Shobogenzo
Shobogenzo
Verfasserin
Heidrun Jger
Wien, 2008
A 296 295
Philosophie
Betreuerin:
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis....................................................................................................................... 3
Einleitung ................................................................................................................................... 7
I. Die Frage nach dem Verhltnis von Natur und Mensch......................................................... 7
1. Die ,uere Natur: Umwelt und Mitwelt .......................................................................... 7
2. Natur als ,Welt .................................................................................................................. 7
3. Natur als ,Naturgesetz....................................................................................................... 8
4. Natur als ,Eigenwesen....................................................................................................... 8
II. Grenzen der naturwissenschaftlich-objektiven Erkenntnis ................................................... 9
III. Zen-buddhistische Position zur in Subjekt und Objekt trennenden Geisteshaltung .......... 10
1. ,Berge sind Berge; Flsse sind Flsse............................................................................. 11
2. ,Berge sind nicht Berge; Flsse sind nicht Flsse........................................................... 14
3. Was heit ,Berge sind wirklich Berge; Flsse sind wirklich Flsse? ............................. 15
Hauptteil ................................................................................................................................... 16
I. Dgen - Stra von Bergen und Flssen Sansui ky ............................................. 16
II. Dgens Bezugnahme auf die Lehren der Buddhas, Bodhisattvas und Patriarchen............. 18
1. Zum Begriff dharma im buddhistischen Kontext ............................................................ 19
2. dharmas in der frh-buddhistischen Abhidharma-Lehre ................................................. 21
2.1. Verursachte dharmas................................................................................................. 21
2.2. Unverursachte dharmas............................................................................................. 22
3. Die Leer-heit im Herz-Stra (Mahprajpramithrdaya-Stra) ................................. 26
3.1. Allgemeines............................................................................................................... 26
a. Die ,Drei Sphren und ,Drei-Leib-Lehre ................................................................... 27
b. Zum Namen ,Avalokitevara ...................................................................................... 27
3.2. Prolog: Einsicht in das Leer-sein der Da-seinskonstituenten (skandh)................. 29
und der
Literaturverzeichnis................................................................................................................ 122
Anhang ................................................................................................................................... 133
1. Zusammenfassung.......................................................................................................... 133
2. Lebenslauf ...................................................................................................................... 135
Einleitung
usw.
selten
eine
von
Menschenhand
vllig
unberhrte ,Wildnis darstellen. Eine solche Trennung von Mensch und Natur als Wildnis
oder Landschaft wird im ostasiatischen Denken selten gemacht. 2
1
2
D.i. die individualistische bzw. holistische Position der kosystemtheorie, siehe MEYER 2003: S. 16.
Siehe TELLENBACH/KIMURA 1991: S. 154.
7
als ,Natur verwendeten chinesischen Begriff zrn , welcher als ,Spontaneitt, ,Freiheit,
im Grunde genommen jedoch unbersetzbar ist 4 , stellt GABRIEL fest:
In diesem scheinbaren bersetzungsproblem steckt die Differenz zwischen
westlicher und chinesischer Naturauffassung in ihrer ganzen Schrfe. Die Natur, und
gemeint sind hier die einzelnen Erscheinungen der Natur, sind radikal frei, sie
kommen und gehen wie sie wollen. Gesetzen unterworfen ist nicht die Natur, sondern
der Mensch, weil er sich von der Natur lst, indem der sich Gesetzen unterwirft, die er
wieder der Natur aufzwingen will. Gesetze sind grundstzlich naturwidrig. Daher kann
der Mensch nur frei werden, wenn er der Natur folgt, das heit, seine sich selbst von
ihm selbst aufgezwungene Gesetzlichkeit verlsst. Dies kann er, wenn er seiner
unzivilisierten, vorzivilisierten Natur folgt. Die Erscheinungen der Natur folgen
aufeinander, bewegen sich, teilen sich mit, uern sich ohne zu sprechen und sind
gerade deswegen da. 5
Basierend auf der Spaltung von res cogitans und res extensa werden unter Ausschluss des
unhinterfragten subjektiven Standpunktes die als substantiell dauerhaft bestehenden
wissenschaftlichen ,Gegen-stnde aus dem jeweiligen Lebenszusammenhang genommen und
in einer methodisch eingegrenzten Perspektive begrifflich bestimmt und klassifiziert. Die
traditionellen Methoden der wissenschaftlichen Analyse, Klassifikation, des Experimentes
und der Isolierung des Forschungsgegenstandes tendieren dazu, Grenzen zwischen die Dingen
zu setzen, diese in Gruppen zu trennen, um sie auf diese Weise besser zu verstehen und
technisch manipulieren zu knnen.
Der kologische Standpunkt, welcher das Beziehungsgefge der Lebewesen untereinander
und mit deren Lebensraum bercksichtigt, stellt nicht die in der Naturwissenschaft und
Technologie getroffenen Unterscheidungen von Eigenschaft und Funktion in Frage. 6 Trotz
Bercksichtigung vieler Umweltfaktoren bleibt diese Erkenntnis ber den Natur-Gegenstand
fragmentarisch. Mit dieser Methode ist der Gegenstand als Ganzes, wie er wirklich ist, nicht
der
,Funktionsfhigkeit
bzw.
erfassbar. Das naturwissenschaftliche Objekt bleibt eine partielle und konzeptualisierte, auf
Theorien beruhende Wirklichkeit desselben. Die Tendenz zum Allgemeingltigkeitsanspruch,
Naturphnomene ganzheitlich zu erfassen, vertreten etwa der Physikalismus und die
Evolutionre Erkenntnistheorie. Der Physikalismus als Sonderfall einer Ontologie erhebt den
Anspruch, alle sinnlich wahrnehmbaren Vorgnge auf physikalische Gesetze zurckfhren zu
knnen.
Die
Evolutionre
Erkenntnistheorie
sieht
durch
eine
vergleichend
Wie sieht der Zen-Buddhismus dieses existentielle Problem der menschlichen Geisteshaltung,
welche die Mitwelt und sich selbst in ein festgelegtes und somit begrenztes Subjekt- und
Objekt-Bild trennt?
Der Zen-Mnch Chao-chou Tsung-shen ( jap. Jsh Jshin, 778-897) stellt sich die
Frage, wie die Aufspaltung seiner Person, seines Ich tman in Leib und Geist aufgelst
werden knnte, um das wahre, offene Selbst zu erkennen:
Ich erkenne den untrennbaren Bezug von Leib und Geist. Ebenso erkenne ich das
komplexe Problem, da mein atman eine Dualstruktur enthlt, nmlich ein
objektivierbares Subjekt und ein subjektivistisches Objekt. 9
10
Ching yan Wei-hsin ( jap. Seigen Ishin) aus der Tang-Dynastie (618-907) drckt
seine Erfahrung angesichts der gleichen Fragestellung so aus:
Dreiig Jahre, bevor ich das Zen-Studium begann, sagte ich: ,Berge sind Berge;
Flsse sind Flsse. Nachdem ich Einsicht in die Wahrheit durch die Anweisung eines
guten Meisters gewann, sagte ich:,Berge sind nicht Berge; Flsse sind nicht
[Link] nun, nachdem ich den Verweilort der letzten Ruhe [das ist Erleuchtung]
erlangt habe, sage ich: ,Berge sind wirklich Berge; Flsse sind wirklich Flsse. 10
Wie sind die drei Aussagen ,Berge sind Berge; Flsse sind Flsse., ,Berge sind nicht Berge;
Flsse sind nicht Flsse. und ,Berge sind wirklich Berge; Flsse sind wirklich Flsse. zu
verstehen? 11
Im Fall der traditionellen aristotelischen Logik wird der Ausgangspunkt durch den
Satz der Identitt geliefert, ,A ist A, der ... die logische Grundlage der
metaphysischen Wesensphilosophie konstituiert. 12
Wenn gefragt wird, wer hier die Unterscheidung trifft, so ist es der Mensch Ching yan Weihsin. Durch ihn werden die Berge und Flsse objektiviert und nicht als Berge und Flsse, so
10
Zitiert nach ABE 1985: S. 4: Thirty years ago, before I began the study of Zen, I said, ,Mountains are
mountains; waters are waters. After I got insight into the truth of Zen through the instruction of a good master,
I said, ,Mountains are not mountains; waters are not waters. But now, having attained the abode of final rest
[that is enlightenment], I say, ,Mountains are really mountains; waters are really waters.
11
Im Folgenden siehe ABE 1985: S. 4-10.
12
IZUTSU 1995: S. 32.
11
wie sie wirklich sind, in ihrer Ganzheit verstanden. Die Naturphnomene werden aus der je
eigenen subjektiven Sichtweise begriffen und nicht in ihrem wahren Wesen erfasst. Indem wir
gleich wie Wei-hsin die Berge, Flsse und alle anderen die Welt ausmachenden Phnomene
unterscheiden, differenzieren wir uns selbst von anderen und neigen dazu, uns ins Zentrum zu
setzen. In diesem Fall steht das egozentrische Selbst den anderen Phnomenen und sich selbst
gegenber. Weil es alles objektiviert, die umgebende Mitwelt und sich selbst, drngt sich fr
das Ego-Selbst unvermeidlich die Frage auf: ,Wer bin Ich? Das fragende Ego-Selbst ist in
zwei Ich gespalten: in ein ontisch da-seiendes fragendes Ich und in ein befragtes,
objektiviertes, begrenztes Ich. Das Ich befragt sich selbst. Diesen Zwiespalt des Ich
bezeichnet der Zen-Mnch Chao-chou als ,objektivierbares Subjekt, welches das fragende
Ich ist, und als ,subjektivistisches Objekt, das befragte Ich. Das befragte Ich ist nicht das
wahre, offene Selbst, weil es objektiviert ist. Ein objektiviertes, differenziertes Ich ist nicht
das lebendige Selbst mit all seinen Mglichkeiten und Fhigkeiten. Das Fragen nach dem
wahren Selbst endet immer in einem regressus ad infinitum. Das fragende Ich kann sich
niemals als Objekt begreifen. Es bleibt stets Subjekt. Das fragende Ich als das Selbst mit all
seinen dynamischen Facetten kann niemals als ,ueres erfasst, ,vor uns gefunden werden.
Das offene Selbst kann nicht durch diese Form der Annherung, nmlich dem Befragen nach
sich selbst, erlangt werden. Wenn die Unmglichkeit des Erfassens des eigenen lebendigen
Selbst existentiell erkannt wird, kann die Reaktion Verzweiflung und Angst sein. Der Mensch
wird sich selbst zum Problem. Er fhlt sich von anderen und sich selbst abgeschnitten, den
anderen und sich selbst gegenber entfremdet, ber einen Abgrund ohne Halt schwebend.
Um dieses existentielle Dilemma zu vergessen, klammert sich der Mensch gewhnlich an das
Ego-Selbst. Begierig, ,drstend sucht er nach dem bestndig Angenehmen und Freudvollen
im Leben, um mit allen, u.a. auch mit sich selbst und anderen schadenden Mitteln seinem
Ego-Selbst Halt und Bestndigkeit zu verleihen. Basierend auf dem Egozentrismus werden
die Dinge durch selbst-entworfene Vorstellungen beurteilt und bestimmt.
Von dieser menschlichen Verhaltensweise, vom Verlangen nach dem Angenehmen und der
Abneigung gegenber Unangenehmem (im extremen Fall auch vom Verlangen nach vlliger
Auslschung), ist in der von Buddha kyamunis gelehrten zweiten edlen Wahrheit vom
Entstehen des Leides in der Lehrrede von Benares die Rede:
12
Dies ist ferner ... die edle Wahrheit von der Entstehung des Leidens. Es ist der Durst
(tr) ..., der von Wohlgefallen und Begierde begleitet da und dort Gefallen findet,
nmlich der Begierdedurst, der Werdedurst, der Vernichtungsdurst. 13
Leid liegt im Anhaften an dem Ego-Selbst, welches nach dem Freudvollen strebt und an ihm
festhlt, das Freudlose ablehnt, alles Leidvolle (dukha) wie Altern, Krank-sein und Sterben
mglichst verdrngt. Freude und Leid sind jedoch untrennbar miteinander verbunden. Ohne
Freude gbe es kein Leid, und ohne Leid gbe es keine Freude. Sie zu trennen, ist
lebensfremd. Je mehr sich der Mensch an das Freudvolle anklammert und Leidvolles zu
vermeiden sucht, desto mehr verfngt er sich in die Dualitt von Freude und Leid. Das wahre
Leid ist nicht das der Freude entgegengesetzte Leid, welches Bestandteil des Lebens ist,
sondern das nicht-relative Leid des Anhaftens an dem Ego-Selbst, welches in seiner
existentiellen
Tiefe
durchschaut
und erkannt
werden
muss.
Wenn
der
Buddha
vom ,Durst nach Sinnesgenssen und bestndiger Existenz bzw. nach Nicht-Existenz spricht,
macht er auf das Ergreifen einer fr bestndig gehaltenen Existenz bzw. der vlligen
Auslschung als Ergebnis menschlicher Unwissenheit avidy aufmerksam.
Leid im buddhistischen Sinn ist ein erkenntnistheoretisch relevantes, ontisches Faktum des
Menschen, welcher aufgrund der Unwissenheit, dass das irdische Da-sein vergnglich und
ohne Selbst antman ist, an einer eingebildeten bestndigen Existenz bzw. vlligen ExistenzAuslschung haftet. Der in der dritten edlen Wahrheit gelehrte und ontisch nachvollziehbare
Ausweg aus diesem existentiell leidvollen Dilemma ist die Aufhebung des Durstes, der
Begierden, der Unwissenheit.
Wenn sich der Mensch dem Faktum stellt, dass durch den endlosen Regress der
Objektivierung des Ego-Selbst sein eigentliches Wesen, sein wahres Selbst unerreichbar ist,
erkennt er, dass das Anhaften an dem Ego-Selbst nicht die Lsung seines existentiellen
Dilemmas sein kann. Die Erkenntnis des Nichterlangens des wahren Selbst durch Anhaften
kulminiert in einem existentiellen Loslassen des Ego-Selbst. Das Ego-Selbst wird zum NichtEgo-Selbst, zum Nicht-Selbst antman.
13
Dharmacakrapravartana-Stra (s. FRAUWALLNER 1994: S. 11), das Stra vom ,Drehen des Dharma-Rades,
die erste Lehrrede des Buddha kyamuni von den vier edlen Wahrheiten in Benares.
13
,Der Berg ist nicht-Berg. Es mu jedoch immer bedacht werden, da, wenn Zen so
etwas behauptet, es dies nicht in der gleichen epistemischen Dimension des ,A ist
A tut. Solange man auf der Stufe des ,A ist A, der Ebene der empirischen Erfahrung,
bleibt, ist man unfhig, gleichzeitig zu sagen ,A ist nicht-A ... Die Tatsache, da eine
solche Aussage gemacht werden kann, setzt bei dem aussagenden Menschen eine
vllige Bewutseinsvernderung voraus, dergestalt, da er fhig ist wahrzunehmen,
wenn A in einem solchen Ausma A ,wird, da es durch seine eigene A-heit
bricht ... 14
Der Prozess der angefhrten Bewusstseinsvernderung kann als In-Frage-Stellen des EgoSelbst angesehen werden, als Aufbrechen des Egozentrismus.
Die Erkenntnis des Nicht-Selbst antman ist im Buddhismus nicht als eine nihilistische
Sichtweise anzusehen, sondern als eine Art Befreiung des festgelegten, begrenzten Ego-Selbst.
Das Selbst, die Natur und Mitwelt werden im Licht des Nicht-Anhaftens als ,NichtIch, ,Nicht-Berg, ,Nicht-Fluss erfasst. Diese Erkenntnis des antman ist Ergebnis der
Einsicht in das ,wahre Selbst und in die Natur, so wie sie wirklich ist. Doch ist diese
Erkenntnis noch nicht von der dualistischen Sichtweise eines Nicht-Selbst als Gegensatz zum
Ego-Selbst getrennt. Auch wenn die Differenzierung in ,Berge und ,Flsse berwunden ist,
so bleibt eine Form der Differenzierung bestehen, nmlich diejenige zwischen der
Differenzierung in ,Berge und ,Flsse und der Nicht-Differenzierung in ,Berge und ,Flsse.
Die Nicht-Differenzierung als bloe Negation der Differenzierung ist noch immer in einer
Dual-Struktur involviert, insofern sie der Differenzierung entgegengesetzt ist. Das heit, dass
auch das Nicht-Selbst als Gegenber des Ego-Selbst berwunden werden muss, um sich von
jeglicher Art der Bestimmung zu befreien, um mit Ching yan Wei-hsin zur Erkenntnis zu
gelangen, dass die Berge wirklich die Berge, die Flsse wirklich die Flsse sind.
14
3. Was heit ,Berge sind wirklich Berge; Flsse sind wirklich Flsse?
Sind nicht Ching yan Wei-hsins Aussagen: ,Berge sind Berge, Flsse sind
Flsse und ,Berge sind wirklich Berge, Flsse sind wirklich Flsse identisch? Inwiefern
knnen diese berlegungen die Beziehung von Mensch und Natur erhellen? Auf welche
Weise ist das Ego-Selbst zu negieren? Angesichts dieser existentiellen Fragen gleicht man
einem Menschen
... oben an einen Baum: Sein Mund hlt einen Ast des Baumes zwischen den Zhnen,
Seine Hand kann den Ast nicht ergreifen,
Sein Fu hat keinen Halt am Baum.
,Unter dem Baum ist ein Mensch und fragt nach dem Sinn des Kommens
[Bodhidharmas] aus dem Westen.... 15
15
Mumonkan Beispiel 5 (s. ROLOFF 1999: S. 39), zitiert in Shbgenz III Soshi sairai no i ,Der Sinn
von Bodhidharmas Kommen aus dem Westen (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2006: S. 290). Mumonkan (
chin. W mn gun), eine Sammlung von achtundvierzig Zen-Dialogen, Kans, wurde von Wu-men Hui-kai
( jap. Mumon Ekai 1184-1260) kompiliert.
15
Hauptteil
Hauptthema des Werkes Shb genz Die richtige Lehre der umfassenden Wahrheit
alles Seienden
17
1200-1253) ist die rechte Ansicht von der Lehre und die rechte Einsicht in die Lehre des
Buddha, den Dharma ( jap. bupp) als allumfassende Wahrheit oder Wirklichkeit, welche
auch ,Buddha-Geist ( jap. busshin) und ,Buddha-Natur (skt. tathgatagarbha, jap.
bussh) bezeichnet wird. Dharma, Buddha-Geist und Buddha-Natur sind nicht als
transzendentes Absolutes zu verstehen, sondern als Inbegriff des wahren Wesens der
konkreten Wirklichkeit, welche untrennbar mit dem schauenden Erkennenden verbunden ist.
Auf die Frage des chinesischen Herrschers Wu-ti ( reg. 502-550) aus der Liang-Dynastie
(502-557) 18 , was der hchste Sinn der vom Buddha verkndeten Wahrheit dharma sei,
antwortete der Begrnder des Chan-(Zen-)Buddhismus Bodhidharma: Offene Weite - nichts
von heilig
19
20
Geburtenkreislauf sasra
21
und nirva
22
16
Siehe Shbgenz I Sansuiky (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 194-207); Shb genz Band 29 Sansui
ky (MIZUNO/TERADA 1980: S. 331, s. HASHI). An dieser Stelle mchte ich Univ.-Doz. MMag. Dr. HASHI
herzlich fr die Bereitstellung ihrer bersetzungen des Shb genz-Kapitels Sansui ky sowie des Herz-Stra
aus dem Japanischen danken.
17
Siehe Daijisen S. 1329, Bukky jiten S. 288-289 (s. HASHI).
18
Siehe Shbgenz II Gyji (Teil 2) ,Das Bewahren der reinen Praxis (Teil 2) (s. LINNEBACH/NISHIJIMA
2001: S. 211 Anm. 8, 9).
19
Bi yn lu I Beispiel 1 (s. GUNDERT 2005: S.37). In diesem klassischen, von Yan-wu Ko-chin ( jap.
Engo Kokugen, 1063-1135) kompilierten Chan-(Zen-)Text B yn l ( jap. Hekiganroku)
veranschaulichen die sino-japanischen Schriftzeichen nichts von heilig ( chin. w shng) die
ostasiatische, insbesondere die Chan- (Zen-)Denkweise, wonach an dieser Stelle ,heilig, ,ehrwrdig (skt.
rya, sdhu) auch als ,weise bersetzt werden kann (siehe DCBT S. 410, Sp.1). Der ,allwissende Buddha (skt.
sarvaja) ist im ostasiatischen Kontext ein ,weiser Mensch ( chin. shng rn, jap. seijin), ein ehrwrdiger
Weiser im menschlichen Leben - ein Status, welcher von jedem Menschen nachvollzogen werden kann, vgl.
HASHI, Was hat Zen mit Heidegger zu tun? 2001: S. 8.
20
jap. chinch mib.
21
Skt. sasra ,(Durch-)Wandern (von einem Leben in ein anderes), vgl. PW VII S. 8, Spalte (Sp.) 2, MW S.
1119, Sp. 2-3.
22
Skt. nirva ,Erlschen, ,Zurruhekommen, adj. , erloschen, ,beruhigt PW III S. 218, Sp. 3, vgl. MW S. 557,
Sp. 3.
16
Wirksamkeit der Taten karman bedingten anfanglosen sasra, aus welchem der Buddha
einen heilvollen Weg zeigte, entspricht wenig dem japanischen Denken und Fhlen. Im
ostasiatischen Buddhismus gilt es, im konkreten Hier und Jetzt zur Erkenntnis des ,wahren,
offenen Selbst zu gelangen. 23 Aus diesem Hintergrund heraus wird sasra von Dgen
mit ,Leben-Sterben ( jap. shji) gleichgesetzt, um auf Entstehen und Vergehen des
Einzelnen im Hier und Jetzt hinzuweisen. Dgens Worte sind transzendierende Bejahung,
welche sich mitten im Leben ereignet.
In allen Kapiteln von Dgens Werk Shb genz geht es um die Sicht der Wirklichkeit
als ,Einheit von Leben und Sterben
24
Das Sitzen selbst ist das Tun des Buddha. Das Sitzen selbst ist Nicht-Tun. Es ist
genau die wahre Gestalt des Selbst. Darber hinaus gibt es nichts, was als BuddhaDharma zu suchen wre. 26
Aus dieser Sicht zeigt Dgen den Vollzug des Buddha-Dharma, der von Buddha verkndeten
Lehre im je individuellen Lebensbereich auf, in dem wir uns gerade befinden, wie es die Teile
des Schriftzeichens zen als Aufzeigen des Einzelnen, Partikulren
27
wiedergeben: im
Alltag mit seinen Verrichtungen, in der zazen-Praxis, im Studium der buddhistischen Lehre
und in der Natur.
23
17
II. Dgens Bezugnahme auf die Lehren der Buddhas, Bodhisattvas und
Patriarchen
Berge und Flsse im Hier und Jetzt zeigen sich als eine ewige Wahrheit der Buddhas
und Bodhisattvas. 28
Mit diesen Worten zu Beginn des Shb genz-Kapitel Sansui ky Stra von Bergen und
Flssen verweist Dgen auf die vor ihm liegenden Berge und Flsse, welche sich in diesem
Augenblick zeigen und mit der untrennbaren Einheit von ,Krper und Geist ( jap.
shinjin) im leiblich-ontischen Da-sein erlebt werden. Die durch die Berge und Flsse
reprsentierten Naturphnomene werden nicht als bloe res extensa angesehen, als uere,
dem denkenden Menschen zweckdienliche Gegenstnde. Vielmehr zeigen sich nach Dgen
die Berge und Flsse als dharmakya, ,dharma-Leiblichkeit
29
allumfassenden Wahrheit dharma, welche sich berall im So-sein der Natur zeigt. 30 Die
Gleichsetzung des Wirklichen mit der von den Buddhas und Bodhisattvas verkndeten Lehre
ist keine absolute Setzung oder animistische Anschauung, sondern am jeweiligen Standort im
Betrachten der Berge und Flsse hier und jetzt erfahrbar. Dgen erffnet eine Perspektive,
unter welcher die gesamte Wirklichkeit als Stra, als ,Erluterung des Dharma 31 fungiert.
Aus diesem Hintergund heraus ist die Aussage eines Zen-Mnchs im Shb genz-Kapitel
Keisei sanshiki zu verstehen, wonach das Aussehen, die Form der Berge ( sanshiki) nichts
anderes ist als der Krper des Buddha
32
28
Zen-Buddhismus Lin-ji I-Hsan ( jap. Rinzai Gigen, gest. 866/867) folgend, nichts
anderes als der die Berge betrachtende Mensch selbst:
Es gibt keinen Buddha zu suchen, keinen Weg zu vervollstndigen, noch kann man
den Dharma erreichen. Sucht ihr den Buddha in der Formenwelt, dann wird er nichts
anderes als ihr selbst sein. 33
,Was ist der Buddha? ... ,Niemand anderer als du selbst bist es. 34
Im Folgenden werden die Lehren des frh-buddhistischen Abhidharma, der PrajpramitLiteratur des frhen Mahyna-Buddhismus, die Lehren des Mahyna-buddhistischen
Denkers und Patriarchen Ngrjuna 35 sowie der Hua-yen-(Kegon-)Schule betrachtet, auf
welchen das Chan-( Zen-)buddhistische Denken im Allgemeinen und Dgens Denken im
Speziellen grndet.
39
33
Lin-Chi Lu 31a (s. aus dem Engl. YZEN 1987: S. 73), jap. Rinzai Roku.
Shbgenz III Kge ,Die Blumen im Raum (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2006: S. 46).
35
Siehe Shbgenz I Busso ,Buddhas und Patriarchen (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 209).
36
Siehe VIA I S. 200; PW III S. 144, Sp. 1.
37
Siehe PW III S. 146, Sp. 2, MW S. 510, Sp. 3; p. dhamma PED S. 335, Sp. 2 - S. 339, Sp. 2; chin. f, jap.
h DCBT S. 267, Sp.2; vgl. CONZE 1962: S. 92-103.
38
Siehe Vajracchedik Prajpramit (s. CONZE 1957: Einfhrung S. 14). Das VajracchedikStra, ,Diamant-Stra, ist wie auch das Herz-Stra Teil der um die Zeitenwende entstandenen VaipulyaStras des Mahyna-Buddhismus (BECHERT/GOMBRICH 1995: S. 76).
39
Siehe HORSCH 1967: S. 60-61; PED S. 171.
34
19
erste
gttliche
oder
natrliche
Ursache
hervorgebrachte
40
oder
mechanische,
ist,
zur
allumfassenden
Erkenntnis
gelangt
(tath-gata)
und
,von
dort wiederum ,hierher in den Lebensbereich als Lehrender ,gekommen ist (d.h. tathgata). 42 Ein Bodhisattva, ,Wesen des Erwachens
being (mah-sattva)
44
43
gem des Mahyna-Buddhismus solange der Buddhaschaft entsagt, bis alle Wesen aus dem
leidvollen Da-seinskreislauf sasra befreit sind.
Bndig wird der Dharma im Lakvatra-Stra, einem der Yogcra-Schule nahe stehenden
Mahyna-Text aus dem 4. oder 5. Jahrhundert, dem zu Folge alle wahrnehmbaren Dinge
keine ueren Objekte sind, sondern Erkenntnisvorgnge, ,nur Geist (cittamtra)
45
folgendermaen beschrieben:
Die Dharmalehre der Tathgatas aber, Mahmati, ist ... frei von Einssein und
Anderssein, Zweiheit und Nichtzweiheit, sie ist frei von Sein und Nichtsein,
Zustimmung und Ablehnung; die Dharmalehre der Tathgatas besteht in erster Linie
aus den [vier edlen] Wahrheiten, dem Entstehen in Abhngigkeit und dem [achtfachen
edlen] Pfad, der zur Erlsung fhrt. Die Dharmalehre der Tathgatas ist nicht mit den
folgenden
Ideen
verbunden:
Urnatur
(prakrti),
Schpfergott
(vara),
40
Wie etwa im indischen S khya-System, in welchem aus der Urmaterie prakr ti die materielle Welt und
Bewusstseinsformen entstehen (FRAUWALLNER 1953: 295-296).
41
Dharma in der Bedeutung ,Lehre des Buddha wird in dieser Arbeit im Folgenden gro geschrieben.
42
Skt. buddha-tathgata ,ein so (wie frhere Buddhas) gegangener oder so gekommener Buddha BHS/D S. 248,
Sp. 2; vgl. CONZE 1962: S. 172); z.B. Aashasrik Prajpramit Kapitel 30 (s. CONZE 1958: S. 215); vgl.
