Untersuchung Des Stofftransportes in Füllkörperkolonnen Unter Anwendung Moderner Programme
Untersuchung Des Stofftransportes in Füllkörperkolonnen Unter Anwendung Moderner Programme
Dissertation
zur
Erlangung des Grades
Doktor-Ingenieurin
der
Fakultät für Maschinenbau
der Ruhr-Universität Bochum
von
Mariana Joham
aus Botevgrad
Bochum 2006
Dissertation eingereicht am: 11.04.2006
Vorwort
Besonders danken möchte ich Herrn Prof. Dr.-Ing. H.-J. Röhm, der mich in seine Ar-
beitsgruppe aufgenommen hat und die Durchführung der dargestellten Untersuchun-
gen ermöglichte. Herrn Prof. Schultes danke ich für das Interesse an meiner Arbeit
und die Übernahme des Korreferates. Herrn Prof. Dr.–Ing. Predki danke ich für den
Vorsitz in der mündlichen Prüfung.
Allen Mitarbeitern des Lehrstuhls für Verfahrens- und Umwelttechnik danke ich für
die herzliche und kollegiale Atmosphäre und die daraus resultierende hervorragende
Zusammenarbeit.
Mein besonderer Dank gilt für die Firma RASCHIG und VFF für die gewährte Unter-
stützung und praktische Förderungen des Projektes.
Bei Frau U. Beitz bedanke ich mich für Ihre stetige Hilfsbereitschaft bei der Literatur-
recherche. Herrn Genske danke ich für die schnellen Lösungen meiner Probleme mit
Computern und „Viren“. Für die fachliche Unterstützung beim Aufbau der Versuchs-
anlagen bedanke ich mich besonders bei Frau Kopatschek, Herrn U. Czwicklinski
und allen Mitarbeitern der Werkstatt des Instituts für Thermo- und Fluiddynamik.
Herrn Vohwinkel danke ich für die zahlreichen Arbeiten zur Regelung und Steuerung
der Anlagen.
Meinem Mann Oskar danke ich für seinen Rückhalt und seine Geduld. Meiner Fami-
lie und meinen Freunden danke ich ganz herzlich für die ständige Unterstützung in
den vergangenen Jahren, ohne die die Fertigstellung dieser Arbeit nicht möglich ge-
wesen wäre.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung .............................................................................................................. 1
2 Problemstellung ................................................................................................... 3
2.1 Stand des Wissens .......................................................................................3
2.2 Zielsetzung ....................................................................................................8
3 Stofftransport für binäre und Mehrkomponentensysteme ..............................10
3.1 Stoffeigenschaften und Phasengleichgewichte der untersuchten
Stoffsysteme ...............................................................................................10
3.2 Diffusionskontrollierter Stofftransport .....................................................12
3.2.1 Fick’ sches Gesetz ...........................................................................13
3.2.2 Maxwell-Stefan-Gleichung...............................................................15
3.3 Sonderfälle ..................................................................................................17
3.3.1 Äquimolare Diffusion .......................................................................18
3.3.2 Stefan-Diffusion................................................................................19
3.3.3 Nicht-äquimolare Diffusion..............................................................20
3.4 Stoffübergangstheorien .............................................................................21
3.4.1 Filmtheorie ........................................................................................23
3.4.2 Grenzschichttheorie.........................................................................27
3.4.3 Penetrations- und Oberflächenerneuerungstheorie .....................29
3.5 Entwicklung der Stoffübergangsmodelle .................................................31
3.5.1 Berechnung auf der Basis von idealen Trennstufen.....................32
3.5.2 Berechnung auf der Basis von realen Trennstufen ......................35
4 Anwendung der Stoffaustauschsmodellierung auf Auslegung von
Füllkörperkolonnen.............................................................................................37
4.1 HTU-NTU-Modell .........................................................................................37
4.2 HETP-Konzept .............................................................................................44
4.3 Rigorose Auslegung...................................................................................46
5 Experimentelle Untersuchungen .......................................................................47
5.1 Versuchsaufbau ..........................................................................................47
5.2 Messdatenerfassung ..................................................................................50
6 Auswertungsmodelle ..........................................................................................52
6.1 Ansatz von Billet 1995 und Billet, Schultes 1999 .....................................54
6.1.1 Flüssigkeitsseitiger Stoffübergangskoeffizient.............................54
6.1.2 Gasseitiger Stoffübergangskoeffizient...........................................56
Inhaltsverzeichnis iii
6.1.3 Phasengrenzfläche...........................................................................59
6.1.4 Spezifischer Druckverlust ...............................................................60
6.2 Übersicht über die Korrelationen ..............................................................61
7 Diskussion der experimentell gewonnenen Ergebnisse .................................64
7.1 ABSODESO .................................................................................................64
7.2 ABSOreal .....................................................................................................76
7.2.1 Standardisierter Unterprogrammaufruf..........................................77
7.2.2 Simulation von Absorptionsvorgänge ...........................................79
7.2.3 Simulation von Desorptionsvorgänge............................................88
8 Zusammenfassung und Ausblick ......................................................................92
8.1 Zusammenfassung .....................................................................................92
8.2 Ausblick.......................................................................................................94
Abkürzungsverzeichnis iv
Abkürzungsverzeichnis
Abkürzung Bezeichnung
Formelzeichen
Lateinische Buchstaben
Zeichen Bedeutung SI-Einheit
A Fläche m²
a trockene spezifische Füllkörperoberfläche m²/m³
AK Kolonnenquerschnittfläche m²
aPh spezifische Gas-Flüssig-Phasengrenzfläche m²/m³
B Invertierung des Diffusionskoeffizienten s/m²
c Stoffmengenkonzentration mol/m³
c Konstante aus der Gleichung (3.67) ---
CH, CS, CFl formspezifische Füllkörperkonstanten im Billet-Ansatz ---
CP, CL, CV formspezifische Füllkörperkonstanten im Billet-Ansatz ---
D Fick’scher Diffusionskoeffizient m²/s
d treibende Kraft der Diffusion m-1
d Durchmesser m
D’ Maxwell-Stefan-Diffusionskoeffizient m²/s
dh hydraulischer Durchmesser m
dk Kolonnendurchmesser m
FV Gas- bzw. Dampfbelastungsfaktor Pa0.5
g Fallbeschleunigung m/s²
H& Enthalpiestrom kJ/h
∆HV spez. Verdampfungsenthalpie J/kg
H Höhe m
h spez. Enthalpie J/kg
hL Flüssigkeitsinhalt m³/m³
HETP Höhenäquivalent für einen theoretischen Boden m
HTUL Höhe einer flüssigkeitsseitigen Stoffübergangseinheit m
HTUOL Höhe einer flüssigkeitsseitigen Stoffdurchgangseinheit m
HTUoV Höhe einer gasseitigen Stoffdurchgangseinheit m
HTUV Höhe einer gasseitigen Stoffübergangseinheit m
He Henry-Konstante Pa
Formelzeichen vi
I Impuls kg m/s
&j Diffusionsstromdichte mol/(m² s)
j Diffusionsstrom mol/s
K Gleichgewichtsfaktor ---
K Stoffdurchgangskoeffizient m/s
K Steigung der Gleichgewichtskurve mol/mol
KCC Steigung der Gleichgewichtskurve m³/m³
L& Stoffstrom der Flüssigkeit kmol/s,kg/s
L Volumenstrom der Flüssigkeit m³/s
L Länge m
lt Kontaktlänge m
M& Massenstrom kg/s
~ Molmasse kg/kmol
M
m& Massenstromdichte kg/(m² s)
m Masse kg
M Masse kg
m Exponent ---
n& Stoffmengenstromdichte mol/(m² s)
N& Stoffmengenstrom mol/s
N Anzahl der Füllkörper pro m³ Schüttvolumen 1/m³
n Exponent ---
N Stoffmenge mol
NTUL Anzahl der flüssigkeitsseitigen Stoffübergangseinheiten ---
NTUOL Anzahl der flüssigkeitsseitigen Stoffdurchgangseinheiten ---
NTUOV Anzahl der gasseitigen Stoffdurchgangseinheiten ---
NTUV Anzahl der gasseitigen Stoffübergangseinheiten ---
P Druck Pa
p Partialdruck Pa
R Widerstandsverteilung ---
Rm molare (universelle) Gaskonstante J/(kmol K)
r& volumenbezogener Molstrom aufgrund chemische Reaktion kmol/(m³ s)
t Zeit s
Formelzeichen vii
T Temperatur K
u mittlere molare Geschwindigkeit m/s
ui Diffusionsgeschwindigkeit der Komponente i m/s
uL Flüssigkeitsbelastung m³/m² h
uV Dampf- bzw. Gasgeschwindigkeit m/s
V& Molstrom des Dampfes bzw. Gases kmol/s
V Volumenstrom des Dampfes bzw. Gases m³/s
VL Flüssigkeitsvolumenstrom m³
x Molkonzentration in der Flüssigkeit mol/mol
x Koordinate m
X Beladung in der Flüssigkeit mol/mol
y Molkonzentration im Dampf bzw. im Gas mol/mol
Y Beladung im Dampf bzw. im Gas mol/mol
y Koordinate m
z Koordinate m
Griechische Buchstaben
Zeichen Bedeutung SI-Einheit
β Stoffübergangskoeffizient m/s
γ Aktivitätskoeffizient ---
Γ Thermodynamikfaktor ---
∆ Differenz ---
δ Dicke; Grenzschichtdicke m
δ relative Fehler %
δij Kronecker-Symbol ---
ε Lückengrad ---
η dynamische Viskosität kg/(m s)
λ Strippingfaktor ---
ν kinematische Viskosität m²/s
π Konstante, π = 3,1415927 ---
ρ Dichte kg/m³
σ Grenzflächenspannung N/m
ξ Variable ---
Formelzeichen viii
Indizes
Zeichen Bedeutung
A Stoff A
a außen, Austritt
abs absorbiert
B Stoff B
ber. berechnet
c kritische Größe
e Eintritt
exp. experimentell
F Fluid, Feed
FK Füllkörper
G Gas
h hydraulisch
I an der Phasengrenze
i innen, bezogen auf Komponente i
id ideal
K Kern, Kolonne
L Flüssigkeit
m mittel, molar (stoffbezogen)
O Oben,Overall
P Partikel
Ph an der Phasengrenze
t total, bezogen auf alle Komponenten
U Umgebung, unten
V Dampf bzw. Gas
W Wand, Wasser
δ an der Stelle y = δ
0 hervorgehobener Zustand, an der Stelle y = 0
∝ im Unendlichen
x,y,z Längenkoordinaten
Formelzeichen ix
Dimensionslose Kennzahlen
Fr = u²/(g.x) Froude-Zahl
Le = a/D Lewis-Zahl
Pe =u.L/ν Peclet-Zahl
ReL = [Link]/νL Reynolds-Zahl der Flüssigkeitsströmung
ReV = uL/νV.a Reynolds-Zahl der Dampf- bzw. Gasströmung
Sc = ν/D Schmidt-Zahl
Sh = β.L/D Sherwood-Zahl
WeL = uL.ρ[Link]/σL Weber-Zahl der Flüssigkeitsströmung
1 Einleitung 1
1 Einleitung
Zur Zerlegung von flüssigen und gasförmigen Gemischen werden in der chemischen,
petrochemischen und pharmazeutischen Industrie, bei Verbrennungsprozessen so-
wie zunehmend im Bereich der Umweltschutztechnik Rektifikations-, Absorptions-,
Desorptions- und Extraktionssäulen eingesetzt. In den letzten Jahren wurden für die-
se Stoffaustauschapparate neue hocheffektive Füllkörper und Packungen entwickelt.
Die wesentlichen Vorteile dieser Kolonneneinbauten sind ein geringer spezifischer
Druckverlust bei hoher Trennleistung und hoher Belastbarkeit, eine geringe Rand-
gängigkeit sowie eine einfache und billige Herstellbarkeit.
Die Füllkörper und Packungen stellen bei der Lösung bestimmter Trennaufgaben in
den oben genannten Industrien eine wirtschaftliche Alternative zu den klassischen
Kolonnenböden dar. Dies betrifft sowohl die Umrüstung bestehender als auch den
Bau neuer Kolonnen. Bei der Umrüstung bestehender Kolonnen steht zumeist der
Wunsch nach Kapazitätserweiterung und Spezifikationsverbesserung im Vorder-
grund. Beim Neubau einer Kolonne stellen Energie- und Investitionskosteneinspa-
rung das wesentliche Potenzial dar.
Ein wesentlicher Punkt zur Verbesserung und Absicherung bei der Untersuchung
des Stofftransportes in Füllkörperkolonnen bzw. Packungskolonnen ist die Anwen-
dung einer Software, die mit einer verbesserten Auswertung der experimentell ge-
wonnenen Daten und einer erweiterten Beschreibung des gekoppelten Wärme- und
Stoffaustausch zur Aufklärung verschiedener Effekte führen kann. Diese Überlegung
steht im Zentrum der folgenden Arbeit.
2 Problemstellung 3
2 Problemstellung
Das vorliegende Kapitel enthält eine Übersicht der bedeutendsten Ergebnisse von
Forschungsarbeiten auf dem Gebiet des Stoffaustausches und die Hydraulik in Füll-
körperkolonnen. Es wird auf die daraus resultierenden Fragestellungen bei der Dis-
kussion der Ergebnisse der durchgeführten Literaturrecherche im Abschnitt 2.1 ein-
gegangen. Im Abschnitt 2.2 werden die Ziele der vorgelegten Arbeit definiert.
Zur Schaffung von großen Oberflächen für den Stoffaustausch werden seit Jahrhun-
derten Naturfüllkörper verwendet. Die erste technisch verwendete Füllkörperform ist
ein zylindrischer Ring, dessen Durchmesser gleich seiner Höhe ist. Sie wurde von
Fritz Raschig (Raschig 1920) patentiert. Mit diesem Patent beginnt die kontinuierliche
Weiterentwicklung von Füllkörperformen. Eine mögliche Gliederung dieser fast hun-
dertjährigen Füllkörperevolution ist in den Arbeiten von Mersmann, Deixler 1986, Bil-
let,Schultes 1988, Mackowiak 1991 und Engel 1999 dargestellt.
Die Füllkörper der ersten Generation (I) besitzen geschlossene Mantelflächen. Diese
Formen zeichnet eine einfache Fertigung und somit geringe Kosten aus. In Gas-
Flüssig-Kontaktapparaten werden sie heute nur noch selten eingesetzt, da sie einen
hohen spezifischen Druckverlust und einen nennenswerten Anteil an Totvolumina
besitzen. In den Füllkörperformen der zweiten Generation (II) versuchte man diesen
Nachteil durch Aufbrechen der Vollmantelflächen zu beseitigen. Während es für zy-
lindrische Körper fertigungstechnisch bei allen Werkstoffen relativ einfach ist, die Flä-
chen durch Öffnungen zu durchbrechen, konnte diese Entwicklung nur bedingt auf
Sattelkörper und praktisch nicht auf die Kugel übertragen werden.
