DAS EPOS
VON TORTEN SCHWANKE
ERSTES BUCH
PILGRIM ZUR TOCHTER SION
ERSTER GESANG:
DIE URGEMEINDE
Re setzte sich in seine Todesgondel
Mit seinen dutzend tödlichen Seefahrern,
Gesellen seiner Hölle, finstern Dienern.
Der Wollust Göttin, Mizraims Mutterkuh
Mit dem Gehörn und mit der Mondesscheibe,
War dieser Barke Gallionsfigur.
Die tödlichen Schiffsleute aber sangen
Lobpreis zu Sistrum und zu Zimbel Ra
Und seinem Sohne Horus. Er ist schrecklich!
Der Opferstier der Wahrheit stand am Steuer,
Die Affen Afrikas eröffneten
Uralte Pforten zu des Todes Tempel,
Mit kreischendem Gesang den Eintritt Re’s
Begleitend unter dem Gezisch der Schlangen,
Die mit der geilen Augen roten Feuern
Des Todes Finsternis verfinsterten.
Und Re sprach Recht und sprach Gerechtigkeit
Der Erde Göttern zu, die in dem Korn
Erstanden in alljährlicher Erstehung,
In primitiven Auferstehungen,
Die säten ihren Samen in die Erde,
Die alte Mutter, wie den Regen Baals.
Und Re befahl dem Richter aller Toten,
Befahl dem Gott Osiris, aufzuwachen,
In dem er an ihn hauchte mit dem Willen
Und dem Gefühl und dem Verstand und gab
Ihm seiner Seele Rachgelüste wieder,
Um den Verfluchten auf den Feuerthron
Der Unterwelt zu setzen in den Kreis
Der grausam-richtenden Dämonen-Schöffen.
Mit Flügeln Schlangen glitschten in dem Gang,
Der immer tiefer sich hinunterwand,
In neun Spiralen in des Todes Tiefe.
Der sich vom Hauche seines Mundes nährt,
War da, der höllische Poet,
Der von der Wege-Wächter Stimmen lebt,
War da, der sprachgewandte Landesfürst,
Und Unheil, Übel, Lüge und Verleumdung
War um ihn als sein Höllen-Parlament.
Der Weg schien zwischendurch gefahrlos fast,
Der führte nieder zu Osiris’ Grab,
Des Throns des Gottes dieser Nekropole,
Es stinkte dieser Gott abscheulich nach
Verwesung und Ausscheidungen des Wurms.
Die Sonnenbarke Re’s fuhr auf den Hügel
Des Katzenkopfs der toten Isis zu,
Des Inneres bewacht von Drachenhäuptern.
Re fuhr hinein und sah den Gott der Erde,
Der da umherging wie ein wilder Löwe,
Der brüllt und sucht wen er verschlingen kann,
Ein Grabmal in Person. Da kam hervor
Mit seinem Falkenkopf der Götze Sokar,
Der auf dem Rücken einer Schlange saß,
Die da das Antlitz eines Menschen trug.
Und über dieses Gottes Sokar Hügel
Befand ein Käfer sich, Mitspillen drehend,
Der nach der Tondesgondel Zugseil griff,
Die Barke ziehend durch den Mist der Nacht,
Da Gottes Sonne sich verfinsterte,
Zog sie zum Wüstengrab des Totenrichters,
Des Schattenfürsten aller Unterwelt.
Sein Grab bewachten Sperberweibchen und
Aus seinem Grabe mit dem Namen Nacht
Erhob der Skarabäus sich, Abaddon.
Die Barke nahte sich dem Affengeist,
Dem Affen Gottes, der da Thot geheißen,
Der da den Tod in seinen Händen hielt,
Der da beabsichtigte, eine Stadt
Für Nord- und Süd-Ägypten zu erbauen,
Denn Mizraims Götter waren seine Freunde,
Besonders nahe aber stand ihm jener,
Den er den Chepre nannte, eine Leiche,
Umwunden von der fünfköpfigen Schlange.
Da rannte zu dem Gott der Sonne eine
Gestalt mit Katzenohren, Messer schwingend,
Die da enthauptete Gestalten bei
Dem Fleische des Osiris, das von Schlangen
Umwunden war; dieweil der Strafende
Rebellen fesselte und zerrte sie
Zu der Apophisschlange in das Chaos,
Da deren Schwanz gehalten ward von der
Skorpionengöttin und der Göttin, die
Man auch die Führerin der Klingen nannte.
Und Re zog weiter in die finstern Nischen,
Da wimmelten die Pharaonenratten
Und aus den schwarzen Todeswassern tauchten
Der Leviathan und der Behemot,
Wie Flußpferd und wie Krokodil der Hölle.
Sie trugen eine riesengroße Kobra,
Die aufschrie wie ein Kater, als sie schrie,
Erschien ein Dutzend Kobras, Feuer speiend,
Des Schattenfürsten Wächterinnen, die
Von dem verdammten Blut der Toten leben,
Wie Roten Meeres Lilim und Vampire.
Und da erging der Ruf des Re: Bestraft
Mir meine Feinde, die da durch die Pforten
Der Hölle treten in das Totenreich!
Und die Gestalten wurden von Dämonen
In siebenfachen Feuerpfuhl geworfen,
Da Göttinnen der Finsternis mit spitzen
Zänkischen Zungen Feuerflammen spieen,
Da in den andern Gruben die Verdammten
Kopflose Schatten waren voller Qualen.
Und über diesem Abgrund stand die Jungfrau
Mit ihrem Sohne, der da haucht das Wort:
Ihr seid geworfen in den Feuerpfuhl
Und sollt in Ewigkeit nicht mehr entkommen,
Die Führerin der Klingen wird euch alle
Äone der Äone eure Herzen
Hinschlachten auf dem höllischen Altar!
Und Re, die Sonne, die da Strahlen schoß,
Erglänzte in dem Schoß der Nut, kam zwischen
Den Schenkeln nachtgeheimen Göttin
Hervor und wühlt und wühlte sich ins Licht!
II
In Heliopolis lebte Pentephres
Mit seiner schönen Tochter Asenath,
Die schöner war als die Ägypterinnen,
Die schlank wie Sara war und blühend wie
Rebekka und wie Rahel schöngeaugt.
Und ihrer Schönheit Ruhm ging durch die Gauen,
Doch lehnte Asenath jedweden Freier
Und auch des Pharo Erstgebornen ab.
Sie saß in ihrem Purpurteppichzimmer,
Das war mit Edelsteinen ausgelegt,
Da goldne, silberne und steinerne
Abgötter aufgestellt, Osiris, Isis,
Maath, Horus, Nephtys, Hathor, Thot,
Die Göttinnen und Götter von Ägypten.
Und Silber, Gold und golddurchwirkte Seide
Befanden sich im Zimmer Asenaths
Und Edelsteine, Leinenkleider, Schmuck.
Und vor dem Fenster war im Innenhofe
Ein Brunnen, darin war kristallnes Wasser,
Und rundherum mit schönen Früchten Bäume.
Doch herrlicher als alle diese Dinge
Fand Asenath den schönen Träumer Joseph,
Der war der Höchste nach dem Pharao.
Der Gottheld kam mit einem Dutzend Männern
Zu Pentephres, dem Vater Asenaths,
Der war in Heliopolis Hoherpriester.
Gepriesen sei der Gott, der Joseph liebt,
Gepriesen sei der Gott, den Joseph liebt!
Rief Pentephres, da eilte Asenath
Ins Zimmer, zog sich feines Leinen an,
Mit Scharlasch und mit Gold durchwirkte Seide,
Und legte einen goldnen Gürtel an
Und an die runden Arme Silberspangen
Und an die Beine purpurrote Fesseln
Und Lapislazuli an ihren Hals
An Silberkettchen, darin eingraviert
Der Name war von Isis und von Horus.
Dann setzte sie sich einen Turban auf
Und setzte sich in ihre schwarzen Haare
Ein Diadem, die Schläfen schimmerten
Wie Scheiben von Granaten, und sie hüllte
Ihr schönes Angesicht mit feinstem Schleier.
Als Pentephres die Tochter kommen sah,
Die wunderschöne Tochter kommen sah,
Pries er den Träumer Joseph, pries ihn weise
Und rein und schön und über alle Maßen
Erhaben, in ihm sei des Höchsten Geist.
Da fragte Asenath sich bei sich selbst,
Ob Joseph mehr als nur ein Fremdling sei,
Sohn eines Bauerns Kanaans, zudem
Traumdeuter wie die alten Fabelweiber.
Auch ging da ein Gerücht um von der Lust,
Die er am Weibe Potiphars gestillt,
An dieser losen lüsternen Suleicha.
Doch Joseph kam auf einem goldnen Wagen,
Schneeweiße Rosse zogen seinen Wagen,
Der Wagen glänzte wie die lichte Sonne.
Er trug am Leibe einen edlen Rock,
Sein Umhang war von purpurrotem Linnen.
Im Haupthaar trug er einen goldnen Kranz,
Zwölf auserlesne Steine in dem Kranz
Und goldne Strahlen auf den Edelsteinen.
In seiner Rechten trug er einen Stab
Und in der Linken trug er einen Ölzweig.
Da seufzte Asenath und seufzte: Weh,
Unselig, wehe, arme Asenath!
Was hab ich schlimm vom Herrlichsten gedacht?
Er ist ja licht des schönen Lichtes wegen,
Das in ihm glüht, er ist doch wie die Sonne,
Was nannt ich ihn nur einen Bauerntölpel?
Wo je auf Erden gab es solche Schönheit,
Wer war die Frau, die diesen Gott gebar?...
Unselig hatte sie und töricht sich
Verhalten, aber nun begehrte sie
Nichts anderes, als Josephs Magd zu sein,
Leibeigne Sklavin seines Harems nur!
O dürft ich ihm die nackten Füße salben
Mit Myrrhe, Narde, Aloe und Stakte!
Da sagte Pentephres, die Tochter solle
Den Stellvertreter ihres Königs küssen,
Da spitze sie gehorsam wie begierig
Die Lippen, die da waren süße Feigen.
Doch Joseph sprach, der Keusche: Nein, er küsse
Unmöglich einen Mund, der Götzen preise,
Mit seinen gottgeweihten Lippen nicht
Die Lippen einer Götzendienerin!
Zwar seien diese Lippen süß wie Honig,
Aufgrund des Frevels doch wie Wermut bitter.
Er wolle nicht vom Kelch des Truges trinken
Und sich nicht salben lassen mit der Salbe
Der Götter, die da allesamt Dämonen.
Er teile nur mit einem Weib das Lager,
Das den Lebendigen verherrliche,
An ihren Brüsten würd er sich berauschen!
Drauf legte Joseph seine Rechte der
Beschämten schönen Asenath aufs Haupt
Und betete zu Gott und bat den Herrn,
Zu segnen Asenath, sie zu befreien
Von falschen Wegen ihres Götzendienstes,
Da bat er den Allmächtigen, daß Gott
Sich dieser Tochter Mizraims offenbare
Und ihr erleuchte ihres Herzens Augen,
Daß sie den Ewigen der Scharen schaue!
Gott möge Asenath erneuern durch
Die Neugeburt in Wasser und in Geist
Und sie mit der Erwählung Salbe salben
Und speisen lassen sie der Engel Manna
Und trinken lassen aus dem Kelch der Segnung
Und schenken Leben ihr in Ewigkeit!
Das rührte Asenath am Herzen an,
Sie ward erschüttert durch den Segen Gottes
Und Segen Josephs und sank auf ihr Lager.
Und dann erhob sie sich und warf die Götzen
Und frevelhaften Weihrauch aus dem Fenster
Und warf die Götterbilder Hunden hin.
Und allen Göttern schwor sie ab und bat
Den Ewigen der Scharen, Josephs Gott,
In Gnade anzunehmen ihre Buße
Und zu erneuern sie durch seinen Geist.
Nach sieben Tagen Fasten und Gebet
Ging an dem Himmel auf der Morgenstern
Und an dem lichten Himmel tat sich auf
Aus Strahlen eine goldne Himmelspforte
Und sieh, ein Engel trat zu Asenath
Und grüßte also: Freu dich, Asenath,
Denn Gott hat deine Buße angenommen
Und dich erneuert durch den Heiligen Geist!
Der Engel war sehr schön, von reiner Anmut,
Sein Angesicht glich einem lichten Blitz,
Die Augen waren wie der Sonne Glut,
Sein Haupthaar war wie Feuersbrand, dieweil
Von Händen und von Füßen Funken stoben.
Hab keine Angst! sprach Gottes Engel da,
Vermählen will ich dich mit Joseph nun.
Ablegen sollte sie ihr Bußgewand
Aus schwarzem Sacktuch und ein weißes Linnen
Anlegen und den goldnen Keuschheitsgürtel
Sich legen an die Lenden des Gemütes.
Sie wusch mit klarem Wasser ihre Hände
Und nahm sich ihren feinen schönen Schleier,
Das schöne Angesicht damit verschleiernd.
Der Engel sprach, sie sei nun eingetragen
Ins Buch des Lebens, werd in Ewigkeit
Nicht mehr getilgt aus Gottes Lebensbuch
Und dürfe essen Brot der Engel nun
Und leeren Becher der Unsterblichkeit
Und werd gesalbt mit unverweslichem
Salböl der Ewigkeit, geweihter Narde.
Der Gottheld sei fortan ihr Bräutigam.
Da reichte er ihr eine Honigwabe,
Die weiß wie Schnee war, süß wie Himmelstau.
In dieser Wabe sei der Geist des Lebens,
Gewoben von des Paradieses Biene
Vom Tau der Rose aus dem Paradies!
Und wenn sie von dem Brot des Lebens speise,
Vom Honigseim des Wortes Gottes, sprieße
Aus ihrem Fleische eine Lebensblume,
Genährt vom Wasser aus dem Born des Höchsten,
Da werde ihr Gebein in Ewigkeit
Wie Zedern auf den Bergen Gottes sein
Im ewigen Wonneparadies des Himmels!
Da tauchte Gottes Engel seinen Finger
In jenen Honigseim, da ward es Blut:
Frau, dies ist des Messias Blut, vergossen,
O Braut, zu deiner heiligen Erlösung!
III
O Nathan, Nathan, wer ist schön wie Chawa?
Der König Israels, der Gottgeliebte,
Der Hirte David, er bekam versprochen
Prinzessin Michal, die ihm lieber war
Als Merab, war ja Michal vielmals schöner,
War Michal sanft und still in ihrem Herzen,
War eine echte geistliche Prinzessin.
Was David aber überwältigte,
Das war ihr braunes aufgestecktes Haar,
Ein Kunstwerk an Gefühl, Geruch und Aussehn,
Ein Turm, wie er da in Dammaskus steht,
Errichtet ganz aus Ebenholz von Kusch
Und duftend wie nach Elefantenküssen,
Und dieser Turm umflochten rings von Blüten
Und Rosenranken, atmete den Duft
Äthiopiens, Geruch der Mitternacht.
Oh läge ich gefesselt in dem Haar,
In dem Verließ aus roten Rosenranken!
Im Rosenrankenturm von Ebenholz
Zwei goldne Spangen, Dammaszener Dolche
Aus Gold von Ofir, mit zwei runden Knöpfen
Wie Taubenaugen schauend im Gebüsch.
Oh wäre ich in diesem Rosengarten
Und tränke den Geschmack des Morgentaus,
Wenn er hervorquillt aus den Rosenknospen,
Jungfräulichen! Ein Eden duftete
Aus diesem Frauenhaar, geliebte Michal!
Und David schlachtete zweihundert Feinde,
Zweihundert lästernde Philister ab,
Vorhäute schneidend für den König Saul
Als sexuellen Brautpreis für die Schönste,
Die Schönste aller Jungfraun Israels!
O Nathan! ist sie nicht wie Chawa schön?
Und ist nicht schön wie Chawa Nabals Witwe,
Die wundervolle Abigail vom Karmel?
Von Nabal gibt es Gutes nichts zu sagen,
Er war ein Narr, ein Fresser und ein Säufer,
Nur reich am schnöden Silbergötzen Mammon,
Ein Frevler, starb darum auch jähen Todes.
Und Abigail warf David sich zu Füßen,
Er hob sie auf und hielt sie in den Armen,
Welch eine Wonne für den Gottgeliebten!
Das war ihm ein Geschenk von Gott dem Herrn,
Das er am Herzen klopfen fühlen durfte
Das pochende, das Herz der Nachtigall,
So warm, so blutend, so vor Liebe stöhnend,
Hingebungsvoll der Busen in dem Busen,
Aufopferungsbereite Frauenseele!
O deine Seele, Abigail vom Karmel,
Dein Leib ward dir geformt von deiner Seele,
Des Weibes Linie, die Gestalt der Hindin,
Wenn diese atmet mit bewegter Brust
Und fliegendem Gestöhn und wirft die Brust
Hin in den Wind, der sie heiß atment küsst!
Was sinn ich Ungeheures denn, was sinn ich,
Zu sagen, wie ihr Frauenbusen war?
O Glocken ihr aus mütterlichem Mehl,
O Brüste ihr aus süßem Himmelsbrot,
O Rosen ihr aus Milch und Honigseim,
O Äpfel ihr des ersten Paradieses,
O Zwillinge von hüpfenden Gazellen,
O Morgensterne ihr im All der Liebe!
Und ihrer Hüfte goldenes Geschmeide,
Ja, immer zog es Davids Arm um diese
Begehrenswerte Hüfte, David wollte
Umfangen sie und sie zum Tanze tragen!
Er wollte ziehen sie an seine Seite,
Zu wandeln mit der Schönen über die
Grastriften in dem Frühling auf dem Karmel
Und ruhn im Gras bei dem Gemuh der Lämmer
Und sich zu betten mit dem Haupt des Hirten
Auf eines Mutterschafes goldnes Vließ!
O Nathan, ist sie nicht wie Chawa schön?
Und ist nicht Wollust ein Geschenk des Herrn?
Wir wollen Gott den Schöpfer loben, Gott
Dank sagen fürs Geschenk der Augenweide
Und Dank für alle unsre sieben Sinne!
O Nathan, ist nicht lieblich anzusehn
Wie Chawa Davids Lieblingin Batsheva?
Oh wie ein Mond, wie eine Mondensichel
Im Schimmern weißer Milch erschimmerte
Des Weibes Angesicht herüber, da
Sie aus dem Bade kam, der Tau der Reinheit
Herniederperlte an dem nackten Leibe,
Wie himmlischer Gesang die Himmelsleiter
Herniederträufelt zu den Hirten, die
Ermattet schlummern auf den Weidetriften.
Der Hirte, der da David hieß, der sah
Den Mond von Anlitz, und Gefühl erquoll
In seiner Seele auf, Verzückungen
Und Sympathie, und sieh, er sah sie lächeln!
Ah, wie der Winkel ihres Mundes schräg
Hinaufgezogen, fand er allerliebst,
So lässig und so reizend! Und die Zähne,
Schneeweiße Zähne! Frischgewaschne Schafe
Sind nicht so strahlend wie Batshevas Zähne,
Vollkommen, Schmelz von Schnee und Lammesmilch,
Und ihre Zunge feuchtete die Lippen!
Und weh mir! ihre wundervollen Augen!
Weibliche Wasser mondner Fruchtbarkeit,
In denen Liliensterne nackt sich baden
Und Regenbogen, Augen sanft wie Engel,
Wenn sie zur Harfe stille Lieder singen,
Pupille wie Kamelmilch und die Iris
Die blaue Blume aus dem Garten Eden!
Und ihre Wangen! braun und weiß und rot,
Kußliche Bäckchen, wie von Wein erglüht,
Des Joches Wölbungen von Asia!
Und dann das Ohr, das sagte: Oh du David!
Als er ihr zärtliche Liebkosung sagte,
Sie hörte wohl den Liebreiz seiner Stimme
Und das Begehren und die Herzlichkeit,
Ein feines Ohr wars eines feinen Weibes,
Schaumweiße Muscheln nackender Bathsheva!
Ist wie Batsheva denn nicht Chawa,
Liebreizender gar noch die schöne Chawa,
O Nathan? Freie sie und herze sie!
Berausche dich an ihren jungen Brüsten
Und preise jeden Morgen Gott den Schöpfer!
IV
Der Menschensohn war wie ein grüner Baum,
Am Wasserbach gegründet, der zur Labsal
Uns seine Bergamott-Orangen gab,
Als an der Zeit es war, vom Herrn bestimmt,
Und seine Blätter waren heilsam, wie
Die Blätter von dem Baum des Lebens, die
Uns Schatten boten vor der Sommersonne
Judäas, und die rauschten, wenn der Odem
Des Herrn sie rührten, zitterten und rauschten.
Und alles, was er tat, gelang ihm wohl.
Nun soll sein Leben ihm mißlungen sein?
Hat denn sein Leben ihn zum Tod geführt?
Er ist doch mehr als nur ein dürrer Baum!
Hat Gott zerspalten unsre Hoffnung denn,
Wie Gottes Blitz zerspaltet einen Baum?
Für einen Baum gibts aber Hoffnung, wenn
Er abgehauen ward, so treibt Gezweig
Aus seinem Stumpfe. Altern mag die Wurzel,
Sie treibt doch neue Grünlinge hervor,
Vom Duft des Wassers lebt die Wurzel auf
Und treibt wie frische Pflanzen neue Zweige.
Doch da der Menschensohn gestorben ist,
Da soll er hingestreckt im Grabe bleiben?
Da er verschieden ist, wo ist er da?
Der Tod hält Eisenmänner nur für Stroh,
Erzmenschen sind ihm wurmstichiges Holz!
Der Mensch ist wie ein Splitter auf dem Wasser.
Doch wenn die Terebinthe Baschans und
Des Eichgrunds Eiche umgehauen werden,
Ihr Stumpf wird sein ein heiliger Überrest.
So ist es mit dem Samen des Messias.
Er war doch auserlesen wie die Zedern
Des Libanon, er war doch eine Zeder,
Stechdornen aber alle anderen!
So sprach der Herr Jehowah, er wird nehmen
Vom hohen Wipfel hoher Zeder, wirds
Einsetzen auf erhabnem Berge Juda’s,
Daß unter ihr die Töchter des Gesanges
Mit Stimmen singen, dünn wie müde Mühlen
Am Abend, in der Zedernzweige Schatten
Lobsingen sie und preisen ihren Schöpfer!
Und nun, und nun, wohin ist diese Zeder?
All unsre Hoffnungen in ihm, wohin?
Die Zeder auf dem Libanon, Prachtzeder,
Ward nicht verdunkelt von den andern Bäumen
Im Garten Gottes; die Zypressen glichen
Ihr nicht mit ihren trauervollen Zweigen,
Platanen kamen mit den breiten Ästen
Ihr auch nicht gleich; kein Baum im Garten Gottes
Kam dieser hohen Zeder gleich an Schönheit!
Schön hat der Herr Jehowah sie gemacht
In ihrer Zweige Fülle, es beneiden
Sie alle andern Bäume Edens, die
Im Garten Gottes wachsen. Doch sie ward
Dem Tode preisgegeben unter Menschen.
Und darum spricht der Herr Jehowah so:
Am Tage, da sie stieg zur Unterwelt,
Da hab ich Traurigkeit verursacht, da
Ließ ich die Fluten trüber Wasser fließen,
Den Libanon hab ich in Schwarz gehüllt
Und ließ verschmachten all des Feldes Blumen.
Doch Israel wird herrlich sein, wird herrlich
Wie eine Zeder sein, gepflanzt am Wasser,
Wie Cardamomen, die der Herr gepflanzt,
Denn der Gerechte ist ein grüner Ölbaum
In Gottes Haus und prangt mit reicher Frucht,
Abklopfen werden Völker die Oliven
Aus seinen Wipfeln und Gezweigen und
Mit seinen Beeren sich ernähren; gleich
Dem Weinstock ist er auch, von dessen Beeren
Sie Tröstungen und Freude trinken werden.
Ja, ausgegossnes Salböl ist sein Name
Und trunken wie der Wein macht seine Liebe!
Ja, er wird so wie eine Palme sprossen,
Wie eine Bergamott-Orange ist er
Im Kreis der Judasbäume. Seine Worte
Sind so wie goldne Bergamott-Orangen
Auf Silberschalen. Seines Mundes Wort
Ist wie der süße Duft von reifen Äpfeln,
Sein Mund ist wie die Frucht vom Baum des Lebens,
Denn Jesus Christus ist der Baum des Lebens.
Aufjauchzt, o Himmel, jubelt Lobgesänge,
Vollbracht hat es Jehowah! Jauchze, Grab,
Du leeres Felsengrab! Mit Jubelsang
Jauchzt auf, Moria du und Sionsberg,
Du Hermon und du Baschan und du Karmel!
Der Wald des Libanon und Sions Palme,
Sie sollen jauchzen, jubeln und sich freuen!
Der Himmel soll sich freuen und die Erde,
Das Schilfmeer brause und das Große Meer,
Es juble laut das Land von Milch und Honig,
Juchheien soll der Zimtbaum Palästinas,
Weil es vollbracht der Herr! Ihr Himmlischen,
Ihr Heiligen und Engel, preist den Herrn,
Jehowah preist, den Ewigen der Scharen,
Jehowah in der Höhe! Rühmen sollen
Plejaden und Orion und die Jungfrau,
Die Sonne und die Sterne und der Mond
Den Ewigen der Scharen! und die Wasser
Des Himmels sollen loben Gott den Herrn!
Denn droben wohnt in aller Himmel Himmel
Jehowah, Gott der Herr! Es ist vollbracht!
Erhaben wie der Himmel seine Gnade
Und seine Treue überall wie Wolken!
Sein Sproß wird ewig währen und sein Thron
Ist wie die Sonne, unermeßlich licht
Und wie die Sonne dauernd von Bestand
Und bleibt noch länger als der Mond am Himmel
Und bleibt Äone um Äone, ewig!
Schön wie die Sonne ist sein Angesicht
Und milde wie der Mond! Ihr Heiligen,
Seht auf zum Himmel, zählt die Myriaden,
Zählt ihr zuende je die Sternenscharen?
So zahlreich sollen Gottes Kinder sein,
Die er gegeben Adonai Messias,
Gegeben sind die Auserwählten ihm,
Dem Erstgeborenen der Auferstehung!
Denn Jeschuas Geschwister werden strahlen
Wie Himmelsbläue, seine Auserwählten
Erschimmern wie die schönen Sterne droben!
Wie bist du aus der tiefen Nacht erstanden,
Du lichter Morgenstern! Du bist der Stern,
Der da aus Jakob aufgegangen ist!
Wo wohntest du vergangne Nacht, o Licht?
Wo ist der Ort der tiefsten Finsternis,
Daß du durchbrachest seine Todesgrenze?
Kennst du die Pfade zu den dunklen Hütten?
Du kamest aus des feurigen Palastes
Uralter Todespforte, Triumphator!
Siegreicher Morgenstern! du Herrlicher!
Dein Glanz ist gleich dem Glanz des Lichtes Gottes,
Ein Strahlen wird an Gottes Seite sein,
Ein Strahlen wird an Jesu Seite sein,
Das Schimmern der Geschwister des Messias!
Du bist das Licht des Morgens, der du über
Die Menschen waltest in Gerechtigkeit
Und in der Reverenz vor Gott dem Herrn!
So bist du wie die Sonne, welche aufstrahlt,
Am Morgen wolkenlos, wenn von dem Licht
Und von dem Tau die junge Erde sprießt.
Du bist das siebenfache Licht der Sonne!
Du machst den Heiligen die dunkle Nacht
Zu einem strahlenden Zenit der Sonne!
Ihr Leben wird durch dich und deine Freude
Erstrahlen heller als die Mittagsstunde!
Laßt uns erkennen, o ihr Heiligen,
Jehowahs Angesicht in Jeschua,
Der aus dem Schoß der Morgenröte kam!
Schalom, o Salem! Friedliche, o Tochter
Jeruschalajim, Gottes liebe Braut!
Hierosolyma, Mutter aller Völker!
Wie schön wohnst du auf dem Gebirge Juda!
Wie senkst du dich ins Tal der Käsemacher
Und wie erhebst du dich zum Tempelberge!
Das Hinnomtal bringt dir die Berge nah,
Die Ölbergkette trägst du um den Hals
Des Kidrontales, Gott hat dich geschmückt
Und dich erwählt, Gott wollte in dir wohnen!
Urusalimmu! Lebenswassers Quelle
Ist in dir, ist im Kidrontal der Gihon,
Ich nenne heute sie Marienquelle,
Sie fließt ins schöne Jebus durch die Röhre
Hiskias, nieder in den Teich Siloah.
Urusalimmu! in Zisternen sammelst
Du stilles Wasser, das des Winterregens,
Der an dem Ölberg niedergeht im Dunst.
Von unten quillt herauf der Drachenbrunnen,
Genannt Bir Eijub, nämmlich Hiobsbrunnen,
Wie Wasser quillt herauf die Klage und
Wie Tränen aus der Mutter Erde Augen,
Wie aus den Teichen Salomos die Quelle
Bei Bethlehem, die fließt zum Tempel Gottes!
Die Davidsstadt ruht an der Gihonsquelle,
Die Tochter Sion, welche Salomo
Erweiterte um den Palastbezirk
Und gottgewollt um den Bezirk des Tempels!
Dann ward die Mörserstadt der Neuzeit im
Äon der Könige errichtet im
Gefild Jerusalems. Nebukadnezar
In seinem Wahnsinn nahm dich ein, o Frau
Jehowahs, und zerstörte dich, weh dir,
Jeruschalajim, whe! Nehemia
Hat Stein auf Stein gereiht zu neuen Mauern,
Du Mutter aller Welt, Urusalimmu!
Dein ist das Schaftor, Mea, Hananel,
Jesanator und Fischtor, Ofenturm
Und Pforte Ephraim und Scherbentor
Und Quelltor mit dem Teich im Kidrontal
Und Roß- und Wassertor und Innentor,
Wachttore allesamt vorm Tempel Gottes!
Der große Alexander nannte dich,
O Stadt, seit seiner Zeit in Persien
Jerusalem. Pompejus aber machte
Dich Römerin. Herodes baute Burg
Antonia und den Palast, da dann
Pilatus richtete, der da gesprochen
Auf Gabbata: Gekreuzigt sei der Christus!
Jeruschalajim, gabest du den Deinen
Ans Kreuz der Römer, deinen Herrn und Gott!?
Er kam in seine Stadt, sein Eigentum,
Sie lieferten den Herrn den Heiden aus.
Weh dir, Jerusalem, du wirst zerstreut
In viele Länder, ja auf deinen Trümmern
Des Tempels steht der Greuel der Verwüstung!
Dein Volk darf nicht betreten deine Tore,
Stattdessen nahn die Reiterstämme Kedars
Und leugnen, daß der Herr ist Gottes Sohn!
Gott aber wird sein Priestervolk heimholen
Nach Sion, Gott erbaut Jerusalem,
Messias baut Jerusalem im Himmel!
VI
Hör, Asia und Volk von Griechenland
Und Volk von Rom, was ich durch meines Mundes
Seimsüßen, honigstimmigen Gesang
Verkünde, Wahrheit in Person weissagend,
Nicht eines Lügengottes Seherin
Bin ich, vielmehr die Magd des großen Gottes,
Den Menschenhände nicht gebildet, sondern
Der Gott ist von Äonen zu Äonen!
Sein Haus ist auch kein Marmortempel mit
Korinthischen Akanthus-Architraven
Und Säulen in dem Stil der Dorer, sondern
Sein Haus ist unsichtbar im Himmel droben,
Und sieh! ich hab es noch nicht messen können!
Der alle sieht und wird gesehn von keinem,
Der wohnt in einem Lichte unzugänglich.
Sein ist die schöne Nacht, der milde Mond,
Der Sterne Meer, die fischereiche Flut,
Die Mündungen der Quellen, die da sprudeln,
Weinstock und Ölbaum und das Korn der Erde.
Glückselig werden alle jene sein,
Die auf der neuen Erde loben Gott,
Sie werden sehn die Herrlichkeit des Herrn!
Die Unbefleckten, die nicht Gott gelästert
Und nicht die Heiligen geschmäht, all die
Den Huren nicht gefolgt und nicht geopfert
Sterngeistern ihre Kinder, die sich rein
Erhielten, glaubten an den Gottessohn,
Die Gläubigen bestehen im Gericht,
Wenn Gott am Jüngsten Tage richten wird!
Gottlose werden dann bereuen ihre
Gottlosigkeit, die Sünder ihre Sünden,
Die Frevler ihre Freveltaten; aber
Die Frommen bleiben durch die Gnade Gottes!
Die Meder und die Perser, die vom Euphrat,
Die Phrygier und die vom Hellespont,
Die Asiaten und des Nils Ägypter,
Hellenen, die vom Fuß des Ätna, Tyrus’
Bewohner, Sizilianer, Mazedonen,
Die Wohner Samos’ und die Wohner Delos’,
Die Thebetaner und die Babylonen,
Das Volk von Baktra und von Susa, Syrer,
Die Italiener und Karthagos Wohner,
Das Volk von Kypros, Paphos, Salamis,
Kehrt um! und ändert euer Leben! und
Erzürnt nicht Gott! Laßt fallen Männermord
Und Hurerei! Und badet eure Leiber
Im Quell des Lammes und im Blut des Lammes
Und sühnt die Sünden durch Gebet zu Gott!
Erbarmen wird sich Gott, euch nicht verderben,
Die Sündenstrafe trug das Lamm, für den
Ihr Preisung tragen mögt in euren Gliedern
Und wahre Frömmigkeit in eurem Geiste.
Wird alles Asche nach dem großen Feuer,
Das da die Elemente bringt zum Schmelzen,
Wenn Gott dann des Gerichtes Feuer stillt,
Er, der es angezündet hat im Zorn,
Des Lammes Zorn, dann wird der Heilige Geist
Gebeine wieder rufen aus dem Staube
Und Seelen werden stehn vor Gott dem Herrn!
Gottlose wird man dann im Tartaros
Und in den Tiefen stygischer Gehenna
Und acherusischen Scheol auffinden.
Glückselig aber sind die Menschen, die
Mit Gott gelebt die Tage ihres Lebens
Und schauen ewige Glückseligkeit!
Und siehe, ja, ich sah, und was ich sah,
War die Erwartung eines Guten Hirten!
Er wird euch Ruhe geben, er ist nah,
Er kommt zu uns an des Äones Ende!
Bereit seit den Belohnungen des Reiches,
Des Lebens Kronen und die Kronen der
Gerechtigkeit und Herrlichkeit, sie sind
Aus Licht gemacht, das immer leuchten wird.
So flieht die Nächte dieser Welt und kommt
Zum Lichte Gottes und des Lamms, empfangt
Glückseligkeit der Herrlichkeit! Den Heiland
Bezeuge ich, der heißet Jesus Christus!
Was er euch gibt, das Leben wahrer Freude,
Das nehmt doch an mit Dankbarkeit und Lobpreis,
Dem dankend, der berufen euch zum Reich.
Preis den Versiegelten beim Hochzeitsmahl
Des Lammes, die den Geist der Welt nicht liebten
Und tragen glänzende Gewänder vor
Dem Ewigen, in Lammesblut gereinigt!
Jerusalem empfängt die volle Zahl,
Die Jaspismauer schirmt die Schar in weißem Linnen,
Die lebten da nach den Geboten Jesu,
Bewiesen dadurch ihre Liebe dem,
Der sie aus freier Gnadenwahl gerettet!
O Zion, siehe, deiner Kinder Zahl,
Du Völkermutter, ist vollkommen, denn
Gekommen ist das Königreich des Himmels!
Ich schaute auf dem Berg der Tochter Zion
Die Schar der Heiligen, die nicht zu zählen,
Die sangen alle Lobgesang dem Lamm!
Und in der Mitte stand der Gottessohn,
Der jedem Heiligen die Krone gab,
Die legten ihre Kronen ihm zu Füßen,
Die ausgezogen alles Sterbliche
Und überkleidet von Unsterblichkeit
Sie all bekannten Jesu Christi Namen!
Sie trugen ihre Palmen in den Händen
Und gingen mit dem Lamm im Garten Gottes!
Und eines Engels Stimme klang zu mir:
Das Heil schenkt Gott den Auserkorenen
Und läßt sie ewig leben im Gefilde
Aneslasleja, wo geschmückt mit Blumen
Gerechte gehen, denen Jesus schon
Die Wohnungen im Hause seines Vaters
Bereitet hat. Geh also in die Stadt
Und laß uns in den Weinberg Gottes gehen!
Da priesen wir die Gottheit und das Lamm
Mit einem neuen Lied. Der Engel zeigte
Mir einen offnen Garten voller Bäume
Mit reifen Früchten, segensreicher Frucht,
Und voll von Duft und Wohlgerüchen wie
Weihrauch aus Saba oder Räucherwerk
Des Offenbbarungszeltes, Stiftes Hütte,
Der Duft war süßer als Ambrosia
Und duftete zu mir und zu dem Engel.
Da sprach der Engel: Sahest du die Scharen
Der Väter und der Heiligen der Völker?
Wie ihre Ruhe ist und Seligkeit,
So ist der Marterzeugen Ruhm und Ehre!
Wer um des Namens Jesu willen ward
Verachtet und geschmäht, der wird gesegnet
Von Gott dem Herrn mit ewigen Lebens Krone!
Da ward ich froh und glaubte, was geschrieben
Vom Hagiographen in den Pergamenten.
Und Jesus sagte: Sieh, ich komme bald!
ZWEITER GESANG
BRIEFE AN DIE SCHWESTER
I
Seit Ostern, Schwester, schreib ich kein Gedicht
Und keine Prosa mehr, doch denk ich viel.
Ob Gott er noch gefällt, mein Lobgesang?
Erwähnte Schneider doch den Zweifel, ob
Der schöne Schein nur milde Lüge ist?
Wo ist im Evangelium die Kunst?
Verwalten wir des Geistes Gaben treu!
Ich sehe meine Lebenspflicht darin,
Gott in Gedichten zu verherrlichen.
Durch diese schöpferische Pause wird
Der Boden unter meinen Füßen schwankend.
Doch hab ich neue Treffen mit Poeten,
Mit Schneider und - durch dich - mit der LeFort.
Schon bin ich dem Gefühl nach Katholik,
Die Mystik und die Heiligen verehr ich.
Fern ist das oberflächliche Gejauchze
Und nahe innerliche Kreuzbejahung.
Mein Christentum hält Ausschau nach dem Jenseits
Von Anfang an, ich leide an dem Diesseits.
II
Ich war im Gottesdienst, war in der Messe
Und habe an dem Mahle teilgenommen,
Ich hatte Sehnsucht nach dem Abendmahl
Der Stille, Heiligkeit und Andacht, während
Die Pfingstler bei dem Abendmahle tanzen,
Verkünden wir jedoch den Tod des Herrn,
Bis Jesus kommt in seiner Herrlichkeit.
In seinem Tod liegt seine Herrlichkeit.
So sagte er, er muß verherrlicht werden,
Als er von seiner Kreuzigung gesprochen.
Im Gotteslob entdeckte ich den Kreuzweg
Und fand in den Gebeten wahre Freude,
Denn so versenkt man sich ins Leiden Christi.
Kreuz-Jesu-Litanei hat mich berührt.
Auch habe ich in meinen Emotionen
Verehrung der jungfräulichen Maria.
Ich war von meines Glaubens Anfang an
Verehrer dieser benedeiten Jungfrau.
III
Wer kennt die Wahrheit übers Abendmahl?
Doch nach der Kommunion war meine Stimmung
Sehr schön verändert, da ging ich spazieren
Und dacht ans himmlische Jerusalem
Und ihren wundervollen Garten Eden,
War ein Gedenken an die Ewigkeit.
O Königinne der Barmherzigkeit,
Wir sehnen uns aus irdischem Elende,
Aus diesem Tal des Jammers und der Tränen
Zu deines Leibes benedeiter Frucht!
IV
Maria halte ich für zart, jedoch
Ist sie mir Schwester mehr als meine Mutter,
Ist Heilige und Magd des Höchsten mehr
Als Gottesmutter: Hat doch Gott der Vater
Wohl keine Mutter; aber Mutter Jesu
Und Mutter meines Herrn und selige Jungfrau
Vermag ich sie zu nennen. Wußtest du,
Daß Martin Luther bis zu seinem Tode
In seiner Kammer ein Marienbild
Gehabt an und daß Bach an Feiertagen
Mariens musizierte? Bitt für mich,
Daß Gott mich führt durch diese Irrungen,
Versteh ich wenig, weiß ich nichts, so muß
Ich umso mehr im Glauben alles lieben.
Dein Brief erzeugte eine tiefe Freude
In diesen Zeiten tiefer, ernster Schmerzen.
Ich sage dir von einer Gottgeliebten,
Von einer andern Schwester meiner Seele,
Die ohne Spur aus dieser Welt verschwunden.
Sie prophezeite eine Woche vorher:
„Ich sah ein großes weißes Licht, aus dem
Mich Gott zu sich gerufen!“ Das hat eben
Ein Bruder mir am Telephon gesagt.
Ich hatte aber vorher schon die Ahnung,
Daß sie vollendet in der Seligkeit
Des Paradieses ist; ich schrieb darüber.
Ich war einmal in sie verliebt, sie war
Holdselig... Ich hab nur noch Schmerz um sie
Und stellte die Ikone Christi auf
Und ein holdseliges Marienbild
Aus der Verkündigung von Botticelli,
Das stellt die Anmut meiner Schwester dar,
Und abends brennt davor die Seelenkerze.
Ich les die Göttliche Kommödie neu
Und schrieb hinein: Mit Gott und Sancta Thyrza!
So zogen Ritter nach Jerusalem.
VI
Aufrichtige und tiefe Liebe, Schwester,
Empfinde ich für dich; und liesest du
Die Elegie, wirst du die Schwester lieben
Und wirst sie eines Tages kennenlernen,
Dann tanzen wir auf Gräbern dieser Erde!
Ich bin entrückt der Erde. Aber dennoch
Hängt dieser Erde Staub an meinen Füßen.
Ich möchte mit dir in Jerusalem
Im heiligen Gehölz des Lebens sein
Und bei der Liebe reinen Feigenbäumen.
Oh, wann naht die Erlösung unsrer Leiber?
Ich bin im Jahre sieben meiner Sehnsucht
Nach jener schönen Welt; verstehe nicht
Die Christen, die da lieben diese Welt.
Novalis lieb ich sehr, der schon auf Erden
Im Jenseits lebte, liebe Dante sehr,
Der da allein vom Jenseits dichtete.
Die Erde ist fürwahr ein bittrer Becher
Mit bitterlicher Hefe auf dem Grunde.
Verurteilt ist die Welt zum Untergang.
Ich will nicht Spaß. Ich will die tiefe Freude
Im Leid und ewige Glückseligkeit!
Ich hätt nicht übel Lust schon abzuscheiden
Und in der Heimat bei dem Herrn zu sein.
VII
O Balsamstaude aller Tröstungen,
O Vließ des Lamms, vom Tau des Geistes feucht,
O makelloses Spiegelbild der Gottheit,
O reine Braut! Ich bin so traurig, einsam
Und melancholisch, voller Traum und Sehnsucht.
Ich will in Caritas mit dir verbunden
Im Geiste sein als Bruder und als Schwester.
Es gelte Wahrheit! Liebe ist nur Gnade!
Die Liebe, die du für mich hast, ward dir
Von Gott geschenkt; nichts anderes begehr ich;
Ich möchte dich nur nimmermehr verlieren.
Gott liebt dich, glaub ich, und ich auch, ich weiß.
VIII
Gesucht wird in der Liebe eben Qual,
Doch sucht die Liebe eigentlich nicht Glück?
Mit dem Verlangen meiner Liebe finde
Ich Unglück nur und Qual! Wen darf ich lieben?
Von wem werd ich die Liebe denn empfangen?
Daß ich Unmöglichkeiten immer liebe!
Ach! Chawa, die ich zur Verzweiflung liebe,
Ist mir - unmögliche Notwendigkeit!
Ich haß mein Leben, fluche meinem Dasein!
Vergessen will ich, fliehen in den Geist
Und muß doch kranke Leidenschaften singen.
Der Eros (Platon nennt ihn einen Daimon),
Der Eros treibt mich um in dieser Liebe!
Die Leidenschaft treibt mich zum finstern Abgrund,
Ich muß hinab, weil auf dem Grund des Abgrunds
(Wenn es im Abgrund einen Grund gibt und
Nicht bloß die bloße Bodenlosigkeit)
Mein Kreuz steht, das mich Christus ähnlich macht!
Ich leide, leide unter meinem Leiden,
Bin elend, klage, heule, schreie, weine
Und weine trockne Tränen, und doch sag
Ich Ja zu diesem Leiden meiner Seele!
Ich glaube an die bittern Leiden Christi!
IX
Früh sterben! Nun bin ich bald fünfunddreißig
Und wehe mir, wo nehm ich Blumen her,
Wenn Fahnen klirren in dem Wind des Winters?
Mein Dasein scheint mir eine Agonie,
Ein Tag um Tag die schwersten Lasten tragen.
Oh, der Verzweiflung Hoffnungslosigkeit!
Führt Gott mich durch die Wüste dieses Daseins
Wohl eines Tages doch noch bis nach Elim
Zu Wasserquellen und zu Palmenbäumen?
Und werden da auch süße Datteln sein?
Und führt mich schließlich ins Gelobte Land,
Wo von der Weisheit Brüsten Milch und Honig
Mir strömen und die Riesenreben sind,
Weintrauben ewiger Glückseligkeit!?
Begeisterungen vorm erhöhten Christus,
Sie wurden mir ein einziges Gedenken
An den am Kreuze einst Gekreuzigten,
Doch meine Hoffnung ist der Kommende!
Lebt Christus jetzt - dann will ich ihn verzehren!
Ich dank dir herzlich für den Rosenkranz,
Mir eine Nabelschnur für mein Gefühl,
Mir eine Perlenkette meiner Sehnsucht
Und meines Wunschs nach mütterlicher Liebe
In diesen so zurückgewiesnen Tagen.
Ich bet nicht zu Maria, doch wohl manchmal,
Doch denk ich gern an ihren schönen Namen
Und freu mich auf die himmlische Begegnung.
Wer ist Maria mir in dieser Zeit?
Ich kanns nicht sagen, wills auch nicht versuchen.
Ich dank dir herzlich für das Kruzifix.
XI
Der arme Schreiber ist nicht Harlekin,
Ist nicht einmal ein armer Schreiber mehr,
Ist nicht ein Mensch mehr, sondern wie ein Wurm,
Ein Gras, das morgens blüht und abends welkt,
Ein Seufzer, ist ein Hauch und ist ein Staub.
Kreuzleutelein sind wir! Die schwarze Wolke
Schwebt zwischen Lamm und Sonne. Und da ist
Verwandtschaft mit dem Christus an dem Kreuze,
Da schmecke ich das süße Herze Jesu
Und finde ernsten Frieden in der Wehmut.
XII
Wir müssen uns bescheiden und uns noch
Am Unvollkommenen genügen lassen,
An den Fragmenten unserer Gefühle.
Die wahre Sprache, wahre Poesie,
Wo Schönheit eines mit der Wahrheit ist,
Die wird es einst wohl erst im Himmel geben.
Das Wesentliche ist das Leid, das Er ist!
Ich weiß nur, daß ich weinen möchte und
Mich betten in dem Schoß der Ewigkeit,
Der Ewigkeit, die unsre Mutter ist,
Die voller Ruhe ist, ein linder Hauch.
O Wall der Tochter Zion! Laß die Tränen
An Tagen und in Nächten niederschauern
Wie eines Stromes Fluten, gib nicht Ruhe
Und laß nicht stille stehn die Augensterne!
XIII
Ah, schwarze Schönheit. Wann ist meine Stunde,
Die Stunde, da das wahre Sein beginnt,
Die andre Menschen Todesstunde nennen?
Ich bitte Gott um einen frühen Tod,
Doch allem Selbstmord will ich widerstehen.
Ach, welche unselige Sehnsucht flieht
Doch immer wieder zu dem Traum des Todes?
Der Tod wär süße Gnade, wäre höchstes
Ausschütten göttlicher Barmherzigkeit!
Ach, nichts und niemand hält mich auf der Erde!
Die Besten werd ich sowieso vor Gottes
Gebenedeitem Antlitz wiederfinden,
Wo wir die wahre Liebe leben werden.
Doch hier ist alles so zerstört und wund!
Die Liebe selbst, der Abglanz Gottes, ist
Verwundet von Gefallenheit der Herzen.
Am Tage ist in Wahrheit tiefste Nacht,
Wir leben wie in dauerhaftem Winter.
Was ist denn da die Weihnacht? Auch die Weihnacht
Ward von dem Fürsten dieser Welt entstellt.
Trostloses Elend! Wer kann mich noch heilen?
Muß ich mit diesem elenden Gemüt
Den Rest der bittern Lebenszeiten welken?
Doch kenn ich Süßigkeit gebrochnen Brotes.
XIV
Ich ziehe mich ins Innere zurück.
Refugium sei meine Wohnung mir.
So wie im Bild von Leonardo, die
Madonna von der Felsengrotte, ists,
Ganz dunkel, nur ein Licht des Glaubens schimmert,
Einsames Leuchten, weltverlornes Glänzen,
Einsame Totenkerze auf dem Friedhof.
Die Einsamkeit der Mitternacht ist schwer,
Nur einsam kann ich diese Zeit bestehn.
Des Tages Taten schlagen schwere Wunden,
Kontemplation der dunklen Nacht ist Balsam.
So bin auch ich, wie du, von Nacht umgeben.
Du bist auch so ein einsam Licht der Nacht,
Zwar fern, doch nahe meinem Angedenken.
XV
Kreuzlämmlein, unter Tränen schreib ich dir,
In Tränen lösen alle Aggressionen
Mir gegen Gott sich und die Menschen auf.
Ich bin allein. Kein Mensch vermag zu helfen.
Ich suche keinen Trost bei harten Herzen.
Ich habe solche Sehnsucht nach dem Herrn,
Gott fehlt mir so, Gott fehlt so sehr, ich möcht
In Jesu Armen an dem Herzen Gottes
Ausruhen ewiglich und Frieden finden!
Doch Jesus hat beschlossen, mich zu lassen
Im Dornenland für einen weiteren
Verhassten Tag! Da such ich bei dir Trost,
Den Trost, daß es dich gibt und daß ich nicht
Allein bin, liebe Mitgekreuzigte!
Zu dir, Maria, rufen unter Tränen
Wir aus dem Jammerlande und Exil,
Zeig uns nach diesem Elend deinen Sohn!
Ich reimte gestern Nacht zehn Liebeslieder
An die Madonna, ach, ich wollte eine
Vollkommne Frau und Gottestochter lieben,
Die sich mein Liebeslied gefallen ließe.
Ich wundes Staubkorn bin in keiner Muschel,
Ich bin nicht im Marienschoß geborgen,
Ich bin ja nicht einmal bei Gott geborgen!
Ich bin verloren in der kalten Welt,
Einsam, allein auf dieser fremden Erde,
Wo keines Trostes Balsamstaude blüht.
Hab Dank, daß ich dir klagen darf, Geliebte,
In Christus ohne Leidenschaft Geliebte!
XVI
Ganz sein Martyrium annehmen ist
Gebot des Herrn. Die Mönche Irlands sprachen
Vom weißen und vom roten Marterzeugen,
Der weiße opfert seines Lebens Leiden,
Der rote opfert seines Todes Leiden.
Ja sagen wollen wir zu jedem Tag,
An dem wir opfern unsre Lebensleiden.
Dann wird der Herr uns eines Tags erlösen,
Uns schöngeflochtne Hirtenkränze geben
Ewigen Lebens in der Gottesliebe.
Lang, lang war meine Sehnsucht lichtes Glück,
Die Sinnenfreude in dem Garten Eden.
Nun will ich nur am Herzen Gottes Ruhe
Und Frieden finden. Ist das wahre Leben
Der Ewigkeit vielleicht wie Dunkelheit
Und tief erfüllt von Ruhe und von Stille,
Unendliche Geborgenheit im Schoß
Der Gottheit, heilige Geborgenheit?
Der Geist wird uns sehr sanft berühren mit
Der Balsamstaude aller Tröstungen,
Daß wir im ewigen Äon genesen
Und lernen, wahre Freude zu empfinden
(Die uns so lange unbekannte Freude),
Die wahre Freude, süß wie Jesu Herz,
Der Liebe Kommunion in Ewigkeit.
XVII
Daß du sie lieb hast, meine Poesie,
Das reicht doch schon. Ich denk an Leidende
Aus kommenden Geschlechtern, die im Gang
Durch irgendwelche Antiquariate
Eins meiner Bücher finden, sich zum Trost.
Sie kennen alle Shakespeare, aber wer
Kennt heute schon den guten Edmund Spenser
Mit seinen „Katzenjammer“-Klageliedern,
Doch mir ist er ein Segen mehr als Shakespeare.
Ich schreib für Einsame und Irrende,
Die ich mit meinen Versen segnen will.
Ob unsere Gedichte auch dereinst
Im himmlischen Jerusalem bestehen?
Ich bin so dankbar, daß ich lieben darf,
Dich lieben darf, dich nicht begehren muß,
Nur möglich durch die briefliche Distanz,
Sonst würde ich mich in den goldnen Flaum
Auf deinem weißen Schwanenarm verlieben.
Ach ich verfluchter Hund und armer Narr!
Dank, daß du fern bist, näher als die Nahen.
XVIII
Die Freunde Hiobs taten recht, bei ihm
Zu sitzen und mit ihm zu weinen, aber
Sie irrten, als sie ihm erklären wollten,
Warum das schwere Leiden ihn befallen
Und als sie Gott dem Leidenden erklärten.
Denn Gott ist nicht verstehbar. - Ausweglos!
Verfahren! Hoffnungslos! Ummauert rings!
Allein Gott in der Höh kann mich erlösen!
Ich bin zuende! Würde ich jetzt sterben,
Mich würde niemand finden. Wochen später
Dräng der Verwesungsstank aus meiner Wohnung.
Doch hätte ich dich liebgehabt, o Schwester!
Darf ich das sagen, du, daß ich dich liebe?
Es ist ja anspruchslos, nur ab und an
Erzähle mir von dir in einem Brief.
Zugrundegehende, Ertrinkende,
Im Totenreich Vergessene sind wir!
Fremd bin ich in der Welt, der Wirklichkeit,
Dem Dasein, nichts als Hauch und nackter Staub!
Wie soll ich überleben? Gott erbarm sich!
Was Dichter? Muß man denn so leiden? Etwa
So leiden, daß man Lobpreis dichten kann?
Erbarmen! Kann denn nicht Maria kommen
Und mütterlich mir meine Stirne streichen,
Auf daß ich Frieden finde! Ich bin müde,
Ich habe mich in Schlaf geschrieben, ach,
Der Worte ist kein Ende, laß mich dir
Nur sagen, liebes Herz, daß ich dich liebe!
XIX
Ach, gibt es keine Freude auf der Erde?
Nur Sehnsucht und verzehrendes Verschmachten?
Zu Gottes Seite ist die Wonne ewig!
Und Gottes Freundlichkeit ists, daß ich noch
Nicht ganz zuende bin. Ich fühle mich
Wie eine Flade an die Wand geworfen!
Jehowah machte mich zu Kot und Kotze!
In meiner Seele steht ein dunkler Garten,
Da wachsen Wermut, Schierling, Belladonna!
Oh wo ist Gnade? Vater in den Himmeln,
Erlöse uns vom Übel! Christus, gib
Mir deinen Frieden! Führ mich aus dem Tal
Der Tränen, daß ich schau dein Angesicht!
Ach, ich bin schwarz vor Finsternis geworden!
Ich würd dir gerne Schönes, Lichtes schreiben,
Doch du allein, mein Herz, wirst mich verstehen,
Den Menschen ist mein Innenleben fremd.
XX
O Gott, gib meiner Schwester Mut und Trost
Und die Gewißheit deiner Vaterliebe
Und viel Geduld in Trübsal und viel Hoffnung!
Das kleine Christkind an dem Christfest ist
Das Hoffnungslicht in dicker Finsternis,
So klein und doch so mächtig, meine Schwester.
Ach, mög die sanfte süße Mutter Gottes
Dich in die Beuge ihres Armes legen
Und mich daneben! Wären wir - ich Narr! -
Zwei Zwillinge, zwei Säuglinge, und du
An ihrer einen Brust, ich an der andern!
Gott lasse leuchten über dir sein Antlitz,
Messias gebe seinen Frieden dir,
Dein Geist sei in dem Schrein des Herzens Gottes!
Dein Körper sei bewahrt im Tabernakel
Des Herzen Jesu! süße, milde Schwester!
XXI
Mit tränenfeuchtem Angesicht Maria,
Die allersüßeste Madonna wandelt
Unendliche Welträume meines Herzens
So schön hindurch. Was weinest du, Maria?
Jungfräulich-mütterliche Lieblichkeit
Geht von den Schläfen hinterm Schleier aus.
Fließendes Licht ist die Gestalt. O, sie
Ist voll der Güte Gottes, denn sie trug
Das Heil und die Erlösung unterm Herzen.
Nun kommt die Mutter meines Herrn zu mir?
Wer bin ich denn? Ein dornenreicher Strauch,
Der da der Liebe Rose werden möchte;
Bin eine Wüste, will Oase werden.
O komm, du Schöne, komm, du Wundersanfte
Und lege deine Hand mir in das Haar
Und trockne mir mit deines Schleiers Zipfel
Die Tränen alle mir vom Angesicht!
Du Lächelnde, Misericordia,
Das Miserere der Misere höre,
O Lacrimosa, küss mir jede Träne
Von meiner Wimper ab! Milchmutter Gottes,
Laß mich die süße Milch des Trostes trinken!
Braut Gottes, schließ mich dicht mit deinen Armen
Ans Herz und küsse mich mit deinem Munde!
Auf dich ist lauter Anmut ausgegossen!
Gebenedeite Jungfrau, nimm mich auf
Den weißen Schwingen deiner Himmelsliebe
Hinauf ins himmlische Jerusalem,
Zum Lebensbaum und zu des Lebens Frucht!
Und rühre meiner Seele Saiten an,
Daß meine Harfe rauscht zum Ruhme Gottes!
DRITTER GESANG
DIE MADONNA VOM NACHTIGALLENBERGE
Das Herz, es liebt so gerne.- Und es litt
Am ersten Januar der Liebe Schmerzen,
Die unerfüllte Sehnsucht, die da glühte,
Unendliches Verlangen nach der Liebe!
Ich nenn sie Chawa, denn sie war das Leben,
An dem mir teilzuhaben war gewährt,
Und gleichermaßen hat sie sich verwehrt.
Das Wollen war die Wurzel allen Übels,
Des Willens Treiben und die Leidenschaft.
Die lieblichste Geliebte, Chawa war
So schön von Leib, so sanft in ihrer Seele,
Holdselig anmutvoll und liebevoll,
Mit süßer Stimme, süßer als der Sang
Des Hohen Liedes, eine Schullammyth.
O Winter! Dieses Bild vergeß ich nicht,
Wie sie mit ihrem Sohn Schneebälle warf
Und leichte Bälle ich zurückgeworfen,
Die Chawa im Gesicht zerstäubten, lachend
Die glühen Wangen dieser braunen Schönen
Und auf den Wimpern weißer Puderschnee -
O Schnee auf den gebognen braunen Wimpern!
O Mond um Monde ein Betören meines
Poetischen Gemütes - solche Schönheit!
Ich liebte sie als wunderschöne Frau,
Begehrte sie zu meiner Freundin, schrieb
Dornröschen von der Insel Baltrum ihr.
Tagträumend ging ich in den Abendstunden
Durch einen einsam-melancholischen Hain
Von hohen Kiefern in dem Nebelschleier
Und Schnee auf ihren dunkelgrünen Zweigen -
O Schnee auf ihren dunkelbraunen Wimpern!
Seit ich sie sah zum ersten Mal,
Kleopatresk, begehrt ich ihre Schönheit.
Ich sah sie bei Zigeunern an dem Feuer
In einem reinen weißen Seidenkleid
Und schlief mit ihr im gleichen kleinen Zelt,
Mit ihr und unsrer lieben Freundin Lilith.
Dann kamen sie in Nordens Einsamkeit,
Die langvertraute alte Freundin Lilith,
Die schöne Chawa mit dem kleinen Kinde.
Was für ein Anblick! und wie damenhaft,
Als sie die biblische Novelle las
Und fragte nach dem Weg der Gottesliebe!
Wir gingen an dem Deich beim Wattenmeer
Und sahen Störtebeckers roten Turm.
Von Bad Pyrmont, vom Hylligen Borne aus
Trat ich in ihren grünen Apfelgarten,
Da sie als junge Mutter weißgewandet
Und traurig auf dem Bette sitzend war,
Da pries ich ihre Anmut, ihre Schönheit.
Dann trat sie ein in meine Eremitage,
Der Niederlande Maler brachten Bilder,
Vom süßen Indien Colombine und
Den Harlekin von Japan, den erstand sie.
Welch schöne Frau! schrieb ich ins Tagebuch.
Im Maien letzten Jahres, Liebste, träumt ich
Von dir als einer Lilie an den Ufern,
Und Freunde waren da, und Freund und Feind.
O Liebe! nehmen wir Minervas Schild,
Der Pallas Banner, Amazonen folgend!
Doch riß michs hin. Ich will Vergangnes singen.
Ich will wie Wordsworth auf der Wanderung
Erzählen, mit den Jamben wandernd, wie
Die Liebe und das Leid der Leidenschaft
Im Jahr der Heiligen Pforte mich verändert
Und wandelt meinen Glauben. Christus sing ich,
Der Beistand war in aller Not und Trübsal,
Mein Tröster, meine Hoffnung und mein Schild!
Am Fels des Schicksals bin ich nachts zerschellt!
O Hoffnung auf den Himmel - sei mein Trost!
O Chawa, voll von dir mein Herz, da lernte
Ich Maacha kennen, welche lieblich war
Und mit mir in den Flug der Wolke schaute,
Gelatti mit mir schlemmte, in der Kirche
Lag ausgestreckt sie vor dem Tabernakel.
Im Schwarzwald gingen wir, da sagte sie
Mir vom Brevier, den Horen und den Hymnen.
O Sammlung im Gebet, wie bist du selig,
Der Unruhe des Herzens gibst du Ruhe,
Und doch sind Zeiten, da der Mund des Herzens
Versiegelt ist und ist nur noch ein Schrei,
Ein letzter Seufzer - o Herr Jesus Christus!
O sympathetische Sympathie, o Seelen,
Die ihr einander sucht und findet innen,
O Liebe unter Seelen, in den Träumen
Seid ihr im Paradies und in der Hölle,
Und Gott ist mächtig in den tiefen Träumen,
Wie Daniel gewußt in Babylon.
O Maacha in dem Maien an der Linde,
Die mir ein rotes Herz gab von Metall,
Das dauert. Schreiben wollten wir uns Briefe.
O ja, und dann die Telephongespräche
Vom Tränenden Herz auf einer Rinderweide,
Wie Kinder sangen wir uns in den Schlaf.
Du Schwarzwald-Zeit, da roter Mohn und Gras,
Die rote Anemone, Buschwindröschen
In Maienlüften süße düfteten.
O Mnemosyne, Herrin des Erinnerns,
Ein Angedenken, ein Memorial
Geschrieben ward, die Religion der Liebe.
O Abschied! Um Mariens Willen will ich
Von dem Idole Abschied nehmen und
Wie Goethe lehrt die jungen Dichter, mich
Zuwenden dem Lebendigen, dem Leben,
Und Chawa singen, diese rote Rose,
Und singen, wie mein Schmerz den Weg mir bahnte
Zum Kreuz, zur Wahrheit und zur Mutter Gottes!
Denn was ist Wahrheit? fragte Pontius
Pilatus, aber Wahrheit ist das Wort,
Ist Christus, der Gekreuzigte, Erstandne,
Das Brot der Welt, das allen Leben spendet.
So sind wir wieder angekommen in
Dem Januar des Jahrs Zweitausend, da
Die Schöne glühte, eine Weihnachtskerze,
Mit Schnee auf ihren feinen braunen Wimpern.
O Trunkenheit von Leid, o Liebesunglück!
Gebet, das trägt, das das Gewölk vertreibt
Der Schwermut, mit der niederziehen will
Der Dämon, aber Geistes Zungenrede
Gab Gottes Kraft, die reine Gottesgnade.
Sei meine Frau, Batsheva, sei du mir
Ginevra, meine Minnekönigin.
Vergeben ist der Haß auf Uriam,
Die Mordgedanken. O die Freiheitsträume,
In einem Liebesbund zu stehn mit Chawa,
Tagträume immer in dem Kiefernhain,
Daß sie sich trennte, daß sie käm zu mir,
Von ihrer christlichen Bekehrung träumt ich
Und betete für sie, für ihre Seele,
Daß sie das Herz aufschließe Gott,
Der da die Liebe ist. Ich stand in Liebe.
Erinnerung an süße Leiden, komm,
Um diesen bittern Schmerz der Gegenwart
Aus meinem wunden Herzen zu verscheuchen!
O Gott, ich wandte mich zu deinem Lob,
Ein Glaubensbruder sagte: Überwinde
Böses mit Gutem. Aber was ist böse?
Ihr wolltet immer lachen, tanzen, zittern
Und zucken, wenn der Geist euch überkam.
In China wollten wenigstens die Pfingstler,
Daß Kranke werden durch den Geist geheilt,
Dämonen ausgetrieben durch den Finger
Des Geistes Gottes, Tote auferstehen -
O Halleluja, Tote auferstehen!
Und das geschah in Wirklichkeit. Jedoch
In Deutschland wollten alle satt am Spaß sein,
Die Summe ihrer Weisheit war der Spaß.
Ihr Elenden, wie widert euch das an,
Wenn das Exil in diesem Tränental
Zu Tränen treibt, zu echten Herzenstränen,
Zu Weltschmerz, tränenreicher Bitterkeit.
Reichschwellende Tränen um die schöne Muse,
In dieses Blut der schwarzen Tinte tauchte
Die Muse ihre Feder, in mein Blut,
Das Blut, geschwitzt um einer Rose Dorn!
O Sinnlichkeit! Ich will mit trunknen Augen
Von deiner Torheit süßen Macht berichten.
Doch laß mich denken. In der Todesstunde
Sind aus dem Blut des Herzens aufgetaucht
Sixtina und die Venus von Urbino.
Maria Magdalenas Epopee
Gab mir das Bild der Venus von Florenz.
In Dome von Siena steht in Marmor
Maria Magdalena, mancher meinte,
Daß dieses eine Aphrodite wäre.
Die Aphrodite von der Insel Zypern
Rief einer an: Olympische Madonna,
Maria Aphroditissa du von Cypros!
O Glück, wo find ich dich? Im Unglück find ich
Das Glück, und in dem Glück find ich das Unglück.
Unglückliche sind glücklich, Glückliche
Sind Liebende, unglücklich Liebende,
O seliger Schmerz, o süße, süße Pein!
O laß mich meine Leiden lieben, Chawa,
Daß deine Wimpernspitzen mich durchbohren
Wie eine Perle für den Rosenkranz,
Und ziehe mich auf eine feste Schnur
Und häng mich zwischen deine Dattelbrüste!
Ich kann von dir, o Chawa, singen nur
In trunknen Dithyramben deiner Schönheit
Undnendlich hoheitvollen Lob und Preis.
Ich weiß ein Thema nur noch: Meine Liebe,
Da Geben seliger denn Nehmen ist.
Und trunken bin ich sehr vor wilder Liebe,
Bin deiner Liebe endeloser Traum,
Bin Hoffnung - O du holde Hoffnung, komm!
Verlaß mich nicht, o Gütige, o komm,
Geschäftige, du Hoffnung auf die Schönheit,
Die Hoffnung auf die eine wahre Liebe!
Ich bin berauscht von meinem Blut und Tränen,
Vom Dorne deiner dornenlosen Rose,
O Schönheit, die du meiner Seele Qual
Und selige Glückseligkeit mir bist!
Wie war ich tränentrunken, trauertrunken,
Vom Weine trunken und von der Musik
Und von der Kerzenflamme deiner Schönheit!
Wie war ich trunken und in Not versunken
Und todestrunken - da das ewige Leben
Beseligung in alle Ewigkeit
Und meiner Liebe Garten Eden ist!
Ich hab in dieser Zeit den Salomo
Im Prediger der Weisheit oft gelesen:
Die Bitterkeit hat Bitterkeit geheilt.
Da war es alles eitel, alles nichtig,
Da war es alles Windhauch, Luftgespinst,
War alles Haschen nach dem Winde nur
Und Schmachten meines Geistes, ach! vergeblich!
Da war die Wonne aller Menschensöhne,
Die Frau, die Frauen, ja, ein Frauenharem,
Auch aller Saitenspiele schönste Freude,
Und doch war alles Hauch und Nichtigkeit.
Um mich zu wahren vor dem bittern Leid,
Erklärt ich den Verzicht zu dem Prinzip,
Daß mir mein Glück des Lebens sichern sollte;
Verzicht auf Chawas Gegenwart, Verzicht,
So weh er tat, zum Guten doch gedacht.
Das ganze tobende Begehren sprach
In Don Juan, Bathsheva und Ginevra -
O Lancelot, wie rührtest du Ginevra
Am Teich der silberseidnen Weidenbäume!
Und Buße Lancelots und Huldigung
Der Nonne, lebend in dem Apfelgarten.
Batsheva wurde eine Königin
Und eine hoheitvolle Dame, die
Auf einem königlichen Throne saß.
Ich liebte David sehr und Salomo
Und wollte lieben, wie die Weisen lieben,
Und folgte ihnen nach in ihrer Torheit!
Die höchste Weisheit ist wie eine Torheit,
In Sünden, Irrtum und in Fehlverhalten
Bricht Bahn sich doch der Weg des Allerhöchsten,
In Liebestrunkenheit, in Wahnsinn, Schmerz,
Bricht Bahn die Liebe sich als Liebe Gottes.
Und wenn ihr wollt, so ist es nicht platonisch,
Es ist nicht ohne Sinnlichkeit der Sinne,
Denn sie ist Inbegriff der schönsten Schönheit,
Ist eine Peri in der Houri Leib,
Ein Engel in dem Körper einer Venus,
Ausbund an Tugenden in höchster Schönheit,
Verklärt erscheut den Leib der Dichter schön
Und ihrer Seele ewige Seligkeit!
O Preis der Seele! ihrer neugebornen
Und tugendhaften Reinheit, ihrer Liebe,
Der Sanftmut und der Güte und der Wahrheit,
Und ihrer Sehnsucht nach vollkommner Liebe -
Das Hohelied der Liebe der Korinther
Bestimmte sie zu dem Gesetz der Liebe!
O laß mich schwärmen, laß mich, Mnemosyne,
Erato singen, Lieblichste der Musen!
Und wird das Augustinische Bekenntnis
Zu der Ecclesia Catholica
Mir auch nichts anderes als Liebeswahnsinn -
O Gott, so sagte meine Muse heute:
Die Liebe und die Liebe, sie sind Eine!
Wie meine Oma Milch mit Kirschen machte,
Wie sie am Nachmittag zum Tee mich lud,
So war jetzt Chawa Erbin meiner Oma.
Und wie ich meiner Oma eine Rose
Mit dem Gewehre auf dem Jahrmarkt schoß,
So schoß ich Chawa eine rote Rose.
In ihrem müden, trauervollen Antlitz
Sah ich die lieben Züge meiner Mutter.
Wie meiner erste Kindheitsfreundin war
Das ganze China dein geliebtes Reich.
Wie meiner ersten träumerisch Begehrten
Warst du der Schmetterling am Falterflieder.
Wie meine erste Herzensfreundin warst
Du die Gefährtin mir von Tee und Düften.
Und warst die Erbin aller meiner Lieder
Und einzige Geliebte meines Herzens.
Ich wollte doch erzählen, Mnemosyne.
Was war denn, als der Frühling anbrach? Glück!
Ich liebte sie, ich sagt ihr meine Liebe,
Sie war Aleppo mir, Dammaskus mir,
Ein Rosenquarz und ein Flakon Suleikas,
Akanthusblätteriger Amor und
Gazelle mir von Eden und von Ur,
O Dattelfeige du des Paradieses!
Du, Chawa, du bist Eva in Natur,
Die neue Eva bist du, wie ich seh,
Holdseligschöne, anmutvolle Frau.
Wie spielt das Licht mit deinem Angesicht!
Die Kerze spiegelt ihre Glut an dir,
Gewoben von dem Fleiß der Honigbienen,
Die Abendsonne legt den goldnen Schein
Verklärend und vergoldend auf dein Antlitz,
Im süßen Licht des Maiensonnenscheines
Strahlt dein Gesicht wie ein orangner Mohn,
Du Sonne meines Lebens, sieh, ich bin
Dein Mond und spiegle deines Lebens Licht!
Ich schreib dir nicht prosaisch, reihe nicht
Dein Lob in alltäglicher Nüchternheit,
Ich bin Poet, ich bin Poet, der deine,
Der nur von heißer Liebe weinestrunken
Die Hymne singt dem Schoß der Morgenröte!
Und doch, weil du, Erato, mich
Mit fortreißt, frisch lebendig wie die Quelle
Kastaliens, möchte Calliope singen
In epischen Perioden lang hinab
Wie Chawas hennabraune Lockenfluten!
Da ruf ich Mutter Mnemosyne an,
Die dunkeltönende Mutter aller Musen,
Daß sie vergegenwärtige mir alles
Was ich am Hang des Helikon erlebte,
Als lieblichste Erato um mich war -
Noch ist sie um mich, lieblichste Erato!
Und so, o Muse und o Genius,
Sei aus Vergangenheit und Gegenwart
Mein Lied gemischt, Bekenntnisse der Liebe!
Heut ist es so: Ich liebe Eine nur
Und niemand sonst, wie die Muslime sagen,
Die Trunkenen von Wein- und Liebesfeuer.
Ach, kaum ertrag ich euch, ihr andern Menschen!
Und nur, wo ihr von meiner Einen habt
Ein Etwas, einen Anhauch, o ihr Frauen,
Insofern nur vermag ich euch zu schätzen.
Ihr alle seid so zauberhaft mir nicht
Wie die, die heut den Gürtel vor mir band,
Ich meine meines Lebens Aphrodite,
Holdselige Magd, die Minnekönigin!
Ich denk bei ihr an Steinidole und
Die Venus von Florenz und Willendorf,
Granatenapfel aus dem Garten Eden!
Eva von Eden! meine Neue Eva!
O, alle Musen aller Dichter rief ich
Und ohne Hierarchie, nur alles Liebe,
Ich sang sie Lesbia und Diotima,
Pancharis Shakespeares, Celia Ben Jonsons,
Ich sang sie Fanny von Endymion
Und Heidée Don Juans, die Reizendschöne,
Ich sang sie Daphne, Laura von Petrarca,
Ich sang sie Hatems reizende Suleika.
Ein Wort, Geliebte, als dein Dichter dir,
Wohl hab ich die Empfindsamkeit von Klopstock,
Der den Messias und die Seelen sang,
Wohl hab ich eine Königin wie Dante,
Wohl hab ich Feurigkeit wie San Juan,
Wie er zum Schöpfer hatte, zum Geschöpf,
Und im Geschöpf zum Schöpfer hab ich Liebe,
So hoch sie alle stiegen in der Kunst,
Als Schutzpatrone meiner Dichtung ruf
Ich David und den weisen Salomo!
In ihnen hat sich Christus selbst verwirklicht,
Der Erz-Poet - und wir sind sein Poem!
Du bist ein allerlieblichstes Poem,
Du Wunderwerk der Schöpfung, wie ich fühle!
Nie sah ich solche sanfte süße Seele,
Ich send dir liebend meinen Engel zu,
Und nie bisher sah solche Schönheit ich,
In jeglicher Faszette faszinierend -
Nun gar die sympathetische Sympathie!
Denn sympathetische Sympathie ist Liebe!
Ein jedes Lied, hier die Erinnerung,
Nehm Gott der Schöpfer als Gebet für dich.
Ich will dich glücklich sehn, dich sehn glückselig,
Glückselig will ich dich erschaun, Geliebte.
Wir Dichter nennen dich des Gartens Houri,
Himmlische Eva du vom Garten Eden,
Und Magdalena dich, die ging im Garten,
Die der Messias vor den andern liebte,
Holdselig-anmutvolle Gnadenreiche,
Wir rufen dich, o Jungfrau und o Mutter!
O Jesus, zum Poeten bin geschaffen
Und inspiriert von deinem Genius,
Doch in der Vielfalt aller Poesie
Hast du doch auch prophetische Berufung:
Dein Lob soll ich verkünden, deiner Liebe
Lobpreis in Freude und in Liebesleid.
So machst du jetzt unglücklich-glücklich mich,
Daß ich von deinem Ruhm und Ehre künde.
O tränenreiche Zeit der Liebesleiden,
Wie war der Name Jesus eine Tröstung,
Der Geist als Beistand war die Tröstung mir,
Getröstet war ich als ein Kind des Vaters.
O Bitterkeit der salzigen Meeresfluten!
Nun, da die Süßigkeit des Gartens Eden
Mit Milch und Honig meine Seele füllt,
Kann ich euch nicht mehr singen, wie ich damals
Euch sang, bereit zum endlichen Verzicht,
Zur müden Resignation der Stoa und
Zum Schicksalsbrunnen bei der Weltenesche
Und zu der Musulmanen Fatalismus,
Zur pietistisch-orthodoxen Mystik
Und zum katholischen Quietismus schließlich.
Ihr, die ihr fleischlich seid gesinnt und weltlich,
Die ihr den Namen eines Christen tragt,
Nicht nur die Geißelstriemen in das Fleisch
Sind Leiden um des Christus Leiden willen,
Auch alle Peinigungen unsrer Seele,
Die wir in diesem Jammertal erleiden,
Sind Anteilhabe an den Leiden Christi,
Wenn wir das Leid mit Gottvertrauen tragen.
O wehe, wehe über Deutschlands Männer,
Die ihr nicht ehrt die holden Frauen Deutschlands!
Ich kenne eine Deutsche, blaue Blume,
Die ist der wahre Ruhm des guten Deutschland.
Ich rühme sie vor Damen Heidelbergs
Und send ihr Lob den Paderborner Nonnen.
Ich schwärm von ihr beim Weine den Baptisten
Und werde zornig, wenn Sektierer gar
Bemakeln meine makellose Herrin!
Ich jedenfalls will für sie beten, Jesus.
Mein Jesus, meine Liebe reißt mich hin!
Ich danke ihr die todestrunknen Schmerzen!
Ich habe einmal an den Tod gelitten
Und selige Glückseligkeit gefunden
In Liebe zu dem Ideal der Jugend.
Ich hab ein andres Mal den bittern Kelch
Getrunken bitterlichster Liebesleiden
Und Tränennächten voller Todessehnsucht.
Ich dank den beiden gottgesandten Frauen,
Ich danke Mahalat für meine Schmerzen,
Ich dank für meine Schmerzen Chawa ganz,
Denn ihre Schmerzen machten mir das Jahr
Zweitausend zu dem Heiligen Jahr der Kirche.
Fürwahr, Geliebte, heute fragtest du,
Warum ein Heiliges Jahr das Jahr Zweitausend?
Der Vater und der Diener aller Diener
Und Stellvertreter Christi tat die Pforte
Den Fegefeuerseelen auf zum Himmel,
Da rechts der orthodoxe Bischof saß
Und links der Bischof auch der Protestanten
(Wenn wir von den Sektierern einmal absehn).
Und mir, und mir, Geliebte, war dies Jahr
Ein Heiliges Jahr, weil ich im Fegefeuer
Geläutert ward, in Flammen meiner Liebe,
Da ich an Bitternis, Verlassenheit
Des Herrn, Gethsemane und Golgatha,
Teilhatte durch das Weigern deiner Liebe.
Von meinen Liebesleiden, Seelenschmerzen,
Selbstmordgedanken, tränenreichen Nächten,
Beglückt ich mich in der erfüllten Liebe
Des selbsterfundnen Ideals der Jugend,
Ergoß mich in Erinnerungen nächtens,
Erinnernd mich an Wahnsinn und an Tod,
An Petrus und Maria, Christi Kreuz,
Und Jesu Tränen waren meine Tränen.
Dich, Edmund Spenser, preise ich von Herzen,
Ich will mich in die Fairy Queene versenken
Und Ritter sein der Reinheit und der Liebe
Und leben einstmals in Adonis’ Garten
Mit Florimell, dem Inbegriff der Schönheit.
Nachahmung, ja, ist Poesie, so sagte
Schon Aristoteles, ich aber sage
Mit Hesiod, daß der Gesang der Musen
Der Quell ist aller wahren Inspiration.
So schaue, Dichter, auf zu deinen Musen
Und wähle Eine dir zum Ebenbilde
Und preise Allah in Suleikas Liebe
Und ehre sie wie eine Heilige
Und in der Königin der Heiligen
Geliebt find deine Herzenskönigin,
Dann sende deinen dichterischen Geist,
Die schöne Himmlische an deiner Seite,
Zur Nacht an deiner Muse Ruhelager
Und anempfehle ihre Seele Gott!
Euch Dichter wollt ich prisen, da gedenk ich
Des lieben Freundes Goethe, Deutschlands Vater,
Die Blüte der Kultur der deutschen Lande,
Des Minnesangs Erzvater, dessen Weisheit
In vielen bittern Tränen war ein Trost.
Des Werther Leiden waren meinen gleich,
Ich liebte Lotte, Lotte liebte Albert.
Dämonen überfielen mich wie Faust,
Das Gretchen oder Margarethe liebt ich
Und war zugleich verliebt in Helena,
Da kam Maria Gloriosa in
Mein Leben. Der Romantik König dank ich,
Denn da versenkt ich mich in die Romantik.
Ich las die ersten Teile aus dem Godwi,
Mich lockte Josef Eichendorf zurück
Ins Land Italia zu Colombine.
Oh, mühevoller Abschied, Colombine,
Wenn du nicht gar Aurelia mir warst!
Fürwahr, ich folge nach dem Rat des Geistes,
Dem Rate Goethes an die jungen Dichter:
Hängt nicht Gedanken eurer Trauer nach,
Preist das Lebendige, das Lebende,
Getrost schaut in die Zukunft, sie ist Gottes.
O Goethe, auch im Alter noch zu lieben,
Das ist der Weg der Abischag mit David.
Ihr Lotterbuben weltverliebter Sekten,
Ihr träumt nicht von der engelhaften Liebe,
Da engelgleich die schöne Abischag
Den alten Dichter David hold beseligt,
Der immer er die Frauen innig liebte
Und auch von brennendem Verlangen wußte.
Du kannst mich wohl verstehen, David du,
Und du, o Salomo, verstehst mich auch.
Ich glaub daran, ich preis euch selig, heilig,
Vertrau auf euren Rat und guten Beistand
In allen Dingen meines Lebens und
Des von der weißen Glut der Liebe Dichtens.
Ihr möget meiner Dichtung Weihrauch schütten
Auf Gottes heiligen Altar der Liebe -
Denn mein Gott weiß, daß ich in Flammen stehe!
Ihr Dichter, o ich liebe euch, ich wollte,
Daß eure Herrlichkeit geheiligt würde,
San Juan preise ich, den Dichter Spaniens,
Und Ephraem den Syrer. Alighieri,
Petrarca preise ich, Torquato Tasso
Und dich, Camoes, reich an Liebestränen,
Der du die Schönheit auch des Alters kanntest.
Anrufen wollt ich dich, o Vater Goethe.
Sizilien bekränzte Lauras Sänger,
Der Heilige Vater spreche Dante selig.
Und voll Gefühls, ihr lieben guten Freunde,
Seid um mich her als ein Gewölk von Zeugen,
Erscheine Schneider mir und die LeFort,
Ich preise auch Péguy, den Sänger Evas!
Ich schreibe eure Namen auf die Fahnen,
An deren Saum altmodisch eingestickt
Die Namen Rilkes sind und Hölderlins.
Wie anmutvoll und voller Seelenhoheit
War Diotima, war Suzette Gontard,
Und welche Mystik hatte Salome
Reimreichen Dichter Rußlands eingegeben.
Wie schwer ist es, Vergangenheit zu singen,
Wenn alle Gegenwart so voll der Liebe.
Geliebte, du hast mich zum Katholiken
Der allgemeinen Liebe umgeschmolzen,
Durch Blut und Tränen, Feuersturm und Glut,
Durch alle Sünden meiner Leidenschaft
Und deine makellose Adelkeit,
Durch deine Reinheit, deine Seelenhoheit
Und deine nie veränderliche Liebe.
Ich danke, danke dir von ganzem Herzen!
Du weißt es gar nicht, was du mir erwirkt
Durch die Verdienste deiner Tugenden.
Ich selbstverliebter Dichter darf dein Spiegel sein,
O laß mich fleckenlos, kristallen sein.
Methymna starb. Da griff ich als zur Bibel
Zum Buch des Gotteslobs der Katholiken.
Nicht nur, daß ich darin den Kreuzweg fand,
Ich fand Maria auch, die reine Jungfrau,
Die Schwester, der Methymna ich verglich.
Venetia in Jonsons Elegie
Und Dante Alighieris Beatrice
Vergleichbar ging die Jungfrau herrlich ein
In einen Himmel in Marien Schoß.
Drei Nächte lang in todestrunknen Flammen
Gedacht ich seliger Glückseligkeit
Und eines Bildes jungfräulicher Anmut
Und tiefer gläubiger Holdseligkeit.
Ich seh in dir, Geliebte, deinen Engel,
Seh deines Geistes Genius, den Kern,
Den Seelenfunken deiner reinen Seele,
Dein gottgeschaffnes Ich, wie Gott es sieht:
In allerheiligster Vollkommenheit!
Kein Wunder, daß der trunkne Dichter stammelt
Und dich des Paradieses Houri nennt.
Und wenn wir neigen, wie die Freundin sagte,
Zum Götzendienst - Sei du allein mein Götze,
Und laß dich finden, Lieb, im Herzen Gottes!
Aus dem Ägyptenland der Abgeirrten
Hast du mich ins Gelobte Land, nach Rom
Gerufen, und Maria ging voran,
Die Maienkönigin, die sie mich rief,
Die sie zur Marianischen Minne rief.
Als Gott die liebe Eva schaffen wollte,
Da übte er mit lilienweißen Lilim.
Methymna, Maacha, Mahalat, ihr waret
Der marianischen Minne reine Spiegel,
Darin ich meinen Spiegel läuterte,
Den mir die ungeordnete Begierde
Und manche falsche Lehre mir befleckte
Vorzeiten, und noch heute, ach du Liebe,
Wird manchmal meines Mondes Silberspiegel
Vom Meer der Leidenschaften angeschäumt.
Dein Spiegel will ich sein, der Sonne Mond,
In deinem Lichte seh ich Gottes Licht.
Zur guten Nacht - o Muse, du bist müde -
Will ich dein Angesicht beschreiben, wie
Ich heute deine goldne Schönheit sah.
Du saßest so voll Ruhe, voller Träume,
Mit einer unbeschreiblich holden Melancholie,
Vor deinem Fenster, das zum Garten ging,
Auf deinem Sessel - Madonna auf dem Sessel!
Da sah ich zu von meinem Andachtswinkel,
Wie Chawa in den roten Abend schaute.
Gut Nacht, du liebe goldne Sonne, sinke,
Und mütterliche Nacht, in deinem Schoß
Erquicke ihre Seele sich, die schöne.
Dies sind Bekenntnisse der schönen Seele,
Die schön geworden ist durch Ihre Schönheit!
Und Gott ist gut, ich will ihn bitten, daß
Er diese Liebeshymne annehm als
Ein Liebesopferwerk für ihre Seele:
Gott geb ihr ewige Glückseligkeit!
Zur Krücke nahm ich mir den Biblizismus
Und hoffte auf das Himmelreich dereinst,
Da Leid und Tod nicht mehr und alle Tränen,
Ansonsten ging es in dem Jammertal
Mir Hiob gleich in seiner Bitternis
Und Hiobs Freunde waren meine Freunde.
Doch fand ich auch schon Trost in Schneiders Kreuz,
Der Anteilhabe an den Leiden Christi,
An seiner Trauer von Gethsemane,
An seiner Gottverlassenheit am Kreuze -
So ward auch ich gekreuzigt um Christi willen.
Da schien mir Gott ein ferner kalter Götze
Und gegen diesen Götzen stand allein
Der Christus, der Gekreuzigte allein,
Und Christus der Gekreuzigte war Gott
Und in dem Herrn war Gottes Gnade da.
O schmerzensreiche Gnade, bittrer Segen!
Gethsemane und Golgatha allein
Und Hoffnung auf den Himmel war mein Schrei.
Da dacht ich an die sieben letzten Worte,
Kreuz-Jesu-Litanei war mir im Herzen
Und fern, fern die Gestalt der Schmerzensmutter.
Und Maacha schrieb mir einen lieben Brief,
Die ihre heimische Kapelle nannte
Gethsemane. Sie gab das rechte Zeichen,
Sie litt dasselbe jener Zeit wie ich,
Wenn sie nicht tiefer litt. Sie hab für mich
Barmherzigkeit und schwesterliche Liebe.
Laßt immerhin den Dichter leben, laßt
Ihn leben und das Lied der Liebe singen!
Und Chawa war wie eine reife Mango,
O Mundes Dattel und o Schoßes Feige,
Gezuckert und gescfhnitten reicht sie Pflaumen
Und eine Pflaume teilt sie für den Dichter
Und eine Mango schält sie dem Poeten,
Beim Mahle ist sie eine Paprika
Und pommes de paradis sind auch dabei.
Die Aphrodite von Südoldenburg
Läßt an dem Saume goldne Schellen klingen
Und tanzt mit einer Perlen an dem Nabel
Und Zimbelklang verschleiert einen Tanz
Mit bloßen Füßen in dem grünen Gras.
Aus ihren langen braunen Zyperlocken
Falln purpurrote Granatapfelblüten
In Schnee von schimmernden Magbolienblüten.
Sankt Josef ist der Schutzpatron der Dichter
Und Zimmermänninnen und Zimmermänner,
All die da Stanzen zimmern und Kapellen,
Raffaelitische Madonnenbilder,
Die Venus auf dem Sessel porträtieren
Mit einem kleinen losen Flügelknaben.
Auch Jesus war ein kleiner Zimmermann,
Tontauben tröpfernd, Hühner auferweckend
Und seinen alten Meister unterweisend.
Sankt Josef schaute es dem Sohne ab
Und schaute immer an das Ideal
In der poetischen Sankt-Josefs-Ehe,
Zu Diensten stehn der Jungfrau Heiligkeit
Bewirkt auch für den Diener Heiligkeit.
So schaun Poeten ihre Musen an,
Die unberührbar sind und ideal.
Ihr Töchter von Jerusalem, preist mir
Die Braut, die Lilie, die geliebte Taube,
Was ist an ihr, das mich so sehr verzückt?
Ihr aber wollt nicht preisen? Schweigt sodenn!
Denn nur wer in dem Hohen Lied der Liebe
Sein Leben singt, ist Gott ein Wohlgefallen,
Denn Schullammythe ist Marien Gleichnis!
Sankt-Josefs-Ehe du für sieben Tage!
Als wir in unsrer kleinen Bleibe wohnten
Im Kiebitzhäuschen, wo dein lieber Sohn
Versunken lauschte alten Seemannsgarnen
Von lieben Trollen in den Wäldern und
Von bösen, und vom letzten Sieg des Guten.
Sankt Josef war ein strenger Mann, aus Liebe
War er gestrenger väterlicher Herr,
Der Jesusknabe war ihm untertan.
Und Josef fabelte eintausend Märchen,
Vom langen August und der langen Anna,
Von keuschen rosa Heckenrosenblüten,
Den violetten Hagebuttenkelchen,
Daraus Dornröschen mit dem Prinzen trank.
O Blaue Blume auf der Kindheit Insel,
Im weißen Sonnenlicht, am weißem Strand,
Wie ein herabgefallnes Bild von Stein,
Von dunklem Stein, du Ebenbild des Schöpfers,
So saß die schöne Chawa, lächelte
Und sprach vom Liebesleide Jonathans,
Der Möwe, die da unter Muscheln hüpfte.
Wir gingen an der Düne sanftem Gras
Und auf dem warmen weißen feinen Sand.
Fasanenweibchen schauten scheu uns an,
Kaninchen huschten zu der Hochzeit Kanas,
Im Kiefernwäldchen voller Urgefühle
War ich mit meiner Kindheit eins.
Beinahe hielten sie die Händchen, als
Gemeinsam sie den Bollerwagen zogen,
Sankt Josef und die heilige Maria,
Den Jesusknaben auf dem kleinen Karren.
O Muschel von Atlantis, o Palast
Von Bernstein, Tränen unsrer lieben Vrouwe,
O Sonnenuntergänge golden glänzend
Und Herzensweihungen an Jesu Herz!
Mein Gott, o Vater, wie erlöst war ich,
Als ich da wieder deine Liebe fühlte
Und beten mochte, Unser lieber Vater,
Und einen Rosenkranz improvisierte.
Ja, wundervolle Jungfrau, Tochter Gottes,
Den ersten Rosenkranz in meinem Leben
Hab ich um Chawa seufzend dir gebetet
Zur Nacht allein auf meiner Kindheit Insel,
Da Chawa nahebei im Bette schlief.
Bei Sankta Eveline! Ich liebe Chawa,
Wie Eva in das Paradies gestiegen,
Wie Eva aus dem Traum des Mannes stammend,
Wie Aphrodite aus dem Schaum geboren,
Als Liebe Frau, als mütterliche Freundin,
Als Nymphe mit dem lieben Lämmelein.
O Gärtnerin, o stille Sünderin,
Du holde Minnerin der Liebe Gottes,
Du in der Taufe mit dem Mal Besiegelte!
Allgegenwärtige, wie reizt du mich,
Betörst du mich mit deiner Zauberkette,
Der Pyramide mit dem Einen Auge,
Auch gottgeweiht, auch über alles Wissen,
Du Blume und du Frucht des Lebensbaumes!
O blühe auf! Die Sonne meiner Liebe
Und meiner reinen Liebe Mondenbalsam
Soll deine Wunden heilen; laß mich sein
Der Engel, der dem Herrn die Füße salbt,
Ich will dich überschütten, Lieb, mit Salbe!
Sieh, ich bin Magdalena, Sünderin,
Und du, o Lieb, du bist mein Christus mir!
(Die Zungen singen süßen Weines trunken.)
Es steht geschrieben von der Nymphe Glorie
Im einundzwanzigsten Kapitel der
Johannesoffenbarung, Lammes Braut
Und Hagia Jerusalem ist sie,
Die da herniederkommt aus allen Himmeln -
Und in ihr seh ich sie, die Vielgeliebte!
Das sieht ein liebestrunkner Dichter nur,
Ein Madschnun und ein Hölderlin im Turm.
Im Wein die Wahrheit, weinestrunken sing ich,
Wie Diotima auf der Insel Baltrum
Von absoluter Liebe sprach und Treue
Bis in die Träume, und von der Verzweiflung,
Daß alle Männer ohne Treue sind.
Gott segne dich! - Gott segne dich! - so grüßen
Die Liebenden einander in der Nacht.
Du standst geschnitzt aus dunkelblauem Holz,
In dunkelblauer Nacht am dunklen Meer,
Die Haare auf die Schulter fallend lang,
Die Hände vor der Brust verkreuzt und traurig,
Ich weiß nicht, ob es Anadyomene
Im Leiden um den lieblichen Adonis,
Ob es Madonna Pieta, Maria
Von Magdala im Leiden um den Herrn?
Und alles blau wie eine blaue Blume,
Die Blaue Blum von Baltrum mit dem Kinde!
Die alte Mutter mit dem Schmerzensantlitz
Sah viele sterben, Schönheitsköniginnen,
Großmütter auch, und in der Todesstunde
Ist sie ein sichrer Beistand. In dem Lichte
Des Lebens schwebt voran sie als die Jungfrau,
Die starke Frau, Heerscharenführerin,
Als Magd und Schwester und des Lämmleins Nymphe!
Das blaue Leinenkleid an weißen Beinen
Hat sie ein wenig aufgeschürzt und ging
Vom Strand ins Wasser, da ihr kleiner Sohn
Im Wasser spielte, badete und jauchzte,
Der Wonneproppen mit der süßen Mutter
Und mit dem weisen alten Mann als Vater,
Der ansah Sie: Holdseligkeit der Güte
Und süß, daß eine Honigbiene stach
Und Amor ließ zurück den süßen Stachel.
Und in der Nacht allein ging ich ans Meer
Und lauschte dem Gebrande dunklen Meeres,
Den Wellenbrechern, Meeres Donnerrollen.
O Einsamkeit, o Nacht, o laute Stille,
O fernes Licht vom Leuchtturm übers Meer,
O Stern am Himmel, o des Meeres Stern!
In Schicksalstafeln wollt ich lesen da
Und las von Schmerzen und von Einsamkeit
Und Frauenliebe und von Gottes Gnade.
Die reine Seele, sie ging nachts zu Bett,
Die stille Träumerin am Frühstückstisch,
In allem schönes, anmutvolles Mädchen,
Ist meiner Augen schönste Augenweide
Und voller Schönheit meinem Herzen Labsal.
Geliebte, meine Muse, möge dir
Mein Engelin die Liebesverse schreiben
Mit Balsamöl in deine tiefen Träume!
All-Einzige Geliebte! Schlafe schön
Und träume süß vom bunten Blumenmantel
Der Allgebenedeiten, Vielgeliebte!
Marie, ich grüße dich, du Meeresstern,
O trauff aus Baltrums blauer Blume Tau
Und schütte Segensströme Balsam aus,
So niederflutend wie ihr langes Haar.
Mohnbraune Nacht breit um sie, süße Träume,
Und den Genuß der Huldigungsgesänge,
Die mir von ihrer Würde eingegeben.
Die köstlichsten Entzückungen der Seele,
Erkenntnisse der allgemeinen Liebe
Gottes sei dir als Segen zugedacht.
Und in der letzten Nacht der Baltrumtage
Gedacht ich der ägyptischen Maria
Und eines angefochtnen Eremiten.
Das war die erste Nacht des Rosenkranzes.
So hatte Chawa, die beseligende
Leidbringerin, durch Liebesleiden mir
Gebet zu Liebesheiligen gebracht.
Noch war das Volk nicht im Gelobten Land,
Da irrte Israel auf Wanderungen
Und aß doch schon vom Himmel Himmelsbrot,
Schaubrote Davids für die Männer, die
Der Frauen alle sich enthalten hatten
Und bitteren Gemüts und Herzens waren,
Schaubrote, süße Brote der Verbannung;
Wie erst, wenn wir im Schoß des Tempels Gottes
Das Hochzeitsmahl des Gotteslamms begehen!
Ich zeug in deinem Herzen, o Geliebte,
Die du durchs Ohr empfängst das reine Wort,
Das von der allgemeinen Liebe spricht
Und unsrer Liebe Gott ist Einer nur,
Das fleischgewordne Wort der Liebe Gottes,
Und es ward Fleisch und wohnte unter uns,
Wir haben diese Herrlichkeit gesehn
Und auch mit unsrer zarten Hand berührt.
Ich kenn nur Einen Götzendienst, den Dienst
Am Götzen meiner Liebe, liebster Abgott,
Komm, loser Flügelknabe, flieg herbei
Und bohre deinen Stachel in ihr Herz,
Den du in Honig vom Hymettos tauchtest.
Ich schwamm auf Wogen der Musik, der Song
„I wish this kiss would last for ever“ trug
Mich auf den lichten Flügeln schöner Liebe
Und wunderbarer Minnesympathie.
Das Kleid der braunen Königin von Saba
War zauberhaft wie Chawas Sommerkleid.
Die transparente Seide floß so leicht
Um deine kleinen hübschen Frauenbrüste,
Die Schultern waren frei, die schmalen Träger,
Spaghettiträger schob der kleine Amor
Ein weniges zur Seite, neckisch lachend,
Und Chawa ganz natürlich, aber ich
Sah alle Blätter fallen dieser Blume,
Die edelsteinern-bunten, glitzernden
Aus einem Spiritus von Stofflichkeit.
Es nahte meiner Seele eine Schwester
Vom Kloster der Barmherzigkeit und Liebe
In schönen Briefen und in zarten Versen.
Gedichte waren ihr Gebete, alle,
Anbetung Gottes der Dreifaltigkeit,
Sie war die Braut des Herrn. Ich suchte Trost
In ihren warmen Worten, ihrer Seele,
Der schönen Seele. Niemals sich zu sehen,
Beschlossen beide, Fleisch im Wort zu sein,
Lebendige Episteln, Briefe Christi.
Maria ging mir auf, die Himmelspforte.
O Königin der abgeschiednen Seelen,
Vermehre Gertrud ihre Seligkeit!
O Himmelstreppe, o Urania,
O fleckenloser Spiegel reiner Weisheit,
O makelloses Ideal, o Frau,
Panhagia Sophia, Sitz der Weisheit,
O Königin des Himmels, Dichtern Muse!
O laß mich dich in allen Frauen sehen,
Du unter Frauen Allgebenedeite,
Du Schwester aller schönen Seelen, siehe,
Ich dachte an die Oma, an die Mutter,
An Frauen, die Gesänge eingegeben,
Wie jede Frau ihr eignes Bild gezeugt
Im Seelenspiegel eines Musensohnes.
Und doch ist oft der Spiegel so getrübt,
Das sagt dazu der Dichter dieser Verse,
Daß er das reine Ideal nicht rein
Genug der Nachwelt überliefern kann.
Maria durch ein Dornwald ging, da wurden
Die Dornen Rosen, Jesus und Maria,
Kyrieleis. Und Weihnachtstränen flossen
Und schwärzeste Gedichte von dem Tode
Und von der Bitterkeit und von Gericht
Und Klagelieder an die Königin
Des Rosenkranzes, des aus Rom gekommnen,
Erklangen in der dunklen Dichterzelle.
Doch schweben nur die Augen der Geliebten
In Nächten vor den Augen meiner Seele.
O Einzigschöne unter allen Schönen,
Perfekte Schönheit nannten dich die Juden,
Die Griechen nannten deine Augen Venussterne,
Sie läuten zu der Zeit des Abendmahles
Ave Maria, Himmelskönigin!
O Sankta Apollonia! O bete,
Du Heilige, inmitten dreier Tage!
Wie soll ich singen dich, du König Christus,
Als du in meiner armen Hütte standest
Und ich zu deinen unsichtbaren Füßen
Auf des Gebetes Hirtenteppich lag,
Auf meinem Angesicht vor deinem Fuß,
Du lieber Gott, der alles mir vergab,
O du mein König und mein Herr, der du
Zu mir gesprochen stilll verschwebenden Schweigens
Und Liebe mir ins Herz als Samen senktest!
O du Lebendiger, du Quell des Lebens,
Du zeugest fort und fort im Herzen Liebe!
Von Buße und vom Sakramente sprachst du,
Gewährtest die Verehrung deiner Mutter.
Und ich war sprachlos und von Wahnsinn trunken,
Stand in den Chören allerhöchster Engel
Und aß mit Pharisäern, Schriftgelehrten.
Doch Dirnen kommen eher in den Himmel
Als Zollvereine, Pharisäersekten!
Die Liebe Frau erschien. Und du, o Mutter,
Im Mantel der Barmherzigkeit bei mir
Gestanden, schirmtest mich vor den Philistern,
Die mir die Dornenkrone aufgesetzt -
O Jesus! dicht schmieg ich mich an dein Herz!
Ich will dir deine Füße küssen, Christus,
Die Füße dir mit meinen Tränen salben,
Ich will dir deine Füße küssen morgens
Am Tag der Auferstehung - Halleluja,
Ja, feiert Jesus, er ist auferstanden!
Nun will ich tanzen, tanzen will ich vor
Der Bundeslade, wie einst David tanzte,
Damit ich nicht zugrunde geh, Maria!
O Liebe Frau! O Mutter voll Erbarmen,
Im Mantel der Barmherzigkeit, Sixtina,
Du wundertätige Ikone Raffaels,
Ich danke dir für deine schöne Liebe!
Verlaß mich nicht, wenn ich so arm an Liebe,
Heilwirkerin und Helferin der Seelen,
Gesegnet bist du mehr als alle Frauen,
Urania, o Himmelskönigin,
Du riefst mich zu der Liebe Himmelstreppe,
Da deine Schleppe rauschte seidenweiß.
Mein Ostern will ich singen, ja, mein Ostern,
Die stille Messe in der Mitternacht,
Nur eine Flamme brannte am Altar,
Daran ward angesteckt die Osterkerze,
Die Kerzen aller Gläubigen entzündet
Am Licht der Osterkerze durch die Mädchen
Und Knaben in den reinen Meßgewändern.
Die Liturgie sang schöngestimmt ein Priester,
Vom Fleiß der Honigbienen sang er süß
Und wie verzehrt das Wachs die Kerzenflamme!
Verzehre mich, o Feuer wahrer Liebe!
Die Glöcklein klangen einen lieben Segen
Und alles strömte zum Agapemahl.
Allein ging ich mit Christi roter Rose
(O Bräutigam, o göttlicher Geliebter!)
Und unterm Schirm Maria Magdalenas
In die Melancholie der dunklen Nacht.
O Hohe Königin des Mai, Maria,
Du zarter Morgenstern im grünen Schleier,
Du öffnetest der Liebe Rosenpforte,
Du Mutter der Lebendigen im Garten!
Gedenke, Minnige, des Quells von Lourdes,
Des Ringes vor der Bundeslade und
Des Musenkusses, o Maria!
ZWEITES BUCH
GEISTLICHER WEG
ERSTER GESANG
Von allen Menschen auf der Erde liebte
Am meisten ich die Mutter meiner Mutter,
Und als es an ihr Sterben ging, da nahm
Ich Gottes liebe Bibel in die Hand
Und las im Evangelium von Jesus.
Auch eine andre Mutter meines Glaubens
Bekenne ich, Annette Droste-Hülshoff,
Die mir in ihren Kirchenliedern zeigte,
Was Glaube ist, so wollt ich glauben auch.
Da habe ich die Hände still gefaltet
Und angefangen, still zu Gott zu beten,
Zu beten für den Heimgang meiner Oma.
Ich lebt mit der Französin, der Geliebten,
In einer wilden Ehe, aber träumte
Von Marion, dem blassen Ideal.
Ich las im Evangelium Johannes
Von Jesus und der Samariterin,
Als Jesus zu ihr sprach am Jakobsbrunnen:
Bring deinen Mann zu mir! Sie aber sprach:
Ich habe keinen Mann! - Du redest wahr,
Sprach Jesus, Männer hast du fünf gehabt,
Doch auch der Jetzige ist nicht der deine.
Da sah die Samariterin am Brunnen,
Daß der Messias Jesus ein Prophet.
Von diesem Worte fühlt ich mich getroffen
Und merkte auch, daß Jesus mich erkannt
Und die Geheimnisse des Herzens wusste
Und all mein Leben vor ihm offen lag.
Und als ich dann in Pauli Briefen las,
Da der Apostel von der Ehe spricht,
Da merkte ich, wie tugendlos ich lebte.
Dann aber starb in der Sankt-Agnes-Nacht
Die Vielgeliebte. Als ich es am Morgen
Erfuhr, nahm ich das Neue Testament
Und schlug es auf in meiner Seelennot
Und siehe da, es war das Wort des Trostes
Von der Posaune und der Auferstehung.
Schon war mir die Vision des ewigen Lebens
Vertraut durch jene große Elegie
Ben Jonsons, die er seiner Muse schrieb
Als Seligsprechung seiner Vielgeliebten.
Nun war ich in dem Hause meiner Oma
Und traurig sucht ich Gottes Trost in einer
Altpietistischen Erbauungsschrift
Von Mutter Eva, da das Wort mich traf:
Wenn Welt und Leben widrig auch begegnen,
Dann ist ein Trost und eine Kraft das Psalmwort,
Das widerholte: Aber du, o Herr!
Da merkt ich eines Geistes Gegenwart
Und dacht, es sei der Engel meiner Oma,
Da war es Gottes Geist, der auf mich kam,
Da fiel ich nieder auf mein Angesicht
Und betete im Staub die Gottheit an:
O Gott der Liebe! o Allmächtiger,
Allwissender, Barmherziger, die Gnade
Und der Erlösung Gott, o Gott des Lebens!
Es war der Geist, der in mir betete.
Ich war bei der Beerdigung der Liebsten,
Wir sangen: Großer Gott, wir loben dich!
Mein Erbteil, meiner Oma Testament
War dieser Aufruf zu dem Lobe Gottes.
Ich zog mich in die Einsamkeit zurück
Und trennte mich von meiner Freundin bald.
Ich tat ihr weh, doch wollte ich den Weg
Der Einsamkeit und frommen Tugend gehn
Und dachte auch ans blasse Ideal.
Ich widmete mich ganz der lieben Bibel
Und las die Bücher Moses, doch verstand
Nur wenig, ward mit Mirjam ausgesetzt
Und ward gesalbt mit Aaron; sprach mit niemand
Als Gott und Jesus Christus im Gebet.
Da fand ich durch des Gottesgeistes Gnade
Sankt Augustinus’ Konfessionen, die
Den ersten Unterricht im Glauben gaben,
Genau das richtige Bekenntnis mir,
Da Tugendlosigkeit und Aberglaube
Auch meine Erblast aus dem Heidentum;
Doch auch von Augustin verstand ich wenig.
Dazu kam Dantes Göttliche Komödie
Mit Kommentaren (die notwendig sind),
Die Lehre von dem Purgatorium
Und Paradiese ward mir vorgestellt,
Die ideale Liebe frommer Minne
Als Führerin zur Rosa Mystica,
Zum Lob der Gottesmutter, Sohnes Tochter,
Die da vermittelte die Gottesschau.
Desweiteren fiel durch des Geistes Gnade
Als meiner einzigen Schulmeisterin
Mir Anna Katharina Emmerich
Mit ihrer seligen Betrachtung zu
Vom armen Leben unsres Herren Jesus,
Da die Verkündigung durch Gabriel
An die holdselige Maria und
Empfängnis Jesu durch den Heiligen Geist
Anschaulich vor die Seele mir gemalt
Von dieser gottgenährten Seherin.
Zu jener Zeit versucht ich Jakob Böhme
Von Gottes Wahl der Gnade zu verstehn,
Die Mystik der Dreifaltigkeit der Gottheit.
So hat der Heilige Geist aus seinen Brüsten
Mit Mose, Augustin und Emmerich
Und Jakob Böhme und dem Florentiner
Versucht, mir schwere Weine einzuflößen,
Um Grund zu legen dem Berufungsweg.
Erst später ward ich mit der Milch genährt
In evangelikaler Wissenschaft.
Nun muß ich auch von meiner Liebe sagen,
Denn Minne ging mit Glaube Hand in Hand.
Ich las die heilige Legende Theklas,
Die aller Erdenliebe abgeschworen
Nach Pauli Predigt von dem Bräutigam,
Als Märtyrin dem Christus sich vermählt.
Hier sah ich ideale Jungfrauschaft,
Die ich in meiner idealen Traumfrau
Verkörpert meinte, denn sie war so rein
Wie meine traumgebornen Ideale.
Da meinte ich in Marion zu lieben
Die Jungfrau Thekla, Jesu Christi Braut.
Im apokryphen Evangelium
Vom Heimgang unsrer lieben Frau Maria
Erkannte ich die höhere Idee
Der Heiligsten der Heiligen, Maria.
Von all den neuen Welten ward mein Sinn
Und durch den Einfluß Satans schon verwirrt.
Nun hielt ich die Identität der Namen
Von Marion und unsrer Frau Maria
Für wesentliche Nähe, aber auch
Empfand ich religiösen Minnedienst
Durch irdische Verliebtheit, wie ich später
Erfuhr, erotisch die Geliebte zu
Erhöhn zu religiöser Daseinsform,
Geht Hand in Hand mit gegenläufiger
Bewegung, die Gestalt der Religion
Sich als Geliebte anzueignen. Siehe,
Da sah der Satan, daß ich gläubig ward,
Und nutzte, daß die Lebensbeichte fehlte
Und Buße fehlte für den Okkultismus
Und schlug das durch den Tod der Oma
Und unglückliche Leidenschaft verletzte
Gemüt mit einem religiösen Wahn.
Das sagte auch Marie von Medjugorje,
Daß Satan Wahn hervorruft, Wahn und Mordlust
Und Quelle ist von schwarzer Selbstmordlaune.
Da hörte ich gebieterische Stimmen
Und zog aus weltlichem Geraun Orakel
Und war nicht mehr der Meister meiner Sinne.
Der Mann, mit dem in einem Haus ich wohnte,
Ergeben der Magie und Zauberei,
Er hetzte seinen schwarzen Pudel auf mich
Und lästerte den Herrn, Messias Jesus,
Und jagte voller Haß mich aus der Wohnung.
Ich hatte mich auf keine Art gewehrt
Und pries mich selig der Verfolgung willen
Und ging durch Oldenburg um Mitternacht
Allein mit meinem Neuen Testament
Und las, wie Jesus, Josef und Maria
Geflohen vor Herodes nach Ägypten,
Da eben die Adventszeit war, da kam ich
Zu meinem Bruder, der mit seiner Frau
Das Erstgeborene in Windeln legte.
ZWEITER GESANG
Zu meinen Eltern floh ich, in das Haus
Der heimgegangnen Mutter meiner Mutter
Zog ich im Winter ein und dichtete
Den Heimgang der begnadeten Maria.
Ich las die Evangelienharmonie
Von Otfried und Petrarcas Liebesseufzer,
Das marianische Gebet der Mädchen,
Wie Rilke es in blonde Reime fasste.
Ich schaute immer Botticellis Venus
Als Inbegriff der Frauenschönheit an
Und lebte im Italien Ardinghellos,
Da war gemalt die Venus von Urbino
Und eine raffaelitisache Madonna.
Dem Sterne blühe nach, sprach die Madonna
Zu mir im Traume und ich dichtete
Von Marion, dem Denkmal der Passion,
Der venezianischen Geliebten und
Der Heiligen von Rom und dem Vulkan
Neapels und dem Traum der blauen Grotte.
Da sah ich auch Gesichte meiner Oma,
Die mich als Engel in den Himmel trug,
Da Gott als Hirt im Arm die Menschheit trug.
Am zweiundzwanzigsten des Februar
Erkannte ich, da Petri Stuhlfest war
Und Torsten Namenstag, daß Simon Petrus
Mein Schutzpatron und Namensheiliger.
Nun also hatt ich einen frommen Vater
Und nun erinnerte ich mich der Zeit
Der Kindheit in dem Land der Fischer, da
Von Petrus allerwegs die Rede war.
Da ging ich in die Messe und vernahm:
Du sollst nun einen neuen Namen haben!
Wie Jakob umbenannt in Israel
Und Simon Jona umbenannt in Kefa,
Ward nun aus Torsten Peter Torstein Schwanke.
Da Marion benannt war nach Maria
Und ich benannt nach dem Apostelfürsten,
Drum sang ich eine Hochzeit in der Kirche
Italiens von Petrus und Maria
Und wusste nicht, wie wahr der Minnesang,
Da Petrus Hierarchie der Kirche darstellt
Und Sankt Maria Liebe in der Kirche.
Zu jener Zeit begegnete zuerst
Mir auch die Weisheit aus der Heiligen Schrift,
Wie sie die Weisheit Salomos besang
Und Sie sich selbst besang und Jesus Sirach.
Ich liebte diese weibliche Gestalt
In Gott und wusste doch nicht wer sie war.
Ich war in eine eigne Wohnung an
Dem Schwanenpfad am Schwanenteich gezogen
Und lebte immerdar in einer Traumwelt.
Zu Ostern hatte ich in Teuteburg
Das letzte Nein von Marion empfangen
Und mit dem Nein die Sehnsucht nach dem Tode.
Ich hatte von den falschen Theosophen
Die Lehre von der Reinigung im Jenseits
Für jene Seelen, die sich selbst entleibt.
Zu gleicher Zeit empfing ich eine Schrift,
Die Sankt Maria schön verherrlichte.
Da las ich von dem mystischen Geheimnis;
Wie eine Seele wiederum geboren
Durch das Ereignis von Kalvaria.
Und da mich niemand unterrichtete,
Verstand ich dieses mystische Geheimnis
Im Sinn der Reinkarnation des Ostens
Und glaubte, daß ich einst in China lebte.
Am fünften Mai des Jahres vierundneunzig
Saß einsam ich mit dem Marienbuch,
Als ich mit einem Male mein Bewußtsein
Der Zeit verlor und in die Geistwelt schwebte.
Da sah ich Seelen schweben, Schattenwesen
Umher in einer himmlischen Versammlung,
Da niemanden ich kannte, aber hörte
Des Engels Stimme, Mahanajim sprach:
Halt dich am Namen des Messias fest!
Da tat sich in dem Dunkel eine Tür auf
Und hinter dieser Pforte war ein Licht,
Das lichter war als Blitz und Schnee und Sonne,
Und in dem Lichte sah ich Christi Antlitz,
Antlitz des dorngekrönten Schmerzensmannes.
Mein Engel führte mich zurück zur Erde,
Da saß ich, sah in einer Kerzenflamme
Den Leib des Herrn und mich in Gottes Schoß,
Ein Schoßkind in dem mütterlichen Jesus,
Und hörte Christi sanfte Stimme sprechen:
Nie war ich dir bisher so nah wie heute!
Seit jener Zeit ging mit mir auf der Erde
Mein Engel, den ich oft mit Küssen grüßte,
Wenn ich am Schwanenteich mit Schwänen sprach.
Ich teilte mit dem schwarzen Trauerschwan
Arminion am Schwanenteich mein Brot,
Mir wurde alles Brot zum Sakrament
Und Schönheit der Natur zur Kirche Gottes.
Ich ging auch in die Kirche zu Sankt Ludger,
Dem Heiligen, der mit dem Schwane reiste,
Nahm heimlich teil an Jesu Kommunion
Und schmeckte auch die Freundlichkeit des Herrn
Und schwebte immer etwas überm Boden,
Wenn ich die Jesushostie empfangen.
Aus dem Marienbuch erfuhr ich von
Maria in den Evangelien
Und in der Tradition, da las ich von
Teresia, die Jesus mit dem Pfeil
Verwundete, dem Liebespfeil aus Feuer,
Und las von Juan Diego und der Jungfrau
Und von der Exegese auf Maria
Als schöner Sulamith des neuen Bundes.
Da sang ich einen epischen Gesang
Der Immaculata, die in meinen Träumen
Als des Betrübten Trösterin erschien
In jungfräulicher Gottesmutterschaft
Und als Madonna voll der reinen Schönheit.
In jenem Sommer kam mir auch ein Traum,
Da ward mein Geist durch eine Feuersphäre
An eines schönen Weibes Brust gerissen,
Ich dachte an Maria Magdalena,
Wie sie die Goldene Legende schildert
Als glühendheiße Jesusminnerin,
Und liebte diese Liebesjüngerin.
Jedoch war auch okkultes Dunkel um mich
Und in mir, da ich Buße nicht getan
Für all die Zauberei und die Magie.
Ich deutete Orakel des I Ging
Je nach der wandelnden Gestalt der Wolken.
Ich las die Schriften falscher Theosophen
Und wußte Wahrheit nicht von Trug zu scheiden.
Ich ehrte die buddhistische Madonna,
Die Guan Yin, als gottesgleiches Wesen.
Ich forschte in Knofuzius’ Gesprächen
Und in dem Blütenland des Tschuang Tse
Und in dem Buch vom Tao und der Tugend.
Ich liebte China über alles Maß
Und hasste Indien für den Götzendienst,
Da man das Brot im Kreis von Ratten aß
Für einen Gott mit Elefantenkopf.
Da tauchten überall Dämonen auf,
Da sah ich überall um mich herum
Die widerlichsten Rattenschatten huschen
Und plagen mich mit dem Gestank der Pest.
Erschrocken von der höllischen Phobie
Entsetzte ich mich vor dem Erdendasein
Und sehnte mich nach der Glückseligkeit
Der Seele in dem Paradiese Gottes.
Da gab in einer Nacht der Satan mir
Den teuflischen Befehl, mich umzubringen,
Ich aber hielts für ein Gebot des Herrn
Und ging des nachts zur Kirche von Sankt Wiho
In einen Park, mich umzubringen - Jesus
Rief ich und immer wieder Jesus!
Da schwamm das Täubchen in dem eignen Blute
Und sah Madonna mit dem bloßen Kinde
Und sah Maria Magdalena dann
Und Christus an dem Tisch des Abendmahles.
Doch starb ich nicht. Vielmehr erhob ich mich,
Da war es um mich sphärisches Orange,
Im grünen Lichte tauchte Christus auf,
Der auferstanden aus dem Totenreich.
Da fanden meine Eltern mich im Blute,
Da rief verzweifelt meine Mutter laut:
Mein Sohn! mein Sohn! - Ich kam ins Krankenhaus,
Man brachte mich tags drauf ins Irrenhaus,
Da ich fünf Tage blieb und dichtete,
Wie Davids Saitenspiel geheilt hat Saul,
Der war von einem bösen Geist besessen.
O schreckliche Versuchung, sich zu morden,
Den Tod zu sterben vor der Todesstunde!
Manch einer wird geborn mit der Versuchung
Und Satan bringt die schwache Seele um.
Gerettet werden kann, wer Glauben hat,
Doch seinem Leiden niemand wird entfliehn,
Er wird im Purgatorium vollenden,
Was Gott an Leiden vorgesehen hat.
Weh aber dem, der Gott verwirft, der wird
Als Opfer Satans werden Satans Raub
Und in dem Totenreich verloren gehen.
Wir rufen die Barmherzigkeit des Herrn
Für alle an, die angefochten waren
Und schwach im Glauben, als Versuchung kam,
Und die getroffen von den Schicksalsschlägen
Und die in geistigseelischer Verwirrung
Sich vor dem Todestag das Leben rauben.
Nun kam ich in das Wohnhaus meiner Oma
Und betete und betete Gebet
Um Heilung, um Erlösung von den Ratten,
Die immer mich verfolgten, Vaterunser
Auf meinem Angesichte betet ich.
Da schrieb ich einen großen Lobgesang
Der Jüngerin Maria Magdalena
Und nahm zum Bild die Venus Botticellis,
Auch dichtete ich Rosenkranz-Sonette
Maria, die der Schmerzen Mutter war.
Da aber das Gebet mich nicht geheilt,
Ging ich zum evangelischen Pastoren
Und schilderte die große Seelenangst.
Er sagte, Jesus heile durch die Ärzte,
Da ging ich hilflos in das Irrenhaus,
Der Pastor aber betete für mich
Und meine Oma in dem Himmelreich.
DRITTER GESANG
Seelsorgerlicher Trost war der Besuch
Des evangelischen Pastoren, der
Erklärte, daß die Neugeburt der Seele
In Geist und Tau nicht Reinkarnation.
Und als ich von der Liebe zu Maria
Ihm herzlich sprach, gab er zur Antwort mir:
Wir Protestanten pflegen die Verehrung
Mariens nicht, das tun die Katholiken.
Ich war ja wie ein Träumer in das Reich
Des Herrn hineingekommen, wusste wenig
Vom Unterschied der Konfessionen, ich
War Christ von unentschiedner Konfession.
In einer Nacht im Irrenhause träumte
Ich, wie der Satan ausgetrieben wurde
Aus meiner Seele durchs vollmächtige
Gebet des evangelischen Pastoren.
Im grenzenlosen Tod der Langeweile
Und Abgestorbensein durch Medizin
Der biologischen Chemie der Seele,
Versucht ich mich in einem frommen Epos
Vom jungen David, dichtete das Buch
Des Sehers Samuel in Stanzen nach.
Mir war der junge David Schutzpatron,
Der mir in der Verfinsterung der Seele
Durch Wahn und Schwermut seine Harfe reichte
Und mich zu seiner Schar von Männern zählte,
Den Männern bittrer Herzen, seinen Jüngern.
Mir war die liebe Bibel Seelenspeise
Und wie des Heilands Sakrament der Heilung.
Die Halluzinationen und Visionen
Verließen meine Seele müd und matt,
Und geistesarm durchschlich ich langen Winter,
Bis mir im Frühling wieder Poesie
Das Leben in dem Tränental verklärte,
Rig-Veda und Ovids Verwandlungen,
Ernesto Cardenals Rebellenpsalmen.
Mein Geist war aus den himmlischen Gesichten
Zur stumpfen Erdenwelt zurückgekehrt.
Maria und die Heiligen, Maria
Von Magdala und Petrus, fehlten mir.
Die geistige Verbindung ging verloren,
Das leidenschaftliche Gebet zu Christus
Und Trunkenheit von Gottes Geist verschwand.
Kaum sprach die Bibel mehr zu mir, und Gott,
Der leidenschaftlichen Begeisterung
Allmächtiger, war nur noch ein Gedanke,
Der anonym in der Natur gewaltet.
Ich zog in eine eigne Wohnung
Und lebte der Zerstreuung, immer müde.
Es war, als wurde mir, um mich zu heilen,
Die Seele ruiniert, der Geist ermattet.
Ich ward ein Weltkind und ein Erdenbürger.