TAKEUCHI 1972: S. 6. Aashasrik-Prajpramit, die Lehre von der ,Vollkommenheit der
Weisheit/Einsicht (skt. prajpramit) in 8 000 Versen, stellt eine der groen Texte der PrajpramitLiteratur des frhen Mahyna-Buddhismus dar.
43
Siehe LAMOTTE 1995: S. 94-97.
44
Aashasrik Prajpramit Kapitel 1 (s. CONZE 1958: S. 7).
45
Siehe Einleitung zum Lakvatra-Stra (s. GOLZIO 1996: S. 11); vgl. FRAUWALLNER 1953: S. 18.
46
Lakvatra-Stra Kapitel 2, Kommentar zu Vers 161 (s. GOLZIO 1996: S.110; SUZUKI 1966: S.84).
20
Auf alle hier angefhrten Ideen werden spter im Kapitel im Rahmen von Ngrjunas Lehre
nher eingegangen.
iv. Die dharmas, die ,Gegebenheiten im Plural (dharm) werden in der frh-buddhistischen
Abhidharma-Lehre
47
49
die
47
Der dreiteilige buddhistische Kanon (skt. Tripiaka, p. Tipiaka ,Drei-Korb) besteht aus der Sammlung von
Ordensregeln (skt., p. vinaya), Lehrreden (skt. stra, p. sutta) und Erluterungen (skt. abhidharma, p.
abhidhamma), siehe Lexikon der stlichen Weisheitslehren 2005: S. 403.
48
Nach FRAUWALLNER ist der Verfasser des Abhidharmakoa Vasubandhu der Jngere, whrend Vasubandhu
der ltere, ein Yogcrin, ca. 320-380 lebte (FRAUWALLNER 1994: S. 76-77, 350-351).
49
Der Frh-Buddhismus (auch Hnayna bezeichnet) umfasst die sich aus der Ur-Gemeinde entwickelten
Schulen, u.a. Theravda, die Schule der ,ltesten, Sarvstivda, die Schule aus Nordwest-Indien, welche die
Lehre vertritt, dass alles in der Welt existiert (skt. sarvam asti), und Sautrntika, die Schule, welche den Stras
folgt, siehe FRAUWALLNER 1994: S.61-62, 140; FRAUWALLNER 1953: S. 150.
50
Siehe FRAUWALLNER 1952: S. 253; FRAUWALLNER 1994: S. 62, 76.
51
Abhidharmakoa 1, Kommentar (bhya) zu Vers 1 (s. LA VALLE POUSSIN 1923: S. 3-4).
21
abhngigen
Entstehen
unterworfen,
aufgrund
von
Ursachen
entstehen,
in
leidvoll,
insofern
sie
die
Erwartung
nach
Bestndigkeit
und
55
56
oder
als ,Himmel definiert, als unverursacht, rein, unbegrenzt. Der mit nirva verknpfte Raum
knnte mit der fr den Mahyna-Buddhismus zentralen Lehre von der Leer-heit nyat in
Zusammenhang gebracht werden.
57
52
Skt. skandha wrtlich ,Haufen; ,mass, ,large amount BHS/D S. 607, Sp.2 (vom Verb skandh ,collect MW S.
1256, Sp. 2). Auf die fnf skandhas wird im nchsten Kapitel in der Abhandlung des Herz-Stras nher
eingegangen.
53
Abhidharmakoa 2, Vers 47 und bhya (s. LA VALLE POUSSIN 1923: S. 238-244).
54
Skt. -ka leitet sich von der Verbwurzel k ,sichtbar sein, ,glnzen, ,leuchten ab, mit dem Suffix k ,erschauen, ,erkennen PW II S. 61, Sp.1-2.
55
Siehe Abhidharmakoa 1, Verse 5-6, Kapitel 2, Verse 21-22 (s. LA VALLE POUSSIN 1923: S. 7-10, 143-144).
56
Siehe AKBh 2, Vers 28.
57
Udna ist ein Pli-Text des Suttapiaka.
58
P. ajta abhta akata asakhata (Udna S. 80-81).
22
Die Existenz des unverursachten, mit dem Sehsinn, dem Empfinden und begrifflichen
Erfassen objektiv nicht fassbaren nibbna wird durch den Vergleich mit dem Wind
veranschaulicht:
,Existiert wohl der Wind, o Knig? ,Gewi, o Ehrwrdiger. ,So zeige mir denn, o
Knig, den Wind und erklre mir seine Farbe und Gestalt, und ob er fein oder grob,
lang oder kurz ist! ,Nicht lt sich, ehrwrdiger Ngasena, der Wind aufzeigen und
mit der Hand festhalten und drcken. Aber dennoch existiert der Wind. ,Wenn man
aber, o Knig, den Wind nicht aufzeigen kann, so existiert doch gar kein Wind. ,Ich
wei aber, ehrwrdiger Ngasena, da der Wind existiert. Ich bin davon berzeugt.
59
Milindapaha Kapitel 7 (s. NYANATILOKA 1998: S. 253), das bedeutendste nichtkanonische Werk des
Theravda-Buddhismus, siehe Lexikon der stlichen Weisheitslehren 2005: S. 242.
23
Aufzeigen aber kann ich den Wind nicht. ,Ebenso auch, o Knig, existiert das
Nibbna, doch nicht lt es sich aufzeigen und nach Farbe und Gestalt erklren. 60
Nach der Abhidharma-Lehre haben nirva sowie der Raum keine Ursache, weil sie nicht
aufgrund einer Bedingung entstehen. Weil sie auerhalb der drei Zeiten Gegenwart, Zukunft
und Vergangenheit sind, haben sie keine Wirkung. 61
Nach der Sarvstivda-Schule ist nirva eine unverursachte Gegebenheit, welche den
Namen Unterdrckung durch Erkenntnis (pratisakhynirodha) fhrt, weil sie auf Grund
der Erkenntnis der heiligen Wahrheiten das Verschwinden der Laster verursacht.
62
Die
Erkenntnis der edlen Wahrheiten ist, dass die Welt leidvoll (dukha) ist, dass die Ursache des
Leidvollen der Durst ist, Begierde, Hass und Verblendung, und dass es einen achtgliedrigen
Weg zur Aufhebung des Leidvollen (dukhanirodha) gibt. In Folge der Einsicht in die edlen
Wahrheiten und in die aus dharmas beschaffene Welt erfolgt das ,Erlschen nirva der drei
Grundbel Begierde, Hass und Unwissenheit, welche zu den unreinen verursachten dharmas
gezhlt werden. nirva ist die Trennung, das Losgelstsein von allem Leidvollen.
Fr den Frh-Buddhismus beruht das Anhaften am Da-sein auf einer irrigen Sichtweise
bezglich des Da-seins, weil in Wahrheit das Da-sein nichts Erstrebenswertes, sondern
aufgrund seiner Unbestndigkeit und Vergnglichkeit unbefriedigend und in diesem Sinne
leidvoll ist. Die Lebewesen Mensch und Tier sind geistigen und krperlichen Schmerzen
ausgesetzt. Pflanzen werden im Allgemeinen nicht zu den Lebewesen gezhlt, leiden nicht
und sind deshalb nicht erlsungsfhig. Grundstzlich wird die Welt als stndiges Sterben und
Geborenwerden und damit auch die Natur als Ort der Plage negativ bewertet. Diesem
weltlichen Da-seinskampf steht unverursachtes, reines nirva gegenber als einem Zustand
radikalen Transzendiertseins allen vergnglichen und leidvollen Daseins 63 . In diesem ist
... kein Raum fr die Natur, weder fr die Vielfalt der Einzelerscheinungen noch fr
die Natur als eine diese immer neu schaffende Kraft (eine Vorstellung, die ...
zumindest dem lteren Buddhismus ohnehin fremd ist), indes wird auch nicht versucht,
die Natur in paradiesisch verklrter Gestalt in den Erlsungszustand einzubringen. 64
60
24
65
reagiert seinerseits analytisch auf die Abhidharma-Lehre bzw. auf andere, nicht-buddhistische
Lehren, deren definitive Bestimmungen er Schritt fr Schritt zunichte macht. In seinem Werk
Mlamadhayamakakrik geht er so weit, zu sagen: ... Nirgendwo wurde irgendeinem
durch den Buddha irgendein Dharma gelehrt.
66
nirva nicht-existent ist. nirva ist fr ihn das heilvolle Zur-Ruhe-Kommen der die Welt in
bestimmte Begriffe und Kategorien einteilenden Denkweise. Ngrjunas Philosophie grndet
auf der in der Prajpramit-Literatur dargelegten Lehre des frhen Mahyna-Buddhismus.
Die Lehre der Prajpramit-Texte reagiert auf die Abhidharma-Lehre, welche die Welt in
einzelne aufgelistete dharmas zergliedert und zu objektivieren tendiert. Die PrajpramitTexte verlagern das Augenmerk von der Beschreibung der groen Anzahl an verursachten
dharmas auf das die Erfahrungswelt Vereinheitlichende, Unverursachte, welches alle
verursachten Gegebenheiten dharmas durchdringt, auf die Leer-heit nyat. Durch die
Methode der Nicht-Positionierung, welche Ngrjuna in vollendeter Form anwendet, ist es
65
Madhyamaka ( chin. sn ln, jap. sanron); Ngrjunas Lebensdaten werden zwischen dem 1. und 3. Jh.
angesetzt (RUEGG 1981: S. 1, 4-5, Anm.11).
66
Mlamadhayamakakrik Kapitel 25, Versteil 14cd (s. WEBER-BROSAMER/BACK 1997: S. 100).
25
67
ist
falscher
Ansichten
von
,Existenz
und
,Nicht-Existenz
,zum
anderen
Ufer nirva ,hinbergegangen (pramita 69 ) ist. 70 Mit der vollendeten Einsicht hat ein
Arhat, ein ,Heiliger im Frh-Buddhismus bzw. ein Bodhisattva nirva verwirklicht. In
dieser metaphorischen Beschreibung erscheint nirva als ein erstrebenswertes, sicheres Ziel,
als ein Existenz-Bereich jenseits der leidvollen vergnglichen Welt. In der frhbuddhistischen Abhidharma-Lehre wird das unverursachte, von allen Grundbeln unbefleckte
nirva als ,anderes Ufer von der aus befleckten, verursachten dharmas bestehenden,
leidvollen Welt sasra getrennt.
67
Skt. pramit ,coming or leading to the opposite shore, ,complete attainment MW S. 619, Sp. 2-3.
Siehe Mahprajpramitstra Kapitel 20 (s. LAMOTTE 1949: S. 701-702).
26
nach
nach
72
73
genannt,
ungebunden an Raum und Zeit, ohne Gestalt. Wenn der Zen-Buddhismus dharmakya (
chin. f shn, jap. hosshin) als Mglichkeit einer gelungenen Lsung der Da-seinsproblematik
lehrt, so ist dharmakya als ,dharma-Leiblichkeit nicht in einem Bereich jenseits des
unbestndigen, vergnglichen Wirklichen zu suchen. dharmakya befindet sich nicht jenseits
des Horizonts unseres Alltaglebens, sondern tritt als konkretes Phnomen in Erscheinung.
Neben dem historischen Buddha kyamuni werden eine Anzahl von Buddhas und
Bodhisattvas angenommen, welche in Form des sambhogakya, des ,Krpers des Genieens,
in verschiedenen kosmischen Welten verweilen. nirmakya als ,Erscheinungsleib ist der in
der Erscheinungswelt den Menschen erschienene historische Buddha, welcher den Dharma
verkndete. 74
71
VETTER 1988: S. 72-73; vgl. Mahprinirva-Stra Vorgang 23.6 (s. WALDSCHMIDT 1951: S. 237).
Skt. tathat ,true state of things, ,true nature MW S. 433, Sp. 3; chin. zhn r, jap. shinnyo.
73
Skt. dharmat ,essence, inherent nature, being law or right MW S. 51, Sp. 1.
74
Siehe z.B. LAMOTTE 1995: S. 99.
72
27
Mitgefhls karu, welches auf der Einsicht praj in die wahre Beschaffenheit aller
dharmas
beruht.
Avalokitevara
ist
der
,Herr,
welcher
[auf
die
Welt]
hin-,
herabschaut (avalokita-vara). 75 Diese mgliche bersetzung des Namens deutet an, dass
der Bodhisattva in Form des sambhogakya voll Mitgefhl die von ihm eingesehene wahre
Wirklichkeit der Welt betrachtet. Eine andere bersetzungsmglichkeit ist u.a. ,Der Klang,
der die Welt erleuchtet (avalokita-svara) 76 , welche in Ostasien mehr Anklang gefunden hat:
In China wird Avalokitevara ,Kun (sh) yn bzw. in Japan ,Kanzeon (oder ,Kanji
zai ) genannt, ,Der die Rufe der Welt beachtet
77
Das ,Erschauende Sehen (das bei Avalokitevara der Fall ist) ist mit unserem
empirisch-optischen Sehen in einem untrennbaren Zusammenhang. Doch lt sich
das ,erschauende Sehen immer wieder von dem blo empirischen Sehen ablsen. ...
eine ,absolute Freiheit des Sehens, das eben auf der Dimension des unbeschrnkten
Erschauens der shnyat ermglicht werden konnte. 79
75
Siehe Lexikon der stlichen Weisheitslehren 2005: S. 28-29; skt. ava-lok ,hinschauen , ,betrachten, ,gewahr
werden PW V S. 232, Sp. 3 - 233, Sp. 1.
76
Zu avalokita-svara siehe BHS/D S. 74, Sp. 2.
77
Lotos-Stra Kapitel 25 (s. BORSIG 1992: S. 362; vgl. s. DEEG 2007: S. 306). Das Lotos-Stra (skt.
Saddharmapuarka-Stra), ein in Indien im 1. oder 2. Jahrhundert entstandener Mahyna-Text, ist das
zentrale Stra der von Zhiyi ( jap. Chigi, 538-597) gegrndeten bzw. in Japan von Saich ( 767-822)
berlieferten Tien-tai-( jap. Tendai-)Schule.
78
Skt. darana ,Hinsehen, ,Erkennen, ,Anschauungsweise PW III S. 73, Sp. 1; vgl. MW S. 470, Sp. 3 - S. 471,
Sp. 1.
79
KAWANAMI 1999: S. 58.
28
Der Prolog vor dessen Lehrrede beschreibt Avalokitevara als ein die Praxis vollendeter
Einsicht prajpramit Ausfhrenden, nicht vllig statisch, sondern ,bewegt. Mit allen
Sinnen und offenem Geist wird Avalokitevara in klarer Einsicht gewahr, dass die Daseinskonstituenten, die skandhas 86 , welche die Persnlichkeit des Menschen und die
Grundlage jeder Erfahrung bilden, ,leer sind, nya ( chin. kng, jap. k), ohne
substantielles Eigenwesen. Er sieht, dass den skandhas kein in sich bestehendes Eigenwesen
(svabhva-nya)
zukommt.
Was
dem
ungebten
und
unwissenden
Geist
als ,Ich bzw. ,Mein erscheint, ist in Wirklichkeit die Anhufung von dharmas. Im
Milindapaha zieht man zum Veranschaulichen der skandhas den Vergleich mit einzelnen
Wagenteilen heran, welche den Wagen ausmachen und doch nicht mit diesem identisch
sind. 87 Die skandhas sind folgende: 88
80
O namo bhagavatyai rya-Prajpramityai, in: Herz-Stra (s. nach CONZE 1988: S. 99).
Siehe Makahannya haramitta Shingy (s. NISHIYAMA 2006: S. 57).
82
Im Shb genz-Kapitel Makahannya haramitsu zitiert Dgen eine Passage aus dem MahprajpramitStra ( jap. Dai hannya haramita ky), in welcher die Anrufung erwhnt wird, siehe
Shbgenz I Makahannya haramitsu ,Das Pramit der groen Weisheit (s.
LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 51).
83
Buddhistisch-hybrides Sanskrit: vyavalokayati ,looks closely (at), examines carefully in physical or
intellectual sense, the two being sometimes indistinguishable BHS/D S. 516, Sp.1.
84
Herz-Stra (s. nach CONZE 1988: S. 99-100).
85
jap. d itsu saik yaku, s. HASHI; vgl. Thus completely relieving misfortune and
pain. Makahannya Haramitta Shingy (s. NISHIYAMA 2006: S. 59, 57). Dieser Satz wurde in der
chinesischen bersetzung hinzgefgt.
86
Siehe Funote 52, jap. goon.
87
Siehe Milindapaha (s. NYANATILOKA 1998: S. 52-53).
88
Siehe Abhidharmakoa 1, Bh ya zu Vers 7-16 (s. LA VALLE POUSSIN 1923: S. 10-30); vgl. HASHI, Die
Aktualitt der Philosophie, 1999: S. 28-29; VETTER 1988: S. 36.
81
29
- rpa (,Form ,Farbe, ,Gestalt, jap. shiki): das Materielle wie die vier Groen Elemente
(Erde, Wasser, Feuer und Wind), die Sinnesvermgen sowie deren Sinnesobjekte, in summa
die sichtbare Form des Menschen und der Welt. Im indisch-asiatischen Kontext gibt es neben
den fnf Sinnesvermgen Sehen, Gehr, Geruch, Geschmack, Tastsinn auch eine sechste,
geistige Komponente, Denken (manas), welchem als Objekt alle dem Denken fassbaren
dharmas zugeordnet werden. 89
- vedan ( jap. ju): die Empfindung, das Gefhl von angenehmer, unangenehmer und
indifferenter Art;
- saj ( jap. so): begriffliches (vorwiegend auf das Objekt gerichtetes) Wahrnehmen,
Erfassen, Bezeichnung (skt. nimittodgrahaa, wrtlich ,Aufgreifen der Merkmale) von
Farben, Lnge, Krze usw. 90 ;
- saskra (,Zusammenwirkende,
fnf
verursachten,
unbestndigen
Da-seinskomponenten
machen
die
Persnlichkeitsstruktur des Menschen aus. Aufgrund von Unwissenheit und unter den
Einfluss von Gier, Hass und Verblendung werden bezglich der Person flschlicherweise
folgende Ansichten 92 vertreten, dass es
- ein bestndiges Selbst tman gibt, ,Ich oder ,Mein als Zentrum unserer Bedrfnisse,
- ein einzelnes Individuum (sattva), welches unterscheidet, was innerhalb und auerhalb
seiner selbst ist,
- eine Einzelseele (jva) als vereinigende Quelle eines individuellen Lebens sowie
- pudgala als eine uere soziale Entitt.
89
30
Dass ein bestndiges Selbst tman oder eine separate Entitt angenommen wird, welche es in
Wirklichkeit nicht gibt, beruht auf dem Durst, dem Anhaften und der Unwissenheit.
94
Unkenntnis der vier edlen Wahrheiten und der Unkenntnis, dass das weltliche Da-sein leidvoll,
vergnglich und ohne Selbst antman ist, entstehen die Willensregungen (saskra),
affektive Verhaltensmuster, welche sich auf die Sinnesobjekte und die irdische Persnlichkeit
richten und das Bewusstsein (vijna) als eines der fnf skandhas in der neuen Existenz
bestimmen. Aus diesem Bewusstsein entstehen ,Name und Form (nmarpa), aus diesen die
sechs Sinnesbereiche, inklusive das Denken (ayatana). Die sechs Sinnesbereiche bedingen
den Kontakt, die Berhrung (spara) mit den jeweiligen Sinnesobjekten, welche
Empfindungen verschiedener Art (vedan) hervorrufen. Diese Empfindungen erwecken die
Leidenschaften, den Durst (tr), welcher sich an Sinnesgensse und an das fr bestndig
gehaltene Ich klammert, was das Ergreifen (updna) von ,Ich und ,Mein zur Folge hat und
zu neuerlicher Bindung und zu einer neuen Existenz (bhava) fhrt. Es kommt zur Geburt
(jti), zum Altern und Sterben (jarmaraa) in endloser Kette, solange nicht die erlsende
Erkenntnis von der Vergnglichkeit und Ich-losigkeit die Unwissenheit, und mit ihr in
Aufeinanderfolge alle anderen Glieder aufhebt und durch Vernichtung des Durstes dem
Kreislauf ein Ende setzt.
93
94
95
Eigenwesen. In der aus den skandhas konstituierten Person kann kein Ich aufindig gemacht
werden. Nicht durch diskursiv-analytisches Denken, welches die Welt in dharmas zergliedert,
sondern aus dem Grund von praj in die Wahrheit wird Avalokitevara der wahren
Wirklichkeit der skandhas, ihres Leer-seins gewahr. Die Wirklichkeit, welche sich
Avalokitevara hier erffnet, wird nicht allein durch das diskriminierende, diskursive
Bewusstsein (vijna) erschlossen, sondern durch den offenen und klaren Geist, welcher, an
nichts Bestimmtes anhaftend, sich auf nichts sttzt (apratihita cittam)
96
. Es ist praj,
praj ist nun ein zur hheren Erkenntnis anleitendes Wissen, welches das wahre
Sein in der Erscheinung der phnomenalen Welt (mit der Erfahrung) erschliet. Dieses
erschauende, erschlieende Wissen geht ber die Dimension des begrifflichen Wissens
vijna hinaus. Man kann es auch wie folgt beschreiben: Wissen, welches die Grenze
aller Begrifflichkeit berschreitet. 97
95
32
Die Einsicht praj kann als ,nicht denkendes Denken verstanden werden, welches die
Dualitt zweier Denkweisen berwindet:
... das eine ist die zielstrebige Durchfhrung des begrifflich orientierten Denkens, das
andere eine einsichtsvolle Erfassung einer umfassenden Wahrheit, die aber ohne
begriffliche Erluterung im vorreflexiven Bewusstseinsfeld in der Erfahrung erfasst
werden kann. Dgen, ein intellektueller Denker und Literat, wusste von beiden Seiten
der Sprache: Sprache als Oikos des intellektuellen Denkens und Sprache als Mischung
vom verbalen und nonverbalen. 98
In diesem Sinne ist praj als ,anschauendes Denken zu verstehen, vergleichbar mit dem
Sanskrit-Begriff darana
99
101
102
103
hatte. Diese
Hinzufgung knnte so gelesen werden, dass Avalokitevara aufgrund der Einsicht praj in
das Leer-sein der skandhas, in die Ich-losigkeit antman unbertrefflich, vollkommen zur
universellen Wahrheit erwacht ist (anuttarasamyaksambodhi), losgelst von allen
Anhaftungen.
98
33
Die Erschlieung der wahren Beschaffenheit der skandhas bedeutet zugleich die
Verwirklichung von nirva. Avalokitevara hat fr sich alles Leidvolle endgltig
berwunden, nirva verwirklicht. Anstatt ans ,andere Ufer zu gehen und zu entschwinden,
verweilt Avalokitevara aus Mitgefhl karu in der ,diesseitigen Welt, was sich in der
folgenden Belehrung des Menschen riputra zeigt. Avalokitevara ist und bleibt ein
Bodhisattva, welcher aus Mitgefhl der Buddhaschaft zum Wohle der leidenden Wesen in der
Welt entsagt. Dies unterscheidet ihn von dem frh-buddhistischen Arhat: Dieser verwirklicht
fr sich zu Lebzeiten ,nirva mit Rest, reines nirva im Krper, welcher aus unreinen
verursachten
dharmas
besteht,
mit
seinem
Tod
durch
Verlassen
des
unreinen
Krpers ,nirva ohne Rest ohne Rckkehr in die Welt verursachter, unreiner dharmas. 104
Der ,erwachte Bodhisattva befindet sich nicht jenseits, sondern inmitten der Erfahrungswelt.
Dies ist jedoch nicht als Erlsung der Welt durch eine uere Kraft zu verstehen. Im Zenbuddhistischen Denken heit es diesbezglich nach dem japanischen Philosoph der KytoSchule HISAMATSU (1889-1981):
... der Herz-Buddha ... ist nicht das Subjekt des Anderen, Gegenberstehenden,
sondern ein Subjekt, bei dem dieses Andere zugleich mein eigenes Selbst ist. ... Der
Herz-Buddha kann nicht etwas sein, dem das Ich folgen mu, dem es sich hingibt und
anvertraut; denn dann wre der Buddha das den Menschen lenkende Subjekt und
wrde von innen nach auen transzendieren. Buddha ist aber nicht ein Subjekt, das
ber mir steht und mich lenkt; er ist vielmehr ein Subjekt, das mein eigenes Selbst
ist. ... In dem Buch Shb-genz, im Kapitel Geburt und Tod, von Dgen finden sich
die folgenden Worte: 105
Wenn du Krper und Geist ablegst und das Knigreich Buddhas betrittst, wird er dich
leiten; wenn du seinem Weg folgst, erlangst du Loslsung von Leben und Tod. Ohne
Anstrengung und ohne deinen Geist zu gebrauchen wirst du ein Buddha. Wenn du dies
verstehst, bist du nicht lnger gebunden. 106
104
Siehe FRAUWALLNER 1953: S. 217, Visuddhimagga (s. NYANATILOKA 1997: S. 591-592), ein bedeutendes
postkanonisches Werk des Theravda, verfasst von Buddhaghosa im 5. Jahrhundert, siehe Lexikon der
stlichen Weisheitslehren 2005: S. 437.
105
HISAMATSU 1975: S. 43-44.
106
Shbogenz I Shji ,Leben und Tod (s. aus dem Engl. ECKSTEIN 1977: S. 45).
34
Niemand anderer als der menschliche Geist ist es, von allen Willensregungen zur Ruhe
gekommen, welcher durch die vollendete Einsicht nirva verwirklicht. In Wirklichkeit gibt
es kein ,anderes Ufer, welches anzustreben gibt - nichts Heiliges oder berweltliches. Nach
dem Zen-Buddhismus ist die befreiende Erkenntnis jedem Menschen zugnglich.
,Was ist der Buddha? ... ,Niemand anderer als du selbst bist es. 108
Der Anlass, die oben zitierte Aussage: Mit dieser Einsicht hatte er alle Leiden und
Bedrngnisse berwunden.
109
hinzuzufgen, knnte gewesen sein, die Weltzugewandtheit des Bodhisattvas strker zum
Ausdruck zu bringen.
Hier, riputra, ist Form Leer-heit, nur Leer-heit ist Form. 110 Leer-heit ist nicht ohne
Form, Form nicht ohne Leer-heit, was immer Form ist, das ist Leer-heit, was Leer-heit
ist, das ist Form; gerade ebenso [sind] Empfindung, (begriffliches) Erfassen,
Willensregungen und Bewusstsein. 111
Mit ,hier (iha) verweist Avalokitevara riputra auf die konkrete Situation whrend des
Gesprchs am gemeinsamen Standort. Was hier gelehrt wird, liegt offensichtlich vor Augen
und kann jederzeit und allerorts berprft und nachvollzogen werden: Form ist Leer-heit, nur
Leer-heit ist Form, oder nach der bersetzung von HASHI Alles sinnlich wahrnehmbare
107
35
Seiende ist leer an Substanz. Gerade das, was leer an Substanz ist, erscheint als alles
Seiende.
112
rpa, die sichtbar wahrnehmbare Form oder Gestalt ist dem Eigenwesen nach
113
kann nach KAWANAMI die Leer-heit nyat als absolute Negation der
114
eine in und aus sich bestehende substantielle Entitt tman fr wahr halten. Wie auch die
Abhidharma-Analyse belegt, ist in der aus dharmas zusammengesetzten Welt ein bestndigers
Selbst tman nirgendwo ausfindig zu machen. nya bedeutet demnach ,leer sein von
etwas: ,leer von ,Ich und ,Mein, also ,Nicht-Ich, ,Nicht-Mein usw., was gewhnlich als
leidvoll erachtet wird. Dem ,Leer-sein kann auch eine positive Seite abgewonnen werden:
Wenn der von Vorstellungen und Konzepten angefllte Geist ,leer gemacht wird, zur Ruhe
kommt, kann Leer-sein als erholsam und befreiend erlebt werden.
Die zweite Satzhlfte nur Leer-heit ist Form besagt, dass alle skandhas ausschlielich leer
sind. Die sichtbare Form rpa ist leer. Das ist nicht die Vernichtung der Form. Das
Eigenwesen der Form ist Leer-sein. Nicht aufgrund der Zerstrung ist die Form leer. Das
Eigenwesen der Form selbst ist Leer-sein. Es ist nicht durch die Leer-heit, dass die Form leer
ist. Auerhalb der Form gibt es keine Leer-heit. Form ist Leer-heit, nur Leer-heit ist Form.