2 Problemstellung 4
Ein Stoff, welcher besonders gut in der Gasphase löslich ist, sich aber sehr schlecht
mit der Flüssigkeit verbindet, besitzt demnach für den Stofftransport einen rein flüs-
sigkeitsseitigen Widerstand. Dies bedeutet, dass die Diffusionsgeschwindigkeit der
Übergangskomponente lediglich durch die flüssige Phase bestimmt wird. Mit dieser
Charakteristik ist in der Literatur (Sherwood et al. 1937) ein weit verbreitetes
1. Die Füllkörper der dritten Generation werden deshalb auch als „Gitterfüllkörper“ bezeichnet.
2 Problemstellung 5
Auf der Basis solcher Experimente formulierten Sherwood und Holloway (Sherwood,
Holloway 1940) eine erste grundlegende Berechnungsgleichung für den flüssigkeits-
seitigen Stoffübergangskoeffizienten. Sie ist bis heute eine der am häufigsten ange-
wandten Beziehungen zur Beschreibung des Stofftransportes in Flüssigkeiten
geblieben. Der Einfluss der in diese Gleichung eingehenden Stoffeigenschaften wie
Dichte, Viskosität und Diffusionskoeffizient der Flüssigkeit wurde im Rahmen von
späteren Arbeiten immer wieder bestätigt (Molstad et al. 1942 und Molstad et al.
1943; Shulman, DeGouff 1946; Deed et al. 1947; Vivian, Whitney 1947; Whitney,
Vivian 1949; Ueyama et al. 1954; Norman, Sammak 1963).
Ein Nachteil der Gleichung von Sherwood und Holloway besteht darin, dass sie nicht
dimensionsgerecht ist. Dieser Umstand wurde später zum Anlass genommen, die
Beziehung mit Hilfe von dimensionslosen Kenngrößen zu modifizieren (Onda et al.
1958; Onda et al. 1959; Yoshida, Koyanagi 1962; Mika 1967; Reichelt 1974). Diese
und die daran anschließenden experimentellen Untersuchungen beschäftigten sich
insbesondere damit den Einfluss der Stoffeigenschaften, wie Dichte und Viskosität
der Flüssigkeit, auf die Diffusionsfähigkeit der gelösten Komponente genauer zu un-
tersuchen. Dies gelang z. B. durch die Verwendung von reinen organischen Flüssig-
keiten und bestimmten Flüssigkeitsgemischen, wodurch ein weiterer Bereich an
Stoffdatenvariationen abgedeckt werden konnte (van Krevelen, Hoftijzer 1948; Zech,
Mersmann 1978; Mangers, Ponter 1980; Shi, Mersmann 1984). In den letzten 20
Jahren wurden von Billet, Mackowiak 1980,1984,1985; Dharwadkar, Sawant 1985
und Billet, Schultes 1988, sehr viele vergleichende Untersuchungen mit überein-
stimmenden Stoffsystemen an unterschiedlichen neuentwickelten Kolonneneinbau-
ten durchgeführt. Diese Gegenüberstellungen erbachten die Erkenntnis, dass die
Form und Struktur der Füllkörper und Packungen maßgebliche Einflussfaktoren auf
den Stofftransport darstellen.
2 Problemstellung 6
Verteilt sich eine Komponente schnell in der Flüssigphase, dafür jedoch langsam im
Gas, so wird der Stoffübergang dieser Substanz durch den gasseitigen Widerstand
bestimmt. Ein Stoffsystem, welches sich durch diese Charakteristik auszeichnet, ist
z. B. Ammoniak-Luft-Wasser. Tierney et al. 1954 bieten ebenfalls Stoffsysteme aus
1-Butan und 1-Hexanol an, bei denen das Flüssigkeitsazeotrop in die Gasströmung
(Luft) verdunstet und somit der flüssigkeitsseitige Transportwiderstand entfällt.
Um den Einfluss der physikalischen Stoffeigenschaften der Gasphase auf den Stoff-
übergang ermitteln zu können, wurden von Lynch, Wilke 1955, Semmelbauer 1967,
Onda et al.1968 unterschiedliche Trägergase verwendet. Leider führten die Ergeb-
nisse, wie später noch gezeigt wird, nicht immer zu übereinstimmenden Abhängigkei-
ten.
Die Autoren, die hier angeführt wurden, befassen sich hauptsächlich mit dem physi-
kalischen Stofftransport zwischen den Phasen, d. h. mit dem Stofftransport ohne
chemische Reaktionen. Die Liste an Publikationen lässt sich fortführen, wenn die ex-
perimentellen Untersuchungen zum Stoffübergang mit chemischer Reaktion eben-
falls aufgenommen werden. So ist es z. B. möglich, durch eine irreversible schnelle
Reaktion des Lösungsmittels mit der Übergangskomponente an der Flüssigkeitsober-
fläche den von beiden Phasen bestimmten Widerstand für den Stofftransport aus-
schließlich in die Gasphase zu verlagern. Die aufschlussreichen Arbeiten dazu wur-
den von van Krevelen, Hoftijzer 1948, Pearson et al. 1951, Hobler 1966, Vidwans,
Sharma 1967, Onda, et al. 1968, Joosten, Dankwerts 1973, Kim 1986, Schultes
1998, Schultes 2001 und Meille et al.2004 beigetragen.
Die einschlägigen Fachbücher von Hobler 1966, Brauer 1971, Reichelt 1974, Billet
1983, Bird, Stewart, Lightfoot 2002 und Kraume 2004 und verschiedene verfahrens-
technische Taschenbücher empfehlen daher für die Auslegung von Stofftrennkolon-
nen Gleichungen, welche auf der Grundlage umfangreicher experimenteller
2 Problemstellung 8
Daten erstellt wurden und somit dem Anwender in dem untersuchten Belastungs-
und Stoffdatenbereich besser abgesicherte Berechnungsergebnisse liefern. Laborun-
tersuchungen sind jedoch trotzdem bis heute oft unerlässlich.
2.2 Zielsetzung
Die Korrelationen beinhalten neben der spezifischen Oberfläche und dem Lücken-
grad auch füllkörperspezifische Konstante. Zudem sind die experimentellen Metho-
den zu ihrer Bestimmung wenig standardisiert, so dass ein Vergleich von Daten aus
unterschiedlichen Quellen oft nur begrenzt möglich ist. Neben diesen Problemen der
Übertragbarkeit sind die bekannten Korrelationen ebenfalls hinsichtlich ihres Gültig-
keitsbereiches für extreme Stoffdaten zu hinterfragen. Speziell für die Anwendung
bei hochviskosen oder stark benetzenden Systemen bzw. solchen mit sehr kleiner
Oberflächenspannung sind diese Ansätze nicht geeignet.
Einer der Schwerpunkte dieser Arbeit ist die Modifizierung existierender Berech-
nungsroutinen zur Bestimmung formspezifischer Füllkörperkonstanten. Diese Füll-
körperkonstanten dienen als Grundlage des im Kapitel 6 diskutierten Billett-Schultes-
Modells. Sie geben den Einfluss der angewendeten Kolonneneinbauten auf die Ef-
fektivität der Stoffübertragung und die hydrodynamischen Verhältnisse in der Kolon-
ne wieder. Interesse bei der Entwicklung von hocheffektiven Füllkörpern besteht in
der Erweiterung dieses Modells für Messungen im Bereich über den Staupunkt, die
untere Belastungsgrenze, die das Einsetzen des Aufstauens der Rieselflüssigkeit
kennzeichnet, bis zum Flutpunkt, dem Betriebszustand in der Kolonne, ab welchem
keine Flüssigkeit mehr nach unten abfließt. Die vorliegende Arbeit soll sich dement-
sprechend auch mit Betriebszustände über den Staupunkt befassen. Diese Erkennt-
nisse sind zur genauen Bestimmung des Staupunktes von Bedeutung. Der Stau-
punkt ist nicht eindeutig definierbar. Modellbedingt ist dieser Punkt als 55 bis 75 %
vom Flutpunkt anzunehmen (Röhm 2004). Um diese Zielsetzung zu erfüllen sind die
formspezifischen Füllkörperkonstanten anstatt durch Mittelwertbildung durch eine
stetige Funktion zu ersetzen. Das Vorhandensein einer solchen Funktion erhöht die
Genauigkeit der Simulation von Füllkörperkolonnen mit gekoppeltem Wärme- und
Stoffaustausch.
In diesem Kapitel werden die Grundlagen des binären und polynären Stoffaustau-
sches aufgezeigt. Die Themenbereiche Stoffeigenschaften und Phasengleichgewich-
te, diffusionskontrollierter Stofftransport, Stoffübergangstheorien sowie einige Son-
derfälle werden näher erläutert, da sie für die Berechnungen eine besondere Rolle
spielen. Am Beispiel der verfahrenstechnischen Grundoperation Absorption wird im
folgenden auch die Entwicklung der oben genannten Stofftransportmodelle beschrie-
ben.
Liegen die Mengen der Komponente A in einem Gemisch, bestehend aus den Antei-
len A und B, nicht in Form von Molkonzentrationen xA bzw. yA [kmolA/kmolA+B] vor,
sondern werden durch Molbeladungen des reinen Trägerfluids XA bzw.
YA[kmolA/kmolB] zum Ausdruck gebracht, so bietet die Gleichung (3.4) die Möglich-
keit einer Umrechnung zwischen diesen Größen
3 Stofftransport 12
XA YA (3.4)
xA = ; yA = .
1+ X A 1 + YA
Nachfolgend werden die Beziehungen für die Phasengleichgewichte der untersuch-
ten Stoffpaarungen angegeben.
Im Rahmen dieser Arbeit wurden alle experimentellen Untersuchungen bei Normal-
druck unter idealen Gasbedingungen durchgeführt, deshalb wurde oft KA durch HeA
eingesetzt (siehe Gleichung (3.3)). Analoge Beziehungen wurden auch für den Satt-
dampfdruck angenommen.
Lösungsgleichgewicht : He A = exp a + b + c ln (T ) + (d + (e + f ⋅ T ) ⋅ T ) ⋅ T
T
Die Theorie des diffusionskontrollierten Stofftransports basiert auf einem Verlauf der
Zustandsgrößen gemäß Abbildung 3.1. Hierbei wird der Phasengrenzbereich als un-
endlich dünne Phasengrenzfläche betrachtet, an dem ein thermodynamisches
Gleichgewicht zwischen Gas- und Flüssigphase herrscht.
Abbildung 3.1: Molanteile beim Stoffübergang von einer Gas- in eine Flüssigphase
Für die Beschreibung des Vorgangs der Diffusion haben sich zwei Theorien etabliert,
auf die im folgenden genauer eingegangen werden soll. Namentlich sind dies das
Fick’sche Gesetz und die Maxwell-Stefan-Gleichung.
Adolf Fick versuchte die Vorgänge bei der Diffusion zu beschreiben. Das Resultat
seiner Arbeit war das Fick’sche Gesetz, welches im Folgenden erläutert wird.
Für die Komponente A eines binären Systems formulierte Fick seine Gleichung nach
weiteren Überlegungen wie folgt:
&j A = c A ⋅ (u A − u ) = −ct ⋅ DAB ⋅ ∇x1 (3.5)
Für ideale Gasmischungen ist DAB unabhängig von der Konzentration und invers
proportional zum Druck. Ferner steigt DAB mit steigender Temperatur.
Für binäre Mischungen von Flüssigkeiten zeigt sich aber ein verändertes Bild (Tabel-
le 3.3). Hier ist zu erkennen, dass der Diffusionskoeffizient sehr stark von der Kon-
zentration abhängt. Er steigt ebenfalls mit steigender Temperatur.
Tabelle 3.3: Experimenteller Fick’scher Diffusionskoeffizient für ein flüssiges binäres Gemisch
(Bird, Stewart, Lightfoot 2002)
Die Erweiterung der (3.5), welche zunächst nur für binäre Gemische gültig ist, auf ein
Gemisch aus n Komponenten ergibt ein Gleichungssystem der Dimension n-1 ge-
mäß (3.6-3.8):
&j = −c ⋅ D ⋅ ∇x ... − c ⋅ D
1 t 1,1 1 t 1, n −1 ⋅ ∇x n −1
(3.6)
&j = −c ⋅ D ⋅ ∇x ... − c ⋅ D
2 t 2,1 1 t 2, n −1 ⋅ ∇x n −1
(3.7)
...
&j = −c ⋅ D
n −1 t n −1,1 ⋅ ∇x1... − c t ⋅ Dn −1, n −1 ⋅ ∇x n −1
(3.8)
Dieses lässt sich sehr einfach in die wesentlich bequemere und EDV- freundlichere
Matrix-Schreibweise überführen.
&j = −c ⋅ [D] ⋅ ∇ x (3.9)
t
Auch hier ist zu beobachten, dass ein Gemisch aus n Komponenten ein System von
n-1 unabhängigen Gleichungen liefert. Die noch fehlende Diffusionsstromdichte &j n
berechnet sich aus der Beziehung, dass die Summe aller &j i Null ergibt (Taylor,
Krishna 1993).
3.2.2 Maxwell-Stefan-Gleichung
Bereits 1871 verfassten der schottische Physiker James Clerk Maxwell sowie der
österreichische Wissenschaftler Josef Stefan eine Abhandlung über die Diffusion in
Mehrkomponentengemischen. Die Herleitung dieser Gleichung, die bis heute als ge-
naueste zur Beschreibung des Vorgangs der Diffusion gilt, wird nun verkürzt erläu-
tert.
Die Gleichung (3.10) stellt die treibende Kraft für die Diffusion der Komponente i im
Gemisch dar:
n (x ⋅ &
i j j − x j ⋅ ji )
∂xi & (3.10)
= −∑
∂z j =1 ct ⋅ Dij'
3 Stofftransport 16
xi n
xk 1 1 (3.12)
Bii = + ∑
Din k =1 Dik'
'
und Bij = − xi ⋅ ' − ' .
j ≠k
Dij Din
Die bisher behandelten Gleichungen gelten nur für den Spezialfall, dass es sich bei
dem Gemisch um ein ideales Gasgemisch handelt. Um dem Realverhalten der Mi-
schung Rechnung zu tragen, wird die Gleichung (3.11) dahingehend modifiziert, dass
ein Thermodynamikfaktor Γ eingefügt wird:
→ (3.13)
&j = −ct ⋅ [B ]−1 ⋅ [Γ ] ⋅ ∇ x .
Im Fall der idealen Mischung nimmt Γ den Wert 1 an, andernfalls berechnet er sich
nach Gleichung:
∂ ln γ i (3.14)
Γij = δ ij + x i mit δ ij = 1 bzw. δ ij = 0 .
∂x j i= j i≠ j
Experimentell lässt sich die Gültigkeit der Maxwell-Stefan-Gleichung z.B. durch Un-
tersuchungen in einem zylindrischen Gefäß (siehe Abbildung 3.2) validieren, in dem
Moleküle einer Flüssigkeit durch eine Gasmischung diffundieren und als Konzentrati-
onen in einer über das Gefäß geleiteten Gasströmung B gemessen werden.
