PH36
PH36
Michael Pfleghar
Herbert Achternbusch
Heddy Honigmann
Enno Patalas
Eintrittspreise sierten und mit 1,45 € frankierten DIN A5-Briefum-
4 € (3 € für MFZ-Mitglieder). Ab 120 Minuten Film- schlages an die Adresse des Filmmuseums. WebCalen-
länge oder mit Gästen: 1 € Aufschlag. Ab 180 Minuten, dar: [Link]/fmm-cal, Twitter: @filmmuseummuc.
mit Live-Musik oder bei 3D: 2 € Aufschlag. Die Kasse
öffnet jeweils 60 Minuten vor und schließt 30 Minu- Mitgliedschaft
ten nach Beginn der Vorstellung. Bei allen öffentlichen Wer sich für die Arbeit des Filmmuseums interessiert,
Veranstaltungen verbleibt ein Kartenkontingent für den kann Mitglied im Verein der Freunde des Filmmuseums
freien Verkauf an der Abendkasse. Die Vorstellungen München, dem Münchner Filmzentrum e.V. (MFZ) wer-
beginnen pünktlich ohne Vorprogramm. den. Mitgliedsanträge sind an der Kinokasse erhältlich.
Der Jahresbeitrag beträgt 20 € und berechtigt zum
Kartenreservierung ermäßigten Eintritt ins Filmmuseum sowie zur Teil-
Kartenreservierungen sind bis zu vier Wochen im Vor- nahme an den Mitgliederversammlungen des MFZ, in
aus möglich und können unter der Telefonnummer denen die Programmplanungen des Filmmuseums
089/23396450 auf Band gesprochen werden. Vorbe- diskutiert und Projekte entwickelt werden. Weitere
stellte Karten müssen bis 20 Minuten vor Vorstellungs- Informationen erhalten Sie unter Tel. 089 / 2713354
beginn an der Kasse abgeholt worden sein, ansonsten und [Link].
verfällt die Reservierung.
Rollstuhlfahrer / Hörgeschädigte
Kartenvorverkauf Der Kinosaal und die Behindertentoilette im Unterge-
Karten können bis zu vier Wochen im Voraus gekauft schoss sind über einen Aufzug barrierefrei zugänglich.
werden. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass un- Das Kino ist mit einer Induktionsschleife für Hörgeräte-
mittelbar vor Vorstellungsbeginn bei starkem Besu- besitzer ausgestattet. Der Empfang ist auf den Plätzen
cherandrang kein Kartenvorverkauf erfolgt. Karten am Anfang und Ende der Sitzreihen am besten.
behalten ihre Gültigkeit nur bis Vorstellungsbeginn. An
der Abendkasse können vorverkaufte Karten bis 20 Mi- Mobiltelefone
nuten vor Vorstellungsbeginn gegen Kostenerstattung Die Benutzung von Mobiltelefonen während der Veran-
wieder zurückgegeben werden. staltungen ist nicht gestattet. Dies schließt auch das
Lesen von E-Mails etc. ein.
Programmabonnement
Das Kinoprogrammheft und unseren Newsletter kön- Verkehrsanbindung
nen Sie unter [Link]/film Sie erreichen das Filmmuseum in 5 Gehminuten vom
kostenlos abonnieren. Das Programmheft wird an U/S-Bahnhof Marienplatz oder in 7 Gehminuten vom
Mitglieder des MFZ auf Wunsch kostenlos versandt. U-Bahnhof und der Trambahnhaltestelle Sendlinger Tor.
Ansonsten bitten wir um die Zusendung eines adres- Die Buslinien 52 und 62 halten am St.-Jakobs-Platz.
Impressum
Landeshauptstadt München. Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München,
089/23320538, E-Mail: filmmuseum@[Link] · Redaktion: Stefan Drößler, Claudia Engelhardt, Christoph
Michel, Klaus Volkmer · Gestaltung: KOSCH Werbeagentur, München · Druck: Weber Offset GmbH, München
Woodfall, Bavaria, Achternbusch, Kore-eda, Enno Patalas
Schon seit langem überlegten wir, ein Filmprogramm mit Klassikern des briti- 2 Rückblick
schen Kinos zu zeigen. Gerade in Zeiten, in denen über den Brexit gestritten
3 Mittel Punkt Europa
wird, gerät der unaufgeregte und genaue Blick auf das Alltagsleben, Rebellen-
tum und die britischen Eigenarten etwas aus den Augen. Die Fokussierung auf 8 Deutsche Filme 2018
die Klassiker der Woodfall Film Productions ermöglicht nun die (Wieder-)Be-
gegnung mit legendären Filmen, die in neu restaurierten Fassungen vorliegen 13 Woodfall Film Productions
und aus heutiger Sicht auch deshalb interessant sind, weil sie für viele Schau-
spielerinnen und Schauspieler das Sprungbrett zu großen Karrieren bildeten. 18 Film und Psychoanalyse
Weiterverfolgt wird die Geschichte einer anderen Produktionsfirma, die –
anders als Woodfall – immer noch sehr aktiv ist: Die Bavaria Film GmbH. Nach- 20 Architekturfilmtage
dem wir die Vorläufer-Firma Emelka, aus der sie hervorgegangen ist, zum
Jahresanfang 2019 ausführlicher gewürdigt haben, konzentrieren wir uns nun 24 Konrad Wolf
auf die Phase zwischen Ende der 1960er und Mitte der 1980er Jahre, als bei
32 Bavaria Film
der Bavaria – durchaus in Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen
Fernsehsender WDR – innovative Autorenfilme entstanden sind, die den Neuen 35 Eckhart Schmidt
Deutschen Film geprägt haben. Fünf Filme von Franz Peter Wirth, Reinhard
Hauff, Volker Vogeler, Rainer Werner Fassbinder und Tankred Dorst zeigen Aus- 36 Paul Newman
einandersetzungen mit deutscher Heimat und deutscher Geschichte, die sich
deutlich abheben vom Klischee des konventionellen Heimatfilms. Nachdem 47 Ingemo Engström
das Filmprogramm zum 80. Geburtstag von Herbert Achternbusch viel Anklang
gefunden hat, setzen wir auch diese Reihe fort mit weiteren Werken, die nur 53 Hirokazu Kore-eda
selten zu sehen sind und im Filmmuseum archiviert wurden.
Einer der schönsten Filme des letzten Jahres war SHOPLIFTERS von Hiro- 60 Michael Pfleghar
kazu Kore-eda, der mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde.
64 Herbert Achternbusch
Bereits 2004 hat das Filmmuseum diesem Filmemacher eine Retrospektive
gewidmet und vor allem die Dokumentarfilme aus seiner Anfangszeit präsen-
67 Heddy Honigmann
tiert. Damals hatte er erst vier Spielfilme gedreht, die schon sein außerordent-
liches Talent erkennen ließen. Inzwischen sind viele großartige Filme hinzuge- 69 Zuschauerkino
kommen, die auf Festivals stets zu den Höhepunkten zählten, aber oft nicht
den Weg ins deutsche Kino fanden. Grund genug für uns, nun einmal alle 70 Aufbruch ins Jetzt
Spielfilme von Kore-eda zusammenzubringen und zudem seinen außerhalb
Japans noch kaum gezeigten Film über das Gedenken an den Atombomben- 71 Enno Patalas
abwurf auf Hiroshima aufzuführen.
Unser Juli-Programm widmen wir ganz dem Wirken von Enno Patalas, der 83 Kalenderübersicht
das Filmmuseum von 1973 bis 1994 geleitet hat und am 7. August 2018
verstorben ist. Gezeigt werden Beispiele von Restaurierungen, an denen er
viele Jahre lang gearbeitet hat, Filme, die ihm besonders wichtig waren und
über die er geschrieben hat, Filmkopien aus der Sammlung des Filmmuseums,
die er erworben hat und auf die er besonders stolz war, und neben Werken, in
denen er als Darsteller mitwirkte, vor allem seine wunderbaren Essayfilme, die R = Regie · B = Drehbuch · K = Ka-
mera · M = Musik · S = Schnitt · T =
meist in Zusammenarbeit mit seiner Frau Frieda Grafe entstanden sind. Wir Ton · D = Darsteller · P = Produktion
sind froh, dass die unnachahmliche Art von Patalas, über Film zu sprechen und OF = Originalfassung · OmU = Origi-
Geschichten dazu zu erzählen, auf diese Weise erhalten geblieben ist und nun nalfassung mit Untertiteln · OmeU =
Originalfassung mit englischen Unter-
zumindest auf der Leinwand des Filmmuseums erlebt werden kann. titeln · OmfU = Originalfassung mit
Wir wünschen Ihnen spannende, vergnügliche, aufschlussreiche und französischen Unter titeln · OmÜ =
Originalfassung mit deutscher Über-
nachdenkliche Kinoerlebnisse mit Filmen für ein anspruchsvolles Publikum. setzung · dtF = deutsche Synchron-
fassung · \ = Live-Musikbegleitung
Ihr Filmmuseum
2 = Einführung · = Zu Gast
Rückblick
Rückblick
11. September 2018: Pianistin Masako Ohta und Filmwissenschaftlerin 3. Oktober 2018: Thomas Fraps führt mit Hilfe aus dem Publikum in die
Valentine Robert präsentieren im Filmmuseum ein Programm mit Zauberkunst ein und stellt im Rahmen der Reihe »Zauberkunst und
»Lebenden Bildern« in der Frühgeschichte des Kinos. Film« das Werk des Filmpioniers Georges Méliès vor.
25. Oktober 2018: Der Geräuschemacher Max Bauer erläutert auf Ein- 2. November 2018: Werner Herzog überreicht seinen Filmpreis an Lilia-
ladung des Münchner Filmzentrums und des Figurentheaterfestivals na Díaz Castillo und Estephania Bonnett Alonso für ihr kreatives Engage-
seine Arbeit am Beispiel der Live-Vertonung eines Films. ment, Workshops für junge Filmemacher zu organisieren.
20. Dezember 2018: Elena Alvarez Lutz und Klaus Volkmer, der zu sei- 10. Januar 2019: Die »Living Sculptures« Gilbert & George und Regis-
ner Verabschiedung nach 36 Jahren Mitarbeit ins Filmmuseum einge- seur Philip Haas eröffnen mit ihren Filmen die Reihe »Künstlerkino«, die
laden hatte und zwei Wunschfilme vorstellte. in Zusammenarbeit mit »Kino der Kunst« präsentiert wurde.
Mittel Punkt Europa Filmfest
Was verbirgt sich hinter dem Kürzel »V4« – eine Rakete, Spiel der Laiendarsteller vor der Kulisse des postrevolu-
eine Vitaminkombination? Keineswegs. Es steht für die tionären Kiew aus, ins Bild gesetzt von Sebastian Tha-
Visegrád-Staaten Tschechien, Slowakei, Polen und Un- lers ruhiger, präziser Kamera. Er ist der Sohn von Wolf-
garn. Aus ihnen stammen die Filme des »Mittel Punkt gang Thaler, dem Stamm-Kameramann des begnadeten
Waren es in den vergangenen Jahren vor allem un- Dieter Brinkmann in anderem Zusammenhang. Das
garische Filme, die im Ausland reüssierten, wie László Filmexperiment unternimmt genau eine solche quellen-
Nemes' SAUL FIA (SON OF SAUL) oder Ildikó Enyedis gestützte Erkundung: Es zeichnet nach, wie dieses
TESTRÖL ÉS LÉLEKRÖL (KÖRPER UND SEELE), konnte epochale Ereignis in den fünf Ländern wahrgenommen
zuletzt das polnische Kino bedeutende internationale und – je nach herrschender Ideologie – interpretiert
Erfolge verzeichnen: 2018 erhielten Małgorzata Szu- wurde. Ergänzt wird die Vorführung durch eine Diskus-
mowska den Silbernen Bären für TWARZ (FRATZE) und sion mit Historikern und Angehörigen des studenti-
Oscar-Preisträger Paweł Pawlikowski unter anderem schen Projektkurses »Sprung ins Ungewisse – Der
den Europäischen Filmpreis sowie den Preis für die Prager Frühling im Spiegel internationaler Medien«.
beste Regie in Cannes für ZIMNA WOJNA (COLD WAR Sprünge ins reizvoll Unbekannte unserer östlichen
– DER BREITENGRAD DER LIEBE). Und Wojciech Smar- Nachbarschaft sind das Beste, was das »Mittel Punkt
zowskis kirchenkritisches Drama KLER lockte mehr als Europa Filmfest« seinem Publikum verheißen kann –
fünf Millionen Zuschauer in die heimischen Kinos. Doch beginnend mit Balázs Lengyels unorthodoxer Komödie
der polnische Kulturminister Piotr Glinski hat noch Grö- LAJKÓ (EIN ROM IM WELTALL). Darin wird 1957 nach
ßeres vor, er möchte die seit 1955 existierenden sechs dem Vorbild der Sputnik-Hündin Laika, des ersten Le-
staatlichen Produktionsfirmen zu einem einzigen Unter- bewesens im Orbit, ein ahnungsloser Ungar auf sowje-
nehmen zusammenführen. Offenbar erhofft sich die tisches Geheiß in den Weltraum geschossen. So steil,
Regierung unter anderem eine stärkere Hinwendung zu wie Lajkó in die Hemisphäre aufsteigt, so rasant zerfal-
massentauglichen Sujets. Im Mai letzten Jahres sagte len alle ideologischen Konstrukte. Katrin Hillgruber
der 80-jährige Regie-Doyen Jerzy Skolimowski bei der
Retrospektive seines Gesamtwerks im Filmmuseum Lajkó – Cigány az űrben (Ein Rom im Weltraum) |
München: »Unter meinen Kollegen gibt es ein gewisses Ungarn 2018 | R: Balázs Lengyel | B: Balázs Lengyel,
Zögern, wie man mit der neuen Situation umgehen soll. Balázs Lovas | K: György Réder | M: Ádám Balázs | D:
Wir spüren von der Regierung aus Druck, die sich soge- Tamás Keresztes, József Gyabronka, Tibor Pálffy, Nora
nannte patriotische Epen über nicht unbedingt helden- Trokán, Sergej Onopko | 90 min | OmeU | 1957 läuft auf
hafte Figuren der polnischen Geschichte wünscht.« dem Weltraumbahnhof in Baikonur das Sputnikpro-
Keinesfalls heldenhafte Figuren stehen im Zentrum gramm auf Hochtouren. Die Sowjetunion beschließt,
des tschechisch-slowakisch-bulgarisch-ungarisch-pol- dass dem kurz zuvor invadierten Bruderstaat Ungarn
nischen Filmexperiments OKUPÁCIA 1968 (OKKUPATI- die große Ehre zuteil werden soll, einen Kandidaten für
ON 1968): In fünf gänzlich subjektiven und ästhetisch den ersten Kosmonauten der Welt ins Rennen zu schi-
eigenwilligen Beiträgen reflektieren Filmemacher die cken. Der Präsident einer Produktionsgenossenschaft
Niederschlagung des Prager Frühlings aus der Pers- weiß auch schon genau, wer sich dafür bestens eignet:
pektive der ehemaligen Okkupantenstaaten. Von »Er- Lajos Serbán, seines Zeichens »Zigeuner« und bekannt
kundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen als Lajkó. Seit seiner Kindheit träumt er davon, ins Welt-
Aufstand« sprach 1971 der Dichter und Essayist Rolf all zu fliegen, und arbeitet an entsprechenden Raketen-
experimenten, die stets fehlschlagen. Politisch korrekt Nagyi projekt (Granny Project) | Ungarn 2017 | R:
ist in dieser schwarzen Komödie nichts. Lajkó schießt Bálint Révész | B: Meredith Colchester, Bálint Révész,
versehentlich seine Mutter ins Weltall, und ein schwuler Ruben Woodin-Dechamps | K: Ruben Woodin-Dechamps
Brežnev erzwingt den Bruderkuss. Kein Gag ist zu | M: Albert Márkos | Mit: Meredith Colchester, Rosanne
schräg, kein Lacher zu abseitig, um Hass, Nationalis- Colchester, Bálint Révész, Gudrun Dechamps, Ruben
mus und politische Ideologien ad absurdum zu führen. Woodin-Dechamps, Lívia Révész | 89 min | OmeU | Drei
Okupácia 1968 (Okkupation 1968) | Slowakei/Tsche- Všechno bude (Winterfliegen) | Tschechien 2018 | R:
Wie 2017 gab es nur zwei Filme, die drei Nennun- Lukas Feigelfeld
gen erhielten: TRANSIT von Christian Petzold und DER 3. Aggregat
HAUPTMANN von Robert Schwentke. Beide gehörten Marie Wilke
auf Festivals zu den Publikums- und Kritikerfavoriten. 4. SPK Komplex
Fünf weitere Filme wurden zwei Mal genannt. Keiner Gerd Kroske
der genannten Filme findet sich in der letztjährigen Hit- 5. Familie Brasch
liste der Filmindustrie, die starke Umsatzrückgänge Annekatrin Hendel
verzeichnete und von Titeln wie JIM KNOPF UND LUKAS 6. Seestück
8 DER LOKOMOTIVFÜHRER (1,8 Millionen verkaufte Ki- Volker Koepp
notickets), DIE KLEINE HEXE (1,5 Millionen), DIESES 7. In My Room
BESCHEUERTE HERZ (1,1 Millionen), KLASSENTREF- Ulrich Köhler
FEN 1.0 (1,1 Millionen), DER VORNAME (1 Million), 8. Kolyma
SAUERKRAUTKOMA (1 Million) und 100 DINGE (1 Milli- Stanislaw Mucha
on) angeführt wird. 9. Freiheit
Die Aufführung im Filmmuseum ist oft die letzte Ge- Jan Speckenbach
legenheit, die ausgewählten Filme (noch einmal) auf 10. Der Hauptmann
der großen Kinoleinwand zu sehen. Damit sie auch dem Robert Schwentke
des Deutschen nicht mächtigen Publikum zugänglich
sind, laufen die meisten von ihnen mit englischen Un- Ralf Schenk
tertiteln.
1. Transit
Margret Köhler Christian Petzold
2. In My Room
1. Das schweigende Klassenzimmer Ulrich Köhler
Lars Kraume 3. Gundermann
2. In den Gängen Andreas Dresen
Thomas Stuber 4. Der Hauptmann
3. Der Hauptmann Robert Schwentke
Robert Schwentke 5. In den Gängen
4. 3 Tage in Quiberon Thomas Stuber
Emily Atef 6. Styx
5. Styx Wolfgang Fischer
Wolfgang Fischer 7. Seestück
6. Transit Volker Koepp
Christian Petzold 8. Lomo – The Language of Many Others
7. Wackersdorf Julia Langzoff
Oliver Haffner 9. Der Prinz und der Dybbuk
8. Grüner wird's nicht Elwira Niewiera, Piotr Rosolows
Florian Gallenberger 10. The Cleaners
9. Gundermann Hans Block, Moritz Riesewieck
Andreas Dresen
10. Das schönste Mädchen der Welt Die Titel in roter Schrift werden im Filmprogramm be-
Aaron Lehmann rücksichtigt.
Transit | Deutschland 2018 | R+B: Christian Petzold, nach dem Roman
von Anna Seghers | K: Hans Fromm | M: Stefan Will | D: Franz Rogowski,
Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, Barbara
Auer, Matthias Brandt | 102 min | OmeU | Georg, ein von den Deutschen
gejagter Emigrant, entgeht in Paris seiner Verhaftung. Mit den Auswei-
spapieren eines bekannten Schriftstellers, der sich in seinem Hotelzim-
mer umgebracht hat, flieht er nach Marseille. Dort begegnet er der Frau
des Autors, die auf merkwürdige Weise spürt, ihrem Mann nahe zu sein.
ihrer Freundin begleitete Schauspielerin tanzt drei Tage und Nächte auf
einer emotionalen Rasierklinge, sie öffnet sich vertrauensvoll, zieht kei-
ne Grenzen, lässt sich manipulieren. Marie Bäumer spielt diese in sich
Zerrissene mit großer Zärtlichkeit und Leichtigkeit, gleichzeitig mit
Schwermut, Schutzlosigkeit und Schmerz. Ein berührendes Stimmungs-
bild der Gefühle, die Momentaufnahme eines in der Seele beschädigten
Menschen, der nach Leben und Liebe hungert. (Margret Köhler)
Freitag, 29. März 2019, 18.30 Uhr
12 Dienstag, 2. April 2019, 21.00 Uhr
13
Hätte es Woodfall Film Productions nicht gegeben, so stieg in die Mittelschicht und das Aufbegehren der Ju-
hätte man diese unabhängige Produktionsfirma erfin- gend gegen Autoritäten. Diese Lebenswirklichkeiten
den müssen. Denn ohne sie wäre in England eine gan- boten keinen erfolgversprechenden Unterhaltungsstoff
zen Schicht, die Arbeiterklasse, und eine ganze Region, für angenehme Kinoabende, und dennoch zählen Filme
der industrialisierte Norden, nicht in das allgemeine wie SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING (1960)
Bewusstsein gerückt worden. Die Ende der 1950er von Karel Reisz, THE LONELINESS OF THE LONG DIS-
Jahre bis in die 1960er Jahre hinein entstandenen Fil- TANCE RUNNER (1962) von Tony Richardson und KES
me der Woodfall Film Productions blicken auf die (1969) von Ken Loach heute zu den großen Klassikern
Schattenseite Englands. Zugegebenermaßen muss des britischen Kinos.
man sich etwas mehr bemühen als sonst und auf Um- Die Gründer von Woodfall Film Productions waren
gangssprache, Dialekte und anderen Wortbedeutungen 1958 der Londoner Bühnenautor John Osborne, der in
einlassen (z.B. sagt man dort zum »dinner« »tea«), Yorkshire geborene Regisseur Tony Richardson sowie
wenn man Protagonisten folgen will, die bis auf wenige der Kanadier Harry Saltzman, der die Firma jedoch
Ausnahmen Laiendarsteller aus der Region waren. nach drei gemeinsamen Produktionen verließ und ab
Auch muss man bereit sein, sich mit Themen auseinan- 1962 James-Bond-Filme produzierte. Osborne wollte
derzusetzen, die im England der Nachkriegszeit von sein Bühnenstück »Look Back in Anger« mit der Haupt-
Tabus geprägt waren: Teenagerschwangerschaften, figur Jimmy Porter als zornigem jungen Mann, der in
Abtreibung, Homosexualität, ein äußerst rüder Umgang desolaten Verhältnissen nicht nur verbal um sich
zwischen Männern und Frauen (häusliche Gewalt inklu- schlägt, für die Leinwand adaptieren. Der schon be-
sive), der unvermeidliche Alkoholkonsum, harte und kannte Schauspieler Richard Burton spielte darin die
stupide Arbeit in den Fabriken und Bergwerken, Armut Hauptrolle, auch die restliche Besetzung bestand nicht
und beengtes Wohnen, die Sehnsucht nach dem Auf- aus Laien. Dem Film merkt man die Herkunft von der
Bühne zwar noch an – er ist wortlastig, von Burton noch waren. Der erste Spielfilm von Reisz, der von Woodfall
in leichter Theatermanier gesprochen und spielt zu gro- produzierte Film SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MOR-
ßen Teilen in sehr überschaubaren Räumen –, aber NING (1960) steht in dieser dokumentarischen Tradition
dem Film wohnt eine enorme Kraft inne, die lange und entstand ausschließlich an Originalschauplätzen.
nachwirkt. LOOK BACK IN ANGER markierte den Beginn Auch der Kameramann Walter Lassally kam vom Free
des Genres kitchen sink drama, benannt nach dem Cinema. Er war experimentierfreudig, besaß ein gutes
Spülstein in der Küche, die meist den Lebensmittel- Gespür für die Lichtstimmungen, konnte flexibel mit
punkt und wichtigsten Ort der Wohnung darstellt. Os- improvisierenden Darstellerinnen und Darstellern arbei-
borne und andere junge Dramatiker, die der Arbeiter- ten und drehte am liebsten im Freien. Er fotografierte
klasse entstammten und die zur selben Zeit soziale für Woodfall A TASTE OF HONEY (1961), THE LONE-
Woodfall Film Productions
Entfremdung und Klassenkonflikte thematisierten, wur- LINESS OF THE LONG DISTANCE RUNNER (1962) und
den die angry young men genannt. TOM JONES (1963).
Neben dem Theater floss eine weitere Entwicklung Eine der wenigen Frauen, die sich im Umfeld der
in die Produktionen der Woodfall Film Productions ein: angry young men behaupten konnte, war die aus Sal-
Der Versuch im britischen Dokumentarfilm, mit mobilen ford stammende Dramatikerin Shelagh Delaney. Sie
Kameras und Direktton Alltagsrealität, insbesondere die schrieb bereits mit 19 Jahren ihr Theaterstück »A Taste
der Working-Class-Jugend, ganz unvermittelt und un- of Honey«, das 1961 von Tony Richardson verfilmt wur-
geschönt abzubilden. Free Cinema nannte sich die Be- de. Nach zwei Studioproduktionen wollte Richardson
wegung, nachdem dieser Name zunächst nur als Titel zurück zu seinen filmischen Wurzeln und endlich ganz
von sechs Programmen mit überwiegend kurzen Doku- on location drehen. Für die Hauptrolle der Jo, eines ein-
14 mentarfilmen gedient hatte, die zwischen 1956 und fachen Mädchens aus der Gegend um Salford bei Man-
1958 im National Film Theatre in London gezeigt wur- chester, suchte er keine Schauspielerin, sondern ein
den. Initiatoren waren damals Tony Richardson und der unbekanntes Gesicht und fand angeblich unter 2.000
Tscheche Karel Reisz, die mit eigenen Filmen vertreten Bewerberinnen die junge Rita Tushingham. Sie debü-
SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING
tierte in A TASTE OF HONEY und trug entscheidend zum schen, der an seiner rauen und gewaltvollen Umgebung
Erfolg des Films bei: Vor allem ihre ausdrucksstarken zu zerbrechen droht. Der bekennende Trotzkist Loach
»funny eyes« machen sie auf der Leinwand unverwech- entwickelte mit KES die sozialkritischen Anfänge der
selbar. Rita Tushingham steht für viele andere, heute Woodfall-Produktionen konsequent weiter und wurde
bekannte Darstellerinnen und Darsteller, die in Filmen zu einem der bedeutendsten Vertreter des politisch en-
der Woodfall Film Productions ihren ersten Auftritt ab- gagierten europäischen Autorenkinos der Gegenwart.
solvierten. Tom Courtenay spielte den jugendlichen Mit KES endet 1969 die Zeit der sozialkritischen Filme
Straftäter Colin in THE LONELINESS OF THE LONG DIS- der Woodfall Film Productions, die ab 1970 ausschließ-
TANCE RUNNER, Alan Bates war in Richardsons THE lich Filme von Tony Richardson produzierte, der sich
ENTERTAINER (1960) zu sehen, Jacqueline Bisset, nach dem mit vier Oscars ausgezeichneten TOM JO-
und Situationen, versuchen also Skripte umzusetzen – und zwar möglichst packend. Sein hoher Anspruch
und Anderen implizite Regieanweisungen zu geben, die und die unmögliche Aufgabe versetzen ihn in eine aus-
sich nur allzu oft sträuben, weil sie eben gerade einem weglose Schreibblockade. Sein (fiktiver) Zwillingsbru-
ganz anderen Drehbuch folgen. der Donald (Nicolas Cage) geizt nicht mit banalen Rat-
Während man in der frühen Psychoanalyse davon schlägen. In diesem von zunehmenden Turbulenzen
ausging, dass die Motivation zu einer solchen inszenie- gezeichneten Handlungsfeld ergeben sich inhärente
renden Projektion weitgehend einer naturwüchsig ver- Rollenkonflikte für Filmschaffende ebenso wie für das
standenen Triebhaftigkeit des Menschen entspringt, Publikum – gerade letzteres wird in diesem Film durch
rückt schon seit Jahrzehnten immer mehr das in Sozia- seine »metaleptische«, die eigene Form sprengende
18 lisationsprozessen geschaffene Begehren in den Vor- Erzählstruktur intensiv einbezogen. Ein Film, den man
dergrund. Sexualität, Männer- und Frauenrollen, narziss- gehasst haben muss, um ihn lieben zu können.
tisch Erstrebenswertes: das entspringt nicht der »Na- Sonntag, 17. März 2019, 17.30 Uhr | Einführung:
tur«, es wird täglich produziert und in Diskursen korri- Andreas Hamburger
giert, ist aber eben auch Quelle triebhaft verfolgter
Rollenentwürfe. Inneres Begehren ist also nicht nur pri-
vat, sondern sozial. Eine Vorlage dafür aber bilden –
unter anderem – die Figuren der Filmindustrie, die an-
dererseits in einer Kreisbewegung das Begehren der
Zuschauer aufgreifen und ausdrücken muss, um kom-
merziellen Erfolg zu sichern.
Die in dieser Staffel der Reihe »Film und Psycho-
analyse« gezeigten Filme bilden diese Verhältnisse auf
vielfältigen Ebenen ab, indem sie Filmschaffende und
Filmschaffen direkt thematisieren: Da wird um Drehbü-
cher und Lebensentwürfe gerungen (ADAPTATION.), da
verlieren sich Menschen in veröffentlichten Imaginatio-
nen ihrer selbst (SUNSET BOULEVARD), da wird schöp-
ferischer Allmachtsanspruch durch soziale Unordnung Sunset Boulevard (Boulevard der Dämmerung) |
zurechtgestutzt (LA NUIT AMÉRICAINE), da entdecken USA 1950 | R: Billy Wilder | B: Charles Brackett, Billy
wir historische und moderne Schichten der Geschlech- Wilder, D.M. Marshman jr. | K: John F. Seitz | M: Franz
terverhältnisse (THE FRENCH LIEUTENANT´S WOMAN), Waxman | D: Gloria Swanson, William Holden, Erich von
und erleben, wie Begehren – und Filmemachen – an Stroheim, Nancy Olson, Cecil B. DeMille, Buster Keaton
der Anpassung an die »Wirklichkeit« scheitern kann (LE | 110 min | OmU | Jungautor Joe Gillis hat Probleme –
MÉPRIS). Schließlich gilt ja auch für Filmschaffende, keiner kauft seine Drehbücher. Zufällig gerät er, vor
was Freud über uns alle sagte: »Das Leben ist nicht Schuldeneintreibern fliehend, auf das Anwesen der al-
leicht«. ternden Stummfilmdiva Norma Desmond, die dort al-
Matthias Baumgart lein, nur mit ihrem Diener Max lebt, umgeben von De-
votionalien ihres früheren Ruhms. Auch der Film selbst
lässt mit bildsprachlichen Anspielungen, Altstars in
Nebenrollen und düsterem Schwarz-Weiß die Stumm-
filmzeit wiederaufleben. Widerstrebend erklärt sich Joe
bereit, Normas Drehbuchentwurf über das Leben der
Salome zu bearbeiten. Aber Norma ist unbelehrbar,
auch was Joe betrifft: Er soll sie als Liebhaber zurück
ins Leben begleiten und ihr gleichzeitig als finanziell
abhängiger Unterstützer zu neuem Starruhm verhelfen,
zur einzigen für sie akzeptablen Lebensform. Joe kann
sich aus der verstrickten Verbindung nicht lösen, Norma
keine ihrer Illusionen aufgeben. So taumelt die Ge-
schichte einem katastrophalen Ende entgegen.
Sonntag, 14. April 2019, 17.30 Uhr | Einführung: Reigen von Aufgeregtheit, Chaos und Katastrophen
Das Herz der Häuser Desorientierung, Verlust der Perspektive. Man meint, es
Ein Haus in Buenos Aires. Ein Haus in Berlin. In Buka- endet nie, merkt eine der Stimmen im Off an, man weiß
20 rest. In Wien. In Palästina ... Wie sind die Geschichten nie wirklich, wo man ist ... 1955 bis 1973 war Jorge
von Häusern zu erzählen? Durch die Räume, aus denen Luis Borges der Direktor, der Erzähler der Labyrinthe.
sie zusammengesetzt sind, die Objekte, mit denen sie Die Bibliothek ist von außen ein kompaktes Gebäude,
ausgestattet sind, als Passagen-Werk? Haben Häuser das Geschlossenheit suggeriert. Im Innern dann ein Ge-
eine Identität? Welche Rolle spielen die Menschen dar- wirr von Beton, Grau in Grau, die Decken, Vorsprünge,
in? Welchen Teil haben sie an dieser Geschichte? Treppen, Galerien. Kommentare erklingen – von Besu-
Braucht es sie wirklich? chern, Nutzern, Mitarbeitern? –, in denen Verwunde-
Die Häuser haben ihre festen Orte, in den Land- rung und Unsicherheit sich reflektieren, sie verlieren
schaften und den Städten, aber sie bewegen sich auch sich im Raum. »Das ist anscheinend so gebaut, dass
in der Geschichte. Sie entwickeln neue produktive Kräf- man das Zeitgefühl verliert.«
te, indem sie behaust werden, durch Veränderungen, Die Nationalbibliothek wurde 1962 konzipiert, von
aber auch durch Abnutzung und Zerfall. Die Filme die- Clorindo Testa. Bei der Eröffnung 1995 war sie schon
ses Programms bringen Bewegung in die Architektur, nicht mehr zeitgemäß, die Digitalisierung hatte das Bi-
setzen Architektur in Bewegung. Aber – ist da nicht bliothekswesen völlig verändert. Bei den Ausschach-
immer schon Bewegung in der Architektur? Ist die Ar- tungen zum Bau legte man ein Glyptodon frei, ein vor-
chitektur am Ende immer schon Kino? zeitliches Schuppentier, Bauch, Organe, Herz. Vielleicht,
heißt es im Film, wird man den Körper der Bibliothek in
Das Glyptodon späteren Zeiten auch mal als ein Glyptodon ansehen.
Ein perverser kleiner Architekturfilm ist TESTA von Karl-
Heinz Klopf, über die Biblioteca Nacional in Buenos Ai- Suizid durch Architektur
res. Ein Durchgang durch das ganze Gebäude, in einer Ein Katastrophenfilm aus Wien, in dem die ganze Stadt
langen unermüdlichen filmischen Bewegung, ohne in- zum Labyrinth wird, SÜHNHAUS von Maya McKech-
nezuhalten – aber der Blick bleibt strikt nach oben ge- neay. Hauptschauplatz ist das ehemalige Wiener Ring-
richtet, an die Decke. Keine Bücher, Regale, Kataloge. theater am Schottenring 7. Im Jahr 1881 brannte es
Eine Bibliothek als Labyrinth, ein Haus, in dem keiner ab, vierhundert Menschen starben. Schreie, Chaos,
auf Ordnung schaut. Architektur der Zerstreuung, der verkohlte Leichen, Trümmer. Wien, die traumatisierte
Stadt. Kaiser Franz Joseph ließ an der Stelle des zer- ein Künstlerhaus. Vor dem Abriss wird es von einer jun-
störten Theaters ein neues Gebäude errichten, das so- gen Balletttruppe ein letztes Mal belebt. Wir versiegel-
genannte »Sühnhaus«. Ein architektonischer Verdrän- ten es, sagt der junge Choreograph, mit Tanz.
gungsversuch. Nach dem Krieg erneut ein Neubau, das Labyrinth, Architektur, Kino ... In seinen Betrachtun-
Landespolizeiamt. gen zum Labyrinth hat Alexander Kluge sich der Mithilfe
Der erste Mieter im kaiserlichen Sühnhaus war ein zweier anderer labyrintherprobter Autoren versichert,
junger Nervenarzt gewesen, Sigmund Freud. Wurde er Walter Benjamin und Arno Schmidt. Letzterer, erläutert
angelockt vom Katastrophischen? Was speichert sich Kluge, habe den Blick von oben aufs Labyrinth moniert
ab von einer Katastrophe in dem Ort des Chaos. SÜHN- – der es überschaubar macht, gleichsam ornamental.
HAUS ist ein dokumentarischer Spukhausfilm, eine »Wir blicken darauf wie Kontrolleure.« Tatsächlich, so
Psychopathologie der Architektur. »C. G. Jung hat die Schmidt weiter, ist das Labyrinth kein horizontal sich
menschliche Psyche gern als Haus beschrieben, in dem erstreckender Bau. Er geht vielmehr in die Tiefe, Rich-
das Über-Ich im Dachboden herrscht, das Ich im Erdge- tung Erdmittelpunkt. »Man könnte dies, wäre es über-
schoss, während das Es im Keller haust ... Je mehr sichtlich, mit einem Bergwerk oder einer Katakombe
man verdrängt, desto mehr rumort es im Keller, wo die vergleichen. Es fehle aber an einer passenden Bezeich-
ungeliebten Wahrheiten schlummern.« Zehn Jahre nung für den Ort, weil man im Dunklen zuletzt gar nicht
nach dem Theaterbrand gibt es eine weitere, eine eher wisse, ob man gestiegen oder abwärts gegangen sei.
Architekturfilmtage
intime Katastrophe. Eine junge Patientin von Freud Die Lage werde zusätzlich erschwert, weil die Möglich-
steigt die Stufen hinauf und stürzt sich dann das Trep- keit, nach oben ans Licht zu fliehen, durch den Willen
penhaus hinunter. Selbstmord durch Architektur. Freuds versperrt sei, das Geheimnis des Abgrunds endgültig zu
berühmter Essay über das Unheimliche, die seltsame erforschen. Man kann vom Labyrinth nicht lassen, dies
Dialektik von Heimeligkeit und Unheimlichkeit klingt der ist sein Verhängnis.«
Filmemacherin – und nicht nur ihr – im Ohr.
Stairway to Freedom
Mäandern in der Vergangenheit Ein Gegenstück zum Sühnhaus, EIN HAUS IN BERLIN,
Menschenleer ist das Haus in Bukarest im Film des ru- 21
von Cynthia Beatt. Erneut ist eine junge Frau die Gefan-
mänischen Filmemachers Mircea Săucan, CASA DE PE gene fremder Erinnerungen. Stella aus Glasgow, Litera-
STRADA NOASTRĂ. Mit aufreizender Ruhelosigkeit turdozentin, hat ein Haus geerbt, abgewohnt, rissig, mit
streift die Kamera durch die Räume, die nur noch be- Graffiti überzogen – ein Objekt, um abgerissen zu wer-
völkert sind von den Ahnenporträts an den Wänden und den und Platz zu schaffen für einen lukrativen Neubau.