Dann trug ich nicht mehr meine Einsamkeit
Und sehnte mich nach christlicher Gemeinschaft,
Da lag direkt am Weg zu meiner Wohnung
Ein evangelikales Gotteshaus,
Da man die liebe Bibel untersuchte.
Ich ging zu einer der Versammlungen
Und freute mich, das erste Mal im Leben
Erwachsne über Jesus diskutieren
Zu hören, schloß mich der Gemeinschaft an
Und ging zu ihren Bibelabenden.
Bald aber stieß mich ab das Eingeschränkte
Und wieder blieb ich in der Einsamkeit.
Da suchte mich der Pastor der Gemeinschaft
In meiner kleinen, sher verborgnen Wohnung
Zuhause auf und lud mich zu sich ein
Zu einem Glaubensgrundkurs der Gemeinde.
Dort wollt ich Augustin und Jakob Böhme
Erforschen, doch davon war nicht die Rede.
Auch säte dieser Pastor Zweifelsaat
Mir in den Acker meines jungen Glaubens,
Warum ein Christ Maria denn verehre,
Da Jesus Christus doch allein der Herr!
Schon sprach ich nicht mehr mit Maria, hörte
Nicht mehr von ihr, ward unterrichtet aber
Im Protestanten-Fundamentalismus.
Ich habe wenig Weisheit dort gehört,
Viel Oberflächlichkeiten des Verstandes,
Rationalismus von beschränkten Geistern,
Und trennte mich auch bald von der Gemeinde
Und wanderte zum biblischen Gespräch
Der Lutheraner, freundlicher Senioren,
Da selbst der Pastor zweifelte an der
Jungfräulichen Geburt des Herrn, man könne
Auch Josef Jesu wahren Vater nennen.
Dort lernt ich wenig, wenn die Alten auch
Nicht mangeln ließen Menschenfreundlichkeit.
Mein Leben wurde immer lauer, öder,
Mein Leben des Gebetes matt und kalt,
Mein Umgang mit der Bibel abergläubisch,
Die Seele depressiv, der Geist verweltlicht.
Da winkte Gott in seiner großen Güte
Mich aus der Lethargie im Friesenland
Nach Oldenburg, das nördliche Athen,
Ja, Gott hat mich gelockt durch Frauenschönheit.
VIERTER GESANG
Da kam ich in Karines grünen Garten,
Da sie mit einer Russin Sprachen sprach.
Da wohnte Evi auch, Karines Freundin,
Die ich für ihre seltne Schönheit lobte.
Die Russin war in einer Pfingstgemeinde
Und lud mich ein zu deren Gottesdienst.
Da trat ich ins Gemeindehaus und sah
Viel wunderschöne junge Jüngerinnen,
Studentinnen, und hörte die Musik,
Die populär, modern und schwungvoll war,
Und alle sangen Jesus Liebeslieder.
Und so schloß ich mich der Gemeinde an.
Als erstes lernt ich einen Taiwanesen
In meinem Alter kennen, der studierte
Die alten Vater-Sohn-Beziehungen
Im klassischen Konfuzianismus Chinas.
Ich half ihm bei der Formulierung, lernte
Chinesische Philosophie und Ethik
Noch besser kennen, aber leider ging
Mein mütterliches China mir verloren,
Das China, das die Tao Mutter pries,
Der mystischen Weltabgeschiedenheit
Und blumenreichen Lyrik Heimatland.
Ich liebte China und den Taiwanesen,
Ich fragte mich, ob ich berufen sei
Als Missionar ins alte Reich der Mitte,
Da Christus viele Märtyrer gewann.
Wir standen jeden Morgen an dem See
Bei meiner Wohnung, sangen Liebeslieder
Zu Jesus, beteten mit Psalmen an.
An einem Morgen bei Gebet und Lobpreis
Kam mir das Charisma der Zungenrede
(Ich glaub, ich züngelte mit Reim und Rhytmus).
Die Pfingstler waren Wiedertäufer, lehrten
Ungültigkeit der Kindestaufe, riefen
Zur Glaubenstaufe auf, ich sah sie taufen
Und spürte die Begeisterung für Jesus.
Da ließ ich mich zum zweiten Male taufen
In einem See, durch ganzes Untertauchen,
Ich widersagte Teufel, Tod und Hölle,
Und schwor, dem Christus Jesus nachzufolgen,
Und wurde in dem See getauft im Namen
Des Vaters und des Sohnes und des Geistes.
Dann sangen wir chinesischen Gesang
Von meinem Felsen, meinem Retter Jesus.
Das nenne ich den Frühling der Erweckung,
Da mir zum ersten Mal zuteil geworden
Die Freude, die der Geist des Höchsten spendet.
Im Frühling sprach ein Wort des Herrn zu mir:
Du sollst di keine Frau zum Weibe nehmen!
Im Innern meiner Seele schaute ich
Das Lamm, das Jesus ist, das liebte ich.
Ich ging in einen Hauskreis von Studenten,
Da wir die Schrift erforschten, beteten
Und Lobpreis sangen. Lieblich spielte die Gitarre
Die liebenswürdige Baptistin Inka,
In die ich mich natürlich gleich verliebte.
Sie war verlobt mit einem Glaubenslosen
Und kämpfte mit Dämonen in der Nacht
Und träumte, Gott sah sie als Taube an.
Da mein Gefühl nun nicht erwidert wurde,
Kam eine tiefe Trübsal über mich,
Da weint ich viel und betete in Zungen
Und sah in meiner Seele Jesus Christus
Im Himmel, eine Frau zu seiner Rechten...
Um zu erforschen, ob ich wohl berufen
Zum Missionar, ging ich in der Gemeinde
Zur Obdachlosenarbeit, schenkte Tee aus
Den Drogensüchtigen und Straßenbrüdern,
Bis eine dieser armen Schwestern einmal
Auf ihrer Schulter eine Ratte trug,
Vor der ich abgrundtiefe Angst und Ekel,
Daß ich die Arbeit daher wieder aufgab.
Zum Freunde wurde mir der Protestant
Mit großer Liebe zu der Bibel, Mark,
Der lud mich ein, für die Studentengruppe
Auf einem Seminar zur Esoterik
Von Rudolf Steiners Christusbild zu sprechen.
Und so studierte ich die neue Gnosis
Des falschen und okkulten Theosophen,
Des Christussonnengeist, zwei Jesusknaben
Der Inbegriff der Albernheit und Dummheit.
Es war die alte Ketzerei der Gnosis,
Die Paulus und Johannes schon gehasst.
Dann lernt ich eine Glaubensschwester kennen,
Die da studierte Psychologenklugheit,
Und häufig sprachen wir von Seelenkunde,
Wir kamen uns beinahe nah, doch sie
Hielt fest sich an dem Worte durch Jesaja:
Der Herr, der Schöpfer, der ist dein Gemahl!
Doch ich erkannte damals im Gespräch,
Wie tief verwundet meine Seele war,
Von Ängsten und Komplexen voll die Seele.
Auch wagt ich kaum noch, mich in der Natur
Spazierend zu ergehn, aus Angst vor Hunden.
So kam ich also zu der Therapie,
Die christozentrische Seelsorge war.
Bevor ich aber von dem Schwarzwald sage,
Erwähne ich den Schoß der Morgenröte,
Will denken an Maria und an Evi.
Ich wollte eine fromme Prosa schreiben,
Wollt einen christlichen Roman verfassen.
Da las ich eines Morgens in der Bibel:
Wir hörten einst von ihr in Efrata!
Ich wußte, Efrata war Bethlehem,
Und die, von der wir dort vernommen, war
Maria! Und dann las ich in den Psalmen,
Die Töchter Zion sind wie Tempelsäulen
Sehr schön gewirkt und reich geziert mit Schmuck.
Und so begann ich von Maria Lob
Zu singen in dem frommen Dithyrambus.
Die Unbefleckt-Empfangene verzeihe,
Daß ich ihr eine Kindheit in der Sünde
Frech angedichtet, ihr, der Allzeit-Reinen.
Auch protestierte ich als Protestant
Und leugnete das Dogma von Mariens
Aufnahme in den Himmel leiblich-seelisch.
Ich hörte damals auch von einem Buch:
Mariens Botschaft an die Welt - das leider
Von fundamentalistischen Sektierern
Ein Angriff auf die Mutter Gottes war,
Die dieser Zeit in Medjugorje sprach.
Doch als ich von dem Titel hörte, freute
Ich mich und hoffte, auch als Protestant
Darf ich verehren Sie, die Mutter Jesu.
Als ich den Schoß der Morgenröte in
Begeisterung für Jesus anfing, sah
Ich Evi und Karine Bauchtanz tanzen
Und war bezaubert von der Anmut Evis,
Der hoheitvollen Grazie, dem Lächeln,
Den Spitzen ihrer Brüste unterm Hemd.
Sie ward die Muse dieser Dithyrambe,
Je mehr ich sie betrachtete und ansah,
Desto begierlicher ward mein Gesang.
Ich glaube, es entspricht der Wahrheit, wenn
Ich sage, daß ich nie bisher im Leben
Ein Weib so sehr erotisch und verlockend,
Liebreizend und begehrenswert gefunden,
Und die zugleich die Seele überwältigt
Durch einzigartige Sanftmut ihrer Seele.
Das Unbewußte voll von ihrem Liebreiz,
Das manchmal sich in Träumen offenbarte,
Fuhr ich zur Therapie nach Altensteig.
Von meiner alten Liebe Marion
Nahm ich dort Abschied und erkannte auch
Die tiefe Sehnsucht nach der Mutterliebe
Als Ungenügen aus der Kindheit in mir.
Wie schade, daß die Therapeuten nicht
Von der Madonna Mutterliebe wussten,
Die Stelle blieb doch leer in meinem Herzen.
Ich hatte keine Mutter und ich suchte
Die mütterliche Liebe bei den Frauen,
Doch auch das marionische Idol
Ward ausgetrieben und mein Herz blieb leer
An jener Stelle, die der Mutter eignet.
Auch konnte ich zu Gott nicht Vater sagen,
Denn mein Erzeuger als ein Kind der Welt
Versperrte mir den Weg zu Gott dem Vater.
Da suchte ich die Vaterliebe Gottes
In einsamer Betrachtung in den Wäldern
Und meditierte alte Kirchenlieder.
Noch sagte keiner mir, daß Gott auch Mutter,
Ja, mütterlicher als die Mütter ist,
Weil Gott die Liebe ist, mein ganzes Heil.
Da lernte ich im Schwarzwald Mirjam kennen,
Die mir sehr liebenswert und fromm erschien,
Die Katholikin, die da Jesus liebte.
Sie sang mir einmal ein Marienlied
In ihrer Kammer vor, daß sie geschrieben:
O Brunnen, o versiegelt, o Maria,
O Garten, o verschlossen, o Maria,
Maria, meine Mutter! Mirjam sang
Das Lied, da fühlt ich geistig mich zuhause,
So hab ich einst geglaubt und einst geliebt,
Wie schön war dieser Liebesglaube doch,
Doch war es mehr nur Sehnsucht meiner Seele,
Die Männerstirn war anders unterrichtet.
Mit Mirjam ging ich einmal auch zur Messe
Und (Gott verzeihe mir) zur Kommunion.
Der Pfingstler Traubensaft und Weißbrot,
Mit Tanz und Lachen eingenommen, war
Mir selten wahrhaft wichtig; bloßes Denken
An Jesus braucht kein Brot und Traubensaft.
Doch Mirjam warf sich vor dem Tabernakel
Aufs Angesicht und grüßte Jesus Christus,
Den Herrn von Altensteig, mit ganzer Seele.
Und so verliebt ich mich in Mirjam, aber
Sie wollt als Jesu Braut ins Kloster gehn.
So fuhr ich heim, gleich traurig und beglückt,
Und trat im Sommer ein in Evis Garten,
Da sie in ihrer unglaublichen Schönheit
(Den frechen Eros auf dem Schoße) swaß.
Ich nahm sie mit in meine Pfingstgemeinde,
Die Lieder luden ein den Geist des Herrn,
Ich wünschte, Evi möchte sich bekehren
Und Jesus, Jesus lieben! ja, und mich...
FÜNFTER GESANG
Es kam das Jubeljahr Zweitausend, da
Ein Bischof Lutheraner zu der Linken,
Ein ortodoxer Patriarch zur Rechten,
Der Papst inmitten mit dem Schlüssel Petri
Und mit dem Hämmerchen die Pforte auftat
Und Seelen aus dem Fegefeuer ließ,
Ich aber in das Fegefeuer mußte.
Das Feuer aber, drin ich brennen sollte,
War Evi, ihre flammengleiche Schönheit,
In der ich brannte und verbrannte, starb
Vor Sehnsucht und Begier, und trennte mich,
Sie nicht mehr anzuschauen, diese Flamme,
Nicht mehr zu hören ihre sanfte Stimme,
Um mich zu heilen von der Liebespein.
Ein Therapeut und Charismatiker
Bescheinigte Romanzensucht, Neurose,
Ich aber floh die Therapie und raste
Zu Evi, die sich freute, leise lächelnd.
Was für ein Wunder, daß ich zu der Zeit
Begonnen, das Mysterium der Minne,
Die Unerreichbarkeit der Muse, zu
Ergründen, daß die Ehelosigkeit
Als Stachel in dem Fleisch Gedichte macht.
Mein Gott, du hast die Tränen all gezählt,
Die ich vor Sehnsucht und vor Einsamkeit
Und Liebeslust und Todesleid geweint!
Je mehr ich ferne blieb, je größer ward
Die Liebessehnsucht, Schmachten und Verlangen.
Ich las in jenen Zeiten in der Bibel
Niemals das Hohelied, es tat zu weh,
Doch immer Hiob und den Prediger.
Ja, Hiob war ich, meine Freunde waren
Die Freunde Hiobs, sie beschuldigten
Des Ehebruches mich, der da begehrte
Die Frau, die einem andern Kerl gegeben.
Es war auch wahr, ich war wie König David
Und sah die Schaumgestalt der Bathsebee
Und hätte gern Uria den Hethiter
Zum Teufel und in seinen Tod gejagt!
O wehe mir! der Leidenschaft Inferno!
Wie groß ward da der Überdruß am Lobpreis,
Der nur die Herrlichkeit des Herrn besang,
Hat niemand je sein Kreuzesleid besungen,
Das mich getröstet hätte und geheilt.
Wie waren alle fröhlich, lachten, tanzten,
Wie lebten alle in dem Lichte Gottes,
In Freuden und Verzückungen und Jubel,
Ich aber lamentierte, weinte, starb
Und hatte keinen Tröster an der Seite!
Die Freundschaft mit dem Taiwanesen ging
Zugrund in meiner Liebesqual, Gesetz
Und Disziplin fand ich bei dem Soldaten,
Doch nicht ein Herz des Mitgefühls und Trostes.
Mein Trost, das waren Edmund Spensers Klagen:
Ah woe is me! Er war mein Seelenbruder.
Da fand ich einen zweiten Seelebruder
Zu Ostern, denn ich fand ein kleines Büchlein,
Zum Vaterunser schrieben deutsche Dichter
Und Reinhold Schneider schrieb vom Kreuz des Christen.
O Kreuz, o Kreuz, o Kreuz, o süßes Kreuz!
Das Kreuz des Christen kann viel schwerer sein
Als alle dumpfe Leidenspein der Heiden,
Die sich so oft am Glück der Welt ergötzen,
Der Christ lebt in Verbannung, in der Sehnsucht
Nach Gott, nur Gott kann ihm Erfüllung sein.
Da merkte ich mein tiefes Ungenügen
Am Lobpreis, der nur Herrlichkeit besingt,
Ach, an dem Evangelium des Spaßes!
Da fielen mir die guten Bücher zu,
Die Stunde des Franziskus Reinhold Schneiders
Und die Gedanken von Pascal, der sagte,
Das Christenleben ist wie eine Krankheit,
Denn zu den Kranken kommt allein der Arzt,
Das Glück der Christen aber ist, das wahre,
Die Hoffnung auf das ewigliche Leben.
Nein, Christen, dieser Trost ist niemals billig,
Er kostet alles Leiden dieser Erde,
Ja, Christi Leiden an dem Kreuz, der uns
Durch seinen Tod die Himmelstür geöffnet.
Und tiefer forschte ich in Reinhold Schneider,
Dem Schwermutstheologen, der da sprach,
Daß unser Herr mit freiem Willen litt
Und alle Leidenden vollenden nur,
Was an den Leiden Christi heut noch aussteht.
Freiwillig stieg der Herr hinauf ans Kreuz,
Wir aber sollen folgen Jesus Christus
Und freien Willens unsre Kreuze tragen.
Denn Christus will uns nicht vom Leid erlösen
In dieser Zeit, vielmehr uns durch das Leid
Vereinigen mit seinen Leiden, daß
Wir Christus werden, der Gekreuzigte.
Wo war denn meine kirchliche Gemeinschaft,
In der mein geistiges Zuhause war?
Nicht bei den Fundamentalisten war
Die Liebe, bei den Pfingstlern nicht die Andacht,
Bei Lutheranern nicht entschiedenheit
Für unsern Herren Jesus Christus und
Bei Katholiken, meint ich, nicht die Wahrheit,
Wenn ich bei ihnen auch die Wahrheit fand.
Was war denn Heiligenverehrung und
Die übermäßige Verehrung der
Madonna, nahm es Christus nicht die Ehre,
Der da allein der Mittler ist zu Gott!
Die christlichen Studenten nannten mich
Einsiedler schon und Mönch und Mystiker,
Ich aber war ja nichts als Frager, Sucher,
Im Maien in geschenkter Seelenruhe.
Da nahm ich mir das Gotteslob der Kirche
Und betete Kreuz-Jesu-Litanei
Und die Stationen seines Kreuzesweges.
Den Mai und Sommer lang versenkte ich
Mich in teutonische Romantik, in
Brentano, Eichendorff, Novalis, war
Im Rosengarten der Madonna quasi.
Ich hatte solche Sehnsucht nach der Scdhönheit
Der Poesie des Paradieses und
Dem Leben ewiger Glückseligkeit!
Da aber schlug ein Dämon mir den Mund
Des Herzens, der verschlossen blieb, verstummt
Stand ich vor meinem Gott, vermochte nicht
Die Qualen meiner Seele auszusagen.
Da kam die selige Jungfrau mir zu Hilfe.
Die liebliche Baptistin Inka war,
Die reine fromme Jungfrau, Jesu Braut,
In ihrer Stadt Hannover ohne Spur
In dem August des Jubeljahrs verschwunden
An einem Morgen auf dem Weg zur Arbeit.
O wehe! War sie vergewaltigt? war
Entführt, verscharrt, ermordet? Ich empfand,
Sie war bei Gott im Himmel angekommen!
Sie hatte eine Woche vor dem Heimgang
Im Hauskreis der Baptisten angekündigt:
„Ich sah ein großes Licht, Gott rief mich zu sich!“
Da nahm ich mir das Gotteslob der Kirche,
Doxologie Mariens sah ich an,
Der Mutter Lobpreis nicht, der Jungfrau Lobpreis
Verwandte ich zum Lobgesang auf Inka
Und lernte durch die Heimgegangene
Maria kennen. Also kostbar ist
Vor Gott der Heimgang seiner Heiligen!
Es stand mir damals bei mein Glaubensbruder,
Der evangelikale Mark in Hamburg,
Ein treuer Tröster mir in jener Zeit,
Sprach er von der Geduld beim Kreuzestragen
Und von der Hoffnung auf das Paradies.
O Hoffnung, Tugend du der tiefen Sehnsucht
Der Seele nach der Heimat in dem Himmel!
Wie traurig machen mich die Christen immer,
Die schon auf Erden ihren Himmel meinen
Zu haben, ists doch nur das Glück der Welt,
Sie haben schon ihr Teil, sie sind die Reichen,
Die leer ausgehn, der arme Lazarus
War Sehnsucht nach dem Schoße Abrahams,
Verwundet, leckten Hunde seine Wunden,
Er war im Jammertal, im Tal der Tränen,
In der Verbannung dieser Erde Pilger.
Doch davon wissen nichts die Wohlstandschristen,
Die christlichen Philister, doch die Armen
Und Weinenden, die preist der Herr glückselig!
Da rief ich Mirjam an, die Katholikin,
Die ebenso wie ich sich weinend aufhielt
Im Garten von Gethsemane, die Schwester
Im Leiden, wir Johannes und Maria
Am Fuß des Kreuzes unsres Herrn und Gottes!
Und in der Leidenschaften Fegefeuer
Trat ich erneut, ins Purgatorium,
Trat in den siebten Kreis, der Sinnlichkeit
Fegfeuer. Wer der Sinnlichkeit ergeben,
Der sehe an die Leiden Jesu Christi
Und meditiere Sankt Marien Reinheit!
Mich überfielen Thanatos und Eros,
Unendliche Begier des Leibes Evis
Und daß mir Evi ihre Liebe spende!
Doch fand ich nur im Wein der Wollust Galle,
Im Garten der Begierde Schierlingskraut,
Der Venusstern ward mir zum Sterne Wermut,
Die Liebeslust ward mir zu Todeslust.
Ich war ein Wüstenwanderer, die Wüste
War grenzenlos, die Sonne unbarmherzig,
Da gab der Fels kein Wasser und der Himmel
Gab Manna nicht und nicht das Wachtelfleisch.
Und Evi war Oase, war ersehnte
Oase Elim, da die Dattelfeigen
Die irdische Glückseligkeit versprachen,
Doch durft ich nicht in das Gelobte Land,
Zwar stand ich auf dem Berge Nebo droben
Und sah das Land, wo Milch und Honig fließt,
Doch durft ich nicht hinein durch Gottes Fluch.
Doch Gottes Segen blieb nicht aus. O Vater,
Du lächeltest mich an in deiner Gnade,
Als ich mit Evi und mit Evis Sohn
Auf meiner Kindheit Insel Urlaub machte,
Drei Tage lebten wir wie Sankt Maria
Und Josef und das kleine Jesuskind,
Und ich erfuhr der heiligen Familie
Gebenedeiten Frieden, fromme Freude.
Und da die Vielgeliebte schlief, da wachte
Ich nachts und betete zum ersten Mal
Den Gruß Mariens, der Gebenedeiten!
Und an den Heiligen Antonius
Und an Marie Ägyptiaca dacht ich da,
Die die Versuchungen des Fleisches kannten
Und wandten sich zu Gott in Einsamkeit
Der Wüste, in der Buße des Gebetes!
Dann schrieb ich mir mit Mirjam viele Briefe,
Wir tauschten unsre Seelenleiden aus,
Wir waren beide in Gethsemane,
Es waren beide Herzen dorngekrönt
Und waren beide Seelen schwertdurchbohrt!
Da schenkte sie mir einen Rosenkranz,
Geweihten, der im Dunkel leuchtete,
Die Nabelschnur des Himmels meiner Liebe,
Mein Trost und meine Sehnsucht nach der Mutter,
Nach mütterlichem Trost, Geborgenheit,
Wie Perle in der Muschel ist geborgen.
Ich kannte nicht das Rosenkranzgebet,
Ich betete das Vaterunser auf
Den Perlen, manchmal rief ich: O Maria!
Am Samstag ging ich in die Vespermesse
Der duftenden Kapelle, deren Dunkel
Mir die Geborgenheit der Mutter gab,
Da nahm ich an der Kommunion des Herrn
In meinem Leiden teil, ich aß das Fleisch
Der Menschheit und die Gottheit Jesu Christi:
Sprich nur ein Wort, so wird mein Herz gesund!
Vergebe Gott, wenn ich nicht würdig aß,
Ich aß den Leib des Herrn in Sehnsucht mehr
Als Glauben, in der Hoffnung der Verzweiflung.
Durch Mirjam lernt ich Gertrud von LeFort
Als Dichterin der Sakramente kennen,
Als die Poetin des Martyriums.
Und Mirjam weinte in der Weihnachtsnacht
Wie ich: O tot, o tot der kleine König!
Es lebe ewig nun das Agnus Dei!
Das Agnus Dei, der Geopferte,
Der Hingeschlachtete, Ermordete,
Gott im Martyrium des Herrn, das war
Die Weihnacht. Aber dann geschah das Wunder:
Die heilige Madonna schwebte lächelnd
Am dunklen Himmel meiner armen Seele
Und grüßte mich in Minne. O Madonna!
Wer ist, die aufsteigt wie die Morgenröte
Und lehnt sich sanft an den Geliebten an?
Bist du die Sapientia, Idee
Der Schönheit in dem Paradiese Platons?
Da las ich Gertrud von LeFort, ich las,
Was sie geschrieben von der Frauen Wesen,
Was sie geschrieben von Marien Wesen,
Die Mariologie der Dichterin,
Die sich dereinst mit Edith Stein besprochen.
Maria war die Frau, die Liebe Frau,
Die Jungfrau, Mutter, Königin Maria
War heiliges Geheimnis, Gottes Mutter,
War Ja-Wort aller Kreatur an Gott,
War Antwort aller Schöpfung an den Herrn,
Sie war das Wesen aller Religion,
Der schönen Liebe Mutter, und dem Dichter
Erscheint sie in Gestalt der hohen Muse!
Mit Mirjam traf ich mich im Dom von Minden,
Wo Gertrud von LeFort dereinst geboren,
Da nahmen wir an einer Hochzeit teil.
Doch ich war Orpheus, sie Antigone,
Berufen zum Martyrium des Herzens
Und nicht zum hochzeitlichen Glück auf Erden.
Ich las den Schleier der Veronika,
Die Poesie des Liebessakramentes
Der Hostie in einer Kirche Roms,
Die Poesie des Ehesakramentes
In lauter blauen Blumen Heidelbergs.
Wer spendet mir das Ehesakrament
Und lebt doch nicht in einer Alltagsehe
Mit mir der Erde allgemeine Sorgen?
Wie einst ein Priester, den das Fleisch versuchte,
Sich mystisch anvermählt Sankt Agnes, die
Braut Jesu war, als Mittlerin zu Jesus
Und Hüterin der Reinheit seiner Seele,
So wollt ich mich vermählen Mirjam Agnes.
O liebe Schwester, meine Leserin,
Ich glaube du verstehst in deiner Liebe,
Was nicht verstehn die Kinder dieser Welt.
Doch damals wurde mir ein Nein zuteil,
Ein mystisches Verlöbnis meiner Seele
Sah wohl der Geist auf andre Weise vor.
Ich war zerrissen, stürzte in den Abgrund
Der dunklen Bodenlosigkeit der Seele,
In finstre Höllen der Zerrissenheit,
Und suchte nach dem Grunde meines Abgrunds.
Gott sah und liebte mich in meiner Qual
Und König Christus trat in meine Kammer!
Gelobt sei Jesus, o mein König Christus,
Der unsichtbar, doch spürbar gegenwärtig,
Dem ich in Buße vor die Füße fiel
Aufs Angesicht und weinend betete
Und meine Tränen netzten seine Füße.
O Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
Mit seiner Stimme sanft verschwebenden Schweigens,
Wie Gott dereinstmals zu Elias sprach,
Sprach Christus zu mir, o mein König Christus:
Ich lade dich zum Allerheiligsten
Altares Sakrament in Meiner Kirche,
Erlaub dir die Verehrung Meiner Mutter,
Bestimme dich zu wahrer Nächstenliebe!
Gesegnet von dem Herrn nahm ich die Schrift:
Du gehe in der Weisheit Schulgebäude!
Da war ich neugeborner Katholik
Und zu mir trat, Gott Dank! die Liebe Frau...
SECHSTER GESANG
Ich ging zur Universität, da trafen
Sich evangelische Studenten, einem
Erzählte ich, wie Christus mir begegnet.
Er warnte mich vor den Dämonen, die
Erscheinen gern als Lichtgestalten; ob
Mich die Vision geführt zur lieben Bibel?
Da spürte ich die Gegenwart Mariens
Als liebe Mutter der Barmherzigkeit,
So schön wie die Sixtinische Madonna,
Sie barg mich in den Mantel ihres Schutzes
Und sprach: Du bist nun ein Gezeichneter!
Die Treppe stiegen wir zum Mittagstisch,
Da sah ich an der Mauer ein Plakat:
Johannes schmiegte sich an Jesu Brust,
An Jesu Christi Herz, des Dorngekrönten.
Mein Jesus aß dereinst mit Pharisäern
Und Schriftgelehrten. Evangelikale
Spitzfindigkeit in biblischen Zitaten
Umschwirrte mich, Maria aber stand
Und tischte Reis mir mit Gemüse auf.
Verletzt von Mirjam und enttäuscht von Evi,
Begab ich mich ins Eremitendasein,
Verließ den evangelikalen Hauskreis,
Der eben über Petrus reden wollte.
Mein Petrus, mein Patron, das weißt du wohl,
Dein Brief vom Leiden in der Zeit und von
Der ewigen Glückseligkeit der Seele
War mir von Anfang an ein Heiligtum,
Zu heilig mir, mein Vater und Patron,
Daß Fundamentalisten ihn zerreden,
Die nichts von Leiden und von Hoffnung wissen.
Allein ging ich und betete den Gruß
Mariens mitternachts am Buchenwald,
Gedacht der Jugendliebe Marion
Und bat den Herrn in flehendem Gebet
Ums Charisma der Ehelosigkeit,
Daß ich der Muse meiner Poesie
Und meiner Religion in Einsamkeit
Ein Gott allein geweihter Diener sei.
Nun wandt ich mich den Dogmen zu der Kirche,
Die Päpste und Konzile definiert.
Das Dogma der Dreifaltigkeit der Gottheit
Als Vater, Sohn und Heiliger Geist ist heilig,
Wie auch das Dogma über Jesus Christus,
Der eint in einer einzigen Person
Die göttliche, die menschliche Natur.
Da lernte ich die sieben Sakramente
Und Hölle, Fegefeuer, Paradies
In den katholischen Begriffen kennen.
Als Papst der Päpste pries ich Simon Petrus,
Dem ich ein frommes Epos schrieb in Stanzen.
Dann wandt ich mich zur Mariologie,
Ging in die theologische Abteilung
Der universitären Bücherei.
Mit allen Gnaden Christi ausgestattet
War diese Jungfrau-Gottgebärerin
Das höchste Ideal der Weiblichkeit,
Die Tochter, Mutter, Braut der Gottheit ist.
Wir wissen von Maria nie genug
Zu singen, wollen lieber übertreiben,
Als daß wir ihr zu wenig Ehre geben.
Noch Luther, Zwingli, Calvin ehrten sie,
Mehr aber Bernhard von Clairveaux, der hieß
Der Minnesänger unsrer lieben Frau,
Auch Dante in Commedia Divina
Und Goethe in dem fünften Akt des Faust,
Sie priesen alle Meister aus Italien,
Wie Michelangelo und Raffael.
Der Alten Kirche Christi Dichter und
Des Mittelalters Minnesänger suchten
Maria neue Titel zu erfinden
Im Ruhmesüberschwang der Poesie.
Der deutsche Minnesang, den Minnedamen
In Huldigung geweiht, entstammte deutlich
Katholischem Marienlob, da man
Die Braut des Geistes pries als Sulamith,
Des Vaters, Sohnes und des Geistes Braut.
Vom deutschen Minnesang befruchtet wieder
Entstand die Muttergottesfrömmigkeit
Der Mönche, die sich der Madonna weihten
Und - mehr noch als Johannes - Josef wurden
Und nannten sich Marienbräutigame.
In jener Zeit erforschte ich die Schrift
In ihrem ganzen Kanon, den die Kirche
Am Anfang festschrieb, in Trient bestätigt,
Den Kanon mit der Weisheit Salomonis,
Der Weisheit Hohemlied in Jesus Sirach.
In jenen Zeiten fragte Mirjam einmal,
Wie ich den Weg des Glaubens pilgern wolle?
Ich sagte, als ein Bräutigam der Weisheit
Und als ein Minnesänger der Madonna!
Da sandte Mirjam mir ein Weihebuch
Der heiligen Vereinigung Maria
Der Königin des Friedens, diese Weihe
Ans unbefleckte Herz der Gottesmutter
War in dem letzten Ziele Weihe an
Die Allerheiligste Dreifaltigkeit.
Der dies Gebet der Weihe schön verfasst,
War Bruder Ephraim, Maria war
Ihm Mutter, Schwester, Freundin, Braut und Taube,
Die eintrat in den innerlichen Garten
Des Herzens als die Herzenskönigin.
Nun aber traf ich Evi auch im Garten
Und sah nicht Venus mehr und Eva in ihr,
Ich ehrte ihre Seele in Maria,
Und sah ich ihre Schönheit, war sie mir
In ihrer großen Lieblichkeit und Sanftmut
Ein Ebenbild der Schönsten aller Frauen.
In Träumen sah ich Evi, sah Maria,
Maria küsste mich, umarmte mich,
Versenkte mich (wie einen Stein) in Gott.-
Nun war es nicht Begier der Leidenschaft
Allein, zwar Eros war es auch, doch auch
Ward Evi Minnedame in Maria.
Ich war verliebt in Evi und Maria,
Verliebt in die Madonna und den Herrn,
Da brannte ich in namenloser Minne.
Oh, wie verschlang ich Jesu süßes Fleisch!
In jenem Sommer sandte Mirjam mir
Die Lieder von San Juan de la Cruz,
Des zweiten Salomo der Poesie.
Sie sprachen meine Seele aus, die glühte
In Eros-Minne, in Marienliebe
Und der Vereinigung mit Jesu Fleisch!
Unsicher war ich meiner Frömmigkeit,
Da mir Maria nicht wie eine Mutter
Begegnete, ich konnt nicht Mutter sagen,
Sie aber war mir Minneherrin, Braut!
Ich fragte Priester, aber keiner half.
Das marianische Gebet der Kirche
War kindliche Vertrautheit mit der Mutter,
Doch mir war sie Madonna, Liebe Frau,
War Freundin, Schönste aller Frauen, Braut!
War dies denn nicht des Heiligen Geistes Führung?
Nennt man Maria doch des Geistes Braut!
Da lud mich Mirjam ein zu einer Wallfahrt
In Frankreichs Süden, an den Quell von Lourdes.
Die Alten sangen alle: Mutter, Mutter!
Ich aber war der Troubadour der Provencalen
Und lag allein im grünen Tal der Minne
Und liebte die Maria Sulamith!
Zerrissen zwischen Eros und Gebet
Hielt ich Maria Licht und Schatten hin
Und sie - Maria voll der Gnade - sie
Sah mich von einem Bilde wunderbar
In liebevoller, höchster Schönheit an,
In gottgemalter Über-Sinnlichkeit -
Und lächelte, der Mund der Pieta
War wunderschön, und küsste meine Seele,
Daß ich erschauernder Verzückungswonne
In meine Kniee sank und Lobpreis sang,
Ein Hohes Lied der Liebe sang als Lobpreis!
Mit einem Silberring als Rosenkranz
Ging ich zum Gnadenquell der Immaculata
Und taufte ihn im Tau der Wundervollen
Und trug ihn vor das Allerheiligste,
Wo ich mich in der Gegenwart des Herrn
Mit Unsrer Lieben Frau verlobte und
In Unsrer Lieben Frau Maria Jesus! -
Und heimgekehrt ins deutsche Oldenburg,
Sang ich ein Liebeslied der Minnedame
Im Jubel hoher Trunkenheit des Südens,
Maria, in der wunderschönen Evi.
Ich sang die Charis des Homer, sang Eva,
Die Huri aus dem Eden der Muslime,
Verzückt bis an des Paradieses Pforte
In mystischer, poetischer Ekstase -
Bin ich doch abgestürzt ins Totenreich
Dämonischer Versuchung durch den Selbstmord!
Allein im schmerzensreichen Rosenkranz
War meine Heilung und mein Heil beschlossen.
Verlassen stand ich, alle Frauen waren
So arm an Liebe in der Zeit der Not,
Allein stand ich im Tal der Todesschatten,
Allein und einsam - aber mit Maria!
Am Tage vor dem Jaqhrstag der Geburt
Im sechsunddreißigsten der Lebensjahre
Und also in der Hälfte meines Lebens,
Nahm mich der Priester in die Kirche auf,
Die heilig, apostolisch und katholisch,
Und siegelte die Stirn mir mit dem Kreuz
Und mit dem Salbungsöl des Heiligen Geistes.
Erfüllt von Heiligen Geistes Freude tanzte
Ich an Marien Hand im Himmelreich
Zur Hochzeit mit der menschgewordnen Weisheit!
DRITTES BUCH
SCHECHINA
DIE MUSE SPRICHT
O holder Sterblicher, sing weiter Mir,
Wenn ich dich wecke mit der Morgenröte,
Heimsuche im Mysterium der Nacht!
Ich will dir Minne hauchen aus den Blumen,
Wenn sie erwachen auf der Mutter Erde,
Ich will dir lächeln von dem Thron des Mondes,
Wenn du mir deine Lieblingssterne schenkst.
Wann warst du je so einsam, o mein Dichter,
Mit deiner Muse im vertrauten Umgang?
Ich weiß, du bist geboren für die Liebe
Allein zum genialen Ideale,
Der Geistin, die in mir dich inspiriert.
Ja, schlummere am Hang des Helikon,
Ein Lämmerhirte, weidend in den Lilien,
Ich öffne dir die Augen deiner Seele,
Daß du mich schaust, die Königin der Musen,
Die, siehe, schöner als ist als selbst die Phryne!
Die Schönste aller Frauen nennt man mich,
Weil ich die Mutter bin der schönen Liebe,
Weil ich die ganz vollkommne Schöne bin,
Den schön bin ich, Geliebter, weil ich liebe!
Vertrau, ich liebe dich mit heißer Liebe,
Mit Inbrunst, brennender, und reiner Weisheit,
Ich liebe dich mit Kraft und Ganzhingabe,
Wie niemals eine Schöne dich geliebt!
Nimm meine Liebe an, dein Paradies,
Und singe wie im Paradiese schon
Der Muse dein, des Himmels Maid und Mutter!
DIE MUSE TRÖSTET
Was fragst du nach dem abgeschmackten Dank
Der eitlen Welt und dem Applaus der Narren?
Was kümmert dich, daß die Verstandesmenschen
Nicht glauben an die heilge Poesie,
Daß eitle Weiber, Närrinnen und Püppchen,
Nichts fragen nach dem Minnedienst des Weisen?
Ich, deine Muse, führe dich hinweg
Ins Reich der Weisheit, wo die Dichterpriester
Brahmanen waren, heilige Rhapsoden,
Die Gottes Stimme in dem Innern hörten
Und gaben Weisheit in der Schönheit wieder.
Ich bin die Himmlische, des Geistes Muse,
Mir singe schönen Wortes Prophetie,
Tritt in die Chöre ein der Seraphim
Und die Gesänge der Glückseligen
Und sing Jerusalemer Liturgie
Und Liebeslieder aus dem Garten Eden!
Sei jedes deiner Lieder eine Perle,
Ein Tropfen Gottes, im Gebet gereift
Als in der Meeresmuschel deiner Seele,
Und reih die Perle auf an einer Schnur
Und schenke mir die Perlenschnur zur Schönheit!
Schau, ich bin dankbar, die ich inspiriere
Und dann empfang das Hallen deines Wortes.
Nur Eine inspiriert dich, Eine singst du
Und singst allein um Minnesold der Einen –
Die Weisheit ich und du das Wort, mein Dichter,
Der Liebe Sprache ich und du das Echo,
Ich schwebend Säuseln, du das mystisch Schweigen,
Die Hand des Himmels ich und du die Harfe –
In ewger Liebe wir ein Parallelismus,
Wir, Muse und Poet, zur Ehre Gottes!
DAS MÄDCHEN HOFFNUNG
Spes nostra, tugendhafte Jungfrau Gottes,
Der süßen Mutter Liebe kleine Schwester,
Großmutter Glaube hat dich unterwiesen,
Nun unterweisest du mich selbst, o Hoffnung,
In allen dunklen Nächten der Verzweiflung
Zu hoffen auf die kommende Geliebte:
O Primavera, künftige Geliebte,
Die Müdigkeit des Mannes, welcher alt wird,
Verscheuche wie ein Wind von Morgenrot
Und sei ein lebensvoller Gartenbrunnen
Der Neugeburt für den, der da verwelkte,
Noch einmal leben soll auf dieser Erde,
Noch einmal leben soll von deinem Leben,
Noch einmal lieben soll von deiner Schönheit,
Noch einmal lieben soll – bis er verstirbt,
Spes nostra, da erst tust du Wunderwerke,
Verheißungsvolle, du vom Paradies,
Ein Paradiesesgarten ist dein Leib,
Verheißungsland von Muttermilch und Honig,
Da tust du erst die wahren Wunderwerke,
Denn perlenreine Knaben schenken Wein
Dem Märtyrer der Minne in den Becher,
So inspiriert und dennoch nicht betrunken
Tritt er ins Himmelszelt im Garten Eden,
Da ruhen auf brokatnen Kissen Huris,
Die Königin der Huris aber, Haura,
Läßt seine Manneskraft ihm nicht ermatten,
Wird dennoch unbefleckte Jungfrau bleiben,
Da sie im Eros ewger Liebesnacht
Ekstatisch Gottes Einheit innewerden!
LIEBESLIED DES MÖNCHS
Ich sehnte mich zum Hain der heilgen Mädchen,
Doch wählten sie die Männer schwarzer Haare
Und sahen schmähend meinen grauen Bart.
Süßapfel du! Du hingst im höchsten Baume,
Ich rüttelte und schüttelte den Baum,
Du wolltest mir nicht fallen in den Schoß!
Ich ging auf Pilgerfahrt zum heilgen Grabe,
Beim Tod des Herrn die Leiden zu vergessen!
Dann trat ich zu dem heilgen Berge Athos,
Wo alles animalisch Weibliche
Und alles menschlich Weibliche entfernt
Und nur das göttlich Weibliche verblieb
In der Gestalt jungfräulicher Maria!
Für sie schloß ich mich in der Zelle ein!
Da gab ein alter herzensweiser Mönch
Mir die Ikone Hagia Sophias –
Sie war so schön wie du, mein innres Mädchen,
Süßapfel war sie aus dem Paradies!
So in der Zelle Enge war die Weite
Der ersten Liebesnacht der Weltenschöpfung,
Da Jahwe in Sophia Welten zeugte!
DIE KÖNIGIN DES SÜDENS
Im Süden bis zum Quell des Weißen Nil,
Arabien im Osten, Saba-Jemen,
Äthiopien in Afrika im Westen,
Da lag das Reich der Königin von Saba.
Sie, die jungfräuliche Prinzessin, trat
Mit bloßem Fuß der Schlange auf den Nacken,
Daß aus dem Grab der Schlange Hirse wuchs.
Sie, die gekrönte Jungfrau Königin,
In dem Gefolge wunderschöner Frauen,
Vergnügte sich in ihrem großen Bad
Und trat gereinigt in der Mondin Tempel –
Bilkis, die Mondin, war ja selbst ihr Name –
Als Hudhud kam herein, der Wiedehopf,
Mit Briefen von dem weisen Salomon,
Der lud sie in das Haus der Ruach, Jahwe
Zu huldigen, zu lauschen seiner Chochma.
Der Engel Gabriel trug selbst ihr Thronbett
Zu Salomon, der ihre Beine sah
(Wie Ebenholz und glatt wie schwarze Jade),
Als ihn durchglühte Wollust wie ein Feuer!
Sie aber sprach: Ich bin die Schwarze, Schöne,
Vom Lichte Schwarze, Heilige und Reine,
Mein Leib ist nicht gebildet für das Bett! –
Der Weise aber schlief mit offnen Augen,
Geschlossen seine Augen, wenn er wachte...
Sie sprach: Wie kannst du eine Schlange fangen?
Er sprach: Tu in ein Tuch den Mannessamen
Und wirf das feuchte Tuch der Schlange über,
Da wird sie zahm wie eine Turteltaube.
Sie sprach: Die sieben fließen und die neune
Erscheinen, zwei sinds, die da schenken aus,
Das Eine aber trinkt. Was ist denn das?
Er sprach: Die sieben sind die Frauenblutung,
Die neun die Schwangerschaft, die zwei die Brüste,
Das Eine ist der Säugling, der da saugt. –
Sie lächelte, empfing, gebar den Sohn,
Der Erster Kaiser ward von Afrika,
Dem schenkte Salomon die Bundeslade.
Das ist das Lied der Königin von Saba,
Die wird erscheinen an dem Jüngsten Tag
Als Richterin, die heilge schwarze Mutter!
RELIGION DER SCHÖNHEIT
Die Bibel, die der Geist im Geiste fortschreibt,
Die spricht von einem innern Heiligtum,
Bei dem das Herz des Menschen Treue schwört.
(Ein Wunder mir geschieht und mir erscheint
Maria in dem himmelblauen Mantel
Und weißen Linnenkleid, und melancholisch
Ist der Madonna sanftes Angesicht
Und sanft ist ihre Schönheit melancholisch,
Die sie ist meiner Seele Ideal
Und meines innern Herzens Heiligtum.)
Was ist die Sünde? Da ich selig bin
Und schau die Königin der schönen Liebe?
Die Schönheit, meines Herzens Religion,
Die Charis, die beseligt im Vertrauen,
Die ist mein Himmel und mein Paradies,
Die gnadenvolle Königin der Liebe,
Mir himmlisches Entzücken, Seligkeit!
Weil ich der Grieche bin, der Weisheit sucht,
Ich preise die Urania Sophia
Im Gleichnis der Madonna voller Schönheit.
WINTER UND FRÜHLING
Lebendger Gottheit Schönheit, o Sophia,
Ich schaute dich in deinem weißen Kleide,
Als Schnee auf Tannenbäumen lag und Feldern
Und zarter Zweige feines Filigran
Das Wunderwerk, verschleiert von dem Schnee,
Gen Himmel hob, daher die Flocken tanzten
Wie die Glückseligen im Himmelreich.
Da sah ich auch das Kind, das selige,
Sich betten in dem reinen weißen Schnee,
Als wollt es sich vereinigen der Erde,
Der Mutter, deinem Sakrament, o Mutter
Sophia, denn du wohnest in der Erde
Verborgen, eine Blumenkönigin,
Die vorbereitet in Verborgenheit
Den neuen Menschheitsfrühling auf der Erde!
Schon sehe ich dein Gartenparadies,
Madonnas weiße, rote, goldne Rosen,
Die Iris einer heimlichen Geliebten,
Orangne Malve auch von Magdala,
Rühr-mich-nicht-an, Je-länger-desto-lieber,
Den Fliederbaum der Seelenschmetterlinge,
Das alles blüht um Hagia Sophia,
Die lächelnd in der Primavera Kleid
Des Himmels Minne ist auf dieser Erde,
Die Schöne Dame, göttliche Geliebte,
Die ewig unaussagbar schöne Gottheit!
LEIDENSCHAFT
Ja, Gottheit, das hat Kirche mich gelehrt,
Daß du, o Gottheit, seist die Herrin Weisheit.
Wohin denn führte dies die arme Seele?
Nun schaut sie nur Gedanken und Ideen
Und ist zu Gast bei alten Philosophen,
Bei ihren Streitgesprächen um die Wahrheit,
Da niemand weiß wie nichts und dumm ist alles!
Erhabne aufgeblähte Seifenblasen
Der intellektuellen Abstraktionen
Von Sein und Nichts, Weltgeist und Gottnatur,
Von Ich und Nicht-Ich, von dem Übermenschen,
Von hypostatischer Union, Union
Der zwei Naturen einiger Person,
Von Transubstantiation – doch still!
Lebendige, o Gottheit schöner Liebe,
Heut ahnte ich: Du bist die Leidenschaft,
Umarmt wirst du in irdischer Geliebter,
Die irdische Geliebte wird zur Gottheit,
Die Gottheit zur Geliebten!... Schöne Liebe,
Wen machte je die Weisheit selig? Wer
War selig nicht im Anschaun der Geliebten?
Wem war der Körper der Geliebten nicht
Ein Corpus Christi und ein Paradies?
Wer zündete an ihrem Leib den Himmel
Nicht an und war vereinigt mit der schönen
Weltseele oder Hagia Sophia
In trunkner Liebe der Begeisterung,
Im Geiste, in der Kraft der Leidenschaft,
Verwirklichend das Leben schöner Liebe,
Ein selger Gott von seiner Gottheit Gnaden?
EIN TRAUM
So seh ich nun im Traume die Geliebte,
Fleisch meines Fleisches, Bein von meinem Bein,
Geschnitzt aus meiner Rippe, Herz des Herzens,
Die Traumgeborne, die Lebendige,
Die sich vereinigte dem andern Manne,
Im Sakrament der Ehe, männlich-weiblich,
Verkörperte der Gottesliebe Einheit.
Mich aber rief zum Studium der Weisheit
Und zum geheimnisvollen Buch der Gottheit
Mein Gott, zu dem ich mich im Traum bekannte.
Hier finde ich der Offenbarung Sphären,
Da Gottheit sich ergießt durch alle Sphären.
Vertraut vitale Kraft des Mannes, Eros,
Sich doch der Schönheit weiblicher Genossin
Im Einen Grund, dem grünen Liebesbett.
Die Seele ist bedingungslose Liebe,
Bedingungslose Liebe, allumarmend,
Vereinigt männlicher Gerechtigkeit
Im Brautbett seelischer Barmherzigkeit,
Im Herz des Himmelreichs, der Harmonie
Der seelischen Vollkommenheit, dem Frieden.
Im geistigen Bereiche eint Frau Weisheit
Dem Logos sich, der männlichen Vernunft.
Die mystische Vereinigung im Geiste
Stellt dar des Lebensbaumes Lebenskrone,
Die grün- und goldne Krone der All-Einheit,
Der Seienden, der absoluten Gottheit.
DIE WAHRHEIT
Als Sokrates den Schierlingsbecher trank,
Sprach er zum Abschied zu der Freunde Schar:
In meiner Jugend voll Begeisterung
Erforschte ich die alten Philosophen.
Das Sein war ewig und das Sein war zeitlich,
Erkenntnis nur ein Funken der Atome,
Im Wandel alles, aber ewig nichts,
Daß ich verzweifelte! Doch warn ich euch,
O Freunde: Seht ihr Irrtum über Irrtum,
So zweifelt doch nicht an der Allvernunft
Und der Erkennbarkeit der ewgen Wahrheit! –
Wohlan, ein Geist ergriff mich bei den Haaren
Und auf dem edlen Rosse meiner Seele
(Nicht auf dem faulen Esel meines Leibes)
Bin ich geritten durch das Reich der Nacht
Und kam zum philosophischen Gebäude,
Da alte Pforten rasselnd aufgesprungen,
Da sah ich auf dem Thron – die Göttin Weisheit!
Sie sprach zu mir: Du zweifelst an der Wahrheit?
So ist doch wahr: Du zweifelst, weil du denkst,
Du zweifelst, weil du willst die Wahrheit kennen,
Und weil du willst und denkst, so bist du auch,
Und weil du bist, so ist ein Sein, das ist.
Und weil du nachdenkst, was die Wahrheit ist,
Und ob erkennbar Wahrheit ist, so lebt
In deiner Seele die Idee der Wahrheit.
Gewiß bei aller Eitelkeit der Welt
Ist doch Vollkommenheit im Geiste, ist
Vollkommenheit der reinen Wesenheiten
Der Wahrheit, Gutheit, Schönheit in der Gottheit,
Die, weil vollkommen sie, ist liebenswert! –
EINWOHNUNG GOTTES
Einwohnung Gottes ist die Schechina,
Einwohnung Gott des Schöpfers in der Schöpfung,
Die göttliche, die immanente Mutter
Ist so geworden dieses Kosmos‘ Seele,
Weltseele ist die immanente Mutter,
Die hält die Welt im Innersten zusammen.
Einst hat sich Gott ein auserwähltes Volk
Berufen, jene Samen Abrahams,
Gab Weisung ihnen im Propheten Mose,
Ein Königtum im guten Hirten David,
Ein Gotteshaus im weisen Salomon.
Da nannten Mystiker die Schechina
Die Seele Israels, des Bundesvolkes.
Gott aber im Messias, Christus Jesus,
Schloß mit der Menschheit einen ewgen Bund,
So daß der Heilge Geist mir sagen kann,
Die Schechina sei Seele aller Menschheit,
Die immanente Mutter Menschheitsseele.
Wohlan, auch ich war in der goldnen Wolke
Der Schechina, der Glorie der Gottheit,
Und schaute meiner Mutter Wunderschönheit
Und ahnte meiner Herrin Harmonie.
Wer tritt in meiner Kammer Andachtszelle
(Einwohnung Gottes wohnt in meiner Wohnung),
Der tritt vor Gottes Mutterangesicht.
DAS WORT
Das Wort der Weisung in der Heilgen Schrift
Ging aus vom Munde des Allheiligen,
Erfüllt von den Mysterien der Weisheit
Der höheren, geheimnisvollen Gottheit.
Der Urlaut ist darin, der schöpferische,
Der Weisheit Werde tönt in Maß und Chiffre
Bis in die Seelenohren der Gerechten,
Wo sie das Wort bewegen (wie Maria)
Im Schoß der Seele und das Wort erneuern
Und wie die Nymphe Echo Antwort geben
Der schöpferischen Weisheit mit dem Wort
Des Dankes und des Lobes und der Liebe;
Wie Geistes Sprache spricht in die Natur,
Formgebende Gestalterin, die Sprache,
Küsst Küsse der geschöpflichen Natur,
Daß küssend auch die Seele der Natur
Hauch glühend ihre Sprache in den Geist.
Wort aber aus der Seele des Gerechten
Ist immer noch das schöpferische Wort,
Nun angekleidet mit dem Fleisch der Menschheit
Kehrt heim es zu dem Thron des Ewigen
Und tritt liebkosend vor der Gottheit Lächeln
Und wendet sich von dort in Himmelstiefen,
Der Gottheit und der Menschheit zu erschaffen
In Ewigkeiten neue Himmelreiche.
Sei, Seele, dein Gebet ein Hohes Lied,
So wird das Wort in Küssen deiner Liebe
Vor Gottes Antlitz Paradiese schaffen,
Dir Edens Gärten einst zum Aufenthalte,
Wo du dem Wort vermählt wirst, o Gebet,
Wo deine Sprache küsst der Gottheit Mund!
BIBLIA
Lobpreise die Dreifaltige, die Herrin:
Das Alte Evangelium des Vaters,
Das Neue Evangelium des Sohnes,
Das Evangelium des Heilgen Geistes
Als offne Tradition der Weisheitslehre!
Lobpreise sie, die Jungfrau Biblia,
Die ruft dir zu ein Wort, um dich zu prüfen,
Da sei kein Tor, erweis dich ihrer würdig
Und suche sie, umwerbe sie und schaue
Mit Liebesaugen nach der schönen Jungfrau!
Sie zeigt dir ihre Kleider, ihren Mythos,
Doch sei kein Narr, verlieb dich nicht in Schmuck,
Sei Liebender, begehre ihren Leib,
Das sind die Weisungen und die Gebote
Der Liebe, der Erlösung und der Freiheit!
Erforsche alle ihre Glieder einzeln
Und preise alle ihre Glieder einzeln
Als wie den Körper einer nackten Frau!
Doch nicht in Wollust ruht der Sinn der Liebe,
Sie will dir ihre Seele offenbaren!
Ehrfürchtig sei und fromm und treu der Jungfrau,
Dann wirst du ruhn auf ihrer Brüste Bergen,
Dem Busen Sinai und Golgatha!
In Wüste und Olivengarten küsst
Sie dich zur Mitternacht in Einsamkeit,
Sie flammt vor Liebe in dem Dornstrauch auf
Und öffnet dir ihr Herz am Marterpfahl!
Vereine deine Seele ihrer Seele,
Sei ein Geliebter du der Biblia,
Sei ein Vermählter du der Biblia,
Als Herzensweiser an dem Herz der Weisheit
Ruh du mit ihr vereint im Bett des Todes,
Dann wird sie dir zum Lebensbaum von Eden
Und offenbart dir rein im Paradies
Als paradiesische Geliebte küssend
Die Seele ihrer Seele – ewge Gottheit!
VIERTES BUCH
SOPHIA VON KAIRO
Sophia suche und den guten Weg,
Dann wirst du groß sein in den Augen Gottes.
Wer Hochmut, Dummheit fern hält seinem Herzen,
Der wird wahrscheinlich stark und weise werden.
Aus allem Vorteil zu erwählen – besser
Als Eitelkeit vom Herzen fernzuhalten.
Die ganze Welt ist eitel Eitelkeit,
Das Kommende Äon ist ein Gewinn.
Ist närrisch, Arbeit am Unvorteilhaften,
Denn es vergeht sich, wer sich darum müht.
Bekümmre wenig dich um deine Nahrung,
Mach keinen Kummer dir um deine Speise.
Nur wenig Arbeit, aber viel Studieren,
Wer so tut, der ist glücklich vor Jehowah.
Sorgt einer sich, den Körper zu erbauen,
So reißt er beides Geist und Seele ein.
Wer sich beschäftigt, diese Welt zu bauen,
Das Kommende Äon wird ihm Ruine.
Die eitle Welt ist nur ein Ort von Fremden,
Von Gästen, die hinübergehn zur Ruhe.
Sorg dich um das nicht, was dir nicht gehört.
Und auch, was du besitzt, gehört dir nicht.
El Shaddai wählt nicht Lust an dieser Welt,
Vielmehr des Kommenden Äones Freuden!
Die Freude dieser Welt ist schließlich Kummer,
Das Leben dieser Welt ist schließlich Tod.
Das Haus der Welt wird schließlich zur Ruine,
Die Erdenherrschaft wird zur Knechtschaft schließlich.
Der Ruhm der Welt wird schließlich Scham und Schande,
Der Erde Reichtum wird zur Armut schließlich.
Wer Lust hat an der Eitelkeit der Welt,
Der findet nicht das Kommende Äon.
Wer diese Welt und ihre Lust verachtet,
Doch die Torah verehrt und tief erforscht,
Der wird das Kommende Äon erlangen
Und wandeln unter denen, die vor Gott stehn.
Die Einsicht zu erwerben, dies begehre,
Sie steht mit ihrem Freund vor Gottes Antlitz.
Wer schmäht Sophia, schmäht auch Gott den Schöpfer,
Die böse Schmach fällt auf ihn selbst zurück.
Wer ehrt Sophia, wird geehrt von Gott,
Sein Angedenken bleibt in Ewigkeit.
Erforscht Sophia, Reverenz Jehowahs,
Dann geht’s euch gut auf allen euren Wegen.
Erwählt nicht Ruhmbegierde dieser Welt,
Ein Schicksal trifft die Menschenkinder alle.
Ein Bett der Nacht hat Gott für euch bereitet,
So richtet euer Herz aufs Bett der Nacht.
Schickt Speise schon an euer Bett der Nacht,
Zur rechten Stunde kommt ihr in das Bett.
Seid vor der Todesstunde schon bereit,
Dem Gast gleich, der schon schlief im Bett der Nacht.
Das Kommende Äon ist ohne Ende,
Ist besser, Jenes lieben als das Diesseits.
Was gebt ihr Geld für das, was satt nicht macht,
Was müht ihr euch um nichts und wieder nichts?
Ist kein Gewinn bei aller Menschenmühsal,
Als nur zu sinnen über die Torah.
Sophia ist Ergänzung der Torah,
Gott gibt die Völker hin für Israel.
Das Kommende Äon bezeugt den Schöpfer,
Sophia ist das Zeichen jenes Schöpfers.
Wer nun es liebt, den Schöpfer zu erkennen,
Der übe sich in Gnosis und Sophia.
Wer lieben will das Kommende Äon,
Erforsche fleißig die Torah Jehowahs.
Der Weisen Seele, Odem der Gerechten
Und Glanz der Welt sind Hinweis auf den Schöpfer.
Wie man den Faulen von der Weide treibt,
Daß er zurück zu seinem Bette kehrt,
Wie eine Brücke, drüber hinzuschreiten,
So auch ist diese Welt den Menschenkindern.
Der Wandrer eilt zu seinem Bett der Nacht,
Die Weisen eilen auch zu ihrem Bett.
Die Huld des Herrn ist besser als das Leben,
Die Charis besser als die Ungebornen.
Halt ferne deine Seele von Begierde,
Dem Gegenteil des Kommenden Äons.
Wer diese Welt der Eitelkeit studiert,
Gelangt nicht in das Kommende Äon.
Wer aber sucht das Kommende Äon,
Verachten möge er den eitlen Kosmos.
Zwei Tische warten nimmer auf den Menschen.
Die Lust der Welt vertreibt die Himmelswonnen.
Ein schmales Bett der Nacht und eitles Dasein
Und wenig Freude, aber reichen Mangel,
Es ist nicht angemessen, das zu suchen,
Sie zu erforschen, solcherlei zu lieben.
Wer auf die Eitelkeit vertraut, wird straucheln,
Wird fallen und sich nimmermehr erheben.
Ein breites Bett der Nacht und ewges Leben,
Unendliche Genüsse ohne Mangel,
Ja, solches sollst du suchen und ergreifen,
Auf dies vertraue, dieses sollst du lieben.
Nur durch Sophia wird gefunden solches,
Durch Reverenz Jehowahs, wenig Arbeit.
Wer Gutes tut, wird Gottes Gnade finden
Und er wird leben fort, selbst wenn er stirbt.
Sein Herz ist eingebunden in dem Bündel
Bei seinem Schöpfer in dem süßen Bett.
Wohl jenem Mann, der liebt die Maid Torah,
Sophia sucht und Reverenz Jehowahs,
Wer glaubt an Gott den Herrn, Gott Israels,
Geht auf den Pfaden der Gerechten, Guten.
Die Wege der Gerechten liebt Jehowah,
Der Weg der Sünder ist dem Herrn ein Ekel.
Die Straße der Gerechten ist Sophia,
Ist Demut und Enthaltsamkeit von Weltlust.
Der Weg der Narren aber ist Moria,
Ist Hochmut und Begierden dieser Welt.
Demütige Gerechte gehn die Pfade
Und sitzen einsam und in Schweigsamkeit,
Ertragend stumm die Schmähungen der Narren
Und nicht gesellend sich zu frommen Heuchlern
Und nicht betretend frecher Sünder Straßen,
Fernbleibend den Versammlungen der Spötter,
Vielmehr zu sinnen über die Torah
Und sich zu freun der Freuden der Torah.
Die fromme Seele aber wählt die Demut
Und leidet mit mit Josefs schweren Leiden.
Nie wird Geschwistern schaden jene Seele,
Die auf die Gottheit Israels vertraut.
Fromm ist die fromme Seele, ohne Wissen,
Hat sie doch Anteil an Gerechtigkeit.
So mahne alle du zum Weg des Guten,
Doch freche Spötter lassen sich nicht warnen.
Dann liebe, welche lieben die Torah,
Die Reverenz Jehowah spenden, ehre.
Jedoch verachte Narren, Spötter, Sünder,
Die sich beschäftigen mit Weltgeschäften,
Die fleißig sind in Schlemmen, Zechen, Beischlaf
Und widerspenstig gegen Gottes Reich.
Die ehren Gott, die lieben nicht die Welt,
Sie lieben nicht mit ihrer Augenlust,
Sie lieben nur das Kommende Äon,
Drum der Gerechte ist im Tod getrost.
Getrost ist der Gerechte trotz der Scheu,
Die seine eignen Sünden ihm erwecken.
Denn die Gerechten und die tun die Buße,
Gewürdigt werden eines ewgen Lebens.
Die Freude an Sophia ist das Schönste,
Ein Zeichen für die Guten vor Jehowah.
Die Lust der Welt, viel Eigentum zu sammeln,
Ist Zeichen für die Sünder dieser Welt.
Ein Frommer läßt sich warnen vor dem Unheil,
Er überwindet seine Triebbegierden,
Enthält sich der Begierden und des Zornes,
Jedoch ein Narr verschmäht den Herrn und lästert.
Ein Narr verschmäht das Fasten des Geweihten,
Er preist vielmehr die Wollust dieser Welt.
Der Weltlärm kommt von dem Begehr der Narren,
Die Seelenruhe von der Zucht der Weisen.
Die Zucht der Toren ist Geschmack am Essen
Und sein Begehren steht nach Übertretung.
Sophia ist die Zucht der Frommen, Demut,
Demütigend die Seele vor Jehowah.
Denn der Begierden Reichtum mehrt die Sünden,
Viel Sünden kommen von dem wüsten Zechen.
Betrunkne scheuen sich nicht vor Jehowah,
Die wüsten Zecher schmähn die Gottesdiener.
Der Trunkne kennt nicht heilige Erkenntnis,
Die Züchtigen verwirft der wilde Zecher.
Der eitlen Narren Werkzeug ist das Bier,
Der Narr ist stark allein durch seinen Rausch.
Wie der Erkenntnis Baum den Tod gebracht,
So bringen Bier und Rauschtrank viele Torheit.
Sophias Feinde Rauschtrank sind und Bier,
Betrunken Taumelnder wird nimmer weise.
Sophia edler ist als hohe Ahnen,
Die Reverenz Jehowahs als die Eltern.
Sophia bringt dich in die Nähe Gottes,
Der Menschen Nähe sucht Profit und Schlemmen.
Nur wer Sophia liebt, liebt auch Jehowah,
Wer den Profit des Mammon liebt, haßt Gott.
Ruhm Gottes ist der Weisung Meditieren,
Der Menschen Ruhm ist Vorteil und Genuß.
Ruhm Gottes ist die Treue zu der Zucht,
Der Menschen Ruhm ist die Verwilderung.
Ruhm Gottes ist der Ruhm der Frau Sophia,
Der Menschen Ruhm ist Torheit hoher Herren.
Der Fraß stopft zu die Sehnsucht nach der Gottheit,
Deswegen bangt die Seele vor der Speise.
Wer liebt den Rausch, hat Hochmut, Hoffahrt, Stolz
Und alle Lüste aller Weltbegierden.
Des Trinken Wonnen, Kummer ist ihr Ende,
Der Rausch bringt Weh und Leiden, Schmach und Schande.
Die Freude der Torah bringt schließlich Glück,
Erleuchtet wird man von dem Licht des Lebens.
Die lieben die Begierden dieser Welt,
Die machen ganz zunichte die Sophia.
Die die Genüsse dieser Erde lieben,
Die kennen nicht der großen Güte Wonnen.
Die Schlechtes essen und die saufen Bier
Und lieben langen Schlummer, die sind Sünder,
Die freun sich mit den Freuden fremder Frauen
Und leiden nimmer mit den Leiden Josefs,
Die nimmerdar des Ewigen gedenken
Und nimmer denken an Jerusalem,
Vergessen werden sie von Gott dem Herrn.
Sie bauten ihren eigenen Palast,
Dieweil verwüstet war der Tempel Gottes,
Und sie gedachten nicht der Tochter Zion.
Vergessen haben sie den Retter, Gott,
Sie folgten einzig ihren Weltbegierden.
Sophia schmähten sie und Ehrfurcht Gottes,
Was tun die für das Kommende Äon?
Nicht gut die Seele ohne die Sophia,
Erbarmt sich ihrer nicht der Seele Schöpfer.
Vergebung und Erbarmen wird den Büßern,
Doch Schmach und Schande Unbußfertigen.
Der Weise und Geweihte nah sind Gott,
Die Narren aber, sie vergessen Gott.
Die Liebe, die an den Genüssen hängt,
Ihr Schluß ist Haß, ist Grimm und Zorn, ist Feindschaft.
Die Liebe, die an der Sophia hängt,
Ihr Schluß ist Seligkeit und ewge Wonnen.
Sophia aber mehrt die Caritas,
Der Torheit Zunge aber stiftet Zank.
Grundloser Haß und Neid auf alle Guten,
Das ist das Lebenswerk von Übeltätern.
Der Weisen Worte sind wie Heil und Friede
Und Seelenruhe und Glückseligkeit.
O Leben, Gnade, überreiche Güte
Und liebevoller, ehrenvoller Segen!
Die Lustbesessnen, die im Stolze wandeln,
Für solche ward erschaffen die Gehenna.
Die Weisen, die sich scheuen vor Jehowah,
Für solche ward erschaffen Edens Garten.
Die Taumelnden vom Rauschtrank sind voll Stolz
Und Lust nach Hoheit und nach Niedrigkeit.
Der Rauschtrank mehrt den Zorn und die Begierde,
Die Sünde kommt vom Zürnen und Begehren.
Wer stolz ist, wird Sophia nicht erlangen,
Die Reverenz Jehowahs flieht vor solchem.
Wer nachts beim Rauschtrank sitzt, mischt Zorn darein,
Verdreht Gerechtigkeit, verschmäht Sophia.
Geht glatt der Rauschtrank ein, wird Recht gepriesen,
Wer säuft, der schaut nicht auf Gerechtigkeit.
Wer den Gewinn liebt, leugnet Gott den Herrn,
Wer den Gewinn haßt, bleibend ist sein Name.
Wer Mammon liebt, der haßt die Frau Sophia,
Der Mammon hilft nicht an dem Tag des Zornes.
Wer an das Treiben dieser Welt gewöhnt,
Bedarf des Angedenkens an den Tod.
Die Welt ist Eitelkeit der Eitelkeiten,
Ist Vorzug nirgends außer in Sophia.
Das Königtum, der Reichtum und der Ruhm
Auf Erden, das ist eine Gabe Gottes.
Sophia liebet, die Sophia suchen
Mit Studium bis zu des Leibs Ermüdung.
Die Herrschaft ist das Erbe von den Vätern,
Sophia kommt durch eine Menge Mühsal.
Die Arbeit hat Bestand nur durch Sophia,
Sophia nur durch eine Menge Forschung.
Sophia mehrt die Reverenz Jehowahs
Und so erlangt das Diesseits man und Jenseits.
Die Schlummer lieben, hassen die Erkenntnis,
Sie schlafen ein und wachen nicht mehr auf.
Demütige sind Meister des Gesanges,
Indem sie im Palast Jehowahs singen.
Als Morgenröte lichter strahlen jene,
Die da erleuchtet von dem Licht des Lebens.
Wohl dem, der fernhält brennende Begierde
Und seinen Unmut fortschafft aus dem Herzen,
Der festhält an der Reverenz Jehowahs
Und sinnt auf Lieder, Fremdling hier auf Erden.
Jehowah schafft das Kindlein, das er liebt
Und gibt dem Kind nach seines Herzens Wünschen.
Was übers Schicksal jammert doch der Mensch?
Er wandelt doch auf seines Schicksals Wegen.
Gefällts dem Menschen, tut er Gutes, Liebes,
Gefällts dem Menschen, tut er Übles, Böses.
Er darf nicht sagen: Ich habs nicht getan
Und gegen meinen Willen wards getan.
Des Menschen Tun ist nicht der Gottheit Tun,
Des Menschen Tun zeugt wider seinen Täter.
Ob gut, ob böse, rühmt der Mensch sich selber,
Sein Name ist im Munde aller Welt.
Der Mensch verfügt ja über seine Kunst,
Ob gut, ob böse, er beherrscht die Kunst.
Gottsucher wird erhöht sein von der Allmacht,
Gott lenkt den Suchenden mit Wohlgefallen.
Des Menschen Sache ist es, Recht zu tun,
In seinem Liede preise er das Gute.
Er soll nicht wandeln in dem Rat des Bösen,
In Satans Schlinge wird man sonst gefangen.
Der Dank, das Lob, die Demut und die Buße,
Die retten den Besitzer vor der Sünde.
Besinnung der Torah, das ist das Größte,
Dann werden deine Werke dir gelingen.
Wohl jenem, der gefunden hat Sophia,
Der meditiert die schöne Maid Torah.
Die Narren sind der Philosophen Diener,
Sie brauchen jene wider ihren Willen.
So wie der Reiche über Arme herrscht,
So Narren Sklaven sind der Herzensweisen.
Wie Schuldner Sklaven sind der Gläubiger,
So Heuchler Sklaven der Demütigen.
Das Herz des Weisen gleicht Prophetenherz,
Er wird gehalten durch Prophetenwort.
Es denken viele, daß sie weise sind.
Wer Gottes Wort verwirft, ist ohne Weisheit.
Sophia und Besinnung der Torah
Ist besser als das Treiben dieser Welt.
Sophia und die Reverenz Jehowahs
Ist süßer als Genüsse dieser Welt.
Torah und die Erziehung durch Sophia
Ist besser als das Leben dieser Welt.
Sophia ist Werkmeisterin des Schöpfers
Und seine Throngenossin in Äonen.
Wer sucht Sophia, wird sich an ihr laben,
Die andern aber gehn in Schmach zugrunde.
Wohl jenem, der da meditiert Torah,
Er lebt für immer und wird nicht zuschanden.
Nicht rühm der Mensch sich seines schönen Äußern,
Nicht freue er sich an der Eitelkeit.
Nicht rühme er sich seines Kinderreichtums.
Sind seine Kinder fromm und gottesfürchtig?
Nicht rühme sich der Mensch der Kraft der Schenkel,
Vielmehr, daß er bezwingen kann die Triebe.
Nicht rühme sich der Mensch des Reichtums Ruhm,
Denn Mammon wird ihn retten nicht vorm Tod.
Nicht rühme sich der Mensch des großen Wissens
Und er vertraue nicht auf seine Klugheit.
Der Mensch vertraue, rühme sich Jehowahs,
Daß er verständig ist und Gott erkennt,
Daß er Gerechtigkeit und Güte übe
Und immer sinne über schöne Rede.
Gerechtigkeit errettet einen Menschen,
Es rettet keiner aus der Hand des Herrn.
Gerechtigkeit gibt Menschenleben Dauer
Und Gottes-Gnosis und der wahre Glaube.
Der Menschen soll denken immer an den Schöpfer
Und soll nicht preisen seine Todesstunde.
Denn nichtig ist das Ende allen Lebens,
Doch Vorteil bringt es für die Freunde Gottes.
Die Seelenruhe kommt ihm durch Sophia,
Unruhe kommt nur von des Menschen Torheit.
Nachlässigkeit und Stillstand, das ist Torheit,
Vergessenheit ist übles Werk des Bösen.
Wer Gnosis mehrt, verwirft Nachlässigkeit,
Vergessenheit führt er zur tiefen Einsicht.
Wird Eisen stumpf, so schärft man seine Schneide,
Durchs Lernen führt man Herzen zu der Einsicht.
Der Acker wird gepflügt und wird besät,
Man führt durchs Studium das Herz zur Einsicht.
Ein Pflanzensproß sprießt aus dem Wasser auf,
Sophia sprießt aus Forschung nach Sophia.
Gelenkt wird alle Arbeit durch Sophia,
Sophia selbst erforscht man durch das Reden.
Wer sie erforscht, einsichtig wird er, froh,
Es fliehen vor ihm Trübsal, Schmerz und Seufzer.
Des Leibes Krankheit heilt die Medizin,
Der Seelenkrankheit Heil ist in Sophia.
Des Leibs Gesundheit rettet nicht den Menschen,
Gesundheit an der Seele aber hilft.
Das Licht der Augen und der Ohren Hören,
Der Nase Riechen und der Hände Tasten,
Des Gaumens Schmecken und der Füße Gehen,
Sie sind vorhanden bei den Lebewesen.
Viel besser aber ist der Lippen Rede,
Es findet sich das Wort allein beim Menschen.
Das Sprechen zeigt die Wege an des Lebens
Und nicht die andern Pforten deiner Sinne.
Die Sinnespforten sind bei Lebewesen,
Doch kennen sie die Wege nicht Sophias.
Das Wort Sophias ist im Menschenherzen,
Die Gnade ist nicht in den Sinnespforten.
Sophia steht dem Menschen zur Verfügung,
Wenn auch die Sinne ihre Sklaven sind.
Die Sinnespforten ohne die Erkenntnis,
Ist gleich dem Vieh, das schweigend muß davon.
Denn Gott ließ die Sophia sie vergessen,
Gab ihnen keinen Anteil an der Einsicht.
Gott lehrt den Menschen Gnosis und Sophia,
Er sucht den Menschen heim am Jüngsten Tag.
Dem Menschen schenkte er die Frau Sophia
Und fordert sie gerechterweis zurück.
Man kann nicht sagen: Ich kenn nicht die Wahrheit,
Erkenntnis ward dem Menschen anerschaffen.
Wenn nur der Mensch es will, kann er erkennen,
Sophia ist vorhanden in dem Herzen.
Der Mensch jedoch, der sich der Einsicht sperrt,
Wie sollte der Sophia jemals finden?
Wer kennt die ganze, göttliche Sophia?
Ein Teil Sophias ist jedoch erkennbar.
Es läßt sich alles finden, wenn man sucht,
Sophia wird durch Forschung nur erkannt.
Der Eine Gott erkannt wird durch Sophia,
Er ist nicht da nach Art von Heresscharen.
Sophia ist das Leben für den Weisen
Und Ruhm und Kraft für ihren Eigentümer.
Die Hoffnung der Gerechten ist das Glück,
Der Toren Hoffnung ist die Finsternis.
Gefallen an der Kunst gab Gott dem Menschen,
Der Mensch kann Gutes schaffen oder Böses.
Gefällt dem Menschen Gutes und nicht Böses,
Erhört ihn Gott nach seinem Wohlgefallen.
Der Mensch kann suchen, was ihm nur gefällt,
Er wird es finden, Gutes oder Böses.
Erkannt wird alles einzig durch Sophia,
Sophia aber durch Gefundenheiten.
Das Suchen nach Sophia mehrt die Gnosis,
Der Zucht Mißachtung ist der Gnosis Feindin.
Das Hören ist der Anbeginn des Lernens,
Des Lernens Ende ist Erkenntnis, Einsicht.
Sophias Summe ist die Ehrfurcht Gottes,
Das ist die Angelegenheit des Menschen.
Es meinen viele, daß sie weise sind
Und freun sich über ihres Triebs Gedanken.
Ihr Mühen richtet sich auf Eitelkeit,
Doch warten sie auf Lohn für ihre Mühen.
Sie haben Augen, aber sehen nicht,
Verhärtet ihre Herzen, unverständig.
Die ganze Welt schaut nur auf Eitelkeiten.
Doch gibt es nicht Gewinn bei aller Mühsal.
Das Leben, Königtum und Können, Reichtum
Und Gnade, Herrlichkeit und Ruhm und Ehre,
Sind wertlos alle, sind nur Nichtigkeit,
Sophia edler ist als alles das.
Bedarf doch alles der Sophien-Gnosis,
Sophia aber liebt Gerechtigkeit.
Das Recht ist das Erzeugnis der Sophia,
Doch lobenswürdig ist Sophia selbst.
Denn durch Sophia weiß man von der Sitte,
Gefunden wird die Ganzheit durch Sophia.
Wer liebt es, die Sophia zu erkennen,
Vermindert in sich dieser Welt Begierden.
Gewarnt sei, Mensch, vor Zürnen und Begehren,
Dich finden Leben und Gerechtigkeit.
Demütige, die lassen vom Begehren,
Empfangen Segen von dem Ewigen.
Die fragen nach Sophia, suchen Gott,
Die werden würdig ewiglicher Wonnen.
Wer liebt es, zu erkennen Gottes Weg,
Der sättigt sich am Angesicht Jehowahs.
Beginn der Ehrfurcht ist die Gnosis Gottes,
Beginn Sophias ist die Reverenz.
Wer sich verachtet um des Schöpfers Ehre,
Der wird geehrt sein in den Augen Gottes.
Wes Wille spricht zu Gott: Gescheh dein Wille,
Wer seinen Trieb bezwingt und Stolz zerschlägt,
Um die Sophia zu erforschen tätig,
Gewürdigt wird er ewiglichen Lebens.
Sophia ward geboren für die Menschen,
Sie ist ein Werkzeug der Gerechtigkeit.
Der Glaube ist allein Gerechtigkeit,
Der Glaube durch Sophia ist gerecht.
Nicht Hilfe und nicht Liebe zu den Seelen,
Doch Ruhm den Menschen, die die Gottheit rühmen.
Wer Gott rühmt, wird in Ewigkeit nicht wanken,
Gelabt wird seine Seele sein am Fett.
Die Philosophen sammeln die Erkenntnis,
Die Narren aber hassen Gottes Gnosis.
Wer Gutes sucht, der wird das Gute finden,
Wer nach dem Bösen jagt, den wird es treffen.
Ein Weiser ist voll Ehrfurcht, Böses meidend,
Der Narren Abscheu ists, das Böse meiden.
Wer Mahnungen beachtet, wird geehrt,
Wer schmäht die Mahnungen, muß schmachvoll sterben.
Die Zucht der Weisen ist die Ehrfurcht Gottes,
Die Zucht der Narren aber ist Moria.
Die Gnade für die Guten ist Sophia,
Der Sünder Wollust ist das Weltgetriebe.
Wer achtet auf Sophia, findet Gutes,
Wer fand die Gnosis, der hat Grund zu Hoffnung.
Wer in den Krieg zieht, wird zuschanden werden,
Dem Kriege fernzubleiben, das bringt Ehre.
Der Weise öffnet seinen Mund in Weisheit,
Der Tor verschließt die Lippen selbst im Unglück.
Erhaben, dauernd meiner Seele Arbeit,
Doch über andre murren, ist nicht gut.
Und haben deine Werke keine Dauer,
Sprich von Geheimnissen der Andern nicht.
Der Weisen Denken, das ist Recht und Wahrheit,
Der Toren Denken ist Gewalt und Lüge.
Das Denken der Gerechten, das ist Weisheit,
Der armen Narren Denken ist nur Torheit.
Der Weisen Denken ist den Tod betrachtend,
Der Toren Denken ist den Bauch betrachtend.
Der Frommen Denken kommt von ihrem Schöpfer,
Der Frevler Denken kommt von ihren Lüsten.
Des Frevlers Seele nur erdenkt den Zorn
Und die Begier nach Hoheit und Gemeinheit.
Der Ruhm der Seele ist Erkenntnis, Weisheit,
Das Häßliche der Seele Zorn und Wollust.
Der Seele Ruhm ist Einsicht und Erkenntnis,
Die Schmach der Seele ihre Narretei.
Der Demut Ehre, das ist die Geduld,
Als Schande gilt sie Zornigen und Stolzen.
Begierde, Zorn, das sind der Toren Waffen,
Doch Weisheit, Demut ist der Weg des Herrn.
Ein Trunkenbold und Schlemmer erbt nur Schande,
Die sich beherrschen, die erlangen Ehre.
Der Toren Erbe ist Beschämung, Schande,
Der Weisen Ehre, das ist Pracht und Hoheit.
Wer Zorn beschwichtigt und Begierden fortschafft,
Geht nicht zugrund in dieser Welt und jener.
Wer Einsicht hat, der mag die Torheit nicht,
Der arme Narr jedoch, er haßt die Einsicht.
Des Narren Liebe, das ist Speis und Trank,
Er gleicht dem Vieh, das schweigend muß davon.
Die Wollust treibt den Narren zum Gelächter,
Des Weisen Lächeln stammt aus seiner Einsicht.
Der Toren Denken kreist um ihren Leib,
Der Weisen Denken stammt aus Gottes Weisheit.
Die Weisen wissen durch den Lebensgeist,
Die eigne Seele ist ein Glied des Selbst.
Die Toren wollen Weisheit nicht erkennen,
Denn sie besitzen nicht des Menschen Einsicht.
Die Toren lieben die Begier und Wollust,
Die Weisen herrschen über Leidenschaften.
Die Toren glauben an den Augenschein
Und sind ganz uneinsichtig wie das Vieh.
Die Weisen schauen durch der Weisheit Augen,
Die Narren wandeln in der Finsternis.
Die Toren sind die Sklaven ihres Bauches
Und folgen den Begierden ihrer Augen.
Der Herr verabscheut Torheit, Stolz und Hochmut
Und Ehebruch, Begierde, Grimm und Zorn,
Genüsse dieser Welt und die Profitgier,
Die Lüge und die Hinterlist der Herzen.
Dies alles liebt der nicht, der Buße annimt,
Der Demut aber gibt er, was sie will.
Die Sünden sind Erzeugnisse der Menschen,
Sie kommen nicht aus Gottes weiser Lenkung.
Bleibt frei die Seele von der Lust der Welt,
So labt sie sich am Fluß von Milch und Honig.
Dem Weisen Heil und dem Rechtschaffenen,
Durch Weisheit und Gerechtigkeit kommt Gnade.
Wer ist ein wahrer Weiser vor Jehowah?
Er, der da handelt nach dem Rat Sophias.
Des Täters Name kommt von seiner Tat,
Des Weisen Name von Gerechtigkeit.
Erkenntnis ohne Tat ist keine Ehre
Und ehrlos sind die Toren ohne Zucht.
Tat ohne Einsicht auch ist nicht von Dauer,
Die Tat ist möglich nur durch die Erkenntnis.
Erkenntnis ist die Hilfe der Gerechten,
Gerechtigkeit ist Retterin der Weisen.
Des Menschen Weisheit kommt von reicher Forschung,
Des Menschen Torheit kommt von großer Faulheit.
Die Weisheit ist dem Toren schwer wie Sand,
Er kann sie tragen nicht und nicht ertragen.
Das Herz der Narren ist die Lust der Augen,
Des Weisen Auge ist das reine Herz.
Die Lust des Weisen, das ist Rat und Einsicht,
Die Lust des Narren, das ist Speis und Trank.
Wer schmäht Sophia, liebt in Wahrheit Wollust,
Wer liebt Sophia, der verschmäht Profitgier.
Der Narren Liebe, das ist Speis und Trank
Und Beischlaf und die Eitelkeit der Welt.
Der Toren Abscheu ist die Magd voll Demut,
Sie spotten über jeden Geist voll Demut.
Der Toren Freude ist in ihren Lüsten,
Sie schlafen nicht, bevor sie Sünde taten.
Den Toren ist Genüge diese Welt,
Sie lieben nicht das Kommende Äon.
Ein Tor kann nicht gedenken der Sophia
Und kann nicht hören auf die Wege Gottes.
Stets kehrt der Narr zurück zu seinem Speien,
Solange er noch keine Scham besitzt.
Des armen Narren Herz folgt der Profitgier,
Er wendet seinem Schöpfer stets den Rücken.
Des Weisen Worte sind des Toren Abscheu,
Die Narren wollen hören nicht von Zucht.
Sophia ist Erleuchterin der Weisen,
Des Weisen Seele tanzt vor Lust und Freude.
Des Weisen Denken ist Erkenntnis, Ratschlag,
Des Toren Denken ist Begierde, Zorn.
Begehr und Stolz, sie bringen dich zu Fall,
Doch Demut, Weisheit bringen dich zur Ruhe.
Des Stolzes Ende ist Erniedrigung,
Das Ende deiner Demut ist Erhöhung.
Begierde nach dem Hier und Jetzt der Sünde,
Ihr Ende ist Beschämung, Schmach und Schande.
Die ihren Trieb beherrschen, werden bleiben,
Wenn sie die Keuschheit weihen Gottes Allmacht.
Sophia ist des Herrn der Heeresscharen,
Sophia nicht vergeht in Ewigkeit.
Die Weisen wählen Pfade der Sophia
Und nicht die Straßen der Begier der Welt.
Die Narren folgen ihrem Lustverlangen,
Die Frevler gehen ab von Gottes Weg.
Der Weise tröstet sich mit seinem Brot,
Die Narren sammeln ungerechten Reichtum.
Gerechte sind die freien Sklaven Gottes,
Die Frevler sind die Knechte ihres Bauches.
Dem Herrn zuwider ist der Weg der Frevler,
Gott aber liebt die Pfade der Gerechten.
Gut ist die Ruhelosigkeit des Weisen
Und übel die Bequemlichkeit der Narren.
Der Weise hat genug an wenig Speise
Und nährt sich von dem Studium des Wortes.
Glückselig ist der Arme, welcher Gott liebt,
Verdammt der reiche Mann ist ohne Weisheit.
Gut, wenig haben in der Ehrfurcht Gottes,
Ist besser, arm zu sein, als Mann der Lüge.
Ist besser, nachzudenken über Gott
Als viel Geschäftigkeit, um reich zu werden.
Vor allem rette deine eigne Seele,
Und dann erst geh, und rette andre Leben.
Dem Weisen Heil, der macht die Andern weise,
Dem Narren Fluch, der macht die Andern gottlos.
Ist besser, Gott den Schöpfer zu verehren,
Als hochzuschätzen seine eigne Seele.
Ist besser, Gottes Weisung zu verehren
Als Vater, Mutter, Bruder, Tante, Neffe.
Ist weiser, Gottesfürchtige zu ehren
Als eines Mannes Reichtum in den Häusern.
Wer da vermehrt Besitz, vermindert Weisheit,
Der bleibt nicht ungestraft von Gott dem Herrn.
Wer da vermehrt Besitz und Wohltat tut,
Wer Wohltat tut, der hat bei Gott noch Hoffnung.
Wer da vermehrt Besitz und zuchtvoll bleibt,
Wer zuchtvoll bleibt, der hat bei Gott noch Hoffnung.
Wer den Besitz vermehrt und hilft den Kranken,
Vielleicht besteht für ihn bei Gott noch Hoffnung.
Wer den Besitz vermehrt, sich müht um Reichtum,
Nicht ungestraft bleibt der von Gott dem Herrn.
Wer Weisheit mehrt und müht sich um das Wort,
In Ewigkeit bleibt seine Redlichkeit.
Wer lebt, muß sterben, Fürsten werden Knechte
Und Reiche stürzen ab in Niedrigkeit.
Die Satten müssen dienen um ihr Brot,
Die Helden – ach ihr Bogen ist zerbrochen.
Die Weisheit aber kann man nicht verlieren,
Gerechtigkeit weicht nicht von dem Gerechten.
Gerechtigkeit geht her vor dem Gerechten,
Die Weisheit – sie vermählt sich mit dem Weisen.
Der Mensch soll sich um seine Seele kümmern
Und soll sich kümmern nicht um Gold und Silber.
Erkenntnis wird ihm durch der Weisheit Einsicht,
Wenn Weisheit fehlt, so ist der Mensch wie blind.
Verpflichtet bist du, Weisheit ernst zu suchen,
Nach ihr zu forschen wie nach einem Schatz.
Wer Geld liebt, kümmert sich nicht um die Seele,
Wer Reichtum sucht, der bleibt nicht ungestraft.
Wer Reichtum liebt, der liebt nicht seinen Schöpfer,
Wer Weisheit liebt, der ist vertraut dem Schöpfer.
Der Welt Gedanken mindern die Erkenntnis,
Der Narr verachtet nur der Weisheit Menge.
Wer wenig tut, doch forscht in Gottes Wort,
Dem wird die Weisheit bald zu eigen sein.
Von jedem Menschen lerne du Erkenntnis,
So gehst du nicht zugrunde in der Trübsal.
Die Frucht des Leibes, das ist Speis und Trank,
Die Frucht der Seele, das ist Einsicht, Weisheit.
Die Frucht des Leibes rettet nicht den Menschen,
Die Frucht der Seele ist des Menschen Hilfe.
FÜNFTES BUCH
DIE MYSTISCHE OPERATION
„Nur mit meiner Zähne Haut bin ich davongekommen...“
(Hiob)
„Die Perlen, so geweint dein treuer Schmerze,
Sie wird sie zierlich all zusammenbinden,
Mit eigner Kette so dich süß umwinden,
Hinaufzuziehn an Mund und blühend Herze –
Was Himmel schloß, mag nicht der Himmel brechen.“
(Eichendorff)
MADONNA MARION
Ich war ein reiner Tor, der Frieden wollte
In Rußland und Amerika und Deutschland,
Den Frieden in den beiden deutschen Ländern,
Dem deutschen Lande unter der Partei,
Dem deutschen Lande unterm Kapital.
Die jungen Menschen im Gymnasion
Verwandelten die Aula zum Theater
Und zeigten dort Lysistrata, die Frau
Gesegneter Antike, deren Weisheit
Die Weigerung der Schar der Frauen war,
Sich ihren Ehegatten hinzugeben,
Solange diese Männer Kriege führten.
Erst wenn der Friede wieder eingekehrt,
Beschenkten auch die Frauen ihre Männer
Mit körperlicher Liebe auf dem Lager.
Dies Fasten in der Sexualität
Der Feministinnen der goldnen Zeit
Beendete mit Macht der Väter Krieg.
Ich war verliebt in die Lysistrata,
Ich liebte alle Frauen von Athen,
Ich glaubte an die Weisheit dieser Frauen
Und daß der Friede von den Frauen kommt.
Bei dem Gymnasion war eine Schenke,
Da ich als Narr mit andern Narren zechte.
Dort schaute ich in einer Frühlingsnacht
Auf einmal in den Lichtglanz großer Augen.
Dort schaute mich aus Augen Seele an,
Dort schaut mich vom Vollmond an die Liebe!
Gleich liebte ich die Frau mit solchen Augen!
O dieses weiblich weiche Angesicht,
Das schlanke Antlitz in den braunen Locken,
Der jugendfrische mädchenreine Leib,
Die Kleidung femininer Phantasie!
Ja, ich verlor mein Herz in jener Nacht
Ans Ideal Madonna Marion!
Die weißen Herren in Südafrika
Tyrannisch unterdrückten alle Schwarzen.
Wir Narren in der Bundesrepublik
Des deutschen Landes solidarisierten
Uns mit den Schwarzen, Männern, Frauen, Kindern.
Für ein Theater jugendlicher Laien
Schrieb ich ein Szenenspiel des Widerstandes
Der Schwarzen gegen alle Unterdrückung.
Ich glaub, es hieß: Die blutige Orange.
Die edlen Jünglinge und holden Mädchen
Der solidarischen Theatergruppe
Studierten meines Szenenspieles Torheit
Im evangelischen Gemeindehaus.
Ich, der ich sonst nichts anderes gelesen
Als das vermaledeite Manifest
Des kommunistischen Gespensterwesens
Und die verkehrte Dialektik Lenins
Und jene Anti-Poesie von Brecht,
Im evangelischen Gemeindehaus
Begehrte ich, die Heilige Schrift zu lesen
Und stahl mir eine Bibel – Felix culpa!
Die Industrie der Zivilisation
Vergiftete des Äthers Atmosphäre.
Es weht im Himmel um die Mutter Erde
Ein Schleier und ein Schutzschirm von Ozon,
Der Sonne violette Todesstrahlen
Von unsrer Mutter Erde abzuwehren.
Das Gift der Zivilisation des Todes
Zerfetzte nun den Schleier von Ozon.
Die heilige Madonna Marion
Schrieb nun mit mir gemeinsam eine Botschaft,
Da wir prophetisch deuteten die Zeichen
Der Zeit nach der Geheimen Offenbarung,
Da ausgegossen wurde von den Engeln
Des Zornes Schale, die durchlöchert war,
Ergossen ward die Glut des Zornes Gottes.
Die Kommunisten aber auf dem Markt,
Sie lästerten der Botschaft Prophetie.
Mir aber ist Madonna Marion
Erschienen als die Frau der Apokalypse!
Madonna Marion erwählte mich
Zu ihrem Harlekin der Prozession,
Der Prozession der Revolution
Fürs Recht des Evangeliums des Lebens.
Gott baute seinen Menschen aus den Genen,
Der Mensch will aber selber Schöpfer sein
Und lauscht der Schlangenweisheit, die verheißt:
Dich, Mensch, dich mache ich der Gottheit gleich
Durch diese Früchte deiner Wissenschaft.
Madonna Marion als Muse schuf
Mit mir als dem Direktor des Theaters
Nun eine Prozession der Apokalypse,
Wo wie ein Biest gestiegen aus dem Abgrund
Monströse Wesen und Mutanten waren.
Die Häßlichkeit, die Satan zeugen will,
Die zeigten wir den Bürgern auf dem Markt,
Wir prozessierten in des Bösen Masken,
Daß reine Kinder rannten schreiend fort.
Nun kam zu mir Madonnas Minnesänger,
Der adlige, der edle Freiherr Joseph
Von Eichendorff mit seinem Taugenichts,
Der von des Vaters Hause fortgezogen
Mit seiner Geige und dem Lied der Liebe
Und sah auf einem nächtlichen Balkon
Liebfraue stehn, Holdseligste der Damen.
Der Taugenichts war ein verliebter Tor,
Ein reiner Tor der Dame seiner Seele.
Ich aß das Büchlein auf dem Friedhofshügel
Der großen Mutterkirche von Sankt Ludger,
Als unter die Kastanienbäume trat
Holdselig still Madonna Marion,
Da ich, von ihrem Dasein inspiriert,
Erzählte von dem Traum, ein Tor zu sein
Auf Pilgerschaft zu der romantischen
Liebfraue als dem Ideal der Minne.
Madonna Marion mit weisem Lächeln
Erklärte, daß sie Eichendorff verehre
Und Liebe diesen Traum des reinen Toren,
Denn wahrhaft weise sei der Tor der Liebe.
Ich sah ein Bild, ich schaute ein Gemälde,
Das stammte aus der rosa Periode
Des Malers, der gemalt die Zirkusleute,
Die ganze italienische Komödie.
Da sah ich Harlekin und die Gefährtin,
Tiefsinnig ernsthaft schauen Harlekin
Und melancholisch seine sanfte Freundin.
Und sie, die freundlich-ernste Colombine,
Die melancholisch sanfte Turteltaube,
Die schöne Anima des reinen Toren,
Sie ähnelte Madonna Marion.
Der reine Tor und seine Anima
Ernst melancholisch schauten in die Ferne,
In die verlorne Heimat ihrer Seele.
Auch schaute ich ein Bild von Albrecht Dürer,
Das schönste aller seiner Meisterwerke,
Die große Dame Melencolia.
Schwermütig brütend saß des Künstlers Seele,
Die melancholische Gestalt der Seele,
Die Anima des inspirierten Künstlers,
Die schwermutschwere Psyche seiner Kunst.
Die Schwermut ihrer melancholischen
Begeisterung und inspirierten Weisheit
Aufstrahlte in dem Weißen ihrer Augen,
Die schauten wie das Licht von Gottes Licht
In eine grenzenlose Ewigkeit
Als wie in reines absolutes Nichts,
Und doch war dieses Licht im Licht der Augen
Die Fülle einer grenzenlosen Weisheit
Und eines uferlosen Liebesmeeres,
Des Liebesmeeres unbefleckten Lichtes.
Wie Melencolia und ihre Augen,
So mir erschien Madonna Marion,
So sah ich ihrer Augen Gotteslicht.
9
Auf dem Balkon an einem Sommerabend
Ich las die Friedensfeier Hölderlins.
So brüderlich verwandt war mir die Seele
Des Sehers, welcher trunken Christus ahnte,
In meiner Seele seine Seele lebte
Mit ihrem Traum voll Trauer auf der Stirne,
Daß ich mit seinen Augen aufgeschaut
Zum lichten Himmel an dem Sommerabend,
Da auch der Himmel selbst die Friedensfeier
Der Allversöhnung feierte, ein Friede
Sich wie ein Strahl der Sonne mir von Christus
Auf meine Seele senkte, daß ich spürte
Den Frieden Christi über den Verstand,
Den Frieden, welcher von dem Himmel kommt
Im graden Strahl des Lichts, dem Zepter Christi.
Da sah ich aus dem Himmel über mir
Die Hand des Herrn erscheinen, mich zu segnen.
10
Vom Frieden holder Himmelsherrlichkeit
Berührt, ging ich in das Gymnasion,
Da Schüler eine Feier feierten.
Mir wurde das Gymnasion zum Tempel,
Antike Säulen standen aufrecht da,
Ich wandelte in stiller Wandelhalle
In innrer Seelenruhe, innerm Frieden.
Im Nebel der Erinnerung erscheinen
Mir alle Jungfraun des Gymnasion
Als weißgewandete Geweihte Gottes,
Als Heilige in reinem weißen Linnen.
Die Priesterin antiker Jungfraun war
Madonna Marion erschienen in
Dem Geist als Seele des Gymnasion,
Als Jungfrau aller Jungfraun, als die Seele
Des Heiligtums, die Friedenskönigin,
Die innere Geliebte meiner Seele.
11
Einst war ich mit Madonna Marion
Bei einem Festival der Kommunisten.
Da lag sie oben in dem hohen Bett,
Und Harlekin und Colombine waren
Als Marionetten angebracht am Bett.
Ich las die Verse an die Schöne Dame
Und wachte in der Nacht, dieweil sie schlief.
Die reine Venus, ohne Leidenschaft,
Die Schöne Dame war sie, die Ikone,
Vor der ich meine Kerze zündete.
Es wachten in der Nacht die Märchenträume.
Sie, Engel von dem Stern der Phantasie,
Sie wohnte in dem goldnen Wolkenschloß,
Das himmlisch das Mysterium beschirmt,
Die Pforte des Mysteriums aus Glut
Zum Himmelsschloß, aus Gottes Licht gebaut.
12
Am Morgen in der frischen Morgenröte
Bin ich getreten in die Burg von Aurach
Und pflückte Rosen von den Rosenstöcken.
Die roten Rosenblütenblätter streute
Ich liebend vor Madonna Marion,
Die still erwachte in dem Himmelsbett.
Sie nahm die roten Rosenblütenblätter,
Die sie verstreute in dem ganzen Raum,
Als wollt sie ihre Liebe allen schenken,
Und legte rote Rosenblütenblätter in
Das Lyrikbuch, vom weißen Schwan gekrönt.
In jenem traumgekrönten Schwanensang
Des überirdischen Poeten Rainer
Maria Rilke lag ein Rosenblatt
Und weihte den Gesang der reinen Mädchen
An die Madonna, Rose aller Rosen.
Da schaute ich Madonna Marion
Am Fenster stehen, schauen aus der Burg.
Die Rosenblüten lagen auf der Brüstung.
Die Brüste bebten ihr vor süßer Sehnsucht,
Die Brüste bebten ihr zur fernen Heimat,
Die Sehnsucht schmolz zur Heimat in dem Himmel.
13
Ich sah Madonna Marion im Bad,
Ich schaute ihre makellosen Brüste,
Die Brüste siebzehnjähriger Madonna,
Die weißen Äpfel reiner Perfektion,
Die himmlischen Insignien der Göttin,
Die sie in der jungfräulich reinen Scham
Verschleierte mit einem Purpurschleier.
Verschleiert von dem purpurroten Schleier
Sah ich Madonna an, die Mädchengöttin,
Die makellose, unbefleckte Jungfrau
Diana, wie Tiresias, der Seher,
Der, weil er sah die Mädchengöttin nackt,
Erblindete und wurde ein Prophet.
14
Ich kehrte einsam nach Ostfriesland wieder
Und saß auf einer Weide unter Pferden,
Die friedlich grasten auf der grünen Wiese.
Dort saß ich traurig angedenkend beim
Gebüsch und blätterte in einem Buch,
Da sprach Maria Rainer Rilke von
Der Liebe, von der idealen Liebe.
Der Liebende begehrte von der Liebsten
Nur eins, daß sie die Freiheit ihm bewahre.
Er sprach zu der Geliebten in der Ferne:
Du lichte Frau, du Schleier der Madonna,
Sei du mir wie ein Turm von Elfenbein
Und sei mir Wächter meiner Einsamkeit.
Da sang ich für Madonna Marion
Sonette marionischer Romanze
Und wollte, da die Muse mir begegnet,
Poet der Muse sein, der Muse Priester,
Mein Leben weihend ganz dem Dienst der Muse,
Der Frau in der Geheimen Offenbarung.
15
Es kam der goldne Herbst. In meiner Wohnung,
Dem Turm von Elfenbein der Einsamkeit,
Studierte ich die Weisheit der Poeten,
Als eines Tages trat in meine Wohnung
Madonna Marion im goldnem Kleid,
Gehüllt in eine Aura ganz wie Himmel
Und Lichtglanz Gottes, daß ich niederkniete
Vor Sankt Madonna Marion, sie bittend
Um ihrer Handauflegung Segensspende.
Da legte mir die himmelgleiche Herrin
Die Hand aufs Haupt und sprach den Friedenssegen.
Und ich erhob gesegnet mich von ihr
Und schaute sie gehüllt in Glut der Schönheit,
Die Frau im Schleier ganz aus Glut der Schönheit,
Daß ich wie sprachlos stand vor ihrer Hoheit.
Sie aber war vom Geiste inspiriert
Und sprach in flammender Begeisterung:
Ich schaute eine göttliche Vision,
Will die Vision nun künstlerisch gestalten.
16
O Diotima, Priesterin der Liebe,
Du Himmlische, du heilig holde Frau,
Du idealische Idee der Schönheit,
Wie wandelst du holdselig durch die Zeit
Als Seele und Geheimnis der Natur!
Wie eine Charis aus den Tagen Platons,
Mit anonymem Christentum bereichert,
So wandelst du als Inbegriff der Tugend
Durch alle grause Barbarei der Welt.
Du bist die holde Schönheit Griechenlands,
Als trunkne Seherin die Muse Christi,
Die weissagt, wie der Sohn des Höchsten kommt,
Er kommen wird zur großen Friedensfeier.
Du schöne, herrliche Natur, o Frau,
Du bist dem Gottesmann die Führerin
Als reiner Spiegel der Urania!
17
Suleika, du Geliebte meiner Jugend,
Wie lieblich war mir die Jungfräulichkeit
Des Reizes erster heiliger Begegnung!
Da war ich einsam auf dem Weg zur Schenke,
Wo wahrlich mir der Knabe eingeschenkt
Den Philosophenwein der Knabenminne!
Da sah ich dich, Suleika, Gottes Spiegel!
Vergänglich zwar sind deine Jugendreize,
Die braunen Locken deines Angesichts,
Doch ewig steht vor dem Prophetengeist
Bei seinem Angedenken trunken liebend
Dein Jugendreiz als Ebenbild Allahs!
Gott lieben, das ist allerschönste Weisheit,
Gott lieb ich nämlich in dem Gottesbild
Der Allgeliebten diesen Augenblick!
18
O Fanny, die ich liebte liebender
Als Liebende geliebt in diesen Zeiten!
Du warst die Muse meiner Religion
Und meiner Auferstehung schönste Hoffnung,
Wenn Salem dann, der Himmlische der Liebe,
Uns zueinander führt im Paradies!
Wie weh war mir doch, daß ich dich geliebt,
Daß du nicht liebtest, wie ich dich geliebt!
Doch wurde das Mysterium der Liebe
Von dir mir offenbart, so daß ich selig
Durch dich mit dem seraphischen Gesang
Jehowahs schönsten Zug verklärt, die Liebe!
19
Sophie, du warest die geheime Blüte,
Allsehnsucht nach der Gottvereinigung!
Du warst die reine Jungfrau meiner Seele,
Die Himmelsmuse meines Minnesanges,
Frau Weisheit im geheimnisvollen Schleier,
Den hob ich auf und sank dir in die Arme,
Verlobte meiner Seele bis zum Tode,
Geheimnisvolle Ehefrau im Jenseits!
Weltseele warest du dem Philosophen,
Die göttliche Einwohnung in der Schöpfung!
Du warst mein Herz und meine Gottesliebe!
(Sophie ist Christus, Christus ist Sophie.)
ANIMA MEA
Ich stieg im Traume eine Wendeltreppe
Hinan und kam zu einer kleinen Öffnung,
Durch die ich kroch in einen großen Raum.
Es hingen in dem Raume viele Tücher,
Viel bunte Tücher, seidenfeine Schleier,
Es war ein Labyrinth aus Seidenschleiern.
Ich irrte durch das Schleierlabyrinth
Und suchte einen Ausgang, Tür und Fenster.
Doch alles, was ich sah, war ein Symbol
Am Boden, das aus Schwarz und Weiß bestand.
Da trat ich auf die weiße Fläche, um
Die schwarze Fläche aufzutun als Ausweg,
Vielleicht auch umgekehrt. Die Dialektik
Bewegte nichts. Da sah ich in dem Grunde
Ein Loch, das führte endlos in die Tiefe.
Ich schlüpfte durch das Loch und schlüpfte so
In einen Tunnel, der aus Stoffen war,
Der führte dann in einen weitern Tunnel,
Und so vom Tunnel zu dem nächsten Tunnel
Ich rutschte immer weiter in die Tiefe,
Bis ich in einer Schaukel landete.
Die Schaukel hing an einem grünen Baum,
Der stand in einem lichten grünen Garten.
Ich schaukelte so selig hin und her,
Da trat zu mir im weißen Seidenkleid
Und goldnen Locken eine schöne Frau,
Antike Priesterin und Jungfrau-Muse.
Sie war aus Lichtglanz und Holdseligkeit,
Ganz reine Seele, holde Frauenschönheit.
Sie hielt in ihren Händen eine Rolle
Von Pergament und las daraus mir vor,
Sie las harmonisch schöne Worte vor,
Die klangen wie die Weltenharmonie.
Und ich sang ihre Worte leise nach,
Das Lied verklang in der Unendlichkeit.
Ich ging des Nachts allein an der Ardeche,
Dem Seitenarm der Rhone in der Provence.
Da floß der Strom so still und silberklar
Vor einem hohen Felsgestein vorüber.
Da sah ich mit den Augen meiner Seele
Ein grünes Licht das Felsgestein beziehen,
Wie Magnetismus oder eine Aura,
Lichtgrüne Herrlichkeit in dunkler Nacht,
Unsichtbar, aber sichtbar meiner Seele,
Verschleiern jene dunkle Felsenwand.
Da sah ich mit den Augen meiner Seele
Auf jenem Felsgesteine eine Hütte,
Wie eines Eremiten stille Hütte.
In jener Hütte wohnte eine Frau.
Mir schien, sie war die Nymphe Echo, denn
Unsichtbar war sie, sichtbar nur der Seele,
Ein reiner Geist, ein Wesen ganz aus Licht.
Sie war die weiße Dame meiner Seele
Und eine edle Hohepriesterin
Der mystischen Mysterien der Seele.
Ich sah sie legen Schicksalslose, sah
Sie eingeweiht in die Arkana Gottes.
Da sprach ich nur in meinem Geist zu ihr:
O weiße Dame, meine Freundin sagt,
Es gäbe keine Götter, keine Gottheit.
Da hörte ich der weißen Dame Stimme
Wie meiner eignen Seele Stimme flüstern
Und wehen wie der Wind durch meine Seele:
Fürwahr, das Göttliche ist in dir innen!
Als sie verkündet diesen Weisheitsspruch,
Schwand die Erscheinung, und die Nacht war dunkel.
Es war Sylvesternacht zum Neujahrsmorgen.
Ich dachte an die heimliche Geliebte,
Die unerreichbar ideale Traumfrau,
Und las von ihr in mystischen Gedichten.
Da war sie Psyche, jene Zauberin,
War Donna Anna oder Colombine.
Zerrissen von dem Lärm der Wirklichkeit
Ich eilte zu dem einzigen Asyl,
Dem Friedhofshain der Oldenburger Juden
Im Alten Osternburg bei Heilig Geist,
Der großen schwanenweißen Mutterkirche.
Dort saß ich in der dunklen Mitternacht,
Der Wind durchrauschte schauerlich die Eichen,
An die sich klammerte der treue Efeu.
Anhänglich liebend war und treu der Efeu
Und doch erstickte er die stolze Eiche.
Hier standen Gräbersteine, Monumente,
Hebräische Erinnerung der Namen.
Hier war der Frost, die Nacht ein Eiskristall,
Ein klarer klingender Kristall das All.
Wie eine Mutter stand dort die Kapelle,
Schneeweißer Tempel wie ein Mutterschoß.
Und dort erschien mir in der Mitternacht
Madonna, die Madonna Israels,
Das Haupt bedeckt mit einem langen Schleier,
Ihr Mantel dunkelblau wie Mutter Nacht,
Ihr Rock wie eine Rose purpurrot.
Ihr Antlitz war von stiller sanfter Demut,
Ihr Auge schaute tief in meine Seele.
Ein leises Lächeln, fast wie Traurigkeit,
Ein wissendes um die Geheimnisse
Der heimlichen Geliebten meiner Seele,
War mir ein wundersüßer Muttertrost.
Zwar konnte ich nicht beten zu der Frau,
Auch wußte ich zu beten nicht zu Gott,
Doch lieben konnte ich die reine Jungfrau,
Doch dankbar schweigen vor der holden Dame
Und von der Heiligen mich lieben lassen
Mit allverzeihender Mutterliebe Gottes.
Ich war mit meiner lieben treuen Freundin
In einem kleinen Dorf im Baskenland,
Das lag am Fuß der Pyrenäen Frankreichs,
Omize hieß das Dorf, dort lebten Bauern
Und Hirten, welche weideten die Schafe.
Wir gingen einmal auf den Friedhof, dort
Begraben lag die Schwester ihrer Mutter.
Die Freundin stand am Grabe ihrer Tante
Und weinte um die Tote heiße Tränen,
Sie weinte um sich selbst und um die Mutter,
Sie weinte um die Welt und um den Tod.
Die Seele ihrer Tante aber war
Schon wie ein Engel in dem Himmelreich,
Bemüht, die Seelen ihrer Hinterlassnen
Durch Traumvisionen zu dem Herrn zu führen.
Ich sah die kleine Freundin voller Trauer
Und wurde selber überschwemmt von Mitleid.
Es war an dem Kalendertage der
Schutzengel aller Menschen, von der Kirche
Gefeiert als die himmlischen Geschwister
Der Seelen, Lichtgestalten, Boten Gottes.
Da sah ich wahrlich einen Engel stehen,
Nicht stehen, sondern schweben, sondern dasein,
Stand jener Engel wie ein reines Licht
Am Grab der Tante bei der armen Freundin
Und tröstete die trauervolle Freundin
Mit mütterlichem Trost der warmen Schwingen,
Umarmend die Geliebte wie mit Licht,
Eingießend in die Seele Gottes Trost.
Die leuchtende Gestalt des Engels war
So groß, sie reichte von dem Friedhof auf
Zum Himmel, wo das Haupt war wie die Wolken,
Das Antlitz aber strahlend wie die Sonne.
Der Herr ließ leuchten über uns sein Antlitz
Und gab uns seinen Segen, seinen Frieden.
Hoch auf den Pyrenäen, auf dem Gipfel
Des Mittags, da zu Füßen uns die Wolken,
Da wohnten wir in einer Hirtenhütte.
Ein Baske lebte dort, ein Domestik,
Ein Hirte, welcher hundert Jahre zählte.
Tags ging er mit der Herde seiner Schafe,
Die alle läuteten mit ihren Glocken,
Durch grüne Auen und an frische Quellen.
Dort in der Hirtenhütte war Madonna
Die Schutzpatronin dieser Hirtenhütte,
Die wachte über uns, wenn abends wir
Bei Wein und Brot und leckerer Pastete
Die Nacht begrüßten, Gottes stillen Segen.
Dort las ich nachts der holden Sappho Ode
An Sie, die Königin der schönen Liebe,
Die Tochter Gottes in dem goldnen Thron.
Ich selber nahm die Lyra meiner Seele
Und sang dem Himmel nah zur unbekannten
Und liebevollen Gottheit meiner Seele,
Da meine Muse flüsterte den Namen
Der Gottheit, der erhabnen Liebe Gottheit,
Die einer Taube gleich und einer Mutter,
Ihr Name ähnlich klang wie „Iahu“...
So stieg ich schweigend in der Mitternacht,
Erfüllt von Stille und des Weltalls Schweigen,
Als lebte ich im Himmel, still hinan
Die Wendeltreppe zu dem Schlafgemach,
Dem Brautgemach hingebungsvoller Freundin.
Dort sah ich oben auf der Treppe stehen
Ein lichtes Wesen, einen lichten Geist,
Schön wie ein feminines Engelswesen,
Holdselig wie die Jungfrau, ganz aus Licht.
Wie Schnee, wie weiße Seide ihr Gewand,
Die Locken licht wie Sonnenlicht, wie Gold,
Um ihre Brust ein Gürtel goldnen Glanzes,
Im Schleierärmel ihrer Arme hielt
Sie eine Lyra, weiß wie Elfenbein.
Im Traume um die Mitte meines Lebens
Verschwand ich in dem dunklen Fichtenwald
Und irrte durch die Nacht und kam hervor
In einer mittelalterlichen Stadt.
Die Gassen zwischen hübschen Fachwerkhäusern,
Die engen Gassen waren Labyrinthe.
Ich fand die Wege nicht zum Haus der Herrin.
Da tauchte vor mir auf ein kleiner Zwerg
Im grünen Kleid, mit feuerroter Mütze
Und sprach, er sei gesandt von meiner Herrin,
Den Weg zu zeigen mir zu ihrem Hause.
Ich folgte jenem Zwerge. Schließlich stand
Ich vor dem Haus der heimlichen Geliebten.
Die Tür ging auf, ich stand in einem Vorraum
Am Fuße einer Treppe, da von oben
Die heimliche Geliebte kam herab,
Im bunten Kleid, gekleidet in die Flora
Des Frühlings, Primavera von Florenz.
Sie schwang die Treppe wie mit Flügeln nieder
Und sagte süß zu mir, sie sei die Jungfrau
Diana. Und ihr Mund wie ein Rubin,
Wie Blut die Lippen küssten einen Kuß
Auf meinen Mund. Im gleichen Augenblick
Bin ich mit jener Jungfrau meiner Seele
Wie Arm in Arm und Flügel neben Flügel
Hinangeflogen jene steile Treppe.
Es war wie Ein elektrischer Moment!
Da traten wir in ihre Mädchenkammer.
Die Kammer war wie eine Kubusstadt,
Die Höhe wie die Tiefe, lang wie breit.
An allen Wänden waren lichte Spiegel,
So daß die Kammer wie Unendlichkeit
Erschien. Sie war ein Bild der Gottesstadt,
Der allerheiligsten Jerusalem.
Und in der Mitte dieser Spiegelstadt
Ein goldengrüner Baum des Lebens stand.
Und ich und meine heimliche Geliebte,
Wir standen unter diesem Baum des Lebens
Und sprachen durch die Blume miteinander,
Geheime Liebe in der Ewigkeit.
7
Am fünften Mai des Jahres Neunzehnhundert
Und Vierundneunzig schwand mir das Bewußtsein
Der Daseinswirklichkeit auf dieser Erde
Und das Bewußtsein meines Körpers schwand
Und ich war als entrückte Seele in
Der Geisterwelt, da Seelen anzuschauen
Wie Schatten waren, Myriaden Seelen,
Da irrte ich im Schattenvolk der Seelen
Und fand die Straße nicht zu Gottes Thron,
Als plötzlich zu mir trat die Himmlische
Beschützerin, ein reines Engelswesen,
Die mir den Engelsnamen anvertraute,
Der ähnlich klang dem Namen Mahanajim.
Und Mahanajim war aus sanftem Licht
Wie eine schöne große Engelsschwester,
Die mir von Ewigkeit vertraut im Geist.
Und Mahanajim sprach zu mir im Jenseits:
Halt dich am Namen des Messias fest!
Da sah ich vor den Augen meiner Seele
Wie dunkle Mitternacht die Himmelspforte,
Die öffnete sich langsam einen Spalt.
Da sah ich jenseits jener Himmelspforte
Ein unbeschreiblich schönes reines Licht,
Ein Lichtmeer voller Glanz der Herrlichkeit.
Und in der Grenzenlosigkeit des Lichts
Erschien vor meiner Seele in dem Licht
Das Heilige Antlitz Christi an dem Kreuz!
DER ANFANG DER WEGE SOPHIAS
Ich war ein Christ geworden durch das Hören
Des Evangeliums der Heiligen Schrift
Und die Begegnung mit dem Auferstandnen,
Der Lichtgestalt lebendigen Person.
Doch nahm mich keine Mutter Kirche auf,
Ich suchte einsam, Christus zu erkennen
Und durch den Christus Gott. Mir half allein
Der Heilige Geist. Ich forschte in der Bibel
Und wanderte im Geist in der Torah.
Dann gab der Heilige Geist mir Weisheitslehrer.
Der Herr ward mir zum epischen Messias
Des seraphinengleichen Dichters Klopstock.
Der Herr ward mir zum makellosen Gott
Der Buße und der Weisheit Augustins.
Der Herr ward mir zur Sapientia,
Die sich in Beatrice offenbarte,
Der Mädchengöttin des Propheten Dante.
Der Herr ward mir zur Einen Trinität,
Wie Jakob Böhme sie im Geist geschaut.
Der Ewige ist Urgrund im Geheimnis,
Verborgner Urgrund, ewig unerfaßbar,
Grundloser Urgrund, in sich Grund geworden
Im Wort, gewissermaßen Sohn des Vaters;
Die Liebe des geheimen Vatergrundes
Zur Sohngestalt ergießt sich als der Geist,
Der Geist ist die Person der Gottesliebe;
Mit diesem Geist der Liebe liebt der Sohn
Den Vater. Dieses Urmysterium
Der ewigen Dreieinigkeit der Liebe
Betrachtet sich als Eine Gottheit in
Dem Spiegel der jungfräulichen Sophia.
Sie, die jungfräuliche Sophia, ist
Die Weisheit Gottes, ja, die Gottheit selbst!
In der jungfräulichen Sophia sind
Die Wesen als Ideen existent
In aller Ewigkeit vor ihrer Schöpfung.
Sie, die jungfräuliche Sophia, ist
In dem Messias Fleisch und Blut geworden.
Sie starb im Fleisch, ward auferweckt im Geist
Und inspiriert den Dichter als die Muse
Und inspiriert den Seher durch Visionen.
Sophia inspiriert den Seher-Dichter
Als Minneherrin zu der Schau der Gottheit,
Als Rosa Mystica zur Schau der Liebe!
Ich ging allein im Teuteburger Wald
Als Pilger zu dem Hause des Phantoms.
Ein Schatten ist der Mensch, ein Traum, ein Hauch,
Der blauen Blume gleich, die welkt im Herbst,
Ob sie im Frühling noch so schön geblüht.
Da ich auf heimlicher Mission der Minne
Ein Waller war, der ins verheißne Land
Begehrte, wo nur Milch und Honig strömen
Und Riesentrauben wachsen an den Reben,
Ich mystisch da befrug als mein Orakel,
Mit Stechen meines Fingers in dem Buch,
Der Fausttragödie Dritten Teil. Das Ende
War wie der Anfang, spielte in dem Himmel,
Dem Himmel, der sich senkte zu der Erde,
Da engelgleiche Knaben selig schwebten
Und wo der seraphinengleiche Pater
Den Hymnus sang und in der reinen Zelle
Der Doctor Marianus angebetet.
Da las ich von der Mater Gloriosa,
Der höchsten Herrscherin im Himmelszelt,
Der Jungfrau, Mutter, Königin, ja, Göttin!
Die ewigweibliche Idee der Liebe,
Sie zog hinan den Seher und Poeten,
Maria als der Inbegriff der Frau
Zog den Propheten in das Himmelreich
Der Allerlöserin, der Ewigen Liebe!
Ich schaute in der mystischen Psychose
Bewundernd an die Venus von Florenz,
Das Ideal des Neoplatonismus.
Die Venus von Florenz war meine Psyche,
Braut Psyche, die bezaubernd und verwirrend.
Die Seele ward vom Himmel ausgehaucht,
Sie schwebte auf dem Schwingenpaar des Windes,
Sie wehte wie die Aura durch den Äther.
Und nun erschien sie selbst in ihrer Nacktheit,
Die reine Seele, makellose Jungfrau,
Die geistgehauchte, unbefleckte Göttin,
Jungfräulich-jugendliche Mädchengöttin,
So rein wie eine weiße Sangesschwanin,
So makellos wie frischer Neujahrsschnee,
So strahlend wie das weiße Elfenbein,
O unbefleckt wie eine weiße Lilie!
Doch ihre Aura war wie reine Glut,
Die langen Haare wie ein Jungfraunschleier,
Der Schleier einer Braut, ein Nonnenschleier,
Der Haare Schleier war wie Morgenröte,
Die reine Feuersglut der Gottesliebe!
Der Geist des Himmels nun in Wind und Aura
Trieb diese makellose Mädchengöttin
Der Mutter Erde zu, die ihr Gewand
Bereithielt, einen Körper wie den Frühling,
Wie einen Frühling in dem Paradies!
Der Keller meines Unbewußten stand
Geöffnet weit, die Träume stiegen auf
Und mit den Träumen auch der Traum der Träume,
Der Seele eingebornes Gottesbild,
Die innre göttlichweibliche Idee!
Da sang ich meine heißgeliebten Psalmen
Der dunklen Klage und des Gotteslobes
Anbetend der gebenedeiten Mutter,
Der großen Mutter der Barmherzigkeit,
Der Allbarmherzigen, der Gnaden Göttin!
Phantastisch lebte ich im Reich der Mitte,
Verbunden fühlte meine Seele sich
Den Dichtern Chinas, Chinas Philosophen.
Der Name tibetanischer Madonna,
Kwan-Yin, der Göttin der Barmherzigkeit,
War mir als Dichter eine Maskerade
Der Mutter der Barmherzigkeit, Maria,
Die ich als meine Mutter angebetet,
Die ich vergöttlicht in der Apotheose,
In der Theosis religiöser Minne!
In Wahrheit war die Gottheit meiner Seele
Gott-Mutter selbst, der HERR als große Mutter!
Die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn
War meine Mutter, meine fromme Göttin!
Die Frau, die ich erträumt, erinnerte
Mich an Maria, an die reine Jungfrau.
Die wunderschöne Himmelskönigin
Maria aber fand ich in der Bibel,
Da mir die ganze Bibel war gegeben,
In Jesus Sirachs Hohem Lied der Weisheit!
