Das Sprachenlernen wird von einer Vielzahl von Kontextfaktoren beeinflusst:
• Sprachenpolitische Konzepte: Ziele wie „lebenslanges Lernen“, „Lernen lernen“ oder ein „frühes
Fremdsprachenlernen“ prägen den Unterricht.
• Gründe und Motivation: Die Lernmotivation steigt, wenn der Nutzen der Sprachkenntnisse (z. B. für
den Beruf, für Reisen oder als Pflichtfach) reflektiert wird.
• Sprachliche Umgebung: Mehrsprachig aufgewachsene Lernende bringen ein großes Potenzial und
Sprachlernerfahrungen mit, an die im Unterricht angeknüpft werden kann.
• Alter der Lernenden: Kinder lernen eher intuitiv, nachahmend und implizit, während Jugendliche
und Erwachsene über fortgeschrittene kognitive Strukturen verfügen und verstärkt explizit (bewusst)
lernen.
2. Allgemeine Lerntheorien im Überblick
Die Sprachlehr- und -lernforschung nutzt verschiedene theoretische Perspektiven, um den Lernprozess zu
erklären:
• Behaviorismus: Betitelt Lernen als Verhaltensänderung durch Nachahmung und Drill-Übungen
(Stimulus-Response-Modell).
• Kognitivismus: Sieht Lernen als aktiven Prozess, bei dem neue Informationen bewusst verarbeitet
und in bestehendes Wissen integriert werden.
• Konnektionismus: Beschreibt das Gehirn als neuronales Netzwerk. Wissen wird in Form von
Verknüpfungen (Knotenpunkten) gespeichert; je öfter diese aktiviert werden, desto besser wird das
Wissen verankert.
• Konstruktivismus: Geht davon aus, dass Lernen eine höchst individuelle, aktive Konstruktion von
Wissen auf der Basis von Vorwissen und Interesse ist.
• Interaktionismus: Rückt die soziale Umwelt in den Fokus. Sprachentwicklung geschieht durch die
wechselseitige Beeinflussung und Kommunikation mit anderen Menschen.
3. Spezifische Fremdsprachenerwerbshypothesen
Um die Besonderheiten des Spracherwerbs und das Auftreten von Fehlern zu erklären, werden folgende
Hypothesen herangezogen:
• Identitätshypothese: Nimmt an, dass das Lernen jeder weiteren Sprache auf demselben angeborenen
Spracherwerbsmechanismus beruht wie der Erstspracherwerb.
• Lehr-/Lernbarkeitshypothese: Besagt, dass Sprache in fest vorgegebenen, nicht überspringbaren
Erwerbssequenzen gelernt wird. Eine Struktur kann erst mental verarbeitet werden, wenn die
Bereitschaft dafür vorhanden ist.
• Interlanguage-Hypothese: Lernende bilden kontinuierlich systematische Zwischensprachen
(Lernervarietäten) aus, die Eigenschaften der Erst- und Zielsprache sowie eigene Phänomene
vereinen.
• Kontrastivhypothese: Untersucht den Transfer von Strukturen. Große Unterschiede zwischen der
Erstsprache und Deutsch können zu negativen Übertragungen (Interferenzen/Fehlern) führen.
• Das mentale Lexikon: Beschreibt, dass Wörter im Gehirn über grammatische, phonologische,
orthografische Merkmale sowie persönliche Bezüge miteinander vernetzt sind.
• Input- und Intakehypothese: Ohne sprachlichen Input (Kontakt mit Sprache) ist kein Lernen
möglich. Der Input wird jedoch nur dann zum verarbeiteten „Intake“, wenn er für den Lernenden
verständlich und bedeutsam ist.
• Interaktionshypothese: Das Lernen gelingt besonders gut beim gemeinsamen „Aushandeln von
Bedeutung“ (z. B. in Partner- oder Gruppenarbeit) durch gegenseitiges Feedback und Modifikationen.
