beginnen ihre polemische Schrift L:[Link]-Oedipe.
Capitalisme et schizophrenie mit einem deutlich provokativen
Duktus, der den wissenschaftlichen Artikulationsgepflogenhei
ten ins Gesicht schlagen will und dem »Es<<, das nun nicht mehr
wie bei Freud »Ich« werden soll, eine unerhörte philosophische
Dignität verleiht: »Es funktioniert überall, bald rastlos, dann
wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, wärmt, isst. Es scheißt,
es fickt. Das Es.« (A Ö, 7) Um die von revolutionärem Elan ge
tragenen Ausführungen der Schrift vorwegnehmend zusammen
zufassen: Subjektivierungsprozesse werden als Effekte komple
xer natürlicher und gesellschaftlicher Produktionsprozesse
begriffen und in einer Maschinenbegrifflichkeit gefasst; in der
»Schizo-Analyse« wird ein freiheitliches Gegenmodell zum kri
tisierten ödipalen Modell skizziert.
Die Wahl des Maschinenmodells ergibt sich dabei aus dem
Anliegen, natürliche und gesellschaftliche Vorgänge als mitei
nander verbundene produktive Prozesse zu verstehen, die in -
historisch und systematisch zu unterscheidenden - Aufzeich
nungs- und Konsumtionsprozessen kodiert und domestiziert
werden. Waren-, Geld-, Artikulations- und Ausscheidungsströme
kommen in diesem produktiven Charakter überein und werden
teilweise aneinander anschließbar. Die »abstrakte« Maschine
bezeichnet eben diesen Produktionscharakter; jede Vergesell
schaftungsform, aber auch jeder Individuationsprozess wird als
- historisch wandelbarer - Teilvorgang ihrer umfassenden Tätig
keit verstanden, die sich auf das Verkoppeln der Ströme, ihre
Unterbrechung und ihren teilweisen Verzehr beläuft.
98
Zum Zweck der Darlegung dieses Produktionscharakters neh
men die Autoren ein anfängliches Unproduktives, den »vollen
Körper der Erde«, auch »organlosen« oder »bilderlosen Körper«
(AÖ, 15) genannt, an, der mit dem »Es«, einem »intensiven ger
minativen Zustand«, gleichgesetzt wird. In ihm sollen sich jene
von Freud mit dem Unbewussten verbundenen »Primärpro
zesse« und Wunschartikulationen vollziehen, die sich selbst her
vorbringen und für die Herausbildung heterogener und kom
plexer Produktionsprozesse zuständig sind.
Der Untertitel der Schrift, Kapitalismus und Schizophrenie,
erklärt sich nun daraus, dass die Autoren in der Bewegung des
Kapitals, seiner unausgesetzten Verlagerung und Vermehrung,
die ökonomische Artikulation dieser ungezügelten Wunsch
produktion, im Schizophren-Werden deren psychische Artiku
lation erblicken. Wie »der organlose Körper [. .] des kapitalisti
.
�ässt], unter der es Geld schaffen wird« (AÖ, 17), so wird der
Schizophrene als »universeller Produzent« (AÖ, 13) begriffen,
der seine gesellschaftlichen Halluzinationen auf den »als Sozius
(als Gesellschaftskörper, M.O.) bestimmten vollen Körper«
(AÖ, 16) aufträgt. Sowohl in dler Bewegung des Kapitals wie
des Schizophren-Werdens erblicken die Autoren überzeitliche
Grenzphänomene, die jede Gesellschaft und jedes Individuum
heimsuchen und, wie wiederholt betont wird, darin überein
kommen, dass sie gegebene Einschreibungen decodieren. Sie
realisieren damit jene von Freud beschriebene Tendenz des
Unbewussten, den Organismus in einen entwicklungsge
schichtlich früheren Zustand, in den des Anorganischen,
zurückzuführen. Die Decodierungen durch das Kapital wie die
Schizophrenie stellen daher für alle Strukturen Bedrohungen
dar, da sie deren zugrunde liegendes prästrukturelles Chaos re
vitalisieren.
99
Eine kongeniale Wiedergabe der schizophrenen Aufhebung
binärer Unterscheidungen erblicken die Autoren in Büchners
Novelle Lenz:
»Lenz hat die Ebene des Bruchs von Mensch und Natur hinter sich ge
lassen und befindet sich damit außerhalb der von dieser Trennung be
dingten Orientierungsmuster. Er erlebt die Natur nicht als Natur, son
dern als Produktionsprozess. Nicht Mensch noch Natur sind mehr
vorhanden, sondern einzig Prozesse, die das eine im andern erzeugen
und die Maschinen aneinanderkoppeln. Überall Produktions- und
Wunschmaschinen, die schizophrenen Maschinen, das umfassende Gat
tungsleben: Ich und Nicht-Ich, Innen und Außen wollen nichts mehr be
sagen « (AÖ, 8)
.
101
Film, Musik, Malerei verstehen sie als unmittelbare Produktio
nen von Realem, da das Reale kein Prinzip sei, sondern produ
ziert werde: »So meinen wir zum ersten, dass der Kunst und
Wissenschaft eine revolutionäre Potentialität und nichts anderes
zukommt.« (AÖ, 492) Schon aufgrund des Primats des gesell
schaftlichen Feldes sind Phantasieproduktionen immer kollek
tiv: »So ist die Phantasie niemals individuell, sondern [.. ] Grup
.
102
jeweiligen Bildgenese -, nunmehr ins Kollektive erweitert, wie
dererkennbar werden (vgl. Kap. 2, S. 76 f.). Ausgehend vom Na
turzustand des »vollen Körpers der Erde« werden aufeinander
folgende Prozesse der Beschriftung dieses Körpers skizziert, die
die verschiedenen Vergesellschaftungsformen bedingen sollen.
Anders als der Strukturalismus, der das Tauschprinzip zum pri
mären Vergesellschaftungsprinzip erklärt, behaupten sie, dass der
Wunsch »den Tausch [ignoriert] , er kennt nur den Diebstahl und
die Gabe« (AÖ, 238). Die Primärartikulationen beliefen sich nicht
auf das Tauschen, sondern auf die Kennzeichnung der Erde und
Körper, wie von der »primitiven Territorialmaschine« vorge
führt. Zwar bediene sich diese des Inzestverbots, welches hier
mit dem Gesetz des Vaters aber nichts zu tun habe: »Durch das
Verbot des Inzests mit der Schwester kommt die laterale Hei
ratsverbindung in Gang, durch das Verbot des Inzests mit der
Mutter wird die Filiation umfänglich. Da herrscht keine Verdrän
gung des Vaters, keine Verwerfung des Vaternamens.« (AÖ, 204)
Die aufeinander folgenden Gesellschaftsstadien werden dann
entlang ihrer medialen Artikulation differenziert. So sei die »Ter
ritorialmaschine« durch Oralität gekennzeichnet, was bedeute,
dass ihr graphisches System noch nicht von der Stimme abhän
gig sei: »ein Tanz auf dem Boden, ein Zeichen auf dem Körper,
eine Zeichnung an der Wand bilden ein graphisches System,
einen Geo-graphismus« (AÖ, 241 ). Die spätere »barbarische im
periale Formation oder Despoten-Maschine« ergebe sich dage
gen aus dem Wunsch nach allgemeiner Sichtbarkeit, nach Er
richtung einer direkten Filiation zur Transzendenz und aus der
Verdrängung der immanenten Einheit der Erde durch den Staat.
Zur Despotenmaschine gehöre neben Gesetzgebung, Bürokra
tie, Steuererhebung, Staatsmonopol, imperialer Gerichtsbarkeit
usw. der Verlust der Unabhängigkeit des Graphismus von der
Stimme: »In ein und derselben Bewegung beginnt der Graphis-
103
mus von der Stimme abhängig zu werden und induziert eine
lautlose Stimme der Höhen und des Jenseits« (AÖ, 260) -
»diese Stimme der Höhen« hat auch das zweite Stadium der ln
dividualgenese, jenes der Vereinigung der Körperzonen unter
einem bildliehen Idol, geprägt.
Das dritte Stadium, jenes des bürgerlichen Staates, erscheint
in der nietzscheanischen Perspektive dieser Schrift schließlich
als »allgemeine Sklaverei«, da es keinen der Produktion entho
benen Bereich des Genusses und der Anti-Produktion mehr gibt:
»Der bürgerliche Immanenzzusammenhang, bestimmt durch die
Konjunktion decodierter Ströme, die Negation jeglicher Trans
zendenz oder äußerer Grenze, die Effusion der Anti-Produk
tion in die Produktion, errichtet eine Sklaverei, die unvergleich
bar, und führt eine Unterjochung ein, die ohne Beispiel ist:
nicht einmal Herren gibt es mehr, sondern nur noch Sklaven,
die anderen Sklaven Befehle erteilen.« (AÖ, 327) Die Personen
werden zu Bourgeois privatisiert, »und die Familie wird jene
Untereinheit, der sich die Einheit des gesellschaftlichen Feldes
appliziert« (AÖ, 341). Ödipus »trifft ein: er entsteht im kapita
listischen System der Applikation gesellschaftlicher Bilder er
ster Ordnung auf familiale private Bilder zweiter Ordnung [...]
