Skript Integration
Skript Integration
Sommer 2017
Kurzskript zur Vorlesung
Inhaltsverzeichnis
1 Differentiation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
2 Eigenschaften differenzierbarer Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . 7
2.1 Regeln von l’Hospital . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
2.2 Ableitung der Umkehrfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
3 Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
3.1 Konvergenzkriterien für Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
3.2 Cauchy-Produkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
4 Exponentialfunktion und Logarithmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
4.1 Hyperbelfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
5 Das Integral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
5.1 Definition des Integrals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
5.2 Eigenschaften des Integrals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
6 Der Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung . . . . . . . . . . . 30
7 Einige Integrationstechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
8 Uneigentliche Integrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
9 Potenzreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
9.1 Konvergenzkriterien für Potenzreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
10 Der Satz von Taylor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
11 Fourier-Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
12 Folgen und Reihen von Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
13 Reelle Funktionen mehrerer Veränderlicher . . . . . . . . . . . . . . . . 54
14 Differentiation von Funktionen mehrerer Veränderlicher . . . . . . . . . . 60
14.1 Vektorfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
15 Richtungsableitung, Satz von Taylor, Extrema . . . . . . . . . . . . . . . 66
ii Inhaltsverzeichnis
15.1 Richtungsableitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
15.2 Satz von Taylor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
15.3 Extrema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
16 Implizite Funktionen, Extrema mit Nebenbedingungen . . . . . . . . . . 71
16.1 Implizite Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
16.2 Extrema mit Nebenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
17 Wege im Rn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
17.1 Länge von Wegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
18 Wegintegrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
19 Integrale im Rn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
20 Vektoranalysis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
20.1 Satz von Green, Satz von Gauß in der Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . 95
20.2 Divergenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
20.3 Flächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
20.4 Satz von Gauß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
20.5 Rotation und Stokesscher Integralsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
20.6 Der Laplace–Operator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
1. Differentiation 1
1 Differentiation
f (x) − f (x0 )
.
x − x0
f (x) − f (x0 )
lim ,
x→x0 x − x0
f (x) − f (x0 )
lim
x→x0 x − x0
existiert (und endlich ist). Dieser Grenzwert heißt dann Ableitung von f an der Stelle x0
df
und wird mit f 0 (x0 ) oder bezeichnet.
dx |x=x0
Bemerkungen
f (x) − f (x0 )
1. Die Zahlen heißen Differenzenquotienten .
x − x0
f (x) − f (x0 )
2. Statt lim kann man auch
x→x0 x − x0
f (x0 + h) − f (x0 )
lim
h→0 h
betrachten.
3. Es heißt f differenzierbar auf M ⊂ I , wenn f für alle x0 ∈ M differenzierbar ist.
Die Funktion f 0 : R → R mit den Werten f 0 (x) für x ∈ D(f 0 ) = {x0 : x0 ∈ I , f
differenzierbar in x0 } heißt die Ableitung von f .
4. Ist x0 ein Randpunkt von I, so wird der einseitige Grenzwert betrachtet. Man spricht
dann von einseitiger (rechsseitiger bzw. linksseitiger) Ableitung.
5. Ist f differenzierbar in x0 ∈ I, so ist f stetig in x0 . Die Beispiele (10) und (11)
unten zeigen, dass aus der Stetigkeit in x0 nicht die Differenzierbarkeit folgt.
2 1. Differentiation
6. Es heißt f 0 (x0 ) auch Steigung der Funktion f im Punkte x0 . Die Gerade durch
x0 , f (x0 ) mit der Steigung f 0 (x0 ) heißt Tangente an f in x0 , f (x0 ) , sie hat
die Gleichung
Beispiele
7. Es sei f (x) = c für alle x ∈ R. Dann gilt für beliebige x 6= x0
f (x) − f (x0 ) x − x0
lim = lim =1
x→x0 x − x0 x→x0 x − x0
für jedes x0 ∈ R. Daher ist f differenzierbar auf R mit f 0 (x) = 1 für alle x ∈ R .
9. Es sei f (x) = x2 für alle x ∈ R. Dann gilt
11. Es sei f (x) = |x| für alle x ∈ R und x0 = 0 . Dann gilt für die Folge (xn )n∈N mit
xn = n1 6= 0: limn→∞ xn = x0 = 0 und
1
f (xn ) − f (x0 ) n −0
lim = lim 1 = 1.
n→∞ xn − x0 n→∞
n −0
f (xn ) − f (x0 ) | − n1 | − 0
lim = = −1 .
n→∞ xn − x0 − n1 − 0
Also ist f an der Stelle x0 = 0 nicht differenzierbar, wohl aber stetig. An x0 6= 0 ist
f differenzierbar mit f 0 (x0 ) = 1 für x0 > 0 und f 0 (x0 ) = −1 für x0 < 0 .
12. Es sei f (x) = sin x für alle x ∈ R. Aus sin α − sin β = 2 sin α−β
2 cos α+β
2 folgt
h
sin
mit limh→0 h
2
= 1 und limh→0 cos(x0 + h2 ) = cos x0 (Stetigkeit)
2
Daher ist die Sinusfunktion differenzierbar auf R mit (sin x)0 = cos x für alle
x ∈ R.
Die Cosinusfunktion ist differenzierbar auf R mit (cos x)0 = − sin x für alle x ∈ R .
Satz [Ableitungssregeln] Es sei I ⊂ R ein Intervall. Die Funktionen f :
I → R und g : I → R seien differenzierbar in x ∈ I . Dann sind auch αf
mit α ∈ R , f ± g , f · g differenzierbar in x und es gilt
13. Sei f (x) = x2 , x ∈ (−∞, ∞) . Wegen f (x) = x·x ist die Produktregel anwendbar.
Sie ergibt f 0 (x) = 1 · x + x · 1 = 2x für alle x ∈ R .
1
14. Sei f (x) = für x ∈ (−∞, ∞)\{0} . Die Quotientenregel liefert
x
0·x−1·1 1
f 0 (x) = 2
=− 2 für alle x ∈ R\{0} .
x x
16. Sei f (x) = x−n , x ∈ (−∞, ∞)\{0} , n ∈ N . Die Quotientenregel ergibt (zusam-
men mit vollständiger Induktion)
1
18. Sei f (x) = , x ∈ I mit g(x) 6= 0 und g sei differenzierbar an x ∈ I . Dann ist
g(x)
nach der Quotientenregel
g 0 (x)
f 0 (x) = − .
[g(x)]2
Satz [Kettenregel]
Die reellen Funktionen f und g seien auf den Intervallen I und J
differenzierbar. Für die Bildmenge B(g) gelte B(g) ⊂ I . Dann ist h =
f ◦ g differenzierbar auf J , und es gilt
19. Für h(x) = cos x , x ∈ R , folgt wegen cos x = sin(x + π2 ) mit f (y) = sin y und
g(x) = x + π2
π
(cos x)0 = cos x + = − sin x für x ∈ R.
2
1. Differentiation 5
1 1
20. Für h(x) = sin , x ∈ (0, ∞) , folgt mit f (y) = sin y und g(x) = wegen
x x
0 0 1
f (y) = cos y und g (x) = − x2
1 0 1 1
sin = − 2 cos . (∗)
x x x
Für x ∈ (−∞, 0) ergibt sich das gleiche Ergebnis, so dass (∗) für x ∈ R\{0} gilt.
√ √
21. Für h(x) = 1 − x2 , x ∈ (−1, 1) folgt mit f (y) = y und g(x) = 1 − x2 wegen
0 1 0
f (y) = 2√y und g (x) = −2x
p 0 x
1 − x2 =−√ für x ∈ (−1, 1) .
1 − x2
22. Für h(x) = 2 + sin3 x , x ∈ R , folgt mit f (y) = 2 + y 3 und g(x) = sin x wegen
f 0 (y) = 3y 2 und g 0 (x) = cos x
p 0 3 sin2 x · cos x
2 + sin3 x = p für x ∈ R .
2 2 + sin3 x
Ist f 0 : R → R die Ableitung der Funktion f auf einem Intervall I und ist f 0
00 0 0
differenzierbar an der Stelle x0 ∈ I , so heißt f (x0 ) = f (x0 ) die zweite
df 0
Ableitung von f an x0 . Üblich sind für f 00 (x0 ) auch die Schreibweisen
dx |x=x0
d2 f
oder 2 | .
dx x=x0
0
Ist f 00 differenzierbar auf I, so heißt f 000 = f 00 die dritte Ableitung von f , üblich
d3 f
ist auch die Schreibweise f 000 = . Analog sind die höheren Ableitungen rekur-
0
dx3
siv definiert f (n) = f (n−1) , n = 2, 3, . . . . Gelegentlich schreibt man auch f (0)
für f . Es heißt f n-mal stetig differenzierbar auf einem Intervall I, falls f (n) auf
I existiert und stetig ist.
Bemerkung
6 1. Differentiation
24. Aus der Existenz von f 0 auf I folgt nicht die Stetigkeit von f 0 auf I. So ist f : R →
R mit D(f ) = R und
(
x2 sin x1 für x 6= 0
f (x) =
0 für x = 0
26. Für f (x) = x4 , x ∈ R , ist f 0 (x) = 4x3 , f 00 (x) = 12x2 , f 000 (x) = 24x .
Für g(x) = sin(3x) , x ∈ R ist g 0 (x) = 3 cos(3x) , g 00 (x) = −9 sin(3x) ,
g 000 (x) = −27 cos(3x) , g 0000 (x) = 81 sin(3x).
27. Für die Funktion h(x) = x4 sin(3x), x ∈ R, folgt mit (26) aus der Leibnizschen
Regel
000 3 4 000 3 4 0 00 3
4
(x sin(3x)) = x (sin(3x)) + (x ) (sin(3x)) + (x4 )00 (sin(3x))0
0 1 2
3
+ (x4 )000 sin(3x)
3
= f (x)g 000 (x) + 3f 0 (x)g 00 (x) + 3f 00 (x)g 0 (x) + f 000 (x)g(x)
= −27x4 cos 3x − 108x3 sin 3x + 108x2 cos 3x + 24x sin 3x .
2. Eigenschaften differenzierbarer Funktionen 7
Für eine reelle Funktion f : R → R mit der Definitionsmenge D(f ) haben wir das globale
Maximum (bzw. globale Minimum) von f definiert. Ist x0 die zugehörige Maximalstelle,
so gilt f (x0 ) ≥ f (x) für alle x ∈ D(f ) . Von einem lokalen Maximum f (x1 ) für ein
x1 ∈ D(f ) spricht man, falls ein δ > 0 existiert, so dass f (x1 ) ≥ f (x) für alle x ∈
(x1 −δ, x1 +δ) ∩ D(f ) . Das lokale Minimum ist analog definiert.
Bemerkungen
1. Während beim globalen Maximum alle x ∈ D(f ) zum Vergleich von f (x) mit
f (x0 ) herangezogen werden, erfolgt beim lokalen Maximum ein Vergleich von f (x)
mit f (x1 ) nur für alle x aus einer (kleinen) Umgebung von x1 .
2. Für Maximum oder Minimum sagt man zusammenfassend Extremum. Ein globales
Extremum ist auch ein lokales Extremum.
3. Ist x0 lokale oder globale Maximalstelle von f , so ist x0 lokale oder globale Mini-
malstelle von −f .
Wie findet man lokale Extrema?
Satz Es sei f : (a, b) → R differenzierbar an der Stelle x0 ∈ (a, b) .
Ist f (x0 ) ein lokales Maximum oder Minimum, so ist f 0 (x0 ) = 0 .
4. Die Aussage des Satzes ist nicht umkehrbar. Gilt f 0 (x0 ) = 0 , so muss f (x0 ) kein
lokales Extremum sein. So ist für f (x) = x3 , x ∈ (−1, 1) , zwar f 0 (0) = 0 , aber
f (0) = 0 ist kein lokales Extremum.
5. Ist D(f ) = [a, b] ein abgeschlossenes Intervall und ist f (a) bzw. f (b) ein lokales
Extremum, so muss nicht f 0 (a) = 0 bzw. f 0 (b) = 0 gelten. Dies zeigt die Funktion
f (x) = x für x ∈ [0, 1] . Es ist f (0) lokales Minimum und f (1) lokales Maximum,
aber f 0 (0) = f 0 (1) = 1 . Die Randpunkte des Intervalls müssen demnach gesondert
untersucht werden.
7. Das Vorgehen in (6) ist zu modifizieren, falls f stetig, aber an einer Stelle c ∈ (a, b)
nicht differenzierbar ist. Dann ist auch c ein Kandidat für eine Extremalstelle und
f (c) ist in den Vergleich einzubeziehen.
8 2. Eigenschaften differenzierbarer Funktionen
f (b) − f (a)
= f 0 (x0 ) .
b−a
8. Ist f (a) = f (b), so existiert ein x0 ∈ (a, b) mit f 0 (x0 ) = 0 (Satz von Rolle), ein
anschauliches Ergebnis.
10. Ist speziell in (9) f 0 (x) = 0 für alle x ∈ (a, b) , so ist f eine konstante Funktion.
Aus dem MWS folgen hinreichende Kriterien für Monotonie.
Satz Die Funktion f : [a, b] → R sei stetig auf [a, b] und differenzierbar
auf (a, b) . Gilt für alle x ∈ (a, b)
(i) f 0 (x) > 0 , so ist f streng monoton wachsend auf [a, b] ,
(ii) f 0 (x) < 0 , so ist f streng monoton fallend auf [a, b] .
11. Es sei f (x) = x3 für x ∈ [0, 1] . Wegen f 0 (x) = 3x2 > 0 für x ∈ (0, 1) ist f streng
monoton wachsend auf [0, 1] . Bemerkenswert ist, dass zwar f 0 (0) = 0 , aber f 0 (0)
und f 0 (1) nicht zur Prüfung verwendet werden.