üppig ausstaffierten Puppen. Der Film ist von 1957, als Anfangs sieht man Stella auf den heimatlichen Klippen,
die europäischen Filmemacher – Resnais, Marker ... – das ist die Freiheit, die sie gewohnt ist. An die neue,
das Pathos der Erinnerung neu belebten. Zehn Jahre großstädtische Freiheit muss sie sich erst mühsam ge-
später hat Săucan MEANDRE gedreht, ein schönes wöhnen, an die Prenzlauer-Berg-Atmosphäre von Über-
Stück Sechzigerjahre-Existentialismus (im Filmmuseum gang und Aufbruch. Stella ist unschlüssig, es leben
gezeigt im Jahr 2012). »Ein Haus ist ein Schiff, mit dem noch ein paar Menschen in den Wohnungen, alte und
die Menschen in die Zeit reisen«, beginnt der Kommen- junge, und die ganze deutsche Geschichte steckt drin,
tar des Films. »Die Fenster der Häuser, sie sprechen wie die Verfolgung der Juden, Auswanderungs- und Flucht-
die Augen von Menschen. Traurige Augen, Augen, die versuche, die schmähliche Reichsfluchtsteuer, gemeine
schmerzhafte Erinnerungen verbergen, strenge Augen, Geschäfte mit der Arisierung, die Anstrengungen der
wie Blitze, die wissen, wie man Distanz schafft ...« Am Restituierung ... Am Ende sucht sie eine ganz andere
Ende bleibt ein Eindruck von Leere und Unbewohnbar- Freiheit, sie fährt nach Palästina.
keit – ein Blick, für den sich kein Subjekt findet. Ein anderes Haus, das für Deutschland steht, ein
Ein volles Haus in Palästina, in seiner jahrzehntelan- Deutschland, das sich sehen lassen will, 1929, am Ende
gen Geschichte auseinandergefaltet – das ROTE HAUS der Weimarer Republik, auf der Weltausstellung in Barce-
in dem Film von Tamar Tal Anati. Die Textilfabrik Lodzia, lona. Mies van der Rohe und Lilly Reich mussten hier den
benannt nach der Stadt Łódź, woher ihre Gründer nach Deutschen Pavillon aus dem Boden stampfen. Deutsche
Israel kamen – eine Collage zeigt sie auf einem Schiff, Kultur und intellektuelle Standfestigkeit, aber inspiriert
zusammen mit dem Ziegelbau. Wie eine polnische Fata vom offenen Geist des Gastlands. Eine »Mies en scène«.
Morgana in der Wüste Sahara. Ein Puppenhaus, mit In den Achtzigern wurde der Pavillon rekonstruiert, mit
den Näherinnen, später wird es eine Synagoge, dann den Marmormaterialien des ursprünglichen Baus.
Trümmerzeit Für die anderen ist die Cité aus der Zeit gefallen, ein
Noch ein Versuch, eine Katastrophe wegzudrängen, Museum, es gibt Führungen und viele der Läden, die
einzubetonieren. Als er nach einem Beitrag zur Erinne- für Autarkie sorgen sollten, sind verschwunden. Was
rungsarbeit für den von einem Erdbeben völlig zerstör- geblieben ist – ein Eindruck von utopischer Freiheit,
ten sizilianischen Ort Gibellina gefragt wurde, beschloss das Gefühl, am richtigen Platz zu sein.
der Bildhauer Alberto Burri, die Erdbebentrümmer mit Wie die eigene Jugend sich zum Museum wandelt,
einer gewaltigen Betondecke zu überziehen. Was in der davon erzählt der Film HOTEL JUGOSLAVIJA von Nico-
Vorstellung monströs klingt, ist in den Totalen des Films las Wagnières. Das Hotel, ein mythisches Gebäude aus
IL GRANDE CRETTO DI GIBELLINA von Petra Noord- den Siebzigern in Novi Beograd: ein Zeuge verschiede-
kamp ein quadratkilometergroßes Ornament, und wenn ner Momente, die die ehemalige Republik Jugoslawien
man den Pfaden folgt, die durch die steinerne Masse geformt haben – von Tito bis Milošević, vom Sozialis-
führen, zeigt der Beton eine ruhige Harmonie und mus bis zum Nationalismus, den Bombardierungen der
Schönheit, ist alles ganz und gar natürlich. NATO bis zum korrupten Liberalismus. Für Kinder sind
Hotels wie Spielplätze, aber dieses ist dem permanen-
Loch in der Wand ten historischen Wandel unterworfen, den verschiede-
Ein Geisterhaus aus Japan, die Architektur baut dort nen politischen Systemen und Ideologien, sodass ein
traditionell nicht in die Höhe, daher sind die einzelnen Gefühl von Zuhause sich nicht einstellen mag.
Architekturfilmtage
Architekturfilmtage
me, in denen wirklich gebaut wird, mit überwältigender
Geschwindigkeit und lustvoller Präzision. Die Arbeiter Habai't ha adom (Das rote Haus) | Israel 2016 | R+B:
sind Genies, heißt es, und ihre Zusammenarbeit ist so Tamar Tal Anati | K: Avi Levi, Guy Mador | M: Alberto
schön wie die der Tierfänger in Howard Hawks’ Film Shwartz | 20 min | OmeU – Ein Haus in Berlin |
HATARI!. Sin manual … Es gab kein Handbuch, das sie Deutschland 2014 | R: Cynthia Beatt | B: Charlie Gorm-
bei dieser Arbeit leiten konnte. Das Kino lässt uns die ley, Cynthia Beatt | K: Ute Freund, Cornelius Plache,
volle Freiheit der Architektur erleben. In diesem Sinne Armin Dierolf, Cynthia Beatt | M: Marlon Beatt | D: Su-
ist Architektur immer schon Kino. san Vidler, Isi Metzstein, Clemens Schick, Peter Knaack,
Fritz Göttler Angela Schanelec | 96 min 23
Samstag, 6. April 2019, 18.30 Uhr
Ein Programm der Bayerischen Architektenkammer in Zusammen-
arbeit mit dem Filmmuseum München. Konzeption: Stephanie Casa de pe strada noastră (Das Haus in unserer
Hausmann, Klaus Volkmer
Straße) | Rumänien 1957 | R: Mircea Săucan | B: Paul
Anghel | K: Tiberiu Olasz, Gheorghe Zimmermann | M:
Renzo Piano – Un arquitecto para Santander (Ar- Theodor Hitache | 25 min | OmeU – Watashitachi no
chitekt des Lichts) | Spanien 2018 | R+B: Carlos Sau- ie (Unser Haus) | Japan 2018 | R: Yui Kiyohara | B:
ra | K: Raúl Bartolomé | 64 min | OmU – Il potere Noriko Kāto, Yui Kiyohara | K: Ryōta Chida | M: Keiichi
dell'archivio – Renzo Piano Building Workshop (The Sugimoto | D: Nodoka Kawanishi, Yukiko Yasuno, Mari-
Power of the Archive) | Italien 2018 | R+B: Francesca wo Osawa, Mei Fujiwara, Masanori Kikuzawa | 80 min |
Molteni | K: Alvise Tedesco, Gabriele Sossella | M: Fa- OmeU
brizio Campanella | 35 min | OmeU Samstag, 6. April 2019, 21.00 Uhr
Donnerstag, 4. April 2019, 19.00 Uhr
Sühnhaus | Österreich 2016 | R: Maya McKechneay |
Testa | Österreich 2018 | R+B: Karl-Heinz Klopf | K: B: Maya McKechneay, Oliver Neumann | K: Martin Putz
Roman Kasseroller | 18 min | OmU – Sin manual (No | 95 min
Further Instructions) | Mexiko 2017 | R: Francisco Sonntag, 7. April 2019, 18.30 Uhr
González Piña | B: Francisco González Piña, Oswaldo
Flores | K: Oswaldo Flores, Orlando González | M: Juan Il Grande Cretto di Gibellina (Der Große Riss von
Morales | 68 min | OmeU Gibellina) | Niederlande 2017 | R+B: Petra Noordkamp
Freitag, 5. April 2019, 18.30 Uhr | K: Petra Noordkamp, Stefano Bertacchini | 14 min |
engl.F. – Hotel Jugoslavija | Schweiz 2017 | R+B: Ni-
Bonne maman et Le Corbusier (Großmutter und Le colas Wagnières | K: Denis Jutzeler, Benoît Peverelli | M:
Corbusier) | Frankreich 2018 | R+B+K: Marjolaine Filippo Gonteri | 78 min | frz. OmU
Normier | M: Harry Breuer Quintet | 60 min | OmeU – Sonntag, 7. April 2019, 21.00 Uhr
Film und Politik: Porträt Konrad Wolf
Wolfgang Kohlhaase und Konrad Wolf bei den Dreharbeiten zu SOLO SUNNY © Defa-Stiftung / Dieter Lück
Konrad Wolf
24
Den ersten intensiven Kontakt mit Konrad Wolf hatte te, notierte: »Ich habe diesen Mann bewundert wegen
ich, nachdem er gestorben war. Damals, im Frühjahr seiner Ruhe, die er ausstrahlte, wegen seiner Beson-
1982, war ich Redakteur der Ost-Berliner Zeitschrift nenheit und Beherrschtheit in allen Lagen, die immer
Film und Fernsehen, und es war uns ein Bedürfnis, zur von einem leisen, selbstironischen Humor umspielt war.
Erinnerung an ihn ein Sonderheft über ihn und seine Überhaupt herrschte Ruhe, wie ich sie weder vorher
Filme herauszubringen. Wir baten Freunde, Verwandte noch nachher bei Dreharbeiten erlebt habe.« Der
und Kollegen, über Wolfs Arbeit, seine Wurzeln, seine Schriftsteller Stephan Hermlin sagte über Wolfs viel-
Biografie zu reflektieren. Wir holten Stimmen von Re- leicht wichtigsten Film ICH WAR NEUNZEHN, mit dem
gisseuren aus Ost und West ein. Uns gelang es sogar, sich der Regisseur der Zeit am Ende des Zweiten Welt-
ein Gespräch mit seinem Bruder zu bekommen, dem krieges genähert hatte: »Dieses merkwürdige, ergrei-
geheimnisumwitterten Markus Wolf, der seit Jahrzehn- fende Werk war unter allen Kriegsfilmen der am meis-
ten als Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes fun- ten beredte und der verschwiegenste.« Und Wolfs
gierte und nun über die Jugendjahre in Moskau sprach. West-Berliner Regiekollege Peter Lilienthal ergänzte:
Wolfgang Kohlhaase schrieb damals über Konrad »Es gibt Filme, die von der Macht angesteckt werden,
Wolf: »Er war groß, dunkel, schweigsam, viele hielten von den Visionen der Herrschenden, infiziert von Ruhm,
ihn für schwer zugänglich, aber fast alle nannten ihn Sieg und Größe. Nicht die von Konrad Wolf. Überall
Koni, selbst die, die ihn nicht näher kannten.« Die Re- Staunen über Widersprüchliches und Sinnloses, und
gieassistentin Doris Borkmann erinnerte sich an »seine über den plötzlichen Verrat der Hoffnung. Ein unzerstör-
Gründlichkeit, seine Sensibilität gegen Unwahres, sei- bares Netz von Bedenken, die dem Leben selbst gelten,
nen Anspruch, seine Unzufriedenheit, wenn andere nicht den Mythen der Macht.«
schon zufrieden waren.« Der Schauspieler Herwart Konrad Wolf, geboren am 20. Oktober 1925 in He-
Grosse, den er in PROFESSOR MAMLOCK besetzt hat- chingen (Württemberg), war Sohn des jüdisch-kommu-
nistischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf. macht. Der farbige DDR-Heimatfilm mag als Hommage
Nach einer behüteten frühen Kindheit folgte er dem an einen der Lehrmeister Wolfs am VGIK, den sowjeti-
Vater gemeinsam mit seiner Mutter Else und Bruder schen Filmmusical-Veteranen Grigorij Aleksandrov, be-
Markus ins Moskauer Exil. 1936 erhielt die Familie die griffen werden, vielleicht auch als Annäherung an eine
sowjetische Staatsbürgerschaft; im selben Jahr wirkte ihm fremde Landschaft und Mentalität, durch die der
»Koni« in einer kleinen Rolle in Gustav von Wangen- Hauptdarsteller, eine Art deutscher Harold Lloyd, toll-
heims Exilfilm KÄMPFER mit. 1942 meldete sich der patschig und naiv stolpert. Aber an ein Lustspiel wagte
Siebzehnjährige freiwillig zur Roten Armee. Vielleicht ist sich Wolf niemals wieder, das war nicht sein Ding;
es ein Brief seines Vaters gewesen, der ihm eine Art schon seine nächste Arbeit GENESUNG entsprach viel
Richtschnur für sein Leben gab. Im Oktober 1944, als mehr dem ernsthaften, grüblerischen, nach historischer
Konrad Wolf mit den sowjetischen Truppen schon in Wahrheit forschenden Künstler.
Richtung Berlin unterwegs war, hieß es dort: »Wenn es Ein Jahr vor seinem Tod, im März 1981, sprach
schwere Situationen gibt, wo einem keiner raten und Konrad Wolf auf einer Tagung der Akademie der Künste
helfen kann, da muss man selbst nach seinem Gewis- über seine Auffassung von Wahrhaftigkeit. »Wir leben
sen die Entscheidung mutig fällen und den Weg unbe- immer mit der ganzen Geschichte«, sagte er, »sie ist
irrt zu Ende gehen. Der größte Mut ist die Zivilcourage, unteilbar. Und doch haben wir zu oft Geschichte nur
das heißt in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung befragt nach dem, was unsere Wünsche über ihren
zu vertreten und seine Meinung zu sagen. Das kann Lauf zu bestätigen scheint. Unsere eigene Geschichte
einen gewiss manchmal bei kleinen Geistern missliebig verklärt sich zuweilen in eine Folge von ausschließlich
machen; aber letzten Endes ist es das richtige und hat richtigen Entscheidungen und ununterbrochenen Erfol-
auch den Aufrichtigen niemals gereut.« gen. Aber gerade Jüngere fragen uns nach den Feh-
Konrad Wolf
Im April und Mai 1945 nahm Konrad Wolf im Range lern, die wir oder unsere Väter gemacht haben. (…)
eines Leutnants der Roten Armee am Sturm auf Berlin Die Wahrheit der Geschichte und die Wahrheit der
teil. Nach der Befreiung wurde er kurzzeitig Mitarbeiter Kunst müssen deshalb der Raum sein, in dem die Ju-
der Berliner Zeitung, dann Referent der Sowjetischen gend groß wird. Sie muss ihnen das Selbstverständli-
Militäradministration für Presse, Theater und Film in che sein.«
Sachsen-Anhalt und Mitarbeiter des Hauses der Kultur Wahrhaftigkeit der Kunst: Für Konrad Wolf war das 25
der Sowjetunion in Berlin. Zu jener Zeit entschied er keine Phrase. Schon in seinem dritten Film LISSY ver-
sich, Regisseur zu werden. Für eine entsprechende suchte er sich an der besonders für ihn sehr schwieri-
Ausbildung, die in Deutschland nicht zu haben war, gen Aufgabe, die Psyche deutscher Kleinbürger, die zu
kehrte er noch einmal in die Sowjetunion zurück: Von Mitläufern und Handlangern Hitlers wurden, zu erkun-
1949 bis 1955 studierte er an der legendären Moskau- den. Mit der Gestalt des arbeitslosen Angestellten und
er Filmhochschule VGIK, an der auch Pudovkin, Kulešov späteren SA-Sturmführers Fromeyer porträtierte der
und andere Meister unterrichteten. 1954/55 wurde Regisseur einen Vertreter jener Millionen von Deut-
Wolf Regisseur der DEFA, wo er als ersten Film ein mu- schen, die sich 1932/33 von der NSDAP einen Auf-
sikalisches Lustspiel inszenierte: EINMAL IST KEINMAL, schwung der Wirtschaft und privaten Wohlstand erhoff-
in dem ein junger westdeutscher Klavierspieler und ten. Ein für die DEFA eher ungewöhnliches Sujet, das
Komponist Bekanntschaft mit dem schönen Erzgebirge bislang nur in Filmen wie Wolfgang Staudtes ROTATION
(1949) oder Falk Harnacks DAS BEIL VON WANDSBEK
(1951) gestaltet worden und längst zugunsten kommu-
Konrad Wolf bei den Dreharbeiten zu GENESUNG
die zu jener Zeit in der Bundesrepublik Furore machten – im Sommer 1966 vehement gegen das Verbot des
und die Wehrmacht zu entschulden suchten. STERNE, Frank-Beyer-Films SPUR DER STEINE. Seine Stimme
eine deutsch-bulgarische Koproduktion, durfte in Can- wurde von der politischen Obrigkeit zwar zur Kenntnis
nes aufgrund westdeutscher Einsprüche nur als bulga- genommen, aber nicht erhört. Konrad Wolf war bei dem
rischer Film gezeigt werden und erhielt den Sonder- Treffen einiger Freunde in der Wohnung Beyers dabei,
Konrad Wolf
preis der Jury: ein internationales Achtungszeichen für als sein Autor Angel Wagenstein (STERNE) äußerte:
das Werk des jungen DDR-Regisseurs. »Jetzt hilft es nur noch, auf den Alexanderplatz zu ge-
Zugleich blieben für Konrad Wolf in der zweiten hen und sich selbst zu verbrennen...« Solche spektaku-
Hälfte der 1950er Jahre Erfahrungen mit der politischen lären öffentlichen Manifestationen waren freilich nicht
Zensur nicht aus: Sein realistischer Gegenwartsfilm Wolfs Art – er bereitete, gemeinsam mit Wagenstein,
26 SONNENSUCHER über die schwierige deutsch-sow- stattdessen den Film GOYA vor, mit einer Sequenz, in
jetische Zusammenarbeit im Uranbergbau in der Wis- der Künstler und Philosophen von der spanischen In-
mut wurde zunächst von DDR-Behörden beargwöhnt, quisition gedemütigt werden: ein Sinnbild auch für die
dann vom sowjetischen Außenministerium verboten. DDR-Politik des 11. Plenums. Auch dass er 1965 aus-
Der Film mit seinem nüchternen, harten und differen- gerechnet Antoine de Saint-Exupérys modernes Mär-
zierten Blick kam erst 1972 in die Kinos: viel zu spät, chen DER KLEINE PRINZ fürs DDR-Fernsehen adaptier-
um dem DEFA-Gegenwartsschaffen die künstlerischen te, spricht für seine moralisch-ethische Verfasstheit in
Impulse geben zu können, die durch ihn unbedingt jener Zeit: Der Kernsatz des Buches, »Man sieht nur mit
möglich gewesen wären. Konrad Wolf fügte sich aus dem Herzen gut«, war schließlich das genaue Gegenteil
politischer Räson in solche Entscheidungen, unterlief jeder vordergründigen staatstragenden Agitation.
sie aber zugleich mit einigen seiner nächsten Filme. Konrad Wolf, der, wie Verwandte und Freunde er-
Beispielsweise wurde die Adaption des Chris- zählten, »auf Russisch träumte«, untersuchte in seinen
ta-Wolf-Romans DER GETEILTE HIMMEL zu einem so- Filmen immer wieder das Verhältnis zwischen Russen
wohl politischen wie auch künstlerischen Pauken- und Deutschen. Nach den verbotenen SONNENSU-
schlag. In Anlehnung an Filme von Alain Resnais CHERN und vor dem eher kammerspielhaften MAMA,
(LETZTES JAHR IN MARIENBAD) griff Wolf auf moderne ICH LEBE gelang ihm das wohl am eindringlichsten in
filmische Erzählweisen zurück, um Entfremdungser- ICH WAR NEUNZEHN, einer Arbeit, in der er seine eige-
scheinungen innerhalb der DDR zu beschreiben: Er nen Erlebnisse und Erfahrungen vom Ende des Zweiten
nutzte die Geschichte einer Liebe, um über Opportunis- Weltkrieges verdichtete. Wie einst er selbst, redete nun
mus und Bürokratismus, Heuchelei und Niedertracht auch Gregor Hecker, sein filmisches Alter Ego, von ei-
auch in der »sozialistischen Menschengemeinschaft« nem klapprigen Lautsprecherwagen zu den deutschen
zu reflektieren. Soldaten, forderte sie zum Niederlegen der Waffen auf.
So wie er diesen Film gegen alle Einwände durchzu- Wolf und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, mit
setzen verstand, wandte er sich – nunmehr bereits zum dem er hier zum ersten Mal zusammenarbeitete, bau-
Präsidenten der Akademie der Künste der DDR gewählt ten den Film episodisch auf. Diese offene Fabelstruktur
erlaubte sowohl ein Nebeneinander von tragischen, ly- Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit erzogen. Er
rischen, sentimentalen und komischen Elementen als hat es mir damit schwergemacht und ich war ihm
auch eine Vielzahl von Figuren, in denen sich ebenso dankbar dafür. Seine Ratschläge waren immer Vor-
viele Geisteshaltungen manifestierten. So läuft der Film schläge, nie bevormundend und meist in Frageform
nicht auf einen einzigen Höhepunkt zu, sondern besteht gekleidet. (...) Wenn es mal Probleme gab, hieß es oft:
aus kleinen, in sich abgeschlossenen dramaturgischen Geh’ doch zum Wolf! Aber das war wie am Anfang un-
Einheiten, die zusammengenommen ein authentisches serer Bekanntschaft: Zum Konrad Wolf geh’ ich erst
Bild der Zeit geben. Dabei wurde das in der DDR ge- zum Schluss, wenn ich mir gar nicht mehr zu helfen
pflegte Klischee vom strahlenden russischen Sieger weiß. Ja, wohin geh’ ich nun?«
ebenso wenig bedient wie das vom glücklichen deut- Ralf Schenk
schen Befreiten, der sofort zum Antifaschisten wird und
damit unversehens zum »Sieger der Geschichte« mutiert. Genesung | DDR 1956 | R: Konrad Wolf | B: Karl Georg
Konrad Wolf verstand sich niemals nur als Künstler, Egel, Paul Wiens, nach ihrem gleichnamigen Hörspiel |
als Filmemacher. Mit seinen Filmen, aber auch weit da- K: Werner Bergmann | M: Joachim Werzlau | D: Karla
rüber hinaus machte er Politik. Schon ab 1959 fungier- Runkehl, Wolfgang Kieling, Wilhelm Koch-Hooge, Wolf-
te er für sechs Jahre als 1. Vorsitzender der Gewerk- gang Langhoff, Eduard von Winterstein | 106 min |
schaft Kunst in der DDR, 1965 wählte ihn die Akademie Nach einem Hörspiel des Arztes, Schriftstellers (und
der Künste zu ihrem Präsidenten, ein Amt, das er bis zu damaligen DEFA-Chefdramaturgen) Karl Georg Egel
seinem Tode innehatte. 1967 war er Gründungs- und inszeniert Wolf die Geschichte des »falschen Medizi-
Vorstandsmitglied des Film- und Fernsehverbandes; ners« Friedel Walter. Eine schillernde Figur, die sich von
1981 wurde er gar Mitglied des Zentralkomitees der einem unpolitischen Träumer zu einem über sich und
Konrad Wolf
Staatspartei SED. In diesen Funktionen sah er sich stets sein Leben reflektierenden Charakter emanzipiert. Im
zwischen vielen Fronten. Was bedeutete es, zugleich »Dritten Reich« bricht der junge Mann sein Medizinstu-
Künstler und Funktionär zu sein? Welchen Spagat dium ab, weil er nicht in den NS-Studentenbund eintre-
musste er machen, um die eigenen, oft dogmatischen ten will. Dennoch rettet er einem Antifaschisten das
Genossen von der Notwendigkeit kritischer, analyti- Leben. Als im Krieg ein Arzt getötet wird, zieht er des-
scher Kunst zu überzeugen? Freunde Wolfs wissen von sen Kittel an und behält seine falsche Identität bei. Der 27
seiner zunehmenden Ermüdung zu berichten: Er sah Film ist als große Rückblende inszeniert – gleichsam
sich, wie viele Künstler der DDR, einer ständigen Berg- als Plädoyer des einst schwer verletzten Kommunisten
und Talfahrt zwischen Perioden des politischen Tauwet- (Wolfgang Langhoff) gegenüber dem Staatsanwalt, der
ters, des vagen Liberalismus und Phasen der Eiszeit die Lüge Friedels zur Anklage bringen will. Verhandelt
ausgesetzt, in denen Vernunft oft nur eine bescheidene wird »das Problem der faktischen und moralischen
Rolle spielte. Zwar blieb Wolf der sozialistischen Idee Schuld des einzelnen, die Frage seiner Verantwortung
treu; aber wie sie praktisch ausgeführt wurde, sah er und Verantwortungsfähigkeit« (Klaus Wischnewski).
– man merkte es einem Film wie SOLO SUNNY an – Dass Friedel am Ende freigesprochen wird, bedeutete
zunehmend mit Verzweiflung. Dieser als Funktionär auch eine Absage Wolfs an die Praktiken stalinistischer
verbal Ausdruck zu verleihen, war für ihn schwierig: Justiz mit ihren aktuellpolitisch motivierten Strafurtei-
Jedes seiner Worte wurde von allen Seiten auf die len. Wolfgang Kieling in der Hauptrolle zieht alle Regis-
Goldwaage gelegt. Seine Reden als Präsident der Aka- ter einer differenzierten Charakterisierungskunst.
demie der Künste zeugen von diesem ständigen Kampf Dienstag, 9. April 2019, 18.30 Uhr | Zu Gast: Ralf
mit sich selbst und der Gesellschaft, der er dienen woll- Schenk
te: Immer noch wagte er auf eine Besserung der Ver-
hältnisse zu hoffen, aber immer mehr mischte sich in Die Zeit, die bleibt | DDR 1985 | R: Lew Hohmann | B:
diese Hoffnung Mahnendes, Warnendes. Er starb auch Wolfgang Kohlhaase, Lew Hohmann, Christiane Mü-
deshalb so jung, mit nicht einmal siebenundfünfzig ckenberger, Regine Sylvester | K: Christian Lehmann |
Jahren, weil er zwischen alle Mühlsteine geraten war M: Günther Fischer | 107 min | Drei Jahre nach dem
und sich darin aufrieb. frühen Tod Konrad Wolfs erinnern enge Wegbegleiter an
Die Regisseurin Evelyn Schmidt, in den späten den Regisseur und Präsidenten der Ost-Berliner Akade-
1970er Jahren Meisterschülerin Wolfs, schrieb in dem mie der Künste. Mit ausführlichen Filmzitaten aus sei-
schon erwähnten Heft von Film und Fernsehen, er habe nen DEFA-Filmen und spannendem dokumentarischen
sie wie manchen anderen der jüngeren Generation »zur Material aus seiner Jugend im sowjetischen Exil, der
Stalin-Ära und dem Zweiten Weltkrieg. Großen Raum DDR-Behörden zur Zwangsarbeit im Uran-Bergbau ver-
nimmt die Erinnerung an ein Filmprojekt Konrad Wolfs urteilt. Ihr neues Zuhause, die Wismut, ist ein Sammel-
ein, mit dem er sich am Ende seines Lebens beschäf- becken ungewöhnlicher Schicksale: Hier arbeiten eins-
tigte: DIE TROIKA, ein großer Spielfilm über Freund- tige Anarchisten neben ehemaligen SS-Männern, und
schaften aus der Zeit der Kindheit, die bis in die Gegen- russische Offiziere halten Wacht über den Betrieb, der
wart und rund um den Erdball nachverfolgt werden. den Grundstoff für ihre Atomrüstung liefert. Die Emotio-
Markus Wolf, der Bruder des Filmemachers und lang- nen prallen aufeinander. Konrad Wolf beginnt die Dreh-
jähriger Chef der DDR-Auslandsspionage, ließ sich von arbeiten im April 1957, kurz nach Chruščëvs Anti-Sta-
den Aufzeichnungen Konrad Wolfs zu dem Buch »Die lin-Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU und mitten in
Troika« inspirieren, mit dem er an seinen Bruder erin- einer Phase des »Tauwetters«. Doch noch während des
nert und dessen Wunsch nach Frieden und Völkerver- Drehs wird der Regisseur mit Einwänden von maßgeb-
ständigung noch einmal untermauert. Kritische Text- lichen Politikern der DDR und der UdSSR konfrontiert.
stellen zu Stalins Politik mussten 1985 aus dem Film Das Uran-Bergwerk im Süden der DDR sähe, so heißt
herausgenommen werden. es, ähnlich verwahrlost aus wie eine Goldgräberstadt
Mittwoch, 10. April 2019, 18.30 Uhr | Zu Gast: Ralf im Wilden Westen. Zugleich wird kritisiert, dass Wolf die
Schenk führende Rolle der Kommunistischen Partei nicht aus-
reichend würdige. Wolf macht Nachaufnahmen, schnei-
Lissy | DDR 1957 | R: Konrad Wolf | B: Alex Wedding, det um, beharrt aber auf seinen Prinzipien des kriti-
Konrad Wolf nach dem Roman »Die Versuchung« von schen Realismus. Nachdem die Ost-Berliner Behörden
F.C. Weiskopf | K: Werner Bergmann | M: Joachim die staatliche Freigabe erteilt haben, kommt ein Veto
Werzlau | D: Sonja Sutter, Horst Drinda, Hans-Peter Mi- aus Moskau: Der Film darf nicht aufgeführt werden.
Konrad Wolf
netti, Gerhard Bienert, Raimund Schelcher | 89 min | Angesichts der internationalen Lage sei es inopportun
Wieder fragt Wolf nach der Verantwortung des Einzel- zu zeigen, wie in der DDR das Uran für sowjetische
nen in historischen Umbruchzeiten: Waren die Deut- Atombomben gefördert werde. Erst nach dem Macht-
schen, die Hitler zujubelten, alle Verbrecher? Wie viele antritt Honeckers 1971 kommt SONNENSUCHER ins Kino.
Andere verspricht sich der arbeitslose Angestellte Fro- Mittwoch, 17. April 2019, 18.30 Uhr
28 meyer von Hitler und der NSDAP eine Verbesserung
seiner wirtschaftlichen Situation. Als Gegenfigur baut Sterne | DDR 1959 | R: Konrad Wolf | B: Angel Wagen-
Wolf die Frau Fromeyers, Lissy, auf. Sie ist Tochter ei- stein | K: Werner Bergmann | M: Simeon Pironkow | D:
nes sozialdemokratischen Arbeiters aus dem Wedding, Sascha Kruscharska, Jürgen Frohriep, Erik S. Klein,
möchte heraus aus dem ärmlichen Milieu und arbeitet Stefan Pejchev, Georgi Naumov | 92 min | Unteroffizier
als Verkäuferin in einem Tabakladen am Kurfürsten- Walter, in Leningrad verwundet und nun in Bulgarien
damm. Auch sie erweist sich zunächst als politisch stationiert, beaufsichtigt bulgarische Zivilarbeiter. Als
blind, trennt sich am Schluss aber von ihrem Mann und ein Transport griechischer Juden eintrifft, verweigert er
geht eigene Wege. LISSY entsteht nach dem 1937 erst- ärztliche Hilfe für eine schwangere Frau. Wegen dieser
mals publizierten Roman »Die Versuchung« von F.C. Haltung wird er von Ruth, einer jüdischen Lehrerin, zur
Weiskopf (1900-1955). Während das Arbeitermädchen Rede gestellt. Walter, den der Krieg zum Nihilisten ge-
im Buch zum kommunistischen Widerstand findet, ent- macht hat (»Jetzt ist das Zeitalter des allgemeinen Idio-
lässt sie der Film eher ins Vage, Ungewisse. Ihr Gang in tismus hereingebrochen«) beginnt, sein Gewissen zu
den Nebel ist kein Fanal, sondern ein Verweis auf die befragen. Noch während der Auseinandersetzung um
nun folgende Zeit der Einsamkeit, Angst und Bedro- SONNENSUCHER realisiert Wolf diesen Stoff als
hung. deutsch-bulgarische Koproduktion. Angel Wagenstein,
Dienstag, 16. April 2019, 18.30 Uhr der während des Krieges bei den Partisanen gekämpft
und später mit Wolf an der Moskauer Filmhochschule
Sonnensucher | DDR 1958 (1972) | R: Konrad Wolf | B: WGIK studiert hatte, schrieb das Szenarium. Zwei jüdi-
Karl Georg Egel, Paul Wiens | K: Werner Bergmann | M: sche Volkslieder begleiten die Tragödie musikalisch;
Joachim Werzlau, Hans-Dieter Hosalla | D: Ulrike Ger- Wolf und sein Kameramann Werner Bergmann entwer-
mer, Günther Simon, Erwin Geschonneck, Manja Beh- fen zum ersten Mal ein optisches Drehbuch, in dem
rens, Erich Franz | 116 min | Herbst 1950. Zwei Frauen, jedes Motiv genau vorgezeichnet ist. Viele Bilder wer-
das elternlose Mädchen Lutz und die Prostituierte den zu emotionalen, expressiven Symbolen. STERNE
Emmi, werden bei einer Razzia verhaftet und von den darf in Bulgarien zunächst nicht vorgeführt werden. Die
STERNE
Konrad Wolf
29
Sofioter Kulturfunktionäre unterstellen dem Film einen der Hoffnung, die Verhältnisse verbessern zu können.
»abstrakten Humanismus« und reagieren allergisch auf »Tauwetter«-Kino aus Babelsberg, mit dem moralisti-
die Tatsache, dass er die einheimische Kollaboration schen Anspruch, »die Realität überzeugend zu zeigen,
mit deutschen Faschisten zeigt. um dadurch den Menschen klarzumachen, wie die Pro-
Dienstag, 30. April 2019, 18.30 Uhr bleme zu lösen sind, damit sie Vertrauen zur Kunst und
zur Gesellschaft bekommen« (Wolf). Zugleich betritt
Der geteilte Himmel | DDR 1964 | R: Konrad Wolf | B: Wolf ästhetisches Neuland. Gegenwärtiges und Ver-
Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, gangenes fließen ineinander über; Personen treten in
Kurt Barthel nach dem Roman von Christa Wolf | K: reale und fiktive Dialoge; Gegenstände erhalten meta-
Werner Bergmann | M: Hans-Dieter Hosalla | D: Renate phorische Bedeutung. Rezensenten betonen die Ver-
Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar wandtschaft zur Nouvelle Vague, zu den Assoziations-
Thate, Martin Flörchinger | 116 min | Rita bricht zusam- techniken und surrealistischen Brechungen etwa bei
men: Ihr Freund Manfred hat die DDR gen Westen ver- Alain Resnais.
lassen und will nicht mehr zurück. Was ist geschehen? Dienstag, 7. Mai 2019, 18.30 Uhr
Dieser Frage spürt Christa Wolf in ihrer Erzählung »Der
geteilte Himmel« nach. Konrad Wolf entscheidet sich Professor Mamlock | DDR 1961 | R: Konrad Wolf | B:
bereits für eine Adaption, als das Buch erst im Manu- Karl Georg Egel, Konrad Wolf nach dem Stück von
skript vorliegt. Ihn interessieren nicht so sehr die Fakten Friedrich Wolf | K: Werner Bergmann | M: Hans-Dieter
der »Republikflucht«, sondern »die tieferen Ursachen, Hosalla | D: Wolfgang Heinz, Ursula Burg, Hilmar Thate,
die nur auf einen äußeren Anlass warten, der die Kurz- Lissy Tempelhof, Doris Abeßer, Ulrich Thein | 99 min |
schlusshandlung auslöst«. So gerät der Film zur kriti- 1933 verfasst der Arzt und Dichter Friedrich Wolf
schen Bestandsaufnahme von Heuchelei, Misstrauen, (1888-1953) das Stück »Professor Mamlock«, eine un-
Intoleranz, Selbstisolation. Der DDR-Gesellschaft und mittelbare Antwort auf Reichstagsbrand und NS-Terror.
ihren Dogmen wird ein Spiegel vorgehalten – immer in Mit seiner Filminszenierung erfüllt Konrad Wolf ein Ver-
mächtnis seines Vaters. Tragischer Held ist Hans Mam- Haltungen, Handlungen, durch Aussagen von Freunden
lock, Chirurg und Chefarzt einer angesehenen Klinik. und Kollegen und eigene Reflexionen dem Zuschauer
Ein nationalliberaler deutscher Großbürger, der sich vertraut werden.« Zu sehen ist Wolf am Drehort und am
nicht vorstellen kann, von den Faschisten in die Enge Schreibtisch; seine Gesten und Blicke spiegeln, wie die
getrieben zu werden. Doch er ist Jude, und als Hitler die behutsamen Worte, seine Visionen und Zweifel, das
Macht ergreift, rücken seine Kollegen fast über Nacht Ringen um künstlerische Lösungen und um das Publi-
von ihm ab. Seine Tochter wird gedemütigt, er selbst kum, die Hoffnung auf menschliche Vernunft. Sein Cre-
aus der Klinik verjagt. Einziger Ausweg bleibt der do: »Wir sind mitten drin in einem Prozess, der in sich
Selbstmord. »Wir wollen keine Bühneninszenierung viele Widersprüche hat, eine Bewegung in ein wirkli-
verfilmen«, schreibt Wolf, »sondern das Geschehen so ches Neuland. Ich vertraue sehr dieser Entwicklung,
auflösen, daß wir zu einer intensiven Bildsprache kom- diesem Prozeß, auch mit allen Rückschlägen und Nie-
men.« Gemeinsam mit Werner Bergmann klügelt er je- derlagen.«
des Bild aus, bestimmt ungewöhnliche Kameraper- Dienstag, 28. Mai 2019, 18.30 Uhr
spektiven. In dem österreichischen Schauspieler Wolf-
gang Heinz findet er einen kongenialen Darsteller der Ich war 19 | DDR 1968 | R: Konrad Wolf | B: Wolfgang
Titelfigur, der seine Lebenserfahrung in die Rolle ein- Kohlhaase, Konrad Wolf | K: Werner Bergmann | D:
bringt: Wie Wolf ist auch er jüdischer Abstammung und Jaecki Schwarz, Alexej Ejboshenko, Jenny Gröllmann,
musste 1933 fliehen. Rolf Hoppe, Dieter Mann, Wolfgang Greese | 115 min |
Dienstag, 21. Mai 2019, 18.30 Uhr Die Handlung beginnt Mitte April 1945 an der Oder und
endet am 3. Mai bei einem Bauerngehöft westlich Ber-
Der kleine Prinz | DDR 1966 (1972) | R: Konrad Wolf | lins. Es ist die Phase der letzten russischen Offensive;
Konrad Wolf
B: Angel Wagenstein, nach dem Roman von Antoine de eine Zeit, die Konrad Wolf als 19-jähriger Leutnant der
Saint-Exupéry | K: Günter Marczinkowsky | M: Kirill Ci- Roten Armee erlebte. Auch Gregor Hecker, Zentralfigur
bulka | D: Christel Bodenstein, Eberhard Esche, Inge des Films und Wolfs Alter Ego, ist Leutnant einer sowje-
Keller, Wolfgang Heinz, Fred Düren, Jürgen Holtz, Man- tischen Aufklärungseinheit. ICH WAR 19 ist ein Film
fred Krug (Gesang) | 77 min | Wolfs einziger Fernsehfilm gegen glatte Geschichtsbilder. Er zeigt, dass die we-
30 entsteht ausschließlich in den Babelsberger Ateliers. nigsten Deutschen sich 1945 wirklich »befreit« fühlten;
dass die meisten statt dessen von Angst, Hass auf die
Sieger und abgrundtiefem Pessimismus erfüllt waren.
