Rituale
Rituale
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Inhalt:
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(5.) Schlußbemerkungen 25
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(1.) Zu dieser Dokumentation
Wir freuen uns, die 8. Ausgabe der Schriftenreihe des ask vorlegen zu
können. Hierzu gilt unser besonderer Dank wieder den Referenten.
Prof. Dr. Jörg Baur und Prof. Dr. Wolfgang Schlüter haben uns ihre
Vorträge schriftlich ausgearbeitet zur Verfügung gestellt. Sabine Karutz
hat als Vorstandsmitglied durch die Tagung geführt und den Einstieg in
das Thema angeleitet. Dank ihrer Arbeit während der Tagung und in der
Nachbereitung können wir mit dieser Dokumentation wieder den Verlauf
und wichtige Ergebnisse unserer Jahrestagung festhalten.
Das Thema „Rituale – Fluch oder Rettung?“ folgt sozusagen organisch
dem Thema der letzten ask-Jahrestagung, die unter der Fragestellung
„Wieviel Sicherheit(en) braucht der Mensch?“ stand. Rituale können dem
Menschen, der sie praktiziert, Sicherheit geben.
Anhand einer kurzen Internetrecherche konnten wir feststellen, wie
inflationär der Begriff Ritual heute gebraucht wird. Bei der Eingabe in
eine Suchmaschine wurden 268.000 Einträge angezeigt.
Um den Lesern einen Weg durch diesen „Dschungel“ an Bedeutungen
von Ritual zu ermöglichen, haben wir die Gedanken unserer Tagung
festgehalten. Professor Dr. Baur liefert einen Zugang zum Thema aus
psychologischer Sicht. Er beschreibt die Funktionen, die ein Ritual haben
kann und geht im Besonderen auf das sogenannte Übergangsritual ein,
das man in vielen Kulturen finden kann. Prof. Dr. Wolfgang Schlüter
liefert eine möglichst allgemeine, umfassende Definition des Begriffes
Ritual und beleuchtet mit seinen „bösen“ Fragen die Schattenseiten
dieses Phänomens.
Allen Leserinnen und Lesern wünschen wir, dass die folgenden
Ausführungen und Fragen eine gute Anregung sind, sich mit dem Thema
Rituale auseinanderzusetzen.
Im Auftrag des ask e.V.
Andrea Ruffert
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(2.) Einstieg in das Thema
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eine „Tradition“ für den Einstieg ins Thema bei den Jahrestagungen des ask
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Es stellte sich heraus, dass es viel schwieriger war, Rituale aus der
Jugend zu benennen als von Ritualen aus der Kindheit zu erzählen.
Letztere wurden als Sicherheit empfunden. In der Jugend fand eher
Auflehnung gegen bestimmte Rituale statt. Neue, eigene Rituale aus der
Erwachsenenzeit ähnelten häufig den Ritualen, die man in der Kindheit,
d. h. in der Ursprungsfamilie kennengelernt hatte. Dabei stellten viele
Teilnehmer/innen fest, dass es gar nicht so einfach ist, ganz neue
Rituale zu kreieren, mit denen alle in der Familie etwas verbinden
können.
Auf der Suche nach neuen Ritualen wurde demnach häufig Altes
wiederbelebt.
Es wurden schließlich noch ein paar Aussagen dazu getroffen, was ein
Ritual ist bzw. welche Funktion Rituale haben können:
• Ein Ritual ist ein Moment mit Bedeutung, die über das bloße Tun
hinausgeht.
• Mit einem Ritual zeigt man, dass man zu einer bestimmten Gruppe
gehört; man bekennt sich zu dieser Zugehörigkeit.
• Rituale können Entlastung sein, aber auch Gewohnheit.
• Ein Ritual ist eine „Pause von der Freiheit“.
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Rituale - Fluch oder Rettung ?
- Ein input aus psychologischer Sicht -
Ich dachte zunächst: worauf wollen die Vordenker, die diesen Titel
gewählt haben, bloß hinaus?
Wenn wir jedoch Rituale in einem weiteren Sinne verstehen, sie ein
wenig entmystifizieren, pragmatischer betrachten, können sie auch
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kleine, nützliche Begleiter des Alltags sein, die den Menschen helfen,
eine gewisse Beständigkeit und Struktur und damit eine kontrollierbare
Verlässlichkeit in ihr Leben zu bringen - völlig undramatisch - jenseits
von Fluch oder Rettung.
