Nitzsche
Nitzsche
Friedrich Nietzsche kennt man in erster Linie als Philosophen, Zweifler, Propheten und radikalen Kritiker des Christentums. Daneben gibt es aber auch den Philologen und Schriftsteller Nietzsche. Dieser schrieb und dichtete, als ginge ihn der zweifelnde und provozierende Nietzsche nichts an. Der Denker Nietzsche ist umstritten, nicht so der Stilist. Thomas Mann rhmte seinen Stil mit geradezu hymnischen Worten. Auch Gottfried Benn hat in erster Linie den Sprachschpfer Nietzsche bewundert und wiederholt betont, dass dieser in seinen Augen nach Luther das grte deutsche Sprachgenie sei. Nietzsche wird daher als wirkungsmchtigster Autor auch zur Geschichte der deutschen Literatur gezhlt. Kein Literaturlexikon, keine Literaturgeschichte kommt umhin, ihn zu erwhnen. Schon 1894 findet Nietzsche Aufnahme im Konservationslexikon Brockhaus als "Stilist ersten Ranges, als Dichter eines neuen Dithyrambusstils". "Die Strke von Nietzsche als Dichter aufweisen und ihn dadurch an die Seite von Goethe, Hlderlin rcken, also an die Seite der Weimarer Klassik, wohin er gehrt" - das will auch Manfred Riedel mit seinem 1999 erschienenen Buch "Freilichtgedanken-Nietzsches dichterische Welterfahrung."
Doch als man dann Nietzsche entdeckt hatte, konnte sich kaum einer aus der schreibenden Zunft dem Zauber seiner Sprache entziehen, weder den der Bibel abgelauschten Psalmenklngen und dem Prophetenton noch den Wortspielereien und neuartigen Bildern noch den geschliffenen Aphorismen und der pointierten Ausdrucksweise. Wie Goethe ist auch Nietzsche durch die Schule der Lutherbibel gegangen. Nietzsche selbst hat einmal gesagt, die Bibel sei bisher das beste deutsche Buch und "gegen Luthers Bibel ist fast alles brige nur 'Literatur'." Unbersehbar ist die religise und religionsbezogene Herkunft der Sprache von Nietzsche, auch und gerade bei Zarathustra, hier ist es die Sprache der Mystik. Aber auch die Gedichte - sie fehlen in keiner Gedichtsammlung - haben viele verzaubert, vor allem die Dionysos-Dithyramben. Sie zeigen zugleich das erschtternde Ausma des Leidens, dem Nietzsche am Ende seines Schaffens ausgesetzt war. Nietzsches Stilkunst und originelle Wortschpfungen sind wohl der Hauptgrund fr seine gute Lesbarkeit und eminente Wirkung. Wo zum Beispiel in Akademikerkreisen von "intellektueller Komplexitt" die Rede ist, spricht Nietzsche von "Intrigen der Erkenntnis". Ein "Forschungsgebiet" ist bei ihm ein "Jagdgebiet", und dessen Potential nennt er "ausgetrunkene Mglichkeiten". Es lohnt sich noch immer, bei diesem Stilknstler und Sprachschpfer in die Lehre zu gehen.
Nietzsches Stil
In "Unzeitgeme Betrachtungen" gestand Nietzsche: "Ich gehre zu den Lesern Schopenhauers, welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen haben, mit Bestimmtheit wissen, dass sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort hren werden, das er berhaupt gesagt hat." Was Nietzsche von der Sprache seines Lehrers rhmt, gilt auch fr den eigenen Stil der frhen Schriften. Ein "redliches, derbes, gutmtiges Aussprechen" bezeugt das "krftige Wohlgefhl des Sprechenden", dem eine "rauhe und ein wenig brenmige Seele" zu eigen ist. Diese Sprache ist imstande, "das Tiefsinnige einfach, das Ergreifende ohne Rhetorik, das Streng-Wissenschaftliche ohne Pedanterie zu sagen." Bis zu seinem Buch "Menschliches-Allzumenschliches" schreibt Nietzsche die gleiche gediegene, an antiker Rhetorik geschulte Prosa. Er bevorzugt lange, sehr klar gebaute Satzperioden und verwendet auffallend wenig Fremdwrter. Die Philologie hat ihn gelehrt, alles zu begrnden und mit Zitaten zu belegen. Hin und wieder blitzt etwas von witziger Bosheit auf, wenn er zum Beispiel die "Heiterlinge" oder die "Moral-Zrtlinge"verspottet. Auch in diesem redlichen Grimm bleibt er der Schler Schopenhauers. Weil Nietzsche hufig neue Worte gebrauchte und mehr noch vorhandene Ausdrcke umdeutete, hat man ihn auch einen "Bildungsphilister" genannt. Oft vernderte er Wrter, indem er auf die Grundbedeutung der Bestandteile zurckging: "berreden" verstand er in dem Sinne von ber-reden, das heit, so viel reden, dass der Partner nicht mehr zu Worte kommt. berreden im Sinne von berrennen. Nietzsche sprach auch von Vaterlnderei, Schopenhauerei, Aufdringling, Dsterling, Kastraiismus, Nicht-Gott, Immoralist, Antiesel oder er gebrauchte Pendantworte:Freitter zu Freidenker, Vernunftbisse zu Gewissensbisse oder Korrekturworte: Christentmler statt Christen, Dysangelist statt Evangelist. Spter wurden die Stze krzer und die Satzzeichen differenzierter. Die meisten Wrter sind Abstraktionen mit polemischer Spitze. Hier haben franzsische Gelehrte und Dichter oft Pate gestanden wie Montaigne, La Rochefaucould, La Bruyre, aber auch Lichtenberg und Heine. Charakteristisch fr Nietzsches Aphorismen ist das Nebeneinander von prophetischem Ernst und Ironie. Wie in seinem Denken Metaphysik und Perspektivismus zusammenwirken, so in seiner Sprache Pathos und Spiel. Wir finden bei Nietzsche keinen einheitlichen Sprachstil, aber souverne Beherrschung der Sprache.
Verehrung und Abneigung fr einzelne Dichter blieben bei Nietzsche nicht immer gleich. Aufflligstes Beispiel ist Heinrich Heine. Zuerst hatte er, als 24j hriger Professor in Basel, Heine abgelehnt, weil er ihn damals mit den Augen seines antisemitischen Mentors Richard Wagner sah. Spter entdeckte er zwischen sich und Heine zahlreiche Parallelen und schrieb in "Ecce homo": "Den hchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben." In den "Liedern des Prinzen Vogelfrei" hat Nietzsche dem chronisch kranken Dichter Heine ein Denkmal gesetzt. Zudem verglich er seine eigene Situation mit der Heines in der "Matratzengruft". Eigenwillig ist auch Nietzsches Vergleich zwischen Goethe und Kleist. Goethe war fr ihn die Inkarnation des Apollinischen und Gesunden und Kleist die des Dionysischen und Kranken.
