Peter Häberle - Livro
Peter Häberle - Livro
ISBN 3-7610-6303-2
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Peter Haberle
Verfassungsgerichtsbarkeit
zwischen Politik und Rechtswissenschaft
Peter Haberle
Verfassungsgerichtsbarkeit
zwischen
Politik und Rechtswissenschaft
Recht aus Rezensionen
Verfassungsgerichtsbarkeit
ais politische Kraft
Z'lcJeiStudien
Athenaum
1980
Vorwort
Die hier vorgelegten zwei Studien "Recht aus Rezensionen" und "Verfassungsgerichtsbarkeit aIs politische Kraft" versuchen an Hand der Rechtsprechung des
Bundesverfassungsgerichts bzw. der Vorarbeit, der Zuarbeit und dem Nacharbeiten der Rechtswissenschaft einige der wissenschaftlichen und politischen
Prozesse namhaft zu machen, die den offentlichen PrazeR der EntwickIung des
Grundgesetzes mitstrukturieren und mitsteuern. Beide Arbeiten, die erste aus dem
Jahre 1979, die zweite aus dem Jahre 1978, sind bereits in dem Band "Kommentierte Verfassungsrechtsprechung", 1979, abgedruckt worden. Sie werden hier
mit Erganzungen (bis Ende 1979) vorgelegt, nicht zuletzt, um in einer handlichen
und billigeren Ausgabe einen weiteren lmeressemenkreis, insbesondere auch
Studemen, zu erreichen.
Augsburg, den 6. 12. 1979
Peter Haberle
Rechtsprechungsrezensionen
aIs Faktoren
des Rechtsbildungsprozesses
Gliederung
A) Einfhrung
B) Die typischen Erscheinungsformen von Rechtsprechungskommentierungen
1. Arten von Rechtsprechungsrezensionen
11. Verschiedene Kommentatoren und Empfanger von Rechtsprechungskommentaren
C) Aufgaben und Moglichkeiten von Rechtsprechungskommentaren
1. Einleitung
11. Die Aufgaben von Rechtsprechungsrezensionen im einzelnen
1) Die Kunstregelperspektive
2) Die entwicklungsgeschichtliche Perspektive
3) Die dogmatische Perspektive
4) Die funktionellrechtliche Perspektive
5) Die Folgenperspektive
6) Die Offentlichkeitsperspektive
111. Die Stellung des Rechtsprechungsrezensenten im Verhaltnis zu den anderen Verfassungsinterpreten i. w. S.
1. Allgemein
2. Insbesondere: Der spezifische Rezensionscharakter
3. Rezensionen und Sondervoten
A) Einfhrung
Rechtsprechungsrezensionen
zur Entscheidungstatigkeit
des Bundesverfassungsgerichts haben sich unter dem Grundgesetz zu einer eigenen Gattung entwickelt.
Das hat mehrere Grnde. Zum einen verlangt die umfassende Stellung und Funktion des BVerfG nach einer moglichst raschen, aber auch nach spaterer bedachtigerer und kontinuierlicher
Kommentierung
seiner Entscheidungen.
Zum anderen:
In dem Mal, in dem die Kraft zur entscheidungsunabhangigen
"freischwebenden"
Kommentierung
des GG "aus einer Hand" schwindet\
bleibt die Moglichkeit
und wachst die Notwendigkeit,
den jeweiligen Entscheidungen
des BVerfG entlang zu kommentieren.
1m gleichen Grad wie die Entscheidungen
des BVerfG das Wesentliche ber das
Grundgesetz ais law in public action aussagen, werden sie ihrerseits zum Gegenstand der Interpretation2 An ihrer Auslegung entzndet sich der Streit der (politischen) Parteien, ihr Verstandnis wird zum "Streitgegenstand"
eigener Art (Beispiel: das Radikalen-Urteil-BVerfGE
39,334; auch altere Urteile konnen wieder
in die Kontroverse geraten, z. B. das FernsehurteilBVerfGE 12, 205). Der Verfassungssatz wird nicht etwa durch die verfassungsrichterliche
Entscheidung "abgelost", aber er wird doch durch sie hindurch interpretiert - und gerade auch deswegen wird diese ihrerseits interpretiert.
Die Diskussion
um die "richtige"
V erfassungsauslegung
wird zur Auseinandersetzung
um das rechte Verstandnis
der Verfassungsgerichtsentscheidung3
Mit jeder neuen Entscheidung des BVerfG tun sich aber auch neue Probleme
auf - vor allem auch deshalb, weil das Gericht in seine Entscheidungen
viel, oft
zu viel hineinschreibt.
Self-restraint im Begrndungsumfang
sollte hier zu einer
praktizierten
Tugend werden. In der Krze der Begrndung kann das BVerfG
manches vom EuGH lernen, so vorsichtig und begrenzt hier Parallelen zu ziehen
1 Dazu Kottgen, in: AoR 85 (1960), S. 65 (68-71).
2 Rechtsprechungsrezensionen, dieber Jahrzehntehin kontinuierlich arbeiten, sind um so
notwendiger, aIs sich die Judikatur des BVerfG mittlerweile auf ber 50 Bande belauft.
ln vielem trin sie praktisch zum BGBI. hinzu. Dieser ungeheure Stoff - samt seiner Wirkungsdokumente - bedarf der Sichtung, gerade auch durch das BVerfG selbst, das dabei
auf die Hilfe der Wissenschaft angewiesen isto Aulere "computergerechte" Zusammenstellungen (jetzt etwa das Nachschlagewerk des BVerfG 1978) mogen einen ersten Zugang
ermoglichen, sie haben aber ihre Grenzen. So ware etwa weder das "offentliche Interesse"
aIs zentraler Rechtsprechungstopos frhzeitig genug ausgewiesen worden, noch der materiellrechtliche Hintergrund der Anwendung des Verfassungsprozelrechts. Auch das gute - Sachregister der BVerfGE hat seine Grenzen!
3 Das Anschwellen von Literatur ber Richterrecht (z. B. B. 10m Ipsen, Richterrecht und
Verfassung, 1975)und ber seine Grenzen (z. B. Rol! Wank, Grenzen richterlicher
Rechtsfortbildung, 1978) hane genug Anlal geben konnen, den Stellenwert von Rechtsprecliungsrezensionen zu berdenken, ebenso den der kommentierenden Verfassungsrechtswissenschaft.
Freilich, kommentierte
Verfassungsrechtsprechung
macht den Verfassungskommentar nicht etwa berflssig. Der Grundgesetzkommentar
unterscheidet
sich von der "kommentierten
Verfassungsrechtsprechung"
schon dadurch, da6
jener das ganze Grundgesetz kommentiert,
also auch jene Artikel, zu denen noch
keine Rechtsprechung
vorliegt, wahrend diese von der vorhandenen Rechtsprechung ausgeht und schon insofern Ickenhaft isto V or allem ist aber der hauptsachliche Anknpfungspunkt
ein anderer: Beim Grundgesetzkommentar
giIt die Aufmerksamkeit direkt und primar dem Verfassungstext;
die Kommentierung
eines
Urteils nimmt sich aIs unmittelbaren
Gegenstand die Entscheidungsbegrndung
vor und greift nur durch dicse hindurch auf den T ext der Verfassung zurck. Bei
allem Gewicht, das die Verfassungsrechtsprechung
hat, sie ersetzt nicht die Verfassung; ebensowenig kann die "kommentierte
V erfassungsrechtsprechung"
den
Verfassungskommentar
ersetzen.
Diese Untersuchung
der Rechtsprechungskommentierungen
mug sich drei
problematischen
Beziehungsfeldern
widmen: dem Verhaltnis von Wissenschaft
und Offentlichkeit, der Beziehung der Verfassungsgerichtsbarkeit
zur Offentlichkeit sowie den Beziehungen zwischen Verfassungsgerichtsbarkeit
und juristischer
Wissenschaft einschIie6lich Fachoffentlichkeit9.
Es geht also insbesondere um das
soziale Subsystem
Wissenschaft,
die institutionalisierte
Verfassungsgerichtsbarkeit und die Sphare der (fachIich nicht gebundenen) Offentlichkeit im weiteren
Rahmen des politischen Systems. Diese drei Bereiche unterscheiden
sich durch
verschiedene Strukturen,
Organisationsprinzipien
und HandIungsmuster
und
konnen insofern zurecht voneinander abgehoben werden; die Differenzierungen
zwischen diesen drei Bereichen begrnden VerstandnisprobIeme
und verlangen
bersetzungsleistungen.
ln allen drei F:illen geht es dabei um entscheidend wichtige Kommunikationsprobleme
im politischen Gemeinwesen. Rechtsprechungs9 Verdienstvoll sind Dokumentationen zu groBen U rteilen der Verfassungsgeriehte, weil sie
nicht nur die Vorgeschiehte, sondern aueh die (politisehe) Naehgesehiehte eines Urteils
im Spiegel vieIgestaltiger Materialien und Kommentare (ggf. aueh von Staatsorganen anderer Staaten) zusammenstellen und damit das verfassungsriehterliche Urteil aIs eine
Etappe auf dem Weg von Verfassungen siehtbar werden lassen: vgl. etwa CieslarlHampellZeitler, Der Streit um den Grundvertrag, 1973, mit Dokumentationen zu allen Verfahrensabsehnitten vor dem BVerfG und einschlagigen Auflerungen seite1lsder DDR. Auch
ein Bueh wie das von SternlBethge, Anatomie eines Neugliederungsverfahrens, 1977, ist
aufsehlu6reich. Denn es enthalt neben einem Reehtsgutachten in einem konkreten Verfassungsreehtsstreit (hier gegen das nordhrein-wesdalisehe Dsseldorf-Gesetz) und Sehriftsatzen u. a. des Ministerprasidemen von Nordrhein-Wesdalen das auf die gemeindliche
Verfassungsbesehwerde ergangene U rteil des Verfassungsgeriehtshofs fr das Land
Nordrhein-Wesdalen (S. 250ft). Insofern ist das Urteil in den gesamten juristische1l und
politischen Willensbildungs- und EntseheidungsprozeB eingebettet. Das kann einer
Kommemierung nur frderIich sein. Vorbildlich sind auch die Dokumentationen: Blumenwitz (Hrsg.), Wehrpflicht und Ersatzdienst, 1978; femer JescheckITri/fterer, 1st die
lebenslange Freiheitsstrafe verfassungswidrig?, 1978; ArndtlErhardl Funcke (Hrsg.), Der
218 StGB vor dem BVerfG, 1979; Das U. des BVerfG v. 2. 3. 1977 zur Offentlichkeitsarbeit ... , Dokumentation, 1978.
~) Die typischen
tlerungen
Erscheinungsformen
von
Rechtsprechungskommen-
lpsen, AaR 91
11 Z. B. Lerche, AaR 90 (1965), S. 341H. (zu den Verfassungsdirektiven);
HansF. Zacher, AaR 93 (1968), S. .141H. (zurso(1966),S. 86ff. (zum Privateigentum);
Zwirzialen Gleichheit); Hollerbach, AaR 92 (1967), S. 99ff. (zum Staatskirchcnrccht);
Schmitt Glacser, AiiR 97 (1972),
ner, AaR 93 (1968), S. 81H. (zur Parteifinanzierung);
Zollner, AaR 98 (1973), S. 71 ff. (ZlI Art. 9 Abs. 3
S. 60H.,276H. (zurMeinungsfreiheit);
GG); H. H. Rupp, AaR 92 (1967), S. 212ff. (zu Art. 12 GG); Stem, AiiR 91 (1966),
S. 223 H. (zu Art. 100 Abs. 1 GG); Bettermann, AaR 92 (1967), S. 4% ff. (zum Gerichtsverfassungsrecht);
vgl. zum "OHentlichen Interesse" meinen Bericlll: "Gemcinwohljudikatur und Bundesverfassungsgericht",
AoR 95 (1970), S. 86 fI., 2(,0 fI. AlIS dcm JaR
des BSG
vgl. etwa: Hj. Jellinek, JaR 16 (1967), S. 183ff.; W. Bogs, Ilic Rcchlsprechung
dcs BAG zum
zum GG, JoR 16 (1967), S. 129ff.; G. Schnorr, Dic Rcclllsprecllllllg
des BGH zum
Grundgesetz, JaR 16 (1967), S. 163H.; H. J. Faller, Dic Rcchlspreehllng
GG, JaR 17 (1968), S. 407ff.; F. Chr. Zetler, JaR 25 (1976), S 621 fI.
2. Juristische Monographien
stimmten "Argumentationsfigur"
- meist Dissertationen
- nehmen sich einer bean: z. B. des "Wertsystems"12.
Sieuntersuchen
3. Betont informative
berblick.
Rechtsprechungsbersichten
in der verfassungs-
13 vermitteln
einen ersten
Verwaltungsrecht
Schon hier stellt sich aber die Frage, ob es nur Zufall ist, wenn sich auf bestimmte
Entscheidungen
die Rechtswissenschaftler
"in Scharen strzen", wahrend sie andere vernachlassigen, und zu welchen Folgen dies fhrt. So fallt auf, dag das Gesprach mit dem Hochschulurteil
des BVerfG (E 35, 79) von den wisserrschaftlichen Kommentatoren lange nicht so intensiv gesucht wurde, wie dies wohl seinem
Range entsprochen hatte. Lag hier eine "schweigende Mehrheit" der Zustimmung
vor1S? Andererseits wurden Urteile wie das erste NC-Urteil,
die Abhorentscheidung (vgl. BVerfGE 30, 1, SV 33) oder die Gnadenentscheidung
(BVerfGE 25,
352) haufig rezensiert16 Intensitat und OHenheit, mit der die Wissenschah eine
Entscheidung (kontrovers) kommentiert,
auch der Pluralismus der Meinungen
und gegensatzlichen Kommentare ist sicher nicht ohne Einflug auf den Stellengewinnt: Rewert, den die Entscheidung auf Dauer in Lehre und Rechtsprechung
zensenten konnen ein Urteil vergessen (machen?) oder hervorheben (auch ber
Gebhr) und somit auch die relative Bedeutung von anderen Entscheidungen
mit
beeinflussen. Die tatsachliche Bedeutung einer Verfassungsgerichtsentscheidung
ist mit abhangig vom Echo in der Wissenschah und in der weiteren OHentlichkeit,
beides wird vom Rezensenten mit konstituiert17 Diese Bedeutung des Rezensenten fr die Rezension einer Verfassungsgerichtsentscheidung
in der OHentlichkeit
der Verfassung begrndet die groge Verantwortung
der Wissenschah auf diesem
Gebiet.
Eine Sonderform sind die "vorweggenommenen" Rechtsprechungskommentare: wissenschahliche Autoren geben ganz gezielt auf einen vor dem BVerfG anhangigen Rechtsstreit ihren Kommentar ab, (kurz) bevor das Gericht entscheidet.
V orfraErinnert sei an den Aufsatz von H. H. RUpp18 zu verfassungsprozessualen
gen der staatlichen Parteifinanzierung
im Blick auf BVerfGE 20,56 (92), an Drigs
Zeugen- Jehovas- Engagement19, das dieEntscheidungBV
erfGE23, 191 (204) nicht
nur in wichtigen Punkten antizipiert hat, sondem in ihrem Gefolge auch in der
weiteren Diskussion
auf der Habenseite
des bundesdeutschen
Pluralismus
15 VgI. aus der Lit. nur etwa Oppermann, JZ 1973, S. 433ff.; Schlink, DOV 1973, S. 541ff.;
Kimminich, WissR 1973, S. 193fI.
16 VgI. H. Maurer, JZ 1969, S. 741f.; Knemeyer, DOV 1970, S. 121ff.; Trautmann, MDR
1971, S. 173fI.
17 Selbstversndlich sind die Rezensenten ihrerseits von dritten Gr6Ben abhangig und
schaffen nicht im freien Raum die Bedeutung eines U rteils. Insbesondere die aktuelle politische Brisanz einer Verfassungsgerichtsentscheidung ist es, welche die Rezensenten
anziehen drfte. Die publizistische AuBerung zu einer derartigen Entscheidung entspricht haufig einem eigenen Bedrfnis des Rezensenten, seinem Engagement an der Sache wie auch die AuBerung zu einer im Rampenlicht der Offentlichkeit stehenden Entscheidung etwas von diesem Licht auf den Rezensenten weiterleitet und so auch sehr
menschlichen Interessen des Kommentators ntzlich isto
18 NJW 1966, S. 1097.
19 Drig, JZ 1967, S. 426ff.
10
Sehrifttum
hinaus erweitern.
1. Der niehtjuristisehe
Kommentator,
der fast aussehIiemieh in Tages- und
W oehenzeitungen, in Rundfunk und Fernsehen, geIegentlieh in "Naehriehtenmagazinen", durehweg ad hoe tig wird. Er mag Gesehiehte, PhiJosophie, PoJitikoder Zeitungswissensehaft
studiert haben26.
2. Der juristiseh ausgebiIdete Kommentator,
der hie et nune primar von journalistisehen Anforderungen
aus arbeitet, d. h. das "Interesse des Tages", der
Politik, des Brgers aIs Leser im Auge hat. Sieherlieh gibt es Zwisehen- und bergangsformen: etwa die UrteilsanaIyse des StaatsreehtsIehrers
in der "Zeit", der
Leserbrief des BV erfG- Riehters i. R. in der F AZ27 u. a. Dennoeh Iassen sieh beide
Personengruppen
im groben unterseheiden.
Die oben erwahnten ersten vier Formen juristiseher Reehtspreehungskommentare haben durchweg einen juristischen Fachmann aIs Autor. 1m Gegensatz zum
journalistischen Kommentar, der auf die politische OHentlichkeit, auf den Staatsbrger aIs ZeitungsIeser und Rundfunkhrer
zielt, ist seine Zielgruppe der juristischeFachmann. Er kann bei ihm das Verstandnis einer bestimmten Terminologie,
das Wissen um bestimmte Argumentationsfiguren
und Zusammenhange
voraussetzen. Diese Unterschiede
sowohl in der Person des Kommentators
wie im
Adressatenkreis
ermgIichen und erzwingen Konsequenzen
fr Aufbau, Form
und Stil der Rechtsprechungskommentare.
Diskrepanzen ergeben sich daraus, daB einzeIne Entscheidungen
in der ZeitungsHentlichkeit
kaum oder gar nicht kommentiert werden, wahrend sie die juristische FaehHentlichkeit
ausgiebig rezensiert. Das punktuelle - auch Iaunische
- Interesse der nieht-juristischen
OHentIichkeit an den einzelnen verfassungsrichterlichen Entscheidungen irritiert nicht selten. Umgekehrt mag sich der Zeitungsschreiber, -macher und -Ieser mitunter wundern ber die Vielfalt der Kommentare, die eine Entscheidung
provoziert.
von Entscheidungen des BVerfG, FAZ v. 22. 10. 1976. - Eine vortreffIiche Kennzeichnung der Spruchpraxis der Dreier-Ausschsse des BVerfG durch R. Gerhardt, "Handzeichnungen zum Grundgesetz" (FAZ v. 18.9. 1978, S. 10). - S. auch H. Schueler,
Grenzen des Rechts, Das Verfassungsgericht im Widerstreit, in: Die Zeit v. 6. 10. 1978,
S.1.-Fromme,FAZv.2.11.1979,S.8(zurKleingartenrecht-E).
