Microlearning Und Microtraining
Microlearning Und Microtraining
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1 Einfhrung 2
2 Hintergrund: Der Trend zu Kurzformaten 2
3 Micro als neue Whrung fr Lernprozesse 4
3.1 Micro im E-Learning 1.0 4
3.2 Das neue Microlearning 5
3.3 Microlearning als informelles Lernen 6
3.4 Microlearning als Social Learning 8
3.5 Microlearning als E-Learning 2.0 10
3.6 Microlearning als Microtraining 11
4 Voraussetzungen fr die erfolgreiche Umsetzung 13
4.1 Systeme, Prozesse und Ressourcen 15
4.2 Selbstorganisiertes Lernen 16
5 Ausblick 17
Literaturhinweise 18
1 Einfhrung
Es mag ungewhnlich erscheinen, die Krze einer Lerneinheit zum Aus-
gangspunkt eines Konzepts zu nehmen. Doch seit geraumer Zeit ist von
einem Trend die Rede, der genau diese Qualitt herausstreicht.
Aktuelle Diskussion Da wird zum Beispiel mit Begriffen wie Wissenshppchen und Learning
Nuggets an immer mehr Stellen fr das Lernen zwischendurch geworben. In
Fachzeitschriften heit es: Die Weiterbildungsminis kommen. Fnf bis
sechs Minuten seien die neuen Bildungsformate lang. Als Auslser fr diesen
Trend wird auf die wirtschaftlichen Zwnge verwiesen, die Mitarbeitern ein
lngeres Aussteigen aus dem Arbeitsprozess immer schwerer machen. Dane-
ben scheinen die Kurzformate aber auch vernderten Gewohnheiten beim
Medienkonsum entgegenzukommen, wie an der Popularitt von Internet-
diensten wie dem Videoportal YouTube abzulesen sei (Gloger 2009).
Da bezweifelt der Bildungsexperte und Schpfer des Begriffs E-Learning,
Jay Cross (2008), dass das traditionelle Bildungssystem berhaupt noch in
der Lage ist, den steigenden Bildungsbedarf zu decken. Wenn der Wandel
zum Alltag wird, so Cross, greifen langfristig geplante Bildungscurricula,
Kurse und webbased Trainings zu kurz. Er und viele andere Experten setzen
stattdessen auf das selbstorganisierte, informelle Lernen:
Corporate learning is a continuous process [ . . . ] People learn to do their
work in small chunks: a tip from a pal, an ah-ha moment after trying
something new, a factoid from Wikipedia or Google, or a story told over
lunch. But training departments rely on offering workshops and courses,
and CLOs fixate on learning management systems. These things are ne-
cessary, but they are a small part of improving organizational learning and
performance.
Da nennt sich Elliott Masie (2005), langjhriger E-Learning-Experte, selbst
einen nano-learner und fordert die Branche auf, neue Wege zu finden, ent-
sprechende Lernformate zu entwickeln und in ihre Bildungsprozesse zu in-
tegrieren:
We have a unique opportunity to stretch our thinking about the size of our
average learning project. Right now, most learning modules start at 15
minutes and often cover hours or days of involvement. But most learning
moments are teachable moments. Malcolm Knowles described the perfect
teachable moment as the intersection of a small question with a great
small answer. That is at the heart of nano-learning.
Vom Kurzformat zu Microlearning: Als Microlearning werden im Folgenden
kurze Online-Aktivitten bezeichnet, in denen entweder Nutzer selbstorga-
nisiert Antworten auf aktuelle Fragen suchen oder in denen sich Lerner in
Anleitung oder Begleitung durch Bildungsexperten mit einem Thema aus-
einandersetzen.
Von Microlearning wird erst seit einigen Jahren gesprochen. 2005 fand in Konzept
Innsbruck die erste Microlearning-Konferenz statt, auf der Referenten aus
ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die neuen Micro-Formate im Alltag
blickten. Sie alle teilten die Beobachtung, dass Microlearning unmittelbar
mit der Entwicklung des Internets verbunden ist. Die statischen Webseiten
der ersten Jahre haben sich in sehr kleine, flchtige und lose gekoppelte In-
formationsbausteine aufgelst. David Weinberger (2002) hat dieses Phno-
men in seiner Theorie des Internets als small pieces, loosely joined bezeich-
net. Die Informationen des Internets sind immer weniger an einen festen
Ort, zum Beispiel einen bestimmten Rechner, gebunden, sondern zirkulieren
in Netzwerken, Flssen (flows) und Wolken (clouds). Sie sind plattformber-
greifend und knnen vom Desktop-PC genauso wie vom Smartphone auf-
gerufen werden (vgl. Lindner 2008).
