Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v.
Tiedemann 1
Skript zum Vorlesungsmodul
"Einführung in die Phytomedizin"
Grundstudium Agrarwissenschaften, Georg-August-Universität Göttingen
Herausgegeben von Prof. Dr. Andreas von Tiedemann
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 2
Grundlagen der Phytomedizin
- Inhaltsübersicht -
Einführung, Pflanzenschäden, Abiotische Schadursachen 2
Viren, Bakterien/Phytoplasmen 10
Pilze 15
Nematoden, Arthropoden 27
Populationsdynamik/Epidemiologie von Schaderregern 41
Unkräuter 44
Krankheitsentstehung – Pathogenitätsfaktoren, Resistenz 46
Einfluß von Umweltfaktoren auf den Befall 60
Physikalische Pflanzenschutzverfahren 63
Chemischer Pflanzenschutz 64
Biologischer Pflanzenschutz 71
Integrierter Pflanzenschutz (IPS) - 75
Schadensschwellen, Prognosesysteme, gezielte Maßnahmen
Rechtl. Rahmenbedingungen (Zulassung, Risikoindikatoren) 82
Phytomedizin - Aufgaben, Definitionen, Geschichtliches
Was ist „Phytomedizin“?
Æ analog:
„Tiermedizin“
„Humanmedizin“
Def. "Krankheit" = jegliche (schädliche) Abweichung von den normalen Lebensäußerungen
eines Organismus
Die Phytomedizin widmet sich der wissenschaftlichen Untersuchung von Pflanzen
Krankheiten und Beschädigungen an Pflanzen unter folgenden Hauptaspekten:
- Beschreiben des Schadbilds
- Ursachenforschung
- Entwicklung von Vermeidungsstrategien
- Entwicklung von Bekämpfungmethoden
Was beinhaltet Phytomedizin?
Pflanzenpathologie Æ Bakterien, Pilze, Viren, Nematoden (Æ Nematologie)
Entomologie Æ Insekten, Milben (sowie Schnecken, Nagetiere, Vögel)
Herbologie Æ Unkräuter
Pflanzenschutz
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Geschichtliches - Meilensteine in der Phytopathologie und im Pflanzenschutz
Phytopathologie
seit 6000 [Link]. Krankheiten im Ursprungsland des Ackerbaus, dem
"Goldenen Dreieck" (Euphrat u. Tigris)
ca. 300 v. Chr. Hellenistische Naturlehre (Aristoteles 384-323); analytisch-
wissenschaftliche Untersuchung von Pflanzenkrankheiten
(Rost, Mehltau, Insektenfraß) durch THEOPHRAST und
Erarbeiten von Bekämpfungsmaßnahmen
1714-1791 [Link] TILLET weist erstmals einen Pilz (Tilletia tritici) als Ursache
einer Pflanzenkrankheit (Weizensteinbrand) nach
1803-1889 BERKELEY weist Phytophthora infestans als Erreger nach,
desgl. auch J. KÜHN (1825-1910)
1825-1910 J. KÜHN beschreibt die phytophagen Nematoden Ditylenchus
dipsaci u. Anguina tritici (1858), klärt die Ursache der
Rübenmüdigkeit in Sachsen auf (Heterodera schachtii 1875)
1831-1888 ANTON DE BARY beschreibt die parasitäre Natur der Brand-
und Rostpilze, sowie der Peronosporaceen
1874 SORAUER begründet "Handbuch der Pflanzenkrankheiten"
1879 BURRILL beschreibt erste Phytobakteriose, den Feuerbrand an
Birnen (Erwinia amylovora) im Staat New York
1891 "Zeitschrift für Pflanzenkrankheiten" erscheint in Stuttgart
1892-1898 IWANOWSKI und BEIJERINCK entdecken Pflanzenviren
1967 Erster Nachweis von Mykoplasmen (Asternvergilbung,
Maulbeerverzwergung)
1970 Erster Nachweis von Rickettsien (RLO in Kleeseide)
Pflanzenschutz
seit ca. 1800 Systematische Testung anorgan. Beizen gegen Brände
1810 Einführung von Kupfersulfat-Beize gegen Weizensteinbrand
1885 MILLARDET entwickelt die Kupferkalkbrühe gegen Reben-
und Hopfenmehltau (Bordeauxbrühe)
1913 Org.-Quecksilberbeize gegen Steinbrand u. Schneeschimmel
1942 Einsatz von DDT als Insektizid
1948 Einführung von Phosphorsäureestern (E605, Parathion),
sowie von Wuchsstoffherbiziden (2,4 D)
ca.1950 Dithiocarbamate (Maneb, Mancozeb), erste organische Fung.
1959 Einführung von CCC im Getreidebau
1960 Zulass. von B. thuringiensis-Präparaten gegen Lepidopteren
1966 Carboxin, erstes sytemisches Fungizid (Flugbrand)
1986 Verankerung des Integrierten Pflanzenschutzes im PS-
Gesetz
1987 Übertragung von Herbizidtoleranzgenen in Mais und Sojabohne,
Übertragung des Bt-Gens in Mais und andere Kulturpflanzen
1993 Markteinführung von Strobilurinen
Ertragsverluste durch Schaderreger im Pflanzenbau
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Potentielle Ertragsverluste (%, weltweit) durch Schaderreger
in den 8 wichtigsten Nutzpflanzen und Verlustminderung durch
Pflanzenschutzmaßnahmen (Oerke & Steiner, 1996)
Nutz- Pot. Verluste [%] Aktuelle Verlust-
pflanzenart (o. PSM) Verluste [%] minderung
d. PSM [%]
Baumwolle 83,8 36,9 56
Reis 82,4 51,1 38
Kartoffel 73,4 41,8 43
Kaffee 69,0 37,3 46
Mais 59,3 38,0 36
Sojabohne 58,6 33,4 43
Weizen 51,6 33,5 35
Gerste 47,2 29,8 37
Mittel 65,7 37,7 41,8
Pflanzenschutzmittelmarkt, Verbrauch nach Regionen (1991)
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Welt ca. 37 Mrd DM
davon Westeuropa 31%
Nordamerika 26%
Asien 15%
Lateinamerika 11%
Japan 9%
Afrika 4%
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Quelle: Industrieverband Agrar, Frankfurt 1993
Pflanzenschutzmittelmarkt (%) nach Wirkungsbereichen (in t, 1991)
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Deutschland Welt
Herbizide 61% 48%
Insektizide 5% 29%
Fungizide 30% 22%
_____________________________________________________________
Quelle: Industrieverband Agrar, Frankfurt 1993
Symptome von Befall und Schädigung
Durch genaue Symptombeobachtung und -beschreibung kann sehr oft schon die Diagnose
gstellt werden. Symptombegriffe sind meist nicht wissenschaftlich exakt definiert und somit
auch nicht immer ganz eindeutig. Symptomerfassung kann auf versch. Ebenen erfolgen:
- Auftreten, Verteilungsmuster im Feldbestand (Nester, Streifen, Randbefall)
- makroskopische Symptome an Einzelpflanzen (siehe unten)
- mikroskopische Befundung der Symptome (Erregersporen, etc.)
- Labordiagnostik: Isolierung, ELISA, PCR, Immunfluoreszenztest etc.
Übersicht über mögliche Schadsymptome an Einzelpflanzen
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Welken
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Farbveränderungen
Absterbeerscheinungen
- Nekrosen
- Fäulen
- Dürren
- Verfall
- Abwerfen von Organen
Formveränderungen
mechanische Schäden
Ausscheidungen
sichtbare Schaderreger
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BEISPIELE:
1) Welken
Tracheobakteriosen, Bakterienwelke der Tomate (Corynebacterium michiganense =
Clavibacter michiganensis)
Tracheomykosen, Welke durch Verticillium dahliae bzw. V. albo-atrum bei Kartoffeln,
Tomate, Erdbeere, Baumwolle u.v.a., Welken auch durch Heterodera schachtii an Rüben
2) Farbveränderungen
Chlorosen häufig durch (Mosaik)-Viren, MLO u. RLB sowie Nährstoffmangel (N, Fe, Mn,
Mg)
3) Absterbeerscheinungen
- Nekrosen
durch sämtliche nekrotrophen Pathogene verursachte Symptome, z.B. Blattflecken im
Getreide, Wurzelhals- Stengel- und Blattnekrosen durch Phoma lingam an Raps,
Schrotschußkrankheit an Steinobst durch Stigmina carpophila, Adernnekrose
(Strichelkrankheit) durch Y Virus der Kartoffel, Cercospora-Blattflecken der Zuckerrübe
- Fäulen
Naßfäulen: Erwinia carotovora an Kartoffelknollen, Monilia-Fruchtfäule bei Kernobst
(Monilinia fructigena); Trockenfäulen: Fusarium solani an Kartoffelknollen
- Dürren, Verfall
irreversibles Vertrocknen, Birnenverfall durch MLO umfaßt Nekrose, Fäule und Dürre
4) Formveränderungen
- Stauche, Riesenwuchs, Habitus
Gelbverzwergung (Barley yellow dwarf virus, BYDV) bei Gerste, Himbeerstauche-Virus,
Stauche durch MLO (Mais, Kartoffel, Citrus) bzw. versärktes Längenwachstum bei Gerste
mit Flugbrandbefall (Ustilago nuda), Hexenbesen durch Taphrina cerasi an Kirsche sowie
MLO
- Gallen, Tumore ("Krebse")
durch Gallmilben, -wespen, Blattläuse induziert, Wurzelgallen durch Nematodenbefall
(Meloidogyne-Arten) oder Schleimpilze (Plasmodiophora brassicae an Cruciferen,
Kohlhernie), Tumore durch Agrobacterium tumefaciens (Wurzelkropf Rebe, Z.rübe), nur an
Dikotylen!; Stammkrebs (kein Krebs i.e.S.!) bei Obstbäumen u. Pappel durch Nectria spp.;
Kartoffelkrebs (Synchytrium endobioticum)
- Blattverformungen
Kräuselungen durch Taphrina deformans bei Pfirsisch; Deformation durch "fan-leaf" -
Virusbefall (Reisigkrankheit der Rebe); Kleinblättrigkeit durch MLO-Befall bei Kernobst;
Kelchblattelongation bei Himbeerstauche-Virus
- Blütenanomalien
Blütenvergrünung (Phylloidie) durch MLO-Befall (Kartoffel, Klee)
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- Triebverkrümmungen
Stengelrüsslerschaden an Raps, Weißer Rost bei Cruciferen, Fan-leaf-Virus der Rebe,
Verbänderungen bei Weide, Esche u. Lärche (Ursache unbekannt)
- Verformungen von Früchten und Knollen
Narrentaschen bei Pflaumen (Taphrina pruni), Rhizoctonia solani an Kartoffeln
- Wurzelverformungen
Wurzelbärtigkeit durch Rizomania an der Zuckerrübe, oder Heterodera-Befall an Rüben
5) Mechanische Schäden
- Kahlfraß, Lochfraß, Skelettierfraß
Kartoffelkäfer, Kohlweißlingsraupen, Eichenwickler
- Fensterfraß, Schabefraß
mind. eine Epidermis bleibt stehen (Getreidehähnchen); Gewebe nur oberflächlich geschädigt
(Schneckenfraß, Gammaeule auf Rapsstengeln u. -schoten)
- Minierfraß, Gangfraß
Mesophyllfraß, Epidermen bleiben erhalten, Getreideminierfliege
Aushöhlen des Stengels durch Rapsstengelrüssler
- Schälwunden durch Wild
6) Ausscheidungen
Gummifluß bei Rindenbrand an Kern- und Steinobst (Pseudomonas mors-prunorum);
Bakterienschleim beim Feuerbrand (Erwinia amylovora)
7) Sichtbare Schaderreger
Sporenlager bei Rosten, Mehltau, Milben und Insekten auf der Pflanzenoberfläche
(Schildläuse), Sklerotien oder Fruchtkörper auf befallenem Gewebe
Quantifizierung des Befalls
Befallshäufigkeit (incidence) = Anteil befallener Pflanzen einer Stichprobe
ermittelt durch Auszählen, besonders bei Krankheiten, die Totalausfall einzelner
Pflanzen bewirken, z.B. Getreidebränden
Befallsstärke (severity) = Anteil befallenen Pflanzengewebes in %
ermittelt durch Bonitur des Schädigungsgrades, meist bei pilzlichen oder bakteriellen
Pathogenen, Bonituren sind visuelle Schätzungen meist anhand von vorgegebenen
Schadensklassen (siehe Abb.)
Befallsdichte (density) = Schaderregeranzahl pro Pflanze, Pflanzenorgan od. Fläche
ermittelt bei tierischen Schaderregern durch versch. Fangtechniken (Licht-, Boden-,
Pheromonfallen)
Ertragsverluste
∆E=m-y
y=m-∆E
m, genetisches Ertragspotential = theoretischer Maximalertrag
unter permanenten Optimalbedingungen
y, aktueller Ertrag (yield)
Befalls-Verlust-Relationen, wichtig zur Festlegung von Schwellenwerten im
Pflanzenschutz („Schadensschwellen“). Hierbei gehen Kosten (für PS-Maßnahmen) und
Erlöse (Marktpreise) sowie das Ertragsniveau ein (mehr zum Schwellenkonzept bei
Besprechung der PS-Maßnahmen).
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 7
Befalls-Verlust-Relationen notwendig für die Festlegung von Æ „Schadensschwellen“
Es gehen ein: Kosten (für PS-Maßnahmen), Erlöse (Marktpreise) sowie das Ertragsniveau
Ertragsverluste =
Bekämpfungskosten
Ökonomische SS
Schadensschwelle Maßeinheit: Befallsparameter
für Bekämpfungs-
maßnahme
Modelle für Befalls-Verlust-Relationen sind abhängig von der Biologie der Schaderreger:
- Criticle-Point-Modell
z.B. Getreideschwarzrost, bei dem für den Ertragsverlust der Befall zu EC 75 entscheidend ist
y = -25 + 27 log x
y Ertragsverlust in %; x Befall (%) zu EC 75
- Multiple-Point-Modell
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z.B. Phytophthora infestans (Krautfäule) an der Kartoffel
y = 1,87x1 + 0,47x2 + 1,44x3 + 0,63x4 + 0,19x5 + ....
x1 - xi wöchentliche Zunahme der Krautfäule in %
- AUDPC-Modell (area under the disease progress curve)
Integral der Befallsverlaufskurve ist maßgebend für die Verlustrate, z.B. bei Cercospora an
der Kuhbohne
Grenzen der Modellgenauigkeit:
- multiple Schadeinflüsse (mehrere Schaderreger) mit Wechselwirkungen
- variables Kompensationsvermögen der Pflanze (Sorte!)
- jährlich variierende Ertragserwartung durch Witterungseinflüsse
Physiologie der Schadensentstehung
1. Zerstörung von Pflanzengewebe (Nekrotisierung, Fraß durch Pertophyten bzw. Insekten,
ertragswirksam besonders bei Wurzeln und Assimilationsorganen)
2. Entzug von Pflanzeninhaltsstoffen (alternative sink-Bildung; bei Rosten kann Entzug
mehr Schaden anrichten, als wenn das Blatt gar nicht vorhanden wäre!)
3. Exkretion/Induktion pflanzenschädigender Stoffe: Enzyme, Toxine, Phytohormone
(v.a. durch Pertophyten, Welkerreger und Bakterien)
4. Induktion energieverbrauchender Abwehr- u. Heilungsreaktionen (HR gegen
Gerstenmehltau mit bis zu 10% Ertragsminderung)
Abiotische Ursachen von Pflanzenschäden
Klima Temperatur Kälte, Hitze
und Licht Lichtmangel, Starklicht
Witterung Luftbewegung Sturm
Niederschläge Regen, Hagel, Schnee
Boden Feuchtigkeit Nässe, Trockenheit
physikal. Faktoren Verdichtung
chemische Fakt. pH, Nährstoffmangel, -überschuß
Versalzung, toxische Stoffe
Agrar- Geräte, Maschinen Wunden
techniken Chemikalien Verätzungen durch PSM
und Düngemittel
Immissionen Emissionen aus Ozon, PAN, SO2, HF, Stickoxide
Industrie, Haushalt u. Verkehr
Tierhaltung Ammoniak
Die am häufigsten in der Praxis auftretenden Schadwirkungen sind hervorgehoben.
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Biotische Ursachen von Pflanzenkrankheiten
Ursachen von Schäden an Pflanzen
Viren, Bakterien, Pilze Pflanzen- Schädi-
Schaderreger krankheit
Nematoden
biotisch gung
Tier. Schaderreger
der
Unkräuter, -gräser
Pflanze
Schadfaktoren (Luft-)schadstoffe,
abiotisch Nährstoffmangel; PSM-
Verätz., mechan.
Verletzungen, etc.
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Viren (Virus, lat. “Gift”)
_________________________________________________________________________
- obligate Pathogene in wenigstens einem Wirtsorganismus
- bisher ca. 1200 Pflanzenvirosen in Europa beschrieben
- Größe unter ca. 300 nm
- nur RNA oder DNA (Lebewesen haben stets beide)
- kein eigener Stoffwechsel, keine eigene Replikation
- unempfindlich gegenüber Antibiotika
- Virion (komplettes Virus) besteht aus Proteinhülle (Mantel, Kapsid > besteht aus
Kapsomeren) und Genom, ggfs. noch lipidhaltige Hülle (envelope)
- Viroide sind infektiöse Nukleinsäuren ohne Mantel
Geschichtliches
1886 Erster Nachweis der Infektiosität von TMV
1935 Isolierung von TMV
1939 EM-Nachweis von TMV
Klassifizierung
- morphologisch:
stäbchen- und fadenförmige V. (TMV, ca. 18 x 300 nm)
isometrische V. (meist 32 Kapsomere, Ikosaederform)
- nach Wirtsklassen:
Phytophagen in Pflanzen u. Pilzen
Bacteriophagen in Bakterien
Arthropodophagen insektenpathogen
Zoophagen human- und tierpathogen
Phytophagen-Klassifizierung z. Zt. noch sehr unvollständig. Hauptmerkmale sind
Morphologie, Genom und Wirtspflanze.
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BEISPIELE für Phytophagen (Pflanzenpathogene Viren)
Virusgruppe Typvirus, weitere Vertreter Vektor, Übertragung
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Stäbchen- oder fadenförmige V.
Tobamo- Tobacco mosaic virus (TMV) mechanisch
Poty- Potato virus Y mechan., Blattläuse (n. persistent)
Bean yellow mosaic virus Blattläuse
Barley yellow mosaic virus Polymyxa graminis
Oat mosaic v., wheat yellow mosaic v. -"-
Clostero- (fadenförmig)Beat yellows virus Blattläuse (semi-persist.)
Furo- fungus-transmitted rod-shaped v. mechanisch, Pilze
Soilborne wheat mosaic virus Polymyxa graminis
Beet necrotic yellow vein virus Polymyxa betae
Potato mop top virus Spongospora subterranea
Sphärische V. ohne Hülle
Tymo- Turnip yellow mosaic virus mechan., Käfer
Luteo- Barley yellow dwarf virus Blattläuse (persistent)
Nepo- nematode-transmitted polyedric v.
Tobacco ringspot virus mechanisch, Longidorus
Grapevine fanleaf virus mechanisch, Xiphinema
Sphärische V. mit Hülle
Rhabdo- (rhabdo = Stab)
im Cytoplasma: Lettuce necrot. yell. v. Blattläuse
im Zellkern: Potato yell. dwarf v. Zikaden
Crypto- (krypto = geheim) nur durch Samen oder Pollen
nicht pathogen!
Arthropodophagen
Baculo- Kernpolyederviren (quaderförmig), im Kern, versch. Insektenlarven
Granuloseviren, in Kapsel (Granula), im Cytoplasma von Lepidopteren-
Raupen
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Übertragungswege
mechanisch (Wunden, Pfropfung, Pflanzenextrakte, Stecklinge)
Samen und Pollen
Vektoren (Insekten, Milben, Nematoden, Pilze, parasit. Samenpflanzen)
Übertragungstypen bei ...
- Insekten, kauende MWZ:
schnelle Aufnahme, mehrere Wochen Überdauerung in Hämolymphe ohne Replikation
(Käfer)
- Insekten, stechend-saugende MWZ:
nicht-persistent: schnelle Aufnahme nach kurzem Saugen an äußeren Gewebezellen,
keine Zirkulation oder Replikation im Wirt (Blattläuse); Latenzeit von
max. wenigen Minuten
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semi-persistent: Aufnahme z.T. aus Phloem, Latenzzeit bis 3 Tage, keine Replikation
(Blattläuse)
persistent: Aufnahme aus Phloem nach längerem Saugen, Darmpassage und
Organinvasion, Virusabgabe innerhalb eines Tages ohne Replikation
oder nach 1-2 Wochen nach Replikation; transovariale Ü. möglich
(Blattläuse, Zikaden), Vektoren können erkranken
- Milben (Eriophyes, Aceria):
meist semi-persistente Übertragung
- Nematoden:
ektoparasitische wandernde Wurzelnematoden (Ordnung Dorylaimida); meist persistente
Übertragung, Infektiosität geht durch Häutung verloren, keine Weitergabe an Nachkommen
Eintritt in die Pflanze und Vermehrung
- Kontakt mit Zellmembran: Pinocytose m. Vesikelbildung od. Fusion o. V.
- Aufnahme in das Cytoplasma
- Kapsidabbau
- Replikation: Transkription über mRNA
- Æ Genomreplikation Æ Translation; im Cytoplasma od. Zellkern (selten Plastiden)
- Zusammenbau der Virionen (“assembly”)
- Besiedlung der Zelle und Ausbreitung
Ausbreitung in der Pflanze
- über Plasmodesmen und Phloem; wichtig: virale Transportproteine!
- Ausbreitung mit ca. 1 cm/h bis 2,5 cm/min
- meist in Richtung auf aktive Wachstumszentren der Pflanze (Wurzel, Sproßspitze)
- Verteilung in der Pfl. meist sehr heterogen, Spitzenmeristem bleibt meist virusfrei!
Bekämpfung von Virosen
- Vektorbekämpfung
- Vermeidung mechanischer Beschädigungen
- Meristem- oder Triebspitzenkulturen (Obst- und Weinbau)
- Heißwasserbehandlung (bei 45-55°C; Obstreiser, Blumenknollen)
- Züchtung auf Virusresistenz
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Bakterien als Auslöser von Pflanzenkrankheiten
Allgemeine Kennzeichen von Bakterien
- Prokaryonten: DNA als Ringmoleküle frei im Cytoplasma (Kernmembran bzw. Zellkern mit
Chromosomen fehlen)
- ggfs. Plasmide: ringförmige autonom replizierende DNA-Moleküle (--> Konjugation), Ti-
Plasmid, F-Faktor
- keine Zellorganellen, sondern Membran-Kompartimente (Mesosomen)
- 70S-Ribosomen
- Zellwand aus heteropolymerem Murein-Sacculus aus N-Acetylglucosamin- und N-
Acetylmuraminsäure-Strängen, die über Aminosäuren quervernetzt sind (setzen an
Muraminsäure an); ggfs. zusätzlich Schleimkapsel
gram-negative B. - nur monomolekulare Mureinschicht mit aufgelagerten
Lipopolysacchariden, Lipoproteinen und Lipiden
gram-positive B. - bis 70% Murein + Teichonsäuren
- Geißeln zur aktiven Fortbewegung
- Vermehrung durch binäre Teilungen, selten durch Sprossung
- Ernährung C-heterotroph
- Größe unter 1 µm
Rickettsien, RLO (RLB)
- gram-negative Stäbchen, Zellwand mit typisch rauher Oberfläche, > penicillin-sensibel!
- ca. 1-3 µm lang, im Lichtmikroskop nachweisbar!
- besiedeln speziell das Xylem und/oder Phloem
- Übertragung meist durch Zikaden, Wanzen, auch durch Pfropfung, Kleeseide
BEISPIELE:
- Verzwergung Luzerne, Pierce'sche Krankheit Rebe (xylem-limited)
- Hexenbesen Lärche (xylem- u. phloem-limited)
Phytoplasmen (früher: Mykoplasmen, MLO)
- zellwandlose Bakterien: 3-schichtige Membran statt Zellwand
- pleomorph
- nur 200-1000 nm groß
- MLO kleinste bekannte Lebewesen!