Ein Beispiel aus meinem eigenen Repertoire an Ritualen:
Ich lese die SZ immer morgens zwischen 6.00 und 6.30 Uhr bei einer
Tasse frisch gebrühtem Kaffee - und zwar alleine, bevor meine Frau und
die Kinder aufstehen. Das ist meine Zeit, eine Zeit der Ruhe, um in den
Tag zu kommen, stressfrei, ohne Papa hier, Papa dort ... mit diesem
kleinen Ritual gestalte ich das Aufstehen, das „In den Tag hineingehen“,
sozusagen das morgendliche Ankommen nach den nächtlichen
Ausflügen ins Unbewusste, in die Welt des Schlafes. So ist dieses Ritual
vielleicht ein wenig Fluch für meine Frau, wenn die morgendliche Lektüre
sich über die 30 Minuten hinweg erstreckt - vielleicht ein wenig Rettung
für mich, wenn ich mich dann doch noch ein wenig hinter den großen
Zeitungsseiten verstecken kann, auch wenn die Kinder in die Küche
einfallen.
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bezieht sich auf den 14.11.2003, den ersten Tag der Tagung und den Einstieg in das Thema
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Meine Ausführungen über Rituale aus psychologischer Sicht beziehen
sich insbesondere auf 3 Fragestellungen bzw. Themenbereiche:
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Mit Blick auf historische Entwicklungen im Modernisierungsprozess fällt
uns vor allem der Rückgang der Rituale und deren Entleerung in den
70er und 80er Jahren auf. Die Entritualisierung der Gesellschaft mit der
Option individualisierten, selbstbestimmten Handelns schien damals das
Gebot der Stunde zu sein – nicht mehr die Unterwerfung unter
gesellschaftliche - auch kirchliche - Inszenierungen, deren Sinn oft als
unverständlich oder reaktionär erlebt wurde.
Interessant ist auch die Frage, für welche Ereignisse eine Gesellschaft
keine Rituale zur Verfügung stellt. So gibt es für eine Scheidung, die ja
so häufig geschieht, fast kein Ritual, auch nicht für die Menarche, für die
erste Pollution, noch vor kurzem auch kaum für totgeborene oder
abgegangene Kinder. Und das, obwohl es sich um hoch emotionale
besetzte Themen handelt. Diese Themen passen offenbar nicht in
gesellschaftliche Ordnungsstrukturen oder diese übernehmen religiös
oder zumindest kirchlich motivierte Tabuisierungs- und
Exklusionsprozesse.
In der Zeit des 21. Jahrhunderts haben Rituale wieder deutlich Aufwind.
Eine ganze Reihe von Publikationen setzt sich mit ihrer Bedeutung in
modernen Gesellschaften sowie in der Psychologie, speziell der
Psychotherapie und im weiten Feld der Selbsterfahrung auseinander.
Rituelle Handlungen sind feste Bestandteile von
Selbsterfahrungsgruppen, Familienkonstellationen, Kreativgruppen, ja
selbst von Managementtrainings geworden.
Es scheint, dass die postmoderne Gesellschaft durch entsprechende
gruppenspezifische Rituale der Anonymität, der Vermassung
entgegenzuwirken sucht – dies geschieht zunehmend auch wieder an
Hochschulen. Alte Begrifflichkeiten wie die Bezeichnung der Fakultät als
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„hohe Fakultät“, des Rektors als „Magnifizienz“ oder die
Wiederverwendung von Talaren unterlegen diesen Eindruck.
Der Ethnologe Arnold van Gennep befasste sich bereits 1909 in seinem
Hauptwerk „Rites de Passage“ mit Ritualen, die in vielen archaischen
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Kulturen im Zusammenhang mit Übergangsphasen, insbesondere der
Geburt, des Todes oder der Initiation in den Erwachsenenstatus gelebt
wurden (Gennep, 1987).