Die lose gekoppelten Informationsbausteine des Web werden in diesem Zu- Microcontent
sammenhang als Microcontent bezeichnet. Microcontent besitzt folgende
Eigenschaften:
n Er hat einen Fokus: Es geht um eine bestimmte, abgrenzbare Sache, eine
Idee, ein Thema. Nur dann ist es sinnvoll, von Microcontent zu sprechen.
n Er hat eine Struktur: Dazu gehrt mindestens ein Titel, ein Autor, eine
Datumsangabe, eine Adresse etc. Die Liste kann beliebig fortgesetzt wer-
den.
n Er ist selbststndig: Eine Microcontent-Einheit enthlt alle notwendigen
Informationen, um sie zu verstehen.
n Er ist unteilbar. Es handelt sich um die kleinste Sinneinheit, die nicht ohne
Bedeutungsverlust gekrzt werden kann.
n Er ist adressierbar: Microcontent besitzt eine individuelle URL, ber die er
ansteuerbar ist (vgl. Leene 2006).
Von Microcontent wird zum Beispiel mit Blick auf einzelne Blogbeitrge (so- Formen von
genannte Posts) gesprochen, die in der Regel genau diese Charakteristika auf- Microcontent
weisen: Es handelt sich meist um kurze Informationseinheiten, die aus
einem Gedanken, einem Kommentar oder einem Link bestehen; sie enthal-
ten mindestens einen Titel, einen Text bzw. Link sowie Hinweise auf den
Autor und einen Datumsstempel; und sie besitzen eine eigene URL, die als
Permalink bezeichnet wird. Heute bauen die neuen Networking-Dienste we-
sentlich auf der Entwicklung, Verarbeitung und Zirkulation von Microcon-
tent auf. Hinzugekommen sind Podcasts und Vodcasts; dann haben Micro-
blogging-Tools wie Twitter die Krze in Form von 140 Zeichen gar zum Prin-
zip erhoben (vgl. Kerres und Preuler 2009). Newsreader, RSS und Mash-up-
Applikationen ermglichen es, diese kurzen Informationseinheiten
individuell zu bearbeiten und neu zusammenzusetzen.
Wenn Microcontent in einen Lehr-/Lernkontext rckt und dadurch zum Ge- Zeitfaktor
genstand einer Microlearning-Aktivitt wird, rckt zustzlich die zeitliche
Dimension in den Vordergrund: Beim Microlearning geht es um Lernaktivi-
tten, die kurz sind, von wenigen Sekunden bis zu einigen Minuten. Selbst
dort, wo Audio- und Videoformate als Micromedia Trger des Microcon-
tents sind, wird bei ca. 10 bis 15 Minuten eine Grenze gesehen. Bercksichtigt
werden muss allerdings, dass Microlearning ein relationales Konzept ist, das
wesentlich vom Standpunkt des Betrachters abhngt.
Akteure Mit Blick auf seinen Web-2.0-Kontext ist Microlearning zudem ein Konzept,
das den aktiven Nutzer impliziert: Ein Lerner rezipiert nicht nur Microcon-
tent, sondern trgt selbst durch Beitrge, Kommentare, Links, ja, selbst durch
Seitenaufrufe, die ausgewertet werden, zum Informationsfluss bei.
Da Microlearning ein relativ junger Begriff ist, wird er noch in ganz unter-
schiedlichen Zusammenhngen verwendet. Zwei grundlegende Perspekti-
ven knnen aber unterschieden werden:
n Microlearning aus Sicht der handelnden Person, die selbstorganisiert In-
formationen recherchiert, bearbeitet und bewertet, um eine Aktion aus-
zufhren, eine Aufgabe zu lsen oder ein selbst gestecktes Ziel zu errei-
chen. Diese Perspektive ist unmittelbar mit dem Bild des Wissensarbeiters
verbunden.
n Microlearning aus Sicht des Bildungsexperten, der einen Lerninhalt nach
didaktischen Gesichtspunkten aufbereitet und ihn in einem definierten
Bildungskontext zur Verfgung stellt. In diesem Fall wird auch von Micro-
training gesprochen.