Er stellt unser intimes Kolonialgebilde dar, das der gesellschaft
lichen Herrschaftsform entspricht.« (AÖ, 342)
Im Gegensatz zu diesen historisierten Vergesellschaftungsfor
men wird der Kapitalismus nicht als historisches Stadium, son
dern als überzeitliche Abstraktionsbewegung und »Negativ aller
Gesellschaftsformationen« (AÖ, 195) verstanden: Er bedrohe
jede Gesellschaft, insofern er - wie das Unbewusste - deren Ko
dierungen zu decodieren bestrebt sei. Die kapitalistische Ma
schine beginne, »wenn das Kapital aufhört, Bündniskapital zu
sein und filiatives Kapital wird« (AÖ, 292). Allerdings bilde der
Kapitalismus nur eine »relative Grenze«, insofern er die deco-
104
dierten Ströme im Geld erneut axiomiert, während die Schizo
phrenie als absolute Grenze »die Ströme im freien Zustand über
den desozialisierten organlosen Körper fließen lässt« (AÖ, 316).
Mit der ökonomischen wie psychischen Decodierung wird sol
chermaßen die Hoffnung auf erneute Freisetzung des kollekti
ven Unbewussten und kollektiver Wunschartikulationen ver
bunden: »Statt des Code hat sie im Geld eine Axiomatik
abstrakter Quantitäten gesetzt, die die Deterritorialisierung des
Sozius (des Gesellschaftskörpers, M.O.) immer weiter voran
treibt, endlich einer Decodierungsschwelle zu, an der der Sozius
zugunsten eines organlosen Körpers sich auflöst, womit die
Wunschströme in ein deterritorialisiertes Feld, das des organlo
sen Körpers, befreit sind.« (AÖ, 44)
Dass Deleuze in dieser produktionsorientierten Phase auch
mit anderen Personen kooperiert, zeigen seine Dialogues (1977)/
Dialog4 (Dia) mit Claire Parnet, die als Filmemacherio das L'Abe
cedaire, jene für das Fernsehen aufgezeichneten Gespräche mit
Deleuze entlang alphabetisch geordneter Begriffe, realisiert. Die
Dialoge mit Claire Parnet erscheinen wie ein Präludium zum
Fortsetzungsband von L'Anti-Oedipe, insofern in ihnen alle für
Mille Plateaux bedeutsamen Fragestellungen angeschnitten wer
den. Ein kollektives »Wir« kreist um Fragen des Werdens, des
Denkens in Territorialitäten mit multiplen (In)Dividualitäten,
»Wüsten, Einöden - freilich bevölkert von Stämmen, von Pflan
zen und Tieren« (Dia, 18 f.). In diesem Sinn wird auch der Be
griff der Freundschaft und der Begegnung aktualisiert und mo
difiziert: »Aber was heißt das genau: Begegnung mit einem, den
man mag? Ist das Begegnung mit einem Menschen oder mit Tie
ren, die sich in dir breit machen, mit Gedanken, die auf dich
einstürmen, mit Bewegungen, die dich ergreifen, mit Tönen, die
durch dich hindurchgehen? Und wie könnte all das scharf von
einander getrennt werden?« (Dia, 18) Betont wird die Notwen-
105
digkeit eines Denkens aus der »Mitte«: »Mitte, Milieu hat nichts
mit Mittel, Durchschnitt zu tun, ist weder Zentrismus noch
Mäßigung oder Mäßigkeit. Es handelt sich ganz im Gegenteil
um absolute Schnelligkeit. Zu solcher Geschwindigkeit ist fähig,
was mittendrin wächst.« (Dia, 37) Schreiben wird, wie schon
mit Kafka und Sacher-Masoch, als Prozess des Klein-Werdens
und als Verkettung mit gesellschaftlichen Minorisierungspro
zessen definiert: »Jenseits eines Frau-Werdens, eines Neger-Wer
dens, jenseits sogar eines Minoritär-Werdens vollzieht sich das
finale Unternehmen des Unsichtbar-Werdens. Nein, ein Schrift
steller sollte sich niemals wünschen, bekannt, anerkannt zu
sein. Das Gesicht verlieren, die Mauer überklettern oder durch
stoßen [... ): Schreiben hat keinen anderen Zweck.« (Dia, 53) Aus
solchen Prozessen gehen »subjektlose dynamische Individuatio
nen« hervor, die »kollektive Verkettungen bilden«: »Ein Ding,
ein Tier, eine Person definieren sich nur mehr durch Zustände
der Bewegung und Ruhe, der Schnelligkeit und Langsamkeit -
und durch Affekte, Intensitäten.« (Dia, 100)
107
»Es gibt alle Arten von Verkettungen und von Komponenten von Ver
kettungen. Einerseits versuchen wir diesen Begriff an die Stelle jenes des
Verhaltens zu setzen: von daher die Bedeutung der Ätiologie in Mille
Plateaux, und der Analyse der tierischen Gefüge, beispielsweise der Ter
ritorialverkettungen. Ein Kapitel wie das des Riteurnelies berücksichtigt
zugleich tierische und musikalische Verkettungen: eben das nennen wir
ein >Plateau<, was die Ritournelle eines Vogels und jene von Schurnano in
Kontinuität zueinander bringt. [...J In den Verkettungen gibt es Zu
stände, Körper, Körpermischungen, Allianzen, Aussagen und Äuße
rungsmodi, Zeichenregime. Deren Beziehungen sind sehr komplex. Zum
Beispiel definiert sich eine Gesellschaft nicht durch Produktivkräfte und
Ideologie, sondern eher durch >Allianzen< und ihre >Verdikte<. Die Alli
anzen sind praktizierte, bekannte, erlaubte Vermischungen von Körpern
[...J. Die Verdikte sind kollektive Aussagen, das heißt unkörperliche und
plötzliche Transformationen, die in einer Gesellschaft ablaufen.« (Deux
regimes defous, 163 f., übersetzt V. M.O.)
stimmten Grad von Macht oder Vermögen fähig ist.« (TP, 354)
In diesem spinozistischen Sinn führen die Autoren kritische Be
fragungen scheinbar unumstößlicher Größen wie »Gesichtlich
keit«, Staat, Subjekt- und Organismusstrukturen durch; ihnen
werden Begriffe wie Gesichtsverlust, »Mikropolitik und Seg
mentarität«, Werdensprozesse und Geschwindigkeit, »Nomado
logien« und »Kriegsmaschinen«, »glatte« Räume und »Diagramme«
gegenübergestellt, deren Aufgabe epistemologische und politi
sche »Entkerbung«, Unterminierung und Diversifizierung ist.
Selbst für die Lektüre des Buches wird empfohlen, es nach Maß
gabe der Affizierung zu durchlaufen, Querverbindungen herzu
stellen und die Ebenen nach Gutdünken zu wechseln.
Insbesondere im Kapitel »Intensiv-Werden, Tier-Werden, Un
wahrnehrnbar-Werden« breiten die Autoren ihre der gängigen
Moral des gesunden Menschenverstands zuwiderlaufenden »drei
Tugenden« (TP, 382) des »Unwahrnehmbar-, Ununterscheidbar
und Unpersönlich-Werdens« aus:
»In gewisser Weise muss man am Ende anfangen: alle Arten des Werdens
sind schon molekular. Weil Werden nicht bedeutet, etwas oder jemanden
zu imitieren oder sich mit ihm zu identifizieren. [ ...] Werden heißt, ausge
hend von Formen, die man hat, vom Subjekt, das man ist, von Organen,
die man besitzt, oder von Funktionen, die man erfüllt, Partikel heraus
zulösen, zwischen denen man Beziehungen von Bewegung und Ruhe,
Schnelligkeit und Langsamkeit herstellt, die dem, was man wird und wo
durch man wird, am nächsten sind. In diesem Sinn ist das Werden der
Prozess des Begehrens (desir). (TP, 3 71)
«
109
samen Werden durchdrungen, das kein Schriftsteller-Werden ist,
sondern ein Ratte-Werden, ein Insekt-Werden, ein Wolf-Werden
etc.« (TP, 327). Allgemein sprechen sie davon, dass Werdenspro
zesse nur möglich werden, wenn sich der weiße Mann seiner
Subjektstrukturen und seiner Zentralstellung in der europä
ischen Kultur begibt: »Es gibt kein Mann-Werden, weil der
Mann die molare (große, kompakte, M.O.) Einheit par excel
lence ist, während die Arten des Werdens molekular sind. Die
Funktion der Gesichtshaftigkeit hat uns gezeigt, in welcher
Form der Mann die Mehrheit gebildet hat, oder vielmehr den
Standard, auf dem diese Mehrheit beruht: weiß, männlich, er
wachsen, >vernünftig< etc., kurz gesagt, der Durchschnittseu
ropäer, das Subjekt der Äußerung.« (TP, 398) Dieser »zentrale
' -
110
lieh sind, deren Grenzen verwischen und deren Strukturen ver
zeitlichen:
»Es wird klar, dass Banden ebenso wie weltweite Organisationen eine
Form voraussetzen, die sich nicht aus dem Staat ableiten lässt, und dass
diese Form der Exteriorität sich notwendigerweise als diffuse und poly
morphe Kriegsmaschine darstellt. Es handelt sich um einen Nomos, der
etwas ganz anderes ist als das >Gesetz<. Die Staats-Form als Form der In
teriorität neigt dazu, sich selbst zu reproduzieren, sie bleibt sich trotz
aller Veränderungen gleich und ist innerhalb der Grenzen der Pole leicht
erkennbar, weil sie immer öffentliche Anerkennung sucht [... ] Aber die
Form der Exteriorität der Kriegsmaschine existiert nur in ihren Meta
morphosen; sie existiert in einer industriellen Erneuerung, in einer tech
nologischen Erfindung, in einem Handelskreislauf, in einer religiösen
Schöpfung, in all diesen Strömen und Strömungen, die sich nur sekundär
vom Staat aneignen lassen. Nicht als Unabhängigkeit, sondern als Koexis
tenz und Konkurrenz, als ständiges Interaktionsfeld muss man sich das
Verhältnis von Exteriorität und Interiorität, von der Kriegsmaschine der
Metamorphosen und den Staatsapparaten der Identität, von Banden und
Königreichen, von Megamaschinen und Imperien vorstellen.« (TP, 494)
111
entfigurieren, das Räumliche prozessualisieren und »glätten«.