- obligate Phloembesiedler
- Tetrazyklin-sensitiv (Eingriff in Proteinsynthese!), Penicillin-insensitiv
1. Vergilbungen
Asternvergilbung, Salat, Tabak (M, MLO), Birnenverfall (MLO)
Goldgelbe Vergilbung Rebe ("Flavescence doree") (MLO)
2. Stauche, Verzwergungen
Stolburkrankheiten Solanaceen (MLO)
Apfeltriebsucht (MLO)
3. Hexenbesen
Apfeltriebsucht
4. Phylloidie (Blütenvergrünung)
versch. Solanaceen, Klee
Spiroplasmen: Eigenschaften wie Phytoplasmen, aber helicale Form und kultivierbar
Citrus-Stauche (Spiroplasma citri)
Mais-Stauche (S. kunkelii)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 14
Übertragung von Phytoplasmen, Spiroplasmen: durch Zikaden, Pfropfung, Kleeseide (nur
Spiroplasmen auch mechanisch!)
Nachweis von Mykoplasmosen
- charakt. Symptome
- Tetrazyklinwirksamkeit (greift in Bakterienproteinsynthese, nicht in Zellwand ein!)
- Phloem-Nekrose
- serologisch
- EM
Verbreitung von Bakteriosen
- Vektoren (Tier, Mensch > Bearbeitungsgeräte
- Wind- und Wasserspritzer)
- Saat- und Pflanzgut
>>> wichtig: es sind für die Infektion immer Wunden oder natürliche Öffnungen (Stomata,
Lenticellen) erforderlich!! Keine selbstständige Invasion!
Typische Symptome von Bakteriosen
- Vergilbung
- Welke
- Nekrose (--> HR!)
- Tumor
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Beispiele wichtiger Phytobakteriosen
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Pseudomonas syringae
pv. morsprunorum Rindenbrand u. Blattflecken an Kirsche, Pflaume,
Aprikose, Pfirsisch
pv. phaseolicola Fettfleckenkrankheit Bohne
pv. tabaci Wildfeuer Tabak
pv lachrymans Eckige Blattflecke Gurken
pv. atrofaciens Basale Spelzenfäule Weizen
Pseudomonas solanacearum (jetzt: Ralstonia solanacearum)
Rasse 1: Schleimfäule und Welke der Kartoffel
Rasse 2: Bananen
Rasse 3: Kartoffeln u. Tomate
Xanthomonas campestris
pv. campestris Adernschwärze Kohlarten (Weiß-, Blumen-)
pv. pelargonii Welke, Stengelfäule u. Blattflecke Pelargonie
pv. translucens "Black Chaff", Bacterial Stripe" Weizen
pv. citri Zitruskrebs
Erwinia carotovora
subsp. carotovora Naßfäule Kartoffelknolle
subsp. atroseptica Schwarzbeinigkeit u. Knollennaßfäule Kartoffel
Erwinia amylovora Feuerbrand Apfel, Birne
Agrobacterium tumefaciens Bakterienkrebs, Wurzelkropf an 140 Wirtspfl.
Clavibacter michiganensis
subsp. michiganensis Tomatenwelke (Tracheobakteriose)
subsp. sepedonicus Ringfäule Kartoffel (Tracheobakteriose)
Streptomyces scabies Schorf Kartoffel, Rettich, Beta-Rübe
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Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 15
Pilze als Auslöser von Pflanzenkrankheiten
Allgemeine Kennzeichen der Pilze:
Pilze sind höhere Protisten und Eukaryonten (echter Zellkern, 80S-Ribosomen, Organellen),
chlorophyllfreie heterotrophe Organismen (keine Photo- oder Chemosynthese) mit einem
oder mehreren Zellkernen. Genom sehr variabel, meist haploid, seltener diploid; Myzel
homo- oder heterokaryotisch, Hyphenzellen einkernig, zweikernig, meist aber vielkernig,
sogar die Chromosomenzahl kann innerhalb einer Species schwanken(!) (Bsp. Botrytis
cinerea). Zellkern teilt sich ohne Auflösung der Membran (d.h., Kern teilt sich z.T. ohne
Kernspindel). Kernteilung oft unabhängig von der Zellteilung, Pilzzellen können ein bis
vielkernig sein.
Pilze bestehen aus einem Thallus (Pilzmasse) bestehend aus:
a) niedere Formen: amöboide Zellen, Plasmodien (=vielkernige, zellwandlose
Protoplasten)
b) höhere Formen:
- Sproßzellen (hefeartige Pilze)
- Myzel (Pilzgeflecht), bestehend aus vielkernigen, septierten oder unseptierten
Hyphen (= fadenförmige, meist verzweigte Schläuche, “Pilzfäden”), ca. 2-100 µm
Durchmesser
Wenigstens ein Entwicklungsstadium besitzt Zellwand; meist aus Chitin, bei Oomyceten und
Plasmodiophoromyceten Cellulose.
Nach ihrer Lebensweise lassen sich Pilze einteilen in:
Obligate Parasiten - Ernährung ausschließlich von lebenden Wirtszellen (Biotrophie)
Fakultative Parasiten - Besiedlung (Infektion) von lebendem Wirtsgewebe, welches
später abgetötet und weiter genutzt wird (Hemibiotrohpie)
Perthophyten - befallen lebendes Gewebe und töten es für die eigene Ernährung ab
Saprophyten - Ernährung ausschließlich von totem Pflanzenmaterial
Hyphen sind unseptiert (niedere Pilze) oder septiert (höhere Pilze). Bei höheren Pilzen sind
die Hyphen häufig zu Strukturen mit besonderen Funktionen zusammengelagert.
Rhizomorphen wurzelähnliche Gebilde
Sklerotien Dauerorgane
Stroma Zusammenlagerung zu einer “Gewebe”masse
Fruchtkörper Flechtthallus, Sexualorgane bei Asco- und Basidiomyceten
Fortpflanzungsformen der Pilze heissen Sporen. Sie können sexuell oder asexuell gebildet
werden. Man unterscheidet:
Konidiosporen - asexuell, Windverbreitung
Sporangiosporen - asexuell, Windverbreitung
Zoosporen - sexuell oder asexuell, Wasser, bzw. Flüssigkeitsfilm
Chlamydosporen - asexuell, dickwandig mit Reservestoffen (Überdauerungsform)
Sporen - sexuell, Zygospore, Oospore, Ascospore, Basidiospore, Aecidiospore
Man unterscheidet die Hauptfruchtform (Teleomorph) mit sexuell gebildeten Sporen, die
meist der Überdauerung und Erhaltung dienen, von der Nebenfruchtform (Anamorph) mit
asexuell gebildeten Sporen (Konidien) zur Massenvermehrung und Verbreitung. Die
Klassifizierung der Pilze erfolgt nach der Art ihrer Fortpflanzung in der Hauptfruchtform
(Ausnahme Deuteromyceten bzw. Fungi imperfecti). Wachstum der Pilze erfolgt nahezu
ausschließlich an der Hyphenspitze.
Lebensansprüche
- Feuchtigkeit: bevorzugt wässriges oder feuchtes Milieu, aktive Wachstumsstadien kaum vor
Austrocknung geschützt, bei Trockenheit Übergang zu Dauerstadien (Sporen, Sklerotien,
Dauermyzel etc.) >> daher typ. Habitat der Pilze: Streuschicht der oberen Bodenschichten
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 16
- Nährstoffe: Aufnahme gelöster Abbaukomponenten des organ. Substrats, Aufschluß
polymerer Substrate durch Exoenzyme, Aufnahme von C, N und P (S) in lösl. organ. Form,
anorgan. Aufnahme von S, Mg, K, Fe; Auxotrophie kann bestehen bezüglich SH-haltiger
Aminosäuren und den Vitaminen Thiamin, Biotin
- Temperatur: weiter Toleranzbereich häufig
thermophile P.: Talaromyces emersonii > 55°C
psychrophile P.: Gerlachia nivalis, Wachstum bis - 5°C
- pH-Wert: sauer, pH 3,5 - 6,5 bevorzugt
- Licht: zur Steuerung der Entwicklung oftmals wichtig, z.B. Induktion von
Sporenträgerbildung bzw. Sporulation besonders durch NUV-Licht (390-415 nm),
Keimschläuche oft negativ phototrop (Rostpilze)
Systematik der Pilze - zwei konkurrierende Systeme
(Es sind nur die phytopathologisch bedeutsamen Gruppen aufgeführt.)
Nach Ainsworth (1971)
Abt. MYXOMYCOTA (“Schleimpilze”): Plasmodium vorhanden
Klasse: Plasmodiophoromycetes
Abt. EUMYCOTA (kein Plasmodium, sondern Myzel)
Klasse: Chytridiomycetes
Klasse: Oomycetes
Klasse: Zygomycetes
[Link]. Ascomycotina
[Link]. Basidiomycotina
[Link]. Deuteromycotina
________________________________________________________________
Nach Müller & Löffler (1982)
Pilzähnliche Protisten:
- enthalten mind. ein bewegl. Stadium (Planosporen) >> “Wasserpilze”
Abt. Plasmodiophoromycota
Abt. Chytridiomycota
Abt. Oomycota
Echte Pilze:
- keine beweglichen Stadien vorhanden (“Landpilze”)
Abt. Zygomycota
Abt. Ascomycota
Abt. Basidiomycota
Abt. Fungi imperfecti
___________________________________________________________________________
Beschreibung wichtiger phytopathogener Pilze
Pilzähnliche Protisten
Abt. Plasmodiophoromycota
Alle Vertreter der Myxomycota ohne Hyphen; phytopathogene Formen sind obligat biotroph
und leben als nackter Protoplast endosymbiontisch. In der Vermehrungsphase werden
Zoosporen oder Dauersporen mit stabilen Zellwänden gebildet. Die Infektion erfolgt
ausschließlich über Wurzeln im Boden.
- Plasmodiophora brassicae Kohlhernie bei Kruziferen
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 17
Obligat biotropher, strikt bodenlebender Pathogen, verursacht typische Hypertrophien an den
Wurzeln von Brassicaceen (Kohl, Raps) und vielen anderen Cruciferen, Gallenbildung bleibt
aus bei Nichtkruziferen (Mohn, aber Zoosporangien werden gebildet), besonders in
staunassen, sauren Böden mit häufigem Kohlanbau, weltweit, besonders in gemäßigten
Breiten; Infektion der Wurzelhaare mit zweigeißeligen Zoosporen und der Wurzeln mit
Zygoten aus fusionierten sekundären Zoosporen
- Polymyxa betae + BNYVV Rizomania Chenopodiaceen
Wurzelparasit an Chenopodiaceen (Zoosporeninfelktion unter Bildung eines “Stiletts”),
Vektor für BNYVV, verursacht “Rizomania” mit zusätzl. Vergilbung, Kümmerwuchs, Welke;
Verluste 50-80%, seit ca. 1950 in der Poebene aufgetreten, in den 70ern bis Süddeutschland
ausgebreitet (Hess. Ried); durch tolerante Sorten heute unter Kontrolle; befallsfördernd:
Beregnung, hoher Z-rübenanteil
- Polymyxa graminis + BYMV Gelbmosaik Gerste
Befall bodenbürtig wie zuvor, befallsfördernde Faktoren wie zuvor, Bedeutung geringer (nur
bei Gerste), keine Bildung von Wurzelhypertrophien, tolerante Gerstensorten sind verfügbar
- Spongospora subterranea + PTMV Pulverschorf Kartoffel
kraterförmige Vertiefungen an Knollen, Zoosporeninfektion der Wurzelhaare u.
Epidermiszellen, Bedeutung geringer, Übertragung des Potato-Top-Mop-Virus (PTMV)
Abt. Chytridiomycota
- Synchytrium endobioticum Kartoffelkrebs
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 18
Gefährliche Quarantänekrankheit, weltweit in kühl-feuchten Anbaulagen, blumenkohlartige
Auswüchse an den Knollen (Gallen), es besteht Meldepflicht, Anbau krebsresistenter Sorten
vorgeschrieben, Saatgutkontrolle m. “Null-Toleranz”
- Olpidium brassicae Umfallkrankheit Kohl, Salat, Tabak
V.a. Jungpflanzenbefall, Zoosporeninfektion der Wurzeln, Bildung von Dauersporangien, die
Zoosporen entlassen (wie zuvor)
Abt. Oomycota
Ordnung Saprolegniales:
- Aphanomyces cochlioides Wurzelparasit an Beta-Rüben
- A. raphani Rettichschwärze
- A. euteiches [Link]. phaseoli, pisi Wurzelparasit an Bohne, Erbse
> ansonsten wasserlebende Fisch- und Fischeiparasiten
Ordnung Peronosporales:
Familie Pythiaceae
- Phytophthora infestans Kraut- und Knollenfäule Kartoffel, Fruchtf. Tomate
Wichtigste Pilzkrankheit der Kartoffel (Kraut- und Knollenfäule) und der Tomate (Blatt- und Fruchtfäule).
Eingeschleppt wurde der A1-mating-type ca. 1840 von Mexiko nach Europa. Verantwortlich für die
Hungerkatastrophen 1850 in Irland und 1917/18 in Deutschland (Steckrübenwinter). Seit ca. 10-15 Jahren auch
A2-mating-type. Keimung bei niedrigen Temperaturen über Zoosporen bei höheren durch direkte Keimung der
zitronenförmigen Konidien (Sporangien).
- P. cactorum Wurzel- und Stammfäuleerreger in gemäßigten Breiten
an ca. 150 versch. Pflanzenarten (Abies, Acer, Fagus, Fragaria, Malus, Pyrus etc.)
- P. cinnamomi Wurzelpathogen an ca. 900 Pflanzenarten, meist tropisch
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 19
- P. fragariae Rote Wurzelfäule Erdbeere
- P. nicotianae [Link]. parasitica ubiquitärer Bodenparasit zahlreicher Gemüse- u.
Zierpfl.
- P. megasperma [Link]. glycinea Wurzel- und stengelfäule an Soja
Familie Peronosporaceae
- Plasmopara viticola Falscher MT Rebe
- Peronospora pisi FMT Erbse
- P. farinosa, parasitica, destructor FMT Beta-Rübe, Brassica-Arten etc., Zwiebeln
- Bremia lactucae FMT Salat
- Pseudoperonospora humuli Falscher Hopfenmehltau
Familie Albuginaceae
- Albugo candida “Weißer Rost” der Cruciferen
Echte Pilze
Abt. Zygomycota
- “Jochpilze”, ca. 600 Arten, meist saprophytisch im Boden, Kompost etc., einige
arthropodenpathogene Arten, wenig pflanzenpathogene
- Myzel kräftig u. dickwandig, Chitin-Chitosan, vielkernig, unseptiert
- sexuelle Vermehrung durch Isogametangiogamie (Zygogamie) >> Zygospore, dickwandig
- asexuell: meist kugelige Sporangien mit Konidieninhalt
Vertreter:
- Choanephora cucurbitarum Gurkenfäule
- Rhizopus stolonifer Weichäulen an Erdbeeren, Karotten, Kohl, Tomate
- Mucor piriformis Fruchtfäule an Kern- und Steinobst im Kühllager
Abt. Ascomycota
- “Schlauchpilze”, größte Gruppe der Pilze mit ca. 45.000 Arten (etwa die Hälfte aller
bekannten Pilze), weltweit bedeutende Phytopathogene wie Echter Mehltau, Mutterkorn,
Apfelschorf etc.
- Thallus aus septierten Hyphen, Zellwände aus Chitin, Septen m. einfachem Porus mit
Woronin-Körperchen
- Generationswechsel: asexuell (Anamorph, Konidienstadium) <----> sexuell (Ascusstadium)
- Ascus: schlauch- oder sackförmiges Sporangium mit meist 8 Ascosporen, meist in
Fruchtkörpern eingebettet
- einfachste Unterteilung nach Entstehungsort der Asci bzw. Fruchtkörpermorphologie
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 20
Die verschiedenen Typen der Fruchtkörper bei Ascomyceten
A B C
A: Apothetium, B: Perithecium, C: Kleistothecium
As-Ascus, Asp-Ascosporen, Ex-Excipulum, Me-Medulla, P-Paraphyse, Pe-Peridie,
Pseudoparaphyse. (Quelle: Lehrb. d. Phytomedizin, S. 66, verändert)
Die Unterabteilung Ascomycotina teilt sich in 5 Klassen auf:
♦ Hemiascomycetes kein Fruchtkörper (s. Abb. rechts)
♦ Plectomycetes Cleistothecium
♦ Pyrenomycetes Perithecium
♦ Loculoascomycetes Pseudothecium
♦ Discomycetes Apothecium
Einige wichtige Vertreter der Ascomycotina sind u.a. echter Mehltau, Mutterkorn (obligat
biotroph), Apfelschorf, Pfirsichkräuselkrankeit, Moniliafäule, Sclerotinia (fakultativ
biotroph) als Phytopathogene, sowie Aspergillus und Penicillium als Saprophyten.
Klasse Hemiascomycetes: Asci frei gebildet
Taphrina deformans Kräuselkrankheit Pfirsich
T. pruni Narren- oder Taschenkrankheit Pflaume
T. cerasi Hexenbesen Kirsche
Klasse Plectomycetes: Asci in geschlossenem Fruchtkörper, Kleistothecium
"Echte Mehltaupilze”
Erysiphe graminis Getreidemehltau (arten- und sortenspezialisiert)
E. cichoracearum MT an ca. 200 Wirtspfl. (Asteraceae, Zierpflanzen)
E. betae MT Beta-Rübe
Sphaerotheca mors-uvae Stachelbeermehltau (Johannisbeere)
S. pannosa var. rosae Rosenmehltau
S. fuliginea Gurkenmehltau
Microsphaera quercina Eichenmehltau
Uncinula necator Echter Rebenmehltau
Podosphaera leucotricha Apfelmehltau
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 21
Erysiphe graminis: A) Kleistothecium, B) Reifer Ascus mit Ascosporen und unreifer Ascus, C) Konidien und
Konidiosporen, D) Haustorien (aus CMI, 1976)
Klasse Pyrenomycetes: Asci in Perithecien
Gibberella zeae (NFF: Fusarium graminearum); Keimlings- und Ähren-
/Kolbenfäulen Getreide, Mais
G. avenae (NFF: F. avenae); Keimlings- und Wurzelfäule Getreide
Nectria galligena Rindenbrand, Augenfäule, “Ostbaumkrebs” Apfel
Monographella nivalis (NFF: Gerlachia nivalis, syn. Microdochium nivalis)
Schneeschimmel Getreide
Glomerella cingulata (NFF: Colletotrichum gloeosporioides); Brennflecken
an. zahlr Pflanzenarten (Citrus, Avocado, Banane)
Claviceps purpurea Mutterkorn an Roggen, Weizen u. Gräsern
Apiognomonia errabunda (NFF: Discula umbrinella)
Anthraknose Fagus, Platanus, Quercus
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 22
Cryphonectria parasitica Kastanienbrand (syn. Endothia parasitica)
Gaeumannomyces graminis Schwarzbeinigkeit Getreide, bes. Weizen
Ophiostoma ulmi Ulmensterben (zus. mit Borkenkäfern)
Klasse Discomycetes: Asci in flachen oder gestielten, schüsselförmigen Apothecien
Rhytisma acerinum Teerflecken, Runzelschorf Ahorn
Botryotinia fuckeliana (NFF: Botrytis cinerea); Grauschimmelfäule
Diplocarpon rosae Sternrußtau Rose
Monilinia fructigena Fruchtfäule Kern- und Steinobst
M. laxa Triebsterben und Braunfäule Kirsche, Pflaume, Pfirsich
Sclerotinia sclerotiorum Fäulniserreger an gesamter Pflanze, > 200 Wirtspflanzen
S. trifoliorum Kleekrebs
Klasse Loculoascomycetes: Ascushöhlungen in Ascostroma (Pseudothecium)
Cochliobolus sativus (NFF: Bipolaris sorokiniana); Braunfleckigkeit u.
Fußvermorschung bei Getreide, bes. Weizen
Didymella exitialis (NFF: Ascochyta sp.); Blattflecken Getreide
Leptosphaeria maculans (NFF: Phoma lingam); Wurzelhals- u. Stengelfäule Raps
Phaeospheria nodorum (NFF: Stagonospora (=Septoria) nodorum); Blattflecken
und Spelzenbräune Weizen
Mycosphaerella graminocola (NFF: Septoria tritici); Blattflecken Weizen
Pyrenophora teres (NFF: Drechslera teres); Netzflecken Gerste
P. graminea Streifenkrankheit Gerste
P. tritici-repentis Gelbfleckigkeit Weizen (“Tan-Spot”)
Venturia inaequalis Apfelschorf
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 23
Abt. Basidiomycota
- “Ständerpilze”, ca. 30.000 Arten, schließen Hutpilze, Boviste, Keulenpilze, Konsolenpilze
und Erdsterne ein
- gemeinsames Kennzeichen: Bildung einer Basidie, an der exogen (2-)4 Basidiosporen
reifen, Basidie entweder als Holobasidie (Hutpilze) oder Phragmobasidie (Rost- und
Brandpilze)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 24
Klasse Teliomycetes
Ordnung Uredinales (Rostpilze)
Puccinia striiformis Gelbrost Getreide
P. recondita [Link]. tritici Braunrost Weizen
P. hordei Zwergrost Gerste
P. recondita Braunrost Roggen
P. graminis Schwarzrost Getreide, Gräser
P. coronata Haferkronenrost
Uromyces phaseoli Bohnenrost
Cronartium ribicola Säulenrost an Ribes bzw. Blasenrost Weymouthskiefern
Melampsora allii-populina Pappelrost (Haplont auf Allium)
M. lini Flachsrost
Phragmidium mucronatum Rosenrost
Gymnosporangium sabinae Birnengitterrost
Hemileia vastatrix Kaffeerost
Ordnung Ustilaginales (Brandpilze)
ca. 850 hochspezialisierte Pflanzenparasiten,meist schwere Schäden durch Zerstörung
der Fruchtstände und Umwandlung in schwarze Massen von “Brand”sporen, nur an
Angiospermen, bes. Gräsern, obligat biotroph
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 25
Wichtige Brandpilze:
Ustilago nuda Gerstenflugbrand
U. avenae Haferflugbrand
U. maydis Maisbeulenbrand
U. hordei Gerstenhartbrand
Tilletia caries Weizensteinbrand
T. controversa Zwergsteinbrand Weizen, Roggen
Urocystis occulta Roggenstengelbrand
Sphacelotheca reiliana Maiskopfbrand
Klasse Hymenomycetes
(bestehend aus Phragmo- und Holobasidiomycetidae)
Thanatephorus cucumeris (NFF: Rhizoctonia solani); Auflauf- u. Umfallkrankheiten
zahlr. Pfl., bei Kartoffel Triebfäule, Weißhosigkeit,
Pockenkrankheit (Sklerotien an Knollen)
Ceratobasidium cerealis (NFF: Rhizoctonia cerealis); Spitzer Augenfleck Weizen
Serpula lacrimans (syn. Merulius l.) Hausschwamm
Chondrostereum purpureum Bleiglanz bei Blättern v. Obstgehölzen
Typhula incarnata Typhula-Fäule der Gerste
Phellinus ingnarius Gemeiner Feuerschwamm
Armillaria spp. Hallimasch, Weißfäuleerreger Nadel- u. Laubbäume
Abt. Fungi imperfecti (Deuteromycotina)
- asexuell sich entwickelnde Pilze, deren Sexualstadium entweder fehlt oder unbekannt ist;
Einteilung rein nach der Form der Konidiogenese und der Konidienform (d.h. die
taxonomische Systematik dieser Abteilung entspricht nicht den tatsächlichen
Verwandschaftsverhältnissen!)