Etwa gleichzeitig mit seinem geistigen Zusammenbrach in Turin wurde Nietzsche um 1890 pltzlich berhmt, zunchst bei den nichtakademischen Intellektuellenkreisen der Grostdte, den Cafehausliteraten und Bohmiens. Dagegen sah sich Max Dauthendey(1867-1918), als er in einer deutschen Universittsbuchhandlung den Namen Nietzsche erwhnte, mit einem unglubigen Publikum konfrontiert, das glattweg bestritt, dass ein Philosophen dieses Namens berhaupt existiert. Nach seinem Tod am [Link] 1900 fand Nietzsche dann auch in weiteren Kreisen Beachtung. Vielfach lernte man ihn durch sekundre Quellen statt durch selbstndige Lektre seiner Schriften kennen. Das Resultat war eine ungenaue und oft auch triviale Nietzsche-Exegese, die von Schlagworten geprgt war wie "Herren-und Herdenmoral", "Wille zur Macht", "die Blonde Bestie" sowie durch einen trivialen "bermenschenskult", der vielfach einem infantilen Verhalten zur Rechtfertigung diente. Die Aphorismen der "Gtzendmmerung" schlugen ein "wie der Blitz in meine Seele", bekannte der Schriftsteller Wilhelm Weigand 1889. So erging es vielen. Dabei habe Nietzsche, meint der Literaturwissenschaftler Bruno Hillebrand, mehr zum Missverstndnis seiner Schriften als zu deren Verstndnis beigetragen. Man suchte bei Nietzsche weniger philosophische Erkenntnisse als die Verkrperung der eigenen Befindlichkeit. Darin liegt wohl auch der Grund fr die groe Wirkung dieses Philosophen. Waren doch die meisten fest davon berzeugt, dass Nietzsche das besondere Schicksal ihrer Generation antizipiert und eine Zeitenwende personifiziert habe. Sie nahmen ihn daher in erster Linie als Zeitgenossen und weniger als Klassiker wahr. Die Beschftigung mit Nietzsche steht demnach unter dem Vorzeichen geistiger Orientierung. Nach der Auflsung aller dogmatischen und moralischen Bindungen, so glaubten viele, bliebe nur noch die individuelle und perspektivische Einschtzung der Dinge und der Welt brig. Nietzsches Rezeptionsgeschichte war also auch ein Stck Kulturgeschichte. Sie beginnt gesellschaftlich mit allen Verwerfungen und Banalitten des Kaiserreichs als Initialzndung, wobei nicht nur der Vitalismus des Philosophen faszinierte, sondern auch seine mitreiende Sprache. "Es war ein berwltigtwerden durch Sprache, ein Berauschtsein ohne rechtes Begreifen." Das gilt fr die literarische Nietzsche-Rezeption und mehr noch fr die populre Aufnahme seiner Philosophie. So kam er nach seinem geistigen Zusammenbruch zu einem zweiten Leben von gleichsam mythologischer Qualitt. Biographie und Werk wurden nicht getrennt, sondern als Einheit wahrgenommen, durchaus zu Recht, weil Nietzsches Denken derart auf sein Leben bezogen ist, dass man beides zusammen sehen muss. Die berzeugungen des Literatentums um die Jahrhundertwende, Nietzsche habe das besondere Schicksal ihrer Generation verkrpert und einen Zeitenwechsel signalisiert, wurde in vernderter Form spter auch von der philosophischen Fachliteratur bernommen.
groen poetischen Welt-Diskurs und erkannten als erste, dass mit Nietzsche ein neues Zeitalter der Welt-Deutung begonnen hat. Im Gegensatz zu den Philosophen haben die Dichter auch keine Nietzsche-Tradition errichtet. Vielmehr nahm sich jeder von Nietzsche, was er brauchen konnte. Dabei haben Dichter und Schriftsteller Nietzsches Anliegen oft besser erfasst als die meisten Philosophen, zumal sie fast alle auf den Menschen Nietzsche eingegangen sind. Nur dem Begabten indes gelang der Sprung in die eigene Stillage, die anderen blieben Epigonen. Nietzsche ist ein aufschlussreicher Probierstein, an ihm schieden sich die Geister. Nicht alle waren der neuen Wahrheit gewachsen, die besagt, dass es keine Wahrheit und, metaphysisch gesehen, keinen absoluten Standpunkt mehr gibt, sondern dass angesichts der unendlichen Deutbarkeit der Welt nur noch die Wahrhaftigkeit des Einzelnen briggeblieben sei. Nicht wenige erkannten nur, was ihnen ohnehin schon bekannt war. Die frhe literarische Nietzsche-Rezeption war oft recht oberflchlich. Man las ihn anfangs nicht sehr aufmerksam, ohne seinen Deutungsansatz zu verstehen. Dafr war man schnell begeistert, projizierte in Nietzsche die eigenen Wunschtrume hinein, zitierte ihn nach Belieben und nahm ihn viel zu wrtlich. Nietzsches Philosophie wurde verflscht und verdreht, etwa ins Antisemitische wie in Hermann Conradis Roman "Adam Mensch"(1889), whrend der bald einsetzende triviale bermenschenkult vielfach einem infantilen Verhalten zur Rechtfertigung diente. Da Nietzsche den vehementen Beginn seines Ruhms nicht mit klarem Bewusstsein wahrgenommen hat, blieb ihm auch erspart, den Missbrauch seiner Gedanken mitansehen zu mssen. In seichten Romanen und Moralauffassungen versickerte sein Denken bei Michael Georg Conrad, Adolf Wilbrandt, Paul Heyse, und einer Reihe anderer Schriftsteller, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt. Nietzsche wurde trivialisiert und banalisiert, auch durch romanhafte Schwrmereien, zum Beispiel bei der Grfin zu Reventlow und bei Detlev von Liliencron. Liliencrons Begeisterung von 1889, die er in dem Satz ausdrckte, Nietzsche "war der geistig hchst stehende Deutsche" ist freundlich gemeint, steht aber auf schwachen Fen. Mit forscher Pennlermentalitt urteilte Liliencron ber Nietzsche: "Es ist selbstverstndlich, dass die guten Bier- und Skatdeutschen ihn nicht kennen. Es ist emprend." Richard Dehmel schrieb in jungen Jahren einen sentimentalen "Nachruf auf Nietzsche". Hochmtig reagierte dagegen 1907 Johannes Schlaf mit seinem umfangreichen Buch "Der Fall Nietzsche. Eine berwindung." Julius Hart(1899) wiederum unterstellte Nietzsche, er habe polnisches Blut in seinen Adern und gehre mithin einer "minderwertigen Rasse" an. Auch ernst zu nehmende Schriftsteller haben Nietzsche mitunter emphatisch abgelehnt. Gerhart Hauptmanns Ausspruch:" "Nietzsche war nicht unser Mann" bezieht sich zum Teil auf den Freundschaftsbruch mit Richard Wagner. Allerdings blieb auch auf Hauptmann(1962-1946) Nietzsche nicht ohne Wirkung, doch zeigte sich diese erst dort deutlich, wo sich Hauptmann von Milieu, Charakter und Sprache des Naturalismus abkehrte. Nietzsche sei wie "Rattengift im Gedrm" schrieb der sozialistische Schriftsteller Franz Mehring. Aber Sozialisten und Marxisten haben sich mit Nietzsche ohnehin kaum anfreunden knnen genau so wenig wie er sich mit ihnen. Zum Kreis der frhen Bewunderer gehrten dagegen Christian Morgenstern, Graf Keler, Rudolf Pannwitz. Morgenstern(1871-1914) schrieb: "Man sieht Nietzsche ins Auge und wei, wo das Ziel der Menschheit liegt." Morgenstern stand, vor allem in jungen Jahren, ganz im Bann Nietzsches und lie sich von ihm zu Sprachspielen und sensiblen