Das später in L'Image-Temps entfaltete »Zeit-Bild« des Nach
kriegskinos kann ebenfalls als eine solche Kriegsmaschine ver
standen werden, schon weil es die Zeit zum Subjekt werden
lässt und sie in unabhängigen Opto- und Sonozeichen multipli
ziert.
Eine besonders reine Kriegsmaschine erblicken sie in Kleists
Drama Penthesilea, welches davon erzählt, dass sich eine Ama
zonenschar zwischen die feindlichen Lager der Griechen und
Trojaner schiebt und mit ihrer dynamischen Begehrenslogik die
Schlachtordnungen verwirrt. Das Drama selbst entfaltet sich in
sprachlichen Rhythmen zwischen Abwarten und Überstürzung
und mündet gegen Ende ins Tier-Werden von Penthesilea selbst:
ein Monstrum, und Kleist hatte von vornherein verloren. Aber wie
kommt es dann, dass er eine so eigenartige Modernität besitzt? Weil die
Elemente seines Werkes Geheimhaltung, Geschwindigkeit und Affekt
sind. [...] die Gefühle [werden] aus der Innerlichkeit eines >Subjekts< he
rausgerissen und gewaltsam in ein Milieu reiner Äußerlichkeit versetzt,
das ihnen eine unglaubliche Geschwindigkeit verleiht, die Kraft eines
Katapults. Liebe und Hass sind keine Gefühle mehr, sondern Affekte.
Und diese Affekte sind Momente eines Frau-Werdens und Tier-Werdens
des Kriegers. [... ] Dieses Element der Äußerlichkeit, von dem alles be
herrscht wird, was Kleist in der Literatur erfindet, [ ], gibt der Zeit
...
115
Körper und Falten
117
des Marmors angewandt: einmal sind die Adern die Faltungen
der Materie, welche die in der Masse genommenen Lebewesen
umgeben, so dass der Marmorblock wie ein aufgewühlter See
voller Fische ist. Ein andermal sind die Adern die in der Seele
eingeborenen Ideen.« (L, 13) Deleuze skizziert hier erneut ein
zeitabhängiges Ausdrucksverhältnis: Seele und Welt verhalten
sich wie der »Ausdruck der Welt (Aktualität)« und »das Ausge
drückte der Seele (Virtualität)« (L, 48) zueinander: »Genau so
teilen sich die beiden Etagen in Beziehung auf die Welt auf, die
sie ausdrücken: diese aktualisiert sich in den Seelen und reali
siert sich in den Körpern. Sie ist also zweimal gefaltet, in den
Seelen, die sie aktualisieren, und nochmals gefaltet in den Kör
pern, die sie realisieren [...] . Und zwischen den beiden Falten
eine Zwischen-Falte, die Zwiefalt, die Knickstelle der beiden
Etagen, das Gebiet der Untrennbarkeit.« (L, 196)
Zusammen mit Leibniz und in Nähe zu den griechischen
Atomisten entwickelt er hier - einmalig in seiner Theorie - eine
Vorstellung von Materie, die als flüssig, elastisch, unterteilbar,
aus Wirbeln zusammengesetzt, gekrümmt und komprimierbar
gedacht wird: »Die Materie stellt also eine unendlich poröse,
schwammige oder ausgehöhlte Textur ohne leeren Raum dar,
immer wieder eine Höhlung in der Höhlung: jeder noch so
kleine Körper enthält eine Welt, insofern er von unregelmäßi
gen Gängen durchlöchert ist, umgeben und durchdrungen von
immer feinerem Flüssigen.« (L, 14). Sie ist ein in sich bewegli
ches Kontinuum, das sich »ins Unendliche in Falten unterteilt
oder sich in Kurvenbewegungen auflöst« (L, 15). Entfalten be
deutet Übergang von einer Falte zur nächsten; um dieses zu er
möglichen, muss jede Falte »Zwiefaltung« sein, ein »Zwischen
Zwei in dem Sinne, dass sich die Differenz differenziert« (L, 24).
Da die Materie aus Falten besteht, erscheinen Gegenstände als
»kontinuierliche Variation der Materie« (L, 36), als Funktion
118
von Kurvenbewegungen; >>das ideale genetische Element« ist
dabei die »Inflexion« (L, 29), der Gipfel- und Umschlagspunkt
der Kurve, dessen »Gesichtspunkt« nicht mehr der eines Sub
jekts, sondern der »einer korrelativen Transformation des Ge
genstands« (L, 36), eines »Superjekts« (L, 36) ist, wie Deleuze
mit Whitehead sagt. Da jeder Gesichtspunkt das Gesamt der
Materie variieren lässt, nennt er Leibniz' Philosophie einen
konsequenten Perspektivismus, wie er ihn selbst seit seiner
Nietzsche-Studie zu entfalten sucht. Am Modell der Stadt expli
ziert: »Was durch einen Gesichtspunkt erfasst wird, ist daher
weder eine bestimmte Straße noch deren bestimmbares Verhält
nis zu anderen Straßen, die Konstanten sind, sondern die Man
nigfaltigkeit aller möglichen Verknüpfungen zwischen dem Ver
lauf irgendeiner Straße und dem einer anderen: die Stadt als
ordnungsfähiges Labyrinth.« (L, 45)
Die Annahme der Doppelgegebenheit der Welt als aktueller
und virtueller wiederholt Deleuze nun in der Faltenbegrifflich
keit: »Die ganze Welt ist eine Virtualität, die aktual nur in den
Falten der Seele existiert, die sie ausdrückt, wobei die Seele von
inneren Faltungen aus operiert, wodurch sie sich eine Repräsen
tation der eingeschlossenen Welt gibt. Wir gehen in einem Sub
jekt von der Inflexion zum Einschluss wie vom Virtuellen zum
Aktualen.« (L, 42) So gelangt er zu einer anderen Beschreibung
von Welt als »unendliche Kurve, die an unendlich vielen Punkten
unendlich viele Kurven berührt« (L, 45). Die Welt wird von den
Subjekten, welche sie in ihrer vorgängigen Virtualität überhaupt
erst ermöglicht, aktualisiert: »Man muss die Welt ins Subjekt
setzen, damit das Subjekt für die Welt sei.« (L, 48) Sie wird in
diesen Aktualisierungen zum Ereignis und ist als unkörperli
ches Prädikat in jedem Subjekt eingeschlossen, wobei ein jedes
die Welt aus seinem Gesichtspunkt zum Ausdruck bringt. Alles,
was sich aktualisiert, sind nach Leibniz Individuen, daher sind
119
auch Begriffe Individuen: »Das ist die Hochzeit von Begriff und
Singularität.« (L, 112) Von daher gibt es keine Entgegensetzung
von Substanz und Attribut, sondern nur Weisen des Einschlus
ses; die Einheit der Substanz ist »der Bewegung innerlich [...] oder
eine Veränderungseinheit, die aktiv ist« (L, 93).
Die Monaden sollen solche Substanzen darstellen, die die
ganze Welt umhüllen, wenn auch nicht gänzlich aktualisiert. An
jede Monade ergeht daher die Aufforderung, »all ihre Perzeptio
nen zu entwickeln« (L, 124), wie sich die »Moral« der Seele da
rauf beläuft, »jedes Mal ihre Region klaren Ausdrucks zu erwei
tern, ihren Ausschlag zu vergrößern [zu] versuchen, damit eine
freie Tat hervorgebracht werden kann.« (L, 123) »Die beste aller
Welten« erscheint in diesem Sinn als diejenige, die, maximal ak
tualisiert, eine Fähigkeit zur Kreativität besitzt und darin Neues
schafft. »Der Optimismus von Leibniz gründet sich auf die un
endlich vielen Verdammten als den Sockel der besten aller Wel
ten: sie setzen eine unendliche Quantität an möglichem Fortschritt
frei, und, was ihre Raserei vervielfacht: sie machen eine Welt im
Fortschreiten möglich.« (L, 125)
Die dritte und letzte der Monographien nach 1968, die sich
einer Denkkonstellation unter einem Philosophennamen wid
met, gilt dem langjährigen intellektuellen Weggefährten und
Mitdenker Michel Foucault. Als Titel verleiht ihr Deleuze den
Eigennamen Foucault10 (1986), um dessen Sprechen aus unter
schiedlichen Perspektiven, dessen Aussagenverkettungen und
Mikropolitiken nachzuzeichnen und unter Kapitelüberschriften
wie »Ein neuer Archivar« und »Ein neuer Karthograph« zu ent
falten. Noch einmal erweist sich Deleuzes Methode des »wech-
120
selseitigen Einfangens« als fruchtbar, erhellend im Hinblick auf
das Problemfeld Foucault, das zu Teilen deckungsgleich mit
dem deleuzeschen erscheint.