3 Stofftransport 17
Abbildung 3.2: Diffusion der Komponente A in ein Gasgemisch aus den Komponenten A und B
3.3 Sonderfälle
Ausdruck &j i , der in (3.16) verwendet wird, kann nun ein entsprechender Ausdruck
gemäß dem Fick’schen Gesetz substituiert werden. Für ein binäres System ergibt
sich so die folgende Gleichung:
n (3.17)
n& = −ct ⋅ DAB ⋅ ∇x A + x A ⋅ (n& A + n& B ) mit n& t = n& A + n& B = ∑ n& i .
i
Der erste Summand dieser Gleichung beschreibt dabei den diffusiven Anteil, wohin-
gegen der zweite Summand den konvektiven Anteil darstellt. Die Gleichungen ver-
deutlichen allerdings auch eine weitere entscheidende Problematik: Eine Molen-
stromdichte ist von allen anderen Molenstromdichten abhängig!
Aus der Gleichung (3.16) lassen sich einige Spezialfälle ableiten, die im folgenden
dargestellt werden.
n
n& t = ∑ n& i = 0 .
i =1
Verbindet man zwei Behälter, von denen jeder ein anderes Gas enthält, durch eine
dünne Leitung (Abbildung 3.3), so stellt sich einen Stoffaustausch zwischen beiden
Phasen ein, wenn Druck und Temperatur der beiden Gase gleich sind und diese der
thermischen Zustandsgleichung idealer Gase gehorchen.
(
p = N& A + N& B m
V
)
R ⋅T
.
(3.19)
dc dc (3.21)
N& A = − D A ⋅ A und N& B = − DB ⋅ B ,
dz dz
3.3.2 Stefan-Diffusion
n& n = 0
Bei näherer Betrachtung der Molenstromdichten bei Prozessen wie z.B. der Konden-
sation oder Absorption stellt sich heraus, dass hier das Verhalten einer Komponente
als inert bezeichnet werden kann. Die übergehende Molenstromdichte dieser Kom-
ponente, die mit n bezeichnet wird, ist Null.
Wird zunächst die allgemeine Diffusion und die Molenstromdichte der inerten Kom-
ponente n betrachtet, so lautet diese in Anlehnung an (3.16):
n& n = &j n + xn ⋅ n& t = 0 . (3.24)
x x n −1 (3.27)
n& i = 1 + i . &j i + i
xn xn
∑ &j k .
k =1
k ≠i
Der allgemeinste Fall geht von dem Umstand aus, dass keine Information über die
Komponentenmolenstromdichten vorliegen. Es tritt nun das Problem auf, dass den
n-1 unabhängigen Diffusionsstromdichten &j i genau n unabhängige Molenstromdich-
ten n& i gegenüberstehen.
Eine direkte Umrechnung von Diffusions- auf Komponentenstromdichten gestaltet
sich somit schwierig. Daher wird die sogenannte „Bootstrap-Matrix“ eingeführt, die
den gesuchten Zusammenhang in der Form:
r r
&n = [k ik ] ⋅ &j (3.28)
herstellt.
Die Herleitung dieser Matrix gestaltet sich vergleichsweise komplex und wird daher
nur verkürzt dargestellt.
Für die Umrechnung soll eine neue Bezugsgröße (Verdampfungsenthalpie der Kom-
ponenten ∆HVi ) gewählt werden, die als Ausgangspunkt gilt. Durch Einbringen dieser
neuen Größe in die Gleichung und mehrfaches substituieren folgt:
ν k −ν n
τk = n
mit ν i = ∆H Vi .
∑ν
j =1
i ⋅ xj (3.29)
r r (3.31)
n& t = −τ Τ ⋅ j
zu
3 Stofftransport 21
n −1 (3.32)
n& n = n& t − ∑ n& i .
i =1
Aus diesem allgemeinen Fall lassen sich die beiden vorher behandelten Fälle ablei-
ten. Zu diesem Zweck werden bei äquimolarer Diffusion alle ν i auf den gleichen
Wert gesetzt. Bei der Annahme der Stefan-Diffusion werden alle ν i gleich Null ge-
setzt, außer für die inerte Komponente. Für sie darf die Verdampfungsenthalpie ei-
nen beliebigen Wert annehmen (Taylor, Krishna 1993).
3.4 Stoffübergangstheorien
dc A dc (3.34)
=− B .
dz dz
Bei äquimolarer Diffusion sind die Molenstromdichten N& A und N& B betragsgleich und
gegeneinander gerichtet (Abbildung 3.3), so dass aus der (3.22) in Verbindung mit
den Gleichungen (3.21), (3.33) und (3.34) folgt, dass die Diffusionskoeffizienten DA
und DB identisch sind. Daher entfallen die Indizierungen der Diffusionskoeffizienten:
DA = DB = D . (3.35)
3 Stofftransport 22
Wie aus der Abbildung 3.1 hervorgeht, kann man im allgemeinen nicht davon ausge-
hen, dass die Stoffstromdichte eine lineare Funktion der Konzentration cA bzw. der
Dichte ρA darstellt. Nach dem Gesetz der Massenerhaltung gilt nun, dass die zeitliche
Veränderung der Masse einer Komponente mit den sämtlichen ein- und austreten-
den Massenströmen und der Produktionsrate der Komponente im Volumenelement
im Gleichgewicht steht. Die umfassendste Form stellt die Stoffbilanzgleichung (3.34)
für den Stofftransport dar, die analog zur Navier-Stokes Gleichung gebildet wird.
Dabei stellt u die Geschwindigkeit des Stoffstromes dar (Baehr, Stephan 2004)
∂c A ∂ (u x c A ) ∂ (u y c A ) ∂ (u z c A ) ∂ 2 c A ∂ 2 c A ∂ 2 c A (3.36)
+ + + = D 2 +
AB + + rA .
∂t ∂x ∂y ∂z ∂x ∂y 2 ∂z 2
Sie ist für ein orthogonales x-y-z- Koordinatensystem angegeben und kann in drei
Glieder unterteilt werden. Die zeitliche Änderung der Konzentration dcA/dt der Kom-
ponente A erfolgt durch konvektiven Stofftransport, durch die zeitliche Änderung auf-
grund molekularer Bewegungsvorgänge und Systemänderung aufgrund eines Um-
wandlungsprozesses (z.B. chemische Reaktion). Die Größe r&A [kmol/m³s] bezeich-
net den volumenbezogenen Molenstrom infolge einer Stoffumwandlung.
Für die mathematische Lösung der Differentialgleichung (3.36) existieren unter-
schiedliche Modellansätze in der Literatur, welche aus Vereinfachungen dieser Glei-
chung resultieren. Bevor diese jedoch in kurzer Form erläutert werden, wird noch
eine weitere wichtige universelle Bilanzgleichung diskutiert.
Addiert man die Bilanzgleichungen sämtlicher Komponenten auf und betrachtet fort-
an die Summe aller partiellen Massen eines Gemisches, so folgt die Kontinuitätsglei-
chung für das betrachtete Volumenelement. Da die Bilanz für die Gesamtmasse vor
allem durch des konvektiven Stofftransportes bestimmt wird, folgt unter Vernachläs-
sigung und des Umwandlungsprozesses die Gleichung (3.37):
∂c ∂ (u x c ) ∂ (u y c ) ∂ (u z c ) (3.37)
+ + + = 0.
∂t ∂x ∂y ∂z
3 Stofftransport 23
3.4.1 Filmtheorie
Die von Lewis und Whitham 1924 vorgestellte Film-Theorie besagt, dass sich der
gesamte Transportwiderstand auf einen wandnahen ruhenden Fluidfilm der Dicke δ C
konzentriert. Die Diffusion geschieht hier unter stationären Bedingungen, der daraus
resultierende Stofftransport findet im wesentlichen senkrecht zum Film in einer Rich-
tung statt. Außerhalb dieses Film bestehen keine Konzentrationsgradienten, da sie
dort durch die Strömungsturbulenzen zerstört werden. Gemäß Abbildung 3.4 ist eine
solche Vereinfachung selbst in Systemen mit Konvektion zulässig, wenn die Ge-
schwindigkeitsgrenzschicht δw deutlich größer als die Konzentrationsgrenzschicht δc
ist, da dann die Fluidgeschwindigkeiten innerhalb δc sehr niedrig sind. Diese Verhält-
nisse treten üblicherweise bei Flüssigkeiten (Sc > 1) auf.
Der betrachtete Film hat die Dicke δc. Konzentrationen und Geschwindigkeiten än-
dern sich nur in z-Richtung, nicht aber, so wird weiter angenommen, mit der Zeit oder
in Richtungen der anderen Koordinatenachsen. In diesem Film findet der Stofftrans-
port allein durch molekulare Diffusion statt.
Unter der oben genannten Voraussetzung geht die Gleichung (3.36) in die Gleichung
(3.38) über, wenn keine chemische Reaktion vorliegt. Diese Gleichung (3.38) be-
zeichnet man auch als das zweite Fick’sche Gesetz:
∂c A (3.38)
= D ⋅ ∇ 2c A .
∂t
n
Für den Fall äquimolaren Stofftransports ( n& t = ∑ n& i = 0 ) reduziert sich die Aufgaben-
i =1
Die entscheidende Vereinfachung der Filmtheorie liegt nun darin, dass eine zeitliche
Änderung des Dichteprofils in z-Richtung ausgeschlossen werden kann und somit
d 2c A
die Gleichung (3.38) zu Null gesetzt wird. Die Integration von ergibt daraufhin
dz 2
einen konstanten Wert (siehe (3.38)), so dass der Differentialquotient durch den Dif-
ferenzenquotienten ersetzt werden kann:
dc A ∆c (3.40)
= .
dz ∆z
Setzt man diesen Ausdruck in die Gleichung (3.21) ein, so folgt die Beziehung (3.41).
Bei der Substitution von ∆z durch die Filmdicke δc ergibt sich die Gleichung (3.42),
welche die Stoffübergangskoeffizienten β als Proportionalitätsfaktor enthält:
∆c (3.41)
n& A = −D ⋅ A ,
∆z
D (3.42)
n& A = ⋅ (c A0 − c Aδ ) = β ⋅ (c A0 − c Aδ ) ,
δC
D (3.43)
β= .
δC
Da die Filmdicke δc meistens nicht bekannt ist, kann man aus dieser Gleichung keine
Stoffübergangskoeffizienten β berechnen.
Man kann sich diese jedoch für die in der Praxis häufig vorkommenden Fälle aus der
einschlägigen Literatur (z.B. Sherwood, Pigford und Wilke 1975; Perry et al. 1997;
Brauer 1971 und Mersmann 1986) berechnen und dann mit Gleichung (3.43)
3 Stofftransport 25
Diffusionskoeffizienten.
Zu einem allgemeinen Ergebnis kommt man, wenn man einen endlichen Konvekti-
onsstrom n& (nicht äquimolare Stofftransport) zulässt
dn& (3.44)
=0
dz
d.h.
n& = const . (3.45)
Dabei ergibt sich nun unter der Annahme c ⋅ D = const die Differentialgleichung zwei-
ter Ordnung
d 2 xA dx (3.46)
−c⋅D⋅ 2
+ n& ⋅ A = 0
dz dz
die unter den Randbedingungen xA(z=0) =xA0 und xA(z=δ) =xAδ zu lösen ist. Nach Um-
formung der Gleichung (3.49) ergibt sich die Gleichung (3.47), welche einen anderen
Ausdruck für den Stoffübergangskoeffizient ergibt:
n& (3.47)
c .
β& =
n& ⋅ δ C
exp −1
c⋅D
Chilton und Colburn (Colburn 1933 und Chilton, Colburn 1934) leiteten einen ähnli-
chen Ansatz für den Wärme- und Stoffübergangskoeffizienten ab, der später von
Colburn und Drew (Colburn, Drew 1937) modifiziert publiziert wurde. Daher wird nun
am Beispiel der Film-Theorie eine Korrektur von β durchgeführt, mit deren Hilfe auch
eine Beschreibung bei großen Molenströmen ermöglicht wird.
3 Stofftransport 26
Diese Gleichung wurde von Gilliland 1939, Stewart , Prober 1964 und Toor 1964 auf
Mehrkomponenten-Systeme erweitert.
Die bislang gezeigten Gleichungen gelten nur für den Fall einer binären Mischung. In
den meisten technischen Anwendungsfällen liegen jedoch Mehrkomponenten- Sys-
teme vor, so dass sich eine Erweiterung der Gleichung (3.44) auf Mehrkomponenten-
Systeme notwendig ist. Durch ähnliche Überlegungen kann auch eine Korrektur der
β-Matrix für ein Mehrkomponentengemisch hergeleitet werden.
Es ergibt sich eine Matrix [Φ ] mit den Elementen:
n& i n n& k (3.49)
Φ ii = +∑ ,
Din' k =1 Dik'
ct ⋅ i ≠ k ct ⋅
δ C δC
und
1 1 (3.50)
Φ ij = −n& i ⋅ '
+ .
D D'
ct ⋅ ij ct ⋅ in
δC δC
Die Korrekturmatrix ist für z=0 und z=δ (siehe Abbildung 3.4) durch Gleichungen
(3.51 und 3.52) gegeben:
[Ξ o ] = [Φ ] ⋅ {exp[Φ ] − [J ]}−1 , (3.51)
[Ξ δ ] = [Ξ 0 ] ⋅ exp[Φ]. (3.52)
Hierbei ist mit [J ] die Einheitsmatrix bezeichnet. Die korrigierte Matrix der Stoffüber-
gangskoeffizienten für große Molenstromdichten berechnet sich folglich zur Glei-
chung (3.53):
[β& ] = [β ]⋅ [Ξ] (3.53)
Abschließend wird ein Algorithmus vorgestellt, der den Ablauf bei der Berechnung
der Molenstromdichten für ein Mehrkomponentensystem verdeutlicht und die not-
wendigen Korrekturen berücksichtigt (Taylor, Krishna 1993).
3 Stofftransport 27
3.4.2 Grenzschichttheorie
Der Grenzschichttheorie liegt ebenso wie der Filmtheorie die Vorstellung zugrunde,
dass der Stoffübergang wie in Abbildung 3.4 skizziert, in einer dünnen wandnahen
Schicht erfolgt. Konzentrationen und Geschwindigkeiten dürfen sich nun aber nicht
nur in z-Richtung, sondern im Unterschied zur Filmtheorie auch in Richtung der an-
deren Koordinatenachsen ändern. Da jedoch im Vergleich zur Änderung in Richtung
der übrigen Koordinatenachsen, die Änderung des Konzentrationsprofils in der dün-
nen wandnahen Grenzschicht groß ist, genügt es, nur die Diffusion in Richtung der
z- Achse zu berücksichtigen.
3 Stofftransport 28
∂u y ∂uz (3.56)
+ = 0,
∂y ∂z
ξ
ξ
exp
∫0 ∫0 − Sc ψ (ξ )d ξ dξ
c A ( y , z ) = c A0 −∞ (c − c ) ,
A0 Aδ
∞
(3.57)
∫0 exp − Sc ∫0 ψ (ξ )dξ dξ
z u y ;z = ∞ (3.58)
ξ (y , z ) = ,
2 νx
ν (3.59)
Sc = .