philosophisch religisen Gedichten anregen. Sie erschienen unter den Titeln "Ich und Du" und "Wir fanden einen Pfad". Bei diesen Gedichten haben allerdings auch der Buddhismus und die Anthroposophie mit Pate gestanden. Die Gedankenwelt Zarathustras, Nietzsches Sprach- und Bildwelt hat Morgenstern mit bernommen. Doch spter in seinen Galgenliedern, in den Motiven und in der geistigen Haltung, fhrt er nur noch die Trmmer der Zarathustrawelt vor. Parodistisch wird der "bermensch" in "Phantas Schlo" behandelt. Die Dichter, die um die Jahrhundertwende zu wirken begannen, und jene, die ihnen unmittelbar nachfolgten, zhlten zu den Generationen, die von Nietzsche am strksten beeinflusst wurden, weil Nietzsche fr diese Autoren, die durchweg in einer Atmosphre aufgewachsen waren, in der sie glaubten ersticken zu mssen, Befreiung bedeutete: Reinhard Johannes Sorge, Georg Heym, Gottfried Benn, Ernst Maria Richard Stadler, Stefan Zweig, Robert Musil, Carl Sternheim, Georg Kaiser, Alfred Dblin, Hermann Hesse, Rainer Maria Rilke, Thomas und Heinrich Mann, Stefan George, Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Ernst Barlach und Rudolf Borchardt. Ein auergewhnlich kritischer Nietzsche-Leser war Alfred Dblin(l 878-1957). Allerdings hat sich Dblin heftig gegen Nietzsches Nihilismus gewehrt und ist dann zu dem Schluss gekommen: "Nietzsches im modernen Sinne positivistische Moral fllt bei aller zu ihrer Darstellung entfalteten Genialitt ins Leere." Aus Dblins Schriften geht brigens hervor, dass er Nietzsches Werke tatschlich gelesen hat, was man nicht von allen Autoren sagen kann, die Nietzsches Namen in der Feder fhren. Alfred Dblin brauchte Nietzsche, behauptet Bruno Hillebrand, zur metaphysischen Klarstellung der Moralsituation seiner Zeit. Er verfasste unmittelbar nach der Jahrhundertwende zwei Schriften ber Nietzsche, die alles in den Schatten stellen, was damals geschrieben wurde. Htte er sie ausgearbeitet und verffentlicht, wre die Deutung von Nietzsches Philosophie, vermutet Hillebrand, in andere Bahnen geraten. Kurt Tucholsky(1890-1935) lobte 1929 Nietzsche dafr, "dem Deutschen wieder eine Prosa gegeben zu haben. Drei Jahre spter hat derselbe politische Satiriker der "Weltbhne" Nietzsche wegen seiner groen Widersprchlichkeit und Unentschiedenheit kritisiert. Tucholsky schrieb: "Sage mir, was du brauchst, und ich will dir dafr ein Nietzsche-Zitat besorgen. Bei Schopenhauer kann man das nicht so leicht. Bei Nietzsche ..fr Deutschland und gegen Deutschland, fr den Frieden und gegen den Frieden, fr die Literatur und gegen die Literatur - was Sie wollen." Doch im selben Jahr noch bestand Tucholsky auf einer Unterscheidung zwischen den Schriften des Philosophen und den entstellenden Machenschaften des Archivs und verlangte: "Wir wollen nicht mehr die Werke Lieschen Frsters, sondern die Werke Friedrich Nietzsches lesen." Oskar Maria Graf(l 894-1967) reflektierte 1915 ber Egoismus und Gemeinsamkeit, ber Herz und Gefhl, unter Berufung auf Christus, Strindberg, Nietzsche, Whitman und Dostojewski. In den frhen vierziger Jahren im amerikanischen Exil fragte er sich indessen, wie "die Naziepidemie ..in der einfachen Menschenvernunft Fu fassen" konnte. Seine Antwort.."weil die ganze europische Intelligenz den so dithyrambisch wohlklingenden Gewaltmythos des Herrn Nietzsche angenommen hat." Auch Bertolt Brecht(l 889-1956)hat sich zu Nietzsche, zumindest ber seinen Zarathustra, geuert und zwar in folgendem Fragment: Du zarter Geist, dass dich nicht Lrm verwirre
Bestiegst Du solche Gipfel, dass dein Reden Fr jeden nicht bestimmt, nun misset jeden, Jenseits der Mrkte liegt nur noch die Irre. Ein weier Gischt sprang aus verschlammter Woge! Was dem gehrt, der nicht dazu gehrt. Im Leeren will die Nchternheit zur Droge, (in: Bertolt Brecht, Die Gedichte, Frankfurt/M., 1990, 613-614.) Zudem lt sich in Brechts Werk Nietzsches Einfluss an vielen Stellen nachweisen. Eigentlich hat jeder, der etwas auf sich hielt, in der ersten Hlfte des zwanzigsten Jahrhunderts seine Meinung ber Nietzsche kund getan, auch Karl Kraus. Dieser meinte 1933, fr den Ausruf, "welche Wohltat ist ein Jude unter Deutschen" drohten Nietzsche heutzutage "ein Jahrtausend Konzentrationslager." Ricarda Huch(1864-1947)soll in ihrem Roman "Aus der Triumphgasse", wie jngst der Literaturwissenschaftler Michael Meyer festgestellt hat, den Vitalismus Nietzsches zusammen mit Schopenhauers Willensmetaphysik bernommen und von Nietzsches Philosophie den Gedanken der Ewigen Wiederkehr adaptiert haben. Ihr Bruder Rudolf Huch(l 862-1943) behauptete, dass "Gtz von Berlichingen" und "Die Leiden des jungen Werther" die Literatur jener Zeit nicht annhernd so beeinflusst htten wie der "Zarathustra unsere moderne, wesentlich von Damen bereitete Lesekost." Max Kommerell verglich Nietzsche und Stefan George( 1868-1933) miteinander und schrieb: "Bestimmte Lieder Georges und Nietzsches klingen gleich, aus gleichem geistigen Schicksal." Beide haben symbolische Bcher geschrieben: "Zarathustra" der eine, "Stern des Bundes" der andere. Auch wenn keine biographischen Zeugnisse ber eine Auseinandersetzung Georges mit Nietzsche vorhanden sind, so ist doch Nietzsches Einfluss auf Stil und Inhalt der Gedichte Georges deutlich zu spren. Gemeinsam ist beiden eine antinaturalistische Haltung, der Versuch einer Erneuerung der Sprache, die berzeugung, dass nur das groe Individuum imstande sei, das Chaos zu formen und der heidnisch-antike neu erwachte Krpersinn sowie eine tiefe Abneigung gegen Mittelmigkeit, Verfall, Langeweile und gegen die Routine der Gegenwart. Stefan George gelang allerdings, was Nietzsche nicht geschafft hat, der Aufbau eines "weltlichen Klosters", einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Viele Anhnger des George-Kreises haben zu Nietzsche Stellung bezogen: Ernst Bertram, Ernst Gundolf und Kurt Hildebrandt. Nietzsches Einsicht in die grundlegende Antinomie von Schnheit und Wahrheit, Kunst und Philosophie, Wahn und Weihe haben sich indessen George und sein Kreis nie zu eigen gemacht. Ludwig Marcuse bekennt in seinen Lebenserinnerungen, dass es ihm schwergefallen sei, Bcher von Autoren zu lesen, die ihn nicht hinrissen wie Nietzsche, der junge Marx und wie Freud. Egon Friedeil befand "Nietzsche war ein Sprengmittel."