Zunächst skizziert er die Topologie, in welcher Foucault ope
riert, als mikrostrukturelles Feld von Schichten und Schwellen
des Sagbaren und Sichtbaren, das dem phänomenal Gegebenen
voraus- und zugrunde liegt. In dieser Topologie verortet er Fou
caults archäologische Strategien, die darauf abzielen, die Phäno
menologie in Epistemologie zurückzuverwandeln. Denn die
Phänomene verdeckten eher die grundlegenden »informellen«
Formationen, ihr »absolutes Außen und absolutes Innen«, als
dass sie sie präsentierten. Da sich in den Schichten fortgesetzt
Ablagerungen bilden, »die etwas Neues sehen oder sagen las
sen« (F, 169), heißt Denken: »sich niederlassen innerhalb der
Schicht, in der Gegenwart, die als Grenze dient: was kann ich
heute sehen und was kann ich heute sagen? Das aber heißt, die
Vergangenheit so zu denken, wie sie sich im Innern verdichtet,
in der Beziehung zu sich [...]. Die Vergangenheit gegen die Ge
genwart denken, der Gegenwart Widerstand entgegensetzen,
nicht für eine Rückkehr, sondern >zugunsten, hoffentlich, einer
künftigen Zeit<.« (F, 168) Zugleich geht es aber auch darum,
über die Schichten >>hinauszugelangen, um ein Außen zu errei
chen, ein atmosphärisches Element, eine >nichtgeschichtete Subs
tanz<, die zu erklären vermöchte, wie sich die beiden Formen
des Wissens in jeder Schicht verbinden und verflechten können,
von der einen Seite des Risses zur anderen. Wie können sonst
die beiden Hälften des Archivs miteinander kommunizieren
und Aussagen unter die Bilder kommen und Bilder die Aussa
gen illustrieren?« (F, 170)
Deleuze beginnt mit der Bestimmung des Feldes des Sagba
ren als einem von Aussagen, die sich wie die Ereignisse aus un
persönlichen und präindividuellen Feldmarkierungen ergeben
121
und den gleichen »Bildungsgesetzen« wie das Immanenzfeld un
terliegen. Foucaults archäologische Methode versteht er als das
Verfahren, Aussagen unterhalb von Propositionen und Sätzen
zu entdecken und umgekehrt die Propositionen in das unstruk
turierte Aussagenfeld zurückzubetten. »Die Wörter, Sätze und
Propositionen offnen, die Eigenschaften, die Dinge und die Ob
jekte offnen: die Aufgabe der Archäologie ist eine doppelte.« (F,
76) In diesem unpersönlichen Aussagenfeld gibt es keine Sub
jekt-Objekt-Unterscheidung, keine zuweisbaren Gegenstände
und keine identifizierbaren Subjekte der Äußerung. Es spricht
überall, man spricht, Aussagen sprechen als Funktionen der
Verkettung von Singularitäten zu Kurven, Rhythmen und Gra
phiken. Was für die Aussagen gilt, gilt auch für die Sichtbar
keitsverhältnisse: »Man muss die Dinge aufsprengen, muss sie
aufbrechen. Die Sichtbarkeiten sind nicht Gegenstandsformen,
auch keine Formen, die sich in der Berührung von Licht und
Ding kundgäben, sondern Formen der Helligkeit, die vom Licht
selbst geschaffen wurden und die die Dinge oder Objekte nur
noch als Aufblitzen, als Spiegelung, als Schimmer bestehen las
sen.« (F, 75)
Unter der Überschrift »Ein neuer Karthograph« skizziert De
leuze schließlich eine »immanente Ursache«, die diese Aussagen
hervorbringen soll. Er bezeichnet sie als »informelle Dimension«
und mit Foucault als »Diagramm« (F, 52):
»Das Diagramm ist nicht mehr das audio-visuelle Archiv, es ist die Karte,
die Kartographie, koextensiv zur Gesamtheit des sozialen Felds. Es ist
eine abstrakte Maschine. Indem sie sich durch informelle Funktionen
und Materien definiert, ignoriert sie jede Formunterscheidung zwischen
einem Inhalt und einem Ausdruck, zwischen einer diskursiven Forma
tion und einer nicht-diskursiven Formation. Es ist eine beinahe stumme
und blinde Maschine, obgleich sie es ja ist, die zum Sehen oder Sprechen
bringt.« (F, 52)
122
Dieses Diagramm, »instabil und fließend«, wird als Produzent
einer anderen Realität und eines neuen Modells von Wahrheit
verstanden, da es »die vorherigen Realitäten und Bedeutungen
auflöst und dabei ebenso viele Punkte der Emergenz oder der
Kreativität, der unerwarteten Verbindungen und der unwahr
scheinlichen Übergänge bildet. Es fügt der Geschichte ein Wer
den zu.« (F, 54) Jede Gesellschaft beruhe auf einer Summe sol
cher - historisch unterscheidbarer - Diagramme, die die
Verhältnisse des Sichtbaren und Sagbaren, »die Karte der Kräf
tebeziehungen, der Dichteverhältnisse, der Intensitäten« (F, 55)
als variable und wandelbare hervorbringen »und nur Möglich
keiten definieren, Interaktionswahrscheinlichkeiten, soweit sie
nicht in ein makroskopisches Ganzes eingehen, das imstande
ist, ihrer fließenden Materie und ihrer diffusen Funktion eine
Form zu geben« (F, 56). Das Diagramm wird erneut als raum
zeitliche und mikrostrukturelle Mannigfaltigkeit erkennbar,
als Potenz der Verschiebung und Differenzierung der Struktu
ren.
Das Poststrukturalistische von Deleuzes Ansatz bekundet
sich hier noch einmal in der Betonung des zeitlichen Risses die
ser foucaultschen Karte, der das Sichtbare und Sagbare eher
auseinander treibt, als in Kontinuität zueinander versetzt. Von
daher beschreibt Deleuze das Verhältnis zwischen dem Sichtba
ren und Sagbaren als Kampf und bringt diesen in konzeptio
nelle Nähe zu Kants Einbildungskraft, mithin zu jenem Vermö
gen, welches, wie oben gezeigt, Verstand und Vernunft nicht
vermittelt, sondern in diskordantem Abstand voneinander hält.
Die Betonung der fundamentalen Disjunktion des »audio-visu
ellen Archivs« (F, 92) rückt Foucaults Ansatz aber auch in die
Nähe zum Film: Konzipiert Deleuze das filmische »Zeit-Bild«
in seiner zweiten Studie Cinema 2. L'image-Temps, wie nun zu
zeigen sein wird, doch als aus divergierenden Serien des Sicht-
123
baren und Sagbaren, aus Opto- und Sonozeichen sich kompo
nierende und fortgesetzt verändernde Heterogenese der Zeit.
124
5. Schriften zu Malerei und Film
Haptische Figuren
125
halten.« (FB, 9) Das baconsehe Malen »apres-coup« beläuft sich
in diesem Sinn auf einen Vorgang der Subtraktion, in welchem
dem Bildklischee die Figur und »das Figurale« entrissen werden,
das Figurale verstanden als Gegenbegriff zum Figurativen, inso
fern es die unbekannte Figur, hier die konturlose, nackte Person
als reines Kraftquantum, bezeichnen soll. »Zwischen dem, was
der Maler machen will, und dem, was er tut, gibt es notwendi
gerweise ein Wie, ein >Wie lässt sich das machen<. Ein wahr
scheinliches visuelles Ensemble (erste Figuration) wurde desorgani
siert, deformiert durch freie manuelle Striche, die - von neuem in das
Ensemble injiziert - die unwahrscheinliche visuelle Figur (zweite Fi
guration) herstellen werden.« (FB, 61)
Die Isolierung der baconschen Figuren - darin jenen von
Beckett verwandt - wird erreicht durch ihre Platzierung auf
Scheiben oder in Käfigen, die einer möglichen zentralperspekti
vischen Raumorganisation zuwiderlaufen: »Das gemeinsame
Bild der Personen Becketts und der Figuren Bacons - dasselbe
Irland: das Rund, das Isolierende.« (FB, 35) Vor allem aber be
wirkt die »Entkleidung« der Personen von allen repräsentativen
Merkmalen, ihre Exposition als Kraftquantum und Fleisch, das
Extreme der baconschen Malerei: »Die Kraft steht in einem
engen Bezug zur Sensation: Eine Kraft muss sich auf einen Kör
per richten, d.h. auf einen bestimmten Ort der Wellenbewe
gung, damit es eine Sensation gibt.« (FB, 39). Bacons Gemälde
bilden daher weniger etwas ab, als dass sie jene unsichtbaren
Kräfte erahnen lassen, die sich der Person bemächtigen und sie
in einer Art Rohzustand, als Affektbündel, präsentieren. Diese
Kraftwirkung bezeichnet Deleuze als »Sensation«, ihren Kulmi
nationspunkt als »Schrei«. Das Bemerkenswerte in der Reduk
tion der Person auf den Schrei erblickt er dabei darin, dass der
Sensation das Sensationelle, ihr spektakulärer Charakter, entzo
gen wird: Die Sensation erscheint in ihrer zeitkontraktiven »Es-
126
senz«. »Zweifach scheint Bacon die Zeit, die Kraft der Zeit
sichtbar gemacht zu haben: die Kraft der verändernden Zeit
durch die allotrope Variation der Körper - in einer Zehntelse
kunde -, die zur Deformation gehört; dann die Kraft der ewi
gen Zeit, die Ewigkeit der Zeit durch jene Vereinigung/Separa
tion, die in den Triptychen herrscht, reines Licht.« (FB, 43) Mit
der Offenlegung der Zeitabhängigkeit von Personen und Din
gen unterläuft Bacon die optisch-perspektivische Repräsenta
tion und entfaltet »Diagramme«, die andere Wahrnehmungsver
mögen aufrufen. »Das Diagramm ist niemals optischer Effekt,
sondern entfesselte manuelle Macht [...] Die optische und op
tisch-taktile Welt sind weggefegt, verwischt.« (FB, 84) Bacons
gesamten Einsatz versteht Deleuze als Unterbietung der opti
schen Wahrnehmung, die im Gegenzug eine Abtastung des Bil
des in einem »formlosen Raum« mit »ruheloser Bewegung« (FB,
94) erzwingt: Haptisch nennt er zuletzt den Vorgang, wenn das
Sehen in sich selbst eine »Tastfunktion« entdeckt, »unterschie
den von seiner optischen Funktion« (FB, 94).