Das gleiche gilt fr die anderen skandhas Empfindung, begriffliches Erfassen,
Willensregungen und Bewusstsein: Sie sind unbestndig und haben nicht etwas dauerhaft
Bestndiges, Ewiges in sich. Dies ist keine nihilistische Position. Gerade weil alle sichtbaren
Formen, alle skandhas leer, d.h. unbestndig sind, knnen sie einander bedingen, in
Abhngigkeit voneinander entstehen, gebunden an eine Vielzahl von ihnen umgebenden
Ereignissen. Die Persnlichkeit existiert als in ewiger Bewegung befindliche Konstituenten,
ohne ein bestndiges Selbst tman. Alles ist wechselseitig abhngige Bewegung. Jeder
Konstituent ist auf die anderen bezogen, wie die zwlfgliedrige Kausalkette veranschaulicht.
Nicht nur die skandhas, sondern alle dharmas, die unreinen verursachten dharmas und die
reinen unverursachten dharmas nirva und Raum, werden im Folgenden als leer angesehen
(dharmanairtmya), was eine neue buddhistische Sichtweise der Erfahrungswelt ist.
112
s. HASHI in: KAWANAMI 1999: S. 53; vgl. HASHI, Die Dynamik von Sein und Nichts, 2004: S. 170. Sowohl
das Adjektiv ,leer nya als auch das abstrakte Nomen nyat ,Leer-heit wird im Chinesischen/Japanischen
mit kng/k bersetzt, siehe DCBT S. 276, Sp. 1.
113
s. HASHI in: KAWANAMI 1999: S. 53.
114
KAWANAMI 1999: S. 54.
36
Hier, riputra, sind alle dharmas versehen mit dem Merkmal der Leerheit; sie sind
weder entstanden noch vernichtet, weder befleckt, noch unbefleckt, haben weder
abgenommen (anna) noch zugenommen (aparipra). 115
Dass alle dharmas durch die Leer-heit gekennzeichnet sind, bedeutet, dass alle dharmas, die
unbestndigen verursachten Phnomene sowie der Raum und nirva als ohne selbstndiges
Eigenwesen, als leer und unbestndig eingesehen werden. Ein Merkmal wird definiert als eine
Beschaffenheit, welche die dharmas voneinander trennt. Die dharmas besitzen kein solches
Merkmal. Ihr einziges Merkmal ist es, kein Merkmal zu haben, leer von einem Merkmal zu
sein, d.h. ungebunden von jeglichen Begrifflichkeiten und Denk-Konstrukten.
And the nature of all dharmas is no nature, and their no-nature is their nature. It is
thus that all those points of attachment are abandoned. 116
Kein einziger dharma besteht in Wirklichkeit in irgendeiner fixen Form oder an einen
bestimmten Bewusstseinsinhalt gebunden. Der Glaube an vielfltige dharmas ist nur eine
einseitige Sichtweise mit der Tendenz der Objektivation der Welt. Alle vom menschlichen
Geist festgelegten Kategorien, Regelungen und Ordnungen, ,dharmas sind leer, nicht
bestndig.
Diese Tatsache bezeichnete man als die ,substantielle Leerheit alles Seienden. Nur
in der Erkenntnis, da sich alles Seiende ewig wandelt und ,leer an Substanz ist,
erscheint die ewige Wahrheit des Unzerstrbaren. 117
115
37
Anstatt die in verursachte dharmas zergliederte, vernderliche Welt als nicht substantiell und
nicht zufriedenstellend anzusehen, nimmt die Prajpramit-Lehre mittels meditativer
Einsicht die Wirklichkeit als Ganzheit, als ,So-heit tathat in den Blick, in welcher alle
Phnomene als Aspekte des ganzheitlichen Kontinuums betrachtet werden. Ein dharma ist
aufgrund seines Leer-seins, aufgrund seiner bedingten Bezogenheit auf andere ihrerseits leere
dharmas ein Bestandteil des Ganzen, nicht vom anderen getrennt. Ein Ereignis bedingt stets
andere Ereignisse.
Es ist nicht haltbar, anzunehmen, dass die verursachten dharmas definitiv verschieden vom
Unverursachten
sind,
da
in
der
Leer-heit
die
Unterscheidung
Daher, riputra, ist in der Leer-heit nicht Form, nicht Empfindung, nicht
Wahrnehmung, keine Willensregungen, nicht Bewusstsein; nicht [die Sinnesorgane]
118
Auge, Gehr, Geruch, Zunge, Krper und Denken; nicht Formen, Laute, Gerche,
Geschmcker, Berhrbares, Gegebenheiten [fr das Denken] (dharm); nicht [die
Sinnesorgane wie] das Element des Auges [des Gehrs, Geruchs, Geschmacks, der
Zunge, des Krpers] bis hin zum Element des Denkbewusstseins; nicht
Unwissenheit, nicht Vernichtung von Unwissenheit bis hin zum [letzten Glied des
zwlfgliedrigen abhngigen Entstehens] nicht Altern und Sterben, nicht Vernichtung
von Altern und Sterben; nicht Leidvolles, nicht Aufkommen [des Leidvollen], kein
Aufhren [des Leidvollen], kein [achtgliedriger] Pfad; keine Erkenntnis, weder
Erlangung noch Nicht-Erlangung [von nirva]. 119
So-heit
sind,
waltet
die
allumfassende
Leer-heit,
welche
durch
Negation ,innen und ,auen, ,ja und ,nein, alle verbal und nonverbal fixierten
Bestimmungen transzendiert - die Da-seinskonstituenten, die Sinnesorgane, die Sinnesobjekte,
die
achtzehn
Elemente
unserer
Erfahrung
(die
sechs
Sinnesorgane,
die
dazu
In der Leer-heit ist weder Erlangung noch Nicht-Erlangung von nirva. nirva kann nicht
erlangt werden, muss nicht erlangt werden, weil die Leer-heit nirva ist.
119
Bereich des Geistes kein Hindernis gibt, ist er unerschrocken, verkehrte Ansichten
berwindend, hat er ewiges nirva erlangt. 120
Im Mahyna-Buddhismus ist die Lehre von der Leer-heit ein zentrales Anliegen zur
Erschlieung der wahren Wirklichkeit, So-heit tathat. Ohne existentielle Verwirklichung der
Leer-heit gibt es kein Erwachen zur hchsten Wirklichkeit. Die Leer-heit ist nicht
als ,Tor anzusehen, durch welches man zur hchsten Wirklichkeit erlangen knnte. Die
allumfassende Leer-heit ist die Wirklichkeit selbst, Berge und Flsse, wir Menschen, Leben
und Sterben bejahend.
Die Leer-heit hat zwei Aspekte: Sie ist einereits der Grund fr die Vergnglichkeit des Daseienden und fr das aus der Vergnglichkeit resultierende Leid, und zugleich die
Voraussetzung fr das Aufheben des Leides und die Verwirklichung des vollkommenen
Erwachens.
120
121
40
(bhva) sind, whrend eine bestndiges persnliches Selbst tman nicht anerkannt wird
(pudgalanairtmya).
Die unverursachten dharmas zeichnen sich durch ewiges Fortdauern aus. Das Merkmal der
verursachten dharmas ist Entstehen, kurzes Fortdauern, Transformation und Vergehen. Das
Eigenwesen svabhva aller dharmas ist es, in den voneinander unabhngigen Zeitabschnitten
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fortzubestehen.
Demnach existieren substantiell nicht nur die gegenwrtigen verursachten Gegebenheiten,
sondern auch die vergangenen und zuknftigen verursachten Gegebenheiten. Der Grund,
warum sie nicht alle sichtbar sind, liegt darin, dass sie sich auf verschiedenen Zeitstufen
befinden. Der Prozess des Entstehens und Vergehens der verursachten Gegebenheiten ist als
ein Wandern der Gegebenheiten von einer Zeitstufe in die andere zu verstehen. Hier stellt sich
fr Ngrjuna die Frage, wie es mglich ist, substantiell existierende vergangene und
zuknftige dharmas anzunehmen, wenn diese nicht wahrnehmbar sind. Die Zeit (kla) als
hypostatische Abschnitte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anzunehmen, ist
ebensowenig nachvollziehbar: Entweder ist die Zeit kontinuierlich fortschreitend, dann wre
sie jeglichem Zugriff entzogen, oder sie bleibt stehen, dann wrde sie ihr Wesen verlieren und
wre auch nicht greifbar. 122
Nach dem Sarvstivda ist eine gegenwrtige verursachte Gegebenheit mit dem dynamischen
Merkmal versehen, wirksam zu sein, d.h. eine Wirkung hervorzubringen. Der gegenwrtige
Augenblick ist der spezifische Moment, in welchem diese entstandene gegenwrtige
Gegebenheit als Ursache fr eine andere Gegebenheit ttig ist. Dies wre vergleichbar mit
einer Billard-Kugel, welche auf den Ansto hin ttig wird, insofern sie auf eine andere Kugel
trifft und diese in Bewegung setzt. Wenn die entstandene gegenwrtige Gegebenheit
daraufhin nach einer sehr kurzen Dauer und Transformation ohne Ursache vergeht, verliert sie
zwar ihre Wirksamkeit, nicht jedoch ihre Existenz als vergangene Gegebenheit. 123 Wenn die
verursachten Gegebenheiten noch nicht kausal wirksam sind, sind sie zuknftige dharmas.
122
123
41
4.2. Exkurs: Ngrjunas Kritik gegen die Annahme der Bewegung substantieller
dharmas in den drei Zeiten
Dass nicht nur augenblicklich gegenwrtige, mit dem Attribut der Wirksamkeit versehene
dharmas substantiell existieren, sondern auch vergangene und zuknftige dharmas, wird von
Ngrjuna zurckgewiesen. Am Beispiel des Gehens zeigt er auf, dass Bewegung in Raum
und Zeit von substantiell existierenden dharmas nicht ohne Widersprche beschreibbar ist. In
Ngrjunas analytischen Argumentationsweise, in welcher er sich kritisch mit den Begriffen
und sprachlichen Konventionen auseinandersetzt, wird zunchst ein Subjekt ,Geher sowie die
gegenwrtg begangene (gamyamna), die bereits begangene (gata) und die noch nicht
begangene
(agata)
Wegstrecke
angenommen,
welche
durch
das
Bewegungsattribut ,gehen definiert sind. Demnach gibt es dreierlei Arten von Gehen.
(Dieses ,Gehen ist nicht als Abstraktum zu verstehen: Nach der Sarvstivda-Schule und dem
indischen Denken berhaupt, wird, wie oben angefhrt, auch den Namen, Begriffen als vom
Geist getrennte verursachte dharmas ein substantielles Eigenwesen zugeschrieben - also auch
dem ,Gehen.) Die drei Arten des Gehens sind das Gehen, welches die Strecke ausmacht, das
Gehen, welches den Geher ausmacht und das Gehen als solches.
Von dem aktuellen Geher, dem gegenwrtigen dharma wird gesagt, dass sein
Wesensmerkmal ,wird gegangen (gamyamna) ist. Wie ist es mglich, zu behaupten, dass
das aktuelle Gehen, welches der Geher vollzieht, im Laufe der Bewegung unabhngig vom
auszufhrenden und abgeschlossenen Gehen in sich besteht?
Das [bereits] Gegangene wird nicht gegangen; ebensowenig wird das [noch] NichtGegangene gegangen. Getrennt vom Gegangenen und Nicht-Gegangenen, wird auch
das gegenwrtig Begangene nicht gegangen. 124
Eine substantiell existierende Entitt zwischen etwas noch nicht Stattgefundenem und etwas
Stattgefundenem kann nicht eingeschoben werden. Das aktuelle Gehen bezieht sich weder auf
das abgeschlossene Gehen noch auf das auszufhrende Gehen. Aktuelles Gehen kann nicht
als separate Entitt zwischen abgeschlossenem und auszufhrendem Gehen eingeschoben
werden. Wenn ich ein aktuelles Gehen als zustzliche Aktion zwischen abgeschlossenem und
auszufhrendem Gehen einschiebe, dann gbe es ein Gehen ohne Geher. Entzieht man dem
124
Geher sein Wesensmerkmal ,gehen, was bleibt als sein Eigenwesen brig? Ein Geher, der
nicht geht?
Oder hiee dies, dass fr jede Aktion des Gehens zwei Geher bentigt werden - einen, der das
abgeschlossene Gehen gettigt hat, und einen zweiten, der aktuell geht? 125 Um Gehen
durchzufhren, bentigten wir unendlich viele Geher, was absurd ist. Das Ergebnis dieser
Analyse lautet:
Ein tatschlich existierender 126 Geher geht [also] kein dreifaches 127 Gehen, noch
geht ein nicht existierender Geher ein dreifaches Gehen.
Ebensowenig geht ein zugleich existierender und nicht existierender [Geher] ein
dreifaches Gehen. Deshalb sind weder ein Gehen, noch ein Geher, noch ein zu
Begehendes ... zu finden. 128
Es ist ein Widerspruch, zu behaupten, dass ein in sich bestehendes Ding einer kausalen
Vernderung unterworfen sein kann. Wrde ein solches Ding aus Ursachen entstehen, wre es
ein ,gemachtes, geschaffenes Ding. Ein Beispiel: Ohne Hitze kann es kein Feuer geben,
ebensowenig wie Hitze ohne Feuer. Hitze ist das Hauptmerkmal, das Eigenwesen des Feuers.
Hitze beim Wasser allerdings ist ein Akzidenz, weil Hitze aufgrund von Erwrmung des
Wassers knstlich erzeugt wird und nicht das Eigenwesen des Wassers ist.
125
43
Ngrjuna fragt weiter, wie ein bestndiges substantielles Ding erzeugt sein knne. Ein
solches bestndiges Ding kann niemals entstanden sein, sondern kann nur unabhngig von
anderen existieren. Doch dies widerspricht dem traditionellen Lehrsatz vom abhngigen
Entstehen prattyasamutpda, welcher die Vergnglichkeit und den stndigen Wechsel alles
Da-seienden, Mensch und Natur als systematische Welterklrung lehrt.
Darin wird das Leid des Wiedergeburtskreislaufs in einer zwlfgliedrigen Kette von Ursachen
und Wirkungen auf zwei Ursachen zurckgefhrt: erstens auf den Durst (tr), welcher aus
der falschen Vorstellung von ,Ich (ahakra, wrtlich ,Ich-Macher) und ,Mein (mamakra,
wrtlich ,Mein-Macher) entsteht mit dem Resultat des Ergreifens (updna), des Anhaftens
an das Ich und an die vom Ich erfahrene Welt, und zweitens auf die Unwissenheit (avidy),
nmlich die Unkenntnis der vier edlen Wahrheiten. 130
Angesichts des Faktums des im ontischen Da-sein jederzeit erleb- und einsehbaren
abhngigen Entstehens ist ein in sich bestehendes unabhngiges Ding nicht mglich. Daraus
folgt, dass auch ein anderes unabhngiges Ding (parabhva) nicht existieren kann:
Doch woher kme Fremdsein (parabhva), wenn es kein Eigensein gibt? Denn es ist
ja das Eigensein von etwas anderem , das Fremdsein genannt wird. 131
Wenn svabhva und parabhva nicht mglich sind, kann entsprechend dem Satz vom
ausgeschlossenen Dritten nichts als in sich und durch sich bestehend existieren (bhva),
weder eine ewige Urmaterie noch ein unbewegter Beweger.
Bei diesem zunchst nihilistisch anmutenden Standpunkt, welcher der frh-buddhistischen
Sautrntika-Lehre von ausschlielich gegenwrtig existenten, augenblicklichen dharmas ohne
jegliche Fortdauer hnlich ist, bleibt Ngrjuna jedoch nicht stehen, sondern folgert weiter:
Wenn es keine bestndige Existenz gibt, kann es auch keine Nicht-Existenz (abhva) geben.
Das ist der springende Punkt: Dass nichts als in sich bestndig existiert, heit nicht, dass es in
keiner Weise existiert. Alle dharmas, die verursachten und die unverursachten, sind weder
seiend noch nicht-seiend, sie sind nya, ,leer, ohne ein durch die drei Zeiten hindurch
130
Ausgehend von dem vernderlichen Wechsel der irdischen Persnlichkeit im Da-seinskreislauf, wurde der
Lehrsatz auf die gesamte Erscheinungswelt bertragen und somit eine philosophisch-systematische
Welterklrung. Die Beschreibung der zwlfgliedrigen Kausalkette findet sich etwa im PrattyasamutpdaStra (s. FRAUWALLNER 1995: S. 39-49), in MMK 26.1-12 (s. KALUPAHANA 1986: S. 368-376), weitere
Ausfhrungen siehe LAMOTTE 1958: S. 38-43, SCHUMANN 2000: S. 87-94.
131
MMK 15.3 (s. WEBER-BROSAMER/BACK 1997: S. 53).
44
4.4. Ngrjunas zentrale Lehre: Die Gleichsetzung vom ,abhngigen Entstehen mit
der ,Leer-heit
Was immer in Abhngigkeit entstanden ist, bezeichnen wir als Leerheit; dies ist eine
bedingte Bezeichnung. Eben dies ist der mittlere Weg. 132
Nach Ngrjuna ist die ,Leer-heit nyat und das ,abhngige Entstehen prattyasamutpda,
welche das Wesen alles Da-seienden ausmachen und welche der Buddha selbst gelehrt hat,
der ,mittlere Weg madhyam pratipat. Leer-heit und das abhngige Entstehen sind
der ,mittlere Weg zwischen folgenden zwei extremen Ansichten, welche es zu meiden gilt:
Den
Nihilismus
(uccheda-vda)
einerseits,
d.h.
das
Fr-Wahrhalten
der
totalen
Fragmentierung der Wirklichkeit sowie der totalen Auslschung der Fragmente, ohne
irgendeinen Bezug zueinander zu haben, und den Eternalismus (svta-vda) andererseits,
welcher die Welt als aus bestndigen Entitten in einer Ursache-Wirkung-Beziehung
bestehend proklamiert. 133
Diejenigen aber, die ,Existenz und ,Nicht-Existenz der Dinge sehen, sind von
geringer Einsicht ... 134
Diese extremen Positionen werden als unvereinbar mit der menschlichen Erfahrung abgelehnt.
Es stellt sich heraus, dass die festgelegten Bestimmungen, welche die Welt als wirklich
beschreiben wie Existenz und Nichtexistenz, Ursache und Wirkung usw. einer eingehenden
Analyse nicht standhalten. Es gilt, sich von diesen starren begrifflichen und konventionellen
132
45
Ansichten ber sich und die Welt zu lsen, die erfahrenen Grenzen bisheriger Erkenntnisse
und Bezeichnungen zu berschreiten.
Als Methode schliet Ngrjuna an den pragmatischen ,mittleren Weg des Buddha
kyamuni an, jedoch mit einer Bedeutungsverschiebung: Der Buddha verwendete
die ,Mitte im praktisch-ethischen Sinn als Vermeidung der Extreme Askese und Luxus. 135
Ngrjunas Bezug zur ,Mitte ist die Aufhebung der auf fixen Bestimmungen und Konzepten
beruhenden und somit der Wirklichkeit nicht entsprechenden Extrempositionen ,Es
existiert und ,Es existiert nicht, ohne eine eigene bestimmte Position zu begrnden. Die
Philosophie Ngrjunas steht auf der Ebene, in welcher das Empirische und das empirisch
Transzendierende ohne kategorische Trennung eingesehen werden kann.
Hinsichtlich der sich aufdrngenden Frage, wie der gegenseitige Bezug von uns Menschen zu
uns selbst und zur Natur als Um- und Mitwelt, allesamt dharmas, zu verstehen ist, weist nach
Ngrjuna der Buddha auf das abhngige Entstehen hin
... als ohne Vernichtung und ohne Entstehen, ohne Aufhren und nicht ewig, ohne
Einheit und ohne Mannigfaltigkeit, ohne Kommen und Gehen, als das friedvolle
Zurruhekommen
der
Vielfalt
{begrifflich-diskursiver
Bestimmungen
der
Gleich wie Dgen im Shb genz-Kapitel Sansui ky beginnt Ngrjuna in dem MagalaVers seines Werkes Mlamadhyamakakrik (MMK) mit der Kernaussage der buddhistischen
Lehre vom abhngigen Entstehen, um den aufnahmefhigen Zuhrer unverzglich zur tiefen
Einsicht und Erkenntnis zu verhelfen.
Als Ausgangspunkt von Ngrjunas Analyse des abhngigen Entstehens als ,weder
Vernichtung noch Entstehen werden im folgenden Vers MMK 1.1 vier verschiedene
Entstehungsmglichkeiten von Dingen (bhva), welche nach dem Frh-Buddhismus, nach der
Sarvstivda-Lehre als in den drei Zeiten fortdauernd bestndig bzw. nach der SautrntikaLehre als augenblicklich, nicht-bestndig definiert sind, aufgezhlt:
135
136
46
Weder aus sich, noch aus anderem, noch aus beiden, noch ohne Grund ist jemals
irgendein Ding irgendwo entstanden. 137
[Zur Lehre, da die Vielfalt der Dinge aus sich, ohne Ursache, gegeben sei, ist zu
sagen:] Die Welt erkennt zunchst durch Wahrnehmung [und durch Schlufolgerung],
da es Ursachen von jeglicher Art [gibt], denn die verschiedenen [Teile eines Lotus],
Blte, Stengel usw., entstehen aus verschiedenen Ursachen. 139
140
Die
137
47
der Abhidharma-Lehre entsprechend aufgelistet werden 141 , kann kein Ding mit einem
unabhngigen, in und aus sich bestehenden Eigenwesen svabhva aufgewiesen werden.
Denn das eigene Wesen der Dinge ist in den Bedingungen usw. nicht vorhanden.
Wenn aber kein eigenes Wesen vorhanden ist, dann ist auch kein fremdes Wesen
vorhanden. 142
Wo die Wirkung noch nicht vorhanden ist, ist ein Entstehen nicht mglich. Wenn ein Ding
bereits entstanden ist, wie soll es dann entstehen? Wenn es kein solches selbstndiges Ding
gibt, kann es auch kein anderes selbstndigs Ding geben 143 (daher > non-(non-A)).
Dritter Fall (A und non-A) ,Sowohl aus sich selbst als auch aus anderem entstanden:
Wenn die ersten zwei Flle (A) und (non-A) widerlegt sind, ist logischerweise auch deren
Zusammensetzung widerlegt (daher > non-(A und non-A)).
Da es bei wesenlosen Dingen kein Sein gibt, ist es unzulssig, zu sagen: Wenn
dieses ist, wird jenes. 144
Diese Kritik ist gegen die Sarvstivda-Lehre gerichtet, welche annimmt, dass eine Ursache,
welche Wirkung einer frheren Ursache ist und eine Wirkung hervorruft, durchaus eine aus
sich heraus existierende, ,seiende Gegebenheit ist.
Siehe MMK 1.3 (s. FRAUWALLNER 1994: S. 179), MMK 1.2 (s. WEBER-BROSAMER/BACK 1997: S. 2). Der
Grund fr die verschiedene Verszahl im ersten Kapitel liegt in der vertauschten Reihenfolge des zweiten und
dritten Verses bei FRAUWALLNER und WEBER-BROSAMER/BACK.
142
MMK 1.2 (s. FRAUWALLNER 1994: S. 178-179).
143
Siehe MMK 1.3 (s. FRAUWALLNER 1994: S. 179).
144
MMK 1.10 (s. FRAUWALLNER 1994: S. 180).
48
im Wasser gleichen, welche zufllig und spontan aufsteigen. Ngrjuna vertritt folgende
Ansicht:
Wenn rpa 145 losgelst wre von seiner Ursache, so folgte daraus, dass es rpa ohne
einen Grund gbe. Doch nirgendwo existiert ein Ding ohne Grund. 146
Alle hier aufgezhlten vier Entstehungsvarianten von bhva erweisen sich als Tetralemma:
Alle vier Flle werden logisch begrndet negiert, ohne dass eine weitere bestimmte Position
eingenommen wird. 148
Aus dieser Analyse kann konkludiert werden, dass die Dinge der Erscheinungswelt nichts
anderes sind als konventionell festgelegte Bezeichnungen ohne jeglichem reellen Grund. Dies
erzeugt unweigerlich ein Gefhl der Halt- und Bodenlosigkeit, hnlich dem abgrndigen
nihilistischen Standpunkt, welchen Ngrjuna ausdrcklich verwirft.
Eine Erklrung ist, dass Ngrjuna angesichts der vier Negationen, welche er nicht durch eine
eigene Position ersetzt, auf das Unaussprechliche, auf die Leer-heit jenseits aller Logik und
Argumentation hinweist und jegliche metaphysische Annahme zurckweist.
145
49
Sehen wir uns die Termini npy ahetuta nher an: Sie knnen auch als Negation einer
Negation gelesen werden: ,nicht grundlos, ,nicht ursachelos, ,nicht ohne Ursache, was ,aus
einer Ursache entstanden heit, ,abhngig entstanden. Jedoch ist das abhngige Entstehen,
wie von Ngrjuna ausgefhrt, nicht mit dem Eigenwesen nach bestndigen oder gegenwrtig
augenblicklichen existierenden dharmas zu vereinen.
Der Schlssel und die Wende im Denken liegt im Ding bhva, welches als Konsequenz von
Ngrjunas Analyse als ohne ein derartiges Eigenwesen (nisvabhva) existiert. Mit
nya, ,leer ist gemeint, dass alle uns Menschen und die Natur konstituierenden
Gegebenheiten dharmas kein in sich bestehendes Eigenwesen haben und sind.
Auf die Frage hin, inwiefern die verursachten dharmas leer seien, antwortet Ngrjuna, dass
sie unbestimmt, nicht fix festgelegt sind. Er gibt folgendes Beispiel von der Vater-SohnBeziehung: Insofern jemand von einem Vater gezeugt ist, wird er ,Sohn genannt; insofern er
selbst einen Sohn zeugt, wird er ,Vater genannt. 149
Alle dharmas sind leer, nicht-ewig (anitya), unbestndig und in Abhngigkeit von anderem
entstanden. Gerade weil die dharmas unbestndig und leer sind, entstehen sie in Abhngigkeit
von anderen Phnomenen. Demnach knnte der Versteil von MMK 1.1 folgendermaen
gelesen werden:
,Weder aus sich, noch aus anderem, nicht aus beiden, auch nicht ohne Ursache(n) ist
jemals irgendein (dem Eigenwesen nach) ,leeres Ding irgendwo entstanden.
Was bedeutet diese Wende im Denken nun fr mich als Teil der Gesamtheit von
Gegebenheiten dharmas persnlich? Wie ist es zu verstehen, dass ich selbst ,leer bin?
149
150
50
selbst-definiertes bestndiges Selbst tman nach Ngrjuna nicht mit den fnf, offenkundig
dem Entstehen und Vergehen unterworfenen Da-seinskonstituenten, den skandhas, welche
meine Persnlichkeitsstruktur bilden, gleichgesetzt werden, weil etwas Bestndiges nicht
zugleich etwas Unbestndiges sein kann.
Andererseits wre es ein Widerspruch zu behaupten, dass ich als selbst-bestimmter tman von
den fnf unbestndigen skandhas verschieden wre.
Daraus folgt, dass es dieses von mir vorgestellte tman-Gebilde in Wirklichkeit nicht gibt.
Wenn es diesen selbst-entworfenen tman nicht gibt, dann kann es auch nicht die von mir in
gleicher Weise als fix und bestimmt entworfene Auenwelt geben. Wenn nun dieses
geschaffene tman-Konstrukt aufgegeben wird, wenn ich mich von den selbst-geschaffenen
Vorstellungen loslse, lst sich zugleich der von mir durch bestimmte Vorstellungen
entworfene Erfahrungsbereich auf.
In the absence of a self, how can there be something that belongs to the self? From
the appeasement of the modes of self and self-hood, one abstains from creating the
notions of ,mine and ,I. 151
Durch das Zur-Ruhe-Kommen (upaama) des Geistes werde ich fhig, mich und die von mir
erfahrenen
Phnomene
als
,leer
zu
erkennen
und
hafte
nicht
mehr
an ,Ich und ,Mein (ahakra) als etwas mein Eigenes, mir Zugehriges. Ich habe keine
Besitzansprche mehr. Ngrjuna weist ausdrcklich darauf hin, dass das zur Ruhe
gekommene ,Ich-Bewusstsein nicht durch ein ,Wir-Bewusstsein (mayakra) ersetzt wird.