12. Es sei f (x) = x3 für x ∈ [−1, 1] . Wegen f 0 (x) = 0 für x = 0 ∈ (−1, 1) ist der
Satz nicht unmittelbar anwendbar. Durch Betrachtung der Teilintervalle [−1, 0] und
[0, 1] erkennt man jedoch, dass f streng monoton wachsend auf [−1, 1] ist.
Aus dem MWS folgen hinreichende Kriterien für lokale Maxima bzw. Minima.
Satz Die Funktion f : R → R sei zweimal differenzierbar auf (a, b) und
f 0 (x0 ) = 0 für x0 ∈ (a, b).
(i) Ist f 00 (x0 ) < 0 , so ist f (x0 ) ein lokales Maximum von f .
(ii) Ist f 00 (x0 ) > 0 , so ist f (x0 ) ein lokales Minimum von f .
13. Sei f (x) = x2 für x ∈ (−1, 1) . Wegen f 0 (0) = 0 und f 00 (0) = 2 ist f (0) = 0 ein
lokales Minimum von f .
2. Eigenschaften differenzierbarer Funktionen 9
f (x)
so existiert auch der Grenzwert lim , und es gilt
x→x0 g(x)
f (x) f 0 (x)
lim = lim 0 .
x→x0 g(x) x→x0 g (x)
f 0 (x)
Der Grenzwertes limx→x0 g 0 (x) lässt sich gelegentlich wieder mit einer Regel von
l’Hospital bestimmen.
Beispiele
1 − cos x
16. Um limx→0 zu bestimmen, wählen wir f (x) = 1 − cos x , g(x) = x2
x2
für x ∈ I = [−1, 1] und x0 = 0 . Es ist f (0) = g(0) = 0 und f 0 (x) = sin x ,
g 0 (x) = 2x 6= 0 für x 6= 0 . Demnach ist
1 − cos x sin x
lim 2
= lim ,
x→0 x x→0 2x
10 2. Eigenschaften differenzierbarer Funktionen
sin x sin x
falls der Grenzwert limx→0 existiert. Für limx→0 folgt
2x 2x
sin x cos(0) 1
limx→0 = = , so dass
2x 2 2
1 − cos x 1
lim = .
x→0 x2 2
Bemerkung
17. Eine Modifikation der Regel von l’Hospital gilt, falls x0 6∈ I Randpunkt von I ist:
Die reellen Funktionen f und g seien differenzierbar auf dem Intervall (a, b) , sei
g 0 (x) 6= 0 für x ∈ (a, b) . Gelte für die einseitigen Grenzwerte limx&a f (x) = 0 ,
f 0 (x)
limx&a g(x) = 0 . Existiert der einseitige Grenzwert limx&a 0 , so existiert
g (x)
f (x)
auch der einseitige Grenzwert limx&a , und es gilt
g(x)
f (x) f 0 (x)
lim = lim 0 .
x&a g(x) x&a g (x)
Die Aussage ist auch dann gültig, wenn statt der Voraussetzung
limx&a f (x) = limx&a g(x) = 0 die Voraussetzung limx&a f (x) = ∞ (oder
−∞) und limx&a g(x) = ∞ (oder −∞) gilt. Entsprechendes gilt für x % b.
18. Die reellen Funktionen f und g seien differenzierbar auf (a, ∞) , sei g 0 (x) 6= 0 für
x ∈ (a, ∞) , gelte limx→∞ f (x) = 0 , limx→∞ g(x) = 0 . Existiert der Grenzwert
f 0 (x) f (x)
limx→∞ 0 , so existiert auch der Grenzwert limx→∞ , und es gilt
g (x) g(x)
f (x) f 0 (x)
lim = lim 0 .
x→∞ g(x) x→∞ g (x)
Beispiele
22. Es sei f (ξ) = ξ 2 für ξ ∈ I = (0,√∞) . Es ist f 0 (ξ) = 2ξ > 0 . Daher ist die
Umkehrfunktion f −1 mit f −1 (x) = x differenzierbar mit
√ 1 1
( x)0 = = √ für x ∈ D(f −1 ) = (0, ∞) .
2[f −1 (x)] 2 x
23. Es sei f (ξ) = sin ξ für ξ ∈ I = (− π2 , π2 ) . Es ist f 0 (ξ) = cos ξ > 0 . Daher ist die
Umkehrfunktion f −1 mit f −1 (x) = arcsin x differenzierbar mit
1 1 1
(arcsin x)0 = = =p .
cos f −1 (x) cos(arcsin x) 1 − [sin(arcsin x)]2
1
Demnach gilt (arcsin x)0 = √ , x ∈ (−1, 1) .
1 − x2
Anmerkung: Hätten wir I = [− π2 , π2 ] bei der Definition von arcsin gewählt, so
wäre wegen f 0 (− π2 ) = f 0 ( π2 ) = 0 der Satz nicht anwendbar. In der Tat ist arcsin x
für x = −1 und x = +1 nicht differenzierbar.
1
Analog lässt sich zeigen (arccos x)0 = − √ , x ∈ (−1, 1) .
1 − x2
12 2. Eigenschaften differenzierbarer Funktionen
1
24. Sei f (ξ) = tan ξ für ξ ∈ I = (− π2 , π
2). Es ist f 0 (ξ) = > 0 . Daher ist f −1
cos2 ξ
mit f −1 (x) = arctan x differenzierbar mit
1 1
(arctan x)0 = = 2 .
1
1 + tan f −1 (x)
cos2 f −1 (x)
Demnach gilt
1
(arctan x)0 = , x ∈ R.
1 + x2
Analog zeigt man
1
(arccot x)0 = − , x ∈ R.
1 + x2
3. Reihen 13
3 Reihen
Definition Es sei ak k∈N0
eine Folge reeller Zahlen, sei
n
X
sn = ak , n ∈ N0 .
k=0
Dann heißt die Folge sn n∈N0
eine (unendliche) Reihe. Für diese Reihe schreibt man
∞
X
ak oder a0 + a1 + a2 + . . . ,
k=0
1. Eine Reihe ist keine Summe von unendlich vielen Summanden, vielmehr eine Folge
von Partialsummen.
3. P
Auf die Bezeichnung des Summationsindex kommt es nicht an:
∞ P∞
k=0 a k = `=0 a` .
4. Eine Änderung von endlich vielen Gliedern der Reihe ändert nicht das Konvergenz-
verhalten der Reihe, unter Umständen aber den Wert der Reihe.
Beispiele
5. Die Reihe
∞
X 1
k!
k=0
ist konvergent, der Wert der Reihe ist die Eulersche Zahl e.
14 3. Reihen
ist divergent.
ist konvergent.
∞
X 1
ist konvergent für |q| < 1 mit dem Wert qk = .
1−q
k=0
Sie ist divergent für |q| ≥ 1 . Denn es ist
n 1 − q n+1
X
k für q 6= 1
sn = q = 1−q
n+1 für q = 1
k=0
1
Für |q| < 1 gilt limn→∞ q n+1 = 0 , so dass lim sn = , für |q| ≥ 1 existiert
n→∞ 1−q
lim sn nicht.
n→∞
haben wir
n n
X 1 X 1 1 1
sn = = − + =1− .
k(k − 1) k k−1 n
k=2 k=2
Es ist limn→∞ sn = 1 , so dass die Reihe konvergent ist mit dem Wert s = 1 .
3. Reihen 15
Bemerkungen
10. Es ist limk→∞ ak = 0 eine notwendige Bedingung für Konvergenz. Diese Bedin-
gung ist jedoch nicht hinreichend für Konvergenz, wie das Beispiel der harmoni-
schen Reihe zeigt.
11. Eine Reihe mit abwechselnd positiven und negativen Gliedern heißt alternierend.
Satz (Leibnizkriterium) In der alternierenden Reihe
∞
X
(−1)k bk = b0 − b1 + b2 − b3 ± . . .
k=0
Bemerkungen
16 3. Reihen
15. Ist eine Reihe absolut konvergent, so ist sie auch konvergent.
16. Reihen, die konvergent, aber nicht absolut konvergent sind, nennt man auch bedingt
konvergent.
Pn P∞
17. Ist die Folge (σn )n∈N der Partialsummen σn = k=0 |ak | der Reihe k=0 |ak |
nach
P∞ oben beschränkt, so ist nach dem Monotoniekriterium für Folgen die Reihe
a
k=0 k absolut konvergent.
P∞
Satz (Majoranten-Kriterium)
P∞ Für die Reihe k=0 ak gelteP∞ |ak | ≤ bk für alle
k ∈ N0 . Ist die Reihe k=0 bk konvergent, so ist die Reihe k=0 ak absolut kon-
vergent.
Satz (Quotientenkriterium)
(i) Existieren ein q mit 0 < q < 1 und ein N ∈ N , so dass für alle
k ≥ N gilt
a
k+1
≤ q < 1,
ak
Satz (Wurzelkriterium)
(i) Existieren ein q mit 0 < q < 1 und ein N ∈ N , so dass für alle
k ≥ N gilt
p
k
|ak | ≤ q < 1 ,
P∞
so ist die Reihe k=0 ak absolut konvergent.
(ii) Existiert ein N ∈ N , so dass für alle k ≥ N gilt
p
k
|ak | ≥ 1 ,
P∞
so ist die Reihe k=0 ak divergent.
Bemerkungen
P∞
so lässt sich das Quotientenkriterium auch so fassen: Die Reihe k=0 ak ist absolut
konvergent für 0 ≤ q ∗ < 1 , sie ist divergent für q ∗ > 1 . Für q ∗ = 1 kann die Reihe
konvergent oder divergent sein.
21. Gilt
p
lim sup k
|ak | = q ∗ ,
k→∞
P∞
so lässt sich das Wurzelkriterium auch so fassen: Die Reihe k=0 ak ist absolut
konvergent für 0 ≤ q ∗ < 1 , sie ist divergent für q ∗ > 1 . Für q ∗ = 1 kann die Reihe
konvergent oder divergent sein.
P∞ P∞
Satz Die Reihen k=0 ak und k=0 bk seien konvergent mit den Werten a
und b . Für α, β ∈ R ist dann auch die Reihe
∞
X
(αak + βbk )
k=0
3.2 Cauchy-Produkt
Satz (Cauchy-Produkt)
Die Reihen ∞
P P∞
k=0 ak und k=0 bk seien absolut konvergent. Dann gilt
∞
X ∞
X ∞
X
ak bk = cn
k=0 k=0 n=0
18 3. Reihen
mit
n
X
cn = a0 bn + a1 bn−1 + . . . + an b0 = ak bn−k ,
k=0
P∞
und die Reihe n=0 cn ist absolut konvergent.
4. Exponentialfunktion und Logarithmus 19
x n
1. Es lässt sich zeigen: ex = limn→∞ (1 +
) für x ∈ R .
n
Satz Für die Exponentialfunktion f (x) = ex , x ∈ R , gilt
Da die Exponentialfunktion streng monoton wachsend ist, existiert eine streng mo-
noton wachsende und stetige Umkehrfunktion.
Definition Die Umkehrfunktion f −1 der Exponentialfunktion f heißt natürlicher
Logarithmus
Bemerkungen
2. Es ist ln x nur für x > 0 definiert. Aus der Tatsache, dass Exponentialfunktion und
Logarithmus Umkehrfunktionen sind, ergeben sich die Eigenschaften
• ln 1 = 0 , ln e = 1 .
• ln x ist streng monoton wachsend mit limx→∞ ln x = ∞ und
limx&0 ln x = −∞ .
ax = ex ln a .
(ax )0 = (ln a) ax .
Aus der strengen Monotonie der Exponentialfunktion zur Basis a für a 6= 1 folgt die
Existenz einer Umkehrfunktion.
4. Exponentialfunktion und Logarithmus 21
Wichtige Basen der Logarithmen sind a = e und a = 10 . Statt loge x schreibt man ln x
und spricht vom natürlichen Logarithmus. Statt log10 x schreibt man lg x und spricht vom
dekadischen Logarithmus.
Satz Es sei g(x) = loga x , x > 0 , der Logarithmus zur Basis a 6= 1 . Dann gilt:
4.1 Hyperbelfunktionen
definierten reellen Funktionen heißen (i) sinus hyperbolicus, (ii) cosinus hyperbolicus,
(iii) tangens hyperbolicus, (iv) cotangens hyperbolicus.
Bemerkungen
1. Durch den cosinus hyperbolicus wird (bei geeigneter Normierung) die Form eines
aufgehängten Seils beschrieben. Man spricht auch von einer Kettenlinie.
Satz
Für x, y ∈ R gilt
Bemerkungen
2. Auf R ist sinh streng monoton, sodass eine Umkehrfunktion existiert. Diese heißt
area sinus hyperbolicus. Es gilt die Darstellung
p
arsinh x = ln(x + x2 + 1) , x ∈ R.
1
(arsinh x)0 = √ , x ∈ R.
x2 + 1
3. Auf [0, ∞) ist cosh streng monoton, so dass eine Umkehrfunktion existiert. Diese
heißt area cosinus hyperbolicus. Es gilt die Darstellung
p
arcosh x = ln(x + x2 − 1) , x ∈ [1, ∞) .
1
(arcosh x)0 = √ , x ∈ (1, ∞) .
x2 − 1
24 5. Das Integral
5 Das Integral
5.1 Definition des Integrals
Die Integralrechnung geht auf das geometrische Problem zurück, den Flächeninhalt von
Punktmengen der Ebene zu bestimmen.