In diesen Verfahren der Deformation und Enthäutung des
Personalen sieht Deleuze erneut untergründige Verwandtschaf
ten zwischen Mensch und tierischer Kreatur sichtbar werden,
die in ihrem »wechselseitigen Einfangen« beide Seiten modifi
zieren: »Der Mensch wird Tier, aber er wird es nicht, ohne dass
das Tier zugleich Geist wird, Geist des Menschen, physischer
Geist.« (FB, 20) Diese neuen diagrammatischen Beziehungen
»gebrochener Töne«, für die er in Mille Plateaux den Begriff des
Ritournelles findet, geben tiefere, nicht-figurative Korrespon
denzen zu erkennen, rein »figurale« Ereignisse. »Das Faktum
selbst aber, jenes der Hand entstammende pikturale Faktum, ist
die Bildung eines dritten Auges, eines haptischen Auges, eines
haptischen Sehens des Auges« (FB, 98), nach welchem Deleuze
auch in den Filmen sucht.
127
Bewegungs- und Zeit-Bilder
»Sie fragen mich, warum so viele Leute übers Kino schreiben. [ ] Mir
...
scheint, eben deswegen, weil das Kino viele Ideen enthält. Was ich Idee
nenne, das sind Bilder, die zu denken geben. Von einer Kunst zur ande
ren variiert die Natur der Bilder und wird untrennbar von den Techni
ken: Farben und Linien in der Malerei, Töne in der Musik, verbale Be
schreibungen im Roman, Bewegungs-Bilder im Kino usf. In jedem Fall
sind die Gedanken von den Bildern nicht ablösbar, sie sind den Bildern
vollständig immanent. Es gibt keine abstrakten Gedanken, die sich
gleichgültig in diesem oder jenem Bild realisieren würden, sondern kon
krete Gedanken, die nur in diesen Bildern und ihren Mitteln existieren.
Kinematographische Ideen freisetzen meint also, Gedanken herauslösen,
ohne von ihnen zu abstrahieren, sie in ihrer Beziehung mit dem Bewe
gungs-Bild erfassen.«2
128
ihnen mit Bergson eine philosophisch-semiotisch-heterogeneti
sche Lesart zuteil werden lässt. In seinen vier »Bergson-Kom
mentaren« von Cinema 1. L'image-Mouvement/Das Bewegungs
Bild. Kino 1 (BB) und Cinema 2. L'image-Temps/Das Zeit-Bild.
Kino 23 (ZB) lässt er das Filmische erneut aus der Annahme fol
gen, dass die Welt unendliche »Dauer« von Bewegungen und
Bildern ist, die sich dezentriert wechselseitig reflektieren: »Das
Bild existiert an sich, auf dieser Ebene. Dieses An-sich des Bil
des ist die Materie: nicht irgendetwas, was hinter dem Bild ver
borgen wäre, sondern im Gegenteil die absolute Identität von
Bild und Bewegung.« (BB, 87) Was Deleuze als »Bewegungs
Bild« und »Zeit-Bild« in verschiedenen Bildtypen entfaltet, hat
seinen »Grund in der Identität von Materie und Licht [...] Im
Bewegungsbild gibt es noch keinen Körper oder harte Linien,
sondern nichts als Lichtlinien oder Lichtfiguren. Die Raum-Zeit
Blöcke sind solche Figuren. Sie sind Bilder an sich. [...] Mit an
deren Worten, das Auge ist in den Dingen, in den Licht-Bil
dern selbst.« (BB, 89 f.) Erst durch Einfügung lichtundurchläs
siger Platten wie der Silberbeschichtung des Films wird die
dezentrierte Bildreflexion »festgehalten« und von einem ein
zelnen Auge reflektiert. Film stellt daher die Aktualisierung
der virtuellen Bildvielfalt aus dem spezifischen Kamerablick
winkel dar.
Deleuzes grobe Einteilung der Filmgeschichte in »Bewe
gungsbilder« und »Zeit-Bilder« ergibt sich aus der Unterschei
dung der Filme im Hinblick auf ihr Verhältnis zur Zeit. Während
in den Filmen vor dem Zweiten Weltkrieg die »Bewegung« das
Dominierende sein soll, welche in bestimmten Wahrnehmungs
weisen, »Aktionen« und »sensomotorischen« Abläufen zur Dar
stellung kommt und die Zeitlichkeit in eine untergeordnete Po
sition treten lässt, soll in den Filmen nach dem Zweiten Welt
krieg die Zeit zum Subjekt des Films werden, was selbstrefle-
129
xive Bildstrategien erzwingt und Bewegung und Narration in
eine dienende Position rückt.
Das filmische »Wahrnehmungsbild« - erster Bildtyp des Be
wegungsbilds - ergibt sich mithin aus der Zentrierung der virtu
ellen Bildvielfalt auf bestimmte, subjektive und objektive Kame
raeinstellungen, nach deren Kombinatorik die Filme zu unter
scheiden sind. Deleuze diskutiert das Verhältnis von subjekti
ven und objektiven Einstellungen und von deren Annäherung
bis hin zur Ununterscheidbarkeit etwa in Pasolinis »Kino der
Poesie«. Mit ihm und J ean Mitry entfaltet er den Begriff des
»halbsubjektiven Bildes« (BB, 104), das sich einstellt, wenn der
Kamerablickwinkel mit dem des Protagonisten verschmilzt und
dem gesamten Film dessen Wahrnehmung verleiht.
Zu den Wahrnehmungsbildern gehören wiederum bestimmte
Aktionen und Handlungsmuster, weshalb Deleuze die »zweite
Metamorphose« (BB, 95) des Bewegungsbilds »Aktionsbild«
nennt. Und schließlich sieht er den filmimmanenten Abstand
zwischen Wahrnehmung und Aktion durch den »Affekt« be
setzt: ��Der Mfekt ist das, was das Intervall in Beschlag nimmt,
ohne es zu füllen oder gar auszufüllen. Er taucht plötzlich in
einem Indeterminationszentrum auf, das heißt in einem Sub
jekt, zwischen einer in gewisser Hinsicht verwirrenden Wahr
nehmung und einer verzögerten Handlung.« (BB, 96) Innerhalb
des Bewegungsbilds unterscheidet er daher schwerpunktmäßig
die drei Typen des Wahrnehmungs-, Aktions- und Affektbilds.
�Im Gegensatz zu Bergson, der am Film gerade kritisiert, dass
e) uns eine »falsche Bewegung« liefere, indem er die Zeit in
»Momentschnitte« unterteilt und »eine unpersönliche, einheitli
che, abstrakte, unsichtbare oder nicht wahrnehmbare Zeit« (BB,
14) hinzuaddiert, geht Deleuze davon aus, dass Bild und Bewe
gung identisch sind und daher auch in einer Fotografie Bewe
gung virtuell enthalten ist: »Bewegung ist im Gegenteil im
130
Durchschnittsbild unmittelbar gegeben.« (BB, 14) Zwar ergibt
sich die filmische Bewegung aus einer technischen Anordnung
»als Funktion eines beliebigen Moments, das heißt in Abhängigkeit
von Momenten in gleichem Abstand, die so ausgewählt werden,
dass ein Eindruck von Kontinuität entsteht« (BB, 18); gleich
wohl bietet der Film »unmittelbare Bewegungs-Bilder« (BB, 15).
Bereits das Einzelbild enthält virtuelle Bewegung, die sich im
Filmtransport, in der Bildserie, aktualisiert. In der technischen
Reproduktion der beliebigen Momente wird die Kontinuität
der Bewegung und die Dauer des Räumlichen erneut lebendig,
umso mehr, als sie sich nicht aus den »ausgewählten, besonde
ren Momenten« der Porträtfotografie oder des Theaters zusam
mensetzt, wie sie Deleuze in der filmischen Dramaturgie von
Eisenstein wiederaufleben sieht. Das Bewegungs-Bild bringt aber
auch dank Montage und Kamerabewegung neue Zeitkonstruk
tionen hervor, wird »beweglicher Schnitt« (BB, 16). Innerhalb
der Vorkriegsgeschichte der Montage unterscheidet Deleuze
daher die »aktiv-organische« Montage des amerikanischen
Films, die »dialektische« des sowjetischen Films, die »psychisch
quantitative« der französischen Schule und die »spirituell-inten
sive« des deutschen Expressionismus.