Für van Gennep zeichnen sich Übergangsrituale durch 3 Phasen aus:
Die erste Phase kennzeichnet Riten der Trennung und Ablösung vom
Bisherigen, vom gewohnten alten Zustand. Daraufhin folgt eine
indifferente Übergangsphase, eine Art Schwellenzustand – in dem man
in der Luft hängt, in der das Alte zwar in der Ablösung begriffen, das
Neue jedoch noch nicht sicher erfahrbar ist. Diesbezügliche archaische
Riten separieren die Betroffenen - sie bekommen z.B. ein besonderes
Zelt, Kontaktverbote zur Außenwelt usw. Dieser Zustand wird von der
dritten Phase der Wiedereingliederung abgelöst, etwa durch die
Aufnahme des jungen Menschen in die Welt der Erwachsenen (vgl.
a.a.O; Friebertshäuser, 2001, 493).
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Übergangsrituale sind daher kollektive Mechanismen, die sowohl die
gesellschaftliche und institutionelle als auch die persönliche Bewältigung
von Statuspassagen durch äußere, symbolische Zeichen sichtbar
machen.
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Ein Beispiel der Konstruktion und Verschreibung eines
Übergangsrituals
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alle Anwesenden. Verändere an Deinem Geburtstag das Schlafzimmer,
wie immer Du es möchtest“ (a.a.O., 13).
Das Ritual geht zunächst von den alten Mustern aus, um sie dann zu
verändern oder zu erweitern. Bei Jessica: Sie konnte in ihrem Ritual die
Macht, mit der ihre Vergangenheit ihr gegenwärtiges Leben beeinflusste,
anerkennen und gleichzeitig mit der Möglichkeit der Veränderung
spielen. Die Trauer und Leere wurden durch den leeren Raum erfasst -
ja sogar verstärkt. Der Geburtstag spielte auf ein neues Leben an. So
können neue Realitätskonstruktionen entstehen (a.a.O., 15) und der
Fluch der Vergangenheit transformierte sich in eine rettende Zukunft.
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Elemente eines Übergangs-Rituals
Vorbereitung (Preparation)
Diese Phase ist wahrscheinlich der wichtigste Teil des Rituals. Man
denke an eine Hochzeit: die Vorbereitung kann leicht 1 Jahr dauern, viel
mehr Energien kosten als die eigentliche einstündige
Hochzeitszeremonie.
In diesem Stadium gilt es, etwas zu tun oder herzustellen. Das kann
bezogen sein auf Essen, Tänze, Lieder, Masken, Kleidung usw.:
Inszenierung (Enactment)
In dieser Phase sollten die Betroffenen nicht nur reden oder denken,
sondern etwas aktiv tun, und zwar etwas Schwieriges, allerdings im
Rahmen einer Tätigkeit, die man gerne macht. Wenn es zu leicht ist, hat
es keine Bedeutung, ist es zu schwer, wird es nicht ausgeführt.
Die Inszenierung nutzt spezielle Verhaltensweisen und Symbole,
verschreibt Ort und Zeit sowie einen Ablauf.
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Reintegration / Feier (Celebration)
In Übergangsriten ist dies die letzte Stufe, in der die Betroffenen mit
einem neuen Status wieder in ihre Gemeinschaft zurückkehren. Dieser
Teil des Rituals hat eine kollektive Dimension. Er hilft, sich auf neue
Rollen, Lebensabschnitte und Aufgaben einzulassen, also etwas Neues
zu beginnen: Jessica veranstaltet z.B. eine Geburtstagsfest mit ihren
Freunden.
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¾ Kollektive: Die Handlungen werden gemeinsam vorbereitet und
ausgeführt.
Literatur:
Douglas, M. (1993). Ritual, Tabu und Körpersymbolik.
Sozialanthropolgische Studien in Industriegesellschaft und
Stammeskultur. Frankfurt am Main.
Durkheim, E. (1981). Die elementaren Formen des religiösen Lebens.
Frankfurt am Main.
Friebertshäuser, B. (2001). Rituale im pädagogischen Alltag. Neue
Praxis, 31, Heft 5/2001, S. 491 –506.
Gennep, v. A. (1986): Übergangsriten. Les Rites de Passage. Frankfurt
a.M. / New York.
Griese, H. (Hrsg.) (2000). Übergangsrituale im Jugendalter. Münster: Lit.
Hauschildt, E. (1993). Was ist ein Ritual ? Wege zum Menschen, 45,
Heft 1, S. 24-35.