Die Weisheit spricht: Ich, ich bin ausgegangen
Vom Mund des Allerhöchsten. In dem Himmel
Auf einer Wolkensäule war mein Thron.
Ich wandelte durch alle Sphärenkreise
Und schwebte in dem Nebel überm Meer.
In allen Völkern sucht ich meine Wohnung,
In jedem Volke ließ ich meine Spuren,
Doch mir gebot der Ewige, der Herr:
In Israel sei deine Wohnung, Weisheit,
Im auserwählten Jakob sollst du wohnen!
In der jungfräulichen Jerusalem
Schlug ich mein Zelt auf, tat den Gottesdienst
Im Offenbarungszelt des Gottesbundes.
Ich mischte meinen Wein, den guten Wein,
Und bot den frommen Leuten meine Speise.
Wenn einer je von meinem Wein getrunken,
So wird ihn dürsten bis in Ewigkeit!
ANDACHT DER SCHMERZEN
Maria zeigte mir des Bösen Fratze,
Ich sah den Dämon, Medium des Satan,
Der schrie: Wir wollen Israel vernichten!
Und Israel, der Erstgeborne Gottes,
Er ging den Kreuzweg an die Schädelstätte
Von Auschwitz-Golgata, um dort zu sterben
Als Ganzbrandopfer für das Heil der Welt!
Ich schaute Jakob an, das kleine Kind,
Der Heide wollte es dem Moloch opfern,
Im Feuer opfern seinem Gräuel-Götzen!
Ich sah das Tor zur Hölle, zum Inferno,
Dort stand geschrieben: Laß die Hoffnung fahren!
Doch in der Hölle Feuerofen schrie
Der Erstgeborne Gottes, Israel,
Zu Gott: Du, Herr, bist ein verborgner Gott,
Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verlassen!
Ich sah den Dämon sterben, selbstgemordet,
Die Eingeweide quollen ihm heraus.
Ich sah die Tochter Zion, Magd des Herrn,
Die Magd, die Ärmste aller Armen Jahwes,
Im Bauch der Arche namens Exodus
Sah ich im schwarzen Kleid der Witwenschaft,
Mit großen schwarzen Augen, groß vor Hunger,
Die Tochter Zion ihre Brust entblößen
Und stillen Israel-Immanuel,
Der dürr wie ein Skelett vor Hunger war.
Ich schaute Jakob und die Tochter Zion
In dem gelobten Land, Jerusalem,
Den mystischen, den Tanz der Engel tanzen,
Da stürmten aus dem Osten Heidenvölker,
Assyrien, Ägypten, Babylon,
Sie stürmten an, Jerusalem zu morden.
Da sah ich die Madonna unter Heiden
Im fernen Morgenland Martyrium
Und Kreuzigung am Mutterherzen leiden.
Von Westen flog das tödliche Geschoß
Gen Osten wie ein tausendfacher Blitz,
In den Atomen Satans Todesstrahlen!
Madonna war entblößt, verglüht ihr Kleid,
In Fetzen hing das Tuch ihr um die Brüste,
Die Haut war schwarz, verbrannt von Satans Sonne,
Die Augenhöhlen schwarz und schreckgeweitet,
In ihren Armen lag das Jesuskind
In solchen unsagbaren Todesängsten,
Daß Jesus nicht einmal mehr weinen konnte,
Das Antlitz blutig klaffend eine Wunde,
In der des Todes Kreuzessplitter steckte!
In dem Jahrhundert, da der Satan herrschte,
Da Satan herrschte durch den Krieg und Tod,
Durch Krankheit und durch Hunger Satan herrschte,
Da stand die Frau der Offenbarung auf,
Die wahre Judith eines ewigen Bundes!
Erst schuf sie uns ein Wundermedaillon
Und offenbarte sich vor ihrer Tochter
Als Jungfrau makelloser Konzeption.
Dann rief sie alle Menschenkinder auf,
Sich darzubringen Ihrem reinen Herzen,
Auch Rußland ihrem Herzen darzubringen.
Denn triumphiert der scharlachrote Drache
Und stürmt heran der schwarze Wolf des Todes,
Dann wird auf Erden Tod und Hölle herrschen!
Da aufgestiegen war das Tier des Abgrunds
Und Satan schuf die Erde um zur Hölle,
Da weihte der verzagte Hirten-Engel
Die Menschheit der Madonna Mutterherzen,
Und Unsre Frau beendete den Krieg
Und tötete den Führer der Dämonen.
Die zitternden Gebete des Verzagten,
Des engelgleichen Hirten, hörte sie,
Berief sich einen Mann nach Gottes Herzen,
Daß er der Hirte würde ihrer Herde.
Der weihte der Madonna Mutterherzen
Als Pilger der Mission die ganze Menschheit,
Von Mexiko bis Polen und von Rußland
Bis zu den Philippinen alle Menschen,
Ihr, seiner Mutter, seinem braunen Mädchen,
Der Königin des Friedens, der Versöhnung!
Die Jungfrau schloß das schreckliche Jahrhundert
Mit einer Offenbarung sondergleichen,
Da sie die ganze Menschheit rief zur Buße,
Zur Umkehr auf, zum Glauben, Beten, Lieben!
Sie prophezeit der Menschheit einen Frühling,
Das neue Pfingsten-Fest der Schönen Liebe!
Sie stiftet Hoffnung auf ein Reich des Friedens,
Mariens Reich des Friedens, der Versöhnung.
Die Jungfrau singt das Evangelium
Des Friedens allen Menschen Seiner Gnade,
Bis Christus herrscht als Friedefürst der Menschheit!
So zweifelt nicht, ihr Minner der Madonna,
Denn Unsre Liebe Frau hat uns versprochen:
Am Ende siegt mein Unbeflecktes Herz!
Ich sah das Angesicht des Todes an
Und wie der Mensch dem Menschen ward zum Wolf
Und wie der Satan tobte in der Hölle!
Da überfiel mich große Traurigkeit,
Wie groß die Finsternis auf dieser Erde,
Gottlosigkeit und Dämonie und Sünde
Und wie der Herr sich abgewandt voll Abscheu!
Da schien die Welt mir abgrundtief verdorben
Und böse Mächte überall zu lauern,
Daß ich verging vor banger Seelenangst!
Und die Verzweiflung und die Angst bedrängte
So sehr mich, daß ich wie ein Leichnam lag!
Aus Todesstarre schrie ich zu Maria:
Maria, rette meine arme Seele!
Da sah ich mit den Augen meiner Seele,
Sie, die Madonna, Seele meiner Seele,
Als Steinzeitgöttin oder Große Mutter!
Ihr Leib war Fruchtbarkeit der Schönen Liebe,
Das Becken wie ein Becher voll Berauschung,
Die großen vollen Brüste überströmend,
Wie Lichtglanz spritzte Milch aus ihren Brüsten!
Als ich die süße Milch des Trostes sog,
Da floß die Milch durch unsre Galaxie
In überströmenden Liebkosungen
Unüberwindlich starken Muttertrostes.
Die Seide schillerte um ihren Leib,
Die langen schwarzen Lockenhaare wallten,
Die Brüste glänzten von dem Glanze Gottes!
Ich liebte an der Frau den Gottesglanz,
War solch ein Glanz der Gottheit voller Liebe
Um diese Frau mit ihren großen Brüsten,
Daß ich die Frau als Göttin angebetet,
Archaische Madonna unsrer Mütter!
Sie lächelte voll Huld der Schönen Liebe
Und Lust an mir und meinem Lobgesang,
Daß sie mich legte an die vollen Brüste,
Die überfließenden des Liebestrostes,
Und gurrte Muttertrost mit Mutterworten:
Sohn, denkst du auch, daß Gott die Welt verlassen,
Daß Gott vergessen seine Menschenkinder,
So kann ein Weib wohl ihren Sohn vergessen,
Gott-Mutter aber liebt die Menschenkinder,
Gott-Mutter liebt die Menschenkinder all!
Nun kein Geschrei mehr, Jammern nicht noch Heulen,
Nun keine Krankheit mehr und nun kein Tod mehr,
Nun trocknet Gott die Tränen von den Augen,
Wie eine Mutter trocknet Gott die Tränen.
Der Heiland spricht zu denen, welche glaubten
Und gingen treu auf Gottes Weg der Liebe:
Nun kommt herein, ihr meine treuen Freunde,
In eures Meisters Himmelreich der Wonnen!
Ihr Sklaven Satans aber, fort mit euch!
Ihr Kinder Gottes aber, kommt herein
In die Gemeinschaft eines Liebesmahles,
Zum Hochzeitswein geläutert edler Traube,
Zum Freudenfest, zum Hochzeitsfest der Gottheit!
Habt Anteil an der göttlichen Natur,
Ein jeder sei dem Sohne Gottes gleich!
Gott Jahwe schenkt bedingungslose Liebe,
Gleich einer Mutter ewig schöne Liebe
Der Tochter Chochmah, Tochter und Geliebten,
Und Gottes Liebling Chochmah wird die Liebe
Ergießen in die Ruach ha kadosch,
Die Liebesflamme, die lebendige,
Die Atmung Gottes, Hauch voll Liebesglut!
Die Ruach bläst die Kinder Gottes an,
Die Liebesflamme flutet in die Seelen,
Die Mutter Heilig Geist erfüllt die Kinder,
Und selig jauchzen Gottes Kinder, glücklich!
Die Mutterliebe Gottes liebt in ihnen,
Die Kinder lieben mit der Liebe Gottes
Die Gottheit wieder und sind einbezogen
In Gottes innergöttliche Gemeinschaft
Als Zyklus einer ewig schönen Liebe!
Dann wird die Liebe in den Kindern lieben
Und Liebe wird die Einheit sein in Allen.
Und die Glückseligen, die Kinder Gottes,
Sie lieben alle sich mit schöner Liebe,
Es lieben alle alle mit der Liebe
Der Gottheit. Die auf Erden sich geliebt,
Von Gott gesegnet, lieben sich im Himmel
Wie Lieblinge die Lieblinge besonders.
Ein jeder Liebling liebt an seinem Liebling
Tief das Geheimnis der Persönlichkeit
In wundervollem Staunen und in Ehrfurcht.
Denn jeder Selige im Paradies
Bekommt von Jahwe einen neuen Namen,
Den neuen Namen der Persönlichkeit,
Den Gott allein kennt und das Gotteskind,
Das ewige Geheimnis der Person
Mit GOTT allein intimen Liebesbundes!...
ZYKLUS DER MAGISCHEN OPERATION
Ich lag im Bett. Bei mir stand der Schamane,
Der priesterliche Heiland meines Fleisches.
Er flößte mir ein süßes Gift ins Blut
Und sprach: Du wirst auf eine Reise gehen,
Auf eine schöne Reise wie im Traum.
Nun stell dir vor, du träumst den schönsten Traum.
Was ist das schönste Traumbild deiner Seele?
Ich sprach zum priesterlichen Heiland leise:
Maria! Sprach er: Ist sie deine Frau?
Ich sprach: Maria ist die Mutter Gottes.
Er sprach: So bist du gläubig. Betest du?
Ich sagte: Ja. - Besuchst du auch die Kirche?
Ist eine Kirche deine Lieblingskirche?
Ich hauchte noch: Ich weiß es nicht zu sagen...
Da war ich sanft entschlafen. In dem Traum
War über mir die Hagia Sophia
Als Ärztin allen Fleisches für das Heil
In weiblicher Vernunft des Geistes Gottes.
Und neben mir im Krankenbett gebettet
Lag Unsre Liebe Frau Maria liebend.
Denn so wie Katharina von Siena
Im Bett des Kreuzes Christus angetraut,
So ward ich in dem kleinen Tod der Ohnmacht
Maria angetraut als Ehemann.
Im gleichen Augenblick erwachte ich.
War niemand bei mir, lag ich ganz allein
Und schenkte Unsrer Lieben Frau Maria
Zur Morgengabe meine Auferweckung.
Ich legte allen Schmuck von meinen Gliedern
Vor meinem ersten kleinen Tode ab,
Den rosa Rosenkranz vom Handgelenk,
Das Wundermedaillon von meinem Hals,
Den Ring des Rosenkranzes von dem Finger.
Dann starb ich meinen ersten kleinen Tod
Und ward gekreuzigt und durchbohrt am Fleisch
Und bin gekrochen nur noch auf dem Zahnfleisch
Und blutete aus allen offnen Wunden
Und war wie tot und war wie eingeschlafen
Im Schoß der Gottesmutter, meiner Braut.
Im Bett des Kreuzes ward ich angetraut
Der Frau, der Miterlöserin mit Christus.
Mit Unsrer Frau, der Miterlöserin,
Ich litt zur Miterlösung dieser Welt,
Erlösung vieler Seelen aus der Sünde.
Da wacht ich auf im Schoß der Gottesmutter,
Da wacht ich auf im Arm der Pieta.
Ich war erstanden von dem ersten Tod.
Und noch bevor Maria Magdalena
Zu mir trat in dem Paradiesesgarten,
Ist Unsre Frau Maria, Gottes Mutter,
Zu mir geschwebt auf ihren Adlerflügeln
Und barg mich in dem Schatten ihrer Schwingen.
Die Flügel aber waren schlanke Arme
Und schöne Hände, und an einem Finger
Trug sie den Ring des Rosenkranzes nun,
Den ich geopfert vor dem ersten Tod.
Sie nahm die Weihegabe huldreich an
Und tat an ihren ehelichen Finger
Den Ring aus Lourdes, das Zeichen der Verlobung.
Blutsbräutigam bin ich der Lieben Frau,
Der Gottesmutter auserwählter Gatte!
3
Gott kam mit einem Balsam süßen Giftes,
Goß Adam Schlangengift in seine Adern,
Daß Adam sank in einen tiefen Schlaf,
In dem nicht Zeit war, nur die Ewigkeit,
Ein Augenblick der Ruhe sanften Todes
Und ein Moment des Friedens seiner Seele.
Da operierte Gott den Menschen Adam.
War Adam sonst sein Leib nur ein Verließ,
Zu enger Kerker seiner Einsamkeit,
So nahm nun Gott ein Stück von Adams Fleisch,
Ein Knochenstück von seinem Mark und Bein,
Und schnitzte draus als wie aus Elfenbein
Ein Weib, das Meisterwerk der Schöpfung Gottes,
Entsprungen rein den Schöpferhänden Gottes,
Ein Turm von Elfenbein, ganz reine Jungfrau.
Da weckte Gott den Menschen aus dem Schlaf.
Verschlossen war die Wunde schon mit Fleisch.
Da auferstand des Fleisches Auferstehung
Und Adam wachte auf von seinem Tod.
Noch war er wie umflort vom dunklen Traum
Und rief die unsichtbare Gottheit an,
Die letzte Klarheit schuf durch letzte Leiden.
Da aber öffnete der Mensch die Augen
Und sah, wie zu ihm trat die schöne Traumfrau,
Die linke Seite Adams, Mutter Eva.
Und Eva trat als makellose Jungfrau
Und Spiegelbild vollkommner Schönheit Gottes
Zu Adam. Ohne Sprache sprach sie Liebe
In Adams Seele, Gottes Mutterliebe.
Und Adam ward der Erste aller Dichter
Und sang die hohe Hymne seiner Minne:
Sie ists, im Fleisch die Herrin meines Fleisches,
Sie ists, die andre Seele meiner Seele!
Denn ich war tot in meinem Todesleibe,
Sie aber ist das Leben meiner Seele,
Sie ist das Leben selbst, die Allgeliebte!
Der Marterzeuge an dem Kreuze Christi
Tat plötzlich einen Blick ins Paradies
Und schwebte hin auf einem Flügelpferd
Der Poesie des Engels Gabriel
Und trat in Gottes grenzenlose Nacht.
Da saß er selig in dem Himmelszelt,
Da seine schöngeaugte Paradiesfrau,
Sankt Haura, Königin der schönsten Huris,
Mit einem perlengleichen Schenkenknaben
Beim Schachspiel saß und sagte eben: Schach!
Der perlengleiche Schenkenknabe schenkte
Den Hochzeitswein von Kana in den Becher,
Der besser als der Wein des Libanon.
Der Marterzeuge von der Liebe Christi
Den Becher nahm und sprach zum vollen Becher:
Du Becher bist das Becken meiner Haura,
Nie fehlt dir die Berauschung trunkner Minne!
Und Haura nahm vom Marterzeugen Christi
Den Opferkelch der Ganzhingabe an,
Den Wein, gewandelt in das Blut des Herrn,
Und trunken wurden von dem Rausch der Liebe
In trunkner Kommunion des Eros Gottes
Sankt Haura und der Marterzeuge Christi.
Der Geist der Gottheit überm Opferbecher
Verherrlichte die Herrlichkeit Sankt Hauras,
Daß Gottesblitze ihre Seelenfunken,
Die Frauenschönheit ihres Angesichts
Ward Spiegelbild des Angesichts der Gottheit,
Daß hochentzückt von diesem Gottesbilde
Der Marterzeuge in dem Paradiese
Den Hymnus Gottes sang als Nachtigall:
O Allgeliebte, o Geheime Rose,
Die eine wahre Gottheit Ich-bin-da,
Die einzig Seiende, das wahre Sein,
Der Gott, der war und ist und kommen wird,
Gott Jahwe ist dein wahrer Ehemann!
Ich sitz in einem Stuhl und denke nach
Und fühle, wie ein Mensch mich heimlich anschaut,
Ich fühle Blicke schauend auf mir ruhn.
Da denke ich, die liebe Freundin schaut
Durchs Fensterglas der Tür zu mir herüber.
Da schau ich heimlich nach der Freundin aus
Und sehe ihre Menschenschönheit nicht.
Nein, was ich seh, das ist ein Ideal,
Ist eine reine geistige Idee!
Erst scheint mir, dieses Ideal ist jene
Madonna Leonardos von der Mauer.
Da schauen dunkle Augen zärtlich sanft,
So mütterlich, so schwesterlich, so fraulich,
Geheimnisvoll und liebevoll mich an,
Da ist das Antlitz wohlgeformt und weich
Und sanftes Licht wie Schimmer einer Mondin,
Die Wangen wohlgeformt, umrahmt das Antlitz
Von Haaren seidenglatt und schwarz wie Nacht.
Nein, das war kein Gemälde eines Künstlers,
Nein, das war keine Frau von Fleisch und Blut,
Das war ein Geist in einem Spiegel leuchtend!
Lebendig diese Augen voller Liebe,
Vollkommen schön das Antlitz dieser Frau!
Ja, wahrlich, in dem stillen Heim der Freundin
Maria ist im Spiegel mir erschienen...
TANZ DER FRAU WEISHEIT UM MITTERNACHT
O meine Mutter mit der braunen Haut,
O meine Mutter mit dem grünen Schleier,
O meine Mutter in dem Licht der Sonne,
O meine Mutter, milde wie der Mond!
Ich sehne mich, an ihrer Brust zu liegen
Und mit den Fingern durch ihr Haar zu streichen!
Ich möchte schauen fromm zu ihr hinauf
Durch nackte schwarze Hölzer in dem Herbst
Und von den bunten Teppichen des Frühlings!
Mich ruft die Mutter: Mein geliebtes Kind!
Du bist so lang gewandert durch die Stadt,
Nun wende deine müden nackten Füße
In meine Wasser der Barmherzigkeit.
Kehr um zu mir, ich zeige dir den Himmel,
Der über uns im Licht der Gottheit schwebt.
Ich werde heilen dich mit meinen Wassern,
Mit Symphonieen dich in Schlummer wiegen.
Sei liebevoll zu allen Kreaturen,
Sie leben all in meinem Mutterherzen.
Getrost, bald gehst du wieder durch die Stadt
Und tust die Werke deiner Nächstenliebe.
Die Eros-Söhne sind nicht lange müßig.
Nun komm zu mir und leb in meinem Schoß!
Ich werde deiner Seele Ruhe schenken
Und singen Lieder dir von Ewigkeit.
Bleib in der Beuge meiner Arme, Söhnchen!
Sie liebet mich! Die Mutter in dem Himmel
Trägt in dem Mutterarm den Gottesknaben.
Sie hütet mich! Die Mutter des Erschaffers
Schaut Menschen, wenn sie öffnen ihre Herzen,
Die Mutter liebt die Menschenkinder all.
Sie spendet Liebe! Mutter allen Lebens
Schenkt sie ihr Herz wie Fleisch in Ewigkeit.
Sie sendet mich! Sie schenkt der ganzen Welt
Das Christuskind, den schönen Jesusknaben,
Mit ihm den unerschöpflich reichen Segen,
Den Herzensschatten heilend und erleuchtend.
O Mutter aller Welt, ich bin dein Diener,
Verehre dich, das Angesicht im Staube,
Ich liebe dich und geb mich ganz dir hin
Und schenk dir meiner Minne Poesie!
Maria, Königin der Nacht der Seele,
Frau auf dem Sichelmond mit Adlerflügeln,
Erneure meine arme bange Seele
Und gib mir Kraft von deinem Wunderleben!
O Friedefürstin, Schwester-Braut des Christus,
O Königin des Himmels, Allgeliebte,
Gib Anteil mir an deiner Schönen Liebe,
Maria, o Maria, o Maria!
Ich bin die Seele deiner Lieben Frau,
Ich komm zu dir in Stunden deiner Not,
Ich bin die Antwort auf dein banges Rufen,
Abgründiges Verlangen deines Herzens.
So komme ich im Namen wahrer Schönheit,
Um schöne Liebe in dir zu erneuern.
In einer Hand halt ich der Minne Becher
Und in der andern Hand der Weisheit Zepter.
Ich halte fest den Lichtglanz der Erleuchtung
Und öffne dir das Buch der Offenbarung.
Ich bin die Antwort auf dein Wort der Sehnsucht.
So tu die Augen auf und du wirst schauen,
So lausche mir, erkenne meine Seele!
Ist manchmal meine Stimme sanfte Liebe,
Ist manchmal meine Stimme wilder Donner.
Geliebter, Söhnchen, bist du schon bereit,
Reif für die dunkle Nacht der Neugeburt,
Hineinzukommen in den Zyklus Gottes
Durch jene dunkle Pforte des Entschlafens?
Bist du bereit, zu sterben und zu werden,
Geläutert und gereinigt durch das Feuer
Der wahren Weisheit und der schönen Liebe?
Ich hab die Zeit besiegt und bin gekommen
Ins Brautgemach in deinem Herz des Herzens.
Ich bin voll Lust der schöpferischen Liebe,
Voll mütterlichen Mitleids, voller Kraft.
Ich bin die schöne Seele Lieber Frau
Und bin gekommen, weil du mich begehrtest
In deinem Wunsch nach Heilung und nach Heil.
5
Wir neigen uns vor Ebbe und vor Flut
Und tanzen mit den Engeln auf den Sternen.
Wir pochen auf den Rhythmus unsres Blutes
Und schweben selig auf des Windes Schwingen.
Visionen werden kommen zu Betrachtern
Und Kräfte werden wachsen den Ergebnen.
Die Liebe wird erneuert, reifer werden,
Der Geist gewinnt an transparenter Klarheit.
O Tänzerinnen ihr in Osten, Westen,
Verkündet schön den Lebenssinn der Liebe!
Im Tempel meiner Ahnin steht geschrieben:
Wer eingeht in die Gottheit als ein Mensch,
Der kommt hervor als Göttin oder Gott. –
Wir wollen nur der Wahrheit-Schönheit dienen,
Der Freiheit in dem Geist, der Freudenbotschaft.
Erst glauben wir der Religion der Kunst,
Dann schließlich singen wir Gebet an Gott.
Versfüße bringen Frieden in die Welt,
Sie tanzen in des Himmelreiches Rhythmen.
Wir sind die Tänzerinnen und die Tänzer
Der labyrinthischen Spiralen Zions.
Komm, folge uns, wir bringen dir den Frieden,
Weil wir in Schönheit tanzen mit den Engeln.
Dies ist der Frauen Tanz für den Geliebten,
Dies ist das Singen seines Lichts vom Lichte,
Dies sind die Leidenschaften seiner Liebe,
Dies sind die Worte seiner schönen Weisheit,
Die ist der Puls und Rhythmus seines Blutes,
Dies ist die Ganzhingabe seiner Liebe.
Wir werden durch das Kreuz des Herrn gepeinigt –
Gereinigt für die Schau des Angesichtes!
Ich bin geboren, Schönheit zu erkennen,
Die Schönheit reiner Liebe kleiner Kinder,
Die Schönheit schöner Leiber schöner Weiber,
Die Schönheit eines Falters, einer Rose,
Die Schönheit der Musik und Poesie.
Der Liebe Schönheit ist dieselbe immer
Und ist doch schön in wechselnden Gestalten.
Im Säuseln deiner Stimme, Liebe Frau,
Vernehm ich die Musik des Paradieses.
O Schönheit jenseits dieser Zwielichtswelt,
O Lichtglanz jenseits der Jahrtausende,
O Liebe voll von schönen Seligkeiten,
O Weisheit aus den Träumen unsrer Seelen,
O Fülle wahrhaft glückberauschten Lebens,
O Gottheit, Mutterschoß der Neugeburt!
Ja, meine Seele ist die Harfe Gottes,
Ich singe Schweigen, schöner als Verstehen.
Ich schau geprüfte, heimgesuchte Seelen,
Ich schaue die Purgierungen der Seelen.
Der Leiden bittern Becher mußt du leeren,
Wenn du dich nahst dem Urprinzip der Gottheit!
SECHSTES BUCH
DAS PARADIES
„Sagt Ja zum Paradies!“
(Unsere Liebe Frau von Medjugorje)
Wer fliegt, der fliegt zur Sonne wie ein Adler.
Ihr Sterblichen, der Papst flog fort von euch,
Ist nicht mehr von der Erde, ist vom Himmel,
Er schaut die Gottessonne wie ein Adler,
Ja, er ist auferstanden wie ein Phönix.
Der Papst gefahren ist ins Himmelreich,
Ihm steht des Himmels Perlenpforte offen.
Die Himmelstreppe ward ihm aufgestellt,
Er stieg hinan die Stufen zu der Gottheit.
Der Vater stieg hinan die Himmelstreppe,
Die da erschuf für ihn sein König Christus.
O Jesus Christus, wahrer Gott und Mensch,
Er kommt zu dir, voll Ruhm und unvergänglich.
Der Papst ist nun ein Heiliger im Himmel.
Er stirbt nicht mehr den Tod, er ist unsterblich.
Er geht nicht mehr zugrunde in dem Tod.
Ihm ist ein Thron gegeben in dem Himmel,
Er ist ein König nun im Reich der Himmel.
Ich bin der Sänger mit der goldnen Leier
Und reiche euch den bleichen Totenschädel,
Daß ihr den Wein genießt und Liebchen küsst!
Ich las die Verse auf den Gräbersteinen,
Die von der Herrlichkeit auf Erden sangen
Und den Verwünschungen des bittern Todes.
Warum spricht also man vom Totenreich,
Warum so von dem Reich der Ewigkeit,
Das doch gerecht ist, ohne alles Übel?
Die Ewigkeit verabscheut doch den Krieg,
Und niemand greift dort seinen Nächsten an.
Im Reich der Toten gibt es keine Feinde.
Die Menschen ruhen dort von Anbeginn,
Vom Garten Eden an die Menschen alle.
Und Millionen werden, Myriaden
Von Seelen ziehen in das Reich der Toten.
Kein Mensch wird je auf dieser Erde leben,
Der nicht gelangte in das Reich der Toten.
Die Lebenszeit auf Erden ist wie Traum,
Kommt aber eine Seele in das Jenseits,
So grüßen sie die Engel: Heil, Willkommen!
Anbetung Jesu Christi, meines Herrn,
Der Allerheiligsten Dreifaltigkeit,
Gesungen als Gesang vom frommen Dichter:
Heil, Richter aller Toten, Jesus Christus,
Du Herr der himmlischen Jerusalem!
Ich komm zu dir, gerecht durch deine Gnade,
Der ich die Sünde meid mit aller Kraft,
Der ich nicht Lüge, sondern Wahrheit rede,
Der ich, wenn ich gefallen, mich erhebe.
Laß Anteil haben mich am Brot des Lebens,
Das wird auf dem Altar des Herrn geweiht,
Und laß mich wandeln in der Jenseitswelt
Und halte meine Seele nicht zurück,
Zu schauen des Erbarmens milden Mond
Und dich, die Sonne der Gerechtigkeit.
O Mensch, du wirst im Himmelreiche wandeln,
Dein Herz erfreuend an der Gunst der Gottheit.
Dir wird zuteil ein heiliges Begräbnis
Nach einer ehrenvollen Lebenszeit,
Bis dann das Alter war herangekommen,
Du legtest dich ins mütterliche Grab
Und wandeltest hinüber in das Jenseits.
Du wirst verklärt in eine lichte Seele,
Die wird genießen reine Engelsspeise
Und Wasser von der Quelle allen Lebens.
Du wirst wie eine weiße Turteltaube
Im Himmel schweben oder wie ein Adler
Die lichte Gottessonne schauen und
Als Nachtigall der Minne Rose preisen,
Was immer dein Begehr im Himmel ist.
Dein Boot des Lebens überkreuzt den Jordan,
Und keine Rückkehr gibt es für dein Leben,
Dein Leben wird wie neugeboren sein
Und schwimmen in dem Ozean der Liebe.
Die lichte Seele wird vergöttlicht werden,
Als Göttin leben mit den andern Göttern.
Die andern Seelen werden mit dir reden,
Es werden alle Wünsche euch befriedigt.
Mit Geistesaugen schaust du Gottes Licht,
Mit Geistesohren hörst du die Musik
Der Engel in den Engelschören Gottes,
Mit deinem Munde sprichst du Dank und Lob
Und mit den Flügeln schwebst du frei umher,
Dein Himmelskörper makellos und heil
Umschließt dein Herz, das heil und heilig ist,
Denn die Person wird dir bewahrt in Gott.
Großmutter, sei dein Himmelskörper heil,
Sei makellos und heil dein Himmelsleib!
Du steig vom Himmel in den Überhimmel
Und sei dort alles, was du je erträumt!
Empfange du das Opfer des Altares,
Darbringungen des Priesters vor dem Herrn.
Steig von dem Himmel in das Paradies,
Nicht abgewiesen an der Perlenpforte,
Dir tu sich auf die enge Perlenpforte,
Sankt Petrus öffne dir mit seinem Schlüssel!
Dann tritt du in die Halle ein der Weisheit,
Der Herr begrüße deine schöne Seele!
Dein Herz sei glücklich in dem Rosenhag
Mariens, wenn du weiße Rosen pflegst,
Maria freue sich an deinen Rosen,
Sie sollen blühen schön im Paradies!
Fahr in der Arche auf dem Meer des Lichts,
Fahr hin von Himmelreich zu Himmelreich!
Dir leuchte immerdar der Morgenstern,
Messias, Morgenstern in deinem Herzen,
Dir strahle stets die Herrlichkeit des Herrn,
Der Lichtglanz leuchte dir in deinem Herzen!
Willkommen, singen Engel, Heil und Frieden,
Vor dir in deinem Raum im Himmelshause.
Du schaust den König an in seiner Schönheit,
Den Morgenstern Messias, der erstanden.
Erwache in dem Licht der Liebe Gottes,
Dein Joch ist dir genommen und dein Kreuz,
Dein Herz ist heilig nun in deinem Lichtleib,
Und immerdar genießt du Himmelsspeise.
6
Wenn einst ich selig werde in dem Himmel,
Weil ich ein Glaubender auf Erden war,
Verklärt wird meine Seele und vergöttlicht!
Ich werde wandeln in der Jenseitswelt
Und werde nicht zurückgewiesen werden
Von Petrus an der engen Perlenpforte.
Wenn einst ich selig werde in dem Himmel,
Weil ich verehrt die Gottheit hab auf Erden,
So werde Säule ich im Tempel Gottes,
Wenn Jesus Christus durch den Himmel reitet,
Der Friedefürst auf seinem weißen Pferd.
Wenn einst ich selig werde in dem Himmel,
Weil ich das Gute tat den Menschenkindern,
So werde ich den neuen Namen Christi
Geheimnisvoll auf meiner Stirne tragen
Und werde in der Auferstehung Garten
Vom Gärtner, von dem auferstandnen Meister,
Erlangen meinen Paradiesesgarten.
Wenn die verklärten Seelen selig werden,
Wird meine Seele Jesus Christus folgen
Und wird in einen Adler sich verwandeln
Und schauen an die lichte Gottessonne,
Wenn Gott im Morgenrot der Ewigkeit
In lichter Herrlichkeit des Herrn erstrahlt.
Wenn die verklärten Seelen selig werden,
Wird meine Seele Unsrer Lieben Frau
Maria als ihr Minnesänger folgen
Und wird in eine Nachtigall verwandelt,
Die ewig singt im Rosenhag Marias
Maria Minnesang, der Himmelsrose!
Den Menschenfischer sah ich an dem Meer,
Als ich zum Meergestade heimgekehrt,
Da sprach der Menschenfischer dies Orakel:
Dir ist bestimmt, o Gottes Freund und Sänger,
Im Tod nicht in dem Staube zu versinken
Als ungerühmter Schatte unter Schatten,
Nein Gottes Weisheit und die sieben Geister
Ergreifen deine Seele bei den Locken
Und tragen heim sie ins Elysium,
Dem Reiche des gerechten Totenrichters.
Dort ist den Seelen heiter gar das Leben,
Wo weder Schnee, noch Regen oder Hagel
Und Winterdunst befällt die Seelen, ach,
Es weht vielmehr vom Meer der Ewigkeit
Die Aura eines wundervollen Maien
Und süßen Lenzes, der kein Ende nimmt,
Die Aura reiner Primavera küsst
Dort deine Seele wie ein lichtes Lächeln
Und macht dir deinen Geist zum schönsten Jüngling.
Dies wird dem Gottessohn, Mariengatten!
Fern von den Menschenkindern euch gewährt
Der Herr, der König in den Himmeln, Leben
Und Wohnung in dem großen Himmelreich,
Da Christus Jesus herrscht als Friedefürst.
Dort wohnen sie mit Herzen ohne Kummer,
Dort in der Seligkeit, am Meer der Liebe,
Die Hochbeglückten, Seligen, Geliebten!
Dort reifen ihnen süße Dattelfeigen,
Die süßer sind als Wabenseim und Honig,
Die Feigen reifen an dem Stamm der Palme
Dort jeden Tag des Jahres in Äonen.
Wo laue Liebesnächte nie sich wandeln
Und nimmer wandelt sich das milde Licht,
Der Edle wird das Leben dort genießen,
Ein Leben ohne Mühsal, Angst und Kummer.
Schafft keiner dort im Schweiß des Angesichts,
Denn alles spendet Gottes Fruchtbarkeit.
Wer immerdar die Wahrheit nur bezeugt,
Weilt bei der Gottheit als der Gottheit Liebling,
Als Liebling Gottes bei den Gottgeliebten,
Der weiß nur noch, was Freudentränen sind!
Die Überwinder, die sich reingehalten,
Die ziehen in die Burg der Tochter Zion,
Wo Jesus Christus herrscht als Herr und König.
Wie Pfingstgeist weht ein süßer Frühlingshauch
Die Seelen an vom Meer der Ewigkeit.
Des Paradieses Blumen leuchten gülden,
Sie blühen in den blauen Dämmerungen.
Die Seligen umwinden ihre Arme
Und kränzen ihre Häupter mit den Blumen,
Wo die Gerechtigkeit sie freigesprochen.
10
Idee der Schöpfung in dem Himmelreich,
Dort ist die Welt von Purpur, Gold und Weiß,
Viel reiner, als es je die Erde sah.
Die Täler haben ihre eigne Farbe,
Den Farbenton des Weinstocks Sankt Mariens.
Dort sehen wir den schönsten Regenbogen,
Dort alles ist ein reines weißes Licht.
Die Bäume rauschen dort im Hauch der Ruach,
Dort blüht die blaue Blume der Alleinheit,
Dort blüht die rosa Rose ohne Dornen,
Dort blüht die Lilie der Jungfräulichkeit,
Dort blüht die Lotos der Erotik Gottes.
Erhaben steht der Berg der Tochter Zion,
Dort donnert Sinai, dort brennt der Dornbusch,
Ein Berg der Fruchtbarkeit ist der Karmel.
Granaten fruchten dort wie goldne Glocken
Und Feigen sind so süß dort wie die Braut.
Wie Jaspis ist die Welt, wie reine Jade,
Smaragd, Türkis und Lapislazuli,
Wie der Rubin und wie der schwarze Onyx.
Glückselig sind, die sehen dieses Schauspiel,
Das Gold ist rein von aller Erdenschlacke.
Der Phönix, aus der Asche auferstanden,
Schwebt mit dem Adler zu der Gottessonne.
Die reine weiße Turteltaube girrt
Dort mit der Nachtigall von Gottes Minne.
Der Falke fliegt voran den Minnesängern
Und Gottes Milan schaut den Weg der Weisheit.
Gazellen spielen dort, die Zwillingskitze,
Das Einhorn stark steht auf dem Scheideberg.
Der Hirsch trinkt an der Quelle Lebenswasser,
Die Hindin tänzelt durch die Morgenröte.
Die Pantherweibchen liegen bei den Böcken,
Die Knaben spielen an dem Loch der Schlange.
Die Wolken sind wie Insel in den Lüften,
Die Meere Meere sind der Ewigkeit.
Was hier ist Hauch, ist dort der lichte Äther.
Dort herrscht der Frühling, welcher nimmer endet,
Die Rosen blühen und die Trauben fruchten.
Die Augen sehen an die Schönheit Gottes,
Die Ohren hören dort die Stimme Gottes,
Die Einsicht sieht dort ein die Weisheit Gottes,
Der Geist ist dort erfüllt vom Geiste Gottes.
Bei Lebensbäumen in dem Paradiese
Zur blauen Abenddämmerung der Herr
Leis wandelt durch der Auferstehung Garten
Und redet mit den Seligen von Liebe.
Die Gottheit ist als Geist allgegenwärtig,
Erfüllt von Weisheit, thronend in dem Himmel.
Die Seligen durch die Gerechtigkeit
Der Gnade und der Wahrheit schauen Gott,
Vereint mit Gott in ewiger Erkenntnis!
(Das sah mein Geist in nächtlicher Vision
Und geht zur Ruh mit Unsrer Lieben Frau.)
11
Ich, der Poet, erzähl euch einen Traum:
Großmutter ist erschienen als Vision,
Großmutter, in der Bibel heißt sie Mamme.
Als ich sie sah, da zitterte ich leicht,
Sie aber sprach: Hab keine Angst, mein Junge,
Vernimm nur, was ich dir zu sagen habe.
Da ich sie sah, da zitterte ich zaghaft,
Doch nicht vor ihr, vielmehr vor meiner Sünde.
Da frug ich sie: Großmutter, lebst du noch,
Großmutter du, und Urgroßmutter auch?
Gewißlich leben wir, sprach meine Mamme,
Entkommen sind wir nun dem Körperkerker.
Das Leben auf der Erde ist ein Tod,
Ein Sterben ists von der Empfängnis an
Bis zu dem Sterben, da man nicht mehr stirbt. –
Da sah ich meine Urgroßmutter schweben,
Und ich umarmte sie mit meiner Seele.
Großmutter aber nahm mich an ihr Herz
Und küsste mich mit mütterlichem Kuß.
Da sprach ich: Liebe Mamme, wahre Mutter,
Ist dieses Leben auf der Erde Tod,
Was muß ich noch im Totenreiche leben,
Was darf ich denn nicht heim zu dir ins Leben?
Großmutter aber sprach: Wenn Gott, dein Schöpfer,
Dich heimruft aus dem Kerker deines Körpers,
Kommst du zu mir in deine wahre Heimat.
Doch auf der Erde trag du deine Pflicht,
Weil Gott dich auserwählt hat, als sein Sohn
Ein Miterlöser dieser Welt zu sein.
Schau alle diese schönen Sternenfunken,
Viel schöner ist das Fünklein deiner Seele,
Ein Hauch vom Hauche aus dem Munde Gottes.
Sieh die Planeten in den Himmelskreisen,
Wie Gottes Weisheit unter ihnen waltet
Als kosmisches Gesetz, der Weisheit Geist.
So auch soll deine Seele in dem Körper
Als innre Weisheit auf der Erde wandeln.
Die Seele scheide nicht von deinem Körper
Durch menschliche Gewalt, vielmehr der Herr,
Gott ruft dich, wenn gekommen deine Stunde.
Mein lieber Junge, wie die Urgroßmutter
Und wie ich selber auch, gehorche Gott
Und lebe fromm. Du achte deine Eltern
Und sei ein frommer Diener aller Menschheit.
Ein frommes Leben ist ein schmaler Weg,
Ist ein gerechter Weg ins Himmelreich.
Erforsch die Bibel, bete, bete, bete,
Du liebe immer Unsre Liebe Frau
Und sei wie eine Mutter allen Menschen
Und diene Gott durch deine Nächstenliebe.
Wenn du vollendet hast dein Erdenleben
Und eintrittst in Marias Galaxie,
Glückselig in Marias Galaxie
Wirst du dann sein brillanter Morgenstern
Im Reich der Galaxie der Galaktrophousa! –
Da schaute ich Marias Galaxie,
Dort waren Morgensterne, Meeressterne,
Die Rose, der Altar, die Winzerin,
Das Buch, der Fruchtkranz und das Sternbild M,
Das Sternbild, das der Mütter Reich bedeutet.
Da staunte ich der Sterne Schönheit an
Und sprach: Und was sind das für schöne Töne,
Was ist denn solche schöne Harmonie?
Mir war, die Sterne sangen: Ave Stella!
Die Sphäre tönten wie ein Chor im Kloster.
Großmutter aber sprach zu mir: Musik
Der Sphären in Marias Galaxie
Ist die Musik der Weisheit, Harmonie
In der Weltseele Hagia Sophia.
Doch wisse, Menschen auf der Erde gibt es,
Die Harmonieen Hagia Sophias
Entzückt vernommen mit dem Seelenohre,
Da sie gewidmet sich dem Studium
Der göttlichen Mysterien der Weisheit. –
Da nahte meine Urgroßmutter mir
Und sprach: Du bist ein Geist vom Geiste Gottes,
Ein Hauch vom Hauche aus dem Munde Gottes.
Wie Gott ist eine göttliche Person,
Ein Wesen ist mit Wille und Bewußtsein,
Bist du gottebenbildliche Person.
Gott ist in deinem Geist, dein Geist in Gott,
Dein Geist vereinigt sich dem Geiste Gottes,
So sollst du Gott in Gott unsterblich leben!...
12
Ich sah in mitternächtlicher Vision
Den Heimgang des Vikarn des Herrn, des Papstes.
Da schlich der letzte Feind hinein, der Tod.
Der Papst begrüßte ihn: O Bruder Tod,
Jetzt will ich fröhlich beten zu Maria!
Maria war des Papstes Morenita,
Sein braunes Mädchen, seine schwarze Jungfrau.
Sie raufte sich das Haar und schlug die Brüste
Und wollte ihren Lieblingssohn, den Papst,
Verbergen im Gewölk der Herrlichkeit.
Gott aber sprach: O erstgeborne Tochter,
Maria, erstgeborne Tochter Gottes,
Durchs Tor des Todes geht der Papst nun heim.
Maria, lies du nur im Buch des Lebens,
Geschrieben steht mit Diamant in Erz
Die schöne Zukunft deines Lieblingssohnes.
Er hat vollendet seines Lebens Laufbahn,
Gesiegt um einen edlen Kranz im Wettkampf,
Ihm liegt bereit die Krone des Gerechten.
Nun wird sein Geist vergöttlicht durch die Gnade,
Als Heiligen wird ehren ihn die Kirche,
Das wirst du wirken, Tochter, mit dem Sohn.
Nun aus dem Leib, dem sterblichen, die Seele
Entführe küssend, die unsterbliche,
Und wandle sie zu Licht in Gottes Lichtglanz,
Das stets der heilige Vikar des Christus
Die himmlische Jerusalem erblicke
Und Gottes Herrlichkeit und die des Lammes!
Kaum sprach der Herr sein Wort, da stand Maria,
Die gütige, die milde und die süße
Maria unsichtbar im Vatikan.
Des edlen Papstes Seele führte sie
Aus seinem kranken todgeweihten Körper.
Maria trug des Lieblingssohnes Seele
Zum Morgenstern hinan ins Paradies.
Dort ließ den Geist sie des Vergöttlichten
Von ihren makellosen Zwillingsbrüsten,
Der Vater trat in Gottes Vaterhaus.
13
O Schwester, die du heilig warst auf Erden,
Du bist nicht tot, du bist nur fortgewandert
Ins liebliche Gefild des wahren Lebens.
Nun wohnst du ganz in der Glückseligkeit,
In dem unendlichen Gefild der Wonne,
Im unbegrenzten Paradiesesgarten!
Die Füße leichtbeschwingt wie die der Hindin
In Gloria der Morgenröte schwebst
Du leuchtend über himmelblaue Blumen
Und weidest wie die liebliche Gazelle
In Lilienauen der Jungfräulichkeit!
Nun schneidet dich nicht mehr der Winterfrost,
Nun brennt dich nicht mehr grelle Sommerhitze,
Nun quälen dich nicht mehr des Körpers Schmerzen
Und nicht die Seele mehr der Schwermut Trübsal,
Auch glüht in dir des Menschen Sehnsuchtspein
Nicht mehr, vielmehr befriedigt deine Seele
Als schöne Göttin lebt in Gottes Reich!
14
Ich fragte einst den Herrn: O Jesus Christus,
Du schöpferische Weisheit, Schöpferin,
Wenn ein Gerechter stirbt, wo weilt er dann?
Da sprach der Geist: Am ersten Todestag
Bleibt seine Seele in dem Haupte noch
Und meditiert das Wort der Weisheit immer:
Heil ihm, der anderen zum Heil geworden!
Und in der ersten Nacht des Todes findet
Die Seele freudigere Freude als
Sie jemals Freude auf der Erde fand,
So auch die zweite und die dritte Nacht.
Doch wenn am Ende dann der dritten Nacht
Die Morgenröte kommt, dann ist die Seele
Entrückt in Gärten düftereicher Blumen,
Von Süden wehn ihr Lüfte Düfte zu,
Die Seele des Gerechten atmet auf
Und spricht: Wo kommt der Wind, der süße, her?
Und auf den Flügeln dieses süßen Windes
Kommt seine eigne Religion daher
Als junges schönes Mädchen, rein und strahlend,
Mit lilienweißen Armen, wohlgebildet,
Mit makellosen Brüsten, edlen Wesens,
Ein siebzehnjähriges Geschöpf der Schönheit!
Die Seele des Gerechten spricht sie an:
Wer bist du, Mädchen, Schönstes aller Mädchen?
Sie spricht, die seine Religion gewesen:
Ich bins, du Mann von heiligen Gedanken,
Von schönen Worten und von guten Werken,
Bin deine Religion der Schönen Liebe!
Die Menschenkinder lieben deine Schönheit
Und deinen Adel, Seele des Gerechten,
Und deinen Geist und deine Menschenliebe.
Du liebtest mich als deine Religion.
Wenn du auf Erden einen Spötter sahst,
Sahst Götzendiener und Dämonensklaven,
Sahst einen Mann, der nicht die Kinder liebte,
Sahst Geizige und andre Mammonsknechte,
So setztest du dich hin in Staub und Asche
Und meditiertest Rosenkranz und Psalmen.
Mich, die geehrt von vielen Menschen wird,
Mich hast du hochgerühmt gemacht durch deinen Lobpreis,
Daß ich noch liebenswerter schien den Menschen.
Ich war vor allen andern deine Liebe,
Doch dein Begehr war, daß mich alle lieben!
Ich bin liebreizend und begehrenswert,
Du aber machtest als mein Minnesänger
Mich noch liebreizender, begehrenswerter,
Wahnsinnig warst du von der Liebe Wahnsinn!
Mich, die die Höchste ist am Thron des Herrn,
Mich hast du gar erhöht zu einer Göttin!...
Dies alles tatest du durch dein Gebet,
Durch deine Weisheit und durch deine Kunst,
Durch jedes gute Werk der Menschenliebe.
15
Die Guten werden dort auf Kissen ruhen,
Geschmückt mit Gold und schönen Edelsteinen.
Dort sitzen sie sich lächelnd gegenüber.
Die Jünglinge in reinster Jugendblüte
Dort wandeln mit den Flaschen und den Bechern
Voll Wein, der keinen Schmerz bereiten wird,
Mit Schalen voll von auserlesnen Früchten.
Die Guten lieben dort im Garten Eden
Die Jungfraun mit den wunderschönen Augen,
Die reinen Perlen gleichen in den Muscheln.
Das ist der Lohn für ihre Menschenliebe.
Man hört nichts anderes als: Friede, Friede!
Die Guten ruhen in dem Garten Eden
Im Schutze dornenloser Lotosblumen
Und schön geordneter Akazienbäume
Am frischen Quell bei Überfluss von Früchten,
Im Paradies bei unverbotnen Feigen.
Dort ruhen sie auf Kissen bei den Jungfraun,
Die wie die Männer sind von gleicher Jugend,
Die werden allzeit wie die Engel lieben!
Die Guten mit der Heiterkeit im Antlitz
Bekommen immerdar vom besten Wein,
Vom Traubenblut, das jene trinken werden,
Die Gott im Paradiese nahe sind.
16
Im Paradiese des Messias wohnen
Die schönsten Mädchen, die die Weisheit schuf,
Um die Erlösten selig zu beglücken,
Die auf der Erde alle Menschen liebten,
Messias‘ Nymphen heißen jene Mädchen.
In allen Nächten unermüdlich schenken
Sie ihren Minnern mit intimer Minne
Den süßen Odem der Jungfräulichkeit!
Sie schenken ihrer Liebe Ganzhingabe!
Zu allen Nächten, wenn die Morgenröte
Gekommen, schenken sie den Minnefreiern
Durch Gottes grenzenlose Liebe reine
Jungfräulichkeit erneut zu neuer Wonne!
Sie sind ganz unberührt an jedem Morgen,
Als ob sie nie das Liebesspiel gespielt,
Als ob sie nichts von süßer Wollust wüssten,
Und die Erinnrung an die Liebesnächte
Mit ihren Minnern ist wie fortgeweht.
Erst gestern hatt ich einen schönen Traum
Von jenem Paradiese des Messias,
Und meine Augen sahen in dem Traum
Die Traumgestalt von einem jungen Mädchen
Des Paradieses, Haura war ihr Name.
Sie zählte siebzehn Jahre, jung und schön.
Doch war sie wirklich nur ein schönes Mädchen?
Sie schien mir frisch wie eine Pfirsichblüte
Und licht erstrahlend wie die goldne Sonne
Und schwebend süß wie Maienblütenduft
Und war brillanter als der Morgenstern
Und ihre Haut war weiß wie Muttermilch.
Da schien sie mir des Paradieses Seele.
17
So ist es in dem Paradiese Christi,
Im Paradiese schönster Liebeswonnen:
Hier singen Engel wunderschöne Lieder,
Es tanzen hold die schöngeformten Mädchen,
Die makellosen Paradiesesmädchen,
Hier schallt der goldne Ton der Schwanenleier,
Des Psalters und der Harfe und der Flöte,
Und Blüten segeln durch die süßen Lüfte.
Hier kann man trinken aus der frischen Quelle
Und speisen mit den Engeln Engelsspeise,
Wobei die Engel Dankeshymnen singen.
Allüberall sind stille Schwanenteiche,
Seerosen schwimmen dort und Lotosblumen,
Die Lebensbäume werfen frischen Schatten,
Pfingstrosen blühen, dornenlose Rosen.
Den Weg der Wonne wandeln edle Menschen.
Die einen reiten da auf weißen Pferden,
Die andern reiten da auf einem Einhorn,
Und andre lassen tragen sich in Sänften
Voll Freude zur Behausung Jesu Christi.
Unsterblichen Erlösten lächeln Jungfraun,
Die Himmelsjungfraun mit Zypressenfächer,
Und Göttlichweise künden ihre Weisheit.
So gehen all die tugendsamen Menschen
Zur Wohnung Christi, weißes Linnen tragend,
Gekränzt mit Kränzen ihrer Hochzeitsfreude,
Gesalbt mit Salbungsölen ihrer Wonne
Und Mandeln speisend oder süße Feigen.
So kommen sie zur Wohnung Jesu Christi
Im Lichtglanz ihrer reinen Himmelskörper.
Sie trinken Milch aus Sankt Marien Brüsten,
Sie saugen Nektar aus Marias Busen.
18
Wenn deine Seele ihre Leiblichkeit
Im Tode abgelegt und das Gebiet
Der Erdenwelt verlassen und den Jordan
Zum Himmelreich durchmessen, dann empfängt
Sie einen Körper ganz aus Licht und Geist,
Von einer reinen makellosen Schönheit.
Dann kommt sie zu dem Hain der Lebensbäume
Und badet in der Quelle allen Lebens.
Am Saum der Ewigkeit mit reinen Perlen
Beim Feigenbaum des Paradiesesgartens
Die Seele wird geschmückt von Christi Nymphen,
Von Jesu tausend Paradiesesnymphen.
Dann kommen Christi Engel, reine Geister,
Die Seele eilt den Himmlischen entgegen.
Dann kommt die Seele nach Jerusalem,
Zu der Metropolis Jerusalem,
Dort ist sie glücklich über alles Glück!
Vor Zions Perlenpforte sie verneigt
Sich voller Demut, tritt durchs Himmelstor
Und wandelt Straßen dort aus Gold und Glas,
Da schaut sie all die wundervolle Schönheit,
Daß sie verrückt vor solcher Schönheit wird!
Dann kommt sie zu den Pforten der Apostel,
Hier neigt sie sich vor Petrus und den andern,
Wo Petrus herzlich sie willkommen heißt.
Dann geht sie auf dem Weg von goldnem Glas
Zur Doppelsäule in dem Tempel Gottes,
Zwölf Edelsteine sind dort eingesetzt.
Hier sieht die Seele ihren Meister Jesus,
Den Gottmensch Christus in der Gloria,
Zur Linken ihm Maria Magdalena,
Die Königin der Liebe und der Schönheit,
Zur Rechten Unsre Liebe Frau Maria,
Die Himmelskönigin, die höchste Herrin!
Der König Jesus Christus hält das Kreuz,
Den Himmelsschlüssel und den Hirtenstab,
Ihr auf dem Haupt sind sieben Diademe,
Er trägt ein Linnen lichter als der Schnee
Und ist allblühend und allduftend schön,
Kein Menschenwort kann Christi Schönheit sagen!
19
Im Jenseits ist der Berg der Tochter Zion,
Das ist der Mittelpunkt des Himmelreichs,
Hier ist der Sitz der Göttinnen und Götter,
Der Garten Eden, wieder aufgeschlossen,
Ist hier der Mutter Eva Paradies.
Hier hat die königliche Mutter Eva
Von Jaspis einen himmlischen Palast,
Umgeben rings von einer Jademauer.
Hier sitzt der Gottmensch Jesus auf dem Thron.
Die Mutter Eva, Königin des Gartens,
Sie lebt im schönen Paradiesesgarten,
Wo Lebensquellen sind, die nie versiegen,
Der Lebensbaum ist schön wie ein Smaragd,
Im Paradiesesgarten aber leben
Der auferstandne Phönix und das Einhorn,
Im Garten Eden blüht die Blume Todlos.
Im Garten Eden zieht die Mutter Eva
Beim Lebensstrome ihren Lebensbaum.
Am Lebensbaume reift die Lebensfrucht,
Wer die verspeist, ist immerdar unsterblich.
Die königliche Mutter Eva ist
Ein wunderschönes Weib in feinster Seide,
Und Jungfraun, schön wie Engel, dienen ihr.
Den himmlischen Palast von Jaspis baute
Ihr Jesus Christus, Architekt des Himmels,
Als er am Kreuz gestorben, auferstanden! –
Im Paradiese feiert Mutter Eva
Geburtstag, da die Seligen und Engel
Im Himmelreiche feiern die Erschaffung
Der ersten Frau unmittelbar durch Gott!
(Einst griff ich nach den Paradiesesfrüchten
Auf unerlaubte Weise, ich drang ein
Ins Paradies und trat zum Lebensbaum
Und wollte pflücken mir die Lebensfrucht,
Als Jesus Christus sprach: Noch nicht, mein Sohn!
Maria, Mutter der Barmherzigkeit,
Sprach zärtlich lächelnd: Mein Geliebter! Liebling!
Du sollst noch meinen Ruhm auf Erden mehren!)
Maria war die Tochter armer Eltern,
Dreijährig trat sie in den Tempel ein,
Ganz heilig war ihr Lebensende, daß
Sie noch Erbarmen hatte mit den Seelen,
Die selber in die Hölle sich verdammten.
Da stieg Maria in die Hölle nieder
Und schuf die Hölle um zum Paradies!
Dann stieg als Göttin sie zu Gott dem Herrn!
SIEBENTES BUCH
IMMACULATA
ERSTER GESANG
DIE JUNGFRAU
Da Christus von der Jungfrau ward geboren,
Was ist es dann mit den antiken Helden,
Die auch jungfräulich sollten sein geboren?
Origenes wie auch John Henry Newman
Behaupten, Gott der Herr hat seine Welt
Aufs heiligste Mysterium vorbereitet,
Daß Gottes Sohn als Mensch geboren wird,
Indem der Herr Symbole gab der Menschheit,
Sie vorbereitend auf die Offenbarung.
Pythagoras und Platon, Alexander,
Sie sollten kraft der Zeugung eines Geistes
Geboren worden sein von einer Jungfrau.
Auch Simon Magus, Petri Widersacher,
Sprach, seine Mutter wäre eine Jungfrau.
Man sieht noch heut in Rom den Fußabdruck,
Den Simon Magus hinterließ, als er
Vor Petrus prahlte, dass er fliegen könne,
Als er dann jämmerlich zu Boden stürzte.
Justinus aber sprach, der Märtyrer,
Daß die Geburt des Herrn sich unterscheide
Von der Geburt Apollos oder Bacchus,
Weil Gott nicht warb erotisch um die Jungfrau,
Weil Gott nicht ihren Widerstand gebrochen
Und Gott sich nicht in sexueller Weise
Vereinte der jungfräulichen Maria,
Wie etwa Zeus es tat mit Semele,
Wie Zeus als Schwan begattete die Leda,
Wie Zeus es tat mit all den Erdenfrauen,
Die jemals der Olympier begehrte.
Justinus nur verspottete den Mythos,
Wie Danae empfing den Helden Perseus,
Weil Zeus als goldner Regen sie begattet.
Justinus sprach, das sei nur Travestie
Der Wahrheit, Teufelswerk und Schwarze Messe.
Denn Jupiters Geliebten nach dem Akt
Der sexuellen Einung mit dem Gott,
Sie blieben danach keine Jungfraun mehr.
Doch die Jungfräulichkeit Mariens ist
Nach der Verkündigung durch Gottes Engel
Geblieben. Doch schaut man Corregios
Gemälde von der schönen Danae
Und wie der Engel von der Schläferin
Das Laken hebt und wie der Lichtstrahl strömt,
Sieht man Corregios profane Fassung
Der englischen Verkündung an Maria.
Origenes führt die Legende an,
Daß Platon von Periktione ward
Geborn, nachdem Apollo Ariston,
Dem Gatten der Periktione, sagte,
Er solle sich enthalten von dem Beischlaf.
Origenes spricht von der Jungfraunzeugung,
Wie Schlangen wie von selbst entstehn aus Leichen,
Wie Bienen wie von selbst entstehn aus Ochsen,
Wie Wespen wie von selbst entstehn aus Pferden,
Wie Käfer wie von selbst entstehn aus Eseln.
So sprach Pythagoras auch im Ovid.
So sagte auch das Bestiarium,
Das Geierweib gebäre einen Geier
Ganz ohne dass ein Geier sie befruchte.
Laktanz verglich jedoch die Zeugung Jesu
Des Erichtoneus Stuten, die befruchtet
Der Nordwind hatte. Andre Christen wiesen
Die Parallelen in den Heidenmythen
Mit zorniger Entschiedenheit zurück.
Sank Epiphanius beklagte sehr,
Daß in dem Tempel der Persephone
In Alexandria ein Kult gefeiert,
Der Jesu Christi Ankunft auf der Erde
Verspottete, indem die Jungfrau Kore
Gebar als Sohn den göttergleichen Äon.
Origenes drang in den Logos ein,
Den Sinn, die Weltvernunft, das Gotteswort,
Und sagte dann, dass Jesus, der das Wort ist,
Empfangen durch die Engelsworte sei.
So sprach in Alexandrien schon Philo,
Wenn eine Seele durch die Macht des Geistes
Die Weisheit in dem Inneren empfängt.
So sang Venantius Fortunatus dies
Mysterium der göttlichen Geburt:
Jahrhunderte vernehmen es mit Staunen,
Ein Himmelsengel hat die Saat gebracht,
Die Jungfrau hat in ihrem Ohr empfangen
Und dann geboren gläubig in dem Herzen.
So heißt es auch in einem alten Tanzlied:
O Jungfrau, Jungfrau, mach uns heute froh,
O große liebevolle Gottesmutter,
Die du empfangen hast dein Kind durchs Ohr,
Als Gabriel dir brachte Freudenbotschaft.
Plutarch erwähnte der Ägypter Ansicht,
Daß Katzen übers Ohr befruchtet werden
Und dann gebären aus dem Katzenmaul.
Ambrosius von Milan aber sang:
Nicht durch des Mannes Samen, sondern durch
Die mystische Behauchung mit dem Geist
Ist Gottes Wort geworden Fleisch und Blut,
Die Leibesfrucht geworden ist zur Blüte.
Zeus Vater sich verwandelte in Vögel,
Die irdischen Geliebten aufzusuchen,
Als Schwan hat Leda er im Akt begattet,
Als Adler er begattete Ägina,
Als Zeus um Hera warb, ward er zum Kuckuck,
Dem Vogel, der den Frühling uns verkündet.
Gott Heilig Geist jedoch empfing das Kind
Wie eine Mutter und ergriff Besitz
Von Unsrer Frau Maria, die gebar.
Herr Jesus nannte Heilig Geist gar Mutter
In dem Hebräer-Evangelium,
Origenes und auch HieronyHHeilig Geist gar Mutter
In dem Hebräer-Evangelium,
Origenes und auch Hieronymus
Zitierten Jesu Wort von Mutter Geist.
Und in den Thomasakten betet Thomas:
Komm, Heilig Geist, Gemeinschaft mit den Männern,
Komm, Taube, du gebierst die Zwillingsjungen,
Komm, o verborgne Mutter Heilig Geist!
Die Taube war geweiht der Liebesgöttin.
Im Hohenliede Salomos erscheint
Die Taube, wenn der Freund die Freundin ruft.
Im Protoevangelium Jakobi
Erwählt die Taube Josef zum Gemahl
Mariens. Venus war geweiht die Taube.
Geist Gottes war der Juden Schechinah,
Das feminine Angesicht des Herrn,
Den Syrern wars die feminine Ruach,
Den Griechen das neutrale Pneuma und
Lateinern männlich Sanctus Spiritus.
Sankt Bernhard von Clairvaux sang den Gesang:
Der Ratschluß-Engel ist geboren von
Der Jungfrau, wie die Sonne von dem Stern,
Es kennt die Sonne keinen Untergang,
Es leuchtet immer hell der schöne Stern,
Sowie der Stern hervorbringt seinen Strahl,
So auch gebar die Jungfrau ihren Sohn,
Der Stern wird nicht durch seinen Strahl entehrt,
Die Mutter nicht entehrt durch ihren Sohn,
So wie die Sonne durch das Fenster tritt
Und kehrt zurück, doch bleibt das Fenster heil,
So war Maria die intakte Jungfrau,
Als Gott der Herr, als er vom Himmel kam,
Maria machte sich zur Braut und Mutter.
Denn es erhob die reine Jungfrau sich
Und stand gelehnt an einen Säulenschaft,
Sankt Josef aber blieb am Boden sitzen.
Sankt Josef nahm dann etwas Heu der Krippe
Und legte es der Lieben Frau zu Füßen
Und wandte sich in stiller Ehrfurcht ab.
Dann kam der Gottessohn des Ewigen
Aus seiner Mutter Leib, dem unverletzten,
So sagte es Brigitta auch von Schweden,
Ganz lautlos und in Einem Augenblick.
ZWEITER GESANG
DIE NEUE EVA
Die wissenschaftliche Beschäftigung
Mit Unsrer Frau führt geradewegs zu Eva
Und zum Bereich der Sexualität.
Denn: Ich bin Eva, Weib des edlen Adam,
Ich war es, die den Herrn gekreuzigt hatte,
Ich hab beraubt des Himmels meine Kinder,
Ich hab verdient, dass man mich kreuzigte!
Der ganze Himmel stand mir zur Verfügung,
Verdammt die schlechte Wahl, die mich gestürzt
Ins Unheil, und verdammt die Strafe auch
Für mein Verbrechen, dass ich sterblich wurde.
Ach, meine Hand ist nicht mehr rein und schön.
Ich hab gepflückt den unheilvollen Apfel,
Ich hab gegessen diesen schlechten Apfel.
Solange Frauen auf der Erde leben,
Wird keine Frau mehr von der Torheit lassen.
Sonst gäb es auf der Welt nicht Frost und Eis,
Es gäbe keine strenge Winterzeit,
Es gäbe keinen Kummer, keine Hölle,
Gäb keine Schrecken, wär ich nicht gewesen!
So Eva sprach. Es sprach ein weiser Mann:
Es war einmal ein Mönch, der eine Frau
Unendlich liebte, dass die Sehnsucht ihn
Verzehrte, sogar nach dem Tod der Frau,
Und also suchte er ihr Grabmal auf
Und öffnete das Grab und barg die Leiche
In seinen Armen und vergrub sein Antlitz
In ihren Busen, den ihr Leben lang
Er nicht liebkosen durfte! Und er sog
Den Duft ein der Verwesung mit der Nase
Und ward durch den Gestank von Fleischeslust
Und ungeordneter Begier geheilt.
Die Kirche sagt: Nicht Sexualität
An sich ist Sünde, sondern Fleischeslust,
Die ihren Ausdruck findet nicht allein
In dem Bereich der Sexualität.
Die Sexualität ist von Natur
Geschenk des Schöpfers und sie ist nicht Sünde,
Die Sünde aber ist die Fleischeslust,
Die Fleischeslust ist Neigung zu der Sünde,
Die Fleischeslust ist eine Willensschwächung,
Durch die der Widerstand erschwert wird, dies
Ist stete Wiederkehr des Sündenfalls.
Erbsünde selbst ist Fehlen aller Gnade,
Ein Zustand der Entfremdung ists des Menschen
Von Gott, es ist die kosmische Verzweiflung,
Es ist die existentielle Angst,
Von der erfüllt die Lebewesen werden,
Wenn sie die Trümmer ihres eignen Lebens
Erkennen, die gewaltige Zerstörung,
Die auf der Welt zurückgelassen hat
Die Menschheit in dem Zustand der Erbsünde.
Johannes Goldmund sprach, der Patriarch
Konstantinopels: Eben hatten Adam
Und Eva sich in ihrem Ungehorsam
Von Gott gewandt, zerfielen sie zu Staub,
Sogleich verloren sie ihr Lebensglück
Und Ruhm und Ehre der Jungfräulichkeit
Und alle Schönheit in den Augen Gottes,
Sie wurden Sklaven, legten ab die Kleider
Des Königs und der Königin von Eden
Und wurden unterworfen, ach, dem Tod
Und jeder andern Form von Fluch und Elend.
Dann tauchte auf die Ehe. Siehst du also,
Woher die Ehe ihren Ursprung nahm?
Denn wo der Tod ist, gibt’s geschlechtliche
Vereinigung, und wo es keinen Tod gibt,
Gibt’s nicht geschlechtliche Vereinigung.
Johannes Goldmund sprachs. Doch Augustinus
Und Thomas von Aquin behaupteten,
Daß Adam Eva sexuell erkannte
Im Paradies. Denn warum hätte Gott
Dem Adam sonst nicht einen Freund gegeben,
Als er sich einsam fühlte, einen Freund
Für intellektuelle Diskussionen.
Nein, Gott gab Adam eine schöne Frau,
Um Adam im Alleinsein beizustehn
Und liebevoll Gesellschaft ihm zu leisten.
Doch die Erotik zwischen ihm und ihr
War andrer Art als die gemeiner Menschen.
Nicht Fleischeslust wars, was die beiden anzog,
Und ihre paradiesische Erotik
War nicht belastet von der Schwangerschaft.
Doch wie in Adam alle sind gestorben,
In Jesus Christus als dem Neuen Adam
Aus Gnade leben die Erlösten ewig.
Erbsünde haben alle wir von Adam
Geerbt und von der alten Mutter Eva,
Erbsünde haftet der verdammten Masse
Der ganzen Menschheit als ein Makel an,
Die durch die Taufe abgewaschen wird.
Doch der Getaufte auch auf Erden leidet
Die Sündenstrafe. Aber in dem Himmel
Wird den Getauften Heil zuteil und Glück.
Die Sündenstrafe aber wird genannt
Die ungeordnete Begierlichkeit,
Die Fleischeslust als Neigung zu der Sünde.
Das Gegenmittel ist die Gnade Gottes.
So lehrte Augustin. Pelagius
Behauptete, der Sündenfall als Folge
Des göttlichen Geschenks der Willensfreiheit
Sei Angelegenheit allein von Adam
Und Eva im privaten Sündenfall.
Zwar lehrte Paulus: Durch des Einen Sünde
Kam Sünde in die Welt und durch die Sünde
Der Tod für alle, da wir alle Sünder.
Pelagius verwarf das Pauluswort
Und sprach, die Menschen alle seien frei,
Sich für das Böse oder für das Gute
Sich zu entscheiden. Zwar die Gnade Gottes
Sei eine Hilfe für den Weg des Guten,
Doch sei die Gnade nicht Notwendigkeit
Zum Heil. Und auch die Kreuzigung des Herrn
Erlöste nicht die Menschheit, weil die Menschheit
Des Heils und der Erlösung nicht bedurfte.
Die Sünde Adams war private Sünde,
Die keinen andern Menschen sonst betraf.
Das Leben Jesu, sprach Pelagius,
Sei nur ein Vorbild aller guten Menschen,
Ein Vorbild in der Tugend und der Güte,
Dem nachzueifern Menschen streben sollten.
Doch Augustin in seinem Gottesstaat
Beschrieb, wie Adam sich und Eva sich
Die Genitalien voll Scham bedeckten,
Nicht etwa ihre Hände, ihren Mund,
Durch die sie doch die schlimme Tat begangen.
So sagte Augustin, dass die Erkenntnis,
Die sie gewonnen, ausgegangen sei
Von ungeordneter Begierlichkeit.
Nicht ein Bereich des Lebens existierte,
Der unbetroffen war vom Sündenfall,
Am meisten aber doch der Liebesakt.
Was war die Strafe für die Sünde Adams?
Der unwillkürliche Impuls des Fleisches
Im unwillkürlichen Verlangen, das
Vom Willen nicht bemeistert werden kann.
So nach dem Sündenfall der Liebesakt
Ist keine Sünde, sondern Sünde ist
Die ungeordnete Begierlichkeit,
Die unwillkürliche Begier des Fleisches,
Vom Willen unbeherrschte Fleischeslust.
Der Liebesakt jedoch als Schöpferakt
Ist gut, so wie die Schöpfung Gottes gut ist.
Wir wollen über alles Keuschheit lieben,
Denn Gott gefällt die Keuschheit, der erwählte
Den keuschen Schoß der unbefleckten Jungfrau.
Denn da die Jungfrau Jesus keusch empfing
Und unverletzt geboren hat den Sohn,
So ist des Fluches Kette aufgesprengt.
Durch Mutter Eva kam der Tod zu uns,
Maria aber brachte uns das Leben.
So die Jungfräulichkeit Mariens ist
Auch reichlich ausgespendet von dem Geist
Auf viele Menschen in der Kirche Gottes.
Johannes von Damaskus sagte auch,
Der Daniel des Alten Testamentes
War so gehärtet von der Keuschheit, dass
Ihn Löwenzähne nicht zerreißen konnten.
Der keusche Josef auch verweigerte
Das Liebesspiel dem Weibe Potiphars,
Und Judith auch bewahrte ihre Tugend,
Auch Mirjam, Moses Schwester, Aarons Schwester,
Blieb eine unvermählte Jungfrau Gottes.
Auch der Apostel Paulus rief sehr ernst
Zu der Jungfräulichkeit um Christi willen.
Und der Prophet Johannes sah Gesichte
In der Geheimnisvollen Offenbarung
Von hundertvierundvierzig Jungfraun,
Die unbefleckt geblieben sind für Christus.
Justinus nämlich schrieb, der Märtyrer,
Daß Christus sei geboren von der Jungfrau,
Damit auf gleiche Art und Weise, wie
Der Ungehorsam seinen Anfang nahm,
So auch der Ungehorsam wird zerstört.
Wie Eva, die jungfräulich war und rein,
Das Wort empfing, das Satan sprach als Schlange,
Und Ungehorsamkeit und Tod gebar,
So Unsre Frau Maria, rein, jungfräulich,
Empfing die Gnade und den wahren Glauben,
Und Unsre Frau gebar den Todbesieger,
Den Christus Jesus, Sieger über Satan
Und alle Satansengel, Satanssöhne.
Und Irenäus sagte etwas später:
So wie die Menschheit ward zum Tod verurteilt
Durch eine Jungfrau, also ward die Schlange
Besiegt durch eine arglos-reine Taube,
Die uns befreite von des Todes Fesseln.
So als Maria Gottes Engel lauschte,
Die Schöpfung hüllt sich in ein Kleid von Blumen,
Wie Ephräm sang, in ein Gewand von Blüten.
Die Jungfrau Eva Adam gab ein Kleid
Von Häuten und von Schuld und Schmach und Schande,
Maria wob ein heiliges Gewand.
Sie ist das Auge, das die Welt erleuchtet,
Doch Eva ist das andre, blinde Auge.
Der Wein, den Eva für die Menschen mischte,
Der Mischwein Evas war wie Drachengeifer,
Der Weinstock, den Mariens Schoß umfangen,
Der rettet und erlöst die ganze Menschheit.
So wurde Evas Name umgewandelt
Ins Ave, das der Engel Gottes sprach.
Doch wär der Apfel nicht genommen worden
Von Eva, wäre Unsre Liebe Frau
Nicht höchste Himmelskönigin geworden.
Gesegnet sei die schicksalsvolle Stunde,
Als Jungfrau Eva nach dem Apfel griff,
Denn nun erkennen wir die Gnade Gottes.
Als Adam nämlich mit der Mutter Eva
Vertrieben wurde aus dem Garten Eden,
Saß Unsre Frau Maria in dem Garten
Und hörte auf den Liebesgruß des Engels.
Und in des Gartens Mitte steht der Baum
Des Lebens, daran Christus ward gekreuzigt,
Zur Linken aber wandert Mutter Eva
Mit einer Prozession von Schuld und Tod,
Zur Rechten Unsre Liebe Frau Maria
Führt ihre Kinder zu der Kommunion.
Die Katholiken seit Origenes
Die Bibel forschten durch nach Unsrer Frau.
Die Juden aber und die Protestanten,
Die flattern wie die Falter ums Gemüse,
Jedoch die Katholiken wie die Bienen
Um schöne Blumen und um süße Früchte,
Der Weisheit Honig fleißig einzusaugen.
Maria ist ja der entflammte Dornbusch,
Der steht in Flammen, der wird nicht verzehrt,
Wie Unsre Frau war voll der Liebe Glut
Und doch der Wollust Hitze nicht verspürte.
Und als Jesaja prophezeite: Er
Sproß auf als Trieb aus einem trocknem Boden!
Da sagte er, dass der Messias werde
Entstehen aus der Jungfrau unbefruchtet,
Dem trocknen Feld, dem samenlosen Acker.
Ihr Jungfraunkörper wurde so befruchtet
Wie Tau genässt das Vlies des Gideon.
Aus Aarons Stab sind Blätter aufgeschossen
Wie aus dem Jungfraunkörper der Madonna.
Der Stein im Traume des Nebudkadnezar
Hat ohne Menschenhand sich losgelöst.
Der Stab des Mose wurde eine Schlange.
Das Manna fiel wie Regen auf die Erde.
Der Finger Gottes schrieb auf Felsentafeln.
Verschlossner Garten ist die Schwester-Braut,
Lustgartenquelle, die versiegelt ist.
Die Pforte soll geschlossen bleiben, nie
Geöffnet werden, Gott zog selbst hindurch.
Das goldene Gefäß bewahrt das Manna,
Das ist der Jungfraunkörper der Madonna.
Die Jungfrau ist das Buch, das Gott der Herr
Jesaja wies, das er nicht lesen konnte.
Drei Männer brannten in dem Feuerofen
Und doch verbrannten diese Männer nicht.
Der reine Daniel blieb unverletzt
Und ohne Makel in der Löwengrube.
Die Jungfrau ist ja die Zerstörerin
Unheiliger Dämonen der Begierde,
Sie löscht das Feuer der Begierde aus!
DRITTER GESANG
DIE KÖNIGIN
Das Evangeliar des deutschen Kaisers,
Des dritten Otto, zeigt von Elfenbein
Maria, die die Hände betend faltet,
Auf einem Bette ruhend, das geschmückt,
Umgeben ist Maria von Aposteln
Und wird bedient von einer Schar von Engeln,
Die ehrfurchtsvoll verhüllen ihre Hände.
Und neben dieser liegenden Maria
Steht Christus, der die Seele der Madonna
Emporhält, so als hätte er sie eben
Gehoben aus dem Unbefleckten Herzen.
Andreas, Petrus und Johannes sprachen,
Und jeder der Apostel sagte, dass
Er nun verzichten werde auf das Essen,
Den sexuellen Akt mit einer Frau,
Auf die Familie und die guten Freunde.
Doch Paulus mildert der Askese Strenge.
Als Christus mit dem Engel Michael
Erschien, gab Christus Recht dem Weg des Paulus.
Dann sagte Christus zu Sankt Michael,
Er soll den Leib der Jungfrau aufwärts tragen.
Zu den Aposteln aber sagte Christus,
Sie sollten steigen auf die weißen Wolken
Und gläubig folgen Christus und Maria.
Als sie das Paradies betraten, ging
Der Leib Mariens zu dem Baum des Lebens,
Und Christus brachte der Madonna Seele
Und ihre Seele kehrte in den Leib ein.
Doch die Apostel mussten leider schauen
Die ewige Verdammnis in der Hölle.
Maria sprach: Es kommen viele Seelen
In diese Hölle, weil kein Frommer betet!
Und Petrus sagte, der Apostelfürst:
Es ist ein schauerliches Weltgeheimnis,
Daß vieler Seelen Heil in Ewigkeit
Abhängig ist von dem Gebet der Christen!
Als Jesus von den Toten auferstand
Und diese Welt verließ, da betete
Maria täglich, bat in tiefer Trauer
An Christi Grab um ihren eignen Heimgang,
Der sie mit ihrem Gott vereinigte.
Die Juden, tief verbittert gegen Christus,
Beschlossen, Unsre Frau zu steinigen.
Dieweil sie betete, erschien ein Engel
Und kündet den ersehnten Heimgang an:
Bald, schöner Liebling, wirst du bei uns sein!
Der Gouverneur Jerusalems, Sabinus,
Erlaubnis gab den Juden, gegen Unsre
Gebenedeite Mutter vorzugehen.
Der Geist des Höchsten hüllte die Madonna
Jedoch in eine wunderbare Wolke
Und so entkam sie unsichtbar den Feinden.
Und als sie wieder war in Bethlehem
In ihrem Haus, da sie mit Jungfraun wohnte,
Da betete Maria zu dem Herrn,
Daß sie den Gottessohn und die Apostel
Vor ihrem Heimgang einmal noch erblicke.
So wurden die Apostel aus der Welt
Gerufen. So der Geist sprach zu Johannes
In Ephesus, entrückte ihn auf Wolken,
Johannes kommt, umfasst Mariens Knie,
Verspricht ihr einen gnadenreichen Heimgang.
Maria sprach: Nicht dass die Feinde Christi
Verbrennen meinen Leib zu Asche, Sohn!
Johannes aber sprach: Geliebte Mutter,
Gott lässt nicht zu, dass seine Heiligste
Verwesung in der Modergrube sehe!
Auf Rossen und auf goldnen Wolken kommen
Die anderen Apostel zu Maria,
Und die Apostel, die da schon gestorben
Den Martertod, erstehen aus den Gräbern.
Sie reden Weisheit und sie wirken Wunder
Und gingen mit der Lieben Frau Maria
Ins irdische Jerusalem, zum Ölberg,
Zum Tale Josaphat. Den Leib Mariens
Berührte freventlich ein falscher Jude,
Wie Usa einst berührt die Bundeslade,
Da zürnte ihm der König Israels.
Maria aber hört des Juden Flehen
Und durch die Gnade Unsrer Frau bekehrte
Der Jude sich zu Jesus, dem Messias.
Als die Apostel Unsrer Mutter Leib
Gelegt in eine Grabeshöhle, kamen
Vom Himmel Christus, Henoch und Elias
Und Moses, welche nie gestorben waren,
Und Christus, Mose, Henoch und Elia
Auf ihren Händen trugen Unsre Frau
Zum hochgebenedeiten Paradiese,
Zum Garten Eden in den höchsten Himmeln.
Und Unsre Liebe Frau mit Leib und Seele
Gelangte in den Paradiesesgarten.
Der Engel, der vorm Paradiesesgarten
Mit seinem Feuerschwert bewachend stand,
Trat huldigend zur Seite, und Maria
Trat eins ins Paradies des Gartens Eden
Und ruhte zwischen Paradiesesbäumen,
Und alle Seraphim und Cherubim
Lobsangen schön der Herrlichkeit des Herrn,
Die sich in Unsrer Frau geoffenbart,
Und Unsre Liebe Frau war eine solche
Glorreiche Wunderschönheit unaussprechlich,
Man meint, sie sei der Schönheit reine Göttin!
Und Petrus und die anderen Apostel
Erbitten von dem Herrn, dass alle Menschen,
Die übermäßig dienen Unsrer Frau,
In Gnade sterben, in den Himmel kommen,
Im Himmel dienen ewig Unsrer Frauen!
Der Zwölfte Pius schließlich definierte
Mariens Himmelfahrt mit Leib und Seele
Und schuf die Liturgie für diesen Tag.
Des Todes Stachel nämlich ist die Sünde,
Die Macht der Sünde aber das Gesetz.
Doch Gott sei Dank, der uns den Sieg verleiht
Durch Jesus Christus, den Gekreuzigten
Und Auferstandnen aus dem Totenreich.
Mariens Schoß ist gleich der Bundeslade,
Aus unvergänglichem Akazienholz
Und ausgelegt mit Gold, die David führte
Ins irdische Jerusalem, wo Priester
Vor Freude tanzten und die Zimbeln schlugen,
Die Zithern spielten und die Harfen strichen,
Mit Jubel zu begrüßen Gottes Lade.
Marias unverdorbner Körper so
Empfangen ward von jubilierenden
Und musizierenden Gewalten Gottes,
Als Unsrer Lieben Frau geliebter Leib
Geleitet ward von Engeln in den Himmel.
Und Christus steht zur rechten Seite nun
Die Königin im Schmuck von Ofirgold.
Hör, Gottes Tochter, neige du dein Ohr,
Verlangen hat nach deiner Wunderschönheit
Der Himmelskönig! Huldige dem Herrn!
Du neige dich zum Herrn und Himmelskönig!
Ein großes Zeichen steht nun an dem Himmel,
Die Frau, bekleidet mit den Sonnenstrahlen,
Der Sichelmond zu ihren bloßen Füßen
Und Sternenordnungen auf ihrem Schleier!
Sie ist die Himmlische Jerusalem,
Die schöngeschmückte Braut für ihren Mann,
Geschmückt mit Gold und Edelsteinen ewig.
Denn es bestand ja die Notwendigkeit,
So lehrte es Johannes von Damaskus,
Daß dieser Körper Unsrer Lieben Frau,
Die bei der Gottgeburt jungfräulich blieb,
Nach ihrem Heimgang unvergänglich bleibt.
Allgegenwärtige Maria, die
Du auf der Mutter Erde Visionären
Erscheinst, zu jeder Zeit, an jedem Ort,
Unsterblichkeit ist ewig dir zu eigen
Und frischer Liebreiz einer Mädchengöttin!
Die supernaturalen Eigenschaften
Der Jungfrau sind in einem Frauenkörper,
Der wirklich ist, nicht scheinendes Phantom,
Sie ist lebendige Person, nicht Äther,
Des Leibes Wirklichkeit ist wichtig für
Die Jünger der Madonna wie des Herrn
Glorreicher Auferstehungsleib den Christen.
So Thomas fand den Glauben an den Leib
Des Auferstandenen in Wirklichkeit,
So Thomas auch empfing Mariens Gürtel
Bei der Madonna Himmelfahrt und trug
Den Liebreizgürtel Unsrer Lieben Frau,
Den Charis-Gürtel makelloser Jungfrau,
Auf dem Olympos auf der Insel Zypern,
Wo Griechenland sie ehrt als Aphroditissa!
VIERTER GESANG
DIE BRAUT
In meinen Ohren süß klang deine Stimme,
Du sagtest: Alles wird noch gut, mein Kind!
Und unsre Lippen trafen sich zum Kusse
Wie Frühlingsblüten in dem grünen Garten,
Der Honig strömte mir von deiner Zunge,
Als wir im Kusse uns vereinigten!
O liebe Mutter, dies ist meine Kunst,
Komm, Mariam Corona, meine Krone!
Die Jungfrau neben Christus sitzt im Thron,
Im Doppelthron, geformt wie eine Leier.
Die Königin hat ein ovales Antlitz
Mit grader Nase und geschwungnen Brauen
Und einen kleinen Mund von zartem Rot,
Und unterm Perlendiadem erstrahlen
Die ernsten Augen voll des innern Feuers.
Im Dämmer schimmern matt die Edelsteine
Und schimmert matt der Goldglanz ihres Kleides
Und Christus neben ihr mit großen Augen
Schaut unverwandten Blickes in die Ferne.
Maria hält ein Buch mit diesen Worten:
Die Linke hält er unter meinem Haupte
Und seine Rechte herzt mich sanft liebkosend.
Und Christi Arm umfängt tatsächlich sie
Und in dem Buch auf seinem Schoße steht:
Komm, meine auserwählte Schwester-Braut,
Ich werde deinen Thronstuhl dir bereiten.
Maria, triumphierend in den Himmel
Gegangen, wird von Christi Arm umarmt.
Das ist schon Prophezeiung auf den Glanz
Der Kirche in der Zukunft und es deutet
Auf die Vereinigung der Seele mit
Dem Bräutigam der Seele, Jesus Christus.
Die jugendliche Schönheit der Madonna
Belehrt uns: Sie ist keine alte Witwe
Und keine alte Königsmutter, sondern
Die Sulamith-Madonna, unser Mädchen!
Die junge Frau entsagt ja nicht der Ehe,
Die junge Frau ist reif, gepflückt zu werden.
So wie Hoseas Gattin Hure war,
Die Tochter Israel war eine Hure,
Die ihren Ehemann im Stich gelassen.
Der Herr jedoch in seiner Eifersucht
Bestraft die Hure für den Ungehorsam,
Verheißt jedoch Erneuerung der Ehe,
Denn in der Gegenwart herrscht zwar die Hure,
Doch in der Zukunft kommt die treue Jungfrau.
Jetzt herrscht der Herr in seiner Eifersucht,
In Zukunft herrscht der Bräutigam im Frieden.
Des Herrn Gemahlin Israel war treulos,
Doch Tochter Juda auch brach Gottes Ehe.
Weil Gottes Braut im Ehebruche lebte,
Drum schickte sie der Herr in die Verbannung.
Weil Gottes Braut sich andre Götter wählte,
Die Götter von Ägypten und Chaldäa,
Drum musste Gottes Braut die Strafe leiden.
Doch Tochter Israel wird wiederum
Vermählt, die Gottes-Ehe wird erneuert,
Dann kehrt zurück die Seligkeit des Friedens
Und Gottes Liebe zu der Tochter Zion
Wird eheliche Liebe sein voll Frieden.
Sankt Paulus aber war ein Ehestifter:
Heut Prüfung ist der bräutlichen Gemeinde,
Doch morgen ist das Hochzeitsfest der Kirche.
Die Kirche ist die Braut des Christus Jesus,
Er wollte selbst die Kirche herrlich freien,
Die Gattin ohne Flecken oder Runzeln,
Die Makellose ohne schlaffe Brüste
Und ohne graues Haar, die Jungfrau Gottes.
Der Herr sprach: Können denn die Hochzeitsgäste
Bei Brot und Wasser fasten in Askese,
Solang der Bräutigam ist gegenwärtig?
Johannes sprach, der Täufer Jesu Christi:
Ich bin nicht der Messias, sondern er,
Der seine Braut besitzt, ist Bräutigam,
Ich bin ja nur der Freund des Bräutigams
Und freu mich an dem Wort des Bräutigams.
Der Bräutigam-Messias lädt die Gäste
Zu seinem königlichen Hochzeitsmahl,
Er lädt die klugen Jungfraun ein zur Hochzeit.
So nach den Feuern und den Ungeheuern
Und nach den Plagen und dem Zorn der Engel
Gefeiert wird der Frieden, da die Kirche
Geladen ist zum Hochzeitsmahl des Lammes,
Da Christus mit der Kirche sich vereinigt.
Die Stadt, die himmlische Jerusalem,
Sah der Prophet Johannes niedersteigen
Von Gottes Himmel, eine reine Braut,
Bereit zur Ehe mit dem Bräutigam.
Dann wird die reine, schöne, makellose
Neuschöpfung Gottes, frei von jedem Schandfleck,
Vereint dem Herrn, und dies ist die Madonna,
Madonna ist der Inbegriff der Kirche,
Die Kirche ist das Ebenbild Mariens,
Und wenn die Braut erscheint vom Himmel Gottes,
Geschehn am Himmel große Wunderzeichen.
So, weil die Offenbarung spricht von Hochzeit,
Drum ward das Hohelied von Salomo
Gedeutet von den Rabbis auf die Hochzeit
Jehowahs mit der Tochter Israel
Und ward gedeutet von den Kirchenvätern
Auf Christi Hochzeit mit der Jungfrau Kirche,
Auf Christi Hochzeit mit der Jungfrau Seele.
Als Inbegriff der Kirche und der Seele
Ward Sulamith gedeutet als Maria.
Sie sprach: Als er mit seines Mundes Küssen
Mich küsste, wars berauschender als Wein.
Mir ist mein Vielgeliebter wie ein Büschel
Von Myrrhe, hangend zwischen meinen Brüsten!
Er spricht: Der Winter ist nun schon vorüber,
Der Regen ist vorbei und ist vergangen,
Die Blumen blühen auf in unserm Lande,
Die Zeit des Rebenschneidens ist gekommen,
Die Turteltauben gurren schon im Lande.
Sie sprach: Die Pfosten seines Bettes machte
Aus Silber er, aus reinem Gold die Lehnen,
Der Sitz war weich von purpurnen Geweben.
Er sagte: Deine beiden Brüste sind
Wie Kitze, Zwillingskitze der Gazelle,
Die weiden in den Lilien deines Leibes!
Von deinen Lippen, Braut, träuft Honigseim
Und Milch und Honig birgt mir deine Zunge.
Sie öffnet ihm: Mein Vielgeliebter streckte
Die Hand durch meiner Pforte Schloß und Öffnung,
Da bebte ihm mein Inneres entgegen!
Die Hände tropften mir von Myrrheöl,
Die Finger flossen über von Balsamen!
Mein Vielgeliebter strahlend ist und glühend,
Er ragt hervor aus Myriaden Männern.
Er spricht: Dein Nabel gleicht dem runden Becher,
Nicht mangelt mir der edle schwere Würzwein.
Dein Leib gleicht einer goldnen Weizengarbe,
Umkränzt mit weißen Lilien von dem Felde.
O Duft von Äpfeln, o beladne Trauben,
O Milch und Honigseim im Überfluß,
O edler, schwerer, ungemischter Rotwein,
O hüpfende Gazellenkitze, Rehe,
O Hindinnen und Hirsche, Nachtigallen,
O gurrendes Gegirr von Turteltauben,
O purpurne Granaten samenreich,
O Feige, Feige, die ich pflücken möchte,
O Mutterkühe, die auf Wiesen kalben,
O Mutterschafe, die aus Bädern steigen,
O Zwillingslämmer, weiß und frisch gebadet,
Wie trunken bin ich, Liebe voller Wollust!
Rasch eile, mein Geliebter, tu es nun
Dem Junghirsch gleich und dem Gazellenbock
Und weide auf des Scheideberges Gipfel!
Die Mystiker der Kirche deuteten
Das Hohelied der Liebe Christi Jesu
Zu seiner Kirche. So Methodius
Von dem Olymp, Origenes und Gregor
Von Nyssa, Bischof er in Griechenland,
So wie Ambrosius von Milan als
Ein Bischof in der wahren Kirche Roms.
Ambrosius von Milan war der Erste,
Der Sulamith verschmolz mit Christi Kirche
Und jeder Seele, die den Christus liebt.
Denn aus dem Schoße Unsrer Frau Maria
Der Welt geschenkt ward jener Weizenhaufen,
Das ist der eucharistische Messias,
Umfasst mit Lilien, nämlich mit den Christen.
Und jener Kuß, den da empfängt die Braut,
Das ist der Kuß des Geistes Gottes bei
Der englischen Verkündigung: Das Ave
Maria ist fürwahr der Kuß des Geistes,
So sagte Sankt Ambrosius von Milan.
Die frühe Kirche deutete das Lied
Der Liebe Salomos zu Sulamith
Vor allem als die Liebe Christi Jesu
Zur Seele, zu der gottgeweihten Jungfrau.
Methodius von dem Olymp in seinem
Symposium der Jungfraun lässt zehn Jungfraun
Gespräche führen unter einem Baum,
Das ist der Lebensbaum des Agnus Castus,
Des keuschen Lammes. Sie erklären dort
Das Hohelied zum Lied der Liebe Christi,
Verständlich sind die Lieder nur im Geist,
Weil Gottes Wort nicht liebt des Fleisches Dinge,
Die Hände, Füße oder das Gesicht.
Zehn Jungfraun schreiten mit entflammten Kerzen
In einer Prozession zum Bräutigam
Und singen ein Epithalamium
Auf Jesus Christus, ihren Bräutigam:
Keusch leb ich und jungfräulich nur für dich
Und meine Lampe halte brennend ich
Und schreite so voran, mein Bräutigam,
Geh dir entgegen bis zum Hochzeitsfest.
Wenn Jungfraun Christi aber kokettieren
Mit sterblichen Genossen, sagt den Jungfraun
Der ernste Cyprianus von Karthago:
Ihr, Jungfraun, brecht die Ehe mit dem Herrn!
In einem Brief an eine Jungfrau Christi
Schrieb Sankt Hieronymus vom Hohenlied:
Laß stets die Abgeschiedenheit der Kammer
Dich schützen, laß du stets den Bräutigam
In deiner Kammer zärtlich dich liebkosen!
Gebet heißt: Du sprichst zu dem Bräutigam.
Du liest? Der Bräutigam spricht nun zu dir.
Wenn dich der Schlummer überfällt, wird er
Die Hand durch deine feuchte Öffnung strecken,
Dein Inneres wird ihm entgegenbeben!
Erwachst du wieder, wirst du dich erheben
Und sprechen: Ich bin krank, bin krank vor Liebe!
Doch Jesus ist auch voller Eifersucht,
Wenn du ein sterbliches Geschöpf begehrst!
Zu deiner Mutter aber sage ich,
Daß sie frohlocken soll, da sie geworden
In reiner Wahrheit Gottes Schwiegermutter!
Roswitha, Dichterin von Gandersheim,
Schrieb über eine Kurtisane: Thais,
Reumütig kehrte sie zu Christus um.
Da sehen wir ein wunderschönes Bett,
Zehn strahlend schöne Jungfraun es bewachen,
Das Bett bewachend und den Hochzeitskranz.
Es strahlte überm Bett die Herrlichkeit
Des Herrn, Gesang erscholl von vielen Engeln,
Da tönte eine Stimme aus dem Himmel:
Die Herrlichkeit des ehelichen Bettes
Bereit ist für die Kurtisane Thais!
Viel kann man sagen von den Ehefreuden
Der Ehe mit dem göttlichen Messias
Und viele Klageworte kann man führen
Von Ehen mit den sterblichen Geschöpfen.
Sowohl die reine Jungfrau Katharina
Von Alexandrien war dem Herrn vermählt
Als auch die starke Jungfrau Katharina
Von Siena, die die mystische Vermählung
Beging mit Christus in dem Bett des Kreuzes!
Denn Unsre Liebe Frau Maria kam
Mit ihrem Kinde Jesus in den Armen,
Das Jesuskind im Arm der Gottesmutter
Gab Katharina seinen Ehering.
Als es nicht gleich gelang, den Ehering
Der Jungfrau Katharina anzustecken,
Da half die Gottesmutter Katharina,
Daß sie den Ring auf ihren Finger stecke.
Die gottgeweihte Jungfrau Seele spricht:
Mein Vielgeliebter kam und sprach zu mir:
Erhebe dich, Geliebte, meine Schöne,
Und komm mit mir! Die Jungfrau nimmt den Schleier,
Hält die entflammte Kerze in der Hand,
Empfängt den Ehering an ihrem Finger,
Dann wird die Jungfrau-Braut bekränzt mit Blumen.
Empfang die Zeichen Christi auf dem Haupt,
Die du die Braut des Herrn geworden bist!
Wenn du auf Erden bleibst in dieser Gnade,
Wirst du im Himmel Gottes Ehefrau!
Da Gott die Liebe ist, die Caritas,
Kann jeder Mensch allein durch wahre Liebe
Dem Schöpfer wieder ähnlich werden. In
Dem Augenblick, da eines Menschen Seele
Von Liebe trunken ist, kann sie den Kuß
Empfangen des Geliebten. Diese Liebe
Vollkommen frei sein muß vom Egoismus:
Ich liebe, weil ich liebe! Ja, ich liebe,
Um nur zu lieben! Großes ist die Liebe,
Wenn sie zurückkehrt zu dem Urprinzip,
Wenn sie den Ursprung ihres Lebens anschaut
Und trinkt aus dieser Quelle ihres Lebens
Und selbst dann überfließt von wahrer Liebe!
Die Küsse seines Mundes sind Symbol
Für jene gnadenhaften Augenblicke
Der Glut ekstatischer Vereinigung!
Man kann den Augenblick nicht halten, solche
Momente sind Verheißungen des Himmels,
Die ewige Glückseligkeit der Seele.
Ein Wesen nur allein erreichte diese
Vollkommenheit: Maria! Schauen wir
Auf ihre Ankunft in dem Himmel Gottes,
Ihr Sitzen zu der rechten Seite Christi,
Eröffnet sich für uns die Freude, die
Uns selbst erwartet. Unsre Liebe Frau
War voller Liebe, weil die Liebe selbst
In ihrem Schoß gewohnt. Und wie Johannes
Im Schoße der Elisabeth gehüpft,
Als er die Stimme Unsrer Frau vernahm,
So auch die Herzen der Gewalten Gottes
Und alle Heiligen im Himmelreich
Aufjauchzten, als Maria kam zu Gott!
Wer ist die von der Wüste da heraufzieht,
Gelehnt, geschmiegt an ihren Vielgeliebten?
Wenn dies die Freude ist der Himmelsscharen,
So ist die Freude Christi unbeschreiblich!
Mit welchem heiterem Gesichte doch
Und welchen freudigen Umarmungen
Ward Unsre Liebe Frau von ihrem Sohn
Dort oben aufgenommen! Wahrlich glücklich
Die Küsse waren, die der Gottessohn
Auf Unsrer Süßen Jungfrau Lippen drückte,
Als sie ihn aufzog liebevoll als Mutter,
Als sie als liebevolle Mutter sich
An ihrem Kind auf ihrem Schoß erfreute!
Zehntausendmal glückseliger die Küsse,
Die heute sie im Gruß von ihm empfängt,
Von ihm, der sitzt zur Rechten seines Vaters,
Wenn sie zum Thron der Herrlichkeit emporsteigt,
Wo die Madonna singt die Hochzeitshymne:
Der er mich küsst mit seines Mundes Küssen!
Das lehrte mich Sankt Bernhard von Clairveaux.
Sankt Bernhard sprach: So wie ein Wassertropfen
Vermischt wird einer großen Menge Wein,
Vollkommen scheint verloren so zu gehen
Und nimmt Geschmack und Farbe an des Weines,
Und wie ein glühendheißes Eisen fast
Wird gleich der Glut, nachdem es abgelegt
Die frühere natürliche Gestalt,
Und wie die Luft, von Sonnenflut durchflutet,
Sich selbst in Helligkeit des Lichts verwandelt,
Daß es den Anschein hat, sie würde nicht
Erleuchtet, sondern aus sich selber leuchten,
So muß notwendig alle Menschenliebe
In den Gerechten unfaßbarerweise
Zusammenschmelzen und vollständig werden
Gegossen in die Macht der Liebe Gottes!
ACHTES BUCH
WER ISST SOPHIA?
ERSTER TEIL
O Freundin, in der Rosenkreuzer-Sekte
Vernahmst du etwas von der Pansophie.
Wer ist die Pansophie, geliebte Freundin?
In intellektueller Vision
Sah ich Sophia tauchen aus dem Nebel,
Der falschen Theosophen Nebelsuppe.
Ich schaute die Katholische Sophia!
Sie ist die Wahre Biblische Sophia! –
Hör von der feministischen Sophia
Des Feministen Otfried Eberz, der
Sophia eine Jungfraungöttin nannte,
Die Große Göttin aus dem Heidentum.
Sophia hätte einen Sohn-Geliebten,
Gott Logos wäre dieser Sohn-Geliebte.
Sophia-Göttin und der Logos-Gott
Im Hieros Gamos einer Götterhochzeit
Erscheinen als Zweifaltigkeit des Einen,
Des Absoluten, Allerhöchsten Wesens.
Sophia-Göttin ist die Aphrodite,
Gott-Logos aber wäre der Adonis.
Sophia-Göttin wäre Jungfrau Mirjam,
Gott-Logos aber wäre Jüngling Jesus.
Sophia-Mirjam wäre Mutter-Braut
Und Logos-Jesus wäre Sohn-Geliebter.
Sie zelebrierten eine Götterhochzeit.
Die Jungfrau Mirjam sei die Mutter Jesu,
Doch Mirjam sei auch die Geliebte Jesu.
Gott-Logos-Jesus aber als Adonis
Ermordet worden wäre von Jehowah.
Jehowah sei der Feind des Göttersohnes.
Die Jungfrau Mirjam sei als Magdalena
Die Aphrodite, die beweint Adonis,
Die steigt wie Ishtar nieder in die Hölle,
Da Mirjam ablegt Schleier über Schleier
Und nackt erscheint im Totenreich, erlöst
Den Sohn-Geliebten Logos-Jesus, liebt
Den auferstandenen Adonis Jesus
Als Jungfrau Magdalena-Aphrodite
Im Ostergarten, im Adonisgarten.
So diese feministische Sophia
Verkündet wiederum das Heidentum
Des Götterhochzeitpaars von Gott und Göttin,
Die sexuelle Einigung der Götter,
Das Hochzeitspaar von Aschera und Baal.
So diese feministische Sophia
Ist aufgestanden gegen Jahwes Namen
Und feiert Hochzeit mit dem Abgott Baal.
So diese feministische Sophia
Bekennt sich als satanische Sophia
Zur Hochzeit mit dem alten Anti-Jahwe!
Wer aber ist die gnostische Sophia?
Hier seh ich den katholischen Apostel
Und Papst von Rom, Sankt Simon Petrus, streiten
Mit Simon Magus aus der Gnosis Sekte.
Was lehrte Simon Magus von Sophia?
Er lehrte in der Gottheit eine Hochzeit
Von Gott und Göttin, von der Kraft und Weisheit.
Er sprach: Ich bin ein Gott und heiße Kraft,
Ich selber bin der große Gott der Kraft,
Herr Kraft ist Gott und dieser Gott bin ich!
Gott Kraft jedoch vermählt sich seiner Göttin,
Vermählt sich seiner göttlichen Sophia.
Wer ist die Göttin, die Gott Kraft gefreit?
Sie ist die Hure Helena von Tyrus,
Die Simon Magus im Bordell gefunden.
Die Hurengöttin Helena von Tyrus
War vor der Seelenwanderung dereinst
Die Hurengöttin Helena von Sparta,
Die Hure und die Hündin des Homer,
Die Paris sich im Ehebruch genommen.
Wer aber ist die Hure Helena?
Die Hure Helena ist die Sophia,
Sophia als ein himmlisches Äon,
Als eine Lichtgestalt in Ewigkeit,
Die aus der Ewigkeit gefallen ist
Und aus dem Reich des unbefleckten Geistes
Und ist gefallen in die schlechte Welt.
Denn schlecht ist die Materie, ist geschaffen
Vom Demiurgen, von dem bösen Gott.
In diese schlechte Welt gefallen ist
Die göttliche Sophia durch die Sünde
Und lebt in der Materie nun als Hure
Und hurt als Hure Helena von Tyrus
Und sehnt als Hure doch sich nach Erlösung.
Wer aber ist Erlöser Helenas?
Gott Kraft ist der Erlöser, Simon Magus,
Der Mann, der selber sich zum Gott erklärt.
Gott Kraft vereinigt sich mit Helena,
Vereint sich mit der Hure im Bordell
Und so erlangt die Hure Helena
Durch ihres Göttergatten Kraft Begattung
Erlösung von gemeiner Fleischeslust
Und fährt mit Jauchzen in das Paradies
Und legt das Kleid der schönen Hure ab
Und kehrt zurück zu ihrem Göttinsein,
Befreit von aller ihrer Menschlichkeit,
Ist wieder sie wie in dem Anbeginn
Das Lichtäon der himmlischen Sophia.
Wer ist die theosophische Sophia?
Madame Blavatsky preist die Göttin Isis
Und Rudolf Steiner spricht vom Christentum
Als von ägyptischen Mysterienkulten.
Er unterscheidet nicht das Heidentum
Vom Christentum. Für ihn ist Christentum
Ein neues Heidentum. Der Gott Osiris
Ist Christus in der Lehre Rudolf Steiners,
Der sieht am Christentume einen Mangel,
Es fehlt im Christentum die Göttin Isis,
Sophia-Isis fehlt im Christentum.
So denkt der Heide Rudolf Steiner sich
Das Christentum als neues Heidentum
Von Gott Osiris-Christus und der Göttin
Sophia-Isis, Braut und Bräutigam.
Das ist die List der gnostischen Verführer,
Dass sie Begriffe aus dem Christentum
Mit neuem Inhalt füllen, heidnisch deuten.
Der geistverwirrte Wahnsinn Rudolf Steiners
Hat Christus selbst ja gründlich missverstanden.
Denn Christus ist für ihn ein Sonnengeist,
Nicht Gott von Gott wie in der Kirche Credo,
Er ist nicht Gottes Sohn, der Christus Jesus,
Er ist der Christus-Sonnengeist, der nicht
In Jesus Mensch geworden aus der Jungfrau
Maria in dem Stall von Bethlehem,
Der Christus-Sonnengeist kam in der Taufe
Am Jordan auf den Jesus erst hernieder.
Im Garten von Gethsemane jedoch
Am Abend vor der Kreuzigung des Jesus
Verließ der Christus-Sonnengeist den Jesus
Als Jüngling, der die Kleider fallen ließ.
Nicht nur, dass dieser Christus-Sonnengeist
Nicht Gott von Gott ist, ist nicht Gottes Sohn,
Nicht nur, dass Christus nicht ein Mensch geworden
In Jesus, der geboren von der Jungfrau,
Der wirre Wahnsinn Rudolf Steiners spricht
Nicht nur von einem Jesus, sondern von
Zwei Jesusknaben und von zwei Marien,
Die eine lebte wohl in Nazareth,
Die andre lebte wohl in Bethlehem.
Der eine Jesus war Inkarnation,
Doch nicht Inkarnation des Sohnes Gottes,
Inkarnation des Philosophen Buddha,
Der andre Jesus war Inkarnation,
Doch nicht Inkarnation des Sohnes Gottes,
Inkarnation des Denkers Zoroaster.
Bei diesem geistverstörten Wahnsinn ist
Es wirklich nicht bedauerlich, dass Steiner
Uns nicht geoffenbart als Visionär,
Wer die Sophia-Isis ist in Wahrheit.
Die Rosenkreuzer-Sekte nennt Sophia
Verklärte Psyche. Wenn des Menschen Seele
Ist eingeweiht in den Mysterienkult
Der Loge, wenn die Seele sich purgiert
Durch vegetarische Ernährung und
Verzicht auf den Genuss des Weines Gottes,
So wird verklärt die Psyche im Astralleib
Zur kosmischen Sophia, zu der Jungfrau
Sophia, zu der Jungfrau Pansophie.
Die kosmische Sophia aber ist
Weltseele oder Energie des Kosmos.
In dieser Energie des Kosmos sind
Beschlossen die Mysterien der Natur,
Magie, Astrologie und Esoterik.
So wird die kosmische Sophia nackt
Als Himmels-Eva dargestellt, umfassend
Den Zodiak der Astrologen Babels
Und magische Symbole aus der Gnosis.
Der Künder dieser kosmischen Sophia
Ist nicht in Wahrheit Jesus Nazarenus,
Nein, sondern Apollonius von Tyana,
Der Scharlatan, der alte Zaubermeister,
Der Wunder wirkte durch Dämonenmacht
Und von den Heidenphilosophen des
Neuplatonismus religiöser Färbung
Im Gegensatz zum Christentum und Christus
Als Gegen-Christus wurde aufgebaut,
Als Antichrist des Neuen Heidentums.
Auch heute in dem Neuen Heidentum
In synkretistischer Verwirrung dient
Derselbe Apollonius von Tyana
Als esoterische Ikone, als
Mysterienmeister voller Magiermacht.
Man sagt, dass Jesus predigte den Glauben,
Doch Apollonius von Tyana lehrte
Erkenntnis für die höhern Eingeweihten.
Die Pansophie der Rosenkreuzer-Sekte
Beruft sich auf ägyptische Mysterien
Und mischt ägyptische Mysterienkulte
Mit altbekannter Ketzerei der Gnosis
Und mischt dazu die Philosophen Chinas
Und würzt die ganze Lügensuppe mit
Magie, Astrologie und Pseudo-Mystik.
Die kosmische Sophia oder auch
Die nackte Himmels-Eva in dem Kosmos
Verkündet so die Weisheit der Dämonen,
Die magische, die astrologische
Sophia ist dämonische Sophia.
Wer ist die kabbalistische Sophia?
Es heißt die Gottheit in der Kabbala
En-Soph, das ist das Höchste, Absolute,
Ist der verborgne Gott, geheimnisvoll
Und unerforscht, ja ewig unerforschlich.
En-Soph jedoch, Gott, offenbart sich selbst
Und in der Offenbarung Gottes sind
Zehn Hypostasen Gottes offenbar,
Zehn Qualitäten Gottes, Sephirot,
Die Sphären der Selbstoffenbarung Gottes.
En-Soph am nächsten steht die Krone Kether,
Die Krone der Selbstoffenbarung Gottes,
Gewissermaßen ist es selber Gott.
Doch dann erscheinen gleich Vernunft und Weisheit.
Vernunft und Weisheit in der Offenbarung
Geheimnisvoller Gottheit sind die höchsten
Selbstoffenbarungen geheimer Gottheit.
Die göttliche Vernunft mit Namen Bina
Gilt in der Kabbala als höchste Mutter,
Die Mutter Bina ist Vernunft und Einsicht.
Die Weisheit Gottes mit dem Namen Chochma
Gilt als der höchste Vater aller Wesen.
Was lehrt die kabbalistische Sophia,
Die höchste väterliche Weisheit Gottes?
Die Theorie der Kabbala betrachtet
Den Wagenthron des allerhöchsten Gottes
In der Vision Hesekiels, des Sehers,
Und die Geheimnisse des Schöpfungswerkes
Gemäß der Genesis des Sehers Moses.
Der praktische Aspekt der Kabbala
Besteht in babylonischer Magie,
Im magischen Gebrauch der Namen Gottes,
In magischen Beschwörungen der Engel
Gemäß der Hierarchie der Astrologen,
In Liebeszauber und in Talismanen.
Der Vater Chochma in der Kabbala
Lehrt auch die Seelenwanderung, die Metem-
Psychose. Diese kabbalistische
Sophia ist ein Synkretismus aus
Den Offenbarungsglauben an Gott Jahwe
Und babylonischer Magie der Heiden
Und Philosophenlehren Griechenlands,
Neuplatonismus und Pythagoras.
So ist die kabbalistische Sophia
Nicht mehr die Reine Heilige Sophia
Des weisen Salomo, des Lieblings Jahwes,
Die kabbalistische Sophia hat
Gehurt mit Astrologen Babylons.
ZWEITER TEIL
Wer ist nun die romantische Sophia?
Sie ist ein Weibchen, das ein Dichter liebte,
Ein schönes Weibchen, das Sophia hieß.
Sie starb zu früh. Der fromme Schwärmer weinte
Und wollte sterben der Geliebten nach
Und dachte manchmal an den Suizid.
Er trug an seinem Finger einen Ring,
Darin der Name der Geliebten stand,
Sophia. Also er betrachtete
Sich als Verlobten der Sophia, sie
War seine mystische Verlobte. Er
Las Jakob Böhme über die Sophia,
Mit philosophischer Begeisterung
Verklärte er die tote Vielgeliebte
Zur Jungfrau Weisheit. Und so forschte er
In der Natur, betrachtend die Natur,
Gesetze der Natur zu kennen, die
Gegeben von der Jungfrau Weisheit sind,
Er dachte an die Wesenheit des Menschen,
Studierte tief den deutschen Idealismus,
Vor allem Fichtes Lehre von dem Ich
Und Nicht-Ich, auch die kantische Vernunft,
Studierte auch die Art der Poesie
Und lernte viel vom Dichterfürsten Goethe,
In religiöser Hinsicht ehrte er
Madonna als die Königin der Frauen,
Besang auch die Sixtinische Madonna
Und schrieb auch von persönlichen Visionen
Der Allgebenedeiten, schöner als
Die Bilder der Madonna allesamt,
Er pries auch Christus, schrieb auch ein Gesangbuch
Und pries die Auferstehung Jesu Christi.
Sein Lebensmotto war: Sophie und Christus!
Sophie war ihm wie Dantes Beatrice,
War sein Idol, Personifikation
Der Weisheit vom Geheimnis der Natur,
Des Menschen und der fleischgewordnen Gottheit.
Doch hab in seinem Werk ich nicht gefunden,
Daß Christus selber die Sophia ist.
Sophia war für ihn ein Wesen, das
Von anderer Natur als Jesus Christus,
Sophia war Person, doch nicht die selbe
Person wie Jesus Christus, Gottes Weisheit.
Wer ist die protestantische Sophia?
Am Anfang war ein androgyner Urmensch,
Der Adam hieß, der männlich war und weiblich
Und der vereinigt war mit der Sophia,
Der Himmelsjungfrau. Doch im Sündenfall
Ist Adam abgefallen von Sophia
Und dadurch wurde Adam erst ein Mann
Und trennte ab von sich die Weiblichkeit,
Daß diese Weiblichkeit zur Eva wurde.
Weil Adam aber wie auch Eva noch
Im Herzen trugen die Idee, daß sie
Einst androgyner Urmensch waren, darum
Ersehnen sie die Androgynität.
Gott kommt mit seiner Gnade nun zu Hilfe
Und Jesus Christus wird zum Bräutigam
Der frommen Eva, in Vereinigung
Mit Jesus Eva findet wieder ihre
Ersehnte Androgynität. Und Adam
Vereinigt sich der himmlischen Sophia.
Was Jesus ist für die Geliebte Eva,
Für Adam ists die himmlische Sophia.
Sophia ist ein femininer Jesus,
Und in Vereinigung mit der Sophia
Wird Adam wieder androgyn. Jedoch
Die mystische Vereinigung auf Erden
Des Adam und der himmlischen Sophia
Ist ein Verlöbnis, eine keusche Brautzeit.
Sophia aber spricht vom Paradies,
Daß sie im Himmelsrosengarten Eden
Dem Manne Adam ihre Perle schenkt,
Das heißt, die eheliche Ganzhingabe.
Wenn Jakob Böhme aber über Gott spricht,
Nennt er den Vater Urgeheimnis, Urgrund,
Den abgrundtiefen Urgrund, der sich fasst
In der Person des Wortes oder Sohnes,
Der Vater und sein Wort vereinigt sind
In der Person des Geistes, dass der Zyklus
Der drei Personen in der einen Gottheit
Vollendet ist und Gott in der Vollendung
Betrachtet sich im Spiegel der Sophia,
Sophia also kommt hinzu als vierte
Person der Gottheit, aber selbst nicht göttlich,
Die Erstgeschaffne Gottes ist Sophia,
Selbst aber nicht von göttlicher Natur,
Wenn auch von idealer Perfektion.
Wer ist die anglikanische Sophia?
Der weise Dichter Edmund Spenser sah
Die allgemeine Hierarchie des Kosmos,
Er griff zurück auf das Modell des Kosmos,
Da stammt aus der Antike, das verwandte
Auch Hermes Trismegistos wie auch Dante,
Da reist die Seele durch das All die sieben
Planetensphären bis zum Fixsternhimmel,
Doch über diesem Kosmos dieser sieben
Planeten sieht er den Ideenhimmel,
Da schweben die Platonischen Ideen,
Doch über den Ideen sind die Engel,
Er schaut die Engel in der Hierarchie,
Wie Dionysios Areopagita
Sie dargestellt in ihrer Chöre Neunheit,
Doch über Seraphim und Cherubim
Und über jenen höchsten Götterthronen
Erscheint die Sapientia Divina
Als höchste Gottesschönheit in den Himmeln.
Was einst Ficino nannte Engelsgeist,
Ist hier ihr Wesen, doch von solcher Schönheit,
Daß sie noch schöner als die schöne Venus
Im neuplatonischen Florenz im Frühling
Des Humanismus, Venus Medici
In der Ikone Sandro Botticellis.
Ja, wenn man Spensers Hymne an die Schönheit
Mit Liebe in dem Herzen liest, so fragt
Man sich, ob diese Himmelsschönheit ist
Die heilige Urania des Platon,
Die Aphrodite spiritueller Liebe,
Ob sie die reine makellose Jungfrau
Maria ist, die ja die Kirche nennt
Die tota pulchra perfectissima?
Doch theologisch ist die Himmelsschönheit
Versöhnerin des großen Grimmes Gottes.
Hier sieht der Protestant den Gott des Zornes,
Der voll Gerechtigkeit und voll Gericht
Verdammnis ausspricht über alle Sünder,
Jedoch die Sapientia Divina
Versöhnt den allgerechten Zorn des Herrn
Durch ihre Allbarmherzigkeit und Gnade.
Der Gott der Protestanten ist ein Gott
Des Zornes und des Grimmes, des Gerichts,
Den Christus als Versöhner gnädig stimmte
Durch seine Sühne in dem Kreuzesopfer.
Der Gott der Kirche ist ein Gott der Liebe,
Ein lieber Vater, der den Sohn geschenkt
Und selber litt beim Opfer seines Sohnes
Und will, dass alle Welt gerettet werde,
Ein lieber Vater, der die Menschen liebt!
Die orthodoxe Hagia Sophia
Beschrieb der fromme Philosoph und Dichter
Wladimir Solowjew, er schaute sie
In seiner Kindheit, da sie schöner war
Als jenes Weibchen, das er töricht liebte.
Er schaute noch einmal ihr Angesicht
Beim Studium im Britischen Museum.
Beim dritten Mal sah er sie in Ägypten,
Da war sie ganz die Herrlichkeit des Herrn,
Schön wie das lichte Morgenrot der Ewigkeit.
Er war ein Liebender und liebte Frauen
Von andern Männer, aber rein platonisch,
In idealisierender Mania
Er liebte die Idee der schönen Frau.
Doch über aller Frauenliebe schwebte
Das Ewigweibliche, sein Ideal.
So schrieb er einmal der geliebten Frau:
Sei du mir die Sophia und Madonna!
Das Ewigweibliche, einst Aphrodite,
Vom Himmel kam hinab als die Madonna,
Die Sternenjungfrau in der Offenbarung.
Wer aber war ihm Hagia Sophia?
Er schaute die Ikone an der Weisheit,
Da stand zur Rechten dieser Gottesweisheit
Die Gottesmutter als die Advocatin
Und überm Haupt der Gottesweisheit war
Das Antlitz Jesu Christi. Solowjew
Sprach: Gottes Weisheit ist nicht die Madonna
Und ist auch nicht der Gottmensch Jesus Christus.
Die Gottesweisheit Hagia Sophia
Ist Duscha Mira, Psyche dieses Kosmos,
Schutzengelin des Universums, ist
Idee der Menschheit und Idee der Schöpfung,
Ist jenes Nichts, aus dem der Herr geschaffen,
Das feminine Nichts des Urbeginns.
Und diese Hagia Sophia ist
Mir die geheimnisvolle Freundin, die
Ich liebe in geheimnisvoller Freundschaft.
Weltseele, meine vielgeliebte Freundin,
In einer reinen Freundschaft lieb ich dich,
Von Ewigkeit zu Ewigkeit in Freundschaft!
Der Gottmensch Jesus Christus ist erschienen,
Auf dass die Seele Menschengöttin werde.
Berufen sind wir nicht zum Übermenschen,
Berufen sind wir zum Gottmenschentum,
Zu Menschengöttern, Menschengöttinnen
Durch diesen einen Gottmensch Jesus Christus.
Wer ist nun die katholische Sophia?
Sie ist allein die biblische Sophia,
Denn der Apostel Paulus schreibt im Brief
An die Korinther: Christus ist gemacht
Vom Vater zur Sophia und Dynamis,
Zur Gottesweisheit und zur Gotteskraft.
So die katholische Sophia ist
Die biblische, paulinische Sophia,
Ist Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Sophia ist erschienen Heinrich Seuse
Und er erwählte sie zur Minnedame.
Die Ewge Weisheit, seine Minnedame,
Verzückte ihn zu himmlischen Visionen
Und führte ihn als strenge Minneherrin
Den Kreuzweg Christi, ihn zu imitieren.
Sankt Grignion de Montfort sah die Sophia
Als zweite der Personen in der Gottheit,
Die einst prophetisch sprach durch Salomo
Und Jesus Sirach, die in Jesus Christus
Ein Mensch geworden und am Kreuz gestorben
Und auferstanden ist am dritten Tage
Und heimgekehrt zu Gott, dem Ewigvater,
Auf Erden aber blieb im Sakrament
Und sich vereinigt mit den Menschenkindern
Als Eucharistische Sophia, die
In einer geistlichen, doch wahren Ehe
Vereinigt sich mit auserwählten Seelen
Und macht sie zu Propheten und zu Freunden
Der Gottheit, die in Freundschaft mit der Gottheit
Als Gatten Hagia Sophias leben.
Sankt Augustinus aber nennt Sophia
Nicht nur Person des Sohnes, sondern auch
Person des Vaters und Person des Geistes:
O Hagia Sophia du des Vaters,
O Hagia Sophia du des Sohnes,
O Hagia Sophia du des Geistes!
Wer also ist die Hagia Sophia ?
Sie ist die Eine Göttliche Natur,
Die Eine Gottheit Hagia Sophia!
NEUNTES BUCH
SIMON MAGUS UND HELENA VON TYRUS
Als Paul aus Rom gegangen war nach Spanien,
Entstand in der Ecclesia ein Chaos.
Da sagten manche von den Christenmenschen,
Sie hätten wunderbares Zeug gesehen
Von Simon Magus und von Helena
Von Tyrus, dieser Hure des Bordells.
Denn Simon Magus sagte von sich selber,
Er sei die Kraft, die göttergleiche Kraft,
Und seine Hure Helena von Tyrus
Sei Helena von Sparta einst gewesen,
Sie sei die Göttin Weisheit in Person.
Ja, Simon Magus sagte von sich selber,
Er sei ein menschgewordner Gott der Kraft,
Und Helena von Tyrus sprach von sich,
Sie sei Sophia-Isis, Fleisch geworden.
Die Christenmenschen aber glaubten treu
An Jesus Christus und die Charis Gottes,
Die Paul in Roma ihnen predigte.
Denn durch den Namen Jesu Christi sind
Und durch des Herrn Barmherzigkeit die Kranken
Vom Krankenbette aufgestanden und
Die Toten auferstanden von dem Tode.
Was aber Simon Magus für ein Kämpfer
Mit Helena von Tyrus ist zusammen,
Das wissen nicht die Christenmenschen. Kommt
Der Magier mit seiner heilgen Hure
Nach Roma gar? Denn gestern schon vernahm
Man lautes Schreien und man hörte rufen:
Du, Simon Magus, bist Italiens Gott,
Du Heiland aller Römer, Simon Magus,
Und Helena von Tyrus, deine Braut,
Ist deine Throngenossin, unsre Göttin.