26 Rezensenten aus der Publizistik handeln im "ersten Zugriff", wahrend Rechtsprechungsrezensionen in der Wissenschaft langerfristig entstehen und wirken. Gleichwohl
hat auch die Presse Verantwortung: vor allem dafr, dall ein Urteilsinhalt richtig und
nicht sinnentstellend bekanntgemacht wird, denn nur dann kann re-zensiert werden. Die
hochstrichterliche Rechtsprechung dringt ja zunachst "ber" die Medien in die Offentlichkeit, Veroffentlichungen in der amtlichen Sammlung oder in Fachzeitschriften folgen
erst spater nach.
27 Z. B. Leibholz, FAZ V. 24. 11. 1977, S. 9 u. v. 30. 12. 1978, S. 9; S. auch Geiger, Abdruck
eines Vortrags bzw. Interviews mit Interpretationen der Diatenentscheidung in FAZ v.
9. 10. 1978, S. 5; P. Lerche, Das Karlsruher Urteil (zur Abtreibung) und seine Kritik,
in: Rhein. Merkur vom 7. 3. 1975; Ridder: "Falsch wie das Grundvertragsurteil", FAZ
v. 4.10.1979, S. 9.
11
12
Anforderungen
an ihre handwerklich gegrndete Kunst und ihre Grenzen letztlich von einem bestimmten Verfassungsverstandnis her gesteuert werden: eine offentlich interpretierte Verfassung, eine pluralistisch und prozessual verstandene
Verfassung, eine grundrechtlich
und demokratisch
(d. h. brgerdemokratisch)
ernst genommene normative Verfassung ver!angt kommentierte
Verfassungsrechtsprechung
durch den juristischen Fachmann und den Journalisten31
13
Gericht in die Zukunft hinein. Sie arbeiten in die Tiefe und Breite und haben somit
besser aIs das Verfassungsgericht
selbst die Moglichkeit und die Aufgabe33, ber
das "Punktue!!e"
einer Emwicklung hinaus "Linien" auszuziehen, theoretische
Zusammenhange
aufzuspren oeler erst herzuste!!en, Kehrtwendungen,
Widersprche, aber auch Traditionen in der Rechtsprechung
des Verfassungsgerichts
zu
benennen. Das offentliche Zusammenspiel
der Verfassungsrechtsprechung
une!
ihrerverschiedenen
und verschiedenartigen
Kommentare bildet so einen wesentlichen T eil des Prozesses, in dem das Verfassungsrecht interpretiert, aktualisiert und
elamit auch je neu kreiert wird.
von Rechtsprechungskommentaren
lI. Die Aufgaben von Rechtsprechungsrezensionen im einzelnen
I. Einleitung
Rechtsprechungsrezensionen
bilden in einem Gemeinwesen mit ausgebauter Verfassungsgerichtsbarkeit
das unverzichtbare
"gewaltenteilende"
(und d. h. auch
arbeitsteilige) Gegenstck zum "pratorischen
Verfassungsrecht"
der Verfassungsgerichtsbarkeit.
"Pratorisches V erfassungsrecht"
macht Rechtsprechungsrezensionen moglich und notig wie auch umgekehrt die standige N eubearbeitung
unel Neuschopfung
eles Rechts in der Arbeit der Gerichte ein funktionierendes
Rezensionswesen voraussetzt. Rezensionen erst vermitteln eine Entscheidung in
die juristische wie nichtjuristische Offentlichkeit und sorgen so fr das dem Recht
eigene Publiziratsmoment32,
ohne das auch und gerade pratorisch geschaffenes
Recht nicht existieren konnte. Zugleich haben Rechtsprechungsrezensionen
auch
die Aufgabe der Kontrolle des verfassungsgerichtlichen
Umgangs mit dem Recht,
in inhaltlicher wie in funktionell-rechtlicher
Sicht. Auch fr die Effektivitat der
Kontro!!e ist der (je nachdem mild kritisierende, moralisierende, entrstete) Appe!! an die Offentlichkeit
ausschlaggebend. Rechtsprechungskommentare
geben
Anregungen und - durch die Kontroversen untereinander - Alternativen fr das
31 Der jngst wohl von juristischen "Beratern"
"abgesicherte"
V orsto6 des Hamburger
Brgermeisters [(lose in Sachen Radikalenerla6 ist ein Beispiel dafr, wie ein Streit um
die 1nterpretation
eines BVerfG-Urteils
neu entfacht werden kann.
32 Sie sind ein Faktor - neben anderen - in den Prozessen der "normierenden
Kraft der Offentlichkeit",
sind Teil eines ffentlichen Kommunikationsprozesses.
Sie gehren zur
,,1nterpretationspraxis".
Freilich darf der Primartext, d. h. der Verfassungsrechtssatz,
"wie der Richter ihn versteht", nicht zum blo6en Appendix, er darf nicht "begraben"
werden. Daran mu6 gerade auch wegen des Brgerbezugs
der Verfassungsrechtsprechung im Grundrechtsbereich
fr den Sprach- und Begrndungsstil
immer wieder erinnert werden. 1nsbesondere darf der Theoriebezug nicht bermachtig werden. Dennoch
gelte nach Ma6gabe ihrer Rezensenten, so z. B.,
knnte man sagen, die Rechtsprechung
wenn "gro6e" Urteile des BVerfG immer zusammen mit ihren wichtigsten Rezensionen
zitiert werden. 50, wie es kein Recht "an sich" gibt, sondern nur interpretiertes
Recht,
"lebt" auch die Rechtsprechung
durch ihre Rezensenten: 5ie bringen die Rechtsprechung
mit "auf den Weg".
Eine wichtige, ja die Aufgabe geraele wissenschaftlicher Rezensionen ist es, die
Entscheidungen
eles Gerichts auf Widersprche, auf unbewiesene Behauptungen,
auf die Einhaltung der Regeln des Fachs zu berprfen, kurz, ob kunstgerecht ge33 Ein wichtiger Argumentationsoder ggf. Kritikpunkt
ist der Zusammenhang,
in dem
eine bestimmte Entscheidung
des Gerichts oder ein bestimmtes einzelnes Argument der
Begrndung steht. Steht es in Widerspruch zu Vorentscheidungen
oder knpft es an eine
Kette von gleichsinnigen Emscheidungen
an? 1st die in concreto gefundene Begrndung
fr die entscheidende
Frage auch tauglich, ahnlich gelagerte Falle vernnftig zu losen?
- Oder handelt es sich nur um eine ad hoc-Konstruktion,
die aus einer augenblicklichen
Begrndungsnot
geboren wurde, deren verallgemeinerte
Anwendung
aber zu unliebsamen Konsequenzen
fhren m6te? Es ist die besondere Mglichkeit und das legitime
Recht der Rezension, gerade solche Fragen zu verfolgen und das Ergebnis solcher berlegungen dem Gericht kritisch vor Augen zu haltcn. Der besonderc Beruf des Rezensenten zu dieser Aufgabe grndet eben hierin, wahrend nicht bersehen werden darf, da6
sich das unter Entscheidungszwang
stehende Gericht eher punktuell dem zu entscheidenden EinzelfaJI zu widmen hat. Darin liegt eine der wesentlichen, nicht leichtfertig zu
opfernden Eigenarten spezifisch gerichtsfrmigen
Umgangs mit Rechtsfragen.
Gerade
dieses Beispiel zeigt das wechselseitige Aufeinander-Angewiesensein
von Verfassungsrechtsprechung
und ihren Kommentatoren
(auch im Blick auf etwaiges Unterlaufen von
BVerfG-Entscheidungen
seitens des Gesetzgebers!).
14
arbeitet wurde34. Die Einhaltung der "znftigen" (modern ausgedrckt: professionellen) Standards ist die Mindestanforderung
an ein akzeptables Uneil, zugleich bilden diese Regeln auch einen relativ unumstrttenen
berprfungsmal3stab fr gerichtliche Entscheidungen, was nicht ihr geringster V orteil isto Zu diesel'
Untersuchung
der Arbeitsweise des Gerichts hlt auch die "Durchleuchtung"
von Argumentationsfiguren,
VaI' aliem aber die Offenlegung von "Strategie und
Taktik" verfassungsgerichtlicher
Entscheidungen,
das Abklopfen einer Entscheidung auf ihre Plausibilitat und die Tragfahigkeit ihrer Begrndung.
Kritisches
Mil3trauen seitens des Rechtsprechungsrezensenten
ist vor aliem don am Platze,
wo sich die (V erfassungs- )Rechtsprechung
allzu bequem auf der (vermeintlich si
cheren) Brcke einer Prajudizienkette
"ausruht", die bei naherem Zusehen in sich
so gar nicht besteht oder fr die im entschiedenen Fali zu bewaltigende Last nicht
tragfahig ist oder die angesichts neuer Fragestellungen bauWlig geworden isto 50
sollte der Rezensent besonders bei Formeln wie "so hat der Senat in srandiger
Rechtsprechung ausgefhrt" und ahnlichem mil3trauisch werden. Hohle Formeln
konnen zu ungengendem Begrndungsersatz
werden, wo doch eine am entschiedenen Fall selbst plausibel werdende Begrndung notwendig isto
2. Die entwicklungsgeschichtliche
Perspektive
lS
16
4. Die funktionellrechtliche
Perspektive
Besonders wichtig ist es, auf die Einhaltung der (funktionellrechtlichen) Grenzen
auch
der Verfassungsgerichtsbarkeit38 zu achten. Oft wird diese Kontrollfunktion
von nicht-fachjuristischen
Korrtmentatoren
wahrgenommen
werden. Die Reaktionen der nichtjuristischen
Offentlichkeit auf ein Urteil zeigen vielfach recht genau an, wo das Verfassungsgericht
den ihm gesteckten Rahmen bertreten hat,
und machen so deutlich, dag die Verfassungsgerichtsbarkeit
nicht eine Sondererrungenschaft allein der Juristen, sondem eine Institution der ganzen res publica
ist, die alie Brger und damit auch deren Sprecher in der Offentlichkeit
angeht39.
Unter diesem Gesichtspunkt
spielt die Aufdeckung der Elemente rnaterieller
Gutachtenpraxis des Bundesverfassungsgerichts eine Rolle. Trotz der formellen
Abschaffung der Gutachtenkompetenz
des Bundesverfassungsgerichts40
ist das
Gutachten materiell keineswegs ganz aus dem Verfassungsleben eliminiert. Abgesehen von mancher Gutachten-Kompetenz
in der Uinderverfassungsgerichtsbarkeit41 besteht eine defacto-Gutachtenpraxis des BVerfG. Sie findet sich mehr oder
weniger versteckt und intensiv in vielen Erscheinungsformen
verfassungsrichteI'licher Judikatur42: So sind gutachterliche Elemente nachweisbar in der obiter
dicta- Judikatur des BVerfG, in manchen zu breit geratenen fast monogI'aphieahnlich anmutenden Urteilen43, in der Grundsatzrechtsprechung,
d. h. berall dort,
wo nicht nur der Einzelfall entschieden wird, sondem generalisierend judiziert
wird: materielle Gutachtenpraxis!
Gutachtenahnliche
Tatigkeit wird bei einem VerfassungsgeI'icht nie ganz fehlen:
seine spezifische Funktion wird solche Elemente nie ganz von sich abstreifen, denn
sie gehren ihm wesensmagig zu. Ein Stck Gutachten dI'fte in fast jedeI' SachEntscheidung des Verfassungsgerichts
stecken. Doch kommt es auch hier auf das
Ausmafl ano "Vorbeugende Verfassungsrechtsprechung"
steckt in nuce fast in jeder verfassungsI'ichterlichen
Entscheidung44, weil sie fast immeI' nicht nur den zurckliegenden
abgeschlossenen
Einzelfall entscheidet, sondem ein Stck Zu38 Dazu Ehmke, VVDStRL 20 (1963), S. 53 (74ft); Hesse, Grundzge
reehts der BR Deutschland,
11. Aufl. 1978, S. 32 ft
des Vertassungs-
17
kunftsorientierung
vermittelt. Hier ist das meiste eine Frage von Nuancen. Die
Offenheit des politischen PI'ozesses darf nicht duI'ch ein zu viel an materieller
Gutachtenjudikatur
gefahrdet werden. Der RechtspI'echungskommentar
hat hier
spezifisch ein "Wachteramt"45:
im Blick auf die Verfassungsbindung
des BV erfG.
5. Die Folgenperspektive
46 BVerfGE
47 BVerfGE
48 BVerfGE
43 Z. T. im 2. NC-Urteil:
BVerfGE 43, 291.
44 Zum Problem mein Bcitrag, in: JZ 1977, S. 361ft
49, 1.
39, 334.
48, 127.
Vortrag:
Verfassungsgerichtsbarkeit
aIs politisehe
Kraft, in die-
18
6. Die tmentlichkeitsperspektive
Die lnformationsaufgaben der Rezensenten erweisen sich mithin ais auf die Offentlichkeit der Verfassungsgerichtsbarkeit
bezogen, die unmittelbar von der Offentlichkeit der Verfassung selbst geboten isto Die einzelnen Leistungen der Rezensenten, etwa das Aufspren von Rechtsprechungsanderungen,
das Aufdecken
von Entwicklungsfaktoren
(sie kannen verfassungsrichterlicher
Natur sein, politische Grnde haben, aber auch fachjuristischer Art sein) und so fort dient der
Transparenz der V organge bei der verbindlichen Auslegung der Verfassung und
ist so ein Beitrag zum Geschaft der Verfassungsauslegung
ais affentlichem ProzeEso.
19
ne51, letztlich namlich an die ganze Brgerschaft. Seine Rolle erkIart sich aus seiner
Stellung gegenber der Verfassungsrechtsprechung
und gegenber dem Insgesamt
aller Verfassungsinterpreten.
Der Verfassungsgerichtsrezensent
lebt aus "zweiter" und "erster" Hand! Er ist ein Faktor der Verfassungsrechtsprechung,
insofem er eine Art publizistische Verlangerung dieser Verfassungsrechtsprechung
in
die res publica isto Er ist somit unter dem Gundgesetz eine wesentliche InstallZ
geworden, welche die Vedassungsgerichtsbarkeit
in die juristische wie in die
nichtjuristische
OHentlichkeit
vermittelt.
Verfassungsgerichtsbarkeit
ist ohne
Kommentierung
durch wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche
Rezensenten
nicht denkbar; sie lide mindestens zum Teil ins Leere; insofem kommentiert der
Rezensent des Verfassungsgerichts
"ex curia" und "pro curia". Aber dies ist nur
die eine Sei te. Der Rezensent ist auch eine Instanz "extra curiam", unabhangig von
ihr, der sich nicht nur rein informierend an seine Adressaten wendet: er ist nicht
(nur) "OHentlichkeitsarbeiter"
des Bundesverlassungsgerichts,
vielmehr tritt er
auch, die Entscheidungen
des Gerichts kritisierend und fr seine eigenen juristischen Losungen werbend, an die juristische wie nichtjuristische OHentlichkeit der
Verfassung im ganzen. Insofern wird er aus "erster Hand" tatig. Er kann ggf. mit
seinen kritischen Argumenten diese Offentlichkeit
so berzeugen, daE das Bundesverfassungsgericht
seine eigene Rechtsprechung
emeut berdenkt (und sei es
auch nur in der Weise, daE ein Sondervotum
diese Kritik aufnimmt und einen
Wandel vorbereitet). Auf dem (Um-)Weg ber die OHentlichkeit kann das Verfassungsgericht selbst lernen.
Der Rezensent hat also einen doppelten Adressatenkreis:
neben dem (Verfassungs- )Gericht die Offentlichkeit.
Das wirkt sich auch auf seine handwerklichen
(Kunst- )Regeln und seine Sprache aus. GewiE will der Kommentator verfassungsgerichtlicher Entscheidungen
den Juristen erreichen, er will aber auch den Nichtjuristen ansprechen, mindestens die Vermittlung der Verfassungsrechtsprechung
ber die Joumalisten vorbereiten, die ja ihrerseits eine unverzichtbare
Funktion
der "bersetzung"
im ersten Zugriff erfIlen52 Fachsprache und Alltagssprache
51 Zu diesel' U nterscheidung mein Beitrag, Die oHene Gesellsehaft der Verfassungsimerpretcn, JZ 1975, S. 297 fL, jctzt in: Verfassung aIs oHentlicher ProzcG, 1978, S. 155fL
520ft in Leitartikeln: Leicht, in: SZ; Fromme, in: FAZ; Schueler, in: "Die Zeit. - Die kommcntierende Aktivitat der Tagespresse hat sich in den letzten Jahren verstarkt, vor aliem
in berregionalen Zeitungen (wie FAZ und FR, Sddeutsehe Zeitung und im "Spiegel"
etc.). Da sie groBe Breitenwirkung haben, leisten sic ein Stek OHentlichkeitsarbeit fr
das Verfassungsgericht und seine Judikatur. Emsprechend groG ist ihre Verantwortung.
Sie konnen Versndnis wecken, aber aueh MiGversndnisse provozieren. Ihre "erste"
Kommemierung, den juristisehen Faehzeitschriftcn zeitlieh weit voraus, ist zwar nieht
die letzte, sie stellt aber im Atmospharischen nicht geringe Weichen fr die weitere Wirkung einer Entseheidung. Wird ein "groGes" Urteil gar zu einem Leitartikel, so gilt das
in besonderem MaGe. Daraus folgt nicht das Postulat, nur dcn juristischen Fachmann
in Form von Leitartikeln oder groGeren Beitragen in den Tageszcitungen ber dic Verfassungsgeriehtsemscheidungen beriehten zu lassen. Geradc den "Nicht-Profi" muG die
Entseheidung erreiehen konnen, und der Rechtsprcehungskommentator im weitcren
Die Wahmehmung
ali dieser Aufgaben der Kritik schafft Transparenz der Verfassungsrechtsprechung,
genauer: Publizitat des Grundgesetzes!
Gegebenenfalls
auch ein Stck "Erziehung"
der Richter - mit Verlaub.
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sen. An ihrer Beseitigung mitzuwirken, ist eine wesentliche Aufgabe der professionellen Verfassungsgerichtsrezensenten
in den Fachzeitschriten.