- entsprechend sind folgende „Form-Klassen“ und „Form-Ordnungen“ in Gebrauch:
Form-Klasse Agonomycetes: ohne Konidienbildung, ggfs. Sklerotien
Sclerotium cepivorum Weißfäule der Zwiebel
S. rolfsii Wurzel- u. Fußfäuleerreger bei zahlr. Pflanzen
Form-Klasse Hyphomycetes: Konidien frei am Myzel gebildet
Verticillium dahliae Tracheomykose an zahlr. krautigen Pflanzen
Ramularia beticola Blattflecke Beta-Rübe
Rhynchosporium secalis Blattflecke Gerste u. Roggen
Alternaria brassicae Blattflecke, Schotennekrosen Raps
Fusarium oxysporum [Link]. .. Welkeerreger an zahlr. Pflanzen (Tracheomykosen)
F. culmorum Keimlingsbefall, Blattflecke, Ährenbefall Getreide
Stigmina carpophila Schrotschußkrankheit, Blattfall Steinobst (Kirsche)
Form-Klasse Sphaeropsidales: Konidien in Pyknidien gebildet
Phoma lingam Wurzelhals- u. Stengelfäule Raps (siehe Ascomyceten!)
P. betae Blattnekrosen Beta-Rüben
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 26
Ascochyta spp. Blattflecke Getreide (siehe Ascomyceten!)
Septoria tritici Blattflecke Weizen (siehe Ascomyceten!)
Septoria nodorum Blattflecke u. Spelzenbräune Weizen (siehe Ascom.!)
Form-Klasse Melanconiales: Konidien in flachen, offenen Fruchtkörpern (Acervuli),
werden im Wirtsgewebe gebildet und von diesem gestützt
Colletotrichum lindemuthianum Brennflecken der Phaseolus-Bohne
Cylindrosporium concentricum Blattflecken an Raps
Spilocaea pomi (HFF Venturia inaequalis) Apfelschorf, Konidienstadium
NFF = Nebenfruchtform (Anamorph)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 27
Nematoden
- Fadenwürmer ohne Blutgefässe und Atmungsorgane, bilateral symmetrisch, im wässrigen
Milieu lebend, >> daher vor allem Wurzelschäden!!!
- schlängelnde Fortbewegung (“Älchen”), außen von Kutikula umgeben (vierfache Häutung),
nur Längsmuskeln (abwechselnd bauch- bzw. rückenseits kontrahiert), Bewegungsradius
dennoch gering (max. 10 cm in 3h bei Ditylenchus)
- Phytophage Formen < 1mm lang und Besitz von Mundstachel mit Knöpfen als
Muskelansatzstelle, Ösophagus mit Mittel- oder Basalbulbus als Saugorgan, dahinter mehrere
Speicheldrüsen, Darm in Kloake mit Samenleiter mündend (Männchen, mit Spicula) oder
separat (Weibchen, Vulva)
- Vermehrung geschlechtlich oder (häufig) auch parthenogenetisch, meist durch Eier im
Boden, Pflanzengewebe (Gallen) oder im Weibchen verbleibend (Zyste)
- ca. 2000 phytophage Arten, davon etwa 150 wirtschaftlich bedeutend, meist oligo- oder
polyphag
Schadwirkungen durch Nematoden
1) Schädigung des Wurzelsystems: Deformation, Nekrosen, Seitenwurzelbildung
2) Sproßschädigung: Nekrosen, Verkrüppelungen
3) Substanzentzug: Kümmerwuchs
4) Indirekte Schäden: Verminderte Resistenz gegen Pathogene
5) Vektoren für Viren
Nematodendichte abhängig von
1) Anteil der Wirtspflanze an der FF !!! (>> Fruchtfolgeschädling!!!)
2) Bodenfeuchte (Wasserfilm zur Fortbewegung)
3) Krümelstruktur und Sauerstoffgehalte
4) Verschleppung durch Mensch (Bodenbearbeitung) und Tier
5) Aktivität von Antagonisten (nematodenpathogene Bakterien,
nematodenfangende Pilze, räuberische Tiere (Milben, Collembolen)
Geringe Mobilität und spezifische Ansprüche an Boden bedingen nesterweises Auftreten!
Bekämpfung
- Fruchtfolge !!!
- Nutzung resistenter Nutzpflanzen (Kartoffelsorten, Ölrettich)
- Anbau von Feindpflanzen (Tagetes veranlaßt Zystenschlupf ohne Wirt zu sein)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 28
- Nematizide kaum noch in Gebrauch (Methylbromid bis 1990 zugelassen, weltweit
noch 80% des Nematizidmarktes)
Einteilung der phytophagen Nematoden nach der Lebensweise
Wandernde Wurzelnematoden
- endoparasitisch
- ektoparasitisch
Sedentäre Wurzelnematoden (semi-endoparasitisch oder endoparasitisch)
- gallenbildend
- zystenbildend
BEISPIELE:
Wandernde Wurzelnematoden
Ordnung Dorylaimida
- ca. 200 phytophage Arten, typisch der sehr lange Mundstachel, der Saugen in tieferen
Gewebeschichten ermöglicht, ausschließlich ektoparasitisch
Longidorus spp., polyphag v.a. an Erdbeere, Z.rübe, Gemüse
Xiphinema spp., polyphag an Weinrebe, Rose, Feige
> beide Gattungen Überträger von Nepo-Viren!
Trichodorus, Paratrichodorus spp., Überträger von Tobacco rattle virus, Kartoffeln,
Zierpflanzen, Obstgehölze etc.
Ordnung Tylenchida
- ekto- oder endoparasitisch, Weibchen können sedentär sein
Wandernde Wurzelnematoden
Tylenchus, Paratylenchus, Tylenchorhynchus spp., Ektoparasiten, sehr polyphag
Pratylenchus penetrans, Endoparasit bes. an Rosaceen, Leguminosen, Cruciferen,
Baumschulen, Obstanlagen
Sedentäre Zystennematoden
- gefählichste [Link], 4 Larvenstadien, L2 dringt in die Wurzel bis zum Zentralzylinder
ein, Induktion eines Nährzellensystems (Syncytium), Begattung, Bildung von Zyste mit Eiern
>> Entwickl. siehe Abb. Auf S. 130 im Lehrbuch!
Heterodera schachtii, Rübenzystennematode, Chenopodiaceen, Cruciferen
H. avenae, Getreidezystenälchen
Globodera rostochiensis, Kartoffelzystennematode, Pathotypen-Bildung!
G. pallida, bleicher Kartoffelnematode, Pathotypen-Bildung!
Wurzelgallen-Nematoden
- Entwicklung ähnlich Heterodera, aber zusätzlich zu Nährzellen werden auch Gallen
induziert, Weibchen bilden meist parthenogenetisch Eiersack (gelatinös) in Galle oder
außerhalb d. Wurzel, dort Eiablage
Meloidogyne hapla, in gemäßigten Zonen, Gemüse, Erdbeeren, Zierpflanzen, polyphag
M. incognita, in wärmeren Zonen oder Gewächshäusern, sehr polyphag
Oberirdisch schädigende Nematoden
Ditylenchus dipsaci, Stock- oder Stengelälchen an Getreide, Tabak, Rübenkopfälchen
- Eindringen in Wurzel oder untere Sproßbereiche, interzelluläre Ausbreitung
(Speichelpektinasen!) nach oben, Nekrosen u. Gewebezersetzung
D. destructor, Kartoffelkrätzeälchen
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 29
Anguina tritici, Weizenälchen, Blütenparasit, wandelt durch Saugen Samenanlagen in
“Radekörner” um, Befall vom Boden, Aufstieg in Blattachseln mit dem Schossen
Aphelenchoides ritzemabosi, Chrysanthemenälchen, Blattparasit
A. fragariae, Erdbeerälchen, Blattparasit
Ordnung Rhabditida
entomophage N., besonders effiziente Gattungen sind Steinernema u. Heterorhabditis, zur
biolog. Bek. von Dickmaulrüßler, Trauermücken, Tipuliden
___________________________________________________________________________
Arthropoden (Gliederfüßler)
___________________________________________________________________________
Etwa ¼ aller Tiere sind A., größter Tierstamm; über 1 Mio Arten
Kennzeichen:
- Körper besteht aus Segmenten
- chitinhaltige Kutikula bildet ein Außenskelett, Schutz vor Austrocknung, Verletzung, K. ist
nicht wachstumsfähiges Ausscheidungsprodukt der Epidermis und wird bei der Entwicklung
abgestoßen (Exuvie) und erneuert (hormonell gesteuert)
- Extremitäten sind gegliedert, am Kopf Umbildung zu Fühlern bzw. Mundwerkzeugen
- Nervensystem: Strickleiternervensystem aus Reihe von Ganglienpaaren an der Bauchseite
längs verlaufend, oberhalb der Mundö. Oberschlundganglion (Gehirn), Unterschlundganglion
- Darmsystem einfach: Schlund - Ösophagus (Kropf) - Kaumagen mit Speicheldrüsen -
Mittel- u. Enddarm mit Malpighischen Gefäßen zur Exkretzufuhr (Endverdauung, Wasser- u.
Ionenresorption)
- Atmung über Tracheen (Land) oder Kiemen (Wasser)
- Kreislauf offen mit Körperflüssigkeit (Hämolymphe), dorsales, schlauchförmiges Herz,
kaum Gefässe, bei kleinen A. Versorgung mit O2 durch Diffusion
- Fortpflanzung u. Entwickl. getrenntgeschlechtlich, aber Parthenogenese möglich;
Holometabolismus möglich mit völliger Metamorphose der Jungtiere
Systematische Hauptgruppen:
Klasse Crustacea (Krebse)
Ordnung Isopoda (Asseln)
Klasse Arachnida (Spinnentiere)
Ordnung Acari (Milben)
Ordnung Araneae (Spinnen)
Klasse Myriapoda (Tausendfüßler)
Klasse Insecta (Insekten, Kerbtiere)
(12 phytophage Ordnungen)
Klasse Arachnida (Spinnentiere)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 30
- A. ohne Fühler mit 2 Paar Mundgliedmaßen (Cheliceren, Pedipalpen), Gliederung in
Vorder- und Hinterkörper (Prosoma u. Opisthosoma)
- Prosoma mit 4 Laufbeinpaaren, kein abgesetzter Kopf
Ordnung Acari (Milben)
Morphologische Charakterisierung
- einzige phytophage Form der Arachnida
- sehr kleine Tiere (meist < 1mm)
- keine Gliederung in Pro- und Opisthosoma, sondern Querfalte zwischen 2. u. 3. Beinpaar
- Cheliceren zu Stechborsten umgestaltet, Pedipalpen einfach beinartig oder zu Scheren
umgebildet
- 4 Beinpaare, einfache Punktaugen, kein Herz, sondern offen zirkulierende, farblose
Blutflüssigkeit
- Atmung per Tracheen und Diffusion
- Nervensystem einfach aus Ober- u. Unterschlundganglion
Phytophage Milben:
Fadenfußmilbe
(Tarsonemus, oben),
Gallmilbe (Eriophyes,
mitte) und Vorratsmilbe
(Rhizoglyphus, unten)
Fortpflanzung
- grundsätzlich Eiablage bei phytophagen A. ; Larve ähnlich dem Adulten, aber mit nur 3
Beinpaaren, bis zu 3 weitere Jugendstadien (Nymphenstadien)
Lebensweise
- häufig als Destruenten auf organ. Abfallstoffen, auch parasität bei Mensch u. Tier und
phytophag
- einige räuberische Arten als Prädatoren von Nematoden, Milben, Kleininsekten
- phytophage Arten stechen Pflanzengewebe an, saugen Zellen einzeln aus u. geben
Speichelsekrete ab
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 31
- Reaktionen der Pflanze können sein, Aufhellungen durch Lufteintritt, Blattflecken,
Berostungen, Welkeerscheinungen, Gallenbildung
Verbreitung u. Populationsentwicklung
- da nicht beflügelt, hps. passive Verbreitung durch Wind, tier. Vektoren, Mensch oder an
Spinnfäden
- warme, trockene Witterung sehr günstig (Gewächshaus!), Regen dezimiert Pop. beträchtlich
- Populationentw. stark von Prädatoren gesteuert (Raubmilben, Florfliegen, Raubwanzen,
Coccinelliden) Æ Problematik breitwirksamer Insektizide!
Bekämpfung
- Probleme besonders bei Schädigung der Antagonisten, A. sind typische “man made pests”,
d.h. durch unsachgemäßen Anbau und Pflanzenschutz bedingte Schädlinge
- Akarizide werden eingesetzt (sollten raubmilbenschonend sein), vielfach aber auch biolog.
Bek. (unter Glas), da Resistenzbildung
Phytomedizinisch wichtige Vertreter der Acari
Familie der Tetranychidae (Spinnmilben)
Tetranychus urticae, Gemeine Spinnmilbe
an Gemüse, Hopfen, Zierpflanzen, Wein, Obst (Hochsommer), besonders unter Glas
Panonychus ulmi, Obstbaumspinnmilbe, “Rote Spinne”
an Wein und Obst, Ü. als Ei an Trieben
Fam. Tarsonemidae, Weichhautmilben
- Körper durch Querfurche in Vorder- und Hinterabschnitt gegliedert
Tarsonemus pallidus, Erdbeermilbe, polyphag an jungem Pflanzengewebe (Erdbeere,
Zierpfl.)
Fam. Tyroglyphidae, Wurzelmilben, "Hausmilben"
- Vorratsschädlinge (Futterverderb, Durchfall bei Verzehr, Verferkeln); pilzfressende Arten
vergesellschaftet mit Schimmelpilzen; Exuvien allergen
Fam. Eriophyidae, Gallmilben
- mikroskopisch klein, nur 2 Beinpaare, gallenerzeugend, z.T. virusübertragend
Cecidophyopsis ribis, Johannisbeergallmilbe, regt Knospen zu hypertrophem Wachstum an
Eriophyes vitis, Rebenpockenmilbe
Fam. Phytoseiidae, Raubmilben
Typhlodromus pyri, im Obst- und Weinbau (gegen Spinn- u. Pockenmilben)
Phytoseiulus persimilis, biolog. Bek. von Spinnmilben im Gewächshaus
Araneae, Spinnen
- mit die wichtigsten epigäischen Raubarthropoden
Baldachinspinnen, netzbildende Fallensteller
Wolfsspinnen, laufaktive Jäger ohne Netze
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 32
Klasse Insecta
Artenreichste Klasse des Tierreichs, ca. 800.000 bis heute beschriebene Arten, davon etwa
30.000 in Mitteleuropa, Gesamtzahl aber weit höher geschätzt, nämlich ca. 3 Mio, Schad- und
Nutzorganismen in allen erdenklichen Lebensräumen
Anatomie
- Gliederung des Körpers in Kopf (Caput), Brust (Thorax) und Hinterleib (Abdomen)
- Komplexaugen (Facetten-)
- am Kopf 1 Paar Fühler, 3 Paar Mundwerkzeuge, 1 Paar Mandibeln, 2 Paar Maxillen;
Differenzierung in stechend-saugend oder beißend-kauend (FOLIE)
- am Thorax 3 Paar Laufbeine und 2 Paar Flügel
- einfacher Darmkanal, dorsales Herz mit offenem Blutkreislauf (Hämolymphe)
- Atmung über Tracheensystem
- Geruchswahrnehmung über Antennen, Geschmackswahrnehmung an Mundgliedmaßen und
Tarsen
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 33
Fortpflanzung, Entwicklung
- meist geschlechtliche F. mit Eiern, Eiablage bevorzugt an oder in der Wirtspflanze
- Hemimetabolie: Jungtiere nur in Bezug auf die Größe von Adulten unterschieden, ggfs.
kommen noch Flügel hinzu, mehrere Häutungen
- Holometabolie: vollständige Verwandlung der Larven in Imagines über ein Puppenstadium,
Ernährung und Wirtsspezialisierung zwischen Larven und Imagines sehr verschieden,
Steuerung der Häutungen (Larven) und Entwicklung durch Häutungshormon Ecdyson (1954
von Butenandt & Karlson 25 mg aus 500 kg Seidenspinnerpuppen isoliert), Gegenspieler
Juvenilhormon --> Ansatz für biotechnische Bekämpfung
- inner- bzw. zwischenartliche Kommunikation über Exohormone (Pheromone): Sexual-
(Butenandt & Hecker 1959), Aggregations-, Alarm-, Spur-Pheromone --> biotechnische Bek.
Systematische Gruppen
HEMIMETABOLE
Ordnung Collembola (Springschwänze)
- bodenlebende zarte Urinsekten mit Springgabel am Hinterende, hps. Streuzersetzer,
Pilzfresser; durch Entzug von Alternativnahrung (Unkrautbekämpfung) an jungen Rüben
schädigend geworden
Ordnung Saltatoria (Heuschrecken)
- ausgesprochene Pflanzenfresser, besonders in ariden u. subtrop. Gebieten verheerende
Verwüstungen verursachend, in Europa selten schädigend an Kulturpflanzen
Schistocerca gregaria, Wüstenheuschrecke
Locusta migratoria, Afrikanische Wanderheuschrecke
- Signal zum Schwärmen entsteht durch Anreicherung der Luft mit Larvenpheromon bei best.
Populationsdichte
Ordnung Blattodea (Schaben)
- Vorrats- und Hygieneschädlinge in wärmeren Klimaten
Ordnung Isoptera (Termiten)
- staaten- und kastenbildende Insekten warmer Klimate, Schäden hauptsächlich durch
Holzfraß, meist Bauholz --> Hauptnahrung Cellulose
Ordnung Thysanoptera (Thripse, Fransenflügler, Blasenfüße)
- sehr kleine, schlanke Insekten mit stechend-saugenden MWZ, Flügel mit Saum aus
borstenartigen Haaren, kurze Beine mit blutgefüllten Haftblasen; Saugschäden an Pflanzen;
silbrig glänzende Flecke, schwärzlich glänzende Kotflecke
Kakothrips robustus, Erbsenblasenfuß, polyphag an Leguminosen
Thrips tabaci, Zwiebelblasenfuß, weltweit, polyphag an Gemüse, Tabak (Virusvektor)
Frankliniella occidentalis, Kalifornischer Blütenthrips, zunehmendes Problem in
Gewächshäusern, Gemüse, Zierpflanzen
Überordnung Hemiptera (Schnabelkerfe, Rhynchota)
- Hauptmasse der in Mitteleuropa verbreitetsten und gefährlichsten Pflanzensauger, Saugorte
Parenchym oder Phloem, Lebensweise sessil oder wandernd, alle H. mit stechend-saugenden
MWZ, Aufnahme nur von flüssiger Nahrung!
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 34
- Phloemsauger mit Filterkammern im Darm, die Zuckerüberschuß herausfiltern (Hongtau der
Blattläuse)
- Schäden durch Assimilatentzug, Induktion von Wuchsstörungen, Virusübertragung
Ordnung Heteroptera (Wanzen)
- in wärmeren Klimaten zoophage (Blutsauger) und phytophage Arten, in Europa wichtiger
sind aber räuberische Arten!
- flacher Körper mit breitem Halsschild und dreieckigem Scutellum, Flügelpaare verschieden
(Name!), Vorderflügel z.T. sklerotisiert zum Schutz über Hinterflügel
- beim Saugen werden phytotoxische Speichelsekrete abgegeben, dadurch meist starke
Nekrosen induziert, dazu Stinkdrüsen, sowie Abgabe von Abwehrsekreten, Pheromonen
Lygus pratensis, Gemeine Wiesenwanze, an Obst, Gemüse (Cruciferen)
L. pabulinus, Grüne Futterwanze, an Obst, Gemüse, Tabak, Zierpflanzen
Piesma quadratum, Rübenwanze, Ü. der Kräuselvirose
Blumenwanzen (< 5 mm) wichtige Vertilger von Blattläusen, Spinnmilben etc.)
Ordnung Homoptera (Pflanzensauger)
Cicadina - Zikaden
Psyllina - Blattflöhe
Aleyrodina - Mottenschildläuse, Weiße Fliegen
Aphidina - Blattläuse
Coccina - Schildläuse
Cicadina - Zikaden
- phytomedizinisch sehr wichtige Schädlingsgruppe bes. in den Tropen, Virusvektoren!
- zwei gleichartige, weichhäutige Flügelpaare, die dachartig auf dem Rücken liegen
- lange Stechborsten, Phloemsauger, Larven und Adulte sind sprungfähig (Hinterbeine -
Sprungbeine) "leaf hopper"
- giftige Speichelsekretion kann bei Massenbefall zu Verwelken der Pflanzen führen
Typhlocyba rosae, Rosenzikade, Parenchymsauger
Nilaparvata lugens, Braune Reiszikade, Saugen an Pflanzenbasis bis Vertrocknen,
Virusvektor
Zwergzikaden an Apfelblättern, Leguminosen
Schaumzikaden (Wiesenschaumzikaden), umgeben Larven mit schaumigem Exkret
Psyllina - Blattflöhe
- kleine Phloemsauger, Adulte den Zwergzikaden sehr ähnlich, ebenfalls sprungfähig
Psylla mali, costalis, Apfelblattsauger, bei Massenauftreten bedeutender Schädling
P. piri, piricola, Birnblattsauger, in Südtirol sehr schädigend
Aleyrodina - Mottenschildläuse, Weiße Fliegen
- Larven erst beweglich dann festsitzendes, dosenförmiges Puparium aus Wachs ohne
Nahrungsaufnahme (Allometabolie), darin Umwandlung zum Imago
- Adulte mit reichlicher Wachsproduktion, Phoemsauger mit reichlicher Honigtauproduktion
- als Schädlinge bedeutend unter warmen Klimaten oder in Gewächshäusern
Trialeurodes vaporariorum, Weiße Fliege, weltweit wichtigster Schädling in
Gewächshäusern, polyphag an Gemüse und Zierpflanzen, starke Insektizidresistenz durch
Rassenbildung, vielfach nur noch biologisch bekämpfbar (durch Encarsia formosa,
Schlupfwespe)
Bemisia tabaci, Weiße Fliege der Baumwolle, zunehmend auch unter Glas, polyphag
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 35
Aphidina - Blattläuse
- phytomedizinisch bedeutendste Gruppe der Pflanzensauger, ca. 3.000 Arten
- Körper kugelig, sehr polymorph: alate (geflügelte) und aptere (ungeflügelte) Formen,
Vorderflügel größer als Hinterflügel, zarthäutig, häufig Paar Röhren auf dem Abdomen
(Siphonen) zur Exkretion von Wachs, Alarmpheromonen)
- Wirtswechsel mit Generationenwechsel gekoppelt (zweigeschlechtlich - parthenogenetisch)
BEGRIFFE:
vivipar lebendgebärend
ovipar aus Eiern entwickelnd
apter ungeflügelt
alat geflügelt
Holozyklus: umfaßt vollständigen [Link] mit Haupt- u. Nebenwirt, d.h. Wechsel von
geschlechtlicher und parthenogentischer Vermehrung:
Bsp. Getreideblattläuse: Aus Wintereiern an holzigem Hauptwirt, z.B. Traubenkirsche
(Winterwirt), schlüpfen im Frühjahr Fundatrix (Stammmutter) hervor, die erst aptere
Virgines (sich parthenogenetisch vermehrende L.), dann bei Dichtezunahme alate V. vivipar
gebärt; letztere Migrantes (Wandertiere) fliegen Nebenwirte (Sommerwirte) an (Gräser) und
zeugen vivipar weitere Generationen von Virgines, zunächst wieder vorwiegend apter, später
auch alate, die sich weiter verbreiten; im Herbst entstehen durch abnehmende Tageslänge u.
Temperaturen Sexuparae, die geflügelte Männchen u. Weibchenmütter (Gynoparae)
hervorbringen, diese alaten fliegen den Winterwirt an, wo Gynoparae aptere Weibchen
gebären, diese werden von den Männchen begattet (Geschlechtsgeneration) und legen dann
die Wintereier
- von diesem Muster vielfache Abwandlungen möglich unter Wegfall eines der Wirte oder der
Wintereier, z.B. Anholozyklie, bei der nur parthenogentisch Generationen auf dem Nebenwirt
durchlaufen werden, besonders in milderen Klimaten, wo Überwinterung kein Faktor ist
Faktoren der Populationsentwicklung:
- klimatisch, besonders Temp., Luftfeuchte (Pilzbefall!), Niederschläge (trifft alate B.)