Die Kraft des Films beruht auf seinem Bemühen um ein
Höchstmaß an Authentizität. Ohne Larmoyanz macht
Wolf die Schrecken des Krieges, die Schuld der Deut-
schen, nicht zuletzt den Verlust und das Verderben ei-
ner ganzen jungen Generation deutlich. Dabei werden
die Russen nicht zu Heroen stilisiert, sondern sind Men-
schen mit Eigenheiten, Fehlern und Schwächen. Die
grobkörnigen Schwarzweiß-Bilder Werner Bergmanns
unterstreichen den reportagehaften Charakter des
Films.
Dienstag, 4. Juni 2019, 18.30 Uhr
Eine künstliche Märchenwelt, in der sich Saint-Exu-
pérys faszinierender Existentialismus auf magische Der nackte Mann auf dem Sportplatz | DDR 1974 |
Weise entfaltet. Als Darsteller engagiert Wolf die Crème R: Konrad Wolf | B: Wolfgang Kohlhaase | K: Werner
der Ost-Berliner Theaterkünstler. – Konrad Wolf | DDR Bergmann | D: Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Martin Tret-
1977 | R: Gitta Nickel | B: Gitta Nickel, Wolfgang tau, Elsa Grube-Deister, Katharina Thalbach, Matti Ge-
Schwarze | K: Nico Pawloff | 61 min | Gitta Nickel und schonneck | 101 min | Ausgangspunkt sind Erlebnisse
Wolfgang Schwarze beobachten den Regisseur Konrad des Bildhauers Werner Stötzer. Unspektakulär, dabei
Wolf bei der Arbeit an MAMA, ICH LEBE. Gitta Nickel: eindringlich und mit hintergründigem Witz beleuchtet
»Das war unsere einzige Chance, an ihn heranzukom- Wolf das Wechselspiel von Beruflichem und Privatem,
men. Aus den Beobachtungen würde die Persönlichkeit Existentiellem und Beiläufigem. Fernab von erzähleri-
Wolfs hervortreten, würde der Regisseur durch seine schen Konventionen traditioneller Künstlerfilme, setzt
fragte sie nach allem möglichen, nach militärischen
Dingen, aber auch nach ihrem inneren Zustand, nach
ihrer psychischen und politischen Verfassung.« Mit die-
sem Wissen entsteht ein Psychogramm junger Deut-
scher, die von der Frage belastet werden, ob sie als
Verräter oder als Patrioten handeln. Ihnen allen begeg-
net Wolf mit verhaltenen Tönen, die seinem Credo ent-
sprechen, keine »exemplarischen Helden zu zeigen, die
von einer historischen Mission getrieben sind, von the-
oretischen Erkenntnissen, revolutionären Zielen in
Marsch gesetzt« werden. Es geht stattdessen um das
Hervorkehren der Individualität: Die Spannbreite der
Gründe für die Jungen reichen vom Wunsch, besser
sich der Film aus vielen Episoden zusammen, die oft verpflegt zu werden, bis zur Hoffnung, »wiedergutma-
nur angerissen werden – eine Form, die Freiräume für chen« zu können.
Assoziationen ermöglicht, den »mündigen Zuschauer« Dienstag, 18. Juni 2019, 18.30 Uhr
verlangt, der »je nach seiner Beziehung zu dem, was
hier Hauptgegenstand ist, nach seiner Bildung, seinem Solo Sunny | DDR 1980 | R: Konrad Wolf | B: Konrad
Erfahrungswert mehr oder weniger Schichten abtra- Wolf, Wolfgang Kohlhaase | K: Eberhard Geick | M: Gün-
gen« kann (Wolf). Kurt Böwe spielt einen Künstler, der ther Fischer | D: Renate Krößner, Alexander Lang, Heide
sich an der Umwelt reibt. Unter anderem beginnt sein Kipp, Dieter Montag, Fred Düren, Klaus Brasch | 104
Konrad Wolf
Kemmel die Porträtplastik eines Arbeiters – und schei- min | Ein für Wolf überraschendes Sujet: die Höhen und
tert daran. Doch Wolf und Kohlhaase belassen es nicht Tiefen in der Karriere und im Privatleben einer eher mit-
bei der Niederlage: Sie zeigen, dass die Begegnung ih- telmäßigen Schlagersängerin. Wolf geht es um eine
res Helden mit dem Arbeiter ein jeweils besseres Ver- Geschichte, »die Mut zum Leben macht, gerade am
ständnis für die Leistung des anderen bewirkt. Andere Rand der Verzweiflung und gerade am Beispiel des All-
Episoden tendieren mehr ins Ironische: Ein Chauffeur täglichen. Wir müssen Mut machen auf solche Men- 31
wünscht sich von Kemmel einen wasserspeienden schen; wir müssen sie ermutigen – und uns.« Hauptfi-
Frosch für seinen Garten. Ein Relief über die Bodenre- gur ist Ingrid Sommer, genannt Sunny, die in einem
form verschwindet in einem Abstellraum, weil es den Ost-Berliner Großbetrieb gearbeitet hat und nun als
Auftraggebern zu wenig optimistisch ist. Und Kemmels Schlagersängerin über Land tingelt. Der Film setzt, mit
Heimatgemeinde gerät in Streit über das Denkmal, das einer episodischen, undramatischen Erzählstruktur, drei
er für ihren Sportplatz schuf: eben jenen nackten Mann, Männer in Beziehung zu ihr: Norbert, Saxophonist ihrer
der schließlich mit dem Segen eines Kunstprofessors Band, hinter dessen Alkoholexzessen und Sexprotzerei-
eingeweiht wird. en sich tiefe Unsicherheit verbirgt; den Taxibesitzer
Dienstag, 11. Juni 2019, 18.30 Uhr Harry mit seinem aufs Materielle orientierten Lebensin-
halt; und Ralph, einen gebildeten Egozentriker und Aus-
Mama, ich lebe | DDR 1977 | R: Konrad Wolf | B: Wolf- steiger. Zur Entdeckung des Films wird Renate Krößner
gang Kohlhaase, nach seinem Hörspiel »Fragen an ein in der Titelrolle: zärtlich und aggressiv, verletzbar und
Foto« | K: Werner Bergmann | M: Rainer Böhm | D: Peter verletzend, naiv, spontan und sehr erotisch skizziert
Prager, Uwe Zerbe, Eberhard Kirchberg, Detlef Gieß, sie alle Schattierungen der Figur und erhält dafür den
Donatas Banionis | 103 min | Vier junge deutsche Män- Silbernen Bären der Berlinale 1980. Der Film wird als
ner in Uniformen der Roten Armee, bis vor kurzem Sol- Plädoyer für eine weit gefasste Toleranz und das Ausle-
daten der Wehrmacht, die sich in der Gefangenschaft ben der Individualität empfunden. SOLO SUNNY er-
dazu entschlossen, in ein Antifa-Lager des Nationalko- reicht in den ersten drei Monaten nach der Premiere in
mitees Freies Deutschland zu gehen. Von dort aus wird der DDR 700.000 Zuschauer.
ihr weiterer Weg an die Front führen: Als Agitatoren Dienstag, 25. Juni 2019, 18.30 Uhr
sollen sie ihre Landsleute auffordern, den Krieg zu be-
enden. Wolfgang Kohlhaase: »Konrad Wolf hat sich an
die Situation erinnert, in der er im Krieg selber war. Er
musste zuweilen deutsche Gefangene verhören. Er be-
100 Jahre Bavaria Film
JAIDER, DER EINSAME JÄGER
Bavaria Film
Nachdem die 1919 gegründete Emelka (Münchner bilden, in welche die Bavaria Atelier 1987 umbenannt
32 LichtspielKunst), der das Filmmuseum im Januar 2019 wurde.
eine Retrospektive gewidmet hat, 1932 von der Auf- Heute gehört die Bavaria Film zu den führenden
fanggesellschaft Bavaria Film AG übernommen worden Produktions- und Dienstleistungsunternehmen im
war, wurde sie 1938 in die Bavaria Filmkunst GmbH deutschsprachigen Raum. Die Selbstdarstellung des
überführt. Diese besaß im staatseigenen Monopolkon- »Medienstandorts Geiselgasteig« liest sich selbstbe-
zern Ufa-Film ab 1942 nur noch formale Selbstständig- wusst: »Zwölf moderne Film- und TV-Studios mit Flä-
keit und wurde von Goebbels' Propagandaministerium chen von 50 bis mehr als 3.000 Quadratmetern befin-
gesteuert. Da die außerhalb des zerstörten München in den sich auf dem 30 Hektar großen Areal im Süden
Geiselgasteig liegenden Studios den Krieg unversehrt Münchens, dem Stammsitz der Bavaria Film. Das Un-
überstanden hatten, entstand unter Führung eines eng- ternehmen hat Tochtergesellschaften an den wichtigs-
lisch-amerikanischen Redaktionsstabes die größte ten deutschen Medienstandorten wie München, Berlin,
westdeutsche Filmproduktionsstätte, die ihre Ateliers Köln, Stuttgart, Leipzig und Hamburg. Die Bavaria Film
allerdings hauptsächlich an andere Produktionsfirmen GmbH ist als Management-Holding organisiert und in
vermietete. Erst nach der von der Alliierten Hohen Kom- vier Geschäftsbereichen aktiv: Die im Geschäftsbereich
mission veranlassten Reprivatisierung wurde mit der ›Content‹ zusammengefassten Produktionsunterneh-
Gründung der Bavaria Atelier GmbH am 1. August 1959 men realisieren Fiction-, Entertainment- sowie Corpo-
die Eigenproduktion verstärkt wiederaufgenommen. Die rate Video-Formate. Im Geschäftsbereich ›Rights &
größten Anteile der Bavaria Atelier GmbH übernahmen Distribution‹ sind das Merchandising-Geschäft, der
die öffentlich-rechtlichen Sender WDR und SDR. Neben Musikverlag sowie der Rechtevertrieb gebündelt. Im
Kinofilmen entstanden nun auch Fernsehfilme, -serien Geschäftsbereich ›Studios & Services‹ sind der Studio-
und -shows, die bis heute einen Fokus der Bavaria Film betrieb, der Dekobau, die Postproduktion, das Media
Asset Management, der Fundus sowie das Wetterfern- Mathias Kneißl | BRD 1971 | R: Reinhard Hauff | B:
sehen zusammengefasst. Der Geschäftsbereich ›Im- Martin Sperr, Reinhard Hauff | K: Wolfgang Peter Has-
mobilien‹ umfasst insbesondere die Geschäftsfelder senstein | M: Peer Raben | D: Hans Brenner, Ruth
Vermietung & Verpachtung und Drexel, Frank Frey, Eva Mattes, Hanna Schygulla, Gustl
Bauen sowie die Touristenat- Bayrhammer, Rainer Werner Fassbinder, Kurt Raab,
traktion Bavaria Filmstadt. Die Martin Sperr, Volker Schlöndorff, Franz Peter Wirth, | 94
Geschichte der Bavaria Film min | »Held des Films ist eine authentische Figur, eben
wird ab dem 2. März 2019 erlebbar gemacht in der Mathias Kneißl, der 27-jährig anno 1902 in München
Ausstellung ›Bavaria Film – eine interaktive Zeitreise hingerichtet wurde. Hauff schildert das Schicksal sei-
durch 100 bewegte Jahre‹ auf dem Bavaria-Gelände in nes Protagonisten chronikartig, aufgefächert in Statio-
Geiselgasteig.« nen wie eine Moritat. Zwar erscheint Kneißl, der Wild-
Für das Filmprogramm wurden fünf beispielhafte dieb und Räuber, den die Polizei sehr lange jagt, weil
Filme ausgewählt, die Ende der 1960er Jahre bis An- ihn verarmte Bauern und Knechte unterstützen, von
fang der 1980er entstanden sind. Sie verbindet eine Anfang an in einer für die Lage der Landbevölkerung
neue Sichtweise auf »Heimat«, die sich deutlich von um die Jahrhundertwende nicht unbedingt repräsenta-
den Mustern des Genres abhebt. Alle fünf Titel sind im tiven Extremsituation (die Familie stammt von einem
Kino und Fernsehen sehr selten zu sehen und nicht auf Räuber italienischer Herkunft ab, der Vater wird er-
DVD oder Blu-ray erschienen. Sie stehen für eine bisher schlagen, die Mutter eingesperrt), doch die Drehbuch-
zu wenig beachtete Phase in der Geschichte der Bava- autoren Hauff und Sperr haben es geschickt verstan-
ria, in der insbesondere durch die Zusammenarbeit mit den, ihren Helden mit den allgemeinen sozialen
dem WDR Filme entstanden, die auch im Kino reüssier- Missständen zu konfrontieren, man sieht zwar kaum
ten, mit Preisen ausgezeichnet wurden und die Ent- deren Ursachen, aber doch ihre Wirkung auf Lebensbe-
wicklung des Neuen Deutschen Films voranbrachten. dingungen und Bewusstsein der Bevölkerung.« (Hans
Stefan Drößler Günther Pflaum)
Mittwoch, 10. April 2019, 21.00 Uhr
Bavaria Film
Al Capone im deutschen Wald | BRD 1969 | R: Franz
Peter Wirth | B: Peter Adler | K: Karl Steinberger | D: Will Jaider, der einsame Jäger | BRD 1971 | R: Volker
Danin, Angelika Bender, Rainer Werner Fassbinder, Hol- Vogeler | B: Ulf Miehe, Volker Vogeler | K: Gérard Van-
ger Ungerer, Christof Wackernagel, Karl-Josef Cramer | denberg | M: Eugen Illin | D: Gottfried John, Rolf Zacher,
104 min | Tagsüber führen Kalle Hamm und seine Kum- Sigi Graue, Louis Waldon, Johannes Schaaf, Arthur
pel in der Provinz brave bürgerliche Existenzen, nach Brauss, Claus Theo Gärtner | 94 min | »›Das ist die Son- 33
Feierabend sprengen sie Mülltonnen und üben Schie- ne des Grafen. Das sind die Wege des Grafen. Das sind
ßen. Als Vorbilder dienen ihnen dabei Al Capone und die Wälder des Grafen. Das sind die Menschen des
Adolf Hitler. Raubend und brandschatzend zieht die Grafen.‹ Nur einer passt nicht mehr hierher, ins bayeri-
Bande durch die Dörfer. »AL CAPONE IM DEUTSCHEN sche Heimatfilmidyll aus Wäldern, Bergen und Seen,
WALD wäre zweifellos eine der handwerklich besten das der Film gleich zu Beginn mittels Voiceover zunich-
und dichtesten Arbeiten von Franz Peter Wirth gewor- te macht: Jaider, der 1871 aus dem Krieg gegen Frank-
den, wenn sich sein Autor Peter Adler nicht in verquere reich heimkehrt, keine Arbeit mehr findet, aus Not zum
und naive Ambitionen verrannt hätte. Die Kombination Wilderer wird und – unter dem Beifall des einfachen
Hitlerwahn und Tresorknacken, Nazi-Ideologie und Volks – einen Privatkrieg gegen den sadistischen Jagd-
Al-Capone-Abenteuer ist ein völlig irreführendes Phan- aufseher des Grafen beginnt. Gottfried John, hier in sei-
tasieprodukt, von dem sich der Betrachter (denn span- ner ersten Hauptrolle, spielt den Desperado so wortkarg
nend gemacht, exzellent gespielt und fotografiert war’s) wie Franco Nero den Django, und auch sonst steht Vol-
unterhalten, aber nicht getroffen fühlen konnte. Der ker Vogelers archaisches Wildererdrama den Ita-
Schuss Adlers ging voll daneben. So sehen die, vor de- lo-Western eines Sergio Corbucci kaum in etwas nach
nen man Grund hätte, sich zu fürchten, nicht aus: Die – weder als Actionfilm noch als politisches Lehrstück.
echten und militanten Neonazis werden sich nach die- (Michael Omasta) »JAIDER ist ein brillantes Stück Kino.
ser Moritat zweifellos gefreut haben.« (Eckhart Schmidt) Vogeler hat den Heimatfilm nicht auf den Kopf gestellt,
Als »Heini« ist Rainer Werner Fassbinder in seiner ers- wie er sagt, sondern ihn erst richtig auf die Beine ge-
ten größeren Filmrolle zu sehen. bracht.« (Wolfgang Limmer)
Dienstag, 9. April 2019, 21.00 Uhr Freitag, 12. April 2019, 21.00 Uhr
Bolwieser | BRD 1977 | R+B: Rainer Werner Fassbin- Eisenhans | BRD 1983 | R: Tankred Dorst | B: Tankred
der, nach dem Roman von Oskar Maria Graf | K: Michael Dorst, Ursula Ehlers | K: Jürgen Jürges | M: Bert Grund |
Ballhaus | M: Peer Raben | D: Kurt Raab, Elisabeth Tris- D: Gerhard Olschewski, Susanne Lothar, Hannelore Ho-
senaar, Bernd Helfrich, Volker Spengler, Udo Kier | 115 ger, Michael Habeck, Hans-Michael Rehberg, Angelika
min | »Ein Bahnhofsvorstand, gescheitelt, brav und Milster, Irm Hermann | 110 min | »Ein dunkler Titel, eine
blitzdumm, ist seiner Frau hörig bis zu den Hörnern. kümmerliche Landschaft, nasskalt und verhangen; helle
Selbst die trägt er, um sein Annerl nicht zu verlieren, Händel-Musik zu den ersten Bildern und ein Engel, der
aufrecht in den Meineid hinein, mit dem er sie und ihren mit feuchten Flügeln über die Äcker davonläuft, können
Liebhaber vor Klatsch und bürgerlichem Ruin zu bewah- da keine guten Zeichen sein. ›Zonenrandgebiet‹ heißt so
ren sucht. Es ist eine alte Geschichte, doch ist sie immer eine Trübsals-Gegend. EISENHANS erzählt eine traurig
wieder neu. Neu vor allem in der brillanten szenischen alltägliche Vater-Tochter-Inzestgeschichte: Gerhard Ol-
Übersetzung Fassbinders. Er hat dem stilistisch keines- schewski und Susanne Lothar spielen sie mit einer lei-
wegs bemerkenswerten Buch durch seinen cineasti- sen, bewegenden Innigkeit. Die Tochter gilt als schwach-
schen Stil eine eigene Dimension gleichsam abgelistet: sinnig; der Vater, ein unbeholfener Kraftkerl, der ihr von
das Züngelnde, Witternde, Reichenhafte des Kleinbür- seinen Berlin-Touren als Lkw-Fahrer kindische Geschen-
gertums, das immer auf dem Grat zur Brutalität lebt. Die ke mitbringt, liebt in ihr sein eigenes Unglück. Eine sozi-
hündische Unterwürfigkeit des Herrn Vorstand Bolwieser alkritische Milieu- und Fallstudie ist dieser erste Kinofilm
kippt ebenso rasch um in Kommandoton, Ferkelhaftig- des Theater- und Fernsehautors Tankred Dorst nicht. Er
keit und Puffseligkeit. Sehr konsequent, dass Fassbin- lässt sich tief in die Engelsträume und Todesphantasien
der – darin über die Vorlage hinausgehend, an die er seines Eisenhans hineinziehen, in die Schönheit des
sich sonst ungewöhnlich folgsam hält – zitathaft gele- Chaos; so gewinnt dieser seltsame Film selbst mehr und
gentlich Nazisymbole hineincollagiert, eine Hakenkreuz- mehr den Sog der Liebe, von der er erzählt: das Märchen
binde hier, einen deutschen Gruß da.« (Fritz J. Raddatz) vom Glück, das ein Unglück ist.« (Urs Jenny)
Samstag, 13. April 2019, 21.00 Uhr Sonntag, 14. April 2019, 21.00 Uhr
Bavaria Film
34
BOLWIESER
Ein neuer Film von Eckhart Schmidt
Erster Kuss und so … | Deutschland 2019 | R+B: Dinge sagen, die im Dialog zu umständlich wären. Im
Eckhart Schmidt | K: Raoul Sternberg | D: Leandra Stummfilm kann man noch mehr sagen, kann die Per-
Grgic, Robert Sigl, Lorena Grgic | 93 min | Eine tragi- spektiven wechseln, kann in die Tiefe gehen, kann ganz
sche Teenager-Geschichte, gedreht im September und schnell auf den Punkt kommen. Und die Kids sehen auf
Oktober 2018 auf dem Königsplatz, dem Marienplatz, ihren Handys sowieso viele Filme nur stumm. Stummfil-
Eckhart Schmidt
dem Hofgarten, dem Viktualienmarkt und dem St.-Ja- me können zum Beispiel in Clubs auch nebenher lau-
kobs-Platz in München sowie auf der »Liebesbrücke« in fen. Ich denke, der Stummfilm hat eine Zukunft.« (Eck-
Salzburg. »Es war für mich eine besondere Erfahrung, hart Schmidt)
nach so langer Zeit wieder in München zu drehen. Donnerstag, 11. April 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast: Eck-
Nachdem ich lange in Los Angeles und die letzten zwei hart Schmidt, Leandra Grgic, Robert Sigl, Lorena Grgic
Jahre in Rom und Palermo gedreht habe, sah ich die
Münchner Motive mit einem frischen Blick. Ich ent- 35
deckte die Schönheit dieser Stadt neu und ich war
glücklich über die Motive, für die wir uns entschieden
hatten. Alles lief perfekt ab. Und ich denke, es ist gelun-
gen, diese traurige Geschichte schön zu erzählen. Ohne
Leandra Grgic hätte es diesen Film gar nicht gegeben.
Sie hat mich zu dieser Geschichte inspiriert. Ihre Ener-
gie bestimmt den Film. Sie verfügt über eine faszinie-
rende Ausdrucks-Skala, kann Glück, Verzweiflung,
Hoffnung, Neugier und Todessehnsucht problemlos
abrufen. Sie zu treffen und mit ihr zu arbeiten war ein
Ereignis. Robert Sigl als Schwarzer Mann war ein per-
fekter Gegenpol als Todesbote, der der Phantasie des
Mädchens entsprungen ist. Ich hab zwei Jahre lang
monologische Filme gedreht und auch das hat sehr gut
funktioniert. Der Stummfilm ist ein Schritt weiter, einer-
seits zur Vereinfachung, andererseits zu mehr Komple-
xität. Im Monolog kann man, siehe Shakespeare, viele
Der Unbeugsame: Paul Newman
Paul Newman bei den Dreharbeiten zu THE EFFECT OF GAMMA RAYS ON MAN-IN-THE-MOON MARIGOLDS
Paul Newman
Gern wies Paul Newman darauf hin, wie oft er im Leben gomery Clift das Spiel auf der Bühne und das Spielen
unverschämtes Glück hatte – typisch für seinen selbst- für den Film neu definierten.
ironischen Charme nannte er sich »the luckiest son-of- Zu Beginn von Newmans Karriere war viel die Rede
a-bitch«. Das Glück bestand nicht nur darin, dass er zur davon, dass er Brando zu ähnlich sehe. Elia Kazan schlug
rechten Zeit am rechten Ort war, es begann schon weit- seinem Produzenten Budd Schulberg schon 1953 vor,
aus früher, als »gute Samenreise mit günstigem An- ihn statt Brando für ON THE WATERFRONT (DIE FAUST
36
schluss im Mutterleib für glückliche Gene« (»For me, IM NACKEN, 1954) zu nehmen: »Der Junge wird garan-
being lucky starts when you have a good sperm ride tiert ein Filmstar. Nicht der geringste Zweifel. Er sieht
that makes a good womb connection that produces lu- genauso gut aus wie Brando, und seine starke männli-
cky genes.«) Die genetische Grundausstattung war che Ausstrahlung ist unmittelbarer. Als Schauspieler ist
schon vom Äußeren her beachtlich: ein griechischer er noch nicht so gut wie Brando, womöglich wird er es
Gott aus dem Mittleren Westen, mit den blauesten Au- nie. Aber er ist ein verflucht guter Schauspieler mit reich-
gen seit Frank Sinatra. lich Energie, reichlich Innenleben, reichlich Sex.«
Er kam am 26. Januar 1925 in Ohio zur Welt, dien- Da er stets sein Glück betonte, erscheint es nur
te im Zweiten Weltkrieg im Pazifik und ging dann nach passend, dass sein Durchbruch mit dem Film SOME-
New York. Bald fand er Engagements am Broadway, BODY UP THERE LIKES ME (DIE HÖLLE IST IN MIR,
aber wer so gut aussieht, steht nicht lang auf den Bret- 1956) kam. Der Originaltitel könnte als Überschrift über
tern, den ereilt bald der Ruf aus Hollywood. Das Starda- Paul Newmans Leben stehen. Er gewinnt bitter ironi-
sein war nicht nur Verheißung, denn er wollte nicht auf sche Bedeutung, wenn man ihn auf den Schauspieler
sein Aussehen reduziert werden; schließlich hatte New- anwendet, der ursprünglich für die Rolle besetzt war:
man seine Ausbildung am New Yorker Actors Studio James Dean, Newmans Freund aus dem Actors Studio,
absolviert, als seine Kollegen Marlon Brando und Mont- starb kurz vor Drehbeginn in einem Autounfall, abruptes
Ende einer Karriere, die gerade erst so verheißungsvoll dern, cool und unbekümmert – perfekt für Newman.
begonnen hatte. Hollywood schien in Newman einen Zum Westerngenre kehrte er noch zweimal zurück, für
vorgefertigten Ersatz für Dean zu sehen und gab ihm zwei noch modernere (sprich: zynischere) Filme: THE
Rollen in ganz anderen Fächern als denen, die er später LIFE AND TIMES OF JUDGE ROY BEAN (DAS WAR ROY
selber aussuchte – häufig Figuren, deren Motivation BEAN) und BUFFALO BILL AND THE INDIANS, OR SIT-
schwer nachzuvollziehen ist, wie Brick in Richard TING BULL'S HISTORY LESSON (BUFFALO UND DIE IN-
Brooks’ Verfilmung von CAT ON A HOT TIN ROOF (DIE DIANER, 1976) waren revisionistische Western der Ära
KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH, 1958). von Vietnam und Watergate.
Eine frühe wegweisende Partnerschaft verband ihn Obwohl der Superstar Newman kein angeberisches
mit dem Regisseur Martin Ritt. Sie lernten sich im Ac- Stargehabe an den Tag legte – kaum ein Artikel über
tors Studio kennen, wo Ritt unterrichtete, ehe er nach ihn kam umhin, seine glückliche Ehe hervorzuheben –
Hollywood ging. THE LONG, HOT SUMMER (DER LANGE schöpfte er manche der mit seinem Status verbunde-
HEISSE SOMMER, 1958) war die erste von sechs ge- nen Möglichkeiten aus: Wie so viele erfolgreichen Kol-
meinsamen Arbeiten in zehn Jahren, die einige unver- legen beschloss er, eigentlich Regie führen zu wollen.
zichtbare, zentrale Leistungen Newmans brachten: der Doch statt eines befürchteten selbstgefälligen Starvehi-
Jazzmusiker in PARIS BLUES (1961), der von Indianern kels drehte er als ersten Film RACHEL, RACHEL (DIE
aufgezogene Cowboy in HOMBRE (MAN NANNTE IHN LIEBE EINES SOMMERS, 1968), der seine Frau Joanne
HOMBRE, 1967), ganz besonders HUD (DER WILDESTE Woodward ins Zentrum stellte. Sie hatten sich bei der
UNTER TAUSEND, 1963), in dem Newmans natürlicher Theaterarbeit in New York kennengelernt, und zunächst
Charme subversiv eingesetzt ist; Hud ist ein nichtsnut- schien ihre Karriere der seinen davonzulaufen. Sie er-
ziger Mistkerl, gesegnet mit des Teufels Charisma. hielt für THE THREE FACES OF EVE (EVA MIT 3 GESICH-
Schlüsselwerk dieser frühen Jahre ist THE HUSTLER TERN, 1957) den Oscar als beste Hauptdarstellerin.
(HAIE DER GROSSSTADT, 1961). Newmans kleiner Bil- Dann aber steckte sie zurück und opferte ihre Karriere,
lard-Hai Eddie Felson auf der Suche nach der großen um die gemeinsamen Kinder in der relativen Abge-
Chance hatte seine Fehler, doch er war weitaus sympa- schiedenheit Connecticuts großzuziehen. Als Regisseur
thischer als Newman das seinen vorherigen Figuren versuchte er eine gewisse Wiedergutmachung dafür zu
zugestanden hatte; beileibe kein sauberer Held – den leisten.
gab er nie so ganz – aber eine klarere und entspannte- Mag er hinter der Kamera weniger eifrig als davor
re Definition der Art Figur, die er von nun an auf der agiert haben, so weisen seine Regiearbeiten doch star-
Paul Newman
Leinwand verkörpern sollte. ke thematische Gemeinsamkeiten auf. RACHEL, RA-
Mit diesen Filmen fand sich Newman als Schau-
spieler. »Das Potenzial zur plötzlichen Entladung lauert
immer in massentauglichen Helden«, stellte er einmal
fest, »und ich strahle eher Elite-Uni aus«. Dabei spielte
er nie den klassischen Teenagerschwarm; er arbeitete
37
durchaus gerne für namhafte Regisseure in Filmen mit
großem Budget – für Otto Preminger in EXODUS
(1960), für Alfred Hitchcock in TORN CURTAIN (DER
ZERRISSENE VORHANG, 1966) – doch die Rollen, die
ihm am meisten lagen, verbanden Charme und Aufsäs-
sigkeit mit Gelassenheit, wie HARPER (EIN FALL FÜR
HARPER, 1966), der den Archetyp des klassischen ver-
knitterten Privatschnüfflers modernisierte und für die
Joanne Woodward und Paul Newman
(DIE WAHRHEIT UND NICHTS ALS DIE WAHRHEIT, 1982) Dienstag, 16. April 2019, 21.00 Uhr
erbrachte er eine seiner größten Leistungen, bei HARRY
& SON (1984) war er zugleich nicht nur Hauptdarsteller The Left Handed Gun (Einer muss dran glauben) |
und Regisseur, sondern auch Co-Autor und Co-Produ- USA 1958 | R: Arthur Penn | B: Leslie Stevens, nach
zent. dem Fernsehspiel »The Death of Billy the Kid« von Gore
Der Film trat mehr und mehr hinter seine anderen Vidal | K: J. Peverell Marley | M: Alexander Courage | D:
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Interessen zurück, die Leidenschaft für das Rennenfah-
ren (er behielt seine Rennlizenz bis zuletzt) und vor al-
lem Wohltätigkeit – die Einnahmen aus seiner Lebens-
mittelmarke Newman’s Own gingen an wohltätige
Zwecke. Er stellte fest: »Peinlicherweise bringen die
Salatsaucen mehr ein als meine Filme.« Er arbeitete
seltener, doch warf sich immer ganz in seine Rollen, wie
die als übler Plutokrat in THE HUDSUCKER PROXY
(HUDSUCKER – DER GROSSE SPRUNG, 1994), die lau-
teste Komödienrolle seines Lebens. Mit ROAD TO PER-
DITION (2002) nahm er seinen Abschied von der Lein-
wand – in der Rolle als ein alter Gangsterboss, der nicht
recht bereit ist, die Zügel an die jüngere Generation
abzugeben. Selbst danach konnte er es nicht ganz las- Paul Newman, Lita Mila, John Dehner, Hurd Hatfield,
sen und lieh seine Stimme einem Wagen in dem Ani- John Dierkes | 102 min | OF | »Für sein Kinodebüt
mationsfilm CARS (2005). nimmt Arthur Penn vom Fernsehen eine Vorlage von
CAT ON A HOT TIN ROOF
Gore Vidal mit, formt sie zum intensiven Erstentwurf min | OF | Brick, der Spross einer wohlhabenden
des typischen, von Unsicherheiten geplagten Penn-Hel- Grundbesitzerfamilie im Mississippi-Delta, ist mit einer
den und läutet so die Ära psychologischer, psychosozi- leidenschaftlichen Frau verheiratet, der er sexuell nicht
aler, psychosexueller Interpretationen von Western-Le- gewachsen ist. »So treffend Newman Brick als ge-
genden ein. Paul Newman spielt den jungen Analpha- hemmt und von Schuldgefühlen geplagt darzustellen
beten und Herumtreiber William Bonney alias Billy the vermag, so überzeugend ist er, wenn sein Tempera-
Kid, der bei einem väterlichen Rancher Aufnahme fin- ment mit ihm durchgeht und er Maggie oder Big Daddy
det. Nach dessen Ermordung beginnt Billy einen Ra- anschreit, um sie daran zu hindern, noch weiter in sei-
chefeldzug gegen die Killer, schließt dabei Freundschaft ner Persönlichkeit herumzustochern und seine gehüte-
Paul Newman
mit Sheriff Pat Garrett und verliebt sich in eine Frau. Der ten Geheimnisse zu entschleiern.« (Michael Kerbel)
Neuanfang als gesetzestreuer Bürger scheitert am Freitag, 19. April 2019, 18.30 Uhr
Kreislauf eskalierender Gewalt.« (Christoph Huber) Der
Film stellt einen Bezug zwischen Billy und der unzufrie- Exodus | USA 1960 | R: Otto Preminger | B: Dalton
denen Jugend der 1950er Jahre her und thematisiert Trumbo, nach dem Roman von Leon Uris | K: Sam Lea-
zugleich den Prozess der Mythenbildung im Westen. vitt | M: Ernest Gold | D: Paul Newman, Eva Marie Saint,
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Samstag, 13. April 2019, 18.30 Uhr Ralph Richardson, Sal Mineo, Jill Haworth, Peter Law-
Mittwoch, 17. April 2019, 21.00 Uhr ford, Lee J. Cobb, John Derek, Esther Ofarim | 208 min
| OmU | »Ein komplexes Geschichtsbild als All-Star-
Bang the Drum Slowly (Das letzte Spiel) | USA 1956 Blockbuster mit kontroversem Sujet. Zur Gründung Is-
| R: Daniel Petrie | B: Arnold Schulman, nach dem Ro- raels in zwei Erzählwellen: erst die bewegte Reise des
man von Mark Harris | D: Paul Newman, Albert Salmi, titelgebenden Flüchtlingsschiffs von Europa Richtung
George Peppard, Barbara Babcock, Rudy Bond | 52 min Palästina trotz britischer Seeblockade, an Bord ein isra-
| OF | Ein klassisches Live-Fernsehspiel, das vom elischer Untergrundkämpfer (Paul Newman), eine idea-
Live-Monitor abgefilmt erhalten geblieben ist. Ein Base- listische US-Krankenschwester (Eva Marie Saint) und
ballspieler stellt fest, dass sein Mannschaftskamerad der Überlebende eines Auschwitz-Sonderkommandos
etwas zu verbergen versucht. – Cat on a Hot Tin Roof (unvergesslich: Sal Mineo). Dann deren innere wie äu-
(Die Katze auf dem heißen Blechdach) | USA 1958 | ßere Kämpfe nach der Ankunft. ›Zionistische Propagan-
R: Richard Brooks | B: Richard Brooks, James Poe, nach da‹ war ein häufiger Vorwurf, doch Premingers virtuos
dem Theaterstück von Tennessee Williams | K: William verzahnte Perspektivwechsel sorgen für einen Monu-
Daniels | M: Charles Wolcott | D: Elizabeth Taylor, Paul mentalfilm von ungewöhnlicher Intelligenz und Ambiva-
Newman, Burl Ives, Judith Anderson, Jack Carson | 108 lenz.« (Christoph Huber) Preminger lag viel an der Über-
windung von stereotypen Juden-Darstellungen, und in Paris Blues | USA 1961 | R: Martin Ritt | B: Walter
einer Schlüsselszene darf Newman ganz wunderbar mit Bernstein, Irene Kamp, Jack Sher, Lulla Rosenfeld, nach
Schein und Wirklichkeit, Erwartung und Vorurteil spielen. einem Roman von Harold Flender | K: Christian Matras
Samstag, 20. April 2019, 18.30 Uhr | M: Duke Ellington | D: Paul Newman, Sidney Poitier,
Joanne Woodward, Diahann Carroll, Louis Armstrong |
The Hustler (Haie der Großstadt) | USA 1961 | R: Ro- 98 min | OF | Paris als die Stadt der Liebe und des Jazz.
bert Rossen | B: Sidney Carroll, nach dem Roman von Filmklassiker über zwei amerikanische Jazzmusiker im
Walter Tevis | K: Eugen Schüfftan | M: Kenyon Hopkins | Exil, die in Kellern und Clubs auftreten. Sie bandeln mit
D: Paul Newman, Piper Laurie, Jackie Gleason, George zwei Amerikanerinnen an, die sie in die Staaten zurück-
C. Scott, Myron McCormick | 134 min | OmU | »A mo- holen wollen. Newman spielt den Jazzposaunisten, Sid-
dern morality tale ohne Moralisieren, ein metaphysi- ney Poitier den Saxophonisten und Pianisten. Der Film
sches Melodram. Anstelle von Schwarzweißkontrasten zeigt die relative Freiheit, die Schwarze in Europa ge-
liefert Kameramann Eugen Schüfftan eine meisterhafte nossen, und die für Amerikaner fremdartig wirken
Studie der Grautöne am Breitwand-Billardtisch. Paul musste. Doch unterlag der Film strengen Beschränkun-
Newman als existenzialistischer Held, ein Pool-Hustler, gen: »Ritt ist weit davon entfernt, eine Schwarze mit
der sein Handwerk perfektioniert und schmerzhaft ler- einem Weißen im Bett zu zeigen. Das Bett ist da, aber
nen muss, dass die Entwicklung seines Talents nicht er paart fein säuberlich Schwarz mit Schwarz und Weiß
genügt, solange er nicht auch Charakterstärke entwi- mit Weiß. Das Rassenproblem wird diskutiert, aber in
ckelt. Einer der besten Schauspielerfilme der 1960er theatralischen Reden wohlfeil kaputtgeschwatzt.«
Jahre, von Rossen mit großem Gespür für herunterge- (Theodor Kotulla) Dennoch ist PARIS BLUES einer der
kommene Schauplätze und bemerkenswerten Ideen zu schönsten Jazz-Filme der 1960er Jahre.