50 ist sehr die
Frage, ob die MiEverstandnisse
bei der AusIegung des Diatenurteils (E 40, 296)
- sie rgt vor allem der Bundesverfassungsrichter
i. R. Geiger53 - nicht hatten vermieden werden konnen54.
53
Sinne, der nichtjuristische Journalist hat eben in dieser Eigenschaft seinen genuinen Beitrag zur Vermittlung der Entscheidung zu leisten. Sein journalistischer Zugang zur Entscheidung ist eine Form des 2ugangs vom Alltag und vam Jedermann her. 2m Forderung
nach "Gegenprobe" aus der Sicht der Bevolkerung: Drig, VVDStRL 32 (1974), S. 248f.
(Diskussion). Insbesondere kann es ja zu professioneUen "Verformungen" im Denkapparat des Juristen kommen. Ihnen ist der Journalist weniger ausgesetzt.
Vgl. FAZ v. 9. 10. 1978, S. 5; Geiger, ZParl1978, S. 522ff. - Vgl. auch die raschen
"bersetzungen" der Parkuhren-Entscheidung des VGH Bad.-Wrtt. (DOV 1978,
S. 178, a. A. BayObLG, DOV 1978, S. 526) durch die Tagespresse.
Freilich mul gerade beim (Mil-)Verstandnis des Diaten-Urteils ein Zusammenhang von
"Erkenntnis" und "Interesse" mit in Rechnung gesteUt werden.
S. im einzelnen die Ausfhrungen von Dreier, in: DreierlSchwegmann (Hrsg.), Probleme der Verfassungsinterpretation, 1976, S. 13 (42f.); vgl. auch P. Hiiberle, DVBI.
1967, S. 220 (224f.).
So etwa die Berichte in JuS, jetzt gesammelt herausgegeben von H. Weber, Die Grundrechte, Bd. 1, Bd. 2 (1977).
Welche aIs eigene Gattung natrlich ihr eigenes Recht und ihre eigene Aufgabe haben.
S. das geglckteW ort Scheuners von der ununterbrochenen "Legitimationskette" vom
Volk zu den Staatsorganen (VVDStRL 16 (1958), S. 124), das in die Rechtsprechung des
BVerfG eingegangen ist (DVBI. 1978, S. 436 m. Rezension Schmidt-Jortzig, DVBI. 1978,
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62
S. 796) oder Drigs pragnante Formulierung Kant'schen Ursprungs, der Mensch drfe
nicht zum Objekt eines staatlichen Verfahrens gemacht werden (Maunz-DrigHerzog-Scholz, GG-K., An. 1 Rdnr. 18,28,34; An. 10 Rdnr. 40; vgl. BVerfGE 5, 85ff.
(204); 7, 198ff. (205); 9, 89ff. (95); 27, 1ft (6); freilich ohne Not im Abhruneil aufgegeben: BVerfGE 30, 1ff. (25 t), dagegen das Sondervotum (39 f.) und meine Ausfhrungen,
JZ 1971, S. 145f.
Genau gcnommen gebraucht der Ausdruck "Theorie der juristischen Theoriebildung"
den Theoriebegriff in verschiedenem Sinn: die (primare) Ebene der juristischen Theorie
meint den der praktischen juristischen Tatigkeit eigenen Umgang mit dogmatischen Gesichtspunkten und Rege!n. Die Elemente dieses Wissens werden pragmatisch im Angesicht der zu losenden Falle integrien. Davon zu unterscheiden ist die (Meta- )Ebene der
Theorie der juristischen Theoriebildung, die (Meta- )Theorie der juristischen Tatigkeit
und Theoriebildung; diese kann "Theorie" im Sinne eines zusammenhangenden Corpus
von deskriptiven Begriffen und Relationen mitsamt erklarenden Verknpfungen sein.
Zur Unterscheidung von verschiedenen Ebenen juristischer "Theorie", von praktischer
RechtswissenschaEt und Rechtstheorie siehe jetzt W. Krawietz, Juristische Entscheidung
und wissenschaftliche Erkenntnis, 1978.
Zu den Theorien der "Nichtigkeit" von Gesetzesnormen ais Beispie!e meine Bespr. von
Moench, Verfassungswidriges Gesetz und Normenkontrolle, 1977, in: DVBI. 1978,
S.653.
Es ist kein Zufall, dal M. Hauriou erst am Ende jahrzehntelanger Kommentierungsarbeit zum Conseil d' tat seine berhmte"Theorie de l'Institution" vorgelegt hat. S. unten.
Dazu P. Haberle, JZ 1977, S. 361 (370f.).
einer verfassungsgerichtlichen
Rezensionskunst68
ais Teil der
wohlnoch
in den Anfangen. Das mug nicht
entmutigen, sondem kann ermutigen: Verfassungsgerichtsbarkeit
ist das vielstimmige Gesprach, in das potentiell alle mit eintreten konnen und sich an alie wenden
"Theorie de l'Institution"64 ist sicher auch auf dem Hintergrund jahrelanger harter handwerklicher
Kommentierungsarbeit
zu sehen.
M. Hauriou ist in seiner Person beides geglckt: Rechtsprechungstreue
Kommentierung des Conseil d' tat, der eine Art "franzosisches
V erfassungsgericht
vom Verwaltungsrecht
aus" war und noch ist65
"Kunst" ist die - geglckte - Rechtsprechungskommentierung
deshalb, weil sie
einerseits vom Interpr~ten hohes Engagement, fast eine Art "Versenkung"
in die
richterliche Entscheidung fordert, andererseits sich vor Dberinterpretation
htell
solL Der Interpret mug die schwierige Aufgabe meistern, sich mit der Verfassungsgerichtsbarkeit
zu identifizieren, wenn notig aber auch auf kritische Distanz
zu gehen66,67.
fentlichkeit, 1974, S. 34. Dieser EinfluB ist auch wirklichkeitswissenschaftlich durch literatursoziologische Studien zu untersuchen.
Auch die Literaturkritik steht in einem doppelten Bezug, zur Literatur und zur Offentlichkeit, der es dem Kritiker nicht immer leicht macht, seine Orientierung zu finden.
Auch hier stellen sich die Fragen nach der Bedeutung des Kritikers fr die Vermittlung.
S. ais Einstieg in diese Fragen Hohendahl, Literaturkritik und Offentlichkeit, 1974, und
vor aliem empirische Rezeptionsforschungsarbeiten, beispielsweise N. Groben, Rezeptionsforschung ais empirische Literaturwissenschaft, 1977, oder Link, H., Rezeptionsforschung, 1976. Fr eine Analyse der Kritik unte r dem Gesichtspunkt des Offentlichkeitsbezugs ist wichtig Peter Glotz, Buchkritik in deutschen Zeitungen, 1968.
Historisches bei A. Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, 1953
- Gelegentlich dieser Parallele ist des alten Zusammenhangs von Poetik und Rhetorik
zu gedenken, der mglicherweise heute neu hergestellt werden knnte; dies liegt angesichts der zeitgenssischen Neubetonung der rhetorischen Elemente in der Jurisprudenz,
von Viehweg bis Schreckenberger (Rhetorische Semiotik, 1978) besonders nahe.
68 In manchem zeigen sich Parallelen zum Verlltnis zwischen Theater und Kritiker, dazu
etwa Reich-Ranicky, Rede auf den Theaterkritiker F. Lu/t, FAZ V. 24.6.1978. - Rechtsprechungsrezensionen stehen in literarischen Traditionen. Man mag zweifeln, ob es
"kommentierte RG-Rechtsprechung" gab, sicher gibt es Traditionen in der Publizistik,
Z. B. Tucholskys bissige Kommentierung des RG in Strafsachen, in deren milderer Nachfolge wohl ein ProzeBberichterstatter wie Gerhard Mauz im "Spiegel" steht. S. auch
A. Doblin, Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord, 1924.
69 Welches ist der Unterschied zwischen der Interpretation von Kunstwerken und von
Rechtsnormen? Hat der Interpret hier geringere Freiheit aIsdort, stellen sich andere Auslegungsprobleme, sind andere Auslegungsmethoden geboten? Nicht nur auf den ersten
Blick zeigen sich verblffende Parallelen. Die historische Auslegung ist in beiden Bereichen menschlicher Kultur praktiziert und umstritten: man denke etwa an den "historischen Bach". Die objektive, textgetreue ist bekannt aus der Auffhrung eines Shakespeare-Stckes, die dynamische, gegenwartbezogene aus der Neuinszenierung einer
Wagner-Oper. In beiden Bereichen lst sich das Werk vom Schopfer, es gewinnt eigene
Gestalt und eroffnet eben dadurch dem Interpreten Gestaltungsspielraum. Es liegt nahe,
in der Bindung an das vorgegebene Problem, in der Verbindlichkeit fr alie im Gemeinwesen, in der Begrndetheit im Konsens, in den moglichen Sanktionen den entscheidenden qualitativen Unterschied der Arbeit des interpretierenden Juristen gegenber dem
freieren Knstler- Interpreten zu sehen. Ist dessen Eigenleistung aber so viel grBer?
Auch der Knstler nimmt die Probleme nicht beliebig, auch er arbeitet aus dem Vorfindlichen, auch er wirkt im gesellschaftlichen Kontext (selbst dann, wenn er ihn negiert oder
negieren muB!), auch er ist Sanktionen der Offentlichkeit ausgesetzt und auf (mindestens
spatere) Zustimmung angewiesen. Zu "Gemeinsamkeiten zwischen der juristischen und
musikalischen Interpretation": Schwalm, in: FS Dreher, 1977, S. 53ff.
22
23
Die Entstehung
24
Die Entscheidungskritik,
in aIlen Varianten zwischen der Rezension "sine ira
et studio" bis zum engagierten "cum ira et studio", von der Leitartikelgestalt
bis
zur Filigranarbeit in der juristischen Fachzeitschrift,
gehort so sehr zur Verfassungsgerichtsbarkeit,
daS auch das kommentierte Verfassungsgericht
selbst diese
Kritik - offen oder verstecktin seine eigene Arbeit mit einzubauen hat. Wegen
der engen Verknpfung
dieser Kritik mit den Wirkmoglichkeiten
der Verfassungsgerichtsbarkeit
hat sie an der Einrichtung der Verfassungsgerichtsbarkeit
aIs
solcher tei!. Sie ist von und in ihr mitgeschtzt! In einem weiteren Sinn sind die
Kommentatoren
der verfassungsgerichtlichen
Entscheidungen
"Mitarbeiter"
des
Verfassungsgerichtshofs!
3. Rezensionen und Sondervoten
Rechtsprechungskommentare
konnen Vorformen verfassungsrichterlicher
Voten
und Sondervoten der Zukunft sein. Umgekehrt gilt nicht minder: Rechtsprechungskommentare konnen sich an Sondervoten berzeugt und berzeugend "anhangen" und sie im "Konzert" der V erfassungsinterpretation
im engeren und weiteren
Sinne verstarken. Diese Wechselwirkung
zwischen Sondervoten und Rechtsprechungsanalysen
verdient besondere Aufmerksamkeit.
Herausragende
Beispiele
lidert etwa die Kontroverse um das Abhorurteil70, das Urteil zur Offentlichkeitsarbeit der Bundesregierung71, um die Auslegung des Art. 33 Abs. 5 GG72und das
Diatenurteil73, um das Hochschulurteil74, das Mephisto- Urteil75 usw. In die durch
die Institutionalisierung
des Sondervotums gewollten Prozesse der Konfrontation
und Integration von Mehrheits- oder Sondervoten sind die Rechtsprechungsrezensionen betont einzubeziehen und faktisch auch einbezogen.
Das Sondervotum ist zunachst eine spezielle Form des pluralistischen Minderheitenschutzes,
sofem man die einzelnen Bundesverfassungsrichter
auch unter
dem Gesichtspunkt
der Reprasentation
des Spektrums des politischen Gemeinwesens siehr76.
Das Sondervotum ist eine Form, die das Mehrheitsprinzip
im verfassungsrichterlichen KoIlegium modifiziert, mildert - und ertraglich macht. Es ist eine institutionelle Losung des Paradoxons, daB von der Idee einer einzigen rechtlich korrekten und verbindlichen Rechtsauffassung
nicht abgegangen werden kann und
70 BVerfGE 30,1 bzw. 33, vgl. die Rezensionen von H. H. Rupp, NJW 1971, S. 275ft.;
P. Haberle, JZ 1971, S. 145ff.; Hall, JuS 1972, S. 132ff.; Schlink, Der Staat 12 (1973),
S. 85ff.
71 Zuck, NJW 1977, S. 1054 und ZRP 1977, S. 144ff.; P. Haberle, JZ 1977, S. 361ff.
72 BVerfG, DOV 1977, S. 558 bzw. S. 562 m. Anm. B. Bender ebd., S. 565 (= E 43,
154ff.).
73 J. Henkel, DOV 1977, S. 819; P. Hdberle, NJW 1976, S. 537ff.; Menger, Verw. Arch.
1976, S. 303ff.; Geiger, ZParl1978, S. 522ff.; Kloepfer, DVBI. 1979, S. 378ff.
74 Oppermann, JZ 1973, S. 433ff.
75 Sondervotum Erw. Stein, BVerfGE 30, 218; vgI. Schwabe, DVBI. 1971, S. 689ff.
76 Dazu P. Hdberle, in: ders. (Hrsg.), Verfassungsgerichtsbarkeit, 1976, S. 1 (26ff.). Das reprascntative Moment hat zur Folge, dali 19 BVerfGG restriktiv auszulegen isto
25
doch auch offenbar ist, daS fast in jedem Einzelfall verschiedene Meinungen mit
(guten) Grnden moglich sind. In diesem Zusammenhang
mSte das Grundsatzproblem "Mehrheitsprinzip
und Sondervotum"77
genau untersucht werden.
Eine weitere wichtige Frage gilt dem praktischen EinfluS der Institutionalisierung des Sondervotums in 30 Abs. 2 BVerfGG auf die Mehrheitsbildung
im Senat, auf die gruppendynamischen
Prozesse im Gremium. Entscheidungen
des Senats sind ja mehr aIs die Summe der Entscheidungen
der einzelnen Richter78. Zu
kIaren ist insbesondere, ob und wie sich die Moglichkeit zu Sondervoten auf bundesverfassungsgerichtliche
Entscheidungen,
insbesondere auf ihren KompromiScharakter, auswirkt; ob Sondervoten - Dissens berdeckende - Formeln oder faire
Sachkompromisse
im Senat fordem oder ob sie umgekehrt dazu fhren, die Diskussion im Senat im Blick auf die Moglichkeit des offentlichen Dissentierens zu
frh abzubrechen 79.
77 Grundlegend zum Mehrheitsprinzip: Scheuner, Das Mehrheitsprinzip in der Demokratie, 1972; dazu P. Haberle, JZ 1977, S. 241 ff., jetzt in: Verfassung aIsoffentlicher Prozell,
1978, S. 565ff. Die Existenz von Sondervoten bzw. des 30 Abs. 2 BVerfGG ist ein gesetzesimmanentes Argument fr eine restriktive Auslegung und Praxis zu 31
BVerfGG; dazu P. Haberle, Zeit und Verfassung (1974), jetzt in: Dreier/Schwegmann
(Hrsg.), Probleme der Verfassungsinterpretation, 1976, S. 293 (304 Anm. 69).
78 Zur Bedeutung der Interaktionen im Richtergremium E. S. Snyder, in: Social Forces 36
(1978), S. 232ff.; S. a. S. Ulmer, in: G. Schubert, Judical Decision-Making, 1963, S. 13ff.
(Zur RoIle von "leadership" im Michigan Suprem e Court); die Scalogramm-Analysen
des Suprem e Court von Canada von S. R. Peck in: G. Schubert/D. J. Danielski, ComparativeJudicial Behavior, 1969, S. 293ff.; S. in diesem Band auch das Ergebnis von A. G.
Samonte (ber den philippin. Suprem e Court), S. 157ft. (189). - Hierher gehort die
Frage, warum gerade Frau Bundesverfassungsrichterin Rupp-v. Brnneck zum - weiblichen - "KristaIlisationskern" frSondervoten geworden ist (z. B. E 42, 154ff.). - Zuletzt
kritisch: Fromme, Sondervoten - nicht bewahrt, FAZ v. 6.2. 1979, S. 1.
79 Es besteht ein Zusammenhang zwischen Begrndungs- und Argumentationsstil von
Entscheidungen einerseits, Sondervoten andererseits. Zuspitzende, "rechthaberische"
Mehrheitsvoten konnen zu einer Verschdrfung zu Sondervoten fhren und umgekehrt
(zur Wirkungsgeschichte von Sondervoten vgI. bei Anm. 71ff.); Z. B. zeichnet sich das Abhorurteil in dieser Hinsicht aus (BVerfGE 30, 1 bzw. ebd. S. 33ff.). Umstandliche, breite
oder "makelnde" Sondervoten konnen ein Indiz fr nicht zu voll ausgetragene Willensbildungsvorgange und fr Kommunikationsdefizite im Senat sein. Sondervoten sollten
weniger den Charakter wissenschaftlicher Disputationen haben (ungewohnlich reiche
Literatur- und Rechtsprechungshinweise Z. B. im SV Hirsch, E 42, 11H.; ein sehr "personliches" SV: von Schlabrendorff, in E 33, 35ff.) Sie sind das dialektische Gegenstck
zur richterlichen Mehrheitsmeinung, aber eben das Gegenstck aus Richterhand! Der
Sondervotant ist und bleibt Richter, er wird nicht "freier Mitarbeiter" oder Kommentaror des Gerichts (Beachte auch den [gewandeIten?] malvollen Stil des Sondervotums Dr.
Simon in E 47, 34ff., Dr. Steinberger, E 48, 23). Deswegen mul auch innerhalb des Sondervotums seIf-restra:int gebt werden. 1m Ganzen sind sachlich wie sprachlich mallvoIle, disziplinierte Sondervoten ein Ideal. Die sprachliche Form von Sondervoten hat
eine der Urteilssprache entsprechend hohe Bedeutung: Genauigkeit, aber auch Offenheit
sind gefordert.
26
zwisehen
27
Sondervoten berufen?86, insbesondere: haben sie, auf sie gesttzt, den Mut zur
Durchbrechung
herrsehender Meinung gehabt?