Alle Anhaftungen an den leidvollen Da-seinskreislauf sasra entstammen einerseits aus den
unterscheidenden Vorstellungen von ,Ich als selbst-definierter tman und ,Mein auf
empirischer
und
metaphysisch-spekulativer
Ebene,
andererseits
aus
der ,Vielfalt oder ,Entfaltung (prapaca) als begrifflich und diskursiv erfasste Welt. Diese
Vielfalt wird durch die Erkenntnis ihrer Leer-heit aufgehoben. 152 Frei von den fixen
Bestimmungen von ,Ich und ,Mein - mgen sie richtig oder falsch sein - hrt das Ergreifen
(updna) der eigenen Person und der Erfahrungswelt auf. Das im Magala-Vers genannte
151
152
friedvolle Zurruhekommen der Vielfalt 153 heit, dass ich mich als selbst-bestimmter tman
von unterscheidenden Vorstellungen und metaphysischen Konzepten ber mich und die Natur
loslse, ,leer werde, frei von allen Bezeichnungen und Bestimmungen (Dgen spricht in
diesem Zusammenhang von ,Krper und Geist fallenlassen.). Damit ist die das Subjekt und
Objekt transzendierende Erkenntnis der Leer-heit als hchste Wirklichkeit fr Ngrjuna die
Aufhebung alles Anhaftens und Begehrens. Diese allumfassende Leer-heit (atyantanyat)
ist das friedvolle nirva.
Das, was bezeichnet werden soll ..., ist verschwunden, das Objekt des Gedankens ...
ist verschwunden. Denn das Wesen der Dharmas (dharmat) ist - wie Nirva weder entstanden noch vernichtet. 154
153
52
leer sind, wie sind unsere Ttigkeiten, alles Handeln in der Welt mglich? Sogar die von
Buddha verkndete Disziplin, selbst sein Erlangen von nirva wre nicht mglich. 156
(Gegner:) Wenn dies alles leer ist und es kein Entstehen und Vergehen gibt, durch
wessen Aufgeben oder Vernichtung ergibt sich dann nach eurer Meinung das
Nirva? 157
Dieser Einwand entspringt nach Ngrjuna aus einem fundamentalen Missverstndnis von der
Leer-heit und vom abhngigen Entstehen aller Dinge. Alle weltlichen Ttigkeiten, auch
Buddhas Erlangen von nirva, knnen nur im abhngigen Entstehen leerer, d.h. substantiell
eigenwesenloser Dinge, nur in dieser sich wandelnden Welt geschehen. In einer Welt
substantieller Dinge, welche in und durch sich bestehen, wre jegliches Handeln und Erlangen
unmglich.
Beim Vorhandensein eines eigenen Wesens mte die Welt nicht entstanden und
nicht vergangen, unberhrt und von allen wechselnden Zustnden frei sein. 158
Gerade weil alle dharmas leer sind, kann nirva als vom Buddha verwirklichte hchste
Wahrheit im sasra, in der Welt des abhngigen Entstehens, erlangt und erkannt werden.
Ngrjuna antwortet daher dem Gegner mit der Gegenfrage:
(Antwort:) Wenn dies alles nicht leer ist und es kein Entstehen und Vergehen gibt,
durch wessen Aufgeben oder Vernichtung ergibt sich dann nach eurer Meinung das
Nirva? 159
Um die Lehre von nirva nher zu erlutern , geht Ngrjuna auf mgliche ontologische
Bestimmungen von nirva ein und beweist durch die Anwendung der bereits oben
angefhrten Tetralemma-Struktur, dass folgende vier Mglichkeiten, nirva zu beschreiben,
haltlos sind, nmlich
156
53
i. als Seiendes (bhva) - nun, Ngrjuna folgend, nicht als substantielles, sondern als
unbestndiges, vergngliches Seiendes zu verstehen,
ii. als Nicht-Seiendes,
iii. als sowohl Seiendes als auch Nicht-Seiendes und
iv. als weder Seiendes noch Nicht-Seiendes.
Erstens kann nirva kein vergngliches Seiendes sein, weil nirva gem der
buddhistischen berlieferung nicht dem Altern und Sterben unterworfen, nicht verursacht ist.
Daher, weil nirva kein vergngliches Seiendes sein kann, kann es zweitens auch nicht das
Gegenteil, ein Nicht-Seiendes sein, weil Nicht-Seiendes Seiendes voraussetzt. nirva ist
weder Seiendes noch Nicht-Seiendes, weil es nach der Lehre des Buddha im nirva kein
Entstehen und Vergehen gibt. Drittens ist nirva nicht zugleich Seiendes und Nicht-Seiendes,
da nirva in diesem Fall nicht unabhngig und nicht unverursacht wre, was jedoch der
Buddha lehrt, und da Seiendes und Nicht-Seiendes ebensowenig wie Licht und Finsternis
nicht denselben Ort einnehmen knnen. Wenn nirva als Seiendes und zugleich NichtSeiendes nicht erwiesen ist, ist nirva als weder Seiendes noch als Nicht-Seiendes auch nicht
erwiesen. 160
Durch das Aufzeigen, dass keine der vier Mglichkeiten fr nirva zutrifft, beweist
Ngrjuna, dass nirva ,leer von derlei Bestimmungen ist. Was kann dann ber nirva als
hchste Wahrheit nach buddhistischer berlieferung ausgesagt werden?
Nicht aufgegeben und nicht erlangt, nicht unterbrochen und nicht ewig, nicht
vernichtet und nicht entstanden - das nennt man das Nirva. 161
Die Beschreibung von nirva als etwas augenblicklich Vergehendes oder substantiell
Ewiges, als ,vernichtet und ,entstanden sind extreme Ansichten, welche, wie bereits
ausgefhrt, als haltlos erwiesen sind, ebenso die folgenden indischen metaphysichontologischen Lehrmeinungen:
160
161
Siehe MMK 25.4-16 (s. WEBER-BROSAMER/BACK 1997: S. 97-99, FRAUWALLNER 1994: S. 196-198).
MMK 25.3 (s. FRAUWALLNER 1994: S. 196).
54
Alle Ansichten wie ,[Existenz] ber den Tod hinaus. ,[die Welt] hat ein Ende usw.,
,[die Welt] ist bestndig usw., sttzen sich [auf die falsche Vorstellung], das Nirva
kenne einen frheren und einen spteren Zeitpunkt.
Wenn aber alle Dharmas leer sind, was ist dann ohne Ende, was mit Ende, was ist
dann gleichzeitig ohne Ende und mit Ende, was weder ohne Ende noch mit
Ende? 162
nirva als Zur-Ruhe-Kommen der weltlichen Vielfalt, als hchste Wahrheit ist nicht
transzendental, nicht auerhalb der Welt. nirva ist im Grunde nicht zu erlangen. nirva ist
hier und jetzt, im ontischen Da-sein gegeben. nirva kann eingesehen und erkannt werden,
wenn das von Begriffen und metaphysischen Konzepten festgelegte Ego-Selbst zur Ruhe
gekommen, ,leer geworden ist, ohne eine Geisteshaltung, welche das Selbst und die
Erfahrungswelt in Subjekt und Objekt trennt.
Nach Ngrjuna ist nirva weder ein geistiger Zustand, in welchem jegliches Denken
aufgehoben oder vernichtet ist, noch ein ,absolutes Wissen eines ,absoluten Geistes, sondern
ein anderer Aspekt der unbestndigen Erfahrungswelt sasra, die allumfassende Leer-heit,
in welcher die Vielfalt der den Geist eingrenzenden begrifflich-sprachlichen Bestimmungen
und Konzepte erkannt und negiert, losgelassen, zur Ruhe gekommen ist. Ngrjuna spricht
von keiner Soheit tathat, sondern von nirva. Der Frh-Buddhismus legt sein Augenmerk
auf den Nachweis der tman-Lehre. Bei Ngrjuna wird aufgrund der Aufhebung der Vielfalt
sprachlicher Bestimmungen und Konzepte, welche sich aus der im Herz-Stra gelehrten
Einsicht in die Leer-heit aller dharmas ergibt, der Glaube an einen bestndigen tman
hinfllig. Der Da-seinskreislauf findet ein Ende.
Durch die Methode der Negierung, welche der Loslsung der Fixierung an jegliche
Begrifflichkeit und Vorstellung dient, erffnet sich die Dimension des friedvollen,
uneingeschrnkten, unbegrenzten nirva als Inbegriff der Leer-heit aller Dinge, allseitig
offen.
Zur Verteidigung des Unterschieds zwischen 1. dem evidenten ,Leer-sein aller dharmas,
welches zunchst das bedingte Entstehen und Vergehen in der Tat negiert, und 2. ihrer Leer-
162
heit, welche dem bedingten Entstehen und Vergehen von allem Da-seienden zugrunde liegt,
beruft sich Ngrjuna auf zwei Wahrheiten oder Wirklichkeiten, der weltlich-konventionellen
(savrttisatya) und der hchsten (paramrthasatya). 163 Er benutzt diese zwei WahrheitenLehre zur Beschreibung einer praktischen Bewegung hin zum offensichtlich unbeschreibbaren
nirva.
Vom Standpunkt der allumfassenden Leer-heit aus gesehen, gibt es keine zwei Wahrheiten,
keine einander ausschlieenden Begriffe wie ,sasra und ,nirva, keine in Subjekt und
Objekt spaltende Geisteshaltung, welche in einen Hrer und Gehrtes, in einen verkndenden
Buddha und in den von ihm verkndeten Dharma trennt. nirva ist als tiefe Ruhe des
Geistes, Zur-Ruhe-Kommen mentaler Bestimmungen, Konzepte, als Leidlosigkeit erfahrbar.
Heilvoll {iva} ist die Beruhigung aller Wahrnehmung, die Beruhigung der
Entfaltung. Nirgendwo wurde irgendeinem durch den Buddha irgendein Dharma
gelehrt. 164
Die Hauptthese der Lehre vom abhngigen Entstehen bei Ngrjuna lautet, dass die abhngig
entstandenen Dinge leer sind bezglich eines in sich bestehenden, substantiellen Eigenwesens.
Das abhngige Entstehen prattyasamutpda ist das wahre Wesen der Erscheinungswelt, wie
sie in Wirklichkeit ist. Dass alle Dinge leer sind, ohne ein bestndiges Eigenwesen, ist nicht
eine Feststellung, welche die ganze Welt verneint. Ngrjunas Worte enthalten keinerlei
positive, endgltig festgelegten Argumente. Ngrjuna negiert nichts, sondern bringt lediglich
die Leer-heit, welche das abhngige Entstehen ist, zur Kenntnis.
I do not negate anything, nor is there anything to be negated ... You, therefore,
calumniate me when you say: ,You negate ... You could rightly say that, if I negated
something. I, however, do not negate anything, for there is nothing to be negated ...
Thus, while, all things being void, there is neither a thing to be negates ... nor a
negation ..., you make an absurd calumny ... when you say: ,You negate.... 165
163
Siehe MMK 24.8, 10 (s. WEBER-BROSAMER/BACK 1997: S. 91, FRAUWALLNER 1994: S. 189).
MMK 25.14 (s. WEBER-BROSAMER/BACK 1997: S. 100, die Ergnzung iva in geschwungenen Klammern
aus s. KALUPAHANA 1986: S.369).
165
Vigrahavyvartan Kapitel 63 (s. BHATTACHARYA 1971: S. 255).
164
56
Indem Ngrjuna die Leer-heit aller dharmas und deren abhngiges Entstehen lehrt, sucht er
damit das vom Buddha verwirklichte heilvolle, leidlose und stille nirva als hchste
Wahrheit zu beschreiben, welches nicht in der von mannigfaltigen, den Geist oft verwirrenden
Bezeichnungen und Spekulationen bestimmten Erscheinungswelt involviert ist. Ngrjuna
wendet das analytische Denken als Methode an, um dieses zu transzendieren. Nur durch die
unerbittliche Logik ist er fhig, Licht in all die Gegenstze zu bringen, welche unserem
Denken innewohnen, sodass die Leer-heit, welche nirva ist, erfahren werden kann, jenseits
eng gefasster, unterscheidender Bestimmungen. Durch die berwindung der dualen
Denkstruktur ist die Leer-heit als hchste Wirklichkeit die da-seiende Welt sasra selbst.
Es gibt nichts, was den Sasra vom Nirva, und das Nirva vom Sasra
unterscheidet.
Die Grenze des Nirva ist zugleich die Grenze des Sasra. Zwischen diesen beiden
wird auch nicht der feinste Unterschied gefunden. 166
Leer-heit ist das wahre Eigenwesen der Welt. Aber zu sagen, die Leer-heit ist das Eigenwesen
der Welt, knnte wieder das Missverstndnis hervorrufen, dass die Leer-heit ein in einer
Beziehung stehendes Objekt ist. Doch die Objektivierung der Leer-heit wrde diese ihres
allumfassenden Charakters berauben. Weil es zur allumfassenden Leer-heit keinen
kontradiktorischen Gegenbegriff wie ,Nicht-Leer-heit gibt, da es gem Ngrjunas
Beweisfhrung nichts auf der Welt gibt, welches ,nicht-leer wre, ist die Leer-heit jeglicher
begrenzender Bestimmtheit entkleidet. Darum heit es, dass auch die Leer-heit eine bloe
Bezeichnung ist.
Die einzige Art, die allumfassende Wahrheit auszudrcken, ist nach Ngrjuna die Darlegung
einer eingehenden Analyse, dass alles Da-seiende in der Welt, Mensch und Natur leer an
einem bestndigen Eigenwesen sind.
166
der
Vielfalt
{begrifflich-diskursiver
Bestimmungen
der
In diesem Vers finden sich acht scheinbar das abhngige Entstehen negierende
Beschreibungen der Leer-heit in Form von Sanskrit-Negationsprfixen a- bzw. an-. Sehen wir
uns diese Termini im Lichte des sino-japanischen Chan-(Zen-)Buddhismus an: Im Zuge der
berlieferung des Buddhismus von Indien ber Tibet und Zentralasien nach China bis nach
Japan wurden die vom indo-tibetischen buddhistischen Gedankengut bernommenen Termini
den jeweiligen ostasiatischen landeseigenen Sprachen und Kulturen angepasst und
umschrieben. Zum Beispiel lautet die bersetzung des Sanskrit-Begriffs ,leer nya im
Chinesischen kng (jap. k), ein Begriff, welcher wrtlich ,Himmel, ,luftige Leerheit bedeutet. Dieses Schriftzeichen wurde im Laufe der Zeit von Chan-(Zen-)Buddhisten
durch das Schriftzeichen w (jap. mu) ersetzt. w/mu ist ein Negationszeichen, welches je
nach der Reihenfolge der Schriftzeichen sowohl ein Negationsprfix (wie etwa skt. a- und an-,
engl. un- oder in-) als auch eine Negationspartikel (wie etwa im skt. na, engl. not) sein kann.
Im Chan-(Zen-)Buddhismus ist w/mu einerseits die in der bodenstndigen Alltagssprache
gebruchliche Negation des darauf folgenden Wortes, immer in Verbindung mit einem
ontischen Phnomen des Alltags stehend. Andererseits ist w/mu das ,mit keinem
gegenstndlichen Phnomen Erfassbare, also das Unnennbare, Unermessliche, schrankenlos
Offene. Gleichzeitig ist w/mu als schrankenlose Offenheit stets auf das in der Welt ontisch
Da-Seiende bezogen, das jeglichem Seienden zugrunde Liegende. Aufgrund des Umstandes
der langen Geschichte der Rezeption und Weiterentwicklung der buddhistischen Termini in
auer-indischen Lndern erfllt w/mu die Funktion des Negationsprfixes und ist zugleich
im konkreten Zusammenhang mit den einzelnen konkreten Phnomenen der gegebenen
Lebenssituation das Unnennbare, Unbeschrnkte, schrankenlos Offene.
167
Werden nun im Magala-Vers diese Sanskrit-Negationsprfixe a- und an- durch w/mu als
schrankenlose Offenheit ersetzt, dann wrde der Vers so lauten:
, ... als mu-Vernichtung, mu-Entstehen, mu-Aufhren, mu-ewig, mu-Einheit, muMannigfaltigkeit, mu-Kommen, mu-Gehen ...
Liest man den Versteil auf diese Weise, so verwandeln sich diese aufgezhlten
Beschreibungen des abhngigen Entstehens von scheinbar blo negativen Negierungen zu
transzendierenden Bejahungen im offenen Feld w/mu, zur allumfassenden Leer-heit, welche
mit dem positiv besetzten friedvollen Zur-Ruhe-Kommen der vielfltien Gedanken des
Geistes, welche die Klarsicht hindern, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind,
gleichgesetzt wird.
Die unaussprechliche Leer-heit offenbart sich durch eine grndliche Analyse der Dinge selbst
und wird ohne sie nicht sichtbar. Die Leer-heit ist nicht von den Dingen zu trennen. Leer-heit
ist nicht die Feststellung der Abwesenheit von Dingen, sondern die Dinge selbst. Das heit
nicht, dass das bedingte Entstehen als solches geleugnet oder ad absurdum gefhrt wird, wo
es doch offensichtlich ist, dass z.B. aus einem Same ein Keimling hervorgeht. Vielmehr wird
gezeigt, dass ein eigenstndiges, substantielles Da-seiendes, wie es die realistischen
philosophischen Schulen proklamieren, nicht entstehen kann.
Vom Standpunkt der allumfassenden wahren Wirklichkeit (paramrtha), nirva aus gesehen,
in welchem es keinerlei Anhaftung an begriffliche Dichotomien gibt, ist das abhngige
Entstehen prattyasamutpda die Leer-heit nyat, das wahre Eigenwesen alles Daseienden. 168 Der anzustrebende geistige Zustand, in welchem die hchste Erkenntnis der
allumfassenden Leer-heit (atyantanyat) verwirklicht ist, in welchem jeder Zweifel, jedes
Fragen und Erkennenwollen gelscht ist, ist das geistig klare, friedvolle nirva.
Auf die fr das ostasiatische Denken als unentbehrlich erachtete konkrete Relevanz der auf
analytischem Wege neu erschlossenen Sichtweise der Welt fr den Menschen und sein
Handeln im ontischen Da-sein, auf den untrennbaren Bezug zum einsichtsvollen Begreifen
der Wahrheit (zh ) sowie zur Umsetzung des Erkannten in der Handlungspraxis (xn )
169
geht der indische buddhistische Denker Ngrjuna in seinem Werk nicht ein. Die Kenntnis
168
169
des achtgliedrigen Weges mit dessen Gliedern sittliches Verhalten (la), praj und
Versenkungspraxis (samdhi) wird in der Erkenntnis-Lehre Ngrjunas vorausgesetzt.
Der buddhistische Begriff hu yn bedeutet ,geistige Flle, ,Essenz, ,Blume (hu ) des
konkreten Phnomens im Alltag, welches den Geist des Dharma Buddhas verkrpert und
daher ,schmckend, ,kostbar (yn ) ist. hu yn stellt die komprimierte Form der
Metaphysik-Lehre dieser Schule dar. Fa-tsang, welcher dem Hua-yen-(Kegon-)Stra
171
einen
hohen Stellenwert beima, gab fr jedes Schriftzeichen eine Erklrung, welche auf die
Aktualisierung der Lehre im Alltag verweist. Dieses Verhltnis von Meta- und Objektsprache
findet sich in den Zen-buddhistischen Texten wieder, auch in Dgens Werk Shb genz. Die
Zen-Aussagen basieren auf der Objektsprache, welche Sachverhalte darstellt. 172 Der Sprecher
spricht ber das unmittelbare Da-sein hu in diesem Hier und Jetzt. Ausgehend von Hier
und Jetzt, dehnt sich die gegenwrtige Welt aus, entfalten sich alle Phnomene. Wenn die
allumfassende Erkenntnis dharma mitten in der Wirklichkeit im sterblichen Da-sein
erschlossen und in Worte gefasst wird, ist dies die Ebene der Metasprache.
170
173
muge.
fng gung f hu-yn jng, jap. Daihkbutsu-Kegonky, skt.
Mahvaipulyabuddhvatasaka-Stra, siehe Kegon Stra Buch 34 (s. DOI 1978: S. 9).
172
Siehe HASHI, Die Dynamik von Sein und Nichts, 2004: S. 69.
173
Siehe TSUJIMURA 1985: S. 26-27; WEINMAYR 1989: S. 55; COOK 1991: S. 213-229. Indra ist in der indischen
vedischen Literatur einer der hchsten Gtter, welcher auch, da er das kosmische Chaos
beseitigt, ,Hindernisbeseitiger (altindoarisch vrtahn) genannt wird (FLOOD 1998: S. 46).
171
60
Meeren und Kontinenten umgebenen ,Welten-Berges Sumeru als Zentrum des Universums
veranschaulicht: In jede Masche dieses Netzes ist je ein spiegelklarer Edelstein eingeflochten.
Bewegt sich das Netz, so reflektieren sich in einem Edelstein alle anderen im Netz
verwobenen Edelsteine, ebenso wie dieser eine Edelstein sich in allen anderen Edelsteinen
widerspiegelt. Diese in dem einen Edelstein reflektierten Edelsteine reflektieren ihrerseits
wiederum alle anderen Edelsteine, so dass ein unendlicher dynamischer Prozess der
wechselseitigen Durchdringung einander reflektierender Edelsteine stattfindet, in welchem
kein Edelstein den anderen in irgendeiner Weise behindert. Jeder einzelne Edelstein leuchtet
aus sich selbst.
Dieses Gleichnis vom edelsteinbesetzten Netz zeigt die fr den ostasiatischen MahynaBuddhismus charakteristische Sichtweise einer nicht-teleologischen, nicht-hierarchisch
aufgebauten Welt als dynamischer Aspekt der Wirklichkeit oder ,So-heit tathat auf. Nach
Fa-tsang besteht die So-heit aus zwei einander durchdringenden Aspekten:
i. Der statische, ,haltende Aspekt der So-heit ist das universale Prinzip l f (jap. rih),
welches mit dem ,Buddha- oder ,Dharma-Leib dharmakya gleichgesetzt werden kann.
ii. Der dynamische Aspekt der So-heit sind alle einander durchdringenden unbestndigen
Phnomene sh (jap. ji), Menschen und Naturphnomene, welche aufgrund ihres ,Leerseins in wechselseitiger Beziehung zueinander stehen. 174
Beide Aspekte der So-heit durchdringen einander aufgrund ihrer Substanzlosigkeit, Leer-heit,
wie es im Kegon-Stra heit:
... alle Lebewesen zusammen mit Buddha selbst haben eine und dieselbe Wesenheit,
anders ausgedrckt, die ,Wesenlosigkeit. Denn alle Seienden sind ,gestaltlos, ,geburt-los, ,vernichtungs-los und ,unerschpflich. Denn das ,Selbst ist
das ,Selbst-lose. Denn das ,Lebende ist das ,Nicht-Lebende. Denn das ,Erfassen hat
kein ,Erfabares als Objekt. Denn der ganze Kosmos hat keine eigene Wesenheit.
Denn der leere Raum hat keine eigene Wesenheit. 175
Demgem sind alle dynamischen Phnomene sh/ji und der Buddha (in der Form seines
vergnglichen Krpers nirmakya und in der Form des dharmakya) einerseits weder Eines
noch Viele, weil sie, wie bereits in Ngrjunas Lehre ausfhrlich dargelegt, ohne
174
175
Siehe LAI 1977: S. 249-250, Lexikon der stlichen Weisheitslehren 2005: S. 151-152.
Kegon Stra Buch 32 (s. DOI 1982: S. 178).
61
substantielles Eigenwesen, leer sind. Andererseits sind sie sowohl Eines als auch Viele: Sie
sind Eines, insofern sie die Leer-heit als ihr gemeinsames Wesen haben, welche die
Phnomene umfasst und sich deswegen nie von diesen abtrennen lt. Die Phnomene sind
gleichsam wie die Edelsteine in Indras unendlichem Netz Viele, insofern die allumfassende
Leer-heit in allen einzelnen Phnomenen besteht, ohne dass diese in der Leer-heit ihr je
eigenen So-sein verlieren, wie NISHITANI erlutert:
Im Feld der Leere sind berall Zentren ... Jedes einzelne Ding wird, als Zentrum aller
Dinge, zu einem absoluten Zentrum. Dies ist die absolute Einzigartigkeit der Dinge,
ihre Realitt. ... Da in dieser Weise jedes Ding zugleich auf seinem eigenen Platz und
zugleich auf dem aller anderen Dinge ist, heit, da das ,Sein jedes einzelnen Dinges
durch das ,Sein aller anderen Dinge sein gelassen wird - oder umgekehrt jedes
einzelne das ,Sein aller anderen Dinge sein lt. 176
176
177
4. Ein Phnomen gleicht den vielen anderen Phnomenen und die vielen anderen Phnomenen
dem einen Phnomen: Das heit, dass hinsichtlich ihrer substantiellen Eigenwesenlosigkeit
ein Phnomen dem anderen gleicht.
5. Ein Phnomen existiert in verborgener Weise, und viele Phnomene existieren in offener
Weise und umgekehrt.
6. Im Erscheinen eines Phnomens erscheinen offensichtlich viele andere Phnomene und
umgekehrt.
7. Ein Phnomen spiegelt sich gleich einem Edelstein in vielen anderen Phnomenen wider,
und dieses erste Spiegel-Bild spiegelt sich weiter in einem und in anderen Phnomenen wider
und so weiter bis ins Unendliche.
8. Die einzelnen Phnomene als solche sind nichts anderes als So-heit tathat und keineswegs
bloer Schein und Illusion.
9. Vom Standpunkt des Hier und Jetzt aus betrachtet, sind die Zeitmodi Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft in dem jetzigen Augenblick enthalten und umgekehrt. Ein
Augenblick enthlt in sich einen on. Der on enthlt in sich einen Augenblick. 178
10. Ein Phnomen wird stets von allen anderen Phnomenen begleitet und besteht niemals in
und fr sich selbst.
In der wechselseitigen Durchdringung existiert kein Phnomen unabhngig von den vielen
anderen, sondern jedes einzelne Phnomen bentigt die anderen, um so sein zu knnen, wie es
wirklich ist. In allen Erfahrungen und Ereignissen ist im offenen Feld der Leer-heit nichts und
niemand ausgeschlossen. Wer ausschliet und isoliert, ist das aus einer einseitigen
Perspektive heraus handelnde und denkende Ego-Selbst. Es gilt das Faktum, anzuerkennen,
dass das Freudvolle nicht ohne dem Leidvollen erfahrbar ist. Durch die Sichtweise der Welt
als organischer ganzer Leib interagierender Teile, wird Leben und Sterben gleichwertig
anerkannt und angenommen. Leben und Sterben sind Teil des dynamischen Prozesses, beide
sind die Bedingungen fr die Existenz. Die Natur und sich selbst in einer solchen
Persepektive zu sehen, bedeutet, das blo intellektuelle Ergreifen eines Denk-Systems zu
berschreiten durch gelebte Erfahrung, die selbst-entworfene, eng gefasste Subjektivitt zu
178
Nach Fa-tsangs Lehre ist jedes Phnomen die Ursache fr das Ganze. Diese Art von
Kausalitt ist nicht in einer zeitlichen Aufeinanderfolge als Hervorbringung einer Wirkung
aus einer Ursache in einer progressiven Serie von Ereignissen zu verstehen.
In der wechselseitigen Durchdringung der Phnomene geht es um die Beziehung zwischen
zugleich gegenwrtig existierenden Phnomenen. Alle Phnomene existieren gleichzeitig,
was nicht mit der kausalen Zeit-Anordnung Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit konform
geht. Die Kategorien wie ,Ursache und ,Wirkung , ,Kommen und ,Gehen sind angesichts
der gleichzeitigen Wechselwirkung der Phnomene vllig flieend und auswechselbar,
ebenso wie sich der jeweilige Standpunkt in Raum und Zeit ndert.179
180
Jeder Teil
handelt in seiner je eigenen Form mit seiner je eigenen Funktion fr das Ganze. Der ganze
Leib ist nicht getrennt von den individuellen Teilen, welche den Leib ausmachen. Die Augen
sind der Leib und zugleich ein Teil des Leibes. Darauf zu bestehen, dass das Auge blo ein
Teil des Leibes sei, hiee, eine einseitige und nicht der Wirklichkeit entsprechende Ansicht
179
180
vom Ganzen zu haben, nmlich, den Leib als starre, von seinen Teilen getrennte unabhngige,
eigenstndige Entitt anzusehen. In dieser festgelegten Sichtweise ist das ontisch erlebbare
dynamische wechselseitige Interagieren von Leib und seinen Teilen schwer denkbar.