Imber-Black, E. Roberts, J. & Whiting, R. (1993). Rituale in Familie und
Familientherapie. Heidelberg: Auer.
Kruse, P. & Dreesen, H. (1995). Zur psychologischen und sozialen
Funktion des Rituals. Hypnose und Kognition 12, (1), S. 2-10.
Schlippe, A. v. & Schweitzer, J. (1998). Lehrbuch der systemischen
Therapie und Beratung. ([Link].). Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht.
Williams, A. (2003). Rituale: Impulse für Veränderung und Entwicklung.
Praxis im Dialog 2003. S. 13-16.
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Wolfgang Schlüter
Ein Ritual ist ein Brauch, der in Worten und Handlungen nach einer
festgelegten Ordnung vor sich geht. Das Ritual ist abgeleitet vom Ritus;
es sorgt für die stets gleiche Ausübung des Ritus nach einem
Zeremoniell.
Das Ritual garantiert sozusagen die Wiederholbarkeit des Ritus durch
strenge Beibehaltung seiner festgelegten Form.
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formale Seite des Ritus, der das Gegenwärtigmachen einer Wirklichkeit
hinter der Realität ermöglicht. Dabei ist zu bedenken, dass der Ritus mit
seinem Ritual der ursprünglichen Wirklichkeit, die gemeint ist, nachfolgt;
das heißt: es soll eine verloren gegangene Wirklichkeit wieder lebendig
gemacht werden. Die Zeit, genauer: die Vergänglichkeit, spielt hier eine
bedeutsame Rolle: Der Vollzug eines Rituals soll eine in der
Vergangenheit erfahrene lebendige Wirklichkeit der Vergänglichkeit
entreißen.
Dies ist möglich auf zwei verschiedene Weisen. Zum einen kann durch
die Wiederholung der rituellen Form die ursprünglich erfahrene
Wirklichkeit – beispielsweise ein tiefes Erlebnis – in die Gegenwart
„wiedergeholt“, also gegenwärtig gemacht werden. Zum anderen kann
durch die erneute Anwendung des formellen Rituals analog zu „damals“
die Erfassung einer neuen tieferen Wirklichkeit angestrebt werden. Der
„Inhalt“ der Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit kann also ein „alter“ oder
auch ein „neuer“ sein, in jedem Fall soll eine Realität evoziert
(„hervorgerufen“) werden, die jetzt gerade fehlt.
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wahrgenommen würde, und es intendiert, dass dieses jetzt verwirklicht
wird.
Insofern das Ritual seinen Sinn nicht in sich selbst hat, sondern in dem,
auf das es verweist und das es zur Verwirklichung bzw. zur
Vergegenwärtigung bringen soll, unterscheidet es sich ganz wesentlich
von anderen Bräuchen, Gewohnheiten und Sitten. Brauchtum,
Gewohnheiten und Sitten haben ihren Sinn und Nutzen in sich selbst.
Der Brauch des Tanzens oder der festlichen Kleidung beispielsweise bei
einer Hochzeit hat seinen Sinn in sich selbst: Lebensfreude auszuleben
und das Fest zu schmücken. Das Ritual der Hochzeitszeremonie
hingegen soll die Verbindung zweier Menschen befestigen in einem (sei
es vom Staat, sei es von der Kirche) vorgegebenen Sinn.
Gewohnheiten nehme ich an, weil sich ein bestimmtes Verhalten als
besonders günstig oder praktikabel oder zielführend herausgestellt hat,
so dass ich in vergleichbaren Situationen nicht immer neu das passende
Verhalten herauszufinden brauche. Gewohnheiten haben eine
entlastende Funktion: Was sich einmal als brauchbar erwiesen hat, soll
an passender Stelle reproduziert werden, damit ich meine kreative
Energie auf die Bewältigung oder Gestaltung neuer Situationen
verwenden kann. Wenn ich die Gewohnheit annehme, jeden Morgen um
halb sieben aufzustehen, brauche ich nicht täglich darüber
nachzudenken, auf wieviel Uhr ich heute den Wecker stellen sollte.
Gewohnheiten entstehen aus der Ökönomie meiner Kräfte und haben
somit eine enge Beziehung zu Faulheit und Vergesslichkeit. Erweist sich
eine Gewohnheit als nicht mehr in sich sinnvoll, wird sie (zumindest
üblicherweise) fallengelassen.