Auf diesem Hintergrund
der verfassungstheoretisehen
Funktion des Sondervotums sind die Fragen der Form und des Stils des Sondervotums zu behandeln. Sie
sind Kon5equenz dieser doppelten Funktion des Sondervotums
im Senat und in
der Offentliehkeit und aIs solche sehr ernst zu nehmen. Denn die - offentliehe _
Verantwoftung
des dissentierenden
Riehters ist groB. Fr die Autoritat des Gesamtgeriehts hangt viel vom guten Stil der Sondervoten ab - so sehr maflvolle Sondcrvoten die Autoritat des Bundesverfassungsgeriehts
starken, weil in ihnen die
unterlegene (z. B. politisehe) Partei in ihren Zielen und Argumenten auf hoherer
Ebene "aufgehoben"
wird. Es kommt zu einer integrierenden
Funktion des Sondervotums: die unterlegene Partei findet sieh immerhin in den Banden der Amtliehen Sammlung des Bundesverfassungsgeriehts
wieder, wenn aueh "nur" im Sondervotum! Die hohe Verantwortung
des Dissenters legt Zurckhaltung beim Ob
eines Sondervotums berhaupt nahe, aber aueh beim Wie, d. h. bei der Frage, in
welcher Gestalt das Sondervotum prasentiert wird, hinsiehtlieh seines Stils und
seiner Teehnik. Insbesondere
des erwahnten "Rechtsgesprachs"
wegen sollten
Sondervoten polemiseh und aggressiv weder im Bliek auf die Mehrheitsentscheidung noeh darber hinaus sein, andererseits aber aueh keiner Gelehrtenabhandlung epischer Breite gleiehen. Fr beides gibt es lei der Beispiele. Sondervoten sollten im besten Sinne "argumentativ"
sein. Sie konnen
Ausdruek
eines
Reehtsgespraehs im Senat sein - und dies aueh erkennen lassen. Self-restraint in-
86 Dabei entsteht die Frage eines Konflikts mit der Bindungsklausel des 31 BVerfGG.
Dazu zuletzt Lange, JuS 1978, S. 1 (3f1.).
87 Dazu jetzt Kobl, JZ 1976, S. 752f1.- Es kann durch den Ausbau der Verfassungsgerichtsbarkeit auch zu einer Art Negativwirkung des BVerfG kommen. Die anderen Staatsfunktionen wagen kaum mehr, Gewohnheitsrecht zu postulieren und zu praktizieren,
ehe das BVerfG dies nieht aIs solches anerkannt hat. Dieser negative Nebeneffekt des
positiven Ausbaus der Verfassungsgerichtsbarkeit ist auch beim parlamentarischen Gesetzgeber selbst zu beobachten.
28
29
Exkurs
interpretieren
Besondere
Aufmcrksamkeit
und kommentieren90
von Entscheidungen
des Kommentators
verdienen
nicht beteiligt ist, wissensehaftlieh kommentieren darf und soll, bleibe hier offen. Entspreehendes gilt fr den BVerfG-Riehter im Ruhestand. - Gerade unter dem Gesiehtspunkt der authentisehen Selbstinterpretation ist Art. 79 Abs. 1 S. 2 GG bekampft worden: er bedeute eine authentisehe lnterpretation des verfassungsandernden Gesetzgebers, die unzulassig sei. Das Problem liegt in der Authentizitat der Selbstinterpretation.
Wenn ein Riehter spater (fr den Senat?) sagt, "wir haben es damals so gemeint", suggeriert dies Verbindliehkeit, die sieh rationaler Kontrolle entzieht. DureI. authentisehe
Selbstinterpretation wird die subjektive Komponentewieder in die lnterpretation hineingetragen. Damit ist der Zusammenhang mit dem Methodenstreit greifbar: Ein UrteiJ muE
objektiv, "aus sieh heraus" wirken. Spatere Riehtigstellungen, Klarstellungen, Erganzungen usw. eines an der Entseheidung BeteiJigten sind "nachgelieferte - unzulassige Sondervoten". Es muE differenziert und abgestellt werden auf den Urteilsuitpunkt:
Vorher, d. h. bei "vorweggenommenen" Kommentaren, greifen ja die proze\rechtliehen
Befangenheitsvorschriften (vgL die Rottmann-Beschlsse, E 35, 171, 246); die - m. E.
unzulassige - Selbstinterpretation danach ist eine Frage des politischen Stils, der poli tisehen Kultur: Es gibt keine prozellreehtliche Handhabe, keine juristisehe Sanktion mehr.
S. auch Geiger, zit. nach FAZ v. 19.2.1979, S. 4: "Der Verfassungsriehter kommentiert
nicht, erkJart nieht seine Entseheidung." - Darf sieh ein Richter aIs Wissenschaftlerselbst
interpretieren, etwa mit dem Argument Art. 5 Abs. 3 GG? ln diesen Zusammenhang
gehort 3 Abs. 4 BVerfGG ais konkretisiertes Verfassungsreeht (Wissensehaftsfreiheit):
Mit der verfassungsriehterliehen Tatigkeit ist nurdie Hochsehullehrertatigkeit vereinbar.
Heiflt dies, dali ein Wissensehaftler auch ber die Rechtspreehung forschen darf, an der
er selbst beteiligt war?
92 VgL noeh H. H. Rupp, DOV 1976, S. 691.
Undurchschaubarkeit
der staatlichen Organe, die Unverstandlichkeit
ihrer VerIautbarungen mssen ein emstes Problem fr eine Demokratie bilden, die immer
von neuem von der Zustimmung ihrer Brger lebt. Paradigmatisch fr diesen aktuellen Problemkreis
soll die haufig zitierte AuBerung von Bundeskanzler
H. Schmidt stehen, derzufolge er seine Wasserrechnung
nicht mehr verstehen
konne. ln diesem Kontext stehen auch berlegungen
zu einem "brgerfreundliDatenaufbereitung92a
chen Meldewesen"
bzw. allgemein zu brgergerechter
Wenn das Grundgesetz die Verfassung der Brger, und d. h. aller Brger, nicht nur
der Juristen, sein soll, so muB sich das auch in der Sprache zeigen, in der die Verfassung lebt. Fr die Gerichtsbarkeit, insonderheit die Verfassungsgerichtsbarkeit,
bedeutet das die Forderung nach bestmoglicher Verstandlichkeit
in Sprache, Stil
und Argumentationsfhrung
der gerichtlichen Begrndungen93 Die juristische
Fachsprache94 hat sich, soweit dies realisierbar ist, der Umgangssprache
zu nahem.
30
31
95 Ein Beispiel dafr, wie die Veroffenrlichung eines Urteils und die Rezensionen zu diesel'
Entscheidung Rechtwirksamkeit entfalten, bieter BGH JZ 1978, S. 646f.: Das Gericht
hielt die Rechtsscheinhahung einer GmbH & Co. KG (entsprechend 4 Abs.2
GmbHG), die ohne den Zusatz "GmbH & Co." aufgetreten war, fr zumutbar, weil
eine Entscheidung des BGH einige Jahre vorher (BGHZ 62, 216), die eine solche Haftung fr die Zukunft angekndigt hatte, veroffentlicht und in der juristischen Fach- wie
in der Wirrschaftspresse ausfhrlich besprochen worden war; Entscheidungspublikation
wie -rezension sind damit aIs Faktoren des law in acrion anerkannt.
96 Vgl. den ahnlichen Vorschlag Forsthoffs (Recht und Sprache, 1940, S. 10ft) einer verschiedenartigen Beziehung der Sprache zum Recht: dort, wo das Recht "unmittelbar
Ausdruck eines ethischen Rechtsgedankens" ist, solle die Sprache ein hohes Mail an Allgemeinverstandlichkeit haben, technisches Recht, zweckhafte Regelungen dagegen
konnten fachspezifischer formuliert sein- freilich ein Vorschlag, der in seinen Grundannahmen heure nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar ist; man denke an die Auilerung
des Bundeskanzlers oben im Texr, welche die negative Seire der Entwicklung zu mehr
zweckrationaler Kodifikations- und Verwaltungstechnik auf den Begriff bringt. Allgemein dazu:]. Esser, Gesetzesrationalitat im Kodifikarionszeiralter und heute, Recht und
Sraar Nr. 470, 1977, S.'13ft
97 L S, det TerminoJogie des BVerfG, vgl. etwa E 47, 144 (145); 50, 16 (30); s. auch meine
Bespr. von Moench, Verfassungswidriges Gesetz und Normenkontrolle, 1977, in:
DVBI. 1978, S. 653.
33
32
Zu differenzieren ist weiter nach Rang und Funktion der Gerichte in der Gerichtshierarchie (im hierarchischen Aufbau der Gerichte). Eine solche Unterscheidung geht von der Annahme aus, dali die Obergerichte sich vor aliem an die spezielle Fachoffentlichkeit
wenden. Die "Hhenluft"
der Senate des BGH und der
Oberlandesgerichte
zeigt sich nicht zuletzt darin, dali sie manche Abstriche an der
Allgemeinversrandlichkeit
ihrer Entscheidungen im Interesse ihrer "eigentlichen"
Adressaten, der Fachoffentlichkeit,
machen drfen, ja machen mssen99
Die Verfassungsgerichtsbarkeit nimmt eine Sonderstellung ein. Die ffendiche
Beachtung, die dem Bundesverfassungsgericht
zukommt, wenn es wichtige Fragen fr die Verfassung des Gemeinwesens entscheidet, mull auch im sprachlichen
Stil der Entscheidungsbegrndungen
bercksichtigt werden. Das Verfassungsgericht hat grundsatzlich und spezifisch "fr den Brger" zu begrnden. Mit der
"Brgerdemokratie"100
ist auch im Begrndungsstil von Verfassungsgerichtsent-
98 Hierbei ist zwar zu bedenken, daG es gute Grnde fr die juristische Fachsprache gibt,
die bei allen Arten von Entscheidungen
gltig sind; alJein, im Bereich der Grundrechte
ist der zusatzliche Gesichtspunkt
der Verstandnismoglichkeit
des Blirgers besonders in
Rechnung zu stelJen.
99 AlJerdings ist zu berlegen, ob nicht gerade auch die Obergerichte hohcrc Aufmerksamkeit auch beim Brger finden, dic offentliche Beachtung a/so durchaus gestuft entsprechend der Wichtigkeit der Gerichte innerhalb des Rechtssystems auf dic cinzclnen "Etagen" verteilt isto
100 Zu ihren inhaltlichen Anforderungen
mein Beitrag, in: VerfasslIJll'; als ffentlicher
ProzeG, 1978, S. 130f., 137fI.
34
35
bolische, expressive, emotive Bedeutung der Sprache des Rechts. Die Betonung
von Demokratie, Rationalit, OHentlichkeit darf nicht darber hinwegtauschen,
dag das Recht auch von Zeremonien, Ritualen, der Beeindruckung
des Brgers
lebt. Diese Elemente drfen sich aber nicht selbstandig machen und mssen wohl
balanciert sein 109.
senten besonders um die Sprache, das Medium der Erste11ung, Verbreitung und
Wirkung der Entscheidung kmmem. Es geht dabei nicht nur um das Problcm
Fachsprache oder Umgangssprache;
auch der Char:akter der Rechtssprache
aIs
Herrschafts- und Sondersprache will bercksichtigt sein 108 ebenso wie die sym-
Fachsprachen,
die aIs "Soziologenchinesisch"
abgetan werden. Eine solche Sondersprache mag soziologisch betrachtet zwar unvermeidbar
sein, sie birgt aber die Gefahr
eines Flexibilitatsverlustes
und unlegitimierter Herrschaftsausbung.
Zu diesem Aspekt
der Sprache der Juristen vgI. auch L. M. Friedrnan, in: George Washington Law Review
33 (1964), S. 563ff., bes. S. 568; H. Brinkmann, OVD 2 (1972), S. 60ft
109 Fr diese Seite des Rechts sei erinnert an die feierliche (be- )schworende
Eidesformel
"bei Gott dem AlImachtigen und AlIwissenden, nach bestem Wissen die reine Wahrheit
gesagt und nichts verschwiegen
(zu) haben", oder an die wertebeschworende,
pathetische Sprache der Praambeln von Verfassungen. Auch dieses Element muG im Recht
seinen Platz haben. Man wird mithin sehr genau differenzieren mssen, wo die Alltagssprache die Rechtssprache
ersetzen solI. V gI. fr das amerikanische Recht D. Mellinkoff, a.a.O., S. 172t und alIgemein S. 41ft, S. 446ft
110 Die konstitutive Bedemung der Sprache, fr deren Herausarbeitung
vor alIem der spate
Wittgenstein zu nennen ist, hat H. L. A. Hart schon frh betont, s. The Ascription of
Responsibility
and Rights, in: A. Fle'W, Logic and Language, 5. AufI. 1963 (1. AufI.
1951), S. 145ft S. a. K. Olivecrona, in: R. A. Newman (ed.), Essays in Honor of Roscoe
Pound, 1962, S. 151 ff. - DetailIierte Ausarbeitung
hat diese Dimension der Sprache in
der Theorie der Sprechakte gefunden, s. J. L. Austin, How to do Thing with Words,
1971 (zuerst 1962), hier insbesondere die Ausfhrungen
ber "performativa",
S. 4ft,
anhand juristischer Beispiele!, unter Bezugnahme
wo Austin (bemerkenswerterweise
auf Hart) entwickelt, wie die AuGerung von Satzen das V olIziehell einer Handlung bedeutet; s. weiter die Verfeinerung der Theorie ebd. S. 132 ff.; fr eine kmze Darlegung
Austins s. auch ders, in: ]. R. Searle (Hrsg.), The Philosophy
of
der Grundidee
Language, 1971, S. 13ft Fr eine Verarbeitung
der sprachtheoretischen
und argumen
tationstheoretischen
Diskussioll fr die Rechtswissenschaft
s. R. Alexy, Theorie der juristischen Argumentation,
1978. Ein knapper berblick
ber sprachtheoretische
Arbeiten und ihre mogliche
Relevanz fr die Rechtswissenschah
findet sich bei
R. Dubischar, Vorstudium zm Rechtswissellschaft,
1974.
36
bemachtigen 111. Die "Reibung" zwischen der Sprache der Gerichte und der Sprache der Brger wird nicht vollst:indig aufzuheben sein 112. Um so wichtiger und
verantwortungsvoller
ist die Aufgabe der VermittIer, die zu guten TeiIen auch eine
sprachIiche Aufgabe isto
Die Einsicht in die Sprachabhangigkeit
des rechtlichen Geschehensl13 verlangt
die Erganzung der sprachIichen Forderungen an das Bundesverfassungsgericht114
Die vielen
durch eine Selbstreflexion und Selbstkontrolle der WissenschaftllS.
Dogmatiken, die es hier gibt, mssen sich starker seIbst kontrollieren im BIick auf
Verst:indnisbarrieren,
die sie (ungewollt) aufrichten. Andernfalls bleibt der DiaIog
111 Die enorme Bedeutung der sprachlichen Dimension des Rechts wird deutlich im Angesicht von fremdsprachigen Rechtsbrgern und von Rechtsordnungen mit Brgern
verschiedener Sprache; in der Bundesrepublik ist an das Problem der AusEinder zu denken, vgl. dazu P. HCiberle,Verfassungsprinzipien "im" Verwaltungsverfahrensgesetz,
in: Festschrift Boorberg Verlag, 1977, S. 47ff. (61f.); entsprechende Probleme fremdsprachiger Einwanderer sind vermutlich in den USA und Israel erforscht; Probleme
der Mehrsprachlichkeit stellen sich vor aliem auch in den jungen Staaten der Dritten
Welt, die von ihren kolonialen Grndern ohne Rcksicht auf ethnische und sprachliche
Zusammengeharigkeit gegrndet wurden und die jetzt mit solchen Verschiedenartigkeiten leben mssen. Einen Forschungsrahmen fr Probleme nationaler Mehrsprachigkeit bietet W. A. Stewart, in: ]. A. Fishman (ed.), Readings in the Sociology of
Language, 1970, S. 531ff.; S. auch F. A. Rice (ed.), Study of the Role of Second Languages in Asia, Africa, and Latin America, 1962; aufschluBreich ber (ehemals) bestehende
Minderheitenrechte in den USA auch H. Kloss, in:]. A. Fishman (ed.), Readings in
the Sociology of Language, 1970, S. 639ff.
112 Der Charakter aIs permanentes Problem, das nicht nur von Seiten des Rechts, sondern
auch von Seiten der Brger bearbeitet werden muB, zeigt sich beispielsweise darin, daB
der Umgang mit der Rechtssprache zum Gegenstand schulischen Unterrichts wird, vgl.
dazu U. LatnerlC. V. Plottnitz (Hrsg.), Fachsprache der Justiz. Ein Arbeitsbuch fr den
Deutschunterricht und die GemeinschaEtskunde auf der Oberstufe (Kollegstufe), 1976.
113 Die Sprachabhangigkeit des Rechts wie der RechtswissenschaEt zeigt sich nicht zuletzt
beim Erlernen der Jurisprudenz: der Bedeutung der Aneignung der Rechtssprache in
der Juristenausbildung, vgl. dazu U. a.]. Esser, Vorverstandnis und Methodenwahl in
der Rechtsfindung, 1970, S. 10ff., 29ff., S. 53ff. und aEter; W. Krawietz, Juristische
Entscheidung und wissenschaftliche Erkenntnis, 1978, S. 17: das juristische Wissen der
Praxis sei "durch die Berufssprache des Juristen vermittelte" juristische Methodik. Eine
bemerkenswerte Untersuchung zur Einbung der juristischen Sprache anhand von
Einzelbeispielen gibt Th.-M. Seibert, Zur Fachsprache in der .luristenausbildung, 1977.
114 Mit dem Thema "Sprachliche Bedingungen einer Kontrolle des BVerfG" befaBt sich
ein Referat, das A. Podlech auf dem Symposion zu Ehren von E. Friesenhahn am 7. 1.
1977 in Maria Laach gehalten hat. - S. auch die Kritik von de Lazzer, JZ 1977, S. 78ff.
115 Freilich muB auch umgekehrt erwogen werden, inwiefern die WissenschaEt einer besonderen Sprache bedarf, um den natigen Abstand zur Rechtspraxis zu gewinnen, um
auf diese steuernd einwirken zu kannen. Zu derartigen berlegungen einer Differenzierung in Sprache der Rechtspraxis nnd Sprache der RechtswissenschaEt S. bereits
H. Dolle, Vom Stil der Rechtssprache, 1949, S. 31f., 46ff. und auf breitem theoretischem Hintergrund jetzt W. Krawietz, a.a.O., passim.
37
vielerlei Ursachen haben: Zum einen wurden die ausgebaute Verwaltungsgerichtsbarkeit und das oft extensiv judizierende und das Verfassungsrecht
pratorisch fortemwickelnde
BVerfG in der Vergangenheit von Wissenschaft und Offentlichkeit srarker beachtet; daher kam es oft zu landesverfassungsrechtlichen
Rezeptionen, wie z. B. bei der vorbergehenden
Weitergeltung verfassungswidriger Regelungen 119oder bei der Kontrolle legislativer Prognoseentscheidungen,
bei
der die Landesverfassungsgerichte
auf die restriktive Rechtsprechungslinie
des
BVerfG eingeschwenkt sind120. Hinzu kam die relative Unbekanntheit
der Landesverfassungen und die Orientierung der Dogmatik am GG, auf Grund derer
z. B. die Verwaltungsgerichte
eher zum GG griffen [Link] Emwicklung fhrte
auch dort noch zu einer Dominanz des Bundesverfassungsrechts,
wo dies nicht
verfassungsrechtlich
zwingend ist122.