- ernährungsbedingt: Zustand der Wirtspflanze
- dichteabhängig: Abwanderung bei Übersiedelung
- anbautechnische Faktoren: Saatzeit, N-Düngung
- Antagonisten: zahlreiche Prädatoren bekannt
Familie der Röhrenläuse (Aphididae)
- wichtigste Familie, stets Phloemsauger, vivi-ovipar, Siphonen, Wirtswechsel
Aphis fabae, Schwarze Bohnenlaus, holozyklisch, WW Pfaffenhütchen, Schneeball, Schäden
an Z.rüben, Ackerbohnen, Virusübertragung
Myzus persicae, Grüne Pfirsischblattlaus, holozykl. WW Pfirsisch, viele SW wie Rüben,
Kartoffeln, Gemüse (auch unter Glas), wichtiger Virusvektor
Sitobion avenae, Große Getreideblattlaus, holozyklisch ohne Wirtswechsel
Metopolophium dirhodum, Bleiche G., holozyklisch mit WW Rose
Rhopalosiphum padi, Traubenkirschenlaus, holozyklisch mit WW [Link]
Rhopalosiphum maidis, Maisblattlaus, anholozyklisch auf Mais
Brevicoryne brassicae, Mehlige Kohlblattlaus, holozyklisch an Kohlarten o. Wirtswechsel
oder anholozyklisch
Aphis pomi, Grüne Apfelblattlaus, holozykl. o. Wirtswechsel
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 36
Liosomaphis abietina, Sitkalaus der Fichte, holozykl. o. Wirtswechsel oder anholozykl.
Familie Blasenläuse, Wolläuse (Eriosomatidae)
- vivi-ovipar, Siphonen meist fehlend, Parenchymsauger, holozyklisch mit Wirtswechsel,
Induktion von kambialen Wucherungen (Gallen, Blasen), Abscheidung fädiger Wachswolle
Eriosoma lanigerum (Blutlaus), Obstschädling aus [Link], in Europa anholozykl. an
Apfel, induziert krebsartige Kambialwucherungen (Blutlauskrebs)
Familie Fichtengallenläuse (Adelgidae)
- ovipar, ohne Siphonen, Parenchymsauger, holozyklisch mit Wirtswechsel (versch.
Nadelbaumarten), Induktion von Gallen
Sacchiphantes spp., Adelges sp., Fichtengallenläuse, Triebgallen sog. "Ananasgallen"
Familie Zwergläuse (Phylloxeridae)
- klein, ohne Siphonen, ohne Wirtswechsel, gallenbildend
Viteus vitifolii, Reblaus, im 19. Jh. aus [Link] nach Europa eingeschleppt, Pseudo-
Wirtswechsel zwischen Wurzel und Sproß, Amerikanerreben an der Wurzel resistent, deshalb
alle Europäerreben (extrem anfällig für die Sexualgeneration! --> Maigallen) heute auf
amerikanischer Wurzelunterlage, bestes Beispiel einer biolog. Bekämpfung!
Coccina - Schildläuse
- ausgeprägter Sexualdimorphismus der Imagines, Männchen bewegl. mit 1 Paar Flügeln,
ohne Nahrungsaufnahme ab vorletztem Larvenstadium, Imago nur wenige Stunden
lebensfähig, Weibchen ohne Flügel, Beine u. Fühler, unbeweglich unter Rückenschildchen
aus Wachs, Chitin, dort auch ovipare Nachkommen, Pathenogenese verbreitet, Phloem- und
Parenchymsauger, Larven beiderlei Geschlechts beweglich, besonders an holzigen
immergrünen Pflanzen, starke Honigtaubildung, meist an Obst- und Zierpflanzen unter Glas
Quadraspidiotus perniciosus, San-José-Schildlaus, aus Zentralasien eingeschleppt, polyphag
an Obstbäumen, in Südd. zunächst sehr bedeutend, dann durch Einbürgerung von
Schlupfwespen (Encarsia perniciosi) heute weitgehend biologisch kontrolliert
HOLOMETABOLE
Ordnung Planipennia (Netzflügler)
- hps. Nützlinge wie z.B.
Familie Chrysopidae (Florfliegen)
- Adulte ernähren sich von Pollen, Nektar, Larven räuberisch an Blattläusen
Ordnung Coleoptera (Käfer)
- kräftige Kutikula, 1. Flügelpaar zu Deckflügeln (Elytren) versteift, breites Halsschild
(Scutellum) Larven und Adulte mit beißenden MWZ, Larven mit fester Kopfkapsel und 3
Paar Brustbeinen (keine Abdominalbeine), Puppe meist in Puppenwiege versteckt, oder in
Kokon
Familie Carabidae (Laufkäfer)
- sowohl Larven wie Adulte epi- und endogäisch räuberisch, polyphag, Beutetiere v.a.
Blattläuse, Collembolen, Diptereneier u. -puppen
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 37
Familie Staphylinidae (Kurzflügler)
- weitere wichtige Gruppe von epigäischen Räubern
Familie Scarabaeidae (Blatthornkäfer)
- letzte Fühlerglieder fächerartig verbreitert, Larven fleischig (Engerlinge)
Melolontha melolontha, Feldmaikäfer > 3-5jährige Entwicklungszeit
M. hippocastani, Waldmaikäfer >
Familie Elateridae (Schnellkäfer)
- flache Käfer, die sich aus der Rückenlage hochschnellen können
Agriotes lineatus, Saatschnellkäfer, Fraßschäden an Getreidesaat bes. auf anmoorigen Böden
oder nach Grünlandumbruch
Familie Nitidulidae (Glanzkäfer)
Meligethes aeneus, Rapsglanzkäfer, Pollenfraß an Cruciferen, Ü. in Laubstreu am Feldrain
oder Waldrand
Familie Cryptophagidae (Schimmelkäfer)
Atomaria linearis, Moosknopfkäfer, polyphag bes. aber an Rübenkeimlingen, Stengelfraß
Familie Coccinellidae (Marienkäfer)
- Larven und Imagines räuberisch an Blattläusen und Spinmilben
Coccinella septempunctata, Siebenpunkt
Adalia bipunctata, Zweipunkt
Familie Chrysomelidae (Blattkäfer)
- rundliche Käfer, meist metallisch gefärbt, Larven und Adulte phytophag, Fenster- und
Lochfraß
Oulema lichenis, melanopus, Getreidehähnchen, streifenförmiger Fensterfraß an
Getreideblättern
Leptinotarsa decemlineata, Kartoffelkäfer, aus Amerika nach Europa eingeschleppt, zuweilen
Kahlfraß an Kartoffelbeständen
Psylliodes chrysocephala, Rapserdfloh, metallisch blau-grün, Larven schädigen den jungen
Raps durch Minierfraß in Stengel und Blattrippen
Familie Bruchidae (Samenkäfer)
- Larven dringen in Samen verschiedener Leguminosen ein und entwickeln sich, keine Lager-
bzw. Vorratsschädlinge
Bruchus pisorum, Erbsenkäfer, in gemäßigten bis warmen Gebieten, Feldbefall
Familie Curculionidae (Rüsselkäfer)
- mit ca. 50.000 Arten die größte Käferfamilie, Kopf rüsselartig ausgezogen, kauende MWZ,
Eiablage meist in ein Loch, das ins Pflanzengewebe gebohrt wurde, Larven beinlos
Sitona lineatus, Blattrandkäfer, an Leguminosen, Schaden durch Käfer an Blättern geringer
als durch Larven an den Wurzeln
Otiorhynchus sulcatus, Gefurchter Dickmaulrüßler, polyphag vom Boden aus an Blättern,
Knospen von Obststräuchern, Weinrebe, Zierpflanzen, Larven fressen an Wurzeln
Ceutorhynchus napi, Großer Kohltriebrüßler, Eiablage und Larvenfraß in Rapsstengel,
Wuchsverkrümmungen
C. assimilis, Kohlschotenrüßler, Eiablage in die Rapsschote, Samenfraß durch die Larven,
Wegbereitung für die Eiablage der Kohlschotenmücke
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 38
C. pleurostigma, Kohlgallenrüßler, Gallen an Stengel und Wurzelhals von Kohlarten, Raps
Anthonomus pomorum, Apfelblütenstecher, Eiablage in Blütenknospe, Larvenfraß,
Vertrocknen der Knospen
Sitophilus granarius, Kornkäfer, flugunfähig, weltweite Getreidevorratsschädlinge
Familie Scolytidae (Borkenkäfer)
- kleine walzenförmige Käfer mit verlängertem Kopf (Nähe Rüsselkäfer), gut flugfähig, in
Rinde oder Holz lebend, dort Eiablage entlang von Muttergängen, von denen aus die Larven
rechtwinklig seitenbohrgänge anlegen bis sich die Puppe bildet
Ips typhographus, Buchdrucker, gefährlichster B. an Fichte, Rindenbrüter
Pityogenes chalcographus, Kupferstecher, an Fichte, Rindenbrüter
Ordnung Hymenoptera (Hautflügler)
- Insekten mit schmalem Hals, Mandibeln beißend, Maxillen und Labium leckend oder
saugend, Larven mit beißenden MWZ, phyto- oder entomophag
- Imagines leben von Pollen oder Nektar, Weibchen mit Legebohrer oder Wehrstachel
- z.T. staatenbildend, mehr als 100.000 beschriebene Arten!
- gegliedert in Pflanzenwespen (Symphyta) und Taillenwespen (Apocrita)
Symphyta - Pflanzenwespen
Familie Gespinstblattwespen (Pamphiliidae)
Neurotoma saltum, Birnenblattwespe, Lebensraum Gespinste in Birnenbäumen, erheblicher
Blattfraß
Familie Halmwespen (Cephidae)
Cephus pygmaeus, Getreidehalmwespe, Larven leben minierend in Halmen von W, R, keine
Kornbildung
Familie Blattwespen (Tenthredinidae)
Hoplocampa testudinea, Apfelsägewespe, Larven minieren unter der Fruchtschale, später in
die Frucht
H. minuta, Pflaumensägewespe, Larvenfraß an Pflaumen und Zwetschgen
Blennocampa pusilla, Rosenblattrollwespe, röhrenförmig nach unten gerollte Blätter
Apocrita - Taillenwespen
Familiengruppe der Schlupfwespen
- wichtige Parasitoiden-Gruppe, Eiablage mit Legestachel meist in oder an andere Insekten,
Opfer werden dabei gelähmt, ziemlich wirtsspezialisiert, hochentwickeltes Suchvermögen,
Larven entwickeln sich endo- bzw. ektoparasitisch, Verpuppung in oder auf dem Insekt,
Sekundär- und Tertiärparasitierung möglich!
[--> vielleicht einige Dias zeigen, aber Hauptbesprechung im Kapitel Biolog. Bekämpfung!]
- wirtschaftlich wichtigste Art: Trichogramma evanescens (Eiparasit) gegen Maiszünsler, mit
ca. 10.000 ha Behandlungsfläche in Deutschland (1993)
Weitere Vertreter der Hymenoptera mit großer, aber nicht phytophager Bedeutung:
- Wespen
- Hornissen
- Bienen
- Hummeln
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 39
- Weg- und Waldameisen
Ordnung Lepidoptera (Schmetterlinge)
- ca. 150.000 Arten bisher beschrieben, davon 3.000 in [Link]
- großflächige Flügel dachförmig oder nach oben zusammengeklappt (Tagfalter)
- leckend-saugende MWZ mit eingerolltem langen Saugrüssel (verlängerte Maxillen)
- Larven sind Raupen mit fester Kopfkapsel u. beißenden MWZ, 3 Paar Brustbeinen und 5
Paar Bauchfüßen
- Larven phytophag, Adulte harmlose Nektarsauger
- viele Arten nachtaktiv, geruchlich orientiert, lichtsuchend
- Partnerfindung mit Pheromonen des Weibchen: Nutzung für Pheromonfallen (Warndienst)
und zur biotechnischen Bekämpfung (Verwirrungstechnik)
Familie Gespinstmotten
Yponomeuta malinellus, Apfelbaumgespinstmotte, bei Massenbefall Blattkahlfraß
Familie Wickler (Tortricidae)
- vorwiegend dämmerungs- und nachtaktiv, Raupen in gerollten (Name) oder versponnenen
Blättern, auch minierend in Früchten
Laspeyresia pomonella, Apfelwickler, weltweit im Apfelanbau, Larven dringen bis ins
Kerngehäuse vor, mehrere Generationen pro Saison
L. funebrana, Pflaumenwickler, an Steinobst
Lobesia botrana, Bekreuzter Traubenwickler, erste Gen. Heuwurm an Blüten, zweite Gen.
Sauerwurm an den Beeren
Eupoecilia ambiguella, Einbindiger Traubenwickler, Entwicklung u. Schäden wie L.b.
Tortrix viridana, Eichenwickler, Raupenfraß an Knospen und Blättern, Kahlfraß möglich
Familie Zünsler (Pyralidae)
- kleine lebhaft Falter, meist nachtaktiv
Ostrinia nubilalis, Maiszünsler, sehr schädigend durch minierenden Fraß and jungen
Maispflanzen
Familie Trägspinner (Lymantriidae)
- behaarte Raupen und Falter (allergen!)
Lymantria dispar, Schwammspinner, Massenbefall von Obst- und Forstkulturen
L. monacha, Nonne, Massenvermehrung an Nadelbäumen
Euproctis chrysorrhoea, Goldafter, polyphag an Laubbäumen bes. Obstbäumen
Familie Spanner (Geometridae)
- schlanke Falter mit Raupen, die nur ein Paar Bauchfüße besitzen, dadurch spannerartige
Fortbewegung
Operophtera brumata, Gemeiner Frostspanner, weit verbreitet an Laub-(Obst-)gehölzen, Ü.
als Ei, Larven fressen ab Frühjahr, Kahlfgraßgefahr!
Familie Eulen, (Noctuidae)
- größte Schmetterlingsgruppe, charakt. Flügelzeichnung, nachtaktive gute Flieger, Raupen
im Boden oder im Innern von Pflanzen fressend
Agrotis-Arten (A. segetum), Saateulen, Raupen tagsüber im Boden, nachts fraßaktiv,
polyphag
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 40
Autographa gamma, Gammaeule, sehr flugaktiv, polyphag, Massenvermehrungen in oder
nach warmen Jahren
Familie Weißlinge (Pieridae)
- weiße oder gelbe Falter, kurz behaarte Raupen, polyphag auf Cruciferen und Papilionaceae
Pieris brassicae, Großer Kohlweißling
Ordnung Diptera (Zweiflügler)
- nur ein Flügelpaar, das zweite zu Schwingkölbchen umgebildet, Kopf gut beweglich,
stechend-saugende oder leckende MWZ, Larven beinlos und ohne Kopfpapsel, Puppenm als
Mumienpuppe oder Tönnchenpuppe, Adulte vielfach auch nützlich als Räuber oder
Hyperparasiten, oder harmlos als Blütenbesucher, ausgezeichnete Flieger
Familie Gallmücken (Cecidomyiidae)
Dasyneura brassicae, Kohlschotenmücke, Eiablage in präformierte Bohrlöcher an den
Rapsschoten
Contarinia tritici, Gelbe Weizengallmücke, Eiablage in die Ähre, Larven saugen an und
zerstören den Fruchtknoten
Haplodiplosis equestris, Sattelmücke, Larven sauegen an Stengel von Weizen, Quecke,
erzeugen sattelförmige Gallen
Mayetiola destructor, Hessenmücke, bes. in [Link] bedeutender Schädling in Weizen,
Saugschäden an den Halmen
Familie Schnaken (Tipulidae)
Tipula paludosa, Wiesenschnake, Grünlandschäden durch Fraß der bodenlebenden Larven
Familie Minierfliegen (Agromyzidae)
Phytomyza-Arten, an Gramineen und Leguminosen mit charakt. Minierfraß an den Blättern
Familie Nacktfliegen (Psilidae)
Psila rosae, Möhrenfliege, Eiablage in den Boden, Larven wandern an die Pflanzen, Fraß
Familie Fruchtfliegen (Tephritidae)
- bunt gefärbte Fliegen, bes. in wärmeren Klimaten verbreitet
Ceratitis capitata, Mittelmeerfruchtfliege, bes. in Citrus, weltweit
Rhagoletis cerasi, Kirschfruchtfliege, Eiablage in unreife Kirsche, Made miniert um den Kern
Familie Halmfliegen (Chloropidae)
Oscinella frit, Fritfliege, bes. an Sommergetreide und Mais, Eiablage im Frühjahr an der
Pflanze, Larven dringen zum Stengelgrund vor, Gelbherzigkeit, 2. Generation an Ähren oder
Rispen
Chlorops pumilionis, Gelbe Getreidehalmfliege, an W u. G Eiablage an oberen Halm, Larven
minieren im Halm abwärts, 2. Gen. an Wintersaaten, Ü. der Larve am Wurzelhals
Familie Blumenfliegen (Anthomyiidae)
Delia brassicae, Kl. Kohlfliege, Eiablage am Stengelgrund von Cruciferen, Larven fressen im
Wurzelhals
Delia coarctata, Brachfliege, Eiablage in lockere Böden im Herbst, Ü. als Ei, Larve zerstört
[Link] junger Getreidepflanzen, Gelbherzigkeit
Pegomyia hyoscyami, Rübenfliege, Jungpflanzenschädigung an den Blättern
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 41
Vertebrata (Wirbeltiere)
Vögel:
- Stare: Obst- und Weinbau
- Haussperling: Körnerfresser an Getreideähren
- Gänse: Fraßschäden an Jungraps (M-V)
Säugetiere
- Wühlmäuse: Fraß an Wurzeln von Getreide, Gemüse, Baumschulen, Obstanlagen
- Bisam: unterwühlt Dämme und Flußufer
Populationsdynamik von Schaderregern
Tierische Schaderreger
Umwelt
Prädator,
Parasitoid
Pflanze Schädling
g
Abb. Tritrophisches System bestehend aus Pflanze - Schädling – Nützling
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 42
Chemische Reizstoffe bei Insekten und Nematoden
Zwischenartlich wirksame Reizstoffe
Kairomone Æ fördernd, positiv wirksam
Attractants (Lockstoffe)
Arrestants (Bleibereizstoffe)
Feeding incitants (Probebisse, -stiche stimulierend)
Feeding stimulants (Fraßauslöser)
Schlüpfstoffe (Æ Nematodenschlupf)
Oviposition stimulants (Æ Eiablage)
Allomone Æ hemmend, negativ wirksam
Repellents (abschreckend, z.B. Senfölglykoside)
Feeding deterrents (fraßhemmend, z.B. Azadirachtin, Neembaum)
Innerartlich wirksame Reizstoffe
Pheromone
Sexualpheromone
Aggregationspheromone
Begriffsdefinitionen zur Population
Population, alle Organismen gleicher Art in einem Lebensraum (Habitat); Kennzeichen:
Genaustausch zwischen den Mitgliedern; alle P. eines Habitats zusammen bilden eine
Biozönose. Die auf versch. Lebensräume verteilten Populationen einer Art ergeben das
Verbreitungsgebiet einer Art.
Populationsdynamik, beschreibt die Veränderungen einer P. von Tieren; das Analoge bei
Mikroorganismen (Pathogenen) ist die Epidemiologie. Populationsdynamik und
Epidemiologie bilden die Populationsökologie!
Populationsdichte = Abundanz, mittlere Anzahl der Organismen pro Flächen- oder
Raumeinheit (Æ kritische Dichten, Schadensschwellen)
Dispersion, räumliche Verteilung der Organismen in einem Habitat; regelmäßig, zufällig
oder geballt
Altersaufbau (Altersverteilung, Ätilität), Zusammensetzung der P. aus versch.
Entwicklungsstadien
Fruchtbarkeit (Fertilität), Nachkommenszahl eines Weibchens in einer Zeiteinheit; ergibt
die Reproduktionsrate
Sterblichkeit (Mortalität), Verlust von Individuen durch Tod (Sterblichkeitsrate)
Begriffsdefinitionen zur Abundanzdynamik:
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 43
Fluktuation, Änderungen der Populationsdichte (Anzahl Individuen, Eier) von einer
Generation zur nächsten
Oszillation, Veränderungen von Merkmalen innerhalb einer Generation, z.B.
Dichteschwankungen durch Eiverluste oder Larvenmortalitäten
Gradation, ungewöhnliche Abundanzzunahmen innerhalb oder über mehrere Generationen
Vermehrungskoeffizient q, Vermehrung der Population (bei differenzierbaren (simultanen)
Generationen) von einer Generation zur nächsten
q = N1/N0
N0, Dichte der Ausgangspopulation
N1, Dichte der nächsten Generation
Bei konstantem q gilt nach n Generationen:
Nn = N0 x qn
Beispiel: Rapsglanzkäfer, Kartoffelkäfer (univoltin)
Vermehrungsrate r, Zunahme d. Population bei überlappenden Generationen in bezug zur
Zeit
a) bei kontinuierlichem Wachstum der Population
N - N0 = r N
t - t0
Differentialbildung: dN = r N0
dt
wobei N, Individuenzahl bzw. Biomasse der Population
r, Wachstumsrate der Population
T, Zeitspanne
b) mit Kapazitätsbegrenzung des Habitats
dN (dt) = r x N x (K - N/K)
(logistische Wachstumsgleichung, Verhulst-Pearl-Gleichung)
Ursachen von Populationsschwankungen
Drei Ursachenkomplexe:
- Requisiten(dichte), Æ dichteabhängig: Schlupfwinkel, Refugien
Æ dichteunabhängig: Nahrung
- physikal. Umweltfaktoren Æ dichteunabhängig (Witterung)
- Konkurrenz, Antagonismus Æ dichteabhängig
Requisiten: materielle Anforderungen eines Organismus an seinen Lebensraum,
z.B. lebende Nahrung (Wirte, Beute), unbelebtes Substrat, Schlupfwinkel, Eiablageplätze,
Überwinterungsplätze
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 44
Unkräuter
Def. Unkräuter: Vergesellschaftete Wildpflanzen, die mit den Kulturpflanzen um begrenzt
verfügbare Wachstumsfaktoren (v.a. Raum, Licht, Wasser und Nährstoffe) konkurrieren und
diese dadurch indirekt schädigen können.
Kriterien und Möglichkeiten zur Einteilung der Unkräuter
Keimung:
Frühjahrskeimer (Flug-Hafer, Kletten-Labkraut, Efeubl. Ehrenpreis >> Sommerungen)
Sommer-, Herbstkeimer (Ackerfuchsschwanz, Windhalm >> in Winterungen)
Lichtkeimer, Dunkelkeimer
Vermehrung:
Samenunkräuter (die meisten)
Wurzelunkräuter, rhizom-bildend (Quecke, Giersch, Brennessel, Acker-Kratzdistel)
Lebensdauer:
einjährige (Ackersenf, Kornblume, Vogelmiere, Windhalm, Ackerfuchsschwanz ...
..Æ im modernen Ackerbau die überwiegende Form!)
zweijährige (Wilde Möhre, Sumpfkratzdistel)
ausdauernde (Quecke, Ackerkratzdistel)
Standorteigenschaften:
kalkliebende Arten (Klatschmohn, Ackersenf, Ackerhahnenfuß, Glänzender
Ehrenpreis, Kleine Wolfsmilch)
säureliebende Arten (Acker-Hundskamille, Hederich, Kleiner Sauerampfer)
nährstoffreiche Standorte (Giersch, Gänsefuß-Arten, Ackerdistel, Klettenlabkraut,
Franzosenkraut, Vogelmiere, Franzosenkraut, Bingelkraut, Taubnessel-Arten,
Brennessel, Ackerstiefmütterchen, Kamille-Arten)
Schadwirkungen durch Unkräuter
1) Konkurrenz mit der Kulturpflanze um Wachstumsfaktoren
2) Erschwernis der Ernte (Druschbehinderung, Besatzerhöhung, Abreifeverzögerung)
3) Zwischen- bzw. Alternativwirte für Pathogene und Schädlinge
Cruciferen für Kohlhernie, Sclerotinia, Ungräser für Getreideviren, -blattläuse
und Fritfliege; Solanum, Flughafer u. Cruciferen für Zysten-Nematoden
4) Folgeverunkrautung mit den Effekten von 1) - 3)
Ökologische Bedeutung der Unkräuter
1) Habitate für Nützlinge
2) Bienenweide
3) Arterhaltung bedrohter Pflanzen
4) Landschafts- und naturräumliche, ästhetische Aspekte
Wesentliche Einflüsse moderner Produktionstechnik auf die Zusammensetzung der
Unkrautpopulationen sind ...