Nietzsches Einfluss auf Rainer Maria Rilke(1875-1926)datiert etwa seit der Bekanntschaft mit Lou Andreas Salome Anfang 1897 und schlgt sich im "Florentiner Tagebuch" nieder. Es gibt hnlichkeiten zwischen Nietzsche und Rilke in der intensiven Gottsuche und in der Erfahrung und im Ausdruck von Einsamkeit. Nietzsche schreibt: "Weh dem, der keine Heimat hat", Rilke: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr." Beide bejahen das Leid als Quelle der Freude und bemhen sich, die Beziehung zwischen Denken und Fhlen neu zu bestimmen. Nietzsche klagt: "O, Zarathustra, das Suchen war meine Heimsuchung. Es frisst mich auf." Rilke drckt sein leidenschaftliches Suchen nach Gott mit folgenden Stzen aus:"Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise Jahrtausende lang" und an anderer Stelle heit es: "Der Weg zu dir ist furchtbar weit, und weil ihn lange keiner ging, verweht." Beide glaubten, nur der Mensch selbst knne der Erlser des Daseins sein. Nietzsche sah die rettende Mglichkeit im bermenschen, Rilke in der "Engelsschau einer Welt, entkrpert in menschlicher Innerlichkeit." Nietzsches Ton klinge, meint Erich Heller, gebieterischer, Rilkes Auftrag sei bescheidener. "Rilke ist der heilige Franziskus des Willens zur Macht." Franz Kafkas Nietzsche-Rezeption begann 1900 mit der Lektre der "Geburt der Tragdie". Mit Hilfe einzelner Passagen aus "Also sprach Zarathustra" soll er sogar versucht haben, ein Mdchen zu verfhren. Whrend des Studiums hat sich Kafka an Diskussionen ber Nietzsche, nach Aussagen seiner Freunde, beteiligt. Doch weder in seinen Tagebchern noch in seinem Briefwechsel wird Nietzsche namentlich erwhnt. Andererseits ist das stndige Kreisen um Gott Grundthema auch bei Kafka(1883-1924), insbesondere in seinem Roman "Das Schlo". Wahrscheinlich hat Kafka, wie Thomas Mann im Doktor Faustus, ihn nicht genannt, weil der Philosoph, nach einem Ausspruch von Gerhard Kurz, in Kafkas Werk so prsent sei, "wie Salz im Meerwasser". Kurz fasst das Verhltnis zwischen dem Denken Nietzsches und dem Kafkas wie folgt zusammen: "Nachdem er ihn whrend seiner Gymnasialzeit entdeckt hatte, blieb Kafka Nietzsches Denken treu bis zu seinem Tode." Nietzsches Philosophie mit der Einsicht in den zwiespltigen Charakter unserer modernen Welt und Kafkas Romane erteilten sowohl dem Rationalismus als auch dem Hegelianismus eine Absage, indem sie die Unlsbarkeit des Scheins und den zeitgemen Charakter des Wahrheitsbegriffs vor Augen fuhren. Im Gegensatz zu Hegel definiert Nietzsche - gem seiner Erkenntnistheorie - die Kunst "als den guten Willen zum Scheine" und verabschiedet sich von der metaphysischen Wesenssuche. Zwischen Kafka und Nietzsche bestand offensichtlich eine gewisse Affinitt. Um so mehr verwundert es, dass Max Brod, der Franz Kafka sehr geschtzt und ber ihn viele Bcher geschrieben hat, Nietzsche stets abgelehnt hat und in ihm den genauen Gegenpol zu Kafka sah. Doch der Lyrik und dem feinen Kunstverstndnis von Nietzsche hat auch Brod seine Anerkennung nie versagt. Die Literatur indessen, die auf Nietzsche basiert, hielt Brod fr heidnische Verirrungen und Rckflle. Bei Robert Musil, der Nietzsche schon mit 18 Jahren gelesen hatte, finden sich kontinuierlich uerungen zu Nietzsche in den Tagebchern. Er war auch die geistige Hintergrundfigur seines Romans "Mann ohne Eigenschaften". Wie Thomas Mann war auch Robert Musil ein kritischer Nietzsche-Leser. In sein Tagebuch notierte er, Nietzsche gleiche einem, der hundert neue Mglichkeiten erschlossen und keine ausgefhrt habe. Musil selbst, der in Nietzsche einen geistigen Vor-Mund sah, hat in seinen spten Jahren, wie viele Autoren, aus Nietzsches Werk das ihm Geme ausgesucht, unter Vernachlssigung anderer bedeutender Aspekte. So wird die metaphysische Komponente, der Heidegger mehr als tausend Seiten gewidmet hat, fast ganz beiseite gelassen. Nichts
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in Musils Nietzschebild legt nahe, dass es sich bei diesem Denker, nach einem Urteil von Heidegger, um das Ende und die Vollendung der abendlndischen Metaphysik handelt. Robert Walser ging dagegen so weit, Nietzsches Vorstellung "Wille zur Macht" und "Herrenmoral" als perfide Rache eines Ungeliebten zu deuten, und erklrte den "Willen zur Macht" als Ressentiment des "gekrnkten Knechtes. Das Leitmotiv von Nietzsches Leben und Denken, nmlich dasThema vom antipolitischen Einzelnen, der, fernab von der modernen Welt, nach Selbstvervollkommnung strebt, findet sich, wie bei vielen anderen, auch in dem Werk von Hermann Hesse (1877-1962), allerdings ohne Nietzsches polemisches Beiwerk. Hesse hatte Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg verlassen und sich, wie einst Nietzsche in die Abgeschiedenheit der Schweizer Bergwelt zurckgezogen. Nietzsche hatte in "Zarathustra" dem Einzelgnger eine mehr als poetische Legitimation erteilt. Hesse wiederum bezog sich vor allem auf Zarathustras Grundsatz: Wenn neues Heil kommt, dann nur aus jedem einzelnen Individuum selbst, nicht aber aus Volk und Gesellschaft. Dieses Motiv entwickelte Hesse in seinen Romanen, angefangen von Demian und Siddharta bis hin zum Glasperlenspiel, fr den er den Nobelpreis erhielt. Parallelen gibt es aber auch zwischen Nietzsches Frhwerk"Die Geburt der Tragdie" und Hesses "Hermann Lauscher". hnlich wie bei Nietzsche folgten auch bei Hesse auf die romantischen Rauschzustnde derbere Einsichten. In Hesses "Peter Camenzind" wiederum ist der Philosoph von groer Bedeutung fr das geistige Erwachen des Helden. Im Grunde durchzieht Nietzsches Philosophie Hesses Gesamtwerk. Bezeichnend ist fr Hesse die Polaritt von amor fati und franziskanischer Opfergesinnung.