Im Einen das unermelich Viele, und im unermelich Vielen das Eine zu erfassen,
das ist die Weisheit Buddhas. ... Der Buddha-Leib hat keinen Ort, woher er herkommt,
oder wohin er hingeht. Ohne zu gehen und zu kommen, erscheint er doch auf
mannigfaltige Weise [berall]. 181
Das ist der Grund, warum in der Hua-yen-Lehre betont wird, dass das ganze Universum in
jedem noch so kleinen konkreten Phnomen wie einem Staubkorn enthalten ist, dass in einem
Staubkorn das ganze Universum hier und jetzt in Erscheinung tritt. 182
Der Bodhisattva kann auch alle Berge und Flsse [wie den ,Sumeru-Berg, das
,Eisen-Gebirge und so weiter] in der ,Groen Welt der Dreimal-Tausend-Welten in
ein einziges Stubchen hineinbringen, ohne da die Berge und Flsse sich darin irgend
drngen wrden. 183
Diese von jedem einsichtigen Menschen nachvollziehbare Sichtweise von der ungehinderten
wechselseitigen Durchdringung und damit die Wrdigung und Wertschtzung aller konkreten
Phnomene der Welt ungeachtet ihrer Gre, kommt bei Dgen im folgenden Zitat zum
Ausdruck:
In der groen Wahrheit des Buddha-Dharmas sind alle Stren-Bnde der groen
tausendfachen Welt in einem einzigen Staubkorn zusammengefasst. In einem einzigen
Staubkorn sind unzhlbare Buddhas gegenwrtig. Jeder Grashalm und jeder Baum
sind ihr Krper und Geist. Wenn die zehntausend Dharmas Nicht-Werden sind, ist
auch der eine Geist Nicht-Werden. Wenn alle Dharmas wirkliche Form sind, ist jedes
Staubkorn auch wirkliche Form. Daher ist der eine Geist alle Dinge und Phnomene,
181
65
und alle Dinge und Phnomene sind genau dieser eine Geist, und sie sind der ganze
Krper [des Tathgata]. 184
Der Grashalm ist auf die Einheit der ,zehntausend dharmas, auf die ganze Welt, bezogen.
Dgen schaut auf die weltliche Phnomene und sieht, dass selbst ein Grashalm zur
organischen Einheit gehrt und daher nicht geringgeschtzt werden darf.
Angesichts der Profit-Gier und der Verteilungsprobleme der Nahrungsmittel im Lichte der
kologischen Krise steht der Mensch vor einer fast unlsbaren Aufgabe. Wenn wir uns in
diese gegebene Situation hineinversetzen, ist die ganze Welt mit uns gemeinsam im
Problemfeld. Unser Denken und unsere Vernunft allein kann diese Lage nicht in den Griff
bekommen. In der gegebenen Situation muss das individuelle Selbst mit der Mitwelt, der
Natur zu einer Einheit mit dem Problem werden. Dies ist die Wende: Nicht die strategische
Vernunft hat die Dominanz ber die Natur bei der Lsung des Problems, sondern das
Bewusstsein von der Einheit mit allen Phnomenen. Indem wir uns als Teil der Welt
begreifen, entwickeln wir Mitgefhl karu und Wertschtzung und erschlieen dadurch neue
Handlungsperspektiven.
184
Shbgenz III Hotsu mujshin ,Die Erweckung des Geistes der hchsten Wahrheit
LINNEBACH/NISHIJIMA 2006: S. 305).
66
(s.
gem der Hua-yen-Lehre die von den Buddhas und Bodhisattvas gelehrte allumfassende
Leer-heit als dharmakya, der wahre ,Krper der Wirklichkeit oder So-heit tathat aller das
Universum ausmachenden dharmas. Dem Zen-Lehrer Gensa Shibi (835-907) folgend,
beschreibt Dgen das Universum, alle dharmas als eine ,leuchtende Perle ( ikka no
myju):
... ,das ganze Universum in den zehn Richtungen ist eine leuchtende Perle. [Meister
Gensa] spricht nicht von zwei oder drei Perlen: ... das ganze Universum ist der wahre
Krper der Wirklichkeit, das ganze Universum ist ein [gesprochener oder
geschriebener] Satz, das ganze Universum ist helles Leuchten, und das ganze
Universum ist das ganze Universum selbst. Und wenn das ganze Universum das ganze
Universum ist, wird es nicht durch sich selbst behindert, sondern es hat die
vollkommene Rundheit [einer Perle], die rollt und rollt. Da es eine Eigenschaft der
leuchtenden Perle ist, sich auf diese Weise zu verwirklichen, gibt es heute
Avalokitevaras und Maitreyas, die Formen sehen und Klnge hren, und es gibt alte
Buddhas und neue Buddhas, die ihre Krper offenbaren und den Dharma lehren. Jetzt,
in diesem Augenblick, ist alles im ganzen Universum ,eine leuchtende Perle ... 185
Das Augenmerk auf die konkreten Naturphnomene und den diese mit Krper und Geist
erlebenden Menschen richtend, sagt Dgen:
Gegenwrtig gibt es einen Krper und Geist; sie sind die eine klare Perle. Ein
Grashalm, ein Baum, die Berge und Flsse dieser Welt sind nicht nur sie selbst - sie
sind die klare Perle. 186
Was besagt Dgens Vergleich des ganzen Universums, aller Phnomene, Mensch und Natur
mit einer leuchtenden/klaren Perle?
Wie die Edelsteine im Gleichnis von Indras Netz ist die Perle, allgemein gesprochen, ein
Gegenstand, welcher als wertvoll angesehen und sorgsam aufbewahrt und behtet wird.
185
Shbgenz I Ikka no myju ,Eine leuchtende Perle (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 64-65); vgl.
bersetzung Shbogenz I Ikka myju ,Eine klare Perle (s. aus dem Engl. ECKSTEIN 1977: S. 48-49): Was
wir sagen knnen, ist, da das ganze Universum eine klare Perle ist ... um die wahre Lehre zu verknden.
186
Shbogenz I Ikka myju (s. aus dem Engl. ECKSTEIN 1977: S. 47); vgl. Shbgenz I Ikka no myju (s.
LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 63).
67
Ebenso wird das ganze Universum, das Da-sein als wertvoll und daher schtzenswert
betrachtet.
Whrend
der
frhe
Buddhismus
das
weltliche
Da-sein
als
ewigen
Wiedergeburtskreislauf notwendig mit der Vorstellung von Leid verbindet und sich von
diesem zu befreien sucht, hat der ostasiatische Buddhismus dem Da-sein gegenber eine
positive Einstellung: Das Universum und alles darin enthaltene Da-seiende ist wertvoll und
daher schtzenswert.
Ebenso wie das Universum ist die Perle durch ihre runde Form hchst beweglich: Sie vermag
unbehindert in alle Richtungen zu rollen und sich um ihre eigene Achse zu drehen. Zugleich
ist die Perle durch ihre Rundheit eine in sich geschlossene Einheit.
Das Bild der Perle ist vergleichbar mit dem Dharma-Rad, dem Rad der Lehre, welches der
Buddha kyamuni durch seine Lehrreden in Gang gesetzt hat. 187
Dgen beschreibt die Perle und somit das ganze Universum als wesenhaft leuchtend und klar
als Ausdruck fr Strahlkraft, Widerspielungsfhigkeit und Reinheit.
Das, was ,schon so ist, ist die ,eine leuchtende Perle, die das ganze Universum
enthlt. Obwohl [die Perle] ihr Gesicht anscheinend stndig verndert, manchmal rollt
sie und manchmal rollt sie nicht, bleibt sie doch [immer] die leuchtende Perle. 189
Die allumfassende Leer-heit als leuchtende Perle kann als Eine und zugleich als Alles
verstanden werden:
187
Vgl. auch die als leerer Kreis in einem der Zehn-Bffel-Serien dargestellten allumfassenden Leer-heit,
siehe BRINKER 2000: S. 119-122.
188
Siehe Funote 19.
189
Shbgenz I Ikka no myju (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 65).
68
Die klare Perle als universelle So-heit tathat ist einerseits die eine allumfassende Leer-heit
als universelle Wirklichkeit und andererseits alle, das ganze Universum konstituierenden
Einzelphnomene wie etwa die konkreten Berge, Flsse und das diese betrachtende Selbst in
ihrem je eigenen So-sein. In ihrem statischen Aspekt ist die Perle nirva, als in der stillen
Geistesruhe erkannte und verwirklichte Leer-heit, offene Weite. Ihre Rundheit, Lichtheit und
Geschlossenheit stehen fr konzentrierte Sammlung, whrend Offenheit und Weite anzeigen,
da die Konzentration die Durchlssigkeit fr Eindrcke und die Verbundenheit mit der
Umgebung einschliet, welche sich bis zur Erfahrung der Einheit, Verbundenheit mit dem
ganzen Universum steigern kann.
In ihrem dynamischen Aspekt ist die Perle alle Phnomene, welche unbestndig sind, stets im
Wandel von Leben-Sterben begriffen. Die Perle verkrpert somit zum Einen sasra als
Prozess von Leben-Sterben als dynamischen Aspekt und zum Anderen stilles nirva - eine
Einheit, welche die Buddhas und Bodhisattvas, im Zen der Mensch im ontischen Da-sein mit
Krper und Geist im zazen einsieht und erkennt und im alltglichen Handeln und Denken hier
und jetzt verwirklicht.
Die leuchtende/klare Perle als So-heit tathat ist der allumfassende und zugleich der konkrete
Ort
190
im Hier und Jetzt, an welchem in das Leer-sein der Berge, Flsse und des eigenen
Selbst als das wahre So-sein eingesehen wird. Indem die Naturphnomene in stiller
Geistesruhe (amatha) und mit vorstellungsfreiem klaren Blick (vipayan)
191
betrachtet und
als ontisch Da- und Mit-seiendes ohne Fixierung an einer bestimmten Sichtweise erlebt
werden, werden Berge, Flsse und das Selbst aufgrund der Einsicht praj unmittelbar in
ihrem wahren So-sein erfahren und erkannt. 192
Die Berge und Flsse zeigen sich als wahrhafte Selbste, die von der trennenden
Vorstellung von Subjekt und Objekt ungebunden sind. Gerade weil sie so seiend sind,
zeigen sie sich als ein Selbst, das das (blo gegenwrtige) Selbst transzendiert. 193
190
Zum ,Ort der reinen Erfahrung in NISHIDAs Philosophie siehe HASHI, Die Aktualitt der Philosophie, 1999:
S. 23-30.
191
Siehe dazu Kapitel IV.4.1.
192
Siehe Shbgenz I Bendwa ,Ein Gesprch ber die Praxis des Zazen (s. LINNEBACH/NISHIJIMA
2001: S. 30).
193
Jap. (chinch mib no jiko naru ga yue ni, genj no tdatsu nari).
Shb genz Sansui ky Band 29 (MIZUNO/TERADA 1980: S. 331, s. HASHI).
69
2. nirva
In dieser neu erffneten Perspektive ist das ,Nicht-Selbst das ,wahre Selbst und erlebt sich
unmittelbar im gegenwrtigen Augenblick in kraftvoller Aktivitt. Diese Einsicht in das
offene Selbst alles Da-seienden wirkt nicht vernichtend nihilistisch, sondern aufgrund des
Loslassens und berschreitens festgelegter Eingrenzungen begrifflicher oder konzeptueller
Art als Erffnung neuer Erfahrungs- und Denkmglichkeiten geradezu befreiend.
Das Selbst als ,Selbst des Nicht-Selbst erlebt und erkennt sich angesichts dieser sich neu
erffnenden Perspektiven geistig offen und unbehindert wie whrend einer Wanderung auf
einen vom Wind umwehten Berggipfel. Dgen beschreibt das Erlebnis folgendermaen:
Wer ber den Wolken des Himmels fliegt, berschreitet die Hhe von Bergen. Wer
mit dem Wind fortschreitet, lst sich von der Gestalt des Berges los. 194
Diese spezifische Redeweise Dgens, die Objektsprache (,Hhe von Bergen berschreiten)
und Metasprache (,ber den Wolken des Himmels)
195
Krper und Geist des Selbst aus in der schrankenlos offenen Weite. Dieses Selbst hat sich von
jeglicher selbst-entworfenen, festgelegten und eingrenzenden Vorstellung und Konzeption
von sich und der Mitwelt freigemacht und berschreitet alle bisher erlebten Erfahrungen und
festgelegten Denkweisen. Diese sich neu erffnende Perspektive lsst sich nach Dgen nur in
dieser paradoxen, die gewhnliche Sprechweise bersteigenden Ausdrucksweise wiedergeben.
Wodurch diese intensive lebendige Erfahrung der offenen Weite mit Krper und Geist
mglich ist, ist die Einsicht in die Leer-heit aller konkreten Phnomene als ihr So-sein. Im
Kapitel Makahannya haramitta ,Pramit der groen Weisheit
196
folgendermaen:
Durchdringen und Sehen ist Praj selbst. Und wenn diese Wahrheit gelehrt und
verwirklicht wird, dann sagen wir, dass ,die Form Leer-heit ist und die Leer-heit
194
70
Form. [Und doch] ist die Form die Form und die Leer-heit die Leer-heit. [Form und
Leer-heit] offenbaren sich in den hundert konkreten Dingen und den zehntausend
Phnomenen. 197
Dgen zeigt auf, dass die rechte Einsicht in das oben angefhrte Kernstck der Herz-StraLehre ,Form ist Leer-heit, nur Leer-heit Form notwendig ist, um das Leer-sein als wahre
Beschaffenheit aller Phnomene bzw. deren Gleichsetzung mit der allumfassenden Leer-heit
als So-heit klar zu erfassen und zu erkennen. Doch gilt es, nicht blo bei dieser befreienden
Erkenntnis zu verharren. Dgen betont, dass diese Einsicht und Erkenntnis gegenwrtig im
ontischen Da-sein, in den alltglichen Verrichtungen nachzuvollziehen und zu verwirklichen
ist (Ngrjunas Lehre als Erkenntnistheorie nimmt auf eine praktische Umsetzung auerhalb
der Meditationspraxis im Alltag keinen Bezug). Falls der Nachvollzug im Alltag nicht
geschieht, knnte die im Herz-Stra verkndete Erkenntnis vom Leer-sein aller Phnomene
und von der allumfassenden Leer-heit zu einem theoretischen Konzept werden, welches das
Denken des Erkennenden in einer bestimmten Perspektive festlegen wrde. Weiters knnte
zum Einen die allumfassende Leer-heit zu etwas starrem Absoluten, Ewigen hypostatisiert
werden, zum Andern knnte die Erkenntnis des Leer-seins aller Phnomene dazu verleiten, zu
glauben, dass die je eigene Form und Gestalt der Phnomene in der allumfassenden Leer-heit
aufgelst, vernichtet werde. Eternalismus einerseits und Nihilismus andererseits wren die
extremen Sichtweisen, welche es im Buddhismus zu vemeiden gilt, und von Ngrjuna,
dem ,mittleren Weg Buddhas folgend, ausdrcklich abgelehnt werden. Aus diesem Grund,
um jegliches Missverstndnis in Bezug auf die Aussage im Herz-Stra ,Form ist Leer-heit,
nur Leer-heit ist Formzu meiden, fgt Dgen nachdrcklich hinzu: Form ist Form, Leer-heit
ist Leer-heit.
198
197
71
Fr Dgen ist die Form leer an einem substantiellen Eigenwesen, somit ,Nicht-Form.
Diese ,Nicht-Form ist die wirkliche, wahre Form. Dies trifft nicht nur auf alles Materielle
rpa zu, sondern auch auf die brigen, die Persnlichkeitsstruktur bildenden skandhas, auf
alle Phnomene der Welt. Menschen, Berge und Flsse sind aus dieser neu durch praj
erschlossenen Perspektive dem Eigenwesen nach leer an einer bestndigen Substanz,
also ,Nicht-Selbst, ,Nicht-Berge und ,Nicht-Flsse. ,Nicht-Selbst ist unser wirkliches,
wahres Selbst, das ,Selbst des Nicht-Selbst. Die ,Nicht-Berge und ,Nicht-Flsse sind die
wahren Berge und Flsse hier und jetzt im konkreten ontischen Da-sein: ,Berge sind wirklich
Berge; Flsse wirklich Flsse.
200
Wenn die Fische im Wasser schwimmen, hat das Wasser fr sie keine Grenzen, wie
weit sie auch schwimmen. Wenn die Vgel im Himmel fliegen, hat der Himmel fr sie
keine Grenzen, wie weit sie auch fliegen. Deshalb haben die Fische das Wasser und
die Vgel den Himmel nie verlassen. ... Auf diese Weise verwirklicht sich jeder Fisch
und jeder Vogel innerhalb seiner Grenzen und bewegt sich an jedem Ort vllig frei.
Wenn aber ein Vogel den Himmel verlsst, geht er augenblicklich zu Grunde, und
wenn ein Fisch das Wasser verlsst, geht er augenblicklich zu Grunde. Das knnen wir
so verstehen: Das Wasser ist das Leben und der Himmel ist das Leben. Vgel sind das
Leben und Fische sind das Leben. Und es mag sein, dass das Leben die Vgel und die
200
Fische selbst ist. Und jenseits dessen mag es immer noch Weiterentwicklung
geben. 201
3. Berge ,flieen
Die Dynamik und Beweglichkeit der Fische und Vgel als dem unbestndigen Prozess von
Leben-Sterben unterworfene, empfindende Lebewesen ist leicht einsehbar, ebenso diejenige
Dynamik und Unbestndigkeit der flieenden Flsse. Doch wie sind nach Dgen die
unbelebten, nicht-empfindenden Naturphnomene wie die Berge als dynamische dharmas zu
verstehen?
Die Berge haben alle Eigenschaften, die sie besitzen sollen. Deshalb verweilen sie
fortwhrend in der Ruhe und sind [gleichzeitig] stndig in Bewegung. ... Die
Bewegung der Berge muss wie die Bewegung der Menschen sein. Zweifelt niemals
daran, dass ,die Berge sich bewegen, auch wenn ihre Bewegung nicht der der
Menschen gleicht. 202
Berge werden als massige, in sich ruhende Naturphnomene erlebt, fest und unbeweglich.
Deren Zustand unerschtterlicher Ruhe bt eine Faszination auf die Menschen aus. Darum
sind die Berge Orte, welche zum Zur-Ruhe-Kommen, zum ,Leer-machen des Geistes, zur
Erlangung von nirva, dem hchsten Erwachen aufgesucht wurden und werden. Im zazen ist
diese uerlich ruhige, stabile Beschaffenheit der Berge in der Meditationshaltung aktualisiert.
Diese Beschaffenheit der Berge ist nach Dgen jedoch nur ein Aspekt der Berge in ihrem
wahren So-sein. Wird den Bergen ausschlielich dieser eine Aspekt der ruhigen
Unbeweglichkeit zugeordnet, werden Berge gewhnlich als leblos, bestndig substantiell
bestimmt und wie Grser, Bume, Ziegeln und Kieselsteine objektiv zu den unbelebten, nichtempfindenden Natur-Dingen gerechnet. Dies ist die begrenzte Sichtweise des der dualen
Denkstruktur von Subjekt und Objekt verhafteten Ego-Selbst, welches sich selbst als
eigenstndige Entitt, von den scheinbar leblosen Bergen gesondert hlt. Um diese
Geisteshaltung des Ego-Selbst aufzubrechen, lsst Dgen den Zen-Mnch Fuy Dkai (10431118) zu Wort kommen, welcher auf einem Berg lebte und dessen wahres Wesen erkannt
201
202
Shbgenz I Genj kan ,Das verwirklichte Universum (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 59).
Shbgenz I Sansuiky (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 194).
73
hat: ,Die Blauen Berge bewegen sich stndig. Die Steinfrau gebrt nachts ihr Kind.
203
Fuy Dkai konfrontiert mit dieser paradoxen Aussage diejenigen Leute, welche die Berge in
ihrer Vorstellung blo fr bestndig, unbeweglich und fest, ohne Wandel halten. Nach Dgen
... versinken sie in ihren Vorurteilen und ihrer Unwissenheit. Deshalb definieren sie
die Charakteristika [der Berge], geben ihnen Formen und Namen und halten diese fr
ihr [wahres] Sein. 204
Das heit, dass optisches Wahrnehmen und ein eingegrenztes objektiv-analytisches Erkennen
allein nicht zum Einsehen in das wahre, ganzheitliche Wesen der Berge, in ihr
eigenes ,wahres Selbst fhrt. Erst wenn das Selbst alle begrifflichen und konzeptuellen
Bestimmungen loslsst, sich von diesen geistig ,leer macht, zum ,Nicht-Ego-Selbst wird, ist
es imstande, die bisherige eingegrenzte Persepektive des subjektiven Standpunktes, dass z.B.
die Berge blo unbewegliche, leblose Entitten sind, zu berschreiten. Dieser Durchbruch
kann whrend einer Wanderung in den Bergen geschehen, auf welcher die Erfahrung gemacht
wird, dass die Bergwelt nicht unbelebt, sondern lebendig ist. Das ganzheitliche Erleben der
Lebendigkeit der Berge hat nichts mit einer animistischen oder spiritistischen Anschauung zu
tun, sondern ist das Erkennen, dass alle erlebten Phnomene der Bergwelt, auch diejenigen,
welche wie Felsen, Moose, Flechten usw. allgemeinhin als nicht-empfindend oder unbelebt
angesehen werden, einen stndigen Einfluss auf einander ausben, einander durchdringen und
im Wandel sind, genauso wie das wandernde Selbst. Nach Dgen betrifft die Unbestndigkeit,
der Prozess des Entstehens und Vergehens nicht nur menschlichen Existenz und diejenige der
Lebewesen, sondern ist die Grundverfassung aller Phnomene, auch die der nichtempfindenden Phnomene wie Grser, Bume und Steine.
Unbestndigkeit ist die Grundbeschaffenheit alles Seienden, des ganzen Universums, welches
Dgen mit der leuchtenden Perle als Inbegriff der allumfassenden Wahrheit, So-heit
gleichsetzt, welche in ihrem dynamischen Aspekt stndig rollt. Ebenso wie der menschliche
Leib, alle Phnomene, als unbestndig, im steten Wandel erlebbar sind, ebenso sind die Berge
als Verkrperung des dharmakya unbestndig, in stetiger Bewegung und Wandel. Auch ein
Buddha kann nach Dgen nicht ausschlielich bestndig sein, weil dieser sonst nicht lehren
und keine Wirkung ausben knnte. Die Starre eines ewigen, unwandelbaren Seins ist fr
Dgen keineswegs ein sinnvolles Ideal:
203
204
Wenn die Bewegung irgendwann aufgehrt htte, wre der Buddha-Dharma nicht bis
zum heutigen Tag bermittelt worden. 205
Aus diesem Grund ist nach Dgen das ganze Universum als dynamisch und unbestndig
anzusehen, weil es in ihm kein Phnomen gibt, welches ausschlielich statisch und in sich
geschlossen ist. Gerade weil sich alle Phnomene bewegen, sind sie im Gleichgewicht. Weil
das ganze Universum in stndiger Bewegung ist, ist es stabil, wie ein Rad, welches aufrecht
bleibt, wenn es sich dreht.
206
des Mnchs
Dkai vom Berg Taiy, welcher wie Dgen als Zen-Buddhist keine animistische Anschauung
der Natur vertritt, kann folgendermaen gedeutet werden: Die ,Steinfrau ist als statischer,
lebendiger Aspekt der Berge bzw. des leibhaftigen, im zazen meditierenden Menschen als
geschlossene, in sich ruhende Einheit interpretierbar. Die Redeweise ,ihr Kind
gebren veranschaulicht den dynamischen Aspekt der Berge, des Menschen in Raum und
Zeit als unbestndig, substanzlos - derjenige Aspekt, welcher es dem Menschen ermglicht,
sich stets neue Erfahrungs- und Denkperspektiven in der schrankenlosen Offenheit zu
erffnen. Diese Mglichkeit des Menschen, neue Erfahrungs- und Denkhorizonte zu
erschlieen, ist nach Dgen jederzeit und allerorts im sich stets wandelnden Da-sein
verwirklichbar, in welchem die alltglichen Verrichtungen, die zazen-Praxis und nirva eins
sind.
In diesem Sinne bermittelt jedes erscheinende Einzelne (Ich, Selbst) keine bloe
Abgeschlossenheit von sich, sondern es berschreitet die Schranke der gegebenen
Einheit des ganzen Seienden. 207
Das ,Gebren, Hervorbringen dieser neuen Mglichkeiten auf natrliche Weise, ohne
willentliches Tun, geschieht ,nachts, d.h. jenseits von jeglichen Vorurteilen und einseitigen
analytischen Denkweisen, aus der tiefen Einsicht, dass alle Phnomene die allumfassende
205
75
Leer-heit als universelle Erkenntnis und So-heit sind, dass die allumfassende Leer-heit die
Phnomene, Berge und Menschen in ihrem je eigenes So-sein ausmacht. 208
In der umfassenden schrankenlosen Leer-heit haben alle einzelnen Phnomene, Berge und der
sie betrachtende Mensch am gemeinsamen Ort 209
... alle Eigenschaften, die sie besitzen sollen. Deshalb verweilen sie fortwhrend in
der Ruhe und sind [gleichzeitig] stndig in Bewegung. ... Die Bewegung der Berge
muss wie die Bewegung der Menschen sein. Zweifelt niemals daran, dass ,die Berge
sich bewegen, auch wenn ihre Bewegung nicht der der Menschen gleicht. 210
Wenn sich der Mensch von seiner subjektiv festgelegten Geisteshaltung loslst, sich wie ein
Edelstein spiegelklar, ,leer macht, erffnet sich in der Begegnung mit den konkreten Bergen
eine gemeinsame Dimension. In dieser Dimension der Leer-heit lassen die Berge den sie
betrachtenden Wandernden ,sehen, wie sie, die Berge und der Wanderer selbst
ihrem ,wahren Wesen nach im gegenwrtigen Augenblick der Begegnung wirklich sind,
unbestndig.
Wenn jemand am Gehen des Berges zweifelt, versteht er auch nicht, was sein eigenes
Gehen bedeutet. ... Das Gehen des Berges darf erschlossen werden, genauso, wie man
den Sinn seines eigenen Gehens erschliet. Wenn wir den grnen Berg sehen, sind wir,
unser Ich und das Wesen des Berges in einer untrennbaren Einheit. Dabei ist der Berg
kein blo Seiendes, das vor uns lebendig erscheint. Zugleich ist er kein solches, das
nicht zum Lebewesen gehrt. Beim Sehen des Berges ist unser Ich ebenso kein bloes
Lebewesen. Zugleich ist es auch keinerlei solches, das nicht (im Jetzt und Hier)
lebendig erscheint. Erfasst man dieses, so kann man nicht mehr bezweifeln, dass der
Berg mit seinem grnen Wald geht. 211
208
Diese paradoxe Aussage veranschaulicht die eine Erfahrung der absolut widersprchlichen SelbstIdentitt der Berge, des Selbst, von welcher NISHIDA spricht, siehe HASHI, Die Aktualitt der Philosophie,
1999: S. 23-30, 48-56.
209
Siehe Funote 190.
210
Shbgenz I Sansuiky (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 194).
211
Shb genz Sansui ky s. HASHI.
76
Dass der Berg ,geht, sich bewegt, mutet zunchst eigenartig an. Wenn man jedoch den Berg
nicht nur am gegenwrtigen Standort im gegenwrtigen Augenblick des Erlebens betrachtet,
an welchem er sich fest und hochragend vor dem Wanderer reprsentiert, sondern im Rahmen
einer zeitlich und rumlich greren Dimension wie zum Beispiel im Rahmen der Geologie,
der Erdgeschichte, wird das sogenannte ,Gehen des Berges klar: Gegen Ende der Kreide-Zeit
vor ca. 40 Millionen Jahren erfolgte die Entstehung und Auffaltung der Hochgebirge durch
Aufeinanderdriften,
bereinanderschieben
und
gegenseitige
Hebung
der
Kontinentalplatten 212 - ein Prozess, welcher sehr langsam, aber stetig andauert. Wenn zudem
etwa
die
durch
Witterungen
und
sonstige
natrliche
Einflsse
bedingten
Aufgrund dieses erweiterten Blickes von der Gegenwart aus in die Vergangenheit bilden
Gegenwart und Vergangenheit in der schrankenlosen Offenheit eine existentielle Einheit.
Diesen Blick auf die Berge vom gegenwrtigen Standort in deren Entstehen in der
erdgeschichtlichen Vergangenheit nennt Dgen den ,Schritt zurck ( hotai). Die
Erforschung der Bewegung des Berges ist zugleich die Erforschung der Bewegung des Selbst:
Ihr solltet beides untersuchen: [wenn ihr] ,einen Schritt zurck tut und den ,Schritt
zurck. 214
212
77
Was bedeutet es konkret fr das Selbst, ,einen Schritt zurck ( taiho) zu tun, den
Buddha-Weg und somit sich selbst zu erforschen?