D
Während ξ nach Gleichung (3.58) zur Lösung der Differentialgleichung als neue Va-
riable eingeführt wird, ist ψ eine Funktion von ξ , welche erstmals von Blasius gelöst
wurde und sich z.B. in Form einer Taylor-Reihe darstellen lässt (Knudsen, Katz
1958). Die Gleichung (3.59) gibt die Definition der Schmidt-Zahl Sc an und wird mit
der kinematischen Viskosität ν des Fluides und dem Diffusionskoeffizienten D gebil-
det. Man erhält für erzwungene Strömung die Gleichungen der Form:
Sh = f (Re, Sc ) . (3.60)
mit der Sherwood-Zahl Sh = β⋅L/D, wobei L die Länge der Platte ist. Der Aufbau der
Funktionen für die Sherwood-Zahl ist praktisch identisch mit dem für die Nußelt-Zahl:
Nu = f (Re, Pr ) (3.61)
und für überströmte Oberflächen bekannt (VDI-Wärmeatlas(2002)).
3 Stofftransport 29
Die Größen c, n und m sind von der Art der Strömung, laminar oder turbulent, und
von der Gestalt des umströmten Körpers oder des durchströmten Kanals abhängig.
Der Zusammenhang zwischen dem Wärme- und dem Stoffübergangskoeffizienten
wird durch die dimensionslose Lewis-Zahl gekennzeichnet:
a (3.63)
Le = .
D
In dieser Gleichung ist m ≈ 1/ 3 . Die Lewis-Zahl ist für ideale Gase von der Größen-
ordnung 1, so dass sich in grober Nährung ergibt:
αm (3.65)
β= .
cp ⋅ ρ
2 D (3.66)
βm = ⋅ .
π t
3 Stofftransport 30
Hierin ist βm der mittlere Stoffübergangskoeffizient von der Zeit t = 0 bis zur Zeit t.
Wie die Erfahrung zeigt, erhält man realistische Werte des Stoffübergangskoeffizien-
ten, wenn man die Kontaktzeit aus der mittleren Steig- oder Sinkgeschwindigkeit ω
von Blasen oder Tropfen und ihrem Durchmesser d berechnet: t = d/ω. Schwieriger
ist es, die Kontaktzeit in gasdurchströmten Füllkörperschüttungen zu bestimmen, in
denen eine Flüssigkeit herabrieselt.
In Abbildung 3.7 ist der schematische Aufbau einer Packungskolonne dargestellt. Die
Unterschiede zu Bodenkolonnen ergeben sich aus den Einbauten und der Strö-
mungsführung.
Im Fall des zweiphasigen Betriebs strömt die Flüssigkeit als Film entlang der Ober-
fläche der Füllkörper vom Kopf der Kolonne abwärts bis zum Fuß bzw. der Blase der
Kolonne. Das Gas wird in der Regel im Gegenstrom geführt, d.h. am Fuß der Kolon-
ne eingeleitet und am Kolonnenkopf abgezogen. Ziel solch einer Ausstattung ist eine
gute Phasenverteilung sowie eine möglichst große Flüssigkeitsoberfläche für den
Wärme- und Stoffaustausch. Die typische Ausführungsform solcher Füllungselemen-
ten wurde im Abschnitt 2.1 beschrieben.
Über die Kolonnenhöhe stellen sich die angesprochenen Konzentrations- bzw. Tem-
peraturverläufe ein, die es nun rechnerisch zu ermitteln gilt. Hierzu stehen zwei Me-
thoden zur Verfügung.
Die Betrachtung einer Trennstufe aus dieser Stufenabfolge erlaubt es, diese durch
Bilanzen zu charakterisieren. So ergeben sich für die j-te Stufe die folgende Glei-
chungen:
3 Stofftransport 33
Summenbeziehung: n n (3.70)
∑ xi , j = 1;
i =1
∑y
i =1
i, j =1
Enthalpie-Bilanz: L& j +1⋅ hiL, j +1 + V&j −1 ⋅ hiV, j −1− L& j ⋅ hiL, j − V&j ⋅ hiV, j =0 (3.71)
Für ein Gemisch aus n Komponenten ergeben sich so pro Stufe 2n+5 unabhängige
nicht lineare algebraische Gleichungen, mit deren Hilfe die unbekannten Gas- und
Flüssigkeitszusammensetzungen, die Stufentemperaturen sowie die unbekannten
Gas- und Flüssigkeitsströme bestimmt werden können (Röhm 2004). Zur Lösung des
Problems werden die unabhängigen Gleichungen in Fehlerfunktionen umgeschrie-
ben
(3.72)
f i1,j = L& j +1⋅ xi , j +1 + V& j −1 ⋅ y i , j −1 − L& j ⋅ xi , j − V& j ⋅ y i , j ,
f i ,3j = L& j +1⋅ hiL, j +1 + V& j −1 ⋅ hiV, j −1 − L& j ⋅ hiL, j − V& j ⋅ hiV, j , (3.74)
f i ,4j = K i , j ⋅ xi , j − y i , j , (3.75)
f i ,5j = ∑ ( y i , j −1 + y i , j ) − 1 , (3.76)
r
r r
xk +1 = xk − [J ] fk
−1
mit [J ] = ∂∂xf
i, j
i
,
(3.78)
j
bis die Differenz zum Vorgänger unter einer vorgegebenen Fehlerschranke liegt
r r
(x k + 1 − x k ) < ε . (3.79)
Durch den Einsatz von Murphree-Wirkungsgraden ist es ferner möglich das reale
Verhalten eines Prozesses zu berücksichtigen. Hierbei wird der Wirkungsgrad in die
Gleichgewichtsbeziehung eingebaut und gibt an, wieweit das Gleichgewicht erreicht
wurde. Typische Wirkungsgrade für die Absorption liegen zwischen 10-20% (Röhm
2004).
Abbildung 3.9 zeigt abschließend vergrößert eine einzelne Trennstufe. Hier ist sche-
matisch der Konzentrationsverlauf dargestellt, der durch die Ein- und Ausgangspa-
rameter bestimmt wird. Die Temperatur der abfließenden Ströme ist gleich.
α iL, j (TLI − TLb ) + ∑ niL, j hiL, j = ∑ niV, j hiV, j + α iV, j (TVb − TVI ) , (3.82)
∑x I
i, j = 1, (3.84)
∑y I
i, j = 1. (3.85)
4.1 HTU-NTU-Modell
mit dem Volumen VK = AK ⋅ HK , wenn AK der Querschnitt der leeren Kolonne und HK
ihre Höhe ist. Die an der Phasengrenzfläche dAI an die Flüssigkeit übergehende
Stoffmenge
n& AI dAI = n& AI ⋅ a Ph AK dz
(4.2)
wird vom Gas abgegeben und bewirkt eine Abnahme des Stoffes A in der Gasphase
um n&V ⋅ dY . Gleichzeitig erhöht sich die Stoffmenge A in der Flüssigkeit um
− n&V ⋅ dY = n& L ⋅ dX . Das gilt nur unter der Annahme, dass die Konzentration sehr klein
a) b) c)
Abbildung 4.2: Verlauf der Molkonzentrationen in der Flüssigkeit und im Gas bei a) rein gas-
seitigem, b) beidseitigem und c) rein flüssigkeitsseitigem Transportwiderstand
Aus der Definitionsgleichungen für die Stoffmengenstromdichte und für den Stoff-
übergangskoeffizienten β , Gleichungen (3.47 und 3.48), ist bekannt, dass der Stoff-
strom in direkter Beziehung zu den Konzentrationsdifferenzen gesetzt werden kann.
Gleichung (4.3) gibt dies für die übergehende Molstromdichte n& A in Anlehnung an die
Abbildung 4.2b wieder, wobei xA und yA die Molkonzentrationen der flüssigen und
gasförmigen Phase (Index L und V) darstellen. Die Phasengrenzkonzentrationen
werden über den Index Ph gekennzeichnet:
ρ ρ
n& A = βV ⋅ ~V ⋅ (y A − y A,Ph ) = β L ⋅ ~L ⋅ (x A,Ph − x A ) . (4.3)
MV ML
Diese Beziehung lassen erkennen, dass für die Ermittlung der NTUV− bzw.
NTUL− Werte, unabhängig davon, ob dies grafisch oder numerisch erfolgt, die Pha-
sengrenzkonzentrationen yA,Ph und xA,Ph (Abbildung 4.2b), bekannt sein müssen. Oft
gibt es den Fall, dass die Konzentration an der Phasengrenzfläche nicht gemessen
werden kann und damit auch eine exakte Aufteilung des Widerstandes auf beiden
Phasen aus Messwerten nicht möglich ist.
4 Anwendung der Stoffaustauschsmodellierung 40
Gasphase Flüssigphase
(
n& A = cV ⋅ β V ⋅ y *A − y A, Ph , ) (
n& A = c L ⋅ β L ⋅ x A, Ph − x *A ,) (4.4)
n& A
cV ⋅ β V
(
= y *A − y A, Ph . ) n& A
cL ⋅ β L
(
= x A, Ph − x *A . ) (4.5)
Durch multiplizieren der Gleichung (4.5) für die Flüssigphase mit K (Gleichgewichts-
konstante) folgt:
n& A ⋅ K
cL ⋅ β L
( )
= K ⋅ x A, Ph − K ⋅ x *A mit y A, Ph = K ⋅ x A, Ph . (4.6)
Addiert man die Gleichung (4.6) und (4.5) für die Gasphase, so ergibt sich die fol-
gende Gleichung:
1 K
n& A + = y A − K ⋅ x A . (4.7)
cV ⋅ β V c L ⋅ β L
Bei der Betrachtung eines Einseitigenwiderstandes folgt:
1
n& A ⋅ = yA − K ⋅ xA .
cV ⋅ β V ,OV
Das Ersetzen der Konzentrationsdifferenzen in der Gleichung (4.3) durch die ent-
( )
sprechenden Differenzen y A,Ph − y A* und x A* − x A,Ph ergibt Gleichung (4.8): ( )
ρ ρ
( )
n& A = β V ⋅ ~V ⋅ K ⋅ x *A − x A, Ph = β L ⋅ ~L ⋅ K ⋅ y A, Ph − y *A . ( ) (4.8)
MV ML
Addiert man für beide Phasen die obengenannten Differenzen (y A,Ph − y A* ) und
(x *
A )
− x A,Ph , so ergeben sich die Gleichungen (4.9) und (4.10):
~ ~
ρ 1
(y −y *
) = n& A ⋅
MV
⋅
1 M
⋅ K ⋅ ~L ⋅ V + , (4.9)
ρV β L MV ρ L βV
A A
~ 1 1 M~
ρ 1
(x *
A − xA ) = nA ⋅
& ML
⋅ ⋅ ⋅ ~V ⋅ L +
ρL βV K ML ρV βV
. (4.10)
4 Anwendung der Stoffaustauschsmodellierung 41
~
dcV , A ML ρV
K cc = =K⋅ ~ ⋅ , (4.11)
dcL, A MV ρL
1 1 K cc 1 K cc ⋅ βV
= + = 1 + , (4.12)
βOV βV βL βV βL
1 1 1 1 βL
= + = 1 + . (4.13)
βOL K cc ⋅ βV β L β L K cc ⋅ βV
Die Verknüpfung der Gleichungen (4.12) und (4.13) mit den Gleichungen (4.9) und
(4.10) sowie das Ersetzen der Molenstromdichte n& A durch (4.3) und differentiell klei-
nen Phasengrenzfläche dAI liefert dann die Gleichungen (4.14) und (4.15) für die
Bestimmung der Höhe einer Stoffaustauschkolonne:
~ y A ,a
V& ⋅ M V
HK
dy ,
H K = ∫ dz = ⋅ ∫ (4.14)
0
β ⋅
1OV4 4
a ⋅ ρ
4Ph2 4V44
⋅ A y
3K y A ,e 142A − y
43
*
A ( )
HTU OV NTU OV
~ x A ,a
L& ⋅ M L
HK
dx .
H K = ∫ dz = ⋅ ∫ (4.15)
0 14 424 43 1424 3
(
β OL ⋅ aPh ⋅ ρ L ⋅ AK x A ,e x A − x A
*
)
HTU OL NTU OL
Man bezeichnet den Ausdruck vor dem Integral als Höhe einer Übertragungseinheit
und den Integralausdruck als Anzahl der Übertragungseinheit. Die Abkürzung wurde
1939 von Colburn (Colburn 1939) in Anlehnung an den englischen Sprachgebrauch
mit „Height of a Transfer Unit“ und „Number of Transfer Unit“ bezeichnet.
Der Index „OV“ deutet darauf hin, dass der Gesamtstoffdurchgangswiderstand be-
rücksichtigt wird, der auf die Gasphase bezogen ist.
4 Anwendung der Stoffaustauschsmodellierung 42
Die HTUOV und HTUOL lassen sich nun auch, wie in den Gleichungen (4.11), (4.12)
und (4.13), die Stoffübergangskoeffizienten zu den Stoffdurchgangskoeffizienten zu-
sammengesetzt wurden, aus den HTUV– und HTUL– Größen zusammenfassen. Aus
einer Erweiterung der Gleichung (4.12) mit der auf die Phasengrenzfläche bezoge-
nen Gasgeschwindigkeit uV/aPh bzw. der Gleichung (4.13) mit der auf aPh bezogenen
Flüssigkeitsbelastung uL/aPh resultieren die Gleichungen (4.16) und (4.17):
1
HTU OL = HTU L + ⋅ HTU V , (4.17)
λ
K
λ= & , (4.18)
L
V&
He A dy A
K= = . (4.19)
P dx A
Der Faktor λ wird als Strippingfaktor bezeichnet und setzt über die Gleichung (4.18)
die Steigung der Gleichgewichtskurve K in [kmol/kmol], Gleichung (4.19), ins Ver-
hältnis mit der Steigung der Betriebslinie L& / V& .
Chilton und Colburn haben bereits 1934 angeführt, dass die NTU-Bestimmung gra-
fisch erfolgen kann. Die Auswertung des Integrals ist oft nur numerisch möglich, da
der Molanteil y *A meistens eine komplizierte Funktion des Molanteils xA der Flüssig-
keit ist und damit über die Bilanzgleichung eines Absorbers noch vom Molanteil yA
abhängt.
Wenn die Gleichgewichts- bzw. Arbeitslinien als Geraden oder leicht gekrümmt im x-
y-Konzentrationsdiagramm verlaufen, dann bietet sich die oben genannte numeri-
sche Lösung an, welche nun kurz erläutet werden soll, da sie den in dieser Arbeit
verwendeten Rechenalgorithmus darstellt. Dieses Berechnungsverfahren kann auch
bei stärker gekrümmt verlaufenden Gleichgewichtskurven angewendet werden, wenn
diese in differentiell kleine Anschnitte unterteilt werden.
4 Anwendung der Stoffaustauschsmodellierung 43
Zur Bestimmung der Anzahl der Stoffdurchgangseinheiten NTUOV wird von der Lage
der Gleichgewichts- und Arbeitsgerade, die abhängig von der geforderten Produkt-
reinheit ist, ausgegangen. Diese Bedingungen werden im x-y-Diagramm durch ent-
sprechende Konzentrationseckdaten (Abbildung 4.2) angegeben. In Bezug auf die
Abbildung 4.2a lässt sich z.B. die treibende Konzentrationsdifferenz am Kopf der Ko-
lonne (Index a) durch die Gleichung (4.20) mit ∆yA,a beschreiben:
∆y A,a = y A,a − y A* ,a mit y A* ,a = K ⋅ x A,a .