5yLetztendlich geht es hier um strukturelle Probleme des foderalistischen
stems: Einerseits konnte der Zug zur "Einheitlichkeit
der Lebensverhaltnisse"
(vgl. An. 72 Abs. 2, Art. 106 Abs. 3 Ziff. 2 GG) auch die Bedeutung der Landesverfassungsgerichtsbarkeit
schwachen, andererseits kann sie sich aber nur dann
entfalten und in "Arbeitsteilung"123
mit dem BVerfG judizieren, wenn ihre Ei-
gensrandigkeit gewahrt bleibt und wenn sie entsprechend kommentiert wird, sowohl- in vertikaler Hinsicht - aIs ein Stck Pluralismus "unterhalb"
des Bundesverfassungsrechts
aIs auch - in horizontaler
Hinsicht - aIs Entwicklungsfaktor
"gemeindeutschen
V erfassungsrechts"124.
38
rechtsprechung
gelten, die relativ haufig kommentiert wurde, s. (au1ler den in Fn. 117
Genannten) noch Hoppel Rengeling, Rechtsschutz bei der kommunalen Gebietsreform,
1973, bes. S. 85 ff. (zur Gemeinwohlrechtsprechung
der Landesverfassungsgerichte);
Hoppe, in: BVerfG-Festgabe,
a.a.O., S. 663ff. (698ff.), im Zusammenhang
mit der
Ossenbhl, in: B VerfG- Festgabe, a.a.O., S. 458 ff.
PlanungskontroJl-Problematik;
(498 ff.), im Zusammenhang mit der PrognosekontroJlProblematik; Ster, DVBI. 1977,
S. 1ff., im Zusammenhang
mit der Vertrauensschutz-Problematik
(zum NWVerfGH).
- S. zur GemeindereformRspr. auch Schollerl Brofl, Grundzge des Kommunalrechts
in der BRD, 1976, S. 23ff.
119 S. die Leitentscheidung:
BWStGH, NJW 1976, S. 2205 ff. (2208, Anlehnung an die
Rspr. des BV erfG); zu dieser Judikatur, im Kontext von Fortschritt durch Recht( spreim Recht, 1977,
chung): Bacho!, in: Gernhuber (Hrsg.), Tradition und Fortschritt
S. 177ff.
120 Auf das Deichordnungs-Urteil
(BVerfGE 24,367 [405ff.]) und den Absicherungsgesetz-Beschlu1l (BVerfGE 30, 250 [263]). Zur Rspr. der Landesverfassungsgerichte:
Ossenbhl, a.a.O., und Ballke, Umfang und Intensitat der verfassungsgerichtlichen
berprfung von Gesetzen zur kommunalen
Gebietsreform,
Diss. jur. Mnster 1975,
S.173ff.
zum BVerfG, in denen
121 5. das Beispiel bei Friesenhahn, a.a.O., S. 762: Richtervorlagen
die Verletzung des Art. 28 Abs. 2 GG gergt wird, obwohl der Versto1l gegen die diesen
GG- Artikel ausfllende Landesverfassungsnorm
und damit die Anrufung des Landesverfassungsgerichts
naherliegen wrde.
122 Zur Problematik der "berordnung"
des BVerfG s. Friesenhahn, a.a.O., S. 794ff.; s.
dort auch zur "Theorie van dem einen Grundrecht mit zwei Garantien" einerseits und
zur "Theorievon
den zwei Grundrechten
auf zwei getrennten Verfassungsebenen"
andererseits.
- S. zur "kooperativen
Verwirklichung
des Grundrechtsschutzes":
BVerfGE 33, 303 (357f.); dazu, flir den internationalen Bereich: P. Haberle, Verfassung
aIs ffentlicher Proze1l, 1978,5. 407ff. (439ff.).
123 Daflir auch: Friesenhahn, a.a.O., S. 762.
39
40
41
der 5tadt Neus~ ging, der Landtag nicht geaugert, obwohl ihm Gelegentheit dazu
gegeben wurde150. Diese Praxis sollte nicht 5chuIe machen, wenn LegisIativakte
in Rede stehen.
rechtlichen Fragestellungen
ansetzen 158. Die Wissenschaft knnte aIs "V erfassungsinterpret"
die Landesverfassungen
jetzt gerade ber die Rechtsprechung
der
Landesverfassungsgerichte
erschliegen, nach deren Maggabe ja die verfassungsmagige Ordnung in den Landern jeweils gilt.
Die Aufgabe lohnt. Bereits die genannten Iandesverfassungsgerichtlichen
Entscheidungen sind in ihrer juristisch-politischen
Relevanz, in Argumentation
und
Begrndungsstil
Dokumente gegen einen vielleicht vermuteten "Hauch von Provinzialitat".
42
d) Insgesamt ist zu vermuten, dag das Verhaltnis von Landes- und Bundesverfassungsgerichtsbarkeit
in der BR Deutschland Iangfristig aus einem wechselseitigen Geben und N ehmen besteht, so defizitar der Austausch mancherorts noch
sem mago
Das BVerfG hat bereits in seinen frhen Entscheidungen
mehrfach an die Judikatur des schon "etabIierten"
BayVerfGH angeknpft151, was sicher nicht nur
personliche Grnde hatte (Wintrich aIs Prasident des BVerfG).
Jetzt sollte weiter untersucht werden, wo und warum das BVerfG Ergebnisse
der Landesverfassungsrechtsprechung
bernommen, kritisiert und verworfen hat.
Umgekehrt ware aufzudecken, inwiefern die Landesverfassungsgerichte
auf die
Judikatur des BVerfG in echter "Verarbeitung"
Bezug genommen haben. Dies
wird freiIich dann zum ProbIem, wenn die Landesverfassungsgerichte
auf eine in
sich nicht konsistente Rechtsprechung
des BVerfG verweisen oder auf eine Entscheidung, die fr die Beantwortung einer anstehenden Frage nicht reprasentativ
isto 50 wird fr die bei der Gebietsanderungskontrolle
von den Landesverfassungsgerichten praktizierte "Evidenz-Formel"
immer wieder auf das Deichordnungs-Urtei1152 oder auf den Absicherungsgesetz-BeschIug153
verwiesen154.
Diese Verweisungstechnik
ist fragwrdig, weil das Deichordnungs- Urteil auf das
Apotheken-Urteil
verweist155, das den Kontrollrahmen
bei legislativen Wertungen und Prognosen viel enger zieht und weil die Verallgemeinerung
der Ausfhrungen im Absicherungsgesetz-Beschlug
problematisch ist156. Die weiter praktizierte Technik, in den Entscheidungsgrnden
auch "horizontal"
zu verweisen,
d. h. auf andere Landesverfassungsgerichte
Bezug zu nehmen 157,mag daraus resultieren.
e) Fr die grundlegende Beschaftigung mit der Landesverfassungsgerichtsbarkeit, fr Kommentierungen
(aIs Kritik und Hilfestellung) fehlen freiIich oft noch
verfassungstheoretische
V orarbeiten,
die bei spezifisch
Iandesverfassungs150 NwVerfGH,
abgedr. bei Stern/Bethge, Anatomie ... , a.a.O., S. 249ff. (255).
151 S. etwa BVerfGE 1, 184 (201); 2, 266 (282); 4,178 (188f.). Hinweise auch in E 20,56
(87); 45,187 (243); 48, 64 (88). - AlIg. Hinweise aufdie Rsprg der LandesVerfGin
E 50,
50ff., 195 (203f.).
152 BVerfGE 24,367 (405ff.).
153 BVerfGE 30, 250 (263).
154 Beispielhah: BWStGH, DOV 1973, S. 163 (165), "Nrtingen"
(Verweis auf das Deichordnungs-Urteil);
weitere Nachw. bei Ballke, a.a.O., S. 174 und 180 und Ossenbhl,
BVerfG-Festgabe,
a.a.O., S. 498.
155 BVerfGE 24, 367 (406): Verweis auf BVerfGE 7, 377 (410).
156 Ossenbhl, a.a.O., S. 499, unter Verweis auf Phlpp, TatsachenfeststelIungen
des Bundesverfassungsgerichts,
1971.
ders., NJW 1975, S. 1205 (1213, "Neureut").
157 Z. B. BWStGH, a.a.O. ("Nrtingen");
6. Vergleich
43
44
D) Die Kontextthese
Die Aufdeckung und Aufhellung der Kontexte einer Entscheidung ist eine erstrangige Aufgabe des Rechtsprechungskommentatofs:
er hat den Kontext einer
U. Generalanwalt
1973, 1273f.).
Mayras, Rs. leI, Slg. 1972,
Aufschlu6reich
ist die Feststellung des Generalanwalts
672 zur Definition des Begriffs der "abgestimmten
V erhaltensweisen"
im Wettbewerbsrecht: "Es lage gewi6 nicht auf der Linie 1hrer bisherigen Spruchpraxis, sich durch
eine allgemeine und abstrakte Begriffsbestimmung
fr die Zukunft festzulegen. Diese
Rechtsprechung
wird vielmehr nur Schritt fr Schritt in dem Ma6e entwickelt, aber
auch verfeinert werden knnen, wie die vor Sie gelangenden Streitfalle dies mit sich
bringen."
161 Zur Funktion des EuGH aIs ,,1ntegrationsfaktor"
S. etwa Schlochauer, FS fr Walter
1972, S. 374.
Hallstein, 1966, S. 431 ff.; S. auch lpsen, Europaisches Gemeinschaftsrecht,
Diese Funktion kommt in erster Linie in den Entscheidungen
zur unmittelbaren
Anwendbarkeit
des Gemeinschahsrechts
zum Ausdruck; grundlegend die Urteile Van
Gend & Loos, Slg. 1963, 1 (24ff.); Van Duyn, Slg. 1974, 1337 (1347ff.); Reyners, Slg.
1974,631 (649ff.); Defrenne, Slg. 1976,455 (472ff.).
162 Zu den unterschiedlichen
Gerichtsbarkeiten
des EuGH vgl. etwa H. P. lpsen, Europaisches Gemeinschahsrecht,
S. 370ff. Zu seiner neuen Zustandigkeit fr die Auslegung
des Europaischen
Gerichtsstandsund Vollstreckungsbereinkommens
v. 27. Sept.
1968, vgl. das Urteil Tessili, Slg. 1976, 1473 (1482ff.).
163 P. Hdberle, JZ 1977, S. 361 (37of.).
Entscheidung
45
gibt es
46
167 Dies ist eine alte Einsicht, vgl. z. B. R. Mller-Erzbach, Die Relativirat der Begriffe und
ihrer Begrenzung durch den Zweck des Gesetzes (ursprnglich 1912), in: W. Krawietz
(Hrsg.), Theorie und Technik der Begriffsjurisprudenz,
1976, S.201ff.,
205f.:
" ... auch die allerfestesten Rechtsbegriffe jedesmal durch den Zusammenhang,
in dem
sie gebraucht werden, in ihren Grenzen, in ihret Bedeutung ein wenig nach dieser oder
jener Richtung verschoben werden, so dali man ber die vollkommene Gleichheit der
Bedeutung eines Ausdrucks niemals von vomeherein in Sicherheit sein kann".
168 BVerfGE 1, 14 (32); 19, 206 (220); 30, 1 (19: "Kontext der Verfassung");
33, 23 (27,
29); 34,165 (183); 39, 334 (368); K. Hesse, Grundzge, 11. Aufl. 1978, S. 28; H. Ehmke,
VVDStRL 20 (1963), S. 53 (77ff.).
und Selbstbindung
des Gesetzgebers
aIs
169 Dazu Ch. Degenhart, Systemgerechtigkeit
Verfassungspostulat,
1976; U. Battis, Systemgerechtigkeit,
in: Festschrift Ipsen, 1977,
1969.
S. l1ff.; C. W. Canaris, Systemdenken und Systembegriff in der ]urisprudenz,
170 Z. B. P. Haberle, DOV 1966, S. 660ff.
171 L S. meines Ansatzes, ]Z 1975, S. 297ff., jetzt in: Verfassung ais [Link] Prozell,
1978, S. 155ff.
172 Beispiele bei P. Haberle, Verfassungsinterpretation
ais [Link] Prozell, in: Verfassung ais [Link] Prozell, 1978, S. 13off. - Verfassung i. W. S. ist z. T. das, was heute
ais politische Kultur die Wissenschaft beschaftigt.
47
Gadamer, Wahrheit und Methode, bes. S. 285ff. Vgl. auch]. Habermas: "Das hermeneutische Verstehen kann nicht vorurteilslos in die Sache eindringen, sondem ist unvermeidlich vom Kontext, in dem das verstehende
Subjekt seine Deutungschemata
zunachst
erworben
hat, voreingenommen",
in: Der Universaliratsanspruch
der
Hermeneutik,
in: Hermeneutik
und Ideologiekritik,
Frankfurt 1971, S. 120ff. (122f.).
Auch das historische Denken sieht klar die Bedeutung der jeweiligen Verortung
eines bestimmten Phanomens, also auch von Texten und Entscheidungen 177.
Vor alIem haben sprachtheoretische
Forschungen alIer Art immer wieder auf
die Wichtigkeit der Miteinbeziehung
des Kontextes zum Versdndnis von sprachlichen Produkten - und Recht ist ein sprachliches Produkt - aufmerksam gemacht.
Beispielsweise sei auf die bekannte Unterscheidung
von Sprachkompetenz
und
von langue und parole
Sprachperformanz 178 hingewiesen, die GegenberstelIung
(F. de Saussure)179, die GegenberstelIung
von Satzen und .AuBerungen aIs situierten Satzen 180,181. In diesem Zusammenhang
nicht weiter zu verfolgende
rechtstheoretische
berlegungen
konnten hier anknpfen. Die ParalIeldiskussionen in anderen Wissenschaften 182 vermogen die Kontextthese zu besdtigen und zu
weiteren Untersuchungen
anzuregen.
Die kurze U mschau bringt insgesamt eine Besdtigung der Kontextthese: fr das
Recht, fr sprachliche Phanomene berhaupt; ja moglicherweise kann die Bedeutung des Kontextes fr menschliches Problemlosungsverhalten
schlechthin festgestelIt werden 183. Wenn im Sinne dieser Ergebnisse kein Text ohne Kontext verstanden werden kann, wenn kein Problem ohne Kontextbezug
gelost werden
kann, dann gilt auch fr den Juristen: kein Text ohne Kontext!
Was heih Kontextanalyse? Welches ist die Aufgabe des Rezensenten? Kontextanalyse meint Offenlegung von (implizit oder explizit, bewuh oder unbewuh)
in bezug genommenen Umstanden der Entscheidung und der Textauslegung. Das
Dingfestmachen
eines bestimmten Zusammenhangs
dient dabei zugleich auch
dem Offenhalten von anderen Bezgen! Kontextanalyse
in diesem Sinn hat also
auch ein schopferisches Moment. Die herkommliche
"historische Auslegung",
augenscheinlich eine Form der Kontextargumentation,
leistet nur das erste: sie
stiftet den Bezug zu einer bestimmten Umwelt, sie bersieht aber die Moglichkeit
des Bezugs zu einem anderen aIs dem einmal gegebenen historischen Zusammenhang, in dem der Text entstanden ist - und ist, fr sich alIein genommen, unhistorisch 184.
48
177 Nur auf dieser Grundlage sind auch Unternehmungen der Begriffs- und Rezeptionsgeschichte sinnvoll. Rechtshistorische Untersuchungen mssen hier die Kontextthese wie
auch die Bedeutung der Rezensenten fr die Annahme und Veranderung des Rechts untersuchen.
178 N. Chomsky, Aspekte der Syntax-Theorie, 1969, spricht damit die Differenz von abstrakter Regelkompetenz und aktueller Verwirklichung unter variablen Bedingungen
konkreter Situationen ano
179 Vgl. etwa A. Martinet, Grundzge der allgemeinen Sprachwissenschaft, 1963, S. 32f.
180 j. Searle, Sprechakte, 1971,S. 32ff.: die Basiseinheit beim Sprechen einer Sprache ist der
Sprechakt, derverstanden wird ais die Au/lerung von Symbolen unter bestimmten Umstanden. An diese Unterscheidung zwischen den Symbolen und dem Komext, ihrer
Au/lerung und Verwendung, die deren Verwendungssinn erst festlegen, knpft auch
Habermas mit seinem Versuch der Rekonstruktion einer Theorie der kommunikativen
Kompetenz, auch Universalpragmatik genannt. Diese zielt auf die Eruierung der allgemeinen Strukturen moglicher Redesituationen, insbesondere auf die Rekonstruktion
des Regelsystems, nach denen die selbst sprachlich geschaffenen Situationen generiert
werden: also auf selbst sprachliche Kontexte; vgl. zum Ganzenj. Habermas, Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz, in: Habermas/ Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie - Was leistet die Systemforschung?, 1971, S.101ff. Zur Komextabhangigkeit der Rede, genauer zur
Kontextabhangigkeit und Kontextoffenheit vgl. auch W. Kamlah/P. Lorenzen, Logische Propadeutik, 1967, S. 64ff. ("Komextabhangigkeit von Gebrauchspradikatoren").
181 Besonders um Kontextanalysen sprachlicher Phanomene hat sich die Sprachsoziologie
verdient gemacht, sie hat ihre besondere Aufgabe eben in der Aufweisung der Zusammenhange zwischen Sprache und - variablen - Kontexten gesehen, s. z. B. W. Labov,
The Social Stratification of English in New York City, in: Zur Soziologie der Sprache,
KZfSS Sonderheft 15, 1971, S. 9 ff.; S. ebd. Slama-Cazacu, Die dynamisch- kontextuelle
Methode in der Sprachsoziologie, S. 73ff., bes. die Explikation des Kontextbegriffs,
S. 81ff. berhaupt konnte die Soziologie in etlichen Teilen ais eine Wissenschaft beschrieben werden, die Phanomene in ihrem sozialen Kontext analysiert, welche normalerweise nicht in einem sozialen Kontext verstanden werden; so auch fr das Recht, wie
es etwa der Titel einer Reihe rechtssoziologischer Studien ausdrckt: "Law in Context". Zur soziologischen "contextual analysis" unter methodischen Gesichtspunkten
s. den gleichlautenden Abschnitt in P. F. Lazarsfeld/A. K. Pasanella/ M. Rosenberg
(eds.), Continuities in the Language of Social Research, 1972, S. 297ff.; vgl. auch E. K.