Den Buddha-Weg ergrnden heit sich selbst ergrnden. Sich selbst ergrnden heit
sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen heit eins mit den zehntausend Dingen
sein. Eins mit den zehntausend Dingen sein heit Krper und Geist von uns selbst und
Krper und Geist der Welt um uns fallen zu lassen. ... Fhrt jemand zum Beispiel in
einem Boot und blickt [von dort aus] auf das Ufer, glaubt er, dass sich das Ufer
bewegt, dies ist aber ein Irrtum. Wenn er jedoch unmittelbar auf das Boot schaut, wei
er, dass das Boot sich bewegt ... Genauso ist es, wenn Krper und Geist verwirrt sind
und wir versuchen die zehntausend Dinge [der Welt] zu verstehen. dann denken wir
irrtmlich, dass unser Geist und unser Wesen etwas Bestndiges sind. 215
Auf welche Weise kann das unbestndige Selbst die universelle Wahrheit von sich und der
Natur ergrnden?
Dgen erachtet sowohl die vom historischen Buddha verkndete Lehre in den Stras als auch
die direkt vom Lehrer zum Schler, von Patriarch zu Patriarch bertragene berlieferung als
unerlsslich, weil sie allesamt dharma verkrpern und Einsicht in die Buddha-Natur als wahre
Natur aller Phnomene, des eigenen Selbst gewhren. Wenn Dgen in seinen Schriften
kritisch ber Argumente von buddhistischen Instanzen reflektiert, so bedeutet dies nicht eine
Abwertung der buddhistischen Lehre. Vielmehr ist Dgen in seinem Denken sowohl um die
innere Kohrenz der Lehre als auch um deren Vermittlung bemht, suchenden Menschen aus
Mitgefhl karu die Lehre nahezubringen.
Doch sollte die vom Buddha berlieferte Lehre nicht nur intellektuell aufgenommen und
behandelt, sondern auch unmittelbar in der zazen-Praxis, im Lichte der eigenen Erfahrung in
der konkreten Lebenswelt verifiziert werden, sonst htten die Schriften, welche auf der
215
216
Daher nehmt hier (iha), nanda, Zuflucht in euer ,Licht (dpa), in euch selbst, nicht
Zuflucht in anderes, [nehmt Zuflucht] in das ,Licht der Wahrheit, in die Wahrheit
[selbst], nicht Zuflucht in anderes. 217
Der Buddha betonte, die von ihm verkndete, auf eigener Erfahrung basierende Lehre nicht
unkritisch auf- und hinzunehmen, sondern diese auf deren Wahrheitsgehalt hin zu prfen
und ,hier (iha), an dieser Stelle leibhaftig selbst nachzuvollziehen. Es gilt, selbst
zu ,erwachen. Das bedeutet nicht, dass die Lehre oder die Inanspruchnahme eines Lehrers an
sich in Abrede gestellt wird. Doch kann es sein, dass die knapp formulierte, einzig
soteriologisch ausgerichtete Lehre des Buddha in theoretisch-spekulativen Erklrungen
errtert wird, welche der vom Leidvollen befreienden Erkenntnis nicht dienen. Der Buddha
forderte mit diesen Worten auf, seine Lehre auf deren Richtigkeit ohne Umschweife von
jedem einzelnen selbst mit Krper und Geist zu berprfen.
Die Zen-buddhistische Reflexion geht davon aus, dass die Erkenntnis aus der unmittelbaren
Einsicht praj vom je eigenen Standort im ontischen Da-sein erschlossen wird. 218
Die geeignete, von jedem Menschen sofort durchfhrbare Nachvollziehung bzw.
Erschlieung der Erkenntnisse des Buddha und seiner Nachfolger ist die schweigende
Meditation in der Lotus-Sitzhaltung. Fr Dgen ist ,Nur-Sitzen shikan taza () die
Position der befreienden Erkenntnis des Buddha kyamuni, welcher nach einer Zeit der
inneren Konfrontation in einer Nacht in schweigender Versenkung samdhi, am Ufer des
Flusses Nairajan unweit von Urubilv unter dem ,Bodhi-Baum, dem ,Baum des
Erwachens (Avatth (oder Pippala), Pappel-Feigenbaum, lat. Ficus religiosa)
217
219
sitzend,
die universale Erkenntnis der Wahrheit dharma erfuhr. 220 Die Zen-Buddhisten praktizieren
den inneren Weg der Wahrheit nach dem Vorbild des historischen Buddha. 221
Fr Dgen ist zazen das Herzstck des Zen, die Verwirklichung der Buddha-Natur im
ontischen Da-sein in der Sitz-Praxis. zazen wird nicht praktiziert, um irgendeine Belohnung
zu erlangen, nicht einmal diejenige des unbertrefflichen, vollkommenen Erwachens
anuttarasamyaksambodhi. 223 zazen ist Einsehen in die Leer-heit und in den Wandel aller
Phnomene, das Vergegenwrtigen und Verwirklichen der Buddha-Natur als wahres Selbst in
diesem Augenblick am Sitzplatz, was auf natrliche Weise inneren Frieden und Freude
hervorruft.
Dass der zazen-Praxis eigene Kapitel wie u.a. Zazengi gewidmet ist, zeugt von der
Wichtigkeit, welche Dgen zazen beimisst. Zu Beginn der praktischen Anleitung zum zazen
beschreibt Dgen die richtige Umgebung sowie die richtige krperliche und geistige Haltung
des Praktizierenden.
220
80
Unterlage eingenommen, dem Buddha kyamuni und den alten Meistern folgend, welche auf
einem festen Gras-Teppich am Fu eines Baumes oder auf einem Felsen saen. 225
226
der linke Fu auf dem rechten Oberschenkel liegt. Der linke Handrcken wird in die rechte
Handflche gelegt, wobei sich die Daumenspitzen einander berhren, und vor den Nabel als
Schwerpunkt der Sitz-Haltung positioniert sind.
Sitzt dann aufrecht in der rechten Krperhaltung, ohne euch nach rechts oder links zu
neigen oder euch nach vorn oder hinten zu beugen. Es ist wichtig, dass die Ohren und
die Schultern, die Nase und der Nabel eine gerade senkrechte Linie bilden. Die Zunge
liegt am Gaumen an. Atmet durch die Nase. Die Lippen und die Zhne berhren sich.
Haltet die Augen offen, aber weder zu weit noch zu schmal. Wenn Krper und Geist
auf diese Weise eingestimmt sind, atmet einmal tief mit dem Mund aus. 227
In aufrechter entspannter Krper-Haltung mit halb geffneten Augen zu sitzen, bedeutet, mit
aufmerksamen Geist offen zu sein, sich der Umgebung und seinen krperlichen und geistigen
Ttigkeiten nicht zu verschlieen, ruhiges und achtsames Wahrnehmen von Krper und Geist,
ohne dem Wahrgenommenen einen Namen zu geben.
3. Atmung
Die aufrechte Wirbelsule gewhrleistet die unbehinderte Hebung und Senkung des
Brustkorbes und des Zwerchfells whrend der Atmung. Ohne die Lnge der Atemzge zu
kontrollieren, ohne den Atem willentlich anzuhalten, zu unterdrcken, wie es in der YogaDisziplin praktiziert wird
228
225
81
Beruhigen des Krpers und Geistes im Folgenden still durch die Nase ein- und ausgeatmet.
Auf natrliche Weise wird das Ausatmen lnger, der Verbrauch von Sauerstoff und die
Produktion von Kohlendioxid nehmen ab, innere Ruhe und physische und geistige Stabilitt
treten ein. 229
Wenn jedoch die achtsame Krper- und Selbst-Beobachtung blo als Mittel zu einem Zweck
angewendet wird, wenn bewusst eine bestimmte Krper-Haltung und Atem-Technik
eingesetzt wird, um innere Ruhe zu erreichen, um im stress-erfllten Alltag ruhig und
entspannt zu werden, entspricht dies nicht der zazen-Praxis, weil auf diese Weise an einem
bestimmten Zweck, nmlich sich zu entspannen, festgehalten wird. Dieses Wunschdenken,
den eigenen Krper und Geist zu entspannen, um zu einem spteren Zeitpunkt produktiv
agieren zu knnen, basiert auf der dual strukturierten Geisteshaltung des Ego-Selbst. Dieses
Ego-Selbst vertritt die Auffassung von zwei ,Ich - vergleichbar mit Chao-chous in der
Einleitung errterten Ausdrcken ,objektivierbares Subjekt und ,subjektivistisches Objekt nmlich von einem bewusst atmenden ,Ich als Krper, und vom Geist als kategorische ,IchIdentitt, welcher den Krper zu beherrschen und zu entspannen sucht. Eine solche
Einstellung und Herangehensweise an das Praktizieren entspricht nicht zazen. Im zazen wird
die eingrenzende Sichtweise von ,Ich als Geist und ,Mein als Krper durch achtsames
Beobachten der Atemzge ohne willentliches Tun und Denken in der ,Geistesruhe amatha
229
230
Glieder
der
Achtsamkeits-
und
Meditationspraxis:
Die ,Geistesruhe oder ,Gemtsruhe amatha (p. samatha) ist ein durch intensive
Konzentration auf einen Meditationsgegenstand zur Ruhe gekommener Geist, welcher
frei, ,leer von umherschweifenden Gedanken ist. Leer-heit und Ruhe mssen, da sie
schrankenloser Offenheit und Weite sind, nicht notwendigerweise als Hinweis auf die vllige
Abwesenheit von Wahrnehmung, die Ausschaltung jedes Bewusstseinsinhaltes im Geist
verstanden werden. Der Geist ist frei von jeder objektivierenden Aktivitt wie Benennung und
mentaler Konzeptualisierung. Er ist vollkommen gesammelt und achtsam auf einen
Gegenstand gerichtet. 231 Basierend auf der Geistesruhe erfolgt der ,Klarblick vipayan (p.
vipassan), welcher mit ,Weisheit oder ,Einsicht praj (p. pa) gleichgesetzt werden
kann. Der Klarblick ist die Einsicht in das vergngliche (skt. anitya, p. anicca) Wesen aller
Phnomene und in das ,Nicht-Ich antman (p. anatt)
232
, im Tendai-Buddhismus im
Besonderen die vom Praktizierenden oft an einem Fluss oder auf einem Berg aktualisierte
Einsicht in die Leer-heit als Wesenseinheit von Natur und Mensch. 233
Whrend der Frh-Buddhismus und die Tendai-Schule in ihrer Praxis mit einem
Meditationsgegenstand arbeiten,
Bodhidharma, ein Brahmane aus Sd-Indien, das schweigende ,Nur Sitzen shikan taza 234
ohne jegliche Vorstellung eines Meditationsgegenstandes. In der zazen-Praxis wird weder ein
ueres noch ein geistiges Bild vorgestellt, sondern auf die eigenen Atemzge geachtet,
welche der unmittelbar am eigenen Leib erfahrbare, sich stets bewegende und verndernde
Lebensvorgang sind. Im Zur-Ruhe-Kommen von Krper und Geist erffnet sich die Einsicht,
dass dasjenige, was als substantielles, unvernderliches Selbst angenommen worden ist, in
231
83
Wirklichkeit eine selbst-entworfene Projektion ist, welche von Zeit zu Zeit im Geist auftaucht
und sich stets ndert wie der Atem. Ein- und Ausatmen ist eine fundamentale,
lebensnotwendige Ttigkeit. Durch Beobachten des Atem-Vorganges in ruhiger Sitz-Haltung
wird sich das Selbst direkt seiner eigenen Endlichkeit und der aller anderen Phnomene im
ontischen Da-sein gewahr. Es erfhrt unmittelbar sein empirisch atmendes Da-sein hier und
jetzt als sich stets nderndes, vergngliches Phnomen. Im zazen wird das sich stets
wandelnde Da-sein, das vom Atem-Vorgang untrennbare ,Leben-Sterben aktuell.
Durch das reine Beobachten des Atems mit nicht abgelenktem, ruhigem und klarem Geist fllt
jede Absicht, jede auf einen Zweck, auf ein Ziel hin orientierte Vorstellung, das in Krper und
Geist trennende Denken weg, welches Dgen als ,nicht-denkendes Denken bezeichnet:
Wenn ihr still und unbewegt sitzt, denkt aus dem Grund des Nicht-Denkens. Wie
kann man aus dem Grund des Nicht-Denkens denken? Es ist jenseits des Denkens.
Das ist die wahre Kunst des Zazen. 235
237
zazen, thematisiert.
Denken vollzieht sich als eine unendlichen Kette aufeinanderfolgender, mit Empfindungen
allerlei Art verbundenen Gedanken, festgelegte Namensgebungen, bestimmte Vorstellungen,
Erinnerungen, spekulativ-theoretische Konzepte wie ,Ich und ,Mein, ,Nicht-Ich und ,NichtMein usw. - Gedanken, welche gewhnlich in die nicht mehr vorhandene Vergangenheit
oder in die noch nicht stattgefundene Zukunft abzuschweifen pflegen, ohne den jeweiligen
gegenwrtigen Augenblick, ohne die im Hier und Jetzt gelebte Situation direkt zu erfahren.
Gewhnlich haftet das Selbst an diesen selbst-entworfenen, eingegrenzten Vorstellungen,
Gedanken-Konstruktionen, welche nicht die wahre Natur der vor den eigenen Augen
235
84
liegenden Phnomene, so wie diese wirklich sind, ganzheitlich erfassen. All diese
gedanklichen und sprachlich formulierten Bestimmungen beschreiben nicht die wahre Natur
der Phnomene, die Leer-heit nyat, wie Ngrjuna analytisch dargelegt hat. Die
allumfassende Leer-heit als universelle Wahrheit dharma ist fr das durch Begrifflichkeit und
Konzepte begrenzte Denken, fr das gewhnlichen Denkvermgen unfassbar. Auch aufgrund
der Tatsache der gleichzeitigen wechselseitigen Durchdringung aller Phnomene aus der Sicht
der Hua-yen-(Kegon-)Schule ist es nahezu unmglich, die Phnomene in ihrem wahren Sosein durch gesonderte, in sich geschlossene kategorische Gedankengnge vollkommen zu
begreifen.
238
, durch das
Auf
natrliche
Weise
wird
das
dual
strukturierte
Denken
im
Wie wre es mglich, dass sie [die Unbeweglichkeit] ber sich selbst nachdenkt?
Eben weil dies unmglich ist, ist der Bereich der Unbeweglichkeit jenseits aller
verstandesmigen Erwgungen ber Buddha, ber den Dharma, ber das Erwachen
und sogar ber das Verstehen selbst. 239
Diese Annahme drckt nach Dgen die zweckorientierte Absicht eines Ego-Selbst aus, durch
willentliche Unterdrckung des Geistes Ruhe und Gelassenheit zu erlangen, was nicht, wie
238
Dieser Ausdruck stammt von Dgens Lehrer Tian dong Rujing ( jap. Tend Nyoj), siehe
Shbgenzo II Bussh ,Die Buddha-Natur (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 58 Anm. 95).
239
Shbgenz II Zazenshin (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 120).
240
Shbgenz II Zazenshin (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 120).
85
bereits oben ausgefhrt, zazen entspricht. Ebenso ist diejenige Meinung abzulehnen, welche
besagt, dass sich zwar Anfnger beim zazen bemhen sollten, nicht aber Buddhas und
Patriarchen. Auch in dieser Ansicht liegt nach Dgen eine duale Denkstruktur vor, welche in
einen strebenden ,Anfnger-Geist und in einen ,vollendeten Geist der Buddhas und
Patriarchen, welche nicht mehr der zazen-Praxis bedrfen, trennt.
Wird wirklich nichts im zazen beabsichtigt, soll der Praktizierende sich um nichts bemhen?
Wird
nicht
zazen
praktiziert,
um
wie
Buddha
zu
werden,
um
ein
Buddha,
Wenn wir beabsichtigen ein Buddha zu werden, lassen wir [Krper und Geist] fallen,
[aber] ist die Absicht ein Buddha zu werden [auch] das Fallenlassen dieser
Absicht? 241
Dgen stellt hier sogar die Absicht, ein Buddha, ein erwachter Mensch zu werden, als Motiv,
zazen zu praktizieren, in Frage. Eine Absicht, welcher Art auch immer, ist das WunschDenken eines Ego-Selbst, welches den gegenwrtig als unzufriedenstellenden erlebten
Zustand in einen glcklichen, heilvollen Zustand in naher Zukunft verwandeln mchte. In
dieser Denkart spaltet das Selbst sich selbst in ein relativ bestndiges, gegenwrtig
unzufriedenes ,Ich und entwirft nach dem objektiven Buddha-Vorbild von sich selbst ein
glckliches, relativ bestndiges ,Ich-Buddha-Bild. Diese Denkweise ist nur mglich unter
Voraussetzung hypostatischer Zeitabschnitte ,Gegenwart und ,Zukunft. Mit einer solchen
absichtsvollen, in Raum und Zeit gespaltenen Geisteshaltung zu sitzen, ist nicht zazen. Diese
Geisteshaltung gleicht derjenigen eines Menschen, welcher sich bemht, durch Polieren eines
schmutzigen Ziegels, welcher das befleckte Ego-Selbst darstellt, diesen Ziegel in einen klaren
Spiegel, das ,wahre Selbst, zu verwandeln. Das Polieren des Ziegels zu einem bestimmten
Zweck ist ein willentliches Tun, welches groe Mhe erfordert. Dies ist das absichtsvolle
Handeln eines in sich gespaltenen Ego-Selbst, welches in der Ttigkeit im gegenwrtigen
Augenblick nicht gnzlich bei sich und dem Tun ist, sondern whrend der Ttigkeit aufgrund
bestimmter Vorstellungen an einem vergangenen und zuknftigen Selbst-Bild haftet. Ein
solches Selbst beherrscht nicht sein Tun. Vielmehr wird es von den selbst-entworfenen
241
Einstellungen von sich und seiner Mitwelt beherrscht, welche seine weitere Lebensweise
mageblich bestimmen.
Im zazen wird diese gespaltene Denkstruktur aufgegeben, ,losgelassen. Man sitzt, ohne
Absicht, ohne an eine Ursache und Wirkung, an Vergangenes oder Zuknftiges zu denken,
ohne darauf zu warten, ein Buddha zu werden. In diesem Augenblick des Tuns, im Da-sitzen
ist Krper und Geist eine Einheit, das Ganze. Im Augenblick des ,Nur-Sitzens shikantaza ist
das Selbst eins mit dem Sitzen. Darber hinaus gibt es nichts. Auch die Absicht, ein Buddha
zu werden, wird fallengelassen.
Auf die Frage eines Ratlosen, was, wenn nicht einmal die Buddhaschaft als moralischethisches Ziel anzustreben sei, dann hier und jetzt richtig sei, antwortet Dgen, auf den
konkreten Alltag Bezug nehmend, folgendermaen:
Denkt zum Beispiel an den Augenblick, wenn sich zwei Freunde treffen: in dem
Augenblick bin ich fr ihn genauso Freund wie er fr mich. Was hier und jetzt richtig
ist, ist einfach das, was in diesem Augenblick da ist. 242
In welcher Situation auch immer sich etwas fr jemanden mit klarem Geist in jedem
Augenblick, hier und jetzt auf natrliche Weise ereignet, das ist immer richtig. Im direkten
Erfahren der Wirklichkeit ohne einen in gedanklichen Konstrukten erstarrten oder zerstreuten
und somit die Wirklichkeit verzerrenden Geist gibt es nach Dgen keine festgelegte, irrige
Sichtweise mehr. Jemand mit einem sogar von dem Buddha-Bild ,leeren, freien Geist erfhrt
sich selbst und seine Mitwelt als offen, mit sich neu erschlieenden Mglichkeiten. Wie beim
Treffen zweier Freunde fgt sich alles vorbehaltlos in der Dimension der unbeschrnkten
Leer-heit als allumfassende Wahrheit dharma, als Buddha-Dharma, unbehindert in die
jeweilige Situation von selbst.
242
Shbgenz II Zazenshin (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 123, siehe S. 133 Anm. 27).
87
Gegenstand der Erfahrung klammert, was nicht mit bloer Unbewutheit, vollkommener
Vernichtung
aller
Bewusstseinsinhalte
zu
verwechseln
ist,
ist
dies
das
,Nicht-
,Nur-Sitzen shikan taza ohne geistige Anhaftungen ist nach Dgen nicht gewhnliches Sitzen
oder
Ruhen,
sondern
die
konkrete
Verwirklichung
der
Buddhaschaft
selbst,
das ,unbertreffliche rechte Erwachen selbst, welche sich von Augenblick zu Augenblick des
Sitzens ereignet. ,Wenn du Zazen erlernst, lernst du als Buddha zu sitzen.
245
Das
Praktizieren von zazen hier und jetzt ist das Aktualisieren des Sitzens des Buddha kyamuni
selbst. Im ,Fallenlassen von Krper und Geist schwindet die Einstellung, das Sitzen als
Mittel zum Zweck anzuwenden, im zielstrebigen Bemhen, ein Buddha zu werden, und die
Idee von ,Buddha von selbst. ,Wenn du als Buddha sitzt, ist es, als ob du [die Idee von]
Buddha ttest.
246
247
bezieht er sich niemals blo auf eine Idee, auf vergangene Ereignisse, sondern stets auf die
konkrete Situationen, welche jederzeit aktualisiert werden knnen. Die zazen-Praxis hier und
243
Siehe HASHI, Vom Ursprung und Ziel des Zen, 1997: S. 14-17.
Shbgenz III Zanmai zanmai (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2006: S. 328).
245
Shbgenz II Zazenshin (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 124).
246
Shbgenz II Zazenshin (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 124).
247
Shbgenz II Zazenshin (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 125).
244
88
jetzt ist der Vollzug des Sitzens des Buddha unter dem ,Bodhi-Baum. Dies ist das
wesentliche Tun eines jeden Buddhas ... Dieses wesentliche Tun verwirklicht sich konkret,
und dies ist Zazen. 248
Das wesentliche Tun eines Buddha im zazen ist das ,Denken des Nicht-Denkens, welches
Dgen folgendermaen zusammenfasst:
,Kein einziges Ding ergreifen und doch tief verstehen. Tief zu verstehen bedeutet
nicht, durch die [gewhnliche] Wahrnehmung zu verstehen, da die sinnliche
Wahrnehmung beschrnkt ist. Es ist auch nicht das [gewhnliche] Verstehen durch
den Verstand. Durch den Verstand zu verstehen ist auf bestimmte Dinge gerichtetes,
willentliches Tun. Deshalb gibt es ... dieses tiefe Verstehen, wenn man kein einziges
Ding ergreift. Wenn nichts ergriffen wird, ist dies ein tiefes Verstehen. Ihr solltet
dieses tiefe Verstehen weder abstrakt als ein universelles Verstehen noch
einschrnkend als das Verstehen des Selbst ansehen. 249
Das ,tiefe Verstehen ist nicht-duales, nicht-unterscheidendes Denken. Es ist die Einsicht in
die wahre Natur des Geistes, des Selbst, aller dharmas. Die vom Praktizierenden im zazen
erfahrbare Gleichzeitigkeit der stetigen Bewegung des Atems und der Ruhe und Stille zeigt
die Gleichzeitigkeit der stets sich verndernden Phnomene und der unzerstrbaren
allumfassenden Wahrheit, die Gleichzeitigkeit des Universums der dharmas und des
Universums der allumfassenden Wahrheit dharma ohne Verlust des je eigenen So-seins Dgens ,leuchtende Perle.
,Nicht gegen das andere sein und doch aus sich selbst leuchten. Wenn man aus sich
selbst leuchtet, ist dies weder das Leuchten der ,Erleuchtung noch das Leuchten der
Spiritualit. ... Dieses Leuchten kann nicht mit dem anderen verschmelzen, weil das
andere selbst dieses Leuchten ist. ,Nicht gegen das andere zu sein bedeutet, dass es in
der ganzen Welt nichts Verborgenes gibt und dass die Welt sich nicht in ihren
Teilaspekten offenbart, [sondern als Ganzes]. 250
248
89
Das heit, dass jeder Einzelne ein ber das empirisch Mannigfaltige hinausgehendes Selbst ist.
Es berschreitet die Grenze der je einzelnen Empirie und gelangt zu einer universellen
Wahrheit. Das sitzende, sehende und atmende Selbst wird ohne objektivierendes Denken hier
und jetzt der Welt als Eines, unteilbares Ganzes gewahr, welche nicht aus einer konzeptuellen
kategorischen Aussage eines Ego-Selbst entstammt. ,Es sitzt, ,es sieht, ,es atmet. Das
Atmen ist existentiell. Es gibt kein Ausatmen allein und kein Einatmen allein. Das Selbst
erkennt, dass das Ganze, Ein- und Ausatmen, Leben-Sterben von Geburt an gegeben ist, bevor
jegliche trennende Kategorisierung in ,Ich und ,Mein vorgenommen worden ist. Die duale
Denkstruktur ist aufgelst, sowohl die nach innen als auch die nach auen gerichtete
Reflexion. ,Es atmet einfach von selbst auf natrliche Weise und fliet im Wechsel ohne
Stillstand, unbeeintrchtigt, unbehindert im Zusammenspiel mit allen anderen Phnomenen.
Die Beschreibung des tiefen Verstehens zeigt deutlich, dass das Erfahren der allumfassenden
Wahrheit dharma nicht mit einem Geist ohne jeglichen Bewusstseinsinhalt erfolgt. Im
Gegenteil, der ,Geist des Nicht-Geistes ist durch sich selbst klar, reines Licht, durch sich
selbst erleuchtet, sich selbst und zugleich das ganze Universum erleuchtend. 251 Diese Einsicht
in die wahre Wirklichkeit ist keine erdachte idelle Wirklichkeit, sondern zeigt sich in jedem
konkreten lebendigen Phnomen.
Das tiefe Verstehen hat eine konkrete Form, und diese Form sind die Berge und
Flsse [dieser Welt]. 252
V. Die Stimme des Tales und die Form der Berge Keisei sanshiki
als dharmakya
Wenn Dgen auf die Berge und Flsse als dharmakya, als Verkrperung, Verwirklichung
der allumfassenden Erkenntnis dharma verweist, was wre naheliegender, als in die von
Menschenhand nicht (sichtbar) berhrte Natur zu gehen, die ,Formen der Berge zu betrachten
251
252
und die ,Stimme des Tales zu hren, wie der berhmte Dichter Su Dung-po ( 10361101)
253
, von welchem nach Dgen gesagt wird, dass er nach einer Unterredung mit seinem
Lehrer in der Nacht die Stimme eines Flusses im Tal hrte und zur Wahrheit erwachte
254
Die Farben bzw. die sichtbare Form der Berge und der Klang des murmelnden Gebirgsbaches,
welche wir durch Hinsehen und Lauschen inmitten der Natur wahrnehmen, sind die
Verkrperung des Buddha-Dharma. Was heit dies konkret?
253
Dgen nennt Su Dung-po einen gelehrten Laien mit dem Knstlernamen Soshoku Tba. Su Dung-po ist einer
der bedeutendsten Dichter der klassischen chinesischen Literatur in der Song-Zeit (980-1280), siehe Bi yn lu
(s. SCHWARZ 1999: S. 186).
254
Shbgenz I Keisei sanshiki ,Die Stimme des Tales und die Form der Berge (s.
LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 108).
255
Shbgenz I Keisei sanshiki (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 109). Dieses nach der Unterredung mit
seinem Meister verfasste Gedicht befindet sich in der Erluterung des 37. Beispiel im B yn l/Hekiganroku.
Nach der bersetzung von GUNDERT lautet es folgendermaen:
Des Bergbachs Rauschen also ist des Buddha Weltenstimme.
Warum das Berggebilde nicht sein makelloser Leib?
Die Sutrenchre dieser Nacht, die vierundachtzigtausend,
Wie bring ich eines Tages sie den Menschen zu Gehr? Bi yn lu II (s. GUNDERT 2005: S. 87).
256
HISAMATSU 1982: S. 52.
91
substantiell leere und daher uneingeschrnkt offene lebendige Selbst aus, das ,Selbst des
Nicht-Selbst, welches HISAMATSU als Formless Self 257 , ,Formloses Selbst bezeichnet:
... the Formless Self is not only without form; it is Self without Form. Since it is Self,
its Formlessness is active; being without form, the Self is also active. 258
Sowohl die krperlichen als auch die geistigen Aktivitten des Formlosen Selbst ist die
Aktivitt, die Bewegung des Nichts der lebendigen Flle
259
allumfassenden Leer-heit oder der leuchtenden Perle gleichgesetzt werden kann. Dieses
Nichts ist nicht als Negation des Vorhandenseins
verstehen.