(4.20)
Hierin stellt y A,a die Gaskonzentration in der Kernströmung dar. Für die Berechnung
des NTUOV- Wertes kann die Konzentration y A* ,a mit der Steigung der Gleichge-
y A, e − y A, a ∆y
NTUOV = ⋅ ln A,e . (4.22)
∆y A,e − ∆y A,a ∆y A,a
Die Stoffdurchgangsgrößen HTUOV, HTUOL, NTUOV, NTUOL stimmen nur dann mit
den Stoffübergangsgrößen HTUV, HTUL, NTUV, NTUL überein, wenn der Stofftrans-
port lediglich von einem einseitigen Widerstand bestimmt wird (Abbildung 4.2 a,c).
Für das System Kohlendioxid-Wasser-Luft mit einer extrem hohen Steigung der
Gleichgewichtskurve von K = 1431 bei 20°C trifft dies z.B. zu (siehe Abschnitt 3.1).
Die Berechnung der Anzahl der Stoffüber- bzw. -durchgangseinheiten NTU verein-
facht sich erheblich durch die Gleichung (4.26):
x A, a für K → ∞ .
NTU L = NTU OL = ln (4.26)
x A,e
Für die Ermittlung des NTUOV- bzw. NTUV- Wertes gilt bei extrem niedrigen Steigung
der Gleichgewichtkurve Gleichung (4.27):
y A,e für K → 0 .
NTU V = NTU OV = ln (4.27)
y A, a
Das Konzept des HTU-NTU-Modells wird hauptsächlich in der Auslegung von Ab-
sorptions- und Desorptionskolonnen eingesetzt. Explizite Lösungen des NTU-
Integrals für diese Fälle sind in der Literatur (z.B. Mersmann 1980) zu finden.
4.2 HETP-Konzept
In der Literatur ist noch ein anderes Konzept zu diesem Thema bekannt, das sog.
Konzept der Gleichgewichtsstufen.
Bei der Bewertung nach diesem Konzept liegt die thermodynamische Berechnung
der Anzahl von notwendigen Gleichgewichtseinstellungen für eine Trennaufgabe zu
Grunde. Für die Ausführung dieser Vorgabe aus der thermodynamischen Berech-
nung in einem realen Apparat muss eine Übertragung in eine reale Packungshöhe
erfolgen. Dies geschieht mit dem sog. HETP-Wert (Height Equivalent to a Theoretical
Plate) einer Packung:
HK = nth ⋅ HETP .
(4.28)
4 Anwendung der Stoffaustauschsmodellierung 45
Die Umrechnung eines HTU-Werts in einen HETP-Wert ist mit Gleichung (4.29) mög-
lich:
ln λ
HETP = ⋅ HTU OV . (4.29)
λ −1
λ kann für linealisierbare Verläufe der Gleichgewichtskurve explizit angegeben wer-
den. Die Parallelität von Gleichgewichtskurve und Arbeitslinie (d.h. lnλ/(λ-1)=1) ent-
spricht der Höhe einer Trennstufe der einer Übergangseinheit (HETP = HTUOV).
Falls die Gleichgewichtskurve nicht linear ist, lässt sich das HTU-NTU-Modell und
das HETP-Modell teilweise durch partielle Linealisierung lösen.
4 Anwendung der Stoffaustauschsmodellierung 46
Bei den bisher aufgezeigten Methoden für die Absorption/Desorption erfolgt die Aus-
legung gemäß Abbildung 4.3. grafisch bei der Vorgabe von xA und yA und die Ermitt-
lung der Zahl der Trennstufen.
Mit dieser Definition sind einige Vor- und Nachteile verbunden. Betrachtet man die
Segmentzahlen für die Auswertung, so wird es als Nachteil angesehen, dass die vor-
gegebene Zahl nicht für eine bestimmte Stoffreinheit reicht und sie nicht bekannt ge-
geben werden können. Eine weitere Nachteil der rigorose Auslegung ist, dass für
Einstellung der gewünschten Austrittskonzentrationen für Gas- oder Flüssigphase
nur durch die Änderung der Höhe der wirksame Packung des Apparates erreicht
werden kann. In der Praxis ist es üblich ein Mehrkomponentensystem zu betrachten,
in dem die Komponenten nach verschiedenen Kriterien (z.B. physikalische Eigen-
schaften usw.) gruppiert sind und die Zahl der Gruppen auf maximal 15 reduziert ist
(Röhm 2004). Die Verwendung eines vernünftigen Thermodynamikmodells ist Vor-
aussetzung für Simulation. Nicht unberücksichtigt bleibt als Vorteil die Möglichkeit,
die Ergebnisse der Strom-, Temperatur- und Konzentrationsprofile über die gesamte
Kolonnenhöhe darzustellen.
5 Experimentelle Untersuchungen 47
5 Experimentelle Untersuchungen
Eine möglichst breite und verlässliche Datenbasis ist die Grundlage für eine fundierte
Modellbildung. Um eine solche umfangsreiche Datenbasis aufzubauen, muss man
sowohl auf eigene Messdaten, als auch auf Daten aus der Literatur, von Packungs-
herstellern und von anderen Experimentatoren zurückgreifen. Bei der Analyse dieser
Daten können Unstimmigkeiten und Widersprüche auftreten. Daher ist es notwendig,
diese Daten kritisch zu hinterfragen (z.B. steht ausreichend Information über die Gü-
te der Flüssigkeitsverteilung oder über die eingesetzte Messtechnik zur Verfügung).
Gegebenenfalls muss eine Überprüfung durch eigene experimentelle Arbeiten erfol-
gen. Trotz der damit verbundenen Probleme im Hinblick auf Zeit- und Kosten, kann
auf diese Daten nicht verzichtet werde.
5.1 Versuchsaufbau
Das Gas durchströmt anschließend unter Druckverlust die Kolonnenfüllung und ver-
lässt schließlich über einen weiteren Flüssigkeitsabscheider (T2) die Anlage. Der
Gasvolumenstrom kann über eine Drosselklappe (S) am Ventilator bis zu einem Ma-
ximalwert von 800 m³/h stufenlos geregelt werden. Das flüssige Medium (z.B. Was-
ser) wird aus dem Speicherbehälter (B2) durch eine Kreiselpumpe (P1) entnommen
und gelangt über einen Rotameter (Schwebekörper-Durchflussmesser) zum Kopf der
Kolonne (K1). Mit Hilfe eines Rohrverteilers, der einen Abstand von etwa 100 mm zu
der Schüttungsoberfläche hat, wird die Flüssigkeit über 490 Ablaufstellen pro m² Ko-
lonnenquerschnittsfläche auf die Schüttung gleichmäßig verteilt. Sie rieselt dann in
Form eines dünnen Filmes abwärts über die Kolonneneinbauten, entgegen der auf-
wärtsgerichteten Gasströmung. Im Sumpf der Kolonne K1 wird die Flüssigkeit aufge-
fangen und mittels einer Kreiselpumpe P2 durch einen Ablauf-Rotameter einem Auf-
fangbehälter B1 zugeführt.
Die Flüssigkeitszu- und abfuhr kann über Ventile in einem Belastungsbereich von
0.1- 2.5 m³/h eingestellt werden. Meistens gehen die Auslegungsmodelle von idea-
len Bedingungen, das heißt von gleichmäßiger Phasenverteilung aus, was sich tech-
nisch leicht nur im Labormaßstab realisieren lässt. Die messtechnische Messung der
Verteilung, sowohl der flüssigen, als auch der Gasphase im Innern einer Schüttung,
ist äußerst problematisch, wenn dabei nicht wesentliche Betriebscharakteristika der
Einbauten verändert werden sollen. Die bisher veröffentlichen Messungen zur Un-
gleichverteilung der Flüssigkeit, auch Maldistributon genannt, beziehen sich auf nur
wenige Kolonneneinbauten und sind auf aktuelle Füllkörperformen nicht ohne weite-
res übertragbar. Ausgehend von den Ergebnissen einer Dissertation (Chromik 1990)
wird für die optimale Flüssigkeitsverteilung ein Verteiler mit 490 l/m² ausgewählt.
5 Experimentelle Untersuchungen 49
Abbildung 5.1: Prinzipskizze der Versuchsanlage für die Untersuchung zur Hydraulik und zum Stoffaustausch; B1-B3 = Behälter, FI1-FI3 = Durch-
flussmesser G = Gebläse, K1 = Füllkörperkolonne, K2 = Befeuchtungskolonne, M1-M2 = Mischer, P1-P3 = Kreiselpumpen, S = Dros-
selklappe, T1-T2 = Tropfenabscheider, V1-V2 = Ventile für Eingang und Ausgang
5 Experimentelle Untersuchungen 50
5.2 Messdatenerfassung
In Abbildung 5.1 erkennt man neben den im Abschnitt 5.1 beschriebenen Komponen-
ten verschiedene Mess-Einrichtungen (siehe Abkürzungsverzeichnis). Die Druckab-
nahme-Stellen werden durch das Symbol (PDI) gekennzeichnet. Für die fluiddynami-
sche Bewertung der Kolonneneinbauten werden die Druckdifferenz zwischen Kolon-
nensumpf und -kopf (PDI 1), bzw. Kolonnenmitte und – kopf (PDI 2) sowie zwischen
Kolonnenkopf und Umgebung (PDI 3) gemessen. Für die Messung der Drücke wer-
den U-Rohr- Manometer eingesetzt, welche mit einer Genauigkeit von ± 0,5 mm WS
die entsprechenden Daten wiedergeben. Bei Druckdifferenzen, die am U-Rohr-
Manometer unterhalb von 162 mm WS sind, werden die Drücke auf ein Schrägrohr-
manometer geleitet, um höhere Ablesegenauigkeiten zu erzielen. Für die Berech-
nung des Gasvolumenstromes ist sowohl der Differenzdruck an der Blende (FI3) als
auch der Druckunterschied zum Umgebungsdruck aufzunehmen. Zur Überprüfung
der Luftfeuchte sind vor und nach der Füllkörperkolonne (K1) Feuchte-Messsonden
Hygrotest 600 der Firma TESTO AG (MI1 und MI2) installiert. Um die Temperaturver-
läufe während des Untersuchungszyklus zu bestimmen, werden Nickel-Chrom-Nickel
Thermoelemente, die an den mit (TI) gekennzeichneten Stellen aufgebracht sind und
über eine Genauigkeit von ± 0,1 °C verfügen, verwendet.
Außer den Konzentrationen in der Flüssigphase lassen sich alle Messwerte direkt mit
dem System IMPVIEW 3595 74A der Firma Solatron auslesen. Mit Hilfe dieses
Computersystems lassen sich die benötigten Informationen in definierten Zeitinterval-
len messen. Die oben genannten labortechnischen Einrichtungen ermöglichen es,
Stoffaustauschuntersuchungen mit dem System Ammoniak-Luft-Wasser und Koh-
lendioxid-Wasser/Luft durchzuführen. Für die Messungen mit Ammoniak wird dieser
aus einer Gasflasche über ein Zugabe-Rotameter und einen Mischer M2 vor der Ab-
sorptionskolonne dem Luftstrom konstant zudosiert. Bei der Desorptionsmessung
wird die Kohlendioxid-Sättigung der Flüssigkeit im Behälter B1 vor Beginn der Unter-
suchung erhöht.
5 Experimentelle Untersuchungen 51
6 Auswertungsmodelle
Der Stofftransport zwischen einem gasförmigen und flüssigen Fluid wird nicht nur
von dem Diffusionsverhalten der übergehenden Komponente innerhalb der Phasen
bestimmt, sondern wird zugleich von der für den Stoffaustausch zur Verfügung ste-
henden Kontaktoberfläche beeinflusst. Diese Oberfläche wird entscheidend von dem
fluiddynamischen Verhalten der Phasen in einer Zweiphasen-Gegenstromkolonne
geprägt.
Diese Charakteristik legt nahe, alle Kolonnen im Bereich oberhalb der Staugrenze zu
betreiben. In der Praxis ist dies jedoch normalerweise nicht sinnvoll, da die Gefahr,
durch Lastschwankungen oder Druckstöße in den kritischen Bereich des Flutens zu
kommen, zu groß ist. Vielmehr ist der Bereich um die Staugrenze der für die Ausle-
gung interessierende Bereich. Modelle zum Stoffübergang sollten in der Lage sein,
diesen Bereich und den Effekt der Trennleistungsverbesserung wiederzugeben.
6 Stoffübergangsmodelle 53
Leider ist diese Forderung nur von wenigen Modellansätzen erfüllt. Unter der Vor-
aussetzung, dass ein Flüssigkeitsaustausch nur an den Kontaktstellen zwischen
Füllkörper und Kolonnenwand möglich ist, wurde ein Berechnungsansatz aufgestellt,
der mit einem kombinierten Absorptions-Desorptionsprozess verglichen werden kann
(siehe Dutkai, Ruckenstein 1968; Onda, Takeuchi, Maeda 1973; Shi, Mersmann
1984 und Billet, Schultes 1987). Bei der Betrachtung solcher Annahmen zeigen ent-
sprechende Messungen, dass Packungskolonnen im Industriemaßstab annähernd
rückvermischungsfrei sind (Froment et al. 1994; Elnashaie, Elshishini 1993). In klei-
neren Laborapparaten (Abbildung 5.1.) treten infolge von Wandeffekten bzw. Un-
gleichverteilungen der Flüssigkeit (Randgängigkeit, Bachbildung) Dispersionseffekte
auf. In diesen Fällen sind sowohl die flüssige als auch die gasförmige Phase hiervon
betroffen, wobei die gasseitigen Effekte i.A. ohne Bedeutung sind. Diese Effekte
werden durch eine schlechte Ausgangs-Flüssigkeitsverteilung über der Packung,
durch unregelmäßige Schüttdichten innerhalb der Packung oder durch eine Schief-
stellung der Kolonne verursacht. Da Laborapparate üblicherweise zur Maßstabsüber-
tragung herangezogen werden, müssen die dort festgestellten Dispersionseffekte
berücksichtigt werden. Experimentelle Ergebnisse sind beispielweise bei Stiegel und
Shah 1977; van Gelder und Westerterp 1990 zu finden. Die Abbildung 6.2 veran-
schaulicht die Filmströmung und übertretende Effekten aufgrund der Abbremsung
des Filmes. Bei dem Übertritt erfolgt eine Energieumwandlung in Turbulenz, welche
die gesamte Flüssigkeitsschicht erfasst und durchmischt.
Deshalb wird die Filmströmung von Zeit zu Zeit durch ihr Auftreffen auf neue Füllkör-
per oder Kreuzungsstellen in ihrem Strömungsverhalten gestört. Die Flüssigkeit kann
sich aber auch als Rinnsal oder in Form von Tropfen über die Füllkörperoberfläche
bewegen. Welche Strömungsform an einer bestimmten Stelle der Schüttung zu ei-
nem bestimmten Zeitpunkt vorliegt, ist nicht vorhersehbar.