Atmosphäre und Tempo inszeniert. Newmans Pool-Du- Montag, 22. April 2019, 18.30 Uhr
elle mit Jackie Gleason als ›Minnesota Fats‹ sind uner-
reicht.« (Christoph Huber) Dem für eine damalige Stu- Hud (Der Wildeste unter Tausend) | USA 1963 | R:
dioproduktion ungewöhnlichen Dreh an realen Schau- Martin Ritt | B: Irving Ravetch, Harriet Frank Jr, nach
plätzen verdankt THE HUSTLER seine ungeheure Di- dem Roman »Horseman, Pass By« von Larry McMurtry
rektheit und Authentizität. | K: James Wong Howe | M: Elmer Bernstein | B: Paul
Sonntag, 21. April 2019, 18.30 Uhr Newman, Patricia Neal, Melvyn Douglas, Brandon de-
Wilde, Whit Bissell | 112 min | OF | HUD ist ein nach-
Paul Newman
The Color of Money (Die Farbe des Geldes) | USA denklicher Post-Western, er spielt in der Gegenwart
1986 | R: Martin Scorsese | B: Richard Price, nach dem und behandelt das Ende der Cowboy-Ära. Newman
Roman von Walter Tevis | K: Michael Ballhaus | M: Rob- spielt den charmanten aber amoralischen Sohn eines
bie Robertson | D: Paul Newman, Tom Cruise, Mary Ranchers alter Schule, der von seinem kleinen Neffen
Elizabeth Mastrantonio, Helen Shaver, John Turturro | vergöttert wird. Tobias Kniebe über Paul Newman:
120 min | OmU | THE COLOR OF MONEY ist die 25-Jah- »Heute staunt man, was für ein genuin herzloser Bas-
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re-später-Fortsetzung zu THE HUSTLER. »Die nämli- tard sein moderner Cowboy Hud ist, clever, zynisch,
chen 25 Jahre, die zwischen beiden Filmen liegen, die vollkommen selbstbezogen – aber ausgerechnet mit
Paul Newman älter und das Hollywoodkino anders ge- dieser Rolle wurde er 1963 zum Superstar, nahm den
worden ist. Umkehrung: Pool-Professional Eddie Felson großen Bruch mit dem Establishment, die Jugendbe-
führt jene arrivierte Existenz, die er 1961 an seinem wegung der Sixties vorweg. Achtunddreißig war er da-
Widersacher verachtete. Er ist gerissener Geldhai, Ma- mals und wirkte doch wie zwanzig, und dieses Gefühl
nager, zynischer Zuhälter junger Billardtalente. Scorse- des großen Leichtsinns, der scheinbar ewigen Jugend,
se schenkt ihm einen zweiten Atem und eine schrittwei- sollte sein Image bis tief in die siebziger Jahre prägen.«
se Wiedergeburt – wie aus der Anbetung der Farbe des Freitag, 26. April 2019, 18.30 Uhr
Geldes wieder das Andere, der alte Rausch, die Passion Dienstag, 30. April 2019, 21.00 Uhr
des Spielens erwacht. Das impliziert das Umwenden
des Lehrer-Schüler-Motivs, das unzählige Western und Harper (Ein Fall für Harper) | USA 1966 | R: Jack
Samurai-Filme prägt. Der Lehrling, wild und genialisch Smight | B: William Goldman, nach dem Roman »The
spielender Stenz und dummer Junge, fordert den Meis- Moving Target« von Ross Macdonald | K: Conrad Hall |
ter heraus.« (Harry Tomicek) M: Johnny Mandel | D: Paul Newman, Lauren Bacall,
Sonntag, 21. April 2019, 21.00 Uhr Julie Harris, Janet Leigh, Robert Wagner | 121 min | OF
TORN CURTAIN
| Ross Macdonalds Vorlage war schon 1949 erschienen steller her; wer aber vom method acting her kam und
– der erste von 18 Romanen um den Privatdetektiv Lew ihn mit Fragen zur Rolle überschüttete – wozu Newman
Archer, dessen Name für die Verfilmung verändert wur- neigte – der brachte Hitchcock gegen sich auf. »Wer
de, da man nur die Rechte am ersten Buch hatte, nicht über die scheinbare Naivität der Geschichte stolpert
an der ganzen Reihe. »Harper ist unzeitgemäß der alte und sich zum Beispiel darüber wundert, dass da ein
Typ des Privatdetektivs, er hat mit der hohen und niede- Ostberliner Taxifahrer über einen BMW 1800 verfügt,
ren Gesellschaft seines Landes zu tun und für seine saust bei Hitchcock durch die offene Tür, bei dem nichts
Kollegen vom Ost-West-Genre nur den Sarkasmus üb- so ist, wie es auf den ersten Blick aussieht, und in des-
rig. Unzeitgemäß ist auch der Film in seiner Rückwen- sen Filmen die Requisiten nichts verbürgen wollen,
Paul Newman
dung zur Melancholie chandlerscher Provenienz. Har- sondern nur ein Teil des Scheines sind, der trügt. Der
pers Pessimismus ist konsequent bis zum Letzten, er Film hat die Dimension eines Alptraums, aber nicht,
wirkt fast wie ein Fremdkörper in diesen Sechzigerjah- weil er einen Alptraum erzählt, sondern weil er wie ein
ren unter all den modischen Snobs, die zwischen Jet Alptraum erzählt ist.« (Enno Patalas)
und Champagner noch schnell nebenbei die Welt vor Freitag, 3. Mai 2019, 18.30 Uhr
dem sicheren Untergang retten. Wie der Auftakt zu ei- Dienstag, 7. Mai 2019, 21.00 Uhr
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ner neuen schwarzen Serie mutet der Film an.« (Peter
M. Ladiges) Trotz des Erfolges ließ eine Fortsetzung Hombre (Man nannte ihn Hombre) | USA 1967 | R:
neun Jahre auf sich warten (THE DROWNING POOL, Martin Ritt | B: Harriet Frank Jr, Irving Ravetch, nach
1975). dem Roman von Elmore Leonard | K: James Wong
Sonntag, 28. April 2019, 18.30 Uhr Howe | M: David Rose | D: Paul Newman, Diane Cilento,
Fredric March, Richard Boone, Cameron Mitchell | 111
Torn Curtain (Der zerrissene Vorhang) | USA 1966 | min | OF | Newman spielt hier – fast so wortkarg wie
R: Alfred Hitchcock | B: Brian Moore | K: John F. Warren Clint Eastwood bei Sergio Leone war – einen Weißen,
| M: John Addison | D: Paul Newman, Julie Andrews, der bei den verhassten Apachen aufwuchs und dafür
Lila Kedrova, Wolfgang Kieling, Hansjörg Felmy | 128 (wie auch die Apachen) von den vermeintlich zivilisier-
min | OmU | Alfred Hitchcock beklagte sich später wie- ten Amerikanern verachtet und ausgegrenzt wird. »Ein
derholt, Paul Newman sei ihm als Hauptdarsteller auf- weißer Apache gerät in die Auseinandersetzung um
gezwungen worden, um für seinen Spionagethriller eine eine Satteltasche voller Dollars, die der Leiter eines In-
gewisse Kassengarantie zu haben, und sie seien ein- dianerreservats unterschlagen hat. Seine Chance ge-
fach nicht zusammengekommen. Hitchcock zog schon gen die Bande, die es auf das Geld abgesehen hat, ist
unter günstigeren Umständen gerne über seine Dar- minimal, aber er wahrt sie, indem er sich nicht an die
Spielregeln des Genres hält. Erst zum Showdown tritt Rachel, Rachel (Die Liebe eines Sommers) | USA
der Apache wie ein Westerner an – das kostet ihn das 1968 | R: Paul Newman | B: Margaret Laurence, nach
Leben. So wenig geschwätzig wie die kargen Dialoge ihrem Roman »A Jest of God« | K: Gayne Rescher | M:
sind die Bilder dieses Films, und jede seiner Einstellun- Jerome Moross | D: Joanne Woodward, James Olson,
gen führt vor, warum der Western trotz der zahlreichen Kate Harrington, Estelle Parsons, Donald Moffat | 101
Europäischen Imitationen eine Domäne Hollywoods ge- min | OF | Die Charakterstudie einer Frau, die sich zag-
blieben ist und bleiben wird.« (Enno Patalas) haft aus den Klauen ihrer tyrannischen, besitzergreifen-
Samstag, 4. Mai 2019, 18.30 Uhr den Mutter zu befreien versucht. Newman tritt nicht auf:
Mittwoch, 8. Mai 2019, 21.00 Uhr Der Film ist ganz auf seine Frau Joanne Woodward zu-
geschnitten. »Newman hat in diesem seinem Regie-
Cool Hand Luke (Der Unbeugsame) | USA 1967 | R: Debüt tatsächlich etwas von den Talenten eines unbe-
Stuart Rosenberg | B: Donn Pearce, Frank R. Pierson, fangenen Neulings: eine Art naiver Genialität, die ihn
nach dem Roman von Donn Pearce | K: Conrad Hall | M: Kompliziertes anpacken lässt, wo ein Routinier vielleicht
Lalo Schifrin | D: Paul Newman, George Kennedy, Stro- zurückschrecken würde. Jedenfalls gelingt das Unter-
ther Martin, Jo Van Fleet, Lou Antonio, Dennis Hopper | nehmen geradezu verblüffend gut: Diese erste Liebe
126 min | OF | »Der Held ist Sträfling eines Arbeitsla- einer 35-Jährigen vermag Anteilnahme zu wecken. Das
gers, der nach drei Fluchtversuchen schließlich sterben Kino wird zu einem Raum, in dem das Drama scharfe
muss. Paul Newman spielt diesen Luke mit einer ent- Konturen erhält, auch optisch mit sehr aparten Mitteln
waffnenden Coolness. Meist das um die Endlichkeit realisiert, nämlich in einer kunstvollen Verschachtelung
seines Besitzers Bescheid wissende Lächeln im Mund- von Kindheitserinnerungen, gedanklichen Bruchstü-
winkel, seine wenigen Sätze knurrt er mehr, als dass er cken und gegenwärtigen Ereignissen, die bisweilen in
wirklich spricht.« (Christoph Hartung) »Nicht ohne einen Zustand von Irrealität hineinstilisiert sind.« (Film-
Grund gehört Newmans Luke zu den einprägsamsten beobachter)
Charakteren der amerikanischen Filmgeschichte. Ein Freitag, 24. Mai 2019, 18.30 Uhr
Mensch, für den die Welt immer zu klein und zu eng Dienstag, 28. Mai 2019, 21.00 Uhr
sein wird, ein widerspenstiger Geist, in dem Regeln
tiefstes Unbehagen auslösen. Und selten hat jemand Butch Cassidy and the Sundance Kid (Zwei Bandi-
derart aufs Maul bekommen und doch im gleichen ten) | USA 1969 | R: George Roy Hill | B: William Gold-
Atemzug diese Abreibungen so herausgefordert. Ein man | K: Conrad Hall | M: Burt Bacharach | D: Paul Ne-
Paul Newman
fast schon masochistischer Freiheitsdrang. Sein Rebel- wman, Robert Redford, Katharine Ross, Strother Martin,
lentum braucht keine soziale Bettung, seine Auflehnung Jeff Corey | 110 min | OmU | »Mit kaum zu übertreffen-
gilt weder der Elterngeneration noch einem System, der Spielfreude verkörpern Paul Newman und Robert
sondern dem Leben und Sein.« (Alex Todorov) Redford die beiden Banditen, die um 1900 Banken und
Sonntag, 5. Mai 2019, 18.30 Uhr Züge ausraubten und schließlich vor der Polizei nach
Dienstag, 21. Mai 2019, 21.00 Uhr Bolivien geflohen sein sollen. Perfektes Unterhaltungs-
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BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID
kino mit hohem Nostalgiewert bietet dieses von Conrad Landschaft und die rauen Sitten der Holzfäller, man
Hall brillant fotografierte und mit vier Oscars ausge- spürt den Regen, die Kälte, die Nässe, die Wucht der
zeichnete Werk. Der Humor kommt nicht zu kurz und in fallenden Baumstämme. »Eine spannend erzählte Ge-
der wohl berühmtesten Szene des Films darf Paul New- schichte, die nicht nur Action und Drama bietet, son-
man zu Burt Bacharachs ›Raindrops Keep Falling On dern zumindest ansatzweise auch die tiefer liegenden
My Head‹ auf dem Fahrrad fahren und Kunststücke Konflikte andeutet, die den Roman so groß machen. Als
vorführen.« (Walter Gasperi) Newman hatte sein Ego Drama um eine Familie, die sich nicht unterkriegen
genügend im Zaum, sich die Leinwand mit dem relati- lässt und gegen die Unbilden der Witterung ebenso wie
ven Neuling Robert Redford zu teilen. Es ist gerade der gegen die der Gesellschaft ihr ›Ding‹ durchzieht, funk-
Eindruck einer echten Partnerschaft, die den Film tioniert SOMETIMES A GREAT NOTION durchaus gut.«
leichtfüßig schweben lässt – ein Gefühl, das sich auch (Gavin Armour)
heute noch ganz unmittelbar einstellt und den Film so Samstag, 1. Juni 2019, 18.30 Uhr
unwiderstehlich macht. Dienstag, 4. Juni 2019, 21.00 Uhr
Samstag, 25. Mai 2019, 18.30 Uhr
Mittwoch, 29. Mai 2019, 21.00 Uhr The Life and Times of Judge Roy Bean (Das war
Roy Bean) | USA 1972 | R: John Huston | B: John Milius
WUSA (Machenschaften) | USA 1970 | R: Stuart Ro- | K: Richard Moore | M: Maurice Jarre | D: Paul New-
senberg | B: Robert Stone, nach dem Roman »A Hall of man, Victoria Principal, Anthony Perkins, Jacqueline
Mirrors« von Robert Stone | K: Richard Moore | M: Lalo Bisset, Tab Hunter, Stacy Keach, Roddy McDowall |
Schifrin | D: Paul Newman, Joanne Woodward, Anthony 123 min | OF | Das Drehbuch von John Milius orientiert
Perkins, Laurence Harvey, Pat Hingle | 115 min | OF | sich lose an Roy Beans Lebensgeschichte. Bean kommt
Paul Newman war bekannt dafür, politisch klar linke aus Kentucky und hat schon zwei Männer im Duell
Überzeugungen zu vertreten, er stand als einziger aus erschossen, bevor er in Texas eintrifft. Dort lässt er sich
Hollywood auf Richard Nixons berüchtigter »Feindes- in einem Ort nieder, dem er den Namen der von ihm
liste«. Doch er ließ sich bei der Wahl seiner Projekte nur bewunderten Sängerin Lily Langtry (Ava Gardner) gibt.
selten von seinen politischen Ansichten beeinflussen. Als Friedensrichter lässt er so manchen Ganoven auf-
Eine Ausnahme bildete der Film WUSA, bei dem er nicht knüpfen und eignet sich dessen Barschaft an, so dass
nur Hauptdarsteller, sondern auch Produzent war. Seine er im Laufe der Jahre ein stattliches Vermögen anhäuft.
Einschätzung, WUSA sei »der wichtigste und aussage- Neben Newman, der wieder einmal gegen sein Image
Paul Newman
kräftigste Film, den ich je gemacht habe, und der bes- anspielt, enthält die Besetzungsliste viele bekannte
te«, teilten damals nur wenige, doch die Geschichte ei- Namen. Anthony Perkins ist ein Geistlicher auf der
nes eigentlich liberal gesonnenen Radio-Unterhalters, Durchreise, Stacy Keach der Killer ›Bad Bob‹, Ned
der bei dem rechten Rundfunksender WUSA anheuert Beatty ein Ganove, der lieber ein Kellner wäre, Roddy
und Teil einer Verschwörung wird, hat sich mittlerweile McDowall ein Rechtsanwalt, Jacqueline Bisset Beans
als äußerst weitblickend erwiesen. Manche Gegen- Tochter, und Regisseur Huston, der den Film als lose
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wartsbezüge sind geradezu unheimlich, und ausge- Abfolge von Episoden mit sardonischem Humor anlegt,
rechnet die satirischen Elemente, die 1970 übertrieben hat einen Auftritt als ›Grizzly Adams‹.
wirkten, kommen uns heute besonders normal vor. Sonntag, 2. Juni 2019, 18.30 Uhr
Freitag, 31. Mai 2019, 18.30 Uhr Mittwoch, 5. Juni 2019, 21.00 Uhr
Sometimes a Great Notion (Sie möchten Giganten The Effect of Gamma Rays on Man-in-the-Moon
sein) | USA 1971 | R: Paul Newman | B: John Gay, nach Marigolds (Die Wirkung von Gammastrahlen auf
dem Roman von Ken Kesey | K: Richard Moore | M: Ringelblumen) | USA 1972 | R: Paul Newman | B: Alvin
Henry Mancini | D: Paul Newman, Henry Fonda, Lee Sargent, nach dem Stück von Paul Zindel | K: Adam
Remick, Richard Jaeckel, Michael Sarrazin | 114 min | Holdener | M: Maurice Jarre | D: Joanne Woodward,
OF | Koproduzent und Hauptdarsteller Paul Newman Nell Potts, Roberta Wallach, Judith Lowry, David Spiel-
hatte sich nicht vorgenommen, Ken Keseys ausladende berg | 100 min | OmU | Newmans dritte und beeindru-
Geschichte einer starrköpfigen Holzfällersippe in Ore- ckendste Regiearbeit ist wieder ein Familiendrama mit
gon selber zu inszenieren, doch kurz nach Drehbeginn seiner Frau Joanne Woodward in der Hauptrolle. Sie
übernahm er auch noch die Regie von Richard A. Colla. spielt eine exzentrische alkoholabhängige Frau mittle-
Gedreht wurde on location, Newman nutzt die raue ren Alters, verwitwet, die sich der Realität verweigert, in
haltlose Karrierefantasien flüchtet und mit ihren beiden ford, sondern auch der unbedeutendste Nebendarstel-
heranwachsenden Töchtern Probleme hat. Der Titel ler bieten schauspielerische Glanzleistungen. Die phy-
bezieht sich auf einen Versuch, den die jüngere Tochter sische und emotionale Dichte, die jeden Moment
als Schulprojekt durchführt. Der Film war ein Projekt interessant machen, verdankt der Film vor allem einer
unter Freunden: Newman drehte den Film in Connecti- faszinierenden Dekor- und Kamerakunst.« (Siegfried
cut, wo er mit seiner Familie wohnte, also quasi »um die Schober)
Ecke«, die eine Tochter spielt Roberta Wallach (Tochter Samstag, 8. Juni 2019, 18.30 Uhr
Eli Wallachs), die andere Nell Potts (Tochter der New- Dienstag, 11. Juni 2019, 21.00 Uhr
mans). »Wenn ich ein gutes Drehbuch entdecke, und es
gibt darin keine Rolle für mich als Schauspieler, bin ich Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull's History
froh, wenn ich mich in anderer Weise beteiligen kann.« Lesson (Buffalo Bill und die Indianer) | USA 1976 | R:
(Paul Newman) Robert Altman | B: Alan Rudolph, Robert Altman, nach
Freitag, 7. Juni 2019, 18.30 Uhr dem Theaterstück »Indians« von Arthur Kopit | K: Paul
Lohmann | M: Richard Baskin | D: Paul Newman, Geral-
The Sting (Der Clou) | USA 1973 | R: George Roy Hill | dine Chaplin, Burt Lancaster, Kevin McCarthy, Joel Grey
B: David S. Ward | K: Robert Surtees | M: Marvin Ham- | 123 min | OF | »Einziger Schauplatz ist das Haupt-
lisch | D: Paul Newman, Robert Redford, Robert Shaw, quartier eines historischen Zirkusunternehmens, jener
Robert Earl Jones, Charles Durning | 129 min | OmU | ›Buffalo Bill's Wild West Show‹ eines gewissen William
»Der Film erzählt mit einem Minimum an Sentimentali- Frederick Cody und seiner Manager, die auszogen,
tät und Brutalität und mit einem Maximum an Präzision Amerika eine Legende zu verkaufen. ›Buffalo Bill Cody‹,
und Artistik eine märchenhafte Ganovengeschichte, die sagte Altman, ›war gewissermaßen der erste Filmstar,
in einem von Wirtschaftskrise und Korruption charmant der erste total künstlich hergestellte amerikanische
zerrütteten Chicago der dreißiger Jahre spielt. Die de- Held.‹ Mit bewundernswerter Selbstironie trägt Paul
tailreich und minuziös ausgearbeitete Betrugsge- Newman sein Superstar-Image zu Markte; Joel Grey,
schichte legt aber auch permanent den Zuschauer he- der Conferencier aus CABARET, trifft als Manager über-
rein. Dass man diesem Film alles sofort glauben und zeugend einen Tonfall auftrumpfender Unverbindlich-
verzeihen, ihm wie den Lügengarnen orientalischer keit, während der alte Burt Lancaster als abgehalfterter
Märchen süchtig verfallen kann, rührt von den altmodi- Mythenmacher rührend verwitterte Ehrlichkeit aus bes-
schen handwerklichen Qualitäten, die er wie zum letz- seren Tagen verkörpert. Außer ihm wirken nur die Indi-
Paul Newman
ten Mal in aller Herrlichkeit und Professionalität zur aner in diesem grellen Spektakel normal. Mit wortkar-
Schau stellt. Nicht nur Paul Newman und Robert Red- ger List sorgen sie ständig für Irritationen, lassen die
44
THE STING
BUFFALO BILL AND THE INDIANS
Stars und Manager vollends als überdrehte Hampel- er am Flipper in seiner Stammkneipe kein Freispiel
männer erscheinen.« (Hans-Christoph Blumenberg) mehr schafft – aber es handelt sich doch um Paul Ne-
Sonntag, 9. Juni 2019, 18.30 Uhr wman, und dass der keinen Verlierer spielt, ist so klar
Dienstag, 18. Juni 2019, 21.00 Uhr wie das Blau seiner Augen: Der ist nur unten durch, um
noch mal ganz groß rauszukommen. So genüsslich wie
Slap Shot (Schlappschuss) | USA 1977 | R: George der Film zu Beginn Galvins Verkommenheit aufgeblät-
Roy Hill | B: Nancy Dowd | K: Victor J Kemper | M: Elmer tert hat, zeigt er in der Mitte, wie ein Spitzenprofi der
Bernstein | D: Paul Newman, Michael Ontkean, Strother Zunft (James Mason) vorgeht, um einen medizinischen
Martin, Jennifer Warren, Lindsay Crouse | 123 min | Kunstfehler durch ein juristisches Kunststück auszubü-
OmU | Ein slap shot ist im Eishockey ein Schlagschuss: geln: Wie er einen Zeugen drillt, wie er die Presse füt-
nicht präzise, aber dafür schnell, hart, spektakulär. tert, wie er den Gegner bespitzeln und wie er dessen
SLAP SHOT war ein persönlicher Lieblingsfilm New- Hauptzeugen kaufen lässt. THE VERDICT hat alles an
mans, er führte seine Lieblingsfigur, den Unangepass- Intelligenz, Qualität und Bravour, was das amerikani-
Paul Newman
ten, in neue Höhen – oder Tiefen. Um die Auflösung sche Hochglanz-Kino leisten kann.« (Urs Jenny)
ihres Vereins wegen Erfolglosigkeit zu verhindern, in- Freitag, 14. Juni 2019, 18.30 Uhr
szeniert eine Eishockeymannschaft publikumswirksa-
me Schlägereien mitten im Spiel, und neue Spieler Harry & Son (Harry & Sohn) | USA 1984 | R: Paul
werden nach ihrer Gewaltbereitschaft ausgewählt. Das Newman | B: Ronald L. Buck, Paul Newman, nach dem
deftige Drehbuch von Nancy Dowd hat den Erfahrungen Roman »A Lost King« von Raymond DeCapite | K: Do-
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ihres Bruders als Eishockeyspieler viel zu verdanken. nald McAlpine | M: Henry Mancini | D: Paul Newman,
Das größte Vergnügen bereiten die unflätigen Dialoge Robby Benson, Ellen Barkin, Wilford Brimley, Ossie Da-
und der Genuss, mit dem sie zelebriert werden. New- vis, Morgan Freeman, Joanne Woodward | 117 min | OF
man behauptete, vor diesem Film praktisch nie geflucht | Newman als verwitweter Vater Harry, ein solider Arbei-
zu haben, doch seither sei seine Ausdrucksweise völlig ter für eine Abbruchfirma, dessen Verhältnis zu seinem
verroht: »my language is right out of the locker room.« aufsässigen Sohn Howard angespannt ist. Der ist ein
Montag, 10. Juni 2019, 18.30 Uhr empfindsamer Möchtegern-Hemingway und verachtet
Mittwoch, 19. Juni 2019, 21.00 Uhr die Art ehrlicher Arbeit, die sein Vater für so wichtig hält.
Als Harry gesundheitliche Probleme bekommt und nicht
The Verdict (Die Wahrheit und nichts als die Wahr- mehr der Versorger sein kann, als der er sich immer
heit) | USA 1982 | R: Sidney Lumet | B: David Mamet, verstanden hat, müssen beide ihr Verhältnis neu ord-
nach dem Roman von Barry Read | K: Andrzej Bartkowi- nen. Ȁhnlich wie in SOMETIMES A GREAT NOTION
ak | M: Johnny Mandel | D: Paul Newman, James Ma- wendet Paul Newman sich einer äußerlich starken, in
son, Charlotte Rampling, Milo O'Shea, Jack Warden, Wahrheit jedoch empfindsamen, verletzlichen Männer-
Lindsay Crouse | 129 min | OmU | »Der sieht ziemlich gestalt zu. Da enthält der Wutausbruch die zärtliche
erledigt aus, dieser Frank Galvin, zittert schon so, dass Umarmung und die trotzige Ablehnung die verzweifelte
Bitte um Zuwendung. HARRY & SON ist sicherlich ein know, for kids!« – und wird vom Raubtierkapitalisten
ernst gemeinter und aufrechter Film, aber es mangelt Sidney Mussburger (Paul Newman) weidlich ausgebeu-
der Geschichte an der Konzentration auf das Wesentli- tet. Newman spielt den Blutsauger mit großer Geste
che.« (Josef Schnelle) und Haifischgrinsen in dieser Kunstwelt, in der jedes
Samstag, 15. Juni 2019, 18.30 Uhr Bild ganz buchstäblich ist: Aufstieg ist ein emporschie-
ßender Lift, Fall ein Höllensturz in die Straßenschlucht.
The Glass Menagerie (Die Glasmenagerie) | USA THE HUDSUCKER PROXY entstand an der Schwelle zu
1987 | R+B: Paul Newman, nach dem Stück von Ten- digitalen Effekten, mit wunderschönen Miniatursets
nessee Williams | K: Michael Ballhaus | M: Henry Man- und meisterlich integrierten Matte Paintings. »Ungezü-
cini | D: Joanne Woodward, John Malkovich, Karen Al- gelt und mit viel Lust am Diebstahl haben die Coen-Brü-
len, James Naughton | 134 min | OmU | Die filmische der eine überschäumende Mischung aus Zitaten und
Umsetzung einer Bühneninszenierung des Williams- liebevollen Genreparodien inszeniert. Eine aberwitzige,
town Theatre Festivals in – mit Ausnahme von John übermütige, technisch brillante Komödie, die vor keiner
Malkovich – derselben Besetzung. »Die schäbige Extravaganz zurückschreckt.« (Volker Gunske)
Mietswohnung der Wingfields im St. Louis der 1930er Freitag, 21. Juni 2019, 18.30 Uhr
Jahre erstrahlt in den goldbraunen Tönen eines El Gre- Dienstag, 25. Juni 2019, 21.00 Uhr
co, Henry Mancini steuert melancholische Blues mit viel
Klarinette bei, und die Kamera von Michael Ballhaus Road to Perdition | USA 2002 | R: Sam Mendes | B:
umkreist andachtsvoll vier perfekte Illusionisten: Joanne David Self, nach der Graphic Novel von Max Allan
Woodward zieht mit öligen Koloraturen die Register Collins und Richard Piers Rayner | K: Conrad Hall | M:
einer von ihrem Mann verlassenen einstigen Südstaa- Thomas Newman | D: Tom Hanks, Paul Newman, Jude
ten-Beauty; John Malkovich leiht dem Sohn, der den Law, Daniel Craig, Tyler Hoechlin | 115 min | OmU | Wie
verhassten Job im Lagerhaus zugunsten der Schrift- so viele von Newmans späten Filmen erzählt auch die-
stellerei hinschmeißen will, seinen ungelenken masku- ser von Vätern und Söhnen. Es geht um einen Gangster-
linen Charme; Karen Allen als die gehbehinderte, ganz patriarchen, der einem adoptierten Nachkommen (Tom
in der Welt ihrer Glasfiguren lebenden Tochter, schafft Hanks) den Vorzug gegenüber dem blutsverwandten
das Kunststück, ihren kräftigen Körper durchsichtig und (Daniel Craig) gibt. »Mendes enthält sich jeglicher mo-
zerbrechlich wirken zu lassen.« (Andres Müry) ralischen Wertung des Tuns von Sullivan und seinen
Sonntag, 16. Juni 2019, 18.30 Uhr Kumpanen, die in einer aus den Fugen geratenen Welt
Paul Newman
Ingemo Engström
(1975) mit Harun Farocki, sind ebenso Teil der Retro- wird, wie schon in FLUCHTWEG NACH MARSEILLE, der
spektive wie Filme, in denen ich als Darstellerin zu se- benjaminsche neue Engel evoziert: Ein »Sturm treibt ihn
hen bin: LEAVE ME ALONE (1970) von Gerhard Theu- unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt,
ring und ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN (1978) von Harun während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel
Farocki. Dazu der Film von Gerhard Theuring, den ich wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser
mit gigantischer Mühe in den 1980er Jahren produziert Sturm.« (Walter Benjamin)
habe: NEUER ENGEL. WESTWÄRTS (1990). Auf den Spuren des Benjamin-Engels war ich mit 47
Für mich war es so, dass ich nach den Anfangszei- GINEVRA auf meine Weise unterwegs, in denselben
ten filmischer Radikalität und abenteuerlicher Forde- südfranzösischen Landschaften wie in der NEUE EN-
rungen mit meinen Spielfilmen eigenständige Wege GEL. WESTWÄRTS, zum Teil mit denselben Darstellerin-
gegangen bin, 1979 mit dem fiktiven Spiel um den nen. Nach den »Blendungen« von GINEVRA kam MRS.
Liebestod LETZTE LIEBE oder mit der Verfilmung des KLEIN: ein Eintauchen in die Psychoanalyse. Die Theo-
Exilromans von Klaus Mann, FLUCHT IN DEN NORDEN rien von Melanie Klein und D. W. Winnicott waren ir-
(1985) oder mit der obsessiven Autofiktion einer gendwie schon in einem der früheren Filme enthalten,
Schauspielerin in GINEVRA (1992). Aber Spuren ästhe- in KAMPF UM EIN KIND. In allen Filmen gibt es eine
tischer oder politischer Überlegungen aus den früheren sichtbare Kontinuität. Das Wagnis der »Verbindung von
Co-Autoren-Filmen blieben in den Spielfilmen immer Kinoschönheit und der neuen Politik«, was Harun Faro-
erhalten. Zum Beispiel tauchen Motive aus Anna cki an DARK SPRING so sehr gefiel (in »Fragmente einer
Seghers' Roman »Transit« sowohl in dem FLUCHT- Autobiographie«), ist tatsächlich immer mein innerstes
WEG-Film auf als auch in LETZTE LIEBE. Und GINEVRA Ziel gewesen. Auf andere Weise auch in FLUCHT IN
Dreharbeiten zu FLUCHT IN DEN NORDEN. Rechts: Ingemo Engström und Axel Block
DEN NORDEN. Der politische Auftrag einer flüchtenden lange schon nicht mehr unter uns ist. GINEVRA ist
Widerständlerin ist gefangen in der schönen Welt des gleichsam eine Art Zeitenwende: Die beiden für Licht
Nordens. Erst am Ende kommt die Befreiung. Das hat und Materialassistenz Zuständigen wurden danach zu
mich an dem Roman von Klaus Mann am meisten be- sehr bekannten Kameraleuten. Und Axel Block, Wegge-
eindruckt, und es hätte mir eigentlich genügt, nur die fährte seit den 1970er Jahren, Kameramann bei vier
letzte Seite des Romans zu verfilmen. Der therapeuti- meiner Filme, hat sich gerade dankenswerterweise bei
sche Auftrag der Ärztinnen auf der Geburtsstation in der Lichtbestimmung für die digitale Filmkopie von
KAMPF UM EIN KIND und in der Psychiatrie in LETZTE FLUCHTWEG NACH MARSEILLE eingebracht.
LIEBE hat auch sozialpolitische Aspekte, die auf Re- Über die Filme lasse ich weiter andere sprechen. In
Ingemo Engström
cherchen und eigener Erfahrung basieren. Der Ansatz dem von mir besorgten und mit »die bilder der frauen &
einer Heilfunktion spielt auch in GINEVRA eine Rolle, die herrschaft der männer« betitelten Filmkritik-Heft
wenn man da genauer hinsieht. vom März 1976 habe ich unter dem Titel »Etwas über
Dann ist da auch die verhaltene Schönheit im Spiel Schlußbilder und meine Liebe zum Kontinent« über die
der Schauspielerinnen. Das Spröde-Zarte von Lisa Entstehung meiner frühen Filme geschrieben. In dem
Kreuzer in KAMPF UM EIN KIND. Die dunkle Romantik Filmkritik-Heft vom Februar 1978 die Entstehungsge-
48 von Angela Winkler, die ihre natürliche Wildfangart mit schichte von FLUCHTWEG NACH MARSEILLE zusam-
der depressiven Gestik ihrer Rolle in LETZTE LIEBE so men mit Gerhard Theuring. Über die anderen Filme gibt
gut zu verbinden wusste. Die wunderbare Klarheit und es verstreut lange Texte und Gespräche mit mir.