Auf dem Intervall [a, b] mit a < b sei f eine positive, stetige, reelle Funktion und es sei
I(f, a, b) der Flächeninhalt, der durch f und das Intervall [a, b] der x-Achse begrenzten
Punktmenge.
Im Sonderfall f (x) = c für x ∈ [a, b] mit c > 0 ist I(f, a, b) = c(b − a), der bekannte
Flächeninhalt von Rechtecken. Wir grenzen I(f, a, b) durch Rechtecksummen“ (Unter-
”
summen bzw. Obersummen) ein.
Definition
Dann heißen
n
X
s(Z) = mj (xj − xj−1 )
j=1
und
n
X
S(Z) = Mj (xj − xj−1 )
j=1
die zur Zerlegung Z (und zur Funktion f ) gehörige Untersumme und Obersum-
me.
Bemerkungen
4. Streben bei immer feineren Zerlegungen die Untersummen s(Z) und Obersummen
S(Z) gegen einen gemeinsamen Grenzwert, so wird man diesen als Flächeninhalt
definieren. Diese Idee liegt dem folgenden Vorgehen zugrunde.
Definition
Eine Zerlegung Z 0 = {x00 , x01 , . . . , x0m } von [a, b] heißt Verfeinerung einer Zerle-
gung Z = {x0 , x1 , . . . , xn } von [a, b], falls
Bemerkungen
5. Aus Z erhält man eine Verfeinerung Z 0 durch Hinzufügen weiterer Punkte aus [a, b].
6. Sind Z und Z 0 Zerlegungen von [a, b] mit Z 0 Verfeinerung von Z und sind
s(Z), s(Z 0 ) bzw. S(Z), S(Z 0 ) die zugehörigen Untersummen bzw. Obersummen
(zu gegebenem f ), so gilt offenbar
7. Sind Z und Ẑ beliebige Zerlegungen von [a, b], so ist Z ∗ = Z ∪ Ẑ eine Verfeinerung
von Z und Ẑ, daher folgt nach 6.
Demnach gilt
s(Z) ≤ S(Ẑ).
Sind Z und Ẑ beliebige Zerlegungen von [a, b] so folgt demnach aus 6., 7.
9. Nach 8. sind s(Z) und S(Ẑ) beschränkt. Daher existiert das Supremum
von s(Z) über alle Zerlegungen Z von [a, b], und es existiert das Infimum
S(f, a, b) = inf S(Ẑ)
Ẑ
von S(Ẑ) über alle Zerlegungen Ẑ von [a, b]. Weiter ist
s(f, a, b) ≤ S(f, a, b).
Definition
Die reelle Funktion f sei beschränkt auf [a, b]. Gilt
s(f, a, b) = S(f, a, b) = r ,
so heißt f Riemann-integrierbar auf [a, b]. Der gemeinsame Wert r heißt dann
Riemann-Integral von f auf [a, b] und wird mit
Z b
f (x) dx
a
bezeichnet. Es heißen a untere Grenze und b obere Grenze des Integrals, [a, b]
heißt Integrationsintervall, f heißt Integrand und x heißt Integrationsvariable.
Bemerkungen
10. Statt Riemann-integrierbar schreiben wir oft einfach integrierbar, da wir hier keine
anderen Integrale betrachten.
Auf den Namen der Integrationsvariablen kommt es nicht an
Z b Z b
f (x) dx = f (u) du.
a a
Rb
11. Ist f ≥ 0 und integrierbar auf [a, b], so stellt a
f (x) dx den Flächeninhalt I(f, a, b)
dar.
12. Zur Prüfung auf Integrierbarkeit ist oft folgende Aussage nützlich: Die reelle Funk-
tion f sei beschränkt auf [a, b]. Sie ist genau dann integrierbar auf [a, b], wenn zu
jedem ε > 0 eine Zerlegung Z existiert mit S(Z) − s(Z) < ε.
Beispiele
13. Es sei f (x) = c auf [a, b] mit c ∈ R. Für jede Zerlegung Z gilt
s(Z) = c(b − a), S(Z) = c(b − a).
Demnach ist f integrierbar auf [a, b] und es ist
Z b Z b
f (x) dx = c dx = c(b − a).
a a
Für c > 0 ist dies der bekannte Flächeninhalt I(f, a, b) von Rechtecken.
5. Das Integral 27
14. Es sei f (x) = x2 auf [a, b] mit a ≥ 0. Wir wählen eine gleichmäßige Zerlegung
Z = {x0 , x1 , . . . , xn } mit
b−a
xj = a + j für j = 0, 1, . . . , n.
n
b−a
Mit h = gilt für j = 1, 2, . . . , n
n
xj − xj−1 = h, mj = x2j−1 , Mj = x2j
n−1
X n
X
s(Z) = h x2j , S(Z) = h x2j .
j=0 j=1
Demnach ist
(b − a)(b2 − a2 )
S(Z) − s(Z) = h(x2n − x20 ) = h(b2 − a2 ) = .
n
Zu beliebigem ε > 0 wird S(Z) − s(Z) < ε für eine Zerlegung Z mit
(b − a)(b2 − a2 )
n> . Nach 12. ist demnach f integrierbar auf [a, b].
ε
(i) Ist die reelle Funktion f stetig auf [a, b], so ist f integrierbar auf [a, b].
(ii) Ist die reelle Funktion f monoton auf [a, b], so ist f integrierbar auf
[a, b].
Rb
Speziell ist a
f (x) dx ≥ 0 falls f ≥ 0.
(iv) Es ist |f | integrierbar auf [a, b] und es gilt
Z b Z b
f (x) dx ≤ f (x) dx.
a a
(i) Ist f auf [a, b] und auf [b, c] integrierbar mit a < b < c, so ist f auch auf
[a, c] integrierbar und es gilt
Z b Z c Z c
f (x) dx + f (x) dx = f (x) dx .
a b a
(ii) Ist f auf [a, b] mit a < b integrierbar, so ist f auch auf jedem abgeschlos-
senen Teilintervall [c, d] ⊂ [a, b] integrierbar. Für beliebige α, β, γ ∈ [a, b]
gilt
Z β Z γ Z γ
f (x) dx + f (x) dx = f (x) dx .
α β α
Bemerkungen
1. Man kann f an endlich vielen Punkten abändern, ohne den Wert des Integrals zu
ändern.
5. Das Integral 29
2. Ist die reelle Funktion f integrierbar auf [a, b], so folgt aus 8.
Z b
m(b − a) ≤ f (x) dx ≤ M (b − a)
a
mit m = inf{f (x) : x ∈ [a, b]} und M = sup{f (x) : x ∈ [a, b]}. Daraus ergibt
sich die Abschätzung
Z b
f (x) dx ≤ (b − a) · sup{|f (x)| : x ∈ [a, b]} .
a
3. Ist die reelle Funktion f stetig auf [a, b], so existiert ein ξ ∈ (a, b) mit
Z b
f (x) dx = (b − a)f (ξ) .
a
Dies ist die Aussage des Mittelwertsatzes der Integralrechnung. Da die Stelle ξ
i.a. unbekannt ist, hilft er nicht direkt bei der Berechnung von Integralen, ist jedoch
beweistechnisch von Bedeutung.
Definition Die reellen Funktionen f und F seien auf dem Intervall I definiert. Ist F diffe-
renzierbar auf I mit
Bemerkung Stammfunktionen von f sind nicht eindeutig bestimmt. Für alle c ∈ R ist
auch F (x) + c eine Stammfunktion. Verschiedene Stammfunktionen unterscheiden sich
nur durch eine Konstante.
Z x
Fx0 (x) = f (t) dt, x ∈ [a, b]
x0
Satz Die Funktion f sei stetig auf [a, b]. Ist F eine beliebige Stammfunktion
von f auf [a, b], so gilt
Z b
f (x) dx = F (b) − F (a).
a
Die Berechnung des Integrals kann bei stetigem Integranden demnach mit Hilfe einer
Stammfunktion erfolgen. Die Integration ist dann zurückgeführt auf die Ermittlung einer
Stammfunktion. Eine Stammfunktion heißt auch unbestimmtes Integral (keine Integrati-
onsgrenzen). Man schreibt
Z
F (x) = f (x) dx
6. Der Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung 31
R
f (x) f (x) dx Gültigkeitsbereich
1
xn xn+1 + c n ∈ Z, n 6= −1, x ∈ R für n ≥ 0,
n+1
x 6= 0 für n < 0
1
ln |x| + c x ∈ R, x 6= 0
x
1
xa xa+1 + c x > 0, a ∈ R, a 6= −1
a+1
1 ax
eax e +c x ∈ R, a 6= 0
ax
a
ax +c x ∈ R, a > 0, a 6= 1
ln a
sin x − cos x + c x∈R
7 Einige Integrationstechniken
Das Aufsuchen einer Stammfunktion zur Berechnung eines Integrals kann sehr schwierig
sein. Anders als bei der Differentiation gibt es keine fertigen Rezepte, die immer zum Ziel
führen. Oft gelingt es, komplizierte Integrale mit geeigneten Techniken auf einfachere
Integrale zurückzuführen, für die die Integration ausgeführt werden kann. Man mache
dann stets die (einfache) Probe, ob die Ableitung der gefundenen Stammfunktion gleich
dem Integranden ist.
Satz Sind f und g integrierbar, so ist für α, β ∈ R
Z Z Z
[αf (x) + βg(x)] dx = α f (x) dx + β g(x) dx .
Bei speziellen Typen von Integranden lässt sich die Stammfunktion direkt ablesen:
Satz Sind f und f 0 stetig, so gilt
Z
(i) f (x) f 0 (x) dx = 21 [f (x)]2 + c
f 0 (x)
Z
(ii) dx = ln |f (x)| + c für f (x) 6= 0.
f (x)
Z b h ib Z b
(ii) f (x) g 0 (x) dx = f (x) g(x) − f 0 (x) g(x) dx.
a a a
Satz (Substitutionsregel) Es seien f auf [a, b] und g auf [α, β] stetig, für die
Bildmenge B(g) von g gelte B(g) ⊂ [a, b]. Ist g stetig differenzierbar, so gilt
Z Z
(i) f (g(x)) g 0 (x) dx = f (u) du ,
R
Vielfach ist zur Berechnung eines Integrals f (x) dx eine andere Sicht vorteilhaft. Neben
den Voraussetzungen des letzten Satzes habe g eine Umkehrfunktion ψ (die Voraussetzung
ist beispielsweise erfüllt, falls g 0 6= 0). Nehmen wir die Umbenennung u → x und x → t
vor, so folgt mit x = g(t) bzw. t = ψ(x)
Z Z
f (x) dx = f (g(t)) g 0 (t) dt (∗)
Rb
Das formale Vorgehen kann man sich so merken: Im Integral a f (x) dx substituiert man
0 0
x = g(t). Wegen dx dt = g (t) schreibt man formal dx = g (t) dt und setzt dies in das
Integral ein. Dies ergibt (∗) mit t = ψ(x). Für das bestimmte Integral transformiert man
noch die Integrationsgrenzen x = a bzw. x = b in t = ψ(a) bzw. t = ψ(b) und erhält
(∗∗).
Es gehört Erfahrung und Übung dazu, eine geeignete Substitution zu finden. Doch gibt es
viele Integrale, für die sich keine Substitution finden lässt, die zu geschlossen lösbaren In-
R1 2
tegralen führt. So existiert beispielsweise das Integral 0 e−x dx, da der Integrand stetig
ist. Doch gibt es keine durch eine endliche Kombination elementarer Funktionen darstell-
bare Stammfunktion.
34 8. Uneigentliche Integrale
8 Uneigentliche Integrale
Rb
Bisher haben wir das Integral a
f (x) dx definiert unter den Voraussetzungen
(1) eines endlichen Integrationsintervalls [a, b],
(2) einer auf ganz [a, b] definierten Funktion f ,
(3) einer auf [a, b] beschränkten Funktion f .
Sind diese Voraussetzungen nicht alle erfüllt, so lassen sich in manchen Fällen durch
Grenzwertbildungen sog. uneigentliche Integrale definieren. Im Gegensatz dazu spricht
man bei den gewöhnlichen Integralen auch von eigentlichen Integralen. Wir betrachten
zunächst eine naheliegende Erweiterung des Integralbegriffs auf unbeschränkte Integra-
tionsintervalle.
Definition Die Funktion f : R → R sei definiert auf [a, ∞) und integrierbar auf [a, b] für
alle b > a. Existiert der Grenzwert
Z b
lim f (x) dx,
b→∞ a
Man sagt auch, das uneigentliche Integral existiert oder konvergiert. Existiert der Grenz-
Rb
wert limb→∞ a f (x) dx nicht, so sagt man, das uneigentliche Integral sei divergent.
Analog definiert man das uneigentliche Integral
Z b Z b
f (x) dx = lim f (x) dx,
−∞ a→−∞ a
falls f auf (−∞, b] definiert, integrierbar auf [a, b] für alle a < b ist und der Grenzwert
existiert.
R∞ Rb R∞
In a f (x) dx und −∞ f (x) dx sind a und b endlich. Ein Integral −∞ f (x) dx definiert
Rc
man so: Existieren für irgendein c ∈ R die uneigentlichen Integrale −∞ f (x) dx und
R∞
c
f (x) dx, so ist das uneigentliche Integral
Z ∞ Z c Z ∞
f (x) dx = f (x) dx + f (x) dx .
−∞ −∞ c
R∞
(i) Ist |f (x)| ≤ g(x) für alle x ∈ [a, ∞) und existiert a
g(x) dx, so existie-
ren auch die uneigentlichen Integrale
Z ∞ Z ∞
f (x) dx und |f (x)| dx .
a a
R∞
(ii) Ist 0 ≤ g(x) ≤ f (x) für alle x ∈ [a, ∞) und
R∞
divergiert a
g(x) dx, so
divergiert auch das uneigentliche Integral a f (x) dx .