Aus Sicht der handelnden Person schliet Microlearning unmittelbar an die
Konzepte des informellen Lernens, des Web 2.0 bzw. Social Learning und des
E-Learning 2.0 an.
Vor diesem Hintergrund bietet das Konzept des Microlearnings jedoch prak-
tische Ansatzpunkte, um die Auseinandersetzung mit informellen Lernpro-
zessen zu konkretisieren:
n Microlearning fokussiert auf einen inhaltlichen (Microcontent) und zeit-
lichen (ca. 5- bis 15-mintige Lernaktivitten) Ausschnitt informeller
Lernprozesse und -umgebungen.
n Microlearning fokussiert auf das informelle Lernen im Internet bzw. mit
Untersttzung des Internets und bietet somit Anschlsse an bestehende
E-Learning-Strategien und -Projekte.
n Microlearning im Kontext von Web-2.0-Applikationen und -Services ist
Social Learning.
Microlearning-Beispiel: One-Word-A-Day
Wer sein Englisch auffrischen oder verbessern mchte, kann den kostenlo-
sen E-Mail-Service One-Word-A-Day ([Link] abonnieren.
Abonnenten erhalten jeden Werktag eine Redewendung, verpackt als Mini-
Quiz: Man soll aus drei Beschreibungen diejenige auswhlen, die die Rede-
wendung korrekt erklrt. Anschlieend erhlt man eine kurze Rckmel-
dung, einen eventuell notwendigen zweiten Versuch sowie weitere Infor-
mationen zur Redewendung, ihrer Herkunft und ihrer Verwendung. OWAD
startete im April 2000 als Mailing an 1.500 Kunden als being a useful on-
the-job learning tool. Heute (August 2009) haben ber 140.000 Lerner den
Service abonniert. Der tgliche Lernaufwand: ca. 3 Minuten.
Microlearning ist Social Learning. Als solches ist es unmittelbar mit der Ent-
wicklung des Internets verbunden, fr die Tim OReilly (2005) den Begriff
Web 2.0 eingefhrt hat. Web 2.0 steht fr eine vernderte Wahrnehmung
und Nutzung des Internets. Aus dem read-only-Web ist das read-
write-Web geworden, aus passiven Konsumenten von Informationen viele
aktive Autoren von user-generated content. Hinter dem Krzel Web 2.0
verbirgt sich heute eine breite Palette von Services und Tools, die weltweit
Millionen Nutzer fest in ihren Alltag integriert haben:
n Social-Networking-Dienste: um ber mein persnliches Profil andere
Nutzer mit gemeinsamen Interessen zu finden und mich mit ihnen aus-
zutauschen,
n Weblogs: um als Autor eigene Ideen, Kommentare und Links zu publizie-
ren und mit anderen zu diskutieren,
n Microblogging: um in bis zu 140 Zeichen (Twitter) ber meinen aktuellen
Status und meine Interessen Auskunft zu geben,
n Podcasts und Vodcasts: um regelmig Informationen als Audio (Pod-
casts) oder als Video (Vodcasts) zu publizieren,
n RSS und Newsreader: um die Informationen einzelner Seiten zu abonnie-
ren (RSS) und sie an einem Ort gebndelt abzurufen (Newsreader),
n Social Bookmarking: um interessante Web-Links online festzuhalten
und mit anderen zu teilen,
n Tagging: um Informationen nach eigenen Interessen und mit eigenen
Stichwrtern zu bezeichnen,
n Wikis: um gemeinsam mit anderen im Netz an Inhalten bzw. Dokumen-
ten zu arbeiten,
n Mash-ups: um Web-Inhalte und -Services nach eigenem Interesse zusam-
menzustellen (vgl. Hart 2009).
Vernetztheit Eine gemeinsame Eigenschaft aller Social-Software-Applikationen ist ihr
Netzwerkcharakter. Sie untersttzen den Austausch von Erfahrungen und
Informationen, entweder explizit (z. B. Social Networking Sites wie Facebook
oder Xing) oder implizit durch das Angebot entsprechender Features,
Schnittstellen oder Standards. Microlearning-Aktivitten, die auf diesen
Grundlagen aufbauen, gehen deshalb ber traditionelles E-Learning hinaus:
Whrend ein webbased Training in der Regel allein bearbeitet und nur in
Ausnahmefllen tutoriell untersttzt wird, baut Microlearning auf vernetz-
ten Technologien auf was wiederum nicht zwingend bedeutet, dass Nutzer
das kommunikative und kollaborative Potenzial von Microlearning in jedem
Fall abrufen.