Scheuch, in: R. Konig (Hrsg.), Handbuch der empirischen Sozialforschung, Bd. 1,
S. 215ff. Die Kontextanalyse in der Soziologie umerscheidet die Abhangigkeit von bestimmten Erscheinungen von einem Kontext, die in der vergleichenden Forschung un-
49
tersucht werden, von einer Komextabhangigkeit in einem spezifischen Sinne, da/l namlich die Beziehungen zwischen zwei Variablen ihrerseits abhangig sind von
komextuellen Variablen; besonders die Erforschung des Wahlerverhaltens hat auf solche Erscheinungen aufmerksam gemacht, s. etwa P. H. Ennis, The Comextual Dimension in Voting, in: W. McPhee/W. A. Glaser(eds.), Public Opinion and Congressional
Elections, New York, 1962, S. 180ff. Zur Bedeutung lokaler Kontexte fr das Wahlverhalten s. auch S. Rokkan/ L. Svsand, in: R. Konig (Hrsg.), Handbuch der empirischen
Sozialforschung, Bd. 12, S. 1 (12ff.) und den berblick von R. Heberle zur Wahlokologie, ebd. S. 73ff.
182 Die Bedeutung der Komexte fr den juristischen Rezensenten mag auch ein Blick in
die Theorie der Literaturkritik erhellen, wo sich haufig berlegungen zur Relevanz des
Kontextes eines literarischen Textes finden; diese sind ihrerseits gespeist aus den verschiedenen wissenschaftlichen Schulen. Aus dem Schrifttum zur Literaturkritik s. z. B.
j. M. Elles, The Theory of Literary Criticism, 1974, S. 104ff.; Krieger, M., ThePlay and
Place of Criticism, 1967, bes. S. 156ff. Die (altere, S. Lukacs, wie die neuere) marxistische
Literaturtheorie arbeitet ohnehin vorwiegend durch das Herstellen von Bezgen zu
Kontexten: zu sozialen und okonomischen; beispielhaft dazu etwa die Aufsatzsammlung zum Thema "Literaturund Wirklichkeit" unter dem Reihentitel "Kontext", Bd. I,
Mnchen 1976.
183 H. Albert, TraktatberrationalePraxis,
1978, bes. S. 23f., 172; s. auch (von ganz anderenPramissenher) E. [Link], Beyond Culture, 1977, S. 85ff., bes. auch die Illustration
der Bedeutung der Kontextierung am Beispiel des Rechts S. 106ff.
184 Vgl. P. Haberle, ZfP 21 (1974), S. 111 (bes. S. 125), jetzt in: Verfassung aIs offemlicher
Proze/l, 1978, S. 59ff.
50
185 Sowurdez.
B. Art. 21 GGber langere Zeit von der Leibholz'schen Parteienstaatsdoktrin her ausgelegt; wegen der nicht unerheblichen Folgen einer Auswechslung des theoretischen Kontextes wurden deswegen schon die ersten V orboten einer solchen Anderung vom Rezensenten hervorgehoben,
s. P. Hdberle, JuS 1967, S. 64ff., explizit S. 74.
Weitere Beispiele fr theoretisch-interpretative
Kontexte bilden die Smend'sche Bundesstaatstheorie
und die Drig'sche Grundrechtstheorie
der 50er Jahre.
186 Entsprechendes gilt fr die Klassikertexte. Auch hier ist zu klaren, wer sie wie aIs Kontext heranzieht oder auch nicht verwendet.
51
sind weiterhin norGefahren. Die Grenzen ergeben sich aus den Gefahren, die in einer Verkennung der jeweiligen Eigenart der Verfassungsgerichtsbarkeit
einerseits und des Kommentares
andererseits liegen. 1ntrovertierte Besserwisserei, berschatzung
theoretischer
Modelle, Verkennung des richterlichen Entscheidungszwangs
- all dies kann den
Kommentator zu Stellungnahmen veranlassen, die weder seiner Aufgabe, noch der
des Verfassungsgerichts
entsprechen. Behalt er die funktionellrechtliche
Arbeitsteilung zwischen ihm und dem Verfassungsgericht im Auge, dient dies beiden. Er
mag das wirkliche oder vermeintliche Zuwenig an Theorie beim Gericht rgen,
mag Kontexte auch und gerade dort aufdecken, wo das Gericht sie bergeht oder
bergehen muG190. 1m Zusammenspiel der Kritik am Zuwenig etwa an Theorie
und dem Zuviel des Kritikers wird Verfassungsrechtsprechung
zur geforderten kommentierten - Verfassungsrechtsprechung.
Dieser ProzeG ist unabgeschlossen:
insofern die Verfassungsrechtsprechung
ihrerseits unabgeschlossen
ist und die
Kreise und die Zahl der Kritiker ebenfalls offen sind. Die Verfassungsrechtsprechung ist an "Gesetz und Recht" gebunden (Art. 20 Abs. 3 GG), aber sie ist auch
auf den Kommentar angewiesen!
Grenzen besonderer Art liegen fr den Kommentator in Folgendem: Wer Verfassungsrechtsprechung
kommentiert,
sollte nicht zuvor in derselben Sache ein
Gutachten erstattet haben und umgekehrt, wer Gutachten geliefert hat, sollte
nicht die Entscheidung kommentieren. Beide Aufgaben schlieGen sich aus Grnden der Fairness gegenber dem Gericht aus (1nkompatibilitat):
Die Rollen des
Gutachters und des Kommentators sind zu verschieden. Wer einen Verfassungsrechtsstreit verloren hat, ist aliem aI ein schlechter Kommentator, wer ihn gewinnt,
kein besserer 191. Auf dem Hintergrund
der hier entwickelten Aufgaben und
Moglichkeiten
des Rechtsprechungsrezensenten
sollte diese (Selbst- )Disziplin
selbstversndlich
sein: sie zeugt von Rechtskultur.
Solche rechtsethischen
Bin-
dungen, die nirgends kodifiziert sind und keine Sanktionen haben, sind dem
"Amt" des Rechtsprechungskommentators
immanent. Sie ergeben sich aus der
Sache: Wissenschaft gegenber und mit der Verfassungsrechtsprechung
zu leisten 192!Aber auch der Kommentator
in den Massenmedien sollte entsprechende
Bindungen akzeptieren: aus politischer Verantwortung
fr unsere Form der Demokratie, die von Kritik, aber auch von einem Grundkonsens
gegenber ihren 1nstitutionen lebt. Nur eine (je nach den Umstanden verschiedene) Mischung von
Kritik und Basisvertrauen vermag auf Dauer eine solche riskante 1nstitution wie
ein Verfassungsgericht
mit der Kompetenz zur Verwerfung von Gesetzen zu erhalten.
52
Den Wirkungschancen
von Rechtsprechungskommentaren
Grundrechts (aus funktioneIlrechtlichen Bedenken), ais Verfassungsrichter die gefestigte Auslegungspraxis des Gerichts selbst mittragen wird, vgl. Hesse, Grundzge des
Verfassungsrechts der BR Deutschland, 11. Aufl. 1978, S. 173ff.
190 Ein Beispiel fr Kontextoffenlegung aber Z. B. in BVerfGE 5,85, 98f. (Kontextanalyse
der KPD), 147ff., 207ff., Bezugnahme auf den Satz von "trial and error" (Talmon):
S. 135 ebd.; in E 7, 198 (208): Hinweis auf die Geschichte der Menschen- und Brgerrechte von 1789sowie ein Zitat von Cardozo; im Fernsehurteil der Hinweis auf Smends
"Bundestreue", E 12,205 (254); dort auch eine umfassende Kommentierung einschlagiger Entscheidungen des Gerichts, S. 254 f.
191 Vorbildlich ist darum die Haltung Drigs, in: MaunzlDriglHerzoglScholz, GG-K.,
Art. 10 Rdnr. 38, der zum Abhorstreit den Rechtsprechungskommentar von Erichsen
(VerwArch. 1971, S. 291ff.) bernommen hat, nachdem er ein einschlagiges Gutachten
veroffentlicht hatte, vgl. Drigl Evers, Zur verfassungsandernden Beschrankung der
Post-, T elefon- und Fernmeldegeheimnisse, 1969; S. weiter Drigs Pladoyer, in: FS fr
Maunz, 1971, S. 41 ff.; s. a. meinen Beitrag: Staatsrechtslehrer zum Verfassungsleben ... , 1980.
53
1m ganzen:
"Gute" Rechtsprechungskommentare
werden so sehr zum Bestandteil der Entscheidungen des (Bundes-)V erfassungsgerichts,
daG diese nicht ohne sie "gelesen"
werden sollten [Link] liegt in der Konsequenz der hier entwickelten Sicht. Es bedeutet auch, daG eine einer spateren Zeit berantwortete
Darstellung der Geschichte des deutschen Bundesverfassungsgerichts
die Rezeptionsund Wirkungsgeschichte
der Entscheidungen
und d. h. auch die Rolle von Rechtsprechungskommentaren
einzubeziehen hatte. Weil Verfassungsgerichtsbarkeit
keine
Garantien und Sanktionen aus sich selbst heraus hat, bedarf sie der Transformation
durch den Rechtsprechungskommentator.
Dieser ist alies andere ais ein "Hofberichterstatter":
Er hat ein (selbst- )kritisches Amt fr das und im politischen Gemeinwesen. Aus seiner Arbeit und aus der des Verfassungsgerichts
entsteht
"kommentierte
V erfassungsrechtsprechung".
192 Die Veroffentlichung des Pladoyers, das ein Rechtslehrer vor dem BVerfG gehalten hat,
wird glcklicherweise immer haufiger, vgl. Drig, in: FS fr Maunz, 1971, S. 41 ff. und
H. H. Rupp im Hochschulstreit (E 35,79), in: FS V. d. Heydte, 1977, S. 1167ff. - S.
auch den Abdruck des Pladoyers in Sachen Mitbestimmung vor dem BVerfG von H. H.
Rupp, FAZ V. 5. 12. 1978, S. 14.
193 1m Zweiten numerus-clausus-Urteil wurden die Rezensionen des Ersten numerusclausus-Urteils (BVerfGE 33, 303ff.) aufgenommen (BVerfGE 43,291 ff. [314f.]). - 1n
der Umweltschutz-Rechtsprechung
spielt das leistungsstaatliche Grundrechtsverstandnis eine groile RoIle: S. zum "Grundrecht auf NaturgenuW' nach Art. 141 Abs. 3
S.l BayVerf.: VG Mnchen ("Geretsrieder Urteil"), BayVBI. 1974, S. 198ff. und
226ff. mit Anm. Mayer-Tasch (S. 230f.) sowie (Berufung) BayVGH, DVBI. 1975,
S. 665ff. und (Revision) BVerwG, DVBI. 1977, S. 897ff. (kein bundesverfassungsrechtliches "Umweltgrundrecht", das subjektivrechtlich einen weitergehenden Schutz verleiht, ais es die Art. 2ff. GG zugunsten jeweils bestimmter Schutzgter tun, LS 5).
Verfassungsgerichtsbarkeit
Vortrag, gehalten am 7.12.1978 im Augsburger Rathaus im Rahmen einer interdisziplinaren Ringveransraltung ,,30 Jahre Bundesrepublik Deurschland - Tradition und Wandei".
57
bersicht
Einleitung
Erster Teil: Bestandsaufnahme
1. GroBe Kompetenzen - "GroBe" Entscheidungen des BVerfG
a) Verfassungsbeschwerde
b) Abstrakte und konkrete Normenkontrolle
c) Organstreitigkeiten
d) Bundesstaatliche Streitigkeiten und Kompetenzen zum Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung
2. Wrdigung der Aufbauleistungen des BVerfG
3. Die Verklammerung mit anderen Referaten dieser Vortragsreihe
Zweiter Teil: Verfassungstheoretischer Neuansatz
1. Das BVerfG aIs "Verfassungsgericht" - aIs "gesellschaftliches Gericht" eigener Art
2. Verfassungsgerichtsbarkeit "im" Gesellschaftsvertrag: Das BVerfG aIs Regulator in den
kontinuierlichen Prozessen der Garantie und Fortschreibung der Verfassung ais Gesellschaftsvertrag
a) Die These
b) Beispielsmaterial
c) Die Einzelausfhrung
3. Die Rechtsprechung des BVerfG zwischen Tradition und Wandel, Tradition und Fortschritt
a) Die interdisziplinare Vorfrage
b) Fortschritt durch Verfassungsrichterrecht
c) Die Instrumente fr Wandel bzw. Fortschritt durch das BVerfG
4. Moglichkeiten und Grenzen der Leistungsfahigkeit des BVerfG - das BVerfG im Rahmen
der politischen Ku/tur der freiheitlich-demokratischen Grundordnung des GG
59
Einleitung
Das Bundesverfassungsgericht
ist- wieder einmal - ins Gerede gekommen. Kritik,
fast popular, wird von vielen geauBert: von Bundeskanzler H. Schmidt einerseits,
Benda (so in Tutzing)
der sich die Replik von Bundesverfassungsgerichtsprasident
einhandelt, er habe keine Zensuren zu erteilen 1 - auch Adenauer erteilte schon
Zensuren (wegen des Fernsehurteils von 1961) - bis zu den Jusos andererseits sie beklagen die "Neben"-,
"ber"oder "Gegenregierung"
durch das Gericht2 -, von reiselustigen
und redefreudigen
Verfassungsrichtern,
so Martin
Hirsch in diesem Rathaus im Sommer 1978, bis zu Verfassungsrichtern
im Ruhestand, etwa Willi Geiger, der das Diatenurteil
des 2. Senats (E 40, 296) immer
wieder interpretiert.
Ein Nachrichtenmagazin
- oft dicht "am Wind", oft selbst
Wind machend - startet im Herbst 1978 eine eigene Serie3, und die Zeitungen sind
voIl von Formulierungen
des Pro und Contra4
Die Kritik zeigt, wie sehr das BVerfG Bestandteil des aIlgemeinen (eher rechtsstaatlichen denn demokratischen?)
BrgerbewuBtseins5
geworden ist, wie stark es
- unabhangig davon, wie es im EinzelfaIl entscheidet - einen herausragenden
Faktor im politischen ProzeB bildet. Der stereotype V orwurf "wieder hat das Bundesverfassungsgericht
Politik gemacht"6, pfIegt meist von denen erhoben zu werden, die sich auf der Verliererseite wahnen. Genau gesehen gibt es aber vor dem
Bundesverfassungsgericht
weder ein "Verlieren" noch ein "Siegen"7. Denn wie
immer das Gericht entscheidet, es judiziert im Namen des GG und es ist Teil des
politischen Prozesses, es steuert ilm und wird von ihm und in ihm beeinfIuBt: weil
sein Gegenstand die Verfassung des politischen Gemeinwesens isto
Diese res publica ist Sache aIler. Die Konfrontation
von Recht und Politik, von
Rechts(sprechungs)funktion
und politischer Funktion, die Vokabel vom "unpoli-
1 FAZ V. 3. und 4.10. 1978. Zurckhaltender: H. Schmidt, FAZ v. 5. 12. 1978,5. 10.
2 FAZ v. 20. 9. 1978, 5.5.
3 50 Der 5piegel Nr. 44 v. 30. 10.1978,5. 38ff.; Nr. 45 v. 6. 11. 1978,5. 71ft; Nr. 46 v.
13.11. 1978,5. 84ff. und Nr. 47 v. 20.11. 1978,5. 78ft
4 5. auch Der 5piegel Nr. 16 v. 17. 4. 1978,5.23: "Vom Hter zum Herrn" (zur Entscheidung ber die WehrpflichtnoveIle); H. J. Vogel in FR 'V. 1. 11. 1978, S. 10; Schueler, in:
Die Zeit v. 6. 10. 1978, 5. 1.
5 Laut Infas-Demoskopie rangiert das BVerfG in seiner Glaubwrdigkeit nach wie vor auf
Platz 1: dazu Der 5piegel v. 30.11. 1978,5.38 (46).
6 50 etwa Der 5piegel Nr. 16 v. 17.4. 1978,5.23; s. auch Schafer, steIlvertretender 5PDFraktionsvorsitzender, der das Gericht bittet, "in seinem eigenen Interesse nicht politische
Entscheidungen im Wege des Gerichtsurteils zu fallen" (FAZ vom 2. 10. 1978,5.4); ferner Bundesjustizminister H. J. Vogel, DOV 1978, 5. 665ft
7 50 eine treffende Formulierung von BVerfG-Richter i. R. W. Geiger, vgl. FAZ vom 9. 10.
1978,5. 5.
60
die Darstellung und Bewertung von Leistungen - und Fehlleistungen - des Bundesverfassungsgerichts
suchen.
Das vielstimmige Pro und Contra zu einze!nen Entscheidungen
ist im ganzen
ein gutes Zeichen. "Die offene Gesellschaft der Verfassungsinterpreten"9
geht von
der Kompetenz jedes Brgers aus, das Gericht zu beurteilen und damit ggf. auch
zu schelten (z. B. durch Leserbriefe). Mit Recht sagte auf dem 15. Cappenberger Gesprach (1978) der Vizeprasident des BVerfG, W. Zeidler, seinerzeit (1975)
von Bundeskanzler
H. Schmidt mit Erfolg favorisierter Richterkandidat,
das
BVerfG sei prinzipiell jeder Kritik ausgesetzt, aber wo sich Mitglieder eines anderen Verfassungsorgans,
also z. B. der Bundeskanzler in dieser ihrer Eigenschaft
aulerten, finde das Recht zur Kritik Grenzen 10. Wie immer die Grenze zwischen
(unerlaubter)
Kritik in Wahrnehmung
der Amtsverantwortung
eines Verfassungsorgans zu der erlaubten Kritik eines Politikers aIs Person zu ziehen ist Zeidler schlagt eine Orientierung am Urteil ber die bffentlichkeitsarbeit
der Regierung vorll -, wie wechselvoll das Pende! zwischen judicial activism und judicial
restraint in der Vergangenheit ausschlug, schon im amerikanischen US-Supreme
Court, und in der Zukunft auch bei uns ausschlagen mul, wie kritikwrdig manche Kritik ist: wir sollten zunachst einmal das Positive dieser Diskussion herausstellen: Das BVerfG hat einen - "seinen" - wie immer einzugrenzenden
Platz im
Zentrum der bundesdeutschen
Verfassungswirklichkeit
und ihrer politischen
Kultur, in der (jungen) Geschichte dieser Republik ebenso wie in der Gegenwart;
es wird diesen Platz auch in der Zukunft mit ihren besonderen Generationenproblemen einnehmen. Und niemand konnte an das Bundesverfassungsgericht
aIs Institution "Hand anlegen", mag auch manche seiner einzelnen Kompetenzen zu
berdenken sein (z. B. die abstrakte Normenkontrolle).