Und Simon Magus sprach zur Pöbelmasse:
Ihr werdet morgen um die dritte Stunde
Mich fliegen sehen über eure Stadt
In der Erscheinung, wie ihr jetzt mich seht.
In Christo meine Brüder, wenn es gut ist,
So wollen wir die Angelegenheit
Betrachten und erforschen, was es ist.
So liefen alle Christenmenschen also
Zum Tor der Stadt von Rom. Zur dritten Stunde
Erhob sich eine Wolke an dem Himmel
Wie Rauch, und Feuer strahlte auf von ferne.
Die Wolke schwebte zu dem Tor der Stadt
Und dann verschwand sie wieder. Drauf erschien
Mit Helena von Tyrus Simon Magus
Vor allem Pöbel, sie verehrten ihn
Als einen Gott der allerhöchsten Kraft,
Gepaart mit seiner schönen Göttin Weisheit,
Der heilgen Hure Helena von Tyrus.
Die Christen wurden alle angefochten,
Da Paul nicht mehr in Roma war und auch
Nicht Barnabas, der Zypriote Josef,
Und nicht Timotheus, der fromme Sohn
Der frommen Oma und der frommen Mama,
Des Vater Grieche war, er selbst ein Christ.
Wer sollte da die Christenmenschen stärken
Im Glauben der Apostel und der Mutter
Ecclesia? Und Simon Magus’ Ruhm
Und Helenas von Tyrus’ Ansehn wuchs.
In seiner Schule sprachen einige
Von dem Apostel Paul als einem Narren,
Er sei ein Zauberer und Gaukler nur.
Und von der großen Schar der Christenmenschen
Die meisten fielen in den Glaubensabfall,
Nur nicht Narzissus und die beiden Frauen
In seinem Hause. Und Narzissus und
Die beiden Frauen blieben in dem Haus
Und beteten zu Jesus und Maria
Und baten Jesus und Maria, dass
Bald Hilfe käme, ein Apostel käme
Der heiligen Ecclesia und der
Die Christenmenschen in dem Glauben stärkte
Der Sanct Ecclesia Catholica
Und der besuchte Gottes arme Kinder,
Die da getäuscht von Luzifer und Lilith
Im Glaubensabfall abgefallen waren.
Gott aber rief Sankt Peter in den Dienst.
Sankt Peter lebte in Jerusalem.
Gott zeigte sich in geistiger Vision
Und sprach: Sankt Peter! Jener Simon Magus,
Den du aus Samarien einst vertrieben,
Nachdem du ihn als Magier entdeckt,
Der kommt jetzt deinem Dienst in der Mission
Zuvor und wirkt in Rom. Die Christenmenschen,
Die an den Namen Jesu Christi glaubten,
Verführte Simon Magus, abzufallen
Vom gottgeoffenbarten Glauben. So
Hat Simon Magus, der sich Gottes Kraft nennt,
Sich selbst erwiesen als die Kraft des Teufels.
Sankt Peter, weile länger nicht in Zion,
Geh morgen gleich nach Cäsarea, dort
Besteige du ein Schiff und fahr nach Roma.
Dort werde ich dir meine Charis zeigen,
Dir eine göttliche Sophia schenken,
Die alle deine Feinde überwindet.
Sankt Peter hörte das von seinem Herrn
Und sagte es Jakobus und Johannes,
Den Zebedäus-Söhnen, Donnersöhnen,
Und sprach: Ich werde fahren nach Italien,
Um dort in Rom den Feind und Gegner Christi
Mit Gottes Gnad und Weisheit zu besiegen.
Sankt Peter also ging nach Cäsarea,
Bestieg in Cäsarea gleich ein Schiff,
Obwohl er keine Speise bei sich hatte.
Der Kapitän hieß Theon. Theon sprach
Zu Vater Petrus: Alles was wir haben,
Gehört auch dir. Wir wollen einen Menschen
Nicht nehmen nur an Bord allein, vielmehr
Auch alle guten Gaben mit ihm teilen.
Nun, möge unsre Fahrt gesegnet sein!
Sankt Peter dankte ihm, doch aß er nichts,
Sankt Peter fastete für seine Sünden,
Er war betrübt auch wegen seiner Sünden,
Doch fasste neuen Mut der Vater Petrus,
Weil Gott ihm seine Liebe nicht entzogen
Und weiterhin ihm die Mission vertraute.
Nach ein paar Tagen auf dem Meere aber
Stand morgens früh der Kapitän vom Tisch auf
Und sprach zu Vater Petrus: Lieber Peter,
Ich kenne dich nur wenig und ich weiß nicht,
Ob du ein Mensch bist oder gar ein Gott,
Doch meine ich, du bist ein Diener Gottes,
Soviel hab ich bereits von dir verstanden.
Heut nacht hab ich mein Schiff allein gesteuert,
Doch war am Steuerrade eingeschlafen,
Da hörte ich im Traume eine Stimme,
Die sprach mich an beim Namen: Theon, Theon,
Von allen, die auf deinem Schiffe sind,
Sankt Peter ist zumeist der Ehre wert,
Denn er verkündigt euch den wahren Glauben.
Sankt Peter hörte dies vom Kapitän
Und sprach zu Theon von der Liebe Gottes,
Dem menschgewordnen Gottessohn, dem Kreuz,
Der Auferstehung und dem ewgen Leben,
Dem Heilgen Geist und der Ecclesia,
Das ganze Credo der Apostelkirche
Erzählte er dem Kapitäne Theon.
Das Schiff war auf der Adria. Der Wind
Stand still. Da sprach der Kapitän zu Petrus:
Sankt Peter, spende mir die Taufe hier!
Die andern auf dem Schiffe, die Matrosen,
Die lagen da vom roten Wein betrunken.
Sankt Peter taufte Theon in dem Meer,
Und als der Kapitän getauft auf Christus
Dem Meer entstieg, da sahn sie auf dem Wasser
Den kleinen Jesus, der zu Theon sprach
Und sprach zu Peter: Friede sei mit euch!
Sankt Peter und der Kapitän voll Freude
Betraten die Kajüte. Peter nahm
Ein wenig Wein und etwas Brot und sprach
Die Wandlungsworte Jesu: Dies mein Leib
Und dies mein Blut des neuen Testamentes,
Und so begingen sie Eucharistie.
Als sie empfangen Christi Leib und Gottheit,
Begann der Wind zu wehen und das Schiff
In sieben Tagen kam nach Puteoli.
Als sie in Puteoli angelegt,
Sprang Theon von dem Schiff und eilte zum
Quartier, dass Peter dort auch wohnen könne,
Und das Quartier verwaltete ein Mann
Mit Namen Ariston, der war ein Christ.
Und Theon sprach zu Ariston: Der Gott
Und Vater Jesu Christi, dem du dienst,
Gab Anteil mir an seiner schönen Charis
Durch Peter, der auf meinem Schiff gefahren
Von Israel ins schöne Land Italien.
Als Ariston vernahm, dass Peter da war,
Da freute er sich sehr im Heilgen Geiste.
Als Paul nach Spanien abgereist, da gab
Es keinen Prediger der Botschaft mehr,
Der Romas Christenmenschen stärken konnte.
Zudem war Simon Magus eingedrungen
In die Gemeinschaft, der durch Zaubersprüche
Die Christenmenschen alle irreführte,
Und der auch in moralischer Verderbtheit
Mit seiner Helena von Tyrus lebte
Als seiner Konkubine. Viele Christen
Sind abgefallen von dem wahren Glauben
Und glaubten nun an Simon, Gottes Kraft,
Und Helena von Tyrus, Gottes Weisheit.
Doch Ariston geflohen war aus Rom
Und hoffte täglich, Peter werde kommen.
Jetzt glaube ich an meinen Herrn und Gott,
Denn treu ist unser Meister Jesus Christus,
Der alle Christenmenschen kann belehren
Durch seines Heilgen Geistes Wirksamkeit.
Als Theon diese Worte Aristons
Vernahm, ward er im Glauben noch bestärkt,
Daß Jesus ist allein der wahre Gott.
Und Ariston und Theon gingen zu
Dem Schiffe, und als Peter sie erblickte,
Da freute er sich in dem Heilgen Geiste
Und lächelte in väterlicher Milde.
Und Ariston begrüßte Peter, sprechend:
O Heilger Vater, der du uns den Weg zeigst,
Den Weg, der Jesus Christus selber ist,
Derselbe Jesus Christus zeigte mir,
Daß Peter kommen werde, uns zu helfen,
Der ganzen Koinonia hier in Roma.
Die Menschen, die Sankt Paul bekehrt, die wurden,
Nachdem uns Paul verlassen, abgeworben
Von Simon Magus durch die Kraft des Teufels
Und durch die Reize seiner Helena.
Jetzt aber hoff ich wieder auf den Herrn,
Der Peter uns geschickt zu unsrer Rettung.
Ich bitt dich, Peter, eile du nach Rom,
Die Christenmenschen, die im Glaubensabfall
Vom Glauben abgefallen sind, die hab ich
Verlassen, kam hierher nach Puteoli.
Zum Abschied aber sprach ich zu den Christen:
Geschwister, bleibt doch Jesus Christus treu,
Gott wird uns bald den Heilgen Vater schicken!
In einer geistigen Vision ich hatte
Sankt Paul gesehen, der zu mir gesprochen:
Mein Ariston, verlasse Babylon!
So kam ich hierher. Immer in dem Hafen
Ich fragte jeden Seemann: Lieber Seemann,
Ist Peter zu uns übers Meer gekommen?
Jetzt widerfährt uns reichlich Gottes Charis,
So bitt ich dich, o Peter: Rasch nach Rom,
Auf dass nicht Simon Magus und die Hure
Von Tyrus uns zerstören Christi Kirche!
Als Ariston dies unter Tränen sagte,
Da sagte Simon Petrus unter Tränen:
Zuvorgekommen ist mir Simon Magus,
Zuvorgekommen ist mir Luzifer,
Der sich verkleidet als ein lichter Engel,
Der er vermählt ist mit dem Dämon Lilith,
Unheilig ist die Hochzeit der Dämonen.
Doch den Verführer, die Verführerin
Wird Jesus unter seine Füße treten,
So wahr uns beisteht Unsre Liebe Frau
Maria, die Zertreterin der Schlange.
Doch Theon sprach: O Heilger Vater Peter,
Seit du mein Schiff bestiegen, hast du nichts
Gegessen. Bleibe im Quartier und iss!
Doch Peter sprach: Der Meister Jesus sagte:
Verführer sind in dieser Welt zwar viele,
Wer aber eines von den kleinen Kindern,
Die an mich glauben, irre werden lässt
Und lässt ein Kind am lieben Gotte zweifeln,
Dem häng ich einen Mühlstein um den Hals
Und so ersäuf ich ihn im tiefsten Meer!
So sagte Jesus. Also muß ich doch
Die Kinder Gottes retten vor dem Bösen,
Sonst hängt der Herr mir selber einen Mühlstein
Um meinen Hals, ersäuft mich in dem Meer,
Den er zu euch geschickt, um euch zu helfen,
Vor den Verführern euch zu schützen, die
Euch an die Götzen glauben lassen wollen
Und nicht an Jesus Christus und den Vater.
So also zogen Ariston und Theon
Und Peter eilig in die große Roma
Und kamen in die Wohnung von Narzissus,
Der dort mit seinen beiden Frauen lebte.
Sankt Peter ist in Roma, blies die Fama,
Mit vollen Backen blasend die Posaune,
Sankt Peter sei auf Christi Wink gekommen,
Um Simon Magus zu besiegen und
Die heilge Hure Helena von Tyrus.
Und so versammelte sich die Gemeinde,
Zu sehen Peter, ihren Heilgen Vater.
Am Sonntag trafen sich die Christenmenschen
Am Hügel Vatikan. Sankt Peter sprach
Mit lauter Stimme: Meine lieben Freunde,
Die ihr auf Jesu Christi Hilfe traut,
Ihr habt gelitten eine Zeit in der
Versuchung, aber jetzt hört meine Predigt.
Warum hat Gott wohl seinen Sohn gesandt
Durch Unsre Liebe Frau Maria in
Der Kraft des Heilgen Geistes in die Welt?
Weil Gott uns eine Rettung schaffen wollte!
Die Menschen waren blinde Götzendiener
Und dienten Aphrodite oder Isis,
Nur toten Götzen, Mamorstatuen,
Sie standen unter Satans Herrschaft alle,
Bis Gott uns sandte Jesus, unsern Retter.
Die Menschen in dem Dienste ihrer Götzen,
Sie übten Hurerei und Knabenschändung,
Die Männer liebten Männer, und die Frauen
Sich übten in Magie und Zauberei.
Sie waren alle auf dem Weg zur Hölle.
Da hat der Ewige den eignen Sohn
Zur Welt gebracht durch Unsre Frau Maria.
Mich hat der Meister Jesus auserwählt,
Der Führer der Ecclesia zu sein.
Ich hatte zwar den Heiligsten verleugnet
Am Lagerfeuer bei den dummen Mägden,
Die Hündinnen vergleichbar mich umgaben,
Doch nach der Auferstehung Jesu Christi
Sprach Jesus: Liebst du mehr mich als die andern?
Sprich, liebst du mich? Sprich, bist du mir ein Freund?
Ich sagte: Herr, du weißt, ich hab dich gerne!
Da sagte er: So weide meine Herde
Und sei das Oberhaupt von allen Hirten!
Jetzt sag ich euch, o meine lieben Freunde:
Euch plagt der böse Engel Luzifer,
Der sich verkleidet als ein lichter Engel,
Er will euch führen nur von Jesus fort,
Zu diesem Zwecke hat er sich verbunden
Mit der Dämonin Lilith, die euch plagt,
Daß ihr nicht liebt den Vater in dem Himmel,
Daß ihr zurückkehrt zu den toten Götzen,
Den toten Götzen Isis und Osiris
Und wie die Heidengötter alle heißen.
O Freunde, fallt doch nicht vom Glauben ab!
Wenn mich, den Jesus auserwählt zum Freunde,
Schon Luzifer verführte, Gott zu leugnen,
Wie werdet dann erst ihr geliebten Kinder,
Die ihr noch trinkt die Muttermilch des Glaubens,
Wie werdet ihr verführt von Luzifer
Und seiner lüsternen Dämonin Lilith,
Von Gott, dem lieben Vater, abzufallen
Und seinem eingebornen Sohne Jesus
Und seiner heiligen Ecclesia,
Der Jungfraumutter und der Braut des Herrn!
Meint ihr, dass Luzifer nicht listig wäre
Und die Dämonin Lilith schlau nicht wäre,
Euch zu verführen durch die falsche Lehre
Der teuflischen Sophia dieses Kosmos?
Ich aber bringe euch von Gott dem Vater
Die göttliche Sophia aus dem Himmel,
Die Fleisch geworden ist in Jesus Christus,
Der auferstanden ist in Gottes Kraft!
Wer aber abfällt von dem Retter Jesus
Und Satan folgt und seinen falschen Lehren,
Der eilt die breite Straße in die Hölle
Und ewige Verdammnis, fern von Gott.
Bekehrt euch also, meine lieben Freunde,
Bekehrt euch zu dem Vater und dem Sohn
Und zu dem Heilgen Geiste in der Kirche,
Bleibt treu der heiligen Ecclesia
Catholika, geführt von Simon Petrus!
Erkennt doch, wer euch in die Irre führt,
Es ist der Satan, dieser Gott der Welt,
Der euch mit der satanischen Sophia
Des Kosmos zu dem Götzendienst verführt,
Denn Isis und Osiris sind Dämonen.
Doch Jesus ist der wahre Gott vom Himmel,
Doch Christus ist die Kraft und Weisheit Gottes.
Erwählt euch keinen andern Retter je
Als Jesus Nazarenus, Gottes Sohn
Allein, der für uns starb den Tod am Kreuz
Und auferstand als Gottes Kraft und Weisheit!
Die Brüder aber baten Simon Peter,
Zu überwinden diesen Simon Magus
Und seine Hure Helena von Tyrus.
Jetzt halte Simon Magus sich im Hause
Des Senatoren Marcus auf, den er
Beschwatzt hat mit okkulten Zaubersprüchen.
O Heilger Vater Peter, glaube uns,
Kein Christ war je so klug wie dieser Marcus.
Die Witwen, die auf Gott allein noch hofften,
Die fanden bei dem Christen Trost und Rat.
Die armen Waisenkinder, ohne Mutter
Und ohne Vater, sahen in dem Christen
Den Vater und die Mutter ihrer Seelen.
Die Armen nannten Marcus ihren Helfer
Und Engel. Seine Wohnung trug den Namen:
Hier ist ein Zufluchtsort für alle Armen,
Für alle Kranken, alle kleinen Kinder!
Die Kaiserliche Majestät sprach einst
Zu Marcus: Plündre du nicht die Provinzen
Und gib das Geld dann hin den armen Leuten!
Er sprach zur Kaiserlichen Majestät:
Was mein ist, das ist Euer auch, mein Kaiser!
Die Kaiserliche Majestät sprach aber:
Es wäre mein, wenn du’s mir sparen würdest,
Jetzt aber schenkst du es den armen Leuten,
Ich weiß nicht, was für Hunde du beschenkst!
O Heilger Vater Peter, ja, so war es,
Doch die unendliche Barmherzigkeit
Des Christen Marcus hat sich jetzt verwandelt
In Gotteslästerung und Herzenshärte.
Denn dieser Marcus ist jetzt voller Zorn
Und voller Reue über all sein Wohltun
Und redet: So viel Geld hab ich verschwendet
Und dachte, dass ich Jesus damit tröste!
Wenn jetzt ein Bruder zu ihm kommt und bittet
Um eine Freundlichkeit, so schlägt er ihn
Und ruft: O hätt ich doch nicht so viel Geld
Verschwendet, um den lieben Gott zu trösten!
O Heilger Vater Peter, beim Erbarmen
Des Philosophen und des Therapeuten
Und wahren Gottessohnes Jesus Christus,
Hilf du dem Irrtum dieses Marcus auf,
Er war doch früher so barmherzig, Peter!
Da fühlte Peter großen Schmerz im Herzen
Und schimpfte: O du große Kunst des Teufels!
O künstliche Erfindungen vom Bösen!
Der Satan schürt sein Feuer in der Hölle
Und will naive Menschen noch verwirren,
Ein Wolf ist er, der in die Herde einfällt
Und reißt die Lämmer fort dem Guten Hirten!
O Satanas, du hast die Jungfrau Eva
Gelockt zum Sündenfall durch eine Feige
Und alle Kinder dieser Mutter Eva
An dich gekettet durch das Band der Sünde!
Du bist die Frucht vom Baum des Todes, Satan,
Die faulste Feige von dem Baum des Todes!
Du hast den Pharao verstockt, so dass
Er Israel nicht in die Freiheit ließ,
Du hast Herodes inspiriert, dass er
Die kleinen Kinder alle töten ließ,
Du gabest Pontius Pilatus ein,
Daß er den Heiland schlagen ließ ans Kreuz,
Du gabest Judas seinen Selbstmord ein
Und heute noch verführst du Seelen, du
Verlockst zum Selbstmord sie, zum Kindermord,
Du ruinierst die Ehen, lockst zur Unzucht,
Bläst den naiven Seelen Wahnsinn ein!
O Satan, Feind der Menschen! Christi Kirche
Wird dich zertreten! Unsre Liebe Frau
Und alle Kinder Unsrer Lieben Frau
Zertreten dir dein Haupt, du alte Schlange!
Die Hölle, die du uns bereiten willst,
Sie soll dich selber quälen, Satan, dich
Und alle deine Engel und Dämonen
Und deine bräutliche Dämonin Lilith,
Sie-Teufelin der ehelichen Unzucht,
Sie-Teufelin gemeinen Kindermordes!
Ja, schmoren sollt ihr ewig in der Hölle!
Von allen aber, die dem Herrn gehören
Und folgen Jesus Christus nach als Jünger,
Sollst weichen du für alle Zeiten, Satan,
Vergeblich klopfst du an die Tür des Frommen,
Der nicht dein Sklave ist, nein, Jesu Freund
Und Sohn des Vaters und des Geistes Tempel!
Du willst die Lämmer von der Herde trennen,
Doch Jesus ist der Hirte dieser Lämmer
Und Jesus ist der Christen starker Schutzgott!
Als Peter diese Worte sprach, da wurde
Gerettet eine große Anzahl Seelen.
Die Brüder baten daher, dass er sich
In einen Kampf begebe mit dem falschen
Propheten Simon Magus und der wilden
Hetäre Helena von Tyrus und
Verhindere, dass weiter diese beiden
Verführen die getauften Kinder Gottes.
Der Heilge Vater ging zum Haus von Marcus,
Wo Simon Magus mit der Konkubine
Zu Tische lag. Ihm folgten viele Brüder
Und Schwestern. Als der Heilge Vater nun
Zur Türe kam, da sah er einen Knaben.
Der Knabe Quintus wachte an der Türe.
Da sagte Peter zu dem Knaben Quintus:
Geh, Quintus, sage du dem Simon Magus
Und seiner Hure Helena von Tyrus,
Daß Peter sie erwartet an der Tür.
Der Knabe Quintus sprach zum Heilgen Vater:
Als Simon Magus hörte, dass du gestern
Nach Rom gekommen bist, sprach er zu mir,
Zu welcher Stunde du auch kommen solltest,
Ich sollte dich nicht in die Wohnung lassen,
Wo er mit seiner Konkubine wohne.
Da sagte Peter zu dem Knaben Quintus:
Gut, dass du mir das sagst, von ihm gezwungen
Und von der Hure Helena von Tyrus.
Der Heilge Vater wandte sich zum Volk
Der Christen, die dem Heilgen Vater folgten,
Und sprach: Ihr werdet jetzt ein Wunder sehn!
Denn Peter sah vorm Haus des Simon Magus,
Wie eine schwarze Hündin wartend da lag.
Und Peter sprach zur schwarzen Hündin: Luna,
Gesegnet sei vom Vater, Sohn und Geist.
Die Hündin Luna sprach mit Menschenstimme:
Was denn befiehlst du mir, du Knecht des Höchsten?
Und Peter sprach zur schwarzen Hündin Luna:
Zu Simon Magus geh und Helena
Von Tyrus, sage zu den beiden Sündern,
Daß sie ins Offne kommen sollen, denn
Jetzt ist der Heilge Vater Peter da,
Der ihretwegen ist nach Rom gekommen,
Um ihre Häresie zu überwinden,
Mit der sie nur verführen die Getauften.
Die schwarze Hündin Luna rannte los
Und sprach mit Menschenstimme: Simon Magus,
Der du dich nennst die göttergleiche Kraft,
Und Helena von Tyrus, Konkubine,
Die du dich nennst die menschgewordne Weisheit
Und inkarnierte Isis, kommt heraus,
Der Heilge Vater Peter ist gekommen,
Um eure Häresie zu überwinden,
Mit der ihr nur verführtet die Getauften.
Als Simon Magus diese Hündin sah
Und hörte, wie die Hündin Luna sprach
Mit Menschenstimme, und als Helena
Von Tyrus hörte diese Hündin sprechen,
Verschlug es Helena die Sprache und
Sie sprach nicht mehr, dass sie im Fleisch
Die menschgewordne Göttin Weisheit sei,
Sophia-Isis, Braut des Gottes Kraft.
Die Christen aber, die das Wunder sahen,
Die priesen Jesus, Gottes Kraft und Weisheit!
Als Marcus aber dieses Wunder sah,
Daß seine schwarze Hündin Luna sprach,
Da eilte er zur Tür und warf sich Peter
Zu Füßen: Ich umfasse deine Füße,
Du Knecht des Herrn! Ich habe viel gesündigt,
Doch strafe du nicht meine vielen Sünden,
Ist in dir die Barmherzigkeit des Herrn.
Du sollst als Christ doch keinen Menschen hassen,
Wie Jesus sagt: Du sollst die Feinde lieben!
So rechne mir nicht meine Sünden an,
Vielmehr fürspreche du für mich beim Herrn!
Ich habe Gottes Zorn herabgerufen
Auf mich, weil ich die Kinder Gottes habe
Entfernt vom Vater. Bitt für mich als Anwalt,
Als Advokat im Sinn des Heilgen Geistes,
Daß ich nicht mit der Schuld von Simon Magus
Und mit den Sünden seiner Helena
Dem Höllenfeuer übergeben werde!
Dem Simon Magus habe ich errichtet
Ein Standbild: Simon ist der Kosmische Christus!
Und seiner Hure Helena von Tyrus
Hab ich errichtet auch ein Standbild, da
Sie nackt zu sehen ist als Göttin Isis,
Des Kosmischen Christus nackte Throngenossin!
Ich habe viele durch mein Geld gewonnen,
Dich, Peter, kann man nicht durch Geld gewinnen!
Sonst schenkte ich dir heute hundert Taler,
Und wenn ich Söhne hätte, kleine Knaben,
Ich würde sie erachten als ein Nichts
Und lieben einzig und allein den Herrn.
Doch Simon Magus hatte mich verführt,
Als er gesagt, er sei ein Gott der Kraft,
Und Helena von Tyrus hat mich auch
Verführt, als sie gesagt, sie sei im Fleisch
Die kosmische Sophia oder Isis.
Ich trank ja noch die Muttermilch des Glaubens,
Die vollen Brüste der Ecclesia
Mir strömten noch nicht herben Rotwein ein.
Bedenke, Peter, dass du einst gewandelt
Mit Jesus auf dem See Genezareth,
Du zweifeltest und bist im Meer versunken!
Und darum sagte Simon Magus auch:
Der Heilge Vater Peter ist ein Zweifler,
Ich aber bin die Kraft, die Gotteskraft!
Wenn Jesus, der dich doch zum Fels berufen
Und zu dem Oberhaupt der wahren Kirche,
Den Zweifel dir verzieh, verzeiht er mir
Doch auch den Zweifel? Bitte du für mich!
Doch wenn ich Reue fühl und Buße tu,
Wird Jesus doch sich über mich erbarmen?
Und Peter gab mit lauter Stimme Antwort:
Dir, Vater des Erbarmens, sing ich Lobpreis,
O Vater des Erbarmens, Gott, erbarme
Dich über diesen Marcus, gib ihm Frieden!
Die Schafe, welche in die Irre gehen,
Kannst du allein bekehren, Gott der Gnade!
Du Guter Hirte der zerstreuten Schafe,
Führ alle Schafe wieder in den Schafstall!
Ein Gott, ein Glaube, eine Taufe, Herr,
Ein wahrer Gott und eine wahre Kirche!
Nimm Marcus wieder in die Kirche auf,
O Christus, in den Corpus Mysticus!
Herr, dulde nicht, dass diese Menschenseele
Noch länger irregeht in Häresie,
Herr, nimm ihn in den Corpus Christi auf,
Der dich mit Seufzern um Erlösung bittet,
Laß ihn ein Glied an deinem Leibe sein
Im Schoß der heiligen Ecclesia!
So also betete Sankt Peter und
Umarmte seinen Christenbruder Marcus.
Und Peter wandte sich den Menschen zu,
Ein Knabe lächelte, Georgicus,
Zu ihm sprach Peter: Knabe, wer bist du?
Wie ist dein Name, der du lächeltest?
Der Knabe stürzte in des Hauses Halle
Und warf sich wütend an die Wand und rief:
Sankt Peter! Zwischen Simon Magus und
Der schwarzen Hündin Luna herrscht ein Streit,
Denn Luna sagte mehr, als du befohlen.
Und wenn die schwarze Hündin Luna alles
Gesagt hat, was du ihr befohlen hast,
Wird Luna sterben hier zu deinen Füßen.
Und Peter sagte zu Georgicus:
Was du auch immer für ein Dämon bist,
Fahr aus Georgicus, dem schönen Knaben,
Im Namen Jesu! Quäle nicht den Knaben
Und zeige dich der ganzen Menschenmenge!
Als das Georgicus vernahm, da fuhr
Der Dämon aus, ergriff ein Marmorstandbild
Vom Cäsar, es zertrümmernd mit den Füßen.
Als Marcus sah, dass Cäsars Standbild nun
Zertrümmert war, griff er sich an die Stirn
Und sprach zu Peter: Ach, das ist ein Unglück,
Wenn Cäsar das erfährt, wird er uns strafen.
Doch Peter sprach zu Marcus: Schwachen Glaubens
Bist du und wolltest grad noch alles geben,
Dein ganzes Geld und alle deine Söhne,
Zu retten deine Seele. Jetzt bekehr dich,
Mit Händen nimm du dies geweihte Wasser,
Bespreng die Steine mit geweihtem Wasser,
Dann wird das Standbild Cäsars wieder stehen
Wie vorher. Marcus hatte keine Zweifel,
Nahm mit den Händen das geweihte Wasser
Und betete: Herr Jesus, Herr und Meister,
In deinem Namen netze ich die Steine
Mit dem geweihten Wasser, dass das Standbild
Des Cäsar aufrecht wieder steht wie vorher.
Herr Jesus, wenn es denn dein Wille ist,
Daß meine Seele in dem Körper bleibt
Und ich nicht leide das Martyrium
Von Cäsars Händen, richte auf das Standbild
Und mach es heil, so wie es vorher war.
Sankt Peter war auf Marcus stolz, dass ihm
Gekommen keine Zweifel an der Macht
Des Namens Jesu. Aber Marcus auch
War fröhlich in dem Geist, daß dieses Wunder
Durch seine Hand geschehen war, er glaubte
An Jesu Namen, aller Namen Höchster!
Doch Simon Magus drinnen in dem Hause
Mit seiner Konkubine Helena
Zur schwarzen Hündin Luna zornig sprach:
Sag Peter, dass ich nicht zu sprechen bin!
Die schwarze Hündin Luna aber sprach
In Gegenwart des Christenbruders Marcus
Zu Simon Magus und zu Helena:
Ihr seid so gottlos und so schamlos beide
Und seid die Feinde aller Jünger Jesu,
Zu euch geschickt hat Peter eine Hündin,
Ein stummes Tier, das plötzlich sprechen kann
Mit Menschenstimme, Worte voll Vernunft,
Um eure Trügereien aufzudecken.
So lange musst du grübeln, Simon Magus,
So viele Zauberbücher musst du lesen,
Du heilge Hure Helena von Tyrus,
Nur um zu sagen: Peter, bleib uns fern
Und rühre uns nicht an, denn wir sind heilig?
Und so erhebt ihr eure Stimmen gegen
Den Heilgen Vater, Stellvertreter Christi,
Als ob verborgen bleiben könnte euer
Betrug und eure Häresie vor Peter,
Der mir geboten hat, vor euch zu sprechen?
Doch das geschieht nicht euretwegen,
Ihr Diener Luzifers und seiner Lilith,
Nein, das geschieht um der Getauften willen,
Die ihr verführtet durch die Häresie
Vom Kosmischen Christus und Sophia-Isis,
Ihr Feinde und Verderber ihr des Weges
Zur Kraft und Weisheit Gottes, Jesus Christus,
Dem eingebornen Sohn des Himmelsvaters,
Geboren von Maria, Gottes Mutter.
Gott wird euch mit dem ewgen Feuer salzen!
Und als die Hündin Luna dies gesprochen,
Da lief die Hündin Luna aus dem Haus.
Doch Helena und Simon Magus blieben
Im Haus. Die schwarze Hündin Luna aber
Lief aus dem Haus und lief zum Heilgen Vater
Und sprach: O Peter, du hast einen Kampf
Zu kämpfen noch mit Helena von Tyrus
Und Simon Magus, diesen Feinden Christi
Und Gegnern auch des wahren Christentumes.
Doch viele der Getauften, die verführt
Vom Engel Satans wurden, die wirst du
Bekehren durch das Vorbild deines Lebens.
Und darum wird dich Gott der Herr belohnen
Und in der Ewigkeit beim Hochzeitsmahl
Wirst liegen du zu Tisch im Reiche Gottes
Im innern Liebesschoß der Trinität!
Nach diesen Worten fiel die Hündin Luna
Vor Peters Füßen nieder, gab den Geist auf.
Die Menschen riefen jubelnd: Viva, Peter!
Doch manche zweifelten am Heilgen Vater,
Die Zweifler sprachen zu dem Heilgen Vater:
O Peter, ist dein Petrusamt von Gott,
Wir forschen in dem Evangelium,
Doch zweifeln wir. So tu ein neues Wunder,
Daß wir erkennen, dass dein Petrusamt
Von Jesus Christus selbst ist eingesetzt.
Auch Simon Magus tat ja Wunder, heilte
Durch bloßen Hauch, und darum folgten wir
Ihm auch und hielten für den Heiland ihn,
Ob seine Heilungen durch bloßen Hauch
Vielleicht nur sind die Werke von Dämonen!
10
Sankt Peter wandte sich, sah einen Schwan,
Ein böser Kerl mit Knüppeln schlug ihn tot,
Sein Schwanenweibchen schwamm noch auf dem Teich
Und klagte um den toten Schwanengatten.
Sankt Peter sagte zu der Menschenmenge:
Wenn ihr jetzt seht den toten Schwan erneut
Lebendig froh im Schwanenteiche spielen,
Glaubt ihr dann an die Gottheit meiner Predigt?
Die Leute sagten: Ja, wir werden glauben,
Wenn wir von Wundern nicht mit Ohren hören,
Wenn Wunder wir mit eignen Augen sehn!
Und Peter sagte zu dem toten Schwan:
Im Namen Jesu voll Barmherzigkeit,
Im Namen Jesu, den die Leute noch
Nicht kennen, in dem Namen seiner Liebe,
Geh, Schwan, und schwimm lebendig in dem Teiche!
Geselle dich zu deiner Schwanengattin!
Sankt Peter warf den Leib des toten Schwanes
Ins Wasser und der Schwan begann zu leben,
Begann umherzuschwimmen voller Wonne.
Die Leute sahn den toten Schwan lebendig,
Daß sie ihn nicht für Phantasie nur hielten,
Ließ er nicht eine Stunde nur ihn schwimmen,
Sankt Peter ließ den Schwan sehr lange schwimmen,
So dass von allen Seiten Leute kamen
Und schauten an die Majestät des Schwanes
Und manch ein Christenbruder teilte Brot
Und brach das Brot und gab das Brot dem Schwan
Und gerne nahm der Schwan das Brot der Christen.
Als das die Leute sahen, glaubten sie
An Jesus, den Sankt Peter predigte,
Und folgten nach dem Heilgen Vater. Tag
Und Nacht im Hause des Narzissus saßen
Zusammen sie und beteten zu Gott,
Und Peter vom mosaischen Gesetze
Und den Propheten sprach und von dem Leben
Des Herrn, der fleischgewordnen Gottesweisheit,
Des Herrn, der auferstandnen Gotteskraft,
Und von dem Blut zur Rettung aller Seelen!
11
Und Marcus wurde immer mehr gefestigt
Im Glauben durch die Zeichen, die er sah,
Die Peter in dem Namen Jesu wirkte.
In seinem Haus fiel Marcus über Simon
Und Helena, die heilge Hure, her
Und schmähte sie mit Worten: Feinde Christi,
Verderber meiner Seele, ihr verkommnen,
Abtrünnig wollt ihr machen mich von Christus!
Er legte Hand an sie und ließ sie werfen
Aus seinem Haus. Des Hauses Sklaven aber
Mit Schmähungsworten überhäuften Simon
Und Helena und gaben Schläge ihnen,
Sie schlugen sie mit Knüppeln, warfen Steine,
Sie gossen einen Eimer voller Kot
Der Hure auf den Kopf, beschimpften sie:
Jetzt, jetzt bekommst du den gerechten Lohn
Nach Gottes Willen, der sich voll Erbarmen
Erbarmte über unsern Herrn und uns.
So wurde Simon übel zugerichtet
Und Helena floh stinkend aus dem Haus.
Und Simon Magus und die Konkubine,
Sie eilten zu dem Haus, wo Peter wohnte.
Am Hause des Narzissus stellte sich
Die Hure Helena von Tyrus auf
Und rief: Hier bin ich, Helena von Tyrus,
Ich, Gottes Weisheit, inkarnierte Isis,
Solange du an Jesus Christus glaubst,
Wirst du nicht frei von deinem Kreuze werden!
Du glaube nicht an Vater und an Sohn,
Nein, glaube an die mütterliche Isis
Und an den Kraftgott, die hier vor dir stehen,
Denn Jesus ist ja nur ein Zimmermann,
Ich bin des Universums Architektin!
12
Als es nun aber Nacht geworden war,
Sah Peter Jesus in dem hellsten Kleid,
Mit einem lieben Lächeln um die Lippen.
Noch wach war Peter. Jesus sprach zu ihm:
Schon ist ein großer Teil der Brüder und
Der Schwestern durch die Zeichen, die du tatest
In meinem Namen, heimgekehrt zu mir.
Du hast noch einen Glaubenskampf am Sonntag –
Und viele von den Juden und den Heiden
Bekehren sich zu mir, dem Angespuckten,
Verspotteten, Geschmähten, denn ich will
Mich dann dir offenbaren, wenn du bittest
Um Zeichen und um Wunder. Du wirst viele
Bekehren, aber einen Widersacher
In Simon Magus haben, welcher wirkt
Im Namen seines Vaters Luzifer,
Und seiner Hure Helena von Tyrus,
Die wirkt im Namen ihrer Mutter Lilith.
Doch all ihr Tun wird aufgedeckt als Zauber,
Magie und Okkultismus, Satanismus.
Doch alle, die ich zu dir schicken werde,
Wirst du bekehren und auf meinen Namen
Und meine Kraft und Weisheit fest begründen.
Als es am Morgen aber hell geworden,
Da sagte Peter allen den Geschwistern,
Was Jesus Christus ihm geboten hatte.
ZEHNTES BUCH
DIE SCHÖNE LIEBE
APHRODITE BEI HOMER
Als Paris auf dem Berge Ida stand,
Erschienen ihm drei Göttinnen vom Himmel.
Wer sei von ihnen denn die schönste Göttin?
So fragten ihn die Göttinnen des Himmels.
Da sah er Hera mit den Lilienarmen,
Die ihm versprach die Herrschaft in der Welt.
Athene sah er mit den Eulenaugen,
Gerüstet aus des Vaters Stirn entsprungen,
Die sie versprach ihm Sieg in allen Kriegen.
Dann sah er Aphrodite vor sich stehen
Und sie ließ alle ihre Hüllen fallen
Und stand barbusig, splitternackt vor ihm
Und sie versprach dem Hirten Paris gern
Die schöne Helena, die schönste Frau
Von Hellas, sie, die Frau des Menelaos.
Und Paris sagte: Aphrodite ist
Die schönste Göttin aller Göttinnen!
So raubte Paris sich die Helena
Und so begann der große Krieg um Troja.
Im Krieg um Troja aber Diomedes
Mit einem Pfeil verletzte Aphrodite.
Die Göttin blutete, die Göttin weinte
Und eilte weinend aus dem Schlachtgefilde
Und stieg hinan den heiligen Olympus
Und weinte in den Armen ihrer Mutter
Dione, die verband die wunde Göttin.
Zeus Vater aber sprach zu Aphrodite:
O Lachenliebende, das Werk des Krieges
Sei nicht dein Werk! Des Ehebettes Werk
Sei ganz allein dein Werk, der Akt der Zeugung,
Der Akt geschlechtlicher Vereinigung
Und alle Wonnen ehelicher Liebe,
Das ist dein Machtbereich, o Aphrodite!
Die Göttin Aphrodite war in Troja
Beliebt, weil einst sie dem Anchises war
Begegnet auf dem Berge Ida, da
Die Göttin beigewohnt dem Mann Anchises
Und schwanger war geworden und Äneas
Geboren hatte, diesen Sohn der Göttin.
Äneas war ein Prinz in Troja, war
Der Göttin Sohn, man nannte ihn auch Pius,
Weil er so fromm vertraute Aphrodite.
Dies alles weiß ich über Aphrodite
Vom blinden Seher-Dichter, von Homer.
APHRODITE BEI HESIOD UND HOMER
Doch Hesiod berichtet, dass der Vater,
Der Vater Uranos in seinem Himmel,
Entmannt ward von dem eignen Sohne Kronos,
Der schnitt mit einer Sichel ab das Glied
Des Vaters, und des Vaters Mannesglied
Fiel in das Mittelmeer, das schäumte auf
Und Aphrodite ward aus Schaum geboren,
Drum heißt die Göttin auch die Schaumgeborne.
Doch Aphrodite heißt auch Schamerfreute
Und Lachenliebende. Die aus dem Schaum
Geborne Aphrodite tauchte aus
Dem Mittelmeer und trieb auf einer Muschel
Vorbei an Knidos, Göttin Knidia,
Vorbei an Kytheräa, o Kythere,
Die göttliche Kythere kam zuletzt
Nach Zypern, darum heißt sie Cypria,
Nach Paphos kam sie, Göttin Paphia,
Und als bei Petra tou Romiou die Göttin
Das Land betrat, da sprossen Rosen auf
Und Oleander blühte auf der Insel.
Homer berichtet aber in der Hymne,
Daß Aphrodite stieg auf den Olymp,
Die Charitinnen oder Grazien
Bekleideten die Göttin mit Gewändern,
Sie schmückten sie mit Gold und Edelsteinen
Und krönten sie mit einer goldnen Krone.
Die Charitinnen führten Aphrodite
Auf den Olympus in die Götterburg.
Die Götter des Olympus alle staunten,
Daß solche schöne Göttin ist gekommen
Auf den Olymp. Es wünschte jeder Gott,
Daß Aphrodite seine Freundin werde.
Die Göttin Aphrodite aber wurde
Vermählt allein dem hinkenden Vulkanos.
Homeros nennt die Göttin Aphrodite
Als Gattin des Vulkanos Göttin Charis.
Jedoch der Göttin Aphrodite Gürtel,
Ihr zauberreicher Liebreizgürtel auch
Heißt Charis, nämlich Liebreiz, Charme und Zauber.
Doch Ares brach die Ehe mit der Göttin
Und lag mit Aphrodite in dem Bett.
Apollon sah es, sagte es Vulkanos.
Der Ehemann umfing die Ehebrecher
Mit einem goldnen Netz. Die Götter kamen
Und lachten ein olympisches Gelächter.
Doch Aphrodite ging nach Paphos, dort
Nahm sie ein Bad und tauchte wieder auf
Als schamerfreute Jungfrau keuscher Blicke.
APHRODITE BEI SAPPHO
Von Sappho aber kann man sagen, dass
Von allen Göttern Griechenlands allein
Die Göttin Aphrodite ihr Idol war.
Von Aphrodite inspiriert sang Sappho
Die zärtlichsten und schönsten Liebeslieder.
So schön war Sapphos Liebeslied, dass Platon
Gar sprach: Neun Musen gibt es, doch die zehnte
Ist Sappho. Sappho diente Aphrodite,
Indem sie Liebe pries und Schönheit pries,
Die Mädchen liebte und die Schönheit liebte,
Die Schönheit der Natur und die der Mädchen.
So scheint die Göttin Aphrodite hier
Verkörperung der Liebe und der Schönheit,
Die Liebe und die Schönheit in Person,
Die ihre fromme Tochter inspirierte,
Mit liebevollen Augen anzuschauen
Die schönen Mädchen, ihre vielgeliebten,
Den vielgeliebten Bruder auch zu lieben,
Die eigne Mutter und die eigne Tochter
Und ganz zu letzt aus Liebe auch zu sterben
Für Phaon, der verschmähte ihre Liebe.
Doch auch Gebete überliefert Sappho
Und nennt die Göttin Aphrodite einmal
Die Tochter Gottes in dem goldnen Thron
Und Zauberin, sie bittet sie zu kommen
In ihrem Wagen, den die Finken ziehen,
Wie Turteltauben ihre Flügel schlagend.
Denn Sappho liebt ein schönes Menschenkind
Und wird von diesem nicht zurückgeliebt.
Da bittet Sappho ihre Liebesgöttin,
In dem geliebten Menschenkinde doch
Die Liebe auch zu Sappho zu erwecken.
Und Göttin Aphrodite spricht zu Sappho:
Ist meine Botin doch die schöne Peitho,
Die süßer Überredung zu der Liebe,
So sag, wen soll die Peitho überreden?
Zwar noch verschmäht der Mensch, den du so liebst,
Verschmäht, was du ihm schenkst, doch wird
Dir bald Geschenke schenken, und verschmäht
So bitter deine honigsüße Liebe
Und wird dich bald mit heißer Inbrunst lieben!
Und Sappho bittet Göttin Aphrodite:
Steh mir im Kampf zur Seite, meine Herrin!
So scheint es, dass die künstlerische Sappho
Nicht viele Götter Griechenlands geliebt,
Nur Eine Gottheit ganz allein geliebt,
Allein geliebt die Göttin Aphrodite.
DIE LIEBE BEI EMPEDOKLES
Empedokles (vielleicht auch Empedokles)
Beschreibt in seinem Philosophen-Lied
Die gute alte Zeit, da alle Menschen
Nur Einer Gottheit dienten, nämlich jener
Geliebten Göttin Kypris. Liebesgöttin
War Aphrodite, Göttin aller Menschen.
Die Menschen dienten ihr mit Lobgebeten
Und Bitten und sie brachten Opfer dar,
Doch haben keine Menschen sie geopfert,
Sie haben nicht die Kinder hingeschlachtet,
Ja, nicht einmal die Tiere ihr geopfert,
Nur Öl und Blumen brachten sie zum Opfer
Der einen großen Liebesgöttin Kypris.
Da gab es keinen Krieg auf Erden, da
War Friede bei den Menschenkindern allen,
Weil alle Kinder waren Einer Mutter.
Empedokles (vielleicht auch Empedokles)
Sah in der Liebe eine große Kraft,
Die da zusammenhält die Elemente.
Im Kosmos oder Universum wirkt
Die Macht der Liebe, die verbindet alle
Die Elemente und die Energien.
Die Gegenkraft des Streites und der Feindschaft
Ist jene Macht, die alle Dinge scheidet.
Was nur die Macht der Liebe je verbunden,
Das trennt die Gegenkraft der Feindschaft wieder.
Die Liebe und die Feindschaft, diese zwei,
Sind die polaren Kräfte dieses Kosmos,
Vereinigung und Scheidung wirken sie.
Von welcher Liebe sprach der Philosoph?
Sprach er von Eros als des Kosmos Urkraft?
Die Liebe, die der Philosoph erkannte,
Das war die Liebe einer reinen Freundschaft,
Das war die Philia, die Freundschaftsliebe.
Der Eros nämlich lebt von Triebbegierden,
Von Durst nach sexueller Einigung,
Von Hunger und Begier und Leidenschaft.
Die Freundschaftsliebe aber ist vom Geiste,
Rein geistig ist die Freundschaftsliebe, ist
Weit über animalischer Begierde
Die rein-humane Form der Liebe. Diese
Rein geistige, humane Freundschaftsliebe
Ist Urkraft, die das Universum bindet.
Was hält die Welt im Innersten zusammen?
Die reine Liebe, welche Freundschaft ist!
PANDEMOS UND URANIA BEI PLATON
Der große Platon, mein geliebter Platon,
Zwei Aphroditen kannte er. Die eine
Der beiden war Pandemos Aphrodite,
Die große Göttin des gemeinen Volkes.
Pandemos Aphrodite war die Göttin
Geschlechtlicher Vereinigung und Wollust.
Der Mann vereinigt sich mit seinem Weibe
Zur Kinderzeugung und vereinigt sich
Mit seiner Sklavin zur Begierdestillung
Und geht dann in die Häuser der Hetären,
Um zu verfeinern noch sein Lustempfinden.
Und wenn ihn ganz gemeine Wollust plagt,
Will er von der Begierde sich entlasten,
So geht er zu den Huren in dem Hafen.
Pandemos Aphrodite war die Göttin
Der sexuellen Triebbefriedigung.
In ihrem Tempel dienten Tempelhuren.
Und eine Tempelhure zu beschlafen,
War Dienst an der Pandemos Aphrodite.
Wer sich vereinigt mit der Tempelhure,
Beschlief die große Göttin Aphrodite.
Die andre Aphrodite Platons aber,
Das war Urania, die Himmelsgöttin.
Urania, die Göttin reiner Liebe,
Die Göttin purer, spiritueller Liebe,
Sie ward geehrt durch reine Knabenliebe,
Dem Philosophen angemessen, der
Nicht die geschlechtliche Vereinigung
Im Fleische sucht, vielmehr allein bewundern
Die Schönheit will mit Augen und mit Ohren.
Der Knabe, ist er vierzehn Jahre alt,
So ist er schön den Augen und den Ohren.
Und in dem Philosophen, der ihn liebt,
Rein geistig und platonisch liebt, erwacht
Die Sehnsucht nach dem Ideal der Schönheit.
Was Diotima Sokrates erzählte,
Des Eros Himmelstreppe, ist die Liebe
Des Philosophen, der die Schönheit liebt,
Die Körperschönheit, dann die Seelenschönheit,
Die Tugend dann und dann das Höchste Gut.
Das Höchste Gut ist die Idee der Schönheit.
Die Himmelskönigin Urania
Ist die Idee der Schönheit. Aphrodite
Urania ist selbst das Höchste Gut.
DIE KNIDIA DES PRAXITELES
Von Aristoteles zu sagen ist,
Daß dieser Philosoph auch Pädagoge
Gewesen, der Erzieher Alexanders
Des Großen (als er noch der Kleine war).
Und Aristoteles war wirklich weise,
Wenn aber die Hetäre Phryne kam,
Kroch Aristoteles auf allen Vieren
Und Phryne ritt dem Weisen auf dem Rücken.
Dieselbe Phryne war auch das Modell,
Das sich Praxiteles gewählt zum Muster
Für eine Aphrodite-Statue.
Die Statue der Aphrodite war
Die künstlerisch verklärte Phryne, nackt,
So reizend und erotisch, dass allein
Die Bürger von der Insel Knidos sie
Empfangen wollten auf der Insel. Dort
Sie bauten einen Tempel für die Göttin,
Die Göttin Aphrodite Knidia.
Die Göttin Aphrodite kam von Paphos
Auf Zypern zu der Insel Knidos, sah
Die Statue der nackten Knidia
Und fragte leis mit zauberhaftem Lächeln:
Wann hat Praxiteles mich nackt gesehen?
Die Göttin Knidia war überaus
Erotisch und verführerisch, voll Reiz.
Ein frommer Diener dieser Liebesgöttin
Blieb eines Nachts in ihrem Heiligtum.
Die Priester schlossen abends alle Türen.
Am Morgen öffneten die Priester wieder
Und fanden auf der nackten Marmorgöttin
Des Frommen Samenflecken, denn er hatte
Erregt von dem erotischen Gebilde
Nachts einsam masturbiert vor seiner Göttin.
Und Phryne sagte zu Praxiteles:
Da du mich schön als Knidia gestaltet,
Wird Phryne von den Griechen angebetet.
Und darum sprach der Kirchenvater Clemens
Von Alexandrien: Ihr Griechen betet
Hetären an, anbetend fallt ihr nieder
Vor Huren! Schämt ihr euch denn nicht, ihr Sünder?
DIE HETÄRE PHRYNE ALS INKARNATION DER APHRODITE
Was noch zu sagen von der schönen Phryne:
Man feierte das Eleusinische
Mysterium, und alle die Geweihten
Zum Meere zogen zu dem Reinheitsbad,
Da tauchte aus dem Meere Phryne auf,
Da sah man ihre nackten schönen Brüste,
Sie schüttelte das Haar, wrang aus das Haar,
Da meinten alle eingeweihten Griechen:
Ich sah, und siehe, was ich sah, war Phryne,
Nein, Aphrodite Anadyomene,
Die eben auftaucht aus dem Mittelmeer!
Juristen aber klagten Phryne an
Und Phryne stand vor dem Justizgericht,
Ihr Rechtsanwalt war sehr beredsam, aber
Die griechische Justiz war fest entschlossen,
Die schöne Frau zum Tode zu verdammen,
Weil sie verkünden würde neue Götter.
Der Rechtsanwalt verteidigte die Schöne,
Doch die Justiz blieb harten Herzens taub.
Da fasste Phryne sich an ihre Schultern
Und von den Schultern glitt ihr leichtes Kleidchen,
Barbusig stand die schöne Phryne da.
Der Richter und die Schöffen staunten sehr,
Sie sahen nicht allein der Phryne Brüste,
Nein, Phryne war die fleischgewordne Venus!
O Brüste Aphrodites, rettet mich!
O Brüste Aphrodites, tröstet mich!
O Brüste Aphrodites, steht mir bei!
O Brüste Aphrodites, tut ein Wunder!
O Brüste Aphrodites, sprecht mich frei!
O Brüste Aphrodites, Advocata!
O Brüste Aphrodites, sendet Beistand!
O Brüste Aphrodites, seid gerecht!
O Brüste Aphrodites, lasst euch saugen!
O Brüste Aphrodites, lasst euch küssen!
O Brüste Aphrodites, lasst mich leben!
O Brüste Aphrodites, rettet Tote!
O Brüste Aphrodites, voller Schönheit!
O Brüste Aphrodites, voller Liebe!
O Brüste Aphrodites, wundervolle!
O Brüste Aphrodites, meine Mammas!
O Brüste Aphrodites, heile Brüste!
O Brüste Aphrodites, Zwillingskitze!
O Brüste Aphrodites, habt Erbarmen!
O Brüste Aphrodites, spendet Trostmilch!
O Brüste Aphrodites, träufelt Rotwein!
O Brüste Aphrodites, angebetet!
Geliebte Aphrodite, angebetet!
DIE HUREN VON KORINTH UND DIE AGAPE
Im Hafen von Korinth, der großen Stadt,
Ein riesiges Bordell der Aphrodite
War da und eine große Menge Huren.
Aus aller Herren Länder kamen an
Die Kapitäne und Matrosen, alle
Begehrten Huren im Korinther Hafen.
Als Paulus war auf dem Areopag
Der weisen Stadt Athen, da sprach er mit
Den Jüngern Epikurs, die Hedonismus
Zu ihrer Lebensphilosophie gemacht,
Und mit den Stoikern, die Tugend suchten,
Und als er von der Auferstehung sprach
Des Fleisches, als er sprach von Jesus Christus
Und seiner Auferstehung, sprachen sie:
Ein Körnerpicker kündet neue Götter!
Und sie verlachten Paulus den Apostel.
Nur Dionysios, der Platon-Schüler,
Bekehrte sich zu Jesus Christus und
Der Anastasis oder Auferstehung.
Als Paulus kam zum Hafen von Korinth
Und predigte von Gottes großer Liebe,
Von Gottes göttlicher Agape, die
Allein in alle Ewigkeiten bleibt,
Bekehrten sich die Huren von Korinth
Und wurden Jüngerinnen Jesu Christi.
Schon Jesus Christus hatte ja gesagt
Zu Hohenpriestern und zu Schriftgelehrten:
Die Huren kommen eher in den Himmel
Als ihr! Die Huren nämlich kehrten um,
Ihr aber habt gekreuzigt Gottes Weisheit!
So wurde dieses riesige Bordell
Der Göttin Aphrodite, aller Huren
Gebieterin, zu einer Kirche Gottes.
Und der Apostel Paulus sang das Lied
Der Liebe, sang das Hohelied der Liebe,
Er sang es für die Huren von Korinth:
Es bleiben jetzt nur Glaube noch und Hoffnung
Und Liebe, doch allein die Liebe bleibt
In Ewigkeit, die göttliche Agape,
Sie herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit!
PLATON UND DER FREUND DER SCHÖNHEIT
Und Platon schreibt im idealen Staat,
Daß Menschen gehn zu Dionysien,
Zu Dionysien auf grünem Land,
Zu Dionysien in weißer Stadt,
Dort schauen Menschen an Theaterstücke,
Erfreuen sich an reizenden Actricen
Und herrlichen Akteuren, ihrer Schönheit,
Verehren Terpsichore, ihre Tänze,
Laszive Tänzerinnen, Schlangen gleich,
Entblätternd tanzen sie den Schleiertanz,
Erfreuen sich an Flötenbläserinnen
Und Zitherspielerinnen, Sängerinnen,
Sie lieben diese Schöne, jene Schöne,
Sie lieben diesen Knaben, jenen Knaben.
Spricht aber man von der Idee der Schönheit
Als einem Sein, als einer Wesenheit
Im Geist der Gottheit, schütteln sie den Kopf
Und halten dies für Traum und Hirngespinst.
Sie lieben nicht die Weisheit, nicht die Wahrheit,
Erkennen nicht das Ewig-Seiende,
Sie haben Meinungen und meinen dies
Und jenes, heute dies und morgen das.
Doch solche Menschen sind nicht Philosophen,
Solch einen Menschen nennt man Philodoxa,
Den Freund des Scheins, den Freund der Meinungen.
Nun aber sieht die Philosoph viel tiefer,
Bei allem Schönen, was er sieht auf Erden,
Erkennt die eine Quelle er der Schönheit.
Denn schön sind alle diese schönen Wesen,
Nur weil sie Anteil haben an der Schönheit.
Die Schönheit an und für sich, die Idee
Der Schönheit ist für solchen Philosophen
Die reine Schönheit, ideale Schönheit.
Und die Idee der Schönheit ist ein Licht,
Verschiedne schöne Wesen sind nur Schatten.
Vollkommen schön ist ganz allein die Schönheit,
Die existiert als die Idee der Schönheit
Im Geist der Gottheit. Diese Schönheit liebt
Der Philosoph. Sie ist ihm die Geliebte.
So liebt er nicht die Meinungen von Menschen,
Nein, Wahrheit liebt er und erkennt in Wahrheit
Die himmlische Idee im Geist der Gottheit
Und er erkennt in Wahrheit auch die Gottheit
Als die Idea der Ideen, als
Die Quelle aller Wahrheit, Gutheit, Schönheit,
Als Eine, ewigseiende Urgottheit.
DIE IDEE DER SCHÖNHEIT IM GÖTTLICHEN GEIST
Die Gottheit ist nur Eine, es ist Theos,
Nicht Zeus, der war von einer Frau geboren,
Nicht Kronos, dieser Sohn der Mutter Erde,
Nicht Uranos, der ward gestürzt vom Himmel,
Nein, Gottheit Theos ist von Ewigkeit,
Ein Gott ist Theos, eins in reiner Einfalt,
Allein und einzig in der Gottnatur.
Ob Theos nun erkannt in seinem Wissen
Die Mannigfaltigkeit der Ur-Ideen,
Ob Theos nun gewollt in seinem Willen
Die Mannigfaltigkeit der Ur-Ideen,
Das wag ich kleines Kind nicht zu entscheiden,
Doch denke ich, der Wille und das Wissen
Sind eins und einig in der einen Gottheit.
Im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit
Der Wesen und der Dinge in der Schöpfung
Sind in dem einen Geist der einen Gottheit
Urbilder alles Seienden, Ideen,
Im einen Geist die Vielfalt der Ideen.
Die menschliche Erkenntnis sucht die Wahrheit,
Das Streben jedes Menschen sucht das Gute,
Die Schönheit ist das Gute in Verschleirung.
Wenn Platon sich und Aristoteles
Gestritten, ob die himmlischen Ideen
Als Geisteswesen Wesenheiten sind
Mit eigner Existenz im reinen Sein,
Ob die Ideen keine Wesenheiten,
Vielmehr nur Formen an den Dingen sind,
So meinen wir, die himmlischen Ideen
Sind Wesenheiten in dem Gottesgeist
Und haben Sein vom Ewig-Seienden.
Die einen sagen, die Ideen sind
Reale Wesen in dem Gottesgeist
Und diese Leute heißen Realisten.
Die andern sagen, die Ideen sind
Nur menschliche Begriffe, sind allein
Abstrakte Wortgebilde, abgeleitet
Von den konkreten Dingen in der Schöpfung,
Und diese Leute heißen Nominalisten.
So denken wir als treue Platon-Schüler,
Die himmlischen Ideen sind real
Und vor den menschlichen Begriffen da.
Wir sind Platoniker und Realist.
MARIA APHRODITISSA VON ZYPERN
In Zypern, nah an Marion, dem Ort,
Alt-Paphos einst genannt, dem Heiligtum
Der Aphrodite, steht ein kleines Kirchlein,
Der Mutter Gottes ist das Haus geweiht,
Panagia Maria Aphroditissa
Heißt dort die Gottesmutter in der Kirche.
Am Ende ihres Lebens ward Maria,
Panagia Maria Aphroditissa,
Mit Leib und Seele in das Himmelreich
Von Jesus aufgenommen. Die Apostel
An ihrem leeren Grabe standen und
Nachschauten ihrer Himmelfahrt, doch Thomas
War Zweifler, zweifelte an der Madonna
Verklärung, an Marien Himmelfahrt.
Da ließ Maria von dem Himmel aus
Den Keuschheitsgürtel sinken in die Hände
Des Thomas, dies zum Zeichen, dass sie wahrhaft
Gen Himmel fuhr mit Seele und mit Leib.
Und Thomas nahm den Gürtel der Madonna
Und trug ihn auf den heiligen Olympos
Und brachte als Reliquie ihn ins Kloster,
Das thronte hoch auf dem Olympos,
Das Kloster war geweiht dem Kreuze Christi.
Doch in der Zeit der Bilderstürmer waren
Einst Zyprioten auf dem Mittelmeer,
Die Fischer sahen auf dem Mittelmeer
Ein Bildnis der Madonna aufrecht wandeln,
Panagia Maria Aphroditissa
In ihrer heiligen Ikone schritt
Auf Schaum des Mittelmeeres, aufrecht, schön.
Die Fischer brachten die Ikone der
Panagia Maria Aphroditissa
An Land und bauten ihr ein Gotteshaus
Und nannten diese heilige Ikone
Madonna mit der goldenen Granate.
Panagia Maria Aphroditissa,
Vereine Zypern in dem Namen Christi,
Panagia Maria Aphroditissa,
Steh Griechenland in seiner Armut bei,
Panagia Maria Aphroditissa,
Bekehre die Türkei zu Jesus Christus,
Panagia Maria Aphroditissa,
Bekehr den Nahen Osten zum Messias,
Panagia Maria Aphroditissa,
Lass alle Christen leben von Eucharis,
Panagia Maria Aphroditissa,
Du bist die Schönheit, die uns alle rettet!
DIE MUTTER DER SCHÖNEN LIEBE
O Mutter der Schönen Liebe, o Maria,
O Mater amatoris, o Maria,
Ich habe die Ikone einst gesehen
Der Mutter der Schönen Liebe: Weißes Antlitz
Und schwarze Augen, feurig schwarze Augen,
Und langes schwarzes Haar, wie schwarze Seide,
Ein schwarzer Schleier war auf deinem Haupt,
Dich kleidete ein langes schwarzes Kleid.
Dein Antlitz war von stiller Melancholie.
In der Ecclesia Catholica
Verehrte dich der zölibatäre Priester
Und sprach, dass spirituell begabte Frauen
Die Mutter der Schönen Liebe sehr verehren.
Jedoch die evangelische Pastorin
Hat dein Gemälde gar nicht wertgeschätzt.
Warum bist du die Mutter der Schönen Liebe?
Weil dein geliebtes kleines Jesuskind
Ganz Liebe ist, ganz reine schöne Liebe.
Und darum sprach die Mutter der Schönen Liebe:
Mein vielgeliebter Sohn ist nichts als Liebe!
Und heute Nacht hab ich geträumt vom Kind
Der Mutter der Schönen Liebe. In der Kirche
Ward charismatisch von dem Herrn gepredigt,
Der Kerzenschein erleuchtete die Kirche,
Der Teufel wagte sich nicht in die Kirche,
Denn oben überm offnen Fenster stand
Das blonde Jesuskind, vier Jahre alt,
Der Heiligenschein umrahmte seinen Kopf.
O Mutter der Schönen Liebe, alle Kinder,
Du führe sie zum kleinen Jesuskind!
O Mutter der Schönen Liebe, in den Müttern
Die ungebornen Leibesfrüchte schütze!
O Mutter der Schönen Liebe, Waisenkindern
Sei eine Mutter du vom Himmel her!
O Mutter der Schönen Liebe, alle Männer
Laß wieder fromm wie kleine Knaben sein!
O Mutter der Schönen Liebe, allen Müttern
Vertrau dein Jesuskind zur Liebe an!
O Mutter der Schönen Liebe, allen Toten
Zeig deine benedeite Leibesfrucht!
O lieber kleiner blonder Jesusknabe,
Verlaß mich nicht, geliebtes Jesuskind!
DIE KÖNIGIN DER LIEBE
Maria, Königin der Liebe, warum
Bist du so schön? In diesem funkelnden
Und glitzernden, in diesem Licht des Himmels
Bist du von supernaturaler Schönheit!
Da sprach die Königin der Liebe so:
Ich bin so schön, mein Liebling, weil ich liebe!
Und willst du schön sein, Liebling, liebe auch!
Es gibt doch keinen Menschen auf der Erde,
Der nicht gern schön wär. Also müsst ihr lieben!
Gott ist die Liebe, und ich liebe euch,
Ich liebe euch mit einer brennenden
Und grenzenlosen Liebe ganz besonders!
Ihr wisst, dass ich euch liebe, ja das wisst ihr,
So liebt die Menschen auch mit jener Liebe,
Mit der ich euch geliebt. Weiht euch der Liebe,
Doch nicht der menschlichen Verliebtheit, nein,
Weiht euch der Liebe Gottes. Gott ist Liebe,
Mein vielgeliebter Sohn ist nichts als Liebe.
Die Zärtlichkeit des kleinen Jesusknaben
Wird immer mit euch sein. Ich liebe dich!
O Königin der Liebe, du bist ja
Die Königin des Himmels und der Erde,
Siegreiche Königin der ganzen Welt,
Frau aller Völker, Mutter aller Völker,
Wir leben hier in der Kultur des Todes
In einer Diktatur des Relativismus,
Ersehnen aber einen Menschheitsfrühling
Und auch den Frühling einer jungen Kirche,
Die Zivilisation der Liebe wollen
Wir bauen in der Welt. Europa soll
Sich wieder öffnen für den lieben Gott,
Und Afrika und Südamerika
Soll Priester schicken in die ganze Welt,
Und Nordamerika und England auch
Soll finden wieder zu der Mutter Gottes,
Und Indien soll Missionare schicken
Und China weihen wir der Königin
Und Russland deinem Unbefleckten Herzen.
O Königin der Liebe, wie im Himmel
Auf Erden soll die Schöne Liebe herrschen.
Die Welt ist aber geistlos und ist lieblos
Wie in den üblen Zeiten vor der Sintflut.
O Königin der Liebe, dass dein Reich
Auf Erden komme, beten täglich wir
Den Rosenkranz der Königin der Liebe.
TOTA PULCHRA PERFECTISSIMA
In diesem glitzernden und funkelnden
Und süßen tönevollen Himmelslicht
Maria ist so unbeschreiblich schön,
Daß kein Gemälde, keine Statue
Uns zeigen kann die Schönheit der Madonna.
Die tota pulchra perfectissima,
Die ganz vollkommne Schönheit ist Maria.
Im Hohenliede Salomonis heißt es:
Ja, du bist schön, o meine Freundin, schön,
Kein Makel ist an dir, geliebte Freundin!
Und Paulus führt dem Herrn die Kirche zu,
Die Braut des Herrn, die ohne Falten ist,
Die ohne Flecken ist und ohne Runzeln,
Maria ist Ikone dieser Kirche.
Die Makellose Konzeption Maria
Ist eine schöne Frau nach Gottes Herzen,
Kein Makel einer Sünde, keine Falten
Und keine Flecken hat die schöne Frau
Und keine Runzeln der Vergänglichkeit,
Sie ist so ganz die Frau nach Gottes Herzen,
Ganz schön, ganz unentstellt von jeder Sünde.
Im Geist erkennt sie Gottes Wahrheit ganz,
Im Streben strebt sie nach der Güte Gottes,
Die Schönheit ist ein Glanz der Ordnung, Klarheit
Und Reinheit, und Maria ist geordnet,
Da sie den Herrn, den Allerhöchsten liebt
Mit ganzem Herzen und mit allen Kräften
Und liebt den Nebenmenschen wie sich selber.
Die Schönheit, sag ich, ist ein Glanz der Ordnung,
Marias Seele war ganz rein geordnet,
Nicht ungeordnete Begierlichkeit
War in Maria wie in Evas Töchtern,
Nur Ganzhingabe an die Liebe Gottes
Und Ganzhingabe an das Herz des Menschen
War selbstlos in Marias reiner Seele.
Und weil sie ist so liebevoll und gütig,
Weil sie die Wahrheit kennt und heilig ist
Und frei von allem Egoismus, frei
Von allen diabolischen Gewalten,
Weil sie das reine Ebenbildnis Gottes,
Drum ist Maria ganz vollkommen schön,
Die tota pulchra perfectissima.
SPIEGEL DER GÖTTLICHEN SCHÖNHEIT
Der Gottesschönheit unbefleckter Spiegel
Ist Unsre Liebe Frau, vollkommen schön,
Kristallklar, transparent für Gottes Schönheit,
Für Gottes Gutheit und für Gottes Wahrheit.
Ein Seher sah Maria in dem Himmel,
Ihr Kleid war ganz aus Licht und transparent,
Ihr Leib war rein wie transparente Jade,
Sie war ganz transparent für Gottes Licht,
Das schöne Licht der Herrlichkeit des Herrn.
Maria ist die transparente Vase,
Von makellos kristallner Transparenz,
Und in der kristallinen Vase leuchtet
Die weiße Lilie der Schönheit Gottes.
Maria ist das goldne Haus, der Tempel,
Die Schöne Tür am Tempel Salomos,
Die Bundeslade für das Gotteswort,
Der Thron der Weisheit und der Weisheit Wohnung,
Maria, unbefleckt von allen Sünden,
Ist reiner Kelch der Devotion der Gottheit,
In diesem Kelche ist das Blut des Herrn,
Maria ist Gefäß und Wohnung Gottes.
O Spiegel der Gerechtigkeit, Maria,
O Spiegel aller Tugenden, Maria,
Dein Leib beherrscht war von dem Maß der Keuschheit,
Dein Herz war reguliert von Mut und Kraft,
Dein Geist erleuchtet von der Weisheit Gottes,
Du hattest Hoffnung noch am Grabe Christi,
Du bist die Selige, weil du geglaubt hast
Dem Worte Gottes, das der Engel sprach,
Und deine Liebe währt in Ewigkeit,
Die Liebe zu dem Herrn und allen Menschen,
Die Mutterliebe für den Gottessohn,
Die Mutterliebe für die Menschenkinder,
So bist du Spiegel der Gerechtigkeit.
Der Christus ist die Form der Formen, ist
Das Urbild aller Menschenseelen, darum
Ist jede Seele von Natur aus christlich.
Maria aber ist die forma dei,
Form Gottes, in Maria als der Form
Ward formatiert die Form der Formen, Christus,
Als in Maria fleischgewordner Gottheit.
Und diese Gottesform Maria ist
Ganz makellos, ganz transparent für Gott,
Der Gottesschönheit unbefleckter Spiegel.
DIONYSIOS UND DIE URSCHÖNHEIT
O Dionysios, ich hielt die Frau,
In die ich mich verliebt, für wirklich schön.
So herrlich war ihr langes schwarzes Haar,
So schön geschwollen ihre weichen Lippen,
So schön gewölbt und glühend ihre Wangen,
Die Augen blitzend, blau wie Abendsterne,
Die Brüste hübsch und hüpfend, auf der Brust
Ein Schönheitsmal so wie das Korn von Eden,
Die Lenden prächtig und der Gürtel mächtig,
Die bloßen Füße schön bemalt mit Henna.
O Dionysios, mein Freund jedoch
Sprach: Nach der Frau dreh ich mich gar nicht um,
Wenn sie mir mal begegnet auf der Straße.
Und manchmal schien die Frau auch mir nicht schön,
Die Brüste allzu schlaff und schon verblüht,
Die Augen allzu klein, so schmale Schlitze,
Die Nase eine große Adlernase,
Das Becken allzu breit und auch der Hintern,
Der Gang das Schwanken eines trunknen Schiffes.
Zwar schien sie schön in ihrer Jugend, reizend,
Charmant und süß und überaus erotisch,
Doch später war sie allzu dick geworden,
Der Mund war voll von bitterbösem Zank,
Dämonen weihte sie die Frömmigkeit.
O Dionysios, wo ist die Schönheit,
Die immer jung und immer schön und reizend,
Mit idealen Brüsten, fest und rund,
Mit Haaren, welche niemals werden grau,
Mit Augen, welche stets vor Liebe strahlen,
Mit Lippen, immer voll vom Worte Gottes,
Mit einem Körper, schlank wie eine Palme,
Mit Beinen, schlank und lang wie Marmorsäulen,
Mit Füßen, schön wie goldne Piedestale.
Wo ist die Schönheit, die ich finde schön
In meiner Jugend und im Alter auch,
Wo ist die Schönheit, die ich finde schön
In allen Gliedern ihres schönen Körpers,
Wo ist die Schönheit, die ich finde schön,
Die meine Freunde auch mit Lobpreis feiern,
Wo ist die Schönheit, die ich finde schön,
Die ich noch liebe in der Ewigkeit?
Und Dionysios Areopagitos
Sprach: Diese Schönheit ist allein die Gottheit,
Urschönheit ist die ewige Urgottheit,
Die ewig schöne Quelle aller Schönheit,
Urschönheit schaust du in der Ewigkeit,
Urschönheit liebst du in dem Paradiese!
FRAU MINNE NACH HEINRICH FRAUENLOB
Von Heinrich Frauenlob las ich den Lobpreis
Der Minne. Doch wer bist du, Herrin Minne?
Im Altertume warst du für die Griechen
Und Römer die geliebte Göttin Venus,
Die Königin der Liebe und der Schönheit,
Die Seele der Natur, die Fruchtbarkeit
Der Schöpfung und die Grünkraft unsres Gottes.
Frau Minne, nur die Schönste aller Schönen
Vermochte, deine Schönheit abzubilden,
In Statuen und in Gemälden sahen
Die Alten deine wundervolle Schönheit.
Frau Minne, aber für die Christen bist du
Maria, Schönste aller schönen Frauen,
Die ganz vollkommne und perfekte Schönheit,
Das braune Mädchen in dem weißen Kleid,
Die Frauenschönheit ohne Fleck und Falten,
Die schlanke Palme in der Sonne Gottes,
Die reizende Gazelle von Judäa.
Frau Minne, aber Theologen bist du
Im Inneren der Gottheit Heilig Geist.
Denn Heilig Geist ist Gottes schöne Liebe.
Der Ewigvater liebt den Gottessohn,
Der Menschensohn liebt ewiglich Gottvater,
Und zwischen unserm Vater und dem Sohn
Das Band der Einigung ist Heilig Geist.
Und Heilig Geist ist unsres Vaters Liebe
Und Heilig Geist ist Jesu Christi Liebe.
Und sind wir in dem Leibe Christi Christen,
So liebt uns Gott mit Heilig Geistes Liebe.
Frau Minne, deine Schönheit schaute ich,
Frau Minne, du bist unbeschreiblich schön,
Frau Minne, braunes Mädchen, Gottes Abglanz,
Frau Minne, atemlos staun ich dich an,
Frau Minne, ewig will ich dich betrachten,
Frau Minne, schöner als die schönen Frauen,
Frau Minne, Wahrheit in Verschleierung,
Frau Minne, Ideal in meinem Geiste,
Frau Minne, liebenswürdigste Idee,
Frau Minne, segne alle Menschensöhne,
Frau Minne, spende uns Glückseligkeit,
Frau Minne, immerdar laß dich genießen,
Frau Minne, Königin des Paradieses,
Frau Minne, Vielgeliebte unsres Gottes,
Frau Minne, Angebetete des Frommen!
DAS MÄDCHEN LIEBE UND DAS GÖTTLICHE KIND
Sankt Hildegard von Bingen sah Visionen,
In weiblicher Gestalt die Liebe Gottes.
Wenn Gott die Liebe ist, so ist die Liebe
Ja Gottheit, und wie Gott ein Vater ist,
So ist die Liebe mehr noch eine Mutter.
In weiblicher Gestalt die Liebe steht
Am Himmel hoch auf einem Wolkenthron.
Das Mädchen Liebe, siebzehn Jahre jung,
Sie trägt ein rotes Kleid, ein rosenrotes,
Und einen langen meeresblauen Rock
Und ihre bloßen Füße stehn auf Wolken.
Ihr Haupt verschleiert ist von langen Haaren,
Von langen seidenglatten braunen Haaren.
Die Augen haben Mandelform und schauen
Mit Funkelblicken voller Zärtlichkeit.
Der Mund ist kusslich und ist rosenrot,
Das Antlitz schmal, ein längliches Oval,
Der Hals ein weißer Turm von Elfenbein.
Des roten Kleides Ärmel hochgeschoben,
Sind sichtbar dieses Mädchens Lilienarme.
Sie hält in ihren Händen ihren Sohn,
Den Logos, welcher Sohn der Liebe ist,
Der nicht geschaffen ist, in Ewigkeit
Geboren, Gottheit von der Gottheit, Licht
Vom Licht, geboren von dem Mädchen Liebe.
Der Logos ist ein kleiner nackter Knabe,
Vier Jahre alt und doch von Ewigkeit,
Mit blondem Haar wie goldnes Vlies des Lammes,
Die großen Augen himmelblau und leuchtend,
Man schaut die Ewigkeit in seinen Augen.
Der Mund ist rosig und bereit zum Küssen,
Er grüßt die Menschen mit dem Kuß der Liebe.
O Mädchen Liebe, allerhöchste Gottheit,
O Mädchen Liebe, allerreinste Schönheit,
O Mädchen Liebe, allerschönste Liebe,
O Mädchen Liebe, führ uns in den Himmel,
O Mädchen Liebe, laß dich stets beschauen,
O Mädchen Liebe, laß dich stets begehren,
O Mädchen Liebe, laß dich stets genießen,
O Mädchen Liebe, wähle mich zur Ehe,
O Mädchen Liebe, schenk mir deine Gnade,
O Mädchen Liebe, laß dich ganz erkennen,
O Mädchen Liebe, schenk mir deine Perle,
O Mädchen Liebe, laß uns ganz vereint sein!
IKONE DER FRAU LIEBE NACH HILDEGARD
Frau Liebe sitzt auf ihrem Himmelsthron,
Sie trägt ein langes bläulichweißes Kleid,
Die bloßen Füße sind von roter Farbe,
Das Antlitz ist von roter Farbe auch,
Die Haut der Herrin Liebe ist aus Glut,
Ihr Haar ist braun und seidenglatt und lang,
Die Augen groß, das Weiße ihrer Augen,
In ihrer linken Hand hält sie die Tafeln,
Die beiden, des mosaischen Gesetzes,
Es ist das Buch der ganzen Byblia,
Die rechte Hand hat sie zum Gruß erhoben,
Zum Segen und auch zur Belehrung.
Ihr Oberleib ist in dem Himmel Gottes,
Ihr Unterleib ist auf der Erde Gottes.
Sie ist die Herrscherin der Heiligen,
Sie ist die Herrscherin der Engelschöre,
Sie ist die Herrscherin des Paradieses,
Sie ist die Herrscherin des Fegefeuers,
Sie ist die Herrscherin der grünen Erde,
Sie ist die Herrscherin des blauen Meeres,
Sie ist die Herrscherin des Universums.
Frau Liebe spricht: Ich bin die Feuersglut
Der Liebe, bin der Lichtglanz in der Sonne,
Ich bin der milde Schein des sanften Mondes,
Ich bin die Quelle aller der Gewässer,
Ich bin die Grünkraft eurer Mutter Erde,
Ich breche auf das Korn und laß es wachsen,
Ich bin die Feuersglut in Rebentrauben,
Ich lehre Himmelsvögel ihre Zeit,
Ameisenvölker lehre ich den Fleiß,
Dem Bienenvolk die Kunst des Wabenbaus,
Die roten Rosen lehre ich das Blühen,
Die Falter lehre ich den Hochzeitstanz.
Frau Liebe spricht: Ich habe meine Menschen
Geschaffen. Durch die Mutter und den Vater
Hab ich dem Menschen seinen Leib gegeben
Und seinem Körper auch die Körperseele,
Ich wob den Menschenleib im Mutterschoß,
Ich hauchte ihm den Lebensatem ein
Und drückte in den Menschgeist mein Siegel
Mit einem Kuß, ich küsste meine Liebe
In diesen Menschengeist und in dem Kuß
Ein einzigartig schönes Gottesbild.
KARITAS IM EHEBETTE GOTTES
Ich sah, und sieh, ich sah die Karitas,
Die Karitas im Ehebette Gottes!
Der himmlische Palast erschloß sich mir
Und sieben Räume waren im Palast,
Drei Räume waren für die Reinigung,
Drei Räume waren für das Meditieren,
Drei Räume waren für die Einigung.
Vereinigung mit Gott ist nicht das Höchste,
Das Einssein mit der Gottheit ist das Höchste.
Im siebten Raume war das Bett der Gottheit.
Es war ein eheliches Doppelbett,
Im ehelichen Doppelbett lag Gott
Und in den Armen Gottes Karitas.
Und Gott und Karitas besangen sich
Wie Braut und Bräutigam im Hohenlied.
Und Gott sang seiner Gattin Karitas:
Wie schön sind deine Brüste, prall wie Trauben,
Wie Zwillingskitze der Gazelle hüpfend,
Dein Schoß ist fruchtbar wie ein Weizenfeld,
Dein Nabel ist ein Kelch voll starkem Wein!
Und Gott vereinigte sich Karitas
Und Karitas weit spreizte ihre Beine
Und Gott betatschte Karitas die Brüste
Und sie tat seinem Pfeil den Köcher auf
Und Gott drang ein wie eine goldne Wolke
Ins Zelt der vielgeliebten Karitas.
Und auf den Hügeln ihrer schönen Brüste
Gott triumphierte als der Triumphator
Und Gott und seine Gattin Karitas
In einer übergöttlichen Ekstase
Verschmolzen, dass man sagte: Gott ist Liebe!
Und aus der ehelichen Einigung
Des Gottes und der Herrin Karitas
Geboren ward der kleine Gottessohn.
Der kleine Gottessohn im Ehebette
Lag zwischen Gott und seiner Karitas
Und nannte Gott den Vater in dem Himmel
Und Mater Karitas die Große Mutter.
O Karitas im Ehebette Gottes,
Laß mich im Paradiese in dein Bett!
O Karitas im Ehebette Gottes,
Laß mich im Paradiese nach dir schmachten!
O Karitas im Ehebette Gottes,
Befriedige mein Schmachten in dem Himmel!
O Karitas im Ehebette Gottes,
Du meine pralle Wonne in dem Himmel!
ELFTES BUCH
DEUTSCHLAND
KARL DER GROSSE
Papst Leo ward verfolgt vom hohen Klerus,
Sie drohten ihm, die Zunge abzuschneiden,
Sie drohten ihm, die Augen auszureißen.
Papst Leo rief den Franken Karl um Hilfe,
Sie trafen sich in Paderborn, Westfalen,
Karl ward die Kaiserkrone angeboten.
In Ostrom herrschte Kaiserin Irene,
Da kamen Griechen zu dem Karl der Franken
Und baten ihn, die Krone anzunehmen.
Am Weihnachtstag des Jahrs Achthundert krönte
Papst Leo Karl zum Kaiser aller Römer,
Es kniete gar der Papst vorm neuen Kaiser.
Karl, Kaiser und Augustus aller Römer,
Der Allermildeste, der Friedensbringer,
Von Gott gesalbter Kaiser und Augustus,
Heil Karl, von Gottes Gnaden, Heil und Leben!
OTTO I
Prinz Otto nahm zur Frau sich die Prinzessin
Editha, eine fromme Angelsächsin,
Nachfahrin sie des Marterzeugen Oswald.
Das Brautgeschenk war Magdeburg, das Otto
Ausbaute zu der Slawen Missionierung,
Man nannte Magdeburg das Rom des Ostens.
Nachdem man Otto hat gekrönt zum König,
Er musste streiten sich mit seinen Brüdern
Und mit dem Adel um die Macht des Königs.
Die Stütze seines Reiches war die Kirche,
Reichskirche sie des heilgen Reichs von Roma,
Der Klerus unterstütze seinen König.
Editha starb nach siebzehn Jahren Ehe,
Starb jung. Das Volk sprach seine Herrin heilig,
Legenden auch berichteten von Wundern.
Editha kultivierte ihren Gatten,
Den groben Otto läuterte Editha
Zu Milde und zu Frömmigkeit und Liebe.
Roswitha nannte sie die Allerschönste,
Die sie in der Vollkommenheit des Wesens
Gewesen war die Herrlichste der Frauen.
Als Beistand für den Papst zog König Otto
Hinunter nach Italia, dort wurde
Er von dem Papst gekrönt, gesalbt zum Kaiser.
Gesalbter Kaiser heilgen Reichs von Roma
In deutschen Landen durfte Kaiser Otto
Sich fortan Stellvertreter Christi nennen.
Mitkaiser ließ er seinen Sprössling werden,
Den zweiten Otto, welchen er vermählte
Mit der Theophanu, Byzanz’ Prinzessin.
Dann wandte Otto sich zur Missionierung
Des Ostens. Kurz vor seinem Tode wurde
Der Kaiser Haupt genannt der ganzen Erde.
Er liegt begraben neben seiner Fraue.
OTTO II
Er war nur dreißig Jahre auf der Erde,
Mitkaiser erst mit Otto, seinem Vater,
War nach dem Tod des Vaters Otto Kaiser.
Die byzantinische Prinzessin namens
Theophanu, die Nichte war des Kaisers
Johannes von Byzanz, nahm er zur Gattin.
Sie schenkte Adelheid ihm und Mathilde
Und schenkte ihm Sophia und als Knaben
Theophanu gebar den dritten Otto.
Nach seines Vaters Tode hatte Otto
Im Innern Deutschlands immer Schwierigkeiten,
Vor allem aber mit dem Zänker Heinrich.
Der Papst Sylvester aber stärkte Otto,
Und die Italienpolitik des Kaisers
Ward immer abgesprochen mit dem Papste.
Die römischen Verhältnisse hat Otto
Der Zweite klug geregelt und den Süden
Italiens erobert mit dem Heere.
Denn schließlich musste ganz Italien haben
Der Kaiser, denn er war der Römer Kaiser,
Er war der Romanorum Imperator.
Der Zänker Heinrich wollte wieder streiten,
Den Babelsbergern gab der Kaiser Bayern,
Und Lothringen gab ihm der König Frankreichs.
Doch in Kalabrien die Niederlage
Im Kriege mit dem Heer der Sarazenen
Hat ihn beleidigt und er hat im Süden
Malaria bekommen. In Verona
Dreijährig ward gekrönt der dritte Otto
Zum König, der Ottonen Reich zu sichern.
Und Otto ward begraben in Sankt Peter.
OTTO III
Geboren als der Sohn des zweiten Otto
Und der Theophanu, der kaiserlichen
Mitherrscherin, ward Otto mit drei Jahren
Von Deutschlands Fürsten und Italiens Fürsten
Gewählt zum König in Verona, also
Auf dass bestehen bleiben die Ottonen.
Nach seines Vaters Tod ward er gegeben
Vom Kölner Bischof in die Hände Heinrichs
Des Zänkers, welcher König werden wollte.
Doch musste sich der Zänker unterwerfen,
Er ward gemacht dafür zum Herzog Bayerns.
Theophanu für ihren Sohn regierte.
Nachdem Theophanu gestorben aber,
Großmutter Adelheid im Reich regierte,
Bis Otto war zum Mann herangewachsen.
Und nun regierte Otto selber. Damals
Der Papst ward fortgejagt vom Stadtherrn Romas,
Der Papst rief König Otto an um Beistand.
Der Stadtherr Romas hatte in den Papstthron
Inthronisiert den Gegenpapst rebellisch,
Den Gegenpapst hat abgesetzt der König.
Der wahre Papst war aber schon gestorben,
Da setzte Otto auf den Stuhl des Petrus
Den ersten Deutschen ein, den fünften Gregor.
Der deutsche Papst in Roma krönt den König
Und salbte ihn zum Kaiser aller Römer
In Rom, nun war gesalbter Kaiser Otto.
Der Kaiser Otto christianisierte
Die Völker Osteuropas, band die Völker
An das Imperium und Romas Kirche.
Der Elbe Slawen christianisierte
Der fromme Otto und an Ungarns König,
Den ersten Stephan, sandt er eine Krone.
Mit zweiundzwanzig Jahren starb der Kaiser
Auch an Malaria wie einst sein Vater.
Er war ein früh gereifter Kinderkaiser
Und christianisierte Osteuropa.
HEINRICH IV
Sechs Jahre war er alt, der kleine Heinrich,
Da starb sein Vater. Seine Mutter Agnes
Regierte in dem Reich mit den Ministern.
Die Fürsten aber zürnten den Ministern,
Der Kölner Bischof, einig mit den Fürsten,
Entführte Heinrich und erzog den Knaben.
Mit vierzehn Jahren war er endlich mündig,
Die Sachsen-Bauern aber rebellierten
Und sie zerstörten seines Bruders Grabstatt.
Doch die Rebellen wurden unterworfen
Und Heinrich war auf seiner Stärke Gipfel,
Dies feiert er mit trunkenen Gelagen.
Da kam ein Brief vom Papst, dem siebten Gregor,
Der Papst in Roma ist das Haupt der Christen,
Der König muss dem Papst sich unterwerfen.
Doch Heinrich möchte sich nicht unterwerfen,
Der Papst drauf exkommuniziert den König,
Die Christen müssen nicht dem König dienen.
Da kann der König nicht mehr anders, also
Zieht über die verschneiten Alpen Heinrich
Und bittet um Befreiung von dem Banne.
Der König in dem Büßerhemd bereute
Und schwor dem Papste in Canossa Treue,
Der siebte Gregor hob den Kirchenbann auf.
Die Fürsten aber rebellierten weiter
Und wählten Rudolf sich zum Gegenkönig,
Da kams zum Bürgerkrieg im deutschen Reiche.
Doch in dem Kriege ward dem Gegenkönig
Die rechte Schwurhand abgeschlagen, dieses
Galt als ein Gottesurteil. Heinrich siegte.
Da zieht der König Heinrich nach Italien,
Den Papst, den siebten Gregor zu verjagen,
Der Papst flieht in die Engelsburg vor Heinrich,
Der siebte Gregor ward vom Thron geworfen
Und Heinrich exkommunizierte Gregor,
Der König exkommunizierte Petrus!
Der neue Papst von König Heinrichs Gnaden
Den König Heinrich krönte jetzt zum Kaiser,
Er salbte in Sankt Peter ihn zum Kaiser.
Das war der Höhepunkt der Macht des Kaisers.
Doch streitet er sich weiter mit der Kirche
Und wieder fällt man über ihn den Bannspruch.
Sein Sohn entmachten will den alten Kaiser,
Es kommt zum Kriege zwischen Sohn und Vater,
Und Heinrich nieder legt die Königswürde
Und stirbt in Lüttich in dem Bann der Kirche.
BARAROSSA
Der Sultan Saladin im Krieg erstürmte
Jerusalem und drohte allen Christen
Und schändete die Grabeskirche Christi.
Die Christen in Jerusalem die Christen
Im frommen Abendland zu Hilfe riefen,
Papst Clemens rief die Ritter auf zum Kreuzzug.
Trotz seines hohen Alters zog der Kaiser
Mit Namen Friedrich Barbarossa, Rotbart,
Den Christen in Jerusalem zu helfen.
In Südbulgarien er überwintert
Und setzte nach Kleinasien hinüber
Im Frühling. Warum nahm er denn den Landweg?
Ein Sternenseher hatte ihm verkündet,
Er werde seinen Tod im Wasser finden,
Und so den Landweg nahm der alte Kaiser.
Ein Sarazenen-Sultan griff das Kreuzheer
In Konya an, Ikonion geheißen,
Die Ritter von dem Kreuze flohen feige,
Da rief der Kaiser: Was soll das Gejammer?
Mit eurem Blut erkauft das Reich der Himmel!
Herr Jesus Christ befiehlt und ist der Sieger!
So schlug der Kaiser jene Sarazenen
Und seine Ritter zogen mutig weiter,
Trotz Krankheit, Bischofstod und Wassermangel.
Und so nach Anatolien im Süden
Das Kreuzheer kam und ruht am Flusse Saleph,
In welchem Alexander einst geschwommen.
Der Kaiser Barbarossa konnte schwimmen
Und wollte imitieren Alexander,
Erlitt den Hitzeschlag und ist gestorben,
Gestorben, wie vorausgesagt, im Wasser,
Sein Fleisch beerdigt ward in Antiochia,
Die Knochen in dem Libanon in Tyrus.
Er ist nicht tot! Er schläft nur im Kyffhäuser
Und wenn das deutsche Reich in großer Not ist,
Dann reitet wieder Kaiser Barbarossa
Und trägt die Fahne mit dem Kreuze Christi.
KARL IV
Karl war der deutsche König, Böhmens König,
Der deutsche Kaiser in dem Reiche Romas,
Der Herrscher er der Deutschen und der Tschechen.
Halb war Franzose er und halb ein Deutscher,
Auch Blut der Slawen war in seinem Blute,
Als Kind ist er in Frankreich aufgewachsen.
Fünf Sprachen sprach der Kaiser, doch vor allem
Das Tschechisch liebte er am allermeisten,
Denn Tschechisch, das war seine Muttersprache.
In seiner Jugend hatte er Visionen
Von Engeln, die ihn griffen bei dem Schopfe,
Die Engel hoben jäh ihn in die Höhe.
In seinen Träumen träumte er von Worten
Des Evangeliums und in den Träumen
Er legte aus die Worte Jesu Christi.
In Karlstein, seiner Königsburg in Praha,
Sankt Wenzel malte er in der Kapelle,
Er malte das Mysterium der Hochzeit.
Im Westen Sankt Odilie er verehrte
Und hatte auch Reliquien von der Jungfrau,
Es sammelte Reliquien der Kaiser.
Er ehrte sehr Kyrill und Method, diese
Apostel Mährens und der Slawenvölker,
Und ihre Liturgie in Slawenzunge.
Den Papst, den sechsten Clemens, welcher lebte
In Avignon, in dem Exil von Babel,
Bat Kaiser Karl demütig um Erlaubnis,
Dass Slawen Liturgieen feiern dürfen
In Slawensprache, so der Kaiser wollte
Die Orthodoxen eins den Katholiken.
Im hohen Mittelalter glaubten viele,
Dass von Hieronymus die Slawenbibel
War übersetzt, Hieronymus galt vielen
Als tiefgelehrter Bibelübersetzer,
Der frühe Humanismus so in Praha
Hieronymus verehrte, den Gelehrten.
Osmanen rückten aber an die Donau
Und Karl versuchte, mit der Griechen Kaiser
Im Kreuzzug die Osmanen zu vertreiben,
Der Kreuzzug wär gewesen ökumenisch,
Der Griechen Kaiser aber war verstorben,
So ist der Plan des Kaisers nicht gelungen.
Karls Goldne Bulle gab des Reiches Fürsten,
Den geistlichen und weltlichen Gebietern,
Das Recht, den Kaiser in dem Reich zu wählen.
Karl machte Prag zur größten Stadt Europas,
Prag war noch größer selbst als Köln am Rheine,
Er baute große Märkte, breite Straßen.
Die Universität von Prag, die erste,
Die nördlich ward gegründet von den Alpen,
War Universität der Theologen.
Nominalisten-Theologen stritten
Mit Realisten-Theologen über
Die himmlischen Ideen oder Formen.
Karl nahm Kontakt auf mit der Briten König,
Und so kam Wycliffs Schwärmerei nach Böhmen,
Der Kaiser die Waldenser scharf bekämpfte.
Die Kathedrale von Sankt Veit vollendet
Ward unter Kaiser Karl, ein Misch aus Gotik,
Romanik und antiken Elementen.
So manche deutsche Mundart ward geschliffen
Zum böhmischen Kanzleideutsch, dieses Hochdeutsch
Gesprochen wurde in dem ganzen Reiche.
Karl machte stark sein Deutschland für die Neuzeit.
MAXIMILIAN I
Markantes Angesicht und Hakennase,
Nicht schön war Maximilian, der Kaiser,
Doch hatte die berühmten Habsburg-Lippen.
In Glanz und Gloria und Ruhm und Ehre
Die Herrschaft Maximilians verklärt ward
Von frühen Humanisten, deutschen Künstlern.
Den Grundstein legte er fürs Haus von Östreich,
Die Habsburg-Dynastie, die aufgestiegen
Zur Weltmacht, wo die Sonne nie versunken.
Er stellte an die allerbesten Künstler
Und frühen Humanisten deutscher Landen,
Der frühen Renaissance in Deutschland Künstler.
Der letzte Ritter wurde er gerufen,
Er nannte selber sich den letzten Ritter,
Der erste Herrscher war er doch der Neuzeit.
Er nutzte den gerad erfundnen Buchdruck
Und Holzschnitt-Kunst zu seines Reichs Verklärung,
Moderne Medien zu seinem Ruhme.
Der große Albrecht Dürer war sein Künstler,
Der Maximilian den Ersten malte,
Den letzten Ritter oder auch Sankt Georg.
Begeistert kämpfte er in den Turnieren
Und kämpfte in den vielen Kriegen mutig
Ganz vorne an der Front als erster Ritter.
Die Chronik der Familie heißt Weißkunig,
Er stammte ab von Noah, Hektor, Cäsar,
Von Karl dem Großen und dem König Artus.
Altdorfer malte herrlich den Triumphzug
Des Kaisers, Bilderfries auf Pergamenten,
Allein dem Teppich von Bayeux vergleichbar.
Die erste Frau, Maria von Burgund, war
Sehr schön gewesen, aber jung gestorben,
Die Niederlande schenkte sie dem Kaiser.
Die zweite Frau, Marie Bianca Sforza,
Sie lebte einsam an dem Hof von Innsbruck
Und starb an großem Lebensüberdrusse!
Es mögen andre Völker Kriege führen,
Du aber, Haus von Österreich, sollst feiern
Das heilige Mysterium der Ehe!
Des Glückes Göttin malte Albrecht Dürer,
Doch manchmal schien sie eine Rachegöttin,
Ein Doppelantlitz hat die große Göttin.
Doch Maximilian gebot den Erben,
Dem Kaiser abzuschneiden seine Haare,
Dem Toten seine Zähne auszuschlagen.
Zuletzt bleibt nur Memento Mori über,
Der Romanorum Imperator, sterblich,
Lässt nur ein Bild zurück: Die nackte Seele
Arm vor der ernsten Majestät des Todes!
DREISSIGJÄHRIGER KRIEG
Im Mai des Jahres Sechzehnhundertachtzehn
Die adeligen Protestanten Böhmens
Des Königs Diener stürzten aus dem Fenster.
Es war ja eigentlich ein stiller Friede
Im heiligen Gebiet des Reiches Roma,
Seit Augsburg schloss den Religionen-Frieden.
Doch Spanien wollte seine Niederlande
Zurückerobern und der König Frankreichs
Mit Spanien stritt um Herrschaft in Europa.
Und Dänemark, es herrschte in der Ostsee,
Doch Schweden kam herauf und wollte herrschen
Und Dänemark vertreiben aus der Ostsee.
Im Jahre Fünfzehnhundertsiebzehn hatten
Die Protestanten sich erhoben gegen
Die Kirche Gottes, die sie Hure nannten.
Zwei Konfessionen waren nun im Reiche,
Die Katholiken und die Protestanten,
Doch hielten noch die Fürsten fest am Frieden.
Die neuen Fürsten aber waren strenger
In ihren Konfessionen, ihrem Streite,
Die Protestanten waren voller Streitlust.
Von hundert Böhmen waren neunzig Böhmen
Schon Protestanten, dennoch war katholisch
Der König Böhmens aus dem Hause Habsburg.
Kurfürsten sieben wählten ja den Kaiser,
Kurfürsten drei schon waren Protestanten,
Kurfürsten drei noch waren Katholiken,
Nun Böhmen war das Zünglein an der Waage.
Wenn nicht der zweite Ferdinand, der Kaiser,
Die Rebellion in Böhmen niederschlagen
Und Böhmen weiter glauben ließ katholisch,
So wäre bald ein Protestant der Kaiser.
Der Kaiser aber war getreu der Kirche.
Der zweite Ferdinand und Spaniens König
Und Herzog Maximilian von Bayern,
Sie kämpften in der Schlacht vom Weißen Berge
Und siegten schließlich über die Rebellen
Und so blieb Böhmen weiterhin katholisch.
Die Protestanten aber voller Streitlust,
Sie an den König Dänemarks sich wandten,
Den vierten Christian, der mit Finanzmacht
Den Krieg der Protestanten unterstützte,
Sich aber dann zurückzog. Aber Schwedens
Gebieter Gustav Adolf mit dem Heere
Dem Protestanten-Heer zu Hilfe eilte.
Zwar Frankreich war ja eigentlich katholisch,
Jedoch aus Politik des Staates Frankreich
Auch kämpfte mit dem Heer der Protestanten.
Der zweite Ferdinand, der Habsburg-Kaiser,
Rief Wallenstein zum Führer in dem Heere,
Des Heerschar ward versorgt vom schlichten Volke.
Genauso machten es die Protestanten,
Die Bauern mussten den Soldat bezahlen,
Ein Drittel starb der Deutschen in dem Kriege.
Im Jahre Sechszehnhundertdreiundvierzig
Verhandelt ward in Osnabrück und Münster:
Des Herrschers Glaube sei des Volkes Glaube.
Durch diesen Frieden von Westfalen wurden
Die Niederlande endlich unabhängig
Und auch die kleine Schweiz ward unabhängig.
Zwar Habsburg stellte weiterhin den Kaiser,
Geschwächt war aber schon die Macht des Kaisers
Und Spaniens Herrschaft war am Untergehen.
Gewinner dieses Krieges waren Schweden
Und Frankreich. Dieser Friede war die Basis
Für Frankreichs Aufstieg in den spätern Zeiten.
Die Konfessionen aber teilten Deutschland.
FRIEDRICH WILHELM I
Im Jahre Sechzehnhundertachtundachtzig
Geboren im Berliner Schloß, sein Vater
Der erste König war des Staates Preußen,
Die Mutter war Sophie Charlotte, aber
Großmütterchen Sophia von Hannover
Erzog den jungen Prinzen militärisch.
Am Tag der Königskrönung seines Vaters
Ward Kronprinz von Oranien Friedrich Wilhelm,
Er heiratet Sophia Dorothea.
Und Dorothea schenkt ihm dreizehn Kinder.
Der Tod des Vaters, Siebzehnhundertdreizehn,
War Tag der Königskrönung Friedrich Wilhelms.
Er gründete die Charité zum Heile
Der Kranken in Berlin, das Haus der Kranken,
Getragen von Erbarmen, Nächstenliebe.
Die Protestanten, die aus Salzburg flohen,
Die nahm der König auf als Glaubensbrüder
Und gab dem Flüchtling eine neue Heimat.
Er reformierte die Justiz, dass Preußen
Zum Rechtsstaat wurde unter seinem König,
Die Sparsamkeit bestimmte die Finanzen,
Nur soviel Geld darf ausgegeben werden,
Wie auch der König eingenommen hatte,
Der König wollte keine Schulden machen.
Im Geist der Disziplin und herben Strenge
Verbarg sich nur das königliche Streben
Nach der Gerechtigkeit und nach der Freiheit.
Er lebte protestantisch seine Tugend:
Verschwendung hasste er, pompöses Prahlen,
Ausschweifungen und Streben nach dem Luxus.
Sein Liebling aber war das Heer von Preußen,
Und darum heißt er auch Soldatenkönig.
Sein Sohn ward auch soldatisch-streng erzogen.
Der Kronprinz Friedrich Siebzehnhundertdreißig
Mit seinem Freund Hans Hermann Katte wollte
Nach London fliehen, nur die Musen lieben!
Er wollte der soldatischen Erziehung
Entfliehen und der Strenge seines Vaters
Und lieber wie die Musen Flöten blasen.
Diszipliniert der Sohn ward von dem Vater,
Des Prinzen Freund ward aber hingerichtet,
Es musste Friedrich zuschaun seinem Tode.
Der König Friedrich Wilhelm hat gefordert
Gehorsam und Erfüllung aller Pflichten,
Er selbst war pflichtgetreu und auch gehorsam.
Er war ein frommer Protestant und diente
Dem Herrgott Zebaoth mit Wehr und Waffen,
Ein protestantischer Soldat des Vaters
Und ohne Eitelkeit der Eitelkeiten.
FRIEDRICH DER GROSSE
Geboren Siebzehnhundertzwölf war Friedrich
Der Sohn des strengen Vaters Friedrich Wilhelm,
Des unbarmherzigen Soldatenkönigs.
Doch Friedrich war verschlossen und sensibel,
Schöngeistige und musische Talente
Besaß er, unverstanden von dem Vater.
Im Jahre Siebzehnhundertdreißig floh er
Mit seinem Freund nach London, um den Musen
Zu dienen, doch der Fluchtplan ward vereitelt.
Sein Freund vor seinen Augen ward erschossen.
Schloss Rheinsberg ward dem Prinzen übereignet,
Auch anvertraut ward ihm die Ehegattin.
Mit seiner Gattin und mit guten Freunden
Und Künstlern Friedrich führte auf Schloß Rheinsberg
In aller Schönheit einen Hof der Musen.
Im Jahre Siebzehnhundertvierzig Friedrich
Trat die Regierung an und wollte Schlesien
Von Österreich und führte darum Kriege.
Der Krieg, der sieben Jahre währte, gab ihm
Den Ruhm als großen Feldherrn, darum nannte
Man Preußens König Friedrich auch den Großen.
Er war der Erste Diener seines Staates,
Als Diener hat sich Friedrich selbst verstanden,
Regent war Friedrich ganze fünfzig Jahre.
Der aufgeklärte absolute König
Den Rokoko begünstigte der Künste
Der friderizianischen Epoche.
Im Weinbergschlosse Sanssouci bei Potsdam
Versammelte er eine Tafelrunde
Von Geistesgrößen, von Voltaire und andern.
Zum Ende seines Lebens ganz vereinsamt,
Ist König Friedrich Zyniker geworden,
Man nannte ihn den Alten Fritz im Volke.
Gestorben ist er in dem Weinbergschlösschen.
BEFREIUNGSKRIEGE
Seit Siebzehnhundertzweiundneunzig kämpfte
Europa gegen Frankreich, denn in Frankreich
War Revolution, Napoleon Kaiser.
Europa stets war unterlegen Frankreich,
Napoleon war ein Genie des Krieges,
Napoleon schien einfach unbesiegbar.
Im Jahre Achtzehnhundertneun erklärte
Das fromme Österreich Krieg den Franzosen,
Doch aber Österreich ist unterlegen.
Im gleichen Jahre war des Volkes Aufstand
Im Land Tirol, doch blutig unterdrückte
Napoleon den Freiheitskampf des Volkes.
Im Jahre Achtzehnhundertzwölf nach Russland
Zog der Franzosen Heer, doch Russland siegte,
Es half dem Volk der Russen Gottes Mutter!
Zwar Preußen hatte nach der Schlacht von Jena
Sich unterworfen den Franzosen, Deutschland
Modernisiert in Staat und in Gesellschaft,
Jedoch erwachte das Bewusstsein Deutschlands,
Ein freies Volk zu sein, und Russland zeigte,
Napoleon war doch nicht unbesiegbar.
Im Jahre Achtzehnhundertdreizehn Preußen
Ein Bündnis schloss mit Russland und erklärte
Den Krieg Napoleon und den Franzosen.
Es sprach der Preußen König Friedrich Wilhelm
Der Dritte, rief das deutsche Volk zum Krieg auf,
Auch sprachen Philosophen, sprachen Dichter.
Und nun schloss Preußen ein geheimes Bündnis
Mit Österreich und Russland und Britannien,
Das Bündnis siegte in der Schlacht von Leipzig,
Napoleon entfloh und seine Herrschaft
Im lieben deutschen Reiche brach zusammen,
Der Preußen Feldherr Blücher nun marschierte
Ins liebliche Paris, abdanken musste
Napoleon, verbannt ward er nach Elba.
In Wien traf sich Europa zum Kongresse.
Napoleon jedoch, zurückgekommen,
Er stellte die französische Armee auf
Und ward besiegt bei Waterloo von Briten
Und von den niederländischen Soldaten
Und von den deutschen Freiheitskämpfern.
Napoleon, besiegt und überwunden,
Ist auf Sankt Helena gestorben einsam.
REVOLUTION 1848
Im Februar des Jahres Achtzehnhundert
Und achtundvierzig ward gestürzt in Frankreich
Vom Volk der Bürgerkönig Louis Phillip.
Im März des selben Jahres auch in Deutschland
Die revolutionären Liberalen
Erhoben sich und zwangen Preußens König,
Den vierten Friedrich Wilhelm, Preußens König,
Dem deutschen Volk zu geben die Verfassung
Und auch ein Parlament der Volksregierung.
Die ausgearbeitete Staatsverfassung
Galt für den nationalen Staat der Einheit
Und war ein Vorbild späterer Verfassung.
Es trieben Sozialisten, Anarchisten
Ihr Treiben außerhalb des Parlamentes,
Im Parlament die Demokraten aber
Zerstritten sich sehr bald und schließlich wurde
Die Revolution der Demokraten
Zerschlagen von dem Königsheere Preußens
Und Österreichs, beherrscht vom Hause Habsburg.
WILHELM I
Der Sohn der großen Königin Luise,
Der Bruder war des kranken Friedrich Wilhelm
Des Vierten, übernahm von ihm die Krone.
Der erste Wilhelm hatte zur Gemahlin
Augusta, Königin von Sachsen-Weimar.
Der kinderlose kranke Friedrich Wilhelm
Ließ Wilhelm erst als Prinzregenten herrschen,
Im Jahre Achtzehnhunderteinundsechzig
Ist Wilhelm dann geworden Preußens König.
Doch die Erinnerung an jenen deutschen
Volksaufstand aus dem Jahre achtundvierzig
Ließ Wilhelm tief das Parlament verachten
Und allen Parlamentarismus, alle
Volksherrschaft, konstitutionelle Herrschaft,
Wie Englands Könige sie innehatten.
Der König nun ernannte Kanzler Bismarck,
Der unabhängig von des Volkes Meinung
Und von der Mehrheit unter den Parteien
Regierte in dem Auftrag seines Königs.
So gegen Dänemark den Krieg begonnen
Hat Wilhelm gegen seines Volkes Stimmung,
Doch als er über Österreich gesiegt hat,
Schlug um des Volkes Laune oder Stimmung,
Das Volk verehrte Wilhelm, seinen König.
Dann führte Wilhelm Krieg mit Frankreich, siegte
In Sedan Achtzehnhundertsiebzig, wurde
Dann in Versailles gekrönt zum Deutschen Kaiser!
Der Kaiser war das Hauptsymbol des Reiches,
Symbol der Einigung des deutschen Reiches.
Der Deutsche Kaiser, der bescheiden lebte,
In seiner schlichten Würde und der Demut
Bescheidner Lebensführung hat gewonnen
Die Herzen aller Deutschen in dem Reiche.
Als Wilhelm starb, der Deutsche Kaiser, weinte
Nicht Preußen nur, das ganze Deutschland weinte,
Und in Charlottenburg im Mausoleum
Er ward bestattet neben seiner Mutter.
WILHELM II
Der Enkel er vom ersten Kaiser Wilhelm,
Der Königin Victoria von England
Ein Enkel, aber in der frühen Kindheit
Ward wegen einem körperlichen Makel
Er von der Mutter sehr geplagt, erzogen
Sehr streng, zu streng vom Pädagogen, welcher
Ein Calvinist gewesen, militärisch
Gebildet seit dem Abitur und schließlich
Ward Kaiser er. Er sprach: Von Gottes Gnaden!
Er war der Kaiser seines deutschen Volkes,
Verbot die Arbeit an dem Sonntag Gottes,
Verbot die Nachtarbeit von Frauen, Kindern,
Verbot die Arbeit Schwangerer und Arbeit
Von kleinen Kindern unter vierzehn Jahren,
Schlug einen Streik nicht militärisch nieder,
Er grenzte ein die Macht der Sozialisten,
Verbesserte im Reiche die Gesundheit,
Vermehrte Wohlstand in dem deutschen Reiche,
Verlängerte die Lebenszeit der Deutschen.
Gestürzt ward Kaiser Wilhelm nach dem Kriege
Vom Aufstand kommunistischer Matrosen.
Er dankte ab, ging ins Exil nach Holland,
Im Jahre Neunzehnhunderteinundvierzig
Starb Kaiser Wilhelm im Exil in Holland.
„O lob mich nicht, ich brauche keinen Lobspruch,
O rühm mich nicht, ich brauch nicht Ruhm und Ehre,
Und richte mich auch nicht, o Volk der Deutschen,
Denn Jesus Christus ist allein mein Richter!“
ZWÖLFTES BUCH
SANKT MARGARETHE VON CORTONA
Es war in der Toskana, da geboren
Ward Margarethe von Cortona, weiland
Die Tage warens Konradins und Manfreds,
Der Guelfen und der Ghibellinen, welche
Besungen in Terzinen hatte Dante,
Und darum sing ich dieses in Terzinen.
Es war die Zeit der heißen Leidenschaften
Und wilder Sünder, schöner Sünderinnen
Und großer Heiliger und großer Dichter.
Die Menschen lebten in Extremen zwischen
Der hohen Heiligkeit und heißen Sünde
Und Dichter waren fromm und Frauen reizend.
Als Margarethe von Cortona lebte,
Da ward gekrönt und war zurückgetreten
Der Papst mit Namen Cölestin der Fünfte,
Sein Leben und sein Sterben sind lebendig
Ein Kommentar zu jenen wilden Geistern,
Die tobten in dem menschlichen Geschlechte.
Es war die Zeit des Engelgleichen Thomas
An der Sorbonne in Paris, von Dante,
Dem Dichtergott, dem Sänger Beatrices,
Es war die Zeit von Cimabue und Giotto,
Die Zeit der großen Universitäten
Und Kathedralen, die gen Himmel strebten.
In der Toskana kamen jetzt und gingen
Des Kaisers Heere und des Papstes Heere,
Das Land war ruhelos, das Volk voll Ängsten.
Als Margarethe von Cortona Kind war,
Da gab es in der Heimat-Diözese
Chiusi die Reliquie des Ringes
Der Lieben Frau Maria, jenes Ringes,
Den Unsre Liebe Frau getragen hatte,
Seit sie mit Josef lebte in der Ehe.
Ein Augustiner-Mönch bekam den Goldring
Und trug ihn nach Perugia, dies führte
Zum Kriege zwischen beiden Diözesen.
Chiusi kämpfte um den Ring Mariens
Und auch Perugia begann zu kämpfen,
Perugia gewann den Krieg des Ringes.
Das war der Geist der Zeit, der Geist der Menschen,
Als Margarethe von Cortona aufwuchs,
Sie hörte damals von dem Ring Mariens.
Es war die Zeit der großen Reformierung
Der Kirche durch der Bettelorden Demut,
Dominikus kam mit dem Rosenkranze,
Franziskus kam mit seiner Herrin Armut.
Franziskus hatte auf dem Berg Alverno
Die Stigmata empfangen, Jesu Wunden,
Der Berg Alverno war ganz in der Nähe
Des Orts, wo Margarethe ward geboren,
Sie hörte von den Stigmata Franziskus’,
Sankt Klara starb nicht weit entfernt, die hatte
Aus Sankt Franziskus’ Busen Milch gesogen,
Vier Jahre alt war eben Margarethe.
Es gab auch andere Extreme damals,
Enthusiasten, welche Ketzer waren,
Es wurde die Begeisterung häretisch,
Als Margarethe von Cortona zehn war,
Entstand in ihrem eigenen Bezirke
Die Häresie der wüsten Flagellanten,
Die zogen hin in Prozessionen, nackend
Der Männer Oberkörper und der Frauen,
Die geißeln sich bis auf das Blut die Brüste!
Das war für Margarethe von Cortona
Und ihre jugendlichen Weggenossen
Ein Anblick, den sie oft gesehen haben.
Sankt Margarethe wurde in Laviano
Geboren, in der Diözese Chiusi,
Die Eltern Proletarier des Ortes.
Ihr Kind war schön, sie war ein Wonneproppen,
Sie hatte keine anderen Geschwister,
Die Eltern so verwöhnten ihre Tochter,
Und so ward sie verzärtelt und verdorben.
So Margarethe wurde eigensinnig,
Sie war voll Ungeduld und unzufrieden.
So sind ja immer die verwöhnten Kinder,
Besonders auch die Einzelkinder oftmals,
Begehren maßlos, sind voll Langeweile.
Sehr bald zu klein ward ihr das Haus der Eltern,
Sie brauchte Weggenossen, Kameraden,
Sie fand mehr Lebensspannung auf den Straßen,
Im Lauf der Zeit ward auch das Heimatstädtchen
Zu eng für sie, da gab es jenseits Welten
Von großen Städten, die versprachen Leben
Und Abenteuer und die süße Liebe,
Und Margarethe sehnte sich nach Liebe
Und Abenteuern und des Lebens Fülle.
Sie merkte auch, sie konnte alles haben,
Was sie begehrte, große Lust des Lebens
Und Liebe, wenn sie nur von Herzen wollte.
Die Männer haben gerne sie gesehen,
Nicht nur die Männerschar aus ihrer Heimat
Und die aus ihrer näheren Umgebung.
Denn Margarethe von Cortona konnte
Sie alle unter ihren Willen beugen,
Die allen aufzwang ihren eignen Willen.
Und große Männer, reiche Männer kamen
Von außerhalb und fuhren durch das Städtchen,
Sie wollten schauen ihren schönen Körper,
Den schönen Körper und das schöne Antlitz.
Sie würden wieder kommen, sie zu schauen,
Zu schaun den schönen Körper und das Antlitz,
Sie waren froh, dass sie sie kennen durften,
Und suchten, ihre Gnade zu gewinnen
Durch viele Schmeicheleien und Geschenke.
Und Margarethe lernte von den Männern,
Dass sie nur lächelnd zu befehlen brauchte
Und alle Männer taten ihren Willen.
Und während Margarethe noch sehr jung war,
Sie zählte eben volle sieben Jahre,
Da war gestorben ihre arme Mutter,
Die Mutter war die einzige gewesen,
Die konnte noch in Schach die Tochter halten,
Die Mutter lehrte beten Margarethe:
O Jesus, Herr, ich bitte dich von Herzen
Für alle die, für die ich heute bete,
Gewähre ihren Seelen Heil und Gnade!
Doch nicht allein die Mutter war gestorben,
Auch nahm der Vater sich ein neues Weibchen,
Von Stimmungsschwankungen bestimmt der Vater,
War einmal schwach, nachsichtig, scheu und schüchtern,
Dann wieder überschüssig zornig wütend,
Doch war im Vater vieles liebenswürdig.
Doch die Stiefmutter konnte Margarethe
Nicht leiden, sie war nur schockiert von wegen
Der Eigenwilligkeit des jungen Mädchens
Und ihrer Unabhängigkeit. Und dieser
Stiefmutter herzlose Behandlung leider
War ganz fatal für dieses wilde Mädchen.
Die Leute in der näheren Umgebung
Von Margarethe waren solche Leute,
Die leben oberflächlich nur und weltlich,
Sie zwangen Margarethe, oberflächlich
Zu lieben äußere Erscheinung, Dinge,
Sie mehrten ihre Schwäche des Charakters.
Sie war ja von Natur aus solch ein Mädchen,
Solch eine Frau, die nach Zuneigung dürstet,
Die dürstet sehr nach Sympathie und Liebe.
Geliebt zu werden, war ihr Sinn des Lebens
Und die Notwendigkeit des Erdenlebens
War ihr der Durst nach Freundschaft und nach Liebe.
Sie musste lieben, dass die Seele frei wird,
Zuhause aber fand sie keine Liebe,
Stiefmütterchen war frostig, Vater zornig.
Und wäre Margarethe schwach gewesen,
So hätte sie, ergeben in ihr Schicksal,
Die Liebesarmut dieser Welt erduldet,
Und hätte nach des Vaters Wahl und Ratschlag
Sich einen Ehemann genommen, hätte
Geboren Söhne, Töchter ihrem Manne,
Und hätte vegetiert dahin auf Erden
In einer kalten Welt der Liebesarmut.
Sie aber war bestimmt zur großen Liebe!
Und immer eigensinniger und sturer
Sie wurde, rücksichtslos und ohne Skrupel,
Und gab es Glück nicht in dem Vaterhause,
So gab es Lust vielleicht doch in der Fremde,
Ja, Lust und Lebensspaß, so viel sie wollte.
Ihr Ruf war in der Stadt der Ruf der Dirne.
Nun war sie siebzehn Jahre alt, die Schöne,
Sie nahm nicht Rücksicht auf die eigne Seele,
Sie lebte lustvoll, komme was da wolle.
Ihr Ruf war ruiniert in Laviano,
Sie galt als stadtbekannte Dirne, also
Sie musste fort von ihrem Vaterhause.
Ein Edelmann aus Montepulciano
Bedurfte einer Magd in seinem Schlosse.
Und Margarethe wählte diese Stellung.
Wenn auch nur Magd sie eines Edelmannes,
Stiefmutter musste sie nun nicht mehr sehen
Und ihren Vater, der sie wenig liebte.
Nun konnte sie, zwar in gewissen Grenzen,
Doch leben so, wie sie es gerne wollte,
Es war ein erster Vorgeschmack der Freiheit.
Ihr Herr war jung und war dazu sehr sportlich,
Doch auch nicht besser als die andern Männer.
Er konnte gar nicht anders, als zu sehen,
Wie reizend war die Magd in seinem Hause,
Da hob er ihren Kopf, sie sollt verachten
Die schlechten Meinungen der dummen Narren.
Sie solle unabhängig sein und stolz sein
Und frei sein von den Meinungen der Menschen,
Der Leute, die sie eine Dirne nannten.
Er war sehr aufmerksam auf ihre Schönheit
Und machte ihr viel schmeichelnde Geschenke
Und überhäufte sie mit Freundlichkeiten.
Und Margarethe wusste, wie man Männer
Beherrscht mit großer Macht der Frauenreize
Und wie man Männer unterwirft der Schönheit.
So hatte sie zuhause schon geboten
Den jungen Männern mit der Macht der Reize
Und mit dem Sex-appeal sie unterworfen!
Sie wusste, dass der Mann sie sehr begehrte,
Dass er verliebt war in die junge Schöne,
Und sie war auch verliebt in ihren Meister.
Der Mann war hier ja ohne Konkurrenten,
War nicht ein andrer da, sie abzulenken,
So war er ihre einzige Begierde.
Es war auch keine fromme Mutter da, zu warnen
Und an das Heil der Seele zu erinnern
Und zu erinnern ans Gebet zu Jesus.
Stiefmutter war auch fern, die kalte Schlange,
Sie konnte Margarethe jetzt nicht länger
Missbrauchen durch den Frost des toten Herzens.
Nun bald war Margarethe in dem Schlosse
Fest engagiert, nicht als die Frau des Meisters,
Das wäre nicht gemäß dem Stand gewesen,
Doch als des Meisters heimliche Geliebte,
Als Konkubine oder Bettgenossin,
Das wurde auch geduldet von dem Adel.
Der Meister hatte ihr schon oft versprochen,
Dass er einmal die Ehe mit ihr schließe,
Doch er erfüllte niemals dies Versprechen.
Doch kam der Tag, da sie ein Kind geboren,
Ein Sohn ward ihr geschenkt, ein Kind geboren,
Geliebter Bastard einer Konkubine.
Geduldig trug sie nun ihr Los, das Kindlein,
Die Frucht der Sünde, wuchs von Tag zu Tage
Und führte ihr vor Augen ihre Unzucht.
Es war ein böses Leben, das sie führte,
Sie lebte in der Sklaverei, nicht Freiheit,
Die sie doch so sehr ihre Freiheit liebte.
Die ruhelosen frühen Jugendtage
In Laviano schienen ihr so schlimm nicht,
Wie sie gedacht, war nun das Unglück größer.
Die Armut und Bescheidenheit der Hütte
Des Vaters, eines einfachen Proleten,
Schien liebevoller als der goldne Käfig
Des Schlosses, darin sie nun war gefangen,
Gefesselt war sie nun mit goldnen Fesseln
Und hatte Luxus, aber keine Liebe!
Nun war sie oft allein und schrecklich einsam
Im Innern ihrer Seele und sie dachte
Voll Wehmut an die tote fromme Mutter,
Dann barg sie das Gesicht in ihren Händen
Und weinte heiße bitterliche Tränen
Und sehnte sich nach dem Gebet der Mutter.
Nun kam auch das Bewusstsein ihrer Sünde,
Dass sie in letzter Zeit getrotzt der Tugend,
Sie sah, wie rücksichtslos sie sich verhalten
Und wurde traurig, und die eigne Sünde
Kam wie ein Spukgespenst vor ihre Augen,
Ein liederliches Spukgespenst der Unzucht.
Sie sah die eigenen Verdorbenheiten
Und hasste alles, was sie sonst begehrte,
Und hasste schließlich auch die eigne Seele
Und wünschte sich: Ach wär ich nie geboren!
Ach hätte Gott die Seele nicht geschaffen,
Ich wäre Nichts und hätte meine Ruhe!