Integration in den Wie fr das informelle Lernen, so gilt auch fr Microlearning: Es ist fr viele
Alltag Wissensarbeiter heute bereits gelebte Praxis. Man ruft beispielsweise mor-
gens seinen persnlichen Newsreader auf und berfliegt kurz, was in den
letzten Stunden in den Blogs geschrieben wurde, die man abonniert hat.
Bei einem Link bleibt man mglicherweise stehen und verfolgt ihn weiter.
Er fhrt zu einem kurzen Artikel, der sich inhaltlich genau mit der Fragestel-
lung des Projekts berschneidet, an dem man gerade arbeitet. Nach der Lek-
tre des Artikels bookmarkt man die Webadresse, um das Dokument eventu-
ell spter und in Ruhe noch einmal zu lesen. Oder man verarbeitet ihn
gleich weiter, weil man wei, dass er auch fr andere interessant sein knnte:
man schreibt eine kurze Nachricht in Twitter oder geht auf eine Social-Net-
Im April 2007 haben Lee and Sachi LeFever (Common Craft) ihr erstes Video
prsentiert, 3:44 Minuten lang, in dem sie mit einfachen, aber wirkungs-
vollen Stilmitteln erklren, wie RSS funktioniert. RSS in Plain English
steht Interessierten auf dem Video-Portal YouTube zur Verfgung und
wurde bis heute (August 2009) ber 920.000 Mal aufgerufen. Common
Craft haben in der Folgezeit weitere Filme im gleichen Format entwickelt,
die alle auf ein hnlich groes Echo trafen. Inzwischen haben sie ihre Filme
auf einem speziellen YouTube-Kanal gebndelt, den man abonnieren kann,
um automatisch ber Neuerscheinungen informiert zu werden. Ihr Prsen-
tationsstil ist so erfolgreich, dass Common Craft ([Link]
[Link]) auch im Auftrag von Unternehmen Filme entwickelt. Ihr Motto:
Our three-minute videos help educators and influencers introduce com-
plex subjects. Der Lernaufwand: ca. 3 Minuten.
E-Learning 1.0 vs. 2.0 Um zu unterstreichen, dass sich mit Web 2.0 auch die Mglichkeiten des
Online-Lernens wandeln und sich damit auch unser Verstndnis von E-Lear-
ning erweitern muss, hat Stephen Downes (2005) den Begriff E-Learning 2.0
eingefhrt. E-Learning 1.0 ist die Form des Online-Lernens, die uns in der
Aus- und Weiterbildung meist begegnet: Ihr Ausgangspunkt ist der Online-
Kurs bzw. das Lernprogramm, das in Kapitel, Module oder Lernobjekte auf-
geteilt ist, das mit Interaktionen, Pre- und Posttests angereichert ist und zum
Teil mit Seminaren und Workshops zu Blended-Learning-Curricula erweitert
wird. Die zentrale Technologie, um das Online-Lernen zu organisieren und
zu steuern, ist das Learning Management System. E-Learning 1.0, so Downes,
schreibt ein traditionelles Bildungsverstndnis fort, ist lehrerzentriert, ge-
schlossen, steuert Inhalte und Prozesse, kontrolliert Lernwege, Lernfort-
schritte und -erfolge, anstatt das kreative und kollaborative Potenzial der
Lerner zu nutzen. bertrgt man die Entwicklungen des Internets und des
Web 2.0 auf Bildung, so ergeben sich neue Mglichkeiten des E-Learnings:
The model of e-learning as being a type of content, produced by publish-
ers, organized and structured into courses, and consumed by students, is
turned on its head. Insofar as there is content, it is used rather than read
and is, in any case, more likely to be produced by students than courseware
authors. And insofar as there is structure, it is more likely to resemble a
language or a conversation rather than a book or a manual.