R∞ R∞
Definition Existiert a
|f (x)| dx, so heißt a
f (x) dx absolut konvergent.
Aus der absoluten Konvergenz folgt die Konvergenz. Die Umkehrung gilt bei uneigentli-
chen Integralen jedoch nicht.
Wir betrachten eine weitere Verallgemeinerung des Integralbegriffs für nicht auf ganz [a, b]
definierte und ggf. unbeschränkte Funktionen.
Definition Die Funktion f : R → R sei definiert auf dem halboffenen Intervall [a, b) und
integrierbar auf [a, c] für alle c mit a < c < b. Existiert der Grenzwert
Z c Z c
lim f (x) dx = lim f (x) dx,
c→b− a
c→b
a
c<b
falls f auf (a, b] definiert und integrierbar auf [c, b] für alle c mit a < c < b ist und der
Grenzwert existiert. Ist f auf (a, b) definiert und integrierbar auf jedem abgeschlossenen
Teilintervall [α, β] von (a, b), so heißt f uneigentlich integrierbar, falls für ein beliebiges
Rc Rb
c ∈ (a, b) die uneigentliche Integrale a f (x) dx und c f (x) dx beide existieren. Das
Integral ist dann
Z b Z c Z b
f (x) dx = f (x) dx + f (x) dx .
a a c
Beispiel
36 8. Uneigentliche Integrale
1
Es sei f (x) = xα für x ∈ (0, 1]. Für c mit 0 < c < 1 ist
Z 1
1 − ln c für α = 1
dx =
c xα 1 [1 − c1−α ] für α 6= 1.
1−α
R1
Das uneigentliche Integral 0 x1α dx ist divergent für α ≥ 1, es ist konvergent
für α < 1 mit
Z 1
1 1
α
dx = .
0 x 1−α
9. Potenzreihen 37
9 Potenzreihen
Definition Ist (an )n∈N0 eine Folge reeller Zahlen und ist x0 ∈ R, so heißt die Funktio-
nenreihe
∞
X
an (x − x0 )n , x∈R
n=0
2
Die Reihe ist also konvergent für alle x ∈ R mit der Summe ex .
Satz
∞
X
(i) Ist die Reihe an xn konvergent für ein x = r mit r 6= 0, so ist die
n=0
Reihe absolut konvergent für alle x mit |x| < |r|.
∞
X
(ii) Ist die Reihe an xn divergent für ein x = s, so ist die Reihe divergent
n=0
für alle x mit |x| > |s|.
38 9. Potenzreihen
P∞
Folgerung: Für jede Potenzreihe n=0 an xn gilt genau eine der drei Aussagen (A1),
(A2), (A3):
Im Fall (A1) sagt man auch, die Reihe divergiert und setzt % = 0, im Fall (A2) setzt man
formal % = ∞. Anschaulich besagt (A3)
Für x = % bzw. x = −% liegt im Fall (A3) keine Aussage vor. Es kann Konvergenz
oder Divergenz herrschen. Das Intervall (−%, %) heißt auch Konvergenzintervall. Für x ∈
(−%, %) konvergiert die Reihe punktweise.
Beispiele:
ist divergent für |x| ≥ 3. Der Konvergenzradius ist % = 3 und die Summe der Reihe ist
1
für |x| < 3.
1 − ( x3 )2
Wurzelkriterium: Ist
p
n
lim sup |an | = c
n→∞
existiert. Es ist % = ∞.
nn n nn
In der Reihe ∞
P
(7) n=1 n! x ist an = n! > 0 und der Grenzwert
n
n
an
lim = lim n (n + 1)! = lim n
n→∞ an+1 n→∞ n!(n + 1)n+1 n→∞ n + 1
n
1 1
= lim 1 − =
n→∞ n+1 e
existiert. Es ist % = 1e .
√
In der Reihe ∞ 2 n n 2 n
P n
(8) n=1 n 2 x ist an = n 2 und wegen limn→∞ n = 1 existiert der
Grenzwert
p √
n
√
n
lim n |an | = lim n2 2n = lim 2 n2
n→∞ n→∞ n→∞
√ √
= lim 2 n n n n = 2.
n→∞
Daher ist % = 12 .
In der Reihe ∞ n
P
(9) n=0 n!x (vgl. (7) ) ist an = n! und der (uneigentliche) Grenzwert
p √n
lim n |an | = lim n! = ∞
n→∞ n→∞
∞
X ∞
X ∞
X
n n
(i) an x ± bn x = (an ± bn )xn
n=0 n=0 n=0
∞
hX ∞
ih X i X∞
(ii) an xn bn xn = cn xn
n=0 n=0 n=0
mit cn = a0 bn + a1 bn−1 + . . . + an b0 .
∞
X
Satz Die Potenzreihe an xn habe den Konvergenzradius % > 0.
n=0
Für x ∈ (−%, %) sei f (x) die Summe der Reihe,
∞
X
f (x) = an xn .
n=0
∞
X
Die Reihe nan xn−1 hat wieder den Konvergenzradius %.
n=1
(ii) Es ist f integrierbar auf jedem Intervall [a, b] ⊂ (−%, %), das im Kon-
vergenzintervall liegt, und es gilt
Z x ∞ Z x ∞
X X an n+1
f (t) dt = an tn dt = x , x ∈ (−%, %).
0 n=0 0 n=0
n+1
∞
X an n+1
Die Reihe x hat wieder den Konvergenzradius %.
n=0
n +1
(10) Addition und Subtraktion von Potenzreihen können gliedweise erfolgen. Die Multiplikation
erfolgt nach dem Cauchy-Produkt.
(11) Die Ableitung der Summe f der Potenzreihe erhält man durch gliedweises Differenzieren
der Reihe. Da die resultierende Reihe der Ableitungen wieder den Konvergenzradius % hat,
ist f beliebig oft differenzierbar und es gilt für k = 1, 2, . . .
∞
X
f (k) (x) = n(n − 1) · . . . · (n − k + 1)an xn−k , x ∈ (−%, %).
n=k
9. Potenzreihen 41
(12) der Summe f der Potenzreihe erhält man durch gliedweises Integrieren der
Das Integral P
Reihe. Es ist ∞ an
n=0 n+1 x
n+1
, x ∈ (−%, %), eine Stammfunktion von f .
Beispiele:
P∞
(13) Die Potenzreihe n=0 xn hat den Konvergenzradius % = 1 und die Summe
∞
X 1
f (x) = xn = für x ∈ (−1, 1).
n=0
1−x
also für k ∈ N
∞
!
X n n−k 1
x = für x ∈ (−1, 1).
k (1 − x)k+1
n=k
P∞ n 2n
(15) Die Potenzreihe n=0 (−1) x hat den Konvergenzradius % = 1 und die Summe
∞
X 1
f (x) = (−1)n x2n = für x ∈ (−1, 1).
n=0
1 + x2
Dies folgt aus (13), falls man dort x durch −x2 ersetzt. Gliedweise Integration liefert
∞ Z x Z x
X (−1)n 2n+1 1
x = f (t) dt = dt = arctan x
n=0
2n + 1 0 0 1 + t2
also
∞
X (−1)n 2n+1
arctan x = x für x ∈ (−1, 1).
n=0
2n + 1
P∞ n n
(16) Die Potenzreihe n=0 (−1) x hat den Konvergenzradius % = 1 und die Summe
∞
X 1
f (x) = (−1)n xn = für x ∈ (−1, 1).
n=0
1+x
also
∞
X (−1)n n+1
ln(1 + x) = x für x ∈ (−1, 1).
n=0
n+1
42 10. Der Satz von Taylor
∞
X (−1)n 2n+1
sin x = x , x∈R
n=0
(2n + 1)!
∞
X (−1)n 2n
cos x = x , x∈R
n=0
(2n)!
Nimmt man nur die ersten n Glieder der Potenzreihe, so erhält man eine Approximation
durch ein Polynom. Dies entspricht einer Darstellung
f = Tn + Rn (∗)
mit einem Polynom Tn und einem Restglied Rn . Dabei dient Tn (x) als Näherung der
Funktion f (x).
Satz von Taylor
Die Funktion f sei auf dem Intervall I (n + 1)-mal stetig differenzierbar.
Dann gilt für x, x0 ∈ I
(1) Es wird f (0) = f gesetzt. Die Stelle x0 heißt auch Entwicklungsstelle. Die Koeffizien-
(k)
ten ak = f k!(x0 ) im Taylor-Polynom Tn (x, x0 ) =
Pn k
k=0 ak (x − x0 ) heißen Taylor-
Koeffizienten.
10. Der Satz von Taylor 43
(x − x0 )k+1 (k+1)
Rk (x, x0 ) = f (x0 ) + Rk+1 (x, x0 ).
(k + 1)!
(4) An der Stelle x0 stimmen die Funktionswerte und die ersten n Ableitungen der Funktion f
und des Taylor-Polynoms Tn überein. Man spricht daher auch vom Schmiegungspolynom
Tn für f in der Umgebung von x0 .
(5) Der Satz von Taylor gibt das Restglied in Integralform. Für Abschätzungen ist oft hilfreich
die
Darstellung von Lagrange:
Beispiele
44 10. Der Satz von Taylor
1. Es sei f (x) = sin x für x ∈ I = R. Es ist f beliebig oft differenzierbar mit f 0 (x) =
cos x, f 00 (x) = − sin x, f 000 (x) = − cos x, f (iv) (x) = f (x), . . . . Für x0 = 0 folgt
für die Taylor-Koeffizienten
0 für k gerade
(k) 1
f (0)
ak = = für k = 1, 5, 9, . . .
k! k!
− 1 für k = 3, 7, 11, . . .
k!
Der Satz von Taylor ergibt für n = 2m − 1, m ∈ N,
x3 x5 x2m−1
sin x = x − + ∓ . . . + (−1)m−1 + R2m−1 (x, 0)
3! 5! (2m − 1)!
mit
1
R2m−1 (x, 0) = f (2m) (θx) x2m
(2m)!
für ein θ ∈ (0, 1)). Wegen |f (2m) (t)| ≤ 1 für alle t ∈ R folgt aus der Restglieddar-
stellung von Lagrange die Abschätzung
|x|2m
|R2m−1 (x, 0)| ≤ .
(2m)!
T1 (x, 0) = x
T2 (x, 0) = T1 (x, 0)
x3
T3 (x, 0) = x −
3!
T4 (x, 0) = T3 (x, 0)
..
.
(−1)k+1 (k − 1)!
f (k) (x) = .
(1 + x)k
und a0 = 0, so dass
n
X (−1)k+1
ln(1 + x) = xk + Rn (x, 0).
k
k=1
In der Darstellung von Cauchy lautet das Restglied mit 0 < ϑ < 1
Aus dem Satz von Taylor erhalten wir eine Potenzreihendarstellung von f , falls f beliebig
oft differenzierbar ist und das Restglied für n → ∞ gegen Null konvergiert.
Satz Die Funktion f sei auf dem Intervall I beliebig oft differenzierbar. Es
seien x, x0 ∈ I , dann gilt
∞
X f (k) (x0 )
f (x) = (x − x0 )k
k!
k=0
genau dann, wenn für das Restglied limn→∞ Rn (x, x0 ) = 0 gilt. Die Potenz-
reihe heißt Taylor-Reihe von f um x0 .
Im Beispiel mit f (x) = sin x und I = R war
|x|2m
|R2m−1 (x, 0)| ≤ .
(2m)!
Für f (x) = ln(1+x), x ∈ I = (−1, 1] betrachten wir zunächst den Fall 0 ≤ x ≤ 1. Dann
gilt für das Restglied in der Darstellung von Lagrange mit 0 < ϑ < 1 die Abschätzung
1 x n+1 1
|Rn (x, 0)| = ≤ ,
n + 1 1 + ϑx n+1
46 10. Der Satz von Taylor
so dass limn→∞ Rn (x, 0) = 0. Für den Fall −1 < x < 0 haben wir für das Restglied in
der Darstellung von Cauchy mit 0 < ϑ < 1 die Abschätzung
x n+1
|Rn (x, 0)| = (1 − ϑ)n
1 + ϑx
|x|n+1 1 − ϑ n
=
1 + ϑx 1 + ϑx
|x|n+1 1 − ϑ n
=
1 − ϑ|x| 1 − ϑ|x|
|x|n+1
≤ ,
1 − ϑ|x|
f (n) (x0 )
a n = bn = .
n!
Bemerkungen und Ergänzungen:
11 Fourier-Reihen
Definition Eine reelle Funktion f : R → R mit D(f ) = R heißt periodisch mit der
Periode T > 0 (kurz T -perodisch), falls für alle x ∈ R gilt
f (x + T ) = f (x).
Wichtige periodische Funktionen sind neben den Konstanten die trigonometrischen Funk-
tionen
∞
a0 X
S(x) = + (an cos nx + bn sin nx).
2 n=1
Normierungsbeziehungen:
Z 2π
π für n ∈ N
cos2 nt dt =
0 2π für n = 0
Z 2π
π für n ∈ N
sin2 nt dt =
0 0 für n = 0.
48 11. Fourier-Reihen
R 2π R 2π
Speziell ist 0 cos mt dt = 0 für m ∈ N und 0 sin mt dt = 0 für m ∈ N0 . Or-
thogonalitäts- und Normierungsbeziehungen gelten auch bei Integration über ein Intervall
[a, a + 2π] für beliebiges a ∈ R. Denn für jede integrierbare 2π-periodische Funktion f
gilt
Z 2π Z a+2π
f (x) dx = f (x) dx.