- Selektion zu gare- und nährstoffliebenden (bes. nitrophilen) Arten
- Förderung annueller Arten (> durch intensive Bodenbearbeitung)
- Förderung von Gräsern (> getreidelastige Fruchtfolgen)
- Förderung kletternder Arten (> durch höhere Bestandesdichten)
- Resistenzbildung gegen Herbizide (> Atrazin-resistente Hirse, Chenopodium, Vogelmiere
und Franzosenkraut im Mais)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 45
Einfluß moderner Produktionstechnik auf die Verunkrautung
N-Düngung
Æ Selektion gare- und nährstoffliebender (bes. nitrophiler) Arten
Häufigkeit von Unkrautarten in Getreide in Abhängigkeit von der N-Düngung
Unkrautart Häufigkeit in Prozent
< 50 kg N/ha >100 kg N/ha
Hirtentäschel 32 36
Erdrauch 37 27
Klettenlabkraut 23 42
Taubnessel 24 43
Ackervergißmeinnicht 25 42
Knöterich-Arten 33 31
Vogelmiere 29 41
Ehrenpreis-Arten 32 38
Acker-Stiefmütterchen 16 42
(n. Menck & Behrendt, 1974)
Fruchtfolge
- Förderung annueller Arten durch regelmäßige Bodenbearbeitung
- Förderung von Gräsern durch getreidelastige Fruchtfolgen (Ackerfuchsschwanz, Windhalm,
Flughafer)
- Förderung sommerannueller (Frühjahrskeimer) Arten in [Link], und winterannueller
(Herbstkeimer) in Wi. Getreide
Sortenwahl
- Förderung der Verunkrautung durch kurzstrohige Getreidesorten
Herbizideinsatz
- starke Artenselektion (Æ Rückgang von Klatschmohn, Kornblume, Ackersenf durch
Wuchsstoffmittel)
- Selektion wenig sensitiver Arten (Æ Hirse, Chenopodium, Vogelmiere und
Franzosenkraut im Mais durch Atrazin-Resistenz)
- Zunahme der Herbizidresistenz bei bestimmten Arten (s.o.)
Reduzierte Bodenbearbeitung
- generell verstärkter Unkrautbesatz in klassischen „Hackfrüchten“ Mais, Kartoffel, Rüben
durch Minimalbodenbearbeitung/Direktsaat
- Zunahme ausdauernder, herbizidinsensitiver Unkräuter, wie Ackerkratzdistel, Acker-
Gänsedistel, Ackerwinde, Quecke
Mäschdrusch u. Saatgutreinigung
- späte Ernte führt zu verstärkter Aussamung der Unkräuter
- Häcksler verbreitet v.a. flugfähige Samen (Windhalm, Kamille)
- Saatgutreinigung hat best. Arten eliminiert (Roggentrespe, Kornrade)
Frühe Saatzeiten
- Förderung der Frühkeimer durch unzureichende Auflaufzeiten vor der Saatbettbereitung
(Bsp. Ackerfuchsschwanz, Flughafer, Hohlzahn)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 46
Wichtige Faktoren für Krankheitsentstehung und Befallsverlauf
Was passiert, wenn eine Pflanze und ein pathogener Pilz zusammentreffen? - In den
allermeisten Fällen nichts, weil die Pflanzen eine Basisresistenz, d.h. Nichtwirts-Resistenz
gegen die Mehrheit der Pathogene besitzen. Das bedeutet, daß die Pflanze nur von sehr
wenigen auf sie spezialisierten Pathogenen und Schädlingen befallen wird.
Ob Befall, Krankheit und Schädigung eintreten wird im wesentlichen von zwei
Faktorenbereichen bestimmt:
Æ Genetische Determination des Pathogens und der Pflanze
Æ Prädisponierende Umweltfaktoren
Beide Faktorengruppen bestimmen, ob und wie stark der Befall eintritt.
Formen von Parasitismus bei phytopathogenen Pilzen
Typ Wirtsspezifität Penetrations- Zuständige pfl. Lebensfähigkeit
mechanismen Resistenzebene ohne den Wirt
Saprophyten keine - Basisresistenz +
Fakultative sehr gering - Basisresistenz +
Saprophyten
Pertotrophe gering bis hoch + Basisresistenz, +/-
Parasiten pathogenspez. R.
Biotrophe sehr hoch + Pathogenspez. -
Parasiten Resistenz
Grundbegriffe:
Pathogen Agens (lebend od. Virus), das Krankheit verursacht (auch Nematoden)
Parasit Organismus, der sich von einem anderen ohne Gegenleistung ernährt
Pathogenität Fähigkeit eines Erregers, auf Kosten eines Wirts zu leben und eine
Krankheit zu verursachen
Virulenz fälschlich oft mit Aggressivität gleichgesetzt; sensu strictu aber ein
qualitatives Merkmal, welches die Ausstattung eines Pathogen mit
Virulenzgenen, die bestimmten Resistenzgenen entsprechen, widergibt; die
Virulenz bestimmt die Rassezugehörigkeit des spez. Pathogens und damit
die Fähigkeit, bestimmte Sorten zu infizieren; virulente Erregerrassen sind
mit anfälliger Sorte kompatibel und avirulente Rassen auf resistenter Sorte
inkompatibel (nähere Erläuterungen erfolgen bei Besprechung der Gen-für-
Gen-Hypothese)
Aggressivität Vermögen eines Erregers, seine Wirtspflanze zu infizieren (quantitatives
Maß der Schadensinduktion), in etwa synonym: 'Infektionsstärke',
'Infektivität'
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 47
Infektionszeit Zeit vom Beginn der Infektion bis zur Erreichung eines stabilen
parasitischen Verhältnisses
Inkubationszeit Zeit von Infektion bis erstem Symptomauftreten
Latenzzeit Zeit zwischen Inokulation und Reproduktion (Sporulation)
Pathogenitätsfaktoren (Bakterien, Pilze, Nematoden)
Erregerenzyme:
- Cutinasen: meist nicht entscheidend für die Pathogenität, da Kutikula vielfach auch
mechanisch durchdrungen werden kann
- Pektinasen: Gruppe versch. Enzyme (Hydrolasen und Lyasen, mind. 5 versch. Formen,
Endo- und Exoformen), die Pektin abbauen; Pektin ist methylierte Polygalacturonsäure mit a-
1,4-Bindungen, produziert von vielen Bakterien und Pilzen, P. induzieren Weichfäulen durch
Auflösung der Mittellamellen; (Rolle bei der Zelltodinduktion nicht ganz klar!); saurer pH
erhöht Aktivität der P., daher Säureausscheidungen der Pilze; Ca++ stabilisiert Pektate
- Cellulasen: spalten ß-1,4-glykosidisch verknüpfte Polysaccharide; Bedeutung bei der
Gewebemazeration gering, wichtig aber für die Substraterschließung und Ernährung des
Pathogen
- Proteasen: greifen proteinogene Matrix an (Glykoproteine) oder vernetzte Wandproteine
Æ zellwandabbauende Enzyme nicht auf Pathogene beschränkt, sondern auch bei
Saprophyten, daher keine allein maßgeblichen Pathogenitätsfaktoren!
Pathotoxine:
niedermolekulare Produkte eines Pathogens, die noch in sehr geringer Konz. die Wirtspflanze
schädigen; produziert von Bakterien oder pertotrophen Pilzen
(Æ nicht verwechseln mit Mykotoxinen = Pilzgifte mit Wirksamkeit gegenüber
Warmblütern, z.B. Aflatoxin, Phalloidin)
- man unterscheidet:
Æ wirtsspezifische und wirtsunspezifische Pathotoxine
- wirtsspezifische T. seltener, vor allem bei Helminthosporium (Cochliobolus) und Alternaria;
z.B. Victorin nur auf Hafersorten mit eingekreuzter Resistenz gegen Kronenrost toxisch
(Genquelle Victoria-Hafer, Avena byzanthina); Bsp. HMT- oder T-Toxin von Cochliobolus
heterostrophus (Helminthosporium maydis) Rasse T, welches in Mais für Aufregung sorgte,
als einseitig Sorten mit dem "Texas plasm" angebaut wurden, die hoch anfällig waren, dies
führte 1970 zu totaler Erntevernichtung in den USA
- wirtsunspezifische T. schädigen auch solche Pflanzen, die eigentlich von dem Pilz nicht
befallen werden; hierzu gehören auch Welketoxine; unspezifische T. sind weitaus stärker
verbreitet als spezifische; ihre Wirkung ist demnach kooperativ mit anderen Faktoren des
Pathogens wie Enzymen etc. ; mitunter unterdrücken sie die Resistenzreaktion der Pflanze
Wirkungsmechanismen vielfach nicht geklärt; meist werden die Pflanzenmembranen
angegriffen und "leakage" und Zelltod ausgelöst; oxidative Prozesse können involviert sein,
Bsp. Cercosporin (Cercospora beticola) an der Zuckerrübe, unter Lichteinfluß werden
Sauerstoffradikale gebildet, die phytotoxisch wirken
Toxine können auch für Erkennungsreaktionen des Wirts verantwortlich sein
Extrazelluläre Polysaccharide (EPS)
- Schleimkapseln bei Bakterien verhindern den direkten Kontakt zwischen B. und
Pflanzenzelle und unterbinden dadurch Erkennung ('Verschleierungstaktik) und
Resistenzreaktion, Folge ist eine kompatible Interaktion
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 48
- in Gefässen kommt es durch bakterielle EPS zu Verstopfung und Welke (Bsp.
Schleimkrankheit der Kartoffel, Ps. solanacearum)
Suppressoren des ‚oxidative burst’ bei der pflanzl. Abwehr
Bsp. Oxalsäure – Sclerotinia sclerotiorum (B. cinerea)
Speichelsekretion bei Nematoden und Insekten
- enthält oft spaltende Enzyme (Pektinasen, Proteasen), Induktion von Nekrosen (Bsp.
Wanzen) und Wuchsanomalien (Wurzelgallennematoden, Gallmücken, Gallenläuse) Æ meist
erst in Verbindung mit Stech- und Saugtätigkeit
Infektion und Schädlingsbefall
Pilze:
Sporenkeimung von Temperatur, Feuchte und z.T. Licht abhängig, manche P. benötigen auch
noch exogene Nährstoffe (Zucker, Wurzelausscheidungen); Hyphen wachsen häufig
chemotrop oder thigmotrop auf der Wirtsoberfläche; Schleimhülle sorgt für engen Kontakt;
Appressorien als Haftstrukturen, von denen aus die eigentliche Penetration beginnt;
Sonderfall Zoosporen, die sich vor der Infektion festhaften, die Geißeln abwerfen und sich
encystieren. Eintrittswege meist erregerspezifisch; Bsp. Rost (Stomata-Invasion), Mehltau
und nekrotrophe P. (z.B. B. cinerea) (Cuticula/Epidermis-Penetration)
Besonderheit bei Plasmodiophora und Polymyxa: Stillett-Bildung in der encystierten
Zoospore zur Durchdringung des Wurzelhaars
Aus: Hartleb, Heitefuß & Hoppe, 1997
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 49
Besiedlung des Wirts: ekto- oder endoparasitisch, meist starke Spezialisierung auf bestimmte
Gewebe, z.B.
- Ektoparasiten: (seltenere Form)
Echter Mehltau, Epidermisbesiedler; Apfelschorf, nur in der ersten Phase
- Endoparasiten:
Roste, nur in assimilierendem Blattparenchym
Falsche Mehltaupilze, völliges Durchwuchern der Blätter
Nekrotrophe P., lokale od. totale Besiedlung von Pflanzenorganen (Wurzeln,
Blätter, Früchte)
Verticillium, Fus. oxysporum, Welkeerreger (Welketoxine, Gefäßsystem)
Mutterkornpilz, Gräsernarben, Umwandlung in Sklerotium
Brandpilze, spezialisiert auf embryonales Gewebe, Umwandlung der Ähre
in Brandlager
Intrazelluläre Besiedlung:
Plasmodien von Polymyxa, Plasmodiophora, Spongospora im Wirtscytoplasma
Haustorien bei höher entwickelten P. (Echter Mehltau, Rost, F. Mehltau)
Latente Infektion:
besonders lange Latenzperioden bei Bränden, samenbürtigen P. (Drechslera,
Fusarium, Septoria), Tracheomykosen, Botrytis cinerea in der Erdbeere, Anthraknose in der
Lupine, etc.; kurze Latenzzeiten bei fast allen P.
Bakterien:
Grundsätzlich: Bakterien können die intakte Pflanzenkutikula/-epidermis nicht aktiv
durchdringen, sie sind angewiesen auf
Wunden (mechan., Frostrisse, Insektenstiche od. -bisse)
Stomata
Lentizellen
nicht-kutinisierte Oberflächen (z.B. Wurzelhaare)
Flüssiges Wasser ist für Fortbewegung (begeißelte Formen) und Vermehrung unbedingt
erforderlich!
- passive Ausbreitung in der Pflanze auch durch den Transpirationsstrom im Xylem (fast
immer akropetal), z.B. Feuerbrand (E. amylovora), E. carotovora [Link]. atroseptica
(Schwarzbeinigkeit d. Kartoffel); Ausbreitung von B. im Phloem sehr selten, außer bei den
phloem-transmitted MLO, RLO
- wichtige Übertragungswege daher bei Stecklings- oder Knollenvermehrung
- latente Infektionen besonders gefährlich, z.B. Bakterienringfäule (Clavibacter
michiganensis sepedonicus)
Besonderheit: Agrobacterium tumefaciens, Übertragung von Ti-Plasmiden (T-DNA) auf
dikotyle Pflanzen transformiert die Pflanzenzelle (Æ einziger Fall von natürlichem
'genetischen Parasitismus'), (Hinweis: Nutzung von Agrobacterium als Gen-Vehikel bei
Gentransformationen z.B. in der Pflanzenzüchtung!!)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 50
Reaktionen der Wirtspflanze auf den Befall
Schadreaktionen der Pflanze
Es sind 3 generelle Bereiche von Reaktionen möglich:
a) Symptom- und Wundreaktionen
b) histologisch-cytologische Reaktionen
c) physiologische Reaktionen
a) Symptom- und Wundreaktionen
Schadsymptome:
- Nekrosen (‚Blattflecken‘)
- Welken, Dürren
- Vergilbungen, Verfärbungen
- Absterbeerscheinungen
- Fäulen
- Formveränderungen, z.B. Zwergwuchs bei Weizen durch den Zwergsteinbrand,
Gelbverzwergung bei der Gerste durch Viren (BYDV) oder MLO bei Citrus-Stauche
- Hypertrophien (Riesenzellen), Gallen
- Tumorbildung, ungeregelte Zellteilung, der Tumor wächst nach Induktion autonom d.h.
auch ohne Erreger weiter!
Wundreaktionen:
- Bildung von Wundkallus, dieser überwallt die Verletzungsstelle; bei Holzgewächsen z.T.
als "Krebs" bezeichnet (Nectria galligena), nach dem Wundverschluß setzen
Differenzierungsvorgänge ein, die unterbrochene Leitelemente wiederhestellen
- Bildung eines Wundperiderms (Korkschicht); unterhalb der Wunde wird ein
Korkkambium (Phellogen) gebildet, welches nach außen Korkschicht (Phellem) absondert;
Einlagerung von Suberin, Cutin und Lignin, nach innen Phelloderm-Bildung
- Andere Wundreaktionen:
- Wundgummi: Polysaccharide u.a. (Gummibäume!), dienen dem Wundverschluß
- Gummosis (Verflüssigung von Zellen in gummiartige Substanzen)
- Harzfluß
b) Histologisch-cytologische Reaktionen:
Typische cytologische Befunde bei Pilzbefall sind:
1. Anschwellen der Zellwand (durch Ansammlung von Abbauprodukten oder
Verdickung in Form von Papillen Æ siehe Kapitel Resistenzfaktoren)
2. Beschleunigte Plasmaströmung
3. Kernwanderung zum Penetrationsort, dort Plasma-Akkumulation
4. Z. T. erhebliche Kernhypertrophien (bis zum 30fachen Volumen!)
5. Cytoplasma nimmt granuläre Struktur an
6. Wirtszelle stirbt ab
Fall A: Pilz etabliert sich (nekrotrophe Pathogene)
Fall B: Pilz stirbt ab (biotropher Erreger)
c) Physiologische Reaktionen:
- direkte Ursache ist Kontakt mit oder Zerreißen von Zellmembranen Æ Wundsignal, wird
symplastisch auf Nachbarzellen weitergeleitet und führt auch dort zu Störungen
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 51
KOMPLEX 1: Æ Membranschäden
Æ erhöhte Membranpotentiale: Störung des Ionentransfers (K+, Na+, Cl-, organ.
Anionen) durch die Ionenkanäle; Verlust der kontrollierten Semipermeabilität, Ionenefflux
Æ Sauerstoffradikalbildung: Angriff auf Membranstruktur durch Entstehung von
-
O2 ; H2O2 als ‚second messenger‘; OH*-Radikal als phytotoxischer Faktor; weitere
Funktionen von H2O2 (z. B. oxidative Quervernetzung von Zellwandproteinen ...etc.)
Æ Verlust an Kompartimentierung: dadurch Freisetzung von Enzymen, die
Membranlipide etc. abbauen oder Polymere aufbauen (Cellulose, Callose, Extensin)
KOMPLEX 2: Æ Atmung
Im Allgemeinen drastische Erhöhung der Atmung, verursacht durch
- Wundreaktionen der Pflanze ('Wundatmung' Æ Wundheilung)
- Resistenzreaktionen (Biosynthesen von Abwehrstoffen)
- Atmung des Parasiten selbst
KOMPLEX 3: Æ Sekundärmetabolismus
Æ Ethylen-Induktion: Seneszenzinduktor, induziert PAL, Peroxidasen etc. Æ, nach
neueren Untersuchungen aber auch Membranpermeabilität und den Zelltod
(Demarkationsgewebe); Rolle in Bezug auf den Schutz vor Infektion ambivalent!!
Æ Phenolstoffwechsel über Induktion von Phenylalanin-Ammonium-Lyase (PAL,
Shikimat-Weg); Synthese von Lignin, Phytoalexinen, Melanin, Phytohormonen und anderen
Polyphenolen (Braunverfärbung Æ Polyphenoloxidasen, Peroxidasen)
KOMPLEX 4: Æ Photosynthese
- sowohl Förderung wie Verminderung möglich
Æ Verminderung durch:
- Chlorophyllabbau bei Nekrosereaktionen
- induzierter Stomataschluß und verminderte CO2-Aufnahme
- spez. Wirkung von Pathotoxinen auf Komponenten der Photosynthese
Beispiele: nekrotrophe Pathogene, z.T. auch Rost
Æ Förderung durch:
- Induktion "Grüner Inseln" bei Rosten und Mehltaupilzen; Ursache vermutlich die
Schaffung eines starken sinks, der die Produktivität in der Umgebung aufrechterhält, dadurch
Veränderung der pflanzlichen Assimilattranslokation; außerdem hormonelle Effekte, die die
Seneszenz unterdrücken
Beispiele: biotrophe Erreger
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 52
Resistenzfaktoren
Def. Resistenzfaktoren sind Strukturen, Substanzen und Prozesse in der Pflanze, die den
Befall durch Schaderreger hemmen oder verhindern.
- wir unterscheiden:
prä- und postinfektionelle Faktoren, die sich entweder
strukturell (morphologisch) oder biochemisch manifestieren
Präinfektionell, konstitutiv
Morphologische Resistenzfaktoren
- die "erste Abwehrkette" der Pflanze!
- sämtliche intakten Abwehrschichten der Pflanze sind beteiligt (besonders bei
Speicherorganen und Früchten wichtig):
- epikutikuläre Wachse verhindern die Bildung eines Wasserfilms!
- Kutikuladicke wenig relevant für Pilzbefall, bedeutend aber bei Bakt. u. Viren
- Zellwandstärke und -beschaffenheit sehr bedeutend, entscheidend kann der
Lignifizierungsgrad, oder die Kieselsäureeinlagerung (Bsp. Gerste-Gerstenmehltau, Reis-
Pyricularia oryzae) sein
- Drüsenhaare von Tabak oder Kartoffel hindern Blattläuse an Besiedlung (Klebeffekt)
- Lentizellen, bei Apfelsorten mit offenen L. erhöhte Pezicula-Fruchtfäule
- Stomata, offenere, größere S. fördern Pilz- und Bakterienbefall
- markausgefüllte Stengel von Weizensorten verhindern Befall mit der
Getreidehalmwespe
- Reissorten mit kieselsäurereichen Stengeln werden nicht vom Stengelbohrer befallen
- Farben verhindern Schädlingszuflug, rote Kohl- und Salatarten/Blattläuse
Präformierte biochemische Abwehr
Als neuer Begriff für konstitutiv vorhandene toxische oder abschreckende Abwehrstoffe in
der Pflanze, die entweder direkt gegen das Pathogen wirksam sind oder durch diesen in aktive
Komponenten umgewandelt werden, hat sich ‚Phytoanticipine’ etabliert (vgl. im Gegensatz
dazu Æ ‚Phytoalexine’)
Beispiele:
- Bsp. Tuliposid B der Tulpe: B. cinerea löst Hydrolyse aus und setzt Aglukone frei aus
denen giftiges Lacton entsteht Æ kein Befall, Pilz stirbt ab; B. tulipae löst diese Aktivierung
nicht aus und kann so die Tulpe befallen
- z.B. Saponine in Hafer (Avenacin) oder in Tomate (Tomatin) hemmen den Befall mit
best. Blattläusen und versch. Pilzen; Gaeumannomyces graminis avenae kann Saponine
enzymatisch inaktivieren, Ggt nicht; Wirkmechanismus: Saponin + ß-Glukosidasen und
Steroide des Pilzes bewirken Komplexbildung, die zu Poren in der Pilzzellwandmembran
führen
- z.B. Senfölglycoside in Kruziferen hemmen alle nicht daran angepaßten
Insektenarten, wirken bei den angepaßten allerdings als Phagostimulants (Mehlige
Kohlblattlaus, Kohlweißling) Æ Doppelfunktion von Allomonen - Kairomonen!!!
- z.B. Cucurbitacin in Gurkengewächsen gegen versch. Käferarten
- z.B. Gossypol in Baumwolle gegen versch. Schmetterlinge
- Inaktivierung von Erregerenzymen
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 53
z.B. Protease und Pektinase-Inhibitoren (PGIP) sind bekannt (gegen Botrytis cinerea etc.),
dieser Pilz antwortet dann eventuell mit Laccasen, die wiederum die Phytoalexine der Pflanze
knacken
Daneben kann auch schon der Mangel an bestimmten für den Schaderreger wichtigen
Inhaltsstoffen eine Infektion verhindern bzw. hemmen:
- Mangel an best. essentiellen Inhaltstoffen, z.B. Aminosäuremangel best. Erbsensorten
verhindert Befall mit der Erbsenblattlaus, resistente Reissorten haben verringerte
Asparaginsre.-Gehalte Æ Reiszikade saugt nicht
- Mangel an Rezeptoren für Toxine des Pathogen
Postinfektionell, induziert
- Reaktionen werden meist noch nicht auf der Oberfläche, sondern erst nach direktem Zell-
Zellkontakt induziert (Erkennungsreaktionen bei tierischen Zellen weitaus früher als bei
pflanzlichen, da Zellwandbarriere fehlt)
- "Erkennung" wird durch Elicitoren ausgelöst = Moleküle des Pathogen, die in geringster
Konzentration im Wirt Abwehrreaktionen auslösen; Elicitoren sind oft Zellwandglukane des
Pathogens oder Fragmente, die das Pathogen bei der Penetration aus der Pflanzenzellwand
freigesetzt hat (Oligoglukane, Oligogalakturonide, Glykoproteine, Glykolipide); meist sind
Elicitoren im Zusammenhang mit der Auslösung von HR oder der Induktion von
Phytoalexinen untersucht worden
- Elicitoren können rassenspezifisch für eine Pathogenrasse sein und als Avirulenzfaktoren
fungieren
- Elicitoren lösen Signalketten aus, die sich über Plasmamembrangrenzen hindurch fortsetzen
und schließlich Gene aktivieren oder cytoplasmatische Faktoren
Induzierte morphologische Abwehr (Barrieren):
- Papillen, Auflagerungen auf der Innenseite der Zellwand, sehr schnelle Reaktion (innerhalb
Minuten!), besteht aus Kallose (ß-1,3 Glukan), Lignin, Protein, Zellulose, Suberin
- Rolle der Papillen als Resistenzfaktoren umstritten, da sie vielfach doch vom Pathgen
überwunden werden, deshalb hat man sie auch als Wundreaktionen betrachtet; wirksam sind
Papillen aber bei der Ausprägung der Altersresistenz von Gerste gegen Mehltau (neben der
Verkieselung der Zellwände), entscheidend für die Effizienz ist die Geschwindigkeit, mit der
sie gebildet werden!