Die genauere Bestimmung der Typen des Bewegungs-Bilds
folgt unterschiedlichen Kriterien. Grob unterscheidet er sie nach
den in ihnen dominanten Einstellungsgrößen: »Den drei Arten ,
I ·
13 1
vorführt, »den Status der Entität« erreicht (BB, 134): »Die Groß
aufnahme ist keine Vergrößerung [...]; sie ist eine absolute Verän
derung.« (BB, 134) Da Großaufnahmen die gewohnten Hand
lungsverkettungen zum Innehalten zwingen, laden sie den Film
affektiv auf: »Was ihn ausdrückt, ist ein Gesicht, das Äquivalent
eines Gesichts [...] Man nennt Ikon das Ensemble von etwas
Ausgedrücktem und seinem Ausdruck, von Affekt und Ge
sicht.« (BB, 136) Dem in Großaufnahme Präsentierten verleihen
sie, auch wenn es sich um nicht-anthropomorphe Dinge han
delt, »Gesichtlichkeit«� wobei Deleuze wiederum zwei Typen
von Gesichtern unterscheidet: solche »mit starkem Ausdrucks
gehalt, wenn die Gesichtszüge sich vom Umriss freimachen«
(BB, 126), wie exemplarisch bei Eisenstein, und das »reflexive
oder reflektierende Gesicht, sobald sich die Gesichtszüge um
einen feststehenden Gedanken gesammelt haben, aber unberührt,
ohne Entwicklung, in gewisser Weise ewig bleiben« (BB, 126),
wie häufig bei Griffith. Dabei liegt das Paradoxe der Gesichtsbil
der darin, dass sie in ihrer Aufblähung des Gesichts dessen
»ahumane« Züge, dessen abstrakten Charakter sichtbar werden
lassen und darin das persönliche Gesicht tendenziell dekonstru
ieren: »Die Großaufnahme des Gesichts ist das Angesicht (la
face) und seine Auslöschung (effacement) zugleich.<< (BB, 140) In
der Großaufnahme stellen sich neue Raumverhältnisse und
neue Beziehungen zwischen Vorder- und Hintergrund ein, wird
der abgebildete Raum tendenziell flächig, weshalb Deleuze von
»beliebigen Räumen« oder »Raum-Zeiten« mit taktilen Qualitä
ten spricht. Davon ausgehend zeichnet er unterschiedliche Gege
benheitsweisen solch beliebiger Räume in der gesamten Filmge
schichte nach, die durch fragmentierende Einstellungen wie bei
Bresson, durch Entgeometrisierung des Filmraums in Licht
Schatten-Kontrasten wie im deutschen Expressionismus, durch
Lichtmodulationen wie in der »poetischen Abstraktion« eines
132
Sternberg oder durch Farbabsorption wie bei Antonioni hervor
gebracht sein können.
In der Erörterung des Aktionsbilds wird Deleuzes Herkunft
aus dem Strukturalismus noch einmal deutlich, da er dieses im
Hinblick auf seine topalogischen Stereotypen diskutiert: »Das
Aktionsbild ist strukturaler Art, denn die Plätze und Elemente
sind in ihren Oppositionen und Komplementaritäten wohldefi
niert.« (BB, 206) Unterschiede zwischen Aktionsbildern gebe es
vor allem hinsichtlich der Dominanz der Aktion oder der Situa
tion. Er unterscheidet von daher eine »große Form«, in welcher
sich Milieus »unmittelbar in bestimmten, geographischen, histo
rischen und sozialen Raum-Zeit-Einheiten« (BB, 193) aktualisie
ren, von der »kleinen Form«, in welcher eine Handlung zu be
stimmten neuen Situationen führt. Zusätzlich unterscheiden
sich Aktionsbilder im Hinblick darauf, ob sie am Ende die Aus
gangssituation wieder herstellen oder die Situation modifizie
ren. )Die große Form begegnet vorzugsweise in Monumentalfil
men; in Western oder in den Burlesken Buster Keatons: »Der
Held gleicht einem winzigen Punkt, umgeben von einem über
dimensionalen, katastrophischen Milieu in einem sich wandeln
den Raum.« (BB, 234) Aber auch die »Aternräume« von Kuro
sawa zählen zur großen Form. Im Gegensatz zur globalen
Repräsentation der großen Form tritt die kleine Form als ellipti
sche Wiedergabe lokaler Ereignisse auf. Sie kommt ebenso in
den Gesellschaftskomödien von Lubitsch, in den Burlesken
Chaplins wie in den Detektivfilmen von Howard Hawks zu
sich. Innerhalb des japanischen Films findet sie Einlösungen bei
Mizoguchi und Ozu.
Mit dem Zweiten Weltkrieg und seiner Zerstörung nationaler
und biographischer Einheiten und psychischer Gewissheiten
vollzieht sich für Deleuze der entscheidende Umbruch, der den
Wechsel vom Bewegungs-Bild zum Zeit-Bild erzwingt und mit
133
einer »Krise des Aktionsbilds« beginnt. Das »binomische« Akti
onsbild öffnet sich nun auf eine »Drittheit<<, worunter die Ins
tanz des Zuschauers zu verstehen ist: Hitchcock verleiht den
Filmbildern dank seiner Suspense-Technik eine mentale Dimen
sion. »So erscheint Hitchcock in der Geschichte des Films als
derjenige, der die Entstehung eines Films nicht mehr nur als
Funktion zweier Glieder - des Regisseurs und des entstehenden
Films - betrachtet, sondern in Abhängigkeit von drei Faktoren:
des Regisseurs, des Films und des Publikums, [...] dessen Reak
tionen zum integralen Bestandteil des Films werden.« (BB, 270)
Der letzte entscheidende Schritt hin zum Zeit-Bild vollzieht
sich nun aber dadurch, dass der Zuschauer nicht mehr nur als
imaginierende Instanz in das Filmgeschehen eingebunden wird,
sondern als Alter Ego im Filmbild selbst erscheint: Angesichts
des Kahlschlags des Krieges verwandelt sich der Protagonist in
einen reinen Schauenden, in einen Betrachter der Welt, der zur
Handlung unfähig geworden ist. In Rossellinis Germania Anno
Zero blickt der jugendliche Protagonist auf die Ruinen des zer
bombten Berlin und geht ob der Unerträglichkeit der Situation
am Ende in den Tod. Die Gesamtsituation präsentiert sich als so
rätselhaft oder desaströs, dass Aktionen allenfalls als Reaktionen
auf das Unerträgliche aufkommen. In der erzwungenen Außer
kraftsetzung gewohnter Verhaltensweisen wird dafür die Zeit
selbst zur Ansicht gebracht.
Mit dem französischen Filmtheoretiker Andre Bazin eröffnet
Deleuze den zweiten Band seiner filmtheoretischen Überlegun
gen, Cinema 2. L'lmage-Temps (1985)/Das Zeit-Bild Kino 2. Mit
ihm geht er davon aus, dass das Kino der Nachkriegszeit eine
neue, bislang nicht dagewesene Haltung zur Realität einnimmt:
»Statt ein bereits dechiffriertes Reales zu präsentieren, meine
der Neorealismus ein zu dechiffrierendes und stets zweideutiges
Reales; aus diesem Grund trete die Plansequenz zunehmend an
134
die Stelle der Montage von Repräsentationen. Der Neorealis
mus erfand demnach einen neuen Bildtypus, für den Bazin die
Bezeichnung >Tatsachen-Bild< vorschlug.« (ZB, 11). Dank seines
suchenden Realitätsbezugs findet das neue Kino zu for
malästhetischen Innovationen, durchbricht nicht mehr nur im
Affektbild das Reiz-Reaktionsschema und die gewohnten Bild
verkettungen, sondern problematisiert die Bildproduktion
selbst, versetzt den gesamten Film in eine Position reinen
Schauens, in welcher das Unerträgliche und Unfassbare der
neuen Situation ausgestellt wird: »Ein Kennzeichen des Neorea
lismus ist gerade das Anwachsen rein optischer Situationen
(und auch akustischer, wenngleich in den Anfängen des Neorea
lismus der Synchronton noch nicht · vorhanden war), die sich
von den sensornotorischen Situationen des Aktions-Bildes im
frühen Realismus wesentlich unterscheiden.« (ZB, 13) An die
Stelle stereotyper Handlungsabläufe treten Verschiebungen der
Personen im Raum, an die Stelle objektivierender Abbilder kon
tingente visuelle Beschreibungen: »Wir haben es in der Tat mit
einem Unbestimmbarkeits- und Ununterscheidbarkeitsprinzip
zu tun: man weiß nicht mehr, was imaginär und real, körperlich
oder mental in der Situation ist.« (ZB, 19) Der Film begreift sich
nicht länger als Wiedergabe filmvorgängiger Gegebenheiten,
sondern als Realitätsproduzent, der den Außenraum mitkons
truiert: »Das >Off< verschwindet tendenziell zugunsten einer
Differenz zwischen Gesehenem und Gehörtem, einer Differenz,
die konstitutiv für das Bild ist. Es gibt kein hors-champ mehr.
Das Außerhalb des Bildes wird durch den Zwischenraum zwi
schen den beiden Kadrierungen ersetzt.« (ZB, 235) In diesen
neuen Räumen erblickt Deleuze schließlich späte Einlösungen
dessen, was der Mathematiker ::Sernhard Riemann Mitte des 19.