0 a
und ist die Reihe gliedweise integrierbar (dies ist beispielsweise der Fall, falls die Reihe
gleichmäßig konvergent ist), so ergeben sich nach Multiplikation mit cos mx bzw. sin mx
und Integration über [0, 2π] unter Verwendung der Orthogonalitäts- und Normierungsbe-
ziehungen die in der folgenden Definition gegebenen expliziten Darstellungen der an und
bn .
Definition Die Funktion f sei auf [0, 2π] integrierbar.
Achtung: Die Fourier-Reihen muß nicht konvergent sein! Im Falle der Konvergenz
braucht der Reihenwert an einer Stelle x nicht mit f (x) übereinzustimmen. Wir sprechen
daher von einer formalen Zuordnung f ∼ F R.
Bemerkungen
1. Die Wahl von a20 als Koeffizient von cos 0x in F R erlaubt eine einheitliche Darstel-
R 2π
lung der an (auch für n = 0). Es ist a0 = π1 0 f (x) dx, so dass a20 ein Mittelwert
von f ist.
11. Fourier-Reihen 49
2 π
Z
an = f (x) cos nx dx, n ∈ N0
π 0
bn = 0, n ∈ N.
an = 0, n ∈ N0
2 π
Z
bn = f (x) sin nx dx, n ∈ N.
π 0
π 4h 1 1
i
F R(x) = − cos x + 32 cos 3x + 52 cos 5x + . . . .
2 π
n ∈ N0 : an = 0
Z π Z π
2 2 2
n∈N: bn = f (x) sin nx dx = (π − x) sin nx dx = .
π 0 π 0 n
Bisher haben wir der periodischen Funktion f nur formal die Fourier-Reihe zugeordnet.
Wir untersuchen jetzt Konvergenzfragen.
Definition Für eine unstetige Funktion f auf (a, b) heißt x0 ∈ (a, b) eine Sprungstelle
von f , wenn die rechtsseitigen und linksseitigen Grenzwerte
f (x0+ ) = x→x
lim f (x) und f (x0− ) = x→x
lim f (x)
0 0
x>x0 x<x0
existieren mit f (x0+ ) 6= f (x0− ). Es heißt h = f (x0+ ) − f (x0− ) Sprung von f an der
Stelle x0 .
Definition Eine Funktion f heißt auf dem Intervall [a, b] stückweise stetig, wenn ei-
ne Zerlegung {x0 , x1 , . . . , xm } mit a = x0 < x1 < . . . < xm = b von [a, b]
so existiert, dass f auf allen offenen Intervallen (xi−1 , xi ), i = 1, . . . , m, stetig ist
und die rechtsseitigen Grenzwerte f (xi+ ), i = 0, 1, . . . , m − 1, und die linksseitigen
Grenzwerte f (xi− ), i = 1, . . . m, existieren. Wir beachten, dass die Funktionswerte
f (xi ), i = 0, 1, . . . , m, in den Zerlegungspunkten dabei irrelevant sind. Eine Funktion
f heißt auf [a, b] stückweise stetig differenzierbar, wenn ihre Ableitung stückweise ste-
tig ist. Dabei braucht die Ableitung in den Zerlegungspunkten xi , i = 0, . . . , m, nicht zu
existieren.
Satz Stückweise stetige Funktionen sind integrierbar.
Eine stückweise stetig differenzierbare Funktion hat höchstens endlich viele Sprungstel-
len. Es gibt endlich viele Teilintervalle von [a, b], so dass f im Innern jedes Teilintervalls
eine stetige Ableitung besitzt.
Satz Die 2π -periodische Funktion f sei stückweise stetig differenzierbar auf
[0, 2π]. Dann konvergiert die Fourier-Reihe von f für alle x ∈ R, und es gilt
∞
f (x+ ) + f (x− ) a0 X
= + (an cos nx + bn sin nx), x ∈ R.
2 2 n=1
11. Fourier-Reihen 51
(1) In Beispiel (5) ist f stückweise stetig differenzierbar und sogar stetig. Daher gilt die Gleich-
heit
∞
π 4 X cos(2k + 1)x
f (x) = − , x ∈ R.
2 π (2k + 1)2
k=0
Für x = 0 folgt
∞
X 1 1 1 π2
= 1 + + + . . . = .
(2k + 1)2 32 52 8
k=0
Ist die Funktion f periodisch mit der Periode T > 0 mit T 6= 2π, so sind obige Ergebnisse
durch eine lineare Transformation direkt übertragbar. Die Fourier-Reihe von f mit der
Periode T > 0 lautet
∞
a0 X 2π 2π
f (x) ∼ + an cos nx + bn sin nx
2 n=1
T T
Für gerade bzw. ungerade Funktionen gelten wieder Vereinfachungen wie oben.
52 12. Folgen und Reihen von Funktionen
(i) Ordnet man jeder natürlichen Zahl n ∈ N ein Element fn ∈ M zu, so entsteht eine
Funktionenfolge (fn )n∈N (auf D).
(ii) Ist (fn )n∈N eine Funktionenfolge, so heißt die Folge (sn )n∈N der Partialsummen
n
X
sn (x) = fi (x), x∈D
i=1
∞
X
eine Funktionenreihe, für die man fn schreibt.
n=1
Bemerkungen
Definition Die Funktionenfolge (fn )n∈N heißt auf D punktweise konvergent, wenn für
alle x ∈ D die Folge (fn (x))n∈N konvergiert. Ist (fn )n∈N punktweise konvergent, so heißt
die Funktion f : R → R mit D(f ) = D und
Es gilt: Die Funktionenfolge (fn )n∈N ist auf D gleichmäßig konvergent gegen die
Grenzfunktion f , wenn zu jedem ε > 0 ein N (ε) existiert, so dass
|fn (x) − f (x)| < ε
für alle n ≥ N (ε) und alle x ∈ D gilt.
Bemerkungen
1. Gleichmäßige Konvergenz zieht stets die punktweise Konvergenz nach sich, aber
nicht umgekehrt.
2. Anschaulich bedeutet die Forderung |fn (x) − f (x)| < ε für alle n ≥ N (ε) und alle
x ∈ D, dass für n ≥ N (ε) alle fn in einem Streifen der Breite 2ε um f liegen.
Beispiel Die Funktionenfolge (xn )n∈N ist auf D = [0, 1] zwar punktweise konvergent,
aber nicht gleichmäßig konvergent. Es gilt mit der Grenzfunktion f
h i h i
lim sup |fn (x) − f (x)| = lim sup |xn | = 1.
n→∞ x∈D n→∞ x∈[0,1)
Ändern wir in den Definitionsbereich in D = [0, 1), so ist die Folge (xn )n∈N wieder nicht
gleichmäßig konvergent auf D.
Ändern wir in den Definitionsbereich in D = [0, a] mit 0 < a < 1, so ist die Folge
(xn )n∈N gleichmäßig konvergent auf D.
Für Potenzreihen gilt:
Satz Eine Potenzreihe
∞
X
ak (x − x0 )k
k=0
mit dem Konvergenzradius ρ ∈ (0, ∞] ist für alle r ∈ (0, ρ) auf dem abgeschlossenen
Intervall
[x0 − r, x0 + r]
gleichmäßig konvergent.
Für Fourierreihen gilt:
Satz Die Fourierreihe einer stückweise stetig differenzierbaren Funktion f konvergiert auf
jedem abgeschlossenen Intervall, wo f stetig ist, gleichmäßig gegen f .
54 13. Reelle Funktionen mehrerer Veränderlicher
definiert sind.
Wir werden wir hier die n-Tupel mit großen lateinischen Buchstaben X, Y , . . . bezeichnen
und den Betrag (die euklidische Norm) mit doppelten Betragstrichen:
q
kXk = x21 + x22 + . . . + x2n
Wir bezeichnen weiterhin mit O = (0, 0, . . . , 0) das Element, bei dem alle Komponenten
Null sind. Es ist X = O genau dann, wenn kXk = 0. Für c ∈ R gilt kcXk = |c| · kXk,
und es gelten die
Dreiecksungleichung
kX + Y k ≤ kXk + kY k für X, Y ∈ Rn ,
sowie die
Cauchy-Schwarzsche Ungleichung
|X · Y | ≤ kXk · kY k für X, Y ∈ Rn .
Uε (X0 ) = {X : X ∈ Rn , kX − X0 k < ε}
eine ε-Umgebung von X0 . Eine Menge U (X0 ), die eine ε-Umgebung von X0 enthält,
heißt Umgebung von X0 .
Definition
Definition
(i) Eine Menge M ⊂ Rn heißt offen, wenn jeder Punkt von M ein innerer Punkt ist.
(ii) Eine Menge M ⊂ Rn heißt abgeschlossen, wenn ihr Rand ∂M zu M gehört.
(iii) Eine Menge M ⊂ Rn heißt beschränkt, wenn es eine Zahl r > 0 gibt, so dass
kXk ≤ r für alle X ∈ M .
(iv) Eine Menge M ⊂ Rn heißt kompakt, wenn M abgeschlossen und beschränkt ist.
Bemerkungen
Im R1 ist Uε (X0 ) das offene“ Intervall (X0 − ε, X0 + ε).
”
Im R2 ist Uε (X0 ) die offene“ Kreisscheibe mit Mittelpunkt X0 und Radius ε.
”
Im R3 ist Uε (X0 ) die offene“ Kugel mit Mittelpunkt X0 und Radius ε.
”
Beispiele
M = {X : X ∈ R2 , a < x1 ≤ b, c < x2 ≤ d}
Es sei M eine Menge von Elementen aus dem Rn . Ordnet man jeder natürlichen Zahl
k ∈ N ein Element Xk ∈ M zu, so entsteht eine Folge (Xk )k∈N im Rn .
Definition Eine Folge (Xk )k∈N von Elementen Xk ∈ Rn , k ∈ N, heißt konvergent, wenn
ein X ∈ Rn existiert mit folgender Eigenschaft: Zu jedem ε > 0 gibt es ein N (ε) ∈ N, so
dass
kXk − Xk < ε
für alle natürlichen Zahlen k ≥ N (ε). Dann heißt X der Grenzwert der Folge und man
schreibt X = limk→∞ Xk oder Xk → X für k → ∞. Eine Folge, die nicht konvergiert,
heißt divergent.
56 13. Reelle Funktionen mehrerer Veränderlicher
X = (2, e, 0).
1
2. In der Folge (Xk )k∈N sei Xk = k! , k ∈ R2 . Da die Folge (k)k∈N der zweiten
Komponenten divergent ist, ist die Folge (Xk )k∈N divergent.
Xk ∈ D(f ), Xk 6= X0 , lim Xk = X0
k→∞
13. Reelle Funktionen mehrerer Veränderlicher 57
die Beziehung
lim f (Xk ) = c
k→∞
lim f (X) = c
X→X0
Beispiele
x2 y 2
f (x, y) =
x2+ y2
An der Stelle X0 = (0, 0) ∈ / D(f ), die Häufungspunkt von D(f ) ist, hat f den
Grenzwert c = 0. Denn für jede Folge (Xk )k∈N mit
Xk = (xk , yk ) ∈ D(f ), (xk , yk ) 6= (0, 0), limk→∞ (xk , yk ) = (0, 0) gilt
2 2 2 2
xk yk x y
|f (xk , yk ) − c| = 2
− 0 ≤ k 2 k = |yk2 | → 0
x + y2
k k x k
x2 − y 2
f (x, y) =
x2 + y 2
mit (xk , 0) 6= (0, 0), limk→∞ (xk , 0) = (0, 0). Wegen f (Xk ) = 1 für alle k ist
limk→∞ f (Xk ) = 1. Zum anderen betrachten wir Folgen (Xk )k∈N = ((0, yk ))k∈N
mit (0, yk ) 6= (0, 0), limk→∞ (0, yk ) = (0, 0). Wegen f (Xk ) = −1 für alle k ist
limk→∞ f (Xk ) = −1. Beide Grenzwerte existieren zwar, sind aber verschieden.
Also hat f an (0, 0) keinen Grenzwert.
Definition Eine Funktion f : Rn → R mit der Definitionsmenge D(f ) heißt stetig an der
Stelle X0 ∈ D(f ), wenn für jede Folge (Xk )k∈N mit
Es ist f stetig an der Stelle X0 = (0, 0) ∈ D(f ) wie Beispiel (2) oben zeigt.
2. Sei f : R2 → R mit D(f ) = R2 und
( xy
für (x, y) 6= (0, 0)
f (x, y) = x2 + y 2
0 für (x, y) = (0, 0).
Es ist f nicht stetig an der Stelle X0 = (0, 0) ∈ D(f ). Betrachten wir nämlich
Folgen (Xk )k∈N = ((xk , 0))k∈N mit (xk , 0) 6= (0, 0) und limk→∞ (xk , 0) = (0, 0),
so ist f (Xk ) = 0 für alle k und damit lim f (Xk ) = 0. Betrachten wir andererseits
Folgen (Xk )k∈N = ((xk , xk ))k∈N (Winkelhalbierende) mit (xk , xk ) 6= (0, 0) und
limk→∞ (xk , xk ) = (0, 0), so gilt f (Xk ) = 12 und damit limk→∞ f (Xk ) = 21 .
min f (X)
X∈D
für alle Y ∈ D.
60 14. Differentiation von Funktionen mehrerer Veränderlicher
falls der Grenzwert existiert. Wir können analog eine partielle Differentiation erkären,
wenn wir alle Variablen bis auf eine konstant halten und die resultierende Funktion nach
eben dieser Variablen differenzieren.