Thomas Mann, Gottfried Benn, Ernst Jnger - extensive Auseinandersetzung mit Nietzsche
Unverkennbar ist ebenfalls die Nhe von Ernst Jnger - in den Augen von Brod war dieser ein vergrberter Nietzsche - zum Dichterphilosophen, insbesondere in seinen frhen Bchern: "In Stahlgewitter", "Feuer und Blut", "Der Kampf als inneres Erlebnis","Das Abenteuerliche Herz" und "Der Arbeiter". Auch bei Jnger setzte die Nietzsche-Rezeption frh ein. Den Knstler und Artisten Nietzsche hat er indessen nie wahrgenommen, er war eher dem Geschichtsphilosophen zugetan. Aber zuletzt hat er im Vergleich zu Thomas Mann und Gottfried Benn am entschiedensten gegen Nietzsche opponiert, vor allem nachdem er seine Konversion zur Katholischen Kirche vollzogen hatte. Das war die Vollendung einer unablssigen Suche nach dem "Jenseits" der Erscheinungen. Er hat "diesseits des bermenschen" kapituliert. Er scheiterte am amor fati. Fr viele Schriftsteller und Knstler war Nietzsche der Leidende und Triumphierende oder wie Benn(l 886-1956), dessen sptere Prosa ohne Nietzsche nicht denkbar ist, es nach dem Ende des Nazi-Regimes ausdrckte: Er war "das Erdbeben der Epoche und seit Luther das grte deutsche Sprachgenie." Benn wurde vor allem durch Nietzsches Erkenntnis beeindruckt, dass die Welt nur als sthetisches Phnomen gerechtfertigt sei. Auch Benn war bemht, die Kunst der moralischen Sphre zu entziehen. Fr beide, fr Nietzsche und Benn, war die sthetik verbunden mit den metaphysischen Fragen nach dem Leben. 1950 hielt Gottfried Benn seinen Vortrag "Nietzsche-nach fnfzig Jahren". Hierin resmierte er: "Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich
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auseinander dachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen, breittrat - alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschpft, definitiv Formulierung gefunden, alles Weitere war Exegese...Er war, wie sich immer deutlicher zeigt, der weitreichende Gigant der nachgoetheschen Epoche." Benn hat sich freilich nie von Nietzsche distanziert, wie es zeitweise Thomas Mann getan hat. Beide waren sicherlich Nietzsches extensivste Rezipienten. Heinrich Mann hatte Nietzsches kulturkritische Bedeutung sogar schon 1896 und zwar frher als sein Bruder Thomas erkannt. In jungen Jahren soll Heinrich Mann ein Rauschsthet und Nietzsche-Jnger gewesen sein. Jedenfalls sah er wie sein Bruder Thomas, unter dem Einfluss Nietzsches, die erzieherische Aufgabe der Kunst darin, den deutschen Geist an das europische Niveau anzuschlieen. Thomas Mann(l875-1955) hat sich zunchst mit Nietzsches Hilfe kulturell profiliert und ihn sich dienstbar gemacht wie es viele andere auch getan haben. Die komplizierte Rezeptionsgeschichte Nietzsches findet in den Romanen und Essays Thomas Manns ihren Hhepunkt, aber nicht ihren Endpunkt. Dabei war Thomas Mann selbst kein sehr guter Kenner von Nietzsches Werk, sondern verdankte seine Kenntnis vorwiegend dem Freund Ernst Bertram, den er mit der ihm eigenen Unbekmmertheit auszubeuten verstand. Trotzdem hat Thomas Mann vieles von Nietzsche in sein Werk mit aufgenommen. Schon in seinen "Buddenbrooks", den er zu Lebzeiten Nietzsches schrieb, fand am Rande eine Auseinandersetzung mit Nietzsche statt. Das Nietzsche-Thema des Geistes entfaltete er in seinen Novellen und Romanen, von Tonio Krger bis hin zu den Josephsgeschichten. Wichtig war Mann Nietzsches These, dass "die (physisch) Schwachen mehr Geist haben ..Man muss Gott ntig haben, um Geist zu bekommen." Eines der Hauptthemen von Thomas Mann war das antagonistische Verhltnis von Leben und Kunst, die Zusammengehrigkeit von Leben mit Gesundheit und von Kunst mit Krankheit und Verfall, wie etwa in Tonio Krger(1903): Der Knstler, Sohn eines hanseatischen Vaters und einer leichtfertigen Mutter aus dem Sden, liebt sehnschtig die Gesunden, die "Blonden und Blauugigen" :Hans Hansen und Inge Holm, die ihm fremd bleiben und die doch seinem Knstlertum in dessen Lebensferne erst Rang und Gre geben. Nietzsches Abwehr des Herdentieres, hat Mann 1916, aus Anlass einer Lesung aus "Felix Krull" als die Sphre eines Unpolitischen gegen die Plattheit der Politik verteidigt. Als das am meisten "nietzscheanische" Werk des frhen Thomas Mann gilt sein einziges Drama "Fiorenza" von 1904. Es ist das Drama vom Kampf um Florenz zwischen dem lebenshungrigen Lorenzo il Magnifico, der ein Krppel ist, der schnen Fiore, seiner Geliebten, der Verkrperung der Lebensflle, und dem Prior Girollama Savonarola, der die heidnische Welt der Schnheit hat. In "Doktor Faustus" erhob Mann Nietzsche in der Gestalt des "deutschen Tonsetzers Adrian Leverkhn" sogar zum Symbol des deutschen Schicksals in diesem Jahrhundert, indem er ihn einen Pakt mit dem Teufel schlieen lie. Hier kommen verdchtig viele Nietzsche-Zitate aus des Teufels Mund. Thomas Man nannte seinen [Link] einen Nietzsche-Roman. Fr den Literaturredakteur von der Neuen Zrcher Zeitung, Martin Meyer, ist er die einzige geglckte Nietzsche-Literarisierung. In seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" schrieb Thomas Mann: "Nietzsche hat, unbeschadet der tiefen Deutschheit seines Geistes durch seinen Europismus zur kritischen Erziehung, zur Intellektualisierung, Psychologisierung, Literarisierung, Radikalisierung oder, um das politische Wort nicht zu scheuen, zur Demokratisierung Deutschlands mehr beigetragen als irgend jemand...unser gesamtes Zivilisationsliteratentum" habe, so Mann, bei ihm schreiben gelernt. Nietzsche, rhmt er weiter, "verlieh der deutschen Sprache eine Sensitt, Kunstfertigkeit, Schnheit, Schrfe,