Präzision im Spiel von Katharina Thalbach in FLUCHT IN Über den etwas verwitterten Begriff der Autorenpro-
DEN NORDEN, die Präsenz der gefühlsamen Schwedin duzentin möchte ich sagen, dass mir diese Organisati-
Lena Olin mit ihrer da schon hollywoodreifen Attraktivi- onsform - mit der ihr innewohnenden Möglichkeit einer
tät. Und die Tränen des Engels in dem sich selbst auf- mir inhärenten Freiheitssucht und Selbstbestimmung -
gebenden Spiel von Amanda Ooms in GINEVRA, die immer sehr gefallen hat. Es war damals so, dass uns
Hanns Zischler in einem Brief an mich evozierte als »die die Türen z.B. des WDR und ZDF offenstanden, und
ungewöhnliche Schauspielerin, die für Augenblicke die dass auch sonst die Geldvergabe transparenter war als
Zuschauer in den Bann eines Stummfilms zurückzuver- jetzt. Es gab gewissermaßen noch Feuerseelen, die die
setzen vermochte«. Bei GINEVRA denke ich ganz be- neue Filmpolitik vorantrieben. Konzentriert habe ich
sonders an den überaus kooperativen und kommunika- mich stets auf das einzelne Projekt und so lange ge-
tiven Gérard Vandenberg an der Kamera, der leider kämpft, bis ich die Finanzierung hatte. Das bedeutete
lange Wartezeiten und zeitweise Verarmung. Aber die Engström, Werner Schroeter | 23 min | Anfang und
Euphorie war immer da, sobald die Dreharbeiten begin- Ende. Ein Stück für zwei Personen. Innenräume und
nen konnten, auch wenn die Erschöpfung manchmal Außenräume. Kinomusik. Der Tod. Ein Citroën und ein
groß war bei gleichzeitiger Regieführung und Produkti- Opel Olympia. Straßen, Bäume, Häuser. Das Telefon.
on, dies besonders bei FLUCHT IN DEN NORDEN, einer Anfang und Ende. – Dark Spring | BRD 1970 | R+B:
deutsch-finnischen Koproduktion. In einem langen Ge- Ingemo Engström | K: Bernd Fiedler | D: Gerhard Theu-
spräch mit frauen und film (Nr. 22/1980) habe ich die ring, Edda Köchl, Ilona Schult, Irene Wittek, Ingemo
existenzielle Situation bei Dreharbeiten so beschrieben: Engström, Katrin Seybold | 92 min | »Ein Film über
»dieses gefühl von ohnmacht und allmacht beim dre- Liebesutopien von Frauen. Gezeigt wird das Déjà-vu-
hen, diese kindliche allmacht, die da entsteht. das ge- Erlebnis einer Frau, die am Ende einer fixierten und am
fühl der allmacht, daß es meine bilder sind, die da ent- Anfang einer utopischen Liebesbeziehung steht. Es
stehen. ich habe die macht, die fiktion in bewegung zu werden Begegnungen mit anderen Frauen gezeigt, die
setzen, und gleichzeitig weiß ich, daß ich ohnmächtig in großen Passagen des Films über ihre Liebesverhält-
bin ohne die hilfe der anderen, also eine allmacht ohne nisse und über mögliche Formen des Zusammenlebens
wirkliche macht. ... bei gewissen sachen kann man in reflektieren. Ihre Aussagen sind authentisch auch dann,
der reduktion seine handlungsfähigkeit und freie bewe- wenn sie in einem Inszenierungszusammenhang ste-
gung behalten. wenn man mit film ohne aufwand for- hen. Der Widerspruch zwischen den arrangierten Table-
schungsreisen unternimmt, ist es möglich. aber bei ei- aus und der Spontanität der Texte ist beabsichtigt. So
ner produktion wie LETZTE LIEBE ist es nicht möglich. entstand ein Film mit fiktiven und dokumentarischen
da entstehen abhängigkeiten. wo du dich nur retten Passagen, ein Film, in dem man sehen kann, was ge-
kannst durch vollkommene beharrlichkeit, durch kon- schieht, wenn man jemanden aussprechen lässt (bis
zentration auf das, was du dir vorgestellt hast.« Es gibt die Filmrolle ausläuft und noch länger). Da die Darstel-
also durchaus einen Widerspruch zwischen Phantasie- lerinnen jene Sequenzen, in denen sie mitwirkten, zum
tätigkeit und sozialem Handeln, oft an der Grenze zum Teil selbst mitgestaltet haben, sind die Teile so ver-
Unversöhnlichen. schieden geworden, wie es zum Beispiel verschiedene
Es ist sicher so, dass ich in meinem Film-Leben vie- Genres sein können.« (Ingemo Engström)
le männliche Vorbilder habe, von Bresson über Godard Dienstag, 23. April 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast: Ingemo
bis Mizoguchi und Cassavetes und viele, viele mehr, Engström, Gerhard Theuring
und dass es auch überwiegend Männer waren, die über
meine Filme geschrieben haben. Thematisch und auf Candy Man | BRD 1968 | R+B: Ingemo Engström | K:
der reinen Arbeitsebene war ich aber immer eng mit Urs Aebersold | D: Edda Köchl, Wim Wenders, Gerhard
Ingemo Engström
Frauen verbunden, hätte auch gerne einige von ihnen, Theuring, Matthias Weiss, Jimmy Vogler | 15 min | Eine
die für mich eine Bedeutung hatten und die in der letz- Wohngemeinschaft. Einer kommt nach Hause und
ten Zeit fortgegangen sind, durch eine carte blanche bricht wortlos zusammen. Es ist Candy Man. (Nach Do-
geehrt. Zum Beispiel die unermüdlich experimentieren- novans Musikstück) »Ein Übungsfilm.« (Ingemo Eng-
de Chantal Akerman oder auch Anne Wiazemsky als ström) – Leave me alone – Why did you leave Ame-
Darstellerin bei Bresson, Godard und Pasolini, oder die rica | BRD 1970 | R+B+K: Gerhard Theuring | D:
unvergleichliche Alexandra Kluge mit GELEGENHEITS- Michael Unger, Ingemo Engström | 128 min | »Hundert- 49
ARBEIT EINER SKLAVIN. Mit dieser Retrospektive ist für achtundzwanzig Minuten Film aus Musik und stummen
mich die Erinnerung an mir lieb gewonnene Landschaf- Bildern, was zusammen das Dokument eines Traums
ten verwoben, die meine Filme prägen. Wie etwa die ergibt, doch anders als bei Fellini, Aufnahmen von Van
Rheinlandschaften in LETZTE LIEBE oder die südlichen Morrison, Rod Stewart, Jimi Hendrix, The Rolling Sto-
Landschaften der Résistance in der Drôme bis hinunter nes, MC 5, Neil Diamond und Aufnahmen von Schau-
an die südfranzösische Küste, von FLUCHTWEG NACH plätzen aus München, doch solchen, die schon abseits
MARSEILLE bis GINEVRA, die ich bis heute bewohne. liegen und nur zufällig noch belebt sind, bevölkert von
Unversöhnt blicke ich in die Zukunft mit neuen Projek- den Schatten der Tagträumer, Gestalten, die sanft ges-
ten. Das gefährliche Träumen geht weiter. tikulierend in die Bilder hineinzuwachsen scheinen,
Ingemo Engström unbekannten Schauplätzen, die den Musikstücken so-
wohl nah sind als auch fernbleiben, Innenräumen mit
Am Morgen des folgenden Tages | BRD 1969 | Fensterausblicken, Straßenkreuzungen, Vorstadt, Land-
R+B+K: Gerhard Theuring | M: Roger Roger | D: Ingemo schaft, Abendhimmel, with every footstep a tale is told,
hundertachtundzwanzig Minuten Film ohne Kunst und könnte. Elisabeth Kreuzer spielt diese Rolle schatten-
Sprache, was zusammen ein Gedicht ergibt aus Raum haft. Sie markiert sie. Sie bedeutet, dass weder die
und Zeit oder auch den Traum eines Traums, kurz, der Rolle noch sie primär als Schauspielerin wichtig ist. Vor
unbeschreibliche ›Versuch, mit dokumentarischen Mit- der Geschichte ist die Realität: Die Regisseurin mit ih-
teln Fiktives zu erreichen oder durch Fiktion neue Doku- rem eigenen Kind im Arm leitet den Film ein. Der Film
mente‹ (Theuring).« (Jürgen Ebert) schwankt unentschieden zwischen der Verwendung
Mittwoch, 24. April 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast: fiktiver und dokumentarischer Elemente. Die eine Frau
Ingemo Engström, Gerhard Theuring
Analyse erklärt den Angriffskrieg des deutschen Fa- Engström & Gerhard Theuring, frei nach dem Roman
schismus als Konsequenz aus Verwertungsproblemen »Transit« von Anna Seghers | K: Axel Block | D: Kathari-
der seit Mitte der zwanziger Jahre im Verbund arbeiten- na Thalbach, Rüdiger Vogler, François Mouren-Pro-
den Stahlindustrie. Der Film hält auf Brecht'sche Weise vensal, Ruth Fabian | 210 min | »Ingemo Engström und
Distanz zum Einzelschicksal und erzählt keine histori- Gerhard Theuring drehten unter dem Titel FLUCHTWEG
sche Intrigenhandlung.« (Christa Blümlinger) NACH MARSEILLE einen sehr ungewöhnlichen Film
50 Mittwoch, 1. Mai 2019, 19.00 Uhr über oder nach Anna Seghers’ Roman ›Transit‹. Eigent-
lich ist dies mehr eine persönliche Reflexion, ein Essay
Kampf um ein Kind | BRD 1975 | R+B: Ingemo Eng- über Themen des Romans, wobei der Film in weiten
ström | K: Axel Block | D: Lisa Kreuzer, Hartmut Bitoms- Teilen dokumentarisch Vergangenheit und Gegenwart
ky, Muriel Theuring, Monique Armand, Despina Papaio- konfrontiert sowie deutsche Emigranten wie Alfred Kan-
annu, Inge Flimm | 135 min | »Die Geschichte: Eine torowicz zu Wort kommen lässt, die sich auf der Flucht
Berliner Ärztin, verheiratet, ein zweijähriges Kind, ver- vor den Nazis in Frankreich aufhielten. So ist dieser Film
lässt ihren Mann und geht nach München, um dort im zugleich die Analyse eines Kapitels deutscher Vergan-
Krankenhaus Rechts der Isar zu arbeiten. Ihr Mann genheit. In seiner Klarheit und Ruhe, in seinem Be-
weiß nicht, dass sie schwanger ist. Sie möchte ihr zwei- wusstsein für die Möglichkeiten filmischer Sprache, ist
tes Kind ungeschützter bekommen, vielleicht mit dem FLUCHTWEG NACH MARSEILLE geradezu ein Modell
Hintergedanken, dass aus einem Kind in einer Frauen- für die Verbindung einer literarischen und historischen
gemeinschaft, mit einer Frau als zweite Bezugsperson Recherche und ihre Umschmelzung in kinematographi-
nächst der Mutter eine neue Art von Mensch werden sche Form.« (Ulrich Gregor) »Der Schritt nach vorne, der
hier in der Nachfolge Godards getan worden ist: Zur leben kann. Ein Film von einer trostlosen Schönheit.«
Wirklichkeit, die zu dokumentieren ist, gehören nicht (Norbert Jochum)
nur die offiziellen Bilder und die Erinnerungen, sondern Mittwoch, 29. Mai 2019, 18.30 Uhr
auch alles Gedachte, Erdachte und dessen Reflexe im
Bewusstsein des einzelnen heute.« (Peter W. Jansen) Flucht in den Norden | BRD 1986 | R+B: Ingemo
Mittwoch, 22. Mai 2019, 19.00 Uhr Engström, nach dem Roman von Klaus Mann | K: Axel
Block | D: Katharina Thalbach, Jukka-Pekka Palo, Lena
Letzte Liebe | BRD 1979 | R+B: Ingemo Engström | K: Olin, Britta Pohland | 122 min | »Klaus Manns Roman
Ingo Kratisch | D: Angela Winkler, Rüdiger Vogler, The- als filmische Lektüre einer vergangenen Gegenwart.
rese Affolter, Rüdiger Hacker, Hildegard Schmahl, Muri- Nicht das Drama steht im Mittelpunkt, das theatralische
el Theuring | 129 min | »Ein Film über einen Zusam- Ereignis, sondern der forschende Blick des Kinemato-
menhang von Liebe und Tod, der anders ist als ›Bis graphen, die sichtbare Rede der Körper, der Bewegung.
dass der Tod uns scheidet‹: Wenn die Liebe zueinander Statt die Geschichte spannungs- und actionreich zu il-
wichtiger als das Leben ist, dann ist der gemeinsame, lustrieren, modelliert Engström eher Tableaus, die nach-
freiwillige Tod eine Möglichkeit, diese Liebe zu bewah- haltige Stimmungen formulieren: die Atmosphäre einer
ren. Und wenn das Leben unaufhaltsam abstirbt, dann zerrissenen Zeit. Das Buch von 1934 reflektierte sehr
ist der Tod ein Versuch, sich das Leben zu bewahren. radikal den Beginn der Naziherrschaft (und sah deren
Ein Film also über eine amour fou – zwischen einer Folgen sehr genau voraus). Engströms Film betont
jungen Ärztin und einem ehemaligen Lehrer. Sie, Toch- demgegenüber die persönlichen Probleme dieser prob-
ter deutscher Juden, die nach Frankreich emigriert wa- lematischen Zeit als allgemeinen Konflikt – als ewigen
ren, kehrt eines Tages nach Deutschland zurück: Ihrer Streit zwischen dem privaten Glück einer leidenschaft-
äußeren Realität (dem Leben in Frankreich) entflieht sie lichen Liebe und der gesellschaftlichen Verantwortung
in eine innere Vergangenheit (die Erinnerung an ihre eines politischen (hier: antifaschistischen) Engage-
Kindheit). Die Schauplätze dieses ›Liebes- und Todes- ments. Die Geschichte funktioniert dabei wie ein Leitfa-
films‹: der Rhein, da, wo er nicht romantisch ist, son- den, der zu entdecken hilft, was sonst vergessen bliebe.
dern produktiv: schmutzige Ufer, chemische Fabriken, Eine junge Frau flieht aus Deutschland. Ihre Freunde
Atomkraftwerke und hoffnungslose Traurigkeit. Schä- leben bereits im Pariser Exil. Sie selbst besucht zu-
bige Hotelzimmer in miesen Absteigen; der Blick auf nächst eine Freundin in Finnland.« (Norbert Grob)
Industrievororte, in denen man nur sterben, aber nicht Mittwoch, 5. Juni 2019, 18.30 Uhr
Ingemo Engström
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FLUCHT IN DEN NORDEN
Neuer Engel. Westwärts | Deutschland 1990 | R+B: aus Wien, wurde berühmt auf dem Gebiet der Kin-
Gerhard Theuring | K: Jörg Schmidt-Reitwein | P: Inge- deranalyse. Eine der schärfsten Kritikerinnen ihrer The-
mo Engström | D: Gerhard Theuring, Michèle Addala, sen war die eigene Tochter Melitta Schmideberg.
Catherine Lecoq, Florence Pazzottu, Michelle Roussel, Wrights Theaterstück spielt 1934 in London und zeigt
Muriel Theuring | 231 min | »Das Prinzip der Engel ist, den Konflikt zwischen Mutter und Tochter. Was zu-
dass sie in ein und demselben Augenblick entstehen nächst wie ein fachlicher Schlagabtausch aussieht,
und vergehen … jetzt … hier … augenblicklich … entpuppt sich bald als witzig zugespitztes Ringen um
Rettung … Dies ist, was ich die Wahrheit dieses Films Autonomie (der Tochter) und Dominanz (der Mutter).
nenne, oder anders gesagt, seine Struktur. Dass es in Katalysator dieser Auseinandersetzung ist die junge
ihm nichts gibt, was nicht im Augenblick selbst entstan- Emigrantin Paula. Geschickt weiß sie den Kampf der
den wäre. Ja, ein augenblickliches Herausschleudern beiden Frauen für sich zu nutzen. »Das Theaterstück
von Stimme, Geste und Aktion, und dies im Angesicht von Nicholas Wright, das sehr konzis und mit einer
einer im selben Augenblick sich konstituierenden Be- wunderbaren Ironie eine entscheidende Phase im Le-
drohung. Deren Obsiegen gleichbedeutend wäre mit ben von Mrs. Klein zusammenfasst, inspirierte mich zu
unendlichem und unwiderruflichem Verlust. Ich sehe einer Inszenierung für das Fernsehen. Gerade weil das
folglich in dieser Struktur so etwas wie einen Schlüssel.
Für den, der das Paradies daraus entziffern wird, das
heißt das an der Ekstase teilhabende Moment der
Wahrheit.« (Gerhard Theuring) »NEUER ENGEL. WEST-
WÄRTS schwebt als Meta-Werk über allem und jedem,
das Streben nach dem Gral, der in seinem kinemato-
graphischen Geist sogar den eigenen Meta-Märkten
ausweicht.« (Olaf Möller)
Mittwoch, 12. Juni 2019, 19.00 Uhr
Hirokazu Kore-eda
ner Wäscherei, der Vater Osamu verdingt sich als Tage- ihm dabei nicht verloren. Ihre Beweggründe mögen
löhner und Aki verdient ein Zubrot in einer Peepshow. vieldeutig sein, seine Sympathie ist es nicht. Mensch-
Die Haupteinnahmequelle dieses kleinen Clans aber lichkeit offenbart sich bei diesem Regisseur in den un-
sind Ladendiebstähle, an denen bald auch der Neuan- erwarteten Situationen und stets ist sie komplexer, als
kömmling Juri mitwirkt, ein Mädchen aus der Nachbar- man auf Anhieb denkt.
schaft, das von seiner Mutter in die Winterkälte ausge- In SHOPLIFTERS, für den er in Cannes wohlverdient
setzt wurde. Trotz der prekären Verhältnisse wird man die Goldene Palme erhielt, zieht der Regisseur eine
den Verdacht nicht los, dass die kriminelle Energie der Zwischenbilanz seines bisherigen Schaffens. Sein Werk 53
Shibata noch weitere Ursachen hat: Der Diebstahl steckt zwar voller Wendepunkte und beschreibt unter-
schafft Komplizenschaft. schiedliche Suchbewegungen (der nächste Film des
Hirokazu Kore-eda schaut vorurteilslos auf das Trei- Japaners, THE TRUTH, ist ein Science-Fiction-Drama, in
ben seiner Charaktere, aber sein Blick auf die sozialen dem Catherine Deneuve und Juliette Binoche die
Verhältnisse ist zornig: Er erkundet die Ränder, an de- Hauptrollen spielen). Aber die Filme antworten aufein-
nen die Menschlichkeit verloren zu gehen droht. Seine ander. In SHOPLIFTERS verweist das Motiv des sich
Helden sind blinde Passagiere in einem Sozialstaat, der selbst überlassenen Kindes auf NOBODY KNOWS
erst hinschaut, wenn es zu spät ist. Im Verlauf dramati- (DARE MO SHIRANAI, 2004); die Verbindung zweier Fa-
scher Enthüllungen, die Kore-eda mit lichter Gelassen- milien aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten
heit inszeniert, kommt heraus, dass die Familienver- beschäftigt Kore-eda bereits in WIE DER VATER, SO
hältnisse nicht so sind, wie sie erscheinen. In der DER SOHN (SOSHITE CHICHI NI NARU, 2013), dessen
Originaltitel sich mit »Endlich Vater sein« übersetzen Büros statt. Kore-eda umfängt alle Metaphysik in einer
lässt – was wiederum die große Sehnsucht von Osamu wunderbaren, bestrickend konkreten Diesseitigkeit. Die
benennt, der in SHOPLIFTERS eine Wahlfamilie um sich naturalistische Lichtführung, die die Nuancen der er-
schart. Die Erkenntnis der erlösenden Kraft der Wahr- blassenden Spätherbstsonne einfängt, die körnigen
heit schließt an seinen vorangegangenen Film DER Bilder und die sprunghafte Montage verleihen dem Film
DRITTE MORD (SANDOME NO SATSUJIN, 2017) an, in einen nachgerade dokumentarischen Gestus.
dem ein Anwalt zunächst nur zynische Verteidigungs- Nachdem Kore-eda 2001 mit DISTANCE (DI-
strategien entwickelt, dann aber der Wahrheit auf den SUTANSU) einen Zyklus abschließt, in dem er sich mit
Grund kommen will. Verlust und dem Wesen der Erinnerungen auseinander-
Angefangen hat Kore-eda als Dokumentarfilmregis- setzt, findet er drei Jahre später mit NOBODY KNOWS
seur beim Fernsehen. Die dokumentarische Arbeit setz- sein großes Thema: die Familie. Er nimmt die Ambiva-
te er lange Zeit parallel zu seinen Spielfilmen fort. Er lenz verwandtschaftlicher Beziehungen in den Blick, die
nennt dies »zwei Äste, die in verschiedene Richtungen Bestimmung oder Wahl sein können. Allerdings hat er
weisen, aber dieselbe Wurzel haben«. Sein Spielfilmde- zwischendrin auch einen wunderbar zögerlichen Sa-
büt DAS LICHT DER ILLUSION (MABOROSHI NO HIKARI, muraifilm gedreht, HANA (HANA YORI MO NAHO,
1995) wurde von den Erzählungen einer Witwe inspi- 2006), und mit DER DRITTE MORD einen Thriller, der
riert, die ihm während der Arbeit an einer Fernsehdoku- sich – was im japanischen Kino höchst selten ist – mit
mentation vom Selbstmord ihres Mannes erzählte, dem Justizsystem auseinandersetzt. Aber auch hier
dessen Beweggründe ihr ein Rätsel aufgaben, an dem sind die Familienbeziehungen ein dichtes Gewebe, das
sie verzweifelte. Für Yumiko, die Heldin des Films, ist die Handlung trägt.
bereits der Tod ihrer Großmutter ein Verlust, den sie Die Familie ist ein Mikrokosmos, der ihm stets auch
nicht verwinden konnte. Nun erblickt sie in ihrem Mann Rückschlüsse auf die Verfasstheit der japanischen Ge-
deren Reinkarnation, von der sie nicht Abschied neh- sellschaft gestattet. Er ist fasziniert von den Ritualen
men will. des Zusammenhalts, der Auflösung traditioneller Struk-
In seinem nächsten Film, AFTER LIFE (WANDAFURU turen und dem Widerspruch der Generationen. Dabei
RAIFU, 1998), spielt die Transzendenz eine ganz ande- rückt er nicht allein Blutsverwandtschaften in den Fo-
re, fast komödienhafte Rolle. Eine Gruppe von Beratern kus; sein Erzählimpuls ist die Öffnung der Verhältnisse.
hilft auf einer Zwischenstation zur Ewigkeit den Verstor- Wie er in WIE DER VATER, SO DER SOHN beispielsweise
benen, ihre glücklichste Erinnerung für die Ewigkeit das beliebte Filmsujet der Verwechslung von Neugebo-
auszuwählen, die dann für sie gefilmt wird. Dieses Fe- renen aufgreift, zeigt, welchen ungekannten Spielraum
gefeuer findet in altertümlichen, staubig möblierten er dem Kino damit eröffnet. Seinem Film gebricht es an
Hirokazu Kore-eda
54
KŪKI NINGYŌ (AIR DOLL)
der Mechanik, zu der dieser Konflikt andere Regisseure sen, so dass – wie in einem Brennglas verdichtet – das
gewiss verführt hätte. Natürlich schlägt er sich auf die Davor und das Danach betrachtet werden kann.
Seite der Kinder – schließlich kann kein anderer Regis- In Kore-edas Kino herrscht ein ebenso melancholi-
seur diese heutzutage so gut filmen wie er: mit dem sches wie unsentimentales Einverständnis mit dem
richtigen Abstand, ohne die Behauptung der gleichen Lauf des Lebens, wie es die großen Familienmelodra-
Augenhöhe und ohne ihnen erwachsene Worte in den men von Mikio Naruse und Yasujirō Ozu oder auch die
Mund zu legen, dafür aber kluge Fragen –, aber er tut Mangas von Jirō Taniguchi auszeichnet. Diese Haltung
es nicht um der Lösung eines dramaturgischen Prob- ist weder Resignation, noch beschwört sie eine Idylle. In
lems willen, sondern voller Bewunderung für ihre Gabe, jeder Einstellung dieses Regisseurs sind Schmerz und
die Widrigkeiten des Lebens zu meistern. Harmonie geborgen. Warum nur besitzen japanische
Sie prägt bereits NOBODY KNOWS. Natürlich ist das Künstler diese besondere Gabe für eine tröstliche, trotz
Schicksal der Geschwister, die von ihrer Mutter verlas- allem zuversichtliche Wehmut?
sen werden, erschütternd und tragisch. Aber für einen Gerhard Midding
Moment erleben sie auch ein Gefühl der Befreiung: Auf
sich allein gestellt zu sein, ist ein Abenteuer. Kore-eda Maboroshi no hikari (Das Licht der Illusion) | Japan
verschweigt die Härten und die Unerträglichkeit dieser 1995 | R: Hirokazu Kore-eda | B: Yoshihisa Ogita, nach
Situation nicht. Vielmehr bettet er sie in den Fluss des der Erzählung von Teru Miyamoto | K: Masao Nakabori |
Alltäglichen ein. Für seinen Erzählstil ist bestimmend, M: Chen Ming-Chang | D: Makiko Esumi, Takashi Naitō,
was man im Japanischen »gefühlte Realität« nennt: Er Tadanobu Asano, Gōki Kashiyama, Naomi Watanabe,
ist eminent haptisch und konkret. Kinder erfahren die Midori Kiuchi | 108 min | OmU | »Yumiko, eine 25-jäh-
Welt durch ihre körperliche Sensorik. Ihre Gesten ge- rige Frau aus Osaka, heiratet mit Ikuo jenen Mann, den
winnen psychologische Resonanz. Ihre Weisheit zeigt sie als Reinkarnation ihrer Großmutter wahrnimmt. Zu-
sich in seinen Filmen schon allein darin, wie fasziniert sammen mit Ikuo hat sie einen Sohn, der gerade drei
sie von der Mobilität sind, von Flugzeugen, Zügen, Luft- Monate alt ist, als gemeldet wird, dass der Vater sich
ballons und Drachen. unter einen Vorortzug gestürzt hätte. Zurück bleibt ein
Das Vorgehen des Erzählers Kore-eda lässt sich mit Schuh und das Glöcklein, das die Frau ihrem Geliebten
dem des Anwalts Shigemori in DER DRITTE MORD ver- als Schlüsselanhänger geschenkt hatte. Über die Ver-
gleichen. Zwar fehlt dem Regisseur dessen Argwohn, mittlung einer Nachbarin findet Yumiko fünf Jahre spä-
aber auch ihm scheint kein Detail zu nebensächlich, um ter einen anderen Mann, der seinerseits die Frau verlo-
nicht genau betrachtet und untersucht zu werden. Jede ren hat und mit seiner kleinen Tochter in jenem
Geste, jedes Wort könnte aufschlussreich und bezeich- Fischerdorf am Meer lebt. Kore-eda setzt diesen spärli-
nend sein. In seinen Filmen ist das Beiläufige essentiell. chen Handlungsfaden in meditativ wirkende Bilder um.
Hirokazu Kore-eda
Den Bruch, der plötzlich durch das Leben seiner Figu- Einem Subplot gleich setzt er den Ton ein, schafft so-
ren geht, fängt er mit einer atmosphärischen Montage wohl mit der Musik seines taiwanesischen Komponis-
der Beobachtungen auf. Sein überlegter, teilnehmender ten als auch mit ganz alltäglichen Geräuschen Raum.
Blick bedarf selten des Nachdrucks der Großaufnahme, Wie das Licht im Bild scheint der Glocken-Klang im Ton
vielmehr bettet er seine Figuren visuell in ihr Umfeld eine Konstante zu schaffen und die Betrachtenden zu
ein. Die sanfte Konzentration seines Blicks verleiht, führen.« (Walter Ruggle)
nicht nur in seinen ersten drei Filmen, auch dem Abwe- Freitag, 26. April 2019, 21.00 Uhr
senden eine bestrickende Präsenz. Von den Rissen in 55
der menschlichen Existenz erzählt er vorzugsweise im Wandafuru raifu (After Life) | Japan 1998 | R+B:
Rahmen eines Zyklus', der sich vollzieht. In SHOPLIF- Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Yasuhiro
TERS und anderen Filmen gibt der Wechsel der Jahres- Kasamatsu | D: Arata, Erika Oda, Susumu Terajima, Ta-
zeiten die Struktur vor, in AFTER LIFE erfüllt der Wo- kashi Naitō, Kyōko Kagawa, Yūsuke Iseya | 119 min |
chenrhythmus diese Funktion. Die Entwicklungspro- OmU | »Etwas staubig, einfach und freundlich sieht er
zesse, die er schildert, sind schwierig und langandau- aus, dieser letzte Ort vor der Ewigkeit in dem Film AF-
ernd. Aber in STILL WALKING (ARUITEMO ARUITEMO, TER LIFE. Wie das Zollhäuschen eines gut gelaunten
2008) gelingt es ihm, die wichtigen Fragen des Lebens Existenzialismus, der sich längst mit metaphysischen
in einem Tag zu verdichten. Der Kreis ist für ihn die Sehnsüchten und den Widersprüchen des Tatsächli-
geometrische und narrative Form, die seiner Weltsicht chen ausgesöhnt hat. Hier werden frisch Verstorbene
am ehesten angemessen ist. Aber er ist nicht geschlos- von einem Beraterteam in Empfang genommen, um
den wichtigsten Augenblick ihres Lebens zu ermitteln, jedes Leiden am Ende einen Sinn hat, nur weil es zu
ihn nachzudrehen und den Durchreisenden dann als Läuterung und zu einem Happy End führt. Man liebte
ewige Erinnerung mit ins Jenseits zu geben. Der Zug an sie, aber kannte sie kaum. DISTANCE ist eine Meditati-
einer Zigarette irgendwo zwischen den Fronten im on über die Ruhe und kommt so nah an diesen Zustand
Zweiten Weltkrieg, das Wiedersehen mit einem Totge- selbst, wie es im Erzählkino gerade noch möglich ist.
glaubten, ein Pfannkuchen in Disneyland. Je nach Be- Nach den Maßen des Mainstreamkinos wird hier alles
trachter, zum Sterben schöne Augenblicke. Hirokazu falsch gemacht, und doch fühlt sich der Zuschauer
Kore-edas Film ist eine konzentrierte Betrachtung der nach diesem Film frisch und wiederbelebt. Es geht ihm
letzten Dinge und allerletzten Fragen. Keine Kamerabe- wie den vier Leuten im Wald: Die Ruhe aktiviert den
wegung, keine Perspektive überhöht oder relativiert die Geist.« (Gunter Göckenjan)
Erinnerungsprotokolle. Effektorientierte Bilder gibt es Freitag, 3. Mai 2019, 21.00 Uhr
erst bei den Studioinszenierungen der ausgewählten
Momente.« (Birgit Glombitza) Dare mo shiranai (Nobody Knows) | Japan 2004 |
Sonntag, 28. April 2019, 21.00 Uhr R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Gon-
chichi | D: Yūya Yagira, You, Ayu Kitaura, Hiei Kimura,
Disutansu (Distance) | Japan 2001 | R+B: Hirokazu Momoko Shimizu, Hanae Kan | 141 min | OmU | »Vier
Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | D: Arata, Yūsuke Iseya, Geschwister, abgeschlossen von der Außenwelt. Zur
Susumu Terajima, Yui Natsukawa, Tadanobu Asano, Ryō Schule gehen sie nicht. Etwas Rätselhaftes umgibt ihr
| 132 min | OmU | Eine fiktive Sekte hat die Wasserver- Leben. Eines Tages ist auch die Mutter fort. Und die vier
sorgung Tokyos mit einem Virus verseucht. Hunderte beginnen, auf sich gestellt, inmitten der modernen Welt
starben, Tausende wurden vergiftet. Drei Jahre später zu verwildern. Zögerlich verlassen sie ihre Wohnung,
treffen sich vier Angehörige der Täter, die nach dem und eine magische Odyssee der Weltentdeckung be-
Anschlag Selbstmord begingen, an dem Waldsee, über ginnt, voller Nüchternheit und Poesie. Vier Jahreszeiten
dem die Asche der Toten verstreut wurde, um ihrer zu ziehen vorüber und eine Kindergeschichte, wie man sie
gedenken. »Die Leute bleiben für die Nacht im Wald. selten zu sehen bekommen hat im Kino. NOBODY
Sie rauchen. Reden ein wenig. Sie erinnern sich an die KNOWS ist das, was man als Meisterwerk bezeichnet,
Toten, an ihre Beziehungen zu ihnen. DISTANCE ist kei- ein schlicht großartiger Film. Hirokazu Kore-eda ist ein
ne jener Lehrplattitüden, die auf dem Gerüst der Hol- Stiller, dessen Geschichten sich auf den ersten Blick
lywood-Dramaturgie aufgezogen werden, und in denen stark voneinander unterscheiden und beim zweiten
Hirokazu Kore-eda
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DARE MO SHIRANAI (NOBODY KNOWS)
Hinschauen wiederkehrende Themen und Motive offen- Der Regisseur denkt das Leben von seiner Vergänglich-
baren und eine Stringenz in der Erzählung, die ihres- keit her – und ergründet es sorgfältig im Alltäglichen,
gleichen sucht. Kore-eda ist ein visueller Autor, der den wobei sein klarer Blick am ehesten an Yasujirō Ozu er-
Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten des Kinos kennt innert. ›Still Walking‹ ist ein Zitat aus einem japanischen
und weiß, dass dieser ganz besonders im Stillen ruht. Schlager, der 1970 en vogue war. Die damals junge
Sein Kino ist denn auch ein geradezu meditatives, das Toshiko hat sich die Platte gekauft. Noch so ein Ge-
einen mitträgt.« (Walter Ruggle) heimnis, das der grandiose Film in aller Beiläufigkeit
Samstag, 4. Mai 2019, 21.00 Uhr dahinsagt. Ein Film, der die Zuschauer still umspinnt,
verzaubert, verhext, erlöst.« (Jan Schulz-Ojala)
Hana yori mo naho (Hana) | Japan 2006 | R+B: Hiro- Samstag, 25. Mai 2019, 21.00 Uhr
kazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Tablatura | D:
Jun'ichi Okada, Rie Miyazawa, Tadanobu Asano, Arata Kūki ningyō (Air Doll) | Japan 2009 | R+B: Hirokazu
Furuta, Jun Kunimura, Katsuo Nakamura | 128 min | Kore-eda, nach dem Manga von Yoshiie Gōda | K: Pin
OmU | »Wer meint, ein Samuraifilm sei zwangsläufig ein Bing Lee | M: World's End Girlfriend | D: Doona Bae,
Kampffilm, irrt. Hirokazu Kore-eda macht sich im Ge- Arata, Itsuji Itao, Joe Odagiri, Sumiko Fuji, Masaya Ta-
genteil lustig über die Epoche, in der der ehrenvolle Tod kahashi | 116 min | OmU | Ein Mann um die vierzig
mehr bedeutet hat als das Leben. Er setzt seine Ge- kehrt in einer regnerischen Nacht von seiner Arbeit als
schichte in einem Kirschblütenfrühling zu Beginn des Kellner heim in seine kleine Vorortswohnung in Tokyo.
18. Jahrhunderts in Szene, mitten in einer verhältnis- Er freut sich darauf, den Abend mit Nozomi zu verbrin-
mäßig friedfertigen Zeit. Das gibt ihm Gelegenheit, hin- gen, einer aufblasbaren Puppe, die er sich für wenig
ter die Kulissen der japanischen Gesellschaft im alten Geld gekauft hat. Mit ihr spielt er Eheleben, plaudert mit
Edo zu blicken und mit einem wunderbaren Sinn für ihr am Tisch über den Arbeitstag. Im Bett knistert das
sanfte Komik das Treiben zu beobachten. Gekämpft Plastik. Eines Morgens, kaum ist der Herr aus dem
wird nicht und wenn, dann mal mit Schlagstöcken zum Haus, beginnt die Puppe sich zu bewegen, kleidet sich
Spiel. Es gibt wenige Filme, in denen wir so viel über die und stakst hinaus auf die Straße. Sie will das Leben
japanische Gesellschaft jener Epoche erfahren können entdecken und nimmt wissbegierig auf, was sie unter-
in einer mehrfachen Liebesgeschichte: Das ist diese wegs zu sehen und hören bekommt. »Da ist einmal
Liebe zwischen den Samurai, der eigentlich losziehen mehr die Magie, das Feingefühl, die liebevolle Ironie
musste, den Tod seines Vaters zu rächen, und der von Kore-eda am Werk, sein Gespür für die menschli-
traumhaft schönen Witwe Osae, da ist die Liebe zwi- che Unsicherheit und die richtigen Fragen im falschen
schen ihm und ihrem Sohn, eine Vater-Sohn-Bezie- Moment. AIR DOLL ist ein Film über die Frage, was es
hung, von der manches Kind träumen kann, und da ist bedeutet, ein Mensch zu sein, und was es allenfalls be-
Hirokazu Kore-eda
ganz einfach auch so etwas wie die Liebe zum Leben.« deutet, für andere ein Mensch zu sein. Noch lebens-
(Walter Ruggle) werter aber machen das Leben ganz unzweifelhaft die
Freitag, 24. Mai 2019, 21.00 Uhr Filme von Hirokazu Kore-eda.« (Michael Sennhauser)
Freitag, 31. Mai 2019, 21.00 Uhr
Aruitemo aruitemo (Still Walking) | Japan 2008 |
R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Gon- Kiseki (I Wish) | Japan 2011 | R+B: Hirokazu Kore-eda
chichi | D: Hiroshi Abe, Yui Natsukawa, You, Kazuya Ta- | K: Yutaka Yamazaki | M: Quruli | D: Kōki Maeda, Oh-
kahashi, Shōhei Tanaka, Kirin Kiki | 114 min | OmU | shirō Maeda, Joe Odagiri, Yui Natsukawa, Hiroshi Abe, 57
»Eine sehr normale, weil gestörte Familienaufstellung, Masami Nagasawa, Kirin Kiki | 128 min | OmeU | »Ganz
und eine höchst spannende obendrein. Dabei passiert, aus der Sicht der beiden Brüder Koichi und Ryunosuke
abseits mitunter messerscharf böser Sätze, die vor al- erzählt Kore-eda, wie sich eine Familie nach der Tren-
lem die Alten fallen lassen, nur wenig sichtbar Dramati- nung neu zusammenraufen muss: Der Vater lebt mit
sches. Es ist Sommer im hügeligen Städtchen an der dem jüngeren Sohn im Norden der japanischen Insel
Küste, das Wetter ist schön, man isst gut. Doch dane- Kyushu, die Mutter ist mit dem älteren Sohn in den Sü-
ben: Verwundungen, nie heilende. Neue Schläge, aus- den gezogen, nach Kagoshima, wo der aktive Vulkan
geteilte, weggesteckte. Trotzdem versucht man, eine Sakurajima wie ein schlafender Drache Rauchwolken
Art Liebe zu zeigen, irgendwie. Und den Blick für den ausstößt. Koichis größter Wunsch ist es, dass die Fami-
Schmerz der Eltern wach zu halten. Oder wenigstens lie wieder zusammenkommt; seine größte Angst, dass
den geforderten Respekt vor ihnen nicht zu verlieren. der Vulkan ausbricht. Als er erfährt, dass sich die bei-
den neuen Hochgeschwindigkeitszüge – einer von Nord der Küche, beim Sprechen über ein Gericht und die
nach Süd, der andere von Süd nach Nord – zum ersten damit verbundene Erinnerung, das so unterschiedliche
Mal kreuzen, weiß er, was er tun muss, damit alles gut Verhältnis der jüngsten und der ältesten Schwester
wird. Kore-eda nimmt sich Zeit. Wunder geschehen bei zum Vater aufscheint: die Nähe der einen und die leise
ihm keine, doch der Aufbruch der beiden Brüder in Trauer und Enttäuschung der anderen. In diskret ge-
Richtung Kreuzungspunkt der Züge lässt den Film ab- rahmten Einstellungen folgt Kore-eda diesen feinfühli-
heben. Die Kinder bestimmen den Rhythmus, ihre Inte- gen Wesen, die auf eine völlig unpathetische Art auch
ressen steuern den Blick der Kamera, und plötzlich zu unseren Schwestern im Geiste werden. Man fühlt
zeigt sich die Welt der Erwachsenen als eine Möglich- sich fast ein bisschen verlassen, als der Film plötzlich
keit von vielen.« (Christine Lötscher) vorbei ist.« (Katja Nicodemus)
Samstag, 1. Juni 2019, 21.00 Uhr Samstag, 8. Juni 2019, 21.00 Uhr
Soshite chichi ni naru (Wie der Vater, so der Sohn) | Ishibumi (In Stein gemeißelt) | Japan 2015 | R+B:
Japan 2013 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Mikiya Taki- Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | Mit: Haruka
moto | M: Jun’ichi Matsumoto | D: Masaharu Fukuya- Ayase, Akira Ikegami | 85 min | OmeU | »Neufassung«
ma, Machiko Ono, Yōko Maki, Lily Franky, Jun Fubuki, einer berühmten japanischen Fernsehsendung von
Kirin Kiki | 121 min | OmU | »Kore-edas neuer Film er- 1969, zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf
zählt die Geschichte zweier nach der Geburt im Kran- Hiroshima am 6. August 1945. 322 Schüler und vier
kenhaus vertauschter Kinder und wirft dabei die Frage Lehrer arbeiteten damals ganz nahe der Explosion. Vie-
auf, was eine Familie wirklich ausmacht. Die Verbun- le starben sofort. Die kurzzeitig Überlebenden sammel-
denheit und Vertrautheit durch das gemeinsame Zu- ten Zeugnisse der letzten Worte und Taten ihrer toten
sammenleben oder doch die Blutsbande? Stets tritt die Mitschüler, die Angehörigen schrieben diese Texte spä-
Kamera einen Schritt zurück, um die Reaktionen aller ter weiter, und daraus entstand ein Buch, das in Japan
Beteiligten zu registrieren: Die Verunsicherung der bei- Schullektüre wurde. Die Schauspielerin Haruka Ayase
den kleinen Jungen, die plötzlich ihre richtigen Eltern liest Auszüge aus diesen Texten, der Journalist Akira
kennenlernen und die gar nicht wissen, wie ihnen ge- Ikegami interviewt Familienangehörige der Opfer und
schieht. Das Fremdheitsgefühl der Eltern gegenüber andere Überlebende. »Kore-edas Herangehensweise –
einem Jungen, der ihr biologischer Sohn ist, den sie gleichermaßen elegisch und unsentimental – erhöht
aber gar nicht kennen. Auch wenn die Totale eine Ein- dieses Material zu einer universalen Tragödie. Ayases
stellung ist, die auf Distanz geht, erzeugt sie hier gera- Lesung ist nicht nur voller Sympathie, sondern lässt
de Nähe zu ihren Figuren. Der Film entscheidet sich auch einen Zorn anklingen, der ohne übertriebene Dra-
nicht für eine Perspektive, sondern entwickelt mit prä- matisierung einen besonderen Fokus auf die Texte wirft.