Definition Es seien D ⊂ Rn , f : D → R und X0 = (x01 , x02 , . . . , x0n ) ein innerer Punkt
von D. Es heißt f in X0 partiell differenzierbar nach xk ,
k = 1, . . . , n, falls der Grenzwert
f (x01 , x02 , . . . , x0k−1 , x0k + h, x0k+1 , . . . , x0n ) − f (x01 , x02 , . . . , x0n )
lim
h→0 h
existiert. Der Grenzwert
heißt dann die partielle Ableitung von f nach xk im Punkt X0
∂f
und wird mit oder fxk (X0 ) bezeichnet.
∂xk X0
Man erhält also die partielle Ableitung nach einer Variablen, indem man die gewöhnliche
Ableitung nach dieser Variablen bildet und dabei die anderen Variablen als Parameter
festhält.
Beispiele:
(1) Es sei f : R2 → R mit D(f ) = R2 und f (x, y) = 2x2 + y 2 für X = (x, y) ∈ D(f ). Es
ist
fx (x, y) = 4x, fy (x, y) = 2y.
(2) Es sei f : R3 → R mit D(f ) = R3 und f (x, y, z) = x3 + 4y 2 + y 2 z 3 + 1 für
X = (x, y, z) ∈ D(f ). Es ist
fx = 3x2 , fy = 8y + 2yz 3 , fz = 3y 2 z 2 .
Definition Es ist f partiell differenzierbar an der Stelle X0 , wenn alle partiellen Ablei-
tungen fxk (X0 ) für k = 1, 2, . . . , n existieren. Es heißt f partiell differenzierbar auf der
offenen Menge M ⊂ D(f ), wenn f an jedem Punkt von M partiell differenzierbar ist.
Für M = D(f ) heißt f partiell differenzierbar.
∂f
Ist die partielle Ableitung partiell differenzierbar nach xl , so ergibt sich die partielle
∂xk
Ableitung zweiter Ordnung
∂f
∂ ∂x k ∂2
= f = fxk xl , k, l = 1, . . . , n.
∂xl ∂xl ∂xk
14. Differentiation von Funktionen mehrerer Veränderlicher 61
Bemerkung Im Beispiel ist fxy = fyx , die Reihenfolge der Ableitungen ist vertauschbar.
Allgemein gilt: Vertauschungssatz von Schwarz Es sei D ⊂ R2 offen, f : D → R. Falls
f, fx , fy , fxy und fyx stetig auf D sind, so gilt fxy = fyx auf D(f ) (Vertauschbarkeit der
partiellen Ableitungen).
Definition Es sei D ⊂ Rn offen. Die Funktion f : D → R sei in X0 ∈ D partiell
differenzierbar nach jeder Variablen xk , k = 1, 2, . . . , n. Dann heißt
14.1 Vektorfelder
Definition Für n, m ∈ N heißt eine Abbildung F : Rn → Rm mit der Definitionsmenge
D(F ) ein Vektorfeld.
Beim Vektorfeld ist einem n-Tupel (x1 , . . . , xn ) ∈ D(F ) ein m-Tupel (y1 , . . . , ym ) zuge-
ordnet, yi = Fi (x1 , . . . , xn ) für i = 1, . . . , m. Es wird F definiert durch m Koordinaten-
funktionen Fi : Rn → R mit D(Fi ) = D(F ), i = 1, . . . , m,
F = (F1 , F2 , . . . , Fm ).
∂F
Schreibweise: Für JF schreibt man auch ∂X , oder
∂(F1 , F2 , . . . , Fm )
.
∂(x1 , x2 , . . . , xn )
Es ist
grad F1
grad F2
JF = .
..
.
grad Fm
Beispiel Es sei F : R2 → R3 , F (X) = (sin xy, 2x2 + y, xy 2 ) für X = (x, y). Die
Funktionalmatrix von F ist
y cos xy x cos xy
JF = 4x 1 .
2
y 2xy
Es sei F : (0, ∞) × (0, 2π) → R2 , F (X) = (r cos ϕ, r sin ϕ) für X = (r, ϕ). Die
Funktionalmatrix von F ist
cos ϕ −r sin ϕ
JF = ,
sin ϕ r cos ϕ
det(JF ) = r.
G : R → R2 und
Für H : R → R mit
H(x) = F (G(x)) gilt mit yr = Gr (x), r = 1, 2
2
dH X ∂F (y1 , y2 ) dGr (x)
H 0 (x) = = · = 2y1 (1 − cos x) + 6y22 sin x
dx r=1
∂y r dx
= 2(x − sin x)(1 − cos x) + 6(1 − cos x)2 sin x.
66 15. Richtungsableitung, Satz von Taylor, Extrema
eine Funktion f : R → R definiert. Die Ableitung von f ist die Richtungsableitung von F
in Richtung A im Punkt X0 .
Definition Es sei D ⊂ Rm offen, F : D → R differenzierbar an der Stelle X0 ∈ D.
Es sei A = (a1 , . . . , am ) ∈ Rm mit kAk = 1. Dann existiert
Pm
F (X0 +hA)−F (X0 )
F 0 (X0 , A) = limh→0 h = A · grad F (X0 ) = ∂F
r=1 ∂xr ar
X0
und heißt Richtungsableitung von F in Richtung A im Punkt X0 .
Bemerkung
Es sei
1
N= gradF (X0 ).
kgradF (X0 )k
1
F 0 (X0 , N ) = gradF (X0 )gradF (X0 )T
kgradF (X0 )k
kgradF (X0 )k2
=
gradF (X0 )
= kgradF (X0 )k.
Dies ist der maximale Wert ür F 0 (X0 , A). Daher ist der Gradient die Richtung des steilsten
Anstiegs.
Beispiel
F (x1 , x2 , x3 ) = x1 x3 ex1 x2 ,
1
A = √ (1, −1, 3) und X0 = (1, 1, 1).
11
Wegen grad F = (x3 + x1 x2 x3 )ex1 x2 , x21 x3 ex1 x2 , x1 ex1 x2 ist
1 4e
F 0 (X0 , A) = √ (1, −1, 3) · (2e, e, e) = √ .
11 11
15. Richtungsableitung, Satz von Taylor, Extrema 67
1 1
N= gradF (X0 ) = √ (2, 1, 1),
kgradF (X0 )k 6
ist
1 √ 4e
F 0 (X0 , N ) = √ (2, 1, 1)(2e, e, e)T = 6e > √ F 0 (X0 , A).
6 11
∂ ∂
(h + k )0 f = f (x0 , y0 )
∂x ∂y (x0 ,y0 )
∂ ∂ ∂f ∂f
(h + k )1 f =h +k
∂x ∂y (x0 ,y0 ) ∂x (x0 ,y0 ) ∂y (x0 ,y0 )
.. ..
. .
i
∂if
∂ ∂ X i
(h + k )i f = hr k i−r , i ∈ N.
∂x ∂y (x0 ,y0 ) r ∂xr ∂y i−r (x ,y )
0 0
r=0
Satz von Taylor Die Funktion f : R2 → R mit D(f ) offen sei (m + 1)-mal stetig partiell
differenzierbar. Seien X0 = (x0 , y0 ) ∈ D(f ) und X = (x0 + h, y0 + k) ∈ D(f ) für
h, k ∈ R. Die Verbindungsstrecke X0 X liege ganz in D(f ). Dann gilt
m
X 1 ∂ ∂
f (x0 + h, y0 + k) = (h + k )i f + Rm,x0 ,y0 (h, k)
i=0
i! ∂x ∂y (x0 ,y0 )
1 ∂ ∂ m+1
Rm,x0 ,y0 (h, k) = h +k ) f
(m + 1)! ∂x ∂y (x̄,ȳ)
15.3 Extrema
Definition Es sei D ⊂ Rn . Eine Funktion f : D → R hat an der Stelle X0 =
(x01 , . . . , x0n ) ∈ D ein globales Maximum falls
f (X0 ) ≥ f (X)
f (X0 ) ≥ f (X)
für alle X = (x1 , . . . , xn ) ∈ U (X0 )∩D. Der Punkt X0 heißt dann lokaler Maximalpunkt.
Analog ist ein globales bzw. lokales Minimum definiert. Ein lokales (globales) Extre-
mum ist ein lokales (globales) Maximum oder Minimum. Ist f : Rn → R stetig und ist
D kompakt, so besitzt f ein absolutes Maximum und ein absolutes Minimum.
Globale Maxima (Minima, Extrema) nennt man auch absolute Maxima (Minima, Extre-
ma).
Lokale Maxima (Minima, Extrema) nennt man auch relative Maxima (Minima, Extrema).
Satz (Notwendige Optimalitätsbedingung) Es sei D ⊂ Rn und X0 innerer Punkt von
D. f : D → R sei partiell differenzierbar nach jeder Variablen. Hat f an der Stelle X0
ein relatives Extremum, so folgt
Bemerkung In einem lokalen Extremum müssen also alle partiellen Ableitungen ver-
schwinden. Dies eine notwendige Bedingung für ein Extremum. Nicht alle Stellen, die
sie erfüllen, müssen Stellen relativer Extrema sein.
Zur Bestimmung lokaler Extrema sucht man alle Stellen mit grad f = 0, d.h. wo der Gra-
dient Null wird. Dann prüft man, welche dieser Kandidaten tatsächlich lokale Extremal-
stellen sind.
Definition Es sei D ⊂ Rn und X0 innerer Punkt von D und f : D → R sei partiell
differenzierbar. Falls
gradf (X0 ) = 0.
so nennt man X0 stationären Punkt. Falls f kein lokaler Extremmalpunkt ist, so heißt f
Sattelpunkt.
Beispiel Es sei f (x, y) = (x2 + y 2 )2 .
fx (x, y) = 4x(x2 + y 2 )
fy (x, y) = 4y(x2 + y 2 )
15. Richtungsableitung, Satz von Taylor, Extrema 69
Die Stelle X0 = (0, 0) ist der einzige stationäre Punkt von f . X0 ist globaler Minimal-
punkt von f .
Satz (Hinreichende Optimalitätsbedingung) Es sei D ⊂ R2 und X0 innerer Punkt von
D. Die Funktion f : D → R habe stetige partielle Ableitungen erster und zweiter Ord-
nung. Gilt
fx (X0 ) = 0, fy (X0 ) = 0,
und
3x20 − 12y0 = 0
−12x0 + 24y02 = 0.
Die erste Gleichung liefert y0 = 41 x20 , Einsetzen in die zweite Gleichung ergibt x0 − 18 x40 =
(1)
0. Die Gleichung x0 − 81 x40 = 0 hat genau zwei reelle Lösungen, nämlich x0 = 0 und
(2) (1) (2) (1)
x0 = 2. Aus y0 = 14 x20 ergeben sich y0 = 0 und y0 = 1. Demnach sind X0 = (0, 0)
(2)
und X0 = (2, 1) Kandidaten für Extremstellen. Man rechnet leicht nach, dass
(1) (1) (1)
[fxy (X0 )]2 = 144 > fxx (X0 ) · fyy (X0 ) = 0
(1)
so dass f an X0 kein Extremum besitzt. Andererseits ist
(2) (2) (2)
[fxy (X0 )]2 = 144 < fxx (X0 ) · fyy (X0 ) = 576
(2) (2)
und fxx (X0 ) = 12 > 0. Daher hat f in X0 ein lokales Minimum.
70 15. Richtungsableitung, Satz von Taylor, Extrema
Allgemeiner gilt:
Satz (Hinreichende Optimalitätsbedingung) Es sei D ⊂ Rn und X0 innerer Punkt
von D. Die Funktion f : D → R habe stetige partielle Ableitungen erster und zweiter
Ordnung. Falls gilt
gradf (X0 ) = 0
und für die Matrix (Hessematrix) H,
∂2f ∂2f ∂2f
∂x ∂x (X0 ) ∂x ∂x (X0 ) · · · ∂x ∂x (X0 )
1 1 1 2 1 n
H=
.. .. ..
. . ··· .
∂2f 2
∂ f 2
∂ f
(X0 ) (X0 ) · · · (X0 )
∂x1 ∂xn ∂x2 ∂xn ∂xn ∂xn
gilt: H ist positiv definit, so ist X0 ein lokaler Minimalpunkt für f .
Ist H negativ definit, so ist X0 ein lokaler Maximalpunkt für f .
Ist H indefinit (d.h. die Matrix hat Eigenwerte > 0 und Eigenwerte < 0) so ist X0 keine
Extremstelle von f .
Beispiel Für die Funktion
f (X) = f (x1 , x2 , x3 ) = x21 + x22 + x23 + x1 x2 − x1 x3 + 2
gilt an der Stelle X0 = (0, 0, 0)
grad f (X0 ) = (2x1 + x2 − x3 , x1 + 2x2 , −x1 + 2x3 )x =0
1 =x2 =x3 =0
und
2 1 −1
J(X) = J(X0 ) = 1 2 0 für alle X ∈ R3 .
−1 0 2
Wegen
22
2>0 , det =3>0 , det J(X0 ) = 4 > 0
12
sind alle Hauptminoren > 0, und nach dem Hurwizkriterium folgt: Die Matrix J(X0 ) ist
positiv definit. Also hat f im Ursprung ein lokales Minimum mit dem Funktionswert 2.
Es gilt: f (X) = 21 (x21 − 2x1 x3 + x23 ) + 12 (x21 + 2x1 x2 + x22 ) + 21 x21 + 21 x23 + 2
1
= [(x1 − x3 )2 + (x1 + x2 )2 + x22 + x23 ] + 2 ≥ 2 = f (X0 )
2
Also ist im Nullpunkt das globale Minimum von f .
16. Implizite Funktionen, Extrema mit Nebenbedingungen 71
g(x, y) = 0
y = f (x) = − 32 x + 2, x ∈ R.