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Musikalitt, Akzentuiertheit und Leidenschaft -ganz unerhrt bis dahin und von unentrinnbarem Einfluss auf jeden, der sich nach ihm deutsch zu schreiben erkhnte." Whrend der Weimarer Republik wandte sich Mann als Vernunftrepublikaner freilich brsk von Nietzsche ab und damit von seiner eigenen Verfhrbarkeit. 1941 apostrophierte er Nietzsche als"den Urheber wohl der faszinierendsten und farbenvollsten philosophischen oder lyrisch-kritischen Produktion unseres Zeitalters". In zwischen hatt auch Mann erkannt, dass er wie viele andere Nietzsche-Verehrer den Philosophen lange Zeit viel zu wrtlich genommen hatte, eine Einsicht, die brigens von Karl Jaspers stammt. 1947 hat Mann "Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung" kritisch betrachtet und festgestellt, "in mehr als einem Sinne ist Nietzsche historisch geworden." Dieser Essay, in dem sich Thomas Mann zu Nietzsche recht distanziert uerte, hat viele dazu verfhrt, den Dichter als Kronzeugen im Prozess gegen den Philosophen als einen Wegbereiter Hitlers aufzurufen. Aber dazu taugt dieser Essay nur bedingt. Thomas Mann hat sich immer gegen jene verwahrt, die nach 1945, weil der Augenblick gnstig schien, "simple Broschren" gegen Nietzsche schrieben. Wieviel von Nietzsches Immoralismus stecke schon in Goethes naturfrommen Antimoralismus, rief er aus. "Damals konnten noch alle schn, heiter und klassisch sein. Dann wurde es grotesk, trunken, kreuzleidvoll und verbrecherisch. Das ist der Gang des Geistes, der Gang des Schicksals", schrieb Mann in einem Brief von Dezember 1947. In seinem letzten Lebensjahrzehnt ringt er sich zu einem Bekenntnis zu Nietzsche durch und sagt, er glaube nicht, dass Nietzsche den Faschismus, sondern umgekehrt dieser ihn "gemacht" habe. Gottfried Beim gab in diesem Zusammenhang zu bedenken:"Was kann Nietzsche dafr, dass die Nazis bei ihm ihr Bild bestellten?" Es sei sogar mglich, Nietzsche einen Humanisten, einen Wissenden des Menschenlebens zu heien, meinte Thomas Mann, der in Nietzsche in erster Linie einen Diagnostiker des Grofaschismus und eines planetarischen Faschismus gesehen hat, da er davon berzeugt war, dass zwischen Faschismus und Nietzsche keine bereinstimmung besteht. Man drfe Nietzsches diagnostische Haltung nicht schon als Zustimmung betrachten. Ernst Jnger drckte sich noch schrfer aus. Nietzsche, so Jnger, habe die geistige Katastrophe erfasst. Das sei schrecklich genug gewesen, daran zu zerbrechen "war das Schicksal Nietzsches, den zu steinigen heute zum guten Ton gehrt. Nach dem Erdbeben schlgt man auf die Seismographen. Man kann jedoch die Barometer nicht fr die Taten ben lassen, falls man nicht zu den Primitiven zhlen will." Aber nochmals zurck zu Thomas Mann. Eine Erkenntnis Nietzsche hat dieser Dichter sein Leben lang beibehalten: die der Isolation des Geistigen, des Knstlers in der Gesellschaft. Sie besttigte sein eigenes Erleben. Thomas Mann sprach auch davon, dass sich beim Nietzsche-Leser "die Mischung von Ehrfurcht und Erbarmen" einstelle. "Es ist das tragische Mitleid mit einer berlasteten, berbeauftragten Seele", sagte Thomas Mann und bedauerte, dass dessen Leben und Werk jetzt eher im pathologischen Sinne gedeutet wrden. Am Ende seiner lebenslangen Nietzsche Auseinandersetzung erweiterte er dann den Bedeutungsrahmen: "Wahrlich nach einer Gestalt, faszinierender als die des Einsiedlers von Sils Maria, sieht man sich in aller Weltliteratur und Geistesgeschichte vergebens um." Auerhalb des deutschen Sprachraums wurden ebenfalls viele Schriftsteller von Nietzsche beeinflusst - in England: Oscar Wilde, George Bernard Shaw (Shaw benutzte den
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Philosophen als Hintergrund einer Liebeskomdie, sein bermensch erfuhr hier eine ironische Zuspitzung), William Butler Yeats, Herbert George Wells, David Heinrich und Thomas Edward Lawrence; in Frankreich: Andr Malraux, Andr Gide, Marcel Proust, Guilleaume Apollinaire, Jean Paul Sartre, und Albert Camus - Nietzsches Einfluss auf Jean Paul Sartre wird deutlich in seinen Dramen "Die Fliegen" und "Der Teufel und der Liebe Gott", auf George Bernanos im'Tagebuch eines Landpfarrers" und auf Albert Camus in seinem Gesamtwerk - in Italien: Italo Svevo, Gabriele d'Annuncio, Filippo Tommaso Marinetti, in Griechenland Nikos Kazantzakis, in den USA Jack London, Theodore Dreiser, Eugene OTMeill, in Irland James Joyce (Dieser hat Nietzsche frh gelesen. Sein Frhwerk, sagen Kenner, zeige deutlichen Nietzsche-Einfluss, auch wenn Nietzsches Name darin nicht vorkommt, so stecke er berall im Werk des James Joyce, wenn auch versteckt) und in Schweden August Strindberg, der brigens alle seine Briefe an seine Freunde mit der Aufforderung beendete:"Lest Nietzsche!"