Hirokazu Kore-eda
zisem Blick Verständnis für alle Beteiligten. So viel Ver- Das ist nicht so sehr Lektüre als vielmehr Miterleben
ständnis, dass auch der Zuschauer in das Geschehen und Zeugenschaft.« (Mark Schilling)
involviert wird und sich ebenso ohnmächtig und von Freitag, 14. Juni 2019, 21.00 Uhr
den Gefühlen zerrissen fühlt, wie die Menschen auf der
Leinwand« (Anke Leweke) Umi yori mo mada fukaku (Nach dem Sturm) | Ja-
Freitag, 7. Juni 2019, 21.00 Uhr pan 2016 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yama-
zaki | M: Hanaregumi | D: Hiroshi Abe, Yōko Maki, Taiyō
58 Umimachi Diary (Unsere kleine Schwester) | Japan Yoshizawa, Kirin Kiki, Lily Franky, Satomi Kobayashi |
2013 | R+B: Hirokazu Kore-eda, nach dem Manga von 118 min | OmeU | »Längst vergangen ist der Ruhm des
Akimi Yoshida | K: Mikiya Takimoto | M: Yōko Kanno | D: preisgekrönten Schriftstellers Ryota, der, permanent
Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho, Suzu Hirose, knapp bei Kasse, seinen elfjährigen Sohn öfter sehen
Kirin Kiki, Lily Franky | 128 min | OmU | »Kore-edas Film möchte und dafür das Vertrauen seiner Ex-Frau wieder-
übernimmt die episodische Form der Vorlage. Mit zugewinnen sucht. Hirokazu Kore-eda zelebriert in die-
leichtfüßigen Sprüngen kann er so die verschiedensten sem jüngsten Familienstück zweistündigen Ereignis-
Ebenen verbinden: Den Schul- und Berufsalltag, die Minimalismus: Damit holt er die Erzählung gleichsam
Liebesgeschichten und Flirts von vier jungen Frauen im auf das Maß des Alltäglichen herunter. Denn was pas-
modernen Japan. Und ihre kleinen und großen Rituale. siert schon vieles in einem gewöhnlichen Leben. Selbst
Immer wieder kann man nur staunen darüber, wie we- der Kulminationspunkt des Films, als ein Sturm die ge-
nig es hier braucht, um alles zu erzählen. Etwa wenn in trennte Familie dazu zwingt, bei Ryotas Mutter eine
Nacht zusammen unter einem Dach zu verbringen, ist stille Thriller über die Unausschöpflichkeit der Wahrheit
eigentlich kein Ereignis, sondern scheint zumindest in zu einer tiefen Verbeugung vor dem japanischen Alt-
Japan vielmehr ins Möglichkeitsrepertoire des Alltags meister Akiro Kurosawa und seinem thematisch ver-
zu gehören. Es ist denn auch der zwischenmenschliche wandten, nicht minder komplexen Meisterwerk RASHO-
Austausch im mikroskopisch Kleinen der Gesten, Blicke MON.« (Alfred Schlienger)
und Worte: von Vater und Sohn, von Sohn und Mutter, Freitag, 21. Juni 2019, 21.00 Uhr
von Enkel und Großmutter, von Ex-Mann und Ex-Frau,
der diesen Film ausmacht – und uns die Qualität des Manbiki kazoku (Shoplifters – Familienbande) | Ja-
Ereignislosen entdecken lässt: gerade auch fürs eigene pan 2018 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Ryūto Kondō |
Leben.« (Philipp Meier) M: Haruomi Hosono | D: Lily Franky, Sakura Andō, Mayu
Samstag, 15. Juni 2019, 21.00 Uhr Matsuoka, Kirin Kiki, Kairi Jō, Miyu Sasaki | 121 min |
OmU | »Im Zentrum stehen die Shibatas, die im Häus-
Sandome no satsujin (Der dritte Mord) | Japan 2017 chen der Großmutter wohnen. Gemeinsam leben Oma,
| R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Mikiya Takimoto | M: Lu- Vater, Mutter, Schwägerin und Enkel in einem Raum,
dovico Einaudi | D: Masaharu Fukuyama, Kōji Yakusho, vollgestopft mit Nahrungsmitteln, Geschirr, Kleidern.
Suzu Hirose, Yuki Saitō, Kōtarō Yoshida, Shinnosuke Das Essen stammt von Diebeszügen, die der Vater mit
Mitsushima | 124 min | OmeU | »Welch wunderbar kon- dem zwölfjährigen Sohn unternimmt. Es sind Ausflüge
sequenter Film für Menschen, die sich im Kino gerne von stiller Eleganz, choreografiert nach den Achsen von
auf so subtile wie packende Art verwirren lassen. Alles Supermarktgängen und den Blickrichtungen der Kas-
scheint erschreckend klar zu Beginn. In der ersten Mi- sierer. Eines Tages gesellt sich ein vierjähriges miss-
nute sehen wir, wie ein Mann einen andern erschlägt handeltes Mädchen aus der Nachbarschaft zu den
und dessen Leiche verbrennt. Wir hören sein nüchter- Shibatas. Die Kleine hat Hunger, und sie bleibt. Mit flie-
nes Geständnis gegenüber dem Anwalt, der ihn vertei- ßenden, behutsamen Kamerabewegungen zeigt Ko-
digen soll. Vor dreißig Jahren hatte er schon einmal ei- re-eda, wie das Kind in das pragmatische, aber eben
nen Doppelmord verübt an zwei Kredithaien und ist nur auch liebevolle Zusammenleben der Familie eingefügt
knapp der Todesstrafe entgangen. Hirokazu Kore-eda wird: mit genervten Blicken, nachsichtigen Gesten, klei-
erzählt diese dunklen Bewegungen der Suche nach der nen Schimpfereien, zunehmender Zärtlichkeit. Aber
Wahrheit in immer neuen raffinierten Twists und Dre- warum nur scheint sich niemand Gedanken darüber zu
hungen. Am Schluss ist alles höchst erhellend unklar. machen, dass die rein emotionale Adoption auch
War es Rache? Oder Raubmord? Oder ist der Täter gar Schwierigkeiten bringen könnte?« (Katja Nicodemus)
zum Mord angestiftet worden? Nicht zuletzt wird dieser Samstag, 22. Juni 2019, 21.00 Uhr
Hirokazu Kore-eda
MANBIKI KAZOKU (SHOPLIFTERS – FAMILIENBANDE)
59
Michael Pfleghar und das Kino
Dreharbeiten zu DIE TOTE VON BEVERLY HILLS
Cool, crazy, sexy, groovy einem Marienbad des Pop DeLuxe herum, als wären sie
Einen Pfleghar-Film sehen, das heißt, eine Reise zu un- arrangiert worden von Alain Resnais und Jerry Lewis. In
ternehmen in die Vergangenheit der Zukunft. Seine SERENADE FÜR ZWEI SPIONE reist ein Agent von Euro-
genuinen Cine-Spektakel der Swinging Sixties, die ei- pa nach Amerika: auf Wasserski, von einem Motorboot
gentlich unvorstellbar sind im deutschen Kino jener gezogen – der reine dadaistische Nonsens. In San
Michael Pfleghar
Zeit, gleichen irrwitzigen Trips durch eine Jetset-Pop- Francisco angekommen, versucht er zu telefonieren.
Welt, in der ein Supersonic Feeling herrscht, das den Weil ihn der Verkehrslärm stört, bittet er aus der Tele-
Zuschauer verwirrt, verzückt, verändert. fonzelle heraus um Ruhe. Und der Alltag verstummt
Pfleghar versucht in seinen ausgeflippten Filmen, sogleich in dieser die Kinofiktion aufhebenden Szene,
die Komödien, Satiren, Grotesken, Farcen, Possen, Mu- die natürlich an Frank Tashlin erinnert, auch an Beatles-
sicals, Comics, Pop Art, Trash und noch viel mehr sind, Regisseur Richard Lester und Nouvelle-Vague-Mann
60 nichts Geringeres als die Welt aus den Angeln zu he- Philippe de Broca.
ben. Er ist ein Revolutionär des Stils, der Narration, des
Rhythmus. Seine attraktiven Scope-Bilder scheinen zu Wunderkind und Showman
tanzen in Ekstase. Und er macht den deutschen Film Pfleghars Kino-Œuvre ist recht schmal geblieben. 3 ½
international: nicht nur weil er für die damalige Zeit an Spielfilme hat er gedreht zwischen 1963 und 1967.
richtig fernen Orten wie Los Angeles und Tokio dreht, Bereits vor seiner irgendwie unvollendeten Kino-Karrie-
sondern vor allem auch weil er geradezu durchdrungen re war er freilich ein Regie-Star beim Fernsehen, das
ist vom Weltkino. In DIE TOTE VON BEVERLY HILLS gibt gefeierte, hyperaktive Wunderkind der TV-Shows. Der
es eine Szene, die auf einem villenartigen Anwesen in 1933 geborene Pfleghar begann seine Laufbahn beim
der kalifornischen Wüste spielt. Eine mondäne Party SDR in Stuttgart als Schnittmeister. Eine erste Kostpro-
findet dort statt, und die bizarren Gäste stehen wie in be seines Regie-Könnens lieferte er dort ab mit dem
kleinen, feinen TV-Musical DER SCHALLPLATTENDIEB, Gitarre von Segovia« bezeichnet, Der Kult des Girls ge-
das er zusammen mit dem jungen Martin Walser reali- hört zur Sixties-Mythologie. Pfleghar und Heidelinde
siert hat. Bald wechselte Pfleghar zur Bavaria nach Weis kreierten ein faszinierend kapriziöses Girl, das den
München, wo er von 1959 bis 1963 als Oberspielleiter Begriff »Mädchen« vergessen lässt und auch die »Kind-
fungierte. In seinen TV-Shows aus dieser Zeit mit Cate- frau« und den »Vamp« überwindet. Heidelinde Weis
rina Valente (BON SOIR, KATHRIN!), Vico Torriani (HOTEL spielt ein fremdes, andersartiges Geschöpf, beinahe
VICTORIA) oder Hazy Osterwald verknüpft er das Träu- eine Girl-Collage; die für eine neue Weiblichkeit stehen
merische mit dem Wirklichen durch eine innere Logik könnte, vielleicht sogar für ein anderes Menschenbild.
und nutzt dazu alle Möglichkeiten des Mediums Fern- In DIE TOTE VON BEVERLY HILLS sucht sie in der Rolle
sehen. The medium is the message... Der Spiegel war der Lu vergeblich einen Mann, der ihr treusorgender
ein wenig skeptisch damals und schrieb über Pfleghars Ehemann und ausgelassener Spielgefährte ist, gnaden-
beinahe experimentelle Revue LIEBEN SIE SHOW?: loser Tyrann und unterwürfiger Sklave zugleich. Und:
»Der junge Regie-Star hatte ein Spiel mit der Aufnah- Sie will den Blick des Mannes brechen, jenen Blick des
metechnik betrieben, das Zuschauer wie Kritiker ver- Begehrens, der nach der Filmwissenschaftlerin Laura
störte. Er häufte Schnitte und Blenden, Tricks und Mon- Mulvey bestimmend ist für das klassische Kino. In SE-
tagen. Er ließ Motorroller durchs Wasser und Boote auf RENADE FÜR ZWEI SPIONE spielt die Weis ein eroti-
der Landstraße fahren.« Das relativ neue Medium Fern- sches Dienstmädchen, das freilich eine Agentin ist, eine
sehen hat damals gewissermaßen die seit der frühes- verspielte Agentin für eine neue Ordnung der Ge-
ten Stummfilm-Ära bekannten Kinotricks reanimiert schlechter: sie zwingt Hellmut Lange, den Agenten 006,
und mit neuer Bedeutung versehen. Pfleghars gesam- während einer Schießerei gar zu einem entwaffnend
tes Werk ist gleichsam geboren aus dem Geist des komischen Striptease.
Slapstick.
Von jungen, innovativen TV-Regisseuren, die den Pop-Nolr
Weg zum Film fanden, ging weltweit eine gewisse Er- DIE TOTE VON BEVERLY HILLS, nach dem reflexiven
neuerung des Kinos aus. In Deutschland jedoch hatten Erotikroman von Curt Goetz entstanden, ist ein schwin-
erfolgreiche Fernsehregisseure wie Franz Peter Wirth, delerregender Film. Vertigo a gogo … Ein Spiel mit
Michael Kehlmann, Fritz Umgelter, Peter Beauvais, Realitäten, mit der Dialektik von Verfremdung und Illusi-
Franz Josef Wild oder Kurt Wilhelm mit ihren wenigen on. Selbst Brecht wäre verwirrt gewesen. Pfleghar sig-
Kinofilmen kaum Erfolg. Selbst Pfleghar gelang ja der nalisiert gleich zu Anfang, dass alles Kino ist, ein Spiel
große Durchbruch beim Film nicht, er konnte nur Ak- der Figuren aus Licht und Schatten, ein Auftritt von
zente setzen mit einem Kino, das die Subversion des Geistern – aufgenommen on location in der Stadt der
frühen Kintopp mit dem Drive des Pop kombinierte. Engel. In der Rahmenhandlung, die in Schwarzweiß ge-
Pfleghar, der Macher von Shows, war auch selbst halten ist, geht es um den Mord an einer geheimnisvol-
ein Showman, ein Glamour Boy, charmant, ungemein len Schönen. Ein Schriftsteller (Klaus Jürgen Wussow
Michael Pfleghar
gutaussehend; er war verheiratet mit den Schlagersän- auf der Suche nach der Wahrheit) und ein ominöser
gerinnen Bibi Johns, Inge Brück und Wencke Myhre, er Detektiv (Wolfgang Neuss, bei Pfleghar ein Kabarettist
hatte Liaisons mit Corinne Pulver, Tina Sinatra und In- des Schicksals) versuchen den Kriminalfall aufzuklären.
grid Steeger. Pfleghar war ein öffentlicher Mann, er Sie agieren, indem sie in großartigen Cabrios durch
wusste nur allzugut, dass die Grenzen zwischen Fiktion L.A. gleiten. Oder sie operieren vom Büro des Detektivs
und Realität auf wunderbare, aber auch schmerzliche aus, das sich im Stahlgerippe eines halbfertigen Wol-
Weise durchlässig sind. So geht es in seinen Spielfil- kenkratzers befindet. Ein fantastischer Schauplatz: real 61
men um die Dekonstruktion des schicken Personals der und zugleich sinnbildhaft für die Anatomie eines Mord-
Swinging Sixties. Pfleghar durchleuchtet ironisch und falls, einer Gesellschaft, einer Moral.
selbstreflexiv bis ins letzte Atom die Mysterien der Su- In den Ermittlungen spielen die Memoiren der Er-
pergirls, Agenten und Playboys. mordeten eine wichtige Rolle. Und diese Erinnerungen
werden Realität als Film im Film, diesmal in Farbe ge-
The Girl Can't Help It dreht. Ein Trip ins Unterbewusstsein, in großen set
Ein It-Girl der besonderen Art verkörpert bei Pfleghar pieces inszeniert. Heidelinde Weis als Tote erinnert sich,
Heidelinde Weis, die weit mehr ist als eine deutsch- wie sie als ehemaliges Groupie eines Wagner-Sängers
österreichische Anna Karina. Ihre wunderbare Stimme aus einem träumerisch-spießigen Europa nach Amerika
hat Joe Hembus als »ein kostbares Instrument wie die kam, in die brennende, fast sexuell spürbare Langewei-
DIE TOTE VON BEVERLY HILLS
le Kaliforniens. Bonjour Tristesse! Als Fata Morgana er- der etablierte TV-Mann, der noch dazu auch von Alt-
scheint sie in der Wüste, unsterblich, mit unendlich meistern wie Kurt Hoffmann oder Rolf Thiele beeinflusst
langen Handschuhen und unendlich hohen Stiefeln war, hat sowieso ausgespielt, was damals noch mög-
bekleidet. Sie ist Lulu und Holly Golightly in einer Per- lich war: die Verquickung von Mainstream und Avant-
son, von Mode und Verzweiflung umhüllt. Am Ende die- garde.
ses seltsamen Films über ein weibliches Phantom gibt
es noch einen tollen Auftritt der grandiosen Kess- Happening in der Geisterstadt
ler-Zwillinge als wahre 1960er-Jahre-Ikonen: Doppel- Während DIE TOTE VON BEVERLY HILLS trotz aller
gängerinnen aus Germany mit Vegas-Erfahrung, als schrägen Elemente eine beinahe melodiöse Eleganz
hätte sie Warhol, der Meister der Vervielfältigung, aufweist, ist SERENADE FÜR ZWEI SPIONE, ebenfalls in
höchstpersönlich erschaffen. Scope gedreht, eine rhythmische tour de force aus
Gags, Tricks, Farben und Action, direkt auf den Straßen
modern art film gedreht, ohne Absperrung, wie in der frühen Nouvelle
DIE TOTE VON BEVERLY HILLS und SERENADE FÜR Vague. Ein kleiner, schmutziger Film mit dem Make-up
ZWEI SPIONE wurden von Hans-Jürgen Pohland produ- einer Extravaganza der Kinetik. Er ist mehr als eine der
ziert, seine Firma hieß modern art film. Man fragt sich, damals üblichen Bond-Persiflagen: ein Spiel mit der
wie es Pohland und Pfleghar geschafft haben, für beide Essenz des B-Pictures. Hellmut Lange, der später be-
Filme on location in den USA zu drehen. Gewiss war kannt wurde als TV-Lederstrumpf und beliebter Mode-
Michael Pfleghar
hilfreich, dass Pfleghar bereits Revuen in Las Vegas rator der Quiz-Show KENNEN SIE KINO? gibt den Eu-
inszeniert hatte. Aber auch Pohland (1934-2014) Ist ro-Agenten 006, der natürlich von Wolfgang Neuss in
nicht zu unterschätzen als umtriebiger Hansdampf in die USA geschickt wird, um eine Superwaffe dem Zu-
allen Filmgassen. Pohlands Werk als Produzent und griff der Pepita-Bande zu entreißen. Die Pepitas sind
Regisseur ist ein eigener Kosmos. Er gehörte 1962 zu eine Gang von Tänzern in bunten Pullovern, die sich
den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests. Von durch die Straßen bewegen, als seien sie der WEST
62 seinen Regie-Arbeiten Ist KATZ UND MAUS hervorzuhe- SIDE STORY entsprungen.
ben, eine recht fetzige Grass-Verfilmung mit Wolfgang Im Verlauf des Films wird geboten: Drogen-Halluzi-
Neuss und zwei Söhnen von Willy Brandt. Pohlands nation am Strand, ein Autoverfolgungs-Ballett, eine
größter Erfolg als Produzent dürfte die Böll-Verfilmung wüste Schießerei unter Wasser mit Mimmo Palmara,
DAS BROT DER FRÜHEN JAHRE von Herbert Vesely einer Kultfigur des italienischen Sandalenfilms, ein
sein; ein wichtiges Werk des Jungen Deutschen Films, Happening in einer Ghost Town mitten in der Wüste, die
das wie später auch DIE TOTE VON BEVERLY HILLS in Pfleghar als Schauplatz für den Anfang und das Ende
Cannes im Wettbewerb lief. An Pohland ist durchaus aller Geschichten liebt. Zudem werden einmal tatsäch-
interessant, dass er als »Oberhausener« die oft unpro- lich das Bild und die Welt auf den Kopf gestellt.
duktive Trennung von Papas Kino und Neuem Deut- Der sympathische, aber nicht allzu aufregende 006
schen Film nicht gar so ernst genommen hat. Pfleghar, wird zum Spielball der zwei Girls Barbara Lass und Hei-
delinde Weis, die das eigentliche Thema des Films ver- noch spekuliert, »dass Pfleghar auch ein großartiger
körpern: das permanente Oszillieren zwischen Un- Regisseur für einen ganz realistischen Film wäre«.
schuld und Täuschung. Wenn man Pfleghars Filme genau anschaut, dann ent-
deckt man in ihrer unbändigen Lebenslust auch einen
Ein Hauch von Melancholie Hauch von Melancholie, in der überbordenden Kreativi-
In seinem dritten Spielfilm BEL AMI 2000, den der Ös- tät auch eine Ahnung von Verzweiflung. In DIE TOTE
terreicher Karl Spiehs produziert hat, gab Pfleghar VON BEVERLY HILLS gibt es zwei Selbstmorde, SE-
schließlich Peter Alexander seine wahrscheinlich RENADE FÜR ZWEI SPIONE ist quasi ein Tanz in Death
schönste Rolle, die eines schüchternen Buchhalters, Valley. Alle großen Komödien basieren auf einer tod-
der in einer sexbesessenen Zeit zum Playboy wider Wil- ernsten Grundlage. Im Jahre 1991 hat sich Michael
len wird, sich aber nach einer Weltreise als wahrer, Pfleghar das Leben genommen. Es ist an der Zeit, seine
neuer Bel Ami entpuppt: ein formidabler Underdog Im wilden und poetischen Filme neu zu entdecken.
chaotischen Medienzirkus. Danach hat Pfleghar noch Hans Schifferle
einen Beitrag für den Omnibusfilm LE PLUS VIEUX MÉ-
TIER DU MONDE (DAS ÄLTESTE GEWERBE DER WELT, Die Tote von Beverly Hills | BRD 1964 | R: Michael
1967) gedreht, mit Raquel Welch in der Hauptrolle (an- Pfleghar | B: Michael Pfleghar, Hansjürgen Pohland, Pe-
dere Episoden von Godard und de Broca). ter Laregh, nach der Novelle von Curt Goetz | K: Ernst
Seine verspielt-dokumentarische Episode für den Kino- Wild | M: Heinz Kiessling | D: Heidelinde Weis, Klausjür-
film zu den Olympischen Spielen in München 1972 gen Wussow, Wolfgang Neuss, Horst Frank, Alice und
(natürlich über die Frauen bei Olympia) gehört aber be- Ellen Kessler, Ernst Fritz Fürbringer, Peter Schütte, Bru-
reits in die Zeit, als er sein Kino-Intermezzo längst be- no Dietrich | 110 min
endet hatte. Als Fernsehmacher und Medien-Magier Samstag, 27. April 2019, 18.00 Uhr | Zu Gast: Heide-
war er erfolgreicher denn je: Seine Shows und Serien linde Weis, Alice und Ellen Kessler, Michael Pfleghar jr.
der 1970er und frühen 1980er Jahre wie WÜNSCH DIR
WAS, KLIMBIM oder ZWEI HIMMLISCHE TÖCHTER ha- Serenade für zwei Spione | BRD 1965 | R: Michael
ben TV-Geschichte geschrieben, während im deut- Pfleghar | B: Klaus Munro, Michael Pfleghar, nach ei-
schen Kino dieser Zelt das Fach Komödie unbesetzt nem Roman von K. H. Günther | K: Ernst Wild | M: Fran-
blieb. Vielleicht war die TV-Arbeit, in der er stets die cesco De Masi | D: Hellmut Lange, Barbara Lass, Hei-
Grenzen des Entertainments auslotete, auch eine Fort- delinde Weis, Dick Palmer, Tony Kendall, Mimmo
setzung der Kinofilme mit anderen Mitteln: sogar den Palmaro, Wolfgang Neuss, Annie Giss | 95 min
verehrten Jerry Lewis hat er ins deutsche Fernsehen Samstag, 27. April 2019, 21.00 Uhr | Zu Gast: Heide-
geholt. linde Weis, Alice und Ellen Kessler, Michael Pfleghar jr.
In einer Kritik in der Zeitschrift Twen zu DIE TOTE
VON BEVERLY HILLS, einem Film, der ja auch vom Tod
Michael Pfleghar
des Kinos handelt, hat Joe Hembus in den 1960ern
63
SERENADE FÜR ZWEI SPIONE
Filme von Herbert Achternbusch
Die ersten Filme von Achternbusch berührten, weil sie sche Herbert begibt sich in ein gleichermaßen bedrü-
so wenig Kinotechnik brauchten, um das zu fassen, ckend wirklichkeitsgesättigtes wie hermetisches Bay-
was er in seinen Bildern drin haben wollte. Die bessere ern-Setting: das Bierzelt des Oktoberfests. Mit einer
Beherrschung der Konventionen hat ihn bisher noch entwendeten Polizistenuniform ausgestattet – das Ein-
nicht dazu gebracht, die Formen für sich sprechen zu nehmen von Rollen, in denen sich Herbert oder ein an-
lassen. Filmend verteidigt er wütend seine Ideen. Er deres Alter Ego immer wieder zu bewähren haben, er-
zeigt sie her. Sie betreffen alle. innert an die waghalsigen und dabei mit ordentlich
Achternbuschs Bilder anzuschauen braucht's keine Negativität ausgestatteten Szenerien Buster Keatons –
Bildung. Und wer behauptet, sie seien unverständlich, stiftet er Chaos, also das, was ein Staatsdiener eigent-
der hat ganz recht. Traumbilder zu rationalisieren bringt lich zu verhindern hat. Die Bierseligen sind vom Spiel-
nichts. Aber die Debilität unserer Phantasmen und filmgeschehen überrumpelt, ja zetteln sogar vor
Traumvorstellungen, aber die unendlichen Mühen beim laufender Kamera mit dem Polizisten eine Schlägerei
Großwerden unter Verhältnissen, die andauernd dage- an. Hier ragt die Wirklichkeit direkt in die Fiktion hinein
gen sprechen, die kann sehen, wer will. Wer's nicht und umgekehrt, die Kamera gibt sich ganz dem Ge-
sieht, sollte sich ganz ernsthaft fragen, ob er nicht von schehen hin. Doch dann gibt es wiederum Szenen, die
all den anderen verdauten, verordneten Bildern längst so unumwunden gebaut und stilisiert wirken, dass sie
blind geworden ist. geradezu beklemmen. Spontanität und präzise For-
Frieda Grafe mung gehen eine unentwirrbare Verbindung ein, sagen
der stilistisch schlüssigen Wirklichkeitsentsprechung
den Kampf an.« (Tilman Schumacher)
Sonntag, 5. Mai 2019, 21.00 Uhr
Taschen, denn rohe Eier in den Taschen sind gut für die
Selbstkontrolle. Aber als Erwin (Herbert Achternbusch),
der aussieht wie der Regisseur Herbert Achternbusch,
was dann auch zu Verwechslungen führt, seine frühere
Chefin Susn (Annamirl Bierbichler) umarmt, da gehen
die Eier kaputt. Dann gibt es noch ein Nilpferd, das in
der letzten Einstellung des Films in der Isar plantscht.
Herbert fragt sich, ob das Nilpferd ein Isarpferd sei oder
64 die Isar der Nil und dann liegt München am Nil. Ach-
ternbusch ist ein deutscher Autorenfilmer, der auch
ästhetisch das eingeht, was andere scheuen wie die
Bierkampf | BRD 1977 | R+B: Herbert Achternbusch | Pest: ein Risiko. Mal mehr, mal – wie in diesem Film –
K: Jörg Schmidt-Reitwein | D: Herbert Achternbusch, etwas weniger. Aber das ist immer noch mehr als die
Annamirl Bierbichler, Josef Bierbichler, Heinz Braun, meisten anderen zusammen sich subventionieren las-
Alois Hitzenbichler, Margarethe von Trotta, Gerda Ach- sen.« (Norbert Jochum)
ternbuch, Barbara Gass | 88 min | »Der (bier-)kämpferi- Sonntag, 26. Mai 2019, 21.00 Uhr
Der Depp | BRD 1982 | R+B: Herbert Achternbusch | K: eine Klamotte soll uns danach auch die Politik erschei-
Jörg Schmidt-Reitwein | D: Herbert Achternbusch, An- nen. Das ist ein alter und ein gefährlicher Trick. Schon
namirl Bierbichler, Franz Baumgartner, Gabi Geist, Alois Dürrenmatt zeigte Romulus den Großen in einem Hüh-
Hitzenbichler, Karl-Heinz Tittelbach | 82 min | »›Was nerstall. Wie Romulus wird jetzt der Präsident fahrlässig
einen kaputt macht, das hat man im Hirn‹ – beim Dep- unterschätzt.« (Helmut Schödel)
pen ist es ein Maßkrug, den ihm sein Freund und Sonntag, 9. Juni 2019, 21.00 Uhr
Schwager nicht nur auf, sondern in den Kopf geschla-
gen hat. Da ist er nun, von einem Zylinder bedeckt, Punch Drunk | BRD 1987 | R+B: Herbert Achternbusch
immer noch drin. Der Schläger selbst leidet seitdem an | K: Gunter Freyse, Herbert Achternbusch | D: Herbert
Fischvergiftung, von der er schlagartig geheilt wird, als Achternbusch, Annamirl Bierbichler, Gabi Geist, Esther
der Depp als erstes Wort nach seinem Unfall ›Atemnot‹ Donatz, Gunter Freyse, Franz Baumgartner, Peter Lupa
bildet. Atemnot – man geht wohl nicht fehl, wenn man | 91 min | »Statt sich wie früher von fernen Horizonten
darin den Ausdruck seines ganzen Lebensgefühls und langsam zu nähern, stürzt der Dichter als Schauspieler
Weltempfindens sieht. Atemnot gegenüber einer Welt, in seinem neuen Film in texanischer Cowboymontur vor
in der es ständig Kriegsgeräusche gibt, bis dann lako- der Kamera her durch München. Wie ein Fremdenfüh-
nisch mitgeteilt wird, der nächste Weltkrieg sei bereits rer, eine von den vielen Masken des fiktiven Staatsse-
wieder vorbei. Atemnot gegenüber der Frau, die den kretärs Dr. Herbert Riesenhuber, zieht uns der Cowboy
Deppen jeden Tag mit den gleichen Ritualen in seinen gleich einem Haufen Touristen durch den Münchner
Schuppen einsperrt. Reden lernt er erst wieder bei de- Stadtteil Sendling. ›All about is Sendling‹, sagt er. Und:
ren Gegenbild, einer (erträumten?) Idealfrau, die den- ›To be a Sendlinger means to be punch drunk‹, was in
noch nur das positive Spiegelbild der eigenen Frau ist der Sprache der Boxer soviel heißt wie ›von vielen
und konsequenterweise auch von derselben Schau- Schlägen benommen‹. Stellvertretend für Achternbusch
spielerin gespielt wird. In dem Maß, wo er wieder zu sagt der Cowboy: ›Das ist meine Situation.‹ Dr. Herbert
reden lernt, verschwinden die Bilder, die, auf einem Riesenhuber, der Staatssekretär im bayerischen Kultus-
Fernsehschirm, sein ganzes Dasein bestimmt haben: ministerium, scheint ständig auf der Flucht vor seiner
ausweglose Bilder, Eisberge, Affen hinter Gittern, Bilder eigenen Behörde. Alles treibt auf ein Katastrophensze-
aus früheren Filmen Achternbuschs, die er hier zitiert.« narium zu, von dem man nicht weiß, ob es nicht zu-
(Hartmut Weber) gleich das Paradies ist. Durch die Atomstrahlung sind
Sonntag, 2. Juni 2019, 21.00 Uhr im Wald die Heidelbeeren so groß wie Tomaten. Wie
Adam und Eva spazieren die Riesenhubers samt Freun-
Wanderkrebs | BRD 1984 | R+B: Herbert Achtern- den durch das untergehende Land. War früher das Vul-
busch | K: Jörg Schmidt-Reitwein | D: Herbert Achtern- gäre in Achternbuschs Filmen immer auch human, hier
busch, Franz Baumgartner, Annamirl Bierbichler, Josef hat es sich samt allem anderen ins Monströse ver-
Bierbichler, Waltraud Galler, Dietmar Schneider, Lau- kehrt.« (Helmut Schödel)
rens Straub | 95 min | »Die Hauptpersonen sind ein Sonntag, 16. Juni 2019, 21.00 Uhr
Herbert Achternbusch
›Ministerpräsident‹ (eine Mischung aus Ludwig dem
Zweiten, Franz Josef Strauß und Franz Baumgartner, Mix Wix | BRD 1989 | R+B: Herbert Achternbusch | K:
der ihn spielt) und ein offenbar an Kehlkopfkrebs er- Adam Olech, Herbert Achternbusch | D: Herbert Ach-
krankter, mit einer Reibeisenstimme sprechender ternbusch, Judit Achternbusch, Alfred Edel, Annamirl
›Waldler‹ (Herbert Achternbusch), der ein Gegner des Bierbichler, Gabi Geist, Dietmar Schneider, Franz Baum-
Präsidenten ist. Mit dem Wald stirbt also nicht nur der gartner | 88 min | »Herbert Achternbusch ist ruhig, klar,
Waldler, sondern auch die Opposition – und alle, die melancholisch geworden in diesem Film. Und fast
nach dem Tod der Bäume wie eine Wanderausstellung stumm: Mixwix, der Kaufhausdirektor am Münchner
einen Plastikwald durchs Land tragen, der so giftig ist, Rathaus-Eck, zieht sich schweigend zurück. Vom Ge- 65
dass er als Wanderkrebs bezeichnet wird. Menschen, schäft. Auf sich selbst. Er setzt sich aufs Dach und
Natur, Demokratie: Alles hat der Wanderkrebs zerfres- steigt aus. Achternbusch in der Titelrolle – ein bajuwa-
sen. Der Schreibtisch des Ministerpräsidenten ist eine rischer Asiate. Am Anfang macht er sich noch Gedan-
alte Nähmaschine, sein Stuhl eine Kloschüssel, sein ken über Socken- und Badehosen-Geschäfte und hat
Telefon ein Rasierapparat. Wenn er nach seinen Unter- den wachen, listigen Unternehmerblick. Dann aber
tanen klingelt oder zur Ordnung ruft, haut er mit einem wenden sich die Gedanken nichtkapitalistischen Wer-
hölzernen Kochlöffel auf den Rest eines Weckers. Wie ten zu, der Blick kommt von weit innen. Nachdenken
Hick mit seinen zwei Plastiktüten anschleicht, ist Au-
ßenseitergebiet. Er sieht aus wie Karl May als Penner,
wie der allerletzte Old Shatterhand. Auf keinen Fall wol-
le er ein Bleichgesicht sein, sagt Hick: ›Ja, ich bin Ras-
sist, ich hasse die Weißen und bin nicht länger ihr Tanz-
bär.‹ Das schreibt er an die ferne Geliebte, die in diesem
Film nicht mehr Susn, sondern Mary heißt. Eine schöne
Szene: Hick, abseits der befahrenen Highways, zwi-
schen baumhohen Kakteen. Schüsse peitschen die
Luft. Das road movie ist der motorisierte Western. Auf
den Trucks reiten die Trucker-Cowboys. Hick führt uns
wie durch den Wilden Westen durch die Filmgeschich-
te. Die Kamera dreht sich um sich selbst, der Kreis
schließt sich: Wolken, weißblauer Himmel, Berge wie in
Bayern und Bisons statt Milchkühe. Ein Raubvogel
schwebt über Hicks Kopf, Erinnerung an tote Indianer,
an die Zeit, bevor die Reservate kamen und die Welt
eng wurde. ›To make a last stand‹ heißt ›sich ein letztes
Mal aufbäumen‹. Achternbuschs neuer Film ist eine
Meditation. Es gibt keine Dialoge mehr, nur noch letzte
Bilder und letzte Briefe an Mary, gelesen von Herbert
Achternbusch.« (Helmut Schödel)
Sonntag, 7. Juli 2019, 21.00 Uhr
hat Konsequenzen: Mixwix übergibt sein Kaufhaus sei- I know the way to the Hofbrauhaus | Deutschland
nen Angestellten. Ein Film wie eine surrealistische Ele- 1991 | R+B+K: Herbert Achternbusch | D: Herbert Ach-
gie mit dem großen Atem fernöstlicher Gelassenheit. ternbusch, Bettina Hauenschild, Barbara de Koy, Vero-
Oder: die Hektik einer bayerischen Brotzeit ist nichts nika von Quast, Uschi Burkhard, Johannes Silber-
gegen die Ruhe von Reis, Soja, Dim Sum. Ein Film wie schneider | 85 min | »Eine aus dem Sarg auferstandene
ein Haiku.« (Frauke Hanck) weibliche Mumie arbeitet in München als kenntnisrei-
Sonntag, 23. Juni 2019, 21.00 Uhr che Fremdenführerin. Hick ist ihr Fremdenführer-Gehil-
fe. Die beiden haben es hauptsächlich mit amerikani-
Hick's Last Stand | Deutschland 1990 | R+B: Herbert schen und australischen Touristinnen zu tun, die sie
Achternbusch | K: Cordula Smolka, Herbert Achtern- durch die Stadt begleiten und letztlich zum Hofbrau-
busch | D: Herbert Achternbusch | 79 min | »Achtern- haus, ihrem Lieblingslokal, bringen. I KNOW THE WAY
Herbert Achternbusch
busch trägt weiße Cowboystiefel, und unter seinem TO THE HOFBRAUHAUS ist ein absurder, aber bis ins
schwarzen Hut hängen weiße Papierservietten heraus letzte Detail logischer und plausibler Film, schwerelos
wie die Locken eines orthodoxen Juden. Hier, wo sich heiter, aber wie alle großen Komödien erfüllt von einer
tiefen unterschwelligen Trauer und Irritation, weil die
Suche nach dem Glück eigentlich nicht mehr im
Diesseits, sondern in einem Zwischenreich stattfindet.