Jahrhunderts als »mannigfaltige Räume mit n-Dimensionen« er
rechnet hat:
135
»In diesem Sinn kann man vom Riemannschen Raum bei Bresson, im
Neorealismus, in der nouvelle vague und in der New Yorker Schule spre
chen; von Quantenräumen bei Robbe-Grillet, von Wahrscheinlichkeits
räumen und topalogischen Räumen bei Resnais, von kristallisierten Räu
men bei Herzog und Tarkovskij. Wir sprechen beispielsweise von einem
Riemannschen Raum, wenn die Anschlüsse der Teile nicht im voraus de
terminiert sind, sondern sich auf verschiedene Art und Weise herstellen
können; es handelt sich dann um einen abgetrennten, rein optischen,
akustischen oder auch taktilen Raum. Ebenso gibt es die leeren und
amorphen Räume, die, wie bei Ozu oder Antonioni, ihre euklidischen
Koordinaten verlieren.« (ZB, 172)
Die Zeit ist nicht mehr das Maß der Bewegung, sondern die Be
wegung wird zu einer der Perspektiven der Zeit: »Sie lässt ein
regelrechtes Kino der Zeit mit einer neuen Montagekonzeption
und neuen Montageformen entstehen« (ZB, 37). Eine neue »Ana
lytik des Bildes« bringt neue Sequenzaufgliederungen hervor;
die Beschreibung des Filmraums folgt aus der Kombination un
abhängiger Opto- und Sonozeichen, aber auch aus einer bislang
unbekannten Kameraautonomie: »Dieses Kamera-Bewusstsein
stellt Fragen, formuliert Antworten, führt zu Einwänden und
Provokationen, bildet Theoreme, Hypothesen und Experimente
[...] entsprechend den geistigen Funktionen eines cinema-verite.«
(ZB, 38) Tati verwandelt die Burleske, Godard das Aktionsbild
in optisch-sonore Situationen, Fellini und Rivette bringen mit
tels »sympathetischem Subjektivismus«, Antonioni oder Godard
mittels »kritischem Objektivismus« andere Realitäten hervor.
Im Kapitel »Zeitkristalle« wird die Selbstreflexion der Zeit
schließlich am peintiertesten vorgeführt: Das kristalline Film
bild wird als eines bestimmt, das seine aktuelle und virtuelle
Doppelseitigkeit ausstellt und fortgesetzt ineinander übergehen
lässt: »Es ist, als ob ein Spiegelbild, ein Photo oder eine Post
karte ein Eigenleben gewönne, unabhängig würde und ins Ak-
136
tuelle überginge, dann aber, sobald das aktuelle Bild im Spiegel
wiederkehrte, wieder seinen Platz auf der Postkarte oder dem
Photo annähme, also einer doppelten Bewegung von Befreiung
und Verhaftung folgte.« (ZB, 96 f.) Diese immanenten Reflexio
nen kennen größere oder kleinere Kreisläufe, wobei Deleuze die
Aktualisierung von Erinnerungs- und Traumbildern nicht für
das »tiefste« Verfahren hält. Adäquatere Verfahren erblickt er in
der Selbstthematisierung des Aufnahmeprozesses wie bereits in
Dsiga Vertovs Mann mit der Kamera oder Buster Keatons Ca
mera Man, in Filmdramaturgien, die den Prozess ihrer Genese
wiederholen wie in Fellinis 8 16 oder Truffauts La nuit ameri
caine. Am deutlichsten wird die Revirtualisierung des Filmbil
des allerdings in spiegelbildlichen Brechungsverfahren wie in
Resnais' L'annee derniere a Marienbad, in Orson Welles' Lady
from Shanghai oder in Herzogs Herz aus Kristall. In diesen bildli
ehen Selbstreflexionen gibt sich schließlich die Zeit selbst zu
sehen, wird das Werden und Vergehen als solches anschaubar:
»Das Kristallbild ist der Punkt der Ununterscheidbarkeit zwi
schen den beiden Bildern, dem aktuellen und dem virtuellen,
während dasjenige, was man im Kristall sieht, die Zeit selbst,
ein geringer Teil der Zeit in reinem Zustand« ist (ZB, 112). Die
sen Zeit-Bildern gelingt es nicht nur, »Vergangenheitsschichten«
zu aktualisieren, sondern - wie Proust - zur reinen Vergangen
heit vorzudringen und »die innere Qualität des in der Zeit Wer
denden« (ZB, 351) vorzustellen. Die zeitliche Vervielfältigung
mittels »Chronozeichen«, bildimmanenter Brechungsverfahren
und unmittelbarer Zeitpräsentationen, mittels »Dekadrierun
gen«, falscher Anschlüsse, unabhängiger Schnitte oder Modi der
Zeitdehnung und -raffung bringt achronologische und chroni
sche Zeiten hervor, Zeiten, die sich vertikalisieren, Tableaus aus
bilden und damit zu neuen Denkspitzen gelangen, worin De
leuze den Wert jeglicher Artikulation erblickt.
137
Daher verbindet er mit dem Film die Hoffnung, nach Verlust
des Glaubens an Gott und den Menschen einen neuen Glauben
an die Welt zurückzuerstatten: »Allein der Glaube vermag den
Menschen an das zurückzubinden, was er sieht und hört. Von
daher ist es notwendig, dass das Kino nicht die Welt filmt, son
dern den Glauben an die Welt, unser einziges Band.« (ZB, 224)
In diesem Sinn lässt er Rossellini sagen: »Je weniger menschlich
die Welt ist, desto mehr kommt es dem Künstler zu, an die Be
ziehung zwischen Mensch und Welt zu glauben und die anderen
zu diesem Glauben zu veranlassen.« (ZB, 223) Im Gegensatz zu
Kracauer erblickt er die Möglichkeit der Glaubensstiftung je
doch weniger in der »Errettung der äußeren Wirklichkeit« als
im (De)Konstruktiven, in der Decodierung der [Link]
Bilder, in der Sichtbarmachung von etwas in ihnen, im Figura
len, das in keiner Figuration aufgeht, sondern auf ein Außen,
auf jene virtuellen Größen von zeitlicher Unendlichkeit, Bild
und Bewegung an sich verweist. Selbst das ethnographisch-do
kumentarische Kino eines J ean Rouch kennt Bewegungen im
Grenzbereich von Realem und Imaginärem und lässt Realität
aus »Fabulierungen« entstehen.
In Deleuzes Glauben an das Kino und seine Lebensmächtig
>>
Einleitung
1 Slavoj Zizek, Sehr innig und nicht zu rasch. Zwei Essays über sexuelle
Differenz als philosophische Kategorie, Wien 1999, S. 10.
2 Vgl. Michel Foucault, »Theatrum philosophicum«, in: Gilles Deleuze/
Felix Guattari, Der Faden ist gerissen, Berlin 1977, S. 21-58.
3 Reda Bensmaia, Gilles Deleuze ou comment devenir un Stalker en
Philosophie?, in: Lendemains 53, Berlin 1989, S. 7.
4 Diese Taktik des Verschweigens stellte sich in Folge der Rezeption
des Anti-Ödipus durch den Philosophen Manfred Frank ein, der in
»Die Welt als Wunsch und Repräsentation oder: Gegen ein anarcho
strukturalistisches Zeitalter«, in: Das Sagbare und das Unsagbare. Stu
dien zur deutsch-französischen Hermeneutik und Texttheorie, Frankfurt
a.M. 1989, S. 561-573, den »anarcho-strukturalistischen« Ansatz der
Autoren in die Nähe zu konservativen Vitalismustheorien der Vor
kriegszeit brin gt, dem Verdacht des Irrationalismus und der Gegen
aufklärung aussetzt und darin den allgemeinen universitären Vorbe
halt gegen dieses »wilde Denken« artikuliert. Seitdem schwebt über
ihren Schriften das Verdikt des »Postmodernismus«, das sie in eine
Reihe mit Theoretikern wie Baudrillard und Virilio rückt. Für Jürgen
Habermas' Philosophischen Diskurs der Moderne existieren die Autoren,
neben Foucault und anderen, nicht.
5 Hans Robert Jauß, Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts »A La recherche
du temps perdu«, Beideiberg 1955 und die 1986 angefügte Erörterung
neuerer wissenschaftlicher Ansätze, S. 363.
6 Rainer Warning, Vergessen, Verdrängen und Erinnern in Prousts A la
recherche du temps perdu, in: Memoria, Vergessen und Erinnern (Po
etik und Hermeneutik 15), hg. v. Anselm Haverkamp und Renate
Lachmann, München 1993, S. 160-194.
143
7 Wolfgang Welsch, Unserepostmoderne Moderne, Weinheim 1988, S. 141 f.
8 Vgl. Bernhard Taureck, Franzö'sische Philosophie im 20. Jahrhundert,
Harnburg 1988. .
9 Vgl. Christoph Tholen, Schizo-Schleichwege. Beiträge zum Anti-Ödipus,
Bremen 1981; Thomas Lange, Die Ordnung des Begehrens, Bielefeld
1989.
10 Vgl. Mirjam Schaub, Deleuze im Wunderland, München 2002.
11 Vgl. Friedrich Balke!Joseph Vogl, Fluchtlinien der Philosophie, Mün
chen 1996.
12 Vgl. Stephan Hesper, Schreiben ohne Text De i prozessuale Ästhetik von
Gilles Deleuze und Felx i Guattari, Opladen 1994; Mirjam Schaub, De
leuze im Kino, München 2002.
13 Ingo Zechner, Der Gesang des Werdens, München 2003.
14 Michaela Ott, Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren des Literarischen im
Werk von Gilles Deleuze, Wien 1998.
15 Stephan Günzel, Immanenz. Zum Philosophiebegriffvon Gilles Deleuze,
Essen 1998.
16 Wolfgang Langer, Gilles Deleuze. Kritik und Immanenz, Berlin 2003.
17 Mirjam Schaub, Deleuze im Wunderland, München 2002; Mirjam
Schaub, Deleuze im Kino, München 2002.
18 Mare Rölli, Gilles Deleuze. Philosophie des transzendentalen Empirismus,
Wien 2003.
19 Ders. (Hg.), Ereignis aufFranzösisch. Von Bergsan bis Deleuze, München
2004.