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eingezogen wurde, whrend der frh verstorbene Wolfgang Borchert(1921-1948), schreibt Peter Rhmkorf in seiner Rowohlt Monographie, neben Barlach und Rilke auch Nietzsche immer dann anfhrte, "wo er sich und die eigene Brchigkeit meinte." Nach 1945 fhlte man sich gentigt, behauptet Johann Prossliner in seinem "Lexikon der Nietzsche-Zitate", sich von ihm zu distanzieren. Die Folge war, dass eine ganze Generation sich von Brecht und Kafka ernhrte und "Nietzsche rechts liegen lie", so dass nach dem Krieg bei den jngeren Literaten Nietzsche eigentlich kein Thema mehr war. Was ab 1955 im deutschen Sprachraum an literarischen uerungen kam, sind Marginalien, Zitate, Randnotizen, kaum der Rede wert gewesen. Bei Alfred Andersen etwa und Thomas Bernhard tauchen Nietzsche-Gedanken beilufig in den Texten auf. Arno Schmidt rechnete, nrgelnd, skurril und lamentierend, mit dem "Machtverhimmler ab, "dem maulfertigen Schuft, dem gewetzten Wortformer" und uerte sich, wenn er gelegentlich auf ihn Bezug nahm, nur abfllig ber ihn. Es gibt zwar "Dummheiten und Irrtmer, die kompromittieren, wenn man sie nicht einmal beging", dazu gehrt, "als junger Mensch, so bis 25, Nietzsche fr'n Halbgott zu halten", liest man in "Die Umsiedler". Paul Celan arbeitete jetzt mit vornehmen Andeutungen, Friedrich Drrenmatt las Nietzsche in einem Cafe, whrend er die Schule schwnzte. Doch im Werk des Schweizer Weltbrgers und Moralisten Max Frisch etwa sucht man den Namen Nietzsche vergebens. Er erwhnt seine Nietzsche-Lektre in den Tagebchern und in "Montauk" nur sehr kurz und respektvoll. Heiner Mller verhlt sich in seiner Nietzsche-Akzeptanz ebenso. Aber es sind immer nur wenige Stellen, die das Thema anklingen lassen, so auch bei Ernst Meister und Ingeborg Bachmann in ihrem Roman "Malina" - ein Splitter nur und der jeweils in groer Distanz. Peter Handke beschimpft Nietzsche als "einen der grten Kindskpfe", fgt aber hinzu,, er sei einer der liebenswertesten Menschen gewesen, eigentlich kein Philosoph, sondern ein Schriftsteller, der gar Schnes ber die Kunst gesagt habe. Nietzsche gehrt eindeutig zu den Verlierern des Zweiten Weltkriegs Wer sich nach 1945 mit ihm befasste, kritisierte seine Lehre aus religisen, moralischen und politischen Grnden. Freilich bedeutete diese Kritik nicht das Ende seiner Wirkung. Um so eifriger und unablssiger wurde Nietzsche in Frankreich rezipiert durch den Strukturalismus, durch Philosophen wie Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Michel Foucault und spter von den Postmodernen, in Amerika durch Walter Kaufmann, in Italien durch Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Jedenfalls wurde Nietzsches Erbe nach 1945 von Franzosen, Italien und Amerikanern besser verwaltet als von Deutschen. Whrend es jedoch in der Bundesrepublik, also im westlichen Teil Deutschlands, jederzeit mglich war, sich mit Nietzsche auseinanderzusetzen, verweigerte ihm die DDR die Einreise. Hier wurde nur gelegentlich unter Dichtern und Literaten ber den offiziell Verfemten und Verpnten diskutiert, was sicherlich auf die Dauer nicht ohne Wirkung blieb. Denn der 1960 in Thringen geborene Michael Schindhelm erzhlt in seinem autobiographisch gefrbten Erstling "Roberts Reise" von dem Diebstahl einer zerlesenen Zarathustra-Ausgabe in der Technischen Hochschule Fichtenburg. In den Augen von Wolfgang Harich war Nietzsche freilich, wie es auch die offizielle Version vorschrieb, ein "nichtswrdiger Abschaum" und sein Nachlass eine "Riesenkloake". Auch Johannes [Link], ein bekannter DDR-Dichter, sprte eine "instinktive Abneigung" gegen Nietzsches Werk. Er habe nicht vermocht, dieses raffinierte Blendwerk" zu durchschauen. "Lenin vor allem verdanke ich es, dass ich mich befreite von den Provokationen eines Nietzsche." Er habe dann, bekennt Becher, in Maxim Gorki die Alternative gesehen. Das Nietzsche-Archiv war noch in der Sowjetischen Besatzungszone geschlossen worden und wurde erst 1991 wieder erffnet. Dennoch setzte in Ostdeutschland schon 1986 eine weitreichende und verstndnisvolle Neubewertung Nietzsches ein als Signal fr einen allmhlichen Wandel des geistigen und politischen Klimas im stlichen Deutschland. Aber
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die Verffentlichung der Schriften Nietzsches blieben reglementiert^ Die NietzscheRezeption in der DDR ist brigens ein Kapitel fr sich, sie kann hier nur kurz angedeutet werden.) Gegenwrtig bt Nietzsche eher indirekte Wirkungen aus. Seine geistigen Erfahrungen werden gleichsam unterirdisch, untergrndig weiter getragen und aufgenommen, ohne dass die Quelle jedem noch bewusst ist. Grass macht es beispielsweise nichts aus, weil ihm so viel einfllt, auch mal Nietzsche oder eben Boll oder Claudel oder Frisch sozusagen weiterzuschreiben. Nicht nur im "Butt", aber hier ganz besonders, wimmelt es bei ihm von Nietzsche-Analogien. Botho Strau ist ebenfalls, so in "Paare, Passanten", ein gelegentlich und unaufdringlich ins Denkspiel gezogener Kronzeuge. Allerdings meint Matthias Politycki, Botho Strau habe "den Willen zur Macht" nur als das seelenlose "Bse auf Erden" zu verdauen gewusst. Umberto Eco hat sich Nietzsches Positionen, auffllig besonders im "Namen der Rose", zu eigen gemacht. Matthias Politycki vergleicht Nietzsche sogar mit Michael Endes "Scheinriesen" aus "Jim Knopf und der Lokomotivfhrer": "Furchterregend aus der Ferne, bei nherem Kennenlernen jedoch berngstlich