Es war ein Elend, das war unerträglich,
Doch musste sie das Elend ja ertragen,
Sie musste Unerträgliches ertragen!
Sie hatte sich gemacht ihr eignes Bette,
Ein Lotterbett der Sünde und der Unzucht,
Nun musste sie auch in dem Bette liegen!
Sie ging in einsamen Momenten sinnend
Im Wald spazieren, achtend auf den Atem,
Vermischte ihren Atem mit dem Winde.
Da träumte sie von einem andern Leben,
Wie anders es auch hätte kommen können,
Von einem Leben träumte sie der Tugend,
Der guten Werke und der Liebe Gottes.
An ihrem Burgtor würde sie den Armen
Und ihren Kindern gute Gaben geben.
Wenn sie schon selbst nicht glücklich werden könnte,
So wollte sie doch andern hilfreich beistehn,
Wenn nur der Armen Kinder glücklich würden!
So dachte sie auf ihrem Waldspaziergang,
Dann war sie wieder trotzig, kam zum Schlosse
Zurück als eine ungebrochne Fürstin.
Es wusste keiner, nicht ihr Herr, ihr Sohn nicht,
Wie es in Wahrheit aussah in dem Innern,
Sie hat geschwiegen von den Seelenqualen.
Und manchmal kam ein frommer Mensch vorüber
Und mahnte sie, zu denken an die Gnade
Von Gott dem Herrn, zu denken an die Buße!
Schlagfertig aber gab sie dann die Antwort:
Mein frommer Bruder, eines Tages werde
Ich meinen Weg der Heiligung vollenden!
Neun Jahre ging es so, bis Margarethe
War sechsundzwanzig. Plötzlich ein Erwachen,
Es kam von oben zu ihr die Erleuchtung!
Ihr Meister musste fort auf eine Reise,
Doch als die Zeit der Rückkehr war gekommen,
Da kam er nicht zurück zu der Geliebten.
Stattdessen kam zum Schloss die Lieblingshündin,
Die Hündin, die er mitgenommen hatte,
Die Hündin lief sogleich zu Margarethe,
Fing an, vor Margarethe laut zu heulen,
Zu jammern und an ihrem Rock zu zerren,
Als wollte sie sie aus dem Zimmer ziehen.
Erfüllt von Ängsten folgte Margarethe,
Wohin die Hündin sie nur führen wollte,
So Margarethe kam zu einem Walde.
Da fand sie mitten in dem Dorngestrüppe
Den toten Körper ihres Vielgeliebten,
Die Würmer hatten ihn schon angefressen!
Wie er gestorben, das blieb ein Geheimnis.
In dieser Zeit der heißen Leidenschaften
Und der Familienfehden wurden oftmals
Ermordet Menschen. Aber Margarethe
In ihrem Innern spürte, wie der Glaube
Der Kindheit wieder in ihr auferwachte.
Sie dachte an den Tod. Der schöne Körper
Des Vielgeliebten war schon angefressen
Von Würmern und schon angenagt von Maden.
Dahin war nun die Herrlichkeit des Körpers!
Wohin gegangen aber war die Seele?
Des Sünders Seele, war sie in der Hölle?
Die Mörder hatten seinen Leib getötet,
Doch Margarethes Sünde heißer Unzucht
Vielleicht gemordet hatte seine Seele!
Dann dachte Margarethe an ihr eignes
Verscheiden. Alle Schönheit ihres Körpers
Wird enden dann als Häuflein Kot von Maden!
Die Seele Margarethes, die unsterblich,
Wohin wird kommen Margarethes Seele?
Da packte sie die Angst vor der Verdammnis,
Sie stürzte in ein doppelt schweres Elend:
Des Freiers Seele in dem Höllenfeuer
Und sie vorherbestimmt zu der Verdammnis?
Sie kehrte in das Schloss zurück und heulte
Und litt im Innern ihrer Seele Qualen,
Auf Erden schon der Hölle Seelenfolter!
Was sollte sie jetzt tun? Und sie entschied sich,
Zurückzukehren in die Kindheitsheimat.
Ihr Vater war oft zornig zwar gewesen,
Doch immer treu. Er würde sie wohl wieder
Empfangen, wenn auch ihres Vaters Hütte
Blamiert war durch ihr dirnenhaftes Wesen.
Den Vater wollt sie um Verzeihung bitten.
Gekleidet wie sie war mit feinster Seide,
Mit ihrem Kinde, kehrte sie zum Vater.
Sie weinte bitter zu des Vaters Füßen
Und bat, ihr ein Asylum zu gewähren
Im Vaterhaus, in ihrer Kindheit Hütte.
Der Vater sah in ihr noch immer jenes
Verwöhnte Töchterchen, so früh verzärtelt,
Und nahm sie wieder auf in seiner Hütte.
Der Vater wollte nur, dass Margarethe
Im Stillen nun beginnt ein neues Leben
Und ganz normal ein gutes Leben führe.
Doch ihre seelische Natur war anders.
Franziskus predigt öffentlich die Buße
Und Margarethe wollte offen büßen.
Sie ging zur Kirche nun im schlichten Kleide,
Den Strick der Buße umgebunden, offen
Bekannte Margarethe ihre Sünde.
Die frommen Kirchengänger nicht verziehen
Der stadtbekannten Dirne ihre Sünden
Und klatschten übers Flittchen Margarethe.
Das war nun nur noch peinlich ihrem Vater.
Er scheute den Skandal, den Klatsch der Leute.
Aus Groll ward Hass. Er hasste seine Tochter!
Dazu des Vaters neue Gattin hasste
Die skandalöse Dirne, dieses Flittchen,
Die ruinierte ihren Ruf im Städtchen.
Sie hatte ihr vorhergesagt, sie würde
In Schande enden mit dem Lotterleben,
Ihr liederlicher Wandel ende schmählich.
Nun wagte diese dreiste Hure auch noch,
Mit einem Bastard in ihr Haus zu kommen,
So zu betreten ihre saubre Schwelle!
So eines Tages, ohne was zu sagen,
Ward Margarethe mit dem lieben Söhnchen
Vom Vater wieder aus dem Haus geworfen.
Jetzt war sie obdachlos, verschmäht von allen,
Vom eignen Vater aus dem Haus geworfen,
Verlästert von bigotten Kirchengängern!
In Laviano konnte sie nicht länger
Verbleiben und in Montepulciano
Sie hatte nur die alten schlechten Freunde.
Da setzte Margarethe sich verzweifelt
Und einsam unter einen Baum und dachte,
Sie schüttete ihr Herz aus vor dem Retter.
Da hörte sie mit ihrem Ohr der Seele
Die leise Stimme Jesu in ihr flüstern:
„Ich mache dich zu einer reinen Flamme!
An deinem Beispiel sollen Sünder sehen,
Dass ich barmherzig bin und Buße annehm,
Dass ich verzeihe auch die schlimmsten Sünden!“
Da kam ihr in den Sinn, jetzt nach Cortona
Zum Franziskanerkloster hinzugehen.
Wie würden sie die Sünderin empfangen?
Es war der schlechte Ruf der schönen Hure
Auch zu den Franziskanern vorgedrungen.
Ihr Ruf war wirklich ruiniert bei allen.
Der Franziskaner an der Pforte schaute
Ein Weib von einer solchen Überschönheit,
Dass er erschrocken floh vor diesen Reizen!
Dann kam ein alter Abt mit weißem Barte
Und nahm die schöne Dame auf ins Kloster.
Doch alle zweifelten an ihrer Umkehr.
Sie beichtete das ganze Leben, lange
Sie beichtete, der Priester sagte: Komm nun
Ans Ende deiner langen Lebensbeichte.
Der Priester sagte: Alles was du suchtest
War Liebe! Wenn die Männer schon so schön sind,
Wie schön ist Gott dann erst, der Menschen Schöpfer!
Und Margarethe weinte Tränenfluten,
Schier unerschöpflich schienen ihre Tränen,
Sie heulte aus den Wunden ihrer Seele.
Die Mönche, die ihr lautes Heulen hörten,
Die standen ratlos da vor solcher Trauer,
Denn unbekannt war ihnen solch ein Leiden.
Sie wurde in dem Kloster aufgenommen
Und fing ein Leben an der tiefen Buße
Und immerwährenden Gebets zu Jesus.
Und eine wohlbegüterte Matrone
Die Büßerin mit Geldern unterstützte,
Und Margarethe dankte der Matrone,
Indem das Heil der Seele sie erflehte
Und einen Thron in Gottes Paradiese,
Ein Lustschloss in dem Himmel der Matrone.
Die Fromme kannte keine halben Sachen.
So wie sie radikal war in der Sünde,
So war sie nun auch radikal im Glauben.
Sie hatte feine Kleidung einst getragen,
Aus Seide transparente Duftgewänder,
Nun wollte nichts sie mehr als Lumpen tragen.
Sie hatte einst auf manchem weichen Sofa
Geschlafen, und nicht immer nur alleine,
Nun wachte sie die Nächte im Gebete.
Die Frauenschönheit war ihr einst der Anlass
Zur sündigen Begierde und zur Unzucht,
Nun wollte sie mit Messern sich verstümmeln!
Die Männer sollten sie nicht mehr begehren,
War doch ihr Untergang das schöne Antlitz,
Den schönen Körper wollte sie entstellten.
Sie wollte gehn nach Montepulciano
Und wie ein Tier mit einem Strick am Halse
Dort schrein: Seht Margarethe an, die Hure!
Es brauchte einen weisen Seelenführer,
Der mahnte sie, den Leib nicht zu zerschneiden,
Nein, lieber Gutes wirken für die Armen.
Und doch war immer noch in ihrer Seele
Der heiße Hunger nach der wilden Liebe
Und die Versuchung blieb ihr ganzes Leben.
Sie kämpfte mit den Lüsten ihres Fleisches,
Und doch blieb sie ihr ganzes Leben lüstern,
In mystischer Vereinigung mit Gott noch.
So Margarethe immer war sehr menschlich,
Und wenn sie auch gezüchtigt die Begierde,
Von sinnlicher Natur blieb sie noch immer.
O Pater, sagte sie zum Seelenführer,
Ich kämpfe täglich mit der Lust des Körpers,
So muss ich kämpfen bis zur Todesstunde.
Die Büßerin tat Gutes für die Armen,
So wie Franziskus uns den Weg gewiesen,
Tat Gutes an den Kranken und den Kindern.
Und ihrer Seele lüsternes Verlangen
Nach der Ekstase grenzenloser Liebe
Ward ihr erfüllt von ihrem Gatten Jesus!
Intime Kenntnis seiner großen Liebe
Und göttlichen Passion, von Gottes Eros,
Befriedigt sie im Innern ihrer Seele.
Sie wusste sich geliebt von dem Geliebten.
Und wenn dich niemand liebt auf dieser Erde,
So sprach sie, Jesus wird dich immer lieben!
Und Margarethe starb mit fünfzig Jahren.
Am Tag vorm Tode sah sie Magdalena,
Die meistgeliebte Braut von Jesus Christus,
Apostelin der heiligen Apostel,
In einem lichten Kleide silberglänzend,
Die eine Krone trug von Edelsteinen,
Umgeben von des Himmels Fürstentümern
Und Seraphinen aus dem dritten Himmel.
In der Ekstase hörte Margarethe
Messias Jesus reden: „Gott mein Vater
Am Jordan sprach: Du bist mein Sohn, Geliebter,
An dem ich ganz mein Wohlgefallen habe.
Und also sage ich zu Magdalena:
Du meine Tochter, meine Vielgeliebte,
An der ich ewig mein Ergötzen habe!“
Und Margarethe kniete weinend nieder
Vor Jesus, ihrem Bräutigam der Seele,
Und küsste voller Leidenschaft die Füße
Des Herrn und bat ihn: Lass mich schaun dein Antlitz!
Und wie du Magdalenas Mund geküsst hast,
O Jesus, küss den Mund von Margarethe!
Sie ward begraben in Cortonas Kirche.
Nach ihrem Tod geschahen viele Wunder
Durch sie. Und siebenhundert Jahre später
Ist unverwest ihr wunderschöner Körper!
DREIZEHNTES BUCH
SANKT PELAGIA
Pelagia war schön! O solche Schönheit
Und solche Anmut, solcher Liebreizzauber
Auf Erden würde Schönheitswettbewerbe
Gewinnen als die Königin der Schönheit!
Versammelt seht die Heiligen des Himmels,
Seht all die wunderschönen Büßerinnen
Und seht die wunderschönen reinen Jungfraun
Und seht den ganzen Himmel voller Schönheit
Und seht dann Sankt Pelagia euch nahen
Nackt, nur bekleidet mit dem Hauch der Keuschheit!
Auf Erden aber ihre rücksichtslosen
Und wüsten Eskapaden ohne Skrupel
In allen Zeitungen geschrieben standen,
Die süffisantesten Skandalgeschichten,
Denn sie war eine öffentliche Hure,
Ihr Ruf der einer stadtbekannten Dirne,
Die nahzu nackig auf der Bühne tanzte,
Buhllieder sang mit schmachtendem Gestöhne
Und alle Männer mit den Reizen reizte,
Die Damen fanden sie nur ordinär.
Dreihundert Jahre nach des Herrn Geburt
Verliebte sie sich in den Mann am Kreuz,
Den nackten jungen Gott des Christentums,
Nackt wie ein Sklave hing er an dem Kreuz,
Bekleidet nur mit einer Dornenkrone
Und mit der Lanze in der Herzenswunde!
Das Liebesleid des Bräutigams der Seele
Eroberte Pelagias Gemüt,
In allen ihren tiefsten Seelenschmerzen
Und ihren jammervollen Herzenswunden
Erkannte sie die göttliche Passion
Des Herrn am Kreuz, des Seelenbräutigams.
Ausschweifungen und Üppigkeit der Wollust
War ihre Jugend, sexuelle Sünden,
Dann aber wandte sie sich zu dem Retter
Und bat demütig um ihr Seelenheil.
Pelagias Geschichte ist die gleiche,
Wie die Geschichte andrer Büßerinnen,
Die lebten früher unter Satans Herrschaft
Und riefen dann den Herrn um Rettung an.
Wie imposant ist ihre Heiligkeit,
Wie tief war ihre radikale Buße!
In ihrer Jugend tat sie schlechte Dinge
Und wandelte den breiten Weg des Bösen,
Dann aber übte sie die Frömmigkeit
Und ward identisch mit dem Christus Jesus.
In den Geschichten aller Heiligen
Pelagia steht einzigartig dar
Als eine wunderschöne femme fatale,
Die Männer irritiert durch sex-appeal,
Dann aber in der Gnade überwunden
Den heißen sex-appeal der femme fatale,
Versuchungen der sexuellen Sünden
In Gnade überwunden durch die Reinheit,
Die Ehelosigkeit um Jesu willen
Und mystische Vereinigung mit Gott.
Geboren war sie im immensen Reichtum
Von Antiochien in Syrien.
Sie lebte in der herrschaftlichen Klasse
Von Epikuräern und von Hedonisten.
Die Göttin Hedone, die Göttin Lust,
Galt diesen Leuten als das Höchste Gut.
Für diese Leute existierte Gott nicht,
Für sie der Sinn des Lebens war der Spaß.
Sie lebten alle sexuellen Sünden
Und logen und betrogen um das Geld.
Die Leibesfrüchte wurden abgetrieben,
Sie praktizierten künstliche Verhütung.
Die Männer schauten gern die Huren an,
Die Weiber spreizten jedem ihre Beine.
Die alten Frauen in der Kirche sprachen
Sehr schlecht von dieser stadtbekannten Dirne,
Von Satan habe sie den sex-appeal,
Von Luzifer die sündige Erotik.
Bei ihrer ungesunden Lebensweise
Durchtanzter Nächte, Alkohol und Drogen,
Schien es ein Wunder, dass die höchste Schönheit
Pelagias ward gar nicht ruiniert,
Und dieses Schönheitswunder wirkte Satan,
Mit dem die Dirne einen Pakt geschlossen,
Dass sie dem Satan weihte ihre Seele,
Schenkt er ihr sex-appeal der femme fatale.
So sprachen alte Frauen in der Kirche
Und angewidert wandten sie sich ab.
Pelagia am Sonntagmorgen
Lag faul gemütlich auf dem weichen Sofa
Und aß ein wenig Brot mit Quark und Honig
Und strich mit ihrer Hand die Lyra müßig,
Dann zog sie aus das Negligée der Nacht
Und zog sich an das transparente Kleidchen,
Das war von transparenter bunter Seide
Und reichte eben zu den Oberschenkeln,
Und durch die transparente Seide drückten
Brustspitzen sich der niedlich süßen Brüste,
Sie trug um ihre Brüste auch kein Brusttuch,
Die Brüste hüpften ohne Büstenhalter,
Und wenn Pelagia sich beugt nach vorne,
Dann konnt man ihre nackten Brüste sehen.
Dann stieg sie in die Kutsche, in die schwarze,
Voll Feuer waren ihre schwarzen Hengste,
Es waren wilde Araber der Wüste
Und jedem Hengste schäumte heiß das Hengstmaul.
Und alle Männer waren auch wie Hengste,
Ihr Same floss wie Samen aus dem Hengstglied,
Und brünstig wieherten die heißen Hengste,
Sahn sie Pelagia, die Stute, reiten.
Die frommen alten Damen grauer Haare
Und fromme Idioten aus der Stadt
Am Morgen sich versammeln in der Messe
Und opfern Jesus Christus Gott dem Vater.
In jenen Zeiten war noch nicht die Predigt
Nur zehn Minuten kurz, nein, eine Stunde
Sprach voller Witz und Weisheit Bischof Nonnos,
Der war nicht lau wie heute mancher Bischof,
Schlafmütze war er nicht, der Bischof Nonnos,
Er war erfüllt von Weisheit und vom Geist
Und was er lehrte sonntags in der Predigt,
Das kam von oben, von dem Geiste Gottes.
Pelagia sah vor der Kathedrale
Die Menge, die den Bischof hören wollte,
Als sie auf ihrer Lustfahrt eben so
Zufällig kam vorbei der Kathedrale.
Sie hörte Männer die Posaunen blasen
Und Frauenstimmen singen: Halleluja,
Sie sangen: Halleluja, meine Seele,
So singe, meine Seele, Gott dem Herrn,
Ja, tanze, meine Seele, vor dem König,
Wir wollen lachen, wenn der König kommt!
Da dachte sich Pelagia voll Neugier:
Ich schau mir einmal einen Gottesdienst an.
So trat sie ein mit rotgeschminkten Lippen
Und kunstreich hochfrisierten schwarzen Löckchen
Und hörte Bischof Nonnos in der Predigt
Von Jesus und der Samariterin
Voll Geistes lehren, wie der Meister sprach
Zur Samariterin am Jakobsbrunnen:
Nun geh und rufe deinen Ehemann!
Sie sprach: Ich habe keinen Ehemann!
Der Meister sprach: Du hattest viele Männer,
Auch jetzt lebst du mit einem Mann zusammen,
Doch lebst du nicht im ehelichen Bund.
Sie sprach: Ich sehe, du bist ein Prophet!
Pelagia im Inneren des Herzens
Erkannte durch den Geist Messias Jesus,
Der eben hatte selbst zu ihr gesprochen,
Da mit den roten Lippen ihres Herzens
Sie jäh begann, den Christus anzubeten:
Du Gott der Güte und du Gott der Wahrheit,
Du Gott der Schönheit und du Gott der Liebe!
Da ward sie neugeborn als eine Christin,
Da Jesus sich ihr offenbart im Geist
Und ihr von oben Glauben eingegossen.
Verzichtend auf die reißerische Art
Des Sündenlebens der Vergangenheit,
Begann Pelagia ein neues Leben.
Sie trennte sich von allen schlechten Freunden,
Begann zu lesen in der Bibel Gottes,
Begann ein immerwährendes Gebet,
Entschied sich für die Ehelosigkeit
Und Keuschheit um des Himmelreiches willen,
Und sie entsagte weltlichem Besitz
Und legte ab den letzten Fetzen Sünde
Und trug nicht mehr das weiche Kleid des Reichtums,
Das weiße Schafsfell, das die Wölfe kleidet,
Sie trug nun einen schlichten Bauernkittel,
Das grobe blaue Linnenkleid der Armen.
Sie sagte los sich von der Freizeit-Klasse
Der Epikuräer und der Hedonisten,
Der Spaß war ihr nicht mehr der Gott des Lebens,
Sie diente nur noch ihrer Herrin Buße.
Die Spaßgesellschaft war ja ihr Ruin
Und Hedonismus war ihr Untergang.
Wie Herakles am Scheidewege stand
Und wie zwei Göttinnen vor ihm erschienen,
Der Wollust Göttin auf der breiten Straße,
Zwar Rosen streute, doch zur Hölle führte,
Der Tugend Göttin auf dem schmalen Weg,
Zwar Dornen streute, doch zum Himmel führte,
Pelagia entschied sich für die Tugend,
Die zog bekränzt einher im hohen Himmel.
Pelagia trat ein ins Fegefeuer
Auf Erden schon, ins Purgatorium,
Dass ihre Seele ward so rein wie Gold.
Und dass der Satan weicht von ihrer Seele,
Sie weihte sich der makellosen Jungfrau.
Sie legte ab die große Lebensbeichte
Und ward erneut geboren in der Taufe.
Und ihre Paten sangen diese Hymne:
Erwache von dem Schlaf, du arme Seele,
Steh auf vom Tod und dich erleuchtet Christus!
Verkleidet als der Mönch Pelagius
Pelagia verbarg die Frauenschönheit,
Verbarg das strahlende Gesicht der Frau
Und züchtigte den Körper durch Askese,
Verbrachte Nächte wachend im Gebet
Und fastete vom Morgen bis zum Abend
Und wollte einzig dem Erlöser dienen
Und ging und lebte einsam in der Wüste,
Von früh bis spät nur noch mit Gott zu reden
Und gänzlich neu zu formen ihre Seele.
Ganz intensiv studierte sie die Bibel,
Zuerst las sie die Evangelien,
Dann las sie auch den ganzen Pentateuch
Und betete den ganzen Psalter Davids.
Auf hundertfünfzig Perlen an der Schnur
Sie betete die hundertfünfzig Psalmen.
Dann auch studierte sie die Kirchenlehrer,
Die Mystiker und auch die Hymnen-Dichter,
Sie las die Philosophen, deren Lehrer
War Jesus als der wahre Philosoph,
Sie las die Theologen, deren Lehre
War der Vernunft-Disput der Offenbarung.
Dann schrieb sie Liebeslieder auch an Jesus,
Brautmystik wars für Gott den Bräutigam.
Sie wollte wirklich Gnade sich verdienen
In jenen Himmelsaugen des Geliebten.
Sie suchte einzig noch die Akzeptanz
Bei Gott, dem Ewigvater, der sie liebte!
Klar, dass ihr schönes weibliches Gesicht
In der Gesellschaft frommer alter Frauen
Ganz zu enthüllen, peinlich wär gewesen.
So barg sie ihren Glanz, wie Moses tat.
Pelagia ging in die Einsamkeit,
Allein zu sein mit dem Alleinigen,
Sie wollte sein die Nachbarin von Gott,
Der stets sich in der Wüste offenbarte.
War es ihr schönes weibliches Gesicht,
Das sie bewogen, ganz allein zu leben?
Die Menschenfreunde, Freunde ihrer Schönheit,
Verderben waren sie dem Heil der Seele.
Die Schönheit ihrer weiblichen Gestalt
Gelockt sie hatte auf den Weg zur Hölle.
Nun sollte niemand ihre Schönheit sehen
Als der intime Seelenbräutigam.
Sie rief: Ich lieg vor dir als nackte Seele
In heißer Gier der Liebe, o mein Gott!
Und lange träumte sie vom Weg der Mystik,
Bis Gott sie zog auf den geheimen Pfad:
Da lebte sie die Gottesnacht im Garten
Gethsemane, die Agonie des Christus!
(……………………………………….
………………………………………..)
Als sie von diesem heiligen Gefilde
Erstanden war, wie schön war ihre Seele!
O schöner noch die Schönheit ihrer Seele
Als je des Körpers Schönheit war gewesen!
Wenn Frauen mit ihr sprachen über Gott,
Wars ihnen, mit der Weisheit selbst zu sprechen,
Und sprachen sie mit ihr vom Paradies,
Sie dachten, dass sie wären schon im Himmel!
Sahn alte Männer ihre Gottesliebe,
So riefen sie: Du bist ja Heilig Geist!
O Jugendschönheit in der Reinheit Aura!
O nackte Seele in dem Hauch von Gott!
Sie starb mit achtundfünfzig Jahren friedlich
Und ward vereinigt mit dem Vielgeliebten.
Nackt war sie einst auf diese Welt gekommen,
Nackt hat sie wieder diese Welt verlassen.
VIERZEHNTES BUCH
SIBYLLINISCHES ORAKEL
Beginnend mit der ersten Generation
Der Sterblichen bis auf den letzten Menschen
Ich werde jede Sache prophezeien:
Was da als Allererstes ist gewesen,
Und was jetzt ist und was noch werden soll
Der Welt durch die Gottlosigkeit der Menschen.
Zuerst jetzt drängt mich Gott, ich soll berichten,
Fürwahr, wie alles in der Welt gekommen.
Und du, o kluger Mensch, umsichtig kündest,
Du sollst nicht mein Gebot versäumen jemals,
Der König ist der Höchste, rief ins Leben
Die ganze Welt und sprach: "Es sei!" da wars.
Denn so die Erde ward gegründet, rund
Um dunklen Tartarus, der König selbst
Gab süßes Licht, der Himmel hoch erhaben,
Ausbreitest du das Meer, gekrönten Himmel
Mit einer Fülle heller Funkel-Sterne,
Geschmückt die Erd mit Pflanzen, und das Meer
Mit Flüssen und die Luft mit Zephirshauchen
Und Wolken, dann noch eine weitre Rasse
Geschaffen, gab er Fische in die Meere
Und Vögel zu den Winden, in den Wald
Die Tiere Schar und Schlangen, welche kriechen,
Und alle Dinge, die auf Erden sind.
Von seinem Wort ist das gemacht und alles
War schnell und sehr präzise durchgeführt;
Er selbst war Ursach und vom Himmel blickte
Und fertig war die Welt und mehr als gut.
Und dann danach gestaltete er wieder
Lebendiges, das Schaffen eines Mannes
Nach seinem eignen Bilde, schön und göttlich,
Und hieß ihn wohnen in dem Düfte-Garten,
Das schöne Mühe ihn versorgen könnte.
In diesem fruchtbaren Gebiet des Gartens
Er sehnte sich, nicht mehr allein zu sein,
Und betete, dass er was andres sehe.
Und alsbald, von der Seite dieses Menschen
Gott selbst gemacht hat Eva, die Gefährtin,
Vermählte Ehepartnerin, im Garten
Gab er, mit ihm zu wohnen. Als er sah
Die Frau, war plötzlich er von Glück erfüllt
Und staunend seine Seele war, er sah,
Ein Muster so genau, mit weisen Worten
Spontan antwortete er wiederum,
Denn Gott sorgt ja für alles. Und den Geist
Verdunkelte sie nicht mit Leidenschaft,
Verbarg nicht ihre Nacktheit, frei vom Bösen
Wie wilde Tiere ging sie nackter Glieder.
Und dann gab Gott Befehle ihnen beiden
Und zeigte ihnen einen Baum, verboten;
Die Schlange aber zog sie durch die List
Und zog sie weg zum Schicksal bösen Todes,
Um Gut und Böse selber zu erkennen.
Die Frau erwies sich als Verräterin;
Sie forderte den Mann zur Sünde auf.
Er, durch das Wort der Dame überredet,
Er widersagte seinem Herrn und Schöpfer,
Und übertrat das göttliche Gebot.
Doch statt des Guten sie erhielten Böses
Nach jener Tat. Und dann die Feigenblätter
Vom Feigenbaume gaben ihnen Kleider
Und diese nahmen sie und so verhüllten
Sie ihr Geschlecht, die sich der Nacktheit schämten.
Auf sie nun richtete der Herr den Zorn
Und warf sie aus dem Paradiesesgarten.
Sie konnten bleiben nicht im Land des Lebens,
Da sie gehalten nicht das Wort des Herrn.
So gingen sie nun auf dem fruchtbarn Boden
Und säten stöhnend, nässten ihn mit Tränen.
Zu ihnen sprach der Gott, der ewig ist,
Ein gutes Wort: „Seid fruchtbar, mehret euch,
Und tut die Arbeit ständig auf der Erde,
Sollt Arbeit tun im Schweiß des Angesichtes.
So werdet ihr genügend Nahrung haben“,
Sprach Gott und ließ den Autor der Versuchung
Im Staube kriechen, die verfluchte Schlange,
Und nun war Feindschaft zwischen dieser Schlange
Und jener Frau, die einen Sohn gebiert,
Die Schlange beißt dem Sohn in seine Ferse,
Jedoch die Frau zertreten wird die Schlange.
Der Tod ist Nachbar in der Natter Nähe!
Die Rasse wurde wahrlich dann vermehrt,
Als der Allmächtige dazu Befehl gab,
Und ein Volk nach dem andern ist gewachsen,
Unzählige. Und Häuser, die sie schmückten
Nach aller Kunst, und Städte auch mit Mauern
Sind kompetent gemacht. Gegeben ward
Ein Tag dem, der im Leben viel geliebt.
Sie haben aber nicht gewagt zu sterben,
Doch Schlaf hat sie gezähmt. Die meisten Menschen
Mit Glück im Herzen liebt der König Heiland,
Der Gott. Sie haben aber überschritten,
Mit Torheit sind geschlagen worden. Frech
Verspotten sie den Vater und die Mutter,
Sie kannten nicht Verwandtschaft, nur Intrigen
Und Zank mit Brüdern. Und sie waren unrein
Und haben sich besudelt mit dem Kot
Und führten Kriege. Da kam auf sie zu
Die letzte Katastrophe aus dem Himmel
Und nahm die Frevler aus dem Leben fort.
Und Hades dann empfing sie, und es hieß,
Dass Hades Adam sei, der Tod geschmeckt hat,
Er ging hinab und Erde ihn umgab.
Von Erde alle Menschen sind geboren
Und ihre Wohnung wird im Hades sein.
Doch die auch alle, die im Hades sind,
Die haben Ehre, sind von alter Rasse.
Doch wenn der Hades die erhielt, so dann
Die Überlebenden sind tugendhaft.
Gott machte weitere erhabne Rassen
Und sorgte für die schönen Werke, mühsam,
Für Ehrfurcht sorgend und solide Weisheit.
Da waren sie in jeder Kunst gebildet
Und wurden zu Erfindungen getrieben.
Und man entwickelte im Land den Pflug
Und andre machten Holzarbeiten, andre
Erfanden Segel, andre maßen Sterne
Und andre schauten aus dem Flug der Vögel
Und mancher kannte den Gebrauch von Drogen
Und andre liebten sehr den Charme des Zaubers.
Und andere in jeder andern Kunst,
Die Männer pflegten, unterwiesen, wach,
Hellwach und fleißig, die verdienen Ruhm,
Die Geister haben, welche schlaflos sind
Und große Körper von sehr schöner Form,
Sie warteten, doch gingen sie hinunter
Zum Tartarus in schreckliche Gemächer,
Gefangen dort in Ketten, Strafe zahlend
In Höllen voller wütend heißem Feuer.
Nach diesen eine dritte Rasse kam,
Die eine Rasse war von starken Männern
Und schrecklichen, die miteinander schmieden
Sehr viele Übel, viele Kämpfe, Morde
Und Schlachten ständiger Zerstörung führten
Die starken Männer mit den stolzen Herzen.
Nach diesen wieder eine andre Rasse,
Die später kam, als jüngste ward geboren
Und blutig war, perverse Advokaten,
Der vierten Rasse Männer, Blut vergießend,
Sie fürchteten sich vor dem Gott des Bundes,
Der schickte seinen Zorn den Gottvergessnen
Und schickte ihnen Wahnsinn, Mord und Krieg
Und schickte Zanksucht auch im Erebus
Den gottvergessnen Menschen voller Hochmut.
Den Rest der Rasse hat der Himmelsgott
Im Zorn danach aus seiner Welt verworfen,
Er warf sie in den Tartarus hinab,
Hinunter zu der Erde Fundamenten.
Und später ein Rasse kam noch schlimmer
Von gottgeschaffnen Menschen, die gesündigt,
Vom Ewigen gebildet, Übeltäter,
Die übten mehr Gewalt noch als die ersten,
Perverse Riesen voller Blasphemie.
Allein gerecht war unter allen Menschen
Der treue Noah, der voll Sorgfalt war
Für Gottes Kreaturen. Und der Herr
Vom Himmel sprach zu ihm: „Sei gutes Mutes,
Vertraue dir und predige den Menschen
Die Umkehr, dass sie noch gerettet werden.
Doch wenn die Unverschämten dich nicht achten,
Die ganze Rasse werde ich zerstören
Mit großen Wasserfluten. Schnell jetzt bau
Ein festes Haus, wie ich’s dir zeig, den Rahmen
Von Bohlen unempfindlich gegen Nässe.
Ich werde deinem Herzen Weisheit geben
Und auch Geschicklichkeit im Handwerk, Maß
Und Ordnung, ja, für alles will ich sorgen,
Dass du gerettet wirst mit Frau und Söhnen.
Ich bin es, der ich bin. In deinem Herzen
Erkenne mich, ich kleide mich in Licht
Und werf um mich herum das Meer, für mich
Die Erde ist mein Schemel, Äther gieß ich
Um meinen Körper, und auf jeder Seite
Der Sterne Chöre gehen neben mir.
Neun Lettern habe ich, vier Silben hab ich,
Erkenne mich. Die ersten drei der Silben,
Zwei Lettern haben sie, der Rest, der bleibt,
Sind fünf Genossen und die ganze Summe
Der Hunderte sind zweimal acht, neun Zehner,
Zusammen sieben. Siehe, wer ich bin.
Uneingeweihter sollst du nicht mehr sein.“
So sprach der Herr, und Zittern fasste Noah
Bei dem Gehörten. Dann in seinem Geist,
Nachdem er alles tief ergründet, bat er
Die Menschen und begann mit diesen Worten:
„O Menschen, unersättlich, voll vom Wahn,
Was ihr auch immer tut, ihr werdet nicht
Dem Wort des Herrn entfliehen, er weiß alles,
Unsterblicher Erlöser, über euch,
Er hieß mich warnen euch, dass ihr nicht sterbt,
Seid nüchtern, seid nicht mehr so schlecht und kämpft nicht
So zänkisch miteinander, Blut vergießend,
Die Erde tränkend mit dem Menschenblut.
Bekehrt euch, Sterbliche! Der äußerst große
Und starke Gott, der Schöpfer in dem Himmel,
Ist unvergänglich, er wohnt in der Höhe.
Ihr alle sollt ihn bitten, er ist gütig,
Sollt bitten um der Städte Überleben
Und um der ganzen Erde Überleben
Und auch der Tiere und der lieben Vögel,
So bittet, dass er allen gnädig sei,
Denn wenn die ganze Welt der Menschenkinder
Von den Gewässern wird vernichtet werden,
Ertönt ein banger Schrei. Und plötzlich wird
Die Luft zerstört, und von dem Himmel kommt
Gerechter Zorn herab des starken Gottes
Auf euch, ihr Menschenkinder. Und gewiss
Wird der unsterbliche Erlöser senden
Den Zorn auf Menschen, wenn ihr Gott nicht tröstet
Und Buße tut. Ihr sollt ihn nicht mehr ärgern
Und Böses nicht gesetzlos länger tun,
Bewacht das eigne Selbst durch frommes Leben.“
Die ihn gehört, die rümpften nur die Nase
Und nannten irre ihn, vom Wein betrunken.
Dann wieder Noah klingen ließ die Worte:
„O Menschen, mehr als elend, schwachen Herzens,
Ihr wankelmütigen und unbescheidnen,
Ihr liebt die Scham nicht, ihr seid voller Habgier,
Seid wüste Sünder, Lügner, unersättlich,
Spitzbuben, schleicht herum als Ehebrecher,
Leichtfertig redend, nichts an euch ist wahr,
Ihr liebt das schmutzige Gerede sehr,
Vorm Zorn des Allerhöchsten bangt ihr nicht,
Der aufbewahrt wird bis ins fünfte Glied.
Ihr jammert nicht, ihr Leute, sondern lacht,
Sardonisch lächelnd sollt ihr bitter lachen,
Wenn kommt was ich euch sage, Gottes Flut
Auf Evas Rasse, auf der großen Erde
Die Stauden blühen an dem festen Stamm,
Die, Zweig und Wurzel, über Nacht verschwinden,
Und Menschen, Städte. Und der Erderschüttrer
Lässt Tiefen beben und die Mauern stürzen.
Und dann die Welt der ungezählten Menschen
Soll sterben. Ach wie muss ich weinen, klagen
Im Holzhaus, Tränen mit den Wellen mischen!
Wenn diese Wasser gottbefohlen kommen,
Die Erde treibt, die Hügel und die Himmel,
Und Wasser ist dann alles, alle Dinge
Zerstört das Wasser, und die Winde stehen,
Und dann ein zweiter Äon wird erscheinen:
O Phrygien, vom Kamm des Wassers steigst du
Und sollst ernähren eine neue Rasse
Und noch einmal beginnen mit den Menschen
Und sollst den Menschen eine Amme sein.“
Als er so mit den gottvergessnen Menschen
Umsonst geredet hatte, kam der Höchste,
Erschien und rief noch einmal laut und sprach:
„Die Zeit ist da, o Noah, du verkünde
Jetzt alles, was ich dir versprochen habe
Und was ich dir bestätigt und ergänzt,
Von dieses Volkes Ungehorsam rede,
Von dieser grenzenlosen Welt der Dinge,
Was die Geschlechter aus vergangner Zeit
An schlimmer Praxis böser Dinge taten.
Du aber schnell mit deinen Söhnen gehe
Und deiner Ehefrau und ihren Frauen
Und ruf so viele Tiere, wie ich sende,
Von Vieh und von Gewürm und Himmelsvögeln,
Ruf die, die ich bestimmt fürs Leben habe,
Ich gebe es, dass sie dir willig folgen.“
So sprach der Herr zu Noah laut und deutlich.
Und seine Frau, die Söhne, deren Bräute,
Sie traten in das Haus aus Holz, dann kamen
Die andern Wesen auch, wie Gott gewollt.
Und Bolzen wurden festgemacht am Dach,
Polierte Seiten wurden angebracht,
Zustande wurde so gebracht das Werk
Zum Zwecke, den der Himmelsgott bestimmt,
Und Gott trieb Wolken vor die Sonnenscheibe,
Und Mond und Sterne und der Kreis des Himmels,
Verdeckt ward alles, Gott begann zu donnern,
Gott schickte Blitze zu der Menschen Schrecken.
Und alle Winde wurden aufgeweckt
Und alle Wasseradern losgebunden
Und Katarakte stürzten von dem Himmel
Und aus der Erde Höhlen und der Tiefe
Gewässer kamen, und die ganze Erde
Bedeckt war von unzähligen Gewässern.
Doch auf dem Wasser schwamm das Wunderhaus,
Zerrissen von den wilden Wellen, schlugen
Die Winde auf es ein, es stürzte ängstlich,
Doch mit dem Kiel hat es den Schaum durchschnitten,
Dieweil die plätschernden Gewässer rauschten.
Als Gott die Welt mit Regen überschwemmt,
Gab Vater Noah Obacht auf den Rat
Des Ewigen. Jetzt hatte er genug
Von Nereus, und er öffnete das Haus,
An der polierten Seite wards geöffnet,
Das Schiff ward an den Aufenthalt gebunden.
Und dann mit Blick auf diese großen Massen
Von grenzenlosem Meer auf allen Seiten,
Sah Noah, eine Lust wars seinen Augen,
Von Angst besessen, zitterte sein Herz.
Dann ward die Luft ein wenig stiller wieder,
Der ganzen Welt Benetzung war es müde
Und viele Tage nahmen Abschied nun
Und wurden neu ans Licht gebracht, und blass
Und blutrot war am Himmelskreis die Sonne
Und Noah fasste wieder etwas Mut.
Er schickte eine Taube aus, allein,
Falls festes Land wär. Aber müden Flügels
Die Taube kehrte wieder von dem Ausflug,
Denn noch war nicht die große Flut verebbt,
Das Wasser füllte doch noch jeden Ort.
Doch nach den Tagen stiller Ruhe schickte
Er noch einmal die Taube aus, zu sehen,
Ob aufgehört die mächtigen Gewässer.
Da flog sie, setzte sich auf Mutter Erde,
Ihr Körper ruhte leicht auf feuchtem Boden,
Dann kehrte sie zurück zu Noah, brachte
Im Schnabel einen Ölzweig mit als Zeichen.
Von Mut erfüllt jetzt alle und von Freude,
Sie hofften, dass sie finden würden Land.
Danach kam noch ein andrer Vogel, der
Geschickt ward mit den schwarzen Flügeln, der
Vertraute seinem Flügelpaar, flog willig,
Der kam nicht mehr zurück vom trocknen Land.
Und Noah wusste, dass das Land war nahe.
Als auf den Wellen Gottes Handwerk war
Geschwommen, auf der Flut des Ozeans,
Es wurde schnell gemacht, ans Ziel zu kommen.
Es gibt in Phrygien auf dunklem Festland
Den Ararat, dort waren sie gelandet,
So waren sie vom Tod gerettet worden
Und hatten große Wünsche in den Herzen,
Von dort der Marsyas im Frühling strömt.
Dort auf dem hohen Gipfel lag die Arche,
Als aufgehört die Flut, vom Himmel wieder
Die Stimme Gottes sprach, das Wort des Herrn
Verkündete: „O Noah, wache, treu,
Komm kühn, mit deiner Frau und deinen Söhnen
Und ihren Bräuten, füll die ganze Erde
Und mehret euch, lebt in Gerechtigkeit
Durch alle die Geschlechter, bis zum Urteil
Die ganze Menschenrasse kommen wird,
Das Urteil wird gesprochen allen Menschen.“
So sprach die Stimme Gottes. Von dem Lager
Erhob sich Noah, mutig, zog ins Land,
Mit sich die Frau, die Söhne, deren Bräute,
Gewürm und Vögel, Tiere mit vier Füßen,
Und alles andre ging nun aus dem Holzhaus
An einen Ort. Und dann ging Noah her,
Als Achter, er der Größte von den Männern,
Der hatte auf den wogenden Gewässern
Wohl zweimal zwanzig Tage still verbracht
Aufgrund des Ratschlags des Allmächtigen.
Ein neues Lebenslager war entstanden
Wie jene erste goldne Zeit und war
Die sechste Zeit und war die beste Zeit
Seit jenem Zeitpunkt, als der erste Mensch
Gebildet ward und in der Welt erschien,
Sein Name war: der Himmlische, weil alles
Von Gott sollt unter seiner Obhut sein.
O erste Rasse in dem sechsten Alter!
O große Freude war danach gemeinsam,
Da sie entkommen sicherem Ruin,
Von Wogen viel umher geworfen, mit
Der Ehefrau, den Söhnen, Schwiegertöchtern,
Die Menschen mussten schrecklich leiden damals.
Nun singe ich ein treffliches Ereignis:
Am Feigenbaum sind viele bunte Blüten,
Die königliche Macht und Herrschaft soll
Besitzen Kronos. Drei Regenten waren,
Von großen Seelen diese drei Regenten,
Die größten Männer, alles zu verteilen
In jedem Jahr nach der gerechten Regel,
Dreihundertsechzig Menschen, sich um sie
In Mühe und in Liebestaten kümmernd.
Auf Erden ihre Herrlichkeit in Früchten
Von selber wächst, Getreide für die Rasse.
Zeitlose Pflegeväter, alle Tage,
Da Krankheiten und Kälte waren schrecklich,
Sie starben, wie in süßen Schlaf gesunken,
Und gingen in das Haus des Acheron
Im Hades. Und sie sollten Ehre haben,
Sie waren eine Art von Seligen,
Voll freudiger Glückseligkeit, die Helden.
Herr Zebaoth hat einen guten Geist
Und der, mit dem er seinen Rat geteilt.
Doch werden sie gesegnet sein, auch wenn
Sie in den Hades gehen. Später wieder
Kommt eine zweite Rasse, stark, bedrückend,
Geboren von der Erde, die Titanen.
Sie überragen alles an Gestalt,
Figur und Wachstum. Es gilt eine Sprache
Wie jene alte bei der ersten Rasse,
Die Gott hat in die Brust gepflanzt. Auch diese
Mit stolzen Herzen stürzen in Ruin
Und werden schließlich wild entschlossen kämpfen
Und mit dem hohen Sternenhimmel streiten.
Der Strom des Ozeans gießt über sie
Die wilden Wasser. Und der Herr der Heere,
Herr Zebaoth wird prüfen seinen Zorn,
Weil er versprochen, dass nie wieder kommt
Auf Erden eine Überflutung, die
Der bösen Menschen Leben schwemmt hinweg.
FÜNFZEHNTES BUCH
ABC DER BIBLISCHEN FRAU
ABIGAIL
Als Davids Knaben an dem Berge Karmel
Die Herden hüteten des Toren Nabal,
Da gönnte Nabal Davids Knaben nichts
Von dem gebratnen Fleisch und süßen Wein.
Da sagte David voller Zorn: Bei Gott,
Ich lass von Nabals Leuten keinen über,
Der da im Stehen pinkelt an die Wand!
Das hörte Abigail, die kluge Frau,
Die schöne Ehefrau des Toren Nabal.
Sie packte auf den Esel Feigenkuchen
Und Nüsse und Rosinenkuchen und
Auch Lederschläuche voll von saurer Milch
Und ritt zum Berge Karmel zu dem Dichter
Der Psalmen, fiel vor David nieder und
Begrüßte David: Ich bin deine Magd
Und bin’s nicht wert, den Knaben meines Herrn
Die Schuhe aufzubinden. Aber bitte,
Ermorde meinen Ehegatten nicht,
Er ist ein Narr! Beflecke du dich nicht
Mit seinem Blut! – Und David gab ihr recht.
Der Dummkopf Nabal aber in der Nacht
Soff Bier aus Eimern, und da schlug ihn Gott,
Er starb! Und Abigail ward Davids Frau.
ABISCHAG VON SCHUNEM
Als König David alt geworden war,
Da fror dem alten Mann in seinem Bett,
Da konnten ihn auch nicht die Decken wärmen.
Die Freunde Davids sprachen zu dem König:
Wir suchen dir ein junges schönes Mädchen,
Die soll bei dir in deinem Bette schlafen
Und mit dem jungen Blut den König wärmen.
Die Männer zogen durch ganz Israel
Und sahen alle jungen Mädchen an,
Von vierzehn Jahren an, jedoch nicht älter
Als zwanzig. Und die Schönste aller Schönen
War da die Jungfrau Abischag von Schunem.
Die legte sich zu David in das Bett
Und wärmte ihn mit ihrem frischen Fleisch.
Der König David aber nicht erkannte
Die süße Jungfrau Abischag von Schunem.
Als David dann in ihrem Arm gestorben
Und Salomo ward König Israels,
Trat Adonia, Davids andrer Sohn,
Zur Mutterkönigin Bathseba, bat:
O Königsmutter, bitte du den König,
Dass er mir Abischag von Schunem gebe!
Fürsprechend trat Bathseba zu dem König,
Zu ihrem Sohn, dem weisen Salomo,
Und bat: Die Jungfrau Abischag von Schunem
Gib du dem liebeskranken Adonia!
Doch der gesalbte König Israels
Begehrte Abischag von Schunem selber.
AHINOAM VON JESREEL
Als David Abigail vom Karmel nahm
Zur Ehefrau, die Ehefrau des Nabal,
Nach dessen Tod nahm er die schöne Frau,
Da nahm er sich zur Frau auch Ahinoam
Von Jesreel, die Söhne ihm gebar.
Zwei Frauen hatte da der Dichter David!
Und als die Heere der Philister einmal
Die Frauen Davids aus dem Lager raubten,
Da jagte David den Philistern nach
Und schlug sie tot und nahm die beiden Frauen
Und führte beide wieder in sein Zelt.
AHNMÜTTER
Ahnmütter Israels, des Volks der Juden,
Die da der Welt den wahren Glauben brachten
An Gott und an den kommenden Messias,
Das war zuerst die lachensfrohe Sara,
Die Isaak gebar mit neunzig Jahren,
Als schon die Monatsblutung war vertrocknet,
Dann wars Rebekka, Ribka auch genannt,
Die nicht nur Isaak vom Wasser gab,
Auch die Kamele ihres Gatten tränkte.
Und schwanger ward mit Zwillingsknaben Ribka
Und so gebar sie Israel und Esau,
Doch Israel war immer Ribkas Liebling.
Und Israel verliebte sich in Rahel,
Die kontemplierte mit den schönen Augen.
Er diente vierzehn Jahre um die Schöne,
Doch musste er zuerst die Schwester nehmen.
Zwei Frauen hatte Israel und auch
Die beiden Mägde seiner beiden Frauen,
Und Rahel, Lea, Bilha, Silpa, sie
Gebaren Israel ein Dutzend Söhne.
AMME
Die Amme der Rebekka war Debora,
Rebekka liebte ihre Amme sehr.
Und als Rebekka Eliezer folgte,
Dem Knechte Abrahams, der sie geworben
Für Isaak, den Liebling Abrahams,
Zog in die Fremde mit Rebekka auch
Von Ur im Zweistromland nach Kanaan
Debora, ihre Amme. Doch sie starb
An Leben satt mit dreiundneunzig Jahren
Und ward begraben unter einer Eiche,
Die nannte man die Eiche der Debora.
Rebekka trauerte um ihre Amme.
ANAT
Baal war der Wettergott und gab den Regen
Als Mannessamen von dem Himmel strömend,
Und Anat war die Muttergöttin Erde,
Empfangend in dem Schoß den Samen Baals.
Und so erzeugte dieses Götterpaar
Das Leben der Natur in Fruchtbarkeit
Durch ihren sexuellen Hieros Gamos.
Da magisch dachten Kanaans Bewohner,
Betrieben sie die Tempelhurerei,
Da Männer mit den Huren sich vereinten,
Um Baal und Anat daran zu erinnern,
Dass sie die Hochzeit nicht versäumen sollten.
ASTARTE
Astarte war der Geist des Morgensternes,
Kriegsgöttin war sie und auch Liebesgöttin.
Die Liebesgöttin hatte Dienerinnen,
Sakrale Huren, wartend in den Tempeln,
Dass der Philister kommt zum Götzendienst
Und wohnt den Huren bei für bares Geld.
Die Frau, bevor sie in die Ehe kam,
Als Dienerin Astartes diente erst
In der sakralen Hurerei im Tempel.
ANASTASIS
Als Paulus zu den Weisen von Athen
Von Jesus und von seiner Anastasis
Gepredigt hatte, von der Auferstehung
Des Herrn als Erstgeborenen der Toten,
Die Philosophen hörten Paulus zu,
Der Stoa Philosophen und die Schweine
Des Epikur, die meinten, Paulus spreche
Von einem jungen Halbgott namens Jesus
Und seiner Nymphe namens Anastasis.
ADA UND ZILLA
So hört mein Wort, ihr beiden Frauen Lamechs,
Ihr beiden Frauen Lamechs, Ada, Zilla!
Ich habe einen frechen Mann getötet,
Weil er so schwer beleidigt meine Seele!
Kain wird von Gott gerächt, wer ihn ermordet,
Kain wird gerächt, wird siebenmal gerächt!
Doch Lamech werden wird von Gott
Nicht siebenmal, nein siebzigmal gerächt!
Das ist mein Trost, geliebte Gattin Ada,
Das macht mir Mut, geliebte Gattin Zilla!
Und Ada wird und Zilla wird gebären
Und ihre Söhne werden Hirten sein
Und Flötenbläser sein und Kupferschmiede.
AGAPE
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen
Zu Menschen sprechen würde, aber ohne
Die göttliche Agape, wäre ich
Ein Narr mit Schellen an der Narrenkappe!
Und wenn ich allen wahren Glauben hätte
Und wenn ich Gutes tät und Gaben gäbe
Und wenn ich meinen Leib zum Opfer brächte
Und hätte nicht die göttliche Agape,
So wär ich Nichtigkeit der Nichtigkeiten!
Erkenntnis Gottes bleibt auf dieser Erde
Fragment, die Zungenrede wird verstummen,
Doch in der Ewigkeit erkennen wir
Die Gottheit, wie wir heute schon erkannt sind
Von Gott. Wir schauen Gott jetzt nur verschleiert,
In Ewigkeit wir schaun die bloße Gottheit.
Jetzt bleiben uns auf Erden Glauben, Hoffnung
Und sie, die göttliche Agape, aber
Der Glaube wird zum Schauen werden und
Die Hoffnung wird zur Gegenwart, jedoch
Die göttliche Agape, sie wird bleiben,
In Ewigkeit, die Ewige Agape!
APOKALYPSE
Die Apokalypse Jesu Christi an
Johannes, was ist das? Wenn ein Verlobter
Die Braut zur Ehefrau genommen hat
Und wenn dann in der Hochzeitsnacht die Braut
Entschleiert wird vom Bräutigam, entschleiert
Ihr Angesicht – nicht nur das Angesicht –
Und dann die Ehe wird im Akt vollzogen,
So nennen Griechen die Entschleierung
Jungfräulicher Verlobter Apokalypse.
Das Himmelreich ist einer Hochzeit gleich,
Wird offenbar der Bräutigam-Messias,
Entschleiert wird die Braut, des Königs Nymphe.
Des Lammes Nymphe aber ist die Kirche.
ASIA
Gegrüßet seist du, Asia, o Mutter!
In deinem Schoße offenbarte Gott
Sein Wort zuerst durch Worte der Propheten
Und dann in seinem eingebornen Sohne!
Ich grüß die heilige Ecclesia
Von Asia, die Pauli Predigt hörte,
Ich grüß die Heiligen, die im Exil
In Asia als Pilger nach dem Himmel
Geduldig sind! Das immerwährende
Gebet vermehre Kraft und Mut in euch,
Seid standhaft in der Drangsal, die da kommt!
Bleibt einig mit dem Bischofssitz von Rom!
ARTEMIS VON EPHESOS
Als Paulus kam nach Ephesos und sprach
Vom Logos in dem Inneren des Menschen
Und von dem Glauben an die unsichtbare
Geist-Gottheit, protestierten laut die Künstler:
Was soll uns das Gerücht von einem Gott
Im Hirn des Mannes? Nein, wir Künstler wollen
Die Göttin ehren, unser aller Mutter,
Und formen ihre göttliche Gestalt
Aus Stein, wir formen ihre neunzehn Brüste!
Wir bilden Hirsche, die sich um sie sammeln.
Und ist die Göttin ihren Künstlern gnädig,
Gestalten wir ihr mildes Angesicht!
Wem ist denn nicht bekannt, dass Ephesos
Den Tempel hat der Göttin Artemis
Und ihr geheimnisvolles Bild aus Stein?
Ganz Asia, die ganze Ökumene
Verehrt die Magna Mater Artemis!
Groß ist die Große Mutter Artemis,
Groß ist die Artemis von Ephesos!
Wer aber andre Künste treiben will
Und Sohn und Vater preisen in dem Geist,
So sei’s, doch schände er nur nicht die Kunst.
BARMHERZIGKEIT
Barmherzigkeit sitzt in den Eingeweiden,
Im Uterus, den vielen Uterussen
Der Gottheit der Barmherzigkeit. Die Welt
Ist tief in der Barmherzigkeit geborgen
So wie ein Kind im Schoße seiner Mutter.
BATHSEBA
Als David abends auf dem Dach spazierte,
Da sah Bathseba das im Nachbarhaus
Und zog sich aus, stieg in die Badewanne,
Sie badete und wusch sich in dem Schaum,
Sie tauchte nackend aus dem Schaum und stand
Nackt vor der Fensterscheibe. David sah sie.
Der König sah, begehrte, rief Bathseba!
Sie kam, obwohl sie Ehefrau Urias
Des Heiden war vom Stamme der Hethiter.
Und David schlief mit ihr und sie ward schwanger.
O David, ich bin schwanger, sprach Bathseba.
Doch David wollte, dass Bathsebas Kind
Vom Heiden, dem Hethiter, ward versorgt,
So rief er den Uria, den Soldaten,
Und sprach zu ihm: Verlass das Heer heut Nacht
Und steige zu Bathseba in das Bett
Und zeug ein Kind in ihrem Mutterschoß!
Uria aber sprach zu König David:
Ich will soldatisch auf der Straße schlafen.
Da dachte David: Werde doch Bathseba
Nach dieses Heiden Tod mein Eheweib!
Und David schickte den Uria fort
Und stellte an die Front ihn in dem Kriege
Und dort verstarb Uria vor den Mauern
Von Rabba. David wurde das gemeldet
Und er frohlockte heimlich, denn jetzt konnte
Er schlafen mit der reizenden Bathseba
Und sie zu seiner Ehegattin nehmen.
Gott aber tötete das Kind Bathsebas,
Das David zeugte in dem Ehebruch.
Doch David wiederum erkannte sie
Und schlief mit ihr und zeugte einen Sohn,
Das war der kluge Salomo, der ward
Als Knabe dem Propheten übergeben,
Der Seher rief das kleine Kind Jedidja,
Geliebter Jahwes. König David starb
Und schwor Bathseba noch, dass Salomo
Sein Erbe auf dem Königsthron sein sollte.
So ward der weise Salomo der König
Von Israel und Juda, und die Mutter
Bathseba herrschte als die Königsmutter
Mit ihrem Sohn, ihr Thron stand neben seinem.
Und wenn ein Jude ein Verlangen hatte
Und was erbitten wollte von dem König,
So wandte er sich an die Königsmutter,
Denn wenn die Königsmutter bat den König,
Sprach Salomo: Was immer du erbittest,
Bathseba, Mutter, will ich dir gewähren!
BAUCH
Maria trug ihr Baby in dem Bauch,
Den Logos Gottes in dem Uterus.
Maria sprach zum Engel Gabriel:
Mein Bauch gehört nicht mir, gehört dem Schöpfer!
Gott als ein Embryo im Bauch Mariens
Sang, wie sie hörte, schon das Hohelied.
So trat Maria mit dem Gott im Bauch
Zur älteren Elisabeth, die trug
Ein Baby auch im Bauch, das Kind Johannes.
Maria segnete Elisabeth,
Da hüpfte in dem Bauch Elisabeths
Der Embryo, erfüllt vom Geiste Gottes.
Ganz anders Kreter doch und Kreterinnen,
Wie Paulus sagt, ihr Götze ist der Bauch,
Sie leben nur, zu fressen und zu scheißen.
BAUM
Gott Baal ward dargestellt als Phallus-Stein,
Die Göttin Aschera als Lebensbaum.
Der Göttin Heiligtümer waren Haine
Sakraler Bäume, unter denen üppig
Die Kanaaniter trieben Hurerei
Und auch die Söhne Israel die Göttin
Verehrten unter den sakralen Bäumen
Und hurten mit der Göttin Hierodulen.
BECHER
Der Träumer Josef hatte einen Becher,
Orakel-Becher, draus er prophezeite.
Der weise Salomo im Hohenlied
Pries Sulamiths gebenedeiten Schoß
Als Becher, welchem nie der Mischwein mangelt.
Messias hob beim letzten Abendmahl
Den Becher mit dem Blut des neuen Bundes.
Maria ist der Ganzhingabe Becher,
Maria ist der Becher der Anbetung.
Der Psychologe sagte: Wenn ein Mann
Von einem Becher träumt, so meint der Traum
Die Vulva einer Dame, die er liebt.
BILHA
Die Dienerin der Lieblingsgattin Rahel
Gebar dem Israel in Rahels Namen
Als Stellvertreterin der Gattin Söhne
Und wurde eine Mutter so des Volkes
Des Herrn. Sie muss wohl schön gewesen sein,
Ja, jung und schön, der starke Ruben stieg
Ins Bett zu Bilha, seines Vaters Frau,
Und schlief mit ihr! Und so verlor der Sohn
Das Recht des Erstgeborenen von Jakob.
BRAUT
Als Adam ward geschaffen und Frau Eva,
Da setzte Gott die Ehe ein und sprach:
Der Mann verlassen wird die eignen Eltern
Und wird verbunden sein mit seiner Braut,
Und Braut und Bräutigam vereinen sich
Und werden eins im Fleisch! Und was der Herr
Verbunden hat, das soll der Mensch nicht scheiden.
Von seiner Braut sang König Salomo,
Von Sulamith, der Freundin seiner Seele.
Die Liebeslieder König Salomos
An seine Braut sind Mystik, sie bedeuten
Die Liebe Jahwes zu der Tochter Zion,
Die Liebe Jesu zur Ecclesia,
Des Gottesgeistes Liebe zu Maria,
Die Liebe Gottes zu der Menschenseele.
Hesekiel sprach von der Liebe Gottes
Zu seinen beiden Frauen, Oholiba-
Jerusalem, Ohola-Samaria.
Gott liebte leidenschaftlich seine Bräute,
Sie aber hurten schon von Jugend an
Mit Babyloniern und Ägyptern, ließen
Die Brüste von den Heiden sich betatschen
Und spreizten ihre Beine jedem Heiden.
Und dennoch liebte Gott die beiden Bräute.
So sprach auch Jeremia von dem Herrn,
Der liebte seine beiden Bräute sehr,
Frau Israel, Frau Juda liebte Gott,
Sie aber beide lebten wie die Huren
Und hurten unter den sakralen Bäumen
Und trieben Ehebruch mit Phallus-Säulen.
Doch Gott sprach zu Hosea: Nimm du dir
Zur Braut die Hure, denn auch ich, der Herr,
Ich nehm die Hure Israel zur Braut
Und führe in die Wüste sie, verführe
Die Hure Israel, vermähle mich
Mit Israel, sie nennt mich nicht mehr Baal,
Sie nennt mich Bräutigam und wird erkennen
Die Liebe Gottes zu der Braut des Herrn.
Dann schaute Gott auf Tochter Zion, auf
Maria, und er fand sie makellos,
Er bat sie um ihr Ja, sie sprach ihr Ja,
Der Geist vermählte sich mit Sankt Maria
Und Jesus ward ihr Sohn. Und Jesus Christus
Entschlafen an dem Baum des Kreuzes ist
Und Gott schuf aus der Rippe Jesu Christi
Ecclesia, die Braut, die neue Eva.
Und Jesus Christus ging die Ehe sein
Mit der katholischen Ecclesia
Und wird am Ende der Äone feiern
Des Lammes Hochzeit mit Jerusalem,
Denn sie, die himmlische Jerusalem,
Sie ist die Braut, sie ist die Nymphe Gottes.
BLUT
Das Blut, das ist ein ganz besondrer Saft!
Im Blut ist Leben, in dem Blut ist Seele!
So esst nur ruhig eure leckren Tiere
Und esst die Tiere unter Dank an Gott,
Doch hütet euch vorm Blute dieser Tiere.
Und wenn ein Tier des Menschen Blut vergießt,
So soll des Tieres Blut vergossen werden.
Der Menschen Sünde aber muss gesühnt sein!
Im alten Bunde opferten die Juden
Viel tausend Lämmer, die sie schlachteten,
Um mit dem Blut der Lämmer abzuspülen
Des Volkes Schuld, die Sünde dieser Welt.
Dann nahm der Sohn des Vaters Fleisch und Blut an
Vom Fleisch und Blute Unsrer Lieben Frau
Maria. Dieses Blut des Menschensohnes
Vergossen wurde als das Blut des Lammes
Zur Sühne für die Sünden dieser Welt.
Und dass auch gegenwärtig bliebe diese
Erlösung, stiftete der Menschensohn
Die Eucharistie, da durch die Wandlungsworte
Des Herrn, gesprochen durch den Priester, wird
Der Wein zu Christi Blut, das in dem Kelch
Den Christen wird gereicht zur Kommunion.
Das Opfer, das der Herr vollzogen blutig
Auf dem Altar des Kreuzes, wird gewärtig
Unblutig im Mysterium der Messe.
BEGEHREN
Als Adam liebte in dem Garten Eden
Die reine Jungfrau Eva, liebte selbstlos
Und schenkend Adam seine Jungfrau Eva.
Sie waren beide nackt im Garten Eden
Und schämten sich der Nacktheit nicht, denn sie
Begehrten nicht einander als Objekte
Zur eignen Lustbefriedigung, nein, selbstlos
Und schenkend war die Liebe, die von Gott war.
Jedoch im Sündenfall, in jener Sache
Der Schlange und der Feige oder fica,
Kam ungeordnete Begierlichkeit
In die Beziehung zwischen Mann und Frau.
Und Adam sah nur noch ein Lustobjekt
Und Sexidol in seiner nackten Eva,
Und Eva nutzte nur noch Adam aus
Als ihren eignen nützlichen Idioten.
Und diese sündige Begierlichkeit
War auch im Davidssohne Amnon, der
Begehrte Tamar leidenschaftlich heiß
Und wurde krank vor Liebe, bis sie kam
In seine Kammer, er sie schändete,
Sie vergewaltigte, sie von sich stieß,
Denn jetzt, nachdem er stillte sein Begehren,
Er hasste mehr sie, als er sie geliebt.
BYBLIA
Die Byblia ist eine treue Frau,
Du liebst sie erstlich wegen ihrer Kleider,
Sie trägt ein transparentes Seidenkleidchen,
Und liebst sie wegen ihrer goldnen Spange
Im aufgesteckten Haar, und das bedeutet,
Buchstäblich nimmst du die Historien
Und klammerst sklavisch dich an ihre Lettern.
Dann offenbart sie sich in ihrer Nacktheit,
Du siehst sie nackend stehen in dem Bad,
Da liebst du sie um ihrer Brüste willen
Und um der Schenkel willen, die sie spreizt,
Und das bedeutet, dass du tiefer schaust
Und liest schon die persönliche Moral,
Die sich ergibt, wenn du durchschaust die Lettern.
Doch bleibst du nicht bei ihrem nackten Leib,
Du liebst die Seele dieser guten Frau,
Liebst ihre Frömmigkeit und milde Güte,
Und das bedeutet, dass du Weisheit findest
Und lernst, zu leben als gerechter Mann.
Doch dann beginnst du, in der Byblia
Geliebten Seele Gottes Immanenz
Zu schauen visionärer Schau, und also
Verkündet jedes Wort der Schrift dir Gott
Und ist ein Liebesbrief des Herrn an dich.
Und also lehren jüdische Rabbinen:
Die Jungfrau Tora ist wie die Gazelle,
So sagte schon der weise Salomo,
Weil eng ist der Gazelle Muttermund,
Und also geht es auch dem Schriftgelehrten,
Dass auch nach zwanzig Jahren treuer Ehe
Die Tora bleibt die enggebaute Jungfrau
Und so ergötzt sie mit dem engen Schoß
Den Schriftgelehrten noch wie in der Jugend!
CHAOSMEER
Am Anfang schuf das Wort das Unsichtbare,
Die Engel, und die ganze Sichtbarkeit.
Da war die Erde leer und öde, Tohu-
Wa-Bohu, und es war das Urmeer da,
Die Meere, auf lateinisch: Die maria!
Und über den maria schwebte Ruach,
Geist Gottes, schwebte wie die Taube liebend
Und brütete das ganze Weltall aus.
Die Taube legte in maria nieder
Ein Ei, den Urkern, oder auch die prima
Materia, und in dem Urkern war
Der Eros Gottes, dessen Intelligenz
Entwickelte in Evolutionen
Die Keime aller Dinge in dem Urkern
Zur vorbestimmten Zeit im Raum des Alls.
So schuf der Geist aus den maria alles
Und aus maria ist das Universum.
CHOCHMAH
Im Namen Gottes Jahwe ist das H
Die Hochmah, Gottes eingeborne Weisheit.
Der Freund der Weisheit oder auch ihr Minner
Nennt sie die reine Jungfrau Christ-Sophie.
Der weise Salomo hat liebgewonnen
Die Schönheit dieser Jungfrau Christ-Sophie
Und suchte sie als Gattin heimzuführen.
Sie ist der reine Glanz des Allerhöchsten
Und eine Emanation der Kraft des Herrn.
Sie herrscht von All zu All und geht in feine
Und reine Seelen ein und macht die Seelen
Zu Freunden Gottes, zu Propheten Gottes.
Sie war bei Adam, als er einsam war,
Verließ ihn nicht nach seinem Sündenfall.
Sie war beim Glaubensvater Abraham,
Als er den Liebling opfern musste Gott.
Sie war beim Patriarchen Israel,
Der vierzehn Jahre einer Frau gedient.
Sie war beim Träumer Josef, als die Brüder
Verraten haben den Geliebten Gottes.
Sie war bei Mose, als er voller Kraft
Befreite aus der Sklaverei Ägyptens
Die Kinder Israel. Die Christ-Sophie,
Die höchste Herrin Chochmah, war im Anfang
Vor aller Schöpfung, spielte vor dem Vater,
War Lieblingin und Hätschelkind des Vaters
Und spielte vor dem Vater alle Tage,
Entzückte Gott den Vater, und die Freude
Der lichten Jungfrau Christ-Sophie war es,
Bei Adams Söhnen in der Welt zu sein.
CHARIS
Was für Johannes die Agape war,
Die Göttlichkeit der Liebe, die sich schenkt,
Das war für Paulus Charis, ein Geschenk
Der Liebe, eine Liebesgabe Gottes.
In Charis nämlich offenbart die Gottheit,
Wie sie entzückend ist und voller Charme
Und voller Liebreiz, voller Anmut, Schönheit!
Es ist die Charis, dass die Gottheit Mensch ward,
Es ist die Charis, dass der Gottmensch starb
Und auferstand, es ist die Charis, dass
Die Christen sind begabt mit Charismen.
Es ist die Charis, die in Christen lebt,
Die Charis, die die Auserwählten heiligt,
Die Charis, strömend aus den Sakramenten.
Die Menschen, die von Gott gerettet werden,
Die sind gerettet worden durch die Charis.
CYPROS
Die Tochter Cypros nennt die Bibel auch
Elischa: El ist Gottes Name, Ischa
Heißt Frau. Die Tochter Cypros ehrte früher
Die göttliche Astarte der Phönizier,
Die Göttin Aphrodite Cypria.
Doch der Apostel Petrus lehrte Cypros
Die Liebe Gottes im Gekreuzigten,
Im eucharistischen Heiland Jesus Christus.
Drauf wandte sich die fromme Tochter Cypros
An Unsre Liebe Frau Maria oder
Panhagia Aphroditissa, Königin
Der Liebe, Spiegelbild der Schönheit Gottes.
DEBORAH
Deborah war die Richterin des Volkes
Der Kinder Gottes. Und die Feinde Gottes
Bedrängten Gottes Volk, da sprach das Volk:
Deborah, ziehe uns voran zum Kampf!
Und Balak führte an der Krieger Schar.
Deborah aber saß im Schutz der Eiche,
Die nannte man Deborahs Eiche, da
Trat Balak zu der Richterin und sprach:
Auf, auf, Deborah, Mutter Israels,
Zieh in den Krieg, besiege unsre Feinde!
Deborah stand von ihrem Sitze auf
Und sagte: Wenn ich in den Krieg voran zieh,
Dann wird der Ruhm nicht deiner sein, o Balak,
Der Ruhm gehört der Mutter Israels.
So zogen Balak und Deborah in
Den Krieg und siegten über Gottes Feinde,
Der Ruhm des Sieges aber war Deborahs,
Die Mutter Israels, sie triumphierte.
DELILA
Delila war die Tochter von Philistern,
Doch Samson sprach, der Richter Israels,
Zu seiner Mutter und zu seinem Vater:
Die gebt mir bitte zur Gemahlin, sie
Ergötzt mein Auge, keine so wie sie!
Die Eltern sprachen: Ist denn unter allen
Den Jungfraun Israels kein Weib für dich?
Doch Samson sagte: Ich will nur Delila!
So ward Delila Samsons Ehefrau.
Doch Samson war der Gegner der Philister
Und war sehr stark, denn er war ein Verlobter
Des Herrn von Mutterschoße an, die Kraft
War aber in den ungeschnittnen Haaren,
Dem Haar, wie es die Gottverlobten trugen.
Nun wollten die Philister-Krieger wissen,
Was das Geheimnis sei von Samsons Kraft.
Sie nahmen also Samsons Kuh und pflügten
Das Feld mit Samsons Kuh, denn zu Delila
Die Feinde Samsons sprachen: Frage ihn,
Was das Geheimnis seiner großen Kraft ist.
Delila bat und bettelte so lange
Und sagte: Ach, du hast mich nicht mehr lieb,
Bis er verriet ihr seiner Kraft Geheimnis.
Delila rief: O Samson, die Philister
Sind über dir! Und die Philister nahmen
Gefangen den Verlobten Gottes, Samson.
Delila aber ward zur Frau gegeben
Dem Freunde Samsons, sie ward dessen Frau.
DINA
Als Jakob kam mit seinem Dutzend Söhnen
Und mit der einen Tochter ins Gebiet
Von Sichem, sah der Sohn des Sichem, Hamor,
Die wunderschöne Tochter Jakobs, Dina,
Und da er Dina sah, begehrte er
Den Leib der wunderschönen Frau zum Beischlaf,
Doch da sie keinen Heiden wollt zum Mann,
Nahm Hamor Dina eben mit Gewalt
Und riss den Rock herab von ihrem Leib
Und spreizte ihre Schenkel, er drang ein
In Dina mit Gewalt, ergoss sich schnell
Und ließ die Vergewaltigte zurück.
Die klagte laut ihr Elend ihren Brüdern.
Und Simeon und Levi, Zwillingsbrüder,
Sie rächten zornig die geschwächte Schwester
Und sprachen zu dem Manne Hamor: Willst du
Zur Gattin Dina, lasse dich beschneiden!
Als Hamor sich beschneiden ließ, da lag er
Geschwächt im Bett, die Zwillingssöhne kamen
Und nahmen Hamor in dem Bett das Leben.
Doch Dina blieb verstört ihr Leben lang.
DIAKONIN
Als Jesus Jünger rief und Jüngerinnen,
Da weihte er die Männer zu Aposteln,
Die Frauen dienten ihm als Dienerinnen
(Als Diakonin oder Ministrantin)
Und dienten ihm nicht nur mit ihrem Geld,
Johanna und Susanna und Maria
Von Magdala, sie dienten Jesus Christus
In allem mit der eigenen Substanz!
DIANA VON EPHESOS
Berühmt war auf dem ganzen Kreis der Erde
Das Heiligtum der göttlichen Diana
Von Ephesos und ihr geliebtes Bild
Vom Himmel war gefallen, schwarzer Stein.
Weltwunder der Antike war der Tempel.
Da gab es aber einen armen Narren,
Der konnte nichts als Fressen nur und Scheißen,
Der wollte auch auf Erden Ruhm erlangen,
Und also steckte er den Tempel an
Und ruinierte so das Heiligtum
Jungfräulicher Diana! Ebenso
In Ephesos verkündet ward Maria
Als Theotokos, Gottgebärerin,
Da dachte sich Helvetius, der Dummkopf:
Ich will auch Ruhm erlangen auf der Erde
Und sage darum etwas ganz Absurdes:
Maria hat mit Josef auch geschlafen,
Vier Söhne ihm geboren, dazu Töchter.
Hieronymus, der Bibelübersetzer,
Er sprach: Helvetius ist dumm und frech,
Er frevelt an dem Heiligtume Gottes!
Wer sagt, Maria habe Söhne, Töchter
Geboren nach dem Ehe-Akt mit Josef,
Spricht nicht in Gottes Weisheit. Anathema!
EDEN
Die Aue Eden ist die Frau des Herrn,
Die Flur von Eden ist die Flur der Freude.
Hier sind vereint die Gottheit und die Menschheit,
Vereinigt Männlichkeit und Weiblichkeit,
In Frieden lebt der Mensch mit der Natur
Und alle Kreaturen sind im Frieden.
Des Menschen Hybris aber ruinierte
Die Freuden-Aue, diese Frau des Herrn.
Der Baum des Lebens, wie die Perser sagen,
Von Anahita ward entrückt zum Mond.
So der Psalmist zur Rechten Gottes sah
Die Wonne thronen. Wonne ist bei Gott!
Verschlossen das Gefild der Seligkeit
Zur Rechten Gottes war, bis Unsre Frau
Dem Herrn ihr Ja-Wort gab, da schloss sie auf
Für ihre Kinder das Gefild der Wonne,
Im Garten Eden, sagen die Muslime,
Dort die Erlösten sind mit lauter Wonnen!
Und Platon nannte diesen Garten Eden
Im Himmel das Elysische Gefilde!
Johannes nennt es Gottes Paradies
Und Weise nennen es Mariens Schoß.
EHE
Die Ehe, Sakrament der Einigung
Des Liebenden mit der Geliebten, fruchtbar
In dem geliebten Kind, ist Ebenbild
Der göttlichen Vereinigung im Innern
Der Allerheiligsten Dreifaltigkeit:
Die Erste Hypostase liebt die Zweite,
Die Zweite Hypostase liebt die Erste,
Aus der Vereinigung der Hypostasen
Die Dritte Hypostase geht hervor.
EINSICHT
Frau Weisheit nenne deine Freundin, Weiser,
Frau Einsicht aber nenne deine Schwester.
Frau Einsicht mit dem schönen Namen Binah
Ist Seelenschwester des Gerechten, Seelen-
Verwandte, denn sie ist die Tochter Gottes,
Und der Gerechte ist ein Gottessohn.
Und so der Weise und die Jungfrau Binah
Sind Brüderchen und Schwesterchen in Gott
Und lieben sich auf diese keusche Art.
ELOAH
Wir glauben an die Gottheit Elohim,
An Ihre Majestäten, Göttlichkeiten,
Wir glauben an den starken El, den Gott,
Den Herrn und den Erzeuger aller Dinge,
Wir glauben aber auch an die Eloah,
Die mütterliche Gottheit schöner Liebe.
ERZMUTTER
Erzmutter aller, die da leben, ist
Die Frau, die Vater Adam Eva nannte,
Denn Eva, das bedeutet Leben, das
Bedeutet Mutter der Lebendigen.
Doch unser aller Mutter Eva hörte
Auf Luzifer, der Schlange kluges Lispeln,
So ward beraubt die Menschheit ihrer Mutter.
Doch Gott ließ nicht allein die arme Menschheit,
Gott ließ die Menschheit nicht als Waisenkind,
Maria wurde unser aller Mutter,
Die Neue Eva, Mutter der Lebendigen,
Erzmutter aller Mutterschaft auf Erden.
ESTHER
Der König feierte ein Fest mit Freunden
Und alle tranken reichlich Wein und Schnaps,
Da rief der König seine Königin,
Sie sollte ihre Schönheit offen zeigen.
Jedoch die Königin, die stolze Frau,
Sie zeigte ihre Reize nicht dem König.
Und da verwarf der König diese Frau
Und suchte eine neue Königin
Und rief die schönsten Mädchen an den Hof
Und wählte aus den Mädchen sich die Schönste,
Das jüngste, reinste, strahlendste der Mädchen!
Das Mädchen Esther war der Morgenstern.
EVA
Ich seh die Jungfrau Eva nackt im Garten,
Im Baume der Erkenntnis hängt die Schlange,
Sie nimmt den eignen Schwanz ins Maul, dann bläst sie
Der nackten Eva in das Muschelohr:
Komm, pflücke, Eva, komm und pflück die Feige!
Und Eva pflückt mit rascher Hast die Feige! –
So kommt das Unglück über alle Menschen.
ELISABETH
Elisabeth galt lang als unfruchtbar,
Bei Gott jedoch ist nichts unmöglich, also
Die unfruchtbare Frau ward schließlich schwanger,
Und Sankt Maria kam zu der Verwandten
Und stand ihr bei in ihrer Niederkunft.
Elisabeth sah Sankt Maria gleichfalls
In guter Hoffnung, und so schrie sie laut:
Die Mutter meines Schöpfers kommt zu mir?
Gesegnet ist der Schoß, der trägt den Herrn!
Gesegnet ist die Brust, die stillt den Herrn!
Und so gebar Elisabeth Johannes
In Ain Karin. Und heute Unfruchtbare
In Ain Karin um Leibesfrüchte beten.
EPHESOS
Der Herr am Kreuze spricht zum Jünger:
Schau auf Maria, siehe deine Mutter!
Der Herr am Kreuze spricht zu Unsrer Frau:
O Frau der Offenbarung, sieh dein Kind!
Von jener Stunde an der Jünger nahm
Die Mutter Gottes in sein Innres auf
Und lebte mit der Frau der Offenbarung
In Ephesos am Nachtigallenberg.
FAMILIE
Die heilige Familie ist sehr warm,
Ein Abbild der Dreifaltigkeit ist sie.
Sankt Josef als der Pflegevater Jesu
Ist Abbild von dem Ewigen Vatergott.
Der Jesusknabe ist ja selbst Gott Sohn.
Maria ist das Sakrament des Geistes,
Der Geist ist mütterliche Liebe Gottes.
Und alle lieben sie bis zu dem Tod:
Sankt Josef stirbt aus Liebe zur Madonna,
Maria stirbt aus Liebe zum Messias,
Der Christus stirbt aus Liebe zu der Welt.
FEIGE
Die Feige heißet auf lateinisch fica
Und auf französisch heißet sie la figue!
Die Feige Evas ist des Kummers Ursach!
Wenn aber Satan dich belästigt, mach
Mit deinen Fingern das Symbol der Feige,
Und der Versucher wird von dir entweichen,
So lehrte mich Teresia von Jesus.
FLEISCH
Nur Fleisch ist sie, nicht reiner Geist, die Tochter
Ägypten, ist ein Mensch und ist nicht Gott!
Und dieses Fleisch ist wie die Wiesenblume,
Die morgens blühend ist und abends welk.
FRAU
Als Eva war gefallen durch intimen
Verkehr mit Luzifer, der klugen Schlange,
Da kam das Protoevangelium
Des Wortes Gottes: Kommen wird die Frau
Und wird der alten Schlange Haupt zertreten!
Gott stiftet Feindschaft zwischen Schlangenkindern
Und Kindern von der Frau der Offenbarung.
Als Jesus seine Glorie offenbarte
Auf einer Hochzeit, sprach er zur Madonna:
O Frau! Was ist das zwischen mir und dir?
Als Jesus sah vom Kreuz auf jenen Jünger,
Den er geliebt, da sprach er zur Madonna:
O Frau der Offenbarung, sieh dein Kind!
Johannes schaute einst den Himmel offen
Und schaute jene Frau im Licht der Sonne,
Den Mond zu Füßen und geschmückt mit Sternen.
Der böse Feind bekämpft die Frau des Himmels
Und ihre Kinder, doch die Frauen-Kinder
Besiegen Satan durch das Blut des Lammes.
Die einst Marie von Nazareth gewesen,
Geworden ist zur Fraue aller Völker.
Wir werden einfach sie die Mutter nennen,
Wir nennen einfach sie die Liebe Frau!
FREUNDIN
Frau Weisheit möchte deine Freundin sein,
So sagt zu dir der weise Salomo.
So wähle dir die Hagia Sophia
Zur Freundin, zur Verwandten deiner Seele.
Die Hagia Sophia kommt zu dir
Als Mutter mit der Brust voll Milch des Trostes,
Sie kommt zu dir als jugendliche Freundin.
Sie will dir Freundin sein, Geliebte sein,
Des freue dich, weil der Verkehr mit ihr
Bringt nicht Verdruss und Kummer, sondern Freude!
Ich habe ihre Schönheit liebgewonnen
Und holte sie zu mir in meine Wohnung,
Dort wohne ich mit ihr. Der Herr liebt den,
Der mit Sophia liebend wohnt zusammen.
FRUCHTBARKEITSGÖTTIN
Die Kinder suchen Holz zum Opferfeuer,
Die Frauen backen Kuchen in der Form
Der nackten Göttin Himmelskönigin,
Die Männer fressen Fleisch und saufen Wein
Und singen laut der Himmelskönigin.
O Jeremia, bleibe uns vom Halse
Mit deinem Vatergott! Uns ging es gut,
Als wir die Himmelskönigin verehrten!
Und erst, seit wir zu opfern unterlassen
Der nackten Liebesgöttin, sind wir elend!
FRIEDE
Eirene heißt die schöne Hypostase
Der Gottheit, die Eirene stiftet Frieden
Im Menschenherzen, Frieden mit der Gottheit
Und Frieden mit dem eignen Seelenfunken
Und Frieden mit den Brüdern und den Schwestern
Und mit der unvernünftigen Natur.
Die göttliche Eirene übersteigt
Den menschlichen Verstand und sie bewahrt
Uns Sinn und Herz und Geist in Jesus Christus.
So mit euch seien Charis und Eirene!
GARTEN
Ich sah den großen grünen Garten Eden
Und sah die nackte Eva, Adams Flanke,
Und sah die Liebe glühn in aller Grünkraft!
Ich sah die schöne Sulamith, die Freundin,
Ihr Leib war paradiesischer Natur,
Lustgarten war der Körper meiner Freundin,
Mir die Geliebte eine Balsamstaude.
Weingarten Gottes, dich hab ich gesehen,
Wo Milch und Honig floss im Überfluss
Und wo die Trauben riesengroß gewesen.
Ich ahnte auch den Garten in den Himmeln,
Wo immer Sommer ist im Weinberg Gottes
Und wo die Liebe alles ist in allen,
Bei Gott ist die délice éternelle!
Ein Garten ist, wie Karmeliter sagen,
Die Seele und bewässert vom Gebet,
Wo das Gebet zuerst schleppt Wassereimer,
Wo klüger das Gebet dann gräbt Kanäle,
Wo weise das Gebet dann gleicht dem Regen,
Denn nach dem Beten, wie Maria sagt,
Ist unsre Seele blühend wie ein Garten,
Wenn nach dem Frost die Primavera kommt!
GAZELLE
Der Dichter Salomo besang die schöne,
Die junge Sulamith und nannte sie
Gazelle, denn sie hatte große warme
Gazellenaugen mit dem Blick der Liebe,
Ihr Leib war schlank wie der Gazelle Leib
Und ihre langen schlanken Beine waren
Gazellenbeine. Und die beiden Brüste
Der Freundin waren wie Gazellenkitze,
Gazellenzwillingskitze ihre Brüste,
Die hüpften fröhlich, wenn sie näher eilte.
Der Muttermund der Jungfrau Sulamith
War eng wie der Gazelle Muttermund.
GOTTHEIT
Gott offenbarte selber sich als Vater.
Wer aber einen kalten Vater hatte,
Dem rät der weise Priester: Nenne Gott
Den Vater eine mütterliche Gottheit,
Die Gottheit schöner Liebe nenne sie.
GEBURT
Der Geist schenkt eine Neugeburt von oben,
Da wird das Kindlein der Natur ein Kindlein
Der Gnade, nicht gezeugt von einem Mann
Und nicht gezeugt von Fleisch und Blut, vielmehr
Von Gott geboren! Gott gibt die Geburt
Der neuen Schöpfung, die ein Gottmensch ist!
Geboren wurde von der Lieben Frau
Maria durch des Geistes Zeugen Jesus,
Der Gottmensch, welcher ist das Haupt der Kirche,
Die Kirche ist sein Leib. Die Kirche wird
Geboren auch von Unsrer Frau Maria
Und wird gezeugt durch Gottes Geist. Die Christen
Sind Christi Glieder, und so hat das Haupt
Die selbe Mutter wie die Glieder auch.
Mit Christi Ankunft setzte ein die Endzeit
Und dies ist eine Zeit der Wehen, bis
Der Herr erneut erscheint in Herrlichkeit.
Die Christen sind verborgen in dem Schoß
Mariens, bis die Christen sie gebiert
In die Unsterblichkeit im Paradies.
Doch wer nicht neugeboren ward von oben,
Gelangt nicht wie ein Kind ins Himmelreich.
Drum, Seele, sei wie Unsre Liebe Frau,
Empfange Gottes Wort mit deinem Ohr,
Dass Christus in der Seele wird geboren
Und Christus in der Seele wird genährt
Mit Gottes Manna in den Sakramenten
Und Gnaden immerwährenden Gebetes,
So Christus in der Seele reift heran,
Bis von der Seele er geboren wird
Und durch die Liebe kommt in diese Welt.
GEIST
Geist Gottes ist der Lebensatem Gottes,
Der Odem oder Hauch, der überm Urmeer
Wie eine Taube schwebte, girrend, brütend,
Die mütterliche Ruach-ha-kadosch,
Sie schwebte auch wie eine junge Taube
Zu Unsrer Lieben Frau Maria, Leben
Gebärend in Maria. Unsre Frau
Ist überhaupt das menschliche Gesicht
Der Ruach-ha-kadosch, die Liebe ist,
In unsre Herzen ausgegossne Liebe.
GNADE
In dem Johannes-Evangelium
Geschrieben steht, dass Mose hat gebracht
Die Jungfrau Torah, aber Jesus Christus
Hat uns gebracht die Jungfrau Aletheia
Und Jungfrau Charis. In dem Paulusbrief
An die Ecclesia von Rom geschrieben
Ward von dem Weisen, dass die Zeit der Torah
Ward abgelöst von dem Äon der Charis.
Was in den Briefen des Johannes ist
Die göttliche Agape, ist dem Paulus
Die Charis, welche göttlich ist. In der
Geschichte der Apostel singt Sankt Lukas
Die Odyssee des Paulus, der auf Reisen
Nicht wie Odysseus von Athene ward
Geleitet, sondern Paulus ward geleitet
Von Jungfrau Charis mit den Taubenaugen.
GOMER
Gott sagte zu Hosea, dem Propheten:
Nimm dir zur Ehefrau die Hure Gomer
Und zeuge mit der Hure Gomer Kinder!
Und so gebar die Hure Gomer Kinder,
Die Tochter Diblatajims, sie gebar
Den Erstgebornen, Jesreel, den Landmann,
Und dann gebar sie ihre Zwillingskinder:
Lo Ammi, Lo Ruchama, das bedeutet:
Dass Israel ist nicht mehr Gottes Volk
Und Gott ist nicht mehr voll Barmherzigkeit.
Die Hure Gomer aber brach die Ehe
Und hatte zwischen ihren großen Brüsten
Die Talismane ihres Ehebruchs
Und lief den Hurenböcken nach, den Baalen.
Hosea aber sollte doch die Hure
Behalten als sein Weib, die Hure Gomer,
Denn Gott ist treu und der Prophet ist treu.
Lo Ammi, Israel ist nicht das Volk des Herrn,
Lo Ammi wird zum Ammi werden, dann
Wird Ammi sagen zu dem Herrn.: Mein Vater,
Mein Vater und Gebieter, du mein Gott!
Und dann spricht Gott der Herr: Mein Liebling Ammi!
Dann wird die Hure Gomer auch am Ende
Nicht Baal verehren, sondern Gott den Herrn,
Sie wird den Herrn nicht mehr Gebieter nennen,
Sie nennt ihn Bräutigam und Ehemann,
Und Gott nimmt Gomer an als seine Ehefrau,
Beseligt sie mit göttlicher Erkenntnis!
GÖTTIN
Weil Salomo die Tochter Pharaos
Als schöne Frau geliebt hat, diese Heidin,
Hat Salomo für die geliebte Frau
Ein Heiligtum gebaut der Göttin Isis.
Für eine andre Frau, die er geliebt,
Hat er gebaut den Schrein der Göttin Anat.
Da sagte ein Prophet zu Salomo:
Wenn du dich sehnst nach einer Himmelsgöttin,
Verehre doch die Jungfrau Christ-Sophie!
GRANATAPFEL
Madonna mit dem roten Granatapfel,
Dein Gotteskindlein sitzt auf deinem Schoß
Und weiset uns den offnen Granatapfel.
Um dich versammelt sind die lieben Kinder,
Die sammeln sich um deinen Granatapfel.
Geliebte! Deine Schläfe unterm Schleier
Ist wie die Spalte in dem Granatapfel.
Der Granatapfel aus dem Paradiese
An deinem Saum hängt mit der goldnen Glocke.
Und so verehren dich wir Zyprioten.
GRAB
Zwar Hiob sprach in seinem tiefen Gram:
Das Grab ist mir ein liebevoller Vater,
Die Würmer sind mir Mütterchen und Schwester,
Ich aber sag in meinen Seelenschmerzen:
O Grab, du bist mir eine gute Mutter,
Die Würmer sind mir alle liebe Schwestern!
Denn von der Mutter Erde stammen wir,
Sind Adam von der Mutter Adama,
Zurückzukehren in die Mutter Erde
Und heimzukehren in den Schoß des Grabes,
Bis Mutter Grab gebiert uns in den Himmel.
GÜRTEL
Als Sankt Maria in den Himmel fuhr,
Da zweifelte der kluge Denker Thomas,
Dass Unsrer Frauen Leib im Himmel sei.
Da kam zu Thomas Unsre Liebe Frau,
Gab ihm den Charis-Gürtel ihrer Lenden.
Der kluge Thomas trug den Charis-Gürtel
Mariens auf den Gipfel des Olymp,
Dort wird er als Reliquie aufbewahrt.
GÜTE
O du Dreifaltigkeit des Philosophen,
Du Göttin Wahrheit und du Göttin Schönheit
Und Göttin Güte du, ihr drei seid eins,
Die Höchste aber ist die Göttin Güte,
Die Gottheit ist die absolute Gutheit,
Das Böse ist ein wesenloses Nichts.
HADESSA
Hadessa war ein unbeflecktes Mädchen,
Sie war die Myrte unter all den Mädchen.
Ihr Onkel zog sie groß. Der Onkel wollte
Sie freien, wenn sie heiratsmündig wäre.
Jedoch der Kaiser nahm sie sich zur Braut.
HAAR
Das lange Haar der Liebesgöttin war
Ein Zeichen ihrer göttlichen Erotik,
Die Göttin Hathor hatte Lockenfluten!
Und Sulamith, die Braut des Salomo,
Sie hatte lange schwarze Haare, die
Wie eine Herde schwarzer Ziegen wallten
Herunter an dem Berge Gilead,
Und in den Lockenfluten Sulamiths
Lag fest gefangen König Salomo.
Und Jesu Jüngerin trägt langes Haar
Wie einen Schleier, redet sie prophetisch.
Maria Magdalena, Jesu Braut,
Mit ihrer langen Mähne trocknete
Die Füße Jesu sie von ihren Tränen.
Maria, unsre Herrin über allem,
Bedeckt die Haare bräutlich mit dem Schleier,
Doch wenn sie sinken lässt den Schleier, ah,
Dann ist die Haarflut wie ein Wasserfall.
HAGAR
Als Gott dem Abraham verheißen hatte,
Er solle einen Segenssohn bekommen,
Da war er hundert Jahre alt und Sara
War neunzig Jahre alt und ohne Blutung.
So nahm sich Abraham die schöne Hagar,
Die Magd der Herrin, die Ägypterin.
Er schlief mit ihr und sie gebar ein Kind.
Da ward die Magd der Herrin stolz und sah
Voll Stolz herab auf ihre Herrin Sara.
Und Sara sprach zum Gatten Abraham:
Schick in die Wüste die Ägypterin!
Und Jahwe sprach zu Abraham: Gehorche
In allem deiner Herrin! Also schickte
Der Sara Gatte die Ägypterin
Mit ihrem Kinde in die Wüste. Dort
Verdurstete die Magd mit ihrem Kind,
Und Hagar legte Ismael, den Sohn,
Im Schatten eines Busches nieder, dass
Er friedlich sterbe. Aber Gottes Engel
Zu Hagar sprach: Dort drüben ist ein Brunnen!
Und Ismael und Hagar überlebten,
Und Hagar betete die Gottheit an:
Gott ist der liebe Gott, der nach uns schaut!
Und Jahwe sprach zu der Ägypterin:
Dein Kindlein Ismael wird Krieger werden
Und wild und stark sein in der Araba!
HALSKETTE
O Sulamith, dein Hals ist wie ein Turm
Von Elfenbein, dran tausend Schilde hängen!
O Sulamith, das Kettchen deines Halses
Ist voller Zauber und Magie, dass ich
Bezaubert bin von dir! Ich seh das Kettchen
Mit einer wundertätigen Medaille
Dir zwischen deinen beiden Brüsten glitzern!
HANNA
Elkana war ein Gatte zweier Frauen,
Penina hatte Söhne ihm geboren,
Doch Hanna konnte keinen Sohn bekommen.
Und Hanna betete in Gottes Tempel
Um einen Sohn, und Gott erhörte sie,
Und so gebar sie Samuel, den Seher,
Den weihte sie in Gottes Tempel Gott.
Und Hanna sang das Lied: Magnificat
Anima mea Deum Dominum! -
Die Greisin Hanna war schon lange Witwe
Und war auf fromme Weise Witwe, Gott
Verlobt, und hielt sich immer auf im Tempel.
Und als sie sah Maria mit dem Kind
Und mit dem lieben Josef in dem Tempel,
Da sprach sie über dieses Gotteskind
Zum gotterwählten Volke Israel.
HEBAMME
Als Pharao gebot den Knabenmord
An Knaben Israels, da waren zwei
Hebammen Israels, die sprachen weise:
Die Mütter Israels gebären schnell!
Und eh das Kind im Mutterschoße kann
Getötet werden, ist es schon auf Erden
Und wird ein mächtiger Prophet des Herrn!
Ich meine, Pua hieß die eine und
Die andre Schifra. Sokrates, der Weise,
Er sprach von seiner Dialektik als
Hebammenkunst: Geboren wird die Wahrheit.
HOCHZEIT
Die Bibel ist das Buch der Hochzeit Gottes,
Gott ist der Bräutigam, das Gottesvolk
Die Braut. Gott lädt die ganze Menschheit ein
Zur Hochzeit mit dem Sohn, dem Bräutigam.
Und Jesus nennt den Himmel eine Hochzeit.
Des Lammes Hochzeit mit Jerusalem
Ist Jesu Christi Hochzeit mit der Kirche.
Maria und die Kirche und die Seele
Sind weiblich. Jede Seele werde Braut
Des Bräutigams, der schöne Liebe ist.
Die Seele als die Braut des Bräutigams
Lebt schon auf Erden in der Gottesehe,
Die Kommunion ist die Vereinigung,
Jedoch im Himmel die Vereinigung
Ist göttlich-lustvoll und die Seele wird
Von Gott dem Bräutigam vergöttlicht werden!
HENNE
Als Jesus schaute Frau Jerusalem,
Da weinte Jesus Christus Trauertränen:
Jerusalem, Jerusalem, o Frau,
Wie wollte ich doch deine Knaben hüten
Wie eine Henne hütet ihre Küken!
Du aber, Frau, hast nicht erkannt den Kairos,
Da ich an deines Herzens Tür geklopft!
In deinem Garten werden Nesseln wachsen,
Bis du Hosanna rufst und Halleluja,
Gelobt sei der, der kommt im Namen Gottes!
Ich, Jesus, bin vergleichbar einer Glucke,
Und meine Liebe zu den Menschen ist
Wie mütterliche Allbarmherzigkeit.
HERRIN
So sagte einst die Magdeburger Mechthild
In ihrem Buch vom Fluss des Licht der Gottheit:
Der Christus Jesus ist der Herr der Welt
Und Unsre Frau Maria ist die Herrin.
Der Herr und Heiland ist der wahre Gott
Und Unsre Liebe Frau die schöne Göttin!
HIERODULE
Die Frau, bevor der Ehemann sie nahm
Zu seiner rechtlich angetrauten Gattin,
Verschenkte sich im Dienst der Aphrodite
An Hurer, die zur Hure eingegangen.
Und wenn die Hurer diese Hure liebten,
So schien es ihnen, dass sie in dem Beischlaf
Die Göttin Aphrodite selber liebten.
HURE
Herr Jahwe hatte einst zwei Frauen, die
In ihrer Jugend wilde Huren waren.
Da ließen sich die jungen wilden Huren
Von Heidengöttern fassen an die Brüste!
Auf allen Wegen, unter allen Bäumen,
Auf allen Hügeln spreizten sie die Beine
Und ließen sich vom Gotte Baal beschlafen!
Herr Jahwe liebte dennoch beide Frauen
Und nahm sie beide an als Ehefrauen.
HIMMELSKÖNIGIN
Wenn Christus ist der König in den Himmeln,
Dann ist es Recht, dass Jesu Christi Mutter
Ist Königin des Himmels und der Erde.
Als Unsre Liebe Frau entschlafen ist
Und in den Himmel aufgenommen worden
Mit Leib und Seele in der Auferstehung,
Da krönte die Dreifaltigkeit Maria:
Der Vater krönte sie als Gottes Tochter,
Messias krönte sie als Gottes Mutter,
Der Geist sie krönte als des Geistes Braut.
Und also trägt die Himmelskönigin
Drei Kronen, die der Tochter, Braut und Mutter,
Und also die dreifaltige Maria
Ist Tochter, Braut und Mutter unsrer Gottheit.
HOFFNUNG
Die Hagia Sophia hat drei Töchter,
Die Tochter Caritas, die reife Frau,
Die Tochter Fides, eine reife Frau,
Und Tochter Spes, ein junges schönes Mädchen.
Die Liebe ist nicht schwer, denn wer liebt nicht?
Gott ist die Liebe und der Mensch ist Liebe!
Der Glaube ist nicht schwer, denn wer glaubt nicht?
Der Gottheit Evidenz ist gegenwärtig!
Die Hoffnung aber immer zu bewahren
Auch in der dunklen Nacht des Nichts, ist schwer!
Die Hoffnung aber, dieses junge Mädchen,
Sie wird dich niemals, niemals dich enttäuschen!
HULDA
Die heilige Prophetin Israels,
Ihr Mann war tätig in der Kleiderkammer,
Sie ward befragt vom König Israels,
Und Hulda hörte still des Geistes Flüstern
Und sprach: Du wirst im Frieden Gottes sterben
Und wirst zu deinen Liebenden versammelt.
ISHTAR
Die nackte Liebesgöttin Ishtar kam
Zum König Gilgamesch und wollte ihn
Zum Gatten haben. Aber Gilgamesch
Antwortete der nackten Liebesgöttin:
Du hast gehabt schon sieben Gatten, Ishtar,
Und allen hast du nichts als Leid gebracht,
Hast nichts als Schmerz und Nacht und Tod gebracht!
Ich will dich nicht zur Gattin haben, Ishtar! –
Doch kommt die wahre Himmelskönigin
Maria in der dunklen Nacht zu dir,
Zu küren dich als ihren Bräutigam,
So sage du zur Himmelskönigin:
Du hattest schon Sankt Josef zum Gemahl
Und hattest Herrmann Josef zum Gemahl
Und hattest Heinrich Seuse zum Gemahl
Und hattest Sankt Grignion zum Ehemann
Und zum Gemahl Johannes Paul den Großen,
Und allen hast du Christi Kreuz gebracht!
Ich sage Ja zu dir, o Königin,
Ich wähle dich zu meiner Ehefrau!
ISCHA
Als Adam wachte von dem Schlafe auf,
Vom Tiefschlaf, der war ähnlich einer Trance,
Weil Jahwe ihn versetzt in diese Trance,
Da dachte er an seinen Morgentraum,
Denn Morgenträume sind doch oft prophetisch,
Da hatte er von Liebe süß geträumt
Und von erotischer Vereinigung.
Er dachte grad noch jener Traumfrau nach,
Als Jahwe führte Evalein zu Adam,
Und Adam sah das Weibchen Evalein
Und wurde ganz spontan zu einem Dichter
Und sang die erste Liebespoesie
Der Menschheit: Evalein, du bist es, du
Bist die, von der ich grad so süß geträumt!
Du, Evalein, bist Fleisch von meinem Fleisch,
Du, Evalein, bist Bein von meinem Bein!
Ich bin der Mann, das heißt hebräisch Isch,
Du bist die Frau, das heißt hebräisch Ischa,
Wir sind, wie Doktor Luther sagte: Mann und Männin!
Und ruft uns Gott, so bitt ich, alle beide!
ISEBEL
Die Herrin Isebel war Braut des Baal
Und plagte den Elias bis aufs Blut,
So dass der Seher lieber sterben wollte!
Gott aber richtete Frau Isebel
Und Hunde leckten ihrer Leiche Blut
Und Huren wuschen sich in ihrem Blut!
Herr Jesus in der Offenbarung spricht
Zur Kirche: Warum duldest du bei dir
Die falsche Visionärin Isebel,
Die sie verführt die Christenheit zur Unzucht?
Ich hass die Werke dieser Nikolaiten
Und werfe Isebel aufs Bett und ziehe
Sie nackend aus, entblöße ihre Scham,
Wenn sie nicht Buße tut und zu mir umkehrt!
ISRAEL
Ihr, Tochter Israel und Tochter Juda,
Ihr seid die beiden Ehefrauen Jahwes,
Doch seid ihr geil wie heiße Stuten und
Wie brünstige Kamele in der Wüste!
Mein Ehebund mit euch jedoch besteht
Und wird auch von dem Kreuz nicht aufgehoben..
JAEL
Als Sissera um Wasser bat Frau Jael,
Da gab Frau Jael ihm gesüßte Milch.
Die Gattin des Keniters lud ihn ein,
In ihrem Zelt des süßen Schlafs zu pflegen.
Und als er lag in ihrem Zelt und schlief,
Da nahm sie in die Hand den harten Pflock
Und griff den Hammer, und sie trieb den Pflock
Mit steten Hammerstößen in den Schädel
Des Feindes Israels. So starb der Feind.
Und Israel sang Lobpreis zu der Leier:
Du, Jael, bist die Hochgebenedeite
Der Frauen in den Zelten Israels!
JERUSALEM
Die irdische Jerusalem ist Hagar,
Die himmlische Jerusalem ist Sara.
Die irdische Jerusalem ist Sklavin,
Die himmlische Jerusalem die Freie.
Wir Christen sind der Freien Kinder, sie,
Die himmlische Jerusalem ist Mutter
Der Kirche, aller Christinnen und Christen.
Am Ende des Äones dieses Kosmos
Kommt sie, die himmlische Jerusalem,
Wie eine Braut vom Himmel auf die Erde,
Geschmückt, geschminkt für ihren Bräutigam!
JOCHEBED
Die Mutter Jochebed gebar ein Knäblein,
Doch Pharao ermordete die Knaben
Der Juden, darum Jochebed das Baby
In einem Korbe setzte auf dem Nil aus
Und ließ ihn treiben. Mirjam, seine Schwester,
Sah, wie das Kindlein auf dem Nil davon trieb.
Die Tochter Pharao im leichten Kleidchen
Trat an den Nil, im großen Strom zu baden,
Da sie das Kind in seinem Korb gefunden.
Sie zog ihn aus dem Wasser, rief ihn Mose,
Ägyptisch heißt das Wörtlein Mose: Sohn.
Und Mirjam sah die Tochter Pharao
Und sprach zu ihr: O Tochter Pharao,
Ich kenne eine Amme bei den Juden,
Die stillt den Knaben dir an ihrer Brust.
So kam das Kind zurück zu seiner Mutter,
Und Jochebed an ihren Brüsten stillte
Das Mose-Baby, bis sie ihn zurückgab
Im dritten Jahr der Tochter Pharao,
Drei Jahre stillen nämlich Juden-Mütter.
JUDA
Die Töchter Israel und Juda beide
Sind Ehefrauen Jahwes. Aber Jahwe
Gab Tochter Israel den Scheidebrief,
Weil sie die Beine spreizte für den Baal.
Die Tochter Juda sah, dass Jahwe gab
Der Tochter Israel den Scheidebrief,
Doch nicht bekehrte Tochter Juda sich,
Auch sie, auch sie die Beine spreizte Baal!
JUDITH
Als Israel belagert wurde von
Den Feinden Gottes, schmückte Judith sich,
Die Witwe, schmückte sich mit Schmuck und Schminke,
Zog an ihr allerfeinstes Seidenkleidchen,
Umgürtete die Lenden, zog Sandalen
An ihre blo0en Füße, und das Haar,
Das Haar, das salbte sie mit Rosenöl.
Die Söhne Gottes staunten über Judith:
Solch eine Grazie zum Ruhme Gottes!
So ging sie zu den Feinden Gottes in
Das Heereslager. Die Soldaten sagten:
Die Juden haben wirklich schöne Weiber!
Wir wären keine Männer, wenn wir nicht
Mit solchen schönen Weibern schlafen wollten!
Und Judith trat zum Oberhaupt der Feinde
Ins Zelt und machte ihn mit Wein betrunken,
Betrunken war er von dem Liebreiz Judiths!
Da schlief er ein, vom Weinrausch müd geworden.
Und Judith griff das Schwert mit ihrer Hand
Und schlug dem trunknen Manne ab das Haupt!
Die Feinde Gottes sahen ihren Führer
Ermordet, und sie flohen voller Angst,
Und Israel verjagte Gottes Feinde,
Es jagten sie die Kinder junger Dirnen!
JUNGFRAU
Erbitte dir ein Zeichen von dem Himmel!
Du, der du gerne Menschen doch ermüdest,
Ermüde deinen Gott mit vielen Bitten!
Gott liebt es, ja, er will ermüdet werden!
Ein Zeichen gibt dir Jahwe seiner Liebe:
Das junge Mädchen! Sie wird schwanger sein,
Die Jungfrau wird ein Kind im Schoße tragen!
Schau diese Jungfrau an, die schwanger ist,
Und neue Hoffnung kommt zu dir, o König!
JOHANNA
Johanna war ein Weib aus Galiläa,
Des Namens Deutung sagte: Gott ist Gnade!
Ihr Ehegatte war ein Kinderpfleger
Im Hause des Herodes, Judas Königs.
Johanna ging mit Jesus Christus wie
Susanna und Maria Magdalena
Als Ministrantin oder Diakonin,
Gott dienend mit der eigenen Substanz!
JÜNGERIN
Der Menschensohn in seine Jüngerschaft
Berief Johanna und Susanna und
Maria Magdalena. Der Messias
Zwar liebte sehr Johanna und Susanna,
Johanna, Gattin eines Kinderpflegers,
Susanna, eine keusche Ehefrau,
Doch seine Favoritin war Maria
Von Magdala, die er befreit von sieben
Dämonen, die mit ihren Tränen salbte
Messias, den Gesalbten, mit den Haaren
Die Füße trocknete dem Menschensohn
Und mit den Lippen küsste seine Füße!
Der Gottessohn jedoch erhob Maria
Von Magdala und küsste ihren Mund!
So tat er sonst mit keiner Jüngerin
Und nicht mit Petrus, nicht mit den Aposteln
Und auch nicht mit Johannes Donnersohn,
Allein Maria Magdalena küsste
Messias ihren scharlachroten Mund!
JULIA
Als Paulus Gottes Kinder sammelte
Aus dem Bereich des Heidentums, da kam
Der weise Paulus auch zu Julia,
Die manche Junia mit Namen riefen,
Und dieses junge schöne Mädchen war
Inspiration für Paulus, als er schrieb:
Ich führe euch als Braut dem Christus zu,
Als eine Braut, die reine Jungfrau ist,
Als Jungfrau ohne Flecken, Falten, Runzeln!
KARMEL
Der Karmel ist ein Berg der Fruchtbarkeit,
Die Gottesweisheit ist ein tiefes Dickicht!
Je tiefer du in dieses Dickicht eindringst,
So unerforschlicher die Gottesweisheit!
Du dringst in dieses Dickicht ein, so tut sich
Unendlichkeit der Weisheit vor dir auf!
O Königin des Karmel, Liebe Frau
Der Gottesweisheit, lass die Schleier fallen!
Sechs Schleier lässt du fallen schon auf Erden,
Den siebten Schleier aber erst, den letzten,
Den lässt du fallen erst in meinem Tod!
Dann seh ich dich, o Weisheit, wie du bist!
Rasch! Reiß den letzten Schleier rasch herab!
KATZE
Die Katze war Ägypten heilig, war
Geweiht der Göttin Isis auf dem Mond.
Man zeigte Isis selbst mit Katzenkopf.
Ich sah ein Bild der Hochzeit einst von Kana,
Wie Eheleute Jesus und Maria
Beim Weine standen, und zu Füßen Jesu
War da ein treuer Hirtenhund zu sehen
Und zu den Füßen Unsrer Lieben Frau
Lag eine Katze, eine Schmusekatze.
KÄUZCHEN
Wie sagte der Psalmist? Ich bin ein Käuzchen,
Ich wimmre auf den Trümmer-Architraven.
Ein Käuzchen sieht des Nachts und ist sehr weise,
Sein Blick durchdringt die tiefste Finsternis.
Das Käuzchen war geweiht in Griechenland
Der göttlichen Athene, Göttin Weisheit.
Es sagt den Tod voraus, wenn man es hört,
So in der Nacht vorm Tode meiner Oma
Ging ich mit meiner Freundin durch ein Wäldchen
Und hörte unterm grünen lichten Vollmond
Ein Käuzchen meiner Oma Tod weissagen.
KEBSWEIB
Ich hatte einst ein Kebsweib, das war schön,
Und ich berauschte mich an ihren Brüsten,
Sie war die Herrin Torheit meiner Jugend,
Die ist nun hin, das Kebsweib ist nun tot
Und meine Jugendlust ist lang vergangen.
KINDER
Für Gott sind alle Menschen kleine Kinder,
Weil Gott ist eine liebevoller Mutter
Und wie ein Vater voller Zärtlichkeit.
Und Jesus ist der große Kinderfreund,
Der alle Kinder zu sich eingeladen.
Nur Kinder kommen ja ins Paradies.
Das Paradies ist wie ein Kinderfest,
Da Kinder spielen mit dem Gottessohn.
Und wenn ich sterbe, Herr, so hoffe ich,
Dass Jesus mir begegnet als ein Kind.
KINDERLOSIGKEIT
Die Kinderlosigkeit der Seele heißt
Die Einsamkeit. Doch nicht nur Kindermütter
Umgeben sind von Kindern, mehr noch ist
Der Mönch im Zölibat ein Kindervater.
Die Unvermählte, sagte einst Jesaja,
Hat mehr der Kinder noch als die Vermählte.
O Priester oder Mönch, o Nonne du,
Sei geistlich Vater oder Mutter doch
Und trage deine Kinder all zu Gott,
Ja, viele Kinder sollst du haben, Mensch,
Und betend sie begleiten in den Himmel.
KLUGHEIT
Die Klugheit nenne deine schöne Schwester,
Sagt Salomo, die Weisheit deine Freundin.
Die Weisheit trägt den schönen Namen Hokmah,
Die Klugheit trägt den schönen Namen Binah.
Zwei Sephirot die beiden Schwestern sind.
Die beiden Schwestern sind Aspekte Gottes.
Sprich, Binah, lehre mich die Gottheit kennen!
Sag, ist das wahr, dass Gott mir Schwester ist?
KLEOPATRA
Kleopatra war immer schön geschminkt,
Sie hatte einen purpurroten Mund
Und zartes Rouge auf ihren weißen Wangen,
Sie schminkte ihre langen schwarzen Wimpern
Und hatte überm Mund ein Schönheitsmal,
Im schwarzen Haar trug sie ein Diadem.
Sie löste eine Perle auf im Wein
Und starb freiwillig durch den Biss der Schlange.
Den großen Cäsar und auch Mark Anton
Bezauberte die Schönheitskönigin.
KÖNIGIN
Einst Esther war die junge Königin,
Erwählt aus aller Völker jungen Mädchen.
Es gibt im Glauben eine Königin,
Die benedeit ist unter allen Frauen.
Sie ist die schöne Königin der Liebe,
Die Friedenskönigin, die ich verehre.
KÖNIGINMUTTER
Bathseba war die Mutterkönigin,
Ihr Thron zur Rechten stand des Königsthrones.
Maria ist die Mutterkönigin,
Auf ihrem Schoße sitzt das Kind Messias.
Man kann den König nicht verehren, ohne
Der Mutterkönigin zu huldigen.
Der König nämlich ist die Liebe Gottes,
Die Mutter spiegelt Gottes Zärtlichkeit.
KÖRPER
Platoniker verachteten den Körper,
Doch Gott hat einen Körper angenommen.
Der Herr ist auferstanden mit dem Körper.
Maria ist im Himmel mit dem Körper.
Und wenn ein Mann verliebt ist in ein Mädchen,
So liebt er nicht allein die fromme Seele,
Er liebt die Schönheit ihres Körpers auch.
Und wenn die Toten auferstehen werden,
Dann wandeln wir im Körper in dem Himmel.
Unsterblich wird der Körper sein und schön,
Wird jung sein, ohne Falten, ohne Runzeln,
Wird leuchten wie des Sommers heiße Sonne.
KOSMETIK
Als Esther war im Frauenharem Susas,
Ward sie gebadet, ward gesalbt, geschminkt,
Geschmückt mit Schmuck und trug die schönsten Kleider.
Als Judith ging als Retterin der Juden,
Da parfümierte Judith sich und schminkte
Die Lippen rot und ihre Wimpern schwarz,
Da trug sie schöne Kleider, schönen Schmuck.
Und als der Geist des Herrn Maria schmückte,
Da trug Maria Kettchen, Ohrring, Ringe.
Kleopatra die Lippen schminkte rot,
Indem sie sich auf ihre Lippen biss.
Ihr Frauen, schminkt euch nur zur Ehre Gottes,
Denn eure Schönheit ehrt des Schöpfers Schönheit.
KOSMOS
Ein Wissenschaftler sah vom Throne Gottes
Unzählbar viele Universen, sah,
Wie Gott der König aller Universen,
Der Mensch in all den Universen aber
Ein reines Nichts ist, eine nackte Null.
Maria aber ist der Raum des Herrn,
Der Raum, den alle Räume nicht erfassen.
KRANZ
Ich hab den guten Kampf gekämpft, bin treu
Dem Evangelium gewesen, hab
Ergänzt, was an den Leiden Christi fehlte,
Hab täglich Dank geopfert, Lob gesungen,
Den Herrn verehrt mit Psalmen, Hymnen, Oden,
Nun liegt für mich bereit der Kranz der Schönheit.
Der Schönheit Krone und der Schönheit Kranz
Wird mir verliehen von der Schönheit Gottes.
KULTPROSTITUTION
Wir lieben noch die göttliche Astarte
Und wir vereinen oft uns mit der Göttin,
Indem wir mit dem Tempelhuren schlafen.
Denn die erotische Ekstase uns
Entrückt aus unserm Ich und uns verzückt
Bis an den Ozean der Schönen Liebe
Und wir verschmelzen mit der Liebesgöttin.
LADE DES HERRN
Die Lade Gottes oder Bundeslade
Enthielt die Tafeln mit des Herrn Geboten,
Den Mandelstab des Aaron und das Manna.
Im Neuen Testament Maria ist
Die Bundeslade Gottes, sie enthält
Den Logos Gottes und das Brot vom Himmel.
Und Aarons Mandelstab ward Josefs Stab,
Der ward der keusche Bräutigam Mariens.
Und ich, wie König David, der Psalmist,
Will nackt vor Gottes Bundeslade tanzen.
LEA
Als Jakob Rahel angebetet als
Sein Ideal, da liebte er zugleich
Die Mutter Lea, die so fruchtbar war.
Und Lea schenkt Jakob ihre Söhne
Und in den Söhnen liebte er die Mutter.
Und doch war Lea immer eifersüchtig,
Weil Jakob einzig Rahel angebetet.
LIEBE
Die Liebe ist noch älter als das Urmeer,
Doch älter als die Liebe ist das Kreuz.
LILITH
Die heimliche Geliebte Adams, Lilith,
Nicht Eva, welche untertan als Weibchen,
Nein, Lilith war die ernste Herrin, streng
Und stark, nicht nur der Mond, des Mannes Abbild,
Nein, selber eine lichte Sonne Gottes.
Und in dem Liebesakt, in der Vermischung,
Sie liebte nicht die Kunst der Missionare,
Nein, Adam sollte auf dem Rücken liegen
Und Lilith ihn, wie Inder sagen, buttern.
LIPPEN
O Lippen der Geliebten, voll und weich,
O Lippen der Geliebten, süß wie Honig,
O Lippen der Geliebten, saugend, schmatzend,
O Lippen der Geliebten, lieblich lächelnd,
O Lippen der der Geliebten, heiter plaudernd,
O Lippen der Geliebten, zärtlich küssend,
O Lippen der Geliebten, leise betend,
O Lippen der Geliebten – Paradies!
LORUHAMA
Als der Prophet Hosea Gomer nahm,
Die Tochter Diblajims, die große Hure,
Als Gomer Hurensöhne dann gebar,
Hosea liebte Jesreel, den Ersten,
Mehr noch als Jesreel er liebte Ammi,
Das driite Kind jedoch war ungeliebt.
LOTS TÖCHTER
Als Lot geflohen war aus Sodom, wo
Die homosexuellen Sünder herrschten,
Da floh er mit den Töchtern ins Gebirge.
Die beiden Töchter hatten keine Männer,
Denn Sodoms Männer liebten ja nur Männer,
Lots Töchter wollten aber Kinder haben,
Denn die Natur der Frau ist Mutterschaft.
Die beiden Töchter machten Lot betrunken,
Die blonden Töchter schenkten ein den Wein,
Und Lot trank Wein, bis er betrunken war,
Da legte Lot betrunken sich ins Bett
Und beide Töchter zogen nackt sich aus
Und beide Töchter schliefen mit dem Vater
Und Lot ward so der Vater seiner Enkel
Und seine Töchter ihres Vaters Bräute.
LOTS FRAU
Als Gott das Feuer schickte über Sodom,
Als Sodom, das Paris des Alten Bundes,
Im Feuer unterging, war Lot geflohen
Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern.
Lots Frau hing aber immer noch an Sodom
Und sah sich um und sah im Feuer Sodom
Verbrennen, sie beklagte Sodoms Sünder,
Sie hing mit ihrem Herzen noch an Sodom
Und so erstarrte sie zu einer Säule
Aus Salz, zu einem Denkmal ihrer Torheit.
Wie üppig schön war Lots Frau doch gewesen,
Das hält für alle Zeit ihr Denkmal fest.
LYDIA
Als Paulus nach Europa kam, da ging
Er an den Fluss, wo sich die Frauen trafen,
Und lehrte sie das Evangelium.
Und Lydia ward aufgetan das Herz
Von Gott und sie bekehrte sich zu Christus.
Da sagte sie zu dem Apostel Paulus:
Wenn du mir glaubst, dass ich auch gläubig bin
An Jesus Christus, Retter und Erlöser
Und Bräutigam und Vater meiner Seele,
Dann komm mit deinen Freunden in mein Haus,
Ich biete euch dort Wasser an und Brot,
Du unterweist mich in der Weisheit Gottes.
Mein Haus sei eine Kirche. Meine Kinder
Lass taufen ich auf Vater, Sohn und Geist.
MAAT
Die göttliche Gerechtigkeit und Wahrheit
Ward Göttin Maat gerufen in Ägypten.
Die Göttin hält in Händen eine Waage,
Und auf die eine Schale wird gelegt
Die Seele eines Toten, auf die andre
Gelegt wird eine leichte Pfauenfeder.
Die Göttin der Gerechtigkeit und Wahrheit
Ist Richterin der Lebenden und Toten.
Nur leichte Seelen kommen in den Himmel,
Die unbeschwert vom Ballast dieser Erde.
MÄDCHEN
In Susa herrschte König Ahaschveros,
Die schöne Vaschti war die Königin
Von Persien und Medien und wollte
Nicht ihre Schönheit zeigen dem Gebieter
Und nicht dem Mann gehorchen, sondern lieber
Mit Frauen tanzen in dem Frauenhaus.
Da suchte König Ahaschveros eine
Gehorsame Geliebte und ließ sammeln
Aus allen Völkern und Nationen Mädchen,
Und nur die allerschönsten jungen Mädchen,
Die jungen Mädchen lebten in dem Harem,
Sie badeten und salbten ihre Körper
Und schmückten sich und schminkten sich und zogen
Die allerschönsten Modekleider an.
Und jede Nacht der König Ahaschveros
Ein andres Mädchen rief in sein Gemach.
Am Morgen kehrte sie zurück zum Harem.
Und nur die er mit Namen wieder rief,
Die kamen dann ein zweitesmal zu ihm.
Der Harem voll von schönen jungen Mädchen,
Mir scheint, das war das Paradies auf Erden.
MAKELLOSE
So sang einst Salomo für Sulamith:
O meine Freundin, meine junge Taube,
Du Makellose, du bist wunderschön!
Und Unsre liebe Frau Maria einst
Erschien in Deutschland und sie nannte sich
Maria, Makellose, Mutter Gottes.
MARA
Noomi hieß die Süße, aber Gott
Hat sie geprüft mit einer schweren Prüfung,
Und plötzlich stand sie ohne Kinder da.
Noomi sagte zu den Jüdinnen:
Nennt Mara mich, die Bittere, und nicht
Noomi mehr, die Liebliche und Süße.
Und Mara ist ein Vorbild für Maria,
Die unsre Süßigkeit und Wonne ist,
Doch bitter leiden musste unterm Kreuz.
MARIA MAGDALENA
Die öffentliche Sünderin kam einst
Ins Haus des Pharisäers, trat zu Jesus,
Sie weinte voller Reue, ihre Tränen
Dem lieben Heiland auf die Füße tropften,
Sie trocknete die Füße mit dem Haar,
Mit ihrer langen roten Lockenmähne.