- Lignifizierung, Elicitoren, Verwundung (biotisch/abiotisch) führen zu erhöhter
Ligninsynthese; Voraussetzung ist eine starke Stimulierung des Shikimisäure-Weges als
Syntheseweg für Phenolbausteine (vgl. biochemische Abwehrreaktionen: PAL, Peroxidase);
Vorstufen sind Zuckerbausteine oder Tyrosin (Desaminierung von Tyrosin führt zu p-
Cumarylalkohol)
Æ Lignin bewirkt folgendes:
- macht die Zellwand fest und inert gegen enzymatischen Angriff,
- verringert die Diffusion von Nährstoffen nach außen,
- verhindert die Diffusion von Toxinen des Pathogen in die Zelle
- Sekundärmetabolite der Ligninsynthese können erregertoxisch sein oder
- sie sind an der Auslösung der HR beteiligt (Induktion des Zelltods, z.B. Weizen-
Schwarzrost)
- Zellwandproteine, netzartige hydroxyprolinreiche Glykoproteine (HRGP, vor allem
Extensin); bislang nur in dikotylen Pflanzen gefunden; werden nach Infektion in großer
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 54
Menge gebildet, Quervernetzung und Polymerisierung erfolgt oxidativ (Sauerstoffradikale,
Peroxydasen); auch in Papillen vorhanden; Æ unspezifische strukturelle Abwehrreaktion
- Hypersensitiver Zelltod (HR = hypersensitive Reaktion)
- HR ist eine schnell ablaufende Überempfindlichkeitsreaktion der Wirtszelle auf die
Infektion mit einem inkompatiblen Erreger (genetische Grundlagen wurden weiter vorne
erörtert!)
Auslöser können Viren, Bakterien, Pilze oder auch Nematoden und Insekten sein, sichtbare
Folge einer HR sind scharf umgrenzte kleine Nekrosen!
Æ der schnelle Zelltod durch HR bewirkt vor allem gegenüber biotrophen Pilzen folgendes:
1. Entzug der Nahrungsgrundlage
2. Demarkation des Erregers vom lebenden Gewebe
3. Signal zur Auslösung weiterer Abwehrmechanismen
a) Wandverstärkungsreaktionen in umgebenden lebenden Zellen (s.o.)
b) Induktion von erregertoxischen Abwehrstoffen (Phytoalexine)
4. Abwerfen des befallenen Gewebes mit dem Erreger (Schrotschußeffekt bei
Xanthomonas campestris-Befall an Pfirsisch, bei Sauerkirsche nach Befall mit Stigmina
carpophila etc.)
- Thyllen
Einstülpungen von Schließhäuten durch die Tüpfel der benachbarten Parenchymzellen in die
Gefäße nach Invasion mit vaskulären Pathogenen, die dadurch am Vordringen gehindert
werden, auch Welketoxine werden an der Verbreitung gehindert
Bsp. Baumwolle, Weinrebe, Tomate
Postinfektionelle biochemische Faktoren
Phytoalexine
- Def.: niedermolekulare, antimikrobielle Substanzen, die in der Wirtspflanze nach
Induktion durch den Pathogen synthetisiert werden.
Sie sind nicht erregerspezifisch, sondern oft sogar toxisch für Organismen verschiedener Art
(Pilze, Bakterien, Nematoden). Es besteht keine Wirkung gegen Viren! Sie sind aber
spezifisch für bestimmte Pflanzenarten (hps. Dikotyle) und von chemisch sehr
unterschiedlicher Natur.
- sie werden in intakten Zellen inder unmittelbaren Umgebung zur Verletzungs- oder
Infektionsstelle synthetisiert und bleiben dort auch lokalisiert (kein systemischer Transport in
andere Pflanzenteile!)
Induktion der Phytoalexine
Phytoalexine werden besonders als Folge einer HR gebildet. Auslöser sind die sog.
Elicitoren, hochmolekulare Signalstoffe, meist Bestandteile der pilzlichen oder bakteriellen
Zellwand (Glukane, Chitosane, Glykoproteine). Die Pflanze besitzt offenbar spezielle
Rezeptoren für die Elicitoren.
Wirksamkeit der Phytoalexine
Entscheidend ist, wie schnell und in welcher Konzentration die Phytoalexine von der Pflanze
gebildet und an der Infektionsstelle akkumuliert werden können
Kompatible Pathotypen produzieren wiederum Suppressoren, die die Rezeptoren der Pflanze
für den Elicitor blockieren und dadurch die Signalkette außer Kraft setzen.
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 55
Virulente Pathotypen sind aber z.T. auch in der Lage Phytoalexine zu detoxifizieren, z. B.
Phaseollin Æ Hydroxyphaseollin (Botrytis cinerea, Colletotrichum lindemutianum) oder
Wyeronsäure durch Botrytis fabae
Beteiligung an der Resistenz
Neben Beispielen, bei denen eine Korrelation zwischen Phytoalexingehalt und Resistenz
gefunden wurde, gibt es auch zahlreiche, wo dies nicht zutraf, z.B. nimmt die Glyceollin-
Synthese der Sojabohne im Alter ab, die Resistenz aber zu, auch sind bei manchen Pflanzen
keine Unterschiede in den Phytoalexingehalten zwischen kompatibler und inkompatibler
Interaktion gefunden worden.
Æ deshalb spricht man den Phytoalexinen heute eine Mitwirkung, aber nicht mehr eine
alleinige tragende Rolle an der Resistenzausprägung zu!
Induktion von Abwehrenzymen
Peroxidasen (Polyphenoloxidasen)-
- induzieren die Polymerisation bestimmter Abwehrsubstanzen wie Lignin
(Zellwandverstärkung, Papillen); fangen sie auch Sauerstoffradikale ab, die bei der Infektion
induziert werden (z.B. aggressive Isolate von Botrytis cinerea können POX und den
‚oxidative burst’ unterdrücken!)
PR-Proteine
"pathogenesis-related proteins", insbesondere "defence-related proteins"
Man rechnet hierzu folgende Gruppen:
1. alle Proteine, die im Rahmen von strukturellen Abwehrmechanismen auftreten, z.b. die
Wandproteine (Extensin, s.v.)
2. Enzyme, die an der Bildung antimikrobieller Stoffe (Phytoalexine etc.) beteiligt sind
3. Proteinasen, die Erregerenzyme inhibieren
4. PR-Proteine im engeren Sinn:
PR-1: nicht identifiziert
PR-2: ß-1,3-Glucanasen, die die Pathogenzellwand abbauen, deren Fragmente dann
die
PR-3: Chitinasen induzieren
PR-4: nicht identifiziert
PR-5: thaumatin-like proteins
5. Thionine: cysteinreiche kleine Proteine (5 kDa), antibakteriell, antifungal, perforieren
Membranen der Pathogene; gefunden in Tabak, Tomate, Gerste, Paprika; teilweise
präinfektionell vorhanden, aber durch Infektion induziert
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 56
Abwehrreaktionen der Pflanzen - Resistenz
Formen der Resistenz, genetische Grundlagen
Vererbte Resistenz
EBENE 1
Nicht-Wirtsresistenz
"Basisresistenz"
Æ gegen fast alle Pathogene
EBENE 2
Wirtsresistenz
"Kultivarspez. R."
Vertikale ("rassenspez.") Resistenz
mono-, oligogen Æ gegen bestimmte Pathogenrassen
Horizontale ("rassenunspez.") Resistenz
polygen Æ unselektiv gegen alle Pathogenrassen
Erworbene Resistenz
"Prämunität"
"Systemic acquired resistance"
Æ unselektiv gegen versch. Pathogenspezies, örtlich u. zeitlich begrenzt
Differenzierung zwischen rassenspezifischer (vertikaler) und rassenunspezifischer
(horizontaler) Resistenz
FALL A: Wirtspflanzensorten mit vertikaler R. (Befallsstärke)
________________________________
A B C
____________________________________________
Pathogen- 1 6 0 0
rasse 2 0 6 0
3 0 0 6
____________________________________________
FALL B: Wirtspflanzensorten mit horizontaler R. (Befallsstärke)
________________________________
D E F
____________________________________________
Pathogen- 1 2 4 5
rasse 2 2 3 6
3 1 4 6
Vertikale Resistenz
Gen-für-Gen-Hypothese
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 57
- wurde erstmals von H. H. Flor ab 1940 aufgestellt; er führte Versuche mit Flachsrost
(Melampsora lini) durch, einem autözischen Rost auf Linum usitatissimum (kein
Wirtswechsel)
- Flor entdeckte erstmals physiologische Rassen bei einem Pflanzenpathogen und untersuchte
die Frage, wieviele Gene sowohl im Pathogen als auch in der Pflanze an der Determinierung
der Kompatibilität beteiligt sind
- hierzu führte er "historische" Kreuzungsexperimente durch, in denen er anhand der
phänotypischen Aufspaltung in der F1- und F2-Generation feststellen konnte, wieviele Gene
beteiligt sind und welcher Erbgang vorlag (dominant/rezessiv); Lein bietet sich an, da
Selbstbestäuber und leicht homozygote Tester-Genotypen erzeugbar sind ("differentials")
Flor's bahnbrechende Erkenntnisse waren die folgenden:
1. Es gibt eine pathogenrassenspezifische Resistenz
2. Sie beruht auf einzelnen R-Genen im Wirt, zu denen es korrespondierende AVR-Gene
im Pathogen gibt ("Gen-für-Gen-Interaktion")
3. R-Gene können durch gezielte Mutation/Züchtung in Wirtssorten erzeugt werden,
Avirulenzgene befinden sich in unbestimmter Zahl von vornherein in der
Pathogenpopulation (es ist unklar, welchen Sinn sie eigentlich haben und warum sie
nicht ausselektiert werden!)
4. R-Gene und AVR-Gene sind und vererben sich dominant (F1 ist durchgehend R oder
AVR, F2 spaltet auf in 3:1 für das entsprechende Merkmal --> Mendel)
5. Die Gen-für-Gen-Inkompatibilität (Resistenz) wird als HR exprimiert.
Beispiel:
Wirtspflanzen diploid
anfällig resistent
r1/r1 R1/R1
_________________________________________________________________________
virulent Befall Befall
Pathogen- avr1 (kompatibel) (kompatibel)
rassen,
haploid avirulent Befall Abwehr
AVR1 (kompatibel) (inkompatibel)
_________________________________________________________________________
AVR1, Avirulenz-Allel dominant gegenüber Allel avr1 für Virulenz
R1, Resistenz-Allel, dominant gegenüber Allel r1 für Anfälligkeit
- spätere Forscher haben Flor's Erkenntnisse auf verschiedene andere Wirt-Pathogen-Systeme
zu übertragen versucht, vor allem auf Getreiderostmodelle
- man identifizierte z.B. bei Weizenbraunrost oder W.-Schwarzrost mehrere Dutzend R-Gene
und entsprechend weit über 100 physiologische Rassen der Pathogene
- die Folge war in den 50er bis 70er Jahren ein zum Teil einseitige Ausrichtung der Züchtung
auf die Suche und Einkreuzung von Resistenzgenen; dies hat zu Sorten mit zum Teil
akkumulierten R-Genen geführt, die aber meist nach relativ kurzer Anbauzeit wieder anfällig
geworden sind (ÆWettlauf zwischen Züchtung und Pathogenpopulation).
--> deshalb seit den 80er Jahren vermehrt Schwerpunkt auf "durable resistance" (z.B. "slow-
rusting varieties" etc.) in den internationalen Züchtungsprogrammen (CIMMYT, IRRI etc.)
- vertikale Resistenz tritt besonders bei intensiv gezüchteten lw. Kulturpflanzen und
hochwirtsspezialisierten Erregern auf, wo die Sorten ausgeprägte Unterschiede in ihren
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 58
Resistenzgenen aufweisen und es dadurch zu einer selektiven Wirkung auf die
Pathogenpopulation kommt
- entscheidend für die Identität einer Pathogenrasse sind also nicht die Virulenz-
sondern die Avirulenzgene! (Virulenz besteht ohnehin, da es sich um eine homologe Wirt-
Pathogenbeziehung handelt!)
- monogene Resistenz wirkt also durch Erkennung von Avirulenzgenen und nicht durch
die Inaktivierung von Virulenzeigenschaften! (Diese bleiben grundsätzlich erhalten!) Der
Weg, wie dies geschieht, ist die Inkompatibilität, die sich i.d.R. als eine hypersensitive
Reaktion ausdrückt!
Bestätigung der Flor'schen Hypothesen im Modell Cladosporium fulvum-Tomate
- das Cf9-Resistenzgen der Tomate erkennt das Avirulenzgen der Rasse 9 von Cladosporium
fulvum (Arbeiten von de Witt et al. In Wageningen);
- man fand erstmals ein Avirulenzgen (AVR9), das bei Ausschaltung die Pathogenrasse
virulent machte; auch das Genprodukt, ein 28 AS Polypeptid, wurde isoliert und erzeugte
ohne das Pathogen in planta eine HR!
- auch das korrespondierende Pflanzenresistenzgen in der Tomate wurde inzwischen isoliert
(Cf9), es kodiert ein Polypeptid mit charakteristisch sich wiederholenden Leucin-reichen
Sequenzen am Ende, die genaue Rezeptorfunktion ist noch ungeklärt
Charakteristika horizontaler bzw. vertikaler Resistenz
Horizontale R. Vertikale R.
______________________________________________________________________
Genetische Determinierung polygen mono-/oligogen
Genwirkungen additiv entweder/oder
"quantitativ" "qualitativ"
Spezifität spezies-spez. rassen-spez.
Korrespondenz zwischen
Wirts- u. Pathogengenen nein ja
Dauerhaftigkeit stabil, instabil,
permanent temporär
Auswirkung auf bremst verhindert oder
Epidemien Anstieg verschiebt Beginn
Umweltabhängigkeit groß gering
Wirkungsgrad partiell meist total
Erworbene Resistenz ("Induzierte Resistenz")
Def.: Genetisch nicht verankerte Resistenz, die eine Pflanze im Laufe ihres Lebens
durch bestimmte Induktionsreize erhält. Sie kann lokal oder systemisch induziert
werden. Sie ist bei Pflanzen immer von zeitlich begrenzter Dauer (vgl.
Warmblüterimmunität). Deshalb spricht man bei Pflanzen von der Prämunität. Sie ist
nur quantitativ wirksam, es bleibt stets ein Restbefall!
Induktion
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 59
- durch Vorinokulation mit dem Pathogen (z.B. unterer Pflanzenteile)
- durch Inokulation mit apathogenen Erregerstämmen, inkompatiblen Rassen
- durch Beimpfung mit Saprophyten
- durch VA-Mykorrhiza
- durch PGPR = „plant growth promoting rhizobacteria“
- durch Vorbehandlung mit Chemikalien (Salicylsäure, Dichloroisonicotinsäure DINA,
ungesättigte Fettsren., BTH = Benzothiadiazol „BION“ u.v.a., mikrobielle Metabolite,
pflanzliche Metabolite Æ Reynoutria sachalinensis Æ Resistenzinduktoren
Wirksamkeit
- Induzierte Resistenz wurde bei Viren, Bakterien und Pilzen gefunden, sie ist weitgehend
erregerunspezifisch ("cross protection"); z.B. Vor-Inokulation der Keimblätter bei der Gurke
führt zu genereller Resistenz der oberen Blätter gegen versch. Pilze, Bakterien und Viren
- Wirksamkeitsdauer meist nur 2-4 Wochen
Mechanismus der induzierten Resistenz
- gegenwärtig intensive Forschung, bezügl der "systemic acquired resistance (SAR)"
- am Ort der Resistenzbildung wirkt Salicylsäure als Signalstoff (bes. nach Pilz- und
Bakterieninfektion), es kommt zur Anhäufung von H2O2 und Jasmonat und zur Induktion
von Abwehrgenen
- ein bislang noch nicht identifiziertes sytemisches Signal in der Pflanze löst die
Salicylsäure-Synthese und damit die SAR aus
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 60
Einfluß von Umweltfaktoren auf den Befall ("Prädisposition")
Umwelt
Pflanze Pathogen
Abb. Umweltbedingungen beeinflussen die Schadwirkung von Pathogenen in dreierlei
Weise, durch Prädisposition der Pflanze, Beeinflussung der Pathogenaktivität und
durch Beeinflussung der Wirt-Pathogen-Interaktion (Pathogenese)
Umweltfaktoren, einschl. der anbautechnischen Effekte, spielen eine überragende Rolle beim
Zustandekommen von Infektion oder Befall. U. können entweder den Parasiten in seiner
Infektions- oder Befallsfähigkeit beeinflussen, oder die Abwehrbereitschaft der Kulturpflanze
beeinflussen. Beide Einflußrichtungen betreffen am Ende das Ausmaß der Erkrankung bzw.
des Befalls.
Die Umweltfaktoren in ihrer Wirkung auf den Schaderreger
Temperatur
Pathogene:
- sehr bedeutend z.B. für die Keimung von Pilzsporen, bei starker Verzögerung kann
Infektion ganz ausbleiben
- Mindesttemperatur setzt mitunter Epidemiebeginn fest, während Durchschnittstemp. dann
die Geschwindigkeit der Befalls- und Epidemieentwicklung steuert
- Bsp. F. Rebenmehltau: Mind. Temp. im Boden für die Primärsporangienbildung 8 °C
- Bsp. Typhula-Fäule der Gerste: Myzel wächst nur bei 2 - 7°C, oberhalb 10 °C keine
Infektion
- Bsp. Schneeschimmel: Infektion nur bei 0 - 10 °C
- Bsp. Getreidebraunrost: Epidemieaufbau nur bei frühzeitigem Anstieg der
Durchschnittstemp.
- Bsp. Phytophthora: > 18 °C induziert Sporangienkeimung mit Keimschlauch, < 18 °C
induziert Zoosporenbildung
Schädlinge:
- bei den wechselwarmen Arthropoden sehr starke [Link]ängigkeit
- Bsp. Moosknopfkäfer: flugaktiv erst ab 15 °C
- Bsp. Rapsglanzkäfer: fliegt den Raps erst ab 15 °C an
- Bsp. Getreideblattläuse: durch milde Winter und warme Frühjahrstemp. Massenvermehrung
möglich, Flug vom Winter- auf den Sommerwirt erst ab 16 °C
- Bsp. Nematoden: G. rostochiensis schlüpft bei 15-20 °C, H. schachtii, [Link] bei 18
°C = 57 d, bei 29 °C = 23 d
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 61
Feuchtigkeit
- ganz entscheidender Faktor, sowohl als Feuchtegehalt der Atmosphäre als auch Nässe auf
den Pflanzen und im Boden
Pathogene:
- Bsp. Blattnässe: ca. 8-10 h unerläßlich für die meisten Falschen Mehltaupilze
- Bsp. Ascosporenausschleuderung: erfordert > 0 mm Niederschlag
- Bsp. Bohnenrost: mit steigender Luftfeuchtigkeit sinkt die Sporenfreisetzung, ähnlich auch
andere Rostarten, aber: für die Keimung werden dann ca. 100 % RLF benötigt!
- Bsp. Niederschlag: Spritzeffekt wesentlich für die Ausbreitung der Sporen im Bestand, z.B.
bei Septoria-Arten, dagegen werden Mehltaukonidien durch Regen zerstört
- hohe Bodenfeuchte verschafft best. Erregern bes. indirekt Vorteile, da die Pflanze verzögert
wächst und somit anfälliger ist
Schädlinge:
- Bsp. Wandernde Nematoden: bei Austrocknung Kryptobiose (Ruhestadium) oder Tod
- hohe Luftfeuchtigkeit führt zum Verpilzen von Milben und Blattlauskolonien
- Milben bevorzugen trockene gleichmäßige Bedingungen und leiden bei Regen
- die meisten Insekten sind eher Nässe-empfindlich, bevorzugen aber hohe RLF
Licht
- als Faktor etwas weniger einflußreich als Temp. und Feuchte
Pathogene
- vielfach ist die Sporulation lichtabhängig; Sporenträgerbildung durch NUV-Anteil (ca. 320-
400 nm) des Sonnenlichts induziert, Sporenbildung dann meist im Dunkeln (z.B. Alternaria,
Drechslera oder Cercospora)
- Sporangienfreisetzung beim Falschen Mehltau nur im Dunkeln
- Brandsporen von Tilletia reine Lichtkeimer
- Rostsporen: Infektionshyphen streng lichtabgekehrt orientiert
Schädlinge
- starker Einfluß auf Aktivität, Orientierung und Entwicklung
- vielfach nachtaktive Formen (vorteilhaft, da weniger gefährdet durch Feinde!)
- Traubenwickler lebt nach der Uhr: Nahrungsaufnahme zwischen 19 und 23 Uhr, Begattung
2 bis 6 Uhr und Eiablage 12 bis 23 Uhr !!?
Boden
- Feuchtegehalt: s.o.
- pH-Wert: Kartoffelschorf, Streptomyces scabies, unter pH 5,2 kein Befall möglich;
Fusarium-Befall durch niedrige pH-Werte begünstigt, ebenso Kohlhernie
- Durchlüftung: schlecht durchlüftete B. günstig für versch. Pilze, die noch bei sehr hohen
CO2-Gehalten wachsen können
Umweltfaktoren in ihrer Wirkung auf die Prädisposition der Wirtspflanze
Temperatur, Feuchtigkeit
- grundsätzlich gilt: Temp., die das Wachstum verzögern, prädisponieren meistens auch die
Pflanze für den Befall (versch. Bsp. s.o.), ebenso gilt das für die Feuchtigkeit
- in best. Fällen kann sogar die Funktion einzelner Resistenzgene durch die
[Link] verändert werden
Licht
- steuert auf verschiedene Weise den Befall (s.o.), vor allem durch Beeinflussung des
Assimilatgehalts (Attraktivität für Phloemsauger, biotrophe Pilze) und der Stomatastellung
(Rostpilze, Falsche Mehltaupilze)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 62
- Bsp. Cercospora beticola, Z.rübe: Pilztoxin (Cercosporin) wirkt nur unter Lichteinfluß
Ernährungszustand, Düngung
„Gute Ernährung heißt bei Pflanzen nicht hohe Widerstandsfähigkeit!“
N-Versorgung
- N ist für die Anfälligkeit vieler Pflanzen von entscheidender Bedeutung, Bsp.
Getreidemehltau, Septoria; Grundregel: biotrophe Erreger (auch Viren!) werden gefördert und
fakultative vermindert
Æ hier Daten aus der eigenen Arbeit bringen!!!
- unterscheiden zwischen direkten, physiologischen und indirkten, bestandeswirksamen
Effekten!
Beispiele für die Förderung von Schaderregern durch hohe N-Düngung:
Krautfäule Kartoffeln
Mehltau Getreide u. Obst
Getreideroste
Virosen
Feuerbrand
Spinnmilben Bohnen, Obst
Stengelbohrer, Zikaden Reis
Ursache: verlängerte Juvenilität, erhöhte Weichheit des Gewebes (dünnwandige, unverstärkte
Zellen), erhöhter Gehalt an lösl. N
K-Versorgung
- insgesamt stabilisierend auf das Gewebe und daher befallsmindernd, in gewisser Weise
Gegenspieler zu N ("Kali stärkt den Halm")
P-Versorgung
- Prädisponierender Einfluß auf Pathogene und Schädlinge gering
Kalzium-Versorgung
- Ca++-Einlagerung in das Gewebe kann zur Erhöhung der Widerstandskraft führen, Bsp.