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Für die Sitten gilt das Gleiche analog. Nur handelt es sich hier um
Traditionen gewachsener Übereinkünfte, wie man sich in sozialen – und
meist moralisch relevanten – Situationen verhalten sollte. Erweist sich
dem einen eine Sitte als nicht mehr in sich sinnvoll, kann das dem oder
den anderen möglicherweise gar nicht einleuchten. Sitten sind deshalb
erheblich zählebiger als Gewohnheiten, denn sie können nur in einer
Gemeinschaft und nur von vielen gemeinsam fallengelassen werden.
An dieser Stelle möchte ich mich mit der Skizzierung dieser positiven
Seite von Ritualen begnügen. Stattdessen kommt mir heute die Aufgabe
zu, das Augenmerk auf die negative oder zumindest problematische
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Seite von Ritualen zu lenken. Wir sprechen beispielsweise oft von einem
„leeren“ oder „bloßen Ritual“ und meinen damit, dass zwar ein Ritual
vollzogen, damit aber gerade nicht die eigentlich gemeinte tiefere
Dimension der Wirklichkeit realisiert wird.
Wie ist das möglich? Das ist möglich, weil das Ritual selbst eben nicht
der Inhalt, sondern die Form ist, durch die und unter der der tiefere
Gehalt präsent werden soll. Daher ist es auch möglich, die reine Form
als Formel zu praktizieren – eine „hohle Form“ eben - , ohne wirklich
einen Inhalt zu meinen.
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1. Überlasse ich mich einem Ritual, damit ich mich mit dem möglichen
Sinngehalt nicht herumschlagen muß?
2. Verstecke ich mich hinter einem Ritual, damit meine Motivation und
meine Einstellung zu dem gemeinten Inhalt verborgen bleibt?
3. Will ich durch rituelle Wiederholung vertuschen, dass mir der Sinn
längst abhanden gekommen ist?
4. Will ich durch die Befolgung eines Rituals die „Magie“ einer
Verbindung zu einer Tiefenschicht erzwingen, zu der ich keine
Verbindung habe?
5. Will ich durch die Erfindung eines Rituals den Mühen einer stets
neuen, d.h. lebendigen Kreativität entgehen?
6. Will ich durch die Entlastungsfunktion der Rituale mich von direkter
Kommunikation und Interaktion befreien?
7. Will ich durch die Teilnahme an Ritualen mich und die anderen
entpersönlichen oder anonymisieren?
10. Will ich durch die Teilnahme an Ritualen eine Kontinuität meines
Lebens und Erlebens bewerkstelligen?
11. Will ich durch die Teilnahme an Ritualen Zeugen gegen meine
Unzuverlässigkeit aufbieten, weil ich mir selbst nicht trauen kann?
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(5.) Schlußbemerkungen
Zu den bösen Fragen, die Wolfgang Schlüter zum Thema Rituale gestellt
hat, können hier keine Antworten abgedruckt werden. Beantworten kann
diese nur jede/r persönlich.
Hier sollen zum Schluß nur noch ein paar Gedanken, Fragen und
Aussagen festgehalten werden, die abschließend zum Thema Rituale in
der Auswertungsrunde diskutiert wurden:
• Rituale sind wichtig für den Menschen, aber auch gefährlich (Rituale
in der Masse, z. B. im Fußballstadion, Rituale in der NS-Zeit).
• Militärische Rituale üben häufig Faszination auf Menschen aus.
• In der Jugend fehlen Rituale.
• Welche Gesellschaftssysteme suchen nach Ritualen?
• Wie gehen unterschiedliche Gesellschaftssysteme mit Ritualen um?
• Brauchen Kinder in der heutigen Zeit Rituale?
• Welche Rituale sind hohl?
• Welche möchte ich kreieren? Von welchen Ritualen möchte ich mich
trennen?
• Ein Ritual kann eine Chance sein, eine Situation zu bewältigen.
• Rituale können bei einer beruflichen Veränderung/einem Übergang
helfen.
• Wie gestalte ich die Feste im Jahreslauf für mich und meine Kinder,
ohne dass sie für irgendjemanden hohl werden?
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(6.) Zu den Autoren:
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