Damit wird ein weiterer
Aspekt sichtbar: der von lnnovation und Wande!, von Tradition und Geschichte
- er bestimmt den Rahmen dieser von Josef Becker inaugurierten interdisziplinaren V ortragsreihe.
Die folgenden Erwagungen bauen sich in einem Zweischritt auf: Der erste Teil
gilt einer Bestandsaufnahme; es wird gefragt, was das BVerfG bisher im Spannungsfeld von "Tradition und Wandel in 30 Jahren Bundesrepublik Deutschland"
juristisch und politisch geleistet hat.
8 Dazu P. Haberle, in: Verfassungsgerichtsbarkeit,
1976, S. 1 (2H.); Stern, Das Staatsrecht
der BR Deutschland, Bd. I, 1977, S. 19 spricht von "diHerenzierter
Symbiose" zwischen
Recht und Politik.
9 Zu diesem Thema mein Entwurf: Die oHene Gesellschah der Verfassungsinterpreten,
JZ
1975, S. 297ff., jetzt in: Verfassung ais oHentlicher Prozeil, 1978, S. 155ff.
Benda auf die Ur10 FAZ vom 30. 10. 1978, S. 4. Vgl. die Antwort von BVerfG-Prasident
sein,
teilskritik von H. Schmidt: "Es kann nicht Aufgabe des Chefs der Bundesregierung
dem obersten Gericht des Landes Zensuren zu erteilen" (FAZ vom 3.10.1978)
sowie
die Antikritik von BVerfG-Richter
i. R. Geiger (FAZ vom 9. 10. 1978, S. 5). Zur Kontroverse auch Massing, ZParl1979, S. 119ff.
11 FAZ vom 30. 10. 1978, S. 4; zu dem Urtei! (E 44, 125): P. Haberle, J2 1977, S. 361ff.
61
1) GroBe
Kompetenzen
- "groBe"
Entscheidungen
des BVerfG
U nter dem GG sind die Kompetenzen des BVerfG in einer auf der Welt einzigartigen Weise ausgebaut. Man spricht vom BVerfG (kritisch) aIs "Hter" oder gar
"Herrn"
der V erfassung13, aIs "vierter" oder gar "erster Gewalt", aIs "heimligilt es, die "grolen"
chem 50uveran" usw. Vor allen pauschalen Bewertungen
Kompetenzen des BVerfG und "grolen Entscheidungen"
zu sichten, die das GG
seit 1951 wesentlich mit entfaltet haben.
S. 1 H.
62
Verfassungsgerichtsbarkeit
aIs politische
Kraft
Verfassungsgerichtsbarkeit
schen - Verfassungsbeschwerde
ergangen ist und praktisch GG-Rang besitzt, ist
das berhmte Lth-Urteil (E 7, 198) mit seiner Wirkung bis hin zum Lebach-Urteil (E 35, 202). Es strahlt mit seiner Gterabwagungsmethode
weit ber Art. 5
GG hinaus14. Zu nennen sind ferner das Apotheken-Urteil (E 7, 377) und das erste
NC-Urteil (E 33, 303) sowie die Entscheidungen zum rechtlichen Gehor und fairen Verfahren (zuletzt E 47, 182 [187] bzw. E 46, 325 [334f.]), schliellich zur Verrechtlichung des Sonderstatus (E 33, 1).
des BVerfG
unter denen
Sucht man nach bergeordneten Gesichtspunkten,
BVerfG bis heute "Geschichte"
gemacht haben, so gelangt man
Judikate
des
aIs politische
Kraft
63
zur Oppositions- und Minderheitenschutz- (mittelbar Demokratie- )Rechtsprechung: Zeugen J ehovas- Foille (E 23, 127, 191); auch die Einrichtung des Sondervotums gehort hierher, ebenso die Toleranzrechtsprechung (im Staatskirchenrecht: E 41, 65 [78], 65 [83], 88 [108 f.], aber auch E 47, 46 [76 f.]).
Freilich entsteht jetzt die Frage, ob das BVerfG sich selbst immer bescheiden
Gewichte" eingeordnet hat (strukturelle
genug in das Ganze der "balancierenden
und funktionelle Gewaltenbalance).
Insgesamt kamen alie diese Entscheidungen
letztlich dem politischen PluralisaIs "Pluralismus-Rechtsprechung".
Das
mus zugute: Verfassungsgerichtsbarkeit
BVerfG wirkt aIs juristische und aIs politische Kraft. Die Bilanz erscheint grundsatzlich positiv, nur wenig defizitar (allenfalls im Mephisto- U rteil: E 30, 173 sowie
z. B. in E 44, 197)15.
Ein Wort zur politischen Wirkungsgeschichte groBer Entscheidungen
aus groBen Kompetenzen.
Politisch gesprochen hat das BVerfG im Fernsehurteil
die
"Kanzlerdemokratie"
in die Schranken verwiesen und die Opposition gestarkt16,
gestarkt auch Foderalismus und grundrechtliche Freiheit. So wiefrher Hessen unter K. A. Zinn mit Erfolg Front machte "gegen Bonn" (Beispiele: Parteifinanzierung: E 20, 56, Abhorstreit: E 30, 1 etc.), so dienten und dienen jngst und heute
die "Initiativen aus Bayern" oft dem Foderalismus17; m. a. W.: Gegengewichte
von den Landern gegenber dem Bund, von (Oppositions-)Minderheiten
gegenber Mehrheiten,
von Einzelnen gegenber Gruppen
oder Etablierten
(Kirchen!)18 kommen ber die Verfassungsgerichtsbarkeit
zur Wirkung. Sie wird zu
der Pluralismus-Garantie19!
"Politisch" wird hier weit verstanden: es qualifiziert sich durch seinen potentiellen oder aktuellen Bezug auf die ganze respublica, wobei die verschiedenen Politikbegriffe bisher einzelne Teilelemente verabsolutiert
haben: z. B. das Machtelement, das W ohlfahrtsoder das Glckselement
oder den Aspekt des
AlIe staatlichen Funktionen
sind politische
Irrationalen
oder Dynamischen.
Funktionen in diesem Sinne. Sie unterscheiden sich durch die Art und Weise, wie
Arbeitsteilung agieren, stehen aber nicht etwa
sie im Rahmen der republikanischen
dem Recht "gegenber".
Auch der demokratische
Gesetzgeber interpretiert
die
Verfassung, auch der Richter (etwa das BAG im Arbeitskampf-Recht
besonders
15 Die Dreierausschui\problematik kann hier nicht behandelt werden.
16 Zum Begriff "Oppositionsrechtsprechung":
H.-P. Schneider, Die parlamentarische
Opposition im Verfassungsrecht der BR Deutschland I, 1974, S. 225ff. Freilich ist mit
H.]. Vogel, FR v. 1. 11. 1978, S. 10 zu bedenken, dai\ die Opposition aIs solche kaum
vor das BVerfG gezogen werden kann, so dai\ fr die Offentlichkeit der Eindruck entstehen mui\, Verfassungsgericht und Opposition stnden einander naher aIs Verfassungsgericht und Regierung.
17 Z. B. E 37, 363.
18 Vgl. E 23,127,191; 32, 98; 33, 23; 35, 366; 44, 37.
19 Auf das Grundlagenvertragsurteil (E 36, 1) und seine gesamtdeutschen Aspekte (Hoffnungen, Moglichkeiten, Grenzen) kann ich hier leider nicht eingehen. S. zuletzt: Fnf
Jahre Grundvertragsurteil des BVerfG, Symposion: Finis Germaniae, 1979.
~"i.
64
greifbar) ist ein Stck "politische Gewalt". Recht und Politik stehen im demokratischen Verfassungsstaat nicht gegeneinander: sie sind Teilaspekte, Teilfunktionen
der ganzen res publica.
Vi ele sprechen von "Grenzberschreitungen"
des Bundesverfassungsgerichts
im Blick auf das Politische19a, aber niemand bietet bislang eine klare Scheidung
von Recht und Politik ano Das kann nicht verwundern: sie lafh sich namlich nicht
finden. Auch gute Entscheidungen zur EHektivierung der Grundrechte sind Politik: namlich "Grundrechtspolitik"20.
Es kann nur um quantitative, nur um die
funktionellrechtlich unterschiedlichen Weisen gehen, in denen ein Verfassungsgericht gegenber dem Gesetzgeber Politik treibt: ein qualitativer Unterschied lafh
sich schwerlich erkennen.
3) Die Verklammerung
mit Einzelthemen
dieses V ortragszyklus
liegen auf
zum Thema von Theo Stammen (Tradition und Wandel der politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland): Verfassungsgerichtsbarkeit
ist mehr
aIs ein Spiegel der - komplexen
politischen Kultur in der BR Deutschland,
sie ist ein gestaltender Faktor, Z. B. fr das Verhalten der Staatsorgane, Parteien bzw. Brger jeweils untereinander;
zum Thema "Kirche in einer sakularisierten Gesellschaft" (Karl Forster): Das
BVerfG hat Grundsatzentscheidungen
zum Staatskirchenrecht21
gefallt, in
denen es sowohl die Tradition Weimars im GG "aufgehoben"
(ber die Rezeption in Art. 140 GG dazu legitimiert) aIs auch N euerungen ins Staatskirchenrecht eingebracht hat (ber die Auslegung des Art. 4 GG), etwa den Gedanken der "weltanschaulichen
konfessionellen Neutralitat" des Staates (seit
E 12, 1 [4]). Die Kirchen werden hier "wie" pluralistische Gruppen behandelt
(s. aber auch E 42, 312 [333]);
zur " Elitenherrschaft in der pluralistischen Demokratie"
(Peter Waldmann):
Die nachweisbar "pluralistische
Verfassungsinterpretation"
des BVerfG22
ist ein Versuch des BVerfG, von einer "Elitenherrschaft"
in der Bundesrepublik etwa geschaHenen oder nicht verminderten Pluralismusdefiziten
entgegenzuwirken. Freilich ist das BVerfG hier auf den politischen ProzeG besonders angewiesen;
zur Wirtschaftsordnung
(Reinhard Blum) hat das BVerfG nicht nur politisch
19a ZuIetzt wieder: De~ Spiegel Nr. 47 v. 20. 11. 1978, S. 78ff. (92): Der Streit um das Bundesverfassungsgericht (IV): Richter treiben PoIitik.
20 Zu diesem Begriff P. Hiiberle, VVDStRL 30 (1972), S. 43 (105ff.).
21 Dazu den Bericht von Hollerbach, AoR 92 (1967), S. 99ff.; s. femer BVerfGE 30, 415;
41,29; 42, 312; 44, 37. Zum Ganzen auch mein Beitrag: Staatskirchenrecht aIs Religionsrecht der verfalhen Gesellschaft (1976), jetzt in: Verfassung aIsoffentlicher ProzeB, 1978,
S. 329ff.
22 Dazu P. Hiiberle, in: Verfassung aIs offentlicher ProzeB, 1978, S. 124, 130, 136, 193f.
65
chen?
Derfolgende V ersuch will dieser Frage unter zwei Stichworten nachgehen: unter
dem der Qualitat des BVerfG aIs" Verfassungsgericht" d. h. eines Staat und Gesellschaft umgreifenden Gerichts (1) und dem Aspekt, das BVerfG in den konti23 Vgl. E 4, 7 (13ff., 17f.) und standig.
24 Aus der Literaturvgl. etwa SaladinlPapier, VVDStRL 35 (1977), S. 1ff. m.w.N.; Badura,
JuS 1976, S. 205ff. Die Frage ist, ob es einen "economical seIf-restraint" (Spanner, DOV
1972, S. 217ff.) des BVerfG gibt, wenn ja, aus welchen Grnden: weil den Gestaltungsmachten der Wirtschaft und denen des demokratischen Gesetzgebers der Vorrang Zu Iassen ist? (s. noch Schmidt-Preufl, Verfassungsrechtliche ZentraIfragen staatlicher LohnunJ Preisdirigismen, 1977, S. 82ff., 122, 144ff.; Scholz, ZHR 141 [1977], S. 520 fi.).
25 Vgl. etwa BVerfGE 44,197 mitSV Geiger, S. 209f.
26 P. Haberle, Verfassung aIs ffentlicher ProzeB, 1978, S. 121fi., 140ff.
"
66
Verfassungsgerichtsbarkeit
Das BVerfG hat formal betrachtet alie Eigenschaften eines - in seiner eigenen Terminologie gesprochen - "staatlichen" Gerichts27, d. h. es beruht auf staatlichem
Gesetz, und der Staat regelt bzw. beeinfluSt die Richterbestellung.
Es ist indes weit
mehr: es ist Verfassungsgericht, d. h. kompetent fr enumerativ aufgezahlte materielle Verfassungsstreitigkeiten28
Das volle Gewicht dieser Aussage erhellt erst
aus einer Klarung des Verfassungsbegriffs.
"Verfassung" ist rechtliche Grundordnung von Staat und Gesellschaft; sie ist nicht nur Beschrankung staatlicher Macht
(H. Ehmke), sondem auch Beschrankung gesellschaftlicher Macht und sie ist
Ermachtigung zu staatlicher Macht. Sie umgreift Staat und Gesellschaft29. Verfassungsgerichtsbarkeit
aIs politische Kraft wirkt von vomherein jenseits des Trennungsdogmas Staat/Gesellschaft.
Dali das BVerfG "Verfassungsgericht"
der ganzen res publica ist, hat sehr konkrete Auswirkungen
in Detailfragen, z. B. bei der Richterablehnung30;
es hat
berdies zur Folge, dali das Gericht sich nicht auf eine Theorie oder "Schule" festlegen darf, sondem sich um eine pragmatische Integration von Theorieelementen
bemhen mu/\.
hat mateDieser materielle Verfassungsbezug der Verfassungsgerichtsbarkeit
rielle und prozessuale Implikationen: z. B. in ihrer Verpflichtung auf das Pluralismusmodell und in der Forderung nach Ausbau des Verfassungsprozellrechts
im
Blick auf pluralistische Informations- und Partizipationsinstrumente31.
Die wachsende pluralistische Informationsbeschaffungspolitik
des BVerfG32 ist
in diesem Zusammenhang
zu sehen. Auch die Verfassungsrichterwahl,
aus dem
Spektrum der politischen Parteien und in Zukunft hoffentlich noch srker ber
diese hinausgreifend33, bezieht den Pluralismus eflektiv in die Verfassungsverfah27 Dazu E 18,241 und meine Bespr. in: DOV 1965, S. 369ff., jetztin: Kommentierte Verfassungsrechtsprechung, 1979, S. 347ff.; s. auch E 22, 42; 26,186; 48, 300 (315ff.).
281m einzelnen P. Haberle, in: ders., Verfassungsgerichtsbarkeit, 1976, S. 9, 34ff.
29 Zu diesem Verfassungsbegriff mein Mitbericht VVDStRL 30 (1972), S. 43 (56f.); s. auch
Suhr, in: Der Staat 17 (1978), S. 369 (384f.).
30 Dazu BVerfGE 35,171,246 und meine Bespr. in: JZ 1973, S. 451ff., jetzt in: Kommentierte Verfassungsrechtsprechung, Nr. 15a, S. 405ff.
31 Einzelheiten ebda, Nr. 15b (unter 7), S. 414ff.
32 Vgl. meine Nachweise in JZ 1976, S. 377 (382ff.).
33 Gute Ansatze dazu finden sich bei der BVerfG-RichterwahI1975!
Verfassungsgerichtsbarkeit
aIs politische
Kraft
67
ren ein (und wirkt auf ihn ein). Das ist Voraussetzung
fr eine Steuerung der Gesellschaft durch das Verfassungsgericht
und "sein" Recht. Hier kommt es zu einer
Wechselwirkung:
Je mehr das BVerfG in die Prozesse der Steuerung der Gesellschaft eingreift, desto mehr wendet sich diese Gesellschaft ihm zu, will sie sich Gehar "in Karlsruhe" verschaffen. Wie sehr dies der Fall ist, zeigte sich in der Verhandlung in Sachen Mitbestimmung:
Man sprte formlich die Kraftlinien
gesellschaftlicher Offentlichkeit
im SitzungssaaL
Dieser Ansatz fhrt zu einer weiteren "Stufe". Das BVerfG ist in seinem intensiven Bezug zur Gesamtgesellschaft zu sehen: es ist ein "gesellschaftliches Gericht" eigener Art und im weiteren Sinne. Es offnet sich durch seine Rechtsprechung fr die Vielfalt von Ideen und Interessen - nimmt sie in sich auf -, umgekehrt steuert es die Gesellschaft. Angesichts der Richterwahl, der Handhabung
seines VerfassungsprozeSrechts
und der materiellen Auslegungsergebnisse
(z. B.
in der Strukturierung
von Teilaspekten der Gesellschaft ber die "Drittwirkung"
von Grundrechten)
ist es mehr ein gesamtgesellschaftliches
denn ein "staatliches"
Gericht. Das hat Knsequenzen auf haherer Ebene, aber auch fr die Alltagsarbeit
des Gerichts!
Das BVerfG und sein Verfahrensrecht
bezogenheit.
gewinnen
eine einzigartige
Gesellschafts-
Seine- Staat und Gesellschaft umspannende - Tatigkeit folgt in einem allgemeinen Sinne daraus, daS es das Gericht fr die Verfassung ist - und das GG regelt
nicht nur den Staat, sondem in der Grundstruktur auch die Gesellschaft, die es
zur "verfaSten Gesellschaft" macht34. Das BVerfG wirkt berdies sehr speziell
und gezielt, intensiv und weitreichend in spczifischer Weise in den Bereich der res
publica zwischen "Staat" und "privat" hinein, den man die "Gesellschaft"
oder
den Bereich des - pluralistisch - Offentlichen nennen kann 35. Das zeigt sich nicht
nur in der Effektivierung der Grundrechte von der Verfahrensseite her36, sondem
auch in seiner Verfahrcnspraxis,
sich zunehmend der Informationsund Partizipationsinstrumente
des VerfassungsprozeSrechts
zu bedienen. Es beschafft sich
und gestufte BeteiliInformationen
durch eine differenzierte Anhorungspraxis
gungsformen in bezug auf pluralistische Gruppen, Organisationen
wie den DGB,
die Arbeitgeberverbande
und die Kirchen etc.37. Damit "ragt" es in den gesellschaftlichen Bereich hinein, es nimmt Ideen und Interessen aus ihm auf, "hort"
und verarbeitet sie im Wege seiner offenen Verfassungsinterpretation.
Auf diesem
Wege ist es von der Wissenschaft zu untersttzen.
Das VerfassungsprozeSrecht
ffnet sich der offenen Gesellschaft der Verfassungsinterpreten,
es wird ihr "Medium", zumal dort, wo das Parlament versagt hat.
34 Dazu mein Freiburger Gastvortrag, in: P. Haberle, Vcrfassung aIs ffentlicher PrazeR,
1978, S. 122f.