4. Mehrere Sprachen lernen (Mehrsprachigkeit)
Wenn Deutsch als zweite oder weitere Fremdsprache gelernt wird, greifen Lernende im sogenannten
Fremdsprachenmodus oft auf bereits vorhandene Fremdsprachenkenntnisse und bewährte Lernstrategien
zurück. Multileguale Systeme sind dynamisch; um einem Sprachverlust entgegenzuwirken und den
Spracherhalt zu sichern, muss der aktive Sprachgebrauch (z. B. durch Tandems oder Austauschprogramme)
kontinuierlich gefördert werden.
Behaviorismus Auf das Fremdsprachenlernen übertragen bedeutet das, dass Sprache als eine Reihe von
Gewohnheiten (habits) gesehen wird. Das Lernen erfolgt im Wesentlichen durch drei Schritte:
1. Nachahmung (Imitation): Die Lernenden hören ein sprachliches Vorbild (Reiz) und sprechen es nach
(Reaktion).
2. Drill-Übungen (Pattern Drill): Sätze und grammatikalische Strukturen werden durch ständige,
stereotype Wiederholung so lange mechanisch eingeschliffen, bis sie automatisch fehlerfrei
abgerufen werden können.
3. Verstärkung (Reinforcement): Reagiert der Lernende richtig, bekommt er Lob (positive Verstärkung) –
das Verhalten verfestigt sich. Macht er einen Fehler, wird er sofort korrigiert (negative Verstärkung),
damit sich die falsche Gewohnheit erst gar nicht einprägt.
Ein typisches Beispiel aus dem Unterricht:
• Lehrer (Reiz): „Das ist ein Buch.“
• Klasse (Reaktion): „Das ist ein Buch.“
• Lehrer (Reiz): „Stift.“
• Klasse (Reaktion): „Das ist ein Stift.“
• Lehrer (Lob/Verstärkung): „Prima! Richtig.“
Kritik am Behaviorismus Obwohl diese Methode beim Automatisieren von Vokabeln oder der Aussprache
helfen kann, greift sie zu kurz. Sie vernachlässigt völlig, dass Lernende Sprache auch kreativ nutzen, eigene
Sätze bilden und Regeln eigenständig verstehen wollen – genau hier setzen dann modernere Theorien wie
der Kognitivismus an.
Der Kognitivismus ist das genaue Gegenteil des Behaviorismus.
Lernen wird hier nicht als mechanische Gewohnheit .sondern als ein aktiver, rationaler Denkprozess. Das
GEhirn nimmt Informationen auf, analysiert sie, vergleicht sie mit bereits bekanntem Wissen, strukturiert sie
um und speichert sie ab - Lernende wollen und müssen begreifen, warum eine Sprache so funktioniert, wie
sie funktioniert. Grammatikregeln bewusst gelernt und mathematisch-logisch analysiert. Wenn man die
Regel verstanden hat, kann man selbstständig unendlich viele neue Sätze bilden. Neues Wissen wird nicht
isoliert abgespeichert. Das Gehirn sucht im vorhandenen mentalen Ordnungssystem (den kognitiven
Strukturen) nach Anknüpfungspunkten. Beispiel: Wer schon Englisch kann, versteht das deutsche Wort
„Haus“ (house) oder die Struktur von Hilfsverben viel schneller, weil das Gehirn die Brücke schlägt. m
Behaviorismus waren Fehler Sünde, weil sie zu falschen Gewohnheiten führen sollten. Im Kognitivismus
sind Fehler etwas völlig Normales und sogar Wichtiges. Sie zeigen, dass der Lernende versucht, eine Regel
anzuwenden
Während der Behaviorist sagt: "Sprich mir nach, bis du es auswendig kannst!", sagt der Kognitivist:
"Verstehe erst die Regel, dann kannst du die Sprache selbstständig anwenden!"