Kartoffel/Erwinia carotovora pv. atroseptica (Weichfäule)
Luftschadstoffe
- abhängig von: Schadstoff-, Erreger- und Pflanzenart!
Bsp. Ozon: (aus den eigenen Arbeiten)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 63
Maßnahmen und Regelungen des Pflanzenschutzes
Direkte Bekämpfungsmaßnahmen
Physikalische Methoden
Mechanische Verfahren:
- mechanische Unkrautbekämpfung
- Fallen gegen schädliche Vertebraten
- Leimringe im Obstbau gegen die (flugunfähigen) Weibchen des Frostspanners
- Schutznetze im Obst- und Weinbau gegen Wild und Vögel
- Folienanbau gegen Unkräuter
- Entfernen (und ggfs. Verbrennen) befallener Pflanzen aus dem Bestand, z. B.
Feuerbrand im Obstbau, Virosen im Pflanzkartoffelbau
- Alle grenzbezogenen Quarantänemaßnahmen!
Thermische Verfahren:
- Warmwasserbeizung (bis 48°C); zur Entkeimung Gladiolenknollen,
Blumenzwiebeln, Erdbeerpflanzen
- Heißwasserbeizung (ca. 54°C) gegen samenbürtige Krankheitserreger (insbes. in
Ökogetreidebau gegen Brände, Septoria, Drechslera etc.)
Optimaler Temperaturbereich
für die Heißwasserbeizung
von Getreidesaatgut gegen
samenbürtige Pathogene
(n. Jahn, 2002)
- Mikrowellenbehandlung, zur Saatgutdesinfektion, in der Entwicklung
- Bodendämpfung, im Gartenbau gegen bodenbürtige Schaderreger (Pilze,
Nematoden) und Unkräuter (bis 90°C)
- Bodensolarisation, in warmen Ländern nach Befeuchtung des Bodens und
Abdecken mit lichtdurchlässiger Folie, Temperaturerhöhung bis 60°C und 40 cm
Bodentiefe möglich
- Abflammen, thermische Beseitigung von Unkräutern durch Abflammgeräte
(Ökolandbau)
- Frostschutzberegnung, v.a. im Obstbau bei Temperaturen um –2°C zum Schutz
der Blüten (wirksam bis –7°C; 1l Wasser setzt beim Gefrieren ca. 335 kJ frei)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 64
Bestrahlung:
- Elektronenbehandlung, Bestrahlung mit niederenergetischen Elektronen zur
Desinfektion von Saatgut (begrenzte Tiefenwirkung)
- Hochfrequenzbehandlung, zur Saatgutdesinfektion, bessere Tiefenwirkung aber
Verfahren noch in der Entwicklung
Chemischer Pflanzenschutz
Pflanzenschutzmittel – Präparatetypen nach Indikationen
Präparate-Typ Zielorganismen
Fungizid Pilze
Insektizid Insekten (Viren)
Akarizid Milben
Molluskizid Mollusken
Nematizid Nematoden
Rodentizid Nagetiere
Herbizid Unkräuter
Ausbringungsformen und -verfahren für chemische PSM:
Aerosole
Teilchengröße 1-10 µm
Kalt-/Heißnebelverfahren
(Gewächshäuser; Insektizide, Schwefel)
Spritzmittel
Spritzen: Tröpfchen 150-300 µm
Sprühen: Tröpfchen 50-150 µm
High volume (H.V.) > 250l/ha
Medium volume (M.V.) 50-250 l/ha Granulate
Low volume (L.V.) 5-50 l/ha Teilchengröße 0,5-5 mm
Ultra low volume (U.L.V.) 0,5-5 l/ha Mikrogranulate < 0,5 mm
Stäubemittel
Pulver m. Teilchengröße 10-50µm
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 65
Physico-chemische Anforderungen an ein PSM:
2. Regenbeständigkeit
1. Haft- und
Benetzungsfähigkeit, 3. Nachverteilung auf
(Aufnahme, der Pflanze durch
Tau, Regen
Verteilung von PSM auf/in der Pflanze:
Oberflächenwirksam
(Depot)
Teilsystemisch
(Tiefenwirkung)
Vollsystemisch
(laterale, basi- bzw.
akropetale Verteilung)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 66
Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel
Fungizide
Entwicklung wichtiger Fungizidgruppen (1)
Jahr Wirkstoffgruppen u. Indikationen Wirkorte Bemerkungen
Wirkstoffe
1. Anorganische Fungizide
seit 1720 Kupferverbindungen falscher Mehltau, [Link] protektiv;
Kraut- u. Knollen- zunächst
fäule der Kartoffel Getreidebeiz-
mittel
1885 Bordeauxbrühe
seit 1841 Schwefelverbindungen Echter Mehltau [Link] protektiv
seit 1913 2. Quecksilberverbindungen
vor allem Getreide- [Link] protektiv,
beizmittel Anwendungs-
verbot !
3. Dithiocarbamate
1931 Tetramethylthiuramdisulfid Rüben- u. [Link] protektiv; sehr
(TMTD) Leguminosen- breites
Maneb u. Zineb (Nr. 12) beizmittel Wirkungs
falscher Mehltau, spektrum
Kraut- u. Knollenfäule weltweit
verwendet
4. Carboxanilide
1966 Carboxin Getreidebeizmittel Hemmstoffe der systemisch
Oxycarboxin Rostpilze Bernsteinsäure- nur
Fenfuran, Methuroxram Getreidebeizmittel dehydrogenase gegen Basidio-
(Atmung) myceten
(Brand-,
Rostpilze)
5. Benzimidazole
1967 Benomyl, breit wirksam, systemisch;
Carbendazim im Ackerbau vor Kernteilung, Lücke bei
Thiophanat-methyl, allem gegen reagieren mit falschem
Thiabendazol, Halmbruch u. ß-Tubulin Mehltau
Fuberidazol als und u.a.
Getreidebeizmittel Hemmung Oomyceten
der Mikrotubuli
Æ rasche Ausbildung von Fungizidresistenz!!
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 67
Entwicklung wichtiger Fungizidgruppen (2)
Jahr Wirkstoffgruppen u. Indikationen Wirkorte Bemerkungen
Wirkstoffe
6. Dicarboximide vor allem gegen nicht genau protektiv oder
1976 Vinclozolin (Nr. 15), Sclerotinia- u. lokalisiert, locosystemisch
Iprodion Botrytis-Arten, im evtl. Kernteilung
Ackerbau gegen
Rapskrebs u. als
Getreidebeizmittel
7. Acylalanine RNS-Biosynth. systemisch, nur
1979 Metalaxyl (Nr. 16) vor allem falscher gegen
Mehltau u. Kraut- Oomyceten,
u. Knollenfäule
Furalaxyl rasche Ausbildung
von Fungizid-
resistenz!
8. Triazole
1976 Triadimefon, Triademinol breit wirksam, häufig Ergosterol- systemisch
oder
(Nr. 17), Propiconazol, zur Bekämpfung von biosynthese
locosystemisch,
Bitertanol, Terbutrazol, Getreidemehltau, (Demethyl. Lücke bei
Flusilazol (Nr. 18) Getreiderosten u. des C14 u.a.) falschem
als Getreidebeizmittel Mehltau
verwendet u.a. Ooyceten
9. Imidazole Ergosterol- systemisch
oder synthese locosystemisch
Imazalil Getreidebeizmittel (Demethylierung ,
Prochloraz (Nr. 19) breit wirksam, des C14) Lücke bei
häufig gegen falsche
Mehltau
Oomyceten, Halm- u.a.
bruch u. Rapskrank-
heiten
10. Morpholine Ergosterol systemisch,
synthese
Fenpropimorph (Nr. 20) vor allem gegen (/14-Reduktase, Lücke bei
Getreidemehltau /7- /8-Isomerase) falschem
Mehltau
u. Getreideroste u.a. Oomyceten
1981 11. Strobilurine sehr breit wirksam, Atmung locosystemisch
Azoxystrobin, z.B. gegen Echten
Kresoxim-Methyl, Mehltau, Rostpilze,
Trifloxystrobin, teilweise auch gegen
Picoxystrobin Oomyceten
Pyraclostrobin
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 68
Herbizide
Entwicklung wichtiger Herbizidgruppen
Jahr Wirkstoffgruppen u. Indikationen Bemerkungen
Wirkstoffe (Anwendungsschwerpunkte)
1900 1. Natriumchlorat Streu- oder Gießmittel für Nicht- Totalherbizid, in
kulturland D. nicht zugelassen
1905 2. Calciumcyanamid als Vor- und Nachauflaufherbizid N-Dünger
seit 3. Phenolderivate Nachauflaufherbizid in Getreide „Ätzmittel“ auch als
1938 DNOC, Dinosebacetat u.a. Kulturen Winterspritzmittel
Dinoterb gegen Insektenstadien
im Obstbau, in D. nicht
mehr zugelassen
seit 4. „Wuchsstoffe“ Nachauflaufherbizide zur Bekämpfung führen als Auxine zu
1944 2.4 D, MCPA dicotyler Unkräuter in Getreide Ungleichgewichten
Dichlorprop, Fluroxypyr im
Phytohormonhaushalt
empfindlicher Pflanzen
seit 5. Harnstoffderivate zahlreiche Indikationen, Hemmstoffe d.
1951 Chlortoluron, Methabenz- Vor- u. Nachauflaufherbizide Photosynthese;
thiazuron, Isoproturon zur Bekämpfung von Gräsern (WH, AFS) Bodenherbizide
seit 6. Triazine u. Triazinone zahlreiche Indikationen; Hemmstoffe d.
1955 Atrazin Vor- u. Nachauflaufherbizide Phytosynthese;
Metamitron in Mais (Atrazin) und Rüben Atrazin in D. verboten
(Metamitron) (wg. Grundwasser-
kontamination!)
seit 7. Thiocarbamat Vorsaatherbizide zur Bekämpfung flüchtig, Einarbeitung -
1954 EPTC, Cycloat, Triallat von Gräsern in zahlreichen Kulturen in Boden notwendig
seit 8. Aryloxypropionsäuren Nachauflaufherbizide zur Bekämpfung hohe Selektivität
1975 u. Cyclohexenone von Gräsern vor allem in dikotylen zwischen
Diclofopmethyl, Kulturen Gräsern u. dikotylen
Fluazifopbutyl Kulturen, Hemmstoffe
Sethoxydim der Acetyl-CoA-
Carboxylase
(Fettsäurebiosynthese)
seit 9. Sulfonylharnstoffe Nachauflaufherbizide zur Bekämpfung in sehr geringen
1985 Metsulfuron, Trifensulforon, dikotyler Unkräuter überwiegend im Aufwand-
Tribenuron u.a. Getreide mengen (ca.10-40 g/ha)
wirksam, Hemmstoffe
der
Acetolactat-Synthase
(Biosynthese
verzweigter AS)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 69
seit 10. Bipyridine
ca. 1970 Paraquat, Deiquat Nichtselektive NA-Herbizide Bildung tox. Radikale
durch
Abfangen von e- am
PSII
1960 11. Diphenylether (im Einsatz erst seit ca. 1980)
Bifenox, Fluoroglycofenethyl bevorzugt gegen Dikotyle Hemmung der
Porphyrinsynthese
(Chlorophyll)
12. Weitere Herbizidgruppen
Biscarbamate: Nachauflaufherbizide im Rübenbau Hemmstoff der
Phenmedipham zur Bekämpfung dikotyler Unkräuter Photosynthese
Desmedipham
1971 Glyphosat Nichtselektives Nachauflaufherbizid, systemische Verteilung;
Nichtkulturland, Queckenbekämpfung; hemmt Biosynthese aro-
H-tolerante GVO-Sorten* matischer AS
1981 Glufosinat Nichtselektives Nachauflaufherbizid, Kontaktwirkung; keine
Nichtkulturland, unter Gehölzen system.
H-tolerante GVO-Sorten* Verteilung, Hemmstoff
der Glutaminsynthase
* Glyphosat und Glufosinat werden verbreitet bei gentechnisch erzeugter Herbizidtoleranz in
Kulturpflanzen eingesetzt!
Insektizide
1. Chlorierte Kohlenwasserstoffe
- sehr persistente, wasserunlösliche Substanzen
- Anreicherung in der Nahrungskette möglich
- heute vollständig ersetzt durch weniger persistente Verbindungen
- Beispiele: DDT (Zulassung in D bis 1972),
Lindan ( γ-HCH) (Zulassung in D bis 1998)
2. Phosphororganische Verbindungen (Phosphorsäureester)
- weniger persistent, meist wasserunlöslich, z.T. mit hoher Warmblütler-Toxizität
- schnelle Aufnahme in die Pflanze, dadurch z.T. systemische Wirkung
- fast alle Wirkstoffe bienengefährlich und fischgiftig
- Beispiele: Parathion-äthyl (E 605 forte, nicht mehr zugelassen!)
Demeton-S-methylsulfoxid (Metasytox R)
Methamidophos (Tamaron)
Dimethoat
3. Carbamate
- sehr kurzlebige Substanzen; hochtoxisch; mit insektizider, fungizider und herbizider
Wirkung; Beispiele: Carbofuran (Curaterr), Methiocarb (Mesurol), Pirimicarb (Pirimor, Æ
B4!)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 70
4. Synthetische Pyrethroide
- abgeleitet von pflanzlichen Pyrethrinen
- hohe insektizide Wirkung, Aufwandmengen < 20 g/ha
- sehr breit wirksam
- geringe Warmblütlertoxizität, nicht bienengefährlich, aber fischgiftig
- Beispiele: Deltamethrin (Decis)
Esfenvalerate (Sumicidin)
Lamda-Cyhalothrin (Karate)
Beta-Cyfluthrin (Bulldock)
5. Chloronicotinyle (Nitroguanidine)
- neue Wirkstoffklasse mit neuem Wirkungsmechanismus
- überwindet Resistenzen in den Wirkstoffgruppen 1.1 bis 1.4
- Beispiele: Imidacloprid (Gaucho, Confidor), Thiacloprid (Calypso)
Clothianidin (Poncho), Thiamethoxam (Cruiser)
6. Phenyl-pyrazole
- neuer Wirkungsmechanismus (bindet an GABA-Rezeptoren)
- [Link]. weltweit breiter Einsatz; noch nicht in D (Beispiel: Fipronil)
7. Pyridin-azomethine
- neuer Wirkungsmechanismus: Lähmung des Stech-und Saugvorgangs bei Phloemsaugern;
Beispiel: Pymetrozin (Plenum)
8. Natürliche Insektizide
- Pyrethrine (Pyrethrum, Blütenextrakt aus Chrysanthemum sp.); Azadirachtin (Neem,
Samenextrakt aus Azadirachta indica), Avermectin-B (Metabolit von Streptomyces
avermitilis), Spinosad (Metabolit von Saccharopolyspora spinosa)
9. Insekten-Wachstumsregulatoren
- acylierte Harnstoffe (Chitinbiosynthese-Hemmer); Beispiel: Diflubenzuron (Dimilin)
- Juvenilhormon-Analoga, Beispiel: Fenoxycarb (Insegar)
- Hydroxyecdysone (Häutungshormon-Analoga), Beispiel: Methoxyfenozide (Runner)
10. Akarizide
Beispiel: Spirodiclofen (Envidor)
11. Nematizide
Bodenentseuchungsmittel; Beispiel: Metam-Natrium
12. Molluskizide
Beispiele: Methiocarb, Thiodicarb, Metaldehyd, Fe-III-phosphat
13. Rodentizide
Beispiele: Wafarin, Chlorphacinon
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 71
Biologischer Pflanzenschutz („biological control“)
Literatur zum biologischen Pflanzenschutz
Philipp, w.-D. „Biologische Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten“, Ulmer, 1988
Cook, R.J. & Baker, K. F. „The nature and practice of biological control of plant pathogens“,
APS, St. Paul Minnesota, 1983
Bellows, T. & Fisher, T.W. „Handbook of biological control“, Academic Press, 1999
Definition:
Biologischer Pflanzenschutz ist die durch den Menschen gesteuerte Nutzung von
Organismen (einschließlich Viren) oder deren Leistungen zum Schutz von Pflanzen
vor biotischen oder abiotischen Schadfaktoren.
Maßnahmen und Strategien des biologischen Pflanzenschutzes gegen tierische und
mikrobielle Schaderreger:
1. Schonung und Förderung natürlicher Gegenspieler (Antagonisten)
2. Einbürgerung fremder Nutzorganismen (Nachführungsstrategie)
3. Gezielte Ausbringung von Antagonisten (Nützlinge, Mikroorganismen, Viren)
4. Induzierte Resistenz
5. Nutzung von Resistenzgenen (Sortenresistenz)
6. Biotechnische Verfahren (Pheromoneinsatz, Verwirrungsmethode, Lockstofffalle etc.)
Biologische Bekämpfung von mikrobiellen Schaderregern
(Pflanzenkrankheiten)
- Gezielte Ausbringung von Antagonisten (Nützlinge, Mikroorganismen, Viren)
- Induzierte Resistenz
- Nutzung von Resistenzgenen (Sortenresistenz)
Antagonismus
Def.: Jegliche Störung oder Hemmung von Lebensvorgängen einer Organismenart durch eine
andere.
Wirtschaftliche Bedeutung des biologischen Pflanzenschutzes
Weltweit: Umsatz chemisch-synthetischer PSM 30-33 Mrd $
Umsatz Biologicals 100-200 Mio $ (< 1%)
davon > 90% B.t.-Präparate
Deutschland:
Biol. Schädlingsbekämpfung auf ca. 30.000 ha,
Biol. Krankheitsbekämpfung: ca. 20 ha (1996/97) Æ entspricht ca. 0,07%
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 72
- Konkurrenz (um Nährstoffe, Bindungsstellen etc.)
Bsp. Pseudomonas fluorescens fängt mittels Siderophoren (Zangenkomplexbildner)
Eisenionen ab und hemmt dadurch Rhizoctonia und Pythium als Erreger von Auflauf- und
Keimlingskrankheiten bei Gemüse, Zierpflanzen; P. f. gehört zu den wurzelbesiedelnden
Bakterien, sog. PGPR („plant growth promoting rhizobacteria“)
- Hypovirulenz (Auslösen von Apathogenität durch Übertragung von Mykoviren von
apathogenen Pilzstämmen)
Bsp. Hypovirulenz bei Fusarium oxysporum oder Cryphonectria parasitica (Kastanienkrebs)
- Antibiose (Ausscheidung antibiotischer Abwehrstoffe)
Bsp. Viele Bodenpilze (Penicillium, Aspergillus, Trichoderma) und Aktinomyceten Æ
antiphytopathogenes Potential des Bodens
- Parasitierung (Besiedlung, Abtötung und Degradation bes. bei Pilzen)
Bsp. Trichoderma gegen Fusarium, Rhizoctonia, Pythium, Botrytis etc.); Coniothyrium
minitans gegen Sclerotinia sclerotiorum
- Resistenzinduktion (Wirtspflanze)
Bsp. Inokulation von Tabak mit Blauschimmel oder TMV
Übersicht: Gegenwärtig weltweit vorhandene Präparate zur biologischen Bekämpfung von
Pflanzenkrankheiten
Aus: Whipps & Lumbsden, 2001
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 73
Biologische Bekämpfung von tierischen Schaderregern (Milben, Insekten,
Nematoden)
Einsatzmöglichkeiten:
1. Arthropoden (Nützlinge)
- Parasitoiden: Vermehrung auf Kosten des Wirtstiers (Parasitierung von Ei, Larve, Puppe
oder Imago), meist kleiner als das Wirtstier
Beispiele: Erzwespen (Trichogramma evanescens gegen Maiszünsler)
Schlupfwespen (Encarsia formosa gegen Weiße Fliege,
Aphidius u.a. gegen Blattläuse unter Glas)
- Prädatoren (Räuber): benötigen für ihre Entwicklung mehr als ein Beutetier, meist größer
als das Beutetier
Beispiele: Raubmilben (Amblyseius, Phytoseiulus) gegen Spinnmilben,
Florfliege gegen Blattläuse; Gallmücke gegen Blattläuse; Raubwanzen gegen
Thripse; Marienkäfer gegen Blattläuse, Woll- und Schmierläuse
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 74
2. Insektenpathogene Viren
Baculoviren, z. B. Apfelwickler-Granulosevirus gegen Schadlepidopteren
Æ mehrere Präparate in D. zugelassen und mit gutem Erfolg im Obstbau angewendet
3. Bakterien gegen Insekten
- Bacillus thuringiensis (Bt): mit Abstand das wichtigste biologische Bekämpfungsverfahren
überhaupt;
- basiert auf den toxischen Kristallproteinen von Bt, die nach Fraßaufnahme im Insektendarm
eine letale Lysis des Darmepithels auslösen
- nützlingsschonend, da nur für Fraßinsekten wirksam
- es gibt spezifische Bacillus-Arten mit Wirksamkeit gegen Schmetterlingsarten, Käferarten
und Dipteren
- mehrere zugelassene Präparate
- Expression des Bt-Proteins auch in transformierten Wirtspflanzen, weltweit bei Baumwolle,
Soja und Mais auf mehreren Millionen Hektar erfolgreich im Einsatz
4. Pilze gegen Insekten
- Verticillium lecanii geegen Thripse und Weisse Fliegen
- Metarhizium anisopliae gegen Dickmaulrüßler
- Entomophthora gegen Stubenfliege
Æ derzeit keine kommerzielle Nutzung in D.
5. Entomophage Nematoden
- Heterorabditis, Steinernema gegen Dickmaulrüßler (Baumschulen etc.) und Tipula-Larven;
dringen in Insekten ein und übertragen tödliche Bakteriose
Æ mehrere Nematodenpräparate im Handel
6. Höhere Pflanzen gegen Nematoden
- Bekämpfung freilebender Nematoden (Pratylenchus, Tylenchorhynchus etc.) durch Tagetes
patula oder T. erecta; Wirkung durch nematizide Wurzelausscheidungen
- Anbau von Feindpflanzen (Luzerne, Mais, Roggen, resistenter Ölrettich) gegen sedentäre
Zystennematoden (Heterodera)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 75
Maßnahmen zur Verminderung der Schadenswahrscheinlichkeit
- Integrierter Pflanzenschutz, Schadschwellenkonzept
Literatur zum integrierten Pflanzenschutz
Meinert, G., Mittnacht, A. „Integrierter Pflanzenschutz“, Ulmer, 1992
Diercks & Heitefuß (Hrsg.) „Integrierter Landbau“, Verlagsunion Agrar, 1990.
Def. „Integrierter Pflanzenschutz (IPS)“ („Integrated pest management, IPM“) – basierend
auf einer Empfehlung der FAO, verankert als Ziel im Pflanzenschutzgesetz von 1986 (nov.
1998).
Im IPS wird eine Kombination aller wirtschaftlich, ökologisch und toxikologisch vertretbaren
Verfahren angestrebt, um Schadorganismen unter der wirtschaftlichen Schadensschwelle zu
halten, wobei natürliche Begrenzungsfaktoren bewußt ausgenutzt werden sollen, um die
Anwendung chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel auf das notwendige Mindestmaß zu
beschränken.
Schadenschwelle – Populationsdichte eines Schaderregers, deren Überschreitung negative
wirtschaftliche Folgen hat, wenn keine Pflanzenschutzmaßnahmen durchgeführt werden.
Æ Erläuterung: Voraussetzung für die Festlegung von Schadensschwellen ist die
Transformation von Schaderregerdichten in quantitative Schadensausmasse. Dies erfolgt
durch sog. Befalls-Verlustrelationen, die wiederum auf der Basis umfangreicher
Feldversuche erstellt werden müssen. Die Schadensschwelle markiert den Äquivalenzpunkt
von errechnetem Schaden und den Kosten des PSM-Einsatzes.