Und Jesus trieb aus ihrer Seele sieben
Dämonen aus, die sieben Wurzelsünden.
Dann stand sie unterm Kreuz und weinte bitter.
Der Herr hing nackt am Kreuz. Und seine Mutter
Gab ihren Schleier Magdalena, die
Verhüllte das Geschlechtsteil unsres Herrn.
Und als der Herr erstanden war vom Tod,
Begrüßte er als Erste Magdalena
Und machte so sie zur Apostelin
Und sandte sie nach Frankreich, der Provence,
Apostelin von Frankreich ward sie da
Und lebte mystisch, meditierend, einsam,
Bis sie der Herr entrückte in den Himmel,
Da tanzte sie dem Bräutigam entgegen.
MARIA VON BETHANIEN
Die beiden Schwestern Martha und Maria,
Sie waren Freundinnen des Meisters Jesus.
Doch Martha war nur immer sehr betriebsam,
Maria aber lauschte Jesu Weisheit.
Er war der Philosoph, der Weisheitslehrer,
Der Theologe, Theosoph und Dichter,
Und sie war schweigsam, feminin empfänglich.
Er zeugte mit dem Geist in ihrer Schönheit.
Und Jesus sprach, dass die beschauliche
Maria hat das beste Teil erwählt.
MARTHA
So hütet euch vor Marthaismus, Christen,
Vorm blinden Aktivismus in der Welt.
Doch Martha auch bekehrte sich im Wald
Von Tarrascon in der Provence von Frankreich
Und dort empfing sie auch die Kommunion
Und starb und kehrte heim zum Bräutigam.
MARIA MUTTER GOTTES
Maria ist die Gottgebärerin,
Weil Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch.
In tausend Titeln preisen wir Maria,
Ihr höchster ist: Die Mutter unsres Gottes.
Da Jesus mystisch unser Vater ist,
Ist Mutter sie des Vaters in dem Himmel.
Da Christus unser Schöpfer ist, der Logos,
Maria darum ist des Schöpfers Mutter.
MATERIE
Materie ist nicht von Ewigkeit.
Gott schuf Materie aus reinem Nichts.
Der Gottesgeist formt die Materie.
Gott selber kam in die Materie,
Das Wort ward Fleisch, das Brot wird Christi Leib.
Denn Gott erlöst auch die Materie.
MEER
O Meer Tiberias, o Mittelmeer,
Aus deinem Schaum getaucht ist nackt Astarte!
Johannes in der Offenbarung schaute
Kristallne Meere, glänzend wie das Gold,
Am weißen Strande Himmlische mit Harfen.
Im Himmel ist der Ozean des Lichts,
Der lichte Ozean der Schönen Liebe!
MENI
Die einen glauben an den Glücksgott Gad,
Die andern an die Schicksalsgöttin Meni.
Wir wollen opfern für die blinden Heiden.
Denn nicht das blinde Schicksal uns regiert,
Die Sterne nicht bestimmen unser Schicksal,
Es gibt kein Horoskop für Jesus Christus.
Wir glauben an die Providentia,
Des Vaters Vorsicht unter sieben Schleiern.
MENSTRUATION
Geschlechtsreif wird die Jungfrau, wenn das Blut,
Das Monatsblut zum ersten Mal ihr fließt.
Das Monatsblut ist ein Symbol der Mutter,
Des Weibes Fruchtbarkeit und Mutterschaft.
Und wenn der Brunnen ihres Blutes trocken
In ihren Wechseljahren wird, so ändert
Die alte Frau sich auch charakterlich.
Nun sagen Feministinnen, das Blut
Der Frau, das Monatsblut der Frau erlöst
Die Welt, und nicht das Blut des Herrn.
Das ist nicht wahr. Es ist das Blut des Christus,
Das uns erlöst. Doch Christus hat sein Blut
Vom Blut Mariens, und Mariens Blut
Vergossen ward am Kreuz und darum ist
Maria unsre Miterlöserin.
MERAB
Saul sprach zu David: Bringe der Philister
Vorhäute mir und du erhältst zur Braut
Prinzessin Merab. David bringt nicht hundert
Vorhäute der Philister, nein, zweihundert
Vorhäute der Philister, aber Saul
Gab seine Tochter einem andern Manne.
MICHAL
Und David sprach: Es ist ja nichts geringes,
Des Königs Schwiegersohn zu werden! Michal
Half David fliehen, als der König Saul
Verfolgte David. Und als David später
Vor Gottes Lade nackt getanzt, verhöhnte
Prinzessin Michal König David, sagte:
So nackt zu tanzen! Das gefällt den Mägden!
Und Michal ward gegeben einem andern,
Sie hat ihr Leben lang kein Kind geboren.
MIRJAM
Als Mose ausgesetzt ward auf dem Nil
Und als die Tochter Pharao ihn fand,
Stand seine Schwester Mirjam an dem Ufer
Und sprach zur schönen Tochter Pharao:
Ich finde für den Knaben eine Amme.
Als Mose dann und Aaron Israel
Befreiten aus Ägypten, als die Juden
Durchs Rote Meer gezogen, die Ägypter
Im Roten Meer ertranken, da sang Mirjam
Zum Tamburin das große Halleluja.
Und Augustinus sagt: Maria ist
Die Paukenschlägerin des Volkes Gottes.
Und Miriam und Aaron sprachen: Mose
Hat eine Konkubine sich genommen!
Da sprach der Herr zu Miriam und Aaron:
Ihr seid Prophetin und Prophet und ich
Will in Visionen und in Träumen euch
Mich offenbaren, doch mit Moses sprech ich
Von Mund zu Mund! Und sieben Tage war
Befallen von dem Aussatz Miriam
Und war so weiß wie Schnee. Der Vater hatte
Ihr ins Gesicht gespuckt. Das Volk der Juden
Hielt an auf seiner Wanderung, bis Mirjam
Gesund geworden, weil ihr Bruder Mose
Für Miriam zu Gott gebetet hatte.
MISCHEHE
Die Söhne Israels, die Gottessöhne,
Begehrten Heidinnen, weil sie so reizend,
Die Jebussiterinnen waren schön
Und die Heviterinnen waren lieblich,
So nahmen Gottes Söhne Heidentöchter
Zu Frauen sich. Dem Herrn gefiel das nicht.
Die Jebussiterinnen nämlich glaubten
An Steinzeitgöttinnen, an Große Mütter,
Und die Heviterinnen glaubten
Ans Schicksal und die Göttermacht der Sterne,
Und Gottes Söhne nahmen Heidenbräuche
Und heidnische Gedanken an aus Liebe.
MUTTER
Dies ist ein göttlichen Gebot von Jahwe:
Du sollst die Mutter ehren, dass du lange
Im Lande lebst, dass ich dir geben will.
Und Jesus hat das göttliche Gesetz
Nicht aufgehoben, sondern es erfüllt,
Und darum Jesus ehrte seine Mutter.
Gott öffnet ja den Mutterschoß der Frau.
Die Gottheit selber hat ja Mutterschöße,
In denen göttliches Erbarmen lebt.
Ich will euch trösten, spricht ja Gott der Herr,
Wie einen Knaben seine Mutter tröstet.
Und wenn die Mutter auch ihr Kind vergisst,
Spricht Gott, ich werde nimmer dich vergessen.
Denn Gottes Liebe ist wie Mutterliebe.
MUTTERGÖTTIN
In Kanaan, in Babel und Ägypten
Die Heiden glaubten an den Götterhimmel
Der vielen Göttinnen und Götter und
Darunter war auch eine Muttergöttin,
Die Göttin war der Fruchtbarkeit, die war
Kriegsgöttin auch und sexuelle Göttin,
Man diente ihr mit sexuellen Riten.
Sie war sehr gut, zugleich war sie sehr böse.
Die alte Kirche hat der Muttergöttin
Verehrungen gereinigt, übertragen
Auf Unsre Frau Maria Nazarenus,
Die liebe Mutter mit dem reinen Herzen.
MUTTER GOTTES
Als einst die Protestanten Unsre Frau
Maria aus der Kirche jagten fort,
Da schrieb Maria einen Brief an sie:
Ihr jagt die Mutter fort? Die Mutter geht,
Doch wenn die Mutter geht, nimmt sie den Sohn mit!
Und so in protestantischen Gemeinden
Fehlt nicht allein die Huldigung der Mutter,
Fehlt auch der eucharistische Messias.
NABEL DER WELT
Die Mutter Erde hat auch einen Nabel,
Doch ist es nicht der Nabelstein zu Delphi,
Es ist Jerusalem, genauer noch,
Die Auferstehungskirche unsres Herrn.
Wir sind geboren von der Mutter Erde,
Begraben werden wir im Erdenschoß,
Dann wird die Mutter Erde uns gebären
Am Tag der Auferstehung aller Toten
Ins ewigliche Leben in der Gottheit.
NEST
Gott sorgt sich um die Küken in den Nestern
Und gab darum Gesetze auch dem Mose.
So sah ich einst der schönen Rotbrust Nest,
Das angebracht war an der Wand des Hauses.
Wenn junge Knaben nahten sich dem Nest,
Wie kämpfte mutig dann das Rotbrust-Männchen,
Das Weibchen und die Küken zu beschützen.
Und wenn ein Menschen-Weibchen schwanger ist,
Hat sie den Nestbautrieb und will die Wohnung
Zum Heim und Hort den neuen Menschen machen.
NEUMOND
Gefeiert wurde einst die Neumondfeier
In Israel, die Juden lebten nämlich
Nach einem bäuerlichen Mondkalender.
Regiert denn Luna nicht der Frauen Launen?
Ist nicht der Lunatik vom Mond besessen?
Ist Liebe süß nicht in dem Honigmond?
Ist Christus nicht die Sonne, Mond die Kirche?
Sah nicht Johannes Unsre Liebe Frau
Im Himmel auf dem Sichelmonde stehen?
Doch Hiob spricht: Nie gab ich einen Handkuss
Dem Mond, als wenn es eine Göttin wäre,
Sonst hätte ich den Schöpfer ja verleugnet.
NOFRETETE
Als Echnaton den Einen Gott verehrte,
Den Einen Gott verkündete Ägypten,
Die Frau des Pharao war Nofretete,
Gepriesen für den Adel ihrer Schönheit.
Als Echnaton zu Aton heimgegangen,
Regierte Nofretete ganz alleine
Ägypten, Kaiserin von Atons Gnaden.
NOOMI
In Bethlehem war Hungersnot. Noomi
Mit Mann und Söhnen floh ins heidnische
Gebiet von Moab, wo man Kemosch ehrte,
Der Moabiter Hauptgott, Gott des Krieges
Und Gott des Todes und der Unterwelt.
Noomi aber blieb El Shaddai treu,
Dem Gott des Busens, der genügend ist.
Und als Noomi ward dann schwer geprüft
Von Gott und ihr Geliebter starb, die Söhne
Ihr auch genommen wurden, blieb sie treu
El Shaddai, Gott der Brüste, der genug ist,
Noomi sagte: Gott allein genügt!
Gott gab ihr einen neuen Namen: Mara.
Und Shaddai gab ihr eine Tochter, Ruth,
Und Gott gab Ruth ein Kind, den Knaben Obed,
Noomi nahm den Knaben auf den Schoß,
Als wäre er ihr eigner Sohn geboren,
So wurde sie Urmutter König Davids,
Urmutter des Messias wurde Mara.
OFRA
Zwei Schwiegertöchter hatte die Noomi,
Noomi, diese Liebliche und Süße,
Die später Mara ward, die Bittere,
Die eine Schwiegertochter, das war Ruth,
Und Ruth heißt Freundin, Urgroßmutter sie
Von König David, Mutter des Messias,
Die andre Schwiegertochter, das war Ofra,
Ihr Name heißt: der Nacken, oder auch:
Sie, die den Rücken zukehrt Gott dem Herrn.
Die Moabiterin in Moab blieb,
Noomi ging mit Ruth nach Bethlehem
Und Ofra blieb in Moab, diente Kemosch,
Die moabitische Prinzessin Ofra
Urmutter war des Riesen Goliath.
OHRRING
Maria ist die Braut des Geistes Gottes
Und meine Braut, ich habe mich verlobt
Mit ihr in Lourdes am Tag Maria Schnee.
Und an dem Jahrestage der Verlobung
Im Gottesdienst Maria kam zu mir,
Als Braut vom Himmel, für den Mann geschmückt,
Von Silber groß ein Ohrring an dem Ohr.
OHOLA UND OHOLIBA
Zwei Ehefrauen hatte Gott der Herr,
Sie hießen Oholiba und Ohola.
Der Herr war treu in seiner Bigamie,
Die Schwestern aber waren schöne Huren.
In ihrer Jugend spreizten sie die Beine
Für die Ägypter und für die Chaldäer
Und ließen ihre Zitzen sich betatschen.
Gott aber beide nahm zu Ehefrauen.
PARADIES
Wenn Jesus spricht vom Paradies als Jude,
So redet er vom Schoße Abrahams.
Doch schöner als im Schoße Abrahams
Ist es im Schoße Unsrer Lieben Frau.
Der Schoß Marias ist mein Paradies,
Der Schoß der Jungfrau ist der Lustort Gottes.
PARADIESJUNGFRAUEN
Wenn Jesus mir bereitet schon das Zelt
Im Garten Eden, sollen in dem Zelt
Des Paradieses Jungfraun auf mich warten,
Sankt Evelin und Sankt Karina und
Sankt Miriam, Maria Magdalena
Und Aphra und Pelagia und Thais
Und Agnes, Agatha, Luzia, Mechthild
Und wie sie heißen, alle zweiundsiebzig.
PERLE
Sophia sagte einst zu Jakob Böhme:
Auf Erden sollst du mein Verlobter sein,
Jedoch im Rosengartenparadies
Des Himmels schenk ich meine Perle dir,
Das Himmelreich wird unsre Hochzeit sein!
PFAU
Der Adler war der Vogel Jupiters,
Der Pfau der Vogel seiner Gattin Juno.
Einst Goethe sah die Feder eines Pfauen
In den Koran gelegt und sagte: Das ist würdig.
Ich aber leg die Feder eines Pfauen
Ins Hohelied, das schönste Buch der Bibel.
PFERD
So Salomo verliebt pries Sulamith:
Du bist ein Ross vorm Wagen Pharaos!
Ja, die Geliebte ist mir eine Stute!
Anakreon hat einst gedichtet dies:
Du junges Füllen von dem Kaukasus,
Noch bist du wild und ungezähmt und wirfst
Die Beine um dich her, doch warte ab,
Ich zähme dich, ich reit dich zu, mein Füllen,
Dann wirst du ruhig gehen unter mir.
PFORTE
Der Engel Gabriel sprach zu Maria:
Tu auf dich, Pforte, denn der Herr zieht ein,
O Tür, es kommt der Herr der Herrlichkeit!
Maria ist ja auch die Himmelspforte:
In ihrem Schoß geborgen sind die Christen,
Im Tode dann geboren werden sie
Vom Schoß Mariens in das Paradies.
Das Paradies ist auch Mariens Schoß.
Und also sagte Rilke: Schoß ist Alles!
POLYGAMIE
Dreihundert Frauen hatte Salomo
Und dazu siebenhundert Konkubine,
Unzählbar viele junge schöne Mädchen!
Das Paradies – ein Harem Salomos!
PROSTITUIERTE
Die Hure warf sich hin zu Jesu Füßen
Und salbte den Gesalbten mit dem Salböl
Und ward Apostelin des Südens Frankreichs
Und wartet nun im Paradies auf mich.
Maria Magdalena, eine Hure,
Und Margarethe von Cortona auch
Und Aphra auch, geweiht der Aphrodite,
Und Thais auch, Thaisis auch genannt,
Das Bett der Hure ist im Himmelreich,
Und auch Pelagia, die schöne Hure,
Der Herr ist Bräutigam der schönen Huren,
Sie alle leben nun im Paradies,
Dort werden sie mir ihre Liebe schenken.
QUELLE
Die Frauen einst veränderten das Credo.
Ich glaub an einen Gott, den Herrn, den Schöpfer,
Den Vater, den Allmächtigen, und Jesus,
Den Herrn, den eingebornen Sohn des Vaters,
So betet es die Kirche, und die Frauen:
Ich glaube an des Lebens Quelle, Gottheit,
Und glaub an den Gesandten schöner Liebe!
Der Vater ist die Quelle, ist der Ursprung,
Der Liebe Quelle stillt den Liebesdurst.
RAHAB VON JERICHO
Als Israel nach Jericho gekommen,
Da schickte Josua Spione aus,
Zwei Männer, die ins Haus der Rahab kamen,
Die eine Hure war in Jericho.
Die Heiden suchten nach den zwei Spionen,
Doch Rahab sie versteckte auf dem Dach
Und schickte fort die Heiden. Rahab sagte:
Und wenn ihr Kinder Israels die Stadt
Erobert, rettet mich und all die Meinen.
Und Salmon, einer der Spione, sagte:
Wenn Josua und alle Krieger kommen,
Dann bleib im Haus, du selbst und all die Deinen,
Häng einen roten Faden aus dem Fenster,
Und so wirst du verschont mit deiner Mutter
Und deinem Bruder und all deinen Knaben.
Und so geschah es. Salmon aber schlief
Mit Rahab und sie wurde Mutter Boas',
Der dann mit Ruth den Obed zeugte, der
Den Jesse zeugte, König Davids Vater,
So Rahab ward zur Mutter des Messias.
RAHEL
Als Jakob einst vor seinem Bruder floh,
Da Jakob war der Mutter Liebling und
Sein Bruder Esau war des Vaters Liebling,
Und Jahwe liebte Jakob, hasste Esau,
Kam Jakob zu dem Onkel Laban, sah
Am Brunnen Hirten ihre Schafe tränken,
Da sah er Rahel, die Cousine, Hirtin
War sie und hatte wunderschöne Augen.
Und Jakob küsste sie, liebkoste sie
Und wollte sie als seine Ehefrau.
Doch Rahels Vater sagte: Diene mir
Für sieben Jahre, dann bekommst du sie.
Nach sieben Jahren in der Hochzeitsnacht
Lag aber Rahels Schwester Lea da
In Jakobs Bett, sie hatte große Brüste,
Doch waren ihre Augen nicht so schön.
Und Jakob musste wieder sieben Jahre
Um Rahel dienen, bis er sie bekam.
Zwei Frauen hatte Jakob-Israel,
Die eine stand für das aktive Leben,
Die Söhne ihm gebar, die fruchtbar war,
Die andre stand fürs Meditieren, Beten,
Beschauen Gottes, ihre schönen Augen
Ihm offenbarten Gottes Sternenhimmel.
Und wenn auch Lea fruchtbar war als Mutter,
Abgöttisch aber liebte Jakob Rahel,
Sie war ihm Göttin, die er angebetet.
Und schließlich wurde sie auch Mutter und
Gebar den Träumer Josef und gebar
Den Liebling Benjamin und dabei starb sie.
Und später sah sie Dante Alighieri
Im Paradiese bei der Mutter Gottes.
RICHTERIN
Die Mutter Deborah in Israel,
Die Biene, war der Juden Retterin,
Und sie erhob sich, sie zog in die Schlacht,
Der Sieg im Kampf ward von der Frau errungen.
Heerführerin in allen Schlachten Gottes
Und Siegerin in allen Schlachten Gottes
Und Bienenkönigin im Gottesstaat
Ist Unsre Liebe Frau, des Richters Mutter.
Und unsre Richterin in Ewigkeit,
Das ist die göttliche Gerechtigkeit,
Und unsre Retterin in Ewigkeit,
Das ist die göttliche Barmherzigkeit.
RING
Die Königin des Friedens kam am Morgen,
Zum Sühneopfer trat an den Altar
Die Königin des Friedens oder Gospa
Und war geschmückt mit Ringen, Perlenketten,
Ohrringen, Liebreizgürtel und Medaillen
Und legte einen Ring auf den Altas,
Den Ehering der mystischen Vermählung.
ROCK
Das Bild Regina Mundi darf man nicht
In Häusern zeigen, wo die jungen Frauen
In Miniröcken oder Hosen gehen
Und wo Unsittlichkeit beherbergt ist.
Madonna mag es nicht, wenn Frauen nackt
Sich kleiden oder Männerkleidung tragen.
Ihr Frauen, nehmt zum Vorbild eurer Mode
Doch die Madonnenmode keusch und schön.
ROSE
So sagte Sulamith im Hohenlied:
Ich bin die rote Rose ohne Dornen.
Maria ist die dornenlose Rose,
Maria ist die Rosa Mystica,
Maria die geheimnisvolle Rose.
Maria sitzt in ihrem Rosengarten.
Die Rosa Mystica Maria trägt
Auf ihren bloßen Füßen goldne Rosen,
Vor ihren Brüsten weiße, rote Rosen.
Die weiße Rose ist Mariens Freude,
Die rote Rose ist Mariens Leid,
Die goldne Rose ihre Herrlichkeit.
Maria ist die Königin der Rosen,
Sie ist die Königin des Rosenkranzes.
RUTH
Der Name Ruth bedeutet Freundschaft. Ruth
War Heidin, Schwiegertochter der Noomi,
Der Süßen, Ruth war eine junge Witwe
Und ging in Bethlehem Getreide sammeln
Und das Getreidefeld gehörte Boas,
Und Boas' Name heißt: Er ist die Kraft.
Und Boas aß sehr gut und trank sehr gut
Und legt sich schlafen im Getreidefeld.
Und Ruth hat sich gebadet und gesalbt,
Geschminkt und zog ihr Sommerkleidchen an
Und legte sich zu Boas in das Korn.
So wurde sie die Mutter des Messias,
Sie ward die Urgroßmutter König Davids.
SABA
Die Königin von Saba, Balkis war
Ihr Name, hörte einst in ihrer Heimat
Von Salomos erstaunenswerter Weisheit
Und kam, um ihn zu prüfen, nach Judäa
Und prüfte Salomo mit Rätselfragen.
Dann sagte sie: Wie bist du doch belesen!
Erstaunlich ist dein Wissen, deine Bildung!
Du wandelst in der Welt als Lexikon!
Du bist mein Champion des Bibelwissens!
Wie gut du Gottes Wort zu deuten weiß!
Ach, deine große Weisheit macht mich sprachlos!
SAIS
Ein Jüngling kam zum Heiligtum von Sais,
Er sah die Statue der Weisheitsgöttin,
Da trug die Göttin Isis sieben Schleier.
Ein Spruch stand auf der Statue: Ich bin
Die Göttin, keiner kann den Schleier heben!
Der Jüngling aber hob der Göttin Schleier
Und sah der Weisheit nacktes Angesicht
Und starb. Wer Göttin Weisheit sieht, muss sterben.
SALOME
Herodes nahm sich seines Bruders Frau
Herodias zur Frau. Johannes sprach
Dagegen, wurde darum eingesperrt.
Herodes feierte ein Fest und auf
Dem Fest die Tochter der Herodias
Getanzt hat einen Striptease, Salome.
Herodes war begeistert von dem Striptease
Und sagte: Salome, was wünscht du dir?
Da sagte Salome: Ich will das Haupt
Des Täufers. Und Johannes ward geköpft.
So endete die Liebe des Johannes
Zu Salome, der jungen Tänzerin.
SÄNGERIN
Du sitz nicht mit der Gattin deines Nächsten
Des Nachts allein beim Trank des roten Weines,
Du gaffe nicht den jungen Mädchen nach,
Wenn sie am Markt der Stadt spazieren gehen,
Du schau dir nicht die nackten Huren an
Und treibe keine Unzucht an den Huren,
Du schau nicht gierig auf die Sängerin,
Die kaum verhüllte Tänzerin der Bühne.
SAPIENTIA
Es sagte einst ein greiser Kardinal:
Der Name Sapientia heißt Weisheit,
Und Sapientia, das kommt von Sabbern,
Frau Weisheit nämlich schenkt Geschmack an Gott:
So kommt und schmeckt, wie süß die Liebe ist!
Der Name Jesus süßer ist als Honig
Und Unsre Frau ist süß wie Schokolade!
Und was ist süßer noch als Bienenhonig?
So fragte einst der weise Meister Eckart:
Noch süßer als der Bienenhonig ist
Allein die himmlische Idee des Honigs!
SCHLANGE
So sagte Heinrich Heine, der Poet:
Ich nannte die Geliebte in der Jugend
Ein Herz von Stein und eine kalte Schlange!
Und nun zählt die Geliebte fünfzig Jahre,
Jetzt weiß ich, dass sie keine Schlange ist,
Denn Schlangen werfen ab die alte Haut.
SCHÖNHEIT
Die Schönheit ist ein Glanz der klaren Ordnung.
Die Schönheit auf der Erde ist das Abbild,
Die Schönheit in dem Himmel ist das Urbild.
Der Liebende steigt von der körperlichen
Zur Schönheit auf der Seele voller Tugend
Und steigt von dort zur Schönheit Gottes auf.
Die Schönheit Gottes in der Ewigkeit
Wird von den Seligen geschaut, genossen.
SEHERIN
Die große Hildegard von Bingen war
In Deutschland Seherin der Weisheit Gottes,
Sie sah die Sapientia Divina,
Sie sah zugleich die Mater Caritas,
Das Mädchen, in dem Ehebette Gottes.
Und Sapientia und Caritas,
Die beiden Herrinnen regieren mich.
SELIGE
Die selige Karina ist in Gott,
Der selige Tiburtius bei ihr.
Ich werde meine Muse selig sprechen,
Denn ich bin ja der Papst der Musenpriester.
Liturgisch wird das Fest der Seligen
Gefeiert jedes Jahr am Aschermittwoch.
Denn das ist ihr Geburtstag in dem Himmel.
SEX
Ich liebe eine Frau mit Namen Eva
Und ich bin krank vor Liebe, weiser Arzt!
Da sprach der Arzt: Der Name Eva deutet
Auf Sex! Bedenk die Feige oder Fica,
Denk an die Schlange, die den Schwanz ins Maul nimmt.
Und Papst Johannes Paul der Große sagte:
Als Adam noch im Stand der Unschuld war,
Wie selbstlos schenkend liebte er da Eva,
Doch als er war im Sündenfall gefallen,
Sah er in ihr nur noch das Lustobjekt,
Sein Sexidol in tierischer Begierde.
STRAUSSENWEIBCHEN
Wie sagte doch El Shaddai nachts zu Hiob:
Schau dir doch mal das Straußenweibchen an,
Schau, wie es legt die eignen Eier in
Den Sand der Wüste, unbekümmert, ob
Ein Fuß zertritt die Eier! Keine Weisheit
Gegeben ist dem Straußenweibchen! Aber
Schreckst du sie auf, so wird sie eilig fliehen
Und ist dann schneller als die schnellsten Rosse.
SULAMITH
Wenn Salomo der Friedenskönig ist,
Ist Sulamith die Königin des Friedens,
Das meint ihr Name, denn sie ist die Freundin
Des vielgeliebten Friedefürsten. Dieser
Poetische Gesang von Salomo
Ist allegorisch auszulegen auf
Den Bräutigam-Messias, seine Hochzeit
Mit seiner Braut, der Kirche oder Seele.
Und Inbegriff der Kirche und der Seele
Ist Unsre Frau Maria Sulamith.
Ich hab ein Bild der schönen Sulamith
In meinem Zimmer an der Wand zur Andacht,
Da steht die wunderschöne Sulamith
In gottgeschaffener Natur als Nackte
Und ihr im Rücken steht ein Feigenbaum.
In ihrer Linken hält sie eine Feige,
Mit ihrer Rechten sie verhüllt den Schoß.
Wie jung sind ihre Brüste! Wunderschön!
Wie schön ist auch ihr langes schwarzes Haar!
Wie schlank ist sie! Ein Turm von Elfenbein!
Wie schlank die Arme und wie glatt die Beine!
Ihr Mund ist eng, und groß und schwarz die Augen!
SUSANNA
Die keusche Ehefrau Susanna war
Allein in ihrem Garten in dem Sommer
Und badete dort nackt in einer Wanne.
Das sah ein Prediger, im Busch versteckt,
Der alte Prediger trat zu Susanna
Und sagte: Schlaf mit mir im grünen Gras!
Da schrie Susanna laut zu Gottes Himmel!
TAMAR
Der Sohn des Königs David, Amnon, liebte
Die eigne Schwester und begehrte sie.
Da sprach sein Freund, der kluge Jonathan:
So stell dich krank und bitte dann den König,
Dass er die Tochter Tamar zu dir schicke,
Dass die dem Kranken einen Kuchen bringe.
Und Amnon tat so. Tamar kam zu ihm
Und brachte Kuchen in des Kranken Zimmer.
Und Amnon sagte zu der Schwester Tamar:
Schatz, ich bin krank vor Liebe! Zieh dich aus!
Zieh schnell dich aus und schlafe schnell mit mir!
Und Tamar sagte: Lieber Bruder, nicht!
Du bitte unsern Vater, dass er mich
Rechtmäßig gebe dir zur Ehefrau.
Doch Amnon wollte keine Ehefrau,
Er wollte nur den schnellen Sex mit Tamar.
Da riss er ihr die Kleider von dem Leib
Und vergewaltigte die eigne Schwester!
Und als er seine böse Lust gestillt,
War all die Liebe gleich verflogen und
Nun hasste er sie vielmals mehr als er
Sie vorher liebte. Tamar weinte bitter
Und Amnon jagte sie aus seinem Haus. -
Der Sohn des Jakob, Juda, hatte Söhne,
Und Onan war vermählt mit Tamar, aber
Er ließ den Samen auf die Erde fallen,
Gott strafte Onan für die Onanie
Und Onan starb. Und Tamar war allein
Und ohne Kinder. Und sie zog sich um
Und zog sich an wie eine Hure und
Verschleierte ihr Angesicht und saß
Am Wegesrand und wartete auf Juda.
Und Juda kam und sah die Hure sitzen
Und sprach: Was kostet eine Nacht bei dir?
Und Tamar sprach: Gib deinen Siegelring.
Und Juda gab den Siegelring und schlief
Mit Tamar. Und sie wurde schwanger und
Man sah es bald, da sprachen alle Frommen:
Schaut euch die Hure an, dies geile Miststück,
Hat keinen Ehemann und ist doch schwanger!
Da sollte sie gesteinigt werden, aber
Sie sprach: Der Vater meines Sohnes ist
Der Mann, dem dieser Siegelring gehört.
Und Juda sah, es war sein Siegelring.
Und Judas Sohn, den Tamar ihm gebar,
Ein Ahne war er des Messias und
So Tamar ward zur Mutter des Messias.
TANZ
Der Dichter David trank vom roten Wein
Und dichtete dann Lieder für den Herrn
Und sang die Lieder selber auch zur Harfe
Und sagte: Wenn der Dichter David singt,
Dann tanzt im All die göttliche Astarte,
Dann tanzt im dritten Himmel der Messias!
TAUBE
Am Anfang schwebte überm Chaosmeer
Die Geistkraft Gottes brütend wie die Taube
Und brütete das Universum aus.
Und Salomo nennt seine Sulamith
Geliebte Taube und preist ihre Augen
Als Taubenaugen, sanft und voller Unschuld.
Die Taube war der Aphrodite Vogel
Und war der Seelenvogel der Germanen.
Als Mohammed von Mekka war geflohen,
Da wurde er beschützt von weißen Tauben.
Als Noah war gefahren auf der Sintflut,
Da ließ er aus der Arche eine Taube,
Die kam zurück, im Schnabel einen Ölzweig.
Als Jesus ward getauft von Sankt Johannes
Dem Täufer, kam die Geisteskraft herab
Wie eine Taube, liebevoll und friedlich.
Man sagt, die Taube habe keine Galle,
Maria ist die gallenlose Taube.
VASHTI
Als König Ahaschveros Wein getrunken
Mit seinen Fürsten im Palast von Susan,
Da rief er Vashti, seine Königin,
Dass sie sich zeige dort in ihrer Schönheit.
Doch Vashti wollte mit den Frauen feiern
Und wollte ihrem König nicht gehorchen.
Da ward die alte Vashti abgesetzt,
Das junge Mädchen Esther ward erkoren.
Wie Vashti war die alte Mutter Eva,
Die Gott dem Schöpfer nicht gehorchte, sondern
Allein auf den okkulten Dämon hörte,
Drum wurde abgesetzt die alte Eva
Und Gott erkor die junge schöne Jungfrau
Maria als des neuen Bundes Esther.
Es war ein Pietist der Niederlanden,
Der träumte immer von den Bibelfrauen,
Er lag im Bette neben seiner Gattin
Und stöhnte voller Wollust: Vashti, Vashti!
Er liebte sie um Mitternacht im Traum.
VENUS
Als Uranos entmannt von seinem Sohn,
Das fiel des Vaters Glied und Hoden in
Das Mittelmeer, das schäumte auf und so
Geboren ward die Liebesgöttin Venus.
Auf einer Muschel fuhr sie auf dem Meer
Und landete in Zypern nahe Paphos,
Wo sie die Grazien begrüßten, sie
Bekleideten und schmückten und sie dann
Auf den Olympos führten zu den Göttern,
Da sprach der Göttervater Jupiter
Zu Venus: Dein sei nicht das Werk des Krieges,
Dein seien die Mysterien der Ehe.
VERLOBUNG
Maria war verlobt mit Josef, das
War gültig schon ein bräutliches Versprechen
Der Ehe, doch die Jungfrau sagte Gott,
Sie wolle keinen Gatten je erkennen.
Und Josef hatte nicht mit ihr geschlafen,
Er tat es nie, auch später nicht, und doch
Die Jungfrau schwanger war und blieb doch Jungfrau.
Und Ludwig von Montfort war auch verlobt
Mit Unsrer Lieben Frau und Jakob Böhme,
Wladimir Solowjew und Milan Kolbe
Und Papst Johannes Paul der Große auch
Und ich bin auch verlobt mit Unsrer Frau.
Im Himmel werden wir die Ehe feiern.
VORSEHUNG
Mein Vater starb, der mich beschützt, versorgt,
Da schaute ich die Providentia,
Die Gottheit Providentia erschien
Als ein Mysterium mit sieben Schleiern
Und ihr vertraute ich mein Schicksal an.
WEISHEIT
Frau Weisheit ist die allerhöchste Frau,
Ist die Idee der Frau in Gottes Geist,
Idee der Schönheit, Himmelskönigin,
Die Throngenossin Gottes, reine Jungfrau
Und liebevolle Mutter, liebe Braut
Und wahre Freundin, liebevolle Schwester,
Des Weisen mystische Vermählte in
Der geistlichen, doch wirklichen Vermählung.
Ich bin ihr Bräutigam und Minnesänger,
Ich bete an die Hagia Sophia!
SECHZEHNTES BUCH
JOSEF UND SULEIKA
ERSTER GESANG
In Schweigen und in Öde, ohne Dasein,
Die Welt verborgen war im leeren Nichts,
Noch paarten sich vereint die Körper nicht,
Noch klang da schön ein frohes Du und Ich,
Die Schönheit wurde noch nicht angeschaut
Im Licht, das nur bestrahlt die reine Schönheit,
Sie war ein schönes Lieblichen und verborgen,
Bon jedem Makel frei die Makellose,
Kein Spiegel spiegelte ihr Angesicht,
Kein Kamm fuhr schon durch ihre schönen Locken,
Kein Ostwind wühlte ihr in ihren Locken,
Kein kleinstes Staubkorn flog ihr in das Auge,
Ihr Röschen lockte keine Nachtigall,
Kein Windhauch hob der Rose grünes Kleid,
Auf ihren Wangen war kein 'Muttermal
Und selbst im Geist beschaute sie kein Auge,
Sie war mit sich allein, die Liebe herzend,
Sie wob sich selbst das feste Band der Einheit.
Doch wo die Schönheit voller Macht gebietet,
Da zürnt sie, wenn ein Schleier sie verhüllt,
Die Schönheit nicht erträgt die dichte Hülle.
Schließ du die Tür – sie flüchtet aus dem Fenster.
Schau an die Tulpe, die am Hügel blüht,
Kaum lacht der jugendliche Frühling wieder,
So drang sie aus dem Erdengrund hervor
Und zeigte sich in ihrer ganzen Schönheit.
Wenn dir Vernunft in deine Seele dringt,
Dann sperrst du dich nicht gegen die Vernunft,
Du hörst ihr zu und redest gern von ihr.
Und das ist das Gesetz der reinen Schönheit,
Die Ewigkeit der Schönheit selbst gehorcht,
Kam vom Gelobten Land und ging ins Zelt
Und zeigte sich den Engeln und der Schöpfung.
Aus jedem Spiegel schaute schön ihr Bild
Und überall ertönte ihre Stimme,
Ein Schimmer fiel von ihr auf gute Engel,
Da drehten tanzend sie sich wie die Sphären,
Die Heiligen, die lieben Heiligkeit,
Die sangen laut den Lobpreis: Halleluja!
Auch auf die Rose fiel ein Strahl der Schönheit
Und Glut von ihr ins Herz der Nachtigall.
Am Schönheitsstrahl entzündet sich das Licht,
Der Strahl verbrannte hundert Schmetterlinge,
Ein Funke ihres Strahls fiel auf die Sonne
Und aus dem Wasser tauchte auf der Lotos.
Das Schönheitsantlitz war wie Laylas Wangen,
Drum sehnte Medschnun sich nach Laylas Locken.
Die Schönheit öffnete die Zuckerlippen
Der Schirin, dass sie raubte Ferhads Herz.
Der Mond von Kanaan erhob sein Haupt,
Und Josef raubte der Suleika Herz.
All überall der Schimmer war der Schönheit,
Wenn sie verbirgt sich auch den Erdenmenschen,
Sie trägt den Schleier des Mysteriums,
Sie lenkt das Schicksal liebevoller Herzen.
Das Herz lebt ganz allein nur durch die Liebe
Und nur die Schönheit trösten kann die Seele.
Das Herz, allein der Schönheit zugewandt,
Sich selber unbewusst, in sie verliebt.
Gib keinen Ketzereien jemals Raum!
Wir lieben Schönheit, sie schenkt ihre Reize.
Wer schön ist, der allein ist liebenswert,
Du stammst von Schönheit ab, sie gab dich uns.
Du bist der Spiegel, bist das Bild der Schönheit,
Du bist der Schleier, sie das Offenbare.
Die Schönheit selbst gleicht einem reinen Spiegel,
Sie ist der Schatz, der im Geheimen ruht.
Wir sind die eitlen Wesen nur der Muße,
Auf Erden herrscht ja nichts als Wahn und Torheit!
Nun still, sonst nimmt kein Ende dieses Märchen,
Denn keinen Dolmetsch braucht die Zunge Gottes.
Wer liebt, der hat das Beste schon getan,
Denn ohne Liebe ist das Dasein Wahnsinn!
ZWEITER GESANG
Ein Herz ganz ohne Liebe ist kein Herz,
Ein Körper ohne Herzschmerz ist nur Staub.
Du wende dich dem Schmerz der Liebe zu,
Die Liebeswelt ist eine Schönheitswelt!
Werd jedem Herzen Liebeslust zuteil,
Kein Herz der Welt soll ohne Liebe sein!
Die Himmel drehn im Taumel sich der Liebe
Und Streit von Liebenden erfüllt die Erde.
Lockt dich die Freiheit, sei der Liebe Sklave,
Reizt dich die Lust, gedenk der Liebesleiden!
Berauscht entflamme dich der Wein der Liebe,
Sie leihe dir Vernunft und Lebensmut.
Der Liebe Wort verjüngt den Liebenden
Und bringt Unsterblichkeit des Nachruhms ihm!
Den Weinkelch hat einst Medschnun ausgetrunken,
Er ist berühmt auf Erden und im Himmel.
Zehntausend kluge Männer sind zugrunde
Gegangen, weil sie nicht die Liebe hatten.
Ihr Name schwand wie ihre Spur im Sand,
Ihr Märchen steht nicht mehr im Buch der Zeiten.
Viel schöne Vögel flattern heute noch,
Von denen doch die Leute gar nichts wissen.
Doch wenn ein Herz gefühlvoll spricht von Liebe,
Dann sprichts von Schmetterling und Nachtigall.
Kennst du auch hundert hochgerühmte Künste,
Die Liebe nur befreit dich von dir selber!
Erfahre Liebe, auch die Sinnlichkeit,
Die Sinne bahnen ja den Weg zur Liebe!
Wenn du nicht erst das A und dann das B lernst,
Wie willst du dann die Heilge Schrift verstehen?
Es bat ein Jünger einmal seinen Meister,
Dass er ihn führe auf dem Weg der Weisheit.
Der Meister sprach: Du liebst nicht, armer Mensch!
Geh lerne lieben! Dann erst komm zurück.
Wer nie den Kelch des Ideals geleert,
Der schmeckt auch nicht der Sinnlichkeiten Hefe.
Doch bleibe nicht allein beim Ideal stehn,
Vielmehr du eile über diese Brücke,
Bleib stehen nicht am Anfang dieser Brücke,
Willst du das Ziel der Reise je erreichen.
Dem Herrn sei Dank! Seit mich die Erde trägt,
Ich wandle immer auf dem Pfad der Liebe!
Kaum sah die Amme meine Nabelschnur,
Durchtrennte sie sie mit dem Schwert der Liebe.
Kaum gab die Amme mir die Muttermilch,
Schon trank ich blutigroten Wein der Liebe!
Ist auch mein Haupthaar schon so weiß wie Milch,
Doch lebt die Liebeslust in meiner Seele!
Poet, bist grau geworden in dem Dienst,
Ermanne dich und stirb aus reiner Liebe!
Ein Märchen singe von der schönen Liebe,
So wird die Nachwelt deinen Namen rühmen.
Dein sehr geschickter Pinsel mal ein Bild,
Das bleiben wird, wenn du schon nicht mehr da bist.
Als ich gehört hab diesen Ruf der Liebe,
Willkommen bot mein Geist der schönen Liebe,
Und meine Seele folgte dem Befehl
Und bracht hervor ein neues Zauberwerk.
Wenn mir der Himmel seinen Segen gibt,
Trägt meine Palme einst der Weisheit Feige!
Mit heißem Herzen schaff ich zarte Worte,
Den Geist entflammt ja nur die Zärtlichkeit.
Mit Duft des Weihrauchs fülle ich den Himmel,
Dass Tränen von den Sternenaugen regnen.
Die Worte setz ich weise und geschickt,
Dass mir der ganze Himmel Beifall klatscht!
DRITTER GESANG
Prologos dieses Diwans schöner Liebe
Und Erstling in der Liebe Garten ist
Das Wort! Die wahre Weisheit ist das Wort!
Das Wort ist ewiger als alle Erden.
Was Altes ist und Neues in der Schöpfung,
Geschaffen wurde alles von dem Wort.
Das Schreibrohr rief das Wort: Es werde Licht!
Da floss die Quelle aus dem Aug des Wortes.
Was Hohes ist und Niedriges auf Erden,
Berauscht sich alles an des Wortes Quelle.
Und spricht der Mund der Quelle Plaudern aus,
Das Wort wird Rose in der Sinne Garten.
Der Geisthauch flattert um den Rock des Wortes,
Der Geist das Wort führt aus dem Rosengarten,
Er leitet es zur Pforte unsrer Ohren,
Und kommt das Wort, so staunt die Weisheit selbst.
Die Seele ist empfänglich für das Wort
Und bringt das eigne Herz dem Worte dar.
Die trunkne Lippe lacht dem Worte zu,
Bald tropfen Schmerzensregen aus den Augen.
Der Mund des Menschen voller Trauer lächelt,
Es weint der Mund des Menschen voll des Lachens.
Ich sehe Gottes Kraft im Gotteswort,
O möge Gott mir nie das Wort entziehen!
Ich bin schon grau geworden, Wortwein trinkend,
Und schüttle ab die Bürde meines Alters.
Mysterien steigen auf aus meinem Herzen
Und lächeln soll und weinen soll die Welt.
Veraltet ist in diesen Zeiten Chosru,
In mir ersteht ein neuer süßer Chosru.
Geschrieben steht ja Medschnuns Schicksal schon,
Ein andres Schicksal will ich nun besingen.
So wie ein Papagei ich kaue Kandis
Von Josefs Schönheit und Suleikas Lust.
Gott findet, Josefs Märchen sei das schönste,
Und ich besinge dies in meinem Werk.
Der Offenbarung Liebling kam herab,
Da fand die Lüge keinen Eingang mehr.
Der Irrtum nicht berührte mehr die Seele,
Selbst wenn du ihn als Gottes Wahrheit schminkst.
Die Wahrheit ist die Schönheit ja des Wortes,
Der Reiz der Luna liegt in ihrer Rundung.
Die Morgenröte ohne Glanz des Lichtes,
Sie lügt ja nur der wahren Sonne Aufgang.
Das echte Morgenrot verkündet Wahrheit
Und schwingt der Sonne gelblichweiße Fahne.
Wenn du die Lüge schminkst mit eitler Kunst,
Das Licht der Lüge ist die Finsternis.
Schmückst du ein altes Weib mit goldnen Kleidern,
Das Kleid wird hässlich durch die Hässlichkeit.
Der süßen Lippe nur gebührt die Schminke,
Der Schminke Rot benetzt der Rose Röte.
Doch malst du Rot auf todesblasse Lippen,
So sieht dein Auge nichts als Qual und Kummer.
Kein Liebender war jemals Josef gleich,
Er war der schönste aller schönen Männer.
Und nie ein Liebling liebte wie Suleika,
Denn sie war liebender als alle Frauen.
Von Kindheit bis ins Alter liebte sie,
Als Sklavin und als Fürstin liebte sie.
Nachdem zur Alten neu die Jugend kam,
Betrat sie wiederum den Weg der Liebe.
Geboren in der Liebe, in ihr lebend,
In Liebe sterbend, in ihr auferstehend!
Von Josef und Suleika spricht mein Buch,
Von ihnen singen meiner Verse Perlen.
Zu jeder Silbermünze, die ich finde,
Leg ich der reinen Weisheit neuen Goldschatz.
Ich wünsche nur, wenn je ein gutes Herz
In diesem meinem Buch der Liebe liest,
Dann möge mir das gute Herz verzeihen
Die Fehler, die im Buche sind zu finden,
Der gute Geist verbessere die Mängel!
VIERTER GESANG
Die, die die Perlen wiegen im Vernunftmeer
Und kundig sind der Offenbarung Gottes
Und die der Heilsgeschichte Lauf verfolgen,
Die sprechen dies von Adam an dem Anfang:
Als sich die Augen Adams öffneten,
Sah er im Geist die Bilder seiner Kinder.
Er sah die Heiligen und die Propheten,
Er sah die Könige mit goldnen Kronen
Und alle Sterblichen in schöner Ordnung.
Als Adam alle diese überblickte,
Besuchte er die Kinder Adams alle,
Da fiel sein Blick auf Josef auch, den Mond,
Nein, nicht den Mond, auf Josef, diese Sonne,
Dies Licht der Heiligen, der Auserwählten,
Sein Haupt empor wie eine Fackel ragend.
Die Schönheit selbst der schönsten Heiligen
Verblasste vor der reinen Schönheit Josefs
Wie Sterne auch verlöschen vor der Sonne.
Es floss um ihn die Anmut wie ein Mantel,
Zu seinen Füßen starben tausend Feinde.
Und seine Reize waren unvorstellbar,
Das höchste Denken kann es nicht begreifen,
Die Huld des Herrn war um ihn wie ein Kleid,
Ein Königsdiadem auf seinem Haupt.
Dem Orient des Glücks gleich seine Stirn strahlt,
Sein Angesicht erleuchtete die Nacht.
Und um ihn standen alle die Propheten
Als geistige Ikonen in dem Äther,
Die frommen Geister schwenkten ihre Fahnen,
In Gotteslob versunken vorm Altar.
Erstaunt sah Adam an die Schönheit Josefs
Und sprach dann leise voll Verwunderung:
O Gott, der Baum dort ist aus welchem Garten?
Und wessen Auge ist fixiert auf ihn?
Er ist ein zarter Zweig aus Jakobs Garten,
Ein scheues Reh vom Walde Abrahams.
Und er hat Macht selbst übers Firmament,
Ägypten wird sein Thronsitz sein auf Erden.
Der süße Reiz auf seinem Wangenflaum
Entflammt die schönsten Fraun zur Eifersucht.
Er hält dir vor den Spiegel, Vater Adam,
So leihe du ihm deiner Schönheit Schatz!
Sprach Adam: Offen steht die Tür der Gnade,
Von sieben Reizen schenke ich ihm vier.
Der Liebreiz selbst der allerschönsten Frau
Ist Einmal ihr gegeben nur, ihm doppelt,
Und schließt man auf die Schätze aller Schönen,
So seien alle Reize aller Schönen
Ein Drittel nur des reinen Reizes Josefs.
Dann drückte Adam Josef an sein Herz
Und Adams Herz gewährt ihm viele Wonnen,
Und Adam offenbarte Josef ganz
Die reine Weißglut seiner starken Liebe
'Und küsst segnend Josef auf die Stirn.
Froh blühte Adam da wie eine Rose
Und Adam sang wie eine Nachtigall,
Sang von der Herrlichkeit der Rose Josef!
FÜNFTER GESANG
An diesem Wechselort der Sinnlichkeit
Die Reihe der Erscheinungen trifft jeden,
Und jeder Tag bringt neue Phänomene,
Ja, deren Namen oft die Welt erleuchten.
Die Welt bleibt immer in der selben Form.
Wie viel Geheimnisse denn schlummern noch?
Wenn nie die goldne Sonne unterginge,
Wie könnten dann die klaren Sterne strahlen?
Und weil der Winter, ach, entlaubt die Bäume,
Drum grüßt die rote Rose jeden Frühling.
Als Adam diesen Pilgerort verließ,
Nahm Seth die Stelle ein als ein Prophet,
Nach Seth kam Henoch, lehrte in der Trugwelt,
Bis er ein Lehrer ward im Himmelreich,
Da wurde Noah dann der Glaubenshüter.
Nach Noah ward es Vater Abraham,
Nach Vater Abraham kam Isaak.
Am Tische Abrahams die Erde speiste,
Doch starb auch Isaak, des Vaters Liebling,
Und Jakobs Stimme klang am Berg des Glaubens,
Als Jakob sein Prophetenamt begann,
Er herrschte von Damaskus bis nach Kana.
In Kanaan schlug Jakob auf sein Zelt
Und ward an Herden und an Söhnen reich
Und seine Tochter war die keusche Dina.
Der Schafe Herden und der Ziegen Herden
Ameisenvölkern waren gleich an Zahl.
Elf Söhne waren außer Josef noch,
Der Josef aber war der Liebling Jakobs.
Als seine Mutter Rahel ihn gebar,
Bekam der Mond wohl einen Zwillingsbruder.
Aus Herzensgarten spross die zarte Pflanze,
Am Seelenhimmel schön erschien ein Neumond.
Dem Garten Abrahams entspross die Rose,
Dem Josef stand das Kleid der Anmut gut.
Am Sternzelt Isaaks erschien ein Stern,
Sein Angesicht erleuchtete die Welten.
In Jakobs Garten hob ihr Haupt die Tulpe,
Des Vaters Trost, jedoch der Tod der Mutter!
Ein scheues Reh in Kanaan war Josef,
Um Josef wurde Kanaan beneidet.
Solange Rahel sich des Lebens freute,
Mit ihren Brüsten wusch sie seine Lippen.
Zwei Jahre lang hielt sie im Arm den Josef,
Als Schlangengift auf Rahels Speise tropfte.
Die reine Perle aus dem Meer der Gnade
Blieb mutterlos allein, ein Waisenkind,
Und weinte Tränen der Verlassenheit.
Und Jakob sah die Schmerzen seiner Perle,
Der Schwester Arm er ihm zur Muschel wählte,
Die Tante zog den Herzensvogel auf,
Der bald den Flug im Speisegarten wagte.
Sein zarter Körper schwankte wie die Pappel
Und seine Zunge lallte Zuckerworte.
Die Liebe fesselte der Tante Herz,
Sie wollte niemals sich vom Knaben trennen.
Er schlief des Nachts in ihrem warmen Bett
Und war am Tag die Sonne ihrer Augen.
Doch auch der Vater Jakob liebt ihn sehr,
Die Wünsche seines Herzens galten Josef,
Er fand in seinem Herzen nichts als Josef,
Ihn manchmal nur zu sehen, stimmt ihn traurig,
Er wollte diese Luna seines Herzens
In jeder Nacht vor ihm erscheinen sehen.
Zu seiner Schwester also sagte Jakob:
Die du den Josef liebst und für mich sorgst,
Ich kann die Trennung länger nicht ertragen!
Befrei mich von der Qual der bittern Trennung!
Schick Josef in des Eremiten Zelle,
Schick Josef zum Altare meines Flehens!
Als Josefs Tante dieses Wort vernahm,
Gehorchte sie den Wünschen Vater Jakobs,
Zugleich die Tante sann auf eine List,
Wie Josef sie von Jakob wieder kriege.
Ein Gürtel Jakobs war in ihren Händen,
Der abgenutzt durch fromme Gottesdienste.
Ein jeder, der den Gürtel angelegt,
Befreit ward von des Übels Schleudersteinen.
Die Tante nun das Kind zu Jakob schickte,
Sie band den Gürtel um die Lenden Josefs,
Dabei jedoch verhielt so schlau sich jene Tante,
Dass Josef nichts von ihrer List bemerkte.
Den Liebling schickte nun die Frau zu Jakob
Und dann begann die Tante laut zu schreien:
Der fromme Gürtel Jakobs ist verschwunden!
Und jeden Menschen hielt sie für verdächtig,
Sie untersuchte aller Leute Kleider,
Sah nach bei allen Leuten, nach der Reihe,
Und als die Reihe dann an Josef kam,
Da fand den Gürtel sie und band ihn los.
Zu jener Zeit galt bei den frommen Leuten
Der Urteilsspruch: Der überführte Dieb
Wird Sklave dessen, den der Dieb bestahl.
Und so durch ihre schlaue Hinterlist
Die Tante holte Josef wieder zu sich.
Sie kam mit Augen, die vor Freude strahlten,
Doch bald schloss ihr der Tod die lichten Augen!
Da jubelte die fromme Seele Jakobs
Vor Glück, den Liebling wieder zu erblicken!
Da konnte Jakob gar nicht schlafen mehr,
Er fand an Josef seine ganze Freude
Und schaute Josefs Brüder nicht mehr an.
Nun Jakob dachte nur noch an den Josef,
Nur Josef war ihm seines Herzens Inhalt!
Bei Josef nur fand Jakobs Seele Ruhe,
Nur Josef ließ die Augen Jakobs strahlen!
Denn wenn der Mond der Liebe lieblich leuchtet,
Wird selbst des Tages lichte Sonne matt.
Wie preis ich diese Schönheit, diese Anmut,
Die schöner ist als alle schönen Engel?
Am Anmutshimmel Josef ist der Mond,
Der alle Firmamente hell erleuchtet,
Ein Mond, der lichter als die Sonne ist.
War Josefs Lichtglanz denn der Sonne gleich?
Die Sonnenglut ist nur ein Dunst vor Josef!
Der Lichtglanz Josefs überwältigt so,
Man fragt sich nach der Quelle dieses Lichtes.
In Josef wohnt der makellose Gott,
Der sich in Josefs Herz verborgen hat,
Kein Wunder, dass ihn Vater Jakob liebte
Und dass er Josef Herz und Seele weihte.
Suleika selbst, der lichten Elfen Neid,
Der keuschen Unschuld Bild im Morgenland,
Noch strahlte Josef nicht Suleika an,
Als sie sein Bild schon sah im Morgentraum.
Wenn Schmerzen die Getrennten überfallen,
Doch mehr quält Liebe noch die Liebende,
Wenn nah sie ist dem schönen Vielgeliebten!
SECHSTER GESANG
Dies sind die Worte eines wahren Dichters,
Der hat die Schätze der Beredsamkeit.
Ein König war im Westen, der hieß Tammuz,
Der schlug die Trommel seiner Herrschaft laut.
Er hatte, was da zusteht einem König,
Sein reines Herz war darum wunschlos glücklich.
Auf seinem Scheitel saß die Königskrone,
Der Schemel ihm erhöhte seine Füße.
In seinem Heere diente der Orion,
Er siegte allezeit mit seinem Schwert.
Suleika, seine Tochter, war sehr schön,
Sie war der Stolz, die Freude seines Herzens.
Sie war ein Stern am Sternenzelt des Königs,
Des königlichen Schmuckes schönster Stein.
Ach, ich kann ihre Schönheit euch nicht malen,
Versuchen will ich doch, das Bild zu malen.
Vom Haupt zur Hüfte wallte ihr das Haar,
Der Schimmer ihrer Wange rötlich leuchtet,
Es helfe mir ihr zuckersüßer Mund,
Dass ich besinge, was ich an ihr schaute.
Den Wuchs schuf Gott wie eine schlanke Palme,
Sie hebt ihr Haupt im Anmutsgarten auf,
Genährt am königlichen Strom der Gnade,
Stand aufrecht sie wie die Zypresse schlank.
In ihrem Haar der Weise lag gefangen,
Die langen Locken dufteten nach Moschus,
Oft kämmte sie die schönen langen Haare
Und zog gerade sich den Mittelscheitel.
Vor Neid zerplatzte da die Moschusblase!
Die langen Haare flattern wie Jasmin,
Der Haare Flut beschattete die Rose.
Auf ihrem Busen war ein Muttermal,
Wie Afrikaner auf der Lilienwiese.
Verirrte sich ein Philosoph ins Grübchen,
Trägt seine Seelenruhe er zu Grabe!
Ihr Hals ein schlanker Turm von Elfenbein,
Das keusche Einhorn muss ihr Steuern zahlen.
Der Schultern Schnee die Lilien verhöhnte,
Die weiße Rose sich vor Scham verbarg.
Zwei Brüste, glänzendschöne Wölbungen,
Zwei Blasen auf dem Gnadenstrom von Eden,
Ein goldnes Apfelpaar mit einem Zweig,
Woran sich niemals meine Hände wagten.
Von reinem Silber schien ihr schlanker Arm,
Die reine Perle trug ein Medaillon,
Dort war das reine Herz des frommen Beters.
Die Feengesichter loben neidlos sie
Und weihn ihr Herz der Elfenkönigin.
Den Waisenkindern reichte sie die Hände
Und tropfte Balsam auf zerrissne Herzen.
Die Finger waren weich wie Schwanenfedern,
Mit denen schrieb sie schöne Liebeslieder.
Bei ihren schön geformten Fingernägeln
Man musste denken an den Sichelmond.
Die Lenden glichen dem gespaltnen Haar,
Noch feiner als das Haar und unbehaart.
Vom süßen Nabel bis zum Oberschenkel
Muss ich mich leider alles Lobs enthalten!
Die Keuschheit nämlich mir verwehrte leider
Den Eintritt in das Allerheiligste!
Und ah, die beiden Schenkel ihrer Beine
Wie Silbersäulen sind im Tempel Gottes.
Sie war so wie ein Blumenstrauß von Rosen,
Doch nur Erleuchtete erblickten das.
Im Spiegel glänzte klar ihr reines Antlitz,
Da fiel ich voller Ehrfurcht auf die Knie.
Warum ich kniee vor der Königin?
Ihr Antlitz übergossen ist von Lichtglanz!
Wer Bein an Bein bei dieser Schönen sitzt,
Dem glühen ihre Wangen Glück zurück.
Zart wie ihr Schenkel ist ihr kleiner Fuß,
Sonst keine hatte solche kleinen Füße.
Und wenn sie ging, so war sie wie ein Pfeil,
Die Füße schlank von Fersen bis zu Zehen.
Wenn sie den Liebenden zu Boden trat,
War ihre Sohle feucht von seinen Tränen!
Mit welchem Schmuck soll ich die Schöne schmücken?
Der Schmuck der Erde ist so mangelhaft,
Doch will ich schmücken sie mit schönem Schmuck,
Weil ihre Schönheit noch den Schmuck verschönert.
Ein Mondstein ist an ihrem Muschelohr,
Der raubt der armen Seele den Verstand!
Reißt sich die Perle von der Schnur des Halses,
Die Perle fällt dann in die Schoß-Schatulle.
Die goldne Spange hält der Haare Knoten
Und wenn sie erst das Muschelarmband anlegt,
Was soll ich armer Sünder dann noch tun?
Zuweilen schwankte sie im Hof wie trunken,
Gehüllt in Chinas Seide wie von Silber.
Und jeden Tag, den süß sie angelacht,
Zog sie ein neues feines Reizkleid an.
Der Fürst selbst darf ihr nicht die Füße küssen,
Das dürfen nur die goldenen Sandalen,
Und nur ihr weißes Hemdchen war so selig,
In ihren weißen Armen auszuruhen.
Die palmenschlanken Mädchen lauschten ihr,
Die Feengesichter staunten stumm sie an.
Ihr Herz war nicht gepresst vor Qual und Kummer,
Kein Dorn stach ihre kleinen nackten Füße.
Sie liebte keinen, bis zu dieser Zeit,
Sie hatte keinem Manne sich ergeben.
Nachts ruhte sie wie die Narzisse und
Am Morgen blühte sie wie rosa Rosen.
Bei zarter Kinder Spiel und Lustgeschrei
Sie lebte mit den Hirschen an dem Hof,
Ganz unbekümmert um das ernste Schicksal,
War all ihr Tun nur eitel Lust und Scherz.
O sie war glücklich, sie war immer heiter,
Und ihre Seele war von Qualen frei.
Was wird die Tageszeit wohl dieser Seele
Noch für ein Schicksal ernst und streng verhängen?
Und was wird schwanger Mutter dunkle Nacht
Ihr für ein schweres Schicksal noch gebären?
SIEBENTER GESANG
Zur Nacht, die schön war wie das Licht des Lebens,
Die war so voller Wonne wie die Jugend,
Da Fische und Gevögel schon entschlafen
Und da zerknittert lag des Tages Zeitung,
Im sehenswerten Gartenhaus der Sterne
Das flimmernde geliebte Auge wacht,
Der Dieb sich den Verstand des Wächters raubt,
Der Glöckner hält der großen Glocke Zunge,
Der Schwanz des Hundes ward zum weichen Halsband,
Das Heulen und das Bellen sich verlor,
Ihr Federschwert die kluge Eule zog,
Und von der Kuppel königlicher Burg
Des Wächters Auge glänzte weiß wie Mohnmilch,
Der Wächter hatte nicht mehr Kraft zum Wachen,
Weil ihn der Mond betäubt mit Opium,
Wo schwieg die Trommel und wo schwieg die Zymbel,
Der tiefe Schlaf des Trommlers Hände band,
Der Ruf der Betenden zur Matutin
Die Menschen noch nicht auferstehen hieß,
Da lag mit ihrem süßen Mund Suleika,
Den Zuckerschlaf auf ihren Rosenlippen,
Auf ihrem Kissen duften ihre Haare,
Ihr Leib lag in dem Bett wie eine Lilie.
Zwar ihre schönen Augen schliefen noch,
Das Auge ihres Geistes aber wachte.
Da wars, ein junger Mann trat bei ihr ein.
Ein junger Mann? O nein, ein Engel!
Sein Königs-Antlitz war wie Glut des Feuers,
Der Himmelsjungfrau raubte er das Herz.
Er hatte alle Reize aller Jungfraun
Und auch die Anmut aller Himmelsgeister.
Sein Wuchs war wie der schlanke Buchsbaum schlank,
Die Locken Fesseln, den Verstand zu fesseln.
Und seine hohe Stirn so rein und strahlend
Sich neigte voller Demut und bescheiden
Vorm Angesicht der lichten Himmelssonne.
Und seine Brauen waren ein Altar,
Ein Weihrauchzelt den jung gestorbnen Toten,
Sein Antlitz war des Paradieses Luna.
Und Anmut schmückte schön ihm die Narzissen,
Die Wimper wie ein Pfeil durchbohrt ihr Herz.
Sein Mund zerstreute lächelnd weißen Zucker,
Sein Wort war nichts als lauter Süßigkeiten.
Die weißen Perlen im Korallenmund
Sind wie ein Blitz im rosenfarbnen Morgen.
Und wenn er lacht, er strahlt wie die Plejaden,
Die Zähne streuen aus das Salz der Weisheit,
Wie Moschusbeete duften seine Wangen,
Ein Rabennest im trauten Rosengarten.
Wie Silber seine Arme, seine Schenkel,
Die Lende ist so zierlich wie ein Haar.
Und als Suleikas Auge ihn erblickte,
Geschah sofort, was da geschehen musste,
Da sie des Übermenschen Reize sah,
Wie nie die Elfen und die Feen geschmückt,
Die Wangenröte und die Körperanmut
Mit tausend Fäden knüpft sie an sein Herz,
Sein Angesicht entflammte heiß ihr Herz
Und die Geduld und Religion verglühten.
An jedes seiner duftend feinen Haare
Hing sie den Faden ihrer schönen Seele,
Die Augenbrauen rührten sie zu Tränen,
Zu Zuckerkörnern macht sein Mund ihr Herz,
Die Silberschenkel den Verstand ihr raubten,
Dass sie sich gürtete, um ihm zu dienen.
Fürwahr, fürwahr, sie sah ein Bild voll Reiz,
Das zwar verging, doch ihr im Geiste blieb.
Suleika nun ihr eignes Ich verschmähte,
Das Bild voll Reiz allein gefiel ihr noch.
Sie fühlte diesen starken Trieb der Seele,
Gen Himmel in das Paradies zu fahren!
Ein sinnlich reizend schönes Bild entzückt sie,
Sie kannte nicht platonische Verliebtheit,
Uns fesselt eines Wahnes Flüchtigkeit!
Wir kleben ewig an der Sinnlichkeit!
Das Erdenbild von einem schönen Menschen
Im Innern trägt doch einen Sinn des Himmels!
Und darum huldigt das verliebte Herz
Dem Bildner auch des wunderschönen Bildes!
Wer dürstet, ach, der weiß von seinem Durst
Und er begehrt den Kelch voll roten Weines,
Doch, taucht er in das Rote Meer des Blutes,
Wird er den Becher roten Weins vergessen.
ACHTER GESANG
Als früh die schwarze Mutter Nacht geschieden,
Des Hahnes Ruf erscholl zur Morgenröte.
Die Nachtigall mit Schluchzen in der Stimme
Den Schleier hob vom Angesicht der Rose.
Das Veilchen badet seine Veilchenlocken,
Jasmin nahm nackt ein Bad im keuschen Tau.
Suleika lag noch schlafend in dem Bette,
Die Seele voll von der Vision der Nacht.
Sie schlief nicht, des Verstands war sie beraubt,
Sie staunte vor dem Traume noch der Nacht.
Es nahten ihr die schönen jungen Mädchen
Und küssten ihr voll Reverenz die Hand.
Den Schleier hob sie von den Tulpenaugen
Und sanft erwachten ihre trunknen Augen.
Dem Ostwind gleich zog sie ein Kleidchen an,
Sie hob ihr Haupt und sah sich staunend um-
Wo war der Jüngling mit den Rosenwangen?
Ach, das verschloss sie sich wie eine Knospe.
Im Gram, weil sehr ihr die Zypresse fehlte,
Zerriss sie voller Schmerz ihr Rosenkleidchen.
Jedoch aus Scham vor den gemeinen Menschen
Zerriss sie nicht ihr kurzes Rosenkleidchen,
Nein, sie blieb in ihr Schicksal still ergeben.
Sanft sprach ihr Mund zu jenen jungen Mädchen,
Ihr Herz war gleich dem Knoten in dem Schilfrohr,
Dieweil sie sprach mit jenen jungen Mädchen,
Wohl tausend Funken sprühten heißer Liebe
Vom Muttermal auf ihrer linken Brust!
Sie warf die Augen auch auf andre Männer,
Doch an den Freund gefesselt blieb ihr Herz.
Was soll sie zügeln mit der Hand ihr Herz?
Der Herzensdieb ihr doch stand vor den Augen.
Ein Herz, das Lust den Krokodilen vorwirft,
Wird lahm, bevor es die Begierde stillte.
Dies Herz kennt keinen andern als den Liebling
Und keine Seelenruhe als beim Liebling.
Und spricht die Seele, spricht sie von dem Liebling,
Und wünscht sie was, wünscht sie herbei den Liebling.
Und tausendmal umschwebte sie sein Geist,
Bis ihrer Leiden finstrer Tag erwachte.
O dunkle Nacht! Der Liebenden Vertraute!
Du hütest das Geheimnis des Verliebten.
Suleika lehnt sich an des Kummers Mauer,
Da glich sie dem gebognen Saitenspiel,
Das sie bezog mit Tränenströmen-Saiten
Und stimmte nach der Trauer ihres Herzens.
Der Laut des Saitenspiels durchdrang die Herzen,
Da ging sie auf den Tönen auf und ab,
Und stets umschwebte sie das Bild des Lieblings
Und Perlen quollen ihr aus ihren Augen.
In welchem Schacht ist denn mein Edelstein?
O dir verdanke ich den Strom der Perlen!
Du raubtest mir mein Herz. Du sprachst kein Wort.
Wer sagt mir deinen Namen? Und wo wohnst du?
Du bist ein Fürst, wie spreche ich dich an?
Du Mond, wo ist denn deiner Anmut Thron?
Selbst meinen Feinden wünsch ich nicht die Leiden,
Die litt und leide ich um den Geliebten!
Mein Herzensliebling wurde mir geraubt!
Sein wunderliebes Bild nahm mir der Schlaf,
Sein Bild presst aus dem Herzen mir das Blut
Und aus den Augen blutig-rote Tränen!
Und schlaflos liege ich, mein Herz ist wach
Im Liebesfeuer deiner wilden Flammen!
Was, wenn du selbst nicht heiß wie Feuer wärest,
Ich eine Rose war im Jugendgarten
Und frisch wie eine klare Lebensquelle.
Nie bliesen je mich raue Stürme an,
Kein Dorn bohrt sich in meine nackten Füße.
Doch du, du gibst mich nun den Stürmen preis,
Du legtest tausend Dornen in mein Bett.
Mein Leib ist weicher als die Rosenblüte,
Wie soll ich liegen in dem Bett aus Dornen?
So seufzte leise sie zur Morgenröte
Und weinte vor des Lieblings Phantasiebild.
Die Mutter Nacht von hinnen war geschieden.
Und um Verdacht von Menschen zu vermeiden,
Suleika hemmte ihrer Tränen Blut,
Ihr Mund von feucht vom Trank des Bluts der Nacht,
So schwieg sie mystisch doch und schloss den Mund.
Das Bett blieb mit dem Rosenduft zurück,
Das Bett war leer, es fehlte die Zypresse.
In Klagen gingen Tag und Nacht vorbei,
Suleika wich um keine Haaresbreite
Vom Klagen um den fernen Vielgeliebten.
NEUNTER GESANG
O Wahn, mit einem Schilde abzuwehren
Die Liebespfeile, die vom Bogen fliegen!
Und steckt der Liebespfeil erst mal im Herzen,
Verraten das zehntausend äußre Zeichen.
Den Weihrauchkessel nimm dir da zum Gleichnis,
Wie Weihrauch kann sich Liebe nicht verbergen,
Und ob man ihn mit tausend Schleiern hüllt,
Verrät der Weihrauch immer seinen Duft.
Suleika still verbarg die Qual der Liebe
Und barg den Schwermutssamen in der Brust,
Doch immer sichtbar war der junge Sprössling,
Der keimte frisch aus ihrem Seelengrund.
Bald quollen Tränenströme aus den Augen,
O Ströme gar von blutig-roten Tränen,
Mit jeder Tränenperle ihres Auges
Fiel ein Geheimnis still ihr auf die Wange.
Bald seufzte sie aus heißem Herzensinnern,
Zum Himmel rauchten ihre heißen Seufzer,
Und durch das Ach und Wehe, das sie seufzte,
Roch man den Braten ihres heißen Busens.
Sie aß nicht mehr und schlief nicht mehr zur Nacht,
Die rote Rose ward zur weißen Lilie.
Als dies die schönen jungen Mädchen sahen,
D dachten sie, das sei wohl wahre Liebe,
Doch kannten sie den Grund des Kummers nicht.
Ein junges schönes Mädchen sprach: Gewiss
Hat jemand unsre liebe Frau verschmäht!
Ein andres schönes junges Mädchen sprach:
Suleika wird geplagt von einem Dämon!
Ein drittes schönes junges Mädchen meinte:
Ein Magier hat unsre Frau verzaubert!
Ein viertes schönes junges Mädchen sprach:
Ihr Herz erlegen ist der Macht der Liebe!
Doch das Mysterium blieb unentschleiert,
Die jungen Mädchen konnten da nur raten.
Suleika hatte aber eine Amme,
Die eine Zauberin und sehr geschickt war.
Die kannte alle Wege heißer Liebe,
Sie hatte selbst geliebt in ihrer Jugend.
Nun brachte sie Verliebte gern zusammen
Und lockte die an, die zu schüchtern waren.
Zur Nacht die Amme schlurfte zu Suleika,
Sie zu erinnern, sie sie oft gedient.
Sie sprach: Du bist des Königsgartens Rose,
Ein Dorn von dir beglückt die besten Männer,
Und darum freue dich und lächle immer.
Du bist der Lebensbaum im Schönheitsgarten,
Umflattert stets von meinem Papagei.
Ich aber bin der breite Strom der Treue,
An meinem Ufer bist du aufgewachsen.
Ich sah zuerst dein Rosenantlitz blühen,
Schnitt deinem Nabel mit dem Messer durch.
Ich salbte dich mit besten Moschusölen
Und badete in Rosenwasser dich.
Mein altes Herz war deiner Wiege Schleier,
Der aus den Fäden meiner Seele war.
Milch gab ich deinem süßen Zuckermäulchen,
Ich zog dich mehr als deine Mutter groß.
Und in der Nacht, da lag ich wach voll Sorge,
Und morgens wusch ich dir dein Angesicht.
Und wenn ich ging, trug ich dich auf den Armen,
Und wenn du einschliefst, hielt ich deine Hand.
Und wo du standest schlank wie die Zypresse,
War ich dein treuer Schatten, liebes Kind.
Du auf dem Sofa, ich dir stehend dienend,
Du schliefst im Bett, da lag ich neben dir.
Noch heute will ich sein, was einst ich war,
Ich diene deiner Seele heute noch.
Was hast du denn Geheimnisse vor mir?
Ich bin nicht fremd. Was stößt du mich zurück?
Wer brachte solchen Jammer über dich?
Wer legte solch ein schweres Kreuz dir auf?
Was nagt die Liebesschwermut so an dir?
Was ist der düstre Gram allein dein Freund?
Was wird denn deine rote Rose gelb
Und was erstarrt dein Blut dir in den Venen?
Du Sonne, was nimmst du nur wie der Mond ab?
Am Morgen wünschst du schon die Nacht herbei?
Ein Mond berührte deine Umlaufbahn.
Doch sag mir: Wer ist dieser Mond des Himmels?
Ist es ein schöner Engel denn vom Himmel,
Geschaffen aus des Liebesfeuers Weißglut?
So will ich beten, will so lange beten,
Bis dir der Engel wiederum erscheint.
Doch ist es ein gemeiner Wüstendämon,
Ich bin in der Magie bewandert, Kindchen,
So will ich ihn in eine Flasche bannen.
Doch ists ein Mann, ein junger Menschensohn,
Soll deine Seele sich doch wieder freuen!
Denn wer verschmäht wohl deine Liebesfesseln?
Der Kaiser selbst ehrt deiner Locken Fesseln!
Suleika sah das Mitleid in den Augen
Und hörte auf das Wort der Zauberin,
Doch sah sie keine Hilfe, keine Rettung!
Ihr Mond schwamm stumm in einem Meer der Nacht!
Unsichtbar ist mein Seelenbräutigam,
Der Schlüssel in der Pforte ist versteckt.
O wie beschreibe ich dir nur das Vöglein,
Das da sein Nest geteilt hat mit dem Phönix?
Des Phönix' Name ist allein mein Trost!
Süß ist der Liebenden verliebtes Leiden,
Wenn sie den Namen des Geliebten kennen.
Ich kenne meines Lieblings Namen nicht.
Wenn bittre Trennung bitter macht den Mund,
So ist im Munde süß des Lieblings Name.
Jetzt offenbart sie alles ihrer Amme
Und weihte sie in ihr Geheimnis ein.
Die Amme ist jetzt wachsam, nüchtern-wachsam,
Sie sorgt sich sehr um ihres Schützlings Wahnsinn.
Sie liest ein irres Wort im Buch des Herzens
Und zweifelt an der Heilung ihrer Kranken.
Zu unbestimmt scheint ihr das schöne Bild,
Man sucht ja nicht so sehr, was kaum man kennt.
Kennst du nicht deines Herzens Ideal,
Wo möchtest du dein Ideal dann finden?
Zu schwach, Suleika zu befreien aus
Den Liebesfesseln, spricht die Amme dies:
Gewiss, mit dir, ach, spielen die Dämonen!
Und der Dämonen Werk ist Lug und Trug!
Sie lassen uns ein reizend-schönes Bild sehn,
Um wildeste Begierden anzustacheln!
Suleika sprach: Kann denn ein böser Dämon
Ein solches herzensschönes Bild erzeugen?
Ein Weib aus Sünden und aus Makel nie
Geboren hat so einen reinen Engel!
Die Amme sprach: Willst du an solch ein Traumbild
Die Unschuld deiner Seele denn verkaufen?
Suleika sprach: Und wärs ein böser Traum,
Hätt er mich fromme Jungfrau nicht entzückt!
Denn Krummes paart sich immer nur mit Krummem
Und Grades paart sich immer nur mit Gradem.
Der Weise stimmt mir zu. Die Amme sprach:
Kind, aus der Seele banne solchen Wahnsinn!
Suleika sprach: Es steht in meiner Macht nicht,
Denn wenn es stünde auch in meiner Macht,
Die Traumgestalt zu bannen aus der Seele,
Dann legte ich mir nicht ein solches Kreuz auf!
Doch fehlt die Kraft mir, ich bin willenlos,
Ins kummervolle Herz grub sich ein Bild,
Als ob ein Griffel wär aus Diamant,
Der Liebesworte schrieb auf erzne Tafeln,
Der Wind weht dieses schöne Bild nicht fort.
Die Amme sieht die große Kraft der Liebe
Und schweigt von jeder weiteren Ermahnung,
Begibt sich heimlich zu Suleikas Vater.
Der alte Vater wundert sich und staunt,
Doch schien ihm seines Hirns Verstand zu schwach,
So legt er alles in die Hände Gottes!
ZEHNTER GESANG
Das Herz ist selig, drin die Liebe wohnt,
Das liebt und sorgt sich nicht ums Weltgeschehen.
In diesem Herz entzündet sich ein Blitz,
Der die Geduld und den Verstand verbrennt.
Nicht regt sich Sorge im verliebten Herzen,
Der Berg des Vorwurfs scheint ihm nichts als Stroh,
Es still gewöhnt sich an der Leute Tadel,
Durch Schmähung wird doch nur vermehrt die Liebe.
Suleika nahm nun ab so wie der Mond,
Das Jahr verging, ihr Vollmond ward zum Neumond,
Sie war gebogen wie die blasse Sichel,
Sie saß mit feuchten Augen in dem Frührot
Und sprach: Du spielst mit mir, mein lieber Himmel!
Schau, meine lichte Sonne wird schon matt,
Du krümmst mich, dass ich nun dem Bogen gleiche,
Machst mich zum Ziele von des Vorwurfs Pfeilen.
Der Liebe Funken warf er in mein Herz
Und zeigte sich mir selten nur im Traum.
Da ich im Wachen ihn schon missen muss,
Soll ich im Schlafe ihn denn auch nicht schauen?
Des Glückes Zeichen ist mir jener Traum,
Da mir mein lieber lichter Mond erscheint.
Mein Auge ruht auch nicht im Schlummer mehr,
Ach, möchte er mir seinen Schlaf doch leihen!
Dann wachte sicher auch mit mir das Glück
Und lieblich mir erschien mein Schatz im Traum.
So stöhnte sie die ganze lange Nacht durch,
Bis ihr der Geist ermattet auf den Lippen,
Ein tiefer Schlaf sie plötzlich überwältigt,
Betäubt von Mohnmilch sinkt sie auf ihr Bett.
Kaum nahm ihr Bett den zarten Körper auf,
Als schon der Seelenwunsch zur Türe eintrat.
Das selbe Bild, das kürzlich sie gepeinigt,
Tritt ein mit Wangen lichter als der Mond.
Auf diese schönen Wangen fällt ihr Blick,
Da springt sie auf und wirft sich ihm zu Füßen
Und küsst die Erde: O mein Rosenstrauch!
Du raubtest mir Geduld und Seelenruhe!
Bei Gott, der dich als Licht vom Licht erschaffen,
Der frei bewahrte dich vor jedem Makel,
Der dir das Zepter gab der Himmelsschönheit,
Der rein dich schuf so wie den Quell des Lebens,
Schuf dich als Rose in dem Seelengarten
Und deinen Mund zum Brot der Engel machte,
Der dich erstrahlen lässt wie Liebesfackeln,
Darin das Herz des Schmetterlings verbrennt,
Der die gesalbten Locken schuf zu Fesseln,
Dass sich mein Herz in deinem Haar verfing,
So siehe doch, mein Leib gleicht deiner Lende,
Mein Herz gleicht deines Mundes Ah und Oh!
Erbarm dich meiner armen Seele, Herr!
Schließ deine rubinroten Lippen auf
Und streue weißen Zucker über mich
Und sag mit der dir eignen Freundlichkeit
Mir, wer du bist, von welchem Stamm du bist.
Du schöne Perle bist aus welchem Meer?
Du Himmelskaiser, wo ist dein Palast?
Und Josef sprach: Ich bin ein Menschensohn,
Geformt vom feuchten Lehm der Mutter Erde.
Du, liebe Frau, gestehst mir deine Liebe,
Wenn deine Worte reine Wahrheit sprechen,
So, liebe Frau, bewahre mir die Treue
Und bleibe, keusche Jungfrau, unvermählt!
Kein Zahn berühre deine Zuckerlippen,
Kein Diamant durchstoße deine Perle!
Der Liebe Feuer lodert mir im Herzen,
Der Liebestrieb durchlodert meine Seele,
Mein Herz gefangen liegt in deinen Fesseln,
Gezeichnet bin ich mit dem Liebeszeichen!
Kaum sah Suleika Josefs warmes Mitleid,
Kaum hörte sie das Wort aus seinem Munde,
Da schon verzaubert sie ein neuer Dämon,
Und ihres Herzens Schmetterling fing Feuer.
Vom Traum ganz trunken stand die Jungfrau auf,
Die Brust in Flammen und das Herz voll Glut.
Und immer größer ward ihr Gram der Seele,
Zum dritten Himmel rauchten ihre Seufzer,
Der Liebe Folter war ihr unerträglich,
Ihr wehevoller Jammer grenzenlos!
Die Zügel des Verstandes flohn von ihr,
Frei ward sie von den Fesseln der Vernunft.
Und sie zerriss das Kleidchen ihrer Seele,
Blutstropfen sie vergoss wie Rosen rot,
Zerkratzte in der Liebeswut ihr Antlitz
Und raufte sich die wunderschönen Haare.
Und um Suleika saßen ihre Mädchen,
So wie der Hof des Lichtes um den Mond.
Sie hielten fest die Säume ihres Kleides,
So wäre der Zypressenleib entblößt.
Man hielt die Knospe fest, die junge Knospen,
Sonst wär die Rose wohl zum Markt gegangen.
Und als Suleikas Vater dieses hörte,
Beriet er sich mit seinen alten Weisen.
Man überdachte das und hielts für gut,
In Ketten sie zu legen wie den Irren!
Und also bracht man eine Kupferschlange,
Mit Perlen und Rubinen rings besetzt,
Die Schlange war es, die den Schatz bewachte.
Kaum aber schlief die Kupferschlange, weinte
Suleika eine Schnur von Tränenperlen:
In Liebesfesseln bin ich nun gefesselt,
Die Ketten sind mir teurer als die Welt.
Der Himmel kann ein Leben schnell beenden,
Was lässt der Himmel mich in diesen Ketten?
So lange fehlt mir alle Lebenskraft,
Kaum kann ich meinen Körper noch bewegen.
Ach warum diese schweren Ketten doch?
Ach warum dieses scharfe Schwert der Schmerzen,
Das mir das Herz in meiner Brust zerfleischt?
Hat die Zypresse Wurzeln erst geschlagen
Und kann sie weiter sich nicht weg begeben,
Was soll denn da die Klugheit noch des Gärtners,
Um sie herum zu ziehen Wassergräben?
Der Herzensdieb, er muss gefesselt werden,
Der mir die Seele und den Sinn geraubt!
Vergebens sucht mein Aug sich satt zu sehen
An seinen wunderschönen Rosenwangen,
Denn wie ein lichter Blitz schoss er vorbei
Und davon raucht mein brennendes Gemüt.
Ach wenn das Glück mir launisch lächeln wollte,
Die Ketten fesselten den Herzensdieb,
Dann schau ich ihn so lang an wie ich will,
Und dunkle Nacht wird hell wie lichter Tag.
Was rede ich? Den Zärtlich-Zarten fesseln?
Ihm, dem der Staub erscheint wie Fels und Berg,
Die reine Seele nieder ihm zu drücken?
Das wäre unerträglich schwer für mich!
Was wünsch ist seiner Seele denn die Lasten
Und seinem Silberkörper Kerkerketten?
Nein, sieben Schwerter mir mein Herz durchbohren,
Eh nur ein Dorn zerfetzt ihm seinen Rock!
Da sank sie hin auf die zerfleischte Brust
So wie ein Vogel, der zur Erde fällt.
Im Wahnsinn lallte sie die ganze Zeit,
Dann kehrte die Vernunft zu ihr zurück.
Doch bald erneut gepeinigt von der Liebe,
Sie stimmte neue Klagelieder an.
Und bald vergießt sie heiße Tränenströme
Und bald lacht sie so laut wie eine Närrin.
Gen Himmel jauchzend und betrübt zum Tode,
Ein Jahr lang blieb der Jungfrau Seele einsam.
ELFTER GESANG
O Liebe, komm, die du bist schlau und listig
Und die du Frieden spielst und Kriege spielst!
Den Weisen machtest du zum irren Narren,
Den Toren schaffst du um zum stillen Weisen!
Wenn du das Haar der Himmlischschönen bindest,
Umstrickt Frau Torheit den gelehrten Weisen.
Doch lösest du den Knoten ihrer Haare,
Strahlt der Verstand des ruhevollen Denkers!
Suleika, ungeduldig, unvernünftig,
Sie war des schwarzen Kummers Zwillingsschwester,
Von Gram umarmt, vereinigt mit der Schwermut,
Sie trank den Becher bittrer Leiden leer,
Verbracht die Nacht im heißen Liebesfeuer.
Sie riß den Schleier vom gesalbten Haupt
Und streute Asche auf den Lockenkopf,
Bog den Zypressenleib, um anzubeten.
Aus ihrem Augenlotos quoll ein Nil
Und mit der liliengleichen keuschen Zunge
Beklagte sie die Schwermut ihrer Seelen
Und sprach zu ihrem vielgeliebten Liebling:
O Dieb und Räuber meiner Seelenruhe,
Zerstörer der Zufriedenheit des Herzens,
Du schaffst mir Schmerzen, teilst sie nicht mit mir,
Du raubst mein Herz und gibst es nicht zurück!
Wüsst deinen Namen ich, so sagt ich ihn,
Und wüsst ich, wo du bist, ich eilte zu dir.
Einst war mir süß zumute und behaglich,
Nun bin verkorkst ich wie ein alter Korkbaum.
Ich trank schon eine große Menge Blut
Und schamrot bin ich wie die rote Rose.
Ich bettle nicht um deine stolze Liebe,
Doch darf ich denn nicht deine Sklavin sein?
Was, wenn du freundlich zu mir wärst und lieb
Und mich erlöstest aus den Leidensketten?
Kein Mensch soll so wie ich voll Weh verbluten,
Wie ich des ordinären Pöbels Spott!
Die Mutter über das missratne Kind
Muss klagen und mein Vater schämt sich meiner!
Verlassen bin ich, ach, von allen Mädchen,
Ich bin allein mit meinem schweren Kummer!
Hast du nicht Mut, mich trocknes Stroh zu nehmen
Und mich der Liebesglut zu übergeben?
So sprach sie zu dem Liebling ihres Herzens,
Bis sie ward von dem Schlummer überwältigt.
Vom Schlummerbecher trunken ihre Augen,
Erschien der Dieb, der ihr die Ruhe raubte,
Viel schöner noch, als Menschen sagen können,
So unaussprechlich lieblich war der Liebling!
Sie klammert sich an seines Rockes Saum,
Vergoss zu seinen Füßen dann ihr Herzblut
Und sprach: O du, in meiner Liebesqual
Die Seelenruhe flieht von meinem Herzen
Und Schlummer flieht von meinen müden Augen.
Bei Gott, der dich so sündenlos gezeugt,
Dich auserkoren aus der Welt der Schönen,
Verkürze mir die Zeit der Peinigung!
Sag deinen Namen mir und wo du wohnst!
Und Josef sprach: Erhört ist dein Gebet,
Ich bin Wesir im großen Land Ägypten,
Ich bin der Stellvertreter des Monarchen,
Der Herr, der Ewige, mit Ruhm mich kränzte!
Suleika, als sie ihren Liebling hörte,
Nach hundert Jahren Tod erstand zum Leben
Und voller Freude kam die Kraft zurück
Des Körpers wie auch die Vernunft des Geistes.
Im Schlummer war ihr neues Glück erwacht
Und die berauscht Entschlafene stand auf
In trunkner Nüchternheit erneuten Geistes.
Da nun des Schönheitsmondes neue Botschaft
Bewusstsein ihr verlieh und freien Geist,
Da rief sie ihre jungen schönen Mädchen:
Ihr habt die Leiden treu mit mir geteilt,
Seid nun die Freudenboten meinem Vater,
Befreit ihn aus der Feuersglut der Leiden,
Denn mein Verstand ist mir zurückgekehrt.
O treuer Vater, löse mir die Fesseln,
Ich fürcht nicht mehr die Wiederkunft des Wahnsinns!
Der Mann des Geizes schließt sein Silber ein,
Du aber schenke mir den Geist der Freiheit!
Der Vater hörte diese Freudenbotschaft
Und wurde fast verrückt vor Glück und Freude.
So eilte er zu der Zypressentochter
Und eilte schnaufend, wie Verliebte eilen,
Da schloss er auf der Kupferschlange Schnalle
Und löst die Silberbrüstigen die Fesseln.
Jetzt kamen junge Mädchen zu Suleika
Und setzten sie auf einen goldnen Thron,
Den hohen Ehrenstuhl der jungen Anmut,
Und schmückten sie mit einer goldnen Krone.
Die feengleichen jungen Mädchen kamen
Und schwebten leicht die Falter um die Lampe.
Umgeben von den jungen schönen Mädchen
Sie knabbert Zucker wie ein Papagei
Und fing dann an, geduldig zu erzählen:
Sie sprach von Griechenland und Syrien
Und schließlich vom berühmten Land Ägypten
Und kam zu sprechen so auf den Wesir.
Wenn ihre Zunge seinen Namen nennt,
Sinkt wie ein Schatten sie zurück zur Erde
Und auf zum Himmel steigen ihre Seufzer.
Und so vergingen Tage, flohen Nächte,
Sie sprach vom Vielgeliebten und Ägypten,
Lieh ihre Ohren auch nur solchen Worten,
Die ihr von ihrem Vielgeliebten sprachen,
Und sprach ein Mädchen einmal etwas andres,
So schwieg Suleika still aus lauter Liebe.
ZWÖLFTER GESANG
Und wenn der Liebling dir am Busen ruht,
Dann sehnst du dich nach andern Freiern nicht.
Der Schmetterling schwebt nicht zur Sonne auf,
Wenn ihm der jungen Hoffnung Fackel leuchtet.
Die Nachtigall schaut nicht zum Blumenstrauß,
Sie schmachtet einzig nach dem Rosenbusch.
Und wenn die Sonne wärmt die Lotosblume,
Dann schaut die Lotosblume nicht zum Mond.
Wenn Dürstende zu trinken kriegen Wein,
So fragen sie nicht nach dem weißen Zucker.
Suleika fand an diesem schönen Ort,
Was alles man zur Seligkeit benötigt.
Als Sklave diente ihr der weise Assaf,
Genügend Gold und Güter hatte sie,
Es waren Mädchen da mit weißen Körpern,
Die Mädchen standen ihr in allem bei,
Die herzverwirrenden, die jungen Mädchen,
Auf jedes Winken ihrer Herrschaft willig,
Und Knaben, lächelnd süß wie weißer Zucker,
Von Kopf zu Fuß so süß wie Zuckerrohr,
Und Neger, wie geschnitzt aus Ebenholz,
Und wie des Paradieses Engel keusch
Eunuchen in den Harem junger Frauen,
Vertraut mit jeglichem Belang des Harems.
Ägyptens wunderschöne Frauen alle,
Geschmückt mit allen Reizen junger Anmut,
Sie waren alle wie Suleika jung
Und suchten ihre Freundschaft, freundlich, treu.
Suleika saß da im Versammlungssaal,
Wo Menschen drängten dicht an dicht sich um sie.
Da spannte sie des Frohsinns blaue Fahne,
Die Lippen lächelten, das Herz voll Blut,
Sie schien mit allen Frauen klug zu reden,
Doch waren die Gedanken anderswo.
Zwar sprach sie mit den Sklaven der Versammlung,
Doch war ihr Herz allein bei ihrem Liebling.
In Weh und Wonne war sie ihm vereint.
Ihr leerer Körper nur war bei den Leuten,
Die Seele fühlte eine andre Qual.
So lebte sie vom Morgen bis zum Abend
Mit ihren jungen Freundinnen im Harem.
Kaum tat die Sonne abends an den Schleier,
Kaum thronte in der Einsamkeit der Mond,
Als sie in stiller Ruhe dunkler Nacht
Das Bild des Lieblings auf das Kissen legt
Und niederfällt vorm Vielgeliebten flehend
Und klagt der armen Seele stille Wehmut,
Sie stimmte ihre Stimme auf die Seufzer
Und fing das Klagelied des Wahnsinns an
Und sprach zum Bild: O Liebe meiner Seele!
Du hast mich fortgeschickt, mein Vielgeliebter,
Der du Wesir Ägyptens dich genannt,
Und dennoch sei dir ewig Ruhm und Ehre!
All meine Wonne, meines Lebens Krone
Ists, deine Magd und Dienerin zu sein!
Verlassen bin ich, fern der Heimat bin ich,
Beraubt des Glücks, mit dir vereint zu sein.
Wie lange trag ich noch des Elends Fackel?
Sei du das Licht im Garten meines Herzens,
Ein Pflaster für die Wunden meiner Seele!
Die Liebe schleppte, ach, mich zur Verzweiflung,
Ein Engel aber gibt mir junge Hoffnung.
Ich lebe nur noch für die junge Hoffnung,
Ich schüttle der Verzweiflung Staub nun von mir!
Dein Schönheitslicht strahlt in mein offnes Herz,
Ich hoffe innig auf ein Wiedersehen.
Ob ich auch blutig-rote Tränen weine,
Doch meine Augen schauen nach dir aus.
Glückselig ist die Zeit, da du als Mond
Ins große Zeichen meiner Augen kamest.
Seh ich dein Antlitz, werde ich zu Nichts!
Ich, ach, verliere den Gedankenfaden,
Verlier mich in Gedankenlosigkeit.
Ich bin nicht mehr an meinem eignen Ort,
Du bist nun an der Stelle meiner Seele!
Ich kann mich an mich selbst nicht mehr erinnern,
Und such ich mich, so finde ich nur dich!
Du bist mein Glück auf Erden und im Himmel!
Wenn ich dich treffe, sprech ich nicht von mir.
So sprach sie mit sich selbst am frühen Morgen
Und also sprach sie auch den ganzen Tag.
Am Morgen sprach sie: O ihr Morgenlüfte,
Durchweht die schneeigweiße Lilienaue,
Und siehe da, wie schön tanzt die Zypresse!
Du Ostwind, Bote du der Liebenden,
Du wehe Ruhe in das Herz des Jünglings!
Bring ihm den Liebesbrief vom jungen Mädchen
Und lindre du den Schmerz des Trauervollen!
Ach, keiner trauert trauriger als ich,
Kennt keiner Trennungsschmerzen so wie ich,
Mein Herz ist krank, mein Herz ist krank vor Liebe!
O lindre meine innern Qualen, Herr!
Zu schwer geworden ist mir dieser Gram,
O Lieber, tröste meine dunkle Seele!
Mein lieber Ostwind, schleiche du dich ein
In jeden Winkel dieser Mutter Erde,
Du dringe selbst noch durch verschlossne Türen,
Erbarm dich meiner, ach, ich bin verwirrt!
So eile du zur Stadt des Pharao
Und steig hinan zum Throne des Monarchen!
Dann frage überall nach meinem Mond
Und suche überall nach meinem Fürsten,
Durchziehe alle grünen Frühlingsgärten
Und wandele an aller Flüsse Ufern,
Vielleicht doch findest du die liebe Spur
Der wandelnden Zypresse an dem Ufer?
Such unter den getuschten Bildern Chinas
Ein Reh voll Anmut, das dem meinen gleicht!
Und kehrst du heim dann aus dem Reich der Mitte
Und dir begegnet dann ein schönes Rebhuhn,
So bitte, fang das Rebhuhn dann für mich!
Und stößt du wo auf eine Karawane,
So lenk die Karawane in mein Land!
Vielleicht doch seh ich meinen jungen Helden
Und pflücke eine scharlachrote Rose
Vom süßen Rosenstrauch der jungen Hoffnung!
So also sprach sie mit den Morgenlüften,
Als aber dann des Tages Sonne aufging,
War sie umringt von jungen schönen Mädchen
Mit reinen Herzen und mit festen Brüsten!
Und also ging es immer Tag und Nacht
Und Mond um Mond und Jahr um Jahr so weiter.
War ihr im Haus das volle Herz sehr schwer,
So eilt sie zu den Blumen in dem Garten.
Und bald erzählte sie den roten Tulpen
Von ihrem Liebling mit den Rosenwangen,
Bald aber eilte sie zum Strand des Nil,
Erzählte dort dem Nil von ihrem Kummer
Und mischte ihre Tränen mit dem Wasser.
Von woher kommt der Vielgeliebte wohl?
Kommt er als Sonne oder kommt als Mond?
Auf, meine Seele, du bist ein Poet,
So mach doch, dass der Mond von Kanaan
Kommt zur Verliebten bald aus Kanaan.
Voll süßer Hoffnung ist das Herz Suleikas,
Die Augen voller tränenreichem Kummer.
Zu lange musste, ach, Suleika warten!
Auf, meine Seele, Dichterin, Prophetin,
Wir wollen unsre Frau Suleika trösten
Durch die Vereinigung mit dem Geliebten!
DREIZEHNTER GESANG
Was wäre schöner denn dem Liebenden,
Als wenn ihn die geliebte Freundin liebte?
Wenn er in ihr geheimes Zimmer komme
Und ihre Brust wär frei von Alltagssorgen?
Er dann erzählte ihr die alten Märchen
Und wöhlte sie sich zur Intimvertrauten.
Und Josef ging in seine Wohnung nun,
Da kam ein Wärter, sagend: O mein Herr,
Hier an der Türe steht ein altes Weib!
Soll ich sie führen doch zu deinem Thron?
Und Josef sagte: Bringe sie herbei
Und ist sie arm, so gib ihr milde Gaben.
Sie möge sagen, was sie von mir wünscht.
Da tanzte wie die Müchen in dem Abend
Suleika in den Thronsaal des Wesires.
Mit ihrem Rosenmunde sprach Suleika:
Heil Josef! Er frug sie um ihren Namen.
Suleika sagte da: Ich bin die Frau,
Die auf den ersten Blick dich auserkoren,
Die Herz und Seele ganz dir hingegeben,
Die ihren Frühling gab dem Winde hin
Und die nun alt geworden, graues Weib.
Du liebst die Herrschaft wie ein liebes Weib,
Mich Alte aber hast du ganz vergessen!
Er sprach: Was willst du denn von mir, Suleika?
Und warum bist du doch so voller Sorgen?
Als Josef sprach Suleikas Namen aus,
Ach, da verlor Suleika die Besinnung!
Ihr Busen schäumte von des Wahnsinns Schaumwein!
Er sprach: Wo sind die Reize deiner Jugend?
Sie sprach: Als ich dir fern war, wichen sie.
Er sprach: Was funkelt nicht dein Aug mehr blitzend?
Sie sprach: Ach fern von dir, ich weinte viel.
Er sprach: Was krümmt sich dein Zypressenkörper?
Sie sprach: Die Trennung lag auf meinen Schultern.
Er sprach: Wo ist die Krone deines Hauptes?
Sie sprach: Die Dichter rühmten meine Reize
Und krönten mich mit Gold der Lobeshymnen.
Mein Gold warf ich zu ihren Füßen hin
Und krönte die Poeten mit dem Ruhm.
Er sprach: Was willst du aber nun von mir?
Sie sagte: Was ich will, das ärgert dich.
Er sprach: Beim Gottesgeiste der Propheten
Und bei dem Ewigen der Patriarchen,
Beim Herrn, dem Feuer, das im Dornbusch brannte -
Ich, Josef, ich bin Gottes Anvertrauter!
Sag du mir, was du heute von mir willst,
Ich will dir deine Wünsche gern erfüllen.
Sie sprach: Ich will zurück die Jugendreize!
Ich will erleuchtet meine Augen haben,
Um dich zu sehn, du Rose meines Gartens!
Und Josef betete zu Gott dem Herrn
Und floss dann über von geweihtem Wasser
Und schenkte wieder so der toten Schönheit
Der alten Frau, die fünfzig Jahre zählte,
Erneutes Leben, neue Jugendreize,
Erfrischte Ihrer Jugend Rosengarten
Mit dem lebendigen, geweihten Wasser.
Die grauen Strähnen mit gespaltnen Spitzen
Ihr fielen aus der rabenschwarzen Mähne,
Der krummgebogene Zypressenleib
Ward wiederum zur schlanken Dattelpalme,
Die Falten und die Runzeln des Gesichts
Nun wie der Luna Silberantlitz wurden,
Die 'Reize ihrer Jugend, hoch erotisch,
Sie wurden reizender, entzückender!
Sie war noch schöner als zur Jugendzeit!
O Schönheit, sagte Josef voll Bewundrung,
Was wünschst du dir, dass ich es dir erfülle?
Ich habe einen Wunsch allein, sprach sie,
In Ewigkeit mit dir vereint zu sein!
Tags möchte ich dein Sonnenantlitz essen,
Nachts möchte ich dein Mondenantlitz trinken,
Im Schatten deines Zedernleibes ruhen
Und kauen stets den Zucker deines Mundes!
Die trockne Erde meines Körpers möge
Frisch werden von dem Regen deiner Liebe!
Als Josef dieses Wort Suleikas hörte,
Da schwieg er still und dachte lange nach
Und schaute in die Himmelswelt der Geister.
Da nahte ihm der Engel Gabriel
Und sprach zu Josef: Freue dich, Gerechter!
Gott hat Suleikas Bitten all erhört,
Bewegte sie doch Gottes Allerbarmen,
Barmherzigkeit ist groß in Gottes Schoß!
Und so vermählt der Herr der Heeresscharen
Dich, Josef, jetzt mit deiner Vielgeliebten
Im Angesicht des ganzen Hofs des Himmels!
VIERZEHNTER GESANG
Als Josef von dem Herrn empfing die Weisung,
Das Bündnis mit Suleika nun zu schließen,
Da macht er ein Gelage, das war fürstlich,
Da alles war, was süße Lust verschafft.
Er lud die Fürsten und die Edlen ein
Und setzte sie auf ihre Ehrensitze.
Nach Abrahams Gesetz und Jakobs Glauben
Und nach des Morgenlandes schönen Bräuchen
Vermählte er sich also mit Suleika,
Der größten Perle an der Perlenschnur.
Frau Luna und die Fische streuten Silber,
Als sich der Meister seiner Wonne freute.
Und Josef bat die Gäste um Vergebung,
Er bat die Gäste um Verschonung, Nachsicht,
Und schickte dann die junge Braut Suleika
In sein Gemach in tiefer Einsamkeit.
Die Mägde brachten ihrer Frau Suleika
Als Morgengabe ihre goldne Krone,
Sie jauchzten über ihrer Herrin Schönheit
Und gaben ihr ein teures feines Kleidchen.
Als nun der Lärm der Menge war verstummt
Und jeder kehrte heim in seine Wohnung,
Als Luna in dem seidigen Gewand
Verschleierte die schwarze Mutter Erde,
Als am saphirnen Firmament des Himmels
Der Chor der Myriaden Sterne sang,
Als die Plejaden schimmerten so schön
Wie blutiger Rubin und weiße Perlen,
Das schwarze Haar der Nacht die Welt bedeckte
Und alle unter Decken lustig spielten,
Da war Suleika einsam, doch ihr Herz
Glich einem Mückentanz im Sonnenlicht.
Das heiße Dürsten stillte ihr kein Wasser,
Kein Meer je löschte ihres Herzens Brand.
Sie sprach: Ich kann es ja noch gar nicht glauben,
Dass mir das Schicksal jetzt so gnädig ist!
Der Vorhang vor dem Fensterloch ging auf,
Frau Luna schmückt mit Silberglanz das Haus.
Suleikas Augen sahen den Geliebten,
Sie fühlte neue Wonne, neue Wollust,
Sein Schimmer raubte ganz ihr den Verstand,
So weicht die Finsternis vorm Licht der Sonne.
Als Josef die Geliebte sah, die Schöne,
Den Wahnsinn sah der Lust, die er erregt,
Da hebt er die Geliebte auf den Thron
Und bettet sie in seinen starken Armen.
Durch seinen Duft gestärkt, durch sein Parfüm,
Erwachte sie aus ihrem trunknen Traum.
Nun schaute sie ihn an, er war so schön
Wie ein Poet auf einem Bild aus China.
Und ihre süßen Lippen öffneten
Das Salbgefäß des gläubigen Vertrauens,
Und da das Salz ihm seine Lust gewürzt,
Umfing er herzlich sie mit beiden Armen,
Und oh wie glücklich war er, oh wie glücklich,
Als nun sein Finger fand die kleine Perle,
Die unversehrte Perle ihres Schoßes!
Wie blieb doch deine Perle unversehrt?
Sie sprach: Du hast mich ja nur angeschaut,
Doch pflücktest du die keusche Knospe nie!
Ich war ja noch ein unberührtes Mädchen,
Als ich dein wunderschönes Traumbild sah
Und leise dich nach deinem Namen fragte.
Dies keusche Kleidchen der Jungfräulichkeit
Hab heilig ich bewahrt vor jedem Mann!
So blieb die kleine Perle unberührt!
Gelobt sei Gott der Herr, der Himmelsvater,
Dass diese reine Perle unberührt blieb
Und nicht berührt von eines Sünders Finger!
Zwar Schwerter mir durchbohrten meine Seele,
Doch habe ich mich aufgespart für dich!
Er sprach: Du Schönste aller Himmelsjungfraun!
Ist diese Liebes-Einigung nicht schöner
Als alles, was du einst im Traum erfahren?
SIEBZEHNTES BUCH
GILGAMESCH
ERSTER GESANG
Der alles sah und der das Land regierte,
Die Ferne kannte, Jegliches erfasste,
Zur Kenntnis hat bestimmt ihn Gott der Vater.
Geheimes sah er und Verborgnes sah er,
Hat Kunde auch gebracht von vor der Sintflut,
Fuhr ferne Wege, er war matt und frisch,
Auf einen Stein hat er die Müh gemeißelt.
Die Mauer baute er um Uruk-Gart,
Ums heilige Eanna, unsern Hort.
Die Mauer sieh, die Friese sind wie Bronze,
Beschau den Sockel, nichts ist ihm vergleichbar,
Den Eckstein sieh, seit Urzeit ist er da,
Komm nach Eanna, hier wohnt Göttin Ishtar,
Kein Mensch, kein König kann das Gleiche machen,
Steig auf die Mauer dann von Uruk, geh,
Die Gründung prüfe, sieh die Ziegel an,
Ob auch die Ziegel nicht aus Backstein sind,
Den Grund nicht legten selbst die sieben Weisen!
Ein Sar die Stadt, ein Sar die Palmengärten,
Ein Sar die Niederung des breiten Flusses,
Dazu kommt der Bereich des Ishtar-Tempels,
Drei Sar umschließen den Bereich von Uruk.
Urkundenkapseln sind aus Kupfer, schau,
Nimm ab davon das sichre Schloss von Bronze.
Die Türe öffne zum verborgnen Schatz,
Die Tafel lies von Lapislazuli,
Wie Gilgamesch durch alle Drangsal zog!
Der größer ist als alle Könige,
Von schönem Aussehn und von großem Ruhm!
Der Held, der Sprößling Uruks, starker Stier,
Er geht voran, er ist der Allererste,
Geht hinterher, die Stütze seiner Brüder,
Ein starkes Kampfnetz, seines Heeres Schirm,
Wie wilde Wasserflut zerstört die Mauern,
Sohn Lugalbandas, der an Kräften Reiche,
Kind der erhabnen Kuh, der Rimat-Ninsun.
Ehrfurchtgebietend der vollkommne Wildstier,
Der fand den Eingang in die hohen Berge,
Trank von Zisternen in dem Steppenland,
Der überfuhr das Meer zum Sonnenaufgang,
Ins Auge fasst er der Erde Enden,
Der überall das ewge Leben suchte,
Voll Krafdt gelangte zu Utnapischtim,
Der Städte baute, die die Flut zerstört.
Nicht ist er Ruhm für die umwölkten Menschen,
Kein König kann mit ihm verglichen werden,
So redet Gilgamesch: Ich bin der König!
Seit er geboren, ist sein Name herrlich,
Zwei Drittel Gott, ein Drittel nur ein Mensch,
Das Bildnis seines Leibes zeigt die Macht,
Die schöne Mutter gab ihm die Gestalt.
In Uruk geht einher er in den Hürden,
Kraft setzt er ein und schreitet wie ein Wildstier.
Kein Nebenbuhler ähnelt seiner Macht.
Er trommelt, die Genossen dann marschieren,
Die Männer regen auf sich über Willkür.
Ach, Gilgamesch lässt nicht den Sohn zum Vater,
Am Tag und in der Nacht er bäumt sich auf,
Klug, weise, kundig, stattlich, übermächtig!
Auch lässt er nicht die Jungfrau zum Geliebten,
Die Heldentochter sie, die Braut der Männer! -
Die Klage hörten oft die großen Götter,
Die Himmelsgötter riefen Gott den Vater:
Herr, schufest du nicht diesen starken Wildstier?
Kein Nebenbuhler ähnelt seiner Macht.
Er trommelt, die Genossen dann marschieren.
Ach, Gilgamesch lässt nicht den Sohn zum Vater,
Am Tag und in der Nacht er trotzt ganz wild!
Er ist der Hirte nun von Uruk-Gart,
Er ist ihr Hirte, doch ihr Unterdrücker!
Klug, weise, kundig, stattlich, übermächtig!
Auch lässt er nicht die Jungfrau zum Geliebten,
Die Heldentochter sie, die Braut der Männer! -
Die Klagen hörte nun der Vatergott.
Da rief man Aruru, die große Göttin:
Du schufest, Aruru, was Gott befahl,
Erschaffe wieder, was der Herr befielt!
Schaff einen Gleichen ihm an Herzens-Wildheit!
Sie sollen kämpfen. Uruk sich erhole.
Kaum dass Aruru diese Worte hörte,
Da schuf im Herzen sie, was Gott befahl.
Aruru wusch mit Wasser ihre Hände,
Kiniff Lehm sich ab und warf ihn draußen hin,
So Enkidu, den starken Helden schuf sie,
Den Spross der Nacht, begnadet von Ninurta,
Mit Haar bepelzt an seinem ganzen Leibe,
Mit Haupthaar reich versehen wie ein Weib,
Das Haupthaar wallte wie bei Nisaba.
Auch kannte weder Länder er noch Leute,
Bekleidet war er so wie Sumukan.
So fraß er mit Gazellen auch das Gras,
Er drängte zu der Tränke mit dem Wild,
Da ward ihm wohl am Wasser mit den Tieren.
Auf ihn stieß gegenüber nun der Tränke
Ein Jäger, ein gewaltiger Geselle,
Am ersten Tag, am zweiten und am dritten
Stieß er auf Enkidu am Rand der Tränke.
Der Jäger sah ihn, reglos ward sein Antlitz.
Da trat er mit den Tieren in sein Haus,
Er war erregt, er wurde starr und stumm,
Verstört sein Herz, sein Antlitz war umwölkt,
In seiner Seele Einzug hielt der Gram,
Sein Antlitz eines Wanderers Gesicht.
Der Jäger tat zum Reden nun den Mund auf,
Und also sprach zu seinem Vater er:
Ein Mann gekommen ist vom Steppenland,
Der Kräftigste und Stärkste er im Lande,
Der Himmelsfeste gleich ist seine Kraft,
Er streift im Steppenlande stets umher,
Beständig frisst er mit dem Wild das Gras,
Stets stehen seine Füße an der Tränke,
Aus Angst vermochte ich ihm nicht zu nahen.
Die Gruben, die ich grub, er füllte sie,
Die Netze, die ich spannte, riss er aus,
Und so entkamen mir die Steppentiere.
Er lässt nicht zu mein Werk im Steppenland.
Sein Vater tat zum Reden auf den Mund,
Und also sprach der Vater zu dem Jäger:
Mein Sohn, in Uruk wohnt doch Gilgamesch,
So stark, dass keiner kann ihn überwinden,
Der Himmelsfeste gleich ist seine Stärke.
Dein Antlitz wende du dem König zu
Und bring ihm Kunde von dem wilden Mann.
Er leihe eine Tempelhure dir!
Führ du die Tempelhure in die Steppe!
Das Weib wird überwältigen den Mann.
Wenn dann das Wild herankommt an die Tränke,
Dann wirft sie ab ihr Kleid, er schwelgt in Wollust!
Sieht er sie nackt, dann wird er gern ihr nahen,
Die wilden Tiere werden ihm dann untreu,
Die mit ihm aufgewachsen in der Steppe.
Nun auf den Rat des Vaters brach er auf,
Zu Fuß der Jäger ging zu Gilgamesch,
Er nahm den Weg und stand in Uruks Mitte:
O höre, Gilgamesch, und rate mir!
Ein Mann gekommen ist vom Steppenland,
Der Stärkste er im Lande, er hat Kraft,
Der Himmelsfeste gleich ist seine Stärke,
Er streift im Steppenlande stets umher,
Beständig mit dem Wild frisst er das Gras
Und immer weilt sein Fuß am Rand der Tränke.
Ich konnte ihm nicht nahn vor lauter Furcht.
Die Gruben, die ich grub, die füllte er,
Die Netze, die ich spannte, riss er aus,
Entrinnen ließ die Tiere er der Steppe,
Erlaubte nicht mein Werk im Steppenland.
Und Gilgamesch die Worte sprach zum Jäger:
Nun geh, o Jäger, führe du mit dir
Die Priesterin, die schöne Tempelhure!
Wenn dann das Wild herankommt an die Tränke,
Dann werfe sie ihr leichtes Kleidchen ab
Und so enthülle sie des Weibes Wollust!
Sieht er sie dann, so wird er gern ihr nahen,
Dann wird das Wild ihm sicher untreu werden,
Das mit ihm aufgewachsen in der Steppe.
So also ging der Jäger, mit sich führend
Die Priesterin, die schöne Tempelhure.
Sie gingen auf dem Weg, die rechte Straße,
Am dritten Tage kamen sie zum Ort.
Der Jäger und die Hure sich versteckten,
Den ersten Tag, den zweiten, an der Tränke.
Es kam das Wild, zu trinken an der Tränke,
Die Tiere fanden Wohlsein an dem Wasser.
Da sah die Hure nun den wilden Mann,
Den Würger aus dem Inneren der Steppe.
Dies ist er, Dirne! Mache nackt die Brüste!
Den Schoß tu auf! Du schenk ihm deine Fülle!
Sei nicht verschämt! Empfange seinen Atem!
Sieht er dich nackt, so wird er gern dir nahen.
Leg ab dein leichtes Kleidchen und dein Röckchen,
Dass er sich bette weich auf deinem Leibe!
Dem wilden Manne tu das Werk des Weibes!
Dann wird das Wild ihm sicher untreu werden,
Das mit ihm aufgewachsen in der Steppe.
Dann raunt er Liebesspiele über dir!
Die Hure machte nackt die großen Brüste,
Die Hure öffnete den Schoß für ihn,
Und er empfing von ihr der Liebe Fülle.
Es schämte sich die nackte Hure nicht,
Und sie empfing den Atem seiner Küsse.
Sie zog ihr leichtes Kleidchen aus, ihr Röckchen,
Da lag er weich gebettet auf dem Weib.
Dem wilden Mann tat sie das Werk des Weibes,
Er raunte Liebesspiele über ihr.
Sechs Tage, sieben Nächte wachte er,
Da Enkidu beschlief die Tempelhure.
Dann ward er des Genusses überdrüssig,
Da schaute er zu seinen wilden Tieren.
Doch als die Tiere Enkidu erblickten,
Da flohen scheu vor ihm die keuschen Rehe,
Da wich vor seinem Leib das Wild der Steppe.
Ihm zitterten die Knie, es floh das Wild.
Und er ward schwach und lief nicht mehr wie sonst.
Er wuchs heran und wurde weiten Geistes,
Er kehrte um und setzte sich zur Hure,
Der Tempelhure schauend in das Antlitz,
Dem Wort der Hure lauschten seine Ohren.
Die schöne Hure sprach zu Enkidu:
Du, Enkidu, bist weise wie ein Gott!
Was lebst du mit den Tieren in der Steppe?
Komm mit, ich führe dich nach Uruk-Gart,
Ich führe dich zum schönen Tempel Ishtars!
Dort lebt der König Gilgamesch voll Kraft,
An Stärke überragend alle Männer.
Sie sprachs, und Beifall fanden ihre Worte,
Der Weise suche einen Freund und Bruder.
Da sagte Enkidu zur Tempelhure:
Komm, schönste Hure, lade du mich ein!
Ich will ins Heiligtum der Liebesgöttin!
Dort lebt der König Gilgamesch voll Kraft,
An Stärke überragend alle Männer.
Ich sag ihm Krieg an! Heftig sei der Kampf!
Denn rühmen will ich mich, dass ich der Stärkste.
Ich komme, und ich ändere das Schicksal.
Geboren in der Steppe, ich bin stark!
Komm, lass uns gehn, er soll dein Antlitz schauen,
Ich zeig dir Gilgamesch, ich kenne ihn.
Schau hin nach Uruk-Gart, mein Enkidu,
Schau zu den Männern dort mit breiten Gürteln.
Dort wird an jedem Tag ein Fest gefeiert,
Dort lässt man Trommeln dröhnen, Zimbeln klingen.
Dort sind auch wunderschöne Tempelhuren,
Geschaffen schön zur höchsten Lust der Männer!
So reich an Reizen, sind sie voll des Jubels!
Aufs Bett gebreitet sind gestickte Decken.
Dir, Enkidu, der du nicht kennst das Leben,
Dir will ich zeigen König Gilgamesch,
Den gut gestimmten, ungleich andern Männern.
Du schau ihn an und schau sein Angesicht,
Er ist ein schöner Mann und voller Würde,
An Fülle überreich am ganzen Leib,
Der stärker ist und kräftiger als du,
Der immer, Tag und Nacht, ist ohne Ruhe.
Gib deine Unart auf, mein Enkidu!
Dem Gilgamesch erwies die Hure Liebe!
Die Götter haben ihm den Geist erleuchtet.
Denn ehe du gekommen aus der Steppe,
Hat Gilgamesch bereits von dir geträumt.
Und Gilgamesch stand auf, und seinen Traum
Erzählte er, und sprach zu seiner Mutter:
O Mutter! Letzte Nacht hab ich geträumt,
Da ging ich voller Stärke mit den Männern,
Da sammelten um mich sich lichte Sterne,
Die Waffe Gottes stürzte auf mich nieder,
Ich wollt sie heben, doch sie war zu schwer,
Bewegen wollt ich sie und konnt es nicht.
Das ganze Uruk-Land trat hin zu ihr,
Die starken Männer küssten ihr die Füße,
Ich lehnte mich zwar auf, man stand mir bei,
Ich hob die Waffe auf und bracht sie dir.
Die kluge Mutter sprach zu Gilgamesch:
O Gilgamesch, es ward ein Mann wie du
So stark geboren in dem Steppenland,
Herangewachsen ist er in der Steppe.
Schau, du wirst einen Freund und Bruder haben.
Die starken Männer küssen ihm die Füße,
Umarmen wirst du ihn und zu mir bringen.
Dein Freund, das ist der starke Enkidu!
Genosse, der dem Bruder in der Not hilft!
Der Stärkste er im Lande, voller Kraft,
Der Himmelsfeste gleich ist seine Stärke.
Du sprichst vom Freunde wie von einer Frau,
Er aber wird dich immer wieder retten!
Da schlief er ein und träumte einen Traum,
Dann stand er auf und sprach zu seiner Mutter:
O Mutter! Ich hab einen Traum geträumt,
Da schaut ich eine Axt auf Uruk-Markt,
Die Axt lag da, das Volk stand rings umher,
Unheimlich ward die Axt da anzuschauen,
Doch da ich sie erblickte, ward ich froh,
Gewann sie lieb, so wie ein Mann ein Weib liebt,
Ich raunte über ihr und tat sie um
Und tat sie in den Gürtel meiner Lenden.
Die Mutter Gilgameschs, der Weisheit kundig,
Die Mutter sprach zum vielgeliebten Sohn,
Die Mutter Rimat-Ninsun sprach, die Weise,
Die kluge Mutter sprach zu Gilgamesch:
Die Axt, die du gesehen, ist ein Mann.
Du wirst ihn lieben wie ein Mann ein Weib,
Und du wirst liebend raunen über ihm.
Ich stelle ihn dir gleich als Sohn, mein Sohn,
Du wirst den Bruder bringen zu der Mutter.
Genosse, der dem Bruder aus der Not hilft!
Im Lande ist er stark und übt Gewalt,
Der Himmelsfeste gleich ist seine Stärke.
Und Gilgamesch sprach wieder zu der Mutter:
Gescheh des nach Befehl des weisen Gottes!
Ich möchte einen Freund und Bruder haben!
Ich möchte einen Bruder als Berater!
Du hast mir ja den Traum von ihm gedeutet.
ZWEITER GESANG
Nun Enkidu saß bei der Tempelhure,
Und da liebkosten sich die beiden zärtlich,
Und Enkidu vergaß das Steppenlanf.
Er hörte ihre Worte, ihre Rede,
Des Weibes Rat fiel in sein Herz im Busen.
Eins ihrer Kleider zog sie lächelnd aus,
Mit diesem Kleid bedeckte sie den Mann,
Das andre Kleidchen trug sie noch am Leib.
Sie nahm ihn an die Hand wie einen Gott
Und führte ihn zum Hof, zum Tisch des Hirten.
Da scharten sich die Hirten um den Mann.
Doch Enkidu war ja von dem Gebirge,
Wo mit Gazellen er das Gras gefressen.
Er pflegte Milch der Tiere sonst zu saugen,
Nun setzte man ihm gute Speise vor,
Da sah genau er hin, er schaut und guckte,
Er wusste aber nicht, wie man das Brot isst.
Auch Wein zu trinken ward er nicht gelehrt.
Die Hure tat den Mund auf, sprach zu ihm:
Iss Brot, mein Freund, denn das gehört zum Leben,
Trink Wein, mein Freund, so ist es Brauch im Lande!
Und Enkidu aß Brot und wurde satt
Und Enkidu trank Wein, wohl sieben Becher,
Da ward sein Innres frei, er wurde heiter,
Sein Herz frohlockte und sein Antlitz strahlte.
Mit Wasser wusch er den behaarten Leib,
Er salbte sich mit Öl und ward ein Mensch,
Zog ein Gewand an, war nun wie die Männer.
Die Waffe nahm er für den Kampf mit Löwen,
Es legten nachts sich schlafen ja die Hirten,
Da schlug er Wölfe und verjagte Löwen,
In aller Ruhe lagen da die Hüter,
Denn Enkidu war nun ihr treuer Wächter,
Der wache Mensch, der eine wahre Mann.
Und Enkidu vereint war mit der Hure,
Der Wollust und dem Liebesspiel ergeben.
Er hob die Augen, schaute einen Menschen.
Zur wunderschönen Hure sprach er da:
O Dirne, lass den Menschen weitergehen!
Was kam er doch? Ich rufe seinen Namen!
Die schöne Hure rief den Menschen an
Und trat zu ihm und sprach zu ihm die Worte:
Mann, wohin eilst du? Was ist deine Arbeit?
Der Mann tat auf den Mund vor Enkidu:
Zur Hochzeitsfeier lud die Braut mich ein!
Ich will der Erste in der Brautnacht sein!
Ich häufe leckre Speisen auf den Tisch,
Das köstliche Gericht zur Hochzeitsfeier.