Für den flüssigkeitsseitigen Stofftransport ist die Kontaktlänge l t zwischen den Tur-
Hierbei ist c(x,y,z,t) die vom Raum (x,y,z) und die Zeit t abhängige Konzentration, D-
eine charakteristische, temperaturabhängige Stoffkonstante, der Diffusionskoeffi-
zient. Die Gleichung (6.1) ist zunächst nur für ruhende Medien gültig, da bei solchen
Phasen die Geschwindigkeit des Stofftransportes kurz nach Absorptionsbeginn rasch
auf niedere Werte absinkt.
2 DL (6.2)
βL = ⋅
π t
Die Kontaktzeit ist gemäß der Gleichung (6.3) eine Funktion des Flüssigkeitsinhaltes
hL (siehe Gleichung (6.4)), der Kontaktlänge l t und der spezifischen Flüssigkeitsbe-
VL (6.4)
hL =
VK
L& (6.5)
uL = .
AK
Die messtechnische Erfassung des Wertes hL in der Schüttung erfolgte durch gleich-
zeitiges Schließen des Zu- und Ablaufventils der Flüssigkeit bei unterbrochener Gas-
zufuhr, nachdem der Flüssigkeitsstand im Sumpf durch einen Schrägrohr gemessen
worden ist. Das Volumen VL konnte mit einer Genauigkeit von ±5 % ausgelitert wer-
den. Die Ermittlung der auf den freien Kolonnenquerschnitt bezogenen Flüssigkeits-
belastung erfolgte über den Volumenstrom L.
Dieser Ansatz zur Beschreibung der Kontaktlänge (6.3) führt bei Einführung des von
Billet 1987 physikalisch begründetet Flüssigkeitsinhaltes hL gemäß Gleichung (6.6),
zu den nachfolgenden, erstmals von Billet 1983 aufgezeigten, theoretischen Zusam-
menhängen:
1
1 η 3 (6.6)
hL = 12 ⋅ ⋅ L ⋅ uL ⋅ a 2 .
g ρL
Die Beschreibung des Flüssigkeitsinhaltes in einer berieselten Füllkörperkolonne ge-
lang Billet unter der Annahme, dass das freie Lückenvolumen der Einbauten einer
Vielzahl von senkrechten Strömungskanälen gleichwertig ist. Unter dieser Behaup-
tung lässt sich der dynamische Flüssigkeitsinhalt bis zur Staugrenze durch die Glei-
chung (6.6) darstellen, in der die dynamische Viskosität und die Dichte der Flüssig-
keitsphase mit ηL und ρL bezeichnet werden und g = 9.81 m/s die Erdbeschleunigung
bedeutet. Der Flüssigkeitsinhalt geht allerdings in den Stoffübergangskoeffizienten
und nicht in die Stoffaustauschfläche ein. Hierbei ist mit a die trockene spezifische
Füllkörperoberfläche bezeichnet.
6 Stoffübergangsmodelle 56
Kombiniert man die Gleichungen (6.2), (6.3) und (6.6) und führt eine experimentell zu
bestimmende formspezifische Füllkörperkonstante CL ein, dann führt es zu der Glei-
chung (6.7), welche den volumetrischen Stoffübergangskoeffizienten der flüssigen
Phase β L ⋅ aPh beschreibt:
1 1
g 6 D 2 2 1
a (6.7)
β L ⋅ aPh = CL ⋅ ⋅ L ⋅ (a )3 ⋅ (uL )3 ⋅ Ph .
ν L lt a
Diese Beziehung lässt sich auch durch die Höhe einer Stoffübergangseinheit HTUL
ausdrücken (Billet 1983):
1 1 2
1 ν 6 l 2 u 3 a (6.8)
HTUL = ⋅ L ⋅ t ⋅ L ⋅ .
CL g D
L a a
Ph
Für die Ermittlung der Austauschfläche gibt es diverse Verfahren, die eine verbesser-
te (isolierte) Modellierung der Terme des Stoffaustausches ermöglichen, die aber
nicht ohne Beeinflussung des Stoffübergangs erfasst werden können.
Aus den Gleichungen (6.7) und (6.8) erkennt man, dass bei bekanntem Phasen-
grenzflächen-Verhältnis aPh/a eine füllkörperspezifische Formkonstante CL, welche
experimentell bestimmt wird, zur Vorausberechnung der β L ⋅ aPh bzw. HTUL
übrigbleibt. Ihre Bedeutung wird später eingehend diskutiert.
Bei der Strömung eines Gases oder Dampfgemisches durch eine Füllkörperkolonne
wird dieses aufgrund der zufälligen Füllkörperausrichtung ständigen Richtungswech-
seln unterworfen. Solche Umlenkungen der Strömung sind auch an den geometrisch
regelmäßigen Kreuzungsstellen bei geordneten Füllkörpern anzutreffen. Die Folge
daraus sind Störungen des Aufbaus eines Geschwindigkeitsprofils an den Kontakt-
stellen der Füllkörper und Verhinderung eines konstanten Konzentrationsgefälles in
der grenzflächennahen Schicht. Die abrupten Richtungsänderungen transportieren
die Verwirbelungen der Gaskernströmung bis in die Randschichten und führen zu
einer vollständigen Vermischung der Gasphase.
6 Stoffübergangsmodelle 57
Betrachtet man den gasseitigen Stofftransport in der unmittelbaren Nähe zur Pha-
sengrenzfläche als eine begrenzte laminar strömende Unterschicht, dann kann für
den gasseitigen Stoffübergang die Differentialgleichung (6.1) für instationäre Diffusi-
on als Berechnungsgrundlage vorausgesetzt werden. Die Lösung dieser Gleichung
wurde in dem Abschnitt 3.4.2 durch die Gleichung (3.66) angegeben und bereits zur
Modellierung des Stoffübergangs in der flüssigen Phase von Billet, Schultes 1988
benutzt. Analog zu den Stoffübergangskoeffizienten βL folgt für den Stoffübergangs-
koeffizienten βV die Gleichung (6.9), womit DV für Diffusionskoeffizienten der überge-
henden Komponente in der Gasphase und t für Kontaktzeit steht (Billet, Schultes
1988):
2 DV (6.9)
βV = ⋅ .
π t
Der Zusammenhang der Gleichung (6.10) verknüpft die theoretische Kontaktzeit t mit
der Kontaktlänge lt , mit dem relativen freien Lückenvolumen ε (6.11), mit dem Flüs-
sigkeitsinhalt hL und mit der auf den freien Kolonnenquerschnitt bezogenen Gasge-
schwindigkeit uV (6.14) (vgl. (6.5) und (6.6)):
1
t = (ε − hL ) ⋅ lt ⋅ , (6.10)
uV
VK − VFK N
ε= = 1 − (1 − ε 0 ) ⋅ , (6.11)
VK N0
NFK (6.12)
N= ,
VK
π ⋅d2 (6.13)
VK = ⋅H ,
4
V& (6.14)
uV = .
AK
6 Stoffübergangsmodelle 58
Hierbei ist N die auf eine Volumeneinheit entfallende Stückzahl, die mit Hilfe des Ko-
lonnenvolumens VK nach Gleichung (6.13) berechnet werden kann. Mit NFK ist die
Anzahl der Füllkörper gekennzeichnet, welche die Kolonne dem Durchmesser dK bis
zur Höhe H ausfüllen. Die Stückzahlen N0 sind meistens vom Füllkörperhersteller
angegebenen. Das gleiche gilt für die trockene spezifische Füllkörperoberfläche a0
und das relative freie Lückenvolumen ε0. Mit diesen Kenngrößen können sowohl das
freie Lückenvolumen ε als auch die spezifische Füllkörperoberfläche a (6.15) ermittelt
werden. Mit AFk ist die Oberfläche der Füllkörper bezeichnet:
AFK N (6.15)
a= = a0 ⋅ .
VK N0
2 DV ⋅ uV a (6.16)
βV ⋅ aPh = ⋅ ⋅ Ph ⋅ a .
π l t ⋅ (ε − hL ) a
Die Auswertungen der β[Link]-Werte zeigten (Schultes 1990), dass der Einfluss der
Gasströmung mit der Gas-Reynolds-Zahl (Gleichung (6.17)) und derjenige der Stoff-
übergang mit der Schmidt-Zahl (Gleichung (6.18)) am besten erfasst werden kann:
uV (6.17)
ReV = ,
a ⋅νV
νV (6.18)
ScV = .
DV
Daher wird die Gleichung (6.16) in die Form der Gleichung (6.19) gebracht (Billet,
Schultes 1999), welche in die Gleichung (6.20) übergeht, wenn die Höhe einer Stoff-
übergangseinheit HTUV berechnet wird:
3 1
1 a3 a (6.19)
βV ⋅ aPh = CV ⋅ ⋅ ⋅ DV ⋅ Ph ⋅ ReV4 ⋅ ScV3 ,
(ε − hL ) d h a
1 d h uV a 1 1
HTUV = ⋅ (ε − hL ) ⋅ 3
⋅ ⋅ ⋅ 3
⋅ 1
. (6.20)
CV a DV aPh
ReV4 ScV3
Abbildung 6.3 zeigt die experimentell ermittelte Abhängigkeit des volumetrischen
Stoffübergangskoeffizienten von der Gasgeschwindigkeit uV.
6 Stoffübergangsmodelle 59
Analog zu dem Stoffübergangskoeffizienten βL, der durch Gleichung (6.7) und (6.8)
berechnet wird, muss für die Beschreibung von βV ⋅ aPh eine experimentell zu be-
stimmende füllkörperspezifische Formkonstante CV bekannt sein. Auf die Bedeutung
der Formkonstanten für die Modellierung wird ausführlich an späterer Stelle einge-
gangen.
6.1.3 Phasengrenzfläche
Die Stoffübergangsleistung einer Packung bzw. Füllkörper wird beeinflusst von der
zur Verfügung stehenden Phasengrenzfläche zwischen Flüssigkeit und Gas, den
Stoffübergangskoeffizienten und von den Effekten der Rückmischung und Maldistri-
bution. Die einzelnen Effekte können nicht isoliert messtechnisch erfasst werden,
deshalb werden die Einzelphänomene in den veröffentlichten Modellen mehr oder
weniger fundiert getrennt. Eine Bestimmung der Phasengrenzfläche aPh unterhalb
des Staupunktes wurde in der Arbeit von Schultes 1990 zum Ausdruck gebracht und
auf die über die Gleichungen (6.21) und (6.22) berechneten Stoffübergangskoeffi-
zienten bezogen:
6 Stoffübergangsmodelle 60
a Ph (β L ⋅ a Ph )exp (6.22)
=
a (β L ⋅ a Ph )ber.; aPh =1
a
Nach Angaben des Autors ergeben sich für die berechneten volumetrischen Stoff-
übergangskoeffizienten nach Gleichung (6.7) und (6.19) dann minimale mittlere rela-
tive Abweichungen von 7.4% für β[Link] und 9.5% für β[Link] zu den experimentellen
Daten, wenn das Oberflächenverhältnis aP/a durch die Gleichung (6.23) beschrieben
wird:
−0.2 0.75 −0.45
aPh − 0. 5 u ⋅ d u2 ⋅ ρ ⋅ d u2 (6.23)
= 1.5 ⋅ (a ⋅ d h ) ⋅ L h ⋅ L L h ⋅ L
a νL σL g ⋅ dh
ε (6.24)
lt = dh = 4 ⋅ .
a
Der Druckverlust in einer Kolonne ist maßgeblich davon abhängig, wie viel Flüssig-
keit sich in den Kolonneneinbauten befindet, da diese die Strömungskanäle für die
Gasphase verengt. Der Flüssigkeitsinhalt hL wurde im Abschnitt 6.1.1 durch die Glei-
chung (6.6) beschrieben. Die Abbildung 6.4 stellt eine qualitative Abhängigkeit des
Druckverlustes von der Gasgeschwindigkeit bzw. dem Dampfbelastungsfaktor dar.
β L = 0.0051 ⋅ Re − 0.5 p
Onda et al. 1968
0.667
L ⋅ Sc L ⋅ 0.333
ρL
ηL ⋅ g
Bravo, Rocha und Fair 0.5
DL ⋅ u L ,eff
1986 β L = 2 ⋅
π ⋅S
Rocha, Bravo und Fair D ⋅ 0 . 9 ⋅ u L , eff
0 .5
β = 2 ⋅
L
π ⋅S
L
1996
6 ⋅ (1 − ε ) ⋅ µ L ⋅ u l ⋅ ρ L
0.45 0.5
µL DL ⋅ a P
β L = 25.2 ⋅ ⋅ ⋅
6 ⋅ (1 − ε )
Shulman et al. 1955
aP DL ⋅ ρ L
2 1
u ⋅ρ 3 µL 3 ρ2 ⋅g
van Krevelen 1942 β L = 0.015 ⋅ l L ⋅ ⋅ L 2 ⋅ DL
µ L ⋅ aP DL ⋅ ρ L µL
Wagner,Stichlmair,Fair 0 .5
4 ⋅ φ L ⋅ DL ⋅ u L
1997 β L =
π ⋅h⋅χ
Zech 1987 − 0.15
1
d ⋅ρ ⋅g d ⋅ u ⋅ g 6 6 ⋅ DL
βL = C ⋅ n L ⋅ n L ⋅
σ 3 π ⋅ da
6 Stoffübergangsmodelle 63
ηV ⋅ a DV ⋅ ρ V
p V
DV
β V = 0.0338 ⋅ ReV0.8 ⋅ ScV0.333 ⋅
Bravo, Rocha und Fair 1986 d eq
(u L ,eff + uV ,eff ) ⋅ ρV ⋅ S
0.8 0.333
0.054 ⋅ DV ηV
Rocha, Bravo und Fair 1996 βV = ⋅ ⋅
S ηV DV ⋅ ρ V
DV ⋅ aPh
βVI = 0.407 ⋅ ReV0.655 ⋅ ScV0.333 ⋅
4 ⋅ε
DV
Reichelt 1974
βVII = 0.86 ⋅ ReV0.59 ⋅ ScV0.333 ⋅
dn
0.084
D ⋅a h
β V
III
= 1.23 ⋅ Re 0.514
V ⋅ Sc 0.333
V ⋅ V ⋅
4 dn
2
1 3
Shulman und de Gouff 1946 β V = 0 . 0137 ⋅ (u V ⋅ ρ V ) 0 . 65
⋅
Sc V
0.8
DV u ⋅ρ 1
1948 p V
1
ε + 0.012 (1 − ε ) ⋅ DV2 ⋅ uV2 ⋅ ρ V 3
Zech und Mersmann 1979 βV = C ⋅ ⋅
ε µV ⋅ d n
7.1 ABSODESO
Ziel des lehrstuhleigenen Programms ABSODESO ist es, die Auswertung von expe-
rimentell gewonnenen Daten für Hydraulik und Trennwirkung von Füllkörpern und
Packungen auf relativ einfache Art und Weise zu nutzen, um eine Aussage über die
Anzahl und Höhe der theoretischen Trennstufen in einer Packungs- bzw. Füllkörper-
kolonne zu machen. Außerdem werden die füllkörperspezifischen Formkonstanten
berechnet. Auf ihre Bedeutung soll an späterer Stelle noch ausführlicher eingegan-
gen werden. Diese Daten sollen im Zuge allgemeiner Auslegung benutzt werden.