Neue Formen des E-Learning 2.0, so verstanden, wird eher als Weblog- oder Wiki-Eintrag da-
E-Learning herkommen und weniger in Form lngerer, strukturierter webbased Trai-
nings. An die Stelle des Bearbeitens fertiger Kursmaterialien tritt ein aktives
und kreatives rip, mix and learn. Neben einem Learning Management Sys-
tem stehen Persnliche Lernumgebungen oder E-Portfolios, mit deren
Hilfe Lerner ihre Lernprozesse selbst managen, Lernerfolge dokumentieren
und Ergebnisse mit anderen austauschen. Thomas Reglin (2004) spricht in
diesem Zusammenhang vom informellen E-Learning, das sich als Hilfs-
mittel fr jene Lernprozesse versteht, die an wissensintensiven Arbeitsplt-
zen immer schon stattfinden, ohne dass die Akteure in eine explizite Lernsi-
tuation eintreten. E-Learning 2.0 oder informelles E-Learning ist nicht pri-
mr Lernen fr den Arbeitsprozess, sondern lernendes Problemlsen in der
Wissensarbeit.
Im vorliegenden Zusammenhang ist es wichtig, dass sich Microlearning
nahtlos in bestehende Konzepte des informellen Lernens, des Social Learning
und E-Learning 2.0 einfgt, ohne vllig in ihnen aufzugehen. Denn Micro-
learning bietet fr das Bildungsmanagement in Unternehmen und Organi-
sationen konkrete Ansatzpunkte, ihre bestehenden Prozesse, Inhalte und
Rollen schrittweise um neue Angebote und Perspektiven zu ergnzen.
Abb. 3: Podcast-Angebot des Leadership Instituts der Credit Suisse Business School
keting) oder ber einen lngeren Zeitraum die Aufmerksamkeit auf ein
Thema lenken (Bildungskampagne).
Beispiel: Mitarbeiter, die ein bestimmtes Fachtraining besucht haben, er-
halten in regelmigen Abstnden eine E-Mail mit einem Link auf eine
aktuelle, webbasierte Case Study zum Thema des Fachtrainings. Jede Case
Study enthlt eine ein- oder zweiseitige Beschreibung eines Anwendungs-
beispiels, eine sich darauf beziehende Aufgabe sowie Hinweise auf weiter-
fhrende Informationen. Jede Case Study kann in ca. zehn Minuten be-
arbeitet werden. Nach einer bestimmten Zeit, wenn z. B. die Themenkam-
pagne abgeschlossen ist, endet die Entwicklung neuer Case Studies.
n Microtrainings knnen das informelle Lernen der Mitarbeiter frdern. In
diesem Fall werden kurze Bildungsformate angeboten, um das Lerninte-
resse der Mitarbeiter zu wecken. Hier stehen oft Hinweise auf weitere Lern-
ressourcen zum Selbstlernen im Vordergrund und nicht das Erreichen
kurzfristiger Lernziele. Durch das kontinuierliche Angebot von Microtrai-
nings und ihre Archivierung entstehen zudem Online-Bibliotheken, die
von Mitarbeitern flexibel und on demand genutzt werden knnen.
Beispiel: Das Unternehmen hat einen Referate-Dienst lizenziert, der ak-
tuelle Fachliteratur auf wenigen Seiten zusammenfasst, und stellt diesen
Dienst im Intranet zur Verfgung. Fhrungskrfte knnen diesen Refera-
te-Dienst abonnieren und erhalten in regelmigen Abstnden via E-Mail
Zusammenfassungen aus ihren Interessengebieten. Gleichzeitig steht ih-
nen die gesamte Online-Bibliothek des Anbieters zur Verfgung.
n Microtrainings knnen autonome Bausteine eines Qualifizierungsange-
bots darstellen. Bestimmte Zielgruppen, z. B. Vertriebsmitarbeiter, sind
durch traditionelle Lernformen wie Seminare oder webbased Trainings
gar nicht oder nur schwer zu erreichen, da sie viel unterwegs sind und
ihnen hufig nur kurze Lernfenster zur Verfgung stehen. Hier wird im-
mer wieder mit kurzen Formaten, z. B. als elektronische Arbeitshilfen oder
als Mobile-Learning-Angebote, experimentiert.