Dem Könige von Uruk ist als Erstem
Der Schleier aufgetan vorm Brautgemach!
Die da zur Braut bestimmt, beschläft der König!
Zuerst der König, dann der Bräutigam!
So lautet ja der Rat der weisen Götter.
Als abgetrennt ward seine Nabelschnur,
Da wurde dieses Vorrecht ihm bestimmt.
Da wurde Enkidu das Antlitz bleich.
Und Enkidu ging nach der schönen Dirne,
So kamen sie herein zum Markt von Uruk,
Und Enkidu blieb stehen auf der Straße,
Es scharte sich das Volk um ihn und sprach:
Gleicht an Gestalt er doch dem Gilgamesch!
Ist kleiner zwar an Wuchs, doch ziemlich stark!
Als er geboren ward, aß er wohl Kräuter
Des Frühlings und trank Milch der wilden Tiere!
In Uruk fanden immer Opfer statt,
Da reinigten die Männer sich und Frauen,
Wie Kinder küssten sie dem Herrn die Füße,
Man brachte Gilgamesch ein Opfer dar,
Der Liebesgöttin war das Bett gemacht,
Und König Gilgamesch war in der Nacht
Vereint gewesen mit der jungen Frau!
Nun aber trat ein Mann hin auf der Straße,
Versperrte König Gilgamesch den Weg.
Und Gilgamesch war über ihn erzürnt,
Da machte er sich auf, ging auf ihn zu,
Zusammen stießen sie am Markt des Landers.
Sperrt Enkidu das Tor mit seinem Fuß auf,
Er ließ nicht zu, dass Gilgamesch herein trat.
Sie packten sich, sie gingen in die Knie
Wie Stiere, Gilgamesch und Enkidu,
Sie packten sich, sie gingen in die Knie,
Türpfosten bebten und die Wände krachten,
Sank Gilgamesch ins Knie, den Fuß am Boden,
Sein Zorn verrauchte, und er wandte sich.
Sobald er seine Brust herum gewandt,
Sprach Enkidu zum König Gilgamesch:
Wie einzigartig dich gebar die Mutter,
Die schöne Wildkuh, Mutter Rimat-Ninßun!
Dein Haupt erhöht ist über alle Männer,
Des Volkes Königtum gab Enlil dir,
Und deine Stärke überragt die Fürsten.
Da küssten beide sich und schlossen Freundschaft.
Bringt Gilgamesch den Freund zu seiner Mutter
Und spricht: Er ist der Stärkste in dem Lande,
Wer hält ihm stand? Erweise du ihm Gnade!
Die Mutter Gilgameschs sprach zu dem Sohn,
Sprach Rimat-Ninßun dies zu Gilgamesch:
Mein Sohn: verwildert scheint mir doch dein Freund.
Sprach Gilgamesch: Wie bitter klagte er!
Nicht Vater hat und Mutter Enkidu,
Sein loses Haupthaar wurde nie geschnitten,
Geboren ist er in der wüsten Steppe
Und keine Mutter hat ihn dort erzogen. -
Und Enkidu stand da, die Rede hörend,
Da füllten seine Augen sich mit Tränen,
Weh ward ihm da zumute und er müht sich,
Und seine Augen füllten sich mit Tränen,
Weh ward ihm da zumute und er müht sich.
Einander fassten sie und setzten sich,
Die Hände halten wie verliebte Leute.
Und Gilgamesch sein Antlitz neigt herab
Und sprach zu Enkidu: Mein Freund, warum
Sind deine Augen feucht von Trauertränen?
Weh ward zumute dir, du mühtest dich?
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Die Klagen machen meinen Nacken starr,
Erschlafft die Arme und geschwächt die Kraft.
Und Gilgamesch sprach dies zu Enkidu:
Im Walde wohnt der Riese Chumbaba,
Doch ich und du, wir töten diesen Riesen.
Wir tilgen aus dem Lande alles Böse!
So lass uns fällen diese stolze Zeder.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Ich hört es einst, mein Freund, im Steppenland,
Da ich umher gestreift mit wilden Tieren.
Auf sechzig Meilen unberührt der Wald,
Wer ists, der steigt herunter in sein Innres?
Und Chumbaba – sein Brüllen ist die Sintflut,
Sein Rachen Feuer und sein Hauch der Tod!
Was denn begehrst du, in den Wald zu gehen?
Kann keiner gegen Chumbaba bestehen!
Da sagte Gilgamesch zu Enkidu:
Mein Freund, des Waldes Berg will ich besteigen.
Ich geh zum Wald, zur Wohnung Chumbabas,
Mir sollen Schwert und Streitaxt Helfer sein.
Du bleibe hier, ich aber gehe hin.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Wie sollen ziehen wir zum Wald der Zeder?
Sein Wächter ist der Wer, der Wettergott.
Und stark ist Wer und schläft und schlummert nie.
Und Chumbaba? Ist Adad doch mit ihm!
Die Zeder zu behüten, hat ihn Gott
Als Schrecken für das Menschenvolk bestimmt.
Wer aber in den Wald geht, wird gelähmt.
Und Gilgamesch sprach dies zu Enkidu:
Mein Freund, wer weiß zum Himmel aufzusteigen?
Die Götter thronen ewig dort mit Schamasch,
Der Menschen Tage aber sind gezählt,
Nur eitler Windhauch ist es, was sie tun.
Du aber scheust den Tod, mein lieber Freund?
Wo blieb die Stärke deines Heldenmutes?
So will ich ziehen, will ich dir voran gehn,
Dann ruft dein Mund: Geh weiter! Sei nicht ängstlich!
Und fiel ich auch – mein Name dauert fort,
Man wird dann sagen: König Gilgamesch
Hat einst den Riesen Chumbaba besiegt.
Du bist geboren in der Steppe, Freund,
Ein Löwe griff dich an. Und du weißt alles!
Ich lege Hand an und ich fäll die Zeder,
Ich will mir dauerhaften Nachruhm schaffen!
Jetzt, Freund, will ich zum Waffenschmiede gehen,
Denn Äxte soll man gießen für uns beide.
Sie fassten sich und gingen zu den Schmieden,
Die Meister saßen da und diskutierten,
Die Meister gossen Äxte, große Beile,
Zu drei Talenten gossen sie die Äxte,
Und Schwerter gossen sie zu zwei Talenten,
Die Knäufe an den Griffen dreißig Pfund,
Und goldne Schwerter auch zu dreißig Pfund.
Nun Gilgamesch und Enkidu gerüstet
Mit Waffen waren, zehn Talente teuer.
Und Uruks sieben Tore schloss er zu.
Das Wort vernahm man, und die Bürger kamen,
Man gab dem Glück sich hin auf Uruk-Markt,
Da saß das Volk, da redete der König,
Da sagte Gilgamesch zum Volk von Uruk:
Ich ziehe nun zum Riesen Chumbaba,
Den Gott, von dem man redet, will ich sehen!
Das Land führt ja im Munde seinen Namen,
Den will ereilen ich im Zedernwald.
Dass stark und mächtig ist der Spross von Uruk,
Das will ich hören lassen alle Länder!
Ich leg die Hand an und ich fäll die Zeder,
Ich will mir dauerhaften Nachruhm schaffen!
Die Alten sprachen da zu Gilgamesch:
Du bist noch jung, dich trägt dein Herz davon,
Du weißt nicht, was du tun sollst, Gilgamesch.
Wir wissen: Chumbaba sieht schrecklich aus.
Wer ist es, der begegnet seinen Waffen?
Auf sechzig Meilen unberührt der Wald,
Wer ist es, der hinab steigt in sein Innres?
Denn Chumbaba – sein Brüllen ist die Sintflut,
Sein Rachen Feuer und sein Hauch der Tod!
Wer kann bestehn im Kampf mit Chumbaba?
Da Gilgamesch das Wort der Alten hörte,
Hob lächelnd er den Blick auf seinen Freund:
Mein Bruder, mag ich auch den Riesen fürchten!
Die Alten sprachen: Möge Gott dich schützen,
Dass du gesund vollendest deinen Lauf
Und kehrst als Sieger heim nach Uruk-Markt.
Da kniete Gilgamesch und hob die Hände:
Nun ziehe ich, mein guter Schutzgott Schamasch!
Auch weiter will ich heil am Leben bleiben,
Laß heim mich kehren zu dem Markt mit Frieden,
Breit über mir nur deinen Schutz und Schirm!
Und nun rief Gilgamesch den Freund und Bruder,
Und seine Omen sah er mit ihm an.
Und Gilgamesch begann zu weinen bitter:
Ich kenne nicht den Weg, den ich betrete,
Ich kenne nicht den rechten Weg, mein Gott!
Doch soll ich weiter heil am Leben bleiben,
So will ich dienen dir von ganzem Herzen,
Will satt mich trinken dann an deinen Wonnen,
Ich lasse sitzen dich auf goldnem Thron! -
Die Knechte brachten nun herbei die Waffen,
Die Schwerter, Bogen, Pfeile, volle Köcher,
Und gabens ihm. Und er nahm sich die Äxte,
Hing um den Köcher, nahm sich Pfeil und Bogen,
An seinen Gürtel steckte er das Schwert.
Die beiden Männer gingen los. Die Stadt rief:
O Gilgamesch, wann wirst du wiederkommen?
DRITTER GESANG
Die Alten segneten nun Gilgamesch,
Berieten für den Weg den starken König:
Nicht sollst du trauen deiner eignen Kraft!
Erleuchtet seien deine Augen, Herr,
Und gut behüte dich auf deinem Weg!
Der kennt den Steg, behütet seinen Freund,
Es gehe Enkidu vorm König her,
Gesehn hat er den Weg, er zog die Straße,
Er kennt den Zugang auch zum dunklen Wald,
Kennt jeden bösen Anschlag Chumbabas!
Schon früher hat bewahrt er den Gefährten,
Erleuchtet sind die Augen deines Freundes,
Der dich beschützen wird auf deinem Weg.
Lass Schamasch dich erlangen deinen Wunsch,
Lass sehn dein Auge, was dein Mund verkündet!
Er tue auf dir den versperrten Pfad,
Die Straße er erschließe deinem Schritt,
Die Berge er erschließe deinem Fuß,
Die Nacht heut bringe dir, was dich erfreut,
Und Lugalbanda steh dir siegreich bei!
Komm bald zu deinem Ruhme und Erfolg!
Im Flusse Chumbabas wasch dir die Füße!
Bei deiner Abendrast grab einen Brunnen,
Sei reines Wasser stets in deinem Schlauch,
Denk immerdar an Vater Lugalbanda,
Mög Bruder Enkidu den Freund behüten
Und immerdar bewahren den Gefährten,
Bis zu den Bräuten bringt er deinen Körper!
Wir übergeben nun den König Uruks
Dem Bruder Enkidu in der Versammlung.
Du bringst den König wieder heim zu uns!
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Bis du zurückkehrst, reise unverdrossen,
Dein Herz sei furchtlos, schaue nur auf mich!
Nun dorthin, wo er aufschlug seine Wohnung,
Zum Weg, den Chumbaba zu wandeln pflegt,
Du unsern Aufbruch nun befehle, Herr,
Und weise du die Alten Uruks fort. -
Und Gilgamesch sprach dies zu Enkidu:
Die guten Götter mögen mit uns ziehen!
Ich werde tun, was ich geredet habe,
Mir mögen froh gehorchen meine Männer. -
Und da sie diese seine Rede hörten,
Da flehten ihn die alten Männer an:
So ziehe hin! Sei dein Beginnen glücklich,
Es gehe dir dein Schutzgott stets zur Seite,
Er lasse kommen dich zu deinem Sieg!
Und Gilgamesch sprach dies zu Enkidu:
Komm, Freund, wir gehen zu dem Großpalast
Von Ninsun, unsrer großen Königin!
Denn Ninsun, weise, alles Wissens kundig,
Wird geben unsern Füßen festen Schritt. -
Da fassten sie einander Hand bei Hand
Und gingen beide zu dem Großpalast
Von Ninsun, ihrer großen Königin.
Und Gilgamesch trat ein bei seiner Mutter:
O Mutter Ninsun, ich bin stark geworden.
Ich zieh zur fernen Straße Chumbabas,
Bestehe einen Kampf, den ich nicht kenne,
Befahre einen Weg, den ich nicht kenne.
Nun für die Zeit der Reise und der Rückkehr,
Dass ich gelange zu dem Zedernwald,
Dass ich erschlag den Riesen Chumbaba
Und alles Böse tilge aus dem Lande,
Fleh meinetwillen stets zur Gottheit Schamasch!
Denn wenn ich Chumbaba gefällt, den Bösen,
Mög Friede sein im Lande, droben, drunten,
Des Sieges Zeichen will ich dir errichten.
Die Rede ihres Sohnes Gilgamesch
Voll Kummer hörte seine Mutter Ninsun.
Und Ninsun trat in ihre Kammer ein,
Für ihren Leib nahm sie gesunde Kräuter,
Sie zog ein Kleid an, schön für ihren Körper,
Legt eine Perlenschnur an ihre Brüste,
Sie legt den Gürtel an, setzt auf den Hut,
Sprengt Wasser aus der Schale auf die Erde,
Stieg auf die Treppe, stieg hinan zur Zinne,
Erstieg das Dach und brachte Weihrauch Gott dar,
Vollzog das Opfer und erhob zu Gott sich:
Was gabst du mir zum Sohne Gilgamesch?
Was gabst du ihm ein ruheloses Herz?
Nun hast du ihn bewegt, dass er hinaufzieht
Den fernen Weg zur Wohnung Chumbabas,
Er will den Kampf bestehn, den er nicht kennt,
Er will die Straße ziehn, die er nicht kennt.
Nun in der Zeit der Reise und der Rückkehr,
Dass er gelangt zum dunklen Zedernwald,
Dass er erschlägt den Riesen Chumbaba
Und alles Böse aus dem Lande tilgt,
Schau du am Tag auf meines Sohnes Weg,
Mög seine Braut dich stets an ihn erinnern,
Mög Aja, seine Braut, nicht Schamasch scheuen,
Den Wächtern in der Nacht befiehl ihn an,
Den Sternen und dem Monde, deinem Vater!
Und Rimat-Ninsun häufte an den Weihrauch
Und sprach dann die Beschwörung ihrer Gottheit.
Dann rief sie Enkidu und sprach zu ihm:
O Enkidu, nicht meinem Schoß entsprossen,
Ich spreche jetzt zu dir von den Oblaten
Des Gilgamesch, den frommen Gottgeweihten
Und Gottesbräuten, Tempel-Hierodulen! -
Ein Kleinod legte sie um seinen Hals,
Die Bräute nahmen ihn an ihre Brüste,
Die Gottesmägde haben ihn gelehrt.
Die Alten sprachen dann zu Enkidu:
O mögest du den besten Freund behüten
Und gut bewahren allzeit den Gefährten,
Bis er den Bräuten bringt den Körper heim!
Und nun wir übergeben dir den König,
In unserer Versammlung, deinen Freund,
Du bring den König heim in seine Stadt!
VIERTER GESANG
Nach vierzig Stunden aßen sie ein wenig,
Nach sechzig Stunden ruhten sie ein wenig,
Nach hundert Stunden gingen sie des Weges,
Den Weg von einem Mond und vierzehn Tagen.
Dann kamen sie zum Berge Libanon,
Da gruben sie im Westen einen Brunnen,
Dem Sonnengotte Wasser so zu spenden.
Sprach Gilgamesch: Steig auf den Berg und schau!
Des Schlafs der Götter wurde ich beraubt!
Mein Freund, ich schaute heute einen Traum:
Wie schlecht war doch der Traum und wüst und wirr!
Ich packte eben einen Stier der Steppe,
Beim Brüllen dieses Stier der Erde Staub
Aufwirbelte und wich den Regenströmen,
Beim Anblick dieses Stiers bin ich vergangen,
Ich packte ihn mit meinem rechten Arm,
Die Zunge hing mir lechzend aus dem Mund,
Die Adern meiner Schläfen schwollen an,
Ich ward getränkt mit Wasser aus dem Schlauch. -
Der Gott, mein Freund, zu dem wir beide wandern,
Ist nicht der Stier! An ihm ist alles fremd.
Der Stier, o Gilgamesch, den du gesehen,
Ist Schamasch, unser göttlicher Beschützer.
In Ängsten wird er unsre Hand ergreifen.
Der mit dem Wasser aus dem Schlauch dich tränkte,
Ist Lugalbanda, ist der Gott der Ehre.
Wir tun uns nun zusammen und verrichten
Ein Werk, das nicht zuschanden wird im Tode!
Sprach Gilgamesch: Und nun der andre Traum:
In Tälern des Gebirges standen wir,
Da stürzte über uns der Berg zusammen.
Wir beide waren da wie Eintagsfliegen. -
Der Mann, der in der Steppe ward geboren,
Zum Freunde sprach er, dessen Traum zu deuten:
Mein Freund und Bruder, herrlich ist dein Traum,
Dein Traum ist über alle Maßen kostbar.
Der Berg, den du gesehn, ist Chumbaba,
Wir packen ihn und werden ihn dann töten,
Wir werfen auf die Felder seinen Leichnam.
Am Morgen kehren wir nach Uruk heim. -
Nach vierzig Stunden aßen sie ein wenig,
Nach sechzig Stunden ruhten sie ein wenig,
Dann gruben sie im Westen einen Brunnen,
Dem Sonnengotte Wasser so zu spenden.
Und Gilgamesch bestieg den Libanon
Und brachte Gott ein Speiseopfer dar:
O Berg, gib einen Traum und Freudenbotschaft! -
Und Enkidu bereitet ihm ein Lager.
Nach vierzig Stunden aßen sie ein wenig,
Nach sechzig Stunden ruhten sie ein wenig,
Dann gruben sie im Westen einen Brunnen,
Dem Sonnengotte Wasser so zu spenden.
Und Gilgamesch bestieg den Libanon
Und brachte Gott ein Speiseopfer dar:
O Berg, gib einen Traum und Freudenbotschaft! -
Und Enkidu bereitet ihm ein Lager,
Ein Regen kam, er festigte das Dach,
So legten Gilgamesch und Enkidu
Sich schlafen in dem Kornfeld des Gebirges.
Lag Gilgamesch, das Kinn auf seiner Brust,
Befiel der Schlaf ihn, der auf Menschen träufelt,
Und mitten in der Nacht brach er den Schlaf ab
Und fuhr empor und sagte zu dem Freund:
Freund, riefst du mich? Was bin ich denn erwacht?
Freund, stießt du mich? Was bin ich denn erschrocken?
Ging etwa hier der Gott an mir vorüber?
Was schaudert es mich denn an allen Gliedern?
O Freund, ich schaute einen dritten Traum,
Der Traum, den ich gesehen, war entsetzlich,
Der Himmel schrie, die schwarze Erde dröhnte!
Der Tag erstarrte, Finsternisse kamen,
Da blitzte hell ein Blitz, ein Feuer brannte,
Die Nacht war schwarz, es regnete den Tod!
Das weiße Feuer wurde rot, verlöschte,
Und was herabfiel, das war schwarze Asche.
Komm mit ins Feld, dort mögest du mir raten. -
Als Enkidu die Traumgeschichte hörte,
Sprach Enkidu zum Bruder Gilgamesch:
So lass uns aufstehn auf das Wort des Gottes. -
Nach vierzig Stunden aßen sie ein wenig,
Nach sechzig Stunden ruhten sie ein wenig,
Nach hundert Stunden gingen sie des Weges,
Dann gruben sie im Westen einen Brunnen,
Dem Sonnengotte Wasser so zu spenden.
Und Gilgamesch bestieg den Libanon
Und brachte Gott ein Speiseopfer dar:
O Berg, gib einen Traum und Freudenbotschaft! -
Und Enkidu bereitet ihm ein Lager,
Ein Regen kam, er festigte das Dach,
So legten Gilgamesch und Enkidu
Sich schlafen in dem Kornfeld des Gebirges.
Sprach Gilgamesch: Was du in Uruk sagtest,
Bedenke, tritt herzu und kämpf heroisch! -
Des Mannes, der in Uruk ward geboren,
Des Königs Worte hörte droben Schamasch,
Da rief ihn ein Alarmsignal vom Himmel:
Der Wächter soll nicht gehen in den Wald,
Nicht steigen in den Forst, sich nicht verbergen!
Denn trägt er etwa sieben Panzermäntel?
Nein, abgelegt die sechs, er trägt nur einen! -
Die Freunde machten also sich bereit,
Gleich einem Stier zu stoßen auf den Wächter.
Schrie Enkidu und war des Schreckens voll,
Chumbaba schrie, der Wächter wie ein Büffel!
Sprach Gilgamesch: Ein Weg, der schlüpfrig ist,
Gefährdet nicht die zwei, die treu sich helfen.
Zwei sind da immer besser doch als einer,
Die Schnur, die dreifach ist geflochten, reißt nicht.
Zwei Löwenjungen können ihn vertreiben.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Wenn wir getreten in den Zedernwald,
Dann spalten wir den Baum und brechen Äste. -
Da sagte Gilgamesch zu Enkidu:
Was, Bruder, was sind wir doch kümmerlich!
Gemeinsam überwinden wir die Berge!
Mein Freund, der mit dem Kampfe du vertraut bist,
Du kämpftest oft, so fürchte nicht den Tod!
Lustknaben müssen fürchten sich vorm Tod!
Die Stimme dröhnen lass als Kesselpauke!
Lass fort die Schmerzen doch aus deinen Armen,
Lass die Entzündung fort aus deinen Beinen!
Komm, Freund, vereint wir wollen weiterziehen,
Dein Herz soll heute fordern noch den Kampf,
Vergiss den Tod! Mein Freund, verzage nicht!
Der dir zur Seite geht, der kluge Mann,
Der dir vorangeht, hat sich selbst beschützt,
Nun schützt er auch den Bruder und Gefährten,
Dass sie im Kampf sich einen Namen machen! -
Zum immergrünen Wald gelangten beide,
Die Reden unterbrachen sie und schwiegen.
FÜNFTER GESANG
Still standen sie am Rande nun des Waldes,
Sie staunten immer an die hohen Zedern,
Sie staunten an den Eingang in den Wald.
Wo ging der Riese, da war eine Fußspur,
Die Wege grade, schön gemacht die Bahn.
Sie sehn den Zedernberg, der Götter Wohnung,
Auf diesem Berg stehn Zedern in der Fülle,
Ihr Schatten wonnig, reich ist das Erquicken,
Verschlungner Dornbusch und Gehölz verfilzt,
Dort steht die Zeder und der Styraxvaum,
Von einem Graben war der Wald umschlossen.
Und plötzlich zogen sie die scharfen Schwerter,
Die Schwerter zogen sie aus ihren Scheiden,
Mit Gift bestrichen waren ihre Äxte,
Die kurzen und die langen Schwerter scharf.
Der Riese Chumbaba ist nicht gekommen.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Ist Chumbaba denn einzeln zu besiegen?
Ein Weg, der schlüpfrig ist, gefährdet einen,
Zwei Männer aber sind nicht zu besiegen,
Die Schnur, die dreifach ist, zerreißt nicht leicht,
Zwei Löwenjungen können ihn verjagen.
Und Chumbaba sprach dies zu Gilgamesch:
Beraten sich der Tölpel und der Dummkopf?
Was seid ihr denn zu mir heran gekommen?
Gib guten Rat, o Enkidu, o Fischsohn,
Der du nicht einmal kennst den eignen Vater,
Der Schildkröt, die nicht saugt die Milch der Mutter!
Als du noch klein warst, blickte ich dich an,
Bin aber nicht an dich heran getreten,
Ich war voll Hass in meinem Inneren!
Mit Gilgamesch bist du zu mir gekommen.
Bevor du aber mit dem Fremden kamst,
Hätt ich gewürkt die Kehle Gilgameschs,
Dein Fleisch gefressen hätt der Schlangenvogel,
Gefressen hätten Adler dich und Geier!
Und Gilgamesch sprach dies zu Enkidu:
Des Riesen Antlitz ändert jetzt sein Aussehn,
Er reckt sich. Wie gelangen wir zu ihm?
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Was, Bruder, klagst du denn so voller Kummer?
Ward schlaff dein Mund, und du verstecktest dich?
Jetzt aber, Freund, ist eines not, die Tat!
So schmiede man das Eisen, wenn es heiß ist,
Man blase an die Glut, es fliegt die Asche.
So schick die Flut und nimm zur Hand die Peitsche!
Zieh deinen Fuß nicht ab und kehr nicht um!
Mach deine Schläge kräftig wie den Donner!
Die fernen Feinde seien ausgetrieben!
Er trat zu ihm, der schlug den Kopf des Riesen.
Mit ihren Füßen stampften sie die Erde.
Durch ihre Sprünge barst der Libanon,
Durch ihre Sprünge barst der Sirion.
Da wurden finster schwarz die weißen Wolken,
Es regnete der Tod herab wie Nebel.
Und Gott erweckte gegen Chumbaba
Die Stürme, Südwind, Westwind, Nordwind, Ostwind,
Den Böensturm, den Wildsturm und den Sturmwind,
Die Wirbelstürme und die Sturm-Dämonen,
Den Wüstenwind, den Sandsturm, dreizehn Winde
Erhoben sich und bliesen an den Riesen.
Er kann nicht vorwärts und er kann nicht rückwärts,
Die Waffen Gilgameschs erreichten ihn,
Er will sein Leben retten, spricht zum König:
Klein warst du, als die Mutter dich geboren,
Du bist der Sprößling doch der Rimat-Ninsun.
Auf den Befehl des Herrn erhobst du dich,
Auf Schamaschs Weisung hin, des Herrn der Berge,
Du Sohn aus Uruk, König Gilgamesch.
Ich will mich für dich setzen in den Wald,
Ich schenk dir alle Bäume, die du willst,
Ich gebe dir sogar die grüne Myrte,
Ausstatten will ich dir dein Königshaus. -
Doch Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Mein Freund, hör nicht auf das, was er dir sagt!
Du weißt Bescheid von meinem Zedernwald,
Auch kennst du die Befehle Gottes alle!
Ich hätte hoch dich heben sollen und
Dich töten an dem Eingang meines Waldes,
Dann hätt der Schlangenvogel dich gefressen,
Dein Fleisch verzehrt der Adler und der Geier!
Jetzt, Enkidu, jetzt liegt bei dir die Freiheit!
Sag Gilgamesch, er soll das Leben schonen! -
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Freund, Chumbaba ist Wächter dieses Waldes,
Zermahle ihn, zerknirsch ihn, töte ihn!
Freund, Chumbaba ist Wächter dieses Waldes,
Zermahle ihn, zerknirsch ihn, töte ihn!
Bevor des hört der Götter Erster, Enlil,
Die Götter werden voll des Zornes sein!
In Nippur Enlil und in Sippar Schamasch
Erbaue einen dauerhaften Tempel!
Sag ihnen, dass du Chumbaba erschlugst! -
Als Chumbaba dies hörte, ward er wütend.
Beginnt ihr Beiden jetzt, mich anzuschwärzen?
Du sitzt da wie ein Hirte auf der Aue
Und redest wie ein Mietling seines Mundes!
Jetzt, Enkidu, jetzt liegt bei dir die Freiheit!
Sag Gilgamesch, er soll das Leben schonen!
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Freund, Chumbaba ist Wächter dieses Waldes,
Zermahle ihn, zerknirsch ihn, töte ihn!
Freund, Chumbaba ist Wächter dieses Waldes,
Zermahle ihn, zerknirsch ihn, töte ihn!
Bevor des hört der Götter Erster, Enlil,
Die Götter werden voll des Zornes sein!
In Nippur Enlil und in Sippar Schamasch
Erbaue einen dauerhaften Tempel!
Sag ihnen, dass du Chumbaba erschlugst! -
Als Chumbaba dies hörte, ward er wütend.
Gott soll gewähren euch kein langes Leben!
Und über König Gilgamesch hinaus
Soll Bruder Enkidu kein Ufer finden! -
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Ich red mit dir, mein Freund, doch hörst du nicht!
Die Eingeweide rissen sie ihm aus,
Die Lunge rissen sie dem Riesen aus.
Da plätscherte das Wasser in dem Kessel.
Des Riesen Fülle stürzte auf den Berg,
Des Riesen Fülle stürzte auf den Berg.
Die Zeder fällten sie, es blieb nur Abfall.
Die stolzen Bäume fällte Gilgamesch,
Es wühlte Enkidu im Wurzelwerk.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Mein Freund, die Zedern haben wir gefällt,
Die, deren Wipfel ragten in den Himmel.
Nun zimmre aus den Zedern eine Tür,
Zwölf Ruten hoch, vier Ruten in der Breite,
Dick eine Elle, und die Pfosten auch
Und Angeln sein aus einem Stück gefertigt,
Nach Nippur bringe sie, der Euphrat trag sie,
Dass Nippur freu sich über diese Tür.
Sie fügten beide nun ein Floß zusammen,
Und Enkidu ist auf dem Floß gefahren,
Und Gilgamesch trug da das Haupt des Riesen.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Erschlage Chumbaba zum Ruhm der Götter!
Du üb an ihm die göttliche Vergeltung!
Und Gilgamesch sprach dies zu Enkidu:
Jetzt werden wir die Siegesfeier feiern.
Der Lichtstrahl wird verschwinden in dem Dickicht,
Der Strahlenglanz tritt ein im Zedernwald.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Mein Bruder, fange du zuerst den Vogel!
Wohin denn sollen seine Küken gehen?
Die Lichtglanzstrahlen suchen wir danach,
Die Küken laufen dort herum im Gras.
Erschlage ihn erneut und seinen Knecht! -
Es hörte Gilgamesch das Wort des Freundes,
Der König nahm die Axt in seine Hand,
Der König zog das Schwert aus seinem Gürtel.
Und Gilgamesch durchbohrte ihm den Hals,
Und Enkidu, der Bruder, packte ihn.
Beim dritten Schlag ist Chumbaba gefallen,
Die wirren Augen waren totenstill.
Und auch den Wächter hatten sie erschlagen,
Zwei Doppelstunden währte dieser Kampf,
Den Wächter hatte Enkidu erschlagen.
Erschlagen hatten sie den Bösewicht,
Von dessen Brüllen bebt der Libanon,
Von dessen Brüllen bebt der Sirion,
In Furcht gerieten alle hohen Berge,
Es zitterten vorm Riesen die Gebirge.
Sie schlugen nieder diesen Bösewicht,
Und sieben Knechte hatten sie erschlagen.
Am Kampfplatz lag das Schwert von acht Talenten,
Die Last von zehn Talenten nahm der König.
Er öffnete die Wohnungen der Götter.
Die stolzen Zedern fällte Gilgamesch,
Es wühlte Enkidu im Wurzelwerk.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Mein Freund, die Zedern haben wir zu fällen,
Mut deiner Kraft hast du den Feind erschlagen.
Was ist es nun mit deiner Gürtelschnalle?
Leg hin die Zeder, die gen Himmel ragte,
Ich will dir eine breite Türe zimmern,
Ich suche eine Angel an dem Pfosten.
Nicht nahe sich ein Fremder, nur der Gott,
Der Gott allein soll schreiten durch die Tür,
Zum Tempel Enlils trage sie der Euphrat,
Es freu sich Enlil über dich, mein Freund,
Ja, jauchzen und frohlocken möge Enlil!
SECHSTER GESANG
Er wusch den Schmutz ab, putzte seine Waffen,
Die Haare schüttelt er sich in den Rücken,
Er zog sich neue reine Kleider an,
Umgab sich mit dem Mantel und dem Gürtel.
Dann setzte er die Königsmütze auf,
Da hob zur Schönheit Gilgameschs die Augen
Die Königin der Liebe, Göttin Ishtar.
Komm, Gilgamesch, du sollst mein Gatte sein,
O schenk mir, schenk mir deiner Liebe Fülle!
Sei du mein Mann, ich will dein Mädchen sein!
Ich schenk dir einen Wagen ganz aus Gold,
Mit Lapislazuli geschmückt und Mondstein.
Und Esel sollen ihn wie Stürme ziehen.
Tritt duftend wie die Zedern du ins Haus.
Thronsessel sollen dir die Füße küssen!
Vor dir die Könige und Fürsten knien,
Die Lullubäer des Gebirges sollen
Und alle Länder dir Tribute bringen.
Die Ziegen sollen Drillings-Zicklein werfen,
Die Schafe sollen Zwillings-Lämmer werfen.
Dein schneller Esel holt das Maultier ein.
Dein Roß vorm Wagen sei ein schneller Renner.
Deine Ochse unterm Joch sei ohnegleichen.
Und Gilgamesch sprach dies zur Herrin Ishtar:
Was muss ich geben, nehm ich dich zur Frau?
Dir Salbe für die Haut, dir schöne Kleider?
Fehlzs dir an Nahrung etwa oder Brot?
Ich habe Speise, die der Götter würdig,
Hab guten Trank in meinem Königreich.
Doch an dem Straßenrand, da sei dein Sitz,
Sollst nur mit leichtem Kleid bekleidet sein,
Dann nimmt dich jeder Mann, der dich begejrt!
Ein Ofen bist du, der das Eis nicht wahrt,
Bist eine Tür, die nicht die Winde abhält,
Bist ein Palast, der Helden niederschmettert,
Bist Erdpech, das den Arbeitsmann besudelt,
Ein Schlauch bist du, durchnässend seinen Träger,
Ein Kalkstein, der die Felsenmauer sprengt,
Ein Jaspis, der die Feinde in das Land lockt,
Ein Schuh, der drückt den Fuß des Eigentümers.
Ist da ein Mann, den du für immer liebst?
Ist da ein Held, der immer zu dir darf?
Nun, deine Freier werde ich dir nennen.
Dumuzi, den Geliebten deiner Jugend,
Hast du bestimmt, dass er alljährlich weint.
Und als du einst den Rackenvogel liebtest,
Hast du zerschlagen ihn und ihn zerbrochen.
Nun weilt er in dem Wald mit Klagerufen.
Du liebtest den an Kraft vollkommnen Löwen,
Du grubst ihm sieben Gruben, nochmal sieben.
Du liebtest einst den Hengst, der Schlacht gewöhnt,
Dann hast du Peitsche ihm bestimmt und Stachel,
Er musste sieben Doppelstunden rennen,
Er musste aufgewühltes Wasser saufen,
Stets weinte seine Mutter Silili.
Da du den Hirten und den Hüter liebtest,
Der ständig dir gebackne Kuchen brachte,
Der täglich Zicklein dir geschlachtet hatte,
Da hast du ihn in einen Wolf verwandelt,
Die eignen Hirtenknaben jagten ihn
Und seine Hunde bissen ihm ins Bein.
Du liebtest Ischulanu, deinen Gärtner,
Der deines Vaters Palmengärtner war,
Der stets dir Körbe voller Datteln brachte,
Und immer war dein Tisch sehr reich gedeckt.
Du hobst die Augen, un d du gingst zu ihm:
Mein Lieber, lass mich deine Kraft genießen!
Streck aus die Hand und fass an meine Nacktheit!
Und Ischulanu redete zu dir:
Was willst du eigentlich von mir, o Göttin?
Hat meine Mutter Kuchen nicht gebacken
Und hab ich nicht das weiße Brot gegessen?
Muss ich nun unter Schimpf und Flüchen essen,
Dass mich nur Gras bedeckt zum Schutz vor Kälte?
Und da du diese seine Rede hörtest,
Da schlugst du ihn, da wurde er zum Krüppel,
Du ließest leben ihn in großer Mühsal,
Nicht in des Brunnens Tiefe taucht sein Eimer.
Und liebst du mich, so werd ich ihnen gleich.
Die Göttin Ishtar, kaum vernahm sie dieses,
Ward Ishtar zornig, und sie fuhr gen Himmel,
Und Ishtar trat vor Gott, den Vater Anu,
Vor ihrer Mutter flossen ihre Tränen:
Mein Vater! Gilgamesch hat mich beschimpft,
Und Flüche reihte aneinander er,
Beschimpfungen und Flüche sprach er aus.
Gott Vater tat den Mund zum Reden auf
Und sprach zur Königin der Liebe, Ishtar:
Wohl reiztest selber du den Herrn von Urul,
Drum reihte er die Flüche gegen dich,
Beschimpfungen und Flüche gegen dich.
Und Ishtar tat den Mund zum Reden auf
Und sprach zu Anu, ihrem Gott und Vater:
Mein Vater! Schaffe mir den Himmelsstier,
Dass er den Fürst in seinem Hause töte!
Schaffst du mir aber nicht den Himmelsstier,
Zerschlage ich die Tür des Totenreichs,
Dann lasse ich die Tür weit offenstehen,
Die Toten lass ich alle auferstehen,
Das sie die Lebenden auf Erden fressen! -
Gott Vater tat den Mund zum Reden auf
Und sprach zur Königin der Liebe, Ishtar:
Wenn du den Himmelsstier von mir verlangst,
Dann gibt’s für Uruk sieben dürre Jahre,
Dann muss ich für die Menschen Brotkorn sammeln
Und wachsen lassen Gräser für das Vieh.
Und Ishtar tat den Mund zum Reden auf
Und sprach zu Anu, ihrem Gott und Vater:
Ich häufe Brotkorn für die Menschen auf
Und ich beschaffe Gräser für das Vieh,
Sie sollen satt sein in den sieben Jahren,
Drum hab ich Korn gesammelt für die Menschen
Und grünes Gras beschafft für all das Vieh.
Als Anu nun die Rede Ishtars hörte,
Gab er den Himmelsstier in ihre Hand.
Zur Erde führte ihn die Herrin Ishtar.
Der Himmelsstier gelangte so nach Uruk.
Der Himmelsstier kam zu dem Euphratstrom,
Sein Schnauben tat dort eine Grube auf,
Und hundert Männer fielen in die Grube.
Sein Schnauben tat die zweite Grube auf,
Zweihundert Männer fielen in die Grube.
Sein Schnauben tat die dritte Grube auf,
Dreihundert Männer vielen in die Grube.
Und Enkidu versank bis an die Hüfte.
Und Enkidu sprang eilends aus der Grube
Und griff den Himmelsstier an seinen Hörnern.
Da warf der Himmelsstier den Geifer aus
Und mit dem Schwanze warf er seinen Kot.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Wir rühmten uns, o Freund, der großen Kraft!
Was sollen wir denn nun zur Antwort geben?
Ich sah, mein Freund, den Stier in seiner Stärke.
Ausreißen will ich ihm die beiden Hörner.
Wir müssen ihn uns teilen, du und ich,
Ich will den Stier an seinem Schwanze packen!
In seinen Nacken soll mein Schwert sich bohren. -
Es jagte Enkidu den Himmelsstier,
Er hielt den Stier an seinem Schwanze fest,
Mit beiden Händen hielt ihn Enkidu,
Und Gilgamesch, so kundig wie ein Metzger,
Gewaltig traf den Himmelsstier und sicher,
In seinen Nacken bohrte sich sein Schwert.
Da sie getötet nun den Himmelsstier
Und ausgeweidet seine Eingeweide,
Da legten sie ihn nieder vor dem Gott,
Dann traten sie zurück und beugten sich
Voll Ehrfurcht vor dem Gott und König Schamasch,
Dann setzten sich die Brüder auf die Erde.
Und Göttin Ishtar stieg auf Uruks Mauer,
Da stieß sie aus ein lautes Wehgeschrei:
Weh über Gilgamesch, der mich verschmähte!
Der meinen Himmelsstier erschlagen hat! -
Als Enkidu die Rede Ishtars hörte,
Da riss er ab das Glied des Himmelsstiers
Und warf das Glied der Göttin vor die Füße:
Ha, krieg ich dich, so tu ich dir wie diesem!
An deine Brüste bin ich seine Hoden!
Da scharte Ishtar um sich ihre Mädchen,
Die Priesterinnen und die Tempelhuren,
Und dann beklagte sie des Stieres Glied.
Da rief die Waffenschmiede Gilgamesch,
Die Meister rühmten laut der Hörner Stärke,
Aus dreißig Pfund von Lapislazuli,
Und tausend Liter Öl der Hörner Inhalt,
Das weihte er als Salböl seinem Schutzgott,
Dann hängte er sie auf im Schlafgemach.
Im Euphrat wuschen sie sich dann die Hände
Und Hand in Hand dahin die Freunde zogen,
Sie fuhren auf der breiten Straße Uruks,
Zusammen kam das Volk, sie anzuschauen.
Und Gilgamesch sprach dies zu seinen Mägden:
Sagt an, wer ist der Herrlichste der Männer,
Wer ist der Mächtigste im Kreis der Helden?
Ich bin der Herrlichste im Kreis der Männer,
Ich bin der Mächtigste im Kreis der Helden!
Der wir das Stierglied vor die Füße warfen,
Die Göttin Ishtar hat nun keinen mehr,
Der an dem Straßenrand ihr Herz erfreut! -
Im Haus gefeiert ward ein Freudenfest,
In dem Palast des Königs Gilgamesch.
Die Männer schliefen ruhig in den Betten.
Da schlief auch Enkidu. Da träumte er.
Da fuhr er auf und sprach von seinem Traum,
Erzählte seinem Freunde seinen Traum.
SIEBENTER GESANG
Was denn beraten sich die Götter, Freund?
Vernimm den Traum, den ich heut nacht geschaut.
Gott Anu, Enlil, Ea und mein Schamasch
Berieten sich, und Enlil sprach zu Anu:
Drum, dass sie töteten den Himmelsstier,
Dass sie den Chumbaba getötet haben,
Von ihnen der soll sterben, sagte Anu,
Der dem Gebirg die Zeder hat entrissen!
Doch Enlil sprach: Nur Enkidu soll sterben,
Doch König Gilgamesch, er soll nicht sterben.
Nun Schamasch widersprach dem großen Enlil:
Ja, haben sie denn nicht auf meine Weisung
Den Himmelsstier und Chumbaba getötet?
Und nun soll Enkidu in Unschuld sterben?
Doch Enlil wurde zornig über Schamasch:
Du gingst zu ihnen wie zu deinesgleichen! -
Und Enkidu lag krank vor Gilgamesch,
Dem brachen Tränenströme da hervor:
Was sprechen sie mich frei statt meinen Bruder?
Muss ich mich setzen zu dem Geist des Toten
Und setzen an das Tor der Totengeister?
Soll ich den lieben Bruder nie mehr sehen?
Und Enkidu hob seine Augen auf,
Sprach mit der Pforte wie mit einem Menschen:
Du Pforte aus dem Wald, voll Unvernunft!
Du ohne Geist, der nicht vorhanden ist!
Ich sammelte das gute Holz für dich,
Mit eignen Augen schaute ich die Zeder,
Dein Zedernholz ist ohnegleichen, Pforte,
Die Höhe zweiundsiebzig Ellen hoch,
Die Breite vierundzwanzig Ellen breit,
Und Pfosten, Angeln, Schwelle sind bei dir,
Ich machte dich, ich hob dich auf in Nippur.
Hätt ich gewusst, dass diese deine Schönheit
Und deines Holzes Schönheit ist so groß,
Mit meinem Beil hätt ich ein Floß gebaut.
Ich machte dich, ich hob dich auf in Nippur.
Ein Fürst, der nach mir kommt, der soll dich wecken,
Es mag der Gott dich aus dem Tod erwecken.
Mein Name sei vertilgt aus deinem Holz,
Es sei des Gottes Name eingeschrieben. -
Er riss den Balken aus und warf ihn hin.
Und Gilgamesch vernahm des Bruders Worte
Und eilte in der Frühe zu dem Freund.
Und Gilgamesch sprach dies zu Enkidu:
Es schenkte dir der Herr ein weites Herz,
Gott schenkte Weisheit dir und schöne Worte!
Gott gab Vernunft dir, doch du redest irre!
Was sprichst du denn im Wahnsinn wirre Worte?
Der Traum war herrlich, aber auch voll Schrecken.
Groß war der Schrecken, doch der Traum war herrlich.
Den Lebenden die Götter lassen klagen!
Dem Überlebenden bleibt nur die Klage!
Ich bet und flehe an die Himmelsgötter!
Ich werde viel zu deinem Gotte beten,
Zu Anu, der der Vater ist der Götter!
Aus reinem Gold will ich dein Denkmal formen,
Sei ohne Sorge, Gold hab ich genug.
Was Enlil sagte, Freund, das muss geschehen,
Der Gott nimmt seine Worte nicht zurück.
Das Schicksal, Freund, beherrscht uns Menschen alle! -
Kaum, dass des Morgens erste Röte schien,
Hob Enkidu sein Haupt, vor Gott zu weinen,
Vor Schamasch flossen seine heißen Tränen.
Ich rief dich wegen meines teuren Lebens,
Ich rief dich, Schamasch, wegen jenes Jägers,
Der gibt mir nicht, was er dem Bruder gibt.
Der Jäger gibt mir nicht, was er dem Freund gibt.
Vernichte ihn! Vernichte seine Macht!
Dass sei dein Werk, den Jäger fortzujagen!
Ins goldne Himmelshaus soll er nicht kommen! -
Und als er so verflucht den wilden Jäger,
Verfluchte er die geile Hure auch.
Dir, Hure, dir bestimme ich dein Schicksal,
Ein böses Schicksal in der Ewigkeit!
Verwünschen will ich dich mit bösen Flüchen!
Am frühen Morgen schon verwünsch ich dich!
Du sollst in keinem Hause Herrin sein,
Du sollst kein Kind des eignen Schoßes lieben,
Nicht sollst du lieblich sein wie junge Mädchen,
Den Schoß soll dir ein böser Teufel schwängern,
Dein Kleidchen soll der Trunkne dir bespucken!
Als Becher bleibe dir ein Klumpen Lehm,
Vom Lapislazuli bekommst du nichts,
Der Menschen Gold sei nicht in deinem Haus,
Zum Bette diene dir des Hauses Schwelle,
Dein Aufenthalt sei an dem finstern Kreuzweg,
Dein Lotterbett sei in der öden Wüste,
Der Mauerschatten sei dein Aufenthalt,
Die Dornen stechen deine Füße wund,
Der Trunkne spucke dir auf deine Backe
Und der Berauschte schlage dich mit Fäusten,
Auf deiner Reise brüllt dich an der Löwe,
Die Mauer soll der Maurer nicht verputzen,
An deinem Giebel niste nachts die Eule,
Und du wirst nicht zum Gastmahl eingeladen!
Ich fluche dir! Du hast mich angepisst! -
Als Schamasch diese bittern Worte hörte,
Rief er vom Himmelreich zu Enkidu:
Was fluchst der Hure du, der Hierodule?
Sie gab dir Götterspeise doch zu essen,
Sie tränkte dich mit königlichem Rauschtrank!
Die Hierodule gab dir schöne Kleider
Und gab dir Gilgamesch zum Freund und Bruder.
Der Bruder lässt dich ruhn auf weichem Bett,
Er lässt dich sitzen auf dem Thron des Friedens,
Zu seiner Rechten lässt der Freund dich sitzen,
Die Völkerherrscher küssen dir die Füße,
Das Volk von Uruk klagt um dich und weint,
Die Edlen wegen dir sind voller Gram,
Der Freund lässt nackt den schmutzbedeckten Leib,
Zieht an ein Löwenfell, läuft in die Wüste.
Da Enkidu des Schamasch Worte hörte,
Da ward besänftigt sein erzürntes Herz.
Nun, Hure, ich bestimme dir dein Schicksal,
Ich fluchte dir, doch nun will ich dich segnen!
Dich sollen lieben Fürst und Gouverneur,
Wer mit dir geht, soll sich den Schenkel streicheln,
Wer mit dir geht, soll seine Haare schütteln,
Der Krieger löse gern dir seinen Gürtel,
Man gebe Lapislazuli und Gold dir,
Man lege Ringe dir an deine Ohren,
Für dich gefüllt sei Herd und Vorratskammer,
Ins Brautgemach der Götter lege dich,
Die Ehefrau, von sieben Kindern Mutter,
Soll man verlassen, um mit dir zu leben!
Und Enkidus Gemüt war voller Gram,
Als er da lag in tiefer Einsamkeit.
Er sprach zum Freund und Bruder, wie's ihm ginge:
Mein Bruder, heute Nacht hab ich geträumt,
Der Himmel rief, die Erde gab ihm Antwort,
Und zwischen beiden stand ich einsam da.
Da kam ein Mann mit düsterem Gesicht,
Dem Anzu-Vogel glich sein Angesicht,
Wie eine Löwentatze seine Füße
Und scharf wie Adlerklauen seine Finger.
Er packte mich am Schopf, besiegte mich,
Ich schlug ihn, aber er sprang auf und ab
Dem Seil gleich, über welches Ischtar hüpft,
Dann schlug er mich und drückte mich zu Boden
Und trat auf mir herum gleich einem Wildstier
Und schlang die Arme mir um meinen Leib.
Da rief ich: Rette mich, mein Freund und Bruder,
Doch ach, du hast mir nicht mehr beigestanden,
Als wärest du voll Angst vorm Zorn der Götter!
In eine Taube hat er mich verwandelt,
Die Arme wurden mir zu Vogelflügeln.
Er führte mich zum Haus der Finsternis,
Er griff mich, brachte mich zum Haus Irkallas,
Man kommt nicht wieder, wenn man eingetreten,
Man geht die Straße ohne Wiederkehr,
Zum Haus, wo man auf Licht verzichten muss,
Wo Staub die Nahrung ist und Lehm die Speise,
Wo man wie Vögel Federkleider trägt,
Wo man das Licht nicht sieht, im Dunkeln sitzt,
Auf Tür und Riegel liegt der Staub der Erde.
Und da ich trat ins Haus des Erdenstaubs,
Am Boden lagen da die Königsmützen,
Die Fürsten auch, die Träger hoher Hüte,
Die seit der Vorzeit herrschten in den Ländern,
Die Könige, die Stellvertreter Gottes,
Sie tragen da herbei gebratnes Fleisch,
Gebäck und Schläuche auch voll kühlen Wassers.
Da wo ich eintrat in das Haus des Staubes,
Da wohnten Hohepriester, Ministranten,
Die Opferpriester und die Gottgeweihten,
Dort wohnten die Gesalbten unsres Gottes,
Etanna wohnte dort und Sumukan,
Ereschkigal, die Königin des Staubes,
Beth-Lesseri, die Schreiberin der Erde,
Die in der Hand die Tafel hielt und vorlas,
Die wandte sich und blickte groß mich an,
Da nahm sie mich hinweg aus diesem Leben.
Der mit mir durch die Erdenmühsal zog,
Gedenke an mein jahrelanges Wandern!
Der Freund sah einen Traum, der Unglück weissagt,
Der Tag, da er den Traum sah, war zuende,
Da liegt er einen Tag und einen zweiten,
Es hockt der Tod in Enkidus Gemach,
Den fünften, sechsten und den siebten Tag,
Den achten, neunten und den zehnten Tag,
Die Krankheit Enkidus ward immer schlimmer,
Er liegt den elften Tag, den zwölften Tag,
Da liegt er auf dem Krankenbett des Todes,
Da rief er Gilgamesch und sprach zu ihm:
Mein Freund, ein böser Fluch hat mich verwünscht,
Ich falle nicht, ich sterbe nicht im Krieg,
So sterb ich ruhmlos ohne Ruhmeskranz!
Mein Freund, wer in dem Krieg fällt, der ist selig,
Ich aber sterbe ruhmlos und verachtet!
ACHTER GESANG
Und also sagte König Gilgamesch:
Hätt ich die Trommel heute doch gelassen
Im Haus des Zimmermanns, im Haus des Tischlers,
Die Zimmermännin gleich wär meiner Mutter!
Die Tochter wäre meine junge Schwester!
Zur Erde nun die Trommel ist gefallen,
Die Trommelstöcke fielen auf die Erde.
Und Enkidu sprach dies zu Gilgamesch:
Mein Herr, was ist so traurig deine Seele?
Die Trommel hol ich aus dem Schoß der Erde,
Die Trommelstöcke aus der Unterwelt!
Und Gilgamesch sprach dies zu Enkidu:
Und willst du steigen in das Totenreich,
Dann nimm du meinen guten Ratschlag an:
Ein reines Kleid darfst du nicht tragen dort,
Sonst wissen sie, dass du ein Fremder bist,
Darfst dich mit gutem Salböl auch nicht salben,
Sonst kommen sie, sobald das Öl sie riechen.
Wirf auch das Wurfholz auf die Erde nicht,
Sonst kommen die vom Wurfholz sind erschlagen.
Du darfst auch keinen Stock mit Händen fassen,
Sonst zittern dort vor dir die Totengeister.
Du darfst nicht Schuhe tragen an den Füßen
Und darfst nicht lärmen in dem Totenreich,
Dein liebes Weib darfst du dort auch nicht küssen,
Dein liebes Kind darfst du dort auch nicht streicheln,
Dein liebes Kind darfst du dort auch nicht kosen,
Den bösen Sohn darfst du dort auch nicht schlagen,
Sonst wird der Erde Aufschrei dich ergreifen.
Und die dort ruht, die Mutter, die dort ruht,
Die weißen Schultern schimmern unverhüllt!
Den Rat seines Herrn nahm sich Enkidu nicht zu Herzen.
Er zog sich ein reines Gewand an —
Daß er dort ein Fremder war, stellten sie fest.
Mit gutem Öl aus der Büchse salbte er sich —
Sie scharten sich zu ihm, sobald sie es rochen!
Das Wurfholz warf er auf die Erde —
Da umringten sie ihn, die vom Wurfholz erschlagen!
Ihr bloßer Busen ist dort wie ein Becher! -
Den Rat nahm Enkidu sich nicht zu Herzen.
Ein reines Kleid er wollte tragen dort,
So wussten sie, dass er ein Fremder war,
Er wollte sich mit gutem Salböl salben,
So kamen sie, sobald das Öl sie rochen.
Er warf das Wurfholz auf die Erde doch,
So kamen die vom Holz erschlagen waren.
Er wollte einen Stock mit Händen fassen,
So zitterten vor ihm die Totengeister.
Er wollte Schuhe tragen an den Füßen
Und wollte lärmen in dem Totenreich,
Sein liebes Weib er wollte küssen dort,
Sein liebes Kind er wollte streicheln dort,
Sein liebes Kind er wollte kosen dort,
Den bösen Sohn er wollte schlagen dort,
So tat der Erde Aufschrei ihn ergreifen.
Und die dort ruht, die Mutter, die dort ruht,
Die weißen Schultern schimmern unverhüllt!
Ihr bloßer Busen ist dort wie ein Becher!
Da kehrte Enkidu nicht mehr zurück.
Nicht packten ihn Dämonen, nein, die Erde!
Nicht packte ihn der Teufel, nein, die Erde!
Nicht fiel im Krieg er, nein, die Erde griff ihn!
Und Gilgamesch ging fort und weinte sehr
Und ging zum Heiligtum des Gottes Enlil.
Zur Erde nun die Trommel ist gefallen,
Die Trommelstöcke fielen auf die Erde.
Und Enkidu gepackt ward von der Erde!
Nicht packten ihn Dämonen, nein, die Erde!
Nicht packte ihn der Teufel, nein, die Erde!
Nicht fiel im Krieg er, nein, die Erde griff ihn!
Die Gottheit Enlil aber sprach kein Wort.
Und Gilgamesch ging fort und weinte sehr
Und ging zum Heiligtum des Gottes Sin.
Zur Erde nun die Trommel ist gefallen,
Die Trommelstöcke fielen auf die Erde.
Und Enkidu gepackt ward von der Erde!
Nicht packten ihn Dämonen, nein, die Erde!
Nicht packte ihn der Teufel, nein, die Erde!
Nicht fiel im Krieg er, nein, die Erde griff ihn!
Die Gottheit Sin jedoch sprach nicht ein Wort.
Und Gilgamesch ging fort und weinte sehr
Und ging zum Heiligtum des Gottes Ea.
Zur Erde nun die Trommel ist gefallen,
Die Trommelstöcke fielen auf die Erde.
Und Enkidu gepackt ward von der Erde!
Nicht packten ihn Dämonen, nein, die Erde!
Nicht packte ihn der Teufel, nein, die Erde!
Nicht fiel im Krieg er, nein, die Erde griff ihn!
Kaum hatte Vater Ea dies vernommen,
Da sprach er zu dem Todesgotte Nergal:
O Nergal, Mann und Heros, hör mich an,
O mögest du ein Loch der Erde auftun,
Dass Enkidu dem Loch entsteigen kann,
Dass er dem Bruder nenn der Erde Ordnung!
Und Nergal, Mann und Heros, er gehorchte
Und hatte kaum ein Erdloch aufgetan,
Als Enkidu als Geist entstieg der Erde.
Und da umarmten sich die beiden Freunde
Und setzten sich gemütlich auf die Wiese.
O sage mir, mein Freund, o sag, mein Bruder,
Und nenne mir die Ordnung dieser Erde!
Ich sags dir nicht, mein Freund, ich sags dir nicht,
Denn wenn du dieser Erde Ordnung schautest,
Du würdest legen dich und bitter weinen!
So will ich legen mich und bitter weinen!
Den Leib, den frohen Herzens du berührtest,
Frisst Ungeziefer wie ein altes Kleid!
Mein Leib, den frohen Herzens du berührtest,
Ist wie ein Grabesloch voll Staub und Kot!
Und Gilgamesch im Staube sitzen,
Er sprach zu Enkidu: Ah weh mir, wehe!
Der einen Sohn gezeugt hat, sahst du den?
Sprach Enkidu: Ich sah ihn und er heulte!
Sahst du auch den, der Zwillinge gezeugt? -
Ich sah ihn und er knirschte mit den Zähnen!
Den Vater dreier Söhne, sahst du ihn? -
Er heulte und er knirschte mit den Zähnen!
Den Einsamen, der keinen Erben hat,
Hast du gesehen ihn im Totenreich? -
Er aß gleich einem Arbeitssklaven Brot,
War wie ein schöner Gottes-Talisman!
Die Jungfrau, sahst du sie, die stets blieb Jungfrau? -
Ich sah die Frau, die keinen Mann ergötzte,
Gleich einem Becher lag sie auf der Erde.
Den Jüngling, der noch keine Frau entblößte,
Der nie ein schönes Weibchen ausgezogen,
Hast du gesehen ihn im Totenreich? -
Ich sah ihn und er hing an einem Strick,
Erhängte sich, beweinte seinen Tod!
Das junge Weib, das keinen Mann entblößt,
Das Weib, das keinen Mann je ausgezogen,
Hast du gesehen sie im Totenreich? -
Ich sah sie und sie lag auf einem Bett,
Benetzte dieses Bett mit heißen Tränen!
Der jungen Mann, der selber sich ermordet,
Hast du gesehen ihn im Totenreich? -
Ich sah ihn und er schrie nach seiner Mutter!
Die Frau, die eines frühen Todes starb,
Hast du gesehen sie im Totenreich? -
Sie lag auf einem Bette, Rauschtrank trinkend!
Die Krieger, die gestorben sind im Krieg,
Hast du gesehen sie im Totenreich?
Ja, ihre Mütter hielten ihre Köpfe
In ihren Schößen und beweinten sie!
Der, dessen Herz auf Erden nicht geliebt ward,
Hast du gesehen ihn im Totenreich? -
Er trinkt vom Opferwein, er isst vom Manna!
NEUNTER GESANG
Kaum dass ein erster Morgenschimmer glühte,
Sprach Gilgamesch zu seinem Freund und Bruder:
Mein Bruder, deine Mutter, die Gazelle,
Dein Vater zeugte dich, der wilde Esel,
Vier Eselinnen zogen dich mit Milch auf,
Die Tiere zeigten alle Weiden dir.
Und Enkidu ging bis zum Zedernwald,
Die Wälder mögen lauthals dich beweinen,
Und weinen sollen auch die alten Leute,
Das Volk, nach deinem Tode betend, weine,
Und weinen soll auch des Gebirges Mann!
In tiefer Trauer lege ich mich hin.
Die Aue soll wie deine Mutter klagen,
Und klagen möge Wald, Zypresse, Zeder,
Die wir verwüsteten in unsrer Wut,
Und weinen möge Bär, Hyäne, Tiger,
Und weinen möge Hirsch und Stier und Panther,
Und weinen soll der Löwe und der Steinbock,
Und weinen soll der Fluss, an dem wir gingen!
Laut weinen soll der breite Euphratstrom,
An dem wir opferten das reine Wasser,
Und weinen möge über dich das Volk,
Die Männer auch, die wir im Kampfe sahen,
Als wir vereint den Himmelsstier getötet,
Und weinen soll der Landmann und der Löwe,
Der Landmann, der besang dich schön in Liedern,
Und weinen möge über dich der Dichter,
Der deinen Namen zu den Sternen hob!
Und weinen möge über dich der Hirte,
Der Bier und Butter schuf für deinen Mund,
Und weinen möge über dich der Bauer,
Der gute Butter schmierte auf dein Brot,
Und weinen möge über dich der Bauer,
Der süßes Bier gemacht für deinen Mund,
Und weinen möge über dich die Hure,
Du salbtest dich, das hat ihr gut gefallen,
Und weinen möge über dich die Dirnen,
Im Sippenhaus gabst du ihr einen Ring,
Und weinen mögen über dich die Brüder
Und weinen mögen über dich die Schwestern,
Und weinen mögen laut die Klagepriester,
Bereit, sich ihre Haare auszuraufen,
Im Steppenlande weidet deine Mutter,
Ach Enkidu, ich weine wegen dir!
So hört mich ruhig an, ihr alten Leute,
Ich wein um Enkidu, um meinen Freund,
Ich klage jammernd wie die Klageweiber!
Du Axt an meiner Seite, so verlässlich,
Du Schwert an meinem Gürtel, du mein Schild,
Mein Festgewand, du Gürtel meiner Kraft,
Ein böser Dämon nahm mir meinen Freund!
Du wilder Esel des Gebirgs, du Wildstier,
Du schwarzer Panther in der weiten Steppe!
Nachdem zusammen wir den Berg erstiegen,
Da haben wir den Himmelsstier getötet,
Da haben wir den Chumbaba getötet!
Was hat dich denn nun für ein Schlaf befallen?
Du wurdest dunkel. Hörst du mich nicht mehr?
Und Enkidu schlägt nicht die Augen auf,
Und Gilgamesch des Bruders Herz befühlte,
Da schlug des toten Freundes Herz nicht mehr.
Und er verhüllte seinem Freund und Bruder
Gleich einer keuschen Braut das Angesicht,
Und Gilgamesch sprang auf, dem Adler gleich,
Wie eine Löwin, die beraubt der Jungen.
Er wandte vorwärts sich und wieder rückwärts
Er raufte sich das Haar, die Locken schüttelnd,
Zerriss sein Kleid und warf es ab wie Lumpen.
Kaum dass des Morgens erster Schimmer glühte,
Ließ Gilgamesch den lauten Ruf ergehen:
Steinschleifer, Goldschmied, Schmied und Ziseleur,
Du bilde meinem toten Freund ein Denkmal!
Da schuf der Schmied das Bildnis seines Freundes,
Die Glieder machte er von reinem Gold,
Von Lapislazuli des Bruders Brust.
Ich lasse ruhen dich auf weichem Bett,
Auf einem Ehrenlager sollst du liegen,
Auf deinem Friedensthron zu meiner Rechten,
Die Fürsten sollen dir die Füße küssen.
Und weinen soll um dich das Volk und klagen,
Die Edlen fülle ich mit Gram um dich,
Ich selbst lass meinen Körper schmutzbedeckt,
Zieh an das Löwenfell, lauf in die Wüste.
Kaum dass des Morgens erster Schimmer glühte,
Das ward ein großer Tisch hinausgetragen,
Von Karneol der Krug gefüllt mit Honig,
Von Lapislazuli der Topf voll Butter.
Und Opfergaben brachte er dem Gott,
Ließ Schamasch seine Opfergabe sehen.
ZEHNTER GESANG
Und Gilgamesch um seinen Enkidu
Voll Trauer war und eilte in die Steppe.
Und sterbe ich, bin ich nicht ebenso?
Und Kummer zog in seine Seele ein,
Da überkam ihn kalte Todesangst.
Nun laufe ich herum in dieser Steppe,
Utnapischtim will ich besuchen, will
Zum Sohn Ubara-Tutus, zieh den Weg,
Und werde eilig meine Straße ziehn.
Zum Bergespass gelangte ich des Nachts,
Da sah ich Löwen und ich hatte Angst,
Ich hob mein Haupt und betete zum Mondgott,
Und an die großen Götter ging mein Flehn:
O rettet mich aus schrecklicher Gefahr!
Nachts schlief er ein, vom Traum erwachte er,
Und wieder freute er sich seines Lebens.
Er nahm die scharfe Axt an seine Seite
Und zog das scharfe Schwert aus seinem Gürtel.
Und wie ein Pfeil er stürzte auf die Löwen,
Hieb auf sie ein, zerstreute sie ins Weite.
Zu einem Berg kam König Gilgamesch,
Des Berges Name war im Lande Maschu.
Und als er zu dem Berge war gelangt,
Die täglich Einzug hüteten und Auszug
Und über die der Himmel nur herausragt
Und deren Brust streift an den Höllenabgrund,
Skorpione hatten dort am Bergtor Wacht,
Die furchtbar waren, deren Anblick tödlich,
Ihr Schreckensglanz die Berge übergoss,
Den Aufgang und den Untergang der Sonne
Bewachten sie, und die sah Gilgamesch,
Mit Furcht und Schrecken deckte er sein Antlitz,
Er fasste sich und neigte sich vor ihnen.
Und der Skorpionmann rief zu seinem Weibchen:
Der heute kam, sein Leib ist Gottes Fleisch!
Und das Skorpionweib gab darauf die Antwort:
Zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch ist er!
Und der Skorpionmann rief zu Gilgamesch,
Zum Göttersprößling sagte er die Worte:
Warum bist du so fernen Weg gezogen
Und kamst hierher, vor mich und meine Frau,
Und überquertest mühsam breite Ströme?
Gern wüsste ich, worum es dir denn geht.
Und Gilgamesch gab Antwort den Skorpionen:
Utnapischtim will sehen ich, den Ahnen.
Der unter Göttern lebt des Lebens Fülle,
Ihn möchte ich nach Tod und Leben fragen.
Und der Skorpionmann sprach zu Gilgamesch:
Nicht gibt es Menschen, die ihn finden können.
Des Berges Innere ward nie durchschritten,
Auf vierundzwanzig Stunden ist es finster,
Tief ist die Finsternis, da ist kein Licht,
Zum Sonnenaufgang lenkt sich dann der Weg,
Zum Sonnenaufgang östlich vom Gebirge.
Und voller Leid, in Schnee und Sonnenhitze,
Und voller Jammerklagen ist der Weg!
Und der Skorpionmann sprach zu Gilgamesch:
Doch zieh du hin und fürchte dich nur nicht,
Den Berg von Maschu gebe ich dir frei,
Durchschreite das Gebirge nur getrost,
Heil mögen heim dich deine Füße tragen!
Kaum hatte Gilgamesch dies Wort gehört,
Als er die Weisung des Skorpions befolgte,
Trat in den Berg ein auf dem Weg der Sonne.
Kaum war er eine Stunde weit gegangen,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die zweite Stunde er gegangen,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die dritte Stunde er gegangen,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die vierte Stunde er gegangen,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die fünfte Stunde er gegangen,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die sechste Stunde er gegangen,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die siebte Stunde er gegangen,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die achte Stunde er gegangen,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die neunte Stunde er gegangen,
Da spürte er bereits den Nordwind wehen,
Da lächelte voll Hoffnung sein Gesicht,
Tief war die Finsternis, kein Licht war da,
Er konnte sehen nicht, was hinten lag.
Kaum war die zehnte Stunde er gegangen,
Da war schon nah der Ausgang aus dem Berge.
Kaum war die elfte Stunde er gegangen,
Kommt aus dem Berge er mit Sonnenaufgang.
Kaum war die zwölfte Stunde er gegangen,
Da herrschte schon die Helligkeit des Tages.
Die Bäume waren dort aus Edelsteinen,
Der Baum trug seine Frucht aus Karneol,
Dort hingen Jaspis-Trauben, schön zu schauen,
Die Blüten waren Lapislazuli,
Die Frucht war aus Rubin, schön anzuschauen.
ELFTER GESANG
Siduri war die Wirtin in der Schenke,
In Meeres-Abgeschiedenheit zuhause,
Dort wohnte sie und hatte einen Krug,
Sie hatte einen großen goldnen Bottich,
Mit feinsten Hüllen war sie hübsch verschleiert.
Und Gilgamesch, umher getrieben, kam,
Mit einem Löwenfell war er bekleidet,
Das Götterfleisch aß er wie weißes Brot,
Doch Gram und Kummer war in seiner Seele,
Sein Antlitz glich dem Pilger langer Wege.
Siduri schaute in die Ferne aus,
Sie sprach zu ihrem Herzen diese Worte,
Siduri so ging mit sich selbst zu Rate:
Vielleicht ist dieser Mann ein böser Mörder,
Denn irgendwo ist seines Weges Ziel.
Siduri also schloss die Türe zu,
Verriegelte die Pforte mit dem Riegel.
Und Gilgamesch vernahm Siduris Stimme,
Er richtete den Blick auf sie und sprach,
Und Gilgamesch sprach also zu Siduri:
Warum hast du die Tür verschlossen, Wirtin,
Verriegeltest die Pforte mit dem Riegel?
Die Tür zerschlage ich, zerbrech den Riegel!
Er hüllte sich ins Löwenfell und fraß
Das rohe Fleisch. Doch in die Brunnen wird
Siduris Wind die Wasser wieder treiben.
Gott Schamasch wurde traurig, trat zu ihm,
Er sprach zu Gilgamesch betrübt dies Wort?
O König Gilgamesch, wohin denn willst du?
Das wahre Leben, welches ewig währt,
Das wirst du ganz gewiss nicht finden, Sohn.
Da sagte Gilgamesch zum Helden Schamasch:
Ach Schamasch, all dies Laufen, all dies Rennen,
Und nirgends in der Welt ein Ort der Ruhe!
Ich habe meine Lebenszeit verschlafen!
Mein Auge möchte doch die Sonne sehen,
Um satt zu werden an dem Licht des Himmels!
Wenn fern die Finsternis, ist Lichtglanz da!
Ein Toter kann den Sonnenschein nicht sehen!
Und Gilgamesch sprach also zu Siduri,
Getötet habe ich den Himmelsstier,
Des Waldes Wächter hab ich auch erschlagen,
Ich brachte um den Riesen Chumbaba,
Der wohnte in dem dunklen Zedernwad.
Ich tötete in dem Gebirg die Löwen,
Getötet habe ich den Himmelsstier.
Siduri aber sprach zu Gilgamesch:
Warum sind deine Wangen welk geworden,
Warum ist so gebeugt dein Angesicht,
Warum ist deine Seele ohne Freude,
Warum ist solch ein Gram in deinem Geist?
Dein Antlitz gleicht dem Pilger ferner Wege,
Von Regenfeuchtigkeit ist nass dein Antlitz,
Dein Angesicht verzehrt von Sonnenhitze,
Du wanderst wie ein Löwe durch die Wüste.
Und Gilgamesch sprach also zu Siduri:
Der, den ich über alle Maßen liebte,
Der mit mir durch das Tal der Tränen zog,
Der, den ich über alle Maßen liebte,
Der mit mir durch das Jammertal gezogen,
Er ging zu dem Bestimmungsort der Menschheit.
Ich habe Tag und Nacht um ihn geweint,
Ich wollt nicht, dass man ihn im Grab begräbt,
Er möge auferstehen von den Toten
Auf meine schreienden Gebete hin!
Sechs Tage aber, sieben Nächte aber,
Die Würmer fraßen seinen schönen Körper!
Er ist dahin! Ich find das Leben nicht!
Ich irre wie ein Räuber durch die Wüste.
Siduri, nun ich hab gesehn dein Antlitz,
O möchte ich den Tod doch nicht erblicken!
Siduri also sprach zu Gilgamesch:
O Gilgamesch, wohin denn willst du gehen?
Das wahre Leben wirst du doch nicht finden.
Als einst der Göttliche die Menschheit schuf,
Da ward der Menschheit zugeteilt der Tod.
Die Menschen nahmen in die Hand das Leben.
Auf, Gilgamesch, und fülle deinen Magen,
Ergötze dich am Leben Tag und Nacht,
Du feire jeden Tag ein Freudenfest,
Du singe, musiziere Tag und Nacht,
Dein Kleid sei sauber und dein Haar gesalbt,
Nimm jeden Tag ein Bad in reinem Wasser,
Nimm deinen kleinen Knaben an die Hand,
Freu immer dich an deiner Gattin Vulva!
Das ists, was Gott dem enschen zugemessen.
Und Gilgamesch sprach also zu Siduri:
Utnapischtim, wie ist der Weg zu ihm?
Woran erkenn ich ihn? Das sage mir.
Wenns möglich ist, will ich das Meer befahren,
Wenns möglich ist, so geh ich durch die Steppe.
Was sagst du mir, berauschende Siduri?
Um meinen Freund ist mir das Herz bekümmert.
Was sagst du mir, liebreizende Siduri?
Um meinen Freund ist mir das Herz bekümmert.
Du wohnst am Meeresufer, meine Wirtin,
Du weißt Bescheid, dein Geist erfasst ja alles!
Wohin ich gehen soll, den Weg mir weise!
Wenns möglich ist, so geh ich übers Meer!
Siduri also sprach zu Gilgamesch:
Da gibt es keine Furt des Übergangs,
Es kann doch keiner wandeln übers Meer.
Nur Gott der Herr kann wandeln auf dem Wasser!
Voll Mühe ist der Weg zur andren Seite,
Dazwischen liegt das große Meer des Todes,
Das ist das unzugängliche Gewässer.
Vielleicht bist du schon auf dem Meer gegangen,
Was aber willst du tun am Todesmeer?
Da aber ist der Bootsmann Urschanabi,
Steinfische fischt er aus dem Todesmeer,
Du geh zu ihm, dass er dein Antlitz schaue,
Wenns möglich ist, dann fahre du mit ihm,
Doch ists nicht möglich, weiche hinter dich!
Kaum hatte Gilgamesch gehört dies Wort,
Da nahm er seine Axt in seine Hand,
Da zückte er das Schwert an seiner Hüfte,
Im Walde ließ er seine Stimme dröhnen,
Es sah ihn Urnaschabi heller Augen,
Er hörte seine Axt und lief hinzu,
Er packte seine Hand und hielt ihn fest.
Da kehrte Gilgamesch am Ufer um,
Und Urnaschabi sah ihm in die Augen.
Und Urnaschabi sprach zu Gilgamesch:
Wer du mit Namen bist, das sage mir!
Ich, Urnaschabi, dien Utnapischtim.
Und Gilgamesch sprach dies zu Urnaschabi:
Mein Name ist der König Gilgamesch,
Ich komm aus Uruk, aus dem Haus des Anu,
Ich bin umhergegangen im Gebirge,
Ging ferne Wege, ging den Pfad der Sonne,
Nun, Urnaschabi, hab ich dich gesehen,
Zeig mir den fernen Mann Utnapischtim!
Und Urnaschabi sprach zu Gilgamesch:
Wenn ich dir zeig den Mann Utnapischtim,
So musst du mit mir dies mein Boot besteigen,
Ich bin bereit, dich zu ihm hinzubringen. -
Gemeinsam nun berieten sich die beiden,
Und Gilgamesch sprach Worte zu dem Bootsmann.
Und Urnaschabi sprach zu Gilgamesch:
Warum sind deine Wangen welk geworden,
Warum ist so gebeugt dein Angesicht,
Warum ist solch ein Gram in deinem Herzen,
Warum in deiner Seele solche Schwermut?
Dein Antlitz gleicht dem Pilger ferner Wege,
Von Regenfeuchtigkeit ist feucht dein Antlitz
Und dein Gesicht verzehrt von Sonnenhitze,
Und du läufst wie ein Löwe durch die Steppe.
Und Gilgamesch sprach dies zu Urnaschabi:
Was sollen nicht verwelkt sein meine Wangen,
Was soll nicht so gebeugt sein mein Gesicht,
Was soll ich denn nicht Gram im Herzen tragen,
Der Seele Trübsal und des Geistes Schwermut?
Was soll ich gleichen denn nicht einem Pilger,
Das Antlitz nass von Regenfeuchtigkeit,
Das Antlitz abgezehrt von Sonnenhitze?
Was soll ich denn nicht durch die Wüste irren?
Mein Freund, das Maultier, dieser wilde Esel,
Der schwarze Panther in dem Steppenland,
Mein Freund, das Maultier, dieser wilde Esel,
Der schwarze Panther in dem Steppenland,
Nachdem zusammen wir den Berg erstiegen,
Nachdem wir töteten den Himmelsstier
Und töteten den Riesen Chumbaba
Und töteten die Löwen im Gebirge,
Der, den ich über alle Maßen liebte,
Der mit mir durch das Tal der Tränen zog,
Der, den ich über alle Maßen liebte,
Der mit mir durch das Jammertal gezogen,
Der ist nun am Bestimmungsort der Menschheit!
Sechs Tage weinte ich und sieben Nächte
Und wollt nicht, dass man ihn im Grab begrabe,
Wo Würmer fressen seinen schönen Körper.
Mir graute vor des Freundes Leichenblässe,
Und ich erschrak vorm Tod und lief davon.
Des Freundes Seele lastet jetzt auf mir,
So lief ich ferne Wege durch die Wüste.
Des Freundes Seele lastet jetzt auf mir,
So lief ich ferne Wege durch die Wüste.
Wie sollt ich stumm denn bleiben und verschwiegen?
Mein Freund, den ich geliebt, er ward zu Staub!
Mein Enkidu, den ich geliebt, ward Staub!
Und werde ich mich wie mein Bruder betten
Und nimmer auferstehn in Ewigkeit?
Und Gilgamesch sprach dies zu Urschanabi:
Wo ist der Weg nun zu Utnapischtim?
Woran erkenn ich ihn? Das sage mir.
Wenns möglich ist, will ich das Meer befahren,
Wenn es unmöglich, geh ich durch die Wüste.
Und Urschanabi sprach zu Gilgamesch:
Steinfische werden mich hinüberbringen,
Dass ich berühre nicht das Todeswasser.
Die Überfahrt nur hemmen deine Hände,
Denn du zerschlugst die Steinernen, die Fische.
Nun, wo die Steinernen zerschlagen sind,
Nimm deine scharfe Axt in deine Hand,
Wohlan, und gehe wieder in den Wald,
Und hundertzwanzig Stangen schneide dir,
Und schäle sie, bring Ruderblätter an,
Die sollst du zu mir bringen, Gilgamesch.
Kaum hatte Gilgamesch dies Wort gehört,
Nahm er die scharfe Axt in seine Hand,
Dann ging er in den dunklen Wald hinein,
Und hundertzwanzig Stangen schnitt er sich,
Sie schälend, brachte Ruderblätter an,
Und brachte alles dies zu Urschanabi.
Und beide nun das neue Schiff bestiegen,
Sie ruderten und fuhren so dahin.
Ein Weg von einem Mond und vierzehn Tagen
War schon am dritten Tag zurückgelegt,
So also kamen sie zum Todeswasser.
Und Urschanabi sprach zu Gilgamesch:
Halt dich zurück und nimm dir eine Stange,
Das Todeswasser darfst du nicht berühren,
Nimm eine zweite, dritte, vierte Stange,
Nimm eine fünfte, sechste, siebte Stange,
Nimm eine achte, neunte, zehnte Stange,
Nimm eine elfte, eine zwölfte Stange! -
Und Gilgamesch verbrauchte alle Stangen.
Und Gilgamesch nun seinen Gürtel löste,
Er riss die Kleidung sich vom Leib
Und hisste sie als Segel an dem Mast.
Utnapischtim sah in die Ferne aus,
Er sprach zu seinem Herzen diese Worte,
Mit seiner Seele ging er selbst zu Rate:
Warum sind denn die Steinernen zerschlagen?
Und wer fährt unberechtigt dort im Schiff?
Der, der da kommt, ist keiner von den Meinen.
Was denn begehrt von mir nur seine Seele?
Utnapischtim sprach dies zu Gilgamesch:
Warum sind so verwelkt denn deine Wangen
Und was ist so gebeugt dein Angesicht,
Warum ist voller Kummer deine Seele,
Dein Herz voll Schwermut und dein Geist voll Gram?
Dein Antlitz gleicht dem Pilger ferner Wege,
Von Regenfeuchtigkeit ist nass dein Antlitz,
Dein Angesicht versengt von Sonnenhitze,
Und wie ein Löwe irrst du in der Steppe.
Und Gilgamesch sprach zu Utnapischtim:
Was sollen meine Wangen denn nicht welk sein,
Was soll mein Angesicht denn nicht gebeugt sein,
Was soll mein Herz nicht voller Kummer sein,
Schwermütig meine Seele, trüb mein Geist?
Mein Antlitz gleicht dem Pilger ferner Wege,
Von Regenfeuchtigkeit ist nass mein Antlitz,
Mein Angesicht versengt von Sonnenhitze,
Und wie ein Löwe irr ich durch die Steppe.
Mein Freund, das Maultier, dieser wilde Esel,
Der schwarze Panther in dem Steppenland,
Mein Freund, das Maultier, dieser wilde Esel,
Der schwarze Panther in dem Steppenland,
Nachdem gemeinsam wir den Berg bestiegen,
Nachdem wir töteten den Himmelsstier
Und töteten den Riesen Chumbaba
Und töteten in dem Gebirg die Löwen,
Der, den ich über alle Maßen liebte,
Der mit mir durch das Tal der Tränen zog,
Der, den ich über alle Maßen liebte,
Der mit mir durch das Jammertal gezogen,
Er ist nun am Bestimmungsort der Menschheit!
Sechs Tage weinte ich und sieben Nächte
Und wollt nicht, dass man ihn im Grab begrabe,
Dass Würmer fressen seinen schönen Körper!
Mir graute vor des Freundes Leichenblässe,
Und ich erschrak vorm Tod, lief in die Wüste.
Des Freundes Seele lastet nun auf mir,
So geh ich ferne Wege in die Wüste.
Des Freundes Seele lastet nun auf mir,
So geh ich ferne Wege in die Wüste.
Wie sollt ich stumm denn bleiben und verschwiegen?
Mein Freund, den ich geliebt, er ward zu Staub!
Mein Enkidu, den ich geliebt, ward Staub!
Und werde ich mich wie mein Bruder betten
Und nimmer auferstehn in Ewigkeit?
Und Gilgamesch sprach zu Utnapischtim:
Auf dass ich käme zu Utnapischtim,
Den Fernen treffe und den Fernen sehe,
Durchirrte wandernd ich die Länder alle
Und überschritt die vielen hohen Berge
Und fuhr im Boote über alle Meere,
Erquickte sich mein Antlitz nicht am Schlummer,
Ich kränkte meine Seele selbst durch Wachen,
Und meine Adern füllte ich mit Schwermut,
Doch was gewann ich so zum wahren Leben?
Da ich noch nicht gelangt zum Haus Siduris,
War meine Kleidung doch schon abgenutzt,
Ich schlug Hyänen, Bären, Löwen, Tiger,
Steinböcke schlug ich, Hirsche und Gazellen,
Ich aß ihr Fleisch und zog an ihre Felle.
Verriegeln möge man das Tor der Klage,
Mit Pech und Asphalt soll man es verschließen.
Weil mich mit Liebesspiel nicht liebt Siduri,
Reißt mich, den Elenden, aus diesem Leben!
Utnapischtim sprach dies zu Gilgamesch:
Warum vermehrst du doch die Weheklage,
Der du aus Fleisch von Gott und Mensch gebildet,
Der du dem Vater gleichst und deiner Mutter?
Bist du denn irgendwann ein Narr gewesen?
Dem König stellte man den Thronstuhl auf,
Dem Narren aber gibt man Bier statt Butter,
Man gibt ihm altes Brot, der Mäuse Brot!
Der Narr trägt Lumpen statt des weißen Linnens,
Und statt des Gürtels trägt er einen Strick.
Weil er nicht hat auf Gottes Wort gehört
Und auf den Rat der Alten der Versammlung,
'Hab Mitleid mit dem Narren, Gilgamesch!
O Mondes Finsternis! Die Götter wachen!
Die Götter ohne Ruhe sind am Werk!
Seit jeher ist vorhanden Gottes Macht!
Bemühe dich und hilf den armen Seelen!
Gott führte deinen Freund zu seinem Schicksal.
Was schläfst du nicht? Was hast du denn davon?
Da du nicht schläfst, so seufzt du voller Sehnsucht,
Mit Wein der Schwermut füllst du deine Adern!
Du bringe deine Jugend, die schon fern ist,
Du hole deine Lebenszeit zurück!
Die Menschen, deren Kinder müssen sterben,
Den weisen ann, das schöne junge Mädchen,
Sie alle nimmt der ernste Tod hinweg.
Will jemand sehen denn des Todes Antlitz,
Will einer hören auch des Todes Ruf?
Es ist der Tod, der alle Menschen abmäht!
Zuerst errichtet man ein großes Haus,
Dann schreibt im Alter man ein Testament,
Dann teilen Brüder sich das Erbe auf,
Dann herrscht der Hass im Lande unter Brüdern!
Die Flut treibt fort den angeschwollnen Fluss,
Flußabwärts taumeln die Libellen fort.
Ein Angesicht, das stets die Sonne sieht,
Das gibt es nicht auf Erden, Gilgamesch.
Der Flüchtling und der Tote gleichen sich.
Das Bild des Todes ist nicht schön gemalt.
O Mensch! O Mann! Seit Enlil segnete,
Versammelt sind die Götter in den Himmeln,
Und Mammetum, des Schicksals große Göttin,
Bestimmt genau das Schicksal jedes Menschen,
Die Götter teilen Tod und Leben zu,
Des Todes Stunde ist uns nicht bekannt.
ZWÖLTER GESANG
Und Gilgamesch sprach zu Utnapischtim:
Schau ich auf dich, Utnapischtim, du Ferner,
Sind deine Maße gleich wie meine Maße,
Du bist nicht anders, sondern bist wie ich.
Ich möchte herzlich gerne mit dir kämpfen,
Untätig bleiben aber meine Arme.
Nun sag: Wie kamst du in die Schar der Götter,
Wie fandest du des Lebens Ewigkeit?
Utnapischtim sprach dies zu Gilgamesch:
Ich will dir ein Verborgenes eröffnen,
Das göttliche Geheimnis will ich künden.
Du kennst die Stadt, die Schuruppak geheißen,
Du kennst die Stadt, die liegt am Euphrat-Ufer,
Die Stadt war alt, die Götter waren nah.
Doch da entbrannt das Herz der großen Götter,
Die Sintflut zu bereiten dieser Welt.
Da schwor der Vater Anu, Gott des Himmels,
Und Enlil auch, der Held, gab seinen Rat,
Ninurta, der Minister, schwor den Eid,
Und Ennugi, der Deichgraf, schwor den Eid,
Ninschiku-Ea hatte es geschworen,
Und ihre Worte wurden aufgeschrieben.
O Haus aus Schilfrohr, höre, Mauer, höre,
O Haus aus Rohr, begreife, Wand, begreife!
O Mann der Stadt, du Sohn Ubara-Tutus,
Reiß ab das Haus und baue dir ein Schiff,
Lass fahren Reichtum, jag dem Leben nach,
Besitz gib auf, dafür epfange Leben,
Beseelten Samen trage in das Schiff!
Die Arche, welche du erbauen sollst,
Die Maße sollen abgemessen sein,
Gemessen sei die Breite gleich der Länge,
Und wie das Süßmeer soll ein Dach sie haben.
Ich hörte es und sprach zum Gotte Ea:
Die Weisung, Meister, die du mir gegeben,
Ich achte drauf und werde danach tun.
Was aber sage ich der Stadt, den Bürgern?
Und Ea sprach darauf zu seinem Knecht:
Du Mann sollst zu den Bürgern also reden:
Mir scheint, dass Gott nichts von mir wissen will,
Ich darf nicht mehr an eurem Orte wohnen,
Darf auf den Boden meinen Fuß nicht setzen,
So will ich steigen nieder zu dem Süßmeer,
Dort werde ich mit meiner Gottheit leben.
Auf euch lässt Gott dann regnen Überfluss,
Das Fleisch der Vögel, Eier auch der Fische,
Er will euch schenken eine reiche Ernte,
Am Morgen wird es Entenküken regnen,
Am Abend wird es goldnes Manna regnen!
Kaum dass des Morgens erste Schimmer glühte,
Versammelte sich zu mir die Gemeinde.
Der Zimmermann mir brachte harte Pfosten,
Bootsbauern brachten mir die Eisenklammern.
Die Männer wussten nicht von dem Geheimnis.
Ein Knabe trug herbei das schwarze Pech,
Die Armen brachten den Bedarf herbei.
Am fünften Tage ich entwarf das Äußre,
Die Bodenfläche war ein großes Feld,
Hoch hundertzwanzig Ellen seine Wände,
Und hundertzwanzig Ellen seine Decke.
Der Arche Aufriss ich entwarf genau,
Sechs Böden zog ich in die Arche ein,
In sechs Geschosse teilte ich sie ein.
Das Fundament ich teilte neunfach ein.
Und Pflöcke schlug ich in der Mitte ein.
Für Stangen sorgte ich und für Bedarf,
Sechs Tonnen Erdpech kochte ich im Ofen,
Korbträger waren da, das Öl zu tragen,
Das Öl, das man verbrauchte mit dem Backmehl,
Zwei Fässer Öl, die speicherte der Schiffsmann.
Und Rinder brachte ich als Proviant,
Und Lämmer brachte ich als Proviant,
Und süßes Bier und Most und roten Wein,
Und Suppen tranken sie als sei es Wasser,
Sie feierten ein Fest wie sonst zu Neujahr.
Bei Sonnenaufgang tat ich noch das Letzte,
Bei Sonnenuntergang war alles fertig.
Sehr schwierig war die Arbeit, immer neue
Stützhölzer bracht ich oben an und unten,
Bis richtig schwamm die Arche auf dem Wasser.
Und was ich alles hatte, lud ich ein,
Was ich besaß an Silber, lud ich ein,
Was ich besaß an Gold, das lud ich ein,
Was ich besaß an Samen, lud ich ein,
Die Hausgenossen lud ich ein, die Sippe,
Das Wild des Feldes, das Getier des Feldes,
Und alle Meistersöhne lud ich ein.
Den Zeitpunkt hatte Schamasch mir genannt.
Am Morgen lass ichs Entenküken regnen,
Am Abend lass ichs goldnes Manna regnen,
Dann steige in die Arche, schließ die Tür.
Der Zeitpunkt kam heran, den Gott genannt,
Am Morgen ließ er's Entenküken regnen,
Am Abend ließ er's goldnes Manna regnen,
Das Angesicht des Wetters sah ich an,
Des Wetters Angesicht war fürchterlich.
Da stieg ich in die Arche, schloss die Tür.
Dem Pusur-Amurri, der diese Arche
Verpichte, übergab ich meine Habe.
Kaum dass des Morgens erster Schimmer glühte,
Stieg schon vom Himmel auf die schwarze Wolke.
Und in der Wolke donnerte der Gott.
Und vor dem Donner zogen her die Blitze.
Die Blitze zogen über Berg und Land.
Ninurta ließ die Wasserbecken strömen.
Die Himmelsgötter hoben ihre Fackeln,
Mit ihrem Schein die Länder zu entflammen.
Die Himmel überfiel Beklommenheit,
Die Helligkeit verwandelt ward in Dunkel.
Das weite Land zerbrach so wie ein Topf.
Und einen Tag lang wehte heiß der Südsturm,
Blies drein und tauchte das Gebirg ins Wasser,
Und überkam die Menschen wie ein Krieg.
Kein Mensch sah einen andern Menschen mehr,
Im Regen unerkennbar all die Menschen.
Die Götter selbst erschraken vor der Sintflut,
Und sie entwichen in des Vaters Himmel.
Die Götter lagen draußen wie die Hunde.
Und Ishtar schrie wie eine Frau in Wehen,
Der Götter Herrin klagt mit schöner Stimme:
Wär jener Tag doch nur zu Staub geworden,
Da Schlimmes ich geboten hab den Göttern!
Wie konnt den Göttern Schlimmes ich gebieten,
Die Kriege zur Vernichtung meiner Menschen?
Denn erst gebäre ich die lieben Menschen
Und dann ertrinken sie im Meer der Fische!
Die Himmelsgötter klagten mit der Göttin,
Die Himmelsgötter saßen da und weinten,
Die trocknen Lippen tranken keinen Rauschtrank.
Sechs Tage aber, sieben Nächte aber
Die Winde bliesen, flutete die Sintflut
Und ebnet der Orkan die Länder ein.
Und als der siebte Tag herbei gekommen,
Schlug der Orkan die Sintflut plötzlich nieder,
Nachdem sie schrie wie eine Frau in Wehen,
Ward still und ruhig nun das große Meer.
Der böse Sturm war aus und aus die Sintflut.
Da hielt ich einen Tag lang ringsum Ausschau,
Da war nur tiefes Schweigen auf der Erde.
Die Menschen waren ganz zu Staub geworden.
Gleichmäßig wie ein Dach lag da die Aue.
Ich tat die Luke auf und sah die Sonne,
Da kniet ich nieder auf dem Boden, weinend,
Und über meine Wangen strömten Tränen.
Im Meere hielt ich Ausschau nach dem Ufer,
In hundertvierundvierzig Ellen Ferne
Stieg eine Insel aus dem großen Meer,
Zum Berge Nissir trieb heran die Arche.
Der Berg hielt fest die Arche, die nicht schwankte,
Und einen Tag und einen zweiten Tag
Der Berg hielt fest die Arche, die nicht schwankte,
Den dritten Tag und auch den vierten Tag
Der Berg hielt fest die Arche, die nicht schwankte,
Den fünften Tag und auch den sechsten Tag
Der Berg hielt fest die Arche, die nicht schwankte.
Und als der siebte Tag herbeigekommen,
Da ließ ich eine Taube aus der Arche,
Die Taube flog davon und kam zurück,
Sie hatte keinen Ruheplatz gefunden.
Da ließ ich eine Schwalbe aus der Arche,
Die Schwalbe flog davon und kam zurück,
Sie hatte keinen Ruheplatz gefunden.
Da ließ ich einen Raben aus der Arche,
Der Rabe flog davon und kam nicht wieder,
Er hatte einen Ruheplatz gefunden,
Er scharrte, fraß und hob den Schwanz zur Höhe.
Da ließ hinaus ich alle Lebewesen
Und brachte Gott dem Herrn ein Opfer dar,
Trankopfer bracht ich auf dem Berge dar,
Und vierzehn Weihrauchkessel stellt ich auf,
Da qualmte Süßholz, Zedernholz und Myrte.
Die Götter riechen gern des Weihrauchs Duft,
Mein Weihrauch war den Göttern wohlgefällig.
Die Götter kamen an wie Schmetterlinge,
Da war die große Göttin Mach gekommen,
Da flatterten davon die Schmetterlinge,
Die Gott der Göttin zum Ergötzen schenkte.
Gott sprach: Ihr Götter, bei dem Amulett
Von Lapislazuli an meinem Hals,
Ich werde stets an diese Tage denken,
In Ewigkeit vergesse ich sie nicht.
Die Götter mögen kommen zu dem Opfer,
Doch Enlil soll nicht zu dem Opfer kommen,
Weil Enlil töricht diese Sintflut brachte
Und meine Menschen gab dem Tod anheim!
Sobald nun Enlil war herbei gekommen,
Sah er die Arche und ergrimmte sehr
Und zürnte wütend mit den andern Göttern:
Ein Mensch entronnen und ein Geist gerettet!
Verderben sollte doch die ganze Menschheit!
Ninurta aber sprach zum Helden Enlil:
Wer kann denn etwas schaffen außer Ea?
Auch weiß ja Ea jeden Gottes Werk.
Und Ea also sprach zum Helden Enlil:
O Held, du Klügster unter allen Göttern,
Was hast du töricht doch gebracht die Sintflut?
Die Sünde lege du dem Sünder auf,
Den Frevel lege du dem Frevler auf!
Die Fessel lockre, schneide sie nicht ab,
Und zieh einher, dass nicht getötet werde!
Statt dass du eine Sintflut schickst zur Erde,
Lass lieber wilde Löwen Menschen fressen!
Statt dass du eine Sintflut schickst zur Erde,
Lass lieber wilde Wölfe Menschen fressen!
Statt dass du eine Sintflut schickst zur Erde,
Lass lieber Hungernot die Menschen fressen!
Statt dass du eine Sintflut schickst zur Erde,
Lass lieber Era alle Menschen würgen!
Nicht tu ich kund das göttliche Geheimnis,
Den Weisen lass ich schauen schönste Träume!
So weiß er von dem göttlichen Geheimnis.
Nun, Götter, schafft dem weisen Manne Rat!
Und Enlil hat die Arche drauf bestiegen,
Er fasste meine Hand, auch ich stieg ein,
Mein Weib ließ Enlil knieen neben mir,
Gott Enlil segnete mein Weib und mich:
Utnapischtim war nur ein Menschensohn,
Nun sei er Gott und seine Gattin Göttin,
Sie sollen wohnen an der Ströme Mündung! -
Und also wohn ich an der Ströme Mündung.
Wer aber wird die Götter zu dir senden,
Dass du das Leben findest, das du suchst?
Sechs Tage, sieben Nächte bleibe schlaflos!
Als Gilgamesch zu Boden sich gesetzt,
So wie ein Nebel hauchte ihn der Schlaf an.
Utnapischtim sprach dies zu seinem Weib:
Den Menschen schau, der sucht das wahre Leben!
So wie ein Nebel hauchte ihn der Schlaf an.
Und seine Frau sprach zu Utnapischtim:
So rühr ihn an, auf dass der Mann erwache!
Die Straße, die er kam, kehr er in Frieden,
Durchs Tor, durch das er zog, kehr er zur Heimat!
Utnapischtim sprach dies zu seinem Weib:
Der Mensch ist Trug! Er wird auch dich betrügen!
Auf, back ihm Brot und legs an seinen Kopf,
Die Tage, die er schläft, die zähle du!
Sie buk das Brot und legts zu seinem Kopf,
Die Tage, die er schlief, die zählte sie.
Das erste Brot war schon vollkommen trocken,
Das zweite schimmlig und das dritte feucht,
Das vierte wurde weiß, es war sein Röstbrot,
Das fünfte Brot war grau, das sechste frisch,
Sie buk das siebte, und sie rührt ihn an,
Und da erwachte König Gilgamesch.
Und Gilgamesch sprach zu Utnapischtim:
So wie der Schlaf auf mich herab gesunken,
Hast du mich angerührt und aufgeweckt!
Utnapischtim sprach dies zu Gilgamesch:
Auf, zähle deine Brote, Gilgamesch!
Die Tage deines Schlafs berechne du!
Das erste Brot war schon vollkommen trocken,
Das zweite schimmlig und das dritte feucht,
Das vierte wurde weiß, es war dein Röstbrot,
Das fünfte Brot war grau, das sechste frisch,
Gebacken ward das siebte, du erwachtest!
Und Gilgamesch sprach zu Utnapischtim:
Wie soll ich handeln und wo soll ich wandeln?
Der Tod hat schon mein Inneres gepackt!
In meinem Schlafgemache hockt der Tod,
Wenn ich den Fuß an Lebensplätze setze,
Auch dort steht schon der Tod, mich hinzuraffen!
Utnapischtim sprach nun zu Urschanabi:
Der Landeplatz missachte dich, o Bootsmann,
Die Furt des Übergangs verschmähe dich,
Der du einhergegangen an der Küste,
Entbehre du des Meeres Küste nun!
Der Menschensohn, den du herbei gebracht,
Von Schmutz befangen ist sein ganzer Körper,
Die Schönheit seiner Glieder ist entstellt.
Nun nimm du ihn und bringe ihn zum Bad,
Er wasche sich und werde rein wie Schnee!
Die Löwenfelle werfe er ins Meer!
Sein schöner Körper werde abgewaschen,
Erneuert werde seines Hauptes Turban,
Er nehm ein Kleid, das würdig seiner Würde!
Bis dass er kommt zu seiner Heimatstadt,
Bis er gelangt auf seiner Heimat Straßen,
Soll grau sein Kleid nicht werden, sondern weiß sein!
Er nahm ihn und er brachte ihn zum Bad,
Er wusch sich da und wurde rein wie Schnee!
Die Löwenfelle warf er in das Meer!
Sein schöner Körper wurde abgewaschen,
Erneuert wurde seines Hauptes Turban,
Er nahm ein Kleid, das würdig seiner Würde!
Bis dass er kommt zu seiner Heimatstadt,
Bis er gelangt auf seiner Heimat Straßen,
Soll grau sein Kleid nicht werden, sondern weiß sein!
Und Gilgamesch und Urschanabi stiegen
Ins Boot und fuhren übers Meer davon.
Und zu Utnapischtim sprach seine Frau:
Er hat sich abgemüht und abgeschleppt,
Was gibst du ihm, wenn er zur Heimat kehrt?
Und König Gilgamesch hob eine Stange
Und brachte so das Boot heran ans Ufer.
Utnapischtim sprach dies zu Gilgamesch:
Du hast dich abgemüht und abgeschleppt,
Was geb ich dir, wenn du zur Heimat kehrst?
Verborgenes will ich dir offenbaren,
Das Unbekannte will ich kund dir tun.
Es ist da ein Gewächs, dem Stechdorn ähnlich,
Wie Rosendornen stichts dich in die Hand.
Wenn deine Hände diese Dornen finden,
Hast du das Leben in der Ewigkeit!
Kaum hatte Gilgamesch dies Wort gehört,
Da grub er einen tiefen Schacht im Meer
Und band sich schwere Steine an die Füße,
Die ihn zum Grund des Süßmeers nieder zogen,
Er nahm den Dornenkranz, zwar stach er ihn,
Er schnitt von seinen Füßen ab die Steine,
Dass ihn die Fluten an das Ufer werfen.
Und Gilgamesch sprach dies zu Urschanabi:
Die Pflanze hier, die rettet vor der Angst,
Und wer sie findet, findet auch das Leben,
Ich will sie bringen heim nach Uruk-Gart,
Sie dort zu essen geben, zu erproben.
Ihr Name ist: Der Greis wird wieder jung!
Ich ess sie, und mir kehrt zurück die Jugend! -
Nach vierzig Stunden aßen sie ein wenig,
Nach sechzig Stunden ruhten sie am Abend.
Da sah er einen Brunnen kalten Wassers,
Er stieg hinab, im Wasser sich zu baden.
Die Schlange roch den Duft der Lebenspflanze,
Verstohlen kam sie an und fraß sie Pflanze,
Da warf sie ab die alte Schlangenhaut!
Da setzte Gilgamesch sich weinend nieder
Und Tränen strömten über seine Wangen.
Ach rate mir, o Bootsmann Urschanabi!
Für wen denn mühten meine Arme sich,
Für wen verströmt ich des Herzens Blut?
Nicht kann ich mir ja selber Gutes schaffen,
Nur für das wilde Untier schuf ich Gutes!
Jetzt steigen vierzig Stunden hoch die Fluten,
Ich ließ, als ich den Schacht gegraben habe,
Das Werkzeug auf dem Meeresboden liegen.
Wie könnte ich das Werkzeug wiederfinden?
Hätt ich das Boot am Ufer nur gelassen!
Nach vierzig Stunden aßen sie ein wenig,
Nach sechzig Stunden ruhten sie am Abend.
Und als sie heim nach Uruk-Gart gekommen,
Sprach Gilgamesch zum Bootsmann Urschanabi:
Steig einmal auf die Mauer, gehe weiter,
Den Grund besieh und prüf das Ziegelwerk,
Ob nicht das Ziegelwerk aus Backstein sei,
Den Grund nicht legten doch die sieben Weisen!
Ein Sar die Stadt, ein Sar der Palmengarten,
Ein Sar der Fluß, ein Sar der Ishtartempel,
Der heilige Bereich des Ishtartempels!
ACHTZEHNTES BUCH
ENUMA ELISCH
ERSTER GESANG
Als droben noch geschaffen nicht der Himmel,
Noch unten nicht genannt der feste Boden,
Ur-Apsu, ihr Erzeuger, und desgleichen
Die Mummu Tiamat, der Welten Mutter,
Die Wasser noch vermischt zu einem Leib nicht,
Als keine Hütte war von Schilf errichtet,
Als noch kein Sumpf erschienen war auf Erden,
Da noch die Götter nicht gebracht ins Dasein,
Da keiner einen Eigennamen trug
Und nirgends noch ein Schicksal war bestimmt,
Da wurden dann die Himmlischen gebildet
Und Lahamu und Lachmu kamen vor
Und wurden nun mit Namen auch genannt.
Bevor sie alt und groß geworden waren,
Gebildet wurden Anshar da und Kishar,
Die übertrafen alle andern Götter.
Und lange Zeit verging. Und dann kam Anu,
Der Götter Erbe, der Rival der Väter.
Der Erstgeborene war Anshar und
Ihm ebenbürtig war der Vater Anu,
Der schuf in seinem Bilde Nudimmud,
Und Nudimmud, das war der Väter Meister,
Von großer Weisheit, groß an Kraft und Klugheit,
Der mächtiger als seines Vaters Vater,
Da war auch kein Rivale bei den Göttern.
Und so geboren ward die Schar der Götter.
Sie störten Tiamat, die wogte drunten,
Ja, voller Unruh ward der Mutter Stimmung,
Weil heiter war die hohe Burg des Himmels.
Auch Apsu konnt nicht mindern ihr Geschrei
Und Tiamat war sprachlos allerwegen.
Sie waren ekelhaft und überheblich.
Und Apsu kam, der großen Götter Schöpfer,
Er weinte, wandte sich an seinen Diener:
O Mummu, mein Wesir, dir jauchzt mein Geist,
Komm, Mummu, gehen wir zu Tiamat!
Sie gingen, setzten sich zu Tiamat,
Sie tauschten Ratschlag aus um Ratschlag über
Die Götter, ihre erstgebornen Kinder.
Und Apsu öffnete den Mund und sagte
Zu Tiamat, die prangte voller Schönheit:
Der Götter Weg ist wirklich ekelhaft!
Tagsüber find ich nicht Erleichterung
Und komme nicht zur Ruhe in der Nacht.
Zerstören werde ich der Götter Wege,
So wird die Ruhe wieder hergestellt.
Lasst uns in Ruh! Dies hörte Tiamat
Und wurde wütend und rief ihren Mann an.
Sie heulte auf als die Geschädigte,
Die ganz allein und einsam wütete,
Stieß einen Fluch aus und sprach so zu Apsu:
Wie, sollten wir zerstören das Erbaute?
Ihr Weg ist lästig! Lasst uns doch in Ruhe!
Dann Mummu gab dem Apsu diesen Ratschlag,
Ungnädig war der Mummu Ratschlag, böse:
Mein Vater, du zerstörst der Meutrer Wege,
Dann findest du Erleichterung bei Tag
Und wirst auch ruhen können in der Nacht.
Als Apsu dieses hörte, strahlte er,
Er plante etwas gegen seine Söhne,
Die Götter, wegen ihrer Übeltaten.
Und er umarmte Mummu an dem Hals,
Sie setze sich auf seinen Schoß, ihn küssend.
Was immer zwischen ihnen ward geplant,
Ward von den Göttersöhnen wiederholt.
Die Götter hörten dies, sie standen auf,
Verstummten dann und blieben still und stumm.
In Weisheit größer, einfallsreicher, klüger
War Ea, der Allwissende, der Gott
Der Weisheit, er durchschaute ihren Plan.
Ein Meisterplan ward gegen ihn ersonnen,
Geschickte Pläne, ihn in Bann zu tun.
Er rezitierte sie und ließ sie hören,
Der ausgegossen hat auf Apsu Schlaf,
Und so er lag in tiefem Schlaf und Schlummer.
Als Apsu war nun tief getränkt mit Schlaf,
War Mummu machtlos, konnte sich nicht rühren.
Er lockerte des Apsu Bande, riss
Ihm die Tiara von dem Haupt herab,
Nahm seinen Heiligenschein und zog ihn an
Und dann erschlug er den gebundnen Apsu.
Und Mummu ward gefesselt und allein
Zurückgelassen drunten in dem Schloss.
So hat auf Apsu er sein Haus gegründet,
Ergriff nun Mummu, hielt ihn an der Nase.
So Ea siegte und zertrat die Feinde,
Gesichert hatte Ea den Triumph,
Nun ruhte er in seinem Haus voll Frieden,
Nun nannte er sein Haus nach Apsus Namen.
Am selben Ort er gründete sein Kultzelt,
Dort wohnten Ea und sein Weib Damkina.
Und in des Schicksals Wohnung, Schicksals Kammer
Ein Gott ward nun gezeugt, der klügste Gott.
Im Herzen Apsus Marduk ward geschaffen,
Im Heiligtume Marduk ward gezeugt.
Der ihn erzeugte, war sein Vater Ea,
Die ihn gebar als Mutter, war Damkina,
Er sog die Mutterbrust von Göttinnen,
Die Ammen, die ihn pflegten, schreckten ihn,
Verführerisch sein Leib, die Augen funkelnd,
Sein Gang war fürstlich, er war Kommandant.
Sah Ea ihn, der Vater, der ihn zeugte,
So jubelte und strahlte er voll Freude.
Er machte ihn perfekt und gab dem Sohn
Die höchste Vollmacht einer Doppel-Gottheit.
Er war erhöht, mehr als die andern alle,
Perfekt die Glieder, völlig unverständlich,
Schlecht zur Verständigung, schwer zu erkennen,
Vier Augen hatte er, dazu vier Ohren,
Wenn er den Mund bewegte, flammte Feuer,
Groß waren seine Ohren, und die Augen
In großer Zahl durchschauten alle Dinge.
Er war der Höchste aller Himmelsgötter
Und übertraf an Größe alle andern.
Die Glieder waren riesig, er war riesig.
Mein kleiner Sohn! Mein lieber kleiner Sohn,
Mein Sohn, die Sonne! Also ist der Himmel!
Er trug die Gloriole von zehn Göttern.
Er war sehr stark, und alle sahn ihn an.
Und Anu zeugte viermal starken Sturm,
Die Stürme lieferten die Macht dem Herrn aus.
Er stationierte auch den Wirbelwind,
Er schuf auch Ströme, Tiamat zu stören.
Die Götter gaben keine Ruhe, sondern
Sie litten an der Widrigkeit des Sturmes.
Und ihre Herzen sprachen voll des Bösen
Zu Mutter Tiamat, der Göttermutter:
Als sie erschlagen Apsu, deinen Gatten,
Hast du ihm nicht geholfen, doch du bliebest.
Und als er schuf den vierfach starken Sturm,
Da wurden deine Eingeweide schwach
Und daher können wir nicht Ruhe finden.
Lass Apsu, deinen Mann, in deinem Kopf sein
Und Mummu auch, der überwunden worden!
Du bist allein gelassen, Tiamat!
Da wurden sie verstört in großem Tempo
Und ohne Unterlass. Sie lieben nicht!
Und unsre Augen sind nun eingeklemmt
Und ohne Unterlass. Lasst uns in Ruhe!
Wir wollen kämpfen! Rächen wir die Götter!
Und machen wir die Götter wie den Sturm!
Als Tiamat das hörte, war ihr wohl.
Sie gaben alles. Lasst uns nur die Monster
Und lasst in unsrer Mitte alle Götter.
Und lasst uns kämpfen gegen Anus Götter!
Und sie verbanden sich zu einem Bund
Und dann marschierten sie mit Tiamat.
Sie machten Pläne ohne Unterlass.
Sie waren kampfbereit, sie knurrten, tobten,
Sie haben auf den Kampf sich vorbereitet,
Und Mutter Hubur, Wesen aller Wesen,
Gab Waffen auch dazu und Monsterschlangen
Mit scharfen Zähnen, schonungslos im Biss.
Mit Schlangengift hat sie gefüllt den Körper,
Und Drachen hat mit Schrecken sie bekleidet,
Gekrönt die Drachen auch mit goldnen Kronen,
So sahen fast wie Götter aus die Drachen,
Und wer die Drachen sah, der wurde ängstlich,
Die Drachen bäumten sich mit ihrem Leib auf,
Es konnte keiner schicken sie zurück.
Die Vipern, Drachen und die Lilith-Monster
Und Löwen, irre Hunde und Skorpione
Und Panther und Libellen und Centauren
Mit Waffen stellte sie zum Kampfe auf.
Fest ihr Befehl und stark der Widerstand,
Und alle diese Arten sie gebar.
Und von den Göttern der Versammlung sie
Erhöhte Kingu, machte ihn zum Chef.
Die Führer des Kommandos der Versammlung,
Die Waffen zu der Förderung des Kampfes,
Den Kampf zu kontrollieren und zu leiten,
Vertraute sie ihm an, der saß im Rat:
Ich hab für dich die Zauberei gewirkt,
Nun preis in der Versammlung meinen Zauber.
Zum Rat der Götter gab ich euch Verdienste,
Du bist der Herr, mein einziger Genosse!
Und du wirst herrschen über alle Himmel!
Da gab sie ihm die alte Schicksalstafel
Und er befestigt sie an seiner Brust:
Herr, deiner Weisung jeder wird gehorchen!
Er hatte nun die Hoheit eines Vaters,
Sein war der Götter Schicksal, seiner Söhne.
Dein Wort lässt alle Feuer bald erlöschen,
Du bist die Power-Waffe voll Potenz!
ZWEITER GESANG
Als Tiamat ihr Werk begonnen hatte,
Sie machte sich bereit zum Götterkrieg,
Zu rächen Apsu, plante sie das Böse.
Dass sie sich rüstete, man sagt es Ea.
Als Ea aber hörte von der Sache,
Verstummte er im Dunkeln, saß da still.
Die Zeit verging, und Ea's Zorn verrauchte,
Er ging zu Anshar in den Vordergrund.
Und als er kam vor seinen Vater Anshar,
Er sprach, was Tiamat ihm aufgetragen:
Die uns langweilen, die verabscheun uns!
Das Werk hat Tiamat, ist wild vor Zorn.
Die Götter haben sich bei ihr gesammelt,
Auch die, die Tiamat gebar im Frühling.
Sie drängen sich, zur Seite ihr marschierend,
Sie machen Pläne ohne Unterlass,
Am Tag und in der Nacht des Zornes Pläne,
Sind für den Kampf bereit, sind knurrend, tobend,
Sie bilden einen Rat, zum Krieg bereit.
Und Mutter Hubur, Wesen aller Dinge,
Gab dazu Schreckenswaffen, Monsterschlangen,
Mit scharfen Zähnen, schonungslos im Biss,
Mit Venom hat sie ihren Leib gefüllt.
Und Drachen hat mit Terror sie bekleidet,
Mit goldnen Kronen krönte sie die Drachen,
Dass sie erscheinen herrlich wie die Götter,
Wer sie erblickt, der wird besiegt vom Terror,
Die Körper bäumen sich, unüberwindlich,
Weiß keiner ihrem Angriff standzuhalten.
Sie setzte Vipern, Sphinxen, Drachen ein,
Den großen Löwen, irren Hund, Skorpion,
Libellen und Zentauren, Geisterlöwen,
Mit schonungslosen Waffen, furchtlos kämpfend.
Streng ihr Beschluss, kann keiner widerstehen.
Elf dieser Art hat sie hervorgebracht.
Von allen Göttern, ihren Erstgebornen,
Hat die Versammlung sie gebildet und
Erhöhte Kingu, stellte ihn voran.
Und das Kommando über die Versammlung,
Die Zucht der Waffen für des Kriegs Begegnung,
Die Führerschaft, die Förderung des Kampfes,
Den Kampf zu leiten und zu kontrollieren,
Das alles übergab sie seinen Händen,
Als sie ihn sitzen sah im Rat der Götter.
Für dich geworfen habe ich den Zauber,
Du preise vor den Göttern meinen Zauber!
Zu raten der Versammlung aller Götter,
Hab ich dir heiligen Verdienst gegeben.
Du bist der Höchste, du allein mein Freund!
Und du wirst alle Himmlischen beherrschen!
Sie legt die Schicksalstafeln auf die Brust ihm:
Du, dein Befehl ist unveränderlich
Und deinem Gottesworte wird gehorcht!
Als Kingu also nun erhoben wurde,
Besaß den Rang er eines Himmelsgottes.
Und sie verfügt das Schicksal ihrer Götter:
Dein Wort lässt Feuerflammen bald erlöschen,
Du überwindest sie mit deiner Power,
Mit deiner Waffe, so potent im Schwung.
Als Anshar das gehört, dass Tiamat
War ruhelos von ihren innern Schmerzen,
Schlug er sich auf die Lenden, biss die Lippen,
Sein Herz war düster, seine Stimmung traurig,
Und so bedeckte Anshar seinen Mund,
Um die Empörung in ihm zu ersticken:
O Schlacht! Du hast nun Mummu, hast nun Apsu.
Zu töten Kingu, Götter nun marschieren!
O Weisheit in dem Himmel, sei gepriesen!
Er sprach ein Wort zu Anu, seinem Sohn:
O mächtiger und starker Gottesheld,
Wie ragt hervor doch deine große Kraft,
Weiß keiner deinem Angriff standzuhalten.
Stell dich vor Tiamat, die große Mutter,
Und schenke Ruhe ihrer trüben Stimmung,
Auf dass ihr Mutterherz barmherzig werde!
Doch will sie nicht auf deine Worte hören,
Dann sag ihr unser Wort, sie werde ruhig.
Als er die Weisung seines Vaters hörte,
Er macht sich auf den Weg und ging zu ihr.
Als aber Anu nahe war genug,
Zu sehen all die Pläne Tiamats,
Er war nicht fähig, ihr Gesicht zu sehen,
Er kehrte um und kam zu seinem Vater,
Zu Anshar, und er wandte sich an ihn:
Ich bin nicht stark genug, sie zu besiegen.
War sprachlos Anshar, auf den Boden starrend,
Die Haare wirr, er schüttelte den Kopf.
Die Götter kamen an dem Ort zusammen,
Geschlossner Lippen saßen schweigend sie.
Kein Gott kann in die Schlacht ziehn, dachten sie,
Und mit dem Blick auf Tiamat sich retten.
Und Anshar sprach: Du bist ein Held und Rächer!
Am abgeschiednen Ort sprach er zu ihm:
Ich bin dein Vater und du bist mein Sohn,
Du, lieber Sohn, du tröstest mir mein Herz!
Vor Anshar machte Anu einen Sprung,
Als ob er schon im Götterkriege sei.
Steh auf und sprich! Er wächst, wird sich erholen.
Es freute sich der Herr am Wort des Vaters.
Und Anu nahte sich und stand vor Anshar,
Und Anshars Vaterherz ward voll von Freude!
Er küsste ihn, da wich von ihm die Angst,
Die Lippen offen. Anshar, sei nicht stumm!
Ich gehe und erreiche, was du willst.
Die Lippen offen: Anshar, sei nicht stumm!
Ich gehe und erreiche, was du willst.
Wer männlich ist, der hat den Kampf begonnen.
Die Göttin Tiamat ist eine Frau,
Die dir entgegen fliegt mit ihren Waffen.
Sie werden freuen sich und fröhlich sein,
Sie treten auf den Hals von Tiamat,
Sie werden freuen sich und fröhlich sein,
Sie treten auf den Hals von Tiamat.
Mein Sohn, dir ist die Weisheit anvertraut,
Lass Mutter Tiamat nun ruhig werden.
Fahr auf dem Sturmeswagen laut und schnell!
Dein Blut soll nicht verschüttet werden, Sohn,
Du wirst zum Vaterhause wiederkommen.
Wie freute sich der Herr am Wort des Vaters,
Er jauchzte, und er sprach zu seinem Vater:
O Schöpfer aller Götter, unser Schicksal,
Der ich die Rache übe, wie du willst,
Und überwinde Göttin Tiamat
Und gebe dir das Leben, rufe dann
Die Himmlischen zur heiligen Versammlung,
Mein allerhöchstes Schicksal zu verkünden.
Wenn du mit uns gemeinsam sitzt im Jubel,
Mein Wort verkünde, du bestimmst das Schicksal.
Was ich ins Leben rufe, bleibt am Leben.
Und nicht zurückgerufen noch verändert
Wird meines Mundes göttliches Kommando!
DRITTER GESANG
Und Anshar öffnete den Mund und sprach
Zu Gaga, seinem himmlischen Minister:
O Gaga, mein Wesir, der meinen Geist freut,
Ich sende dich zu Lahamu und Lachmu,
Du bist geschickt, du wirst dich produzieren.
Lass alle Himmlischen sich unterhalten,
Du setze dich zu dem Bankett der Götter,
Lass Brot sie essen, lass sie mischen Wein,
Denn Marduk ist ihr Rächer und ihr Held,
Lass alle sie fixieren sein Dekret.
Geh deinen Weg und nimm, die vor dir stehen,
Und wiederhole ihnen, was ich sagte:
Dein Sohn, o Anshar, hat mich hergeschickt,
Ich liebe die Diktate seines Herzens,
Er sagt, dass Tiamat voll Langeweile
Uns Himmelsgötter allesamt verabscheut,
Sie tut ihr Werk und ist voll Rage wütend.
Die Götter haben sich bei ihr versammelt,
All die, die Tiamat gebar im Frühling.
Und sie marschieren nun an ihrer Seite,
Und Tag und Nacht macht Pläne sie voll Wut.
Sie sind bereit zum Kampf, sind knurrend, tobend,
Sie bilden einen Rat, bereit zum Krieg.
Und Mutter Hubur, Wesen aller Dinge,
Gab dazu Schreckenswaffen, Monsterschlangen,
Mit scharfen Zähnen, schonungslos im Biss,
Mit Venom hat sie ihren Leib gefüllt.
Und Drachen hat mit Terror sie bekleidet,
Mit goldnen Kronen krönte sie die Drachen,
Dass sie erscheinen herrlich wie die Götter,
Wer sie erblickt, der wird besiegt vom Terror,
Die Körper bäumen sich, unüberwindlich,
Weiß keiner ihrem Angriff standzuhalten.
Sie setzte Vipern, Sphinxen, Drachen ein,
Den großen Löwen, irren Hund, Skorpion,
Libellen und Zentauren, Geisterlöwen,
Mit schonungslosen Waffen, furchtlos kämpfend.
Streng ihr Beschluss, kann keiner widerstehen.
Elf dieser Art hat sie hervorgebracht.
Von allen Göttern, ihren Erstgebornen,
Hat die Versammlung sie gebildet und
Erhöhte Kingu, stellte ihn voran.
Und das Kommando über die Versammlung,
Die Zucht der Waffen für des Kriegs Begegnung,
Die Führerschaft, die Förderung des Kampfes,
Den Kampf zu leiten und zu kontrollieren,
Das alles übergab sie seinen Händen,
Als sie ihn sitzen sah im Rat der Götter.
Für dich geworfen habe ich den Zauber,
Du preise vor den Göttern meinen Zauber!
Zu raten der Versammlung aller Götter,
Hab ich dir heiligen Verdienst gegeben.
Du bist der Höchste, du allein mein Freund!
Und du wirst alle Himmlischen beherrschen!
Sie legt die Schicksalstafeln auf die Brust ihm:
Du, dein Befehl ist unveränderlich
Und deinem Gottesworte wird gehorcht!
Als Kingu also nun erhoben wurde,
Besaß den Rang er eines Himmelsgottes.
Und sie verfügt das Schicksal ihrer Götter:
Dein Wort lässt Feuerflammen bald erlöschen,
Du überwindest sie mit deiner Power,
Mit deiner Waffe, so potent im Schwung.
Ich schickte Anu einst zu Tiamat,
Er konnte nicht der Göttin Antlitz sehen,
Und Nudimmud war bang und kehrte um.
Doch Marduk kam, der weiseste der Götter,
Er zeige, wie man Tiamat besiegt.
Er öffnete den Mund und sprach zu mir:
Der ich die Rache übe, wie du willst,
Und überwinde Göttin Tiamat
Und gebe dir das Leben, rufe dann
Die Himmlischen zur heiligen Versammlung,
Mein allerhöchstes Schicksal zu verkünden.
Wenn du mit uns gemeinsam sitzt im Jubel,
Mein Wort verkünde, du bestimmst das Schicksal.
Was ich ins Leben rufe, bleibt am Leben.
Und nicht zurückgerufen noch verändert
Wird meines Mundes göttliches Kommando!
Jetzt schnell, erfülle die Dekrete Gottes,
Er geht, die starken Feinde zu besiegen.
Und Gaga nun ging weiter seinen Weg.
Vor Lahamu und Lachmu, vor den Göttern
Er neigte sich und küsste ihre Füße.
Er neigte sich, als er die Stelle einnahm:
Dein Sohn, o Anshar, hat mich hergeschickt,
Ich liebe die Diktate seines Herzens!
Die uns langweilen, die verabscheun uns!
Das Werk hat Tiamat, ist wild vor Zorn.
Die Götter haben sich bei ihr gesammelt,
Auch die, die Tiamat gebar im Frühling.
Sie drängen sich, zur Seite ihr marschierend,
Sie machen Pläne ohne Unterlass,
Am Tag und in der Nacht des Zornes Pläne,
Sind für den Kampf bereit, sind knurrend, tobend,
Sie bilden einen Rat, zum Krieg bereit.