Achternbusch hat in Super 8 gedreht, als Stummfilm
mit Zwischentiteln und einer wunderbaren Musik, dann
66 wurde der Film auf 35mm aufgeblasen. Ein Drehbuch
hat es nie gegeben. Achternbusch ist ein Meisterwerk
gelungen, eine hinreißend spontane, im Vergleich zu
einigen seiner vorangegangenen Filme auch ungleich
leichter zugängliche Komödie.« (Hans Günther Pflaum)
Sonntag, 21. Juli 2019, 18.30 Uhr
[Link] München: Heddy Honigmann
Helden des Alltags suchen oder die Veteranen der Blauhelm-Einsätze in
Der Fahrer sitzt am Ende des Films in seinem Taxi, einer CRAZY von 1999, deren Mut Geschichte schrieb, deren
schäbigen, klapprigen Blechkiste. Er steckt eine Kas- Geschichten aber ungehört geblieben sind.
sette in den Rekorder, eine für ihn unschätzbar wertvol- Mit Anfang zwanzig verlässt Heddy Honigmann ihre
le Kassette, und singt ein wenig mit. Das Liebeslied, Heimat Peru; eine Filmhochschule gibt es dort nicht.
das wir hören, Folklore aus seiner Heimat, hallt noch Nach Stationen in Mexiko, Spanien und Israel geht sie
lange nach. »Das Leben ist hart, aber schön«, sagt ei- nach Rom, um am renommierten Centro Sperimentale
ner der Taxichauffeure, die Heddy Honigmann in ME- di Cinematografia Film zu studieren. Als Sie schließlich
TAAL EN MELANCHOLIE von 1993 porträtiert. 1978 nach Amsterdam zieht, findet sie dort eine neue
Scheinbar schon immer hat Heddy Honigmann die Heimat, von der aus sie über 40 Jahre lang fast jedes
Schnelllebigkeit der Zeitläufe kommen sehen: Ihr setzt Jahr einen Film dreht. Ihre Werke sind vielfach preisge-
sie die Magie des Moments entgegen, die Intimität des krönt, sie wurde als zweite Filmemacherin vom wich-
Augenblicks. Die in Lima geborene Filmemacherin hat tigsten europäischen Dokumentarfilmfestival IDFA in
stets ihren sehr persönlichen Blick auf die Gegenwart Amsterdam mit dem »Living Legend Award« ausge-
und auf Menschen gerichtet, die vordergründig keine zeichnet und das MoMA in New York widmete ihr eine
große Geschichte mitbringen, aber große innere Kon- Werkschau.
flikte. Hartnäckig schenkt sie ihnen ihre Aufmerksam- »Ich würde sie niemals verraten«, sagt sie über ihre
keit, bis sie beginnen zu erzählen: Von ihren Erinnerun- Protagonisten. Voyeurismus ist ihr fremd, wir schauen
gen und ihrem Leben. Fast ausnahmslos sind es in ihren Filmen nicht auf die Menschen, sondern durch
Menschen am Rande der Gesellschaft, denen sie eine sie und mit ihnen auf uns. Heddy Honigmanns Blick ist
Stimme verleiht. Das können die Musiker in der Pariser ein zutiefst humanistischer: Sie feiert das harte Leben
Metro in THE UNDERGROUND ORCHESTRA von 1997 in all seiner Schönheit.
sein, die als Geflüchtete in der Stadt ein Auskommen Julia Teichmann / Jan Sebening
Das [Link] München findet vom 8. bis 19. Mai 2019 statt. Aus-
führliche Informationen zum Festivalprogramm finden Sie ab April
unter [Link]
Het ondergronds orkest (The Underground Orche- El olvido (Oblivion) I Niederlande 2008 I R: Heddy Ho-
stra) I Niederlande 1997 I R: Heddy Honigmann | B: nigmann | B: Sonia Goldenberg, Heddy Honigmann,
Heddy Honigmann, Nosh van der Lely I K: Eric Guichard Judith Vreriks | K: Adri Schrover I 92 min I OmeU | Die
I 108 min I OmeU | Ein Sänger aus Mali, ein Pianist aus Einwohner von Lima haben Jahrzehnte der Wirtschafts-
Argentinien, zwei Violinisten aus Rumänien: Vater und krise, des Terrorismus und der Regierungsgewalt über-
Sohn. Sie alle sind aus menschenverachtenden Verhält- lebt: Peru ist ein zerrissenes Land. OBLIVION begleitet
nissen nach Paris geflohen und versuchen, sich hier mit Menschen aus dem Heer von Straßenmusikern, Sän-
ihrer Musik eine karge Existenz zu sichern. Heddy Ho- gern, Verkäufern und Schuhputzern, die verzweifelt
nigmann folgt ihnen durch die Gänge der Pariser Metro, versuchen, über die Runden zu kommen. Manche die-
in ihre kargen Mansardenwohnungen oder horrend ser Überlebenskünstler gehen den ungewöhnlichsten
überteuerten Absteigen. Die Musik ist für die Protago- Tätigkeiten nach: Hersteller von Präsidentenschärpen
nisten nicht nur eine Erinnerung an die verlorene Hei- sind unter ihnen, Lederwarenreparaturarbeiter und
mat, sondern auch ein schillernder Funke der Hoffnung
auf eine bessere Zukunft. Eine Hymne an die menschli-
che Widerstandskraft.
Samstag, 11. Mai 2019, 18.00 Uhr
?
Es geht weiter! Die Einreichungen müssen bis Donnerstag, den 23.
Über 25 Veranstaltungen, über 350 Filme, über 45 Mai 2019, im Filmmuseum vorliegen (keine Sichtungs-
Stunden reine Filmzeit, weit über 1.000 Zuschauer und dateien, Vorabversionen oder Streaming-Links). Mög-
zahllose Geschichten zu den Filmen: Wir können auf 15 lich sind die Vorführ-Formate 35mm, 16mm, DigiBeta,
Jahre Kurzfilmabende im Rahmen des Zuschauerkinos BetaSP, Videofiles, DVD-Video, Blu-ray und DCP. Für
zurückblicken, seitdem diese Veranstaltung in Zusam- Pressetexte und die Vorankündigung im Aushang im
menarbeit zwischen dem Münchner Filmzentrum e.V. Filmmuseum sind Screenshots als jpg-Dateien will- Zuschauerkino
(MFZ) und dem Filmmuseum wiederauflebte, die es in kommen.
ähnlicher Form als Schmalfilmtag in den 1970ern ge- Alle, deren Filme im Programm gezeigt werden,
geben hatte. können an der Kasse bis zu fünf Freikarten für den Zu-
Auch für den 6. Juni können alle, die Kurzfilme un- schauerkino-Filmabend erhalten. Darüber hinaus be-
ter 12 Minuten gedreht haben, wieder ihre eigenen stehen keine weiteren Verpflichtungen des Filmmu-
Filme einreichen; unabhängig von Inhalt, Format oder seums. Es wird vorausgesetzt, dass die Teilnehmer und
Genre; Spielfilm oder Dokumentation, Real-, Kunst- Teilnehmerinnen über die Rechte an ihren Filmen ver- 69
oder Animationsfilm. Das MFZ wählt unter den Filmen fügen und diese am Abend vor der Projektion kurz vor-
aus und stellt ein etwa anderthalbstündiges Programm stellen.
zusammen. Kontakt: Filmmuseum München, St.-Jakobs-Platz 1,
Im Anschluss an die Vorführung bietet das MFZ eine 80331 München, zuschauerkino@[Link], Telefon:
Begegnungsmöglichkeit, damit alle Anwesenden mitei- 089/23327718.
nander ins Gespräch kommen und sich austauschen Donnerstag, 6. Juni 2019, 19.00 Uhr | Die Filme-
können (für Erfrischungen ist gesorgt). macher und Filmemacherinnen sind anwesend.
Zur Ausstellung »Aufbruch ins Jetzt«
Eine Veranstaltung anlässlich der Ausstellung »Aufbruch ins Jetzt drucksspektrum: echte Gier, halbechte Zartheit, unech-
– Der Neue Deutsche Film« mit Fotos von Beat Presser, die vom te Schönheit. Überschäumendes Kino über die Zeit der
6. Juni 2019 bis 28. Juli 2019 in der Bayerischen Akademie der Repression.« (Christoph Huber) »Ich glaube nicht, dass
Schönen Künste gezeigt wird.
der Märthesheimer und die Fröhlich an eine Komödie
Rainer Werner Fassbinders »Lola« | Harry Baer gedacht hatten. Mir ist aber sehr schnell klar gewor-
spricht über die Entstehung von Fassbinders LOLA, an- den, es muss eine Komödie sein, auch wenn es eine
schließend liest er zusammen mit Isolde Barth Szenen böse Geschichte, eine schwarze Komödie ist. Es gibt da
aus dem Drehbuch. – Lola | BRD 1981 | R: Rainer Wer- also einen Bauunternehmer, der will verdienen – das ist
ner Fassbinder | B: Pea Fröhlich, Peter Märthesheimer, sein gutes Recht. Es gibt da ein Mädchen, das möchte
Rainer Werner Fassbinder | K: Xaver Schwarzenberger | nicht nur bezahlt werden, sondern auch zu den Kapi-
M: Peer Raben | D: Barbara Sukowa, Armin Muel- talisten gehören. Und es gibt dazu einen Baudezernen-
ler-Stahl, Mario Adorf, Matthias Fuchs, Helga Fedder- ten, der von seiner moralischen Haltung her das simple
sen, Karin Baal, Ivan Desny, Elisabeth Volkmann, Hark kapitalistische Prinzip ablehnt, dem aber klar wird, dass
Bohm, Rosel Zech, Christine Kaufmann, Harry Baer, der Aufbau dieses Landes ohne dieses Prinzip nicht
Isolde Barth | 115 min | »Ein neuer, hochmoralischer möglich ist. Er hat gleichsam eine liberal-sozialdemo-
Aufbruch ins Jetzt
Baudezernent wird ins nordbayerische Städtchen Co- kratische Haltung. Er denkt, sie würde sich letztlich
burg versetzt und gefährdet das Zusammenspiel von wieder auffangen lassen, diese Form von Politik. Am
Macht, Lüge und Profit, in dem der Ort sich eingerichtet Schluss – wie immer das mit seiner privaten Katastro-
hat. Zentrum seines ehrlichen Begehrens ist Ma- phe gelaufen ist – weiß er, dass er diese Art von Gesell-
rie-Louise alias Lola, Besitzerin des örtlichen Puffs, das schaftspolitik, die er zunächst nur zeitweilig unterstüt-
als heimlicher Treffpunkt der Oberschicht dient. Rainer zen will, nicht wird aufhalten können. So, wie es dann
Werner Fassbinder verschränkt den Kitsch mit der ja auch geschehen ist. Die Sozialdemokraten haben
70 Kunst: LOLA, in Bonbonfarben leuchtende Schreckens- sich mit ihrer Entscheidung, eine bürgerliche Partei zu
komödie über den Geist der Adenauerzeit, ist der werden, diesem kapitalistischen Prinzip ergeben.« (Rai-
höchste Gipfel seiner kunstfertigen Analysen deutscher ner Werner Fassbinder)
Geschichte. Eine Vivisektion der kapitalistischen Bana- Donnerstag, 13. Juni 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast:
lität, inszeniert mit scharfer Brillanz und weitem Aus- Harry Baer, Isolde Barth
In memoriam Enno Patalas
Zu meiner Person: Ich bin Gründer der Filmkunstzeit- »eisernen Vorhang« hinweg pflegte. Der am 15. Oktober
schrift »Filmkritik« – der derzeit einzigen in der Bundes- 1929 in Quakenbrück geborene Patalas hatte schon in
republik Deutschland – und war über zwölf Jahre ihr seiner Studienzeit zusammen u.a. mit Theodor Kotulla
Chefredakteur; ich habe eine »Geschichte des Films« einen Studentischen Filmclub an der Universität Müns-
geschrieben, zusammen mit Ulrich Gregor, und ver- ter gegründet, sich als in der Tradition von Siegfried
schiedene andere Bücher zur Filmgeschichte; und ich Kracauer und der Frankfurter Schule stehender Filmkri-
bin Filmkritiker der »Süddeutsche Zeitung« und des tiker und Filmbuchautor einen Namen gemacht, als er
Bayerischen Rundfunks. Und mit Wirkung vom 1. April das Filmmuseum von seinem Gründungsdirektor Rudolf
bin ich vom Münchner Stadtrat zum Direktor des Joseph übernahm. In seinem Brief an Gosfilmofond be-
Münchner Filmmuseums berufen worden. Das Münch- kundete Patalas seine Absicht, »die Geschichte des
ner Filmmuseum ist ein noch bescheidenes Institut, das Sowjetfilms zu einem festen Bestandteil des Pro-
aber entwicklungsfähig ist. München hat ein sehr inte- gramms des Münchner Filmmuseums zu machen.«
ressiertes Filmpublikum. Es ist die Stadt mit den meis- Und er schlug einen Austausch »neuerer deutscher
ten Studenten in der Bundesrepublik Deutschland – Filme« gegen »ältere sowjetische Filme« vor, da »in den
ungefähr 50.000 –, und es hat die einzige Filmakademie letzten Jahren in der Bundesrepublik von jungen Regis-
Westdeutschlands. Da sich die Einsicht durchzusetzen seuren eine Reihe interessanter Filme« gedreht worden
beginnt, dass die Filmkunst ebenso öffentlicher Unter- sei und er mit vielen Filmemachern »befreundet« sei.
stützung wert ist wie die traditionellen Künste, besteht Sieben Tage später erhielt er eine Antwort aus Moskau
Hoffnung, dass auch das Münchner Filmmuseum in der (oder genauer: Belye Stolby, dem Sitz von Gosfilmofond
Zukunft über größere Mittel verfügen wird. nahe Moskau), in der auf seinen Vorschlag eingegan-
Mit diesen Worten stellte sich Enno Patalas am 10. gen wurde. Die Verbindung in die Sowjetunion wurde
Februar 1973, sieben Wochen vor seinem Dienstantritt, für Patalas in den nächsten Jahren zur wichtigsten
in einem Brief dem Leiter von Gosfilmofond, dem größ- Quelle für den Aufbau einer Sammlung mit über 100
ten Filmarchiv der Welt, vor. Vermittelt hatte ihm diesen sowjetischen Filmen und für die Entdeckung vollständi-
Kontakt der Leiter des Österreichischen Filmmuseums gerer Kopien vor allem deutscher Stummfilmklassiker,
Peter Konlechner, der eine gute Beziehung über den die von der Roten Armee bei der Befreiung Berlins
Enno Patalas
© Süddeutsche Zeitung / Andreas Heddergott
71
1945 als Beutegut vom Reichsfilmarchiv nach Moskau Filmabteilung im Münchner Stadtmuseum leite. Meiner
gebracht worden waren. Zu den Lieblingsanekdoten Meinung nach hat diese Institution die Aufgabe – und
von Patalas gehörte die Geschichte, dass Gosfilmofond die Chance –, die Kinemathek des Neuen Films in der
als Gegenleistung für deutsche Filmklassiker dann kei- Bundesrepublik zu werden. Dies in mehrfacher Hin-
ne neuen deutschen, sondern amerikanische Filme sicht: 1. als Archiv neuer deutscher Produktionen
haben wollte. Er erwarb daraufhin auf dem Schwarz- (»Junger deutscher Film«, »Anderes Kino«); 2. als
markt gebrauchte deutsch synchronisierte James- Schaukasten und Diskussionsforum; 3. als Vermittler zu
Bond-Filme und tauschte diese gegen Stummfilme von ausländischen Kinematheken; 4. als Sammlung und
Fritz Lang und F. W. Murnau: GOLDFINGER gegen DER Spielstelle für die Werke der Filmgeschichte und der
MÜDE TOD. internationalen Filmgegenwart, deren Kenntnis der
Einen weiteren Brief schickte Enno Patalas eben- Markt nicht zulässt. Weitere Funktionen sind vorstellbar.
falls noch vor seinem Dienstantritt am 11. März 1973 Patalas lud Vertreter des Verbandes Junger Deutscher
an eine in Deutschland heftig umstrittene Filmemache- Filmproduzenten zu einem Gespräch ein und begann in
rin: Verehrte Frau Riefenstahl! Die Stadt München hat der Folgezeit, systematisch alle Filme von Werner Her-
mich – mit Wirkung vom 1. April – mit der Leitung des zog, Wim Wenders, Alexander Kluge und Rainer Werner
kleinen Filmmuseums im Stadtmuseum betraut, das Fassbinder anzukaufen. Der erste deutsche Film, den
vor allem aus einem Filmsaal besteht, in dem regelmä- er mit Gosfilmofond tauschte, war ALABAMA – 2000
ßig Retrospektiven veranstaltet werden. Ich würde mich LIGHT YEARS von Wim Wenders.
freuen, an dieser Stelle auch einmal eine Gesamtschau Bei der Auswahl der Filme für die Sammlung des
aller Ihrer Filme zeigen zu können. (...) Vorerst möchte Filmmuseums war Patalas so unbestechlich und kom-
ich nur nach einem Film fragen. Ich setze im April noch promisslos wie zuvor bei seinen Kritiken: Niemals ließ
eine Reihe fort, die mein Vorgänger, Herr Joseph, Ende er sich von persönlichen Freundschaften und Wert-
dieses Monats noch beginnt: Frühe deutsche Tonfilme schätzungen beirren, wenn es um die Qualität von Fil-
(1930-33). In dieser Reihe würde ich natürlich gern das men ging. So kaufte er nur vereinzelt Filme von Volker
BLAUE LICHT zeigen. Deshalb meine Frage: Ob Sie uns Schlöndorff, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Ula Stöckl
dazu Kopie und Aufführungserlaubnis für zwei Vorstel- und Klaus Lemke an, und keine von Haro Senft, Hans
lungen freundlicherweise geben würden? Das Filmmu- Rolf Strobel, Roland Klick, Norbert Kückelmann, Micha-
seum ist natürlich ein nichtgewerbliches Unternehmen, el Verhoeven oder Helma Sanders. Selbst wenn er, wie
das über seine (bei 140 Plätzen und Preisen von DM im Falle von Theodor Kotullas BIS ZUM HAPPY END,
1,- und 2,-) ohnehin minimalen Einnahmen nicht ein- jahrelang mit dem Regisseur und den Drehbuchautoren
mal selbst verfügt, sondern von einem geringen festen zusammengearbeitet und im Film sogar eine kleine Ne-
Etat leben muss. Weshalb ich Ihnen natürlich dankbar benrolle übernommen hatte, hielt dies ihn nicht davon
wäre, wenn Sie auf die Zahlung einer Leihmiete ver- ab, den Film ausgiebig zu verreißen. Seine Vorliebe für
zichten könnten. Filme, die aneckten und die es gegenüber Gremien,
Die 70-jährige Leni Riefenstahl schickte umgehend Zensur und Politik zu verteidigen galt, spiegelte sich im
aus den Dolomiten einen Brief mit einem aktuellen Ankauf der Gesamtwerke von Vlado Kristl, Hellmuth
Starfoto, das sie mit umgehängter Fotokamera zeigte Costard, Jean-Marie Straub & Danièle Huillet, Werner
und auf dessen Rückseite sie handschriftlich mitteilte, Schroeter und Herbert Achternbusch wider.
dass sie »gern« ihre Kopie vom BLAUEN LICHT »für 2 Schon die frühen Filmkritiken von Patalas fallen mit
Enno Patalas
nichtgewerbliche Vorführungen des Filmmuseums kos- ihren stets auf ideologiekritischer Argumentation basie-
tenlos zur Verfügung stelle«. Tatsächlich kaufte das renden apodiktischen Urteilen auf. Das konnte sowohl
Filmmuseum später ihre Filme an, und Riefenstahl amerikanische Studioproduktionen von Regisseuren
überwachte persönlich die Lichtbestimmung, damit das wie Alfred Hitchcock treffen (NORTH BY NORTHWEST:
Filmmuseum die schönsten Filmkopien bekam. Direkt »In seinem obligaten persönlichen Auftritt sieht man
72 von Anfang an waren Patalas die sehr beschränkten diesmal den Regisseur, wie er einen Bus verpasst. Man
Mittel des Filmmuseums bewusst, weshalb er auf groß- ist versucht, das als Symbol der Selbsterkenntnis zu
zügiges Entgegenkommen von Filmemachern und Li- werten.«) als auch Autorenfilme der Nouvelle Vague
zenzinhabern angewiesen war. (LES PARAPLUIES DE CHERBOURG: »Die simulierte Na-
In einem Brief vom 12. Juli 1973 wendet sich Enno ivität des Singspiels kann wohl nur goutieren, wem kein
Patalas an Filmemacher und Filmproduzenten: Viel- Bluff zu primitiv ist.«). Als Patalas – unter Einfluss der
leicht haben Sie gelesen, dass ich seit dem 1. April die Cahiers du cinéma und seiner Frau Frieda Grafe – seine
Das internationale Renommee stieg zusehends,
1979 wurde das Filmmuseum in den erlauchten Kreis
der FIAF (Internationaler Verband der Filmarchive) auf-
genommen – zunächst noch für viele Jahre nur als
»assoziiertes Mitglied«. Von der Münchner Stadtverwal-
Frieda Grafe und Enno Patalas, 1965
ternehmen konnte. Zusammen mit einem erhöhten kompromisslose Haltung gegen jede Form von Zensur
Ankaufsetat und zusätzlichen Personalstellen begann machte für Politiker den Umgang mit ihm nicht leicht:
die »goldene Zeit« des Filmmuseums, die Zuschauer- »Diplomatie war ihm eher fremd« überschrieb Hans
zahlen stiegen auf 65.000 Besucher im Jahr bei 750 Helmut Prinzler den letzten Absatz seines Nachrufs auf
Vorstellungen im Jahr. Enno Patalas reiste durch die Patalas, der am 7. August 2018 nach langer Krankheit
Welt und stellte die Arbeitskopien seiner rekonstruier- verstarb. 73
ten Fassungen deutscher Stummfilme vor. Wer die voll- Mit den nachfolgenden Leitern des Filmmuseums
ständigsten Versionen von NOSFERATU, DIE FREUDLO- konnte und wollte Patalas kein gutes Verhältnis aufbau-
SE GASSE, METROPOLIS oder M sehen wollte, musste en. Er empfand sie als Eindringlinge in »seinem Film-
dafür nach München reisen oder Enno Patalas einla- museum«, beklagte, dass Jan-Christopher Horak mit
den, die Kopie in einem ihm genehmen Archivkino mit seinen Ankäufen die Qualität der Sammlung »verwäs-
entsprechender Vorführtechnik vorzustellen. sere«, und verbat sich jegliche Begrüßung durch den
Leiter des Filmmuseums, wenn er zu Vorträgen einge- re Färbung beigemischt hat: Hinzugefügt wurde das
laden war, weil »sein Publikum« ihn doch kenne. Er ließ Prinzip des informativen monologischen Entertain-
sich von anderen Institutionen, die er zuvor noch als ments. Dem interessierten Zuhörer flockte einiges ent-
Konkurrenten des Filmmuseums betrachtet hatte, für gegen: Moskauer Frühstücksszenen, biographische
Restaurierungsprojekte engagieren und gab wieder Bü- Daten des Patalas' Lebens, kokette lnvektiven gegen
cher heraus, für die er seine im Filmmuseum verbliebe- verstaubte Archivierungsprozesse und Plädoyers für
nen Mitarbeiter hinter dem Rücken der neuen Leitung gelebte, bewegte Bilder, Filmmaterialbeschaffungs-Ge-
zuarbeiten ließ. Als seine Frau Frieda Grafe schwer er- schichten etc. lrgendwann war es dem Zuhörer auch
krankte, widmete er sich ganz ihrer Pflege. Nach ihrem möglich, die Antwort auf Kreimeiers Frage herauszu-
Tod 2002 kümmerte er sich um die Herausgabe ihrer destillieren: Ein persönliches und nicht etwa archivari-
Schriften in zehn sorgfältig edierten Bänden. sches Interesse war Hauptmotor für die Entstehung des
Nicht zuletzt wegen seines nachlassenden Augen- Films (Patalas befand sich zu Zeiten Stalins gerade auf
lichts besuchte Patalas das Filmmuseum als Zuschauer dem Höhepunkt seiner Pubertät, nun gereift, wollte er
immer seltener. Anlässlich seines 80. Geburtstags im das Ganze noch einmal mit erwachsenen Augen be-
Oktober 2009 lehnte er die Einladung zur Vorführung trachten).
seines Films STALIN. EINE MOSFILMPRODUKTION zu- Die Reihe »In memoriam Enno Patalas« versammelt
nächst ab, sagte dann aber doch zu, weil von all seinen Filme, die Enno Patalas in seinen Schriften wichtig wa-
Filmen ihm dieser am wichtigsten war. Allerdings durfte ren, die erinnerungswürdige Veranstaltungen im Film-
seine Anwesenheit nicht publik gemacht werden, er museum markieren, die beispielhaft für seine Restauri-
wollte anonym bleiben. Dies klappte natürlich nicht, das erungsarbeiten stehen oder die zu den Prunkstücken
Publikum erkannte ihn sofort, als er an seinem Stamm- seiner Sammlung gehören. Außerdem sind erstmals
platz halb links im vorderen Block der Kinosessel Platz alle seine Fernsehsendungen zu sehen, die er meist in
nahm. Bei der Einführung zum Film ergriff Patalas dann Zusammenarbeit mit Frieda Grafe gestaltet hat, und die
doch das Wort und erzählte die Geschichten um die seinen Zugang zu Filmen sowie den Ansatz seiner »Ver-
Entstehung des Projekts aus erster Hand – besser als mittlungsarbeit« am besten dokumentieren. Abgerun-
es jeder andere konnte und je können wird. Es war sein det wird das Programm durch Spiel- und Dokumentar-
letzter Auftritt im Filmmuseum. filme, in denen Enno Patalas als Darsteller mitwirkte.
Das von Antje Ehmann verfasste Protokoll der Duis- Stefan Drößler
burger Filmwoche nach der Vorführung von STALIN.
EINE MOSFILMPRODUKTION beschreibt sehr anschau- Der breite Strom der Nebensachen. Zu einigen Fil-
lich einen typischen Auftritt von Enno Patalas, so wie er men von Jean Renoir | Deutschland 1979 | R+B:
allen, die ihn erlebt haben, in Erinnerung bleiben wird: Enno Patalas, Frieda Grafe | 43 min – »Was Renoir in
Die Frage, warum Enno Patalas, Filmkritiker, -historiker seinen flexiblen Formen einfängt, ist das Nicht-Kodizi-
und Redakteur, sich dazu entschlossen habe, sein Me- fierte, das Vagabundierende, die Dinge vor der Routine,
tier zu wechseln und selbst einen Film zu drehen, nutz- vor der Organisation. Aus der Beweglichkeit in seinen
te dieser in erster Linie dazu, gegen das Fernsehen zu Filmen kommt die Fülle, die Großzügigkeit, die macht,
polemisieren. Er gab zu verstehen, dass STALIN gar dass man sich wohlfühlt, auch da, wo man Leiden
kein Film, sondern eine Fernsehsendung sei. Einen Ki- spürt.« (Frieda Grafe) – La règle du jeu (Die Spielre-
no-Dokumentarfilm hätte er vollkommen anders gestal- gel) | Frankreich 1939 | R: Jean Renoir | B: Carl Koch,
Enno Patalas
tet, die Filmaufzeichnung seiner Videobilder sei doch Jean Renoir | K: Jean-Paul Alphen, Jean Bachelet | M:
grauenhaft, die Interviewer säßen da »ja selbst wie Joseph Kosma | D: Nora Gregor, Paulette Dubost, Mar-
vorm Fernseher«. Da Duisburg diese Differenz zu be- cel Dalio, Roland Toutain, Jean Renoir, Gaston Modot |
denken gewohnt ist, versuchte Klaus Kreimeier das 106 min | OmU | »Ein scheinbar heiteres Divertisse-
Gespräch wieder auf die Person Patalas zurückzubie- ment mit Marivauxschen Verwicklungen und Musik von
74 gen. Ob die archivarische Leidenschaft des Such- und Mozart entwickelt sich zu einer bitteren Gesellschafts-
Sammelfreundes Patalas, der ja auch Direktor eines satire. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zeigt
Filmmuseums sei, das Hauptinteresse zum Film gebil- Renoir in seinem komplexesten Film den Niedergang
det habe? Der redefreudige Filmemacher perlte darauf- der Bourgeoisie. Jagdszenen aus der französischen
hin ein Anekdötchen ans andere, womit er der stilfacet- Provinz denunzieren den europäischen Faschismus,
tenreichen Diskussionspalette des Festivals an diesem doch in die Untergangsvision mischen sich Zärtlichkeit
letzten Tag und dessen letzter Debatte noch eine weite- und Trauer über das Ende einer Epoche. Stilistisch wie
thematisch zeichnet Renoir in LA RÈGLE DU JEU fast Caven | 163 min | OmU | »Schroeters Filme sind kurze
alle Entwicklungen des modernen Films vor.« (Hans- Opern ohne Musik. Sie verbreiten Unsicherheit, zerset-
Christoph Blumenberg) zen vertraute Identitäten und Polaritäten. Merkwürdige
Dienstag, 9. Juli 2019, 19.00 Uhr Rituale werden vorgeführt von Männern und Frauen,
die ihr Geschlecht entweder hypertrophieren oder irri-
Phantombilder. Zum 100. Geburtstag des Filmre- tierend im Ungewissen lassen.« (Enno Patalas, Frieda
gisseurs Friedrich Wilhelm Murnau | BRD 1988 | Grafe) Die einzige vollständige Kopie des Episodenfilms
R+B: Enno Patalas, Frieda Grafe | 44 min – Nosferatu. FLOCONS D'OR, der Schroeters Frühwerk abschließt,
Eine Symphonie des Grauens | Deutschland 1922 | wurde von Patalas für die Sammlung des Filmmuseums
R: Friedrich Wilhelm Murnau | B: Henrik Galeen, frei München erworben.
nach dem Roman »Dracula« von Bram Stoker | K: Fritz Donnerstag, 11. Juli 2019, 19.00 Uhr
Arno Wagner | D: Max Schreck, Gustav von Wangen-
heim, Greta Schröder, Alexander Granach, Ruth Lands- Menschen im Espresso | BRD 1958 | R: Herbert Ves-
hoff, John Gottowt | 94 min | »Murnaus NOSFERATU hat ely | B: Herbert Vesely, Wilfried Berghahn | K: Wolf Wirth
nie zu den ›verlorenen Filmen‹ gehört. Er war immer | 17 min | Porträt der Schwabinger Straßencafés an der
präsent, zuerst dank Henri Langlois und der Cinéma- Leopoldstraße, in denen sich auch Enno Patalas her-
thèque française, die eine Kopie der französischen Fas- umtreibt. – Abschied von gestern | BRD 1966 | R+B:
sung von 1927 aufbewahrte. Zu den 525 Einstellungen Alexander Kluge, nach seiner Erzählung »Anita G.« | K:
der französischen Fassung sind in der Rekonstruktion Thomas Mauch, Edgar Reitz | D: Alexandra Kluge, Hans
des Münchner Filmmuseums 27 aus anderen Fassun- Korte, Edith Kuntze-Peloggi, Palma Falck, Josef Kreindl,
gen hinzugekommen, meistens einzelne Einstellungen, Eva Maria Meineke, Alfred Edel, Fritz Bauer | 87 min |
nur an einer Stelle eine kleine Sequenz. Andere Einstel-
lungen sind jetzt länger, haben Auf- und Abblenden, wo
früher Schnitte waren, oder sind von besserer Bildqua-
lität. Dass NOSFERATU bei seinem Erscheinen 1922
farbig gewesen sein musste – ›gefärbt‹ und/oder ›ge-
tont‹ –, war nicht nur deshalb anzunehmen, weil dies in
Deutschland seinerzeit üblich war, sondern auch, weil
der Film die Farben braucht, vor allem das Blau, das
damals Nachtszenen signalisierte. Ein Vampir wandelt
nicht bei hellem Tageslicht, wie er es in den Schwarz-
weißkopien des Films tut.« (Enno Patalas)
Mittwoch, 10. Juli 2019, 19.00 Uhr | Live-Musik:
Sabrina Zimmermann, Mark Pogolski
»Der Film von Kluge ist so deutsch wie die von Godard
Besonders Wertvoll | BRD 1968 | R+B+K: Hellmuth französisch sind, die von Pasolini italienisch und die von
Costard | D: Hellmuth Costard, Hans Toussaint, Edda Skolimowski polnisch und kann eben deshalb auf inter-
Costard | 10 min | »Der Kopf eines männlichen Gliedes, nationales Interesse rechnen. Er ist deutsch nicht nur in
in Großaufnahme, hält eine Rede. Der Text der Rede: die seiner Thematik – seine Bedeutung besteht gerade
Enno Patalas
Begründung des Filmförderungsgesetzes vor dem Bun- darin, dass er diese erst in seiner Form ganz herstellt,
destag durch den CDU-Abgeordneten Dr. Dr. h. c. Tous- deutsch ist er auch in seiner Gestalt. Er macht ernst mit
saint. Da der Film kaum Aussicht auf die Anerkennung der Einsicht, dass der Junge Deutsche Film am Punkt
durch die Filmbewertungsstelle hat, nennt er sich Null zu beginnen hat. Kluges Film ist die Darstellung
selbst BESONDERS WERTVOLL. Dass Costard in so dessen, wie in Deutschland die Trümmer einer verfehl-
flagranter Weise der Filmpolitik des Bundes und der ten, verkommenen, unbegriffenen Vergangenheit in 75
Länder, dem Filmgesetz wie der Bewertungsstelle, sei- eine Gegenwart hineinragen, die erst entsteht; und was
ne Verachtung bekundet, ist ein Signal.« (Enno Patalas) seine künstlerische Authentizität ausmacht, ist, dass er
– Flocons d'or (Goldflocken) | Frankreich/BRD 1976 | sich selbst davon nicht ausnimmt. Der Film breitet vor
R+B+K: Werner Schroeter | D: Magdalena Montezuma, dem Zuschauer keine Landkarte aus, er schickt ihn auf
Ila von Hasperg, Ellen Umlauf, Andréa Ferréol, Bulle eine Entdeckungsreise.« (Enno Patalas)
Ogier, Isolde Barth, Udo Kier, Christine Kaufmann, Ingrid Freitag, 12. Juli 2019, 18.30 Uhr
Lola Montez | BRD/Frankreich 1955 | R: Max Ophüls | Rolf Huber, Elisabeth Holzner, Marika Silbernagl, Theo
B: Max Ophüls, Annette Wademant, Franz Geiger | K: Rauch | 10 min | OmeU | »Der Anblick einer Tennisspie-
Christian Matras | M: Georges Auric | D: Martine Carol, lerin im Sommer, in Münchens Englischem Garten;
Peter Ustinov, Adolf Wohlbrück, Will Quadflieg, Oskar mehr braucht es nicht, um einen jungen Mann in Verzü-
Werner, Ivan Desny, Paulette Dubost, Werner Finck | ckung geraten und den Tennistrainer in Eifersucht ver-
117 min | OmU | »Sprachliche Anachronismen wie die fallen zu lassen. Anfangs lässt sich alles über Aufschlä-
Wörter ›Star‹ und ›Reklame‹ setzen die Zeitvorstellung ge und Schmetterbälle regeln, aber dann bricht, wie
des Zuschauers in Bewegung, wie die Travellings seine immer bei Kristl, Anarchie aus.« (Fritz Göttler) – Chro-
Raumvorstellung aktivieren. Angeregt wurde Ophüls zu nik der Anna Magdalena Bach | BRD 1967 | R+B:
dem Film durch Berichte über das Schicksal des Film- Jean-Marie Straub & Danièle Huillet | K: Ugo Piccone |
stars Judy Garland. Die junge Lola erscheint bei ihm als D: Gustav Leonhardt, Christiane Lang-Drewanz, Paolo
eine impulsive Natur, der jeder Temperamentsausbruch Carlini, Hans-Peter Boye, Ernst Castelli, Joachim Wolff |
zur gelungenen Eigenwerbung gerät. Die Figur des Zir- 93 min | »Musik in Straubs Filmen vollzieht sich stets
kusmannes, den Peter Ustinov in LOLA MONTEZ spielt, zwischen dem Spieler und dem Zuschauer, nie gegen-
ist zugleich die schönste Huldigung an die Pioniere des über einer filmischen Situation, von der sie aufgesogen
Show Business und die präziseste Abrechnung mit ih- und relativiert würde. Die Kamera verharrt in unbeweg-
nen – von einem, der sich selbst als Zirkusnatur sah. ten Bildern und vermittelt so den Prozess, in dem ein
Ophüls hält den Zuschauer an, Gegenwärtiges in Ver- Musiker, nachvollzogen vom Zuschauer, die im Noten-
gangenem zu erkennen, Bestehendes als Gewordenes blatt dokumentierte Musik verwirklicht.« (Jörg Peter
zu begreifen. Seine Kritik an der Gegenwart ist Kritik an Feurich) Zur Finanzierung des Films gründeten Enno
einer Vergangenheit, die es dazu hat kommen lassen.« Patalas und andere den Filmfonds e.V., der Spenden
(Enno Patalas) Enno Patalas hatte schon in den 1960- und Darlehen einsammelte und Anteilsscheine verkauf-
er Jahren ein Protokoll des Films veröffentlicht und er- te.