Beispiel: Ein Automobilhersteller in Deutschland bietet den Mitarbeitern
seiner Vertragshndler wchentliche Podcasts zur Vertriebsqualifizierung
an. Themen der einzelnen Episoden sind Argumentationshilfen, Produkt-
neuheiten sowie Verkaufs- und Arbeitstechniken. Jede Episode wird als
mp3-Datei via E-Mail an die teilnehmenden Verkufer versendet und ist
im Durchschnitt zehn Minuten lang (vgl. Magnus 2009).
Ein Microtraining-Konzept
Ganz anders bei Lernern, die nicht oder noch nicht in diese Zielgruppe fallen.
Hier mssen zustzlich Lernrume geschaffen, Fach- oder Bildungsexperten
als Ansprechpartner definiert und Lerninhalte unter didaktischen Gesichts-
punkten erstellt werden. Whrend bei Wissensarbeitern also die Frderung
entsprechender Rahmenbedingungen fr Microlearning-Aktivitten im Vor-
dergrund steht, geht es bei unerfahrenen Lernern darum, entsprechende
Kurzformate zu entwickeln und in Bildungscurricula zu integrieren. Ein
und derselbe Inhalt kann deshalb, je nach Zielgruppe, eine vllig unter-
schiedliche Funktion bzw. Aufgabe besitzen:
n Ein Wissensarbeiter stt im Rahmen seiner wiederkehrenden Recherche-
arbeiten im Internet auf den Podcast eines weithin anerkannten Experten.
Er berblickt routiniert die Metadaten des Podcasts (z. B. Kontext der Ent-
stehung, Entstehungsdatum, Abspieldauer, vorhandene Kommentare
von Zuhrern), um seine Relevanz einzuschtzen. Anschlieend hrt er
sich den Podcast an und nutzt wichtige Informationen zur Lsung seiner
aktuellen Arbeitsaufgabe.
n Ein Anfnger hat krzlich ein Fachseminar besucht, um sich in eines der
Produktfelder seines Unternehmens einzuarbeiten. Mit der Anmeldung
wurden ihm auf der Lernplattform des Unternehmens vom Produktver-
antwortlichen der Business School weitere Arbeitshilfen freigeschaltet, da-
runter ein Podcast zum Thema. Alle wichtigen Informationen zur Einord-
nung dieses Podcasts (z. B. Inhalte, notwendiges Vorwissen, Ansprech-
partner fr weitere Fragen) findet er in einer kurzen Inhaltsbeschreibung
auf der Lernplattform.
Unterschiedliche Nutzer knnen also demselben Microcontent in ganz unterschiedlichen Si-
Lernsituationen tuationen begegnen. Er kann Gegenstand einer selbstgesteuerten Microlear-
ning-Aktivitt oder eines gefhrten Microtrainings sein. Das Nebeneinander
von informellem Lernen und formaler Qualifizierung sowie flieende ber-
gnge machen es in der Praxis hufig schwierig, die passende Umsetzungs-
strategie zu entwickeln. Die Frage nach der Zielgruppe besitzt in jedem Fall
einen zentralen Stellenwert.
Auf die Nhe der Konzepte des informellen Lernens, des Web 2.0 und des
Microlearnings wurde bereits hingewiesen. Sie alle setzen auf Nutzer, die be-
stimmte Kompetenzen und Fhigkeiten mitbringen, um die Potenziale ab-
zurufen, die mit diesen Konzepten verbunden werden. Fast immer ist die
Rede von Selbstorganisationskompetenzen und der Fhigkeit zum selbst-
organisierten Lernen oder Selbstlernen. Wenn, was allerdings selten der Fall
ist, diese Kompetenzen nher beschrieben werden, lassen sich zwei Heran-
gehensweisen unterscheiden:
n Die Auensicht: Hier wird nach dem Grad der Autonomie des Lerners
gefragt. Zum Beispiel unterscheidet Reinhard Zrcher zwischen selbst-
organisiertem, selbstgesteuertem und selbstbestimmtem Lernen. Wh-
rend am einen Ende der Skala, beim selbstorganisierten Lernen, Lern-
inhalte und Lernziele vorgegeben sind, beinhaltet das selbstbestimmte
Lernen am anderen Ende, alle Parameter des Lernprozesses (Organisa-
tion, Steuerung, Lernziele) selbst whlen und kontrollieren zu knnen
(2007, S. 26).
n Die Innensicht: Hier wird danach gefragt, wie der Lernende selbst uere
Anforderungen und innere Ziele und Normen in Einklang bringt. Gabi
Reinmann verbindet deshalb das selbstorganisierte Lernen mit dem Kon-
zept der Selbstbestimmung, wobei es ihr vor allem mit Blick auf das Web
2.0 um eine kritische Distanz zum Begriff des selbstorganisierten Lernens
geht: Selbstorganisation im Web 2.0 ist weder ein sich selbst erschaffen-
des Phnomen noch ist es voraussetzungslos! (2009, S. 5).