20 Gilles Deleuze, Das Zeit-Bild. Kino 2, übers. v. K. Englert, Frankfurt
a.M. 1991, S. 358.
21 Ders./Felix Guattari, Qu'est-ce que la philosophie?, Paris 1991; Was ist
Philosophie?, übers. v. Bernd Schwibs und Joseph Vogl, Frankfurt a.M.
1996.
22 Vgl. ders., Diffirence et repitition, Paris 1968; Differenz und Wiederho
lung, übers. v. Joseph Vogl, München 1992.
144
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
145
10 Ders., Diffbence et repetition, Paris 1967; Differenz und Wiederholung,
übers. v. Joseph Vogl, München 1992.
11 Ders., Preface a l'edition americaine, in: Deux regimes de fous, Paris
2003, s. 280 ff.
12 Ders., Logique du sens, Paris 1969; Logik des Sinns, übers. v. Bernhard
[Link], Frankfurt a.M. 1993.
13 Ders., Porzellan und Vulkan, übers. v. Michaela Ott, Berlin 1983.
Drittes Kapitel
1 Gilles Deleuze, Proust et !es signes, Paris 1973; Proust und die Zeichen,
übers. v. Henriette Beese, München 1977.
2 Um hier nur zwei Autoren dieser umfassenden Diskussion zu nen
nen: Hans Robert Jauß, Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts »A la re
cherche du temps perdu«, Heidelberg 1955; Rainer Warning, Vergessen,
Verdrängen und Erinnern in Prousts A la recherche du temps perdu,
in: Memoria, Vergessen und Erinnern (Poetik und Hermeneutik 15), hg.
v. Anselm Haverkamp und Renate Lachmann, München 1993, S. 160-
194.
3 Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips (1920), in: Psychologie des
Unbewußten, Studienausgabe Bd. III, Frankfurt a.M. 1975, S. 264.
4 Gilles Deleuze, Kritik und Klinik, übers. v. Joseph Vogl, Frankfurt
a.M. 1998.
5 Jacques Lacan, Le seminaire. Livre VII L'ethique de la psychanalyse,
Paris 1986, S. 281.
6 Gilles Deleuze, Presentation de Sacher-Masoch, in: Leopold von Sa
cher-Masoch, Venus dans la fourrure, Paris 1967.
7 Ders./Felix Guattari, Kafka. Pour une Iitterature mineure, Paris 1975;
Kafka. Für eine kleine Literatur, übers. v. Burkhart Kroeber, Frankfurt
a.M. 1976.
8 Ders., »Jean Hippolyte, Logique et Existence«, in: L'ile deserte et autres
textes, Paris 2003, S. 18-23.
9 Ders., »Bartleby, ou la formule«, in: Critique et Clinique, Paris 1993, S.
89-114.
146
Viertes Kapitel
1 Vgl. Michaela Ott, Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren des Literari
schen im Werk von Gilles Deleuze, Wien 1998.
2 Gilles Deleuze, Pourparlers 1972-1990, Paris 1990; Unterhandlungen,
übers. v. Gustav Roßler, Frankfurt a.M. 1993.
3 Ders., L!Anti-Oedipe. Capitalisme et schzophrenie,
i Paris 1972; Anti-Ödipus.
Kapitalismus und Schzophrenie,
i übers. v. Bemd Schwibs, Frankfurt a.M.
1977.
4 Ders., Dialogues, Paris 1977; Dialoge mit Claire Parnet, übers. v. Bernd
Schwibs, Frankfurt a.M. 1980.
5 Ders./Felix Guattari, Mille Plateaux, Paris 1980; Tausend Plateaus,
übers. von Ronald Vouille und Gabriele Ricke, Berlin 1992.
6 Ders., Deux regimes de fous, hg. v. David Lapoujade, Paris 2003, S. 162-
166.
7 Ders., Spinoza. Philosophie pratique, Paris 1981; Spinoza. Praktische Phi
losophie, Berlin 1988.
8 Ders., Spinoza et le problerne de l'expression, Paris 1968; Spinoza und das
Problem des Ausdrucks in der Philosophie, übers. v. Ulrich Johannes
Schneider, München 1993.
9 Ders., Le Pli Leibnz i et le Baroque, Paris 1988; Die Falte. Leibnz
i und der Ba
rock, übers. v. UlrichJohannes Schneider, Frankfurt aM. 1995.
10 Ders., Foucault, Paris 1986; übers. v. Herbert Kocyba, Frankfurt a.M.
1987.
Fünftes Kapitel
1 Gilles Deleuze, Le Cerveau, c'est 1'ecran, in: Deux regimes de fous, Paris
2003 s. 264 f.
2 Ders., Cinema-1, Premiere, in: Deux regimes defous, Paris 2003, S. 194.
3 Ders., Cinema 1. L'image-Mouvement, Paris 1983; Das Bewegungs-Bild
Kino 1, übers. v. Ulrich Christians und Ulrike Bokelmann, Frankfurt
a.M. 1989; Gilles Deleuze, Cinema 2 L'image-Temps, Paris 1985; Das Zeit
Bild. Kino 2, übers. v. Klaus Englert, Frankfurt a.M. 1991.
147
Literatur
148
L'ile deserte et autres textes, Paris 2003; Die einsame Insel Texte und Ge
spräche von 1953-1974, übers. v. Eva Moldenhauer, Frankfurt a.M.
2003.
L'immanence: une vie, in: Deux regimes de fous, Paris 2003, S. 359-364;
Die Immanenz: Ein Leben, in: Joseph Vogl/Friedrich Balke, Gilles De
leuze - Fluchtlinien der Philosophie, München 1996, S. 29-33.
Jean Hippolyte. Logique et Existence, in: L'ile deserte et autres textes, Paris
2003, s. 18-23.
mit Felix Guattari, Kafka. Pour une Iitterature mineure, Paris 1975; Kafka.
Für eine kleine Literatur, übers. v. Burkhart Kroeber, Frankfurt a.M.
1976. (K)
mit Claire Parnet, L'Abecedaire (3 Videos), Paris 1996.
mit Felix Guattari, L'Anti-Oedip e. Capitalisme et schizophrenie, Paris 1972;
Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie, übers. v. Bernd Schwibs,
Frankfurt a.M. 1977. (AÖ)
Le Pli. Leibniz et le Baroque, Paris 1988, Die Falte. Leibniz und der Barock,
übers. v. Ulrich Johannes Schneider, Frankfurt a.M. 1995. (t)
Logique du sens, Paris 1969; Logik des Sinns, übers. v. Bernhard Dieck
mann, Frankfurt a.M. 1993. (LS)
mit Felix Guattari, Mille Plateaux, Paris 1980; Tausend Plateaus, übers. v.
Ronald Vouille und Gabriele Ricke, Berlin 1992. (TP)
Nietzsche et la philosophie, Paris 1962; Nietzsche und die Philosophie, übers.
v. Bernd Schwibs, München 1976. (N)
Porzellan und Vulkan, übers. v. Michaela Ott, Berlin 1983.
Proust et les signes, Paris 1973; Proust und die Zeichen, übers. v. Henriette
Beese, München 1977. (P)
Pourparlers 1912-1990, Paris 1990; Unterhandlungen 1912-1990, übers. v.
Gustav Roßler, Frankfurt a.M. 1993. (U)
mit Felix Guattari, Qu'est-ce que la philosophie?, Paris 1991; Was ist Philo
sophie?, übers. v. Bernd Schwibs und Joseph Vogl, Frankfurt a.M. 1996.
(Qu)
Presentation de Sacher-Masoch, in: Sacher-Masoch, Venus dans la four
rure, Paris 1967; Sacher-Masoch und der Masochismus, übers. v. Ger
trud Müller, in: Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt a.M. 1980.
(SM)
149
Spinoza et le problerne de l'expression, Paris 1968; Spinoza und das Problem
des Ausdrucks in der Philosophie, übers. v. Ulrich Johannes Schneider,
München 1993. (S)
Spinoza. Philosophie pratique, Paris 1981; Spinoza. Praktische Philosophie,
übers. v. Hedwig Linden, Berlin 1988. (SPP)
Woran erkennt man den Strukturalismus?, übers. v. Eva Brückner-Pfaffen
berger und D. Watts Tuckwiller, Berlin 1992. (Str)
Über vier Dichterformeln, die die Philosophie Kants zusammenfassen
könnten, in: Kritik und Klinik, übers. v. Joseph Vogl, Frankfurt a.M.
2000, s. 42.
150
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ein anarcho-strukturalistisches Zeitalter, in: Das Sagbare und das Un
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151
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1994.
152
Zeittafel
153
1993 Aufsatzband Critique et Clinique. L'immanence - une vie in
der Zeitschrift Philosophie.
1995 Freitod am 4. November.
Deleuze war verheiratet und hatte zwei Kinder.
154
Michaela Ott, Privatdozentin am Seminar für Filmwissenschaft der Freien
Universität Berlin; Philosophin, Filmwissenschaftlerin und Ü bersetzerin;
wichtigste Veröffentlichungen: Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren
des Literarischen im Werk von Gilles Deleuze (Wien: Passagen 1998),
(Hg.) Denken des Raums in Zeiten der Globalisierung (Hamburg: LIT
Verlag 2005), Phantasma und symbolische Ordnung im zeitgenössischen
(Hollywood)Film (München: edition text und kritik 2005); wichtigste
Übersetzungen: Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft (Frank
furt a.M.: Suhrkamp 1999), Michel Foucault, Die Anormalen (Frankfurt
a.M.: Suhrkamp 2003).
155