Hierzu sollen, wie es schon im Abschnitt 6.2. erwähnt wurde, einige Parameter vor-
gegeben werden.
Nachdem das Programm die Daten aus der Eingabedatei eingelesen hat, werden
diese sofort wieder in die Ausgabedatei geschrieben. Die Ausgabedatei enthält die
vorgegebene und abgeleitete Größen und die zugehörigen Parameter als detailiertes
Protokoll und graphische Darstellung. Die benutzten Daten werden in SI-Einheiten
eingegeben und nur- falls notwendig- vom Programm selbst umgerechnet.
Durch eine weitere Umrechnung (siehe Gleichung (4.29)) kann schließlich die ge-
wünschte Höhe einer Trennstufe HETP bestimmt werden.
7 Diskussion 66
Aus dem vereinfachten Ablaufschema des Programms erkennt man, dass das HTU-
NTU-Konzept eine Verknüpfung der Einzelwiderstände über die Gleichgewichtslinie
zum Gesamtwiderstand darstellt (siehe Gleichungen (4.12) und (4.13)).
Im modifizierten Programm wird wie bisher als erste Näherung der volumetrische
Stoffübergangskoeffizient der Gasphase β[Link] des Systems CO2-Wasser-Luft mit
Unendlich eingesetzt, wobei der zweite Term der Gleichung (7.1) keinen Einfluss hat
und der volumetrische Stoffübergangskoeffizient in der Flüssigkeitsphase β[Link] wird
durch die Gleichung (7.2) ausgedrückt:
uL 1 L& uV (7.1)
HTU OL = + ⋅ ⋅ ,
β L ⋅ a Ph K V& β V ⋅ a Ph
uL
β L ⋅ a Ph = = C L ⋅ f (Re L , Sc L ) . (7.2)
HTU OL
Aus den Messungen und unter Berücksichtigung der Gleichung (7.2) wird für jeden
Messpunkt die füllkörperspezifische Konstante CL extrahiert und danach ein mittlerer
Wert berechnet. Als zweiter Berechnungsschritt wird der volumetrische Stoffüber-
gangskoeffizient der Gasphase β[Link] des Systems Ammoniak-Luft-Wasser durch die
Gleichung (7.3) berechnet, wobei β[Link] aus Desorptionsmessungen bekannt ist:
uV V& uL
β V ⋅ a Ph = + K ⋅ ⋅ = CV ⋅ f (Re V , ScV ) . (7.3)
HTU OV L β L ⋅ a Ph
&
Die füllkörperspezifische Formkonstante CV wird dabei als mittlerer Wert aller Mess-
punkte errechnet.
Im modifizierten Programm werden die experimentell gewonnenen Daten aus der
CO2-Desorption und NH3-Absorption simultan zur Gewinnung eines zur Beschrei-
bung beider Transportmechanismen einheitliches Satzes von CV und CL gewertet.
Da sich die experimentelle Daten mit einem konstanten Wert von CL und CV nicht
wiedergeben lassen, können diese mit Hilfe der empirischen Gleichungen (7.4) und
(7.5) berechnet werden:
CL , mod = AL ⋅ Re BL L ⋅ ReVC L , (7.4)
Die mit den Gleichungen (7.4) und (7.5) berechneten füllkörperspezifische Formkon-
stanten CL und CV erbrachten die Bestätigung für einen etwa konstanten Wert bei
den eingegebenen Flüssigkeitsbelastungen im ganzen Bereich der experimentellen
Untersuchungen.
Diese Gleichungen stellen den neuen wissenschaftlichen Beitrag in dieser Arbeit für
die Modellierung der Stoffübertragung dar und dienen dazu die Prädiktivität der Glei-
chungen zu verbessern und in begrenzten Maße andere Fälle zu berechnen. Fälle,
die in den Messungen dieser Arbeit nicht enthalten sind, z.B. oberhalb der Staugren-
ze, können mit ausreichenden, zusätzlichen Messergebnisse berechnet werden. Die
Auswertung der gesamten Anzahl messtechnisch erfasster Stoffübergangskoeffizien-
ten mit Hilfe des modifizierten Rechnerprogramms ABSODESO gemäß der Glei-
chungen (6.7) und (6.19) und bei Anwendung von Gleichungen (7.4) und (7.5) wer-
den in der Abbildungen 7.4 und 7.5 veranschaulicht.
Die Abbildungen 7.4 und 7.5 verdeutlichen, dass sich volumetrische Stoffübergangs-
koeffizienten mit den Gleichungen (6.7) und (6.19) bei Anwendung der Gleichungen
(7.4) und (7.5) für CL und CV berechnen lassen, und viel genauere Ergebnisse für die
nachfolgenden Berechnungen der Höhen einer Stoffdurchgangseinheit ergeben (sie-
he Abbildung 7.6).
In diesem Abschnitt sollen die über die Gleichungen (4.14) und (4.15) experimentell
bestimmten Höhen einer gasseitigen bzw. flüssigkeitsseitigen Stoffdurchgangseinheit
mit den nach Gleichungen (7.6) und (7.7) theoretisch berechneten Werten, vergli-
chen werden.
uL 1 L& uV (7.6)
HTU OL = + ⋅ ⋅ ,womit βL= f(CL,mod) und βV=f(CV,mod),
β L ⋅ a Ph K V β V ⋅ a Ph
&
uV V& uL (7.7)
HTU OV = + K ⋅ ⋅ .
β V ⋅ a Ph L β L ⋅ a Ph
&
7 Diskussion 72
Für den experimentell zu bestimmenden HTUOL bzw. HTUOV-Wert ist es nach Glei-
chungen (4.14) und (4.15) notwendig, neben der aus den experimentellen Untersu-
chungen bekannten Höhe H der Schüttung die durch Kolonneneinbauten realisierte
Anzahl der Stoffdurchgangseinheiten NTUOL bzw. NTUOV zu messen. Sie wird durch
die Fläche zwischen der Gleichgewichts- und Bilanzlinie innerhalb des Bereiches
zwischen Ein- und Austrittskonzentrationen xO und xU bzw. yO und yU fixiert. Hat die
Gleichgewichtskurve einen exponentiell Verlauf, dann ist es nicht mehr möglich, den
NTUOL bzw. NTUOV-Wert gemäß den Gleichungen (4.22 und 4.25) direkt aus den
Ein- und Austrittskonzentrationen xO und xU bzw. yO und yU zu berechnen. Um ein
graphisches Verfahren zu vermeiden, ist es erforderlich, die Gleichgewichtskurve in
differentiell kleine Elemente zu unterteilen. Für diese ist die Gleichung (4.22) an-
wendbar. Werden alle Einzelflächen addiert, so erhält man die den NTUOL bzw. NTU-
OV-Wert bestimmende Gesamtfläche.
Die Berechnung der HTUOV-, bzw. HTUOL-Werte durch die Gleichungen (7.6) und
(7.7) erfordert die Anwendung der Gleichungen (6.7) und (6.19) für die volumetri-
schen Stoffübergangskoeffizienten βL⋅aPh bzw. βV⋅aPh und die Anwendung von Glei-
chungen (7.4) und (7.5) für die modifizierten füllkörperspezifischen Formkonstanten .
Die Abbildung 7.6 zeigt die Gegenüberstellung der nach Gleichungen (4.14) und
(4.15) messtechnisch erfassten und nach Gleichungen (7.6) und (7.7) berechneten
Stoffdurchgangshöhen HTUOL bzw. HTUOV ohne zusätzliche Rechenschritt interne
Anpassungsfunktionen mit Excel-Solver für die füllkörperspezifischen Formkonstan-
ten und ohne zusätzlichen Rechenschritt mit korrigiertem βL⋅aPh im Programm AB-
SODESO.
7 Diskussion 73
Abbildung 7.6: Vergleich von experimentell gewonnenen und durch Gleichungen (7.6) und
(7.7) berechneten Stoffdurchgangshöhen HTUOL bzw. HTUOV, CL,CV=const.
Die HTU-Messwerte unterhalb und oberhalb der Staugrenze werden für verschiede-
ne neuentwickelte Füllkörper mit einem mittleren relativen Fehler von ±13 % ( auf
allen Messwerte) im Bereich der Reynolds-Zahlen ReL ∈ (2-200) und ReV ∈ (600-
2000) wiedergegeben.
Die Abbildung 7.7 zeigt die Gegenüberstellung der nach Gleichungen (4.14) und
(4.15) messtechnisch erfassten und nach Gleichungen (7.6) und (7.7) berechneten
Stoffdurchgangshöhen HTUOV bzw. HTUOL.
7 Diskussion 74
Abbildung 7.7: Vergleich von experimentell gewonnenen und durch Gleichungen (7.6) und
(7.7) berechneten Stoffdurchgangshöhen HTUOV bzw. HTUOL,CL,CV=f(ReV,ReL)
Mit obengenannter mittleren relativen Abweichung von 6 % lassen sich die HTUOL
bzw. HTUOV-Werte nach den Gleichungen (7.6) und (7.7) erheblich genauer voraus-
berechnen als mit den aus dem Abbildung 7.6, welche zum Teil Abweichungen von
über 13 % aufweisen. Die Vergleiche beziehen sich auf Messungen, die an einer
modifizierten Versuchsanlage (siehe Abschnitt 5.1), so wie sie für experimentelle Un-
tersuchungen von Füllkörpern oder Packungen am Lehrstuhl für Verfahrens- und
Umwelttechnik der Ruhr-Universität Bochum zur Verfügung steht. Die Systeme Am-
moniak-Luft-Wasser (bei Absorption) und CO2-Wasser-Luft (bei Desorption) wurden
bei Flüssigkeitsbelastungen von 10 bis 40 m³/m²h und Gasgeschwindigkeiten von 0.5
bis 2.5 m/s untersucht. Die einzelnen Messdaten sind am Lehrstuhl für Verfahrens-
und Umwelttechnik der Ruhr-Universität Bochum dokumentiert. Die Vergleichsmes-
sungen sind andere als die, aus denen die CV- und CL-Werte bestimmt wurden. Es
wurden jeweils andere Füllkörpertypen für die verschiedenen Messungen herange-
zogen. Die Standartabweichung der Mittelwerten nach Gleichungen (7.6) und (7.7)
unter Anwendung der Gleichungen (7.4) und (7.5) liegt unter 2 %.
7 Diskussion 75
Außerdem wurde im Rahmen dieser Arbeit festgestellt, dass bei der Durchführung
von Experimenten mit entionisiertem Wasser exaktere Ergebnisse erzielt werden,
d.h., es gilt der Umkehrschluss, dass mit nichtionisiertem Wasser, das in der Regel
im technischen Einsatz benutzt wird, mit größeren Abweichungen gerechnet werden
muss.
Für die Konstante A und die Exponenten B und C für Füllkörper YY wurden nach der
Methode der kleinsten Quadrate folgende Werte für die Gleichungen (7.4) und (7.5)
zugeordnet:
Tabelle 7.1: Zuordnung der Konstanten A, B und C für die Gleichungen (7.4) und (7.5) für
Füllkörper YY
Konstante L V
A 1.308 8.210
B 0.186 -0.478
C -0.056 0.014
Angewandt als Systemidentifikation ist die Methode der kleinsten Quadrate in Ver-
bindung mit Modellversuchen eine Möglichkeit Modellparameter für unbekannte Ge-
setzmäßigkeiten zu bestimmen.
7 Diskussion 76
7.2 ABSOreal
In Abbildung 7.1 wurde bereits stark vereinfacht der Berechnungsablauf des Pro-
gramms ABSODESO dargestellt. Dieser soll nun detaillierter für den Fall des Mehr-
komponentenstoffaustauschs betrachtet werden. Es gilt nun die Vereinfachung, dass
nt ≠ 0 ist.
Aus einer Messung sind zunächst nur die Kernkonzentrationen des Mehrkomponen-
tengemischs xi und yi bei Feed Flüssigkeitsstrom L& und Feed Gasstrom V& bekannt.
Es liegen ebenfalls die Informationen über den Systemdruck und die Temperatur vor.
Ferner können aus Datenbanken die zugehörigen Gleichgewichtsfaktoren Ki, Diffusi-
onskoeffizienten Dij, Dichte r, Dynamische Viskosität h, Grenzflächenspannung s
und Strippingfaktor l bestimmt werden. Es ergeben sich daher folgende zur Berech-
nung notwendigen Eingabedaten:
r r
x , y, T , P, L& , V& + (Basisdaten für Stoffdaten-Berechnung).
Zu diesen Daten kann nun mit Hilfe der im Bezug auf Kapitel 6 vorgestellte Korrelati-
onen jeweils eine Matrix des Stoffübergangskoeffizienten β sowohl für die Gas- als
auch für die Flüssigkeitsseite bestimmt werden. Die Dimension beiden Matrizen ist n-
1, wobei n der Zahl der Komponenten entspricht.
[βV ] und [β L ] (aus Korrelationen)
In diesem Modell ist der Zahl der unabhängigen Gleichungen für Wärme- und Stoff-
transport 3n+1. Die 3n+1 dieser Gleichungen sind:
• 1 Gleichung aus ∑ x i
I
=1
Die 3n+1 Variable, die man bei der Lösung des System bestimmen soll, sind:
• 2n Variable des Molenbruchs an beiden Seiten der Phasengrenzfläche yiI
und xiI
Ein wesentlicher Vorteil des Programms ABSOreal ist sein modulares Konzept.
Durch diese Art der Umsetzung wird es ermöglicht, neue Rechenroutinen als Unter-
programme in die bestehende Struktur des Programms einzubinden. Aus diesem
Grund wurde der Aufruf der Stoffübergangs- und Hydraulikkorrelationen weitestge-
hend standardisiert. Der Aufruf der Korrelationen erfolgt dabei stets in der Form der
folgender Tabelle:
7 Diskussion 78
Tabelle 7.2: Die Eingabedatei einer Input-File für das Programm ABSOreal
Im folgenden Abschnitt wird ein Vergleich zwischen eigenen Messdaten und Daten
von anderen Experimentatoren, die an einer Technikumsanlage am Lehrstuhl für
Verfahrens- und Umwelttechnik der Ruhr-Universität gewonnen wurden, und den von
dem Simulationsprogramm ABSOreal berechneten Werten aufgezeigt. Die Simulati-
on mit ABSOreal erfordert die Eingabe von Temperatur, Zusammensetzung und
Mengenstrom der beiden Feedströme.
[Link] Simulation der Absorption von Ammoniak aus Luft mit H2O
In diesem Abschnitt werden eigene experimentell gewonnene Daten für die Absorpti-
on von Ammoniak in Wasser dargestellt. In den folgenden Abbildungen ist der Ver-
gleich von experimentellen Untersuchungen und Berechnungsverfahren am Beispiel
neuentwickelter Metallfüllkörper dargestellt.