260
261
So it is that the Formless Self is characterized as the True Void, and its appearance in
form as ,wonfrous being; and thus the Zen phrase, ,True Void-Wondrous Being This
means that whatever is manifested by the Formless Self is a ,wonder-full being ... 262
Das Formlose Selbst ist nicht jenseits der Messbarkeit, nicht in einer nihilistischen Idee totaler
Erscheinungslosigkeit gefangen. 263 Die Welt, in welcher sich das Formlose Selbst ausdrckt,
ist the world of the Buddha 264 , die ,Welt des Buddha. Mit ,Buddha ist das Selbst gemeint,
welches im ontischen Da-sein das uneingeschrnkt offene ,Nichts w/mu , die Leer-heit
aktualisiert. HISAMATSU nennt den Wesenszug des Zen-buddhistischen Nichts die HerzNatur des Nichts
265
. Das Nichts als lebendiges Herz ist die Leer-heit, welche untrennbar mit
257
92
Das Nichts des Zen kann man also das Herz nennen. Doch es ist nicht ein Herz, das
mir als Objekt gegenbersteht, sondern ein Herz, das in mir zum Subjekt geworden
ist. ... dieses Herz ist kein sichtbares, sondern ein sehendes Herz, das heit, es sieht
aktiv ... Aktives Sehen bedeutet hier ... nicht ein Sehen mit dem Gesichtssinn, sondern
Aktivitt als Subjekt aller krperlichen und geistigen Funktionen. ... Es ist also aktiv
als ein einheitliches Subjekt aller Funktionen. 266
Wird ein Baum von diesem einheitlichen Subjekt angeschaut, dann ist diese Aktivitt ein
Schauen des Formlosen Selbst. Der Baum, welcher betrachtet wird, ist der Baum in seinem
So-sein, so wie er wirklich ist. 267 Ohne Festhalten an jegliche Sinnesobjekte sind der der
betrachtende Mensch und der betrachtete Baum am gemeinsamen Ort
268
, in einer
umfassenden Bewegung, vergleichbar einem Fluss, bei welchem an jeder Stelle des Ufers das
Rauschen des Flusswassers vernommen wird. Im Gewahrwerden des lebendigen Nichts
verwirklichen sich im leibhaftigen Erleben Tnen und Hren als Einheit, ohne jegliche
Anhaftung. HISAMATSU zitiert Lin-ji:
In die Farbe eingehen und doch nicht von ihr gereizt werden, in die Stimme eingehen
und doch nicht von ihr betrt werden, in den Geschmack eingehen und doch nicht
danach begierig werden, in den Duft eingehen und doch nicht von ihm berauscht
werden, in die Berhrung eingehen und doch nicht davon angesteckt werden, in die
Welt des Dharma eingehen und doch nicht von ihr gefangen werden, - das ist die Art
der Menschen, die erkannt haben, da die sechs Erscheinungen: Farbe, Ton, Duft,
Geschmack, Berhrung und das Dharma nur uerlichkeiten sind. Es ist unmglich,
solche Menschen an etwas zu fesseln. 269
Was lie [den Laien Tba] die Form der Berge pltzlich neu sehen und die Stimme
des Tales neu hren? ... Wir knnen uns freuen, dass es Augenblicke, Ursachen und
266
93
Umstnde gibt, in denen sich Berge und Flsse kundtun. Die sich offenbarende Zunge
[Buddhas] erlahmt niemals, wie knnte die Form seines Krpers [einmal] existieren
und wieder verschwinden? 270
Dgen bejaht die Ursachen und Bedingungen als Quellen fr das lebendige dynamische
Weltgeschehen und fr die Erkenntnis-Erschlieung. Im Shb genz-Kapitel Makahannya
haramitsu stellt Dgen fest, dass die Erkenntnis anleitende Einsicht praj eine
Doppelstruktur in sich vereinigt: Das Erfassen der Wahrheit, dass alle Dinge leer sind und
deren Erfahrbarkeit in der konkreten Lebenswelt. 271
Auffallend an der Stelle aus dem Herz-Stra sind Dgens hinzugefgte Worte sein ganzer
Krper ( konshin). Vergleicht man diese Textstelle mit derjenigen aus dem Sanskrittext,
ist dort diese Anmerkung nicht zu finden. Dgens Absicht fr die Hinzufgung drfte darin
liegen, den lebendigen Aspekt von praj hervorzuheben, nmlich, dass Avalokitevara mit
klarem Geist des Leer-seins der skandhas, nicht objektiv, sondern leibhaftig, mit dem eigenen
Krper ohne Innen und Auen gewahr wird.
Ebenso wie der Dichter Su Dung-po empfielt Dgen den nach Wahrheit Strebenden, von den
flieenden Bergen und nicht-flieenden Wassern
273
klingenden Worte fordern den Hrer dazu auf, die in Begriffen eingegrenzte Sichtweise zu
verlassen, was offenbar nicht blo durch Anweisungen von Lehrern sowie durch
Gelehrsamkeit erreicht werden kann, wie es sich bei Su Dung-po zeigt: Die Unterweisungen
seines Lehrers Shkaku Js (1025-1091) ,reiften in Su Dung-po erst whrend eines
bestimmten Naturerlebnisses in einer Nacht, in welcher die Einsicht in die allumfassende
Wahrheit erfolgte:
270
94
Es ist anzunehmen, dass Shkakus Worte ber die Dharma-Rede der nichtempfindenden [Natur] weiter in ihm nachklangen und sich unmerklich mit der Stimme
des Tales in jener Nacht verbunden haben. 274
Dgen drckt das Gesamtgeschehen, in welchem es keine in Subjekt und Objekt trennende
Geisteshaltung mehr gibt, mit folgender Fragestellung aus:
War es letztlich der Laie [Tba], der zur Wahrheit erwachte, oder waren es die Berge
und Flsse, die zur Wahrheit erwachten? Wie knnte jemand, der einen klaren Blick
hat,
nicht
sogleich
wahrnehmen?
[Buddhas]
lange
Zunge
und
seinen
reinen
Krper
275
Eine hnliche Begebenheit erzhlt Dgen von Kygen Chikan (gest. 898), welcher
whrend der Zeit der Unterweisungen durch seinen Zen-Lehrer nicht zur Einsicht kam.
Dessen Erwachen wurde viele Jahre spter durch den Klang eines Steines ausgelst, welcher
beim Fegen des Weges an ein Bambusrohr schlug. 276 In diesem einzigartigen Erlebnis
inmitten der Natur whrend einer alltglichen Verrichtung ist Chikans Geist offen und
einsichtig geworden. Die Erkenntnis anleitende Einsicht praj knpft Dgen an das
Vertrauen an die gegebene Situation, an das Fehlen eines zgerlichen Zweifels, an die Lehre
vorangegangener Buddhas und Patriarchen. 277
Das Erwachen zur Wahrheit inmitten der Natur wie etwa in den Bergen und an den Flssen
wird von Dgen dadurch begrndet, dass die Form der Berge dharmakya ist, [Buddhas]
reiner Krper 278 .
Weil die verschiedenen dharmas die gesamte Erfahrungswelt ausmachen und im ontischen
Da-sein gegeben sind - konkret heit das, weil die Berge ihre Form haben und im Tal die
Gerusche der Natur zu hren sind, hat Buddha kyamuni seine Lehre wortlos durch das
274
95
Hochhalten der Blume aufgezeigt und an seinen Schler Kyapa weitergegeben. 279 Ebenso
wie die Buddha-Lehre rein ist, ebenso sind die konkreten Berge und Flsse in ihrem je
eigenen So-sein rein, eine leuchtende Perle. Mit den Worten der Hua-yen-Schule ausgedrckt:
Das universale Prinzip l/ri und die dynamischen Phnomene sh/ji durchdringen
einander als die beiden Aspekte der So-heit tathat. Dgen sieht die Einsicht in die
universelle Wahrheit in unmittelbarem Zusammenhang mit der konkreten Natur:
Eben weil die Stimme des Tales und die Form der Berge diese Tugend
besitzen, ,verwirklichen die Erde und alle Lebewesen zusammen die Wahrheit. 280
Buddha kyamuni soll nach seinem Erwachen unter dem Bodhi-Baum gesagt haben: Die
Erde und alle Lebewesen verwirklichen zusammen die Wahrheit. 281
2. Der Bodhi-Baum als Zeuge der Verwobenheit von Natur und Mensch in der
Geschichte
Von der bewegten Geschichte des Buddhismus in Indien zeugend, kann der alt-ehrwrdige
Bodhi-Baum (Avatth (oder Pippala), Pappel-Feigenbaum, lat. Ficus religiosa)
282
in Bodh
Gay als Beispiel fr die wechselseitige Durchdringung von Natur und Mensch dienen:
Neben dem Mahbodhi-Tempel stehend, ist er der Ableger in zweiter Generation jenes
Baumes, unter welchem Buddha kyamuni die Einsicht in den dharma gehabt haben soll.
Der buddhistische Kaiser Aoka (reg. 265-232) stellte den Baum unter besonderen Schutz und
sorgte dafr, dass der Knig von Ceylon einen Ableger erhielt, welcher noch heute in
Anurdhapura steht. Sprsslinge aus dem daraus erwachsenen Baum haben wiederholt den
Baum in Bodh Gay nach dessen Zerstrung ersetzen knnen. Im 7. Jahrhundert wurde der
Baum in Bodh Gay wurde von einem Buddhismus-feindlichen Knig gefllt, die Wurzeln
ausgegraben und verbrannt. Ein Ersatzbaum wurde gepflanzt, welcher 1876 einem Sturm zum
Opfer fiel. Der heute in Bodh Gay verehrte Pippala-Baum ist aus dem Ableger des Baumes
in Anurdhapura gewachsen.
279
Shbgenz I Keisei sanshiki (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 111); das Hochhalten der Blume durch den
Buddha kyamuni wird in Shbgenz III Udonge ,Die Uumbara-Blte (s. LINNEBACH/NISHIJIMA
2006: S. 296-301) behandelt; vgl. auch Mumonkan Beispiel 6 (s. ROLOFF 1999: S. 42-44).
280
Shbgenz I Keisei sanshiki (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 111).
281
Shbgenz I Keisei sanshiki (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 118, Anm. 37).
282
Siehe Lexikon der stlichen Weisheitslehren 2005: S. 42; SCHUMANN 2000: S. 21.
96
In der Geschichte des alten Bodhi-Baumes spiegeln sich alle Schwchen und Strken der
Menschen wider. 283 Angesichts der Zwietracht unter den Menschen und des Hochmuts
derjenigen, welche sich von Gier und Hass nicht befreien konnten, stellt sich die Frage, wie
die Wurzeln der Unwissenheit durchschnitten werden knnten.
Wenn ihr weder Ruhm noch Reichtum und weder Krper noch Geist fr euch selbst
behaltet, werden die Tler und Berge ebenfalls nichts zurckhalten. 284
Tatschlich erhebt sich die Frage, wie die Hindernisse fr das Lernen der Wahrheit beseitigt
werden knnten. Ein Mnch fragte seinen Zen-Lehrer: ,Wie knnen wir die Berge, Flsse
und der Erde eins mit uns machen? 285 Die Antwort des Lehrers als Gegenfrage, welche die
objektivierende Denkweise des Mnchs erschttert und diesen auf sein eigenes Selbst
zurckwirft: ,Wie knnen wir und selbst eins mit den Bergen, Flssen und der Erde
machen? 286 kommentiert Dgen:
Dies bedeutet, dass wir [schon] auf natrliche Weise wir selbst sind. Obwohl wir
[auch] die Berge, Flsse und die Erde sind, sollten wir uns durch das Einssein mit
ihnen nicht einschrnken lassen. 287
Die Natur und die Menschen durchdringen einander gleich Edelsteinen in einem
Beziehungsnetz, im abhngigen Entstehen. Wenn Krper und Geist ,fallengelassen sind,
erffnen sich in der konkreten Situation zur je eigenen Jahreszeit die Naturphnomene in
ihrem je eigenen So-sein:
Die Frische der Kiefer im Frhling und die Vortrefflichkeit der Chrysantheme im
Herbst sind [wirklich], und sie sind nur im Hier-und-Jetzt. 288
283
97
Mit einem klaren, von Vorstellungen freien Geist werden wir des Leer-seins von Natur und
uns selbst gewahr, unser Selbst mit allen Sinnesvermgen zu neuen Erfahrungs- und
Denkhorizonten ffnend, ohne des je eigenen So-seins verlustig zu gehen.
Welch wichtige Rolle fr die Erschlieung neuer Perspektiven die Klang-Erlebnisse in der
Natur wie das Murmeln des Gebirgsbaches oder der Ton beim Anschlagen des Steines am
Bambusrohr spielen, geben Zeugnisse berhmter Chan-(Zen-)Mnche in Wort und Bild ab
dem 12. Jahrhundert in China Auskunft. Inmitten der Natur, in welcher viele Gerusche zu
hren sind, tritt pltzlich, auf natrliche Weise ein Ton hervor, welcher sich als Erkenntnis
anleitend erweist. 289
Der Begriff ,auf natrliche Weise (jap. shizen) besteht aus zwei Schriftzeichen , welche
mit denjenigen des chinesischen Begriffs zrn identisch sind. z bedeutet ,(von)
Selbst und rn ,So-sein ,das von selbst So-seiende, ,Selbigkeit. Der chinesische
Begriff zrn inkludiert die Bedeutungen ,Natur, ,Spontanitt, ,Freiheit, ist aber im Grunde
genommen unbersetzbar. 290 Dieses bersetzungsproblem zeugt davon, dass eine Differenz
zwischen westlicher und chinesischer Natur-Auffassung vorliegt, welche zu grundstzlichen
Fehlinterpretationen fhren knnte.
VI. Zhuang zi : Mit den Klngen zeigen die Naturdinge von selbst ihr
So-sein zrn
Einen bedeutenden Grundzug zum Verstehen der Natur als Gesamtheit aller Phnomene in
der Welt haben die chinesischen Klassiker wie etwa I Ging , das ,Buch der Wandlungen,
Zhuang zi, Lao zi und Huainan zi gemeinsam: Die Welt wird als ein durch und durch
dynamisches Geschehen gedeutet. Sie besteht, insofern die spontane, unberechenbare
Vernderung aufrechterhalten wird. Die Natur ist nicht durch Phnomene mit einem
substantiellen Eigenwesen oder durch Naturgesetze bestimmt, sondern erscheint frei und
spontan im zirkulren, unwiederholbaren Hervorbringen in der Welt - z rn . Die
289
290
chaotische Vielfalt und Spontanitt wird nicht negativ bewertet, sondern ist das Merkmal alles
Lebendigen. Alles, was starr und nicht in Bewegung ist, ist tot. Auch der fr das NaturVerstndnis wichtige Begriff des ,thers q besteht nicht in einer grundlegenden
stofflichen Einheit, sondern enthlt in sich Vernderung. Der Grundcharakter des thers ist
Kondensieren und Zerstreuen im stndigen bergang. 291
Gem des chinesischen Textes Zhuang zi 292 aus dem 4. Jahrhundert v.u.Z. vermag der Weise
das kosmische System mittels Hren des q zu erkennen. Die Lebenskraft q uert sich im
Wind und Lebensatem und zeigt so seine fundamentale Aktivitt, welche alle Phnomene
durchdringt und die stndigen Wandlungen in der Natur bewirkt.293 Der Wind artikuliert sich
in den hrbaren Geruschen, woraus der Weise einen plausiblen, allgemeinen Schluss ber
das allem innewohnende So-sein ziehen kann:
,Der Groe Klumpen ... ,stt einen Lebensatem 294 aus, den man Wind nennt.
Solange er nicht blst, geschieht nichts. Hebt er jedoch zu blasen an, dann beginnen
Myriaden Lcher zu heulen. Hast du nie sein Seufzen gehrt? Die Spalten und Klfte
der aufsteilenden Berge, die Lcher und Hohlrume der riesigen Bume von hundert
Spannen Umfang: Sie sind wie Nasenlcher, wie Mnder, wie Ohren, wie Sockel, wie
Becher, wie Mrser, wie die Kuhlen, in denen sich Pftzen und Teiche bilden. Der
Wind blst ber sie hinweg und macht das Gerusch von sprudelndem Wasser, von
sirrenden Pfeilen, schreiend, keuchend, rufend, weinend, lachend, grollend. Die erste
Be singt Ayiii, der folgende Windsto singt Wouuu. Eine leichte Brise ruft eine
kleine Antwort hervor; ein heftiger Sturm lt einen mchtigen Chor erschallen.
Verebbt das Strmen, dann sind alle Hhlungen still. Hast du nicht die Bltter gesehen,
wie sie in tnendem Nachhall erzittern? 295
291
99
Demnach entlsst die Erde als ,Groer Klumpen aus sich den Wind, welcher durch die
Hhlungen der Erde ein pfeifendes Wind-Konzert hervorbringt. Der Mensch erzeugt mit
seinem Atem durch Blasen in die Bambusrohre das Fltenspiel. Die Tne des Himmels
spielen in der mannigfaltigen Welt und ihrer Anlage gem auf 10 000 verschiedene Weisen
und bewirken sich selbst
296
. Die Tne tun von sich aus nichts als ,von selbst so zu sein, z
rn :
,Was die Flten des Himmels angeht, ... so sind die Myriaden Tne, die das Blasen
des Windes erzeugt, alle verschieden, und doch tut er nichts, als die natrlichen
Anlagen der Hhlungen selbst zum Vorschein zu bringen. Wozu brauchte es da noch
etwas anderes, um sie zum Klingen zu bringen? 297
Die Stille gehrt als vorbergehende Ruhe zum Wandel des thers q. Das Innehalten gehrt
zum sich vollendenden, weisen Menschen. Ohne in der Welt verstrickt zu sein, erkennt der
Weise den Wind im Innehalten seines eigenen Geistes:
... hre nicht mit deinen Ohren, sondern mit deinem Geist. Hre nicht mit deinem
Geist, sondern mit deinem Ursprnglichen Atem. Die Ohren knnen nicht mehr als
hren, die Geisteskrfte knnen nicht mehr als berechnen. Der Ursprngliche Atem
jedoch wartet leer auf die Dinge. Nur durch den WEG kann man Leere ansammeln,
und Leere ist das Fasten des Geistes. 298
Da es keine festen gleichbleibenden Erscheinungen in der Natur gibt, ist das Naturgeschehen
selbst nicht sichtbar. Da die Natur jedoch auch von schweigsamem Charakter ist, kann sie der
Mensch nur in der Bewegung deuten.
296
100
Die
chaotische
Vielfalt
der
Phnomene
wird
immer
als
Vernderung
zugnglich. 299
Auch das sinnlich nicht Wahrnehmbare wird in China nicht als transzendent, jenseitig
aufgefasst. In Ostasien tritt die Trennung von Immanenz und Transzendenz nicht auf bzw.
wird nicht thematisiert. Diese Auffassung von einer in allem innewohnenden Natur ist der
Grund, warum alles Seiende einen radikal zeitlichen Charakter hat.
Die Vernderung, Verwandlung, selbst bestimmt das, was Natur ist. Natur ist alles,
was sich zeigt, auerhalb der phnomenalen Welt ist nichts. 300
Der Titel des ersten Inneren Kapitels des Zhuangzi Unbekmmertes Wandern
301
mag auf
die zentrale Bedeutung der Verwandlung im ostasiatischen Denken hinweisen. Auch im HerzStra-Prolog ist von der in der Einsicht praj erfolgenden physischen und geistigen
Bewegung Avalokitevaras die Rede, welche durch Dgens Hinzufgung sein ganzer
Krper 302 betont wird.
Im sechsten Inneren Kapitel Zhuang zi, heit es:
,La deinen Geist in der Leere wandern, sagte Namenlos, ,und deinen Lebensatem
eins werden mit der Unendlichkeit. Folge einfach der Natur der Dinge und la keine
persnliche Vorlieben sich einmischen. Dann wird Alles unter dem Himmel
wohlgeordet sein. 303
Der Name ,Namenlos ( w mng) bezeichnet den Weisen, welcher sich selbst nicht
bestimmt. Seine Methode zum Handeln ist auf der geistigen Grundlage absichtslos, frei von
jedem egozentrischen Zweck, welches mit dem Schlagwort ,ohne Handeln w we
bekannt ist. Folgt der Mensch der Natur zrn, kann er seine von ihm selbst aufgezwungene
Gesetzlichkeit verlassen und frei werden:
299
101
Der Hchste Mensch hat kein Ich, der spirituelle Mensch hat nichts verwirklicht, der
Weise hat keinen Namen. 304
Der Grundzug von Zhuang zis Lehre ist ohne Selbst zu sein
305
beinhaltet eine umfassendere berwindung als diejenige des Egozentrismus bezglich der
Gesellschaft, nmlich die berwindung des Egozentrismus in Bezug auf die ganze Welt. Der
Ich-lose Menschen lst sich vom egozentrischen Selbst, sodass dasjenige erfolgt, was ,von
selbst kommt, was ,von selbst so geschieht.
Der Daoist ohne Ego, der zur Einsicht in die Nicht-ich-keit seines Ich gekommen ist,
folgt nicht seinem Ich, sondern dem natrlichen, spontanen (ziran) Lauf (dao) der
Dinge. 306
Woher kommt die Distanz zwischen Mensch und Natur, dem spontanen Lauf und das So-sein
der Dinge?
307
die Einzigartigkeit der Phnomene. Das konkrete Einmalige und der zeitliche Charakter
lassen eine Benennung nicht zu. Um auf die Problematik von durch Raum und Zeit bedingten
eingeschrnkten Sichtweisen aufmerksam zu machen, bringt Zhuang zi anschauliche Bilder:
,Man kann mit dem Frosch auf dem Grund seines Brunnens nicht ber den Ozean
sprechen, denn er sitzt fest in seinem kleinen Reich. Man kann mit einer
Sommermcke nicht ber das Eis sprechen, denn sie ist auf ihre eigene Jahreszeit
beschrnkt. Man kann mit einem Intellektuellen voller verschrobener Ansichten nicht
ber den WEG sprechen, denn er ist ein Gefangener seiner eigenen Doktrinen. ... 308
304
102
Gerade weil der Baum fr menschliche Zwecke unbrauchbar ist, vollendet er seine
Lebensspanne. Der Mensch sollte versuchen, sich aus gesellschaftspolitischen Einengungen
zu befreien und seine Welt nicht in unzulnglicher Weise einzugrenzen. Was ist der Staat
oder sogar das Reich gegenber der Gre des Kosmos?
310
Handlungsspielraums und des Wissens erfolgt durch die Ausrichtung des Menschen auf die
Gesellschaft. 311 Das Problem sieht der philosophische Taoismus daher in der Nichtaufhebung
der vorgegebenen kulturellen Begrenzung sowie im menschlichen Bestreben und Hochmut,
die Welt fr sich und seine Zwecke konstruieren zu wollen. 312 Das ist das Ende der Einheit
von Mensch und Natur. Die Lsung liegt darin, die ursprngliche Ordnung des Chaos, die
Ordnung des Unnennbaren 313 zu entdecken.
Der Einfluss des taoistischen Denkens auf die Naturanschauung des Zen liegt im Beobachten
der Bewegungsweisen im ontischen Naturgeschehen. Gerade in den stndigen Vernderungen
zeigt sich bei den Naturphnomenen wie Bergen und Flssen, besonders beim Kleinen, Zarten
und Schwachen, wie bei Grsern und dem Wasser die meisterhafte Flexibilitt und
309
103
Bereitschaft zu Neuem, ohne endgltig zu sein. Der Ort, an welchem das Grenzenlose, das
unbeschrnkt Offene aus dem unnennbaren ( w mng) Grund des do erscheint, ist die
unmittelbar erlebbare Natur. Starksein wie etwa das Beharren auf der die Vormachtstellung
des Menschen, auf Begriffen, Regeln und Konzepten verhindert wahre Erkenntnis.
Benennung, Bestimmung kommt aus dem absichtsvollen Handeln, aus der Begierde ( y)
als die natrliche menschliche Fhigkeit, die Natur zu distanzieren.
314
Die
315
314
315
Zu Beginn des Shb genz-Kapitels Bussh zitiert Dgen eine Textstelle aus dem
Mahparinirva-Stra:
kyamuni Buddha sagte:
,Alle Lebewesen haben voll und ganz die Buddha-Natur:
Der Tathgata ist stets gegenwrtig, ohne jede Vernderung. 316
Was sagen diese von den indischen und chinesischen Patriarchen berlieferten Buddha-Worte
aus? In diesen zwei Stzen ist fr Dgen kurz und bndig zusammgefasst, was die BuddhaNatur ist. Der erste Satz ist so strukturiert, dass er die Lebewesen und die Buddha-Natur an
die ihnen gemeinsame wesentliche Beschaffenheit voll und ganz, an ,volles Ganz-sein (
shitsuu) koppelt. Im folgenden Satz werden zwei Aussagen getroffen: 1. Das ,so
Gekommene (tathgata, jap. nyorai) ist wirklich ,da, in diesem Augenblick. Es ist
dieser Augenblick. 2. Das ,so Gekommene ist ohne jede Vernderung, d.h. ohne dem
ontisch Da-seienden etwas wegzunehmen oder hinzuzufgen.
1.
tathgata
als
Mensch,
welcher
zum
Horizont
der
universellen
316
105
- es entsteht nicht neu. Das heit nach Dgen, dass es auf keinerlei Weise aufgefllt ist oder
zugenommen hat. 319 Was soll dem vollen Ganz-sein noch hinzugefgt werden?
- besteht nicht aus getrennten Entitten.
Nach Dgen ist die ganze Welt offen in Bezug auf die konkreten ontischen Phnomene, nicht
abgetrennt von der Ebene der Ideen. Das volle Ganz-sein besteht unverursacht, unabhngig
von der Wirksamkeit vergangener Taten, von Bedingungen und vom Dharma. Auch das
Erwachen zur Wahrheit nirva und die klare Einsicht praj sind unabhngig von Ursachen
und vom Dharma. Wre dies nicht der Fall, wren nirva und praj an irgendwelche
Handlungen und Ursachen gebunden. 320 Das, was hier und jetzt versammelt und vorhanden
ist, die konkrete Situation macht das Ganze aus. In dieser nicht vom diskursiven Denken
bestimmten Situation wird weder irgend etwas hinzugefgt, noch etwas weggenommen. Im
Hier und Jetzt gibt es keine Aufgliederung der Welt in dharmas, skandhas.
Das
volle
Ganz-sein
ist
nicht
dasjenige,
was
flschlicherweise
als ,Geist, ,Auenwelt, ,Essenz, ,Form angesehen wird, ebensowenig dasjenige, was in der
Prajpramit-Literatur als verkehrte, irrige Ansichten aufgezhlt wird, nmlich
ein
Viele Schler, die den Begriff ,Buddha-Natur hren, werden ihn als das Ich [fester
Wesenskern] missverstehen. ... Sie glauben, dass der Geist, der Wille oder das
Bewusstsein das erleuchtete Wissen und das Verstehen der Buddha-Natur seien. 321
Die Buddha-Natur ist nicht ausschlielich der Geist (d.i. begriffliches Erfassen), der Wille
oder das Bewusstsein von einem erwachten Wissen und Verstehen. Begriffliches Erfassen,
Willensregungen und das Bewusstsein, welche zu den drei geistigen skandhas zhlen, sind
Bewegungen von Wind und Feuer
322
319
Vgl. die Stelle im Herz-Stra alle dharmas ... haben ,weder abgenommen noch zugenommen (s. nach
CONZE 1988: S.107).
320
Siehe Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 28).
321
Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 29).
322
Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 29).
106
ist die Einheit von Geist und Krper und nicht blo das Materielle: Wir betrachten die
Bewegungen von ... Wind und Feuer nicht als Erleuchtung und Wissen. 323
Ebensowenig ist es nach Dgen richtig, ausschlielich die geistigen skandhas als die BuddhaNatur zu bestimmen. Im Shb genz-Kapitel Inmo fhrt Dgen folgendes Kan, ein ZenDialog mit einer Fragestellung, an:
Eines Tages hrte [Saghanandi] den Klang der Glocke in der Klosterhalle, die
durch den Wind bewegt zu luten begann, und er fragte Geyata: ,Ist dies das Luten
des Windes oder das Luten der Glocke? Geyata sagte:,Weder der Wind noch die
Glocke lutet: es ist mein Geist, der lutet. Der ehrwrdige Saghanandi
fragte: ,Was bedeutet denn Geist? Geyata sagte:,Alles ist still. 324
323
324
der umfassende Geist, welche vom Lut-Ereignis als Teil des Gesamtphnomens
durchdrungen ist. Nichts einzelnes Gesondertes bewegt etwas anderes Gesondertes. Es gibt
keinen Wind, welcher ,lutet, noch eine Glocke, welche lutet. ,Alles ist still. , wenn der
Geist von seinen vielfltigen Gedanken zur Ruhe gekommen ist, von nichts Einzelnem,
Bestimmtem bewegt wird. Es ist die Buddha-Natur, welche von nichts Einzelnem,
Bestimmtem bewegt wird, sondern ruhig und klar ist.