Fr Bildungsexperten bedeuten diese Perspektiven und die mit ihr verknpf-
ten Unterscheidungen vor allem, sich kritisch mit ihren Zielgruppen, deren
Kompetenzen, Motiven und Interessen auseinanderzusetzen und nicht auf
die Durchsetzungskraft einer Technologie oder eines Konzepts zu vertrauen,
deren Vorteile offensichtlich sind.
Werden Microlearning-Aktivitten im Internet beschrieben, dann nutzt der
ideale Wissensarbeiter selbstorganisiert die Dienste und Tools, die er zur er-
folgreichen Bearbeitung einer Aufgabe bentigt. Ob er das Potenzial abruft,
das Social Software bietet, liegt vor allem an ihm: an seinen Kompetenzen,
Interessen, seiner Motivation und eventuell noch an seinen technischen
Mglichkeiten.
Unternehmens- Fr Unternehmen und Organisationen, die das Potenzial von Microlearning
kontext nutzen wollen, sieht die Situation schwieriger aus. Sie sehen sich mit der
Frage konfrontiert, wie viel Selbstorganisation und selbstorganisiertes Ler-
nen sie zulassen wollen und knnen. Eine Antwort liegt in der Unterneh-
menskultur des Unternehmens. Mitarbeiter, die das Gefhl haben, dass
selbstbestimmtes Lernen nicht gewnscht oder wertgeschtzt wird, werden
hier auch keine Zeit investieren. Eine weitere Antwort liegt in den Prozessen
und Regeln, die fr den internen und externen Umgang mit Web 2.0 fest-
gelegt werden. ber diese Regeln entscheiden Unternehmen und Organisa-
tionen nicht autonom, sondern sie werden von der Branche, zu der sie ge-
hren, dem Marktumfeld und den Vorgaben des Gesetzgebers beeinflusst. In
einem so gesteckten Rahmen wird festgelegt, welche Bedeutung einzelne Pa-
rameter wie z. B. Sicherheit, Qualitt, Partizipation, Identitt und Networ-
king fr den Einsatz und Umgang mit Web-2.0-Lsungen haben.
Das selbstorganisierte Lernen, das explizit den aktiven Nutzer einbezieht, der
sich frei in Netzwerken bewegt, dort schreibt, kommentiert und Informatio-
nen austauscht, hat demzufolge wenig mit dem zu tun, was selbstorgani-
siert in der Regel fr das Online-Lernen im Unternehmenskontext bedeutet.
Wie auch der aktive Umgang mit Web-2.0-Technologien inklusive Micro-
learning in den meisten Unternehmen gerade erst begonnen hat, steht
auch die Auseinandersetzung mit den Mglichkeiten und Grenzen des
selbstorganisierten Lernens noch am Anfang.
5 Ausblick
Der Einsatz von Microformaten in der Weiterbildung findet auf zwei Ebenen
statt: Die eine Ebene ist die des Microlearning im Web, im Internet oder un-
ternehmensinternen Intranet. Trger von Microlearning ist der Wissens-
arbeiter, der lebenslang und selbstorganisiert Lernende. Die Frage, wie sich
Microlearning aus betrieblicher Perspektive entwickelt, ist unmittelbar mit
der Frage verbunden, wie sich Unternehmen und Organisationen den neuen
Mglichkeiten des Web 2.0 ffnen. Der wachsende Anteil wissensbasierter
Arbeitsprozesse wird hier das Tempo des Wandels bestimmen.
Die andere Ebene ist die des Microlearning als Teil des formalen Qualifizie-
rungsangebots. Hier legt der Einsatz neuer elektronischer Kurzformate nahe,
bestehende E-Learning-Strukturen und Prozesse kritisch zu berprfen, zu
erweitern und in Richtung des Wissensmanagements und informellen Ler-
nens zu ffnen. Im Idealfall werden sich die Entwicklungen beider Ebenen
berschneiden.
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