0, ist erfüllt für Punkte (x, y), die auf dem Einheitskreis um Null liegen. Demnach hat
g(x, y) = 0 keine Lösung für x ∈ / [−1, 1]. Aber auch für x ∈ (−1, 1) existiert keine
eindeutige
√ Funktion y = f (x) √ g(x, f (x)) = 0. Denn für x ∈ (−1, 1) erfüllen y =
mit
y1 = + 1 − x2 und y = y2 = − 1 − x2 die Gleichung g(x, y) = 0.
c) g(x, y) = x2 + y 2 + 1. g(x, y) = 0 hat keine reelle Lösung.
Implizite Funktionen Satz Es sei D = (a, b) × (c, d) nicht leer. Es sei g : D → R
partiell differenzierbar mit stetigen partiellen Ableitungen gx und gy . Es sei (x0 , y0 ) ∈ D
so, dass g(x0 , y0 ) = 0 und gy (x0 , y0 ) 6= 0.
Dann gibt es ein Intervall U ⊂ (a, b) um x0 , ein Intervall V ⊂ (c, d) um y0 und eine
differenzierbare Funktion f : U → V mit f (x0 ) = y0 und
g(x, f (x)) = 0
gx (x, f (x))
f 0 (x) = − , x ∈ U.
gy (x, f (x))
Falls die Voraussetzungen des Satzes erüllt sind, ist die Gleichung g(x, y) = 0 lokal um
(x0 , y0 ) auflösbar nach y. Die Bezeichnung lokal bezieht sich auf eine Umgebung, die
nicht näher spezifiziert ist.
Die Ableitung f 0 (x0 ) kann bestimmt werden, ohne die Funktion f (x) explizit zu kennen:
gx (x0 , y0 )
f 0 (x0 ) = − .
gy (x0 , y0 )
72 16. Implizite Funktionen, Extrema mit Nebenbedingungen
2x
f 0 (x) = − , x∈U. (∗)
2f (x)
√
Es ist f (x) = 1 − x2 , x ∈ U , so dass nach (∗)
2x x
f 0 (x) = − √ = −√ .
2 1−x 2 1 − x2
G(X0 , Y0 ) = 0.
∂g1 ∂g1
···
∂y1 ∂ym
∂(g1 , . . . , gm )
= ... ..
∆ = det .
∂(y1 , . . . , ym ) ∂g
m ∂gm
···
∂y1 ∂ym
von Null verschieden. Dann gibt es eine Umgebung U (X0 ) ⊂ Rn von X0 , eine Umgebung
Vδ (Y0 ) ⊂ Rm von Y0 und es existiert eine differenzierbare Funktion
F : U (X0 ) → Vδ (Y0 )
G(X, F (X)) = 0
Es sei
ex+y1 − 1
G(x, Y ) = sin(y2 )
y32 − 41
Dann gilt
ex+y1
0 0
∆ = det 0 cos(y2 ) 0 .
0 0 2y3
gilt
G(x, f (x)) = 0.
also
Es folgt
2r + h + λrh = 0
2 + λr = 0.
Es folgt λr = −2 als λ = −2/r. Also gilt 2r + h − 2h = 0 und somit h = 2r. Aus der
Restriktion V (r, h) = 100 folgt r = (50/π)1/3 . Also gilt h = 2r = 2(50/π)1/3 .
17. Wege im Rn 75
17 Wege im Rn
Definition Eine Abbildung X : [a, b] → Rn , die stetig auf [a, b] ist, heißt ein Weg W im
Rn . Die zum Weg W gehörende Punktmenge
heißt Kurve K im Rn .
Es heißen X(a) Anfangspunkt und X(b) Endpunkt des Weges W .
Beispiel
Zu den drei gegebenen Wegen W1 , W2 , W3 gehört die gleiche Kurve K, nämlich die
Punktmenge, die den Einheitskreis im R2 bildet.
Bei W1 wird diese Kurve einfahch durchlaufen, bei W2 zweifach und bei W3 dreifach.
Beispiel Es sei f : [a, b] → R eine stetige reelle Funktion. Zu dem Weg W im R2 gemäß
gegebenen Weg stellt die Verbindungsstrecke von A nach B dar. X(0) = A, X(1) = B.
Beispiel Der durch X : [0, 2πk] → R3 mit
h
X(t) = (r cos t, r sin t, t), t ∈ [0, 2πk]
2π
für h > 0, r > 0, k ∈ N gegebene Weg stellt eine Schraubenlinie dar.
Man nennt h die Ganghöhe und k die Windungszahl.
Beispiel Der durch
W = W1 ⊕ W2 ⊕ . . . ⊕ W k .
Beispiel Ein Polygonzug ist eine Summe von Wegen, die jeweils Geradenstücke sind.
L(X, Z) ≤ M
Z b Z b q
L(W ) = kẊ(t)k dt = ẋ21 (t) + ẋ22 (t) + . . . + ẋ2n (t) dt.
a a
Beispiel Es sei f : [a, b] → R eine stetig differenzierbare reelle Funktion. Der Weg W im
R2 sei gemäß
Z b p
L(W ) = 1 + [f 0 (t)]2 dt.
a
Beispiel Es sei X(t) = (r cos t, r sin t), t ∈ [0, 2π]. Der Weg ist die Kreislinie vom
Radius r um (0,0). Dann ist die Länge des Weges
Z 2π p
L(W ) = (−r sin t)2 + (r cos t)2 dt
0
Z 2π
= r dt = 2πr.
0
Beispiel Durch X(t) = (t, |t|) für t ∈ [−1, 1] ist ein Weg W gegeben. Es ist X(t) nicht
differenzierbar auf [−1, 1]. Doch ist W = W1 ⊕ W2 mit rektifizierbaren Wegen W1 und
W2 , die durch
18 Wegintegrale
Definition Es sei F : Rn → Rn mit der Definitionsmenge D(F ) ein stetiges Vektorfeld.
Es sei X(t), t ∈ [a, b], ein stetig differenzierbarer Weg W im Rn , für die Bildmenge gelte
B(X) ⊂ D(F ). Dann heißt
Z b
I= F (X(t)) · Ẋ(t) dt
a
Schreibweise:
Z
I= F · dX.
W
Beispiel: Es sei F : R2 → R2 ,
a) Der Weg W1 sei gegeben durch X(t) = (t, t), t ∈ [0, 1]. (Geradenstück von (0,0)
nach (1,1)). Wegen Ẋ(t) = (1, 1) wird
Z Z 1h i
F · dX = (t2 + t2 ) · 1 + t · t · 1 dt
W1 0
Z 1
= 3t2 dt = 1.
0
b) Der Weg W2 sei gegeben durch X(t) = (t, t2 ), t ∈ [0, 1] (Parabelstück von (0,0)
nach (1,1)). Wegen Ẋ(t) = (1, 2t) wird
Z Z 1h i
F · dX = (t2 + t4 ) · 1 + t · t2 · 2t dt
W2 0
Z 1
14
= (t2 + 3t4 ) dt = .
0 15
Z Z
(i) F · dX = − F · dX
−W W
Dabei ist −W der zu W umgekehrt durchlaufene Weg: −W ist gegeben durch
Z(t) = X(a + b − t), t ∈ [a, b].
Z
(ii) F · dX ≤ max {kF (X(t))k} · L(W )
W t∈[a,b]
Das Wegintegral von F längs W ist gleich der Summe der Wegintegrale von F längs der
Teilwege.
Beispiel: Der Weg W im R2 werde beschrieben durch Geradenstücke von (0,0) nach (1,0)
und von (1,0) nach (1,1). Es ist W = W1 ⊕ W2 mit X1 (t) = (t, 0) für t ∈ [0, 1] und
X2 (t) = (1, t − 1) für t ∈ [1, 2]. Für F : R2 → R2 mit D(F ) = R2 und F (x, y) =
(x2 + y 2 , xy) ergibt sich
Z Z Z
F · dX = F · dX1 + F · dX2
W W1 W2
Z 1h i Z 2 nh i o
2
= (t + 0)1 + (t · 0)0 dt + 1 + (t − 1)2 · 0 + 1(t − 1)1 dt
0 1
1 1 5
= + = .
3 2 6
Die Wegintegrale für verschiedene Wege bei gleichen Anfangspunkten und Endpunkten
können identisch sein . Wir gehen der Frage nach, wann das Wegintegral nur vom Anfangs-
und Endpunkt des Weges, nicht jedoch von der Form des stückweise stetig differenzierba-
ren Weges abhängt. Solche Wegintegrale heißen dann wegunabhängig.
Definition Es sei D ⊂ Rn offen und F : D → Rn ein Vektorfeld. Existiert eine (skalare)
partiell differenzierbare Funktion ϕ : D → R mit
F (x, y) = (x + y 3 , 3xy 2 )
18. Wegintegrale 81
ϕ(x, y) = 21 x2 + xy 3
ein Potential von F , da R2 offen ist und ür alle X ∈ R2 gilt: F = grad ϕ.
Bemerkung: Ist ϕ ein Potential von F , so haben alle Potentiale von F die Form ϕ + c,
c ∈ R.
Definition
(i) Eine Menge M ⊂ Rn heißt zusammenhängend, wenn je zwei Punkte von M sich
durch eine ganz in M gelegene Kurve verbinden lassen.
(ii) Eine Menge M ⊂ Rn heißt konvex, wenn je zwei Punkte von M sich durch eine
ganz in M gelegene Strecke verbinden lassen.
(iii) Eine Menge M ⊂ Rn heißt sternförmig, wenn es einen Punkt
S ∈ M gibt, so dass für jedes X ∈ M die Verbindungsstrecke zwischen S
und X ganz in M liegt.
(iv) Eine Menge M ⊂ Rn heißt Gebiet, falls M offen und zusammenhängend ist.
Eine konvexe Menge ist sternförmig. Eine sternförmige Menge ist zusammenhängend.
Die Existenz eines Potentials sichert die Wegunabhängigkeit des Integrals:
Satz Es sei D ⊂ Rn ein Gebiet. Es sei F : D → Rn ein stetiges Vektorfeld. Es besitze
F ein Potential ϕ. Es seien A und E zwei beliebige Punkte in D und W sei ein beliebiger
stückweise stetig differenzierbarer Weg in D mit Anfangspunkt A und Endpunkt E. Dann
gilt für das Wegintegral
Z
F · dX = ϕ(E) − ϕ(A).
W
a) W1 sei gegeben durch X1 (t) = (t, t), t ∈ [0, 1]. Dann ist
Z Z 1h i 3
F · dX1 = (t + t3 ) + 3t3 dt = .
W1 0 2
82 18. Wegintegrale
b) W2 entsteht durch Aneinanderhängen der Wege Ŵ1 und Ŵ2 , die durch
Ein Kriterium dafür, ob das Vektorfeld ein Potential besitzt, gibt der folgende Satz:
Satz Es sei D ⊂ Rn offen und sternförmig. Das Vektorfeld F : D → Rn sei auf D stetig
differenzierbar.
a) Gilt für die Komponenten des Vektorfeldes F = (F1 , F2 , . . . , Fn )
∂Fi ∂Fk
= für 1 ≤ i < k ≤ n (∗)
∂xk ∂xi
∂P ∂Q
= auf D(F )
∂y ∂x
Der gibt hinreichende Bedingungen für die Existenz eines Potentials. Sind diese erfüllt, so
kann man ein Potential bestimmen.
Beispiel Es sei F (x, y) = (x + y 3 , 3xy 2 ), (x, y) ∈ R2 , ein Vektorfeld. Es ist P (x, y) =
x + y 3 und Q(x, y) = 3xy 2 . Wegen
∂P ∂Q
= 3y 2 =
∂y ∂x
18. Wegintegrale 83
ist (∗) erfüllt. Weiter ist D(F ) = R2 sternförmig, so dass F ein Potential ϕ besitzt. Wir
bestimmen ϕ: Es ist
ϕx (x, y) = P (x, y) = x + y 3 .
x2
Z
ϕ(x, y) = (x + y 3 ) dx + g(y) = + y 3 x + g(y). (10 )
2
Ausserdem gilt
x2 x2
Es folgt g(y) + 2 = h(x). Also gilt h(x) = 2 + c und somit
ϕ(x, y) = 21 x2 + xy 3 + c, c ∈ R.
84 19. Integrale im Rn
19 Integrale im Rn
Definition Es seien A = (a1 , . . . , an ) ∈ Rn und B = (b1 , . . . , bn ) ∈ Rn zwei Punkte im
Rn mit ai ≤ bi , i = 1, . . . , n.
a) Für das abgeschlossene Intervall
I = [A, B] = {X ∈ Rn : X = (x1 , . . . , xn ), ai ≤ xi ≤ bi
für i = 1, . . . , n}
des Rn heißt
n
Y
µ(I) = (bi − ai )
i=1
heißt eine Zerlegung von [A, B]. Dabei heißen zwei Teilintervalle des Rn nicht
überlappend, wenn sie höchstens Randpunkte gemeinsam haben.
Definition Es sei I ⊂ Rn ein abgeschlossenes Intervall. Die Funktion f : I → R sei
beschränkt. Für eine Zerlegung Z nach b) seien für k = 1, . . . , m definiert
Dann heißen
m
X m
X
s(Z) = mk µ(Ik ) und S(Z) = Mk µ(Ik )
k=1 k=1
die zur Zerlegung Z (und zur Funktion f ) gehörige Untersumme und Obersumme.
Definition Es sei I ⊂ Rn ein abgeschlossenes Intervall. Die Funktion f : I → R sei
beschränkt. Es seien
das Infimum der Obersummen, gebildet jeweils über alle Zerlegungen Z von I = [A, B].