öffnete 1977 mit der letzten erhaltenen deutschen Samstag, 13. Juli 2019, 18.30 Uhr
Magnettonkopie des Films den heutigen Kinosaal.
Freitag, 12. Juli 2019, 21.00 Uhr Deutschland im Herbst | BRD 1978 | R: Alexander
Kluge, Volker Schlöndorff, Alf Brustellin, Bernhard Sin-
Madeleine, Madeleine | BRD 1963 | R+B: Vlado Kristl kel, Rainer Werner Fassbinder, Katja Rupé, Hans Peter
| K: Wolf Wirth | M: Erich Ferstl | D: Madeleine Sommer, Cloos, Edgar Reitz, Maximiliane Mainka, Peter Schubert
76
| B: Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Heinrich Böll, Anne Bartoletti, Elizabeth Kaden, Ted Kaden | 83 min |
Alf Brustellin, Bernhard Sinkel, Rainer Werner Fassbin- OF | »HENRY präsentiert, ohne zu erklären oder zu ent-
der, Katja Rupé, Hans Peter Cloos, Peter Steinbach, schuldigen, Szenen eines schwarzen Alltags: Ein Mann
Edgar Reitz, Maximiliane Mainka, Peter Schubert | K: lebt und arbeitet – und tötet, nebenbei. Eines Tages ist
Jürgen Jürges, Werner Lüring, Michael Ballhaus, Die- er, eher durch Zufall, eingebunden in eine familienähn-
trich Lohmann, Colin Mounier, Bodo Kessler, Jörg liche Situation; das macht ihn nicht ruhiger. Im Gegen-
Schmidt-Reitwein, Günther Hörmann | D: Katja Rupé, teil, er fühlt sich, als er gefordert wird, noch stärker in
Hans Peter Cloos, Vadim Glowna, Hannelore Hoger, die Enge getrieben. So löst er das Problem am Ende auf
Heinz Bennent, Helmut Griem, Enno Patalas, Dieter La- seine Weise. Eine Lektion in Mord und Totschlag mutet
ser, Mario Adorf | 123 min | »Die spontane Reaktion einem der Film zu, eine Einübung in den Terror des
einiger Regisseure auf jene Ereignisse, die Deutschland Hochgefühls. Selbstverständlich ist der Film nicht je-
erschütterten, nicht gefiltert durch die Kompromisse dem zu empfehlen. Lässt man sich aber ein auf dieses
des Gremien-Kinos, schnell und billig hergestellt, eine unverschämte Killer-Dokudrama, ist man danach viel-
gerade in ihrer Unausgewogenheit wichtige Mischung leicht nicht mehr derselbe.« (Norbert Grob) Enno Pa-
aus Zorn und Satire, Selbstmitleid und Reflektion, doku- talas zeigte den umstrittenen Film im Juli 1993 in zwölf
mentarischer Direktheit und Spielfilm-Versuch.« (Hans- Vorstellungen im Filmmuseum und kaufte eine
Christoph Blumenberg) Enno Patalas spielt in einer von 35mm-Kopie für die hauseigene Sammlung an. Damit
Heinrich Böll geschrieben und von Volker Schlöndorff reagierte er auf die Beschlagnahmung von Filmen im
inszenierten Episode DIE VERSCHOBENE ANTIGONE Werkstattkino und die Verurteilung der Betreiber wegen
einen Fernsehredakteur des Bayerischen Rundfunks. »Gewaltverherrlichung«.
Samstag, 13. Juli 2019, 21.00 Uhr Sonntag, 14. Juli 2019, 21.00 Uhr
Geist und ein wenig Glück | BRD 1965 | R+B: Ulrich Meister der Szene. Zu vier Filmen von Josef von
Schamoni | K: Petrus Schloemp | Mit: Peter Schamoni, Sternberg | Deutschland 1994 | R: Enno Patalas | B:
Vlado Kristl, Ferdinand Khittl, Haro Senft, Alexander Klu- Enno Patalas, Frieda Grafe | 43 min | Den von Frieda
ge, Enno Patalas, Ulrich Gregor | 30 min | Eine ironische Grafe geschriebenen Kommentar spricht Angela Scha-
Bestandsaufnahme des Jungen Deutschen Films, drei nelec. – The Saga of Anatahan (Die Sage von Ana-
Jahre nach der Verkündigung des Oberhausener Mani- tahan) | Japan 1953 | R+B+K: Josef von Sternberg,
fests. Auch Enno Patalas kommt kurz zu Wort. – Rote nach dem Roman von Michiro Maruyama | M: Akira
Sonne | BRD 1970 | R: Rudolf Thome | B: Max Zihl- Ifukube | D: Akemi Negishi, Tadashi Suganuma, Kisabu-
mann | K: Bernd Fiedler | M: Tommaso Albinoni | D: ro Sawamura, Shōji Nakayama, Jun Fujikawa, Hiroshi
Uschi Obermaier, Marquard Bohm, Sylvia Kekulé, Gaby Kondō | 91 min | engl. OF | »Sternbergs Kampf galt dem
Go, Diana Körner, Peter Moland, Hark Bohm | 89 min | Übergewicht der Dialoge im Tonfilm. Er konzipierte sei-
»Zuerst haben die vier Mädchen spontan reagiert auf ne Filme als ›visuelle Gedichte‹. In ANATAHAN hat
männliche Überheblichkeit. Ihr erster Toter ergab sich, Sternberg die Verachtung der Sprache bis zum äußers-
als Sylvie ihren treulosen Verlobten vom Balkon stieß. ten getrieben. Den wirklichen Vorfall, dass ein Trupp
Dann begannen sie, die systematische Zerstörung jeder japanischer Soldaten das Ende des Zweiten Weltkriegs
Bindung an einen Mann, die sie eingehen würden, zu verpasste und sieben Jahre lang im Glauben an den
planen. Länger als fünf Tage sollte keine Beziehung zu Krieg weiterlebte, drehte Sternberg mit Kabukischau-
Enno Patalas
einem Mann dauern. Ein Film gegen die Erzählung, das spielern auf japanisch. Nur ein verbindender Text, von
Wort, die Regel, das Gesetz, die alle den Tod bedeuten. Sternberg selbst gesprochen, kommentiert auf englisch
Tödlich ist das Gesetz, nach dem zwei Liebende zusam- die Vorgänge auf der Leinwand. Die Artifizialität und
menbleiben wollen, aber auch das Gesetz, das die vier Stilisierung des sternbergschen Kinos ist gleichzeitig
Mädchen dagegen gemacht haben. Auch der Verstoß, Ausdruck für die Achtung vor dem Leben und das Ein-
die Wertlosigkeit, die erkannte Unmöglichkeit zu erzäh- geständnis der Indezenz, die der Versuch, es zu imitie- 77
len, bedeuten den Tod.« (Enno Patalas, Frieda Grafe) ren, bedeutet.« (Frieda Grafe)
Sonntag, 14. Juli 2019, 18.30 Uhr Dienstag, 16. Juli 2019, 19.00 Uhr
Henry: Portrait of a Serial Killer | USA 1989 | R: John Lubitsch aus Berlin | Deutschland 1992 | R: Enno Pa-
McNaughton | B: Richard Fire, John McNaughton | K: talas | B: Enno Patalas, Frieda Grafe | M: Aljoscha Zim-
Charlie Lieberman | D: Michael Rooker, Mary Demas, mermann | 43 min | »Patalas bot Ungewöhnliches;
ohne eine Spur von Koketterie charakterisierte er, leicht, Nuit et brouillard (Nacht und Nebel) | Frankreich
unterhaltsam und witzig, Lubitsch in lubitschscher Wei- 1956 | R: Alain Resnais | B: Alain Resnais, Jean Cayrol
se.« (Walter Jens) – Trouble in Paradise (Ärger im | K: Ghislain Cloquet | M: Hanns Eisler | 32 min | dtF |
Paradies) | USA 1932 | R: Ernst Lubitsch | B: Samson »Der Film beginnt mit farbigen Aufnahmen. Die Kamera
Raphaelson, nach dem Stück »The Honest Finder« von gleitet durch die heutigen Ruinen des Lagers Ausch-
Laszlo Aladar | K: Victor Milner | M: W. Franke Harling | witz. Frühlingsblumen und Gräser. Dann, nach einem
D: Miriam Hopkins, Kay Francis, Herbert Marshall, Schwenk, verfallene Stacheldrahtzäune, Wachtürme,
Charles Ruggles, Edward Everett Horton, C. Aubrey Baracken, SS-Quartiere, der Appellplatz, Gasöfen, Kre-
Smith | 83 min | OF | »Wie Hitchcock spielt Lubitsch mit matorien. Harter Schnitt, eine schwarzweiße Aufnahme
den Vorstellungen des Zuschauers. Der Augenschein von damals: die ›Häftlinge‹ und ihre Henker. Werden
dient ihm nur dazu, Vorstellungen zu wecken, um sie diese Ruinen eines Diktators der Menschenverachtung
sogleich zu düpieren. TROUBLE IN PARADISE ist ein endgültig Ruinen bleiben?« (Filmkritik) Der deutsche
Gaunerstück – und dies nicht nur in dem Sinne, dass es Kommentar stammt von Paul Celan. – Beruf Neonazi |
von Gaunern handelt. Es enthüllt die Hochstapelei als Deutschland 1993 | R+B: Winfried Bonengel | K: Jo-
das Wesen des Kinos. Der Film ist die Kunst der Ellipse hann Feindt | Mit: Ewald Althans, Ernst Zundel | 83 min
– was sind Diebstahl, Betrug und Hochstapelei ande- | »Die Frage ist, worüber man sich mehr empören soll:
res? Das Überspringen von Zwischengliedern, die Her- über die freche Selbstinszenierung des Nazis – oder
stellung äußerlich schlüssiger Verbindungen zwischen über den Film, der dieses Treiben geduldig und kom-
ursprünglich unzusammenhängenden Elementen: das mentarlos dokumentiert? Wer genau hinsieht, kann in
ist die Kunst des Cineasten und des Betrügers, ja das Bonengels Film mehr über den alltäglichen Faschismus
Wesen ihrer jeweiligen Ausdrucksmedien.« (Enno Pa- im neuen Deutschland erfahren als in vielen Fernseh-
talas) dokumentationen.« (Andreas Kilb) Die von Enno Patalas
Mittwoch, 17. Juli 2019, 19.00 Uhr angesetzte Vorpremiere des seinerzeit umstrittenen
Films wurde auf Veranlassung des Oberbürgermeisters
The Gentleman in Room 6 | USA 1951 | R: Alexander Christian Ude verboten.
Hammid | B: Sidney Carroll | K: Boris Kaufman | D: Hans Freitag, 19. Juli 2019, 18.30 Uhr
Heinrich von Twardowski, Norma Winters | 11 min | OF
– Topaz (Topas) | USA 1969 | R: Alfred Hitchcock | B: The Outlaw Josey Wales (Der Texaner) | USA 1976 |
Samuel Taylor, nach dem Roman von Leon Uris | K: Jack R: Clint Eastwood | B: Philip Kaufman, Sonia Cherbus,
Hildyard | M: Maurice Jarre | D: Frederick Stafford, Dany nach dem Roman »Gone to Texas« von Forrest Carter |
Robin, John Vernon, Karin Dor, Michel Piccoli, Philippe K: Bruce Surtees | M: Jerry Fielding | D: Clint Eastwood,
Noiret, Claude Jade | 142 min | OF | »Eine banale Agen- Chief Dan George, Geraldine Keams, Sondra Locke, Bill
tenstory – aber die Banalität hat bei Hitchcock ihre ei- McKinney | 135 min | OF | »Ein Schlüsselfilm im Werk
genen Tücken, und der Agent erscheint hier als zeitge- Eastwoods: in der souveränen inszenatorischen Balan-
nössischer Prototyp. Es ist ein Film über Verrat und ce der Einflüsse seiner Mentoren Sergio Leone und Don
Untreue, nicht als moralische, sondern als existentielle Siegel, aber vor allem als Quantensprung in der Erwei-
oder, besser, ökonomische Kategorie. Agenten von Sys- terung seiner (Star-)Persona. Sein wortloser, mythi-
temen sind sie alle, die Geheimdienstler und Frauen, scher Rächer lernt, sich (wieder) in der Gemeinschaft
Diplomaten und Revolutionäre dieses Films. Der Russe, zu integrieren, und zeigt eine bis dahin ungeahnte Ver-
Enno Patalas
der zu Beginn ›aus Gewissensgründen‹ mit dem Sow- letzlichkeit. Eines der schönsten amerikanischen Epen
jetsystem bricht, erscheint am Ende erst recht als Ma- der Siebzigerjahre.« (Christoph Huber) Als Clint East-
rionette, nun des CIA und des American Way of Life. wood im Januar 1985 das Filmmuseum besuchte
Kapitalismus und Kommunismus, Politik und Erotik sind (Frauke Hanck: »Ein Action-Star im Kunsttempel: DIRTY
rivalisierende Systeme, der Übertritt aus einem System HARRY-Darsteller Clint Eastwood stellte sich im Münch-
78 ins andere, der Verrat, die Untreue sind Teil des Plans.« ner Filmmuseum dem begeisterten Cineasten-Publi-
(Enno Patalas) Der Film läuft in der in Deutschland nicht kum vor. Filmmuseums-Leiter Enno Patalas, sichtbar
gezeigten ungekürzten Originalfassung mit dem ur- lampenfiebrig aufgeregt durch so strahlenden Hol-
sprünglichen Ende, das Wim Wenders seinerzeit für lywood-Glamour live, begrüßte den langen Graublon-
eine Ausgabe der Zeitschrift Filmkritik aus einer auslän- den mit bewundernder Fan-Ehrfurcht.«), schenkte er
dischen Filmkopie abfotografierte. dem Filmmuseum eine 35mm-Kopie seines Films.
Donnerstag, 18. Juli 2019, 19.00 Uhr Freitag, 19. Juli 2019, 21.00 Uhr
Tag der Freiheit | Deutschland 1935 | R+B: Leni Rie- Enno Patalas, Henry van Lyck, Volker Prechtel, Alfred
fenstahl | K: Hans Ertl, Walter Frentz, Arthur Anwander, Edel | 110 min | »Die Geschichte des Kaspar Hauser als
Guzzi Lantschner, Kurt Neubert, Willy Zielke | M: Peter die Passion eines Misshandelten, dessen eigene Logik
Kreuder | 27 min – Allemagne 90 neuf zéro (Deutsch- und spontane Menschlichkeit die affige Biedermeierge-
land Neu(n) Null) | BRD 1991 | R+B: Jean-Luc Godard sellschaft als roh, inhuman, deformiert bloßstellt. Was
| K: Stepan Benda, Andreas Erben, Christophe Pollock | an dem Film besticht: die sorgfältige Ausstattung, die
D: Eddie Constantine, Hanns Zischler, Claudia Michel- von Klaus Wyborny gefilmten irisierenden Traumse-
sen, Nathalie Kadem, Andrè S. Labarthe | 62 min | OmU quenzen, Herzogs subtile Regie, poetische Einfälle, visi-
| »Lemmy Caution ist ein Gespenst, und DEUTSCHLAND onäre Landschaften. Ein Film, der sich nur in seinen
NEU(N) NULL ist seine Gespensterstunde. In Buchen- Bildern erschließt.« (Wolf Donner) Enno Patalas ist in
wald begegnet er einer Frau, die Dora heißt, wie die einer prägnanten Nebenrolle als Pastor Fuhrmann zu
Freundin Kafkas. In Bitterfeld trifft er Don Quichotte und sehen. »Patalas mochte ich immer. Ich habe ihm immer
Sancho Pansa, bei einem Autoverkäufer in Westberlin gesagt: ›Enno, hören Sie...‹ – wir waren per Sie – ›Hö-
die Geschwister Scholl. Und alles, was er sieht, wird ren Sie, Sie müssen unbedingt Darsteller sein! Sie ha-
Zeichen, Sinnbild, Allegorie. Verklarung statt Verklärung ben so ein außergewöhnliches Gesicht, und so eine
ist das Ziel der Reise, Verstand statt Mythos, französi- außergewöhnliche...‹ Der hatte ja so eine große innere
sches Licht statt deutscher Dunkelheit. Lemmy Caution Lebendigkeit. Auch wenn er still nur dasaß, dachte
erreicht es nie. Immer tiefer verstrickt er sich in das, man: In dem arbeitet ein Uhrwerk an Möglichkeiten und
was er zerlegen und verstehen will, die Märchen, die Ideen, an Neugier und an sonst was. Der war jemand,
Mythen, die Poesie und die Musik. Deutschland ereilt dem man es auf drei Kilometer Entfernung angesehen
ihn, Deutschland holt ihn ein.« (Andreas Kilb) Die deut- hat: Der ist auch gut auf einer Leinwand.« (Werner Her-
sche Erstaufführung von Godards Film fand im Filmmu- zog)
seum München statt und weihte die neu installierte Samstag, 20. Juli 2019, 21.00 Uhr
Dolby-Stereo-SR-Tonanlage ein.
Samstag, 20. Juli 2019, 18.30 Uhr Die Erbschaft | Deutschland 1936 | R+B: Jacob Geis |
K: Josef Illig | D: Karl Valentin, Liesl Karlstadt, Justus
Jeder für sich und Gott gegen alle | BRD 1974 | R+B: Paris, Hans Kradt, Georg Holl | 21 min | 1976 konnte
Werner Herzog | K: Jörg Schmidt-Reitwein | D: Bruno Enno Patalas erstmals diesen bis dahin verschollenen
S., Walter Ladengast, Brigitte Mira, Willy Semmelrogge, Kurzfilm mit Karl Valentin zeigen. »Die NS-Zensur ver-
JEDER FÜR SICH UND GOTT GEGEN ALLE: Bruno S., Enno Patalas, Volker Elis Pilgrim
Enno Patalas
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bot den abgründig traurigen Film wegen seiner ›Elends- Stinski, Michael Boomers, Michael Auer | M: Edmund
tendenzen‹, nach dem Motto: Im Dritten Reich ist jeder Meisel | Mit: Enno Patalas, Naum Klejman, Helmut Imig
glücklich, und wer es nicht ist, kommt ins KZ.« (Enno | 42 min | Den Kommentar spricht Hanns Zischler. –
Patalas) – I know the way to the Hofbrauhaus | BRD Bronenosec Potemkin (Panzerkreuzer Potemkin) |
1991 | R+B+K: Herbert Achternbusch | D: Herbert Ach- SU 1925 | R: Sergej Eisenstein | B: Sergej Eisenstein,
ternbusch, Bettina Hauenschild, Barbara de Koy, Vero- Grigorij Aleksandrov | K: Eduard Tissé | M: Edmund Mei-
nika von Quast, Uschi Burkhard, Johannes Silber- sel | D: Aleksandr Antonov, Vladimir Barskij, Grigorij
schneider | 85 min | »Weil im Hofgarten gerade die Aleksandrov, Ivan Bobrov, Michail Gomorov, Aleksandr
Kastanien blühten, filmte Bürgerschreck Achternbusch Lëvšin | 72 min | dtF | »Als Eisenstein mit Meisel die
ganz schnell ohne Drehbuch hinterher und mitten in musikalische Begleitung für den POTEMKIN diskutierte,
seine surreal blühende Phantasie hinein. Er weist als lag die deutsche Bearbeitung des Films schon vor. Für
Skurril-Zombie Schönweibern und Monstertypen den sie zeichnete im Vorspann Piel Jutzi, später Regisseur
Hofbrauhaus-Weg und lässt als heiterer Graukopf alle von MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK und BER-
seine kreativen Triebe los: Die Einfachheit und Klarheit LIN ALEXANDERPLATZ. Diese Fassung wurde am 24.
dieses musikalisch genussvoll (trivial und klassisch) März von der Filmprüfstelle verboten, passierte aber am
garnierten Stummfilms strahlt eine fröhliche Leichtig- 10. April die Oberprüfstelle, nach einer Kürzung um 30
keit aus wie schon lange nicht mehr.« (Ponkie) Der im Meter (hundert Sekunden), und kam so am 29. April,
Filmmuseum uraufgeführte und innerhalb von drei Mo- drei Tage nach Eisensteins Abreise, zur Uraufführung.
naten in 45 Vorstellungen gezeigte Film wurde vom Für diese Fassung hat Meisel seine Musik komponiert.
Filmmuseum auch an andere Kinos verliehen. Was hätte näher gelegen, bei einer Wiederaufführung
Sonntag, 21. Juli 2019, 18.30 Uhr von POTEMKIN mit der Meiselschen Musik, als die
deutsche Fassung von 1926 zu zeigen?« (Enno Patalas)
La peau douce (Die süße Haut) | Frankreich 1964 | R: Dienstag, 23. Juli 2019, 19.00 Uhr
François Truffaut | B: François Truffaut, Jean-Louis
Richard | K: Raoul Coutard | M: Georges Delerue | D: Der Fall Metropolis | Deutschland 2004 | R+B: Enno
Jean Desailly, Françoise Dorléac, Nelly Benedetti, Dani- Patalas | M: Aljoscha Zimmermann | 44 min | »Der
el Ceccaldi, Laurence Badie, Philippe Dumat | 118 min bekannteste deutsche Film ist zugleich der unbekann-
| OmeU | »Bei LA PEAU DOUCE habe ich mir gesagt: teste. Kein anderer wurde so oft neuaufgelegt, wieder-
Das ist eine Ehebruchsgeschichte, und davon hat man aufgeführt im Kino und Fernsehen, kein anderer aber
schon zweitausend im Kino gesehen, aber normaler- auch so rigoros und systematisch zerstört: über eine
weise wird darin die Ehefrau zur Nebenfigur degradiert, halbe Stunde rausgeschnitten und weggeworfen, der
die Geliebte steht im Vordergrund, die Geliebte strahlt Rest umgebaut und neu betextet. Wie ihn Thea von Har-
Sinnlichkeit aus und die Ehefrau nicht, also werde ich bou 1924/25 geschrieben und Fritz Lang 1925/26
es genau anders herum machen und zeigen, dass die gedreht hat, haben METROPOLIS nur etwa 15.000 Ber-
Beziehung zu der Jüngeren eher intellektueller Natur liner und Berlinbesucher zwischen Januar und Mai
ist, und dass in Wirklichkeit die Beziehung zur Ehefrau, 1927 gesehen – und gehört, mit der von Gottfried Hup-
die der Protagonist im Begriff ist zu verlassen, eine sehr pertz für den Film komponierten Musik.« (Enno Patalas)
sinnliche ist.« (François Truffaut) »Was irgend sich be- – Metropolis | Deutschland 1927 | R: Fritz Lang | B:
gibt, kristallisiert ganz und gar zur ›Geschichte‹. Jede Thea von Harbou, nach ihrem Roman | K: Günther Rit-
Enno Patalas
Regung der Personen schlägt unmittelbar ins Bild um, tau, Karl Freund | M: Gottfried Huppertz | D: Brigitte
jedes Bild wird Ausdruck von Gefühl. Da kann eine Helm, Gustav Fröhlich, Alfred Abel, Rudolf Klein-Rogge,
Fahrt im Lift zum Inbegriff für Anspannung, ein Gang Heinrich George, Fritz Rasp, Theodor Loos, Erwin Bis-
durch mehrere Türen zum Ausdruck der Freude wer- wanger, Olaf Storm | 144 min | »Eine triviale, schwüls-
den. Ganz wie die anderen Truffaut-Filme ist dieser eine tige Geschichte, schwerfällig und von abgestandener
80 optische Meditation über Gefühle, ihre Entstehung, ihre Romantik. Wenn wir aber der erzählerischen Seite des
Wandlungen und Konflikte, ihr Absterben.« (Enno Pa- Films die gestalterisch-bildhafte vorziehen, übertrifft
talas) Metropolis alle Erwartungen und entzückt als das wun-
Sonntag, 21. Juli 2019, 21.00 Uhr derschönste Bilderbuch, das man sich überhaupt vor-
stellen kann.« (Luis Buñuel) Gezeigt wird die neueste
Dem Panzerkreuzer Potemkin auf der Spur | restaurierte Fassung des Films.
Deutschland 2007 | R+B: Artem Demenok | K: Oleg Mittwoch, 24. Juli 2019, 19.00 Uhr
Padenie Berlina (Der Fall von Berlin) | Sowjetunion Manuel Altolaguirre | K: Alex Phillips | M: Gustavo Pit-
1949 | R: Michail Čiaureli | B: Michail Čiaureli, Pëtr Pa- taluga | D: Lilia Prado, Esteban Márquez, Luis Aceves
vlenko | K: Leonid Kozmatov | M: Dmitrij Šostakovič | D: Castañeda, Manuel Dondé, Roberto Cobo | 73 min |
Michail Gelovani, Boris Andrejev, Vladimir Savelëv, Ma- OmU | Eine Busgesellschaft macht auf der zweitägigen
rina Kovalëva, Juri Timošenko, Nikolaj Bogoljubov | 156 Fahrt in die nächste große Stadt alles durch, was das
min | OmU | »Eine Fahrt durch die wirkliche Hölle und Leben so zu bieten hat: Liebe, Hass, Sex, Geburt, Tod.
den künstlichen Himmel der Propaganda, eine Panzer- »Der Buñuel von SUBIDA AL CIELO ist ein Geschichte-
und Parolenschlacht von erschütternder Penetranz. nerzähler. Erzählen: das Herbeiführen überraschender
Wenn Leni Riefenstahl und Cecil DeMille ihre Fähigkei- Begegnungen, die Herstellung unerwarteter Verbindun-
gen, für den alten Surrealisten verwandt Lautréamonts
berühmtem Zusammentreffen von Nähmaschine und
Regenschirm auf dem Operationstisch – Attraktions-
montage.« (Enno Patalas)
Freitag, 26. Juli 2019, 18.30 Uhr
me darstellen und das sie selbst bedeuten – besteht rungen, die dieser Film wachruft, Beweis genug für die
darin, mit den Regeln zu spielen, sie zu unterlaufen außergewöhnlichen Fähigkeiten Rossellinis zur atmo-
oder zu übertreiben, sie zu vertauschen, die Vorzeichen sphärischen Vergegenwärtigung von erlebter Vergan-
zu verkehren. Strikt innerhalb der Konventionen sind sie genheit.« (Gottfried Knapp) Enno Patalas erwarb für das
gegen die Konvention gerichtet.« (Enno Patalas) Filmmuseum eine rare Kopie der deutschen Original-
82 Samstag, 27. Juli 2019, 21.00 Uhr fassung des in drei Sprachversionen gedrehten Films.
Sonntag, 28. Juli 2019, 21.00 Uhr
Neue Räume für das Filmmuseum | BRD 1977 |
R+B: Helga Hayne | Mit: Enno Patalas, Peter Syr, Jürgen
Kolbe | 16 min | Fernsehbericht über das Filmmuseum,
in dessen neu fertiggestelltem heutigen Kinosaal noch
vor der offiziellen Eröffnung der »17. Internationale
Donnerstag, 28. Februar 2019
19.00 Mittel Punkt Europa Lajkó – Cigány az űrben (Lajko – Ein Rom im Weltraum) Seite 4
HU 2018 | Balász Lengyel | 90 min | OmeU
Freitag, 1. März 2019
18.30 Mittel Punkt Europa Špina (Schmutzig) Seite 5
SK 2017 | Tereza Nvotová | 87 min | OmeU | Tereza Nvotová
21.00 Mittel Punkt Europa Atak paniki (Panikattacke) Seite 5
PL 2017 | Pawel Maślona | 100 min | OmeU
Samstag, 2. März 2019
18.30 Mittel Punkt Europa Nagyi Projekt (Granny Project) Seite 5
HU 2017 | Bálint Révész | 89 min | OmeU | László Kántor
21.00 Mittel Punkt Europa Strimholov (Falling) Seite 5
UA 2017 | Marina Stepanska | 105 min | OmeU | Marina Stepanska
Sonntag, 3. März 2019
18.30 Mittel Punkt Europa Best of FAMU Seite 5
CZ 2017-2018 | 71 min | OmeU | Alexandra Hroncová und Filmstudierende der FAMU
21.00 Mittel Punkt Europa Mečiar (The Lust for Power) Seite 6
SK 2017 | Tereza Nvotová | 89 min | OmeU | Tereza Nvotová
Mittwoch, 6. März 2019
18.30 Mittel Punkt Europa Hastrman Seite 6
CZ 2018 | Ondřej Havelka | 100 min | OmeU
21.00 Mittel Punkt Europa Gotowi na wszystko. Exterminator (Exterminator: Zu allem bereit) Seite 6
PL 2018 | Michał Rogalski | 117 min | OmeU
Donnerstag, 7. März 2019
19.00 Mittel Punkt Europa Okupácia 1968 (Okkupation 1968) Seite 7
SK/CZ/BG/HU/PL 2018 | L. Dombrovszky, M. Szymków, S. Komandarev, J. Moskvina,
M. E. Scheidt | 130 min | OmU | Martin Schulze Wessel, Christiane Brenner
Freitag, 8. März 2019
18.30 Deutsche Filme 2018 Transit Seite 9
DE 2018 | Christian Petzold | 102 min | OmeU
21.00 Mittel Punkt Europa Egy Nap (Ein Tag) Seite 7
HU 2018 | Zsófia Szilágyi | 99 min | OmeU
Samstag, 9. März 2019
Kalenderübersicht
21.00 Hirokazu Kore-eda Maboroshi no hikari (Das Licht der Illusion) Seite 55
JP 1995 | Hirokazu Kore-eda | 108 min | OmU
Samstag, 27. April 2019
18.00 Michael Pfleghar Die Tote von Beverly Hills Seite 63
BRD 1964 | Michael Pfleghar | 109 min
Heidelinde Weis, Alice und Ellen Kessler, Michael Pfleghar jr.
88
21.00 Michael Pfleghar Serenade für zwei Spione Seite 63
BRD 1965 | Michael Pfleghar | 95 min
Heidelinde Weis, Alice und Ellen Kessler, Michael Pfleghar jr.
BRD 1978 | Rainer Werner Fassbinder, Alf Brustellin, Hans Peter Cloos,
Alexander Kluge, Maximiliane Mainka, Edgar Reitz, Katja Rupé, Volker Schlöndorff,
Peter Schubert, Bernhard Sinkel | 123 min
Sonntag, 14. Juli 2019
18.30 Enno Patalas Geist und ein wenig Glück Seite 77
BRD 1965 | Ulrich Schamoni | 30 min
Rote Sonne
94
BRD 1970 | Rudolf Thome | 89 min
21.00 Enno Patalas Henry: Portrait of a Serial Killer Seite 77
USA 1989 | John McNaughton | 83 min | OF
Sommerpause: Das Filmmuseum ist vom 29. Juli bis zum 4. September 2019 geschlossen.
Kalenderübersicht
96
Mittel Punkt Europa · Europaeum, Ost-West-Zen- Ingemo Engström · Arte – ZDF, Mainz (Nina Goslar) ·
trum der Universität Regensburg (Lisa Unger-Fischer) Hochschule für Fernsehen und Film, München (Bettina
· FAMU, Prag (Alexandra Hroncová) · Generalkonsulat Reitz) · Kinemathek Hamburg – Metropolis Archiv (Tho-
der Tschechischen Republik (Kristina Larischová) · mas Pfeiffer) · Ingemo Engström, Hamburg · Michael
Generalkonsulat der Republik Polen (Marcin Król) · Farin, München
Generalkonsulat von Ungarn (Rita Chiovini, Zita Kárpá-
ti-Bátri) · Generalkonsulat der Slowakischen Republik Hirokazu Kore-eda · Cinémathèque suisse, Lau-
(Ľubomír Rybár) · Graduiertenschule für Ost- und Süd- sanne (André Schäublin) · Japanisches Kulturinstitut,
osteuropastudien, München (Martin Schulze Wessel, Köln (Angela Ziegenbein) · Trigon Film, Ennetbaden
Christiane Brenner) · Mittel Punkt Europa e.V., Mün- (Martin Aeschbach) · Gerhard Midding, Berlin
chen (Klaus Blanc, Anett Browarzik, Frances Jackson,
Darina Volf, Katrin Hillgruber, Zora Piskačová) · Slovak Michael Pfleghar · Moviemax Film, München (Walter
Film Institute (Imelda Selková) · Radovan Holub, Berlin Potganski) · Hans Schifferle, München
Fotos · Cinémathèque suisse, Lausanne (Eve-Lauren Haftgoli) · DEFA-Stiftung, Berlin (Sabine Söhner) · Deutsches Filmin-
stitut, Frankfurt (André Mieles) · [Link], München (Anne Thomé) · Dynweb Net Services, München (Heiner Gassen) ·
Filmmuseum München (Gerhard Ullmann, Claudia Engelhardt) · Mittel Punkt Europa Filmfest, München (Anett Browarzik) ·
Süddeutsche Zeitung, München · Trigon Film, Ennetbaden · Ingemo Engström, Hamburg · Eckhart Schmidt, München
Das Kino der Stadt
Konrad Wolf's films trace his evolving perspectives on socialism, reflecting growing disillusionment with its practical implementation. Initial idealism gave way to critical introspection, as seen in works like "SOLO SUNNY," which critiqued the superficiality and bureaucratic stagnation intrinsic to the regime. His nuanced portrayals and willingness to question party ideals garnered him respect as a filmmaker committed to truth, yet also placed him at odds with dogmatic contemporaries. This dual reception highlighted the precarious position of artists attempting to balance loyalty to socialist ideas with creative integrity .
Konrad Wolf's early experiences, including exile in Moscow and his involvement with the Red Army, significantly shaped his worldview and artistic decisions. His childhood in the Soviet Union exposed him to alternative political ideologies, which later influenced his film narratives. As the son of a Jewish-communist intellectual, he was acutely aware of ideological conflicts and cultural transformations, which is reflected in his dedication to truth and authenticity in art. His films like "DER GETEILTE HIMMEL" explore themes of division and ideological struggle, mirroring his experiences growing up in politically charged environments .
Konrad Wolf challenged political norms by embedding critical commentaries on socialism and its effects within his films. Utilizing modern narrative techniques, as seen in "DER GETEILTE HIMMEL," he explored interpersonal and political tensions, making subtle critiques of bureaucratism and oppression in the DDR. Despite some of his films being controversial or facing bans, like the difficulty encountered with "SPUR DER STEINE," Wolf remained persistent. His engagement with these themes led to mixed receptions from authorities; while his artistic inputs were acknowledged, he faced resistance, indicating the challenging environment for filmmakers under authoritarian regimes .
Konrad Wolf's portrayal of German-Soviet relations carried significant artistic and political implications, challenging narrative norms and fostering a deeper understanding of post-war dynamics. By refusing to depict the Soviet forces as mere liberators or Germans as innately fascists in films such as "I Was Nineteen," Wolf promoted a more humane and complex perspective. This approach not only questioned the simplistic hero-villain dichotomy prevalent in state narratives but also invited introspection and understanding among audiences, fostering dialogue in a politically charged climate .
In "I Was Nineteen," Konrad Wolf used episodic narrative structures and a mixture of lyrical and documentary styles to narrate personal experiences interwoven with broader German-Soviet interactions. By constructing the film as a series of vignettes, he was able to depict a range of emotional and ideological encounters, reflecting both his personal history and the complexities of German-Soviet relations. This structure allowed for a more nuanced portrayal of historical events, moving beyond simple viewpoints of victors and vanquished, to emphasize the multifaceted nature of post-war experiences .
Konrad Wolf's leadership roles in DDR cultural organizations, such as his presidency at the Akademie der Künste, allowed him to advocate for greater artistic freedom and introspective filmmaking. His influence helped push boundaries within the film industry, encouraging more nuanced and critical portrayals of socialist life. While these roles positioned him as a mediator between artists and political authorities, enabling some degree of protective oversight, they also subjected him to significant pressure to conform. Despite these challenges, Wolf's stewardship facilitated a cautious expansion of thematic diversity in DDR cinema, marking a notable shift towards more authentic storytelling .
Konrad Wolf's adaptation of "The Little Prince" reflects his broader artistic vision and moral ethos by emphasizing themes that align with his critical yet hopeful perspective on humanity. Choosing a story with a universally appealing message over state-driven narratives showcased his advocacy for moral introspection and emotional depth, countering the DDR's rigid cultural propaganda. This work highlighted the importance of viewing life through a lens of empathy and understanding, contrasting starkly with political conformism, illustrating his commitment to universal human values over didactic state-centered messaging .
Konrad Wolf's films significantly challenged the conventions of socialist realist cinema by opting for complex characterizations and deep thematic explorations rather than depicting idealized images of socialist life. His works often presented characters grappling with moral dilemmas, personal convictions, and societal pressures, reflecting the nuanced realities of life in the DDR. Films like "I Was Nineteen" and "DER GETEILTE HIMMEL" stray from glorifying socialist utopias, instead offering layers of critique on ideological rigidity and human contradiction, confronting viewers with the uncomfortable truths about the socialist state .
Konrad Wolf's education at the prestigious VGIK in Moscow profoundly influenced his directorial style and thematic choices, exposing him to masters of Soviet cinema like Pudovkin and Kulešov. The emphasis on theoretical rigor and artistic experimentation at VGIK enabled Wolf to blend classical and avant-garde techniques, as seen in his narrative structures and character studies. This education cultivated his interest in socio-political themes, evident in films exploring the intersection of personal and ideological conflicts. His ability to incorporate philosophical depth and narrative fluidity owes much to the comprehensive cinematic approaches taught at VGIK .
Konrad Wolf's dual role as a filmmaker and political functionary often led to internal conflicts and external pressures. While his positions, such as President of the Akademie der Künste and membership in the SED Central Committee, provided him with a platform to influence cultural policy, they also subjected his works and statements to intense scrutiny. Wolf's commitment to the socialist ideal clashed with his desire for artistic integrity, causing tension between conforming to party lines and advocating for honest, critical art. This duality allowed for unique synergy, as his films could covertly critique socialist policies while maintaining ideological alignment .