Nach Dgen glauben manche Leute, die Buddha-Natur gleiche einem Samen, aus welchem
eine Pflanze oder Baum aufgrund des Regens und anderen gnstigen Ursachen gedeihen:
... Menschen meinen, dass die Buddha-Natur dem Samen einer Pflanze oder eines
Baumes gleicht: whrend der Dharma-Regen auf sie niedergeht, keimen die Samen,
und [Pflanze und Baum] knnen wachsen. Dann entstehen viele Zweige, Bltter,
Blten und Frchte und diese Frchte bringen weiter neue Samen hervor. 325
Diese Ansicht, dass in zeitlicher Aufeinanderfolge aus der Buddha-Natur als urschlicher
Same eine Wirkung wie etwa ein Gras- oder Baumspross hervorgeht, weist Dgen zurck.
Die Buddha-Natur ist keine Potentialitt, welche irgendwann in der Zukunft verwirklicht wird,
sondern die Natur aller Phnomene, hier und jetzt. Die Ursache-Wirkung-Beziehung, dass aus
einem konkreten Samen ein konkreter Spross entsteht, wird nicht zurckgewiesen. Dgen
betont, dass alle Samen, Blten und Frchte der eine Geist von Augenblick zu
Augenblick 326 sind. Um dies nher zu erlutern, lsst Dgen den Buddha zu Wort kommen:
,Wenn ihr den Sinn der Buddha-Natur begreifen wollt, solltet ihr hier und jetzt die
Ursachen und Umstnde des gegenwrtigen Augenblicks erfassen. Wenn der
Augenblick da ist, offenbart sich die Buddha-Natur direkt vor euch. 327
325
108
Die ,Ursachen und Umstnde des gegenwrtigen Augenblicks erfassen bedeutet, dass alle
Phnomene mit Krper und Geist wahrgenommen, erkannt und erfahren werden, so, wie sie
gegenwrtig in ihrem je eigenen So-sein sind. Es sind die Ursachen und Bedingungen, das
heit das abhngige Entstehen im Augenblick, in welchem ich mitentstehe.
Wenn ihr diese Buddha-Natur begreifen wollt, denkt daran, dass die Ursachen und
Umstnde des gegenwrtigen Augenblicks [eben die Buddha-Natur] SIND. 328
Das Erfassen ist weder subjektiv noch objektiv, weil es allein das Erfassen des
jetzigen Augenblicks ist. Dazu gehren auch die Ursachen und
Umstnde des
Der zur Wahrheit erwachte Mensch ,Buddha und die Natur, alle dharmas, erscheinen in
ihrem je eigenen So-sein. Das heit, dass der Augenblick des Betrachtens der Berge, Flsse
und der groen Erde die Berge, Flsse und die groe Erde selbst sind. Mensch, Natur, die
Buddha-Natur sind ein und dasselbe.
Wenn ihr also die Berge und die Flsse seht, dann schaut ihr die Buddha-Natur selbst
an. 330
328
109
2. Es gibt Grser und Bume, die Menschen oder Tieren gleichen 331
Bei den unzhlbaren Grsern und Bumen, die im Wind, im Feuer usw. wachsen,
sehen wir manche als empfindend und andere als nicht-empfindend an, und es gibt
Grser und Bume, die Menschen oder Tieren gleichen. 332
Gewhnlich werden die Naturphnomene Grser und Bume, Berge und Flsse, welche
gemeinsam mit Wind und Feuer zum materiellen skandha rpa zuzurechnen sind, als Gegenstnde in Bestandsaufnahmen in bestimmte Kategorien wie ,empfindend und ,nichtempfindend aufgegliedert und eingeteilt. Diese Sichtweise von der Welt in Form von
festgelegten Kategorien ist eine Weise der Beschreibung der Naturphnomene. Die einzelnen
Bestandteile einer Blte wie Bltenbltter, Staubgefe usw. machen nicht allein das Da-sein
aus, sondern bestehen nur im kompletten Zusammenhang und in Beziehung zum Ganzen. Die
Aussageweise ... es gibt Grser und Bume, die Menschen und Tieren gleichen
333
331
Wesen
lehren
den
Eines Tages fragte ein Mnch den groen Meister:,Was war die Absicht unseres
Vorfahren [Meister Bodhidharma], als er vom Westen kam? Der groe Meister
sagte: ,Die Zeder im Garten. Der Mnch sagte:,Meister, belehrt einen Menschen nicht
mit einem Ding. Der Meister antwortete:,Ich belehre einen Menschen nicht mit einem
Ding. Der Mnch fragte [erneut]:,Was war die Absicht unseres Vorfahren, der vom
Westen kam? Der Meister antwortete:,Die Zeder im Garten. 334
Das ist der Augenblick, in welchem eine konkrete Situation gegeben ist: ,Die Zeder im
Garten. An dieser konkreten Situation hier und jetzt nimmt der Sprechende intensiv Anteil,
ist ihrer ansichtig geworden, ohne sich aus der Gesamtsituation auszugrenzen. Seine
Redeweise weist keine mit bestimmten Vorstellungen behaftete Geisteshaltung auf, welche
zwischen ,Zeder und ,Garten, ,Zeder und ,Selbst, ,Objekt und ,Ich unterscheidet, wie die
Geisteshaltung des Fragestellers: ,Meister, belehrt einen Menschen nicht mit einem Ding. Ist
die differenzierende Denkweise aufgehoben, ist die Natur fr den erkennenden Menschen
nicht lnger Erkenntnisobjekt. Diese Geisteshaltung, in welcher es kein ueres
Objekt, ,Ding gibt, spiegelt sich in der Antwort des Meisters wider, welche scheinbar der
Aussage des Gesprchspartners gleicht, jedoch auf Grund einer anderen Perspektive ein
ueres, vom Sprechenden getrenntes Ding negiert:,Ich belehre einen Menschen nicht mit
einem Ding. Ohne jede Einschrnkung durch ein Ego-Selbst zeigt sich die Zeder unmittelbar
in der konkreten Situation im gegenwrtigen Augenblick in ihrem eigenen So-sein. Unter
Aufhebung der differenzierenden Geisteshaltung wird der Mensch von der vor ihm liegenden
konkreten Zeder im Garten ,durchleuchtet und bildet mit ihr hier und jetzt einen
gemeinsamen Ort 335 .
Die Zeder ist die So-heit, die Buddha-Natur, unverborgen, offen, fr alle Menschen einsichtig.
Die So-heit der Zeder zeigt sich im ontischen Da-sein in jedem Augenblick.
334
335
Shbgenzo II Hakujshi
Siehe Funote 209.
,Die
gerade der Augenblick, der jetzt da ist, die Buddha-Natur, die sich vor euch
offenbart. 336
Dgen bringt damit zum Ausdruck, dass der Augenblick selbst tathgata ist, ein umfassendes
Ganzes von Mensch und Zeder und ihre Beziehung zueinander am gemeinsamen Standort.
Dgen lst die einschrnkenden Denkweisen auf, dass tathgata ein Mensch ist, welcher die
Wahrheit fr sich verwirklicht hat, oder dass etwas kommen msste. Nichts kommt oder geht
im gegenwrtigen Augenblick. Alles ist bereits uneingeschrnkt, ,voll und ganz da.
Wenn ihr diese Buddha-Natur begreifen wollt, denkt daran, dass die Ursachen und
Umstnde des gegenwrtigen Augenblicks [eben die Buddha-Natur] SIND. ,Wenn der
Augenblick da ist bedeutet also, dass er bereits gekommen ist. ... Wenn der
Augenblick kommt, ist es dasselbe, als ob ihr sagt, dass er bereits da ist. Und weil der
Augenblick bereits da ist, kommt die Buddha-Natur nicht. Daher ist gerade der
Augenblick, der jetzt da ist, die Buddha-Natur, die sich vor euch offenbart. 337
Das heit, dass die ontisch erlebten Phnomene Ursachen und Bedingungen nicht zu einem
spteren Zeitpunkt, sondern im gegenwrtigen Augenblick die Buddha-Natur sind. Die
Buddha-Natur
kommt
nicht
zu
einem
spteren
Augenblick,
noch
geht
sie. ,Kommen und ,Gehen suggerieren Zukunft bzw. Vergangenheit, Raum und Zeit eingrenzende Bestimmungen und Kategorisierungen, welche mit der Buddha-Natur nicht
vereinbar sind.
336
337
benannt und eingegrenzt wre. Das heit, dass die Buddha-Natur nicht ,etwas ist, kein Objekt,
sondern ,es: Die Buddha-Natur ist ,das volle Ganz-sein in welcher alle Phnomene ihr je
eigenes So-sein verwirklichen.
Das heit fr Dgen allerdings keineswegs, dass die Buddha-Natur nur ohne Worte, ohne die
Vielfalt diskursiver Bestimmungen wahrgenommen und berliefert werden kann. Dgen
widersprach damit der Abwertung buddhistischer Lehr-Texte, welche aus der Annahme einer
schlechthin unnennbaren Wahrheit entsprang. Der Formel von der besonderen berlieferung
auerhalb der Schriften
338
Herz, von Lehrer auf den Schler bertragen wird, stellte Dgen im Kapitel Bukky
339
das
Argument entgegen, dass damit die buddhistische berlieferung, die Stras vom wahren
Geist der Buddha-Lehre getrennt wre. Dann htte der Buddha nicht einen Satz, nicht eine
Vers berliefert. Das bedeutet, dass in Worten wiedergegebene Gedanken nicht als bloe
Hilfswahrheiten abgetan werden knnen, sondern Ausdruck der allumfassenden Wahrheit
sind, welche nicht nur in einem Bereich jenseits des sprachlich Formulierbaren und
Verstehbaren zu suchen ist. Die Erfahrungen des Nicht-Unterscheidens und NichtKategorisierens, die Erfahrungen der Einheit und Weite haben durchaus ihre Funktion, doch
drfen sie nach Dgen jedoch nicht zum Ort einer transzendenten Wahrheit hypostasiert
werden, sondern mssen im ontischen Da-sein, im Alltag wie z.B. beim Zubereiten des Tees
realisiert werden.
Was haben die Namen und Bezeichnungen bei Dgen demnach fr eine Funktion?
Aus Dgens dynamischem Verstndnis des erkennenden Weltzugangs heraus erschliet sich
die produktive Funktion sprachlicher Benennung, wie sie in Bussh im Folgenden erlutert
wird:
Der fnfte Patriarch sprach: ,Ich habe einen Namen, aber es ist kein gewhnlicher
Name. 340
Damit ist nach Dgens Ausfhrung gemeint, dass der Name des Patriarchen und sein
ontisches Da-sein identisch sind. Im Vollzug des Aussprechens ist sein Name seine Existenz
338
jap. kygebetsuden ist die Zeile eines dem Meister Bodhidharma zugeschriebenen Gedichtes, siehe
Shbgenzo II Bukky (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 94, Anm. 4).
339
Shbgenzo II Bukky (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 85).
340
Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 33).
113
selbst. Dieser Name ist kein gewhnlicher Name, d.h. ein abstrakter Begriff, welcher niemals
den lebendigen Menschen in rechter Weise treffend, bezeichnen kann. Auf diese Aussage hin,
fragt der vierte Patriarch nach, was sein Gesprchspartner unter ,kein gewhnlicher
Name versteht: ,Was ist das fr ein Name? 341
Nach Dgen ist ,Das ( kore) als konkrete Situation hier und jetzt zu verstehen und nicht als
bloe Aussageweise, wie der erste Satz aus dem Mahparinirva-Stra: ,Alle Lebewesen
haben voll und ganz die Buddha-Natur ... 342
,Was ( nani) ist dasjenige, was mit Worten nicht zu beschreiben ist. Der ,Name beschreibt
dasjenige, was manchmal das Konkrete (,Das) und manchmal das Unfassbare, Unnennbare
(,Was), die Buddha-Natur ist. Die Wirklichkeit, die Buddha-Natur existiert nicht auerhalb
eines Bestimmungszusammenhangs. Das unmittelbar Vorliegende ist nicht anders in den
Blick zu bekommen als durch die Funktion des allgemeinen Begriffs. Das konkrete Einzelne
wird aus dem unbestimmten Mannigfaltigen herausgehoben und damit als Einzelnes erfasst.
Das durch die Bezeichnung Erschlossene erhlt in der Bezeichnung den Charakter eines
Allgemeinen.
Seine Bestimmung ist aber nicht endgltig im Sinne der Abgeschlossenheit wie im Falle der
Kategorie des ,Was-es-ist-dies-zu-sein (gr. ) bei Aristoteles. 343 Whrend die
aristotelische Kategorie die Existenz und die Identitt eines Dinges, ,das zu sein,
allgemeingltig als eine von sinnlichen Wahrnehmungen getrennte und selbstndige
Wesenheit () zum Ausdruck bringt, erffnet bei Dgen das durch die Benennung
Erschlossene neue Horizonte des noch zu Bestimmenden. Die Funktion des Namens besteht
darin, die Bestimmtheit eines Dinges zu erschlieen und zugleich den Horizont seiner
Unbestimmtheit zu verdeutlichen. Der ,Name, welcher das ,Das und das ,Was bezeichnet,
ist in diesem Sinne Aussage und Frage, der noch offene Teil, zugleich. Jede, nicht nur die im
philosophischen Diskurs, sondern auch die im Alltag gettigte Aussage ,Das ist wird wieder
zu einem ,Was ist?. Darin zeigt sich die Dynamik der Sprache und die mgliche
Erschlieung bestimmter Dinge durch weitere neue Bestimmungen. Auf die Buddha-Natur
bezogen, heit das, dass
341
ko [re] nan [no] sei [zo]? Siehe Shbgenz II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 33 und S.
55 Anm. 40, 41).
342
Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 27).
343
Siehe Metaphysik VII Buch (Z) 1041a-b (s. SCHWARZ 2001: S. 204-205); vgl. HASHI, Die Welt der
vergleichenden Philosophie, 2005: S. 39.
114
,Das [was hier und jetzt existiert,] die Buddha-Natur ist. Weil [das
konkrete] ,Das auch das [unfassbare] ,Was ist, ist es Buddha. Warum solltet ihr das
[konkrete] ,Das nur als das [unfassbare] ,Was untersuchen, denn das Konkrete ist
bereits die Buddha-Natur ... 344
Die Buddha-Natur ist immer das Ganze der Existenz, weil das Ganze der Existenz die
Buddha-Natur ist. Das Ganze der Existenz ist aber weder materiell {d.h. eine
Ansammlung materieller Dinge} noch spirituell {d.h. eine Idee der Einheit}. Weil es
nichts anderes als unser Tun und Handeln [im gegenwrtigen Augenblick] ist, ist es
weder gro noch klein. Was wir oben die Buddha-Natur genannt haben, solltet ihr
nicht mit etwas Heiligem oder [dem Begriff] ,Buddha-Natur verwechseln. 346
Die wirklichen Augenblicke des ,vollen Ganz-seins knnen die Leer-heit beschreiben. Die
Aussage, dass Form Leer-heit ist, darf nicht so interpretiert werden, als wre aus der Form
eine willentlich abstrakte Leer-heit geschaffen. Eine weitere Fehlinterpretation wre, zu sagen,
die Leer-heit wre eine in sich bestehende, objektivierbare Entitt, welche zur Herstellung
von Formen zerstckelt werden knnte.
Die Leer-heit ist wie ein Stein im leeren Raum. 347 Der leere Raum k ist gekoppelt an
den konkreten Stein. Der Stein ist leer an Substanz, ohne bestndiges Eigenwesen. Auf die
Frage eines Mnchs, was die Absicht von Bodhidharmas Kommens aus dem Westen, was der
Sinn der buddhistischen Lehre sei, wird in einem Zen-Dialog die Antwort gegeben: Ein Stein
im leeren Raum.
348
344
115
Satz zu einer buddhistischen Metaphysik. 349 Was ist die Metaphysik des Zen? Nach Dgen
muss das Leer-sein des Steins in der konkreten Wirklichkeit erfahren, intensiv erlebt werden.
Es gibt die Aussageweise, ,Alle Lebewesen haben voll und ganz die Buddha-Natur
350
Der Ausdruck ,Fallenlassen ( datsuraku) stammt von Dgens Lehrer Tend Nyoj (
1163-1228), dessen oft zitierte Worte lauten: Zazen ist das Fallenlassen von Krper und
Geist.
352
Das bedeutet, jeglichen Anspruch, etwas haben, besitzen oder erlangen zu wollen,
Nach Dgen sagt der Zen-Lehrer nichts aus, was dem Buddhismus widersprche. Das klingt
zunchst widersprchlich. Die Aussage des Zen-Lehrers scheint die bloe Negation der
Aussage des Buddha kyamunis zu sein. Aufgrund intensiver Konfrontation und der dadurch
erfolgten Erschlieung der ,Buddha-Natur wird diese von Fall zu Fall ,Nicht-Buddha-
349
Siehe HASHI, Die Dynamik von Sein und Nichts, 2004: S. 69-70.
Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 27).
351
Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 44).
352
Siehe Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 58 Anm. 95).
353
Shbgenzo II Bussh (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2003: S. 44).
350
116
Die Lebewesen und die verschiedenartigen Formen der Existenz werden manchmal
als ,alle Lebewesen, manchmal als die ,Existenz der empfindenden [Wesen],
manchmal als ,alle Daseinsformen ... bezeichnet. Kurz: Alles, was existiert, ist die
Buddha-Natur, und das alles umfassende Ganze der ganzen Existenz nennen wir ,die
Lebewesen. Jetzt, in diesem Augenblick, ist das Innen und Auen aller Lebewesen
das Ganze der Existenz der Buddha-Natur. 354
VIII. Sanskui ky: Das wahre So-sein der Berge und Flsse
Zur Erforschung des So-seins des Wassers zeigt Dgen folgende erkenntnistheoretische
Methoden und Sichtweisen auf:
354
355
Das Wasser ist weder stark noch schwach, weder nass noch trocken, weder bewegt
noch still, weder kalt noch warm, weder existent noch nicht existent; es ist weder
Tuschung noch Erwachen. 356
ii. Die Methode des sich ,Sich-Selbst-Erschauens grndet auf der Einsicht in die skandhas,
welche die ueren Phnomene und das eigene Selbst ausmachen. Die Trennung von Innen
und Auen ist berwunden.
... es ist mglich zu sagen, da das Wasser sich selbst erschaut und mit seinem
Wesen so erscheint. Das Erwachen zum Wesen des Wassers selbst bedeutet das
erkennende Wissen davon, dass Wasser sich in seiner daseienden Erscheinung
darstellt, so wie es fr sich eigen ist. In dieser Hinsicht sollten wir uns den Weg
erschlieen, der uns zum Erschlieen unseres Wesens anleitet. Und wir sollten diesen
Weg zur Erkenntnis dharma aktualisieren. 357
Die Erkenntnis anleitende Einsicht praj in das Wesen des Wassers ist das Wissen vom Sosein des Wassers, so wie es wirklich ist. Durch die Erschlieung des So-seins des Wassers
wird aufgrund der lebendigen wechselseitigen Durchdringung das So-sein der anderen
Naturphnomene, von sich selbst erschlossen.
Das andere Selbst lsst sich von den weiteren anderen erschlieen. Die Erschlieung
davon macht einen Weg zur Aktualisierung der erkannten Wahrheit aus. Wir mssen
uns auf diesem Weg bewegen, und zwar mit unserem Fortschreiten und Rckschreiten.
Und auch dieser Weg muss berschritten werden ... 358
356
118
Die Erschlieung des wahren So-seins von sich und anderen durch praj erfolgt stets aufs
Neue. Der durch die Einsicht geleitete Bewusstseinsinhalt verndert sich unentwegt. Die
Methode muss immer wieder angewendet werden. Deshalb weist Dgen an, auch ber diese
Methode hinauszugehen.
iii. die Bestimmung des Wassers aus den verschiedenen Sichtweisen buddhistischer
Existenzformen: Fr die Fische etwa ist das Wasser ihre Wohnsttte, ihr Lebensraum.
Menschen sehen das Wasser als Element zum Trinken, als Ursache und Bedingung von Leben
und Sterben, als Einheit von Form und Geist usw.. 359
So ist das Gesehene in der Tat unterschiedlich nach der Art des Wesens [welches
sieht] ... Die hchste Verwirklichung knnte tausende von Arten und Zehntausende
von Varianten haben. Wenn wir ber das Prinzip nachdenken, scheint es, als ob es
trotz der vielen Arten von Wasser ursprnglich kein Wasser [wie wir es verstehen]
gibt und auch nicht die vielen Arten von Wasser [die wir mit den Sinnen
wahrnehmen]. 360
Wenn es so viele bestimmte Sichtweisen und Methoden gibt, das Wasser zu sehen und zu
beschreiben, knnte es sein, dass aus den verschiedenartigen Betrachtungen des Wassers
keine einheitliche These ber dessen wahres So-sein aufgestellt werden kann. Dgen fhrt
fort:
Gleichzeitig beruhen die vielen Arten von Wasser, die mit allen Wesen verbunden
sind, nicht auf dem Geist oder auf der Materie; sie entstehen weder aus dem Karma
noch sttzen sie sich auf sich selbst oder auf etwas anderes, sondern sie beruhen auf ...
der alles durchdringenden, freien Wasser[-Wirklichkeit] selbst. 361
359
Siehe Shbgenz I Sansuiky (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 198); die verschiedenen Sichtweisen
werden im Mahynasagraha thematisiert, einem vom Yogcrin Asaga verfassten Werk aus dem
[Link], etwa im Kapitel 2 14, Kapitel 8 20, siehe Mahynasagraha I, II (s. LAMOTTE 1973: S. 3031, 78-79 bzw. S. 104-107, S. 250-252, Avant-Propos S. 5).
360
Shbgenz I Sansuiky (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 198).
361
Shbgenz I Sansuiky (s. LINNEBACH/NISHIJIMA 2001: S. 198).
119
Wasser befindet sich nicht nur in der Form eines Flussbettes, des Meeres usw. in der Welt,
sondern auch in Form von Wolken, Regen- und Tautropfen, in Form von Grundwasser usw..
Das Wasser befindet sich in der Luft, auf der Erde und unter der Erde, in einer stndigen
Zirkulation in unserer Erfahrungswelt. Der Wasserkreislauf und die Welt durchdringen
einander. Neben allen Wasserphnomenen umfasst die Welt als leuchtende Perle alle anderen
Phnomene, Natur und Mensch, welche sich unbehindert gegenseitig widerspiegeln wie die
Edelsteine in Indras Netz.
Es gibt nicht nur Wasser in der Welt. Es gibt auch Welten in der Wasserwelt. Und
solche Welten existieren nicht nur im Wasser. Es gibt Welten empfindender Wesen in
den Wolken, es gibt Welten empfindender Wesen im Wind, es gibt Welten
empfindender Wesen im Feuer, es gibt Welten empfindender Wesen in der Erde, es
gibt Welten empfindender Wesen in der Dharma-Welt, es gibt Welten empfindender
Wesen in einem Grashalm, und es gibt Welten empfindender Wesen in einem
Spazierstock. 363
1. ,Die Bewegung selbst und das ,Flieen selbst als wahres So-sein der Berge und
Flsse
Nach Dgen ist es ein Irrtum, zu glauben, dass nur das flieende Wasser das wahre So-sein
des Wassers ausmacht: Das Wasser ist ... weder bewegt noch still ...
364
neben seiner flieenden Form auch eine nicht flieende, unbewegliche Form wie etwa das
362
120
Wasser in einem Krug, ,stehende Gewsser wie Tmpel und Seen, wie das stille Meer. Wenn
das Wasser aus dem Krug gegossen, wenn ein Wind ber die Wasseroberflche streicht,
kommt das still stehende Wasser in Bewegung und bildet Wellen. Das Wasser befindet sich
somit in dem einen Augenblick in Ruhe, in einem anderen Augenblick in Bewegung wie eine
Perle. Diese Dynamik des stndigen Wechsels von Flieen und Nicht-Flieen des Wassers
nennt Dgen ,die Bewegung selbst und das ,Flieen selbst
365
Wenn wir es nur als flieend ansehen, verflscht das Wort ,Flieen das Wasser, weil
[das Wort] notwendigerweise etwas anderes ist als ,das Flieen selbst. Wasser ... ist
jenseits von ,Flieen. Wenn ihr das Flieen und Nicht-Flieen eines einzigen
Wassertropfen meistert, verwirklicht sich in einem Augenblick die vollkommene
Meisterschaft der zehntausend Dharmas. Dasselbe gilt fr die Berge ... ,Berge sind
Berge, Wasser sind Wasser. 366
365
121
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Bukky jiten
Daijisen
DCBT
DJBT
PED
VIA I
131
132
Anhang
1. Zusammenfassung
Die naturwissenschaftlich-objektive Erkenntnis, welche die radikale Trennng in ein
erkennendes Subjekt und erkanntes Objekt vornimmt, sucht die Gesetzmigkeit natrlicher
Ablufe zu erforschen und menschlichen Zwecken dienlich zu machen. Die ihrem
Eigenwesen nach als substantiell angesehenen Naturgegenstnde werden begrifflich und
funktional bestimmt, jedoch nicht ganzheitlich erfasst, so wie sie wirklich sind, sondern nur
als partielle, konzeptualisierte Wirklichkeit.
Im Werk Shb genz des japanischen Zen-Denkers und -Mnchs Dgen Kigen (
1200-1253) wird eine neue Sicht erffnet, in welcher die durch konkret ontisches Seiendes
wie Berge und Flsse gezeigten Naturphnomene die Verwirklichung der allumfassenden
Erkenntnis dharma sind. In der erkenntnisleitenden Einsicht praj ist das wahre Wesen der
konkreten Wirklichkeit untrennbar verbunden mit dem schauenden Erkennenden. Das ist die
Buddha-Natur.
Ausgangspunkt der Arbeit ist die frh-buddhistische Abhidharma-Lehre, welche die
materiell-geistigen Phnomene der Welt in substantielle Gegebenheiten dharmas einteilt. Die
im Herz-Stra zusammengefasste Prajpramit-Literatur des frhen Mahyna-Buddhismus
bildet die Grundlage fr die Lehre des indischen Mdhyamikas Ngrjuna vom Leer-sein der
Phnomene als Ermglichungsgrund fr deren abhngiges Entstehen. Diese MahynaLehren stellen eine Wende in der dual strukturierten Denkweise dar. Wenn der Geist von allen
Anhaftungen und sprachlich-diskursiven Bestimmungen zur Ruhe kommt, wird in die Leerheit nyat eingesehen. Die Leer-heit und das abhngige Entstehen sind der ,mittlere
Weg zwischen den zwei extremen Ansichten, dem Nihilismus einerseits, d.h. der totalen
Fragmentierung der Wirklichkeit und deren totalen Auslschung, und dem Eternalismus
andererseits, welcher die Welt als aus bestndigen Entitten bestehend proklamiert.
Basierend auf der in der buddhistischen Hua-yen-Schule gelehrten lebendigen wechselseitigen
Durchdringung aller Phnomene wird nach Dgen in der Einsicht praj das ganze
Universum als ,leuchtende Perle erschlossen, die Leer-heit als wahre So-heit der
Naturphnomene und des offenen Selbst ohne Verlust der je eigenen Individualitt. Das
einsichtige Erschlieen des wahren So-seins alles Da-seienden und somit neuer Denk- und
Handlungsperspektiven erfolgt nach Dgen auf dem Wege der zazen-Praxis, in welcher die
Bewegungen des atmenden Selbst und der Naturphnomene wertschtzend erforscht werden.
133
Das wahre So-sein aktualisiert sich auf natrliche Weise in den alltglichen Verrichtungen im
leiblich-ontischen Da-sein, in jedem Augenblick.
134
2. Lebenslauf
Heidrun Jger
Geburtsdatum
1971 in Wien
Schulausbildung
1977 - 1981
Volksschule
1981 - 1989
Matura
Studium
1989
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