35 Dazu P. Haberle, Offentliches Interesse aIs juristisches Problem, 1970, S. 708ff. Verfassung strukturiert den ffentlichen PrazeR, sie gcht darin nicht auf.
36 Dazu E 46, 325 (333).
37 Zu Nachweisen s. Anm. 31 und neuerdings wieder E 50, 57 (69ff.); 51, 115 (119ff.).
Verfassungsgerichtsbarkeit
68
Verfassungsgerichtsbarkcit
2. Verfassungsgerichtsbarkeit
den kontinuierlichen
Gesellschahsvertrag
a) Die These
Die These !autet: Das BVerfG hat eine spezifische gesamthanderische Verantwortung in der Garantie und Fortschreibung
der Verfassung aIs Gesellschaftsvertrag;
es steuert ihre kontinuierlichen
verpflichtet.
Das Modell des Gesellschaftsvertrags
- klassischer gemeineuropaischer
Besitz
_ ist im hier gebrauchten 5inn ein Denkmodell, ein heuristisches Prinzip zum
Zweck der Verbrgung personaler Freiheit und offentlicher Gerechtigkeit. Es ist
gewiB kein "Leisten", ber den sich die ganze Wirklichkeit einer Verfassung aIs
oHentlicher ProzeB schlagen lieBe; aber es kann Hilfestellung geben fr die sachgerechte Bewaltigung mancher politischer bzw. verfassungsrechtlicher
Grundsatzfragen - frei von vereinseitigenden ,,5etzungsideologien".
5eine Erstreckung
37a Aber nicht i. S. sozialistischer Gesellschahsgerichte, dazu Eser, Gesellschahsgerichte in
der Strafrechtspflege, 1970.
38 Dazu mein Beitrag in JZ 1975, S. 297ff., auch in: Verfassung aIs Hentlicher ProzeE,
1978, S. 155ff.
39 Vgl. BVerfGE 47, 327 (384f.).
ais politische
Kraft
69
b) Beispielsmaterial
Ein verfassungsvertragliches
Denken kann sehr konkret aIs Ansatz fr Kritik an
und fr Zustimmung zu manchen Entscheidungen
des BVerfG dienen.
70
Verfassungsgerichtsbarkeit
als politische
Kraft
bb) Positive Beispiele fr die sachangemessene Bew:iltigung von Verfassungsfragen anhand des Modells vom Gesellschafts- bzw. Generationenvertrag
liefert
Sowohl der
der Lastenausgleich: die gro\e, schon historische Nachkriegsleistung.
Bundcsgesetzgeber und die Exekutive rnit ihren zahlreichen Nachfolgeregelungen
ais auch die betroffcne (V olks- und Betriebs- )Wirtschaft, ja jeder Brger hat seinen
Beitrag geleistet zum Gelingen dieses vorbildlichen
Gemeinschaftswerkes;
das
BVerfG hat die verfassungsrechtlichen
Wege geebnet43. Man kann hier im besten
Sinn von einer "konzertierten
Aktion" aller Brger und Gruppen sprechen: von
einer geglckten Bew:ihrung des Gesellschafts- bzw. Generationenvertrags44,
von
einem Verbund aller mit allen.
Der Gesellschaftsvertrag
Verfassungsgerichtsbarkeit
als politische
Kraft
71
72
Verfassungsgerichtsbarkeit
aIs politische
Verfassungsgerichtsbarkeit
Kraft
aIs politische
73
Kraft
Die Alternative
"Recht
und
27 Jahre Rechtsprechung
des BVerfG - das zwingt zu der Frage, ob und wie sich
in ihr "Tradition und Wandel" spiegeln und ob der" W andeI" gar ein Stck "Fortschritt" ist50. 1m Zentrum der berlegungen
stehen zwei Probleme:
1) Gibt es Fortschritte
durch Verfassungsrichterrecht, hat das BVerfG eine
spezifische Fortschrittsfunktion,
wo geschieht Fortschritt ggf. auch einmal gegen,
trotz oder ohne das BV erfG?
2) Welches sind die InstTumente fr Wandel
BVerfG (Grundsatzurteile,
Appellentscheidungen,
bzw. Fortschritt
durch das
obiter dicta aIs Ankndigung
49 Dazu meine Nachweise in: Verfassung aIs offentlicher Prozel, 1978, S. 677ff.
50 Man konnte zweifeIn, ob von "Wandel" gesprochen werden kann, wo es um Aufbau
geht, d. h. um die ersten J ahre seit Erlal des GG (1949) bzw. dem Beginn der Tatigkeit
des BVerfG (1951). Immerhin Iiele sich der Zustand der Weimarer Verfassung vor 1933
aIs Ma6stab nehmen. 1m brigen hat die Verfassungsrechtsprechung
immer wieder (positiv und negativ) an Weimarer Diskussionen
angekn,pft: in materiell-inhaltlicher
Hinsicht (vgl. fr die Grundrechte
z. B. E 7,198 [209f.]; 7, 377 [413]), aber auch in verfassungsprozelrechtlicher
Hinsicht (vgl. die Nachweise in JZ 1976, S. 377 [377 Fn. 4]);
allgemein Scheuner, Festgabe BVerfG, I, 1976, S. 2ff. zur berlieferung
der deutschen
Staatsgerichtsbarkeit
im 19. und 20. Jahrhundert.
1hr Selbstverstandnis
hat Brcken zu
Weimar, so neuartig der Ausbau der und so genuin die Verfassungsgerichtsbarkeit
unter
dem Grundgesetz
isto
74
75
das so zu em em
sungsgerichtsbarkeit
insonderheit unter dem GG einzubeziehen) ist etwas leichter
zu beantworten.
Innerhalb begrenzter
Perioden (etwa seit dem Aufbau des
Grundgesetzes oder seit der Geburt und .clem Wachstum des V erfassungsstaates)
bnn Fortschritt in der Rechtswissenschaft
schwerlich geleugnet werden: er verdichtet sich dann auch zu einem Stck Fortschritt des Gesamtsystems
durch die
Wissenschaft.
von Rechtsprechungsanderungen,
abweichende
"Zeitgenossen der Zukunft" wird?
Meinungen),
ad 1)
a) Die interdisziplinare
Vorfrage
Das Fortschrittsproblem
besitzt zwei Aspekte: Gibt es Fortschritt durch die
Wissenschaft, im besonderen durch die Rechtswissenschaft?,
und: gibt es Fortschritte in der Wissenschaft, besonders in der Rechtswissenschaft?
Vorab ist der Fortschrittsbegriff zu umreiBen. Das kann nm von einem bestimmten Koordinatensystem
aus geschehen. 1n ihm sind Menschenwrde, Freiheit und Gleichheit (und damit zusammenlngend:
Demokratiepostulate),
Gerechtigkeit und Gemeinwohl bestimmende Gr6Ben.
GewiB besteht Grund, den Fortschrittsbegriff
im Recht nm sehr behutsam zu
verwenden und ein gerttelt MaB an MiBtrauen zu bewahren. Die Tbinger Festschrift von 1977 zu "Tradition und Fortschritt im Recht"51 hat dies in Erinnerung
gerufen und auf Ambivalenzen
aufmerksam gemacht. 1m Lichte einer Verfassungsvergleichung,
die sich an der "guten" Verfassung des Typus des westlichen
Standards orientiert, darf indes nicht wenig aus der Rechtsprechung
des BVerfG
in aIler Bescheidenheit aIs Fortschritt gewertet werden.
GewiB, Fortschritt IaBt sich kaum ber lange Perioden, etwa im Vergleich zwischen Antike und Mittelalter oder Mittelalter und Neuzeit behaupten. Wohl aber
laBt sich sagen, daB seit Beginn des 19. Jahrhunderts im V organg des gemeineuropaischen Werdens des Verfassungsstaates auch in Deutschland durch die Rechtswissenschaft Fortschritte erzielt wurden. Sie entfaltete steuernde Kraft, sie bildete
bzw. vollzog nicht nur nach. Sie machte ihre eigenen "Entdeckungen"
und "Erfindungen": sie erbrachte Eigenleistungen fr die res publica. GewiB: nicht ohne
die anderen Wissenschaften, sondern meist Hand in Hand mit ihnen52, gelegentlich aber auch gegen sie, jedenfalls aber in eigener Regie und nicht nur aIs deren
"Bote" oder "Erfllungsgehilfe".
So verdankt der juristische Rechtsstaats- und
Menschenwrdebegriff
des Grundgesetzes der Philosophie des deutschen Idealismus (Kant) nicht wenig. Aber die (Drig'sche) Objektformel53 war dann doch eine
genuin juristische Eigenleistung.
(in sie ist die VerfasDie Frage nach dem Fortschritt in der Rechtswissenschaft
51 Dazu meine Bespr. in: BayVBI. 1978, S. 581f.
52 Vgl. BVerfGE 47, 46 (Sexualkunde). Ein Negativ-Beispiel
ist der "Solange-BeschJug",
BVerfGE 37,271, der gegen die berwiegende Meinung der Wissenschaft steht.
53 Maunz-Drig-Herzog-Scholz, An. 1 GG Abs. 1 RdNr. 34ff. (Drig); vgl. aber auch
BVerfGE 30, 1.
b) Fortschritt
durch Verfassungsrichterrecht
76
Verfassungsgcrichtsbarkcit
aIs politischc
Kraft
Vcrfassungsgcrichtsbarkeit
aIs politische
77
Kraft
ad
2)
das BVerfG? An
Ethik, jngst aktuell beim fragwrdigen Prozedere der Bundesregierung im sogenannten "Mangelbericht"60.
Erwahnt sei das Lebach-Urteil (E 35, 202), das im
Interesse der Resozialisierung
eines Haftlings dem ZDF die Sendung eines Beitrags untersagte. ln diesen Beispielen liegt nicht zuletzt eine kulturelle Leistung
des BVerfG, wobei der Begriff "Kultur" und "Leistung" noch zu klaren ware.
Aus dem Bereich des VerfassungsprozeRrechts
ist der groBe Fortschritt in der
Verfeinerung der prozessualen Rechtsweggarantie
des Art. 19 Abs. 4 GG i. V. m.
dem Grundsatz des rechtlichen Gehors (Art. 103 Abs. 1 GG)61 ebenso zu erwahnen wie die fortschreitende Praxis, das VerfassungsprozeRrecht
ais pluralistisches
Argumenten statt zu ihrer Verschleierung. Das bestigen Geschichte und Gegenwart des US-Supreme Court66. Das Bundesverfassungsgericht
ist insofern nicht
ais Einheit zu nehmen oder doch in der Weise zu betrachten, daR Tradition und
Wandel im gleichen Senat (oder auf beide Senate) "verteilt" sein konnen. Ein negatives Beispiel fr die Verhinderung von Offenheit ist die exzessiv werdende Praxis des BVerfG zur verfassungskonformen
AusJegung (z. B. E 47, 327), die im
Grunde auf ein Stck unverhaltnismaRiger
vorbeugender
UnterJassungskJage
Partizipationsrecht
zu praktizieren
Verbandsklagen zu schaffen.
62 VgL das dictum: "The supreme court follows the eleetions", dazu P. Hiberle, Zeit und
Verfassung (1974), jetzt in: Verfassung ais oHentlicher Prozel!, 1978, S. 59ff. (74).
63 VgL etwa das 1. Parteifinanzierungsurteil
(BVerfGE 20,56) im Verhaltnis zu E 8,51 (63);
E 24,300 zu E 20, 56; in Teilen auch das Wehrpflichturteil,
E 48,127 im Verhaltnis zu
E 12,45.
64 Zum Problem P. Hiberle, JZ 1977, S. 361 (367f.).
65 VgL zu]ctzt Moench, Verfassungswidriges
Gesetz und Normenkontrolle,
dazu meine
Bespr. in: DVBL 1978, S. 653; Pestalozza, in: Festgabe BVerfG, Bd. 1,1976, S. 519ff.
66 Vgl. Haller, Suprem e Court und Politik in den USA, 1972, S. 66f., 341, dazu meine Bespr. in: DVBI. 1973, S. 388f.
versteckter
faktischer
78
Vcrfassungsgerichtsbarkeit
ais politische
bzw. Normenkontrolle
hinauslauft; Kritik verdient
gie" des Gerichts (z. B. E 36, 1 [2 f.]).
Kraft
4. Mglichkeiten
und Grenzen der Leistungsfahigkeit
des BVerfG - das BVerfG im
Rahmen
der politischen
Kultur der freiheitlich-demokratischen
Grundordnung
des
GG
Die letzte Frage nach Moglichkciten und Grenzen des BVerfG im Rahmen der
politischen Kultur der freiheitlich-demokratischen
Grundordnung
des GG fhrt
zum Ausgangspunkt zurck. Was das BVerfG in relativ kurzer Zeit juristisch fr
und durch Juristen geleistet hat, ist hoch zu bewerten; was es damit f\ir den politi- erbracht
schen ProzejJ- teils begonnen, teils "anregend" ("richtlinienpolitisch")
hat, nicht minder. Die Frage ist nu r, ob und inwieweit es sich und das Gesamtsystem auf Dauervielleicht berfordert, ob es sich nach den grundrechts- und bundesstaatspolitischen
Aufbauleistungen der erstcn J ahrzehnte, vor allcm gegenber
dem demokratischen Gesetzgeber, jetzt starker zurckhalten so11- und kann, um
die demokratisch-politische Kultur von der rechtsstaatlich-justiziellen Seite her
nicht zu sehr einzuschnren
oder zu "verwohnen".
Verfassungsgerichtsbarkeit
ist letztlich weder eine juristische noch eine politische Lebensversicherung67!
Ihr hier entwickeltes pluralistisches und politisches
Versndnis ist eingebunden in die Gesamtkultur unserer Republik. Das vermittelt
ihr positive Funktionen, fhrt aber auch zu Grenzcn68 Dazu einige berlegungen.
Entwickeltc Verfassungsgerichtsbarkeit
ist (wie der Foderalismus) Teil der politischen Kultur, besonders in den USA, ebenso jetzt in Deutschland: "Politische
Kultur"69 ist, hier ais komplexer (empirisch-normativer)
Begriff verstanden, kein
wertfrcies Schcma. Er kann, dics zu Theo Stammen, durch dcmoskopische Untersuchungennur
sehr punktuell erschlossen werden. "Politische Kultur" umfagt gewig die subjektiven V orstellungen, Erfahrungen und Erwartungen der Brger hinsichtlich der Institutionen ihres Systems (insofern die "innere V erfassung" eines
Volkes); aber dazu gehort auch ihr sich objektivierendcs
Verhalten, gehort das
Handeln der politisch Verantwortlichen,
die Parlamentspraxis,
auch die Funktion
67 So in Abwandlung eines W ortes von Ehmke (VVDStRL 20 [1963J, S. 53 (72).
68 Eine Grenze der Verfassungsgeriehtsbarkcit
folgt aueh daraus, dail sie nur auf Antrag
tig wird, nieht von Amts wegen. Sie muil vom Brger oder politisehen Kraften "angestoilen" werden.
69 Zum Begriff D. Berg-Schlosser, PolitischeKultur,
1972. S. grdlgd.: L. W. Pye/S. Verba, Political Culture and Political Development, 1965; G. A. Almond/S.
Verba, The Civic Culture, 1963; W. A. Rosenbaurn, Political Culture, 1975; P. V. Dias, Der Begriff "Politische
Kultur" in der Politikwissenschaft,
in: D. Oberndrfer, Systemtheorie,
Systemanalyse
und Entwicklungslanderforschung,
1971, S. 409ff.; K. v. Beyme, "Politische Kultur"
und "Politischer Stil", in: ders. (Hrsg.), Theory and Politics (FS C. J. Friedrich), 1971,
S. 352ff.
Verfassungsgerichtsbarkeit
ais politische
Kraft
79
der Gerichte, gehort der Realitatsgrad individueller Freiheit und gelebten Pluralismus', gehoren Themen und Objektivationen
vom Leserbrief bis zur Brgerinitiative, vom Gewerkschahsbeitritt
bis zur Kirchenmitgliedschaft
und Knstlervereinigung, vom Bcherkaufen und Bcherlesen bis zum studentischen Verhalten aIs
Elementen gelebter Verfassungskultur.
Das BVerfG hat "grundrechtspolitisch",
aber auch "foderalistisch"
in seinen Maximen fr das Verhalten der Verfassungsorgane untereinander (Stichwort: "Bundestrcue",
wcchselseitige Rcksichtnahme
der Verfassungsorgane
untereinandervgl. E 12,205 (254ff.); E 35, 193 [199]; 36,
I [15]; 45, 1 [38 f.]) ein Stck "politischer Erziehungs- und Bildungsarbeit"
par
excellence geleistet ("V erfassungspadagogik",
V erfassungssatze
"als" Erziehungszicle). Gerade wcnn sich politische Kultur (wie "Kulturstaatlichkeit")
nicht
von hcute auf morgen "einpflanzen"
lagt, kommt in diesem langsamen Wachstumsprozeg - er ist ein solcher der V crfassung - der Verfassungsgerichtsbarkeit
eine zentrale Rolle zu.
Nur: Die starke brgerethische und brgeroffentliche
Verwurzelung
der V crfassungsgerichtsbarkeit,
besonders dcr Verfassungsbeschwerde,
ihre I dentifizierungsleistung im Verhaltnis Brger und Verfassung und damit ihre Mitkonstituierung der politischen Kultur birgt cinen negativen Aspekt: Verfassungsgerichtsbarkeit unter dem GG kann auch unpolitisches MijJtrauen gegen die Demokratie
und unverhaltnismagig
groges Vertrauen in die Rechtsprechung
indiziercn. Der
deutschc Glaube an die Verfassungsgerichtsbarkeit
darf nicht zum Unglauben an
die Demokratie umschlagen. Andcrs gesagt: das heutige positive Verhaltnis zur
Verfassungsgerichtsbarkeit
sollte sich nicht verabsolutieren;
es darf nicht seinc
spiegelbildliche Entsprechung
in cinem negativen Verhaltnis zum Interessenpluralismus, zu den - notwendigen - begrenzten Konfliktssituationen,
zu den Eigenleistungen des offenen demokratisch-politischen
Prozesses haben oder sich zu einem Nichtverhaltnis steigern, wie in der "schonen Literatur". Diese berlegung
verweist auf die Flle der Aufgaben, die dem Politiker, dem Beamtcn, dem Erzieher, dem republikanischen
Literatcn, dem Brger, uns allen in bezug auf unsere
freiheitliche Ordnung bleiben - ohne dag der Verfassungsgerichtsbarkeit
etwas
wir
von ihrem Glanz genommen wird. Nicht nur die Verfassungsgerichtsbarkeit,
alle sind - politisch - "Hter der V erfassung"!