und 'delicat'". Und wenn es in einer Erzhlung von Peter Stamm heit:" Glck ist, das zu wollen, was man kriegt", fhlt man sich unweigerlich an Nietzsches Amor fati erinnert. Nadolny uert sich in "Entdeckung der Langsamkeit" ber Krankheit geradezu im Nietzsche'schen Sinne, wenn er behauptet: "Krankheit war keine schlechte Methode, um den berblick wiederzugewinnen." Gerade jngere Literaten beschftigen sich heute wieder mit Nietzsche, insbesondere der Lyriker und Essayist Durs Grnbein und der Romancier und Essayist Matthias Politycki. Wie sehr der Verlust des Ewigkeitsanspruchs, den der Mensch als Geschpf Gottes einst zu haben glaubte, dem modernen Bewusstsein auch heute noch zu schaffen macht, geht aus einem Gedicht von Durs Grnbein hervor. "Was du bist, steht am Rand/Anatomischer Tafeln.! Dem Skelett an der Wand/Was von Seele zu schwafeln/Liegt gerad so verquer/ Wie im Rachen der Zeit! (Kleinhirn,Stammhirn her)! Diese Scheie Sterblichkeit." Im Ganzen gesehen ist Nietzsches literarischer Einfluss geringer geworden, gemessen an den theoretischen Abhandlungen ber den Philosophen Friedrich Nietzsche. Doch hin und wieder wird auch in literarischen Zusammenhngen sein Name noch genannt. Hier zwei Beispiele: Im Mrz 2000 wurde in Paris ein Theaterstck von Richard Foreman auf gefhrt mit dem Titel "Bad boy Nietzsche". Es erntete berwiegend schlechte Kritiken, weil es ein halbes Jahrhundert zu spt gekommen sei. Es zeige zwar, wie sehr die Menschen verzweifeln, wenn sie fr das eigenen Handeln keine Mastbe mehr haben. Aber das Stck sei doch, befanden Kritiker, eine anbiederische anachronistische Verweigerung von Religion und Philosophie, in der man sich lustig mache ber Gott und alle Denker, also auch ber den Herrn Nicht(gemeint ist damit Nietzsche) "diesen Kasperl". Udo Marquardt nimmt es auf die leichtere Schulter und teilt uns in "Spaziergnge mit Sokrates" seine eigenen Entdeckungen mit. Nietzsche habe, fand Marquardt heraus, sogar Fernsehkritik gebt und in seiner Schrift "Nietzsche contra Wagner" daraufhingewiesen, dass es eine Sache der Schicklichkeit sei, "dass man nicht alles nackt sehn, nicht bei allem dabei sein, nicht alles verstehen und wissen" msse. Licht aus, habe Nietzsche gefordert. Denn wer alles sieht, ist unanstndig, und das gilt bei Nietzsche, der mit dem Hammer philosophieren wollte, sogar fr Gott. In einer kleinen ironischen Geschichte lsst er ein kleines Mdchen seine Mutter fragen:"Ist es wahr, dass der liebe Gott berall zugegen ist", und als das kleine Mdchen erfhrt, dass der liebe Gott alles sieht, sagt es nur: "Ich finde das unanstndig. "Auerdem beweist das Fernsehprogramm, so Marquardt, Nietzsches Theorie von der ewigen Wiederkehr des Gleichen.
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Warnung!
Seit einigen Jahren ist das philosophische Interesse an Nietzsche ganz allgemein wieder erwacht, jngst sogar in Grobritanien, nachdem man offensichtlich genug hat an rein praxisorientierter Theorie im berangebot, an dogmatischer Utopie und an geschichtsphilosophischen Spekulationen. Aber: Nietzsches Warnung vor den Evangelien gilt auch fr seine eigenen Werke. Auch diese kann man nicht behutsam genug lesen. Sie haben ihre Schwierigkeiten hinter jedem Wort, noch dazu, weil sie sich einer Sprache bedienen, die man auf Anhieb versteht, mehr noch, die einen betrt, ohne dass man sicher sein kann, den Inhalt in seiner ganzen Tragweite richtig zu erfassen. Nietzsche kann leicht missverstanden werden. Zudem ist Nietzsche unzeitgem, immerhin hat er sich gegen das demokratische und nach dem Prinzip der Wohlfahrt organisierte Leben entschieden. Fr ihn bedeutete eine solche Welt den Triumph des menschlichen Herdentiers. Er aber wollte vor allem den Unterschied zwischen sich und den vielen anderen festhalten. In seinem Werk dokumentiert sich die lebenslange Anstrengung, aus sich selber ein groes Individuum zu machen. Aber wie sagte er doch:" Es ist durchaus nicht ntig, nicht einmal erwnscht, Partei..fr mich zu nehmen: im Gegenteil, eine Dosis Neugier wie von einem fremden Gewchs, mit einem ironischen Widerspruch, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir..". Aber das Wunderbare an ihm ist, rhmte unlngst Rdiger Safranski in einem Interview, "..dass man ihm beim Denken zusehen kann...Nietzsche bleibt lebendig, weil man ihm folgen kann auf einem Weg, der an kein Ende fhrt" und:"Mit Nietzsche geht man auf Entdeckungsfahrt und blickt aus neuen Augen auf die Welt."
Bibliographie:
Maxim Biller:Die Tochter. Roman, Kln 2000 Heinz Friedrich(Hg.)Friedrich Nietzsche. Philosophie als Kirnst. Eine Hommage.
Mnchen 1999 Bruno Hillebrand: Nietzsche. Wie ihn die Dichter sahen. Gttingen 2000 Bruno Hillebrand(Hg.):Nietzsche und die deutsche Literatur. Bd. 1 :Texte zur Rezeptionsgeschichte 1873-1963,Mnchen 1978 Bd.2:Forschungsergebnisse. Mnchen 1978 Udo Marquardt: Spaziergnge mit Sokrates, Mnchen 2000 Manfred Riedel: Freilichtgedanken - Nietzsches dichterische Welterfahrung. Stuttgart 1998 Neue Rundschau,Berlin Heft 1/2000 Matthias Politycki: Umwertung aller Werte? Deutsche Literatur im Urteil Nietzsches. Berlin-New York 1889 Peter Ptz: Friedrich Nietzsche. Stuttgart 1985 Peter Rhmkorf:Wolfgang Bordiert, Reinbek 1961 Bernhard [Link]: Nietzsche-A-B-C, Leipzig 1999 Michael Schindhelm: Roberts Reise. Stuttgart 2000 Reinhard Wilczek: Nihilistische Lektre des Zeitalters. Ernst Jngers NietzscheRezeption. Trier 1999.
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