Bekämpfungsschwelle
Wirtsch. Schadensschwelle (SS) = Populationsdichte (PD), bei der der zu erwartende Schaden
gleich den Bekämpfungskosten ist; SS bzw. PD erfasst als Anzahl/m2, Anzahl/Pflanze oder
Pflanzenteil, Anzahl/100 g Boden, % befallene Blattfläche, Anzahl/Tag, ...
Natürliche Begrenzungsfaktoren – Verminderung der Schadenswahrscheinlichkeit durch
vorrangige Nutzung der Wirkung biologischer, biotechnischer, pflanzenzüchterischer sowie
anbau- und kulturtechnischer Maßnahmen zur Stabilisierung von Schaderregerpopulationen
auf möglichst niedrigem Niveau.
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 76
Integrierter Pflanzenschutz (IPS) beinhaltet vor allem die Vermeidung von
prädisponierenden Anbaumethoden, d.h. Produktionsmethoden, die die
Befallswahrscheinlichkeit bzw. den Befallsdruck erhöhen.
Integrierter Pflanzenschutz: Was kann in der Praxis umgesetzt werden?
Vermeidung phytomedizinisch bedenklicher Fruchtfolgen, Flächenstillegung
Standortgerechte Bodenbearbeitung
Aussaattermin
Wahl resistenter Sorten
Bedarfsgerechte Düngung (insbesondere bezügl. N)
Gezielte Anwendung chemisch-synthetischer Präparate nach Bekämpfungs- bzw.
Schadensschwellen, ggfs. unter Nutzung von Experten- oder Prognosesystemen
Maßnahmen zur Förderung/Schonung von Nutzorganismen
Nutzung biologischer Bekämpfungsverfahren
Fruchtfolge
Æ Einengung der Fruchtfolgen aus ökonomischen Zwängen führt besonders bei Getreide und
Raps zur Zunahme des Befallsdrucks (bei Kartoffel, Zuckerrübe sind Anbaupausen wegen des
Nematodenproblems zwingend und unumgänglich)
Beispiele für typische „Fruchfolgekrankheiten“:
Weizen - Schwarzbeinigkeit, Parasitärer Halmbruch, DTR, Septoria
tritici/nodorum
Gerste - Typhula-Fäule, Gelbmosaikvirus, Zwergsteinbrand, Drechslera teres,
Rhynchosporium secalis
Roggen Mutterkorn, Rhynchosporium secalis
Raps Sclerotinia, Verticillium, Kohlhernie
Kartoffel Rhizoctonia solani, Kartoffelschorf
Erbse, Auflauf- u. Keimlingskrankheiten
Ackerbohne
Zuckerrübe Wurzelbrandkomplex (Phoma betae, Fusarium, Aphanomyces),
Rhizoctonia
Sorten
Æ in den letzten 20-30 Jahren deutliche Fortschritte in wichtigen Kulturarten gegen
wesentliche Krankheitserrerger (z.B. gegen Mehltau u. Rost im Getreide) aber auch noch
erhebliche Lücken (Mutterkorn Roggen, Ährenfusarium Weizen, Sclerotinia Raps, und tier.
Schädlinge allgemein)
Düngung
Æ Hauptfaktor N-Düngung; erhöht v.a. Befall mit biotrophen Erregern (Mehltau, Rost),
Krautfäule Kartoffeln, Blattläusen u. Virosen,
Saattermin bei Wintergetreide, Raps
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 77
Aussaattermin
Æ Die Vorverlegung des Aussaattermins zieht folgende phytomedizinische Probleme nach
sich:
- Stärkerer Unkrautdruck
- Herbstbefall mit Mehltau („grüne Brücken“) (WW, WG)
- Erhöhter parasit. Halmbruch (WW, WG)
- Stärkere Septoria-Entwicklung (WW)
- Gefahr durch Blattläuse-BYDV (WG, WW)
- Erhöhte Gefahr durch parasitäre Auswinterung
- Ggfs. erhöhtes Infektionsrisiko mit DTR
- Herbstbefall mit Falschem Mehltau, Phoma bei Raps
Bodenbearbeitung
Æ phytomedizinische Folgen der pfluglosen bzw. reduzierten Bodenbearbeitung können sein:
- Zunahme der Herbizidaufwendungen bzw. der Verunkrautungsprobleme (Gräser,
insbesondere Trespen, Wurzelunkräuter; Ausfallgetreide, -raps)
- Zunahme der Probleme mit Ackerschnecken und Feldmäusen
- Zunahme einiger wichtiger Pflanzenkrankheiten (Blattfleckenerreger, DTR,
Fusarium)
Nützlingsschonung, Anwendung biologischer Bekämpfungsverfahren
- Einsatz von nützlingsschonenden Pflanzenschutzmitteln, Beachtung von
Schadensschwellen bzw. Toleranz eines Restbesatzes an Schädlingen (Æ Prognosesysteme
nutzen!)
Entscheidungshilfen des gezielten Pflanzenschutzes: Expertensysteme,
PROGNOSESYSTEME
Gezielter Pflanzenschutz basierend auf Entscheidungshilfen ermöglicht einen deutlich
effizienteren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Dies ist zum Vorteil aller, der Landwirt
produziert kostengünstiger (ohne ein unvertretbares Risiko einzugehen), Umwelt und
Verbraucher werden noch weiter entlastet (Æ Reduktionsprogramm Pflanzenschutzmittel).
Expertensysteme: Bekämpfungsentscheidung orientiert sich am bisherigen Epidemieverlauf
(retrospektiv; z.B. Septoria-Timer u.ä.) und der aktuellen Befallssituation unter Einbeziehung
von Schadensschwellen
Vorteil: praktikabel, einfach; Nachteile: Bonituren erforderlich; in vielen Fällen nicht
anwendbar, z. B. Termin der Erstinfektion (Befall ist noch gar nicht vorhanden), bei latentem
Befall oder Erregern mit bes. hohem Epidemiepotential (z.B. Krautfäule Kartoffel, F. Mehltau
Weinrebe, Apfelschorf) Æ hier Negativprognose erforderlich
Prognosesysteme: beruhen vollständig auf der Epidemiesimulation basierend auf best.
hochkorrelierten Witterungsfaktoren; ergänzt meist durch schlagspezifische
Korrekturfaktoren
Vorteil: Terminprognose für den Erstbefall und prospektive Befallseinschätzung möglich;
Nachteil: hohe Entwicklungskosten; nicht jeder SE ist in Simulationsmodellen fassbar
Die Erarbeitung und Validierung von Prognosesystemen koordiniert derzeit die ZEPP
(Zentralstelle für Entscheidungshilfen und Programme im Pflanzenschutz) in Bad Kreuznach.
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 78
Implementierung der validierten Modelle erfolgt über das im Aufbau befindliche online-
Informationssystem ISIP (Informationssystem Integrierte Pflanzenproduktion, [Link])).
PASO – Prognosesysteme agrarischer Schadorganismen
Simulationsmodelle zur Prognose des Schaderregerauftretens in Acker-, Gemüse-
und Obstbau
Prognose- Schaderreger Stand der Praxiseinführung
modell
SIMPHYT Phytophthora Standard mit hoher Treffergenauigkeit i. d. Praxis,
infestans Nutzung via ISIP-Plattform
SIMCERC Halmbruch Einsatz in W, R, T. via ISIP; 80-90% Trefferwahr-
(W, R, T) scheinlichkeit (W)
CERCBET Cercospora ZR Befindet sich in Praxisnutzung via ISIP
SkleroPro Sclerotinia WR Beraterversion über ISIP ab 2005 verfügbar
FUS-OPT Fusarium W Æ in wiss. Entwicklung
SIMERY Mehltau (W, G) Æ nicht praxistauglich, da zu hoher Bonituraufwand
RHYNCHO- Rhynchosporium Æ nicht praxistauglich, da zu hoher Bonituraufwand
OPT secalis (G, R)
SIMLEP2 Kartoffelkäfer 75% Genauigkeit für Eiablage und bis 95% für
Junglarvenauftreten
SIMLAUS Getreide- Æ praxisreif
blattläuse
BBA-DELIA Kleine Æ prinzipiell für die Praxis nutzbar und geeignet
Kohlfliege
BBA-PSILA Möhrenfliege Æ praxisreif
ZEPP – Zentralstelle für Entscheidungshilfen u. Programme im Pflanzenschutz, Bad Kreuznach (seit
1997)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 79
Pflanzenschutz in wichtigen landwirtschaftlichen Kulturen (Fungizide,
Wachstumsregler)
Fungizid- und Wachstumsregleranwendung im Weizen
Behandlung Termin Krankheit Wirkstoffe (in Präparaten)
Fuß-bzw.
Fuß- u. Blattbehandl. EC 29-32 Halmbruch Carbendazim (Derosal,
(Septoria tritici) Harvesan, Sportak Alpha etc.)
Cyprodinil (Unix)
Flusilazol (Harvesan)
Prochloraz (Sportak,-Alpha)
Halmverkürzung EC 27-31 CCC
EC 31-37 Moddus
EC 37-39 Terpal C
Blattbehandlung EC 37-49 Mehltau, Quinoxyfen (Fortress)
Fenpropidin (Zenit)
Septoria nodorum/ Spiroxamin (Pronto Plus)
tritici, DTR Cyproconazol (Alto),
Gelbrost Epoxiconazol (Opus)
Tebuconazol (Folicur, Gladio)
Fenpropimorph (Corbel)
Azoxystrobin (Amistar)
Picoxystrobin (Acanto)
Kresoximethyl (Juwel)
Pyraclostrobin (Opera)
Trifloxystrobin (Stratego)
Fluoxastrobin (Fandango)
Prothioconazole (Input)
Ährenbehandlung EC 51-59 Ährenmehltau, Fenpropidin, Propiconazol
Ährenseptoria, & Strobilurine (s.o.)
Braunrost
EC 61-65 Fusarium Tebuconazol (Folicur),
Metconazol (Caramba)
Fett gedruckte Wirkstoffnamen kennzeichnen derzeit beste Wirkungspotentiale
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 80
Fungizid- und Wachstumsregleranwendung in Gerste
BBCH Stadien Krankheiten Wirkstoffe (in Präparaten)
EC 13 – 31 (Herbst/Frühjahr)
Mehltau, Propiconazol (Agent, Gladio)
Netzflecken Carbendazim (Harvesan, Sportak Alpha etc.)
Flusilazol (Harvesan)
EC 31-37 Halmverkürzung Moddus
EC 39-45 Camposan
EC 39-49 Terpal C
EC 31 49 (-55) Mehltau, Netzflecken,Carbendazim + Flusilazol (Harvesan)
Rhynchosporium, Propiconazol (Agent, Gladio)
Zwergrost Azoxystrobin (Amistar), Picoxystrobin
(Acanto),
Kresoximethyl (Juwel Top), Trifloxystrobin
(Stratego), Pyraclostrobin (Opera)
Fluoxastrobin, Prothioconazole (Fandango,
Input)
Fett gedruckte Wirkstoffnamen kennzeichnen derzeit beste Wirkungspotentiale
Fungizidanwendung in Roggen und Triticale
BBCH Stadien Krankheiten Wirkstoffe (in Präparaten)
Roggen
EC 31-32 Halmverkürzung CCC
EC 31-39 Halmverkürzung Moddus
EC 39-49 Halmverkürzung Camposan
EC 31 – 32 Halmbruch Carbendazim + Prochloraz (Sportak
Mehltau, Alpha),
Rhynchosporium Cyprodinil (Unix)
Propiconazol, Kresoximmethyl (Juwel
Top),
Carbendazim + Flusilazol (Harvesan)
EC 49- 61 Braunrost, Rhyncho- Pyraclostrobin (Opera), Tebuconazol
sporium, Mehltau (Folicur)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 81
Triticale
EC 31-39 Halmverkürzung Moddus, Camposan
EC 31 – 37 Halmbruch, Rhyncho- Carbendazim + Prochloraz (Sportak
sporium, Septoria Alpha)
Cyprodinil (Unix)
EC 49 – 61 Blatt- u. Ährenseptoria Azoxystrobin (Amistar), Picoxystrobin
Mehltau, Gelb- u. Braun- (Acanto), Propiconazol,
rost, Rhynchosporium Kresoximethyl (Juwel Top),
Carbendazim + Flusilazol (Harvesan)
Fett gedruckte Wirkstoffnamen kennzeichnen derzeit beste Wirkungspotentiale
Fungizid-, Insektizid- und Wachstumsreglereinsatz im Raps
___________________________________________________________________________
Beizung BBCH 0 F, I (TMTD, Isofenphos, Auflaufkrankh., Rapserdfloh
Imidacloprid)
Herbst BBCH 12-18 W Wachstumsregler bzw. Azol
(in zu wüchsigen Beständen) I Rapserdflohbekämpfung
F Phoma-Bekämpfung
Frühjahr ab BBCH 32 I Rapsstengelrüßler
W Wachstumsregler bzw. Azol
ab BBCH 51 I Kohltriebrüßler
BBCH 51 (Vorblüte) I Rapsglanzkäfer
BBCH 55-57 (Blüte) W Wachstumsregler
I KSR, KSM
BBCH 65 (Vollblüte) F Sclerotinia-Bekämpfung
___________________________________________________________________________
KSR, Kohlschotenrüssler; KSM, Kohlschotenmücke
Wirkstoffe (Präparate):
Wachstumsregler Metconazol, Tebuconazol, Moddus
Fungizide: Metconazol, Tebuconazol, Boscalid, Prothioconazole,
Propiconazol, Iprodion, Vinclozolin
Insektizide: Pyrethroide (Fastac, Sumicidin, Karate)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 82
Pflanzenschutzgesetz, PSM-Zulassung, Nebenwirkungen von PSM
Gesetzliche Regelungen zur Anwendung von PSM
Pflanzenschutzgesetz (v. 1986, nov. 14.5.1998)
Æ gesetzliche Grundlage der Anwendung von PSM)
Pflanzenschutzmittelverordnung (v. 1987)
Æ Grundlage des Zulassungsverfahrens für PSM und Pflanzenschutzgeräte
Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung (v. 1992, nov. 24.1.1997)
Æ Anwendungsbeschränkungen und -verbote für PSM
Anwendungsbeschränkungen durch Kennzeichnungen (laufend)
Æ zum Schutz der Anwender (R- u. S-Sätze; S-Auflagen), des Grundwassers (NG), der
Wasserorganismen (NW), der Bienen (NB), der Nutzorganismen (NN), u.a.
Bienenschutz-VO (1992)
Pflanzenschutz-Sachkunde-VO (1987, nov.1993)
VO über PSM und Pflanzenschutz-Geräte
Rückstands- und Höchstmengen-VO (1997)
Trinkwasser-Verordnung (v. 1986, umgesetzt 1989)
Æ Beschaffenheit und Aufbereitung von Trinkwasser
EU-Richtlinien (91/414/EWG m. Anhang I)
Pflanzenschutzgesetz (v. 1986, nov. 14.5.1998)
Æ wichtige Grundsätze u. Neuerungen gegenüber 1986
§1 Zweck
z Schutz von Pflanzen u. Pflanzenerzeugnissen (Vorratschutz)
z Gefahren abwenden , die... für die Gesundheit von Mensch u. Tier u. für den
Naturhaushalt entstehen können ...
§2 Begriffsbestimmungen
Pflanzenschutzmittel:
Stoffe, die dazu bestimmt sind,
a) Pflanzen oder Pflanzenerzeugnisse vor Schadorganismen zu schützen
b) Pflanzen od. [Link] vor Tiefen, Pflanzen oder Mikroorganismen zu
schützen, die nicht Schadorganismen sind
c) die Lebensvorgänge von Pflanzen zu beeinflussen, ohne ihrer Ernährung zu dienen
(Wachstumsregler)
d) das Keimen von Pflanzenerzeugnissen zu hemmen.
Des weiteren definiert: IPS, Naturhaushalt, Pflanzenstärkungsmittel,
Schadorganismen, Wirkstoffe, Rückstände,Pflanzenschutzgeräte, etc.
§2a Durchführung des PS ... Gute fachliche Praxis
§6-10a Anwendung von PSM
z Nach guter fachlicher Praxis ..., PSM dürfen nicht angewendet werden, soweit der
Anwender mit schädlichen Auswirkungen auf Mensch, Tier, Grundwasser, Naturhaushalt ...
rechnen muß.
z PSM dürfen auf Freilandflächen nur angewendet werden, soweit diese
landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt werden.
z PSM dürfen im Haus- und Kleingartenbereich nur angewendet werden, wenn sie
speziell dafür gekennzeichnet sind. Länder können weitere Einschränkungen vornehmen.
z BMVEL kann den Einsatz bestimmter PSM oder PS-Geräte verbieten oder
einschränken Æ PSM-Anwendungs-VO
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 83
§6-10a Anwendung von PSM
z Wer PSM anwendet oder Personen anleitet, muß Zuverlässigkeit und
Fachkenntnisse vorweisen Æ PS-Sachkunde-VO
§11-23a Zulassungverfahren (angepaßt an EU-Richtlinie 91/414/EWG)
z In anderen EU-Mitgliedsstaaten zugelassene PSM können in D. zugelassen
werden, wenn
- das Mittel in Anhang I (Positivliste) aufgeführt ist.
- die für die Anwendung wichtigen Verhältnisse im Inland ähnlich sind.
Æ vorläufige Zulassung für 3 Jahre ohne Vollverfahren, wenn das PSM in anderem
Mitgliedsland zugelassen ist und keine erkennbaren Bedenken bestehen
z Zulassung erfolgt auf 10 Jahre als Indikationszulassung
§24-30 Pflanzenschutzgeräte... Eintrag in PS-Geräteliste der BBA, Geräte-TÜV
§31 Pflanzenstärkungsmittel
z erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegen Schadorganismen oder nichtparasitäre
Belastungen ...
z müssen zur Aufnahme in Liste bei der BBA angemeldet werden (UBA u. BGVV
sind Einvernehmensbehörden) Æ kein Wirksamkeitsnachweis erforderlich!
Pflanzenschutzgesetz (v. 1986, nov. 1998) - Besonderer Schutz des Wassers
§ 6: Allgemeines
(1) PSM dürfen nicht angewendet werden wenn "... ihre Anwendung schädliche
Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch oder Tier oder auf Grundwasser oder ... den
Naturhaushalt hat."
(2) PSM "... dürfen nicht in oder unmittelbar an oberirdischen Gewässern und
Küstengewässern angewandt werden."
§ 15: Zulassung
(1) Zulassung wird erteilt, wenn das PSM "... bei sachgerechter und bestimmungsgemäßer
Anwendung keine schädlichen Auswirkungen auf ... Mensch, Tier und das Grundwasser hat
...".
Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel
Es dürfen nur zugelassene PSM in Verkehr gebracht und angewendet werden. Die Zulassung
ist seit 1.07.2001 keine Schaderregerzulassung mehr, sondern eine Indikationszulassung,
d.h. das PSM wird für nur eine spezielle Anwendung zugelassen (Schaderreger,
Kulturpflanze). Dadurch sind Indikationslücken entstanden.
Zuständige Behörde: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL,
seit 1.11.2002)
Einvernehmensbehörden: Umweltbundesamt (UBA) und Bundesinstitut für Risikoforschung
(BfR)
Benehmensbehörde: Biologische Bundesanstalt (BBA)
Vorprüfung der eingereichten Unterlagen Æ Hauptprüfung Æ Votumsvorschlag an BVL
durch den Sachverständigenausschuß (SVA) (max. Verfahrensdauer 12 Monate)
Von den Firmen sind die erforderlichen Daten zu folgenden Eigenschaftsbereichen zu
erbringen:
- Wirksamkeitsnachweis des Mittels (einschl. Pflanzenverträglichkeit)
- Toxikologische Eigenschaften (Warmblütertoxizität Æ Anwenderschutz)
- Rückstandsverhalten (Æ Festlegung von Höchstmengen und Wartezeit Æ
Verbraucherschutz)
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 84
- Ökotoxikologie (Æ Toxizität für Fische, Fischnährtiere, Regenwürmer, Vögel etc.)
- Wirkung auf weitere Nichtzielflächen (Saumbiotope etc.)
- Abbauverhalten/Persistenz im Boden und im Wasser, Mobilität im Boden
Die Entwicklungskosten eines PSM für die Zulassung in Deutschland betragen derzeit ca. 80
Mio €.
Anforderungen an ein Pflanzenschutzmittel von Seiten der Zulassung:
1) Biologische Wirksamkeitsprüfung (Prüfung an der Indikationskultur gegen
Indikationsschaderreger Æ Wirksamkeit, Pflanzenverträglichkeit)
2) Chemisch/physikalische Eigenschaften (chemische Identität, Löslichkeit, Dampfdruck,
etc.)
3) Biologisches Risiko, Toxikologie, Ökotoxikologie
- Humantoxizität (Ermittlung von LD50, NOEL, ADI in Tierversuchen)
(Æ Anwender, Verbraucher)
- Toxizität gegenüber Fischen, Daphnien, Bienen, Regenwürmern
und Algen, sowie Nützlingen
(Æ sog. „Nichtzielorganismen“; einschl. Nichtzielflächen)
4) Umweltverfügbarkeit
- Mobilität, Transport, Verlagerung, Persistenz/Abbau in Boden, Wasser, Luft
Nebenwirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf Nichtzielorganismen
PSM besitzen eine Reihe von potentiellen Nebenwirkungen, die teilweise erwünscht, meist
aber unerwünscht sind, und deshalb auf ein Mindestmaß reduziert werden müssen. Das Risiko
von Nebenwirkungen wird bei der Zulassung genauestens erfasst und fließt in die
Zulassungsentscheidung bzw. in die mit der Zulassung erteilten Auflagen mit ein.
Problematische Nebenwirkungen können sein:
• Schädigung von Bodenmikroorganismen (Bakterien, Algen, Protozoen, Algen)
- Reduktion des mikrobiellen Bodenlebens durch breit wirksame Biozide; heute
aufgrund der Zulassungsanforderungen kaum von Bedeutung, aber Prüfkriterium bei
der Zulassung; Messung der Bodenatmung oder von Bodenenzymen (Phosphatasen,
Dehydrogenasen) als Parameter der Aktivität des allgemeinen Bodenlebens
• Phytotoxizität: durch Zulassung bzw. Anwendungsauflagen geregelt
Vorlesung Grundlagen der Phytomedizin /v. Tiedemann 85
• ‚Non-target‘-Organismen; Nützlinge, Nutzinsekten
tatsächlicher
Insektizid
[Link]
N
Ökonom. SS
Unbehandelte
Kontrolle
Erwarteter [Link]
t
Nützlinge: Durch unselektiven (nicht nützlingsschonenden) Insektizideinsatz kann die
Populationsentwicklung sogar gefördert werden, da die natürlichen Gegenspieler
ausgeschaltet werden;
Nutzinsekten: Vermeidung der Bienengefährdung.
• ‚Non-target‘-Organismen auf Nichtzielflächen
- Fische und Fischnährtiere in Oberflächengewässern Æ Zulassungskriterium!
- Flora und Fauna in Saumbiotopen
• Grundwasserkontamination
- abhängig von Persistenz und Mobilität des Wirkstoffs Æ Zulassungskriterium!
• Resistenzbildung
Resistenzgefährdung des Wirkstoffs muß bei der Zulassung vom Antragsteller
eingeschätzt werden. Selektion von insensitiven Schaderregerstämmen besonders
gefördert durch:
1) Häufiger Einsatz von Wirkstoffen mit gleichem Wirkungsmodus
2) Unterdosierte Anwendungen
3) Präformierte Resistenzen in der Erregerpopulation
4) Hohe Spezifität des Wirkstoffs in Bezug auf den Wirkort (enges Wirkstofftarget)
Æ Resistenzmanagement erforderlich!
Positive Nebenwirkungen:
• Physiologische Nebenwirkungen auf die Pflanze
- „Azoleffekt“: Stauchung und Stabilisierung der Pflanzen durch verringerte
Zellelongation bzw. erhöhte Zelldichte, verbesserte Standfestigkeit und
Winterhärte bei Raps
- „Greening-Effekt“ durch Strobilurine: Pflanzen in der Alterung gebremst durch
Induktion des antioxidativen Schutzsystems; erhöhte Stresstoleranz (Trockenheit,
Strahlung), verbesserte Ertragsbildung