Abbildung 7.10 zeigt den berechneten Verlauf der Prozessströme V& und L& . Im Be-
reich bis bzw. ab Schüttungshöhe von 1.25 m weisen die beiden Ströme einen expo-
nentiellen Verlauf, was auf die Transportprozesse zurückführt. Der Verlauf der Schüt-
tungshöhe von 1m ist näherungsweise linear, was auf einen sehr geringen Stoff-
transport vom Ammoniak zur Flüssigphase hinweist.
Abbildung 7.8: Darstellung der Prozessströme VU=20.8 kmol/h und LO=144.7 kmol/h als Funk-
tion der Schüttungshöhe
7 Diskussion 80
Abbildung 7.11 zeigt die vom Programm berechneten Temperaturverläufe der Gas-
und Flüssigphase sowie der Phasengrenzfläche.
Abbildung 7.11 verdeutlicht, dass bis zur einer Schüttungshöhe von 1.25 m die Tem-
peratur im Kern der Gasphase (Ty) gegenüber den beiden anderen Temperaturen
abfällt, da die Wärme vom heißen zum kalten Fluid fließt. Ab eine Schüttungshöhe
H=1.25 m gleichen sich die drei Temperaturen einander an. Die Temperatur der
Phasengrenze (T) liegt erwartungsgemäß zwischen den beiden Kerntemperaturen
aber deutlich näher an der des Flüssigkeitskernes (Tx).
Tabelle 7.3 gibt einen Vergleich zwischen den berechneten und gemessenen Tem-
peraturen in Gas- und Flüssigphase am Kopf und Sumpf der Kolonne. Es besteht
eine zufriedenstellende Übereinstimmung (z.B. absoluter Fehler für Tx,Austritt
F =20.7°C-0.1°C).
Tabelle 7.3: Vergleich zwischen gemessenen und simulierten Werte für die Prozessströme
VU=20.8 kmol/h und LO=144.7 kmol/h
Eintritt Austritt
Die Betrachtung des Konzentrationsverlaufs von Ammoniak in der Gasphase (in Ab-
bildung 7.12a siehe yKern) zeigt von dem Eintritt H=0 m bis zum Austritt H=2 m einen
exponentiellen Verlauf. Die eingebrachte Ammoniakmenge geht auf Grund des
Stoffaustausches sofort in die Flüssigphase über.
Die Konzentration vom Ammoniak im Wasser steigt erst ab der Schüttungshöhe von
1.25 m stark an. Für die flüssigkeitsseitige Phasengrenzfläche ergibt sich ein Verlauf,
der mit geringerer Steigung als im Kern ist. Die Differenz (yKern-yGrenz) in der Gaspha-
se ist wesentlich großer als die Differenz in der Flüssigkeit (xGrenz-xKern), was auf ei-
nen guten Stofftransport in der Gasphase schließen lässt.
Tabelle 7.4 gibt eine Übersicht der mit drei Messstellen gemessenen bzw. berechne-
ten Konzentrationen in der Gas- und Flüssigphase.
Die berechneten Größen für die Gasphase in der Mitte der Kolonne liegen deutlich
über den Messungen und für die Flüssigphase unter den Messungen, aber in der
richtigen Größenordnung. Diese Abweichungen zeigen eine systematische Tendenz
und wurden bei allen Messpunkten, die in dieser Arbeit dargestellt sind sowie bei
anderen, nicht zur Veröffentlichung stehenden Experimenten, beobachtet.
7 Diskussion 83
In der Abbildung 7.13 werden die Ergebnisse des Konzentrationsverlaufs für Ammo-
niak nach dem Umbau der Versuchsanlage, wie im Abschnitt 5.2 beschrieben wurde,
dargestellt. Aus den Kurvenverläufen ist zu erkennen, dass die experimentell gewon-
nenen Daten sehr gut mit den Simulationswerten übereinstimmen. Die beste Über-
einstimmung zwischen Experiment und Simulation ist in der Flüssigphase zu beo-
bachten.
Tabelle 7.5 gibt eine Übersicht der mit 5 Messstellen gemessenen bzw. berechneten
Konzentrationen in der Gas- und Flüssigphase.
Die größte Abweichung zwischen Experiment und Simulation für die Gasphase ist
bei der Schüttungshöhe von 0.25 m zu erkennen (absoluter Fehler F=668 ppm+278
ppm) und für die Flüssigphase beim Ausstritt (absoluter Fehler F=184.3 ppm+ 70.7
ppm).
Abbildung 7.14 stellt den Verlauf der Stoffmengenströme der drei beteiligten Kompo-
nenten gegenüber.
Abbildung 7.12: Berechnete Stoffmengenströme bei der Absorption von Ammoniak aus Luft
mittels Wasser für die Prozessströme VU=144.7 kmol/h und LO=20.8 kmol/h
Das Diagramm zeigt den erwarteten Verlauf: die Luft nimmt auf ihrem Strömungsweg
durch die Kolonne Wasser auf, der Wassermengenstrom ist bis zur einen Schüt-
tungshöhe von H=1.25 m positiv und ab H=1.25 m negativ. Dies kann dadurch be-
gründet werden, dass Luft erst dann von der flüssigen Phase aufgenommen werden
kann, wenn der größte Teil des Ammoniaks in der flüssigen Phase übergegangen ist.
Dies müsste durch die Zusammensetzung der Luft und die Löslichkeit bei Untersuch-
ten Temperaturen näher untersucht werden. Des weiteren sinkt den Ammoniakmen-
genstrom in der Gasphase, da der Ammoniak in die Flüssigphase diffundiert. Es
zeigt sich, dass die größten Veränderungen des Ammoniakmengenstroms bis zur
H=1.25 m auftreten, da hier die treibenden Kräfte für die Diffusion zwischen Flüssig-
und Gasphase am größten sind.
7 Diskussion 85
[Link] Simulation der Absorption von Aceton aus Luft mit Wasser
Abbildung 7.13: Ergebnisse der Simulation für die Prozessströme VU=3.5 kmol/h und
LO=16.535 kmol/h.
7 Diskussion 86
In Abbildung 7.13a sind die Zulaufstromverläufe der Gas- und Flüssigphase darge-
stellt. Sie zeigt den berechneten Verlauf der Prozessströme V& und L& . Im Bereich
Eintritt (H=0 m) in der Kolonne bis H=1.25 m weisen die beiden Ströme einen expo-
nentiellen Veralauf, was auf der Stoffübertragung zurückführt. Der Verlauf von
H=1.25 m bis zur H=2 m ist näherungsweise linear, was auf einen sehr geringen
Stofftransport vom Aceton zur Flüssigphase hinweist.
Die Abbildung 7.13d zeigt wie das Aceton-Luft-Gemisch auf seinem Strömungsweg
durch die Kolonne Wasserdampf aus dem Wasserfilm aufnimmt. Weiterhin bis zur
Schüttungshöhe H=1.25 m verdunstet Wasser in die vorbeiströmende ungesättigte
Gasphase. Die Luftmenge bleibt näherungsweise gleich, sie kann als inert bezeich-
net werden.
7 Diskussion 87
Abbildung 7.14: Ergebnisse der Simulation für die Prozessströme VU=3.5 kmol/h
und LO=3.5 kmol/h.
Dieses Beispiel zeigt, dass die Berechnung einer Absorption ohne überlagerte che-
mische Reaktion unter Berücksichtigung der Verdunstung bzw. Kondensation des
Wassers mit diesem Modell möglich ist, und dass eine zu starke Reduktion des Mo-
dells und die Vernachlässigung wesentlicher Effekte zu falschen Aussagen bei der
Auslegung von Prozessanlagen führen kann.
7 Diskussion 88
Wie bereits mehrfach erwähnt, besteht bei dem Programm ABSOreal die Möglichkeit
eine Simulation sowohl für Absorptionsvorgänge (siehe Abschnitt [Link] und [Link])
als aus für Desorptionsvorgänge durchzuführen. Auch hier werden die gemessenen
Eingangsgrößen vorgegeben und das Programm berechnet die dazugehörigen Aus-
trittszustände sowie die Konzentrations- und Temperaturprofile. Analog zu der Ab-
sorption-Simulation wird mit H=0 m den Kolonnensumpf und H=2 m den Kolonnen-
kopf dargestellt.
Analog zur Betrachtung im Abschnitt [Link] und [Link] bei der Absorption ergeben
sich nun auch hier zusätzliche Informationen über die Zustände an der Phasengrenz-
fläche. Der Temperaturverlauf der Phasen ist in Abbildung 7.15 dargestellt.
Abbildung 7.15: Temperaturverlauf bei der Desorption von Kohlendioxid aus Wasser mittels
Luft für die Prozessströme VU=18.7 kmol/h und LO=144.6 kmol/h.
Das Diagramm verdeutlicht, dass die Temperatur der Phasengrenzfläche (T) nahezu
identisch mit der Temperatur des Flüssigkeitskerns (Tx) ist. Die beiden Kurven liegen
übereinander. Ferner ist zu erkennen, dass sich die Gasphasentemperatur der Flüs-
sigphasentemperatur angleicht. Ab einer Schüttungshöhe von 1.25 m ist kein signifi-
kanter Temperaturunterschied mehr vorhanden. Insgesamt bewirkt der hohe Enthal-
piestrom der Flüssigkeit, dass sich die anfangs relativ kalte Gasphase rasch er-
wärmt. Dabei kühlt sich die Flüssigphase nur wenig ab.
7 Diskussion 89
In Tabelle 7.6 ist ein Vergleich zwischen mit ABSOreal berechneten und gemesse-
nen Temperaturen angegeben.
Eintritt Austritt
Die Abbildung 7.16a zeigt, dass im oberen Kolonnenbereich eine große Differenz
zwischen der Kohlendioxidkonzentration im Kern der Flüssigphase und an der flüs-
sigkeitsseitigen Phasengrenzfläche vorliegt. Wird der Kohlendioxid-Stofftransport,
ausgehend vom Kern der Flüssigphase bis zur Phasengrenze analysiert, ist ab
H=0.25 m fast keine Konzentrationsdifferenz mehr festzustellen. In Abbildung 7.16b
zeigt sich ein ähnlicher Zusammenhang. Vom Kolonnenkopf (H=2 m) ausgehend bis
zur H=1.75 m liegt im Vergleich mit der Flüssigphase eine kleinere Konzentrationsdif-
ferenz zwischen Gaskern und gasseitiger Phasengrenze vor. Dies ist ein direktes
Resultat der innigen Vermischung mit der unbeladenen Gasphase.
Tabelle 7.7 erhält einen Vergleich zwischen experimentellen und theoretischen Er-
gebnissen bei der Desorption von Kohlendioxid aus Wasser mittels Luft.
Auch hier zeigt sich bis auf minimale Unterschiede in der Mitte der Kolonne eine gute
Übereinstimmung zwischen Messwerten und Simulationsergebnisse. Die berechne-
ten Größen für die Flüssigphase in der Mitte der Kolonne liegen deutlich über den
Messwerten, aber in der richtigen Größenordnung. Dies ist eine systematische Ten-
denz und wurde bei allen Messpunkte der Desorption beobachtet. Ein möglicher
Grund dieser Unterschiede könnte die Analytik sein. Das gelöste Kohlendioxid im
Wasser wurde im Rahmen dieser Arbeit durch Titration (siehe Abschnitt 5.2) be-
stimmt. Um Kohlendioxid-Aufnahme aus der Luft zu verhindern, könnte man Stick-
stoff einblasen oder Kohlendioxid mit Säure ausgasen, in Natriumlauge auffangen
und anschließend in die verbleibende Lauge titrieren. Beide Verfahren sind aber
recht aufwendig und nicht sehr genau (schlechte Reproduzierbarkeit). Eine bessere
Möglichkeit für die quantitative Bestimmung ist die Ionenchromatographie, sie stand
aber für diese Arbeit nicht zur Verfügung.
7 Diskussion 91
Insgesamt zeigt sich eine gute Übereinstimmung zwischen Messung und Simulation.
Das Programm ABSOreal liefert wichtige Zusatzinformationen, die mithelfen die Vor-
gänge in den Phasen besser zu verstehen. Dem entgegen steht jedoch die wesent-
lich komplexere Beschreibung der Thermodynamik und der große Rechenaufwand.
In der Praxis stellt letzteres meist kein großes Problem dar, da die heute eingesetz-
ten Rechensysteme über eine genügende Rechenleistung verfügen.
8 Zusammenfassung 92
In diesem Kapitel werden die logische Schlussfolgerungen anhand der in der vorlie-
genden Arbeit dargestellte experimentell gewonnenen Ergebnisse und Simulationen
sowie anhand nicht zur Veröffentlichung stehender Experimente als Teil verschiede-
ner Industrieprojekte zusammengefasst.
8.1 Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit stellt einen neuen Ansatz zu Beschreibung der formspezifi-
schen Füllkörperkonstanten vor und befasst sich mit der numerischen Simulation zur
Abbildung des Stofftransportes innerhalb der Füllkörper- bzw. Packungskolonnen.
Aufgabe und Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zum einen zu prüfen, in wie weit sich
die modernen Programme als Werkzeug für die Forschung eignen, und zum anderen
die formspezifischen Konstanten unter- und oberhalb der Staugrenze mit einem neu-
en Ansatz zu beschreiben.
Als Einführung in die Thematik wurde ein Überblick über die bisherigen Veröffentli-
chungen zum Stoffaustausch in Zweiphasen-Gegenstromkolonnen gegeben. Diese
Übersicht verdeutlicht, dass die meisten Berechnungsgleichungen zur Beschreibung
des Stoffüberganges auf den gleichen Grundlagen basieren ( wie Maxwell-Stefan-
Gleichung; Fick’sches Gesetz). In den darauffolgenden Ausführungen wurde daher
auf die theoretischen Formulierungen eingegangen, in denen die Fluiddynamik in
Füllkörperkolonnen mit dem Stoff- und Wärmeaustausch verknüpft werden. An die-
sem Modell orientierte sich die Simulation der realen Absorptions- bzw. Desorptions-
Vorgänge.
.
8 Zusammenfassung 93
Daher ist ein Einsatz solcher Programme nur dann zielführend, wenn der Anwender
die Ergebnisse auch fachlich interpretieren kann. Der ingenieurwissenschaftlichen
Forschung werden mit dieser neuen Korrelationen erstmals Programme zur Verfü-
gung gestellt, die einfach und schnell mit geringen Abweichungen zuverlässige Er-
gebnisse über den ganzen Messbereich liefern.
8.2 Ausblick
Eine Optimierung von Trennkolonnen könnte auf verschiedenen Ebene erreicht wer-
den, z.B. durch Erweiterung des verbauten Volumens, durch Implementierung von
Betriebsparametern wie Waschmittelbedarf und Energieeinsatz und durch eine bes-
sere Kapazitätsausnutzung bestehender Anlagen unter Verwendung aller vorhande-
nen, baulichen Reserven. Sehr interessant wäre deshalb der daraus resultierende
Wissensvorsprung für die Aufarbeitungs- und Entsorgungsstufen aller Verfahren und
Prozesse und damit ein wesentlicher Marktvorteil im Vergleich zu Mitbewerbern.
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Lebenslauf 104
Lebenslauf
Persönliche Daten
Schulausbildung
Berufspraxis
Hochschulstudium
Spezialkenntnisse