Und Mutter Hubur, Wesen aller Dinge,
Gab dazu Schreckenswaffen, Monsterschlangen,
Mit scharfen Zähnen, schonungslos im Biss,
Mit Venom hat sie ihren Leib gefüllt.
Und Drachen hat mit Terror sie bekleidet,
Mit goldnen Kronen krönte sie die Drachen,
Dass sie erscheinen herrlich wie die Götter,
Wer sie erblickt, der wird besiegt vom Terror,
Die Körper bäumen sich, unüberwindlich,
Weiß keiner ihrem Angriff standzuhalten.
Sie setzte Vipern, Sphinxen, Drachen ein,
Den großen Löwen, irren Hund, Skorpion,
Libellen und Zentauren, Geisterlöwen,
Mit schonungslosen Waffen, furchtlos kämpfend.
Streng ihr Beschluss, kann keiner widerstehen.
Elf dieser Art hat sie hervorgebracht.
Von allen Göttern, ihren Erstgebornen,
Hat die Versammlung sie gebildet und
Erhöhte Kingu, stellte ihn voran.
Und das Kommando über die Versammlung,
Die Zucht der Waffen für des Kriegs Begegnung,
Die Führerschaft, die Förderung des Kampfes,
Den Kampf zu leiten und zu kontrollieren,
Das alles übergab sie seinen Händen,
Als sie ihn sitzen sah im Rat der Götter.
Für dich geworfen habe ich den Zauber,
Du preise vor den Göttern meinen Zauber!
Zu raten der Versammlung aller Götter,
Hab ich dir heiligen Verdienst gegeben.
Du bist der Höchste, du allein mein Freund!
Und du wirst alle Himmlischen beherrschen!
Sie legt die Schicksalstafeln auf die Brust ihm:
Du, dein Befehl ist unveränderlich
Und deinem Gottesworte wird gehorcht!
Als Kingu also nun erhoben wurde,
Besaß den Rang er eines Himmelsgottes.
Und sie verfügt das Schicksal ihrer Götter:
Dein Wort lässt Feuerflammen bald erlöschen,
Du überwindest sie mit deiner Power,
Mit deiner Waffe, so potent im Schwung.
Ich schickte Anu einst zu Tiamat,
Er konnte nicht der Göttin Antlitz sehen,
Und Nudimmud war bang und kehrte um.
Doch Marduk kam, der weiseste der Götter,
Er zeige, wie man Tiamat besiegt.
Er öffnete den Mund und sprach zu mir:
Der ich die Rache übe, wie du willst,
Und überwinde Göttin Tiamat
Und gebe dir das Leben, rufe dann
Die Himmlischen zur heiligen Versammlung,
Mein allerhöchstes Schicksal zu verkünden.
Wenn du mit uns gemeinsam sitzt im Jubel,
Mein Wort verkünde, du bestimmst das Schicksal.
Was ich ins Leben rufe, bleibt am Leben.
Und nicht zurückgerufen noch verändert
Wird meines Mundes göttliches Kommando!
Jetzt schnell erfülle die Dekrete Gottes,
Er geht, der Feinde Angesicht zu sehen.
Das hörten Lahamu und Lachmu, sprachen:
Das alles jammern ließ die Igigi:
Wie seltsam, dass getroffen die Entscheidung,
Wer kann ergründen Tiamats Betreiben?
Sie sind bereit, die Fahrten zu verlassen,
Die Götter, die vom Schicksal sind bestimmt.
Vor Anshar traten sie, sein Haus war voll,
Die Götter küssten sich in der Versammlung,
Sie konversierten, als sie sich gesetzt,
Das Festbankett des Himmels zu begehen.
Sie aßen Brot, sie tranken süßen Mischwein,
Die Becher waren voll mit süßem Rauschgift,
Sie tranken Rauschtrank, ihre Bäuche schwollen,
Sie wurden müde, doch die Stimmung hob sich,
Und sie fixierten göttliche Dekrete
Für Marduk, ihren Helden, ihren Rächer.
VIERTER GESANG
Sie bauten ihm nun einen Fürstenthron,
Er setzte sich und nahm den Vorsitz ein.
Du bist der Herrlichste der großen Götter,
Vollkommen dein Dekret, o Vater Anu!
Du, Marduk, bist der Größte aller Götter,
Vollkommen ist dein Wort, o Vater Anu!
Von nun an unveränderlich dein Wort,
Stolz oder Demut steht in deiner Hand.
Dein Wort ist wahr, die Weisung unanfechtbar.
Kein Gott wird überschreiten deine Grenzen!
Und für die Göttersitze ist der Schmuck,
Und ihre Schreine seien stets am Ort.
O Marduk, du bist der gerechte Rächer!
Wir geben dir das Königtum im Weltall.
In deiner Wort-Versammlung sind die Besten.
Den Feind zerschmettern werden deine Waffen!
O Herr, verschon das Leben deiner Treuen,
Vergieß das Leben du des bösen Feindes!
Sie legten ihre Kleider vor ihn hin
Und wandten dann sich an den Erstgebornen:
Dein Schicksal, Herr, das herrsche unter Göttern,
Erschaffe und zerstöre, wie du willst.
Tu auf den Mund, die Kleidung wird verschwinden!
Sprich, und das Kleidungsstück ist wieder da!
Er sprach das Wort, die Kleidung war verschwunden,
Er sprach erneut, das Kleid war wieder da.
Die Götter sahn die Früchte seines Wortes,
Sie beteten ihn an: Der Herr ist König!
Sie gaben ihm das Zepter und den Thron,
Sie gaben Super-Waffen ihm zur Wehr.
Geh, schneide ab das Leben Tiamats,
Der Windhauch trag ihr Blut an stille Orte!
Bels Schicksal war fixiert von Vatergöttern,
Er ging geschickt die Straße des Erfolgs.
Er nahm den Bogen in die Hand als Waffe,
Legt an die Pfeile an die Bogensehne.
Er hob die Keule mit der rechten Hand,
An seiner Seite Bogen hing und Köcher.
Er setzte vor sich einen lichten Blitz,
Mit Flammen füllte seinen Körper er.
Dann machte er ein Nichts, um zu entfalten
Im leeren Nichts den Körper Tiamats.
Vier Winde stationierte er, dass nichts
Vor ihnen fliehen konnte, vor den Winden,
Vor Südwind, Nordwind, Westwind, Ostwind. In
Der Nähe seiner Seite hielt das Netz
Er, das Geschenk des Himmelsvaters Anu.
Er brachte Imhullu, den bösen Wind,
Die Wirbelwinde und den Hurrikan,
Vierfache Winde, siebenfache Winde,
Zyklone, sandte dann die Winde aus,
Die er geboren hatte, sieben Winde.
Das Innre Tiamats erhob sich da.
Den Flutsturm weckte er, die starke Waffe,
Bestieg das Sturmgefährt voll Furcht und Schrecken,
Er spannte an und spannte ein vier Rosse,
Das waren Killer, Trampler, Wilder, Schneller.
Die Lippen offen, in den Zähnen Gift.
Sie waren unermüdlich im Zerstören.
Der Peiniger zur Rechten, Schlachtenschrecken,
Der Kampf zur Linken, welcher eifrig abstößt.
Als Mantel trug den Panzer er aus Terror,
Der Turban auf dem Haupt die Gloriole.
Der Herr ging aus und folgte seinem Kurs,
Das Antlitz richtend gegen Tiamat.
Auf seinen Lippen hielt er einen Zauber,
Giftpflanze, war zu nehmen in die Hand.
Die Götter wurden über ihm gemäht,
Die Väter wurden über ihm gemäht.
Der Fürst sah an das Innre Tiamats,
Um ihres Gatten Kingu Plan zu sehen.
Er schaute aus und er verlor den Weg,
Sein Wille abgelenkt, verwirrt die Taten.
Zur Seite ihm marschierten seine Helfer,
Die Helden, ihre Sicht war sehr verschwommen.
Und Tiamat stieß aus den Schrei der Schmerzen,
Doch nicht verrenkte sie den Hals dabei,
Sie schrie mit wildem Trotz auf ihren Lippen:
Du bist zu wichtig für den Herrn der Götter,
Um gegen diesen Gott dich zu erheben!
Ist es an ihrer Stelle, wo die Götter sich
Versammeln oder ists an deinem Ort?
Der Herr erhob sich, warf den Flutensturm,
Die starke Waffe warf auf Tiamat
Und ließ wie folgend hören seine Worte:
Was bist du aufgestanden, voller Hochmut,
Du hast dein eignes Herz belastet schwer
Und hast Konflikte in der Welt geschürt.
Die Söhne lehnen ihre Väter ab!
Du, die du deine Söhne hast geboren,
Du hast der schönen Liebe abgeschworen.
Als deinen Mann hast Kingu du erwählt,
Du gabest ihm den höchsten Rang nach Anu.
Du suchst das Böse gegen König Anshar,
Du suchst das Böse gegen Götterväter.
Obwohl du deine Kraft nicht ausgebildet,
Bist du umgürtet doch mit schweren Waffen.
Lass uns einander in dem Zweikampf treffen!
Als Mutter Tiamat die Worte hörte,
War sie besessen fast und ward verrückt!
In ihrer Wut schrie laut die Mutter auf.
Sie beide zitterten an ihren Beinen.
Da sprach sie einen Zauber, einen Bannspruch,
Die Schlachtengötter schärften ihre Waffen.
Dann Tiamat und Marduk sind zusammen
Getreten, sie, die Weisesten der Götter.
Sie strebten zueinander in dem Zweikampf,
Sie waren auf dem Schlachtfeld eingesperrt.
Da breitete der Herr sein Netz aus, um
Die Mutter Tiamat damit zu fangen.
Die bösen Winde bliesen ihr ins Antlitz.
Und Tiamat tat auf den Mund, um ihn
Zu konsumieren mit den vollen Lippen.
Da fuhr er in den bösen Wind, als sie
Noch nicht geschlossen ihre Lippen hatte.
Die bösen Winde füllten ihren Bauch.
Ihr Leib war aufgebläht, ihr Mund stand offen.
Er ließ den Pfeil los, riss den Bauch ihr auf,
Zerschnitt ihr Inneres, ihr Herz zerteilend.
Nachdem sie so gedämpft ward, war sie tot.
Nachdem er Tiamat getötet hatte,
Erschüttert und gebrochen ihre Truppe,
Die Götter, die mit ihr gezogen waren,
Die zitterten vor Angst und kehrten um
Zur Rettung und Erhaltung ihres Lebens.
Umgeben dicht, sie konnten nicht entkommen.
Er machte zu Gefangenen die Götter
Und er zerstörte ihre Götterwaffen.
Geworfen waren sie ins Netz, verstrickt,
Gesperrt in Zellen, wo sie weheklagten,
Sein Zorn hat ins Gefängnis sie geworfen.
Elf Wesen, die sie eingeladen hatte,
Die ganze Bande von Dämonen, die
Auf ihrem Wege waren mitmarschiert,
Er warf in Fesseln sie und band die Hände.
Er hat mit Füßen sie in Staub getreten.
Und Kingu, der ihr Führer war gewesen,
Er band ihn, machte ihn zu einem Uggä.
Er nahm die Tafel ihm des Schicksals ab,
Die nicht rechtmäßig sein gewesen war,
Versiegelte den Ton mit einem Siegel,
Befestigte die Schrift an seiner Brust.
Als er besiegt, bezwungen seine Gegner,
Da hatte er besiegt die stolzen Feinde,
Und König Anshar siegte, triumphierte,
Der Wunsch war nun erreicht, der tapfre Marduk
War stark nun über die besiegten Gegner
Und wandte wieder sich zu Tiamat,
Gebunden lag sie da, die tote Mutter,
Und Marduk trat auf ihre schönen Beine,
Mit seinem schonungslosen Hammer hat
Zerschmettert er den Schädel Tiamats!
Als er die Adern ihres Bluts zerbrochen,
Trug sie der Nordwind an den stillsten Ort,
Wo sie im Schweigen wurde aufbewahrt.
Dies sehend, waren seine Väter fröhlich,
Sie brachten Gaben ihm der Huldigung.
Der Herr nun machte eine kleine Pause,
Den toten Körper Tiamats zu sehen,
Dass er die schönen Formen teilen konnte
Und kunstvoll seine Schöpferwerke tun.
Er spaltete wie eine Muschel sie,
Die Hälfte machte er zum Firmament.
Dann ging er durch die himmlischen Regionen.
Er ordnete die Apsu-Viertel dort
Und ordnete die Wohnstatt Nudimmuds,
Als er gemessen Apsus Dimensionen.
Die große Wohnstatt ward fixiert, Esharra,
Das Zelt Esharra an dem Firmament.
Die Götter nahmen ihre Throne ein.
FÜNFTER GESANG
Er konstruierte die Stationen für
Die großen Götter, setzte fest astrale
Abbilder wie die Sterne in dem Tierkreis.
Er legte fest das Jahr, es unterteilend,
Er legte alle Konstellationen fest
Für jeden Monat, definierte Tage
Des Jahrs mit Hilfe himmlischer Gestalten,
Er gründet die Station auch des Polarsterns
Mit Namen Nebiru und seine Grenzen,
Dass niemand in die Irre gehen könne.
Er gründet die Stationen Enlils, Eas.
Es öffnete die Tore Tiamat,
Er aber stärkt die Schleusen rechts und links,
Im Bauch der Tiamat war der Zenit.
Er ließ den Mondschein glänzen in der Nacht,
Den Mond, zu zählen Nächte, Tage, Feste,
Markierte jeden Monat, auch den Vollmond.
Am Monatsanfang, wenn er sich verbreitet,
Sechs Tage sollst mit Hörnern du bezeichnen,
Am siebten Tag ist da die halbe Krone.
So vierzehn Tage sind des Monats Hälfte,
Die Sonne überholt sich dann am Himmel,
Verringre deine Krone und dein Licht.
Der Mond verschwindet, und es läuft die Sonne,
Die Opposition erscheint nach dreißig Tagen.
Der Schild ernannt ward, um dem Weg zu folgen,
Ihm nahe, ist der Rechtsstreit zu entscheiden.
Nun Marduk hat ernannt die Sonnentage,
Vom Speichel Tiamats er schuf die Wasser.
Er schuf die Wolken, füllte sie mit Wasser.
Nun hohe Winde brachten Frost und Regen,
Der Rauch wie Nebel, oben Wolkenhaufen.
Dies alles nahm er in die eigne Hand.
Den Bergen gab er ihre Position,
Er öffnete davor die tiefe Flut,
Aus Augen floss der Euphrat und der Tigris,
Er ging und stopfte ihre Nasenlöcher,
Aus ihren Brüsten schuf er die Gebirge,
Drin bohrt er Brunnenlöcher für das Wasser.
Dann band er ihren Schwanz für Durmah fest,
Er fesselte an seinem Fuße Apsu,
Er spaltete den Schritt der Tiamat,
So wurde sie befestigt an dem Himmel,
So ward gegründet unsre Mutter Erde.
In ihrer Mitte macht er einen Durchfluss,
So hat sein Netz komplett verteilt der Gott,
So schuf den Himmel er und Mutter Erde,
So hat die Grenzen er der Welt gegründet.
Als er entworfen seine Regeln hatte
Und alle die Verordnungen gestaltet,
Er gründete die Schreine, gab sie Ea.
Die Schicksalstafeln, die er Kingu nahm,
Die Schicksalstafeln hat er ausgeführt.
Er brachte sie als Gabe zur Begrüßung
Und gab sie Anu, unserm Himmelsvater.
Die Götter, die gestritten hatten und
Zerstreut im weiten Felde worden waren,
Er führte sie zur Gegenwart der Väter.
Jetzt sind die elf Geschöpfe ganz besiegt,
Die Tiamat gemacht, die Kreaturen,
Zerschlagen ihre Waffen hatte er,
Die Waffen band er sich um seine Füße,
Er machte Statuen daraus und stellte
Sie vor dem Tor von Apsu auf und sagte:
Das Zeichen möge nie vergessen werden!
Als dies die Götter sahn, sie freuten sich,
So Lahamu und Lachmu und die Väter
Sahn zu ihm hin und Anshar auch, der König,
Begrüßte ihn, und Anu, Enlil, Ea,
Sie alle überreichten ihm Geschenke.
Mit einer Gabe machte ihn Damkina,
Die seine Mutter war, in Freunden froh,
Sie schickte Opfer, sein Gesicht ward hell.
Auch Usmi brachte ihr Geschenk geheim,
Vertraute sie der Kanzlerschaft von Apsu
Und der Verwaltung aller Schreine doch.
Zusammen neigten die Igigi sich,
Die Annunaki küssten seine Füße,
Das Zeichen ihrer Ehrfurcht zu erweisen,
Sie standen vor ihm, neigten sich und sagten:
Er ist der König! Und die Vätergötter,
Sie wurden alle satt von seinem Charme.
Und Ea und Damkina sprachen nun
Und sprachen zu den göttlichen Igigi:
Einst Marduk war nur unser lieber Sohn,
Jetzt ist er euer König, so verehrt ihn!
In einer zweiten Rede sprachen sie:
Er heiße Lugal-Dimmer-Ankia!
Die Herrschaft gaben sie an Marduk ab,
Die Formel seines Glücks dies und Erfolges:
Von nun an herrschst du in den Heiligtümern,
Was immer dein Befehl ist, wir gehorchen.
Und Marduk tat den Mund auf, Marduk sprach,
Ein Wort zu seinen Vätergöttern sagend:
Hoch überm Apsu-Süßmeer, wo ihr wohnt,
Dem Gegenstücke zu Esharra, die
Ich selbst gebaut, hab unten ich den Boden
Gehärtet, dass man darauf bauen kann,
Ich bau ein Haus mir, eine Luxus-Wohnung.
Ich werde bauen einen Tempel dort,
Ich werde seinen Innenraum errichten,
Ich werde meine Herrschaft etablieren,
Und wenn ihr aus dem Apsu-Viertel kommt
Zum Bau, verbringt die Nacht im Tempel ihr,
Dann ist er da, euch alle zu empfangen.
Wenn ihr vom Himmel kommt herab zum Bau,
Verbringt die Nacht im neuen Tempel ihr,
Dann ist er da, euch alle zu empfangen.
Ich nenne ihn mit Namen Babylon,
Das heißt, das Heiligtum der großen Götter,
Ich bau es mit Geschick des Architekten,
Ich bau es mit Geschick des Zimmermannes.
Als dieses seine Vätergötter hörten,
Sie fragten Marduk, ihren Erstgebornen:
Bei dem, was deine Hände dir erschaffen,
Wer ist der Vorstand deines Amtes dann?
Und auf dem Boden, den du selbst bereitet,
Wer wird Verwalter dann sein deiner Macht?
O, Babylon, das ist ein schöner Name,
Wir haben unsre Wohnung dort für immer!
Man soll dir bringen die Rationen täglich,
Die Opfersteuer jährlich soll man zahlen,
Soll keiner an sich reißen unsre Ämter,
Was wir bisher getan, das tun wir weiter.
Und Marduk freute sich, als er das hörte,
Und Antwort gab er auf der Götter Fragen,
Zerschlug die große Mutter Tiamat,
Dass Tiamat das Licht den Göttern zeige,
Er tat den Mund auf, schön war seine Rede:
Euch wird nun anvertraut mein Babylon.
Die Götter neigten sich und sagten dann,
Sie sagten Lugal-Dimmer-Ankia:
Einst war der Herr nur der geliebte Sohn,
Jetzt ist er unser König. Preis dem Herrn!
Er, dessen Zauber uns das Leben gab,
Er ist der Herr der Himmelsherrlichkeit,
Er trägt die Krone und er hält das Zepter.
Und Ea kennt des Architekten Weisheit
Und die Geschicklichkeit des Zimmermannes,
Gott Ea wird die Pläne vorbereiten,
Wir Götter werden seine Arbeitsmänner.
SECHSTER GESANG
Als Marduk nun das Wort der Götter hörte,
Sein Herz begann, ein Kunstwerk zu gestalten.
Er tat den Mund auf, redete zu Ea,
Den Plan zu sagen, den sein Geist empfangen:
Ich werde Blut und Knochen modellieren,
Schaff einen Wilden, Mensch wird sein sein Name.
Fürwahr, den wilden Menschen werd ich schaffen,
Er wird betraut sein mit dem Dienst der Götter,
So dass die Götter Ruhe finden können.
Der Götter Wege werde ich verändern,
Zwei Gruppen werd ich formen der Verehrten.
Und Ea gab ihm Antwort, sprach zu ihm,
Und Ea gab ihm einen andern Plan
Für die Entlastung der verehrten Götter:
Werd einer seinen Brüdern übergeben,
Er geht zugrunde, alt wird dann die Menschheit.
Die großen Götter sollen sich versammeln,
Die Frevler sollen übergeben werden,
Auf dass die Sünder ihre Strafe tragen.
Und Marduk rief die Götter zur Versammlung,
Dem Vorstand gab er gnädige Befehle.
Und seine Äußerung die Götter ehrten.
Der König sagte zu den Annunaki:
Wenn eure frühre Rede wahrhaft ist,
Erklärt jetzt Wahrheit unter meinem Eid!
Wer war es, der den Aufstand hat gekünstelt,
Wer trieb die Tiamat zur Rebellion?
Lasst ihm den Plan des Aufstands übergeben,
Ich trage seine Schuld, ihr lebt in Frieden.
Die göttlichen Igigi gaben Antwort
Dem König Lugal-Dimmer-Ankia:
Der Plan des Aufstands kam vom Dämon Kingu,
Er trieb die Tiamat zur Rebellion.
Sie banden ihn mit Fesseln fest vor Ea,
Und sie verhängten gegen ihn die Strafe
Und schnitten Adern ihm und Venen durch.
Aus seinem Blut erschufen sie die Menschheit,
Verordnet war der Mensch zum Dienst der Götter.
Der weise Ea schuf die Menschheit, dass
Die Menschheit diene den verehrten Göttern,
Das Werk war unbegreiflich, große Kunst!
Wie kunstvoll es von Marduk ward geplant,
So hat es Nudimmud gut ausgeführt.
Der Götterkönig Marduk hat geteilt
Die Annunaki oben und darunter.
Sie sollten Anus Weisungen beachten.
Dreihundert stellte er als Wächter auf.
Der Erde Wege hat er definiert.
Sechshundert Götter waren auf der Erde,
Dass sich die Himmelsgötter niederließen.
Nachdem er alle Weisungen geboten,
Den Göttern ihre Ämter zugeteilt,
Da öffneten die Götter ihren Mund
Und sprachen zu dem Gott und König Marduk:
Herr, du bist unser Retter und Befreier,
Was tun wir also, um dich anzubeten?
Wir bauen einen Schrein für deinen Namen,
Baun eine Kammer für die Ruh der Nacht,
Lass uns in Ruhe diesen Schrein besitzen!
Lasst einen Thron uns baun für unsre Wohnung!
Am Tag der Ankunft finden wir die Ruhe.
Als Marduk dieses Wort der Götter hörte,
Sein Antlitz strahlte wie der helle Tag.
Errichtet Babylon, der Götter Bauwerk,
Lasst seine Mauern ausgebildet sein.
Nennt Babylon: Das Allerheiligste!
Die Götter wandten Kraft an, dies zu schaffen.
Ein Jahr lang formte sie aus Lehm die Ziegel,
Und als das zweite Jahr gekommen war,
Da hoben sie den Kopf von Esagila,
Und Esagila, das entspricht dem Apsu.
Sie bauten einen Turm so hoch wie Apsu,
Drin war ein Raum für Marduk, Enlil. Ea.
In ihrer Gegenwart sitzt herrlich Gott.
Am Fundament er sah von seinen Hörnern.
Als das Gebäude nun errichtet war,
Die Himmelsgötter bauten ihren Schrein.
Dreihundert Igigi versammelt waren,
Der Herr war auf dem höchsten Podium,
Als seine Wohnung sie errichtet hatten,
Die Vätergötter saßen beim Bankett.
O Babylon, der Ort, der dein Zuhause!
Wir wollen lustig sein in den Bezirken
Und fröhlich wir belegen breite Plätze.
Die Götter nahmen ihre Plätze ein,
Sie gossen festliche Getränke ein
Und setzten sich zu einem Festbankett.
Und dann, nachdem sie lustig sind geworden,
In Esagila hielten sie die Riten,
Die Normen waren festgelegt, die Zeichen,
Die Götter teilten die Stationen auf
Des Himmelreiches und der Mutter Erde,
Dann setzten sich die fünfzig großen Götter.
Die sieben Schicksalsgötter schufen dann
Dreihundert große Götter in den Himmeln.
Und Enlil hob den Bogen, seine Waffe.
Die Väter sahn das Nichts, das Gott geschaffen.
Sie sahen seinen Bogen, die geschickte Form,
Die Arbeit ward gelobt, die er getan.
Und Anu sprach in himmlischer Versammlung,
Als er den Bogen küsste: Meine Tochter!
Er nannte nun wie folgt des Bogens Namen:
Das erste ist das Langholz, Recht das zweite,
Das dritte Bogenstern, im Himmel glänzend.
Gott nahm die Position ein mit den Brüdern.
Gott Anu legte fest des Bogens Schicksal,
Der Thron gegeben ward den Königsgöttern.
Und Anu setzte sich in himmlischer Versammlung.
Die großen Götter hatten sich versammelt,
Da priesen sie das gute Schicksal Marduks,
Und sie verneigten sich vorm König Marduk,
Sie sprachen miteinander einen Segen
Zur Heiligung von Wasser und von Öl
Und um das Leben vor Gefahr zu schützen.
Als sie gewährten ihm die Götterherrschaft,
Die Herrschaft über Unterwelt und Himmel,
Da prägte Anshar nun den höchsten Namen,
Und Asarluhi sprach mit diesen Worten:
So lasst uns ehren unsres Gottes Namen,
Beachten wir des höchsten Gottes Wort,
Lasst sein Kommando und das höchste sein!
Der Allerhöchste ist der Sohn, der Rächer,
Sei siegreich seine souveräne Herrschaft,
Da kein Rivale ihm vergleichbar ist.
Sei er der Hirte aller Schwarzgelockten.
Am Ende jeden Tages, unvergessen,
Lasst uns bejubeln unsres Gottes Wege!
Mög er für seine Väter Speise schaffen,
Sie sollen liefern ihre Unterstützung,
Sie neigen sich zu ihren Heiligtümern.
Er möge geben, dass man Weihrauch rieche,
Gesprochen werden weise Zaubersprüche.
So macht ein Abbild auf der Erde von
Dem Werk, das er im Himmel hat gewirkt.
Die Schwarzgelockten sollen ihn verehren,
Sie mögen immerdar im Sinne haben,
Von ihrem großen starken Gott zu sprechen,
Und mögen sie des Gottes Wort beachten
Und immerdar der Göttin huldigen.
Er gebe Brot den Göttinnen und Göttern.
So scheitert nicht, ihr Götter, unterstützt ihn!
Lasst ihre Ländereien sie verbessern
Und bauen ihre Schreine in den Tempeln.
Die Schwarzgelockten warten auf die Götter.
Was uns betrifft, von vielen Götternamen
Ist einzig Marduk unser Herr und Gott!
Lasst uns verkünden seine fünfzig Namen.
Er, dessen Wege alle herrlich sind,
Er, dessen Werke alle herrlich sind,
O Marduk, wie sein Vater ihn genannt,
Er gibt die Weise und die Ruheplätze
Der Städte und bereichert ihre Stände,
Der mit dem Flutsturm jeden Feind besiegt,
Der seine Väter rettete aus Seenot.
Der Sohn der Sonne, vor Gesundheit strotzend!
In seinem Licht kann man für immer gehen.
Die Menschen schuf er, gab den Menschen Leben,
Die Menschen schuf er zu dem Dienst der Götter,
Auf dass die Götter freier Muße leben!
Zerstörung, Schöpfung, Gnade und Erlösung,
Dies alles wird entstehn auf sein Kommando.
Kommt, Götter, zu dem König aufzublicken!
Marukka ist der Gott, der Schöpfer Aller,
Der er erfreut das Herz der Himmelsgötter,
Der er beschwichtigt sanft die Himmelsgötter.
Ja, Marutukku ist des Landes Zuflucht,
Die Zuflucht seiner Städte, seiner Menschen.
Den Retter loben laut die Leute immer.
Baraschakuschu stand und hielt die Zügel fest,
Groß ist sein Herz und seine Liebe heiß!
Und Lugaldimmerankia, so heißt er,
Den proklamieren wir in der Versammlung.
Den Göttern, seinen Vätern, er befiehlt,
Herz aller Götter ist er in dem Himmel,
Herz aller Götter ist er in der Hölle,
Der König, Götter sind ihm untertan.
O Nari-Lugaldimmerankia,
Er ist die Offenbarung aller Gottheit.
Er hilft im Himmel und er hilft auf Erden
Und hilft dem Mann in jeder Schwierigkeit.
Bei seinem Namen zittern selbst die Götter,
Sie beben und sie ziehen sich zurück.
Asaruludu ist des Königs Name,
Den Anu ihm verkündete, sein Vater.
Er ist das Licht der Götter und ihr Führer,
Er ist von Stadt und Land der treue Schutzgott,
Er rettete im Kampf uns aus der Seenot.
Asaruludu er und Namtilaku,
Der Gott, der aller Welt erhält das Leben,
Der wieder neu macht die verlornen Götter,
Als wären alle Götter seine Schöpfung.
Der Herrscher, der belebt die toten Götter
Durch die Magie der heiligen Beschwörung,
Zerstört die unberechenbaren Gegner.
O lasst uns loben seine Kunst, sein Können!
Asaruludu ist er und ist Namru,
Der lichte Gott, der unsern Weg erhellt.
Den Gottesnamen riefen Anshar und
Die Götter Lahamu und Lachmu aus.
Zu ihren Sohnesgöttern sagten sie:
Drei Namen hat der Herr in jedem Jahr,
Fromm habt ihr seinen Namen auszusprechen!
Die Götter freudig den Befehl befolgten,
In Ubshukinna lauschten sie dem Rat.
Vom Heros, von dem Sohn und von dem Rächer,
Von unserm Retter preisen wir den Namen!
Sie setzten sich in den Versammlungen,
Das Schicksal zu gestalten aller Menschen,
Sie riefen freudig Gottes Namen aus.
SIEBENTER GESANG
Asaru Marduk, Spender er des Anbaus,
Den Wasserstand zu etablieren gut,
Der Schöpfer von Getreide und von Kräutern,
Er führt die grüne Vegetation zum Sprießen.
Asarualim, der geehrte Anwalt,
Der Götter Hoffnung, der von Angst befreit.
Der Gnädige, des Vaters Licht, des Zeugers,
Der leitet die Dekrete aller Götter.
Er ist ihr Priester, der ihr Opfer zuweist,
Und sein gehörntes Käppchen gibt viel Frucht,
Vermehrt die Frucht in Multiplikationen,
Er ist der neu geschaffne König TUTU.
So lasst ihn reinigen die Götterschreine,
Auf dass sie lindern können alle Leiden.
Hört seinen Bann, auf dass die Götter ruhen.
Und sind sie zornig, ruft er sie zur Umkehr.
Er ist der Höchste der Union der Götter,
Kein Gott ist unserm Gotte ebenbürtig.
Das Leben ist er in dem Land der Götter,
Der etabliert die Götter in den Himmeln,
Groß ist sein Einfluss auf der Götter Wege,
Er wird verhüllt durch keinen dichten Nebel,
So denkt an seine Werke, Menschenkinder!
Er ist es, der die Reinigung gebracht,
Der Gott der guten Winde, Herrscher der
Verhandlungen und der Barmherzigkeit,
Er spendet Reichtum, Schätze, Überfluss,
Er hat erfüllt der Menschenkinder Wünsche,
Sie merkten seine Rettung aus der Seenot.
So lasst sie reden, singen seinen Lobpreis!
Das Volk erhebt ihn als den König Tutu,
Der Herr des Zaubers, der belebt die Toten,
Der hat Erbarmen mit besiegten Göttern,
Der er den Heiligen ihr Joch erleichtert,
Den Göttern auferlegt von ihren Feinden,
Der schuf die Menschen, um sie zu erlösen,
Der Allbarmherzige, in dessen Macht
Es liegt, des Lebens Fülle zu gewähren.
Man möge seine Werke nicht vergessen,
Die Schaffung aller schwarzgelockten Menschen,
Die seine Hände bildeten aus Lehm.
Sein Wort wird buchstabiert von unsern Mündern,
Der zaubernd hat entwurzelt alle Bösen,
Der kennt das Herz der Götter, kennt ihr Innres,
Vor dem der Frevler nicht entfliehen kann,
Der richtet die Versammlungen der Götter
Und der erfreut das Herz des Menschenkindes.
Der Retter, er befreit die Unterdrückten,
Der weit verbreitet ist als Schutz und Schirm,
Er leitet in Gerechtigkeit das Volk
Und führt hinweg die Welt von krummen Wegen,
Der Falsch und Richtig auseinander hält,
Das tiefe Schweigen ist er der Rebellen,
Verbannt das Unheil aus der Väter Körpern.
Mit Waffen er entwurzelt alle Feinde,
Vereitelt ihre Pläne und zerstreut sie,
Der löscht die Bösen aus, die vor ihm zittern.
Die Götter jubeln Lobgesänge Tutu!
Anhörung er gewährt für alle Götter,
Er ist der Götter Schöpfer, seiner Väter,
Die Feinde er entwurzelt und zerstört sie,
Frustriert der Feinde Taten, dass nichts bleibt.
Man nenne seinen Namen in den Landen!
Er ist das Wort, das lobt der Lebende,
Den Feind zerstörend, er verfolgt den Bösen,
Der bringt die Götter heim in ihre Schreine,
Die Götter sollen seinen Namen preisen!
Er, der den Feind vernichtet in der Schlacht,
Der Herr ist er, der das Gedeihen bringt,
Der Mächtige, der Göttern Namen gibt,
Der Mächtige, der bringt die Opfer dar,
Der alles regelt in dem Land der Weiden,
Der Brunnen öffnet, leitet die Gewässer.
Er ist der Herr, der Samen in das Feld streut,
Der Sämann er von Himmel und von Erde,
Der Samenreihen schafft in Ackerfurchen,
Der bildet Ackerboden in der Steppe,
Der Damm und Deich und Graben reguliert,
Der Regen den Plantagen gibt der Götter,
Der Herr der Fülle und der reichen Ernte,
Der er bereichert alle Wohnungen,
Der liefert Hirse, lässt die Gerste wachsen.
Er häuft den Reichtum an zum Wohl der Menschen,
Er gibt den Regen für die grüne Erde.
Der über Tiamat auf einem Berg steht,
Die Leiche Tiamats entführte er,
Die Länder führt er durch die treuen Hirten,
Sein Haar ist Korn, die Furche seine Kappe,
Die Meere wölben sich in seinem Zorn,
Die Brücke wölbt sich an dem Ort des Zweikampfs.
Sein Ross ist Tiamat, er ist ihr Reiter.
Er schenkt Getreidehaufen, hohe Hügel,
Bringt Korn und liefert allen Ländern Samen,
Verbürgt die Dauer hoher Götterthrone,
Er ist der Schöpfer wahrer Sicherheit,
Der Reifen, der zusammenhält das Fass,
Er, der die guten Gaben präsentiert,
Der reißt die Krone von der falschen Stelle,
Der schafft die Wolken über dem Gewässer,
Macht Wolken dauerhaft in Himmelshöhen.
Er trägt die Felder für die Götter ein,
Verteilt die Schöpfung an die Kreaturen,
Gibt Speiseopfer und errichtet Schreine.
Der Schöpfer er des Himmels und der Erde,
Der Gott, der Himmel heiligt, Mutter Erde,
Kein andrer Gott ist unserm Herrgott gleich.
Der Schöpfer ist er aller Menschenkinder,
Der macht die Regionen dieser Welt,
Zerstörte Tiamat und ihre Götter
Und schuf aus Tiamats Substanz die Menschen.
Der Herr ist er, der Tiamat frustriert
Und dessen Stiftung fest ist vorn und hinten.
Von allen er allein der Herr der Herren,
Und seine große Stärke ragt hervor,
Der überragend ist im Königshaus,
Er, der Erhabenste der Himmelsgötter.
Der König aller Götter, Herr der Herrscher,
Der überragend in der Götterwohnung,
Ist der Erhabenste der Himmelsgötter.
Berater Eas er, der Gottesweisheit,
Der Götter Schöpfer, Schöpfer seiner Väter,
Und seiner Kraft sind keine Götter gleich,
Er, dessen reine Wohnung ist im Himmel,
Der Gott, der ohne Weisheit nichts entscheidet,
Der König, dessen Kraft ist einzigartig,
Der Herr, die Stärke er des Vatergottes,
Der ward zum Obersten im Kreis der Götter,
Der fortgetragen alle aus dem Krieg,
Umfassend alle Weisheit, reich an Wissen.
Er ists, der Kingu in die Schlacht getragen,
Der Orientierung gibt den Menschen allen
Und stiftet alle Herrschaft auf der Erde,
Der Götter führt, ihr Anwalt und ihr Beistand,
Die Götter beben, wenn sein Name tönt,
In Angst wie Menschen, wenn Gewitter donnern,
Er sitzt im Hause des Gebetes vorne,
Von ihm ein jeder Gott erhält den Auftrag,
Kann keiner ohne ihn ein Kunstwerk schaffen.
Schwarzhaarige sind seine Kreaturen,
Kein andrer Gott kennt ihre Lebenszeit.
Er hält die scharfe Spitze seiner Waffe,
Der stark war in der Schlacht mit Tiamat,
Der Weisheit hat und Einsicht hat in alles,
Sein Geist so groß, kein Gott kann ihn ergründen.
Er kann den ganzen lichten Himmel decken,
Und seine guten Gnaden schweben brüllend
Und schweben über unsrer Mutter Erde,
Der er vermindert alle schwarzen Wolken,
Der liefert unten Nahrung allen Menschen.
Er ist es, der die Schicksalsgötter leitet,
Zuständig ist er für die Menschenkinder,
Der hält des Himmels Übergänge fest,
Der hält der Erde Übergänge fest,
Die Götter müssen alle auf ihn warten,
Sie können ohne ihn den Weg nicht gehen.
Er ist der Stern, der ist brillant am Himmel,
Er hält den Anfang und die Zukunft fest,
Man soll ihm huldigen mit schönen Worten,
Der siegreich mitten ging durch Tiamat
Und keine Rast und keine Ruh sich gönnte,
Gott ist sein Name, der die Mitte steuert.
Der Sterne Lauf verteidigt er am Himmel,
Er ist der Hirte aller Götterschafe,
Der Tiamat bezwingt, ihr kurzes Leben!
Denn in der Menschheit Zukunft, fernen Tagen,
Soll Tiamat zunichte werden ganz!
Der schuf den Weltraum, festigte die Erde,
Sein Name ist der Herr, der Länder Herrscher.
Als diesen Lobgesang vernommen hatte
Der Gott der Weisheit, freute sich sein Geist.
Er, dessen Name ist verherrlicht worden,
Er ist wie ich, er ist der Gott der Weisheit.
Die Opferriten möge Gott verwalten,
Ausführen soll man seine Weisungen.
Die Himmlischen verkündeten den Herrn,
Erhoben Gott zu ihrem Souverän!
NEUNZEHNTES BUCH
DIE GÖTTIN DINA
I
O Muse, sing die schönste Göttin Dina!
Die Jungfrau Dina aber, Leas Tochter,
Die Lea hatte Israel geboren,
Sie ging heraus, zu sehn des Landes Töchter.
Da aber Sichem sah die schönste Dina,
Des Hamors Sohn, der Jüngling der Heviter,
Da nahm er Dinachen und lag ihr bei
Und schwächte sie. O Gott, erbarm dich ihrer!
Und Sichems Herz hing inniglich an Dina,
Er hatte lieb das Mädchen und er sprach
Zu Dina lauter liebevolle Worte.
Und Sichem sprach zu seinem Vater Hamor:
Nimm mir zur Frau dies schönste Mädchen Dina!
Und Jakob hat erfahren, dass sein Kind
Geschändet ward, die Lieblingstochter Dina,
Und Jakobs Söhne waren mit dem Vieh
Als Hirten auf dem Felde, Jakob schwieg
Vor lauter Schmerzen, bis die Söhne kamen.
Und da ging Vater Hamor, Sichems Vater,
Heraus zu Jakob, um mit ihm zu reden.
Die Söhne Jakobs kamen von dem Felde.
Und da sie hörten von der Schandtat Sichems
Und was er ihrer Dina angetan,
Verdross es sie, und zornig wurden sie,
Da sie sehr lieb gehabt die Schwester Dina,
Sie zürnten Sichem wegen seiner Torheit,
Die er an Schwester Dinachen begangen
Und mit Gewalt hat Dina beigelegen,
Der Tochter Jakobs, Tochter Israels.
So sollte es nicht sein auf Gottes Erde!
Und Hamor sprach mit ihnen und er sprach:
Die Seele meines Sohnes Sichem sehnt
Sich sehr nach Dina! Gib sie ihm zur Frau!
Befreundet euch mit uns, ihr, Gottes Kinder,
Mit uns, den Heiden, Kindern dieser Welt,
Gebt eure Töchter uns zu Ehefrauen,
Nehmt unsre Töchter euch zu Ehefrauen,
Und wohnt bei uns als Freunde in dem Land.
Das Land soll offen sein für euch und wohnt
Im Lande der Heviter, werbt euch Frauen
Und geht zur Arbeit hier und macht Geschäfte.
Und Sichem sprach zu Jakob und den Söhnen:
O lasst uns Gnade finden doch bei euch!
Und was ihr bittet, das will ich euch geben.
Nur gebt mir Dinachen zur Ehefrau!
Da sagten Jakobs Söhne zu dem Sichem
Und seinem Vater Hamor mit Betrug,
Weil sie geschändet hatten Schwester Dina,
Und sagten ihnen: Das kann nicht geschehen,
Dass wir die vielgeliebte Dina geben
Dem Heiden, unbeschnitten an der Vorhaut,
Das wär für Gottes Kinder eine Schande.
Wir wollen aber euch zu Willen sein
Und Dina geben euch zu Frau und Tochter,
Wenn ihr uns ähnlich werdet, Gottes Söhnen,
Und alle Männer sich beschneiden lassen,
Dann geben wir euch unsre schönen Töchter
Und nehmen eure Töchter uns zu Frauen.
Dann wohnen wir als Gast bei eurem Volk
Und Juden und Heviter werden Freunde.
Wenn ihr euch aber nicht beschneiden lasst,
So nehmen wir dann unsre schönen Töchter
Und ziehn mit ihnen fort in ferne Länder.
Das Wort gefiel dem Hamor und dem Sichem.
Da wartete der Jüngling nicht und tat es
Und ließ beschneiden sich an seiner Vorhaut,
Er hatte nämlich Lust am Liebling Dina!
Da kamen Vater Hamor und sein Sohn
Nun in das Tor der Stadt und sprachen
Dort mit den Bürgern in der Stadt und sprachen:
Dies Volk ist friedlich und will bei uns wohnen
Und Frauen werben. Groß ist unser Land
Und reicht für die Heviter und die Juden.
Und unsre Töchter werden ihre Frauen
Und ihre Töchter werden unsre Frauen.
Doch wollen sie nur bei uns wohnen, wenn
Sich alle unsre Männer an der Vorhaut
Beschneiden lassen mit dem scharfen Messer,
So wie die Juden auch beschnitten sind.
Ihr Vieh und all ihr Hab und Gut wird unser,
Wenn wir uns nur beschneiden lassen, denn
Dann werden sie als Freunde bei uns wohnen.
Und alle Männer hörten auf den Hamor,
Die Männer alle in dem Tor der Stadt,
Und so beschnitten wurden alle Männer
Mit scharfem Messer an sensibler Vorhaut.
Am dritten Tage, da sie Schmerzen hatten,
Da nahmen Jakobs Söhne Simeon
Und Levi, Dinas Brüder, ihre Schwerter
Und gingen in die Stadt und sie erschlugen
Dort alle Männer, die im Stehen pissen.
Für Gott und Dina! Das war ihre Losung.
Und sie erschlugen Hamor auch und Sichem
Und nahmen ihre Schwester Dina wieder
Aus Sichems Haus und gingen dann davon.
Und alle Söhne Jakobs kamen über
Die Toten der Heviter und die Stadt
Und plünderten und nahmen Schafe, Rinder
Und Esel und das ganze Hab und Gut
Und alle ihre Weiber und die Kinder
Sie nahmen als Gefangene und riefen:
Für Gott und Dina! Heiß ist unsre Rache!
II
Sankt Dina war die Tochter Seraphias.
Als dreizehn Jahre Dina war, da las sie,
Wie man sich hingibt an den Christus Jesus,
Indem man ganz sich hingibt seiner Mutter.
Mit fünfzehn Jahren las sie die Geschichte
Der kleinen Seele, die mit zwanzig starb,
Die lehrte, alles nur zu tun aus Liebe.
Sankt Dina lernte von den Ordensschwestern,
Klavier zu spielen, sie war sehr begabt.
Die Schwestern schickten Dina nach New York,
Dass sie perfekter werde im Klavierspiel.
Sie lebte in New York bei Ordensschwestern,
Den Schwestern von Maria und von Jesus,
Sie war von deren Leben sehr beeindruckt,
Dass sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat
Nach Kanada sich diesem Orden anschloss.
Dort lehrte sie die Nonnen die Musik.
War sie als Lehrerin der Harmonie
Und der Musik an andern Orten tätig,
Dann gab sie oftmals ihren Einsatz auf,
Weil sie sehr krank und leidend war geworden.
Doch bis zu ihrem Tode blieb Sankt Dina
Die Lehrerin der Nonnen für Musik.
Im Jahre Neunzehnhundertfünfundzwanzig
Empfing Sankt Dina himmlische Visionen
Und schaute in das Reich der Ewigkeit.
So wurde sie zur Meisterin der Mystik.
Von der Äbtissin wurde sie beauftragt,
Die Offenbarungen und die Visionen
Und die Erkenntnis Gottes aufzuschreiben.
Im Jahre Neunzehnhunderteinundfünfzig
Sankt Dinas Knochen und Gebeine wurden
Gehoben und in einem Sarkophag
Gebettet, der in der Kapelle der
Maria-Jesus-Schwestern Kanadas
Verehrt wird. Die Reliquien Sankt Dinas
Sind Überreste ihrer Heiligkeit.
Ihr Buch von ihren Ewigkeitsvisionen
Ist schon in fünfzig Sprachen übersetzt.
Im Jahre Neunzehnhundertdreiundneunzig
In Rom von Papst Johannes Paul dem Großen
Sankt Dina ward zur Ehre der Altäre
Erhoben und als Selige verehrt.
Sankt Dina, bete du für uns zu Gott!
III
Der Engel Dina ist des Lernens Engel.
Schutzengel des Gesetzes und der Weisheit
Ist Dina. Als die Welt erschaffen wurde,
Da lehrte Dina alle Menschenkinder
Die zweiundsiebzig Sprachen aller Völker.
So Dina ist als wunderschöner Engel
Des Lehrens Engel und des Lernens Engel.
Ja, Dina ist der Name eines Engels.
Die Engel sind bekanntlich Boten Gottes.
Nun, Dina ist ein Engel, die uns schützt
Und die uns führt. Und Dina uns ermutigt
Nach Weisheit und nach Wissenschaft zu streben
Und Gottes Bibel fleißig zu studieren.
Ja, Dina ist die Engelin der Bibel
Und Botin femininer Weisheit Gottes.
Doch Dina, diese schönste Engelin,
Ermutigt nicht nur Menschen, nach dem Wissen
Und nach der Wissenschaft zu streben, sondern
Vor allem nach der schönen Liebe Gottes,
Und nach der Nächsten- und der Bruderliebe,
Denn höchste Weisheit Gottes ist – die Liebe!
IV
Nun meine Muse spricht Sanskrit der Weisen,
Denn im Sanskrit heißt Dina: Hilflos, klein,
Ein kleines armes Kind in seiner Demut,
In seiner Schwäche und in seiner Trauer,
Betrübt, bedürftig, eingeschüchtert, ängstlich,
So sind die Kinder in dem Tal der Tränen,
Im Jammertal, im Schattenreich des Todes.
Doch im Sanskrit der heiligen Brahmanen
Ist Dina auch die große Mutter-Gottheit.
Die Gottesmutter Dina ist die Schutzfrau
Der Armen und der Kranken und der Kleinen,
Sie ist die Mutter der Barmherzigkeit,
Und wenn du arm und hilflos bist und traurig,
Wenn deine Mutter dir gestorben ist,
Wenn dich dein eignes Kindchen hat verlassen
Und wenn dein liebster Freund dich hat verraten,
Dann wende dich zur Gottesmutter Dina,
Sie wird dich trinken lassen Milch des Trostes
Und wird dich betten zwischen ihren Brüsten.
Und wenn du leidest, wenn du traurig bist,
Dann klage du dem Vater in dem Himmel,
Gott-Vater nämlich trägt den Namen Dina,
Er ist der Vater der Barmherzigkeit.
V
Nun fragen wir die jüdischen Rabbinen
Und Magier der Astrologen-Torheit.
Zwölf Söhne hatte Jakob Israel,
Zwölf Tierkreisbilder hat der Zodiak.
Ein jedes Kindlein Israels ist eins
Der Tierkreisbilder in dem Zodiak.
Nur Josef ist kein Sternbild an dem Himmel.
Doch Dina ist die Tochter Israels,
Sie ist der Jungfrau Sternbild an dem Himmel,
Das aufgeht an dem Fünfzehnten August,
Das ist das Fest Marien Himmelfahrt.
Da Jungfrau Dina ist die Richterin,
Denn das bedeutet Jungfrau Dinas Name,
Ist recht für sie das Himmelssternbild Jungfrau,
Das einst die Griechen nach Asträa nannten.
Asträa, Göttin der Gerechtigkeit,
Den Römern die Justitia Divina,
Sie herrschte in der goldnen Vorzeit einst
Und war die Königin der ganzen Erde.
Der Mensch jedoch begann mit Krieg und Mord,
Mit Vergewaltigung und Gier nach Geld,
Da floh Asträa in den dritten Himmel.
Doch wird sie wiederkommen in der Endzeit!
Das ist die Jungfrau Dina, die wir preisen.
Und in der Offenbarung des Johannes
Erscheint Maria, stehend auf dem Halbmond,
Bekleidet einzig mit dem Licht der Sonne,
Auf ihrem Haupt der Kranz des Zodiak,
Zwölf Sterne kränzen Unsre Liebe Frau.
Und in dem Kranz der Himmelskönigin
Ist Dinas Stern der allerschönste Stern!
VI
Nun preisen wir der Kabbalisten Weisheit.
Die Herrlichkeit, die allerhöchste Schönheit,
Ist ewig herrlich, ewig wunderschön,
In ihr erscheint das ganze Reich der Engel,
Der Throne, Cherubim und Seraphim,
Und Gabriel und Michael und alle
Schutzengel aller Menschen auf der Erde.
Die Throne werden Götter auch genannt,
Die Cherubim die Engel sind der Weisheit,
Die Seraphim der heißen Liebe Engel.
Die Himmlischen erschufen sieben Himmel.
Wie ist der Name nun der Herrlichkeit?
Es ist der Schönheit Name Adonai,
Sie ist das Reich der Himmel auf der Erde.
Sie ists, von welcher alle Namen kommen,
Sie ists, die alles in der Welt erneuert.
Wie ist ihr Name? Der Allmächtige!
Sie, sie ist Gottes Wohnung in der Schöpfung,
Sie, sie ist Gottes himmlischer Palast,
Sie, sie ist Gottes Zelt und Tabernakel,
Sie, sie ist Gottes Lustort in dem Himmel,
Sie, sie ist Gottes Paradies und Lustschloss!
Von ihr hat David seine Königskrone,
Von ihr hat Salomo die Weisheit Gottes.
Sie ist die Mutter aller weisen Männer.
Sie lehrt die Bibel und die Tradition,
Sie lehrt uns die Torah und den Talmud.
Sie, unsre Meisterin und Lehrerin,
Sie ist die Nacht, die dunkle Mutter Nacht,
Sie ist der unbefleckte Spiegel Gottes.
Was schaun wir aber in der Schönheit Spiegel?
Die Mütter schaun wir in der Schönheit Spiegel!
Wir schauen Rahel mit den schönen Augen,
Wir schauen Lea mit den großen Brüsten,
Wir sehen Silpa, sehen Bilha dort,
Die Mägde der zwei Frauen Israels,
Wir sehen Jungfrau Dina in dem Spiegel!
Der Gottesschönheit unbefleckter Spiegel
Uns offenbart die Herrlichkeit von Dina!
ZWANZIGSTES BUCH
HERAKLES
ERSTER GESANG
Mein Herakles war Sohn des höchsten Zeus
Und der Alkmene, die von Gott empfing,
Die eine Enkelin des Perseus war.
Stiefvater war Amphitryon, auch er
Ein Perseus-Enkel und in Tiryns König,
Er hatte aber seine Stadt verlassen,
Und wollte wohnen in dem Tor von Theben.
Die Göttin Hera war des Zeus Gemahlin,
Sie hasste ihre Nebenbuhlerin
Alkmene, und sie gönnte ihr den Sohn nicht,
Von dessen Zukunft Zeus den Göttern sprach
Und prophezeite Großes für die Zukunft.
Als nun Alkmene Herakles geboren,
Da glaubte sie ihn vor der Göttermutter
In dem Palast nicht sicher, und so setzte
Sie ihren Knaben aus auf einem Feld,
Das heißt noch heute Feld des Herakles.
Hier wär der Knabe zweifellos verschmachtet,
Wenn nicht ein wunderbarer Zufall hätte
Geführt des Weges seine Feindin Hera,
Begleitet von Athene, Tochter Zeus.
Athene schaute an den schönen Leib
Des Kindes mit Verwunderung, erbarmte
Sich seiner und bewog die Göttin Hera,
Dem Kinde ihre Götterbrust zu reichen.
Jedoch der Knabe sog viel kräftiger
Am Busen, als sein Alter ließ erwarten.
Da fühlte Schmerzen Hera in der Brust
Und ließ den Knaben auf die Erde fallen.
Athene hob das Kind voll Mitleid auf
Und trug es in die Stadt und brachte es
Der Königin Alkmene als ein armes
Verwaistes Findelkind, das aufzuziehen
Gebot ihr göttliche Barmherzigkeit.
So war des Leibes Mutter, voller Angst
Vor der Stiefmutter, ach, bereit gewesen,
Die Pflicht der Liebe der Natur verleugnend,
Ihr Kindlein sterben bittern Tod zu lassen,
Und die Stiefmutter, voll von kaltem Hass
Auf dieses Kind, muss, ohne es zu wissen,
Den eignen Feind erretten von dem Tode.
Ja, mehr noch: Herakles an Heras Busen
Sog etwas Milch nur aus der Göttin Brust,
Doch gab die Milch ihm die Unsterblichkeit.
Alkmene aber hatte ihren Knaben
Gleich auf den ersten Blick erkannt und freudig
Den Gottessohn gelegt in seine Wiege.
Doch auch der Göttin blieb es nicht verborgen,
Wer da an ihrer Götterbrust gelegen
Und wie leichtsinnig sie verstreichen lassen
Den rechten Augenblick der Götterrache.
Da schickte sie zwei schlimme Schlangen aus,
Bestimmt, den Gottesknaben zu ermorden,
Die kamen durch die offnen Pforten in
Alkmenes süßes Schlafgemach geschlichen,
Und ehe es die Mägde des Gemaches
Und ehe es die Mutter inne wurde,
Die Schlangen wanden böse sich empor
Die Wiege und begannen, sich zu schlingen
Erwürgend um den Hals des Gottessohnes.
Der Knabe wachte auf mit einem Schrei
Und richtete das Haupt auf. Dieses Halsband
War wirklich unbequem dem Gottessohn.
Er gab die erste Probe seiner Kraft:
Denn er ergriff mit jeder Hand am Nacken
Die Schlangen und erstickte beide Schlangen
Mit einem Druck des Griffes seiner Hand.
Die Wärterinnen hatten jetzt bemerkt
Die Schlangen, aber Bangnis hielt sie ferne.
Alkmene war auf ihres Kindes Schrei
Erwacht, mit bloßen Füßen sprang sie aus
Dem Bett und stürzte Hilfe rufend auf
Die Schlangen, doch sie fand sie schon erwürgt
Von ihres Kindes Hand, des Gottessohnes.
Jetzt kamen auch die Fürsten der Thebaner,
Vom Hilferuf der Mutter aufgeschreckt,
Bewaffnet in der Fürstin Schlafgemach.
Amphitryion, der König Thebens, der
Den Stiefsohn annahm als Geschenk von Zeus,
Er liebte ihn, erschrocken kam herbei,
Das nackte Schwert in seiner rechten Hand.
Da stand er vor der Wiege, sah und hörte,
Was da geschehen war, und große Lust,
Gemischt mit Schauder heiligen Erschreckens,
Durchbebte ihn, als er erkannt die Kraft,
Die unerhörte Kraft des Neugebornen.
Er sah die Tat an als ein Wunderzeichen
Und rief den heiligen Propheten her,
Den heiligen Tiresias herbei.
Der prophezeite nun dem König Thebens,
Der Königin und allen Fürsten Thebens
Den Lebenslauf des kleinen Gottessohnes.
Wie viele Ungeheuer er auf Erden,
Wie viele Ungeheuer in den Meeren
Er werde töten, wie er mit Giganten
Im Kampfe selbst zusammen treffen werde,
Wie er besiegen werde die Giganten,
Wie ihm am Ende mühevollen Lebens
Die Ewigkeit beschieden werde bei
Den guten Göttern droben in dem Himmel,
Und wie im Himmelreiche ihn erwarte
Die Mädchengöttin Hebe als Gemahlin.
ZWEITER GESANG
Als nun Amphitryon der König hörte
Von dem erhabnen Schicksal seines Sohnes,
Wie es der Mund des Sehers ausgesprochen,
Beschloss er, die Erziehung eines Helden
Dem Sohn zu geben, darum er Heroen
Aus allen Gegenden nach Theben rief,
Den jungen Herakles zu unterrichten
In jeder Wissenschaft und jeder Kunst.
Sein Vater unterwies ihn in der Kunst,
Den Wagen mit dem Rossgespann zu lenken.
Eurytos lehrte ihn des Schützen Kunst,
Mit Pfeil und Bogen in das Ziel zu treffen.
Der Kämpfer Harpakylos lehrte ihn
Faustkämpferkunst und starker Ringer Kunst.
Und Kastor, einer der zwei Zwillinge,
Der Menschensohn, der Bruder Helenas,
Sein Zwilling Pollux war der Gottessohn,
Er lehrte ihn die Kunst, wie schwerbewaffnet
Und wohlgeordnet man im Felde fechte.
Der greise Sohn Apollons aber, Linus,
Der Dichter, lehrte ihn das Spiel der Lyra.
Der Knabe Herakles war wissbegierig,
Doch konnte strenge Härte nicht ertragen.
Der greise Linus war ein strenger Lehrer,
Ein grämlicher Erzieher, arrogant.
Als Linus einmal Herakles geschlagen,
Da griff der Knabe nach dem Saitenspiel
Und warf es seinem Lehrer an den Kopf,
Der greise Lehrer tot zu Boden fiel.
Zwar Herakles war voll von Reuetränen,
Er wurde dennoch vor Gericht gefordert.
Doch Rhadamanthys, der gerechte Richter,
Sprach frei das Kind und stellte das Gesetz auf:
Ist Totschlag eine Selbstverteidigung,
Blutrache ist verboten dann den Griechen.
Amphitryon jedoch war voller Furcht,
Sein überstarker Knabe möchte wieder
Sich Ähnliches zuschulden kommen lassen,
Und schickte darum Herakles aufs Land,
Des Königs Ochsenherden dort zu hüten.
Hier wuchs er auf, und tat sich hier hervor
Durch Größe und durch Kraft vor allen andern.
Vier Ellen war er groß, und Feuerglanz
Aus seinen Augen strömte. Niemals fehlte
Im Bogenschießen er und mit dem Wurfspieß.
Als Herakles geworden achtzehn Jahre,
War er der schönste und der stärkste Mann
Von Griechenland. Jetzt sollte sich entscheiden,
Ob er die Kräfte anzuwenden wusste
Zu guten Werken oder bösem Frevel.
DRITTER GESANG
Sing, Muse, singe Herakles am Kreuzweg!
Nun Herakles begab sich um die Zeit
Von Hirten und von Herden weg allein
In eine Gegend großer Einsamkeit
Und überlegte bei sich, welche Bahn
Des Lebens er nun einzuschlagen hätte.
Als er so sinnend saß auf einem Stein,
Sah er auf einmal zwei sehr schöne Frauen
Erhabener Gestaltung zu ihm kommen.
Die eine zeigte in dem ganzen Wesen
Den keuschen Anstand und den Seelen-Adel,
Der Körper war verhüllt in keuscher Reinheit,
Der sanfte Blick der Augen war bescheiden,
Die Haltung war von Anstand und von Sitte,
Sie trug ein langes reines weißes Kleid.
Die andere war füllig, gut genährt,
Rund ihre femininen Rundungen
Und üppig ihre Brüste, die entblößten,
Die Lippen waren scharlachrot geschminkt,
Sie ging auf Stiefeln stolz mit hohem Absatz,
Die Augen waren groß und schauten lockend,
Das transparente Kleidchen, kurze Röckchen
Mehr offenbarte ihres Körpers Nacktheit.
Die Augenblitze schauten auf sich selbst,
Dann schaute sie, ob andre sie verehrten,
Oft sah sie aus nach ihrem eignen Schatten.
Als beide schönen Frauen näher kamen,
Die Reine ging gerade vor sich her,
Die Süße überholte sie und trat
Zum Jüngling Herakles und sprach ihn an:
Mein Herakles, ich sehe, dass du fragst,
Auf welchem Lebensweg du wandern sollst.
Du wähle mich zu deiner treuen Freundin,
So führ ich dich gemütlich breite Straßen,
Da lässt du keine Wollust ungenossen,
Um Krieg und Arbeit musst du dich nicht kümmern,
Du iss nur fettes Fleisch und fette Saucen
Und trinke süßen Saft und klaren Rauschtrank,
Den Augen du gewähre nackte Mädchen
Und deinem Ohr harmonische Musik,
Nachts schläfst du gut im weichen Bett,
Und alle die Genüsse geb ich dir
Und Geld dazu, das musst du nicht verdienen,
Und deine Hausarbeit tun andre dir.
Ich werde niemals körperliche Arbeit
Dir auferlegen, und des Geistes Wissen
Komm ich, dir einzuflößen in den Träumen.
Wenn du mein Freund bist und mein liebster Schatz,
Wird dir die Erde schon zum Paradies!
Als Herakles vernahm die süßen Worte,
Da sprach er voll Verwunderung und Staunen:
O tolles Weib! Wie aber ist dein Name?
Sie sagte: Meine Freunde nennen mich
Die Göttin und die Königin der Lust!
Doch meine Feinde, die mich kränken wollen,
Sie nennen mich die stadtbekannte Hure.
Nun war die andre Frau herzu getreten.
Sie sprach: Ich komme, lieber Herakles,
Ich kenne deinen Vater Zeus, den Gott,
Ich kenne auch Alkmene, deine Mutter,
Ich weiß auch, dass du gut erzogen wurdest
Und dass du früh um Tugend dich bemühtest
Und um die Frömmigkeit der alten Weisen.
Dies alles gibt mir Hoffnung, Freund, für dich.
Du würdest, gehst du meinen schmalen Pfad,
Ein Meister aller sieben Tugenden
Und reiner Spiegel der Gerechtigkeit.
Doch nicht, um dir Genüsse vorzugaukeln,
Komm ich, nein, mit der Götter ernsten Wahrheit.
Was gut ist, lobenswert und eine Tugend,
Das muss man sich mit Mühe selbst verdienen.
Willst du, dass dir die Götter gnädig sind,
Verdiene dir die Gnade durch Verehrung.
Und möchtest du, dass dich die Freunde lieben,
So werde nützlich du dem Freund und Bruder.
Willst du, dass dich des Staates Herrschaft ehre,
So diene du nur fleißig dem Gemeinwohl.
Willst du im schönen Griechenland berühmt sein,
So gib dein Bestes nur mit aller Kraft.
Willst du, dass man verehrte deine Tugend,
Wohltäter sei und Retter in der Not.
Willst siegen du im Streite mit den Feinden,
So lerne du die Weisheit auch der Kriegskunst.
Willst du des Leibes Leidenschaft beherrschen,
So zähm ihn durch Verzicht und durch Entsagung.
Hier fiel die süße Hure ihr ins Wort:
Du führst den schmalen Pfad voll Dornen ihn,
Dass er voll Schmerz besteig des Berges Gipfel,
Doch meine breite Straße ist voll Rosen,
Ich führe ihn ins Rosenbett der Lust!
Du Arme, sprach die tugendhafte Dame,
Wie könntest etwas Gutes du verheißen?
Kennst du denn eine wahre Herzensfreude
Und die Glückseligkeit des Seelengipfels?
Bevor dich hungert, frisst du schon dein Fleisch,
Bevor dich dürstet, säufst du schon den Rauschtrank,
Um deines Gaumens Appetit zu reizen,
Suchst du die raffinierten Köche auf,
Um deine Trunksucht zu befriedigen,
Füllst du den Keller an mit alten Weinen,
Im Sommer gehst spazieren du im Grünen
Und suchst den Schnee zur Kühlung deiner Hitze,
Kein Liebeslager ist dir weich genug,
Nachts saufen deine trunkenen Genossen,
Am Tage schlummern sie auf weichem Sofa,
Die jugendlichen Narren tanzen trunken
Und kauen Epheu des Dionysos,
Im Alter müssen klagen sie voll Reue,
Dass sie vom Epheu den Verstand verloren.
Du selbst, ob auch die Königin der Lust,
Der Wollust Göttin, göttlichen Geschlechts,
Bist von dem Gott der Götter doch verworfen
Und bist verachtet von den ernsten Weisen.
Dagegen ich verkehre mit den Göttern,
Dagegen ich verkehre mit den Weisen.
Ich bin die fromme Muse wahren Dichtern,
Das Ideal der Schönheit frommen Künstlern.
Hausvätern bin ich eine treue Schutzfrau,
Voll Kraft bin ich die Hilfe auch der Mägde.
Ich steh dem Staate bei, der Freund des Friedens,
Bin Helm und Schild und Schirm im Kriege gegen
Die bösen Mächte, ich bin die Genossin
Der Freundschaft, und mein frommes Abendmahl
Und Bacchus Kelch bekommen meinen Freunden.
Die Jüngeren erfreuen sich des Beifalls
Der Alten, und die Alten finden Ehre
Und Anerkennung bei den Jugendlichen.
Die Alten denken in dem Alter freudig
An ihre guten Werke in der Jugend
Und finden Trost an ihrer Altersweisheit,
Geliebt sind sie von Freundinnen und Freunden,
Geachtet als des Vaterlandes Ruhm.
Und kommt der Tod, so sinken sie nicht ruhmlos
In Lethes Nächte der Vergessenheit,
Gefeiert werden sie noch von der Nachwelt,
Sie blühn im Angedenken aller Zeiten.
Zu solchem Leben, junger Herakles,
Entschließe dich mit aller Willenskraft,
Und vor dir liegt der Seele Seligkeit!
VIERTER GESANG
Die schönen Frauen waren nun verschwunden
Und Herakles war wieder ganz allein.
Er war entschlossen zu dem Weg der Tugend.
Auch fand er bald Gelegenheit zum Guten.
Denn Griechenland war voll von Wald und Sümpfen,
War voll von wilden Löwen, wilden Ebern,
Durchstreift von vielen wilden Ungeheuern.
Das Land von diesem Ungetier zu säubern
Und zu befreien von den frechen Räubern,
War Arbeit manches heiligen Heroen.
Auch Herakles war dieses Werk bestimmt.
Er war zurückgekehrt zu seiner Mutter,
Da hörte er, dass auf dem Berg Kithäron,
An dessen Fuß des Königs Herde graste,
Ein wilder Löwe hauste. Nach den Worten
Der junge Heros war zur Tat entschlossen.
Er stieg bewaffnet in das Waldgebirge,
Bezwang den Löwen mit der bloßen Faust,
Und warf das gelbe Löwenfell sich um
Und setzte sich den Rachen auf als Helm.
Als er nun von der Jagd war heimgekehrt,
Da traf er Boten von dem Minyer-König,
Dem König Erginos, der den Tribut
Von Theben in Empfang zu nehmen kam.
Da Herakles sich von der Frau der Tugend
Geweiht zum Anwalt sah der Unterdrückten,
So überwand er bald die dreisten Boten,
Die sich Misshandlungen erlaubt am Land,
Und schickte sie mit Stricken um den Nacken
Verstümmelt zu dem Könige zurück.
Der König Erginos verlangte nun von Theben,
An ihn den Übeltäter auszuliefern.
Und König Kreon, König der Thebaner,
War voller Furcht vor drohender Gewalt,
Und war geneigt, zu tun des Feindes Willen.
Da sammelte sich Herakles ein Häuflein
Von Jünglingen, die bittern Herzens waren,
Mit ihm dem Feind entgegen nun zu gehen.
In keinem Bürgerhaus gabs ein Waffe,
Entwaffnet hatte Erginos die Stadt,
Damit nicht Theben einen Aufstand mache.
Da rief Athene zu sich Herakles
In ihren Tempel, und sie rüstete
Den Heros aus mit ihren eignen Waffen,
Die Knaben aber griffen zu den Waffen
Des Tempels, zu Athenes Weihgeschenken.
So ausgerüstet, zog der Heros nun
Mit seiner kleinen Schar dem Feind entgegen
Und traf die Minyer dann an einem Engpass.
Hier nützte nichts dem Feind der Rüstung Macht,
Und in der Schlacht fiel König Erginos,
Des Königs Heerschar wurde aufgerieben.
Doch im Gefecht war auch Amphitryon,
Stiefvater Herakles‘, im Kampf gefallen.
Gleich nach dem Kampfe eilte Herakles
Nach Orchomenos, nach der Minyer Hauptstadt,
Drang zu den Toren ein, die Burg verbrennend.
Ganz Griechenland bewunderte die Tat,
Und der Thebaner König Kreon gab,
Um das Verdienst des jungen Manns zu ehren,
Megara, seine Tochter, ihm zur Ehe,
Drei Söhne sie gebar dem Herakles.
Alkmene, seine Mutter, aber nahm sich,
Die Witwe, einen zweiten Ehemann,
Nahm den gerechten Richter Rhadamanthys.
Die Götter selbst beschenkten den Heroen:
Gott Hermes gab dem Herakles ein Schwert
Und Gott Apollon gab ihm Pfeil und Bogen,
Der Gott Hephästos einen goldnen Köcher,
Athene gab ihm einen Waffenrock.
FÜNFTER GESANG
Nun Herakles fand bald Gelegenheit,
Den Göttern seine Dankbarkeit zu zeigen.
Denn die Giganten waren alte Riesen
Mit schrecklichen Gesichtern, langen Haaren
Und langen Bärten und geschuppten Schwänzen
Von bösen Drachen statt der Menschenfüße,
Ja, Monster, die geboren hat die Erde,
Die Mutter Gaia, für den Uranos,
Den Gatten, für den Vater in den Himmeln,
Die wurden aber von der Mutter Erde
Zur Rebellion erzogen gegen Zeus,
Der Götter Gott, den neuen Weltenherrscher,
Weil dieser ihre ältern Söhne, die
Titanen, in den Tartaros verstoßen.
Sie brachen aus der Unterwelt hervor,
Dem Erebos, der lag in dem Gefilde
Von Phlegra in Thessalien. Aus Furcht
Vor ihrem Anblick sind erblasst die Sterne,
Um Phöbus drehte um den Sonnenwagen.
So geht nun hin und rächt die alten Götter,
Sprach Mutter Erde, an Prometheus frisst
Der Adler und an Tityos der Geier,
Der starke Atlas muss den Himmel tragen
Und die Titanen liegen da in Ketten.
Geht, Söhne, rächt die alten Göttersöhne!
Gebrauchet meine eignen Glieder, nämlich
Die Berge, baut sie auf zu Treppenstufen,
Der Mutter Erde Berge nehmt als Waffen!
Ersteigt nun die gestirnten Himmelsburgen!
Typhöus, reiße du dem Herrscher Zeus
Den Zepter und den Blitz aus seiner Hand,
Du, Enkelados, nimm dich an des Meeres,
Vertreib den blaugelockten Posidaon,
Und Rhötus soll dem Sonnengotte Phöbus
Entreißen seiner Sonnenpferde Zügel,
Porphyrion erobre das Orakel
Zu Delphi, wo die Pythia orakelt!
Die Riesen jubelten bei diesen Worten,
Als hätten sie den Sieg schon längst errungen,
Als schleppten sie schon den Poseidon oder
Den Ares im Triumph einher und zerrten
Apollon an dem goldnen Lockenhaar,
Der eine nannte Kypris seine Gattin,
Der andre wollte Artemis sich nehmen,
Der dritte wollte freien die Athene.
So nun von den thessalischen Gebirge
Sie zogen aus, den Himmel zu erstürmen.
Indessen Iris rief, die Götterbotin,
Die Himmlischen zusammen im Olymp,
Und alle Götter, die in Wassern wohnen,
Und auch die Manen aus dem Totenreich,
Persephone verließ ihr Schattenreich,
Der König auch der Schweigenden fuhr auf,
Lichtscheue Pferde trugen ihn empor.
Wird eine Stadt belagert, und die Bürger,
Von allen Seiten laufen sie zusammen,
Die gute Burg der Heimat zu beschirmen,
So kamen auch die vielgestalten Götter
Am Vaterherd im Himmelreich zusammen.
Vereinte Götter, sprach sie Jove an,
Ihr seht, wie Mutter Erde sich verschworen
Mit ihren neuen Söhnen gegen uns.
Auf, sendet ihr den Leichenberg hinunter,
So viel, wie sie uns Söhne schickt hinauf!
Als so der Göttervater hat geendet,
Ertönte die Posaune von dem Himmel,
Und Gaia drunten gab mit Beben Antwort.
Und die Natur geriet in großes Chaos,
In Chaos wie am ersten Schöpfungstag,
Denn die Giganten rissen einen Berg
Und einen zweiten Berg aus ihren Wurzeln
Und schleppten dann den Ossa-Berg herbei,
Den Pelion, den Öta und den Athos,
Sie brachen auch das Rhodope-Gebirge
Mit seiner klaren Hebrosquelle ab,
Auf dieser Treppe von Gebirgen nun
Empor sie stiegen zu dem Göttersitz
Und fingen an, mit Eichen-Feuerbränden
Und Felsenbrocken den Olymp zu stürmen.
Nun ward den Göttern weiland prophezeit,
Dass keiner von den Himmlischen besiegen
Kann die Giganten, Mutter Gaias Söhne,
Die sterben nur, wenn in dem Kriege kämpft
Ein Menschensohn von einer Menschentochter.
Auch Gaia brachte dieses in Erfahrung
Und suchte darum auch nach der Arznei,
Die ihre Söhne machte unverwundbar
Im Götterkrieg mit einem Menschensohn.
Und es war wirklich solch ein Kraut gewachsen,
Doch Zeus kam ihr zuvor, und er verbot
Der Morgenröte, Sonne auch und Mond,
Zu scheinen, während Gaia in dem Dunkel
Gesucht, schnitt Zeus die Kräuter eilig ab
Und ließ dann Herakles, den Gottessohn
Und Menschensohn, durch die Athene rufen,
Am großen Götterkriege teilzunehmen.
Auf dem Olymp war schon der Streit entbrannt.
Und Ares hatte seinen Kriegeswagen
Mit Rossen, welche laut gewiehert haben,
Gelenkt hinein in dichte Schar der Feinde.
Sein goldner Schild als Feuer heller brannte,
Die Mähne seines Helmes schimmernd flattert.
Im Kampfgetümmel er durchbohrte den
Giganten Peloros, des Füße waren
Zwei Schlangen. Dann er überrollte mit
Dem Wagen des gefallnen Feindes Glieder
Zermalmend. Aber erst als Herakles
Erschien, der war auf den Olymp gestiegen,
Der Feind aushauchte seine beiden Seelen.
Und Herakles sah um sich auf dem Schlachtfeld,
Erkor ein Ziel sich seines straffen Bogens,
Sein Pfeilschuss streckte nieder Alkyneus,
Der also gleich in Abgrundstiefen stürzte,
Doch als berührt er seinen Heimatboden,
Mit neuer Lebenskraft erhob sich wieder.
Nun auf den Rat der göttlichen Athene
Stieg Herakles hinab und schleppte ihn hinweg
Bis über des Geburtslands feste Grenzen,
Sowie der Riese stand auf fremder Erde,
Entfuhr der Atem ihm und fuhr zur Hölle.
Jetzt ging Porphyrion in frecher Stellung
Auf Herakles und Hera gleichfalls zu,
Um einzeln mit den Herrlichen zu kämpfen.
Zeus flößte ihm da ein Verlangen ein,
Der Göttin schönes Angesicht zu schauen,
So zerrte er an Heras weißem Schleier,
Da traf ihn ‚Zeus mit seinem Donnerhammer,
Da tötete ihn vollends Herakles
Mit einem Pfeil von dem gespannten Bogen.
Nun rannte aus der Schlachtenreihe der
Gigant mit Namen Ephialtes vor,
Die Augen funkelten und blitzten scharf.
O das sind helle Ziele meinen Pfeilen,
Sprach Herakles und lachte Himmelslachen
Und wandte sich zum kämpfenden Apollon,
Und Gott Apollon schoss das linke Auge
Und Herakles das rechte Auge aus.
Eurytus aber schlug Dionysos
Mit seinem Thyrsosstab von Pinie nieder,
Ein Hagel warf von heißen Eisenschlacken
Den Klytios zu Boden von der Hand
Hephästos‘, auf Enkelados geschleudert
Athene hat Sizilien, die Insel,
Der Riese Polybotes ward verfolgt
Von Posidaon übers blaue Meer,
Er flüchtete nach Kos, jedoch der Meergott
Ein Stück riss von der schönen ‚Insel ab,
Bedeckte mit dem Inselstück den Feind.
Und Hermes, mit dem Helm des Pluton auf
Dem Kopf, erschlug den Riesen Hippolytos,
Zwei andre Feinde trafen mit den Keulen
Die Parzen. Alle andern schmetterte
Gott Zeus mit seinem Donnerhammer nieder
Und Herakles erschoss sie mit den Pfeilen.
Für diese Heldentaten ward dem Halbgott
Von allen Himmelsgöttern Huld zuteil.
Zeus-Vater nannte die der Schar der Götter,
Die ausgefochten haben diesen Krieg,
Olympier, um durch den Ehrennamen
Die Hohen von dem Mob zu unterscheiden.
Olympier, den Namen auch bekamen
Zwei Menschensöhne, von dem Weib geboren,
Olympier, Dionysos und Herakles.
SECHSTER GESANG
Vor der Geburt des Heros Herakles
Zeus sprach im Rat der Götter, dass der erste
Der Enkel des Heroen Perseus, welcher
Geboren werden würde, sollte sein
Beherrscher aller andern Perseus-Erben.
Und diese Ehre hatte Vater Zeus
Dem Sohne der Alkmene zugedacht,
Dem Herakles, dem Sohn des Vaters Zeus.
Doch Göttin Hera war voll Hinterlist,
Sie gönnte diese große Ehre nicht
Dem Sohne ihrer Nebenbuhlerin,
So kam sie ihm zuvor, und ließ Eurystheus,
Der auch ein Enkel war des Helden Perseus,
Das Licht der Welt erblicken früher als
Zeus‘ Sohn im Schoß der seligen Alkmene.
So ward Eurystheus König zu Mykene
In dem Argiverland, und Herakles,
Geboren später, ward ihm unterworfen.
Eurystheus aber sah mit großer Sorge
Den Heldenruhm des jüngeren Verwandten,
Und so berief er ihn als seinen Knecht,
Verschiedne Heldentaten zu vollbringen
Und Arbeiten im Dienste seines Königs.
Doch Herakles, er wollte nicht gehorchen.
Doch Zeus befahl dem eignen Gottessohn,
Dem König der Argiver treu zu dienen.
Der Halbgott ungern sich entschloss, der Diener
Von einem Sterblichen zu sein, er ging
Nach Delphi zum Orakel des Apollon
Und dort befragte er die Pythia,
Die gab zur Antwort ihm, die von Eurystheus
Erschlichne Herrschaft sei jetzt von den Göttern
Gemildert, so dass Herakles nur noch
Zehn Werke tun zu hätte für den König,
Die dieser ihm befehlen würde, und
Wenn er die Werke allesamt vollbracht:
Dann wirst du teilhaft der Unsterblichkeit.
Darüber fiel der Held in tiefe Schwermut,
Denn einem Niedrigern zu dienen, das,
Das widerstrebte seinem Selbstgefühl,
Das däuchte unter seiner Würde ihm,
Doch Zeus, dem Götterherrn, nicht zu gehorchen,
Erschien ihm unheilbringend und unmöglich.
Den Augenblick ersah sich Göttin Hera,
Aus deren Geist des Herakles Verdienste
Um all die Götter nicht getilgt den Hass,
Und sie verwandelte des Helden Schwermut
In psychische Erkrankung, in den Wahnsinn,
So dass er den Verstand verlor und seinen
Geliebten Neffen Iolaos wollte
Ermorden, aber als entfloh der Neffe,
Erschoss der Held im Wahn die eignen Knaben,
Die ihm Megara schön geboren hatte,
Im Wahn, sein Bogen ziele auf Giganten.
Es währte Jahre, bis er von dem Wahnsinn
Ward wieder frei, und als er zur Erkenntnis
Des Irrtums kam, da ward er voller Kummer,
Bekümmert über dies sein schweres Unglück,
Verschloss sich in sein Haus, ging nicht hinaus,
Vermeidend den Verkehr mit andern Menschen.
Die Zeit jedoch, sie linderte den Kummer,
Und da entschloss er sich, den Arbeitsauftrag
Des Königs doch zu übernehmen, kam
Zum Könige nach Tiryns, wo er herrschte.
SIEBENTER GESANG
Nun sollte Herakles das Fell des Löwen,
Des Löwen von Nemea holen. Der
Bewohnte das Peleponnes-Gebirge,
War in den Wäldern zwischen Kleonai
Und dem nemäischen Gefilde in
Der Landschaft Argolis. Der Löwe konnte
Mit keiner Menschenwaffe überwunden
Und totgeschlagen werden. Dieser Löwe
War Sohn des Riesen Typhon und der Schlange
Echidna, oder fiel vom Mond herab.
So Herakles zog gegen diesen Löwen,
Den Köcher mit den Pfeilen auf dem Rücken,
Den straffen Bogen in der linken Hand,
Die Ölbaumkeule in der rechten Hand.
Den Ölbaum für die Keule hatte er
Selbst auf dem Helikon-Gebirg getroffen
Und mit den Wurzeln allen ausgerissen.
Als er nun in den Wald kam von Nemea,
Ließ Herakles umher die Augen schweifen,
Um zu entdecken dieses wilde Tier,
Bevor er selber wird erblickt vom Tier.
Schon war es Mittag. Aber nirgends konnte
Bemerken er die Spuren dieses Löwen
Und keinen Pfad zu seinem Lager sehen,
Auch keinen Menschen traf er auf dem Feld
Bei seinen Stieren oder in dem Wald
Bei seinen Bäumen an, denn alle Menschen
Hielt große Angst verschlossen in den Höfen.
Nach Mittag Herakles durchstreifte einsam
Den dicht belaubten Hain, entschlossen, nun
Die ganze Stärke zu erproben, wenn
Er sehen würde dieses Ungeheuer.
Doch gegen Abend kam der Löwe an
Auf einem Waldweg, um von seinem Fang
Zurück zu kehren in die Erdenspalte,
Er war von heißem Fleisch und Blut gesättigt
Und Kopf und Brust und Mähne troffen rot
Von Mord, die Zunge legte sich am Kinn.
Der Held, der ihn von ferne kommen sah,
Verbarg sich schnell in dichtem Waldgebüsch
Und wartete, bis näher kam der Löwe,
Und schoss ihm einen Pfeil in seine Flanken,
Doch das Geschoss drang nicht ins feste Fleisch,
Es prallte wie von einem Steine ab
Und flog zurück und fiel ins Moos des Bodens.
Das Tier hob seinen Kopf, den blutigen,
Und ließ die Augen rollen und im Rachen
Die spitzen Zähne sehen. So der Löwe
Dem Halbgott streckte seine Brust entgegen,
Der schickte eilig einen zweiten Pfeil ab,
Ihn in den Sitz des Atems so zu treffen,
Doch das Geschoss drang nicht durch seine Haut,
Es prallte von der Brust des Löwen ab
Und fiel zu dieses Ungeheuers Füßen.
Und Herakles griff nach dem dritten Pfeil,
Als ihn der Löwe sah, er zog den Schwanz
Bis zu den Kehlen seiner Hinterknie,
Sein ganzer Nacken schwoll von heißem Zorn,
Er murrte, und es sträubte sich die Mähne,
Und krumm ihm ward der Rücken wie ein Bogen.
Er sann auf Kampf und ging mit einem Sprung
Dem Feind entgegen. Aber Herakles
Warf seine Pfeile aus der Hand und von
Dem Rücken warf er ab sein Löwenfell,
Und mit der Rechten schwang er seine Keule
Dem Tiere überm Haupt und schlug ihm hart
Den Nacken, dass er mitten in dem Sprung
Zu Boden stürzte und zu stehen kam
Auf seinen Füßen, welche zitterten,
Mit seinem Kopfe wackelnd. Ehe er
Aufatmen konnte, kam ihm Herakles
Zuvor, der Bogen warf und Köcher nieder,
Um ungehindert sich dem Tier zu nahen,
Er schlang die Arme um des Löwen Nacken
Und schnüre ihm mit Macht die Kehle zu,
Bis er erstickte und die böse Seele
Hinunter sandte in den finstern Hades.
Doch Herakles versuchte lang vergebens,
Die Haut des toten Löwen abzuweiden,
Sie wich dem Eisen nicht und nicht dem Stein.
Da kam dem Helden endlich in den Sinn,
Die Haut des Löwen mit des Löwen Klauen
Selbst abzuziehen, was sogleich gelang.
Und später Herakles verfertigte
Aus diesem Fell des Löwen einen Panzer
Und aus dem Rachen einen neuen Helm.
Für jetzt er aber nahm nur Kleid und Waffen,
Wie er gekommen war, zu sich zurück
Und machte auf den Rückweg sich nach Tiryns,
Das Fell des Löwen hängend überm Arm.
Als nun Eurystheus ihn sah kommen so
Mit diesem Fell des grimmen Ungeheuers,
Geriet er über solche Kraft des Helden
In große Angst und kroch in einen Topf.
Auch ließ er Herakles fortan nicht mehr
Ihm kommen unter seine Augen, sondern
Er ihm erteilte fürstliche Befehle
Durch einen Boten draußen vor der Mauer.
Der Bote Kopreus war ein Sohn des Pelops.
Nun sollte Herakles die Hydra töten,
Die Tochter der Echidna und des Typhon.
Sie war in Argolis, im Sumpf von Lerna
Erwachsen, pflegte auf das Land zu kommen,
Die Herden zu zerreißen und das Feld
Gewaltsam zu verwüsten, maßlos groß
War sie, neun Köpfe hatte diese Schlange,
Acht Schlangenköpfe waren aber sterblich,
Der neunte Kopf der Schlange war unsterblich.
Dem Kampf ging Herakles mit Mut entgegen,
Er stieg auf einen Wagen, sein geliebter
Verwöhnter Neffe Iolaos, Sohn
Des Bruders Herakles‘, des Iphikles,
Der lange Zeit sein treuer Freund gewesen,
Der setzte sich als Rosselenker hin,
Und so ging es im Flug auf Lerna hin.
Nun ward die Hydra sichtbar auf dem Hügel
Beim Quell der Amymone, dort befand sich
Der Hydra Höhle. Hier ließ Iolaos
Die Pferde halten, Herakles sprang ab
Und zwang mit Schüssen dann von Feuerpfeilen
Die Schlange, ihren Winkel zu verlassen.
Und zischend kam hervor die böse Schlange,
Neun Hälse schwankten aufgerichtet stolz
Auf ihrem Leib, wie Äste in dem Sturm.
Doch Herakles ging unerschrocken ihr
Entgegen, packte kräftig sie und hielt sie,
Sie schlang sich da um einen seiner Füße,
Ließ sich auf weitre Gegenwehr nicht ein.
Mit seiner Keule er zerschmetterte
Die Köpfe ihr, doch kam er nicht zum Ziel,
Denn war ein Kopf zerschlagen, wuchsen zwei
Hervor an gleicher Stelle. Und der Hydra kam
Zu Hilfe auch ein Riesenkrebs, der fasste
Den Helden gar empfindlich an dem Fuße.
Doch Herakles hat diesen Krebs getötet
Mit seiner Keule und rief Iolaos
Zu Hilfe in dem Kampfe mit der Schlange.
Der hatte eine Fackel schon gerüstet,
Er zündete damit den nahen Wald an,
Und mit dem Brande überfuhr er die
Neu aufgewachsnen Schlangenköpfe und
So hinderte er sie, hervor zu treiben.
Auf diese Weise ward der Heros Meister
Der Schlangenköpfe, und er schlug der Hydra
Den neunten Kopf auch ab, der war unsterblich,
Den Kopf begrub dann Herakles am Wege
Und wälzte einen schweren Stein darüber.
Den Rumpf der Hydra spaltete der Held,
Die Pfeile tauchte er ins Blut der Schlange,
Das giftig war. Seit dem des Helden Pfeile
Mit Gift der Schlange schlugen Todeswunden.
Nun sollte Herakles die Hirschkuh fangen,
Lebendig fangen Kerynitis, dies
War eine Hirschkuh voller Herrlichkeit,
Die trug ein goldenes Geweih am Haupt
Und Eisenfüße, und sie weidete
An einem Hügel in Arkadien,
Die eine war der sieben Hindinnen,
An welchen Artemis zuerst geprobt
Die Jagdkunst. Diese Hirschkuh von den sieben,
Die hatte Artemis zurück gelassen
In ihre Heimat in den grünen Wäldern,
Weil es vom Schicksal so beschlossen war,
Dass Herakles sie einmal jagen sollte.
Ein ganzes Jahr verfolgte er die Hirschkuh,
Er kam auf dieser Jagd zu den Germanen,
Kam an die Quelle auch des Flusses Ister
Und holte endlich ein die goldne Hirschkuh
Am Flusse Ladon nah der Stadt Önoe,
Am Berg der Artemis, der Jungfraungöttin.
Dort konnte er des Tiers nur Meister werden,
In dem mit einem Pfeil er ihre Füße lähmte.
Dann trug er sie auf seinen Heldenschultern
Durchs heilige Arkadien. Da traf
Er Artemis, die ging dort mit Apollon,
Die schalt ihn, dass er diese goldne Hindin,
Die ihr geweiht war, habe töten wollen.
Das war nicht Übermut, sprach Herakles,
O große Jungfraungöttin Artemis,
Doch das gebot mir die Notwendigkeit,
Wie könnte sonst bestehn ich vor dem König?
Und so versöhnte er die Jungfraungöttin
Und trug das Tier lebendig nach Mykene.
ACHTER GESANG
Nun ging es an die vierte Unternehmung,
Den Eber von dem Berge Erymanthos,
Der ebenfalls der Artemis geheiligt,
Lebendig auszuliefern nach Mykene,
Der er des Berges Gegenden verwüstet.
Auf seiner Wanderung zum Abenteuer
Einkehrte Herakles beim jungen Pholos,
Der war ein Sohn des trunkenen Silenus.
Und Pholos, einer der Zentauren, der
Halb Mensch, halb Pferd war, er empfing ihn freundlich
Und setzte Herakles den Braten vor,
Dieweil er selber rohes Fleisch verzehrte.
Doch Herakles begehrte zu der Mahlzeit
Ein stärkendes Getränk von rotem Wein.
Mein lieber Gast, sprach Pholos zu dem Helden,
Es liegt ein Fass voll Wein in meinem Keller,
Doch dieser Wein gehört nur den Zentauren,
Ich will das Weinfass lieber nicht eröffnen,
Zentauren fragen wenig nur nach Gästen. -
Du öffne gutes Mutes nur das Weinfass,
Sprach Herakles, und ich verspreche dir,
Dich gegen jeden Angriff der Zentauren
Mit Fäusten zu verteidigen. Mich dürstet! -
Es hatte aber dieses Weinfass Bacchus,
Der Gott des Weines, übergeben einem
Zentauren mit dem göttlichen Befehl,
Das Fass nicht eher zu eröffnen, als
Bis Herakles in dieser Gegend einkehrt.
So ging denn Pholos in des Weines Keller.
Kaum hatte er geöffnet dieses Weinfass,
Da rochen die Zentauren schon den Duft
Des starken, hundert Jahre alten Weines,
Und sie umringten, haufenweise kommend,
Mit Felsen und mit Fichten Pholos‘ Höhle.
Die ersten, die es wagten, einzudringen,
Die jagte Herakles zurück mit Feuer,
Die andern er verfolgte mit den Pfeilen
Bis nach Malea, wo der alte Chiron,
Zentaur und Freund des Herakles, zuhause.
Zu diesem flüchteten die Stammesbrüder.
Als sie mit Chiron grad zusammen trafen,
Schoss Herakles den Pfeil ab, in den Arm
Von einem fliehenden Zentauren treffend
Und treffend leider auch des Chiron Knie,
Da blieb der Pfeil im Pferdeschenkel stecken.
Jetzt erst erkannte Herakles den Freund
Aus seinen Jugendtagen, lief hinzu,
Bekümmert, zog den Pfeil aus seinem Schenkel
Und legte eine Medizin ihm auf,
Die Chiron selbst gemischt als kluger Arzt.
Jedoch die Wunde war vom Gift der Hydra
Durchdrungen, und die Wunder war unheilbar.
Und Chiron ließ sich bringen in die Höhle
Und wünschte, in des Freundes Arm zu sterben.
Vergeblich war der Wunsch! Der Arme hatte
Da nicht bedacht, dass er unsterblich war,
Dass er unsterblich war zu seiner Qual.
Nun Herakles nahm vom Gequälten Abschied,
Versprechend, dass er schickt den Heiland Tod!
Als Herakles von der Verfolgung der
Zentauren in des Freundes Höhle kehrte,
Da fand er Pholos, seinen liebevollen Wirt,
Er fand ihn tot. Der hatte noch aus einem
Zentauren-Leichnam einen Pfeil gezogen
Und sich gewundert, dass solch kleiner Pfeil
Zentauren nieder werfen konnte, da
Entglitt ihm das Geschoss mit seinem Gift
Aus seiner Hand und fuhr ihm in den Fuß
Und raubte auf der Stelle ihm das Leben.
Da war nun Herakles zutiefst betrübt
Und er begrub ihn ehrenvoll und legte
Ihn unter einen Berg, der Pholoe
Genannt wird, seit dort Pholos liegt begraben.
Dann ging er weiter auf die Jagd des Ebers
Und trieb denselben mit Geschrei heraus
Aus Waldes Dickicht und verfolgte ihn
Ins tiefe Schneefeld, fing hier den Erschöpften
Mit einem Strick und bracht ihn nach Mykene.
Drauf schickte ihn Eurystheus fort zur Arbeit,
Unwürdig eines gottgezeugten Helden.
Den Viehhof sollte er des Augias
An Einem Tag befreien von dem Mist.
In Elis war der Augias ein König
Und hatte viele Herden, Klein- und Großvieh.
Sein Vieh stand nach der Art der Alten da
In einem Zaune nahe dem Palast.
Dreitausend Rinder hatten da gestanden
Und hatten große Mengen Mist gemacht,
Der sich in langen Jahren aufgehäuft.
Den sollte Herakles zu seiner Schmach
An Einem Tage räumen von dem Hof.
Als nun der Heros trat zu Augias
Und nichts erwähnte von Eurystheus‘ Auftrag
Und sich zu dem genannten Dienst erbot,
Maß Augias die herrliche Gestalt
In seiner Löwenhaut und musste lachen,
Er dachte, dass ein solcher edler Krieger
Nicht so gemeinen Knechtsdienst wollen kann.
Indessen dachte Augias bei sich:
Der Eigennutz hat manchen schon verführt,
Vielleicht will er sich nur an mir bereichern.
Das aber wird dem Manne wenig helfen.
Ich kann ihm aber einen Lohn versprechen,
Wenn er den Stall ausmistet, denn er hat
An Einem Tag nicht viel hinaus zu bringen.
Und darum Augias sprach nun getrost:
Hör, Fremdling, wenn du kannst den Stall ausmisten,
So geb ich dir den zehnten Teil der Herde. -
Da ging der Held auf die Bedingung ein.
Der König aber dachte nun nicht anders,
Als dass der Heros gleich zu schaufeln anfing.
Doch Herakles rief erst den Jüngling Phyleus,
Den Sohn des Augias, der sollte Zeuge
Des abgeschlossenen Vertrages sein.
Nun riss der Held den Grund des Hofes um
Und leitete Alpheios und Peneios
Durch einen breiteren Kanal herbei
Und ließ die Flüsse spülen fort den Mist.
Und so vollzog er seinen Auftrag, ohne
Zu einer Handlung zu erniedern sich,
Unwürdig eines gottgezeugten Heros.
Als aber Augias davon erfuhr,
Dass Herakles gehandelt hat im Auftrag
Des Königs von Mykene, weigerte
Er sich, den Lohn zu zahlen, leugnete,
Dass er den Zehnten ihm versprochen habe.
Doch er erklärte sich bereit, den Streit
Dem richterlichen Spruch anheim zu stellen.
Und als die Richter saßen nun beisammen,
Zu fällen ein gerechtes Urteil, da
Trat Phyleus auf, vom Helden aufgefordert,
Und zeugte gegen seinen eignen Vater.
Doch Augias erwartete den Spruch nicht,
Befahl dem Fremdling und dem eignen Sohn,
Das Königreich von Elis zu verlassen.
Nun kehrte Herakles zu Abenteuern
Zurück zum König von Mykene. Der
Nun schickte ihn ins sechste Abenteuer,
Die grausen Stymphaliden zu verjagen.
Dies waren ungeheuer Vögelräuber,
Wie Kraniche, jedoch mit Eisenflügeln,
Mit Eisenschnäbeln und mit Eisenklauen.
Sie hausten um den See von Stymphalos
Im herrlichen Arkadien und konnten
Abschießen ihre Federn scharf wie Pfeile
Und mit den Schnäbeln Panzer ganz durchbohren,
Sie richteten in der Umgebung Schaden
Und Unheil unter Vieh und Menschen an.
Nun Herakles des Wanderns war gewohnt,
Er kam nach kurzer Reise bei dem See an,
Der von Gehölz umschattet ruhte still.
In diesem Wald war eine Schar der Vögel,
Die bangten, von dem Wolf geraubt zu werden.
Nun Herakles stand ratlos da und dachte,
Wie er so viele Feinde kann besiegen.
Auf einmal fühlt er einen leichten Schlag
Auf seiner Schulter, hinter sich erblickte
Er strahlend schön die göttliche Athene,
Die gab zwei große Eisenklappern ihm,
Die ihr Hephästos einst verfertigt hatte.
Athene lehrte nun den Herakles,
Wie er die Klappern zu gebrauchen habe,
Und dann verschwand die Jungfrau Tochter Zeus.
Und Herakles bestieg den sanften Hügel
Nah an dem See und schreckte auf die Vögel,
Indem er laut zusammen schlug die Klappern.
Die Vögel hielten diesen Lärm nicht aus
Und flogen furchtsam aus dem Wald hervor.
Darauf griff Herakles zu seinem Bogen
Und sandte Pfeil um Pfeil aus in die Lüfte,
Schoss viele Vögel aus dem Flug herunter.
Die andern Vögel flohen diese Gegend,
Nie wieder kamen heim die Stymphaliden.
NEUNTER GESANG
Der König Minos in dem schönen Kreta
Versprach Poseidon, ihm ein Tier zu opfern,
Was da zuerst auftauche aus dem Meer,
Denn Minos sprach, dass er kein Tier besitze,
Das würdig sei zu einem solchen Opfer.
Da ließ der Gott auftauchen einen Stier,
Den schönsten, aus dem purpurroten Meere.
Den König aber da verleitete
Die herrliche Gestalt des Tieres, das
Er da mit seinen eignen Augen sah,
Es zu verstecken unter seiner Herde
Und einen andern Stier dem Gott zu opfern.
Darüber war erzürnt der Meeresgott,
Und er ließ diesen Stier wahnsinnig werden,
Der richtete Verwüstung an auf Kreta.
Den Stier zu bändigen und ihn zu bringen
Zum Herrn Eurystheus, ward dem Herakles
Als siebte seiner Taten aufgetragen.
Als er mit diesem Plan nach Kreta kam
Und trat vor König Minos, war der König
Erfreut, den Stier, den Unhold, loszuwerden,
Ja, König Minos half dem Herakles,
Den Stier in seinem Wahnsinn einzufangen,
Da hat die Heldenkraft des Herakles
Den Stier in seinem Wahnsinn so gebändigt,
Dass er von einem Schiff sich tragen ließ
Den ganzen Weg nach dem Peleponnes.
Mit diesem Werk zufrieden war Eurystheus,
Er ließ jedoch den Stier, nachdem er ihn
Für eine Zeit mit Lust betrachtet hatte,
In seiner Herrengroßmut wieder frei.
Als nun der Stier nicht mehr im Banne war
Des Herakles, da kehrte ihm zurück
Die alte Raserei des wilden Wahnsinns,
Er irrte einsam durch Lakonien
Und durch Arkadien und streifte über
Den Isthmos ins berühmte Marathon
In Attika und dort verheerte er
Das Land, wie er in Kreta einst getan.
Erst König Theseus später es gelang,
Herr über diesen irren Stier zu werden.
Als achte Arbeit trug der Vetter nun
Dem Helden auf, des Diomedes Stuten
Zu bringen nach Mykene. Diomedes
War Sohn des Ares, König der Bistonen,
Das war ein ziemlich kriegerisches Volk.
Er hatte Stuten, die so wild und stark,
Dass man an Eisenkrippen sie gebunden
Mit Eisenketten. Ihre Nahrung war
Nicht Hafer, sondern Fleisch der Fremdlinge,
Die in die Stadt des Königes gekommen
Zu ihrem großen Unglück, diese wurden
Den Stuten vorgeworfen, und ihr Fleisch
Den wilden Rossen diente als ihr Futter.
Als Herakles nun angekommen, wars
Sein erstes, diesen König selbst zu greifen
Und ihn den eignen Stuten vorzuwerfen,
Nachdem er überwunden hat die Wächter,
Die standen bei den Krippen aufgestellt.
Durch diese Speise wurden zahm die Stuten,
Er trieb sie an des Ozeans Gestade.
Doch die Bistonen kamen schwerbewaffnet,
Da musste Herakles mit ihnen kämpfen.
Er gab die zahmen Stuten seinem Liebling
Abderos, Hermes‘ Sohn, sie zu bewachen.
Als Herakles war fortgegangen, kam
Die Stuten wieder ein Gelüst nach Fleisch
Von Männern an. Und so fand Herakles,
Der die Bistonen in die Flucht geschlagen
Und war zurückgekehrt, den jungen Liebling
Abderos von den Stuten ganz zerrissen.
Und er betrauerte den jungen Liebling
Und baute ihm zu Ehren eine Stadt,
Abdera, die des Lieblings Namen trug.
Er zähmte wieder dann die wilden Stuten
Und kam mit ihnen glücklich zu Eurystheus,
Der weihte sie der Königin des Himmels,
Der Göttin Hera mit den Lilienarmen.
Der Stuten Kinderlein und Kindeskinder
Noch lebten lange fort, und Alexander
Der Große ritt auf eben solchem Pferd.
Nachdem nun Herakles vollbracht das Werk,
Er schiffte ein sich mit dem Heer des Jason
Nach Kolchis, um das Goldne Vließ zu holen.
Von langer Irrfahrt dann zurückgekehrt,
Der Heros unternahm die Reise gegen
Die Amazonen, um das neunte Werk
Zu tun, das Wehrgehenk der Amazone
Zu bringen zu Eurystheus, Hippolytes.
Die Amazonen wohnten in der Gegend
Des Flusses Thermodon im Pontus-Lande
Und waren ein ergrimmtes Volk von Frauen,
Die Krieg und Arbeit starker Männer taten.
Von ihren Kindern sie erzogen nur
Die Töchter. Und vereint in wilden Scharen
Sie zogen aus zum Kriege mit den Männern.
Und Hippolythe, ihre Königin,
Sie trug als Zeichen ihrer Herrscherwürde
Den Gürtel, den sie selbst vom Gott des Krieges
Erhalten zum Geschenk. Und Herakles
Versammelte die Kampfgenossen alle
Auf einem Schiff und fuhr ins Schwarze Meer,
Lief in die Mündung ein des Thermodon
Und in die Hafenstadt der Amazonen,
Das schöne Themiskyra. Hier kam ihm
Die Amazonenkönigin entgegen.
Die Schönheit Herakles‘ sah sie mit Achtung,
Als sie erkundet, warum er gekommen,
Versprach sie ihm den Gürtel. Aber Hera,
Die unversöhnte Feindin Herakles‘,
Nahm die Gestalt an einer Amazone
Und mischte in die Menge sich der andern
Und streute das Gerücht aus, dass ein Fremder
Entführen wollte ihre Königin.
Da schwangen sich die Frauen auf die Pferde
Und griffen an den Halbgott in dem Lager,
Das vor der Stadt er aufgeschlagen hatte.
Die Amazonen fochten mit den Kriegern
Und machten eine schwere Schlacht des Kampfes.
Die erste, die den Kampf mit ihm begann,
Das war Aella oder schnelle Windsbraut,
Sie fand an Herakles den schnellsten Gegner,
Sie musste weichen, ward auf schneller Flucht
Von ihm gefangen und dann hingemetzelt.
Die zweite fiel schon bei dem ersten Angriff.
Und dann kam Prothoe, die dritte, die
Im Zweikampf siebenmal gewonnen hatte.
Nach ihr erlagen weitere, darunter
Die Jagdgenossinnen der Artemis,
Sonst immer mit dem Wurfspieß treffend,
Nur dieses Mal verfehlten sie ihr Ziel,
Vergebens unter ihrem Schild sich deckend,
Erlagen sie dem Wurfgeschoss des Helden.
Alkippe fiel, die sie geschworen hatte,
Ihr Leben lang zu bleiben unvermählt,
Sie hielt den Schwur, am Leben blieb sie nicht.
Auch Melanippe ward, die Führerin
Der Amazonen-Schar, gefangen, da
Sie alle flohen. Und die Königin,
Die schöne Hippolythe, gab den Gürtel
Heraus, wie sie versprochen vor dem Krieg.
Und Herakles nahm an das Lösegeld
Und gab dafür die Melanippe frei.
Auf seiner Rückfahrt auch bestand der Held
Ein Abenteuer an der Küste Trojas.
Hesione, des Laomedon Tochter,
Sie saß an einen Fels gebunden und
Zum Fraße ausgesetzt des Ungeheuers.
Dem Vater Laomedon hatte einst
Poseidon Trojas Mauern aufgerichtet
Und doch dafür den Lohn noch nicht erhalten,
Darum verwüstete das Ungeheuer
Das Land von Troja, bis dass Laomedon
Dem Ungeheuer preisgab seine Tochter.
Als Herakles vorüber fuhr an Troja,
Da rief zu Hilfe ihn der arme Vater,
Versprach, ihm für die Rettung seiner Tochter
Die schönsten Pferde ihm zu schenken, die
Einst König Zeus geschenkt hat seinem Vater.
Der Heros legte an und wartete
Aufs Ungeheuer. Als es kam, den Rachen
Aufsperrend, um die Jungfrau zu verschlingen,
Das sprang der Heros in des Untiers Rachen,
Zerschnitt dem Untier alle Eingeweide
Und stieg aus dem Getöteten hervor
Als wie aus einer finstern Mördergrube.
Doch Laomedon hielt sein Wort nicht. Da
Fuhr Herakles mit bösem Fluch davon.
ZEHNTER GESANG
Als Herakles den Gürtel Hippolythes
Eurystheus hingelegt vor seine Füße,
Da gönnte dieser doch ihm keine Rast,
Er schickte wieder ihn zu neuer Arbeit,
Des Riesen Geryones Rinder soll
Er schaffen ihm herbei. Der Riese saß
Auf Erythia in dem Meeresbusen
Von Cadix, eine Herde schöner Rinder
Besaß er dort, die ihm ein andrer Riese
Geweidet und ein Hund mit Doppelkopf.
Sehr groß war Geryones, hatte
Drei Körper und drei Köpfe und sechs Arme,
Sechs Füße. Nimmer hat ein Sohn der Erde
Sich je an ihn gewagt. Doch Herakles
Es wagte. Er bereitete sich vor.
Es war bekannt, dass Geryones Vater
Mit Namen Chrysaor und das heißt Goldschwert
Sehr großen Reichtum hatte, König war
Iberiens, dass außer Geryones
Drei tapfre Riesensöhne für ihn stritten
Und jeder Sohn ein großes Heer besaß.
Eurystheus gab dem Herakles die Arbeit,
Er hoffte, dass der Halbgott auf dem Kriegszug
Ins fremde Land sein Leben lassen müsse.
Doch Herakles ging den Gefahren nicht
Erschrockener entgegen als den andern
Geschäften seines großen Heldentums.
Er sammelte die Heere sich auf Kreta,
Das er von wilden Tieren ganz befreit,
Und landete zuerst in Libyen.
Hier rang er mit dem Riresenmann Antäos,
Der immer wieder neue Kraft erhielt,
So oft berührte er die Mutter Erde,
Doch Herakles hielt ihn in freier Luft
Und drückte in den Lüften ihn zu Tode.
Er trieb aus Libyen die wilden Tiere,
Er hasste wilde Tiere wie die Sünder,
Die Ebenbilder gottvergessnen Herrschers,
Der ihn in seiner Erdenzeit geplagt.
Nach einer langen Wanderung durch öden Wüsten
Der Held kam in ein fruchtbares Gebiet.
Er gründete die Stadt mit hundert Toren,
Das ungeheure Hekatonmpylos.
Dann kam er an den Ozean Atlantik,
Da stand er gegenüber von Gandira.
Die beiden Säulen dort des Herakles
Errichtet wurden von dem Halbgott selber.
Die Sonne brannte da entsetzlich heiß,
Und Herakles ertrug nicht mehr die Hitze,
Er richtete die Augen auf zum Himmel
Und drohte ihm mit aufgehobnem Bogen,
Den großen Helios herab zu schießen.
Doch Helios bewunderte den Mut
Des Helden und verlieh ihm, fort zu kommen,
Er reichte ihm dazu die goldne Schale,
In welcher Helios die Strecke fuhr
Vom Sonnenuntergang im Abendlande
Zum Sonnenaufgang in dem Morgenland.
Auf dieser Schale fuhr nun Herakles
Von Afrika hinauf an Spaniens Küste,
Wohin ihn seine Flotte auch begleitet.
Hier fand er die drei Söhne Chrysaors,
Drei große Heere auch, nah bei einander,
Er aber tötete die Führer alle
Im Zweikampf und eroberte das Land.
Dann kam er auf die Insel Erythia,
Wo Geryones mit den Rindern hauste.
Sobald der Hund mit seinem Doppelkopf
Gewahrte seine Ankunft, sprang er auf
Und rannte gegen Herakles, allein
Der Held empfing den Hund mit einem Knüppel,
Erschlug ihn und dazu den Rinderhirten,
Der da dem Hund zu Hilfe war gekommen.
Dann eilte mit den Rindern er davon,
Doch Geryones holte ein den Helden,
Es kam zu einem schweren Kampf im Feld.
Und Hera selbst erschien, die Königin
Des Himmels und der Erde, half dem Riesen,
Der Held schoss einen Pfeil ihr in die Brust,
Da floh die Himmelskönigin verwundet.
Und auch des Riesen Körper, alle drei,
Empfingen hier den Todespfeil und starben.
Und Herakles auf seinem Rückweg noch
Vollbrachte glorreich andre Heldentaten,
Zu Land trieb er die Rinder durch Iberien
Und durch Italien, dieses schöne Land.
Bei Rhegium im unteren Italien
Entlief ein Ochse ihm von jener Herde,
Der setzte übers Meer hin nach Sizilien.
Die andern Ochsen trieb der Held ins Wasser
Und schwamm, indem er einen Stier am Horn hielt,
Auch nach Sizilien hinüber. Dann
Nach manchen andern Taten kam der Held
Glückselig durch Italien und Illyrien
Und Thrakien nach Griechenland zurück
Und kam so siegreich auf dem Isthmos an.
Jetzt hatte Herakles zehn große Werke
Vollbracht, Eurystheus doch ließ zwei nicht gelten,
So musste sich der Herrliche bequemen,
Zwei weitre Heldentaten zu verrichten.
Einst bei dem, Hochzeitsfest von Zeus und Hera,
Als alle Götter ihre Gaben brachten,
Da wollte auch die Mutter Erde Gaia
Dem Hochzeitspaare ihre Gabe bringen,
Sie ließ am Westgestad des großen Weltmeers
Aufwachsen einen ästereichen Baum
Voll Goldner Äpfel, von den Hesperiden
Bewacht, den Jungfraun aus der Mutter Nacht,
Den Wärterinnen dieses Apfelgartens,
Den auch bewachte noch ein großer Drache
Mit hundert Köpfen, Ladon, Sohn des Phorkys,
Des Vaters vieler Ungeheuer, und
Der erdgeborenen, der Jungfrau Keto.
Kein Schlaf kam je in dieses Drachen Augen,
Ein fürchterliches Zischen kündete
Des Drachen Nähe, seine hundert Kehlen
Vernehmen ließen schreckliche Geräusche.
Dem Drachen, so war der Befehl Eurystheus‘,
Nun sollte Herakles die goldnen Äpfel
Der Jungfraun Hesperiden nehmen fort.
Der Halbgott machte sich auf seinen Weg,
Auf einen langen, abenteuervollen,
Auf dem er sich dem Zufall überließ,
Er wusst nicht, wo die Hesperiden wohnten.
Zuerst gelangt er nach Thessalien,
Dort hauste Termeros, der böse Riese,
Der alle Reisenden zu Tode rannte.
Doch an des Halbgott Stirn zersplitterte
Der Kopf des Riesen. Weiter zog der Held
Zum Flusse Echedoros, da kam ihm
Ein andres Ungeheuer in den Weg.
Und das war Kyknos, Sohn von Ares und
Pyrene. Diesen fragte nun der Halbgott
Nach jener Hesperiden Apfelgarten,
Statt eine Antwort ihm zu geben aber,
Der Kyknos forderte den Helden auf
Zum Zweikampf, und so wurde er erschlagen.
Da ist erschienen Ares selbst, der Gott,
Den Sohn zu rächen. Herakles sah sich
Gezwungen, mit dem Gott des Kriegs zu kämpfen.
Kronion wollte nicht, dass seine Söhne
Ihr Bruderblut vergießen, und ein Blitz
Des Höchsten trennte diese beiden Kämpfer.
Der Heros schritt nun durch Illyrien,
Er eilte übers Wasser Eridanos,
Kam zu den Nymphen dann von Zeus und Themis,
Die an den Ufern dieses Stromes wohnten.
An sie nun richtete der Held die Frage,
Wo sei der Hesperiden Apfelgarten.
Du gehe zu dem alten Stromgott Nereus,
War ihre Antwort, der ist ein Prophet,
Weiß alle Dinge. Überfalle ihn
Im Schlaf und binde ihn, er wird gezwungen
Auf diese Art, den rechten Weg zu zeigen.
Und Herakles befolgte diesen Rat,
Bemeistert sich des Gottes dieses Flusses,
Der aber, wie er immer es gewohnt,
Verklärte sich in mancherlei Gestalten.
Doch Herakles ließ ihn nicht eher los,
Bis er erkundet, wo in dieser Welt
Der Hesperiden goldne Äpfel waren.
Belehrt darin, durchzog er Libyen
Und der Ägypter Land, Busiris herrschte
Im Lande der Ägypter, Sohn Poseidons
Und Lysianassas, Braut des Meeresgottes.
Neun Jahre war im Land die Teuerung,
Da sprach ein zyprischer Prophet das Wort,
Dass enden wird die Dürre, wenn dem Zeus
Alljährlich wird ein fremder Mann geschlachtet.
Busiris machte drum den Anfang mit
Dem zyprischen Propheten selbst zum Dank.
Allmählich fand Busiris ein Gefallen
An diesem Menschenopfer, schlachtete
Viel Fremde, welche nach Ägypten kamen.
So wurde denn auch Herakles ergriffen
Und ward geschleppt zu dem Altar des Zeus.
Er aber riss entzwei die Eisenketten,
Erschlug Busiris und Busiris‘ Sohn
Und alle Priester dieser Menschenopfer.
Der Held zog weiter, manches Abenteuer
Erlebend. Er befreite den Prometheus,
Denn der rebellische Titan Prometheus
War angekettet an dem Kaukasus.
Und Herakles kam in das Land, wo Atlas
Die Last des Himmels trug auf seinen Schultern,
In dessen Nähe war der Apfelbaum,
Der von den Hesperiden ward gehütet.
Prometheus hatte Herakles geraten,
Nicht selbst die goldnen Äpfel sich zu rauben,
Nein, Atlas solle ihm die Äpfel stehlen.
Dafür bot Herakles dem Atlas an,
Des Himmels Last an seiner statt zu tragen.
Und Atlas stimmte zu. Und Herakles
Hob mit den Schultern auf das Firmament.
Und Atlas ging und schläferte den Drachen
Des Apfelbaumes ein und tötete
Den Drachen, überlistete die Jungfraun,
Die Hesperiden, kam zurück mit Äpfeln,
Drei Äpfeln von dem Baum der Hesperiden,
Und kehrte glücklich heim zu Herakles.
Doch, sprach er, meine Schultern spürten wohl,
Wie schwer die Last des Himmels ist zu tragen.
Ich möchte nicht den Himmel länger tragen.
Er warf vor Herakles die Äpfel hin
Und ließ ihn mit der Last des Himmels stehen.
Nun musste Herakles auf Klugheit sinnen.
So lass mich, sprach er zu dem Himmelsträger,
Ein Kissen mir auf meinen Schädel legen,
Dass nicht der Himmel drücke allzu schwer
Und jene Last nicht mir zersprengt das Hirn. -
Der Heros Atlas fand die Bitte recht
Und stellte sich erneut dem Himmel unter,
Auf kurze Zeit nur, das war seine Meinung.
Doch lange konnt er auf den Halbgott warten
Bis Herakles ihn von der Last erlöse.
Da wurde der Betrüger zum Betrognen.
Der Halbgott hob die Früchte auf vom Rasen
Und ging mit einem frohen Lied davon.
Er brachte nun die Äpfel dem Eurystheus,
Der wollt den Helden aus dem Wege räumen,
Doch das gelang dem schlimmen Vetter nicht,
Er gab die Äpfel Herakles zurück,
Der legte sie auf den Altar Athenes,
Die Göttin aber wusste, dass die Äpfel
Gehörten in den Hesperiden-Garten
Und brachte zu den Jungfraun sie zurück.
Statt seinen Nebenbuhler zu vernichten,
Die Werke, die Eurystheus aufgetragen,
Die hatten Herakles ja nur verherrlicht
In dem Beruf, vom Schicksal angewiesen,
Ein Segen für die Sterblichen zu sein,
Vertilger aller Sünden auf der Erde.
Das letzte Abenteuer aber sollte
In der Region bestehn, wohin den Helden
Die Kraft des Helden nicht begleiten würde,
So hoffte es der König voller Arglist:
Ein Kampf mit finstrer Macht der Unterwelt
Stand ihm bevor: Er sollte Kerberos,
Den Hund der Hölle, aus dem Hades holen.
Drei Köpfe hatte dieser Hund mit Rachen,
Aus denen immer Gift und Geifer troff,
Ein Drachenschwanz hing ihm vom Leib herunter,
Das Haar der Köpfe und des Rückens waren
Geringelte und gifterfüllte Schlangen.
Sich für die Reise zu befähigen,
Ging Herakles zur Stadt Eleusis in
Dem attischen Gebiet, wo eine Lehrer
Von Oberwelt und Unterwelt gehegt
Ward von den weisen Priestern. Herakles
Ward eingeweiht vom Mann Eumolpos in
Die dortigen Geheimnisse. Im Tempel
Ward er entsühnt vom Mord an den Zentauren.
So mit geheimer Kraft, der Furchtbarkeit
Der Hölle zu begegnen, ausgerüstet,
Er wanderte in den Peloponnes
Zur Stadt Tainaros, wo die Mündung war,
Die in die Unterwelt hinunter führte.
Begleitet nun von Hermes Psychopompos
Stieg er hinab und kam zur Unterwelt
Und nahte dort der Stadt des Königs Pluto.
Die Schatten vor dem Tor der Hadesstadt
Ergriffen gleich die Flucht, als Fleisch und Blut
Sie sahen, nur Medusa, die Gorgone,
Und Meleagers Geist sind stehn geblieben.
Nach jeder wollte Herakles nun schlagen,
Doch Psychopompos fiel ihm in den Arm,
Belehrte ihn darüber, dass die Seelen
Der Toten bloße Schattenbilder seien
Und nicht verwundbar seien von dem Schwert.
Mit Meleagers Seele unterhielt sich
Der Halbgott freundlich und empfing von ihm
Den Gruß an seine Schwester Deianira.
Ganz nahm beim Tor des Hades angekommen,
Erblickte Peirithoos er und Theseus.
Der Peirithoos war mit anderen
Als Freier der Persephone gekommen.
Doch Pluto, wegen ihres frechen Freiens,
Er hatte sie an jenen Stein gefesselt,
Wo sie sich müde hatten hingesetzt.
Als beide sahen nun den Freund und Halbgott,
Da streckten flehend sie die Hände aus
Zu ihm und zitterter vor letzter Hoffnung,
Durch seine Kraft die Oberwelt erneut
Erschaun zu können. Herakles griff Theseus
Bei seiner Hand, befreit ihn von den Fesseln
Und richtete den Mann vom Boden auf,
Wo er gessselt hatte lange Zeit gelegen.
Doch der Versuch, auch Peirithoos zu
Befrein, misslang, da da die Erde anfing,
Zu beben unter der Heroen Füßen.
Nun Herakles erkannte Askalaphos,
Der einst verraten, dass Persephone
Im Hades die Granaten aufgegessen,
Die ihr die Rückkehr in das Licht verwehrten,
Er wälzte nun den Stein, den Demeter
In der Verzweiflung über ihrer Tochter
Verlust auf ihn geworfen hatte zornig.
Der Halbgott kam nun zu des Pluto Herden,
Da schlachtete er eines seiner Rinder,
Die Schattenseelen mit dem Blut zu tränken,
Dies wollte nicht der Hirte dieser Rinder,
Menötios, er forderte den Helden
Zum Ringkampf auf. Da fasste Herakles
Ihn mitten um den Leib, zerbrach die Rippen,
Gab ihn auf Bitten Kores wieder frei.
Am Tor der Totenstadt stand König Pluto
Und wehrte ihm den Eintritt. Doch der Pfeil
Des Herrn durchbohrt die Gottheit an der Schulter,
Dass er die Qual der Sterblichen empfand,
Und als der Halbgott mit Bescheidenheit
Nun bat, den Höllenhund ihm mitzugeben,
Da widersetzte er sich länger nicht.
Doch forderte der König als Bedingung,
Dass Herakles des Hundes mächtig werde,
Und ohne seine Waffen zu gebrauchen.
So ging der Held, allein mit seinem Harnisch
Bedeckt und seinem Löwenmantel, hin,
Das Untier einzufangen. Und er fand ihn
Am Mund des Acheron leicht hin gekauert,
Nicht achtend auf das Bellen dreier Köpfe,
Das wie ein tausendfacher Donner tönte,
Nahm er die Köpfe zwischen seine Beine,
Umschlang den Hals mit seinen starken Armen,
Ließ ihn nicht los, obgleich der Schwanz des Tieres,
Der eine Schlange war, sich aufwärts bäumte,
Die Schlange biss den Helden in den Penis.
Er hielt den Nacken fest des Ungetümes
Und würgte ihn so lange, Bis er Herr
Und Meister war geworden über ihn,
Da hob er auf den Hund und bei Trözen
Er tauchte glücklich wieder in dem Licht auf.
Als Kerberos das Tageslicht erblickte,
Entsetzte sich der Rüde und fing an,
Den Geifer von sich auszuspeien, Gift,
Von dem der Eisenhut gewachsen ist.
Der Halbgott brachte nun das Ungeheuer
Zum staunenden Eurystheus, der es sah,
Nicht trauend seinen eignen Augen. Jetzt
Verzweifelte der König an dem Plan,
Den vielgehassten Sprössling von Kronion
Je loszuwerden, gab sich in sein Schicksal,
Entließ den Helden, der den Höllenhund
Herauf gebracht hat aus der Unterwelt.