Gilt
s(f, I) = S(f, I) = r,
so heißt f Riemann-integrierbar auf dem Intervall I. Der gemeinsame Wert r heißt dann
Riemann-Integral von f auf I und wird mit
Z Z
f (x1 , . . . , xn ) d(x1 , . . . , xn ) = f (X) dX
I I
bezeichnet.
Bemerkungen und Ergänzungen:
(4) Ist f : Rn → R mit D(f ) = Rn und f (x1 , . . . , xn ) = c ∈ R die konstante Funktion, so ist
offenbar
Z
c d(x1 , . . . , xn ) = cµ(I).
I
n
Satz Es sei I ⊂ R ein abgeschlossenes Intervall. Ist die Funktion f : I → R stetig auf
I, so ist f integrierbar auf I.
Satz Es sei
I = {(x, y) : a ≤ x ≤ b, c ≤ y ≤ d} ⊂ R2
Rd
a) Existiert für jedes feste x ∈ [a, b] das (eindimensionale) Integral c
f (x, y) dy, so
existiert das iterierte Integral
Z b hZ d i
f (x, y) dy dx
a c
und es ist
Z Z b hZ d i
f (x, y) d(x, y) = f (x, y) dy dx .
I a c
Rb
b) Existiert für jedes feste y ∈ [c, d] das (eindimensionale) Integral a
f (x, y) dx, so
existiert das iterierte Integral
Z d hZ b i
f (x, y) dx dy
c a
und es ist
Z Z d hZ b i
f (x, y) d(x, y) = f (x, y) dx dy.
I c a
c) Ist f stetig auf dem Intervall I = [a, b] × [c, d], so existieren die eindimensionalen
Rd Rb
Integrale c f (x, y) dy und a f (x, y) dx , so dass
Z Z b hZ d i Z d hZ b i
f (x, y) d(x, y) = f (x, y) dy dx = f (x, y) dx dy.
I a c c a
Bemerkung
1. Hat f die Produktform f (x, y) = g(x) · h(y) für (x, y) ∈ [a, b] × [c, d] und sind g
und h stetig auf [a, b] und [c, d], so gilt
Z Z b Z d
f (x, y) d(x, y) = g(x) dx · h(y) dy.
I a c
3. Analoge Aussagen gelten für Integrale im Rn , n ≥ 3. Wir beschränken uns auf ein
Beispiel.
f (x, y, z) = x + y + z
für (x, y, z) ∈ I = [0, 1] × [1, 2] × [2, 3]. Es sei IZ = [0, 1] × [1, 2] für z ∈ [2, 3].
Z Z 3 hZ i
(x + y + z) d(x, y, z) = (x + y + z) d(x, y) dz
I 2 IZ
Damit folgt
Z Z 3
9
(x + y + z) d(x, y, z) = (2 + z) dz = .
I 2 2
Wir haben bisher nur Integrale auf abgeschlossenen Intervallen betrachtet. In den Anwen-
dungen werden jedoch auch Integrale auf allgemeineren Teilmengen des Rn gebraucht.
Definition a) Es sei G ⊂ Rn eine kompakte Menge und f : G → R eine beschränkte
Funktion. Die Funktion fG :
Rn → R mit
f (X) für X ∈ G
fG (X) =
0 für X ∈/G
s(fG , IG ) = S(fG , IG ) = r,
Definition Es sei G ⊂ Rn eine kompakte Menge. Falls die Funktion 1G integrierbar ist,
so heißt G messbar und
Z
µ(G) = 1G d(x1 , . . . , xn )
G
Beispiel Es sei G ⊂ Rn eine kompakte Menge. Ist f : G → R stetig, so ist die Menge
Bemerkung
m
[
G= Gk und Gk ∩ Gl = ∅ für k 6= l
k=1
Z m Z
X
f (x, y) d(x, y) = f (x, y) d(x, y).
G k=1 Gk
Ist f : D(f ) → R eine nichtnegative Funktion, die auf den kompakten Teilmenge G und
H von D(f ) ⊂ R2 mit G ⊂ H integrierbar ist, so gilt
Z Z
f (x, y) d(x, y) ≤ f (x, y) d(x, y).
G H
Bemerkung
G ⊂ R3 eine Darstellung
mit auf dem Intervall [a, b] stetigen Funktionen g und h, sowie auf der Menge {(x, y) :
a ≤ x ≤ b, g(x) ≤ y ≤R h(x)} stetigen Funktionen u und v. Dann ist G ein Normalbereich
im R3 . Daher existiert G f (x, y, z) d(x, y, z) und es ist
Z Z b nZ h(x) h Z v(x,y) i o
f (x, y, z) dz = f (x, y, z) dz dy dx .
G a g(x) u(x,y)
Beispiel Der Kreisring G = {(x, y) : %21 ≤ x2 + y 2 ≤ %22 } für 0 < %1 < %2 ist kein
Normalbereich. Wir zerlegen G in zwei Normalbereiche G1 und G2 mit
Integration ergibt
∂h1 ∂h1
···
∂h ∂u1 ∂un
= ... ..
det .
∂U ∂h
n ∂hn
···
∂u1 ∂un
sei für alle U ∈ D entweder positiv oder negativ. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, so
sagen wir, durch h seien neue Koordinaten festgelegt.
92 19. Integrale im Rn
Beispiel Wir betrachten Polarkoordinaten. Mit U = (u1 , u2 ) = (r, ϕ) ist die Abbildung
h : R2 → R2 gegeben durch
x = h1 (r, ϕ) = r cos ϕ
y = h2 (r, ϕ) = r sin ϕ
Beispiel Wir bestimmen den Flächeninhalt F einer Ellipse mit den Halbachsen a und b.
Es sei
x2 y2
G = {(x, y) : 2
+ 2 ≤ 1}.
a b
19. Integrale im Rn 93
Dann ist
Z
F = d(x, y).
G
x = h1 (u, v) = au cos v
y = h2 (u, v) = bu sin v
Es ist
Z Z 2π hZ 1
∂h i
F = d(x, y) = du dv
∂U
det
G 0 0
Z 2π hZ 1 i
= abu du dv = πab.
0 0
G = {(x, y, z) : x2 + y 2 + z 2 ≤ R2 , z ≥ 0}.
94 19. Integrale im Rn
20 Vektoranalysis
20.1 Satz von Green, Satz von Gauß in der Ebene
Der Gaußsche Integralsatz für die Ebene gibt einen Zusammenhang zwischen einem
(zweidimensionalen) Integral in der Ebene und einem Wegintegral. Dieser Satz wird auch
als Satz von Green bezeichnet.
Definition Die kompakte Menge G ⊂ R2 sei y-projizierbar,
Beispiel
Es sei H : R2 → R2 mit H(x, y) = (−y, x). Für G wie im Satz von Green gilt
Z Z
∂Q ∂P
− d(x, y) = 2 d(x, y) = 2F (G)
G ∂x ∂y G
Der Flächeninhalt lässt sich also über ein Wegintegral längs des Randes von G gewinnen.
x2 y2
Es sei nun speziell G = {(x, y) : 2 + 2 ≤ 1}, a > 0, b > 0 eine Ellipsenfläche. Eine
a b
Parameterdarstellung des Randes ∂G ist
Ist der Rand ∂G positiv orientiert und ist X(t) = (x(t), y(t)), t ∈ [α, β], eine stetig
differenzierbare Parameterdarstellung von ∂G, so wird durch N (t) = (ẏ(t), −ẋ(t)) die
äußere Normale an ∂G im Punkt X(t) beschrieben. Der Satz von Green besagt
Z Z βh
∂Q ∂P i
− d(x, y) = P (x(t), y(t))ẋ(t) + Q(x(t), y(t))ẏ(t) dt
G ∂x ∂y α
mit Ĥ(t) = Q(x(t), y(t)), −P (x(t), y(t)) .
Diese Darstellung ist übertragbar auf den R3 . Dabei ist G ⊂ R3 ein Normalbereich“. Wir
”
verzichten hier auf die Definition eines Normalbereichs, wir verweisen dazu auf Heuser
[8]. Wir merken an, dass Kugeln und dreidimensionale Intervalle Normalbereiche darstel-
len.
20.2 Divergenz
Definition Es sei D ⊂ Rn offen und F : D → Rn ein stetig differenzierbares Vektorfeld.
Mit F = (F1 , . . . , Fn ) heißt dann
n
X ∂Fk
div F (X) = , X ∈ D(F )
∂xk X
k=1
Einen Punkt X mit div F (X) > 0 nennt man Quelle und einen Punkt X mit div F (X) <
0 nennt man Senke. Gilt für alle X ∈ D: div F (X) = 0, so nennt man F quellenfrei in G.
Mit dem Nabla-Operator
∂ ∂ ∂
∇= , ,
∂x ∂y ∂z
div F = ∇ · F (Skalarprodukt).
a1
Beispiel Es sei D = R3 , a = a2 ∈ R3 und
a3
x 0 −a3 a2 x
F (x, y, z) = a × y = a3 0 −a1 y .
z −a2 a1 0 z
Dann gilt
div F (x, y, z) = 0.
20.3 Flächen
Definition Es sei D ⊂ R2 offen und die abgeschlossene Hülle D von D sei messbar und
kompakt. Es sei F : D → R3 stetig differenzierbar auf D. Mit F = (F1 , F2 , F3 ) und
U = (u, v) habe die Funktionalmatrix von F
∂F1 ∂F1
∂u ∂v
∂F ∂F2 ∂F2
=
∂U ∂u
∂v
∂F ∂F3
3
∂u ∂v
für alle (u, v) ∈ D den Rang 2. Dann heißt F eine Fläche und die Punktmenge
Definition Durch F : R2 → R3 mit D(F ) = D sei eine Fläche gegeben. Dann heißt
Fu (u, v) × Fv (u, v)
N (u, v) = , (u, v) ∈ D
kFu (u, v) × Fv (u, v)k
Mittels des Gaußschen Integralsatzes kann also ein Oberflächenintegral in ein Volumenin-
tegral umgewandelt werden und umgekehrt.
Beispiel Es sei G ein Normalbereich und f : G → R ein stetig differenzierbares Skalar-
feld. Für v ∈ R3 setzen wir H(X) = f (x)v. Dann folgt
Z Z
[ grad f (x) d(x, y, z) − f N T dσ]v = 0
G ∂G
und es folgt
Z Z
grad f (x) d(x, y, z) = f N T dσ.
G ∂G
p0 sei der Luftdruck über der Flüssigkeitsoberfläche, dann ist der Druck der Flüssigkeit
auf den Körper gegeben durch
p0 f alls z ≥ h
p(X) =
p0 + ρg(h − z) f alls z < h
Z
A=− p(X) · N dσ.
∂G
Das Minuszeichen mussten wir anbringen, da der Druck entgegengesetzt der äusseren Nor-
malen N wirkt.
Z Z
A=− grad p d(x, y, z) = ρg d(x, y, z) = gm,
G G1
wobei m die Masse der verdrängten Flüssigkeit ist. Das ist das Auftriebsgesetz von A R -
CHIMEDES .
100 20. Vektoranalysis
e1 e2 e3
∂ ∂ ∂
rot G = .
∂x ∂y ∂z
G G2 G3
1
rot G = ∇ × G (Vektorprodukt).
Das Vektorfeld G : R3 → R3 mit D(G) offen sei stetig differenzierbar und habe ein
Potential ϕ : R3 → R mit D(ϕ) = D(G). Wegen G = grad ϕ folgt
rot G = 0.
Dann gilt
div (rot G) = 0.
Des Satz von Stokes erlaubt die Darstellung eines Oberflächenintegrals durch ein Kurven-
integral.
Beispiel Die M AXWELLschen Gleichungen der Elektrodynamik lauten
µ ∂H
rot E = − (3 Gleichungen)
c ∂t
4π ε ∂E
rot H = λE + (3 Gleichungen)
c c ∂t
div (εE) = 4π% (1 Gleichung)
∆u = div (grad u)
102 20. Vektoranalysis
∂2 ∂2 ∂2
∆= 2
+ 2 + 2.
∂x ∂y ∂z
1
u(x, y, z) = p .
x2 + y 2 + z 2
Dann gilt
[1] Burg, K., Haf, H., Wille, F.: Höhere Mathematik für Ingenieure, Band 1: Analysis. 5.
Auflage, Stuttgart 2001
[2] Burg, K., Haf, H., Wille, F.: Höhere Mathematik für Ingenieure, Band 2: Lineare Al-
gebra. 4. Auflage, Stuttgart 2002
[3] Burg, K., Haf, H., Wille, F.: Höhere Mathematik für Ingenieure, Band 4: Vektoranaly-
sis und Funktionentheorie. 2. Auflage, Stuttgart 1994
[4] Endl, K., Luh, W.: Analysis I. 9. Auflage, Wiesbaden 1989
[5] Endl, K., Luh, W.: Analysis II. 8. Auflage, Wiesbaden 1994
[6] Karl Graf Finck von Finckenstein, Jürgen Lehn, Helmut Schellhaas, Helmut Weg-
mann: Arbeitsbuch Mathematik für Ingenieure, Band 1 Analysis und Lineare Algebra,
2. Auflage, Stuttgart 2002
[7] Heuser, H.: Lehrbuch der Analysis, Teil 1, 14. Auflage, Stuttgart 2001
[8] Heuser, H.: Lehrbuch der Analysis, Teil 2, 11. Auflage, Stuttgart 2000
[9] Meyberg, K., Vachenauer, P.: Höhere Mathematik 1. 6. Auflage, Berlin 2001
[10] Meyberg, K., Vachenauer, P.: Höhere Mathematik 2. 4. Auflage, Berlin 2001